Der Weg zum Glück 

Erster Band

Erstes Capitel   Auf der Alm

»Als ich d'rauf am Morgen schied,
Hört ich ferne noch ihr Lied,
Und zugleich mit Schmerz und Lust
Trug ich's fort in meiner Brust.
Und seitdem, wo ich auch bin.
Schwebt mir vor die Sennerin,
Und sie ruft: »Kehr um geschwind!«
Auf der Alm. ja
Auf der Alm, ja
Auf der Alm, da giebt's ka Sünd!«
So klang es hell und getragen von der Höhe in das Thal hinab, gesungen von zwei Menschenkindern, welche, obgleich verschieden nach Alter und Geschlecht, diesen dritten Vers des bekannten und beliebten Liedes aus voller Brust ertönen ließen. Ihre Gesichter glänzten förmlich vor Vergnügen, und aus ihren blitzenden Augen leuchtete die herzliche Freude über das Echo, welches ihr Jodler an den gegenüber liegenden Felswänden wach rief. Einer, der sie jetzt hätte beobachten können, wäre ganz gewiß zu der Ueberzeugung gekommen: »Das sind zwei gute Menschenkinder! Der Refrain ihres Liedes steht ihnen auf der Stirn geschrieben: Ja auf der Alm, da giebt's ka Sünd!«
Die Sonne eines schönen Herbsttages neigte sich den im Westen glänzenden Gletschern und Firnen entgegen. Ihr Licht brillirte im Wasser des Giesbaches, welcher schlank und in weiten Sätzen von der östlichen Höhe sprang. Sonntägliche Ruhe lag unten im Thale, und sonntäglich war auch die Sennerin gekleidet, welche neben der Thür am Holzstoße lehnte und dem Zither spielenden Alten fröhlich zunickte.
Sie mochte kaum achtzehn Jahre zählen, war aber körperlich und vielleicht auch geistig bereits weit über dieses Alter hinaus entwickelt. Das in niedrigen Schuhen steckende Füßchen war im Vergleiche zu ihrer hohen, vollen Gestalt klein und niedlich zu nennen. Das kurze, aus roth und blau gestreiftem Zeuge gefertigte und unten mit einer breiten Kante versehene Röckchen reichte nur wenig über das Knie herab und gab die drallen, von schneeweißen Zwickelstrümpfen umschlossenen Waden frei. Die Taille war ungewöhnlich eng und von einem glanzledernen Gürtel umschlossen, an welchem die Schlüssel hingen. Das dunkelgrüne Sammetmieder war tief ausgeschnitten, so daß über den drei silbernen Spangen, welche es zusammen hielten, die ganze Fülle des Busens zu sehen war, welcher, wenn sie während des Gesanges tief Athem holte, die feinen Fälteleien des weißen Hemdes zu sprengen drohte. Die runden, üppigen Schultern trugen einen kräftigen Hals, um welchen sich eine feine Schaumperlenkette legte, an der ein glasgoldenes Kreuzchen hing. Das Gesicht war gebräunt, energisch ausgeprägt und doch von einem weichen Ton überhaucht, der den Ausdruck innerer Selbstständigkeit bedeutend milderte. Das dunkle Haar war in zwei lange, schwere Zöpfe geflochten. Man sah deutlich, daß sich die vollen Locken nur schwer der Strenge des Kammes gefügt hatten, und um die Stirn und an den beiden Schläfen hatten sich einige rebellische Kräusel befreit und krönten nun wie ein Diadem da« frische Angesicht.
Die silbernen Spangen waren von sehr alter Arbeit, wohl ein Erbstück von der Ahne her, Kette und Kreuz von ganz geringem Werthe. Das Mädchen war arm, aber von der Natur mit dem größten Reichthum: Schönheit und Gesundheit, begabt, welcher wohl manche reiche, hoch stehende Dame neidisch gemacht hätte. Dieser Vorzug erhielt einen ganz besonderen Werth durch die ausgesprochene Sauberkeit, welche aus jedem Fältchen glänzte. Man sah es deutlich – das Mädchen hielt Etwas auf sich.
Auch die Hütte und die ganze Umgebung derselben war ein Bild der größten Ordnung und Reinlichkeit. Da gab es kein erblindetes Fenster und keinen Schlamm- und Schmutzsee vor der Thür, durch welchen man, wie bei so vielen Sennereien, nur auf einzelnen hinein geworfenen Steinen springend gelangen kann.
Die Thür stand offen, und da erblickte man die weiß gescheuerten Holzgefäße und den glänzenden Kessel, welcher über dem Heerde hing. Auf dem schmalen Fensterbretts stand ein Vogelgebauer, in welchem ein Finke sein helles »Fink-fing-finkferlink – würz-würz-würzgebür« ertönen ließ.
Neben der Thür erhob sich eine Rasenbank, auf welcher der Alte sah, die Zither jetzt neben sich an die Mauer gelehnt. Er war ganz gewiß bereits siebzig Jahre alt. Sein graues, buschiges Haar und der mächtige weiße Schnurrwichs unter der scharf gebogenen Nase stachen recht eigenartig von dem hageren, tief gebräunten Gesichte ab. Alter und Beschwerden hatten dasselbe tief gefurcht; aber aus diesen Falten lugten tausend Schalke und Schälkchen hervor. Das Auge, wohl noch ganz so scharf wie in den Tagen der Jugend, lachte hell und freundlich unter den Wimpern hervor, und so energisch das Gesicht gezeichnet war, es zeigte doch trotzdem einen Ausdruck froher Gutmüthigkeit, welcher herzgewinnend wirkte.
Die Kleidung dieses freundlichen Alten bewies, daß auch er wohl nicht mit Glücksgütern gesegnet sei. Die derben, mit großen Nägeln versehenen Bergschuhe waren von der gröbsten Arbeit. Die grauen, wollenen Halbstrümpfe bedeckten nur die sehnigen Waden, so daß die Fußknöchel und die wetterbraunen Kniee nackt frei blieben. Die Hosen waren alt und vielfach geflickt, ebenso die lodene Juppe. Eine Weste trug er nicht, dafür einen breiten Gürtel, in welchem die Buchstaben J. und B. eingestickt waren. Das graue Wollhemde stand auf der Brust offen und ließ auch den Hals frei, denn ein Tuch um den Letzteren schien der Alte für einen sehr überflüssigen Luxus zu halten.
Neben der Bank lag ein alter Rucksack, welcher mit knolligen Gegenständen gefüllt zu sein schien. Den Hut hatte der Alte auf seinen Gebirgsstock gestülpt und mit demselben an die Wand gelehnt. Dieser Hut war ein wahres Prachtstück von Kopfbedeckung. Er hatte seit bereits zwei Ewigkeiten die Krempe verloren; ein Löchlein gab es am anderen, natürlich vor Alter, so daß er eigentlich einem Siebe oder Durchschlage glich; durch diese vielen Löcher aber hatte der praktische Alte allerlei Alpenkräuter geschlungen, Aretia, Primula, Soldanella, Saxifraga und andere, so daß der Hut einem Blumentopfe glich, welcher dem Studium der Alpenflora als Anschauungsmittel dienen sollte.
Dieser Alte hieß eigentlich Joseph Brendel. Weil er aber allerlei Wurzelwerk in den Bergen sammelte, von dessen Verkauf er lebte, und die Abkürzung von Joseph Sepp lautet, so wurde er allüberall nur der Wurzelsepp genannt. Er war beliebt nah und fern. Er kam sogar zuweilen hinein in die schöne Hauptstadt München, wo die Apotheker ihn seiner seltsamen Wurzeln und seines ehrlichen, gespaßigen Wesens gern willkommen hießen.
Und die schöne Sennerin? Diese hieß eigentlich Magdalena Berghuber. Sie war ein armes Waisenkind und diente dem reichsten Bauer der Umgegend als Sennerin. Das Gut ihres Herrn lag an einer Muhre, das heißt an einem Erdhügel, welcher aus den Erdmassen entstanden ist, welche von dem Wasser in des Thal herniedergespült worden sind. Aus diesem Grunde wurde sie allgemein nur die Muhrenleni genannt. Der Wurzelsepp war ihr Pathe. Beide hielten große Stücke auf einander und thaten einander schier mehr zu Liebe, als ihre beiderseitige Armuth zu erlauben schien.
Nach Beendigung des Liedes hatte Sepp die Zither neben sich gelehnt, griff in die Tasche und sagte:
»So, da hab'n wir Aans gesungen,
Das hat schön geklungen.
Ein ander Mal thun wir wieder singen,
Und das soll noch schöner klingen.
Jetzt nun will ich mir einen Tobak in die Pfeifen stopfen; dann nehm ich meine Kraxen und mache mich halt auf die Hachsen.«
»Wie?« sagte sie. »Path Sepp, Du willst heute noch abi gehn?«
»Was sonst denn?« lachte er. »Wann ich halt bei Dir blieb, Leni, würden die Leut allbereits sagen, ich hätt' mich in Dich verschamerirt, und das thät da meiner alten Zither weh; die ist die einzige Liebste, die ich noch habe.«
»Geh! Mach kein solch Gespaß! Der Nachmittag ist vorbei, und Du bleibst. Ich mach Dir halt ein schönes Ei auf Butter und geb Dir auch ein Käs und Brot dazu – –«
»O Jerum ja!« fiel Sepp schnell ein. »Und das Alles darbst Du Dir von dem eigenen Munde ab; denn Du bist viel zu ehrlich, um das Ei mit Butter und den Käs mit Brot von Dem zu nehmen, was Deinem Bauern gehört. Gelt, Leni, ich habe Recht?«
»Recht hast, Sepp. Aber mein Vorrath reicht. Und was das Ei betrifft, so hat mir die Bauersfrau eine Henne geschenkt und mit herauf gegeben; ich kann also mit den Eiern, welche die Putte mir legt, machen, was ich will.«
»Legt sie auch die Butter und den Käs dazu?«
»Schweig, Path', und sei nicht so ungut. Ich kann Dich doch nicht so spät noch den schlimmen Steg hinunterkraxeln lassen. Wenn Dir Etwas geschehen sollt, so würde man mir die Schuld geben, und ich könnte es gar nimmer verwinden.«
»Ich weiß, weiß! Du bist ein herzig guts Dirndl und thust Deinem alten Pathen gern alles Liebs und Schöns. Der Herrgott wird Dirs vergelten. Heut aber muß ich doch noch hinunter. Weißt, der Wirth braucht Enzianwurzeln für einen neuen Schnaps. Die muß ich ihm noch heut bringen. Da giebts eine Abendsuppe und ein Bett und auch ein Geld. Wenigstens zwanzig Kreuzer zahlt er mir aus. Du siehst also, daß ich heut noch hinunter muß. O weh! Da schau her! Was für ein Unglück ich hab. Die Pfeif ist da, aber in dem Beutel ist nix mehr. Ich hab halt geglaubt, daß noch ein Rest darin sei. Jetzt muß ich halt von meinem Hute rauchen.«
Er griff nach dem Hute, um die dürren Pflanzen von ihm zu nehmen und in die Pfeife zu stopfen.
»Halt!« sagte die Leni. »Ich will mal sehen, ob ich Etwas für Dich find'!«
Sie ging in die Hütte und kehrte gleich darauf mit einem Päckchen Tabak zurück.
»Da hast, Path Sepp,« sagte sie. »Es ist ein feiner, österreichischer Kaisertabak, glaub ich.«
Er griff schnell zu und schmunzelte vor Freude im ganzen Gesicht. Er hielt das Päckchen empor, betrachtete die Ueberschrift und meinte:
»Ja, wenn ich halt doch lesen könnt! Da aber hat's stets gefehlt bei mir. Aber das kaiserliche Siegel ist schon oben darauf. Also ein Oesterreichischer! Wie kommst denn zu dieser Sorten, Leni?«
Sie erröthete ein Wenig und antwortete dann:
»Es war halt verwichen ein Bergsteiger da; der hatte mehrere solche Packeterle in der Tasche. Da hab ich mir von ihm eins für Dich ausgebeten.«
»Schau, schau, daß Du so immer an mich denkst, Leni. Du bist doch ein herzigs Pathchen! Aber wer war denn dieser Bergsteiger? Etwan Einer von der Grenz' drüben herüber?«
Er zwinkerte dabei ganz verdächtig mit den Augen.
»Mag sein,« antwortete sie möglichst kaltblütig.
»Ein Jäger?«
»Weiß nicht.«
»Oder gar ein Wilderer? Ich hab halt einmal vernommen, daß der Krikel-Anton stets nur vom besten Kaisertabak raucht.«
»Was geht mich der Anton an!«
Sie wendete sich ab, um die Röthe, welche ihr schönes Gesicht überflog, nicht sehen zu lassen.
»Ja, der geht Dich freilich nichts an,« meinte er ein klein Wenig ironisch. »Was hätte denn die Muhrenleni mit so einem berühmten Wilddiebe zu thun. Also kennen thust ihn nicht. Den nämlich, von welchem Du Dir das Packeterl ausgebeten hast; aber rauchen werde ich den Tabak dennoch. So einen feinen und guten hab ich all mein Lebtag nur selten in der Pfeifen gehabt.«
Er begann zu stopfen, und brannte dann an.
»O, ah! Sappermenterl! Der ist halt nobel! Das reine Gewürz! Fast wie Kraußemünz' und Muskatnuß und ein Lorbeerblatt dazu! Riech einmal!«
Er blies ihr einen Mund voll in das Gesicht und fragte triumphirend:
»Na, he! Was sagst dazu?«
Sie wehte sich verständnißvoll mit der Hand den Rauch an das Näschen und nickte bedeutsam:
»Fein, sehr fein!«
»Ja, der ist halt noch besser als Dein Ei auf Butter. Jetzt nun werde ich mich aufmachen. Aber, fast hätte ich vergessen – –was macht denn das vornehme Fräulein da drüben?«
Er zeigte mit der Hand nach einer gegenüber liegenden Höhe, welche mit dem diesseitigen Felsen durch eine fast lothrechte Steinwand verbunden war, über deren scharfen Kamm sich wohl kein Mensch herüber oder hinüber gewagt haben würde.
»Meinst' die Mondsüchtige?« antwortete sie. »Schau, bei Der ists halt gefehlt. Der Arzt hat ihren Eltern gerathen, sie in die reine Luft des Hochgebirges zu bringen. Da sind sie da hinüber gezogen, aber es ist nicht besser geworden. Sie nachtwandelt noch ebenso wie früher.«
»Was thut sie denn da?«
»Sie steigt auf dem Berge herum und über die Felsen hinweg und hat dabei die Augen immer zu.«
»Herrgott!! Wenn sie nun halt abi stürzt!«
»Das thut sie nicht. Ein Nachtwandler fällt gar niemals nicht, außer wenn man ihn anruft. Wenns sie unterwegs Jemand trifft, so darf Dieser kein Wort sagen, um sie nicht aufzuwecken. Dann sagt sie allerlei Geheimnißvolles zu ihm, was er ist und was er denkt und was er erleben wird.«
»Also eine Weissagende noch dazu?«
»Ja.«
»Hat sie Dir auch bereits geprophezeit?«
»Nein. Ich bin ihr stets aus dem Weg gangen.«
»Daran thust recht. Die Mondsucht ist eine wunderhafte Krankheit, daran man nicht mit ordinären Fingern greifen darf. Jetzt aber ist's genug. Leni. Die Pfeifen dampft, und die Sonn' geht hinab. Da muß ich nun auch abi steigen. Horch! Wer ist das?«
Es schallte aus der Tiefe ein lauter, durchdringender Juchzer empor. Der Aelpler ist da gewohnt, sofort zu antworten. Leni schritt an den Rand der Höhe vor, hielt die Hände rechts und links an den Mund, ein natürliches Sprachrohr bildend, und jauchzte wieder:
»Juhuuu! Holterroihoooo!«
Es schallte von unten abermals herauf, und die Leni antwortete wieder. So erklang es mehrere Male herauf und hinab, bis man die Stimme von unten deutlich verstehen konnte:
»Dirndl, laß Dichs nicht grämen,
Du hast ja doch Alls,
Hast ein wunderliebs Köpfchen
Und ein Kröpfchen am Hals!«
»Ein Trutzgesangerl,« sagte Leni. »Diese Stimme kenn ich. Es ist der Jäger-Naz. Wart, ich werd ihm gleich antworten!«
Naz ist die Abkürzung von Ignatius. Jäger bedeutet so viel wie Landgensd'arm, Flurschütz. Das Mädchen sang als Antwort hinab:
»Du schreist wie ein Truthahn
Und singst wie ein Pfau;
Davon thut halt das Ohr weh,
Und Alles schreit Au!«
Der Wurzelsepp lachte und meinte:
»Das war brav! Ich kann den Kerl halt auch nicht leiden. Polizei muß sein, und Polizei ist nothwendig. Der Polizei hat man viel zu danken; aber ein guter Polizist wird sich niemals zum Hausspionen erniedrigen. Horch!«
Von unten herauf erscholl es:
»Das Dirndl hat Zähnerl
So weiß wie ein Schnee,
Doch sind sie halt eingesetzt,
Drum thut ihr keins weh!«
Leni antwortete sofort, ohne sich zu besinnen:
»Fall nicht in die Schüssel,
Könntst nimmer 'rausgucken,
Ich thät Dich ja gleich so
Im Löffel 'neinschlucken!«
»Bravo, bravissimum!« lachte der Alte, indem er sich vor Vergnügen mit den beiden flachen Händen auf die Oberschenkel klatschte. »Giebs ihm, giebs ihm!«
Der Jäger aber, welcher näher und näher kam, ließ sich nicht irre machen. Er sang:
»O Du Herzerl, Du Tauserl,
Hast 'n Kopf wie ein Mauserl
Und ein Herzerl wie Wachs –
Krumme Bein' wie ein Dachs!«
Um die Wirkung dieses Trutzgesanges zu verstärken, schoß er sein Gewehr ab. Leni antwortete:
»Der Jäger hat geschossen
Aber 's Schießen nicht könnt
Und hat bei der Gelegenheit
Sich den Schnauzer verbrennt.«
In den Alpen sind nämlich solche Gestanzeln und Tutzlirder gang und gäbe. Der Eine beginnt, und der Andere antwortet. Es geht herüber und hinüber, und ein Jeder ist der Dichter der Reime, welche er singt. Der Jägernaz sang noch einen Vers. Leni antwortete ihm nicht wieder. Sie meinte zu ihrem Pathen:
»Wahrhaftig, er kommt zu mir! Ich habe gemeint, er will den anderen Pfad emporsteigen nach der Nachtwandlerin; jetzt aber hör ich, daß er meinem Weg geblieben ist. Was thue ich?«
»Fürchtest Du ihn etwa?«
»Nein; aber er ist mir zuwider; er ist ein so sehr zudringliches Mannsbild.«
»Was? Wie? Hat er Dich etwa einmal falsch anrühren wollen? Dana – –«
Der Alte hob die beiden Fäuste in die Höhe.
»Er hat es gewollt, aber es ist ihm halt nicht gelungen.«
»Das glaub ich. Du bist ein Mädel, welches halt seinen Mann stellt. Aber besser ist besser. Wird er lange hier bleiben?«
»Nein. Er bleibt niemals lange hier; ich sorge schon dafür.«
»So will ich noch ein Wenig warten. Wehe ihm, wenn er meine Path unrecht anblickt. Sag ihm aber nix, daß ich auch da bin!«
Er ergriff Zither, Hut, Rucksack und Bergstock, um sich zu verstecken.
Die Sennerin aber sagte:
»Brauchst keine Angst um mich zu haben. Dort steht mein Beschützer, der Peter.«
Sie deutete nach der Grasalpe, welche sich hinter der Hütte hoch emporzog. Dort weideten die Kühe und Ziegen. In der Nähe der Sennhütte war eine sogenannte Salzlecke angebracht, ein breiter, seichter Holztrog, mit Viehsalz gefüllt. Die Wiederkäuer lecken gern von dem Salze, und ein solcher Trog erleichtert das Zusammenhalten einer Heerde ungemein.
Ebenjetzt befand sich der Held und Pascha der Ziegenheerde dort, ein großer, ungewöhnlich starker Ziegenbock. Er war es, den die Sennerin als ihren Beschützer bezeichnete. Der Wurzelsepp meinte aber:
»Das Vieh kann Dir da nix helfen. Es ist besser, ich bleibe da.«
Er verschwand in der Hütte, blieb aber nicht in dem Sennerraume, sondern trat in das daneben liegende Heustadel, um von dem Jäger nicht gesehen zu werden, wenn dieser in der Hütte nachforschen sollte, ob Jemand da sei.
Kaum hatte der Alte sich verborgen, so tauchte der Jäger hinter den Felsen auf, hinter denen sich der Bergpfad in die Tiefe stürzte. Leni hatte sich indessen auf die Bank gesetzt und eine höchst unbefangene Miene angenommen. Er kam herbei, blieb vor ihr stehen und stemmte das Gewehr mit dem Kolbes auf die Erde:
»Grüß Gott, Schatz!«
Sie schwieg.
»Hörst etwa nicht?«
»Meinst etwa mich?«
Sie blickte erst jetzt zu ihm auf.
»Wen sonst? Ist etwa noch eine Andere hier?«
»Nein. Aber wenn Du »Schatz« sagst, mußt halt doch eine Andere meinen.«
»Oho! Willst mein Schatz nicht sein?«
»Nein.«
»Warum nicht?«
»Weil Du mir nicht gefällst.«
»Nicht? Wie müßt ich denn sein, wenn ich Dir gefallen sollte?«
»Ganz das Gegentheil von jetzt.«
»Und Jäger dürft ich etwa auch nicht sein?«
»Warum nicht?«
»Weil die Polizei nirgends beliebt ist und auf der Alm gar erst recht nicht.«
»Schwatz nicht so dummes Zeug. Die Polizei muß sein. Sie ist vom Herrgott und von unserem guten König Ludwig eingesetzt. Ohne Gesetz und Polizei könnten wir nicht bestehen, und ohne sie würde es sehr bald drunter und drüber gehen. Also warum sollten wir die Polizei nicht leiden können? Wir ehren und achten sie. Da hast meine Antwort.«
»Nun, wenn das so ist, warum willst da nicht mein Schatz sein? Warum magst mich nicht?«
»Weil Du eine richtige Zuwiderwurzel bist, auf die man Leibgrimmen bekommt, wenn man sie nur anschaut.«
»Der Andere ist wohl besser?«
Er blickte sie höhnisch von der Seite an. Sie erhob den Kopf, sah ihm voll in das Gesicht und fragte:
»Welcher Andere?«
»Nun, der Wilddieb, der Krikel-Anton!«
Ihre Wangen erbleichten, ob vor Schreck oder vor Zorn, das war nicht bestimmen. Doch zwang sie sich, in ruhigem Tone zu antworten:
»Was soll mich der Wilddieb angehen?«
»Was er Dich angehen soll? Sehr viel, denke ich. Denkst etwa, man weiß nicht, daß Ihr einander kennt?«
Da stand sie von der Bank auf, stellte sich hoch vor ihn hin und sagte:
»Was ich denk, das geht Dich nix an, und was Du weißt, das ist mir ganz egal. Wer bist überhaupt, daß Du zu mir gestiegen kommst und mich Schatz nennst? Nenne so wen Du willst, aber mich nicht! Ich habe mit Dir nix zu schaffen.«
Er nickte ihr hämisch zu und antwortete:
»Meinst? Aber ich habe mit Dir zu schaffen. Ich komme aussuchen.«
»Aussuchen? Was suchst?«
»Den Krikelanton.«
»Bei mir?«
»Ja, bei Dir! Du bist seine Liebste.«
Da trat sie so rasch auf ihn zu, daß er zurückfuhr. Ihre kleinen Hände ballten sich.
»Jetzt laß mich aus! Nennst mich noch einmal so, dann hat es gefehlt: Merke Dir es! Der Anton war im Winter auf dem Saal, und Keiner hat ihn gekannt. Er hat mit mir getanzt, freilich nur mit mir. Aber hätt ich es gewußt, wer er war, so hätt ich es ihm abgeschlagen. Wer nun aus diesem Grunde sagt, daß er mein Schatz sei, der ist ein schlechter Kerl und will mir an meiner Reputation Schaden machen. Ich bin ein armes Waisenkind und hab Keinen, der mir hilft. Darum ist es doppelt schlecht, mir solche Lügen nachzureden!«
»Wie? Du hast keinen?«
»Nein.«
»Auch den Wurzelsepp nicht?«
»Der ist immer fern von hier.«
»Ja, der ist der richtige Thunichtgut, der echte Landstreicher. Er stiehlt die Pflanzen und Wurzeln und betrügt die Leute damit. Wenn ich ihn einmal mit seinem Rucksack erwische, so kann er sich in Acht nehmen!«
Das Mädchen war im Gesicht feuerroth geworden. Ihre Stimme zitterte, als sie antwortete:
»Höre, Jäger, thu mir und Dir den Gefallen, zu schweigen! Meinen Pathen laß ich mir nicht verschimpfirn! Wenn Du noch ein solches Wort über ihn sagst, so hole ich aus und gebe Dir eine Waatschen, daß Du von hier ins Thal hinunterfliegst und drüben den Berg wieder hinauf! Wann nur alle Leuteln so brav wären wie der Sepp; dann wäre es gut in der Welt. Braver ist er, als Du es bist. Merke Dir es!«
»Ja, er ist brav, und Du passest sehr schön zu ihm. Denn wenn der Krikelanton mit Dir getanzt hat, so wird er Dich wohl auch heimgeführt haben, und das Herzen und Bußeln wird eine Lust gewesen sein.«
»Er ist eher gangen als ich. Ueberhaupt brauche ich nie keinen Heimführer. Und mit dem Herzen und Busseln ists auch nix. Ich würde mich da schon zu wehren wissen.«
»Auch gegen mich?«
Er hatte das Gewehr gegen die Wand gelehnt.
»Gegen Dich erst recht!«
»Wollen einmal schauen!«
Er trat auf sie zu! Sie blieb stehen, selbst als er die Arme öffnete.
»Was willst?«
»Einen Bussel.«
»Geh da hinauf und bussel die Rothscheckene! Sie steht ganz so mundgerecht da für Dich.«
Sie zeigte hinauf nach den Kühen und schnippste dabei so laut mit den Fingern, daß der Ziegenbock es hörte. Das war ein Zeichen für ihn. Er spitzte die Ohren und blickte scharf her.
Die rothscheckige Kuh stand bergan, mit den Vorderfüßen oben, mit dem Hintertheile abwärts.
Daß dies mundgerecht für den Jäger sein solle, ärgerte ihn ungeheuer. Er wollte nun erst recht auf seinem Willen bestehen und sagte:
»Nein, Dich will ich küssen! Und wenn Du nicht willst, so mußt Du!«
Er sah gar nicht, daß der Wurzelsepp nahe hinter ihm den Laden des Heustadel geöffnet hatte und seinen Bergstock heraussteckte, um dem Zudringlichen eine Lehre zu geben. Er ergriff die Leni am Arme.
»Peter!« rief sie.
Der Ziegenbock war wie ein Hund. Er duldete nicht, daß seiner Herrin Gewalt angethan werde. Er kam herbei gesaust, wie aus einer Kanone geschossen.
Leni riß sich vom Jäger los. Schon dadurch verlor dieser einen Theil seines Gleichgewichtes. In demselben Augenblicke senkte der Bock die Hörner und sprang mit solcher Macht gegen ihn ein, daß er niedergeschmettert wurde und sich mehrere Male überkugelte. Freilich wollte er sich schnell wieder erheben, aber er kam gar nicht dazu, denn das zornige Thier stieß immerfort auf ihn ein und bearbeitete ihn so mit den Hörnern, daß ihm alle Rippen krachten.
»Hilfe, Hilfe!« brüllte er. »Ruft die Bestie fort, sonst massakrire ich sie!«
»Massakrire sie doch!« sagte Leni ruhig.
Der alte Wurzelsepp aber hatte sich in den Laden des Heubodens geschwungen, schlug sich vor Entzücken mit der Faust den Schenkel und brüllte förmlich vor Lachen:
»Herrlich, herrlich! Nein, so ein Gaudium! Nein, so eine Passion! Da möchte man vor Freud gleich die Beine über den Kopf zusammenschlagen. Peter, immer fest, drauf wie Blücher! Hoppsa, hurrah, zur Attacke geblasen, träterätätäh tschinkterumbumbum!«
Der Alte war nämlich früher Soldat und zwar Cavallerist gewesen, das Einzige, worauf er sich Etwas einbildete. Er hatte eine Wunde auszuweisen und war stolz darauf, sein Blut für das Vaterland vergossen zu haben. Darum trug er an Sonn- und Feiertagen das Bändchen im Knopfloche, welches sein Kriegsherr ihm als Ehren- und Erinnerungszeichen geschenkt hatte.
Leni war zufrieden gestellt, von dem Zugdringlichen befreit zu sein. Sie glaubte, die Lehre, welche er erhalten hatte, sei hinreichend genug, und darum rief sie den Bock zurück. Das Thier gehorchte sogleich, stellte sich aber in Positur, bereit, sofort wieder auf den besiegten Gegner einzuspringen.
Dieser stand auf, kupferroth vor Wuth. Er sprang nach seinem Gewehr und erhob es zum Schusse.
Da aber sprang der alte Sepp vom Laden herab, faßte ihn am Arme und rief:
»Was thust! Willst Du Dich an fremdem Eigenthum vergreifen, Jäger! Weißt nicht, was Das zu bedeuten hat!«
»Laß mich aus!« rief der Zornige. »Ich erschieße ihn!«
»Das wirst bleiben lassen! Verstanden!«
»Er hat mich gestoßen. Er muß sterben!«
»Er hat nur seine Herrin beschützt. Was werden Deine Vorgesetzten sagen, wenn sie erfahren, daß Du auf die Alm steigst, um Mädchen Gewalt anzuthun und Ziegenböcke zu erschießen! Nimm Dich überhaupt in Acht. Der Bock ist tapfer; er kommt wie Ziethen aus dem Busch. Er steht schon wieder parat und wird Dich gern und gut den Berg hinabkugeln.«
Der Jäger sah ein, daß es gefährlich für ihn sei, seinem Grimm zu gehorchen. Er senkte den Lauf des Gewehres und fuhr den Alten an:.
»Was thust hier auf der Alm?«
»Was ich thue? Schau, Jäger, ich habe halt kein Geld, um in den Circus zu gehen; darum steig ich den Berg herauf und hab halt mein Vergnügen daran, zuzuschaun, wenn Ziegenböck sich stoßen. Das ist billiger und aber auch so hübsch.«
»Kerl, willst mich beleidigen!«
»Dich? Das fallt mir gar nicht ein!«
»Bist etwa schon längst hier?«
»Bereits schon ehe Du kamst.«
»Und hast mich belauscht!«
»Ja. Es war sehr amüsemangerant.«
»Das will ich mir verbitten!«
»Schön! Erst will ich die Bürsten holen, um Dich abzukehren, und dann kannst weiter reisen, mit Extrazug, vierter Klasse, auf der falschen Weiche mit Eisenbahnzusammenstoß, bums. Alles vom Bahndamm hinunter!«
Er trat in die Hütte. Der Jäger aber hielt es für das Beste, auf das Abbürsten zu verzichten. Er zischte der Sennerin zu:
»Das sollst bezahlen, theuer bezahlen! Ich weiß schon, wie. Denk an den Krikelanton!«
Und ganz nahe zu ihr herantretend, fügte er hinzu:
»Daß Du es weißt: Er ist über die Grenze herüber, gestern bereits, und hat bei uns reviert. Die Wege sind alle besetzt; er kann nicht mehr hinüber. Wir halten eine Hetzjagd, und wenn wir ihn fangen, so spaziert er in's Zuchthaus. Dann, wenn Du mit ihm tanzen willst, kannst hinein zu ihm gehen. Musik werden sie Euch da schon machen. Jetzt steig ich hinauf nach dem Joch, um es zu besetzen. Kommt er etwa da hinauf, so gebe ich ihm gleich die Kugel vor den Kopf. Leb wohl, Sennerin!«
Er ging. Hinter der Sennhütte blieb er stehen, um sich den Schmutz von den Kleidern zu wischen; dann stieg er bergan.
Jetzt kam der Sepp wieder zur Thür heraus. Er hatte die Kuhstriegel in der Hand.
»Ist er bereits fort, Leni?«
»Ja.«
»Das ist jammerschad. Ich wollte ihm doch das Fell glatt machen. Wie hat er mich genannt? Einen Spitzbuben und Betrüger. Herrgottsakra? Ich will es ihm aber nicht nachtragen, denn er hat es halt im Zorn gesagt, und er ist jung. Wenn sein Haar einmal die Farbe verloren hat, wie das meinige, so wird er ruhiger geworden sein. Aber schön von Dir war es, Leni, daß Du mich so gut vertheidigt hast. Du bist ein wahrer Advocat und Rechtsgelehrter. Dein einziger Paragraph lautet, die Leute zum Berge hinunterwerfen, daß sie wieder hinauffliegen. Nun bist Du den Kerl los und ich kann endlich abi steigen.«
»Willst wirklich fort, Sepp?«
»Ja, ich muß. Du weißt ja.«
Er warf den Rucksack um, stülpte den Staatshut auf den Kopf, hing die Zither an das Band, ergriff den Bergstock und verabschiedete sich:
»Behüt Dich Gott und die heilige Jungfrau, meine liebe Leni! Bald kraxle ich wieder einmal herauf zu Dir, wann ich wieder in diese Gegend komme. Denk an den Sepp, Lenerl, denk an ihn; Du bist seine einzige Freud in der Welt, Du und die Zither und – das Bändel im Knopfloch. Und das sag ich Dir: Wann Du meinen Juchezer hörst, so antwortest mir fein hübsch!«
Er reichte ihr die Hand und küßte sie auf die Stirn. Seine Augen waren feucht. Auch in den ihrigen standen Thränen.
»Behüt Dich Gott, Sepp! Nun hab ich schon gar keine Freud mehr, daß Du fortgehst. Aber ich will Dich nicht bitten, denn ich weiß, daß es doch nix nützen würde. Ich werd sehr oft an Dich denken, Pathe. Bleib gesund. Ich bitte die heilige Mutter Gottes, daß sie Dich beschützen und behüten möge allwegs, wo Du gehst und stehst!«
Sie stellte sich an den Rand des Felsens, um ihn so lange wie möglich zu sehen und seine Jodler deutlich zu hören. Er stieg langsam bergab, tiefer, immer tiefer. Als er den Abhang erreichte, da, wo der steile Pfad um die Felsenecke bog, blieb er stehen, hielt die Hand an den Mund und sang mit heller Stimme:
»Holderoijooooh!«
»Holderoijooooh!« antwortete es von oben herab.
Und nun begann er, Worte und Melodie gleich aus dem Stegreife bildend:
»Und die Leni ist eine Brave,
Und die Leni ist eine Feine,
Und wie die Leni, wie die Leni
Ist gar nirgends noch Eine!
Juch, juch, juch!«
Der Juchzer erschallte als Echo von dem Felsen zurück, und dann ertönte die Stimme der Sennerin:
»Und der Sepp mit dem Rucksack
Und der Sepp ist mein Path,
Und der Sepp ist mir lieber
Als ein Offizier und Soldat.
Juch, juch, juch!«
Die Muhrenleni war bekannt und sogar berühmt als die beste Jodlerin weit und breit. Ihre Stimme hatte einen »ungeheuren Umfang und außerordentliches Metall«, wie der Cantor unten im Dorfe sehr oft gesagt hatte. Das war jetzt zu hören. Es war, als ob die Berge bebten, so mächtig drang es aus der Brust des schönen Mädchens hervor.
Wenn ein Kenner diese Stimme gehört hätte, er hätte die arme Sennerin ganz sicher aus der Hütte und von der Alm hinweg genommen, um eine gefeierte Künstlerin aus ihr zu bilden. Dem Sepp lachte das Herz im Leibe, zumal er durch die Worte des Jodlers so hoch geehrt wurde. Darum gab er auch seiner Stimme größere Stärke, als er zum zweiten Male begann:
»Und da drüben und da droben.
Wo der Ziegenbock springt
Und da steht halt die Leni,
Die den Wurzelsepp ansingt.
Juch, juch, juch!«
Sofort antwortete sie:
»Der König hat eine Krone,
Und der Sepp hat einen Hut
Und der König wird mein Mann nicht.
Doch dem Sepp, dem bin ich gut.
Juch, juch, juch!«
Dabei schwenkte sie ihr weißes Taschentuch. Der Alte hatte keins, viel weniger ein weißes. Er behandelte seine Nase nicht so vornehm. Hatte er ja einmal den Schnupfen, was aber so selten vorkam, daß er sich auf den letzten gar nicht mehr besinnen konnte, so behandelte er die Patientin mit den Fingern. Das war billiger und auch viel bequemer. Darum konnte er nicht auch mit einem »Nastuche« winken, sondern er nahm den Rucksack vom Rücken und schwenkte ihn über den Kopf, daß die Wurzeln heraus- und umherflogen. Er sah es und rief erschrocken:
»Herrgottsakra! Da fliegen meine Gulden und Kreuzer umher! Das hat man davon, wenn man mit einem schönen Mädchen Gestanzeln macht Nun kann ich das Zeug nur gleich wieder zusammensuchen!«
Er blickte umher und erschrak noch tiefer als vorher. Während des Wechselgesanges war ein Mann hinter der Felsenecke hervorgetreten und hatte mit Erstaunen zugehört. Er trug die Tracht des Gebirges, Bergschuhe, Halbstrümpfe, Joppe, Weste, breiten Gürtel, einen kleinen Hut mit Edelweiß und Spielhahnfeder, einen Rucksack auf dem Rücken und ein Gewehr von der Achsel herab. In der mit kostbaren Ringen geschmückten Hand hielt er den Bergstock, welcher oben mit einer Gemskrikel (Gemshorn) versehen war. Auch die schwere, goldene Uhrkette ließ vermuthen, daß dieser Herr sich in besseren Umständen befinde als der Wurzelsepp.
Er war von sehr hoher, kräftiger, imposanter Figur. Sein Gesicht hatte einen edlen, vornehmen, durchgeistigten Ausdruck. Die Züge waren bedeutend. Das Auge zeigte bei aller Schärfe etwas Weiches, Unbestimmbares, fast möchte man sagen, Mystisches. Der Eindruck der ganzen Persönlichkeit und des von einem wohlgepflegten Barte gezierten Gesichtes war ein Ehrerbietung erweckender.
Als Sepp ihn erblickte, reckte er sich staunend empor und rief:
»Millionenschockteuf – – – ah, oh! Da hätt ich fast beinahe geflucht! Ists denn möglich?«
»Was?« fragte der Fremde.
»Daß Du der Ludwig – nein, daß Sie der Ludwig bist! O nein, daß Du – daß Sie – Herrgottsakra! Jetzt geht mir halt gar noch der Verstand in die Luft, grad wie die Wurzeln!«
»Welchen Ludwig meinst Du denn?«
»Na, den Zweiten!«
»Ich verstehe Dich noch nicht.«
»Das glaube ich. Ich bin ja vor Freude, nein, vor Verlegenheit – nein, auch nicht, Jesses, Jesses – vor lauter Dummheit so außer Rand und Band gerathen, daß ich mich halt selbst schon gar nicht mehr kenne. Aber warten Sie! Jetzt werde ich es wohl richtig fertig bringen!«
Er schlug die Fersen militärisch zusammen, richtete sich stramm empor, präsentirte den Bergstock wie ein Gewehr und meldete:
»Sie sind Königliche Majestät Ludwig der Zweite von Bayern, mein allergnädigster Gebieter und Herr! Ich aber bin halt nur der Wurzelsepp! Ja, ist's nun so richtig?«
»Ja, mein Guter,« lächelte der König. »Woher kennst Du mich?«
»Ich habe Sie drin in München gesehen und sodann auch in Hohenschwangau, auf Lindenhof, Schloß Berg und auch am Chiemsee.«
»So weit kommst Du herum!«
»Alleweile ja, und auch noch viel weiter. Um meinen lieben König zu sehen, würde ich auch nach Lappland rennen und zu den Negern. Freilich, man muß sich schon eine Mühe geben, um dieses hohe Glück zu haben: aber ich meine halt, ein König braucht sich auch nicht von einem Jeden gleich so angaffen zu lassen.«
»Da hast Du Recht. Wer ist denn eigentlich die Sängerin, welche da so schön sang:
»Doch der König wird mein Mann nicht,
Doch dem Sepp, dem bin ich gut!«
Sie heirathet also Dich lieber als mich.«
»Jess', Maria, Jossepp! Ich glaube gar! Ich meine vielmehr, daß sie Euer Majestät tausendmal lieber nehmen würde als mich, ihren Pathen. Es ist die Leni, die Muhrenleni, Königliche Hoheit, ein Mädchen wie eine Bachstelze, so sauber und wie Gold so rein und so treu.«
»So bin ich also auf dem richtigen Wege. Ich will zu ihr.«
»Was! Wie! Wo! Majestät wollen zur Leni? Hurrah! Da muß ich sogleich vorauf springen und es ihr sagen, damit sie schnell einen Schmarren oder einen Gugelhopf oder eine tüchtige Dampfnudel backen mag!«
Er wollte fort.
»Halt! Front!« commandirte der König, und der Sepp gehorchte. »Sie darf nicht wissen, wer ich bin. Ich habe gehört, daß da oben herum ein Bär sein Wesen treibt; den will ich haben, und damit ich morgen früh gleich wohlauf bin, will ich bereits heut zur Halbscheidt emporsteigen und in der Sennhütte bleiben. Man hat mir gesagt, daß es bei dieser Sennerin sauber sei?«
»Wie in einem Schatzkästerl, Majestät. Die Leni ist ja selbst ein schmuckes, bildsauberes Leutle. Na, Majestät werden das ja bald selbst gleich weghaben. Aber den Bären giebt es da oben nicht. Der hält sich jenseits der Alpe auf, wo er erst vorgestern wieder in einen Stall gebrochen ist.«
»Ich weiß es und will dort hinüber. Ich verbiete Dir, irgendwo davon zu erzählen, daß Du mich getroffen hast. Aber zum Oberförster magst Du gehen und ihm sagen, daß ich bei der Leni bin, wo er sich morgen mit dem Frühesten einzufinden hat. Hier hast Du Etwas!«
Er zog die Börse und reichte dem Sepp ein Goldstück entgegen. Der Alte fuhr zurück, als ob er eine giftige Otter angreifen solle.
»Heiliger Johannes! Nein, Majestät. Soll ich mir einen Weg bezahlen lassen, den ich für meinen guten König und Herrn thun soll? Nein und tausendmal nein! Eher lasse ich mir die Finger abhacken. Welch eine Freude, für unsern Herrscher laufen zu können! Herrgottsakra, ich würde für ihn zum Mond empor klettern, wenn ein Strick von da oben herunterhing! Und für die paar Schritte soll ich mich bezahlen lassen! O, da kennen Majestät den Wurzelsepp doch noch nicht richtig!«
»Es soll ja keine Bezahlung sein. Mein Bild ist darauf; das schenk ich Dir zum Andenken.«
»Ach, ist es so! Nun, da mag es geschehen. Also her damit, Herr König! Das soll mir ein Andenken sein, bis sie mich in's Grab legen!«
Während er die Doppelkrone einsteckte, fragte der König:
»Ist die Leni arm?«
»Wie eine Kirchenmaus, Majestät. Sie ist ein Waisenmädel und hat weder Kind noch Keg – – Donnerstag, da hätte ich fast eine Dummheit gesagt! Woher soll denn bei so einem braven Dirndl das Kind kommen, und nun erst gar der Kegel! Nein, sie hat keinen Anverwandten.«
»Und sie singt gern?«
»Den ganzen, geschlagenen Tag, besonders aber in der Früh und Abends, grad wie eine Amsel. Es ist, als ob sie mit Mehlwürmern und Ameiseneiern gefüttert würde. Lassen Sie sich halt Etwas vorsingen; aber richten Sie ein Compliment von mir aus, und sie soll Sie gut aufnehmen. Sie hat nicht gern mit den Stadtherren zu thun, die alle nix taugen. Meine Empfehlung aber gilt sehr viel bei ihr, denn ich bin der Pathe.«
»Schön! Erst aber wollen wir Deine Wurzeln wieder auflesen.«
Er bückte sich. Da rief der Alte:
»Nein, nein! Kreuzschockschwerebrett! Jetzt werde ich mir auch noch von meinem König die Wurzeln aufklauben lassen! Das kann ich schon selbst thun.«
Aber seine Einrede wurde nicht beachtet. Der König hatte an dem Alten Wohlgefallen gefunden und weidete sich an der glückstrahlenden Verlegenheit desselben. Dann schieden sie, wobei Sepp eine so tiefe Verbeugung machte, daß ihm der Rucksack vom Rücken über den Kopf herabfiel.
Der Monarch hatte nicht weit zu steigen. Leni stand, als er oben ankam, an der andern Seite des Hauses; er sah sie also nicht und stieß nach der dortigen Sitte einen Juchzer aus. Sofort kam sie um die Ecke geeilt.
»Grüß Gott, Muhrenleni!«
»Grüß Gott auch! Ja, kennst mich denn?« fragte sie, ihn betrachtend.
»Ja; ich hab von Dir gehört. Gefall ich Dir?«
»So halb und halb! Wannst nicht ein Stadtherr wärst, so könnst mir halt besser gefallen.«
»Ich will diese Nacht bei Dir bleiben.«
»Da in der Hütten drin?«
»Ja.«
»Jesses! Da kommst falsch an. Geh weiter!«
»Ich kann nicht weiter.«
»Wer bist denn?«
»Ich hab mein Amt und Geschäft drin in München und heiße Ludwig. Der Wurzelsepp, Dein Pathe, kennt mich sehr gut und läßt Dir sagen, daß Du mich gut aufnehmen sollst.«
Sie blickte ungläubig zu ihm auf.
»Obs auch wahr ist!«
»Es ist wahr. Ich habe da unten an der Felsenecke mit ihm gesprochen. Sehe ich denn wie ein Lügner aus?«
»Na, sauber und accurat bist schon, und ein guts Gesicht hast auch, so ein braves und vornehmes. Ich werde Dich also behalten. Setz Dich einstweilen daher auf die Bank, bis ich wiederkomme. Ich muß die Rinder und Ziegen in den Stall heimsen.«
»Bleiben die heut nicht im Freien?«
»Sie könnten wohl; aber da jenseits giebt es einen Bären, eine große Rarität und Seltenheit, der sich von drüben herüber verlaufen hat. Wenn der dahergekraxelt käme und mir eine Kuh erwürgte, so könnte ich in meinem ganzen Leben schon gar keine Freud nicht mehr haben.«
Sie ging. Er setzte sich und blickte ihr wohlgefällig nach. Als sie dann die Thiere getrieben brachte, beobachtete er ihre Bewegungen, nickte befriedigt vor sich hin und sagte im Stillen:
»Große Stimme, schöne Gestalt, gewandte Bewegungen, Umsicht und Gewissenhaftigkeit! Sie soll mir in die Schule. Das giebt eine Sängerin, einen Stern am Kunsthimmel. Ich glaube, ich habe da eine Brunhild, eine Walküre, eine Isolde gefunden.«
Als sie dann die Heerde getränkt und in den Stall geschlossen hatte, meinte sie:
»Ein Bett werde ich Dir im Heu machen, ein schönes, weiches. Jetzt nun wirst aber auch Hunger haben?«
»Ja. Hier im Rucksack befindet sich Allerlei. Mach, was Du daraus bringst. Du sollst mit mir essen und mir dann von Dir erzählen.«
Sie gewann Vertrauen zu ihm und gab sich ganz so, wie sie war. Sie aßen zusammen, grad als das Ave Maria-Glöckchen aus dem Thale emporschallte. Da er nicht so schnell das Messer weglegte wie sie, sagte sie:
»Mach, daß Du Dein Ave hersagst! So ist das hier oben bei mir Mode!«
Dann saßen sie vor der Sennhütte auf der Bank. Leni hatte ganz zutraulich neben ihm Platz genommen. Sie erzählte von ihrem Leben; es war still, einfach und ärmlich verflossen; aber das kleinste Ereigniß gab ihr Gelegenheit, ganz unbewußt ein reiches, tiefes, gemüthvolles Seelenleben zu entwickeln und eine Urtheilsschärfe zu entfalten, über welche sich der König höchlichst wunderte.
»Hast auch einen Schatz?« fragte er.
»Nein. Ich kenn Einem, dem bin ich halt seelensgut; aber er weiß nix davon und ist ein Wilderer. Da mag ich ihn nicht. So bleib ich also ledig, so lange ich lebe. Glaubst's wohl nicht? Das Herz hat nur eine Lieb, und thut man die begraben, so steht sie nimmer wieder auf.«
Das klang so selbstbewußt und so rührend, daß er ihre Hand ergriff und theilnehmend sagte:
»Du bist ein braves Mädchen. Schau, die Alpen glühen.«
Die Firnen leuchteten goldig- und dann purpurroth, bis sie dunkelten. Dann ging der Mond auf; er war voll und goß sein magisches Licht über die träumende Alpenwelt.
»Jetzt solltest Du ein Lied singen!« bat der König.
»Ich bin nicht lustig dazu. Wannst mich ansingst, so will ich schon antworten. Oder kannsts nicht?«
»Es wird schwer gehen,« lächelte er.
»Hast etwa keinen guten Schulmeister gehabt im Singen? Das ist schade!«
»Na, er war schon klug, aber ich hatte kein Geschick.«
»Versuchs halt nur einmal!«
Es überkam ihn eine eigenthümliche Stimmung. Er stand auf, trat einige Schritte vor und sang:
»Gen Berg bin ich gelaufen,
Gens Thal bin ich gerennt
Da hat mich mein Schatzerl
Am Juchzen erkennt.«
»Schau, es klingt halt gar nicht so übel. Horch!
Ein Pferderl, hott hott
Und ein Schlitten, tschin, tschin
Und ein Büberl, ein Dirndel
Die sitzen darin.«
Jetzt hatte sie einmal angefangen und sang nun fort. Er hörte ihre herrliche Stimme, aber er folgte dem Texte wohl kaum. Sie sang Lustiges und Trauriges. Er hörte zu, bis sie müd wurde und endlich sagte:
»Jetzt ists genug. Geh in Dein Bett; ich werde Dir leuchten.«
Er war es zufrieden. Er fühlte sich als Mensch, nicht als Majestät, ganz unter dem Banne ihrer Stimme und ihrer reinen, thaufrischen Mädchenhaftigkeit. Sie hatte ihm auf dem Heu mit reinem Linnen, welches eigentlich für sie selbst bestimmt war, ein sauberes Lager bereitet, sagte ihm gute Nacht und kehrte dann in den vorderen Raum zurück.
Er wollte schlafen und konnte doch nicht. Daran war nicht allein der ungewohnte starke Duft des Heues schuld. Er mußte an Leni denken. Er war überzeugt, ein Wesen gefunden zu haben, aus welchem eine gottbegnadete Künstlerin heranzubilden sei, und dachte über die Wege nach, auf denen dies zu geschehen habe.
Da hörte er draußen schleichende Schritte. Es schien Jemand an den Brettern des Stadels zu probiren. Wer war das? Es tappte und tappte und stieß gegen die Holzwand. Sollte es ein Dieb sein? Oder hatte die Sennerin doch einen Geliebten?
Er stand auf, stieg vom Heu herab und trat zu Leni ein. Sie saß auf dem Schemel, mit dem Rücken an die Wand gelehnt, und schlief. Das Licht hatte sie nicht ausgelöscht. Er zögerte, sie zu wecken, sie, die jedenfalls den Schlaf nothwendig brauchte. Er nahm sein Gewehr, schob leise den Riegel von der Thür und trat hinaus.
Der Mond war höher gestiegen. Die Alm war fast tageshell erleuchtet. Wie unter mattem, flüssigem Glase lag das Thal. Die Spitzen der Berge schienen den Sternenhimmel zu berühren. Herr, wie viele sind Deiner Werke. Du hast sie alle weislich geordnet, und die Erde ist voll Deiner Güte!
Ludwig horchte. Er konnte nichts hören. Das Schleichen war auf der anderen Seite gewesen. Er wollte dorthin und ging auf den Fußspitzen um die Ecke, das Gewehr schußfertig in der Hand. Hier gab es Schatten. Er mußte noch um die nächste Ecke, um auf die Seite zu gelangen, auf welcher er das Geräusch gehört hatte. Er bog also auch um diese Ecke und – –rannte mit einem Wesen zusammen, welches in demselben Augenblicke von jenseits um die Ecke biegen wollte. Die Büchse entfiel ihm; er hatte keine Zeit, das Gewehr aufzuheben, denn das betreffende Wesen war ein Thier, ein – –Bär.
Der König sprang blitzschnell zur Seite. Mit eben solcher Schnelligkeit aber folgte ihm das Thier. Auch hier waren an der Mauer Scheite von Brennholz aufgeschichtet. Der König riß eins an sich, holte aus und schmetterte es dem Bären auf den Kopf – ganz erfolglos. Es war, als habe er mit einem kleinen Hammer auf ein Ambos geschlagen. Er holte zum zweiten Hiebe aus. Der Bär richtete sich empor und streckte die Pranken nach ihm aus. Der Streich fiel, und das Holzscheit prellte dem Könige aus der Hand. Ein brüllendes Brummen war die Antwort des Bären. Er öffnete den Rachen – da blitzte es hart hinter dem Könige auf. Ein Schuß krachte, und zu gleicher Zeit wurde er von einem mächtigen Rucke zur Seite gerissen, so daß er auf ein Knie niederstürzte.
Als er sich schnell wieder erhob, erblickte er einen Menschen, welcher dem zu Boden kollernden Bären die Klinge in das Herz stieß und dann gedankenrasch wieder zurücksprang. Ein Zucken, ein Röcheln – das Thier war todt.
»Herr, mein Gott! Das war Hilfe in der Noth!« seufzte der König tief auf.
»Bist wohl kein Jäger?« fragte der Andere.
»Warum?«
»Sonst hättest müssen wissen, daß man, wenn man einen Bären schießen will, nicht so unvorsichtig um die Ecke biegt. Da steckt man erst vorsichtig nur derweilen die Nasen herum. Ist die Luft rein, so kann sich der Körper dann nachschieben. Und den Stutzen hast halt auch weggeworfen!«
»Ich ahnte nicht, daß es ein Bär sei.«
»Nicht? Was hast denn gemeint?«
»Ein Mensch.«
»Schau, das ist schön, sehr schön! Hast den Bären für den Menschen genommen. Jetzt kannst mir die Freud machen, mich für den Bären zu halten!«
»Wer bist Du?«
»Nein, wer bist Du?«
»Ich bin aus der Stadt.«
»Das merkt man schon bereits sehr gut. Heb Deine Büchsen auf, und lege Dich mit ihr in's Bett. Sie ist Dir heut zu nix mehr nütze.«
Da hörte man Schritte. Die Sennerin kam herbei. Sie erblickte zuerst die hohe Gestalt des Königs.
»Bist Du es, der geschossen hat?« fragte sie. »Was ists? Ich wachte von dem Schusse auf. Dein Stutzen war fort und Du auch, als ich nach Dir schaute.«
»Dieser Bär wollte in den Stall,« antwortete er.
Jetzt erst erblickte sie das riesige Thier und zugleich den anderen Mann. Sie schlug vor Schreck die Hände zusammen.
»Ein Bär! Wohl derjenige von drüben? Ist er auch todt?«
»Ja.«
»Der heiligen Jungfrau sei Dank! Welch ein Unglück hätte er angerichtet, wenn Du ihn nicht erschossen hättest. Du, ein Stadtherr!«
»Nicht ich habe ihn erlegt. Dieser Mann ist es gewesen.«
»Der? Ja, wer ist denn der?«
Der Andere stand still und bewegungslos da. Sie konnte, da sie sich im Schatten befanden, sein Gesicht nicht deutlich erkennen. Darum trat sie näher zu ihm heran und sah ihn sich an.
»Jesses Maria! Der Anton, der Anton! Wie kommst denn Du denn auf meine Almerei, mitten in der Nacht? Weißt nicht, daß – – –«
Sie hielt inne, denn sie erkannte, daß sie ihn beinahe verrathen hätte. Es war der Krikelanton, der Wilderer, den sie suchten.
Krikel werden die Hörner der Gemsen genannt. Den Namen Krikelanton hatte er erhalten, weil er am schnellsten Einem, der ein Gemshorn mit aus den Bergen heimnehmen wollte, es ihm verschaffen konnte, ein so gewandter Jäger war er.
Er wollte ihr eine Antwort geben, deutete aber statt dessen vorwärts nach der hohen, bereits erwähnten Felswand und sagte:
»Heilige Maria! Wer ist das dort?«
Auf dieser Wand, in schwindelnder Höhe, kam nämlich eine weiße Gestalt langsam herüber geschritten, so sicher, als ob sie sich auf ebener Straße befindet.
»Ists möglich! Ein Weib da oben!« sagte der König erschrocken.
»Es ist die Mondsüchtige,« erklärte Leni. »Herrgott! Der Felsengrat ist da oben kaum einen Fuß breit! Betet, daß sie nicht herunterstürzt.«
Sie eilte vor nach der vorderen, vom Monde beleuchteten Seite des Hauses, von wo aus man die Nachtwandlerin besser beobachten konnte. Dort kniete sie nieder, um zu beten.
Die beiden Männer folgten ihr. Das Auge des Königs hing mit Grauen an der Gestalt, welche über einer Tiefe von wohl sechshundert Fuß schwebte und doch langsamen, gemessenen Schrittes, wie ein Gespenst, herüber schritt. Es lief ihm eiskalt über den Rücken. Er wagte kaum, zu athmen.
Unten die dämmernde Tiefe, ringsum die im Monde glänzenden Firnen, helles Licht neben dunklen Schatten, und dort die hell beschienene Wand mit der geisterhaften, weißen Gestalt – es war wie ein Traum, aber ein entsetzlicher Traum.
Endlich hatte die Geheimnißvolle den Grat hinter sich und schritt auf grasiger Weide langsam grad auf die Sennhütte herzu.
»Wer ist sie?« fragte der Könige
»Eine Fremde,« antwortete Leni.
»Woher? Wie heißt sie?«
»Ich weiß es nicht. Nur der Bürgermeister weiß es. Sie soll eine sehr vornehme Dame sein. Wir nennen sie nur die Nachtwandlerin. Sprecht kein Wort zu ihr, kein einziges, sie mag thun und reden, was sie will! Sie kommt, sie kommt herbei!«
Es graute den Dreien ganz so, als ob sie eine übernatürliche Erscheinung vor sich hätten. Sie blieben wie festgebannt stehen.
Die Mondsüchtige kam immer näher; sie mußte an den Dreien vorüber. Schon konnte man ihr Gesicht erkennen. Sie trug ein langes, weißes Nachthemde und das Haar unter eine eben solche Haube geordnet. Ihre Gestalt war hoch, voll, ihr Gesicht bleich und schön. Man sah, daß sie die Augen geschlossen hatte. Dennoch schritt sie ganz sicher daher, nicht etwa probirend und zaudernd.
Jetzt war sie da. Sie konnte nichts sehen, aber als ob sie fühle, daß sich Menschen hier befänden, blieb sie stehen, wie überlegend, wendete sich zu Leni um, trat auf sie zu und betastete sie mit den Spitzen der Finger langsam, sehr langsam und prüfend. Der Sennerin stockte der Athem. Sie war nicht furchtsam und befand sich ja auch nicht allein hier, aber die nächtliche Erscheinung und die Berührung derselben wirkte auf eine unbeschreibliche Weise auf die Nerven und Sinne.
Da zog die Nachtwandlerin die Finger zurück, erhob warnend die Rechte und sagte deutlich und in tiefem Tone, ohne die Augen zu öffnen:
»Ein König nimmt Dich an die Hand,
Führt Dich in goldne Pforten ein.
O traue nicht dein eitlen Tand,
Und trau der Liebe nur allein!«
Es war eine Art Schüttelfrost, welcher die Drei überlief. Die Gestalt trat zu dem Wilderer und betastete ihn ebenso. Dann sagte sie, dir Hand ebenso warnend erhebend:
»Du steigst empor und stehst, vom Licht
Umflossen und bewundert da.
»Verstoß, verstoß die Seele nicht,
Der durch Dich schweres Leid geschah'.«
Er regte sich nicht. Er hätte jetzt kein Wort hervorbringen können. Die Mondsüchtige wendete sich jetzt zu Ludwig. Es kam ihm der Gedanke, zurückzutreten; aber mit magischer Gewalt hielt es seine Füße fest. Als sie jetzt mit den zarten, eiskalten Fingerspitzen über sein Gesicht und seine Brust, dann auch über seine Hände strich, war es ihm, als ob ein bewegliches Etwas in seinem Körper diesem Striche folge, von der Stirn bis in die Spitzen seiner Finger herab. Er vermochte nicht, den Blick von den mystisch schönen, marmornen Zügen der Nachtwandlerin zu wenden.
Diese legte, ganz entgegengesetzt als bei den beiden Anderen, die Arme über der Brust zusammen, verbeugte sich tief und erhob nun erst die warnende Hand, mit deutlicher Stimme sagend:
»Du bist geboren in dem Himmelszeichen.
Dess' Strahl den Edelsten verführt.
Laß Deinen Geist ja nicht in Höhen steigen.
In denen er sich selbst verliert!«
Sie blieb noch einige Sekunden lang mit erhobener Hand vor ihm stehen, dann trat sie zurück, wendete sich von ihnen ab, deutete empor nach dem Firmamente und sagte laut und volltönend:
»Der Seher schöpft aus ew'gem Quell,
Um den des Himmels Sel'gen wandeln.
Die Gaben fluthen in Euch hell,
Und dunkel nur ist Euer Handeln!«
Dann entfernte sie sich wieder, in genau derselben Richtung, aus welcher sie gekommen war.
Der König stand bewegungslos, mit fast übernatürlich geöffneten Augen. Von welchem Himmelszeichen hatte dieses Weib gesprochen? Welche gefährliche Höhen hatte sie gemeint? War sie allwissend? Hatte sie wirklich aus einem himmlischen Quell geschöpft? Konnte er daran zweifeln, nachdem sie zu der Sennerin gesagt hatte: »Ein König nimmt Dich an die Hand« –? War er nicht fest entschlossen gewesen und nun erst recht entschlossen, Leni die Hand zu bieten, um sie aus dem Dunkel in die lichte Welt der Kunst und des Ruhmes einzuführen?
Er wurde aus diesem Sinnen durch die Stimme der Sennerin erweckt:
»Herrgott! Sie steigt wieder auf den Felsengrat!«
»Wollen wir sie rufen?« fragte Anton. »Dann erwacht sie und bleibt zurück.«
»Nein, nein! Sie ist bereits oben, wo die fürchterliche Gefahr beginnt. Rufen wir sie, so stürzt sie hinab und zerschmettert in der Tiefe.«
Sie blickten ihr schaudernd nach. Ihre helle Gestalt schwebte zwischen Leben und Tod, denn der Schlaf war Leben, das Erwachen aber sicherer Tod für sie. Kein noch so leises Wanken verrieth die geringste Unsicherheit ihrer Schritte, ihrer Bewegungen. Nicht ein einziges Mal verwickelte sich ihr Fuß in dem Saume des langen Gewandes. Und diese angsterregende, nervenspannende Scene beleuchtete der Vollmond mit friedlichem, freundlichem Lichte, bis die Geheimnißvolle langsam drüben im Schatten verschwand, welchen die schräg gegenüberliegende Höhe auf den Hintergrund der Felsenwand warf.
Jetzt erst holten die Drei laut und tief Athem. Es war ihnen, als ob sie aus einer Verdammniß erlöst seien, und dennoch lauschten sie noch minutenlang, ob nicht ein Schrei ertöne, als Beweis, daß die magnetisch Schlafende doch noch zuletzt in die jähe Tiefe gestürzt sei. Es blieb Alles still.
»Gott sei Lob und Dank!« sagte Leni. »Das mag ich im ganzen Leben halt nicht wieder sehen und hören. Erst war ich starr vor Entsetzen. Jetzt nun zittern mir alle Glieder.«
»Dir hat sie das Beste gesagt,« bemerkte Anton. »Ein König wird Dich an die Hand nehmen.«
»Das Deinige war auch schön. Du wirst bewundert sein und von Licht umflossen.«
»Möcht wissen, wer mich bewundern sollte! Das ist Schnickschnack.«
»Warte es ab,« sagte der König. »Was für ein Geschäft hast Du?«
»Was werde ich sein! Ein armer Wildheuer. Ich hab eine alte Mutter und einen noch älteren Vater, die Beide nix mehr arbeiten können. Eine Gais haben wir auch und eine kleine, magere Kuh, ein Häusle dazu, wo man gleich durch die Wand hinein in die Stuben laufen kann und wo die Diele schwimmt, wenn es ein Bisle regnet. Die Kuh und die Gais wollen fressen. Da wir aber weder Wiese noch Feld haben, so steige ich hinauf an die Abgründe, wo kein Anderer sich hintraut und wo nur noch der Adler wohnt, und hole das Gras und Heu herab, was dort noch zu finden ist und was keinem Herrn gehört als nur Dem, der sein Leben an jeden Halm hängt und mit dem Tode um die Wette lacht. Das ist ein Wildheuer, Herr. Und für diese Müh und Gefahr hab ich all' Tag ein Stückle trocken Brod, weiter nix.«
»Das ist freilich schlimm!«
»Und wann ich nun da aufi steig und Hunger hab und weiß, daß die Eltern ebenso hungern wie ich, und der Herrgott schickt mir einen Gamsbock zu, damit ich ein bischen Fleisch nach Hause bring, und ich schieße ihn weg, so kommt das Gesetz und steckt mich in's Zuchthaus, und die Eltern mögen nur gleich in das Wasser gehen oder sich mit einand in den Abgrund stürzen, daß es halt aus ist mit der Noth.«
»So bist Du ein Wilderer?«
»Hast Du noch nicht von dem Krikelanton gehört?«
»Ja. Bist Du der etwa?«
»Ja, der bin ich, Herr.«
»Ich habe gehört, daß man Dich heut hier sucht.«
»Ja, ich weiß es. Ich hab einen Gamsbock geschossen, um dem Vater Fleisch zu bringen; dabei hat man mich ertappt, ich aber bin entwischt. Seht meine Hände an, wie blutrünstig sie sind, und meine Kniee und die Füße halt ebenso. Ich habe mich an Felsenkanten festgehalten und an Wänden fortgegriffen, wo nie ein Mensch hinkommen wird, um nicht gefangen zu werden. Sie haben auf mich geschossen. Dann kam ich hier hinüber und sah den Bären durch die Felsen laufen. Ich folgte ihm nach im Mondlicht. Ich hatte Hunger und wollte mir ein Stück von seinem Fleische holen und auch die Senner von dem Spitzbuben befreien. Er lief hierher. Ich kam grad noch zu rechter Zeit, um ihm den Appetit zu verderben. Er hätte Dich ein Wenig aufgefressen.«
»Ja, Du hast mir das Leben gerettet. Ich hoffe, daß ich Dir dankbar sein kann.«
»Sprich davon nicht. Ich habe meine Pflicht halt nicht des Dankes wegen gethan. Willst Du gut sein mit einem Verfolgten, so gieb mir nur ein Stückle Brod und einen Schluck Wasser; dann will ich weiter gehn und schaun, ob ich meine Eltern wiederseh oder in irgend einem Abgrunde die Bewunderung finde, von welcher die Mondsüchtige zu mir gesprochen hat.«
»Dein Wunsch soll erfüllt werden, doch sage auch, ob Du irgend eine vorzügliche Gabe besitzest.«
»Eine Gabe? Hm! Ich bin halt ein Bergsteiger und ein Schütz, mit dem es kein Zweiter aufzunehmen vermag. Weiter nix.«
»Hast Du nicht eine besondere Lust zu irgend einer Kunst oder Wissenschaft?«
»Nein. Ich kann halt ein Wenig lesen und meinen Namen schreiben. Eine andere Wissenschaft kenne ich nicht. Und eine Kunst? Ja, zeige mir eine Gams, und ich hole sie Dir, sie mag hingehen, wohin sie will. Von anderen Künsten kann ich nicht reden.«
»So hilf mir, den Bären in die Hütte schaffen; dann kannst Du essen, so viel Du willst, und nachher mit im Heustadel schlafen.«
»Danke sehr! Werde mich hüten! Am Besten ist es, ich habe den freien Himmel über mir. In einer Hütte würden sie mich gleich ergreifen.«
»Würdest Du Dich nicht wehren?«
»Gott behüte, nein. So ein Hallunk bin ich schon nicht, daß ich Einen niederschieße, um der verdienten Strafe zu entgehen. Aus Noth schieße ich mir eine Gams, aber ein Menschenmörder bin ich nicht.«
»Das ist brav gedacht. Du hast gefrevelt, aber es kann Dir wohl vergeben werden. Nur mußt Du von dem Bösen lassen und bessere Wege gehen.«
»Das wollte ich gern. Gieb mir aber Arbeit, irgend welche, mit der ich mich und meine Eltern redlich ernähren kann, und ich werde weder meinem Kaiser noch dem König von Bayern eine Gams mehr wegschießen. Ich hab das Leben satt. Schau, was für ein tüchtiger Jägersmann könnte ich werden, wann ich so eine Anstellung bekommen thäte. Aber an Unsereinen kommt so Etwas nicht.«
»Mach eine Supplik an Deinen Kaiser!«
»Wo denkst halt hin! Bei dem bayrischen König ging das wohl eher, aber ich bin halt ein Oesterreicher und kein Bayer.«
»So, warum ginge es bei ihm eher?«
»Das will ich Dir sagen. Er ist ein feiner Herr, der in Allem etwas Appartes haben will. Ein Wilderer, der ein Jäger wird, schau, das ist so etwas Appartes. Ihm thäte ich es zutrauen, daß er zu mir spräche: »Anton, Du hast mir bis jetzt die Gamsen ohne meine Erlaubniß weggeschossen, von heut an sollst Du es mit meiner Erlaubniß thun, und ich gebe Dir sogar noch ein Salair dazu. Ja, der Ludwig, der thäte das, wenn ich so richtig von der Leber weg mit ihm reden könnt. Aber er ist ein Wenig menschenscheu; da kann man nicht hinan. Und wie so dankbar wollte ich ihm sein! Herrjesses! Mein Leben thät ich für ihn lassen!«
Er hob beide Arme hoch empor und schnipste zur Bekräftigung seiner Worte mit den Fingern. Seine dunklen Augen glänzten; das sah man trotz der Nacht. Er war ganz begeistert von dem Gedanken, von der Wilderei ablassen und ein anderes Leben führen zu können, bei dem es nicht mehr nothwendig war, mit den Gesetzen und der Polizei in Conflict zu kommen.
Leni war ganz gerührt davon. Sie sagte:
»Ja, der Anton ist ein Braver. Er hat noch Keinem ein Leid angethan. Und wann er hätt', was er und seine Eltern für den Schnabel brauchen, dann wär er ein Bub, vor dem man schon bereits immer einen Respect haben müßt'. Das kannst halt glauben, Herr.«
Da ergriff der Wilderer schnell ihre Hand und rief im Tone des Glückes:
»Leni, das, was Du da sagst, ist so wahr wie das heilige Sakrament. Du hast mich nur zweimal gesehen, heut zum dritten Male, und während alle Anderen Angst vor mir haben und mich meiden, hast Du mit mir getanzt und mich nicht verachtet. Heut sprichst wieder für mich. Das werde ich Dir nie vergessen.«
»Plausch kein dummes Zeug nicht, Anton? Ich hab' mit Dir getanzt, weil ich Dich selbiges Mal nicht gekannt hab'. Du hast ein gutes Aug' und ein aufrichtig Gesicht. Darum hab' ich Dir nicht zuwider handeln können. Denn weißt, das Gesicht ist halt das Aushängeschild, was der Herrgott dem Menschen 'geben hat. Auf Deinem steht ein gut Gemüth und ein fröhlich Herz, und einem Menschen, der dieses Beids hat, dem darf man wohl Vertrauen schenken.«
Da fragte der König lächelnd:
»Was habe denn ich für ein Aushängeschild?«
»Du hast ein gar besonderes, sauberes und vornehmes. Gut bist auch, wohl seelensgut, und können thust auch Etwas. Das, was in Dir steckt, das sieht man Dir gleich an der Nasenspitzen an. Vielleicht bist ein Stadtschulmeister oder gar ein Stadtverordneter, denn die schauen Alle so vornehm und appart aus, als wenn sie halt von Zucker gebacken wären, und man darf ihnen nicht zu nahe kommen. Aber das Herz hast doch auch auf dem richtigen Flecke, wenn Du meinswegen auch ausschaust, als ob Du Einen mit einem einzigen Worte oder Blicke zur Maulsperre bringen könntst. Ists so oder nicht?«
»Hast nicht ganz schlecht gerathen.«
»Nicht wahr! Ja, wir auf den Bergen sind auch nicht von gestern oder gar von ehegestern. Nun aber macht, daß der Bär herein kommt in die Hütten. Dann wollen wir schlafen. Wer früh aufwachen will, der muß sich doch zuvor erst niedergelegt haben.«
Sie ging nach der Ecke, wo das erlegte Raubthier lag. Dasselbe war ausgewachsen und schwer; aber den drei urkräftigen Personen gelang es doch, es in die Hütte zu schaffen. Dann sagte Leni:
»So ists gethan. Und nun will ich Dir auch ein Lager machen, Anton, wo sie Dich nicht finden, wann sie ja kommen und nach Dir fragen sollten. Der Herr wird wohl ein Einsehen haben und Dich nicht verrathen.«
»Nein,« antwortete Ludwig. »Ich verrathe Dich gewiß nicht.«
»Meinst wirklich?« fragte Anton, ihn mißtrauisch forschend anblickend.
»Ja. Ich gebe Dir mein Wort darauf.«
»Das gilt nix. Ihr Stadtherren seid nicht allemal Diejenigen, welche gern Etwas auf ihr Wort geben.«
»Ich will da nicht mit Dir rechten. Aber sage selbst, ob ich hier stände, wenn Du nicht im rechten Augenblicke gekommen wärst?«
»Nein. Du ständst halt nicht da, sondern Du lägst draußen beim Bär und er hätte Dich allbereits halb und halb verspeist.«
»Du hast mir also das Leben gerettet. Könnte ich da so schlecht sein, Dich an die Polizei zu verrathen?«
»Ja, schlecht wäre es wohl von Dir; aber wer sagt mir, daß Du es auch wirklich nicht thust?«
»Ich sage es, und wenn Du es nicht glaubst, so soll es mir sehr leid thun. Uebrigens mache, was Du willst! Gehe, oder bleibe. Mir soll Beides recht sein. Für alle Fälle aber will ich Dir zeigen, daß ich nicht undankbar bin.«
Er griff in die Tasche und zog seine Börse.
»Willst mir halt wohl ein Geldl geben?« fragte Anton.
»Ja.«
»Das laß nur schön bleiben, wenn Du mich nicht beleidigen willst. Um Bezahlung stehe ich keinem Menschen gegen ein Wildthier bei. Da kennst den Krikelanton schlecht!«
»Und Du verstehst mich falsch. Ich will Dir doch nicht etwa Deine muthige That bezahlen. Du hast Dein Leben gewagt, das läßt sich nicht mit Geld abmachen. Und das meinige, nämlich mein Leben – nun, es giebt Leute, welche sagen würden, daß es sich auch nicht so genau auf den Pfennig berechnen läßt, wie viel es werth sein könnte. Also kann ich Dir weder für Dein noch für mein Leben ein Geld bezahlen. Aber Du hast mir gesagt, daß Du arm bist und oft mit Deinen Eltern hungern mußt.«
»Ja, Herr, das ist freilich rechtschaffen wahr.«
»Nun, so will ich Dir etwas für Deinen Vater geben. Es soll ein Geschenk für ihn sein, damit er sich etwas Kräftiges für sein Mahl anschaffen kann.«
»Wenn es so ist, dann nehme ich es, Herr. Ich hab halt kein Recht, ein Geschenk zurückzuweisen, welches für den meinigen Vater bestimmt ist.«
»Gut, hier hast Du.«
Er legte ihm eine Anzahl Goldstücke in die ausgestreckte Hand. Anton machte ein höchst erstauntes Gesicht, zählte sie und sagte dann:
»Hast Dich wohl verrechnet. Das sind halt grad an die fünfzehn Doppelkronen, also nach der neuen Münz dreihundert Mark. Das ist ja grad ein Vermögen!«
»Ich irre mich nicht. Ich gebe es Dir. Nimm es Deinen Eltern mit!«
»Ja, bist denn bei Trost, Herr! Bist so gewaltig reich, daß Du ein solch Summa summarum verschenken kannst, he?«
»Ich habe Vermögen. Diese dreihundert Mark verspüre ich gar nicht, wenn sie mir fehlen.«
»Heilige Wassersuppen! So möcht ich alleweil mit Dir tauschen! Ich verspür es allbereits, wenn mir ein Pfennig aus dem Sack gerutscht ist. Also, machst Ernst? Wirklich?«
»Wirklich! Behalte es!«
»Na, dann Gottes Segen über Dich und über Deine Frau. Hast doch eine?«
»Nein.«
»So reck halt die Arme aus! Wer solche Geldln verschenken kann, dem hängen sich gleich zwanzig Mäderln an jeden Finger, den er ausstreckt. Herrgottsakra! Wird das ein Freuden und Jubilerei sein, wann ich die Goldfüchs auf den Tisch zähl'. Ich glaub, den Vattern nimmts vor Freud den Verstand, und die Muttern wird weinen als obs zur Kirmiß regnen thät! Hab Dank! Hier hast mein Pratschen; schlag ein! Und wenn Du einmal den Krikelanton brauchst, so laß ihn rufen. Er geht durchs Feuer für Dich, und nicht nur einmal, sondern so oft es gut und nothwendig für Dich ist.«
Er gab dem König die Hand, welche dieser ergriff und herzlich schüttelte. Bei dieser Gelegenheit bemerkte Ludwig, daß der Wilderer sich die ganze Haut der inneren Handfläche abgeschunden hatte.
»O weh!« sagte er. »Das muß ja schmerzen!«
»Ja, schmerzen thuts freilich. Und schau auch die Knie, wie blutrünstig sie sind! Aber was ist das gegen die Freud, meinen Eltern das Geld mitzubringen. Ich fühl halt keinen Schmerz nicht mehr. Und wann die Leni herzgut ist und mir ein Branntweinerl giebt, so reib ich mir mit demselbigen die Wunden ein und bekomm allzumal sogleich eine neue Haut darauf.«
»Den sollst haben,« sagte das Mädchen. »Und Du, lieber Herr, bist ein braver Bub, daß Du an dem Anton seinige alten Eltern denkst. Hast auch mir eine große Freuden damit gemacht. Ich werd Dir am Morgen einen Kaffee kochen, der so dick sein soll, daß Du drinnen auf dem Kopf stehen kannst, ohne umzufallen. Für so ein guts Haxerl wie Du kann man schon allemal ein Uebrigs thun. Aber, schau, wollen wir den Bären noch bei der Nacht aufthun oder willst nun wieder ins Heu gehen?«
»Wir können ihn bis zum Morgen liegen lassen. Der Schlaf ist auch nothwendig. Wird der Anton sich mit hinaus zu mir legen?«
»Nein. Wo denkst hin! Wann sie kämen, so hätten sie ihn ja sogleich. Nein, ich weiß da ein besseres Nest, wo er einischlupfen kann.«
»Wenn sie auch kämen, sie würden ihm doch nichts thun.«
»Meinst? Da kennst die Jäger und die Gegend sehr schlecht. Sie würden ihm ein paar Handstrickerle umbinden und ihn fortschaffen, da hinein, wo die Eisenstäbe vor den Fenstern sind anstatt der Sonnenfächer. Nein, so weit wolln wir es halt doch nicht kommen lassen.«
»Sie würden es doch nicht thun. Weißt Du, Leni, ich bin in der Residenz gar gut bekannt und bei Denen von der Polizei.«
»So denkst etwa, sie lassen ihn laufen, wenn Du ihnen ein gut Wort vergönnst?«
»Ja.«
»Glaubs nicht, glaubs nicht! Da gilt die Freundschaft nix. Sie müssen ihre Pflicht thun.«
»Und wenn sie es thäten, so würde ich Fürsprache halten. Das hilft.«
»Nix hilft es, gar nix! Hast etwa einen Vetter bei der Polizei?«
»Gar im Ministerium.«
»Na, das ist halt schön. So einen Vettern kann man oft sehr gut gebrauchen. Besser aber ists doch, man hat ihn gar nicht nöthig. Heut will ich dem Anton sein Ministeriumvetter sein und ihn so gut verbergen, daß ihn auch die Katz nicht finden könnt, selbst wenn sie sich eine Brillen auf die Nas klemmen thät.«
»Du scheinst in solchen Dingen viel Erfahrung zu besitzen, Leni?«
Diese Worte klangen etwas scharf.
»O nein. Ich hab keiner Polizei und keinem Gericht das Geringst' zu verheimeln; aber wann so ein armer Schacherl kommt, den sie abgetrieben haben, weil er seinen Eltern ein Brot schießen will, so thut mirs im Herzen weh und ich such einen Winkel, wo er sich einhuscheln kann, bis die Luft wieder rein' für ihn ist. Meinst etwa, daß dies ein Unrecht ist?«
»Ja, jedenfalls.«
»So will ichs auf Seel' und Gewissen nehmen. Der Herrgott wird ein Einsehen haben und es mir nicht allzu hoch anrechnen, wann ich später mal die Augen zuthue. Also geh Du zu Bett. Du brauchst nicht zu wissen, wohin ich den Anton steck. Und wann Du ganz sicher schlafen willst, so schieb den innerigen Riegel vor; da beißt Dich keine Maus und auch kein Bär. Schlaf wohl!«
Dies war in einem so bestimmten Tone gesagt, daß der König lächelnd meinte:
»Du scheinst eine gestrenge Herrin zu sein, der man gehorchen muß!«
»Du hast fernerhin Recht. Ich bin die Sennerin, und wer nicht thut, was ich ihm sag, der kann hinaus spazieren. Aber, gelt, hasts doch nicht etwa bös genommen?«
»O nein.«
»Es war auch nicht so gemeint. Für einen solchen Herrn, der ein solch Geschenk macht, habe ich halt keine Grobheiten in der Tasche. Schlaf also wohl, Herr, und wann Du träumst, so träume auch ein Bisserl von der Leni und von dem Kaffee, den sie Dir am Morgen aufikochen wird.«
Sie reichte ihm die Hand. Er drückte dieselbe sehr freundlich und trat in das Heustadel. Die Beiden hörten, daß er den Riegel vorschob, wie Leni es ihm gerathen hatte. Er that dies, um ihnen die Ueberzeugung zu geben, daß er sie nicht belauschen wolle. Anton aber nahm es anders. Er sagte:
»Hörst, daß er den Riegel herüberthut? Er fürchtet sich vor dem Wilderer.«
»O nein. Er sieht gar nicht so aus, als ob er sich vor Etwas fürchten könnt.«
»So fürchtet er sich nicht vor mir, sondern davor, mit mir hier getroffen zu werden. Hat er sich eingeriegelt, so muß man ihm glauben, wenn er sagt, daß er von meinem Hiersein gar nix weiß.«
»Das ist aber grad recht, grad gescheidt von ihm.«
»Ja, gescheidt ist es; aber ich bin auch so klug und trau ihm nicht.«
»Dazu hast keine Ursache nicht. Du hast ja gesehen, wie dankbar er ist. Er wird Dich nicht verrathen.«
»Wer weiß es! Hat er etwan nicht gesagt, daß es nicht recht von Dir ist, wenn Du mich verbirgst?«
»Das hat er doch nicht so gemeint, daß er Dich wohl ausliefern möcht, wann sie kommen. Weißt, wohin ich Dich steck?«
»Nun?«
»Ueber den Stall in's Stroh. Der Stall stößt an den Berg und hat im Dach ein Guckloch. Kommen sie ja und suchen nach Dir, so kannst in der Noth zu demselben Loch hinaus und bist gleich auf dem Berg.«
»Und Du?«
»Ich? Was ich? Was meinst?«
»Was wird dann mit Dir?«
»Was soll mit mir werden? Nix.«
»Das denkst nur; aber es wird doch anders. Wann sie kommen und ich reiß aus, so merken sie, daß Du mich versteckt hast, und dann nehmen sie Dich mit anstatt meiner.«
»Und ich geh auch etwan mit?«
»Jawohl.«
»O Du talketer Hanns! Weiß ich denn, daß Du bei Nacht kommen bist und Dich in meinem Stall versteckt hast? Gar nix weiß ich, gar nix!«
»Das ist freilich pfiffig!«
»Hast mich etwa für unpfiffig kaufen wolln?«
»Nein.«
»Sonst hättst auch nicht zu mir kommen brauchen!«
Jetzt machte er eine rasche Wendung mit der Schulter, blickte dem Mädchen forschend in die Augen und fragte:
»Du denkst, ich hab zu Dir kommen wollen?«
»Ja. Bist ja da bei mir!«
»Das wär schön, das wär sehr schön von mir! Da wär ich ja gar nicht werth, daß Du mich nur mit einem Auge anschaust.«
»So begreif ich Dich nicht.«
»Hast denn nicht gehört, was ich vorhin gesagt hab? Daß ich dem Bären nachgegangen bin?«
»So hast gar nicht eine Zuflucht in meiner Hütten suchen wollen?«
»Nein.«
»Hältst mich für eine Verrätherin?«
»Wie könnt ich das, Leni! Du bist das bravst und best Dirndl weit und breit; wie könnt ich einen derigen Gedanken auf Dich haben! Aber grad deretwegen, weil ich weiß, wie gut Du bist, und weil ich so große Stücke auf Dich halt, ist es mir gar nicht in den Sinn kommen, Deine Hütten aufzusuchen. Ich bin verfolgt, und man hat alle Wege besetzt; wer mir ein Obdach giebt, der wird bestraft. Kann ich ein Freuden daran finden, grad Dich mit in's Unglück zu ziehen? Nein, ich hatte mich droben in den Felsen versteckt. Da kam der Bär, und ich ging ihm nach. Nun hab ich ihm den Garaus gemacht und werd wieder gehen.«
»Wohin?«
»Das weiß ich freilich nicht. Ich muß halt schauen, wo sie mir ein Loch offen gelassen haben, durch welches ich schlüpfen kann.«
»Das siehst aber doch nicht bei Nacht!«
»Ich wart bis zum Tag.«
»Aber hier bei mir!«
»Nein. Wie leicht könnt Jemand kommen. Dann geht es mit über Dich hinein.«
»Denke das nicht. Ich kann Dich nicht fortlassen. Du bist matt und mußt schlafen. Du hast Hunger und Durst und mußt essen und trinken.«
»So thu ein Uebriges und gieb mir ein Käs und Brot und ein Wasser. Dann geh ich fort und schlaf droben auf dem Berge.«
»Etwa beim Jägernaz?«
»Ist der da oben?«
»Ja, er ging vor dem Dämmern hier vorüber und sagte mir, daß er Dich fangen will.«
»Er ist Dein Schatz?«
»Der? Mein Schatz? Eher heirathet der Keller die Feueresse!«
»Aber alle Leuteln sagen es!«
»Was! Wie können sie das sagen! Wer hat gesehen, daß ich mit dem Naz freundlich bin?«
»Er selbst sagt es.«
»Er selbst? So lügt er es!«
»Er sagt all überall, Du seist sein Schatz, und er erzählt, daß er des Abends zu Dir auf die Alm emporsteig und des Morgens wieder hinab.«
»Das hat er gesagt? Das hat er erzählt, der Erzhallunk? Was thu ich nur mit ihm? Was thu ich? Weißt, ich hab einen Käs draußen, der wiegt über dreißig Pfund. Den schlag ich ihm so lange um die Ohrlapperln, bis er sich für eine Käsemaden oder für einen Käsemadrig hält, der Lump, der unverschämte!«
»Also ists wirklich nicht wahr?«
»Hasts etwan gar geglaubt?«
»Nein. Hätt ers zu mir erzählt, so hätt ich ihn zu Boden geschlagen, daß er vergangen wär wie Luft. Der Kerl ist mir Gall' und Aloe; er ist mir Gift und Opperment. Er hat's nur grad immer auf mich abgesehen, und wenn wir einmal zusammengerathen, so kann es gar leicht kommen, daß er in Scherben geht, wie ein alter Milchkrug, den man zur Trepp hinunterkollert!«
Beide, er und sie, waren zornig geworden. Sie standen hoch aufgerichtet vor einander. Selbst der Neidischeste hätte sagen müssen: ein prächtiges Paar. Sie funkelten sich gegenseitig mit den Augen an, als ob sie untereinander zornig seien. Das fühlte Leni. Sie stieß ein lustiges Lachen aus und sagte:
»Schau, sind wir nicht die richtigen Hansnarren? Ereifern uns, als ob wir gegen einand ärgerlich seien, und haben uns doch gar nix gethan!«
»Hast Recht! Dieser Kerl ist nicht werth, daß wir von ihm reden.«
»Aber nimm Dich halt nur in Acht vor ihm.«
»Hast Sorg' um mich?«
»Nein. Bist ja selber Manns genug!«
»Dachte, Du wärst ein Wenig bange.«
»Warum sollte ich das?«
»Weil – weil – – na, weil ich halt ein Bursch bin und Du ein Dirndl.«
»Geh! Bange ist man doch nur um den Schatz.«
»Und der bin ich nicht?«
Sie stemmte die vollen, kräftigen Arme in die Hüften und antwortete:
»Nein? Du wärst mir der Richtige!«
»Warum?«
»Weil Keine Dein Schatz sein kann, keine Einzige.«
Er wechselte die Farbe.
»Habe ich etwan nicht Recht?« fragte sie.
»Weiß nicht.«
»Du weißt es; Du mußt es wissen. Schau, Du bist so ein sauberer Bub und ein guter dazu. Du bist arm; aber es gäb viele, viele Dirndln, welche sich freuen thäten, wenn sie Dich haben könnten. Aber Du gehst auf dunklen Wegen, und überall ist die Polizei hinter dir. Dein Dirndl befänd sich stets in der Gefahr, auch mit auf das Amt zu müssen. Und wenn Du sie nähmst, was sollte werden? Eines Tages brächten sie Dich getragen von oben herab, aus den Bergen, wo die Kugel des Jägers Deinem Treiben ein End' gemacht hat. Ists so oder nicht?«
Er hatte sich auf den Schemel gesetzt und den Kopf in die Hände gestemmt. Jetzt fragte er, aber ohne zu ihr aufzublicken:
»Habe ich nicht vorhin gesagt, daß dieses Leben mir leid thut und daß ich es gern ändern möcht?«
»Das hast freilich gesagt, aber nun ändre es auch!«
»Wie denn?«
»Hast nicht die Mittel in der Hand?«
»Meinst die dreihundert Mark?«
»Ja. Kannst nichts damit anfangen, he?«
»O, wohl gar! Einen kleinen Handel, irgend ein Kleingeschäft.«
»So thu's!«
»Wie Du das so sagen kannst. Bin ich nicht wie das Wild, welches getrieben wird? Muß ich nicht flüchten und immer wieder flüchten, weil man mich fangen will?«
»Doch nur hier in Bayern?«
»Ja. Ich bin halt so klug gewesen, nur hier diesseits der Grenz auf die Jagd zu gehen.«
»So komm nicht wieder herüber!«
»Man holt mich doch. Das Oesterreich muß mich ausliefern, weil ein Wilderer kein politischer Verbrecher ist.«
»So bist freilich daran wie der Gamsbock, der weder Ruh noch Frieden hat. Aber einmal muß es doch anders werden!«
»Ja, wann sie mich ergriffen haben und einistecken.«
»Dann kommst aber doch wieder heraus?«
»Ja, aber wann! Und das möcht gern noch sein. Aber wer da drin gesteckt hat, den sieht kein Mensch wieder an, und alle Leuteln zeigen mit den Fingern nach ihm.«
»Das kann nur ein Schändlicher thun!«
»Würdst etwa Du mich anschaun?«
Er erhob jetzt zum ersten Male wieder den Kopf. Sein Auge war mit einem geradezu angstvollen Blick auf ihr Gesicht gerichtet. Sie erröthete, aber doch antwortete sie fest und muthig:
»Noch lieber als jetzt.«
Da fuhr er schnell von dem Schemel empor.
»Was sagst?« Ists wahr?«
»Hat die Leni schon einmal gelogen?«
»Nein. Also Du würdst mich nicht verachten?«
»Das könnt mir gar nie in den Sinn kommen.«
»So möcht ich gleich jetzt auf das Amt gehen und mich freiwillig stellen!«
»Thu es, Anton, thu es! Es ist das Best' für Dich.«
»Das geb ich halt zu. Ich hab selbst schon alleweil daran gedacht. Und wann ich freiwillig komm, so geben sie mir wohl eine gelindere Straf als sonst. Aber meine Eltern – die lieben, lieben Leutln!«
»Denen wird Gott indessen beistehn.«
»Meinst, daß er vom Himmel steigt?«
»Nein, das hat er in unserer Zeit nicht mehr nöthig. Wir sind halt Christen und müssen an seiner Stell handeln. Wann Du Deine Pflicht thust, so will ich gern zuweilen hinüberschaun nach dem Vater und der Mutter. Ich hab nur drei Stunden zu laufen, und wann der Winter kommt, so zieh ich von der Alm, und es giebt fast nichts mehr zu thun. Da kann ich aller vierzehn Tag' hinübergehn.«
Er streckte seine Arme aus, um ihre Hände zu ergreifen, zog sie aber wieder zurück. Er wendete sich um, lehnte den Kopf an die Wand und sagte nichts. Sie wartete eine Weile. Sie sah, daß seine Brust arbeitete. Da trat sie zu ihm, legte ihm die Hand auf die Schulter und fragte:
»Was ists, Anton? Warum sagst nix mehr?«
Sie beugte sich vor, um ihm in das Gesicht zu sehen. Er hatte die Lippen fest zusammengepreßt, und Thränen standen ihm in den Augen.
»Herrgott! Du weinst!« sagte sie.
»Muß ich nicht?«
»Meinswegen wohl? Hab ich Dir wehe gethan?«
»So wehe und auch wiederum so wohl, Leni! Ist das wahr, daß Du zu den Eltern gehen würdst, um sie zu beruhigen und zu trösten?«
»Ja, ich würde gehen.«
»Aber warum, warum?«
Er drehte sich ihr wieder zu und hielt das nasse Auge auf sie gerichtet. Jetzt wurde sie verlegen.
»Weil – weil – weil es doch Christenpflicht ist.«
»Christenpflicht? Ja. Aber wie kommst grad Du dazu, diese Pflicht an uns zu üben?«
»Weil – ich – weil ich es gern thu.«
Da leuchteten seine Augen triumphirend auf. Er erfaßte ihre beiden Hände und fragte:
»Und weil Du mich gern hast?«
Tiefe Gluth bedeckte ihr Gesicht.
»Dich gern? Wo denkst hin, Bub? Mußt nicht gleich meinen, daß Du nun Kaiser bist!«
»Kaiser? O, der mag ich halt gar nicht sein. Der hat eine Frau, welche gar nicht die meinige werden kann. Wenn ich aber Dich haben könnt', Leni, dann würde ich mit keinem Kaiser, mit keinem König und auch mit keinem Papst nicht tauschen.«
»Auch mit dem Papst nicht?«
»Nein.«
»Weil Dir auch dem seine Frau nicht paßt!«
»Geh! Lach halt nicht. Das ist mir nur so über die Zung herauskommen. Weißt was? Sollst meine Kaiserin sein!«
»Wart, bis Du halt Kaiser bist!«
»Nicht eher?«
»Nein. Jetzt bist derweil noch ein Wilderer, den sie suchen. Da hats noch lang keine Gefahr mit dem Kaiser sein.«
Sie hatte das mehr ernst- als scherzhaft gesagt. Er ließ ihre Hände los und meinte traurig:
»So ists recht! Ich wollte gleich die höchste Alp dersteigen, und nun rutsch ich abi ins tiefste Thal hinein. Aber es soll mir nicht umsonst gesagt sein, Leni. Du hast mir das Aug geöffnet, und ich schau um mich her und in mich selbst hinein. Es soll anders werden. Jetzt nehm ich meine Büchs und den Rucksack und geh. Entweder siehst mich wieder oder nicht. Siehst mich nicht wieder, so lieg ich irgendwo und der Adlergeier schwebt über meiner Leich. Siehst mich aber einmal wieder, so wirst schauen, daß es anders mit mir geworden ist.«
Er wandte sich ab und griff nach seinem Gewehre.
Da hielt sie seinen Arm fest.
»Nicht so, Anton! Mußt mich nicht falsch verstehen.«
»Wie sonst?«
»Ich meins halt gut und treu mit Dir; aber wer ein Dach bauen will, der muß doch erst die Mauer und die Wand haben, worüber es kommen soll. Gieb den Rucksack her! Ich werde Dir eine Wenigkeit hineinthun.«
»Ist nicht nöthig, Leni.«
»Hast doch Hunger?«
»Jetzt nicht mehr.«
»Schau, was für ein wetterwendiger Bub Du bist. Das hätt ich gar nie gedacht von Dir. Wenn Dir der Hunger vergangen ist, so wird er wohl bald wiederkommen, und Du mußt doch Etwas im Rucksack haben. Also her damit!«
Er weigerte sich nicht länger und sah schweigend zu, als sie ihm von ihren Vorräthen auswählte. Es was das Beste, was sie ihm gab. Sein Auge folgte jeder ihrer Bewegungen. Er sagte sich immer und immer wieder, daß es weitum kein so schönes und braves Mädchen gebe. Dann, als sie für Speise gesorgt hatte, brachte sie ein Fläschchen mit Branntwein.
Jetzt gieb Deine Händ' her, damit ich nach den Wunden sehe!«
Er gehorchte ihr. Nur den Blick auf ihr schönes Angesicht gerichtet, zuckte er mit keiner Wimper, als der Spiritus ihm in das rohe Fleisch brannte. Sie rieb ihm auch die an den Felsen geschundenen Kniee damit ein. Als er auch da nicht ein einziges Mal zuckte, sagte sie verwundert:
»Macht das keinen Schmerz?«
»Nein.«
»Dann kannst gar kein Gefühl nicht haben.«
»O, es würde schon wehe thun, wenns nicht von Dir käme. Aber Deine Hand ist so lind, daß man gar nicht an den Schmerz denkt, den es giebt.«
Sie sah ihre kräftigen aber kleinen Hände lachend an.
»Schau, Du machst mich fast begierig, meine Hand zu schaun! Ich hab gar nicht gewußt, daß ich gar so besonderbare Finger hab.«
»Das liegt nicht allem in der Hand.«
»Wo noch sonst?«
»In – – in dem Herzen.«
»In dem meinigen?«
»Nein, in dem meinigen.«
Sie knieete vor ihm, da sie ihm ja die Kniee eingerieben hatte. Jetzt blickte sie mit einem Gesichtsausdrucke zu ihm auf, der so mächtig wirkte, daß auch er sich langsam niederließ.
»Leni!«
»Anton!«
»Ich möcht gleich so hier bleiben und Dich anbeten, immer-, immerfort!«
»Lästre nicht!«
»Da ist keine Lästerung dabei!«
»O doch!«
»Nein. Ich hab meinen Gott und meine heilige Madonna, zu der ich bet. So fromm und heilig wie sie, kommst auch Du mir vor. Darum möcht ich auch Dich anbeten, nur in anderer Weise als sie, nicht mit Bibelworten und frommen Versen, nein, gar nicht mit Worten, sondern mit der That. Weißt, so, wie man zum Himmel schaut, zu den Sternen, die man doch nicht anbetet und aber dennoch anbetet, weil sie so licht, so rein, so mild sind. Ich kann es nicht sagen, wie ich es sagen möcht. Verstehst mich?«
»Ja, ich verstehe Dich, Anton.«
»So komm, steh auf, und laß Dir noch 'was sagen!«
Er zog sie mit sich empor, drückte leise, leise ihren Kopf an seine Brust und fragte:
»Gehst wirklich zu meinen Eltern, wann ich da – da – – dadrin stecke?«
»Ja; ich thue es gewiß.«
»So werd ich gleich morgen gehn und mich melden. Ich will sühnen, was ich gethan hab; dann bin ich frei und kann Jedem in das Gesicht schaun. Werd ich dann Dich noch hier in der Gegend treffen?«
»Ich geh nicht fort.«
»Und darf einmal zu Dir kommen auf die Alm?«
»Ja, gern. Du wirst willkommen sein.«
»Und dann – dann – – was thue ich dann? Rathe mirs doch, Leni?«
»Weißts nicht selbst?«
»Ich weiß es; aber ich darfs nicht sagen.«
»Sags in Gottes Namen!«
»Gut. Ich werd Dich dann fragen, ob Du mich gern hast. Darf ich das fragen?«
»Du darfst.«
»Und was wirst antworten?«
Seine Stimme hatte gar nicht den gewöhnlichen Ton. Es war jener unnachahmliche Klang, der nur dann zu hören ist, wenn zwei Herzen zum ersten Male mit einander sprechen.
»Mußt das jetzt bereits wissen?« fragte sie.
»Ja. Es wird mir ein Trost und eine Zuversicht sein in der Gefangenschaft.«
»So kannst fröhlich sein. Ich werd warten, bis Du wiederkehrst, denn ich hab Dich gern.«
»Ists wahr, Leni, ists wahr?«
»Ja.«
»Dies Wort mag Dir Gott vergelten. Es macht aus mir einen Mann, vor dem die Leut Respect haben sollen. Jetzt brech ich auf und trag den Eltern die dreihundert Mark hinüber. Da haben sie zu leben, bis ich wiederkehr. Dann will ich arbeiten, daß mir die Haut von den Händen geht, grad so, wie sie jetzt ausschaun.«
»Das hast nicht nöthig, Anton.«
»O doch. Das Geld ist dann ja alle, und ich muß ganz von vorn anfangen.«
Er hielt noch immer ihren Kopf an seine Brust. Jetzt erhob sie das Gesichtchen zu ihm empor und sagte mit dem Ausdrucke des Glückes zu ihm.
»Ja, Dein Geld ist dann alle, aber dann hab ich ja welches!«
»Du?« fragte er erstaunt.
»Ja. Weißt, was mein Vater gewesen ist?«
»Nein.«
»Er war Botenmann, vom Dorf zur Stadt so hin und wieder her, weißt?«
»Ich weiß schon. Aber Botenleut sind arme Leut.«
»Aber mein Vater ist sehr sparsam gewesen. Die Mutter ist gestorben, als sie mich zum ersten Male im Arme gehalten hat, und da hat der Vater ihr versprochen, recht brav für mich zu sorgen. Das hat er halt gethan. Er hat sich das Brod am Mund abgebrochen, um mir eine Milch und Semmel zu geben und einen Kreuzer in die Sparbüchs zu thun.«
»Das ist brav!«
»So ist Kreuzer auf Kreuzer gewachsen, ganz so lustig, wie auch ich gewachsen bin; aber Vater hat sich zu sehr angegriffen gehabt, und plötzlich ist er todt gewesen. Der Doctor hat ihn untersucht und die Krankheit gesagt, an der er gestorben ist.«
»Wie lautet sie?«
»Famelicus.«
»Das verstehe ich halt nicht.«
»Es ist ein lateinisches Gelehrtenwort, weißt, wie die Aerzte alle sprechen, nur der Dorfbader nicht. Mein Pathe hat das Wort vom Doctor gehört und es sich gemerkt. Dann hat er es mir einmal gesagt. Später ist einmal ein fremder Herr zu mir auf die Alm gekommen mit einer blauen Brillen auf der Nasen. Er hat Kräuter gesucht und Steine zerschlagen und einer jeden Sach einen fremden Namen gegeben. Den habe ich gefragt, was für eine Krankheit dieses Famelicus ist.«
»Und was hat er gesagt?«
»Ein Famelicus ist ein Verhungerter.«
»Herrgottle!«
»Ja. Der Vater hat nicht genug gegessen, und darum ist er gestorben, weißt, nicht an so einem plötzlichen Hunger, wann man eine Woche lang nichts ißt, sondern an einem langen Hunger, wann man alle Tagen nicht genug ißt und dabei immer matter wird. Das hat er meinetwegen gethan, der Kreuzer wegen, die er in die Sparbüchs für mich legte.«
»Der Herrgott wirds ihm im Himmel gedenken!«
»Das bete ich täglich! Vor seinem Tode hat er den Pathen kommen lassen, den Wurzelsepp, und ihm die Ersparung für mich anvertraut. Der Sepp hat das Geld nach München getragen, wo es eine Sparkaß auf Zinsen giebt, und jetzt nun sind an die vierhundert Gulden beisammen.«
»Heilige Maria!«
»Und weil man jetzt nicht mehr Gulden sagt, sondern Mark, so sind es an die tausend Mark.«
»O jeh, Dirndl, was bist reich geworden!«
»Meinst?«
»Ja. Das ist ja ein Geldl, daß Einem der Verstand still stehen möcht!«
Sie sah ihn glücklich lächelnd an, nickte ihm höchst befriedigt zu und sagte:
»Schau, das ist nachher Dein!«
»Mein?«
»Ja.«
»Dann machst wohl Spaß?«
»Gar nicht! Wann ich Deine Frau bin, so ist doch mein Geld das Deinige! Oder nicht?«
»Am Ende gar! Ich kanns aber doch nicht fassen!«
»O, fassen wollen wir es schon. Ich lauf hinein nach München und hol es gleich da in der Schürzen heraus!«
»Das wirst nicht thun; da könnts hüben und drüben herausfallen. Es wird sich wohl so ein Schubsack finden lassen, in den wir es stecken können. Herrgottsakra! Wanns doch gleich so weit wäre!«
»Es kommt schon so weit!«
»Ja, und nachher werd ich Juchhe machen, damit es recht bald wieder alle wird!«
»Das thust nicht. Du nicht!«
»Nein, Leni. Ein Geldl, woran Dein Vater verhungert ist, das hat mir der liebe Herrgott nur geborgt, damit ich ihm die Zinsen bezahl. Da muß man brav alle Händ darüber halten. Nun jetzt ist mir das Herz leicht geworden. Also ich lauf in der Nacht hinüber zu meinen Eltern und geb ihnen die Dreihundert. Dann geh ich in die Gefangenschaft.«
»Und ich besuch Dich manchmal drin.«
»Willst das wirklich thun, Leni?«
»Gewiß. Du bist mein Bräutigam, und ich komm zu Dir, so oft ich darf, um Dir ein freundlich Gesicht und einen frohen Blick mitzubringen, damit es Dir im Herzen nicht gar so dunkel wird. Gelt?«
Da legte er ihr die Hände auf den Kopf.
»Leni, was sag ich Dir nur für diese Lieb und Barmherzigkeit? Ich möcht Dir so Vieles sagen und find doch nix, gar nix! Aber halt, da fällt mir ein! Es ist nix aus mir selber heraus, gar nix Neues; auch hast Du es bereits sehr oft gehört; aber ich kann Dir wirklich nix Besseres sagen als dieses. Bitt schön, Leni, thu Deine Händ falten und hör zu!«
Es standen ihm glänzende Tropfen in den Augen.
Sie hielt den Kopf still, auf welchem seine Hände noch lagen und faltete die ihrigen, den Blick innig zu ihm erhebend. Und da sprach er:
»Leni, meine gute, liebe Leni, der Herr segne und behüte Dich; der Herr erleuchte sein Angesicht auf Dich und sei Dir gnädig; der Herr erhebe sein Angesicht über Dich und gebe Dir seinen Frieden! Amen!«
»Amen!« flüsterte auch sie.
Es blieb eine ganze Weile still in der kleinen Sennhütte. Der einfache, ungelehrte Aelpler hatte nichts Anderes gefunden, seinen herzbewegenden Gefühlen Ausdruck zu geben. Hätte er wohl auch etwas Besseres finden können? Nein. Es war ihnen Beiden zu Muthe, als ob sie in der Kirche ständen, in Weihrauchsduft und Orgelton. Es war, wie das fromme Sprüchwort sagt: Ein Engel schwebt durch den Raum. Dann, nach längerer Zeit flüsterte er ihr zu:
»Leni, hab ich Dir mißfallen?«
»Mißfallen? Heilige Mutter Gottes! Wie kannst Du mir mißfallen haben!«
»Weil ich den Segen sprech, wann ich bei meinem Schatzle bin.«
»Kannst ja gar nichts Besseres sagen!«
»Aber Andre würden drüber lachen!«
»Schau, was Andere thun, werden doch wir nicht thun? Ich sags Dir gleich: Ich hab meinen Herrgott über Alles lieb, und erst nach ihm kommst Du. Dann kommt gleich der Wurzelsepp. Diese Reihenfolg wird bleiben. Ich mag nix wissen von Freud und Lust und Vergnügen, wobei die Sünd vorhanden ist. Wann das auch Dir recht ist, so werden wir sehr glücklich sein, Anton!«
»O, grad das ist mir sehr lieb und recht. Weißt, es giebt nix Schöners für mich, als wenn ich des Abends zu Haus bei den Eltern sitz und les ihnen vor aus der alten Hauspostillen, worin die großen Bilderbuchstaben sind. Wann man darauf schlafen geht, so ists grad so, als hab ein Engel Einem das Bett gemacht und der liebe Gott hätt nachher das Kopfkissen recht weich gelegt. Da schläft man so gut und so fest wie - – wie – – –«
»Wie Einer, der auf der Alm wildern gewesen ist!« fiel sie mahnend ein.
»Ich bitt Dich schön, Leni, sprich das nicht wieder! Was ich gethan hab, das will ich büßen, und dann geschieht es halt nicht wieder. Vielleicht hat der liebe Gott es mir bereits jetzt vergeben, und so darfst es mir nicht mehr vorwerfen!«
»Hast Recht, Anton! Hier meine Hand darauf, daß ich nie wieder davon sprech!«
»Gut! Deine Hand und – und – und noch was!«
»Was?«
»Ein Busserl.«
»Geh! Schäm Dich!«
»Magst nicht?«
»Nein.«
»Warum nicht?«
»Weil – weil – – weil Du eigentlich noch gar nicht richtig mein Bräutigam bist.«
»Hast aber doch bereits vorhin gejagt, daß ich es bin!«
»Hab mich da halt versprochen.«
»Was bin ich nun dann?«
»Mein – Schatzerl.«
»Und das Schatzerl küßt man nicht?«
»Nein.«
»Nur den Bräutigam?«
»Ja.«
»Da sag doch 'mal, wo das geschrieben steht! Etwa im Matthäus oder Marcus?«
»Nein.«
»Wo sonst? Es muß doch irgendwo geschrieben stehen, weil Du Dich darnach richtest!«
»Ja, es steht auch geschrieben.«
»Nun, wo denn da?«
»Ja – in –« sie suchte nach einer Antwort und fand sie auch, denn sie fuhr fort, »in – in – –in der Geographie.«
»In der Geographie! Handelt die denn etwa vom Busseln?«
»Ja, sehr.«
»Da hab ich noch nie nix gefunden.«
»Hast denn schon bereits Geographie getrieben?«
»Ja, in der Schul'.«
»Das taugt nix. In der Schul wird Dir der Lehrer doch nicht das Capitel vom Busseln bringen.«
»Wann sonach denn?«
»Später, wann man selber liest.«
»Das hab ich ja auch gethan. Unser Cantor hat ein Buch, wo die Geographie drin geschrieben steht, von Wien und Nürnberg, von Paris und Prag, von Rußland und den Alpen, aber das Küssen hab ich da nicht gefunden.«
»So hast nicht aufgepaßt.«
»Grad gar sehr!«
»Nein. Hast auch von der Türkei gelesen?«
»Ja. Dort ist nur der Halbmond. Einen Vollmond oder einen Neumond wie bei uns haben sie dort gar nicht.«
»Das weiß ich nicht; aber in der Türkei dürfen sich die Liebesleut gar nicht sehen. Der Bub bekommt sein Dirndl erst nach der Hochzeit zu schaun; also darf man nur als Bräutigam und Braut busseln. Hasts verstanden?«
»Verstanden hab ichs wohl, aber es gefallt mir nicht. Bist etwa eine Türkin?«
»Nein.«
»Und ich bin auch kein Türke. Wir haben uns also nicht nach dem dortigen Brauch zu richten, sondern nach der Sitt', die man in Oesterreich oder Bayern findet.«
»Und wie ist dieselbige?«
»Da küßt der Bub das Madel, welches er lieb hat, bereits schon längst vor der Hochzeit.«
»Das ist zu früh!«
»Meinst wirklich?«
»Ja.«
»So hast mich halt nicht lieb.«
»Geh! Das glaubst selber nicht. Würd ich Dich hier bei mir leiden, wann ich Dich nicht lieb hätt'?«
»Nein; das weiß ich, denn Du bist ein bravs Dirndl; aber den Kuß darfst mir nicht versagen.«
»Ist ein Kuß denn gar so schön, daß Dich so sehr nach einem verlangt?«
»Wunderbar schön, sag ich Dir!«
»Woher weißt das? Hast etwa schon bereits so viele Dirndln gehabt?«
»Kein einzigs. Du bist meine erste Lieb: das kannst mir glauben. Aber wann ich Dir so zuwider bin, so will ich verzichten und lieber warten, bis Du Dich an mich gewöhnt hast.«
Er griff nach seinem Rucksack und warf sich denselben über den Rücken. Als er auch nach dem Gewehr langte, sagte sie:
»Anton, willst mir gar bös sein.«
Er blickte ihr treuherzig in die Augen.
»Nein, Leni, bös kann ich Dir gar nicht sein. Ich weiß, wie Du bist. Es hat Dich noch nie kein Bub anrühren dürfen; darum fallt Dirs schwer. Dir den Kuß geben zu lassen. Es kommt die Zeit von selbst, wo die Lieb stärker sein wird als die Sprödheit, und das kann ich erwarten. Jetzt schlaf nun wohl, Leni! Ich geh.«
»Wart halt noch den Augenblick! Hier!«
Sie trat rasch auf ihn zu, legte ihm beide Arme um den Hals und küßte ihn auf den Mund.
»So, Anton! Bist nun zufrieden?«
»Ja, ganz glücklich bin ich!«
»Das ist der erste Kuß, den ich geb!«
»Aber nicht der letzte?«
»Nein.«
»Doch nur mir allein?«
»Nur Dir allein!«
»Wirst auch Wort halten, Leni?
»Bist etwa bereits eifersüchtig?«
»Nein; aber ich hab da halt eine sehr strenge Ansicht. Ich hab noch nie ein Dirndl beim Kopf gehabt und nie Einer ein Busserl gegeben; so soll es auch bei Dir sein. Wann Du einmal einen Andern küßtest, wärs auch nur im Scherz und beim Pfandspiel, so wär es aus mit uns.«
»So denk ich auch, grad so wie Du. Der Kuß ist nur für Mann und Frau.«
Sie sagten sich das so ernsthaft, als ob von dieser Mittheilung Leben und Tod abhängig sei. Sie ahnten dabei nicht, wie entscheidend grad diese Worte für ihr späteres Schicksal sein sollten.
»Hast Recht, Leni! Und nun hab ich Alles, Alles, was ich mir wünschte, viel, viel mehr, als ich hoffen durfte, ehe ich dem Bären folgte. Jetzt laß uns scheiden.«
»Wann Du einmal gehen willst, so kann ich es nicht ändern. Aber laß Dich nicht ergreifen!«
»Nun kann mirs gleich sein! Ich will mich ja doch melden.«
»Aber freiwillig. Dann wird die Straf gelind ausfallen. Ergreifen sie Dich, wirds schlimmer.«
»So will ich mich in Acht nehmen.«
»Der Jägernaz sagte. Du könntest nicht durch.«
»Laß ihn reden! Sie haben zwar alle Weg' besetzt, aber ich fürcht mich nicht. Sie mögen mir so einen Bergsteiger bringen, wie ich bin. Und nun Du die Meinige bist, werden sie mich erst recht nicht fangen. Weißt, die Lieb giebt Flügel. Wann sie jetzt kämen und ich ständ am tiefsten Abgrund, ich käm doch hinüber. Es ist mir ganz so, als ob ich gar keinen Körper mehr hätt, als ob ich nur aus lauter Glück und Seligkeit beständ und als ob Alles grad genau so geschehen müßt, wie ich es will. Darum – horch!«
»Herrgott! Es kommt wer!«
Man hörte Schritte nahen.
»Hinaus! Hinaus!« bat Leni.
»Dazu ists zu spät.«
»So versteck Dich?«
»Wohin?«
»Hinaus in das Heustadel.«
»Ich kann doch nicht hinaus. Der Fremde hat ja von innen zugeriegelt.«
»Heilige Mutter Gottes! Was thun wir!«
Diese Worte waren in höchster Eile gewechselt worden. Leni fühlte eine fürchterliche Angst. Anton hingegen hatte seine Geistesgegenwart und Kaltblütigkeit keinen Augenblick verloren. Er sah sich um und meinte:
»Verstecken kann ich mich nun nicht. Ich setz mich hierher und thu, als ob ich schlaf. Was dann geschieht, das kommt ganz darauf an, wer Diejenigen sind, welche da kommen.«
Er zog den Schemel schnell hinter die Thür und setzte sich darauf, den Rücken nach der Thür gerichtet. Das Gewehr zwischen den Beinen und das Gesicht in die beiden Hände gelegt, nahm er eine Haltung ein, in Folge deren man seine Züge gar nicht sehen konnte.
Von dem Augenblicke, an welchem die Beiden die Schritte gehört hatten, bis jetzt, war noch keine Minute vergangen. Nun mußte es sich entscheiden, denn es war deutlich zu vernehmen, daß Jemand hart an der Thür stehen blieb und leise einige befehlende Worte sprach. Es waren also mehrere Personen draußen.
Und das ging eigentlich ganz natürlich zu.
Der Wurzelsepp hatte, wie bereits gesagt, vom Könige den Befehl erhalten, dem Oberförster zu sagen, daß er mit Anbruch des Morgens in der Sennhütte erscheinen solle. Der Beamte hatte aber aus Pflichteifer nicht so lang warten wollen; er war viel, viel eher aufgebrochen und hatte sogar drei Jägerburschen mitgenommen, damit sie dem Monarchen die Gemsen vor den Lauf treiben sollten. Jetzt nun hatten sie die Alm erreicht und näherten sich dem Häuschen, aus besten kleinem Vorderfenster zu ihrem Erstaunen noch der Schein eines Lichtes leuchtete.
»Die Leni wacht,« sagte der Förster zu den Gehilfen. »Jetzt nun will ich Euch sagen, was ich Euch bisher verschwiegen habe. Seine Majestät, der König, befinden sich nämlich auf der Alm, um mit Tagesanbruch zu jagen. Natürlich dürfen wir nicht stören; darum dachte ich, daß wir uns hinter der Hütte ins Gras legen würden, um zu ruhen, bis die Majestät erwacht ist. Da aber die Sennerin auch noch nicht schläft, wollen wir sehen, ob wir drin Platz finden oder auf dem Stroh über dem Stalle. Wartet hier. Ich will einmal nachschauen.«
Sie nahmen die Gewehre ab und blieben stehen, da, wo der Weg von der Alm nach unten führte. Der Oberförster aber trat zur Thür, um zu horchen. Er hörte nichts und ging zum Fenster. Durch dasselbe sah er die Sennerin am Herde sitzen, bleich und mit offenen Augen.
Jetzt kehrte er an die Thür zurück und klopfte leise, um den König, welcher sich auf alle Fälle im Stadel befand, nicht zu wecken.
»Herein!« sagte Leni ebenso leise, doch so, daß er es hörte.
Er trat ein und merkte, da er die offene Thür in der Hand behielt und da auf der Schwelle stehen blieb, zunächst gar nicht, daß sich hinter der Ersteren noch Jemand befand.
»Guten Mor – – –«
Das Wort blieb ihm im Munde stecken. Sein Blick war auf den Bären gefallen.
»Tausend Teufel!« fuhr er dann fort. »Ein Bär! Wie kommt der hierher!«
Die Sennerin war aufgestanden. Sie mußte den Namen des Ankömmlings nennen, damit Anton erfahre, wer da sei.
»Guten Morgen, Herr Oberförster. Du bist auf der Alm?«
»Ja, Leni. Aber antworte! Wie kommt der Bär hierher?«
»Leise, leise! Der Herr wacht sonst auf, welcher da draußen schläft.«
»Kennst Du diesen Herrn?«
»Nein.«
»Ach so! Hat etwa er den Bären geschossen?«
»Ja. Es ist derselbige Bär, welcher jenseits in die Ställe gebrochen ist.«
»Natürlich! Also hat er sich nun auch hier bei uns umschauen wollen! Das ist ihm schlecht bekommen. Aber welch ein Unglück, wenn der Kö – – – wenn der Herr, welcher draußen schläft, von der Bestie getödtet worden wäre! Wie hat sich denn das Abenteuer zugetragen?«
Er trat in die Hütte hinein, ohne aber die Thür aus der Hand zu lassen. Leni antwortete:
»Ja weißt, der Herr hat den Bären schnuppern hören und ist hinausgegangen.«
»Allein?«
»Ja, ich schlief.«
»Und er hat Dich gar nicht geweckt?«
»Nein. Ich bin erst aufgewacht, als der Schuß fiel.«
»Donnerwetter? Ich bin ganz starr und steif vor Schreck! Welch ein Herzeleid wäre über das Land gekommen, wenn – –ah, da sitzt ja Einer!«
Er hatte jetzt die Thür halb zugemacht und erblickte Anton, welcher noch immer that, als ob er schlafe.
»Wer ist der Mann?«
»Ein Fremder.«
»Ein Fremder? Mit einem Gewehr? Hm, den muß man sich einmal ansehen.«
Er trat zu Anton hin und rüttelte ihn an der Achsel.
»Heda! Aufgewacht!«
Anton gähnte und knurrte wie Einer, welcher im Schlafe gestört wird und sich aber nicht stören lassen will.
»Na, wie wirds! Steig empor, damit man Dein Gesicht sehen kann!«
Jetzt wäre Weigerung Unsinn gewesen. Anton stand auf.
»Tausend Teufel!« rief der Oberförster »Sehe ich recht? Der Krikelanton!«
»Ja, der bin ich,« antwortete Anton, den Fuß zum Sprunge ansetzend. »Hast was dagegen?«
»Dagegen, daß Du es bist, habe ich gar nichts. Vielmehr freue ich mich königlich darüber. Gieb Dein Gewehr her, Bursche!«
Das hatte der Wilderer erwartet. Er war darauf gefaßt gewesen, sein Gewehr zurücklassen zu müssen; darum hatte er es so neben sich hingelehnt, daß es, als er aufstand, zwei Schritte weit von ihm entfernt war. Der Förster mußte sich natürlich vor allen Dingen dieser Waffe bemächtigen. Er trat hinzu, sie an sich zu nehmen. Dadurch bekam Anton einen freien Raum zum Handeln. Ein schneller Sprung brachte ihn an diejenige Seite der Thür, an welcher sich dieselbe öffnete. Aber bereits hatte sich der Förster wieder umgedreht. Geistesgegenwärtig, wie der erfahrene Mann war, sah er sogleich, daß es für ihn bereits zu spät sei, den Wilderer mit der Hand zu erlangen. Er hatte aber draußen seine Gehilfen stehen. Darum rief er mit laut dröhnender Stimme:
»Achtung draußen! Der Krikelanton! Haltet ihn fest!«
Anton hatte die Thür aufgerissen und sprang hinaus, eben als dieser Ruf erschallte. Er erblickte die drei Burschen, welche ihm sofort den Weg verlegten. Er sah, daß er nicht hindurch konnte, weder auf- noch abwärts. Zur Seite springend, blieb er einen Augenblick halten, den Blick über die mondeshelle Alpenlandschaft werfend.
»Haltet ihn! Haltet ihn!« fügte der Oberförster seinem Rufe bei, jetzt auch aus der Hütte springend, hinter Anton her. »Da ist er. Drauf!«
Er sprang auf den Wilderer ein. Schon streckte er beide Hände nach ihm aus.
»Heut noch nicht!« rief da Anton und schnellte zur Seite und dann grad aus, in weiten Sprüngen entfliehend.
»Ihm nach!« rief einer der Gehilfen.
»Halt! Nein! Um Gotteswillen!« schrie der Förster. »Dort ist ja der Abgrund!«
»Eben dort ergreifen wir ihn. Er kann ja doch nicht weiter!«
»Hier geblieben! Er muß auf alle Fälle zu uns zurück!«
Die Gehilfen gehorchten. Niemand folgte dem jungen Manne. Jetzt war auch Leni aus der Hütte gesprungen. Sie sah den Geliebten nach dem Abgrunde zueilen, über dessen scharfen Felsengrat die Mondsüchtige herübergekommen und dann wieder zurückgekehrt war.
»Herr, mein Heiland!« rief sie aus. »Anton, Anton, wo willst Du hin!«
Er wandte einen Augenblick den Kopf.
»Hinüber!«
»Unmöglich! Kehr um!«
»Du weißt ja, ich hab heut Flügel!«
»Denk an Deine Eltern!«
»Eben deretwegen! Gute Nacht!«
»O heiliger Gott! Er wagts! Er ist verloren!«
Sie sank in die Kniee und bedeckte ihre Hände mit dem Gesicht.
»Pah!« rief der Oberförster. »Der Kerl wird nicht so wahnsinnig sein! Alle Teufel, doch!«
Anton war jetzt da angelangt, wo der kaum einen Fuß breite, scharfe Felsengrat begann. Man sah, daß er sich eine kurze Zeit lang bückte. Dann setzte er den Fuß auf den Grat. Er hatte nicht einmal den Bergstock bei sich.
»Himmel! Er will wirklich drüber!« rief einer der Gehilfen.
»Jetzt, bei Nacht!« fügte schaudernd ein Anderer hinzu.
»Es ist am hellen Tage unmöglich.«
»Nun, ganz, wie er will!« sagte der Oberförster entschlossen. »Er rennt auf alle Fälle in sein Verderben.«
Er schritt weiter vor, nach dem Abgrunde zu. Die Gehilfen aber blieben bei der Hütte stehen, da wo Leni kniete.
Da trat der König aus der Sennhütte. Er hatte das Geschrei vernommen und war aufgestanden.
»Was geht hier vor?« fragte er.
Einer der Gehilfen wendete sich zu ihm um und erklärte in ehrerbietigem Tone:
»Der Krikelanton, Majestät, ist hier.«
»Ich weiß es. Wo?«
»Da drüben läuft er.«
Ludwig richtete den Blick nach der Seite, welche der Mann mit dem ausgestreckten Arme bezeichnete. Dort sah man beim hellen Scheine des Mondes den Wilderer langsam über den Grat schreiten, so wie ein Akrobat über das hohe Thurmseil geht, rechts und links gähnende Abgründe unter sich.
»Himmel!« rief der König, aufs Tiefste erschrocken. »Das ist ja ein unmenschliches Wagniß! Warum thut er es?«
»Er will entfliehen.«
»Vor wem?«
»Vor uns. Der Herr Oberförster hat ihn erwischt.«
»Was will der schon hier. Wie kann man ohne meine Erlaubniß – ah! Anton, Anton, komm zurück, zurück!«
Er hatte die Hand an den Mund gelegt, damit der Ruf zu dem Genannten dringen solle.
»Majestät, der kann nicht zurück,« sagte der Gehilfe. »Sobald er sich umdrehen wollte, würde er in die Tiefe stürzen.«
»Anton, halt!« hörte man jetzt den Förster rufen, welcher in einer Entfernung von vielleicht sechzig Schritten weiter vorn am Abgrunde stand.
Der Gerufene kümmerte sich nicht darum; er schritt weiter.
»Halt, sage ich!«
Und als der Fliehende auch jetzt noch nicht gehorchte, erklang es wieder:
»Zum Teufel, halt, Kerl!«
Auch das half nichts. Da sah man, daß der Oberförster das Gewehr anlegte. Nur der König bemerkte es nicht, da sein Auge an der Gestalt des kühnen Bergsteigers hing. Eben näherte sich ein Wölkchen dem Monde.
»Gott, er will schießen,« bemerkte der Gehilfe.
Jetzt erst wurde Ludwig auf das Gewehr seines Beamten aufmerksam.
»Halt!« gebot er laut. »Nicht schie – – –«
Es war zu spät. Mit der letzten Silbe, welche der König aussprach, krachte der Schuß, dröhnende Echo's erweckend. Man sah Anton wanken, gar taumeln, dann langsam zusammenbrechen – das Wölkchen trat vor den Mond; es glitt rasch vorüber – Anton war verschwunden; man hörte seinen stürzenden Körper, von Zacke zu Zacke aufschlagend, in die schauerliche Tiefe fallen.
Drüben von jenseits erklangen auch einige Schüsse und laute Rufe erschallten herüber. Jedenfalls waren die Rufenden Beamte, welche dort postirt waren des Krikelantons wegen.
Sprachlos standen Alle, von Grauen und Entsetzen gepackt. Nur der Oberförster wendete sich um, kam langsam näher und sagte:
»Er hat es nicht anders gewollt. Nun schießt er uns keine Gemse mehr.«
Da erschall ein Schrei, so schrill, so entsetzlich, als müsse sich alles Fürchterliche des Menschenlebens in diesem einen Laute Luft machen. Leni war es. Sie hatte sich, als der Schuß fiel, emporgeschnellt und starrte nach der Gegend hin, wo der Geliebte verschwunden war.
»Wo ist er, wo?« rief sie aus.
»Da hinab,« antwortete der Förster.
»Erschossen? Von Dir?«
»Er hat es gewollt.«
»So gehe ich zu ihm.«
Sie eilte fort, dem Abgrunde zu.
»Um Gotteswillen, haltet sie!« gebot der König.
Die Gehilfen sprangen ihr nach. Es gelang ihnen, sie zu erreichen und festzuhalten. Eine kurze Weile wehrte sie sich, dann ergab sie sich, in scheinbarer Ruhe sagend:
»Ihr habt Recht. Es muß nicht gleich sein; es kann zu jeder Zeit geschehen.«
Sie ließ sich willig in die Hütte führen. Dorthin rief der König auch den Oberförster. Die Stimme des Monarchen war trotz der zugemachten Thür in lautem, zornigem Tone zu hören. Es wurde wohl über eine Viertelstunde verhandelt, dann trat der Beamte heraus. Er schwitzte vor Verlegenheit und Scham.
»Kreuzhimmeldonnerwetter!« fluchte er. »Wer hätte das denken können. Dieser Krikelanton hat der Majestät das Leben gerettet, und ich habe ihn erschossen. Der König hat ihm Alles vergeben und ihn sodann anstellen wollen, und da komme ich und schieße ihn weg. Was sagt Ihr dazu?«
Die Gehilfen schwiegen; da aber doch eine Antwort erfolgen mußte, sagte endlich Einer:
»Das ist freilich Pech!«
»Pech? Schafskopf! Was heißt Pech! Es ist um meine Stelle, um mich selbst, um Alles geschehen. Nun sitzt noch die Sennerin da drin und thut, als ob sie wahnwitzig sei. Sie spricht kein Wort, giebt keine Antwort – hört Ihr, wie der König in sie hineinredet? Nun ist es für mich am Besten, ich stürze mich auch in den Abgrund, in welchem jetzt der Hallunke liegt!«
Statt dessen aber setzte er sich auf die Bank und stemmte den Kopf in die Hände. Seine Leute blieben wortlos daneben stehen.
Nach einiger Zeit trat Ludwig heraus und befahl:
»Aus unserm Pürschgange wird nun nichts. Wir steigen abwärts, und es wird sofort nach dem Leichnam des Unglücklichen gesucht. Die Sennerin will es so, und es hat zu geschehen.«
In Kurzem waren Alle unterwegs. Ludwig, die vier Forstbeamten und Leni, welche wortlos an der Seite des Königs hinschritt.
Hätte der Mond weniger hell geleuchtet, so wäre dieser Abstieg höchst gefährlich gewesen; aber er wurde ohne Unfall zurückgelegt. Der König begab sich zum Pfarrer, um bei diesem den Rest der Nacht zuzubringen. Die Anderen gingen nach der Schänke und zum Ortsvorstande, um Leute aufzubieten, welche sich an der traurigen Suche betheiligen sollten.
Leni schloß sich natürlich Denjenigen an, welche nach der Schänke gingen. Sie wußte, daß ihr Pathe dort übernachtete. Als dieser hörte, was geschehen war, wollte er es gar nicht glauben. Sie erzählte ihm Alles. Es wurde ihm Angst um sie.
»Herr Jesses,« sagte er, »laß doch nur derohalben den Kopf nicht sinken. Es ist halt Einer erschossen worden; das ist Alles.«
»Alles?« erwiderte sie tonlos. »Erschossen worden! Ist das nichts?«
»Nun ja! Aber wie gehts im Kriege, wo in einer einzigen Schlacht gleich dreihundert Mann erschossen werden oder wohl gar zwanzigtausend!«
»Aber der Anton ist da nicht dabei!«
»Der Anton? Himmelsakra! Was hast denn grad mit diesem zu schaffen?«
»Er ist mein Bräutigam.«
»Dein – –wa – wa – –waaas?«
»Mein Bräutigam.«
»Das sagst so ernsthaft!«
»Soll ich dazu lachen?«
»Nun, lächerlich ists eigentlich. Wie kommst denn zu einem solchen Bräutigam?«
»Aus Liebe.«
»Aus Lie – –Sternhageldonner! Das weiß ich schon beinahe, daß man nicht aus Haß und Rache zu einem Bräutigam kommt!«
»Hast etwa was dagegen?«
»Nein, gar nix, wann er noch lebte. Er war halt ein braver Bub; das weiß ich besser als die Andern Alle. Aber nun da er todt ist, so – –ah, ich möcht noch gar nicht daran glauben, daß er wirklich todt ist.«
»Er ists!«
»So ein Kerl und todt! Das will sich halt gar nicht auf einander reimen. Na, wir werden gar bald Gewißheit haben. Hörst, da sind die Leut alle beisammen; da gehts nun fort. Du willst doch nicht auch mit?«
»Ich gehe mit.«
»Ein Dirndl auf der Such? Sei gescheidt, und bleib da!«
»Es kann mich nix abbringen!«
»Auch meine Bitte nicht?«
»Nein.«
»Aber denk an Deinen guten Ruf? Was müssen die Leut sagen, wann Du bei Nacht und Nebel kommst und zu ihnen meinst: Er war mein heimlicher Schatz; er ist diese Nacht bei mir gewest und darum erschossen worden? Es ist aus mit Dir, ganz und gar aus. Bleib hier in der Schänk in meiner Stub, die mir der Wirth geben hat. Ich komm bald wieder und sag Dir, was wir gefunden haben.«
Sie sah doch ein, daß er Recht hatte und fügte sich in seinen Willen. Als die Bewohner des Ortes mit Laternen, Leitern und Seilen abgezogen waren, begab sie sich in die Kammer, aber nicht um zu ruhen; das war ihr unmöglich. Sie schritt in dem Raume auf und ab. Sie fand weder Worte noch Thränen. Als bei Tages Anbruch die Wirthin kam und sie fragte, ob sie Etwas genießen wolle, schüttelte sie den Kopf. Ihr Kopf brannte. Sie hatte Fieber.
Endlich, endlich kehrte der alte Wurzelhändler zurück. Sein Bericht lautete:
»Wir haben nix gefunden, gar nix. Er muß drüben auf der andern Seiten abgestürzt sein. Nun sind sie hinüber, um da zu suchen; ich aber bin schnell herbeigelaufen, um Dir zu sagen, wie die Sachen steht.«
Sie blickte starr vor sich hin; dann plötzlich den Kopf hebend, fragte sie:
»Hast Geld?
Er fuhr bei dieser so unerwarteten Frage förmlich zurück.
»Geld! Himmelsakra! Wie kommst zu dieser Fragen?
»Hast Geld?«
»Nun ja, freilich! Wieviel?«
»Viel.«
»Wozu?«
»Für mich.«
»Das weiß ich, daß es nicht für den Kirchthurm ist. Was willst denn grad jetzt mit dem Geld machen?
»Ich will es hinüber zu seinen Eltern tragen.«
»Zu den seinigen? Himmelsakra, was fallt Dir ein! Bist etwa dem Krösus seine Frau oder dem Rothschild seine einzige Tochter, he?
»Ich bin reich!«
»Reich? Jetzt nun bleibt mir alleweil der Verstand im Kopfe still stehn! Das Dirndl will reich sein! Wieviel hast denn im Vermögen?«
»Tausend Mark.«
»So! Und da bist halt reich? Hast wohl Wespen im Kopf? Tausend Mark, das ist ein Quark! Verstanden! Und die willst etwa alle gleich hinübertragen?«
»Ja.«
»Schön! Trag sie 'nüber! Aber von mir bekommst sie nicht. Das sag ich Dir gleich. Man sollt gar nicht glauben, was sich so ein Dirndl gleich einbilden thut, wann ihr 'mal die Lieb verkehrt läuft. Jetzt ist der Anton todt, und nun will sie vor Grimm gleich Alles derschlagen; sogar ihr ganzes Geldl will sie todtschlagen. Da wird nix daraus! Da bin ich halt auch noch da, der Path und Vormund. Heut wird überhaupt nix unternommen, gar nix. Man soll nicht gleich im ersten Augenblick thun, was Einem einfallt, sondern man soll sich sein hübsch Alles überlegen. Wart bis morgen; dann ist auch noch ein Tag!«
So sprach er nach seiner kräftigen, halb komischen Manier in sie hinein, und es gelang dem guten Alten wirklich, sie einigermaßen zu beruhigen. Sie erklärte, warten zu wollen, bis man auch auf der andern Seite des Felsengrates gesucht habe. Indessen wurde ein Mädchen, welches grad Zeit hatte, hinauf zur Alm geschickt, um dort einstweilen Leni's Stelle zu vertreten, damit die Kühe nicht eingeschlossen blieben und zur Weide gehen konnten.
Erst gegen Mittag kamen die Leute zurück. Sie hatten nichts gefunden, da die eine Seite des Abgrundes so unzugänglich war, daß man gar nicht hinabgelangen konnte. Da unten mußte vermutlich der vollständig zerschmetterte Leichnam liegen.
Als Leni diese Nachricht erhielt, brach sie vor Schmerz fast zusammen. Der Wurzelsepp saß bei ihr und weinte mit. Sein Liebling war ihm so an das alte Herz gewachsen, daß er den Schmerz des schönen Mädchens tief mitfühlte. »Wer hätt' das gedacht,« sagte er, »weißt, gestern, als wir mit einander jodelten, und der König kam dazu. Hast denn nicht gewußt, daß er es war?«
»Nein.«
»Ja, ich kanns mir denken, wie das gewesen ist. Erst hasts nicht gewußt, und nachher, als Du es merktest, hast keine Zeit gehabt, an den König zu denken. Jetzt gehts auch ihm zu nahe, denn er ist wohl ein Wenig mit schuld daran. Er denkt nicht an die Gamserln und sitzt beim Pfarr wie ein Einsiedlermönch. Aber Du darfst den Kopf nicht sinken lassen. Du bist halt nicht die Einzige, die so etwas erlebt. Andere können halt auch davon reden.«
»Du nicht, Path Sepp!«
»Ich nicht? Was?«
»Nein, Du nicht. Du bist ein alter Junggesell und hast keinen solchen Kummer gehabt.«
»So, also ich nicht! Sag doch einmal, was schlimmer ist, wenn der Liebste stirbt, oder wenn er Einem untreu wird.«
»Nun, die Untreu ist wohl noch schlimmer als der Tod.«
»Siehst! Warum bin ich denn Junggesell blieben, he? Ich hab nie nicht gemeint, daß ich ledig bleiben werd. Ich hab auch ein Mädchen gern gehabt, so sehr gern, daß ich glaubt hab, ohne sie gar nicht sein und leben zu können. Da bin ich eingezogen worden zum Militair und hab fort gemußt. Erst hat sie mir geschrieben, dann immer weniger und endlich gar nicht mehr. Und als ich nachher wieder heim kommen bin, ist sie mit einem Andern verheirathet gewesen.«
»Das war schlecht!«
»Meinst? Es hat da wohl einen Grund gegeben, daß sie mein nimmer hat denken wollen. Ich bin verleumdet worden. Weißt, wie der ihrige Mann nachher geheißen hat?«
»Nein. Wie?«
»Berghuber war sein Name.«
»Herrgott, das ist ja der meinige!«
»Ja, sie ist Deine Mutter gewesen.«
»Wer davon weiß ich doch gar nix!«
»Ist auch nicht nöthig. Heut aber, wo Du thust, als ob Du alls Elend der Welt allein zu tragen hast, da hab ich Dirs sagen wollen. Damals ist mirs auch gewesen, als ob ich vor Gram und Harm zerfließen soll; aber ich hab mich halt aufgerafft und bin sogar der Freund meines Nebenbuhlers geworden. Er hat mich zu Deinem Pathen gebeten, und dann, als Deine Muttern starb und nachher auch der Vater, da bin ich Dir Vater und Mutter gewesen und will es bleiben, bis der Herrgott mich von hinnen ruft. Je älter man wird, desto mehr sinkt die Erd mit all ihrem Jammer in das Nichts zusammen. Man kommt dem Himmel näher und hört bereits die lieben Englein die Cympeln und die Harfen stimmen. Willst mir einen Gefallen thun, so geh jetzt mit zum Kirchhof, wo draußen Deine Eltern liegen. Da wollen wir beten, und dann wird Dir Dein armes, junges Herz ruhig werden, so wie das meinige auch ruhig geworden ist durch das Gebet und in der Arbeit und Sorg des Lebens. Willst mit, Leni?«
»Ja, komm, lieber Path!«
Sie gab ihm die Hand, und so gingen sie durch das Dorf nach dem Kirchhofe, in dessen Mitte die Kirche stand. Die Thür war offen.
»Horch!« sagte der Sepp. »Der Cantor probirt.«
Es waren soeben die getragenen Töne des Chorales zu vernehme«:
»Steig nieder, Gott, vom Himmelsthrone,
Und schenk mir Deines Friedens Ruh.
Mich drückt des Schmerzes Dornenkrone;
Mein einz'ger Trost, o Herr, bist Du.«
»Kennst das Lied?« fragte der Sepp. »Das paßt für Dich und auch für mich. Wollen wir einmal eintreten und uns hinsetzen. Wann ich die Orgel höre, so ist es mir stets, als ob der Herrgott herniederlange, um mir Balsam in das alte Herz zu träufeln. Den brauchst auch Du jetzund.«
Er führte sie hinein. Sie setzten sich auf eine der gleich voran stehenden Bänke und lauschten.
Der Cantor war ein guter Organist. Er verstand, mit den Registern umzugehen. Er spielte eine Melodie nach der andern, nicht blos Kirchenlieder, sondern auch andere. Zuletzt ging er zu dem ergreifenden Gebete über:
»Herr, ich trete im Gebete
Vor Dein heilig Angesicht.
Laß Dir sagen meine Klagen;
Höre, was mein Flehen spricht.
Meines Lebens kurze Stunden
Neigen sich zum Abendroth;
Alles Hoffen ist verschwunden,
Und mein Sein sinkt in den Tod.
Darum trete im Gebete
Ich jetzt vor Dein Angesicht.
Laß Dir sagen meine Klagen;
Höre, was mein Flehen spricht!«
Diese Melodie wirkt unwiderstehlich auf jedes empfängliche Gemüth. Leni saß da, mit gefalteten Händen, und in lauter Thränentropfen löste sich der Schmerz von ihrem Herzen. Auch der Wurzelsepp fuhr sich fleißig mit der Hand nach den Augen.
Beide hatten gar nicht bemerkt, daß sie nicht mehr allein seien, sondern daß hinter ihnen Einer stand, der sie teilnehmend beobachtete. Als dann der letzte Ton verklungen war, legte sich eine Hand auf Leni's Achsel.
»Kommt mit mir! Ich habe mit Euch zu sprechen.«
Sie drehten sich um.
»O Himmel! Der König!« sagte der Sepp.
»Erschrickst Du vor mir?«
»Nein, Majestät. Mein Gewissen ist gut, wenn auch grad jetzt uns die Herzen schwer sind.«
»So geht mit mir! Vielleicht gelingt es mir, sie Euch zu erleichtern.« – – –

Zweites Capitel  Gebrochene Liebe

Der Krikelanton hatte, seit er so glücklich gewesen war, den Kuß Leni's auf seinen Lippen zu fühlen, wirklich eine solche innere Leichtigkeit empfunden, als ob er nun fliegen könne. Er war ein berühmter Bergsteiger, hatte tausendmal zwischen Himmel und Erde, zwischen Leben und Tod gehangen und dem Verderben kühn in das grosse Angesicht geschaut. Ein Wagniß wie das, da über den Grat zu gelangen, hatte er freilich noch nicht unternommen; aber er sagte sich, was eine Mondsüchtige leiste, könne auch er vollbringen und so hatte er in seiner Verwegenheit Leni zugerufen:
»Ich kann fliegen; weißt's ja!«
Uebrigens gab es keinen Ausweg für ihn. Widerstand wollte er nicht leisten, um die Strafe nicht zu erhöhen; ohne ihn kam er aber nicht durch, und da er sich auch nicht ergreifen lassen wollte, so mußte er eben über die schmale, scharfe Felsenkante hinüber.
Er wußte zur Genüge daß es darauf ankam, keinen Fehltritt zu thun und das Gleichgewicht zu erhalten. Seinen Alpenstock hatte er zurücklassen müssen, und darum bückte er sich, hart an der Kante angekommen, nieder und hob zwei schwere Steine auf, mit denen er, in jeder Hand einen, balanciren konnte.
So betrat er den mehr als gefährlichen Grat. Ueber sich den Vollmond, welcher ihn hell beleuchtete, unter den Füßen den scharfen Felsen, blickte er nur auf diesen Letzteren und hütete sich, einen Blick rechts und links hinunter in die gähnende Tiefe zu thun.
Es ging besser, als er gedacht hatte. Verlor er ja das Gleichgewicht, so konnte er sich niedersinken lassen, um sich auf den Felsengrat zu legen. Nur mußte er sich hüten, schwindelig zu werden. In diesem Falle war er unbedingt verloren. Uebrigens beruhigte ihn das Bewußtsein, daß er niemals auch nur die geringste Anwandlung eines Schwindels gefühlt hatte.
So schritt er weiter und weiter. Er hörte die Rufe hinter sich, konnte sie aber natürlich nicht beachten. Sorge machte ihm nur das Wölkchen, welches sich sehr schnell dem Monde näherte. Verdunkelte es diesen so sehr, daß er den Fels nicht mehr erkennen konnte, so konnte er seine Rechnung mit dem Leben schließen.
Da ertönte das »Halt!« des Oberförsters hinter ihm.
Es wurde wiederholt.
»Wird er etwa gar schießen, wenn er zum dritten Male gerufen hat, und ich gehorche nicht?« fragte sich Anton.
Der Oberförster war als ein ausgezeichneter Schütze bekannt. Es stand nicht zu erwarten, daß seine Kugel fehl gehen werde, zumal bei der fast tageshellen Mondesbeleuchtung. Dennoch durchzuckte den Wilderer ein rascher Gedanke. Er konnte die Beamten täuschen, so daß sie glauben mußten, daß er hinabgestürzt sei. Grad dazu war ihm das Wölkchen höchst willkommen.
Der Ruf des Oberförsters ertönte zum dritten Male, dann krachte der Schuß. Anton fühlte Etwas, als ob er durch ein Rohr stark angeblasen worden sei; das war vom Luftdruck der hart an seinem Kopfe vorübergehenden Kugel. In demselben Augenblicke zog das Wölkchen vor den Mond, denselben ziemlich stark verdunkelnd, so daß Anton nicht von der Alm aus gesehen werden aber doch den unter seinen Füßen liegenden Felsengrat noch gut erkennen konnte. Schnell that er zehn – fünfzehn – zwanzig Schritte vorwärts; dann ließ er sich nieder und legte sich auf den Felsen.
Schüsse und Rufe ertönten auch von da herüber, wohin er wollte. Das waren jedenfalls Leute, die dorthin postirt waren, um ihm auch jenseits den Weg nach Oesterreich abzuschneiden. Dann trat eine augenblickliche Stille ein.
Er nahm an, daß Alle dahin blicken würden, wo er sich im Momente des Schusses befunden hatte, und da er zwanzig Schritte weiter vorgerückt war, so sah man ihn wohl nicht, obgleich das Wölkchen den Mond jetzt wieder freigegeben hatte. Er ließ die Steine in die Tiefe fallen. Das Geräusch, welches sie verursachten, mußte die Leute auf den Gedanken bringen, er selbst sei abgestürzt.
Laute Schreckensrufe waren hinter ihm erklungen, ein Beweis; daß seine Absicht, die Männer zu täuschen, gelungen sei. Nun kroch er vorwärts, den Körper in liegender Stellung haltend, nicht langsam, sondern möglichst schnell, wie ein Wiesel, so gewandt.
Das mußte er, denn er hörte eilige Schritte von der Höhe, nach welcher er seine Flucht richtete, herabkommen und laute aufmunternde Stimmen erschallen.
Er mußte eher als diese Leute an dem Rande des Abgrundes ankommen.
Jetzt erreichte er die Stelle, wo der Schatten des Berges sich auf den Felsengrat legte, doch war dieser Letztere noch immer zu erkennen. Er erhob sich und balancirte sich weiter.
»Ist er getroffen worden?« fragte eine athemlose Stimme von aufwärts herab.
»Weiß nicht,« antwortete eine andere, welche von weiter abwärts und viel näher ertönte.
»So schnell, schnell, damit wir ihn noch auf dem Grat überraschen!«
Jetzt galt es! Wohl noch dreißig Ellen waren zwischen Abgründen zurückzulegen. Anton sprang mehr, als er ging. Da – da – noch ein kühner, weiter, tigerartiger Satz, und er hatte den Rand erreicht.
Zugleich aber tauchte die Gestalt des ersten, ihm entgegenkommenden Feindes auf. Anton sprang seitwärts weiter. Er war gesehen worden.
»Halt! Halt!« rief es.
Die Gefahr verlieh ihm doppelte Schnelligkeit. Er konnte unmöglich den steilen Berg empor, in den Abgrund, dem er soeben erst entgangen war, auch nicht; er mußte also grad vorwärts, seinen Verfolgern entgegen. Er schlug einen kleinen Bogen und warf sich dann glatt zur Erde nieder. Der erste Verfolger rannte in kurzer Entfernung an ihm vorüber. Jetzt erhob er sich und schnellte vorwärts. Vor ihm tauchte das Alpengebäude auf, in welchem die Nachtwandlerin wohnte. Jenseits desselben erklangen die eiligen Schritte der ihm entgegenkommenden Verfolger, und hinter ihm hatte sich der erste derselben wieder umgedreht und kam auf ihn zu. Anton befand sich also grad in ihrer Mitte. Es gab keine andere Rettung als in dem Hause. Er zog blitzschnell die Bergschuh aus, um seinen Tritt unhörbar zu machen, und sprang auf das Gebäude zu. Dieses war nicht eine gewöhnliche kleine Almhütte, sondern es bestand aus einem Erdgeschoß mit mehreren Räumen und zwei darüber liegenden Giebelstübchen. Das Dach ragte nach der Sitte des Gebirges weit vor.
Eben wollte er um die Ecke des Hauses biegen, hielt aber den eiligen Schritt noch zur rechten Zeit an, um erst um dieselbe zu blicken. Er sah da zwei Gestalten stehen, eine männliche und eine weibliche, die er sofort als die Mondsüchtige erkannte.
Dahin konnte er also nicht. Wohin aber denn?
Die hintere Seite des Häuschens war an den Berg gebaut; er konnte also hinten nicht vorüber. Er erhob den Blick. Das Giebelfensterchen oben war erleuchtet. Unten im Erdgeschoß gab es auf dieser Giebelseite zwei Fenster, deren eins mit einem Laden verschlossen war; das andere stand offen, und es brannte da kein Licht.
Schnell stieg er hinein, die Schuh natürlich fest in der Hand haltend. Gegenüber dem Fenster mußte die Thür liegen. Er ging auf dieselbe zu. Sie war nur angelehnt. Draußen im engen Flur stand eine Lampe. Jedenfalls hatten die beiden vor dem Hause stehenden Personen sich hier in der Stube befunden, hatten die Schüsse und Rufe vernommen und waren hinaus geeilt, die Lampe mit sich nehmend und im Hausflur niedersetzend.
Hier unten durfte er nicht bleiben. Vielleicht gab es oben einen Versteck. Eine schmale Stiege führte empor. Er bemerkte, daß die Hausthür so wenig offen stand, daß er von den beiden draußen Stehenden nicht gesehen werden konnte, trat schnell in den Flur hinaus und stieg eiligst die Stiege hinauf. Oben war es dunkel. Er tappte mit den Händen umher; der Platz war sehr eng, rechts und links eine Thür, vor und hinter sich das Dach.
Die Thür zur rechten Hand war verschlossen, die zur Linken nicht. Aber er wußte ja, daß hinter der Letzteren eine Lampe brannte. Sollte er da hinein? War Jemand drin?
Während er überlegte, hörte er unten Stimmen und die deutlichen Worte:
»Ist er hier vorüber?«
»Nein.«
»So muß er ins Haus herein sein.«
»Unmöglich!« meinte eine andere Stimme, nämlich diejenige des Mannes, welcher mit der Nachtwandlerin vor dem Hause gestanden hatte.
»Wissen Sie das genau, gnädiger Herr?«
»Ja. Sobald der Schuß erschallte, bin ich mit meiner Cousine hier vor die Thür gegangen und habe bis jetzt den Platz nicht verlassen. Ich hätte es also sehen müssen, wenn eine Person eingetreten wäre. Uebrigens würde ich einem Flüchtigen jedenfalls den Eingang energisch verwehrt haben.«
»Einen zweiten Eingang giebt es nicht?«
»Nein.«
»Aber am Giebel steht das Fenster offen. Er könnte ohne Ihr Wissen da eingestiegen sein. Ich muß Ihnen leider beschwerlich fallen und Sie höflichst ersuchen, nachschauen zu dürfen.«
»Thun Sie es!«
Wie gut war es, daß Anton nicht in der Unterstube geblieben war. Es gab jetzt keine Wahl mehr, er mußte in die erleuchtete Oberstube treten.
Leise klinkte er die Thür auf. Es bot sich ihm ein überraschender Anblick dar. In dem kleinen, niedrigen Raume befand sich ein weiß überzogenes Bett, ein länglicher Tisch, zwei Stühle, ein Spiegel, eine Kommode und ein kleiner Hundeofen. Auf dem Tisch brannte die Lampe. Das wäre nun nichts Merkwürdiges gewesen; aber am Fenster stand, das Gesicht nach der Thür gerichtet, eine Dame im Alter von vielleicht achtundzwanzig bis dreißig Jahren. Sie war höchst üppig, ja stark gebaut. Man hätte ihren Anzug für ein Schlafnegligé halten können, wenn nicht einiges Fremdartige dabei gewesen wäre.
Sie trug nämlich ein langes, bis fast auf die Knöchel reichendes, weißes, hemdartiges Gewand, welches über den Hüften von einem Gürtel festgehalten wurde und die Formen des colossalen Busens deutlich sehen ließ. Um den entblößten Hals legte sich eine breite Goldkette. Das Gewand hatte keine Aermel; die fetten Arme waren nackt und über dem Ellenbogen und an den Handgelenken mit Spangen versehen. Auch die Füße waren nackt und trugen eine für das bayrische Oberland und die herbstliche Jahreszeit verwunderliche Bekleidung, nämlich Sandalen, welche mit um den Unterschenkel kreuzweise geschlungenen Riemen befestigt waren. Das Haar war in einen griechischen Knoten geschlungen, und über der Stirn glänzte ein breites, hohes Diadem.
Das Gesicht dieser Dame war sehr bleich und zeigte den Ausdruck größter Gutmüthigkeit, nur jetzt in diesem Augenblicke nicht, an welchem sie Anton eintreten und die Thür hinter sich zuziehen und verriegeln sah. Sie erschrak natürlich über sein Erscheinen.
»Gott! Was woll – – –«
Sie rief das lauter, als ihm nöthig erschien. Er unterbrach sie schnell mit einer bittenden, beruhigenden Armbewegung, beugte sich vor, als ob er vor ihr niederknien wolle, und sagte mit von der gehabten Lungenanstrengung zitternder Stimme:
»Rette mich!«
Sofort nahm ihr Gesicht einen ganz anderen Ausdruck an, fast des Entzückens.
»Retten?« fragte sie. »Ists ein Abenteuer?«
»Ein lebensgefährliches sogar.«
»Ein Liebesabenteuer?«
»Ist auch dabei.«
»O wunderschön! Wunderschön!«
Sie nahm die Feder, welche hinter ihrem Ohre steckte, hervor und legte sie auf den Tisch zu den Schreibereien, welche sich dort befanden.
»Er nennt mich sogar gleich Du!« flüsterte sie entzückt. »Bist Du Der, welchen sie suchen?«
»Ja.«
»Sie wollten Dich erschießen?«
»Grad als ich auf der Felswand lief.«
»Herr, mein Gott! Dahin hast Du Dich gewagt! Mensch, kannst Du fliegen? Du bist ein Held! Warum verfolgt man Dich?«
»Weil ich ein Gamserl geschossen hab.«
»So bist Du ein Gemsenjäger? Wohl gar ein Wildschütz?«
»Es ist schon so.«
»Dann rette ich Dich! Du bist mir hoch willkommen, ein Sujet, wie ich es gar nicht interessanter finden konnte!«
»So mach halt schnell; sie werden gleich kommen!«
»Leg Dich ins Bett! Ich decke Dich zu!«
»Nein, das thue ich nicht. Ich will mich nicht aus dem Schlafkasten heben lassen. Ich steig zum Fenster hinaus – – –«
»Unten steht eine Wache!«
»Das thut nix. Ich will gar nicht hinab, sondern mich nur auf den Dachbalken setzen.«
»Auf den Sparren? Der Wächter wirds hören.«
»Nein, gar nicht. Ich weiß schon so leise zu machen, wie ein Mäusle. Thu mir das Licht einen Augenblick weg, damit man mich nicht hinaussteigen sieht und mach das Fenster dann zu. Nachher aber, wann sie fort sind, kannst mich wieder hereinschlupfen lassen.«
»Gut! Schnell! Ich glaub, sie kommen schon.«
Es ließen sich wirklich Schritte auf der Treppe vernehmen. Die sonderbare Dame stellte das Licht unter den Tisch. Anton hatte die Schuhe wieder angezogen und trat an das offene, jetzt dunkle Fenster. Als er hinunterblickte, zeigte ihm sein scharfes Auge, daß der Wächter für einen Augenblick um die Ecke gegangen war. Ueber dem Fenster ragte der Dachwinkel wohl gegen zwei Ellen über die Mauer hervor; die Sparren waren durch zwei Querbalken verbunden. Anton schwang sich auf diese Letzteren hinauf.
Da klopfte es auch schon an der Thür.
»Franza!« sagte eine Stimme.
Sie machte das Fenster zu, hob die Lampe wieder auf den Tisch und wendete sich dann in der stolzen Haltung eines Feldherrn nach der Thür.
»Was ist?« fragte sie.
»Bitte, mach auf!«
»Für wen?«
»Es ist Polizei da.«
»Kann nicht. Ich dichte und befinde mich also im Costüm.«
»So wirf Etwas über!«
»Warte!«
Die Garderobe befand sich wohl unten, denn in dem Stübchen war gar nichts zu sehen, was einem Mantel oder Umschlagetuch ähnlich gewesen wäre. Die Dichterin aber wußte sich zu helfen. Sie zog die weiße, gewaffelte Tagesdecke vom Bette, warf sie um sich und schloß dann auf.
»Tretet herein, Ihr Mandataren des allmächtigen Gesetzes!«
Sie sagte das in einer Haltung und einem Tone, als ob sie sich als Heldenspielerin auf der Bühne befinde. Ein junger Herr in Civil und zwei Jäger kamen herein.
»Verzeihung, Cousine!« bat der Erstere. »Diese Herren verfolgen einen Verbrecher und wollen sich überzeugen, daß er sich nicht hier bei Dir befindet.«
»Einen Verbrecher? Ich wollte, er wäre hier! Ich könnte ihn gebrauchen!«
»Du scherzest!«
»Nein. Es ist mein völliger Ernst. Ich brauche ein schreckliches Individuum als Sujet zu meinem neuen Romane. Meine Herren, wenn Sie den Kerl finden, so bringen Sie ihn für einige Stunden zu mir. Ich will sehen, welche Gräuel ich ihm entlocken kann. Mein Roman soll nämlich den Titel haben:
Der Schauder-, Schucker-, Schreckenskönig
oder
der Waldteufel in der Gebirgshölle.
Gedichtet und erlebt von
Gräfin Furchta Angstina von Entsetzensberg.«
Die beiden Fremden wußten nicht, woran sie waren.
Der Eine machte ein Gesicht, als ob er vor Mitleid schluchzen wolle, und der Andere sah aus, als ob er sich die größte Mühe gebe, das Lachen zu verbeißen.
»Also, meine Herren, suchen Sie!« sagte die Dichterin, mit einer wahrhaft königlichen Armbewegung in dem Stübchen umherzeigend.
Die Jäger blickten unter den Tisch und unter das Bette, griffen auch in dasselbe hinein.
»Hier ist er nicht,« sagte der Eine, »Und das Fenster ist auch zu. Er kann also nicht hereingestiegen sein.«
»Nein. Dazu müßte er auch eine Gestalt haben wie der Wolkenschieber Ranunkulus. Wollen Sie vielleicht auch noch hier herein sehen, um sich zu überzeugen?«
Sie zog den Tischkasten auf.
Der Jäger hatte eine scharfe Zurechtweisung auf den Lippen, auf einen begütigenden Blick des Civilisten aber sagte er nur:
»Da müßte er nun desto kleiner sein. Verzeihung, daß wir gestört haben, Fräulein von Stauffen!«
Sie gingen. Als sie draußen die Thür hinter sich zugemacht hatten, sagte der Civilist:
»Sie dürfen meiner Cousine nicht zürnen. Sie leidet an Dichterithis.«
»Was ist das?«
»Sie will dichten und Romane schreiben und bringt nichts fertig; das hat ihr den Kopf verdreht, und darum ist sie zuweilen nicht so ganz zurechnungsfähig.«
Die Jäger verabschiedeten sich. Draußen an dem Giebel, wo die Wache stand, blieben sie noch einen Augenblick stehen. Einer sagte:
»Eine unglückliche Familie! Die eine Tochter ist mondsüchtig, und die andere hat den Dichterwahnsinn. Ich wäre grob geworden, wenn der Freiherr von Brenner mir nicht gewinkt hätte. Wo aber ist nun der Krikelanton!«
»Er ist uns also doch entkommen.«
»Das ist gradezu unmöglich. Vorüber hat er nicht gekonnt, und rückwärts in den Abgrund wird er doch auch nicht gesprungen sein. Hast Du ihn denn genau gesehen?«
»Hm! Ganz deutlich nicht. Hier hüben scheint der Mond ja nicht.«
»Es ist irgend ein Schatten gewesen, den Du für den Anton gehalten hast.«
»Ich hab aber doch seine Schritte gehört!«
»Das werden wohl die unserigen gewesen sein. Nein, er ist sicher erschossen worden und in die Tiefe gestürzt.«
»Wollen wir hinab?«
»Nein, das dürfen wir nicht. Wir können unsern Posten nur dann verlassen, wenn wir abgelöst werden, also zur Mittagszeit. Kommt!«
Sie entfernten sich.
Anton hatte jedes Wort gehört. Er war nun seiner Rettung gewiß, wartete eine Weile und klopfte sodann an das Fenster. Franza von Stauffen öffnete und fragte:
»Sind sie fort?«
»Ja.«
»So komm herein?«
Er stieg hinein. Als er nun vor ihr stand, machte sie das Fenster wieder zu und betrachtete ihn.
»Also so sieht ein Wilderer aus!« meinte sie, ihn mit wohlgefälligem Blicke in das kühn geschnittene Gesicht blickend.
»Gefall ich Dir nicht?«
»Oja, Du gefällst mir sehr gut, und ich freue mich, Dich gerettet zu haben.«
»Ich werd es Dir halt nimmer vergessen. Hab Dank auch tausendmal!«
Er streckte ihr die Hand entgegen, welche sie freudig ergriff. Ihr Gesicht nahm einen beinahe liebevollen Ausdruck an.
»Hast Du jetzt noch Zeit?« fragte sie.
»Ja. Ich kann halt noch nicht fort.«
»So setz Dich. Ich will mir mein Sujet auch nicht so schnell entgehen lassen.
»Was ist das für ein Wort?«
»Süscheh wird es ausgesprochen und Sujet geschrieben. Es ist französisch und heißt so viel wie Gegenstand zu einem Gedichte oder Romane. Du sollst das Sujet für den Roman sein, den ich zu schreiben gedenke. Du scheinst ein sehr tüchtiger Kerl zu sein. Ich liebe die Alpenwelt. Kennst Du den Tell von Uhland?«
»Den Tell kenne ich; aber der meinige ist von Bürglen in Uri und nicht von Uhland. Den Ort kenne ich gar nicht.«
Da lachte sie auf und meinte:
»Kostbar, sehr kostbar! Eine richtige Gebirgsnaivität! Komm her; ich muß Dich küssen!«
Sie trat auf ihn zu und wollte ihn auf die Stirn küssen. Er wehrte ihr erschrocken ab.
»Laß sein! Ich mag kein Geschmatz. Ich kenn Dich ja gar nicht.«
»Aber Du wirst mich schon noch kennen lernen. Uhland ist gar kein Ort, sondern ein Dichter, der auch über die Alpen gedichtet hat. Da sagt er:
»Grün wird die Alpe werden,
Stürzt die Lawin' einmal;
Zu Berge ziehn die Heerden,
Fuhr erst der Schnee zu Thal.«
und ich, die ich auch Dichterin bin, würde hinzusetzen:
»Mit innigen Geberden
Grüß ich Euch tausendmal!«
»Die Heerden?«
»Ja, die Heerden, die Lawinen, die Berge und auch Dich. Du bist gewandt, stark, schön und verwegen. Auf Dich paßt die Strophe:
»Wär ich ein Sohn der Berge,
Ein Hirt am ewgen Schnee,
Wär ich ein kecker Ferge
Auf Uri's grünem See,«
und ich, die ich auch Dichterin bin, würde hinzusetzen:
»So thäten mir die Zwerge
Ja meinem Herzen weh.«
»Hast etwan Zwerge verschluckt?«
»O nein! Das ist nur eine dichterische Redeblume. Ich meine damit die vielen kleinen Gefühle, welche im Herzen wohnen.«
»Das ist ganz besonderbarlich. Ich pfleg das Ding beim richtigen Namen zu nennen. Du schaust doch sonst gar nicht aus, als ob Du verrückt seist!«
»Verrückt? Das ist kostbar, höchst kostbar. Ich muß Dich küssen.«
Er streckte sofort zur Abwehr die Arme vor.
»Nein, nein! Ich dank schön! Ich hab der Leni versprochen, nur sie allein zu busseln.«
»Du hast eine Leni?«
»Na, und was für eine! Die hat Augen wie Karfunkel und eine Stimm wie ein Nachtergall. So krähen wie die kann nicht mal der allerbeste Hahn im Dorf. S' ist eine Pracht!«
»Die möcht ich sehen!«
»Hast sie noch nicht geschaut, die Sennerin da drüben?«
»Die? Ja, die hab ich wohl gesehen. Sie ist ein bildsauberes Mädchen. Du hast sie wohl sehr lieb?«
»Lieb! So lieb, so ganz lieb, daß ich sie halt gleich fressen möcht, auch ohne daß sie ehebevor in der Pfann gebraten ist. Sie ist appetitlich wie Keine.«
»Auch appetitlicher als ich?«
Er kam in Verlegenheit, zog sich aber aus derselben durch die Antwort:
»Ja schau, das kommt halt auf den Geschmack an. Wer eine Sennerin haben will, so recht derb und kräftig, der muß sich eine Leni nehmen; wer aber eine Dichterin begehrt, weich und fett wie eine Martinsgans, der muß zu Dir kommen.«
Sie brach abermals in ein herzliches Lachen aus.
»Eine Martinsgans! Welch eine köstliche, glückselige Unbefangenheit! Du bezauberst mich ganz und gar. Komm her; ich muß Dich – – –«
»Bleib mir vom Leib!« fiel er schnell ein. »Ich darf mich halt nicht von einer Jeden im Gesicht bemaulen lassen. Wann ich schmutzig bin, wasch ich mich schon stets selber ab. Ich geb es ja zu, daß Du ein besonderlich hübsches Weibsbild bist, obgleich Du Dich in das Bettlaken eingewickelt hast wie ein Gespenst; aber deswegen brauchst mich doch nicht immer busseln zu wollen. Damit laß mich aus!«
»Prächtig, ausgezeichnet!« lachte sie noch immer. »Du bist der richtige Alpensohn, den ich mir nur wünschen kann. Du wirst mein bestes Sujet sein. Und wenn Dich die Decke stört, so will ich sie ablegen.«
Sie warf sie von sich und stand nun wieder in ihrer vorigen, fremdartigen Kleidung vor ihm. Er musterte sie mit eigenthümlichem Blicke. Er hatte das Gefühl, daß sie vielleicht an ihrem geistigen Zustande unschuldig sei, denn er wußte gar wohl, daß gewisse Krankheiten und Sünden der Eltern sich an den Kindern rächen. Darum fühlte er ein aufrichtiges Wohlwollen und ein mit Respect gepaartes Mitleid für sie.
»Aber sag, gehst Du denn in diesem Hemd auch auf die Gaß?« fragte er
»Hemd? Das ist eine Tunika. Sieh mich doch an, was ich eigentlich vorstelle!«
»Wohl eine Seiltänzerin?«
»Welch eine Verwechslung! Weißt Du, wer Kalliopo und Erato sind?«
»Nein. Sinds vielleicht fremde Thiere? Etwan Papageiern?«
»Ganz Alpenkind, ganz Alpenkind! Kalliopo und Erato sind die Musen der Dichtkunst. Ich bin als Erato gekleidet. Nur in diesem Gewande kommt der Geist über mich.«
»Alle guten Geister loben ihren Meister!« rief er aus, drei Kreuze schlagend.
»Ich meine nicht ein Gespenst, sondern den Geist der Dichtkunst. Der hat jetzt Deine Gestalt angenommen. Dein Erscheinen begeistert mich zu einem Alpenroman oder zu Alpenliedern, durch welche ich großen Ruhm erlangen werde. Schon wenn ich Dich nur ansehe, möchte ich gleich singen:
Zu Dir zieht michs hin.
Wo ich geh und bin,
Hab nicht Rast und Ruh,
Bist ein netter Bu!
und dazu möcht ich in alle Welt hinausjodeln, daß man es von Island bis nach Sizilien hört.«
»Verschluck nur keine Noten dabei. Laß das Jodeln lieber mir und der Leni über.«
»Ja, die ist Meisterin im Jodeln; das habe ich sehr oft gehört. Erzähle mir doch von ihr, damit ich Euch kennen lerne und über Euch schreiben kann!«
Da traf sie den richtigen Punkt. Er sprach gar zu gern von der Leni. Doch meinte er:
»Erzählen will ich Dir wohl Alles, aber aus dem Schreiben wird nix. Wann wir einander einen Brief senden wollen, knaxen wir ihn selber zusammen. Wann auch die Buchstaben ausschaun wie Hühnertapfen, so wissen wir halt doch, was es zu bedeuten hat.«
Und nun begann er, zu erzählen, von sich und seinen alten, armen Eltern, von der Leni, von ihren beiderseitigen Verhältnissen und Erlebnissen und endlich auch von dem Ereignisse der letzten Nacht. Das Interesse der Dichterin wuchs von Wort zu Wort. Die Liebe des Sohnes zu den Eltern that ihr wohl und nahm ihre ganze Sympathie in Anspruch. Und nun erst seine heutige Flucht!
»Anton, Du bist ja der reine Held!« sagte sie am Schlusse seiner Erzählung. »Also sogar einen Bär hast Du geschossen! Hast Du Dich nicht gefürchtet?«
»Gefürchtet? Etwan vor ihm? Das fallt mir doch nimmer ein! Wann er sich muxt, so bekommt er die Kugel, und dann ists ab.«
»Du bist wirklich ein außerordentlicher Mensch, ein Bayard, ein Roland, ein – ein – –ich finde gar keine Worte; ich muß es Dir durch die That beweisen, wie ich Dich achte. Komm her, und laß Dich küssen!«
»Halt! Komm mir nicht zu nahe! Willst nun endlich Ruhe geben oder nicht! Was hast denn nur von dem Geküß und Geschnalz! Nimm den Löffel, und iß eine Hollundersuppen mit Knoblauch dran! Das schmeckt grad ganz genauer so wie ein Busserl mit Schnurrbart. Oder kauf Dir einen Hampelmann vom Jahrmarkt! Mit dem kannst schamerirn und Honig kaun nach Noten!«
Sie schüttelte sich vor Lachen.
»Das wird besser und immer besser! Anton, Dein ganzes Leben ist ein Roman; ich will auch selbst eine Rolle in demselben spielen. Ich will mit thätig eingreifen in die Gestaltung Deiner Zukunft. Darf ich?«
»Meinswegen! Aber der Griff darf nicht wehe thun. Verstanden?«
»Hab keine Sorge! Zunächst gilt es, Dich aus der gegenwärtigen Verlegenheit zu reißen. Wohin willst Du fliehen?«
»Zunächst zu den Eltern.«
»Wo wohnen die?«
»Jenseits der Grenz im Salzburgischen, in der Gegend von Elsbethen.«
»Und Du kannst nicht hinüber?«
»Es wird halt schwer gehen. Allüberall sind die Wege besetzt, daß ich nicht hindurch kann.«
»Ich bringe Dich dennoch hinüber.«
»Du?« fragte er ungläubig.
»Ja, ich!«
»In wieso denn?«
»Wir verkleiden Dich.«
»Verkleiden? Meinst, daß ich etwan ein ander Gewandl anthu?«
»Ja. Dann kennen sie Dich nicht.«
»Als was soll ich da laufen?«
»Als Cavalier.«
»Cavalier? Das kenne ich nicht. Mußts richtig sagen! Du meinst doch wohl als Kavallerist?«
»Nein. Cavalier ist ein feiner Herr, der vornehme Kleider und Manieren hat.«
»Na, das kann ich schon!«
»Fein und vornehm sein?«
»Kannsts nur glauben! Ich kann die Beine spreizen und ein Gesicht machen, daß der Kalk vor lauter Angst und Demuth von den Wänden fällt. Wann ich den Schnurrwichs dreh und die Augen verzerr, mal nach rechts und dann mal nach links, so reißen alle Hunde aus, weil sie denken, ich bin tollwüthig und beiß sie an. Nicht wahr, das ist so wie ein Cavallerier?«
»Ja, so ähnlich. Kannst Du reiten?«
»Und ob! Ich bring das Pferd weit eher auf mich, als daß es mich unter sich kriegt. Ich bin sogar schon mal auf einer Kuh geritten. Das war ein Gespaß! Kannst Dirs denken.«
»Und wann möchtest Du da von hier fort?«
»Noch während der Nacht.«
»Gut. Mein Vater ist verreist, und damit ich mit der Schwester indessen nicht allein bin, ist der Cousin Freiherr von Brenner einstweilen hier, derselbe der vorhin mit den Jägern bei mir war. Der Vater hat fast Deine Gestalt, und Niemand wird es merken, wenn ich Dir einen Anzug von ihm leihe. Soll ich ihn holen?«
»Ja, hole ihn. Ich will sehen, ob man aus so einem Gewand den Krikelanton herausfinden wird. Ich bin fast neubegierig darauf.«
Sie ging. Er mußte lange Zeit warten, bis sie mit einem Pack Kleider und Wäsche zurückkam.
»Wir haben zu laut gesprochen,« warnte sie. »Die Schwester schläft, aber der Cousin fragte mich, was ich für einen Lärm hier oben mache.«
»Was hast geantwortet?«
»Daß ich declamir.«
»In der Nacht?«
»Das sind sie von mir gewöhnt. Also hier hast Du Hose, Weste, Rock, Ueberrock, Hut, Stiefel, Hemde, Taschentuch, Cravatte und Manchetten.«
»Da schauts freilich schlimm aus. Ich hab noch niemals nicht keine Cravatten angezogen.«
»Die wird umgebunden aber nicht angezogen.«
»Und die Manchetten, die passen mir nicht.«
Er hielt sie kopfschüttelnd gegen das Licht.
»Warum nicht?«
»Meinst etwan, daß ich so einen langen, dummen Hals hab! Und nun gar zwei! Ich bin doch wohl kein Doppeladler!«
»Die kommen ja an die Hände!«
»An die Händ? Diese Röhren? Ich denk an die Händ zieht man Fäustlinge oder seine Handschuchers. So ein Cavalier muß doch wohl eine Uhr ganz ohne Perpedenkel im Kopfe haben; anders kann ich es mir nicht denken, sonst würd er sich nicht seinen gesunden Körper mit solchen Sachen verschimpfirn. Wann zieh ich mich denn um?«
»Jetzt gleich.«
»Was wird da mit Dir? Soll ich etwan in das Hemd und in die Hosen schlupfen, wann Du dabei stehst und mir zuschaust?«
»Nein. Ich gehe fort und ziehe mich heimlich an.«
»Du Dich? Willst auch mit fort?«
»Natürlich! Ich bringe Dich heim. Wenn ich bei Dir bin, so wird Dich Jedermann für einen Verwandten von mir halten. Wir spazieren nach der Stadt hinein; dort bekommen wir Pferde und Wagen, damit fahren wir bis an Deine Hausthür.«
»Sehr gut! Auf diese Weis ists möglich, daß ich nicht abgefaßt werde.«
»Siehst Du, wie nützlich ich Dir werden kann! Aber dafür kannst Du mir dann einen Kuß geben!«
»Fängst schon wieder an!«
»Wenn ich Dich rette, ist es Undank von Dir, wenn Du nicht chevaleresk bist!«
»Chevaleresk? Sag das Wort doch nur richtig! Es heißt Arabeske! Ists denn gar so nothwendig, daß ich Dir zum Dank eine Arabeske in das Gesicht gebe! Kannst doch verzichten! Ich bin einmal kein Freund von der Küsserei.«
»Ich beanspruche diesen Kuß als ganz besondere Erkenntlichkeit.«
»Nun gut, sollst ihn haben. Und weißt, wie?«
»Wie denn?«
»Ich gebe ihn meinem Vatern, und der giebt ihn Dir. So ists ganz genau dasselbe, als ob Du ihn von mir selber bekommen hältst. Weißt, der Vätern kann halt noch ganz besondern Druck drauflegen. Dann ist ein Doppelbusserl.«
»Darüber werden wir noch anderweit einig. Jetzt ziehe Dich um. Ich gehe.«
Sie entfernte sich und schloß ihn ein. Er machte sich über die Kleider her, die ihm so fremd waren, weil er stets nur im Aelpleranzug gegangen war. Die natürliche Folge davon war, daß die Dichterin bei ihrer Rückkehr fast laut aufgeschrieen hätte vor Lachen. Der gute Anton gewährte einen Anblick, welcher gradezu einzig genannt werden mußte. Er war eben bemüht, den rechten Handschuh an die linke Hand zu ziehen und sagte in einem höchst ärgerlichen Tone:
»Das ist halt eine verdammt sakrische Geschicht. Ich weiß nicht, was ich mit die Handschucher anfangen soll. Wann ich die Finger dran zähl, so sinds fünf, und gradi fünf hab ich auch an der meinigen Hand; aber wann ich den Handschuh anzieh, so ist halt ein Finger dran zu viel. Da, schau mal her! Und der kleine Fingerl ist ganz viel zu weit abseits angesetzt. Da mag sich der Teufel reinfinden!«
Er hielt ihr die Hand hin; sie betrachtete dieselbe und lachte ihn natürlich aus.
»Erstens hast Du ihn an der verkehrten Hand, den rechten an der linken, und zweitens bist Du mit zwei Fingern in ein und dasselbe Fingerloch gefahren. Darum hat der Handschuh einen Finger zu viel, und Du kannst nicht hinein.«
»Sakermentski! Ist es so? Aber woran kann ichs denn schauen, welches der rechte und der linke ist?«
»An dem Daumen und der Oeffnung. Der von der rechten Hand sitzt links und der von der linken rechts, und die Oeffnung ist unten. Der Handschuh wird doch an der innern Handfläche zugemacht.«
»Das ist mir viel zu gelehrt. Am Besten ists halt doch, man zieht gar keinen an.«
»Als Cavalier mußt Du doch Handschuhe anhaben. Und wie siehst Du denn sonst noch aus! Was ist das hier mit der Weste?«
»Die ist auch von einem dummen Schneider gemacht worden. Sie hat ein Knopfloch zu viel und aber dafür einen Knopf zu wenig.«
»Nein. Du hast hier oben den zweiten Knopf in das erste Loch gesteckt. Und nun gar das Oberhemde!«
»Ja, das ist auf dem Buckel hinten geplättet und vorn nicht!«
»Nein. Du hast es ja verkehrt an, die vordere Seite hinten und die hintere vorn.«
»Das ist nicht wahr. Schau, da hast den Schlitz. Der muß doch vorn sein, denn ein Hemde wird doch allemal vorn zugemacht.«
»Diese Art nicht. Das ist eine ganz neumodische Sorte; die ist vorn, wo geplättet wird, zu und hinten offen.«
»Na, wer sich das ausgesonnen hat, der kann sich halt auch einpöckeln lassen. Ein Hemde hinten zuzumachen! Das hab ich all mein Lebtage noch nimmer nicht gehört. Das ist ja grad ganz dasselbige, als ob ich den Stiefel auf den Kopf setzen und die Zipfelmützen an die Füß ziehen thät. Ihr Stadtleut habt doch auch weiter nix zu thun, als Euch Alfanzereien und Dummheiten auszusinnen. Da sind wir halt ganz andere Leutln!«
»Ja, das sieht man hier an Deinem Anzuge. Was hast Du denn da um den Hals gewürgt?«
»Das schöne weiße Tucherl.«
»Das kommt ja nicht an den Hals!«
»Wohin denn etwan sonst?«
»In die Tasche.«
»Himmelsakra! Ein Halstucherl in die Taschen! Wer hat das schon Mal vernommen!«
»Es ist ja kein Halstuch sondern ein Taschentuch!«
»Was sagst? So ein blitzweiß' Tucherl soll ein Nastuch sein, ein Schnupftuch zum Schneuzen?«
»Ja.«
»Jetzt hör mir nun mal auf! Kein vernünftiger Mensch wird sich die Nasen mit so ein fein Servietterl wischen! Wer sich da hinein schnaubt, der muß so viel Geldl haben, daß es ihm aus dem Sack herausfällt. Das kost doch wenigstens zwanzig Pfennige. Und denk Dir mal, wann ich halt ein Schnupfer wär, wie da das Tücherl ausschauen thät. Mein Mutterl gäb mir eine Watschen nach der andern ins Gesicht, wann sie es mir nachher waschen müßt. Und hier, da hast auch die Strümpf zurück.«
»Wie? Die hast Du nicht angezogen?«
»Nein. Ich bin darbst in die Stieferln geschlupft. Für so ein Paar saubere Strumpfen ists doch halt jammerschad, wann man sie dreckig machen oder gar zerreißen wollt. Wann ich so leben wollt wie Du, so müßt ich grad ein Rothschild sein. Wo denkst hin! Und nun sag, wozu ist denn das seidene Banderl mit der breiten Schlupfen daran?«
»Das ist der Schlips.«
»Schlips? Was ist das? Etwan das Strumpfband?«
»Nein, sondern das Halsband.«
»Ach, es kommt um den Hals? Schau, schau! Da kannst mich nur gleich damit an den nächsten Nagel oder Baumast aufknüpfen. Um den Hals bring ich so ein Ding schon gar nimmer nicht.«
»Ich werde Dir helfen. Komm!«
Sie band ihm das Schnupftuch vom Halse ab; da zeigte es sich, daß er keinen Kragen angeknöpft hatte.
»Wo ist denn der Kragen?« fragte sie, sich umblickend.
»Der Kragen? Ja da ist ja gar keiner am Hemde dran gewesen.«
»Der wird angeknöpft. Ich habe Dir einen Stehkragen mitgebracht.«
»Ein Stehkragerl? Das kenn ich noch gar nicht. Ich hab keins gesehn. Meinst etwan das hier?«
Er zog den Kragen aus der Hosentasche hervor.
»Freilich ist er es. Warum steckst Du ihn denn ein?«
»Weil ich nicht gewußt hab, was es ist und wozu. Da hab ich halt gedacht: »Weg damit!« und das Kragerl in die Taschen einisteckt.«
»Und da! Was ist denn das nun gar? Mach einmal den Rock weiter auf! Du hast doch die Hosenträger über der Weste! Sie sind auch gar nicht angeknöpft!«
»Warum soll ich sie anknöpfen? Die Hose fallt gar nit herab, weil ich den Gürtel drum geschnallt hab. Und soll ich etwan die schöni gestickten Hosentragerl unter die Westen thun, wo man sie gar nicht sehen kann? Wozu sind sie so sakrisch fein und hübsch, wann sie Niemand nicht anschauen soll! Und wozu ist denn das Stöckerl da, was Du auf den Tisch gelegt hast?«
»Das ist kein Stock, sondern eine Reitgerte.«
»Eine Reitpeitschen? Wozu denn?«
»Weil ein Cavalier gern so eine Gerte in der Hand trägt, auch wenn er nicht reitet.«
»Das ist nun auch wieder ganz besonderbar. Eine Peitschen in der Hand ohne zu reiten, das ist doch ebenso albern, als wenn ich nicht schlaf und trag das Bett mit mir herum! Geh mir weg! Eure Cawalleriere können mir gestohlen werden. Da ist doch ein jeder, der bei uns mit Schwammb handelt, gescheidter als sie.«
»Streiten wir uns nicht darüber! Du mußt jetzt den Cavalier spielen, und da ist es nöthig, ganz so zu thun, als ob Du wirklich einer seist. Vergiß nicht, daß Du ein Baron bist, wenn man Dich unterwegs fragen sollte.«
»Ein Baron? Ich? Hast wohl Schierling gefressen?«
»Nein. Du hast doch vorhin selbst gesagt, daß Du groß und vornehm thun kannst.«
»Ja, das kann ich schon, wann es verlangt wird. Also ein Baron! Schön! Aber wie heiß ich denn?«
»Arthur von Höllendampf.«
»Himmelsakra! Ist das ein Nam! Der Arthur, der gefallt mir schon ganz gut; aber vor dem Höllendampf hab ich Respect. Giebts keinen hübscheren Namen für so einen vornehmen Kerl, wie ich zu spielen hab?«
»Nein. Höllendampf ist gut. Wer diesen Namen hört, dem wird gleich so höllisch zu Muthe, daß er es vergißt, weiter zu fragen. Und wenn Du dazu ein ernstes Gesicht machst, so fällt es vor Angst sicherlich keinen Menschen ein, sich weiter um Dich zu bekümmern.«
»Was das Gesicht betrifft, so brauchst halt keine Sorg zu haben. Ich werd so finster dreinschauen, daß ein Jeder, der mich anblickt, denken soll, die Cholera sei bei ihm ausgebrochen.«
»Recht so! Und nun ziehe Dich schnell wieder um. Das Hemd muß anders sein; das, was Du hinten hast, muß vor.«
»So geh halt hinaus!«
»Das kann ich nicht thun. Wenn ich immer heraus und herein gehe, so fällt es dem Cousin auf.«
»So drehe Dich wenigstens hinum, und reck mir den Buckel her, damit Du mich nicht schaust, wann ich das Hemd herunterthu!«
»Gut! Mach aber schnell!«
»Ja. Aber daß Du Dich nicht etwan schnell herumdrehst, wann ich nicht fertig bin, sonst werf ich Dir die ganzen Sachen an den Kopf!«
Sie drehte sich um, und er zog Rock und Weste aus und gab sodann dem Hemde den richtigen Sitz.
»So, jetzt kannst Dich wieder umiwenden,« sagte er. »Nun aber mach mir da einmal die Knöpfen zu; das bring ich nicht.«
Sie war ihm behilflich, bis er sich vollständig in dem ungewohnten Anzug befand.
»Nun der Hut. Hier. Es ist ein Chapeau claque.«
»Ein Schaboh klack? Was ist denn das?«
»Man kann ihn zusammendrücken. Schau einmal her! So!«
»Donner und Doria! Was seid Ihr für Leut! Da kauft Ihr Euch Hüt', die man zusammenquetscht wie einen Kuchenteller. Wozu denn aber doch! Und warum soll ich grad diesen Cylinderhut aufsetzen, diese Angströhre, die grad so ausschaut, als ob ich einen Schornsteinerl auf dem Kopfe hätt! Laß mich doch mein Hüterl aufithun! Das schaut viel besser und manierlicher aus!«
»Nein; das geht nicht. Ein Cavalier muß unbedingt einen Cylinder tragen.«
»Na, einmal Cavallerier und nie nicht wieder; das sage ich Dir! Wann gehts fort?«
»Jetzt gleich. Ich will noch den Mantel umthun und den Hut aufsetzen.«
Sie trat an den Spiegel, um die beiden genannten Stücke anzulegen. Als sie das gethan hatte und sich umwendete, mußte sie sich Mühe geben, nicht überlaut aufzulachen. Er stand hinter ihr bereit, den Hut auf dem Kopfe und die Reitgerte in der Hand, zugleich aber noch – –den Rucksack auf dem Rücken.
»Was soll denn das bedeuten?« fragte sie.
»Was denn?«
»Der alte Leinwandsack.«
»Das ist mein Rucksack, weißt.«
»Was ist denn drin?«
»Meine Kleidagen und das Käs mit Brod, was mir die Leni geben hat.«
»Und das willst Du mitnehmen?«
»Freilich! Meinst etwan, ich hab zu Haus zehntausend Anzüg' hangen? Ich bin arm, und da heißt es halt immer:
Mein Herz und Dein Herz
Ist ein Klumpen;
Mein Rock und Dein Rock
Ist ein Lumpen.
Ich muß den Anzug haben, denn denselbigen hier, denn Du mir aufizwungen hast, werd ich gar nicht lang auf den Achseln hangen haben. Ich steck in dem Stehkragerl wie eine Ratten in dem Falleisen und kann fast gar keinen Athem herauf bekommen. Ich will froh sein, wann ich wieder in mein eigenes Zeug schlupfen darf.«
»Aber den Rucksack darfst Du doch nicht mitnehmen. Der paßt unmöglich zu dem feinen Anzuge.«
»Wer die Sachen kann ich doch auch nicht hier lassen, weil ich sie notwendig brauchen thu. Wann Dir der Rucksack nicht nobel genug ist, so borg mir etwas Anderes, eine Truhen oder Laden, eine Kisten oder Kommoden, worin ich die Sachen thu.«
»Und die willst Du auch mitnehmen?«
»Natürlich!«
»Wie denn? Wie willst Du sie fortbringen?«
»Ich trag sie auf dem Buckel.«
»Eine Kiste oder Kommode?«
»Ja. Meinst wohl, ich hab nicht die Kraft dazu? Da kommst eben schön an! Kannst Dich selbst auch noch oben drauf setzen, so trag ichs doch!«
»Herrgott! Was bist Du für ein Mensch!«
»Doch wohl ein guter!«
»Ja, aber auch ein unüberlegsamer. Ein Kiste auf dem Rücken sieht ja noch viel schlechter aus als ein Rucksack, verstanden!«
»So gieb mir halt etwas Anderes, was nobler ist!«
»Gut; ich habe in der gegenüber liegenden Kammer eine Reisetasche, in welche wir die Sachen stecken können.«
»So, hole die Taschen, und mach schnell, damit wir endlich fortkommen. Aber schau, was ist das, was Du mir hierher gelegt hast?«
»Das ist ein Pincenez.«
»Ein Pengseneh? Habe in meinem ganzen Leben dies Wort noch niemals nicht gehört.«
»Gewöhnlich sagt man, ein Klemmer.«
»Ah, eine Klemmbrillen?«
»Ja.«
»Soll ich sie etwan auch aufsetzen?«
»Natürlich.«
»Was fallt Dir ein! Meine Augen sind so gut, daß ich durch zehn Thüren schauen kann.«
»Dieser Zwicker gehört für jeden Cavalier.«
»Hols der Teuxel! Ich seh nicht ein, warum ich so eine Nasenquetschen in mein Gesicht klemmen soll.«
»Probir es nur einmal! Sie gehört meinem Vater. Hier an der Schnur wird sie um den Hals gehängt.«
»Auch noch!«
»Ja. So! Jetzt setz sie auf! Du siehst prächtig aus!«
»Ja, wie ein dressirter Pudel, den man die Brillen auf die Nasen steckt und die Tabakspfeifen in die Schnautz. Will doch mal sehen, wie ich ausschau.«
Er trat an den Spiegel.
Kleidete ihn schon der elegante, enge Anzug ganz wunderlich, so sah er mit dem Klemmer in dem wettergebräunten Gesicht nur noch unbeschreiblicher aus. Er starrte eine Zeitlang in den Spiegel, trat hin und zurück, hielt den Kopf nahe an das Glas und dann wieder ferner, dann sagte er:
»Tausend Donner! Jetzt seh ich nun gar nix mehr, nicht einmal mich selbst.«
»Ja, die Brille ist sehr scharf.«
»Dann müßte ich doch auch scharf sehen!«
»Sie paßt nicht für Dein Auge.«
»Nun, so thu ich sie eben herunter!«
»Nein, laß sie drauf!«
»Aber ich sehe Dich nicht einmal!«
»Das schadet nichts. Wenn nur ich Dich sehe! Jetzt hole ich die Tasche. Uebe Dich einstweilen am Spiegel. Nach einiger Zeit wirst Du schon sehen können.«
Sie ging, und er trat wieder an den Spiegel. Er gab der Brille verschiedene Stellungen auf der Nase; er schob sie hin und her – vergebens. Wenn er Etwas sehen wollte, so mußte er über oder unter derselben hinwegblicken.
»Donnerstag! Was sind doch diese Kavalleriere für dämliche Kerls! Wozu eine Brillen auf der Nas, wann man nachher nicht mal diese Nas mehr sieht!«
Da ging die Thür auf. Er glaubte, die Dame sei eingetreten und meinte:
»Höre, mit dem Nasenquetschen ists halt nix. Ich thu sie wieder herab.«
»Alle Teufel!« sagte eine männliche Stimme.
»Was meinst?«
»Wer sind Sie?«
»Wer – –? Mach kein Gespaß!«
»Ich frage, wer Sie sind!«
»Kennst mich ja! Warum verstellst nun auf einmal Deine Stimme?«
»Mein Herr, ich verstelle meine Stimme nicht und frage Sie alles Ernstes, wer Sie sind!«
Das klang so gebieterisch, ja drohend, daß Anton sofort die Brille von der Nase nahm. Ein junger Mann stand vor ihm, ganz derselbe, welcher vorhin mit den Jägern hier gewesen war.
»Himmelsakra!« rief Anton. »Da kommt Einer da herein, ohne anzuklopfen!«
»Ich werde anklopfen, damit Sie sich indessen verstecken können. Ich wiederhole meine Frage: Wer sind Sie?«
»Schau, wie neugierig Du bist! Wer bist denn Du?«
»Ich bin der Freiherr von Brenner, ein Cousin der Dame, bei welcher Sie sich befinden.«
»Cousin? Was ist das?«
»Ihrer Kleidung nach müßten Sie wissen, was das ist. Cousin heißt so viel wie Vetter, bekanntlich.«
»So, so! Also der Vetter bist? Schön, sehr schön! Kannst mir willkommen sein!«
»Die Hauptfrage ist ganz im Gegentheile, ob Sie uns willkommen sind. Ich verbitte mir das Dutzen; Sie haben mich Sie zu nennen!«
»Sie? Schön! Sehr gut! Ganz so, wie Sie willst. Ich kann auch höflich sein. So viel Contewitten haben wir auch gelernt. Also sagen Sie mir, weshalb Sie hier hereini kommst?«
»Donnerwetter! Stellen Sie meine Geduld nicht auf eine so harte Probe! Ich kann nicht dulden, daß hier in diesem Hause Strolche verkehren!«
»Strolche? Hören Sie, machen Sie Dich nicht etwan gar zu breit! Sonst fliegst Sie sofort zur Thür hinaus! Ich bin auch ein Vetter!«
»Ja, was für einer! Ich fordere endlich Ihren Namen!«
»Den kannst Sie haben. Ich heiße Arthur.«
»Wie noch?«
»Höllendampf. Ich bin Baron!«
»Ah!«
»Arthur von Höllendampf! Merk Dirs!«
»Mann, sind Sie verrückt!«
»Ja, wer Dich anschaut, kann leicht verrückt werden.«
Da trat der Freiherr näher und rief:
»Soll ich Sie arretiren lassen!«
»Arretiren? Mich? Sie armes Wurm, Du! Dich freß ich doch auf. Und brauch nicht mal eine halbe Semmel dazu. Mich arretiren!«
»Nun, sind Sie etwa hier eingeladen worden?«
»Ja.«
»Von wem?«
»Von dem Dirndl, vom Fräulein.«
»Meinen Sie Fräulein Franza?«
»Ja.«
»Die soll Sie eingeladen haben? Jetzt, mitten in der Nacht!«
»Wann sonst! Ich bin doch ihr – ihr – ihr – Schatz.«
Da fuhr der Freiherr zurück.
»Wie? Sie wären ihr – ihr Geliebter?«
»Ja, der Deinigte natürlich nicht!«
»Das ist eine Lüge!«
»Höre, komm mir nicht mit dem Worte Lüge, sonst hau ich Dir eine Watschen in's Gesicht, daß Du die österreichischen Alpen für ein Zwiebel- oder Karteuffelbeet ansehen sollst. Du wärst mir der Kerl, mich einen Lügner zu schumpfen, wann ich von der meinigen Liebsten red!«
In diesem Augenblicke kehrte Franza zurück, mit der Reisetasche in der Hand. Sie hatte die Stimmen der Sprechenden bereits von draußen gehört.
»Was willst Du hier, Cousin?« fragte sie, ohne eine Spur von Schreck zu zeigen.
»Was ich will? Das fragst Du noch!«
»Jawohl!«
»Nun, so will ich Dir antworten. Ich hörte schon längst hier oben reden. Du sagtest mir, daß Du declamirtest, und ich wollte es glauben. Endlich aber unterschied ich deutlich eine männliche Stimme, und dann hörte ich die Thür gehen. Ich stieg also herauf, um mich zu überzeugen, ob Du wirklich keine Gesellschaft hier oben habest. Ich trat herein und fand diesen – diesen – –diesen Mann, der sich dummer Weise für einen Baron von Höllendampf ausgiebt.«
»Der ist er auch!«
»Unsinn! Diesen Namen giebt es gar nicht. Du wirst ihn in keinem Adelsverzeichnisse finden.«
»Kennst Du diese Verzeichnisse alle so gut auswendig, daß Du das behaupten kannst?«
»Ja. Ueberdies giebt er sich für Deinen Geliebten aus und behauptet, von Dir eingeladen worden zu sein.«
Es glitt ein übermüthiges Lächeln über ihr Gesicht.
»Er hat die Wahrheit gesagt. Er ist mein Bräutigam.«
»Franza!«
»Cousin!«
»Du spielst Comödie!«
»Nicht im Geringsten.«
»Ich begreife Dich nicht. Man ist zwar an Deine romanhaften Schrullen gewöhnt, aber einen wildfremden Menschen zu solcher Stunde bei Dir zu empfangen, das geht doch über alle Begriffe!«
»Kann ich nicht thun, was mir beliebt?«
»Eigentlich ja; aber ich befinde mich an Stelle Deines Vaters hier, und wenn ich sehe, daß so ein zweifelhaftes Subject sich bei Dir befindet, so muß ich – – –«
Da unterbrach ihn Anton zornig:
»Was bin ich? Wie nennst Sie mich? Ein zweifelhaftes Subject? Kerl, wenn Du noch so ein Wort sagst, so pfeife ich Dir ein Ohrfeigen hinein, daß Sie denken sollst, der Hund hat eine Katz geheckt! Das könnt mir gefalln! Ein Subject, und noch dazu ein zweifelhaftes! Das laß Dir ja nimmer wieder einfallen, wann Dir Deine Knochen lieb sind!«
Der Freiherr retirirte vorsichtig, sagte aber doch:
»Welche Ausdrücke! Und das soll ein Baron sein!«
»Er ist ein Baron! Reize ihn nicht, so wird er höflich mit Dir sein!«
»Aber was thut er denn hier?«
»Was jeder Jüngling bei seiner Geliebten thut!«
»Wie? Was? Ich kann doch nicht annehmen, daß Du im Ernste sprichst. Und zum Scherz ist diese Angelegenheit doch auch nicht geeignet.«
»Nein; es ist Ernst.«
»Und wie ich sehe, bist Du zum Ausgehen angezogen. Darf ich fragen, wohin Du willst?«
»Nein.«
»Ah! So muß ich denn doch die Gewalt, welche Dein Vater mir gegeben hat, in Anwendung bringen. Ich verlange von Dir, daß Du den Mantel ablegst und zu Hause bleibst.«
»Du hast mir nichts zu befehlen!«
»In diesem Falle, ja. Und Ihnen, mein sogenannter Herr Baron, gebiete ich, dieses Haus sofort zu verlassen, wenn Sie nicht wollen, daß –«
Er trat wieder einen Schritt auf Anton zu. Dieser fragte rasch:
»Was soll ich wollen, he?«
»Daß ich Sie hinaus werfe!«
»Himmelsakra! Mich? Hinauswerfen willst Sie mich? Soll ich Dir eine Watschen geben, daß Du denkst, Dein Gesicht ist eine Getraidestoppel? Sie wärst mir derjenige Kerl, der mich hinauswerfen könnt. Du armes Schunkerl Du! Dich zerdrück ich da zwischen meinen Pratzen, daß der Syrup herunterläuft. Husch Dich hinaus! Das ist das Allerbest' für Dich!«
Der Freiherr zog sich wieder bis zur Thür zurück und fragte höhnisch:
»Willst Dich wohl von ihm entführen lassen?«
»Nein, nur spazieren gehen will ich mit ihm.«
»Das verbiete ich Dir!«
»Das hilft Dir nichts!«
»Ich werde es sehen. Wenn Du mich dazu zwingst, so wende ich nötigenfalls Gewalt an. Und was sehe ich! Hier liegt ja ein Gebirgsanzug – Kniehosen, Wadenstrümpfe, Bergschuhe und so weiter. Was hat denn das zu bedeuten?«
Er musterte den Krikelanton mit scharfem Blicke und fuhr dann erstaunt fort:
»Ich glaube gar, das ist ein Anzug Deines Vaters! Dieser Mann hat sich wohl verkleidet? Alle Teufel, mir geht ein Licht auf! Mensch, bist Du etwa der Krikelanton?«
»Was gehts Dich an!« antwortete der Gefragte. »Jetzunder bin ich halt der Herr Baron von Höllendampf.«
»Das machst Du mir nicht weiß! Jetzt bin ich mir klar! Du bist der Wilddieb, den sie suchen. Warte, Bursche, ich werde sofort nach Hilfe rufen!«
Er wollt zur Thür hinaus, aber Anton ergriff ihn schnell bei der Hand und schleuderte ihn zurück.
»Hier bleibst!« gebot er. »Ich will Dir lernen, Lärm zu machen!«
»Was, Du vergreifst Dich an mir! Ich werde laut rufen, daß man es unten im Dorfe hört!«
Da legte ihm der Anton die Faust auf die Achsel und sagte in warnendem Tone:
»Das wirst unterlassen, denn sobald Du den ersten Ruf erschallen läßt, schlage ich Dir Eins auf den Kopf, daß Du meinst, Du habest sechs Fixstern' gefressen. So ein schukkeriges Leutl, wie Du bist, fallt ja gleich in tausend Stücke, wann ich ihn so angreif, wie ichs gewöhnt bin. Setz Dich hier hernieder auf den Stuhl, und nimm eine gute Lehr entgegen! Ich will Dir gar nix thun, aber wann Du mir etwan den Spaß verdirbst, so werf ich Dich in die Höhe, so daß Du oben in der Luft kleben bleibst!«
Der Freiherr fühlte die Faust des Aelplers so schwer auf sich ruhen, daß er es für das Beste hielt, einstweilen gehorsam zu sein. Er setzte sich also auf den Stuhl und stöhnte ganz verzweifelt:
»Also doch! Es ist der Krikelanton! Franza, hast Du die Stirn, es zu leugnen?«
»Nein,« antwortete sie. »Ich leugne es nicht. Er ist es.«
»Und Du hast ihn vor der Behörde versteckt?«
»Ja, ich habe ihn gerettet.«
»Wo stack er?«
»Draußen auf dem Dachbalken.«
»Weißt Du denn, was das heißt? Du bist dadurch seine Mitschuldige geworden.«
»Ich will es darauf ankommen lassen.«
»Aber, was hast Du davon!«
»Was? Es ist das herrlichste Sujet zu meinem neuen Romane, Cousin.«
»Dieses Sujet kann Dich in's Zuchthaus bringen!«
»Dann müßtest Du mich verrathen.«
»Ich muß es. Es ist meine Pflicht!«
»Gut, so gehe hin, und melde der Polizei, daß Deine Cousine, die Baronesse von Stauffen, sich eines armen, abgehetzten Menschen angenommen hat!«
»Was thue ich! Was thue ich! Franza, Du bringst mich in die schrecklichste Verlegenheit!«
»Du befindest Dich nicht in der mindesten Verlegenheit. Du brauchst Dir mir den Anschein zu geben, daß Du gar nichts wissest; dann kann Dir gar nichts geschehen.«
»Und was willst Du jetzt thun? Was hast Du vor?«
»Ich werde den Anton nach Hause bringen.«
»Ueber die Grenze?«
»Ja.«
»Mädchen! Bist Du toll?«
»Es ist ein Roman!«
»Den Du mit Freiheit und Ehre zu bezahlen haben kannst! Denke Dir, daß Deine Schwester krank ist und Dein Vater alt – – –!«
»Eben deshalb. Meine kranke Schwester und mein alter Vater können diesen Verfolgten nicht retten, eben weil sie krank oder alt sind. Übrigens ist der Vater abwesend. Du wirst zum Schutze der Schwester hier bleiben; da kann ihr nichts geschehen. Unterdessen spazieren wir nach der Stadt und nehmen einen Wagen. Kein Mensch wird uns fragen oder gar anhalten. Es ist also gar keine Gefahr für mich vorhanden.«
»Das meinst Du jetzt; aber es kann sehr leicht ganz anders kommen, als Du denkst.«
»Das warte ich ruhig ab.«
»So wasche ich meine Hände in Unschuld und lege mich schlafen. Ich weiß von nichts.«
Er wollte fort. Aber sein Gesicht schien dem Krikelanton nicht zu gefallen, denn dieser sagte:
»Meinst etwan, daß ich Dir das glaube? Du wirst Dich ins Bett legen! Das fallt Dir schon gar nicht ein. Ich seh Dirs an der Nasenspitzen an, daß Du den Schalk hinter dem Ohrlappen sitzen hast. Nein, es wird anders, als Du denkst. Du gehst nicht hinab in Deine Stuben, sondern Da bleibst hier.«
»Willst Du mir etwa Gewalt anthun?« brauste der Freiherr auf.
»Nein, wannst nämlich Verstand annimmst. Warum willst denn hinab?«
»Weil unten mein Bett steht.«
»Hier heroben steht auch eins.«
»Da schläft diese Dame!«
»Die schläft heut gar nicht, also kannst Dich ruhig auf das ihrige legen.«
»Das schickt sich nicht. Leider scheinst Du davon keinen Begriff zu haben.«
»Ich hab vielleicht viel besseren Begriff als Du. So zum Beispiel begreife ich ganz gut, daß Du fort willst, um mich ergreifen zu lassen.«
»Wer sagt das.«
»Ich.«
»Da bist Du auf sehr verkehrten Gedanken.«
»Wohl nicht. Ich sehe es Deinem Fuchsgesicht schon deutlich an, was Du im Schilde führst.«
»Mensch, beleidige mich nicht abermals!«
»Thu halt nicht dick!«
»Wenn ich Dich verrathen wollte, so würde ich doch dieser Dame schaden!«
»O, das kannst sehr leicht so einrichten, daß es ihr keinen Schaden bringt. Das begreif ich schon sehr gut. Wenn Du nix gegen mich vorhast, so kannst Du hier oben bleiben.«
»Das thue ich nicht.«
»Wirst es doch thun. Ich will es, und da muß es auch geschehen.«
»Das wollen wir sehen.«
Er wollte nach der Thür. Anton aber hielt ihm die Faust entgegen und drohte:
»Setz Dich auf den Stuhl! Oder soll ich Dir Lust machen, mir zu gehorchen? Mit so einem Schlinkelschlankel wird kein großer Summs gemacht! Wir Beid gehen, und ich werd die Thür hinter uns verschließen, aber den Schlüsserl stecken lassen. Wann dann die Nachtwandlerin in der Früh erwacht, wird sie kommen und Dich herauslassen. Bis dahin aber bleibst hier!«
Der Freiherr sah keinen Ausweg. Er hatte allerdings die Absicht hinab in das Dorf zu eilen oder einen Posten aufzusuchen. Wenn er die Sache so darstellte, daß Anton die Cousine vergewaltigt habe, so konnte dieser nichts geschehen. Nun aber sollte er nicht fortgelassen werden. Widerstand gegen den löwenstarken Jäger war nicht gerathen. Da fiel sein Blick auf das Fenster. Das Häuschen war nicht hoch. Ein Sprung aus dem Fenster schien gar kein Wagniß zu sein. Darum that der Freiherr, als ob er keinen Widerstand leisten werde, und seufzte nur:
»Franza, ich füge mich; aber Du wirst Alles zu verantworten haben.«
»Ich weiß, was ich thue, und werde es vertreten.«
»So mach, was Du willst!«
Jetzt wurde kein Wort mehr gesprochen. Anton steckte seine Sachen in die Reisetasche, und dann wandte er sich mit Franza zum Gehen. Aber als er bereits unter der geöffneten Thür stand, drehte er sich noch einmal um und warnte:
»Bleib ruhig hier bis in der Früh! Wann es Dir einfallen sollt, nicht zu gehorchen, so könntst Schaden davon haben.«
Er machte die Thür zu und drehte den Schlüssel um, ließ denselben aber stecken. Sie stiegen leise die Treppe hinab, um die schlafende Schwester Franza's nicht zu wecken, und verließen das Haus.
Anton blickte sich sehr vorsichtig um, gewahrte aber nichts Verdächtiges.
»Komm!« sagte sie, ihn am Arm ergreifend.
»Noch nicht. Sag mir zuvor, ob Du Deinem Vettern gut bist.«
»Dem Freiherrn? Warum fragst Du?«
»Ich hab auch meine Absicht.«
»Ich kann ihn nicht leiden.«
»So thut es Dir nicht weh, daß er eingesteckt ist?«
»Nein.«
»Das wollt ich wissen. Und nun setz Dich hier auf diesen Stein, und wart eine Minute!«
»Willst Du fort?«
»Nicht weit.«
»Wohin?«
»Unter sein Fenster.«
»Glaubst Du vielleicht, daß er herabspringen könnte? Das thut er nicht.«
»Ich traue ihm nicht weiter, als ich ihn sehe. Ich will einmal nachschaun, ob er noch Licht hat.«
»Ich gehe mit.«
»Ich kann Dich nicht gebrauchen.«
»Und ich laß Dich nicht allein. Ich will Dich retten, und da darf ich nicht von Deiner Seite weichen.«
»Ist Dirs etwa angst um ihn?«
»Nein. Komm!«
»Nun gut; Aber sei still; darfst nicht einen Laut hören lassen.«
Sie schlichen sich zum Gebäude zurück, nach der Giebelseite, an welcher sich Franza's Stübchen befand. Vorsichtig an der Ecke stehen bleibend, lugten sie um dieselbe herum. Das Fenster oben war dunkel.
»Er hat schon das Licht ausgelöscht,« flüsterte das Mädchen befremdet.
»Weißt, warum?«
»Nein. Ob er sich schon niedergelegt hat?«
»Fallt ihm nicht ein. Nach einem solchen Begebniß legt man sich nicht so schnell zum Schlaf. Nein. Er hat Mucken im Kopf. Er hat das Licht verlöscht, damit man nicht sehen soll, was er thut. Horch!«
»Das Fenster klingt.«
»Er hat es geöffnet.«
»Um heraus zu blicken?«
»Nein, sondern um herauszusteigen und herunterzuspringen.«
»Wozu?«
»Mich fangen zu lassen.«
»Nein, nein!«
»O doch! Da, schau empor, aber vorsichtig. Siehst nicht gegen den Himmel die Beine?«
»Wirklich!«
»Hab ich nicht immer Recht? Da, halt mir einmal den Hut, die Feueresse.«
»Warum?«
»Damit der Vetter mich nicht gleich an der alten Röhre erkennt.«
»Was willst Du mit ihm?«
»Nix, gar nix. Ich will ihm nur zeigen, daß ich noch da bin und mich von ihm nicht übers Ohr schlagen lasse. Sei still!«
Er nahm den Hut vom Kopfe, langte in die Reisetasche, zog sein eigenes Hütchen heraus, setzte es auf und lauschte dann an der Ecke. Droben am Fenster ließ sich ein kräftiges Streichen hören, wie wenn Jemand mit den Füßen an der glatten Wand einen festen Halt sucht, dann that es einen Sprung – Anton trat sofort um die Ecke und fragte halb laut:
»Wer da?«
Der Freiherr war herabgesprungen und mit auf die Hände zu liegen gekommen. Er richtete sich auf, warf einen Blick auf den Frager und antwortete:
»Gut Freund!«
»Das kann Jeder sagen, mein Bursch. Was springst da herab. Wer bist!«
Der Mond war gesunken, und da hier überhaupt die Schattenseite war, so lag der Giebel im ziemlichen Dunkel, so daß Antons Züge nicht so leicht zu erkennen waren. Ueberdies verstellte er seine Stimme; das führte den Freiherrn irre.
»Ich wohne hier,« antwortete er.
»Und springst aus dem Fenster!«
»Weil man mich gewaltsam eingeschlossen hat.«
»Wer?«
»Der Krikelanton.«
»Himmelsakra!«
»Ja. Sie gehören jedenfalls zu den Jägern, die nach dem Menschen suchen?«
»Natürlich bin ich einer von denen Jägern.«
»Denken Sie sich, während Sie ihn bei meiner Cousine suchten, hat er da oben auf dem Balken gesessen!«
»Der verfluchtige Schnauzerl!«
»Dann ist er hineingekommen – – –«
»Was? Einistiegen ist er in die Stuben?«
»Ja. Jetzt soeben ist er wieder fort. Wenn Sie schnell machen, so werden Sie ihn finden.«
»Wohin ist er?«
»Nach der Stadt hinein.«
»Da muß ich ihm schnell nach.«
»Halt! Nicht so rasch! Ich muß Ihnen vorher mittheilen, daß meine Cousine bei ihm ist.«
»Sapristi! Hat er sie etwan gestohlen?«
»So ähnlich. Kommen Sie! Ich gehe mit und werde Ihnen unterwegs erzählen, wie Alles zugegangen ist und wie die Sachen stehen.«
»Wie die Sachen stehen, das weiß ich halt auch.«
»Nein, Sie wissen es nicht!«
»O, sehr genau: Du stehst hier, und ich stehe hier.«
»Ja, aber – – –«
»Schweig! Und nun stehe ich noch hier. Du aber stehst nicht mehr hier sondern Du liegst.«
Er holte aus und schlug ihm die Faust an den Kopf, daß der Freiherr besinnungslos niederstürzte.
Franza hatte hinter der Ecke gestanden und Alles gehört. Jetzt kam sie schnell herbei.
»Um Gotteswillen! Du hast ihn geschlagen!«
»Ja, ich hab ihm Eins gegeben.«
»Er ist wohl gar todt!«
Sie kniete bei dem Cousin nieder.
»Todt? Fallt ihm nicht ein!«
»Er bewegt sich aber doch nicht!«
»Das will ich ihm auch nicht gerathen haben. Schaust nun, daß er Schlechtigkeiten im Kopf gehabt hat! Dafür hab ich ihm so ein kleins Pocherl auf den Kopf geben, daß er für eine halbe Stund Ruhe hat. Nachher wird er wieder aufwachen.«
»Ists wahr?«
»Ganz gewiß.«
»Wer wenn er todt wäre! Herrgott, ich fände meine Ruhe nie wieder!«
»Wie kannst denken, daß er todt ist! Ich hab ihm so einen kleinen Hieb geben, wie wann man einen Floh derschlägt. Wann er hätt todt sein sollen, nachher hätt ich halt ein Wenig besser ausgeholt. Untersuch doch mal, ob er noch Athem hat und ob sein Herz noch schlägt!«
Sie that das und meinte dann beruhigt:
»Ja, er lebt noch; er ist nicht todt.«
»So laß ihn liegen und komm!«
»Ihn hier liegen lassen? Sollen wir ihn nicht hineinschaffen?«
»Hineinschaffen? Hm! Willst ihn nicht auch noch in ein seiden Tucherl wickeln, ihm eine Schokoladen kochen und ihn in die Wiegen legen, um ihn einzusingen: ›Eia popeia, ein Ganserl bist Du – mach doch die Augen und den Schnabel bald zu!‹ Nein, so haben wir nicht gewettet. Du willst einen Roman machen, und, weißt, in einem Roman darf's nicht so mild und zärtlich hergehen. Da muß Blut fließen, und die Knochen müssen fliegen wie bei einem Hagelwetter.«
»Du hast Recht, Anton. Er hat auch mich verrathen wollen und ist nicht werth, daß ich mich um ihn bekümmere. Fast hätte er mir mein prächtiges Sujet verdorben. Lassen wir ihn also liegen! Komm, Anton!«
»Ja, komm! Wir haben keine Zeit übrig.«
Sie gingen.
Anton wußte so ziemlich, wo die Posten standen. Da sie vorhin, nachdem auf ihn geschossen worden war, vom Berge herabgekommen waren, ließ sich vermuthen, daß sie nun wieder oben standen. Er hielt sich also so tief wie möglich, und so gelang es ihm, unbemerkt von dieser Seite der Alm hinwegzukommen.
Sie mußten freilich sehr nahe am Abgrunde vorüber. Da erblickten sie Lichter unten in der Tiefe.
»Da unten giebt es Leute,« sagte Franza. »Was mögen die dort wollen?«
»Weißts nicht?«
»Nein.«
»Sie suchen meine Leich'. Sie denken, ich bin hinabgestürzt. Du liebs Herrgottl! Vielleicht ist gar auch die Leni dabei! Wann ichs doch nur da hinunterrufen dürft, daß ich noch heroben am Leben bin. Die wird sich was grämen!«
»Sorge Dich nicht. Ich will es ihr sagen, daß Du glücklich entkommen bist.«
»Willst wirklich?«
»Ja, auf dem Rückwege.«
»Vergelts Gott! Bist eine liebe, gute Seele, Franza! Ich werd zu den Heiligen bitten, daß sie Dir mal einen Mann verschaffen, mit dem Du recht zufrieden sein kannst. Nicht?«
»Ja, bitte sie darum! Aber ein Held muß er sein, so wie Du oder Friedrich der Große.«
»Das ist halt sehr schön, daß Du mich mit diesem vergleichst. Nur hat er es ein Wenig weiter gebracht als ich. Doch schau, nun wollen wir nix mehr sprechen. Wir sind grad über dem Dorf, und da können sie uns sehr leicht hören. Wir gehen rechts ab an der Halde hin und kommen nachhero auf den Weg nach der Stadt.«
Das gelang ihnen. Franza hatte ihren Arm in den seinigen gelegt; er mußte sie halb tragen, des ungebahnten, steinigten Bodens wegen. Dennoch aber kamen sie schnell vorwärts, und der Tag war noch nicht angebrochen, als sie die Stadt erreichten.
Anton war hier bekannt. Er wußte einen Fuhrwerksbesitzer, welcher geweckt wurde. Dieser wunderte sich, als er hörte, daß er einen vornehmen Herrn mit einer ebenso vornehmen Dame nach einem so kleinen Orte, wie Elsbethen ist, fahren solle, und noch dazu in solcher Stunde, war aber für den Preis, welchen Franza ihm bot, gern bereit, es zu thun.
Er hatte eine Laterne angebrannt und bat die Herrschaften, einstweilen in die Stube zu gehen. Diese zogen es aber begreiflicher Weise vor, auf der vor dem Hause angebrachten Bank Platz zu nehmen. Da saßen sie, während angespannt wurde, und plauderten mit einander, natürlich leise, um nicht gehört zu werden. Antons Dialect hätte sofort verrathen, daß er kein vornehmer Herr sei.
Da kam Einer die Gasse herab, der eine Laterne in der Hand trug. Als er näher kam, war auch das Horn und der Spieß zu erkennen. Der Mann war der Wächter der Nacht. In kurzer Entfernung blieb er stieß ins Horn und sang dann:
»Hört, Ihr Herrn, und laßt Euch sagen,
Die Glocke, die hat vier geschlagen.
Bewahrt das Feuer und das Licht,
Daß der Stadt kein Leid geschützt.
Und lobet Gott, den Herrn!
Und ich hab die Latern!«
Das war nun freilich ein Schluß, über welchen Franza lachen mußte. Sie that dies so laut, daß der Beamte der Stadt es hörte.
»Wer hats da zu kichern?« fragte er, indem er näher herbei kam.
Die Beiden antworteten natürlich nicht. Er kam ganz heran und hielt ihnen die Laterne vor die Gesichter. Als er Antons bärtiges Gesicht erblickte, rief er erschrocken aus:
»Verdimmi verdammi! Was hab ich da geschaut! Bist etwan nicht der Anton?«
Franza nahm sogleich das Wort:
»Welcher Anton?«
»Der Krikelanton.«
»Wer ist das?«
»Na, dera saubere Krampen, welcher von dena Polizisten überall gesucht wird.«
»Da sind Sie wohl an den Unrechten gekommen!«
»Glaubs nicht. Den Anton kenne ich genau.«
»Kennen Sie auch mich?«
»Nein.«
»Ich bin die Baronesse Franza von Stauffen.«
»Das glaub ich nicht.«
»Wie, das glauben Sie nicht?« fragte sie, sich hoheitsvoll vor ihm aufrichtend.
»Nein,« antwortete er aufrichtig. »Eine Baronessen setzt sich nicht mit einem Landstreicher hier auf die Schemmelbank und thut mit ihm poussirn, so spät in der Nacht. Wer weiß, was Du auch für eine Kabruschen bist. Ich werd Euch Beide einiwickeln und ins Loch stecken.«
»Sieh mich erst an!« befahl sie.
Er leuchtete ihr in das Gesicht und meinte dann:
»Was denn nun? Deine Nasen habe ich gesehen. Aber dadurch wirds nicht anders. Wo kommst her?«
»Von meiner Wohnung drüben auf der Alm.«
»Die kenn ich nicht. Und wo willst hin?«
»Nach Salzburg.«
»Da hinüber, wo der Anton zu Haus ist? Das ist ja grad dem gerichtlichen Alibi sein Corpus delicatus. Damit ists bewiesen, daß dieser der Krikelanton ist. Macht Euch auf und geht mit!«
»Wir sind keine Landstreicher. Wir sitzen nur einstweilen hier, bis der Fuhrmann da drin angespannt hat.«
»Was, Ihr wollt fahren?«
»Auch noch! Das will ich mir verbitten. Daraus wird nun und nimmer nix. Wilddieb und fahren! So nobel und bequem sollt Ihrs doch nicht haben dürfen. Vorwärts!«
»Fällt mir nicht ein!«
»Nicht? Weißt, was das ist? Das ist Widerstand gegen meine Staatsgewalt und wird doppelt bestraft. Ich frage Euch zum letzten Male, ob Ihr mir folgen wollt! Sonst zeige ich Euch auch noch an wegen Hausfriedensbruch auf nächtlicher Gassen der Vaterstadt!«
Jetzt stand auch Anton auf. Er hatte sich den Klemmer auf die Nase gesetzt, stellte sich kerzengrad hin und sagte in strengem Tone:
»Schau mich an!«
Der Nachtwächter that dies, indem er die Laterne emporhob.
»Na, hast mich nun gesehen?«
»Ja.«
»Hat der Krikelanton eine Brillen auf der Nasen?«
»Nein.«
»Hat er einen solchen Angströhrenhut?«
»Nein.«
»Oder solche Handschucher an den Händen?«
»Auch nicht.«
»Oder hat er eine Reitpeitsch und eine solche feini Reisetaschen mit Blumen darauf?«
»Nein.«
»Wie kannst also sagen, daß ich der Anton bin!«
»Weil Du grad denselbigen Bart hast und auch dasselbiges Gesicht wie er.«
»So, also nur deshalb! Weißt nicht, daß Bärter und Gesichterln einander ähnlich sehen?«
»Das ist freilich schon wahr.«
»Na also! Hast aber schon mal eine Brillen gesehen, grad so wie die meinige?«
»Nein.«
»Oder einen Hut so, wie der?«
Er nahm ihn ab und ließ die Feder spielen, so daß der Hut sich zusammendrückte und dann wieder in seine vorige Fassung zurückkehrte.
»Verdimmi, verdammi! Das hab ich noch nie gesehn.«
»Wie also kann ich der Anton sein! Ich bin der Baron von Höllendampf, und wann Du noch ein einzig Mal sagst, daß ich der Anton bin, so setz ich Dir eine Watschen ins Gesicht daß Deine Nasen in fünf Minuten sie ein Butterfaß ausschaut. Verstanden!«
»Herrjegerl! Ists so gemeint!«
»Ja, so ists gemeint! Und nun laß mich aus, und mach Dich von dannen, sonst geb ich Dir Sprungfedern in die Bein'!«
Da nahm der Nachtwächter seine Kopfbedeckung ab, verbeugte sich und sagte:
»Bitt gar schöni um Verzeihung, Herr Baron! Nur der Schnurrwichs hat mich irr gemacht. Der Teufel soll ihn holen! Jetzt seh ich halt ein, daß Du nicht der Anton bist. Wünsch glückliche Reis', und wann Du wiederkommst, so brauchst halt nicht davon zu sprechen, daß ich mich an Dir verschaut hab. Es wär da um die ganzi Reputation geschehen!«
»Na, so trab von dannen, und ich will Dirs vergeben und es Dir nicht anrechnen!«
Der Mann ging mit seiner Laterne weiter. Unterwegs brummte er noch in sich hinein:
»Verdimmi, verdammi! Da war ich halt an den Richtigen kommen! Das war ein Feiner, ein Vornehmer! Wie der mich angeschnauzt hat, so gar wie ein General oder Armenhäuslervater! Ja diese Sorte kann commandiren! Wann ich nur so mit dem blauen Auge davonkomme! Der verteufelte Schnauzer! Aber die Brillen, die Brillen! Und der Hut! Wie kann das der Kritelanton sein! Wo hab ich halt nur die Augen gehabt und die Latern! Ja, die Latern, die ist nicht gut geputzt, und da schaut halt Alles anders aus, als wie es ist. Ich muß die meinige Frau mal tüchtig ausschimpfiren, damit sie mir ein ander Mal die Laternengläser heller macht, sonst kann man gar noch um Amt und Würden kommen!«
Anton hatte sich wieder niedergesetzt und fragte:
»Nun, was sagst? Hab ich den Baron gut gespielt oder nicht?«
»Außerordentlich gut.«
»Ja, schau, so dieses Vornehme, das ist halt angeboren. Wers nicht hat, dem kanns niemals nicht ein Schulmeister geben. Der Wächter ist gar schön abgelaufen. Er wird es nicht wieder thun.«
Nach einiger Zeit war der Fuhrmann fertig. Die Beiden stiegen ein, und die Fahrt begann. Als der Wagen den Ort hinter sich hatte und auf der Höhe angekommen war, brach der Tag an. Die im Westen sich erhebenden Spitzen der Alpen warfen die Röthe des Morgens zurück, und rundum erschollen die Jodler der Senner und Sennerinnen, welche ihr Tagewerk begannen.
Zunächst war es einsam auf der Straße. Dann traf man Fußgänger und auch einzelne Wagen. Die Beiden fuhren in einem sogenannten Berner Wägeli, welches ohne Verdeck war. Darum waren ihre Gestalten und Gesichter deutlich zu erkennen. Anton verließ sich nicht auf Hut und Brille allein. So oft er Jemandem begegnete, zog er das »Sacktuch« hervor und hielt es vor das Gesicht. Auf diese Weise kam er unerkannt über die Grenze hinüber. Dort erst wurde ihm das Herz wirklich leicht, obgleich er auch vorher nicht Das gehabt hatte, was man Angst zu nennen pflegt.
Jetzt führte der Weg wieder abwärts. Links erhoben sich himmelhohe Felswände, und rechts stürzte der Abhang jäh in das Thal. Es mochte gegen acht Uhr sein, als der Fuhrmann von der Straße in einen Dorfweg einbog. Anton hatte ihm den Namen seines Dorfes genannt. Als sie dasselbe erreichten, war ganz eigenthümlicher Weise kein Mensch zu sehen. Vor einem kleinen, höchst ärmlichen Häuschen ließ Anton halten und stieg aus.
»Hier ists, wo Du wohnst?« fragte Franza.
»Ja. Nicht wahr, das ist kein Palast?«
»Nein. Aber nicht nur in Palästen giebt es glückliche Menschen. Gehen wir hinein!«
Jetzt nickte der Fuhrmann vor sich hin, stieß ein Lachen aus und rief:
»Jetzund wird mirs hell im Kopf!«
»Wieso?« lachte auch Anton.
»Bist ein sakrischer Malefizbub! Jetzt nun bist der Krikelanton. Wer hätt glauben sollen, daß Du auch ein Baron sein könntst! Jetzt hab ich Dich aus der Polizei errettet!«
»Du? Bilde Dir das nicht ein. Uebrigens fahr ich wieder retour mit Dir.«
»Fällt mir nicht ein. Dich nehm ich nimmer auf.«
»Warum nicht?«
»Weil ich sonst gar selbst noch bei der Parabel genommen werd.«
»Brauchst keine Angst zu haben. Ich will eben nach der Polizei, um mich zu melden. Fahr jetzt nach dem Wirthshaus. Wir kommen dann hin und werden zahlen, was Du verzehrt hast.«
Der Kutscher gehorchte dieser Weisung, und Anton trat mit seiner Beschützerin in die ärmliche Stube. Diese war leer.
»Ja, wo sind sie denn?« fragte er. »Jetzt fangen die Leuteln an, bereits am frühen Morgen spazieren zu gehen.«
»Vielleicht kehren sie bald zurück?«
»Ich werd gleich nach ihnen ausschaun; aber in dieser Kleidung kann ich das nicht. Da würden mir alle Hunde und Gäns im Dorf nachlaufen. Setz Dich auf den Stuhl und wart ein Wenig.«
Er trat mit der Reisetasche in die Kammer und kehrte bereits nach kurzer Zeit zurück. Er hatte seinen Gebirgsanzug wieder an und dafür die Verkleidung in die Tasche gepackt.
»So! Jetzt bin ich wieder ein Mensch. Es ist mir in Deinen Kleidern zu Muth gewesen wie einer Schneck, der das Häuserl zu eng gerathen ist. Jetzt will ich den Vatern und die Muttern holen.«
»Weißt Du, wo sie sind?«
»Sie gehen nimmer weiter als zum Nachbarn hinüber. Ich werd bereits bald wieder da sein.«
Das traf nun freilich nicht zu. Franza mußte wohl fast eine Viertelstunde warten. Da hatte sie Zeit, sich umzusehen.
Das Stübchen war weiß getüncht und sauber. Es enthielt einen Kachelofen, einen Tisch, zwei Stühle, einen Schemel als Meublement. An der Wand, der Thür gegenüber, hing ein Muttergottesbild. Die Stubendecke zeigte Spuren, daß der Regen hereingedrungen sei. Draußen im Nebenkämmerchen befanden sich drei Lagerstätten, aus Moos und Laub hergerichtet. Das Alles machte den Eindruck tiefster Armuth, war aber doch so reinlich und sauber gehalten, wie es bei dieser Aermlichkeit eben möglich war.
Endlich hörte Franza die Schritte des Zurückkehrenden. Als er eiligst hereintrat, waren seine Wangen hoch geröthet, und seine Augen blitzten unternehmend.
»Hast Du sie gefunden?« fragte sie.
»Nein. Sie sind gar nicht im Dorf, sondern droben auf der Alm.«
»Die alten Leute!«
»Ja, das ganze Dorf ist hinauf. Alt und Jung, Mann und Weib. Nur die kleinen Kinderln sind zurückblieben und die ganz schwachen Greise. Ich traf ein alts Mutterl, welche es mir sagte.«
»Ist denn Etwas los?«
»Jawohl! Ein Unglück. Es hat gestern einen Felsensturz geben.«
»Sind Leute verunglückt?«
»Einheimische nicht, aber zwei Fremde. Ein großer Musikmeister aus Wien hat sich die Alpen anschaun wollen und ist gestern früh ohne Führer hinauf. Dann später um Mittag hat es einen großen Donner geben. Da ist der hohe Stein herabgestürzt, und die beiden Leuteln sind nicht mehr vorhanden gewesen. Da hat man gesucht. Ihn, den Musikmeister, haben sie gegen Abend unter dem Schutt hervorgegraben, und sein Weib ist erst heut ganz in der Früh entdeckt worden, droben, wo der Felsrutsch begonnen hat. Dort hangt sie an der Wand. Keiner kann hinauf, weil keine Leiter lang genug ist, und Keiner kann herab von der Felsenspitz zu ihr, weil diese nie nicht erreicht worden ist.«
»Herrgott! Lebt sie?«
»Ja. Man hört sie wimmern und rufen.«
»So muß Alles versucht werden, sie zu retten.«
»Freilich. Hunderte von Menschen sind oben, aber Keiner weiß eine Hilfe. Auch mein alter Vatern ist mit der Muttern hinauf. Sie haben ihn hinauf begehrt, weil er der gewandtest Bergsteiger gewesen ist, und vielleicht einen Rath geben kann. Gehst etwan mit?«
»Ja, natürlich.«
»So komm! Aber gleich?«
Sie stand auf und wollte mit ihm fort. Zu ihrer Verwunderung ergriff er den hölzernen Stuhl, auf welchem sie gesessen hatte.
»Willst Du etwa den Stuhl mitnehmen?«
»Ja.«
»Wozu?«
»Ja, das weiß ich auch nicht; aber es ist möglich, daß man ihn braucht. Ich kenn den Ort nicht, an welchem die Frau hängt. Kann man ja zu ihr gelangen, so ist es aber doch jedenfalls ihr unmöglich, herabzusteigen; also muß sie abigetragen werden, und dazu ist der Stuhl sehr gut.«
Ohne weiter ein Wort zu sagen, ging er fort. Sie schritt neben ihm her.
Sein ganzes Wesen, seine Sicherheit, sein Selbstbewußtsein, das Alles machte einen eigenartigen Eindruck auf sie. Sie sagte sich unwillkürlich:
»Wenn die Verunglückte zu retten ist, so ist er es, der sie rettet.«
Sie schürzte sich hoch und hielt Schritt mit ihm, obgleich er in Beziehung auf die Schnelligkeit gar keine Rücksicht auf sie nahm.
Er hielt zunächst gar keinen gebahnten Weg ein. Es galt, eine hohe, mit kurzem Grase bewachsene Lehne zu erklimmen. Oben auf der Höhe gab es dann einen schmalen Pfad, welcher aufwärts führte. Dort kam ihnen ein Weib entgegen. Als es die Beiden erblickte, blieb es stehen, schlug froh die Hände zusammen und rief:
»Anton! Da bist endlich! Gott sei Dank!«
»Was ists mit mir?«
»Das ganze Volk hat alls auf Dich gewartet. Wo hast denn so lang gesteckt?«
»Auch in der Welt. Warum wartet Ihr auf mich?«
»Weil Du die Frau holen sollst.«
»Ich? Ist kein Anderer da?«
»Das wohl! Wir haben muthige Buben in der Menge, aber das ist schier zu gefährlich.«
»Und da soll halt grad ich den Hals brechen? Ja, um den Krikelanton ists nicht schad!«
»So ists nicht gemeint; aber es ist kein Anderer, der Dein Auge hat und Deine Kraft, Deine Ausdauer und Deine Kniekehlen.«
»Kann man denn zu ihr hinauf?«
»Keiner hälts für möglich; aber Dein Vatern sagt: Wann mein Anton da wär, so möcht ers wohl bringen.«
»Dann bring ichs auch. Der Vatern versteht seine Sach. Wo ist der Platz?«
»Folg nur immer diesem Weg. In einer halben Stund kommst zur Stelle. Ich muß hinab, um nach der Wirtschaft zu sehn, da ich Niemand daheim zu Haus habe.«
Sie eilte weiter. Anton sagte zu Franza:
»Hasts gehört? Immer auf diesem Weg grad fort, dann kannsts nicht verfehlen.«
»Du doch auch.«
»Ich werd jetzt schneller gehen. Vielleicht ist gar Gefahr im Verzug. Du wirst nicht so rasch steigen können.«
»Ich bleib bei Dir.«
»So komm!«
Er nahm sie bei der Hand. Es war eine Art von Begeisterung über sie gekommen. Zunächst lag das wohl im allgemeinen menschlichen Mitgefühl, sodann aber auch in dem Interesse der Schriftstellerin. Es galt, ein zwar unglückliches aber hoch interessantes Ereigniß mit zu erleben, da fühlte Franza weder Anstrengung noch Müdigkeit.
So ging es rasch bergauf. Eine Viertelstunde verging und noch eine. Da führte der Pfad um eine Ecke, und nun war die Unglücksstelle zu sehen; sie lag grad vor ihnen.
Ein Hochthal, dessen Sohle fast ganz mit Geröll und Felsbrocken aller Größen bedeckt war, bot den Anblick einer ungeheuern Verwüstung. Hier hatte eine hohe Felsenwand gestanden, welche gestern in sich zusammengebrochen war. Auf dieser Wand, auf welche sehr leicht zu gelangen gewesen war, hatten sich die beiden Verunglückten im Augenblicke der Katastrophe befunden. Unten wimmelte es von Menschen. Da, wo der Felsen sich hinter der eingebrochenen Wand fast senkrecht erhob, bemerkte Anton einen dunklen Punkt, dessen Beschaffenheit er jetzt noch nicht zu unterscheiden vermochte.
»Komm, komm!« rief er und zog Franza in doppelter Eile mit sich fort.
Sie kamen näher, und Anton wurde erkannt.
»Der Krikelanton!« rief eine laute Stimme. »Juhu! Er ist endlich da!«
»Juhu!« wiederholten Hunderte, und Alles eilte ihm entgegen.
Hundert Rufe schallten in sein Ohr, und jeden einzelnen sollte er beantworten. Er beachtete gar keinen und schritt auf den Pfarrer zu, welcher, das Cruzifix in der Hand, ihn erwartete.
»Ist die Hilf möglich, Hochwürden?« fragte er.
»Gott allein weiß es, mein Sohn. Hast Du bereits erfahren, wie es zugegangen ist?«
»Nur wenig; aber ich kann es mir selber erklären. Da oben ist die Frau?«
»Ja, da ist ein kleiner Vorsprung, auf dem sie gesessen hat, als der Berg neben ihr wich und ihren Mann mit hinab nahm.«
»Der lebt noch?«
»Er lebt und ist vollständig unverletzt. Komm mit zu ihm.«
Kein Mensch achtete auf Franza. Der Pfarrer nahm Anton bei der Hand und führte ihn nach einem Felsbrocken, auf welchem ein Herr in Touristenanzug saß, der freilich sehr gelitten hatte.
»Hier, Herr Professor, ist der Anton,« sagte der Geistliche.
Der Fremde hatte ganz zusammengesunken dagesessen, das Gesicht in die Hände gestützt. Jetzt, bei diesen Worten, hob er den Kopf und sprang von seinem Sitze empor. Er hatte wohl viel geweint. Seine Augenlider waren geschwollen. Sein bleiches Gesicht war übernächtig. Er schien sich kaum auf den Füßen erhalten zu können.
»Der Anton!« rief er, tief athmend. »Endlich, endlich! Junger Mann, komm her! Blicke da hinauf! Siehst Du sie?«
»Ja. Es ist Deine Frau?«
»Sie ist es. Bringe sie mir herab, und Alles, was ich besitze, ist Dein. Ich bin reich.«
Anton maß mit scharfem, bedachtsamem Blicke die Höhe und sagte:
»Herr, wann der liebe Gott will, daß Deine Frau gerettet werden soll, so will er doch nicht, daß Du die Rettung bezahlen sollst!«
»Ich weiß, daß eine solche That nicht mit Geld zu bezahlen ist. Ich weiß auch, daß kein einziger Mensch den Muth hat, sie zu unternehmen. Ich hörte, daß es nur einen Einzigen giebt, der es wenigstens versuchen könnte, und der bist Du.«
»Kannst Deine Frau hören?«
»Nein. Es ist zu hoch.«
»So weißt ja gar nicht, ob sie noch lebt.«
»Das weiß ich. Sie hat noch vor kaum zehn Minuten mit dem weißen Taschentuche gewinkt. Sage mir, ich frage Dich bei Gott und bei Deiner Seligkeit, ob es möglich ist, zu ihr zu gelangen!«
»Mit einer Leitern nicht, und von oben herab mit einem Strick auch nicht; denn die Kuppe ist unersteigbar.«
»Mein Gott! So ist sie verloren! Sie muß elend verschmachten!«
Er sank auf einen Stein nieder. Niemand sagte ein Wort. Aller Augen hingen an dem Gemsenjäger, welcher mit seinem Blicke die ungeheuere Wand musterte. Der Pfarrer trat an seine Seite.
»Anton!« sagte er halblaut.
»Weiß schon, Hochwürden!«
»Ich will Dich nicht in das Verderben senden; aber da oben streckt der Verzweiflungstod seinen entsetzlichen Rachen einem armen Menschenkinde entgegen. Ich kenne Dich; ich brauche Dir kein Wort weiter zu sagen.«
»Ist nicht nöthig, Hochwürden. Hält irgend wer die Rettung für möglich?«
»Kein Mensch, als Dein Vater allein.«
»So will ich zu ihm. Wo ist er?«
»Ganz da vorn. Er hat sich die Wand noch einmal ganz genau betrachten wollen.«
Anton schritt zwischen den Trümmern auf den alten Vater zu, welcher mit seinem Weibe auf einem Steinblocke stand und den Blick nach der Unglücksstätte gerichtet hielt. Er wußte, daß sein Sohn sich nicht suchen lassen, sondern zu ihm kommen werde.
Alle Anwesenden folgten hinter Anton, und als dieser seine Eltern erreichte, gruppirten sie sich in einem engen Kreise um die drei Personen.
»Kommst endlich!« sagte der alte Warschauer, indem er dem Sohne die Hand entgegenstreckte. »Schau, da droben liegt die Arme. Sie kann nicht herab, und wir können nicht hinauf. Was meinst dazu, Anton?«
»Ja, Du bist der Vatern; erst kommst Du. Was meinst denn dazu?«
»Ich mein, daß es schlimm ist, wann das Alter kommt. Einmal, in vorheriger Zeit, war ich noch kräftig und zähe. Da bin ich an allen Wänden emporgelaufen.«
»Auch an so einer?«
»Nein, an so einer noch nicht; aber ich weiß nicht, ob ich nicht auch das versucht hätt.«
»So meinst, daß ich es versuchen soll?«
»Nein, das mein ich nicht. Schau, Du bist jung, und das ist der Tod.«
Er deutete bei den letzten Worten nach der Wand. Der Professor hatte es gehört; er trat herbei und sagte:
»Ich wiederhole, was ich bereits hundert- und tausendmal gesagt habe: ich gebe dem Retter mein Vermögen. Warschauer, rede Deinem Sohne zu, daß er es sich verdiene!«
Der Alte machte eine ganz unbeschreibliche Handbewegung und antwortete in zornigem und beinahe verächtlichem Tone:
»Wer bist denn, he, daß Du mir Dein Vermögen bietst? Ein Professor? Ist ein Professor oder sein Weib mehr werth, als ein anderer Mensch? Wie groß ist Dein Vermögen? Sag!«
»Ueber hunderttausend Gulden. Sie sind Euer, wenn Ihr mir meine Frau bringt.«
»Hunderttausend Gulden? Was ist das denn weiter? Das ist ein Dreck gegen das Vermögen, was ich besitze. Da schau her? Hier steht mein Vermögen, der Anton, mein einzig Kind. Was giebst mir, wann der von der Felswand abistürzt und todt ist? Kannst mich dann mit hunderttausend Gulden bezahlen?«
»Nein, das kann ich nicht. Aber ich flehe Euch an, hier auf meinen Knieen, daß Ihr – – –«
Er war wirklich auf die Kniee niedergesunken.
»Halt ein!« gebot ihm der Alte. »Du darfst nur vor Deinem Herrgott niederknien. Wann Du von Lohn sprichst, so ist das eine Beleidigung für uns. In den Bergen wohnen arme Leuteln, aber brav sind sie doch. Ihr reichen Leut kommt herauf zu uns und streicht da herum, wo ihr nicht hingehört. Ihr bringt Geld mit Euch und meint nun, daß Ihr die Berge kaufen könnt. Ihr macht uns die Nahrung theuer, und wann Ihr fort seid, so habt Ihr das mit Euch mit fortgenommen, worauf wir stolz sein konnten allimmerdar: die Einfachheit, die glücklich macht, auch wann man arm ist und nur das trocken Brod hat. Ich mag von den reichen Leute nix wissen; aber sie sind halt auch Menschen, und wann Einer sich in Gefahr befindet, so frag ich halt nicht, ob er arm ist oder reich; ists möglich, so soll er gerettet werden. Aber wann Du mir nochmals Geld bietest, so gehe ich heim und nehm den Anton mit!«
»Warschauer!« sagte der Pfarrer in verweisendem Tone. »Bedenke, was der Herr Professor fühlen muß!«
»Weiß schon! Aber Hochwürden mag auch bedenken, was ich und mein Weib fühlen müssen, wenn wir den Anton da hinauf schicken!«
»Gott wird ihn schützen!«
»Das wohl. Das ist auch der einzige Grund, wegen dem ich überhaupt in dieser Sach den Mund aufthu. Jetzt, Anton, schau einmal grad recht scharf hinauf. Siehst keine Möglichkeit?«
»Ich hab sie schon gesehen.«
»Ja, ja!« meinte der Alte stolz. »Du bist mein Sohn, mein richtiger Sohn. Du siehst halt sofort und gleich, was Keiner sieht. Es geht ein Weg hinauf.«
»Wo? Wo?« fragte es rundum.
»Was hilfts Euch, wann Ihr es erfahrt? Es kraxelt doch Keiner von Euch hinauf. Sag, Anton, wieviel Seil' Du brauchen wirst!«
»Zwei.«
»Das ist richtig. Ich seh, daß Du ganz Dasselbige meinst, wie ich. Und einen Hammer mußt haben und zwei Spitzeisen zum Einschlagen. Und den Stuhl hast auch schon mit. Willsts wagen?«
»Was sagst dazu, Vater, Mutter?«
»Ja, was sollen wir sagen, Bub? Wir sagen nicht Ja und nicht Nein. Glückts, so ists halt gut; glückts aber nicht, so dürfen wir nicht den Vorwurf haben, daß wir Dich in den Tod getrieben haben. Thu, was Du willst.«
Alle waren still. Sie hielten die Hände gefaltet. Sie wußten, daß das nächste Wort Antons die Entscheidung bringen werde. Das Auge des Professors hing mit unbeschreiblich ängstlichem Ausdrucke an den Lippen des jungen Mannes. Endlich sagte dieser:
»Und wann ich verunglück, werdet Ihr es mir vergeben, daß ichs gewagt hab, Vater, Mutter?«
»Vergeben? Mein Sohn, wir werden hungern müssen, aber wir werden stolz auf Dich sein!«
»So will ichs thun!«
Wer war der größere Held, der Sohn oder der Vater mit der Mutter, welche bereit waren, ihr Ein und Alles zu opfern, um ein fremdes Menschenleben zu retten? Der Alte hatte gesprochen wie ein ächter Spartaner. Als der Sohn nun seinen Entschluß kund gab, ließ sich ein großer, tiefer, allgemeiner Athemzug hören, ein Seufzer der Erleichterung, welcher aus Aller Brust kam. Der Professor stieß einen Jubelruf aus und sagte:
»Ich soll nicht wieder vom Gelde sprechen; aber wenn Du ja verunglückst, was Gott in seiner Barmherzigkeit verhüten möge, so werden Deine Eltern nicht darben, denn ich werde ihr Bruder sein. Das verspreche ich Dir!«
Es wurden zwei Seile zur Stelle geschafft, welche Anton sich um den Leib wickelte. Sie waren lang und dünn, aber außerordentlich haltbar. Ein Fläschchen mit Kirschengeist steckte er ein, und endlich nahm er einen Hammer und zwei Spitzeisen in den Gürtel.
Nun war er fertig. Aber er trat keineswegs schon jetzt den fürchterlichen Weg an, sondern er ging zum Pfarrer, der ihn beobachtet hatte, was er thun werde.
»Hochwürden, wollen ein Wenig zur Seit treten; ich will beichten.«
»Recht so, mein Sohn! Mag der Allmächtige beschlossen haben Leben oder Tod; Du sollst auf den Letzteren vorbereitet sein.«
Als Anton dann vor dem Priester niederkniete, sanken alle Anwesenden auch auf die Kniee und entblößten ihre Häupter. Alle beteten für ihn und für die Verunglückte, deren Retter er sein wollte.
Als er gebeichtet und die heilige Absolution empfangen hatte, ging er zu den Eltern. Sein Gesicht zeigte keine Spur von Angst.
»Nun, Vater, wolln wir Abschied nehmen,« sagte er heiter. »Wie lange Zeit ich fortbleibe, das weiß ich halt nicht. Vielleicht ists länger, als ich denk; dann magst für mich beten.«
Er umarmte und küßte ihn. Dann legte er auch die Arme um das alte, graue Mütterchen.
»Mein liebs, liebs Mutterle, wein halt nicht. Mein Weg führt nach oben: zur Rettung oder in den Himmel. Hab tausend Dank für Alls, was ich Dir schuldig bin. Wann ich untergeh, so freu Dich nur, daß Du mich im Himmel wiederschaust. Leb wohl viel tausendmal!«
Alle schluchzten laut; selbst der Pfarrer weinte. Anton riß sich los. Da erblickte er Franza. Er ging zu ihr, gab ihr die Hand und sagte:
»Leb auch Du wohl! Vielleicht siehst jetzt, daß der Wilderer kein böser Mensch ist – – –«
»Ich wiederhole es. Du bist ein Held. Mag geschehen, was da wolle, ich werde Dich nie vergessen.«
»So thu mir einen Gefallen!«
»Welchen?«
»Geh hin zur Leni, und sag ihr meinen Abschied! Wann es nicht gelingt, wann ich abistürz, so werd ich halt noch in dem Augenblick, an welchem ich den Halt verlier, ihren Namen rufen. Sag ihr Das, und nun leb wohl!«
Er reichte allen Bekannten reihum die Hand; dann schnallte er sich die Steigeisen an, band sich den Stuhl auf den Rücken und ergriff den Bergstock, welchen er sich ebenso wie die Steigeisen hatte borgen müssen. Als er nun nach der Felsenwand schritt, gingen Alle mit. Dort angekommen, sagte sein Vater noch:
»Anton, gieb mir Deine Hand!«
Er nahm sie und fühlte nach dem Pulse.
»Meinst, ich hab Angst?« fragte der Sohn.
»Nein. Du bist mein Sohn und hast niemals Angst gehabt. Aber ein solch Erlebniß macht das Blut leicht unruhig.«
»Das meinige ist ruhig.«
»Ich fühle es. Also steig aufi, Anton! Der Herrgott mag seine tausend Engel senden, daß sie Dich halten und beschützen. Amen!«
Jetzt traten Alle zurück. Sie wußten, daß ihre Nähe ihn nur stören müsse. Sie wichen so weit zurück, daß sie die Wand in ihrer ganzen Höhe und Breite überblicken konnten.
Nur die scharfen Augen des Alten und seines Sohnes hatten eine Möglichkeit ersehen, die Wand zu erklimmen; einen Weg, eine Ritze, in welcher man sich emporschieben konnte, gab es gar nicht.
Jetzt schwang sich Anton auf einen Vorsprung, auf einen zweiten und dritten. Als er so weit emporgekommen war, daß die vorliegenden Trümmerhaufen ihn nicht mehr verdeckten, sondern er zu sehen war, wie eine Fliege an der senkrechten Wand hängend, entfuhr dem Munde des anwesenden Dorflehrers der Anfang eines Kirchenliedes – Alle stimmten ein, und brausend erklang es bis hinauf zu der unglücklichen Frau:
»Hier liegt vor Deiner Majestät
Im Staub die Christen-Schaar,
Das Herz zu Dir, o Gott erhöht.
Die Augen am Altar.
Schenk uns, o Vater, Deine Huld!
Vergieb uns uns're Sündenschuld!
O Gott, vor Deinem Angesicht
Verstoß uns arme Sünder nicht.
Verstoß uns nicht,
Verstoß uns Sünder nicht.«
Es war ein Augenblick, wie selten einmal im Leben eines Menschen. Alles Irdische war gesunken, und nur der Gedanke an Gott, den Allmächtigen, hatte Macht und Gewalt über die Seelen. Die Mutter Antons vermochte es nicht, ihrem Sohne mit den Augen zu folgen. Sie hatte sich hinter einem Felsblock niedergekniet und betete aus inbrünstigem Herzen. Ihr Mann aber saß regungslos und verwendete keinen Blick von dem Sohne.
Freilich war es entsetzlich. Aus dieser Entfernung schien die Wand ganz glatt und ohne alle Hervorragungen zu sein. Oft hielt Anton still und suchte lange Zeit vergebens mit dem Fuße oder dem Bergstocke einen festen Halt. Oft glaubte man, ihn bereits stürzen zu sehen, und Alle schrieen dann laut auf. Aber es war nur eine verwegene Bewegung gewesen, welche ihn sicher vorwärts brachte. Man wagte nicht, laut zu sprechen. Die Bemerkungen, welche man machte, flüsterte man sich nur leise zu.
So ging es höher und höher, über eine Stunde lang. Oft mußte der kühne Steiger minutenlang ausruhen, wenn er einen Punkt fand, an welchem dies möglich war.
»Herrgott, nur nicht einen Krampf!« flüsterte sein Vater. »Schwindel giebts nicht bei ihm. Wann er nur nicht einen Krampf bekommt!«
Kurz und gut, jeder Gedanke war jetzt ein Gebet. Und diese stillen, unausgesprochenen Gebete schienen erhört zu werden. Wenigstens ging der kühne, unbegreifliche Aufstieg ohne nennenswerthe Unterbrechung von statten.
Aber wie Anton zu der Frau gelangen wollte, das war Allen außer seinem Vater ein Räthsel. Grad da, wo sie sich befand, rund um den Vorsprung, auf welchem sie tag, war der Felsen wirklich glatt, ohne die Spur einer Stelle, auf welcher nur eine einzige Zehe hätte Halt finden können, viel weniger aber ein Fuß und also der ganze Mann.
Jetzt befand der kühne Mann sich grad so hoch wie die Frau, aber vielleicht zwanzig Ellen rechts von ihr.
»Was wird er thun? Wie kommt er hin?« fragte Einer den Andern, und Keiner wußte die Antwort.
Als er nun aber noch immer höher stieg, begann den Leuten die richtige Ahnung aufzudämmern, was er beabsichtige. Nämlich grad über dem Standort der Verunglückten, ungefähr zehn Ellen höher, gab es eine kleine Vertiefung, auf welche Anton es abgesehen hatte. Sein adlerscharfes Auge hatte ihm gesagt, daß es ihm möglich sei, dorthin zu gelangen, natürlich nur dann, wenn er das Leben für nichts achtete. Diese Vertiefung erreichte er glücklich und setzte sich dort nieder.
Ein überlauter, jubelnder Schrei erscholl zu ihm empor. Den Zuschauern schien es, als sei das ungeheuer schwierige Werk bereits halb gelungen.
»Noch nicht den zehnten Theil,« sagte der alte Warschauer. »Die eigentliche Arbeit beginnt erst jetzt.«
Die Vertiefung hatte kaum Platz für einen Menschen. Darum hatte Anton den Stuhl gelockert, so daß derselbe an der Schnur von seinem Rücken herabhing. Unter sich die ungeheure Tiefe, um sich nichts als nackte, glatte Felswand, begann er zu arbeiten.
»Was thut er?« fragte man unten.
Als Alle athemlos lauschten, hörten sie von oben herab ein leises, kaum wahrnehmbares Geräusch, wie das regelmäßige Ticken einer Uhr. Anton schlug mit dem Hammer das Spitzeisen in das Gestein, um einen festen Halt für das Seil zu bekommen. Diese Arbeit war mühsam. Es dauerte über eine halbe Stunde, ehe man bemerkte, daß er das Seil befestigt hatte. Dann plötzlich hing er an demselben in der Luft, hin und her schwebend wie ein Pendel. Immer weiter und weiter nieder griff er sich. Er kam der Frau näher und immer näher, und da – da hatte er den Vorsprung erreicht und kniete bei ihr nieder.
Lauter Jubel schallte von unten herauf. Er hörte ihn kaum.
Der Vorsprung war nicht unbedeutend, wohl zehn Ellen lang und vier Ellen breit. Da lag die Frau, unbeweglich und mit geschlossenen Augen. Anton zitterte jetzt, nicht um sich, sondern um sie. Sie lag in unmittelbarer Nähe der Kante. Eine Bewegung nach auswärts, und sie stürzte hinab. Weiter her zu lag das weiße Taschentuch, mit welchem sie gewinkt hatte.
Anton band zunächst den Stuhl los und setzte ihn nieder. Dann kroch er hin und zog die Frau so weit zurück, daß sie nicht hinabfallen konnte. Sie hatte das Aussehen einer Leiche. Sie hatte sich die zarten Händchen blutig gerungen. Er zog die Flasche hervor und tröpfelte ihr ein Wenig Kirschengeist zwischen die halbgeöffneten Lippen. Sie schlug die Augen auf, starrte ihn eine Weile an und fragte sodann:
»Wo bin ich jetzt?«
»Fast in Sicherheit.«
»Fast in Sicherheit? Also noch nicht todt? Lebe ich denn noch?«
»Ja, Du lebst halt schon noch und sollst wohl auch nicht sogleich sterben.«
»Mein Gott! Wer bist Du? Wohl ein Engel!«
»O nein. Ich bin der Krikelanton. Hast denn noch nimmer von mir gehört?«
»Nein. Du bist ein Mensch?«
»Ja, ein richtiger Mensch, ein armes Teuferl, der sich freut, daß er hat da heraufi zu Dir kraxeln können.«
»Wie ist das möglich! Hier herauf kann kein Sterblicher! Nur dem Adler ist es möglich, herbeizukommen.«
»Hm! Es muß schon auch Anderen möglich sein, denn Du siehst ja auch mich hier.«
»Also doch, doch! Welch eine Kühnheit! Und Du willst mich retten?«
»Ja, wannst mit hinab willst.«
»O Gott, o Gott! Rettung, Rettung!«
Sie schloß die Augen. Nach all dem Jammer und der entsetzlichen Todesangst machte der Gedanke, daß Rettung möglich sei, sie schwindeln. Er flößte ihr noch einige Tropfen ein, und sie öffnete die Augen wieder. Jetzt nun dachte sie an die Wirklichkeit:
»Mein Mann!«
»Der sitzt da unten.«
»Wie! Er ist nicht todt?«
»Gar nicht. Er ist ganz schön mit abigerutscht und hat sich nachhero herauspasseln lassen.«
»Gott, Gott, ich danke Dir! Ich war überzeugt, daß er zerschmettert worden sei!«
»Wie ists denn geschehen?«
»Wir stiegen herauf. Ich setzte mich hierher, um auszuruhen. Es gab da einen langen Spalt durch das Gestein, aber nicht breit, kaum einen Zoll breit. Niemand konnte ahnen, daß eine ganze Wand sich vom Felsen trennen und in die Tiefe stürzen werde. Während ich ruhte, ging mein Mann weiter vor, um einige Pflanzen zu holen. Da begann es zu krachen, zu bersten und zu donnern. Der Fels verschwand vor meinen Augen und mein Mann mit ihm. Ich wurde ohnmächtig.«
»Schrecklich! Der Fels muß aber doch nur langsam abigebrochen sein, sonst wär Dein Mann zerschmettert worden.«
»Gottes Engel haben ihn gehalten.«
»Ja, sicher. Er ist verschüttet gewest und aber bald herausgraben worden. Nachher hat er sich gewaltig um Dich gekümmert.«
»Welche Angst mag er ausgestanden haben!«
»Größer nicht als die Deinige.«
»Ganz gewiß nicht. Ich werde nie beschreiben können, was ich hieroben ausgestanden habe. Die Verzweiflung hat mich in ihren Krallen geschüttelt seit gestern.«
»Wir werden ihr die Krallen verschneiden.«
»So meinst Du wirklich, daß ich gerettet werden kann?«
»Mit Gottes Hilf alleweil ja.«
»Aber wie?«
»Na, klettern kannst halt nicht?«
»Nein.«
»Das dacht ich schon. So werd ich Dich also wohl tragen müssen.«
»Wohin?«
»Da hinunter.«
Er zeigte in die grausige Tiefe hinab.
»Unmöglich!«
»Warum?«
»Da kann kein menschliches Wesen hinab.«
»Bin ich nicht auch heraufi stiegen?«
»Wie das möglich geworden ist, kann ich mir nicht denken. Ich bin nur einmal bis zum Rande hingekrochen, um einen Blick hinab zu werfen, aber es ist mir sogleich schwarz vor den Augen geworden.«
»So bist leicht schwindelig?«
»Ja.«
»O wehe! Da werde ich Dir die Augen verbinden müssen.«
»Ist das nöthig?«
»Unbedingt. Wann Du im Schwindel eine falsche Bewegung machst, sind wir alle Beid verloren.«
»Aber wie willst Du mich denn tragen?«
»Das ist ganz schön und hübsch für Dich. Schau den Lehnstuhl dort! Auf diesen setzest Du Dich, und ich bind Dich und ihn mir auf den Buckel. Auf diese Art und Weis spazier ich nachhero abwärts.«
»Mit solcher Last!«
»O, Du bist halt keine dicke Bäckerswittwe, die drei Centner Speck am Leibe hat. Mit Dir werd ich schon bald fertig werden. Hast Hunger?«
»Nein.«
»Das ist gut, denn ich hab nix zu Essen mit. Aber wann wir hinab kommen, nachhero kannst Alles haben, was Dein Herz begehrt. Jetzt nun will ich das Eisen fest machen.«
Er holte das zweite Eisen heraus und den Hammer, und begann das Erstere in den Felsen zu treiben. Als er aus allen Kräften zu hämmern begann, rief die Professorin erschrocken:
»Um Gotteswillen, was thust Du!«
»Ich mach ein Loch.«
»Der Felsen zittert. Wenn er nun abstürzt!«
»So stürzen auch wir und sind todt.«
»So halte doch auf!«
»Das kann nix nutzen. Schau, wann wir hinab wollen, so muß ich hier das Seil festmachen, nachhero sind wir gerettet; also muß ich klopfen. Bricht der Stein ab und wir mit ihm, so haben wir einen raschen Tod; das ist doch besser, als daß ich nicht klopfe, und wir verschmachten hier.«
Sie sah ein, daß er Recht hatte. Als das Spitzeisen im Felsen einen festen Halt gefunden hatte, schlang er sich das zweite Seil vom Leibe und befestigte es an das Eisen.
»Es ist ja viel zu kurz,« sagte sie.
»Das hast sehr richtig gesagt,« antwortete er lächelnd. »Es müßt grad zwanzigmal länger sein, wann es bis hinab reichen sollt. Aber ich will mich auch nicht seilen bis ganz hinab.«
»Wie sonst?«
»Schau, grad unter uns ist wieder so ein kleiner Stein, gar nicht groß und breit, höchstens eine Viertelellen, so daß man gerad den Fuß darauf setzen kann. Wann ich nur einmal da auf demselbigen steh, sodann ists gut; es wird dann schon die Stellen geben, wo ich den Stock einhaken kann oder Platz für die Fußspitz find.«
»Das ist doch gefährlich!«
»Nicht so gefährlich wie hier bleiben und verschmachten. Willst mit hinab?«
»O Gott, mir graust vor dieser Tiefe!«
Sie verhüllte die Augen mit den Händen.
»Aber hinab mußt doch einmal! Thu mir den Gefallen und denk an Deinen Mann!«
»Verzeihe mir! Du erscheinst mir wie ein Engel vom Himmel, und ich bin so kleinmüthig.«
»Denk an das heilige Bibelbuch, worinnen zu lesen ist, daß die Engel kommen und den Menschen halten, daß er an keinen Stein stößt. Nicht wahr. Du steigst mit abi?«
»Ja.«
»So komm her, und setz Dich auf den Stuhl!«
Sie that es. Er band ihren Leib und ihre Arme an die Lehne und ihre Beine an diejenigen des Stuhles fest. Dann verband er ihr mit ihrem Taschentuche auch die Augen, was sie ruhig geschehen ließ.
»Ich ergebe mich Gott und Dir!« hauchte sie.
»Gott wird uns schützen. Ich werd schon ganz gut hinab kommen, wann Du mir nur versprichst, Dich nicht zu regen und zu bewegen, auch nicht zu schreien. Du mußt grad ebenso sein, als ob Du todt und begraben seist.«
»Ich verspreche es Dir.«
»So mag es denn beginnen.«
Jetzt kauerte er sich nieder, um sich den Stuhl auf den Rücken zu binden, so daß die Stuhllehne zwischen seinem Rücken und dem ihrigen zu liegen kam. Dann erhob er sich.
»Gehts fort?« fragte sie.
»Ja. Ich wollt aber erst auch probirn, wie schwer Du bist. Das ist grad wie eine Feder. Wann Du still bist, so werd ich denken, ich hab gar nix auf dem Buckel. Bet auch recht schön leise immerfort, denn jetzt beginnts.«
Er mußte natürlich das obere, erste Seil, mit dessen Hilfe er hierher gekommen war, hangen lassen. Jetzt kroch er bis zum Seitenrande des Vorsprunges, kniete dort nieder, ergriff das Seil, rutschte langsam vom Steine ab und ließ sich sodann am Seile hinab. Den Alpenstock, von welchem das Gelingen des ungeheuren Wagnisses ab hing, hatte er natürlich nicht auf dem Vorsprunge zurückgelassen; er trug ihn mit sich, so daß er die obere Krümmung desselben in den Zähnen hielt.
So ging es am Seile abwärts, bis er die erwähnte Stelle erreichte, auf welcher sein Fuß Halt fand.
»Hörst mich, Frau?« fragte er.
»Ja.«
»Das Seil ist zu End, und ich muß mich nun nur auf meine Füß und auf den Stock verlassen. Leg Dich recht schwer nach hinten, so daß mich Dein Gewicht nicht von der Wand abzieht, sonst stürzen wir hinab.«
Sie gehorchte. Er nahm eine möglichst zusammengebogene Stellung ein. um im Gleichgewicht zu bleiben, mußte sich aber freilich sagen, daß die geringste Bewegung ihrerseits ihr beiderseitiges Verderben sein werde. Glücklicher Weise war sie vor Angst fast gelähmt. Sie bewegte sich nicht. Sie wagte ja kaum zu athmen.
Was er bisher gethan hatte, war fast nur ein Kinderspiel zu nennen gegen das, was er noch zu unternehmen hatte. Auf dem kleinen Vorstoße hangend, richtete er den klaren, scharfen, furchtlosen und schwindelfreien Blick neben und unter sich, um einen zweiten Punkt für Fuß und Stock zu finden, dabei aber immer berechnend, daß es von da aus auch weitere Anhaltspunkte gebe.
So begann der Abstieg, bald grad abwärts, bald zur rechten oder zur linken Seite. Oft gab es keine Stelle mehr, um Fuß zu fassen, und dann mußte er mit Lebensgefahr wieder zurück, um dann andere Stellen zu suchen.
Es gehörten, die Eigenschaften der Seele ganz abgerechnet, Muskeln von Eisen und Flechsen von Stahl, Nerven aber wie von Erz dazu, diesen Gang in den Abgrund auszuführen. Und das war bei Anton vorhanden. Immer tiefer und tiefer kam er. Die zuschauende Menge hielt es nicht für möglich. Noch fünfzig, noch vierzig Ellen war er vom Boden entfernt; dann nur noch dreißig, zwanzig – zehn Ellen. Noch fünf – vier – drei – zwei Ellen; dann that er den kleinen Sprung. Er stand auf fester Erde – die Professorin war gerettet.
Man hätte denken sollen, daß nun ein großer Jubel zu hören gewesen sei, aber mit nichten.
Der Augenblick war ein zu gewaltiger. Alle sanken auf die Kniee nieder. Da begann der Pfarrer:
»Ich rief den Herrn in meiner Noth:
Ach Gott, vernimm mein Schreien!
Da half mein Helfer mir vom Tod
Und ließ mir Trost gedeihen.
Drum Dank, ach Gott, drum dank ich Dir.
Ach danket, danket Gott mit mir!
Gebt unserm Gott die Ehre!«
Alle sangen mit. Alle, nur Antons Eltern nicht und der Professor nicht; diese fanden selbst zu diesem Lobliede keine Worte, keine Töne. Und Anton stand unbeweglich da, aber seine Kniee zitterten. Nach der entsetzlichen, übermenschlichen Anstrengung trat die Reaction ein. Er kniete langsam nieder, so daß er den Stuhl zur Erde setzte, und löste den Strick, mit welchem er ihn an sich befestigt hatte.
Bereits war der Professor herbeigesprungen. Er riß seiner Frau das Tuch von den Augen und zog sie weinend in seine Arme, obgleich sie noch an den Stuhl gefesselt war.
An den Schultern Antons aber hingen seine alten Eltern, laut schluchzend vor Freude, Glück und Stolz. Das dauerte aber gar nicht lange, denn nun drängten sich auch die Andern heran. Jeder wollte dem muthigen Retter die Hand drücken und ihm ein Wort der Bewunderung, der Anerkennung sagen.
Der Professor umarmte ihn.
»Anton,« sagte er, »was Du heut an uns gethan hast, das hast Du Dir gethan. Ich will nicht von Dank sprechen; aber Gott soll meiner vergessen, wenn ich dieses Augenblickes vergesse. Sei mein Bruder, mein Sohn! Was ich habe, das gehört auch Dir!«
In jubelndem Triumphe wurden Retter und Gerettete hinab in das Dorf geführt. Dort angekommen, flüchtete Anton sich mit den Eltern sogleich in sein Hüttchen. Franza war mit nach dem Gasthause gegangen, wo der Professor logirte. Die Frau Professorin befand sich in einem höchst hilfsbedürftigen Zustande, und die derben Bewohnerinnen des Ortes waren zur Behandlung der zarten Dame so wenig geeignet, daß eben Franza sich derselben annahm.
Natürlich mußte Anton vor allen Dingen berichten, was er während der Rettungsthat gedacht und gefühlt habe. Dann aber wurde er gefragt, warum er erst heut nach Hause gekommen sei. Er erzählte seine Erlebnisse, und da fiel ihm erst das Geld ein, welches er einstecken hatte. Vor Eifer, für die Professorin das Wagniß zu unternehmen, hatte er gar nicht daran gedacht. Er zog die blanken Goldstücke hervor, legte sie auf den Tisch und sagte:
»Da schaut, was ich Euch mitgebracht habe.«
»Herrjesses!« rief seine Mutter, vor Entzücken die Hände zusammenschlagend. »Das sind ja meiner Seel lauter Goldstückerln! Wo hast denn diese her?«
»Von dem Herrn aus München, bei dem ich den Bären erschossen hab.«
»Der gute! Was aber fangen wir nun alleweil mit dem gar vielen Geldl an?«
»Das werd ich Dir gleich sagen.«
»Nun?«
»Davon lebst und zehrst mit dem Vatern, bis ich wieder aus meiner Gefangenschaft zurückkehr.«
»Gefangenschaft?«
»Ja.«
»Was plauschest da! Wirst doch nicht in Gefangenschaft gehen, da sie Dich nicht ergriffen haben!«
»Doch werd ich gehen. Es ist besser, ich bin die Sorg los. Und nachher wird die Leni mein Weib.«
»Die Leni? Da will ich gar nix dagegen haben; aber das mit dem Gefängniß, da wird nix daraus. Nicht wahr, Alter.«
Der Vater antwortete bedächtig:
»Der Anton hat noch nicht gesagt, wie er auf diesen Gedanken kommen ist. Wie ich ihn kenn, so thut er nix, ohne es sich vorher überlegt zu haben. Laß ihn reden. Wir hören ihn an, und sodann wird es sich zeigen, was wir davon zu denken haben. Also sprich, Anton!«
Und nun erklärte der Sohn, wie er durch Leni und seine Liebe zu ihr auf den Gedanken gekommen sei, dem Gesetze nachzukommen. Er sprach längere Zeit in aller Aufrichtigkeit und Eindringlichkeit zu den Eltern. Und als er fertig war, hatte er den Vater so überzeugt, daß dieser sagte:
»Hast Recht, Anton. Geh hinüber und stell Dich dem Gericht. Dann bists los.«
»Und wann?«
»Wann Du denkst.«
»Dann recht bald. Je rascher ich beginne, desto rascher bin ich es wieder los. Was meinst, ob ich heut schon geh?«
»Thu es, Anton. Etwas Gutes soll man nie nicht auf die lange Bank schieben.«
»Nein, nein, heut nicht!« rief die Mutter. »Heut, nachdem Du so Großes vollbracht hast, wollen wir Dich bei uns haben.«
»Und grad derowegen möcht ich gehen. Weißt, nun kommen die Leut all, und ich soll Red und Antwort stehen. Vielleicht kommt gar auch noch der Professor und will sich extra bedanken; das ist mir zuwider, und daher geh ich lieber fort.«
Die Mutter war nun freilich ganz dagegen, aber der Vater gab ihm Recht, und so wurde beschlossen, daß er sich noch heut dem Gerichte stellen solle.
»Fährst mit dem Freifräulein hinüber?« fragte der Alte den entschlossenen Sohn.
»Eigentlich wollte ich; aber sie wird mir widerreden.«
»Warum?«
»Sie will mich partutemang glücklich machen, und da paßt es ihr natürlich nicht in ihren Kram, daß ich gefangen bin. Ich möcht lieber ohne sie hinüber. Aber wann ich lauf, so ergreifen sie mich.«
»Kannst auch fahren.«
»Mit wem?«
»Des Nachbars Knecht wollt hinüber mit Heu. Er ist nur durch das Unglück droben am Bergsturz abgehalten worden. Ich will mal nachschauen, ob er noch fährt.«
Er ging und kehrte schnell mit der Nachricht zurück, daß der Knecht doch noch fahre und bereits beim Anspannen sei. Nach kurzer Zeit sahen sie den Wagen vorüberrollen, und Anton nahm Abschied von den Eltern. Das brach ihnen das Herz keineswegs. Diese derben Leute haben sich auch lieb, aber ihre Liebe ist keine weichherzige; sie macht weniger Umstände als bei anderen Menschen.
Anton holte vor dem Dorfe den Wagen ein und kroch, da der Knecht bereits unterrichtet war und er ihm also keine lange Rede zur Erklärung zu halten brauchte, in das Heu, wo er nicht bemerkt werden konnte.
Es war wenig nach Mittagszeit, als sie in der Stadt ankamen. Anton ging sofort nach dem Gerichtsamte, wo die Bureaustunden für den Nachmittag eben begonnen hatten. In dem Anmeldezimmer befand sich der Amtswachtmeister und – der Nachtwächter, welcher entweder auch des Tages über hier eine Beschäftigung fand, oder in eigener Angelegenheit da zu thun hatte. Als der gute Mann den Wilderer eintraten sah, stand ihm vor Erstaunen der Mund weit offen.
»Herrgottsakra, der Krikelanton!« rief er aus.
Der Wachtmeister fuhr herum, betrachtete den jungen Mann und sagte:
»Das ist er? Das? Unmöglich.«
»Warum halt unmöglich?«
»Weil der Fuchs doch nimmer in der Höhle des Löwen erscheinen wird.«
»O, ein Fuchs verlauft sich auch mal!«
»So wärs wahr? Bists wirklich?«
»Ja, ich bins,« antwortete Anton ruhig.
»Bist nicht gescheidt! Kannst Dir doch denken, daß wir Dich festhalten!«
»Das weiß ich.«
»Und kommst dennerst?«
»Eben deswegen komme ich. Ich will halt hier festgehalten sein.«
»Bist wohl nicht richtig beim Kopfe?«
»Ich bin wohl sehr richtig.«
»Weißt, wen wir mal haben, den lassen wir nicht sobald gleich wieder fort!«
»Ich will auch gern bleiben. Kannst mich bei dem Herrn Amtmann melden.«
»Gleich bei dem? Warum nicht vorher bei dem Herrn Actuar oder Referendar?«
»Weil ich halt gleich reine Sach haben will.«
»Nun, so mußt noch ein Wenig warten. Setz Dich nieder. Da steht die Bank.«
Anton setzte sich. Der Nachtwächter wußte noch immer nicht, ob er seinen Augen trauen dürfe. Er kam langsam näher und fragte:
»Willst Dich wohl gleich selbst freiwillig stellen.«
»Ja.«
»Das ist ein' Seltenheit.«
»Aber es ist besser, sonst fängst Du mich noch und arretirst mich ins Loch.«
»Das kann sein.«
»Meinst?«
»Ja. Ich hätt' Dich heut in der Nacht beinahe schon ergriffen und eingearretirt.«
»Glaub's kaum!«
»O ja! Aber als der Herrgottle den Schaden besah, warst Du es nicht, sondern ein Anderer.«
»Wer?«
»Hab den Namen vergessen.«
»Wohl der Baron von Höllendampf?«
»Verdimmi, verdammi! Du kennst ihn?«
»Sehr gut. Er hatte eine Brillen auf, eine Reitpeitsch und einen Hut zum Zusammen- und Auseinanderthun? Nicht wahr?«
»Ja. So einen Hut hab ich noch gar nimmer geschaut. Er könnt gedrückt und gezogen werden grad wie eine Ziehharmonie. Aber woher weißt Du es?«
»Weil ich dabei war.«
»Du?«
»Ja.«
»Es war nur ein Weibsbild dabei.«
»Ein Weibsbild und ich. Der Baron von Höllendampf war ich selber. Verstanden!«
»Du – Du – wärsts – –gewesen?«
»Ja.«
»Verdimmi, verdammi! Nicht zu glauben!«
»Hab ich Dich nicht gut angeschnauzt? Du bist davon gangen wie der Pudel, wenn man ihm Wasser auf den Pelz schüttet.«
»Hör mal, Anton, das will ich mir verbitten! So weit geht die unserige Freundschaft nicht, daß ich mich von Dir einen Pudel schimpfen laß!«
»Das hab ich halt auch nicht gethan. Es war doch nur ein Vergleich, den ich gemacht hab.«
»So giebts noch andere Sachen, mit denen Du mich vergleichen kannst; es braucht nicht eben grad nur ein Pudel zu sein.«
»Was denn? Ein Aff oder Heupferd?«
»Schweig! Hier befindst Dich auf amtlichen Boden, und wann Du mich vorrinjurirern willst, so kannst schon schnell eingesperrt werden!«
»Wohl wieder wegen Hausfriedensbruch auf nächtlicher Gassen? Hast wieder den Alibi gefunden vom Corpus delicatum?«
»Sei still, Anton! Davon braucht Niemand nix zu erfahren. Wann sie hören, daß ich Dich hab laufen lassen, so bekomm ich eine Nasen, die für fünf Nashörner und für zehn Aliphanten ausreicht. Die gestrengen Herren verstehen halt so leicht keinen Spaß. Eigentlich hab ich Alles zu verarretiren, was ich auf der Straßen find, wann ichs nicht kenne. Wer ein Amt hat, der hat auch eine Sorg. Es ist nur gut, daß mit dem Amt auch gleich allemal der Verstand kommt.«
Jetzt trat eine Person aus dem Bureau des Amtsmannes, welcher also nun zu sprechen war, und der Wachtmeister meldete Anton an, welcher sogleich vorgelassen wurde.
Der Beamte mochte überrascht sein, daß der vielgesuchte Wilderer freiwillig zu ihm komme. Er musterte ihn einen Augenblick lang, und diese Musterung schien von gutem Erfolg gewesen zu sein, denn er fragte in mildem Tone:
»Was führt Sie zu mir?«
»Mein freier Wille, Herr Amtmann. Ich möcht meine Straf absitzen.«
»Absitzen? Sie scheinen das plötzlich recht eilig zu haben!«
»Ja, je ehnter ich beginn, desto ehnter hörts auf.«
»Aber es ist Ihnen doch noch gar keine Strafe zuerkannt worden!«
»Nicht? Kann das nicht gleich sofort geschehen?«
»Nein. Es muß ja vorher über das Verbrechen oder Vergehen verhandelt werden.«
»Ich hab halt glaubt, das ist nicht nöthig. Es steht ja im Gesetzbuch geschrieben, welche Straf ein Verbrechen hat.«
Das war nun freilich eine sehr naive Ansicht, und sie wurde mit einer solchen Unbefangenheit geäußert, daß der Amtmann Mühe hatte, das Lachen zu verbergen. Er gab ihm die nöthige Erklärung und ließ ihm sodann eine Zelle anweisen, in welche Anton internirt wurde.
Als heut am Vormittage Leni mit dem Wurzelsepp in die Kirche gegangen war, hatten Beide nicht bemerkt, daß sich der König bereits in derselben befand. Ludwig war bekanntlich ein begeisterter Liebhaber der Musik. Er wußte, daß der Cantor ein guter Spieler sei und hatte ihn veranlaßt, die Orgel zu spielen. Am Schlusse war er zu Leni und Sepp getreten und hatte sie aufgefordert, ihm zu folgen.
Er ging nach dem Pfarrhause, in dessen Hof die Beiden zunächst ein Weilchen warten mußten; dann wurden sie hinein gerufen. Sie kamen aber nicht, wie sie erwartet hatten, zu dem König, sondern zu dem Pfarrer, welcher sie höchst wohlwollend aufnahm und ihnen die Sitze anwies. Er wendete sich an Leni:
»Du weißt wohl, liebes Kind, daß ich stets eine aufrichtige Theilnahme für Dich gehabt habe. Der Grund dazu lag einestheils in dem Umstande, daß Du ein Waisenkind warst und anderntheils in Deinem fortwährenden Wohlverhalten, durch welches Du Dir die Achtung Aller reichlich verdient hast. Ich habe Deinen Entwickelungsgang scharf beobachtet. Ich kannte die Gaben, welche der Herrgott Dir verliehen hat, ohne daß Du es ahntest. Es sind reiche, aber auch gefährliche Gaben, an denen bereits manches Menschenkind zu Grunde gegangen ist. Darum und weil es hier keine Gelegenheit zur Ausbildung derselben gab, schwieg ich darüber und hütete mich, Dich darauf aufmerksam zu machen. Ich war der Meinung, daß das Weib eines braven Aelplers ebenso glücklich sein und wenigstens ebenso Gott zur Ehre leben könne wie eine Künstlerin, welcher sich die Versuchung und Verführung auf Schritt und Tritt entgegenstellen. Diese meine Meinung ist jetzt nicht mehr begründet. Es ist ein Anderer, welcher mächtiger ist, als ich es bin, auf Dich aufmerksam geworden, und er ist bereit, die herrlichen Gaben, welche Du besitzest, zur Ausbildung und Reife zu bringen. Du stehst heut vor einem hochwichtigen Wendepunkte Deines Lebens; und wir wollen bitten, daß die Entscheidung, welche Du triffst, Dir zum Heile und auch Andern zum Segen gereiche!«
Er hielt inne. Das klang so feierlich, daß es Leni noch banger werden wollte, als es ihr heut so schon war. Er fixirte sie mit seinem Blicke und fragte sodann:
»Weißt Du, welche Gabe ich meine?«
»Nein, geistlicher Herr.«
»So hast Du noch gar nicht gehört, daß Du für die beste Jodlerin weit und breit giltst?«
»Das hab ich schon bereits oft gehört, aber ich glaub es halt nicht.«
»Du kannst es getrost glauben; es ist wahr, der Herrgott hat Dir einen Reichthum in Deine Kehle gelegt, welcher unschätzbar ist. Es ist derselbe Reichthum, welchen Schiller meint, wenn er von dem gottbegnadeten Sänger Ibykus singt:
»Ihm schenkte des Gesanges Gabe,
Der Lieder süßen Mund Apoll,
So wandert er am leichten Stabe
Aus Rhegium, des Gottes voll.«
»Hast Du schon einmal eine Sängerin gesehen?«
»Ja.«
»Wo?«
»Drin in der Stadt zum Jahrmarkt. Da war eine Gesellschaft hier, die spielten und sangen, und war auch ein Dirndl dabei, die konnte so gar sehr schön.«
»Hm!« lächelte der Pfarrer. »Was sang sie denn?«
»Sie hat gesungen:
Der Hahn kräht schon in aller Früh
Der Henne vor sein Kikriki.
Wann sich der Frühling melden läßt,
So singt das Schwalberl in sein' Nest.
Sogar der dumme Gimpel schreit
Von Liebesgram und Liebesleid.«
»Nun, das ist denn doch nichts gar Besonderes!«
»Sodann hat sie auch gesungen:
»Blickt der Jüngling nur die Jungfrau an,
Gleich fängt das Herz zu pinken an!«
»Auch das ist nichts Bewundernswerthes. Dieses Mädchen ist eben keine richtige Sängerin gewesen. Du wirst wohl noch keine gehört haben. So Eine, wie ich meine, die singt nur vor dem Kaiser und König, vor Fürsten und Grafen und verdient sich viele Tausende im Jahre.«
»Herrgottle!«
»Himmelsakra!« entfuhr es dem Wurzelsepp.
»Sie singt im Hoftheater, wo alle hohen Herrschaften auf ihren Gesang lauschen. Und wenn die Sorgen den König quälen, dann geht sie zu ihm und singt ihm aus einem Kunstwerke vor, wie David vor Saul gesungen hat, um die Geister des Leides zu vertreiben. Möchtest Du das nicht auch?«
»Vor dem Könige? Warum nicht?«
»Und würdest Dich nicht fürchten vor ihm?«
»Ich begreif nicht, warum ich mich fürchten sollt. Er würd mich schon nicht anbeißen. Er mag herbeikommen auf meine Alm; da will ich ihm vorsingen, so viel er begehrt.«
»Er hat keine Zeit, zu Dir zu kommen; aber er hat gehört, welch eine herrliche Stimme Du besitzest, und will Dich zu einem berühmten Lehrer des Gesanges thun, welcher Dich ausbilden soll, damit Du eine berühmte Künstlerin werden magst.«
»Mich ausbilden? Ich kanns ja schon!«
»Wohl kaum!« lächelte er.
»Na, ich brauch doch nur den Mund aufzumachen, so kommt es heraus!«
»Das ist kein künstlerischer, sondern ein roher Gesang. Du kannst ja sogar die Noten nur soweit, als es für den Festgesang hier in der Kirche erforderlich ist, wo Du allerdings stets meine beste Sängerin warst. Also der König läßt Dich fragen, ob Du ihm den Gefallen thun und Ja sagen willst.«
»Ich soll dem König einen Gefallen thun? Ja, das will ich schon herzensgern. Ich möcht ihm mein Leben geben, wann es gut für ihn ist. Aber eine Theatersängerin werden – –nein, geistlicher Herr, das kann ich nicht.«
»Sapperment!« entfuhr es dem Wurzelsepp.
»Warum nicht?« fragte der Pfarrer.
»Weil – weil – ich kanns nicht sagen.«
»Mir kannst Du es doch sagen und dem Sepp auch. Er ist Dein Pathe und Vater, und ich bin Dein geistlicher Berather, vor welchem Du keine Geheimnisse haben sollst. Dir graut wohl vor dem sündhaften Bühnenleben?«
»Ich weiß nicht, was die Bühn ist, und weiß auch nicht, obs dort eine so große Sünden giebt.«
»So hast Du einen andern Grund?«
»Ja.«
»Welchen?«
»Ich möchts gern nicht sagen, geistlicher Herr.«
»Dummheit?« fuhr der Wurzelsepp auf. »Wann Dus nicht sagst, so sag ichs!«
»Ja, sag Dus!«
»Ihr Grund ist nämlich der Krikelanton.«
»Ah!« machte es der Pfarrer. »Ist er Dein Geliebter, liebe Leni?«
»Ja,« antwortete sie erröthend.
»Ein Wilderer!«
»Aber ein braver Bub!« antwortete sie schnell.
»Ob ein Wilderer brav sein kann, darüber wollen wir nicht streiten; er kann auf keinen Fall der Grund sein, daß Du den Wunsch des Königs nicht erfüllst, denn er ist nun ja todt.«
»Grad eben weil er todt ist, kann ich nicht.«
»Wieso?«
»Schau, geistlicher Herr, der Anton wollt heut nach Haus und seinen Eltern das Geld geben, was ihm der König geschenkt hat. Sie sollten davon leben, und er wollte indessen in das Gefängniß gehen, um freiwillig seine Straf anzutreten. Darnach wollte er nie wieder eine Gams schießen, und wir wollten Mann und Weib werden und brav arbeiten. Das hatten wir uns so gut und schön ausgesonnen, und nun ist er erschossen worden!«
Sie begann zu weinen.
»Das freut mich,« sagte der Pfarrer ernst. »Also ist er doch mit dem festen Vorsatz der Besserung gestorben und wird nun bei Gott Gnade finden. Aber Dich kann das in Deinem Entschlusse nicht beengen.«
»Gar wohl? Ich muß doch zu seinen Eltern!«
»Wie meinst Du das?«
»Die hab ich halt von ihm geerbt. Sie sind alt und arm. Ich hatt ihm versprochen, sie oft zu besuchen, wann er im Gefängniß sitzt. Nun ist er gar für immer fort, und da muß ich freilich nun ganz zu ihnen gehn.«
»Welch eine Dummheiten!« zürnte der Sepp.
Aber über das Gesicht des Pfarrers ging eine tiefe Rührung. Er streckte dem Mädchen die Hand entgegen und sagte:
»Das ist brav gedacht von Dir. Du hast das Herz da, wo es hingehört, Leni; aber wie nun, wenn die Eltern auch ohne Dich auskommen?«
»Das können sie nicht.«
»Ich meine, wenn ihnen unser guter König um Deinetwillen ein kleines Jahrgehalt zahlte?«
»Das wäre sehr brav und lieb, und ich wollt für ihn beten dafür, aber Geld thut es doch nicht; ich muß halt selber hin zu ihnen.«
»Wohl! Ich will nicht in Dich dringen; ich darf Dein Herz nicht hindern, in seiner Weise Gutes zu thun; aber es ist auch meine Pflicht, Dir zu sagen, worauf Du verzichtest. Es öffnet sich vor Dir eine Bahn des Ruhmes und der Ehre; Du sollst eine Künstlerin werden, welche da wirkt zum Preise Gottes und den Menschen zur Erhebung. Du kannst da an einem einzigen Tage mehr Gutes wirken, als sonst während Deines ganzen Lebens, wenn Du zu den Eltern Antons ziehst. Kennst Du das Gleichniß von dem ungetreuen Haushalter oder von den verschiedenen Pfunden? Die heilige Schrift verbietet es, das von Gott empfangene Pfund zu vergraben. Du willst die Dir verliehene Gabe verkümmern lassen; wenn Du das thust, so machst Du Dich einer schweren Sünde schuldig. Bedenke das wohl, meine Tochter!«
Es entstand eine Pause. Leni blickte vor sich nieder. In ihrem Gesicht sah man den Ausdruck der verschiedensten Gefühle kommen und gehen. Endlich erhob sie den schönen, jetzt so ernsten Kopf und sagte:
»Ich kann nicht, Hochwürden. Wann ich müßt vor den Theaterleuteln singen, dann müßt ich an den Anton denken und an seine alten, lieben Eltern, und dann thät ich stecken bleiben, denn die Kehl hätt gar keinen Platz für den Gesang.«
»Das denkst Du jetzt. Das Herzeleid, welches Dich heut bewegt, wird seine Macht mit der Zeit verlieren, und dann wirst Du es bitter bereuen, heut nicht auf meinen Vorschlag eingegangen zu sein.«
»Ich glaubs nicht, ich glaubs nicht. Was ich heut denk und fühl, das wird stets und immer so bleiben.«
»Du kennst das Menschenherz noch nicht. Es ist – –«
Er wurde unterbrochen. Die zum Nebenzimmer führende Thür, welche nur angelehnt gewesen war, wurde aufgestoßen, und der König trat herein.
»Hochehrwürden, dringen Sie nicht weiter in sie!« sagte er. »Es sind zwei Stimmen, welche jetzt auf sie eindringen, die Stimme der Kunst, welche trügerisch ist, und die Stimme des Herzens, welche stets nur Göttliches redet. Mag sie der Letzteren gehorchen. Ich verzichte auf die Genugthuung, welche ich bereits fühlte bei dem Gedanken, ein einfaches Kind meines Volkes emporheben zu können zur Höhe, in welcher die göttlichen Musen walten. Vielleicht hat Leni Recht. Sie kann als Künstlerin Gott dienen und viel Gutes wirken; aber denken Sie an die Worte Uhlands
»Doch schön ist nach dem großen
Das schlichte Heldenthum.«
Leni hat sich für dieses schlichte Heldenthum entschlossen, und vielleicht ist dasselbe Gott wohlgefälliger als der glänzende Ruhm, den wir ihr bieten und den sie verschmäht, weil sie auf die Stimme ihres Herzens und Gewissens achtet.«
Und dem braven Mädchen die Rechte auf das Haupt legend, fuhr er fort:
»Gehe hin und handle stets so, wie Du heute gehandelt hast, Leni; dann wirst Du stets den Frieden mit Gott und mit Dir selbst genießen. Dein König bleibt Dir gewogen, und hast Du später einmal einen Herzenswunsch, so komme zu ihm; er wird Dir ihn erfüllen. Für die Eltern des Krikelanton aber laß auch mich mit sorgen!«
Sie sank in die Knie, küßte mit tiefster Bewegung die Hand des hohen Herrn und ging dann fort, gefolgt von dem Wurzelsepp, welcher mit seinem Alpenstock in der Luft herum hantierte, als ob er alle Welt erschlagen wolle.
»Weißt, was Du gethan hast?« fragte er grimmig.
Sie antwortete nicht.
»Eine Dummheiten hast gemacht, eine unverschämt große und unverzeihliche!«
Und nach einer Weile fragte er wieder:
»Und weißt, was Du bist?«
Auch jetzt antwortete sie nicht.
»Eine Gans bist, eine sehr dumme! Keine Sängrin werden wollen! Herrgottsakra! Wann doch nur mir mal so ein Weizen geblüht hätt'! Ich hätt' sogleich laut geschreit: ›Ich will zwei Sängrinnen werden und meinswegen auch gar drei!‹ Wie hättsts haben können! Seidene Kleider, tausend Gulden das Stück, ein Kammerdiener, eine Jungfer, ein Kutscher, ohne die Köchin und alles Andere! Und der König hätt' sein Freuden daran gehabt und der Wurzelsepp auch!«
Er machte vor Grimm so schnelle und weite Schritte, daß sie Mühe hatte, ihm zu folgen, und zürnte weiter, indem er mit dem Stocke fuchtelte:
»Und der Ruhm, der Ruhm und die Ehr, die Ehr! Wann der Vorhang aufgeht, so schmeißen sie die Kränz von allen Seiten Dir an den Kopf, und alle Tag kommt der Juwelerirer und bringt goldene Ring und Armbroschen und Halscastagnetterls oder Ohrdiademerls und Handbummerln, welche die Grafen und Herren Dir kauft haben. Und wann ich dann mal komm, um Dich zu besuchen, so trink ich Schokoladen und gieß Schamblanscher hinein und die Köchin setzt mir Maccaroninuderln vor mit Kiefiar und Austernbrei. Und nachher setz ich mich in Deine Eglipasche, fahr spazieren und streck den Leuten vor Stolz die ganze Zungen heraus! So sollte es sein! So konnte es sein! Aber Du – Du – –!«
Er drehte sich um, in der Absicht, ihr sein zornigstes Gesicht zu zeigen. Sie war fort.
»Herrgottsakra! Was ist denn das? Wo ist denn nun die Leni? Die ist mir allewegs eschappirt! Der hat mein Gezank nicht gefallen wolln, und da hat sie sich halt nach rückwärts consternirt wie die Franzosen. Aber ich lauf auch zuruck und werd sie schon bald finden. Nachher soll sie schon ganz Anderes noch anhören müssen.«
Er wendete um, aber er fand die Leni nicht. Sie war, um ihn in ihrer Seelentrauer nicht auch noch anhören zu müssen, auf einem schmalen Gartenweg entschlüpft, welcher aus dem Dorfe hinaus führte. Sie wollte allein sein, allein mit den Gedanken und Gefühlen, welche auf sie einstürmten.
Der Antrag des Königs hatte gar wohl einen tiefen Eindruck auf sie gemacht. Wäre das nicht heute, sondern später gewesen, wo der Schmerz sich gemildert haben würde, so hätte sie vielleicht nicht Nein gesagt, denn das Singen war ihre Lust, ihre Passion. Fast war es ihr, als müsse sie umkehren und dem König sagen, daß sie seinen Wunsch erfüllen wolle.
So ging sie langsam hinter dem Dorfe hinab bis in die Gegend, wo der Weg empor zur Wohnung der Nachtwandlerin führte. Da wurde sie durch das Geräusch von Schritten aus ihrem Sinnen aufgeschreckt. Die Büsche, welche zu beiden Seiten des Weges standen, theilten sich, und der Freiherr von Brenner stand vor ihr, der Cousin Franza's.
Er hatte sie schon öfters gesehen und gedacht, eine kleine Liebschaft mit ihr zu beginnen. Es hatte aber nicht gepaßt. Jetzt hatte er, auf dem Weg nach dem Dorfe begriffen, sie kommen sehen und war stehen geblieben, die erste Angel nach ihr auszuwerfen.
Sie sah kurz zu ihm auf und wollte weiter.
»Halt, Mädchen!« sagte er. »Wohin?«
»Gehts Dich was an?« fragte sie kurz.
»Ja.«
»Warum?«
»Weil ich mit Dir reden muß.«
»Was hättst mit mir zu reden?«
»Kennst Du mich?«
»Ja«
»Nun, wer bin ich?«
»Der Herr, der zuweilen droben bei der Nachtwandlerin auf Besuch ist.«
»Richtig. Hast Du mich gesehen?«
»Manchmal.«
»Ich Dich auch, und da hast Du mir immer sehr gut gefallen.«
»Du mir nicht. Adjes!«
Sie wollte fort, er aber ergriff sie bei der Hand und sagte in bittendem Tone.
»Bleib noch! Ich habe Dir ja nichts gethan!«
»Die Kröten und der Frosch haben mir auch nix gethan, und doch mag ich sie nicht leiden.«
»Vergleichst Du mich mit solch einem Ungeziefer! Du bist ein schönes Mädchen, und ich bin Dir gut!«
»Da bist dumm genug! Warum hast nicht Eine lieb, welche Dich leiden mag?«
»Weil ich es grad auf Dich abgesehen hab. Oder hast Du vielleicht schon einen andern Schatz? Der Krikelanton ist gestern Abend in Deiner Hütte gewesen. Ist der es vielleicht?«
»Ja, der ists.«
»Der! Sapperment! Der ist ein schöner Kerl. Wenn ich ihn einmal erwische, so wird es ihm sehr traurig ergehen.«
»Den wirst nimmer erwischen!«
»Oho! Wohl weil er mir gestern Abend entkommen ist, als er sich in unserm Hause versteckte und nachher mich niederschlug, daß ich die Besinnung verlor? Dem begegne ich schon wieder!«
Sie blickte ihn mit großen, starren Augen an, als ob sie einen Geist sehe.
»Was plauschst denn da?«
»Ich plausche nicht. Der Kerl ist ja gar nicht erschossen worden. Er hat bis gegen vier Uhr da oben bei uns gesteckt und ist dann heim.«
Ein lauter, unartikulirter Schrei entrang sich ihrer Brust.
»Du lügst!«
»Es ist wahr!«
»Schwörs!«
»Ich kann alle Eide darauf leisten.«
»Und heim ist er?« fragte sie athemlos.
»Ja doch!«
»Das muß ich wissen!«
Sie wendete sich um. Er hielt noch ihre Hand fest, welche sie ihm in ihrer Ueberraschung gar nicht entrissen hatte. Er zog sie zu sich retour.
»Halt, schöne Leni! Für das, was ich Dir da gesagt hab, will ich eine Belohnung!«
»Was für eine?« fragte sie wie abwesend.
»Einen Kuß!«
»Geh da hinein zum Einödbauern und küß seine Kuh; die ist auch schön?«
Sie wollte sich losreißen; er aber hielt ihre Hand mit seiner Rechten fest, legte den linken Arm um sie und näherte seine zugespitzten Lippen ihrem Gesichte. Da riß sie sich mit einem kräftigen Rucke von ihm los und holte mit beiden Händen aus. Klitschklatsch, bekam er zwei gewaltige Ohrfeigen, so daß er sich mit beiden Händen nach den Wangen fuhr.
»Da hast die Watschen, alberner Bub! Den Kuß heb ich für den Andern auf!«
Sie rannte über die Wiese hinüber nach dem Wege, welcher zur Stadt führte. Er wollte ihr nach, hielt aber schon beim dritten Schritte ein, ballte die Faust und drohte ingrimmig:
»Verdammte Wespe! Das werde ich Dir gedenken! Du kommst mir schon wieder in den Weg!«
Ihr fiel es gar nicht ein, zurückzublicken, um zu sehen, welche Wirkung ihre Ohrfeigen hervorgebracht hatten. Ein großer, unaussprechlich glücklicher Gedanke schwellte ihre Brust:
»Er lebt! Er lebt! Er ist nicht todt!« jubelte sie laut hinaus.
Dabei rannte sie weiter und weiter, ohne sich Rechenschaft zu geben, was sie eigentlich wolle. Sie wollte mehr hören; sie wollte Gewißheit haben. Darum trieb es sie vorwärts auf denselben Weg, den auch er wohl gegangen war.
Gerettet, gerettet war er! Welch ein stolzer Gedanke, daß ihr Geliebter mitten in der Nacht über den Felsengrat gekommen war, trotz des Schusses und trotz der Verfolger. Das machte ihm Niemand nach, kein Einziger!«
So eilte sie weiter, der Stadt entgegen. Sie erreichte dieselbe da, wo auch der Weg, welcher von drüben herüberkam, in die erste Gasse einbog. Ein mit zwei Pferden bespannter Leiterwagen kam ihr entgegen. An den noch an ihm hängenden Resten sah sie, daß der Knecht Heu geladen gehabt hatte.
»Wo fährst hin?« fragte sie.
»Hinüber, jenseits der Grenz.«
»Nimmst mich mit?«
»Gern. Wohin willst? Zu wem?«
»Zum Krikelanton.«
Sie sagte das in ihrer Aufregung ganz offenherzig, ohne sich vorher zu fragen, ob es auch gerathen sei oder nicht.
»Wann Du zu dem willst, so kannst bleiben!«
»Warum?«
»Er ist nicht mehr drüben!«
»Wo sonst?«
Schon wollte sie die Angst beschleichen, daß er dennoch erschossen worden sei.
»Er ist hier in der Stadt, im Gefängniß. Er hat sich selbst freiwillig gestellt.«
»Herr mein Gott! Weißts gewiß?«
»Ja; ich hab ihn ja selbst hierhergefahren. Kennst ihn wohl gut?«
»Ja, sehr gut.«
»Kannst stolz auf ihn sein. Er hat noch vorher das Weib eines Professors aus Wien von der Felswand herabgeholt, wo sie seit gestern gehangen hat. Kein Anderer wollte hinauf.«
»Machst doch nicht Lügen?«
»Nein. Wenn Du mir nicht glaubst, so geh in das Amt und frag selber nach!«
»Das werd ich sogleich thun!«
Sie eilte weiter, in der Richtung nach dem Amtsgebäude. Der Knecht hatte sich nicht lange in der Stadt aufgehalten. Er hatte sein Heu abgeladen, einen Schnaps getrunken und war dann wieder aufgebrochen. Also war es auch nur wenige Minuten her, daß Anton sich auf dem Gerichtsamte befand. Die resolute Leni kannte weder Furcht noch Zagen. Sie wollte die Bestätigung dessen, was sie von dem Freiherrn und dem Knechte erfahren hatte; darum trat sie stracks in das Gebäude ein. Soeben kam der Nachtwächter die breite Treppe herab. Seine Dienstmütze bezeichnete ihn als Beamten. Uebrigens kannte sie ihn bereits.
»Kommst aus dem Amt?« fragte sie ihn.
»Ja.«
»Hast den Krikelanton gesehen?«
»Ei wohl! Warum?«
»Weil ich geglaubt hab, er ist todt.«
»Na, der und todt. Wann der mal gestorben sein wird, muß man ihn noch extra todtschlagen und auch noch an den Ast aufhangen!«
»Warum noch aufhangen?«
»Weil er den Galgen verdient hat.«
»Den Galgen? Hör mal, wann Du nicht der Wachterl wärst, so würde ich Dir jetzt eine Watschen in das Gesicht langen, daß Du meinen solltst, das ABC fängt hinten beim Z an anstatt vorn. Wann nur alle Leuteln so brav wärn wie der Anton!«
»Verdimmi, verdammt! Hat das Dirndl eine Schneid! Kennst denn den Anton?«
»Besser als Du!«
»So bist wohl seine Muhme oder gar seine Großmüttern väterlicher Seits?«
»Nein, seine Urgroßahni bin ich, daßts weißt. Und wann ich Dein Ahnerl oder Großmutterl wär, so bekämst alle Tag die Ruthen und nix zu essen dazu! Den Anton schlecht zu machen, der keinem Niemand nie nicht kein Leid gethan hat!«
»Keinem Niemand? Nie nicht? Etwa auch mir nicht, he? Meinst?«
»Ja, das mein ich!«
»Schau doch mal an! Hat er mich nicht heut in der Nacht an der Nas herumgeführt, als ich ihn hab verarretiren wollen? Da hat er mir weiß gemacht, daß er ein Baron sei, und ich hab ihn laufen lassen. Ist das nicht eine Sünden und Schanden?«
»Nein, ein Spaß und Lust ists gewesen. Wann Du so eine dumme Nasen hast, so darfst nicht darüber reden, wenn man Dich dabei anfaßt. Und wann Du sie mir jetzt zu weit herbeihältst, so pack ich Dich auch dabei an und zieh Dich durch alle Straßen, die es in der Stadt giebt.«
»Alle Teufel! Bist Du ein resolut sakrisches Leut! Aber Euch wird schon auch noch der Muth vergehn! Wann nur erst der Anton für zehn Jahr im Zuchthaus steckt, dann wirds andere Gesichter und andere Reden geben!«
»Ins Zuchthaus? I Du Schlankerl! Ehe der hineinkommt, bist Du längst selbst drin! Was bist Du für ein talketer Wischwascherl! Jetzt werd ich gleich zum König gehn und ihm sagen, daß er den Anton freilassen thut!«
»Zum König? Freilassen? Bist wohl dumm!«
»Gescheidter bin ich als Du! Kannst nur gleich stehen bleiben und warten, bis der Bot vom König kommt und den Anton herausverlangt!«
»Verdimmi, verdammi! Bist wohl auch mit dem König Gevattern gewest?«
»Ja, damals, als Dir beim Taufgang unterwegs das Gehirnl erfroren ist. Weißt! Leb indessen wohl, und wart hier an der Thür, bis der Bot kommt!«
Sie eilte fort, durch die Gassen, zur Stadt hinaus und dem Dorfe wieder zu. Sie ging nicht auf dem gebahnten Wege, sondern immer geradeaus, durch Dick und Dünn, bergauf und bergab. So kam sie ganz außer Athem in der Pfarre an, wo sie von dem Priester mit einigem Befremden empfangen wurde.
»Geistlicher Herr, ist der König noch hier?« erkundigte sie sich.
»Ja. Er erwartet den Wagen, um baldigst abzufahren. Was ist mit Dir. Du stehst ja ganz sonderbar und überhitzt aus.«
»Ojegerl! Es ist auch darnach. Ich muß sogleich mit dem König reden.«
»Weshalb?«
»Weil ich eine Sängerin werden will.«
»Wie? Was? Hast Du Deinen Entschluß so schnell geändert? Das bin ich an Dir gar nicht gewöhnt. Du hast stets einen festen Character gezeigt.«
»Den hab ich wohl auch jetzt noch. Aber es ist Etwas passirt, was mir die ganze Seel umgedreht hat. Der Anton ist nicht todt.«
»Was Du da sagst!«
Da ging die bereits erwähnte Thür wieder auf. Leni hatte sehr laut gesprochen, so daß der König ihre Stimme gehört und erkannt hatte. Er kam herein. Sobald sie ihn erblickte, sank sie vor ihm nieder, erhob die gefalteten Hände und rief:
»Herr König, ich muß Dich gar schön bitten, ich will Dir den Gefallen thun und Sängerin werden. Ich werde mir alle Mühe geben, und Du sollst gewiß Deine Freuden an mir erleben.«
»Woher diese plötzliche Sinnesänderung, mein Kind?« fragte der Monarch in mildem Tone.
»Weil der Krikelanton noch lebt. Also brauch ich nicht zu seinen Eltern zu ziehen.«
»Sollte das möglich sein? Er lebt! Er ist nicht todt! Ist das wahr?«
»Ja. Er ist entkommen und steckt jetzt drin in der Stadt auf dem Amt. Er hat gethan, was wir gestern verabredet haben. Er hat sich selber zur Straf gestellt und ist vorher bei den Eltern gewest. Da hat er auch die Frau eines Professors aus Wien gerettet. Sie hat oben an der Felswand gehangen seit gestern, und Niemand hat sich hinaufgetraut als nur der Anton.«
»Woher weißt Du das?«
»Ich habs erfahren.«
»So erzähle!«
Sie erstattete ihren Bericht mit der Beredtsamkeit der Liebe. Der König hatte sie vom Boden aufgehoben und blickte nun mit Wohlgefallen in ihr schönes, vom Eifer geröthetes Gesicht. Als sie geendet hatte, meinte er:
»Aus Dem, was Du erzählst, geht allerdings mit Bestimmtheit hervor, daß er noch lebt, und daß es ihm durch außerordentliche List gelungen ist, sich freiwillig zu stellen. Der Bursche scheint es wirklich auf ernste Besserung abgesehen zu haben.«
»Ganz gewiß, Herr König! Und meinst nicht auch, daß ich nun Sängerin werden kann?«
»Da es so steht, so freut es mich, daß mein Wunsch in Erfüllung gehen kann.«
Da machte sie ein bedenkliches Gesicht und meinte:
»Ja, aber so leicht ists halt doch noch nicht!«
»Giebts noch eine Schwierigkeit?«
»Eine schier große.«
»So nenne sie mir. Ich will versuchen, ob sie vielleicht zu überwinden ist.«
»Das brächtst schon fertig, wann Du nur wolltst. Schau, wann ich Sängerin werd, so kann ich doch nicht bei den Eltern des Anton sein!«
»Das ist richtig.«
»Aber er ist halt doch auch nicht bei ihnen, denn er steckt doch im Gefängnisse!«
»Aha!« lächelte der Monarch, mit dem Kopfe nickend. »Ich verstehe bereits.«
»Also muß ich doch hin und kann nicht eher Sängrin werden, als bis der Anton frei ist. Meinst nicht?«
»Das ist freilich rechtschaffen wahr.«
Sie blickte ihm mit rührender und doch zugleich pfiffiger Aengstlichkeit in das Gesicht und fuhr fort.
»Wann ich also Dir die Freud machen soll, Sängrin zu werden und wann dies sogleich geschehen soll, so weißt nun halt wohl, daß dies nicht gut angeht.«
»Ja, freilich; da werde ich verzichten müssen.«
Er sagte dies in absichtlich sehr ernsthaftem Tone. Das gefiel ihr aber nicht, und darum fiel sie schnell ein:
»Du meinst, daß ich es nun gar nicht werden soll?«
»Das nicht. Wir schieben es nur auf, bis der Anton wieder frei ist.«
»Da wirst aber sehr gefehlt haben!«
»Warum?«
»Hernach mach ich auch nicht mit.«
»Doch nicht!«
»Ja, dann ist mir halt schon bereits die Lust vergangen. Wann Du mich haben willst, so mußt mich gleich nehmen.«
»Du sagst aber ja selbst, daß dies nicht geht. Der Anton ist ja noch gar nicht frei.«
»Nun, da giebt es doch leicht Hilf und Rettung!«
»Wieso denn?«
»Du bist ja der König; Dich kostets halt nur ein einzig Wort, so machen sie die Thür des Gefängnisses auf und lassen ihn herausi.«
»Meinst?«
»Ja, das meine ich!«
»Aber ob er es auch werth ist!«
»Werth? Der Anton? Ich sage Dir, der ists mehr werth als mancher Graf und Baron, daß er eingesteckt wird und sogleich wieder herausi gelassen. Wann ich es Dir sag, so kannsts schon sehr gern glauben.«
»Hm! Das ist allerdings eine Bürgschaft, auf welche ich wohl eingehen möcht.«
»Willst?« fragte sie, indem ihr Gesicht vor Freude leuchtete.
»Ja, Leni, ich will. Dir zu Gefallen und weil er mir das Leben gerettet hat.«
»O heilige Jungfrau! Ists wahr, ists wahr? Komm her und gieb mir Deine Hand; ich muß Dir einen Kuß darauf geben! Das werd ich Dir nun und nimmer nicht vergessen. Und wann ich mal nicht schön sing, so brauchst mich nur an heut zu erinnern, so werd ich jauchzen, daß es klingt wie lauter Pfeifen, Zinken und Posaunen!«
Sie küßte ihm die Hand, während ihr die hellen Freudenthränen über die Wangen liefen.
»Das werde ich schon thun, wenn es nothwendig ist,« lächelte er. »Aber ich mache eine Bedingung.«
»Welche?«
»Du gehst gleich heut mit mir fort.«
»Heut schon?«
»Ja. Ist das nicht möglich?«
»O, wohl sehr. Ich hab nur meine Truhen zusammenzupacken und von dem Bauern Abschied zu nehmen. Und da soll ich wohl mit Dir fahren?«
»Ja. Ich nehme Dich gleich mit.«
»Herrjesses! Ich soll mit dem König fahren! Was werden da die Leuteln vor Augen machen! Aber wann wird denn da nun der Anton heraus gelassen?«
»Sofort. Ich werde gleich den Befehl geben, welchen der Ortsvorstand schleunigst auf das Amt schaffen mag. Du kannst jetzt gehen und mit dem Bauer sprechen. Ich gebe Dir drei Stunden Zeit; dann mußt Du mit Deinen Sachen hier sein.«
»Ja, schreib gleich! Ich wills selber dem Gemeindeburgermeister hintragen.«
Er mußte über die Eile lachen, welche sie hatte, that ihr aber den Willen. Er setzte sich an den Schreibtisch, schrieb auf einen leeren Bogen die Adresse des Gerichtsamtes und des Amtmannes und fügte hinzu:
»Der Wildheuer Anton Warschauer, welcher sich heute zur Untersuchung gestellt hat, ist augenblicklich zu entlassen, da Wir ihn begnadigen und die Angelegenheit niedergeschlagen wünschen. Amtliches Rescript folgt noch.
gez. Ludwig II., König v. Bayern.«
Er setzte sein Siegel darunter, wozu er sich seines Ringes bediente, schloß den Bogen in ein Couvert, welches er ebenso adressirte und versiegelte und gab es sodann dem glücklichen Mädchen.
»Hier, Leni, spring zu dem Gemeindevorstand und gieb ihm seine Instruction!«
»Die soll er haben,« sagte sie schnell. »Brauchst schon gar keine Sorgen zu haben. Ich werd ihm schon Feuer unter die Füß machen, daß er laufen soll!«
Und husch war sie zur Thür hinaus. Sie eilte den Dorfweg hin, als ob es ein Menschenleben zu retten gelte. Als sie dann ganz außer Athem bei dem Gebieter des Gemeindewesens eintrat, sagte dieser:
»Die Leni! Ja, was bringst denn Du? Du bist ja gelaufen, daß Du nicht zu schnaufen vermagst! Und ein Gesicht hast, als wenn Dir das Christkindle begegnet wär!«
»Das ist auch beinahe schon so. Weißt, daß der Anton nicht todt ist?«
»Der Anton? Der hat sich doch verstürzt!«
»Nein, das ist ihm gar nicht eingefallen. Er lebt. Er ist in die Stadt gangen und hat sich dem Gericht gestellt, um seine Strafen zu bekommen.«
»Was Du sagst! Ist's wahr?«
»Gar wohl ists wahr. Ich werds doch nicht sagen, wann es unwahr wäre. Und nun hab ich mit dem König gesprochen, der hat ein Gnadengesuch an den Amtmann gemacht, daß dieser den Anton sogleich aus der Gefangenschaft herauslassen soll.«
»Wie? Der König ein Gnadengesuch?«
»Ja.«
»An den Amtmann?«
»Ja.«
»Was fallt Dir ein! Der König wird doch nie und nimmer nicht ein Gnadengesuch an den Amtmann machen!«
»Glaubsts nicht? So laß es bleiben! Ich bin ja schon grad ganz selber dabei gewest, als er es geschrieben hat. Und ein Siegellack hat er auch darauf verbrannt und auch hier heraußen drauf. Schau her!«
Sie gab ihm mit triumphirender Miene den Brief in die Hand. Der Beamte betrachtete ihn auf allen beiden Seiten und sagte:
»Ja, das ist schon richtig das königliche Siegel. Was steht denn drin in dem Schreiben?«
»Hasts immer noch nicht gehört? Bist heut wohl recht langsam von Verstand? Der Anton soll herausgelassen werden. Er hat dem König das Leben gerettet; darum schenkt ihm der Ludwig nun die Freiheit.«
»Schau, schau! Das ist grad ebenso, als wann man in die Stadt geht zum Buchbinder in seine Leihbibliothek und leiht sich eine schöne, rührende Romannovelle zum Lesen. Der Anton lebt und wird begnadet! Wundersam! Aber warum bringst diesen Brief denn grad zu mir herbei?«
»Ich bin von dem König geschickt worden. Du sollst gleich Dein Pferd satteln und nach der Stadt reiten, um den Amtmann den Brief zu bringen.«
»Satteln? Reiten? Ich? Hat er das gesagt?«
»Ei wohl!«
»Das ist ja ganz besonderbar! Ich hab keinen Sattel!«
»Er sagt, Du sollst Dir einen ausborgen.«
»Auch noch! Ich bin niemals in meinem Leben geritten, und heut soll ich den Courier oder gar die königliche Stafetten machen. Wann ich herunterfall, so ists gefehlt.«
»Der König sagt, es schadet nix, wann Du auch herabfallst. Die Hauptsache ist, daß der Brief so rasch wie möglich nach dem Gerichtsamt kommt.«
»So, das schadet nix? Aber wann ich fall und brech den Hals, so kommt der Brief doch gar nicht hin, sondern er bleibt mit mir liegen, und das Pferd läuft davon. Kann ich denn da nicht lieber mein Berner Wägele anspannen?«
»Ja, das kannst auch, sagte der König; aber nur sehr rasch machen sollst!«
»Nun, das soll so schnell geschehen, wie es geschehen kann. Freilich hab ich das Pferd draußen auf dem Acker; da muß ich erst die Margreth hinaus senden, um es zu holen.«
»Wie lang dauert das?«
»Eine halbe Stunden. Ebenso lang brauch ich auch, um das andere Geschirr anzulegen, und saufen muß der Schimmel doch vorher auch; das macht eine gute Stunden wenigstens.«
»Und in einer halben Stunden läuft man zu Fuße in die Stadt!«
»Freilich wohl.«
»So lauf doch lieber!«
»Das geht doch nicht!«
»Warum nicht?«
»Der König hat befohlen, daß ich reiten soll oder fahren.«
»Aber er hat auch gemeint, wann das Pferd draußen auf dem Acker ist, sollst lieber laufen.«
»So, das hat er gesagt?«
»Freilich.«
»So werd ich laufen.«
»Aber halt schnell und nicht wie ein Schneck, so tipp – tipp – tapp! Verstanden?«
»Nein; es geht tipptapptipptapp!«
»So mach halt, daßt fortkommst!«
»Nun, so schnell gehts doch nicht. Ich muß wohl erst doch vorher die Stiefel anziehen. Mit meinen Diensttagsladschen kann ich doch schier nicht auf das Gerichtsamt gehen. Die Leuteln dort müßten schon denken, daß ich gar keinen Verstehst mich hätt!«
»So mach so schnell Du kannst! Und, weißt, sag auch noch einen schönen Gruß von mir!«
»Dem Amtmann?«
»Nein, dem Anton natürlich.«
»Was hast denn mit Dem?«
»Das geht Dich halt nix an!«
»Meinswegen! Ich soll also warten, bis er frei ist?«
»Natürlich mußt Du richtig schaun, daß das Gnadengesuch auch richtig respectirt wird.«
»Es ist ja gar kein Gnadengesuch!«
»Was sonst?«
»Eine höchstselbige königliche Kabinetsurkundenschreiberei.«
»Das ist ganz egal. Gnade ist Gnade, ob sie aus dem Kabinet kommt oder ob sie auf einer Urkund steht; das thut nix zur Sachen. Jetzt werd ich gehen. Aber wann Du etwan in fünf Stunden noch hier stehst und das Maul aufsperrst, so lauf ich zum König und laß Dich vom Dienst bringen!«
»Himmelsakra! Bist Du ein Weibsbild!«
»Euch Männern muß man auch allbereits die Höll heiß machen, sonst klebt Ihr an der Wand wie ein altes Kalenderblatt. Und noch Eins: Kennst etwan auch den Nachtwächter?«
»Natürlich schon!«
»Der immer ›Verdimmi verdammi‹ sagt?«
»Ganz denselbigen.«
»Wannst ihn siehst, so sag ihm ein schönes Compliment von mir und der Anton wär frei.«
»Warum ihn?«
»Das ist egal. Der König hats gesagt.«
»Auch das noch! Was nur der König mit dem Nachtwächter zu schaffen hat!«
»Darnach hast nix zu fragen. Plausch nicht ewig, und steig in die Strümpf, daß Du fortkommst!«
Sie ging, und der Gemeindevorstand zog sich so eilig an, daß er in vollen Dreiviertelstunden endlich den Weg unter die Füße nahm.
Freilich, wie er nun lief, so war er in seinem ganzen Leben noch nicht gelaufen. Das Umkleiden hatte sehr lange gedauert. Unterwegs aber strengte er sich so an, daß er nach Verlauf einer Viertelstunde bereits die Stadt erreicht hatte. Der Zufall wollte, daß ihm der Nachtwächter begegnete. Dieser kannte den Dorfbeamten und grüßte, verwundert über die Eile, welche derselbe zeigte.
»Wo willst hin?« fragte er. »Du fliegst ja allbereits wie eine Schwalben herein!«
»Aufs Amt.«
»Ists so eilig?«
»Sehr wohl! Und was ich Dir sagen will, ich hab auch ein schönes Compliment an Dich auszurichten.«
»An mich? Von wem?«
»Vom König.«
»Bist verruckt?«
»Ich hab meinen vollen Verstand.«
»So meinst wohl Einen, der König heißt?«
»Nein. Ich mein Den, der König ist. Er ist bei uns im Dorf.«
»Der Ludwig?«
»Ja.«
»Und der läßt mir ein schönes Compliment sagen?«
»Ja.«
»Verdimmi, verdammi! Das ist mir all mein Lebtag auch noch nicht passirt. Was soll denn dieses Compliment zu bedeuten haben?«
»Daß der Krikelanton frei wird.«
»Bist bei Trost?«
»Sehr. Hier hat der König einen Brief aufgesetzt an den Amtmann, den zeig ich vor, und da wird der Anton auf derselbigen Stell sofort freigelassen.«
»Das sollt man gar nicht glauben! Und das laßt der König mir kund und zu wissen thun?«
»Der König oder die Leni, ich weiß es halt nicht mehr so genau.«
»Die Leni! Die war im Amte vorhin. Verdimmi, verdammi! Sie sagte es, daß der Anton loskommen werd! Also hat sie Recht gehabt!«
»Wahrscheinlich hat sie ein guts Wörtle für den Anton eingelegt. Sie scheint beim König einen Stein im Sauerkrautfaß zu haben.«
»Schau, da muß ich mit; das muß ich sehn!«
»Was?«
»Den Anton, wann er herauskommt.«
»Meinswegen. Aber es wird wohl ganz derselbigte Anton sein, der hineingegangen ist.«
Sie eilten mit einander weiter. Der Wächter blieb vor dem Gebäude stehen, der Ortsschulze aber ging nach dem Wartezimmer und ließ sich bei dem Amtmanne melden. Dieser erstaunte nicht wenig, als er den Brief las. Er überflog die wenigen Zeilen zweimal und dreimal. Er prüfte jedes Wort und auch die Siegel. Es war gar kein Zweifel, der Brief war vom Könige.
Der Gerichtsamtmann ließ den Schulzen abtreten und den Krikelanton kommen.
»Kennst Du den König?« fragte er ihn.
»Nein. Ich hab von ihm gehört, ihn aber noch nie gesehen.«
»Hm! Er ist hier in der Nähe.«
»Ich weiß kein Wort davon.«
»Sonderbar. Ich habe soeben hier einen allerhöchsten Befehl erhalten, daß ich Dich entlassen soll.«
»Daran liegt mir nix.«
»Nichts? Das ist mir auch noch nicht vorgekommen!«
»Ich will meine Strafe abmachen.«
»Du hast nichts abzumachen. Die Strafe ist Dir geschenkt. Ich habe Dir mitzutheilen, daß die Untersuchung gegen Dich niedergeschlagen ist. Der König hat Dich begnadigt.«
Anton starrte den Amtmann sprachlos an.
»Ists wahr? Begnadigt?« fragte er nach einer Weile.
»Ja.«
»So erhalt ich gar keine Straf?«
»Nein.«
»Bin frei?«
»Ja.«
»Juch – juch – juchheirassassassassassassa!«
Er stieß einen Jodler aus, daß die Fenster zitterten und die Thür wackelte.
»Pst! Beherrsche Dich!« mahnte der Amtmann wohlwollend »Wir haben nun noch –«
»Beherrschen? Himmeltausendsakra! Da soll ich mich beherrschen! Ich bin frei, frei, frei! Da kann ich wohl jetzund fortgehen?«
»Freilich haben wir noch vorher –«
»Ich kann – ich kann?« fragte Anton nochmals.
»Ja, aber vorher mußt Du Dich unterschreiben –«
»Unterschreiben?« fragte Anton. »Schreib Du selbst mal meinen Namen hin. Ich hab heut keine Zeit und halt auch keine Lust dazu. Behüt Dich Gott!«
Wie der Wind war er zur Thür hinaus. Er sprang durch das Vorzimmer, oder vielmehr er wollte durch dasselbe springen; da aber trat der Ortsschulze auf ihn zu und so rannten die Beiden zusammen, daß sie wieder aus einander prallten und hüben und drüben an die Wände flogen.
»Herrgottssakra!« schrie der Schulze.
»Alle Wetter!« rief Anton.
»Nimm Dich doch in Acht, und schau auf, wohin Du läufst! Du haust mich ja an die Wand!«
»Und Du kannst auch die Augen aufmachen, daß Du siehst, wem Du auf den Leib rennst. Jetzt, wann ich von Glas oder Pfefferkuchen gewesen wär, so könntst mich nur wieder zusammenleimen lassen!«
»Hab ich das von Dir verdient? Ich hab Dich doch erst frei gemacht. Ohne meiner stäckst noch im Loch!«
»Ohne Deiner?«
»Ja.«
»Das machst mir nicht weiß.«
»Hab ich doch den Gnadenbrief gebracht!«
»Du?«
»Ja, ich! Ich bin der Schulz vom Dorf!
Sie schrieen sich so laut an, daß es der Amtmann hören mußte. Dieser öffnete die Thür und sagte, als er den Krikelanton noch stehen sah:
»Anton Warschauer, wir sind ja doch nicht fertig!«
»Schau, daßt allein fertig wirst!«
»Das ginge wohl, aber Du brauchst doch meine Unterschrift.«
»Ich brauch sie nicht.«
»Nun, so lauf fort, und laß Dich arretiren!«
»Das fallt mir gar nicht ein!«
»Was willst Du dagegen machen?«
»Wer mich halten will, dem geb ich Eins auf die Nasen, daß er genug hat.«
»Das wäre Widerstand gegen die Staatsgewalt und würde Dich sofort erst recht in Strafe bringen.«
»Aber ich bin doch frei!«
»Ja, aber Niemand weiß es. Keiner wird es Dir glauben, wenn Du es ihm sagst. Aber wenn ich Dir die Bescheinigung gebe und Du zeigst sie vor, so darf sich Niemand an Dir vergreifen.«
»Schau, das ist sehr gut. So schreib mir doch sogleich die Bescheinigung! Ich will sie gern bezahlen.«
»Du hast nichts dafür zu zahlen. Komm herein!«
Jetzt nun ging er sehr gern wieder mit hinein. Als er wieder aus dem Zimmer kam, wartete der Schulze noch auf ihn.
»So,« sagte er. »Jetzt kommst wenigstens verständig heraus. Mein Kopf brummt noch von vorhin her.«
»So ist der Deinige dümmer als der meinige, denn der brummt halt nicht mehr.«
»Ja, ein Gescheidter bist, und Glück hast auch! Aber daran bist nicht Du schuld, sondern die Leni.«
»Die Leni? Wieso?«
»Wieso? Nun, die ist zum König gegangen und hat ein Supplik für Deiner gemacht.«
»Was! Die Leni! Wo ist denn der König?«
»Im Dorf beim Pfarrer.«
»Himmelsakra! Da muß ich hin! Der Leni muß ich einen Kuß geben und tausend Dank!«
Er wollte fort. Der Schulze ergriff ihn beim Arme.
»Langsam, Anton, langsam! Wannst zur Leni willst, so können wir halt Beide zusammen –«
»Laß mich aus! Was willst noch von mir! Ich hab mit Dir nix zu schaffen. Ich muß fort.«
Er schob ihn zur Seite und eilte zur Thür hinaus.
Die Treppe abwärts nahm er zwei oder gar drei Stufen auf einmal. Unten neben dem Eingange stand der Wächter. Er hörte Jemand gerannt kommen und trat in demselben Augenblicke in den Eingang, an welchem Anton zu gleichen Beinen heraus wollte. Natürlich rannten sie zusammen, und zwar mit solcher Gewalt, daß der Nachtwächter rückwärts herausflog und einen riesenhaften Purzelbaum bis auf die Mitte der Straße schlug.
»Donner unds Messer!« rief Anton, sich die Stirn reibend. »Da rennt halt schon wieder Einer an mich heran! Was habens heut nur vor, daß sie Alle nur auf mich einistürzen! Der Wachter ists, der Wachter! Na, dem kann ichs grad gönnen!«
Der Wächter der Nacht krabbelte sich langsam wieder aus dem Schmutze auf, kam fluchend herbeigehinkt und meinte in zornigstem Tone:
»Ist das denn eine Art und Weisen, auf der Amtstreppen herunter zu springen, Du Luftikus Du! Kannst nicht langsam gehen und verständig und ehrerbietig wie andere Leut!«
»Soll ich etwan ehrerbietig wegen Deiner gehen?«
»Ja, das versteht sich; grad das verbitt ich mir! Ich bin auch ein Mann in Amt und Würden!«
»Das sah ich grad, als Du da im Dreck lagst.«
»Schweig! Wer ist schuld daran, daß ich da drin gelegen bin? Du natürlich!«
»Ich? Nein, Du selbst! Warum trittst mir sogleich vor die Nasen, wann ich aus der Thür will? Was lungerst überhaupt hier herum? Geh nach Haus und leg Dich in Deine Mausefallen schlafen, damit Du dann in der Nacht die Augen offen hast!«
»Komm mir nicht so, sonst – verdimmi, verdammi – sonst nehm ich Dich zwischen die Finger und werf Dich über alle Berg hinüber!«
»Das möcht ich mit anschaun. Ehst mich aber da hinüber wirfst, kannst erst noch mal her zu mir sehen. Du hast mich doch fangen wollen. Jetzt kannst mich leicht derwischen. Greif zu!«
»Dank schön! Wann Du nun frei bist, kannst gut so sprechen. Aber wann wir wieder mal nach Dir suchen, so nimm Dich in Acht vor mir. Da wird Dir keine Brillen Etwas helfen und kein Ziehharmoniehut, wie Du in der Nacht auf dem Kopf hattest. Dir hab ich es getippt. Dir und der Leni
»Auch der Leni?«
»Ja.«
»Warum?«
»Weil sie mich angeschnauzt hat wie einen Vagalumpazi, als sie vorhin hier war.«
»Was? Sie war hier?«
»Freilich. Sie hat nach Dir gesucht. Sie hat halt geglaubt wie Alle, daß Du Dich zu todt gestürzt habest, und als sie hörte, daß Du noch am Leben seist, ist sie her kommen, um zu sehen, obs auch wahr sei.«
»Das liebe Dirndl! Und da hasts gesehn?«
»Ja.«
»Und mit ihr gesprochen?«
»Ja, und wie!«
»Nicht wahr, sie ist ein herzig Maderl?«
»Herzig? Verdimmi, verdammi! Davon hab ich nun grad gar nix geschaut. Sie hat mich anrassaunt, daß mir Hören und Sehen vergangen ist. Na, die ist Eine, welche mal den unstätsten Mann kurirt! Die hats Maul auf dem richtigen Fleck! Die, wann die mal stirbt, so muß man ihr das Mundwerk noch extra verkrämpeln und derschlagen, sonst schimpfirt sie noch im Grab weiter fort!«
»Meinst?«
»Ja, das mein' ich halt. Sogar Waatschen hat sie mir angeboten! Mir, dem Wachter!«
»Sie hat halt wohl gemeint, daß Du besser wachst, wann Du zuweilen durch eine gute Waatschen aufmuntert wirst. Unrecht hat sie wohl nicht.«
»Was? Wie meinst? Ist das Dein Ernst?«
»Alleweil red ich mit Dir immer im Ernst.«
»So wags nur nicht wieder! Ich steh hier vor Dir in Amt und Würden, und wann Du mir so kommst, so ist das die Beleidigung der königlichen Majestät und Hoheit und eine Zerbrechung des Landfriedensbruches. Darauf ist halt eine hohe Strafen gesetzt, und wann ich jetzt hinein geh und Dich anzeig, so wirst wieder eingesponnen und kommst halt Dein Lebtag nimmer wieder heraus!«
»Schau, was Du da sagst! Ja, Du bist Einer, vor dem man genugsam Respect haben muß. Mir wird ordentlich angst vor Dir, und da ist's besser, ich laß Dich hier stehen. Kauf Dir für zwei Kreuzer Tischlerleim und mach Dir den Bruch des Landfriedens wieder ganz. Grüß Deine Majestät und schlaf wohl!«
Er ging.
»Verdimmi, verdammi!« brummte der Wächter. »Da läuft er hin, aus Königs Gnad und Barmherzigkeit. Ich, wann ich König wär, ich wollt ihn schon kuranzen! Aber so ists in der Welt: Wer ein Amt hat, vor dem hat kein Mensch die richtige Ehrerbietung. Wann man nicht selbst seine Hochachtung für sich hätt, so wär es fast gar aus. Ich danke sehr schön!«
Anton war natürlich außerordentlich entzückt über seine Begnadigung. Er war frei. Er konnte gehen, wohin er wollte, und kein Mensch durfte ihm ein Hinderniß in den Weg legen. Er konnte dieses Glück kaum fassen. Und das hatte er seiner Leni zu danken. Natürlich war sein erster Weg hin zu ihr. Er eilte aus der Stadt hinaus und dem Dorfe entgegen.
Um möglichst schnell dort anzukommen, ging er nicht die Straße, sondern er schlug einen Fußsteig ein, welcher ihn eher zum Ziele bringen mußte. Dieser Weg führte durch ein kleines Gebüsch. In der Mitte desselben machte er eine Krümmung. In dem Augenblicke, als Anton in diese einbiegen wollte, kam ihm Einer von jenseits entgegen, und da wegen der Weichheit des Bodens die Schritte nicht zu hören gewesen waren, stießen die Beiden zusammen.
»Sakrament!« rief Anton. »Rennt denn heut auch Alles auf mich ein!«
»Donnerwetter!« schrie der Andere. »Der Krikelanton! Hab ich Dich! Endlich, endlich!«
Anton wich einen Schritt zurück.
»Der Naz, der Jager!«
»Ja, Bursch, der bin ich! Aber wie ist mir denn alleweil! Ich denk, Du bist todt?«
»Ja, das bin ich auch!« lachte Anton.
»So bist jetzt Dein Geist?«
»Ja, ich geh um.«
»Schau, das ist schön! Das ist gut. Ich hab vor Zeiten den Geisterbann gelernt. Vielleicht kann ich auch Dich jetzt bannen. Wo hast denn Dein Gewehr?«
»Meinst, ich hätt eins?«
»Ja, Du hast stets eins.«
»So suchs!«
»Werd's schon noch finden. Jetzt aber vor der Hand will ich erst mal Dich selber festhalten. Schau, wie wunderbar! Wir haben geglaubt, Du bist abgestürzt und liegst zerschmettert im Grund, und da trittst Du mir leibhaftig entgegen. Dich laß ich nun nicht wieder aus. Du wirst mit mir gehn.«
»Meinst?«
»Ja. Ich verarretire Dich.«
»Wie willst das anfangen?«
»Siehst hier mein Gewehr? Ich hab es in die Hand genommen. Wann Du die Miene machst, mir zu verwischen, so schieß ich Dir eine Kugel in den Leib, daß Du genug hast.«
»Hab keine Sorg, Jager, ich reiß nicht aus.«
»So gieb Deine Händ her, damit ich sie Dir ein Wenig zusammenbind. Es ist besser, ich hab Dich fest.«
»Bist wohl nicht bei Trost? Willst mich verarretirn? Warum denn?«
»Nur von wegen der Deinigen Wilddieberei.«
»Das gilt nix mehr.«
»Nix? Wer hat das gesagt?«
»Ich sags.«
»Ach so! Und Du meinst, weil Du es sagst, so kann es mir verimponiren? Da irrst Dich!«
»Der König hats auch gesagt.«
»Das verimponirt mir erst recht nicht. Das ist eine Lügen, die gar nicht größer gemacht werden kann. Ich werd Dich ins Amt schaffen, wo sie Dich nach dem Zuchthaus verdefendiren. Dann, wann Du dort bist und Wollen zupfest, werd ich mit der Leni Jodler singen, daß die Thäler zittern.«
»Bist wohl gut mit ihr dran?«
Der Jäger hatte einen Riemen hervorgezogen, um Anton die Hände zu binden; er ließ dies aber aus der Acht, vor Eifer, den Wilderer zu ärgern.
»Fein bin ich mit ihr dran, sehr fein.«
»So ist sie wohl gar Dein Dirndl?«
»Ja. Auf vierzehn Tag hin ist die Verlobung.«
»Schau, das gefreut mich außerordentlich. Wer hätt aber auch des gedacht!«
»Wer? Alle Welt hats gedacht. Alle Leut haben gewußt, daß ich des Abends zu ihr auf die Alm geh.«
»Und Dir Busserln von ihr holst?«
»Ja, tausend Küsse.«
»Oder sinds vielleicht keine Küss', sondern Waatschen?«
»Wo denkst hin!«
»Ich werd wohl sehr richtig denken. Du bist doch erst gestern oben gwesen und hast Dir von ihr eine Antworten geholt, die ich nicht haben möcht.«
»Wer hat Dich da angelogen?«
»Es ist wahr gewesen, denn sie selber hat es mir gesagt.«
»Teufel und Hölle! Du warst bei ihr?«
»Ja. Sie ist mein Dirndl, und heut in der Nacht ist es fest geworden, daß sie auch mein Weiberl wird. Kannsts gut glauben, Jager!«
Da fuhr der Naz zornig auf:
»Was, Du warst bei ihr? Beherbergt hat sie Dich? Verheimlicht vor uns, vor dem Gesetz? Einen Aufenthalt hat sie Dir geben, dem Wilderer? Das wirst auch vor Gericht sagen müssen!«
»Ich werde es nicht leugnen.«
»Gut, so kommt Ihr Alle Beid ins Zuchthaus, der Stehler und der Hehler. Das soll mir eine Freuden sein, eine große Freuden! Jetzt gieb die Händ' her, damit ich sie zusammenbind. Solch einem saubern Vogel darf man die Schwingen nicht frei lassen.«
»Ganz wie Du denkst! Vorher aber sag mir doch mal: Kannst auch wohl lesen, Jager?«
»Wohl besser als Du.«
»Das gefreut mich sehr! Ich will schaun, obs auch wahr ist. Da, lies doch mal diesen Zettel.«
Er zog die Bescheinigung hervor, welche er von dem Gerichtsamtmann empfangen hatte, und gab sie ihm hin. Der Jäger ergriff das Document, faltete es aus einander und las es. Sein Gesicht wurde länger und immer länger.
»Schau, was hast für eine Visagen!« lachte Anton. »Sie scheint von Elasticum zu sein. Bald wird Dein Kinn bis zum Gürtel herabhangen und Dein Maul steht so weit auf, daß ein Aliphant seine Herbergen darinnen finden kann.«
Das Gesicht des Jägers hatte wirklich den Ausdruck einer gradezu lächerlichen Enttäuschung.
»Wie kommst zu diesem Papier?« fragte er.
»Das kannst Dir denken!«
»Da ist dem Herrn Amtmann sein Facsimulus. Hat er den selbst geschrieben?«
»Meinst etwan, er muß ihn von einem Anderen machen lassen, weil er nicht schreiben kann.«
»Das ist doch des Teufels!«
»Sag das dem Herrn Amtmann selber!«
»Du bist frei!«
»Natürlich freust Dich darüber?«
»Wart! Vielleicht ist diese Unterschrift falsch!«
»So ein Gescheidter wie Du muß das sehr bald herausfinden. Weißt, wie man das macht?«
»Wie?«
»Mußt Dich bücken und die Bein' breit machen. Da schaust zwischen durch und hältst Dir die Schrift dabei vor die Nasen. Da siehsts gleich in der Perspectiven, daß die Schrift richtig ist und Du bist ein Esel.«
»Höre, beleidige mich nicht!«
»Dazu bist mir viel zu vornehm. So was kann mir gar nicht in den Sinn kommen. Nun aber sag, ob Du mir noch die Flügel binden willst.«
»Wie das zugangen ist, kann ich nicht verzifferiren, aber Glück hast gehabt, großes Glück. Hier hast das Papier wieder. Es ist ein richtig Dokermentum und hat seine Giltigkeit. Nun kannst wieder von vorn beginnen mit der Wilddieberei!«
»Das werd ich bleiben lassen. Ueberhaupt bist zu albern, um mir was beweisen zu können. Du lebst halt nur immer im Traume.«
»Du, hüte Dich, mich zu beleidigen! Ich dulde das nicht. Ich will mir Ehrerbietung behandelt sein. Du bist ein Wilddieb, das behaupte ich, und was ich sag, das ist stets die Wahrheit.«
»Etwan auch das von der Leni?«
»Ja, auch das.«
»So bist des Abends bei ihr gewesen?«
»Oft.«
»Und hast sie geküßt?«
»Ja.«
»Das ist eine so große Lügen, daß man ihr End gar nicht abschauen kann!«
»Es ist die Wahrheit. Wann die Leni freundlich mit Dir than hat, so wars nur aus Angst und Furcht, weil Du wilddiebt hast; ich aber bin ihr richtiger Schatz. Das kann ich Dir unterschreiben.«
»Schön! Und wann Du es unterschreibst, so will ich Dir mein Siegel dazu geben. Da hast es!«
Er holte aus und gab dem Jäger eine Ohrfeige von solcher Wucht, daß der Getroffene in den nächsten Busch stürzte und das ganze Gezweig zusammendrückte. Schnell aber raffte er sich auf und drang auf Anton ein.
»Kerl! Hund!« brüllte er. »An mir vergreifst Dich, an mir, dem Jager! Ich mordsakrire Dich!«
Er erhielt aber eine zweite Ohrfeige, welche ihn ebenso wieder niederwarf. Sein Gewehr war ihm entfallen. Er griff darnach, sprang wieder auf, legte an und brüllte:
»Jetzt ists aus mit Dir! Jetzt hast Deinen Lohn!«
Der Schuß krachte. Der Lauf war grad auf Antons Brust gerichtet gewesen. Dieser hatte den Blick scharf auf dem Finger des Jägers gehabt und war im richtigen Moment zur Seite gesprungen, so daß die Kugel nicht traf. Im nächsten Augenblicke aber hatte er dem Jäger das Gewehr entrissen.
»Morden willst mich!« rief er. »Wart, Bursch, da schau, was ich thu!«
Er hatte das Gewehr beim Lauf ergriffen, holte aus und schlug den Kolben gegen den Boden, daß derselbe abbrach; dann schleuderte er das Andere weit von sich, in die Büsche hinein.
»So! An Dir will ich mich nicht wieder vergreifen: Du bist mir zu schwach dazu. Jetzt hol Dir Deine Flinten wieder zusammen!«
»Ich zeig Dich an, ich zeig Dich an!« antwortete der Andere. »Du hast mir das Dienstgewehr zerbrochen. Du hast mich geschlagen, mich, einen Mann im Amte.«
»Das hab ich gethan. Die Ohrfeigen hast erhalten, weil Du ein braves Dirndl verschumpfen hast, und die Büchsen hab ich zerbrochen, weil Du auf mich geschossen hast. Jetzt nun mach die Anzeig, wir wollen sehen, wer Recht behält und wer seine Straf bekommt.«
»Du, Du bekommst die Strafe! Ich arretire Dich! Du gehst mit mir! Augenblicklich!«
Er ergriff Anton beim Arme. Dieser blickte ihn an, wie ein Mann einen Knaben mitleidig ansieht, schüttelte ihn von sich ab und sagte lachend:
»Was meinst? Mich willst verarretiren? An mir willst Dich vergreifen? Wer bist denn eigentlich? Ich bin der Krikelanton und freß zehn solche Kerls, wie Du einer bist! Rühr mich nicht wieder an, sonst werf ich Dich in die Höhe, daß Du in der Luft hangen bleibst!«
»Probirs doch, ob ich hangen bleib!«
Der Jäger faßte in seiner Wuth wieder nach ihm. Da aber ergriff Anton ihn am Gürtel, hob ihn empor und schleuderte ihn weit in die Büsche hinein. Dann setzte er seinen Weg fort, ohne sich nur ein einziges Mal umzusehen. Er wußte, daß der Besiegte ihm nun nicht nachkommen werde, und es war ihm ganz gleichgiltig, ob derselbe Schaden genommen habe oder nicht.
Als er aus dem Gebüsch heraustrat, lag drüben die Alp im Sonnenstrahle vor ihm. Sein scharfes Auge erkannte Leni, welche bei ihren Kühen zu schaffen gehabt hatte und soeben in das Innere ihrer Hütte trat. Er legte die Hände an den Mund, um ihr einen frohen Jodler zuzusenden, ließ sie aber wieder sinken. Es dünkte ihm viel schöner, ganz unerwartet zu ihr heran zu treten und sie zu überraschen. Darum sprang er schnell, um ja nicht von ihr gesehen zu werden, über die Blöße hinüber und eilte dann den Weg in das Dorf hinab.
Er richtete es so ein, daß er quer durch einige Gärten kam und von Niemandem gesehen wurde. Jetzt hatte er das Dorf hinter sich und stieg nun den Bergpfad empor, welcher ihn zur Alm führte.
Kein Mensch begegnete ihm. Er erreichte die Höhe und bemerkte, daß Leni sich noch immer im Innern der Sennhütte befand. Aber oberhalb dieser Letzteren saß noch ein zweites Mädchen. Es war Diejenige, welche der Bauer als Nachfolgerin Leni's bestimmt hatte.
Anton schlich sich zum Häuschen heran, duckte sich nieder, um nicht durch das Fenster gesehen zu werden, und lauschte. Drinnen ließ sich die Stimme der Sennerin liebkosend vernehmen:
»Matz, mein lieber Matz, jetzt siehst mich halt wohl zum letzten Male. Das ist so traurig, nicht wahr? Wir sind so gute Kameraden gewest und haben uns was vorgesungen und vorgepfiffen, wann uns das Herz mal traurig war. Ich thät dich so gern mitnehmen, aber das geht doch halt nicht an. So wirst noch hier bleiben müssen; aber ich habs der Bertha auf die Seel' gebunden, daß sie dich nicht darben läßt, du liebes Vögerl du!«
Es wurde dem Lauscher so eigenthümlich zu Muthe, fast ängstlich. Was war denn das? Sie nahm Abschied von ihrem Finken?
Anton trat ein. Leni stand inmitten der Hütte und hatte den Vogelbauer in der Hand. Ringsum lagen ihre Sachen, ganz so, als ob sie mit dem Einpacken derselben beschäftigt sei. Sie erblickte ihn und erschrak so, daß sie fast den Vogelkäfig fallen ließ.
»Jesses, der Anton!« rief sie aus.
»Du erschrickst vor mir?« fragte er befremdet. »Bin ich seit in der Nacht so viel anders geworden, fürchterlicher, Leni?«
»O nein! Aber ich hab nicht geahnt, daß Du jetzt zu mir kommen werdest.«
Er blickte in dem kleinen Raume umher.
»Was hast?« fragte er. »Was geht vor? Ich vernahm von draußen Deine Red'. Das klang ganz grad so, als ob Du von dem Vogel Abschied nehmst.«
»Das that ich freilich.«
»Wie? Du bleibst nicht hier oben?«
»Nein.«
»Hast eine Nachfolgerin? Ziehst hinab zum Bauer?«
»Nein, weiter.«
»Weiter? Etwan gar aus dem Ort hinaus?«
»Ja, es geht weiter fort.«
Ihr Gesicht hatte jetzt keine Farbe mehr. Sie befand sich sichtlich in einer Beklemmung, welcher sie nicht Herrin zu werden vermochte. Er sah sie groß an und seine Brauen zogen sich zusammen.
»Ich begreif Dich nicht! Kennst mich wohl gar nicht mehr, Leni?«
»Warum sollt ich Dich nicht mehr kennen?«
»Weilst mich nicht willkommen heißest und mir nicht mal die Hand zum Gruß bietest.«
»Das ist, weil Du mich so überrascht hast, da hab ichs halt vergessen. Grüß Gott, Anton!«
Sie streckte ihm die Rechte entgegen; er aber that, als ob er es gar nicht bemerke.
»Weißt noch, was wir heut in der Nacht besprochen haben, Leni?« fragte er.
»Ich weiß noch Alles.«
»Daß wir uns lieb haben?«
»Ja.«
»Und daß Du meine Frau werden willst, wann meine Gefangenschaft zu End gegangen ist?«
»Ja, Anton.«
»Und daß Du auch nach meinen Eltern schauen wolltest? Ach so, jetzt weiß ich, was Du thust. Du nimmst Deine Sachen zusammen, um hinüber zu den Eltern zu gehen. Nicht wahr?«
Sein Auge war wie dasjenige eines strengen Examinators auf sie gerichtet. Sie raffte sich aus ihrer Verlegenheit, trat einen Schritt näher und sagte:
»Anton, mußt nicht so sprechen. Du glaubst nicht, wie wehe so ein Wort thut und so ein Blick!«
»Meinst etwan, es thut nicht wehe, wann ein Mädchen fortzieht, ohne ihrem Buben erst ein Wort davon wissen zu lassen?«
»Es ist so schnell gekommen.«
»Schnell? Wo willst denn hin?«
»Hinein ins München.«
»Ins München? Herrgott! Das ist nicht wahr! Leni, das kannst nicht vorhaben!«
»Ich muß, Anton. Es geht nun nicht anders.«
»Ins München hinein! In die Stadt, zu die lockern Buben, wo die Soldaten herumlaufen und die Dirndln verführen! Dahin willst? Dort willst wohl Mamsell werden oder Kellnerin?«
»Nein, das würd ich in meinem ganzen Leben nicht thun, Anton, das nicht.«
»Was denn? Was willst drin thun?«
»Ich soll eine Künstlerin werden.«
»Eine Künstlerin? O Jesses und Maria! Willst etwan auf dem Seil tanzen oder in einer Vogelschießbuden die Ausschreierin machen?«
»Wie kannst von mir so was denken, Anton!«
»Nun, was sonst?«
»Ein große Sängrin soll ich werden.«
»Eine Sängrin? Wirklich?«
»Ja.«
Er schien zu wanken; er setzte sich auf den Schemel nieder und legte das Gesicht in seine beiden Hände. Als er einige Zeit so gesessen hatte, ohne ihr ein Wort zu sagen, legte sie ihm die Hand auf die Achsel und sagte in bittendem, beruhigendem Tone:
»Was erschrickst so, Anton! Es ist ja nix Böses, was ich vorhab, gar nix Böses!«
Da hob er langsam den Kopf empor. Sein Gesicht war leichenblaß und ein blauer, tiefer Rand lag um seine Augen. Nur leise fragte er:
»Sängrin willst werden? Wohl beim Theater?«
»Ja.«
Da sank er wieder in sich zusammen. Sie wartete eine Weile. Er bewegte sich nicht.
»Anton, sei gut, sei verständig!« bat sie voller Angst. »Es ist nicht so, wie Du denkst.«
Da stand er vom Schemel auf, ergriff ihre beiden Hände, blickte ihr tief, tief in die Augen und fragte:
»Leni, nicht wahr, es ist ein Gespaß? Du willst mich nur ein klein Wenig derschrecken?«
Sie wendete das Gesicht halb ab und antwortete:
»Ich wollt schon, daß es so wär, aber es ist kein Gespaß, sondern es ist Ernst.«
»Das kann ich halt unmöglich glauben! Die Leni eine Sängrin, eine Theaterpuppen! Das kann nicht sein, das kanns gar nicht geben in der Welt! Ich bitt Dich um Gotteswillen, erlös mich von der Pein und sag mir, daß ich falsch gehört hab!«
»Das kann ich nicht sagen, Anton.«
»Also doch, doch, doch! Herr, mein Gott, was fang ich an! Wer ist daran schuld? Wie ist das so schnell kommen? Leni, sag mir das, sag es!«
»Der König wills haben.«
»Der König? Wie kann der auf den Gedanken kommen, Dich ins Theater zu thun?«
»Er hat meine Stimm gehört, und ich hab ihm versprechen müssen, eine Sängrin zu werden.«
»Der König, der König!«
Er setzte sich wieder auf den Schemel nieder und blickte starr vor sich hin. Sein Auge war weit geöffnet, als ob es erschrocken in eine weite Ferne blicke. Kein Zug seines Gesichtes bewegte sich, bis er dann leise klagend wiederholte:
»Der König, der König! Ist er nicht reich genug, nicht glücklich genug? Giebt es nicht Sängerinnen und Theaterspieler und Gaukler genug in der Welt? Muß er hier herkommen und Dich holen? Hat er nicht Silber und Gold und Edelstein', so viel er will? Kann er nicht Freud und Vergnügen haben zum Ueberdruß, essen und trinken alle Herrlichkeiten aus weiten Ländern? Hat er nicht drin im München vornehme und schöne Frauen, an denen er seine Freud und Wonn' haben kann? Warum muß er hierher kommen, um dem armen Wildheuer sein einzig Gut zu rauben, seine Freud und seinen Trost im Leben und Sterben, warum, warum, warum?«
Sein Auge blickte noch starr und trocken vor sich hin, aber mitten aus dieser heißen Oede des Auges brach eine einzelne, große, schwere Thräne hervor und rollte über die Wange herab.
Leni wurde angst und bange.
»Anton, Anton!« sagte sie. »Sprich nicht so, nur nicht so! Ich hab Dich ja lieb, ich laß nicht von Dir, ich bleib Dir treu, so lang ich leb!«
»Du hast mich lieb und gehst von mir? Du bist mir treu und willst auf das Theater?«
»Es ist ja das Alles nicht so, wie Du es denkst!«
»Nicht? Weißt Du das so genau? O, jetzt erkenn ich, was die Mondsüchtige gestern gemeint hat. Ich hab mir wohl gemerkt, was sie zu Dir sagte:
»Ein König nimmt Dich an die Hand,
Führt Dich in goldne Pforten ein,
O traue nicht dem eitlen Tand,
Und trau der Liebe nur allein!«
Der König ist da und er hat Dir die Hand gereicht. Geld, Gold und Flimmer bietet er Dir, Leni, und das hat Dich verführt, das hat Dich halt irr gemacht!«
»Nein, Anton, nicht Gold und Flimmer!!«
»O doch, doch! Aber denk daran, wie die anderen Worte lauten! Es ist nur eitler Tand, auf den Du Dich nicht verlassen sollst. Nur der Liebe allein sollst Du trauen, nur ihr allein. Und diese Lieb, diese Lieb giebts hier bei mir, da, da!«
Er legte die Hand auf sein Herz.
»Nein, das darfst nicht denken!« bat sie. »Ich tracht' nicht nach Geld, gewiß nicht. Der König hat mich gebeten, und ich hab ihm widerstanden, ich hab nein zu ihm gesagt, Anton.«
»Aber jetzt willst dennoch!«
»Weils jetzt anders ist als vorher. Ich hab geglaubt wie die Andern, Du seist todt, erschossen von dem Oberförster. Da haben sie Dich gesucht, aber nicht gefunden. Der König wollt mich mit sich nehmen; ich aber habs ihm erzählt, was ich Dir versprochen hab, und er wars zufrieden, daß ich nicht eine Sängrin werden sollt. Ich wollt mir vom Wurzelsepp mein Geld geben lassen und hinüber zu Deinen Eltern ziehen und bei ihnen bleiben bis zu ihrem und bis zu meinem Tod.«
»Nun, warum hast das nicht gethan?«
»Weil ich nachher vernommen hab, daß Du nicht todt bist, sondern im Gericht steckst als Gefangener. Da bin ich zum König gesprungen und hab Dich frei gebeten. Und damit er Dich frei lassen soll, hab ich ihm mein Wort gegeben, Sängrin zu werden. So ist es, Anton.«
»So, also so! Frei hast mich gebeten, und um meinetwillen willst Sängrin werden? O mein Herr und mein Heiland! Das ist ja grad das Allerschlimmst', was Du hast thun können.«
»Siehsts denn nicht ein, daß ichs gut gemeint hab?«
»Nein, das seh ich nicht ein, nun und nimmer nicht. Hättst mich in der Gefangenschaft gelassen! Das war besser, viel besser. Du wärst kommen, mich zu besuchen. Du wärst zu meinen Eltern gangen, und ich wär stolz gewesen auf meine Leni und hätt mit keinem Kaiser nicht getauscht. Nun aber bin ich frei. Und was hab ich von meiner Freiheit? Das Glück hab ich dafür hingeben müssen, das ganze, ganze Lebensglück!«
»Nein, Anton, nein!«
»Gewiß, gewiß, Leni!«
»Aber nein und nein! Ich bin ja doch Dein!«
»Meinst wirklich?«
»Ja. Ich mag doch keinen Andern!«
»Das sagst jetzt, aber das wird dann hernach anders, viel, viel anders!«
»Anton, hier hast meine Hand! Ich weiß, daß der liebe Heiland verboten hat, zu schwören, und ich habs auch nie gethan. Jetzt aber in dieser schweren Sorg und Noth will ich die Sünd auf mich nehmen und Dir den Schwur geben, daß –«
»Halt!« unterbrach er sie. »Schwöre nicht, Leni! Du weißt ja gar nicht, was Du sagst und thust!«
»Ich weiß es; ich weiß es ganz genau!«
»Nein, Du weißt es nicht, und Du ahnst es nicht. Kannst Dich noch erinnern, als wir heut in der Nacht sagten, daß Mann und Frau nur sich ganz allein gehören dürfen?«
»Daß sie keinen Andern und keine Andere küssen dürfen, auch nicht im Scherz beim Pfänderspiel?«
»Das haben wir gesagt.«
»Nun, ich war einmal drin in Salzburg im Theater, ganz oben, wo es am billigsten ist. Da wurd' ein Stück gegeben, ein Stück, worüber Alle klatschten und Bravo geschrieen haben. Ich aber bin ganz still gewesen, weil es mir nicht gefallen hat.«
»Warum nicht?«
»Fast kann ich es Dir nicht sagen.«
»Sage es doch! Wir reden von einer ernsten und wichtigen Sach, da kannst wohl sprechen.«
»Wann Du so meinst, dann will ichs sprechen. Schau, die Damen auf der Bühn' haben Kleider angehabt, ganz ohne Aermel, so daß die Arme nackt gewesen sind bis an die Achsel. Und ein Leibchen ist auch nicht am Kleid gewesen. Man hat Alles, Alles sehen können bis fast auf den Gürtel herab. Ist das nicht eine Sünd und eine Schand? Sogar der halbe Rücken ist nackt gewesen. Pfui!«
»Das würd' ich niemals thun!«
»Du mußt!«
»Nein, nein!«
»Und ich sag, Du mußt! Und wannst auch nicht willst, und wanns Dir auch widerstrebt. Wannst einmal dabei bist, so geht bald nach und nach der Abscheu verloren, grad wie beim Branntweintrinken, und endlich stehst auch da, grad wie die Andern, und lassest Dich anschaun, fast unbekleidet, für das Geld, welches die Leut bezahlen.«
»Und ich sag, daß ich es nimmer thun werd!«
»Ja, ja, ich weiß schon! Und sodann war Eine dabei, eine Junge, Hübsche. Die hat einen Vater gehabt, der aber nur im Theaterspiel ihr Vater gewesen ist; der hat sie immer und immer ›mein Kind‹ genannt und sie dabei geküßt. Und sodann hat sie einen Schatz gehabt, der aber auch nur im Spiel ihr Schatz gewesen ist. Der hat sie auch viel geküßt und sie immer umärmelt und sie sogar auf seine Knie genommen und die Arm' um sie gelegt und sie an sich drückt.«
»Das würd' ich gar niemals dulden!«
»Kannst etwan anders, wann Du spielst?«
»So spiel ich eben kein solches Stück.«
»Du wirst halt gar nicht gefragt.«
»O, ich werd mich schon wohl fragen lassen. Ich werd sagen, daß Du mein Schatz bist und daß ich es nicht will und daß Du es nicht duldest.«
»Sie werden darüber lachen, weiter nix.«
»O wohl! Ich werd mit dem König darüber sprechen, und er wird ihnen befehlen, ein anderes Stück zu spielen, wo ich nicht geküßt werd.«
»Ich weiß gar wohl, daß Du das jetzund im Ernst sagst, Leni; aber dann später wird es doch weit anders. Wer in den Schmutz fällt, der wird schmutzig, und selbst wann er sich wieder abbürstet, bleibt doch ein Fleck zurück. Und es ist Schmutz, worin Du Dich begeben willst. Ich weiß das sehr genau.«
»Hast nicht einmal das Gleichniß gelesen, daß die Krähen den Schwan schmutzig machten, er aber tauchte im Wasser unter und war nachher weiß wie zuvor?«
»Ich habs im Schulbuch gelesen. Aber das stimmt doch nicht. Es ist auch für den Schwan besser, wann er gar nicht dorthin geht, wo Krähen sind. Dann braucht er sich gar nicht abzuspülen. Leni, sag mir mal recht aufrichtig, obst mich lieb hast, wirklich von Herzen lieb?«
Er stand vor ihr und ergriff ihre Hand.
»Von ganzem Herzen, Anton!« antwortete sie.
»Und meinst, daß ich ein guter Mann sein kann, und daß wir glücklich sein werden?«
»Ja, das denk ich gewiß.«
»So bitt ich Dich Eins, nur Eins im ganzen Leben: Thu mir den Gefalln und geh nicht zum Theater!«
»Ich muß ja doch! Ich habs dem König versprochen.«
»Er wird Dir Dein Wort zurückgeben!«
»Ich darf ihn nicht bitten.«
»Warum nicht?«
»Weil es Undank wär. Er hat Dich ja um deswegen frei gegeben.«
»Ists nur das?«
»Nur das!«
»Gut, so gehe ich jetzt gleich wieder ins Amt und melde mich. Ich will gefangen sein.«
»Das geht nicht.«
»Meinst, sie nehmen mich nicht wieder an?«
»Sie können Dich nicht annehmen. Was der König befohlen hat, das gilt, das muß bleiben.«
»Ja, wann ich mirs überleg, so kann ich mirs denken, daß sie mich fortweisen werden. Aber wann Du dem König Alles sagst, so wird er ein Einsehen haben und Dich zurücklassen.«
Sie blickte nachdenklich vor sich hin; ihr Busen hob und senkte sich; Anton hörte ihren Athem schwer gehen. Sie kämpfte einen schweren Kampf. Wer würde siegen, die Liebe oder die Rücksicht für den König, die Rücksicht auf ihr gegebenes Wort – die Dankbarkeit? Endlich sagte sie:
»Jetzt will auch ich Dich fragen, Anton: Hast mich lieb, gewiß und wahrhaftig lieb?«
»Lieber, viel lieber als mein Leben!«
»Denkst vielleicht, daß ich ein schlecht und lüderlich Dirndl bin?«
»Nein, das bist nicht, nun und nimmer nicht.«
»Hast also Vertrauen zu mir?«
»Ja.«
»Ists wahr?«
»Gewiß.«
»Nun, so mußt doch auch zeigen, daßt wirklich Vertrauen hast. Wannst Vertrauen hast, so wirst auch glauben, daß ich immer so bleib wie ich jetzt bin, so gut und brav.«
»Das glaub ich ja!«
»Nun, wann ich also beim Theater brav bin, warum willst Dus mir verbieten?«
»Weil Du dort nicht brav bleiben wirst.«
»So hast also kein Vertrauen!«
»Leni, thu mir nicht weh! Was Du da sagst, das ist eine Spitzfindigkeiten.«
»Nein, es ist nicht spitzfindig. Ich hab noch niemals mein Wort gebrochen; soll ich es grad jetzt nun brechen, da ich es einem König geben hab?«
»So gilt er Dir mehr als ich?«
»Nein, Du bist mir lieber; aber er ist unser Herr und Wohlthäter.«
»Unser Peiniger ist er!« brauste er auf.
Da antwortete sie in ernstem Tone:
»Das ist nicht wahr; das dulde ich nicht, auch von Dir nicht, Anton! Er ist auch Dein Wohlthäter. Er hat Dich frei gemacht und Dir gestern Abend dreihundert Mark geschenkt!«
»Dreihun – – –«
Das Wort blieb ihm im Munde stecken. Er starrte sie ganz verständnißlos an. –
»Nun ja,« nickte sie.
»So war Der – Der – Der der König?«
»Ja.«
»Und Du hasts mir nicht gesagt!«
»Ich habs selber nicht gewußt. Ich erfuhr es erst nachher, als Du fort warst.«
»Der, Der, Der! Drum hat er mich begnadigt, weil ich den Bären erschossen hab? Aber das macht die Sachen doch nicht anders! Grad er mir sein Leben zu verdanken hat, soll er mir das Mädchen lassen, ohne welchs ich nicht leben mag!«
»Geh! Du sollst ja gar nicht ohne mich leben!«
»Sprich nicht so, Leni! Wann Du eine Sängrin wirst, so ists aus mit uns Beiden.«
Er sagte das in bestimmtem Tone und blickte ihr dabei finster in das Gesicht. –
»Ich denk, das wirst Dir noch überlegen!«
»Es ist überlegt!«
»So meinst, ich soll mein Wort brechen und dem guten König undankbar sein?«
»Ja, Du mußt!«
»Ich muß? Wer will mich dazu zwingen?«
»Ich!« antwortete er zornig.
Sie wollte ihm in demselben Tone antworten, besann sich aber doch und sagte eindringlich:
»Ich bitt Dich dennoch, es zu überlegen. Schau, es war drunten beim Pfarrer, daß ich mit dem König gesprochen hab. Der geistliche Herr hat mir auch zugesprochen, daß ich dem König den Wunsch erfüllen soll. Er hat mir gesagt, daß ich sehr viel Gutes stiften kann als Sängrin, daß ich singen könne den Menschen zur Freude und dem lieben Gott zur Ehre!«
»Ja, den Menschen zum Aerger und dem lieben Gott zur Schande! So ists!«
»Anton!«
Sie hatte seine Hand losgelassen und war zurückgetreten. Jetzt blitzte auch ihr Auge zornig auf.
»Was willst?« stieß er kurz und barsch hervor.
»Ich möcht nicht, daß Du zu weit gehst. Tausend Maderln wär es ein Glück und eine Ehr, wann der König sie zu einer Künstlerin machen thät, und nun, da mir diese Ehr widerfährt, sprichst Du zu mir wie zu einem unguten Dirndl!«
»Das bist auch, wann Du mir nicht gehorchst!«
»Gehorchst? Meinst etwan, daß ich Dir bereits jetzt unterthänig sein soll? Da irrst. Noch bin ich meine eigne Herrin und kann machen, was mir beliebt. Weißt das etwan nicht?«
Da schlug er mit der Faust auf den Heerdrand und rief aus:
»Jetzt, ja, jetzt zeigst das richtige Gesicht! Jetzt kommt die Krall von der Katz!«
Das war nun freilich mehr, als sie vertragen konnte, ohne zornig zu werden. –
»Wie nennst mich? Eine Katz? Kralla hab ich? War ich etwa gestern eine Katz, als ich Dich verbergen wollt, als ich Dir den ersten Kuß meines Lebens gab. Dir, den von der Polizei Verfolgten? Hatt ich etwan heut auch Krallen, als ich Dich beim König von der Gefangenschaft losgebeten hab? Hasts vergessen, was ich that und was Du mir schuldest?«
Da fuhr er von ihr zurück, so weit es ging.
»Wer hat mir gestern versprochen, nix wieder von der Vergangenheit zu sagen? Du! Jetzt fängst bereits schon wieder an, zu beginnen! Jetzt kommen die Vorwürf! Wie soll das später werden! Ja, eine Katz bist, und Krallen hast! Ich fühl sie bereits in meiner Seele.«
»So geh fort, daßt sie nicht mehr fühlst!«
»Das kann ich halt thun! Behüt Gott!«
»Behüt Gott!«
Er öffnete die Thür. Bereits war er draußen. Da erklang es hinter ihm:
»Anton!«
Er blieb stehen, doch ohne sich zurückzuwenden.
»Anton!«
»Was ist?«
»Solls wirklich so enden?«
»Ja.«
»Es könnt ja ganz anders sein!«
»Freilich.«
»Komm her!«
»Kannst auch zu mir kommen!«
Er war vor der Thür stehen geblieben, den Rücken ihr noch immer zugekehrt. Sie kam herbei, legte ihm von hinten den Arm um den Hals und sagte:
»Komm herein, und sei gut!«
»Willst gehorchen?«
»Laß mich mit fort! Wann ich dann merk, daß man Solches, wie Du gesagt hast, von mir verlangt, so kehre ich ganz von selber zuruck.«
»Nein. Du bleibst gleich heut!«
»Anton, sei doch vernünftig!«
»Sei Du es doch!«
»Es ist ja gar nicht nöthig, daß ich zum Theater geh! Es giebt auch Sängerinnen, die nur in Concerten singen. Ich hab das gehört.«
»Du sollst nicht im Theater und nicht im Concert singen. Ich duld es nicht. Sagst ja oder nicht?«
»Denk doch an den König!«
»Was geht der mich an! Ich bin quitt mit ihm. Ich hab ihm das Leben gerettet, und er hat mir die Freiheit gegeben. Dich aber soll er in Ruhe lassen. Dein König bin ich! Wirst gehorchen?«
Da nahm sie ihre Arme von ihm zurück.
»Gehorchen? Nein!«
Sie sagte das in einem so entschiedenen Tone, daß er sich schnell zu ihr herumdrehte.
»Nicht?«
»Nein. Noch bin ich Dir nicht Gehorsam schuldig!«
»Gut, so sind wir geschiedene Leut!«
»Wenn Du nicht anders willst, so muß ich es auch zufrieden sein.«
Ihre Stimme bebte aber dennoch, als sie das in möglichst gleichgiltigem Tone sagte. Er deutete nach rechts hinüber, nach dem Felsengrate.
»Schau, dort bin ich in der Nacht hinüber. Da hatt ich Flügel; das Glück hatt sie mir geliehen. Aber ich wollt, ich wär da abigestürzt und läg dort unten im Abgrund, wo mich kein Mensch nicht mehr finden könnt!«
»Und Deine Eltern!«
»Die wüßten es nicht anders, und Du wärst ja bei ihnen. Du hasts ja gesagt. Nun aber ists viel, viel schlimmer, als wann ich todt wär. Jetzt ist meine Lieb gestorben, meine Seel gestorben, mein Glück gestorben, Alles, Alles ist todt, nur ich leb noch allein!«
»Deine Lieb ist auch gestorben? So kann sie nicht groß und stark gewesen sein. Aber ich kenne Dich schon. Der Zorn spricht aus Dir. Wann eine Zeit vergangen ist, so wirst schon ganz anders denken. Darum sag ich Dir auch jetzt noch: Ueberleg es Dir!«
»Es ist überlegt.«
»Dennoch werd ich Dir von München aus einen Brief schreiben. Wirst mir antworten?«
»Nein.«
»Anton, Du wirst antworten; ich weiß es. Du hast mich lieb. Dein Herz wird schon noch den Sieg gewinnen über den starren Kopf. Und wann ich Dir schreib und schick Dir tausend Grüße, so wirst nicht hart bleiben können, sondern mir eine Antwort senden und auch einen Gruß. Nicht?«
Sie legte ihm nochmals die Hand auf den Arm und blickte ihm warm in das Auge. Da zog es ihn herum zu ihr.
»Leni!« rief er aus. »Ich kann Dich nicht fortlassen. Thu mir das nicht an! Bleib hier!«
»Ich muß mein Wort halten; ich habs Deinetwegen gegeben; aber wann ich merk, daß ich dort nicht brav bleiben kann, so komm ich zu Dir zuruck, Anton!«
»Das ist nix! Entweder ganz hier bleiben oder ganz fort von mir, immer, immer! Entscheide!«
»Ich gehe!«
»So ists gut! Du bist doch die falsche Katz, wann Du es auch nicht zugiebst. Ich geh, und Du wirst mich nicht wiedersehn. Behüt Dich Gott auf ewig!«
Er stieß sie von sich und stürmte fort.
Sie schlug die Hände vor das bleiche Gesicht. Es war ihr todesweh um das Herz. Sie lauschte mit verdecktem Angesicht, bis seine Schritte verklungen waren. Dann ließ sie die Hände herab.
»Heilige Mutter Gottes, was soll ich thun?« hauchte sie. »Da geht er fort, mein Glück, meine Lieb und mein Leben!«
Und als ob ihre Liebe jetzt mit verzehnfachter Gewalt im Herzen lebendig werde, eilte sie vor an den Rand des Abhanges, wo man den Bergpfad überblicken konnte.
Da unten ging Anton, gerade an der Stelle, an welcher gestern der König dem Sepp die Wurzeln mit zusammengesucht hatte. Leni hielt die Hand an den Mund und stieß einen Jodler aus. Anton ging weiter, ohne zu antworten. Da überfiel sie eine unendliche Bangigkeit, eine Sehnsucht, welcher sie nicht zu widerstehen vermochte.
»Anton, Anton!« rief sie hinab.
Jetzt wendete er sich um.
»Was willst!«
»Komm wieder herauf!«
»Fallt mir nicht ein!«
»Ich will bleiben!«
»Jetzt brauchsts nun auch nicht mehr!«
Er ging und verschwand um die Ecke. Da eilte sie vom Rande zurück, an der Hütte vorüber und den Pfad hinab. Sie wollte ihm folgen, ihm gute Worte geben, ihn festhalten und zurückführen. So schnell sie konnte, folgte sie ihm. Sie erreichte die Stelle, an welcher er verschwunden war. Eben wollte auch sie um die Ecke, da fuhr sie noch rechtzeitig wieder zurück. Sie hatte Jemand reden gehört. Sie blieb stehen und horchte. Da sagte eine Stimme, in welcher sie diejenige ihres Pathen, des alten Wurzelsepp, erkannte:
»Bist verrückt, Anton! Was fallt Dir ein?«
»Nein, ich kanns nicht dulden!«
»Aber Du stößst Dein Glück von Dir!«
»Ein Theaterglück!«
»Red keine Dummheiten! Du wärst der Kerl, über Kunst und Glück parleriren zu können! Da bist viel zu dumm dazu. Verstanden? Von mir kannst so ein Wort annehmen. Ich bin alt und meins ehrlich mit Dir!«
»Ich mag keine Theaterpuppen haben!«
»Das wird die Leni nicht!«
»O doch, und schon sehr bald!«
»Da kennst sie schlecht und mich auch!«
»Ich kenn sie sehr wohl. Sie ist eine falsche Katzen. Und Du, Du wirsts halt auch nicht anders machen können, wanns mit ihr bergunter geht.«
»Oho! Thu nicht so klug! So gescheidt wie Du bin ich allemal auch. Nicht bergunter sondern bergauf wirds mit ihr gehen.«
»Ja, bergauf, bis da hinauf, wo die wohnen, welche ein Jeder haben kann für Geld.«
»Himmelsakra! Was meinst?«
»Ich mein, was ich sag. Ich mag nix mehr von ihr wissen. Sie will ihre Schand, und so mag sie sie auch haben. Eine Hur' brauch ich nicht. Adieu!«
Er stürmte weiter. Der Wurzelsepp schleuderte ihm noch einige zornige Worte nach und setzte dann seinen Weg fort. Er hatte zu Leni gewollt und war ihm begegnet. Als er um die Ecke trat, sah er das Mädchen schluchzend an dem Felsen lehnen. Er ergriff sie bei der Hand.
»Komm zuruck, Leni! Der Kerl soll für das Wort, was er jetzt gesagt hat, Dir noch zu Füßn knien und Dich um Verzeihung bitten. Komm, Lenerl, komm!« – – –

Drittes Capitel  Der Wasserfex

Der Herbst, in welchem die letzt erzählten Ereignisse sich begeben hatten, war in das Land gegangen, der Winter ihm gefolgt. Nach diesem hatte der Frühling seinen Weg über die hohe Mauer der Alpen herüber gefunden; laue Lüfte begannen zu wehen; die Knospen an Baum und Strauch brachen auf, und an vielen Fruchtbäumen waren auch bereits die Blüthen zu sehen.
Nur der Tannenwald, welcher den Berg bedeckte, schien den Gruß des Frühlings noch nicht empfangen zu haben. Ernst und finster zog er sich hüben empor, um drüben sehr steil wieder hinabzusteigen, und nur wenige junge, grüne Spitzen zeigten, daß der Mai seinen Einzug gehalten hatte.
Durch diesen Wald und über die Höhe hinweg zog sich ein ziemlich breiter Pfad, reich mit abgefallene Tannennadeln bedeckt und also weich, wo nicht die Wurzeln der Bäume die Oberfläche berührten. Er war wohl nur für Fußgänger angelegt, doch zeigten auch einige veraltete Radspuren, daß hier auch Wagen gegangen waren, Holzfuhren wohl, wie sie im Walde ja hier und da nothwendig sind.
Diesen Weg stieg eine Dame hinan. Sie war ziemlich corpulent, mochte gegen dreißig Jahre zählen und blieb von Zeit zu Zeit verschnaufend stehen, ein sicheres Zeichen, daß ihre Wohlbeleibtheit eigentlich nicht für eine solche Bergtour prädestinirte.
Ihre eigentliche Kleidung war nicht zu sehen, da ein grauer Staubmantel bis zu den derben Bergschuhen herniederhing; dennoch gab es an ihr Einiges, was auffällig zu nennen war.
Sie trug einen großen, breitkrämpigen Amazonenhut mit einer riesigen Feder, welche hinten bis auf die Schulter herabhing. Hinter ihrem Ohre steckte eine Gänsefeder, deren schwarze, nasse Spitze verrieth, daß vor kaum Minuten noch mit ihr geschrieben worden war, und an dem Regenschirm, welchen die Dame trug, war anstatt des Griffes oder Knaufes ein silbernes Tintenfaß angebracht, dessen Deckel geöffnet war und also errathen ließ, daß die Tinte sich in Gebrauch befunden hatte. Unter dem Arme trug die Dame ein Buch und auf dem Rücken an einem Riemen einen Plaid. Dieser war zusammengerollt, doch guckten an der einen Seite der Rolle das Eckchen einer Semmelzeile und das Ende einer Wurst neugierig heraus.
Langsam, sehr langsam ging es bergauf. Die Dame suchte mit den Augen nach rechts und nach links, nicht nach Pflanzen etwa, sondern es war ihren Blicken anzusehen, daß sie auf irgend einen Menschen zu treffen hoffte. Dieser Wunsch sollte in Erfüllung gehen. Aus einem schmalen Seitenwege trat ein Mann oder vielmehr ein Männchen von sehr kleiner, sehr schmaler und dünner Statur, aber außerordentlicher Beweglichkeit. Er trug schwarze Hosen, schwarzen Frack, schwarze Weste, einen schwarzen, sehr breitkrämpigen Künstlerhut, schwarze Glacéhandschuhe, einen schwarzseidenen Regenschirm und einen schwarzen, ebenholzenen Spazierstock. Auf der langen, schmalen Nase saß ein Klemmer, in schwarzes Horn gefaßt. Die Stiefel waren von Lackleder gefertigt, und auf der Schleife seiner Halsbinde glänzte ein ziemlich großer, werthvoller Diamant.
Als die Dame ihn erblickte, blieb sie stehen.
»Guten Morgen, mein Herr!« grüßte sie.
»Guten Marken, buona mattina, Signora,« antwortete er.
»Es geht sich sehr langsam hier herauf.«
»Sehr! Largo, largo assai, largo di molto!«
»Sind Sie hier bekannt?«
»Begannt? O, ich sein begannt! Ich gennen jeder Weg und jeder Baum.«
»Hat man noch weit in die Thalmühle?«
»In die Thalmühlen? Gar nix weit, gar nix. Nok ein halber Stund.«
»Und immer diesen Weg?«
»Immer, semper. Ich wohnen dort.«
»Ah, das ist schön! Wie wohnt es sich dort?«
»Ausgeseichnet, sehr vortrefflik, eccellente, egregio, perfetto – ßehr, ßehr!«
»Ich wohne auch dort.«
»Auk? Hab nix gehabt die Ehr, ßu ßehen Signora.«
»Ich ziehe erst jetzt ein. Mein Name ist Franza von Stauffen. Mein Vater ist mit der Schwester Elisa bereits nach der Mühle. Ich aber habe, als wir die Bahn verließen, diesen romantischen Waldweg eingeschlagen. Ich bin nämlich Dichterin.«
»Dickterin? Eine Poeta? Eine Verseggiatora? Ssehr schön, ßehr schön! Vortrefflick. Ich erlaube mir, mich vorßustellen. Ich bin Signor Rialti, Concertmeister.«
Dabei nahm er den Regenschirm wie eine Violine an das Kinn und strich mit dem Spazierstocke wie mit dem Violinbogen darüber hinweg.
»Sehr angenehm, Signor! Wir sind also geistesverwandt. Gehen Sie nach der Mühle?«
»Ja, ßehr, ßehr grade?«
»So darf ich mich Ihnen wohl anschließen?«
»Gern, ßehr gern, molto gern, Signora. Ich sein ganz froh, ßuh haben Ihrer Gesellschaft!«
Er fuhr dabei mit dem Stocke über den Regenschirm, als ob er einen lustigen Läufer geige und schloß daran einen Triller, bei welchem alle Finger der linken Hand zappelten.
Die Beiden gingen eine Strecke neben einander her, ohne zu sprechen. Sie beobachteten und taxirten einander mit verstohlenen Seitenblicken, bis sie auf der Höhe ankamen, wo der Weg sich wieder abwärts senkte.
Da, an dieser Stelle war ein Leichenbrett an einen Baum befestigt.
In vielen, besonders katholischen Gegenden ist es nämlich Sitte, an Gräbern und an Stellen, wo Jemand verunglückt ist, ein langes, schmales Brett anzubringen, auf welchem die nöthigen, oft aber auch unnöthigen Bemerkungen angebracht sind, meist Verse von sehr zweifelhaftem Werthe. Da der Tischler, welcher das Brett hobelt und bemalt, meist auch der Dichter der Reime ist, so darf man an diese Letzteren keine künstlerischen Ansprüche erheben. Oft kommt es da vor, daß ein solches Gedenkbrett einen ganz entgegengesetzten Eindruck als den beabsichtigten ernsten macht.
So war es auch hier. Auf dem Brette war nämlich ein Baum abgemalt, welcher auf einem Menschen lag, und darunter stand:
»Beglückt und ohne Sorgen
Ging ich am frühen Morgen
Auf meine Arbeit aus.
Da traf mich eine Eiche,
Und ach, als eine Leiche
Kam Abends ich betrübt nach Haus.«
Die beiden Wanderer blieben stehen und lasen die eigenthümlichen Reime.
»Wie gefällt Ihnen das Gedicht?« fragte die Dame.
»Es ist kut, ßehr kut, ßehr!«
»Ja. Der Dichter hat seine Sache gut gemacht. Es kommen darin vor Glück und Sorgen, eine Eiche, eine Leiche, der Morgen und auch der Abend. Das ist genug für diese wenigen Zeilen. Der Dichter hat einen beneidenswerthen Gedankenreichthum besessen. Er ist im Wald zu Hause; das hört man gleich. Der Wald begeistert zur Poesie. Hören Sie zum Beispiel, was ich auf uns Beide jetzt dichte!«
Sie schlug ihr Buch auf, zog die Feder hinter dem Ohre hervor, tauchte sie in den Regenschirmknopf, schrieb einige Zeilen und las dann vor:
»Im Wald gehn wir spazieren
Und thun uns amüsiren,
Ein Herrchen thut mich führen;
Zu Zweit – gehn wir auf Vieren.«
Sie blickte ihn erwartungsvoll an, was er dazu sagen werde. Er machte ein Gesicht, als ob er mit der rechten Hälfte lachen und mit der linken weinen wolle.
»Nun, wie gefällt es Ihnen?« fragte sie.
»Köstlich, ßehr köstlich! Dispentioso, prezioso!«
»Nicht wahr! Nun sollten Sie erst meine Reime hören, wenn ich im Kostüm dichte. Dann kommt der Geist über mich, und ich dichte unvergleichlich. Was aber diese Gedenktafel betrifft, so muß hier höchstwahrscheinlich ein Unglück passirt sein.«
»Ja, ein Unfall, una sventura, una sciagura.«
»Ich wäre begierig, es zu erfahren.«
Da erscholl eine Stimme hinter einem Busch hervor:
»Das könnet Ihr halt schon bald erfahren.«
Die Beiden erschraken und drehten sich nach der Seite um, in welcher gesprochen worden war. Ein alter, graubärtiger Mann trat hinter dem Busche hervor und nahm höflich den Hut ab, durch dessen viele Löcher zahlreiche Zweige gesteckt waren.
»Grüß Gott die Herrschaften!« sagte er. »Ihr braucht Euch nicht zu fürchten. Ich thu Euch nix.«
»Wer sind Sie?« fragte die Dame.
»Wer soll ich sein? Der Wurzelsepp bin ich.«
»Diesen Namen habe ich schon gehört, wohl vorigen Herbst, wenn ich mich nicht irre.«
»Das ist halt richtig. Ich kenne Dich.«
»Wirklich?«
»Ja. Du bist die Schwester der Mondsüchtigen, die Dichterin. Du hast da drüben gegen die Grenz hingewohnt und dem Krikelanton damals aus der Patschen geholfen.«
»Mein Gott! Das weißt Du?«
»Alle Welt hats erfahren. Aber Du brauchst Dich halt nicht darüber zu schämen. Es war ganz sehr brav von Dir. Also, was dies Brett zu bedeuten hat, willst wissen?«
»Ja; weißt Du es?«
»Das wohl. Hier ist nämlich ein armer Holzknecht von einer großen Eichen erschlagen worden, die er hat fällen wolln. Da habn sie ihm das Gedenklein her gehangen.«
»Der Arme! Hat er Familie hinterlassen?«
»Einen Buben, den Wasserfex unten in der Thalmühl. Wann Du hinuntergeht wirst ihn sogleich sehn. Er sitzt am Wasser und fährt die Leut über. Gehst wohl hinab?«
»Ja.«
»Ich auch. Wir können halt mitsammen gehn.«
Er fragte also gar nicht, ob es der Dame und dem Herrn angenehm sei, daß er mit ihnen ging. Er holte ganz einfach seinen Rucksack hinter dem Busche hervor, warf ihn über den Rücken und schritt neben den Beiden her.
Der Concertmeister machte ein saures Gesicht; die Dichterin aber betrachtete den Sepp mit freundlichen Augen.
»Freut mich, daß ich Dich kennen lerne,« sagte sie. »Ich habe die Naturkinder gern.«
»Ja, die unnatürlichen hat man niemals gern,« antwortete er sehr ernsthaft.
»Bist Du auf der Mühle bekannt?«
»Sehr.«
»Es wohnt sich gut da?«
»Ja und nein. Wer als Badegast hier wohnt, dem gehts halt nicht sehr übel; wer aber als Gesind beim Müller ist, der mag sich schon in Acht nehmen.«
»Ist er schlimm?«
»Ja, er und seine Peitsch.«
»Wie! Gebraucht er die Peitsche?«
»Sehr. Er leidt nämlich an der Gicht und kann also nicht von der Stell, sondern sitzt Tag und Nacht in seinem Lehnstuhl. Damit er nun trotzdem das Gesind erreichen kann, hat er sich eine lange Peitschen angeschafft, welche über die ganze Stub weggeht. Wann er nun was anbefiehlt und es geschieht nicht sogleich, so greift er zur Peitschen und giebt dem Befehl solch eine Kraft, daß sofort Alles rennt. Darum heißt er auch der Peitschenmüller. Am Schlechtsten hats der Fex bei ihm.«
»Der Sohn des verunglückten Holzknechts?«
»Ja. Damals hat Niemand das arme Kind annehmen wollen, welchs bereits vorher ein Waisenkind gewest ist. Es ist nämlich mal eine Zigeunerband hier gewest, die den kleinen Bubn hier zuruckgelassen hat. Der Holzknecht hat sich seiner angenommen, und als er von der Eich' erschlagen worden ist, da fand sich Keiner, der den Buben haben wollt. Da ist er dann von Gemeindewegn zum Müller gethan worden. Der hat ihn erzogen, aber wie. Mit der Peitschen, mit Hunger, Durst, Frost und nix weiter sonst.«
»Das ist doch unmenschlich!«
»Was fragt der Müller darnach. Der Bub hat alle Schul versäumen müssen und nix lernen können, weil er für vier Personen arbeiten mußt. Jetzt nun hat er die Fähre über bei Tag und Nacht. Er bekommt halt keinen rothen Pfennig dafür, denn Alles, was er einnimmt, muß er dem Müllern geben. Wann Ihr seine Kleider anschaut, so wirds Euch warm ums Herz werden. Und mit der Nahrung ists ebenso.«
»Wie alt ist er?«
»Das weiß Niemand genau. Ich schätz ihn halt so achtzehn Jahr. Er ist ein ganz besonderbarer Mensch, gar nicht wie andere Bubn. Er spricht ganz selten ein Wörtle. Wer ihn nicht kennt, der muß ihm die Antwort abkaufen. Aber er hat auch Ursach dazu, denn Alles, Alles hackt auf ihn eini, und wann ein Unrecht geschehen ist, so soll er es gewesen sein.«
»Ist er denn so wild?«
»Wild ist er halt schon, stark und gewandt wie ein Luchs. Sie haben ihn zum Thier gemacht, und nun kann ihn auch Keiner nicht zähmen als nur die Paula allein.«
»Wer ist das?«
»Dem Müllern seine Tochter, sein einziges Kind. Er ist der reichste Mann im ganzen Kreis, und sie ist seine einzige Erbin, ein Dirndl wie Schneeglanz und helle Morgenröth. Ich hab fast noch niemals kein so schöns und lieblichs Maderl geschaut. Wer sie anblickt, der muß ihr gut sein, und wann im Frühjahr die Badeherrschaften kommen und droben in der Stadt wohnen, so hat der Müllern hier herunten in seiner Mühl ein Resterauterazionen eingericht, was eigentlich ein Schankwirthschaften ist, und nachher kommen die Herrschafterle allzutag herab, um hier zu essen und zu trinken, eigentlich aber nur um die Paula anzuschaun.«
»So ist sie wirklich so hübsch?«
»So hübsch, daß kein Malerkünstler ihr Bild so fertig bringen könnt, wie sie wirklich ist. Allhier herum wird sie oft auch die Eichkatzerlpaula genannt, weil – –na, horcht! Da ist sie ja!«
Aus dem Wald heraus, dessen Tannen sich jetzt mit Buchen und Eichen mischten, erklang eine milde, liebliche Frauenstimme:
»Die Eichkatzerln schaun mir
So freundlich ins G'sicht,
Und die Eichkatzerln lieb ich.
Doch die Bubn lieb ich nicht.«
»Das ist die Paula?« fragte die Dichterin.
»Ja. Und wann Du sie sehn willst mit ihren Katzerln, so komm mit: aber thu sacht und stat, daß Du die Thierlern nicht verscheuchst!«
Er drang in den Wald ein, und die Beiden folgten ihm leise und vorsichtig. Sie waren nur wenige Schritte gegangen, links abseits vom Wege, so hörten sie dieselbe klare, reine, sympathische Stimme:
»Die Eichkatzerln klettern
Zum Baume hinan.
Das Männerl mit dem Weiberl
Und das Weiberl mit dem Mann.«
Ein leises, süßes Zirpen ließ sich hören, wie wenn man ein Lieblingsthier mit zärtlichen Lippen lockt, und dann ertönte von derselben Stimme und in derselben Melodie:
»Wer ich so ein Kätzerl
Herinnen im Wald,
Ich sucht mir ein Männerl
Und fänds wohl auch bald.«
Dann hörte man wieder den lockenden Ton, und als die Drei weiter schlichen, hörten sie die Stimme sprechen:
»Hanserl, willst gleich schaun, daß Du zuruck gehst! Das Buchheckerl ist für die Gretl, aber nicht für Dich. Und Du, Liesbetherl, komm halt auch her! Hier hast ein Zuckerküchle. Du warst doch krank in letzter Woch. Hast im Winter hungern müssen, arms Schöpferl! Jetzt nun aber wirst bald wieder gesund und lustig werden, wann ich Dir Arzneien bring und ein hübsch Liedel dazu.«
Jetzt hatten die Drei den Saum einer kleinen Lichtung erreicht, und es bot sich ihnen ein Anblick, wie man ihn wohl nur in einem lieblichen Kindermärchen beschrieben finden kann.
Es gab da mehrere nahe bei einander liegende und von weichem Moose überzogene Felsenblöcke. Auf einem derselben, der hart am Stamme einer Buche lag, saß ein vielleicht sechzehnjähriges Mädchen, in die Landestracht gekleidet, aber von einer Schönheit, wie man sie fast nur auf Gemälden finden kann.
Die Wunderliebliche hatte ein Bein über das andere gelegt, so daß das kurze Röckchen sich noch höher als gewöhnlich emporgezogen hatte. Ueber den kleinen, kinderzarten Füßchen, welches in niedrigen Schuhen steckte, legten sich weißglänzende Strümpfe um die kräftigen, über das Alter entwickelten Waden, welche bis an die rothledernen Strumpfgürtel zu sehen waren. Oben umschloß eine Taille, welche man mit den Fingern umspannen konnte, obgleich sie aus vollen, runden Hüften herauswuchs, ein rothsammetnes, tief ausgeschnittenes Mieder, von der weißen Krause des Hemdes umsäumt und von breiten, silbernen Schlössern zusammengehalten. Diese Schlösser bildeten den einzigen Metallschmuck, welchen das reizende Mädchen trug. Die glänzenden Schultern waren entblößt, da Paula das Jäckchen ab- und neben sich gelegt hatte, die schön geformten Arme ebenso. Das rosige Gesicht war von einer unbeschreiblichen Lieblichkeit, und die zwei starken Zöpfe, in die das reiche Haar geflochten war, hatte Paula nach vorn genommen, so daß sie weit über die Brust herabhingen.
Dieses Bild jugendlicher Anmuth und Schönheit wurde belebt durch eine wunderhübsche und seltene Staffage. Nämlich rund auf den Steinen hockten in den possirlichsten Stellungen eine ganze Zahl rother und schwarzer Eichhörnchen. Eins saß in dem kleinen Gebirgshütchen, welches am Boden lag, wie ein Hühnchen im Ei und knupperte an einer Nuß. Ein Anderes, das ›kranke Liesbetherl‹ war in das Jäckchen warm und fürsorglich eingewickelt und streckte das Köpfchen mit den klugen Aeuglein und den beiden Ohrfahnen heraus. Ein Drittes war dem Mädchen auf den Schooß gesprungen, hatte den Verschluß des Hemdes aufgerissen und sich nun in den warmen, keuschen Busen gehuschelt, aus welchem beneidenswerthen Plätzchen es vergnügt hervorlugte. Ein Viertes saß auf der einen Achsel Paula's und beugte das Köpfchen weit vor, um ihr ein Zuckerstück von den Lippen zu nehmen. Es mochten wohl acht oder zehn dieser Thierchen sein, welche so zahm waren, daß ein Jedes auf seinen Namen hörte und an der Herrin emporsprang, wenn derselbe genannt wurde.
»Nun, hab ich halt Recht?« flüsterte der Sepp.
»Ein wunder-, wunderliebliches Bild!« antwortete die entzückte Dichterin.
»Ja, lieblick, ßehr lieblick! Giocondo ed dilettevole, forte dolce ed soave!« stimmte der italienische Concertmeister bei, indem er den Regenschirm wie ein Cello ansetzte und leise mit dem Stocke darüber strich, als ob er im Begriff stehe, einige gefühlvolle Tacte vorzutragen.
Aber dieses lebende Bild wurde leider unerwartet gestört. Es gab noch einen Lauscher, welcher ungesehen hinter einer Tanne gestanden hatte, ein großer, starker Bursche, welcher jetzt hervortrat.
»Schau, die Paula!« rief er mit rücksichtsloser Stimme. »Da futterts und hätschelts wieder die Viehzeuger; Unsereinen aber läßts hungern und durften. Wann ich nur auch mal da drin stecken könnt, im Mieder, da wo das Eichthier steckt: Da wollt ich mich schon auch so wohl befinden.«
Das Mädchen sprang erschrocken auf. Ihr Gesichtchen glühte vor Scham, so halb entblößt überrascht zu werden. Während sie schnell nach der Jacke griff, um sie anzuziehen, entflohen die Eichhörnchen blitzschnell an den Bäumen empor.
»Wie roh!« flüsterte die Dichterin. »Man sollte diesem Flegel einige Hiebe geben!«
Der Wurzelsepp war mit den Augen unwillkürlich den kleinen Flüchtlingen gefolgt und hatte hoch oben in einer Baumkrone Etwas entdeckt, was ihn zu der leisen Antwort veranlaßte:
»Hab keine Sorg'! Er bekommt schon seinen Zahlaus. Schau, dort oben sitzt der Wasserfex in den Zweigen. Das wird ein Theadrum mundi geben, denn der Fingerlfranz, der da kommen ist, hats auf die Paula abgesehn; kein Mensch kann ihn leiden, und der Wasserfex hat erst recht ein großes Gift und Gallen auf ihn. Er ist ein starker und gewaltthätiger Patron und malträtirt den Fex, wo er ihn nur finden kann. Der Fex duldet es; aber er fürchtet sich nicht vor ihm. Jetzt nun, wo es um die Paula gilt, wirds wohl ein Schauspiel geben, bei dem auch ich den Stock gebrauchen kann. Schau, wie dem Fex seine Augen förmlich herunterglühen!«
Die beiden Andern blickten empor nach dem Baume, auf welchem der Genannte saß. Die Blätter, welche sich aus den kaum aufgebrochenen Knospen entwickelt hatten, waren noch zu klein, als daß sie ein wirkliches Laubwerk hätten bilden können; sie konnten keiner menschlichen Person als verbergender Schleier dienen; darum hatte sich der Fex eng an den Stamm geschmiegt, um hinter diesem versteckt zu sein. Von da aus, wo Paula gesessen hatte, war er nicht zu sehen, auch von da aus nicht, wo der unberufene Störenfried gestanden hatte. Von der Stelle aus aber, an welcher der Wurzelsepp mit der Dichterin und dem Concertmeister sich befand, war er zu sehen, wenn auch nicht so deutlich, daß man alle Einzelnheiten seiner Gestalt hätte zu unterscheiden vermocht. Man sah ein kleines, im Nacken sitzendes Gebirgshütchen, einen dichten, wirren Busch blonder Haare und ein bleiches, helles Gesicht, aus welchem zwei Augen wie die Lichter eines zornigen Raubthieres herniederfunkelten. Die übrige Gestalt hatte sich so eng an den Stamm und die starken Aeste geschmiegt, daß sie von denselben kaum zu unterscheiden war.
Die drei Lauscher standen so versteckt, daß sie weder von Paula noch von dem Fex oder dem Franz gesehen werden konnten. Fingerlfranz war ein Beiname, welchen der Betreffende jedenfalls von einer Geschicklichkeit erhalten hatte, die droben in den Bergen sehr in Uebung und Pflege ist. Zwei Burschen, welche ihre Kräfte messen wollen, haken ihre Zeige- oder sonst einen beliebigen Finger gegenseitig in einander, und Jeder giebt sich nun alle Mühe, den Andern von seinem Platze weg und an sich zu ziehen. Es kommt dabei sehr oft vor, daß die starken Söhne des Gebirges dabei Bänke, Tische, Stühle und Alles umreißen, was ihnen im Wege steht. Der Franz war als der beste Fingerheld im weiten Umkreise bekannt; Keiner vermochte, ihn zu besiegen, und als Anerkennung für diese Stärke und Gewandtheit hatte man ihm den Namen Fingerlfranz gegeben.
Als er jetzt vor dem erschrockenen Mädchen stand, war er das echte, treffende Bild der rohen, ungefügen, rücksichtslosen Körperkraft. Seine großen Füße, welche in derben Nagelschuhen steckten, die starken Waden, von hartwollenen Strümpfen umschlossen, die nackten, massigen, vom Wetter gegerbten Kniee, die stämmigen Oberschenkel, die massiven Hüften, aus denen ein robuster Körper mit außerordentlich breiter Brust hervortrat, der starke Hals mit einem wahren Stiernacken, die wie aus knüppeligem Holze gearbeiteten Arme, deren Muskulatur man deutlich sehen konnte, weil er die Jacke ausgezogen über der linken Schulter trug und die Hemdsärmel emporgestreift hatte, das breite Gesicht mit der niedrigen Stirn, der breiten Stulpnase, den wulstigen Lippen, den hervortretenden Backenknochen und den kleinen, tief liegenden, grauen Augen, das kurz geschorene, struppige Haar, welches an der einen Kopfseite zu sehen war, weil er den Hut auf die andere geschoben hatte, die Spielhahnfeder und der Gemsbart, welche an dem Hute steckten und ihn als Bergsteiger, Schütze und Raufbold kennzeichneten, das Alles waren sichere Zeichen, daß der vielleicht sechs- oder siebenundzwanzigjährige Bursche nicht etwa allzu zart beanlagt sei.
Jetzt stemmte er die mächtigen Fäuste in die Hüften, lachte schallend vor sich hin und sagte:
»Was machst für ein Gesicht, Madel! Bist ja ganz so verschüchtert wie die Eichkatzerln. Möchtst wohl auch gleich vor Angst am Baum emporlaufen?«
Sie hatte sich gefaßt. Erschrocken war sie wohl über sein unerwartetes Erscheinen, aber ihn fürchten, nein, das that sie dennoch nicht. Darum antwortete sie:
»Erschreckt hast mich; aber am Baum emporlaufen, das thu ich nicht. Deinetwegen noch lange nicht!«
»Was? Hast so einen Uebermuth, Du kleins Katzerl Du? Das gefreut mich sehr, denn wann Du Dich nicht vor mir fürchtst, so bist mir am End gar wohl ein Wengerl gut!«
»Ich Dir? Gut? Da irrst Dich! Wann Du Jemand suchst, der Dir gut ist, so mußt anders wohin gehn.«
»So! Schau doch an! Auch aufrichtig bist, mehr aufrichtig, als man wohl verlangen kann. Wie aber kommts dann wohl, daßt mir Nicht gut bist?«
»Weil Du so ein Ungestümer bist, der kein Herz hat und kein Gefühl.«
»Meinst? Da bist aber freilich auf falschem Weg, Dirndl. Ein Herz hab ich gar wohl und auch ein Gefühl drin, ein größer und mächtger Gefühl als hundert Andre, die allerwärts seufzen und die Augen verdrehn.«
»Das machst mir nicht weiß!«
»Wird schon die Zeit kommen, wann Du mirs glauben mußt. Grad jetz und, wann ich Dich anschau, merk ich gar am Besten, daß ich ein Herz hab und ein Gefühl. Und da in diesem Herzen drin wohnst Du, Paula. Freust Dich da nicht ein Wengerl drüber?«
»Kanns nicht sagen. Ich wohn am Liebsten da, wo ich mich selbst und freiwillig eingemiethet hab. Dein Brustkasten ist kein Häuserl für mich. Thu halt doch eine Andre hinein, so wohl die Großmagd vom Staffelbauern oder eine Aehnliche.«
»Himmeldonner! Willst mich etwan ärgern mit dem Staffelbauern seiner Magd?«
»Nein. Ich meins sehr ehrlich. Das wäre so eine Richtige für Dich. Hat auch so breite Schultern wie Du, eine grad solche Fumpsnase und wascht sich alle Jahr nur zweimal. Da, wann Du sie nähmst, könntst sehr viel Wasser ersparn.«
»Bist doch ein Sakrifix! Schau, schau, willst Dich über mich breit machen! Das gefallt mir; das ist mir schon recht; so Eine hab ich gern. Wann Du nachher später das meinige Weib bist, so nimmst Du den Besen und ich die Mistgabel, und wir probiren damit, wer der Herr im Haus iß.«
»Du nicht und ich nicht. Wann ich mal ein Haus hab, so wirst Du halt weit davon wohnen.«
»Au weih! Das klingt schlecht und schlimm; aber es wird halt nicht grad so ausgelöffelt, wie Du es in die Suppen quirlst. Weißt, wo ich jetzt grad eben hingehn will, Dirndl?«
»Nein.«
»So rath einmal!«
»Ist nicht nöthig. Wo Du hin willst, das ist mir sehr schnupprig; warum soll ich mir also den Kopf darüber zerbrechen. Lauf, wohin Dein Schnabel zeigt.«
»Nun, der zeigt zu Dir und nach der Thalmühl hin.«
»Was willst da? Ein Kalb kaufen oder eine Kuh? Grad alleweil haben wir nix feil. Mußt also warten bis zum Herbst. Komm nachher wieder!«
»Schau, wie rasch Du bist, mich fortzujagen. Ich bin zwar ein Viehhändler, und ich kauf auch viel bei Euch, heut aber komm ich nicht, um mir einen Ochsen anzusehen. Es ist zwar auch ein Handel, den ich machen will, aber kein solcher, wie Du meinst.«
»So brauchst halt gar nicht zu kommen.«
»Meinst? Na, ein Kalb ists eigentlich auch, was ich haben will, eine kleine, junge, hübsche Kalbin, und diese, die heißt Paula.«
Sie trat einen Schritt zurück, blickte ihn groß an und fragte:
»Eine Kalbin? Die heißt Paula? Meinst etwas mich?«
»Wen sonst?«
»Nun, das ist gut! Das ist schön. Für einen Grobian kennt Dich ein jeder Mensch, aber daßt gar so ein großer Flegel bist, das hab ich mir doch nicht dacht. Das ist auch schon mehr als Flegel; das kann nur ein ganz Ausverschämter sagen, ein Rumpauf und Unhold, wie nur Du allein bist und wie es gar nimmer keinen zweiten giebt. Jetzt kenne ich Dich noch genauer als vorher, und jetzt nun kann ich weiter nix zu Dir sagen als: Mach, daßt mir aus den Augen kommst! Ich schäm mich vor mir selber, daß ich überhaupt hier steh und mit Dir reden thu. Mach fort, und recht schnell!«
Sie streckte den Arm gebieterisch nach der Gegend aus, in welcher der Weg vorüber ging. Sie war in ihrem Zorne so wunderbar schön, daß selbst er sich davon begeistert fühlte; aber anstatt eine höflichere Entschuldigung auszusprechen, lachte er laut auf und sagte:
»Gehen? Ja, gehen will ich; aber nicht allein gehe ich hier fort, sondern Du mußt mit. Arm in Arm mit mir. Du wirst einhängen bei mir. Komm!«
Er hielt ihr den Arm hin und machte eine spöttische Verbeugung dazu. Sie trat noch weiter zurück und antwortete ihm:
»Das fallt mir eben ein! Wann Du nicht gehen und mich allein lassen willst, so muß halt ich selber das Feld räumen und fortgehen. Aber vorher will ich Dir sagen, daß ich nicht in den Wald zu meinen Eichkatzerln geh, um Dich hier zu treffen. Verstanden!«
»Ist der Wald etwan Dein?«
»Nein; aber er ist groß genug, daß Du Dir einen andern Weg suchen kannst. Brauchst nicht immer dahin zu gehen, wo ich bin. Du weißt, daß ich Dich nicht leiden mag, und wannsts ja noch nicht weißt, so will ichs Dir jetzt noch mal extra sagen. Ich mag Dich nicht schaun; Du bist mir zuwider, und wann Du nun noch eine Ehr und Reputation im Leib hast, so wirst Dich nimmer wieder vor mir sehen lassen.«
Da warf er mit einer zornigen Bewegung die Jacke von der Schulter, trat ihr näher und fragte in zischendem Tone:
»Das sagst mir? Mir?«
»Ja, hörsts ja!«
»Und das meinst im Ernst?«
»Ganz im Ernst.«
»Wirklich? Wirklich?«
»Wirklich ja! Wann ich Dich seh, so ists mir alleweil niemals spaßig zu Muthe.«
Da ballte er drohend die Fäuste.
»Und weißt, was es heißt, mir das zu sagen?«
»Nun, was solls weiter heißen? Nix!«
Er fand nicht sogleich die richtigen Worte. Seine Brust arbeitete. Wär Paula ein Bursche gewesen, so hätte er sich auf sie gestürzt, und bei seiner rohen Natur kostete es ihm keine geringe Anstrengung, dies nicht zu thun.
Die Dichterin sah natürlich, daß sich eine Katastrophe vorbereitete. Sie flüsterte den beiden Andern zu:
»Wir müssen ihr helfen!«
»Wie denn?« fragte der Wurzelsepp.
»Wir müssen hin!«
»Warten wir noch!«
»Aber er wird sie wohl gar schlagen. Wir müssen ihr Hilfe bringen.«
»Die kommt allbereits. Schau, dort!«
Er zeigte nach dem Baume, auf welchem der Wasserfex gesessen hatte. Dieser hatte natürlich Alles gehört und gesehen. Mit der Behendigkeit und Geräuschlosigkeit eines wilden Thieres hatte er sein Versteck verlassen. Nicht herabgeklettert war er, nein, so durfte man es nicht nennen – herabgewunden hatte er sich wie eine Schlange. Jetzt stand er unten, hinter dem Baumstamme, den glühenden Blick auf den Fingerlfranz gerichtet.
Dieser hatte seine Wuth so leidlich niedergekämpft. Er sagte:
»Was es heißen soll? Daß ich Dich sogleich niederschlagen möcht, wannst ein Bursch wärst. Da Du aber eine Dirn bist, eine dumme, alberne Dirn, so soll mich Dein Gelapp und Geplapper jetzt nicht rühren. Später wirst schon merken, wast eingebrockt hast, später, dann, wannt meine Frau bist.«
»Ich Deine Frau? Weißt, wann ich die sein werd?«
»Nun?«
»Am Nimmermehrstag.«
»Das denkst nur blos; aber es wird ganz anders kommen, als Du meinst. Hast nicht meinen Vatern gesehen dieser Tag?«
»Ja.«
»Wohl gar gestern?«
»Wohl; er war bei uns.«
»Und warum ist er da gewesen?«
»Was gehts mich an? Ich frag nicht darnach.«
»Wirst doch darnach fragen, denn er ist da gewesen wegen Deiner und wegen meiner.«
Sie erbleichte.
»Schau, wie Dir die Farb aus den Wangen geht! Ja, jetzt merkst wohl, was im Zeug ist? Unsre Vatern, der Deinige und der meinige, sind die beiden reichsten Leut allhier herum, und weil sie es sind, soll das viele Geldl halt zusammengethan werden. Es sind schon ein paar Jährle her, daß sie uns Beid für einander bestimmt haben.«
»Daraus wird nix!« rief sie schnell aus.
»Meinst?«
»Nun und nimmer nicht!«
»Da irrst! Gestern ists ausgemacht worden. Du wirst meine Frau.«
»Lieber sterb ich auf der Stell!«
»Das Sterben geht nicht so schnell. Mein Vatern ist gestern Abend nach Haus kommen und hat mir gesagt, wie die Sach steht. Nun muß ich heut nach der Thalmühl zu Euch, weil es doch so Brauch ist, daß der Bub vorerst mit dem Dirndl redet. Und weil ich mir denkt hab, daß Du hier heraußen bist bei den Viecherln, so bin ich halt zunächst in den Wald gangen, und richtig, ich hab Dich funden. Und gelt, nun weißt, woran Du bist?«
»Ja. Und Du weißts auch?«
»Freilich weiß ichs. Der Vatern hat mirs ja gesagt.«
»Was Der Dir gesagt hat, das gilt nix.«
»So? Was dann?«
»Hier gilt freilich nur Das, was ich Dir sag.«
»Himmelsakra!«
»Ja, verstehst?«
»Nun, was sagst dann?«
»Ganz dasselbige, was ich bereits vorhin gesprochen hab: Ich kann Dich nicht ausstehn, und Du magst mir niemals wieder in den Weg kommen!«
»Sapperment, bist kurz angebunden und ein resulut Weibsbild! Na, ich werd meine liebe Noth mit Dir haben; das schau ich bereits vorher!«
»Gar keine Noth wirst haben, gar keine! Wir gehn einander nix an. Heirath, went willst, aber mich nicht. Ich brauch Dich nicht, und ich mag Dich nicht!«
»Aber ich mag Dich!«
»Was kümmert mich das? Nix!«
»Nix? So! Soll ich Dir etwan zeigen, daß es Dich zu kümmern hat? Ein jeds Dirndl wär froh, wenn der Fingerlfranz nach ihm ausschaun that. Du allein thust apart und rabiat; aber damit hast freilich bei mir kein Glück. Du bist mir versprochen, und ich komm zu Dir. Jetzt werd ich ein Busserl von Dir fordern, und Du wirst mirs geben!«
»Ich?« fragte sie zornig.
»Ja, Du!«
Sie streckte beide Hände abwehrend aus und zeigte eine Miene tiefsten Abscheus.
»Da irrst! Ehe ich Dich küß, küß ich lieber dem Dorfschneidern seine Perruckenatzel oder dem Schulmeistern seinen Glatzkopf. Vor Dir aber schuckerts mich, als hältst Trichinen und Wurmern im Maul.«
»So, Trichinen! Wart, die sollst aber doch gleich auch bekommen!«
Er griff nach ihr.
»Halt!« rief sie laut. »Ich schrei um Hilf!«
»Was soll Dirs helfen? Wer wird kommen?«
»Der Fex!«
Er lachte laut und verächtlich auf.
»Der Fex! Hahahaha, der Fex!«
»Er ist da unten am Wasser!«
»Ehe der hier heraufkommt, hab ich Dich bereits hundertmal gebusselt!«
»Ja, wannst so frech bist, einem schwachen Dirndl eine solche Schanden anzuthun. Aber nachher, wann er da ist, wird er Dirs geben, daßt genug hast!«
»Der, der Lodrio? Der kann gleich ganz hier nebenbei stehn, so küß ich Dich, daß die Funken fliegen. Da, paß mal auf! Jetzt gehts los!«
Er packte sie bei den Armen.
»Fex, Fex!« rief sie, so laut sie konnte.
»Fex, Fex, komm!« rief auch er lachend, indem er sie an sich riß, sie mit einem Arme an sich drückte, mit der andern Hand ihr Köpfchen festhielt und nun seinen Kopf niederbeugte, um sie zu küssen.
»Fex, Fex, ach, Fechserl, komm!« jammerte sie.
»Bin schon da!« erklang es hinter dem Fingerlfranz, der sich sofort umdrehte.
»Ah, bist da!« lachte er. »Schau zu, wie ich das Dirndl schmatz! Schau her!«
»Wirsts nicht thun, Bub, gewiß nicht!«
Der Fex stand still lächelnd bei ihm, als ob es sich um eine ganz freundliche Unterredung handle. Paula hing still und bewegungslos in den Armen des Viehhändlers. Ihr Gesicht zeigte, daß sie jetzt keine Angst mehr habe. Es glänzte vor Vertrauen zu dem Retter, welcher ihr erschienen war.
»Wie? Nicht werd ichs thun?« lachte der rohe Bursche. »Warum nicht? Wer wird mirs verbieten?«
»Ich!«
»Du? Nun, schau her, wie ich mich vor Dir fürcht! Jetzt eben gehts los!«
Er bog sich zum zweiten Male nieder. Da aber that es einen Krach, als ob man mit einem Axthelm auf Holz geschlagen habe, und der Fingerlfranz stürzte wie ein Stock zu Boden. Der Fex hatte ihn mit einem einzigen Faustschlag an den Kopf niedergeschmettert. Da Paula fest umschlungen war, war sie mit niedergerissen worden. Schnell aber machte sie sich los und sprang empor.
»Fex,« rief sie, »Fex, das war die Hilf zur allerrichtigen Zeit. Aber – – –«
Sie sprach nicht weiter. Franz war aufgesprungen. Er war nicht etwa besinnungslos geworden, o nein, dazu war sein Schädel viel zu dick. Freilich war es ein fürchterlicher Hieb gewesen, ein Schlag, den man der schlanken Gestalt Dessen, der ihn gegeben hatte, nie zugetraut hätte, und der Kopf brummte dem Getroffenen auch dermaßen, daß er ihn mit beiden Händen hielt und nicht gleich zu einem Entschlusse kommen konnte. Seine Augen schienen aus ihren Höhlen treten zu wollen. Das Weiße derselben war mit rothen, drohenden Adern unterlaufen.
»Hund!« brüllte er. »Das wagst!«
»Das hast verdient,« antwortete der Fex in aller Ruhe.
»So bekommst sofort den Zahlaus dafür!«
Er hatte jetzt die vorübergehende, halbe Betäubung überwunden und sprang auf den Fex ein.
Dieser wich zur Seite aus und warnte:
»Das laß sein, sonst bekommt Dirs schlecht!«
»Mir? Nein Dir!«
Er holte zu einem fürchterlichen Hiebe aus.
»Fex, flieh, flieh!« rief Paula voller Angst.
»Warum? Da schau!« antwortete er.
Der Hieb des Viehhändlers war daneben gegangen; dafür aber hatte er selbst einen empfangen, einen Fausthieb von unten herauf, an den Mund und die Nase, daß er um mehrere Schritte zurückgeschleudert wurde. Das Blut drang ihm sofort aus den beiden getroffenen Theilen. Da, seiner nicht mehr mächtig, griff er in die Tasche.
»Jetzt, jetzt ists aus mit Dir!« brüllte er.
Er hatte einen mit Stacheln versehenen, eisernen Schlagring hervorgezogen, welchen er als gefürchteter Raufer immer bei sich trug. Diesen Ring an die Hand gesteckt und dann mit der geballten Faust einen Hieb auf den Kopf, mußte die stärkste Hirnschale zerschmettern.
»O Gott, o Gott, flieh, Fex!« rief Paula, indem sie vor Entsetzen die Hände faltete und in die Knie sank.
»Hin, schnell hin!« rief die Dichterin.
Der Wurzelsepp aber faßte sie beim Arme und sagte:
»Noch nicht. Noch ists nicht gefehlt. Ich kenn den Fex!«
Und er hatte Recht.
Der Fex hatte einen Sprung zum nächsten Baume gethan, an dessen Stamm er sich lehnte, um den Feind leuchtenden Auges zu empfangen. Dieser sprang ihm nach, holte aus und führte einen Hieb nach seinem Kopfe, welcher einen Ochsen niedergeworfen hätte – stieß aber in demselben Augenblick einen fürchterlichen Schrei aus und ließ den Arm sinken. Der Fex war im richtigen Moment, sich niederbückend, zur Seite gewichen, und der Hieb hatte den Baum getroffen.
Eine kleine Weile war Alles still. Paula kniete entsetzt im Moose; der Fex stand hoch aufgerichtet neben dem Baume, und Franz hielt vor dem Letzteren, ganz bewegungslos, als ob ihn der Schlag gerührt hätte. Dann stieß er einen unartikulirten Schrei aus und wendete sich wieder gegen den Feind. Aber er setzte den bereits erhobenen Fuß wieder nieder, fuhr mit der linken Hand nach dem rechten Arme, und ließ einen gräßlichen Fluch hören. Er konnte den Arm nicht erheben.
»So, da hast den Lohn!« sagte der Fex in aller Ruhe. »Jetzt kannst zum Bader gehn und Dir den Arm neu flicken lassen. Wirst wohl nicht gleich wieder Eine küssen wollen, die nix von Dir wissen mag! Oder willsts nun vielleicht auch noch mit der linken Hand gegen mich versuchen?«
Franzens Gesicht war vor Grimm zu einer förmlichen Fratze verzerrt. Er erhob den linken Arm und that einen Schritt gegen den Fex zu; aber er besann sich, ging zu seiner Jacke, welche am Boden lag, hob sie auf und schritt langsam weiter, dem Rande der Lichtung zu. Dort angekommen, drehte er sich um, erhob die geballte Linke und drohte:
»Das bezahlst theuer, Fex! Dich zertret ich wie einen Wurm. Merk Dirs gut!«
Dann verschwand er hinter den Sträuchern. Der Fex ging ihm eine kurze Strecke nach, um sich zu überzeugen, daß er sich auch wirklich entferne. Dann kehrte er zurück.
Paula hatte sich wieder erhoben. Mit ausgestreckten Armen eilte sie auf ihn los. Es war ganz so, als ob sie ihn umschlingen wolle. Er war stehen geblieben und erwartete sie mit schlaff herabfallenden Armen, indem seine großen, blauen Augen ihr wonnig entgegen leuchteten.
War es dieser große, mächtige, erwartungsvolle Blick, oder war es etwas Anderes? – Paula ließ die Arme sinken und blieb, ihre Gefühle beherrschend, vor ihm stehen.
»Gott sei Lob und Dank!« sagte sie, tief aufseufzend. »Das war die größte Gefahr, in der ich mich in meinem Leben befunden hab. Und Du auch!«
Als sie die Arme vor ihm sinken ließ, verloren seine Augen den leuchtenden Glanz, und sein Gesicht erhielt einen Ausdruck, als ob eine schwere Wolke eine sonnige Landschaft verdunkle.
»Ich auch?« fragte er beinahe leise.
»Ja. Er konnt Dich ja erschlagen!«
Da zuckte es wie eine unbeschreibliche Verachtung um seinen Mund.
»Der, und mich!«
»Fürchtst ihn nicht?«
»Hab ich etwan ausgeschaut, als ob ich ihn fürcht?«
»Nein, freilich nicht. Aber ich hab Dir auch niemals eine solche Körperkroft zugetraut!«
Sie blickte bewundernd an seiner schlanken Gestalt empor. Er schüttelte trübe lächelnd den Kopf.
»Ja, wirst mir auch noch viel Anderes nicht zutrauen. Der Fex ist ein Schwächling und Dummkopf. Er ist der Sündenbock, auf den Alles hineinschlägt.«
»Ich nicht, Fex, ich nicht!«
»Ja, Du nicht und noch Einer!«
»Wer noch?«
»Der Wurzelsepp. Kennst ihn doch auch.«
»Ja. Ihr Beid habt freilich eine große Freundschaft. Dennoch darfst nicht denken, daß ich Dich veracht. Nein, Du bist mir werth. Du bist ja stets mein Schutz gewest, wann ich als kleins Dirndl mal irgend ein Angst und Jammer gehabt hab. Und vorhin, als der Franz mich nicht lassen wollt, da hab ich sogleich an Dich dacht. Schau, der Hallodri hat dort hinter dem Busch standen und mich angeschaut, obwohl ich hier die Jacken auszogen hatte. Der Mensch hat weder Scham noch Ehr im Leib. Wie aber bist so schnell zur Hilf da gewesen?«
Vorhin hatte sein bleiches Gesicht selbst während der Anstrengung des Kampfes sich nicht um einen leisen Schatten gefärbt; jetzt aber erröthete er fast wie ein Mädchen.
»Ich war hier nahe dabei.«
»Wo?«
»Dort.«
Er zeigte nach der Richtung, in welcher der Baum stand, in dessen Zweigen er gesteckt hatte. Durfte er sagen, daß er sich da oben befunden hatte, nachdem sie so entrüstet über den Umstand war, daß der Fingerlfranz sie belauscht hatte? Nein.
Sie aber fühlte sich nicht befriedigt und fuhr fort.
»Dort? Wie weit? Was hast denn gethan? Du sollst ja unten am Wasser sein!«
Sie blickte ihm forschend in die Augen, und er senkte den Blick wie ein Schulknabe, welcher bei irgend einer Missethat ertappt worden ist.
»Prächtig!« flüsterte die Dichterin. »Das sollte man malen. Ein Gedicht aber werde ich darüber machen, ein Sonnet von zwanzig Zeilen!«
Wohl hatte sie nicht Unrecht. Die beiden jungen Menschen bildeten eine Gruppe, welche eines geschickten Pinsels werth gewesen wäre.
Wer den Fex jetzt erblickte, mußte sich mit Staunen fragen, wie er zu diesem erniedrigenden Beinamen gekommen sei. Freilich, er war mehr als armselig gekleidet. Schuhe trug er gar nicht; seine Füße waren nackt, und die Wadenstrümpfe, welche bis an das ebenso nackte Knie reichten, waren mit allen möglichen Farben geflickt, gestopft und ausgebessert, ebenso die kurzen Kniehosen, welche nicht einmal von einem Gürtel sondern nur von einer groben Hanfschnur an den Hüften festgehalten wurden. Eine Weste gab es auch nicht, und die dunkle Jacke war auch vielfach ausgebessert und ihrem Träger zu kurz geworden. Das weiße Hemde bestand aus den verschiedensten Flecken, Leinen, Halbleinen und Kattun von ebenso verschiedener Feinheit, aber es war sauber gewaschen.
Ueberhaupt machte der junge Mensch trotz der großen Aermlichkeit seines Anzugs den Eindruck peinlichster Sauberkeit und – noch Etwas, was sich aber gar nicht so leicht herausfinden ließ. Fühlen konnte man es wohl, aber beschreiben nicht.
Seine Gestalt war schlank aber nicht schwächlich; seine Glieder standen im schönsten Verhältnisse zu einander, und wer ihn zum ersten Male sah, dem wurde es schwer, den Blick von seinem Gesicht abzuwenden, denn dieses Gesicht war ein eigenartig schönes. Der kleine, feine Mund, über welchem die ersten Sprossen des Bartes keimten, die zart gebogene Nase mit den beweglichen Flügeln, die hohe Stirn mit den tiefdunklen Brauen, unter denen ein Paar tiefe, große Augen in der Bläue des Himmels leuchteten, das volle, blonde, kaum zu bewältigende Haar und dabei eine Haltung, so ungezwungen und doch dabei so stolz und selbstbewußt - das bildete ein Ganzes, welches eigentlich im größten Widerspruch stand mit dem Ausdrucke halber Stupidität, den man in diesem Gesichte zu sehen gewöhnt war.
Und jetzt, als die Frage des schönen Mädchens ihn peinlich berührte, trat dieser Ausdruck ganz und gar deutlich hervor. Wer ihn soeben sah, mußte ihn für einen stumpfsinnigen Menschen halten.
»Es fuhr Niemand über,« antwortete er langsam. Da ging ich herein in den Wald.«
»Was hattst da zu thun, Fex?«
»Ich wollt - ich dacht – – ich – - –«
Er stockte; er war sehr verlegen geworden. Nun flog über ihr Gesicht eine helle Röthe.
»Halt, ich weiß, was Du gewollt hast, Fex,« sagte sie. »Ich habs leicht errathen, weil Du Dich fürchtest, es mir zu sagen. Weißt, was es ist?«
Er antwortete nicht.
»Schlecht bist gewesen, ebenso schlecht wie der Andre. Gesehen hast mich und belauscht! Willst leugnen?«
»Nein,« antwortete er aufrichtig.
Wie kam es nur, daß Paula vorhin, als sie erfuhr, daß der Fingerlfranz sie belauscht habe, nur zornig geworden war und sich aber nicht geschämt hätte, während sie jetzt tief erglühte, da doch nur der Blick dieses stumpfsinnigen Menschen auf sie gefallen war? Im menschlichen Herzen liegen tiefe Räthsel vergraben. Wer vermag sie zu lösen?
»Also wirklich, hast mich angeschaut, als ich hier saß bei den Eichkatzerln und die Jack herunter gethan hatte? So, das ist sehr schön von Dir. Jetzt kann ich mich nun auch noch vor Dir in Acht nehmen, nun ich weiß, daßt mir auch hinterher läufst!«
»Nein, das ist nicht wahr, Paula! Nachgelauft bin ich Dir nicht; das kannst glauben!«
»So! Bist etwa ehnter da gewesen als ich?«
»Ja.«
»So konntst nicht still fortgehen?«
»Nein; das ging halt nicht.«
»Warum?
»Ich saß ja da oben auf dem Baum.«
Er zeigte empor nach dem Orte, an welchem er versteckt gewesen war. Jetzt wurde sie wirklich zornig bei der Vorstellung, daß er von da oben herab geblickt hatte. Das Eichhörnchen hatte ihr die Halskrause zerrissen und sich da einen Schlupfwinkel gesucht, wo der Blick des Fex von oben ebenso leicht hatte eindringen können. Sie ballte die beiden, kleinen Hände und rief ganz aufgebracht:
»So, ein solcher Schubian bist? Auf die Bäum kletterst hinauf, um herab zu schaun, wo man sitzt und keine Ahnung hat, daß Jemand da ist? Jetzt kannst mir wohl ganz gestohlen werden! Schäm Dich in Deine Seel hinein, Fex! Ich hab immer stets ein Stück auf Dich gehalten und bin Dir manchmal beigesprungen, wenn Andre auf Dich hineingehackt haben; jetzt aber mögen sie Dich zwicken und zwacken, wie sie wollen, ich sag kein Wort mehr dazu. Du, bist ein schlechter Kerl! Hasts verstanden?«
Er nickte langsam mit dem Kopfe. Dabei ging ein ganz undefinirbares Etwas über sein Gesicht, fast wie ein Zug diplomatischer Schalkheit.
»Brauchst nicht gar so sehr bös zu sein, Paula,« meinte er. »Ich hab ja doch nicht hingeschaut.«
»Wohin denn, he?
»Nun, wo das Eichkatzerl saß.«
»Ach so! Aber das Eichkatzerl hast gesehen?«
»Das schon.«
»Herrgottl! Er will nicht hingeschaut haben und hat doch das Viecherl gesehen! Weißt, wer das Katzerl sieht, der - der – sieht auch das Nestl, worin es krochen ist, Du heilloser Bub Du!«
»Aber nachher hab ich mich gleich umidreht!«
»So! Hast also nur einmal hingeschaut?«
»Nur ein einzig Mal.«
»Und nur kurz, ganz kurz?«
»So kurz, daß ich fast gar nicht hingeschaut hab.«
»Aber was hast dann auf dem Baum zu suchen, wann Du nicht wegen meiner hinauf steigst?«
»Wegen denen Katzerln war ich halt oben.«
»So, wegen denen? Mach mir keine Flattusen vor! Es glaubts Dir doch Niemand.«
»Aber doch ists wahr. Hast mir denn nicht vergangen gesagt, daß Dir zwei Eichkatzerln fehlen?«
»Ja, die sind weg.«
»Schau, da hab ich nachdenkt, wohin sie sein mögen.«
»Und da spazierst auf den Bäumerln herum, um sie allerwärts wohl aufzusuchen?«
»So nicht. Du mußt mich nur ausreden lasten. Du hast die Thierle so lieb, und es hat mir so wehe than, daß Dir zwei fehlen. Sie sind so zahm, daß sie sicher kommen wärn, wanns könnt hätten. Es muß ihnen halt ein Unglück geschehen sein.«
»Meinst? Das sollt mich kränken!«
»Ja, das hab ich mir dacht. Und sodann könnt doch noch eins und noch eins verschwinden; darum hab ich sucht, wohins kommen sind, und was hab ich funden? Erraths, Paula!«
»Ich weiß nicht.«
»Einen Habicht hab ich fliegen sehn.«
»Herrgottl! So hat ders wohl gefressen?«
»Jawohl. Ich hab den Habicht beobachtet und sein Nest entdeckt. Er hats erst kurz zu bauen anfangt da droben auf dem Baum; aber da hab ich auch die Stückle von die Bälg gefunden von denen Eichkatzerln. Sodann hab ich ein Stückle Fleisch geholt aus der Mühl und ein Rattengift dazu und habs dem Habicht hingelegt. Gestern nun hat seine Frau davon gefressen, und ich fand sie todt hier unten liegen. Und heut nun ist auch er dran gestorben. Er liegt oben im Nesterl. Ich bin hinauf klettert, um ihn herab zu holen; aber grad als ich droben ankommen war, kamst Du hier unten an. Und weil - weil – weil – – –«
»Jetzt weiter! Weil – – –?«
»Weil Du gleich die Jack auszogen hast und die Eichkatzerln gerufen, so wollt ich es nicht wissen lassen, daß ich allbereits – allbe – –«
»So red doch, Fex!«
»Daß ich allbereits dorthin geschaut hatt, wo ich nicht hinschauen sollt. Darum blieb ich lieber dort oben sitzen.«
»Und hast dann aber ganz richtig hingeschaut!«
»Nein, nicht wieder! Ich hab mich umidreht und nicht eher den Kopf gewandt, als bis der Fingerlfranz kommen ist.«
»Und sodann bist mein Retter worden. Also von wegen meinen Katzerln hast oben gesessen? Das ist schön. Ein Herzeleid hast mir ersparen wolln? Schau, das ist gut; das gefallt mir von Dir.«
»Also bist wohl nicht mehr bös?«
»Ein klein Wenig sollt ich's wohl noch sein. Aber wann Du nicht da gewesen wärst, so hätt ich mich von dem Franz busseln lassen müssen, und da wär ich vor Scham und Unglück gestorben!«
»Ists so schlimm?«
»Ja. Ich hätt nicht länger leben mögen; das magst nur glauben. Und weilst mich da gerettet hast, so wollen wir wieder gute Freunde sein, Fex. Machst mit oder nicht?«
Sie blickte ihm versöhnlich lächelnd in das Gesicht und streckte ihm die Hand entgegen. Er ergriff dieselbe mit seinen beiden Händen und betrachtete das kleine, weiße, sammetne Händchen mit einem Blicke, als ob er das größte Kleinod umfaßt halte.
»Ja, ich mag schon,« sagte er dabei.
»Und gern?«
»Freilich.«
»Und da haltst meine Hand so fest? Ists denn so was gar Besonderbares damit?«
Er erröthete und gab die Hand frei. Da ging ein kindlich lustiges Leuchten über ihr Gesicht. Sie meinte:
»Meinst etwan gar, daß ich ein hübsches Patscherl hätt?«
»Ja, grad das mein ich.«
»Das gefallt mir schon. Weißt, wir Dirndln sind gern hübsch. Hast mal die Geschicht gehört von der verzauberten Prinzessin?«
»Nein, noch nicht.«
»Die ist verzaubert gewest, und nachher ist ein Prinz kommen und hat sie gerettet. Nachher hat sie nachgesonnen, was sie ihm dafür thun soll. Und was meinst wohl, was sie sich ausgedacht hat?«
»Sie ist seine Frau worden?«
»Ja; aber das war später. Ich mein, vorher?«
»Das weiß ich schon gar nicht. Ich hab halt noch keine Prinzesserl erlöst!«
»Nun, sie hat ihm die Hand hingehalten, und er hat ihr einen Kuß drauf geben dürfen.«
»Das laß ich mir gefallen. Die Prinzeß ist, wie mir scheint, eine sehr vernünftige Weibsperson gewesen.«
»So! Denkst wohl. Andere sind nicht so vernünftig?«
»Oft nicht.«
»Da ist Deine Guitarrn sehr falsch gestimmt! Ich werd Dir beweisen, daß man kein Prinzesserl zu sein braucht, um ein vernünftig Weibsbild zu sein Du hast mich vorhin gerettet, nicht?«
»Warst verzaubert?«
»Nein, gar nicht. Der Franz ist Keiner, in den ich verzaubert sein könnt. Aber erlöst hast mich doch, und da will ich's grad so machen wie die Prinzeß.«
Um seine Lippen zuckte es leise, als er fragte:
»Willst also meine Frau werden?«
»Was fallt Dir ein! So schnell brauch ich noch keinen Mann! Aber einen Kuß auf das Patscherl darfst mir geben. Willst oder nicht?«
»Ich möcht halt schon. Weißt, es muß das schon eine große Delicateß sein!«
»Das weiß ich nicht, kannsts aber probirn. Da!«
Sie hielt ihm die Hand wieder hin; er ergriff sie, beugte sich darauf nieder und küßte sie. Aber als ob sie dabei ein beängstigendes Gefühl gehabt habe, zog sie die Hand schnell wieder an sich und betrachtete sie einige Augenblicke. Vielleicht wollte sie auch nicht sehen lassen, daß sie roth geworden war. Gleich aber flog ein neckisches Lächeln, welches ihr wunderbar gut stand, über ihr Gesicht, und sie meinte:
»Nun, wie wars? Delicat?«
Er stand vor ihr und hielt die Augen geschlossen. Als er sie dann aufschlug, drang aus der blauen Tiefe ein so mächtiger, strahlender Blick zu ihr herüber, daß sie sich unwillkürlich abwendete.
»Das kann ich nicht sagen,« flüsterte er.
»Warum nicht?«
»Weil – weil ich vorher darüber nachsinnen muß, Paula.«
»Ists denn so geheimnißvoll?«
»Ja, es ist halt, als ob man nun selber auch verzaubert wär.«
»Geh! Jetzt fängst auch Du an und sagst grad eben solche Dummheiten wie andre Leut. Aber Eins wirst wohl wissen. Hör, Fex, warum bist denn eigentlich mit mir so viel anders als mit Andern?«
»Weil auch Du ganz anders mit mir bist.«
»Ich? So? Und warum machst mir so – so – so große und tiefe Augen? Wann Du andere Leuteln anschaust, so siehst so – so dumm aus und so albern, als obst nicht weißt, was drei ist oder vier.«
»Wann ich Andre anschau, so weiß ich wirklich nix; aber wann ich Dich vor mir hab, so – so – –so – – –«
»So weißt wohl was?«
»Ja.«
»Was dann?«
»Daß – daß Du so gut bist.«
»Weiter nix?»
»O doch.«
»Nun, so sage!»
»Jetzund nicht.«
»Wann sonst?«
»Wann – wann ich Dich wieder mal gerettet hab.«
»Bist doch ein besonderer Bub. Aus Dir kann man nie nicht klug werden. Jetzt nun aber haben wir lange genug gesprochen. Ich will gehen.«
»So geh ich mit!»
»O nein; Du kannst bleiben.«
»Das fallt mir nicht ein. Wann der Fingerlfranz unten am Wasser auf Dich wartet, so kannst wieder in Noth kommen grad wie vorher.«
»Ich geh nicht ans Wasser. Ich fahr noch nicht über. Ich will nicht nach Haus, jetzt noch nicht.«
»Warum? Dein Vatern wird warten.«
»Grad darum geh ich nicht. Der Franz ist bei ihm, und Du hast gehört, weshalb?«
»Ja, das hab ich wohl vernommen.«
»Nun, so weißt auch, warum ich noch nicht heimgehen will. Da, Fex, schau mich mal ordentlich an?«
Sie stellte sich, das Hütchen, auf welches sie eine Maiblume gesteckt hatte, in der Hand, vor ihn hin.
»Dich anschaun, das thu ich wohl. Wer warum?«
»Siehst mich auch richtig, das ganze Dirndl?«
»Ei wohl!«
»Nun, so sag mir doch mal, ob ich so ausschau wie Eine, die allbereits einen Mann haben muß!«
»Nein, so siehst nicht aus.«
»Wie dann?«
»Wie ein Blümerl, das noch jung ist und noch recht lang blühen soll. Und dem Franz gönn ich Dich nun erst grad recht gar nicht.«
»Der bekommt mich auch nicht. Darauf kannst Dich verlassen. Die beiden Vatern wollen nur das Geldl beisammen haben, aber ob dann auch die Leutln beinander gut thun, darnach fragens schon gar nicht. Ich, wann ich mir mal einen Mann nehm, so weiß ich ganz genau, was ich thu.«
»Was?«
»Nun, ich nehm ihn mir, ich selber. Ich brauch keinen Vatern dazu. Und nachher schau ich nicht nach der Taschen und in den Geldsack, sondern ich nehm mir grad Einen, der nix hat, gar nix.«
»Etwa so Einen, wie ich bin?«
»So wohl ungefähr.«
»Warum grad einen Armen?«
»Das fragst auch noch? Denk Dir doch nur die Freuden, die er hat, wenn er so ein reichs Dirndl bekommt! Und denk Dir dann auch die Freuden, die ich hab, wenn ich ihm so die Markerln und Thalern hinlegen kann und sagen: Schau, Fex, das ist nun jetzt Alles – – – Herrgottl!«
Sie hielt erschrocken inne und wurde blutroth. Hatte er nichts gemerkt, oder besaß er, welcher für halb stumpfsinnig galt, eine Selbstbeherrschung, daß er sein Gesicht so in der Gewalt hatte? Kurz und gut, er fragte ganz unbefangen:
»Worüber erschrickst denn so?«
»Weil ich mich versprochen hab. Hast denn gar nicht aufgemerkt?«
»Ich hab ja gar nix gehört. Es war ganz richtig.«
Da meinte sie in höchster Eile:
»Nein, es war grad ganz falsch. Nur weilst grad eben da bei mir standst, hab ich »Fex« gesagt. Es war aber ein ganz Andrer gemeint.«
»Wer dann, Paula?«
»Das kann ich doch nicht wissen; ich kenn ihn gar nicht, denn ich hab ihn noch gar nicht gesehn. Ich mein blos, daß es mir so große Freuden machen wird, wenn ich ihm das viele Geldl geb und er kann nachher auch essen, was andre Leuten bekommen und in's Wirthshaus gehn, um ein Bier zu trinken. Und auch eine Cigarren darf er rauchen, und eine ganze Hosen soll er haben und Schuh, nicht mehr baarfuß, und eine Westen und eine Uhren mit einer goldenen Ketten und Berlocken dran. Ich werd ihn mir schon herausstaffirn, daß die Leut schauen sollen und vor Aerger grün und gelb werden im Gesicht. Ja, das thu ich, das thu ich, weil er ein so arms, guts Schunkerl ist und Alles haut auf ihn ein und Keins ist brav und mitleidend mit ihm als nur ich allein und der Wurzelsepp!«
»Ja, Du und der Wurzelsepp!« bekräftigte er.
Da fiel ihr nun freilich ein, daß sie wieder eine Dummheit gesagt hatte. Sie erglühte über und über. Halb Mädchen und halb noch Kind, ließ sie sich von den Vorstellungen ihres guten Herzens und von dunklen Regungen, über deren Vorhandensein sie sich selbst noch keine Rechenschaft zu geben vermochte, zu Worten hinreißen, deren Bedeutung sie erst erkannte, als sie ausgesprochen waren.
»Was sagst da?« fragte sie rasch. »Was hast wieder mal verstanden?«
»Daß der Wurzelsepp Dich kennt.«
»Ja, das wars freilich; so hab ich gesagt,« stimmte sie erleichtert bei. »Jetzt aber nun muß ich fort. Vorher aber bitt ich Dich schön: Nimm Dich vor dem Franz in Acht. Er hat es nun auf Dich abgesehn, und wo er die Gelegenheit findet, wird er sich rächen. Er ist zu Allem werth; das weißt ja selber. Und wann Dir was geschäh, ich könnts nicht verwinden! Denk Dir, wann ich mal heraus zum Wasser käm und wollt überfahren, und Du lägst da und er hatt Dich niedergeschlagen. Heilige Jungfrau, was thät ich dann!«
»Das wird nicht geschehn, Paula, nie nicht.«
»Das kannst nicht wissen.«
»Ich weiß es! Wann ich nur einen Talisman oder ein Amuletterl haben thät, so wie ichs brauch. Nachher könnt ich sicher sein.«
»Was mußt dann für eins haben?«
»Zu so einem Amuletterl gehört ein Blätterl aus dem Gesangbuch.«
»Und das hast nicht?«
»Das hätt ich schon. Aber nachhero braucht man auch noch dazu ein Maiblümerl, was ein Dirndl gepflückt hat, die noch keinen Schatz hat und es Einem gern herschenken thut.«
»So kannst doch meins bekommen! Willst?« fragte sie rasch, indem sie nach ihrem Hute griff.
»Ich wollt schon. Aber giebsts auch gern her?«
»Dir doch allemal ganz gern?«
»Und hast auch keinen Schatz?«
»Nein.«
»Wirklich nicht?«
»Nein doch! Was plauscht nur wieder mal! Die Leutln haben doch Recht, wann sie sagen, daß Dir eine große Forellen im Kopf herumschwimmt. Wann die dann Dir mit ihrer Schnauz ans Maul kommt, dann schnappt allemal was Dummes heraus. Also willst das Maiblümerl zum Amuletterl?«
»Ja, ja, giebs schnell her!«
Sie nestelte es los.
»Da hasts! Brauchst sonst noch was?«
»Jetzt nicht. Später dann.«
»Was dann?«
»Das darf ich jetzt noch nicht sagen. Aber wann die richtige Zeiten kommen ist, in welcher das Amuletterl fertig wird, dann werd ichs schon sagen.«
»Hab ich's dann?«
»Nein. Du hasts nicht, aber Du wirsts mir dennoch geben.«
»Das ist nun wieder eine Reden, aus der man nicht klug werden kann. Man kann doch das nicht geben, was man selber nicht hat.«
»O freilich doch!«
»Nein, niemals nicht!«
»So weißts halt nicht. Man hats zwar nicht, aber indem mans giebt, wird was draus.«
»Du redst grad wie unser Hochzeitsbitter im Dorf. Wann der mal einladen kommt, so hält er eine Reden, die so gelehrig ist, daß man am End nachher nicht weiß, ob er zu einer Hochzeit eingeladen hat oder zu einer Kindtauf oder gar zu einem Leichenschmauß. Das letzte Mal, als der Vatern Gevatter sein sollt, hab ich gar denkt, es soll ein Schweinschlachten sein. So ists auch mit Dir.«
»So muß ich Dir ein Beispiel sagen. Schau, wann ich Dir einen Kuß geben sollt, hab ich ihn etwan schon vorher?«
»Nein.«
»Oder hast Du ihn?«
»Auch nicht.«
»Aber wann ich Dich nachher küß, so hab halt ich einen Kuß, und Du hast auch einen. So sind also die beiden Busserln aus Nix fertig worden. Und wannst auch das wieder eine Forellen nennst, so wirds am Besten sein, daß ich Dirs einmal zeig. Komm her!«
Er that einen Schritt auf sie zu.
»Nein, nein!« rief sie aus. »Ich glaubs nun halt schon. Mit dem Busseln habt Ihr Bubn fast immer Recht; das ist aber auch das Einzige, worinnen man Euch glauben darf.«
»Schau, wie klug Du nun schnell bist!«
»Noch klüger ist's, wann ich jetzt geh. Kannst nachher immer aufmerken, wann ich Dich ruf; dann will ich übers Wasser fahren. Behüt Dich Gott!«
Sie eilte fort. Er blickte ihr nach, bis sie zwischen den Bäumen verschwunden war; dann sah er die Blume mit leuchtenden Augen an, und drückte sie wiederholt an die Lippen. Nachher zog er aus der Tasche ein kleines Stückchen Seidenpapier, um das kostbare Geschenk in demselben zu verwahren.
Die drei Lauscher hatten sich indessen nicht etwa entfernt. Zwar besaß der Wurzelsepp soviel Zartgefühl, daß er die andern Beiden leise zum Fortgehen mahnte, aber für den Concertmeister war die Scene zu interessant, als daß er auf sie hätte verzichten mögen, und die Dichterin war erst recht nicht wegzubringen. Es ging ihnen kein Wort des interessanten Gesprächs verloren. Franza von Stauffen war ganz Ohr. Sie trippelte leise mit den Füßen vor Entzücken, und bei der Abschiedsscene wollte sie gar aus dein Versteck hervorbrechen. Aber der Wurzelsepp hielt sie fest.
»Willst gleich bleiben!« raunte er ihr zu. »Was sollen die beiden Leuteln von uns denken, wann sie erfahren, daß wir sie belauscht haben.«
»Was sie denken sollen? Daß ich ihre Freundin bin und daß sie mir zu meinem neuen Roman ein Sujet geben, welches gar nicht herrlicher sein kann. Ich muß hin, ehe sie fortgeht.«
»Nein, Du bleibst! Brauchst doch den Roman nicht hier im Wald zu machen!«
»Grad hier im Waldesgrün kommen Einem die besten Gedanken!«
»Das scheint nicht so! Daß Du hier ausbrechen willst, das ist gar kein guter Gedanke.«
»O doch! Schau, nun ist sie leider fort, und er papiert die Blumen ein. Ich muß hin!«
Sie riß sich los und trat heraus auf die Blöße. Helles Entzücken glänzte auf dem Angesichte des Wasserfex. Er wurde leider aus demselben gerissen, indem die Dichterin sich ihm leise genähert hatte und die Hand auf seine Schulter legte.
Er fuhr erschrocken zu ihr herum.
»Wer bist? Was willst?« fragte er.
»Wer ich bin?« meinte sie, sich hoch und stolz emporrichtend. »Ich bin eine Priesterin der himmlischen Muse, welche Gedichte macht und Romane drucken läßt.«
Er starrte sie verständnißlos an und sagte:
»Bist wohl verruckt?«
»Verrückt? Nein. Aber es kommt der Geist über, mich, so daß ich in Versen und Reimen reden muß. Höre und staune!«
Und die Rechte mit dem Tintenfaßsonnenschirm hoch erhebend, declamirt sie laut:
»Hier steht unser Fex,
Im Ringen ein Rex,
Die Paula – eine Hex
Und der Fingerlfranz – –ein Klex!«
Lautes Lachen erscholl. Der Concertmeister hatte es nicht verbeißen können. Er trat vor und der Wurzelsepp folgte ihm.
»Was lachen Sie?« fragte sie in strengem Tone. »Meine Muse ist keine lächerliche. Sie verzeichnet die Thaten der Menschenkinder mit ehernem Griffel in ihr Memorandum. Und als ihre Beauftragte notire ich über diesen jungen Helden Folgendes:«
Sie schlug ihr Buch auf, nahm die Feder hinter dem Ohr hervor, tauchte sie in den silbernen Knauf des Schirmes, schrieb einige Zeilen und las dann:
»Der Fex rang mit dem Fingerlfranz
Und warf ihn nieder mit viel Glanz.
Wen der mit seinen Fäusten packt.
Der hat am ganzen Leib geknackt!«
Darauf blickte sie sich triumphirend um und fragte den Italiener:
»Nun, Signor, ist das nicht einzig?«
»Einzig, ja,« antwortete er. »Einzig, solamente, unicamente, ßehr, ßehr, Signora.«
»Und Du, was sagst Du dazu. Du hochpoetischer Sohn dieser Berge?« fragte sie den Wurzelsepp.
»Ich sag halt einstweilen gar nix dazu!«
»Du hast das gute Theil erwählt. Schweigen ist Gold! Und Du, des Tages Held und Recke?«
Diese Frage galt dem Fex. Er machte ein unbeschreiblich dummes Gesicht, deutete mit dem Finger an die Stirn und antwortete kopfschüttelnd:
»Bist ein armes Wurm. Kannst mich dauern. Was hab ich von Deinem Muß!«
»Muß!« lachte sie. »Welch eine urwüchsige Verwechslung! Du gleichst den gefeierten Recken des grauen Alterthums. Sie kämpften furchtlos mit Drachen und Ungeheuern, ohne in die Heiligthümer der Gelehrsamkeit eingedrungen zu sein. Du bist ein würdiger Enkel von ihnen. Ich muß Dir das Wort des Dichters entgegenrufen: »Dem Verdienste seine Kronen!« Komm her zu mir, trauter Fex! Ich muß Dich küssen!«
Sie streckte die Arme nach ihm aus. Er aber sprang ganz erschrocken zurück und rief aus:
»Himmelsakra! Was will Die mit mir! Fangt sie ein, und sperrt sie hinein ins Spritzenhaus!«
Der Concertmeister lachte, daß ihm die Thränen aus den Augen liefen. Die Dichterin aber rief entzückt:
»Welch ein köstlicher, urweltlicher Gedanke! Welch geistreiche Persiflage auf die göttlichen Musen! Welch ein granitner Witz eines vorsündfluthlichen Geistes! Sie lachen, Herr Concertmeister. Sie begreifen also die himmlische Ironie in der Interjection dieses von der Sünde noch nicht abgeleckten Helden. Ist er nicht unvergleichlich, unerreicht?«
»Ja, unvergleiklik, unerreichtet, incomparabile, imparagonabile, inarrivabile, ßehr, ßehr, außerordentlik sehr!«
»Ja, wenn ich einen Lorbeerkranz hätte, ich würde seine Stirn mit demselben schmücken und krönen. Da wir uns aber nicht im Lande der Hesperiden befinden, so wirds auch eine Fichte thun.«
Eine kleine Fichte stand in der Nähe. Sie brach einen Zweig derselben ab, bog ihn rund zusammen und machte Miene, ihn dem Fex auf den Kopf zu setzen. Dieser aber stieß sie von sich ab und sagte:
»Fort! Geh ins Irrenhaus!«
Anstatt ihm nun zu zürnen, meinte sie erstaunt:
»Wie? Ins Irrenhaus? So habe ich ihn also nicht verkannt, sondern ihn ganz richtig beurtheilt. Er wird für einen Idioten gehalten, aber er kennt die Völker, bei denen der Wahnsinn als ein Geschenk der Götter gilt, bei denen die Irren zu den Erleuchteten des Himmels gezählt werden. Komm her zu mir, mein Bruder in den neun Musen! Wir sind geistesverwandt. Ich muß Dich küssen!«
Sie trat ihm näher. Er aber wich zurück und sagte:
»Geh fort! Wann Du Einen umärmeln willst, so thu's mit dem Schwarzen da! Ihr seid alle Drei verrückt. Ich hab mit Euch nix zu schaffen.«
Er eilte fort, zwischen die Bäume hinein.
»Wie stolz!« sagte sie. »Ich wollte ihn studiren, um ihn in meinem Romane als Sujet zu verwenden. Aber er ist unnahbar. Nicht?«
»Ja, unnahbar incomprensibile! Con lui non c'e da far niente; es ist nichts mit ihm ßu maken.«
»Vielleicht mehr als mit anderen Leuteln,« meinte der Wurzelsepp. »Wann Ihr endlich nun nach der Thalmühl wollt und überfahren, so macht, daß Ihr mitkommt! Ich geh halt jezt.«
Da hier nichts mehr zu schaffen war, folgten ihm die Beiden. Er führte sie nach dem Waldwege zurück, den sie vorhin verlassen hatten und welchen sie nun wieder folgten. Die Dichterin wollte ihn wieder in ein Gespräch verwickeln, um ihn nach Verschiedenem zu fragen, aber er war wortkarg und sehr nachdenklich geworden und hielt nicht mehr Stich.
Bald hörten sie Wasser rauschen. Sie kamen an den Fluß, welcher am Fuße des Berges vorüberging. Auch das gegenüber liegende Ufer desselben war mit Bäumen bestanden, doch gab es eine Stelle, an welcher sich das Grün zu einer Aussicht auf die Mühle öffnete.
Diese lag als ein ziemlich bedeutender Gebäudecomplex an einem Mühlgraben, welcher vom Flusse abgeleitet war. Mehrere hohe Gebäude ließen vermuthen, daß der Müller sein Geschäft im Großen betreibe. Rechts schloß sich ein großer Garten an dieselben an, und links lag auf der Höhe eine Art Villa, welche der Müller zur Sommerszeit an Badegäste vermiethete.
Oberhalb des Dorfes nämlich, zu welchem die Mühle gehörte, und mit demselben fast zusammenhängend, lag an beiden Ufern des Flusses die weltbekannte Badestadt, in welcher Tausende Heilung oder doch wenigstens Linderung ihrer Leiden suchten und auch fanden.
Der Wurzelsepp blickte suchend am Ufer hinauf und auch hinab. Er schüttelte den Kopf.
»Wo ist die Fähre?« fragte er. »Die kann doch nirgends anders sein, als hier!«
Er legte einen Finger in den Mund und stieß einen scharf gellenden Pfiff aus, welcher sofort im Walde beantwortet wurde.
»Wer gab diese Antwort?« fragte die Dame.
»Der Fex. Der Pfiff ist das Zeichen, daß Einer überfahren will. Kannst Dirs merken!«
»Aber ich kann nicht pfeifen.«
»So rufst seinen Namen Fex; dann kommt er.«
Man hörte eilige Schritte, und dann sahen sie den Fex durch die Büsche brechen.
»Wo ist denn die Fähre hinkommen?« fragte Sepp.
Der Fex blickte auch nach rechts und links – von der Fähre keine Spur.
»Fingerlfranz!« sagte er, weiter nichts, dann sprang er, gleich in den Kleidern, wie er war, in die kalte, tiefe, rauschende Fluth.
»Herrgott!« rief die Dichterin erschrocken. »Was thut er? Er kann sich den Tod holen!«
»Der nicht,« lachte der Sepp.
»Aber er kommt doch nicht wieder empor!«
»Nicht? Schau da hinunter!«
Ein bedeutendes Stück abwärts tauchte der Fex wieder auf, holte Athem und verschwand dann wieder.
»Warum thut er denn das?« fragte der Concertmeister.
»Weil der Franz allein übergefahren ist und nachher die Fähre nicht anbunden hat, um den Fex zu ärgern. Nun ist sie hinabgeschwommen, und muß sie suchen und heraufbringen.«
»Dabei könnte er doch laufen!«
»Schau die hohen Felsen, die hier ans Ufer treten. Wann er sie ersteigen wollt, so würde eine sehr schöne Zeit vergehn. Lieber schwimmt er Und wann man unterm Wasser schwimmt, so geht's halt schneller, als oben; darum kommt er nur herauf, wann er Luft schöpfen will. Um den braucht Ihr keine Angst zu haben; der ist im Wasser zu Haus wie wir auf der Erd. Er macht sogar die Augen auf, wann er unten schwimmt. Da sieht er die Fischen und alle Gethier, was es drinnen giebt. Er ist selber wie so ein Fischen; selbst wann er im Winter im Wasser ist, wird er nicht krank davon. Er hat schon Einigen das Leben gerettet.«
»So bekam er die Rettungsmedaille?« fragte Franza von Stauffen.
»Der, und eine Medallien? Das fallt wohl keinem Menschen ein. Es heißt, daß der Fex seine fünf Sinners nicht beisammen hat, und so ein armes Wurmel kann retten, so Viel er will, aber ein Ordensknöpferl bekommt er halt nicht.«
»Desto größere Theilnahme fühle ich für ihn. Ich muß ihn unbedingt näher kennen lernen.«
»So hüt Dich nur, ihm wieder einen Bußerl anzubieten! Bei dem nagelst keinen an; das sag ich Dir. Er find keinen Geschmack an solchem Larifari.«
Der Fex hatte Recht gehabt, als er beim Fehlen der Fähre den Namen des Fingerlfranz genannt hatte. Dieser hatte mit größter Selbstüberwindung seine Wuth hinabgewürgt und die Rache auf später verschoben. Er hatte darum den Kampfplatz verlassen, ohne den Kampf mit der einen, unverletzten Hand fortzusetzen, und war hinab nach dem Flusse gegangen, um nach der Mühle überzufahren.
Die Fähre lag hüben am diesseitigen Ufer, an welchem sich ja auch der Fex befand. Beide Ruder zu führen, das war dem Franz jetzt unmöglich. Er sprang hinein, band die Fähre los und setzte sich ans Steuer. So erreichte er das andere Ufer; freilich weit unterhalb derjenigen Stelle, an welcher gewöhnlich angelegt wurde. Statt nun die Fähre zu befestigen, sprang er heraus und ließ sie abwärts treiben, um den Fex einen Streich zu spielen. Er wußte, mit welcher Härte derselbe von dem Müller, welchem die Fähre gehörte, behandelt wurde.
Jetzt nun begab er sich nach der Mühle.
In dem Parterre des einen Gebäudes befand sich rechts die Wohnstube und links die Restauration. Auch in dem Blumengärtchen vor derselben standen Tische und Stühle für die Badegäste, welche an schönen Tagen nach der Mühle kamen, um Waldluft, Speise und Trank zu genießen, sich an den berüchtigten Grobheiten des Wirthes zu erheitern und – der schönen Müllerstochter einen freundlichen Blick in die herzigen Augen zu werfen.
Auch jetzt saß ein solcher Gast in dem Gärtchen.
Als der Fingerlfranz vorüberging, zog er seinen Hut. Er kannte den Herrn.
»Guten Morgen, Herr Capellmeister,« grüßte er.
»Guten Morgen,« dankte der Gegrüßte. »Kommen Sie vielleicht aus dem Walde?«
»Ja.«
»Sind Ihnen Spaziergänger begegnet? Ich warte nämlich auf den Concertmeister Rialti.«
»Hab nix gesehn.«
Damit trat er in das Haus und dann rechts in die Wohnstube. Diese war sehr altmodisch ausgestattet. Ein riesiger Kachelofen stand in der einen Ecke, in der Andern ein so großes Sopha oder vielmehr Kanapee, daß vier Personen auf demselben hätten schlafen können. Eine alte Wanduhr mit deckenhohem Kasten, mehrere Teller- und Schüsselbrette, ein großer, eichener Ausziehtisch nebst ebensolchen Stühlen – so sah es in der Stube aus, deren Fenster nicht mit Vorhängen versehen waren. Auch einen Spiegel gab es nicht. Die Diele war gescheuert und mit duftigen Tannen- und Fichtenzweigen belegt.
Am Tische stand ein breiter, bequemer Polsterstuhl, welcher auf Rollen ging. In diesem saß der Müller, eine starke Gestalt, jetzt aber zusammengefallen und von der Gicht geplagt. Seine Beine waren mit Watte dick umwickelt und die Füße steckten in unförmlichen Filzstiefeln. Auf dem Kopfe trug er eine braunwollene Zipfelmütze, und der Oberleib wurde von einer sogenannten Fitzjacke eingehüllt. Das Gesicht war grob, wie aus Holz zugehackt. Keine Spur von Weichheit war in demselben zu bemerken. Härte, Härte und immer wieder Härte war das Einzige, was man aus diesen Zügen zu lesen vermochte. Es schien unglaublich zu sein, daß dieser Mann der Vater Paula's war.
Neben sich, an der Armlehne des Stuhles, hatte er eine alte Clarinette hängen, während die rechte Hand mit einer Peitsche spielte, deren Stiel kurz, die Schnur aber desto länger war, so daß sie bis in die entfernteste Ecke reichte.
Diese Peitsche war das Scepter, mit welchem der Müller regierte. Er konnte nicht vom Stuhle auf, also leitete er von demselben aus seinen Haushalt und sein ganzes Geschäft. Die Peitsche war sein Dolmetscher, wenn er es nicht für nöthig hielt, ein Wort zu sprechen. Und alle kannten die Stimme dieses Dolmetschers genau. Vom leisesten Schmitz durch die Luft bis zum stärksten Klatschen und Knallen um die Beine irgend eines lässigen Dienstboten gab es eine Stufenleiter als Ausdruck aller Gefühle des Müllers, von der wohlgefälligen Zustimmung bis hinauf zum höchsten Grimme. In seinem Hause gab es keine Person, welche nicht bereits die Peitsche gekostet hätte. Mancher neu eintretende Dienstbote nahm sich vor, beim ersten Hieb fort zu gehen; aber der Müller zahlte so gute Löhne und die Verpflegung war um so viel besser als in andern Häusern, daß man sich bald an das eigenartige Scepter gewöhnte. Sehr viel trug freilich Paula dazu bei. Wer einmal in den Dienst des Müllers getreten war, dem hatte es das gute, liebe Mädchen bald so angethan, daß es ihm schwer wurde, das Haus zu verlassen.
Fragte man nun, wer mit der gefürchteten Peitsche am Meisten in Berührung kam, so war sicher ein Jeder sofort mit der Antwort da: der Fex. Und eigentümlich: Alle glaubten auch, daß er dies reichlich verdiene. Er bekam sein Essen und Trinken, aber keinen Lohn. Und Jahre wären vergangen, ohne daß er irgend ein Kleidungsstück erhalten hatte. Er sprach mit keinem Menschen ein anderes Wort, als was ganz unumgänglich nothwendig war, und schlief im Sommer und im Winter draußen in der Fähre. Wie er das im Sturme und Schneegestöber aushielt, das hätte Keiner begreifen können, wenn es überhaupt irgend Einem eingefallen wäre, diese Frage sich vorzulegen
Am Wortkargsten war er mit dem Müller selbst. Nie, wenn er mit diesem sprach, hatte Jemand gesehen, daß er eine Miene bewegte oder mit der Wimper zuckte. Selbst der schärfste Peitschenhieb war nicht im Stande, ihm den leisesten Seufzer des Schmerzes oder eine Bewegung des kleinsten Fingergliedes zu entlocken. Und warum das? Alle meinten, es sei Verstocktheit, Ehr- und Gefühllosigkeit; er aber allein wußte es besser. Der Grund, aus welchem er die furchtbare Sclaverei wie ein heiliger Märtyrer trug, hieß – –Paula.
Der Fex war ein Waisenkind, von einer fremden Zigeunerin hergebracht, welche hier gestorben war. Er war damals vielleicht vier Jahre gewesen und hatte eine fremde Sprache gesprochen, welche Niemand kannte. Später hatte sich nur der Müller seiner angenommen, aus Speculation. Er bekam einen Dienstboten, dem er keinen Lohn zu zahlen brauchte. Sonst waren Beide, der Müller und der Fex, einander fremd – natürlich! Dennoch aber gab es Leuten welche im Stillen meinten, daß zwischen diesen Beiden ein Geheimniß obwalte. Wehe Dem, welcher bei der Lösung dieses Räthsels die Kosten zu tragen hatte!
Es war keinem Menschen eingefallen, den Fex in die Schule zu schicken. Der Schulzwang schien für ihn gar nicht vorhanden zu sein. So war es gekommen, daß er weder zu lesen noch zu schreiben verstand und auch nicht wußte, daß zwei mal drei sechs ist. Sogar das Geld kannte er nicht, wie es schien. Für die Ueberfahrt nahm er, was man ihm gab, und lieferte es getreulich an den Müller ab. Es war da fast zu verwundern, daß er von der Thurmuhr ablesen konnte, welche Stunde es sei. Er war eben ein Fex, ein geistig impotenter Mensch, und was ihm ja von verschwindenden Geistesgaben angeboren war, das war ihm durch seine Verstecktheit vollständig verloren gegangen. –
Als der Fingerlfranz jetzt beim Müller eintrat, befand der Letztere sich allein in der Stube.
»Grüß Gott!« brummte der Kommende und warf seinen Hut in die Ecke des Kanapees, sich selbst daneben hin.
»Himmelsakermentski, wie siehst aus!« rief der Müller erschrocken.
»Wie soll ich aussehn, he?«
»Als obt aus einer Rauferei kommst.«
»Das kann wohl sein.«
»Jetzund bereits? Am Morgen schon?«
»Giebts alleweil eine bestimmte Stunden, an welcher das Raufen beginnen darf?«
»Das nicht. Wer Lust hat, der kann sich zu jeder Zeit den Hals brechen lassen. Aber zugericht bist hübsch, das muß ich sagen. Die Nasen ist fast ganz entzwei, und das Maul ist angeschwollen, wie eine doppelte Leberwursten.«
»Also ists doch appetitlich!«
»Finds nicht grad so. Mit wem bist dam so scharf zusammengerathen?«
»Wird Dich nicht sehr interessirn!«
»Grad sehr! Du bist der stärkste Kerl allüberall, und Keiner ist Dir über. Da möcht man schon gern wissen, an wem Du den Meister gefunden hast.«
»Den Meister? Was fallt Dir ein! Wann die Rauferei ehrlich ist, so giebts für mich nie keinen Meister. Wer wann man heuchlerings überfallen wird, so kann auch der Riese Goliath nix dafür, wann er einen Schmarren ins Gesicht erhält.«
»Wie? Hinterrücks bist überfallen worden?«
»Kannsts doch denken.«
»So sag doch, von wem!«
»Von einem Gesind von Dir.«
Da hob der Müller die Peitsche empor und ließ sie mit leisem Pfiff durch die Lust gehen, so daß es klang, wie wenn Einer vor Verwunderung die Luft pfeifend durch die geöffneten Lippen stößt.
»Einer von mir? Das denkst wohl blos nur! Ich wüßt Keinen bei mir, der es wagen wollt, sich mit Dir zu messen.«
»Ja eben hinterrücks!«
»Dem wollt ichs anschreiben!«
Bei diesen Worten gab er mit der Peitsche einen scharfen Schwipps, wie man einem Pferde, welches sich nicht in den Strang legen will, das Peitschenende an die empfindliche Gegend des Bauches schwippt.
»Wirst nicht viel schreiben!« meinte Franz.
»Oho!«
»Es ist doch Dein Liebling!«
»Mein Liebling? Wer wäre das? Seit wann hätt denn der Thalmüller einen Liebling?«
»Seit langer Zeit.«
»So! Und wie heißt derjenige Favorit?«
»Fex.«
Da fuhr die Peitsche mit einem lauten Knalle durch die Luft.
»Der Fex ists? Der hat sich an Dir vergriffen?«
»Ja freilich!«
»Und gar von hinten, unverhofft?«
»Ganz ohne daß ichs ahnen könnt.«
»So, so! Dem werd ichs sauber anstreichen! Wie ists denn eigentlich kommen?«
»Ich traf die Paula – – –.«
»Die? Das ist gut. Hast ihr was gesagt?«
»Ja. Sie hat aber noch nix gewußt.«
»Ist auch nicht nothwendig. Ein Dirndl erfährts allemal noch zu zeitig. welchen Mann sie todtärgern soll. Also Die hast troffen! Was hat sie nun dazu gesagt?«
»Nun, es kam ihr freilich unverhofft, und da springens Einem nicht gleich so an den Hals. Ich hab freundlich zu ihr sprochen, und sie war auch nachher gar nicht übel dabei. Das hat mich so gefreut, daß ich sie gar um ein Busserl beten hab.«
»Schau, schau!« schmunzelte der Müller, indem er dem Sprecher einen leisen, freundlichen Hieb mit der Peitsche gab. »So rasch gehts bei Euch! Was hat denn die Paula dazu sagt?«
»Sie hats gemacht, wies jedes Weibsbild beim ersten Male macht. Sie hat verschämt gethan und sich ein Wengerl geziert und gesperrt. Das muß ja so sein, denn eine Dirne, die gleich das Maul weit aufsperrt, wie ein Kukuk, den die Rothkätherln nicht derfüttern können, die taugt dem Teuxel nix. Darum hat auch das mich gefreut, denn das darf nicht sein, wies im Gestanzel heißt:
»Das Dirndl hat gesagt:
Hier hast den Schlüssel:
Sperr auf, und komm
Zu mir ein Bissel.«
Es ist alleweil immer besser, wann der Bub sich eine Müh dabei geben muß, und die hab ich mir eben auch geben wollen. Das hat der Paula gefallt: sie hat gelacht und sich gespreizt, und dabei sind wir uns mit dem Schnaberle immer näher kommen – weißt schon, wie mans macht – – –«
»Ja, und da hat sie Dir ein so kräftig Busserl geben, daß Dir Maul und Nas blutet hat!«
»Willst mich etwa auch noch verspotten und verlachen! Dazu hab ich halt keine Lust; das kannst Dir denken!«
Der Müller gab ihm einen leisen, beruhigenden Peitschenhieb und sagte:
»Was Du gleich rabit wirst! So aber ist das Jungvolk immerfort. Erzähl jetzt nun weiter!«
»Also wir sind grad nahe am Busseln gewest, und ich hab ganz deutlich gemerkt, daß die Paula sich darnach gesehnt hat, da plötzlich empfang ich von hinten einen Hieb an den Kopf, und als ich da die Paula gehen laß und mich umschau, steht der Fex da und macht mir ein Gesicht, als ob er mich morden wollt. Die Augen haben ihm geblitzt wie lauter Pulver, Colphoni und Bärlappmehl, weißt, wann man damit einen Blitz durch die Lampen bläßt.«
»Verteuxeli! Was fällt ihm ein!«
»Grad so hab ich ihn auch gefragt; dafür aber hat er mir noch einen solchen Schlag geben.«
»Und Du, was hast nachher mit ihm gemacht?«
»Ich hab ihn freilich angefaßt und an die Erd geworfen, daß ihm die Knochen kracht haben.«
»All so ists recht! Und dann?«
»Nun, dann bin ich gangen.«
»Wieso! Was fallt Dir ein!«
»Nein, Dir, was fallt Dir ein! Meinst vielleicht, wann man so unterbrochen und weggestört wird, daß man nachher noch weiter fortmacht? Mit dem Dirndl muß man bei vier Augen sein, mehr nicht. So denk ich, und so ists richtig.«
»Meinswegen. Aber Du konntst ihn fortjagen!«
»Das sagst halt Du, Müller. Du bist immer Einer, der sich grad nix aus den Leuteln macht; aber der Bräutigam muß anders sein; die Braut muß ihn für zart halten, für gnädig und vergeberisch. Wann man Großmuth übt, das rührt die Weiber, in der Seel und im Gewissen; darum hab ich mich nicht weiter an dem Fex vergreifen wollen, weil die Paula dabei gewesen ist.«
»Das ist mir zu fein; das hätt ich nicht gethan. Aber Du magst nicht Unrecht haben, denn heut zu Tag ist die Welt nur auf Fixfaxen und Complimentern eingerichtet. Aber von den zwei Buffen, die er Dir geben hat, kann Dir doch die Visag nicht in der Weis zersprungen und zerdunsen sein!«
»Nein. Das Schönste kommt ja noch. Also ich geh fort und will übersetzen – – – –«
»Uebersetzen? Wo warst dann mit Paula?«
»Drüben am Platz, wo sie vorjährig die Eichkatzerle freigelassen hat, die nun mit ihrem Nachwuchs kommen, wann sie sie lockt. Also will ich überfahren, aber es war die Fähre nicht da. Ich pfiff nach ihr. Da plötzlich kam der Fex aus dem Busch, mit dem Ruder in der Hand und schlug es mir an den Arm, daß ich ihn gleich nimmer rühren konnt – – –«
»Alltausendhimmelsturm! Hast ihn doch gleich niedergeschmettert und zertreten?«
»Konnt ichs mit dem Arm hier?«
Er ergriff mit der linken Hand den rechten Arm und bewegte ihn hin und her.
»Kannst ihn wirklich nicht bewegen?«
»Freiwillig nicht.«
Der Müller wollte vor Wuth aufspringen, fiel aber mit einem lauten Schmerzensruf wieder in den Sitz zurück. Er preßte die Zähne zusammen, daß sie knirrschten, und sagte dann:
»Na, wart, Bursch! Dir werd ich die Psalmen lesen, daß Du die Cherubimerl und Seraphimerl singen und pfeifen hören sollst! Da ist wohl gar der Knochen entzwei geschlagen?«
»Das wohl nicht. Vielleicht ist nur ein Gelenk ausgekettelt, oder es hat sich ein Nagerl gebogen. Der Bader mags untersuchen, bevor ich zum Arzt geh, der so viel theurer ist. Aber weiter! Nach diesem ersten Hieb schlug er mir das Ruder noch ins Gesicht, daß gleich die Nasen aufsprang wie bei einem Boxerhund mit Doppelschnauz, und aus dem Mund lief auch das Blut. Unterwegs hab ich nachher auch gemerkt, daß einige Zähne locker sind. Wann ich auch diesen einen Arm nicht rühren kann, so hätt ich den Himmelsakra doch mit dem andern überrungen und niedergeschlagen; aber er ist mir gleich schnell exschappirt, in den Busch hinein, wo ich ihn nicht habe finden konnt.«
»Wie aber bist dann über das Wasser herüber?«
»Die Fähr ist verschwunden und ist wohl auch jetzund noch nicht wieder da. Er hat sie versteckt gehabt, um mich ganz sicher zu derwischen. So hab ich also dort gestanden, bis zufälliger Weis der Fischpachter kommen ist mit seinem Kahn. Der hat mich herüberbracht.«
»Da sollen doch alle tausend Teufel fluchen! Versteckt der Hallunk die Fähr, um Dich anzufallen wie ein Räuberhäuptling. Aber hab nur keine Sorg! Er soll sein Zahlaus bekommen, und zwar nicht für die Langeweile. Ich werd ihn nachher rufen lassen. Jetzt aber, wann Du wirklich keine großen Schmerzen hast am Arm, wollen wir erst darüber klar werden, worüber ich gestern mit Deinem Vater sprochen hab.«
»Der Schmerz ist auszuhalten. Gar schlimm wirds vielleicht doch nicht werden.«
»Mag sein, und wollens hoffen; die Straf aber bleibt ganz dieselbige. Der Fex soll mir den Schwiegersohn nicht vermaltraterirn. Das will ich mir ein für alle Mal sehr verbitten!«
Unterdessen hatte der Fex die Fähre gefunden und stromaufgerudert und die drei Passagiere an das diesseitige Ufer gesetzt. Wenn er auch gesagt hatte, daß er mit dem Wurzelsepp bekannt sei, so hatte er mit demselben doch kein Wort und keinen Blick gewechselt, woraus auf irgend ein Einverständniß zu schließen gewesen wäre.
Der Sepp warf seinen Rucksack auf den Rücken und schritt voran, der Mühle zu, wo er sich in dem Blumengärtchen an einem Tische niederließ, in der Nähe desjenigem, an welchem der Capellmeister des Bades saß. Franza von Stauffen ging nicht nach der Mühle, sondern nach der bereits erwähnten Villa, wo ihr Vater mit der Schwester jedenfalls bereits angekommen war.
Der italienische Concertmeister folgte dem Sepp gemächlich nach; als er aber in die Nähe der Mühle kam und den Capellmeister im Gärtchen erblickte, beschleunigte er seine Schritte, um diesen Letzteren auf das Freundlichste zu begrüßen. Seit er hier als Badegast wohnte, hatten die Beiden eine nähere Bekanntschaft geschlossen.
Beide waren weit bekannte Musiker, der eine als Dirigent und der Andere als berühmter Violinist. Der Capellmeister hatte den Italiener bereits mehrere Male gebeten, sich in einem Concert hören zu lassen, war aber abschläglich beschieden worden. Einestheils war Rialti hier im Bade seiner Gesundheit wegen, nicht aber, um zu concertiren. Sodann waren die eigentlichen Badehabitues bis jetzt noch nicht eingetroffen, die Lions der Saison; erst in den letzten Tagen hatten sich zahlreiche Familien aus der Aristokratie des Geistes, des Geldes und der Geburt eingefunden. Und endlich wollte der Virtuos nur dann auftreten, wenn er es mit anderen berühmten Größen in Gemeinschaft thun konnte. Sich allein mit der Badecapelle durch ein ganzes Concert zu quälen, das war nicht nach seinem Geschmacke.
Jetzt nun zeigte die verheißungsvolle Miene des Kapellmeisters und die Eile, mit welcher er von seinem Stuhle aufsprang und dem Italiener entgegentrat, daß er irgend eine wichtige und auch erfreuliche Neuigkeit zu verkünden habe.
»Endlich, endlich kommen Sie, Signor!« sagte er, ihm die Hand gebend. »Ich habe bereits stundenlang mit Schmerzen auf Sie gewartet.«
»Auf mir kewarten!« antwortete der Italiener in seiner gebrochenen Weise. »Mit Schmerzen? E' egli possibile. Ist es möklik?«
»Ja. Ich bringe heut gleich eine ganze Anzahl von Neuigkeiten, über welche Sie staunen werden.«
»Staunen! Bravissimo! Vortrefflik! Ich sein neubegier, ßu hören das Neuigkeit!«
»Zunächst: Sie sind da.«
»Wer, wer? Chi? Chi va là?«
»Die hohen Herrschaften. Wir haben in letzter Woche diejenige Einquartirung bekommen, vor welcher Sie sich mit gutem Gewissen hören lassen können – Generale, Minister, Fürstlichkeiten. Und, Ihnen will ich es unter dem Siegel der strengsten Verschwiegenheit vertrauen: Nächster Tage werden wir sogar einen König begrüßen.«
»Ein Gönik? O che incatare! Welk Entzücken! Was für ein Gönik wird er ßein?«
»Der unserige, Ludwig von Bayern.«
»Unmöklik! Gönik Luigi kommen nie in Bad, sondern ßein ßehr einsam, ßehr, ßehr.«
»Er kommt, und zwar aus einem ganz besonderen Grunde, welchen ich Ihnen natürlich mittheilen muß.«
»Ich höre, mit allem Ohr, mit Allem!«
»Denken Sie, es wird mir aus der Hauptstadt die vertrauliche Mittheilung, daß der König in vorigem Herbst auf irgend einer Alp eine wunderschöne Sennerin entdeckt hat, welche eine ebenso wunderbare Stimme besitzen soll.«
»Ein Sennerin? Una vaccara? Reizend!«
»Er hat sie nach der Hauptstadt beordert und sie einem unserer ersten Meister zur Ausbildung anvertraut. Das Mädchen soll eine geradezu phänomenale Begabung besitzen und ebenso für den Gesang wie für das Spiel talentirt sein. Jetzt aber kommt die Hauptsache: Nächster Tage soll sie sich öffentlich hören lassen, zum ersten Male.«
»Ah! Dann reißen wir nach der Hauptstadt.«
»Nach München? New, dort tritt sie nicht auf.«
»Nicht Münken? Wo denn?«
»Rathen Sie! Oder lieber will ich es Ihnen gleich sagen. Hier tritt sie auf, bei uns!«
»
Che occorrenza! Welch Ereikniß!«
»Ja, gewiß. Sie singt unter Begleitung meiner Capelle. Und der König will sie hören.«
»Er kommt kewiß?«
»Ganz gewiß. Das ist eigentlich ein Wunder und sodann ein Beweis, daß diese angehende Sängerin ein Lumen, ein Licht zu werden verspricht, sonst würde die Majestät sich nicht bewogen fühlen, nach hier zu kommen.«
»Sicker, kanz und kar sickerlick!«
»Also was sagen Sie dazu?«
»Ik freuen mir, ßehr, ßehr!«
»Aber ich bin mit meinen Neuigkeiten noch nicht fertig. Sie werden sich noch viel, viel mehr freuen, wenn Sie das Weitere hören. Ja, ich behaupte gradezu, daß Sie entzückt sein werden.«
»Sprecken Sie, sprecken Sie!«
Da neigte sich der Kapellmeister ihm zu, hob die Brauen hoch empor und fragte im wichtigsten Tone:
»Kennen Sie einen gewißen Liszt?«
Da fuhr der Italiener von seinem Sessel hoch empor.
»Liszt! Der Abbé?«
»Der Virtuos auf Piano?«
»Derselbe.«
»Was ßein mit ihm? Was? Schnell, schnell!«
»Er kommt auch.«
»Nak hier?«
»Ja, ja!« klang es beihnahe jauchzend.
»Als Gast in Bad, aber nicht um ßu spiel!«
»Nicht als Gast, sondern um zu spielen.«
»Er dock nicht mehr spiel! Er kiebt kein Concert mehr jetzt!«
»Aber auf ganz besondere Einladung des Königs hat er zugesagt, eine Nummer des betreffenden Concertes zu übernehmen, eben weil der König sich selbst unter den Hörern befindet.«
»Das ßein freilik viel, ßer viel, ßer! Es ßein kaum ßu klauben, kaum!«
»Ich gebe mein Ehrenwort.«
»Ich muß, muß ihn hören, muß, diesen Fürsten des Piano und dieses junge Licht, die Sennerin und auk Sängerin. Es wird ßein großartik!«
»Natürlich. Wir werden Furore machen. Aber nun befinde ich mich in einer außerordentlichen Verlegenheit, bester Signor.«
»In welken?«
»Ich habe den ersten Pianisten der Welt und eine Sängerin, welche bereits den Fuß auf die Stufenleiter des höchsten Ruhmes setzt; aber das Hauptinstrument ist noch verwaist – die Violine.«
Der Concertmeister lachte fröhlich auf.
»Die Violin! Weiß Sie, wer schön spielen die Violin? Wer?«
»Nun?«
»Ich, Concertmeister, maestro di mussica Signor Antonio Rialti.«
»Ah! Wollen Sie?«
»
Si, si, ja, ich wollen! Ssehr, ßehr!«
Er nickte dabei so oft und freudig mit dem Kopfe, daß es dem Capellmeister angst wurde.
»Schön! Herrlich, herrlich! So bleibt mir nichts zu wünschen übrig! Liszt, der Concertmeister Antonio Rialti und die Sängerin.«
»Wie sein ihr Name?«
»Sie heißt Mureni.«
»Ich nicht kennen dieser Name.«
»Höchst wahrscheinlich ist es nur ein Künstlername, und sie heißt eigentlich anders. Also Sie haben zugesagt. Könnte ich baldigst erfahren, welche Stücke Sie wählen werden?«
»Sofort, gleik, all' istante. Kommen Sie!«
Er stand auf und eilte fort, nach der Villa zu, und der Capellmeister hinter ihm her. Bald hörte man aus den geöffneten Fenstern der dort befindlichen Wohnung des Concertmeisters Töne erklingen, wie man sie hier noch niemals gehört hatte. Töne, so süß klagend wie heimliches Liebesflehen, Töne, welche sich neckisch haschten, und fingen, wie spielende Libellen und Schmetterlinge, Töne, herzzerreißend, klagend wie singende Thränen auf eingesunkenen Grabeshügeln, Töne, berauschend und bestrickend wie wogender Frauenbusen und berückende Sirenenschultern, Töne, zum Tod begeisternd wie Schlachtgesang und Rosseswiehern, Töne, dumpf rollend wie Erdbeben, grollend und zürnend wie hohler Donnerschall, Töne, zitternd und bebend wie Hunger und Frost im Menschengebein, Töne, aufjauchzend und jubilirend wie Lerchentriller und Finkenschlag. Ja, der Concertmeister Antonio Rialti war ein Beherrscher der Violine von Gottes Gnaden!
Wer, wie war es? Töne, welche man hier noch niemals gehört hatte? Wirklich niemals? Lag nicht da drüben am Flusse, da wo die Felsen an das Wasser stießen, oben auf den Steinen ein kleiner Hügel, auf welchem jetzt noch die letzten Märzviolen und die ersten Maiblumen blühten? Dort, an dieser Stelle war die Zigeunerin gestorben, welche den Fex mit ins Land gebracht hatte. Dort hatte man sie eines Morgens, nachdem sie mehrere Tage lang vermißt worden war, als Leiche gefunden, und Niemand konnte sagen, ob die Ursache ihres Todes der Frost oder der Hunger gewesen sei. War sie vielleicht an Beiden gestorben und – –auch vor Gram?
Sie war an derselben Stelle eingescharrt wollen. Sie, die Zigeunerin, war doch keine Christin, sondern eine Heidin. Man durfte sich nicht an der geweihten Erde versündigen. Und als nachher der Fex, ihr Bube, einst von Weidenruthen ein armseliges Kreuz geflochten und auf den Hügel gesteckt hatte, da war man schnell gewesen, es heraus zu reißen und in das Wasser zu werfen. Das Zeichen des Kreuzes auf ihrem Grabe hätte ja wohl die Qualen ihrer Verdammniß lindern können, und das war die Heidin nicht werth.
Jahrelang wurde dieses Grab gemieden. Kein Mensch kam in seine Nähe. Es war ein verfluchter Ort. Nur der Fex, der sich nicht von seiner Mutter lossagen wollte, schleppte in seinen Händen fruchtbare Erde hinauf, welche er heimlich im Garten der Mühle gestohlen hatte, und pflanzte Blumen hinein, Hahnenfuß und Löwenzahn, weißen Klee und rothblühende Taubnesseln. Etwas Besseres konnte der arme Knabe nicht beschaffen. Dann aber erbarmte die kleine Paula sich seiner. Sie bettelte im Dorfe sich Saamen und Senker zusammen, für sich, wie sie sagte, aber sie gab Alles dem Fex, welcher damit das Grab der – Verdammten schmückte. Und eines Tages, als der neue Herr Caplan einst am Flusse entlang ging und, den Fex droben erblickend, hinaufgestiegen kam und dem Knaben mit milden Worten das Geständniß entlockte, daß hier seine Mutter schlafe, die Heidin, die er aber von der Verdammniß losbeten wolle, da nahm er den Verachteten bei der Hand, führte ihn mit sich in den Pfarrgarten, gab ihm Stecklinge von seinen prächtigen Ayrshirerosen, und als das die Leute hörten und nachher die gefüllten Blüten das steinigte Grab bedeckten, da stieg doch zuweilen Jemand auch hinauf, um die Düfte einzuathmen und dabei zu denken, daß, wenn der liebe Gott die Rosen hier blühen lasse, er der Heidin vielleicht wohl einen kleinen, ganz kleinen Theil der ewigen Verdammniß schenken werde.
Ja, selbst am Abende, wenn der helle Schimmer des Mondes an den Fluß lockte, kam es wohl vor, das Einer oder der Andere sich in die Nähe des Grabes wagte; aber das hörte sehr bald wieder auf, denn – die Zigeunerin hatte keine Ruhe gefunden; sie ging um, drin im Felsen unter ihrem Grabe. Von da heraus klangen geheimnißvolle Töne, fremdartige, herzzerreißende Weisen. Das klagte und wimmerte; das schluchzte und jammerte, als ob da drin Ströme von Thränen flössen. Und dann plötzlich erhob sich ein gottloses Kreischen und Klingen, ein Jauchzen und Jubiliren, ein trunkenes Gewirr von Tönen, Accorden, Trillern, Läufern und Cadenzen; es war zum Rasendwerden. Kein Mensch kam mehr hin. Die Zigeunerin hatte eine Geige mitgebracht gehabt, eine alte Fiedel, nicht zehn Kreuzer werth, die hatte man bei ihrer Leiche nicht gefunden. Natürlich hatte sie sie ins Grab nachgeholt und mußte nun ruhelos spielen alle, alle Nächte, bis in die Ewigkeit.
Und wieder nach längerer Zeit war ein neuer Cantor in das Dorf gekommen, ein Herr, welcher glaubte, daß auch ein Heide selig werden könne, wenn die Zeit des Fegefeuers vorüber sei. Der hatte von der unterirdischen Musik gehört und war so muthig gewesen, zur Mitternachtszeit nach dem Grabe zu gehen. Dort hatte er fast bis zum Anbruche des Morgens gesessen, und am Abende, als er mit den Bauern unter der Linde saß, erzählte er, daß die Musik wirklich zu hören sei, etwas Gotteslästerliches aber sei nicht daran. Ein Geist spiele nicht Violine, meinte er; es walte hier ein Geheimniß ob, welchem man schon noch auf die Spur kommen werde. Er gab sich Mühe, Andere nun auch, aber das Räthsel konnte nicht gelöst werden; es war eben ganz gewiß, daß die Zigeunerin spiele. Wer es war doch nun wenigstens so weit gekommen, daß das Grauen vor dem Orte verschwunden war und daß des Abends zuweilen ein Neugieriger stehen blieb, den geheimnißvollen Tönen eine kleine Weile lauschte und nachher, den Kopf schüttelnd und drei Kreuze schlagend, wieder weiter ging. So stand es noch heute.
Also die Töne, welche jetzt aus der Wohnung des maestro di musica Signor Antonio Rialti klangen, waren nicht die einzigen derart bestrickenden, welche hier gehört worden waren. Die ruhelose Seele der Zigeunerin spielte auch jetzt noch ihre schluchzenden Klagen und ihre jauchzenden Jubilosos.
Während, also der Italiener dem Kapellmeister seine Bravoorstücke hören ließ, um eine Auswahl treffen zu können, war die Unterredung des Müllers mit dem Fingerlfranz beendet worden, und der Erstere sagte:
»Jetzt nun sind wir einig worden, und es wird Zeit, den Hallunken kommen zu lassen, den Fex.«
»Vielleicht kommts ihm in den Sinn, Alles zu leugnen. Was wirst da thun?«
»Er soll nur leugnen; da macht ers nur noch schlimmer. Uebrigens ist doch zuerst auch die Paula dabei gewesen; die kann bezeugen, daß er Dich von hinten angefallen hat.«
»Ja, weißt, die hat auch so ein weiches Herz wie Butter. Der ihr Gemüth läuft halt auseinander wie Schnee in der Sonne. Wann sie bemerkt, daßt den Fex strafen willst, wird sie ein gutes Wort für ihn einlegen, und, wenn dies nix hilft, die Sach wohl gar ganz anders darstellen, als sie sich ereignet hat.«
»Das kenn ich auch schon bereits, aber damit lockt sie mir den Hund nicht vom Ofen fort. Ich werd auch nicht so kopfüber ins Zeug springen. Er soll seine Straf empfangen, aber nicht auf einmal, daß er sie bald los ist, sondern so nach und nach, damit er recht lang daran zu tragen hat.«
Er ergriff die alte Clarinette, welche an seinem Stuhle hing, und blies hinein. Es war ein kurzes, aus drei Tönen bestehendes Signal, welches er gab, fast so wie beim Militär.
Es wurde draußen nicht sofort vernommen, so daß er es zweimal wiederholen mußte; dann trat ein Knecht herein.
»Was ist denn das?« donnerte er diesen an, indem er mit der Peitsche drohend hin und her schwippte. »Habt Ihr keine Ohren mehr! Ich will Euch welche machen! Lauf schnell hinüber zum Wasser und sag dem Fex, daß er herbei zu mir kommen soll! Ich hab mit ihm zu reden.«
Und als der Knecht sich umdrehte, um hinaus zu gehen, holte der Müller aus und schlug ihn mit der Peitsche so sicher und so kräftig in die nackten Knieekehlen, daß er laut aufschrie und mit einem raschen Sprunge draußen stand.
Dann lief er, so schnell es ging, hinüber zur Fähre. Dort saß der Fex am Ufer. Er lauerte auf Paula, welche er ja überfahren mußte, wenn sie nach Hause wollte.
Als er hörte, daß er zum Müller solle, stand er auf, ohne eine Miene zu verziehen, obgleich er ziemlich wohl wußte, weshalb er geholt wurde.
»Aber nimm Dich fein zusammen, Fex!« warnte der Knecht. »Der Alte hat schlechte Laune.«
Auch hierauf sagte er kein Wort. Während der Knecht schnell zurückkehrte, ging der Fex langsamen Schrittes auf die Mühle zu. Da plötzlich blieb er stehen. Er hatte die Violine des Concertmeisters gehört. Er lauschte einige Augenblicke. Sein Gesicht nahm einen ganz andern Ausdruck an. Es war, als ob mitten durch finstere Wetterwolken ein heller, goldener Sonnenstrahl blitze oder als wenn ein Kind mitten im Weinen aufhört, um, noch thränendem Auge, die Mutter jubelnd anzulachen.
Er ging weiter, langsam, wie von einem Magnet angezogen, nicht nach der Mühle hin, sondern auf die Villa zu. Dort am Fuße der Höhe, auf welcher diese stand, hielt er an.
Das Gesicht, welches er jetzt machte, war gar nicht zu beschreiben. Er schien vor Entzücken trunken zu sein. Er streckte den linken Arm grad aus, als ob er eine Geige in demselben halte, und fuhr mit der rechten darüber hinweg, als ob er auch Violine spiele.
Jetzt machte der Concertmeister eine Pause.
Der Fex seufzte tief auf, drehte sich energisch um, als ob es ihm große Ueberwindung koste, diesen Ort zu verlassen, und ging nach der Mühle.
»Wo steckst denn so ewig?« brüllte der Müller ihn an, als er in die Stube trat. »Der Knecht hat Dich doch getroffen! Warum kommst nicht gleich?«
Er zog die Thür hinter sich zu, blieb stehen und gab keine Antwort.
»Nun, kannst etwan nicht reden?«
Und als er auch jetzt noch schwieg, klatschte ihm die scharfe Schmitze der Peitsche um die nackten Füße. Er zuckte nicht mit der Wimper.
»Komm näher!« gebot der Müller.
Der Fex ging einige Schritte auf den Polsterstuhl zu und blieb dann wieder stehen.
»Was hast mit dem Franz gehabt?«
Der Fex sah weder den Franz an noch gab er eine Antwort.
»Willst reden!«
Und als diesem Befehle nicht Folge geleistet wurde, knallte die Peitsche wieder um die Füße. Ein Anderer war vor Schmerz in die Höhe gesprungen; der Fex aber rührte kein Glied. Es war, als ob er gar kein Gefühl besitze.
»Hast ihn angefallen!«
»Nein.«
Das war das erste Wort, welches er hören ließ.
»Lüg nicht!«
Der Alte gab ihm einen dritten Hieb.
»Er lügt, nicht ich!«
»Weiß schon! Dich kenne ich! Da, sieh mal sein Gesicht an! So hasts ihm mit dem Ruder geschlagen.«
Der Delinquent sah weder den Müller noch den Franz an; aber er spuckte verächtlich aus.
»Was! Ausspucken thust! Das will ich mir doch verbitten. Du Lodrian und Taugenichts! Und den Arm hast ihm auch entzwei geschlagen! Wann er aufs Amt geht und zeigt Dich an, kannst wegen Mordversuchs oder der Verletzung eines lebendigen Körpers zehn Jahr lang eingesperrt werden! Bist wohl nicht bei Sinnen gewest? Was gehts Dich an, wann er mit der Paula eine Zärtlichkeiten absolviren will. Gleich gehst her, und bittsts ihm ab!«
Der Fex bewegte sich nicht.
»Gehst oder nicht?«
Der Fex zuckte ganz leise mit der Achsel.
»Nicht? Gut, hier hasts!«
Er holte aus. Die aus einem dreifachen Rinnen zusammengeflochtene Peitschenschnur schlang sich für einen Augenblick laut klatschend um das Gesicht des Fex, und dennoch zuckte der Getroffene nicht mit der Wimper. Er sagte nur die Worte:
»Frag die Paula!«
»Meinst, daß sie Dich in Schutz nimmt?«
»Sie wird die Wahrheit sagen.«
»Hast ihr wohl schon ein gutes Wort geben, und sie hat versprochen, aus dummer Barmherzigkeit ihren Vater zu belügen? Da habt Ihr wohl kein Glück damit. Schäm Dich, die Tochter zu verführen, den Vater zu belügen! Aber so ein Beest wie Du hat keine Schaam und kein Gewissen!«
Der Fex zeigte auf den Franz und sagte:
»Hier sitzt das Beest!«
»Wie? Was?«
Sofort knallte die Peitsche wieder um das Gesicht des Blödsinnigen.
»So! Und wannt noch nicht genug hast, brauchst nur noch ein Wort zu sagen, so bekommst noch mehr! Jetzt will ich Dir Deine erste Straf geben.«
Er blies in die Klarinette, und sofort kam eine Magd herein geeilt.
»Kathrin, das Ihrs wißt, der Fex erhält drei Tage lang nix zu essen und zu trinken. Wasser kann er im Fluß bekommen!«
Sie grinste wohlgefällig mit dem breiten Gesicht und machte schleunigst, daß sie hinauskam, denn das Wetter war ihr hier nicht geheuer.
»Und,« fuhr der Müller fragend fort, »Du bist ja ganz naß. Kauf ich Dir deshalb die Kleider, daßt Dich damit im Wasser herumwälzen sollst? Wo hast denn die Fähr gehabt? Sie war doch weg!«
»Dieser hat sie losgebunden und fortschwimmen lassen.«
Sofort klatschte ihm die Peitsche wieder um den Leib, und der Alte schrie ergrimmt:
»Lügen über Lügen! Willst mir die Unwahrheit ins Gesicht hinein streiten! Ueber Dich muß ich mich noch zu Tod verärgern. Mach Dich hinaus, daß Du mir aus den Augen kommst. Du Galgenstrang! Und wann Du Deine drei Tage gehungert hast, nachher wird die zweite, dritt und vierte Straf kommen. Hinaus!«
Der Fex ging so ruhig und unbewegt, wie er gekommen war. Draußen saß der Wurzelsepp noch aus seinem Platz. Er gab dem Fex einen heimliche Wink und brach dann auf, um hin nach der Fähre zu schlendern. Der Fex aber ging zunächst wieder nach der Villa zu, wo die Violine des Concertmeisters von Neuem erklang. Wie bezaubert lauschte er eine Zeit lang den Tönen, dann riß er sich mit Gewalt los und ging zur Fähre. Dort fand er den Sepp zwischen Sträuchern stecken.
»Kommst nun?« sagte derselbe. »Jetzt sieht uns Niemand, und ich will Dir die Hand geben, Fex. Bist ein braver Kerl und auch ein starker Bursch worden. Hab mich über Deiner gefreut und auch gewundert, wie Du den Fingerlfranz so abgemuckt hast. Der kann sichs merken! Aber schau, was hast da im Gesicht? Das sind ja zwei Streifen, blau und roth und gelb!«
»Das ist von der Peitsch des Müllers.«
»Wann?«
»Soeben jetzt.«
»Warum?«
»Weil ich den Franz getroffen hab. Der hat Alls herumdreht und den Müllern anders erzählt.
»Und da schlägt der Dich mit der Peitschen?«
»Wie immer.«
»Und das leidst? Das läßst Dir gefalln!«
»Ja.«
»So bist wirklich so schiefsinnig, wie Dich die Leut ausrufen. Mir sollt das geschehn! Mit Deiner Körperstärk klopft ich den Müller zu Mehl und den Franz zu Gries!«
»Das wird auch noch. Jetzt ist nur die richtige Zeit dazu nicht kommen.«
»Auf was wartest denn noch?«
»Wirsts auch dann erfahren.«
»Und warum erduldest so ruhig das Hundeleben? Was geht der Müller Dich an? Was hast mit ihm zu schaffen? Geh doch fort!«
»Du weißt nicht, was ich weiß, sollst es aber hören. Jetzt mag das ruhen. Kommst heut am Abend zu mir?«
»Ja, freilich.«
»Das ist gut! Da sollst eine Musiken hören, eine Musiken, wie Du noch nicht gehört hast.«
»Hast sie kauft?«
»O nein. Wo soll ich das Geld dazu finden? Aber da drüben geigt Einer, und was der geigt, das werd auch ich geigen.«
»Hast die Noten?«
»Noch nicht.«
»Ob er sie Dir giebt!«
»Frag nicht! Ich frag auch nicht.«
»Gut! Das geht mich auch nix an. Aber ich hab Dir die Noten mitbracht, die Du mir aufgeschrieben hattst. Sie stecken da im Rucksack. Ich mag sie nicht mit in die Stadt schleppen. Kann ich sie Dir jetzt gleich geben?«
»Ja,« antwortete der Fex, nachdem er vorsichtig durch die Zweige gelauscht hatte.
Und nun hielt er die Augen wie mit gierigem Heißhunger auf den Rucksack gerichtet. Der Wurzelsepp öffnete denselben und sagte dabei:
»Wer weißt, die Kompernisten, welche die Musik machen, sind die richtigen Hallodri's.
»Warum?«
»Von wegen dem Titel und der Ueberschriften, die sie den Stucken geben. Der Musikhändler hat sie mir wohl zehnmal vorlesen müssen, und ich hab sie mir nachher im Stillen aufgesagt, bis ich sie auswendig könnt hab. Solch kuriose Aufschriften sollt man nicht für die Möglichkeit halten.
Er zog eine Papierrolle heraus und fuhr fort, indem er sie öffnete:
»Das sind lauter Noten für Deine Vigoline. Da ist das erste Stuck. Das hat die dumme Ueberschrift: Ein runder Blechofen!«
Der Fex griff darnach. Seine Augen leuchteten. Er las den Titel. Wunderbar! Er sah ganz anders aus und sprach jetzt das schönste Hochdeutsch.
»Ein runder Blechofen? Das ist freilig lustig. Hier steht: Rondeau von Bethoven.«
»So klingts? Da hab ichs falsch versetzt. Aber hier, das weiß ich gewiß. Da steht geschrieben oder gar gedruckt: Ein Rock vorne und ein halbes Vieh.«
»Unsinn? Ein Nocturne von Halevy.«
»Himmelsakra! Bei Dir klingts freilich viel anders. Nun aber jetzund. Das kannst mir nicht bestreiten. Das heißt: Ein Fizzlifazzlo von Hühnerwurst. Das ist doch so ein schnackischer Titel, daß man ihn gar nimmer für möglich halten sollt! Ein Fizzlifazzlo! Was ist das für ein Ding! Und von Hühnerwurst hab ich auch noch nie nicht was gehört!«
»Sprich es nur richtig aus, lieber Sepp! Es heißt: Ein Pizzicato von Hühnerfürst; Hühnerfürst ist nämlich ein Dresdener Componist. Und ein Pizzicato ist ein Stück, welches nicht mit dem Violinbogen gestrichen, sondern mit dem Finger geklimpert wird.«
»Wann zehnmal! Warum setzens diese fremden Worte her! Sie könnten doch drucken: Eine Klimperei anstatt ein Fizzlifazzli. Jetzt weiter! Das weiß ich ganz genau. Es steht da: Ein Kuriosum von Mückenschwanz.«
Er blickte den Fex forschend und neugierig an. Dieser aber erklärte lachend:
»Es heißt: Ein Furioso von Schicketantz. Schicketantz ist ein Componist, und Furioso ist ein Stück, welches feurig, rasch oder gar recht wild gespielt werden muß.«
»Das ist dem Schicketantzrich zuzutraun; schon der Name ist ganz wild. Aber nun das allerletzte Stuck. Wann ich auch dieses falsch gelernt hab, so will ich den allen Compernisten Abbitt thun im Sack und in der Aschen. Da steht ganz groß und deutlich – oder wart einmal! Sag, trinken Die aus der Post etwan viel Lindenblüthenthee?«
»Warum fragst Du das?«
»Weil hier steht, daß sie davon so dumm werden.«
»Das steht nicht da.«
»Willst etwan mit mir streiten?«
»Du irrst Dich, Sepp. So Etwas kann doch gar nicht da stehen?«
»Nicht? So schau doch mal selbst her! Ist da nicht zu lesen: Die Post ist dumm von Lindenblättern?«
»Nein. Das heißt: Postludium von Lindpaintner. Ein Postludium ist ein Nachspiel, und der Componist heißt Lindpaintner, der auch am Theater in München Kapellmeister gewesen ist und nachher in Stuttgart.«
»So, so! Jetzt ists mir im ganzen Kopfe dumm, aber nicht von Lindenblättern, sondern von Deinen Compernisten und ihren Noten und Ueberschriften. Das halt doch der Teuxel aus! Da lob ich mir meine Zithern; die hab ich auswendig gelernt ohne Noten und Compernisten, und was ich drauf spiel, das compernir ich mir selber. Jetzt aber muß ich zur Stadt, in die Apothek, wo ich meine Wurzeln verkauf. Heut Abend dann komm ich wieder. Weißt schon, um welche Zeit.«
Er gab die Hand zum Abschied und ging. Der Fex rollte seinen Notenschatz zusammen und sprang in die Fähre. Mit dieser steuerte er abwärts und hing die Kette an dem Felsen an, welcher senkrecht aus dem Wasser emporstieg. Sodann zog er unter dem Sitze ein Stück Wachsleinen hervor, in welches er die Noten so sorgfältig einschlug, daß kein Tropfen Wassers hineindringen konnte. Dann sprang er in das Wasser, tauchte unter und kam nicht wieder.
Hätte noch eine Person außer dem Wurzelsepp mit in der Fähre gesessen, so wär es ihr himmelangst um den Fex geworden; sie hätte unbedingt glauben müssen, daß er ertrunken sei.
Drin aber, im Felsen, auf welchem oben das Grab der Zigeunerin lag, ertönten einige dumpfe Schläge, welche sich nach kurzer Zeit wiederholten. Dann tauchte der Fex wieder an die Oberfläche empor und stieg, vom Wasser triefend, wieder in die Fähre, welche er loskettete und aufwärts nach dem Landeplatze ruderte.
Er strich die Kleider fest an den Leib, damit das Wasser ablaufen solle. Und kaum war er damit fertig, so hörte er drüben den Ruf:
»Fex, lieber Fex!«
Das war Paula's Stimme. Er ruderte hinüber. Da stand sie am jenseitigen Ufer, ein Eichhörnchen in den Händen.
»Das ist wieder ein Patienterl,« sagte sie, »den ich mit nach Haus nehmen muß, um ihn zu pflegen. Aber, Herrgottle, wie siehst aus?«
Sie machte ein ganz und gar erschrockenes Gesicht, indem sie ihm in das Gesicht blickte. Die beiden Schwielen waren stark angeschwollen.
»Woher hast das?«
»Vom Müller.«
»Er hat Dich mit der Peitschen geschlagen?«
»Ja.«
»Wegen was?«
»Wegen dem Fingerlfranz.«
Da sprang sie eiligst in die Fähre und rief:
»So mach schnell über. Ich werd gleich ein Wort mit dem Vatern reden. Du rettest mich von dem Ueberfall dieses Schubiak und erhältst als Dank dafür die Peitschen! Das darf ich nicht dulden; das kann ich nicht zugeben!«
»Wart noch, Paula! Der Franz hat dem Müllern Alles falsch erzählt. Er hat gesagt, ich hätt ihn hinterrücks angefallen. Darum war der Müller so zornig. Und wann Du ihm nun auch sagen wirst, wie es eigentlich war, so wird er Dirs doch nicht glauben. Darum ists besser. Du sagst gar nix. Ich will nicht haben, daß Du für eine Lügnerin gehalten wirst.«
»Aber ich will nicht haben, daß Du geschlagen wirst. Und ich will auch sehen, ob der Vatern dem Franz mehr glaubt als mir. Also fahr über!«
»Ja. Aber, da kommt noch Einer.«
Den Bergweg herab kam ein junger, kräftiger Mann, welcher einen länglichen Kasten auf dem Rücken trug.
»Grüß Gott!« sagte er. »Kann ich mit hinüber?«
»Ja, steig ein!«
Der Fex hatte längst seine stupide Miene wieder vorgelegt. Er fragte den Fremden:
»Bist wohl ein Tabuletkramer?«
»Ja. Ich will ins Bad. Da wohnen die Geldleuteln, die gern was kaufen können.«
Drüben angekommen, bezahlte er ein Fünfpfennigstück und schritt dann, unbekümmert um die beiden Andern, auf die Mühle zu und lenkte dann links in den Weg ein, welcher nach der Stadt führte. Als er an der Villa vorüber wollte, stand Franza von Stauffen vor derselben. Als sie ihn erblickte, rief sie erstaunt aus:
»Ists möglich! Bist Dus wirklich?«
Er blieb stehen und betrachtete sie. Dann fragte er:
»So kennst mich halt noch?«
»Freilich! Ich werde doch den Krikelanton kennen, mit dem ich damals einen ganzen Roman erlebt habe und der mir entwischte, ohne sich zu verabschieden. Was treibst Du denn jetzt?«
»Ich bin halt Tabuletkramer worden von den dreihundert Mark, die der König mir damals geschenkt hat. Weißts wohl nicht?«
Sie kam näher heran.
»Von dem Geschenk des Königs weiß ich,« sagte sie. »Du hast mir damals ja davon erzählt. Aber daß Du Tabuletkrämer geworden bist, davon hab ich nichts erfahren. Du warst, wie man mir sagte, nach der Stadt gegangen, um Dich dem Gericht zu stellen. Ich blieb bis am Abende bei der Frau Professorin aus Wien, welche Du gerettet hattest, und da ich Dich nachher nicht mehr vorfand, mußte ich allein zurückfahren. Der Herr Professor war bös auf Dich, daß Du fortgegangen warst, ohne seinen Dank abzuwarten.«
»Ja, und ich war halt wieder bös auf ihn, weil er mir die damalige Sach hat mit Geld zahlen wolln. Das hat mich wohl sehr kränkt, natürlich. Als ich nachhero wieder frei gewesen bin, gleich denselbigen Tag, kam ich des Abends zurück zum Vatern und zur Muttern, und da ist er dagewest, um nach mir zu fragen und Abschied zu nehmen, weil er zuruck nach Salzburg gemußt hat. Da hat er dem Vätern einen Zettel in die Hand geben, auf welchem die Überschriften gestanden hat ›
Anweisung‹. Und weißt, was das gewesen ist?«
»Nun, jedenfalls eine Belohnung.«
»Ich dank für eine derartig Belohnung! Ja, sehr dank ich dafür! Erst hab ich halt auch geglaubt, daß er mir was geben will, und derowegen bin ich ja zornig gewest, denn mein Leben spendir ich doch nicht daran, um ein paar Gulden oder ein paar Markerln zu bekommen. Aber als ich nachher den Zettel richtig gelesen hab, dann, ja freilich hab ich ihn nicht selber gelesen, sondern dem Nachbarn sein Schulbub hat ihn mir vorlesen müssen, nachher hab ich gewußt, daß der schöne Herr Professor mich nur hat mit einer Nasen heimschicken wollen.«
»Das glaub ich nicht!«
»Nicht glauben willsts? Nicht? Da bist ebenso dumm wie er. Ich aber bin halt gescheidter als Ihr und hab mich gehütet, auf dena Leim zu springen.«
»Du irrst, Anton. Die Professors sind Beide so sehr dankbar gewesen!«
»Ich auch; ich bins sogar noch, denn ich bedank mich noch heut für den ihrigen Dank.«
»Nun, was hat denn auf den Zettel gestanden?«
»Das will ich Dir gleich sagen. Zuerst hats so gut und schön klungen, daß ich wirklich eine große Freuden gehabt hab. Ich soll nämlich, wann ich einmal in Noth bin und ein Geldl brauch, hinein ins Salzburg gehn, nämlich nicht ins Ländl Salzburg, sondern in die Stadt, und mir so viel geben lassen, wie ich brauch.«
»Nun, das ist doch sehr, sehr gut. Nicht einmal eine bestimmte Summ hat er angegeben.«
»Ich hab auch glaubt, daß es sehr gut ist; aber nachhero sind mir die Augen aufgangen; nachhero hats halt ganz anders gelautet. Da hat gestanden, ich soll auf die Bank gehn, zum Gottlob Beck; da soll ichs erhalten.«
»Also eine Anweisung an einen Bankier.«
»Bankier? Was das ist, das weiß ich nicht. Es wird wohl so ein welsches Wörtl sein, oder ists gar lateinisch oder hebräisch. Aber der Gottlob Beck ist selber so arm, daß er keinen Pfennig geben kann.«
»So? Wunderbar! Was ist er denn?«
»Nun, Tischler ist er natürlich. Was soll er denn anders sein, wann ich wegen der Bank zu ihm soll.«
»Ah, jetzt ahne ich es. Das ist ein Mißverständniß.«
»Nein, das ist keins. Ich kenn den Gottlob bereits seit vielen Jahren, und als ich zum Spaß zu ihm gangen bin und ihn fragt hab nach dem Professorn, da hat er ihn gar nicht kennt.«
»Hast Du ihm Etwas von der Anweisung gesagt?«
»Werd mich hüten. Auslachen laß ich mich noch lange nicht.«
»O weh, da hast Du eine Dummheit gemacht!«
»Ich? Fallt mir nimmer ein!«
»Doch! Giebt es denn nicht noch einen Gottlob Beck in der Stadt Salzburg?«
»Wohl. Es giebt schon noch einen.«
»Und was ist der?«
»Nun, der ist Kaufmann. Er handelt mit Geld und mit Kassenbilleterls. Weißt, man sagt Wechsler.«
»Nun, so ist der gemeint gewesen.«
»Der? O weh! Wo denkst hin! Der hat keine Bank. Der sitzt auf Sammtstühlen und auf einem seidenen Kanapee. Eine Bank findst bei ihm gar nimmer.«
»Nun, so ists erwiesen, daß es ein Mißverständniß ist. Weißt Du, ein Geschäft, in welchem mit Geld gehandelt wird, das nennt man ja eben ein Bankgeschäft oder eine Bank.«
»Willst mir wohl auch nur was weiß machen?«
»Gar nicht.«
»Freilich! Aber zupf Dich nur an Deiner Nas. Du schaust auch nicht grad so aus, als hättst die Klugheit mit Löfferln gefressen. Und von Dir, Franza, hätt ichs schon erst gar nicht glaubt, daß Du mir so ein X hermachen willst.«
»Ich schwöre aber darauf, daß ich die Wahrheit sag!«
»Schwör ja nicht! Denn das wär ein meineidiger Schwur! Ein Bankgeschäft ist halt ein Geschäft, wo man sich eine Bank kaufen kann, weißt, eine Holzbank, wodrauf man sich setzen kann.«
»Du verwechselst Tischlerei und Bankgeschäft, Anton. Was hast Du denn mit der Anweisung gemacht?«
»Mit dem Zettel? Den hab ich mir aufgehoben. Ich denk, daß ich dem Professorn wohl einmal begegnen kann, und da will ich den Wischerl bei mir haben, damit ich ihm dera Anweisung fein um den Kopf schlagen kann.«
»Ah, Du hast sie einstecken?«
»Ja, da in meiner Brieftaschen.«
»Darf ich sie mir einmal ansehen?«
»Gern! Da wirst aber alleweil gleich sehen, daß ich sehr Recht hab. Hier, schau her!«
Er zog eine sehr einfache Brieftasche heraus, in welcher er außer seinem Hausirschein und andern Dingen auch die Anweisung stecken hatte. Sie nahm dieselbe und las sie. Dann sagte sie:
»Ich habe doch Recht. Es ist eine richtige Anweisung an den Bankier Gottlob Beck in Salzburg, und noch dazu auf eine unbestimmte Summe. Es ist nicht der Tischler, sondern der Wechsler Beck gemeint.«
Da machte er nun freilich ein ganz anderes Gesicht.
»Ists auch wahr?« fragte er.
»Ja.«
»Du weißts gewiß?«
»Ich kann tausend Eide darauf schwören.«
»Himmelsakra! So war ich der Dumme?«
»Ja freilich! Du hättest Dir viel Geld geben lassen können, Anton.«
»Wie viel denn?«
»Das steht nicht da. Hier steht, daß er Dir zahlen soll, so viel Du verlangst.«
»Herrgottl! Wann ich nun hundert Markerl begehrt hätt?«
»So hättest Du sie erhalten.«
»Vielleicht gar auch noch mehr?«
»Freilich! Auch tausend, fünftausend oder zehntausend. Der Professor ist ja reich, wie ich damals merkte.«
»Sakramentsky! So ist er am End gar ein braver Kerl und kein solcher Scherwenzerl, wie ich dacht hab!«
»Natürlich ist er brav. Er hat es nicht verdient, daß Du ihm die Anweisung um den Kopf schlägst.«
»Na, das werd ich nun auch bleiben lassen. Jetzt wollt ich, er ständ gleich hier, daß ich ihm sagen könnt, wie so dumm ich gewesen bin.«
»Ja, hier hast Du die Anweisung wieder; heb sie Dir gut auf. Du kannst jederzeit Gebrauch davon machen. Wenn Du sie bei dem Wechsler Beck vorzeigst, so bekommst Du so viel Geld, daß Du Dein gegenwärtiges Geschäft vergrößern kannst.«
»Das brauchts nicht; ich bin zufrieden.«
»So geht Dirs gut?«
»Ja; ich mach kein übel Geschäfterl. Weißt, ein Tabuletkramer verdient immer sein Geldl, wann er thätig ist und lustig und höflich und ehrlich, so daß er die Leutln nicht betrügt. Hier in meinem Kasten hab ich Sacherln, die mir hundert Prozenterln einbringen. Eine Marken hab ich dafür geben und zwei Mark bekomm ich dafür. Magst mir nix abkaufen?«
»Was hast Du denn Alles?«
»Alls, was der Mensch halt brauchen kann, um sich schön zu machen: Ringerln, Ketterln, Hefterln, Knöpferln, Brocherln, Schlippserln – –«
»Ah, so hast Du jetzt ja Sachen, die Du damals noch gar nicht kanntest!«
»Ja, jetzund hab ich sie freilich kennen lernt. Auch Uhrschlüsserl hab ich, Federhalterl, Bleistifterl, Stahlfederln, Haarnaderln, Staubkämme, Heftpflasterln, spanische Fliegen, Schuhwichsen, Schnürsenkerln, Schnupftoserln, Elastigummerln, Steck- und Nähnaderln, Zwirn, Notizbücherln, Einrahmerln zum Photographienerln, Streichhölzerln, Portmonnaierls, Nägel, Pinserln und noch gar Vielerlei.«
»So will ich sehen, ob ich Etwas brauchen kann. Vorher aber mußt Du mir sagen, wie es Deinen Eltern geht.«
»Schlecht und recht gehts ihnen halt. Jeden Monat lauf ich auf den Handel, und nachhero komm ich auf ein paar Tag nach Haus. Da giebts allemal eine Lust und Freuden, denn weißt, in dero Zeit hab ich mir allemal so ein Hundert Markerl verdient und auch noch ein halbes Hundert dazu. Da wird fein flott gelebt. Da giebts auch einmal Speck an die Kartofferln und Syrupen aufs Brod. Und dem Vatern bring ich ein paar Packetle Tabak mit. Herrgottle, ist das allemal ein Fest!«
»Ihr bescheidenen, glücklichen Leute!«
»Ja, glücklich sind wir. Freilich – –hm!«
Es zog trübe über sein männliches, gebräuntes Gesicht.
»Was ists? Hast Du ein Herzeleid?«
»Ja, freilich!«
»Darf ichs erfahren?«
»Wirst Dir auch nix draus machen!«
»Meinst Du? Du weißt ja doch, daß ich sehr viel Antheil an Dir nehme.«
»Ja, damals hast mir hübsch durchgeholfen, und wem man einmal was Guts gethan hat, den vergißt man halt nicht wieder; das ist wahr. Aber besser wärs am End doch gewest, ich wär damals in den Abgrund gefallen.«
»Nicht doch! Warum?«
»Nun, die Leni, weißt!«
»Was ists mit ihr?«
»So hast nix gehört?«
»Was sollte ich gehört haben?«
»Sie ist doch nicht mehr auf der Alm.«
»Nein. Sie war plötzlich fort.«
»Und weißt, wohin?«
»Nein.«
»Ans Theater.«
»Unmöglich!«
»Ja doch!«
»Wie ist denn das gekommen?«
»Der König hats so gewollt. Mir aber hats das Herz brochen; das kannst glauben.«
Er machte dabei so ein trübseliges Gesicht, daß sie sogleich das innigste Mitleid mit ihm fühlte.
»Das Herz gebrochen! Du Aermster!«
»Ja, es ist ein rechtes Kreuz und Elend.«
»So leidest Du an einer unglücklichen Liebe?«
»Freilich wohl. Weißt, wie das ist?«
»Nein. Aber es ist mir lieb, daß es so ist.«
»Was, lieb ists Dir, daß ich eine unglückliche Lieben hab?«
»Natürlich!«
»Na, da dank ich schön! Da bist freilich ein sehr guts Weibsbild, wann Du Dich aber darüber freust, daß andere Leuteln unglücklich sind, so –«
»Nein, darüber freue ich mich nicht.«
»Worüber dann?«
»Versteh mich nur richtig! Du weißt doch, daß ich einen Roman schreiben will?«
»Ja, das weiß ich schon bereits lange Zeit. Ist er denn noch nicht fertig?«
»Nein. Ich habe ihn noch gar nicht angefangen.«
»O weh! Hast wohl keine guten Tinten?«
»Die Tinte habe ich schon; aber der Stoff fehlt mir.«
»Ich denk, ich hatt Dir Stoff gebracht?«
»Ja; aber der reichte noch nicht aus. Ich brauche auch eine unglückliche Liebe. Die finde ich jetzt bei Dir, und darum freue ich mich, darum.«
»Ach so!«
»Ja, und weil Du mir wieder so ein gutes Sujet bringst, so bist Du mir hoch willkommen. Sage mir einmal, wie ists denn eigentlich, wenn man eine unglückliche Liebe im Herzen trägt?«
»Meinst wohl, daß man das beschreiben kann?«
»Natürlich.«
»Nein, das geht nicht.«
»Pah! Was man fühlt, kann man auch sagen.«
»Nicht so leicht.«
»Versuchs nur einmal!«
»Wann ich Dir damit einen Gefallen thun kann, will ichs schon versuchen. Schau, wann man sich ein Schweinerl kauft und in den Stall thut und futterts recht gut und hälts recht lieb und giebt ihm Kartoffelschaalen und faule Apferln und Maisschroot und Gerstenkleie und Alles, was man hat, und zu Weihnachten will mans schlachten, und in der Nacht vorher kommt der Spitzbub und stiehlt Einem die Sau, so daß man nun keinen Schinken und keine Wursterln und kein Garnix hat – so thut die unglückliche Lieb im Herzen drin.«
»Welch ein Gleichniß! Das ist der reine Materialismus der Dichtkunst. Du bist einzig! Komm her, Anton; dafür muß ich Dich küssen!«
Sie trat auf ihn zu.
»Was? Busserln willst? Hasts noch nicht verlernt? Kommst heut schon wieder damit!«
»Du hasts verdient.«
»Ich mag keinen Schmatz!«
»Aber Dein Vergleich ist doch einzig!«
»Nein, der ist nicht einzig. Ich kann Dir ganz sehr gut noch mehrere bringen.«
»So dring noch einen.«
»Nun, wann Einer zur Liebsten will und steigt auf den Zaun, und sie schaut zum Fensterl heraus und winkt und wirft ihm Handkusserln zu und sagt, er soll recht schnell machen, weil sie so große Sehnsuchten hat, und er springt vom Zaun herab und springt in seinem Sonntagshabiterl hinein ins Jauchenfasserl, daß die Hallunkenbrüh über ihn zusammenschlägt, und er stinkt so sehr, daß er sich einen Monat lang nicht sehen lassen kann, und wann er dann zum ersten Mal wieder vor seine Thür heraustritt, so läuft sie mit einem Andern vorüber nach der Kirchen, um sich dort trauen zu lassen – das ist unglückliche Lieb, nicht?«
»Ja freilich!«
»Oder wann Einer einen guten Schluck thun will und macht das Wandschränkerl auf und nimmt die Flaschen heraus, in der der Kirschengeist ist und trinkt und trinkt, bis sie leer ist, und dann merkt er, daß es die Fischthranflaschen gewesen ist, und er giebt Alles wieder von sich, seiner künftigen Schwiegermuttern auf die weißseidene Schürzen, so daß sie aufspringt und davon läuft und ein Hallodria macht zehn Dörfer weit – so ist die unglückliche Lieben; so ist's Einem zu Muth, wann man Eine haben will und kann sie doch nicht haben.«
»Deine Beispiele sind außerordentlich kräftig.«
»Das brauchts auch, denn eine unglückliche Lieb ist nix Sanftes und Zuckeriges. Das darfst mir glauben.«
»Ists denn wirklich aus mit der Leni?«
»Ja.«
»Nur weil sie zum Theater gegangen ist?«
»Ist das nicht genug?«
»Sie kann ja eine große Künstlerin werden?«
»Eine brave Frau, welche Scham und Ehr besitzt, ist tausendmal mehr werth als die größeste Künstlerin; halb nackt auf der Bühn herum laufen, das ist keine Kunst, sondern eine Schand und eine Sünd!«
»Das verstehst Du nicht!«
»Schön! Und dem Herrgottle sei Dank, ich mags auch gar nicht verstehn.«
»Wenn Sie eine Griechin oder eine Römerin geben soll, so muß sie sich doch so kleiden, wie die damaligen Frauen gegangen sind.«
»Warum muß sie eine Griechin oder eine Römerin geben? Sie mag dem Krikelanton seine Frau geben; dann kann sie sich so kleiden, wies Sitt und Brauch ist. Verstanden?«
»Sieh, ich kleide mich ja auch anders, wenn ich dichte. Dann ziehe ich mich als Muse an.«
»Nein, dann ziehst Du Dich nur halb an; das hab ich ja gesehen. Aber Du kannsts; Du bist Deine eigene Herrin und eine Dichterin dazu. Vielleicht brauchen sich die nicht zu schämen, und wann sie nackt auf dem Jahrmarkt herumlaufen. Aber wir wollen uns nicht streiten. Lieber wollen wir ein Geschäft machen. Also, kaufst mir was ab?«
»Ich will sehen, ob Du Etwas hast, was ich brauchen kann.«
»Das ist nicht nothwendig. Kauf nur immer zu! Wann Dus nicht selber brauchst, so kannsts ja verschenken. Es giebt genug arme Schacherln, die Du ganz glücklich machen kannst, wann Du ihnen ein Schnürsenkerl, ein Ringerl oder ein hübsch Lauskammerl giebst.«
»So komm mit herauf zum Vater und zur Schwester. Die mögen sich Etwas auswählen.«
Er folgte ihr mit in die Wohnung, welche der Baron von Stauffen heut mit seinen Töchtern bezogen hatte. Der alte Herr hatte ein sehr vornehmes und ehrwürdiges Aussehen. Bei einem schärferen Blick aber sah man es ihm an, daß ein stiller Kummer an seinem Innern nagte – der Kummer über seine Töchter. Die Eine war mondsüchtig und die Andere litt an dichterischer Ueberspanntheit.
Der Baron war zum Ausgehen angekleidet. Als der Krikelanton bei ihm eintrat und ihn stehen sah, lachte er fröhlich auf und sagte:
»Himmelsakra! Schau, das kenne ich. Das ist hübsch!«
»Wer ist dieser Mann?« fragte der Baron streng.
»Wer ich bin? Das weißt nicht? Nun, ich bin der Krikelanton, und die Hosen und Westen, der Gottfried, den Du anhast, die Manchetterln und der Ziehharmoniehut da auf Deinem Kopf, in all diesen Sachen hab ich auch schon einmal steckt. Weißts halt nicht?«
»Ah, das ist also der Gemsjäger, der damals unter Deinem Schutz geflohen ist, Franza?«
»Ja, lieber Vater.«
»Nun, das war ein Streich, welchen ich mildestens einen unüberlegten nennen muß. Da er aber keine unangenehmen Folgen nach sich gezogen hat, so will ich ihn nicht fernerhin erwähnen. Also dieser Mann ist der Held jener Thatsache. Was will er hier?«
»Was ich will?« meinte der Anton. »Schau, ich komm zu Dir, damit Du mir etwas abkaufst.«
»Was hast Du denn?«
»Sollsts gleich sehen.«
Er setzte seinen Kasten ab, öffnete ihn und legte vor.
»Nun,« sagte der Baron lächelnd, »das sind lauter Sachen, die wir eigentlich nicht gebrauchen können.«
»Was schadet das? Bist ja ein Baron und auch reich. Wer wills Dir verwehren, wann Du kaufst?«
»Ja, wir müssen den braven Menschen unterstützen, lieber Vater!« bat Franza.
Ihre Schwester Elise, die Mondsüchtige, stand dabei und schaute mit mildem Blick auf den Tabuletkrämer. Sie war eine Schönheit; das mußte Jeder zugeben, der sie sah. Nichts, als nur die Blässe und Feinheit ihres Gesichts, hätte verrathen, daß sie Nachtwandlerin sei. Sie begann ein Gespräch mit Anton, und als er in seiner kräftigen, treuherzigen Weise antwortete, erwarb er sich sogar das Wohlgefallen des Barons in dem Maße, daß dieser ihn zum Sitzen einlud. Dann suchten sich die beiden Damen Verschiedenes aus, Kleinigkeiten, die sie vielleicht auch selbst gebrauchen konnten, und Anderes, was gelegentlich zu einem Geschenk für untergeordnete Personen taugte. Und als dann zusammengerechnet wurde, machte der Betrag an die fünfzig Mark.
»Himmelsakra!« rief der Krikelanton. »Das ist halt ein Geschäft! So eins hab ich halt gar noch nimmer gemacht. Wann das all Tag so wär, so fragt ich den Herrgottl, was der Montag bis zum Sonnabend kost, und den Sonntag müßt er mir dreingeben; sodann wär die Welt mein Eigenthum, und ich – – –«
»Nun, was würdest Du da machen?« lächelte der Baron.
»Ich gäb Alls dem Vatern und der Muttern, denn das ist halt meine größte Freuden, wann auch die sich über was gefreun können.«
»Das ist brav von Dir, und ich meine – – –«
Er konnte nicht sagen, was er meinte, denn es klopfte an die Thür, und zwar so stark und kräftig, wie der Baron es wohl nicht gewohnt war.
»Herein!« sagte er, indem er die Brauen zusammenzog und ganz so aussah, als ob der unhöfliche Klopfer sich auf eine bedeutende Rüge gefaßt machen könne.
Aber sein Gesicht heiterte sich sofort auf, als er einen Blick auf den Eintretenden warf.
Dieser war ein sehr langer und pfahldürrer Kerl, hager zum Zerbrechen und mit einer Nase, welche eigentlich bestimmt gewesen schien, als Zeiger einer Sonnenuhr zu dienen. Sein Anzug war ein sonderbarer.
Er trug lange Stiefeln, von deren oberen Rand breite, bunte Schleifen herabhingen. In den Schäften dieser Stiefel steckte eine kurze Hose, deren rechte Hälfte roth, die Linke aber gelb aussah. Die Weste war grasgrün, und der Frack, dessen Schöße bis an den Boden reichten, war, ganz entgegengesetzt der Hose, rechts gelb und links roth. Zwei Vatermörder stachen aus einem himmelblauen Halstuche hervor. In der linken Hand hielt der Mann einen riesigen Regenschirm mit einem karmoisinfarbenen Ueberzug und in der rechten einen Dreispitz mit einem gelben Federbusch. An der Brust, dem Gürtel, den Achseln und Ellbogen waren bunte Bänder und Schleifen befestigt.
Das Allerbeste an dem Manne aber war unbedingt sein Gesicht. Etwas Dümmeres konnte es nicht geben. Die reichste Phantasie eines Malers hätte es nicht vermocht, dümmere Züge auf das Papier zu bringen, als diejenigen waren, welche dieser Mann hatte. Und zwar sah man auf dem ersten Blick, daß er sich nicht etwa verstellte, sondern daß diese Dummheit sein wirkliches, unbestrittenes Eigenthum sei.
Das war der Hochzeitsbitter des Dorfes, von welchem bereits im Walde erwähnt worden war, daß man, wenn er gesprochen habe, nicht wisse, ob er zu einer Hochzeit, einer Kindtaufe, einem Begräbnisse oder einem Schweinschlachten eingeladen habe. Er hatte das Amt, welches er bekleidete, wohl aus reiner Ironie, höchstens aus Mitleid erhalten, um sich zuweilen eine Kleinigkeit verdienen zu können, da er zu einem einträglichen und geordneten Geschäft oder Handwerk die Gabe nicht besaß.
Dennoch hielt er sich keineswegs für so albern, wie er war. Er meinte, ein verkanntes und verfolgtes Genie zu sein. Seine größte Leidenschaft war es, eine Rede zu halten, und das war ein Unglück für ihn und eine ewige Quelle der Heiterkeit für Diejenigen, welche ihm zuhörten.
Als er die Thür hinter sich zugezogen hatte, trat er drei kleine, zierliche Tanzmeisterschritte vor, verbeugte sich mit der Grandezza des vorigen Jahrhunderts, schwenkte Hut und Regenschirm leise einmal hin und her und fragte:
»Hab ich die Ehr, meine Herrschaften?«
»Welche Ehre meinen Sie?« fragte der Baron.
»Die große Ehr.«
»Nun weiter! Welche?«
»Sie zu sehen?«
»Ja, diese Ehre haben Sie.«
»Nämlich den Herrn Baron zu sehn?«
»Gewiß.«
»Ich mein halt den Herrn Baron von Stauffen?«
»Der bin ich.«
»Mit den zwei lieblichen Kindern der Schönheit?«
Er machte jeder der jungen Dame eine Verbeugung, wie er übrigens bei jeder Frage eine solche gemacht hatte.
»Diese Damen sind meine Töchter.«
»Die natürlichen aber!«
Der Baron blickte fast zornig auf, machte aber sofort wieder ein lächelndes Gesicht, als er das Schafsgesicht des Mannes sah.
»Ja, meine natürlichen Töchter.«
»Freut mich! Sie wohnen hier?«
»Wie Sie sehen.«
»Schön! Weil Sie hier wohnen, komme ich hierher.«
»Sehr angenehm.«
»Im Auftrage des Müllers.«
»Ah!«
»Ja! Sie sind zwar heut erst eingezogen, aber doch ist es seine Pflicht, Sie mit einzuladen, da Sie eben bei ihm wohnen.«
»Einladen? Wozu?«
»Warten Sie! Das geht nicht so rasch, wie Sie denken. Das will richtig oratorisch und rhetorisch behandelt sein.«
»Gut! Thun Sie das!«
Der Baron lehnte sich an den Tisch und kreuzte erwartungsvoll die Arme über die Brust. Seine Töchter standen neben ihm und der Krikelanton saß auf dem Stuhle, von welchem aufzustehen er wegen dieses Mannes sich nicht verpflichtet hielt. Die Bänder und Schleifen am Anzüge des Hochzeitsbitters ließen ahnen, weshalb er gekommen sei.
Er lehnte den Regenschirm in die Ecke, zog ein roth- und blaugewürfeltes Taschentuch aus den langen Frackschooß – es hatte beinahe die Größe eines Tischtuches – trocknete sich damit die Stirn, schwenkte den Hut, hustete, räusperte sich, schlug die Augen andachtsvoll auf, hustete wieder – – –«
»Himmelsakra!« rief der Anton. »Mach jetzt, daßt ansangst, sonst klopf ich Dir aufs Gesäß, dann wirds schon kommen!«
Der Bunte warf ihm einen vernichtenden Blick zu, verbeugte sich vor den Andern und sagte:
»O santa sombolia! Verzeihn Sie ihm halt! Er weiß nicht, was er thut. Schon der Dichter sagt: Es liebt die Welt, das Niedrige zu schwärzen und das Gemeinste in den Staub zu fliehn oder ziehn oder blühn oder grün. Jetzt kann ich nun seinetwegen wieder von vorn anfangen. Also, passens halt auf!«
Er strich sich wieder mit dem gewürfelten Riesentuche über die Stirn, hustete, räusperte sich, schwenkte den Hut, verbeugte sich tief und begann:
»Damals, als der Vater Abraham mit dem Apostel Paulus in Paris zusammentroffen ist und der Apostel hat noch nicht heirathet gehabt, hat der Erzvater Abraham zu ihm sagt: Es ist nicht gut, daß zwei Menschen allein seien; ich geb Dir eine Frauen und Du giebst mir eine; nachhero ist uns allen Beiden geholfen.«
Er wischte sich die Stirn ab und fuhr fort:
»Da hat der Apostel Paulus die Sarah genommen, und der Vater Abraham hat die Judith geheirath, nicht auf dem Standesamt, wies jetzund Mod ist, sondern in der Kirchen allein, wie sichs schickt und gehört und wies auch schon allbereits damals war. Und nachhero drei Jahr später, als der Kaiser Rothbart in Bethlehem den Kindermord hat tödten lassen, ist eins davon ins Wasser fallen und der Moses hats heraus zogen und gerettet; darum ist die Wassertaufen eingerichtet worden bei den Kindern Israel, alsgleich der Pharao nicht hat dulden wollen. Aber grad ihm zum Trotz taufen wir noch heut zu Tags die Jungs und die Mäderls, damit die Hebamm Etwas verdienen kann und ich auch.«
Er trocknete sich wieder den Schweiß ab.
»Kannst Deine Sache sehr fein!« lachte der Anton.
Der Bunte zuckte mitleidig die Achsel und sagte:
»Kinder und Narren reden die Wahrheit. Das hat schon allbereits der erste Napolium gesagt. Jetzt nun weiter! Und nachher, als einst der Hiob nach Rom kommen ist und der arme Lazarus storben war, da trat er an den Eingang der Gruft und spuckte dreimal aus und rief hinunter: ›Perlikkum, perlokkum; komm heraus!‹ Nachher kam der arme Lazarus wieder heraus und war lebendig und hat noch lange gelebt, und von ihm stammen noch ab die Kananiter, die Moabiter, die Ammoniter, die Hethiter, die Raubritter und auch wir Leichenbitter. Alles, was hinten hinaus mit ›iter‹ zu Ende geht. Darum wird von jener Zeit das Begräbniß eines jeden Menschen mit einer Festlichkeit begangen, Kuchen, Schnaps, Glockengeläut, Leichenred und Enterbungsprozeß.«
Der Baron wußte nicht, was er aus diesem Manne machen solle. Er hatte noch nichts von ihm gehört. Verrückt konnte der Kerl doch nicht sein! In Wahrheit hatte er bereits drei Einleitungen gebracht, zu einer Hochzeits-, Kindtaufs- und Leichenfestlichkeit. Und jetzt brachte er die vierte, nachdem er sich die Stirn abermals getrocknet hatte:
»Und wann nachher der Mann geheirathet hat und die Kinder allzusammen getauft worden sind und Keiner mehr sterben thut, nachhero kommt der Herbst, wos nothwendig wird, für den Winter zu sorgen, wo draußen nix mehr wächst und Alles derfrieren thut. Darum wird nachhero die Sau aus dem Stall gezogen und todt geschlagen, Salz dazu und Salpeter, daß hübsch roth wird, Pfeffer, Majoran und Thymian hinein, auch Zwiebeln oder Knoblauchen, drei Mark Schlachtsteuer, und die Sach ist fertig, das schönst Familienfest im ganzen Jahr.«
Jetzt endlich hatte er auch diese Einleitung herunter. Nun konnte er auf des Pudels Kern kommen. Er schwenkte also den Hut, wehte mit dem Schnupftuch, verbeugte sich und begann wieder:
»So auch der Thalmüller!«
Er sagte das mit außerordentlichem Nachdruck und nickte dazu.
»Ah! Jetzt endlich kommts!« meinte der Anton.
»Was?« fragte der Bunte in strengem Tone.
»Nun, die Hauptsachen.«
»Was weißt denn davon?«
»Nix. Ich werds aber nun hören.«
»Du brauchst gar nix zu hören. Dich kenn ich nicht; Dich hab ich halt noch nimmer gesehn, und zu Dir bin ich ja auch gar nicht gesandt. Halt also Dein Maul und schweig still, sonst geb ich Dir Eins drauf. Oder bist etwan ein Schnupfer?«
»Warum?«
»So hätt ich Dich um ein Priesen beten. Die Nas ist mir trocken worden von der Red, die ich halten hab.«
»Steck sie in die Wurst, von der Du jetzund eben sprochen hast, die wird Deine Nasen couriren. Ein Schnupfer bin ich nicht.«
»So brauchst überhaupt gar nimmer hier zu bleiben und meine schöne Reden mit anzuhören. Von Deinetwegen hab ich sie mir nicht vom Schneidern einstudiren lassen!«
Jetzt wurde es offenkundig. Der lustige Schneider hatte ihm eine Rede einstudirt, in welcher eben Alles vorkam. Der Baron wußte, woran er war und wen er vor sich hatte. Er nickte dem Manne ermunternd zu und sagte:
»Bitte, fahren Sie fort!«
»Ja, das ist ein Wort! Das laß ich mir schon gefalln. Wenn man so eine Aufmunterung erhält, so kann man schon sicher sein, daß man nachhero auch ein Trinkgeld bekommt. Und so eins brauch ich halt schon nothwendig: Je mehr, desto besser. Also weiter!«
Er machte wieder eine tiefe Verbeugung und fuhr fort.
»Also, so auch der Thalmüller. Es hat nicht lange gedauert, nur eine halbe Stunden, so ist's schon fertig gewesen. Kein Mensch hat's geahnt, kein einziger.«
»Was?« fragte der Krikelanton.
»Schweig! Es ist nix für Dich! Reich ist er; das ist wahr und der Andere auch; das kann kein Mensch bestreiten, und im Wald haben sie sich kennen lernt; bei denen Eichkatzerln. Es soll keine Zeit verloren gehen, darum hat er sofort mich kommen lassen, um der Einladungen wegen, die nun geschehen müssen. Darum lauf ich schon jetzt im Dorf herum. Zwar ist's eine Traurigkeit, wann ein jungs Herzerl muß auf's Glück verzichten, und sterben thut man doch; aber sterben muß doch halt jedes Schwein, wann's verpökelt werden soll, und darum mein ich, daß wegen einer Verlobung noch grad nicht auch die Hochzeiten vor der Thüren ist. Der Schulmeister ist auch dabei und die ganzen Nachbarn. Ich hab gleich mein Gewandl schnell anzogen, um die meinige Pflicht zu thun. Musik wird auch gemacht und ein Gesangbuchvers
Wie sie so sanft ruhn,
Unten im Grabe nun,
Können uns nix mehr thun,
Laßts also weiter ruhn!
Und da ist der Herr Baron der Erst gewesen, zu dem ich sprungen bin, um ihm zu sagen, daß ich ihn einzuladen hab auf Sonntag Abends. Kleider kann er anziehen wie er will und die beiden Töchter auch. Vorschriften mach ich da nicht. Und wann einer nobel ist, so bindet er wenigstens sechs Mark ein, damit der Kindtaufsvatern auf seine Kosten kommt. Auch braucht Keiner allzusehr zu häulen und zu flennen; es hilft ja doch nix. Weg ist weg. Und wer einmal storben ist, der kommt doch nicht wieder, außer um Mitternacht als Gespenst, wann es nicht regnen thut. Und billig macht's der Fleischern auch, zwei Mark für die Sau und das Gedärm für die dünnen Würst bringt er auch mit, kostet fünfundzwanzig Pfennige mit denen Wurstspreilern. Und wann Einer dazu schießen will, ehebevor das Brautpaar aus dem Haus herauskommt, so hat er den Herrn Vorstand um Erlaubniß zu fragen. Getauft aber muß es einmal werden, außer der Vatern tritt aus der Kirch heraus, was man einen Disputenten nennt. Nachher giebts halt keine Kindtaufen, aber die Schand ist groß. Und wer halbwegs nicht gar zu arm ist, bringt doch einen Hausrath mit, einen Topf, ein halb Dutzend Tellern oder eine Bratpfannen. Einen Trost müssen die Hinterlassenen doch haben, wann der Todte voller Herzeleid heimgangen ist. Und es wird Abends um acht Uhr sein und Musik dazu. Ich schlag den Dreiangel beim Walzer. In der großen Stuben kommen Alle zusammen, und es wird nix gespart werden, soll ich sagen und All mit nander sind willkommen, bis sie wieder gehn. Amen! Ich bin fertig!«
Er verbeugte sich dreimal gegen den Baron und dessen Töchter, setzte da Dreimaster auf, holte den Regenschirm, und streckte nachher gegen den Baron die Hand aus in der sichern Erwartung, daß er Etwas erhalten werde. Dieser nahm auch wirklich seine Börse heraus, fragte aber lächelnd:
»Sind Sie wirklich fertig?«
»Ja.«
»Gewiß?«
»Ja doch!«
»Das glaub ich nicht.«
»Warum?«
»Es fehlt noch etwas.«
»Nein. Ich hab halt Alles gesagt.«
»Aber die Hauptsache noch nicht.«
»Das ist nicht wahr. Ich hab weiter nix gelernt.«
»Nun, so will ich Ihnen auf die Sprünge helfen. Also ich bin für Sonntag Abends acht Uhr zu dem Müller in die große Stube eingeladen?«
»Ja, ich hab's doch deutlich gesagt.«
»Wozu denn?«
»Himmelsakra! Das wissen's nicht? Soll ich etwa nochmals anfangen?«
Der Baron wehrte mit beiden Händen ab:
»Um Gotteswillen, ja nicht!«
»Aber wann Sie nicht wissen, was Sie dort sollen, so muß ich doch noch mal beginnen. Macht aber nachhero das doppelte Trinkgeld!«
»Sie sollen Ihre Rede nicht noch einmal halten. Aber sagen Sie mir: Ist vielleicht Jemand gestorben?«
»O Jegerl! Gestorben? Fallt keinem Menschen ein!«
»Oder ist Schweineschlachten?«
»Auch nicht.«
»Hochzeit?«
»So rasch geht das nicht.«
»Was sonst? Etwa Verlobung?«
»Freilich, freilich! Endlich kommens drauf auf das Richtige. Verlobung ist, natürlich Verlobung.«
»Nun, so weiß ich, woran ich bin.«
»Und Sie werden halt kommen?«
»Das weiß ich jetzt noch nicht genau. Hier, mein Guter, haben Sie?«
Er gab ihm einen Thaler. Als der Leichenbitter dieses für ihn so bedeutende Geldstück sah, machte er einen Luftsprung, daß die Frackschöße beinahe über seinen Kopf zusammenflogen.
»Ein Thaler, ein Thaler! Juchhei, juchhei! Das ist mir noch nicht passirt! Das hab ich noch nicht erlebt. Da muß ich mir halt gleich einen Pommeranzen oder einen Magenbittern genehmigen. Ich dank auch schön, Herr Baron! Adieu und gute Nacht!«
Er wollte fort, aber Franza hielt ihn noch auf:
»Halt, mein Lieber! Sie sind noch immer nicht fertig.«
»Was? Nicht fertig? Was noch?«
»Wir wissen, daß es eine Verlobung geben soll; aber wir wollen auch erfahren, wer die Verlobten sein werden.«
Er stand ganz starr vor Erstaunen.
»Was! Das wissens nicht?«
»Nein.«
»Wirklich noch nicht?«
»Nein, sonst würde ich Sie doch nicht fragen.«
Da ging er wieder in die Ecke, legte mit der ernsthaftesten Miene seinen Regenschirm hinein, nahm den Hut ab, zog das carrirte Tuch heraus, wischte sich die Stirn ab, verbeugte sich sehr tief und begann folgendermaßen:
»Damals, als der Vater Abraham mit dem Apostel Paulus in Paris zusammenge – – –«
»Halt, halt, um aller Welt willen!« lachte Franza. »Was fällt Ihnen ein!«
»Was mir einfallt? Anfangen will ich wieder! Macht noch einen Thaler!«
»Nein, diesen Thaler werden Sie sich nicht verdienen. Von wieder anfangen kann keine Rede sein!«
»Aber wann Sie nicht mal wissen, wer die Verlobten sein werden – –«
»So werden wir es auch dann noch nicht wissen, wenn Sie Ihre Rede zum zweiten Male beendet haben. Sagen Sie lieber einfach: Wer ist der Bursche?«
»Wer? Himmelsakra! Das hab' ich doch bereits zehnmal gesagt!«
»Nicht einmal?«
»Oho!«
»Nicht ein allereinziges Mal!«
»Was? Daß der Fingerlfranz es ist, das soll ich nicht gesagt haben? Das wär gar noch schöner!«
»Nun, jetzt haben Sie es gesagt.«
»Na, also! Ich habs doch gewußt!«
»Also der Fingerlfranz! So, so! Und wer ist denn seine Verlobte?«
»Das fragens mich? Auch das? Jetzt aber hört mir nun bald Alles auf! Soll ich etwan das nicht gesagt haben?«
»Nein.«
»Da steht mir gleich all mein Verstand still! Wann ich einmal eine Reden halt, so werd ich doch all mein Lebtag nicht grad die Hauptsachen vergessen. Es ist halt sehr schön, daß ich einen Thalern bekommen hab, aber zum Narren brauchens mich doch deshalb nicht zu machen. Da muß ich denn doch ganz schön bitten. Ich bin ein Mann im Dorf, der größte Redner wen und breit. Alle Welt hält mich in Respect, und hier soll ich grad die Hauptsachen vergessen haben. Das ist mir grad zu bunt!«
»Nun,« lachte sie, »so verzeihen Sie mir, vielleicht habe ich nicht genau aufgemerkt.«
»Wie? Was? Nicht aufgemerkt habens? Das ist noch viel besser! Das kann mir sehr gefallen! Ich halt meine schönste Reden und mach meine besten Visimatenten mit den Armen und denen Beinen dazu, und da wird nicht aufgepaßt! Ich will mich aber nicht aufregen! Wann ich einmal sag, daß der Fingerlfranz der Bräutigam sein wird, so werd ich doch nimmer vergessen, daß er die Paula heirathen wird.«
»Die Paula!« rief Franza erstaunt.
»Natürlich!«
»Also doch, doch!«
»Ja, nicht wahr, doch, doch!«
»Er hat es ihr im Wald gesagt!«
»Ja, das sagte mir der Müllern. Die Beiden haben sich im Wald kennen lernt, und der Fex, der Thunichtgut, hat den Franz derschlagen wollen.«
»Er hat sehr Recht gehabt.«
»Der? Recht? Da sinds halt schief gewickelt! Der Fex hat niemals Recht; das ist ein gottlosiger Bub, vor dem man sich hüten muß. Sie kennen ihn noch nicht. Nehmens sich vor den in Acht! Das rath ich Ihnen. Nun aber muß ich fort. Behüt Ihnen Gott! Und wanns mal Einen brauchen, der eine Einladung auszutragen oder eine große Reden zu sprechen hat, so kommens nur zu mir. Einen Zweiten findens nicht, zehn ganze Meilen um diese Gegend herum.«
Er ging.
Franza konnte nicht begreifen, wie diese Verlobung so schnell hatte beschlossen werden können. Sie erzählte dem Vater und der Schwester ihr Erlebniß, und der Krikelanton hörte mit zu. Als sie geendet hatte, meinte er:
»Das ist ein schöner Bursch, dieser Fingerlfranz! Der, wann er mir mal so zwischen die Fäust käm, den wollt ich kuranzen! Und der Fex, das ist etwan der Ueberfahrer?«
»Ja.«
»So hab ich ihn gesehen. Er macht kein klug Gesicht; aber er gefallt mir dennoch sehr. Und auch die Paula muß ich derblickt haben; sie ist mit mir übers Wasser herüber. Diese Geschicht verintressirt mich sehr. Wann ich in der Stadt fertig bin, werd ich doch mal heraus gehn, um mir den Müllern anzuschaun. Jetzt nun aber muß ich fort. Wann ich mal was recht Schöns hab, so was Saubers und auch Feins, so komme ich wieder. Nicht?«
»Ja, komm nur; ich kauf Dir es ab.«
Er machte sich auf den Weg nach der Stadt, sehr zufrieden mit dem Geschäft, welches er gemacht hatte. Im Dorfe und in der Mühle war er noch nicht gewesen, in der Stadt aber bereits einige Male. Er kehrte wieder in den Gasthof ein, in welchem er bereits vorher eingekehrt war.
Ueber der Thür desselben stand in großen Buchstaben zu lesen »Gast- und Einkehrhaus des Tobias Matthes«. Es war nicht etwa ein Hotel, sondern es war das allerälteste Gasthaus des Ortes, und noch heut verkehrten nur die einfachen, anspruchslosen Gäste da, für welche es vor langer Zeit errichtet worden war. Der Wirth war allbekannt. Er spielte leidenschaftlich Scat und ließ keine Gelegenheit vorübergehen, sich diesem Vergnügen hinzugeben. Selbst wenn ihn Jemand aus dem Bette geholt hätte, um einen Scat zu spielen, er hätte mitgemacht.
Als Anton in die Stube trat, befand sich kein Gast in derselben; aber der alte Scat-Matthes, wie er genannt wurde, saß mit seiner Frau und seinem Sohne an einem der Tische. Und diese Drei, was machten sie? Sie – spielten Scat.
»Grüß Gott!« meinte Anton, indem er seinen Kasten ab- und sich an einen Tisch setzte.
Beide, die Frau und der Sohn, blickten gar nicht von ihren Karten auf und dankten auch nicht auf den Gruß. Der Wirth warf ihm einen kurzen Blick zu und antwortete schnell hinter einander:
»Grüß Gott! Guten Tag – schönen Dank! Sei willkommen – dank auch sehr! Setz Dich nieder – bitt gar schön!«
Dann sah er wieder in seine Karten.
»Gieb mir ein Bier!« meinte Anton.
»Ich hab keine Zeit!«
»Oder Deine Frau oder der Sohn?«
»Auch nicht.«
»Aber ich hob Durst!«
»So nimm Dirs selber! Da ist das Faß und daneben stehn die Gläser. Ich kann Deinetwegen hier nicht viel Komplimenters machen. Ich spiel eben einen Solo mit drei Matadoren und wenn ich da nicht aufpaß, so verlier ich ihn. Also Grün ist Trumpf; Schellen hab ich stochen. Spiel aus, Alte!«
Das Spiel wurde fortgesetzt und der Anton schänkte sich selbst ein. Als der Solo von dem Wirth gewonnen worden war, fragte Anton:
»Kann ich heut bei Dir übernachten?«
»Ja, ganz gut. Willst jetzt mitspielen? Es fehlt der vierte Mann.«
»Nein. Ich muß noch hausiren gehn.«
»So red nicht und halts Maul. Mit Deinem Geschwätz machst Einen nur irr!«
Da Anton bereits hier gewesen war, so kannte er seinen Mann und nahm dessen Worte ruhig hin. Bald aber trat ein neuer Gast herein, welcher hier noch nicht verkehrt war – der Wurzelsepp, welcher den Krikelanton nicht sitzen sah, weil dessen Waarenkasten dazwischen stand.
»Grüß Gott!« meinte er und legte seinen Sack auf die Bank, sich daneben setzend.
Der Wirth hatte Karte gegeben, blickte in sein Spiel und antwortete, ohne her zu sehen:
»Grüß Gott! Guten Tag – schönen Dank! Sei willkommen – Dank auch sehr! Setz Dich nieder – bitt gar schön!«
Dann trieb er seinen Vordermann zum Spiel. Der Sepp machte ein ganz erstauntes Gesicht.
»Sapperment, ist das ein Gruß!« sagte er. »Das habe ich noch nicht gehört.«
»Halts Maul!« rief der Wirth.
»Oho! Wann ich hier einkehr, werd ich doch wohl mit dem Wirthen reden dürfen.«
»Aber nicht, wann ich spiel.«
»Ists so nothwendig?«
»Notwendiger als Dein Schlabbern. Wart, bis dieses Spiel zu Ende ist.«
Das that der Sepp. Dann aber verlangte er einen Schnaps. Der Wirth antwortete:
»Weißt, wann Du etwan wiederkommst, so will ich Dir gleich heut sagen daß ich mich im Spiel nicht stören laß. Lieber werf ich Dich hinaus. Darum sag ich, wann Einer kommt, gleich die ganzen Grüßen und Antworten hinter einander her; nachhero bin ich fertig. Also merk Dirs! Was willst für einen Schnaps?«
»Einen recht starken und bittern.«
»So geh selber her und nimm. In der zweiten Flasch findst den besten. Wann Du nachher noch einen willst, so schänk nur ein; aber red nicht dabei. Wirst wohl schon selber merken, wie viele Du nachher trunken hast. So, jetzt bin ich ganz aus dem Athem heraus. Nun weißt Alles und bist still!«
Der Wurzelsepp schüttelte den Kopf, brummte leise Etwas in den Bart und ging hin an den Wandschrank, um sich einzugießen. Da erblickte er den Anton und dieser ihn. Anton sprang sogleich auf und streckte ihm die Hand entgegen.
»Sepp, Du!« sagte er. »Willkommen! Darum kam mir also Deine Stimmen so bekannt vor, als ich Dich jetzt reden hörte. Nun – –!«
Nämlich der Wurzelsepp griff keineswegs nach der angebotenen Hand. Er that einen Schluck aus seinem Glase und antwortete:
»Setz Dich nur wieder hin, wohin Du gehörst! Hasts gehört, daß man hier nicht sprechen darf.«
»Mit den Spielern nicht. Wir aber können doch gern mit nander reden.«
»Gern? Wohl nicht! Mir liegt gar nix dran.«
»Nicht? Meinst etwan, daß ich Dir zuwider bin?«
»Ja, dasselbige mein ich halt!«
»So, schau, schau! Vielleicht bist so gut, mir zu sagen, weshalb Du mich nicht leiden magst.«
»Das ist meine Sachen und nicht die Deine!«
»O doch! Hast mir doch früher immer ein freundlich Gesicht gemacht.«
»Damals, ja.«
»Warum jetzt nicht?«
»Jetzt paßts mir nicht mehr. Laß mich in Ruh!«
Er ging an seinen Tisch, setzte sich neben seinen Sack und blickte zum Fenster hinaus. Anton blieb noch einen Augenblick lang stehen. Er kämpfte mit sich selbst. Dann aber ging er dem Sepp nach, legte ihm die Hand auf die Achsel und sagte:
»Sepp, wann ein Anderer so zu mir gesprochen hätt, so weißt, was geschehen wär. Dir aber will ich nicht bös sein. Du bist ein braver Kerl, und ich halt gar große Stucken auf Dich. Es thut mir weh, daß Du so zuwider thust; ich will Dich auch gar nicht weiter molestiren, denn aufbringen thu ich mich niemals keinem Menschen nicht; aber sagen mußt mir, was ich Dir than haben soll.«
»Mir? Nix, gar nicht,« antwortete der Alte gleichmüthig, ohne den Blick von der Gosse zu wenden.
»Also Dir nicht? Wen dann sonst?«
»Das brauchst gar nicht zu fragen.«
»Ich frag's aber doch. Du bist ein verständiges Mannerl und wirst mir nicht die Antwort verweigern, um die ich Dich bitten thu.«
Da drehte sich der Wurzelsepp langsam zu ihm um.
»Soll ichs Dir wirklich sagen, Anton?«
»Ja.«
»Du weißts nicht selber?«
»Nein.«
»So denkst wohl gar nicht an die Leni?«
»Ah! Also wegen der Leni! Ah?«
»Ja, wegen ihr. Weshalb sonst?«
»Ich hab ihr aber doch nix than.«
»Nix? Wirklich nix?«
»Nein.«
»Schau, wast für Einer bist! Erst schamerirst mit ihr, daß sie Dir ihr ganzes Herzerl schenkt: nachher nennsts eine Huren und gehst fort von ihr, und nun sprichst auch noch, daßt ihr nix than hättst, gar nix! So Einer kann mir gestohlen werden!«
»Machsts wohl gar viel schlimmer, als es wirklich ist, Wurzelsepp?«
»Nein, ich sag, was wahr ist. Du hast ihr das Herz brochen, verstanden, Anton, das Herz!«
Da setzte sich der Tabuletkrämer zu ihm hin.
»Sepp,« meinte er, »weißt, was das heißt, wann Einem das Herz brochen ist?«
»Meinst, ich weiß es nicht?«
»Nein, Du nicht!«
»Aber Du?«
»Ja.«
»Woher denn. Du Gescheidtkopf?«
»Ich weiß von mir!«
»So ist wohl Deins entzwei?«
»Ja.«
»So, so! Das ist lustig!«
»Höre, Sepp, das ist gar nicht lustig! Wann ich den Vätern und die Muttern nicht gehabt hätt, so hätt ich mir deromals eine Kugeln in den Kopf geschossen. Das sag ich Dir!«
»Einer Huren wegen? Bist nicht recht klug im Kopf. Geh, das machst mir nicht weiß.«
»Damals war sie noch gut.«
»Damals! Heut wohl nimmer?«
»Nein.«
»Woher weißt das?«
»Ich habs mir denkt.«
»Ach so! Und was Du Dir denkst, das freilich ist allemal richtig. Wann Du so ein Klugkopf bist, so sölltst eigentlich gar nimmer mehr an das Dirndl denken. Sie ists ja nicht werth.«
Anton blickte vor sich nieder, finster, brütend. Dann sagte er, wie im Zorn:
»Ich denk auch nimmer mehr an sie.«
»Und doch ist Dir das Herz entzwei!«
»Jetzt nicht mehr.«
»So ists halt geheilt? Schau, das freut mich! Jetzt bist also wieder gesund, und so hast nun alleweil kein Ursachen mehr, auf das Dirndl zu zanken. Das ist recht von Dir. Sie hat Dich auch schon allbereits vergessen.«
»Meinst?«
»Ja«
»Woher weißt das?«
»Sie hat mirs selber sagt.«
»So! Du warst also bei ihr?«
»Ich bin halt sehr oft bei ihr.«
»Wirklich? Hats Dich dann noch gern? Bist ihr dann willkommen, wannst sie besuchst?«
Er hatte den Stuhl näher gerückt. Seine Wangen waren röther geworden, und seine Augen leuchteten. Es war ihm anzusehen, daß er nur zu gern von der Geliebten etwas hören mochte. Sepp bemerkte das wohl, that aber nicht so. Er antwortete:
»Warum sollt ich ihr nimmer willkommen sein? Ich bin halt doch ihr Pathen!«
»Ich meint, sie wär stolz geworden!«
»Die? Stolz? Ja, sie könnt gar wohl stolz werden; aber das thut sie nicht.«
»Wann warst zuletzt dort?«
»In voriger Woch.«
»Hast auch – hast auch vielleicht von mir gesprochen?«
»Ich? Das ist mir nicht eingefallen!«
»Oder sie?«
»Der Leni fallts noch viel weniger ein. Seit der Stund am Felsen unten, an der Ecken, wann man von der Almhütten herabkommt, weißt, und seit dem Wort, was Du damals sagt hast, seit dem spricht sie nimmer von Dir. Sie meint. Du bists gar nicht werth.«
»Wann sie das denkt, so ist auch sie nicht werth, daß ich von ihr sprech.«
»Hasts auch nicht nöthig.«
»Aber schau, wovon solln wir sonst sprechen, wann wir hier so beinander sitzen?«
»Ich bin nicht schuld daran, daß wir beisammen sind. Geh hinüber zu Deinem Kasten.«
»Das mag ich auch nicht. Ich halt gar große Stucken auf Dich, und es gefreut mich darum sehr, daß ich Dich hier troffen hab. Aber sag mir doch mal: Ist sie noch immer drin in München?«
»Wer?«
»Nun, die Leni.«
»Ah, von der sprichst noch! Bist doch ein sehr besonderbarer Mensch. Willst gar nix mehr von ihr wissen und fragst doch immer wieder nach ihr.«
»Nur so, weißt, damit man was zu reden hat.«
»Wir können doch auch von was Anderem reden. Vom Geschäft. Wie geht das Deinige?«
»Gut, ich bin zufrieden. Und Du?«
»Ich auch. Ich hab so meine feste Kundschaft, und wann ich diese befriedigen kann, nachher hats keine Noth mit mir.«
»Machst auch in München viel Geschäft?«
»Auch.«
»Ich hab denkt, Du gehst nur der Leni wegen hin.«
»Nein, ich hab da meine Apothekern und anderen Leut bereits seit langer Zeit.«
»Und wo wohnt sie denn?«
»Wer?«
»Nun, die Leni.«
»Ach, von der sprichst allbereits schon wieder? Brauchst keine Sorg zu haben. Sie hat ein Logement, mit dems sehr zufrieden sein kann.«
»Bei wem?«
»Bei einer Tragödistin.«
»Was ist das?«
»Das weißt nicht? So muß ich Dirs erklären. Weißt, es giebt verschiedene Stucken auf dem Theater, solche, wo sie einander bekommen, und solche, wo nicht, auch solche, wo sie leben bleiben, und solche, wo die Meisten umbracht werden. Ein Theaterstuck nun, wo sie einander nicht bekommen und wo sie zuletzt alle todt sind, daß ist eine Tragöderei. Ein Mann, der da mitspielt, ist ein Tragödist und eine Frau eine Tragödistin.«
»So, also bei einer Schauspielerin wohnt sie?«
»Ja.«
»Himmelsakra!«
Er schlug mit der Faust auf den Tisch.
»Was hast?«
»Kann sie dann nicht wo anders wohnen?«
»Nein.«
»Warum nicht?«
»Weil die Frau Tragöderistin ihr Unterricht giebt im Theaterspielen, und nachher kommt die Musiklehrerin und der Musikprofessor. Da hat sie am ganzen Tag zu singen und zu deklamiren.«
»Wann sie sich doch zu Tode deklamiren 'thät!«
»Hör, das sagst nicht wieder, sonst ists gefehlt mit Dir! Ich bin ein alter Kerl, aber eine Hand hab ich auch noch, um Dir eine Watschen einzulangen, daß Du Dir die zweiunddreißig Zähne alle da unten in den Schuchen zusammenklauben mußt.«
»Na, so schlimm wars halt nicht gemeint. Aber daß sie beim Theatervolk bereits wohnt, daß sie nicht nur singt, sondern auch deklamirt, das hätt ich doch nicht dacht, Sepp.«
»Ja, am Besten ists halt. Du denkst gar nix. Du hast ja bereits gesagt, daß Du nimmer an sie denkst.«
»Nun, zuweilen kommt noch so ein kurzer Gedanke, weißt, wann ich es gar nicht merk.«
»So mußt halt besser aufpassen. Es ist nicht gut, wann Du Dinge nicht vergessen kannst, die nun doch vergessen sein müssen.«
»Müssen?«
»Ja. Mit Euch Beiden ists doch einmal aus.«
»Das ist schon richtig.«
»Also rath ich Dir, Dich nach einer Andern umzuschaun.«
»Gottssakra! Das fallt mir nimmer ein!«
»Warum?«
»Weil ich nicht mag.«
»Willst ledig bleiben?«
»Ja.«
»Das ist nicht gut. Weißt, das seh ich an mir. Wer kein Weib hat, der hat keine Heimath und keine bleibende Stätte, wo er sein Haupt zur Ruhe legen kann. Wann ich eine Frau genommen hätt, so braucht ich jetzt nicht herum zu wandern wie der ewige Jude, der den Herrgott geschumpfen hat. Ich sags halt noch einmal: Schau Dich bald nach einer Andern um!«
»Das meinst nicht im Ernst.«
»Es ist mein Ernst. Aber warum sprechen wir von dieser Sachen. Aus ist aus! Reden wir von andern Dingen. Bist mal in Wien gewesen?«
»Nein.«
»Nicht bei dem Musikprofessorn?«
»Nein.«
»Ich denk, Du hast seiner Frauen damals das Leben gerettet!«
»Das ist schon wahr.«
»Hat er Dich nicht eingeladen?«
»Nein.«
»Schau, schau! Ader so ists halt stets. Diese vornehmen Leuteln sind undankbar.«
»Der Professor nicht. Er hat mir viel Geldl angeboten, sehr viel.«
»Und hasts nicht genommen?«
»Nein. Das Geld macht auch nicht glücklich. Was ich brauche, das verdiene ich mir. Und das Andere, nun, das muß eben getragen werden. Aber sag, geht sie viel spazieren?«
»Wer?«
»Nun, die Leni.«
»Ach, von der sprichst schon wieder! Nein, sie kommt nicht viel aus. Aber das Theater sieht sie sich an.«
»Und das gefallt Ihr sehr?«
»Freilich.«
»Oder kommen Leuteln zu ihr auf Besuch?«
»Ja.«
»Auch Bubn?«
»Hör mal, Anton, Bubn giebts da gar nicht. Die da kommen, die sind vornehme Herrn.«
»Alle Teufel!«
Er fuhr empor.
»Was hast?«
»Das will ich mir verbitten!«
»Was?«
»Das solche Schnuderln zu ihr laufen!«
»Was gehts Dich an? Du hast ihr ja doch den Abschied geben! Oder etwan nicht?«
»Ja, das ist freilich wahr« meinte Anton kleinlaut.
»Nun, so gehts Dich also auch nix an, wann solche Herrn zu ihr gehen.«
»Sinds etwan Kavalleristen?«
»Nein. Soldaten sinds nicht.«
»Das meine ich auch nicht.«
»Kavalleristen sind doch Soldaten!«
»Ach ja! Weißt, ich meine Kavallerire.«
»Das kenne ich nicht. Du willst wohl sagen Cavaliere?«
»Ja, weißt, solche mit Handschuchern und Ziehharmoniehüten und einer Quetschbrillen auf der Nasen. Diese Sorten mein ich.«
»Ja, die kommen zu ihr.«
»Und was wollen die?«
»Das sind ihre Lehrer, oder sie kommen vom König, um nach ihr zu fragen.«
»Kommt der nicht auch selber?«
»Nein.«
»Hm! Hat sie denn bereits was gelernt?«
»Das will ich meinen! Als ich am letzten Male bei ihr war, da hat sie mit mir eine Probirerei abgehalten. O, was für Liederln hat sie da sungen! Eins war dabei, besonders schön; da lauteten die letzten Worte allemal »Ihm hat ein goldner Stern gestrahlt«. Das war eine Pracht und eine Herrlichkeiten! Und nachher hat sie mir noch Anderes vorsungen, weißt, so la la la la la la hinauf und la la la la la la herunter. Auch hoch oben im höchsten Ton ein Trrrrrrrrr und ganz unten wieder ein Brrrrrrr. Es war ausgezeichnet schön. Sie hat trillert wie eine Lerchen. Und weißt, am Schönsten ists gewest, wann sie das Maul hat aufgesperrt, daß der Magen hat beinahe herausgeschaut und nachher hats gemacht Lrlrlrlrlrlrlr und nachher wiederum doppelt Llrrllrrllrrllrrllrrllrr. Und dabei hat sie geschnippst und gewippst wie ein Bachstelzerl mit dem Schwanzerl. Ich sag Dir, das wird eine Künstlerin, wie noch gar keine da gewesen ist auf dera Welt.«
»So hat sie keine Lust, zu verzichten?«
»Auf was?«
»Aufs Theater.«
»Das fallt ihr gar nimmer ein. Sie wird ja in den nächsten Tagen bereits ein Conzert geben.«
»Ein Conzerten?«
»Jawohl!«
»Bist gescheidt!«
»Sehr.«
»Wo soll dieses Conzerten denn sein?«
»Das ist Dir ja gleich.«
»Warum?«
»Weilst so wie so nimmer an sie denkst.«
»Aber hören möcht ich sie doch mal.«
»So! Ach so! Das bringst nicht fertig.«
»Warum?«
»Das kostet Geld.«
»Nun, was das wohl kost, das hab ich.«
»Wie viel denkst?«
»Fünf Groschen. Das ist doch nobel.«
»Dank sehr für dera Nobleß! Fünfzehn Mark kostets im Stehn, und wer sitzen will, der muß gar zwanzig zahln.«
Der Krikelanton sperrte den Mund auf.
»Fünfzehn – zwanzig Markerln! Dafür kann ich mir daheim eine Stuben miethen fürs ganze Jahr! Du machst mir was weiß!«
»Fällt mir gar nicht ein. Weißt, das Conzertl ist nur für reiche Leutln, für Kenner, welche oft auch noch mehr zahlen. Und die Leni ist nicht allein dabei, sondern es kommt noch Einer, der schlägt das Clavier, ein berühmter Mann, der die ganze Brust voller Orden hat und den Buckel hinten auch. Er hat vor allen Potentaten bereits gespielt und heißt entweder Gescheidt oder Kluge oder Lißt, ich weiß es nimmer genau. Grad wegen dem ist's so theuer. Und der König kommt auch.«
»Wirklich?«
»Ja, es ist bestimmt. Die Leni sagte mirs.«
»So geh ich auch.«
»Mensch! Fünfzehn Markerln.«
»Ich zahl sie; ich zahl sie. Ich will sie hörn.«
»Du hörst sie nicht. Das Conzertl ist nicht für alle Leutln. Es bekommt nicht ein Jeder ein Billeten.«
»So! Wo ists denn?«
»Hier im Bad.«
»Hier, hier? Und wann?«
»Am Sonnabend Abend. Es spielt auch noch Einer mit, der die Vigelinen hat; das hab ich nicht gewußt, sondern erst heute erfahren. Bist denn am Sonnabend noch immer hier?«
Anton blickte sinnend nieder. Es schien ihm gerathener, dem Sepp gar nicht merken zu lassen, was er vorhabe. Darum antwortete er ihm:
»Nein. Am Sonnabend bin ich schon lang wieder fort.«
»Siehst, daßt sie also nicht sehen kannst.«
»Ja, leider! Aber sag, wie wird sie denn angezogen sein?«
»Meinst, was für ein Kleid sie hat?«
»Ja.«
»Das kann ich doch nicht wissen.«
»Hat sie denn ein schönes Gewandel zu so einem Conzerterl, Sepp?«
»Gewandeln hats schon genug.«
»Von wem?«
»Vom König. Der zahlt Alles.«
»O Jerum! Und in welchen Gewandeln singt sie daheim, wann sie Stund hat?«
»In einem Gewandel, das wird ein Hausrock geheißen.«
»Singt sie nicht auch manchmal in einem Kleiderl, wo – wo – –wo keine Aermel dran sind?«
Er war ganz roth im Gesicht geworden.
»Keine Aermel? Was bist für ein talketer Kerl!«
»Und – und auch vorn kein Kleid und kein Hemd?«
»Auch vorn nicht? Jetzt hör mal auf! Was denkst eigentlich von mir. Sie muß zwar manchmal ein ganz besonderbars Habiterl umthun, aber vorn ist doch allemal ein Gewand und das Hemderl erst recht.
»So, also ein besonderbares giebts doch manchmal? Wie dann, Sepp?«
Er war ganz Feuer und Flamme. Das, ja besonders das mußte er erfahren. Grad der Umstand, daß eine Sängerin entblößt erscheinen muß, wenn die Rolle es mit sich bringt, war ja der Grund gewesen, daß er so zornig gewesen war.
»Nun,« antwortete der Sepp, »ich habs einmal gesehen, als ich am letzten Male bei ihr war. Weißt, es ist da ein Compernist, der heißt Wagner und Richardt auch. Auf den hält der König sehr große Stucken. Er soll ein vielgescheidter Kerl sein und ein Musiken compernirn, wie noch niemals ein Anderer eine compernirt hat. Der verintressirt sich sehr für die Leni und kommt oft, um zu hören, was sie indeß wieder gelernt hat. Und am letzten Male war ich in der andern Stub und könnt durch die Glasthüren hineinblicken. Da mußt die Leni eine Saloppen umthun und dann band er sie mit dem Leib an den Thürknauf, daß sie nicht fallen könnt. Nachher mußt sie den Oberkörper weit vorwerfen und mit den Armen so hinausschlagen und battalgen, als ob sie schwimmen wollt.«
»Das ist doch verruckt!«
»Nein. Es giebt ein Theaterstucken, worinnen das vorkommt.«
»Wie heißt das?«
»Rheingold heißts. Und nachher, als sie so in der Stuben schwamm, aber freilich ohne Wasser, da setzt er sich ans Clavier und begann zu spielen. Nachher rief er laut: »Jetzunder, Woglinde, jetzt!« Und nun sang sie zum Schwimmen.«
»Leni hat er doch gesagt!«
»Nein. In diesem Stucken heißt sie alleweil Woglinde, und da hat sie gesungen:
»Weia! Waga!
Woge, du Welle,
Walle zur Wiege!
Wagalaweia!
Wollala weiala weia!«
»Himmelsakra! Das ist doch eine Dummheiten, wies gar keine zweite nimmer giebt.«
»Was?«
»Das kann doch nur ein ganz verrückter Kerl singen. Das sind doch gar keine richtigen Versen!«
»Na, behüt Dich Gott, Anton! Bist Du und dumm! Wann Eine schwimmt, soll sie auch noch richtige Versen singen! Spring doch mal ins Wasser und sing ein Gestangel mit einem Jodler, wann Dir dabei das Wasser ins Maul läuft und zur Nasen wieder heraus! Da verstehst Du halt gar nix von! Der Wagners Richard ist ganz toll gewesen vor Freuden, daß sies so schön gemacht hat. Er hat ihr auf die Wang klopft und dabei – –«
»Der Teuxel soll ihn holen!« rief Anton aus.
»So? Warum dann?«
»Was hat er ihr an die Wang zu klopfen!«
»Gehts Dich etwas an vielleicht?«
»Nein.«
»Und wann er sie auf den Buckel klopft oder noch tiefer drauf, so kanns Dir ganz egal sein! Verstehst mich! Und gelobt hat er sie. Und nachher mußt sie die Saloppen wieder anders umthun und ein Schnupftücherl in die Hand nehmen und damit wedeln und Etwas dazu singen. Das klang so mächtig und prächtig, daß die Fenstertafeln klirrt haben. Und als sie nachher fertig war, da hat er sie wieder auf die Wange klopft – – –«
»Donnerwetter!«
»Halts Maul! – – – und zu ihr sagt: das war richtig; das war gut; so ists recht! Das ist die richtige Isolden!«
»Isolden? Was ist das?«
»Isolde heißt Eine, die auch im Theater abgesungen wird. Ihr Liebster heißt entweder Tristan oder Christian; ich habs nicht ordentlich verstanden. Ja, dero Wagner ist ganz verschossen in die Leni, sag ich Dir und wann – –«
»Verschossen? Da soll doch gleich ein Donnerwetter dazwischen schlagen, daß Alles kracht!«
»Willst gleich ruhig sein, Einfaltspinsel! Was gehts Dich an! Uebrigens mußt mich richtig verstehen. Wann ein Compernist sich in eine Sängerin hinein verschießt, so ist das nicht etwan eine Liebelei, sondern es ist nur – nur – nur ein Kunstgenuß. Er ist nicht in das Maderl verliebt, sondern in die Noten, die sie trillert.«
»So mag er doch auf das Notenpapier klopfen und nicht auf ihre Wangen, der Haxerl, der!«
»Schweig Dich aus, sag ich Dir! Alles, was Du heut sprichst, das sind Dummheiten. Du thust ja grad ganz so, als ob Du der Leni ihr Schulmeister wärst und als ob sie Dir zu gehorchen hätt! Daraus wird nix! Wärst nicht so zuwider gewest, so wärt Ihr einig blieben und Du wärst nachher der Mann von der größten Sängerin worden; nix arbeiten, sondern die Händ in die Hosentaschen stecken und Caviar und Pumpernickel essen, das wär Deine Zukunft gewesen. Nun aber hasts nicht so haben wollen, bist fortgelaufen, und nun kannst Dir immer eine Andre suchen. Mit der gehst hausiren, und wann Ihr Hunger habt, so kocht Ihr Euch den Kragen von einem alten Reisepelzerl und trinkt ein gekochtes Gummiarabigummerl dazu. Das hält den Magen auch zusammen, daß er nimmer aus einander geht.«
»So schlimm wirds nicht werden!«
»Wie sonst? Die Leni kriegst nun nicht mehr!«
»Hab ich etwan gesagt, daß ich sie noch will?«
»Na, daßt sie noch willst, das sieht man Dir doch ganz deutlich an dera Nasenspitzen an!«
»Bekümmer Dich um Deine eigene Nasen, und wart, ob Ihr, nämlich Du und die Leni, einmal Cavuar und Pumpermichel zu essen habt. Du hast auch nur das große Mundwerk, weißt! Und wann das Singen gar so viel Geldl macht, so hab ich auch noch eine Stimme und kann ebensogut ein Künstler werden.«
»Du? Das bild Dir nicht ein!«
»Warts ab! Jetzt aber hats mich schon gereut, daß ich so freundlich mit Dir gewesen bin. Wannst mir weiter nix erzählen kannst, als daß der Richardl, das Wagnerl, der Leni an die Wangen greift, so kannst mich nur blos dauern. Du als Path sollst darauf sehen, daß kein Mann ihr so im Gesicht herum tätschelt, verstanden? Das schickt sich nicht für ein Dirndl, und das schickt sich auch nicht für einen Pathen!«
Er war vom Stuhle aufgestanden und ganz zornig geworden.
»Oho!« meinte der Wurzelsepp. »Was begehrst dann auf einmal so auf! Du hast gar nix zu befehlen, gar nix! Verstanden!«
Da drehte sich der Wirth von seinen Karten ab und rief herüber:
»Jetzt, wann Ihr nicht endlich aufhört, nehm ich die Peitschen und prügel Euch alle Beid hinaus! Das wär mir eine Sachen, hier in meiner ruhigen Stuben einen solchen Scandöps aufzuführen! Ich rath Euch Guts! Schlängelt Euch zur Thür hinaus, sonst setzts was Gepfefferts! Ich spiel hier Scat, und da habt Ihr so still zu sein, als ob Ihr in der Kirchen wärt!«
»Na, beten wirst auch nicht dabei, Matthes!« antwortete Anton. »Aber weil Du mit dera Peitschen kommen willst, so kann ich halt schon gehn, sonst könnts kommen, daß Du Deine eigene Peitschen zu schmecken bekommst.«
»Du!« drohte der Wirth. »Mach mir kein Geschimpf, sonst werf ich Dir alls an den Kopf, was ich find!«
»Versuchs doch!«
»Was! Glaubst etwan, das ich nicht Wort halt? Hier schau, da kommts bereits.«
Die drei Scatspieler hatten drei Blechbüchsen vor sich stehen, in denen sich das Geld befand. Der Wirth ergriff die seinige und warf sie mit sammt dem Gelde dem Anton an den Kopf.«
»So! Hast genug?« fragte er zornig.
»Immer weiter!«
»Gut! Hier und hier auch! Gefallts Dir so?«
Er nahm auch die Büchse seines Sohnes und seiner Frau und warf beide nach Antons Kopf, so daß die Geldstücke in der Stube herumkollerten.
»Ja, das gefallt mir sehr gut!« lachte der Tabuletkrämer.
»So kannst auch noch die Karten haben.«
Er schleuderte ihm auch noch die Karten ins Gesicht, stand dann auf und griff zum ersten besten Gefäß, welches auf dem Büffet stand.
»Hast nun genug oder willst auch noch den Bierkrug haben und das Wasserschäffel dazu?«
»Nein, ich dank, Matthes! Jetzt hab ich genug!«
»So mach Dich hinaus, und zahl erst Dein Bier.«
»Was kosts?«
»Zehn Pfennige.«
»Hier hast! Wann ich wiederkehr, werd ich Zeit haben, Dir Dein Geldl mit aufzuheben. Bis dahin kannsts liegen lassen.«
Er ging lachend fort, und auch der Wirth lachte, daß er sich zu der Dummheit, Geld und Karten in der Stube herum zu schleudern, hatte verleiten lassen.
Jetzt nun begann Anton, zu hausiren. Da sich das Geschäft heut beim Baron von Stauffen so gut angelassen hatte, so hoffte er, daß es wohl auch nicht unbefriedigend endigen werde.
Er hatte sich nicht getäuscht. Er fand zahlreiche Käufer, so daß er noch nie einen so günstigen Tag gehabt hatte, wie heut. Ms der Abend bereits herein zu dunkeln begann, kam er noch in ein sehr anständiges Haus, wo er in der Parterrewohnung nichts verkaufte. Er stieg zur Treppe empor. Da war an die Thür eine Visitenkarte befestigt, auf welcher zu lesen war »Professor Weinhold.«
Er beachtete den Namen gar nicht und klingelte. Ein Dienstmädchen öffnete. Als sie hörte, was er zu verkaufen habe, ließ sie ihn in die Küche treten, um sich seine Raritäten anzusehen. Beide waren bald in voller Thätigkeit und mochten dabei etwas lauter sein, als sich's gehörte, denn es wurde eine Thür geöffnet, eine feine Dame trat halb heraus und sagte mit gedämpfter Stimme:
»Nicht so laut, Anna! Du weißt ja, daß mein Mann componirt!«
Anton hatte ihr den Rücken zugekehrt. Schon wollte sie sich wieder zurückziehen, da drehte er sich um. Ihr Blick fiel auf ihn. Da rief sie laut im Tone freudiger Ueberraschung:
»Was? Ists möglich? Der Krikelanton!«
Er sah sie forschend an. Sie sah viel anders aus als damals, wo er sie halb todt und verschmachtet oben auf dem Felsen gefunden hatte; dennoch aber erkannte er sie sofort auch.
»Du bists!« antwortete er, ihr die Hand entgegenstreckend. »Das hätt ich nicht gedacht. Grüß Gott auch!«
»Grüß Gott und willkommen, Anton! Wie geht es denn?«
»Immer gut. Schau, was ich geworden bin! Ein Tabuletkramer. Kannst mir auch was abkaufen!«
»Natürlich! Aber komm herein zu meinem Manne, der sich ebenso wie ich freuen wird.«
»Natürlich, natürlich!« erklang es hinter ihr. »Ich hörte den Namen Krikelanton und bin natürlich gleich auch heraus gekommen. Laß Deine Sachen da in der Küche, Anton, und komm herein!«
Bald saßen die Drei beisammen in der Wohnstube. Der Professor befand sich mit seiner Frau hier im Bade. Beide waren aufrichtig erfreut, den Retter wiederzusehen, und machten ihm die größten Vorwürfe, daß er nichts hatte von sich hören lassen.
»Und wie steht es mit der Anweisung?« fragte der Professor. »hast Du sie benutzt?«
»Nein,« antwortete der Gefragte. »Ich hab halt glaubt, Du führst mich an der Nas herum.«
»Dich? Den Retter meiner Frau? Was traust Du mir zu!«
»Ich hab den Zetterl noch einistecken.«
»Behalt ihn nur, und verlier ihn nicht. Wenn Du Geld brauchst, so gehst Du nach Salzburg; da bekommst Du es, sobald Du die Anweisung vorzeigst.«
»Das werd ich schon wohl nicht thun. Ich hab, was ich brauch. Lieber kannst mir einen andern Gefalln erweisen.«
»Gern. Was wünschest Du?«
»Wirsts aber auch thun?«
»Ganz sicher, wenn ich kann.«
»Ich möcht ein Billeterl zum Conzertl.«
»Ein Billet zum Concert? Wenns weiter nichts ist! Welches Concert aber meinst Du?«
»Am Sonnabend für fünfzehn Mark zum Stehen.«
»Sapperlot!« meinte der Professor erstaunt. »Woher weißt denn Du bereits von dem Concert? Ich denke, es ist noch Geheimniß. Ich selbst habe es erst vorhin von dem Capellmeister gehört.«
»Ich werds doch wissen! Weißt, ich mag das Geldl für das Billeterl nicht etwan von Dir!«
»Nicht?«
»Nein. Ich zahls selbst.«
»Warum soll ich Dir da das Billet besorgen?«
»Ich hab hört, daß nicht ein Jeder ein Billeterl bekommt, auch dann nicht, wann ers zahlen will. Darum sollst Du es mir versorgen.«
»Sehr gern. Aber wie kommt es denn, daß Du grad dieses Concert hören willst?«
»Weil die Leni singt.«
»Wer ist das?«
»Das ist die Sennerin, die mein Schatz war.«
»Ah. Ja, eine Sennerin singt. Auf dem Programm wird aber nicht Leni stehen. Wie ist ihr Zuname?«
»Sie heißt Leni Berghuber.«
»Sie singt unter dem Namen Mureni.«
»Mureni? Ah, das begreif ich schon. Sie ist bei uns die Muhrenleni genannt worden. Mureni klingt fast beinahe so.«
»Und die ist Deine Liebste?«
»Jetzund nicht mehr.«
»Warum nicht?«
»Eben weil sie zum Theater gangen ist. Das kann ich nicht dulden.«
»Aber ist das nicht vielleicht ein Irrthum, Anton? Die Mureni, welche singen wird, ist eine Schützlingin des Königs Ludwig von Bayern.«
»Ja, das ist grad die meinige auch.«
»Das wäre ja höchst interessant! Wie ist sie denn mit dem Könige bekannt geworden?«
»Das will ich Euch halt erzählen.«
Er erzählte, wie lange er bereits der Sennerin gut gewesen war und wie er nachher an jenem Abende das Glück gehabt hatte, den König aus den Krallen des Bären zu befreien; dann weiter, immer weiter, bis zum Augenblick, an welchem er sich unten an der Ecke des Felsens von Leni getrennt hatte.
Die Beiden hörten ihm mit gespannter Aufmerksamkeit zu. Als er geendet hatte, sagte der Professor:
»Das ist ja eine Novelle, ein Roman, ein wirklicher, erlebter Roman! Aber, Anton, ich begreife Dich nicht! Die Leni war also hübsch?«
»Hübscher als Alle.«
»Und gut?«
»Sie war die Bravste, die ich kannt hab.«
»Und Du hast sie von Dir gestoßen!«
»Ja. Ich mag keine Sängerin, keine Schauspielerin!«
»Das ist ein Vorurtheil. Es giebt unter den Künstlerinnen ganz brave Damen.«
»Aber eine Dame mag ich halt nicht!«
»So will ich sagen, es giebt ganz brave Mädchen unter ihnen.«
»Das glaub ich nicht.«
»Wenn ich es Dir sage, so kannst Du es glauben. Ich bin Professor der Musik. Ich habe bereits manchen Künstler und manche Künstlerin ausgebildet. Ich habe mich zwar zuweilen in diesen Leuten getäuscht, aber ich habe auch sehr oft die freudige Genugthuung gehabt, daß meine Schüler oder Schülerinnen nicht nur in Beziehung auf ihre künstlerischen Leistungen, sondern auch in Bezug auf ihre Moralität alle meine Hoffnungen erfüllt haben.«
»So sag mir einmal Eins: Muß eine Sängerin auch mit bloßen Armen gehen, wohl gar auch in einem ausgeschnittenen Gewand?«
»Zuweilen ja.«
»Das ists grad, was ich nicht dulden mag.«
»Auch das ist Vorurtheil!«
»Nein. Meine Frau soll nicht so gehn und sich nicht so den Leuten zeigen. Ich müßt mich schämen in meine und auch in ihre tiefste Seel hinein, wann fremde Leutel von ihr Das sehen dürften, was höchstens nur der Mann erschauen darf.«
»Aber in den Augenblicken, an welchen sie die Gestaltungen der Kunst zur Darstellung bringt, ist sie nicht Frau, sondern Künstlerin!«
»Grad eben das ist der Fehler! Meine Frau soll nix weiter sein als meine Frau. Was Du da sagst, das ist auch nicht unanfechtbar, Professor. Weißt, ebenso gut könntst auch sagen, eine Frau dürft sich mit andern Männerln abgeben, denn an dem Augenblick, an welchem sie dies thut, ist sie nicht Frau, sondern die Liebste des Andern. Auf diese Art und Weis würd es gar niemals eine Ehebrecherin geben und überhaupt gar kein Verbrechen. Nein, ich mach nicht mit.«
»Also Du willst ganz auf die Leni verzichten?«
Diese Frage war in einem so eindringlichen Ton ausgesprochen, daß Anton vor sich niederblickte und mit der Antwort zögerte. Darum sagte die Professorin:
»Du hast uns von Deinem Mädchen erzählt, und ich hab aus Allem gehört, daß Du die Leni sehr lieb gehabt hast.«
»Lieber als mein Leben!«
»Und daß Du sie auch heut noch liebst?«
»Ja freilich leider!« antwortete er, ihr offen in die Augen blickend. »Ich wollt, es wär nimmer so.«
»Nun, so entsage noch nicht!«
»Das hab ich mir auch so denkt. Ich will sie eben erst mal singen hören. Wann sie dann ordentlich gekleidet kommt, so mags gehen. Wann sie aber etwan nackt im Conzertl herumläuft, so ists für immer ab mit uns. Also willst mir das Billeterl verschaffen?«
»Gern. Aber es hat doch eine kleine Schwierigkeit, Anton. Es ist wahr, daß zu so einem Concert nur sehr feine Herrschaften gehen. Dazu aber paßt Dein Anzug nicht.«
»Das ist bös!«
»Und soll die Leni Dich denn sehen?«
»Alleweil auf keinem Fall!«
»Aber in diesem Anzug würdest Du vom andern Publikum so abstechen, daß sie Dich sofort erblicken müßte. Abgesehen davon, daß sie Dich nicht bemerken soll, würde es auch möglich sein, daß Dein Anblick sie irre macht und sie aus Schreck umwirft.«
»Das wär eine Schand für sie, und das darf nicht sein.«
»So mußt Du also einen andern Anzug haben.«
»Ich werd wohl einen geborgt erhalten.«
»Ja, und zwar von mir. Wir sind gleicher Gestalt.«
»Der würd mir jedenfalls besser passen, als das Kleidungsstück damals vom Baron. Der ist schwächer, als ich bin, und ich hab drin steckt wie der Aliphant im Schneckenhäuserl. Aber es soll auch Niemand weiter erfahrn, daß ich das Conzertl mitmach. Du darfsts also Niemand sagen.«
Während hier diese für den Krikelanton so hochwichtige Angelegenheit berathen wurde, war auf dem Bahnhofe ein Zug angekommen. Unter den Aussteigenden befand sich ein Herr, welcher sofort nach dem Telegraphenamt ging und sich ein Depeschenformular geben ließ. Als er es ausgefüllt hatte und es dem Telegraphisten gab, warf dieser, nachdem er es gelesen hatte, einen erst forschenden und dann ehrerbietigen Blick auf den Herrn und fragte sehr höflich:
»Wohin soll ich die Antwort senden?«
»Ich warte in der Bahnrestauration.«
»Sehr wohl!«
Der Passagier entfernte sich. Zufälliger Weise trat soeben der Vorstand des Bahnhofes in die Telegraphenexpedition. Der Telegraphist sagte zu ihm:
»Wir haben hohen Besuch und werden heut wohl auch noch höheren bekommen.«
»Wen?«
»Lesen Sie!«
Er gab ihm die Depesche hin. Der Vorstand las:
»An Siegfried, Bahnlagernd Rosenheim.
Bin soeben hier angekommen. Wann darf ich Sie erwarten? Und soll ich auspacken?
Tristan.«
»Eine eigenthümliche Ueber- und auch Unterschrift!« bemerkte der Vorstand.
»Ahnen Sie, wer die beiden Korrespondenten sind?«
»Nein.«
»Ja, Sie sind kein großer Verehrer der musikalischen Künste. Tristan und Siegfried sind zwei Heldengestalten aus Wagner'schen Opern – – –«
»So viel weiß ich freilich auch.«
»Andere wissen, daß der König und Wagner, wenn sie privatim mit einander verkehren, sich oft bei solchen Opernnamen nennen.«
»Alle Wetter! Sie meinen – – –?«
»Daß Wagner diese Depesche aufgegeben hat.«
»Wirklich?«
»Ja, gewiß.«
»Sie haben ihn erkannt?«
»Natürlich. Ich habe ihn schon einige Male gesehen, und wer dieses Gesicht erblickt hat, der kann es mit keinem andern verwechseln.«
»Und so meinen Sie, daß der Adressat seines Telegramms der König sei?«
»Ich vermuthe es.«
»Dann käme er hierher!«
»Bestimmt! Es ist schade, daß wir verschwiegen sein müssen. Diese Nachricht würde ungeheures Aufsehen erregen, zumal der König die Einsamkeit so liebt, daß es schwer ist, ihn einmal zu erblicken.«
»Ja, schweigen müssen wir; aber höchst begierig bin ich auf die Antwort. Geben Sie mir sofort Nachricht, wann sie angekommen ist.«
Bereits nach einer Viertelstunde ließ der Telegraphist den Vorstand holen. Die Antwort war angekommen und lautete folgendermaßen:
»An Tristan.
Ich komme nicht mit dem Zuge. Will nicht bemerkt werden. Gehe zu Fuß über den Berg. Packen Sie aus. Ankunft acht Uhr.
Siegfried.«
Diese Depesche wurde nach dem Wartezimmer erster Classe getragen. Dort hing das Bild Wagners an der Wand. Wer dasselbe mit dem Passagier verglich, der mußte sich allerdings sagen, daß dieser Letztere kein Anderer als der berühmte Operncomponist sei.
Nachdem er die Depesche gelesen hatte, trat er hinaus auf den Perron. Er schien Jemand zu suchen, aber zweifelhaft zu sein, wen er wählen solle. Da kam die Gestalt des Wurzelsepp langsam und gemächlich um die Ecke des Stationsgebäudes geschlendert. Er hatte sich im Gasthause des Spielmatthes, gelangweilt und war nach dem Bahnhof spaziert, weil es für ihn ein großes Vergnügen war, Bahnzüge kommen und gehen zu sehen.
Als Wagner ihn erblickte, heiterte sich sein Gesicht auf. Er schritt auf ihn zu.
»Wurzelsepp, Du hier! Das ist schön!«
»Du auch hier, Herr Kompernist! Das ist auch schön! Hier hast meine Patsch! Willkommen auch! Kommst aus dem München?«
»Ja.«
»Hast die Leni gesehen?«
»Gestern noch.«
»Und was macht das Dirndl?«
»Sie befindet sich wohl und übt fleißig.«
»So bist mit ihr zufrieden?«
»In hohem Grade –«
»Schau, das gefreut mich; das gefreut mich sehr! Aber sag, was treibst denn da hier im Ort?«
»Ich will für einige Tage die Einsamkeit genießen.«
»So wohnst hier?«
»Ja.«
»Im Gasthofe?«
»Nein. Es war annoncirt, und da habe ich brieflich eingemiethet, nämlich ein Parterre bei einem Müller, welcher Kellermann heißt.«
»Kellermann? Das ist nicht in der Stadt, sondern draußen im Dorf in der Thalmühl.«
»Kennst Du sie und den Müller?«
»Ei wohl, sehr genau.«
»Ists weit hinaus?«
»Gar nicht. Eine Viertelstund den Fluß hinab. Der Müllern aber wird Dir nimmer gut gefallen. Er ist ein Grobsack und Zuwiderkopf.«
»Ich werde mit ihm nichts zu schaffen haben. Nun aber könntest Du mir einen Gefallen thun.«
»Drei oder vier, auch fünf oder zehn anstatt nur einen. Ich hab nix zu thun und kann Dir helfen.«
»Ich habe nämlich Gepäck hier. Niemand soll wissen, wo ich logire. Jedenfalls bin ich bereits erkannt worden, und darum sollst Du mir das Gepäck besorgen. Du nimmst einige Leute, die sich nicht ausfragen lassen, und bringst es mir hinaus.«
»Na, das ist auch nicht sehr klug.«
»Wieso?«
»Weil die Leut dann aufpassen, wohin wir gehn. Ich werd es also anders machen.«
»Wie denn?«
»Der Scatmattheswirth hat ein Pferd und Wagen; das borg ich mir aus, lad Alls hinauf und brings Dir hinaus. Da bin ich allein und kann es so einrichten, daß gar Niemand merkt, wohin ich fahr.«
»So ist es recht. Und nun noch Eins. Dir kann ich es anvertrauen, denn ich weiß, daß Du verschwiegen bist. Der König kommt heut Abend acht Uhr hier an. Er will einige Tage unerkannt bei mir wohnen, und er telegraphirt mir, daß er über den Berg kommen will. Weißt Du, wo das ist?«
»Freilich. Ich komm auch allemal da herüber. Man steigt an der letzten Station aus und kommt nachher unten an der Thalmühl an den Fluß. Da ist die Fähr, mit der man hinüberrudert. Und wannst jetzund nach der Mühl willst, so gehst halt gar nicht durch die Stadt, sondern immer am Fluß hin. Nachher siehst die Gebäuden der Mühl dort stehen und gehst gleich ins erste hinein. Rechts von der Hausthür wohnt der Müllern. Kannst ihn gar nicht fehlen und brauchst nicht zu fragen.«
Sie trennten sich. Richard Wagner folgte der Weisung des Wurzelsepp und erreichte die Mühle, ohne sich geirrt zu haben. Im Gärtchen saßen einige Badegäste, welche er aber gar nicht beachtete. Er ging in die bezeichnete Stube, natürlich nachdem er vorher angeklopft hatte.
»Herein!« hatte der Müller von innen gerufen.
Wagner grüßte. Das Aeußere des Müllers wollte ihm gar nicht gefallen.
»Was willst?« fragte dieser.
»Ich heiße Wagner und habe Ihr Parterre gemiethet.«
»Sag Du zu mir; ich sags auch zu Dir. Willst jetzt hinein ziehen?«
»Ja.«
»Hast Geld mit?«
»Natürlich.«
»So zahl die Mieth! Alle Wochen wird vorher bezahlt. Wannst dann die Möbeln und Sachen gut hältst, so haben wir nix mit nander zu schaffen. Wannst aber unerzogen hanthierst, so werf ich Dich hinaus.«
Wagner ignorirte diese Grobheit, zahlte ihm den Betrag hin und fragte:
»Wo ist die Wohnung?«
»Drüben in der Villa. Hier ist der Schlüssel zum Eingang. Die andern Schlüsserln stecken an den Thürn.«
»Wohne ich allein?«
»Nein.«
»Wer wohnt noch dort?«
»Schau sie Dir selber an! Und jetzund machst, daßt fortkommst! Ich hab keine Zeit zum Schwatzen.«
Wagner nahm den Schlüssel, welche auf dem Tisch gelegen hatte, und ging. Er hatte die Villa bereits im Vorübergehen gesehen. Als er die Anhöhe erstiegen hatte, und eben eintreten wollte, kam der Italiener heraus.
Beide stutzten.
»Was!« rief Wagner. »Sie hier, Herr Concertmeister!
»Und Sie, Signor! Welch eine Ueberraschung! Che bell sorpresa!«
»Sie wohnen hier?«
»Ja, ich hier wohnen, ßehr, ßehr!«
»Wer noch?«
»Einen Baron von Stauffen mit zwei Töchter.«
»Das geht. Ich ziehe nämlich ins Parterre.«
»Sie ßiehen ins Parterr? Ists möklik?«
»Ja. Ich freue mich, daß wir uns hier treffen und sogar in einem Hause wohnen. Aber ich möchte nicht von den Leuten belästigt werden und lieber unbekannt bleiben. Kommen Sie mit herein. Wir wollen sehen, was ich für eine Wohnung habe.«
Nach einiger Zeit kam der Wurzelsepp mit dem Fuhrwerk. Zwei Koffer und einige Kisten wurden abgeladen, und dann schaffte er das Geschirr wieder in die Stadt zurück. Gegen Abend ging er aber wieder hinaus nach der Mühle, lenkte aber hinüber nach der Fähre, wo der Fex am Ufer saß und ihn erwartet hatte. Sie unterhielten sich, obgleich Niemand zugegen war, leise mit einander, bis eine halbe Stunde vor acht Uhr Wagner und der Concertmeister kamen und übergesetzt zu werden begehrten. Der Fex gehorchte und kam sodann wieder herüber gerudert.
»Was mögen die Beiden noch im Wald zu suchen haben,« sagte er. »Der Fremde sah sehr vornehm aus.«
»Na, wann Du wüßtest, wer er ist, so würde es Dich sehr gefreuen, Fex.«
»Nun, wer?«
»Richard Wagner.«
»Der Wagner! Ah! Es ist wahr. Ich hab sein Bild gesehen; er ists; ja, er ists. Ist er im Bad?«
»Freilich. Und er wohnt seit vorhin beim Müllern, drüben im Parterre der Villa. Nachher kommt auch der König, den sie jetzt abholen. Du wirst ihn überzusetzen haben.«
Das Erstaunen des Fex war natürlich ein großes. Der berühmte Komponist hier! Und gar der König auch! Er war ganz Feuer und Flamme und versprach es dem Sepp sehr gern, das Geheimniß zu bewahren. Dann meinte er:
»Jetzt werden wir wohl auch eine Musiken hören, eine sehr gute, und – –aber horch!«
Von flußaufwärts ließ sich ein eigentümliches Geräusch vernehmen, wie ein unterdrücktes Brüllen. Der Fex lauschte noch einen Augenblick und sagte dann:
»Geh schnell weg! Das Wasser kommt!«
Er riß den Sepp weit vom Ufer zurück, sprang sodann in die Fähre und befestigte sie noch mit einer zweiten Kette. Das war das Werk kaum einer Sekunde. Dann sprang er wieder an das Land, zog den Sepp noch weiter zurück und sagte:
»Paßt auf! Gleich wirds da sein!«
»Welches Wasser?«
»Aus der Schleichen. Schau, da kommts!«
Es war zwar nicht mehr Tag; aber heut war Vollmond, und obgleich derselbe noch nicht am Himmel erschienen war, lag es ziemlich hell auf dem Flusse. Auf diesem Letzteren kam eine hohe, hohe Fluthwelle brüllend herangewälzt wie eine Wand. Als sie vorübergesaust war, stand das Wasser sofort mehr als eine Elle höher im Flußbette, auch war es reißender geworden. Wären die Beiden nicht zurückgewichen, so wären sie von der plötzlichen Fluth mit fortgerissen worden. Die Fähre schaukelte heftig und zerrte knirschend an ihren Ketten.
»Aus der Schleußen kommt das Wasser?« fragte der Sepp. »Wieso ist das denn?«
»Jetzt zum Fruhjahr wird das Holz herabgeflößt, und da werden die Schleußen geöffnet, daß die Fluth das Holz herunterträgt. Jetzt sind die großen Waldstämme droben an der Stadt ankommen. Morgen am Tag wird das Wehr geöffnet, und das Holz geht hier vorüber, immer weiter hinab nach der Donau zu.«
»Ist das gefährlich?«
»Nein. Nur wann das Holz das Wehr durchstößt, so daß es plötzlich kommt, nachher giebts zu schaffen, daß kein Unglück geschiecht. Horch!«
»Fex!« rief die Stimme des Concertmeisters von drüben herüber.
»Jetzt bringen sie den König,« sagte der Sepp. »Ich will zur Seiten gehn, daß er mich nicht sieht. Ich kenn ihn, und er will nicht erkannt sein.«
Er steckte sich hinter die Büsche. Der Fex aber stich einen lauten Ruf aus, zum Zeichen, daß er die Aufforderung gehört habe, machte die Fähre los und ruderte hinüber. Das machte ihm viel zu schaffen, weil der Strom außerordentlich reißend geworden war. Als er drüben anlegte, stand die hohe, imposante Gestalt des Königs neben Wagnern und dem Italiener. Wagner sagte:
»Wie kann das Wasser plötzlich so gestiegen und reißend geworden sein?«
Und als der Fex es erklärt hatte, fragte er:
»Ist es gefährlich, jetzt überzusetzen?«
»Eigentlich nicht, wann das Holz nicht durchbricht. Wir können warten, bis die Fluth vorüber ist.«
»Wie lange dauert das?«
»Wohl fast eine ganze Stunden.«
»So lange warten wir nicht,« erklärte der König. »Das Holz wird doch nicht grad dieses Mal durchbrechen. Auch müßte es gleich bei dem ersten Andrang das Wehr durchstoßen haben. Jetzt ist das nicht mehr zu befürchten.«
»Ei gar wohl!« entgegnete der Fex. »Wann die Baumstämmen lange Zeit gegen das Wehr stemmen, kanns leicht nachgeben.«
»Wir kämen dennoch hinüber. Kannst Du kräftig rudern, Fährmann?«
»Das möcht ich schon meinen!«
»So steure ich.«
»Kannst das auch richtig?«
»Ja. Also eingestiegen!«
Er nahm auf dem hohen Sitze am Steuer Platz. Die beiden Andern setzten sich auf die hintere Ruderbank, und der Fex ergriff das vordere Ruderpaar.
»Sollen wir mit rudern helfen?« fragte Wagner.
»Nein, ja nicht,« antwortete der Fex. »Ihr könntets leicht verderben. Es wär allemal besser, wann wir noch ein Bisle warteten, ob das Wehr und der Damm auch gehalten haben.«
»Das ist unnöthig,« erklärte der König. »Vorwärts!«
Die Fähre ging vom Ufer ab. Leider aber zeigte es sich, daß der Fex Recht gehabt hatte. Sie hatten kaum die Mitte erreicht, so sah man von oben eine dunkle Masse herabkommen. Der Fex, dessen Blick immer nach aufwärts gerichtet gewesen war, bemerkte sie zuerst.
»Wir müssen zurück!« rief er aus. »Das Holz kommt. Lenk um, lenk um!«
»Nein, vorwärts, vorwärts! Wir kommen noch hinüber. Leg Dich nur fest in die Ruder.«
»So gebs Gott!«
Der Fex griff so mächtig ein, daß sich die Ruder bogen. Die dunkle Masse kam schnell heran. Es schien, als ob die Fähre gar nicht vorwärts käme. Wagners Angst stieg. Er rief:
»Schnell, schnell! Um Gotteswillen schnell! Herr Concertmeister, greifen Sie mit zu den Rudern! Wir müssen helfen.«
»Nein, nein!« schrie der Fex. »Ich brings allein schon fertig! Wann Ihr falsch einlegt, so ists um uns geschehen.«
Aber die Beiden ließen sich nicht belehren. Sie stießen die Ruder in die Fluth und begannen zu arbeiten.
»So nicht, so nicht!« rief der Fex. »Ihr rudert ja zuruck! Weg mit den Rudern.«
»Ja, schnell fort!« stimmte der König bei. »Ihr versteht es nicht. Wir haben nun schon mehrere Ellen eingebüßt. Fährmann, rasch, kräftig! Um des Himmels willen! Das Holz wird augenblicklich hier sein!«
Der Fex stieß einen Ruf aus, wie der Löwe brüllt, wenn er seine ganze Kraft zum Sprunge zusammennimmt. Von der übermenschlichen Gewalt, welche er anlegte, brach eins seiner Ruder, aber die Fähre hatte einen so mächtigen Anstoß erhalten, daß sie mit diesem einzigen Ruck fast an das Ufer gelangte. Der Fex ergriff die Kette und that den gefährlichen Sprung an das Land, welches er auch glücklich erreichte. Die Fähre mit der Kette an das Ufer ziehend, rief er dem Könige zu:
»Jetzt schnell das Steuer grad, daß die Fähr so langhin ans Ufer trieben wird!«
Dabei befestigte er die Kette, damit das Fahrzeug nicht mit fortgerissen werde. Aber der König gab in halber Bestürzung dem Steuer eine falsche Richtung. Im nächsten Augenblicke waren die riesigen Baumstämme da. Ein Stoß an den hintern Theil der Fähre, daß man glauben konnte, Alles sei zerschmettert und – der König stieß einen Schrei aus und wurde in das Wasser geschleudert, mitten zwischen die rollenden Stämme hinein.
Einen Augenblick lang versagte dem Concertmeister und Wagnern die Sprache. Dann schrieen Beide entsetzt auf.
»Herr, mein Gott! Er ist verloren!« rief Wagner, indem er eine Bewegung machte, nachzuspringen.
»Rettung! Rettung? Hilfe!« zeterte der Italiener. »Soccorso, soccorso, ajuto!«
»Halt! Still!« kommandirte der Fex, welcher keinen Augenblick die Geistesgegenwart verloren hatte. »Springt an das Land, sonst ergreifts auch Euch. Ich hole ihn heraus.«
»Das ist unmöglich!« rief Wagner.
»Ich bring ihn. Paßt auf! Wann ich nicht gleich komm, so habt keine Angst.«
Er that einen Satz hinaus auf die Stämme und fuhr untertauchend zwischen sie hinein in die kochende, wirbelnde Fluth.
Wagner stand steif in der Fähre. Er brachte kein Wort hervor. Der Italiener jammerte in allen Ausdrücken der italienischen und der deutschen Sprache. Da rief es vom Ufer her:
»Steigt heraus! Die Fähr kann leicht zerdruckt werden, und nachher seid auch Ihr verloren.«
Das half. Die Beiden sprangen an das Land. Wagner erkannte Den, welcher gerufen hatte.
»Wurzelsepp, Du! Weißt Du, was geschehen ist?«
»Ja, der König ist ins Wasser stürzt.«
»Eile, lauf in die Mühle und ins Dorf. Es sollen Leute kommen mit Fackeln, Lichtern, Stangen und Stricken, um zu retten. Schnell, schnell!«
»Das werd ich halt schon bleiben lassen.«
»Wie? So laufe ich selbst.«
Er wollte fort, aber der Sepp hielt ihn fest.
»Willst gleich bleiben!«
»Herrgott! Er ist ja sonst verloren!«
»Nein! Schau mich an! Ich weiß halt auch, daß der König ins Wasser stürzt ist, aber ich bin dennoch ruhig und heul und zetre nicht.«
»Ja, Du, Du – – –!«
»Was, ich! Ich weiß, daß er gerettet wird.«
»Wie denn?«
»Der Fex holt ihn heraus.«
»Das ist unmöglich! Hier zwischen und unter diesen Stämmen heraus? Undenkbar!«
Er rang die Hände.
Freilich hatte er Recht. Die starken Stämme füllten die ganze Breite des Flusses und schoben, sich immer fortwälzend, sich einer auf den andern. Wer da drunter steckte, der konnte nicht heraus, der war sicher verloren.
»Wann der Fex ihn nicht rettet,« sagte der Sepp, »so retten ihn auch hundert Andere nicht. Und wann er nicht schon jetzund gerettet ist, so ist er überhaupt bereits verloren, erstickt, ersoffen und zermalmt von denen Baumstämmen da.«
»Aber wir müssen doch am Ufer suchen!«
»Das bringst nimmer fertig. Es ist zu felsig. Wart nur fein still! Ich kanns mir denken, was der Fex than hat, und das ist auch das Allereinzige, wie der König errettet werden kann. Heraus hat er nimmer könnt, sonst wär er von denen Stämmen derquetscht worden. Er hat unterm Wasser bleiben müssen.«
»So erstickt er ja!«
»Schweig still! Was verstehst davon, ob der König dersticken wird oder nicht! Nur noch eine Minuten warten wir. Dann, wann wir keine Nachricht erhalten, dann ist der König todt.«
»Ich kann nicht warten; ich kann nicht!«
»Wirst gleich schweigen! Niemand kann helfen als nur der Fex allein. Wann er nicht hat helfen können, so ists dann noch immer Zeit, zu sagen, daß der König vertrunken ist.«
»Ich begreife Dich nicht! Ich muß fort, fort!«
Er wollte abermals fort; aber der Sepp hielt ihn wieder fest und rief:
»Nur diese Minuten noch! Wann er gerettet wird, kann er sehr zornig sein, daß Du Alles im Dorf ausgeschreit hast.«
»Jesus Christus!« schrie jetzt der Italiener. »Dort hinsehen, dort, da! Qui, qui, li, là, colà!«
Er deutete auf eine Stelle mitten im Strome, wo eine Gestalt zwischen den Stämmen auftauchte und sich Mühe gab, auf denselben, ohne vorher zerdrückt zu werden, festen Fuß zu fassen.
»Fex!« rief der Wurzelsepp. »Bists?«
»Ja,« antwortete er.
»Ist er gerettet?«
»Ja.«
»Er lebt?«
»Freilich!«
Da warf der Sepp den Hut in die Luft und schrie:
»Juchheirassassa! Hab ichs nicht gesagt! Hab ich nicht Recht gehabt! Der Fex, ja der Fex, der ist der einzge Mensch, ders zuwege bringt. Komm herüber; komm! Ich muß Dich umarmen, Fex!«
Das war nun freilich leichter gesagt als gethan. Der junge, todesmuthige Fährmann hatte sich, unten im Wasser die Augen öffnend, eine Lücke zwischen den Stämmen gesucht, durch welche er auftauchen könne. In der Nähe des Ufers, wo sich Stamm über Stamm thürmte, gab es keine solche Lücke. Und als er endlich eine fand, war er dem Ersticken nahe. Er schob sich zwischen den Stämmen empor, aber diese Stämme drohten, sich zu vereinigen, in welchem Falle er sicher zermalmt worden wäre. Endlich gelang es ihm, herauf zu kommen. Nun sprang er von Stamm zu Stamm. Die mächtigen Klötze drehten sich um sich selbst. Sein Fuß fand also kaum einen Augenblick festen Halt auf dem Holze, und ein jeder Fehltritt war sein sichrer Tod. Aber er war mit der Gefahr vertraut, und Gottes Hand waltete über ihn. Er erreichte das Ufer. Dort aber sank er vor Anstrengung sofort zu Boden. Die Drei knieten augenblicklich bei ihm nieder und bestürmten ihn mit Fragen. Es war, als ob sich eine Ohnmacht seiner bemächtigen wolle; aber sein Geist war doch stark genug, diese Schwäche zu überwinden. Er stand langsam wieder auf, dehnte und streckte sich und sagte:
»So eine Gefahr hab ich noch nicht erlebt!«
»Ist er denn wirklich gerettet?« drängte Wagner.
»Ja, freilich.«
»Wo ist er?«
»In Sicherheit.«
»So führ uns hin, schnell, schnell!«
»Da würdest wohl Wasser schlucken müssen. Wer zu ihm will, der muß bis auf den Grund des Flusses hinab.«
»Da wäre der König doch todt!«
»Er lebt. Horch drauf, was ich Dir sag! Ich hab ein kleins Oertle, ein Versteckle, was kein Mensch weiß als nur der Wurzelsepp allein. Dahin hab ich den König bracht. Und weil eben kein Mensch dieses Plätzle kennen darf, so kann ich Dich auch nicht hinführen zu ihm.«
»Aber er ist munter und wohl?«
»Ja. Er sitzt da und raucht ein Cigarren.«
»So sei dem Herrgott Dank!«
»Ja, wann Ihr mir gehorcht hättet, so wär es nicht geschehen. Aber so vornehme Leutle, die wollen immer klüger sein als so ein armer Fex. Merkts Euch das!«
»Du hast Recht. Auch unser Leben haben wir Dir zu verdanken. Wir werden es Dir nie vergessen. Erlöse uns nur auch von der Sorge um den König. Er ist doch nicht von den Stämmen verletzt?«
»Gar nicht.«
»Aber durchnäßt. Er wird sich erkälten!«
»Eine Verkältung ist immer noch besser, als eine Versaufung. Und schau, da kommen bereits schon weniger Stämme. Wann das Wasser wieder frei ist, so bring ich ihn wieder her. Ich bin nur kommen, um Euch zu sagen, daß er gerettet ist. Nun aber muß ich halt wieder hin zu ihm.«
Trotz der Anstrengung, welche er hinter sich hatte, sprang er wieder in das Wasser und tauchte unter.
Bekanntlich war König Ludwig ein ausgezeichneter Schwimmer. Als er von der Steuerbank herab und in das Wasser geschleudert wurde, verlor er keineswegs die Besinnung, sondern er tauchte augenblicklich unter, weil er sich sagte, daß er sonst von den Stämmen zermalmt werden müsse. Der einzige Rettungsweg schien ihm, hinter der Fähre wieder emporzutauchen. Darum schwamm er unter dem Wasser gegen den Strom, um nicht fortgetrieben zu werden. Als er die Fähre erreicht zu haben glaubte, tauchte er vorsichtig auf, fühlte aber, daß er wirbelnde Stämme über sich habe. Er hatte die Richtung verfehlt, und das war schlimm. Er war zwar ein sehr guter Schwimmer, aber doch kein Wasserfex, das heißt also Einer, der im Wasser zu Hause ist fast so gut wie in der freien Luft. Er hatte sich nicht geübt, die Augen zu öffnen und unter dem Wasser sein Gesichtsvermögen zu gebrauchen – natürlich so weit es in dem nassen Elemente möglich ist. Bereits merkte er, daß ihm der Athem ausgehen wolle. Er schien nun die gräßliche Wahl zu haben zwischen dem Tode des Erstickens oder dem des Zermalmtwerdens zwischen den wirbelnden Stämmen. Trotzdem er die Augen geschlossen hielt, lag es ihm wie eine hell purpurne, von goldenen Lichtern durchblitzte Fläche vor denselben. Das war ein sicheres Zeichen, daß aus den von der Luft aufgetriebenen Lungen ihm das Blut nach dem Gehirn gepreßt wurde.
Ein leises Singen und Klingen hob vor seinen Ohren an, die beginnenden Stimmen des Todes. Da fühlte er einen weichen, menschlichen Körper neben sich; er wurde ergriffen, bei den Haaren, wie ein bedachtsamer Mensch einen in das Wasser Gefallenen anfaßt – der Retter war da, und zwar war es natürlich kein Anderer als der Wasserfex.
Mit Gewalt biß der König den Mund zusammen, um den Athem noch nicht entweichen zu lassen, denn that er das, so war er verloren; das wußte er. Trotzdem bei den geschlossenen Augen eine Beobachtung der räumlichen Verhältnisse ausgeschlossen war, fühlte er doch, daß er mit rapider Geschwindigkeit fortgerissen wurde. Dann stieß er erst rechts, nachher links an scharfe, harte Felsenkanten. Er befand sich jedenfalls in einem schmalen Gange, einem Felsenrisse, einer engen Kluft und wurde dann emporgezogen.
Es war ihm nicht mehr möglich, den Athem zu halten. Er stieß ihn aus und hörte ein lautes, gurgelndes Quirlen; dann drang ihm das Wasser in den Mund – aber nur einen kurzen Augenblick lang. Er hatte gefühlt, daß jetzt der Tod da sei. Ein lauter Schrei der Angst, den er wunderbarer Weise selbst so deutlich vernahm, als ob er sich nicht mehr im Wasser befinde. Luft, Luft, erquickende, belebende Luft drang wie ein gewaltiger, greifbarer Strom in seine leere Lunge. Er öffnete die Augen – finster, schwarz war es um ihn; sein Körper stack im Wasser, aber sein Kopf ragte aus demselben hervor, an den Haaren gehalten von einer kräftigen Hand, und zugleich fragte eine Stimme über ihm:
»Bist noch bei Sinnen? Hörst mich?«
»Ja,« stieß er hervor. »Wo bin ich?«
»Gott sei Dank, daßt noch lebst! Du bist grad eben jetzt in guter Sicherheit.«
»Wer bist Du?«
»Kennst mich nicht an meiner Stimm?«
»Es klingt wie der Fex.«
»Der bin ich halt auch. Ich konnt Dich nicht übers Wasser in die Höh bringen, sonst wärst von den Balken und Stämmen todtgequetscht worden. Darum bin ich mit Dir unter dem Wassern fort bis hier herein in meine Kapellen.«
»In eine Kapelle?« fragte der König erstaunt.
»Ja.«
»Unterirdisch?«
»Freilich. Merksts noch nimmer?«
»Das ist ja ein sehr außerordentliches Abenteuer.«
»Das ists auch. Wer bevor ich Dich herein laß, mußts mir versprechen, daßt keinem Menschen Etwas sagst, wo Du jetzt gewesen bist.«
»Ich werde schweigen.«
»Gut! Weißt, jetzt nun laß ich Deinen Kopf los. Du brauchst halt nur empor zu greifen an den Stein, worauf ich lieg, und heran zu klettern. Es geht ganz leicht. Faß an!«
Der König fühlte, daß er sich am Ende der Felsenritze befand, in welche der Fex ihn gezogen hatte. In diese Ritze, welche unter der Oberfläche des Flusses lag, trat das Wasser desselben herein. Er langte mit den beiden Armen empor, hielt sich oben an dem Steine fest und zog sich hinauf. Da saß er nun neben dem Fex in tiefem Dunkel und ebenso tiefer Stille. Das Rauschen des Wassers war hier nicht zu hören.
»So, jetzt bist heroben,« sagte der Fex. »Dein Wort hab ich, daßt mich nicht verrathen willst, und nun wart nur noch ein ganz klein Wenig: nachhero wirst gleich sehen, wo Du bist.«
Der Fex entfernte sich. Der König hörte einen Schlüssel klirren und dann eine eiserne Angel kreischen. Es raschelte wie Papier; sodann gab es einen hohlen, klingenden Ton, wie wenn man an ein Streichinstrument, an eine Geige oder an eine Guittare stößt. Die Angel kreischte und der Schlüssel klirrte wieder. Sodann blitzte es in dem Dunkel auf, wie wenn ein Streichholz angestrichen wird. Es flammte auf – der Fex brannte eine Lampe an.
Jetzt war es hell in dem geheimnißvollen Raume. Der König sah sich um. Er befand sich in einem Gelaß, welches vielleicht fünf Ellen lang und ebenso breit war, dabei nicht ganz so hoch. In der Mitte waren vier Pfähle in den Felsboden getrieben und auf denselben mehrere zusammengestoßene Bretter genagelt. Das gab einen Tisch. In der Nähe standen drei Stühle, aus Knüppeln zusammengesetzt. Neben der Lampe, welche der Fex auf den Tisch gesetzt hatte, lag ein kleines Schächtelchen aus dünner Pappe. In der Ecke erblickte der König ein Beil, einen Hammer und einige andere alltäglich zu brauchende Instrumente und Gegenstände; sonst aber war der ganze Raum vollständig leer.
Da vorn, wo der König in triefenden Kleidern am Boden saß, blickte die finstre Fluth des Flusses aus dem Felsenspalt empor. Hinten gab es nicht, wie an den drei andern Seiten, eine Felsenwand, sondern eine Steinmauer, welche, wie man auf dem ersten Blick bemerken konnte, aus schlechtem Material und mit vieler Mühe aufgeführt worden war. In dieser Mauer befand sich eine Thür, aus alten Latten und Holzstangen so primitiv zusammengenagelt, daß es genug Lücken gab, um hindurchblicken zu können.
Der König erhob sich von dem Boden und trat näher an den Tisch heran.
»Nicht wahr,« lächelte der Fex, »allhier ists besser als da drunten im Wassern?«
»Natürlich! Es war die allerhöchste Zeit, daß ich Luft bekam. Noch zwei oder drei Sekunden, und ich wär eine Leiche gewesen.«
»Habs mir gedacht! Darum bin ich auch geschwommen wie eine Forellen, als ich Dich beim Schopf hatte. Aber Du bist schon ganz selber schuld!«
»Nein, sondern die beiden Andern. Hätten die nicht verkehrt gerudert, so wären wir noch zur rechten Zeit am Ufer angekommen.
»Na, ich will mich nicht mit Dir streiten, denn Du bist ein großer Herr, und diese Sorten hat schon allemal Recht. Besser wärs gewesen, wann wir drüben gewartet hätten, bis das Holz vorüber war. Jetzt setz Dich halt nieder, und wart, bis ich wiederkomme!
»Du willst fort?«
»Ja freilich muß ich.«
»Wohin?«
»Ich muß doch zu den Deinigen zwei Kameraden gehen und ihnen sagen, daßt in Sicherheiten bist, sonst laufens ins Dorf und machen einen Spektakeln, daß die Mäus und Ratten davonlaufen.«
»Da hast Du Recht. Es darf kein Mensch erfahren, was geschehen ist. Du weißt zwar noch nicht, wer ich bin; aber wenn Du es später erfahren wirst, so – – –«
»Meinst, daß ich es wirklich nicht weiß?« unterbrach ihn der Fex, indem er ein schlaues Lächeln zeigte.
»So weißt Du es also?«
»Ja.«
»Hast Du mich vielleicht schon einmal gesehen?«
»Nein.«
»Woher willst Du es denn wissen, wer ich bin?«
»Der Wurzelsepp hat mirs gesagt.«
»So ist dieser hier?«
»Ja.«
»Die Plaudertasche!«
»Nein, er ist keine Plaudertaschen. Er hats mir nur deshalb gesagt, daß ich bei der Ueberfahrt recht gut Acht auf Dich geben soll. Und er hätts mir nicht gesagt, wann er nicht wußt, daß ich es Keinem verrathen thu.«
»Das wünsche ich auch. Es soll Geheimniß bleiben. Und vor allen Dingen soll kein Mensch erfahren, daß ich mich heut in so einer Gefahr befunden habe.«
»Na, da kannst Dich gut verlassen. Ich bin so still wie ein Karpfen oder eine Schleihen im Teich. Nun aber muß ich fort, sonst machen die Andern dennoch ihre Dummheiten.«
»Wie kommst Du hinaus?«
»So wie ich hereinkommen bin. Ich tauch unters Wasser und schwimm hinaus.«
»Einen andern Weg giebts nicht?«
»Nein.«
»So muß auch ich diesen Weg nehmen?«
»Ja. Fürchtst Dich etwan? Ich bin bei Dir. Brauchst halt keine Sorgen zu haben.«
»Ich schwimme nicht schlecht. Warum aber soll ich nicht lieber jetzt gleich mit?«
»Weil jetzt noch die Stämme draußen vor meiner Kapellen vorüberschwimmen. Da könnt Dich einer treffen, und dann wärst mausetodt.«
»Wer Dich kann doch ebenso gut einer treffen!«
»Mich? Da kennst mich nur schlecht. Ich bin im Wasser wie auf dem Kanapee. Mir thut kein gar Nix etwas. Wir müssen wegen Deiner noch warten, bis das Holz vorüber ist. Nachhero kannst fort, eher nicht. Und wann ich jetzt geh, so komm ich doch gleich schon in einer Minuten wieder. Und damit Du etwas zu thun hast, bis ich zuruckkehr, will ich Dir hier eine gute Arbeiten geben, damit Du Dir die Zeit vertreibst.«
Er zog einen Stein aus der Mauer und nahm ein kleines, in Wachsleinen eingeschlagenes Packetchen heraus.
»Hier hast!« meinte er. »Kannst Dir eine Cigarre anstecken. Das ist keine, woran zehn Ochsen ziehen müssen, um Luft zu bekommen, sondern es ist eine feine Hoflakaienzigarren, die auch schon der König einmal rauchen kann. Vielleicht sind sie gar aus derer Kisten, aus welcher Du selber geraucht hast.«
»So! Woher hast Du sie?«
»Das werd ich Dir wohl gleich sagen, he? Meinst etwan? Da bist mir zu scharf gebraten! Nein, den Liferanten kann ich Dir nicht sagen, sonst erhalt ich keine mehr. Verstehst mich wohl?«
»Sollte man es denken? Cigarren von mir!« lächelte der König, indem er das Päcktchen öffnete.
»Ja, vielleicht. Gewiß weiß ichs auch noch nicht. Aber kannst mirs halt schon gönnen. Unsereiner will auch einmal einen guten Geruch vor der Nasen haben. Und nun geh ich. Hab keine Angstigkeiten um meiner; ich komm bald wieder. Und wann Dich bei dero Nässen frieren sollt, so strample hier so hin und schlag die Armerln zusammen. Das macht warm.«
Er stieg in das Wasser hinab, tauchte unter und verschwand.
Dem Könige war es ganz eigenthümlich zu Muthe. Er fühlte weder Nässe noch Kälte. Seine ganze Aufmerksamkeit war gefangen genommen von dem Abenteuer, dessen Held er gegenwärtig war. Dasselbe wäre wunderbar gewesen für einen gewöhnlichen Mann, wie viel mehr also für einen Monarchen!
Es verstand sich ganz von selbst, daß hier ein Geheimniß obwalte. Warum nannte der Fex diesen unterirdischen Raum seine Kapelle? War derselbe bestimmt zu irgend einer Art von Andacht?«
Der König ergriff das kleine Schächtelchen, welches auf dem Tische lag. Es enthielt Kolophonium. Wozu das? Die Fläche dieses Geigenharzes war nicht glatt; es zeigte deutliche Spuren, daß mit einem Violinbogen darüber hingestrichen worden sei. War der Fex musikalisch? Spielte er hier unten Violine?
Ludwig trat zu der Thür. Hinter derselben war es dunkel. Er nahm die Lampe und leuchtete hin. Aber die Zwischenräume der Latten waren so eng, daß kein genügendes Licht durch dieselben dringen konnte.
Jetzt untersuchte er das Schloß. Es war ein altes Hängschloß; der Fex hatte den Schlüssel abgezogen; es war zu. Aber die eiserne Krampe, in welcher der Bügel des Schlosses hing, schien nicht sehr fest in der halb verfaulten Latte zu stecken. Ludwig rüttelte ein Wenig daran, und siehe, die Krampe gab nach; sie war leicht herauszuziehen.
Jetzt konnte der König die Thür öffnen. Aber sollte er? Durfte er? Hatte er ein Recht, in die Geheimnisse seines Retters einzudringen?
Er legte sich diese Frage vor. Er hatte nicht die Erlaubniß erhalten, hier einzutreten; aber es war ihm auch nicht verboten worden. Und – sagte er sich, grad weil er König war, konnte es für den Fex von Nutzen sein, wenn jetzt die beiden wißbegierigen Augen in das Geheimniß blickten.
Ludwig zog also die Krampe, den Haspen heraus. Die Lampe in der Hand, trat er ein.
Er sah sich in einem Raume, welcher ebenso groß war wie der vordere, eine Seite war gemauert und die drei anderen aus Felsen bestehend. Die Decke wurde von starken Holzknüppeln gehalten, welche eng neben einander lagen. Oben in der einen Ecke gab es ein Loch, welches wohl nach außen führte, der nothwendigen Lüftung wegen. Vor demselben war der siebartige Schlauch einer alten Netzkanne angebracht, welcher der Luft den Zutritt gestattete, aber verhinderte, daß irgend ein kleines Thier hindurch könne.
Links befand sich ein Mooslager am Boden, aus langem, weichem, getrocknetem Wassermoos bestehend. Darauf erblickte der König eine Violine, einen Bogen und mehrere gedruckte Notenhefte. Diese Gegenstände hatte der Fex vorhin, bevor er Licht anbrannte, hier herausgeschafft. Also lag es doch nicht in seiner Absicht, daß der König diesen zweiten Raum betreten solle.
Der König öffnete eins der Hefte. Es enthielt Violinstücke, welche nur ein außerordentlich guter Violinist spielen konnte. War der Fex ein solcher?
In der Nähe des Lagers gab es eine alte Kiste, welche auch mittels eines Hängschlosses verschlossen war. Auf derselben stand eine Flasche, welche Oel enthielt.
Rechts von dem Bette, an der andern Wand, gab es einen kastenartigen Gegenstand, welcher mit einem alten Saloppentuch zugedeckt war. Darüber hing an der Wand ein roh geschnitztes Holzkreuz und ein Farbenbild, welches den Heiland mit der Dornenkrone vorstellte.
Hatten diese Gegenstände Bezug auf den Namen »Kapelle«, welchen der Fex diesem Raum gab?
Der König stellte die Lampe auf die Kiste, um beide Hände frei zuhaben, und zog das Tuch fort.
»Mein Himmel!« entfuhr es ihm.
Er trat erschrocken zurück und war vor Schreck todtesbleich geworden. Der Kasten, welchen er jetzt erblickte, war ohne Deckel und enthielt – eine weibliche Leiche!
Diese Person konnte nur erst vor wenigen Stunden gestorben sein, so frisch sah sie aus und so gar keine Spur von Fäulniß zeigte sie.
Es war eine Frau, welche wohl nicht über dreißig Jahre alt geworden war, aber doch älter erschien, denn ihre Züge zeigten den Typus der Zigeuner, deren Frauen ja bekanntlich sehr schnell altern. Sie hatte die braunen Hände unterhalb der Brust gefaltet, und ein seltener Reichthum schwarzen Haares floß ihr vom Scheitel über die Wangen herab bis faßt auf die Füße, sie einhüllend wie in einen Mantel. Eingehüllt war die Gestalt in ein altes Bettuch, welches oft geflickt war und trotzdem noch viele Risse und Löcher zeigte.
Da erklang es hinter dem Könige wie rauschendes und tropfendes Wasser.
»Herrgott!« rief eine Stimme draußen.
Der König drehte sich um. Er sah den Kopf des Fexes über dem Wasser, während der Leib noch in demselben steckte.
»Komm herauf!« gebot er ernst.
Der Fex schwang sich herauf auf das Trockene. Seine Augen blitzten zornig. Er trat herbei und fragte:
»Hier stehst? Hier herein bist gangen? Das Schloß hast aufbrochen? Wer hat Dir gesagt, daß Du das thun sollst?«
»Niemand. Ich hab es aus eigenem Antrieb gethan.«
»So! Hast etwan ein Recht dazu?«
»Vielleicht sogar eine Pflicht!«
»Eine Pflicht? Das denk ja nicht! Diese Stuben ist nur allein mein; sie gehört keinem Andern. Sie ist meine Kirchen und Kapellen, in welcher ich bet, wann mir das Herz schwer worden ist.«
»Und in diesem Heiligthum tödtest Du Menschen?«
»Tödten? Ich?« fuhr der Fex auf.
»Ja. Oder ist diese Frau vielleicht heut ertrunken und hast Du sie hier herein geschafft?«
»Heut?«
»Natürlich! Sie kann doch erst heut gestorben sein!«
»So fühl doch mal ihr Gesicht an!«
Der König that es. Das Gesicht war kalt und hart wie Stein. Ihn schauderte.
»Klopf nur mal drauf, oder auf die Händ!«
Auch das that der König. Es gab einen Ton, als wenn man auf einen Stein klopft.
»Sie ist versteinert!« sagte er überrascht.
»Ja. Es ist lange Zeit her, daß sie gestorben ist.«
»Und wie und warum hast Du sie hier herein geschafft?«
»Das werd ich Dir sagen; aber Du müßt mir versprechen, es nimmer zu verrathen.«
»Dieses Versprechen kann ich nicht geben.«
»Warum nicht?«
»Es kann sich hier um ein Verbrechen gehandelt haben, oder überhaupt ist es geboten, daß eine Leiche in geweihter Erde begraben werde.«
»So! Warum habens dann dieser die geweihte Erden versagt?«
»Man hat sie ihr versagt?«
»Ja, weil sie eine Heidin gewesen ist, eine Zigeunerin. Darum ist sie eingescharrt worden da, wo sie verhungert und verfroren ist. Da oben ist ihr Grab gewesen, grad über uns. Das hat sich gesenkt, tiefer und immer tiefer, denn unter dem Grab ist der Felsen hohl gewest, und endlich ist die Leich abistürzt hier herein, wo sie jetzund liegt.«
»Und das hat man nicht bemerkt?«
»Nein. Erst ist gar kein Mensch heraufkommen an den verfluchten Ort. Nachher, als doch zuweilen eine mitleidige Seelen heraufstiegen ist, um ein Ave Maria zu beten, ist das schier auch nur ganz selten gewest. Ich aber bin alle Tagen am Grab gesessen, wann ich nicht hab überfahren müssen. Als ich gemerkt hab, daß die Leichen hier einibrochen ist, bin ich nachklettert und hab entdeckt, daß hier herunten der Stein hohl ist und daß man vom Fluß hereingelangen kann. Nachher hab ich gleich in der Nacht das Grab so vorgericht, daß man nix sehen konnt, daß es einibrochen war. Und spätem hab ich hier herinnen die Stuben gebaut und Alles so gemacht, wie es jetzunder ist.«
»Sonderbar! Welches Interesse hast Du denn an dieser Leiche?«
»Welches? Diese Fragen ist freilich besonderbar. Sie ist doch meine Muttern.«
»Wie? Diese Zigeunerin ist Deine Mutter?«
»Ja.«
»Das ist vollständig unmöglich. Du kannst nicht der Sohn der Zigeunerin sein.«
»Meinst nicht? Warum?«
»Du bist blond und hast den kaukasischen Typus.«
Ueber das hübsche Gesicht des Fex glitt ein verschmitztes Lächeln, doch machte er sofort wieder sein gewöhnliches dummes Gesicht und antwortete:
»Wast da sagst, versteh ich nicht. Ich weiß gewiß, daß sie meine Muttern ist. Und ich muß es doch besser wissen als Du, wannt auch der König bist.«
Ludwig fragte ihn nach seiner Vergangenheit und erhielt die Auskunft, welche der Fex für nöthig hielt. Dieser sagte dem Könige keineswegs Alles, was er ihm hätte mittheilen können, und schloß daran die Frage:
»Und nun nicht wahr, die Muttern darf hier liegen bleiben?«
»Darüber will ich jetzt noch nicht entscheiden. Ich will es mir überlegen, ob es nicht gegen Gesetz und Gewissen ist, die Ueberreste Deiner Mutter hier in der Höhle zu lassen.«
»Ueberlegen willst? Aber bis dahin wirsts etwan Keinem sagen?«
»Nein; ich werde schweigen.«
»So will ich mich in Ruh darein ergeben.«
»Hast Du denn hier geschlafen?«
»Ja.«
»Neben der Leiche?«
»Warum nicht? Meinst, daß ich mich vor der Muttern fürchten sollt? Nein, daß thu ich nicht. Wann ich mich niederlegt hab und wann ich aufstanden bin, so hab ich vor ihr gebetet, und der Herrgott wird mir die Lieb anthun, ihrs zu vergeben, daß sie eine Zigeunerin gewesen ist.«
Der König war tief gerührt.
»Du bist ein braver Bub!« sagte er. »Ganz abgesehen davon, daß ich Dir heut mein Leben verdanke, fühle ich für Dich eine solche Theilnahme, daß ich versuchen will. Deinem Schicksale eine Aenderung zum Bessern zu geben. Darf ich?«
Der Fex blickte sinnend vor sich hin. Es dauerte eine Weile, ehe er antwortete.
»Weißt, ich machs wie Du; ich muß es mir vorerst überlegen.«
»Erst überlegen?« fragte Ludwig erstaunt.
»Ja.«
»Das begreife ich nicht?«
»Wirsts aber bald begreifen, wann ichs Dir sag. Weißt, ich hab den Fluß lieb gewonnen und die Mühlen und diese Kapellen hier und den Wald und Alles, wo ich bin und was ich kann. Ich möcht schon gar nimmer fort von hier sondern immer und immer hier bleiben.«
»Nun, das kannst Du ja.«
»Meinst? Das wär schön.«
»Ja. Deine Lage kann ja eine bessere werden, ohne daß Du dadurch gezwungen wirst, den Ort zu verlassen, der Dir eine zweite Heimath geworden ist. Ich werde darüber nachdenken. Aber ich kann noch nicht begreifen, wie Du hier schlafen kannst. Du bist doch völlig naß, wenn Du hier aus dem Wasser steigst!«
»Da zieh ich halt mich aus. Und da in der Kisten hab ich ein Tuch, in welches ich mich einwickle.«
»So, so! Und wem gehört diese Violine?«
»Mir.«
»Kannst Du spielen?«
»So ein Wenig darauf herumpatschen kann ich schon. Wann ich nur erst die Noten könnt und die Tonleiter dazu! So weit aber werd ichs all mein Lebtag nicht bringen.«
»Du hast aber ja Noten hier!«
»Die hat in voriger Zeit ein Badegast zurückgelassen, der in der Mühlen gewohnt hat. Ich hab sie hier einischmuggelt; aber was die vielen Notenköpfen und Stricherln zu bedeuten haben, das weiß ich nicht und brings auch nicht.«
»Ja, diese Noten wirst Du niemals spielen lernen.«
»Meinst wirklich?« fragte der Fex mit der Miene eines Menschen, der auf Alles verzichtet.
»Ja, niemals. Wer diese Stücke geigt, der ist ein Virtuos.«
Dabei blätterte der König in den Noten herum und fügte hinzu:
»Wenigstens ist er der Virtuosität sehr nahe. Aber wenn Du solche Lust zur Musik hast, so gehe doch zum Kantor oder zum Lehrer. Vielleicht zeigt er Dir die nöthigen Griffe.«
»O, das hat er ja auch than.«
»Und hat es nichts genützt?«
»Nix. Du sagst ja selber, daß ich diese Sachen nimmer spielen lernen werd.«
»Nun, es müssen nicht grad solche schwere Stücke sein. Vielleicht kannst Du einen Lehrer erhalten, unter dessen Leitung Du es mit der Zeit so weit bringst, daß Du in ein Musikkorps treten und Dir Dein Brod verdienen kannst. Wir werden über diesen Gegenstand noch sprechen. Einstweilen aber wollen wir uns gegenseitig das tiefste Schweigen geloben. Nicht?«
Er lächelte den Fex so gütig an, daß diesem das Herz aufgehen wollte. Dennoch aber drängte er die Mittheilungen, welche ihm auf die Zunge traten, zurück und antwortete:
»Ja, ich sage nix, daß Du heut versaufen wolltst, aber Du mußt auch schweigen!«
»Ja, ich verrathe Deine Kapelle nicht. Wenigstens werde ich keinen Menschen etwas darüber mittheilen, bis ich nicht vorher mit Dir gesprochen habe. Jetzt aber wird es mir kalt. Meinst Du, daß wir noch lange hier warten müssen?«
»Ich werd einmal nachschaun. Als ich vorhin wieder kam, ist das Holz beinahe schon vorüber gewest.«
Er verschwand im Wasser, kehrte aber sehr bald zurück und meldete:
»Du kannst mitkommen. Es schwimmt zwar noch zuweilen ein Stamm vorüber, aber das hat schon nix zu sagen; dem weichen wir halt aus. Jetzt werd ich vorerst meine Kapellen in Ordnung bringen. Es war sehr ungut von Dir, daßt da hereini drungen bist. Man muß seine Nasen nicht überall hinstecken, denn es ist leicht möglich, daß man mal einen Klapps drauf bekommt.«
Er pochte die Krampe wieder fest und nahm dann die Lampe, um sie auszulöschen; sagte jedoch vorher:
»Nun kanns fortgehen. Also jetzt tauchen wir da hinab. Du brauchst nur das Maul zuzumachen und mir die Hand zu geben. Nachher bring ich Dich schon dahin, wo Du hin gehörst.«
»Schwimmst Du wieder unter dem Wasser?«
»Nein; das ist jetzund nicht mehr nöthig. Wann wir hinaus in den Fluß sind, tauchen wir gleich' empor. Nachher kannst neben mir aufwärts schwimmen bis dahin, wo das Richardl ist.«
»Richardl? Wer?«
»Nun, der Wagner, der Componist.«
»So kennst Du auch den?«
»Ja, ich hab sein Bild gesehen, und der Sepp hats mir auch gesagt, wer er ist. Also komm!«
Er blies die Lampe aus und setzte sie auf den Tisch. Dann schritt er dem Könige voran nach der Stelle, an welcher das Wasser begann. Er stieg hinein, und der König folgte.
»Jetzt nun noch das Maul zu,« sagte er, »und hol nimmer Athem, als bis wir oben sind.«
Er faßte ihn beim Arme und zog ihn hinab. Das Wasser schloß sich über ihnen. Der König fühlte, daß er durch die Felsspalte hinaus in den Fluß und dann empor zur Oberfläche dirigirt wurde.
»Jetzt kannst wieder Luft schnappen,« hörte er den Fex neben sich sagen.
Er öffnete die Augen. Der Mond war über den Horizont emporgestiegen, und sein Strahl drang zwischen den Wipfeln der Bäume und zwischen den Felsen herein auf den Fluß, so daß dessen Oberfläche glitzerte und flimmerte wie flüssiges Silber. Es war Vollmond wie an jenem Herbstabende, an welchem Ludwig bei Leni auf der Alpe gewesen war.
Beide schwammen rüstig aufwärts, bis dahin, wo die Felswand endete und die Fähre lag. Der Fex war dem Könige voran. Als er aus dem Wasser stieg, sagte Wagner erschrocken:
»Du kommst doch wieder allein! Wo ist der König?«
»Schau da hinab! Da kommt er.«
Jetzt sah man auch die Gestalt des Königs, welcher gleich darauf das Ufer erreichte und an das Land stieg.
Wagner war so ergriffen, daß er fast niedersank.
»Dem Himmel sei Dank, Majestät!« sagte er mit bebender Stimme. »Was ich in dieser Zeit gefühlt habe, das ist unbeschreiblich.«
Der Italiener aber war ganz still. Er fand in diesem Augenblicke keine Worte, um seinen Gefühlen und Gedanken Ausdruck zu geben. Der König reichte beiden die Hände und meinte:
»Mir ists wie im Traume. Ich habe Gräßliches erlebt, und doch ist es mir, als sei ich der Held eines Märchens von Tausend und einer Nacht gewesen.«
»Wo haben Majestät das rettende Asyl gefunden?«
»Hier bei diesem braven, kühnen, jungen Manne, dem ich nicht genug dankbar sein kann. Ueber die Einzelheiten der Rettung aber wollen wir schweigen. Ueberhaupt wünsche ich, daß nie oder wenigstens so lange ich lebe. Jemand erfahre, was heut Abend und hier geschehen ist.«
Und dem Fex nun auch die Hand reichend, fuhr er fort:
»Ich werde Deiner nicht vergessen. Ich wohne ja hier, und so sehen wir uns baldigst wieder. Nun aber wollen wir schleunigst gehen, damit die Kälte und Nässe mir nicht ebenso gefährlich oder noch gefährlicher werde als der Sturz in das Wasser. Ich muß mich sofort umkleiden.«
Sie gingen.
Nun trat der Wurzelsepp, wieder hinter den Sträuchern hervor, wohin er sich bei der Ankunft Ludwigs zurückgezogen hatte. Er sagte:
»Jetzund möcht ich singen und lobpreisen vor Freuden; daß Dir Alles so gut geglückt ist, Fex. Ich hab eine Aengsten ausgestanden, die ich den beiden Leuteln gar nicht hab merken lassen können. Jetzt aber ist nun Dein Glück gemacht. Jetzt wird der König Dir dankbar sein, und Du wirst ein Mann werden, vor dem man den Hut abzieht und die Zipfelmützen auch noch dazu.«
»Und ich wollt, es wär gar nicht geschehen.«
»Warum? Aus Sorg um den König?«
»Nein, sondern wegen meiner.«
»Nun, Du brauchst doch nimmer zornig darüber zu sein, daß Du der Retter des Königs geworden bist!«
»Nein, aber darüber, daß er meine Kapellen gesehen hat.«
»Ja, Du konntest ihn nicht anders retten; Du mußtst ihn da hinein bringen. Und wann die Höhlen nicht gewesen wär, so hätt er elend versaufen müssen. Aber er hat doch wohl nicht Alls geschaut?«
»Alls! Das eben ists, was mich ärgert.«
»So bist selber schuld!«
»Ich? Meinst?«
»Ja. Hättst es ihm nicht gezeigt.«
»Hab ichs ihm denn gezeigt? Hab ichs?«
»Ja, sonst hätt ers nicht sehen können!«
»Schau, wie klug Du redst! Ja, Du bist auch Einer, der die Graserl und die Sauerampferln wachsen hört! Nix hab ich ihm gezeigt, gar nix! Ich hab ihn am Rand sitzen lassen in der Finsterniß und sogar erst noch die Geigen und die Noterln fort geschafft, bevor ich Licht angezunden hab. Aber nachher, als ich hierher schwommen bin, um zu sagen, daß er gerettet ist, hat er die Thüren mit Gewalt aufgemacht und sich in der Kapellen umgeschaut. Ich bin grad dazu gekommen, als er das Tuch von dero Leichen hinweg genommen und sie angeschaut hat.«
»Himmelsakra!«
»Ja, so ists!«
»Was hat er denn da drinnen zu suchen! Muß sogar der König seine Nasen in jeds Mauslöcherl stecken! Nun ists verrathen. Alles, Alles!«
»Nein, nichts ist verrathen.«
»Hat er Dich denn nicht gefragt?«
»Freilich. Er hat mich sogar für einen Mördern gehalten.«
»Bist auch gescheidt? Du, sein Retter, sollst auf einmal ein Mördern sein!«
»Ja freilich. Er hat glaubt, die Leich sei erst heut gestorben, weil sie so frisch ausschaut, und ich hab sie umgebracht. Nachher hat er freilich auch gemeint, sie sei im Wasser vertrunken und ich hab sie hineingerettet in die Höhlen. Er hat mich ausgefragt, und ich hab ihm gesagt, daß es meine Muttern sei und daß das Grab eingefallen ist und ich hab dabei die Höhlen entdeckt.«
»Weiter nix?«
»Gar nix.«
»Weiß er nicht, daß man auch noch anders als blos durchs Wassern in dera Höhlen gelangen kann?«
»Nein. Ich werd mich hüten, es ihm zu sagen.«
»Und daß auch ich mit gebaut hab heimlich, um die Kapellen fertig zu bringen?«
»Auch da hab ich geschwiegen.«
»Das ist recht. Aber nun hat er auch die Geigen gesehen. Nun ists verrathen, wer da des Nachts unter der Erd die Musiken macht.«
»Das weiß er nun freilich; aber er wird nix sagen. Er hat mirs versprochen. Und ob die Leichen da liegen bleiben darf, das will er sich auch noch überlegen.«
»Er mag sie nur halt lassen, wo sie ist. Was geht ihn die Zigeunerin an! Hat sich bishero kein Mensch um sie kümmert, braucht auch nun sich Niemand hinein zu mischen in dera Angelegenheiten. Er mag sich ins Bett legen und einen Fliederthee trinken oder Camillen, damit er in Schweiß kommt und nicht den Dampf und Keuchhusten kriegt auf der Brust; aber sonst mag er schweigen und uns treiben lassen, was uns gefallt. Wie stehts denn nun mit uns? Bleibst noch hier?«
»Nein. Jetzt fahrt kein Mensch mehr über. Und wann ja einer kommen sollt, so mag er rufen; ich werds doch hören. Komm mit, Sepp!«
Sie gingen in die Büsche hinein und um den Felsen herum, auf dessen Höhe sich das Grab befand, welches nun freilich die Leiche nicht mehr enthielt. Hier standen am Fuße des Felsens dichte Sträucher, unter denen sich allerlei Steingeröll angesammelt hatte.
Der Fex kauerte sich nieder und scharrte die Steine zur Seite. Unter ihnen kam ein breites Bret zum Vorschein, wie der Deckel einer Kiste. Als er auch dieses entfernt hatte, gab es dahinter eine Oeffnung, grad weit genug, daß ein Mann hinein steigen konnte.
»Jetzt schlupf eini!« sagte er zum Sepp. »Ich komm hinterher, um das Bret wiederum aufzulegen.«
Der Wurzelsepp folgte dieser Weisung. Er verschwand in dem Loche, nach ihm der Fex, welcher das Bret über sich auf die Oeffnung legte. Da es unter den Büschen einen dichten Schatten gab, konnte man trotz des Vollmondes nicht bemerken, daß hier am Erdboden eine Veränderung vorgegangen sei. Uebrigens war die Lage des Ortes eine solche, daß man mit Sicherheit darauf rechnen konnte, daß, wenigstens jetzt am Abend, Niemand den Fuß grad an diese Stelle setzen werde.
Der enge Gang war mit Stufen versehen. Er führte in die zweite Kammer und mündete an der Stelle, an welcher die Kiste stand. Vorher war das eine mit lockerer Erde gefüllte Felsenritze gewesen. Der Fex hatte diese Erde nach und nach in den Fluß geworfen und so den Gang hergestellt.
Der Wurzelsepp kannte die Gelegenheit. Unten angekommen, schob er die Kiste bei Seite und kroch in die Kammer. Der Fex folgte nach. Durch ein kleines Loch neben dem Hängschlosse greifend, konnte er dieses öffnen und also die Thür aufschieben. Dann nahm er Streichhölzer hinter dem Steine hervor, hinter welchem auch die Cigarren gesteckt hatten, und brannte die Lampe an.
Der Blick des Sepp fiel auf die Cigarren, welche auf dem Tische lagen.
»Hat er eine geraucht?« fragte er.
»Nein.«
»Das ist gut. Sie wären ihm wohl sehr bekannt vorgekommen. Darum ists halt besser, daß er sie gar nicht gekostet hat.«
Der Fex hütete sich, ihm zu sagen, daß er gegen den König geplaudert habe, und kehrte in die hintere Kammer zurück, um die Kiste wieder vor die Oeffnung zu schieben. Dabei trat der Sepp an die Leiche heran, zog das Tuch weg und betrachtete sie.
»Wirst heut wieder hier mit mir schlafen?« fragte ihn der Fex.
»Ja. Zu Zweien gehts. Aber allein, wie Du, möcht ich doch nicht hier liegen. Ich glaub, mir träumt von lauter Geistern und Gespenstern.«
»Das hat auch mir oft träumt; aber ich fürcht mich doch ja nicht.«
»Ja, dafür ists auch Deine Muttern.«
»Meinst?«
»Etwan nicht? Hast mir doch gesagt, daß sie es ist.«
Der Fex warf einen langen, langen Blick auf das Gesicht der Todten und dann einen ebenso langen auf den Sepp; dann antwortete er:
»Schau! Du hast mich oft gefragt nach den frühern Zeiten, und ich hab Dir nix gesagt, obwohl Du mein bester Freund bist. Heut, da nun auch der König meine Heimlichkeiten geschaut hat, will ichs Dir sagen, daß diese Frau nicht meine Muttern ist.«
»Nicht?« meinte der Sepp erstaunt.
»Nein, sie ist es nicht. Meine Muttern war weiß im Gesicht und hat Haare gehabt, wie ich so blond, und Augen wie der Himmel. Diese hier aber hab ich nicht anders als Südana genannt und bin mit ihr aus einer weiten Ferne herkommen. Als sie mir den Müllern zum ersten Male zeigt hat, da hat sie die Hand geballt und dabei ausgeruft: »
Je lukrul Drakului!« Und nachher, als er sie ermordet hat, hab ich sie rufen gehört »
Aschutoriu!« Dieselbige Sprachen hab ich damals auch verstanden; nun aber hab ich sie vergessen und weiß gar nimmer mehr, was diese Worten zu bedeuten haben. Wann ichs noch wüßt, so wüßt ich auch, in welchem Land ich geboren bin.«
Der Wurzelsepp starrte ihn erschrocken an.
»Was sagst!« rief er aus. »Der Müllern hat Diese da ermordet?«
»Ja.«
»Weißts genau?«
»Freilich.«
»Warum zeigsts da nicht an?«
»Weils doch nix helfen thät. Ich war ein kleiner Bub, der noch nimmer deutsch reden konnt, und meine Sprachen habens nicht verstanden. Und nachhero wärs doch zu spät gewesen. Auch hab ich nicht gleich gewußt, daß er sie getödtet hat. Es ist mir erst später so in den Sinn kommen.«
»Aber wie ists dabei zugegangen?«
»Ich bin hier unten am Wasser gesessen und die Südana oben auf dem Stein. Da auf einmal hat sie laut aufgeschreit und ich bin hinaufklettert. Als ich oben ankam, hat sie da am Boden gelegen, und der Müllern hat auf ihr kniet und ein Gesicht gemacht, so schlimm, daß ich mich vor Angst hinter dem Stein versteckt hab und nimmer hervorkommen bin. Er hat ihr die Taschen ausgesucht und sie nachher liegen lassen. Als er fort war, bin ich zu ihr hingangen und hab glaubt, sie schlaft. So bin ich bei ihr gesessen wohl mehrere Tag, bis sie uns gefunden haben; dann wurd sie eingescharrt. Erst nachhero später, als ich hab besser nachdenken konnt, ist mir der Gedank kommen, daß er sie todt gemacht hat. Das Uebrige weißt halt bereits.«
»So würd ich noch heut die Anzeigen machen.«
»Nein, das fallt mir nicht ein. Ich hab auch meine Ursach, daß ich schweig. Es wird wohl die Zeiten auch kommen, wo ich reden kann.«
»So weißt halt noch mehr, was Du mir nicht sagst?«
»Ja. Auch selbst Du brauchst jetzt noch nicht Alles zu wissen. Ich hab eine Rechnung mit dem Müllern, und bevor ich die ihm verzählen kann, muß ich noch viel aufpassen und viel erfahren.«
»Drum duldest die Behandlung, die Du bei ihm hast!«
»Ja, darum, und auch noch wegen was Anderem. Aber jetzt wollen wir die Todten todt sein lassen und lieber eine Musiken machen.«
»Ja. Du hast mir doch versprochen, mir heut was ganz Extrafeins vorzugeigen, was ich noch gar nimmer gehört hab.«
»Das kann nicht jetzt gleich sofort losgehn. Da muß ich erst vorher den Spitzbub machen.«
»Was fallt Dir ein! Wirst doch nicht etwan gar das Mausen anfangen!«
»Nein, das Mausen nicht; aber ähnlich ists dennoch. Ich werd mir nämlich die Violin und die Noten des Concertmeisters borgen.«
»Wird er sie Dir geben?«
»Ich frag ihn ja gar nicht. Ich geh in seine Stuben und hol sie mir.«
»Hör, das ist dennoch gespitzbubt!«
»Nein, denn ich trag sie ihm wieder hin, bevor es Morgen geworden ist.«
»Und wann er Dich dabei erwischt!«
»Das thut er nicht. Du wirst Wachen stehn.«
»Hör, damit laß mich aus! Da mach ich nicht mit.«
»So geh ich allein.«
»Ich bitt Dich, laß es lieber sein. Wenn Du ertappt wirst, so stecken sie Dich ins Loch, und nachhero kannst Grillen sangen und Regenwürmern fressen.«
»Das laß meine Sachen sein. Jetzt, da nimm Deine Zithern her. Wir wollen beginnen. Es ist eine sehr lange Zeiten her, daß wir nimmer zusammen gespielt haben. Heut wollen wir uns mal eine Güten thun und denken, der König ist unser Publikum.«
»Ja, aber helfen thuts Dir nix. Der liebe Herrgottle hat Dir ein Talent und ein Schenie für die Musiken geben. Du brauchst Dich gar nimmer zu plagen, da fliegts nur so hinein. Du könntst bereits die allererste Vigelinen geigen im Dorschester beim Hoftheatern, aber Du bist wie angeleimt hier an dem Fluß und an dera Mühlen. Was hilfts da, wann Du so gut spielen lernst wie zwei Virtusen zusammengenommen! Es wird doch nix aus Dir als nur der Wasserfexen! Aber ich will mich heut nicht verräsonnerirn. Nimm Deine Kolatschigeigen her! Wir wollen einistimmen.«
Der alte Wurzelhändler hatte seine Zither und seinen Rucksack vorhin vom Rücken genommen und auf den Tisch gelegt. Jetzt griff er zu der Ersteren, und nachdem die beiden Instrumente in gleiche Stimmung gebracht worden waren, begannen die wunderlichen Freunde zu musiciren
Indessen hatte Ludwig sich umgekleidet und einige Gläser heißen Glühweins getrunken. Wagner hatte ihn gebeten, das Lager zu suchen, um zu schwitzen und so einer Erkältung von vorn herein zu begegnen. Ludwig aber, auf seine kräftige Constitution vertrauend, war nicht dazu zu bringen gewesen.
Dann hatten die Beiden ihr Abendmahl gehalten, und später hatte sich der Italiener eingestellt, um mit Richard Wagner zu musiciren.
Dabei war es spät geworden. Die Töne schwiegen, und die drei Herren traten noch heraus ins Freie, um den Anblick der Vollmondlandschaft zu genießen. Diese war herrlich. Der Fluß schimmerte in seinen Windungen wie der Schleier einer Fee aus dem Dunkel des Waldesrandes heraus. Die Berge lagen da, emporstrebend wie versteinerte Strophen eines Abendgebetes. Einige leichte Wolken schwebten am Himmel hin, und ihre Schatten huschten geisterhaft über Wasser und Wiese, über Wald und Feld. Es war nicht kalt, und trotz der Nähe des Flusses lag nicht eine Spur feuchten Nebels im nächtlich feiernden Thale.
Der König schritt langsam von der Thür fort und den Abhang hinunter. Die beiden Andern folgten. Richard Wagner flüsterte dem Italiener zu:
»Er liebt diese monddurchglänzten Nächte. Wir dürfen ihn nicht stören, aber folgen wollen wir ihm doch.«
Sie schritten in respectvoller Entfernung hinter ihm her. Er ging langsam nach der Mühle und bog dann rechts nach dem Flusse ein, als ob es ihn nach dem Orte ziehe, an welchem heut sein Leben in einer so großen Gefahr geschwebt hatte.
Beinahe an der Fähre angekommen, blieb er lauschend stehen, dann wandte er sich nach links zu dem Felsen hin. Als die beiden Andern die Stelle erreichten, an welcher er stehen geblieben war, hielt auch der Concertmeister seinen Schritt an, ergriff den Arm Wagners und sagte:
»Halt! Ferma tevi! Hören Sie was?«
Wagner lauschte.
»Ja. Es ist wie Musik.«
»Es ßein Mußiken, Mußiken von die Geist, von die Geßpensten!«
»Sie scherzen!«
»Wie? Ich maken Scherz? Burla, baja, celia? Nein, ich ßpreken Ernst, ßehr Ernst, ßehr, ßehr.«
Da winkte der König. Beide eilten zu ihm. Er stand am Fuße des Felsens.
»Haben Sie schon gehört?« fragte er.
»Ja,« antwortete der Kapellmeister.
»Was meinen Sie davon?«
»Es ßein Mußiken von Geßpensten,« wiederholte der Concertmeister. »Von Geist, larva, ombra.«
»Daran glauben Sie doch selbst nicht!«
»Nicht? O, ich klauben daran, ßehr, ßehr! Ich wissen kenau, daß wahr ßein!«
»Von welchem Gespenst sprechen Sie?«
»Von eine Zikeunerin, Gitana, Zingaritta. Sie ßein da oben bekraben und ßpiel in der Nakt Violin im Krab.«
»Das ist ein Wahnglaube.«
»Nein, es ßein Wahrheit. Majestät kommen mit heraufen! Hören oben besser das Mußiken als unten abbasso!«
Er stieg an dem Felsen empor, und die beiden Andern, Ludwig und Wagner, folgten.
Rund um den Rand des Felsens standen Büsche. In der Mitte desselben aber war er frei, und da lag der Grabhügel, unter welchem, wie der König wohl wußte, jetzt keine Leiche war. Sie hörten die Töne jetzt viel deutlicher als vorher. Wagner kniete nieder und legte das Ohr an die Erde.
»Wunderbar!« sagte er dann. »Man kann die einzelnen Töne nicht unterscheiden; aber ich möchte schwören, daß wir jetzt das Stabat mater hören.«
»
Stabat mater?« meinte der Italiener. »Von welken Instrument?«
»Es klingt wie Violine; aber es ist auch eine Begleitung dabei.«
»Ja, es ßein die Violin der Zigeunergeßpenst. Aller Menschken wissen es. Auch ich wissen es ßehr, ßehr, ßehr kenau.«
Der König konnte diese Töne sehr wohl erklären. Er ahnte, daß der Fex in seiner »Capelle« Violine spiele; aber er hatte ihm Verschwiegenheit versprochen, und darum sagte er nichts. Der Italiener behauptete, daß die Töne von dem Geiste der Zigeunerin kämen. Wagner suchte nach einer natürlicheren Erklärung, konnte aber keine finden und wurde schließlich in seinen Vermuthungen durch einen Ausruf des Concertmeisters unterbrochen.
»Da, da! O Himmel, o cielo! Da kommen nok ein Geßpensten! Da, da!«
Er deutete zwischen den Büschen, welche am Rande standen, hindurch. Als Wagner und der König ihre Blicke dieser Richtung folgen ließen, gewahrten sie eine hohe, weibliche, ganz in Weiß gekleidete Gestalt, welche von der Villa her langsam näher kam und den Felsen zum Ziele zu haben schien. Ihr Gang war so eigenthümlich, daß Wagner sofort sagte:
»Eine Nachtwandlerin!«
»Eine Somnambula? Ach! Oh! Also keine Geßpenst? Eine Naktwandlerin! Das ßein interessant, ßehr interessant, ßehr, ßehr!«
Er trat ganz an den Felsenrand heran, um die Gestalt genau zu sehen.
»Ja,« sagte Wagner. »Ich habe noch niemals eine Mondsüchtige gesehen; aber ich möchte wetten, daß wir hier eine vor uns haben.«
»Es ist eine,« stimmte der König bei. »Ich kenne sie bereits.«
»Wie? Ist das möglich?«
»Ja. Jetzt sehe ich auch ihr Gesicht ganz deutlich. Sie ist es. Sie ist mir bereits einmal im Schlafwandeln begegnet.«
»Hier, Majestät?«
»Nein, anderswo. Sie hat die Eigenheit, in Reimen zu sprechen und Denen, denen sie begegnet, als Hellseherin die Zukunft zu verkünden. Ach wirklich, sie kommt herbei. Sie bleibt unten stehen und lauscht auf die Töne. Vielleicht kommt sie gar herauf. In diesem Falle ziehen wir uns so weit wie möglich zurück.«
Die Mondsüchtige schien die Töne gehört zu haben; sie war stehen geblieben. Dann stieg sie den Felsen empor, sicher, als ob sie auf ebener Erde wandle. Und doch hatte sie die Augen geschlossen. Sie war, wie damals auf der Alpe, in ein langes Nachtgewand gekleidet, dessen Weiße hell von dem dunklen Felsen und Buschwerk abstach. Sie trat zwischen den Sträuchern hindurch auf den freien Platz und schritt langsam dem Grabe zu.
Die drei Herren waren bis an den gegenseitigen Rand zurückgewichen und ließen die seltsame Erscheinung nicht aus den Augen.
Aber bald kam hinter derselben noch eine andere Gestalt zum Vorschein, nämlich – der Fex.
Dieser hatte es für an der Zeit gehalten, seinen Vorsatz auszuführen und sich nach der Wohnung des Concertmeisters zu schleichen. Er war also durch den Gang gekrochen. Als er dann einige Schritte gegangen war und sich unwillkürlich umblickte, sah er die weiße Gestalt der Nachtwandlerin am Felsen emporklimmen.
Was wollte diese Gestalt da oben? Er mußte es wissen. Weit entfernt, sich zu fürchten, folgte er ihr nach. Und als er oben leise zwischen den Büschen hindurchtrat, sah er, daß er sich mit ihr nicht allein an diesem Orte befinde. Der Mond beschien die Höhe fast tageshell, und so erkannte der Fex die drei Herren ebenso wie sie ihn. Er blieb erstaunt und erwartungsvoll stehen.
Die Musik hatte nicht aufgehört. Der Wurzelsepp spielte auf der Zither, deren Töne nur wie leise Hauche heraufklangen. Die Mondsüchtige lauschte eine lange Weile, bis die Musik aufhörte. Dann erhob sie den Kopf, als ob sie in die helle, volle Scheibe des Mondes blicke; aber die Augen waren dabei vollständig geschlossen.
»Ich muß sie prüfen,« flüsterte Wagner. »Ich will sehen, ob sie wirklich somnambul ist.«
Er trat näher und stellte sich grad vor sie hin. Sie beachtete ihn nicht. Er schien für sie gar nicht vorhanden zu sein, obwohl seine Augen kaum eine Elle von ihrem Gesicht entfernt waren.
Auch der Concertmeister kam heran. Er erhob die Hand und hielt sie ihr so nahe an das Gesicht, daß er dasselbe beinahe berührte. Auch das empfand sie nicht. Sie hielt die geschlossenen Augen noch immer gegen den Mond gerichtet.
Jetzt kam der Fex langsam herbei. Sofort schien sie den Einfluß einer magnetischen Kraft zu empfinden. Sie wendete sich ihm entgegen und winkte. Als er nahe bei ihr angekommen war und da stehen blieb, strich sie ihm mit den Spitzen der Finger über das Gesicht und die Brust und sagte dann deutlich und mit erhobener Stimme:
»Ob man Dich noch so sehr verhöhne,
Ich seh Dein Leuchten schon von fern:
Ein Meister in dein Reich der Töne,
Gehst bald Du aus als heller Stern.«
Dann ergriff sie den Fex bei der Hand, schritt mit ihm zum Grabe, blickte erst, allerdings immer mit geschlossenen Augen, zum Monde empor und sagte dann, auf das Grab deutend:
»Da unten wallt der Locken Fluth
Um ein versteinert Angesicht,
Und unter ihrer Fülle ruht
Dein Schicksal und sein Strafgericht.«
Die beiden Worte Dein und sein betonte sie ganz besonders. Bei dem Ersteren deutete sie auf den Fex, und bei dem Letzteren erhob sie den Arm und zeigte nach der Mühle.
Wagner und der Concertmeister waren beide zurückgewichen. Sie konnten sich eines Schauderns nicht erwehren. Die Scene hatte etwas wirklich Unirdisches und wirkte also auch in dieser Weise. Dadurch wurde die Gestalt des Königs, welcher hinter diesen Beiden gestanden hatte, frei. Sie schritt langsam zu ihm hin, blieb vor ihm stehen, strich ihm mit den Fingerspitzen auch über das Gesicht und die Brust und sagte dann im Tone einer Seherin:
»Das Wasser hielt Dich schon umfangen
Und wollte nicht zurück Dich geben.
Komm niemals irr zu ihm gegangen;
Es trachtet Dir nach Deinem Leben!«
Sie erhob dabei warnend ihre Hand und wendete sich dann ab, den Felsen ebenso sicher hinabsteigend, wie sie gekommen war.
»Wer mag sie sein?« fragte Wagner.
»Ich kennen ßie,« antwortete der Italiener. »Sie ßein die Tokter von Baron Stauffen, welker mit wohnen in unßerer Villa.«
»So wohnt sie in unserem Hause?«
»Ja, hehr, ßehr!«
»So werden Sie die Güte haben, mich ihrem Vater vorzustellen. Ich muß diese Dame kennen lernen. Der Somnambulismus ist noch immer ein unerklärtes Räthsel, und das Erscheinen dieser Dame hat mich wunderbar ergriffen. Ich möchte wissen, was man von ihren Weissagungen zu halten hat.«
»Sie scheinen wörtlich zu nehmen zu sein,« antwortete der König, über dessen Gesicht ein hoher, fast finsterer Ernst sich gebreitet hatte.
»Das wollen wir ja nicht wünschen,« fiel da Wagner schnell ein.
»Warum?«
»Das, was sie zu Ew. Hoheit sagte, wäre im Stande, sehr zu beunruhigen.«
»O nein. Sie warnte mich vor dem Wasser. Dieses Element ist einem Jeden gefährlich, der ihm ein allzugroßes Vertrauen schenkt. Der Inhalt dieser Prophezeiung ist also ein ganz gewöhnlicher. Aber was sie dem Fex sagte, das – ah, wo ist er?«
Der Fex war verschwunden. Er hatte es nicht für gerathen gehalten, länger hier zu bleiben. Was die Worte der Nachtwandlerin in seiner Seele für eine Wirkung hervorgebracht hatten, das konnte er nicht beschreiben. Es war ein ihm ganz und gar fremdes Gefühl. Er wollte der Mondsüchtigen folgen und sie anreden, aber als er den Fuß des Felsens erreichte, raschelte es neben ihm in den Büschen und der Wurzelsepp trat hervor.
»Du?« fragte der Fex, nicht auf das Angenehmste überrascht. »Warum bleibst nicht unten? Wolltest doch nicht mitgehen!«
»Ich bekam auf einmal eine Ängsten und Sorgen um Dich und bin herausi krochen, um zu sehn, wo Du bist.«
»Ich muß dahin, ihr nach!«
»Wer ists?«
»Die Nachtwandlerin.«
Er eilte fort, der Wurzelsepp aber ihm nach. Bereits hatte der Fex die Somnambule fast erreicht, da ereilte ihn der Sepp, hielt ihn fest und raunte ihm zu:
»Halt! Wirst stehen bleiben! Weißt nicht, daß man eine Nachtsüchtige nicht anreden darf!«
Die Hellseherin konnte diese Worte unmöglich gehört haben; aber wie vom einem geheimen Fluidum erfaßt, drehte sie sich um, deutete auf die Mühle und sagte:
»Geh hin! In diesem Augenblick
Hält in den Händen er Dein Glück.
Versäume ja nicht diese Stunde;
Das Schicksal ist mit Dir im Bunde!«
Dann drehte sie sich um und ging fort.
»Hasts gehört?« fragte der Wurzelsepp leise. »Das war ja ganz besonderbar! Wen kann sie meinen?«
»Des Müllern meint sie. Das weiß ich ganz gewiß. Komm mit! Ich muß hin.«
»Was willst bei ihm? Er schläft schon ganz gewiß!«
»Der, jetzund bereits schlafen? Was denkst! Der kommt nicht so schnell zur Ruh. Wann Alles still worden ist im Haus, nachhero bekommt er erst den richtigen Besuch, der ihn nicht schlafen läßt.«
»Besuch, des Nachts? Wer könnt das wohl sein? Er hat doch nicht etwan ein hübsch Weibsbild, mit der er im Dunkeln schamerirt?«
»Hör einmal, Sepp, wann Du mal einen Witz willst machen, so laß halt einen bessern los. Es kommt zu ihm weder ein Weibs- noch ein Mannsbild. Den Besuch, den ich mein, den bekommt er in seiner Seel, in seinem Innern, in seinem Gewissen. Da hinein schleichen sich des Nachts allerhand Geistern und Gespenstern, allerlei Gedanken und Vorwürfen, die ihn drücken und drucken und zwicken und zwacken, die ihm keine Ruh lassen und ihm den Schlaf nehmen. Da ächzt und stöhnt er; da jammert er und klagt und seufzt. Und wann er ja ein wenig eindusselt ist, so weckt ihn das Gewissen allsogleich wieder auf, und er balgt sich mit Gespenstern herum, die nur er sieht aber kein Anderer nicht.«
»So hat er freilich ein bös Gewissen.«
»Freilich! Und das ist ja auch gar nicht zu verwundern. Wenn Einer Mörder ist, so hat er die Höllen schon hier auf der Erden. Aber komm! Wie hat der Spruch gelautet, den die Nachtwandlerin sagte?«
»Ich hab ihn mir ganz genau gemerkt. Er lautete:
Geh hin! In diesem Augenblick
Hält in den Händen er Dein Glück.
Versäume ja nicht diese Stunde;
Das Schicksal ist mit Dir im Bunde!«
»Siehst, ich soll nicht saumselig sein. Mach schnell, damit wir hinkommen!«
Während dieses kurzen Wortwechsels war die Mondsüchtige in der Villa verschwunden. Die Beiden bekümmerten sich nicht um den König und seine zwei Genossen. Sie gingen nach der Mühle, bis zu den Fenstern der Stube, in welcher der Müller bei Tag und Nacht seinen Aufenthalt hatte.
Diese Fenster waren mit hölzernen Läden verschlossen, die ein bedeutendes Alter hatten. Einer derselben hatte rechts einen ziemlich bedeutenden Riß und links ein offen gewordenes Astloch. Durch Beide konnte man leicht in die Stube blicken. Der Wurzelsepp stellte sich an den Riß und der Fex an das Astloch Beide blickten hindurch in die von der Lampe erleuchtete Stube.
»Siehst was?« fragte der Sepp leise.
»Ja,« flüsterte der Fex. »Ich kann die ganze Stuben überschauen. Der Müllern sitzt gleich hier am Fenstern am Tische. Sein Kopf liegt tief unten auf der Brust. Kannst ihn auch sehen?«
»Freilich wohl! Er hat jetzt nicht sein bös Gewissen, denn er schlaft.«
»Meinst? Siehst nicht, daß er zuckt und zittert?«
»Ja, das schau ich wohl, und – –Halt! Jetzt fährt er empor und blickt sich um. Er macht ein Gesicht, als ob er einen großen Schreck erfahren hätt.«
Der Müller war aus einem unruhigen Halbschlummer emporgeschreckt. Er blickte sich angstvoll und starr um. Dabei vernahmen die Lauscher seine Worte:
»Was? Bist schon wieder da? Alle guten Geister loben ihren Meister. So! Jetzt mußt wieder fort. Wann Einer diesen Vers sagt, verschwinden die Geister. Wie? Du willst nicht gehorchen? Wart, ich werd Dir sogleich die Thüren zeigen!«
Er ergriff die neben ihm liegende Peitsche und führte einen gewaltigen Hieb aus, als wenn er Jemand, der vor ihm stehe, treffen wolle. Dann kicherte er schadenfroh:
»Bist weg? Bist fort? Ja, die Peitschen, die Peitschen, die ist der richtige Zauberstab. Jetzt hast gleich Reißaus genommen und wirst nicht so bald wiederkommen.«
Er lehnte die Peitsche wieder hin. Dann aber blieb sein Blick erschrocken in der einen Ecke haften.
»Wie?« fragte er. »Bist doch noch nicht fort? Hast Dich in die Eck gelehnt und lachst mich nun an mit Deinem Todtenkopf? Hier hast Eins, hier!«
Er ergriff die Peitsche wieder und schlug nach der Ecke, aber vergebens. Das Phantasiegebilde, welches er zu erblicken wähnte, tauchte immer von Neuem auf, bald hier, bald dort, er konnte zürnen oder bitten und schlagen wie er wollte. Da endlich sank er mit dem Kopfe in die Lehne zurück und ächzte:
»Ja, Dich kenn ich schon! Du gehst halt nicht eher, als bis ich klein zugeben und Dir gebeicht hab. Willsts heut wohl auch wieder wissen?«
Nach einer kurzen Pause, während welcher er wie auf eine Antwort gelauscht hatte, fuhr er fort:
»Ja, ich solls sagen! Nun gut, ich hab sie erwürgt. Jetzt kannst gehen!«
»Jetzt meint er die Südana!« flüsterte der Fex.
»Horch! Er redet ja weiter!«
Wirklich fuhr der Müller fort:
»Ihr Bild willst wieder sehn, der Andern ihrs? Hasts doch bereits schon tausendmal gesehen! Aber ich wills Dir doch noch mal zeigen, sonst bleibst da stehn in alle Ewigkeit.«
Er machte die geschwollenen Beine auseinander, bückte sich mühsam nieder, griff mit den Händen zwischen seinen Beinen an die vordere Seite des Sitzes seines Polsterstuhles, nestelte da ein Weilchen herum und zog dann einen Kasten heraus.
»Schau, da giebts ein verborgenes Geheimniß,« flüsterte der Wurzelsepp. »Das hätt ich nicht gedacht.«
»Ich auch nicht. Niemand hats gewußt, daß ein Kasten im Stuhl ist. Aber sei still! Wir müssen hören, was er weiter spricht.«
Der Müller hatte den Kasten nicht ganz herausziehen können, weil ihm dabei die Beine im Wege waren. Aber derselbe stand doch so weit offen, daß er hinein langen konnte. Er zog eine Photographie heraus, hielt sie empor und sagte:
»Da schau ihr Bild! Hier ists. Nun bist wohl zufrieden?«
Aber die Gestalt, welche er zu sehen meinte, schien nicht zufriedengestellt zu sein, denn er fuhr gleich fort:
»Nicht? Du schüttelst den Kopf? Was willst dann noch sehen? Etwan die Papieren oder gar mein Geld? Das bekommst nimmer zu schaun. Das ist verdientes Geld und kein geraubtes. Ja, wann ich den Schatz gefunden hätt, droben am Scheideweg, der dort vergraben ist, der hätt mir nicht gehört. Da könntst so eine Visagen machen. Geh fort, geh, sonst werf ich Dir hier die Flaschen an den Kopf!«
Er griff nach einer Branntweinflasche, welche auf dem Tisch stand. Der Duft des Getränkes schien ihn aber auf den Gedanken zu bringen, daß es besser sei, den Inhalt zu trinken als ihn einem Geiste an den Kopf zu werfen. Er setzte die Flasche an den Mund und that einen tüchtigen Zug. Dieser Schluck kräftigte ihn und seine Nerven so, daß die Gesichts-Hallucination sofort von ihm wich. Er sah keinen Geist mehr.
»Ha!« lachte er in befriedigtem Grimm. »Jetzt ist er fort, der Geist! Er hat sich vor der Flaschen gefürcht. Oder ist ers, der den Schatz bewacht, und nun hat er Angst, daß ich doch noch mal nach demselbigen suchen möcht. Da ist er gleich fort, um ihn zu behüten. Ja, den, wann ich finden könnt! Das sollen lauter Goldstuckern gewesen sein. Dieses Geld und nachher das, was ich hier im Kasten hab, da war ich grad ein Millionenreicher. Dann thät ich nach einem schönen Bad fahren, wo sie Einem die krummen Knochen wieder grad machen, und lebt nachhero wie das Herrgottle in Frankreich. Oh, ich bin müd und will nun schlafen. Wann nur der Gespensterl nicht wiederkommt!«
Er senkte das Kinn auf die Brust und schloß die Äugen.
Die Lauscher blickten noch eine kleine Weile durch das Astloch und den Ritz; dann sagte der Sepp:
»Es ist nun wohl gut. Er sagt nix mehr und wird einischlafen. Wollen wir gehn?«
»Ja, komm! Ich hab genug gehört.«
Sie verließen ihren Lauscherposten; aber bereits nach wenigen Schritten blieb der Fex stehen und sagte:
»Du, Sepp, was sagst von dem Bild?«
»Es war eine Pfotografieen.«
»Ja, das weiß ich gar wohl. Ich habs ebenso gut gesehn wie Du. Aber ich mein, wessen Bild es wohl sein mag.«
»Wohl von Der, die er ermordet hat.«
»Also von meiner Südana.«
»Das wirds sein. Wann ich mir seine Worten richtig überleg, so kanns nix Andres bedeuten.«
»Ich muß sie sehen!«
»Da hätt ich auch eine Lust dazu.«
»Und die Papiere, von denen er redete. Ich mein', daß sie für mich wichtig sind.«
»Freilich wohl. Aber wie willsts halt anfangen, daß Du sie Dir anschaun kannst?«
»Das weiß ich nicht. Er sitzt die ganze Zeiten auf dem Polsterstuhl bei Tag und bei Nacht. Er ist gar nimmer hinweg zu bringen.«
»Meinst? Hm!«
»Was brummst da in den Bart? Da helfen weder gute Worten noch die Grobheit Etwas. Er steht nicht auf von dem Stuhl.«
»Ja, die Grobheiten nicht und auch die guten Worten nicht, aber – aber – hm – –hm!«
»Weißt etwan ein Mittel?«
»Vielleicht.«
»Welches?«
»Die List.«
»Ja, die List! Aber da bin ich gleich da, wo der Strick alle wird. Zur List bin ich nimmer geboren.«
»Du nicht? Da kennst Dich selber noch nicht. Ich kenn Einen, ders vielleicht fertig brächt. Der hat bereits so viele Narrenstreich' verübt, daß er sich nur mal hinterm Ohr zu kratzen braucht, so fallt ihm gleich ein guter Gedank heraus.«
»Und wer mag das sein?«
»Das fragst auch noch? Der Sepp ists, der Wurzelsepp.«
»Du?«
»Ja. Oder meinst vielleicht, daß ich Einer von den Dummen bin, welche die Hosen nicht anders an die Beine heraufziehen können als mit der Beißzangen oder der Kneipzangen?«
»Nein, das denk ich schon nimmer. Du bist halt nicht auf den Kopf gefallen, und grad hinter Deiner Stirn krabbeln gar viele bunte Raupen herum. Das aber, was Du meinst, das ist gar sehr schwer.«
»Nun, ich werd schaun, ob es nicht leicht zu machen ist. Was hat er wohl mit dem Schatz gemeint?«
»Das ist eine große Dummheiten. Schau, die Leut hier denken, daß der Franzosenkaiser dazumal, als seine Soldateln hier durchkommen sind, eine große Kriegskassen hier vergraben hat, und die soll noch daliegen.«
»Wo?«
»Da zwischen der Mühlen und der Stadt, wo der Weg rechts abgeht nach dem Dorf.«
»Ah, da! Hm! Ob der Müllern allbereits schon mal nachgraben hat?«
»Fast scheint es so.«
»Werd mirs überlegen.«
»Was? Wegen dem Schatz? Da ists gefehlt. Das von der Kriegskassen ist nur eine Albernheiten.«
»Für uns ists keine Albernheiten. Da kannst Dich drauf verlassen. Und an was ich denk, und was ich mir überlegen will, das brauch ich Dir auch nicht grad auf die Nasen zu binden. Komm, wir wollen gehen und noch eine Musiken machen!«
»Ja, aber keine solche wie vorhin.«
»Willst doch nicht noch die Vigolinen des Concertmeisters holen?«
»Die Vigolinen und auch die Musikstucken, die er heut gezeigt hat.«
»Du, wannst erwischt wirst!«
»Da werd ich mich schon in Acht nehmen. Es geht ganz leicht. Er schlaft in der Schlafstuben und daneben liegt die Wohnstuben, wo die Geigen liegt. Da steht immer des Nachts das Fenstern auf.«
»Kannst denn hinauf?«
»Ja, ich brauch nur auf das Dingerl zu klettern, was sie die Veranda nennen; da ist gleich das Fenstern, wo ich hineinsteig. Und nachhero, wann wir fertig sind, trag ich ihm seine Sachen wieder hinauf. Da ist er noch gar nicht aufistanden und wird also gar nix merken.«
»Du hast sakrische Anlagen zu einem Spitzbubrich! Mir wird fast angst um Dich. Aber ich will Dich doch nicht allein lassen, sondern mitgehen. Wann ich nicht selber so ein Musikgokerl wär, würd ich mich halt schon sehr hüten, so eine Einbrechereien mit zu machen. Aber ich möcht auch gern hören, wie so ein Concertmeister-Instrumenten klingt. So komm also! Wir wollen schaun, ob wir die Vigolin wegkneipen können. Aber in Acht nimmst Dich! Verstehst?«
Sie schlichen sich die Anhöhe zur Villa hinan. Zum Glück stand der Mond nach der entgegengesetzten Seite des Hauses, so daß die Veranda im Schatten lag. Dort angekommen, umschlich der Fex zunächst das Haus, um sich zu vergewissern, daß kein Lauscher vorhanden sei; dann stieg er auf Sepps Schultern und schwang sich hinauf. Sepp sah, daß er im offenen Fenster verschwand.
Nach wenigen Augenblicken leuchtete ein Licht oben auf. Nach einiger Zeit verlöschte es, und der Fex kam wieder heraus auf die Veranda gestiegen.
»Fang die Vigolinen auf und die Noten!« flüsterte er von oben herab.
Der Wurzelsepp that dies und sagte dann, als der Fex leise herabgestiegen war und nun neben ihm stand:
»Was fallt Dir ein, Du Sapperlotern Du! Was hast ein Licht anzubrennen!«
»Ich muß doch Licht haben, wann ich die richtigen Noten finden will.«
»Aber Du konntst erwischt werden!«
»Nein. Die Thür zu der Schlafstuben war zu. Jetzt aber komm, daß wir uns weiter machen! Ich kanns kaum erwarten, auf dieser Geigen zu spielen.«
Sie gingen und verschwanden nach kurzer Zeit unter dem Grabe der Zigeunerin. Ein Glück für sie, daß der Italiener gleich nach seiner Heimkunft schlafen gegangen war.
Wenn jetzt nun Jemand in die Nähe des Grabfelsens gekommen wäre, so hätte er noch ganz andere Töne und Weisen gehört als Diejenigen, denen vorhin der König mit Wagner und dem Konzertmeister gelauscht hatten. Später, als der Mond untergegangen war und der Morgen bald graute, schlichen sich die beiden Freunde wieder zur Villa, um die Violine zurück zu bringen. – –

Viertes Capitel  Schalksstreiche

Es war schon spät am andern Morgen, da kam der Wurzelsepp langsam auf die Mühle zugegangen. Er trat in den für Gäste bestimmten Vorgarten und setzte sich wie gestern an einen der Tische.
Eine Magd war beschäftigt, Unkraut zu jäten. Sie war eine übergroße, breitschulterige Gestalt. Wenn sie zur Zeit des preußischen Soldatenkönigs gelebt hätte und von diesem gesehen worden wäre, so hätte dieser sich ganz gewiß sofort ihrer bemächtigt, um sie einem seiner Riesengardisten zur Frau zu geben.
Ihre Züge waren grob wie ihre ganze Gestalt und ihre Bewegungen eckig und massig. Sie hatte den Alten kommen sehen, nahm sich aber nicht die Mühe, zu grüßen. Ihr Character erlaubte ihr selbst diese einfache Höflichkeit nicht.
»Nun, Käthe,« sagte er, »siehst mich nicht?«
Sie antwortete nicht, und so fuhr er fort:
»Ja, ich glaubs gar wohl, so eine gar Schöne und Jugendliche wie Du mag so einen alten Knaxer, wie ich bin, gar nicht anschaun. Könntst Dich sonst an mir vergaffen und dann bald auch so einen Schnurrbarten bekommen, wie ich einen hab.«
Da fuhr sie aus ihrer gebückten Stellung schnell empor. Er hatte sie bei ihrer verwundbarsten Seite angegriffen, denn die schöne Käthe besaß bereits einen ganz respectablen Haarwuchs unter der Nase. Ihr Gesicht glühte vor Zorn, als sie sich nun hören ließ:
»Was sagst? Was meinst? Einen Schnurrwichsen hätt ich im Gesicht?«
»Nein, das hab ich nicht gesagt; ich hab nur gemeint, daß Du Dir an mir einen verschaun könntst.«
»Das versteh ich halt schon, wiests meinst! So ein alter Gansrichbraten, der gar nimmer weich wird, sollt sich um sein selig End kümmern, aber nicht um andre Leut! Dich kenn ich auch schon gut! Du bist wie der Ameis, der auch gleich beißt, wo er hinkommt. Für uns Beid', für Dich und mich, wärs auch am Besten, wann Eins davon vom Teuxel geholt würd; da käm ich allerwegen gleich in den Himmeln.«
»Ja, Du! Dich, wann Du dann ein Engelein wärst, möcht ich singen und trompeten hören. Das möcht auch klingen grad wie ein Dudelsacken, wann in demselbigen die Ratten ihre Jungen futtern. Warum kannst denn nicht fein höflich grüßen, wann ein Gast kommt, der ein Geldel hier verzehren will?«
»Du? Ein Gast, der eine Zechen machen will? Du wärst auch der Richtige dazu! Du kaufst Dir für zwei Pfennige ein Bier und nachhero für drei Pfennige ein feins Mittagsessen; aber warm muß es sein, und drei Gänge muß es haben oder gar vier. Wann Du Dich auf den Kopf stellst und die Bein' gen Himmel streckst, so fallt Dir kein Groschen aus der Taschen. So ists, und nun weißts!«
»Himmelsakra, hast Du eine Schneid und ein Maulwerk! Ich will Dich grad nicht beschrein, aber wann die Russen kommen und die Franzosen, so kannst ganz allein das Deutschland retten. Brauchst blos Dein Plappermaul in Gang zu setzen, so reißen die Kossaken aus und die Zuaven und Turkiko's bis hinauf ins Sibirium hinein. Jetzt aber nun wisch Dir die kleinen Patscherln ab und geh hinein. Ich brauch ein Bier und ein Käs mit Brod. Aber gutes Maaß, verstehst, sonst heirath ich Dich hier auf der Stell'.«
Seine Antworten hatten etwas Lustiges an sich, so daß sie nicht wohl noch gröber werden konnte. Darum wischte sie sich, wie er scherzhaft gesagt hatte, ihre großen Dragonerhände an der Schürze ab und fragte in milderem Tone:
»Hast dann auch Geld?«
»Mehr als Du!«
»Zeigs her!«
»Hier ists! Davon kann ich fragen: Was kost't die Welt und auch die Thalmühlen dazu mit sammt der Käth!«
Er griff in die Tasche und warf eine Anzahl Pfennige und Zweipfennigstücke auf den Tisch.
»Damit willst die Welt kaufen?« meinte sie. »Na, mit dera Million lockst auch kein Hund aus der Hütt. Aber für ein Bier mit Käs und Brod wirds wohl ausreichen. Ich werds holen.«
Sie schickte sich an, in das Haus zu gehen. In diesem Augenblicke trat Paula, die Müllerstochter, aus der Thür. Sie hatte einen belegten Teller in der Hand. Sie sah rosig aus wie ein junger Sommermorgen. Als sie den Alten erblickte, erglänzte ihr liebliches Gesichtchen vor Freude, und sie rief ihm bereits von Weitem zu:
»Wurzelsepp, Du bist hier? Das ist ja recht lieb und gut von Dir! Sei auch willkommen bei uns!«
»Willkommen Du auch, Herzensdirndl,« lachte er fröhlich. »Das klingt allbereits doch ganz anders als vorhin bei der Käth, die mir ein Gesicht gemacht hat wie ein Scheffel voll verfaulte Zwieberln!«
»Ist sie ungut mit Dir gewesen?«
»Na, ich will nicht über sie klagen, sonst bekomm ich von ihr den richtigen Buckel voll Prügeln. Da steht sie noch, anstatt daß sie mir bringt, was ich begehrt hab. Was hast denn da auf dem Tellern? Ah, ein Butterbemmen mit Rauchwursten! Das laß ich mir gefallen! Und was für eine Portionen! Hast schon einen solchen Hunger in der Fruh?«
»Ich nicht.«
»Wer denn sonst?«
»Der Fex.«
»So! Ihm willsts hintragen?«
»Ja. Es ist sein Fruhstucken.«
Da trat schnell die Magd herbei.
»Was! Dem Fex willsts hinschaffen?« fragte sie.
»Ja.«
»Hast nicht gehört, daß er nix bekommen soll!«
»Er kann doch nicht hungern?«
»O, er soll hungern; der Müllern hats befohlen.«
»Das hat der Vatern nicht so schlimm gemeint.«
»Wie ers gemeint hat, das geht mich nix an. Der Fex, der Faullenzer und Lodrian, soll nix bekommen, und ich darf nicht dulden, daß Du es ihm giebst. Her damit! Ich werds Deinem Vatern erzählen!«
Sie riß ihr den Teller aus der Hand und eilte mit demselben in die Mühle.
»Was fallt Dieser ein!« meinte Paula ganz erstaunt. »Wer hat hier zu befehlen, sie etwan?«
»Ja,« antwortete der Wurzelsepp. »Die Käth ist eine zuwidere Personen. Ich kann sie nimmer leiden. Wann ich sie schau, so ists mir immer, als ob ich ein Seekalb vor Augen hätt!«
»Jetzt werd ich ihr nachlaufen und ihr den Marsch blasen, wie sie ihn noch nimmer gehört hat!«
Zornig drehte Paula sich um und folgte der Magd in die Wohnstube, aus welcher bald die laute, scheltende Stimme des Müllers zu hören war. Sie kehrte nicht wieder zurück. An ihrer Stelle kam die Magd, um dem Sepp das Bestellte zu bringen.
»Nein, so eine Ungehorsamkeiten!« sagte sie. »Jetzt will sogar die Tochtern dem Vatern nicht mehr gehorchen. Ich, wann ich das dem meinigen gemacht hätt!«
»Was hätt der da gethan?«
»Er hätt mir ein Ohrwatschen geben, das mir der Verstand stehen blieben wär.«
»Ach so! Bei Dir steht er nicht?«
»Wie meinst das?«
»Er lauft davon? Nun, dann wär so ein Ohrwatschen ja recht gut für Dich.«
»Hör Sepp, fang nicht etwan wieder an, mit mir zu beginnen! Ich hab keine Lust, mich mit Dir zu ärgern. Man hat so schon genug Grimmigkeiten und Zürnewuth. Der Fex hats verdient, daß ihm die Seel vor Hunger schreit.«
»Womit denn?«
»Das fragst auch noch? Scham Dich, Alter, daßt noch so dumm bist. Ich, wanns auf mich ankommt, geb ihm kein Stuckerl Brod mehr in das Maul.«
»Und Deine junge Herrin zeigst bei ihrem Vatern an! Das ist ja recht schön von Dir!«
»Das soll die Herrin sein? Die kaum erst aus dem Ei krochen ist? Das kann mich gefreun!«
»Na, was hat der Müllern gesagt?«
»Gelobt hat er mich, daß ich seine Befehle so achten und ehren thu.«
»Ja, Du bist die Lieblingsperson in der Mühlen und auch im ganzen Ort. Aber der Fex wird trotzdem heut nicht hungern.«
Er packte das Brod und den Käse in seinen Rucksack.
»Wie meinst das? Willst ihm das wohl hintragen?«
»Ja.«
»Das darfst nicht!«
»Wer wills mir wehren?«
»Ich«
»Du? Ja, Du bist die richtige Personen dazu! Vor Dir hab ich so einen Respect, daß ich vor Hochverachtung schier ganz krumm und bucklig werd.«
»Ich werds dem Müllern sagen!«
»Meinst, daß der mirs auch verbietet?«
»Ja, das mein' ich halt.«
»Ich glaubs nicht.«
Während er das sagte, glitt ein pfiffiger Zug um seinen Mund. Sie antwortete schnell:
»Ich will Dirs sogleich beweisen!«
Sie eilte fort, zum Müller.
Sepp blickte ihr lächelnd nach und brummte vor sich hin:
»Jetzt hab ich sie gefangt. Jetzt will sie mir zuwider sein und thut doch grad das, was ich gewollt hab. O, das Weibsvolk, was ist das doch so schwach und albern gegen uns Männern! Da braucht man nur blos mit dem Fingern zu schnippsen, so laufens gleich dorthin, wo man sie haben will. Wär diese dumme Käthchen nicht gewesen, so hätt ich gar nicht gewußt, wie ich meine Sach bei dem Müllern anbringen sollt.«
Nun erschien die Magd wieder unter der Thür. Sie winkte dem Sepp und rief ihm zu:
»Sollst sogleich hereinkommen zum Müllern und Deine Reproschen und Auszahlung empfangen!«
Er stand von seinem Sitze auf und brummte, indem er diesem Gebote Folge leistete, vergnügt in den Bart:
»Vor dieser Reproschen fürcht ich mich schon nicht. Aber Du dumme Käth sollst eine Auszahlung erhalten von meiner Statt; dafür werd ich sorgen. Warte nur!«
Als er bei dem Müller eintrat, saß dieser auf seinem gewöhnlichen Platz.
»Grüß Gott, Thalmüller!« grüßte er.
Der grimmige Mann antwortete ihm nicht, sondern blickte ihm zornig entgegen und fuchtelte mit der Peitsche in der Luft herum. Der Wurzelsepp that, als ob er dies gar nicht bemerke. Er setzte sich auf den nächsten Stuhl, legte die Beine bequem über einander, zog den Rucksack und die Zither nach vorn, daß er sich gut anlehnen konnte, und fragte:
»Du hast mich rufen lassen. Was willst Du von mir?«
»Was ich will? Ausschelten will ich Dich.«
»Mich? Was bist doch heute für ein Spaßvogel!«
»Oho! Ich scherze gar nicht, sondern ich meins ganz im Ernst. Was hast mit dem Fex?«
»Mit Dem? Gar nix.«
»Warum willst ihm da Dein Brod hintragen?«
»Weil er Hunger hat.«
»Den soll er haben!«
»Verduseli! Den soll er haben? Warum denn?«
»Weil er nimmer gehorcht!«
»Ach so! Das hab ich nicht gewußt«
»Also schau! Wirst ihm das Brod auch nun noch geben?«
»Nein. Wann er so ein Zuwiderwurzen ist, so ists ihm ganz recht, wann sein Magen Fasttag hat.«
»Das ist gescheidt von Dir. Wann Du anders gesprochen hättst, so wär Dirs schlecht ergangen.«
»Wieso wohl?«
»Nun, ich hätt Dir die Peitschen um den Kopf gepfiffen, daß Du hättst gedacht, der Hund und die Katz fressen aus einer Schüssel!«
»Das hättens auch than, die Beiden!« sagte der Sepp mit allem Nachdruck.
»Was willst damit meinen?«
»So wärst Du der Hund gewesen und ich die Katzen. Hätt ich die Peitsch schmecken müssen, so hättst Du sie auch bekommen. Das ist doch nachher aus einer und derselbigen Schüsseln gefressen.«
Die Augen des Müllers blitzten auf.
»Du hättst mich gehauen? Was?«
»Ja, und zwar tüchtig und kuraschirt!«
»So hätt ich Dich dafür umgebracht!«
»Du mich?« Er lachte laut auf. »Du armes Wurmerl! Du kannst nimmer von Deinem Stuhl hinweg und willst mich umbringen! Eh Du die Hand aufhebst bin ich ja bereits schon zur Thüren hinaus, oder ich hab Dich angefaßt und werf Dich in der Stub herum, daß Du in lauter Stucken ausnander fliegst, die Beine dahin und der Kopf dort hin!«
»Du, das sagst mir nicht noch mal!«
»Warum etwan nicht?«
»Weil ich das nicht dulden werd!«
»Nicht? Meinst etwan, daßt gescheidter bist als ich?«
»Hundert mal mehr.«
»So! Das gefreut mich sehr! Aber da kennst mich schlecht. Wann Du gescheidt bist, nachhero giebts eben gar keinen Dummen mehr in der Welt. Dich halt ich zum Narren und fuhr Dich an der Nasen herum, ohne daßt nur ein kleins Ahnungerl davon hast!«
Der Müller erhob die Peitsche.
»Laß Deine Peitschen in Ruh! Schau, hier hab ich den Bergstock in der Hand. Ein Hieb mit Deiner Peitschen, und ich schlag Dir den Stock auf den Kopf, daß Du meinen sollst, alle Glocken im bayrischen Land läuten zur Kirchweih! Verstanden! Oder meinst, weil Du reicher biß? Pah! In kurzer Zeit bis ich tausendmal reicher als Du.«
Das Gesicht des Müllers war vor Zorn dunkelroth geworden. Nur mühsam stieß er hervor:
»Du? Reicher als ich? So ein Haderlump wie Du? Da möcht ich auch wissen, woher Dus nehmen wolltst!«
Der Wurzelsepp stellte sich auch sehr erbost. Er that, als ob er nur im Grimme das Geständniß mache:
»Woher? Daher, wo Du freilich kein Garnix bekommst! Vom Schatzheben nehm ichs her!«
Das Gesicht des Müllers veränderte sich sofort. Er horchte auf, sah den Sepp erstaunt an und fragte:
»Vom Schatzheben?«
»Ja.«
»Ists wahr?«
»Freilich – aber Himmelsakra, jetzt hab ich mich versprochen! Jetzt ists mir herausgefahren! Nein, das wollt ich nimmer sagen! Ich hab halt nur Spaß gemacht.«
»Spaß? Das ist nicht wahr.«
»Freilich ists wahr!« Und in sehr eindringlichem Tone fügte er hinzu: »Das vom Schatz darfst wirklich nicht glauben, Thalmüller!«
»Oho! Meinst etwan, daßt mich jetzt betrügen willst? Nein, an der Nasen laß ich mich schon nicht herum führen, wannts auch vorhin gesagt hast. Ich habs Dir ganz genau und accuratemang angesehen, daß es Dein Ernst gewesen ist. Gesteh nur!«
»Und ich sag, daß Du Dich irrst.«
»Nein und tausendmal nein! Und wann Du es nicht gestehen willst, so werd ich Dich einen Lügner nennen, so lang Du lebst. Verstanden!«
»Nun, ein Lügner ist der Wurzelsepp all sein Lebtag nimmer nicht gewesen. Das weißt ja.«
»So lüg auch jetzund nicht! Willsts gestehen?«
»Es ist ja nur ein Traum!«
»Sakkerment! Ein Traum! Das ists ja eben, worauf es ankommt! Hast von einem Schatz geträumt?«
»Ja.«
»Wann?«
»In letzter Nacht.«
»Wo er liegt?«
»Ja, eben das.«
»Nun, so sag mir, wo er liegt!«
Der Sepp blickte dem Müller mit größtem Erstaunen in das Gesicht und antwortete dann:
»Das soll ich Dir sagen? Das?«
»Freilich!«
»Was fallt Dir ein! So dumm bin ich nicht.«
»Liegt er etwan hier in der Nähe?«
Er blickte den Alten mit wirklich ängstlicher Spannung an. Dieser aber meinte kopfschüttelnd:
»Nein, sehr weit von hier. Es ist drüben gegen die österreichische Grenz hinüber.«
Da lichtete sich das besorgte Gesicht des Müllers schnell wieder auf.
»Da drüben? Ach so! Hast den Ort denn wirklich ganz deutlich geträumt?«
»So deutlich, daß ich ihn des Nachts finden kann. Ich kenn ihn schon bereits seit langer Zeit.«
»Wird Dich aber doch nix nützen.«
»Warum?«
»Weil Du den Schatz nicht heben kannst.«
»O Jerum! Da bist schief gewickelt!«
»Weißt dann nicht, daß ein jeder Schatz auch von Geistern bewacht wird?«
»Das weiß ich sehr wohl, besser als Du.«
»Aber diese Geister muß man bannen!«
»Auch das weiß ich.«
»Wie willst das anfangen?«
»Das ist meine Sach,« antwortete der Sepp im zuversichtlichen Tone, indem er mit den Augen blinzelte.
»Du! Willst etwan klüger thun, als Du bist?«
»Nein, gar nicht. Vor denjenigen Geistern aber brauch ich mich nimmer zu fürchten.«
»So kannst sie bannen?«
»Was gehts Dich an!«
»Nix, aber ich verinteressir mich für solche Sachen.«
»So glaubst auch an Geister?«
»Ei wohl.«
»Und an den Teufel?«
»Grad ebenso.«
»So wärst eigentlich ganz der richtige Mann für so Etwas. Ich hab mir lange, lange Zeit gewunschen, daß es mir einmal von einem Schatz träumen sollt. Wie man ihn leicht heraus bekommt, das hab ich allbereits schon seit ewig langer Zeit gewußt; aber wo einer liegt, das hab ich nimmer erfahren können. Nun endlich hat mirs in verwichener Nacht ganz deutlich träumt, und jetzt weiß ich gewiß, daß ich ein reicher Mann sein werd.«
Der Müller hatte ihm die Worte förmlich von den Lippen hinweg gelesen. Er beugte seinen Kopf so weit wie möglich vor und fragte in größter Spannung:
»Also Du weißt, wie man einen Schatz heraus bekommt? Du weißt es richtig und wirklich?«
»Ja.«
»Woher?«
»Das ist meine Sachen aber nicht die Deinige.«
»Geh! Thu doch nicht so verschweigheimlich damit! Mir kannsts schon sagen.«
»Dir? Du bist grad der Letzte, dem ichs sagen möcht!«
»Warum?«
»Hast mich nicht eben erst prügeln wollen?«
»Das war nur ein Gespaß von mir.«
»Ach so! Du spaßest Dich mit der Peitschen?«
»Ja. Ein Jeder hat seine eigne Art und Weisen. Auch will ich ja nicht Alles genau wissen, sondern nur, wie Du es erfahren hast.«
»Wanns nur das ist, so kann ich Dirs schon sagen. Schau, als ich da drüben im Oesterreichischen war, um meine Wurzerln zu verkaufen, hab ich einmal in einem Kloster übernachtet. Da ist die Thürschwellen verfault gewesen in der Zellen, in welcher ich geschlafen hab, und da hat Etwas darunter herausgeschaut, grad wie etwas Geschriebenes.«
»Was wars?«
»Wart doch nur! Ich habs unter der Schwellen hervorgezogen, und da ists ein Heft gewesen, von Pergamenten, mit allerlei Kreisen, Kreuzen und anderen Figuren und mit einer Schrift in einer ganz fremden Sprachen.«
»Du kannst ja nicht lesen!«
»Ich kann unsere Sprachen nicht lesen, diese fremde abers erst recht nicht.«
»So hat Dich dieses Pergamenterl doch auch gar nimmer nix nützen können?«
»Meinst? Schau, jetzt kommts heraus, daß ich dennerst gescheidter bin und klüger als Du. Sag mir doch, was hättst mit dem Hefterl gethan?«
»Ich hätts freilich heimlich mitgenommen.«
»Das hab ich natürlich auch than. Aberst nachher?«
»Nachher hätt ichs von Einem lesen lassen.«
»Von wem?«
»Von einem gelehrt Studirten.«
»Ja, aber der hätts für sich gelesen und Dir gar nicht zurückgegeben.«
»Da wär er freilich schön ankommen bei mir!«
»Was hättst dagegen thun wollen?«
»Ihn anzeigen.«
»So hätt das Gericht gefragt, woher Du das Pergamenterl hast. Verstanden! Und weil kein gar Niemand so eins haben darf, wärst gar noch bestraft worden mit Gefängniß und Karzer.«
»Nun, was hast dann Du da gemacht?«
»Weißt, bei mir gings sehr gut. Ich hab eine alte Muhm. Der ihr Vettern mütterlicher Seits hat mal bei einer Familie Gevattern gestanden, wovon dero jüngste Sohn nachher geheirathet hat. Dem seine Tochter hat einen Bauern zum Mann genommen, dem seine Bas' einen Liebsten hat, dessen Bruderssohn ein beinahe Studirter ist. Er ist noch nicht ganz fertig, aber er kennt die Sprachen, in der man mit den Geistern reden thut.«
»Sakra! Demselbigen hasts zeigt?«
»Ja.«
»Das ist freilich etwas Andres. So ein naher Verwandter wird Einen nimmer verrathen. Was für eine Sprachen ists dann gewest?«
»Die Schleswig-Holsteinsche.«
»Alle Wettern! Die hat er verstanden?«
»Sehr gut. Und nachher hat er mir das ganze Pergamenterl ins Deutsche übersetzt.«
»Aber dann hasts dennerst noch nicht lesen können!«
»Das braucht ich nicht. Nachhero bin ich heimkommen und hab mirs von meinem Nachbarsbuben so lange vorlesen lassen, bis ichs auswendig konnt hab. Schau, so muß mans machen.«
»Ja, Du bist nun fast ein gar sehr Gescheidter. Aber was hat auf dem Pergamenterl gestanden?«
»Fast möcht ich Dirs gar nimmer sagen.«
»Geh! Warum nicht? Ich bin doch Dein guter Freund! Das weißt schon längst. Komm her, und trink mal mit mir! Da steht die Flaschen.«
Er gab ihm die Schnapsflasche hin und sagte, als der Sepp einen tüchtigen Zug gethan hatte, in möglichst gewinnendem und herzlichem Tone:
»Was zwischen uns gesprochen wird, das erfährt kein Anderer nicht. Da drauf kannst Dich schon verlassen! Also sags: Was hat drauf gestanden?»
»Der dreifache Höllenzwang.«
»Alle guten Geister – – –!«
»Ja!« nickte der Alte wichtig.
»Was ist denn das?«
»Nun, man kann die Geister auf dreierlei Art zwingen, nämlich auf einerlei Art, auf zweierlei Art und auf dreierlei Art. Verstanden?«
»Ja.«
»Und deshalb heißts der dreifache Zwang. Und weil diese Geister meist zur Winterszeit, wann es kalt ist, in der heißen Höllen wohnen, wo man sie damit herauszwingen thut, so heißts der dreifache Höllenzwang.«
»Ists so! Ja, nun kann ichs begreifen. Aber ob sie sich auch wirklich zwingen lassen?«
»Warum nicht? Sie müssen ja! Schau, so ein Pergamenterl ist wie ein Wechselpapier. Wanns kommt, so mußt zahlen, sonst wirst ausgepfändt. Nicht?«
»Ja.«
»Und wann ich das Pergamenterl hab, so müssen die Geister gehorchen, sonst – sonst holt sie der Teufel.«
»Sappermentl! Da haben die's doch auch sehr streng!«
»Das kannst Dir denken. Warum sollts denn in der Höllen hübscher sein als bei uns?«
»Hast Recht! Du hast überhangt eine ganz besondere Arten und Weisen, es Einem zu erklären.«
»Das liegt daran, daß mein Vatern, als ich auf die Welt kommen bin, gemeint hat, daß ich einmal Schulmeister werden sollt. Seit demselbigen Tag hab ich an Weisheit und Verstand immer weiter zugenommen, könnt aberst doch kein Schulmeister werden, weil ichs so gar sehr auf die Wurzelsucherei abgesehen gehabt hab. Ein Jeder machts eben nach dem seinigen Gusto.«
»Hast nicht Unrecht. Wurzeln werden auch gebraucht. Aber wie ists nun eigentlich mit dem Pergamenterl? Wie fangt mans an, um die Geistern zu bannen?«
»Zuerst muß man sich in Acht nehmen, daß es stets am richtigen Tag geschieht.«
»Welcher ist das?«
»Immer der zweite Tag nach dem Vollmond.«
»Sakra! Das war ja morgen!«
»Ja, grad morgen ist so ein Tag.«
»Und was hat man an demselbigen zu thun?«
»Weißt, das ist sehr verschieden. Das richtet sich ganz nach dem Ort, wo er liegt, und auch nach noch anderen Dingen. Aber auf alle Fälle muß man einen Geist haben, um den Schatz empor zu bringen. Den muß man rufen.«
»Kommt er nachhero?«
»Ganz gern.«
»Wie ist der Ruf?«
»Das soll ich Dir etwas sagen und verrathen?«
»Warum nicht?«
»Hast etwan auch einen Schatz?«
»O nein.«
»So brauchsts auch nicht zu wissen.«
»Aber aus Wißbegierde. Ich thu Dir auch schon bald einmal einen andern Gefallen!«
»Das ist schon gut. Aber – –na, wann ich Dir auch diesen einen Vers sag, so weißt doch die andern nicht. Aber er ist schwer zu merken.«
»Ich merks mir schon.«
»Vorher muß man einen Erbschlüssel haben.«
»Davon hab ich bereits auch gehört. Was ist das aber für ein Schlüssel, ein Erbschlüssel?«
»Nun, einer, den Du geerbt hast und nicht gekauft.«
»Da hab ich mehrere.«
»Schau, wann Du dieselbigen mal gebrauchen könntst! Ich hab nur einen einzigen.«
»Was thut man damit?«
»Das kann ich nicht verrathen.«
»Aber der Vers?«
»Der lautet:
»Ambos, Hexos, Hippopodamos.
Nun ist auch gleich der Teufel los.«
»Das kann man sich schon merken. Aber warte dennerst ein Wenig. Ich werds mir aufschreiben.«
»Warum?«
»Ums zu merken.«
»Du willst doch nicht einen Geist bannen!«
»Nein, aber ich hab Dir bereits gesagt, daß ich mich grad für diese Sachen gar sehr verinteressir.«
Er nahm eine Schiefertafel vom Tisch, ließ sich die zwei Zeilen nochmals sagen und schrieb dieselben mit schwerer Hand auf die Tafel.
»So!« sagte er. »Also wann man dies sagt, so kommt der Geist.«
»Auf der Stellen.«
»Wie schaut er aus? Wohl fürchterlich?«
»Gar nicht. Es kann sogar vorkommen, daß man ihn gar nicht zu sehen bekommt, nämlich wann man sich das Gesicht verdecken muß. Es kommt eben ganz auf den Ort an, an welchem der Schatz vergraben liegt, und auch auf den, der ihn vergraben hat.«
»Nun, wanns nun eine Kriegskassen wär?«
»O, die läßt sich sehr leicht heraufheben.«
»Warum?«
»Weils eigentlich keine bestimmte Person geben hat, der diese Kassen gehört hat. Ich, wann ich so eine wüßt, die müßt in einer Dreiviertelstunden heraus. Und dabei thät ich gar nach spazieren fahrn.«
»Da machst wohl nur blos Spaß?«
»O nein. Es ist mein richtiger Ernst. Aber die andere Person muß auch zuverlässig sein und muthig dazu.«
»Welche Andre?«
»Das Weibsbild, welches man dazu braucht.«
»So macht mans nicht allein?«
»Nein. Zwei müssens sein, ein Mannsen und ein Weibsen, sonst gehts halt nicht. Man muß sich das größte und stärkste Weibsbild heraussuchen, welches man im Haus besitzt.«
»Das war bei mir die Käth.«
»Ja, die ist stark genug.«
»Was hätt sie da zu machen?«
»Das ist auch wieder unbestimmt. Auf diese Frag und auf noch gar viele andre kann man keine Antwort geben, wann man nicht weiß, um was sichs handelt. Und weil Du keinen Schatz zu heben hast, so ists ganz unnütz, davon zu reden. Ich hab heut mehr zu thun. Ich muß jetzt in die Stadt hinein.«
Er stand von seinem Stuhle auf. Das war dem Müller höchst unangenehm, denn dieser hätte den Alten doch gar zu gern vollends ausgefragt. Er war fast überzeugt, daß der Sepp es verstehe, Geister zu citiren, und doch wollte er ihm nicht mittheilen, daß er einen Schatz liegen wisse. Es kam nun jetzt darauf an, sich zu vergewissern, daß der Alte baldigst wiederkomme. Darum fragte der Müller:
»Bleibst noch lange hier?«
»Bis ich meine Wurzeln verkauft hab.«
»So gehst doch heut noch nicht?«
»Nein.«
»Und wo wohnst?«
»Bald hier und bald da.«
»Könntst doch bei mir schlafen!«
»Dank sehr schön! Das will ich nicht verriskirn.«
»Warum nicht?«
»Weils bei Dir die Peitschen setzt, aber nix zu essen.«
»Das ist doch nur beim Fex.«
»Wann auch. Ich geh lieber.«
»Aber so kommst doch heut mal wieder?«
»Weiß es nicht.«
»Oder morgen?«
»Ja.«
»In der Früh?«
»Warum da?«
»Weil ich da vielleicht was mit Dir zu reden hab.«
»Schön! So werd ich kommen. Behüt Dich Gott.«
»Behüt!«
Der Sepp ging. Draußen legte er den kleinen Betrag seiner Zeche auf den Tisch und wandte sich nachher der Stadt entgegen. Zum Fex brauchte er nicht zu gehen. Daß er diesem sein Brod hatte hintragen wollen, war nur ein Vorwand gewesen. Er hatte mit ihm bereits in der Nacht genug gegessen.
Während er nun langsam dahinwanderte, nickte er lachend vor sich hin. Er war sehr befriedigt.
»Der Hecht hat angebissen!« brummte er. »Aber der Vergleich ist alleweil ein falscher. Dieser Thalmüllern ist kein Hecht, sondern ein so dummes und albern Mondkalb, wie ich noch keins nicht troffen hab. Ich weiß freilich noch gar nicht, was ich mit ihm anfangen werd, aber der richtige Gedank wird mir schon noch kommen. Ihn will ich ärgern und diese saubere Magd auch. Und wann ich nachhero diesen Hallodri, den Fingerlfranz, auch noch mit dazubekommen könnt, so hätt ich eine Freuden, die ich gar nicht für hundert Gulden verkaufen thät. Aber schau, was ich gesagt hab! Wann man den Teufel nur an die Mauern malen thut, so ist er auch schon schnell da!«
Er sagte das, weil ihm Derjenige, dessen Namen er soeben genannt hatte, jetzt entgegenkam – der Fingerlfranz.
Dieser schob seine riesige Figur langsam des Wegs daher. Er ging gesenkten Hauptes und sein Gesicht hatte einen außerordentlich finsteren Ausdruck.
»Grüß Gott auch!« grüßte der Sepp freundlich.
Der Riese blickte ihn unmuthig an und antwortete:
»Halts Maul!«
Damit wollte er vorübergehen, schien sich aber auf Etwas zu besinnen, denn er blieb stehen und fragte:
»Wo hast übernachtet?«
»Warum?«
»Weil ichs wissen will!«
»Darum also? Nun, darum erfährsts eben nicht.«
»Wann ich Etwas frag, will ich auch eine Antworten haben. Verstehst mich oder nicht?«
»Meine Antworten hast.«
»Aber ich bin nicht mit ihr zufrieden!«
»Desto mehr ich. Mir gefallt sie ganz gut.«
»Du bist ein Grobsack! Und wannt nicht so alt wärst, so haut ich Dir Eine ums Ohr.«
»Da könnts Dir gehn wie gestern auch!«
»Wieso? Was meinst?« brauste der Franz auf.
»Das mit dem Fex.«
»So weißts auch bereits?«
»Alle wissens.«
»So hol der Satan die Waschweibern, die solche Sach gleich überall herumtragen. Aber es ist nix Wahres dran. Nicht wahr, man hat Dir weiß gemacht, daß der Fex mich besiegt hätt?«
»Man hats so erzählt.«
»Das ist eine Lügen. Ich hab nach ihm geschlagen, und weil er geflohen ist, so hab ich den Baum troffen und mir den Arm aus den Gelenk geprellt. Der Badern hat gemeint, er sei zerbrochen, der Esel; aber als ich nachher zum Stadtdoctorn kommen bin, hat der ein Wengerl am Arm zogen und ihn gleich wieder in's Gelenk geruckt. Also mit dem Fexen brauchst nicht zu prahlen. Den schlag ich bald in Grund und Boden hinein. Und daß ich Dich fragt hab nach dem Nachtquartier, das hat seine Ursach auch.«
»So sag doch, welche?«
»Es ist heut in der Nacht ein Dieb bei uns gewesen.«
»Und da fragst mich nach meinem Quartier?«
»Ja doch.«
»Denkst etwan, daß ich der Dieb gewesen bin?«
»Nein, obgleich ich Dir auch nicht grad lauter Nobels zutrau, denn ein Herumstreicher und Landläufer bist doch auch. Aber ich hab gemeint, wo Du in der Nacht bleibst, da bleiben auch noch Andre Deines Schlags, und so Einer muß der Dieb gewesen sein. Da könntst vielleicht ein Wörtle gehört haben, was mich auf den Thäter zu bringen vermag.«
»So, so! Also helfen soll ich Dir?«
»Wannt kannst, ja.«
»Und dabei beleidigst mich bei jedem Wort? Was hat man Dir denn gemaust?«
»Eine Sauen, ein fast fettes Schwein.«
»So, so! Eine fette Sauen! Der Spitzdieb ist kein dummer Kerl gewest. Ein Schwein giebt halt Schinken, Würst und Speck und Schmalz. Der Kerl hat einen guten Geschmack. Ich könnt ihn fast beneiden; aber kennen thu ich ihn nicht, und eine Spur von ihm kann ich auch nicht vermuthen. Behüts Gott!«
Er wendete sich um, blieb aber bereits nach drei Schritten stehen. Es kam ihm eine plötzliche Idee, unter der seine alten Augen lustig aufleuchteten.
»Fingerlfranz! Halt noch mal!«
»Was willst noch?« fragte der Franz, welcher sich nun ebenso zurückwendete.
»Einen guten Rath kann ich Dir doch geben.«
»Nun?«
»Weißt bereits, daß man Spitzbuben fest machen kann?«
»Ja. Wer der meinige ist bereits fort.«
»Er muß wieder zuruck.«
»Das wird er sich hüten!«
»Er muß, sage ich.«
»Wer könnt dies fertig bringen?«
»Zu wem gehst jetzt?«
»Zum Thalmüllern.«
»So frag ihn. Er weiß Einen, der solche Sachen machen kann. Und wann Du nachher die Grobheiten drinnen behältst und ein höflich Wort sagst, so ist der Mann Dir vielleicht behilflich. Deine Sauen wieder zu bekommen und den Dieb zu fangen. Ueberleg Dir die Sachen. Vielleicht sehn wir uns bald wieder.«
Er ging nach der Stadt, und der Franz schlenderte langsam nach der Mühle. Die Worte des Alten hatten ihm zu denken gegeben.
Dieser Letztere hatte keineswegs Handelsgeschäfte in der Stadt. Er hatte seine Wurzeln bereits gestern verkauft und hätte nun leicht seinen Wanderstab weitersetzen können. Aber er gehörte nicht zu den rastlosen Geldverdienern. Er betrieb sein Geschäft in aller Gemütlichkeit und pflegte, wenn er demselben obgelegen hatte, auch seinen Freunden einige Zeit zu widmen.
Hier an dem Badeorte hielt ihn nun eine ganz besondere Herzensangelegenheit fest. Er hatte bei seiner letzten Anwesenheit in München seine Pathe Leni besucht und von ihr erfahren, daß sie hier nächsten Sonnabend im Concerte auftreten werde. Natürlich mußte er sie da hören. Er war der Erste, welcher das Recht hatte, sich an ihrem Triumphe zu erfreuen, und so war er gleich direct nach hier geeilt, hatte seine Wurzeln verkauft und blieb nun ganz selbstverständlich bis nach dem Concerte hier.
Zu thun hatte er nichts, und so ging er spazieren. Während des ganzen Tages kam ihm die Schatzhebergeschichte nicht aus dem Kopfe und wiederholt ertappte er sich bei dem wohlthuenden Gedanken:
»Und den Fingerlfranz, den Schurkian, bring ich auch mit hinein, damit er sich mit dem Müllern verfeindet, und nachhero bekommt er die Paula nicht, die ich für den Fex aufheben werd.«
Er hütete sich wohl, in die Mühle zu gehen, obgleich er wußte, daß der Müller ihn nun mit Ungeduld erwartete. Am Abende, als es dunkel war, suchte er den Fex auf. Die Beiden musicirten miteinander und holten sogar die Geige und die Noten des Concertmeisters wieder. Da es gestern geglückt war, so hatte der Alte heut weniger dagegen einzuwenden, und als dann der verachtete junge Mann im Innern seiner »Kapellen« die schwierigen Passagen nur so herunterstrich, fühlte sich der Alte glücklicher als ein König.
Erst am nächsten Morgen spazierte er wieder nach der Mühle. Die große Magd war ebenso wie gestern im Garten beschäftigt; aber sie empfing ihn heut ganz anders. Kaum hatte sie ihn erblickt, so rief sie ihm bereits von Weitem zu:
»Kommst endlich mal wieder! Warum machst Dich jetzt plötzlich so rar, Sepp?«
»Weil ich weiß, daßt mich doch nicht magst.«
»Ja, wannt etwas jünger wärst!«
»Und hübscher wohl auch?«
»Ja freilich.«
»Na, das halt ich nun nicht grad für nothwendig. Zu Deinem Erbsengesicht thät ich schon noch ganz gut passen. Meinst nicht auch?«
»Willst mich schon wieder ärgern?«
»Nein. Weißt, Erbsen sind halt mein Lieblingsgericht. Also kannst hören, daß ich Dich für hübsch halt.«
»Du bleibst der Gespötter alle Zeit. Geh nur nun schnell hinein!«
»Zu wem?«
»Zum Müllern.«
»Schnell auch noch! Was ists mit ihm? Liegt er in den letzten Zügen und will mir die Mühlen veruniversalerbvermachen?«
»Nein. Er hat mit Dir zu reden.«
»Ich mit ihm nicht.«
»Auch der Fingerlfranz war gestern dreimal da nach Dir. Er hat Dich auch in der Stadt gesucht.«
»Schau, was für ein Wichtigkeitler ich geworden bin! Wer hätt das noch gestern denken mögen, wo Du mich beim Müllern anzeigt hast! Wie aber steht es mit dem Fex? Hungert er noch immer?«
»Er erhält so lange nix zu essen, wie der Müllern es bestimmt hat. Davon beißt keine Maus keinen Faden ab.«
»Ja, der Müllern ist der richtige Kurakter. Was der sich mal vorgenommen hat, dabei muß es auch bleiben. Ich will doch schaun, weshalb er so begierig nach mir verlangt. Kannst mir indessen ein Bier und ein Käs und Brod zurecht machen.«
»Das brauchts nicht.«
»Warum nicht? Ich hab Hungern.«
»Wirst Alles drin finden beim Herrn.«
»Das ist mir noch lieber. Darum will ich springen, daß ich hinein komm.«
Er ging nach der Wohnstube. Sein Schnurrbart zuckte verrätherisch, und ein siegreiches Schmunzeln legte sich über sein altes, ehrliches, gutes Gesicht.
»Wenn der Geizhals mir das Frühstucken bereitet hat,« dachte er, »so ist das ein Zeichen, daß ich schon jetzt gewonnen hab. Ja, an mir ist halt ein großer Diplomaterich verloren gegangen. Ewig Schade drum!«
Er klopfte höflich an.
»Herein!« hörte er die ungeduldige Stimme des Müllers.
Als dieser ihn erblickte, legte er die Peitsche, welche er in der Hand gehalten hatte, eiligst fort und sagte:
»Endlich, endlich!«
»Grad wie aufm Bilderbogen.«
»Was?«
»Da ist ein Bild mit Schulbuben, die mit einem Geisbock kämpfen, und darunter steht:
Endlich ist der Sieg errungen
Und der Ziegenbock bezwungen.«
»Du bist und bleibst doch ein aller Spaßvogerl, und Du wirst in Deinem Leben auch nicht änderst!«
»Nein, nun nicht mehr. Aber, grüß Dich Gott!«
»Dich auch! Gieb die Hand!«
Das war das erste Mal, daß der Müller dem armen Wurzelhändler die Hand geboten hatte. Sepp that, als ob sich das ganz von selbst verstehe. Er drückte sie ihm in jovialer, brüderlicher Weise und sagte dabei:
»Siehst heut recht wohl aus und bist lebendig. Das kann mich gefreun. Vielleicht stehst bald auf von dem Stuhl, sonst wachst er Dir noch hinten an.«
»Ja, das wird möglich sein. Aber sag, warum kommst so spät heut?«
»Es ist nicht später als gestern.«
»Und warum kamst nicht gestern noch mal?«
»Ich hatt hier nix zu suchen.«
»Aber der Franz hat Dich gesucht.«
»Der mags bleiben lassen. Ich hab mit ihm gar nix zu schaffen.«
»Warum?«
»Weil er mich einen Herumtreiber und einen Landstreicher geschumpfen hat.«
»Das meint er nicht so. Weißt, er ist von kräftger Art, grad so wie ich, und da kommt manchersmal ein Wörtle anders heraus, als es gesollt hat. Er hält gar viele Stucken auf Dich.«
»Sappermentsky! Davon hab ich noch gar nicht das allerkleinste Ahnungerl gehabt!«
»Kannsts glauben. Er wird Dich gut zahlen.«
»Wofür? Er ist mir gar nix schuldig.«
»Ich mein, von wegen der Sauen.«
»Er hat mir niemals keine abkauft. Ich hab kein Geldl von ihm zu fordern.«
»So thu doch nur nicht, als obst mich nimmer verstehen thätst. Ich mein das Schweinerl, was ihm gestohlen worden ist.«
»Ach so! Davon hat er gestern gesprochen.«
»Du willst sie ihm wiedern verschaffen?«
»Ich?«
»Ja. Und den Spitzbuben dazu.«
»Wer hat das gesagt?«
»Du doch selber!«
»Ist mir nimmer eingefallen.«
»Er hats aberst ja gesagt!«
»Er? Dieser Lügner.«
»Hast Du ihn nicht zu mir geschickt?«
»Ja, das hab ich freilich than.«
»Und er soll mich fragen von wegen der Persönlichkeiten, die einen Spitzbuben festmachen kann?«
»Ja, das hab ich ihm freilich gerathen. Hast ihm dann auch einen guten Rath geben?«
»Freilich! Den besten, den es geben kann. Ich hab ihm gesagt, daß Du derjenige Geisterbeschwörer bist.«
»Da hast zuviel gesagt.«
»Nein, ich weiß, daß Dus bist.«
»Aber ich hab nur mit Dir davon reden wolln. Was hast dem Franz davon zu sagen?«
»Warum hast ihn zu mir her gesandt!«
»Um ihn los zu werden?«
»So willst ihm nicht helfen?«
»Nein.«
»Aber er läßt Dich gar sehr schön bitten, zu ihm zu kommen. Er läßt Dir sagen, wo Du ihn finden kannst.«
»Wo?«
»Beim Scat-Matthes, vor dem Mittagsessen und nachhero wieder von vier Uhr an.«
»Er mag warten. Ich hab meine Kunst nicht gelernt, um gestohlenen Sauen nachzulaufen.«
»Aber um Schätze zu heben?«
»Schätze? Ich brauch nur den Einen, von dem mir gestern träumt hat.«
»Nur diesen einen?«
»Nur ihn.«
»Und wann ich nun noch einen wüßt?«
»Der geht mich nix an.«
»So würdst ihn mir lassen?«
»Gern. Hol ihn nur?«
»Ja, das kannst gut sagen. Ich kann doch den Geist nicht bannen. Wie soll ich da den Schatz holen?«
»Das ist freilich schlimm.«
»Kannst mir nicht helfen?«
»Nein.«
»Warum aber nicht?«
»Bist etwan Du so schnell mit Deinen Gefälligkeiten?«
»Dir, ja Dir thät ich doch Alles zu Lieb!«
»Das seh ich jetzunder. Steh ich doch bereits eine ganze Halberstunden hier und hast noch nicht mal gesagt, daß ich mich niedersetzen soll. Nennst das Gefälligkeiten?«
»Himmelsakra! Das hab ich ganz vergessen. Da setz Dich nur schnell nieder!«
Sepp wollte auf dem Stuhle Platz nehmen, worauf er gestern auch gesessen hatte.
»Nein,« rief der Müller. »Nicht dorthin. Setz Dich zu mir her an den Tisch. Ich bin eben beim Fruhstuck. Kannst mir helfen.«
»So bei Zeiten schon!«
»Warum nicht! Hier hast Schinken, selber geschlacht't und geräuchert. Auch eine Servellatenwursten und eine Kalbsfußsülzen mit weißen Semmeln. Da hast auch einen Sempfen, und Paprumkapfeffern. Die Buttern steht hier und der Käs dorten. Und wannt eine Bratwursten auch noch willst und einen Eierkuchen, so darffts wohl nur sagen.«
Sepp setzte sich an den Tisch, griff zum Messer und antwortete schmunzelnd:
»Ja, das kannst noch machen lassen: Eine gebratene Wursteln und einen Eierkuchen mit Rabunzerln dazu in Essig und Oelen. Nachher auch eine Gänselebern und einen halben Kapaunen. Und wann das einmal gemacht wird, nachher geht auch noch ein Karpfen und ein geräucherter Lachsen mit darein. Sags nur der Magd. Sie mag sich sputen!«
Der Müller zog ein eigenthümliches Gesicht. Er hatte nicht erwartet, daß der Sepp auf eine solche Höflichkeit in dieser Weise eingehen werde.
»Aber das kannst ja nicht Alles essen!« meinte er.
»Nicht? O, das eß ich Alles.«
»So bist ein solcher Nimmersatt und Vielfraß worden in letzter Zeit?«
»Ja,« antwortete Sepp einfach.
»Aber einen Karpfen hab ich nicht da!«
»So fangt Ihr einen.«
»Und einen Lachsen giebts halt gar nicht.«
»So nehm ich dafür eine hübsche Keulen von einem Kalb, oder giebst mir da den Schinken mit.«
»Was! Mitgeben auch?«
»Was sonst? Meinst, daß ich Alles auf einmal auffressen werd, was Du mir da geschenkt hast und was ich mir noch bestellt hab?«
»Ach so! Das willst Alles mitnehmen?«
»Ja. Es kommt hier hinein in den Rucksack.«
»So! Hör mal, das nimm mir nicht übel! Du sollst fruhstucken, aber nicht einstecken.«
»Ach so! Mir auch recht. So werd ich mich also nun da ins Zeug legen!«
Er schnitt sich gehörig ab, so daß es dem Müller bange werden wollte.
»Was machst für Augen?« fragte der Sepp lachend. »Wie müßtst thun, wann der Fex sein Essen bekäm!«
»Ja, so viel bekommt der nimmer, wie Du Dir da vorschneidst. Da hätt der vier Tage dran.«
»Meinst? Nun, freuen mußt Dich doch drüber. Das Geben ist selger als das Nehmen. Nicht?«
»Ja, und Dir geb ichs auch gern. Aber wann Du ein so gewaltig Stuck Schinken in's Maul steckst, so wirst nicht reden können!«
»Das will ich auch nicht. Jetzt eß ich!«
»Himmel und Höll! Und jetzt schiebst gar einen ganzen Ziegenkäser hinein! Theil doch die Gottesgab besser ein. Wann man Brod daliegen hat, so frißt man doch nicht nur Schinken und Käs!«
»Brod hab ich immer! Verstehst? Hast nicht auch eine saure Gurken oder den eingelegten Bohnensallat? Das thät gut hierzu passen.«
»Damit kommst mir nicht noch auch! Du hast hier genug. Wann Du was Saures willst, so stell Dir mir vor, wie sauer es Einem wird, so einen fetten Schinkel zu mästen, den Du da verschlingst, wie ein Haifischen. Wann man nur wenigstens dabei mit Dir reden könnt.«
Der Sepp hatte die Backe so voll, daß der Müller kaum die Antwort verstehen konnte:
»Ich red doch immer!«
»Ja, aber wie! Ich wollt Dich wegen dem Schatz fragen. Hörst mich?«
»Ja, hören thu ichs schon.«
»Nun, was sagst dazu?«
»Daß der Schinken ein Wengerl zu scharf pöckelt ist. Ein andermal mußt ihn drei oder vier Tag eher aus dem Faß nehmen.«
»Red ich denn etwan vom Schinken?«
»Nein, sondern ich.«
»So horch auf mich und denk nicht immer auf den Gefraß! Du meinst also, daß Du mir den Schatz lassen thätst?«
»Ich wollt schon gern; aber ich glaub halt nicht, daß viel darum übrig bleiben thut.«
»Warum soll nix übrig bleiben?«
Sepp schluckte einen riesigen, erst halb zerkauten Bissen hinab, steckte einen noch größeren hinein und antwortete nun mit größter Mühe:
»Weil er mir schmeckt.«
»Schmeckt? Der Schatz?«
»Unsinn! Der Schinken.«
»Donnerwetter! Red ich denn etwas vom Schinken?«
»Nein, aber ich!«
»Das hast nicht nöthig. Ich seh schon allbereits, daß man in zwei Minuten gar nimmer mehr von dem Schinken reden kann, und er war neun und drei Viertelpfund schwer!«
»Schad nix, Müller; die wieg ich nachher mehr!«
»Das glaub ich schon. Aber das Pfund kost' jetzt fast zwölf Groschen.«
»In zwanzig Jahren wirds Pfund drei Marterln kosten; drum wolln wir uns itzunder dazuhalten. Brauchst nicht zu weinen. Es schmeck mir schon gut, und Schaden thu ich mir nicht. Wenn mein Magen ein bravs Essen wittert, so dehnt er sich vor Vergnügen aus, daß er dreimal größer wird als der meinige Rucksack.«
»Du lieber Himmel, bin ich mit dem Fresser gestraft! Aber dafür muß er mir auch sagen, wie mau die Geistern citirt. Nicht wahr?«
»Ja, ich sags Dir.«
»Nun, wie fangt man es an?«
»Grad so, wie ichs jetzt mach. Nachher wirds leer.«
Er nahm die große, volle Senfbüchse in die linke und den Hornlöffel in die rechte Hand und begann zu essen.
»Wer redet denn vom Sempfen!« raisonnirte der zornige Müller.
»Du nicht, aber ich.«
»Ja, Du hast – – – O Jerum jeh! Jetzt frißt er mir gar den Sempfen mit dem Löffel gleich aus der Büchsen! Bist gescheidt!«
»Bin ich etwan dumm, wann ich ess', was mir schmeckt?«
»Aber dieser Mostrichtsempfen beißt Dir doch den Magen entzwei!«
»Das fallt ihm gar nicht ein! Der thut meinem Magen so wohl wie der Fischthran meinen Schuhen, wann sie ihn aller fünf Jahr mal zu schmecken kriegen. Jetzt haben sie ihn lange Zeit nicht gesehen; drum flimmern sie so roth wie die Morgenröthen, wann sie am Schönsten ist. Schau!«
Er streckte ihm die Füße hin.
»Laß mich aus mit Deinen Beinen! Bist fertig?«
»Ja. Schau.«
Er hielt ihm die leere Senfbüchse hin, steckte den letzten Löffel voll des scharfen Zeugs in den Mund und legte dann Beides fort. Dann nieste er einmal, aber so gewaltig, daß die Mühle zu zittern schien. Das war die einzige Wirkung des Senfes.
»Prost!« knurrte der Müller.
»Gott behüts!«
»Ja, er mags behüten,« meinte der Müller mit einem Blicke auf die noch übrigen Eßwaaren.
Der Sepp aber wischte sich die Nase mit dem Aermel ab, griff wieder zum Messer und riß sich ein pfundschweres Stück Schinken ab.
»Immer noch mal!« rief der Müller.
»Ja freilich! Vorhin war er mir fast ein Wengerl zu fett, darum hab ich den Sempfen zu Hilf genommen. Nun gehts wieder von Neuem. Müllern, Du glaubst halt gar nicht, was so ein Sempfen für einen Appetiten macht. Merk Dir das!«
»Gott steh mir bei! Jetzund hat er mehr Hunger noch als am Anfang!«
»So ists auch wirklich. Kannst Dich gefreuen! Es ist immer eine Ehr und ein Vergnügen, wanns den Leuterln bei Einem schmecken thut.«
»So meinst, daß dies wirklich schmeckt?«
Er machte dabei ein Gesicht, als ob er den Sepp verschlingen wolle. Dieser aber antwortete treuherzig:
»Na, und ob! Kannst's immer glauben! Ich thät Dirs wahrhaftig nicht sagen, wanns nicht wahr wäre.«
»Brauchsts auch gar nicht zu sagen. Ich sehs ja!«
»So, das gefreut mich sehr. Schau, da hast nun blos noch den Knochen. Wann Du ihn zerhackst, so findest noch viel Marks darinnen; das kochst aus, und es giebt eine famose Suppen.«
»Soll ich sie Dir etwan aufheben?«
»Nein. Sie hält sich nicht so lange. Lieber greif ich nun jetzt zur Sülzen. Das ist ein Leibgericht von mir. Weißt, sauer macht lustig.«
»Aber es verdirbt die Zähne!«
»Die meinigen nicht. Darauf kannst Dich schon verlassen. Ich werd sie Dir nachhero zeigen, ob Du einen Fehlern daran erblickst, wenn ich mit dero Sülzen fertig worden bin.«
»Fertig? Willst sie etwan auffressen?«
»Etwan nicht?« fragte der Sepp erstaunt.
»Eine so große Schüsseln voll!«
»Das thut nix, und das macht nix; das schad't auch nix, denn ich kenn mich und ich kenn auch die Sülzen. Die sieht groß und viel aus, aber im Magen da schwind't sie zusammen wie Schnee an der Sonne. Oder meinst etwan, daß ich Dir ein kleines Resterl übrig lassen soll? Ich hab dacht, daßt mir wohl nicht nachessen wirst.«
Während dieser Erklärung hatte er aber bereits gleich mit dem großen Löffel zu essen begonnen.
»Nein, nachessen werd ich Dir freilich nicht,« zürnte der Müller, »denn das geht nicht.«
»Ja, dazu bist viel zu vornehm.«
»O, das mein ich nicht.«
»Was sonst?«
»Ich kann Dir nicht nachessen; das ist unmöglich, weil Du alles vorher aufgefressen hast.«
»Ja, diese Ehr will ich Dir anthun. Du sollst sagen können, daß es denen Leuteln bei Dir schmecken thut.«
»Obs aber auch wohl bekommt?«
»Warum solls nicht?«
»Ich weiß es nicht. Aber treib Dich nur nachher nicht noch lange in der Nähe meiner Mühlen umher! Wann dies Frühessen bei Dir zum Ausbruch kommt, nachhero kanns gefährlich sein!«
»Gar nicht. Kannsts ruhig mit abwarten. Wannt dabei stehst, nachhero wirsts glauben. Ich bin ein guter und gesetzlicher Kerl, und Alles was ich thu und mach, das geht in der richtigen Ordnung von statten. Schau, da ist die Sülzen verschwunden. Nun hast nur noch die Zerverlatenwursten. Weißt, die macht keine Arbeiten nicht. Wir können nun mit nander reden. Dabei werde ich sie so basteltant hinunterknabbern.«
»Basteltant! Eine Wursten von einem Pfund und einem halben! Das nennt er knabbern!«
»Ja, wann ich nicht blos knabbern sondern richtig essen soll, so mußt eben mehr herbeischaffen.«
»Himmelsakra! Willst vielleicht das ganze Sauerkrautfaß auf den Tisch haben!«
»Nein, so ungenüglich bin ich nicht. Ich weiß auch, was sich schickt und gehört und halte mich gern bescheiden zurück, wann ich bei Jemand essen thu Aber so einen Topf voll davon kochen, und einen hübschen Theil Schweinsknochen dazu, da thät ich noch mit. Könntsts vielleicht nachhero zum Mittag machen lassen.«
»Da wolltst schon wieder essen?«
»Schon? Was bist nur für ein gespaßiger Schöpf? Zu Mittag muß man doch essen!«
»Na, so nimm mirs nicht übel! Wann Du Deinen Schatz hebst, so wird er bald verschwunden sein. Du hast ihn in vierzehn Tagen aufgefressen.«
»Er hält länger an. Er ist groß genug dazu.«
»Größer wie der meinige nicht.«
»So! Also hast doch einen?«
»Freilich. Eine Kriegskassen.
»So! Wo?«
»Unter einem Kreuzwegen.«
»Hm! Und den willst heben?«
»Ja. Ich denk, daß Du mir sagen wirst, was ich zu thun haben werd.«
»Hab keine große Lust dazu.«
»Nicht? Hör mal, Sepp! Erst hast gefressen wie ein Scheunendrescher, jetzt bist sogar bereits auch mit der Zerverlatenwursten schon fertig, und nun willst mir nicht mal den Gefallen thun! Du bist mir ein schöner Kerl! Du kannst mir gestohlen werden!«
Sepp strich sich mit den beiden Händen behaglich über den Bauch und antwortete:
»Fahr nur nicht gleich so oben hinaus! Ich meins nicht schlecht mit Dir. Aber ich denk, es nutzt Dir nix, wann ich Dir auch Alles sag.«
»Wann?«
»Weil Du es nicht ordentlich machst.«
»Ich bin doch kein Kind! Ists so sehr schwer?«
»Nein, sehr leicht; aber wann nur ein einziger Buchstab falsch gesagt wird, so ists aus!«
»Und nachher ists wohl gar gefährlich?«
»Bei einer Kriegskassen nicht. Bei einem andern Schatz aber kanns Einem an den Kragen gehen.«
»So brauch ich also gar keine Angst zu haben?«
»Gar keine. Das kannst mir glauben.«
»Nun also, so sag mir, was ich thun soll!«
»Sag mir vorher: Hast bereits dort nachgegraben?«
»Ja, zweimal.«
»Und was gefunden?«
»Gar nix.«
»So liegt er nicht dort sondern wo anders.«
»Sapperment! Dann find ich ihn doch nicht!«
»Ja freilich. Du thätst ihn nimmer finden, wann ich nicht wär. Das ist schon ganz richtig.«
»Du kannsts also?«
»Ja. Aber freilich folgen mußt.«
»Sehr gern.«
»Dann nun, wie ist's aber? Du kannst doch nicht von Deinem Stuhl hier fort!«
»Freilich laufen kann ich nicht.«
»Das ist schlimm. Kannst fahren?«
»Mit Pferden?«
»Bist Du doch dumm! Kannst mit Pferden einen Schatz heben? Hast das schon gehört?«
»Nein.«
»Also! Aber auf einem Karren kannst Dich fahren lassen, auf einem Schubkarren, auf einem Schiebebock oder einer Radewelle, he?«
»Das geht vielleicht.«
»Nun, so brauchst eben das stärkste und größte Weibsen dazu, wie ich Dir bereits gesagt hab.«
»Die Käth ists.«
»Wird sie mitthun?«
»Gewiß.«
»Und sich nicht fürchten?«
»O, die ist kuraschirt wie ein Fleischernhund.«
»Das hab ich gemerkt. Aber es darf weiter kein Mensch etwas davon wissen!«
»Ich werd mich hüten, es auszuplaudern.«
»Schön! Kannsts auch so machen wie eine Sau, wann sie grunzt?«
»Das ist doch leicht. Warum aber das?«
»Weißt, weil die bösen Geistern damals in die Schweine gefahren sind, so muß man auch grunzen, um ihnen wohl zu gefallen.«
»Sonderbar! Sie haben also doch auch ihre Mukken und ihren eigenen Geschmack.«
»Ja; weißt Du nun Alles? Soll ich Dir noch sagen, was Du weiter zu thun hast?«
»Ich brenn ja drauf, es zu erfahren.«
»So versprichst mir vorher, nie nicht keinen Menschen dasselbige zu lehren. Wo ein Schatz ist, da wolln wir ihn selber heben und ihn nicht andern Leuteln überlassen.«
»Ich versprech es Dir.«
»Gut! So paß nun auf! Nimm auch die Schiefertafeln her, um Dir die Sprüch nieder zu schreiben, die Du auswendig zu lernen hast!«
Der Müller nahm die Tafel auf die Beine und den Stift in die Hand. So wartete er voller Spannung auf die Instruction des Alten. Dieser begann:
»Punkt zwölf schickst die Käth hinaus auf den Weg, wo Du schon gegraben hast. Du giebst ihr einen Erbschlüssel mit. Den legt sie mitten auf den Weg und sagt dabei die Worte, die Du Dir schon aufschrieben hast:
»Famos! Heros! Hippopodamos!
Nun ist auch gleich der Teufel los!«
»Ist er denn auch wirklich gleich los?«
»Ja, aber sie merkt nix davon.«
»So thut es ihr nix?«
»Gar nix. Es ist so, als ob sie am hellen Tag hingangen war. Wann sie den Vers sagt hat, geht sie wieder heim, darf aber dabei kein Wort reden.«
»Das will ich ihr schon beibringen.«
»Nachher machst Dir das Gesicht schwarz mit Ruß und auch die Händ'.«
»O weh! Warum?«
»Weil der Schwarze den Schatz bewacht, der Teufel. Wer den Schatz haben will, muß auch schwarz sein, aber nur blos im Gesicht und an den Händen. Die Gestalt muß weiß sein.«
»Wie mach ich das?«
»Du darfst nur die Unterhosen und das Hemden anhaben. Verstanden?«
»O Jerum! Da erfrier ich!«
»Sei doch nicht dumm! Es ist gesagt was Du anziehen sollst, aber nicht, wie viel Du anziehen sollst. Wanns Dich friert, so zieh meinswegen zehn oder zwanzig Hemden und Unterhosen an.«
»Das geht. Aber die Füß?«
»Weiße Strümpfen.«
»Und die Käth?«
»Muß auch so schwarz und weiß sein wie Du. Aber sie kann alle Arten Kleidungsstückerln anziehen, wanns nur weiß sind. Nun aber kommt die Hauptsachen. Wanns Mitternacht geschlagen hat in der Stadt, grad eine Viertelstunden nachher muß sie wieder nach der Stell gehen, wo sie den Schlüsseln hingelegt hat. Liegt er noch dort, so wird aus der Sachen nix; ist er aber weg, so bekommst Du den Schatz. Wann dies der Fall ist, da wird ein Schiebkarren dort stehen; den holt sie zu Dir hierher. Du steigst darauf und sie bindet Dich an, daß Du nicht herunterfällst. Nachher deckt sie ein dunkles Tuch über Dich und fährt Dich hin an die Stell, wo der Karren gestanden hat. Dabei darf kein Wort gesprochen werden.«
»Später auch nicht?«
»Wart nur, was ich Dir noch sagen werd. Punkt halb Eins wird der Geist kommen.«
»Brrrr!«
»Brauchst Dich nicht zu fürchten. Er thut Dir gar nix. Er wird kein Wort sagen als nur das eine einzige: ›Komm!‹ Da geht er voran, und die Käth fährt Dich immer hinter ihm her.«
»Wohin?«
»Dahin, wo der Schatz vergraben liegt.«
»Ists wahr?«
»Natürlich. Aber von dem Augenblick an, wo er kommt, sagt, mußt Du grunzen wie eine Sau, damit er Wohlgefallen an Dir hat. Thust Du das nicht, so ists gefehlt und er dreht Dir, wann er grad bei schlechter Laune ist, das Gesicht auf den Rücken.«
»Na, so soll er mich grunzen hören. Grunzt die Käth auch?«
»Nein, sie darf keinen Laut von sich geben, keinen Hustrich und auch keinen Niesrich.«
»So darf sie nicht vorher einen Napf voll Sempfen auffressen.«
»Du, werd mir nicht anzüglich! Wann Du sticheln willst, so kann ich gehen.«
Er stand vom Stuhle auf. Der Müller ergriff ihn am Arm und sagte:
»Halt! So wars nicht gemeint. Es fuhr mir nur so raus. Hast aber denn gar keine Ahnung, wohin er uns führen wird?«
»Das kann ich nicht wissen; aber weit kanns nicht sein, denn Punkt Eins muß die ganze Geschichten zu End gegangen sein.«
»Da hab ich auch den Schatz?«
»Freilich!«
»Muß ich nicht graben?«
»Was denkst! Ein Geist braucht keine Hacken und Schaufel. Wann er will, so winkt er mit dera Hand, und der Schatz kommt empor. Nur aber muß die Käth ganz fest sein. Sie darf sich ja nicht irr machen lassen. Der Geist stellt Einem auf die Prob. Er machts Einem vor, als obs in die Stadt hinein geh, in die Kirchen oder auf den Markt oder gar ins Wirthshaus. Aber das ist Alls nur Spieglung in den Lüfterln. Es scheint auch so, als ob Einem Leuteln begegneten, die auf Einem einreden. Aber auch das ist nicht wahr. Wann Ihr da antwortet oder stehen bleibt, so ists grad ab und alle mit Euch. Aber wann Ihr Eure Sachen richtig macht, nachher steht der ganze Schatz gleich neben dem Karren.«
Der Müller hatte die Hände gefaltet, und seine Augen blickten mit glühender Begierde starr vor sich hin, als ob er den Schatz bereits erblicke. Seine Brust arbeitete. Er holte tief Athem und sagte:
»Sepp, bist Du Deiner Sache wirklich so gewiß?«
»Ganz und gar, wann Ihr nämlich keinen Fehler begeht.«
»Wir werden keinen machen!«
»So mußt Du aber die Worte richtig in Acht nehmen, welche Du auswendig zu lernen hast.«
»Wie lauten sie?«
»Auch mußt Du sie zur ganz gehörigen Zeit sagen. Wann der Geist der Käth gebietet, den Karren stehen zu lassen, da, wo der Schatz ist, wird er einen Reim sagen. Darauf antwortest sogleich:
»Fitzsiputzli, Auerhahn!
Seht nur mal den Tolpatsch an!«
»Wird ers aber nicht übel nehmen?«
»Er ist ja gar nicht gemeint, sondern der, welcher den Schatz in die Erden gegraben hat.«
»Ach so!«
»Also schreibs genau auf.«
Er dictirte die Worte langsam, so daß sie von dem Müller aufgeschrieben wurden. Dann fuhr er fort:
»Wannst diesen Vers gesagt hast, wird der Geist wieder einen sagen. Darauf antwortest sogleich:
»Krikli krakli, wumdi bum!
Dieser Kerl ist doch zu dumm!«
»Aber der Geist ist doch nicht etwan damit gemeint?«
»Nein. Schreibs auf.«
Dies geschah, und sodann lautete die weitere Instruction aus dem Munde des lustigen Wurzelsepp:
»Jetzt sagt er wieder einen Vers und nimmt das Tuch fort, welches die Käth über Dich ausgebreitet hat. Das ist nun die letzte aber auch die schwerste Proben für Dich. Wann Du auch sie noch bestehst, so hast gewonnen. Er mag Dir vorgaukeln, was er will, so glaubs nur nicht. Vielleicht scheints, als ob gar auch noch andre Leuteln mit dabei seien; aber das ist lauter Lug und Trug. Kurzum, Du magst sehen, was es sei, so antwortest auf seinen dritten Vers so:
»Holler koller, dran und drauf!
Sperrt nun mal die Augen auf!«
»Wer soll sie aufsperren?«
»Du und die Käth, weil nun der Schatz vor Euch steht. Hasts verstanden?«
»Ja.«
»So schreibs auf! Und wann es ja nun noch was geben sollt, was ich nicht vorher wissen kann, so lässest Dich ganz einfach von der Käth heimfahren, und dann wird der Schatz hier in Deiner Stuben stehen.«
»Hier wirklich?«
»Ja, ich geb Dir mein Wort darauf. Also von da an, wann er erscheint, hast zu grunzen wie eine Sau, bis der Karren steht. Nachhero mußt ihm mit den drei Versen antworten. Ist das schwer?«
»Ganz leicht!«
»So mein ich, daßt keinen Fehlern machen wirst. Verinstructire nur die Käth genau. Die Weibsern haben lange Haaren und kurzen Verstand. Sie darf nicht abweichen von dem, wast ihr sagst.«
»Laß mich nur machen. Ich werd sie einexerzieren wie einen Rekruten. Um die ist mir auch gar nicht angst. Sie wird ihre Sachen schon machen. Wann Du uns nur auch das Richtige gesagt hast!«
»Das ist gewiß.«
»Hat denn der Vettern von der Muhm ihrer Tante ihrem Mann seinem Bruder – oder wie diese Verwandtschaften war, auch alls richtig übersetzt aus den Schleswig-Holsteinischen?«
»Wort für Wort!«
»Damit nicht er etwan einen Fehlern gemacht hat!«
»Der? Na, da kennst ihn schlecht!«
»Ich kenn ihn eben gar nicht. Was hat er denn studirt? Wohl den Theologikus?«
»Nein.«
»So vielleicht das Injurikum?«
»Auch nicht. Er hat das studirt, was bei den Gelehrten ›Viele so ein Vieh‹ genannt wird. Verstehst?«
»So war er Vieharzt?«
»Wo denkst hin! Wird ein Vieharzt die Schleswig-Holsteiner Grammadicka kennen! Diese berühmte Wissenschaft heißt ›Viele so ein Vieh‹, weil gar viele Professors dazu gehören, um aus einem Studenten so ein gelehrtes Vieh herauszubringen. Das begreifst wohl gut?«
»Ja, jetzt hab ichs schon campirt. Und also so ein gelehrtes Vieh ist dieser Vetter geworden?«
»Und was für eins!«
»So mag es mit dem Geistercitiren seine Richtigkeit haben, und ich will mich auf ihn und auf Dich verlassen.«
»Auf mich?«
»Ja.«
»Du, das bilde Dir ja gar nicht ein! Ich bin nicht mit dabei. Ich mag nix damit zu schaffen haben. Wann ich ganz allein und für mich so Etwas thu, so weiß ich, woran ich bin; aber wanns Andre machen, so will ich nicht dabei genannt sein. Verstehst mich?«
»Warum nicht?«
»Giebst mir etwan ein Viertel von dem Schatz oder gar die Hälfte?«
»Nein. Das haben wir nicht ausgemacht.«
»Nun, so laß auch meinen Namen dabei aus. Du weißt, daß Schatzgraben verboten ist.«
»Donnerwettern, ja!«
»Und ich will mich nicht bestrafen oder gar einisperren lassen für Etwas, wovon ich keinen Kreuzern bekomm. Das laß Dir gesagt sein!«
»Schön gut! Wer der Käth werd ichs doch nicht sagen, daß es verboten ist, sonst macht sie nicht mit.«
»Das ist Deine Sachen; da kannst machen, was Du willst. Jetzt nun werd ich gehn.«
»Zu wem?«
»Zum Pfafferumbulum! So fragt man die Leuteln aus, nicht wahr? Ich geh meinen Weg für mich und Du den Deinigen für Dich. Aber es sollt mich sehr gefreun, wann ich morgen wiederkäm und erfahren könnt, daß Du den Schatz erhalten hast.«
»Hör, wannst kommst, und es steht Alles gut, so werd ich Dich wieder so vergastiren wie heut, wann ich Dir auch nicht gar so viel auf den Tisch leg wie vorhin. Je mehr man Dir giebt, desto mehr verschlingst!«
»Ich?«
»Ja, Du!«
»Da hast doch nicht richtig Achtung geben. Nicht ich bins gewesen, sondern hier Die – meine Lodenjoppe.«
Und nun zeigte er die Taschen her. Sie waren voller Schinken und Käse und Wurst.
»Schau, wie ich das anfangen hab! Das bringst wohl auch nicht fertig. Nicht wahr?«
»So willsts mitnehmen?«
»Ja.«
»Spitzbub!«
»Nun jetzt leid ich das gern. Ich werd diese Delicateressen nicht selber verspeisen.«
»Wer dann?«
»Das geht Dich gar nix an. Aber es wird ihm donnerst sehr wohl bekommen. Jetzt nun behüt Dich Gott, Müller! Mach Deine Sachen gut und laß Dir den Schatz nicht wieder entwischen.«
Er hing sich den Rucksack und die Zither um, gab ihm die Hand und ging – gradewegs zum Fex, um ihm die Mundvorräthe zu bringen. Dieser war sehr erstaunt über dieselben und fragte nach ihrem Herkommen. Der Wurzelsepp antwortete:
»Das wirst später erfahren.«
»Gewiß aus der Mühlen?«
»Möglich. Ich geh nun zur Stadt.«
»So denk auch mit darüber nach, wie wir an den Polsterstuhl des Müllern gelangen können.«
»Das werd ich thun. Hör, sag mal, weißt Du nicht einen alten, großen Topf, den Niemand mehr gebrauchen kann?«
»Wozu?«
»Das ist jetzt noch meine Sachen.«
»Ja, einen sehr großen könnt ich schon verschaffen.«
»Je größer desto besser.«
»Weißt, der Müllern hat erst einen so sehr großen Kachelofen gehabt: daran war ein großer Ofentopf zum Wasser wärmen. Als ein anderer Ofen hereingesetzt wurd, ist der Topf hinauskommen hinter die Mühlen in den alten Kegelschub. Dort steckt er noch. Wann er hier bei mir steht, reicht er mir fast bis an den Leib.«
»Das ist sehr gut; das gefreut mich! Und ists hier leicht, Frösch und Kröten zu fangen?«
»So viel Du haben willst.«
»Schön. Verschaff mir für heut Abend, wann ich komm, den Topf, und mach ihn voller Fröschen und Kröten.«
»Kannst auch Eidechsern dazu haben.«
»Noch besser.«
»Wozu brauchst ihn aber?«
»Es ist von wegen dem Müllern sein Polsterstuhl. Ich erklär Dir nachhero am Abend schon Alles.«
Jetzt nun spazierte er nach der Stadt.
Unterdessen hatte der Müller die Magd zu sich rufen lassen. Sie kam nicht gern, denn wenn er ein Gesinde in dieser Weise zu sich beorderte, so hatte es stets einen unliebsamen Grund und einen unangenehmen Ausgang. Sie blieb erwartungsvoll an der Thür stehen. Er musterte sie mit wohlgefälligen Blicken, was ihr das Herz erleichterte, und sagte dann:
»Käth, mit Dir bin ich am Meisten zufrieden unter allen Andern. Heut will ichs Dir beweisen. Aber sag mir vorher, obs Gespenstern giebt.«
»Ja, Teufeln und Geistern und Gespenstern.«
»Woher weißt das?«
»Aus dem schönen Lied, worinnen es heißt:
Wie heult der Sturm so fürchterlich
Heut um mein Kämmerlein!
Da kommt der Teufel sicherlich
Und grinst zum Fenster 'rein!«
»Das ist ein Lied; das gilt nix.«
»Warum nicht? Weißt nachher nicht, daß auch Heinrich schlief bei seiner Neuvermählten, einer reichen Erbin an dem Rhein? Da kam seine Vorherige als Geist und
Da erblickt er seine Wilhelmine,
Die im Sterbekleide vor ihm stand,
Denn dort an der Nachtkaffeemaschine
War der Spiritus bereits verbrannt.«
»Ich sag Dirs ja, daß dies nix gilt. Was im Gedicht steht, das verimponnt mir nicht. Die Dichter sind lauter Lügenschelme. Sie heißen ja nur darum Dichter, weil sie die Lügen alle Tage dicker und dichter machen. Nein, aber gesehen muß man Geister haben. Nachhero kann mans glauben.«
»Ja, auch dann giebts welche.«
»Woher weißts?«
»Beim Thürmer in Nürnberg hats mal ans Fenstern geklopft, und als er hinaus geschaut hat, da stand draußen ein Geist, der so lang gewesen ist, daß er von der Straßen bis hinauf zum Thurmspitzen gereicht hat. Der Nachtwächtern hat ihn nachher fortschreiten sehen. Und der war mein Großvatern.«
»Der Geist?«
»Nein, aber der Nachtwächtern.«
»So, da stimmts. Aber fürchtest Dich etwan vor den Gespenstern?«
»Fallt mir gar nimmer ein. Ich hab mir schon oft gewunschen, daß eins kommen möcht, weißt, so um mir zu sagen, daß ein Schatz vergraben liegt.«
»Ah, Du bist auch keine Dumme! Dir will ichs sagen: Bei mir ist einer gewest.«
»Wegen dem Schatz?«
»Ja.«
»O Jegerl! Wann er doch lieber zu mir kommen wär! Da thät ich auf der Stellen – – –«
Sie hielt inne.
»Nun, was thätst?«
»Ich thät mir den Schatz holen und heirathen.«
»Heirathen? Himmelsakra! Hast einen Bubn?«
»Ja, schon bereits lange.«
»Wo ist er?«
»Bei der Ziehmuttern, weil ich ihn doch nicht mit hier haben kann.«
»Bei der Ziehmuttern?« rief der Müller. »Was? So einen mein ich nicht. Also einen kleinen Buben hast! Verschlampampert bist worden von einem Burschen! Und davon weiß ich nix! Da schlag doch gleich der helle, lichte Teuxel drein!«
»Das ist nicht grad nothwendig. Verschlampampert bin ich nicht worden, verstanden! Der Bub ist mein, und sein Vatern ist ein Schneider!«
»Ein – ein Schnei – Schnei – neider! Du so eine Riesin und ein – –Schneider! Meck – meck – meck – meck! Wie groß war er dann?«
»Er ist mir grad bis an die Achsel gangen.«
»Nicht weiter? O Jerum!«
»O ja, er ist auch noch weiter gangen, viel weiter, nämlich fort, in die weiten Welt, und ich hab ihn nimmer wieder zu sehn bekommen.«
»Was bist da für ein dummes Ding gewest! Einen Schneidern, so einen kleinen, dürren Fipps! Wie hast Dich nur an den versehen können!«
»Weißt, es war das schöne Gethu.«
»Ah! Sakkerment! Worinnen bestand denn das?«
»Das kann ich eigentlich auch nicht sagen. Weißt, er hat so was Nobles gehabt, wie ein fortgejagter Grafensohn, so einen Hunderttausendguldenschritt und einen Oberstleutnantsblick. Das war eine Pracht und Herrlichkeiten. Und das Schneidern brauchst ihm auch nicht nachzuschumpfen, dann gearbeitet hat er gar nicht viel; dazu war er zu vornehm. Wann er mit mir im Saal war, so hat er sich zwei Uhrengewichterln in die Rockschoßerln gesteckt, und wann wir nachhero tanzten, so sind die Gewichterln mit den Schoßerln nur so geflogen. Und wann er zärtlich war, o zärtlich, ja! Ein Busserl von ihm hat gewiß allemal eine ganze geschlagene Viertelstunden gedauert.«
Sie war ganz poetisch geworden und berechnete den Eindruck gar nicht, welchen ihre Beschreibung machen mußte. Der Müller unterdrückte mit Mühe ein lautes Gelächter und sagte:
»Das muß freilich hübsch gewesen sein!«
»Delicat wars; das sag ich Dir!«
»Leider ist er fort!«
»Ja, das Talent, das Schenier hat ihm keine Ruhe gelassen. Er wollt ein großer Mann werden.«
»Und reicht Dir nur bis an die Achsel!«
»Seine Seele war groß!«
»Ach so! Aber Du sprachst vorhin vom Heirathen. Hast den einen Andern?«
»Ja.«
»Wen denn?«
»Den Essenkehrern.«
»Etwan den Feuerrüpel, der hier die Essen kehrt?«
»Denselbigen.«
»Bist verrückt!«
»Nein. Du mußt ihn nur sehn, wann er sich abgewaschen hat!«
»Ich hab ihn gesehn, und da war er besoffen.«
»Da ist gewiß ein Geburtstag gewesen oder so ein Amtsjubiläum, wo er mal lustig gewesen ist. Ah, Müller, ist der eine Seele von einem Menschen!«
Sie seufzte tief auf.
»Warum eine Seele?«
»Weil, wann er hier kehren kommt, er mir allemal einen so zärtlichen Tatschen ins Gesicht giebt, daß mir drei Tage lang der Kopf brummt. Wann er sich dabei so sehr anstrengt, muß die Lieb doch wohl groß bei ihm sein.«
»Jawohl. Will er Dich heirathen?«
»Ja. Aber es geht noch nicht.«
»Warum?«
»Weils noch am Besten fehlt.«
»So! Wieviel fehlt denn?«
»Ich, wann ich fünfhundert Mark hätt; so thät ich gleich die Verlobung ins Blatt setzen.«
»Fünfhundert? Hm! Die könntest vielleicht schon bereits morgen haben.«
»Was? Wie? Von wem?«
»Von mir?«
»Wofür? Denn umsonst giebst sie halt nicht!«
»Nein, da hast immer sehr Recht. Hasts denn aber ganz vergessen, daß ich vorher von dem Schatz gesprochen hab?«
»Von dem Schatz, ja, ja!«
»Ich weiß einen.«
Sie blickte ihm starr ins Gesicht und platzte dann heraus:
»Soll ich ihn etwan mit heben?«
»Willst wohl?«
»Auf der Stell, gleich auf der Stell!«
»Es sind nämlich grad tausend Mark, die da vergraben liegen. Die theilen wir.«
»Ich bin einverstanden.«
»Und fürchtest Dich nicht?«
»Vor wem denn? Wann ich mich vor keinem Schneidern und vor keinem Feuerrüpeln fürchtet hab, so mach ich mir aus einem Geist nun erst recht nix.«
»Das ist mir lieb. Aber der Schatz soll bereits heut Abend gehoben werden!«
»Am Liebsten gleich schon in diesem Augenblick!«
»Nein; am Tag geht so Etwas nicht von statten.«
»Wo liegt er denn?«
»Das wirst heut Abend erfahren. Jetzt will ich Dir sagen, wie es geschehen soll. Paß auf!«
Er sagte ihr, was sie zu thun haben werde, und das couragirte Mädchen war mit Allem einverstanden. Sie, eine durch und durch materiell angelegte Person, kannte keine Schwächen und Feinheiten des Geistes und des Herzens. Sie ging dem heutigen Abenteuer mit derselben Gemüthsruhe entgegen, als ob sie irgend eine gewöhnliche Arbeit zu verrichten habe. Die Beiden wurden vollständig einig.
Unterdessen hatte der Wurzelsepp die Stadt erreicht. Er hütete sich, den Fingerlfranz gleich aufzusuchen; er wußte, daß mit dem Warten die Ungeduld wächst und die Schärfe des Urtheiles sich verringert. Erst am Nachmittag ging er nach dem Gasthofe des Tobias Matthes.
Dieser Letztere saß mit einigen Gästen am Tisch und spielte Scat. Als Sepp grüßte, antwortete er:
»Guten Tag, schön Dank – grüß Gott, danke sehr – willkommen, setz Dich nieder – bitt sehr schön; o, es hat nix zu sagen!«
Das war dem Sepp doch zu viel. Er sagte:
»Aber, Matthes, sag mir doch mal, warum Du gleich so eine Litaneien machst, wann Einer zu Dir hereintritt!«
Der Wirth nahm sich doch die Zeit, zu antworten:
»Weißt, das ist so: Wann ich mit dem Gast so red wie Andre, so vergeht von dem ›Guten Tag‹ bis zu dem ›Ich bitt schön‹ eine halbe Stunden, und ich versäum dabei das Spiel. Lieber sag ich da gleich Alls her, meine Grüßen und seine Antworten. So braucht er das Maul gar nicht aufzuthun, und ich bin mit ihm rasch fertig und kann weiter spielen.«
»Der Gedank ist freilich nicht übel.«
»Nicht wahr? Aber nun halt auch Deinen Schnabel! Ich kann mich nicht den ganzen Tag mit Dir abgeben. Da bin ich beim Eichel-Tournée und weiß nimmer, wie ichs machen soll. Hast mich ganz irr gemacht.«
Der Fingerlfranz saß als Mitspieler neben ihm. Er sagte jetzt:
»Mach Dir keine große Sorg darüber. Es ist das letzte Spiel. Ich muß nun aufhörn.«
»Warum?«
»Weil ich mit dem Wurzelsepp zu sprechen hab.«
»Red morgen mit ihm oder übermorgen!«
»Nachhero ists zu spät. Da haben die Spitzbuben meine Sau bereits aufgefressen. Spiel aus, damit wir fertig werden!«
Das geschah; aber als das Spiel zu Ende war, sagte der Wirth:
»So, jetzt red mit ihm! Nachhero, wann Du fertig bist, spielen wir weiter.«
»Vielleicht dauerts lange.«
»So machs kurz!«
»Es ist eine Heimlichkeiten!«
»Unsinn! Wegen der Sau? Es ist doch Niemand hier als ich. Du und da der Balbierer. Da kannst sicher sein, daß nix ausgesprochen wird. Hast etwan eine Spur von dem Spitzbuben entdeckt?«
»Nein, sondern die soll da der Sepp entdecken. Komm mit her an den Tisch, Wurzelsepp, und trink ein Bier mit mir. Ich zahls gern und gut.«
Der Alte folgte der Aufforderung, bemerkte aber dabei in zurückhaltendem Tone:
»Dein Bier soll mir wohl schmecken; aber ob es Dir Nutzen bringt, das glaub ich nicht.«
»Red nicht! Wann Du willst, so kannst!«
»Was soll er wollen?« fragte der Wirth.
»Den Dieb fest machen.«
Da fuhr der Barbier mit seiner spitzen Nase herbei und rief aus:
»Festmachen? Das ist Magie, schwarze Magie und weiße Magie! Wer kann das?«
»Der Sepp da,« antwortete der Fingerlfranz.
»Da irrst Dich gewaltig!« meinte der Alte.
»O nein. Der Müllern hat mirs gesagt.«
»Was der sagt, das gilt nix.«
»Bei mir gilts grad. Er ist mein Schwiegervatern, und auf Sonntag ist Verlobung; wann Du aufrichtig mit ihm bist, kannsts also auch mit mir sein.«
»Das klingt schon gut und fein; aber man darf von solchen Sachen gar nicht reden.«
»Hier bist sicher. Hier von uns wirst nicht verrathen. Darauf kannst Gift nehmen, Sepp!«
»Das glaub ich schon wohl. Aber dennerst soll man sich nicht mit solchen Dingen abgeben. Man weiß nicht, wie sie ablaufen.«
Da legte der Franz ihm die Hand auf die Schulter und bat ihn:
»Sag mir nur das Eine: Kannst erfahren, wer der Dieb gewesen ist?«
»Ja, und auch noch mehr.«
»Was noch?«
»Ob die Sau noch lebt, wo sie sich befindet und noch vieles Andere. Ja, ich könnts sogar so weit treiben, daß der Spitzbub Dir die Sauen dahin bringen muß, wohin Du sie haben willst.«
»Etwan auch hierher zu mir?« fragte der Wirth, indem er ein sehr gespanntes Gesicht machte.
»Ja, auch hierher.«
»Das wär viel! Das wär ein Kunststücken, wies nimmer gleich ein zweites giebt.«
»O, und dennerst ist es sehr leicht. Man muß es nur richtig machen,« erklärte der Sepp in bestimmtem Tone.
»Ist etwan eine Geistergeschichten dabei?« erkundigte sich der Fingerlfranz vorsorglicher Weise.
»Fürchtst Dich etwan vor Geistern?«
»Warum nicht? Ein Mensch mag mir kommen, wie er will, so hau ich ihn nieder; aber bei Geistern hilft keine Ohrfeigen und keine Backpfeifen nix. Der Geist, wann er will, braucht mich nur anzuschaun, so erhalt ich eine schiefe Nasen oder der Kopf läuft mir auf wie ein Lockermotivenkessel. Drum ists besser, man giebt sich alleweil gar nimmer mit Gespenstern und Geistern ab.«
»Hasts aber doch gethan!«
»Wann?«
»Das weiß ich nicht, aber vor gar sehr langer Zeit kanns nicht gewest sein.«
»Warum denkst das?«
»Schau mal Deine Nasen an! Sie ist doppelt, wie bei einem englischen Doggenhunderl, und Dein Maul ist angeschwollt, wie ein Luftkissen von Elastikum, wo die vornehmen Leutln sich in der Eisenbahn von hinten drauf setzen.«
»Sei still, und bekümmer Dich um Deine eigene Visaschen! Meinst wohl wirklich, daß mir ein Gespenst begegnet ist?«
»Ja, grad dieses mein' ich eben. Du siehst ganz blau und braun im Gesicht, und roth und violett dazu.«
»Ein Geist ists nicht gewest, sondern ein Kerl, der mich hinterrucks überfallen hat. Wann ich ihn wieder mal treff, werd ich ihm die Rippen entzwei schlagen. Es soll ihm nimmer geschenkt sein.«
»So nimm Dich nur in Acht, daß er Dir nicht abermals von hinterrucks mit der Faust über das Gesichterl spaziert! Was aber unsere heutige Angelegenheiten betrifft, so brauchst nicht zu fürchten, daß ein Geist dabei ist. Es geht ganz ohne die Höllen und ohne den Teufel dabei her.«
»Aber ein Zauber muß doch dabei sein. Ohne den könntest doch den Spitzbub nicht zwingen, zu kommen.«
»Ja, ein Zauber ist freilich dabei, doch kein böser sondern ein guter.«
»Und wie ist dieserjenige?«
»Der ist sehr leicht. Wo hat das Schwein gesteckt?«
»Im Stall natürlich. Oder meinst etwan, daß bei uns die Sauen im Glasschränkerl stecken, was droben in der guten Stuben steht?«
»Das mein ich wohl nicht. Und weiter muß ich fragen, obst ein guts Sonntagshabiterl hast, außer dem Gewanderl, welchs Du jetzt am Leib tragst.«
»Natürlich hab ich eins.«
»Aber es muß eben für den Sonntag sein.«
»Freilich ists. Ich habs erst einmal angehabt, am Sonntag in der Kirchen.«
»So ists recht! Und hast vielleicht auch einen Schiebebock oder eine Schubkarren?«
»Das werd ich doch haben!«
»Und kannst leicht Etwas auswendig lernen, ein kleins Liedl oder einen Reim?«
»Das fallt mir schon bereits schwerer. Aber wanns nicht gar so groß ist, so werd ichs schon bringen.«
»Nun, dann ist ja Alles beisammen, wast brauchst. Ich könnt eine Wetten machen um tausend Gulden, daß der Spitzbuben kommt.«
»So machs!«
»Ich werd mich hüten?«
»Warum? Schau, ich zahl Dirs gut. Ich geb Dir zehn Markerln. Oder willst zwanzig?«
»Gar nix will ich. Solche Sachen darf man sich nicht bezahlen lassen, sonst gelingen sie nicht. Wann ich es nicht thun will, so liegt das nicht am Geldl, sondern an der Polizeien.«
»Wieso an der Polizeien?«
»Weißts noch nicht, daß diese solche Dinge nicht leiden mag? Zauberei ist verboten.«
»So machen wirs im Geheimen.«
»Ja, wer giebt mir die Sicherheit, daß es auch wirklich heimlich geschieht, daß Niemand Etwas erfährt?«
»Ich!«
»In wiefern dann?«
»Ich geb Dir mein Wort drauf.«
»Ich auch – ich auch!« fügten der Wirth und der Barbier hinzu, welche Beide auf den Verlauf dieser Angelegenheit im höchsten Grade neugierig waren.
»Gebt Ihr mir Eure Händ?«
»Ja, hier!«
Er nahm die drei Hände in Empfang, drückte dieselben und sagte dann: indem er eine sehr ernste Miene machte:
»Nun gut, so will ichs versuchen. Aber kein einziger Mensch außer uns darf Etwas erfahren!«
Nachdem er eine abermalige kräftige Versicherung der Verschwiegenheit erhalten hatte, fuhr er fort:
»So war zunächst ein Erbschlüsserl nothwendig.«
»Hab schon einen.«
»Wie kommt das?«
»Der Müllern hat mirs gesagt, daß zu so einer Zermonie ein Erbschlüssel nothwendig ist. Da hab ich einen mitgebracht.«
»Der kann auch sein Maul nicht halten. Seid nur Ihr verschwiegener, sonst ists gefehlt. Und jetzt gebt mir mal eine Kreiden her zum Schreiben und ein Stuckerl Spagatbindfaden.«
Beides wurde geschafft. Er malte mit der Kreide einen Kreis auf den Tisch und zeichnete einige Figuren hinein, wie sie ihm gleich einfielen. Dann band er den Schlüssel an den Bindfaden.
»Jetzt wollen wir sehn, ob die Sauen noch lebt.«
Er hielt den Schlüssel am Bindfaden über den Kreis, ließ ihm einige Schwingungen machen und sagte dann, als der Schlüssel über einer der Figuren schweben blieb:
»Hab mirs kaum noch denken könnt. Das Schweinerl lebt noch. Es ist noch nicht geschlacht worden. Jetzt nun wolln wir sehen, was für eine Personen der Spitzbuben ist.«
Er wiederholte das vorige Experiment, machte, als der Schlüssel wieder still hängen blieb, ein sehr zufriedenes Gesicht und sagte:
»Das ist schon ganz wahrscheinlich gewest. Der Dieb ist nämlich ein Frauenzimmern. Ein Mannsenzimmer wär so gescheidt gewest, das Sauerl sogleich zu schlachten.«
»Ein Weibsbild?« fragte der Fingerlfranz. »Sollt mans für die Möglichkeit halten, daß so ein Weibsen den Muth hat, meine Sauen zu stiebitzen!«
»Da wunderst Dich auch noch?« meinte der Wurzelsepp. »Die Frauensleut sind grad die Rechten; die sind größere Spitzbuben als die Männer; die mausen wie die Raben.«
»Aber wer sie sein mag!«
»Das wirst erfahren, wannst sie anschaust.«
»Dann also weiter! Sag nur, wie Alles kommen muß.«
»Nun, zunächst muß so was immer am zweiten Abend nach dem Vollmondl geschehn.«
»Der war vorgestern; also ist grad heut der richtige Tag. Das ist mir sehr lieb. Wann ich noch länger warten müßt, thätens mir das Schweinerl bis dahin abmorxen.«
»Also willst heut?«
»Freilich ja.«
»Und wohin willst die Diebin bringen?«
»Das möcht ich vorher richtig überlegen.«
»Nix giebts zu überlegen!« fiel da der Wirth schnell ein. »Wo denkst hin, Franz! Hier bei mir machen wirs jetzunder aus, und folglich wird sie hierher zu mir gebracht.«
»Um diese Zeiten sind aber noch Gäst bei Dir!«
»Grad das ist sehr gut. Eine Frauen, die Sauen maust, muß blamirt werden. Und das geschieht am Allerbesten hier in dem Gasthof, wo Viele dabei sind. Wannst sie her zu mir bringst, geb ich zum Vergnügen ein guts Freibier zum Besten.«
»Das thät ich mir schon gefallen lassen. Was meinst dazu, Wurzelsepp? Soll ich ihm den Gefallen thun?«
»Ich hab nix dagegen, wann Ihr meine Bedingungen erfüllt, die ich da machen muß.«
»Was für welche?«
»Es darf bevor kein Mensch was wissen. Und auch nachher darf Keiner erfahren, daß ich die Hand im Spiel gehabt hab. Ich will nimmer als Zaubrer gelten. Und nachher könnt mir auch die Familie der Diebin gar noch was auswischen.«
»Wir sagen nix, kein Wort. Hier hast unsere Händ nochmals drauf. Ein Mannerl, ein Wörterl!«
»Schön! So magst sie also hierher bringen. Jetzt aber laßt Dir vom Wirth ein Papiererl geben, daßt Dir die Reden aufschreibst, die Du lernen mußt.«
Das Stück Papier wurde gebracht und ein Bleistift dazu. Dann fuhr der Wurzelsepp fort:
»Also, Franz, wann es gegen zwölf Uhren geworden ist, so ziehst Dein guts Sonntagsgewanderl an, machst Dir mit Ruß das Gesicht und die Händen schwarz, nimmst ein großes, weiß Betttucherl und gehst in den Saustall.«
»Pfui Teufi! Was soll ich dorten?«
»Die Arzneien holen, mit der Du die Diebin fangst.«
»Was ist das?«
»Der Auswurf von dem gestohlnen Schweinerl.«
»Bist gescheidt!«
»Na, willst etwan nicht? Mir kanns gleich sein und auch egal und Wurst und Schnuppe! Da aber schau zu, ob Du das Sauviecherl wiederkriegst!«
»Na, werd nur nicht gleich so fuchsteuxelswild. Also mach lieber weiter fort!«
»Schön! Das steckst Dir also in die Taschen.«
»Was – – –?!«
Der Fingerlfranz machte ein ziemlich langes Gesicht. Der Sepp aber antwortete in unbefangenem Tone:
»Was? Das fragst noch? Was bist doch schwer von Begriffen! die Arzneien mein' ich natürlich, von der ich gesprochen hab.«
»Den Dünger von der Sauen?«
»Ja.«
»Den soll ich einstecken?«
»Freilich!«
»In mein guts Sonntagsgewanderl?«
»Wohin sonst? Eben ein Sonntagskleid muß es sein, sonst hilfts nix. Verstanden.«
»Das ist mir eine wunderbare Sachen!«
»Ja, bei der Zauberei ist eben Alles wunderbar.«
»Und wie viel soll ich einstecken?«
»So viel Du hineinbringst. Alle Taschen müssens ganz voll sein, die Hosen, die Westen und auch die Joppen.«
»O sakri! Und als ich das Gewanderl bestellt hab, da hab ich dem Schneidern noch heilig andeutet, mir recht extra große Säcken und Tascherln zu machen. Ich sag Dir, in diesem Gewanderl bring ich beinah eine ganze zweispännige Mistfuhren fort!«
»Desto besser! Das gefreut mich außerordentlich, denn da weiß ich, daß Alls gar sicher gelingt.«
»Aber das Gewanderl geht flöten!«
»Warum nimmer gar! Das Schweinerl hat doch nicht in so einem dünnen Morasten gelegen!«
»Nun, meinst etwan, daß ich sie in Marzipanum und Flattergold gelegt hab, das Packeterl zu fünfzig Kreuzern? Und ob ich mich nachhero in diesem Anzugerl wieder schaun lassen darf! Ich mein', daß noch nach einem Jahr die Leutln sich die Nasen zuhalten werden, wann ich nur von Weiten komm.«
»Du malsts zu schlimm aus. Du brauchst Dir doch nur die guten Brocken auszusuchen!«
»Auch noch! Meinst etwan, daß ich mit denen Fingern im Schweinestall spazieren geh? Oder darf ich ein Licht mitnehmen?«
»Nein; das ist verboten. Aber wannst eben nicht willst, so ist mirs recht. Ich dring mich nimmer auf. Mir liegt ja gar nix dran. Ich hab nur denkt, Dir einen Gefalln zu thun. So lassen wirs also sein!«
»Nein, nein! So ists nicht gewettet! Meine Sauen will ich wieder haben, und da soll mirs auch auf ein Komposthäuferl in jeder Taschen nicht ankommen. Also nun weiter! Was hat nachher zu geschehen?«
»Nun, wann Du Dir die Taschen voll gesackt hast, nachhero nimmst das große, weiße Betttucherl über – – –«
»Das geht. Ich dacht schon bereits, ich sollt auch das vollsacken – weißt schon was!«
»Nein. Du nimmsts über und gehst fort.«
»Wohin?«
»Warts nur ab! Vorher muß ich Dir sagen, daßt Dich jetzt von keinem Menschen sehen lassen darfst.«
»Mit dem weißen Tucherl? Das leuchtet doch so weit, daß Jedermann mich gewahren muß!«
»Es ist ja spät gegen Mitternacht. Und Du mußt eben eine solche Richtung einschlagen, daß kein Mensch Dir so leicht begegnet. Du mußt laufen mit dem Wassern, aber nicht gegen dasselbige, und bleibst am ersten Punkt stehen, wo ein andrer Weg abzweigt.«
»Aha! Das ist also gegen die Thalmühlen hin.«
»Ja. Also dort bleibst stehen und nimmst den Erbschlüsseln heraus. Den wirfst hin. Nachhero machst auch alle Taschen leer, und indem Du das Alles von Dir hin auf den Weg wirfst, sagst Du den Spruch, den Du Dir jetzunder aufschreiben sollst.«
»Hör, grad appetitlich gehts bei so einer Zaubereien auch nicht her. Da soll ich mit den zehn meinigen Fingern die Tascherln leer machen!«
»Hasts erst mit den Fingerln einisteckt, so kannsts dann auch mit denselbigen wieder außithun! Und um was handelt sichs dann? Etwan nicht um eine Sauen?«
»Freilich wohl.«
»Nun weißt, wann sichs um was Reinlichs handelt, um eine verzauberte Prinzessinnen zu erlösen oder um eine schöne Wunderfee zu zitiren, so gehts allemal auch reinlich her. Wann man aber eine Sauen zitirt, so kann man doch kein Makronentorterl oder einen Himbeersaften hinwerfen. Davon versteht das Schweinerl nix. Also willst oder nicht?«
»Nun, so muß ich schon!«
»Gut! Also indem Du den Schlüssel und das Andere von Dir auf den Weg wirfst, sagst Du dazu:
Schlüssel, Schlüssel, klinglingling,
Mist und Dünger aus der Taschen!
Grade hier will ich das Ding,
Das die Sau gemaust hat, haschen!
»Soll ich das etwan laut sagen?«
»Nun, zu schreien brauchst grad nicht, daß mans drinnen in Frankreich oder drunten in der Türkeien hören kann, auch wann man taub ist. Du mußts eben so sagen, daßts selber gut hörst. Verstanden?«
»Jawohl!«
»Nachhero gehst langsam fort. Aber weißt, das muß grad an demselbigen Augenblick geschehen, wanns um Mitternacht schlägt. Nicht früher und nicht später!«
»Das kann ich schon dazu einrichten.«
»Wohl? Nachhero also gehst fort, aber nimmer sehr weit, so daßt den Ort grad im Aug haben kannst.«
»Das paßt sich sehr gut, denn da ist der Mühlgraben, woran das Erlengebüsch steht. Wann ich mich hinter die Sträuchern steck, so sieht mich kein einziger Mensch, ich aber kann Alles sehn.«
»Ja, es ist ganz so, als ob Alls grad für Dich so recht hübsch hergerichtet war. Nachhero also paßt scharf auf; sie wird bald kommen.«
»Die Diebin?«
»Ja. Aber weißt, vorher muß ich Dir noch die Hauptsach erklären. Wann Du von Daheim fortgehst, so mußt den Schubkarren mitnehmen. Denselbigen läßst Du da stehen, wo Du das Sprücherl gesagt und den Schlüsserl fortgeworfen hast. Sodann wird die Diebin kommen und den Karren holen.«
»Teufel! Das ist schön! Das ist gut! Das kann mich gefreun.«
»Nicht wahr?«
»Ja. Du hältst mich etwan für einen großen Dummkopf?«
»Ich? Dich? Was fallt Dir ein?«
»Weilst mir so einen guten Rath ertheilst!«
»Nun, das muß ja sein!«
»So dank ich schön für die ganze Geschichten!«
»Wie? Warum wirst auf einmal so ganz perflex?«
»Weil ich mir zu dem Schaden auch noch den Spott und das Gelächter holen soll. Erst ist mirs Schweinerl gestohlen worden, und sodann schaff ich der Spitzbübin auch noch den Schiebebock hin, daß sie das Sauerl recht hübsch und gemüthlich zu Markt fahren kann! Soll ichs ihr nicht etwan nachhero auch noch abkaufen?«
»Was bist doch gleich für ein Obenhinaus! Sie wird das Schiebebockerl holen, um Dir auf demselbigen die Sauen herbei zu bringen.«
»Ah! So meinst!«
»Ja, so ists!«
»Kann sie nicht ihren eigenen Schubkarren nehmen?«
»Weißt so genau, daß sie einen hat?«
»Freilich nein!«
»Und der Deinige muß es sein, weil Du selbsten es bist, der das Schweinerl haben will. Weißt, die Magie ist so, daß sie gezwungen ist, Demjenigen das Viecherl zu bringen, dem der Karren angehört.«
»Ach so! Das ist was ganz Andres!«
»Ja natürlich! Wann sie mit dem Karren fort ist, wird sie die Sauen auf denselbigen laden und sie auf den Weg hinbringen. Dort setzt sie den Schiebebocken nieder und wartet. Du gehst hin zu ihr und sagst nur das einzige Wörtle: ›Komm!‹ und laufst voran. Da wird sie Dir nachfolgen, immer hinter Dir her.«
»Ueberall, wohin ich geh?«
»Ueberall!«
»Auch bis hierher zum Gasthof?«
»Ja, und sogar bis in diese Stuben herein.«
»Das wär freilich ganz wunderbar!«
»Ich sag Dir, daß sie muß. Der Zauber zwingt sie dazu. Sie kann gar nicht anders.«
Die Andern hatten ruhig zugehört. Jetzt sagte der Wirth:
»So was ist aber doch kaum zu glauben!«
»Wirsts heut am Abend schon glauben, wanns so eintroffen ist, wie ich sag!«
»Ja, Dein Gesicht ist so ernst dabei, und Du redest so davon, als obst ganz und gar überzeugt wärst.«
»Das bin ich auch.«
»Hasts wohl bereits sehr oft gemacht?«
»Nicht nur einmal! Es muß ganz sicher gelingen, wann man nur Alls richtig thut und macht. Ganz besonders darf man sich nicht versprechen, wann man die Sprücherln hersagt.«
»Es ist doch nur blos eins!« meinte Franz.
»Sorg Dich nicht darum! Es kommen schon noch einige. Nämlich wann Du hier in der Stuben ankommen bist, und die Diebin hat den Schiebebocken niedergesetzt, nachher mußt laut sagen, daß Alle es hören:
Holderi und Holdera,
Dschingterum, jetzt sind wir da!«
»Das ist nicht schwer zu merken.«
»Ja. Nachhero wird die Sauen antworten.«
»Was? Die soll reden?«
»Obs reden wird oder quiecken oder grunzen, das weiß ich freilich nicht vorher. Grunzen aber wirst sie bereits unterwegs hören, so daßt überzeugt sein kannst, daß das Schweinerl da ist. Kurzum, sie wird Dir auf den Vers antworten. Und sodann sagst nachher:
Rumdi, bumdi, Mückennest,
Jetzt habn wir den Rackern fest!«
»Auch das ist nicht schwer. Aber sehr eigenthümlich thun diese Gestanzeln doch klingen!«
»Weil überhaupt die ganze Sachen eine ungewöhnliche ist. Nachher antwortet das Schweinerl wieder. Es ist mit einem Betttucherl überdeckt. Das ziehst nun hinweg und sagst dabei:
Schlingel, Schlangel, Schnipp und Schnapp,
Nun ziehn wir das Fell ihm ab.
Nachhero ist die Geschichten aus. Die Sauen ist wiederum Dein, und mit der Diebin kannst machen, wast willst.«
»Weiter kommt nix vor? Weiter wird nix verlangt?
»Gar nix.«
»So ists noch auszuhalten. Nur Eins macht mir Bedenken. Ich hab das Tucherl um und ein schwarz Gesicht. Wann wir nach der Stadt kommen, so werden alle Leutln uns nachlaufen. Das kann mir nicht gut gefallen.«
»So mußt bedenken, daß es inzwischen Eins geschlagen hat. Da wird wohl Niemand mehr auf der Straßen herumlaufen. Und der Gasthof hier liegt doch gleich in der ersten Gassen nach dem Dorf hinaus. Die Hauptsachen ist, daß Niemand erfahren darf, daß es sich um eine Zaubereien handelt, sonst wirst von der Polizeien in Straf genommen. Das mußt Dir gut merken.«
Es wurde noch Manches hin und her gesprochen, und zum Schluß zeigte der Fingerlfranz sich vollständig bereit zu dem sonderbaren Unternehmen.
»Das soll mir ein Spaß werden,« sagte der Wirth, »wann wir die Spitzbubin ergreifen. Da will ich auch nix dagegen haben, daß wir jetzt bei dieser Geschichten unser Spiel versäumt haben. Jetzt aber ist die Sachen beschlossen, und so können wir von Neuem beginnen. Franz, Du bist an der Reihe zum Kartengeben.«
Aber es gab doch noch eine Unterbrechung, nämlich jetzt trat der Leichenbitter herein, grad so geschmückt wie bereits beschrieben. Er pustete kräftig und sagte:
»Das ist eine Mühen und Arbeiten, daß man zuletzt gar nimmer weiß, ob man der Vatern von seinem Sohn oder der Sohn von seinem Vatern ist!«
»Natürlich bist Beides zu gleicher Zeit, wannt nämlich überhaupt einen Vätern gehabt hast und jetzt einen Sohn. Was hast denn für eine schwere Arbeiten, daßt so ganz in Schweiß ausnander läufst?«
»Das weißt noch nicht?«
»Nein.«
»Ich lauf doch bereits seit ehegestern in der ganzen Gegend umher, um die Gäst zusammenzubitten.«
»Wozu?«
»Auch das weißt noch nicht?«
»Das ist ja dasselbige, was ich schon soeben nicht wußt!«
»Ach so! Nun, so kann ich Dirs sagen; aber vorher gieb mir einen Schnaps. Meine Zungen liegt nur im Maul wie der Stahl in einer Plattglocken. Dieses Reden, und dieses Erklären! Jetzund in unserer Zeiten sind die Menschheitskinder gar nimmer so hell im Kopf als wie ehedem. Damals brauchte man nur A zu sagen, da wußten sie sogleich, daß dies ein Buchstab ist. Jetzt aber, wann ich zwei geschlagene Stunden in einem Athem fort gesprochen hab und mich nun freu, daß ich endlich fertig bin, da sperrens die Mäulers auf und fragen mich, weshalb ich eigentlich kommen bin. Ich sags immer, die Menschheit geht weiter und weiter zuruck. Dabei wirds Gehirn kleiner und der Magen – –«
»Hast Recht!« unterbrach ihn der Wirth. »Jetzt hast auch schon bereits fünf Minuten geredet, und ich weiß noch immer nicht, weshalb Du Umgang hast.«
Der Mann blickte ihn ganz erstaunt an und fragte:
»Hast schon bereits wieder vergessen?«
»Hafts mir etwan schon gesagt?«
»Freilich, wohl zwei oder dreimal schon. Mein Geschäft bringts doch mit sich, daß ich aufpaß und daß ich höflich bin. Wann ich also gefragt werd, so ist auch sogleich die schnelle Antworten da. So kennst mich doch bereits allezeit. Nicht?«
»Nein. Ich kenn Dich nur so: Wann ich Dich nach Tabak frag, so antwortest von Zwetzschchen oder Pommeranzen, und wann ich Etwas vom Wettern wissen will, so fängst an, von Tint zu sprechen, von Kattun, von Ofengabeln und Ziegenböcken.«
Der Leichenbitter schlug die Hände zusammen und rief:
»Herr Jerum noch einmal! Gehts jetzt Einem schlecht, wann man ehrlich ist und sich fein rechtschaffen durch die Welt schlagen will! Nur schlecht gemacht wird man und verschumpfen und vernießt und verschnupft. Wie aber sind die andern Leut? Da giebts keinen Glauben mehr und kein Vertrauen. Da macht die liebe Sonnen das Wettern nicht mehr richtig, und wann man Mehl kauft, da ists verfälscht, und Kalken ist im Zuckern. Da ist Einer über den Andern hinein, und selbst kein Adverkate kann da mehr helfen. Die Ofen rauchen in die Stub, und in der Wursten sind Krichiners. Und nachhero, wann man fast gegen sechzig Jahr alt worden ist, erhält man nicht mal einen Schnaps, wann man ihn bestellt hat und auch zahlen will.«
»Geht das auf mich?«
»Ja freilich! Auf wen sonst?«
»Dort steht die Flaschen. Schenk Dir selber ein! Dabei kannst uns nun endlich sagen, für went heuten in der Stadt umherläufst.«
»Das hab ich doch soeben zum dritten Mal gesagt!«
»So? Jetzt laß mich aus. Wannt etwan denkst, ich hab lange Zeit für Dich übrig, so werf ich Dich hinaus! Ists denn eine Hochzeiten oder ein Leichenschmauß?«
»Keins von Beiden, obgleich auch beim Schweineschlachten viel gegessen wird. Kaum hat mans den Leuteln gesagt, so kommens schnell gelaufen und fressen Einem das beste Stücken vom Wellfleisch hinweg. Nachhero, wann die Beiden nicht gut für nander passen und sich nur von wegen der Thalers geheirath haben, giebts eine schlechte Ehen. Auch kommt die Cholera dazu, der Kühfuß und die Tümpherümdiß. Wie können da die Kinder gut gerathen! Sie werden allsammt verzogen, und dann heißts, die Hebammen ist schuld daran. Aber ich will nimmer klagen und die Sach so kurz wie möglich machen. Zwar soll ich Dich nicht einladen, Scat-Matthes, aber es wird Dich doch auch verinteressiren von wegen der Thalmühlen – – –«
»Gott sei Dank!« rief der Wirth. »Endlich weiß mans nun doch, daß sichs um die Thalmühlen handelt!«
»Das hältst bereits lange wissen können, wannst besser aufpaßt hättst! Wannt nicht gut hörst, so gewöhn Dirs Schnupfen an? Eine Priesen Lotzbeck oder Schneebergern Augentobaken thut da Wundern. Das Schnupfen öffnet die Nasen und giebt dem Verstand den richtigen Kraft und Saft. Gegen vierzig Personen werdens sein, Männer und Weiber. Auch Vornehme sind dabei, die mir vor lauter Freud gleich einen Thalern geschenkt haben, und passen thut das Paar zusammen; das muß man sagen. Die Letzte im vorigen Jahr wog fast über zwei Zentner; das sind zehn Stein oder zweihundert Pfund. Schmeer hatte sie grad wie ein Ochs, und gefressen hat sie bis zum letzten Augenblick. Aber so ists, man weiß nicht, ob man morgen noch unter den Lebendigen ist, und wäre der Bahnzug damals nicht vom Damm herunter gefahren, so lebte Mancher noch. Schließlich kam der Hirnschlag dazu und er wurde in erster Klassen begraben, mit Glockengeläut und einem Gesangsbuchsliedl unterwegs. Die älteste Tochter hat sich scheiden lassen von wegen böswilliger Verlassung der ehelichen Familienhindernissen, und nachhero paßt doch Keiner so gut zur Paula wie der Fingerlfranz. Zehnmal und zwanzig Mal ist der Alte bereits Gevattern gewesen; da zieht er allemal die Kalblederstiefeln an mit den lackirten Spitzen – – –«
»Und Du bist ein lackirter Affen!« unterbrach ihn der Wirth lachend. »Jetzt hast geschwatzt und geschwatzt, und nur so ganz nebenbei kanns man herausriechen, daßt vom Fingerlfranz und von der Paula redest!«
Der Hochzeitsbitter machte ein ganz und gar unbeschreibliches Gesicht, legte den Regenschirm und den Hut weg, welche Beide er bisher in den Händen gehalten hatte, holte tief, tief Athem und sagte:
»Wie? Was? So nebenbei riechsts heraus. Jetzt hab ich mir schon das Maul lahm geriet, und kein einziger Mensch hat richtig drauf gehört? Natürlich red ich von den Beiden! Wannst das nicht weißt, so bist taub und auch blind dazu. Er sitzt ja selber da, der Fingerlfranz, der Verlobungsbräutigamerl, da grad neben Dir! Ist das nicht genug?«
Alle lachten, und der Wurzelsepp stand auf, um zu gehen. Er hatte seinen Zweck erreicht und fühlte keine Lust, die ferneren Reden des Leichenbitters mit anzuhören.
»Also heut Abend,« sagte Franz zu ihm. »Deine Zechen bezahl ich. Kommst doch auch mit her?«
»Ich weiß noch nicht, glaubs auch kaum. Den Rath hab ich geben; weitern bin ich nimmer nöthig. Besser ists allemal, wann ich nicht mit da bin. Aber ich werd Dich morgen aufsuchen, da kannst mir mal das Schweinerl zeigen, das man bei Dir ausbrochen hat.«
»O, einbrochen ist Niemand; das war gar nicht nothwendig. Die Sau war nicht bei den andern im großen Stall, sondern sie steckte ganz hinten im letzten Koben am Garten. Da war früh der Holzriegeln von der Thüren zurückgeschoben und das Vieh verschwunden. Die Spitzbubin hat sich gar keine Mühen zu geben braucht.«
Der Wurzelsepp ging. Er wollte den Fex aufsuchen, um sich nun mit ihm zu besprechen. Da er den gewöhnlichen Weg bereits herzu gegangen war, schlug er diesesmal einen andern ein, welcher durch die Felder führte und um das Dorf herumging. Nach einiger Zeit war es ihm, als ob er Etwas gehört habe. Er blieb stehen und lauschte. Richtig! Da von rechts herüber klang es wie ein tiefes, wohlgefälliges Grunzen. Er schritt auf den Ort zu, von welchem die Töne kamen.
Mitten in einem großen Felde, welches im vorigen Jahre mit Rüben bepflanzt worden war, hatte man eine sogenannte Miete errichtet, um diejenigen Rüben, für welche der Besitzer im Hause keinen Platz gehabt hatte, im Freien über dem Winter aufzubewahren. Die Rüben waren aufgeschichtet und wohl einen halben Meter hoch mit Erde zugedeckt worden. Und da drin in diesem Haufen stack – ein Schwein, welches sich tief hineingewühlt hatte und behaglich grunzend von den saftigen Rüben futterte. Keine Spur von einem Stricke oder einer sonstigen Fessel. Es war klar: dieses Thier gehörte dem Fingerlfranz. Es war nicht gestohlen worden, sondern einfach echappirt. Vielleicht hatte der Knecht oder die Magd beim Abendfüttern vergessen, die Stallthür richtig zu verschließen; das Thier war fortgelaufen, hatte zufälliger Weise die Miete gefunden und sich in diesen reich gedeckten Tisch tief hineingefressen. Jedenfalls fiel es ihm gar nicht ein, diesen Ort sogleich wieder zu verlassen.
»Das laß ich mir gefalln!« schmunzelte der Sepp. »Nix kann mir besser passen als grad das! Jetzunder werdens glauben müssen, daß ich wirklich hexen kann!«
Er blickte sich um. Kein Mensch war zu sehen. Er zog eine starke Schnur aus seinem Rucksack und schnitt sich mit dem Messer einen Pflock aus einem nahen Busch. Dann kroch er zu dem Schweine hinein, trieb den Pflock mit einem Steine tief in den Boden und band an denselben das Schwein mit einem Hinterfuße fest. Auf diese Weise war das Thier an der Flucht verhindert. Dann ging er weiter, der Mühle zu.
Er hatte dieselbe noch lange nicht erreicht, so sah er den Concertmeister, welcher ihm entgegenkam und große Eile zu haben schien. Er blieb stehen und zog seinen Hut.
»Grüß Gott, Herr Concertenmeistern! Verteuxeli, hasts heut nothwendig! Mußt wohl gar zum Leihhaus laufen?«
Der Virtuos hörte gar nicht so recht auf diese Worte. Er dankte kurz, lief vorüber und rief dabei:
»Hab keine Zeit. Muß zu ihr. Ssie kommt, ssie, ssie!«
»Sssssie? Sssssie? Wer ist nachher diese Sssssie?«
Da schien der Italiener sich auf Etwas zu besinnen. Er blieb stehen, drehte sich um und kam zum Sepp zurück.
»Ich haben kehört, daß Sie ssein begannt mit ihr?«
»Mit ihr? Wen meinst dann?«
»Das rath Sie nicht?«
»Sie nennst mich? Was fallt Dir denn ein? Hältst mich etwan für dem Großsultan seinem Hauswirth, dem er die Miethen schuldig ist? Ich bin der Wurzelsepp und will Du geheißen werden. Verstehst?«
»Ja, ja, ich verstehn Du! Wer Du ssein ihr Begannter, ihr Freund, ihr Pathen, ihr conoscente, amico e patrino? Ssein das wahr?«
»Was sagst da für ein Zeug? Thu mir doch den Gefalln, und laß die fremden Wörtern weg! Red doch gleich lieber, wie Dir der Schnabel gewachsen ist!«
»Ich fragen, ob Du wirklik ssein ihr Pathen!«
»Von wem redst denn eigentlich?«
»Von damigella, von canterina, von Sängerin Signora Mureni.«
»Mureni! Gott sei Dank! Jetzund giebts endlich mal ein deutsches Wort! Mureni. Die Muhrenleni meinst?«
»Ja, ssie mein ich, ssie, ssie, ssie!«
Dabei strich er mit dem Stocke, welchen er in der rechten Hand hielt, über den ausgestreckten, linken Arm, als wenn er ein kräftiges, abgerissenes Sforzato geigen wolle.
»Nun freilich, der ihr jeniger Path bin ich schon.«
»So! Da wollen ich Dir ssaken, daß Ssie kommen.«
»Sie kommen? Wie viele denn?«
»Ssie, ssie, ssie, die Sängerin.«
»Ach so! Ssssie, die Leni? Wann kommt sie?«
»Jetzt, aukenblicklik, subito, incontinente!«
»Was? Cupido? Den kenn ich schon. Das ist bei den Chinesern der Hochzeits- und Heirathsschlingel. Du, Musikmeistern, Du willst mir doch nicht etwan mit diesenjenigen Cupido der Muhrenleni aufs Tupeh springen? Das laß sein! Dazu bist allbereits zu alt und auch zu magern. Da hast falsch gerechnet!«
»Ich verstehen Dich nicht. Ich wollen Dir nur ssaken, daß ssie kommt, mit dem näksten Zug auf der Eißenbahn. Ich laufen, ssie abzuholen.«
»Himmelsakra! So lauf ich auch!«
Er setzte sich mit dem Musikmeister in Bewegung. Natürlich hatte der Sepp ganz andre Lungen als der Italiener. Bereits nach einer halben Minute war er ihm weit voraus. Da aber kam ihm ein Gedanke. Er blieb halten, ließ ihn herankommen und fragte:
»Wie viel Uhr kommt denn der Zug?«
»Ssieben Uhren, le settimo.«
»Um Sieben! Heiliger Severinus! Und da rennst so, als obt Feuer in den Hosen hättst! Da habn wir ja noch eine ganze Stunden Zeit! Jetzt laß mich aus! Was seid Ihr Musikantern doch für unbegreifige Leutln! Hast noch so viel Zeit, und rennst davon wie ein auskneifiger Spitzbuben. Der Schweiß rennt Dir in die Schuhen, und wannst nachhero auf dem Bahnhof stehst und frierst, so klapperst mit den Knochen und bekommst einen Quatarr und einen Schnupfrich, daß Dir die Nasen tropft wie eine Dachtraufen beim Wolkenbruch. Lauf also doch, wie sichs fein gehört! Und sag mir lieber, woherts weißt, daß die Leni kommt.«
»Mein Freund hat ssu mir heraußen schicken, der Kapellenmeister, il maestro di capella. Ich müssen ssie mit abholen von der Bahnhofen, ich, weil ich mit ssie sspielen und maken Concert.«
»Ach so. Du spielst mit ihr? Schön! Aber weißt vielleicht auch schon, in welchem Gasthof sie logiren wird?«
»Nix in kein Kasthofen, in kein Hotel. Ssie werden wohnen in die Mühle – mulino.«
»Meinst etwan in der Thalmühlen?«
»Ja. Mein ssehr kehehrtes Freund Richardt Wagner Riccardo Caroadore hat kesproken mit das Müller, mulinaro. Dort ssein ein Logis ssu finden.«
»Etwan in der Villa bei Euch?«
»Nein, no, no, ssondern in Mühlen sselber, ein Treppen hoch, mehrere Zimmer, piu molti appartamenti.«
»Das ist droben in der guten Stuben und neben dran, wo der Müllern nur aufschließen thut, wann er mal Besuch bekommt. Dies Logemang hat er hergeben? Das ist ja ein blaues Wunder! Da hat er mal eine sehr gute Launen gehabt. Jetzt horch! Da schlägts auf den Thurm. Nun haben wir noch drei Viertelstunden Zeit. Aber weißt, Du bist halt ein vornehmer Mosjeh, und mein Habit paßt nicht zu dem seinen Gottfried, dent angezogen hast. Drum will ich Dich nicht vor den Leutln verblamerirn. Lauf Du durch die Stadt; ich geh hinten herum.«
Sie trennten sich, was dem Concertmeister auch ganz lieb zu sein schien. Unter vier Augen mochte er wohl einmal gern mit dem originellen Wurzelsepp beisammen sein; aber mit ihm durch die Stadt gehen, das hielt er doch nicht für sehr gerathen. Also ging er gradaus, und der Alte schlug einen schmalen Pfad ein, welcher lang hinter diesem Theile des Badeortes hinführte.
»Jetzt nun bin ich neugierig,« murmelte er in den Bart, »was die Leni für ein fein Gewanderl anhaben wird, wann sie aus dem Wagen steigt. Freilich muß sie sich nun kleiden wie eine richtige neumodische Mademosellen, so ein lang Kleid von Seiden mit einem Schlamperl daran, was hinterher die Cigarrenstummerln auf der Straßen zusammenfegen thut, nachhero einen Sammethut mit einem Vogerl drauf oder mit einer toden Katzen aus Amerika; daran kommt dann so ein Schmachtlapperl, was sie den Schleiern heißen, in der einen Hand ein Sonnen-Parumblüh mit Quasterln und Spitzerln dran herum, und in der andern Hand das weiße Schneutztucherl, was man so hübsch hin und her schlenkert. Und große Schritten darf sie auch nicht machen, wie wann Unsereiner über den Graben springt, sondern sie muß so zimperlich hipperln und tripperln, wie wanns lauter Ameisen zwischen denen Fußzeherln hätt. Na, ich bin begierig, obs mich dann auch noch kennt und anschaut, besonders wann so vornehme Herren dabei sind, der Musikmeistern und der Musikdirectorn!«
Und stehen bleibend und sich mit der Faust vor den Kopf schlagend, fuhr er laut fort:
»Was? Wurzelsepp, was bist doch für ein Hallunken und schlechter Kerlen! Du meinst, daß die Leni Dich nimmer kennen wird? Soll ich Dir selber eine Watschen hinein hauen, daßt ein Purzelbaumerl fliegst von hier bis ins Oesterreicherl hinein. Die Leni ist ein braves Dirndl; die verleugnet den Sepp nicht, und wann selbst der König dabei steht und der Großmogul und der Reichstagslasker und der Eugen Richter mit sammt dem Fürsten Windischgrätz! Die, wann sie aussteigt und sieht mich dabeistehen, so schaut sie die vornehmen Schlankerln gar nimmer an, sondern die wirft vor Freud den Sammethut in die Luften, macht einen Jauchzersprung und fallt mir um den Hals, daß ich gleich denk, ich hab in deren Braunschweigischer Lotterien die Fünfmalhunderttausend gewonnen. Nachhero – – –«
Er war mit beschleunigtem Schritte wieder weiter gegangen, blieb aber jetzt abermals und plötzlich stehen, hielt mitten in seiner Rede inne und starrte nach einer nahe liegenden Gartenecke.
Dort kam zwischen zwei Häusern ein schmaler Steig heraus, welcher auf den Weg mündete, den der Sepp eingeschlagen hatte. Auf diesem Steig war Jemand herbei gekommen und beim Anblicke des Alten dort an der Zaunecke ganz ebenso freudig überrascht wie er stehen geblieben.
»O Jerum Postum Natum, ich weiß nix mehr vom Datum!« rief er aus. »Ists wahr? Bists, oder bists nicht?«
»Ich bins halt schon!«
»Leni!«
»Sepp!«
»Mein liebs Lehnerl!«
»Mein alts, guts Patherl! Komm her! Ich muß Dich umarmeln und Dir vor lauter Freuden ein Busserl geben!«
Sie breitete die Arme aus und kam auf ihn zu. Er aber hielt ihr die ausgespreizten zehn Finger entgegen und rief abwehrend:
»Halt! Nicht so schnell! Erst muß ich mir das Maul abwischen, eh mich so ein saubers Vögerl anbeißen darf. Weißt, ich hab auch meine Lebensart gelernt!«
Er wischte sich einigemal mit dem Aermel so derb über den grauen Schnurrbart, als ob dort einige Frühbeete hinweg zu räumen seien.
»So, jetzund ists appetitlich. Nun schmatz drauf los!«
Sie lachte hell und munter auf, schlang die Arme um seinen Hals und gab ihm einen – zwei – drei schallende Küsse.
»Da, Sepp, hast Dein Willkommen! Schau, so sehr freu ich mich, daß ich Dich seh!«
Er leckte sich die Lippen ab, als ob er Honig gegessen habe, und meinte schmunzelnd:
»Ja, so was laß ich mir schon gefallen. Wanns allemal so wär, so lief ich halt gleich jetzt wiederum fort, um in einer Viertelstunden wieder so ein Willkommen zu halten. Aber, du Wetterhexen, was thust eigentlich hier hinter den Häusern? Willst etwan Sperlingen fangen?«
»Ja!« lachte sie.
»Oho!«
»Aber nur einen einzigen.«
»Bist doch gespaßig!«
»Und zwar einen recht alten und grauen.«
»So mach schnell, daßt ihn auch erwischst!«
»Ich hab ihn schon!«
Dabei hielt sie ihn an seiner alten Joppe fest.
»Potz Flammri! Meinst wohl gar mich?«
»Ja doch!«
»Nun, so hast Recht. So ein alter, grauer Spatzen und Matzen bin ich schon freilich. Also mich hast fangen wollen? Das soll ich wohl auch bald glauben?«
»Kannsts glauben! Ich bin durch alle Straßen gelaufen und hab in alle Wirthshäusern geschaut, aber da ist kein Sepp zu sehn gewesen. Hernach hab ich denkt, ich will mal ins freie Feld blicken, ob er vielleicht da herum springt. Drum bin ich dahier heraußikrochen, und richtig – da hab ich Dich verwischt.«
»Schau, schau! Wer hätt das denken könnt! Und weißt halt, wohin ich eben wollt?«
»Nun?«
»Nach dem Bahnhof, um Dich außisteigen zu sehen.«
»Siehst, da hättst freilich nix geschaut. Ich bin schon bereits mit dem vorigen Zug ankommen, und weil ich weiß, daßt auch hier bist, so bin ich allsogleich ausgangen, um Dich zu suchen. Aber woher weißt halt, daß ich mit diesem Zug kommen soll?«
»Von einem Italienern, einem Concertmeistern, dems der Musikdirectoren gesagt hat.«
»Ach so, der! Ja, der Musikdirectoren hat uns telegraphirt, daß er uns mit der feinsten Equipaschen abholen will, und daß er auch bereits ein sehr hübsch Logis für uns hat.«
»Uns? So bist nicht allein da?«
»Jetzt bin ich allein; aber nun kommt Frau Director Gualèche, weißt, meine Gesangslehrerin.«
»Ja, das Kalescherl.«
»So heißts nicht, Sepp. Gualèche ist ein französischer Nam und wird ausgesprochen wie Galehsch.«
»Ja freilich, wie Kalesch, und das ist doch ein Wagerl, mit dem man leicht und rasch spazieren fahren thut, ein Kalescherl. Die Madame ist also die Frau Directoren Kalescherl.«
»Galehhhhhsch! Verstanden?«
»Ja, hörsts doch! Kalescherl!«
»Mit Dir ist nix zu machen. Du bist und bleibst der alte Wurzelsepp!«
»Und Du bist und bleibst mein bravs Lehnerl. Nicht?«
»Ja, was soll ich denn sonsten sein?«
»Nun, Du könntst gar vielerlei sein; aber am Besten ists, wann Du die Leni bist. Nun sag aber auch, warum Du so zeitig kommen bist und nicht mit Deiner Madamen Kalescherln?«
»Ja, schau, das war so eine Marotten von mir.«
»O weh! Hast doch auch bereits Marotten?«
»Einen ganzen Haufen! Weißt, die Directorin hat ihr Stubenmädchen mitgenommen und ein Gepäck, als obs nach Merika auswandern wollt. Und weil wir abgeholt werden sollen, so hats ein fein Seidenkleid anzogen, und ich sollt auch als so ein feins und vornehms Kreaturl mitkommen. Nun denk Dir mal, Sepp: Ein Schnürbrusten mit acht Pfund Fischbeinen und da vorn herunter ein halber Zentner Stahl; auf dem Kopf ein großer Schapoh de Mariong mit einer Straußenfedern drei Ellen lang. Nachhero die Haaren fein gesalbt und geflochten und zwanzig Naderln hinein und ein Diademerl von Silbern mit Granaten drin – –«
»Alle Wetter!« unterbrach er sie schnell. »Granaten? Ist das Kalescherl gescheidt oder nicht? Wann nun die Granaten platzen?«
»Das sind keine solchen, sondern andere. Und weiter: Dann soll ich Glassehschuhen an die Händen thun und Glanzstieferletten an die Füßen. Einen Fächern soll ich in die Finger nehmen und damit so auf und nieder wedeln, als ob mich die Fliegen und Wesperln schon bereits halb aufgefressen hätten. Und nachhero den Palletoh und den Reisemantel, eine Plüschdecken und ein Plähd aus Schottenland, was aussieht wie ein Damenbrett. Fünf Hutschachterln und zehn Cartongeln, drei Sonnen- und zwei Regenschirmer, zwei Pelzmuffkasten und den Fußsacken, dreißig Papierpaketerln und vierzig – – –«
»Halt auf, halt auf!« schrie der Sepp, indem er sich mit beiden Händen nach den Ohren fuhr. »Und das Alles hast mitnehmen sollen?«
»Ja. Und dazu still sitzen und Bonbons fressen und ein Gesicht machen wie ein Schaf, wann mans mit dem Grashalm in der Nasen kitzelt. Und nachhero, wann man aussteigt, diese Komplimenters und Verbeugebungen und Knixen, daß man sich die Hüften verdreht und die Achseln verrenkt. Dann in eine feine Equipaschen gesteckt und wie die Prinzessin Harifaridarina ins Logement geschafft und dort fein säuberlich niedergesetzt wie ein Glasweiberl, was ja leicht zerbrechen könnt! Nein, da ist mir himmelangst worden, und ich bin ausgerissen.«
»Wie? Was? Wirklich ausgerissen?«
»Freilich.«
»Weiß dann das Kalescherl, daßt hier bist?«
»Daß ich schon hier bin, weiß sie nicht. Ich hab halt mein Alpengewandl hervorgesucht und heimlich anzogen. Herrgottl, wie mir da so wohl geworden ist! Das glaubst halt gar nicht. Ju – hu – hio!«
Sie schnippste mit den Fingern in die Luft und stieß einen schallenden Jodler aus. Der Sepp wurde davon sofort angesteckt. Er faßte sie mit beiden Händen an der Taille, hob sie hoch empor und schrie:
»Hol – de – ro – dri – oh! Juch, juch! Dirndl, Du hast mirs angethan! Der Teuxel soll das vornehme Gelimper und Gelamper holen!«
»Hast Recht, Sepp, hast Recht! Also ich hab mein Gewandl anzogen und bin eschappirt. Vorher aber hab ich einen Brief geschrieben, daß – –«
»Was? Was sagst? Briefschreiben kannst auch schon?«
»Na, was ich alls gelernt hab, das glaubst gar nimmer. Also ich hab der Madamen Qualèche geschrieben, daß ich allbereits fort bin; ich werd einen Umweg machen und erst morgen am Vormittag hier ankommen.«
»Sapristi! Bist Du ein durchtrieben Geschöpferl!«
»Ja, so muß mans anfangen, wann man mal wiederum ein richtig und munter Menschenkind sein will. Aber freilich bin ich schon früh kommen und nicht erst morgen. Nun möcht ich wissen, was die Frau Director für ein Gesichterl gemacht hat, als sie den Schreibebrief lesen that. Das muß gespaßig gewest sein!«
»Und was für Gesichter der Concertmeistern und der hiesige Kapellmeistern machen wird, wann sie hörn, daßt nicht mit dabei bist, das möcht ich auch schaun. Aber nun sag doch mal, Leni, wannt so allein gefahren bist, wo hast nachher das Geldl dazu hergenommen?«
»Meinst, ich hab keins?«
»Nun, woher sollsts genommen haben?«
»Sepp, soll ich Dir meine Kassen zeigen?«
»Ja, zeigs doch mal. Dadrin wirds wohl auch traurig ausschaun, denn Sennrin bist nun nimmer mehr, und ein Dienstlohn bekommst also nicht. Aber Hab nur keine Sorgen und Aengsten. So lang der Sepp da ist, da soll Dir geholfen sein. Was Du brauchst, das hab ich halt schon.«
»Meinst von dem Meinigen, wast mir in München aufgehoben hast?«
»Was Du dem Krikelanton seinen Eltern geben wolltst? Nein, das wird nicht angerührt. Wann Du ein Geldl brauchst, so geb ich Dirs von den weinigen Ersparnissen. Ich hab mir schon denkt, daßt kein solch Concerten hier singen und so eine Reisen machen kannst ohne Geld. Und hier brauchst doch auch Etwas. Nicht?«
»Das wird schon wahr sein.«
»Nun, so will ich Dirs geben.«
»Wie? Das willst wirklich thun? Geld willst mir geben?«
»Ja freilich!«
Um ihren Lippen spielte es stillvergnügt.
»Nun, wie viel nur?«
Er zog sein kleines, schmutziges, armseliges Lederbeutelchen hervor und öffnete es. Er nahm ein Papierchen heraus, reichte es ihr hin und antwortete:
»So viel, Leni. Weit wirds wohl nimmer reichen; aber besser ists doch immer als gar nix.«
Sie nahm es und öffnete es. Es war ein zusammengelegter Fünfzigmarkschein. In ihren Augen glänzte es feucht, und ihre Lippen zuckten verräterisch.
»Das willst mir geben, Sepp, das?«
»So viel!«
»Leni, für eine Sängrin ists so wenig; das kann ich mir gar wohl denken.«
»Aber wie lang hast drüber gespart?«
»Das geht Dich gar nix an!«
»O, das geht mich schon was an! Das geht mich sogar sehr viel an; Mein armer, alter Pathen, der nur trocken Brod ist und am Tag über kaum eine Mark verdient, wann der mir gleich auf einmal fünfzig Mark schenken will, so kann ich schon darnach fragen, obs ihm auch keinen Schaden bringt!«
»Da brauchst keine Angst zu haben. Ich sterb schon nicht daran!«
»Nein, gleich nicht. Aber wannst in Deinen alten Tagen Dir nicht auch mal eine Güten thun kannst, so verkürtzst Dein Leben. Verstanden! Ich nehm das Geldl nicht.«
»Leni!« rief er halb bittend und halb grollend.
»Sepp! Hältst mich für hartherzig?«
»Nein, eben nicht!«
»So behalt Dein Geld!«
»Nein, Du nimmsts!«
»Soll mich Gott behüten! Ich branchs auch nicht. Ich wollt nur mal sehen, wie viel Du mir geben thätst.«
»Du brauchsts schon nothwendig!«
»Nein, ich hab Geld.«
»Kannsts beweisen?«
»Ja.«
»Na, so mach den Beutel auf!«
»Gut, schön! Sollsts gleich sehen.«
Sie drückte ihm den Kassenschein wieder in die Hand, zog ein Portemonnaie heraus, öffnete dasselbe und hielt es ihm hin.
»Nun, so schau!«
Er warf einen langen, erstaunten Blick hinein, trat dann zurück und sagte:
»Jesses, Marie und Josepp! Hast Du aber ein Geldl!«
»Nicht wahr?«
»Lauter Gold!«
»Na, also!«
»Lauter Zehn- und Zwanzigmarkerln!«
»Nur? O, ich hab auch noch mehr. Schau hier nach!«
Sie öffnete noch ein verschlossenes Fach und zog mehrere Hundertmarkscheine hervor.
»So! Hier sind noch fünfhundert Mark.«
Da hob er die Hand erschrocken empor und brach in den alten Stoßvers aus:
»O Herr behüt mich hier auf Erden,
Daß ich nicht mög ein Spitzbub werden!«
»Willst etwan bei mir einbrechen?« lachte sie.
»Nein, bei Keinem, und bei Dir nun erst recht gar nicht. Aber, schau, das sind doch fast achthundert Markerln. Wo hast die denn eigentlich her?«
»Ach so! Jetzt denkst, ich sei irgendwo einibrochen!«
»Nein, aber ich kanns nicht begreifen, daßt so ein Geldl hast. Eine arme Sennerin und so ein Vermögen! Sags schnell, damit ich ruhig werd!«
»Vom König hab ichs.«
»Ah! Vom König!«
»Ja. Er zahlt Alles und giebt mir noch extra auch ein Nadelgeld, wovon ich mir Dieses hier gespart hab.«
»Ein Nadelgeldl?« fragte er erstaunt. »Und davon hast das hier zuruck gelegt?«
»Ja.«
»Himmelsakra! Das mag auch begreifen, wers begreift! Von dem Geldl, was Du brauchst für Steck-, Näh- und Haarnaderln hast das gespart?«
»So wörtlich ists nicht gemeint. Schau, Nadelgeld heißt das, was eine Dame monatlich für Alls erhält, was sie braucht, was sie sich selber kaufen muß.«
Er sah sie groß an, zog die Brauen empor, nickte ihr langsam und verständnißinnig zu und sagte:
»Eine Dame! Ah, Schlipperment! Eine Dame bist also! Nun, das ist wohl auch richtig. Und wie viel giebt Dir der König im Monat, he?«
»Ich bekomm am Tag fünf Mark, am Monat also hundertfünfzig Mark. Hundert spar ich davon, und weil ich nun bereits vom September bis Mai in der Gesangslehr bin, also acht Monaten, so sinds auch grad achthundert Markerln.«
»Und die sind auch Dein?«
»Natürlich!«
»Du brauchst nix zuruck zu geben, wast nicht brauchst?«
»Wo denkst hin! Wird der König Etwas wieder zuruck nehmen. Er hat den Betrag aus seiner Privatschatullen angewiesen, und da wirds nun ausgezahlt, ob ichs brauch oder nicht.«
»O heiliger Baldrian! So eine Privatschatullen, wann ich auch hätt! Ich fräß den ganzen geschlagenen Tag von früh bis Abends saure Kartoffeln mit Speckgriefen dran! Was bist nun da plötzlich für ein reiches Dirndl worden, Leni! O Himmeljerum! Du brauchst nur die zehn Fingern hinaus zu halten, wann Du einen Mann haben willst, nachher klebt an jedem Fingerl ein ganzes Batallgon. So eine Unsummen von Reichthum! Aber schau, das gefreut mich sehr, daßt so gespart hast. Konntsts ja auch verwichsen wie Andre, und es hätt kein Hahn darnach gekräht. Aber so ist nun die Leni!«
»Soll ichs etwan zum Fenstern naus werfen? Ich erhalt ja Alles, was ich brauch, Wohnung und Kost, Lehrgeld und Kleidung, und was für Kleidung. Hör, Sepp, wannt mich im neuen Konzertkleid siehst, so geht Dir der Verstand flöten!«
»Du, da schau ich Dich lieber gar nimmer an!«
»So willst mich also nicht anhören?«
»Ich möcht wohl. Darf ich?«
»Du sollst sogar. Wann ich zum ersten Mal als Sängrin auftret, so mußt unbedingt dabei sein. Ich geb Dir ein guts Freibilleterl.«
»Auch noch ein guts?«
»Ja. Mein Path, der soll mit vorn sitzen bei denen vornehmen Herrschaften. Verstehst?«
»Verteuxi!«
»Oder fürchtest Dich etwan?«
»Ich? Vor wem? Nun grad setz ich mich erst recht voran, denen Herrngeschaften vor die Nasen.«
»Mußt Dich aber fein sauber machen!«
Er kratzte sich hinter den Ohren und meinte:
»Ja, das möcht ich wohl gern, aber – aber – –hm!«
»Was meinst?«
»Ich versteh nix davon.«
»Vom sauber machen?«
»Ja eben. Schau, waschen thu ich mich wohl alle Tagen mehrmals und kämmen auch; damit ists bei mir genug. Das Weiteren kenn ich nicht. Wann ich mich so herrichten soll wie die hiesigen Stutzern, so wird mir gleich himmelangst. Ich weiß ja gar nimmer mehr, was sie Alls thun, um schön hübsch zu sein. Ich habs wohl mal gehört aberst auch wiederum vergessen. Ich hab vernommen, daß sie sich Mehl ins Gesichten blasen, um recht schön weiß zu sehen und Bartstiefelwichscn in den Schnurrbrich. Für die Fingernagerl habens ganz besonderen Bürsten und auch ein feins Scheerle zum Abschneiden, wo ich sie mir gleich so blos abbeißen thu. Nachher kämmens sich einen Strich über den Kopf bis hinten zum Genick herunter, daß der Kopf gleich nur zwei Hälften hat, rechts herübern und links hinübern; ein Glas sperrens sich ins Auge, und einen Stecken nehmens in die Hand, der nicht mal bis zur Erden herunter reicht. Die Hosen müssen ganz eng sein, daß man die Wadeln gut erkennen kann, weils zu klein sind, und hinten kommt eine dicke Watten hinein, weils da auch am Fleisch fehlt. Die Brust macht der Schneidern und die Achseln auch, – sogar eine Schnürbrust sollens anlegen, und wann nachhero so ein armer Teuxel in dem Gewandl steckt, so soll es ihm grad so zu Muthe sein, als ob er oben erstickt, unten ersäuft, vorn erdrosselt und hinten aufgehangen werden sollt. Und nun frag ich Dich, ob ich etwan mich auch so herausstaffiren lassen sollt. Da wärs mir angst um mein arms Wengerl vom Leben.«
»Nein, das sollst nicht. Du sollst nur einen neuen Kragen, ein hübsch Hals- und Schnupftucherl und ein Paar Manschetten haben. Und die Schuhen mußt Dir auch sauber machen.«
»Weiter nix?«
»Nein. Und den Kragen, die Manschetten und das Halstucherl werd ich Dir selber anmachen, weißt, daß es hübsch accurat wird. Ich will grad einen großen Staat mit Dir machen, denn die Leutln werden natürlich fragen, wer der Hallodri ist, der es wagt, sich zu ihnen zu setzen.«
»Der Hallodri? Herrgott sakra, da werd ich ihnen aber eine Antworten geben, mit welcher – – –«
»Ja, weißt, laut werdens nicht fragen.«
»Wie sonst?«
»So ganz still, mit Blicken.«
»O, meinst etwan, ich kann nicht auch blicken? Ich kann Augen machen wie – wie – –wie ein Ofenloch, wann die Steinkohlen drin zerplatzen und heraus in die Stuben fliegen. Mir sollen diese Rackern nicht etwan mit ihren Blicken kommen; ich werd sie anblitzen, daß sie denken, der Donner kommt sogleich dahinter her.«
»Das ist auch falsch.«
»So? Wie soll ichs dann machen?«
»Gar nix sollst machen. Mußt so thun, als obst grad hin gehörst und nirgends anders hin. Mußt gar nix sehn von ihnen; mußt denken: Blaßt mir den Staub von den Füßen, und flickt mir die alten Strümpf zusammen! Verstanden?«
»Ja, so kann ich auch thun ganz gewiß, wann ich nur erst mal wollen thu. O, ich bin ein sakrischer Kerl, das glaubst kaum richtig. Ich kann ein Gesicht machen; wie dem Millionär sein Köderhund, wann ein Bettler kommt. Er bellt ihn gar nicht an; dazu hat er viel zu viele Kassenscheinerl im Schrank.«
»Ja, so mein' ichs und so will ichs. Aber hier stehn wir nun schon fast eine halbe Stunden. Wo gehn wir nun mal hin?«
»Willst etwan gleich in Dein Logis?«
»Wo ist das?«
»Weißts noch nicht?«
»Nein doch.«
»Das ist in der Thalmühlen draußen, wo auch der König wohnt.«
»Der ist schon da?«
»Ja; aber es solls wohl Niemand wissen. Und der Richardl ist auch bereits hier. Na, die habn auch schon ein Abenteuern durchgemacht, was hätt schlimm ausfalln können, wann der Fex nicht gewesen wär!«
»Wer ist das, der Fex?«
»Das werd ich Dir nachher schon Alls klar und kein erzählen, Leni. Jetzt aber – –Ah, wer kommt da?«
Die Beiden hatten Aufmerksamkeit nur auf sich selbst gehabt; darum war es ihnen entgangen, daß es ganz in der Nähe einen heimlichen Beobachter gab. Nämlich das Haus, an welchem der schmale Steg vorüberging und hinter dessen Gartenzaun die Beiden standen, war der Gasthof des Scat-Matthes. Dort befand sich der Fingerlfranz noch. Er war einmal heraus in den Hof gegangen und hatte da die Jauchzer der Beiden gehört. Die Stimme Leni's war ihm sofort aufgefallen, und so hatte er einige Schritte weiter heraus in den Garten gethan.
Zu seinem Erstaunen sah er da hinter dem Zaune den alten Sepp in einer sehr intimen Unterhaltung mit einem außerordentlich hübschen Mädchen. Von der Wand eines Schuppens gedeckt, schlich er langsam näher. Er sagte sich, daß er kaum jemals so ein schönes Mädchen gesehen habe.
Er hatte Recht. Als Sennerin hatte Leni doch immerhin etwas Eckiges, Unfertiges an sich gehabt. Jetzt war sie voller und runder geworden, auch schien sie in die Höhe gewachsen zu sein. Das Sonnenbraun war von ihren Wangen gewichen und hatte einer leisen, hochinteressanten Röthe Platz gemacht, zu welcher der schneeige Teint des übrigen Gesichtes und des Halses, sowie die dunkle Fülle ihres Haares außerordentlich gut paßte.
Es war gewiß, sie hatte geistig gewonnen. Ihre Mienen, ihre Bewegungen waren ganz andre geworden. Ihre Schönheit, früher so zu sagen nur eine körperlich-seelische, war nun auch eine geistige geworden. Das Studium der Musik hatte ihrem ganzen Wesen den Adel geistiger Arbeit aufgedrückt.
Darum machte sie einen außerordentlichen Eindruck auf den Fingerlfranz. Dieser sagte sich zunächst freilich nur, daß sie hübsch, üppig, verführerisch sei. Sie trug ärmliche Kleidung und redete mit dem Wurzelsepp, der für einen halben Bettler galt. Das war für den Franz genug. Er war reich und hielt sich für einen außerordentlich hübschen Kerl; darum konnte es ihm ja gar nicht schwer fallen, hier eine so interessante Bekanntschaft anzuknüpfen. Er beobachtete die Beiden noch ein Weilchen, aber ohne ihre Worte verstehen zu können; dann ging er näher. Als er sah, daß er von dem Sepp bemerkt worden sei, rief er laut:
»Was, bist noch immer da, Sepp? Ich hab glaubt. Du bist schon längst fort gangen.«
»Das war ich auch; aber ich bin bereits wieder zuruck.«
»Und hast Gesellschaft troffen?«
»Freilich.«
»Das laß ich mir gefalln. Darf ich auch diese gute Bekanntschaften machen?«
»Ich rath Dirs nicht.«
»Warum nicht?«
»Es ist zu gefährlich.«
»O, wirst doch nicht etwan eifernsuchtig sein, wann ein Jungbursch mit dem Dirndl redet!«
»Ich? O nein.«
»Was hats denn sonst für eine Gefahren?«
»Das kannst bald erfahren, wannst etwan nicht drin im Garten bleibst.« Der Fingerlfranz schickte sich nämlich an, über den niedrigen Zaun zu steigen. Er ließ sich durch Sepps Worte nicht irre machen, sprang heraus, kam herbei und antwortete:
»Nun, so werd ichs also jetzt sehen, denn ich bin da. Aber ein alter Sakrifizi bist doch, he!«
»Warum?«
»Suchst Dir noch so ein bildsaubers Dirndl heraus!«
»Meinst etwan, ich hab keinen Geschmack!«
»O, einen sehr guten hast sogar. Es giebt in der ganzen Umgegend kein so schöns Maderl. Ich kenn sie noch gar nimmer. Wer ists denn?«
»Mein Patherl.«
»Ah! Und woher?«
»Aus ihrer Heimath.«
»Das glaub ich alleweilen schon. Wo aber liegt denn eigentlich diese Heimathen?«
»Grad unterm Mond, wann er drüber steht.«
»Donnerwettern! Willst mir wohl gar keine Auskunften ertheilen, Wurzelsepp?«
»Wozu ists nöthig!«
»Weil ich das Dirndl gern kennen lernen will.«
»Damit ist nix. Sie ist nur heut da und kommt nimmer wiederum her. Und Du hast die Deinige.«
»Was schadet das? Muß etwan gleich geheirathet sein? Ein Busserl thuts auch.«
»Du, das ist gefährlich. Hasts ja bereits erfahrn.«
»Wie kannst dies behaupten?«
»Greif an Deine geschwollene Nasen und an Deine aufgelaufenen Lippen!«
»Was hat das mit dem Busserl zu thun?«
»Du hättst diesen Hieb nicht erhalten, wann Du die Paula in Ruh gelassen hättst.«
Der Franz blickte ihn zornig an und rief:
»Alle Teufel! Weiß man das auch bereits?«
»Alle Welt weiß es.«
»Von wem aber?«
»Die Eichkatzerln habens verrathen, weißt, welche Du da draußen verscheucht hast.«
»Ja, den Eichkater, ders verrathen hat, kenn ich wohl, und ich werd auch sehr bald mit ihm zusammenrechnen. Aber das gilt doch hier nix. Hier steht ein anderes Dirndl, und ich bin der Fingerlfranz. Schlag ein, Dirndl, wir gehn Sonntag mitnander zum Tanz!«
Er hielt ihr die Hand hin.
»Sonntag hast Verlobung!« meinte der Sepp.
»Nun gut, so können wir gleich jetzt beisammen bleiben. Komm also herein, Sepp, und bring Dein Patherl mit! Ich zahl ein Bier und Schnaps.«
»Dank sehr schön! Wir haben keine Zeit.«
»Hast so nothwendig! Wo willst hin?«
»Dahin, wohin Du nicht gehörst.«
»Sappermenten! Bist doch jetzt auf einmal ein recht Bilsenkraut und Giftschierling! Aber damit machst mich nicht ängstlich. Ich geh mit Euch.«
»Das wirst bleiben lassen!«
»Na, Sepp, Dich werd ich da nicht viel fragen. Das Madel gefallt mir, und so geh ich mit.«
»Gefallst denn etwan auch ihr?«
»Das werden wir sogleich hören. Sag, Dirndl, nicht wahr, ich gefall Dir? Nicht?«
Leni hatte sich mit sehr gleichgiltiger Miene die Gegend angesehen und gethan, als ob der rohe Mensch gar nicht vorhanden sei. Jetzt, da er sich nun bereits zum zweiten Male direct an sie wandte, drehte sie sich langsam um, blickte ihn mit verächtlich zusammengekniffenen Augen vom Kopf bis zu den Füßen an und antwortete:
»Du mir? Diejenige, der Du gefällst, die ist entweder ganz ohn allen Verstand oder sie taugt auch so gar nix, grad wie Du.«
»Wie, ich taug nix? Woher weißt das?«
»Schon Dein Ochsengesicht sagts, und nachher wer ein Dirndl hat und Deine Worten zu einer Andern spricht, der ist ein Hallunken durch und durch. Mach Dich nur von dannen. Bei mir kommst schief an!«
Diese Abweisung reizte ihn noch weit mehr als sie ihn ärgerte. Sie war so schön. Sein glühender Blick ruhte verlangend auf ihr. Er antwortete halb zornig und halb höhnisch:
»Ah, Du bist doch eine rechte Heldin! Siehst denn nicht, daß ich größer bin und breiter als Du?«
»So groß und breit Du bist, so armselig bist auch. Vor Dir braucht man sich nicht zu fürchten.«
»Wollen doch mal sehen. Jetzt werd ich Dich in meine Arme nehmen und Dir ein Busserl geben.«
»Du,« rief der Sepp, »das werd ich mir verbitten. Mein Patherl laß ich nicht anrühren. Ich hab Dir auch bereits gesagt, daß es gefährlich ist.«
»So! Soll ich mich vor Dir fürchten?«
»Obst mich fürchtest oder nicht, das ist ganz gleich. So lang ich noch einen Arm hab und einen Stock, so lang rührst das Dirndl doch nicht an.«
»Halt!« bat Leni. »Du sollst gar nix damit zu thun haben, Path Sepp. Ich bin schon selbiger Diejenige, die mit einem solchen Bub zu reden vermag.«
Dabei schweifte ihr Blick nach einer alten, hohlen, fast ganz abgestorbenen Weide, welche grad neben ihr am Zaune stand. Der Fingerlfranz lachte laut auf.
»Das ist schön, daßt mit mir zu reden vermagst! Das wünsch ich mir grad eben. Und darum wolln wir jetzt unser Gespaß anfangen und zwar mit dem ersten Busserl, was ich Dir geb.«
Er streckte die Arme nach ihr aus. Sie wich bis an die Weide zurück und drohte ihm:
»Laß ab von mir, Ungeziefern Du, sonst ergehts Dir nimmer so, wie Dus wünschen thust.«
»Das werden wir gleich sehen!«
Er wollte sie umfassen und bog den Kopf herab. Da aber holte das tapfere Mädchen aus und schlug ihm mit der Faust so auf die bereits beschädigte Nase, daß das Blut wieder herauslief. Er fuhr mit beiden Händen nach dem verletzten Gesichtstheile, so daß dieselben auch für einen Moment seine Augen bedeckten. Diesen Moment, an welchem er nicht sehen konnte, was sie that, benützte Leni blitzschnell. Sie griff hinter sich in die hohle Weide hinein, an welcher sie lehnte und nahm beide Hände voll von dem feinen Modermehle, welches sich dort angesammelt hatte.
Der Fingerlfranz hatte sein Gesicht, wie gesagt, nur für diesen Augenblick in den Händen gehabt. Jetzt nahm er sie wieder von demselben weg und schrie:
»Verdammtes Geschöpf! Das sollst mir entgelten!«
Er griff nach ihr. Aber ehe er sie zu fassen vermochte, warf sie ihm gedankenschnell die beiden Hände voll Staub in die vor Wuth weit offenen Augen und schlüpfte zwischen ihm und dem Zaune hindurch.
Er schrie laut auf und begann, zu wischen, zu sprudeln und zu pusten.
»Hab ich Dirs nicht gesagt!« meinte der Sepp. »Es war gefährlich. Nun hasts!«
»Hölle und Tod! Wann ich nur sehen könnt, so zermalmt ich sie, die Teufelin!«
»Ja, mein Patherl ist des Teufels Großmuttern. Sie hat Feuern in den Fingerln. Fühlsts nicht?«
Statt seine Augen von dem Mehle frei zu bringen, wischte der Franz dasselbe nur erst recht hinein. Er fühlte einen entsetzlichen Schmerz und brüllte laut.
»Komm, Path Sepp, er hat genug,« sagte Leni leise.
Sie faßte ihn beim Arm und zog ihn fort. Noch einige Zeit erklangen hinter ihnen die Drohungen des gewaltthätigen Menschen; dann sahen sie ihn, als sie sich einmal umblickten, über den Zaun zurücksteigen. Das war das Allerbeste, was er thun konnte. Beim Wirth fand er frisches Wasser zum Auswaschen der Augen.
»Wast für ein wackres und tapfres Dirndl bist!« lobte der Sepp seine Leni. »Mit so einem großen Riesen fertig zu werden! Das hätt ich nimmer dacht!«
»Ja, weißt, man braucht sich nur nicht zu fürchten, nachhero siegt man stets. Wer war denn dieser niederträchtige Kerlen?«
»Ein Viehhändler. Ich erzähl Dir schon noch von ihm. Wollen wir jetzt nicht mal nach dem Bahnhof gehn?«
»Was wolln wir dorten?«
»Ich möcht so gern die Empfangs-Depertation anschaun, wannt nicht mit dabei bist.«
»Sepp, das ist mir zu gefährlich.«
»Warum?«
»Wann wir sie sehn, so sehn sie uns auch.«
»Hm! Wir müssen uns verstecken.«
»Auf Bahnhöfen giebts keine solchen Verstecke wie im Feld oder im Wald.«
»O, hier dennoch. Ich weiß bereits eins.«
»So? Wo?«
»Weißt, da drin im Wartesaal erster Klassen, da hab ich mal hineingeschaut, weil ich auch sehen wollt, ob man sich in erster Klassen von vorn oder von hinten niedersetzt. Da hab ich eine Thüren gesehen, dadran ist zu lesen gewest: »Toilettenzimmer«. Weißt, was das ist?«
»Nun?«
»Ich hab sogleich den Kellnern gefragt, und der hats mir verklärt. Wann nämlich eine Herrschaften auf der Reisen recht schmutzig worden ist, so gehens da hinein, um den Dreck herunter zu waschen und die alten Strümpfen auszuziehn und die neuen wieder hinan. Nachhero sinds reinlich worden und dürfen sich wieder vor den andern Menschen sehen lassen. Hast schon mal davon gehört?«
»Freilich wohl,« lachte sie.
»Glaubsts wohl nicht?«
»Oja.«
»Weil Du lachst.«
»Ich lache, weil Dus mit dem Dreck ein Wenig gar zu kräftig machst.«
»Wohl nicht. Dreck ist Dreck. Oder meinst, daß es nur bei einem Bauern Dreck ist, bei einem Bürger Schmutz und bei einem Vornehmen Reisestaub? Meinswegen! Die Sach aber bleibt immer dieselbige. Nun mein' ich aber, wann wir in diese Toiletten gehen, so können wir Alles sehen. Und wann das Fenstern offen ist, so hören wir auch, was gesprochen wird. Meinst nicht?«
»Ja, das ist richtig.«
»Willst?«
»Meinswegen. Aber es muß bezahlt werden!«
»Ein Markerl für die Person; das sind zwei Markerl; die zahl ich gern für das Vergnügen. Komm also! Der Zug wird bereits bald da sein.«
Als sie nach dem Bahnhof gelangten, hielt eine feine Equipage in der Nähe des Perrons, und dabei stand der Concertmeister mit dem Capellmeister.
»Schau,« erklärte der Sepp, »dort stehn die beiden Meistern, welche Dich erwarten. Sie dürfen uns nicht sehen. Komm, wir gehn durch die andre Thüren.«
Der Kellner, von welchem Sepp den Schlüssel zur Toilette verlangte, guckte diesen nicht schlecht an. Das war ihm noch nicht vorgekommen, daß so ein Rucksackträger sich so fein erwies. Als die Beiden eingetreten waren, schob Sepp den Riegel vor, um nicht etwa gar von Denen, die er belauschen wollte, überrascht zu werden.
Es läutete zum ersten Male, und gleich darauf fuhr der betreffende Zug herein. Die beiden »Direktoren« eilten herbei. Sie richteten ihr Augenmerk natürlich nur auf die Coupées erster und zweiter Classe. Grad gegenüber dem Fenster des Toilettenzimmers wurde ein Coupé geöffnet. Eine Dame blickte suchend heraus.
»Signora Mureni,« rief der Kapellmeister laut. »Wo befindet sich Signora Mureni?«
»Hier,« antwortete die erwähnte Dame.
Die beiden Herren eilten herbei, rissen die Hüte von den Köpfen und verbeugten sich tief. Dann fragte der Capellmeister:
»Darf ich hier meinen Freund vorstellen? Ich bin Capellmeister Naumann, der Verfasser des heutigen Telegrammes. Dieser Herr ist der Herr Concertmeister Rialti aus Bologna, welcher sich außerordentlich glücklich schätzt, bei dem Concerte mitwirken zu dürfen. Bitte, Ihre Hand, Signora!«
Er half ihr aussteigen. Aber je weiter die Dame sich aus dem Coupé hervorarbeitete, desto länger wurde sein Gesicht. Die Aussteigende hatte eine Taille, auf welche jener Reim gemacht zu sein schien
»Wenn ich so schlanke Taille hätt
Wie da Frau Marthe Stoffeln,
Fräß ich den ganzen Ziegenbock
Mit sammt dem Korb Kartoffeln.«
In Wahrheit war die Coupéöffnung beinahe zu eng für die Gestalt dieser Frau. Ihr hochrothes Gesicht glänzte vor Fett; der Athem schien ihr zu fehlen. Von einem Tritte auf den Anderen herabzusteigen, schien für sie eine so große Anstrengung zu sein, daß beide Herren sie unterstützen mußten und die Last kaum halten konnten.
»Ist das die Mureni?« fragten sie sich.
Unmöglich. Das war jedenfalls nur die Anstandsdame. Die Sängerin steckte wohl noch im Coupé. Der Capellmeister warf einen Blick hinein. Es war leer. Unter Angst und Bangen erkundigte er sich:
»Kommen Signora allein oder in Begleitung?«
Die Dame hatte sich von der Anstrengung des Aussteigens noch nicht ganz erholt. Sie blies Luft von sich wie eine Wallfischtante und wedelte sich mit dem Taschentuche Kühlung zu.
»Nicht – nicht allein.« hauchte sie.
»Ach, Gott sei Dank!« dachte der Capellmeister.
»Ich – hab – hab mein Stuben – Stubenmädchen mit – dritter Classe – Gepäck – dort!«
Sie zeigte nach weiter hinten, wo die Wagen der dritten Classe standen und eine Person, welche man an der Kleidung sofort als Dienstbote erkannte, im Schweiße ihres Angesichtes eine entsetzliche Menge von Handgepäck aus dem Coupé zu zerren.
Die Dicke sah das. Das Mädchen schien ihr nicht sorgsam genug mit den Sachen umzugehen, denn sie setzte sich in möglichst eilige, watschelnde Bewegung nach der Stelle hin und rief dabei mit fetter Stimme.
»Halt! Halt! Um Gottes – –willen! Meine Mor – Morgenhau – haube? Meine Krau – Krausen! Mei – meine Saffi – Saffianpan – pantoffeln!«
So verschwand sie von der Bildfläche des Fensters, wie an dem Meere eine dicke Seekuh an der kleinen Badecabine vorüberschwimmt.
Sepp lehnte hüben und Leni drüben am Pfeiler des offenen Fensters. Als er die Dame erblickte, sagte er:
»Der da machens ein Complimenten. Wer mag diese wohl sein.«
»Das ist sie,« antwortete Leni.
»Wer?«
»Die Frau Directorin Qualéche.«
»Das Kalescherl! Potztausend! Die hab ich mir halt ganz anders vorgestellt. Ein Kalescherl ist doch ein flottes Fahrzeug; die aber kommt heraus wie ein Möbelwagen. Und von der lernsts Singen?«
»Ja.«
»Das ist schön! Das ist gut! Das ist sogar einzig! Kann die denn singen?«
»Jetzt vor Fett nicht mehr. Früher aber war sie eine berühmte Concertsängerin.«
»Sie kanns nicht mehr und lernts Dir doch? Sie muß Dirs doch zeigen, wie Dus machen mußt!«
»Dazu hat sie ihre Tochter, welche sie beim Unterrichte unterstützt.«
»Sapristi, so hab ich stets, wenn ich bei Dir war, die Tochtern für die Muttern gehalten. Denn diese Gestalt ist mir noch nimmer vor die Augen kommen. Schau mal, die Gesichter, die die Beiden machen!«
»Ja, es ist köstlich. Sie halten sie für mich!«
»Na, das ist auch einzig. Sie verschwindet. Jetzt nun soll michs wundern, was noch geschehen wird.«
Es war wirklich ein Genuß, zu beobachten, mit welchem Gesichtsausdrucke der Capell- und der Concertmeister einander anblickten.
»Ists denn möglich!« seufzte der Erstere.
»Möklik – possibile!« schüttelte der Andere den Kopf.
»Das soll sie sein!«
»Ssein, ja ßein soll es ßie, ßie, ßie!«
»Eine Sennerin!«
»Ja, eine Ssennerin, ßehr, ßehr! Eine Ssennerin aus Jtalia, eine Italiana!«
»Ists zu glauben?«
»Kaum ßu klauben!«
»Die sollen wir singen hören!«
»Ja, ßingen, ßingen, cantare!«
»Die kann doch gar keine Stimme haben!«
»Nein, keine, kar keine.«
»Ich möchte beinahe behaupten, wir seien mystificirt, gefoppt.«
»Ja, das ßein foppen, ein Fopperei, corbellatura, coglionatura, ein motteggio!«
»Ich kann mir das nicht erklären. Was thun wir, Herr Concertmeister?«
»Ja, waß thun, waß, waß, waß!«
»Und der König soll sie hören!«
»Sokar der Könik!«
»Aber auf seinen Befehl ist sie hier! Es kann also doch keine Täuschung sein.«
»Nein, keinen Täuschunk, nein, nein!«
»Es ist ja möglich, daß sie Sennerin gewesen ist, aber vor dreißig Jahren, als sie noch schlank war. Jetzt könnte sie keine Alm besteigen. Sie würde abrutschen wie ein Laubfrosch an der Fensterscheibe.«
»Ja, Laubfroschen – rana arborea.«
»Geben Sie mir einen Rath!«
»Ja, einen Rathen, Ssie mir, ßie, ßie!«
»Auch Sie sind rathlos! Nun, es geht nicht anders, als daß wir uns in dieses Schicksal ergeben, wenigstens einstweilen. Natürlich müssen wir unsere Befürchtungen sofort der Majestät mittheilen.«
»Ja, ßoforten, ßoforten!«
»Aufgepaßt! Jetzt kommt sie wieder. Lassen Sie sich nichts merken. Die größte Höflichkeit. Vielleicht ist sie doch eine gesangliche Größe, obgleich ich noch nie gehört habe, daß eine fette Wachtel wie eine Nachtigall geschlagen hat.«
Die Dicke kam zurück, und die beiden Herren rissen ihre Hüte wieder von den Köpfen.
»Also,« sagte sie, »Sie haben die Güte gehabt, für ein Unterkommen zu sorgen?«
Sie war jetzt besser bei Athem. Sie konnte ihren Satz ohne Unterbrechung aussprechen.
»Wir haben es mit größtem Vergnügen gethan,« antwortete der Kapellmeister.
»Es ist doch in der Nähe?«
»Da war es unmöglich, ein Logis zu finden, wie wir es Ihnen gern bieten wollten, Signora.«
»O wehe! Wie weit ists?«
»Vor der Stadt, in einer Mühle.«
»Was? In einer Mühle?« fuhr sie auf. »Sie scherzen doch jedenfalls?«
»Das würde ich gegenüber einer solchen Künstlerin mir doch nicht gestatten.«
»Also doch! In einer Mühle! Aber, sehen Sie mich doch an! Bedenken Sie doch meine Constitution! Wenn ich den Mehlstaub einer Mühle bei meiner unglückseligen Corpulenz einschlucken soll, so bin ich morgen früh bereits ein todter Mann – wollte sagen, eine todte Dame, auf alle Fälle aber eine Leiche!«
»Da kann ich glücklicher Weise Signora beruhigen. Sie wohnen keineswegs in dem Gebäude, in welchem sich das Werk in Gang befindet.«
»So! Das klingt freilich beruhigend. Also Mehlstaub giebt es nicht?«
»Keine Spur.«
»Mühlengeklapper?«
»Auch nicht.«
»Dann will ich mich gern fügen. Aber welche Gelegenheit habe ich, nach meiner Wohnung zu kommen?«
»Ich hatte die Ehre, Ihnen telegraphisch zu melden, daß ich eine Equipage besorgen würde. Dort steht sie, wenn Signora sich bemühen wollen.«
»Schön! Bitte bringen Sie mir mein Handgepäck!«
Sie deutete nach der Stelle, wo dasselbe lag. Die beiden Herren eilten diensteifrig hin; sie aber watschelte nach der Kutsche und wurde mit vieler Anstrengung von dem wartenden Kutscher hineingepfropft. Dann kamen die Beiden mit dem Mädchen herbei, alle Drei mit Gepäck beladen. Der Kutscher musterte das Letztere.
»Signora,« fragte er, »fährt das Mädchen mit?«
»Unbedingt!«
»Und dieses Gepäck soll auch mitgenommen werden?«
»Unbedingt!«
»Das ist unbedingt unmöglich!«
»Es ist unbedingt nothwendig!«
»Dann bitte ich, mir anzugeben, wo ich Alles unterbringen soll.«
»Das ist Ihre Sache. Ich bin nicht Kutscher.«
Sie legte sich in den Wagen zurück und machte die Augen zu. Das Einsteigen hatte sie angegriffen.
Nun sahen die beiden »Meister«, der Kutscher und das Stubenmädchen einander an. Das Letztere zuckte die Achsel und sagte:
»Außer diesem haben wir auch noch Frachtgepäck.«
»Auch noch!«
»Ja, zwei Koffer und zwei Reisekörbe.«
»Und das soll Alles mit? Das ist – –«
»Pst!« unterbrach der Kutscher den Sprechenden leise. Er winkte in den Wagen hinein, wo die Dicke in der Ecke ruhig athmete, und flüsterte: »Sie hat die Augen zu. Schläft sie etwa?«
»Das ist so ihre Angewohnheit, wenn Sie sich angestrengt hat. Freilich ists kein eigentlicher Schlaf, sondern nur so ein halber Dussel.«
»Dussel!« wiederholte der Kapellmeister, die Hände faltend und den Italiener verzweifelnd anblickend.
Dieser streckte die Linke aus, wie wenn er mit derselben eine Violine halte, that, als ob er mit der Rechten den Dämpfer auf den Geigensteg setze, simulirte sodann einen langen, leisen Bogenstrich und sagte:
»Leiße, leiße sprecken! Con sourdine, con sordino. Ssie schlafen!«
Da machte der Kutscher eine pfiffige Handbewegung und flüsterte lächelnd:
»Steigen Sie zu mir auf den Bock, Fräulein. Ich fahre so leise ab, daß sie es gar nicht merkt und unterwegs auch nicht aufwacht. Dann besorgen die beiden Herren ein Fuhrwerk, auf welches das ganze Gepäck aufgeladen und Ihnen augenblicklich nachgeschickt wird.«
»Richtig!« stimmte der Kapellmeister bei. »Das ist das Allerbeste, was wir machen können.«
So geschah es auch. Das Mädchen stieg auf, und die Equipage setzte sich leise, ganz leise in Bewegung, nach und nach in einem schnelleren Gang fallend. Die beiden Herren blickten ihr nach.
»Da fährt sie hin!« grollte der Capellmeister.
»Ja, hin, ßie, ßie! Oh!«
»Ich hatte es mir ganz anders gedacht.«
»Ich auk!«
»Ich glaubte, wir würden mit bei ihr Platz nehmen, um sie zu begleiten.«
»Ein Bekleitunk – accompagnamento!«
»Ich hielt sie für jung.«
»Ich auk!«
»Für schön!«
»Ssehr schön, ßehr, ßehr!«
»Und interessant!«
»Ssehr interessante!«
»Ich glaubte, daß wir eine geistreiche Unterhaltung haben würden. Denken Sie, Herr College, eine lustige Sennerin, welche der König ausbilden läßt! Es war so schön gewesen!«
»Ssehr schön kewesen, ßehr!«
»Wir hätten galant sein können, ihr Rath geben, sie unterstützen können, ein freundliches, anerkennendes Lächeln aus schönen Augen erhalten, und nun, nun – dieses Ungethüm!«
»Ja, Unkethüm – spettro, mostro, prodigio!«
»Eine Sängerin, welche von Mehlstaub gleich bis morgen früh ersticken will! Das ist doch eine Ungeheuerlichkeit sonder Gleichen. Nun haben wir die Equipage besorgt; sie schläft im Handumdrehen ein, und wir haben das Vergnügen, auch noch einen Frachtwagen zu beschaffen. Alle Teufel, ich halte es für möglich, daß sie sogar im Concert, während sie singt, sich niedersetzt und mitten in einem Triller einschläft! Und da sollen die Besucher ein so hohes Entree bezahlen! Aber kommen Sie, wir müssen einen Wagen haben, denn wenn sie nicht sehr bald ihre Effecten erhält, ists möglich, daß sie vor Aerger schon heute erstickt anstatt morgen vor Staub.«
Es war zum Glück ein passender Wagen in der Nähe, auf welchen Alles geladen wurde. Das Dienstmädchen hatte den Gepäckschein zurückgelassen. Erst als auch dieser Wagen sich in Bewegung setzte, konnten die beiden Herren den Bahnhof verlassen. Der Concertmeister wollte direct nach Hause gehen, der Kapellmeister aber zuvor den Director des Theaters, in welchem das Concert stattfinden sollte, aufsuchen, um ihn von der großartigen Enttäuschung zu unterrichten und dann um weitere Instruction zu bitten.
Sepp und Leni hatten von dem offenen Fenster aus auch den letzten Theil der Humoreske mit ansehen können. Leni sagte lachend:
»So ist sie. Sie muß ihr halbes Möblement mitnehmen. Nun aber, wenn sie an der Mühlen aussteigt und ihre Sachen nicht vorfindet, wird es eine unbeschreibliche Scenen geben. Ich muß nur schnell machen, daß ich noch hinkomm.«
»Wie? Du willst ihr nach?«
»Ja doch.«
»Und wolltst doch erst morgen kommen!«
»Das war nur Scherz. Ich wollt bequem fahren und den Complimentern entgehn. Das hab ich erreicht, und nun bin ich eben da.«
»Das ist schad, jammerschad!«
»Warum?«
»Ich hab glaubt, daß ich heut ganz mit Dir zusammensein könnt. Ich hab Dir doch so viel zu verzählen, Leni.«
»Das können wir doch auch trotzdem thun. Wo bleibst Du über Nacht?««
»Beim Fex in seiner Capellen.«
»Wo ist das?«
»Das ist ein großes Geheimniß, was ich Dir auch noch entdecken wollt, wanns der Fex mir erlaubt.«
»Können wir uns denn heut Abend nicht treffen?«
»Das kann ich jetzund noch nicht genau sagen; aber darf ich zu Dir kommen, wann ich mit Dir reden will, Leni?«
»Wer will Dirs wehren. Komm getrost! Jetzt aber gehen wir nun schnell.«
Sie bezahlten ihre zwei Mark und gingen, und zwar auf demselben Weg zurück, den sie gekommen waren, hinter der Stadt herum.
Als sie dann am anderen Ende der Stadt in den richtigen Fahrweg einbogen, trafen sie mit dem Italiener zusammen. Bei Sepps Anblick erinnerte sich derselbe, daß der Alte die Sängerin auch hatte sehen wollen. Er nickte ihm mißmuthig zu und fragte:
»Hast Du ßie kesehen?«
»Ei wohl!« lachte der Gefragte.
»Und ßie ßein Dein Pathen?«
»Natürlich.«
»Warum ßein Du nicht hinkekommen?«
»Weil ich Euch nicht stören wollte.«
»Kann Dein Pathen ßingen?«
»Wie ein Lerchen in der Luft.«
»Ich mökt ßie ßehen fliegen in der Luft! Oh, oh, das ßein ein Ssängerin, ein Ssängerin!«
»Wirst schon noch Deine Freuden an ihr erleben!«
Der Italiener hatte keinen Blick von Leni verwandt. Ihre Schönheit machte jedenfalls auf den Südländer trotz seines Alters einen mächtigen Eindruck. Er antwortete auf Sepps Bemerkung:
»Ich klauben es nicht. Mit so einer Kehlen kann Niemanden ßingen. Wer ßein diese Mädchen, die Du hast hier?«
»Das ist eine Bekannte von mir.«
»Wohnt hier?«
»Nein. Sie ist nur auf Besuch hier. Sie ist eigentlich auch eine Sennerin von droben herab.«
»Oh! Ach! Eine Ssennerin! Ssehr schön, ßehr! Ich lieben die Ssennerinnen, weil ßie ßingen so ßehr schön, ßehr, ßehr! Ssie ßingen hübsch Lieder und maken schön Jodler. Ich haben nok nie hören Jodler. Maken diese Ssennerin auk Jodler?«
»Na, und wie!«
»Wirklik?«
»Ausgezeichnete Jodler.«
»Das ßein schön, sehr ßehr schön! Laß ßie jetzt maken ein Jodler, ein schön Jodler, ich bitt!«
Der Sepp wendete sich an die Leni:
»Hasts verstanden, was er will?«
»Ja.«
»Willst ihm den Gefallen thun?«
»Warum nicht? Wir sind im freien Feld, und es sieht uns Niemand. Da kann ichs schon thun.«
»Das freuen mich ßehr, ßehr!« rief der Italiener. »Alßo fangen an, jetzt kleich, schnell!«
»Was für Jodler willst Du?« fragte sie. »Bekannte oder solche, die ich mir selber gleich mache?«
»Nicht bekannte, lieber maken.«
Es flog schelmisch über ihr liebes Gesicht. Auch der Sepp drückte das eine Auge zu und blinzelte mit dem anderen nach ihr hin, um ihr anzudeuten, daß sie diese Sache nicht allzu zart zu nehmen brauche. Und da sie sich bei guter Stimmung befand, ging sie sehr gern drauf ein. Sie sagte:
»Da wirst Dich freilich freun. Alle Leut kennen mich wegen meiner Stimm und meines Gesanges. Ich bin berühmt als Jodlerin.«
»Das ßein ausgeßeichnet gut! Ich hören kleik einer berühmten Jodlerin. Anfangen schnell!«
»So paß mal auf!«
Sie stemmte die linke Hand in die Hüften, hielt die andere frei zum Gestikuliren, setzte den Fuß vor und sang mit schrecklich krächzender Stimme und in möglichst unreinen Tönen:
»Da drüben und da draußen.
Da steht ein Soldat,
Der wackelt mit dem Kopf
Und schneidet Gurkensallat.«
Er blickte ihr ganz erstaunt in's Gesicht und fragte dabei:
»Das ßein Kesang? Das ßein Jodler?«
»Ja, freilich! Hör nur weiter:
Da drüben und da draußen,
Wo der Finkerl so singt.
Da tanzt unser Küster
Daß der Hut runter springt.«
Sie hatte jetzt womöglich noch schrecklicher gesungen als vorher. Er hielt sich die Hände an den Ohren, strampelte mit den Füßen und rief:
»Halt, halt! Das ßein kein Kesang! Du haben anfangt in Es-dur und aufhören in Gis-moll. Das zerreißen Einem die Ohr aller Beiden!«
»So hast kein ordentlich musikalisches Gehören! Kann etwan Jemand schöner jodeln als jetzt:
Da drüben und da draußen.
In das Welschland hinein.
Da giebts so viele Flöh,
Und da möcht ich nicht sein.
Judirullilla juch, juch!«
Jetzt ärgerte ihn sogar außer den Tönen auch der Text. Er ballte zornig die Faust und sagte:
»Was kiebts in Welschland, in Italia? Flöhen? Das sein eine Lükenhaftigkeiten! Wir haben kein Flöhen, pulci! Du ßelber haben wohl die Flöhen! Du ßelber ßein ein Floh! Du haben eine Sstimm wie ein Floh; Du ßingen wie ein Floh, und Du mit Worten stechen wie ein Floh! Du hast jetzt anfangen in G-moll und aufhalten in kar kein Tonarten. Du ßingen wie ein zerbrochenen Glas. Dein Geßang klingen wie ein Schnabel von Klarinette, wenn steckt er in ein Maul von die Affen. Ich niks mehr hören!«
»Was?« antwortete sie scheinbar zornig. »Du schimpfst mich und willst mich tadeln! Du verstehst gar nix davon! Du willst ein Musikus sein und kannst nicht mal eine Noten von einer Pausen unterscheiden! Da hör doch gleich mal!«
Und in ohrzerreißender Weise sang sie:
»Da drüben und da draußen,
Da ists so der Brauch,
Und wann's wirklich besser kannst,
So jodl doch mal auch!
Judirullilla! Juch, juch!«
»O welk ein Unklük, welk einen Qual!« rief er aus. »Das reißen mir die Kedärm aus die Leib und die Sseel aus das Bauch! Du ßein so ein schön Mädchen und hast ßo ein häßlicher Kehlkopfen! Man kann mir in Dir verlieben und doch Dich schlagen todt, ßobald Du anfangen ßu hingen.«
»Nun, so sing doch also selber mal!«
»Ich haben ein Geigen aber kein Stimmen; ich nicht singen ßondern spielen Violin!«
Dabei zeigte er mit dem rechten über den linken Arm hinweg. Leni aber rief:
»Schumpfen kannst also, aber besser machen kannst nix. Das will ich Dir gleich vorsingen:
»Da drüben und da draußen,
Thut Mancher gar groß,
Und wann er auch Concertmeister ist,
So hat er doch nix los!
Judirullilla! Juch, juch.«
Jetzt hatte sie sich die größte Mühe gegeben, alle möglichen Untöne hören zu lassen, so daß er sich umdrehte und davon lief. Sie aber sprang ihm nach, faßte ihn, den kleinen, dünnen Kerl, um den Leib und wirbelte sich tanzend mit ihm auf der staubigen Straße herum, daß sie sich in einer förmlichen dicken Wolke befanden. Dazu krähte sie mit weithin schallenden Fisteltönen das »Judirullilla« und ließ dann bei dem zweiten »Juch« den athemlos keuchenden Mann so plötzlich los, daß er eine weite Lerche schoß und drüben sich höchst unfreiwillig auf ein frisch gedüngtes Ackerfeld niederließ.
Dann rannte sie fort, sich weder um ihn noch um den Sepp kümmernd. Sie hatte von Weitem die Mühle blicken sehen und ahnte sehr leicht, daß diese Gebäude das Ziel ihrer Wanderung seien.
Der Italiener saß mitten im Felde, stöhnte laut und befühlte seine Gliedmaßen, ob dieselben keinen Schaden gelitten hatten. Der Sepp aber stand dabei und lachte, daß ihm die Thränen aus den Augen traten.
»O Unklüken, o Jammer und Elenden!« rief der Kleine. »Erst mir zerreißen den Ohren mit Jodler, nachher tanzen und dann werfen dahin wo ßtinken vor Mist, bovima, pastura! Und da lacken dazu wie ein Esel, asino, cinco, miccio!«
»Ja, ein sakrisch Dirndl ists! Nicht wahr; sie kann jodlen wie Eine und tanzen, und Gewalt hats auch in den Armen! Sie hat Dich schön herum gerissen! Das war doch zu köstlich! Ja, die Leni, die Leni!«
»Das ik will mir verbitten!«
»Nun, gefallt sie Dir nicht? Ist sie nicht ein schönes Dirndl, ein bildsaubers Weibsbild?«
»Ja, schön, ßehr schön!«
»Na also! Aber steh doch auf!«
»Ik sehen wollen, ob ik auk kann.«
Er krappelte sich langsam auf und versuchte, zu gehen. Als er bemerkte, daß es ging und daß er unbeschädigt sei, heiterte sich sein Gesicht auf. Er klopfte sich den Schmutz aus den Kleidern, wobei ihm der Sepp behilflich war, und meinte dabei:
»Ssehr schön sie ßein, allerdinks ßehr, ßehr! Diesen schönen Kopf und Kesicht!«
»Ja, ein Gesichterl hats wie eine Puppen.«
»Diesen Taillen und Busen!«
»Der gefallt Dir wohl?«
»Ssehr, ßehr. Er sein nur versteckt unter die Hemd und nikt so unter Kleid wie bei Damen!«
»Freilich, das ist so die Gebirgstracht. Und nachgemacht ist er auch nicht. Die Leni braucht sich die Brust nimmer auszustopfen mit Watten und Herzbetterln und Fetzen wie Eure Damerln, welche die Waden haben wie der Storch und den Busen wie eine Kletterstangen. Die ist halt von guter Art.«
»Und diese Arme, braccia! Wie ein Venus oder Juno ßo herrlik, so nackt bis hinauf!«
»Ja, der Arm gefallt mir auch!«
»Ssehr, ßehr kut! Ein herrlik Frauen! Man könnt gleik heirathen ßie; aber ßie hat das Teufel in Leib; man muß sik vor ßie in Akt nehmen!«
»So schlimm ists nicht. Das hat nur so gescheint. Sie war halt ein Wengerl ausgelassen. Sonst ists so lieb und mild wie ein Kind.«
»Ik danken für so einen Kind! Und eine Stimm hat ßie wie ein verßtimmten und verbogen Trompet, tromba, trombetta!«
»Heut, ja,« lachte der Alte. »Aber ich werd sie schon bald wieder einstimmen. Nachher sollst sie hören! Da wirst Dein blaues Wunder an ihr erleben!«
»Ik möken nikt hören wieder! Ik gehen nach Hausen. Ik haben satt von die Sennerin!«
»Meinswegen! Ruh Dich aus von dem Galopp, den sie mit Dir getanzt hat. Aber wann sie Dir so gefallt und Du sie etwan heirathen willst, so mußt mich um Erlaubniß fragen. Ich bin der einzige Verwandte von ihr. Behüt Dich Gott!«
Er ging querfeldein davon, nach der Fähre hin, um sich mit dem Fex wegen heut Abend zu besprechen. Er hatte mit seinen letzten Worten natürlich nur Scherz gemacht; er wußte nicht, daß der Eindruck Leni's auf den Italiener ein wirklich ungewöhnlicher war, trotz ihres ungewöhnlichen Verhaltens zu ihm.
Während der Concertmeister langsam nach der Villa hinkte, war die Leni bereits an der Mühle angekommen. Eine Magd stand da, neben derselben ein Knecht. Beide sprachen sehr angelegentlich mit einander, als ob etwas Außerordentliches passirt sei. Aus der Wohnstube des Müllers hörte man dessen zornig scheltende Stimme erklingen.
Leni trat zu den Beiden und fragte:
»Ist hier nicht eine Sängerin ankommen?«
»Leider!« antwortete der Knecht, sie neugierig betrachtend.
»Wo wohnt sie?«
»Da oben, eine Treppen hinauf. Willst etwan zu ihr?«
»Ja.«
»So nimm Dich in Acht, sonst könntst leicht einen Stuhl oder gar gleich das Kanapee an den Kopf bekommen.«
Und als sie sich nach der Thür wandte, meinte er zu der bei ihm stehenden Magd:
»Was für ein wundersaubers Dirndl! Wer mag das sein, und was mag das von der Dicken wollen!«
Eben als Leni in den Hausflur trat, kam Paula eilig zur Treppe herab. Ihr hübsches Gesichtchen war von Anstrengung und Aufregung hoch geröthet. Die beiden Mädchen betrachteten sich einen Augenblick lang mit der instinctiven Sympathie wie für einander geschaffener Seelen.
»Sag, bist vielleicht die Tochter des Müllern?« fragte Leni in freundlichem Tone.
»Ja, die bin ich schon.«
»Das gefreut mich. Ich will hinauf zur Sängerin.«
»Das laß ja bleiben!«
»Warum?«
»Die hat eine Launen wie der Bär, wann ihm die Ratten das Schwanzerl wegfressen haben!«
»O, die wird auch schnell wiederum gut.«
»So? Kennst sie wohl bereits?«
»Sehr genau.«
»So gehörst wohl zu ihr?«
»Freilich.«
»Warum bist da nicht gleich mitkommen?«
»Weil ich noch zu thun hatt in der Stadt. Wann ich gleich dagewest war, so hättst sehen sollen, daß die Sängerin ein gar guts Weibsbild ist.«
»So hast eine Gewalt auf sie? Sie folgt Dir?«
»Gar gern.«
»Das ist gut! Nun wird mir auch gleich das Herzel wieder leicht. Ach Gottel! Schau, ich hab noch gar keine so berühmten Sängerin gesehen, und da war die Angsten vor ihr groß. Jetzt sitzt sie oben, ganz außer Athem vor Zornmüthigkeit, und Keins kanns ihr richtig machen. Sie ist so dick und schwer, und als sie sich niedersetzt hat, da ist der Stuhl unter ihr zerbrochen und sie hat in der Stuben gesessen wie ein Spanferkel, wanns die Ohrlen spitzt. Da ists nachher losgangen, und wie! Unsere Stühlen sind nicht eingerichtet für so eine doppelte Personen, und derjenige, darauf sie sich auf selbigen gesetzt hat, der hat wohl schon einen kleinen Rissen oder Knicksen gehabt. Seitdem sitzts auf dem Kanapee und schnappt nach Athem. Drei Menschen waren nothwendig, um sie ausi zu heben von der Dielen. Sollt man denken, daß die berühmten Sängerinnen gar so sehr spectakelhaftig sein können!«
»Es giebt auch gute!«
»Ja, wann die Eine wär! Mureni solls heißen!«
»Die Mureni ist gut, und sie wird Dir schon auch gefalln; drauf kannst Dich verlassen. Laß mich nur erst hinauf, nachher bekommt die Geschicht ein ganz anderes Gesichten. Wer sag, wie Du heißt?«
»Paula.«
»Dieser Name gefallt mir. Ich heiß Leni.
»Das klingt auch hübsch.«
»Meinst? Wollen wir ein Wengerl gut mit nander sein und freundlich auch, Paula?«
»O wie so gern!« antwortete die Müllerstochter, indem ihr Auge herzig aufleuchtete.
»Das gefreut mich. Gieb mir die Hand drauf.«
»Hier hast sie!«
»Schau, Du gefällst mir noch viel bessern als schon der Name vorher. Wannt mich kennen lernt hast, so wirst mir bald vielleicht gut sein.«
»O, ich bin Dir jetzund bereits gut.«
»Ich Dir auch. Komm her, ich muß Dir sogleich ein recht bravs Busserl geben!«
Sie zog sie an sich. Beide küßten sich. Dann aber fuhr Paula aus der freundschaftlichen Umarmung auf, deutete zur Thür hinaus und sagte:
»O Jemine, da kommt der Wagen mit der Sängrin ihren Sachen, nach denens so geschreit und geschumpfen hat. Jetzt kann man nur eilen, daß Alls schnell hinaufi kommt, und sich in Acht nehmen, daß ein jedes Stucken fein richtig und sanft angefaßt wird, sonst kanns ein Donnerwettern geben.«
»Ja, fein säuberlich muß damit umgangen werden, sonst wirds bös und grimmig. Ich will schnell hinauf.«
Aber ehe sie hinaufkam, hatte die Dicke bereits die Ankunft des Wagens bemerkt und das Fenster aufgerissen. Ihre fette, scheltende Stimme ertönte um die Wette mit der Clarinette des Müllers, welcher drin in seiner Stube das Zeichen gab. Das Gesinde war in Zweifel, wem zuerst zu gehorchen sei, dem strengen Herrn oder der Fremden, deren hochrothes Gesicht drohend aus dem Fenster blickte. Käthe, die Magd, eilte nach kurzem Besinnen zum Müller.
Dieser hatte die Peitsche in der einen Hand und die Klarinette, in welche er ohne Aufhören blies, in der anderen. Als er die Magd eintreten sah, setzte er das Instrument ab und schrie sie an:
»Himmelmillionenschocktausendhöllenteufeln! Warum hört Ihrs nicht, wann ich das Signalen geb?«
»Weil Die da droben so schreit. Das geht noch über Deine Klarinetten; die hört man da gar nicht.«
»So! Das ist schön! Das laß ich mir gefallen! Jetzt bin ich nicht mehr Herr im Haus! Wart, das soll anderst werden, und zwar allsogleich! Hast den Mann gesehen, welcher die Stuben für sie gemiethet hat?«
»Nein.«
»Er heißt Herr Wagnern, drüben in der Villa, im Parterr. Zu ihm gehst hinüber und sagst, er soll sofort das Weibsen wieder weg nehmen, sonst werf ich sie durchs Fenstern herab!«
»Der wird mich schön anschaun!«
»So schaust ihn wiederum an! Und wann er Dir Etwas dagegen sagt, so merks: Wer der Gröbste ist, der hat gewonnen. Zeig nur gleich, daßts Maul auf dem richtigen Fleck hast!«
»Na, angewachsen ist mirs grad nicht.«
»Das weiß ich; darum schick ich Dich hinüber. Die Geschichten draußen auf dem Wagen werden nicht abgeladen. Die dicke Elephantin kann sich gleich selber draufsetzen und zum Teuxel fahren. Sag das draußen. Wers wagt, abzuladen, den jag ich aus dem Dienst! Und nun mach schnell, daßt hinübern kommst, sonst kannst auch noch die Peitschen schmecken!«
Er knallte mit der Letzteren so kräftig und drohend, daß die Käthe eiligst zur Thür hinaus fuhr. Nachdem sie draußen den Befehl übermittelt hatte, daß die Effecten nicht abgeladen werden sollten, ging sie nach der Villa. Sie nahm sich vor, gleich recht grob anzufangen; das paßte auch ganz zu ihrem Bildungsgrad und Character. Darum klopfte sie auch gar nicht an. Sie machte die Thür auf und trat ein.
An dem einen Fenster saß der König, in einem Buche lesend, und Wagner schrieb Noten am Schreibtische. Dieser Letztere drehte sich um. Ehe er aber ein Wort sagen konnte, begann sie bereits:
»Bist etwan der Wagnern?«
»Wer?« fragte er streng.
Der scharfe Blick seines Auges verwirrte sie doch ein Wenig. Darum wiederholte sie:
»Obst der Herr Wagnern bist?«
»Ja. Und wer bist Du?«
»Ich bin die Käth und dien bei dem Müllern.«
»So merke Dir ein für alle Mal, daß Du ohne ganz specielle Erlaubniß hier nicht einzutreten hast. Hast Du nicht schon in der Schule oder von Deinen Eltern oder auch überhaupt gehört, daß man anzuklopfen hat, wenn man zu Jemand will?«
»Das weiß ich grad so gut wie Du und vielleicht gar noch bessern. Wer hier bin ich zu Haus, und wo man zu Haus ist, da braucht man nicht anzuklopfen.«
»Jetzt bin ich der Herr dieser Wohnung, und bei mir wird angeklopft. Wenn Du diese Höflichkeit unterlassest, werde ich mich bei Deinem Herrn beschweren.«
»Das kannst schon thun; ich hab gar nix dagegen. Grad der Herr hat mich herübern geschickt und mir anbefohlen, daß ich richtig grob mit Dir sein soll!«
»Das ist eine gradezu klassische Aufrichtigkeit!«
Die Käthe hatte das Wort klassisch noch niemals gehört; aber da sie nach den gegebenen Verhältnissen annehmen wollte, daß es eine Beleidigung bedeute, antwortete sie in ihrem schnippischsten Tone:
»Ja, die Dicke ist auch klasserisch!«
»Wer?«
»Die Dicke drüben!«
»Ich versteh Dich nicht.«
»Nun, die Sängerin.«
»Ach so! Sie ist vorhin angekommen. Wir sahen die Equipage vorüber fahren. Kommst Du ihretwegen?«
»Ja. Der Müllern laßt Euch sagen, daß sie sogleich wieder hinaus muß. Und wann Ihr das nicht wollt, so wirft er sie zum Fenster hinaus und Euch Beid auch dazu. Habt Ihrs gehört?
Jetzt konnte sich der König nicht länger halten; er brach in ein herzliches Lachen aus, und Wagner stimmte natürlich mit ein. Das erboste die Magd. Sie stemmte die Fäuste in die Hüften und rief:
»Was habts zu feixen und zu kicheriren? Meint Ihr etwan, ich mach Spaßen mit Euch? Mit solchen Leutln fallt mir das schon gar nicht ein. Da seid Ihr mir zu dumm dazu! Ich werd mir aberst schon Respect verschaffen. Ich bin die Käth! Verstanden!«
»Ah! Die Käth bist Du?« meinte Wagner in gewaltsam erzwungenem Ernste. »Das ist etwas ganz Anderes. Ja, da haben wir freilich Respect.«
»Ja endlich! Das will ich mir auch verbitten! Mit solchem Gezeug muß man eben ernsthaft reden, sonst kommt man gar nimmer durch. Das kenn ich schon bereits. Das Stadtvolk hat Mucken im Kopf; aberst wir sind auch noch auf dera Welt.«
»Das seh ich, und das hör ich auch. Aber sag mir doch einmal, warum die Sängerin so schnell wieder fort soll?«
»Weils eine unbändige Sakrifaxen ist, eine Teufelin, mit ders kein Mensch aushalten kann.«
»So bist Du wohl ein Engel gegen sie?«
»Ja, der reine Erzengel.«
»Hm! Unbegreiflich! Woher wißt Ihr denn bereits, daß sie ein solcher Ausbund ist?«
»Weil sie sofort anfangen hat, als sie hier ankommen that. Sie wollt gleich ihre Sachen haben, und die waren nicht da. Nachher haben wir sie fast gar nimmer aus der Kutschen herausbracht. Und als sie dann da stand, da hat sie nur so gepiebt und gebebt vor Zorn und Aerger. Nachhero brachtens wir kaum zur Treppen hinauf. Ich hab ziehen müssen und zwei Knecht schieben. Als wir oben ankommen sind, hat sie keinen Athem gehabt und kaum giebsen könnt. Da hat sie sich auf den Stuhl gesetzt, welcher unter ihr zerbrochen ist, so daß sie in der Stuben gesessen hat, auf ihrem eignen Schinken, Speck und Fetten. Das hat ein Zedrio geben, bis wir sie aufgewunden haben mit großer Noth und vielem Schweißen. Und als wir sie aufs Kanapee geschafft haben; sind allsogleich die Spannfedern zerbrochen. Nun jetzt hat sie das Fenstern aufgemacht und den Kopf herausgesteckt und schimpfirt von oben herab wie ein Rohrspatzen oder gar wie der alte Dessauern dazumal. Meint Ihr, daß wir das zu leiden haben? Nein, sie muß fort, und das auf der Stell, sonst fassen wir sie an und tragens hinüber in den Fluß, da mag sie schwimmen, wohins will, meinswegen immer fort bis Dingsdum und noch weiter hin!«
»Das klingt sonderbar. Du sprichst doch von der Sängerin, welche Signora Mureni heißt?«
»Von wem denn sonst? Hast keine Ohren!«
»Und die ist so dick und schwer, daß sie von drei Personen über die Treppe geschafft werden mußte, und daß dann der Stuhl unter ihr zerbrochen ist?«
»So dick wie eine Ausstellungssauen!«
Da platzte Wagner los. Er konnte das Gelächter nicht zurückhalten und der König ebenso wenig. Die Magd aber schrie im höchsten Zorn:
»Wann Ihr Dummrianer weiter nix wollt, als nur lachen, so könnt Ihr mich rund herum pfeifen! Ich geh!«
Wagner stieß mit größter Mühe den Bescheid hervor:
»So sag dem Müller, daß wir die Sache besorgen werden!«
Sie fuhr zur Thür hinaus. Draußen standen der Concert- und der Capellmeister. Ersterer hatte soeben angeklopft, und so stieß ihm die Magd die Thür mit aller Gewalt an den Kopf.
»Auch wieder so ein Unnutz und Galgenstrickerl!« rief sie. »Pack Dich hinein; da kannst mit feixen und Gesichtern schneiden um die Wetten! Ihr paßt doch allesammt zusammen, und Keiner taucht was.«
Sie stürmte fort. Der Italiener blieb, sich den Kopf haltend, mit seinem Gefährten unter der geöffneten Thür stehen. Beide waren nicht wenig überrascht, den berühmten Componisten und den sonst so ernsten, ja oft sogar düsteren Monarchen bei so außerordentlich heiterer Stimmung zu treffen.
Die Angelegenheit, in welcher sie kamen, bereitete ihnen ernste Befürchtungen. Die Meldung, daß die erwartete einstige Sennerin, unter welcher sie sich ein hübsches, schlankes, junges Mädchen vorgestellt hatten; eine ungeheuer dicke, an Athemnoth und Brustbeklemmung leidende, schlafsüchtige Person sei, war erwartungsgemäß von dem Könige mit großer Enttäuschung entgegen zu nehmen. Darum fühlten sie sich einigermaßen beruhigt und ermuthigt, als sie jetzt bemerkten, daß er sich in so ungeahnt vortrefflicher Laune befinde.
Beide traten unter tiefen Verbeugungen ein, wobei der kleine Concertmeister noch immer den Kopf in der einen Hand hielt. Der König und Wagner lachten noch immer. Ersterer trat den Audienz Suchenden einen Schritt entgegen und sagte in bedauerndem Tone:
»Das war eine höchst kräftige Carambaloge, Herr Concertmeister. Ich hoffe, daß sie nicht von nachhaltiger Wirkung sein werde. Haben Sie Schmerzen?«
»Schmerzen, dolori, affani? Ein Wenik thun es weh. Das Thüre ßein mehr hart als mein Kopf, aber er ßein dok nok nicht kanz entßwei zerbrocken, und er hören schon jetzt auffen, ßu brummen, mormoreggiare, borbogliare e brontolare. Es ßein kut, ßehr kut!«
»Das freut mich, denn so hoffe ich, erfahren zu können, aus welchem Grund ich Sie bei mir sehe.«
»Gründen? Ursaken? Causa, cagione e origine? Signor Capellenmeister mag saken es. Er können besser ßprecken Deutsch als ich.«
Und als der König nun eine halbe Wendung gegen den Genannten machte, sagte dieser:
»Zunächst, Königliche Majestät, haben wir dringend um allerhöchste Verzeihung zu bitten, daß wir uns zu dieser Belästigung veranlaßt sehen müssen. Es handelt sich um die erwartete Sängerin.«
»Sie meinen Signora Mureni?«
»Ja. Die Angelegenheit erschien uns bedeutend genug, um zu Zweien vor Euer Hoheit zu erscheinen, damit der Eine die Worte des Andern bestätigen könne.«
»Das setzt die Annahme voraus, daß ich einen Zweifel in diese Worte legen könne?«
»Gewiß, das mußten wir annehmen.«
»So habe ich jedenfalls eine ganz ungewöhnliche Mittheilung zu erwarten, Herr Kapellmeister.«
»So ungewöhnlich, daß ich offen gestehe, ganz fassungslos gewesen zu sein.«
»Wie? Die Mureni hätte Sie aus der Fassung gebracht?«
»Vollständig!«
»Ich soll doch nicht vielleicht hoffen, daß Etwas geschehen ist, was sie am Auftreten hindert?«
»Ein solches Ereigniß ist freilich nicht eingetreten; aber ich bezweifle überhaupt sehr, daß die Mureni wird singen können.«
»Warum?«
»Ihre Gestalt, ihre ganze Persönlichkeit, ihre gegenwärtige Constitution, kurz, das Alles läßt vermuthen, daß sie nicht wird singen können.«
»Ich verstehe Sie nicht.«
Der Capellmeister suchte in größter Verlegenheit nach passenden Worten. Die Mureni stand unter dem ganz besonderen Schutze des Königs; er hatte sie zur Sängerin bestimmt. Durfte man ihm jetzt sagen, daß sie für diesen Beruf untauglich sei? Und doch waren seine Augen so erwartungsvoll auf den Musiker gerichtet, daß dieser ganz verwirrt wurde und in dieser Pein gradezu herausplatzte:
»Sie hat keinen Athem.«
»Was? Die Mureni hat keinen Athem?« fragte der Monarch im Tone des höchsten Unglaubens.
»Ja. Ihr Athem reicht kaum zum Sprechen zu. Beim Singen aber wird er ihr ganz sicher ausgehen.«
»Das möchte ich denn doch bezweifeln!«
»Ich berufe mich auf das Zeugniß des Herrn Concertmeisters, den zu diesem Zwecke mitzubringen, ich mir erlaubt habe.«
»Wirklich?«
Bei diesem Worte blickte der König den Italiener an, und so beeilte sich dieser zu der zustimmenden Erklärung:
»Majestät, meine Freund hab kesakt das Wahrheit. Die Mureni hat kein Athem. Ssie wird ihn lassen fahren beim Ssingen. Es wird ßein ßehr schauderhaft, ßchr, ßehr!«
Jetzt fiel Wagner ein:
»Das muß ein Irrthum sein. Ich habe sie noch kurz vor meiner Abreise singen lassen. Sie war sehr gut bei Brust. Es ist doch ganz unmöglich, daß unterdessen ein Asthma sie überfallen habe.«
»Asthma?« rief der Italiener. »Ja, es ßein Asthma, kanz Asthma, kanz!«
»Unmöglich!«
»O dock ßein es Asthma!«
»Bei dieser Jugend!«
»O, ßie ßein über fünfßik Jahren!«
»Ueber fünfzig Jahre? Welch ein Irrthum.«
»Und haben einen Leib, einen Bauk, ßo dick, ßo, ßo dick!«
Er beschrieb während dieser Worte mit seinen beiden Händen einen weiten Bogen über seinen Unterleib nach abwärts, um anzudeuten, was für einen großen ›Bauch‹ die Sängerin habe.
Wagner und der König blickten sich an. Es wurde ihnen schwer, ein Lachen zu verbeißen. Der Erstere hustete einmal in sein Taschentuch, um zu verbergen, daß die mit einer solchen Gestikulation verbundene Aeußerung des Concertmeisters sein Zwerchfell reize, und sagte:
»Wie? So stark soll sie sein? So dick?«
»Sso dick, ßo, ßo, wie einen Muschel, conchiglia!«
»Und über fünfzig Jahre? Wo haben Sie sie denn gesehen, Herr Capellmeister?«
»Auf dem Bahnhofe,« antwortete der Gefragte.
»So! Haben Sie mit ihr gesprochen?«
»Eine ganze Weile, bevor wir sie in der Equipage nach der Mühle schickten. Die Dame hatte, mit allem Respect zu vermelden, einen solchen Umfang, daß sie das Innere der Kutsche ganz allein ausfüllte. Keine Menschenseele, selbst die magerste nicht, hätte neben ihr noch ein Plätzchen gefunden.«
Wieder blickte Wagner nach dem König und dieser nach ihm. Dann aber war es ihnen unmöglich, länger ernst zu bleiben. Sie brachen Beide in ein herzliches Lachen aus, welches immer stärker wurde, je dümmer sich die Gesichter der beiden Musici zeigten. Diese blickten bald einander und bald die lachenden Herren an; ihre Gesichter wurden länger und immer länger, und endlich meinte der Italiener trotz der Anwesenheit des Königs:
»Ssie lacken, lacken uns außer! Wir hab kesakt den Wahrheiten. Die Mureni ßein dick wie ein Maulwurfen, talpa, wie ein Dassen, tasso, wie ein Ballon von die Luft, pallone aerostatico! Ssie Hab eine Leib wie einen Bierfaß und Beine wie einen ßweien Butterfaß, zangola. Ich hab kesehen Alles, Alles. Wenn ßie anfangen, ßu ßingen, wird der Luft ßein fort, kanz fort, wie bei ein Blaßenbalken, wo ßein ein Riß darinner.«
Er begleitete diese Worte mit so lebendigen und possierlichen Gestikulationen, daß die beiden Lacher nur noch lauter lachten. Der König drehte sich um; es war ja für ihn eigentlich nicht rathsam, sich einer solchen ungewöhnlichen Heiterkeit hinzugeben, und nur mit großer Anstrengung gelang es ihm endlich, wieder ein ernstes Gesicht zu zeigen. Dann wendete er sich an den Concertmeister:
»Ich bin vollständig überzeugt, daß hier eine große Verwechslung vorliegt. Die Mureni ist weder so alt noch von einem solchen Embonpoint, wie Ihr Herr College sie beschreibt. Sie müssen eine ganz andere Person für die erwartete Sängerin gehalten haben.«
»Das ist unmöglich, Majestät. Als der Zug kam, haben wir laut den Namen Mureni gerufen, und sie hat sich sofort zu demselben bekannt.«
»Bitte, erzählen Sie doch einmal!«
Der Kapellmeister folgte dieser Aufforderung, und der Italiener streute in seinem gebrochenen Deutsch so drastische Bemerkungen ein, daß die beiden Zuhörer sich alle Mühe geben mußten, möglichst ernst zu bleiben und nicht abermals in ihr Lachen zu verfallen. Als der Bericht beendet war, nickte Wagner mit dem Kopfe und sagte nur den Namen:
»Madame Qualèche.«
»Ja, richtig!« fiel der König ein. »Also diese korpulente Dame hat nur ein Mädchen bei sich gehabt?«
»Nur!«
»Es war keine weitere junge Dame bei ihr?«
»Nein.«
»So ist Signora Mureni entweder bereits früher angekommen, oder sie kommt mit einem späteren Zuge. Meine Herren, Sie haben die Wirthin der Sängerin mit dieser Letzteren verwechselt. Madame Qualèche war früher eine sehr gesuchte Concertsängerin, und ihre Tochter ist es noch. Die Dame wird als Anstandsdame der Mureni nach hier gekommen sein.«
Der Capellmeister machte ein sehr betretenes Gesicht und versuchte, sich zu entschuldigen:
»Aber, Majestät, als ich auf dem Perron den Namen ›Signora Mureni‹ laut rief, beschied mich diese Dame mit einem deutlichen ›Hier‹ zu sich hin!«
»Ganz richtig und auch sehr erklärlich. Sie gehört zur Mureni, und ich denke mir, daß Ihr Verhalten vielleicht nicht geeignet gewesen ist, das wunderliche Quiproquo aufzuklären.«
»Das mag sein. Wir haben sie eben ganz so behandelt, als ob sie die Erwartete sei.«
»Ja, ja! Und die gute Dame ist, wie ich mir auch habe sagen lassen, so denkbequem, daß es ihr gar nicht eingefallen ist, auf die Idee zu kommen, daß sie verwechselt wird.«
»Gott sei Dank! So sind also unsere Sorgen glücklicher Weise umsonst gewesen. Diese corpulente Person konnte doch unmöglich vor einem so ausgewählten Publikum singen!«
»Nein,« lächelte Wagner ein wenig ironisch. »Wenn Sie die Sennerin Leni erblicken, werden Sie sofort sagen, daß diese geeigneter dazu ist.«
»Aber wo mag sie sein? Da sie nicht mit Madame Qualèche gekommen ist, weiß sie nun doch gar nicht, welches Logis für sie bestimmt ist.«
»Das ist freilich ein unangenehmer Umstand. Soeben schickte der Müller zu uns, um uns sagen zu lassen, daß er die Sängerin Mureni durch das Fenster werfen lassen werde, wenn sie nicht sofort selbst gehe. Die Dame scheint einige Ansprüche gemacht zu haben, für welche dieser Mann kein Verständniß hat. Es ist eine Kommödie der Irrungen, welche wir sogleich aufklären müssen. Es muß Einer von uns hinüber in die Mühle.
»Ick werden kehen, ich ßelber, ßoforten, ßoforten,« erklärte der Italiener dienstbereit.
»O bitte, Herr Concertmeister! Ihr Deutsch dürfte wohl kaum hinreichend sein, den zornigen und rohen Mann zu besänftigen. Ich werde selbst – –«
»Das ist auch nicht nöthig, mein Lieber,« unterbrach ihn da der König, welcher in der Nähe des Fensters gestanden und einen zufälligen Blick hinausgeworfen hatte. »Ich sehe da Einen kommen, der sich sehr freuen wird, um als Bote zu dienen. Es ist das ein ganz eigenartiger Zufall, welchen ich benutzen werde, eine Begegnung zwischen zwei Personen zu veranstalten, welche sich sehr gern und doch wohl auch sehr ungern wiedersehen. Er soll mich nicht sofort erblicken; darum rufen Sie ihn herein. Er heißt Anton.«
Der Betreffende war kein Anderer als der Krikelanton, welcher sich ja vorgenommen hatte, heut noch einmal nach der Mühle zu spazieren. Er hatte keine Ahnung, welche Begegnung ihm bevorstand. Eben als er an der kleinen Anhöhe, auf welcher die Villa lag, vorüber wollte, wurde ein Parterrefenster derselben geöffnet. Dort stand Wagner.
»Anton!« rief er laut.
Der Tabuletkrämer, welcher aber jetzt natürlich seinen Kasten nicht mit hatte, blieb stehen.
»Meinst mich?« fragte er.
»Ja, Dich!«
»Was solls?«
»Komm doch einmal herein zu mir!«
»Wozu?«
»Das wirst Du ja hören.«
»Ich kenn Dich gar nimmer, und ich hab auch keine Zeit.«
Er wollte gehen.
»Höre,« lachte Wagner, »für so einen ungeselligen Menschen habe ich Dich freilich nicht gehalten.«
Da blieb der Anton stehen und fragte:
»Ja, Du kennst mich vielleicht?«
»Hätte ich Dich sonst bei Deinem Namen gerufen?«
»Nun, wannst mich kennst, so werd ich hinein kommen. Wart ein kleins Bisle!«
Er stieg die Anhöhe hinan und begab sich in die Stube, nachdem er vorher angeklopft hatte.
»Verdimmi, verdammi!« rief er aus. »Da möcht ich doch gleich so rufen wie der Nachtwächtern, welcher mich dazumalen hat verarretiren wollen. Das bists ja, gar der König selber!«
Die drei Andern waren doch ein Wenig verwundert, als der König ihm die Hand entgegenstreckte und in freundlichster Weise sagte:
»Freilich bin ich es. Sei willkommen bei Dem, welchem Du damals das Leben gerettet hast!«
»Na, von dasselbige brauchst gar nimmer viel zu reden,« meinte der Krikelanton, indem er die ihm dargebotene Hand kräftig schüttelte.
»O doch! Oder meinst Du, daß ich mein Leben so gering anschlagen muß, daß ich meinem Retter den Dank verweigere?«
»Wir sind quitt!«
»Nein, nein!«
»Ja freilich. Ich hab den Bären derschossen, und Du hast mir die Freiheiten geschenkt. Da hat nun Keiner dem Andern was heraus zu zahlen. Wer warum hast mich jetzt zu Dir herein rufen lassen?«
»Um Dich zu begrüßen zunächst, und sodann auch, um Dich um eine kleine Gefälligkeit zu bitten.«
»Na, so schieß los! Du weißt ja, daß ich Dir ganz gern einen Gefallen thu.«
»Weißt Du die Mühle?«
»Ja, ganz gut.«
»Da wohnt jetzt eine Sängerin, welche Signora Mureni heißt. Willst Du nicht einmal zu ihr gehen?«
»Wannst mich schickst, so geh ich schon.«
»Gut! Sage ihr, daß sie sogleich einmal zu mir kommen soll. Aber Du darfst Niemandem sagen, wer ich bin. Man kennt mich hier nur als den Herrn Ludwig.«
»Schön! Das hab ich schon verstanden. Soll ich etwan auch wieder mit kommen?«
»Das ist nicht nothwendig. Hast Du vielleicht einen Wunsch, den ich Dir erfüllen kann?«
»Ja.«
»So sage ihn.«
»Ich wünsch, daßt immer recht hübsch gesund und munter bist, und daß Deine Geschäften bei der Regierung so gut gehen wie die meinigen jetzt auch!«
Er sagte das in so treuherziger, aufrichtiger Weise, daß Alle fühlten, wie gut und ehrlich es gemeint sei.
»Ich danke Dir!« antwortete der König. »Es freut mich, zu hören, das es Dir wohl geht. Was treibst Du denn jetzt?«
»Ich bin Tabuletkramer worden, weißt, von den dreihundert Markerln, die Du mir damals geschenkt hast. Das Geschäft ist kein gar Übels; es nährt seinen Mann bester als – als das Gamsenschießen, weißt.«
»Ja,« nickte der König ernst. »Das hast Du also ganz gelassen?«
»Ganz und gar. Ich kanns ja nimmer bester haben, als Du mir es mit dem Geldl gemacht hast.«
»So bist Du also ein braver Mensch geworden, wie ich es damals wünschte. Darüber werden Deine alten Eltern sich herzlich freuen.«
»Ja, das thun sie schon sehr.«
»Und freut sich nicht noch Jemand?«
»Wer sollte das sein?«
»Nun, bist Du nicht verheirathet?«
»Ich? Das fallt mir gar nicht ein!«
»Aber wenn Dein Geschäft Dich so befriedigt, so kannst Du doch an die Gründung eines eigenen Hausstandes denken!«
»Damit darfst mir nicht kommen. Ich hab kein Haus und auch keinen Stand. In unserer kleinen Hütten hat die Kuh ihren Stand; einen andern kenn ich nicht und einen andern mag ich nicht. Wann Einer sich einen Hausstand schaffen will, so muß er sich eine Frau nehmen, und das ist aber die allergrößte Dummheiten, die man begehen kann.«
»Warum?«
»Weils nicht eine einzige Frauen giebt, die was taugt.«
»Solltest Du Dich da nicht irren?«
»Nein. In diesem Kartoffelnbrei hab ich ein Haar funden, oder vielmehr nicht etwan ein einzig Haar, sondern gleich einen ganzen Weibernzopf. Weißt, wannst so herum hausirst wie ich, so schaust gar Manches, was kein Anderer nicht sieht. Da seh ich Dir Weiber, o Jerum! Die Eine hat keine Zähne, und die Andere hinkt; die Dritten schielt, und gar die Viert läßt die Milchen ins Feuern laufen. Die Fünft geht davon, um Theatern zu spielen, und die Sechst wascht die Hemden, daß sie ausschau, als obs in der Tinten gelegen hätten. Nachhero die Siebent, das ist erst die richtige Prise, von der kann man gleich das Liedl singen:
O Du alte Kraxen
Mit den krummen Haxen,
Mach mir keine Faxen,
Sonst will ich Dich paxen.
Geh, du alte Tratschen,
Du Charfreitagsratschen,
Jetzt sing ich den lieben Augustin!
'S Geldl ist weg, 's Madl ist weg.
Und nun habn wir Beid ein Dreck.
O, du lieber Augustin,
Alles ist hin!«
Er sang wirklich diese letzten Zeilen nach der bekannten Melodie und tanzte dazu in dem Zimmer herum. Dann fuhr er fort:
»Und weißt, was dann mit der Achten ist? Die kann keinen richtigen Strumpfen stopfen und keine Brodsuppen kochen. Die Neunt wieder putzt sich von Früh bis Abends und hängt Primperln und Pramperln an, hinten und vorn, oben und unten, aber am Rock hangen die Fetzen und die Schürzen triefelt aus, daß die Faden hinterher wehen eine ganze Meilen weit. So könnt ich zählen nicht nur bis zur Neun oder Zehn, sondern gleich bis zur Hundert oder gar Tausend. Sie sind alle nur gut zum in den Syrupen stecken und nachhero sich selber ablecken.«
»So hat Dir Keine gefallen?«
»Nein.«
»Aber früher doch?«
»Ja, da hats gar wohl Eine gegeben; aber auch die ist mir unstat geworden und vom Weg abwichen und ins Kraut gerathen. Ich mag nimmer daran denken und auch nimmer davon sprechen. Laß mich aus mit dem Heirathen. Wer da heirathen thut, der erhält immer stets eine Nieten; sie aber hat dafür allemal das große Loos!«
»Wirklich?« fragte da Wagner.
»Ja. Oder meinst etwan vielleicht, daßt auch selbst so eine Nieten bist?«
»Das wohl nicht. Ich möchte mich doch viel lieber für einen Treffer halten.«
»Nun schau, so hab ich Recht, und Deine Frauen hat in dera Lotterien gewonnen. Wir Männer ab erst müssen immer nur verlieren. Darum bleib ich, was ich bin, mein eigener Herr. Und nun will ich hinüber zur Mühlen, um die Botschaften auszurichten. Hat sonst noch Einer was zu bestellen?«
»Nein,« antwortete der König. »Aber vergiß nicht, zu wem Du gehst, wenn Du einmal Hilfe brauchst.«
»Da komm ich halt zu Dir. Ich weiß schon, daßt ein guter Kerlen bist; ich habs ja erfahren. Also nun behüt Gott derweilen, und bleibt allesammt recht hübsch gesund! Das ist das Best, was man haben kann.«
Er ging.
Die Begegnung mit dem Könige hatte ihm große Freude bereitet und ihn in gute Laune versetzt. Das zeigte sich sogleich, als er vor der Mühle die große Käthe traf.
»Grüß auch Gott.« sagte er. »Hast schon einen Schatz?«
Sie blickte ihn an, als ob sie ihn fressen wolle.
»Was meinst?«
»Obst bereits einen Schatz hast.«
»Willst mich etwan?«
»Nein.«
»Warum fragst so dann?«
»Ich wollt ihm sagen, daß er sich lieber eine Andre nehmen sollt. Verstanden?«
Du kam er aber an die Unrechte. Sie trat einen Schritt näher, holte mit der Rechten aus und rief:
»Willst vielleicht gleich was?«
»Nun, was könnt das wohl sein?«
»So ein Ohrschwapperl, daßt Dich rumminummi drehst.«
»Dank schön! Hast so gar viele erhalten, daßt jetzt eine davon abgeben kannst? Sag, Du dienst wohl hier bei dem Müllern?«
»Ja.«
»Hab mirs doch denkt!«
»Wieso?«
»Nun, der Müllern soll so ein Urianer sein, so ein Heimducken, dems man nie recht machen kann. Und weilst auch so ein Aschkastengesicht hast, so hab ich gleich gemeint, daßt zu ihm gehörst.«
»Hör, Du Schlankel, wann ich jetzt eine Heugabeln hier in der Hand hätt, so thät ich Dich damit auf den Leib kitzeln, daßt denken sollst, in dera Welt giebts lauter dumme Jungs, und Du seist der Allerdümmst von ihnen.«
»Schau, wie Du reden kannst! Das steht Dir gut. Du hast so was Nobels' dabei! Aber sag, wohnt nicht hier bei Euch eine Sängerin, die Mureni heißt?
»Ja. Gehörst etwan zu ihr?«
»Freilich.«
»Was bist von ihr?«
»Ihr Urgroßvatern.«
»Ja, grad ganz so schaust aus! Na, da mach Dich nur schnell bald wiedern fort, sonst wirst mit ihr allsogleich herausgeschmissen!«
»Himmelsakra! Bei Euch scheints halt gar streng herzugehn. Nicht?«
»Ja. Aber wannst zur Mureni willst, so mußt hier ins Haus gehn und zur Thür hinein, die zur rechten Hand ist. Da findst sie sogleich.«
Er blickte sie scharf an. Er mochte aus ihren Mienen lesen, daß sie einen Hintergedanken habe. Er meinte darum:
»Das kann ich thun. Aber wannst mich etwan an eine falsche Adressen sendest, so magst auch selber auslöffeln, wast einbrockt hast. Ich laß mich ganz gern an der Nasen herumführen, aber nur von derjenigen Person, die auch das richtige Geschick dazu hat.«
Er ging. Sie murmelte höhnisch hinter ihm her:
»Da spaziert er zum Müllern. Na, das wird eine Geschichten geben! Da möcht ich mal eine Maus sein, um unbemerkt horchen zu können! Aber ich werd mich aus dem Staub machen. Das ist nun das Beste, was ich jetzt thun kann.«
Der Krikelanton klopfte an.
»Herein!« rief der Müller.
Anton trat ein.
Draußen war die Dämmerung nahe. Hier in der Stube aber war es schon so dunkel gewesen, daß der Müller die Läden hatte schließen und sich Licht bringen lassen. Er liebte die Dunkelheit nicht. Wenn er sich im Finstern befand, so kamen auch finstere Gedanken, welche ihn beängstigten. – Er warf einen kurzen Blick auf den Eintretenden und fragte:
»Wer bist?«
»Der Krikelanton.«
»Ich kenn Dich nicht. Was willst?«
»Ich wollt zu der Sängrin.«
Anton war hart an der Thür stehen geblieben. Das Gesicht des Müllers war kein Vertrauen erweckendes.
»Zur Sängrin willst? Tausend Teufel! Hört das denn nimmer auf? Kommst auch Du noch, um mich mit ihr zu ärgern! Da hast Eins, Du Hallunk!«
Er holte aus und versetzte dem Anton einen sehr kräftigen Peitschenhieb. Der Getroffene bewegte sich nicht, aber seine Augen funkelten zornig auf.
»Was hast mich zu schlagen, he! Hab ich Dir etwan was than, Thalmüllern?«
»Ja, geärgert hast mich!«
»Ich hab nach der Sängrin fragt, und die Magd hat mir sagt, daß ich sie hier finden thät.«
»So hats Dich belogen.«
»Hast da mich zu schlagen, wann sie die Prügel verdient hat? Ich komm ganz höflich zu Dir herein und steh Dir Reden und Antworten, und dafür haust mich mit dera Peitschen! Das bin ich nicht gewohnt!«
»Wirsts gleich gewohnt werden. Da hast noch Eins!«
Er versetzte ihm einen zweiten kräftigen Hieb. Anton stand, wie gesagt, noch ganz an der Thür. Er fuhr mit den Händen hinter sich, scheinbar damit er von der Peitsche nicht an dieselben getroffen werde, in Wirklichkeit aber in einer ganz andern Absicht. Er griff nämlich an das Thürschloß und schob den Riegel vor. Als ihn dann der Hieb getroffen hatte, sagte er, aber in aller Ruhe:
»Hör mal, so haben wir nicht gewettet. Deine Prügel werd ich nicht gewohnt. Wannst also nicht selbern welche haben willst, so thu die Peitschen fort und sag mir in Frieden, wo ich die Sängrin find!«
»Beim Teufel findst sie, verstanden! Und wann Du mir mit Prügeln drohst, so kommst an den Unrichtigen. Ich bin der Herr im Haus, und wer zu mir kommt, der hat sich meine Arten und Weisen gefallen zu lassen. Und wannst nicht glaubst, so hast hier grad noch Eins, und zwar ein Derbs!«
Er holte aus. Der Peitschenriemen schwirrte durch die Luft. Anton streckte die Hand aus und fing ihn auf. Ein Ruck – und er hatte dem Müller die Peitsche entrissen. Er schleuderte sie zur Seite und schritt langsam auf den Haustyrannen zu.
»Nun,« sagte er, »komm auch ich an die Reihe.«
»Was willst?« fuhr der Alte auf. »Geh zuruck, und komm mir nicht zu nahe, sonst kannst auch noch eine ganze Wetzen voll Feigen haben, nämlich um die Ohren!«
»Das eilt nicht sehr! Dreimal hast mich geschlagen; wir müssen vorher quitt werden, ehe Du wieder haust. Da, eins – zwei – und drei!«
Er gab dem Müller drei schallende Ohrfeigen.
Der Alte wußte gar nicht, wie ihm geschah. Die Ohrfeigen waren gesalzen gewesen; aber er fühlte vor Erstaunen den Schmerz gar nicht. Das geschah ihm – ihm – ihm! So Etwas war noch niemals dagewesen. Er starrte den Krikelanton ganz fassungslos an.
»Nun,« lachte dieser. »Was machst für Augen? Denkst noch immer an die Backpfeiferln, die Du mir versprochen hast?«
Diese Frage brachte den Müller zur Besinnung.
»Ja,« brüllte er, »da hast sie!«
Er faßte den Anton am Gürtel, um ihn an sich zu ziehen, und holte aus.
»Ah! Machst wirklich Ernst?« sagte dieser. »Schau, das kann mich gefreun. Das hab ich gern. Da wolln wir mal nander das Gesetz und den Paragraph auslegen.«
Der Hieb des Müllers hatte ihn nur leicht getroffen; jetzt aber erhob er beide Hände und beohrfeigte den Alten von rechts und links mit solcher Schnelligkeit, daß die einzelnen Ohrfeigen fast gar nicht zu unterscheiden waren, so rasch ging es.
Der Müller wollte sich wehren, er wollte schreien, um Hilfe rufen; aber er kam weder zu dem Einen noch zu dem Andern. Er brachte den Mund gar nicht auf; sobald er ihn öffnete, wurde er ihm gleich wieder von der einen oder der anderen Seite zugeschlagen. Nur ein unverständliches Murmeln und Gurgeln brachte er hervor. Mit herabgesunkenen Armen nahm er regungslos die verdiente Züchtigung entgegen, bis Anton meinte, genug gethan zu haben. »So!« sagte dann dieser Letztere. »Jetzt hab ich Dir zeigt, wie man auf eine höfliche Fragen auch eine angenehme Antworten geben muß. Und Do wirst mir bezeugen, daß ich eine saubere Arbeiten gemacht hab.«
Der Müller brachte vor Wuth kein Wort heraus. Anton nahm einen Stuhl, zog ihn hin zu demjenigen des Müllers, setzte sich darauf und fuhr fort:
»Jetzt nun kennen wir uns, und da können wir also unsere Sachen in Lieb und Gemüthlichkeiten abmachen. Also, ich will zu der Sängrin, und da hat man mich zu Dir gewiesen. Du wirst mir also wohl sagen, wo ich sie finden kann.«
Der Müller erhob die geballten Fäuste, streckte sie ihm entgegen und zischte:
»Hund – ich – ich – ich zermalme – –Dich!«
Der Grimm benahm ihn noch immer die Sprache.
Anton aber meinte ruhig:
»Hör, ich kann die Schläg nicht leiden; das hab ich Dir bewiesen. Das Schimpfirn behagt mir auch nicht. Soll ich Dir das vielleicht auch beweisen?«
Die Brust des Müllers arbeitete heftig. Er bebte am ganzen Leib, und dicke Schweißtropfen standen ihm auf der Stirn. Er griff zur Clarinette.
»Ich werd um Hilfe blasen!« stieß er hervor. »Die Leut sollen kommen und Dich todtschlagen.«
Er hielt das alte Instrument an den Mund; aber er zitterte vor Aufregung so sehr, daß er das Mundstück nicht zwischen die Lippen brachte.
»Sapperlot, was bist für ein seiner Musikant!« lachte der Anton. »Du und das Clarinetterl, Ihr Beid paßt sehr hübsch zusammen. Aber thu es doch lieber wieder weg. Damit pfeifst keine Maus herein. Ich hab den Riegeln vorgeschoben.«
Der Müller ließ den Arm sinken. Er fragte ganz erschrocken:
»Den Riegeln? Willst mich etwan vermorden!«
»Nein. Ich komm in aller Freundschaft zu Dir. Aber als Du mich mit der Peitschen schlugst, da hab ich allsogleich merkt, wast für ein Menschenkind bist. Schau, Du bist ein Beelsebuben, der seine Leuteln vermalträterirt und mit der Peitschen vercommandirt. Sie lassens sich gefallen, weilst sie dafür zahlst und weil sie keinen Muth haben. Du meinst, daß Du der Herr bist und viel besser als Andere. Das aber ist nicht wahr. Du bist der größest Aff unter allen Afferln. So ein Orangbudang, so ein Plavian und Mehlaff, wie Du, kann auf der Welt gar nimmer sein. Daß muß man Dir mal zeigen. Und weils Dir kein Andrer zeigt, so will ichs Dir zeigen, und darum hab ich die Thören verriegelt, damit ich nicht dabei gestört werden kann.«
»Herrgott! Was willst mir thun?«
»Gar nix, wannst Verstand annimmst. Kopfnüssen hast nun bereits genug erhalten; bezahlt hab ich Dich also, und nun brauchst blos höflich zu sein, so geschieht Dir weiter nix. Wannst aber wieder mich promovirst, so regnets so viel Ohrwascherln, daßt denkst, es graupelt in der Stuben!«
Was noch niemals vorgekommen war – der Müller fühlte Respect vor diesem resoluten Menschen.
»So sag, wast willst!« sprach er.
»Ich will wissen, wo die Mureni ist.«
»Da droben, grad über mir.«
»So, so! Schau, wast für ein Dummrian bist. Wannt das allsogleich gesagt hättst, so wär mirs gar nimmer beikommen, auf Deinem Gesicht Klavier zu spielen. Merks für spätern, und sei andermal gescheidter! Jetzt nun weiß ich, was ich wissen wollt, und werd gehn. Nachher wirst wohl Deine Dienstleut auf mich hetzen?«
Der Müller antwortete nicht; aber in seinem Gesicht stand die Bejahung dieser Frage geschrieben. Das merkte der Anton, und darum sagte er:
»Ich schau Dirs gleich an, daßt so was ausgesonnen hast. Aber denk nur ja nicht, daßt damit zu mir auf den Jahrmarkt kommst. Es hat kein Mensch gesehen, daß ich Dir im Gesicht spazieren gangen bin. Niemand kanns beweisen. Und nachhero, wann Dus selber denen Leuteln sagst, so wirst auslacht. Es wird kein Mensch den Andern verzähln, daß er Prügel erhalten hat. Nun mach also, wast willst. Ich hab gar nix dagegen. Du kannst Dir die Peitschen nachhero von Jemand aufheben lassen; ich hol sie Dir nicht herbei. Also nimm Dir die Lehr, die Du heut erhalten hast, fein zu Herzen, und bessre Dich, dann können wir wohl gar mal gut Freund mit nander werden. Jetzt aber leb wohl, und laß Dirs gut bekommen!«
Er stand auf, setzte den Stuhl wieder an seinen Ort, schob den Riegel zurück und ging. Kaum war er hinaus, so ertönte die Clarinette des Müllers. Ein Knecht hörte das Zeichen und kam herein.
»Hast den Kerl gesehn, der jetzt bei mir war?« lautete die Frage.
»Ja.«
»Von den Mägden hat ihn Eine zu mir herein gewiesen. Frag mal herum, welche!«
»Gut, sogleich.«
»Und gieb mir die Peitschen her!«
Der Knecht hob sie auf und gab sie ihm hin, fuhr aber dann schnell zur Thür hinaus, welche er fürsorglicher Weise offen gelassen hatte. Es war schon oft da gewesen, daß Jemand für das Aufheben der Peitsche, wenn diese der Hand des Müllers entfallen gewesen war, einen derben Hieb mit derselben erhalten hatte.
Anton war langsam die Treppe emporgestiegen. Droben stand Paula, beschäftigt, ein Rouleau am Vorplatzfenster aufzumachen.
»Guten Abend auch!« grüßte er. »Kannst mich wohl zu dera Sängrin bringen?«
Sie drehte sich um.
»Ach, Du bists?« sagte sie. »Warst nicht heut mit mir übers Wasser gefahren?«
»Ja, mit Dir und dem Fex.«
»Und zur Sängrin willst? Zur Signora Mureni? Komm da herein.«
Sie öffnete eine Thür. Da drin stand die Leni, aber mit dem Rücken nach dem Eingänge.
»Sag Ders! Die bringt Dich zu ihr,« meinte Paula.
Leni drehte sich um. Die beiden früheren Liebesleute standen einen Augenblick lang ganz bewegungslos. Leni bediente sich zuerst ihrer Sprache.
»Anton!«
»Leni!«
Sie hatte unwillkürlich ihre Arme erhoben und kam auf ihn zu. Ihr Gesicht glänzte vor Freude. Er aber blieb stehen, die Hände schlaff herabhängen lassend. Da hielt sie auch ihren Schritt an. Ihr Gesicht entfärbte sich.
»Was willst bei mir?« fragte sie.
»Von Dir? Gar nix!« antwortete er kalt.
»Und doch kommst zu mir?«
»Zu Dir? Nein. Zur Sängrin will ich, zur Mureni.«
Sein scharfes Auge stach förmlich in das ihrige hinein.
»Die bin ich ja!« sagte sie.
Er neigte den Kopf einige Male wie Einer, der seine Vermuthung bestätigt findet. Hinter ihm aber, wo Paula ganz ohne Absicht stehen geblieben war, fragte diese ganz erstaunt:
»Was sagst? Du bist die Mureni?«
»Freilich.«
»Nicht die Dicke?«
»Nein, sondern ich.«
»So bist nicht die Dienerin, sondern die Herrin?«
»Ich bin nicht Herrin und nicht Dienerin; aber ich bin Die, für welche dies Logis gemiethet worden ist.«
»Und das sagst erst jetzt! So hast ein Wenig Theatern gespielt mit mir?«
»Ja, das kann sie, das Theaterspielen,« meinte Anton in anzüglichem Tone.
»Das werd ich Dir schon bald erklären,« lächelte Leni, »erst aber muß ich nun erfahren, was der Anton von mir will.«
»Ich will nix von Dir, selbsten jetzt nicht, da ich weiß, daßt die Mureni bist. Ich komm als Bot zu Dir. Der Herr Ludewig sendet mich. Sollst gleich mal zu ihm hinüberkommen.«
»Warst etwan bei ihm?«
»Ja. Er hat mich rufen lassen.«
»Und was thust nun hier in der Gegend?«
»Ich bin Tabuletkramer worden und heut hier ankommen; morgen aber geh ich wieder fort. Jetzt hab ich meine Botschaft bestellt und kann nun wieder fort. Behüt Dich Gott!«
Er wendete sich um, ohne ihr die Hand zu bieten.
»So willst gehn?« fragte sie mit bebender Stimme.
»Wie anders?«
»Kannst mir nicht die Hand geben?«
»Wozu?«
»Das fragst auch noch!«
»Ich hab mit Dir nix mehr zu schaffen. Du bist die Theatersängrin, und ich hab den Hausirschein auf meinen Kasten. Das paßt nicht zusammen. Adjeh!«
Er ging. Sie aber nahm schnell ihr Hütchen vom Nagel, setzte es auf und eilte ihm nach. Unten vor dem Hause holte sie ihn ein. Es war kein Mensch zu sehen, da der Knecht die Mägde zusammengeholt hatte, um die erwähnte Erkundigung einzuziehen, eine Bemühung, welche ganz vergeblich war, da die Käthe sich hütete, es einzugestehen.
Leni ergriff ihn am Arme. Er wollte sich losmachen, sie aber hielt ihn fest und zog ihn eine Strecke mit sich fort.
»Was willst doch nur von mir!« sagte er in zornigem Tone. »Wir Beid haben nix mehr mit nander zu schaffen. Dabei bleibts.«
»So, das ist Dein fester Will?«
»Ja.«
»Und ich mags noch nimmer glauben. Anton, willst mir einen Gefallen thun?«
»Sag, welchen!«
»Sag erst ja!«
»Das kann ich nicht. Ich muß wissen, wast willst.«
»So wart eine kleine Weil, bis ich zurückkomm!«
»Das ist unnöthig!«
»Nein. Wannst nicht ganz und gar schlecht sein willst, so wartst diese eine kurze Minuten!«
»Nun, für schlecht will ich grad nicht gelten. Ich werd also warten. Aber wo?«
»Es braucht uns Niemand zu sehen. Lauf also da hinüber nach dem Fluß. Dort ist ein Fels mit Sträuchern. Dort komm ich hin.«
»Gut! Aber nun mach schnell zum Herrn Ludewig. Ich sollt Dirs gleich sagen und bin doch erst lange Zeit beim Müllern gewesen. Und – eigentlich sollt ich nicht so gut mit Dir sein; aber ich wills Dir dennerst verrathen, obgleich Dus nicht werth bist.«
»Was?«
»Kennst den Ludewig?«
»Ja.«
»Was! Du weißt, daß es der König ist?«
»Das kann ich mir schon denken. Ich weiß, daß er da drüben wohnt bei dem Richard Wagner.«
»Was! Auch Der ist dabei?«
»Auch Der. Also will ich eilen. Du aber wartest ganz gewiß da drüben?«
»Was ich versprochen hab, das halt ich auch,« brummte er mürrisch und ging fort.
Sie wendete sich der Villa zu. Es dämmerte schon sehr, als sie dort eintrat und an die Thür klopfte.
»Herein!« sagte die ihr so bekannte Stimme Wagners.
Sie trat ein. Es war indessen eine dreiarmige Lampe angebrannt worden. Sie eilte sogleich auf den König zu, welcher auf einem Fauteuil saß, beugte die Knie und drückte ihre Lippen auf die Hand, welche er ihr unter einem wohlwollenden Lächeln entgegenstreckte. Als sie sich dann erhob, betrachtete er sie einen Augenblick, nickte wohlgefällig und sagte:
»Also als Sennerin? Ich hatte die Mureni in einem andern Gewände erwartet. Wollen wir also so thun, als ob wir uns nochmals auf der Alm befänden.«
»Ganz so?« fragte sie erröthend.
»Ja, ganz so!«
»Nun, wannts meinst, so ist mirs recht und auch noch lieber. Also willkommen auch!«
Sie knickste nach ihrer früheren Weise und that dies auch gegen Wagner, welcher ihr die Hand reichte und, auf den Concert- und Kapellmeister deutend, sagte:
»Diese Herren wollen nicht glauben, daß Du die von ihnen erwartete Signora Mureni bist.«
»Weiß schon.«
»Wie? Du weißt es?«
»O, schon gar sehr gut. Wannst da dem kleinen Concertmeistern sagst, daß ich eine Sängrin bin und auch singen kann, so wird er Dirs nimmer glauben, sondern Dich alleweil gar tüchtig auslachen.«
»Wirklich?«
»Ja.«
»Warum auslachen?«
»Weil ich ihm was vorsungen hab, und das hat ihm gar so sehr schlecht gefallen.«
»Unmöglich!«
»Ja, da frag ihn nur gleich selber. Nicht?«
Bei dem letzten Worte nickte sie dem Italiener vertraulich ironisch zu.
»O ja!« sagte dieser. »Das ßein ein Ssängrin schauderhaft, orrido, orribile. Wenn ßie ßingen, so laufen davon die Mäußen und die Ratten.«
Wagner blickte Leni fragend in das Gesicht und meinte lächelnd:
»War das nicht wieder einer von Leni's Schalksstreichen? Darf ich erfahren, was Du dem Herrn Concertmeister vorgesungen hast.«
»Er hat sagt, daß ich jodeln soll, da draußen auf der Straßen. Der Wurzelsepp war auch dabei.«
»Ah der! So ist es leicht begreiflich, daß da irgend eine Lustigkeit ausgeführt worden ist. Und was hast Du da gejodelt?«
»Soll ichs etwa singen?«
»Wenn Majestät gestatten?«
Der König nickte lächelnd.
»Aber wanns nun den Herrn Concertmeistern ärgert?«
»Aergern? Mir?« sagte der Italiener. »Es kann mir nix ärgern. Nur immer ßing! Dann ßein auk ßokleik bewiesen, was ich kesakt hab, daß Du ein schauderhaft Ssängerin.«
»Nun, so will ich nur den einen Vers singen, der ihm noch am Besten gefallen hat.«
Sie stemmte den einen Arm in die Seite, setzte den linken Fuß vor und sang:
»Und da drüben und da draußen
In das Welschland hinein,
Und da giebts so viele Flöh,
Und da möcht ich nicht sein!«
Sie sang es womöglich noch mehr ohrzerreißend, als sie es draußen gesungen hatte. Die Wirkung blieb nicht aus: Alle fuhren sich mit den Händen nach den Ohren. Wagner sprang nach der Thür, um hinaus zu eilen. Glücklicher Weise aber war sie fertig, als er noch nicht ganz draußen stand. Er kam zurück und rief lachend:
»Das ist ja fürchterlich, entsetzlich!«
»Ja, fürchterlik, entsetzlik, schrecklik, schrecklik!« stimmte der Italiener bei. »Und da ßie saken, daß ßie können ßingen!«
»Nun,« meinte Wagner, noch immer lachend, »eigentlich sollte sie es auch können, da sie ja bei dem beabsichtigten Concerte mitwirken soll.«
»Die? Mitwirken? Schrecklik! Schrecklik!«
»Ja, denn sie ist ja unsere Mureni.«
»Unß – –Mur – –!« Die beiden Wörter blieben ihm eine Zeitlang im Munde stecken, bis nachher doch die beiden Sylben kamen – »reni!«
Er hatte den Mund weit offen und starrte Wagnern an.
»Gewiß!« sagte dieser. »Oder glauben Sie es nicht?«
»Ssie maken Spaßen!«
»Es ist mein Ernst. Ich werde Ihnen sogleich beweisen, daß sie singen kann.«
Er bat mit einer stummen Verbeugung den König um die Erlaubniß, und als dieser still lächelnd nickte, öffnete er das Pianino, setzte sich vor dasselbe und schlug einige leise Accorde an.
»Meine Herren, Signora Mureni wird die »Marterblume« von Heinrich Heine singen, wenn Sie es gütigst gestatten.«
»Componirt von – – –?« fragte der König.
»Von einem unbekannten Compernisten, wie der Wurzelsepp sagen würde.«
Diese Antwort genügte. Der König wußte nun, daß es eine jener Augenblickscompositionen Wagners sei, auf welche dieser keinen Werth zu legen pflegte, da er sie nur für gewisse Personen und Stimmen zu schreiben pflegte.
Alle waren im höchsten Grade gespannt. Der König wohl am Allermeisten. Seit jener Nacht auf der Alm hatte er Leni's Stimme nicht wieder gehört. Jetzt sollte es sich zeigen, ob er sich in der Begabung des schönen Mädchens geirrt habe oder nicht, ob die an sie gewandte Mühe auch Früchte getragen habe. Der Italiener aber kratzte sich hinter dem Ohre. Er konnte nicht begreifen, daß ein Mann wie Richard Wagner sich so tief erniedrigen könne, eine so fürchterliche Sängerin zum Vortrag eines Liedes aufzufordern und sie noch dazu zu begleiten.
Leni stellte sich hinter Wagnern. Sie nahm ihr Hütchen ab. Ihr schönes, volles Haar war jetzt ganz zu sehen. Als Wagner zu präludiren begann, erhob sie langsam das Köpfchen und warf einen Blick in das erwartungsvoll auf sie gerichtete Gesicht des Königs. Sie fühlte, daß es jetzt galt, zu beweisen, daß sie seine Gaben mit Dank empfangen habe. Dann suchte ihr Auge das Fenster. Es weilte draußen am gegenüberliegenden dunklen Waldesgrün und schien sich mählich und mählich zu vergrößern.
Jetzt schloß Wagner das Vorspiel mit einer Fermate, und nun begann sie.
Ihre Lippen schienen vollständig geschlossen zu sein. Leise, ganz leise, wie aus weiter, unendlicher Ferne erklang ein Ton, der unmöglich aus ihrer Brust zu kommen schien. Er schwoll langsam an, mehr und immer mehr, bis er endlich in wahrer Orgelstärke durch das Zimmer klang und sich aus ihm die Motive und Sätze entwickelten, auf denen die Verse des sterbenden Dichters getragen wurden, wie die Leichen ertrunkener Schiffbrüchiger auf den trübdunklen Wogen des Oceanes auf und nieder schweben. Es war eine ganz eigenartige Musik zu dem ebenso eigenartigen, geheimnißvollen Text des Sterbenden in der Matratzengruft. Und mehr als eigenartig war auch die Stimme dieses Mädchens. Sie war geradezu unvergleichlich.
Und so einfach die Melodie gehalten war, so bot sie an vielen Stellen dennoch der Sängerin Gelegenheit, zu beweisen, daß sie auch in der rein äußeren Technik des Gesanges ungeahnte Fortschritte gemacht habe.
Leni's Stimme schien gar nichts Einzelnes, Selbstständiges zu sein. Es war, als oh sie den ganzen Raum, das ganze Herz und die ganze Seele der Zuhörer erfülle. Sie drang nicht durch das Ohr, sondern sie schien aus dem Innern der Hörer heraus zu klingen und ihnen so die Thränen aus der Seele empor in die Augen zu treiben.
Der König hatte sich in die Lehne zurückgelegt und hielt seinen Blick gerade so wie die Sängerin hinaus auf den Wald gerichtet. Und dennoch schien er von demselben gar nichts zu sehen. Der Kapellmeister hielt die Arme über die Brust verschlungen, und sein Gesicht glänzte förmlich vor Entzücken. Unbeschreiblich aber war der Anblick, welchen der Italiener bot. Er glaubte zu träumen. Mund und Augen waren so weit offen, als es überhaupt möglich war. Er griff sich mit den Händen an den Leib, an die Nase, an den Kopf, um sich zu überzeugen, daß er wirklich lebe, daß er in Wahrheit hier stehe und diese wunderbaren Töne höre. Er fuhr sich mit den Fingern in das Haar, daß es grad emporstand. Er streckte bei gewissen Stellen den linken Arm aus und strich mit dem Rechten darüber, als ob er den Gesang mit der Violine degleite; kurz und gut, er war ganz und vollständig außer sich.
Da erklang endlich die letzte Strophe:
»Frag, was er strahle, den Karfunkelstein,
Frag, was sie duften, Nachtviol' und Rosen,
Doch frage nie, wovon im Sternenschein
Die Marterblume und ihr Todter kosen!«
Die Begleitung wurde leiser und leiser, und die Stimme Leni's verklang langsam, als ob sie sich von hier fort verliere in jene weite, unendliche Ferne zurück, aus welcher sie vorher gekommen zu sein schien.
Jetzt war das Lied zu Ende.
Der Italiener wollte mit den Händen einen stürmischen Beifall klatschen; aber da fuhr das Gesicht des Königs blitzschnell zu ihm herum, und es traf ihn ein Blick, so gebieterisch zornig, daß er sofort die Hände sinken ließ und voller Schreck und Angst hinter seinen hochlehnigen Sessel retirirte, hinter welchem seine kleine, hagere Gestalt fast verschwand.
Der König wandte den Kopf langsam wieder nach dem Fenster; ein unbeschreiblicher Ausdruck lag auf seinem tief durchgeistigten Gesicht mit den königlich schönen Zügen.
Wagner blieb am Instrumente sitzen und bewegte kein Glied. Er kannte die Art und Weise seines königlichen Freundes. Auch Leni stand wie eine Statue. Ihr Gesicht schien ein ganz anderes geworden zu sein. Welch ein Unterschied zwischen jetzt und vorhin, wo sie den trivialen Reim in so alle Nerven zerreißender Weise gejodelt hatte. Ihr Gesichtchen war bleich, ohne alle Farbe. Es schien aus Alabaster gemeißelt zu sein. War vorher ihre Schönheit eine hervorragend körperliche gewesen, so sah man jetzt gar nicht auf diese äußeren Formen, welche sich so rund, so voll und üppig dem Auge des Beschauers boten, sondern der Blick wurde gefesselt durch den geistigen Ausdruck oder vielmehr Inhalt ihres Gesichtes. Sie schien nicht mit dem Munde gesungen zu haben; nicht sie, wie man sie körperlich da stehen sah, sondern ihre Seele schien die Schöpferin dieser wunderbaren, hinreißenden und auf das Tiefste ergreifenden Töne gewesen zu sein.
Endlich bewegte sich der König. Er stand langsam auf und trat ebenso langsam auf Leni zu. Er legte ihr beide Hände leicht an die Seiten ihres Köpfchens, beugte sich nieder und hauchte einen Kuß auf ihr reiches, volles Haar; dann sagte er mit vibrirender, halblauter Stimme:
»Ich habe mich nicht geirrt. Du bist von Gott begnadet wie selten eine Andere. Dein König weiht Dich der Kunst, der schönen, edlen, erhabenen. Sei stets ihrer würdig, und bleibe rein und gut. Gott segne Dich und nehme Dich in seinen starken Schutz, wenn Deiner Seele die Prüfungen nahe treten, welche Dir nicht ausbleiben können.«
Er wendete sich ab und verschwand, ohne mit einem der Andern ein Wort gesprochen zu haben, im Nebenzimmer.
Leni brach langsam in die Kniee. Sie faltete wie betend die Hände, hob sie empor und flüsterte:
»Gott, o Gott? Ists möglich! Ists möglich!«
Da erhob sich Wagner vom Stuhle, ergriff sie au der Hand und zog sie leise empor.
»Es ist eine große Stunde, welche Sie eben erlebt haben,« sagte er gedämpften Tones. »Vergessen Sie dieselbe nie! Und wenn die Verführung an Sie herantritt, um Sie dahin zu ziehen, wo Staub und Sünde wohnen, so denken Sie des Augenblickes, an welchem die Lippe Ihres Königs Sie berührte. Wir hätten jetzt so viel zu fragen und zu sagen; aber der Moment ist Ihnen ein heiliger, und wir wollen ihn nicht entweihen. Gehen Sie also jetzt, um im Stillen mit dem Gotte zu sprechen, welcher über uns allen wohnt und welcher Ihnen soeben bewiesen hat, daß er auch in Ihrem Herzen waltet!«
Sie antwortete nicht; sie ging. Es war ihr, als ob sie Flügel habe, als ob sie die Erde gar nicht fühle, über welche ihre Füße schritten. Ihr Herz war so weit, so unendlich weit. Sie fühlte keine Grenzen, keinen Anfang und kein Ende ihrer Gedanken und Gefühle – sie hatte ja gar keinen Gedanken, gar kein Gefühl; sie wurde von einer Seligkeit erfüllt, welche kein einzelnes Gefühl war, sondern eine Gesammtheit aller beglückenden Regungen und Empfindungen genannt werden mußte.
So ging sie, sie wußte gar nicht, wohin, nicht wachend und nicht träumend. Obs wohl im Himmel einmal grad so sein wird? Oder noch schöner, noch herrlicher? Wäre das möglich?
Als sie endlich wieder zur wirklichen Klarheit kam, stand sie am Ufer des Flusses. Draußen ging der Mond in silbernem Lichte auf; über ihr flüsterten die Zweige und hüllten sie in lauschiges Dunkel. Vor ihr flutheten die Wellen, und geheimnisvolle Reflexe zuckten auf den Wassern dahin. Es überkam Leni mit unwiderstehlicher Macht. Es war ihr, als ob eine unsichtbare Gewalt sie bei den Schultern fasse und in die Kniee niederdrücke. Sie hob die gefalteten Hände empor und betete:
»O, Du lieber Vater im Himmel, bleib bei mir und verlaß mich nicht, daß ich nicht stolz und hochmüthig werde. Du Heiland aller Sünder, laß mich stets bedenken, daß ich eine arme Sünderin bin! Du heiliger Geist Gottes, steh mir bei, daß ich den Hochmuth besiege, der mich jetzt bald ergreifen will. Du reine Mutter Gottes, schau freundlich auf mich hernieder und bitte für mich, daß ich fromm bleibe und voller Demuth. Du großer, dreieiniger Gott, gieb, daß ich die Gabe, die Du mir verliehen hast, nur allein gebrauche zu Deiner Ehre und zum Segen der Menschen. Ich bin so klein, so gering. Laß mich so klein und gering bleiben allezeit, damit ich groß bin nur in Deiner Gnade! Amen!«
»Amen!« erklang es wie ein Echo hinter ihr.
Sie fuhr erschrocken empor.
»Wer ist da?« fragte sie angstvoll.
»Ich; aber brauchst Dich nicht zu fürchten. Ich bins«
»Wer bist denn?«
»Ich, der Sepp.«
Der Genannte kniete hinter ihr am Stamme eines Baumes. Jetzt erhob er sich und trat auf sie zu.
»Du bists, Path? Was machst hier?«
»Ich kam, weil ich Sorg gehabt hab um Dich.«
»Warum das?«
»Schau, das war so: Ich saß beim Fex an der Fähr, und wir redeten mit nander. Da hörten wir einen Gesang, der kam wie vom Himmel herab. Der Fex hat gemeint, ein lieber Engel thät singen; ich aber hab gleich gewußt, daß mein liebs Lehnerl der Engel gewesen ist.«
»Woher hasts gewußt?«
»Weil ich den Gesang bereits hört hab von Dir, im München drin, als der Wagnern dazu am Klavieren spielen that. Das war der Gesang von der Todtenblume. Ich habs dem Fex gesagt, und er ist ganz närrisch worden. Wir sind nach der Villa'n gelaufen ohne Athem und haben zugehört, bist fertig gewesen bist. Nachhero kamst heraus und gingst fort, nicht etwan auf dem Weg, sondern gleich über die Wiesen hinüber und auf das Wassern zu. Da bist so sakrisch wetterwendsch gelaufen, bald rechts und bald links, bald vorwärts und bald wieder zuruck. Dazu hast gekilpert und getaumelt, als obst betrunken wärst, und da ist mirs himmelangst um Dich worden. Ich hab schnell meine Schuhen auszogen, daßt mich nicht hören sollst, und bin Dir nach. Du hast Dich aber auch gar nicht umgeschaut und mich also nicht gemerkt, obgleich ich nur ein Paar Schritten hinter Dir gewesen bin. Nachher bist gar noch niederkniet und hast betet. Herrgottl, wie mir da geworden ist! Meine Seel hat zittert und bebt, denn ich hab denkt, es ist Dir was passirt und Du willst noch erst beten und nachhero gleich hinein ins Wassern springen.«
»Das hast dacht!«
»Ja freilich.«
»Von Deiner Leni!«
»Ich konnt halt gar nicht anders.«
»Du hast meinen konnt, daß ich mir das Leben nehm, daß ich eine Selbstmörderin werden kann!«
»Jetzt bist mir wohl gar bös?«
»Beinahe.«
»Das darfst nicht sein! Schau, es ist halt doch nur die Lieb zu Dir. die mir solch eine Aengsten gemacht und so einen Schweiß austrieben hat!«
»Das weiß ich gar wohl, und drum will ich Dir auch nimmer zürnen. Bin ich denn wirklich gar so sehr hasprig gelaufen?«
»Sehr! Aber als ich nachher das Gebet gehört hab, da ist mir der ganze, große Stein vom Herzen herunterfallen, und ich bin auch niederkniet und hab mit beten müssen.«
Sie hörte es noch jetzt seiner Stimme an, daß er vor Rührung geweint hatte; sehen konnte sie es nicht, weil sie unter den Bäumen im Schatten standen. Sie schmiegte sich an ihn und sagte:
»Du lieber, guter Sepp!«
»Ja, das bin ich auch! Lieb hab ich Dich, und gut bin ich Dir über alle Maßen. Wanns so gewesen war, wie ich fürchtet hab, so war ich gern für Deiner ins Wassern gelaufen. Ich will doch liebern sterben, als daß Dir ein Leid geschieht. Wer sag mir, warum bist denn gar so außer Dir gewesen?«
»Warum? Denk Dir nur, Sepp, ich hab vor dem König singen müssen!«
»Das hab ich ja gehört.«
»Und es hat ihm gefallen!«
»Natürlich! Wann die Leni singt, so muß es einem Jeden gefallen, sonst hat ers mit mir zu thun!«
»Und was er hernach zu mir sagt hat!«
»So? Was denn?«
»Daß der liebe Gott mir eine große Gnaden erwiesen hat, und daß ich gut bleiben soll und fromm.«
»Da hat er grad das Richtige gesagt. Aber daß der liebe Herrgottl Dir gut ist, das ist ja gar kein Wundern und Mirakeln, denn ich bin Dir ja auch gut. Und wanns mal Einem gäb, der Dir nicht gut wär, dem streckt ich die Fäust ins Gesicht, daß er mich kennen lernen sollt!«
»Und sodann ist mirs ankommen, als ob ich eine ganz besonderbare Personen sei, als ob ich besser sei als Andere – – –«
»Das bist auch!«
»Nein; red nicht so, Sepp! Das ist ja der Verführer, vor dem ich mich hüten soll, wie der König sagt hat! Es hat mich aufgebläht, als ob ich stolz und vornehm sein müßt, und da hab ich an mein' alten Vatern denkt, der vor Hungern storben ist, und an den Sepp, der nicht mal einen ganzen Hut hat auf den Kopf, und an meine Alm, und wie ich so arm und gering gewesen bin, und nun denk ich, daß ich besser bin als Andere, und da hab ich den Herrgott bitten müssen, daß er mich vor Hochmuth bewahr und vor dem Stolz, denn weißt – ich mag nicht vornehm sein; ich mag nicht vergessen, was ich gewesen bin, und daß ich in meiner Sennhütten vielleicht glücklicher war, als ich später wohl sein werd.«
»Das ist wohl brav von Dir, Leni; aber glücklicher wirst wohl sein als vorher.«
»Glaubs nicht!«
»Wirsts mir selber sagen. Schau, wann heut der König so mit Dir zufrieden gewesen ist, so ist dann ganz sicher, daßt auf dem Concertl auch eine große Furoren machen wirst. Das ist doch ein Glück!«
»Ich hab das noch nicht gefühlt; ich werd ja sehen, obs wirklich eins ist. Aber horch, dct kommt mir ein Gedank, ein schöner Gedank!«
»Welcher? Sags!«
»Meinst, daß es schwer ist, auf so einem Concerten zu spielen oder zu singen?«
»Warum solls schwer sein?«
»Weil man was lernt haben muß.«
»Das hat man ja!«
»Ich mein' halt so: Thätst Du Dich fürchten, wannt auch mitsingen und mitspielen solltst?«
»Ich? Nein, fürchten thät ich mich nicht. Ich könnt aber halt nur das spielen, was ich gelernt hab.«
»Freilich. Hör, Sepp, wolln wir mit nander ein Concertl geben?«
Er machte eine Bewegung der Ueberraschung.
»Ich? Mit Dir? Wir mit nander?«
»Ja.«
»Was ist das nun für ein talketer Gedank!«
»Der ist gar nicht talket. Wann nun die Leutln mal hören wolln, wie auf der Alm jodelt wird?«
»Ja, das könnt ich ihnen schon ganz gut zeigen.«
»Mit Deiner Ziethern?«
»Ja, und auch mit meiner Stimmen. Ich bin nun bereits ein altes Haxerl; aber meine Stimmen ist noch ganz so frisch wie mein Zahnwerk im Maul. Beißen kann ich noch und auch jodeln, so viel man nur verlangen mag.«
»Und, weißt, grad so müßts sein wie auf meiner Alm, wannt kamst oder wannt gingst.«
»Ja, da haben wir uns allemal ansungen. O Jerum, das hat nun freilich für immer ein End!«
»Drum wollen wirs noch mal thun, recht schön und recht herzig, grad in einem Concertl.«
»Dirndl! Plausch nimmer solch Zeug!«
»Ich meins im Ernst. Außer wannt Dich fürchtst?«
»Hoho! Ich furcht mich vor dem Teufeln nicht, und wann ers versuchen will, so werd ich mit ihm um die Wetten jodeln, bis ihm der Athem ausgeht und er fortlaufen muß, um sich einen neuen zu holen.«
»So ists ja gut. Sepp, komm doch morgen in der Früh mal zu mir! Da hab ich Dir was zu sagen.«
»Von wegen dem Concertl?«
»Ja.«
»Na, Dirndl, Du hast jetzt in dieser neuen Zeiten recht muckige Gedanken. Das schwärmt und summt, als ob lauter Muckerln in der Lüften wären. Aber ich werd dennerst kommen, denn ich bin gar neubegierig, wast Dir ausgesonnen hast. Viel Klugs und Gescheidts aber wirds wohl gar nimmer sein.«
»Da wirst Dich verrechnet haben. Es ist was sehr Gescheidts. Drauf kannst Dich verlassen. Aber nun sag, wast heut am Abend noch vor hast!«
»Nix. Zunächst werd ich Dich nach der Mühlen begleiten, und nachhero, dann geh ich – – –«
»Nein, Sepp, begleiten wirst mich nicht!« fiel sie schnell ein.
»Warum nicht?«
»Weil ichs nicht will.«
»Wie? Seit wann will denn die Leni nicht, daß ihr Path, der Wurzelsepp, bei ihr ist?«
»Seit nirgends. Du bist mir immer und alleweg willkommen. Aber heut mußt mich schon mal allein laufen lassen.«
»Hast etwan eine Heimlichkeit?«
»Und wanns nun eine wär?«
»Gehts meiner Personen was an?«
»Nein.«
»So Hab ich mich auch nix darum zu kümmern.«
»Bist mir etwan bös?«
»Nein. Ich hab schon meinen richtigen Verstand. Ich bin der Path und hab Dich lieb; aber der Polizeier bin ich nicht, der hinter Dir herlauft und Dich nicht aus den Augen läßt. Du bist kein Kind, dem man stets die Amm mitgeben muß. Du bist groß genug, um zu wissen, wast zu thun und zu lassen hast, und was Unrechts wirst nie und nimmer thun. Das weiß ich ganz genau, Leni.«
»Ja, so ists richtig, Sepp.«
»Also willst allein nach Haus gehn?«
»Ja.«
»So will ich jetzt nun ausreißen. Also morgen in der Früh komm ich zu Dir. Gute Nacht!«
Er gab ihr die Hand und zog sie an sich. Er wollte ihr einen Kuß auf das Haar geben. Sie war das so gewöhnt und pflegte sich auch keineswegs dagegen zu sträuben. Bereits hatte er den Mund so nahe, daß sein Schnurrbart ihr Haar berührte. Da plötzlich fuhr sie zurück.
»Was ist? Was hast?« fragte er verwundert.
»Nicht so, nicht dorthin, nicht aus den Kopf,« bat sie.
»Wohin denn?«
»Wohin Du willst, Sepp, nur nicht auf den Kopf.«
»Bist auf einmal scheu worden?«
»Nein. Komm, küß mich lieber auf den Mund!«
Sie hielt ihm den Mund entgegen, und er küßte sie auf denselben.
»Schau,« sagte sie, »daraus siehst doch wohl, daß ich nicht scheu gegen Dich worden bin?«
»Ja, freilich wohl. Aber warum sollt ich Dir nicht an den Kopf kommen, Leni?«
»Weil – weil mich der König dahin küßt hat.«
»Himmelsakra! Ists wahr?
»Ja.«
»Der König hat Dich küßt, der König!«
»Still, schrei nicht so! Wanns nun Jemand hört!«
»Jemand? O, Alle sollens hören, Alle, alle Menschen! Ist das ei Ehren und Connexionen!«
»Willst gleich schweigen! Jetzt schau ich schon bereits, daß ich auch Dir nicht Alles sagen darf!«
»Oho!«
»Ja, sonst machst mir Dummheiten!«
»Fallt mir gar nicht ein!«
»Freilich fallt Dirs ein, grab jetzt auch!«
»Warum solls denn Niemand erfahren?«
»Weil die Leut das nicht verstehen. Schau, wannst betet hast, sagst das auch gleich Allen?«
»Gar Keinen.«
»Das ist richtig. Was man mit dem Herrgott sprachen hat, das ist nicht für die Menschen. Und was man mit dem König sprochen hat, das braucht auch Keiner zu wissen. Was ein König thut, das ist was ganz Andres als wanns ein Andrer thut, und doch kanns Leuten geben, die's grad so nehmen. Der König ist unsers Herrgotts Statthalter. Verstehst?«
»Das begreif ich wohl!«
»Er hat mich mit dem Kuß gesegnet an Gottes Statt. Drum soll nicht mal Dein Mund dahin kommen. Es ist mir, als hätt der Herrgott selber vor mir standen, und da thust mir den Gefallen und redest nicht davon, sonst werd ich bös und spinnefeind!«
»Hör, da ists gleich aus mit dem Plaudern. Wannst mir spinnefeind werden willst, so werd ich so stumm sein wie ein Fischen im Wassern oder wie ein Baum im Wald. An den kann man mit der Axt klopfen, er sagt auch kein Wort. Also sind wir nun einig worden. Gute Nacht, Leni!«
»Gute Nacht, Sepp! Schlaf wohl!«
Er ging, und zwar am Wasser hinab, ein Umstand, welcher ihr nicht lieb war, weil das auch ihr Weg war. Sie wartete, bis seine Schritte verklungen waren, und folgte dann langsam nach.
Als sie an die Stelle kam, an welcher die Fähre lag, befand sich kein Mensch in oder bei derselben. Sie schlich sich im Schatten der Büsche nach dem Felsen hinüber und stand da sehr bald vor Anton, welcher ihr Kommen beobachtet hatte.
»Bist auch sehr lang,« klagte er.
»Ich hab nicht eher könnt!«
»Wann ichs Dir nicht versprochen gehabt hätt, so wär ich längst wieder fort. Es sind doch fast zwei Stunden vergangen, seit ich hier bin.«
»So mußt verzeihen. Oder hast so nothwendig zu thun heut noch?«
»Gar nicht. Aber hier ist ein Ort, wo's Einem kann unheimlich werden.«
»Warum?«
»Da oben auf dem Stein ist ein Grab.«
»Warst oben?«
»Ja.«
»Ich hab nicht gewußt, daßt Dich vor einem Grab fürchtest.«
»Ich hab mich niemals gefürchtet und auch heut noch nicht. Aber es ist mir so gewesen, als ob hier herum etwas Lebendiges sei, was man aber nicht scheu und nicht derwischen kann. Es hat so um mich her geschlichen wie Gespenstern.«
»Es wird ein Eidechsen gewesen sein.«
»O, denen Eidexern kenn ich schon. Wann man so viele Nächten lang im Freien gelegen ist wie ich, so weiß man ein jeds Geräusch von dem andern zu unterscheiden. Das, was ich hier gehört hab, das sind Menschen gewesen. Laß uns wenigstens hinauf ans Grab steigen. Dort kann man Alles überschaun, und Niemand kann Einen belauschen.«
Er hatte Recht gehabt. Was er gehört hatte, das waren die schleichenden Schritte des Sepp und des Fex gewesen, welche sich in ihren unterirdischen Aufenthalt begeben hatten. Er hatte sie wohl gehört, aber nicht gesehen, und auch sie hatten ihn nicht bemerkt.
Leni kannte keine Furcht. Sie hatte manche Nacht allein auf der einsamen Alpe sein müssen, als daß sie ein ängstlich Gemüth hätte haben sollen. Sie scheute sich also nicht vor dem Grabe.
In der Nähe desselben hatte der Fex sich einen niedrigen Rasensitz hergerichtet. Darauf ließ Leni sich nieder. Anton blieb vor ihr stehen. Der Mond schien ihr hell in das Gesicht, während das seinige beschattet war. So verging eine kleine Weile, ohne daß Eins von Beiden ein Wort sagte. Er schien ebenso wie sie keinen rechten Anfang zu finden. Endlich aber meinte er in ungeduldigem Tone:
»Du hast mich bestellt, und ich hab auf Dich gewartet. Was hast mir nun zu sagen?«
»Erst möcht ich Dich fragen, obst mir nix zu sagen hast, Anton.«
»Was sollt ich Dir zu sagen haben!«
»Nix von Dir?«
»Ich weiß nix.«
»Und auch nix von Deinen Eltern?«
»Was gehn sie Dich an?«
»Hab ich etwan früher nicht nach ihnen gefragt?«
»Das war früher!«
»Meinst, das es jetzt nun anders ist?«
»Nein, es ist gar nicht anders. Es sind Deine Eltern, und da denk ich an sie, grad so wie ich an Dich denk, und ich möcht gern wissen, was sie machen und wie es Ihnen geht.«
»So? Denkst also zuweilen am mich?«
»Immer.«
»Und was denkst da?«
»Daßt ein recht verschlossener Bub worden bist.«
»Das war ich immer.«
»Nein. Damals bist offen gewest und aufrichtig. Da hast Einem Alles gesagt. Jetzt aber sagst nichts, kein Wort, obgleich Du weißt, was ich Alls auf dem Herzen hab.«
»Und was hast darauf?«
»Siehst! Fragst mich bereits wieder! Und doch weißts ganz ebenso genau wie ich selber.«
»Ich weiß nix, gar nix,« sagte er in hartem Tone.
»Anton!« bat sie.
»Was willst?«
»Herrgottl! Bist gar so hart?«
»Ich bin weich, sehr weich. Mich kann man um den Fingern herumwickeln; aber gar noch schlimmer laß ich mirs doch nicht machen.«
»Wer hats noch schlimmer gemacht?«
»Du.«
»Das ist nicht wahr.«
»Willsts leugnen?«
»Was nicht ist, kann man nicht leugnen.«
»Ja, es ist nix, und es ist auch nix gewesen. Und so weiß ich auch nicht, warumst mich heut bestellst.«
»Weil ich so gern mit Dir hab reden wollen; weil ich Dich nimmer vergessen kann, und weil ich Dich noch ganz ebenso lieb hab wie ehebevor.«
»Das machst mir nicht weiß!«
»Glaubs Anton!«
Sic ergriff seine Hand, die er ihr aber sofort wieder entzog. Er antwortete:
»Dir glaub ich schon gar nix mehr. Du sagst, Du hast mich noch lieb ganz wie vorher. Ja, das ist wahr. Du hast mich nicht lieb, denn Du hast mich überhaupt gar niemals lieb gehabt.«
»Wann Du das sagst, so bist ein schlechter Kerl!«
»Oho!«
»Ja! Denk zuruck, was ich Dir damals sagt hab und was ich Alles hab thun wollen für Dich und die Deinigen Eltern. Ist das nicht der Beweis, daß ich Dich lieb gehabt hab?«
»Nein. Du hasts blos thun wollen, aber nicht gethan.«
»Weil Du wieder frei worden bist.«
»Das ist nun eine Ausreden, die sehr billig ist. Denk an den Tag, an dem ich zum letzten Mal bei Dir in der Almhütten gewesen bin! Was hab ich Dir da für gute Worten geben! Aber nix hats geholfen!«
»Weil ichs dem König versprochen hatt. Und doch, als Du nachher fortliefst, weißt, was ich Dir nachher noch hinterdrein gerufen hab?«
»Habs wohl vernommen.«
»Nun, was wars?«
»Daßt thun wolltst, was ich will.«
»War das keine Liebe von mir? Wann ich doch dem König mein Wort brechen wollt um Deinetwillen?«
»Es war nun zu spät!«
»Ja, Du bist nimmer umkehrt, mir zu Liebe. Du hast den harten Kopf gehabt.«
»Warum bist fort, und nicht auf der Alm blieben?«
»Sollt ich das Opfer bringen, auch wannst fortläufst, mich nicht anschaust und nix mehr von mir wissen magst?«
»Ich wär doch wiederkommen!«
»Das sagst jetzund.«
»Sei still! Was hast nun drin im München gethan?«
»Ich hab eine schwere Zeiten durchgemacht. Tag und Nacht hab ich arbeiten müssen im Singen und Spielen, in der Musiken und in anderen Dingen. Der König hat mir Lehrer geben auch in Allem, was man bei gebildeten Leuten wissen und können muß.«
»So! Gehörst wohl nun zu denen gebildeten Leuten?«
»Vielleicht.«
»Man siehts Dir aber nicht an.«
»Warum?«
»Weilst immer noch so da sitzt wie auf der Alm, in demselbigen Gewande und mit derselbigen Sprache.«
Er hatte bisher Alles in einem harten und ironischen Tone gesagt. Dennoch antwortete sie in ihrer ruhigen, beinahe demüthigen Weise:
»Das wirfst mir vor?«
»Nein.«
»Aber Du machst mich lächerlich drüber! Und doch könnts Dir lieb sein. Ich könnt mich ganz anders kleiden und ich kann auch wohl ganz anders sprechen; grad daß ich dieses mein liebstes Gewandl anthu und mit Dir grad so red wie frühern, das sollt Dir eine Freuden und ein Vergnügen sein!«
»Was hab ich davon, und was hätt ich davon? Eine Sängrin bist ja nun doch! Und gearbeitet hast? Weiter nix? Bist nicht im Theatern gewesen?«
»Freilich oft. Das hab ich gemußt.«
»So! Da hast wohl lernen müssen, wie man es macht, wann man in der Schleppen geht und dabei doch oben nackt und bloß?«
»Ich hab lernen müssen, wie man spricht, wie man singt und wie man sich bewegt.«
»So! Früher hast wohl gar nicht gesprochen, gesungen oder Dich bewegt?«
»Auch, aber nicht so, wie es sein muß.«
»Aber mir hats grad so gefallen. Seit Du fort bist, ists aus mit uns. Das ist nicht anders.«
Da stand sie auf und ergriff seine beiden Hände. Er wollte sie ihr entziehen; aber sie hielt sie fest.
»Anton, denk wohl über die Worten nach, welche Du redest! Wir sind nicht viel mit nander zusammen gewest, aber ich kenn Dich dennerst besser als Du Dich selber. Die Lieb hat halt ein scharfes Auge.«
»So? Kennst mich besser? Nun, wie denn?«
»Du thust, als obs aus sei zwischen uns, und doch hast mich noch grab ebenso lieb wie vorher.«
»Das darfst Dir ja nicht einbilden!«
»Ich bild mirs nicht ein, denn es ist wirklich so. Du hast den Gram im Herzen und den Harm in der tiefen Seel; aber Dein Kopf ist hart und will sich nicht fügen. Ich weiß, daß Du das Herzeleid mit Dir herumträgst, und darum hör ich Deine bösen Worten an und bleib ruhig dabei. Wann das nicht war, so würd ich Dich hier stehen lassen und fortgehen. Ich bin jetzt ein ganz ander Dirndl als dazumal; ich verkehr mit Leuten, wo Du gar nimmer herankommen darfst, aber dennoch bist mir der Liebste von Allen, und ich halt Dir die Lieb und die Treu, als ob Du mich nicht von Dir gestoßen hallst. Mein Herz sagt mir, daß mal die Zeiten kommen wird, in welcher Du Dich nach mir sehnst mit großem Verlangen, und wo Du vielleicht ohne meiner gar verloren sein wirst.«
»Ich!« brauste er auf. »Verloren!«
»Ja. Du bist ein muthiger Bub und auch ein fleißiger Mensch und ein guter Sohn. Aber von der Welt und von Dem, was im Leben alls vorkommen kann, hast doch keinen Begriff. Kein Mensch darf stolz sein. Und gar mit der Lieb soll man sein sauber und weich umgehen. Weißt, es giebt rin Lied, darinnen kommen die Zeilen vor:
»O lieb so lang Du lieben kannst,
O lieb, so lang Du lieben magst!
Die Stunde kommt, die Stunde kommt,
Wo Du an Gräbern siehst und klagst!«
»Willst mich mit dena Gedichten fangen? Das ist kein Leim für mich. Wanns wirklich wahr ist, daßt mich noch lieb hast, so gehst fort von München und kommst zu mir. Wir können mitnander aufs Hausiren gehn und viel Geldl verdienen. Da schaust auch die Welt und erfährst, was in derselbigfalls geschahen kann. So ists. Jetzt sag, obst willst!«
»Das kann ich nicht.«
»Wirklich nicht?«
»Nein.«
»Warum nicht?«
»Weil ich nun schon zu weit gangen bin. Damals hätt ich Dirs zu Lieb thun können. Nun aber bin ich acht volle Monaten in München gewest, und der König hat paar Tausend Mark für mich zahlt. Sag selber, was er von mir denken sollst, wann ich ihm nun den Stuhl vor die Thüren setzen thät.«
»Dem kanns egal sein. Sängrinnen giebts außer Dir genug, und Geld hat er auch genug.«
»Und doch war es eine Undankbarkeiten sonder Gleichen, wann ichs thät.«
»Geh weg! Das ist eine Ausreden! Du hängst an der Sachen; ich weiß eS; ich habs gehört.«
»Wann?«
»Vorhin, als Du gesungen hast.«
»Das hast mit augehört?«
»Ja. Ich hab doch gewußt, daß Du bei dem König bist und daß Du's also warst, die da sang.«
»Das konntst auch gleich an meiner Stimm hören.«
»Nein.«
»Kennst sie doch.«
»Jetzt nicht mehr. Sie ist zwar noch ganz dieselbige, und dennerst ist sie ganz anders worden, so ganz anders. Ich hab an dem Gesang gehört, daßt für mich auf immer nun verloren bist.«
»Wie kannst das daraus hören?«
»Sehr leicht. Deine ganze Seel ist dabei gewest; Du hast nicht gesungen, sondern Du hast geweint, keine Thränen, sondern Töne. Und wer das thut, der gehört dem Gesang an und kann nimmer von ihm lassen. Das ist gewiß.«
Er ahnte nicht, daß er, der einfache Naturmensch, jetzt ein tiefes Verständniß verrieth, welches nur Einer besitzen kann, dem Gott ganz dieselben Gaben verliehen hat, welche er an Andern verdammt oder in Fesseln schlagen will.
»Du magst da Recht haben,« sagte Leni nachdenklich. »Wann ich aufrichtig mit Dir sein will, so muß ich Dir sagen, daß ich nicht blos wegen dem König allein nun bei dem Studium verbleib. Ich hab nun in eine Welt geschaut, welche edler und höher ist als diejenige, in der ich mich vorher befunden hab. Wann ich ihr nun entsagen wollt, so würd ich mir selbst entsagen, und das darf kein Mensch.«
»Ah, so bist also jetzt selbst edler und höher als ich?«
»In einem gewissen Sinne, ja. Aber das sag ich ja nicht aus Hochmuth und weil ich mein' ich sei besser als Du. Doch das kann ich Dir sagen, daß es mir ein großes Glück und eine wirkliche Seligkeiten wär, wann ich Dich dahin bringen könnt, wo ich jetzund bin.«
»Ans Theatern etwan?«
»Nein, das ists nicht, was ich meinen thu. Ich will sagen, Du sollst auch so denken lernen und fühlen wie ich. Du sollst Dich auch erfreun an der Kunst und an Dem, was höher ist als Käs und Brod und als Tabaken und Milch.«
»Ich dank dafür. Wann ich tüchtig zu essen hab und zu trinken, und bin auch gesund dazu, so ists genug, so bin ich glücklich.«
»So denkt der niedrigste Mensch. So denkt auch der Hund und die Katz.«
»Mit denen willst mich vergleichen? Das wird ja immer besser!«
»Du verstehst mich nur falsch.«
»Nein, ich versteh Dich schon ganz recht. Ich gehör zu denen niedrigen Menschen, die grad neben dem Viehzeug stehen. Aber Dir wirds auch noch kommen. Du wirst auch noch mit Sehnsucht an mich denken. Denk nur mal zuruck an den Abend, an welchem die Mondsüchtige kam! Ich weiß noch ganz genau, was sie gesagt hat. Weißts auch?«
»Ja.«
»Deins lautete:
O traue nicht dem eitlen Tand,
Und trau der Liebe nur allein!
Da hast ganz deutlich die Warnung vor dera Welt, die Du so hoch und so edel nennst.«
»Das ist nicht gemeint, sondern nur der Flitter, dens überall giebt, auch in der Deinigen Welt. Aber Dein Spruch, den sie Dir sagte, der hieß:
Verstoß, verstoß die Seele nicht,
Der durch Dich schweres Leid geschah!
Weißt auch, welche Seelen da gemeint ist?«
»Nein.«
»Da« könntst aber wissen.«
»Etwan Du?«
»Ja.«
»Dir wird nimmer viel Leid geschehen sein. Du hast Dich sehr bald heraus gefunden, und nun gefallt Dirs so in Deiner hohen, edlen Welt, daß Dirs ganz gleich ist, wie ich mich befind, ob wohl oder übel.«
»Das ist eine Lügen, und an sie glaubst selber nicht. Wanns wirklich so wär, so ständ ich jetzt nicht hier vor Dir, sondern ich hätt Dich gar nicht angeschaut. Aber ich seh, daß Du Dein Herz verstockt hast und daß darum all mein Reden nix fruchtet. Darum will ich nur noch den letzten Versuch machen.«
»So mach ihn doch!«
»Sogleich.«
Sie faßte ihn an, drehte ihn gegen den Mond und betrachtete ihn fast eine Minute lang mit Augen, vor denen er sich fast zu fürchten begann.
»Was willst noch von mir?« fragte er.
»Nix, nur eine einzige Antwort noch. Schau, ich hab Dich so lieb gehabt wie mein Leben, und ich hab Dich auch jetzt noch ebenso lieb. Wir sind wie für nander geschaffen. Mir hat man immer sagt, daß ich ein schöns Dirndl sei, und Du bist auch ein feiner Bub, der sich sehen lassen kann. Die Hauptsachen aber ist, daß wir auch im Innern zusammenpassen –«
»Das merk ich nicht!« sagte er.
»Weilst nicht weiter schaust als bis heut. Wann wir ein Paar wärn, so könnten wir glücklich sein, und alle Leutln müßten ihre Freuden an uns haben. Darum möcht ich so gern, daßt denken lernst, so wie ich denk. Das willst aber nicht, und ich geh nun auch nicht mehr zuruck. Du kamst herauf zu mir, ich aber kann und darf nimmer wieder hinab zu Dir; das wär eine Versündigung an dem König, an mir selber und auch an dem lieben Gott. Darum sag ich Dir, daß ich Deine Frauen werden will; es soll kein Anderer mich berühren dürfen, und ich will ganz nach Deinem Willen sein. Ich will auch nicht aufs Theater sondern nur in Concerten und Kirchen singen. Was ich verdien, das soll Dir gehören, als ob Du's selber verdient hättst. Ich will Dich in Ehren halten, Dich und Deine alten, treuen Eltern, die guten, lieben Leutln, aber Du mußt mich gehen lassen in meinem Beruf, wie ich gehen will.«
»Und wohin willst gehn?«
»Das verstehst nun wieder falsch!«
»O nein, ich verstehe schon gut. Ich weiß auch ganz genau, wohinaus das will. Jetzt versprichst mir alles Guts, aberst nachhero, wann ich Dein Mann bin, da wirds ganz anderst, da singst auch auf dem Theatern, und da muß ich tanzen, wie Du pfeifst, weil Du das Geld verdienst.«
»Ich halt mein Wort!«
»Das denkst vielleicht jetzt wirklich, aber wahr ist's nicht. Nein, ich laß mir nix vormachen. Wannt mich lieb hast, so gehst mit mir; das kann ich verlangen, und das verlang ich auch.«
»Und dabei bleibst fest?«
»Davon geh ich nicht abi.«
»So wissen wir also alle Beid, woran wir nun sind. Aber Eins will ich Dir noch sagen – –«
»Machs kurz!«
»Hab keine Sorg! Ich werd Dich nicht gar lange mehr belästigen, aber später würdst sehr froh sein, wannt Dich von mir belästigen lassen könntest. Ich hab Dir bereits gesagt, daß ich Dich besser kenn, als Du Dich selber kennst. Euch Männern muß man überhaupt nur kennen. Ihr seid die Herren von der Schöpfung, denkt Ihr. Nun ja, das will ich zugeben, denn es giebt ja wohl tausende von Männer, welche schier so Großes geleistet haben. Einer allein, wie tausend Andre zusammen nimmer fertig bringen. Aber der Herrgott hat uns neben Euch gestellt, und wir haben schon auch das Recht, zu leben, zu fühlen, zu denken und zu wollen. Aber wir denken und fühlen ganz anders als Ihr, und so wollen wirs auch dürfen, denn das ist unsere Arten nnd Weisen, die uns Gott gegeben hat. Ihr aber glaubt halt, daß Alles nach Eurem Kopf gehen muß und wir haben unser Glück nur darinnen, daß wir uns ducken und fügen. Das ist aberst falsch von Euch. Wann nun einmal so ein Dirndl oder so eine Frauen auch einen Willen haben will, so fahrt Ihr sogleich oben hinaus und setzt einen Trumpf darauf. So bist Du ganz besonders. So bist auch stets gewesen. Deine Eltern hättst auch nähren gekonnt, wann Du den Tagelöhnern gemacht hättst; aber das hast nicht gewollt, weilst da Deinen Willen nicht hättst haben können. Darum hast lieber Dein Leben auf die Gemsjagd gewagt und nicht daran dacht, daß die Eltern verhungern werden, wann Dir mal ein Unglücken geschieht. Und so bist nachher auch gegen mich gewesen. Wo mir der König ein so großes Glück geboten hat, hab ich verzichten sollen, weil die Sängrin sich mal doch von einem Andern berühren lassen muß. So eigensüchtig bist gewesen, und so bists auch noch. Ich soll mich für Dich aufopfern. Du aber willst gar nix thun. Jetzt soll ich hausiren gehn, wo ich eine wirklich große Zukunften hab. Was denkst denn eigentlich von mir und von Dir? Bist etwan so etwas ganz Hohes und Besondres, und ich bin gar nix gegen Dich?«
»Himmelsakra! Bist etwan die Königin selber?«
»Nein, ich bin ein armes Dirndl, welchs jetzt des Königs Almosen braucht. Aber Du bist doch auch kein Kaiser nicht, verstanden! Wir könnten uns so leicht entgegenkommen, ich ein Stuckerl zu Dir hin und Du ein Stuckerl zu mir her, aber das willst nicht; das Stuckerl ist Dir zu viel, und ich soll da den ganzen Weg machen. Ich weiß gar wohl, wies in Deinem Herzen steht. Du hast mich lieb, und Du hast wohl auch denkt, mir ein gute Worten zu geben. Das hast denkt, alst allein warst; aber nun ich bei Dir bin, bringsts nicht heraus, sondern thust bärbeißig, weilst denkst, daß Du Dich wegen eines guten Wortes schämen mußt. Nachhero, wann ich fort bin, wirsts bereuen, aber Du wirsts dann nimmer gut machen können. Ich hab Dich lieb, aber ein Waschlapperl bin ich nicht. Ich hab fein sanft und zart mit Dir sprochen; ich habe keine Beleidigung und keinen Aergern schauen lassen, aber mein letztes Wort mag ernst gemeint sein. Wann wir jetzt wieder unversöhnt aus nander gehn, so werd ich einen großen Kummer haben, aber ich werd ihn zu tragen und zu verwinden wissen. Meinen Weg laß ich mir dadurch nicht verstören. Nachher weiß ich, was werden wird. Ich werd berühmt sein und reich; schön bin ich auch, das sag ich ohne alle Eitelkeiten und Ueberhebung. Ich weiß, mit was ich zu rechnen hab. Nachhero, wann ich auf der Leiter emporgestiegen bin, was bist nachher Du? Ein Tabuletkramer, ein braver zwar, aber doch nur immer ein Tabuletkramer. Und wannst von mir hörst oder gar einmal mich erblickst, nachher wird der Feind erwachen in Deinem Innern und Dich peinigen Tag und Nacht. Nachher wird die Reuen kommen mit aller Gewalt, und Dein einziger Trost wird sein, daßt an Allem selber Schuld bist. Ich red da streng mit Dir, aber ich meins aufrichtig gut, weil ich Dich lieb hab und Dich so herzensgern glücklich sehen möcht.«
Sie stand vor ihm in ihrer einfachen armen Tracht, aber doch in all ihrer Schönheit. Sie hatte nicht zuviel gesagt; als sein Auge an ihr herniederglitt, sah er erst die Veränderung, welche mit ihr vorgegangen war. Es durchzuckte ihn, die Arme um sie zu schlingen und sie an sein Herz zu nehmen. War es denn etwas gar so Großes, wenn er sich ihrem Willen fügte? Nein. Aber da dachte er wieder daran, daß auf der Bühne ein Anderer diese rothen, schwellenden Lippen küssen, diese herrlichen Arme, diesen vollen Busen berühren könne, und das ergrimmte ihn.
»Bist fertig?« fragte er kurz.
»Ja. Und nun sag jetzt, was hast beschlossen?«
»Nix Andres als was ich vorher gesagt hab.«
»Ich soll mit hausiren gehn?«
»Ja.«
»So hausir allein! Du denkst nicht daran, daß eine Hausirersfrau noch ganz andere Gefahren hat als eine Sängrin. Du bist Dein eigner, größter Feind und wirsts auch bleiben. Gute Nacht!«
»Leb wohl!«
Er sagte das kalt, als ob ihn die Trennung ganz gleichgiltig lasse. Dennoch blieb sie nach drei oder vier Schritten stehen und drehte sich um.
»Anton!«
Er antwortete nicht.
»Bleibst wirklich so hart?«
»Du bist hart, Du allein!«
Da kehrte sie schnell zu ihm zurück, legte die Arme um ihn, zog ihn an sich und bat:
»Gieb nach, Anton, gieb nach! Ich bitte Dich um Deines eignen Glückes willen, gieb nach.«
»Nein!«
»Wirklich nicht?«
»Ich kann nicht.«
»Ich verlang ja nicht zu viel. Ich will ja nur auf Concerten und is Kirchen singen!«
»Das glaub ich nicht. Laß mich aus! Wer eine Sängrin wird, die ist verloren auf immerdar, denn sie wird ganz sicher eine – –«
»»Halt, sag das Wort nicht!« sagte sie streng.
»Soll ich nicht mal reden?«
»So ein Wort nicht! Das duld ich nicht!«
»Wirsts noch oft dulden müssen, wanns Dir ins Gesicht gesagt wird. Du denkst, wann ich Dir mal begegnen werd, so werd ich mich ärgern. O nein, ich werd hinkommen zu Dir und es Dir ins Gesichten sagen, wast bist, nämlich eine – –«
»Schweig! Ich dulde das nicht. Ich hab mir von Dir heut viel sagen lassen, das aber hör ich nicht mit an. Du hast Recht: Es ist aus mit uns. Leb wohl auf immerdar!«
»Ja, scher Dich fort!« rief er zornig, als sie sich von ihm wendete. »Ich mag nix mehr von Dir wissen, denn Du bists doch auch bereits, eine –«
»Was?« fragte sie, nochmals stehen bleibend. »Was bin ich bereits? Sags doch nun, wann Dus beweisen kannst, daß ichs bereits bin!«
»Ja, ich kanns, denn Du willst eine Sängrin werden. Du bist eine Huren!«
Da stand sie aber auch wieder vor ihm, holte aus und gab ihm eine Ohrfeige, daß er, der einen solchen Hieb gar nicht erwartet hatte, zurück in die Büsche taumelte. Die Sennerin hatte auch jetzt noch eine außerordentlich kräftige Hand.
Er wußte gar nicht, was er von dieser so unerwarteten Energie denken sollte. Am Allerwenigsten aber dachte er daran, ihr den Schlag zurückzugeben. Davor schien sie aber auch gar keine Angst zu haben, denn sie floh nicht etwa, sondern sie schritt ganz ruhig und langsam fort, ohne sich nach ihm umzublicken, den Felsen hinab.
Als sie den ebenen Boden erreichte, gab es ihr zur rechten Hand ein leises Geräusch, welches sie aber gar nicht beachtete. Sie begab sich in grader Richtung nach der Mühle.
Zwar stand der Wagen nicht mehr da, aber die von demselben abgeladenen Effecten lagen noch an der Erde. Der Müller hatte noch nicht erlaubt, sie herein zu schaffen. Er wollte die Sängrin auf alle Fälle loswerden.
Leni hielt es nicht für nothwendig, erst Erkundigungen einzuziehen. Sie klopfte bei ihm an und trat auf seinem Ruf in die Stube. Er hatte, wie gewöhnlich, die Peitsche in der Hand und rauchte eine Meerschaumpfeife. Leni grüßte höflich.
»Wer bist?« fragte er.
»Ich bin die Mietherin des Logis über dieser Stube,« antwortete sie.
»Du?« fragte er erstaunt.
»Ja.«
»Das ist doch für die Sängrin gemiethet worden!«
»Die bin ich ja.«
»Die Mureni etwan?«
»Ja.«
»Ich denk, die Dicke ists?«
»O nein. Sie ist nur meine Ehrendame.«
Das war ihm ganz und gar unbegreiflich.
»Was! Du in diesem Röckerl und in diesem Contuscherl hättst eine solche Ehrendame!«
»Ja.«
»Das machst mir nicht weiß. Da müßtst doch noch viel nobler gehn wie sie selber.«
»Das thu ich auch.«
»Davon seh ich nix.«
»In der Stadt leg ich andre Kleidung an. Aber ich war eine arme Sennerin, und ich lieb das Leben auf dem Dorf. Darum trag ich am Liebsten diesen Anzug, wanns halbwegs möglich ist.«
»Das könnt mir eigentlich gefallen, wanns wirklich auch richtig so ist.«
»Es ist so. Oder schau ich wie eine Lügnerin aus?«
»Nein, das nicht. Aber was willst bei mir?«
»Ich möcht gern unsere Sachen herauf in die Stuben haben. Du aber hasts verboten.«
»Ja, Du wärst mir schon recht, aberst die Dicke, die mag ich nicht leiden.«
»Warum nicht? Bist doch selbst auch nicht dürr!«
»Was gehts Dich an! Hast auch das Maul auf dem richtigen Fleck. Nicht?«
»Ja freilich. Wie könnt ich sonst eine Sängrin sein, wann ich das Maul in der Taschen hätt. Also, darf ich die Sachen hereinschaffen lassen?«
»Deine Sachen, ja; aber die Dicke muß fort.«
»Damit bin ich ganz auch zufrieden. Aber laß sie nur wenigstens so lange da, bis ich einen Wagen besorgt hab, mit dem sie nach der Bahn fahren kann!«
»Dagegen will ich schon nix haben. Nachher aber muß sie fort. Verstanden?«
»Freilich. Und wannst dann willst, geh ich auch gar selber mit. Schlaf wohl!«
»Schlaf wohl auch Du!«
Als sie hinaus war, brummte er:
»Ein sakrisch Weibsbild. Wann die Einem so unter die Augen hineinschaut, so kann man fast gar nimmer Nein sagen. Das ist grad so Eine, die den Männern die Köpfen verdrehen kann. Ich kann froh sein, daß ich kein Junger mehr bin, sonst thät ich Der gleich das ganze Haus vermiethen und die Mühl und die Felder und Wiesen dazu!« –
Das Geräusch draußen am Grabe, welches von Leni nicht beachtet worden war, kam aus dem geheimen Eingang in dem Felsen. Da unten hatte der Fex mit dem Sepp gesessen. Sie hatten Stimmen über sich gehört und waren hinauf gekrochen, um nachzusehen, wer da oben so laut rede. Grad als Beide den Gang verlassen hatten, war die Sängerin an dem Strauche, hinter welchem die Beiden steckten, vorübergegangen.
»Die Leni,« flüsterte der Sepp. »Sie hat mit Jemand gesprochen. Wer mag das sein?«
»Das werden wir bald erfahren. Hier führt ja der Weg vorüber.«
»Ich sollt sie nicht nach der Mühlen begleiten. Sie hat also gewußt, daß sie Jemanden trifft. Ich glaub gar, sie hat ein Stelldichein gehabt. Der Kerl muß noch oben sein. Gehn wir hinauf!«
»Wannst meinst, ja. Verrathen ists doch nicht, daß wir aus dem Felsen kommen.«
Sie warteten noch einige Augenblicke, dann stiegen sie langsam hinauf. Droben stand Anton noch. Er war sehr verwundert, zwei Leute kommen zu sehen, war aber sogleich beruhigt, als er sie erkannte. Der Sepp that, als ob er keine Ahnung gehabt habe, daß Jemand sich hier oben befinde.
»Hollah!« sagte er. »Da steht ein Kerl! Wer ists?«
»Fürcht Dich nur nicht, Sepp! Ich bins,« antwortete der einstige Wilderer.
»Ah! Der Krikelanton! Was machst denn hier heroben?«
»Ich geh spazieren.«
»Da auf dem Felsen?«
»Und da unten geht auch Eine spazieren? Die ist von Dir gekommen. Wer ists gewesen?«
»Gehts Dich was an?«
»Nein, aber neugierig bin ich.«
»So muß ichs Dir sagen, sonst stirbst daran. Es war die Magd aus der Mühlen.«
»Welche?«
»Das brauchst nicht zu wissen. Meinst, daß ich Dir meine Liebschaften verrathen werd?«
»Nein, das brauchst nicht, denn ich kenn sie schon bereits. Ich müßt ein schlechter Path sein, wann ich nicht meine Leni kennen thät. Hattst sie her bestellt.«
»Nein, sondern sie mich. Da Du sie erkannt hast, so will ichs auch gestehn.«
»Sie Dich? Seit wann bestellen denn die Dirndln die Buben?«
»Seit die Buben die Dirndln nicht mehr bestellen.«
»Da kannst sehr Recht haben. Du bist doch immer Derjenige, von dem man die beste Auskunften erhalten kann. Aber wann sie Dich herbestellt hat, so ists doch nur gewesen, um Dir zu sagen, daß Du ihr nimmer nachzulaufen brauchst?«
»Oder auch anderst. Ich bins, der ihr sagt hat, daß es nun ganz aus ist mit uns Beiden.«
»Schau, das ist schön von Dir; das gefreut mich außerordentlich. Da hast doch den richtigen Verstand gehabt. Du passest doch nimmermehr zu ihr.«
»So? Warum?«
»Du bist zu vornehm und zu gut für sie.«
»Oder meinst vielleicht, sie für mich?«
»Kanntsts nehmen, wie Du willst.«
»Willst Streit anfangen? Ich bin grad bei der richtigen Launen dazu. Brauchst blos ein Worten zu sagen, so fliegst augenblicklich da hinunter und in das Wassern hinein. Wann Du da versaufst, so ists nicht schad um Dich, alter Heuchlering!«
»Wie? Was bin ich?«
»Ein alter, heuchleringser Kerlen bist!«
»So? Kannst das beweisen?«
»Ja, sehr wohl kann ich das.«
»So thu es doch!«
»Hast etwan nicht stets gesagt, daßt mein Freund bist.«
»Das hab ich wohl gesagt.«
»Aber wahr ists nicht.«
»Oho! Willst mich zum Lügnern machen?«
»Was brauch ich Dich dazu zu machen? Du bists ja schon! Du sagst, Du seist mein Freund und bist doch gegen mich.«
»Wieso?«
»Hast stets bei der Leni gegen mich gesprochen.«
»Das ist mir nicht eingefallen.«
»Warum ist sie dann so ungehorsam gegen mich!«
»Ungehorsam? Hast etwan bereits Gehorsam von ihr zu verlangen, he?«
»Ja, sie ist mein Dirndl gewesen.«
»Aberst noch nicht Deine Frauen.«
»Das ist schon ganz egal. Das Dirndl muß dem Bubn grad so gehorchen wie die Frau dem Manne.«
»Schau, da hast schon bereits eine ganz neue Moden entdeckt, von der ich noch gar keine Ahnung gehabt hab. Bist doch ein schlauer Burschen. Wer auch wannst da Recht hättst, wärst dennerst vorhin auf einem falschen Weg gewesen. Ich hab das Dirndl nicht von Dir abgelenkt.«
»Aber Du hast ihr die Kunst in den Kopf gesetzt!«
»Singst Du nicht auch? Wer hats Dir in den Kopf gesetzt?«
»So mein' ichs nicht. Du hast ihr vorgeschwatzt von denen Herrlichkeiten, die sie haben wird, wenns zum Theatern geht.«
»Ja, davon hab ich zu ihr sprachen. Lügen thu ich nicht. Was ich sagt hab, das gesteh ich ein. Aberst das ist doch nicht gegen Dich. Ihr könnt doch auch ein Paar werden, wann sie beim Theatern ist.«
»Nein, denn das duld ich nicht.«
»So mußt Dich halt nach einer Andern umschaun, und sie heirathet einen Grafen.«
»Den soll der Teufel holen!«
»So schnell geht das nicht. Der Teufel holt erst andre Leutln. Gestern hat in der Zeitung gestanden, daß in der Höllen recht nothwendig ein Tabuletkramer braucht wird. Für einen solchen muß der Teufel zunächst sorgen.«
»Geht das auf mich?«
»Nein, sondern auf den Teufel.«
»Das wollt ich Dir auch gerathen haben, sonst hättst mich kennen lernen können.«
»Bist doch heut recht kampfbegierig! Hast wohl den Absagebrief erhalten, weils Dich so grimmt?«
»Ihr hab ich ihn geben, nicht sie mir.«
»Das könnt ich bestreiten, ihr zu Lieb. Aber ich wills zugeben, denn ich bin ein aufrichtiger Kerlen. Sie hat Dich lieb, und Du bists aber nicht werth – –«
»Wurzelsepp!«
»Ja, das ist wahr!«
»Willst mich in Harnisch bringen!«
»Steig meinswegen in den Harnischen oder auch in die Filzschuhen; mir solls ganz egal sein. Ich hab Dir bereits meine Meinung gesagt, und ich sag sie Dir wieder, wann ich will. Sie meints gut und ehrlich mit Dir; Du aber bist so ein Wiedehopfen, mit dem sich nichts reden läßt. Nun geht Ihr aus nander, und die Schuld wirfst auf mich. Das ist schon so die richtige Höhen. Erst verdreht man einem braven Dirndl den Kopf; nachhero, wanns sich hat aufopfern wollen, nennt mans eine Huren, und dennerst lauft man ihr nach und laßt ihr keine Richen, daß nur das arme Herzerl nicht aus dem Kummer herauskommt. Das ist so die richtige Sorten, wie Du bist. Mir kannst gestohlen werden, und wer Dich wiederbringt, den verklag ich und laß ihn einistecken wegen Beleidigung.«
»Schau, wast für ein Rednern bist!«
»Ja, wann ich Dich anschau und an die Leni denk, so lauft mir sogleich die Galle über. Könnsts so gut haben bei ihr und so sein. Der König ist so gut auf Dich zu sprechen und auf sie. Was wär das für ein Paar geworden! Und da bist so conträr und ausverschämt und hast das Gewissen, sie um ihr Glück zu bringen. Dabei sagt der Kerl auch noch, daß er sie lieb hat, der Scheinheilige!«
»Du, nimm Dich in Acht! Dergleichen Schimpfirereien mag ich nicht leiden, auch von Dir nicht!«
»Halts Maul! Dich werd ich viel fragen, wie ich zu Dir sagen soll. Wegen Deiner wickle ich meine Worten nicht in Seidenpapier und trag sie Dir auf dem Präsentirtellern entgegen. Dazu bist der Kerlen noch lange nicht. Da mußt Dich erst mit Schmierseifen einreiben und mit einer Soda abwaschen, daß der Schmutz herunter kommt. Und richtig kämmen mußt Dich und die Fingernägeln abschneiden auch dazu. Und sogar nachhero red ich noch immer nicht mit Dir. Hab ichs so ehrlich und gut gemeint mit dem Hundsbuben, und nun nennt er mich einen Lügnern und einen heuchleringsen Menschen. Meine Mündel had ich ihm wollen geben, und nun sagt er, daß er ihr die Abschiedsschluppen anzogen hat! Da muß doch gleich der alte Teuxel zwanzig Junge kriegen! Hörst, daß ich auch meine Galle hab! Ja, wann die überlauft, dann werd ich zornig, und mann ich zornig bin, nachhero ist mit mir kein Auskommen mehr. Da bin ich gar im Stande und nehm den allergrößten Prügel, den ich find, und schlag Alles todt, mich gleich zu allererst. Denn leben mag ich in einer so miserabligen Welten schon gar nimmer mehr. In einem Leben, wo's den Guten bös und den Bösen gut geht, da mag ich schon gar nimmer sein. Da dank ich für! So, jetzt hast Dein Fett und Dein Schmalz! Reib Dirs hinter die Ohren und mach, daßt fortkommst, sonst zieh ich auch noch die Schuhen aus und schlag sie Dir um die Ohren, daßt denkst, wird in die Kirchen gelauten, Du Unnütz Du!«
Er hatte sich in den größten Aerger hineingeredet. Und, eigenthümlich, der Krikelanton unterbrach ihn nicht. Einestheils achtete er den Alten sehr und anderntheils fühlte er gar wohl, wie weit derselbe Recht hatte. Und, um eine Hauptsache nicht zu vergessen, mit der Ohrfeige, welche er von Leni erhalten hatte, war es ihm gegangen wie jenem Tauben, welcher eine tüchtige Maulschelle erhielt und da in der Meinung, daß man Etwas zu ihm gesagt habe, beistimmend nickte und sprach: »Das läßt sich hören!« So ging es auch Anton. Alle Reden und Bitten Leni's hatten nichts gefruchtet; aber die Ohrfeige war auf den besten Boden gefallen. Mit ihr hatte sie nach seiner Meinung den kräftigsten Beweis geliefert, daß sie ein braves Mädchen sei. Darum befand er sich nun in größter Uneinigkeit mit sich selbst. Am Liebsten wäre er ihr nachgelaufen, um doch noch ein freundliches Abkommen mit ihr zu treffen, allerdings möglichst auf der Basis der Bedingungen, welche er ihr gestellt hatte. Er sagte sich jetzt, daß sie doch vielleicht auf seine Ansichten eingegangen wäre, wenn er freundlicher mit ihr gewesen wär und nicht so kalt und ungefüge. Vielleicht war dies noch nachzuholen, aber auch blos dann, wenn er es mit dem alten Sepp nicht verdarb, der ja so großen Einfluß auf seine Pathe hatte. Darum beschloß er die beißenden Reden des Alten ruhig hinzunehmen. Dieser blickte ihn forschend an und fragte:
»Nun, wie stehst da wie ein Oelgötzen und guckst in die Luft hinein? Kannst Dich vielleicht verdesendiren?«
»Ich könnt schon vielleicht.«
»Das machst mir nicht weiß. Die Leni ist ein curagirtes Ding, aber sie hat auch – –«
»Ja, curagirt ist sie; das hab ich heut gesehen.«
»So? Wie denn?«
»Sie hat mir eine Backpfeifen gegeben, daß mir der Kopf fast auf den Buckel flogen ist.«
»Hat sie das? Nun, das gefreut mich sehr. Wohl bekomms Dir auch, Anton! Aber bei all dieser Curagirtheit hats doch ein mildes Herz und ein zart Gemüth. Das will feiner anfaßt sein, als Dus vermagst. Wann dann so ein Drommeldar hineintrampelt in das Zeug, so werden halt alle Blumen und Blüthen niedertreten, die in so einem jungen Herzen blühn, und wann nachhero nur die Disterln aufgehen und die Quecken und das Unkraut, nachdem wunderst Dich auch noch darübern! Hab ich Recht, oder hab ich Unrecht?«
»Vielleicht hast Recht.«
»Vielleicht auch noch! Nein, gewiß hab ich Recht, ganz gewiß! Siehsts ein oder nicht?«
»Ja.«
»Na endlich? Da ists nun auch möglich, daß Alls noch gut werden kann. Ich sag Dir, Bub, das Dirndl bekommt meiner Seel einen Grafen, oder gar einen Fürsten zum Mann, vielleicht gar einen Bischof oder einen Cardinalen, denn sie ist schön und sein und brav und demüthig, obgleich sie es hoch bringen wird. Den Schatz, der in der Leni steckt, kannst gar nicht messen, nicht zählen und nicht begreifen. Es wär so mein Gaudium, wann ich später so »gnädige Frau« oder »höchstdero Baronessen« oder »Hochselige Gräfin« zu ihr sagen könnt, denn von dieser Ehren fiel doch mich ein Theil mit auf mich und in meinen Rucksack hinein; aberst am Allerliebsten gönn ich sie doch Dir, das kann ich Dir sagen. Also sei gescheidt und klug, und laß die Dummheiten! Wannst meinen Rath befolgst, wirst der Mann von einer berühmten und reichen Frauen, deren Gemüth aber so rein und treu bleibt wie das Gemüth eines Kindes.«
Dem Anton wurde das Herz leicht und weit. Er holte tief Athem und fragte:
»Was meinst Du, was ich thun soll?«
»Zunächst das Maul halten und die Geschicht ruhig abwarten.«
»Donnerwetter! Soll ich etwan warten, bis ein Anderer kommt und sie mir wegschnappt!«
»Verdient hättsts schon reichlich, denn Du hast ja sagt, daßt ihr den Abschied geben hast. Da wärs Dir schon zu gönnen, daß ein Andrer kommt. Da schnappt sie schnell zu; er schnappt sie weg, und Du aber, Du schnappst über! Aber laß nur mich sorgen. Sie hat Dich lieb, und daß sie Dir eine Backpfeifen geben hat, das ist allemal das richtige gute Zeichen. Wann Eine Einem Eine hineinhaut, so ist das der Beweis, daß die Sympathrie auf die Zuneigung von der weiblichen Hingebung in der gehörigen Quallritäten und Quandritäten vorhanden ist. Das kannst mir glauben. So ein Alter wie ich, der hat Mancher schon hinein ins Herz geschaut. Also laß den Muth nicht sinken, und hab Vertrauen zu mir. Aber folgen mußt und gehorchen, sonst kannst nur gleich fortlaufen und Maulaffen verkaufen. Wannst vorhin mit mir da oben am Wassern gewesen wärst und gehört hättst, was die Leni than hat, so würdst, einsehn, daß sie ein Dirndl ist, um die man sich eine Mühen nicht verdrießen lassen darf. Was hast? Da fiel wohl was herunter?«
»Ja. Ich hatt die Hand in den Gürtel steckt, und da muß was drinnen gewest sein.«
»Was?«
»Ich weiß nicht. Ich hab nix drinnen gehabt.«
Alle Drei hatten das Aufklingen eines metallnen Gegenstandes gehört, welcher herabgefallen war. Sie bückten sich. Es hatte sich ein Wind erhoben, welcher zahlreiche Wölkchen getrieben brachte, die den Mond verfinsterten. Darum war nicht leicht Etwas zu erkennen. Die Drei suchten also mit den Händen tastend nach dem betreffenden Gegenstand. Der Wurzelsepp war es, der ihn fand.
»Ich habs!« sagte er. »Da bei meinen Füßen hats gelegen. Was ists? Ah, ein Schlüsseln, ein kleiner Schlüsseln, wie zu einem Tischkasten so groß.«
»Wie aber soll ein Schlüsseln in meinen Gürtel kommen?« fragte der Krikelanton.
»Hast keinen gehabt?«
»Nein. Ich hab nur einen einzigen, nämlich den Schlüsseln zu meinem Kastan, und den hab ich hier im Portmornerch stecken. Da ist er.«
»So hat dieser hier gar nicht in dem Deinigen Gürteln gesteckt.«
»O dennoch. Ich hab ihn mit den Fingern gefühlt, bevor er herunter fiel.«
»Oder hat er vorher hier gelegen,« bemerkte der Fex. »Zeig ihn mal her, Sepp!«
Der Alte gab ihm den gefundenen Schlüssel. Der Fährmann hielt ihn gegen den Mond, welcher eben von Wolken frei war, und betastete ihn dann höchst sorgfältig. Dann sagte er in freudigem Tone:
»Sollts möglich sein? Sepp, Sepp, was haben wir gefunden!«
»Nun, was?«
»Den Schlüsseln, den wir brauchen.«
»Welchen denn?«
»Nun, zu dem Müll – –ah, weißt schon, zu dem Polsterstuhlen.«
»Pst! Still! Das wissen nur wir Beiden. Aber Du wirst Dich irren. Wie sollt der Schlüsseln vom – –weißt schon, hierherkommen?«
»Ja, das weiß ich auch nimmer. Das kann ich doch nicht begreifen.« Und sich an Anton wendend, fragte er diesen: »Warst vielleicht heut in der Mühlen?«
»Ja.«
»Bei wem?«
»Beim Müllern selber.«
»Ah! Was hast da than?«
»Das Ein-mal-eins habe wir einander aufgesagt, er erst mit der Peitschen und nachhero ich mit den beiden Händen. Dann habn wir gar groß Vergnügen an einander funden und sind als die besten Freunden aus nander geschieden.«
»Wie ist das gewesen? Erzähls doch mal!«
Der Krikelanton erzählte das Abenteuer. Als er fertig war, meinte der Sepp lachend:
»So wars gut, und so wars fein! Da hat er doch mal seinen Mann funden. Anton, jetzund bin ich Dir grad noch mal so gut als vorher!«
»Das brauchts nicht dazu. Ich hab mir schon selber eine Gütchen than, indem ich ihn so ausgehauen Hab. Derselbige Kerlen hat ein Gesicht, das mir gar nimmer gefallt, und wann ich ihm noch mal was ausverwischen könnt, so sollts mir lieb sein.«
»Das kannst. Das kannst schon bald, vielleicht gar noch am heutigen Abend.«
»So? Das brauchst nur zu sagen, und wann ich damit Dir und dem Fex einen Gefallen thu, so ist mirs recht und auch sehr lieb. Soll ich ihm vielleicht nochmals die Karten schlagen?«
»Nein, aber helfen kannst uns ein Wengerl. Wir haben nämlich eine Zaubergeschichte zu spielen.«
»Sind Geistern dabei?«
»Ja, aber die sind wir selber.«
»So thu ich mit. Sagt nur, was ich machen soll!«
»Nachhero sollsts erfahren. Jetzt aberst möcht ich halt erst wissen, wie sein Schlüssel in Deinen Gürteln kommen ist.«
»Sein Schlüsseln? Gehört derselbige denn dem Müllern?«
»Ja freilich; der Fex hats gesagt, und der muß es wohl wissen. Fex, kennst den Schlüsseln genau?«
»Ganz genau. Schau, es ist ein kleins, roths Bänderl dran. Daran kenn ich ihn und auch am Bart. Der Müllern hat ihn stets in seiner Taschen, oft aber auch so grad in der Hand.«
»Verteuxeli!« rief der Anton. »Da fällt mir ein, daß ich das Schlüsserl sehen hab, als ich ihm die erste Ohrfeigen geben wollt. Er hats in der linken Hand gehabt, und mit derselbigen packt er mich nachher am Gürteln, und mit der Rechten schlug er zu.«
»So hat er den Schlüsseln fahren lassen in den Gürteln hinein und sodann gar nicht wieder an ihn dacht. So ists gewesen, so.«
»Ja, anders kanns schon nimmer geschehen sein. Und den Schlüsseln braucht Ihr heut Abend?«
»Ja, ganz nothwendig wird er gebraucht. Wann wir ihn nicht durch denselbigen guten Zufall funden hätten, wärs uns schwer worden, den Kasten zu öffnen, der im Polsterstuhlen steckt. Wie meinst, Fex, wolln wir ihm Alles sagen?«
»Das mußt selber wissen. Ich kenn ihn nicht.«
»O, er ist ein braver Kerlen, der uns gern helfen und uns aber nimmer verrathen wird.«
»So sags ihm meinetwegen. Aberst es darf weder heut noch fernerhin ein Wort darüber gesprochen werden; das muß ich mir freilich ausbitten.«
»Hab darüber keine Sorgen. Der Anton ist ein verschwiegener Bursch. Weißt, er ist vormals ein berühmter Wilderer gewest. Da giebts viel Geheimnissen zu bewahren, und er hat niemals kein Wort aus der Schulen geschwatzt. Also, Anton, hör, was ich Dir sagen werd! Nämlich der Müllern ist – –ah, pst! Da kommt Einer!«
Er deutete in der Richtung nach der Villa hin. Trotzdem die Wolken nach und nach dichter geworden waren, sah man ganz deutlich einen Mann langsam auf den Felsen zukommen.
»Wer mag das sein?« fragte der Sepp.
»Den kenn ich schon,« antwortete der Fex, dessen Augen sehr an die Dunkelheit gewöhnt waren, da es keine Stunde der Nacht gab, in welcher er nicht wach gewesen war und sich im Walde herumgetrieben hatte. »Wer so klein und dürr ist wie Der, der kann nur der Concertmeistern sein.«
»Der! Was mag er wollen?«
»Das weiß ich nicht. Er kommt grad auf den Felsen zu. Was thun wir, wann er gar heraufsteigen sollte?«
»Er darf uns hier nicht sehen, wenigstens mich und den Anton nicht. Dich aber kann er immer treffen. Er weiß ja, daß hier das Grab der Zigeunerin ist, und daß Du oft hier oben sitzest.«
»So paßt auf! Ja, wirklich, er kommt herauf. Macht Euch zuruck, und versteckt Euch hinter dem Busch. Aber hervorkommen dürft Ihr nicht, bevor er wieder fort ist.«
Der Sepp und der Anton versteckten sich eiligst. Sie hatten grad Zeit genug, sich in bequemer Lage hinter den Büschen zu postiren, da war der Italiener auch bereits oben. Er erblickte den Fex, welcher aufrecht am Grabe stand, und erschrak.
»
Oh Dio! Oh poveretto me – o Gott! O ich Unglücklicher!« rief er aus. »Wer ßein das? Ein Kespensten wohl?«
»Nein,« sagte der Fex. »Ich bins nur.«
»Ah, Du ßein es, der Fex. Was wollen Du hier in der Nackt?«
»Was willst Du hier?« lautete die Gegenfrage.
»Ich kehen ßpaßier.«
»Und ich bin hier daheim.«
»Ja, hier lieken bekraben Deine Mutter. Ich es wissen. Aber es ßein vielleikt kut, daß ich Dich treffen. Wie?«
»Das weiß ich nicht.«
»Aber ich wissen es. Willst Du haben ein kut Keld für Trinken?«
»Ein Trinkgeld? Sehr gern.«
»Ich Dir eins geben. Aber Du mußt auk ßein mein Verbündeter!«
»Was soll ich thun?«
»Hier bleiben und Antworten keben.«
»Wenn ich kann, ja.«
»Und Niemand saken, Niemand verrathen!«
»Ich kann schweigen.«
»So setzen ich mik hier auf Rasenbanken und Du Dich auf Erdboden.« Er setzte sich auf dieselbe Bank, auf welcher vorhin Leni gesessen hatte. Der Fex legte sich neben ihm auf die Erde nieder. Nicht drei Schritte weit hinter ihnen lagen die beiden Lauscher.
Der Italiener legte einen langen Gegenstand, welchen er in der Hand getragen hatte, zur Seite und nahm seine Börse heraus. Dabei sagte er:
»Wenn Du mir treu dienen, geben ich Dir eine ganzen Mark.«
»Wie lange soll ich dafür dienen?«
»Nur jetzt. Wann ich Dich später brauken, so Du erhalten wieder eine Mark.«
»Ich bin zufrieden.«
»Kut, ßehr kut. Es ßein besser, wenn man haben bei Abenteuer von Lieben einen Verbündeten, confederato, alleato. Es kehen so viel besser, ßehr viel, ßehr!«
Er gab ihm die Mark.
»Hier Dein Lohn.«
»Danke!«
»Schön, ßehr schön! Du haben das Geld, und nun mir auk antworten! Hast Du ein Keliebte, ein amanta, innamorata?«
»Das verstehe ich nicht.«
»Ich ßprecken dock deutlick!«
»Aber so viele fremde Worte.«
»Kut! Ich sie weklassen, alle, alle. Alßo, hast Du ein Keliebte, ein Mädchen?«
»Ja.«
»Wie? Alßo dock! Du auck! Wunderbar! Auk der dümmsten Kerl bekommen ein Keliebte! Was mackst Du mit ihr?«
Der Fex kam in einige Verlegenheit, doch antwortete er frisch drauf los: »Ich küsse sie.«
»Ah! Schön, ßehr schön, ßehr. Du küssen alßo viel und ßehr kern?«
»Ja, sehr gern.«
»Ich auk. Aber ich haben nock kein Keliebte. Ich erst werd haben eine. Sie ßein ßehr schön, ßehr. Du hast sie auk schon keßehen.«
»Ich? Wer ist es?«
»Signora Mureni.«
»Ah, die!«
Der Krikelanton gab dem neben ihm liegenden Sepp einen Rippenstoß und flüsterte ihm zu:
»Die Leni will er! Soll ich hingehn und ihm den Hals umminummi drehen?«
»Bist perplex! Schweig still!«
»Ja, die!« fuhr der Italiener fort. »Ein ßehr schön Mädchen, ßehr, ßehr! Oder nickt?«
»Ja, sie ist schön.«
»Reitzend, herrlick! Hast Du keßehn ihr Taille?«
»Ja.«
»Ihr Bußen?«
»Nein.«
»So müssen Du besser anschauen! Ihr Arme?«
»Ja.«
»Präcktick! O, wie herrlick, wenn ßie ßo ein Arm am mein Hals herumleken! Es ßein nun zehn Uhr; da bald Alle schlafen kehn. Ich will ßie ßehen, wann ßie Kleid ableken.«
»Himmelsakra!« fluchte der Anton leise. »Er will sie sich anschaun, wann sie sich auszieht! Der Saubraten solls bei mir treffen!«
»Leiser, leiser!« warnte der Sepp. »Diese Italiener sind alle lüstern, und die Alten sind noch viel schlimmer als die Jungen. Ich habs ihm bereits angesehen, daß er auf die Leni ganz versessen ist. Jetzt will er sie gar anschaun, wann sie sich auszogen hat und ins Bett hineinsteigt! Aber wie er das anfangen will, das möcht ich wissen!«
Als hätte der Fex diese Worte gehört, fragte er den verliebten Kapellmeister.
»Wie kannst Du sie da sehen?«
»Dort lieken die Mühlen dock!«
»Ja, dort liegt sie freilich; aber hinein in die Stuben kannst doch nicht schaun!«
»Ich kann hinein schaun; nur vorher muß ich wissen, in welker Stuben ßie ßein. Wissen Du es vielleikt?«
»Ja.«
»Nun, in welker?«
»Grad über dem Müllern seiner. Da sind vier Fenster erleuchtet. In zweien wohnt sie mit der Dicken, und in den zwei andern schlafen sie mit nander.«
»Schön! Ssehr schön, ßehr! Jetzt ich hineinblicken!«
Er nahm das lange Ding wieder in die Hand.
»Sacra!« sagte der Fex. »Das ist wohl gar ein Fernrohrperspectiven?«
»Ja. Es ßein ein Fernrohr, telescopio.«
»Und da kannst hineinschaun bis in das Zimmer?«
»Ja, ßehr, ßehr!«
»Nun freilich! Die Vorhäng sind nicht herab gelassen. Die Leutln haben doch keine Ahnung, daß hier Einer sitzt, der sie mit dem Mondglas beobachten will. Und der Fels hier liegt grad so hoch wie die Fenstern dort. Das paßt.«
»Ja, das passen ßehr, ßehr! Jetzt ich versucken!«
Er hielt das Rohr an das Auge und drehte es auf, für seine Sehkraft passend.
»Hallunk, verfluchter!« zürnte der Anton. »Wart, ich werd Dir ein Fernrohr besorgen, durch das Du in alle Himmeln und Höllen schauen kannst!«
Er erhob sich leise, und dieses Mal sprach der Sepp nicht dagegen.
»Jetzt, jetzt!« sagte der Kleine. »Ich haben das kanze Zimmer vor mir … Ich ßehen Alles, Alles! Da sitzen die dicke Muschel, conchiglia und nehm aus Mund die falsche Zahnen. Und in anderes Zimmer – oh che piacere, welk ein Freuden, ich ßehen Signora Mureni. Sie flechten auf das Haar. Ssie sein kanz négligé. Ssie ßein ßo schön, ßo reitzend, ßo lieblik! Ich möckt dort ßein, ßie ßu küssen, küssen, küssen!«
»Und ich bin da, Dich zu prügeln, prügeln, prügeln!« erscholl es in wüthendem Tone hinter ihm.
Er sprang auf und blickte sich um. Zwei Kerle standen da, alle vier Arme nach ihm ausstreckend. Sie kamen ihm vor wie schwarze Gespenster. Er that einen Sprung von ihnen weg, wie man ihn nur in der Todesangst thun kann.
»
Ahi! Oimé!« brüllte er auf. »Weh, oh weh! Das ßein Teufeln! Ajuto, ajuto – zu Hilfe, zu Hilfe!«
So laut schreiend, wie er nur konnte, sprang er den Felsen hinab. Da er die Oertlichkeit nicht genau kanme, so stolperte er, kam zum Fall und kollerte hinab. Unten angekommen aber raffte er sich schleunigst wieder auf und rannte zu gleichen Beinen weiter. Sem Hut und das Fernrohr lagen oben, wo er gesessen hatte.
Die Drei lachten ihm herzlich nach, aber nicht so laut, daß er es noch hätte hören können.
»Der kommt halt nicht wieder,« meinte der Sepp. »Wenigstens heute nicht.«
»Auch morgen nicht und übermorgen,« versicherte der Fex. »Wann er mich ja fragen sollt, was noch passirt ist, so werd ich ihm schon eine Geschichten verzähln, daß ihm der ganze Schopf und Zopf zu Bergen steigen soll!«
»Dieser Erzhallunk und Dirndlmeier!« zürnte der Anton. »Will der mir die Leni anschaun! Der mag doch sonst wohin schaun, aber nicht nach mein Dirndl, der Lodrian! Er mag sich doch ums Leichentuch kümmern und um sein Testamenten, aber nicht um die Arme von der Leni!«
»Und dennerst ists gut, daß er da war,« sagte der Sepp. »Es ist ein wahres Glück für den Fex.«
»Wieso?« fragte dieser.
»Wegen deren Vigolinen und auch wegen dem Concert. Ich werds Dir morgen schon verklären. Es ist mir ein Gedank kommen, der viel werth ist. Das kann gut werden, ausgezeichnet gut. Jetzund aber wolln wir an das deuten, was am Notwendigsten ist. Schaut, der Wind wird stärker, und die Wolken sind fast schwarz. Es wird vielleicht ein Regen kommen. Hast die Fröschen bereit, Fex?«
»Den ganzen Topf voll.«
»Den müssen wir noch anmalen, damit der Müllern nicht erkennt, daß er von dem seinigen Kachelofen ist. Aberst wie kommen wir hinein in seine Stuben, wann er fort ist? Er wird freilich zuschließen, und daran hab ich gar nicht dacht.«
»Aber ich. Als es Zeit war, die Läden zuzumachen, hab ich mir einen Behelf genommen, so daß ich es thun mußt. Dabei hab ich bei dem hintersten Laden den Vorstecker nicht einisteckt und nachhero auch noch den Fensterwirbeln aufidreht. So also können wir zum Laden hinein.«
»Das ist sehr gut gemacht. Vielleicht ists gar nicht nöthig, daß ich mit hineinsteig. Wann der Anton mit helfen will, kann er bei Dir sein, ich aber geh in die Stadt zum Scat-Matthes, wohin die Beschwörer kommen werden.«
»Thus lieber nicht, denn da wird Dirs gar schlecht ergehn, Wurzelsepp.«
»Meinst wirklich. Ich hab keine Angsten. Ich weiß schon, was ich sag und thu. Jetzt gehn wir hinab in den Fährkahn; da sitzen wir unter den Bäumen, wann es regnet, und können dem Anton verzählen, was wir heut thun wollen.« –
Wie der Sepp vermuthet hatte, so geschah es auch; es begann um elf Uhr zu regnen, und um Mitternacht verschlimmerte sich das Wetter noch. Aber den drei wetterfesten Kerls war das ganz und gar gleichgiltig. Es galt, das Geheimniß des Polsterstuhles zu enthüllen, und da konnte der Regen kein Hinderniß bieten.
Kurz vor zwölf Uhr wurde der Topf hinter die Mühle geschafft; dort stellten sich der Fex und Anton auf die Lauer. Der Sepp aber wanderte trotz des Regens nach der Stadt. Unterwegs aber bog er querfeldein, nach der bereits erwähnten Miete hin. Dort angekommen, überzeugte er sich zunächst, daß das Schwein noch vorhanden sei.
Kaum hatte er das gethan, so hörte er es zwölf Uhr schlagen. Er zog einen Strick aus der Tasche, band denselben dem Thiere an das Bein, löste es von dem Pflocke und trieb es mit Hilfe eines Stockes, den er sich vorher zu diesem Zwecke losgeschnitten hatte, dem Dorfe entgegen, an dessen äußerstem Ende das Gut lag, welches dem Fingerlfranz oder vielmehr dessen Vater gehörte. Er war früher dort gewesen und kannte die Gelegenheit ganz genau. Natürlich schlug er die geeignete Richtung ein, dem Franz, welcher nun jedenfalls auch bereits unterwegs war, nicht zu begegnen.
Vorher hatte er wegen des Schweines Sorge gehabt. Es konnte ja widerspänstig sein und Lärm machen. Aber, mochte nun der strömende Regen dem Thier behaglich sein, oder mochte es merken, daß es nach dem heimathlichen Stall getrieben werde, kurz es folgte dem Sepp mit großer Bereitwilligkeit. Dieser kannte eine schmale Gartenpforte, durch welche er den Weg nahm. Gleich am Garten lag der Schweinestall, aus welchem das wanderlustige Thier entwichen war. Die Thür stand offen, und das heimathsselige Thier rannte hinein. Sepp band ihm den Strick wieder vom Beine los, machte die Thür zu und schob den Riegel vor. Dann wanderte er, ganz glücklich über das Gelingen dieses Theiles seines Programmes, der Stadt entgegen.
Unterdessen staken seine beiden Verbündeten mit ihrem Topfe in einem Lattenverschlage, welcher mit Schindeln gedeckt war, so daß sie nicht vom Regen getroffen wurden. Als es nur noch einige Minuten bis zwölf Uhr war, schlich sich der Fex nach der anderen Ecke des Hauses, um die Thür desselben zu bewachen. Bereits nach kurzer Zeit kehrte er zurück und meldete, daß die Magd bereits aufgebrochen sei. Nun gingen nach einer Weile alle Beide nach vorn. Sie hatten noch nicht lange gewartet, so sahen sie die lange, breite, in ein weißes Tuch gehüllte Gestalt der Käthe mit einem Schubkarren zurückkehren. Sie gab sich die größte Mühe, alles Geräusch zu vermeiden. Als sie die Hausthür mittelst eines Schlüssels geöffnet hatte, verschwand sie mit dem Karren im Hausflur und schloß die Thür hinter sich wieder zu, um ja eine zufällige, von außen kommende Störung zu vermeiden.
»Jetzt schnell hin ans Fenstern,« sagte der Fex. »Wir werden sie wohl mit nander reden hören.«
Er hatte sich nicht geirrt, denn als sie sich gegen den Laden des Fensters neigten, in dessen Nähe der Müller am Tisch zu sitzen pflegte, hörten sie ganz deutlich die Stimme desselben:
»Wann ich nur beim Teufeln wüßt, wo der Schlüsseln hin ist! Er muß mir gradezu gestohlen worden sein.«
»Wer wird ihn stehlen können, wannst immer grad selber dabei sitzest,« antwortete die Magd.
»Morgen werd ich besser suchen lassen, am Tag, wann es hell geworden ist. Jetzt nun aber müssen wir schnell fort. Das Gesicht und die Händen hab ich schwarz; nun gieb mir noch das Betttuchen um.«
»So gehts nicht gut, wannst noch im Stuhl sitzest. Ich werds auf den Karren breiten; wannst Dich draufsetzt hast, leg ichs um Dich herum.«
»Wirst mich auch heben können?«
»Bin ich etwan ein Kind?«
»Wohl nicht, aberst ich bin schwer. Und hast Alles richtig gemerkt, was ich Dir gesagt hab?«
»Sorg Dich nur um Dich und nicht um mich! Ich werd keinen Fehlern machen und mich auch nicht fürchten. Wer nachher mußt auch ehrlich zahlen!«
»Bis auf den Pfennig. Nun mach!«
Die Lauscher vernahmen ein nur mit Mühe unterdrücktes Aechzen und Stöhnen, leise Flüche und Schmerzensrufe; dann wurde die Stubenthür von außen verschlossen.
»Sie sind bereits im Hausflur,« flüsterte der Fex. »Komm fort, damit sie uns nicht derwischen!«
Sie stellten sich hinter die Ecke, von wo aus sie bald den Aufbruch der wunderlichen Geisterfuhre beobachteten. Nachdem die Käthe die Hausthür verschlossen hatte, stampfte sie mit dem Schubkarren, auf welchem der Müller unter dem weißen Tuche hockte, rüstig in die regnerische Nacht hinein.
»So, nun sind wir an der Reihe,« sagte der Fex. »Jetzt schnell den Topf herbei!«
Sie holten ihn und schafften ihn unter das betreffende Fenster. Der Fex zog den Laden auf und stieß die beiden Fensterflügel zurück. Dann stieg er ein. Anton reichte ihm den Topf, welcher eine ziemliche Schwere hatte, hinein und stieg sodann nach, worauf der Laden und das Fenster vorsichtig geschlossen wurde. Auf dem Tische stand die brennende Lampe. Um bei der Rückkehr sogleich Licht zu haben, hatte der Müller sie nicht auslöschen lassen.
»Hier steht der Stuhl, in welchem mein Glück verborgen liegen soll, wie die Mondsüchtige mir versprach,« sagte der Fex, indem er auf den alten Polstersessel deutete. »Es ist ein großes Glück, daß wir den Schlüsseln haben. Ohne denselben hätten wir den Kasten aufbrechen müssen. Jetzt versuchen wir, obs auch der richtige ist, ob er schließt.«
Der alte Polsterstuhl hatte sehr niedrige Beine, dennoch aber saß man in demselben ebenso hoch wie in jedem anderen Stuhle, weil der Sitz ungewöhnlich dick war. Nämlich unterhalb des Polsterkissens gab es noch einen Kasten, welcher eine Schublade enthielt. Sie war gegenwärtig verschlossen. Ein Schlüsselloch war nicht zu sehen, aber rechts und links befanden sich je eine messingene Rosette, und als der Fex dieselben zu entfernen suchte, zeigte es sich, daß beide zur Seite zu schieben seien. Sobald dies geschehen war, kamen die unter ihnen verborgenen Schlüssellöcher zum Vorscheine. Die Probe zeigte, daß der Schlüssel ganz genau in Beide paßte. Der Fex schloß auf.
Der Kasten schien einen gewichtigen Inhalt zu haben, denn er war nur sehr schwer heraus zu ziehen. Als der Fährmann ihn dann so weit wie möglich hervorgezogen hatte, zeigte sich der Inhalt. Dieser bestand in einer großen Menge versiegelter Geldrollen, deren Beschaffenheit und Schwere vermuthen ließen; daß sie nicht Silber- sondern Goldstücke enthielten. Der ganze Kasten war davon so gefüllt, daß kaum genug Platz blieb für eine sichtlich sehr alte Brieftasche, welche in einer Ecke obenauf lag.
»Verteuxeli, muß das ein Geldl sein!« sagte der Anton. »Wem gehörts aber?«
»Natürlich dem Müllern.«
»Ich hab meint, daßts mausen hast wollen.«
»Was hättst da than?«
»Natürlich hätt ich das nicht gelitten.«
»Brauchst mir gar nicht zuwider zu sein. Ein Spitzbuben bin ich schon lange nicht. Ich will hier alleweil nur suchen, ob ich was find, was mir gehört.«
»Das könnt nur diese Brieftaschen sein.«
»Anders nicht. Ich werd mal sehn, was sie enthält.«
»So bin ich auch schon neugierig, es zu sehen. Mach sie doch mal auf.«
Der Fex nahm die Brieftasche heraus und öffnete sie. Sie enthielt mehrere zusammengefaltete Papiere. Als er sie aus einander schlug, zeigte es sich, daß sie in einer Sprache geschrieben waren, welche er nicht verstand. Sogar die Buchstaben waren ihm vollständig unbekannt. Es war weder die deutsche Current- noch die gebräuchliche latein-englische Schrift.
»Was mag das sein?« fragte der Anton.
»Ja, wann ich das wüßt!«
»Weißt, das sind lauter Dokumentumen; das sind Zeugnissen oder amtliche Scheinen.«
»Warum denkst das?«
»Warum? Darum! Das mußt doch gleich schauen an den Siegellacken, die so schön petschafterirt sind. Das kommt ja immer nur dann vor, wann ein Gerichtsamten, oder ein Pfarramten, oder ein Stadtrichtern, oder ein Bezirksthierarzten eine Bescheinigungen ausstellt und darunter das Siegelum dransetzt. Das hat hernach die richtige amtliche Kraft und Geltung. So was muß es sein!«
»Das glaub ich halt selbst auch. Wann man aber nur wüßt, wer damit gemeint ist.«
»Etwan Du?«
»Es ist doch am End die Möglichkeit.«
»Hör, Fex, ich will Dir mal was sagen. Du hast mir erzählt, daßt in diese Stuben gehen willst, um nachzuschaun, obt nicht irgend was finden thätst, aus dem Du ersehen kannst, wert eigentlich bist. Weitern hast mir nix gesagt. Dennoch bin ich bereit gewesen. Dir mit zu helfen. Aber daßt etwan hier was mit fortnimmst, was Dir nicht gehören thut, das leid ich freilich nicht.«
»Das brauchst überhaupt gar nicht zu sagen. Ich bin ebenso ehrlich wie Du und werd mich nimmer an fremder Leuts Eigenthum vergreifen.«
»Nun gut. So schau hier richtig nach, und wannt die Schrift nicht lesen kannst, so kannst auch nicht beweisen, daß sie Dir gehört; dann mußt sie hier liegen lassen.«
»Freilich wohl!«
»Aber schau, da ist doch noch ein zugemacht Fach in der Brieftaschen. Machs mal auf!«
Der Fex that dies. Das Fach enthielt ein Couvert aus starkem Papiercarton, in welchem – eine Photographie steckte. Sie stellte eine junge, wunderhübsche Frau vor, in der kleidsamen Tracht vornehmer Walachinnen. Das goldig blonde Haar und die himmelblauen Augen konnten zwar durch die Photographie nicht dargestellt werden, aber dennoch sah der Beschauer sofort, daß zwischen dieser Frau und dem Fex eine große Ähnlichkeit vorhanden sei.
Das Bild machte einen ungeheuren Eindruck auf den Fex. Er drückte es an sein Herz, an seine Lippen und rief dabei mit innigster Inbrunst:
»Mama, Mama, das ist meine gute, gute, einzige Mama! O Gott, o Gott.«
So kniete er vor dem offenen Kasten, die Brieftasche und das Bild in der Hand. Sein Gesicht war verklärt von einem Entzücken, welches eben unbeschreiblich ist. Anton störte ihn nicht, meinte aber endlich doch:
»Du kennst also diese Frauen?«
»Freilich, freilich kenne ich sie! O, warum sollte ich sie nicht kennen! Kann ein Kind jemals das Angesicht seiner Mutter vergessen.«
»Also wirklich Deine Muttern ists?«
»Ja. Ich hab sie so lange, lange nicht gesehen. Man sagte mir, sie sei zum lieben Gott gegangen. Sie ist todt. Aber diese Augen, welche mich einst so herzinnig anleuchteten, diese Lippen, welche mich bei den süßesten Namen riefen; ich hab sie gesehen bei Tag und bei Nacht, im Wachen und im Traume. Sie ists; sie ists; ja, sie ists!«
»Wie aber kommt das Bild zum Müllern?«
»Er hats gestohlen.«
»So hat er wohl die ganze Taschen gestohlen mit sammt den Dokermenten.«
»Ganz gewiß.«
»Dann mußt ihn anzeigen.«
»Kann ichs ihm beweisen?«
»Du mußt Jemand suchen, der die Dokermenten lesen kann.«
»Obs hier so Einen giebt!«
»Zeig sie nur einem Adverkaten! Der wird schon bereits wissen, was damit zu machen ist.«
.»So muß ich sie also mitnehmen.«
»Freilich nimmst sie mit! Dagegen kann ich halt gar nix haben. Du hast ja Deine Muttern erkannt; das gehört doch ganz gewiß dem Sohn!«
»Ja, ich nehm die Brieftasche mit. Mags der Müller immerhin merken.«
»Mag ers! Wann sie Dir nicht gehört, kannst sie ihm ja wiedersenden, ohne daß ers erfährt, wer sie ihm heut genommen hat. Mach den Stuhl wieder zu, und steck die Taschen ein! Wir wollen schaun, daß wir wieder von hier fortkommen.«
»Den Schlüsseln lassen wir da. Wir wollen ihn wo hinlegen, aber wo? Der Müllern muß meinen, daß er ihn hier verloren hat.«
»Schau, die Dielen ist sehr alt, und hier an der Mauern ist ein Loch hineinfault. Da hinein legen wir ihn.«
»Gut. Und den Topf stellen wir auf den Polsterstuhl.«
»Schön. Er wird sich freun, wann er diesen Schatz hier öffnet.«
Der Fex steckte die Brieftasche ein, verschloß den Stuhlkasten, legte den Schlüssel in das ausgefaulte Loch. Sodann hoben Beide den großen Topf auf den Polsterstuhl. Nun trat der Anton an das Fenster.
»Willst etwan da hinaus?« fragte der Fex.
»Ja freilich.«
»Nein, das thun wir nicht.«
»Wir müssen doch wieder da hinaus, wo wir hereingekommen sind. Oder nicht?«
»Nein, Schau, wann wir zum Fenster hinaus steigen, so können wir die Fenstern und den Laden von draußen nicht zumachen. Wann der Müllern nach Hause kommt und ihm Alles so verkehrt gangen ist, wird er Verdacht haben und überall nachschaun, ob Wer in die Stuben hereinkonnt hat. Wann dann hernach die Fensterflügeln und der Laden nicht verschlossen sind, wird er gleich merken, woher das Lüfterl weht hat. Nein. Die müssen wir zumachen.«
»Wie aberst kommen wir fort.«
»Zur Hinterthüren hinaus. Die versteh ich von draußen zuzumachen.«
»Aber dann steht ja hier die Stubenthüren offen, die er vorhin, als er gangen ist, verschlossen hat!«
»Was bist so sehr dumm! Diese Stubenthüren hat gar keinen Schlüssel, sondern sie wird von einem Schraubendrehling draußen aufgemacht, den man wie einen Schlüsseln ab- und anstecken kann. Der gilt auch gleich als Drücker, wann er ansteckt. Weißt, so ists sehr oft in alten Häusern.«
»Weiß schon. Also diese Thüren können wir von innen öffnen und von außen wieder zudrücken?«
»Ja. Jetzt mach ich zu.«
Er verschloß die Fensterflügel und den Laden und löschte das Licht aus. Dann gingen ste hinaus in den Hausflur. Die Stubenthür ließ sich sehr leicht von draußen in das Schloß drücken. Die Hinterthür, welche in den Hof führte, war zugeriegelt. Der Fex machte sie auf und verschloß sie, nachdem sie leise hinaus in den Hof getreten waren, dadurch, daß er mit der Klinge seines Messers durch eine ziemlich breite Bretterspalte hereinlangte. Aus dem Hofe gelangten sie einfach dadurch, daß sie über die Mauer kletterten, ins Freie.
Es regnete noch immer, wenn auch nicht mehr so sehr als vorher. Die Wolken begannen sich bereits zu lichten.
»Was thun wir nun?« fragte der Krikelanton.
»Für mich ist gesorgt; fertig sind wir hier. Wer Du, wo wirst nun heut Nacht schlafen?«
»Darüber laß Dir keine grauen Haaren wachsen, Fex. Ich hab mein gut Logement in der Stadt; da kann ich kommen und gehen, wann ich will.«
»Auch noch so spät?«
»Zu jeder Zeit. Wannt mich nun nicht mehr brauchst, werd ich zu dem Scat-Matthes gehen. Ich möcht doch gern erfahren, wie die Sach ausgefallen ist.«
»So geh. Morgen werden wir uns wohl wiedersehn.«
Sie nahmen Abschied. Der Anton ging nach der Stadt und der Fex nach der Fähre, um den Wachsleinensack zu holen; er brauchte ihn, weil er abermals die Violine des Concertmeisters stibitzen wollte. Die durfte ja nicht naß werden, und so mußte er sie und die Noten in den Sack stecken.
Indessen war die »Zaubergeschichte« am Scheidewege vor sich gegangen. Um ja die richtige Minute nicht zu versäumen, hatte, der Fingerlfranz bereits lange vor der bestimmten Zeit seine Einleitungen getroffen und dann trotz des strömenden Regens im freien Felde den Stundenschlag abgewartet. Er war in Folge dessen bis auf die Haut naß. Daraus aber machte er, der vor Gesundheit strotzende Mensch, sich gar nichts. Als es in der Stadt schlug, begab er sich mit dem Schubkarren an Ort und Stelle, warf den Schlüssel zur Erde und sagte laut die Zauberformel:
Schlüssel, Schlüssel, klinglingling,
Mist und Dünger aus der Taschen! – –«
Eigentlich waren noch zwei Zeilen zu sprechen; aber als er während der letzten Worte in die Taschen griff, fühlte er, daß der Inhalt derselben durch den Regen seine Consistenz verloren hatte und in einen unbeschreiblichen Zustand gerathen war.
»Donnerwettern!« fluchte er. »Wie wird mein Sonntagshabiterl ausschaun, wann ichs bei Licht beseh, und das Betttucherl dazu! Und meine zwei Händen – –Verteuxeli! Na, so einen Strammantsch hats auch noch nicht geben! Aber ausgeführt wirds dennoch, da ichs einmal anfangen hab!«
Er sagte also seine zwei Zeilen vollends her und entledigte sich dabei, so gut oder so schlecht es gehen wollte, des felddüngenden Inhaltes aller seiner Taschen. Dann sprang er über den Graben hinüber. Vom Regen war der Boden schlüpfrig geworden; Franz glitt aus und stürzte, so lang er war, in den Graben hinein.
Mit einem lauten Fluche raffte er sich wieder heraus und fuhr hinter das Gebüsch. Als er eine kurze Zeit dort gestanden hatte, hörte er Schritte. Er sah trotz des Regens eine lange, weiße Gestalt, welche von der Mühle her näher kam, am Kreuzweg stehen blieb und dort nach dem Karren tastete, den er dort stehen gelassen hatte. Sie fand ihn und entfernte sich mit demselben in der Richtung, aus welcher sie gekommen war.
»Das geht gut; das trifft schön zu,« sagte er zu sich selbst. »Jetzt nun wird sie die Sauen aufladen und herbei bringen. Bis dahin aber muß ich warten. Im Stehen thun mir die Beinen weh; naß und voller Dreck bin ich einmal schon, so ists ganz gleich; ich setz mich nieder.«
Er setzte sich auf den aufgeweichten, lehmigen Grasboden und ließ das Wasser auf sich niederregnen und unten wieder ablaufen.
Nach einer Viertelstunde ungefähr hörte er das Rad des Schiebebockes bereits von Weitem knarren.
»Holla, da kommt die Spitzbübin!« murmelte er befriedigt. »Der Wurzelsepp ist doch ein sehr gescheidter Kerlen; er hat mich nicht getäuscht. Jetzt nun über den Graben hinüber, aber daß ich nicht abermals hineinfall! Nasser kann ich zwar nimmer werden, aber so ein Bad ist doch nicht angenehm.«
Er sprang hinüber und wartete mitten auf dem Wege. Die Käthe kam bei ihm am und setzte den Karren nieder.
»Komm!« sagte er in gebieterischem Tone.
Sofort begann der Müller unter seinem Betttuche zu grunzen, und die Käthe nahm den Karren wieder auf. Der Franz voran, setzte sich der wunderliche Zug in Bewegung.
Es war für die Magd keine Kleinigkeit, in strömendem Regen und bei dem aufgeweichten Zustande des Weges den schweren Müller vor sich her zu schieben. Wer sie war stark, und die Hoffnung auf den Schatz verdoppelte ihre Kräfte. Sie kam in Schweiß und pustete laut wie eine Locomotive, aber sie setzte nicht ein einziges Mal nieder, um einen Augenblick lang auszuruhen.
Es war eigentlich ein Glück, daß es in dieser Weise regnete; da gab es keinen Menschen, dem man begegnet wäre. Der Müller grunzte nach Kräften, und die Fuhre verlief ohne alle Störung.
Nur als der voranschreitende Franz in die Straße der Stadt einbog und sogar dann in den offen stehenden Flur des Gasthofes einlenkte, fragte sich die Käthe leise, ob sie ihm jetzt noch folgen solle. Aber es handelte sich um den Schatz. Die Stadt und der Gasthof waren jedenfalls nur eine leere Spiegelung, durch welche die Geister sie irre machen wollten. Nein, das sollte ihnen doch nicht gelingen. Die beherzte Küthe folgte also dem Führer sogar da höchst couragirt, als derselbe die Thür öffnete und in die Gaststube trat.
Als der Wurzelsepp dort angekommen war, hatten die gewöhnlichen Abendgäste das Local bereits verlassen. Der Wirth saß mit seinem Sohne und dem Barbier am Tische und spielte Scat. An einem zweiten Tische saßen noch einige andre Männer.
»Guten Abend!« grüßte der Sepp, indem er den vor Nässe triefenden Hut ausschwenkte.
Der Wirth legte ganz gegen seine gewöhnliche Weise sofort die Karten weg, noch dazu mitten im Spiele, machte ein sehr erstauntes Gesicht und sagte:
»Was? Du kommst auch, Sepp!«
»Siehsts ja doch!«
»Du wolltst doch nicht!«
»Ja, das dacht ich erst. Nachhero aber hab ich mich fragt, obs die Leutln wohl auch richtig machen werden, und so bin ich herkommen, um zuzuschaun, wies halt gehen wird.«
Darauf antwortete Einer von Denen, welche an dem andern Tische saßen:
»Das ist ganz recht von Dir, Sepp. Es ist halt immer besser, Du bist auch selbst dabei.«
Da machte der Alte ein höchst bedenkliches Gesicht, schüttelte den Kopf und fragte:
»Ja, so sag doch mal, wobei ich auch sein soll!«
»Nun, bei der Zauberei.«
»So, so! Was weißt Du davon, he?«
»Der Barbiern hats uns sagt, und darum sind wir noch hier sitzen blieben, um zu warten.«
»Ach so! Der Barbiern hats also ausplaudert! Hab ich denn nicht sagt, daß kein Mensch nix davon hören darf?«
»Vorher nicht. Jetzund aber sinds ja bereits schon draußen auf dem Weg!« vertheidigte sich der Barbier.
»So! Das hast denkt? Wast doch für ein gescheidter Kerlen bist! Da könnt ichs ja gleich in die Posaunen blasen oder an die große Glocken hängen, damits ins Land hinein gelautet wird. Jetzt kann mich die ganze Sach gereuen, denn nun ists gefehlt!«
»Meinst?« fragte der Barbier, indem er eine höchst betretene Miene zeigte.
»Ja freilich. Nun wird nix daraus.«
»Das hättst sagen sollen!«
»Hab ichs denn nicht sagt? Aber das ist nun immer so. Ihr Barbiern seid die alten Weibern und könnt das Maul nimmer halten. Jetzt nun wissen die Geistern bereits, daß die Geschicht verrathen ist, und wer weiß, was sie dem armen Fingerlfranz anthun!«
»O weh! Es wird ihm doch nicht etwan gar an den Kragen gehen?«
»Sehr leicht! Und dann bist allein Du schuld daran.«
»Giebts kein Mittel dagegen?«
»Nur ein einzigs.«
»Welchs?«
»Das müßt Ihr aber sofort machen, sonst ist der Franz verloren.«
»So sags schnell!«
»Habt Ihr Eure Schneuztücherl mit?«
»Schneuztücherl? Ich nicht. Ein Schnupftuch thut man doch nur Sonntags in die Taschen; heut aberst ist erst Donnerstag.«
»So sagt rasch, wer hat noch keins mit?«
»Ich – ich – ich auch nicht!« rief es überall.
Es stellte sich also heraus, daß kein einziges Taschentuch vorhanden war. Der Sepp machte ein sehr bedenkliches Gesicht und sagte:
»So mag die Wirthin schnell Jedem eins borgen.«
»Wozu?«
»Ihr setzt Euch alle rund um diesen einen Tisch, die Lamp in der Mitten, und legt beide Füßen vor Euch hin, heraufi auf den Tisch. Sodann werd ich langsam in der Stuben hin und her gehen. Ihr zählt meinen Schritt, und allemal beim Dreizehnten muß Einer von Euch reihum sich die Nase schneuzen. Der Wirth fangt an, und so gehts rund um weiter.«
»Ich auch mit?« fragte die Wirthin.
»Ja, aber weilst eine Frau bist, brauchst die Füß nur auf die Hitzschen zu legen und nicht auf den Tisch. Lauf schnell und hol die Tucherln! Auf dem Tisch darf weiter nix sein als die Lamp und Eure Füßen, und reden darf auch keiner ein Wort, als bis der Franz hereini kommen ist und die Spitzbübin dazu.«
Er hatte das in so ernstem und eindringlichem Tone gesagt, daß Keiner sich eine weitere Frage oder gar einen Widerspruch erlaubten. Die Männer setzten sich zusammen an einen Tisch und legten die Beine auf denselben. Die Wirthin holte die Taschentücher herbei, vertheilte sie und setzte sich dann mit zu ihnen.
Jetzt begann der Sepp langsam und gravitätisch hin und her zu gehen; bei seinem dreizehnten Schritt fuhr sich der Wirth mit dem Tuche an die Nase und folgte der Weisung des Sepp in so kräftiger Weise, daß man hätte befürchten können, seine Nase werde explodiren. Die Andern wollten hinter ihm nicht zurückbleiben. Sie gaben sich der magischen Beschäftigung mit ganzer Seele und ungeheurer Aufmerksamkeit hin.
Für den Wurzelsepp war es keine leichte Aufgabe, ernst zu bleiben; aber er stieg mit der Miene eines Paracelsus im Zimmer auf und ab und gab stets bei dem dreizehnten Schritte mit der Hand das Zeichen, daß die erwähnte Explosion zu erfolgen habe.
So verging eine geraume Zeit. Den Anwesenden begannen nicht mir die hochliegenden Beine, sondern auch die Nasen zu schmerzen. Endlich, endlich war ein Geräusch im Hausflur zu vernehmen wie das Rollen eines Rades. Dann wurde die Thür geöffnet, und der Franz trat ein.
Wären die Anwesenden nicht so überzeugt gewesen von dem überirdischen Ernste der Situation, so wären sie jedenfalls in ein mehr als homerisches Gelächter ausgebrochen.
Der Fingerlfranz bot einen gradezu unbeschreiblichen Anblick. Erst das Gesicht und die Hände mit Ruß geschwärzt, sodann die bekannte Füllung sämmtlicher Taschen vorgenommen, das Betttuch übergeworfen, im strömenden Regen gestanden, welcher den Ruß im Gesicht in dunklen Strömen herabrinnen ließ, die Taschen mit den Händen ausgeleert und dabei mit dem Tuche in Berührung gekommen, in den Graben gestürzt und über eine Viertelstunde lang auf der sumpfigen Wiese gesessen – kurz und gut, sein Anblick war ein gradezu unbeschreiblicher.
Und hinter ihm schob die Käthe den Schubkarren herein. Sie sah kaum weniger schrecklich aus, doch, obgleich der Regen ihr schwarzgefärbtes Gesicht auch getroffen hatte, waren ihre Züge doch ebenso wenig zu erkennen wie Diejenigen des Fingerlfranz.
Unter dem Betttuche, welches über den Karren gebreitet war, grunzte der Müller, so laut er nur konnte. Als sie herein waren, beeilte sich der Sepp draußen das Hausthor und natürlich auch die Stubenthür zu schließen.
Der Fingerlfranz war über die Stellung, in welcher die Gäste am Tische saßen, erstaunt; da er aber den Sepp bemerkte, so sagte er sich gleich, daß dies von demselben angeordnet sei und nothwendig mit zur Sache gehöre. Er trat also herbei und declamirte:
»Holderi und holdera,
Tschingterum, jetzt sind wir da!«
Sofort ertönte es unter dem Betttuche, unter welchem Alle das gestohlene Schwein vermutheten, hervor:
»Fizlipuzli, Auerhahn,
Schaut nur mal den Tolpatsch an!«
Daß das Thier menschlich sprechen konnte, und noch dazu in Reimen, das war außerordentlich. Da aber bei einer Zauberei eigentlich nichts außerordentlich ist, fuhr der Fingerlfranz fort:
»Rumdi bumdi, Mückennest,
Jetzt habn wir den Racker fest!«
Und vom Schubkarren her ertönte es:
»Krikli krakli, wum die bum,
Dieser Kerl ist doch zu dumm!«
Da trat der Fingerlfranz an das einrädrige Fuhrwerk heran, griff nach dem Tuche und zog es weg mit den Worten:
»Schlingel schlangel, schnipp und schnapp,
Jetzt ziehn wir das Fell ihm ab.«
Sogleich richtete sich der Müller möglichst hoch empor und antwortete:
»Holler, toller, dran und drauf,
Sperrt nun mal die Augen auf.«
Sie folgten freilich dieser Weisung fast wörtlich. Und nicht nur ihre Augen waren offen. Sie waren Alle vom Tische aufgesprungen und traten hin zum Schiebebock. Der Fingerlfranz hielt das Tuch in der Hand und starrte auf den Müller.
»Was!« rief er aus. »Das soll meine Sauen sein!«
Und der Müller seinerseits rief ebenso laut:
»Was! Das soll der Geisten sein, der denen Schatz bewachen thut!«
»Was soll ich sein? Ein Geist?«
»Und was ich? Eine Sauen? Alle Teufeln! Und wo bin ich eigentlich? Ich glaub gar, die Käth hat mich zum Scat-Matthesen hergefahren!«
»Die Käth?« fragte der Franz. »Die Käth! Und Deine Stimme kommt mir auch bekannt vor. Bist doch nicht etwan der Thalmüllern!«
»Freilich bin ich Der! Wer soll ich denn sonst sein? Eine Sauen nicht! Und Deine Stimm kenn ich auch und Deine Gestalt! Du bist der Fingerfranzel?«
»Der bin ich allezeit!«
»Da muß doch gleich ein Graupelwettern dreinschlagen. Käth, was ist Dir eingefalln! Warum schaffst mich hier herein?«
Die Magd war fürs Erste auch ganz perplex gewesen, jetzt aber erhielt sie ihre Sprache wieder:
»Was? Willsts etwan auf mich schieben?«
»Auf wen sonst?«
»Ich hab nur than, wast mir selber sagt hast; ich bin Dem da hinterherfahrn.«
Sie deutete auf den Franz.
»Dem da? Ist denn der draußen gwest?«
»Kein Anderer.«
»Aber, Franz, was machst da draußen?«
»Ich wart auf meine Sauen, die mir gestohlen worden ist. Der Sepp sagt, die Spitzbübin werd sie mir auf dem Schubkarren bringen.«
»Was? Jetzt hört mir Alles auf! Da ist die Käth die Diebin, und ich bin das Schwein! Und das hat der Sepp sagt? Komm mal her, Alter! Komm herbei zu mir! Ich hab Dir was zu sagen!«
Er streckte dem Sepp die Fäuste drohend entgegen. Dieser kam auch herbei, aber nicht so nahe, daß er von den Fäusten erreicht werden konnte. Er machte eine höchst erstaunte Miene, schlug die Hände zusammen und rief:
»Der Müllern! Der Thalmüllern! Es ist also doch wahr! Nein, so was hat noch nimmer gelebt! Was willst denn Du hier in der Stadt, so spät, bei nachtschlafender Zeiten?«
»Was ich will, Du Schwindelmeiern? Das fragst auch noch? Weißts wohl noch nimmer?«
»Nein, kein Wort!«
»So komm doch näher herbei! Ich wills Dir gleich derklären, da mit meinen Händen! Hab ich Dich etwan nicht von wegen dem Schatz um Rath gefragt?«
»Ja, das hast.«
»Nun also.«
»Ah! Oh! Bist etwan wegen dem da?«
»Na freilich?«
»O meiner Seelen! Jetzt wird mirs ganz schlimm zu Muthen! Was ist das für ein Glück, daß wir hier die Schneuztücherl gehabt haben! Nein, nein, nein!«
Er schüttelte den Kopf wie Einer, der vom Ertrinken errettet worden ist und dies gar noch nicht begreifen kann.
»Was hast nun auch noch mit denen Schneuztücherln?« fuhr ihn der Müller an.
»Sei stat und ruhig! Wannst wissen thätst, in welcher Gefahren Du gewesen wärst, so könntst vor Schreck gleich gar nicht reden! Was bist doch für ein Mensch. Warum hast mir nicht sagt, wo der Schatz liegt!«
»Werd mich hüten!«
»Und daßt ihn heut holen willst!«
»War das nothwendig?«
»Freilich, denn dann wärt Ihr heut nicht mit nander in so verschiedener Sach zusammengerathen. Ihr habt Euch gestört. Einer den Andern, Du und der Fingerlnfranz.«
»Das sagst jetzunder! Aber wehe Dir, wann ich merk, daßt Dir nur ein Spaßen mit mir hast machen wolln. Dann ist Dein letztes End sehr bald vorhanden gewest!«
»Spaß und Scherz? Was denkst! Was hätt ich davon? Ich habs ehrlich gemeint mit Dir und dem Franz. Aber ich hab doch nicht wissen konnt, daß Ihr Eure Sachen mit nander macht, zur selbigen Stund und auch am selbigen Ort. Das bist doch selber überzeugt, daß ich das nicht wußt hab?«
»Das ist freilich wahr. Aber wann ich dran denk, so kann ich mir die Haar alle einzeln ausraufen. Ich, der kranke Mann, der nicht von seinem Stuhl aufi kann, hab in diesem Hundewettern unter tausend Schmerzen in den Beinen mich zum Spiel-Matthesen fahren lassen. Nachts ein Uhr, und dabei grunzen müssen wie ein Eber! Und nun ist gar sicher der Schatz verloren!«
»Vielleicht doch nicht. Hast Deine Sachen richtig macht?«
»Ganz und gar.«
»So ist noch immer Hoffnung vorhanden. Aber es muß erst Alles verzählt und verglichen und bedenkt werden. Die Wirthin mag ein warmes Wassern bringen und Seifen dazu. Ihr müßt Euch waschen. Es könnt Einer kommen, der nix von dieser Angelegenheiten zu sehen und zu wissen braucht. Nachhero sprechen wir weitern darüber.«
Die Magd verschwand in der Küche, der Fingerlfranz auch; der Müller aber mußte gleich in der Stube gereinigt werden, da er nicht laufen konnte. Dann wurde er auf das Sopha gesetzt.
Als die Magd zurückkehrte, setzte sie sich in eine dunkle Ecke. Sie wußte nicht, ob sie sich mehr schämen oder mehr ärgern solle. Sie that Beides in gleichem Maße.
Der Franz hatte, seit er das Tuch vom Schubkarren genommen und den Müller erkannt hatte, noch nicht zur Klarheit kommen können. War der Sepp schuldig oder nicht? Im ersteren Fall nahm der Viehhändler sich vor, sich in ganz energischer Weise an dem Alten zu rächen. Er setzte sich jetzt ihm gegenüber, um sein Gesicht genau beobachten zu können.
Dasselbe zeigte freilich einen Ausdruck wirklich kindlicher Unschuld. Wer den Wurzelhändler so dasitzen sah, der mußte auf seine Unschuld schwören.
»So,« sagte er, »jetzund sitzen wir beisammen, und so wollen wir sehen, ob wir die Sach derklären können. Die meiste Schuld hat freilich der Barbierer hier. Er hat die Sach ausplaudert, und wann dies geschieht, so gehts allemal schief ab.«
»Oho!« rief der Genannte. »Jetzund kann ich Dir sogleich beweisen, daß ich grad nicht schuldig bin. Der Müllern wär auch kommen, wann ich nix gesagt hätt.«
»Ja, aberst es wär doch ganz anderst worden. Das kann ich behaupten, weils ich verstehen thu. Und ich will gleich eine Wetten machen, daß auch noch andre Fehlern vorkommen sind. Ich werd mal Euch alle Beid in's Verhör nehmen. Zuerst den Fingerlfranz. Hast Deine Sach genau so macht, wie ichs gesagt hab?«
»Ja,« antwortete der Franz.
»Nix dazuthan?«
»Nein.«
»Auch nix weggelassen?«
»Nein.«
»Dich auch nicht versprochen?«
»Auch nicht.«
»So kann ichs nicht begreifen. Wannst keinen Fehlern macht hättst, so wär die Sauen jetzt hier mit sammt der Spitzbubin. Du mußt also doch was Falsches than oder sagt haben. Denk mal nach?«
Der Franz überlegte sich die Sache und gestand dann:
»Da fallt mir Eins ein – – –«
»Aha! Heraus damit!«
»Als ich den Reim sagte und dabei in die Taschen griff, um sie leer zu machen, da war Alls so zerlaufen, daß – nun, da schaut Euch mal mein Gewandl an! Das ist mein Festtagsgewandl? Wie schauts aus!«
»Ja,« meinte der Wirth. »Das kannst kaum mehr anziehen. Wer neben Dir sitzt, der merkts gleich aus der ersten Hand mit der Nasen.«
»Nun, das hab ich eben auch so merkt, und da ist mir mitten im Vers ein Fluch herausfahren.«
»Siehst, schaust!« rief der Sepp. »Da hasts! Drum ists nicht richtig worden. Nun hasts Gewandl verschimpfirt und bist auch noch um die Sauen!«
»Ist da keine Hilfe möglich?«
»Wohl freilich schon.«
»So sags! Wannst mich veralbert Host, so wirst sehen, was für Prügel Du bekommst. Ich schlag Dich so breit wie einen Zwetzschenkuchen. Wannsts aber ehrlich meinst, so erhältst eine gute Belohnung.«
»Die brauch ich nicht und mag ich nicht. Das hab ich Dir bereits schon sagt. Du weißt schon, wie große Stucken ich auf Dich halt; drum bin ich aufrichtig mit Dir west; aberst wannst mir mit Prügeln drohst, so kannst mich nur dauern. Da werd ich mich schön bedanken. Dir auch noch guten Rath zu geben!«
»Das darfst nicht so nehmen. Es war nicht so bös gemeint. Wo sag, obs noch Hilfen giebt.«
»Ja freilich, wannsts richtig machst.«
»Was soll ich thun?«
»Wie viel war die Sauen werth?«
»So hundertzwanzig Markerln.«
Da zog der Sepp seinen Beutel und langte zwei Fünfzigmarkscheine heraus. Die legte er auf den Tisch und sagte:
»Das ist mein Geldl, was ich mir mühsam derspart hab in vielen Jahrn. Aber ich schenk Dirs heut, wannst nicht die Sauen bekommst. Aber richtig mußts machen. Glaubsts nun, daß ich meiner Sachen sicher bin?«
»Da muß ichs schon glauben, wann so ein arms Hascherl hundert Markerln dran riscirt. Also sag, was ich beginnen soll!«
»Du nicht allein. Es muß noch Einer dabei sein, der auch einen Fehlern mit begangen hat.«
»Das ist halt der Barbier, der plaudert hat.«
»Ja, der ists. Ihr Beid geht dahin, wo Du den Fehlern macht hast. Weißts doch wohl?«
»Ja, am Weg.«
»Dort giebt er Dir eine Ohrfeigen.«
»Donnerwettern!«
»Ja. Nachhero gehst hinten hinein in Deinen Garten. An der Pforten giebt er Dir die zweite Ohrfeigen.«
»Warum Ohrfeigen?«
»Zur Strafen für den Fehlern, dent begangen hast. Und nachhero geht Ihr bis an den Koben oder an den Stall, wo die Sauen steckt hat; da giebt er Dir die dritte Ohrfeigen. Und nachhero ist der Fehler bestraft und gesühnt, und die Sauen wird sich im Stall befinden.«
»Ists wahr?«
»Ich geb ja hier das Geldl zum Pfand.«
»Das macht Vertrauen. Ich möchts versuchen. Wie ists damit. Barbierer?«
Der Genannte konnte, wie der schlaue Sepp recht gut wußte, den Franz nicht leiden. Ihm drei Ohrfeigen geben dürfen, das war ihm ein Gaudium, zumal er keine Rache, sondern vielleicht gar eine Belohnung dafür zu erwarten hatte. Darum antwortete er in diplomatisch schlauer Weise:
»Was hab ich davon, daß ich in Wind und Regenwettern hinaus geh? Nix, gar nix! Mir hat Niemand keine Sauen gestohlen. Ich bleib hier.«
»Wannst mitgehst, geb ich Dir drei Markeln!«
»Das ist zu wenig.«
»Fünf?«
»Giebst sie gleich?«
»Ja, aber der Sepp muß seine Hundert einsetzen.«
»Sie liegen da,« sagte der Alte.
»Gut, so gehn wir gleich. Hier sind die Fünf. Und nun komm gleich mit!«
Er stand auf und der Barbier auch.
»Halt!« sagte der Sepp. »Ich muß Euch vorher sagen, daß Ihr kein Wort reden dürft, bis Ihr wieder hier seid. Und auch mir dürfen grad so lang nicht davon sprechen. Paßt also auf, damit nicht abermals ein Fehlern geschieht.«
»Ich mach keinen mehr. Aber, Sepp, ists nicht wohl erlaubt, eine Laternen mitzunehmen? Da könnt ich mir die Sauen gleich genau betrachten, damits nicht wieder ein Müllern ist, der nur so grunzt.«
»Ja, die kannst mitnehmen. Der Wirth mag sie Dir leihen. Aber lauft schnell und laßt uns nicht lang warten. Und Dir, Barbiern, muß ich noch sagen, daß die zweit Ohrfeigen stärker sein muß als die erst, und die dritt ist die letzt und muß auch die stärksten sein. Merks gut.«
»Schön!« lächelte der Barbier, welcher seine fünf Mark schmunzelnd einsteckte.
»Du,« meinte der Franz zu ihm, »ich will hoffen, daßt nicht gar zu sehr zuhaust! Je leiser Du anfangst, desto gelinder kannst auch aufhören.«
»Weiß schon. Hab nur keine Sorgen!«
Eben als die Beiden aufbrachen, trat der Krikelanton herein und setzte sich mit an den Tisch. Die Anderen blickten den Sepp fragend an. Dieser nickte zustimmend und sagte in beruhigendem Tone:
»Der kann schon dableiben. Er ist ein guter Bekannter von mir und kann Alles hören. Er wird kein Wort sagen.«
»Und vorher habt Ihr Euch hier bei mir so zankt?« meinte der Wirth.
»Das war ein Spaßen, weiter nix.«
Und der Anton fügte hinzu:
»Der Sepp ist auch nicht der einzige gute Freund, den ich hier finde. Der Thalmüllern kennt mich auch so gut. Nicht wahr, Müllern?«
»Hm!« brummte dieser im Andenken an die Ohrfeigen, die er von ihm erhalten hatte.
»Oder meinst, daß ich erzählen soll, wie wir uns kennen lernt haben? Es ist intressant.«
»Brauchsts nicht. Du bist ein guter Freund von mir, und das ist genug. Kannst ruhig sitzen bleiben.«
Der Fingerlfranz und der Barbier beeilten sich, ihren Weg möglichst bald zurückzulegen. Beide waren außerordentlich neugierig, ob sie die Sau auch wirklich im Stalle finden würden. Am Kreuzweg angekommen, stellte sich Franz genau an die Stelle, ao welcher er den Fehler begangen hatte, und gab dem Andern einen Wink. Dieser holte aus und versetzte ihm eine so schallende Ohrfeige, daß der Getroffene alle Geistesgegenwart zusammennehmen mußte, nicht wieder zu fluchen. Er zog den Athem pfeifend zwischen den Zähnen ein und dachte bei sich:
»Wann die Erste so kräftig ausfallt, wie werden da die andern Beiden werden!«
Sie gingen weiter. An der Gartenpforte erhielt der Franz die Zweite, die nach der Anweisung des Sepp noch gewichtiger war als die Erste. Die Wange brannte ihm wie Feuer. Dennoch hielt er an sich und blieb still.
Vor der Thür angekommen blieb er wieder stehen und erhielt die Dritte. Die hatte einen solchen Nachdruck, daß er trotz seiner kräftigen Gestalt an den Stall taumelte.
»Warte nur!« dachte er. »Ich komme auch noch an die Reihe. Aber dann, dann, dann!«
Jetzt zog er den Holzriegel weg, öffnete die Thür und leuchtete hinein. Ja wirklich, da lag sein Schwein im Stall und grunzte ihm entgegen. Er schob es hin und her, um sich zu überzeugen, ob er seiner Sache gewiß sein könne; aber er irrte sich nicht; es war kein anderes, als das ihm gestohlene Thier.
Jetzt machte er den Stall wieder zu, schob den Riegel vor und eilte so schnell fort, daß der Barbier ihm kaum zu folgen vermochte. Als dann die Beiden wieder in die Gaststube traten, blickte der alte Sepp ihnen vergnügt lächelnd entgegen.
»Nun, wie stehts?« fragte er.
»Bist ein tüchtiger Kerl,« antwortete der Franz.
»Also?«
»Sie ist da!«
»Die richtige?«
»Ja, sie liegt im Stall.«
»Und hast sie Dir richtig angesehen?«
»Genau, und auch angefühlt. Es ist gar kein Zweifel möglich. Sie ist es in aller Wirklichkeit.«
»So kann ich also mein Geldl wieder einistecken?«
»Ja, thus wiedern in den Sack!«
»Das gefreut mich sehr, um Deinet- und auch um meinetwillen.«
»Aber wie stehts dann mit der Diebin?«
»Wie solls mit ihr stehen?«
»Ist sie nicht zu erwischen?«
»Nein. Hättst den Fehlern nicht begangen. Sei froh, daßt die Sauen wieder hast.«
»Schon recht! Aber werd ich sie auch behalten?«
»Ja, wannst sie Dir nicht wieder stehlen läßt.«
»Da werd ich schon sorgen. Aber ich mein, wegen dem Zauber.«
»Wieso?«
»Geht der nicht wieder zuruck?«
»Nein.«
»Auch nicht, wann ich zuruck ging?«
»Wie meinst das?«
»Wann mir zum Beispiel der Barbiern mein Geldl wieder herauszahlen thät, mein ich halt.«
»Nein, auch dann nicht. Die Sau ist wieder in dem Stall, und da bleibt sie nun auf alle Fälle.«
»Brauchst keine Sorg zu haben. Ich geb Dir das Geldl schon nich wieder heraus!« meinte der Barbier, der noch neben dem Franz stand, die Laterne in der Hand.
»Aber ich geb sie Dir heraus.«
»Was?«
»Die Ohrfeigen.«
Er holte aus und versetzte dem Ahnungslosen drei Ohrfeigen aus dem FF. Bei der Ersten drehte sich der Barbier um sich selbst und ließ vor Schreck die Laterne fallen; bei der Zweiten setzte er sich auf den Stuhl, daß dieser krachte, und die Dritte expedirte ihn von dem Stuhle herab auf die Diele, wo er eine ganze Weile sitzen blieb, sich die beiden Backen mit den Händen haltend.
»Hättsts so gemacht, wie ichs Dir sagte,« meinte der Franz. »Hättst leise anfangt und gelind aufhört. So aber hast stark begonnen und nachhero also den Unverschämten machen müssen.«
Der Barbier stand langsam auf und ballte die Fäuste. Am Liebsten hätte er sich auf Franz gestürzt. Dieser aber trat ihm in seiner hohen, breiten Figur drohend entgegen und fragte:
»Willst etwan noch Prügeln haben? Ich bin bereit dazu. Fang Du nur immer an!«
»Fallt mir nicht ein! Mit Dir noch lange nicht!«
»Da bist auch klug. Ich hätt Dich an die Wand worfen, daßt kleben blieben wärst und ein Jeder hätt denkt, es hängt das Bild von einem Affen dort.«
»Aber merken werd ichs mir!«
»Ja, das bitt ich mir auch aus! Deshalb hab ich sie Dir ja geben, daßt sie Dir merken sollst. Jetzt nun sind wir quitt, und Du bist still!«
Die Andern hatten mit größtem Vergnügen zugesehen. Sie gönnten Beiden die Lection, welche Einer dem Andern gegeben hatte. Keiner sagte ein Wort dazu; aber der Wirth konnte doch nicht schweigen. Er fragte:
»Hör mal, Franz, jetzt kann ich Dich nun schon nicht begreifen. Der Barbierer hat Dir mit holfen, das Schwein zu finden, und Du giebst ihm dafür die drei Ohrwascheln. Warum hast das eigentlich than?«
»Weil er mir auch drei geben hat.«
»Das mußt er doch!«
»Aber nicht so stark! Bei deren Ersten ists mir wie Zunder im Kopfe wesen, bei deren Zweiten wie Stahl und Stein, und bei deren Dritten sind mir nachhero gar die Funken aus denen Augen sprungen, daß ich Deine Laternen gar nimmer von Nöthen gehabt hab. Da liegt sie nun. Er mag sie aufheben und das Oelen zusammenlecken!«
»Aber Deine Watschen sind doch wohl noch stärker wesen als die, die er Dir geben hat!«
»Mag sein! Ein Jeder nach der seinigen Art und Weisen. Ich hab halt auch andre Händ als er. Aber gefreun thuts mich doch außerordentlich, daß dem Sepp seine Magie sich bewährt hat.«
»Was sprichst von Magie!« lachte der Alte. »Du verstehst halt gar nix davon. – Es giebt eine weißen Magie, eine schwarzen, eine blauen und eine gelben. Bei denen letzten Beiden wirds Einem ganz blaugelb vor denen Augen, grad als ob man Ohrwatscheln bekommen thät. Das hast ja auch selber merkt. Jetzt nun möcht ich bald wissen, wies mit dem Müllern seiner Sachen gangen ist.«
»Schlecht natürlich!« brummte der Müller.
»So hast auch einen Fehlern macht.«
»Ich weiß keinen.«
»Aberst ganz gewiß!«
»Ganz gewiß nicht!«
»So denk einmal nach!«
»Das hat ich schon bereits than; aber ich kann nix finden, was unrecht gewesen wär.«
»Nun, so liegts daran, daßt nicht aufrichtig gegen mich wesen bist. Wo war der Ort, wo Du den Schatz sucht hast?«
»Grad da, wo der Franz die Sauen sucht hat.«
»Ja, dann ists freilich gefehlt. Hat denn die Käth den Fingerlfranz nicht erkannt?«
»Nein,« antwortete die Magd aus ihrer Ecke.
»So ists richtig. Du hast den Fehlern begangen. Du hast doch sehen müssen, daß es kein Geisten nicht war!«
»In denen Regenwettern!«
»Grad da sieht mans auch.«
»Und er hat sich das Gesicht schwarz gemacht.«
»Aber die Stimm!«
»Er hat nur ein einzig Wort sprachen!«
»Und wannst aufpaßt hättst, so wärst leicht dahinter kommen, daß es ein Mensch war aber kein Geisten. Du bist schuld an der ganzen Sachen. Aber so ists allemal, wann ein Frauensbild dabei ist!«
»Magst Recht haben,« meinte der Müller, welcher die ganze Zeit leise stöhnend dagesessen hatte. »Jetzt hab ich meine Gichten und Podergra spazieren fahren lassen ins Regenwettern hinein, und nun wird michs wieder Monaten lang zwacken und zwicken an allen Ecken und Enden. Das aber möcht noch sein, wann nur nicht der Schatz verloren wär!«
»Was ists denn eigentlich für ein Schatz?« fragte der Wirth.
»Meinst, daß ich Dir das sagen werd?«
»Etwan nicht?«
»Nein. So Etwas darf man nur allein wissen.«
»Brauchst keine Sorg zu haben. Ich mag nicht mit Dir theilen, Müllern.«
»O, Dir ist auch nicht zu trauen!«
»Da irrst Dich sehr. Ich will sogar gut sein und Dir einen guten Rath ertheilen.«
»Da bin ich neugierig drauf.«
»So sollsts gleich hören. Der Franz hat einen Fehlern begangen, aber der Sepp hat ihn wiedern gut macht. Deine Käth hat auch einen macht. So wend Dich an den Sepp. Vielleichten kann er auch Dir helfen.«
Das leuchtete dem Müller ein.
»Kannst etwan?« fragte er den Sepp.
»Warum nicht.«
»So thus doch!«
»Wirsts wiedern falsch machen!«
»Gewiß nicht. Was hätt ich zu thun?«
»Gar nix Schweres! Mußts grad so machen, wie's der Franz auch macht hat. Der Käth ihr Fehlern ist, daß sie den Franz für einen Geisten halten hat. An welcher Stell ist das geschehen?«
»Am Kreuzweg.«
»Und wohin willst den Schatz haben?«
»Hm! Wohin meinst?«
Die Augen des Müllers flimmerten vor Begierde.
»Wohin Du willst.«
»Wird er auch ganz gewiß so da sein wie dem Fingerlfranzen sein Schweinen?«
»Ebenso sicher.«
»Nun, dann möcht ich nicht darnach laufen oder fahren müssen.«
»Das hast gar nimmer nothwendig.«
»Könnt ich ihn in meinem Haus finden?«
»Gern.«
»Gar in der Stuben?«
»Jawohl. Sogar auf dem Polsterstuhlen, auf dem Du sitzest. Dahin ist er auch am Allerleichtesten zu bringen.«
»Meinst?«
»Ja, weilst selbern Jahr aus Jahr ein drauf sitzest.«
»Nun wohl, so will ich ihn halt auf den Stuhl haben!«
»Soll geschehen, wannst keinen Fehlern machst.«
»Werd mich hüten! Aber wann?«
»Gleich wannt nach Haus kommst.«
»Das, wanns wahr ist, so sollst mich kennen lernen als einen nobligen und splendirbaren Kerlen!«
»Ich mag nix. Das hab ich Dir schon bereits gesagt. Mach nur Deine Sachen gut, damits nicht fehl geht und ich mich nicht hernachers über Dich ärgern muß!«
»Werd mir schon Mühen geben. Aber nun sag mir auch, was ich thun soll!«
»Habs schon gesagt: Ganz dasselbige, wies beim Franz geschehen ist.«
»Ohrfeigen etwa?«
»Ja. Straf muß sein. Das verlangen die Geistern so. Und denen muß man ihren Willen thun.«
»Soll ich sie bekommen?«
»Nein, sondern die Käth; die hat ja den Fehlern gethan.«
»Das ist mir schon noch liebern. Aber wo?«
»Die Erst giebst ihr dort, wo sie den Franz für den Geist ansehen hat, die Zweit vor Deiner Stubenthüren, bevor Du diese öffnest. Wannst sie nachhero aufgemacht hast, so brennst Licht an. Dann wirst gleich sehen, daß der Schatz auf dem Stuhl ist. Da mußt Dich hinfahren lassen und mußt ihr die dritte Watschen geben.«
»Auch eine immer stärker als die andre?«
»Freilich!«
»Ob ichs aber auch so leiden werd!« meinte die Käth.
»Mußts schon, wannt den Schatz nicht verlieren willst.«
»So mag er nur sein leise zuschlagen!«
»Werd mich schon in Acht nehmen,« meinte der Müller. »Aber wanns so ist, so will ich auch die Zeit nicht hier versäumen. Mach Dich fertig, Käth, damit wir aufbrechen!«
»Gleich! Ich will nur zuvor in die Küchen gehen und mein Tuchen holen, was ich dort zum Trocknen an den Ofen aufihängt hab.«
Sie ging hinaus. Da flüsterte der Sepp:
»Merk Dirs gut, Müllern: Je stärker Du die Ohrfeigen giebst, desto größern wird der Schatz.«
»Meinst?«
»Ja, freilich! Je größer die Strafen ist für den begangenen Fehlern, desto mehr sind die Geistern ausgesöhnt.«
»So solls nicht daran fehlen! Ich hab auch noch Kraft zu einer Ohrfeigen, die fest sitzen bleibt.«
»Und wir müssen auch erfahren, obst zu dem Schatz kommst,« meinte der Wirth. »Wir gehn mit.«
»Euch brauch ich nicht.«
»O doch! Zum Zählen!«
»Ich dank gar sehr! Das thu ich schon selbst.«
»Aber ansehen dürfen wir den Schatz.«
»Nein.«
»Bist auch ein Geizhals und Pfennigfresser!«
»Nein. Aber wann Ihr mitlauft, macht Ihr mich unterwegs irr, so daß ich Fehlern mach.«
»Wir kommen weit hinterher.«
»Nein, Ihr bleibt zuruck. Morgen könnt Ihr kommen. Da will ich ihn Euch zeigen.«
»Na, meinswegen. Er ist Dein, und wir haben nichts dran zu befehlen. So fahr also allein!«
Die Käthe kam aus der Küche zurück, und der Müller wurde aufgeladen. Ohne Ach und Weh ging das nun freilich nicht ab.
»Stöhn und lamentir nicht so!« warnte der Sepp. »Wann Ihr hier zur Thüren hinaus seid, so dürft Ihr kein Wort sprechen und auch keinen Laut hören lassen: nicht mal gehustet oder niest darf werden.«
»Das ist schlimm. Bis wann dauert das?«
»Bis der Schatz geöffnet ist.«
»So will ich wünschen,« sagte der Wirth, »daß nix verkehrt geht. Nehmt also Euern Verstand zusammen, Ihr beiden Leutln. Morgen in der Früh komm ich, um nachzuschaun, wie gros; dern Schatz gewesen ist.«
»Es ist jetzt bereits morgen. Die Mitternächten ist bereits längst vorübern. Nun muß ich aufbrechen. Ich zahl die Zech.«
Nachdem er bezahlt hatte, spannte sich die Magd hinter dem Schiebebock und kutschirte fort.
»Ich möcht doch wissen, obs so gelingt wie mit mir!« sagte der Franz.
»Ja, ich möcht auch nicht warten.« meinte der Wirth. »Sepp, sag doch mal, obs was schadet, wann wir hinterher laufen.«
»Gar nix schadet es.«
»So seh ich auch nicht ein, warum wirs nicht thun wollen. Wir machen so leis, daß der Müllern uns gar nicht hören kann. Wer geht noch mit?«
Es meldeten sich natürlich Alle ohne Ausnahme. Sogar die Wirthin wär mitgegangen, wenn nicht ihr Mann es auf das Strengste verboten hätte. Sie brachen auf und folgten den Beiden.
Die Magd kam mit ihrer Last nur langsam fort. Daher kam es, daß die Männer die Beiden bald vor sich bewerkten. Schritte waren in dem weichen Boden nicht zu vernehmen. Aber das Kreischen des Rades am Schiebekarren hörte man sehr deutlich.
Plötzlich hörte dieses Kreischen auf.
»Horcht!« sagte der Sepp leise. »Jetzt hält die Käth an und erhält dir erste Ohrfeigen.«
Sie lauschten. Ein lauter Klatsch ließ sich hören. Er klang scharf, fett und voll.
»Donnerwettern!« meinte der Wirth. »Wer so eine Watschen erhält! Ich wett sofort mit Jedem, daß sich die Käth auf die Straßen niedergesetzt hat.«
Und er hatte Recht. Es war dem Müller sehr um die Größe des Schatzes zu thun. Als die Magd anhielt und ihm die Wange hinhielt, glaubte sie natürlich, daß er es sehr gnädig machen werde. Ihrer Ansicht nach kam es nicht aus die Stärke der Ohrfeige an, sondern darauf, daß sie überhaupt eine erhielt. Er aber holte aus Leibeskräften aus und gab ihr eine, aus welcher er sehr leicht ein paar Dutzend hätte machen können. Sie setzte sich augenblicklich in den Schmutz der Straße nieder. Sie hätte ganz sicher laut aufgeschrieen, wenn nicht der Schreck ihr die Sprache geraubt hatte.
Als sie dann wieder reden konnte, war es ihr mittlerweile zum Glück eingefallen, daß sie nicht reden dürfe. Darum schwieg sie. Sie raffte sich also langsam auf und schob ihre Last weiter.
An der Mühle angekommen, hatte natürlich keins von Beiden eine Ahnung, daß während ihrer Abwesenheit Jemand in der Stube gewesen war. Die Käthe hatte die Schlüssel einstecken. Sie schloß die Hausthür auf und schob ihre Last in den Flur hinein. Als sie die Thür wieder verschlossen hatte, hielt sie wortlos dem Müller ihren Kopf abermals hin. Es war dunkel. Er sah nichts. Darum fühlte er mit der Hand nach ihr. Während er mit der Linken ihren Kopf betastete, holte er mit der Rechten aus und gab ihr die zweite Ohrfeige. Diese war anbefohlenermaßen noch stärker als die Erste. Käthe flog an die Wand.
»Kreuztausenddonner – – –!« schrie sie auf, hielt aber sofort wieder inne.
»Alle Teufel!« rief er zornig. »Was hast zu schreien? Weißt nicht, daßt still sein sollst, infamte Kröte!«
»Du redst ja jetzt auch!«
»Weilst erst anfangen hast. Jetzt halts Maul, und mach, daß wir hineinkommen!«
Sie schloß die Thür auf, schob den Karren hinein, zog die Thür hinter sich zu und brannte die Lampe an. Die Thür völlig zu verschließen, war ihr nicht als nothwendig vorgekommen. Als das Licht aufleuchtete, waren natürlich die Blicke Beider sofort gierig nach dem Polsterstuhle gerichtet – da stand auf demselben ein ungeheuer großer, zugebundener Topf.
Bereits hatte der Müller gedacht, daß der Schatz verloren sei, weil Beide das Schweigen gebrochen hatten. Jetzt nickte er dem Mädchen triumphirend zu. Sie schob ihn hin zum Topfe. Er befühlte denselben, und sie hielt ihm dann den Kopf wieder hin.
Angesichts des Topfes nahm er nun alle seine Kraft zusammen. Er holte weit aus. Es wäre ein Schlag gewesen, welcher lebensgefährlich hätte werden können. Sie wich demselben aus, und durch die Kraft, welche er in den Hieb gelegt hatte, wurde er von dem Karren herabgeschleudert. Er fiel in die Stube.
»Kerl!« rief sie erbost aus. »Willst mich etwan todtschlagen!«
»Was hast wieder zu sprechen!« schrie er dagegen. »Warum läßt Dir die Ohrfeigen nicht geben!«
»Weil ich leben bleiben will!«
»Ich werd Dich nicht umbringen.«
»O ja! Die beiden Ersten haben mich bereits halb todt gemacht. Mußt denn zuhauen, als wenn ein Schmieden aufs Ambos schlägt!«
»Weißts nicht. Je mehr ich zuhau, desto größer ist dera Schatz.«
»Wer hat Dir das weiß macht?«
»Der Sepp, und der verstehts.«
»Ich hab nix davon hört.«
»Weilst in der Küchen warst, Gans Du! Willst den Kopf hergeben!«
»Wannst leiser schlägst!«
»Nein. Die Letzte muß am Stärksten sein.«
»So mach ich nimmer mit.«
»Dann geht der Schatz verloren.«
»Meinswegen.«
»Bist etwan verruckt?«
»Nein. Mein Leben ist mir lieber als das Geld.«
»Du wirst nicht davon sterben.«
»Aber taub kann ich werden, oder irr im Kopf, wannst mir das Hirn verschutterst.«
»Dummes Dirndl! Du hast gar kein Hirn!«
»Mehr wie Du hab ich schon!«
»Halts Maul! Willst nun den Kopf hergeben!«
»Wannst leiser machst.«
Es kam ihm der Gedanke, daß es klüger sei, sie zu täuschen, als sich mit ihr zu zanken. Sie hatten bereits draußen im Flur und nun jetzt hier in der Stube einander so laut angeschrieen, daß die Hausbewohner erwacht waren. Sie hörten Schritte über sich. Darum sagte der Müller mit leiserer Stimme:
»Komm, sei verständig! Heb mich auf und setz mich da auf den Rohrstuhl. Den bringst Du neben den Polsterstuhl. Mach schnell, Käth, mach!«
Sie setzte den bezeichneten Rohrstuhl neben den gepolsterten, und würgte dann den schweren Müller darauf. Sie rückte ihn zurecht, und diese Gelegenheit ersah der schlaue Kerl. Eben hielt sie den Kopf gesenkt, da holte er aus und gab ihr die dritte Ohrfeige. Das Mädchen stürzte auf die Diele und kugelte eine ganze Strecke fort. Dann aber raffte sie sich blitzschnell auf, sprang herbei und begann seine Backen mit einer Vehemenz zu bearbeiten, daß ihm Hören und Sehen verging.
»Wart, Urianer, Dich will ich walken!« schrie sie dabei. »Mich sollst nimmer wieder schlagen ohne meine Erlaubnis. Da hast, da, da!«
Immer schlug sie auf ihn ein, immerfort, bis ihr die Arme weh thaten. Er war ganz perplex geworden. Er ließ sich schlagen, ohne einen Laut auszustoßen, ohne eine Bewegung zu machen. Dann aber, als sie die müden Arme sinken ließ, begann er ein Zetermordio. Er schimpfte sie in allen Tonarten und gab ihr alle ehrenrührigen Namen, die ihm grad einfielen.
»Und,« fügte er hinzu, »was hast von all diesen Dummheiten? Nix, gar nix. Der Schatz ist da; die drei Ohrenwatschen hast auch bekommen; also ist die Sachen in Richtigkeiten, und Du brauchst nicht aufzubegehren wie ein unvernünftig Geschöpf oder Thier.«
»So! Der Schatz ist da, und die Watschen hab ich auch? Das klingt ja recht schön und gut! Aber solche Kopfnüssen, wie Du mir geben hast, brauch ich mir wohl gefallen zu lassen etwan? Wer ist das unvernünftige Thier wesen. Du oder ich, he? Ich laß mich nicht schlagen. Ich geh aus dem Dienst, gleich in der Früh oder noch liebern gleich jetzund. Mach den Topf auf, und gieb mir mein Theil; dann mach ich, daß ich Dir aus dem Haus komm. So einen Tyrannen wie Du giebts auf der ganzen Erden nimmer wieder!«
»Meinst? Nun, da kannst ja gehn. Du hast mich schlagen, und da hab ich das Recht, Dich augenblicklich aus dem Haus zu jagen. Mach also augenblicklich da hinaus, wo deren Zimmermann das Loch offen lassen hat! Ich mag Dich keinen Augenblick länger sehen!«
»So schnell solls gehen? Augenblicklich? Ach so? Da aber kommst bei mir sehr schief an die Unrichtige!«
»Nimm das Dienstbuchen her und schau Dir nur die Faragraphern an! Da stehts drin, daß ich Dich sogleich hinauswerfen kann, weilst mich prügelt hast.«
»Das weiß ich wohl. Ich werd auch sofort gehen. Aberst vorher will ich meinen Lohn haben, der noch rückständig ist, und auch den Theil vom Schatz, der mir gehören thut.«
»Davon brauch ich Dir nix zu geben.«
»Nicht? Hasts mir Nicht versprochen?«
»Ja; aber daßt mich prügeln sollst dabei, das ist von uns nicht dabei ausgemacht worden.«
»Und daß Du mich schlägst, auch nicht. Ueberhaupt will ich mehr haben als die paar Markerln, die wir ausgemacht haben.«
»Was? Noch mehr?« fragte er erbost.
»Ja freilich!«
»Warum und wieso denn?«
»Weil der Schatz größern ist, als ich denkt hab.«
»Der kann so groß sein bis in die Wolken hinein, so gehts Dich nix an. Er gehört mir.«
»Das mußt erst beweisen. Hast ihn etwan auf Deinem Grund und Boden funden?«
»Ja. Ist der Polsterstuhlen etwan nicht der Grund und Boden, der mir gehören thut?«
»Ja, aber der Schatz hat draußen gelegen auf dem Kreuzweg. Er gehört also nicht Dir, und weil wir Beid daran arbeitet haben, ich noch mehr als Du, so haben wir Beid auch gleiches Recht daran. Er wird also in zwei Hälften theilt, ich eine und Du eine.«
»Ach! Schau, wast für ein gescheidtes Wurm bist. Theilen willst? Das ist schön! Das ist prächtig! Aber ob ich mitmachen thu, das wirst gleich schaun. Nun bekommst nämlich gar nix, nicht ein Markel und nicht einen Pfennig. Der Topf ist mein, und Du magst Dich davon machen, sonst weck ich die Leuteln und laß Dich hinauswerfen oder gar verarretiren!«
Er hatte gar nicht darauf geachtet, daß die Leute, von denen er sprach, bereits erwacht waren. Es waren Schritte zur Treppe herabgekommen, und draußen vor der Thür stand man, um zu horchen, was es in der Stube für einen Lärm gebe.
Die Käthe hatte ihn ganz neben den Polsterstuhl setzen müssen; er konnte den Topf also sehr leicht erreichen und legte bei seinen letzten Worten beide Arme um denselben zum äußern Zeichen, daß er das Anrecht auf denselben für sich allein beanspruche. Damit aber war die Käthe ganz und gar nicht einverstanden.
»Was?« schrie sie auf. »Allein willst den Topf? Ganz nur für Dich? Da kommst freilich bei mir an die Richtige! Ich hab Dich auf dem Karren schleppen müssen, hin und zurück, bin naß worden durch und durch, vor Schweiß und Regen, und nun soll ich nix haben! Ich hab das gleiche Recht mit Dir. Und wann Du ihn allein haben willst, so kann ich ihn auch ganz für mich behalten. Her also mit dem Topf!«
Sie griff nach demselben. Er hatte eine ziemliche Schwere und war oben mit einem alten Lappen zugebunden. Beide zogen hin und her.
»Laß los!« schrie er, »sonst hau ich zu!«
»Das kann ich auch!« zeterte sie. »Wannst den Topf nicht frei giebst werf ich ihn Dir an den Kopf.«
»Was? Wart? Da hast Eins!«
Den Topf mit der Linken festhaltend, stieß er ihr die rechte Faust vor die Brust. Darüber ergrimmte sie noch mehr. Zornbebend rief sie:
»Schlagen thust mich schon wiedern? Wart, das will ich Dir heimgeben!«
Mit einem gewaltigen Ruck entriß sie ihm den Ofentopf, holte aus und stieß ihm denselben mit aller Gewalt an den Kopf. Obgleich er beide Arme zur Abwehr vorgehalten hatte, traf ihn dieser Stoß doch mit solcher Gewalt, daß er mit sammt dem Stuhl um- und in die Stube stürzte.
Das hatte die Magd nicht berechnet. Die von ihr angewendete Kraft war größer, als der Widerstand, den sie gefunden hatte, und darum stürzte sie auch mit nieder – der Topf auf den Müller und sie oben darauf. Dem konnte das alte Geschirr nicht widerstehen – es zerbrach in mehrere Stücken.
Einige Augenblicke nach dem Krach, den der Topf gethan hatte, war es still in der Stube, dann aber brach ein Lärm los, welcher gar nicht größer gedacht werden konnte. Der Topf war nämlich bis oben an den Rand herauf mit allerlei Gethier, meist kalten Lurchen gefüllt gewesen, Fröschen, Kröten, Salamandern, Wassereidechsen. Dazu kam ein halbes Dutzend Fledermäuse, welche in einem dunkeln Winkel des Kornspeichers ihren Winterschlaf gehalten hatten, von dem Fex vor einiger Zeit entdeckt und nun heut mit in den Topf gesteckt worden waren. Sie flatterten ängstlich in der Stube und um die Lampe herum. Eine derselben war mit ihren Krallen im Zopfe der Magd hängen geblieben und schlug nun mit ihren Flughäuten um sich, um los zu kommen. Der kalte, kribbelnde und krabbelnde Inhalt des Topfes hatte sich natürlich zunächst über den Müller ergossen. Kröten auf dem ganzen Leibe und im Gesicht – er fürchtete sich vor dem Teufel nicht, vor diesem Viehzeug aber desto mehr, und konnte doch wegen der Gicht nicht aufspringen. Die Folge war, daß er um Hilfe nicht schrie, sondern geradezu brüllte. Und die Magd, welche aufgesprungen war, getraute sich nicht, das vermeintliche Ungethüm, welches sie auf dem Kopfe hatte, anzugreifen. Sie kreischte, schrie und zeterte mit dem Müller um die Wette. Es war ein ganz und gar unbeschreiblicher Skandal.
»Hilfe, Hilfe! Feuer! Mörder! Diebe! Um Gotteswillen, herein, herein! Hilfe, Hilfe!«
Draußen standen die Neugierigen aus der Stadt. Sie hörten natürlich diese Rufe und konnten doch nicht zur zugeschlossenen Hausthür herein. Darum schlugen und trommelten sie mit aller Gewalt an die Läden.
Drin aber wurde die Stubenthür aufgerissen. Die Knechte und Mägde drangen herein. Hinter ihnen Paula, Leni und das Dienstmädchen der dicken Direktorin. Alle blieben an der Thür stehen. Der Anblick, welcher sich ihnen bot, war derartig, daß sie nicht wußten, ob sie lachen oder sonst was sollten.
Der Müller wälzte sich hin und her und schlug mit den Armen um sich. um das Gezücht von sich abzuwehren. Ein Feuersalamander wollte ihm in den weit aufgerissenen Mund kriechen.
»Hilfe! Schnell, schnell!« brüllte er. »Er kommt, er kommt! Er will mir ins Maul hinein!«
Das Thier selbst anzufassen, getraute er sich nicht. Paula sprang herbei und riß es weg. Die Fledermäuse schwirrten hin und her und kamen dabei, da die Decke sehr niedrig war, mit den Köpfen der Hereingedrungenen in Berührung. Nun begannen auch diese zu schreien. In der Stube krabbelte es überall, in allen Ecken und Ende».
»Reißt aus!« schrie eine der Mägde. »Das Viehzeug ist giftig! Der Teufel ist los! Ich laß mich nicht beißen. Fort, fort!«
Sie riß aus, die Andern hinter ihr her.
Paula gab sich Mühe, ihren Vater aufzurichten, und dabei nicht auf das Gethier zu treten. Die beherzte Leni eilte zur Käthe und riß ihr die Fledermaus aus dem Haar. Das ging natürlich nicht ohne den Verlust eines kleinen Theiles der Haare ab; das schmerzte, und in ihrer Wuth holte die Magd aus, um der Leni eine Ohrfeige zu geben, kam aber damit freilich an die Unrechte, denn die frühere Sennerin war noch schneller und brachte ihr eine schallende Ohrfeige bei.
»Was? Ich helf Dir, und dafür willst mich haun!« rief sie aus. »Da, hast noch was dafür!«
Sie griff nieder, nahm blitzschnell eine große Kröte empor und schob sie der Käthe unter das Busentuch. Diese brüllte, als ob sie am Spieße steckte und rannte hinaus.
Droben erhob sich die fette Stimme der dicken Madame Qualèche. Sie hatte ihre Schlafstube verlassen und war heraus an die Treppe gekommen.
»Feurio, Feurio! Hilfe, Hilfe!« schrie unten die Käthe, indem sie mit ihrer Kröte durch die unterdessen geöffnete Hinterthür in den Hof hinaus rannte. Die Frau Direktorin glaubte also, es brenne unten.
»Hilfe, Hilfe!« begann nun auch sie. »Ich bin da, ich, hier, hier! Rettet, rettet mich doch!«
Und als Niemand kam, versuchte sie, sich selber zu retten, indem sie die Treppe herabstieg. Aber sie war eine so schmale, steile Holztreppe nicht gewöhnt; sie schritt zu weit aus, verlor den Halt, kreischte laut auf und fuhr – Schlitten herab, glücklicher Weise auf demjenigen Körpertheile, welcher nicht zerbrechen kann. Unten angekommen, hatte sie vor Entsetzen die Sprache verloren und blieb mit auseinander gespreizten Beinen vor der Treppe sitzen.
Da kam Einer durch die Hinterthür herein gesprungen – der Fex, welcher von draußen über die Mauer gestiegen war, hinter ihm der Wurzelsepp.
»Was ist denn los dahier?« rief er laut.
»Der Teufel, der Teufel!« brüllte der Müller in der Stube. »Der Teufel ist los. Hilfe, Hilfe!«
»Nein, ich bin los, ich!« jammerte die Dicke. »Hilfe, Hilfe! Ich kann nicht aufstehen!«
Der Fex griff zu und zarte die schwere Person wenigstens so weit empor, daß er sie auf die letzte Treppenstufe setzen konnte, auf welcher sie allerdings nur sehr ungenügenden Platz fand.
»Hier bleibst sitzen und zuckst Dich nicht!« gebot er ihr.
»Aber es brennt ja! Ich muß fort!«
»Es brennt nicht. Sei still!«
Nun eilte er in die Stube, wo Leni und Paula sich vergeblich abgemüht hatten, den Müller in die Höhe zu bringen. Der Sepp war bereits bei ihnen. Die beiden Männer ergriffen den Müller und hoben ihn in den Polsterstuhl. Er stöhnte und wimmerte vor Angst wie ein Kind.
Dann machte der Fex ein Fenster und den Laden auf, damit die Fledermäuse hinaus konnten, und wendete sich nachher mit der unschuldigsten Miene den Müller:
»Aber was ist denn das dahier? Wie kommst zu diesem Gethier hier in Deiner Stuben?«
»Ach! Oh! Au!« seufzte der Gefragte athemlos.
»Nun, so sags doch!«
»Oh! Au! Meine Beine! Mein Buckel! Mein Leib! Mein Kopf! Ich bin todt vor Schreck und Angst! Ganz todt!«
»Ganz noch immer, denn Du kannst noch reden. Also sag gleich, was geschehen ist!«
Ehe die Antwort erfolgen konnte, tönten laute Stimmen im Hausflur. Die mit dem Spiel-Matthes draußen stehenden Männer hatten den nämlichen Weg eingeschlagen, auf welchem vorher der Sepp und der Fex eingedrungen waren; sie waren über die nicht sehr hohe Hofmauer gestiegen und kamen nun durch die Hinterthüre in das Haus. Als Matthes die dicke Direktorin noch klagend und wimmernd auf der Treppenstufe sitzen sah, kam ihm dieser Anblick so komisch vor, daß er nicht an die einer Dame schuldigen Ehrerbietung dachte; er schlug vielmehr ein lautes Gelächter auf, in welches die Anderen ebenso laut einstimmten, und rief:
»Sappermentsky! Was sitzt denn da für eine weiße Schleiereulen?«
Der Ausdruck Schleiereule war wegen des weißen Nachtgewandes, welches weit und leicht die dicke Gestalt der Directorin umfloß, zwar nicht höflich aber auch nicht ganz unzutreffend gewählt. Sie aber nahm die Worte natürlich dennoch übel.
»Wie nennen Sie mich?« fragte sie zornig. »Eine Schleiereule! Das will ich mir denn doch auf das Strengste verbitten. Wer sind Sie denn eigentlich, daß Sie es wagen, sich solcher Ausdrücke zu bedienen?«
Sie wollte sich in ihrem Zorne erheben, aber ihr Sitz, die unterste Treppenstufe, war zu einem schnellen Aufspringen für so eine corpulente Person viel zu schmal und zu niedrig; sie fuhr zwar ein Wenig empor, setzte sich aber sofort wieder nieder, von ihrer Schwere abwärts gezogen, rutschte dabei von der Stufenkante ab und kam nun auf die harte Steinplatte zu sitzen. Das Regenwasser war unter der Thüre in den Flur hereingedrungen, und so erhielt die Directorin einen so nassen Sitz, daß ihr Nachtgewand sofort von dem Wasser durchdrungen wurde. Die Nässe und Kälte desselben hatte die augenblickliche Wirkung, daß die Dame wie eine Ertrinkende die Arme emporstreckte und laut zu rufen begann:
»Hilfe! Hilfe! Ich sitze im Wasser! Soll ich ertrinken? Hebt mich auf; hebt mich auf!«
Alle, welche sich in der Stube befanden, den Müller natürlich ausgenommen, kamen herbeigeeilt.
»Was ist geschehe? Was ist los?« rief der Fex.
»Die Dicke da ersauft,« antwortete der Wirth.
»So schlimm wird's halt doch nicht sein. Helft nur mit! Wir wollen si« aufheben und hinaufschaffen. Sie mag sich ins Bett legen.«
Er griff zu.
»Nein, nein!« zeterte sie. »Ich bleibe unten!«
»Wozu aber denn?«
»Es brennt ja; es ist ja Feuer! Ich will nicht in demselben umkommen! Ich will hinaus.«
»Ja, wo brennt es denn?«
»Das weiß ich nicht. Ich habe aber ›Feuer‹ rufen hören.«
»Das war halt eine Dummheiten. Und Du machst die Faxen noch viel größer. Du willst verbrennen und auch hier versaufen, und es ist doch gar kein einziger Gedanke daran. Es ist gar keine Gefahr vorhanden. Komm also her! Wir heben Dich auf und schaffen Dich hinauf in Deine Stuben. Arbeit wirds freilich machen.«
»Nein, nein; ich bleib unten!« rief sie aus.
»Na, meinswegen' Bleib sitzen in alle Ewigkeiten; ich Hab gar nix dagegen, wannst hier im Haus schwimmen lernen willst.«
Da aber flüsterte der Barbier, welcher so stand, daß sie ihn nicht sehen konnte, dem Scat-Matthes in das Ohr:
»Ich werde sie gleich aufbringen.«
Er ergriff einen riesigen Wasserfrosch, welcher soeben mit weiten Sätzen aus der Stube herausgesprungen kam, beim Hinterbeine und warf ihn ihr in den Schooß.
Kaum erblickte sie das Thier, so sprang sie, ohne die geringste Hilfe zu brauchen, auf und schrie.
»O wehe, o wehe! Eine Kröte, eine Kröte! Ich muß hinauf; ich gehe; ich eile! Schiebt, schiebt, schiebt schnell!«
Sie wendete sich nach der Treppe, ergriff das Geländer und pustete und stöhnte wie eine Lokomotive hinauf.
»Ja, schiebt, schiebt!« lachte der Matthes.
Er und der Barbier faßten, neben einander stehend, hinten an; der Sepp griff zwischen ihnen hindurch, und so schoben die Drei die heulende und schreiende Dame zur Treppe empor bis hinauf auf den Dorplatz, wo sie in höchster Eile in ihrer Stube verschwand.
»Auch das noch!« zankte der Müller unten. »Diese alle Mutschel macht die Sach noch erst schlimmer als vorher. Sie muß fort, gleich in der fruh!« »Wenn ich den Wagen für sie hab,« sagte die Leni, welche sich in diesem Augenblicke mit Paula allein bei ihm befand.
»Nein; so lange wart ich nicht.«
»Du mußt?«
»Wer will mich zwingen?«
»Ich!«
»Oho!«
»Ja; ich hab Dein Wort, welches Du mir gegeben hast.«
»Das geht mich nix an. Ich brauchs nicht zu halten.«
»So? Warum?«
»Weil sie immer neue Dummheiten macht.«
»Sie? Das ist nicht wahr.«
»So? Hasts nicht etwan jetzt gesehen?«
»Nein. Die Dummheiten hast Du gemacht. Nicht mal Ruh des Nachts findet man in diesem Logis. Was machst da für einen Lärm und Scandal bei nachtschlafender Zeit! Wer hat das Viehzeug hereinbracht?«
»Ich nicht.«
»Wer sonst? Und wanns ein Anderer wesen ist, so bist doch Du selber Schuld daran. Die Dame bleibt hier!«
»Nein, sie muß fort!«
»Sie bleibt!«
»So werf ich sie hinaus!«
»Du? Mit Deinem Padagra?«
»Wann ich nicht selber kann, so hab ich meine Leut dazu.«
»Da kannst ein großes Unheil anrichten. Da kannst in die Häfen fliegen Du und alle Deine Leutln.«
»Wieso?«
»Weil – ah, das weißt ja gar nimmer. Hasts noch nicht gehört, wer der Mann ist, der das Logis gemiethet hat?«
»Den kenn ich wohl. Wagnern heißt er.«
»Und was ist er?«
»Das weiß ich nicht; das geht Mich gar nix an.«
»So! Er heißt nicht nur Wagner, sonders auch noch Richard dazu. Verstehst mich nun jetzt deutlich?«
Der Müller machte ein erstauntes Gesicht.
»Richard Wagner?« fragte er.
»Ja freilich.«
»Etwan gar der berühmte Opernmann?«
»Ja, derselbige.«
»Verteuxeli! Sollt mans glauben!«
»Der ists. Und zu ihm ist Einer mit eingezogen, der sich nur Ludwig nennt. Verstehst auch das?«
»Doch nicht etwan der König Ludwig?«
»Derselbige.«
»Da muß doch gleich die ganze Wand wackeln! Der Wagnern und der König! Wohnen bei mir in der Mühlen! Das muß ich sogleich allen Leutln sagen! Hört, Ihr –«
»Halt!« gebot die Leni, indem sie ihm schnell den Mund zuhielt. »Willst wieder eine Dummheiten machen?«
»Wieso?«
»Die beiden Herren wohnen incognito bei Dir.«
»In Congnito? Unsinn! Im Parterre sind sie!«
»Du verstehst das Wort nicht. Incognito heißt, daß Niemand sie kennen soll.«
»Ach so!«
»Kein Mensch darf es wissen, daß sie hier sind.«
»Warum?«
»Weil man sie sonst angaffen und nicht in Ruh lassen thät. Ich habs auch Dir nur im Vertraun sagt, daßt nicht abermals eine Dummheiten machen sollst. Verstanden!«
»Ja, wanns so ist, dann muß ich wohl das Maul halten!«
»Das versteht sich ganz von selbst, denn ich – –«
Sie mußte abbrechen, denn die Andern traten ein. Leni hatte diese Mitheilung machen können, weil es grad jetzt Niemand gehört hatte. Die erwähnten Drei schoben die Directorin zur Treppe hinan, und die Andern standen unten im Hause, um zuzusehen. Jetzt aber war das vorüber, und sie kamen nun herein.
Die Knechte und Mägde faßten nun auch ein Herz und kamen näher, um zu sehe, was es noch geben werde.
»Aber, Thalmüllern, was hast doch nur gemacht?« sagte der Sepp, indem er ein möglichst verwundertes Gesicht zog.
»Ich? Nein, Du!« rief dieser zornig. »Du bists, der diese ganze Dummheiten angerichtet hat!«
»I – i – i – i – ich?«
»Ja, Du nur allein!«
»Das kann ich nimmer begreifen!«
»Hast nur etwan nicht den Rath geben?«
»Welchen Rath?«
»Wegen dem Schatz.«
»Nun freilich!«
»Also bist doch schuld.«
»Ich gewiß nicht. Wer weiß wast gemacht hast!«
»Was soll ich gemacht haben? Nix, gar nix weitern, als wast mir selber gesagt und gerathen hast.«
»Und da wär so eine Bescheerung fertig worden?«
»Du siehsts ja! Schau das Gethier an! Ists nicht grad so, als thäten wir in dem Noah seiner Archen sitzen?«
»Beinahe. Wer wie ists so kommen?«
»Wie? Das fragst auch noch, Dummkopf? Aus dem Topf da sind sie kommen, die Frösch und Kröten alle!«
»Aus welchem Topfen? Ich seh doch keinen?«
»Aber die Scherben siehst?«
»Nun freilich. Also er ist zerbrochen?«
»Ist er etwan noch ganz?«
»Nein. Aber Du mußts erzählen, wie's gewesen ist!«
»Werd mich hüten!«
»Warum?«
»Weil Alle da stehn und sperrn die Mäulern auf.«
»So jag sie fort. Nur die Käth mag da bleiben, die andern Knecht und Mägd können gehen. Vorher aber mögen sie einen Korb holen oder zwei um die Thieren hinein zu thun und hinaus zu schaffen.
Der Müller gab den betreffenden Befehl, und nun begann eine lustige Jagd. Keine Person des Gesindes wollte ein solches Thier mit den Händen anfassen; darum gab es die verschiedensten lächerlichen Situationen, ehe die krabbelnde Einquartirung sich in den Körben befand und hinausgeschafft werden konnte.
Die mit anwesenden Gäste des Spiel-Matthes durften bleiben, weil sie bereits Mitwisser des Schatzheber-Geheimnisses waren; die Andern alle mußten fort, auch Leni und Paula. Der Fex ging auch; er that so, als ob er gar noch nichts wisse. Dann, als die Eingeweihten alle beisammen waren, wurde die Thür von innen verriegelt.
»Also hast wirklich keinen Fehlern gemacht?« fragte der Sepp den Müller.
»Gar keinen.«
»Auch die Käth nicht?«
»Nein.«
»Das glaub ich nicht.«
»So brauchst mich doch gar nicht zu fragen, wannst mir nicht glauben willst, was ich Dir sag.«
»Verzähl mir doch mal die ganze Sachen!«
»Was giebts da zu verzählen! Gar nix.«
»Hast denn der Käth die Ohrfeigen geben?«
»Freilich.«
»Und wohl fein sanft?«
»Nein, sondern so derb, wie ichs nur konnt hab.«
»Und was hat sie dazu sagt?«
»Nun, die Erst hat sie sich wohl gefallen lassen!«
»Ach so! Die Erst allein! Und die Zweit?«
»Bei der hat sie freilich aufbegehrt.«
»Himmelsakra! Das war draußen im Haus?«
»Ja, bevor wir die Stubenthüren aufmacht haben. Ich könnt nix sehen, weils finstern war; da Hab ich ihr den Kopf mit der linken Hand fest halten und mit der Rechten die Ohrfeigen geben.«
»Also kräftig?«
»Das kannst Dir denken; so derb wars, daß sie gleich grob worden ist.«
»Sie hat also geredet?«
»Geredet nur? Nein, zankt hat sie und geschumpfen.«
»Und Du wieder auch?«
»Soll ich etwan zu ihren Grobheiten ruhig sein?«
»Habs mir wohl dacht, daß so was wesen ist. Und aber nachher? Was habt Ihr nachhero mit einander than?«
»In die Stuben sind wir und haben das Licht anbrannt. Ich hatts brennen lassen, als wir gingen; es muß indessen ausgelöscht sein. Als wir nachhero sehen konnten, da hat der große Topf da auf meinem Stuhl standen.«
»Der Schatz also! Ganz, wie ichs vorhersagt hatte.«
»Der Schatz? Da kommst schön an! Hasts ja sehen, was da Alls in dem Topfen drin steckt hat. Lauter Gewurmern und Viehzeugers, das man nimmer anfassen kann. Wannst das einen Schah nennst, so bist dümmer als dumm!«
»Wolln erst sehn, wer der Dumme ist! Was habt Ihr denn nachher than, als Ihr herein in die Stuben kommen seid und den Topfen sehen habt?«
»Da hat die Käth mich zu ihm setzen müssen, und ich wollt ihr die dritt Ohrfeigen geben. Das aber hat sie nicht leiden wollen. Sie hat sich dagegen gewehrt und gesträubt.«
»Warum?«
Die Käthe war mit anwesend. Sie saß in einer Ecke und hatte bisher nichts gesagt; nun aber antwortete sie schnell:
»Weil der Müllern ausholt hat, als ob er hat einen Ochsen verschlagen wollen. Mein Kopf brummt mir noch jetzt davon wie eine große Baßgeigen.«
»Das mußt so sein,« meinte der Müller. »Aber ich hab sie doch noch vermischt und ihr Eine geben, die war nicht von Pappe.«
»Ja, hast sie aberst wiederkriegt, doppelt und dreifach!« erklärte die Magd schadenfroh und selbstgefällig.
»Was? Geschlagen hat sie Dich?« fragte der Sepp im Tone des allergrößten Erstaunens.
»Ja,« gestand der Müller. »Das niederträchtige Weibsbild hat auf mich einhauen, daß ich gar nimmer dazu kommen bin, mich zu vertheidigen.«
»So habt Ihr Euch geprügelt, richtig geprügelt?«
»Ja.«
»Und auch dabei geredet?«
»So laut, daß die Leut aufwacht und herbeikommen sind.«
»Und da nennst mich dumm? Mich, mich?«
»Wer ists sonst?«
»Du, Du selber! Hab ich Euch nicht sagt, daß kein Wort gesprochen werden darf?«
»Ja freilich.«
»Und da haut Ihr Euch und schimpfirt, daß die Leut erwachen und herbeigerannt kommen!«
»Soll ich etwan dulden, daß mich die Magd todtschlägt?«
»Das geht mich gar nix an? Ihr habt geredet, und da ists ganz aus mit dem Schatz. Das duldet der Geist nicht, und da hat er das Geldl in Frösch und Kröten verwandelt.«
»Darum? Wegen dem Sprechen?«
»Natürlich!«
»Alle tausend Wettern! Daran hab ich in der Wuth und im Aergern gar nicht mehr dacht!«
»So bist eben selber schuld am Allen, aber nicht ich!«
»Ich könnt mich gleich selbern maulschellirn!«
»Thus nur. Und wanns nicht gut geht, so sags nur mir. Ich will Dir so viel Kopfwatschen geben, wie Du nur immer verlangen kannst, Du Dummkopf, Du!«
Und sich an die Andern wendend, fuhr er fort:
»Da schaut nun mal her; diese Scherben! Wie groß und wie stark! Was für ein Topfen muß das gewesen sein! Der hat ja mehr als einen ganzen Scheffel gefaßt! Und der ist voller Geld gewesen! Denkts Euch!«
»Sapristi!« rief der Barbier.
»Ja. Vielleicht ists gar lauter Gold gewesen und Kassenscheiners von hundert Thalern. Und da prügeln sich die beiden albernen Menschen und machen einen Skandöbs, daß die Leut herbeiströmen! Nein, nein, so was hab ich doch noch nimmer erlebt! Und da hat der Müllern auch noch das große Maul und giebt mir die Schuld.«
»Ja, das ist dumm, so dumm, daß mans gar nicht begreifen kann!« sagte der Fingerlfranz, der sich bisher ganz still und passiv verhalten hatte. »Denk Dir mal, Müller, das Geld, das Geld!«
»Ja freilich!« gab dieser kleinlaut zu. »Aber, wer ist schuld daran, wer? Sagt mirs doch nur mal?«
»Du!« rief der Sepp.
»Ich? Das fallt mir nicht ein.«
»Wer sonst?«
»Die Käth. Die hat anfangt zu reden.«
»Und Du hast ihr antwortet.«
»Aus Aergern und Grimm. Nachher hat sie mich gar gehaut. Aber muß fort. Ich hab ihr sagt, daß sie sogleich gehen kann!«
»Das werd ich nun auch thun,« meinte die Käthe, indem sie von ihrem Stuhl aufstand. »Meinst etwan überhaupt, daß mirs gar so sehr bei Dir gefallt? Du bist der reine Teufel. Wer bei Dir dient, der ist wie in der Höllen. Aberst ich hab Dich ausgewischt. Ich hab Dir eine ganze Meng Ohrfeigen geben, und die sind aus dem Herzen kommen. Das kannst nur glauben!«
»Was? Auch noch!« brüllte der Müller. »Gebt mir doch gleich mal schnell die Peitschen her, damit ich sie so verhau, daß sie gar nimmer laufen kann!«
»Jetzt kann ich noch laufen, und da will ich schnell machen, daß ich fortkomm von Dir, Du Lodrian!«
Sie eilte an die Thür, riegelte dieselbe auf und ging hinaus, die Thür hinter sich zuschlagend, daß das ganze Haus zu zittern schien.
»Na, wart!« rief der Müller. »Du sollst ein Zeugniß ins Buch bekommen, daß gewiß kein Herr Dich wieder in den Dienst nimmt. Du alberne Dirn, Du!«
»Das wirst unterlassen,« meinte der Sepp.
»So? Warum etwan?«
»Weil sie überall verzählen thät, was hier passirt ist.«
»Das mag sie thun!«
»So willst Dich auslachen lassen?«
»Warum nicht? Ich bleib doch der Thalmüllern.«
»Nun, wannst so denkst, so kann ich auch nix dagegen haben. Besser aber wärs, wann gar nimmer von dieser Geschichten geredet würd.«
»Gesprochen wird auf alle Fäll davon. Wenn die Käth auch nix sagen thät, so stehn hier genug Leut, die das Maul nicht halten können. Schau doch mal den Barbieren an! Dem wackelt bereits die Zung. Er kann sie kaum noch erhalten. Heut in der Fruh, wann er zu seinen Kunden geht, wird er sie all mit nander gleich mit der neuen Schatzgeschichten einseifen.«
Da hob der Barbier die Hand wie zum Schwur empor und rief in betheuerndem Tone:
»Schau her zu mir, Müllern! Ich versprech Dir – –«
»Nun, was?«
»Daß ich nix sagen werd.«
»Wie lange?«
»In alle Ewigkeiten.«
»Wie lang dauert bei Dir eine Ewigkeiten?«
Da lachte der Gefragte.
»Fast ein paar Wochen.«
»Siehst! Heut aber wirst nicht warten können.«
»Bis ich nach Hausen komm, ganz gern. Nachhero aber muß ichs doch meiner, Frauen verzählen.«
»Ja, ja, das hab ich wußt. Aber meineswegen verzählt es allen Leutln; ich hab grab nix dagegen. Da giebts wieder mal ein Hallodria über den Thalmüllern, und der bleibt doch dabei Der, der er ist. Aber Sepp, sag mir das Einzige: Ist der Schatz verloren?«
»Ja.«
»Auch für immer?«
»Nein, nur für heut.«
»Das ist gut! Das kann mich gefreun. So hab ich doch die Hoffnung, daß ich ihn mal bekommen kann. Dazu paßt wohl ein jeder Nachvollmondstag?«
»Ein jeder.«
»Und ich muß es grad so machen wie heut?«
»Wannst wieder Frosch und Kröten haben willst, ja!«
»Nein, so mein' ichs nicht.«
»Wie sonst?«
»Ob die Vers dieselben sind.«
»Ganz dieselben. Aber reden darfst nicht und Dich auch nicht prügeln mit dera Magden, sonst ists gefehlt. Nun aber hab ich für heut genug.
»Ich geh!«
»Ja,« meinte auch der Spielmatthes. »Da aus der Sachen nix worden ist, so stell ich mich auch nicht länger her. Aberst wannt das Geld gehabt hättst, Thalmüller, so wär ich nicht sogleich gangen, sondern da hätt Dein Kellern was hergeben müssen.«
»Meinst? Nix hättst bekommen, gar nix!«
»Ja, geizig bist; das weiß ich wohl; aber wir hätten Dich wohl auch nicht lang gefragt. Jetzt aber ists ganz umsonst. Kommt, Ihr Leutln! Wir wollen gehn und lieber bei mir noch ein Bier auf diesen Schreck trinken. Das ist besser, als wann man von seiner eigenen Magd geprügelt und gehauen wird.«
»Ja, mach nur gleich, daßt hinauskommst, sonst kannst noch die Peitschen zu schmecken kriegen, Du Nixnutz!« rief der Müller.
»Von Dir?«
»Ja, von mir!«
»Das müßt auch gut ausschaun. Aber so weit wolln wirs gar nicht kommen lassen, sonst würd die Peitschen auf dem Deinigen Rücken tanzen anstatt auf dem meinigen! Kommt, wir wollen schaun, daß wir gehn!«
Sie gingen Alle; nur der Fingerlfranz blieb noch da, weil der Müller ihm einen Wink gegeben hatte.
»Was willst noch?« fragte der Viehhändler.
»Wissen will ich, wast zu dieser Geschichten sagst.«
»Gar nix.«
»Mußt doch auch eine Ansichten haben!«
»Die hab ich auch.«
»Und wie lautet sie?«
»Das werd ich mich hüten. Dir zu sagen.«
»Warum?«
»Könntst leicht bös auf mich werden.«
»Auf Dich? Fallt mir nicht ein!«
»Nun, ich denk, daßt sehr dumm wesen bist.«
»Das klingt freilich nicht höflich!«
»Drum hab ich mich gleich vorerst entschuldigt.«
»Warum meinst denn grad dies?«
»Weilst gesprochen hast, sonst hättst jetzund das Geld.«
»Du glaubst also dem Sepp?«
»Natürlich!«
»Und ich möcht meinen, daß er mir einen Possen spielt hat.«
»Da bist falsch auf dem Weg.«
»Ich trau ihm nicht.«
»Und ich trau ihm sehr.«
»Ja, weißt, er ist so Einer, der das best Gesicht machen kann, so gut und lieb, wie eine Jungfer; aber hinter denen Ohren hat er es faustdick liegen.«
»Das mag sein; hier aber ist er ehrlich gewest.«
»Hm! Bin noch nicht überzeugt davon. Wo kommen so schnell die Fröschen und Kröten her?«
»Von denen Geistern, weilst geschwatzt hast.«
»Er kann sie auch hereini schafft haben.«
»Wann? Er war doch beim Matthes!«
»Bevor er zu diesem gangen ist.«
»Wie hätt er herein könnt? Hattst nicht verschlossen?«
»Das hatt ich wohl. Aber er ist gut mit dem Fex, und dem trau ich auch nimmer. Und schau – da fallt mir eben ein, daß der Fex die Laden heut zugemacht hat. Er kann leicht ein Fenster auslassen haben.«
»Um den Topf herein zu setzen?«
»Ja. Schau mal nach! Denn dann müßts noch aufi sein, weil er von draußen nicht zumachen kann.«
»Will gleich sehn.«
Er untersuchte die Fenster und Läden sehr sorgfältig.
»Es ist Alles zu,« referirte er sodann.
»So hab ich mich freilich täuscht.«
»Das hab ich mir denkt. Der Sepp meints ehrlich. Warum hab ich meine Sauen erhalten?«
»Nun, warum?«
»Weil ich keinen Fehlern begangen hab. Der Barbiern, der Hallunk, hat sich auch eine Güten than und mir die Ohrfeigen geben, daß ich dacht hab, der Himmeln soll einistürzen; aber ich hab dennerst nicht räsonnirt und kein Wörtchen sagt. Drum hab ich die Sauen erhalten. Nachher aberst, als ich sie sicher habt hab, da hab ich ihm die Watschen mit Zins zuruckgeben. Du aber hast nicht schweigen konnt.«
»So meinst wirklich, daß dies schuld ist?«
»Ja.«
»Magst Recht haben. Die Geistern sind zornig worden über die Käth und haben das Geld in die Thieren verwandelt. Aber die Käth muß nun fort, und den Schatz bekomm ich doch noch; dafür werd ich schon sorgen. Weißt, ich hab Angst habt, daß Jemand hier in der Stuben gewest ist, während ich fort war.«
»Angst? Warum da gleich Angst?«
»Weil mir mein Geldschlüsseln fehlt.«
»Sapperment! Den hat man Dir doch nicht etwan stohlen?«
»Ich weiß nicht. Ich hab ihn nicht finden konnt.«
»Wo ist er Dir wegkommen?«
»Allhier in der Stuben.«
»Und wo hast Dein Geld?«
»Das brauchst nicht zu wissen. Aber da nimm die Lampen, und such mal nach, ob er nicht zu finden ist!«
»Das will ich schon thun. Aber sagen thust mir nicht, wo Du's Geldl hast? Ich mags gar nicht wissen; ich bin reich genug und mach bei meinem Schwiegervatern nimmer den Spitzbuben. Eine Beleidigung ists auf jeden Fall. Zeig her das Licht!«
Er nahm die Lampe und leuchtete auf der Diele herum. Es währte auch gar nicht lange, so war das Suchen von Erfolg. Er richtete sich aus seiner gebückten Haltung auf.
»Hier liegt ein Schlüsseln. Ists derselbige?«
Der Müller griff begierig nach.
»Ja, der ists! Gott sei Dank!«
»Hast schon suchen lassen?«
»Die Käth.«
»Und die hat ihn nicht funden? Ja, diese Weibsbilder haben allüberall die Augen, aberst nimmer da, wo sie dieselbigen grad haben sollen.«
»Und wo hat er gelegen?«
»Die Dielen ist durchfault; da ist ein Loch, und er lag drinnen, mit Staub verhüllt.«
»So hat sie ihn von wegen dem Staub nicht sehen könnt. Ich abers: bin froh, daß ich ihn wieder hab. Und nun weiß ich auch, daß Niemand hier in deren Stuben gewest ist. Das macht mirs Herz ruhig.«
»Hast wohl gar sehr viel Geldl da stecken?«
»Es ist nicht nur ums Geld allein, sondern es sind auch noch andere Sachen dabei, die mir Niemand anschauen darf. Doch das ist nun gut. Jetzund hab ich Dir noch was zu sagen. Gehst gleich nach Haus?«
»Ja. Oder meinst, daß noch nicht die Zeit dazu ist?«
»O wohl! Es ist bereits spät nach Mitternacht. Da könntst doch mal gleich mit zum Hochzeitsbittern gehn.«
»Jetzund? In deren finstern Nacht?«
»Ja, weils nothwendig ist.«
»Etwan wegen unsrer Verlobungen?«
»Ja. Wir müssen noch Wen einladen lassen, gleich beizeiten in der Fruh, wanns Morgen worden ist.«
»Wen?«
»Das kannst nie und nimmer errathen. Ich mein' nämlich die beiden Herren drüben im Parterr.«
»Den Wagnern und den Ludwigen?«
»Warum sollen die mit dabei sein?«
»Weil sie gar so vornehme Herren sind.«
»Vornehmer als die Andern doch aberst nicht. Oben, über ihnen wohn ein Baronen und ein Conzertmeistern; die sind doch vornehmer als Die da unten.«
»Grad nicht! Es ist ein Geheimnissen; aberst Dir kann ichs verrathen, eben weilst der Bräutigam bist. Der Wagnern ist der Richard Wagnern, weißt, der die Opern machen thut.«
»Donnerwettern! Meinst den Richard Wagner?«
»Ja. Erst neulings hat er wieder eine solche Opern gemacht; er hat sie den »Gottfried« genannt.«
»Siegfried heißts!«
»Ach so! Na, meinswegen! Zwischen Siegfrieden und Gottfrieden wird kein großer Unterschied sein.«
»Ein sehr großer sogar! Der Siegfried soll ein großer, berühmter Held sein. Der Schulmeistern hat in der Dorfschänken davon erzählt.«
»Nun, der Gottfrieden war auch ein großer Held. Das hab ich selbst auch vom Schulmeistern gehört. Der Gottfried hat vorigesmal das ganze Jerusalem derobert. Er ist von Adel wesen und hat Gottfried von Oleum geheißen. Da siehst, daß ich auch meine Weltgeschichten im Kopf hab. Also der Wagner, der drüben bei mir wohnt, der ist der berühmte Comperniste, und der Andere, welcher Ludewig heißt, der ist gar der König selber.«
Franz trat erstaunt um einen Schritt zurück.
»Ja, da machst Augen!« sagte der Müller triumphirend.
»Der Kö – – – nig – – –?!«
»Freilich! Oder willsts etwan gar nimmer glauben?«
»Fast möcht ichs nimmer glauben.«
»Ich weiß es gewiß.«
»Der König in der Thalmühlen! Was will er hier?«
»Weiß ichs? Solche Leuten haben immer mal was Heimlichs vor. Weißt, solche große Herren nennt man doch die Dippelmaden; die dippeln überall herum, wo's in der großen Politiken mal einige Maden giebt.«
»Wer hats Dir denn gesagt, daß es der König ist.«
»Die Sängrin droben. Die weiß es gewiß.«
»Ja, die muß es freilich wissen, denn die Leut vom Theatern, die kennen den König sehr genau. Und den also willst mit einladen?«
»Ja, mit dem Wagnern.«
»Warum?«
»Das fragst auch noch?«
»Wir brauchen sie ja nicht.«
»Nein; aberst was für eine Ehren und ein Honneur das ist, wann wir sagen können, daß der König bei uns zur Verlobung gewest ist!«
»Freilich! Die Leut werden uns sakrisch beneiden. Aber ob der König auch kommen wird?«
»Warum nicht? Ist etwan der Thalmüllern ein Haderlump? Es ist für keinem König eine Schand, mein Gast zu sein. Ich fürcht mich nicht vor ihm. Mir ists ganz gleich, ob ich mit dem König red oder mit Dir, und in eine Angelegenheiten von mir dürft er nicht reden; da bin ich selbern Herr und König. Aber etwas anders müssens wir nun doch thun, als ich vorheren wollt.«
»In wiefern?«
»Mit dem Essen und Trinken.«
»Ach so!«
»Ja, wann der König da ist, dann muß es auch was Extrafeins geben, nicht nur so einen Wein, wie die Bauern trinken, weißt, welcher so schmeckt, als ob man eine Katz verschluckt und zieht sie nachhero beim Schwanz wieder heraus. Da muß man solchen trinken, weißt, wo die Stöpseln bis zur Deck in die Höhen springen. Wie heißt er gleich?«
»Das weiß ich – Pam – Kam – Dam – Schlam – Fam – Ham – – –«
»Ja, ja, so beinahe ists. Es ist so wie Schlamm, und nachher wie ob Einer im Wasser panscht, so ein – ein – ein – so ein Panscher.«
»Ja, richtig, jetzt hab ichs: Schlammpanscher.«
»Ja, so, so heißts, Schlammpanscher, wie wann Einer mit denen nackten Beinen im Schlamm herumpanscht. Was doch die Menschheit albern ist! Immer denen besten Sachen giebt man die schlechtesten Namen. Woher aber kann man solchen Wein erhalten?«
»Vom Hotel in der Stadt.«
»Und wie theuer kostet eine Flaschen?«
»Der Ortsrichtern hat mal mit trunken. Er sagt, die Flaschen hätt zehn Markerln kostet, und noch eine bessere Sorten gar fünfzehn.«
»Himmelsakra! Weißt, so kannst mal hingehn zum Hotel, nicht?«
»Ja. Wie viel soll ich bringen?«
»Zwei halbe Flaschen, dem König eine und dem Wagnern auch eine.«
»Denen Andern nicht?«
»Nein, denen nutzt der Schlammpanscher doch nix.«
»Aberst dem Bräutigam könntst auch eine vorsetzen!«
»Dir? Da bin ich viel zu gescheidt dazu. Du wirst welchen trinken, ohne daß ich ihn Dir kauf.«
»Das möcht ich auch erfahren, wie?«
»Das weißt nicht? So hast auch die Gescheidtheit nicht mit denen Löffeln gefressen! Der König muß doch eine Gesundheiten mit Dir trinken, nicht?«
»Ja, weil ich der Bräutigam bin.«
»Und der Wagnern auch?«
»Freilich.«
»Nun, so bekommst also Schlammpanscher.«
»O weh! Denkst etwan, diese Herren trinken so wie wir? Die geben ihr Glas nicht her, sondern die stoßen nur mit Demjenigen an, dem seine Gesundheiten sie meinen.«
»Das geht Dich nix an. Du mußts grad so machen wie mit denen Bauern. Wann der König Dir das Glas entgegenhält, und wann er sagt: »Prost, Deine Gesundheiten, Herr Bräutigam!« so greifst nicht etwan nach Deinem Glas, sondern nach dem seinigen und trinksts gleich aus. Nachhero hältst ihm das Deinige hin und sagst: »Schön Dank, Herr Ludwigen, wohl bekomms auch!« und er nimmts und trinkts auch aus. So habt Ihr die Gesundheiten mit nander trunken und seid quitt.«
»Und mit dem Wagnern auch?«
»Freilich! Und auch ein feins Essen müssen wir haben, weißt, solch Zeug, wobei es Unsereinem gleich ganz schlimm und übel wird wie bei deren Seekrankheiten.«
»Was meinst?«
»Es wird aus Heringseiern gemacht und heißt Ki – Ke – Ku – hinten dran ist er.«
»Ach so, Kiviar?«
»Ja. Das soll eine große Delikatessen sein. Ich habs in der Stadt gehört beim Kaufmann.«
»Wie wirds denn gessen?«
»Gessen nicht, sondern trunken zur Schokoladen. In eine Tasse Schokoladen rührt man zwei Eßlöffel voll Kiviar ein. Nachhero schmeckts. Und sodann giebts noch so eine große Delicatessen. Das sind Muscheln, die im Meer wachsen und gleich lebendig gefressen werden.«
»Ach, meinst Flaustern?«
»Ja, Flaustern. Da hab ich auch schon den Kaufmann fragt. Sie sind was theuern, drei Markerl das Dutzend. Aberst so viel brauchen mir ja gar nicht für die beiden Herren. Wann Jeder nur eine hat, so ists genug; dann wissens schon, daß mir Lebensart besitzen. Die werden auch im Hotel zu haben sein.«
»Natürlich! Dort habens Alles. Aber ich hab noch keine gessen. Muscheln sind doch zu. Weißt auch schon, wie man sie aufmacht?«
»Freilich! Der Kaufmann hat mirs sagt. Sie werden aufbocht wie die Nüssen. Darum legen wir denen Beiden den Hammer hin; die werdens nachhero schon selber machen.«
»Und was wird dazu gessen?«
»Syrupen wird aunschmiert, denn die Flaustern müssen süß schmecken, sagt der Kaufmann. Drum setzen wir eine obere Kaffeetassen voll hin. Beim Krämer bekommt man für zehn Pfennigen die ganze Tassen voll, daß sie überlauft. Kannst also die Flaustern mit besorgen, zwei Stuck und auch den Kiviar.«
»Wie viel da?«
»Wir geben blos Jedem eine Tassen Schokolade, also brauchen wir vier Löffel voll. Kannst sie Dir gleich in eine Düten geben lassen. Und nun geh auch, daßt zum Hochzeitsbittern kommst!«
»Darf ers wissen, daß es der König ist?«
»Nein, aberst andeuten mußts ihm, daß er seine Sachen aufs Allerfeinst machen soll, daß wir keine Schand mit ihm verleben und – – – Was willst?«
Diese Frage war an Paula gerichtet, welche jetzt hereinkam. Vorhin, als Alle hinaus mußten, war sie mit Leni und dem Stubenmädchen der Directorin hinauf zu dieser Letzteren gegangen, um sie zu beruhigen, obgleich sie selbst sich keineswegs innerlich ruhig fühlte. Sie konnte sich das außerordentliche Vorkommniß der heutigen Nacht, den Lärm, die Frösche und Kröten, den zerbrochenen Topf, die Anwesenheit so vieler Männer, welche gar nicht in die Mühle gehörten, gar nicht erklären, und nahm sich vor, den Vater zu fragen, obgleich sie denselben gut genug kannte, um zu wissen, welche Art Antwort er auf solche Erkundigung zu geben pflege. Als nun die Männer fort waren, wartete sie noch ein kleines Weilchen und kam nun herab. Ohne erst zu horchen, trat sie ein. Sie hatte geglaubt, ihr Vater sei allein, und so erschrak sie, daß sie grad diesen verhaßten Menschen bei ihm fand.
»Ich wollt mit Dir reden,« antwortete sie; »aber weilst nicht allein bist, so kann ich wieder gehen.«
Sie machte Miene, die Stube zu verlassen; ihr Vater aber gebot ihr:
»Halt! Du bleibst! Wast so mitten in deren Nacht mit mir zu reden hast, kann ich mir nicht denken; aber weilst einmal da bist, so paßts auch gut. Also red!«
»Ich hab so große Sorgen um Dich, daß – – –«
»Sorgen?« fiel er ihr halb höhnisch in die Rede. »Wie käm es denn, daßt mal Sorgen um Deinen Vatern hättst!«
»Ich wollt gern wissen, was heut geschehen ist.«
»Ach so! Also nicht Sorgen sinds, sondern Neubegierde ists. Und da meinst, daß ich sie Dir stillen werd?«
»So ists nicht gemeint. Ich hab denkt, daß Dir ein Unglück widerfahren sei.«
»Unsinn! Ein Spaß ists nur gewest. Nun weißts und hast nimmer danach zu fragen. Das ist also abgemacht. Aberst nun hab ich noch mit Dir zu reden. Siehst, wer da steht?«
Er deutete auf den Fingerlfranz.
»Den seh ich schon. Er ist groß genug.«
»Dein Bräutigam!«
»Vater – – –!«
»Still!« unterbrach er sie. »Ich habs gesagt, und es bleibt dabei. Da wird nimmer gemuxt!«
»Laß Dir nur ein einziges Wort – – –«
»Wirst gleich schweigen!« fuhr er sie abermals an, obgleich sie die Hände bittend erhoben hatte und im demüthigsten Tone sprach. »Ich werd es mir wohl gar gefallen lassen sollen, daß die Tochtern mir nicht gehorcht!«
Sie wagte es dennoch, wieder zu sprechen:
»Grad weil ich Deine Tochtern bin, und Du bist mein Vatern, hab ich das Recht, mit Dir zu – – –«
»Wannt nicht sogleich schweigst, sollst sehen! Franz, heb doch mal die Peitschen auf, und gieb sie mir her!«
Der Bursche, anstatt sich des Mädchens anzunehmen, holte die Peitsche wirklich herbei. Da färbte sich das bleiche Gesicht Paula's dunkelroth.
»Also der ist mein Bräutigam?« fragte sie.
»Ja, ich habs so wollt!«
»Und ich soll seine Frau werden?«
»Wannst nicht willst, so mußt!«
»Er sagt, daß er mich lieb hat; er verspricht mir alles Glück und alle Freud und giebt Dir doch die Peitschen, daßt mich schlagen sollst!«
»Weil sichs so gehört!«
»So weiß ich ganz genau, was ich von ihm zu erwarten hab, ganz genau!«
»Die Peitschen auch, wannst ihm dann nicht gehorchst. Er wird der Mann sein, der zu befehlen hat!«
»Und Du willst mich ihm wirklich geben?«
»Fragst auch noch!«
»Das kann ich gar wohl. So eine Fragen ist ganz am richtigen Ort, wann der Vatern im Voraus erkennt, daß die Tochter Prügel bekommen wird.«
»Dagegen hab ich gar nix, wann die Prügeln nur verdient sind. Du hast den Mann zu ehren, zu achten und zu lieben, von ganzem Herzen.«
»Einen solchen Mann? Niemals!«
»Was? Nicht?«
Er erhob die Peitsche. Aber anstatt sich einschüchtern zu lassen, trat sie einen Schritt näher und antwortete muthig, indem ihre Augen unter Thränen blitzten:
»Niemals!«
»Das geht mich auch nix an! Liebt Euch, oder liebt Euch nicht; das ist Eure Sachen! Aber gehorchen mußt!«
»Auch nicht! Einem Mann, den ich nicht lieben kann, werde ich auch nicht gehorchen, denn ich werde ihn überhaupt gar nicht heirathen.«
»Ah! Wo? Wie? Was? Nicht, gar nicht?«
Er schwenkte die Peitschenschnur scharf hin und her.
»Nein, gar nicht!« antwortete sie.
»Auch nicht, wann ich es befehl?«
»Auch dann nicht!«
»So willst mir widerstehen?«
»Ja. Ich kann nicht mit Dir im Guten reden, denn Du hörst mich gar nicht an; also bleibt mir nichts übrig, als für mich selbst zu handeln. Ich sage Dir, daß ich den Franz nicht heirathen werd. Schau sein Gesicht an! Es ist noch geschwollen von der Straf, die er für seine Rohheit erhalten hat. Wie kann ich so einen Menschen achten oder gar lieben. Und wannt mich wirklich zwingen willst, so geh ich aus dem Haus und in einen Dienst. Ich will liebern die allergeringste Magd sein und mir die Hand blutig arbeiten, als die Frau eines solchen Menschen. So, das ist nun meine Meinung, und von der geh ich nicht ab!«
Es war das allererste Mal im Leben, daß die sonst so schüchterne Paula in dieser Weise mit ihrem Vater zu sprechen wagte. Sie hätte jedenfalls gar nicht aussprechen können; er wäre ihr schon längst in die Rede gefallen; aber das ungeheure Erstaunen darüber, daß sie es wagte, ihm zu widersprechen, benahm ihm die Sprache. Er saß mit offenem Munde da und starrte sie an, als ob er eine ganz unbekannte Erscheinung vor sich habe. Dann aber, als sie geendet hatte, platzte er los:
»Kreuzmillionenhageldonner! Was denkst eigentlich, wer ich bin. Du alberne Gans Du! Willst mir gar ins Gesicht sagen, daßt mir nicht gehorchen magst! Das ist mir noch nicht widerfahren! Jetzt gleich auf der Stell knieest hier vor mir nieder und machst die Abbitten, sonst – – –«
Er klatschte mit der Peitsche; sie aber blieb stehen, ohne sich zu bewegen.
»Nun! Wirds bald?« donnerte er.
»Knieen? In Liebe kann ich vor dem Vatern knieen und wann er mir was zu verzeihen hat. Aber um einer Grausamkeiten willen auch noch Abbitten thun auf der Erd, das thu ich nicht!«
Die Adern seiner Stirn färbten sich blauroth.
»Nicht, also nicht?« brüllte er. »So kennst mich noch schlecht! Ich weiß die Mittel, Dich zu zwingen! Ich bin der Thalmüllern? Verstanden? Verstanden?«
Da nahm auch ihr so schönes und liebliches Gesicht den Ausdruck einer unbesiegbaren Energie an, und sie antwortete mit erhobener Stimme:
»Und Du kennst mich auch schlecht! Ich bin die Tochter des Thalmüllern; ich bin sein Fleisch und Blut und hab denselbigen festen Willen wie er. Ich laß mich nicht zwingen, niemals! Verstanden? Verstanden?«
Er holte aus, um sie zu schlagen; aber es traf ihn ein so leuchtender Blick aus ihren Augen, daß er den Arm langsam niedersinken ließ.
»So! Was willst dagegen machen, wenn ich Dich zwing?«
»Ich geh fort!«
»Und ich schließ Dich ein!«
»So spring ich aus dem Fenster!«
»Ich steck Dich in den Keller!«
»Es wird sich eine mitleidige Seelen finden, die mich dann doch mal herauslaßt. Dann geh ich fort.«
»Und ich schick Dir den Schandarm nach und laß Dich zurückbringen, zu Deiner großen Schand!«
»Dann werd ich mich an das Gericht wenden. Dort werde ich erfahren, ob ein Vatern das Recht hat, sein Kind mit aller Gewalten in das Unglück zu jagen?«
Es war ein wirkliches Wunder, daß der Müller noch nicht losgebrochen war. Es war ihm aber anzusehen, daß er sich kaum mehr halten konnte. Er schrie sie an:
»In das Glück! Verstanden? Das muß ich wissen, ich allein! Du dummes Ding bist viel zu albern und zu jung, um zu wissen, was Dir zum Glück oder zum Unglücken ist! Später wirsts mir auf den Knieen danken, daß ich Dich zwungen hab, den Franz zu nehmen!«
»Ich werds Dir nicht danken, weil Du mich nicht zwingen wirst.«
»Nicht? So?«
»Nein. Ich hab Dir sagt, daß ich mich nicht zwingen laß. Dabei bleibts!«
»Ah! Dabei bleibts! Das ist stark, nein, das ist allbereits schon zu stark! Weißt, wobei's bleibt? Bei meinem Willen bleibts! Nun weißts! Und hier hasts Siegel drauf! Mach Dich hinaus!«
Er holte aus und versetzte ihr einen schallenden Hieb.
Sie verzog keine Miene; sie sagte auch kein Wort; sie ging ruhig hinaus. Draußen aber brach sie in ein leises, unterdrücktes Schluchzen aus, welches desto lauter wurde, je höher sie die Treppe emporstieg, um in ihr Stübchen zu gelangen. Droben wurde leise die Thür geöffnet. Leni trat heraus.
»Wer weint da?« fragte sie halblaut.
»Ich bins,« antwortete Paula, welche sich noch im Dunklen befand, so daß der aus der geöffneten Stubenthür fallende Lichtschein sie nicht traf.
»Du, Paula, Du! Was hast? Wer hat Dich betrübt?«
»Der Vatern.«
»Der? Komm herein! Das mußt mir sagen!«
Sie ergriff sie bei der Hand.
»Nein, laß mich!« bat Paula.
»Warum? Hast kein Vertrauen zu mir?«
»O, ja.«
»Haben wir nicht Freundschaft schlossen, da unten an der Treppen?«
»Kannst mir auch nicht helfen!«
»Woher weißt das?«
»Weil mir überhaupten Niemand helfen kann.«
»Das darfst nicht sagen. Oft kommt die Hülf, wann und wohero man sie gar nicht erwartet hat. Komm also herein und verzähl mir, was Dich gar so sehr traurig macht hat. Du armes Wurmerl! Der Bock stoßt Dich ja an, so sehr hast zu weinen! Komm!«
»Ach, Leni, ich möcht sterben!« weinte Paula, indem sie den Kopf an die Schulter der Freundin legte.
»Nein, das darfst grad nicht. Wann ich hätt sterben wolln, sobald ich ein Herzeleid hatt, so wär ich bereits längst schon todt. Komm, komm!«
Sie zog sie in die Stube, machte die Thür zu und führte sie zum Kanapee.
»Du wirst die Madam stören!« warf Paula ein.
»Nein. Die schlaft wie ein Murmelnthier und schnarcht Die ein Stadtpfeifern. Hörsts nicht? Also sag mir bald, was Dich so traurig macht?«
Sie setzte sich zu ihr, zog sie an sich und strich ihr mit der Hand über das weiche Haar.
»Ach Gott, das ist gar schlimm, sogar sehr schlimm!« antwortete Paula.
»So sags, was es ist!«
»Das Heirathen.«
»So? Das? Das ist so schlimm?«
»Ja freilich!«
»Aber Viele, so sehr Viele meinen, daß es sehr schön sei!«
»Aber nicht, wann man Einen nehmen muß, den man nimmer leiden mag.«
»Ists so bei Dir?«
»Ja.«
»So will man Dich gar zwingen?«
»Ja, der Vatern will es haben. Er schlägt mich sogar.«
»Weißt, Dein Vatern ist ein böser Kerl. Ich sags Dir, obgleich Du seine Tochtern bist. Wannst ihm nicht folgst, so thust gar nicht etwan eine Sünd damit.«
»Ich will ihm auch nicht folgen. Ich geh liebern aus dem Haus. Aber so schnell, so schnell hatt ich mirs doch nimmer dacht!«
»Soll es so rasch gehn?«
»Am Sonntag bereits soll die Verlobung sein.«
»Mit wem?«
»Mit dem Fingerlfranz.«
»Herjemineh! Mit dem?«
»Kennst ihn etwan auch?«
»Freilich! Und er mich auch, sehr gut!«
»Woher?«
»Er wollt mich partutemang küssen, und da hab ich ihm eine derbe Watschen geben, und als das noch nix helfen wollt, da hab ich ihm Mehl in die Augen geworfen, daß er gar nimmer hat sehen können.«
»Der Hallodri!«
»Den also! Den sollst heirathen?«
»Ja! Und ich haß ihn doch so sehr!«
»Freilich! Die, welche Dem gut ist, die möcht ich an denen Filzpantofferln haben, um sie abzulaufen. Nein, Paula, den nimmst nicht, auf keinen Fall!«
»Aber der Vatern will mich zwingen!«
»Das leiden wir nicht!«
»Wir?«
»Ja, ich werd Dir helfen.«
»Ja, wennt das könntst!«
»Ich werd schon können! Weißt, vor Deinem Vatern fürcht ich mich schon lange nicht. Ist er noch auf?«
»Ja.«
»So werd ich gleich hinuntergehn und mit ihm reden.«
Sie wollte aufstehen. Paula hielt sie fest.
»Halt! Bleib da! Der Franz ist noch bei ihm!«
»Desto bessern! So hab ich gleich alle Zwei beisammen und werd ihnen eine Suppen einquirlen, in der sie Pfeffern und Salzen genug finden werden!«
»Nein, bleib lieber da! Ich bitt Dich gar sehr schön! Wannt jetzt hinunter kämst, so wird sicherlich nix Gutes fertig. Der Vater ist ganz in einer Launen, daß er auf Dich schlagen thät.«
»Hat ers bei Dir than?«
»Ja.«
»Das soll er büßen müssen. Wart, wir werden uns gegen ihn verbünden, und ich will sehn, ob zwei brave Dirndln nicht Herr werden über einen Vatern, der kein Herz im Leibe hat und über einen Buben, der von mir bereits so abfertigt worden ist. Aberst, Paula, sei gescheidt, und sag mir vorerst, warumt den Franz nicht magst!«
»Er ist mir zuwider.«
»Wohl – wegen – einem Andern?«
Sie blickte dabei liebevoll forschend der Freundin in die Augen. Diese erröthete und antwortete leise:
»Nein.«
»So hast keinen Schatz?«
»Nein.«
»Und auch Keinen, an den Du still gern denkst?«
»Auch nicht.«
»Schau, das ist gut, sehr gut! Einen heirathen sollen, den man nicht mag, das ist noch lange nicht so schlimm, als wann man Einen gern mag und kann ihn doch nicht bekommen. Das kannst glauben.«
»Weißts wohl genau?«
»Ja.«
»So hast Einen gern, dent nicht bekommst?«
»Leider! Schau also, Paula, wir haben Beide ein Leid, und das meinige ist noch viel größern als das Deinige. Dir kann geholfen werden mir aber nicht. Und wann Dein Vatern ganz fest auf seinem Willen besteht, so kannst doch wenigstens fort.«
»Er will mich einsperren!«
»O, ich laß Dich heraus! Nachher suchen wir uns einen – –ach, warum denn nicht bereits jetzt?«
»Was?«
»Ich wollt gleich sagen, daß wir uns einen Freund suchen wollen, der Dir helfen wird.«
»Ja, wen?«
»Hast keinen?«
»Nein. Der Fex ist wem bestern Freund. Aber Der, welcher mir helfen soll, der muß mächtiger sein, viel mächtiger als das arme, gute, treue Fexerl. Der freilich, wann der mir helfen könnt, der thäts allsogleich und wanns sein Leben kosten thät!«
»Hat er Dich so lieb?«
»Sehr!«
Sie hatte das in einem Tone gesagt, als ob sie von etwas ganz Gleichgültigem. Selbstverständlichem spreche; als sie aber jetzt Leni's Augen mit eigenthümlich fragendem Blick auf sich gerichtet sah, erröthete sie, als ob sie etwas sehr Ungeschicktes gesagt habe.
»Und Du bist ihm wohl auch gut?« fragte Leni.
»Ja. Wir sind Beid neben nander groß worden.«
»Ach so! Und er kann Dir nicht helfen?«
»Gar nicht.«
»So ist mir Einer eingefallen.«
»Welcher?«
»Ja, weißt, als Du sagtest, daß es ein Mächtiger sein muß, da hab ich gleich an denselbigen dacht.«
»Sag mirs!«
»Nun, rathests nicht?«
»Nein.«
»Weißt, ich bin ein gar kuraschirtes Hatscherl. Wann ich einmal zu einem Mächtigen laufen soll, so such ich mir doch gleich den Allsmächtigsten heraus. Und wer ist das? Denk mal nach!«
»Um Gotteswillen, Du meinst doch nicht etwan – –«
»Nun, wen?« lächelte die Sängerin.
»Den König gar!«
»Ja, den mein ich grade.«
»O Gott, nein, nein!«
»Warum nicht?«
»Wie kann der an so ein dummes Maderl denken!«
»So? Bist wirklich dumm? Paula, ich war noch viel, viel dummer als Du und er hat doch mit mir sprochen, von meinem Herzeleid und meinen Wünschen. O, er ist ein sogar besonderbarer Guter!«
»Er soll so stolz sein!«
»Der? Wer das sagt, der kennt ihn nicht. Ja, er ist ein Eigenthümlicher, so hoch und erhaben; aber wann er einmal herabsteigt, so ists schier grab, als ob man mit einem Engel sprechen thät.«
»Aberst ein König, und ich, die Müllerpaula!«
»Ein König und ich, die Muhrenleni! Er hat doch auch mit mir sprochen. Warum sollt er nicht auch mit Dir reden?«
»Ich fürcht mich gar so sehr!«
»Fürchtst Dich auch vor dem lieben Gott?«
»O nein!«
»Und der ist doch noch höher als der König!«
»Aberst es ist doch etwas ganz Andres. Unser Herrgott ist die Liebe, die Barmherzigkeit!«
»Meinst, daß unser guter König nicht auch barmherzig sein kann und nicht auch liebreich?«
»Ich glaubs wohl, aber ich fürcht mich bereits, wann ich zum Ortsrichter gehen muß, wie viel mehr aberst, wann ich zum König gehen sollt.«
»Das sollst ja gar nicht!«
»Was sonst?«
»Ich geh zu ihm.«
»Du? Du willst für mich sprechen?«
»Freilich! Hab nur keine Sorg! Ich werds noch viel besser machen, als obsts selber wärst.«
»Und fürchtest Dich nicht?«
»Fallt mir gar nicht ein. Ich red so ganz von der Leber herunter und er hört mich an und antwortet, ganz so, als ob ich – als ob ich die Leni wär.«
»Ja, so eine Extrakuraschen hab ich freilich nicht! Aber meinst denn wirklich, daß er mir hilft?«
»Natürlich!«
»Aber ob ers auch kann?«
»Das ist eine komische Reden. Wer soll es denn wohl besser können, als grad der König, der grad der Mächtigste ist im Land.«
»Und wie er es anfangen wird?«
»Das weiß ich sehr genau.«
»Nun?«
»Er wird zu Deinem Vätern gehen und zu ihm sagen: Höre, Müllern, wird er sagen. Du bist ein sehr dummer und ein sehr harter Kerlen! Du hast eine Tochtern, wird er sagen, die ist ein braves und liebes Dirndl, und dennerst willst sie dem Fingerlfranz geben. Ich kann Dich gar nimmer begreifen, wird er sagen. Sei gescheidt und mach keine solchen Faxen, denn das kann ich nicht leiden, wird er sagen. Die Paula mag sich einen Andern heraussuchen. Laß ihr nur Zeit, sie wird schon Einen finden, wird er sagen. Nachhero kannst auch Verlobung machen und Hochzeiten. Aberst mit dem Fingerlfranz, da laß sie nur in Ruh, wird er sagen.«
»Meinst?«
»Ja, so wird er sagen,« antwortete Leni im Tone und mit der Miene tiefster Ueberzeugung.«
»Aber der Vatern – –!«
»Nun, der wird gehorchen.«
»Glaubst Du?«
»Natürlich. Wann der König redet, hat ein Jeder zu schweigen und zu gehorchen.«
»Aber obs mein Vatern thut, das ist noch nicht fest.«
»Nun, da wird sich der König gar nix draus machen. Vor dem ist ein Müllern wie eine kleine Fliegen, wie eine Mucken in der Luft.«
»Und wann wein Vatern dennerst widerspricht?«
»Nun, so wird ihn der König nur so ein Bischen von oben herab anschaun und zu ihm sagen:
»Thalmüllern, bei Dir rappelts wohl im Kopfe? Soll ich Dich in's Zuchthaus stecken lassen, zehn Jahre lang oder fünfzehn oder gar lebenslänglich, wird er sagen. Dann wird Dein Vatern klein zugeben müssen.«
»Ich trau doch nicht recht.«
»So denkst, daß er sich lieber einsperren laßt?«
»Nein, sondern ich denk, daß der König nimmer so scharf mit ihm redet.«
»So? Das laß nur meine Sorg sein. Ich werds ihm schon sagen, wie man mit dem Thalmüllern reden muß. Und nun sag, bist noch traurig, Paula?«
»Nicht so, wie vorher. Du hast mir wiedern ein wenig Muth gemacht. Ich danke Dir.«
»Ja, schau, wann man sein Herzeleid Jemanden sagen kann, nachhero ists immer, als ob es viel kleiner geworden war. Paß auf, morgen um diese Zeit ists wohl ganz vorüber.«
»Ach, wie wollt ich da dem Herrgott danken und auch Dir. Ich würd Dirs niemals vergessen!«
»Ich thu es so sehr gern.«
»Aber wirds der König mir auch nicht übel nehmen, wann Du zu ihm von mir redest?«
»Das fallt ihm gar nicht ein. Er wird sich freuen, wann er einem seiner braven Landeskinder das Herzerl wieder leicht machen kann.«
»Leni, es ist bereits viel leichter. Was bist doch für eine gute Seelen! Ich hab Dich erst so kurze Zeit kennt und bin Dir doch bereits so gut, als obst meine Schwestern wärst seit langer Zeit.«
»So geht mirs auch mit Dir, Paula.«
»Bist mir also wirklich auch gut?«
»Von ganzem Herzen.«
»So nimmsts mir wohl am End auch nicht übel, wann ich Dich jetzt noch um was bitten thu.«
»Dir konnt ich gar nie was übel nehmen.«
»So darf ich?«
»Ja. Kann ich die Bitt aber auch erfüllen?«
»Ich weiß es noch nicht. Weißt, der arme Fex –«
»Ah, der Fex!« lächelte Leni.
»Was meinst?«' fragte Paula erglühend.
»Daß ich mich freu, daßt von ihm redest.«
»Kennst ihn denn?«
»Ja, ich hab ihn doch gesehen. Aber sag mir doch mal gleich, was er eigentlich ist.«
»Er ist mit einer armen Zigeunerin als Kind hier ins Land kommen. Sie ist storben. Da nahm ihn ein Holzknecht als Kind an; der starb aberst auch bald und so kam er her zu uns und ist Fährmann worden.«
»So hat er keinen Verwandten?«
»Keine Seel auf Gottes weiter Welt und keinen Freund, als nur allein den Wurzelseppen.«
»Ah – so! Und Du?«
»Ich halt auch große Stucken auf ihn, weil er so gut und aufmerksam zu mir ist. Die andern Leut aber verachten ihn und thun ihm Alles zum Schaden.«
»Verdient er Geld mit der Fähre?«
»Er muß Alles dem Vatern geben.«
»So sieht er aus! Kein Schuh und kein gar nix ist bei ihm zu sehen, und dennoch – –Paula, hast ihn Dir einmal so recht deutlich angeschaut?«
»Oft!«
»Ich mein, obt ihn angeschaut hast mit dem Gedanken, ob er ein hübscher Bub ist oder nicht?«
»Nein.«
Sie senkte die Augen verlegen nieder.
»So sag, was meinst von ihm? Ist er hübsch?«
»Häßlich wohl nicht.«
»Nein. Ich sag Dir, daß ich noch gar keinen so hübschen Buben sehn hab als den Fex – außer Einem.«
»Ach, demjenigen, dennt nicht bekommen kannst?«
»Ja. Aber Du wolltest mich doch wegen dem Fexen um Etwas bitten?«
»Ja, weißt, er liebt die Musik so sehr – – –«
»Das gefreut mich von ihm.«
»Und er hat doch noch nie was Ordentlichs gehört.«
»So!«
»Ja, nicht mal ein Conzerten!«
»Ah, ich errathe, waßt willst.«
»So? Sags doch!«
»Er will das meinige Conzert mit anschauen?«
»Er hat mir nix davon sagt; aberst es könnt mir keine größere Freuden geschehn, als wann er hören könnt, wie Du singst und wie die andern großen Künstlern spielen.«
»Willst auch Du mit in's Conzert?«
»Sehr gern möcht ich mit, aber dem Vatern darf ich nicht damit kommen, und auch bring ich das große Geldl nicht zusammen, was es kostet.«
»Nun, das ist das allerwenigste. Deinen Vatern will ich leicht so weit bringen, daßt mitgehen kannst, und ein Freibilletl geb ich Dir dazu.«
»Du Gute!« jubelte Paula.
»O, es kostet mich gar nix. Da brauchst also nicht groß zu danken. Und was den Fex betrifft so, hm, ich könnt ihm auch ein Billeten geben, aber –«
»Was, aber?«
»Hat er denn ein guts Gewandel?«
»Nein.«
»Er muß doch noch andre Kleider haben als die, die ich an seinem Leib sehen hab!«
»Er hat nix Andres.«
»Unmöglich!«
»Ja, der Vatern gibt ihm nix.«
»So mußt halt Du draufsehn, daß er ein ordentlich Habiten bekommt. Wann er zur Thalmühlen gehört und alles Führgeld abgeben muß, so kann er auch verlangen, daß er ordentlich ernährt und gekleidet werd.«
Paula blickte der Freundin ganz betroffen in das Gesicht. Sie hatte an diese Sache, so einfach und selbstverständlich dieselbe war, gar nie gedacht. Sie hatte den Fex nie anders gesehen, als in Kleidern, die er von Andern geschenkt bekommen und sich selbst mit Hilfe von Nadel und Zwirn mühsam zugerichtet hatte, und das war ihr bis an diesem Augenblick als etwas ganz und gar Selbstverständliches erschienen.
»Du schaust mich so ganz sonderbar an!« sagte Leni weiter. »Hast wohl daran noch gar nicht dacht?«
»Noch nie,« gestand Paula.
»Und auch kein Andrer nicht?«
»Nein.«
»Auch der Fex selbst vielleicht noch nicht?«
»Ich glaub, halt auch er nicht.«
»Du, da irrst Dich ganz sicher. Weißt, wie alt er ist?«
»Nein, Niemand weiß es.«
»Nun, ich schätz ihn achtzehn Jahre oder auch eins noch mehr. Und es giebt keinen Buben, der in diesem Alter nicht gern ein saubers Gewandt auf dem Leib trägt.«
»Ja, sauber ist er doch!«
»Du meinst reinlich nur. Ja, das ist er. Aber was er trägt, das sind ja lautern Fetzen. Wann er sich das gefallen laßt, so thut er das nur Deinetwegen.«
»Meinst?«
Sie erglühte abermals bis tief in den Nacken herab.
»Ja, gewiß. Er verlangt nix, um sich nicht mit Deinem Vatern zanken zu müssen.«
»Wie gern möcht ich ihm da helfen!«
»Kannst etwan nicht?«
»Nein. Der Vatern hats Geldl, ich nicht.«
»So wart mal, Paula. Ich werd Dir da gleich mal was zeigen.« Sie ging hin an den Tisch, auf welchem die Lampe stand, stellte sich so, daß sie Paula den Rücken zukehrte, griff in die Tasche, nestelte dann an Etwas herum und kam sodann zurück.
»Mach mal Deine Hand auf!« sagte sie.
»Warum?«
»Ich will Dir was hinein thun.«
Sie hielt die Hand hin. Leni that ihr das Betreffende hinein und sagte dann:
»Jetzt schau es an!«
»Herrgott, das ist ja Geld!« sagte Paula, wieder von der Hand aufblickend.
»Freilich!«
»Drei Goldstuckerln von zwanzig Mark!«
»Ja, zusammen sechzig.«
»Warum?«
»Meinst, daß es reichen wird?«
»Wozu?«
»Zu einem Gewandl für den Fex.«
»Gewandl – für – für – Leni!«
»Was?«
»Was soll ich dazu sagen!«
»Nix, gar nix.«
»Ich bin ganz starr!«
»Das seh ich schon bereits!«
»Ists Dein Ernst?«
»Natürlich.«
»Aberst das kann ich doch nicht annehmen!«
»Warum nicht?«
»Willsts etwan herschenken?«
»Ja.«
»Also nicht mal borgen! Das geht ja gar nicht!«
»Ich möcht wissen, warums nicht geht.«
»Wie kann eine reiche Müllerstochtern sich von einer armen Sängrin so was schenken lassen!«
»O Du liebs Hascherl Du, was bist doch für ein talkets Dirndl! Bist wirklich so reich?«
»Ja.«
»Und vorhin sagst, daßt kein Geldl hast, sondern nur Dein Vatern hat es!«
»Aberst ich bin sein einzig Kind. Was sein ist, das ist ja auch mein. Oder meinst etwan das nicht?«
»Er kann Dich doch enterben, wannst den Fingerlfranz nicht nimmst.«
»Wirklich?«
»Ja. Ich denk mirs, daß er das kann. Dann bist auch nimmer reich. Und woher weißt, daß ich arm bin?«
»Ich habs mir denkt.«
»Da hast sehr falsch dacht. Weißt, der König zahlt Alles für mich und giebt mir auch noch viel Geld, was ich mir sparen thu. Ich kanns also geben?«
»Aber ich kanns mir nicht schenken lassen!«
»Schenk ichs Dir?«
»Wem denn?«
»Dem Fex.«
»Ach so, ach so!« nickte Paula. »So ists! Aber so giebs ihm doch auch selbst!«
»Nein. Er solls nicht wissen, von wems ist. Auch darfst nicht denken, daß ich da von Dir einen Dank erhalten muß, weil ichs etwan Dir zu Gefallen thu. Das ist ganz falsch. Weißt, der Wurzelsepp ist mein Path und mein allerbester Freund; dem sein Freund ist nun wiederum der Fex, und dem Fex schenk ich das Geldl zu den Gewandl, damit ich dem Sepp eine Freud bereite.«
»Ja, wenns halt so ist –«
»So ists.«
»So werd ichs dem Fex geben?«
»Ja, giebs ihm.«
»Oder soll ich ihm lieber das Gewandl geben?«
»Das wär noch hübschern. Aber giebts in der Stadt Einen, der solche Kleider verkauft?«
»Es wird wohl Einen geben. Freilich hab ich in den Läden nur lauter Stadtherrenanzüg gesehen, weils eben ein Badeort ist, und es kommen lauter Herren, die kein Gebirgsgewandl tragen.«
»So mußt halt selber sehn, wieds machen wirst. Ich hab nur deswegen dran denkt, weil der Fex mein Concerten hören will. Da muß er doch ein ordentlich Gewandl haben.«
»Ach so! Aber damit ists gefehlt.«
»Warum?«
»Weil alle Leut schaun würden, wann er sich mit zu ihnen setzt. Sie würden bös darüber sein, selbst wann er ein guts Kleid an hat. Nein, so hat ichs nicht gemeint. Ich hab mir denkt, er könnt das Concertl mit anhören, ohne daß er von Jemand gesehen wird.«
»Hm! Das ist auch zu machen.«
»Aberst wie?«
»Wann er sich hinter die Coulissen steckt.«
»Erlaubt man ihm das?«
»Ganz gern, wann ichs dem Directorn sag.«
»O bitt schön! Sags ihm doch!«
»Ja, das werd ich thun, gleich in der Früh, wann ich ins Theatern zur Proben gehen muß.«
»Wie gut Du bist! Jetzt fühl ich wirklich fast gar nix mehr von dem Herzeleid und von der Ängsten, die ich vorhin mit hereinbracht hab.«
»Schau, das kommt davon her, daß man eine Freundin hat. Meinst nicht auch, daß wir Freundinnen bleiben wollen für alle Zeit?«
»Ach, wie so sehr gern, Leni!«
»Auch wann wir nicht bei nander sind?«
»Ja, da können wir uns doch schreiben.«
»So gieb mir einen Kuß darauf.«
»Von ganzem Herzen! Ich hab noch keine Freundin gehabt. Der Vatern ist so streng und hat mir Alles verboten. Ich hab so einsam lebt, wie – wie – ach, ich kanns gar nimmer sagen, wie, denn erst jetzt, wo ich Dich funden hab und so lieb gewonnen, da fühl ich diese Einsamkeiten. Und wann ich nicht zuweilen beim Fex gesessen hätt oder mit ihm durch den Wald strichen war, so hätts gar Niemand geben, der sich meiner erbarmt hätt. Freundlich sinds ja Alle zu mir wesen, aber Freunde nicht, weißt, denen man Alls so sagen kann, wie ich Dir und Du mir.«
»Dem Fex aberst hast Alles sagen können?«
»Ihm allein, aber auch nicht Alles.«
»Warum nicht?«
»Das weiß ich nicht. Vielleicht – vielleicht weil – weil – weil er kein Dirndl ist, sondern ein Bub.«
»Hast Recht; so ists! Und nun will ich Dir mal was ganz neues sagen vom Fex.«
»Weißt was?« fragte Paula schnell. »So sags! Ists was Gutes, Leni?«
»Was sehr Gutes. Gieb mal Dein Ohr her.«
»Warum?«
»Es ist eine so große Heimlichkeiten, daß nur das eine Ohr es hören kann; nicht mal das andere darf Etwas davon wissen. Komm also her!«
Sie zog Paula zu sich heran. Diese ließ die drei Zwanzigmarkstücke aus der Hand auf das Sopha gleiten und neigte sich ihr zu. Leni legte dem schönen Mädchen die Hand an das Ohr und flüsterte:
»Du liebst den Fex.«
Paula fuhr zurück, blickte ihr fast verständnißlos in das schöne Gesicht und fragte:
»Was sagst?«
»Hasts nicht verstanden?«
»Die Worte, ja.«
»Und weißt nicht, wie ichs gemeint hab?«
Jetzt erst ging Paula das Verständnis auf. Was so lange Zeit unbewußt und unerkannt in ihr geruht und gelegen hatte, das trat plötzlich groß und voll vor ihr geistiges Auge. Sie wurde leichenblaß.
»Was hast?« fragte Leni schnell. »Bist verschrocken?«
Jetzt zog eine tiefe, glühende Röthe über Paula's Angesicht. Sie beugte sich nieder und verbarg die Gluth unter ihren Händen.
»Paula, bist mir bös?«
Keine Antwort.
»Paula? Paula! Ich bitt Dich schön, sag doch ein Wort!«
Da fuhr sie empor, schlang die Arme um Leni, zog diese mit herzlichster Innigkeit an sich und küßte sie auf die Lippen.
»Ich bin Dir gar nicht bös,« flüsterte sie. »Gute Nacht!«
Ehe Leni sie fest zu halten vermochte, war sie zur Thür hinaus. Sogar das Geld hatte sie auf dem Sopha liegen lassen. In ihrem Stübchen war es dunkel. Sie trat an das Fenster. Es regnete nicht mehr und die Sterne leuchteten in mildem Glanze vom Himmel nieder.
Das Auge des schönen Mädchens richtete sich nach oben. »Du liebst den Fex!« Lang es noch jetzt in ihrem Ohre. Und das tönte auch in ihrem Herzen nach. Es war ihr so leicht, so wohl, so wonnig. Keine Spur mehr von dem Kummer, mit welchem sie die Stube des Vaters verlassen hatte.
»Fex, Fex, lieber Fex!« flüsterte sie vor sich hin.
So hatte sie ihn oft gerufen und sich doch nichts dabei gedacht, als daß er ihrem Rufe folgen solle. Und nun jetzt, was hatten diese Worte doch für einen ganz anderen Sinn! Noch lange, lange stand sie am Fenster und blickte hinüber nach der Stelle, an welcher die Fähre lag. Dann endlich trat sie vom Fenster zurück. Die Hände über dem wonnig wogenden Busen gefaltet, flüsterte sie nochmals:
»Fex, lieber Fex, gute Nacht!« –
Sie war so in Gedanken versunken und mit ihren Gefühlen beschäftigt gewesen, daß sie gar nicht bemerkt hatte, daß unten die Thür auf- und wieder zugeschlossen worden war. Der Fingerlfranz war gegangen, nachdem er noch so lange Zeit mit dem Müller gesprochen und von diesem die feste Versicherung erhalten hatte, daß am Sonntag die Verlobung gefeiert werde.
Er schritt dem Dorfe zu.
Fast in der Mitte desselben stand ein kleines Häuschen, der Besitz eines armen Webers. Auf der hinteren Seite gab es einen einfenstrigen Käfig – Stube konnte man es unmöglich nennen – in welchem sich der Hochzeitsbitter für wenige Mark jährlich eingemiethet hatte. Franz suchte dieses Fenster auf und klopfte an den Laden.
Im Inneren ließ sich ein Geräusch von raschelndem Stroh vernehmen und eine halb gähnende, halb krächzende Stimme rief ärgerlich:
»Laßt mich in Ruh, Ihr Lodrianers!«
Der gute Mann wurde nämlich sehr oft von der übermüthigen Jugend aus dem Schlafe geschreckt.
»Es ist kein Lodrian!« antwortete der Franz.
»Wer denn?«
»Der Fingerlfranz.«
»Ach so! Was willst?«
»Mach auf! Ich hab Dir was zu sagen.«
»Bringts auch was ein?«
»Ja.«
»So werd ich öffnen.«
Nach kurzer Zeit wurde das kleine Schiebfenster aufgeschoben und der Laden aufgestoßen. Es war stille Nacht, so still, daß man leise reden mußte, um nicht von unberufenen Ohren gehört zu werden. Darum näherte der Fingerlfranz seinen Kopf dem geöffneten Fenster, fuhr aber schnell wieder zurück, denn es war ihm etwas sehr Hartes und Weißes in das Gesicht gefahren, und zwar an die noch nicht geheilte Nase.
»Donnerwetter!« fluchte er. »Was schiebst mir denn da herausi an die Nasen?«
»Den Kopf.«
»Wie dann?«
»Siehsts nicht? Ich bins ja selber!«
Ja wirklich, der Leichenbitter hatte seinen schmalen, langen Kopf, welcher in einer weißen Zipfelmütze steckte, herausgeschoben und war mit demselben dem Franz an die Nase gefahren. Aus der Zipfelmütze guckte nur die lange Nase, der breite Mund und das spitze Kinn hervor.
»So schieb doch die Nachthauben von denen Augen weg, daßt sehen kannst, wohint den Kopf auch steckst!«
»Ist nicht nothwendig. Es ist ja finstern draußen.«
»Wart, so werd ich helfen!«
Er griff zu und zog ihm die Nachtmütze ab.
»Verfluchtger Kerlen! Willst mir etwan meine neue Nachthauben mausen!« meinte der Redekünstler.
»Fallt mir nicht ein! Wozu könnt ich sie auch brauchen! Du sollst nur die Mützen von denen Augen thun, damit Du auch siehst, went vor Dir hast.«
»Das seh ich bereits. Also, was willst?«
»Sollst noch Zwei einladen für den Sonntag.«
»Schon wiedern!«
»Ists Dir zu viel?«
»Nein; aberst mit Euch kommst man halt doch gar nimmer an ein allerletztes End!«
»Nun aber wird der Schluß sein.«
»Wills hoffen. Was zahlst?«
»Wieviel willst?«
»Das kommt darauf an, wers ist.«
»Sie wohnen in der Villa bei der Mühlen.«
»Bin ich schon gewest.«
»Ja, in der Etagen, aber nicht im Parterr. Da wohnt ein Herr Wagner und ein Herr Ludewig. Die sollst noch einladen.«
»So sag, was es für Leutln sind.«
»Sehr vornehme.«
»Mach mir nix weiß. Ich weiß schon. Die Vornehmen, wann man zu ihnen kommt, sinds die gröbsten und dümmsten. Tausendmal möcht man wiederholen, was man allbereits zehnmal schon sagt hat, und denn erst verstehn sie's noch immer nicht.«
»So sags deutlicher.«
»Deutlicher? Wie meinst das?«
»Sollst kein Kohl reden!«
»Kohl? Donnerwettern! Willst mich etwan beleidigen? Soll ich Dich zum Zweikampfen fordern, zum Duellen? Soll ich Dir den Spekulanten senden?«
»Den Sekundanten meinst etwan?«
»Ja, 's ist egal; aberst beleidigen lasse ich mich nicht!«
»So halts Maul! Also die Beiden sind die feinsten Leut, welche geladen sind. Ihretwegen wird Kiviar mit Schokoladen und Schlammpanscher getrunken. Du mußt also Deine Sachen so fein wie möglich machen, damit sie einen Respecten vor Dir und vor uns bekommen.«
»Vor mir werden sie ihn schon bekommen, ob aber vor Euch, das kommt drauf an, wie Ihr zahlt.«
»Nun, was verlangst denn?«
»So biet doch mal!«
»Zwanzig Pfennige, für Jeden einen Groschen.«
»Was? Für so ein Lumpengeldl soll ich mich in meinen Gallum werfen!«
»Galla meinst doch!«
»Schweig! Was verstehst davon! Wann die Frau sich anputzt, so heißts Galla, und wann der Mann sich putzt, so heißts Gallum. A ist weiblich und um ist männlich. Da frag den Schulmeistern, der fast so viel gelernt hat wie ich selberst.«
»Also willst?«
»Für diesen Preis nicht.«
»So biet ich dreißig Pfennige.«
»Fallt mir auch nicht ein! Für dreißig Pfennige soll ich mich in den Gallum werfen und zwei neue Reden einstudiren! Das ist zu viel verlangt.«
»Neue Reden? Das machst Niemandem weiß.«
»So? Ach? Wast doch für ein gescheidter Kerle? bist? Natürlich muß ich bei jedem anderen Menschen auch allemal eine andere Reden halten, sonst paßts ja nicht auf ihn. Ich hab in meinem ganzen Leben bei keiner Einladung auch nur ein einzig Wörtle zweimal sagt. Das ist einzig von mir, das macht mir Niemand nach, das hat Kopf und auch Ellbogen. Und für dreißig Pfennige. So wird kein Schenie bezahlt und kein Talent! Merks!«
»So! Also willst nicht?«
»Für diesen Preis? Nein!«
»So sind wir fertig, denn mehr geb ich nicht. Gute Nacht! Träum Dir einen bessern Preis!«
Er kannte seinen Mann und that, als ob er gehen wolle, doch kaum hatte er drei Schritte gethan, so erklang es hinter ihm:
»Franz!«
Er antwortete nicht.
»Franz, Fingerlfranz!« rief es ängstlicher.
»Komm noch mal her!«
»Lohnts auch was?«
»Mach keinen Spaß des Nachts. Man braucht den Schlaf und hat keine Zeit zu so langen Geschichten. Also sags aufrichtig, wast mir zahlen willst.«
»Nun, gar nix.«
»Oho!«
»Nein, gar nix!«
»Meinst, daß ichs umsonst thu?«
»Nein, das verlang ich nicht. Ich werd die Herren selberst einladen. Das Trinkgeld kann ich mir auch verdienen, was sie mir geben.«
»Da bekommst nix!«
»O, wenigstens einen Thalern. Die sind gar nobel!«
»Das kennt man schon! Je nobler, desto schofelner!«
»Die nicht. Die sind reich, steinreich.«
»Hast ihnen in die Taschen guckt?«
»Und Künstler!«
»So, na, da mags gehen. Die Künstlern sind immer nobel. Sie pumpen lieber Andere an, aberst ein Trinkgeldl geben sie allemalen. Also will ichs für die dreißig Pfennige machen.«
»Ist mir zu viel.«
»Wie? Hast sie doch vorhin geboten!«
»Aber jetzt nun geb ich sie nicht mehr. Hättst vorhin mitgemacht!«
»Das ist die reine Schlechtigkeiten, zumalen ich mein Geldl nicht mit Sünden und Faullenzen verdien.«
»Ich geb fünfzehn!«
»Gieb wenigstens zwanzig!«
»Nein. Gute Nacht!«
»Halt! Ich thu es für die fünfzehn!«
»O, hättst vorher eingeschlagen! Jetzt geb ich halt nur noch einen Groschen. Und wannt nicht mitmachst, so geh ich fort und Du brauchst dann auch zur Verlobung nicht zu kommen!«
Da freilich wurde es dem Manne angst. So ein Fest wie diese Verlobung wollte er auf keinen Fall einbüßen. Darum rief er schnell:
»Halt! Ich machs für die zehn Pfennige!«
»Und auch gut?«
»Hochfein! Die beiden Herren solln in ihrem ganzen Leben noch keine solche Red gehört haben.«
»So, gut! Hier hast den Groschen. Aber geh vor bei Zeiten hin, damit sie's nicht zu spät erfahren.«
»Ich kenn schon meine Pflicht und weiß, was ich solchen Leuteln schuldig bin. Schlaf wohl!«
»Gute Nacht!«
Er warf ihm die Nachtmütze zum Fenster hinein, als der Kopf verschwunden war, und ging.
Karl May
Der Weg zum Glück. Zweiter Band.
Roman aus dem Leben Ludwig des Zweiten

Viertes Capitel  Fortsetzung
Die Andern, welche bei dem Müller gewesen waren, hatten ihren Weg nach der Stadt genommen, den Wurzelsepp ausgenommen. Dieser hatte sich von ihnen weggeschlichen und war nach dem Grabesfelsen gegangen. Bei demselben angekommen, blieb er stehen. Aus dem Innern drang eine Fülle von Tönen, die selbst er dem Fex nicht zugetraut hatte.
»Ja,« brummte er, »der hat diese Gabe vom lieben Herrgottle empfangen und laßt sie nicht brach liegen. Der bringts schon mal zu was!«
Er suchte nach dem verborgenen Eingange. Die Steine waren fortgeräumt und das Bret lag da. Er hob es auf und kroch in den Gang hinein, den Eingang über sich wieder mit dem Brete zudeckend. Je tiefer er stieg, desto stärker und voller wurden die Töne. Als er unten ankam, stand der Fex mit hochrothem Gesicht vor dem Tisch, auf welchem die Noten lagen, die Geige des Concertmeisters in der Hand und war in seine Lection so vertieft, daß er das Kommen des Alten nicht eher bemerkte, als bis dieser ihn anrief.
»Heda! Hörst wohl gar nimmer? Da könnt Dein ganzes Geheimniß wohl verrathen sein, und Du würdest dann erst weiter fiedeln.«
Der Fex legte die Geige fort, zog den Alten in seine Arme und rief in freudiger Erregung:
»Sepp, lieber Sepp, sie gehen alle.«
»Wer?«
»Die Musikstucken alle.«
»So? Du bringst sie also fertig?«
»Nicht blos geigen kann ich sie, sondern sogar auswendig geigen.«
»Nicht möglich!«
»Willsts hören?«
»Ja, fang an.«
Da schlug der Fex die Noten zu, setzte die Geige an und begann. Es dauerte über eine volle Stunde, daß er unermüdet geigte, ohne nur eine einzige Note auszulassen oder eine falsche zu spielen. Als er dann fertig war, streckte ihm der Sepp die Hand entgegen und sagte einfach, ohne alle Lobhudelei:
»Fex, bist wirklich ein ganzer Kerl!«
»Meinst?«
»Ja. Hast dem Concertmeistern alle seine Stücken abgestohlen, alle mit nander.«
»Und es ist kein Fehlern vorkommen, ich weiß es.«
»So meinst, daß es gehen wird?«
»Unbedingt.«
»Und willsts wirklich wagen?«
»Ja, ich will spielen und all mein Geld auf diese eine Karte setzen. Der König ist da und der Wagner. So prächtig paßts im ganzen Leben gar nimmer wieder.«
»Aber wie willsts anfangen?«
Bei dieser Frage zog er sich eine der Cigarren hinter dem Steine hervor und brannte sie an.
»Das weiß ich freilich noch nicht. Ich muß mich da ganz auf Dich verlassen, mein lieber Sepp!«
»Ja, der Sepp! Wann Keiner was fertig bringt, so soll allemal stets der Sepp dann helfen.«
»Nein, so war das nicht gemeint. Du selbst hast mir gesagt, daßt einen guten Gedanken hättst.«
»Freilich wohl.«
»Nun, darum hab ich mir also keine Müh geben und auch gar nicht drüber nachdacht. Also bist nur selberst schuld, wenn ich Dir jetzund zur Last fall.«
»Zur Last? Fallt keinem Menschen ein.«
»Also willst?«
»Ganz gern.«
»Und wie ist Dein Gedanke?«
»Schau, das möcht ich Dir lieber noch gar nicht sagen.«
»Du meinst, ich könnt es verderben?«
»Ja. Die Hauptsach ist, daßt überhaupt das Concerten mit anhören kannst. Ich werd mit der Leni reden. Vielleicht erhältst die Erlaubniß, Dich hinter die Coulissen zu stellen. Nachhero, wann Dir das gelingt, so ists gewonnen, vorausgesetzt, daßt dann auch Deine Sachen machst.«
»Du brauchst gar keine Bangigkeit zu haben.«
»Nun gut. Jetzt aber bin ich neugierig, zu erfahren, wast in dem Stuhl funden hast.«
»Das hier.«
Der Fex zog die Brieftasche hervor, öffnete sie und zeigte ihm das Bild.
»Himmelsakra!« schrie der Sepp auf, als er kaum einen halben Blick darauf geworfen hatte. »Zeig her; zeig her! Die muß ich mir anschaun.«
Er griff mit wahrer Begierde nach dem Bilde; es schien, als ob er es mit seinen Augen verschlingen wolle. Der Fex bemerkte dies mit Erstaunen.
»Was ist mit Dir, Sepp?« fragte er.
Der Alte zog den Schnurrbart zwischen die Zähne, hustete vor sich hin und meinte dann in möglichst gleichgiltigem Tone:
»Was sollte mit mir sein?«
»Kennst etwan dieses Bild?«
»Wie sollt ich es kennen? Ich habs doch noch niemals in der Hand gehabt.«
»Oder die Frau?«
»Auch nicht.«
»Es schien aber ganz so.«
»Warum?«
»Weilst so schnell zugriffst.«
»Warum sollt ich nicht? Ich war neugierig drauf.«
»Hör, Du verbirgst mir was.«
»Fallt mir nicht ein.«
»Und doch, gewiß. Dein Schnurrbart zittert und Deine Augen sind ganz anders, als sonst.«
Er hatte ganz Recht; der Alte nahm sich zusammen und antwortete in gleichgiltigem Tone:
»Was so ein Guckindiewelt doch nicht Alles wissen will! Mein Schnurrbarten zittert! Na freilich zittert er, wenn ich mit dem Maul wackle; er ist ja dran festgewachsen. Und meine Augen sind natürlich anders, wann ich sie zusammenkneifen muß, um bei dieser Lampen das Bild genau zu erkennen. Weitern aber ists gar nix nicht. Und nun sag auch, ob noch was in der Brieftaschen steckt hat.«
»Das noch.«
Er gab ihm die Papiere hin. Der Sepp griff mit wahrer Begierde nach ihnen. Er öffnete sie und betrachtete sie, ohne ein Wort zu sagen. Als er sie dann auch ebenso wortlos zurückgab, fragte der Fex:
»Nun, was sagst dazu?«
»Nix.«
»Das ist wenig.«
»Mehr weiß ich nicht.«
»So kennst diese Schrift hier nicht?«
»Du weißt ja, daß ich gar nicht lesen kann. Aber solche Schrift hab ich bereits auch schon gesehen.«
»Ah! Wo?«
»In meinen jungen Jahren bin ich auch was in deren Welt herumilaufen. Da hab ich unten an der Donauen solche Schrift erblickt. Ich glaub, die Serben schreiben damit und die Wallachen und Rumänen. Es sind russische Buchstaben, wenn ich mich nicht irr.«
»Ists wahr?«
»Waram sollt ich Dich belügen!«
»Gott sei Dank! So weiß ich doch nun Etwas!«
»Was?«
»Wohin ich mich zu wenden hab, um mir die Schriften vorlesen zu lassen.«
»Willst etwan nach Rußland laufen?«
»Nein.«
»Oder nach Serbien?«
»Auch nicht. Ich werd hinein ins München gehen und mir einen Gelehrten erfragen, der es lesen kann.«
»Ach so! Das aber hättst auch thun könnt, wanntst nicht wußt hättst, was für eine Sprachen es ist. Na, ich wünsch Dir Glück dazu. Wer aber mag die Frau wohl sein, deren Bild das ist?«
»Meine Muttern.«
»Unmöglich!« fuhr der Sepp auf.
»Freilich! Was begehrst denn so?«
»Ich? Ich bin ja ganz ruhig!«
»Na, wann das ruhig ist, so weiß ich nimmer, was unruhig ist!«
»Woher weißt denn, daß es Deine Muttern ist?«
»Weil ich sie kenne; weil ich dies Gesicht nie in meinem Leben vergessen werd. Und wannsts mit dem meinigen vergleichst, so wirst die Ähnlichkeit zwischen ihr und mir sogleich herausfinden.«
»Wie hat sie denn geheißen?«
»Das weiß ich auch nicht.«
»Du mußt sie doch genannt haben!«
»Mama hab ich sie gerufen. Das hab ich ganz vergessen gehabt, aber als ich hier das Bild sah, ist mirs allsogleich wiedern eingefallen. Und beim Namen ruft doch ein Kind die seinige Muttern niemals.«
»Ja, das ist wahr. Also weiter weißt nix von ihr?«
»Gar nix.«
»Das ist jammerschade. Jetzt hast das Bild von Deiner Muttern und kannst Dich aberst grad auf die Hauptsachen nicht besinnen, auf die es hier ankommt.«
»Vielleicht stehts hier in denen Papieren.«
»Wollen es hoffen. Ich werd mich auch mit umischaun nach Einem, der sie zu lesen vermag. Nun aberst schaff die Violinen fort und die Noten, denn in kurzer Zeit wirds Tag werden und dann bringsts nicht hinein in dem Capellmeistern seine Stuben.«
»Regnets noch?«
»Nein, Du brauchsts nicht einzuwickeln; es wird nix naß werden davon. Komm, ich geh mit.«
Sie verließen die ›Kapelle‹; und begaben sich nach der Villa, um die Violine sammt den Noten heimlich abzuliefern. Der Tag graute wirklich schon im Osten und das Wetter hatte sich vollständig verändert, so daß ein prachtvoller Morgen zu erwarten war.
Es war für den Fex die höchste Zeit gewesen, die erwähnten Gegenstände zurückzubringen, denn als er sich von der Säule der Veranda hatte herniedergleiten lassen, ergriff er den Arm des Alten, zog ihn schnell mit sich fort und sagte:
»Komm rasch! Beinahe wär ich derwischt worden.«
»Hat der Concertmeistern Dich gehört?«
»Nein, aberst gesehen hätt er mich beinahe.«
»Himmelsakra!«
»Ja. Er war bereits aufistanden und lief in seiner Schlafstuben umher, im Hemden, mit der Zipfelhauben auf dem Kopf und Panteufeln an denen Füßen. Die Thür stand aufi und ich mußts sehr klug abjustiren, nicht bemerkt zu werden.«
»Na, dann ists ein großes Glücken, daß es noch mal gelungen ist. Diese Schand, wann er Dich gesehen hätt!«
»Gar keine Schand! Ich hätt schon gewußt, was ich sagen mußt, um nicht für einen Spitzbuben gehalten zu werden. Aberst ihn hättst anschauen sollen!«
»Warum?«
»Na, das ist ein ganz besonderbarer Kerlen! So alt, wie der ist, das schaut man ihm gar nicht an, wann er sich angemalt hat.«
»Malt er sich an?«
»Freilich! Ich habs ja sehen. Er strich sich mit einem Dingen im Gesicht herum, das war wie ein Pinsel, aber Federn anstatt der Haaren. Hernach schmierte er eines Lappen ins Gesicht, da wurden die Backen roth. Hernach schnitt er sich mit einer kleinen Scheeren die Haaren aus denen Nasenlöchern, und auf dem Kopf, da hat er gar keine gehabt, sondern er trägt eine Perrucken. Und zuletzt nahm er seine Zähnen aus einer Schüssel und steckt sie ins Maul. Er hat nicht einen einzigen. Das Maul war ihm eingefallen wie einer alten Frau; als er aberst das Kauwerk hineinsteckt hatt, da hatt er um zwanzig Jahre jünger ausgeschaut. Nachhero bin ich fort. Ich hab allen Respectum vor seiner Geigen und seiner Geschicklichkeiten mit dem Violinbogen, aber der alte Haxen, wann er sich in die Leni verliebt und sie gar durch das Perspectivenfernrohr anschaun will, so sollt man ihm gleich Zwanzig aufzählen, aber fortissimo!«
»Ja, solche alten Kerls sind gar die Allerschlimmsten. Jetzt nun gehst wieder hinab in die Kapellen und schläfst noch ein Stündchen herab.«
»Das geht nicht.«
»Warum?«
»Weil Jemand kommen kann zur Ueberfahrt.«
»Da laß mich sorgen. Du hast in denen letzten Nächten gar nicht geschlafen, sondern gegichen und geübt, ohne ein einzig Aug zuzuthun. Das ist nix. Du bedarfst auch der Ruhen. Leg Dich nur hin. Ich werd mich hinauf ans Grab setzen, wo man Alles überblicken kann, und Dir ein Zeichen geben, wann ja ein Jemand kommen sollt.«
»Aber Du hast auch nicht geschlafen.«
»Das geht Dich nix an. So ein alter Kerlen braucht wenig Schlaf und ich hab ja am ganzen Tag nix zu thun. Ich kann mich schon spätern mal hinlegen. Du aber mußt die Augen immer aufihaben.«
Es ging nach seinem Willen. Der Fex stieg in sein geheimes Cabinet hinab und er ging hinauf auf den Felsen und setzte sich am Grabe nieder, um für den jungen Freund zu wachen. Dort stemmte er das Gesicht in die beiden Hände und blickte höchst nachdenklich vor sich hin. Was sein Inneres bewegte, verriethen die halblauten Worte, welche er wiederholt vor sich hinsprach:
»Ja, es ist ihr Bild, ganz gewiß ihr Bild! Ich werd nachforschen. O, Fex, wannt wüßtest, wert eigentlich bist, was thätst da machen vor Freuden!«
Es wurde heller und sodann flutheten die ersten Sonnenstrahlen von Osten her in das Thal herein. In der Mühle begann es, sich zu regen, und auch die Thür der Villa wurde geöffnet. Der Italiener trat heraus. Der Sepp murmelte, als er ihn erblickte:
»Da ist er. Auf ihn wart ich ja. Er soll mir auch nicht entgehen, wann er auch nicht grad hierher kommt.«
Aber der Concertmeister kam doch nach dem Fluß herüber und lenkte nach dem Felsen ein. Seinem vorsichtigen Gebahren dabei war es anzumerken, daß er von der Mühle aus nicht gesehen werden wollte. Er stieg herauf. Der Sepp aber zog sich rasch hinter die Sträucher zurück. Grad dorthin, wo er soeben gesessen hatte, setzte sich der Italiener. Er konnte von der Mühle aus nicht gesehen werden, diese aber zwischen dem Busch hindurch beobachten. Er hatte sein Fernrohr abermals mit und hielt es an das Auge.
Wohl eine Viertelstunde lang beobachtete er die Fenster, hinter denen er Leni wußte. Da hielt es der Sepp nicht länger aus. Er schlich sich leise von hinten heran und legte ihm die Hand auf die Achsel.
»Grüß Gott, Herr Concertmeistern!«
Der Kleine fuhr auf's Aeußerste erschrocken empor.
»
Oh Dio – ach Gott! Wer sein da?«
»Ich bins. Brauchst nicht zu derschrecken!«
»Du! Ah Du!«
Sein Gesicht nahm einen beruhigten Ausdruck an und erheiterte sich sogar.
»Ja, ich bins. Glaubsts wohl nicht?«
»O, ich es ßehr klaupen, ßehr, ßehr!«
»Schön, aber was machst denn da?«
»Ich betrachten der Mühlen.«
»So! Hast wohl schlechte Augen?«
»Warum?«
»Weilst durch das Blasrohr schaust, wannt die Mühlen sehen willst, die so nahe liegt.«
»Blaßenrohr, cerbottana? Das dok nicht ßein ein Blaßenrohr!«
»Was denn?«
»Einen Fernrohr.«
»Ach so! Darf ich auch mal hindurchschaun?«
»Ja.«
»So zeig her!«
Er setzte das Rohr an und richtete es auf die Mühle. Obgleich er gar nichts sah, sagte er doch:
»Sapperment, welch ein fein Sperpectiven das ist! Da schaut man ja Alls ganz genau. Grad jetzund seh ich die Leni am Fenstern.«
»Leni? Die Ssängerin?«
»Zeigen her! Rasch! Schnell!«
Er riß ihm das Fernrohr aus der Hand und blickte hindurch. Nach einer Weile meinte er enttäuscht:
»Ich ßehen ßie nicht!«
»So ist sie vom Fenstern hinweggegangen.«
»Wird kommen wieder?«
»Wie kann ich das wissen? Willst sie wohl gern sehen?«
»Ja, ßehr, ßehr!«
»So geh doch hin und besuch sie mal!«
»Nicht ßo, nicht ßo!«
»Nicht ßßßßo! Wie denn?«
»Ich mein – ah, ich kann Dir nicht sagen!«
»So halt den Schnabel, wannsts nicht herausbringen kannst! Aber ich wundre mich nur, daßt sie sehen willst. Du warst doch ganz bös über ihre Jodler!«
»Böß? O ja – o nein, nein, nein! Ich mich haben getäuschen in ßie! Ssie ßein eine großen Sängrin!«
»So? Woher weißt das?«
»Ich ßie haben hören ßingen.«
»Ach so! Nun, ich sagt es Dir ja gleich, daß sie es kann. Also hab ich Recht gehabt?«
»Ssehr Reckt, ßehr! Ihr Ssingen ßein ßehr kut, ßehr auskeßeichnet; aber ihre Perßon nock schöner!«
»Also gefallt sie Dir?«
»Wie ßehr kut, wie ßehr! Sfie ßein ein Enkel, angelo.«
»So red doch deutsch! Ich kann Deinetwegen nicht alle Sprachen der Erden auswendig lernen!«
»Kut! Ich werde ßprecken deutschen.«
»Ja, das bitt ich mir aus! Also für einen Engel hältst meine Leni? Das gefreut mich sehr, denn wann ein Dirndl Einem gefällt, so muß sich ihr Path doch drüber freun.«
»Ja, Du ßein Path! Ich erst jetzt wieder daran denk! Das ßein ßehr kut, ßehr kut!«
Er hatte bis jetzt unausgesetzt durch das Fernrohr geblickt; jetzt aber ließ er dieses sinken, zeigte neben sich auf den Sitz und fuhr fort, freundlich nickend:
»Du ßollen Dich niederßetzen!«
»Hier neben Dich?«
»Ja.«
»Nein; das thu ich schon nicht.«
»Warum nicht?«
»Das laßt mir der Respecten nicht zu, denn Du bist ein großer Künstler und ein vornehmer Herr.«
»Ich ßein bei Dir keinen Kunstler und auk keinen Herrn! Ich ßein Dein Freunden.«
»Ach? Das laß ich mir freilich lieber gefallen.«
»Also Dich ßetzen!«
»Schön!«
Der Alte setzte sich eng neben ihn hin, schlug ihm vertraulich auf das Knie und sagte:
»Daßt nicht so stolz bist und mich neben Dich setzen läßt, das gefreut mich sehr von Dir. Ich bin Dir gleich vom ersten Male her gut gewesen. Sag einmal, kann ich Dir vielleicht einen Gefallen thun?«
»Kefallen? Ja, ja!« nickte der Italiener.
»Dann heraus damit! Sag mir es doch!«
»Du erßt ßagen mir, ob die Leni haben ein Anbeter.«
»Anbeter? Wer soll sie denn anbeten? Sie ist doch nicht etwan ein Götzenbild.«
»Nein, nein! Ich nicht ßo meinen. Ich ßagen wollen, ein Liebhaber, Keliebter, Schatzen!«
»Ach so! Ob sie einen Schatz hat!«
»Ja, ja!«
»Nein, sie hat keinen!«
»Schön! Aber ßie ßein wohl ßehr ßpröde?«
»Ja, sehr.«
»O wehe!«
»Warum o wehe?«
»Weil – weil – weil ich ßie lieben!«
»Du? Was? Du liebst sie?«
»Unaußenßprecklick!«
»Da könnt mir auch Einer einen Storch braten!«
»Ja, Stork! Erst Liebe und dann Stork!«
»So! Willst sie wohl heirathen?«
»Ssehr kern, ßehr kern!«
»Obs auch wahr ist!«
»Ssehr, ßehr!«
»Hm! Das kann mich gefreun, wann meine Mündel eine Frau Concertmeisterin wird!«
»Ja, das ßein eine große Ehren!«
»Freilich, freilich!«
»Aber ehe ßie heirathen, ich ßie vorher wollen ßehen.«
»So geh zu ihr und schau sie Dir an.«
»Ich anders meinen.«
»Wie denn?«
»Ich ßie ßehen will, ßo – ßo wie Venus.«
»Venus? Hm! Was ist das für ein Thier?«
»Thier! Oh, oh! Venus ßein Köttin der Lieben.«
»Göttin der Liebe? Schau mal an!«
»Ja, und ßie hat nicht an vielen Kleidungen.«
»Donnerwettern! Und so willst auch die Leni sehen?«
»Ja, ja!«
»Du, das ist wohl bei der Venussen Mode, aber hier bei uns nicht. Verstanden, alter Freund?«
»Ich haben verßtanden. Aber wenn ich heirathen, ßo müssen ich dock wissen, ob Frau auck ißt schön!«
»Hin! Da hast nicht ganz Unrecht. Ich thät auch keine Katz im Sack bezahlen. Ich verstehe Dich ganz gut. Freilich möcht ichs gern haben, daß die Leni eine so vornehme Damen wird. Drum hab ich gar nix dagegen, daßt sie erst richtig anschaun willst. Aber wie willst das wohl anfangen?«
»Mit dießem Fernrohren.«
»Unsinn! Was kannst da schauen! Da weiß ich etwas viel Besseres und Intressanteres.«
»Du wissen Besseres? Wirklick?«
»Ja.«
»Wie? Wo? Es schnellen ßaken!«
»Nur sachte, sachte! Ich weiß, wo Du sie Dir ganz genau anschauen könntest.«
»Wo?«
»Hm! Du kannst leider gar nicht hin.«
»Ssaken dock wo, wo, wo?«
Der lüsterne Italiener war ganz Feuer und Flamme.
»Im Theater,« meinte der Sepp.
»Ssehr schön, ßehr! Ich auck ßein im Theater.«
»So? Das nützt Dir doch nix.«
»Warum?«
»Als Zuhörer kannst sie nur sehen, wann sie singt.«
»Ich ßein nicht Zuhören, ßondern Mitspielen!«
»Ach so! Höre, das ist fein! Da läßt sichs machen.«
»Wie? Wie?«
»Wann Du durch das Garderobenfenstern schaust.«
»Karderobe! Ah! Oh! Herrlick, präcktick!«
Der Kleine klatschte vor Freude in die Hände. Der Alte aber blickte sich scheu um, als ob er einen Lauscher fürchte, und theilte ihm dann mit leiser Stimme seinen Plan mit. Der Concertmeister hörte schweigend zu, brach aber sodann in laute Lobeserhebungen aus.
»Du ßein ßehr kluk, ßehr kescheidt! Hier, ich Dir geben ein Keschenken!«
Er zog ein Silberstück hervor und gab es dem Sepp. Dieser steckte es schmunzelnd ein und fragte:
»Machst also mit?«
»Ja, ja, allemalen!«
»Gut! Aber kannst denn auch klettern?«
»Kletter, ripire, arrampicarsi? Nein. Ich ßein nock nie ßteigen auf Baum.«
»O weh! So mußt Du verzichten.«
»Warum verzickten?«
»Weil Du nicht auf den Baum kannst.«
»Es ßein vielleickten da einen Leitern, ridolo?«
»Eine Leiter? Ach ja, daran hab ich ja gar nicht dacht! Ich werd Dir eine verschaffen.«
»Woher?«
»Vom Hausmann im Theater. Weißt, der ist ein guter Bekannter von mir. Er stammt aus meiner Gegend, und ich besuch ihn auch zuweilen. Darum kenn ich eben den Garten hinter dem Theater, den Baum und auch das Fenster, vor dem er steht. Ich werde Dir eine Leitern besorgen. Auf derselbigen steigst hinauf auf den Baum und kannst da grad in die Garderobe blicken, die nur für die Künstlerinnen da ist, die als Gast spielen thun. Da wirst sie sehen, wann sie das feine Kleid anlegt.«
»Schön, ßehr schön, ßehr! Du ßein ein herrlicker Kerl, ein präckticker Kerl! Du gefallen mir!«
»O, noch viel besser wirds Dir auf dem Baum gefallen! Nun aberst mach, daßt jetzt fortkommst von hier!«
»Warum?«
»Es darf Niemand sehen, daßt die Leni beobachten willst mit dem Fernrohren. Auch ists hier an diesem Grab nicht ganz geheuer. Hast noch nix gehört davon?«
»Kehört und kesehen!«
»Was? Sogar gesehen hasts?«
»Ja, o ja!«
»Was denn?«
»Zweien Geßpenstern, am Abend. Ich gehen hierher nur bloßen am hellen Tak.«
»Ja, das machst recht. Was hast aber denn gesehen, als Du die Gespenster erblickt hast?«
»Ich ßein auskerissen, ßehr, ßehr!«
»Das ist freilich das Allernbeste, was man thun kann. Also geh jetzt. Beim Concert sehn wir uns wieder.«
»Schön! Addio!«
»Adjoh, Herrn Concertmeistern!«
Der Kleine ging, und der Alte blickte ihm sehr vergnügt nach. Es war ihm gelungen, die Angel auszuwerfen, und der Fisch hatte angebissen. Jetzt blieb er sitzen, um den Fex zu wecken, wenn Jemand zur Fähre kommen sollte. Aber es kam Niemand. In der Mühle wurde spät aufgestanden, weil die Bewohner wegen der nächtlichen Ruhestörung spät ausgeschlafen hatten.
Ungefähr kurz nach acht Uhr kam der Fingerlfranz vom Dorfe her. Er hatte dem Müller versprochen, zu kommen, um diesem zu melden, ob er die Sau auch wirklich erhalten habe oder ob sie nicht auch noch nachträglich in allerlei Gethier verwandelt worden sei. Eben als er in die Thür treten wollte, kam die Leni heraus. Sie hatte noch ihren Alpenanzug an.
»Das bist Du!« sagte er. »Was machst hier?«
»Besseres als Du!«
Sie wollte an ihm vorüber, er aber vertrat ihr den Weg und meinte in drohendem Tone:
»Halt! So schnell kannst nicht vorbei! Ich will wissen, wast hier machst. Und Du sollst auch die Strafen empfangen für Deine Schlechtigkeiten gegen mich!«
»Willst sie etwan wieder küssen?« erklang es von der Treppe her, wo Paula stand, ohne von ihm bemerkt worden zu sein.
»Das fallt mir freilich nicht ein,« antwortete er.
»Hasts aber doch thun wollen und gar erzwingen!«
»Wer hat das gesagt?«
»Die Leni.«
»Das hat sie gelogen.«
»So! Dann hat sie Dir wohl auch keine Ohrfeigen geben und Mehl in die Augen, daßt nix mehr sehen konntst?«
»Das sind lauter Lügen. Die, wann mir eine Ohrfeigen gäb, die sollt sehen, was ihr geschehen thät!«
»So, was sollt mir denn geschehn?« fragte die Leni.
»Ich that Dich dermurxen!«
»So versuchs! Da!«
Ehe er es sich versah, holte sie aus und schlug ihn mit ihrer kleinen aber kräftigen Faust an die Nase, daß diese sofort wieder blutete. Er fuhr mit beiden Händen nach der verletzten Stelle, und das benutzte sie, ihn zur Seite zu stoßen. Rasch an ihm vorübergleitend, eilte sie fort. Als er sich umdrehte, um sie zu fassen, war sie bereits hinter der Ecke des Vorgartens verschwunden.
Sie wollte so früh wie möglich ihr der Paula gegebenes Versprechen erfüllen. Darum ging sie jetzt nach der Villa, um von Weitem nachzusehen, ob sie es bereits wagen könne, zum Könige zu gehen. Sie sah, daß Wagner am offenen Fenster stand. Auch er erblickte sie, und da er an ihrem Gebahren merkte, daß sie irgend eine Absicht habe, so winkte er ihr. Sie eilte zu ihm hin, und er fragte:
»Suchtest Du Etwas?«
»Nein, sondern ich wollt schaun, ob ich den König nicht stören thät, wann ich ihm was sagen wollt.«
»Ists nothwendig?«
»Ja. Ich hab eine Bitten, nicht für mich, sondern für meine Freundin, die Paula.«
»Die Müllerstochter? Die ist bereits Deine Freundin? Ja, Damen werden sehr schnell bekannt.«
»O, die Männern oft noch schneller. Wann sie mit nander ein Bier trunken haben, so ist die Freundschaft allsogleich bereits dudeldick.«
»So! Na, wir wollen einander Recht geben. Ist die Bitte groß, welche Du aussprechen willst?«
»Nein. Der König soll nur mal dem Müllern den Kopf waschen, und das tüchtig, verstehst!«
»Warum?«
»Das werd ich ihm schon selber sagen. Wann er Dir nachhero erlaubt, zuzuhören, so hab ich nix dagegen.«
Da ertönte hinter Wagnern ein kurzes, fröhliches Lachen und darauf die Stimme des Königs:
»So komm herein!«
Im Nu war sie im Eingang verschwunden.
Ungefähr fünf Minuten später kam eine andere Person auf die Villa zu – der Hochzeitsbitter. Er war ganz so gekleidet, wie bereits beschrieben, hatte aber noch mehr bunte Bänder und Schleifen angehängt. In höchst würdevoller Haltung trat er in das Haus und klopfte an. Wagner öffnete die Thür ein Wenig, um nachzusehen, wer Einlaß begehre. Als er die fremdartige Gestalt erblickte, ließ er die Thür unwillkürlich aus der Hand. Dies benutzte der Bitter, rasch vollends zu öffnen und einzutreten. Er grüßte gar nicht, ging in die Ecke, um seinen Schirm in dieselbe zu lehnen, nahm den Hut ab und das karrirte Taschentuch heraus, schwenkte Beides hin und her, machte eine tiefe, tiefe Verbeugung und sagte dann, sich an den König wendend:
»Bist Du der Wagnern oder der Ludewigen?«
Die beiden Genannten wußten nicht, was sie von dieser Erscheinung denken sollten. Ihre Stirnen legten sich in Falten.
»Ich heiße Wagner,« sagte derselbe.
Der Leichenbitter schlenkerte ihm die Hand hin und meinte in verweisendem Tone:
»Dich hab ich nicht gefragt. Aber weilst einmal den Mund hineinhängt hast, so weiß ich nun, daß hier der Andre der Ludewigen ist. Ich hab mit Euch Beiden zu reden.«
»So machen Sie schnell!«
»Sie? Ich bin ein Du und kein Sie! Das will ich mir ausbitten. Verleidigen laß ich mir nicht, auch von keinem Künstlern nicht, denn ich bin auch einer und hab also mein Recht auf Ebenbürtigkeiten und Frühgeburt und Nachgeburten!«
Jetzt erkannten sie, daß es sich nicht um eine sträfliche Mystifikation, sondern um einen geistig nicht satisfactionsfähigen Menschen handle. Darum fragte Wagner in milderem Tone:
»Nun, was sollen wir denn eigentlich erfahren?«
»Wirsts gleich hören.«
Er verbeugte sich abermals, schwenkte den Hut, strich sich mit dem Tuch über die Stirn und begann:
»Damals, als der Vätern Abraham mit seiner Frauin Judith in Paris zusammentreffen ist – – –«
»Halt, halt!« rief Wagner. »Was ist das für ein Unsinn? Was haben Sie uns zu sagen?«
Da setzte der Redner den Hut auf und sagte in drohendem Tone:
»Was? Unsinn? Hör, wannst mich noch einmal Sie nennst, so geh ich augenblicklich fort, und nachhero erfährst grad gar nix von der ganzen Sachen, und ich werd Euern Kiviar fressen mit Schokoladen und auch die Flaustern mit Syrupen!«
»Nun also, was willst Du?«
»Das kannst nur ganz ruhig abwarten. Meine Reden ist nicht für Dich da, sondern Du stehst um ihretwillen da! Verstanden! Ich muß es um zehn Pfennige machen, und wann Ihr mir nicht ein gut Trinkgelden gebt, so kann ich halt gar nicht wieder zu meinen Auslagen kommen. Man hat die Menschen einzuladen zu Vielerlei, zu Hochzeiten, Kindtaufen, Begräbnissen und Schweineschlachten. Da giebts allerlei Lust und Leid, Braut und Bräutigam, Särge und Gevattern, Leichenblumen und Bratwürsten, und wer da nicht einen guten Magen hat, der kann nimmer Leichenbittern werden. Darum – – –«
»Ach, Du bist der Hochzeitsbittern?« fragte die Leni, der ein Licht aufzugehen begann.
»Ja, freilich!«
»Und kommst mit einer Einladung?«
»Ja.«
»Wohl in die Mühlen zur Verlobung?«
»Woher weißt das Alles?«
»Am Sonntag Abend um acht Uhren.«
»Alle Tausend! Sogar auch des weißt!«
»Da sollen diese beiden Herren sich einstellen, um dabei zu sein, wannt Paula mit dem Fingerlfranz zusammen versprochen wird?«
Der Mann machte eine Geberde des größten Erstaunens, aber auch des Aergers, und sagte:
»Wannt Alles bereits weißt, so kannst aber doch den Schnabeln halten! Mußt denn da grad zwischen hinein piepen wie eine Sperlingin? Wozu bin ich dann da? Ich habs zu verkünden, und nicht Du! Hast mich da um meine schöne Reden gebracht, und nun wirst sehen, was ich dabei verlieren thu! Einen Thalern Trinkgeldl hätt ich ganz sicher bekommen von denen vornehmen Leutln; nun aber, da ich nicht hab so lange sprechen können, wirds kaum ein Viergroschenstücken absetzen. Und davon soll ich leben bei dera Zeiten und denen Preisen, wo ich doch bereits homöpatschen Kaffee trinken thun, das Pfundt für zwölf Pfennige und Möhrensaft hinan anstatt den Zuckern. Und nachhero – – –«
»Pst, pst!« unterbrach ihn Wagner. »Bemühe Dich nicht weiter. Deinen Thaler sollst Du haben, auch wenn Du die Rede nicht hast halten können. Hier hast Du ihn.«
Der Mann nahm das Geldstück in die Hand, sah es nachdenklich an und fragte dann:
»Ists etwan für Einen oder für alle Beid?«
»Ach so!« lachte der Componist. »Hier hast Du noch einen. Bist Du nun zufrieden?«
»Ja, und Du bist der Noble von Euch Beiden. Der Ludewigen kann mir gar nicht gefallen. Man muß leben und leben lassen, und wann – –«
»Schon gut! Geh jetzt fort. Wir wissen ja nun, was Du uns hast sagen wollen.«
»Wie? Was? Hinausschupsen willst mich? Nun, das ist gut, sehr gut! Ihr seid mir die Rechten, Höflichen und Gebilderten! Die Thalern will ich nehmen und meinen Regenschirmen dazu, aber wiederkommen ins Haus, das werd ich Euch nicht gleich. Adjeh, lebt wohl, und gesunde Feiertagen!«
Er holte seinen Schirm und ging fort, die gewöhnlichen Verbeugungen und Complimente unterlassend. Glücklicherweise hatte Leni bereits von Paula Einiges über den sonderbaren Mann gehört. Ihre Erklärungen befriedigten die beiden Herren, und nun konnte das unterbrochene Gespräch fortgesetzt werden. Bevor der Hochzeitsbitter eingetreten war, hatte der König im Begriff gestanden, die Leni zu tadeln, daß sie sein Incognito verrathen habe; er that es jetzt, war aber doch bereit, den Wunsch des braven Mädchens zu erfüllen, wenn auch nicht persönlich. Es war ihm natürlich unmöglich, sich den Grobheiten des Müllers auszusetzen, und so erhielt Wagner den Auftrag, sich zu demselben zu begeben. Dieser war bereit, dies sogleich zu thun und ging mit Leni fort.
Unterwegs begegnete ihnen der Fingerlfranz, welcher aus der Mühle kam. Im Vorübergehen erhob er, Leni drohend, die Faust.
»Wer war das?« fragte Wagner.
»Der Bräutigam.«
»Und er drohte Dir!«
Sie erklärte ihm aufrichtig den Grund. Inzwischen kamen sie an die Mühle, an deren Thür Paula in banger Erwartung stand.
»Und die ist die Braut,« sagte die Leni.
»So passen diese beiden Leutchen allerdings gar nicht gut zusammen. Wartet hier. Ich gehe hinein. Vielleicht wird Paula gerufen.«
Als die Thür sich hinter ihm geschlossen hatte, hörten die beiden Mädchen die Stimmen der Männer, erst ruhig, dann schärfer und lauter, zuletzt diejenige des Müllers gar zornig schreiend.
»Gott,« klagte Paula, »er wird nix ausrichten.«
»Das kann ich mir nicht denken.«
»Ja, hörst, wie der Vatern mit der Peitschen klatscht! Da stehts schlimm. Und wann es ihm gar einfallen sollt, nach dem Herrn zu schlagen, so – –«
»Das wird er nicht wagen!«
»Ihm ists dennoch zuzutrauen. Schau, da kommt der Fex herbei. Wann er es wüßt!«
Der Fährmann hatte doch nicht schlafen können. Der Gedanke an sein musikalisches Vorhaben ließ ihm keine Ruhe, und so war er wieder aus der »Kapelle« emporgestiegen. Er brauchte einige Nägel, um einen kleinen Schaden an der Fähre zu repariren, und kam jetzt nach der Mühle, sich dieselben zu holen. Er hörte die Stimme des Müllers schon von Weitem und fragte die beiden Mädchen, was es drinnen bei demselben gebe. Paula erklärte es ihm unter Thränen. Er zuckte gleichmüthig die Achseln und sagte:
»Den bringt kein König und kein Kaiser auf den andern Gedanken.«
»So zieh ich fort, Fex!«
»Nein, Du wirst bleiben.«
»So soll ich den Franz heirathen?«
»Wo denkst hin! Lieber thät ich sterben, als dies Unglücken mit anschaun. Ich werd mit dem Müllern reden.«
»Du?« rief sie, mehr erschrocken als verwundert.
»Ja.«
»Dich wird er gleich mit der Peitschen hinaushauen!«
»Hab keine Sorg um mich. Wann ich bisher still wesen bin, so hatt ich meinen guten Grund dazu. Von jetzt an aberst werd ich nicht mehr ihm gehorchen, sondern er mir. Ich werds Dir bald beweisen.«
Da öffnete Wagner von innen die Thür.
»Paula soll hereinkommen!«
Sie ging zitternd hinein; die Thür schloß sich wieder; aber der Fex lehnte das Ohr an dieselbe, um zu lauschen. Er verstand jedes Wort.
»Hör, Paula,« sagte der Müller, »da kommt dieser Mann herein und sagt mir, daß ich ihn zur Verlobung einladen hab und daß er aberst nicht kommen könnt, weil Du den Franz nicht haben willst und er also nicht der Zeuge von so einer Zwingerei sein mag. Jetzt nun sollst ihm sagen, daß er sich geirrt hat und daßt den Franz ganz gern magst. Jetzt red und zögre nicht!«
Er warf ihr einen gebieterisch drohenden Blick zu und schwang leise die Peitsche. Sie antwortete dennoch:
»Der Herr Wagnern hat Recht. Du willst mich mit Gewalt zwingen, und ich hab Dir bereits sagt, daß ich lieber in die weite Welt geh als den Franz nehmen will.«
So einen Widerstand hatte er nicht erwartet. Er blieb einen Augenblick lang stumm, um dann desto kräftiger loszubrechen. Das benutzte Wagner zu der schnellen und eindringlichen Erklärung:
»Da hören Sie es! Ich hoffe, Sie werden darnach handeln, und mache Sie darauf aufmerksam, daß es strenge Gesetze giebt, welche ein Kind gegen die ungerechtfertigte Tyrannei des Vaters schützen. Jetzt wissen Sie, woran Sie sind. Ich werde erfahren, was Sie thun, und mich darnach verhalten. Ihre Tochter steht unter meinem Schutze. Adieu!«
Er ging schnell fort, um nicht den Zornesausbruch des Müllers anhören zu müssen. Der Fex hatte kaum Zeit, von der schnell sich öffnenden Thür zurück zu weichen. Dann aber, als Wagner kaum verschwunden war, ertönte ein fürchterliches Brüllen des Müllers und zugleich klatschender Peitschenschlag.
Der Fex riß die Thür auf und sprang hinein, Leni hinter ihm her. Der Vater schlug die Tochter mit der Peitsche. Leni eilte auf Paula zu und schloß sie schützend in ihre Arme; der Fex aber entriß dem Alten die Peitsche und schleuderte sie in den Winkel. So eine That, so einen Widerstand hatte der Müller vom Fex noch nie erlebt. Das war ihm schier unbegreiflich. Er hielt mit Schreien inne und starrte ihn an.
»Fex – der Fex – – er wagts!« knirrschte er.
»Ja, ich wags!« sagte der junge Mann ruhig. »Es ist nun endlich mal aus mit Deiner Tyranneien. Jetzt komm ich auch mal an die Reihe!«
»Du – – Du – –?«
»Ja, ich! Jetzt wirst mir Gehorsam leisten, sonst weißt, was gleich geschehen wird.«
»Was – was wird geschehen?« stammelte der Müller, noch immer ganz fassungslos.
»Du sagst jetzund der Paula, daß sie den Fingerlfranzen nicht zu heirathen braucht!«
»Das – das soll ich sagen!«
»Ja, sogleich!«
»Bist verrückt? Hat Dich ein toller Hund bissen?«
»Nein, ich bin ganz bei Sinnen, besser als Du!«
»Und weißt doch nicht, daß ich Dich sogleich derschlagen werd!«
»Das wirst bleiben lassen!«
»Oho, mein Bursch!«
Er hatte sich von seinem maßlosen Erstaunen wieder erholt und wollte wieder losdonnern; aber der Fex ließ ihn gar nicht dazukommen. Er sagte:
»Schweig! Jetzt hab ich zu reden!«
»Du! Du! Was willst reden?«
»Von der Südana.«
»Von der – – –«
Er sprach nicht weiter, er brachte das Wort nicht heraus. Er war vor Schreck bleich geworden.
»Ja, von der Südana. Weißt, da drüben, als es geschah! Du hast geglaubt, allein zu sein, aberst ich war dabei, ich hab hinter dem Busch gelegen und Alles mit angesehen.«
»Lü – lü – lügner!« stieß der Alte lallend hervor.
»Ja. Und nun erscheint sie Dir bei Nacht, und Du mußt ihr Alles bekennen und ihr das Bild meiner Muttern zeigen!«
Die Augen des Müllers wollten aus den Höhlen treten; seine Lippen zitterten und er lallte unverstehbare Worte.
»Schau, warum bist nun still!«
»Weil – weil – weil –«
Er konnte nicht weiter. Der Fex fuhr fort:
»Also sag ich Dir jetzund noch im Guten: Wannt die Paula zwingst, so verzähl ich Alles und trag das Bild und die Papiere, welche bei demselbiger in der Brieftaschen liegen, auf das Gericht.«
Die Hände des Müllers fuhren unwillkürlich herab nach dem Kasten.
»Ja, such nur da unten! Du wirst nix finden. Da ist sie, die Du haben willst!«
Er zog die Brieftasche hervor und hielt sie empor. Der Müller wollte Etwas sagen, ließ aber den Kopf nach hinten sinken und schloß die Augen.
»Herrgott, der Vatern, der Vatern!« rief Paula und sprang auf ihn zu.
Er aber raffte seine verschwindende Kraft zusammen, richtete den Oberleib nochmals gerade in die Höhe und schrie sie an:
»Fort, fort mit Dir! Sogleich!«
Der Fex nahm sie bei der Hand und sagte:
»Komm! Den mußt allein lassen. Er kann Dich jetzt nicht gebrauchen. Dich nicht und Niemand nicht!«
Er zog sie und Leni zur Thür hinaus.
Der Müller blieb eine ganze Weile regungslos liegen, dann langte er mit der Hand langsam in die Tasche und zog den Schlüssel hervor, welchen in letzter Nacht der Fingerlfranz gesucht und gefunden hatte. Er war nicht auf den Gedanken gekommen, nachzusehen, ob der Kasten geöffnet worden sei. Jetzt holte er diese Versäumnis nach. Er machte den Kasten auf und wühlte vergeblich mit den zitternden Händen drin herum.
»Fort, fort ist sie!« stöhnte er. »Der Fex hat sie sich geholt! Er – er! Er ist nicht so dumm, wie er sich gestellt hat! Jetzt bin ich in seiner Hand. Er oder ich – Einer muß weichen. Aber ich werds nicht sein. Er muß sterben, weil er mich damals belauscht hat, und die Brieftaschen muß ich wieder haben. Nachhero hab ich Ruhe. Bis dahin aber muß ich klein zugeben. Wann ich nur wüßt, wie er herein in die Stuben kommen ist! Ich werd nimmer ruhen, bis ich das erfahr, und dann wehe ihm!« –
Sowohl die stehenden, als auch die vorübergehenden Bewohner der Badestadt befanden sich in einer ungewöhnlichen Aufregung – des für heute anberaumten Concertes wegen. Am Vormittage war die Hauptprobe abgehalten worden, mit außerordentlich günstigem Erfolge, wie man leise zu hören bekam. Dann war der Altmeister Liszt angekommen und im feinsten Hotel abgestiegen. Er hatte nur eine einzige Nummer vorzutragen und dennoch sich einen besonderen Flügel mitgebracht. Das imponirte gewaltig. Die Menge hatte von vor bis nach der Probe das Theatergebäude belagert, um die Sängerin zu sehen – vergebens. Kein Mensch hatte von dem schlichten Mädchen in Gebirgstracht, welches auch eine halbe Stunde lang wie wartend dagestanden hatte unter den Neugieriger und dann unbeachtet durch eine kleine Seitenpforte verschwunden war, geglaubt, daß es die Mureni sei.
Alle Plätze waren ausverkauft, kein einziger mehr zu haben. Man wußte, daß nur wenige durch Freibillets belegt worden waren. Welche Summe mußte da eingekommen sein! Diese Billets aber waren nicht etwa nur hier in der Stadt verkauft worden, nein, von weit her aus allen Richtungen waren telegraphische Bestellungen eingegangen, und nun kamen mit jedem Zuge die Vertreter und Verehrer der musikalischen Kunst, mit vor Freude und Spannung leuchtenden Angesichtern in Erwartung des bevorstehenden Hochgenusses. Alle Hotels und Gasthöfe waren gefüllt, Privatwohnungen bereits seit Tagen bestellt worden.
Selbst Diejenigen, welche kein Verständniß oder kein Geld für die heutige Aufführung besaßen, suchten heute die Straßen und Gassen auf; es war ein ungemein reges Treiben, hin und her und überall. Daß Liszt, der berühmte Abbe, sich nach jahrelanger Pause wieder hören lassen wollte, war ein musikalisches Ereigniß; auch Antonio Rialti, der Concertmeister, war in den betreffenden Kreisen berühmt, auf Beide war man hoch gespannt. Daß aber neben diesen Meistern eine Anfängerin auftreten, eine arme Sennerin zum ersten Male vor einem so anspruchsvollen Publikum singen sollte, das war noch mehr als ein bloses Ereignis, das war geradezu ein Wunder.
Die Stimmen waren getheilt. Die Einen behaupteten, daß man dies ein großes Wagniß nennen müsse, und die Anderen sagten, daß es für eine Anfängerin nichts Vortheilhafteres gebe, als ihr Debüt vor einem Auditorium abzulegen, welches durch die Leistungen von Meistern der Kunst in Ekstase versetzt und also willig und bereit zu einem milden Urtheile sei.
Woher es entstanden sei, das wußte Niemand, aber es hatte sich das Gerücht verbreitet, daß sogar der König anwesend sei und Richard Wagner mit ihm, um sich an dem Triumphe der Sennerin zu erfreuen.
Man fragte, man erkundigte sich auf das Angelegentlichste – vergebens. Niemand konnte erfahren, wo die beiden genannten Herren ihr Absteigequartier genommen hatten.
Die Stadt hatte natürlich einen bedeutenden Vortheil von diesem Ereignisse. Die Gärtnereien, welche jetzt im Mai nicht mit sommerlichen Kindern Floras versehen waren, waren ausverkauft. Jede Dame wollte beim Concerte geschmückt erscheinen und Einige hatten während ihrer Einkäufe die leise Depesche aufgefangen, daß bereits seit gestern an riesigen Lorbeerkränzen gearbeitet worden sei.
Würde die Sennerin sich wohl auch einen solchen erringen? Viele, wohl die Meisten, zweifelten daran.
So verging der Nachmittag und der Abend brach herein. Der Haupteingang zum Theater wurde geöffnet, aber es war Polizei requirirt worden, um dem ungeheuren Andrang Ordnung zu halten.
Ein halblautes Summen schwebte über der Menge, welche das Gebäude umstand. Man gedachte, den König aussteigen zu sehen, denn natürlich kam er, der bekanntlich Prachtliebende, jedenfalls in seiner Equipage vorgefahren.
Die Meisten drängten sich zum Eingange, welchen die Künstler zu passiren pflegten. Dort mußte man doch unbedingt Liszt, Rialti und die Mureni ankommen sehen.
Die Zeit verging – nur noch zwei Minuten bis zum Beginn, und doch hatte man von den Genannten noch keine Spur bemerkt.
Das hatte seinen Grund.
Kein Mensch hatte auf den alten Gebirgler gemerkt, welcher mit seinem Mädchen sich durch den Haupteingang gedrängt hatte. Nur einer der Polizisten hatte zu ihm gesagt:
»Wurzelsepp? Du willst auch hinein? Das ist doch wohl ein Irrthum! Das Haus ist ausverkauft und heute giebts überhaupt kein Billet für fünfzig Pfennige!«
»Weiß gar wohl. Hab ein besseres.«
»Zeig her, sonst kann ich Dich nicht hineinlassen.«
»Da sinds alle zwei.«
Zum größten Erstaunen des Beamten befand sich der Alte im Besitz der zwei besten Plätze in der Orchesterloge.
»Wo hast die her?« frug er.
»Der Storch hats mir bracht?« lachte der Alte und zog seine Leni mit sich fort.
Liszt war im einfachen Ueberrock, den breiten Kragen hoch ausgeschlagen, damit man ihn nicht an seiner langen, grauen Haarmähne erkennen möge, durch die Menge geschlüpft. Ganz ebenso hatten es auch der König und Wagner gemacht, welche sich keiner Equipage, sondern der Stiefeln bedient hatten. Sie saßen in der Mittelloge des ersten Ranges, welche bei feierlichen Gelegenheiten für die höchsten Beamten reservirt zu sein pflegte. Die Vorgardine derselben war geschlossen, so daß man vom Zuschauerraume nicht in das Innere zu blicken vermochte.
Nur eine Minute vor Beginn schob sich ein kleines, hageres, unansehnliches Männchen, welches einen Violinkasten trug, durch die eng gedrängte Menschheit nach der Außenthür des Orchesters – Antonio Rialti.
»Der fünfte Violinist!« lachte Einer.
»Pah! Paganini! Man siehts ihm ja gleich an!« höhnte ein Anderer.
Der Concertmeister verschwand, und so hatte kein Mensch die Ueberzeugung, einen der so sehnsüchtig Erwarteten gesehen zu haben.
Im Zuschauerräume war das Gas halb eingedreht. Die Flammen brannten klein und trübe und die Reihen der Plätze lagen im Halbdunkel. Jetzt ertönte der silberne Klang eines Glöckchens; der Capellmeister erhob den Taktstock und der Haupthahn der Gasleitung wurde geöffnet. Sofort überfluthete ein Lichtmeer den weiten Raum und Jeder ließ seinen Blick umherschweifen, um zunächst eine Uebersicht der Anwesenden zu nehmen.
Natürlich aber richteten sich die Blicke Aller zunächst nach der beschriebenen Mittelloge. In demselben Augenblicke wurde die Gardine weggezogen und Alle sahen den geliebten König in voller Beleuchtung auf seinem Platze, Wagner um einen leeren Platz neben ihm zur Linken. Wie auf ein gegebenes Zeichen erhoben sich die Hunderte der Anwesenden von ihren Plätzen, der Tactstock des Kapellmeisters fiel nieder und das reichbesetzte Orchester schmetterte einen jubelnden Tusch, in welchen das laute, schallende Hoch des Publikums dreimal einstimmte.
Der König erhob und verneigte sich und gab dann mit der Rechten das Zeichen, die Plätze wieder einzunehmen. Dieser Vorgang war ganz außerordentlich geeignet, das Publikum in eine begeisterte Spannung zu versetzen.
Die erste Nummer des Programms war eine Jubelouverture, welche die Kapelle mit allem Glanz executirte. Sie war aber den Meisten bereits bekannt, und so hatte man mehr Augen für die Umgebung, als Ohren für den Vortrag.
Es war wirklich ein glänzendes Auditorium versammelt, so elegant und glänzend wie hier noch niemals. Offiziere und Civilisten mit ihren Ordensdecorationen, geistreiche und bedeutende Gesichter überall, ein Damenflor, wie die Götter des Olympes ihn sich nur hätten wünschen können. Augen blitzten, Lippen lächelten, Rosen dufteten und bewegte Fächer wehten ein leise bewegtes, parfümirtes Luftmeer durch den brillant erleuchteten Raum.
Da war es wohl leicht erklärlich, daß die Blicke sehr verwundert auf das sonderbare Paar fielen, welches dort in der Orchesterloge saß, der Alte mit seinem Mädchen. Das waren arme Leute aus einem Gebirgsdorfe. Wie kamen diese in den glänzenden Tempel der Kunst?
Der Alte – – nun ja, sein Gesicht schien wohl sauber gewaschen zu sein und den Bart hatte er sich auch gekämmt, wohl zum ersten Male in seinem Leben, einen weißen Halskragen hatte er umgethan, aber das Halstuch, welches unter demselben über der Brust herabhing, und die alte Lodenjoppe, aus deren kurzen Aermeln die neuen, weißen Manchetten hervorsahen, wie junge, saubere Kätzchen aus einem alten Lumpen, und die struppigen, grauen Haare, die sich dem ungewohnten Strich des Kammes nicht gefügt hatten, die großen, braunen, knochigen Hände und das wetterharte, scharf gezeichnete Gesicht – das Alles paßte doch gar nicht in den lichtflimmernden Raum und zu der hoch distinguirten Umgebung.
Und das Mädchen an seiner Seite – nun ja, es hatte ein allerliebstes Gesicht und die Blicke manches der vornehmen Herren blieben an dem vollen, plastisch aus dem Mieder hervortretenden Busen und den schneeweißen, üppigen, nackten Armen haften; aber das Gewand gehörte doch höchstens auf die Gasse eines Dorfes. Wenn eine vornehme Dame in großer Toilette ihren Busen und ihre Arme entblößt sehen läßt, das hat Berechtigung und Chic, aber so eine Bauerndirne mit nackten Armen, das ist doch gemein – pfui! Die Augen der hohen Damen kniffen sich beleidigt zusammen und wendeten sich von dieser Person weg. Die Theaterdirection hätte doch unbedingt dafür sorgen sollen, daß an so ordinäres Volk keine Billets abgegeben werden – noch dazu gar für die Orchesterloge!
Zwei Augen aber wollten und konnten nicht von ihr weichen – diejenigen des Krikelantons. Er saß mit dem Wiener Musikprofessor und dessen Frau auf erstem Rangplatze, der Leni gerade gegenüber. Er hatte einen Anzug des Professors angelegt und stach also gar nicht im Geringsten von seiner Umgebung ab. Das war wohl der Grund, daß Leni ihn nicht bemerkte. Freilich ließ sie ihre Augen auch gar nicht neugierig umherschweifen, sondern sie unterhielt sich mit dem Wurzelsepp und that dabei, als ob gar Niemand weiter vorhanden sei, sonst wäre, wenn sie emporgeblickt hätte, ihr Auge sicher an dem einstigen Geliebten haften geblieben, denn sein von Wind und Wetter gegerbtes Gesicht mit den kräftigen, männlich schönen Zügen stand doch in immerhin einem Contrast zu der städtischen Kleidung, welche er trug.
Einer aber hatte ihn doch bemerkt, nämlich der Sepp, doch hütete dieser sich, die Leni auf ihn aufmerksam zu machen; aber er wartete einen Augenblick ab, an welchem der Anton zu ihm herniederblickte, und setzte den Daumen der weit ausgespreizten Hand an die Nase, so wie es streitende Jungens machen, wenn sie sich gegenseitig eine Nase machen.
Diese unästhetische Pantomime wurde von mehreren Anwesenden bemerkt und natürlich mit genug Empörung weiter erzählt, so daß der gute Sepp zu seinem innigsten Vergnügen bemerke, mit welcher Indignation und Verachtung die Blicke so Vieler sich auf ihn richteten.
Jetzt war die Ouverture beendet. Sie erntete den Beifalls welcher der ersten Nummer eines Concertes, wenn sie bereits bekannt ist, zu werden pflegt – einen kühlen Achtungserfolg.
Als Nummer Zwei war im Catalog oder vielmehr Programm angeführt »Variation über ein Thema von Spohr – vorgetragen von Herrn Concertmeister Antonio Rialti.«
Ein Theaterdiener brachte den Geigenkasten auf die offene Bühne und legte ihn auf einen seitwärts stehenden Tisch. Das Glockenzeichen wurde gegeben. Ein leises Rauschen ging durch den Zuschauerraum, Jeder rückte sich in eine bequeme Stellung zurecht, um den zu erwartenden Kunstgenuß recht auf sich einwirken zu lassen.
Rialti trat vor und verbeugte sich.
Er war schwarz gekleidet, wie gewöhnlich. Die Schöße seines Frackes waren für die gegenwärtig herrschende Mode ein Wenig zu breit und zu lang; das fiel auf. Vielleicht glaubte er, daß seine kleine, hagere Gestalt dadurch Etwas höher erscheine, doch brachte es gerade die entgegengesetzte Wirkung hervor. Als er die weißen Glacehandschuhe auszog und den Violinkasten öffnete, sah man mehrere kostbare Brillanten an seinen Händen blitzen. Auf seiner schmalen Brust glänzten einige Orden, welche er sich ergeigt hatte.
Seine Gestalt, sein Aeußeres machten keineswegs einen sympathischen Eindruck. Das peinlich glatt rasirte Gesicht hatte einen ausgesprochen faunischen, roh sinnlichen Ausdruck. Wer das hervortretende, spitze Kinn, die dagegen sehr zurückweichende Stirn, die scharf gebogene Nase mit den aufgeblähten Flügeln und den breiten, geradegeschnittenen, lippenlosen Mund sah, den überkam augenblicklich das Gefühl, daß dieser Mann ein großer Liebhaber jener Vergnügungen sei, über welche man gern den Schleier des Geheimnisses fallen läßt.
Er verbeugte sich mit Eleganz, wobei sein Auge einen Halbkreis von links nach rechts beschrieb. Da, plötzlich stutzte er und verbeugte sich nochmals in eine ganz bestimmte Richtung hin, kurz zwar nur, aber doch so, daß es bemerkt wurde.
Wem galt dieser Gruß? Aller Augen blickten nach der betreffenden Richtung. Dort saß auf dem Vorderplatze einer Parquetloge die dicke Frau Directorin Qualéche, höchst eng eingezwängt von den beiden Armlehnen. Sie schwitzte bereits jetzt schon dicke Tropfen und wehte sich mit dem Fächer Kühlung zu, während sie in der anderen Hand das Taschentuch hielt, um sich den rinnenden Schweiß aus dem Gesicht zu trocknen. Neben ihr saß Paula, die Müllerstochter, heute in städtischer Kleidung. Ihr lieblich-schönes, reizendes Gesichtchen blickte wunderbar erquickend unter der leichten, seidenen Hülle hervor, welche sie um das Köpfchen drapirt hatte. Welche von diesen Beiden war es, der die Verbeugung des Concertmeisters gegolten hatte? Wohl dem jungen Mädchen? Bei diesem Gedanken mußte es Einem überkommen, als ob der Fuchs einem Rebhühnchen freundlich guten Tag gesagt habe, um es dann mit allem Appetit zu verspeisen.
Er hatte die Violine aus dem Kasten genommen und ließ den Finger leise über die Saiten gleiten, um sich zu überzeugen, ob sie noch gut in der Stimmung ständen. Dann legte er sie an. Ein kräftiger Bogenstrich riß den gebrochenen G-dur Accord von der untersten Saite bis hinauf in das Flageolet-
H und daran schloß sich nun das einfache, melodiöse Thema von Spohr, welches er in ausgezeichneter Weise virtuos variirte.
Man mußte gestehen, daß er ein Meister seines Instrumentes sei und die Technik desselben völlig inne hatte; aber Eins fehlte ihm – seinem Spiele fehlte die Seele. Es lag nicht das mindeste Gefühl in seinem Vortrage, und darum war der Beifall, welchen er erntete, auch kein allgemeiner. Er wurde ihm nur von Denen gespendet, welche sich durch eine ungewöhnliche Fertigkeit imponiren lassen.
Als er mit einer Verbeugung abgetreten war und nicht wieder hervorgerufen wurde, fiel die Innengardine vor der Bühne nieder und die Capelle spielte als dritte Nummer eine brillante Gavotte, welche noch Niemand kannte.
Unterdessen gab es einige interessante Scenen hinter der Bühne und am Eingange des Theaters.
Dort war nämlich der Fex erschienen, ganz in demselben Anzüge, den er gewöhnlich trug. Er hatte ja noch keinen andern. Er wollte ganz gemächlich nach dem Gange einbiegen, welcher nach dem Aufstiege zu den hinter der Bühne liegenden Räumen führte; da aber trat ihm der hier stationirte Polizist entgegen.
Der Fährmann war allgemein bekannt, und es war auch gar nicht zu verwundern, daß sein Erscheinen hier Befremden erregte. Sein Aeußeres war ja gar nicht den Ansprüchen entsprechend, welche man an einem solchen Orte zu machen berechtigt ist.
»Fex, Du hier?« meinte der Polizist. »Du willst Dir doch nicht etwa das Concert mit anhören?«
»Ja, das will ich freilich,« antwortete der junge Mann offen und unbefangen.
»Das wirst Du wohl bleiben lassen!«
»Nein, das werd ich wohl nimmer bleiben lassen; ich komm ja grad nur von wegen dem Concert hierher.«
»In dieser Kleidung?«
»Ja. Oder meinst etwan, daß man auf einem Concertl gar kein Gewandl anzuhaben braucht?«
»O nein, denn Schwimmstunden werden hier nicht gegeben. Ich darf Dich in diesem Aufzuge nicht passiren lassen.«
Der Fex blickte lächelnd an sich hernieder, bis auf seine nackten Füße herab.
»So gefall ich Dir nicht?« fragte er.
»Nein.«
»Nun, kommts hier so auf das Deinige Wohlgefallen an?«
»Auf den allgemeinen Anstand kommts an, verstanden!« meinte der Polizist in einem etwas strengeren Tone.
»Nun, in grad demselbigen Anzug geh ich doch auch in der Stadt und auf der Straßen herum!«
»Da mag es freilich passiren.«
»Aber dort muß doch grad der allgemeine Anstand erst recht vorhanden sein. Oder giebts vielleicht hier einen noch allgemeineren?«
»Nein, einen besonderen. Und da paßt Du nicht herein.«
»Ob ich hereinpaß oder nicht, das wird wohl am Meisten hierauf ankommen. Da, schau einmal!«
Er zog eine Karte aus der Tasche und hielt sie ihm hin. Der Polizist nahm sie und las:
»Dem Vorzeiger dieser Karte ist auf alle Fälle der Zutritt zu gestatten.
»Die Theaterdirection.«
Sogar das Siegel der Direction war darunter gesetzt und darum erklärte der Beamte, indem er ihm die Karte zurückgab:
»Wenn das so ist, so muß ich Dich freilich passiren lassen.«
»Nicht wahr? Ja, wannt auch so eine Karten hättst, so könnst Dir das Concertl auch mit anschaun und mit anhören. Gelt?«
»Gehst wohl auf den ersten Rang?«
»Noch höher!«
»Ah! Wohin wäre das?«
»Auf die Bühn hinauf. Ich spiele selber mit.«
»Was denn? Sechsundsechzig oder schwarzen Peter?«
»Keins von den Beiden. Wannst recht hübsch lauschst und das Ohr an eine Thüren legst, kannsts hören.«
Er ging. Leni hatte ihm den Weg ganz genau beschrieben, so daß er sich nicht irren konnte.
Zwischen ihm und ihr hatte es überhaupt eine heimliche Vereinbarung gegeben, welche von dem Wurzelsepp eingeleitet worden war.
Nämlich heut früh, nach der Scene mit dem Thalmüller, war der Sepp zur Leni gekommen und hatte sie gebeten, einmal hinüber nach der Fähre zum Fex zu gehen. Als sie zu diesem gekommen war, hatte er sie um die Erlaubniß gebeten, das Concert mit anhören zu dürfen. Nachdem ihm die Erklärung geworden war, daß sie ihm gern die Erlaubniß auswirken wolle, hinter der Scene zuzuhören, hatte er sie gefragt:
»Hast denn auch was Schönes, wast singst?«
»O freilich.«
»So! Ich hätt aberst auch was für Dich.«
»Du? Ja, der Sepp hat mir freilich anvertraut, daßt auch Musik machst. Aber singen thust doch nicht.«
»Nein, aberst compernirn.«
»Du? Ein Componist?« lachte sie.
»Freilich.«
»So hast Harmonie studirt und Generalbaß?«
»Der Sepp hat mir ein paar Büchern versorgt, schon seit langer Zeit, wo's von deren Harmonie drinnen steht und von dem Generalen seinem Baß!«
»Das wird auch ein schöner Bassen gewesen sein!«
»Der richtige ists wesen. Und als ich nun vom Sepp hört hab, daßt eine arme Sennerin wesen bist, und der König hat sich Deiner angenommen, so daßt nun so eine gar berühmten Künstlerinnen werden sollst, da hab ich eine große Freuden gehabt und Dir ein Liedl compernirt, wast heut mit singen könntst.«
»Heut mit singen?«
»Ja, weißt, weil der König selber mit dabei ist.«
»So! Weißt denn nicht, daß bei so einem Concert blos Meisterstücken sungen werden dürfen?«
»Wohl weiß ich das. Aber so ein kleines Liedl wirst wohl noch mit einschleichen lassen können.«
»Vom Fex, als Componisten!«
»Ja. Ich glaub nicht, daß man Dich deshalben aufhangen wird. Es klingt gar nimmer sehr übel.«
»So!« sagte sie in dem Tone, in welchem man mit naiven Kindern zu reden pflegt. »Ists ein Lied ohne Worte?«
»Nein; es ist ein Text auch dabei.«
»Wer ist der Dichter desselben?«
»Der Fexen.«
»Auch Du?«
»Ja.«
»So bist nicht nur ein Komponist, sondern auch gar ein berühmter Dichtern allbereits? Das hätt ich nicht gedacht.«
»Leni, ich will Dir mal was sagen. Du bist ein bravs Dirndl, und ich halt gar große Stucken auf Dich. Es kränkt mich also, wannt mich auch grab so beurtheilst wie Andre. Ich hab dran denkt, wie der König zu Dir kommen ist und wie der Krikelanton nun nix mehr von Dir wissen will deswegen. Das hat mich gerührt und im Herzen ergriffen. Und wie's da im Herzen drin steckt hat, so hab ichs herauskommen lassen und auf Papier schrieben und die Noten dazu auch. Ein Meisterstucken kanns freilich nimmer sein, aberst passen thäts wohl prächtig für die erste Proben, die Du heut ablegst, und auch grad, weil der König dabei ist. Wannts nur wenigstens mal probiren wolltst!«
Um ihn nicht weiter zu kränken, sagte sie:
»Nun, das könnt ich alleweil schon mal versuchen. Aber wie willst ein Gedichten machen können, wunnt nicht mal richtig hochdeutsch reden kannst, und gar schreiben!«
Er machte ein höchst pfiffiges Gesicht.
»Meinst?«
»Ja, das hör ich doch.«
»So! Nun, hat Dir der Sepp nimmer sagt, daß ich mich zuweilen verstellen thu, so ein kleins Bisserl?«
»Das hat er freilich sagt.«
»Schau, so ists auch mit dera Sprachen.«
»So kannst hochdeutsch?«
»Wie geleckt.«
»Nun, so laß mal das Gedichten sehen! Weißt, es will gar mancher gelehrte Doctorn und Professern ein Gedichtl machen und bringts doch nicht fertig. Da möcht ich doch gern sehn, wie das Deinige ausschaun thut.«
»Arg genug, wirst denken! Aberst es kommt da nimmer drauf an, ob man ein Professorn ist oder ein Steinklopfer. Wann das richtige Dichten drinnen steckt, so kommts auch richtig heraus, und ich will Dir wohl gestehn, daß ich allbereits schon viele tausend von Reimen macht hab, aberst ausschrieben noch keinen. Ich hab auch eine kleine Biblotheken, wo nicht mal der Sepp und kein Anderer auch was davon weiß. Da hab ich lesen und studirt viele Nächten lang. Ich denk, daß es nicht so ganz umsonsten gewest ist. Wannt also meinst, daß ich vielleicht so weit bin oder so weit zuruck wie ein Schulbuben; so taxirst mich falsch. Und nun, willst das Gedicht hören?«
»Ja. Zeigs her!«
»Nein, ich werds Dir selber vorlesen. Thu mir den Gefalln, lehn Dich da an denen Baum und mach die Augen zu. Dann werd ich beginnen.«
Sie that ihm den Gefallen. Er zog ein Papier aus der Tasche und las die Zeilen vor, die es enthielt.
Ja, das war eine andere Stimme, eine andere Sprache, ein ganz anderer Ausdruck! Bereits nach den ersten Worten öffnete sie die Augen. Das Papier in der Linken, begleitete er seinen Vortrag mit den Gestikulationen der Rechten. Seine Wangen rötheten sich, und seine Augen leuchteten. Auch die ihrigen begannen, sich höher zu beleben. Erst überrascht, dann erstaunt und später mit Verwunderung blickte sie ihn an. Ihr Blick las die Worte von seinen Lippen, und endlich, als er die letzten mehr vordeklamirte, als er sie vorlas und sie in derselben ihr eigenes Geschick beschrieben fand, da zog es sie vom Baume hinweg, langsam aber stetig zu ihm hin. Ihre Augen füllten sich mit Thränen, und als er geendet hatte, sagte sie unter lautem Schluchzen aber im Tone wirklichster, echtester Begeisterung:
»Ich steh in meines Königs Schatten,
Mein König hat an mich gedacht!«
Herrlich, herrlich! Und das hast selber gedichtet, Fex?«
»Ja.« antwortete er unter einem demüthigen Niederschlag der Augen.
»Das sollte man nicht glauben!«
»Meinst, daß es nicht ganz schlecht klingt?«
»Schlecht, schlecht! Wo denkst hin! Ich will Dir sagen, Fex, daß ich viel Unterricht und viele Lehrern hab. Ich hab in kurzer Zeit viel lernen müssen und manches Gedicht kennen lernt, weil ichs ja singen mußt, von Heine, von Gehrock, von berühmten Andern, aber keins hat mir so sehr gefallen, und keins ist so ergreifend wie dieses. Wie lautet die Ueberschriften?«
»Die alte Bettlerin. Weißt, die ist verloren und verlassen gewest von der ganzen Menschheit; da hat sie mal den König troffen hier, als er einen Tag hier gewest und spazieren gangen ist. Da hat sie ihm ihr Herzeleid erzählt, und er hat ihr ein Jahrgeld geben, von dem sie ihre letzten Tag ohne Sorg und Roth hat leben könnt. Und als sie vor zwei Jahren hier starben ist, da hat sie noch vor dem Tod den lieben, guten König tausendmal segnet und ihn dem Herrgott empfohlen. Schau, daran hab ich denkt und »die alte Bettlerin« dichtet mit den Schlußworten allemal an jeder Stroph:
Ich stand in meines Königs Schatten,
Mein König hat an mich gedacht!
Und sodann, als ich hört hab, daß er auch zu Dir so gnädig wesen ist und hat Dich armes Wurm von der Alm weggenommen und für Dich zahlt, daßt eine Künstlerinnen werden magst, da hab ich an dies Gedicht noch einen Vers macht mit denselbigen Endworten und auch eine Melodieen dazu, daßt sie heut singen kannst, wann er mit im Theatern sitzt und Alles hört.«
»So ists, so!« sagte sie, tief aufathmend. »Das hätt ich Dir im Leben nicht zutraut, daßt so ein gescheidtiger Kerlen bist und so ein Gedichten fertig bringst. Aber die Musiken dazu, wie stehts mit der?«
»Willst sie auch sehen?«
»Natürlich!«
»Ja, damit freilich kann ich am End nicht viel Ehren einlegen. Ich hab nur eine Geigen, aberst kein Pianoforten, um den Zusammenhang hören zu können. Bei einem Orchestern bin ich auch nie wesen, und so hab ich nur nach denen Regeln setzen könnt, die ich im Buch funden hab. Ich weiß nicht, ob das genügt. Aberst das kann ich sagen, daß mir auch die Melodei grad so aus dem Herzen rausgeflossen ist wie das Gedicht, und wanns darnach geht, so wirds freilich fein klingen. Hier ists!«
Er zog ein zweites Papier hervor, welches mit Noten beschrieben war. Sie nahm es und las es aufmerksam durch. Dann begann sie leise zu summen, nachher lauter und lauter, und endlich brach sie in die Frage aus:
»Fex, lieber Fex, sind die Noten wirklich von Dir?«
»Ja freilich.«
»Wirklich? Sags aufrichtig!«
»Meinst, daß ich Dich belügen werd!«
»So komm her. Du herzguter Bub!«
Sie ergriff ihn beim Kopfe und gab ihm einen kräftigen, schallenden Kuß auf den Mund.
»So, da hast! Dieses Busserl kommt auch von Herzen und ist gut und brav verdient.«
»Herrgott!!« rief er erschrocken.
»Was jammerst denn?«
»Du hast mich küßt. Du, Du!«
Er war blutroth geworden.
»Freilich, ich! Ja, da erschrickst sogar. Ich weiß aber schon: Ein Busserl von der Paula wär Dir lieber.«
»Leni!« rief er aus.
»Was? Hab ich nicht Recht?«
»Was fallt Dir ein!«
»Die Wahrheit.«
»Aberst wanns Jemand hört!«
»Nun, es ist ja Niemand da!«
»Jedoch Du hast schreit, daß mans zehn Meilen weit hören kann. Mußt doch denken: die Paula, die reiche Müllerstochter, die schöne, und ich, der arme Fex!«
»Arm? O, Du Hascherl! Reich bist, sehr reich!«
»So? Davon weiß ich freilich nix.«
»Na, wer so dichten kann und dazu eine solche Musiken setzen, der bringts sicherlich mal in deren Welt zu was!«
»So hats Dir gefallt?«
»Und wie!«
»Dann sag, obsts singen kannst!«
»Kannst? Natürlich. Solche Noten sing ich gleich ganz glatt und gleich vom Blatt herunter.«
»Obsts aberst auch singen willst!«
»Meinst heut schon, zum Concerten?«
»Ja.«
Sie sann einen Augenblick nach und antwortete dann:
»Weißt, ich will Dir aufrichtig sagen: Dieses Lied, wann ichs singen dürft, war das allerbeste Stücken, was heut auf dem Programmen ständ; aber eben ist das Programmen bereits fertig, und hier steht nur die Partituren; da müßten noch die Stimmen außischrieben werden, und vielleicht hätt der Kapellmeistern auch noch was zu ändern; denn wannst auch componiren kannst, aber die Instrumenten richtig anzuwenden, das hast doch nicht gelernt.«
»Da hast freilich Recht. Jetzt ists nun alleweil nix mit dem Liedl, und ich hatt mich so drauf gefreut, es zu hören.«
»So! Hattst Dich wirklich? Nun weißt, ich werd noch ganz vor der Proben zum Capellmeistern gehn und ihm gleich Alles vorzählen.«
»Alles?«
»Ja.«
»Du, eine!«
»Warum nicht?«
»Weil er nicht wissen soll, daß – daß –«
»Nun, was soll er nicht wissen?«
»Wies mit mir steht, und daß ich nicht der dumme Fex bin, für den man mich hier immer halten hat.«
»Willst etwan dieser dumme Fexen immer bleiben?«
»Nein, wohl nicht.«
»Nun also! Wanns die Leutln einmal erfahren sollen, warum sollens nicht gleich heut und jetztund erfahren?«
»Hm! Recht hast vielleicht.«
»Also gut. Ich werd ihm Alles verzählen, und nachhero wird sichs zeigen, was geschehen thut. Freilich muß ich da das Liedl mitnehmen, wannst mir erlaubst.«
»Immer, immer nimms mit!«
»So gut! Und nun will ich auch gleich gehen. Hier hast meine Hand, lieber Fex. Wir wollen gut Freund sein und bleiben. Vielleicht wird mal ein großer und berühmter Künstlern aus Dir, und wannt nachhero mal ein großes Concerten giebst, so läßt michs wissen, daß ich auch komm und eine Nummern mitsingen kann. Das wär doch ein Gaudi, wann mir mal so mitsammen concertiren könnten, wir zwei Beid!«
Er schüttelte ihr die Hand und antwortete:
»Wannt das wünschen thust, so kann Dein Wunsch wohl bald in Erfüllung gehen.«
»Meinst?«
»Wohl ehern noch, alst denkst und ahnst.«
»Doch nicht etwan heut schon bereits?« scherzte sie.
»Na, mach keinen Spaßen; es könnt doch noch gar ein Ernsten draus werden.«
»Das sollt mich sehr gefreun!« lachte sie lustig. »Aberst es ist schon dafür gesorgt, daß dera Ziegen der Schwanz nicht gar zu lang wachsen thut. Ehst ein Concerten mitgeben kannst, wirst noch gar viel üben müssen!«
»Wollen sehen!« lachte er mit.
»Also behut Gott! Gleich nach der Proben bring ich Dir den Bescheid hierher. Ich will gern wünschen, daß er gut ausfallen mag.«
»Und ich werd kaum Athem finden, um zu erwarten, wie er lauten mag. Lauf schnell, Leni!«
»Wie ein Gamsen! Da, paß mal auf!«
Sie lief so eilig fort, daß er über ihre Sprünge lachen mußte. Dann ging er an das Wasser und setzte sich auf den Sitz seiner Fähre.
Wer ihn hier beobachtet hätte, wie er so in sich versunken und mit halb stupidem Gesichtsausdruck da saß, der hätte sicherlich nicht angenommen, daß er der Verfasser eines solchen Gedichtes sein könne. Noch viel weniger aber konnte man ihm ansehen, daß ihn eine außerordentliche Unruhe beherrsche. Er konnte die Rückkehr Leni's kaum erwarten.
Später kam der Sepp und setzte sich zu ihm. Beide besprachen leise ihre den heutigen Abend betreffenden Pläne. Der Fex erzählte natürlich auch, daß er der Leni das Lied mitgegeben habe.
»So bin ich begierig, was der Kapellmeistern dazu sagen wird,« meinte der Sepp. »Vielleicht feierst heut sogar einen doppelten Triumpfen anstatt nur einen einfachen.«
Endlich, endlich kehrte die Sängerin aus der Stadt zurück. Sie ging nicht nach der Mühle, sondern gradewegs zur Fähre. Als sie ihren Pathen erblickte, fragte sie:
»Sepp, kannst auch rudern?«
»Na freilich!«
»Daßt die Leutln nicht ins Wassern schüttest, die Du hier überfahren mußt?«
»Würd mich sehr wohl hüten, denn da fiel ich doch auch mit hinein. Aber soll ich denn überfahren?«
»Freilich!«
»Warum?«
»Weil der Fex sogleich in die Stadt muß.«
»Was soll er da?«
»Er soll gleich zu dem Capellmeistern kommen.«
»Himmelsakra!« rief der Fex. »Soll ich zu ihm kommen? Das ist ja ein sehr gut Zeichen!«
»Ja, Dein Liedl wird mit aufs Programmen kommen, wann er mit Dir selberst vorher reden kann. Er muß einige Stimmen ändern und will Dich da erst um Deine Erlaubnissen fragen.«
»O, die soll er gar gern bekommen.«
»Und die Programmen, die bereits fertig sind, die werden weggelegt und dafür in aller Geschwindigkeiten neue gedruckt. Mußt aber gleich zu ihm.«
»Ich lauf schon bereits. Sepp, fahr übern, wann Jemand kommen sollt. Ich lauf; ich lauf schon!«
Er rannte fort, in, größter Eile, nicht etwa auf dem Weg, sondern gleich am Flußufer hin, durch dick und dünn.
»Weißt auch, wo er wohnt?« rief ihm die Leni nach.
»Ja,« schrie er zurück. »Ich lauf, ich lauf!«
Und nach einigen Augenblicken fiel ihr noch Etwas ein.
»Fex! Fex!«
Er blieb stehen.
»Was hast nun auch noch wieder?«
»Sag ihm nix davon, daßt heut Abend auch mit kommst!«
»Nein, nein!«
Er wollte eiligst weiter.
»So wart doch noch, Du Sakrifix!«
»So red und mach schnell! Ich hab keine Zeiten übrig.«
»Ich hab bereits ein Billeten für Dich, von deren Direction. Du brauchst also Niemanden wissen zu lassen, dem Capellmeistern aber erst recht gar nicht!«
»Schön! Bist nun fertig?«
»Alleweil ja!«
»Gott sei Dank! Nun endlich kann ich laufen!«
Und er lief, und wie! Erst als er die ersten Häuser der Stadt erreichte, hemmte er seine Schritte, um nicht gar zu auffällig zu erscheinen. Er befand sich in einer so glücklichen Aufregung, wie er sie noch nie gefühlt hatte.
Der Capellmeister spazierte oft nach der Thalmühle und fuhr da auch zuweilen über. Darum kannte er den Fex sehr gut. Aus diesem Grunde war es ihm als ganz und gar unglaublich erschienen, daß dieser für stumpfsinnig gehaltene Mensch der Dichter und Componist dieses herrlichen Liedes sein sollte.
Es war dem musikalischen Satze zwar anzuhören, daß der Verfasser kein geübter Musiker sei; es kamen mehrere Härten und kleine Mängel vor; aber das konnte mit einigen Federstrichen geändert werden, und dann war das Lied nicht nur salon- und concertfähig, sondern es ließ sich sogar vorausbestimmen, daß es bedeutenden Effect machen werde.
Als der Fex die ersten Fragen des Capellmeisters beantwortet hatte, sagte der Letztere erstaunt:
»Aber Fex, Du bist heut ja ein ganz anderer Kerl, als sonst! Du hast ein ganz anderes Gesicht aufgesetzt!«
»Ja,« lachte der glückliche Jüngling, »ein Componist muß auch ein ganz ander Gesicht machen als ein Fährmann.«
»Und es ist wahr, daß Du der Verfasser sowohl des Gedichtes als auch der Composition bist?«
»Da kannst Dich drauf verlassen!«
Der Musiker legte sich in seinen Stuhl zurück, sah ihn kopfschüttelnd und forschend ins Gesicht und meinte:
»Mensch, Du giebst Einem wirklich zu rathen auf!«
»Das Rathen ist nicht schwer.«
»Nein. Die richtige Lösung ist freilich die, daß Du ein großes Talent besitzen mußt. Aber woher hast Du denn die Kenntnisse, welche dazu gehören?«
»Heimlich, Herr Kapellmeistern, heimlich!« blinzelte der Fex vergnügt.
»So, so! Also ein Autodidakt und Schlauberger!«
»Beides!«
»Wer irgend ein Instrument mußt Du doch wohl spielen können, wann auch nur schülerhaft?«
»Ich hab ein Bischen auf dera Geigen rumgekratzt.«
»So! Da will ich doch gleich mal hören, wie weit Du es gebracht hast. Hast Du denn Dein Lied schon einmal gehört?«
»Die Melodie hab ich mir auf meiner Vigolinen so mal zusammengestoppelt. Weitern nix.«
»So will ich es Dir jetzt einmal vorspielen. Geändert hab ich bereits einige kleine Versehen; nun aber kann es ein jedes Examen bestehen, sogar das strengste.«
Er setzte sich an das Piano und spielte. Der Fex stand von ferne, faltete die Hände und hörte zu. Sein Gesicht verklärte sich. Die Strahlen, welche dasselbe erleuchteten, kamen aus der tiefsten Tiefe seiner Seele heraus. Es war zum ersten Male, daß er das Lied spielen hörte. Er hätte vor Seligkeit vergehen mögen.
Als der Kapellmeister fertig war und sich umdrehte und dieses Gesicht erblickte, fuhr er empor und sagte:
»Fex, welch ein Gesicht! Jetzt kenne ich Dich; jetzt glaube ich an Dich, und jetzt schwöre ich auf Dich. So ein Gesicht kann nur ein Gottbegnadeter zeigen, dem der Herrgott den geistigen Adel verliehen hat. Ich kenne das; ich habs oft erfahren. Also, Du erlaubst, daß die Leni Dein Lied heut Abend singt?«
Dem guten Buben traten dicke Thränen in die Augen.
»Ob ichs erlaub! O Du lieber Himmel! Auf den Knien möcht ich dafür danken, daß es gesungen wird!«
»Und Du sollst es hören. Ich werde Dir ein Billet für einen Platz besorgen, an welchem Du Zuschauer und Zuhörer sein kannst, ohne gesehen zu werden.«
Er warf dabei einen Blick auf die mehr oder vielmehr noch viel weniger als unscheinbare Kleidung des Fex.
»Ja,« sagte dieser, »wannst so gut sein willst, so ist es mir freilich lieb.«
»Komm vor dem Concert hierher, und laß es Dir geben. Du wirst es bekommen, selbst wenn ich nicht zu Hause bin. Und noch Eins: Willst Du das Lied nicht herausgeben?«
»Herausgeben? Was meinst damit?«
»Drucken lassen.«
»Sapristi! Machst etwan gar einen Spaßen mit mir?«
»Nein, es ist mein völliger Ernst. Das Lied muß gedruckt und vervielfältigt werden, damit Dein Name bekannt wird und Du – nun ja, das wird Dir wohl auch ein Vergnügen machen – Du wirst Honorar dafür bekommen, Geld.«
»Das wird freilich eine Freuden sein! Hurrjeh!«
»So! Das ist abgemacht. Wir werden uns von jetzt an sehr oft sehen und über diese Angelegenheit verhandeln. Jetzt aber sollst Du mir auf der Violine Etwas vorspielen. Dort liegt sie. Versuchs einmal!«
Der Fex öffnete den Kasten und zog das Instrument hervor. Es war ein sehr gutes, von einem berühmten Geigenmacher gefertigtes. Als er es gestimmt hatte und mit dem Bogen leise über die Seiten gestrichen war, leuchtete sein Auge auf.
»Das ist auch kein Zigeunerkasten nicht,« lachte er.
»Das hörst Du bereits?«
»Dazu hat man ja die Ohren. Aber was soll ich Dir vorspielen? Sags mir lieber selberst.«
»Was kannst Du denn?«
»Ein paar Liedln.«
»Welche?«
»Wann i komm, wann i komm, wann i wiederum komm.«
»So! Was noch?«
»Wer will unter die Soldaten.«
»Und?«
»Was frag ich viel nach Geld und Gut.«
»Das sind nun freilich keine Meisterstücke. Kannst Du nicht auch Deine eigene Melodie hier spielen?«
»Ja freilich.«
»So versuche es.«
»Ja, darfst mich aberst nicht auslachen, sonst werd ich irr und schütt um und kann nimmer weitern!«
»Ich werde gar nichts sagen und mich ganz ruhig verhalten, bis Du fertig bist.«
Er legte sich mit der Miene eines Kenners, welcher die ohrzerreißende Production eines Anfängers zu hören erwartet, in den Sessel zurück, und der Fex begann.
Er spielte sein Lied erst auf das Allereinfachste, nur ganz allein die Noten nach ihrem Werthe und ihrer Höhe wiedergebend. Bei der Wiederholung aber kam Seele in diese einfache und darum um so ergreifendere Weise. Er spielte auch jetzt noch ohne alle Kunst, aber sein Zuhörer hob doch bereits den Kopf und warf einen erstaunten Blick auf den Spieler.
Als dieser zum dritten Male begann, ließ er erst eine zweite Stimme leise, ganz leise mitklingen. Sie wurde volltönender und eine dritte gesellte sich dazu. So spielte er das Lied einfach, aber in herzinnigem Vortrage und dreistimmig zu Ende. Der Capellmeister hatte den Oberkörper gerade aufgerichtet, stemmte die Hände auf die Kniee und machte ein Gesicht, als ob er seinen Ohren nicht traue.
Jetzt aber, beim letzten Accord, reckte sich die schmächtige und doch so kraftvolle Gestalt empor und der Bogen flog in einem brillanten, chromatischen Läufer über die Saiten bis hinauf zum höchst möglichen Flageolettone. Und dann, ja dann begann er seine Melodie zu variiren, in einer Weise, welche den Capellmeister vom Stuhle emporriß.
»Fex!« rief er.
Der Spieler schien es gar nicht zu hören.
»Fex! Um Gotteswillen, ist das wahr? Bist Du es denn wirklich? Das ist Zauberei!«
Der Fex aber verzog keine Miene, sondern er spielte weiter, so daß dem Kapellmeister vor lauter Verwunderung die Haare zu Berge steigen wollten, wohl eine ganze Viertelstunde lang, meisterhaft, wahrhaft meisterhaft, ja virtuos. Sodann riß er plötzlich mit einer rapid niederstürzenden Cadenz ab, legte die Geige hin und sagte lächelnd:
»So, da! So kratzt der Fex die Vigolinen. Behüt Dich Gott, Herr Capellmeistern!«
Und schnell war er zur Thür hinaus. Der Capellmeister riß natürlich die Thür wieder auf und schrie:
»Fex! Halt! Halt!«
Keine Antwort.
»Fex! So warte doch!»
Stille bliebs. Nicht einmal die Schritte des barfüßigen Künstlers waren zu hören. Der Dirigent der Theatercapelle sprang eiligst ans Fenster, riß es auf schaute hinab. Eben kam der Fliehende unten zur Hausthür heraus.
»Fex, so warte doch nur!«
Der Gerufene sah zum Fenster empor und fragte:
»Was hast nun noch?«
»Willst Du bei mir eintreten?«
»In Deine Stuben? Da war ich doch jetzt schon!«
»Nein in meine Capelle.«
»Ich hab auch eine!«
»Als erster Geiger!«
»Da hast Du schon einen!«
»Ich jag ihn fort!«
»Das sollt mir leid thun!«
»Freie Station –«
»Die Station hab ich stets frei, wann ich zum Bahnhof geh und schau sie mir an. Weißt!«
»Und tausend Mark Gehalt!«
»Das glaub ich nicht.«
»Verteufelt! Da rennt der Kerl doch fort! Fex!«
Der Gerufene schritt weiter, ohne sich umzudrehen.
»Fex – lieber Fex – Herr – Herr Fex!«
Nicht einmal auf diesen höflichen Titel, den man ihm noch niemals gegeben hatte, hörte er.
Da bog der Capellmeister seinen Leib so weit wie möglich zum Fenster hinaus und schrie mit einer Stimme, die nur für den bereits weit entfernten Fex bestimmt war, aber auch von allen Anderen weithin gehört wurde:
»Fex, Fex! Ich geb fünfzehnhundert Mark!«
Aber husch war der so sehnsüchtig Begehrte hinter der nächsten Ecke verschwunden.
Der Capellmeister zog seinen Körper langsam wieder in die Stube zurück, machte das Fenster zu, fuhr sich mit den Händen in das Haar und sagte:
»Mir ists grad noch so, als ob ich träume! Dieser verachtete Kerl ist wahrhaftig bereits ein Virtuos! Wo hat ers her! Wer ist sein Meister, sein Lehrer! Keiner und Niemand! Das ist eine Gottesgabe ohne Gleichen. Aber ich habe ihn entdeckt und ich angle ihn für mich. Ich werd fürchterliche Furore mit ihm machen und – mir ein wahres Heidengeld mit ihm verdienen!«
Also das war heute vor und nach der Probe geschehen. Natürlich fiel es dem Fex nicht ein, sich das verheißene Billet vom Capellmeister zu holen. Es ärgerte ihn zwar nicht, aber er hatte doch den Blick, welchen derselbe auf die nackten Füße geworfen hatte, gesehen und dann die Bemerkung hören müssen, daß das Billet für einen Platz sei, an welchem er nicht bemerkt werden könne. Diese Worte und diesen Blick hätte der Mann lieber weglassen können.
Nun erhielt der Fex von der Leni das Kärtchen, welches ihn berechtigte, sich hinter die Bühne zu verfügen. Gerade als er den engen Gang hinabschritt, trat die Genannte mit ihrem Sepp durch eine Tapetenthür heraus. Sie hatten unbemerkt ihre Orchesterloge verlassen. Als sie den Fex bemerkten, sagte die Leni:
»Da bist ja! Das trifft sich gut. Komm! Ich will Dir Deinen Platz gleich zeigen. Da hasts so bequem, wiests nur zu haben wünschen kannst.«
Sie nahm ihn bei der Hand und brachte ihn bis dahin, wo hinter den linkseitigen Coulissen ein Sopha stand, bestimmt, bei vorkommendem Bedürfnisse auf die Scene gestellt zu werden.
»Hier,« sagte die Leni, »hast ein feins Plüschcanapee; das ist Deine Theaterlogen. Die wird Dir kein Mensch streitig machen. Und da hast auch ein Programmen, daßt nicht irre wirst und eine Symphonieen für einen Walzern hältst, oder gar eine Bratwürsten für eine Picoloflöten.«
Sie gab ihm den Zettel.
Es war eben der Augenblick, an welchem der Italiener seinen Vortrag beendet hatte und die Gardine niederging. Da kam der Direktor mit dem Altmeister Liszt von der anderen Seite auf die Scene und stellte die beiden Herren einander vor. Die Worte, mit denen sie sich begrüßten, bestanden in den bei solchen Gelegenheiten gebräuchlichen Redensarten und Höflichkeiten. Sodann hörte man Liszt fragen:
»Und wo haben Sie das neue Lumen, die Mureni?«
»Noch sehe ich sie nicht. Ich hörte, daß sie sich in ihrer Orchesterloge befinde.«
»Rechtfertigt diese Dame denn das Arrangement, welches man ihretwegen getroffen hat?«
Diese Worte hießen, ins Aufrichtige übersetzt:
»Ist diese Sennerin denn wirklich ein solches Licht, daß sie an einem Concerte mitwirken darf, in welchem ich mich hören lasse?«
Und der berühmte Meister hatte ja ein unbestreitbares Recht zu dieser Frage. Der Director antwortete:
»Ganz gewiß, wie ich zu meiner Genugthuung sagen darf.«
»So bin ich wirklich wißbegierig auf sie.«
»Wann das so ist, so könnens mich halt anschaun!«
Diese Worte erklangen hinter ihm, denn die Leni war hinter der sie verbergenden Coulisse hervorgetreten. Liszt drehte sich um. Sein tiefer, forschender Blick ruhte eine ganze Weile auf ihr. Dann machte er eine höfliche Verbeugung und sagte:
»Wenn Ihre Stimme das hält, was Ihr Gesicht und Ihr Auge versprechen, so werden Sie Ihren Weg machen. Wir sehen uns ja wohl heute Abend wieder. Jetzt bitte, weiter, Herr Director!«
Dieser führte ihn hinaus auf den Gang, welcher um die Logenreihen des ersten Platzes führte.
»Bin ich angemeldet?« fragte Liszt.
»Ja, bitte!«
Der Director öffnete die Thür und Liszt trat ein. Er befand sich in der Loge des Königs. Wagner erhob sich sofort, und als der König, den Kopf leicht wendend, den Eintretenden gewahrte, begrüßte er ihn mit einem freundlichen Verneigen des Kopfes und winkte ihn mit der Hand an seine rechte Seite.
Aller Augen waren natürlich an diesem Augenblicke auf diese Loge gerichtet. Eine solche Gruppe war eine Seltenheit: Wagner links, Liszt rechts und zwischen diesen beiden Koryphäen ein König, ein Beschützer und Gönner der Künstler, wie kein Zweiter.
Der Fex hatte von seinem verborgenen und unbeachteten Platze aus Liszt mit leuchtenden Augen beobachtet. Erst als dieser verschwunden war, warf er einen Blick auf das Programm. Fast erschrak er, als er an vorletzter Stelle las:
»Die alte Bettlerin. Gedichtet und componirt vom ›Fex‹;, gesungen von Signora Mureni.«
Das Wort Fex war fett gedruckt. Die Buchstaben begannen vor seinen Augen zu schwimmen. Er spürte die Wirkung jenes süßen Rausches, den ein Jeder fühlt, der seinen Namen zum ersten Male gedruckt liest, und mußte sich alle Mühe geben, das Klopfen seines Herzens zu beherrschen.
Jetzt wurden die Vorbereitungen zur Nummer Vier getroffen, während vom Orchester die Cavotte vorgetragen wurde. Die Scene wurde in eine Alpenlandschaft verändert und stellte eine steile Alpenwiese vor, auf welcher eine Sennhütte stand. Die Thür derselben war offen. Neben derselben stand eine Bank, über welcher ein Vogelkäfig hing. Durch die geöffnete Thür erblickte man den von der Decke herabhängenden Kessel.
»Jetzt nun komm herbei,« sagte die Leni zum Sepp, indem sie ihn bei der Hand ergriff. »Da, setz Dich auf die Bank! Und wie ist Dirs denn so um den Magen herum? Hast vielleicht eine Angst?«
»Angst?« lachte er. »Vor wen?«
»Vor den vielen Herrschaften da draußen.«
»Weißt, diese Herrschafterln gehn mich halt gar nix an. Ich sing mit Dir, wie ich so oft mit Dir sungen hab und weilts so gar expreß wollt hast.«
»Ja, ich hab meine künstlerische Laufbahn anfangen wollen an Deiner Seiten, mit Deiner Zithern, mit Deiner alten, trauten Stimmen und mit unserm Lieblingslied. Obs Denen da draußen gefallt, das ist mir für dieses Mal gleichgiltig.
»Ja, Du bist und bleibst mein bravs Lehnerl!«
Er drückte ihr mit väterlicher Zärtlichkeit die Hand und setzte sich auf die Bank. Ein Theaterdiener brachte den alten Hut, den Bergstock und die Zither herbei. Die Letztere nahm der Alte auf die Kniee, den Stock aber, auf den er den Hut stülpte, lehnte er unter den Käfig an die Wand. Als nun die Leni an den einen Thürpfosten trat, bildeten sie ganz genau dieselbe Gruppe wie im vorigen September droben auf der Alm, wo sie auch mit einander sangen, ehe der König bei Leni erschien. 
Jetzt waren die letzten Töne der Cavotte verklungen und der Regisseur erschien. Er warf einen prüfenden Blick auf die Scene, erklärte sich zufriedengestellt und sagte, aber unter einem leichten Achselzucken:
»Sie haben es partout so gewollt, Signora. Wir haben Ihren Wunsch als Befehl genommen und tragen also keine Verantwortung, wenn Ihr Debut einen ganz andern Erfolg findet, als Sie erwarten.«
»Den Erfolg weiß ich sehr genau,« antwortete die Leni. »Die Herrschaften erwarten natürlich eine brillante Kunstleistung. Statt dieser hören sie ein einfaches Alpenlied, gesungen von einem alten Kerl und einer dummen Dirn. Erst wird man erschrecken, dann sich wundern, nachhero gar sich ärgern und endlich schweigen oder gar zischen, anstatt uns Beifall zu klatschen.«
»Nun, ein Zischen hören wir heute bei einem so distinguirten Auditorium wohl nicht.«
»So desto besser! Also hast keine Angst, Sepp?«
»Fallt mir nicht ein. Was steht denn jetzt auf dem Programmen, Leni?«
»Auf der Alm, da giebts ka Sünd, Volkslied, vorgetragen von Signora Mureni und Joseph Brendel.«
»Sappernlot! Das klingt nobel. Auf so einem Programmen bin ich schon gar der Sepp nicht mehr. Na, ich bin begierig, was noch aus mir werden mag!«
Jetzt wurde das Glockenzeichen gegeben und die Gardine stieg empor. Natürlich waren Aller Augen nach der Scene gerichtet. Da das Orchester nicht zu begleiten hatte, so hatten auch die Mitglieder der Capelle genug Zeit, sich die neu aufgetauchte Künstlerin zu betrachten.
Welch eine Enttäuschung! Das war ja der alte Mensch, welcher da unten in der Orchesterloge gesessen und die unanständige, gemeine Nase hinauf noch dem ersten Rang gezogen hatte! Und das Mädchen neben ihm? Das soll die Mureni sein? O weh!
Es ging jenes leise Geräusch durch den Raum, welches dem geübten Künstler schon im Voraus sagt, daß er zu kämpfen haben werde und sich ja auf keinen Beifall spitzen möge.
Aber nun erklangen die Töne der Zither durch den Raum, bei dessen Weite und Höhe sie auf den entfernten Plätzen an Stärke außerordentlich verlieren mußten.
»Also, nicht zu stark vorerst, Sepp!« flüsterte Leni.
Und dann, als das Vorspiel beendet war, begann sie mit dem Pathen
»Von der Alm, da ragt ein Haus
Niedlich übers Thal hinaus;
Drinnen wohnt mit frohem Sinn
Eine schöne Sennerin.
Senn'rin singt so manches Lied.
Das durch Thal und Nebel zieht.
Horch, es klingt durch Luft und Wind:
Auf der Alm, da giebts ka Sünd!«
Leni hatte gesungen ganz wie früher. Ihrer Stimme war nicht eine Spur der Schulung anzuhören, welche sie seit jener Zeit genossen hatte. Und auch den Jodler »Hol di ei i di«, welcher auf die letzte Zeile folgte, sang sie ganz in derselben einfachen Weise wie vormals.
Als derselbe verklungen war und der Sepp das Vorspiel für die zweite Strophe begann, flüsterte er:
»Jetzt schau mal hinaus zu denen Herrschafterln, was sie halt für Gesichtern schneiden!«
»Sehr schlimme!«
»Du singst aberst auch schlimm!«
»Dann wirds besser.«
Jetzt war das Vorspiel zu Ende und es folgte die Fortsetzung.
»Als ich jüngst auf schroffem Pfad
Ihrem Paradies genaht,
Trat sie flink zu mir heraus.
Bot zur Herberg mir ihr Haus.
Fragt nicht lang: Was thust allhier? Sondern setzte sich zu mir,
Sang ein Lied, so weich, so lind:
Auf der Alm, da giebts ka Sünd!
Hol di ei i di!«
Für den Unbeteiligten wäre es wirklich ein Genuß gewesen, den Ausdruck dieser weit über tausend Gesichter zu beobachten. Jedes war anders, aber auf allen zeigte sich die eine Miene der größten, allergrößten Enttäuschung. Man wandte die Köpfe hin und her, blickte sich groß an, versteckte die Nase hinter Fächer oder Taschentuch – und wohl nur die Anwesenheit des Königs hielt Viele ab, der Indignation einen lauten Ausdruck zu geben.
Und nun kam die dritte Strophe:
»Und als ich dann von ihr schied,
Klang von fern mir noch ihr Lied,
Und zugleich mit Schmerz und Lust
Trug ichs fort in meiner Brust,
Und seitdem, wo ich auch bin,
Schwebt mir vor die Sennerin,
Hör sie rufen: Komm geschwind,
Auf der Alm, da giebts ka Sünd!
Hol di ei i di!«
Der erfahrene Theaterdirector hatte natürlich geahnt, welchen Mißerfolg dieser Vortrag haben werde, und da ihm am Meisten vor dem Unwillen des Königs bangte, so war er nach dessen Loge gegangen und da eingetreten, um in respektvoller Entfernung einen etwaigen Wink zu erwarten.
Er hatte sich nicht getäuscht. Als der letzte Ton verklungen war, verbeugten sich die Leni und der Sepp und traten ab. Keine Spur von Beifall – aber auch nicht das leiseste Geräusch, welches als Entrüstungsausdruck zu deuten gewesen wäre. Eine schwere, bleierne Laut- und Geräuschlosigkeit lag auf dem Hause. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können.
Da sah man, daß der König den Kopf wendete und den Director herbei winkte. Er sprach nicht laut, nur mit ziemlich gedämpfter Stimme, als ob Niemand es hören solle, aber bei der beängstigenden Stille klangen die Worte doch mehr oder weniger deutlich, je nach der verschiedenen Entfernung in die Ohren aller Anwesenden.
»Was war das? Warum dieses Lied!«
»Majestät, sie hat es nicht anders haben wollen.«
»Warum?«
»Joseph Brendel ist ihr Pathe, der einzige Mensch, den sie im Leben gehabt hat.«
»Ach so!«
»Und da hat sie den ersten Schritt mit ihm, dem lieben, alten Almler, thun wollen, an seiner treuen Seite und mit grad dem Liede, welches sie so oft mit ihm gesungen hat.«
Auch die Stimme des Direktors drang bis in die entfernteste Ecke. Da nickte der König:
»Das ist brav! Das ist Gemüth! Das verdient unsern Beifall!«
Er klatschte, obgleich der Vorhang bereits gefallen war. Und nun konnte man sehen, was der Beifall und das Beispiel eines Königs vermag.
»Brav – Gemüth – Beifall – alter Pathe – hat nur ihn gehabt im Leben –« so flüsterte es von Platz zu Platz, und alle Hände, keine einzige ausgenommen, begannen zu arbeiten, als ob die Mara, die Sonntag oder die Schröder-Devrient eine ihrer Bravour-Leistungen losgelassen gehabt hätten.
Der König hatte seine Hände höchstens drei- oder viermal sich berühren lassen, dann blickte er mit lächelnder Miene nach rechts und links. Ein leises, freundliches Neigen seines Kopfes und die Kräfte verdoppelten sich.
Da ging die Gardine wieder empor und der »alte Aelpler« brachte die Sennerin hereingeführt. Er verbeugte sich so gut, wie er es mit seinem steifen Rücken fertig brachte, und sie mit ihm. Sein Gesicht strahlte vor Entzücken. Er schwenkte mit der einen Hand den Hut und figurirte mit der andern in der Lust herum, als ob er Schwalben fangen wollte. Das Klatschen wollte kein Ende nehmen. Da trat er ein Stück weiter vor und gab mit der Hand ein Zeichen, daß man still sein solle. Und als da schnell Ruhe eintrat, sagte er laut, daß es bis in die entfernteste Ecke schallte:
»Schauts, Leuteln, ich hab halt gar nicht glaubt, daßt Ihr so brave und liebe Herrschafterln seid. Wir habens schlecht macht, das weiß ich gar wohl, aberst die Leni, das sakrische Malefizdirndl, die hats grad so gewollt. Ihr sollt halt nicht sogleich wissen, wie sies eigentlich kann. Jetzt abern wolln wir den dritten Vers nochmal singen, ohne Zithern und ohne Alls. Da mag sie nun mal den Deuxi loslassen, und ich werd den Baß dazu orgeln, daß Ihr Eure Freuden dran haben sollt!«
Er nickte dem Publikum brüderlich zu, als ob er sich in einer Schänke bei Seinesgleichen befinde, und trat zurück. Seine Rede machte einen gewaltigen Eindruck. Man erkannte, daß es hier nichts Gemachtes, Unwahres, Falsches gab, daß man es mit einem ehrlichen, wenn auch nicht blank polirten Biedermann zu thun hatte, und das regte an.
»Bravo, Wurzelsepp!« erklang eine Stimme.
Wessen Stimme das eigentlich war, das konnte Niemand sagen, außer wohl die nächsten Nachbarn, aber der kräftig klingende, viel bekannte Name war nicht umsonst ausgesprochen worden. Ein einstimmiges Lachen folgte; dieses wurde mehr- und endlich gar vielstimmig. »Bravo! Bravo!« erklang es von allen Seiten und wollte kein Ende nehmen, bis der Sepp abermals ein Zeichen gab und laut rief:
»Wollt Ihr endlich nun mal Ruhen geben, Ihr Himmelsakra! Man kann doch seine eigne Red nimmer hören! Wann sollen wir denn anfangen zu beginnen, wann das so fortgeht!«
Und dabei sah man es dem Alten ganz deutlich an, daß es ihm mit diesem heiligen Zorn vollständig Ernst sei. Das erhöhte natürlich die Teilnahme für diesen urwüchsigen Character, und der Beifall [unleserlich] em.
Da warf er zornig seinen alten Hut auf den Boden, setzte sich auf die Bank, legte die Beine über einander und drehte sich vom Publikum ab, als hätte er sagen wollen:
»Da, macht meinswegen fort! Ich kanns abwarten!«
Dadurch wurde die Stimme des Publikums eine noch viel animirtere und der Regisseur flüsterte dem Director, welcher inzwischen wieder hinter der Scene erschienen war, froh zu:
»Wer hätte das gedacht! Wir können wieder Athem holen!«
»Ja, so ein Debut ist einzig, ist noch nie dagewesen. Diese Mureni ist genial. Sie hat mit ihrem alten Pathen einen Griff gethan, der ganz unvergleichlich und unbezahlbar ist. Ihr Weg ist gemacht. Sie hat an das Herz, an das Gemüth des Publikums appellirt und ihre Rechnung gefunden.«
Endlich legte sich der Beifall, und nun ergriff die Leni ihren Sepp bei der Hand und zog ihn auf.
»Schön!« sagte er. »Aberst nun mal laut!«
Und nun begannen sie den dritten Vers abermals: ›Und als ich dann von ihr schied.‹;
Gleich bei den ersten Tönen ging eine auf den Gesichtern bemerkbare Ueberraschung durch den Zuhörerkreis. Leni sang das Lied aus A-dur. Sie setzte mit dem e wie mit Orgelton ein und das tiefe cis klang voll, stark und sonor, wie es nur von einem ausgesprochenen Mezzo-Sopran hervorgebracht werden kann. Ihre Stimme hatte ein ganz eigenartiges, männliches Timbro, und doch, als die Melodie dann emporstieg, klang es, wie wenn im Organist die Vox Humana mit der Flauto amabile und dem Posaunenbasse registrirt. Das hatte Niemand erwartet. Diese Stimme füllte den weiten Raum, das Wort »füllte« als Kunstausdruck, als Terminus technicus gebraucht. Ein Jeder begann zu ahnen, was diese Stimme vermochte, wenn die Sängerin wirklich wollte.
Und der alte Sepp ließ seinen Baß so ungenirt hören, wie oftmals in der Kirche, wenn seine Nachbarn aus der Melodie geriethen und er sie wieder in die richtigen Töne hineinposaunte.
Und zuletzt der Jodler. Da stieg die Stimme der Sängerin, die man vorher für einen Mezzo-Sopran halten mußte, mächtig voll und jubilirend, mit einer Leichtigkeit bis in das dreigestrichene cis hinauf, daß man hörte, sie könne auch noch mehrere Töne weiter empor.
Es war nur ein leichtes Volkslied mit fließendem Jodler, aber als der Letztere geendet hatte, hatte jeder Zuhörer die feste Ueberzeugung, eine solche Stimme noch nie gehört zu haben.
Der Beifall brach von Neuem los, und zwar brausend, wie ein wirklicher Sturm. Wieder und immer wieder mußten Beide erscheinen, mußte der alte, glückliche Sepp die Leni aus der Coulisse hervorziehen. Er weinte vor Freude, und als zwischen dem Applaudiren eine kleine Pause eintrat, wie es zuweilen vorzukommen pflegt, da faßte er seine Pathe bei den Hüften, hob sie trotz seines Alters hoch empor und rief schluchzend:
»Leni, Du bist halt meine einzige Freud und mein Glück! Das weiß der liebe Gott!«
Natürlich brach der Sturm von Neuem los; doch wurde der Vorhang nicht wieder emporgenommen.
Hinter demselben trat der Direktor auf die Sängerin zu, reichte ihr die Hand und rief, ganz entzückt über einen so ungeahnten Erfolg:
»Signora, meine herzlichsten Glückwünsche! Es ist gar nicht möglich, daß einer Ihrer noch folgenden Vorträge einen ähnlichen Beifall haben kann!«
»Meinen Sie?« lächelte sie ihn zuversichtlich an.
»Ja. Ich kann Ihnen jetzt mein Wort geben, daß Ihre Zukunft gesichert ist, wenn Sie nun noch zeigen, daß Sie auch in höherer Weise Gutes leisten.«
Auch der Italiener kam, Concertmeister Antonio Rialti, um sie zu beglückwünschen. Sie nahm seine Gratulation höflich aber kühl auf und ließ ihn dann stehen, um hin zu dem Sopha zu gehen.
»Nun, mein lieber Fex, was sagst dazu?« fragte sie ihn.
»Daß ich Dirs gönn, von Herzen gönn!« antwortete er einfach – aber die Thränen, welche in seinen treuen Augen standen, waren der beste Beweis, wie aufrichtig und herzlich er es meinte.
Und noch Einer nahm an dieser Freude theil – der Krikelanton. Freilich wußte er nicht, ob er sich nicht lieber darüber ärgern solle. Je freundlicher die Leni vom Publikum aufgenommen wurde, desto schwerer war sie ja von der Bühne wegzubringen.
»Nun, Anton, wie gefällt sie Dir?« fragte der Professor Weinhold.
»Gut und schlecht.«
»Das ist Wahnsinn! Ich sage Dir, daß ich Kenner bin; aber eine Stimme wie diese, ist mir noch niemals vorgekommen.«
»Besser wärs, sie hält gar keine!«
»Du bist ein Barbar!«
»Meinswegen! Wer dann war sie auf der Alm blieben und ich hätt sie jetzt als meine Frau.«
»Aber der Kunst wäre eine ihrer größten Priesterinnen verloren gegangen!«
»Was geht mich die Kunst an!«
»Leider hast Du gar kein Verständniß für sie!«
»Ich wüßt auch gar nimmer, was ich damit thun sollt.«
»Und ebenso wie mir diese Stimme imponirt, entzückt mich das gute Gemüth dieses Mädchens. Welch ein Gedanke, an diesem Orte und vor einem solchen Publikum mit dem Sepp und mit diesem Liede hinzutreten! Und doch hat sie es gewagt!«
»Ja, brav ist das gewesen, das geb ich schon zu; aberst noch braver hätt ichs genannt, wanns niemals vor ein Publikum treten wär. Freun thut michs nur, daß sie ihr Gewanderl anhat und nicht so eins, was oben kurz ist und dafür unten viel zu lang!«
Der Professor konnte sich die größte Mühe geben, ihn zu einer anderen Ansicht zu bringen – vergebens. In seinem riesigen Egoismus erkannte er nun einmal nicht, welch ein ungeheures Opfer er von der Geliebten verlangte und selbst jetzt noch forderte.
Die nächste Nummer war wieder ein Orchesterwerk, und dann trat der Italiener nochmals auf.
Er hatte vier Nummern übernommen, die jetzige war seine zweite. Er gab sie wie die erste, mit erstaunlicher Technik, aber ohne Seele und Leben. Dennoch war der Beifall, welchen er jetzt fand, für ihn befriedigender als vorhin, und das hatte er der Leni und dem Sepp zu verdanken, welche Beide das Auditorium in eine nachsichtigere, freundlichere Stimmung versetzt hatten.
Als er abgetreten war, kam der alte Sepp zu ihm gegangen.
»Nun, wie stehts? Willst noch?« fragte er.
»Ich wollen ßehr, ßehr!« antwortete Rialti.
»So ists jetzt Zeit.«
»Ssein fertik allen Vorbereitunken?«
»Alles.«
»Auck die Leiter?«
»Natürlich.«
»Und wo ßein Leni, Signora Mureni?«
»Die ist eben jetzt nach der Garderobe gegangen, sich umzuziehen. Also mußt jetzt eilen.«
»Ssein auck das Fenßter das rickticke?«
»Ja, ja! Hab keine Sorge, und komm nur mit!«
Er gab dem Fex einen Wink und zog den Concertmeister mit sich fort, nach einer hinteren Thür, welche angebracht war, um Pferde oder Wagen hinter die Scene zu bringen. Dort wurde dann, wenn das Letztere der Fall war, eine breite, starke Holzbrücke vom Garten herauf angelegt. Seit längerer Zeit war das nicht vorgekommen, und so war diese Brücke einstweilen entfernt worden, Da es dort keine eigentliche Passage gab, war die Thür für gewöhnlich verriegelt.
Sie lag in einer dunklen, unerleuchteten Stelle. Der schlaue Sepp hatte seinen Landsmann und guten Bekannten, den Hausmann des Theaters, dazu gebracht, ihm den Schlüssel zu dieser Thür zu geben. In der Nähe derselben hatte der Hausmann eine Leiter lang an der Mauer hingelegt. Diese wurde heut nicht, sonst aber sehr oft gebraucht, um schnell und ohne zu stören hinauf zum Schnürboden zu gelangen.
»Hier ists,« sagte der Sepp, auf die Thür deutend.
»Hab Du den Schlüssel?«
»Ich hab ihn. Und hier liegt die Leiter. Aber Du mußt mit helfen.«
»Aber wenn man uns ßehen!«
»Kein Mensch kommt hierher.«
Er schloß auf, und sodann ließen die Beiden die Leiter von der Thür hinab in den Garten. Der Sepp mußte von oben halten, und der Italiener stieg zuerst auf der Leiter hinab.
Der Sepp hustete laut, und sofort kam der Fex herbei, welcher hinter der nächsten Ecke bereits darauf gewartet hatte.
»Also laß Dich ja nicht sehen,« flüsterte ihm der Alte zu. »Und nachhero wartst hier, bis ich wiederkomm. Ich wills doch auch anschaun, wannt zum ersten Mal ein Conzertl giebst.«
Jetzt stieg auch er hinab. Er nahm den Concertmeister beim Arm, zog ihn fort und sagte:
»Komm! Wir müssen um die Ecke dort. Aber Du mußt ganz still und heimlich sein, ja nicht nießen oder husten, weil so ein sakrischer Hustrich oder Nießrich gleich Alles verrathen kann.«
»Ich ßein kanz ßtill, ßehr, ßehr ßtill!«
Sie bogen um die angegebene Ecke. Dort stand in der Nähe eines matt erleuchteten Fensters ein Baum. Sepp deutete hinauf zum Fenster und sagte:
»Das ists, was Du suchst.«
»Die Karderobe?«
»Ja, die Gardroben.«
»Wo Leni ßein drin?«
»Ja.«
»Ssie ßein ßicker drin? Ssicker und kewiß?«
»Ganz sicher. Steig nur nun hinauf!«
»Du auk mit ßteichen?«
»Ja.«
»Aber ich nicht kann kletter!«
»Ach so! Da muß ich die Leiter holen.«
Er hätte sie gleich mitnehmen können, hatte sie aber natürlich einstweilen anlehnen lassen, damit inzwischen der Fex auch herabsteigen könne. Als er zu ihm zurückkehrte, lachte er:
»Der Hallodri geht wirklich in die Falle!«
»Sollt man ihm so eine Dummheiten zutraun!«
»Warum nicht? So ein alter Kerl, wann er in ein hübsch Dirndl verschossen ist, der ist zu noch ganz andern Dingen fähig.«
»Eigentlich dauert er mich!«
»Was denkst! Er will meine Leni belauschen, wann sie sich aus- und anzieht. Das ist eine Sünd und Schand und muß bestraft werden.«
»Aber wann sie uns derwischen!«
»Das ist nicht möglich. Nur der Hausmann weiß es, und der verräth mich nimmer; er käm ja gleich selber in Strafen, daß er mir diesen Gefalln that. Also komm noch bis an die Eck. Und wann wir oben sind, nimmst die Leitern weg.«
Er nahm die Leiter und trug sie fort. Bei dem Baum angekommen, lehnte er sie an.
»So steig voran!« gebot er dem Concertmeister.
»Du halten feßt, ßehr feßt!«
»Ja freilich.«
»Damit ich nicht ßtürzen vom Baum.«
»Steig nur. Ich kraxel gleich hinter Dir her!«
Der Baum war eine Linde, welche erst in ganz beträchtlicher Höhe die Aeste spaltete. Der Italiener war sein Lebelang noch auf keinen Baum gekommen. Er stieg empor, als ob es gälte, dann auf dem hohen Thurmseile zu tanzen, so zaghaft und angstvoll. Droben angekommen, krallte er sich voller Angst an den Stamm an, mit den Beinen auf dem untersten Ast fußend.
Der Sepp stellte sich auf die andere Seite des Stammes. Nun kam der Fex herbeigeschlichen, nahm die Leiter leise weg und trug sie fort.
»Mich mit feßthalten!« bat der Italiener.
»Ich ßittern, ßehr ßittern, ßehr!«
»Ach was! Wer wird zittern! Jetzt giebts Anderes zu thun. Da schau ins Fenster hinein; da wird die Leni jetzt – – Sapperloten! Was für ein Fenstern ist das eigentlich?«
»
Vergogna! Oimè – pfui! O weh!« antwortete der betrogene Italiener.
»Na, das ist auch eine Affenschand! Jetzt nun hat mir dera Hausmann das falsche Fenstern beschrieben. Dort das zweit ists richtige.«
Das Fenster, in welches sie blicken konnten, gehörte nämlich zu einem jener heimlichen Gemächer, welche zwar in jedem Hause sehr nothwendig sind, ihm aber keineswegs zur öffentlichen Zierde gereichen und darum meist an einen Punkt angebracht werden, wo sie am Wenigsten in die Augen fallen. Noch dazu war es mit weiß gefirnißten Scheiben versehen, so daß man nicht einmal hineinblicken konnte, ein Umstand, den der gute Signor Antonio Rialti von unten gar nicht bemerkt hatte. Er sagte jetzt:
»Schnell hin! Das ßweite es ßein.«
»Ja. Steigen wir rasch wieder hinab.«
»Vorwärts! Ich haben nicht viel von Zeit.«
»Ich auch nicht. Was! Tausendelement!«
Er sagte das im Tone der größten Ueberraschung. Dies fiel dem Italiener auf, welcher fragte:
»Was ßein? Warum Du fluchen?«
»Die Leiter ist weg.«
»Das ßein unmöcklick!«
»Da schau her!«
Aber der Kleine wagte es nicht, sich nieder zu beugen, weil er Angst hatte, in diesem Falle das Gleichgewicht zu verlieren und vom Baume zu stürzen.
»Ssie ßein wircklick weg?« fragte er.
»Ja.«
»Aber wohin ßie ßein.«
»Das weiß der Teuxel!«
»Ssie umßtürzen!«
»Bewahre! Das hätten wir ja gehört.«
»Waß ßonsten?«
»Es muß Jemand heimlich hier gewesen sein.«
»
E egli possibile! Ssein es möklick!«
»Ich habe keinen Schritt gehört. Aber diese Schauspielern sind Halunken. Nun müssen wir hinabklettern. Komm, Bruderherz! Versuch es mit!«
»Kletter! Nein, nein! Ich brecken die Hals!«
»Das geht nicht so rasch.«
»O, ich brecken nicht bloßen die Hals, ßondern auck nock daßu die Kenick!«
»Ich halt Dich mit; ich helf Dir. Komm!«
Er faßte ihn an; aber der Kleine wurde da vor Angst viel lauter als bei der gebotenen Vorsicht jetzt rathsam war.
»Nein, nein!« quikte er. »Ich bleiben! Du allein hinuntergehen und Leiter holen!«
»Sapristi! Hinuntergehen?«
»Ja, ßehr, ßehr!«
»Nun, da versuchs doch mal, und geh so ßßehr hinunter. Glaubst etwan, man spaziert so hübsch leicht den Baum hinauf und hinab wie draußen auf denen Promenadern? Hier muß man klettern gelernt haben.«
»Alßo Du hinabklettern!«
»Hm! Ich mit meinen alten Gliedmaßen.«
»Es kehen schon!«
»Ja, es geht schon! Du hast Angst, aber ich kann den Hals brechen. Danke schön, sehr schön!«
»Nur hinab Du, und Leiter holen! Ich haben keinen Sseit mehr; ich müssen fort; ich müssen ßpielen!«
»Ja freilich, bist bald wiedern an der Reihen!«
»Alßo schnell, schnell! Ssehr, ßehr!«
»Na, ich werde Dir den Gefallen thun! Ich will es wenigstens mal versuchen. Stürze ich hinab, so kannst kommen und mich aufheben.«
Er war ein ausgezeichneter Kletterer, selbst noch jetzt in seinen alten Tagen. Er kam ohne alle Anstrengung und Beschwerde hinab.
»So! Da bin ich im Parterr!« sagte er.
»Du ßehen die Leitern?«
»Nein.«
»Sfie holen! Rasch, schnell!«
»Ja, wohin hat sie denn der Urian gesteckt?«
»Du ßuchen, ßehr suchen, ßehr!«
»Na, meinswegen.«
»Aber kommen kleik wieder!«
»Sobald ich sie hab, ja.«
»Ich bereits ßittern. Ich stürzen!«
»Wann Du jetzt schon zitterst, so wirds bald noch schlimmer. Setz Dich lieber nieder auf den Ast. Da ists gemüthlich, und da kannsts aushalten, bis die Gans geschlachtet wird.«
»Sso lange nicht, nein, nicht ßo lange!«
»Gut, so schlachten wir sie eher. Also jetzt will ich nach dera Leitern suchen gehn. Verhalt Dich nur sein ruhig, sonst blamirst Dich in alle Ewigkeit!«
Er ging, natürlich dahin, wo der Fex die Leiter wieder angelegt hatte und auf ihn wartete.
»Ist er noch oben?« fragte dieser.
»Ja. Wo soll er sonst sein?«
»Herabklettert.«
»Der und klettern! Der bleibt oben, bis man ihn vom Baume abschöpft wie eine Milchhauten. Jetzt aber mach, daß wir in unsere Ordnung kommen!«
Sie stiegen die Leiter empor und zur Thür hinein, zogen die Leiter hinauf und legten sie wieder an ihren Platz. Nachdem der Sepp dann die Thür verschlossen hatte, begaben Beide sich wieder nach vorn. Es gelang ihnen, das Sopha unbemerkt zu erreichen, auf welches sie Beide sich niedersetzten.
Das Alles war ziemlich schnell geschehen, so daß während dieser Zeit nur eine Nummer gegeben worden war. Die nächste hatte Leni zu singen. Eben kam sie aus der Garderobe. Als der Sepp sie bemerkte, fuhr er vom Sopha auf.
»Verdimmi, verdammi!« sagte er. »Jetzund möcht ich grad so fluchen wie's damals dera Nachtwächtern droben bei uns in der Moden gehabt hat. Wer ist das? Ists die Leni oder nicht? Ich werd ganz irr!«
Und er hatte Recht. Man konnte wohl glauben, daß man sich täusche, daß es eine Andere sei. Sie war jetzt in großer Toilette. Sie trug ein rosaseiden Kleid mit schwerer Schleppe; grüne Weinlaubguirlanden hoben sich prächtig von dem zartduftigen Stoffe ab. Die Taille war ausgeschnitten und der Schnitt mit eben demselben Laub garnirt; dazu eine blinkende, volle Traube am Achselschluß und Weinbeeren und Schneeglocken im Haar – eine seltsame Zusammenstellung, welche aber äußerst effectvoll wirkte.
Sonst war kein Schmuck an ihr zu sehen. Aber sie selbst war, das sah man nun jetzt erst, von einer so eigenartigen, bezaubernden Schönheit, daß dieselbe durch ein Schmuckstück nur beeinträchtigt worden wäre. Diese volle, runde und doch dabei nicht gar üppige Schönheit mußte wirken; das war vorauszusehen.
Der Director mochte denselben Gedanken haben, denn er verbeugte sich tief vor ihr und sagte:
»Was soll ich sagen, Signora! Habe ich Sie vorhin beglückwünscht, so darf ich es doch jetzt nicht abermals, und doch ist jetzt Ihre bloße Erscheinung so entzückend wie vorhin Ihr Lied. Gestatten Sie mir, Ihnen ein Bouquet zu überreichen.«
Er hatte es bereits durch einen Wink an den Diener herbei befohlen und hielt es ihr hin.
»Danke! Nicht unverdient!« wehrte sie ab, freundlich aber ernst.
Der Sepp strahlte förmlich vor Glück. Hatte er sich sein Lehnerl als Sängerin schön gedacht, so gar sehr schön aber doch nicht.
»Das Hallodridirndl wachst mir im Handumdrehn gleich über den Kopf hinweg!« meinte er zum Fex. »Was meinst? Der, wer die mal zur Frauen bekommt! Der macht ein Glück!«
Als nächste Nummer stand im Programm:
»Ich sah Dich nur ein einzig Mal. Lied von Eduard Kauffer. Componirt von Gumbert.«
Die Glocke erscholl; der Vorhang stieg empor. Leni rauschte hinaus. Ihre Haltung war diejenige einer Dame, welche gar keine andere Toilette gewohnt gewesen ist. Die schwere Schleppe genirte sie nicht im Mindesten.
Es ging wie ein lautes Wehen durch den Raum.
Ein lang gezogenes »Ah!« wurde hörbar, leise, leise zwar, aber es kam doch von Aller Lippen. Nur von da links herüber ließ sich etwas wie »Verteux – –« vernehmen. Es kam aus dem Munde des Krikelanton. Er sah die Geliebte so, wie er sie nicht sehen wollte – ausgeschnitten und mit bis oben herauf entblößten Armen. Der Wiener Professor hatte alle Mühe anzuwenden, ihn ruhig zu erhalten.
Da begann die Kapelle die Einleitung, getragen und zart, nach und nach anschwellend, bis die Sängerin dann voll und kräftig einsetzte:
»Ich sah Dich nur ein einzig Mal,
Da war's um mich geschehen:
Ich fühlte Deines Auges Strahl
Durch meine Seele gehen.
Ich fühlte Deiner Stimme Laut
Mich wunderbar durchdringen;
Dein Blick so süß. Dein Wort so traut.
Erweckten neu mein Singen.«
Es war, als ob sie nicht mit dem Munde singe, sondern als ob die süßen, herzinnigen, verlockenden Zaubertöne aus ihrer tiefsten Seele emporklängen. Man hörte, wie bereits vorhin, daß diese Stimme aller Register, der zartesten und auch der stärksten fähig sei, aber Das, was man jetzt hörte, war weder zart noch stark, oder vielmehr, man hörte gar nicht auf die verschiedenen Stärkegrade. Das Forte und Piano, das An- und Abschwellen, es konnte ja gar keine Beachtung finden vor dem himmlischen Wohllaute dieser Töne. Es war Liebe, Liebe, Liebe und abermals nichts als Liebe, was man hörte, nicht in Worten, denn die verschwanden, sondern in Tönen. Es war als ob eine hingebende Seele sich auflöse und nun dahinschwinde in Klängen, welche man wohl hören, nicht aber begreifen konnte. Wenn man sagt, daß an dem Augenblicke, an welchem Jüngling und Jungfrau einander ihre Liebe gestehen, Beide in ganz andern Stimmen und Tönen reden als sonst, so war hier ein Augenblick, an welchem die Liebe sich selbst das Lieben gestand und nun aus schönem Munde hinausfluthete in den lichtstrahlenden Raum und in alle Herzen hinein.
»Mit dem Gebet: ›,O wärst Du mein,
Mir, wie ich Dir, ergeben!‹;
Senkt ich in Deines Augen Schein
Mein ganzes Sein und Leben.
Ich lauschte Deines Wortes Klang,
Und die mich floh'n, die Lieder,
Sie kehrten, wie mit holdem Sang
Im Lenz die Lerchen, wieder.«
So sang sie weiter. Dieses mächtig bittende, gewaltig flehende »O wärst Du mein!« mußte man hören. Und doch war es kein Fortissimo, nicht einmal ein Forte, wie sie es sang. Das Mächtige, das Gewaltige lag nicht in der Fülle, welche sie ihrer Stimme ertheilte, sondern in der wundersamen Eindringlichkeit, in dem mild Sieghaften, mit welchem sie diese Bitte, dieses Gebet hauchte. Der sinnberückende Aufschlag ihrer Augen, die liebeverlangende Gesticulation ihrer herrlichen Arme, das sehnsuchtsvolle Wogen ihres vollen Busens, das Alles samt sprach, bat und flehte mit. Sie war nicht nur Sängerin, sondern auch Mimin oder Mimikerin, nach der kurzen Zeit weniger Monate von einer Vollendung, welche Andere in ihrem ganzen Leben nicht erreichen. Und das war dasselbe Mädchen, welches noch vor wenigen Stunden da unten am Wasser im Gebet gekniet hatte, so rein und züchtig, so demüthig und ergeben. Ja, sie war rein und unberührt wie selten Eine, und was sie sang und wie sie sang und spielte, das that sie unbewußt und unberechnet; das war die echte, wahre Kunst, welche nur das Schöne und das Wahre will, und darum schön, rein und wahr bleibt immer und allezeit.
Und nun die dritte, letzte Strophe:
»Dein Blick so süß. Dein Wort so traut.
Erweckten neu mein Singen …
Ich fühlte Deiner Stimme Laut
Mich wunderbar durchdringen.
Ich fühlte Deines Auges Strahl
Durch meine Seele gehen;
Ich sah Dich nur ein einzig Mal,
Da wars um mich geschehen.«
Dies, eine Wiederholung des Vorhergehenden, war trotzdem keine Wiederholung; es war neu, noch nicht gehört, ein Unbekanntes, Ungeahntes und Unbegreifliches. Und das letzte »Da wars um mich geschehen«, klang so vergehend, so unsäglich klagend und dabei doch wie ein tief unterdrücktes Jubeln – eine Liebe, die zur Entsagung verurtheilt ist und doch und dennoch und trotzdem das größte Glück ist auf der weiten Erdenrunde.
Sie verbeugte sich nicht. Die Gewalt der Gefühle schienen ihren Gesang zum Hinsterben gezwungen zu haben; sie blieb mit leise gesenktem Haupte stehen, die Hand am Herzen, wie einen Richterspruch erwartend, der über ihr Glück, über ihr Leben zu entscheiden habe, und so – so ließ sie den brausenden Applaus über sich ergehen und nur langsam und mählich und mählig hob sie den Kopf und nach und nach leuchteten ihre Augen heller auf und rötheten sich ihre frischen, vom Puder noch nie berührten Wangen. Es war ein Bild, wie es raffinierter von der größten Künstlerin nicht gegeben werden kann, und doch war es nicht Raffineri, sondern die reine Wahrheit – hatten ihre Töne etwa nur Dem gegolten, welcher da drüben saß auf der linken Seite des ersten Ranges und sie mit glühendem Blicke verschlang, die Zähne auf einander knirschend und Wuth, unendliche Wuth im Herzen? In seiner Seele lebte jetzt nur die eine, einzige Ueberzeugung: Sie ist schön, unendlich schön, wie ich es nie gedacht und geträumt habe, aber sie ist verloren, für mich und auch überhaupt – sie zeigt ihren Busen und ihre Arme. Hol sie der Teufel!
Er war der Einzige, der so finstere Gedanken hegte, denn die anderen Alle ohne Ausnahme fühlten sich hingerissen von der Macht und Gewalt eines solchen Vortrages. Ihr Applaus belebte sich immer von Neuem, bis der Vorhang sich doch nicht mehr erheben wollte.
Die Beglückwünschungen begannen von Neuem. Sie aber machte sich schleunigst los, um ihren Sepp aufzusuchen. Er empfing sie mit der Klage:
»Lehnerl, ich weiß halt nimmer, was ich von Dir denken soll. Du wirst mir zu gewaltig. Ich kann nun kaum mehr emporschaun bis zu Dir.«
»So will ich mich niederbücken zu Dir.«
Sie faßte ihn, der auf dem Sopha saß, bei seinem grimmigen Schnurrbarte, zauste ihn bei demselben und fuhr, herzlich lachend fort:
»Weißt, über Dich kann ich ja gar nicht hinauswachsen. Du bist ja der Path, dem ich Gehorsam zu leisten hab!«
»Ja, das, wanns so ist, so ists mein einziger Trost.«
Jetzt sollte ein Vortrag des Italieners kommen. Der Tisch wurde wieder herbei getragen und die Violine darauf gelegt. Die Mitglieder der Capelle, welche ihn zu begleiten hatten, nahmen die betreffenden Noten vor.
»
Pas de hache von Paganini, vorgetragen von Herrn Concertmeister Antonio Rialti.«
Ein Pas de Hache ist ein wilder Tanz. Auf diese Nummer war man außerordentlich gespannt, da ihr Vortrag eine seltene Beherrschung des Instrumentes erfordert.
Jetzt hörte man hinter der Scene eine ungewöhnliche Bewegung.
»Sucht ihn, schnell!« ertönte die unterdrückte Stimme des Directors.
»Du,« meinte der Sepp zum Fex, »jetzt kommst nun an die Reihe. Oder hast Angst und Lampenfiebern und willst lieber verzichten?«
»Angst! Woher sollt sie kommen?«
»Siehst aber nicht gut aus.«
»Wie denn?«
»Als hättst Sorg um was.«
»Die hab ich auch.«
»Um was?«
»Um den Concertmeistern. Wann er vom Baum fallt!«
»Der hängt gut da droben.«
»Oder wanns herauskommt, was wir than haben!«
»So werd ich mich zu vertheidigen wissen. Du aberst kommst ja gar nicht in Betracht dabei.«
»Ein Unrecht aber ists doch!«
»Ists etwan ein Recht, daß er meiner Leni nachtrachtet! Himmel! Der, wann er jetzund die Leni sehen hätt, er wär vor Lieb verruckt worden!«
Nach und nach verstärkte sich die erwähnte Unruhe. Es wurde überall gesucht, im Foyer und an allen anderen Orten, wo man den Italiener vermuthen konnte – vergebens. Er war nicht zu finden. Und doch war die Zeit bereits verstrichen und man konnte weder länger warten, noch eine Aenderung im Programm eintreten lassen. In seiner Verlegenheit gab der Director selbst das Glockenzeichen und trat, als der Vorhang aufgezogen war, hervor. Leider aber hatte er in seiner großen Verlegenheit ganz vergessen, dem Kapellmeister Nachricht von seinem Vorhaben zu geben. Dieser Letztere glaubte, als das Zeichen ertönte, Rialti werde auf der Scene stehen, und gab mit dem Tactstocke das Zeichen, die Einleitung zu beginnen. Das Orchester fiel in dem Augenblicke ein, an welchem sich der Vorhang erhob.
Jetzt hätte man den Director sehen sollen! In Allerhöchster Gegenwart so ein Affront! Es war zum Rasendwerden! Er winkte auf offener Scene und gestikulirte mit solchem Nachdrucke, bis der Dirigent das Zeichen zum Aufhören gab.
Jetzt, als die Instrumente verstummt waren, erklärte der Bühnenleiter, daß Signer Rialti leider plötzlich unwohl geworden sei und nicht spielen könne. Es sei jedoch zu hoffen, daß er sich bei seiner nächsten Nummer wieder erholt haben werde.
Da geschah Etwas, was Keiner ahnen konnte. Der Fex trat vor, zum Director hin, und sagte mit lauter, überall vernehmlicher Stimme:
»Wanns weitern nix ist, daß der Signor krank worden ist, so kann schon geholfen werden. Wann er das Dingerl nicht spielen kann, so werd ichs halt geigen. Die Herrschaften dürfen doch nicht etwan' drumkommen. Also bitt gar schön um die Erlaubnissen dazu, Herr Directorn!«
Der Genannte stand ganz starr, wie zur Bildsäule geworden. Er konnte kein einziges Wort hervorbringen. Der Fex aber benutzte das, nahm schnell die Violine aus dem Kasten, den Bogen dazu und winkte ins Orchester hinab:
»Herr Kapellmeistern, bitt, anfangen wieder!«
Das gab dem Director die Sprache zurück.
»Halt!« rief er. »Wahnsinniger! Fort von hier!«
Er faßte ihn am Arme und wollte ihm die Geige nehmen. Der Fex aber meinte, ihn ganz lieb und vertrauensvoll anlächelnd:
»So! Wann ich Dich aus dera Verlegenheiten reißen will, so wirfst mich zum Dank zur Thüren naus? Ich glaub nicht, daß die Herrschaften das dulden werden. Meinst nicht auch?«
Alle disponiblen Theaterdiener erschienen auf der Bühne, um den Fex von derselben fortzubringen.
»Hört,« sagte er in strengem Tone, »greift mich nicht an. Es könnt sehr fehl schlagen.«
Da erschallte von der Parquetloge herauf die angstvolle Stimme der Paula.
»Fex, lieber Fex, mach keinen Scandal! Geh doch hinab von der Bühne.«
»Hast auch Ängsten um mich? Das hast aber nun gar nimmer nöthig. Es steht schon ein Stucken vom Fex auf dem Programmen. Das ist doch der Beweis, daß ich kein Verruckter bin. Und wann der Herrn Directorn ein Einsehen hat, so will ich – na, Kerl, geh fort, sonst werf ich Dich ganz da hinauf, wo die für fündig Pfennge gewöhnlich sitzen. Verstehst!«
Er schob den Diener, welcher ihn fassen wollte, von sich, sprang auf die Seite, setzte schnell die Geige an und – ja, da fuhren Alle von ihm zurück. Das war ein Läufer, hinauf und hinab, ein rasendes Wogen von Accorden und Tönen, ein Haschen und Jagen, eine schreckliche, halsbrecherische Aufeinanderfolge drei- und vierstimmiger Accorde, und das mit einer Leichtigkeit, wie Wasser aus dem Brunnen läuft.
»Aufpassen!« rief er laut. »Nach acht Tacten, dann beginnt das Stuck. Zwei – vier – sechs – acht – Schrumm, einfallen! So ists recht!«
War es, weil der Capellmeister heute bereits eine so außerordentliche Probe von der Fertigkeit des Fex gehört und nun Vertrauen zu ihm hatte, oder waren es die wilden Töne, welche er gegeigt, mit denen er fast zwingend in das Stück übergeleitet hatte, kurz und gut, der Dirigent hatte das Zeichen gegeben, und das Orchester war eingefallen.
Wer Beine hatte im Zuschauerräume, der war aufgestanden – Alle also. Der Director, der Regisseur, die Diener, Alle, Alle blieben, wie festgewurzelt, auch stehen. Welch ein Ereigniß!
Da stand der barfuße Kerl, im schlechten Wamms, mit nackter Brust und spielte seinen Pas de hache herab mit einer Accuratesse und Flüssigkeit, wie ein guter Oberbayer seine Maß Bier hinunterlaufen läßt, ohne daß ihm ein Tropfen davon am Schnurrbart hängen bleibt! Und welch ein schwieriges Stück war es, dieser wilde Tanz! Ein Hexensabbath aller möglichen Schwierigkeiten. Hätte der Italiener das Stück so gespielt?
Ein wild gebrochener Accord wurde bis in die höchste Höhe hinauf- und dann bis in die Tiefe wieder hinabgerollt – das war das Ende. Mit einem Lächeln, welches seine prachtvollen Zähne zeigte, blickte der Fex hinaus in den gefüllten Raum, nickte, als ob er sagen wollte: »Seht, so kann ich es!« machte dann eine Verbeugung und trat zwischen die Coulissen zurück.
Da gab der König das Zeichen zum Applaus und von ganzem Herzen gern stimmten Alle ein. Der Fex mußte drei – vier – fünfmal noch vortreten.
Als nun der Vorhang fiel, erhob sich ein lautes Summen im Zuhörerraum. Ein Jeder wollte wissen, wer dieser unbegreifliche Mensch sei. In Zeit von zwei Minuten war die Wißbegierde gestillt. Es sprach sich außerordentlich schnell herum.«
Der Director wußte nicht, ob er den Fex ausschelten oder sich bei ihm bedanken sollte. Er sollte bald aus dieser Verlegenheit gerissen werden, denn der Logenschließer kam mit dem Befehle, daß der Director mit dem Fex augenblicklich in der königlichen Loge zu erscheinen hatten.
Was dort verhandelt wurde, hörte Niemand, obgleich alle Ohren gespannt lauschten. Man sprach nur leise. Das Gesicht des Fex war hochroth gefärbt, und seine Augen strahlten vor Entzücken. Man sah, daß der König ihm zuletzt die Hand auf den Kopf legte und gnädig zunickte.
Als er zurückkehrte, kam er natürlich sofort zum Sepp geeilt.
»Du,« sagte er, »wann der Rialti nicht wiedern gesund wird, soll ich auch die andern Stucken spielen.«
»So hat der König nicht erfahren, daß er nicht krank ist, sondern gar verschwunden?«
»Nein, der Directorn hat sich wohl nicht getraut, es ihm zu sagen.«
»Und was hat der König sonst noch gemeint?«
»Viel, sehr viel. Ich werd Dirs später sagen. Jetzt aberst ist mirs Herzen so voll, daß ich gar keine Worten nicht finden kann. Der Directorn soll nur sogleich ein Paar Schuhen besorgen, damit ich nicht wieder barbs geigen thu. Ist das nicht lustig?«
Daß die Herrschaften meinten, ihre Billets nicht zu theuer bezahlt zu haben, versteht sich ganz von selbst. Erst die neue, brillante Sängerin, und nun ein Lumpazi, in welchem ein Geigenvirtuos entdeckt wird, das kommt nicht alle Tage vor. Doppelt gespannt war man nun auf die folgenden Nummern.
Nachdem abermals ein kurzes Orchesterstück vorüber war, kam:
»Die Gewitternacht, von R. W., gesungen von Signora Mureni.«
Leise ging die Frage rundum: Wer ist dieser R. W., dieser Pseudonym? Etwa Richardt Wagner? Aller Blicke richteten sich auf ihn, doch war in seinem unbewegten Gesicht weder ein Ja, noch ein Nein zu lesen.
Als der Vorhang aufrollte, stellte die Scene einen freien Platz im Walde vor. Der Mond war im Niedergehen und stand im Begriff, zwischen sich aufbäumenden Wolken zu verschwinden.
Leise, fast flüsternd begann das Orchester die Introduction. Da trat die Leni auf die Scene. Sie war vollständig in Schwarz gekleidet, lang und wallend, ohne Schmuck und ohne Blume. Das einzig Weiße, was man an ihr bemerkte, war das Gesicht und waren die Hände. Sie begann.
Es klangen die Töne wie Windesrauschen. Sie sang von Müdigkeit und Ruhessehnsucht, so süß, so klagend. Sie wollte schlafen, vergessen die Sorgen des Tages und des Lebens; aber immer lauter wurde das Rauschen, es wetterleuchtete und in der Ferne grollte ein leiser Donner.
Er kam näher und näher. Der Mond war verschwunden; der Himmel war gewitterschwarz, Blitze zuckten und der Regen begann herabzuströmen. Im Schutze eines Baumes stehend, gab sie den Tönen der Natur beredte Worte:
»Nun zucken Blitze durch die Nacht,
Die Erde bebt, die Fluren weinen.
Und wilde Geister sind erwacht,
Die Alles zu vernichten scheinen –«
Die anwesenden Kenner hörten und fühlten es leicht heraus, daß dieses Stück gerade nur für diese Sängerin componirt sei, und so befestigte sich bald die Ueberzeugung, daß es Richardt Wagnern zum Komponisten habe. Der Dichter war unbekannt. Wagners Dichtkunst aber war es nicht.
Diese nächtig mächtig prächtige Composition gab Leni vollauf Gelegenheit, zu zeigen, daß sie nicht nur eine Stimme und eine Seele besitze, sondern auch die gehörige Technik des Gesanges. Sie hatte ja noch zu üben und zu lernen, aber was sie bot, das war fertig und vollendet. Diese Gewitternacht bot der musikalischen Schönheiten außerordentlich viele, und die Sängerin verstand es, dieselben zur Geltung zu bringen. Wie mächtig gellte ihr Weheruf durch das Haus, als die Blitze den Baum umzuckten, und wie ergreifend zitterte ihre Stimme durch den Raum, als sie knieend um den Schutz Gottes bat! Und sie fand denselben. Das Gewitter entfernte sich; die Nacht war mit ihm vergangen und der Morgen tagte. Die Sonne ging auf und alles Schreckliche nahm in ihrem Lichte eine andere Gestalt und Farbe an.
»Nun wieder strahlt das Licht der Sonnen
Warm lächelnd nieder auf die Flur.
Es athmet Glück und athmet Wonnen
Noch unter Thränen die Natur.
So ists, wenn Stürme Dich umtoben,
Wenn Dich umgeben Nacht und Graun:
Es bricht ein goldner Strahl von oben
Und bringt Dir neues Gottvertraun.«
So endete diese Nummer. Sie war von langer Dauer gewesen und die Leni hatte gezeigt, daß sie nicht nur Sängerin, sondern auch Schauspielerin sei. Sie wurde abermals mehrfach hervorgerufen und der Director bot ihr abermals das Riesenbouquet, welches sie jetzt auch annahm.
Sie trug es dann dem Sepp hin.
»Hier, Sepp, hast die ersten Rosen, die ich mir ersungen hab! Wer wird die letzten bekommen!«
»Ich nicht. Dann leb ich schon lang nimmer mehr. Du wirst sie schon selber bekommen, Lehnerl; aber so eine davon kannst mir nachhero auf mein Grab legen, so zum Andenken an diese Stund, in welcher Du mir die ersten schenkt hast.«
Er beugte sein altes, ehrliches Gesicht auf die Blumen nieder; er wollte seine Rührung verbergen.
Jetzt sollte der Fex wieder auftreten, da der Concertmeister sich noch immer nicht gefunden hatte.
»Am Waldesrand, Nocturno von Valery,« so stand im Programm zu lesen.
Der Fex war in die Garderobe beschieden worden, und als er aus derselben zurückkehrte, bot er einen ganz anderen Anblick dar. Man hatte ihm einen hübschen Gebirgsanzug gegeben, wie sie ja in jeder Theatergarderobe vorhanden sind, und nun sah er blitzblank und nett aus wie irgend Einer.
»Sepp, wie gefall ich Dir?« fragte er, sich lächelnd vor ihn hinstellend:
»Gar nicht.«
»Was? Warum?«
»Schaust mir viel zu vornehm aus.«
»Dürftst mich aber am Tag nicht anschaun. Dieses Zeug ist nur für Abend und für die Lampen gemacht.«
»Die Künstlern vielleicht auch. Wann ich jetzt Dich und die Leni anso möcht mir fast angst und bange werden. Ich möcht denken, daß ich nimmer mehr lang haben werd. Ihr werdet berühmte Leutln und ich der dumme Sepp.«
»Dumm? Na, wer Dich für dumm kauft, der kann geschoren werden. [unleserlich] nden? Hasts ja bewiesen, Alter!«
»Laß gut sein! Hast mehr zu thun. Kannst denn Dein jetzig Stuck gut auswendig?«
»Es wird gehen.«
»So paß auf. Es klingerlt.«
Als sich der Vorhang erhob, trat der Fex hervor. Er wurde mit Applaus empfangen und verneigte sich mit einer Eleganz, die man ihm wohl nicht zugemuthet hätte. Er ließ die Begleitung bis zu seinem Einsatz kommen und begann dann mit der bekannten Melodie:
»Ich stand auf Bergeshalde,
Als Sonn hinunterging,
Und sah, wie überm Walde
Des Abends Goldnetz hing.«
Das war eine lieblich-innige Weise, und er trug sie einfach, mild und getragen vor, mit lieblicher Innigkeit. Sie wurde variirt, doch ohne die Absicht, dem Vortragenden Gelegenheit zu allerhand Kunst- und Bravourstücken zu geben; dann hörte man fernes Glockengeläute, wie das Einläuten eines hohen kirchlichen Feiertages, eine nicht leichte Aufgabe, welche aber der Fex mit Leichtigkeit löste – ein einsames Ave-Maria-Glöcklein ertönte; Heerden kehrten heim, die Schellen an ihren Riemen erklangen und dort am Waldesrande begann eine Nachtigall zu schlagen. Ein Rothkehlchen, zeitig eingeschlafen, träumte von der Allerliebsten und flüsterte leise leise Weisen; der Bach murmelte durch die Sträucher, drüben auf der Straße marschirten junge Burschen und sangen ein munteres Wanderlied. Dann wurde es dunkler und dunkler, der Mond ging auf – guter Mond, Du gehst so stille, hinter Abendwolken hin, und endlich tritt die stille Nacht herein. Der Müde geht zur Ruhe und die Welt liegt unter Gottes Schutz: Nun ruhen alle Wälder!
Den letzteren Choral hatte er vierstimmig zu geigen. Er that es mit wirklicher Virtuosität.
Diese Nummer war, ganz entgegengesetzt der wilden vorigen, ganz geeignet, ihm Gelegenheit zu geben, die Tiefe seines Gefühles zu erschließen und sein Verständniß für das Lyrische zu zeigen. Er endete unter ebenso lebhaftem Applaus wie vorhin. –
Indessen hatte sich eine Scene hinter der Scene abgespielt.
Man kann sich denken, in welcher Lage sich der Concertmeister während der ganzen Zeit befunden hatte. Er wußte ganz genau, daß die Reihe bereits wieder an ihm sei, und – er saß auf dem Baume. Was sollte er thun! Der Sepp kehrte nicht zurück. War ihm Etwas passirt? Je länger, desto größer wurde die Angst des Italieners. Es war ganz unmöglich, auf dem Baume zu bleiben.
Sollte er laut werden? Hilfe herbei rufen? Auf keinen Fall! Er hätte sich dadurch ganz unsterblich blamirt. Er beschloß also, sein Leben zu wagen und herabzuklettern.
Zitternd umfaßte er mit den Armen den Stamm und ließ erst das eine und nachher das andere Bein vom Aste weg. Beide dann auch um den Stamm legend, wie er es wohl bei kletternden Knaben gesehen hatte, begann er die für ihn so gefährliche Fahrt.
Er bekam eine Angst, wie noch nie in seinem ganzen Leben. Seine Reise ging gerade so weit, daß er den niedrigsten Ast mit beiden Händen gefaßt und den Stamm mit beiden Beinen umschlungen hielt.
Tiefer herab? O weh! Wenn er den Ast fahren ließ, traute er es sich nicht zu, sich mit den Armen am Stamme erhalten zu können. Wieder hinauf? Auch um keinen Preis. So blieb er also kleben, wie der Laubfrosch an der Leiter seines Wasserglases. Aber der gute Mann bedachte nicht, daß er dabei seine Kräfte ganz unnütz verschwendete. Er blickte angstvoll empor, wo er nicht hin konnte, und hinab, wo er sich nicht hin getraute. Er zitterte am ganzen Körper.
Da hörte er Schritte, drüben im Nachbargarten. Es kam Einer, der vielleicht dachte, er könne vom Zaune aus Etwas vom Concert hören.
»Holla! Wer ist da oben auf dem Baume?« rief es da drüben.
Er hütete sich natürlich, einen Laut hören zu lassen.
»Antwort!«
Gleiches Schweigen.
»Denkst wohl, ich sehe Dich nicht! Du hängst mir grad maulrecht gegen das Fensterlicht. Also gieb Antwort, wer Du bist, sonst –«
Er vollendete seine Drohung nicht, aber der Herr Concertmeister zog es auch jetzt noch vor, sein Heil im Schweigen zu suchen.
»Nun gut, so hetz ich den Hund hinüber! Phylax, Phylax! Wo bist Du denn?«
Ein fernes Bellen antwortete.
Jetzt war es um die Besinnung des Italieners geschehen. Er mußte hinab, mochte er unten ankommen so oder anders, mit ganzem oder mit zerbrochenem Halse. Er nahm also eine Hand nach der anderen vom Aste weg und legte sie um den Stamm. So hing er oben, mit allen Vieren den Stamm fest umklammernd. Fest? Ja, freilich, aber nur für einen Augenblick, denn seine Kraft ließ nach. Zwar hütete er sich sehr, loszulassen, aber festhalten konnte er nicht mehr, und so rutschte oder vielmehr fuhr er, gewichtig wie ein Dampfhammer, herab und schlug unten auf dem Boden auf, natürlich mit demjenigen Körpertheile, welcher bei ihm am wenigsten spitz war. So kam es, daß er kein Loch in den Boden schlug; aber fest saß er doch, denn er hatte mit solcher Gewalt unten aufgetroffen, daß ihm Hören und Sehen vergangen war. Er sagte sich, daß er jetzt unbedingt ohnmächtig und vollständig bewußtlos sei.
»Phylax!« rief der Kerl da drüben.
Da war es freilich mit der Ohnmacht vorüber. Rialti sprang auf und eilte davon, erst nach rechts und dann nach links. Dort war ein Gebäude und hier auch wieder eins. Hinter ihm stand der Kerl am Zaune, und da vorn, ja da war eine Mauer. Sie war nicht sehr hoch, und ein Weinspalier war an ihr errichtet. Er rüttelte an den Latten desselben. Sie waren fest, wenigstens fest genug für seine hagere, kleine, leichte Gestalt. Er »kraxelte« sich, wie der Sepp gesagt haben würde, mühsam an denselben empor. Aber oben angekommen, bemerkte er zu seinem Schrecke, daß da noch eiserne Spitzen angebracht waren, um das Uebersteigen Unberufener zu erschweren. Wie nun da hinüberkommen?
Draußen ging die Straße vorüber. Er paßte einen Moment ab, an welchem es gerade keinen Passanten gab, und turnte sich auf die Mauer. Vorsichtig über die Spitzen steigend, setzte er sich auf der jenseitigen Kante fest und blickte hinab auf die Straße, um mit dem Auge abzumessen, ob er den Sprung auch riskiren könne.
Da hörte er Jemand kommen. Sollte er sich hier erblicken lassen? Um keinen Preis! Er sprang hinab – oder vielmehr nicht, denn er kam gar nicht hinab. Er hatte nicht an die Schöße seines Frackes gedacht. Während er mit der Hose auf der Mauerkante gesessen hatte, waren diese »Schwalbenschwänze« zurückgeblieben. Sie lagen hinter ihm auf den Eisenspitzen und hingen jenseits noch ein Stück hinab. Jetzt nun, als er den Sprung that, spießten sich die Schöße an den Eisenspitzen fest, und er hing zwei Ellen hoch über der Erde an der Mauer, mit dem Rücken leider gegen dieselbe, so daß er sich gar nicht behelfen und sich aus seiner fatalen Situation befreien konnte.
Mittlerweile war der Mann, dessen Schritte er gehört hatte, herbei gekommen. Dieser Mann war einer der Polizisten, welche nach dem Theater gesandt worden waren, um dort die Ordnung mit zu überwachen. Er hatte bis zum Ende des Concertes dort zu bleiben, war aber, da er jetzt nicht gebraucht wurde, auf den Gedanken gekommen, für einige Augenblicke die freie Luft zu genießen. Da ganz in der Nähe eine Laterne brannte, sah er den unglücklichen Springer an der Mauer hängen und eilte herbei.
»Was Teufel!« meinte er. »Was für ein Vogel hat sich denn da gefangen?«
»Hilfe, Hilfe! Sfie mich loßmacken, ßehr, ßehr!« antwortete der Concertmeister.
»So sehr werde ich das nicht machen, mein Lieber. Sie hängen da sehr gut, um mir Antwort geben zu können. Wie kommen Sie denn in diese Falle?«
»Ich ßein keweßen im Karten.«
»Ah, im Theatergarten? Was haben Sie denn da eigentlich vorgehabt, he?«
»Ich – – ich ßein keweßen ßpaßier.«
»Ach so! Und wenn man in einem Garten spazieren geht, so spaziert man zugleich über die Mauer?«
»Ich hab wollen auf – auf Straßen.«
»Schön! Aber dazu haben Sie die Thüren nicht benutzt. Lieber Freund, das ist verdächtig. Ich arretire Sie. Sie werden mir nach der Polizeiwache folgen.«
»Ich arretiren? Oh, oh, oh! Ich kann nicht mit macken arretir!«
»So? Warum denn nicht?«
»Ich müssen ßpielen Violin bei Concert.«
»Sie? Mit spielen? Wer sind Sie denn da eigentlich, um diese Hauptsache nicht zu vergessen?«
»Ich ßein Signoro Antonio Rialti.«
»Alle Teufel! Der Concertmeister?«
»Ja.«
»Können Sie das beweisen?«
»Ssehr kut, ßehr!«
»So! Dann begreife ich mir nicht, wie Sie in die Lage kommen können, sich während des Concertes, bei welchem Sie mitwirken müssen, hier an diese Mauer aufzuhängen. Ich werde Sie jetzt befreien, und sodann haben Sie die Güte, mir zum Herrn Director des Theaters zu folgen, der Sie legitimiren mag. Ich werde Sie emporheben, und versuchen, Ihre Arme aus den Aermeln Ihres Frackes zu ziehen. Also jetzt. Hopp, hoch!«
Er faßte ihn an und hob ihn hoch. Der Italiener wurde frei, doch nicht in der Weise, wie Beide es sich gedacht hatten. Nämlich er schnellte mit Armen und Beinen, um die Ersteren aus dem Fracke zu ziehen; dadurch stieß er den Polizisten in das Gesicht, so daß dieser ihn loslassen mußte. Dadurch verlor der Kleine natürlich den Halt, plumpste abermals nieder und – die Frackschöße zerrissen; er stürzte zu Boden.
»Oh Unklück, oh Schmerz!« rief er aus. »Da ich lieken im Dreck!«
»Ja, da liegen Sie im Dreck; da haben Sie Recht. Doch hoffe ich, daß Sie nicht ewig hier liegen bleiben. Ich habe Eile mit Ihnen.«
»Ich auck. Ich werd auferßtehn. Aber nun der Frack! Der ßein noch oben.«
»Na, den werden wir gleich herunterbekommen, nämlich, so viel noch davon oben hängt – ein halber Schößel.«
Der Italiener stand auf. Er untersuchte die anderthalb Schwalbenschwänze, welche noch an ihm hingen, und blickte dann hinauf, wo die fehlende Hälfte hing.
»Schlimm, ßehr schlimm!« sagte er.
»Ja, für den dort oben. Wollen Sie ihn wirklich noch herab haben? Er kann Ihnen nichts nutzen.«
»Nein. Ich kleik mir lassen geben ein ander Frack aus Karderoben vom Theater.«
»Das ist das Klügste. Aber wie sehen Sie denn hier vorn aus? Sind Sie auch auf dem Bauche spazieren gegangen und nicht blos auf der Mauer?«
Es war ihm nämlich bei seinem Rutsch vom Baume die vordere Seite der Hose und Weste höchst unglücklich beschädigt worden. Der Kleine blickte an sich hernieder und jammerte:
»
A poveretto me – ich Unklücklicker!«
»Ja, und hier!«
Er hob die anderthalb Schwalbenschwänze empor, unter denen auch die Hose einen bedeutenden Riß aufzuweisen hatte. Der Concertmeister fühlte nach hinten, betastete den Defect und rief:
»Auk da! Oh weh, oh weh!«
»Freilich! Sie sind überall und auf allen Seiten in schweren Verlust gerathen. Wenn wir in das Theater gehen, werden wir uns sehr in Acht nehmen müssen, daß Sie nicht von unberufenen Augen begutachtet werden. Kommen Sie! Ich hoffe, daß Sie mir nicht während der wenigen Schritte ausreißen!«
»Außenreißen! Ich! Wie können ich außenreißen bei dießer Toilette!«
»Schön! Also vorwärts!«
Er führte ihn fort. Als sie in das Portal traten, hielt sich der Polizist stets so, daß der Schatten auf den Kleinen fiel. So brachte er ihn mit vieler Mühe und Vorsicht bis nach der hinteren Treppe. Da erklangen die Violintöne des Fex. Der Kapellmeister blieb, wie vom Schlage gerührt, einen Augenblick lang stehen.
»Verrath, Verrath!« rief er dann plötzlich. »Man ßpielen mein Sstück, mein Sstück!«
Er rannte fort, so schnell er konnte, der Polizist natürlich hinter ihm her, der Gedanke sehr nahe lag, daß der Flüchtling einen falschen Namen angegeben und sich nach dem Theater hatte bringen lasten, um dort, wo es mehrere Thüren gab, eine gute Gelegenheit zur Flucht zu benutzen.
So ging der Dauerlauf die Treppe empor, durch mehrere Gänge bis an das erste Garderobezimmer, aus dessen Thür der im Theatergebäude stationirte Feuerwehrmann trat, welcher drin zu thun gehabt hatte. Er sah die Beiden gerannt kommen, den Polizisten hinterher. Natürlich nahm er an, daß der Vorauseilende ein flüchtiger Erdenbewohner sei, nach dem die Polizei sich sehne, und fing ihn in seinen starken Armen auf.
»Halt, halt!« sagte der Kleine. »Ich müssen fort, fort, ßokleick weiter!«
»Nein, Sie bleiben!« antwortete der Feuerwehrmann. »Und übrigens haben Sie hier ganz still zu sein, um nicht zu stören, sonst gebe ich Ihnen Eins auf den Schnabel!«
Er holte mit dem Arme aus, um seiner Verheißung Nachdruck zu geben. Das imponirte dem Signor, und er wagte nun nur noch die Bitte, ihn zum Director zu bringen.
Dies geschah natürlich. Als der Leiter des Kunsttempels den Arrestanten erblickte, kam er ihm schnell entgegen.
»Um Gotteswillen! Wo haben Sie gesteckt?«
Der Gefragte antwortete nicht. Er hörte sein eigenes Stück, und zwar viel besser und genialer vortragen, als er es vermocht hätte. Das benahm ihm den Athem.
»An der Mauer hat er gehangen, hier mit dem Frack. Da, sehen Sie, Herr Director.«
Bei diesen Worten faßte der Polizist den Signor; der Feuerwehrmann griff auch mit zu, und so wirbelten sie ihn mehrere Male um sich selbst herum, so daß alle seine Lecke, welche er beim heutigen Schiffbruche davongetragen hatte, in eminentester Weise zum Vorschein kamen.
»An der Mauer? Der Herr Concertmeister?« fragte der Director. »Das ist ja gar nicht möglich!«
»Sie müssen es doch seiner Kleidung ansehen?«
»Ja, die steht freilich schrecklich aus, schrecklich!«
»Also dieser Herr ist in Wahrheit Signor Rialti?«
»Ja.«
»Sie recognosciren ihn als denselben?«
»Ja.«
»Er ist nämlich mein Arrestant.«
»Was! Alle Teufel! Wen hat er denn ermordet?«
»Sich selbst beinahe. Er hat, wie ich bereits sagte, sich selbst aufgehängt, doch glücklicher Weise nicht mit einem Stricke am Halse, sondern mit und an den Frackschößen.«
»Wie ist das gekommen?«
»Fragen Sie ihn selbst! Mir hat er es bisher nicht erklären können. Uebrigens habe ich nun meine Pflicht gethan und fühle mich zu Weiterem nicht mehr berechtigt. Ich empfehle mich!«
Er entfernte sich mit dem Feuerwehrmanne.
»Aber, bester Signor,« lachte der Director, »ich bin in fürchterlicher Sorge um Sie gewesen. Wo haben Sie denn eigentlich bisher gesteckt?«
Aber soeben erschollen die letzten Accorde des »Nun ruhen alle Wälder,« und dann hörte man den darauf folgenden Beifallssturm. Darum beantwortete der Gefragte nicht die an ihn gerichtete Erkundigung, sondern rief:
»Das waren mein Sstück. Welk einen Applaus! Wer haben geßpielen, wer?«
»Glücklicher Weise habe ich einen ausgezeichneten Ersatzmann für Sie gefunden, noch im letzten Augenblicke.«
»Wer? Wo? Ich müssen ihn ßehen, ßehr, ßehr!«
Er rannte fort und – geradewegs auf die Scene, ohne an den schauderhaften Zustand seiner Kleidung zu denken. Glücklicher Weise war soeben der Vorhang herabgelassen worden, so daß der Anblick des Beschädigten wenigstens dem Publikum erspart blieb. Doch rannte dieser mit – Leni zusammen, welche auch in diesem Augenblick herbeikam, um dem Fex die Hand zu geben.
»Pardon – Verßeihen Ssie!« rief er aus.
»Mei, – der Herr Capellmeister!« sagte sie erstaunt. »Und wie – oh, gehen Sie!«
Sie wendete sich schnell von ihm ab. Er aber hatte jetzt keine Zeit, auf seinen Zustand Rücksicht zu nehmen. Er stürzte auf den Fex zu, in dessen Händen er seine Violine erblickte.
»Wer haben keßpielt. Ssie, Ssie?« fragte er.
»Ja,« antwortete der Fex.
Erst jetzt betrachtete der Kleine denselben genauer. Wegen der anderen Kleidung, welche der Fex jetzt trug, hatte er ihn nicht sogleich erkannt; nun aber rief er erstaunt aus:
»Fex, der Fex! Du, Du willßt haben keßpielt mein Sstück auf meiner Violine?«
»Ja.«
»Das ßein nicht wahr, nicht!«
Da nahm ihn der Director am Arme und zog ihn unter beruhigenden Worten mit sich fort, in ein Zimmer hinein. Dort blieben sie eine Weile, dann kam der Director allein wieder heraus und winkte den Sepp zu sich heran. Es gab eine ernste Auseinandersetzung, von welcher nur die letzten Sätze zu verstehen waren da sie nicht mehr heimlich, sondern mit erhobener Stimme gesprochen wurden.
»Also, er ist wirklich wegen – wegen – – na, auf den Baum gestiegen?« fragte der Director.
»Ja, nur deshalb.«
»Und kein Anderer hat davon gewußt, als nur Sie ganz allein?«
»Keiner.«
»Sie haben mich in schwere Verlegenheit gebracht, doch – –«
»O, ich hab wußt, daß der Fex es noch besser macht.«
»Eben darum will ich Ihnen verzeihen. Wir haben dadurch einen Violinisten entdeckt, der sonst wohl noch lange im Verborgenen geblieben wäre; aber es hat dabei zu bleiben, daß der Signor unwohl geworden ist.«
Dieser, nämlich der Signor, schlich sich nach einiger Zeit mit seiner Geige heimlich davon. Er hatte, um seine Blößen zu decken, sich aus der Garderobe einen Theaternmantel ausgeborgt.
Beinahe wäre er dabei noch von Liszt erwischt worden, denn kaum hatte er den Gang verlassen, so kam dieser herbei, da jetzt nun sein Vortrag beginnen sollte.
Das kostbare Instrument, welches er sich eigens mitgebracht hatte, wurde auf die Bühne geschafft. Gleich als der Vorhang sich erhob und Liszt vortrat, wurde er von freudigen Rufen empfangen, in welche sich sogar, die ungarische Abstammung des Künstlers berücksichtigend, mehrere »Eljen!« mischten.
Er spielte Themen aus der von ihm selbst componirten Hunnenschlacht, natürlich mit gewohnter, unerreichbarer Meisterschaft, welchen er als Honorar für den ihm gespendeten geradezu nie dagewesenen Beifall eine Paraphrase folgen ließ.
Als er geendet hatte, kehrte er nach der Loge des Königs zurück.
Jetzt kam die vorletzte Nummer. Mancher Blick hatte erst verwundert auf dem Programm geruht: »Die alte Bettlerin, gedichtet und componirt vom Fex, gesungen von Signora Mureni.« Seit aber der Besitzer dieses sonderbaren Namens sich als ein so ausgezeichneter Geiger gezeigt hatte und die Nachrichten über seine Person und Verhältnisse von Mund zu Mund gegangen waren, hatte sich die Spannung, mit welcher man dieser Nummer entgegensah, ganz bedeutend gesteigert.
Die Scene wurde wieder so gesetzt wie beim ersten Auftreten Leni's – die alte Sennhütte auf hoher Alm. Als der Vorhang sich hob und das Auditorium dieses nun bereits bekannte Bühnenbild erblickte, wurde lebhafter Beifall geklatscht. Die Musik begann, und die Leni trat auf.
»Die Lorbeerkränze!« befahl der Director leise.
Sie wurden gebracht und in Bereitschaft gehalten.
Beim ersten Anblick der Sängerin ging es wie eine Enttäuschung durch den Zuschauerraum. Sie trat in gebeugter Haltung ein, mit einem alten Mantel bekleidet, ein Tuch um den Kopf und einen Stock in der Hand. Ihr Gesicht war das eines alten Weibes – ohne Schminke, Farbe und sonstige künstliche Mittel. Man hatte ihr einen warmen Empfang zugedacht, aber diese Erscheinung erkältete die Wärme, mit welcher man ihrer bisherigen Vorträge gedacht hatte.
Die Blicke flogen von ihr weg nach dem Orchester. Was waren das für Töne, für Harmonieen, so fremdartig herzergreifend, fast schmerzhaft die Nerven berührend. Das klang wie an einander gereihte klingende Thränen!
In eben solchen Tönen begann die alte Bettlerin ihr Lied. Ihre Stimme zitterte vor Alter, und ihr matter Hals wollte nur schwer den Kopf in der Höhe tragen. Sie sang von Krankheit und Hungersnoth, von verrathener Liebe und zehrendem Grame, verlassen von den Eltern, verlassen von dem Manne, im Kampf mit dem Elend, das Herz voller Jammer – nur ein einziger Strahl wars, der in das Dunkel ihr drang – – –
Dabei hob sich ihr Haupt, und ihre Augen gewannen Leben; die Stimme wurde kräftig, voller Halt, die Instrumentalbegleitung stieg im Crescendo empor, und den Arm mit dem Stocke hoch erhebend, sang sie, im Mezzoforte beginnend und im stärksten Fortissimo endend:
»Als Alle mich verlassen hatten
In meines Unglücks schwerer Nacht,
Stand ich in meines Königs Schatten;
Mein König hat an mich gedacht!«
Jetzt, jetzt mehr als zuvor zeigte es sich, welche Kraft in Leni's Stimme lag. Wie ein brausender Strom ergoß sie sich über das ganze Haus. Hingerissen von dieser Mimik, diesem Vortrage, dieser Stimme, brachen bereits jetzt die Hörer in stürmischen Beifall aus.
Und nicht die Sängerin allein war es, der dieser Letztere galt; nein, das Lied, der Text sowohl wie auch die Melodie, war so eigenartig, so originell und dabei meisterhaft gehalten, daß man ganz unwillkürlich beim Lob der Sängerin auch des Dichters und Componisten denken mußte.
Und wieder begann sie von Entsagung und Anfechtung, von aller Noth des Körpers und der Seele. Jetzt gehen sogar die Kinder von ihr, Undank zahlend für die größten Opfer. Jetzt giebt es keine Seele mehr, an der sie sich festhalten kann, um nicht unterzugehen – nein, doch eine, eine erhabene Seele: Der König ist ihr erschienen als rettender Engel mit helfender Hand, und nun jubelt sie abermals:
»Als Alle mich verlassen hatten
In meines Unglücks schwerer Nacht,
Stand ich in meines Königs Schatten;
Mein König hat an mich gedacht!«
Wieder derselbe Beifall, und dann beginnt sie von der letzten Tagereise der irdischen Pilgerfahrt. Das Leben stirbt hin; der Staub neigt sich mehr und mehr der Erde zu. Das Auge wird dunkel, und die anderen Sinne verweigern den Dienst. Von vornher rauscht bereits die Brandung der Ewigkeit. Mach Deine Rechnung quitt mit dem Leben, so arm es auch gewesen sein mag. Mit wem soll sie, die Bettlerin, abrechnen? Wem ist sie Etwas schuldig? Den Menschen, die ihrer nicht gedachten? Den Ihrigen, von denen sie verlassen wurde? Nein, ihrer kann sie nur mit der Bitte gedenken: »Verzeihe ihnen, o Herr, wie ich ihnen verzeihe!« Aber Einen giebt es, einen Einzigen, dem sie so viel schuldig ist, ihre Rettung von Verzweiflung und Tod. Ihm muß sie die erlösende That schuldig bleiben. Aber noch ihre letzten Gedanken gehören ihm, und mit ihrer letzten Kraft richtet sie sich vom Sterbelager empor, und ihre letzten Worte lauten:
»Als Alle mich verlassen hatten
In meines Unglücks schwerer Nacht,
Stand ich in meines Königs Schatten;
Mein König hat an mich gedacht!«
Welch ein Vortrag! Wars möglich. daß vor wenigen Monaten diese Sängerin noch eine arme, ungebildete Sennerin gewesen war? Sie war während der letzten Strophen in die Knie, dann sogar ganz niedergesunken, und hatte sich sodann, ganz wie eine Sterbende, mit letzter Kraft halb erhoben, um die letzten Takte wie einen Segenswunsch hinüber zur Königsloge schwellen zu lassen.
Da flossen Thränen, wirklich heiße Thränen. Niemand schämte sich derselben; aber als trotz dieser tiefen, tiefen Rührung der Beifall beginnen wollte, da sprang sie vollends vom Boden auf, machte eine abwehrende Armbewegung, warf Mantel, Tuch und Stock von sich und stand nun ganz so da wie bei ihrer ersten Nummer – als Sennerin Leni.
Das überraschte. Was hatte das zu bedeuten? Was wollte sie? Warum that sie das? Ein lautloses Schweigen trat ein, keine Hand bewegte sich mehr, um mit dem Taschentuche offen oder halb verstohlen die Thränen zu trocknen.
Was sie wollte? O, es sollte ja noch die letzte Strophe kommen, in welcher sie von sich selber singen wollte, dankerfüllt gegen den hohen Wohlthäter, durch dessen Barmherzigkeit sie hier begeistert und begeisternd stand.
Der Dirigent nickte rechts und links lächelnd seinen Leuten zu. »Jetzt kommts! Paßt auf!« wollte er sagen. Und wirklich, er hatte Recht.
Nicht mehr schmerzlich klagend und doch ganz in derselben Melodie, in epischer Fülle und Schönheit klang das Vorspiel voran, und dann fiel Leni ein:
»Einsam, auf hoher, stiller Alm,
Lebt ich, die Tochter der Natur,
Im prächt'gen Wald ein armer Halm,
Gehört ich meiner Heerde nur.
Da plötzlich drang ein Ton der Gnade
Zu mir ins kleine Alpenhaus
Und rief von meinem engen Pfade
Ins reiche Leben mich hinaus – – –«
Die Spannung, mit welcher Aller Augen und Ohren gegen die Sängerin gerichtet war, läßt sich gar nicht beschreiben. Und sie verdiente es auch. Das waren Herzenstöne, welche ihrer schönen Brust entquollen, und darum konnte es gar nicht anders sein: sie mußten wieder zum Herzen gehen.
Und weiter lautete die Strophe:
»Wohl möcht ich fürchten all den Glanz,
Der fremd mir und erdrückend war;
Vielleicht welkt nie ein Lorbeerkranz
Dereinst auf meinem greisen Haar;
Doch, leuchtet mir an Tempelstufen
Der Kunst bezaubernd Morgenroth,
Und hat mein König mich gerufen,
So folg ich freudig dem Gebot.
Ade, ade, ihr grünen Matten;
Ade, der Gletscher wilde Pracht!
Ich steh in meines Königs Schatten;
Mein König hat an mich gedacht!«
Wohl selten war eine solche Wirkung eines Liedes gesehen worden, wie jetzt. Schon in der Mitte der Strophe hatte die Stimme Leni's zu zittern begonnen. Thränen füllten ihre Augen. Bei den Worten: »Ade, ade, ihr grünen Matten« mußte die Begleitung eine Pause machen, denn die Sängerin schluchzte laut auf und konnte nicht weiter; dann aber fuhr sie weiter fort, und unter strömenden Thränen, aber wie mit Orgelton und Glockenklang endete sie mit mächtig dahinbrausender Stimme:
»Ich steh in meines Königs Schatten;
Mein König hat an mich gedacht!«
Die Worte waren verklungen, und die Musik schwieg. Still wie in einem leeren Tempel war es für einen Augenblick – da schallte ein lautes, lautes, herzbrechendes Weinen durch den Raum; der Sepp war es. Der Fex konnte sich auch nicht halten und fiel ein. Leni, bis jetzt still stehend, schlug die beiden Hände vor das Gesicht und eilte schluchzend hinter die Coulissen und – – –
War es möglich! War so Etwas bereits einmal dagewesen? Auch draußen im Zuschauerraume, rechts und links, oben und unten, brach die Rührung hervor, welche nicht mehr zurück zu halten war: Man weinte allgemein.
Auch der König saß still und bewegungslos, den Arm, welcher das Taschentuch hielt, auf die Brüstung gestützt und das Gesicht in die Hand gelegt – – – er weinte!
Wagner und Liszt, die beiden Meister der Tonkunst, auch ihre Kraft war zu gering: Sie hatten Thränen.
Nur Einer saß unten, dessen Auge nicht naß wurde – der Krikelanton. Der Grimm ließ ihn zu keiner Rührung kommen.
So blieb es fast über eine ganze Minute lang, in solcher Situation eine ganz beträchtliche Zeit; dann aber regten sich erst zwei Hände, dann mehrere, endlich alle. Ein unbeschreiblicher Jubel brach los. Die Leni mußte erscheinen.
»Mureni heraus! Mureni!« rief es immer von Neuem.
Sie erschien immer wieder. Da rief eine Stimme:
»Der Fex heraus!«
»Der Fex! Fex, Fex!« fielen Andre ein.
Er kam. Und da rief abermals Jemand:
»Wurzelsepp, heraus! Der Pathe heraus.«
»Sepp! Wurzelsepp! Der Pathe!« so erklang es aus vielen hundert Kehlen.
Und als nun die Drei bis fast vor am die Lampen traten, da kamen die Diener und machten die vorhin gesungenen Worte unwahr:
»Vielleicht welkt nie ein Lorbeerkranz
Dereinst auf meinem greisen Haupte.«
O, sie brauchte nicht zu warten, bis der Schnee des Alters sich auf ihr Haupt legen wird! Bereits heut, bei ihrem ersten Auftreten, waren ihr Lorbeerkränze beschieden. Mehrere, mehrere wurden gebracht, und weinend, immer noch weinend, legte sie einen davon dem Fex auf den Kopf und einen andern dem Wurzelsepp. Der Alte befand sich in einem unbeschreiblichen Zustand. Er weinte und lachte zu gleicher Zeit. Immer noch auf offener Bühne stehend, umarmte er die Leni und umarmte den Fex, und als der Direktor herbeitrat, um der Sennerin noch einen mächtigen Blumenkorb zu überreichen, da faßte der Alte auch ihn in die Arme, hielt ihn riesenfest und sprang mit ihm zu gleichen Beinen auf den Brettern, welche die Welt bedeuten, herum.
Ja, einen solchen Erfolg hatte dieses Haus noch niemals erlebt, und als der Vorhang fiel, nahm der Direktor die Leni fest und führte sie in sein Zimmer. Dort blieb er vor ihr stehen, blickte sie einige Augenblicke lang zagend an und sagte dann:
»Nein, ich will keine lange Rede halten sondern es kurz machen: Signora Mureni, welche Bedingungen machen Sie mir, wenn ich Sie engagire? Ich bitte um eine gnädige Strafe!«
»O, ich werde allerdings sehr gnädig sein,« antwortete sie. »Ich strafe Sie nicht.«
»Das macht mir das Herz leicht. Sie wollen also Ihre Bedingungen nicht gar so drückend machen?«
»Ich mache gar keine.«
Sein Gesicht begann, vor Freude zu glänzen.
»Wie? Sie wollen das mir überlassen?«
»Nein. Sie verstehen mich falsch. Ich will Sie nicht strafen und Ihnen auch keine Bedingungen machen; das heißt, ich kann überhaupt kein Engagement eingehen.«
»Ah! Das heißt, bei mir nicht!«
»Nein, überhaupt nicht. Ich bin nicht leichtsinnig und lasse mich durch den heutigen Erfolg nicht zu einer Selbstüberhebung verleiten. Ich besitze Gaben, die ich später einmal beherrschen werde; jetzt aber bin ich noch ein dummes Ding, welches viel, so sehr viel zu lernen hat.«
»Ists denn so gar sehr viel?«
»So viel, daß es mir zuweilen angst und bange wird. Bedenken Sie. daß ich fast beim ABC habe anfangen müssen und beim Einmaleins. Und welche reichen Kenntnisse gehören oft dazu, um eine Rolle zu verstehen!«
»Sie haben Recht. Ich gestehe Ihnen aufrichtig, daß ich mich im Grunde genommen über den Ernst, mit welchem Sie Ihren hohen Beruf betrachten, freue.«
»Ich danke Ihnen und will Ihnen dafür auch ein offenes Geständnis machen, Herr Director.«
»Nun, ich bin gespannt, es zu hören.«
»Ich werde nie, nie vergessen, daß ich meinen ersten Schritt bei Ihnen gethan habe. Sie find also gewissermaßen mein Pathe, mein – – –«
»Ihr Wurzelsepp!« unterbrach er sie lächelnd.
»Ja; Sie brauchen sich dieses Vergleiches nicht zu schämen. Der Sepp ist ein tüchtiger Kerl; auf den laß ich nichts kommen; also auf Sie auch nicht, da Sie mein Pathe ebenso sind. Und wenn ich mir einst sagen kann, daß ich das Schulbuch weglegen darf, so werde ich, wenn auch kein festes Engagement, aber doch wenigstens Station bei Ihnen nehmen, damit Sie sehen, daß ich dankbar bin.«
»Daß Sie dankbar sind, das haben Sie heut mit Ihrer letzten Nummer bewiesen – – –«
»Die eigentlich die vorletzte war. Die letzte ist ja gar nicht gegeben worden.«
»Daran sind Sie schuld mit Ihren Erfolgen. Uebrigens bestand die letzte Gabe nur in einem kurzen Orchesterstück. Also ich darf mich darauf verlassen: Station bei mir …?«
»Ja.«
»Die Hand darauf!«
»Hier, topp!«
»Topp!«
Da wurde die Thür geöffnet. Der König stand unter derselben. Er trat ein, da der Director sich sofort unter einer tiefen Verneigung zurückzog und den Eingang hinter ihm schloß.
Der König nickte ihr mild vertraulich zu und fragte:
»Ein Engagement eingegangen?«
»Angeboten worden aber nicht darauf eingegangen, Majestät!«
»Warum?«
»Ich bin ja noch ein kleins Schuldirndl!«
»Recht so! Nicht stolz werden! Sie tragen einen überreichen Gottessegen in sich. Aber bevor Sie über denselben verfügen, müssen Sie sich desselben durch großen Fleiß und ernste Ausdauer würdig machen. Ist der Fex wirklich zugleich Dichter und auch Componist des letzten Liedes?«
»Ganz gewiß, Majestät.«
»Ein wunderbarer Mensch! Vielleicht Ihnen ebenbürtig an Gaben und Energie. Aber jetzt vor allen Dingen von Ihnen! Sie haben mir heut eine seltene Freude bereitet. Ich war eine kurze Zeit sehr glücklich. Haben Sie einen Herzenswunsch, so sagen Sie ihn mir!«
Sie schüttelte sinnend mit dem Kopfe.
»Fällt Ihnen nichts ein? Nun, so denken Sie einmal nach! Ich gebe Ihnen Zeit.«
Da sagte sie erröthend:
»Majestät, ich habe einen Wunsch; aber er ist so groß, so groß und ein schlimmes Wagniß!«
»Ist das Wagniß gar so gefahrdrohend?«
»Ja. Ich kann mir den Zorn Ew. Majestät erwerben.«
»Nun, so denke daran: Ich steh in meines Königs Schatten!« beruhigte er sie lächelnd. »Sprich also freimüthig! Was wünschest Du?«
Er hatte das Sie in das Du umgewandelt. Das gab ihr den Muth zu den Worten:
»Es ist ein Geschenk, ein Andenken, welches ich heilig halten würde bis an meinen Tod, höher als alles Andere, und kein Blick sollts je entweihen.«
Bei diesen Worten waren ihre Augen dunkler geworden. Sie füllten sich mit Thränen.
»Nun, was ist es denn? Sei muthig!«
»Nur ein – ein – nur ein Taschentuch,« stockte sie.
Er wendete sich halb ab, wie um seine Rührung zu verbergen, schwieg eine Weile und sagte dann:
»Du sollst es erhalten. Ja, Du hast Recht, es ist eine Gabe, welche kein anderer Monarch verleihen würde. Aber die Tropfen, welche es trank, hast Du meinem Auge entlockt, und Du sollst sie auch empfangen und behalten dürfen. Ich sende es Dir. Und hier hab ich Dir Etwas mitgebracht. Ich ahnte, daß Dein Debut nicht ohne Erfolg sein werde. Es sind Dir reiche Kränze geworden. ›Dein König hat an Dich gedacht.‹; Er bringt Dir nur ein einziges Blatt; vielleicht aber überdauert es alle diese Kränze. Gute Nacht!«
Er gab ihr ein kleines Etui in die Hand und ging schnell hinaus, ihr keine Gelegenheit zum Dank zu geben. Sie öffnete das Etui. Es enthielt – ein Lorbeerblatt, in Gold gefaßt und mit edlen Steinen umgeben. Auf dem Rücken der Fassung war eine Sennhütte eingravirt, und darunter standen die Worte: »Auf der Alm, da giebts ka Sünd.«
Sie drückte dieses kostbare Kleinod an ihr Herz, sank auf die Kniee nieder und sagte:
»O Gott, so was bin ich doch gar nicht werth. Ich will ja recht brav und fromm sein, denn jede Sünd, die ich begehen würd, ist doppelt schwer!«
Als sie dann aus dem Zimmer trat, stand der Sepp da und wartete auf sie.
»Wo ist der Fex?« fragte sie.
»Den hat der Capellmeistern gefangen nommen. Wer weiß, was der ihm da für Luftschlössern vorbauen wird. Wann der talkete Kerlen nur klug ist und gar nicht mitmacht.«
Richtig, als die Beiden noch sprachen, kam der Fex ans der Coulisse, halb auf der Flucht, hinter ihm her der Capellmeister, ihn am Schoße der geborgten Joppe festhaltend.
»Halt, halt, Herr Fex!« rief er dringend.
»Laß mich aus mit dem ›Herrn!‹; Ich bin der Fex,« antwortete der junge Mann, indem er sich von ihm frei zu machen suchte. »Ich hab halt jetztunder keine Zeit mehr übrig.«
»So gieb mir doch wenigstens Antwort!«
»Ich mach nicht mit!«
»Für fünfzehnhundert Mark und freie Station? So biete ich hundert mehr. Also schlag ein!«
Er zog den Fex zu sich zurück und hielt ihm die Hand zum Einschlagen entgegen. Dieser gab sich vergebliche Mühe, sich loszureisen und antwortete ungeduldig:
»Jetzt frag ich nun blos, obst mich loslassen willst! Ich mach nicht mit. Jetzt hasts nun ganz genau gehört.«
»Nein; ich laß Dich nicht los! Du mußt mitmachen. Ich will auch noch zulegen. Ich geb siebzehnhundert. Das ist doch ein nobles Angebot. Nun wirst Du mir den Zuschlag geben.«
»Nein, sondern die Joppen geb ich Dir.«
Wie ein Joseph bei der Potiphar schlüpfte er aus dem Rocke, welcher in der Hand des Capellmeisters hängen blieb, und rannte fort – der Capellmeister mit dem Rocke hinter ihm her. Aber schon nach wenigen Augenblicken kam er von der anderen Seite wieder. Vorsichtig und schlau hinter der Coulisse hervorspähend, fragte er lachend:
»Ist er halt auch wieder da?«
»Nein,« antwortete der Sepp.
»Das ist gut. Nun bin ich ihn los, und er mag sehen, wo er mich findet. Jetzt nun sagst mal, ob Ihr auch fertig seid.«
»Freilich. Wir können gehen.«
»So will ich erst meine Garderoben ablegen und mein eigen Gewandt wieder anthun. Wartet noch diese Minuten!«
Er ging in diejenige Garderobenabtheilung, in welcher er sich umgezogen hatte. Leni meinte:
»Jetzt komm, Sepp; ich will indessen nach meiner lieben Madame Qualéche sehen. Die wartet auf mich.«
Sie traten hinaus und gingen hinunter nach dem Corridore, welcher hinter dem Parquet entlang führte. Eben als sie dort eintraten, that es einen großen Krach, und eine fette Stimme rief:
»Zu Hilfe! Zu Hilfe! Wo bin ich?«
Das war Madame Qualéche. Sie hatte mit Paula auf die Leni warten wollen. Um nicht stehen zu müssen, hatte sie es vorgezogen, sich zu setzen. Ein Stuhl aber von der Sorte, wie sie hier im Gange standen, war ihr zu schmal. Darum hatte sie sich von Paula zwei derselben zusammentragen lassen und darauf Platz genommen. Nach ihrer bekannten Weise war sie sogleich auf demselben eingeschlafen.
Paula war, um sich die Zeit des Wartens zu vertreiben, indessen langsam auf und abgegangen. Die dicke Dame hatte nach Art solcher Schläferinnen fleißig genickt. War ihr der Kopf dabei zu weit niedergesunken, so hatte sie sich sogleich wieder in aufrechte Stellung zurecht gerückt. Durch dieses wiederholte Rücken waren die beiden Stühle nach und nach auseinander geschoben worden, und als sie jetzt nun eine etwas kräftigere Bewegung machte, rutschte sie zwischen den Stühlen nieder und setzte sich mit einem lauten Plumps aus den Boden nieder. In ihrem ersten Schrecke und, noch halb im Schlafe, nicht sogleich wissend, wo sie sich befand, schrie sie um Hilfe. Leni und der Sepp kamen von der anderen Seite geeilt.
»Was machst denn hier?« fragte der Letztere. »Hast Dich wieder hergesetzt wie dort in der Mühlen unten an der Treppenstufen? Du mußt doch außerordentlich gern da unten auf der Parterrenerden sitzen.«
»Oh, oh!« stöhnte sie. »Ich Unglückliche! Seht doch einmal nach, ob ich noch ganz bin, ob ich nicht Etwas zerbrochen habe!«
»Ganz bist noch; das sehe ich wohl schon. Und zerbrochen wirst auch nix haben; das ist gewiß.«
»Aber es thut mir ja Alles weh!«
»Das wird nicht gefährlich sein. Wer so weich fallt, der kann nix brechen. Deine Knochen sind halt sehr gut gepolstert; denen kann so ein Fall nix schaden.«
»Aber ich fühle es ja!«
»Wo denn?«
»Hier in den Armen und in den Beinen und da hinten im Kreuze und in den Rippen und oben am Halse und sogar auch im Kopfe.«
»So hast eben Alles gebrochen, Du armes Wurm. Ich will nur gleich nach dem Siechkorb laufen.«
»Nach was?« rief sie entsetzt.
»Nach dem Siechkorb.«
»Was ist das für ein Korb?«
»Das ist derjenige Korb, in dem die todten Kranken und die lebendigen Leichen, die Versauften und Gehenkten nach dem Krankenhaus und nach der Leichenhallen schafft werden.«
»Und in dem soll ich fortgeschafft werden!« stöhnte sie erschrocken. »Auf keinen Fall! Lieber sterbe ich!«
»Dann wirst erst recht in den Korb steckt.«
»So bleib ich leben, auf alle Fälle!«
»Schön! So wollen wir sehen, obt aufstehen kannst. Greift mal zu. Paula und Leni. Aberst derb; sie ist schwer!«
Die beiden Mädchen griffen an den Armen an, und er stellte sich hinter die Dicke, faßte sie mit beiden Armen um den Leib und commandirte:
»Jetzt, hebt auf! Eins, zwei und drei!«
Sie wendeten alle Kräfte an, aber vergeblich, da die Direktorin um so schwerer war, als sie sich lang ausstreckte und nicht die mindeste Anstrengung machte, die Bemühungen der Drei zu unterstützen.
»Es geht nicht,« meinte der Sepp, indem er sie wieder fallen ließ.
»Nein, es geht nicht!« stöhnte die Dame selbst. »Ich unglückliches Menschenkind! Wie komme ich wieder auf!«
»Da kommt ein Logenschließer; der mag mit helfen.«
Der Mann eilte herbei und faßte dienstbeflissen mit an; aber da es dem Sepp eigentlich gar nicht sehr ernst mit seiner Anstrengung war, so blieb auch diese Bemühung vergeblich.
»Sie ist wirklich zu schwer!« meinte der Schließer.
»O nein,« antwortete der Sepp. »Wir sind ja an die vier Personen, und da haben wir wohl Kräften genug, sie empor zu winden. Aber ich glaub nun halt doch auch, daß sie sich einen Schaden than hat.«
»Ja, ja!« stimmte sie bei. »Mein ganzer Körper schmerzt mich so, als ob er eine einzige Wunde sei!«
»So wollen wir mal untersuchen. Zeig den Arm her!«
Er ergriff ihren rechten Arm und rückte ihn mit aller Kraft aus.
»Au!« schrie sie auf.
»Thats etwan weh?« fragte er.
»Schrecklich!«
»So hast ihn brochen. Und nun der linke!«
»Au!« schrie sie auch jetzt, als er an diesem in seiner kräftigen Weise zog.
»Auch er thut weh?«
»Fürchterlich!«
»So ist auch er brochen. Und nun da unten!«
Er ergriff sie an dem einen Fuße, um ebenso an demselben zu ziehen.
»Was wollen Sie mit meinem Beine?« schrie sie auf.
»Ich will mich da mal dranspannen, um auch so zu rucken, wie an den Armen.«
»Um aller Welt willen, nein!«
»Warum nicht?«
»Weil das Bein bereits jetzt so sehr schmerzt, daß ich es kaum mehr aushalten kann.«
»So hast es auch brochen! Und das Andere? Zeig her!«
»Nein, nein!« wehrte sie zeternd ab.
»So halt doch still! Warum denn nicht?«
»Es schmerzt noch weit mehr als dieses.«
»So ists halt noch zerbrochener. Wir können Dich da unmöglich aufibringen. Da giebts nur eine einzige Hilf und Rettung.«
»Welche denn?«
»Der Siechenkorb. Ich werd gleich darnach laufen. Der Logenschließern mag mitkommen, daß wir ihn schnell herbei bringen. Es gehören zwei Leutln dazu.«
Er ergriff den Schließer beim Arme und zog ihn mit sich fort. Sie waren bereits an der Thür, da rief die Dicke:
»Halt, halt! So bleiben Sie doch! Ich habe nichts gebrochen.«
»Freilich hast Alles brochen!« antwortete der Sepp, »sogar der Hals ist entzwei; er thut Dir ja weh!«
»Nein, jetzt nicht mehr. Laßt den Siechkorb da, wo er ist! Ich kann ganz allein aufstehen. Paßt auf!«
Sie hielt sich am Stuhle an und würgte sich ohne alle Unterstützung auf. Dann aber stand sie athemlos und pustend da, wie eine Dampfmaschine.
»Verteuxeli! Wahrhaftig, es ist gangen!« rief der Sepp, sich ganz erstaunt stellend.
»Freilich!« keuchte sie.
»Also hast wirklich nichts brochen?«
»Nein, nein!«
»Aber den Korb müssen wir dennerst holen, wannt etwan nicht gut laufen kannst.«
»Mich hinein legen lassen, wo die Leichen gesteckt haben! Auf keinem Fall! Ich kann laufen! Da seht!«
Sie lief so schnell, wie seit Jahren nicht, den Corridor hinab, dem Ausgange zu.
»Ja,« lachte der Sepp, »Du, wannst so sehr gut laufen kannst, so kannst bald Schnelllaufern werden oder Postboten hinaus auf's Land! Ich bin nur froh, daßt ganz blieben bist. Vorerst sah's gefährlich aus. Ich hab eine Aengsten ausstanden wie in meinem ganzen Leben noch nimmer. Jetzt da kommt auch der Fex. Der wird sich gar sehr freuen, daßt nicht zerbrochen bist.«
Der Fex war heruntergekommen, weil er in den oberen Räumen vergeblich nach der Leni und dem Sepp gesucht hatte. Als er die Worte des Letzteren hörte, erkundigte er sich nach der Veranlassung derselben.
»Schalksnarr!« raunte er dem Alten zu. »Kannst die Dummheiten doch nimmer lassen!«
»Ja, weißt,« antwortete der Alte, »so ein Gespaß, wanns halt keinen Schaden macht, ist meine einzige Freuden auf der Welt. Was thun wir?«
»Nach Haus gehen wir.«
»Bereits?«
»Ists etwan nicht spät genug?«
»Eigentlich ja. Aberst nach dem Jubilari heut Abend thät ich doch am Allerliebsten noch ein Bier mit Dir trinken.«
»Etwan im Wirthshausen?«
»Freilich! Wo sonst?«
»Das müßt fein schön ausschaun, wenn ich, der Fex, in eine Restaurationen käm und mich als Gast hinsetzen thät. Da würden die Leutln die Mäulern gar sehr aussperren. Ich bin noch nimmer mein Lebtag irgendwo einikehrt.«
»Aberst heut kannsts. Heut bist ein großer Mann!«
»Heut bin ich noch immer der Fex.«
»Wirsts aberst nicht bleiben!«
»Vielleicht doch!«
»So! Nachdem der König Dich hat in seine Logen kommen lassen? Was hat er Dir da eigentlich sagt?«
»Das werd ich Dir morgen verzählen. Jetzt aber müssen wir gehen und unsere Damen begleiten.«
»Damen begleiten! Himmelsakra, bist auf einmal nobel worden! Damen und begleiten!«
»Sollen wir sie allein nach der Mühlen laufen lassen?«
»Warum nicht? Dera Mond ist aufigangen und scheint wie eine Gaslampen hernieder.«
»Dennoch müssen wir höflich sein.«
»Na, meineswegen! Aberst mit dera Dicken werden wir unsere liebe Noth und Besorgnissen haben.«
Er hatte Recht. Sie wär am Liebsten heimgefahren; aber da es hierorts keine Droschken gab, so mußte sie auf diese Bequemlichkeit verzichten. Doch schimpfte sie weidlich auf den Concert- und den Capellmeister, daß diese es versäumt hatten, ihr die Cavalierdienste anzubieten.
»Das schadet nix,« wurde sie von dem Sepp getröstet. »Wannst in krummen Arm laufen willst, so kann ich Dir ja den meinigen geben. Hier hast ihn!«
Er machte ihr eine Verbeugung und bot ihr den Arm an; sie aber wies ihn ab. Mit dem Wurzelsepp Arm in Arm gehen, sie, die Frau Direktorin Qualéche! Welch eine Blamage, wenn es bekannt worden wäre!
Aber als sie die Stadt hinter sich hatten, und nun der schlechtere Nachbarweg begann, wo sie oft über Steine und Unebenheiten strauchelte, bat sie den Alten doch selbst, sie zu führen.
»Ja, nun ist der Sepp freilich gut!« lachte er. »Na, da hast den Arm. Häng ein? Und wannst herfallen thust, oder Dich wieder mal aufs Parterr setzen willst, so sags; ich hab halt nix dagegen.«
Ein Mann war zu ihrer Unterstützung zu wenig; der Fex mußte sie an dem andern Arm nehmen. So kam es, daß dieser keine Zeit und Gelegenheit fand, seine Gedanken mit der Paula auszutauschen.
An der Mühle trennte man sich. Paula gab dem Fex die Hand und sagte:
»Ich hab noch gar nicht zu Dir sprechen könnt, lieber Fex. Mein Herz ist so sehr voll von dem, was ich sehen und hört hab, daß ich gar keine Worten find. Aber freuen thu ich mich grad so sehr wie Du, daß Dir eine solche Ehren widerfahren ist. Sag mir nur das Eine: Was hat der König mit Dir sprochen?«
»Er will mich zu einem großen Meistern auf der Violinen thun und auch aufs Conservateri hinauf.«
»O Jegerl! Wann wohl?«
»Das ist noch nicht bestimmt. Es soll erst morgen in dera Früh ausmacht werden. Vielleicht muß ich bereits morgen von hier fort.«
»Was für ein Schreck!«
»Wie! Du verschrickst darübern, daß der König mir so eine große Gnaden erweisen will!«
»Darüber? O nein! Darüber kann ich mich ja nur ganz außerordentlich gefreun. Aberst daßt von hier fort sollst, darüber bin ich so verschrocken. Willst denn auch wirklich fort? Hast bereits ja sagt?«
»Nein. Ich hab gar nix sagt, wedern Ja noch Nein, denn ich hab vor Freuden und Glück gar nimmer reden und antworten könnt. Aberst dera König hat zu mir in einem Ton sprochen, gegen den es gar keinen Einspruch geben kann. Also muß ich gehorchen.«
»So kommen wir wohl gar nimmer mit nander zusammen?«
»O doch. Und wanns gleich am Morgen fort ging, so thät ich doch sicher erst von Dir Abschied nehmen.«
Mittlerweile hatte Leni den Hausschlüssel angesteckt. Sie brachte die Thür nicht auf und der Sepp trat zu ihr, um ihr zu helfen. Da auch die Frau Directorin bereits an der Thür stand, so fand Paula Zeit, leise zu sagen:
»Fex, bleib noch ein Wengerle aufi.«
»Warum?«
»Ich komm noch an den Fluß.«
Das war noch niemals da gewesen, so eine heimliche Bestellung. Es überrieselte den Fex wonnig. Dennoch aber meinte er voll aufopfernder Bedenklichkeit:
»Thus liebern nicht!«
»Warum?«
»Wanns Dein Vatern bemerkt!«
»Will mich schon in acht nehmen.«
»Ich seh, er hat noch Licht in dera Stuben. Er muß es doch hören, wannst die Thür aufschließest.«
»Ich geh nicht vorn heraus, sondern durch die Hinterthür. Also, Du wartest auf mich, Fex?«
»O wie gern, Paula!«
»So laß Dir aberst gegen den Sepp nix merken.«
»O, der kann Alles wissen. Der ist mein Freund und auch der Deinige, der wirds nimmer verrathen.«
Jetzt war die Thür offen und die beiden Mädchen traten mit der Dicken ein.
»Wirst auch zur Treppen hinaufkönnen?« fragte der Sepp die Letztere.
Sie antwortete nicht sofort. Es war dunkel im Hausflur. Die Sache war höchst bedenklich.
»Nun, was meinst?«
»Schwer wirds gehen!« antwortete sie verzagt. »Es ist kein Licht im Hause und auch oben nicht.«
»Ich werde eins anbrennen,« sagte die Leni, indem sie rasch die Treppe emporstieg.
»Das kann auch nicht für Alles helfen,« bemerkte der Sepp. »Wart noch ein Wenig, Fex! Wir werden der ›Dame‹; helfen müssen.«
Und als jetzt Leni oben mit dem Licht erschien, griffen die Beiden zu und halfen schieben. Die Lampe beleuchtete die Treppe nur nothdürftig, so daß die Direktorin die Stufen nicht deutlich erkennen konnte. Sie stolperte.
»O weh!« rief sie aus. »Es geht nicht!«
»Nicht? Warum?« fragte der Sepp.
»Meine Beine! Meine Beine!«
»So hast sie wohl dennerst zerbrochen und wir müssen Dich im Siechkorben nach dem Krankenhäuserl tragen.«
»Nein, nein!« schrie sie auf. »Ich brauch keinen Siechkorb. Ich kann laufen, ich kann hinauf!«
Sie holte tief Athem, setzte an und pustete hinauf. Es gelang, aber oben wäre sie in Folge dieser riesenhaften Anstrengung beinahe hingefallen. Sie wußte in die Stube geführt werden. Ihr körperlicher Zustand absorbirte ihr Denken und Sinnen auf eine solche Weise, daß sie bisher noch kein einziges Wort gefunden hatte, um der Leni zu ihrem außerordentlichen Erfolge zu gratuliren. Nicht eine einzige Sylbe hatte sie darüber verloren.
Da ertönte unten die Clarinette des Müllers.
»Kommt schnell hinab, dich ich Euch hinauslasse!« sagte Paula zum Sepp und Fex. »Das gilt mir.«
Sie riegelte die Hausthür hinter den Beiden zu und trat sodann bei ihrem Vater ein. Dort fand sie trotz der späten Abendstunde zu ihrem Erstaunen den Fingerlfranz.
Dieser war jenseits des Flusses auf geschäftliche Veranlassung in einigen Dörfern gewesen und am Abend ganz erzürnt zu dem Müller gekommen. Er hatte nach einem kurzen, höchst mürrischen Gruß den Stock und den Hut in die Ecke geworfen, ganz wie Einer, der sich über irgend Etwas ungewöhnlich geärgert hat.
»Na, was giebts denn, was hast denn?« hatte der Müller gefragt. »Wer hat Dich wieder mal so verzürnt?«
»Das fragst auch noch!«
»Freilich!«
»Kannsts Dir doch denken!«
»Hältst mich etwan für allwissend?«
»Nein; aberst Denjenigen, über den ich mich in dera Zeiten immer verzürnen muß, den weißt doch genau.«
»Meinst etwan den Fex?«
»Grad denselbigen.«
»Was hat er Dir denn than?«
»Than? Gar nix!«
»Und da bist so außer dem Häuserl heraus?«
»Ja, eben weil er nix than hat, weil er unterlassen hat, was er thun soll.«
»So! Was wäre denn das?«
»Bist doch heut sehr schwer von Begriffen!«
Da zog der Müller die Augenbrauen zusammen und antwortete im nicht eben freundlichsten Tone:
»Du, so kommst mir nicht!«
»So! Soll ich etwan Honig reden, wann der Magen voller Giften und Gallen ist!«
»Was geht Dein Magen mich an! Ich hab mich dieser Tage so viel ärgern müssen, daß ich Dich nicht auch noch brauch, um mir den Aerger vermehren zu lassen.«
»So halt bessere Aufsichten über den Fex.«
»Das thu ich auch.«
»Ich merk halt nix davon. Heut war ich drüben hinter dem Wassern, und als ich nachher kam, um Dich zu besuchen, und als ich da überfahren wollt, da war keine Fähr nicht da, sie war gar nicht vorhanden.«
»Sie liegt am Ufer.«
»Ja, am diesseitigen, ich aber war am jenseitigen.«
»Da bist selber schuld.«
»So! Und hat etwan der Fex nicht da zu sein, wann Jemand kommt und überfahren will?«
»Nein!« antwortete der Müller im grimmigen Tone.
»Nicht? Was?« rief der Franz erstaunt.
»Nein!«
»Und das sagst selbst. Du, der Thalmüllern?«
»Hörsts ja!«
»Er hat doch überfahren müssen, so lange ich es nur weiß! Seit wann ists anders worden?«
»Seit es ihm beliebt.«
»Alle Millionen Teuxels! Kanns überhaupt irgend was geben, was dem belieben kann oder nicht?«
»Ja freilich.«
»Nun, was denn?«
»Das Ueberfahrn zum Beispiel.«
»Bist nicht gescheidt!«
»Wohl bin ich gescheidt, aberst der Fex ist heut auch gescheidt worden. Er – er – na, wie heißt es wohl gleich, wann der Arbeiter seinem Herrn den Gehorsam aufsagt, das neumodische Wort?«
»Ein Strike?«
»Ja, ein Strike; der Fex strikt.«
»Das sollt er wagen? Wirklich?«
»Freilich! Heut, als es dunkel war, hat er die Magd zu mir schickt und mir sagen lassen, daß er heut nicht mehr überfahren thät.«
»Der Hallunk! Warum wohl nicht?«
»Weil er ins Theatern gangen ist.«
Der Franz sperrte den Mund so weit auf, als es nur irgend möglich war, und fragte dann zögernd:
»Ins – The – a – te –«
»Theatern, ja.«
»Der Fex ins Theatern! Höre, Müllern, wannst mich etwan veralbern willst, so kannst mich dauern!«
»Ich Dich veralbern? Bist ja bereits albern genug!«
»Halts Maul! Das duld ich nicht! Der Fex hat an der Fähr zu sein, wann man ihn braucht. Ich hab nicht herübern könnt und seinetwegen bei Nacht fast zwei Stunden umlaufen müssen, um über die Brück zu gelangen. Und nun hör ich, daß er im Theatern ist!«
»Freilich!« lachte der Müller. »Im Theatern ist er!«
Sein Lachen aber klang wie das Knurren eines Hundes, welcher sich zum Zubeißen anschickt.
»Etwan gar zum Concerten, welches am heutigen Abend im Theatern abgehalten wird?«
»Ja, so hat er mir sagen lassen.«
»Und was hast dazu sagt?«
»Nix.«
»Und dagegen than?«
»Auch nix.«
»Was! Nix und wiedern nix! Das willst Dir also ruhig gefallen lassen, he?«
»Ja.«
»Himmeltausend! Ich begreif Dich nicht!«
»Was hätt ich thun sollen! Gieb mal den guten Rath!«
»Ihn durch die Polizeien zurückholen lassen.«
»Das geht nicht!«
»So! Warum denn nicht?«
»Weilst nicht zu wissen scheinst, daß der Fex kein Schulbuben mehr ist. Er ist groß und herauswachsen. Ich muß ihm nun auch mal eine freie Zeit lassen. Ich muß überhaupten sehr froh sein, daß er mir bisher noch keinen Lohn abverlangt hat.«
Er machte dabei ein ganz außergewöhnliches Gesicht. Natürlich verschwieg er, daß er, seit der Fex ihm mit der Anzeige gedroht hatte, sich vor ihm fürchtete. Der Fingerlfranz schüttelte den Kopf und meinte:
»Thalmüllern, jetzt alleweil bist mir ein Räthsel!«
»So versuchs zu lösen!«
»Hm! Bist stets streng mit dem Kerl gewest, und heut plötzlich redest ihm das Wort. Noch das vorletzt Mal hab ich grad auch hier sessen und er stand an der Thür; da hast ihm die Peitsch ins Gesicht und um die Füßen schlagen, daß die Striemen aufilaufen find, und nun auf einmalen nimmst ihn so sehr in Schutz und in Schirm. Sag, was ist schuld daran?«
»Hm!«
»Hast einen Grund dazu?«
»Ja freilich.«
»Und welchen?«
»Den, nun, den kann ich Niemandem sagen.«
»Was! Auch mir nicht, Deinem Schwiegersohne?«
»Nein.«
»Aberst wannt nicht aufrichtig mit mir sein willst, mit wem nachher sonst!«
»Warum grad denn mit Dir, he?«
»Ich habs doch soeben sagt: Ich bin der Schwiegersohn.«
»Noch bists nicht.«
»Aberst am Sonntag werd ichs sein.«
»Ah! Wieso denn?«
Diese Fragen wurden alle in einer Art Galgenhumor ausgesprochen. Der Franz wußte wirklich nicht, was er von dem Müller denken solle. Er antwortete:
»Weil da die Verlobung ist!«
»Ach so, die Verlobung! Hm, ja! Aberst da kannst Dich doch vielleicht ein Wengerl täuschen.«
»So! Machst wohl Spaßen?«
»Nein, ich red leider sehr im Ernsten.«
»Ich will doch hoffen, daßt Wort halten wirst!«
»Freilich halt ich Wort.«
»Also gut!«
»Aberst wem halt ich Wort?«
»Nun, doch mir!«
»Dir? O, an Dich denkt halt Niemand mehr.«
»An mich nicht? Donnerwettern! An wen dann?«
»An –« er beugte sich weiter vor, hielt die Hand an den Mund, als ob er ein großes Geheimniß mitzutheilen habe, und fuhr fort: »– an den König.«
Der Fingerlfranz fuhr erstaunt zurück.
»Was?« fragte er. »An den König?«
»Ja.«
»Wieso?«
»Das ist eigentlich auch ein Geheimniß.«
»Von dem ich nix wissen darf?«
»Ich solls geheim halten.«
»Aber vor mir auch? Das ist nicht nöthig.«
»Hm! Ich hab Vertrauen zu Dir, aber dennerst ists zu gefährlich, davon zu reden.«
»So! Meinst etwan, daß ichs verrath?«
»Nein, das grad nicht, aberst es kommt doch bei einem Jeden mal die Stund, in der er plaudern thut.«
»Bei mir nicht.«
»Meinst?«
»Ja, bei mir ganz sicher nicht. Wann sichs um die Paula handelt, so kann ich schweigen bis an mein End.«
»Um diese handelt sichs freilich.«
»So? Nun, so sags.«
»Hoppsa! So schnell geht das nicht.«
»O, grad so schnell muß das gehen!« sagte der Franz ungeduldig. »Die Paula ist mir versprochen worden, und so will ich sie auch haben, ich muß sie haben.«
»Wirklich?«
»Ja. Sie muß mein werden, selbst wann sich der Teufel dagegen stemmen thät.«
»Pah! Was wolltst dagegen machen?«
»Alles!«
»Auch wanns selber eine Teufeleien war?«
»Ja.«
»So könnt sichs vielleicht noch ändern lassen.«
»Was?«
»Nun, die Geschichten, die ich dem König hab versprechen müssen heut in der Früh.«
»Was ist das für eine Geschichten? Was hast versprechen müssen? Heraus damit! Ich muß es wissen!«
»Oho! Kommst mir in diesem Tone!«
»Ja, Ich sags noch einmal: Wann sichs um die Paula handelt, so mach ich keinen Spaß. Ich hör schon aber, worauf Du hinzielen willst!«
»Nun, worauf?«
»Willst etwan Dein Jawort zurücknehmen?«
»Ja, das ists.«
»Donnerwettern! Warum?«
Er sprang von seinem Stuhle auf und trat in drohender Haltung vor den Müller hin. So wollte dieser ihn haben; zornig sollte er werden, denn der Zorn ist der größte Feind der Ueberlegung und Vorsichtigkeit. Der Müller that, als ob er die drohende Stellung des gewaltthätigen Menschen gar nicht bemerke, und antwortete:
»Weil ich muß.«
»So! Weilst mußt! Wer zwingt Dich denn?«
»Dera König.«
»Tausendgranaten! Der König! Ists möglich!«
»Natürlich.«
»Er war also wirklich da bei Dir?«
»Heut in der Früh bereits.«
»Ich hab gar nicht wußt, daß er bei Dir war. Was hat der mit mir und Dir zu thun?«
»Sehr viel. Aberst schrei nicht so laut, es brauchts Niemand zu hören. Was wir heut hier mit nander sprechen, davon darf kein Mensch niemals keine Ahnung haben. Dort steht die Flaschen. Nimms Glas und gieß Dir Einen ein!«
Der Franz war sehr aufgeregt. Er goß sich nach einander zwei Gläser voll und goß sie hinab.
»Nun, so red endlich mal!« sagte er dann.
»Gut! Aberst ruhig mußt bleiben!«
»Wann ichs kann, ja.«
»Du mußt können!«
»Wollens versuchen.«
Er rückte seinen Stuhl näher an den Polsterstuhl des Müllers. Dann erklärte dieser flüsternd:
»Also der König will, daßt die Paula nicht bekommst.«
»Was gehts dem an? Was hat der darein zu reden!«
»Ein König hat seinen Willen, ohne daß man ihn nach dem Grund fragen darf. Hasts verstanden, Franz?«
»Ja, aberst der Fingerlfranz hat auch seinen Willen!«
»Doch ein König bist nicht!«
»Habs auch nicht nöthig. Du hast mir Dein Wort geben und das mußt mir halten!«
»Wann ichs nun nicht halten kann?«
»Oho! Weißt, der Paula bin ich gut, ich mag keine Andre. Schon deshalb besteh ich drauf, daßt mir Dein Wort halten mußt. Aber sodann giebts noch Eins.«
»So! Was ist das?«
»Es sind bereits alle Gästen zur Verlobung geladen; wann nun aus der Verlobung nix wird, so bin ich blamerirt vor aller Welt. Und das soll ich mir etwan gefallen lassen? Auf keinen Fall! Lieber thu ich Etwas, was –«
»Nun, was?« fragte der Müller, indem er den Blick mit großer Spannung auf Franz gerichtet hielt.
»Was kein Andrer thut.«
»So! Was wäre das?«
»Meinswegen ein Verbrechen. Für die Paula thu ich Alles, wann ich sie nur zur Frau bekomm.«
»Wirklich?«
»Ja, wirklich! Ich geb Dir mein Wort darauf. Ich laß sie mir nicht nehmen, auf keinen Fall!«
»Was willst dagegen machen?«
Der Franz goß sich ein Glas voll, trank es auf einmal aus und antwortete dann in trotzigster Weise und indem er mit der Faust auf den Tisch schlug:
»Was ich thun thät, das weiß ich schon!«
»Nun, so sags.«
»Nein, so was sagt man nicht.«
»Warum nicht?«
»Weils zu gefährlich ist.«
»Ich denk, wir Beid sollen Vertrauen zu nander haben, und nun spielst den Versteckten mit mir!«
»Kannst Dirs doch denken, was ich mein'.«
»Nein, denken kann ich mirs nicht.«
»Nun, so will ichs sagen. Wann ich die Paula nicht bekommen soll, Der, der sie erhalten soll, der – dem – den – na, dem Genade Gott!«
»Willst ihn etwan abmorxen?«
»Wie ein Kalb! Ich drück ihm die Seel aus dem Leib! Darauf kannst nur immer Gift nehmen!«
»Du, das ist gefährlich!«
»Ach was! Mir die Paula nehmen zu wollen, das ist noch viel gefährlicher! Also mach keine so lange Red und sags liebern grad heraus, warum ich sie nicht bekommen soll.«
»Weil der König einen Andern für sie hat.«
»Was geht die Paula dem Könige an!«
»Nix, gar nix!«
»Nun, so brauchsts Dir doch auch nicht gefallen zu lassen!«
»Oho! Meinst, daß ich ungehorsam sein soll? Das werd ich schön bleiben lassen! Das war mein größter Schaden.«
»So! Aber wer ist dann Derjenige, der sie bekommen soll, den möcht ich doch kennen lernen!«
»Kennst ihn schon bereits.«
»So! Dann desto bessern! Ich kenn keinen Menschen, vor dem ich mich fürchten thät, wann sichs um einen Kampf um die Paula handelt. Also sag den Namen!«
»Sollst ihn gleich hören. Aber erschrick ja nicht!«
»Red kein solches Blech! Also, wer ists?«
»Der Fex.«
Da machte der Franz vor Staunen einen Satz, daß er mit dem Kopfe an die niedrige Decke stieß.
»Der Fex!« stieß er hervor. »Jetzt hab ich mich verhört, oder Du hast Dich gehörig versprochen!«
»Wann ich eine lange Reden halt, so kann ich mich wohl mal versprechen, aber wann ich nur einen einzigen Namen sag, ein einzig Wort, so ists von Gewicht.«
»Der Fex, der Fex!«
»Ja doch!«
»Der, der!«
»Was schreist nur so!«
Der Franz lief in der Stube herum wie ein Besessener. Die Augen des Müllers leuchteten vergnügt. Je zorniger der Viehhändler wurde, desto lieber war es natürlich dem Alten.
»Ich schrei? Soll ich etwan nicht schrein?«
»Nein, gar nicht.«
»Wannst von dem Fexen redst!«
»Was ist da so gar Besonderbares daran?«
»So! Das fragst mich? Da hört denn doch grad Alles auf! Das soll nichts Besonderes sein!«
»Nein, gar nicht.«
»Daß der die Paula bekommen soll?«
»Ach so! Das meinst!«
»Was sonst? Hörst heut etwan so gar sehr schwer? Oder ist Dir der Fex als Schwiegernsohn gar so sehr willkommen, daßt vor Freuden und Entzücken lieber gleich ein Dedeum singen lassen willst?«
»Das nun grad nicht.«
»So, das nun grad nicht! Und das sagst so ruhig?«
»Wie soll ichs sonst sagen? Da hilft kein Aufbegehren und kein Zanken. Ich muß gehorchen.«
»So! Warum?«
»Weils eben der König will.«
»Das hast schon bereits zehmal gesagt, und ich wills nicht wiedern hören. Warum wills denn der König?«
»Weil – weil – hm, das ist so eine schlimme Geschichten. Der König hats mir nicht selbst sagt, sondern ein Andrer hats mir derklären mußt. Nämlich der Fex ist gar nicht dera Sohn der Zigeunerin.«
Der Franz hatte wieder ein Glas ausgetrunken und sich wieder niedergesetzt. Jetzt wollte er vor Erstaunen wieder aufspringen, doch der Müller sagte schnell:
»Bleib sitzen! Es ist nicht nothwendig, daßt immer auf- und niederfährst wie ein Hampelmann. Solche wichtigen und ernsten Sachen müssen auch ernst verhandelt werden. Also horch drauf: der Fex ist das Kind eines adligen Herrn, eines, der Baron wesen ist.«
»Und das ist wahr?«
»Ganz und gar.«
»Wer hätt das denken könnt!«
»Ich nicht und Du auch nicht. Aber es ist so, und dadran ist halt nix zu ändern. Sein Vatern und seine Muttern sind storben, und so kann die Sachen geheim bleiben; aberst um den Fex zu entschädigen für die Hoheit, die er verliert, soll er die Paula zur Frau bekommen.«
Diese Lüge konnte er nur dem Fingerlfranz machen, kein Anderer hätte sie geglaubt. Dieser aber überlegte gar nicht, ob etwas Wahres dran sein könne. Er fuhr zornig auf:
»Und das willst Dir gefallen lassen?«
»Was soll ich dagegen thun?«
»Daßt für die Schlechtigkeit von dem Fexen seinen Eltern Dein Kind hergeben thust?«
»Ich muß!«
»Meinswegen! Aber ich muß nicht! Ich laß mirs nicht gefallen! Das fallt mir gar nimmer ein!«
»Auch Du kannst nix dagegen machen.«
»Meinst? Da kennst mich schlecht!«
»Ich kenn Dich schon sehr gut. Du bist ein tüchtiger Kerlen, aber gegen den Willen eines so hohen Herrn kannst Dich doch auch nicht wehren.«
»Das wollen wir abwarten.«
»Nun, so sag doch mal, wast thun willst?«
»Das brauchst gar nicht zu fragen, das ist ganz nur meine eigene Sachen!«
»Nein, ich bin der Schwiegervatern, ich muß auch was davon wissen. Wir müssen im Vertrauen mit nander handeln, das ist das Best, was wir thun können.«
»So! Jetzt bist auf einmal der Schwiegervatern, und doch sagst, daßt nix dagegen machen kannst!«
»Das ist auch wahr.«
»Und Vertrauen müssen wir haben, aberst aufrichtig bist dennoch nimmer mit mir. Verstanden!«
»Grad sehr aufrichtig bin ich mit Dir. Meinst etwan, daß ich gern gehorch? Du bist mir als Schwiegersohn doch tausendmal liebern als der Fex und noch mehr.«
»So! Das laß ich mir schon ehern gefallen, das ist doch wenigstens ein gutes Wort. Und wannt bei dieser Gesinnungen bleibst, so ists nicht gefehlt. Die Paula wird meine Frau.«
»Weißts so sehr genau?«
»Ja.«
»Wie willst das anfangen?«
»Klüger, als Du denkst!«
»Ich kanns errathen!«
»Nun, wie?«
»Du willst zum König gehen und ihm gute Worte geben?«
»Fallt mir nimmer ein!«
»Oder zum Fex?«
»Da derschieß ich mich lieber!«
»So. Oder willst die Paula bitten, daß sie Nein sagt, wanns den Fexen dann heirathen sollt?«
»Die? O, die ist zuwider worden! Ich glaub, die nimmt den Fexen liebern noch als mich! Nein, auf die kann ich mich auch ganz und gar nicht verlassen. Ich muß da mit ganz andere Ziffern rechnen.«
»Was sind das für Ziffern?«
»Es ist eigentlich nur eine.«
»Welche?«
Der Fingerlfranz zog die Brauen empor, machte seine pfiffigste Miene und antwortete geheimnißvoll:
»Eine Null.«
»Das versteh ich nicht.«
»So. Ja, das wird gar Mancher nicht verstehen. Weißt, wo eine Null vorhanden ist, was ist da?«
»Nix, gar nix.«
»Freilich! Jetzt hast Recht! Jetzt hasts troffen!«
»Troffen hab ichs? Wer begreifen thu ichs doch noch nicht.«
»Da giebts doch nicht viel zu begreifen. Ich mein' halt, die Null, das ist alleweil der Fex.«
»Ich so! Der Fex ist Null, das heißt, der Fex ist nix, er ist gar nimmer da?«
»Ja.«
»Hm! Er ist aber da!«
»Jetzt, ja, jetzt ist er noch da!«
»Alle Teufeln! Wann ich Dich auch richtig begreifen thät? Meinst Du etwan, daß er bald nimmer mehr vorhanden sein wird?«
»Ja, grad das mein ich halt. Hast was dagegen?«
Da erhob der Müller warnend den Finger:
»Du, das ist Mord!«
»Pah! Wann eine Schlang oder Ottern mir in den Weg kommt und ich tret sie niedern, so ist das auch ein Mord; aberst ich mach mir den Teufeln daraus!«
»Aberst der Fex ist ein Mensch!«
»Eine Ottern ist er, ein Giftwurm, der mir ans dem Weg fort muß! Der Zigeunerbub, der niedernträchtige! Er ist nicht mal ein halbern Mensch. Er ist ein stupidern Kerl, der nix lernt hat und nix kann. Wer so Einen forträumt, der thut dera Menschheiten doch nur einen Gefallen. Schau her! Da hast noch mein Gesicht, wie er mich überfallen und schlagen hat! Soll ich mich nicht dagegen wehren?«
»Ja, das Recht hast dazu!«
»Also!«
»Aber ein Mord ists dennerst, ein Todtschlag wenigstens!«
»Red mir nicht so dumm! Woher weißt denn, daß ich ihn morden und derschlagen will?«
»Ich habs mir dacht.«
»Unsinn! Es kann ihm doch ein Malleur geschehen.«
»Freilich ist das richtig! Im Wassern –«
»O nein! Im Wassern ist der zu Haus. Der versauft im ganzen Leben nicht; da versauft ein Aal viel ehern.«
»Also in dera Luft? Vielleicht derhängt er sich.«
»Das glaub ich nicht. Vielleicht kommt er auf eine ganz leichte Weis aus dera Welt.«
»Aberst wann?«
»Ja, wann soll denn die Sachen vor sich gehen?«
»Höchst bald. Es hat beinahe klungen, als obs bereits am Sonntag sein sollt, an der Stell von Deiner Verlobung.«
»Also morgen!«
»Ja, weißt, weil die Gästen einmal geladen sind.«
»Donner und Durium! Das soll mir nicht geschehn!«
»Wie willsts verhüten?«
»So wisch ich dem Fex noch heut Eins aus.«
»Du, sags mir nicht!«
»Warum nicht?«
»Weil ich nix davon wissen mag. Ich hab keine Lust, mich wegen Mitwissenschaft einsperren zu lassen!«
»So! Meinsts in dieser Arten und Weisen? Denkst etwan, ich werd mich einsperren lassen?«
»In solchen Dingen kann man nicht vorsichtig genug sein. Weißt, es ist auch eigentlich gar nicht nöthig, daß der Fex stirbt; er kann auch leben bleiben.«
»So? Da erhält er doch die Paula!«
»Nein. Weißt, er bekommt die Paula, weil er der Sohn eines so vornehmen Herrn ist. Das kann er beweisen; wann er das aber nicht beweisen könnt, dann, ja dann –«
»Nun, was wäre dann?«
»Nun, dann war er eben nicht der Sohn!«
»Und?«
»Und ich braucht ihm die Paula nicht zu geben.«
»So! Hm!«
»Siehst das nicht ein?«
»Ei freilich. Aberst er kann es ja eben beweisen!«
»So müßt man dafür sorgen, daß ers nimmer kann.«
»Wieso?«
»Indem – ah, wann ich nur laufen könnt!«
»Heul nicht so und jammer nicht! Schau her; schau mich an! Kann ich denn etwan nicht laufen?«
»Ja Du!«
»Das ist aberst grad so gut, als obst selber laufen könntst. Hasts auch verstanden, Thalmüllern?«
»Meinst, daßts für mich thun willst?«
»Ja.«
»Es mag sein, was es will?«
»Gern, wanns nicht menschenunmöglich ist.«
»Gar nicht. Es ist sogar leicht, sehr leicht.«
»So sags!«
»Man muß ihm seine Beweisen nehmen.«
»Ach so! Aberst worinnen bestehen diese?«
»In einer Photographieen und in mehreren Papieren.«
»Die man ihm stehlen müßt? Was ists denn für eine Photographieen, für ein Bildniß?«
»Es ist das Bild einer jungen Frauen, welche seine Muttern sein soll. Und die Papieren sind in einer fremden Sprachen geschrieben und untersiegelt.«
»In welcher?«
»Man nennt es Romanisch oder Wallachisch.«
»Das kenn ich nicht; aberst das thut ja nix zur Sachen. Die Hauptsach ist, wo ers hat.«
»Das steckt Alles in einer Brieftaschen.«
»So? Und wo hat er dieselbige?«
»Jedenfalls in seiner Joppentaschen.«
»Und wann da nicht?«
»Nun, so – so – hm, er hat keinen andern Platz als in der Fähr, weißt, in den Kästen unter denen Sitzbänken. Da muß die Brieftaschen stecken, wann sie sich nicht in seiner Joppen befindet.«
Der Fingerlfranz nickte eine Weile vor sich hin, sich die Sache überlegend; sodann sagte er:
»Wo schlaft er denn, dera Fex?«
»Eben in der Fähr. Zuweilen hat er auch wohl im Wald geschlafen, denn in dera Nacht ist die Fähr leer wesen. Jetzt aberst ists noch nicht im Sommern, da liegt er ganz sichern im Schiff.«
»So weiß ichs, wie mans machen muß.«
»Nun, wie?«
»Man geht zur Fähr und untersucht die Kästen. Und wann die Brieftaschen da ist, so nimmt man sie weg.«
»Das wär freilich leicht.«
»Sind diese Kästen verschlossen?«
»Nein; es ist nur ein hölzerner Riegeln dran.«
»Auf diese Weis ists leicht gemacht. Wann man die Taschen hat, so braucht man sich an dem Kerlen ja gar nicht zu vergreifen. Aberst wann die Brieftaschen nicht da ist, so muß man sie ihm aus dera Joppen nehmen. Nicht?«
»Ja freilich. Und das ist schwer.«
»Gar nicht.«
»Wie willsts anfangen?«
»Ich schleich mich hin an die Fähr und schau, ob er schlaft. Wann er schlaft, so drück ich ihm den Hals zu und zieh ihm das Ding aus der Joppen heraus.«
»So wird er Dich verklagen!«
»O nein!«
»Er wird ja aufwachen und Dich erkennen.«
»Das wird er nimmer mehr. Dafür laß nur mich sorgen. Ich hab noch meine Rechnung mit ihm zu machen, von wegen daß er mich draußen im Wald bei dera Paula überfallen hat. Jede solch Rechnungen hat einen Strich, und der Strich, den ich ihm machen werd, der wird stark genug sein und auch kräftig. Also er ist wirklich heut Abend in dem Concerten?«
»Ganz gewiß.«
»In seinem Anzug?«
»Er wird um die Erlaubniß beten haben, in einen Winkel kriechen zu dürfen, worinnen man ihn nicht erblicken kann.«
»Jetzt ists grad halber elf Uhr, da ist er vielleicht noch nicht wiedern da.«
»Nein, denn sonst wär auch die Paula da.«
»Wie? Die ist auch mit?«
»Ja. Nämlich die Sängrin – nicht die Alte, Dicke, sondern die Junge, kam herab und hat mich so lange beten, bis ich erlaubt hab, daß sie mitgehen kann.«
»Das hätt ich nicht than. Wann die Paula meine Frau worden ist, so hat sie zu Haus zu bleiben. Im Theatern lernt keine Frau was Guts. Aberst da der Fex jetzt noch nicht da ist, so ists wohl am Besten, daß ich jetzt nach der Fähr hinübergeh und mal nachschau, ob die Brieftaschen darinnen versteckt ist.«
»Hast Recht. Geh und mach schnell.«
»Gut. Ich werd bald wiedern da sein.«
Er stand auf. Der Müller bemerkte noch:
»Ich hab hört, daß der Knecht vorhin die Thür zuschlossen hat. Nimm hier den Schlüsseln, daßt hinaus kannst und wiederum herein, und schau, daßt mich nicht allzulang warten läßt.«
»Ich werd mich beeilen.«
»Aberst dennerst mußt auch genau suchen. Weißt, die Sachen ist so: Wannst die Brieftaschen nicht bringst, so muß der Hochzeitsbitter morgen gleich in der Fruh herumlaufen und Deine Verlobung abbestellen. Wannst sie mir aberst bringst, so wird sie nicht abbestellt und morgen Abend um die jetzige Zeit bist der Bräutigam von dera Paula.«
»Na, da kannst Dich drauf verlassen, daß ich sie bring, und sollt ich – na, ich will nix sagen!«
»Nein, lauf lieber!«
Der Franz nahm den Schlüssel und ging. Als er hinaus war, brummte der Müller vergnügt in den Bart:
»Er hats geglaubt, was ich ihm verzählt hab! Das ist sehr gut. Nun wird er mir die Taschen bringen, und selbst wann er derowegen den Fex derschlagen soll. Dafür aber wird er die Paula bekommen. Sie muß ihn nehmen, denn ich bin der Vatern und sie hat mir zu gehorchen. Ich hab einen großen Fehlern begangen, daß ich den Fex hab leben lassen. Aberst wer hat ahnen konnt, daß er damals zugeschaut hat, als ich die Südana abwürgt hab. Hätt ich das wußt, so hätt er gleich am damaligen Augenblick mit fortmußt! Na, nur erst die Brieftaschen wiedern her! Nachhero hab ich gewonnen und kann wiederum ruhig sein.«
Es verging fast eine halbe Stunde, ehe der Fingerlfranz zurückkehrte. Natürlich schloß er die Thür draußen wieder zu, bevor er in die Stube kam.
»Hast sie?« fragte der Alte gespannt.
»Nein.«
»So war sie vielleicht nicht da?«
»Vielleicht? Was denkst von mir! Sie war absolutemang nicht vorhanden. Wanns dagewest wär, so hätt ich sie doch ganz sichern mitbracht. Das versteht sich ganz von selber!«
»Hast auch richtig sucht?«
»So genau, wiests selbern kaum macht hättst.«
»Vielleicht steckt sie nicht in den Kästen und er hat sie wo anders hinsteckt!«
»Ich hab halt überall sucht. Die ganze Fähr hab ich mit denen Händen austastet, von oben bis unten und von hinten bis vorn, aber nix funden, gar nix.«
»Was war in denen zwei Kästen?«
»Ein Werkzeuggeräth mit Hammer, Zang, Bohrern und solchen Dings da und nachhero auch ein paar alte Wachsleinwanden.«
»Wozu er die brauchen mag!«
»Wohl zum Zudecken, wanns regnet und er in der Fähren schlaft. Horch! Jetzt kommen Leutln!«
»Ja, man hört die Schritten. Das Concerten wird zu End gangen sein. Nun kommt auch die Paula. Willst sie mal sehen?«
»Ja, freilich.«
»So wart, ich werd sie hereinirufen.«
Er dachte nämlich, daß der Franz zu einem Angriff auf den Fex williger sein werde, wenn er zuvor die schöne Geliebte gesehen habe.
Jetzt wurde die Thür geöffnet. Man hörte die Stimmen draußen im Flur und verstand jedes Wort.
»Das find sie Alle,« flüsterte der Alte. »Der Fex ist dabei und auch der Wurzelsepp. Sie schaffen die Dicke hinauf. Was für einen Crambol die nun wieder mal macht! Wann die nur erst wiedern aus dem Haus hinaus ist. Wann ich das Zeichen nicht geb, so dauert der Spektakelum noch eine ganze Stunden fort. Das kann mir nicht gefallen.«
Er nahm die Clarinette her und blies hinein. Darauf ließ die Paula die beiden männlichen Begleiter hinaus, schloß zu und kam herein. Sie machte ein sehr erstauntes Gesicht, als sie den Franz erblickte.
Ihr Vater spielte den Klugen. Er sagte sich, daß er sie nicht erzürnen dürfe, weil sonst zu erwarten stand, daß sie sich dem Franz gegenüber unliebenswürdig zeigen werde, und das hätte diesen ja leicht obstinat machen können. Darum sagte er mit einer Freundlichkeit, die ein Anderer wohl kaum als Freundlichkeit erkannt haben würde, welche aber trotzdem bei ihm eine außerordentliche Seltenheit war:
»Nun, bist wiedern zu Haus?«
»Ja, Vater.«
»Warum kommst nicht zu mir hereini?«
»Weil ich dacht, Du schlafst, und weil wir doch erst die Madam hinaufschaffen mußten.«
»Ach so! Diese dicke Madamen geht vor den Vatern! Das will ich mir verbitten! Ich will auch hören, wie das Concerten ausfallen ist, und dera Franz da auch.«
»Nun, ausfallen ists sehr gut.«
»So! Hats schön klungen?«
»Ganz unbeschreiblich. Die Mureni hat sungen wie ein Engel. Alles hat weint, sogar der König auch.«
»Das ist sonderbar! Na, diese Leutln mögen flennen immerhin. Sie haben die Zeit dazu!«
»Und aber dera Fex!«
»Was ists mit dem?«
»Vatern, Du glaubsts halt gar nicht, nein. Du kannsts nicht glauben und denken, was der für Furoren macht hat!«
»Furoren? Womit? Etwan mit seinen barbsen Füßen?«
»Nein, sondern auf dera Geigen. O, hat der spielen könnt!«
»Was! Der Fex hätt gichen?«
»Und wie! Himmlisch!«
»Du hast wohl träumt!«
»So müßten die Herrschaften all, welche auch zuhört haben, ebenso träumt haben, denn sie haben ebenso und noch mehr Beifall klatscht wie ich.«
»Aberst der Mensch kann doch nix!«
»Das haben wir blos nur dacht. Aberst er hat sich schon vor Jahren eine alte Geigen verschafft und –«
»Donnerwettern!« entfuhr es dem Müller. »Etwan gar der Südana ihre Geigen, die damals kein Mensch hat finden könnt. Nachhero hat er heimlich geübt!«
»Ja, und nun ist er gar ein Virtuos worden!«
»Der Heimtücker! Ja, so ist er stets wesen, hinterrucks und hinterlistig. Aber das werd ich ihm doch noch heraustreiben.«
»Das wirst nimmer fertig bringen.«
»Meinst etwan, weil er geigen kann, daß er mir nun nicht mehr zu gehorchen braucht? Da irrst Dich sehr! Ich bin sein Erzieher und Vormund; er ist noch nicht mündig und hat mir zu pariren. Wegen denen Hoppsern und Galoppen, die er gichen hat, brauch ich keinen sonderlichen Respectoris vor ihm zu haben.«
»Von wegen denen Hoppsern und Galoppen, da irrst Dich freilich gar sehr. Hast den Herrn Concertmeistern spielen hört?«
»Ja, wann das Fenster aufstanden hat. Ja, das ist freilich ein Künstlern ersten Ranges; das ist sogar ein Virtubos; das hört man sogleich.«
»Nun, der ist im Concerten krank worden und hat nicht spielen konnt. Da ist der Fex auf die Bühne treten, vor allen Leutln, hat die Geigen hernommen und dem Concertmeistern seine ganzen Stucken so runterspielt, daß das ganze Theatern vor lautern Geklatsch und Beifall wackelt hat.«
»Bist bei Trost?«
»Es ist wahr. Der Capellmeistern hat ihn gleich anstellen wollen mit freier Stationen und siebzehnhundert Mark Gehalt.«
»Der ist siebzehnhundertmal verrückt!«
»Meinst? Der Fex hats aber nicht angenommen!«
»So ist er noch viel verrückter! Aber freilich wird ers sehr gut wissen, daß ers nimmer mit dera Vigolinen dermachen kann.«
»O, nicht derowegen, sondern weil der König ihn mit sich nehmen will.«
»Der König?«
Er entfärbte sich.
»Ja freilich!«
»Was geht dera Fex dem König an?«
»Was ein jeder Unterthan dem König angeht. Dieser hat ihn sogar in seine Loge kommen lassen und ihm sagt, daß er ihn zu einem berühmten Tonmeistern thun werd und auch ins Conservatori.«
»Ins Confraterobi? Was ist das?«
»Das ist die Universitäten für die Musikkünstler.«
»Und da soll er hinein und wann?«
»Vielleicht soll er bereits morgen fort.«
Der Müller war ganz fassungslos; er blickte den Fingerlfranz eine ganze Weile an, ohne ein Wort zu reden. Dann fragte er ihn:
»Glaubsts?«
»Warum nicht!«
»Große Herren haben solche Marotten. Wann er dann hernach nix lernt, so schicken sie ihn Dir wieder.«
»Oho! Sie werden ihn mir gar nicht wiederschicken, denn ich werde ihn ihnen gar nicht mitgeben. Ich bin der Vormund; ohne mich könnens nix machen!«
»Meinst, daß dera König Dich groß fragen wird?«
»Hm? Das glaub ich schon nicht, daß er gute Worten geben wird; aberst fragen muß er doch!«
»Und wannst Nein sagst, wird er doch thun, was er will. Darauf kannst Dich getrost verlassen.«
»Ja, freilich! Das ist eine ganz verteufelte Geschichten! Paula, jetzt gehst zu Bett. Ich hab nun grad genug gehört von demjenigen verflixten Concerten. Morgen in dera Früh aberst werd ich dera Fex ins Gebet nehmen, wie er Vigolinen spielen kann ohne alle meine Erlaubnissen und ins Concerten laufen und zuletzt gar noch ins Confexbraterori! Das will ich mir verbitten! Nun aberst mach, daßt auch hinauskommst!«
Sie ging und stieg laut hörbar die Treppe zu ihrem Stübchen empor, in der Absicht, dies nach einiger Zeit heimlich zu verlassen, um dem Fex ihr Wort zu halten.
Dieser war nicht etwa mit seinem alten Sepp fort und hinüber nach der Fähre gegangen, sondern kaum hatte sich die Hausthür hinter ihnen geschlossen, so ergriff er den Alten beim Arme und flüsterte ihm zu:
»Halt, Sepp! Wir bleiben!«
»Warum?«
»Wollen sehen, was der Müllern noch so spät mit der Paula hat. Wir lauschen also!«
»An demselbigen Laden? Sehr gut! Das Astlochen und die Ritzen sind beide ja noch da. Komm!«
Sie traten leise an den Laden und blickten hinein in die Stube. Der Müller saß, wie gewöhnlich, ganz in der Nähe des Fensters und neben ihm – – –«
»Du!« flüsterte der Sepp. »Der Franz!«
»Sei still, daß sie uns nicht hören!«
Sie konnten Alles sehen und auch jedes Wort verstehen. So hörten sie das Gespräch mit der Paula. Als diese dann die Stube verlassen hatten, ergingen sich der Müller und der Franz in Verwunderungen darüber, daß der Fex geigen konnte und sogar beim Concert gespielt habe. Beide aber waren zu unmusikalisch, als daß sie die Bedeutung und Tragweite dieses Umstandes hätten begreifen und ermessen können. Dann sagte der Franz, zwar in gedämpftem Tone, aber doch so, daß die Lauscher es hörten:
»Und was wird nun mit unserer Geschicht?«
»Ja, die ist nun schlimmer worden,« antwortete der Müller, indem er ein höchst bedenkliches Gesicht machte.
»Wieso?«
»Hasts nicht gehört, daß der Fex vielleicht bereits morgen schon von hier fort muß.«
»Ja. So sind wir ihn los!«
»Oho! Und Du bist auch die Paula los!«
»Zum Teufel, ja!«
»Denn er nimmt ja auch die Brieftaschen mit!«
»Freilich!«
»Und dann ists gefehlt!«
»Na, jetzt noch nicht. Noch ists nicht morgen. Wir wollen doch sehen, wer morgen diese Brieftaschen hat!«
»Der Fex.«
»Pah!«
»Wannt nix thust, so hat er sie freilich.«
»Wer hat sagt, daß ich nix thun werd? Hab ich Dir nicht versprochen, daß ich die Taschen holen will?«
»Auch nun noch, da es anders worden ist?«
»Nun erst recht, denn wann ich sie nicht hol, so nimmt er sie mit, und die Paula ist für mich verloren.«
»Ja, so mußt also noch in dieser Nacht zugreifen.«
»Das versteht sich. Also Du meinst noch immer, daß er ganz gewiß in der Fähr schlaft?«
»Sicher.«
»So wart ich noch eine Weil, bis er einischlafen sein wird. Nachhero schleich ich mich hin – – –«
»Und läßt Dich derwischen!«
»Oho! Ich lauf doch nicht etwan auf dem offenen Weg hin, sondern ich mach emen Umweg, weiter aufwärts nach dem Wasser, und von da schleich ich mich im Baumschatten am Ufer herab bis an die Fähr.«
»Und er hört Dich kommen!«
»Fallt ihm nicht ein und mir auch nicht. Ich zieh die Schuhen eine Streck vorher aus und lauf auf allen Vieren hin, so wie ichs mal lesen hab in einem Buch, in welchem die wilden Indianer sich an ein weißes Haus schleichen thaten.«
»Du meinst ein Haus, worinnen weiße Menschen gewohnt haben dazumal. Nicht?«
»Das ist ganz egal, ob das Haus weiß war oder die Menschen, die Indianer haben die Schlacht gewonnen, und ich werd sie auch gewinnen. Weißt, ich lauf so auf Händen und Füßen nach der Fähren hin und steig auch so hinein, leise, heimlich, wie eine Schlangen, die Händ voran und die Beinen hinterher. Dann wird er drin liegen und schlafen.«
»Ja, und nachhero?«
»Ich wollt ihn bei der Gurgeln fassen; aberst das ist nicht sichern genug. Bessern ists, ich geb ihm gleich einen Klapps auf den Kopf, so daß er still ist, und dann nehm ich ihm die Taschen heraus.«
»Das ist freilich das Gescheidtst, wast thun kannst.«
»Habs auch denkt!«
»Und sodann?«
»Nun, da bring ich Dir die Taschen.«
»Aberst was wird mit dem Fex?«
»Den laß ich liegen.«
»Meinst, daß das klug ist?«
»Etwan nicht?«
»Nein, denn entweder wacht er von dem Klapps, dent ihm geben hast, wiedern auf; dann wird er sagen, daß er überfallen und bestohlen worden ist – –«
»Hab keine Sorg darum! Der Klapps wird ein solcher sein, daß der Fex das Aufwachen vergißt.«
»Das wollt ich schon besser loben; aberst sodann findet man ihn in der Früh todt in der Fähr, die Aerzten untersuchen seinen Leichnamen und sagen: Er hat einen Hieb erhalten und ist derschlagen worden. Da beginnt ein großes Injusterium und ein Prozessiren und man kann gar dabei ganz unschuldig mit einisteckt werden.«
»Du bists doch nicht gewest!«
»Freilich nicht; aberst grad wegen dera Taschen kann das Alibi und Adlibitum auf mich fallen, und auch mit auf Dich. Beweisen kanns uns freilich Keiner, aber stecken lassen könnens uns eine lange Zeiten. Das braucht aberst nicht zu sein.«
»Nun, was meinst sonst?«
»Du giebst ihm den Schlag auf den Kopf, nimmst die Brieftaschen und wirfst nachhero den Kerl in das Wassern. Verstanden!«
»Jawohl! Es wird nachhero heißen, daß er vor Unglück versoffen ist.«
»Ja, er ist ein guter Schwimmer und hat darum mal auch zuviel gewagt. Dann ist uns geholfen und die Paula ist Dein, Topp!«
»Topp!«
Sie schlugen ein.
Der Fex faßte den Sepp am Arme und zog ihn vom Fenster fort. In einiger Entfernung von dem Letzteren blieb er stehen und fragte, vor Aufregung zitternd:
»Hasts gehört?«
»Ja.«
»Sollt mans glauben!«
»Dermordet sollst werden!«
»Derschlagen und ins Wassern worfen, grad wie ein Aas, was nicht mal der Schindern brauchen kann. Aber ich werd dem Kerlen einen Streich spielen. Wart hier!«
»Wart Nur! Ich komm gleich wiedern.«
Er eilte fort, um die Ecke des Hauses. Bereits nach einer Minute kam er wieder, mit einem Gegenstande in der Hand.
»Was hast da herbei geholt?« fragte der Sepp.
»Weißt, da im alten Kegelschub, wo ich den Topf holt hatte, da lag auch das alte Fuchseisen. Da drein soll der Fingerlfranz mit der Hand greifen und sich fangen. Wart nur, Bursch, Du sollst mir brav kommen, wart nur! Aber wer – ah, die Paula!«
Sie kam hinter der andern Ecke des Hauses hervorgeschlichen und auf die Beiden zu.
»Ah!« lächelte der Sepp. »Das also wars, was Ihr hinter mir zu rispern und zu flüstern hattet, als ich die Hausthüren aufschließen mußt! Ich habs wohl hört. Das ist ja grad ein Stelldichein. Da darf wohl dera alte Sepp nicht mit dabei sein?«
»O, gar wohl könntst mit dabei sein,« antwortete der Fex. »Es ist wohl nix Unrechts, was wir mitsammen reden werden, und unser Freund bist ja auch; aberst dennoch werd ich Dich bitten, hier zuruckzubleiben. Du mußt lauschen, um uns zu sagen, wann dera Fingerlfranz kommen wird.«
»Will Der etwan zu Dir kommen?« fragte Paula.
»Ja, er wird wohl noch überfahren wollen. Es scheint, daß er bereits in der großen Fruh schon drüben im Dorf sein muß.«
»Da geh ich liebern nicht mit.«
»Fürchtst Dich vor ihm?«
»Bei der Nacht, ja. Und er braucht ja auch nicht zu merken, daß ich bei Dir bin.«
»Er wirds nicht merken, denn der Sepp soll ja eben aufpassen und uns benachrichtigen, wann er kommt.«
»Er könnts aberst doch versehen. Lieber geh ich noch mal hinein und wart, bis der Franz fort ist.«
»Wirds Dir nicht zu lang dauern?«
»O nein. Ich könnt ja so nimmer schlafen nach Allem, was ich heut im Theatern hört und sehen hab.«
»So geh, Paula, geh! Ich werd Dir einen Sand an Dein Fensterl werfen, wannst herabkommen sollst.«
Sie schlich sich wieder hinein ins Haus.
»Jetzt komm, Sepp!« meinte der Fex. »Wir wollen nun schnell die Fallen stellen.«
Sie gingen nach dem Flusse. Im Gehen fragte der Sepp:
»Warum sagst ihr denn eine Unwahrheiten? Der Franz will ja gar nicht überfahren.«
»Soll ich der Töchtern etwan sagen, daß ihr Vatern ein Mördern ist? Nein, das thu ich der Paula nimmer an. Das bracht ich gar niemals übers Herz. Oder Du?«
»Nein, ich auch nicht.«
»Also ists viel bessern, sie ahnt gar nix. Darum hab ich mich freut, daß sie einstweilen wieder gangen ist. Jetzt nun aberst müssen wir uns sputen. Der Kerl kann spät kommen, aber auch bald, und wann er kommt, so müssen wir bereits fertig sein.«
»Bin neugierig, wast machen willst.«
»Versohlen will ich ihn.«
»Ah, die Schuhen?«
»Nein, sondern lieber da, womit der Schustern auf dem Schemel sitzt. Komm nur. Du mußt mit helfen.«
Als sie die Fähre erreichten, bemerkte der Fex, daß er sie etwas lang angehängt hatte. Er zog die Kette mehr an, so daß das Hintertheil des Kahnes hart und fest ans Ufer stieß.
»Nun schau mal an!« sagte er. »So wird er kommen, auf allen Vieren.«
Er ließ sich auf die Hände und Füße nieder und kroch ganz so nach der Fähre hin, wie es vermuthlich auch der Franz thun würde.
»Und nun ist er da am Kahn und will hinein, mit den Händen zuerst. Da wird er grad hierher greifen müssen, auf das Querbretle am Steuer. Dahier her also muß ich die Fuchsfallen legen. Nicht?«
»Ja, das ist gewiß. Wie aberst machst sie fest?«
»Wie? Das ist doch sehr leicht. Ich hab den Bohrer da und Schrauben und Nägel und Riemen und einen Strick und Bänder auch. Paß auf!«
Er stieg in die Fähre, holte den kleinen Werkzeugkasten hervor und begann, Löcher zu bohren. Das Fuchseisen wurde aufgespannt und so befestigt, daß die Kraft des stärksten Menschen es nicht vermochte, es loszureißen.
»So, das ist gethan!« lachte der Fex. »Nun her mit denen Wachsleinwanden.«
»Wozu?«
»Die roll ich auch zusammen und leg sie in die Fähr hinein, so daß es so scheint, als ob ein Mensch da liegen thät. Der bin natürlich ich.«
»Bist ein Schlaukopf, Fex!«
»Ja, wanns nöthig ist, da weiß ich schon, was man zu machen hat. Und das hier, thu ich gern.«
Als er das erwähnte Arrangement getroffen hatte, nahm er einen Strick zur Hand und sprang mit demselben aus der Fähre an das Ufer.
»Was willst mit denjenigen Stricken machen?«
»Die bind ich hier mit einem End um den Baum, und das andre kommt um die Füß des Fingerlfranz, daß er sein still halten muß.«
»Ach so! Wirst das auch bringen?«
»Sehr gut!«
»Es muß aberst rasch gehen!«
»Hab keine Sorg! Ich kann eine feine Schlingen machen. Je mehr er zerrt, desto festern zieht er sie zusammen. Und nun wollen wir uns die Gerten und Schwippen schneiden, die wir brauchen.«
»Sapristi! Also zuhauen?«
»Natürlich! Oder hast etwan Mitleid mit dem Kerl, der mich dermorden will?«
»Gar nicht! O nein! Ich werd zuhauen, daß ihm die Schwarte kracht wie Speck im Tiegel, wann man Wassern hineingießt. Der Kerlen ist werth, daß man ihn haut, bis er liegen bleibt.«
»So komm! Aberst nicht zu schwach und auch nicht zu stark dürfen die Ruthen sein. Die richtige Elastik müssens haben, daß sie sein aufschwippen und aberst doch nicht zerbrechen. Solche stehen ganz hier in der Nähe.«
»Aber eine Rachsucht wird er auf uns bekommen!«
»Daraus mach ich mir nix. Auch wird er es gar nicht sehen, von wem er den Staar gestochen bekommt. Der Mond scheint nicht durch die Bäume herein, und wir werden sehr fleißig arbeiten aber kein Wörtle dazu sagen.«
Der Fex schnitt sechs bis acht elastische Stöcke los und zog dann den Sepp in ein Versteck, welches hart am Ufer und ganz in der Nähe des Kahnes lag. Dort harrten sie der Ankunft des Mordgesellen.
»Wird ihm das Eisen Schaden machen?« flüsterte der Wurzelsepp.
»Nein. Festhalten wirds ihn und auch ein Stuck von dera Haut mitnehmen. Die starken Knochen aber, die der Franz hat, kanns nicht zerschlagen.«
»Und neugierig bin ich, ob er schreien wird.«
»Ich auch.«
»Wann er schreit, verräth er sich doch selber.«
»Aber die Portion, die er erhalten wird, so still hinzunehmen, das ist auch viel verlangt. Hier hast Deine Stöcken. Wir haun so lange zu und halten nicht ehern an, als bis sie zerbrochen sind. Jetzt aberst nun still, sonst hört er uns und nicht wir ihn.«
Sie schmiegten sich an einander und gaben keinen Laut von sich. Es dauerte lange, sehr lange. Wer bei einer solchen Gelegenheit seine Geduld bewähren muß, dem werden die Minuten zu Stunden.
Endlich, endlich hörten die Beiden Etwas wie das Zerbrechen eines Zweiges. Bald hörten sie ein leises Rauschen, wie wenn Jemand sich auf den Knieen im Grase fortschiebt und dabei ein dürres Blatt mit fortbewegt. Der Sepp stieß den Fex an.
»Er kommt,« raunte er ihm zu.
»Siehst ihn?«
»Hinter uns. Er schleicht um uns herum.«
Trotzdem es hier am Ufer und unter den Bäumen keinen Mondenschein gab, sah doch der Sepp, als er sich leise umwandte, die Gestalt des Fingerlfranz ganz hart an ihrem Versteck vorüberkriechen.
»Wann er sich nur auch fangt!« flüsterte er.
»Auf alle Fällen!«
»Wie wird er verschrecken!«
»Ehe er da zur Besinnung kommt, muß ich seine Beine bereits fest haben. Aberst nachhero, dann regnets Hiebe wie Schlooßen!«
Der Franz machte seine Sache gar nicht übel. Wer von seinem Nahen nichts wußte, konnte es ganz unmöglich bemerken. In einem kurzen Bogen kroch er um das Versteck der Beiden herum und befand sich nun an der Stelle, wo die Fähre fest am Ufer saß. Da blieb er eine ganze Weile regungslos liegen, um zu lauschen. Den Athem des Fex, wenn dieser in der Fähre geschlafen hätte, hätte er trotzdem nicht hören können, denn die Wellen rauschten leise und gurgelten hier und da, wo es eine Drehung gab.
Jetzt richtete er sich langsam auf. Er hob den Kopf über das erhöhte Hintertheil der Fähre ein Wenig empor, um zu sehen, ob der Fex sich in der letzteren befand. Trotz des Mangels an Mondenschein bemerkte er die zusammengerollten Wachsleinenstück. Er hielt sie wirklich für den Fex.
Er legte beide Hände auf den Hinterbord, zog die Leine an und machte Anstalt, in die Fähre zu steigen. Natürlich griff er mit den Händen zuerst hinein – ein lauter, scharfer Knack – – –
»Au, au! Himmeldonnerwetter!« schrie er auf.
»Hat ihm!« flüsterte der Fex.
Einige Augenblicke lang blieb es stille. Der Franz verhielt sich regungslos, doch schien es den Beiden, als ob sie seine Zähne zusammenknirrschen hörten.
»Fex!« sagte er dann halblaut.
»Ah! Der Kerl denkt auch, ich soll ihm helfen?«
»Fex, Fex! Wach auf!«
»Ja, ich komm schon!« flüsterte der Gerufene.
Er kroch hinaus und nahm das andere Ende des Strickes in die Hand. Der Fingerlfranz wurde von dem Fuchseisen an den Unterarmen festgehalten. Er konnte auch nicht sehen, was hinter ihm vorging, weil er mit dem Bauch hoch auf dem Borde lag und sein Kopf sich im Innern der Fähre tiefer befand.
Der Fex schlich sich heran. Zwei schnelle Griffe, und er hatte den Strick um die Beine des gefangenen Fuchses geschlungen. Ein starker Ruck, und er zog sie lang aus – ein Knoten gemacht, und nun lag der Gefangene so auf dem Bord der Fähre, wie die Beiden es sich nur wünschen konnten, nämlich der Kopf und die Füße tief, hoch oben aber derjenige Theil, welchem die milden Gaben der Freunde zugedacht waren.
»Hölle und Teufel!« schrie er auf, als er fühlte, daß ihm durch eine unsichtbare Kraft die Beine ausgestreckt und dann so festgehalten wurden, daß er sie nicht im Mindesten bewegen konnte. Die Antwort auf diesen Ruf folgte sofort, nämlich ein wunderbar takt- und regelmäßiges und zugleich äußerst nachdrückliches Aufschlagen der Ruthen auf den jetzt so erhabenen Körpertheil.
Es war wie wenn zwei Dienstmänner gemiethet sind, eine Stubendecke auszuklopfen; nur nicht so dumpf und leer klangen die Hiebe, sondern viel voller, viel fetter und viel schärfer.
Bei den ersten Hieben verhielt sich Franz ganz still. Er war vor Schreck ganz perplex. Dann aber brüllte er los, und aber wie!
»Hilfe! Feurio! Mörder! Mörder! Hilfe!«
Aber je mehr er brüllte, desto stärker und dichter fielen die Hiebe. Es war eine Arbeit, welcher sich die Beiden mit einem Eifer hingaben, als ob ihr Leben und ihr ganzes Glück davon abhänge.
Erst ein Stock war zerbrochen, und doch mußte der Sepp bereits ausruhen. Der Fex aber schien bei einem jeden Schlage größere Kraft zu gewinnen. Er gab sich Mühe, genau immer ein und dieselbe Stelle zu treffen, bis er annehmen durfte, daß sie sich im gefühlvollsten Zustande befinde. Dann ging er um einen Finger breit weiter.
Die lauten Schreie waren nur im ersten Schreck und Schmerz ausgestoßen worden. Sie verstummten bald, denn der Fingerlfranz sagte sich, daß er sich in einer Situation befinde, in welcher er sich nicht treffen lassen könne, ohne bedenklichen Verdacht gegen sein nächtliches Gebahren zu erwecken. Darum zog er es vor, das Hilferufen zu unterlassen.
Mit den Zähnen knirrschend und dumpfe Flüche ausstoßend, lag er da, keines Widerstandes fähig, trotz seiner so oft gerühmten großen Körperstärke. Bald konnte er nicht mehr fluchen. Es war ihm, als ob sein Körper ausgedehnt, gedehnt und weiter gedehnt wurde meilenlang und als ob da, wo seine Wildlederhose am breitesten war, ein loderndes Feuer brenne. Es summte ihm vor den Ohren, und er sah flackernde Lichter vor den Augen – und doch fielen noch immer die Hiebe regelmäßig auf ihn hernieder.
Doch nein – jetzt hörten sie auf. Der Fex hatte seinen letzten Stock zerschlagen, und der Sepp hielt zwar den seinigen noch unzerbrochen in der Hand, konnte aber den Arm nicht mehr bewegen.
»Komm!« flüsterte der Erste und zog den Alten fort.
»Wohin?«
»Nach der Mühlen.«
»Was willst dort?«
»Hilfe holen für den Franz.«
»Ja, gut! Na, werden die Augen machen, wann sie ihn erblicken! Ich möcht dabei sein!«
»Ich bin dabei. Du aber darfst Dich nicht derblicken lassen, sonst denkens gleich, daß wirs gewesen sind.«
»Warum sollens das nicht denken?«
»Hast eigentlich auch recht. Na, so komm!«
»Hör mal, Fex, wie ists Dir jetzt?«
»Sehr wohl.«
»Auch im Arm?«
»Zumal da ganz wohl.«
»Na mir grad nicht. Ich hab im Arm so ein Gefühl, als wann er so stark und dick sei wie ein Mehlsack. Es ist mir ganz dumm und taub worden.«
»Ich hätt noch längern mitmacht.«
»Ich konnt nicht mehr. Und meinst nicht auch, daß er genug hat, he?«
»Seine Portion hat er bekommen.«
»Aberst reichlich, sehr reichlich. Ich möcht mal sehn, wie er ausschaut, nämlich grad da, wo wir ihn ausklopft haben. Er muß gar sein und wie gekocht.«
»Hats auch verdient. Komm jetzt hinten hinein.«
Sie befanden sich an der Mühle, und der Fex bog um die Ecke derselben.
»Was sagen wir?«
»Das wirst hören. Laß nur vorerst mich reden.«
Er sprang über die Hofmauer und der Sepp hinter ihm auch. Die Hinterthür war bald geöffnet. Im Hausflur war es dunkel. Beide traten in die Stube des Müllers.
Dieser machte ganz eigene Augen, als er diese Beiden erblickte anstatt den Fingerlfranz.
»Der Fex!« rief er aus.
»Und ich auch!« fügte der Sepp hinzu.
»Der Wurzelsepp! Was wollt Ihr hier?«
»Einen Rath sollst uns geben,« sagte der Fex.
»Wozu?«
»Es muß was passirt sein drüben an der Fähre.«
»So! Was denn?«
»Ich weiß es nicht.«
»Wie! Was! Du bist der Fährmann und weißt es nicht?«
»Ich trau mich nicht hin.«
»So! Ach! Wollen sehen! Was giebts also?«
Er griff nach der Peitsche. Der Fex erzählte:
»Ich hatt mit dem Sepp die Sängrin heimbracht und wollt nun den Sepp nach der Stadt führen, wo er schlafen will. Aberst wir sprachen vom Concertl und blieben dabei so oft stehen, daß wir halt gar nicht weit vorwärts kamen. Da auf einmal hörten wir um Hilfe rufen.«
»Wo?«
»Drüben am Wassern.«
»Alle Wettern! Wer hat gerufen?«
»Wir wissens nimmer. Wir eilten zwar schnell hinzu; aberst als wir nahe herankamen, da erblickten wir zwei Gestalten, die waren fünfmal größer und höher als wir; die schlugen auf Einen los, der in der Fähr gelegen hat und immer nur so still vor sich hin wimmern that.«
»Mensch!« rief der Müller. »Du hast ihm nicht geholfen?«
»Ich hab mich nicht traut!«
»Nicht. Hast Dich etwan fürchtet?«
»Ja.«
»So will ich Dir sogleich den Muth machen?«
Er holte zu einem kräftigen Hiebe aus. Da aber that der Fex einige schnelle Schritte auf ihn zu, riß ihm die Peitsche aus der Hand und sagte:
»Mit der Peitschen ists nun mal aus, Thalmüllern!«
»Wa – wa – – was! Vergreifen willst Dich an mir!«
»Nein! Schlagen, wie der Anton Dich schlagen hat, das will ich nicht. Vergreifen will ich mich nicht an Dir; aber Dein Zornlappen, dent ausklopfen kanntst, wannt mal Lust dazu hattst, der bin ich auch nicht mehr.«
»Hallunk!«
»Sei still! Auch das Schimpfen hilft Dir nix mehr. Ich will Dir sagen, daß ich weiß, wer da drüben geschlagen worden ist. Der Franz ists gewesen.«
»Und Du hast ihm nicht holfen!«
»Ich? Dem!«
»Ja, Du mußt, denn Du weißt, daß er mein Schwiegersohn sein wird!«
»Der wird er nicht sein, der Mördern!«
»Mör – – –!«
Das Wort kam ihm nur halb über die Lippen.
»Ja, der Mördern!«
»So, so willst ihn schimpfen!«
»Es ist nicht geschumpfen, sondern es ist die reine Wahrheit.«
»Willst Du's beweisen?«
»Ja, das kann ich!«
»Nun?«
»Er hat mich morden sollen!«
»Ah!«
»Ja, derschlagen, ins Wassern werfen und vorher aberst die Brieftaschen abnehmen.«
»Lügner!«
»Willsts leugnen!«
»Das ist die reine Schlechtigkeiten von Dir, daßt den braven Kerlen in diesen Verdacht bringen willst!«
»Ists etwan auch eine Schlechtigkeiten, wann ich sag, daßt ihn selbst hingesendet hast?«
»Ich? Kerl, Du bist wahnsinnig!«
»Nachhero hast ihm die Paula dafür geben wollen!«
Der Müller schwieg eine Weile. Er gab sich den Anschein, als ob er vor großem Zorn nicht reden könne; es war aber nur der Schreck, der ihm die Sprache benahm.
»Wannst krank wärst,« stieß er dann hervor, »so wollt ich sagen, Du thätst phantasiren!«
Da wendete sich der Fex zum Sepp:
»Thu ich phantasiren, Sepp?«
»Nein.«
»Ists wahr, was ich sag?«
»Ja.«
»Hat der Franz mich ermorden sollen?«
»Ja.«
»Und der Müllern hat ihn gesandt?«
»Ja. Ich kanns beschwören.«
»Da hörsts!« sagte der Fex zum Müller.
»Himmelsakra!« fuhr dieser aus. »Ist denn die ganze Welt verruckt worden!«
»Oder bist selbern verruckt; denn nur einem Wahnsinnigen sollt man solche Unthaten zutrauen.«
»Auch Du, Sepp, klagst mich an!«
»Ich sag nur die Wahrheiten!«
»Und ich hab Dich gespeist, daß Dir das Fetten und die Buttern hüben und drüben am Maul herablaufen ist! Das nenn ich eine Dankbarkeiten! Aber Undank ist der Welt Lohn.«
»Hör, Thalmüllern,« meinte da der Alte im ernstesten Tone, »das wirf mir ja nimmer vor! Ich habs bereits sehr bereut, daß ich Dein Brod gessen hab!«
»So! Auch noch!«
»Ja, weilst der größte Schuft bist, den die Sonnen bescheinen thut. Weißt, wast gemacht hast?«
»Was ich mach, das weiß ich stets!«
»Erst hast die Südana erwürgt – – –«
»Mensch, halts Maul!«
»Nachhero schickst den Franz zur Fähr, damit er auch den Fex derschlagen soll!«
»Ah, könnt ich nur auf, so thät ich Dich derschlagen, und zwar grad auf dera Stellen wot stehst!«
»So weit kommst halt nimmer! Ich steh da als Zeug und kanns mit tausend Eiden beschwören!«
»Meineiden sinds! Wie willst so was wissen!«
»Woher ichs weiß, und wie ichs derfahren hab, das werd ich Dir nicht sagen; ich werds erst sagen, wann ich mit Dir vor Gericht steh. Du in Ketten und Banden, ich aberst frei und mit gutem Gewissen!«
»Jetzt, jetzt nun hört aber Alles auf! Diese Kerlen kommen zu mir herein und beleidigen mich bis aufs Blut und reden auch noch von einem guten Gewissen!«
Da legte der Fex ihm die Hand schwer auf die Schulter und sagte im drohenden Tone:
»Willst Dich auch noch versündigen an diesem alten, braven Manne, Thalmüllern!«
»Brav? Ein Lügnern ist er. Ein falscher Angeber, ein böser Leumundsmördern!«
»Nun, ich seh, daß mit Dir nimmer zu reden ist, und so will ichs anderst machen mit Dir. Eigentlich sollt ich Dich vor Gericht anzeigen, aberst – – –«
»Auch noch! Anzeigen!«
»Ja; aberst Du hast ein gutes Kind, eine brave Töchtern, welche sterben wird vor Gram und Herzeleiden, wann ihr Vatern wegen Mord aufs Schaffot käm oder lebenslänglich ins Spinnhaus. Um ihretwillen will ich jetzt nix sagen. Aber denk ja nicht etwan, daß es Dir für immer geschenkt sei! Ich werd Dich beobachten und Dich nimmer aus denen Augen lassen. Sobald Du die Paula zwingen willst, den Franz zu heirathen, so bin ich allsogleich mit dera Anzeigen da. Und Zeugen hab ich mehr, alst denken kannst. Das magst Dir merken!«
Der Müller nahm seine ganze Selbstbeherrschung zusammen, seine Bestürzung zu verbergen. Es gelang ihm sogar, einen höhnischen Ton anzuschlagen.
»So! Hast sprochen?«
»Ja.«
»Und bist fertig?«
»Noch nicht ganz.«
»So mach, daßt fertig wirst. Nachhero werf ich Dich hinaus. Das hast reichlich verdient!«
»Das werd ich wohl abwarten können. Ich will Dir noch sagen, daß ich Dein Haus nicht wieder betreten werd und die Fähr auch nicht.«
»Ach so! Willst wohl fort?«
»Ja.«
»Ohne meine Erlaubnissen!«
»Nach dera Erlaubnissen frag ich nicht. Ich könnt mir sogar den Lohn ausbitten, dent mir nicht mal angeboten hast, viel wenigern auszahlt; aberst ich will von Dir kein Geld haben, denn die Sünd klebt daran. Ich schenks Dir also. Nun weißts, ich geh fort von hier; aberst denk ja nicht, daß ich nicht weiß, wast machst. Ich werd Dich nicht aus denen Augen lassen, und wannst auf die Paula einen Zwang ausübst, so geh ich zur Polizeien, sag was ich weiß und laß Dich einstecken. Dich und auch den Franz!«
»Ah! Warum bin ich gelähmt? Warum kann ich nimmer aufistehn?« stieß der Müller hervor, um nur Etwas sagen zu können.
»Ja, der Herrgott hat bereits anklopft bei Dir. Er hat Dich an den Krankenstuhl fesselt, und es wird noch schlimmer kommen, noch viel schlimmer, wannt nicht in Dich gehst und Buße thust!«
»Schau, wast gut reden kannst! Warum bist denn nimmer ein Pfarrern worden, he?«
»Dazu hätts der Thalmüllern nicht kommen lassen. Aber ich bin fertig mit Dir. Ich will mich nimmer mit Dir streiten, denn bei Dir ist ein jedes Wort verloren, und Hopfen und Malzen dazu. Und eben weilst nicht auf kannst vom Stuhl, werd ich Dein Gesind wecken, damit die Leut hinübergehn zur Fähr und den Fingerlfranz frei machen.«
»Hölle und Teufel! Ist er anbunden?«
»Ja, und noch dazu hat er sich im Fuchseisen fangen.«
»Wo ist ein solch Eisen?«
»In der Fähr hatt ichs liegen, wann mal ein Mördern kommen thät, daß er sich fangen möcht. Und von wem er die Prügel bekommen hat, das kannst Dir nun auch denken und es ihm sagen. Ich brauch mich vor ihm nicht zu fürchten und auch vor Dir nicht und vor keinem Menschen. Ich steh unter einem dreifachen Schutz, und das ist mein König; mein Gewissen und mein lieber Gott. Bei Dir hab ich in Knechtschaft gelebt allezeit; von jetzt an bin ich frei. Ich schüttle hier den Staub von meinen Füßen. Leb wohl, Thalmüllern, leb so wohl, wiet leben kannst!«
Er ging, und der Sepp ging mit ihm. Im Hintergebäude schlief das Gesinde. Die Beiden weckten diese Leute und sagten ihnen, daß sie mit Laternen nach der Fähre gehen sollten, um den Franz zu holen.
»Und was thun nun wir?« fragte der Sepp.
»Geh Du in meine Kapellen, bis ich auch hinunterkomm! Wirst nicht lang zu warten haben.«
»Ach so! Willst der Paula das Zeichen geben?«
»Ja.«
»So will ich gehen.«
Er ging nach dem Felsen zu. Unterwegs aber murmelte er vor sich hin:
»In die Kapellen also soll ich! Zu dera Leichen hinab! Brrr! Und indessen steht oder sitzt er bei dera Paula und macht ihr die Liebeserklärung. Himmelsakra! Das laß ich mir nimmer gefalln! Hab ich die jungen Leutln zusammensteckt und beschützt, so will ich auch dabei sein, wanns einander zum ersten Mal das Busserl geben. Aberst klug anfangen muß ichs. Wo werdens hingehen?«
Er blieb überlegend stehen.
»Na, wo anderst hin als hinauf auf den Felsen ans Grab. Da ziehts ihn immer hin, und da giebts halt auch die Rasenbank, worauf man so schön mit Derjenigen zusammenrücken kann, mit der man nicht wieder ausnanderrucken will. Also da hinauf muß ich steigen. Ja freilich!«
Er stieg hinauf und versteckte sich hinter die dichten Sträucher, um den Lauscher zu machen.
Der Fex war nach der Seite des Hauses gegangen, wo sich Paula's Fenster befand. Er warf ein wenig Sand an dasselbe: Es wurde geöffnet.
»Bists, Fex?« fragte es leise von oben herab.
»Ja.«
»Ich komme gleich!«
»Aberst nimm Dich vor denen Knechten und Mägden in Acht. Sie stehen auf.«
»Warum?«
»Wirsts sehen. Komm hierher; ich bleib da stehen.«
Nach wenigen Augenblicken stand sie bei ihm.
»Ich hab eine große Ängsten ausstanden,« sagte sie.
»Warum?«
»Wegen Deiner. Weil der Franz hat zu Dir kommen wollen. Der hat Dir die Rache geschworen.«
»Hasts auch merkt?«
»Schon oft.«
»Ich furcht ihn nicht. Komm, Paula?«
»Wohin?«
»Hinauf zum Felsen.«
»Zum Grab in dera Nacht?«
»Fürchtest Dich?«
»Wannt dabei bist, nicht.«
»Brauchst Dich auch sonst nicht zu fürchten. Die Zigeunerin ist eine gute Seelen gewest, und der liebe Herrgott wird sie zu sich nommen haben in seiner großen Gnad und Barmherzigkeit. Weißt, ein Mensch, wenn er brav ist, braucht sich an keinem Ort und vor Niemand nicht zu fürchten.«
Sie schritten nebeneinander dem Felsen zu. Dabei ergriff sie seine Hand. Als er ihre zarten, weichen Finger in den seinigen fühlte, wurde ihm so unbeschreiblich selig zu Muthe. Er hätte dieses Händchen festhalten und nie wieder loslassen mögen.
Jetzt erstiegen sie den Felsen.
»Willst Dich setzen?« fragte er, als sie an der Bank standen. »Du nicht auch?«
»Es ist wohl nicht Platz für Zwei!«
»O doch! Wir haben hier ja neben nander sessen als wir noch kleine Kindern waren.«
»Ja, klein. Darum hatten wir Platz. Jetzt aberst sind wir Beid größern worden.«
»So rücken wir zusammen. Komm!«
Sie zog ihn neben sich nieder. Er fühlte ihre Gestalt warm und weich neben und an der seinigen. Sie hatte früher gar oft seine Hand ergriffen; sie hatte auch neben ihm gesessen. Warum war es heut so viel anders als früher? Er beantwortete sich diese Frage nicht, weil er sie sich gar nicht vorlegte. Diese beiden jungen, reinen, unerfahrenen Menschen waren noch wirkliche Kinder, und dennoch wehte ihnen die Ahnung eines Himmels bereits entgegen. Die Herzen Beider waren so voll. Keins sagte ein Wort. Jedes suchte nach einem Anfange, aber es fiel ihnen keiner ein.
Da sahen sie Laternen näher kommen.
»Wer ist das?« fragte Paula.
»Euer Gesinde.«
»Was wollen sie hier?«
»Den Fingerlfranz holen.«
»Ist ihm denn was geschehen?«
»Ja, aber brauchst darum nicht zu verschrecken. Weißt, er fing Streit mit mir an und mit dem Wurzelsepp, und da haben wir – na, weißt schon!«
»Was?«
»Dasselbige, was ich damals im Walde that, als er so unartig gegen Dich war.«
»Habt ihr ihn geschlagen?«
»Ja.«
»Also gar eine Prügeleien!«
»Nein, keine Prügeleien, sondern eine wichtige Executionen, eine Bestrafung.«
»Wie denn?«
»Wir haben ihn anbunden und ihm grad so viel Schläg geben, wie er verdient hat.«
»Und nun muß er geholt werden?«
»Ja.«
»So kann er gar nimmer laufen?«
»Ich weiß nicht. Wir haben ihm den Strick nicht weggenommen. Vielleicht lauft er schnell davon, wann sie ihn nur erst losbunden haben.«
»Horch!«
Die Fähre lag gar nicht weit vom Felsen entfernt. Man hörte laute Rufe des Schreckes, des Erstaunens, dazwischen hinein ein tiefes Aechzen.
»Wer hat Dich aberst so zurichtet?« fragte ein Knecht.
»Weiß nicht,« antwortete Franzens Stimme.
»Das mußt aberst doch wissen!«
»Es war finstern hier.«
»Und wie bist nach der Fähre kommen?«
»Ich wollt am Wasser hinauf.«
»Konntst auch am richtigen Weg bleiben, so wärs Dir nimmer arrumvirt. Vielleicht bekommen wir die Thätern heraus, wannsts erst richtig verzählt hast. Kannst laufen?«
»Ich weiß nicht.«
»Versuchs doch mal!«
»Ah! Oh! Brrr!«
»Thuts weh?«
»Freilich. Jede Bewegung sticht wie ein Messern und brennt wie ein Feuern. Ah! Oh! Puh!«
»Das ist noch nimmer da gewest!«
»Ja, die Hosen ist mir noch niemals da hinten so festklebt wie jetzund. Wann ich sie nur erst wiedern herunter hätt!«
»Du mußt doch schmähliche Hieben kriegt haben! Das Ledern ist hinten ganz entzwei. Das ist Alles zusammenbacken. Am Besten wirds sein, Du nimmst ein Faß mit Essigwassern und thust Dich da hineinsetzen, da lößts und thauts wiederum auf, so daßt wenigstens die Hosen vom Fleisch herunter ziehen kannst. Solln wir Dich liebern tragen?«
»Nein, nein! Da, wohin Ihr da greifen müßtet, da könnt ichs erst recht vor Schmerz nimmer aushalten. Ich wills liebern versuchen, ob ich laufen kann. Führt mich hüben und drüben unterm Arm!«
»So komm!«
Zwei derbe Knechte unterstützten ihn zu beiden Seiten, und er that einige Schritte, mußte aber bald stehen bleiben.
»Ffffffft!« machte er es mit zusammengepreßten Lippen.
»Es thut halt wohl schlimm?«
»Als wann mir Einer die Haut abziehen thät!«
»Brrrr! Das muß halt eine Passion sein!«
»Und was für eine! Ich wollt, Du hättsts, aber nicht ich. Verstanden, Peter!«
»Dank sehr schön für solche Limonaden!«
»Ja, wanns Limonaden wär! Weiter!«
Er ging wieder eine kleine Strecke, bis er grad unter dem Felsen stand.
»Nun wirds mir fast zu bunt!« stöhnte er.
»Was wird der Müllern sagen!« meinte ein Knecht.
»Der? Na der ist eigentlich schuld daran!«
»Wieso?«
»Das geht Dich nix an! Aberst wann er nicht gewest wär, so wären jetzunder meine Hosen noch ganz und mein eigenes Leder auch. Hol ihn der Teuxel!«
»Den Hosentheil da hinten?«
»Nein; den hat er schon geholt. Ich mein den Müllern.«
»Das sag ihm mal selber!«
»Meinst, ich sags ihm nicht?«
»Da wird er zur Peitschen greifen!«
»Soll ihm nicht einfallen!«
»Und die Paula, wann sie Dich erblickt!«
»Hört, die darfs nicht sehen!«
»So?«
»Nicht mal erfahren darf sies!«
»Ja, das versteh ich wohl! Was muß eine Braut denken, wann der Bräutigam so verledert wird!«
»Hör mal, könntst auch andere Ausdrücken brauchen! Oder verlachst und verspottest mich etwan?«
»Wie kannst das denken! Es ist die reine Barmherzigkeiten von mir! Du thust mir wehe!«
»Was hilft mir das! Bessern wärs schon, wanns Dir da wehe thät, wo mirs wehe thut; da war ich gleich die ganze Geschichten los. Aber so ists halt immer: Dem, ders vertragen könnt, dem passirts leider nicht!«
»Wer weiß, ob ichs so gut vertragen thät, wie Du. Aberst nun besinn Dich doch mal ordentlich, und denk nach, obst nicht errathen kannst, wers gewest ist.«
»Ich kanns mir nicht denken.«
»War denn der Fex in der Fähre?«
»Nein. Erst hab ichs denkt, daß der Fex drin liegt. Das ist aberst die Wachsleinwand gewest, die ich sehen hab, als Ihr mit der Laternen kamt.«
»Und daneben war auch Niemand?«
»Nein.«
»Wer aber hat das Fuchseisen festmacht?«
»Das möcht ich auch wissen.«
»Jedenfalls der Fex,« sagte eine Magd. »Der ist ja der Fährmann. Ein Andrer kann doch in der Fähr keine Fallen stellen. Ob er eine Ratten hat derwischen wollen?«
»Ja, und was für eine!« lachte der Knecht.
»Jetzt lachst also richtig!« zürnte der Fingerlfranz.
»Nun ja freilich! Nimms mir nicht übel, Franz, aber wens nicht troffen hat, dem kommts doch so gar lächerlich vor, wannst so da stehst und ziehest den Frack hinein, als ob man die Schößen unversehens davon wegschnitten hätt. Und ein Gesicht thust schneiden, als obst Leberthran mit Essig trunken hättst.«
»Hol Euch all zusammen der Teuxel!«
»Lieber Die, dies gewest sind!«
»Ja! Wann ichs herausbekommen thu, dann können sich Diejenigen gefaßt machen.«
»Was hast nur eigentlich bei der Fähr gewollt?«
»Der Müllern schickt mich mit einem Befehl zum Fex. Ich trat an den Kahn und blickt hinein. Dabei legt ich mich mit den Händen aufs Bret, und da ist das Eisen zusammenklappt. Darauf hab ich allsogleich um Hilf geruft; aberst anstatt mir Rettung zu bringen, hat man mir beide Beinen zusammenbunden und dann zugehaut.«
»Verteuxeli! Aberst wacker gearbeitet müssen die Kerls haben. Es sind wohl an die acht Stöcken gewest, welche zerbrochen da lagen. Da ists kein Wundern und Mirakel, daß Deine Haut vor Verstaunen so zerplatzt ist. Mach jetzt, daßt weiter kommst, sonst sind wir übermorgen noch nicht wieder in der Mühlen!«
»Uh! Puh! Es graut mir!«
»So wart lieber. Ich will den Schubkarren holen; da legen wir Dich drauf, mit dem Bauch nach unten; da thut nachhero Das, was nach oben blickt, nicht gar so sehr weh.«
»Fallt mir nimmer ein! Vom Schubkarren mag ich nun erst recht gar nix wissen. Lieber lauf ich!«
Er setzte sich wieder in Bewegung. Langsam und mit vieler Unterbrechung gelangten sie endlich nach der Mühle. Der Weg war gewürzt von Bemerkungen, welche der Franz gewiß mit Ohrfeigen beantwortet hätte, wenn sein Zustand ein weniger leidender gewesen wäre.
Der Fex und die Paula hatten diese Unterhaltung mit angehört. Sie sagte leise:
»Habt Ihr denn gar so sehr zugehaut?«
»So, wie ers verdient hat!«
»War er gar so schlimm?«
»Ja. Ich erzähls Dir schon einmal später. Wanns auf ihn ankommen wär, so lebt ich jetzunder nicht wehr, sondern ich wär eine Leiche.«
»Meinsts im Ernst?«
»Ja.«
»Herrjemineh! Ich wollt ihn schon bereits bedauern; nun aberst sag ich freilich, daß ihm ganz recht geschehen ist. Er ist ein gar schlimmer und auch gefährlicher Mensch.«
»Das ist er.«
»Du, und nicht mehr leben! Mein Gott, was hätt ich da gemacht!«
»Du? Nun, sag mal, wast da macht hättst.«
»Geweint!«
»Nur?«
»Nur? Ist das nimmer genug, wann man sich zu Tode weint, Fex?«
»Ja, dann ists freilich genug. Aber das hättst wohl doch nicht than, Paula!«
»Warum nicht?«
»Das hätt zu lang dauert. Zum Todtweinen gehören wohl vielleicht gar viele Jahre.«
»Das kann sein; ich weiß es nicht. Ich weiß nur, daß ich nimmer wieder fröhlich gewesen wär.«
»Ist's wahr?«
»Das kannst glauben! Und warum nicht? Schau Dich doch mal um. Hab ich einen Menschen, der so zu mir ist wie Du? Sag mir einen, Fex!«
»Ja, ich weiß halt auch keinen.«
»So schau, daß ich gar Recht hab. Weißt, ich hab nur den Vatern, keine Muttern und keinen Brudern oder eine Schwestern. Ich bin so ganz allein, und der Vatern – –«
Sie stockte.
»Den hast nimmer lieb.«
»Nein, ich hab ihn nimmer lieb. Es ist eine Sünd, wann ichs sag; aber es ist so, und ich kann nicht dafür. Ich fürcht mich vor ihm. Es ist mir oft, als ob ich gar nicht glauben sollt, daß er mein Vatern ist. Also, ich hab nur Dich, Dich allein gehabt, so lang als ich leb. Wir haben mitsammen spielt und sind mitnander aufiwachsen. Damals warst Du noch nicht Fährmann und hattst Deine Freizeit, in der wir im Wald und auf den Feldern herumstrichen sind. Das war so gar besonders schön.«
»Besonders wann wir Mann und Frau spielt haben!«
»Ja, da hast Deiner Frau stets so gut gefolgt.«
»Freilich! Gehorsam bin ich Dir stets gewest.«
»Das hat mir gar sehr gefallen. Und dann hier oben auf dem Felsen, wo kein Anderer heraufkommen that, da haben wir graben und pflanzt in die Millionen hinein! Und was für Blumen!«
»Ja,« lachte er. »Gras und Hahnenfuß und Butterblumen und Löwenzahn. Du hast die Blumen abrupft von der Wiesen, ohne die Wurzeln daran, und sie hier in die Erden steckt. Und wanns nachhero verwelkt waren, da hast bitterlich weint und nicht begreifen konnt, daß sie nicht fortwachsen sind.«
»Freilich, freilich! Ich hab mir die Papierduten aus der Küchen holt und darinnen das Wassern aus dem Fluß heraufitragen. Und wanns unten voll wesen sind und ich bin heraufikommen, so sinds allemal leer gewest und gar noch dazu aufileimt. Das war ein Nöthen und Aengsten!«
»Und weils mit denen Papierduten nicht gangen ist, so hast nachhero Deinen Vatern seine Filzschuhen wegstiebitzt und in ihnen das Wassern geholt. Das ist schon bereits besser gangen, bis der Müllern es merkt hat. Da haben wir alle Beid ganz gehörige Schwippse bekommen.«
»Du aberst die meisten, weilst Deinen Buckel hinhalten hast, wann der Vatern nach mir zielt hat.«
»O, das hab ich gar nicht fühlt.«
»Du hasts überhaupten gar nimmer fühlt, wannst für mich hast leiden und hungern müssen. Und das ists, was ich Dir gar niemals vergessen werd. Ach ja, das war so schön damals! Nicht?«
»So gar schön!« nickte er.
»Aber jetzt, weil der Vatern immer bösern worden ist, und auch besonders weil – weil – weil – – –«
»Nun, weil? Was meinst?«
»Den Fingerlfranzen.«
»Weil der vorhin Prügel bekommen hat?«
»O nein! Die sind ihm gern gegönnt. Sondern weil der Vatern mich mit Gewalt zu ihm zwingen will.«
»Und Du magst doch nicht?«
»Nein.«
»Wirst aber doch noch nachgeben.«
»Niemals! Nie!«
»Ists wahr?«
»Hab ich Dir schon mal eine Lügen gesagt?«
»Noch keine einzige.«
»Also schau, grad so ists auch jetzund keine Lügen, wann ich Dir sag, daß ich in dieser Sachen dem Vatern nimmer gehorchen werd. Willsts glauben?«
»Wannsts sagst, so glaub ichs unbedingt.«
»Aber schlimm wirds mir noch ergehen.«
»Nein.«
»Woher weißt das?«
»Ich hab meinen Grund.«
»Wohl wegen Dem, wast dem Vatern sagt hast, als der Richardl Wagnern bei ihm gewest war.«
»Ja.«
»Was war das?«
»Das sag ich Dir schon noch, wann die Zeit dazu kommen ist. Auch brauchst jetzt vorerst keine Angst zu haben. So, wies jetzt mit dem Franz ausschaut, kann er keine Verlobung halten. Er kann nicht laufen, nicht stehn, nicht sitzen und nicht liegen. Das würde wohl ein schöner Bräutigam sein.«
»Ich glaub. Du hast ihn auch wegen der Verlobung, die morgen sein sollt, mit so verhaun!«
»Vielleicht.«
»Ja, so bist halt immer mein Beschützern gewest. Wie aberst wirds dann werden, wannst ganz fortgangen bist von hier und von mir!«
»Das ist falsch. Ganz geh ich gar nicht fort.«
»Ich denk, der König hats gewollt!«
»Freilich.«
»So gehst also nicht mit ihm?«
»Ich geh schon, aber ganz nicht.«
»Das begreif ich nicht.«
»Schau, ich meins halt so: Der Körpern geht fort, aber der Gedank bleibt da.«
»Ach so ists gemeint!«
»Ja. Oder soll ich nicht an Dich denken?«
»Sogar oft und immer!«
»Und Du? Denkst auch Du an mich?«
»Das kannst auch noch fragen? In der Früh, wann ich aufsteh, werd ich gleich an meinen Fex denken und so immerfort am ganzen Tag, bis ich einschlaf am Abend.«
»So wirds auch bei mir sein, und ich glaub sogar, daß ich von der Paula träumen werd.«
»Geh!«
»Warum nicht? Ists verboten, Paula?«
»Nein doch!«
»Nun, schau da mal den lieben Mond am! Wann er über mir steht, so werd ich ihm meine Grüßen an Dich sagen und er wird sie Dir bringen. Wannst also ihn schaust, so denk stets daran, daß der Fex an Dich dacht hat.«
»Wie schön! Und ich werd da auch an Dich denken und Dir meine Grüßen senden.«
»Grad so, wies im Lied steht:
Wenn Du im Traum wirst fragen:
Wer klopft ans Fensterlein?
So wird der Mond Dir sagen:
Ich bins, o laß mich ein!«
»Das Gedicht ist gar schön. Gehts auch weitern?«
»Freilich.«
»Wie denn?«
»So: Nämlich der Mond kommt nun durch das Fensterlein und sagt ganz leise:
Der Liebsten ist nach Dir so bang;
Ich bring Dir Gruß und Kuß und Sang – – –«
»Sei still!«
»Aber es geht noch weiter!«
»Ich mags nicht hören!«
»Aber soeben hast noch sagt, daß das Gedicht so schön sei!«
»Erst wars schön, zuletzt aberst nicht mehr.«
»Ach so, das gefallt Dir nicht! Nun, da muß ich freilich schweigen. Wer weißt, wann ich fort bin und Du brauchst einmal eine Hilf oder einen Rath, so sags dem Wurzelsepp.«
»Meinst, daß ich mich an ihn wenden soll?«
»Ja, er ist doch zuweilen hier, und ich werd ihn bitten, recht öfters herzugehen.«
»Das soll mich gefreun, denn weißt, ich hab ihn auch recht lieb. Er ist nicht reich und nicht fein, aber herzensgut.«
»Das ist er; drauf kannst Dich verlassen. Der Sepp ist ohne Tadel; an dem ist kein Flecken und kein Fehlern; der ist ein Kerl wie Gold so rein. Wann ich an ihn denk und von ihm sprech, so geht mir allemal das Herz auf. Und darum bitt ich Dich, Dich an ihn zu wenden, wannt einen Freund brauchst und ich Dir nicht helfen kann. Aberst wann ichs selber kann, so werd ich Dir selber helfen.«
»Aber Du bist nicht da.«
»Leider mit den Gedanken nur, und mit ihnen kann ich Dir nix nützen. Aber Du könntst mirs doch sagen, wannt irgend eine Noth oder einen Wunsch hast.«
»Durch den Sepp.«
»Ja, oder durch einen Brief.«
»So meinst gar, daß ich Dir schreiben soll?«
»Ja, Du mir und ich Dir.«
»Wanns der Vatern erfährt!«
»Der brauchts gar nimmer zu wissen.«
»Ist das nicht ein Unrecht, Fex?«
»Gott soll mich behüten, von Dir ein Unrecht zu verlangen! Wann Dein Vatern anders wär, so braucht ich Dich gar nicht zu bitten, mir zu schreiben. Aberst weil er ein Tyrann ist und unverständig, so muß ich ein klein Wenig Dein Vatern sein, und da darfst schon an mich schreiben.«
»Du, das klingt so – so – so majestätisch!«
»Meinst?«
»Ja. Willst nicht noch was Andres sein?«
»Was denn?«
»Der Brudern?«
»Ja, der will ich schon sehr gern sein. So bist also nun von jetzund an meine Schwestern!«
»Ja.«
»Meine liebe, gute Schwestern!«
»Und Du mein guter, lieber Brudern!«
»So gieb mir die Hand darauf, Paula!«
»Hier hast sie!«
Sie reichten sich die Hände.
»Hast nicht gehört, daß Geschwister sich lieb haben müssen?«
»O, das weiß ich schon bereits, so lang ich leb.«
»Also müssen auch wir uns lieb haben?«
»Das versteht sich wohl ganz von selbst.«
»So! Aber man sieht gar nix davon!«
»Meinst? Wieso denn?«
»Wir sitzen so beinander, als ob wir ganz fremd wären. Sagst das nicht auch, Paula?«
»Nein, das sag ich nicht. So schön traulich zusammen, wie wir Beid jetzt, sitzen nur Geschwister.«
»Hm!«
»Bist nicht auch derselbigen Meinung?«
»Nein.«
»Wie solls denn sein?«
»Noch anders und besser. Weißt, der Brudern soll der Beschützern sein von dera Schwestern. Er muß sie stützen. Darum darf er den Arm um sie legen.«
»Ach so!«
»Oder hast nicht dieselbige Meinung?«
»Ich darf doch dem Brudern nicht Unrecht geben!«
»Nein. Also muß ich den Arm um Dich legen. So! Darf ich auch, Paula?«
Er schob den Arm hinter ihrem Rücken hin und legte ihr die Hand auf die Schulter.
»Ja,« antwortete sie leise.
»Und die Schwestern muß dem Brudern vertrauen und sich auf ihn verlassen. Darum darfst Dein liebes Kopfle so ein Wengerl an meine Achsel lehnen. Oder magst lieber nicht?«
»Meinst, daß es sein muß?«
»Muß? Nein! Wer schön wärs doch sehr.«
»Dann will ichs thun, wanns so sehr schön ist.«
»Ja, es ist so herrlich, so – – weißt, man kann das gar nicht sagen, wie schön es ist. Nicht?«
Sie nickte stumm.
Er zog sie leise, leise näher an sich. Und sie folgte dem lieben, innigen, reinen Druck seiner Hand, so daß ihr Haar nun seine Wange berührte. Es war wie ein süßer, seiner Rausch, der über ihn kam. Er konnte nicht anders. Er drückte seine Lippen auf ihr Haar.
»Was machst!« sagte sie.
Wenn es Tag gewesen wäre, hätte er sehen können, wie tief sie erröthete.
»Bist mir bös?« fragte er mit leise zitternder Stimme.
»Nein. Bist ja mein Bruderle!«
»Ja, und das Bruderle darf die Schwester küssen!«
»Ja, aber nur aufs Haar.«
»Du, das glaub ich nicht. Ich hab schon sehen, daß Geschwistern sich ganz richtig aufn Mund küßt haben.«
»Das hab ich noch nicht sehen; auf den Mund nicht.«
»Wohin denn?«
»Auf die Stirn oder die Wange.«
»Das muß auch schon wieder herrlich sein!«
»Das weiß ich nicht.«
»Soll ichs Dir zeigen?«
»Schon, ich soll bei Dir doch gleich Alles lernen!«
»Weil ich nicht mehr da bleiben darf. Da muß ich es halt sehr eilig haben. Giebst mir Recht, Paula?«
»Der Herr Brudern darf doch nicht Unrecht haben.«
»Wie schön! Aberst nun mußt Dein liebes Köpferl ein klein Wenig emporhalten!«
»Wozu?«
»Daß ich auch wirklich zur Stirn kommen kann.«
»Muß das denn so gar bequem sein?«
»Versteht sich! Komm mal her! Da thus noch ein Wengerl höher! So, jetzt mags gehen. Und nun paß auf!«
Er küßte sie leise und innig auf die Stirn. Ein längeres Schweigen trat ein. Dann fragte er:
»Nun, hast mirs wohl übel nommen?«
»Nein; so ungut bin ich nicht, lieber Fex. Auf die Stirn darf doch der Brüdern küssen.«
»Und auf die Wange!«
»Woher weißt auch das so plötzlich?«
»Hast mirs ja vorhin selbst sagt!«
»Ich? Nun schau, wiet gleich Alles vom Mund wegfangst! Du bist mir auch Einer! Bei Dir muß man sich in Acht nehmen, das seh ich schon.«
»Ja, wann ich so was derfahr, so will ichs gern auch gleich studiren. Thu also doch das Köpfle noch mal so empor, wie vorher!«
»Was man bei so einem Brudern Alles machen muß! Kannst doch nun bald zufrieden sein!«
»Bald, ja, aberst ganz nicht. Das Busserl auf die Wange, das muß ich noch haben!«
»Kannsts mir nicht erlassen?«
»O nein! Die Wange, die muß ich noch haben!«
»Welche? Rechts oder links?«
»Hast denn zwei?«
»Was? Meinst etwan, ich hab nur eine halbe!«
»So muß ich mich auf alle Fäll zu Zweien zwingen.«
»Was so ein Schlaukerl sich einibildet!«
»Das ist grad gar keine Einbildung! Jetzt wird gar nimmer lang gefragt. Jetzt giebst das Gesichterl her! Ein Busserl hieben und eins drüben und das kleine Naserl dazwischen drinnen; das muß sich gar gut und besonderbar ausnehmen!«
»Aberst wann ich nun nicht will!«
»So bin ich der Bruder, und es wird gar nimmer lang gefackelt. Schau, so wirds gleich gemacht!«
Er hielt ihr Köpfchen mit beiden Händen fest, bog ihr Gesicht nach oben und küßte sie, wie er gesagt hatte, auf beide Wangen. Dann nahm er die Hände wieder fort.
»Was bist doch für ein sturmwindiger Fex!« klagte sie in komischem Zorn.
»Ja, wannst mich etwan gar noch wilder machst, so kanns gleich noch mal wiedern beginnen!«
»Du und wild!« lachte sie. »Gar gegen die Paula!«
»Das glaubst wohl nicht?«
»Nein.«
»So seh ich, wie ich Dich gar sehr verzogen hab!«
»Bist halt selbern schuld daran!«
»Ja, aber ich werds nun anderst machen!«
»Wannt fort bist von hier?«
»Leider ja! Da ists nun wohl zu spät?«
»Ich hab mirs wenigstens denkt.«
»So ist Hopfen und Malzen verloren!«
»An Dir?«
»Ja freilich an mir.«
»Ich dacht, Du hättst mich gemeint.«
»O nein, denn wann ich Dich verzogen hab, so bin doch ichs gewest, der denjenigen Fehlern gemacht hat.«
»Schaust Du wohl! Das ist eine gar edle Selbsterkenntnissen von Dir! Das kann mich gefreun!«
»Ja, an mir kann Dich grad Alles gefreun.«
»Nur das nicht, daßt noch nie sehen hast, daß Geschwistern sich auch einen richtigen Kuß geben.«
»So! Ists das? Aber da muß ich mich schon mal verteidigen. Ich hab das auch schon gesehen.«
»Ah, siehst! Und vorhin hasts geleugnet!«
»Mußt ich nicht?«
»Warum? Wer hat Dich dazu zwungen?«
»Du selber.«
»In wiefern da wohl?«
»Eben weilst so Einer bist, der auch gleich Alles haben will. Verstanden, Bruderle?«
»Das versteh ich gar wohl. Also haben soll ichs nicht?«
»Nein.«
»Warum nicht?«
»Weils nicht nöthig ist, und weil der Brudern dera Schwestern nur bei einer ganz gewissen Gelegenheiten einen richtigen Kuß geben darf.«
»So! Welches ist denn diese Gelegenheiten?«
»Wann sie sich für lange Zeiten trennen oder sich nach so langer Trennung wiedersehen.«
»Hasts nicht gehört, daß ich heut fortgehen werd?«
»Das ist noch nicht bestimmt!«
»Nun, dann morgen!«
»Oder gar übermorgen!«
»Das ändert gar nix an dera Sachen. Wer weiß, ob wir uns vor meinem Weggehen noch mal so sehen wie jetzund. Also müssen wir jetzt den richtigen Abschied nehmen. Meinst nicht?«
»Nein.«
»So soll ich nachhero gehen ohne Abschied?«
»O nein.«
»Aberst ohne Kuß?«
Sie schwieg.
»Paula!«
Da schmiegte sie das liebe Köpfchen fester an seine Achsel, ergriff seine Hand und sagte:
»Fex, sei gut! Es muß ja nicht sein, und ich kanns auch nicht gern. Erlaß mir das!«
Er strich ihr mit der Hand über den Kopf und antwortete in überquellender Seligkeit:
»Was bist doch für ein herrlich Dirndl! Ja, so muß es sein! Man darf nix fordern und auch nix geben, was nicht gern und ganz von selbst geben wird. Bleib immer so, wiet jetzund bist, so wirst einst Den sehr glücklich machen, den – den – den – – –«
Er hielt inne. Es fiel ihm schwer, das richtige, zarte Wort zu finden. Sie aber blickte fragend zu ihm auf, und so fuhr er fort:
»Mit Dem Du gern Verlobung machst und nicht so ungern wie mit dem Fingerlfranz.«
Es wahr ihm, als ob ihre Finger sich fester um seine Hand legten, unwillkürlich; darum fragte er:
»Giebts da Einen?«
»Vielleicht später.«
»Jetzt noch nicht?«
»Daran darf man noch nicht denken.«
»Warum?«
»Weil – weil – wast auch heut Alles fragst!«
»Weil ich fort muß von Dir und gern einmal recht tief in Dein Herzle blicken möcht.«
»O, das ist so klein und gar nix werth. Du aber, o mit Dir ists was ganz Anderes!«
»Wie meinst das nun?«
»Du wirst ein großer und berühmter Mann sein, ein Mann, nach dem sich alle Händ ausstrecken.«
»Da kannst Dich sehr irren!«
»O nein! Ich bin nur ein arm und dummes Dirndl, aberst kennen thu ich Dich doch. Du bist noch so jung und hast schon so eine Furoren macht und gar unsern guten König für Dich gewonnen. Der, wann er die Hand für Einen aufithut, der weiß ganz gewiß, daß derselbige es auch werth ist und daß er eine Carrièren macht. So wirst auch Du emporsteigen und ich muß unten bleiben.«
Sie sagte das in einem traurigen, beinahe entsagenden Tone. Er blickte eine Weile schweigend vor sich hin; dann sagte er:
»Ich will aufrichtig sein mit Dir, Paula. Ja, der liebe Herrgott hat mir ein groß Talent verliehen. Was Andre lernen nach schwerer Müh, das ist mir wie im Spiel zu Eigen worden. Freilich hab ich auch gekämpft und gesorgt und geübt und gearbeitet im Stillen, aber für meine Kraft ist das ein Leichtes gewest. Ich fuhls und ich bin überzeugt, daß ich emporsteigen werd. Aberst wannst meinst, daßt da unten bleiben wirst, so irrst Dich gewaltig.«
»O nein!«
»O ja und gewiß! Da bist bei mir gewest in meiner Armuth und Niedrigkeit. Du hast mich nicht verachtet, sondern mir geglänzt wie die liebe Sonn dem armen Wurm im Staub. Wann ich hab sterben mögen, so bist Du mein Leben gewesen, und wann ich am Verzweifeln war, so fand ich bei Dir den Glauben, das Vertrauen und die Zuversicht. Und jetzt meinst, daß ich meinen Weg allein machen werd? Der liebe Gott im Himmel weiß es, daß ich lieber der arme Fexen bleib, als daß ich ein großer Künstler werden und auf Dich verzichten sollt. Steig ich empor, so sollst auch mit empor, wann nicht, gut, so bleib auch ich da unten. Ich mag kein andres Glück, als bei Dir zu sein, und keinen andern Ruhm, als den, daß die Paula stolz sein kann auf den verachteten Fex!«
Er schwieg, sie auch; aber ihr Athem war hörbar; er fühlte denselben auf seinen Wangen.
»Paula, willst mir das glauben?« fragte er dann.
»Das wäre ja zu viel für mich!« hauchte sie.
»Nein, nicht zu viel! Nichts bekommst von mir, und gar nichts wirst mir zu verdanken haben. Nein, Alles was ich haben werde und sein werde, das werde ich haben und sein durch Dich. Du bist meine Seele gewesen allezeit und wirst auch meine Seele sein und bleiben für das ganze Leben. Ohne Seele ist der Mensch ein Nichts, und so würde auch ich nichts sein und nichts werden und nichts schaffen können ohne Dich. Ja, ich bin noch jung und ich habe meine Zukunft noch zu gestalten. Für diese Gestalt laß mich sorgen; der Inhalt aber bist nur Du allein!«
So sprach der junge Mensch, der barfuß und in beinahe unzureichendem Gewande neben der reichen Müllerstochter saß. Er sprach in ganz anderer Weise, in ganz anderen Ausdrücken, als sonst. Er schien dem still liebenden Mädchen ein ganz Anderer, bereits ein viel Höherer zu sein.
»Fex!« Das war ihre einzige Antwort.
Da machte er eine rasche Bewegung, als ob er Alles von sich abschütteln wollte und sagte in wieder munterem Tone:
»Jetzt weißt, was ich denk und fühl, Paula. Und nun wirst mir wohl recht sehr zürnen?«
»Fex! Wie könnt ich das! Dir zürnen!«
»Nicht?«
»Niemals! Im ganzen Leben nicht!«
»So sag: Willst auch fernerhin meine Seele bleiben, wie Du sie bisher gewesen bist?«
»Das – das – das liegt noch zu fern.«
»Gut! Aber mein Schwesterle bist doch?«
»So gern!«
»Dann bitt! Giebst mir nochmals Deine Stirn und auch die Wangen, Paula?«
»Fex, warum willsts abermals!«
»Aus Liebe nur; willsts mir versagen?«
Sie antwortete nicht, aber sie senkte den Kopf tiefer herab. Er zog sie mit der Rechten, mit welcher er sie umschlungen hielt, fester an sich und hob ihr mit der Linken das Köpfchen empor. Sie sträubte sich. Da hielt er mit der Rechten ihren Kopf fest und griff mit der Linken nach ihren Händen. Sie trachtete, sie ihm zu entziehen. In diesem kleinen, zärtlichen Kampfe kam seine linke Hand auf ihre Brust zu liegen. Sofort ließ sie ihre Arme sinken, und in ihre ganze Gestalt kam es wie eine plötzliche Starrheit. Er fühlte es.
»Paula, Paula, was hast?« fragte er.
»Thu die Hand weg, Fex!«
Er nahm die Rechte, in welcher noch ihr Köpfchen lag, zurück. Sie aber bat angstvoll:
»Nicht die, sondern die andere! Schnell, schnell!«
Erst jetzt bemerkte er, welch reizenden Ort sich diese Hand zur Ruhe gesucht hatte. Er selbst erschrak über sich. Er fühlte ganz deutlich, daß eine tiefe, tiefe Gluth sich über sein Gesicht verbreitete. Es war ihm, als habe er ein hohes Heiligthum entweiht. Er sprang schnell auf und trat einige Schritte fort.
Es war spät geworden; der Tag begann bereits zu grauen. Konnte er diesem Tag ohne Vorwurf in das junge Angesicht blicken? So fragte sich der Fex. Dann drehte er sich um. Paula war sitzen geblieben, die Hände vor das Gesicht gelegt.
Das zog ihn zurück zu ihr, hin zu ihren Füßen. Er knieete nieder, faltete die Hände und bat:
»Paula sei nicht zornig!«
Sie antwortete nicht.
»Jag mich fort! Aber sag mir vorher, daß Du mir verziehen hast!«
Auch jetzt blieb sie stumm.
»Willst nicht mal mehr ein Wort mit mir reden? Ich habs ja nicht gewollt, Paula! Ich habs ja nicht einmal gewußt. Bitte, bitte. Du sollst auch gar nichts sagen, aber schau mich nur mal an!«
Er griff nach ihren Händen und zog sie ihr vom Gesicht weg, erst die eine und dann die andere, leise und langsam, ohne Gewalt anzuwenden. Ihr Gesicht war bleich und ihr Auge ruhte mit einem ganz räthselhaften Blick auf ihm.
»Paula, Paula! Mir wird angst um Dich!« rief er fast zu laut aus.
»Fex – –«
»Gott sei Dank! Sie redet!«
»O Fex! Was hast than!«
»Kannsts nimmer verzeihen?«
»Verzeihen? Nein, nie!«
»Mein Himmel! Und ich hab doch gar nicht wußt, wo die Hand war und daß ich so ein Sünden begeh!«
»O nein! Ein Sünden ists nicht, von Dir nicht, von Dir allein nicht! Ach, Fex, wie war mir das nur! Ich kanns gar nicht beschreiben!«
»Sprich nicht davon!«
»Und doch muß ichs Dir sagen, daß ichs Dir grad darum nicht verzeihen kann, weils eben gar keine Sünden war. Fex, Du kannsts nicht ahnen, und auch ich habs nicht ahnt, wie es ist, wann zum ersten Male die Hand, die man liebt, auf das Herz zu liegen kommt. Das ist wie ein Zauber. Man ist fast todt; aberst hernach da kommt ein Leben, ein Leben so – – o Fex, Fex, lieber Fex!«
Sie nahm seinen Kopf in beide Hände und zog ihn innig an sich, so daß seine Stirn grad da zu liegen kam, wo vorhin zu ihrem großen Schreck seine Hand gelegen hatte.
»Paula!« sagte er in dem Bestreben, seinen Kopf von diesem süßen Orte zu entfernen.
»Fex, lieber Fex, laß mich! Ich zürne Dir ja gar nicht, ganz und gar nicht mehr!«
»Nicht?« fragte er in glücklichem Erstaunen.
»Nein. Da schau!«
Sie küßte ihn auf die Stirn und die Wangen.
»Glaubsts nun?« fragte sie.
»Paula! Paula! Was war das! Ists wahr? Ists möglich? Bin ich wirklich bei Dir und Du bist bei mir?«
»Ja, da fühl es doch!«
Sie küßte ihn sogar auf den Mund, einmal, zwei- und dreimal. Da stieß er einen überlauten Jubelruf aus, schlang, noch immer vor ihr knieend, die Arme um ihren Leib, preßte den Kopf an ihr Herz und – schluchzte vor Glück.
Und sie bog sich nieder, legte ihre Wange an die seinige und weinte mit – vor Glück, wie er.
So hielten sie sich umschlungen lange, lange Zeit. Im Osten ward es heller. Man konnte bereits weit sehen. Die Thür der Mühle öffnete sich und der Fingerlfranz trat aus derselben.
Er hatte sich verbinden lassen und ging nun in einer geborgten Hose mit kleinen, kleinen Schritten nach Hause. Hätte er sehen können, wie innig vereint diese beiden unverdorbenen und glücklichen Menschenkinder an einander ruhten.
»Lieber Fex!«
»Meine Paula!«
»Ich muß fort. Schau, es ist bereits Tag.«
Das hatte er gar noch nicht bemerkt. Er sprang schnell empor und blickte um sich.
»Wahrhaftig! Der Morgen ist da! Und nun sollen wir scheiden – auf so lange Zeit!«
»Nein, noch nicht. Noch bist nicht fort und mußt erst noch mit dem König sprechen. Ich werd den ganzen Tag am Fenstern sitzen und nach hier herüberblicken. Wann ich Dich da seh, so komm ich schnell herbei. Leb wohl, mein lieber, lieber Fex!«
Dabei legte sie ihre Hände an seine Wangen, blickte ihm warm und innig in die Augen, schüttelte seinen Kopf zärtlich und scherzend einige Male hin und her und sprang davon, den Felsen hinab. Er sah ihr nach.
»Ists wahr!« seufzte er tief auf. »O Paula, Paula, Paula! Und der Sepp, der Sepp, der solls sogleich erfahren. Ich muß zu ihm hinab!«
Er eilte fort. Kaum war er verschwunden, so raschelte es in den Büschen und der Sepp kroch hervor.
»Und der Sepp, der Sepp, der solls sogleich erfahren. Ich muß zu ihm hinab!« kicherte er. »Na, der weiß es bereits schon seit langer Zeit. Der hat hier gesteckt und sich eine Güten than an denen Zweien, die sich da ihre Liebesverklärungen macht haben, wie zwei Kindern, von denen keins so recht eigentlich wissen thut, was ein Mannsen und ein Weibsen ist. Herrgottsacra, wie machens da Andre dagegen! Die nehmen sich halt beim Kopf und beißen sich ab, daß mans in alle Winden schallen und klatschen hört. Die drucken sich fast die Seel aus dem Leib heraus und hangen mit denen Mäulern zusammen, als obs russischen Tischlerleimen gefressen hätten. Und dagegen diese Beiden da, die sind mitnander gewest wie die unschuldigen Englein in denen Wolken da droben und haben gemeint, daß es eine Todsünden sei, wanns sich mal an einander drucken und quetschen. Aberst so muß es sein. Zwei unverdorbene Menschenkindern sinds, fromm und gut und ohne Falschheiten, so daß man seine Freuden haben kann. Und wanns der liebe Herrgott sehen und hört hat, so hat er sicherlich denkt, daß er sie mal recht glücklich mit nander machen will. Verdienen thun sie es alle Beiden. Das ist gewiß. Aberst so einen kleinen Rüffeln muß ich dem Fex dennerst geben. Mit einem hübschen Dirndl thut man halt nicht so, als ob man wie ein kleines Büberl in der Wiegen liegt und hat dera Milchflaschen im Maul. Da muß man ein Wengerl Geschick dran machen; das wollen die Dirndln ja selberst so haben. Einen Schmachtlappen, der sie kaum anzuschauen traut und sie halt nur so von Weitem mit denen Fingerlspitzen antippst und antappst, der kann ihnen gestohlen werden. Das ist gewiß.«
Er stieg den Felsen hinab, um in das Innere zum Fex zu gehen. Als er den geheimen Eingang erreichte, kam der Genannte soeben aus demselben empor gestiegen.
»Da bist ja, hier heraußen!« sagte er. »Ich hab denkt, Du bist unten in meiner Capellen. Wo hast denn eigentlich steckt?«
»Wo ich steckt hab, das errathest wohl nicht.«
»Wills glauben, weil ich halt nicht allwissend bin. Also sags lieber gleich!«
»Hm! Weißt, ich hab den Spionen gemacht.«
»Du? Willst ein Spionen gewest sein? Bei wem?«
»Bei zwei Leutln, die nur Augen für sich ganz allein gehabt haben, sonst hättens mich partoutemang merken müssen.«
»Ja, Du bist halt ein gar Gescheidter und Kluger. Wirst wieder mal Jemand belauscht haben.«
»Freilich wohl. Da hab ich ganz krumm auf der Erden gelegen; so daß ich fast mein Kreuz nicht mehr fühlen kann und mich so verkältet hab, daß ich wohl einen Schnupfen und Rheumatismus bekommen werd, der sich gewaschen hat.«
»Ist Dir auch schon recht, alte Neugierde. Hast jedenfalls den Müllern wieder belauscht. Und derweilen hab ich einen – o Sepp, o Sepp, wann Du's wüßtest!«
»Was?«
»Was unterdessen geschehen ist!«
»So! Das muß ja was ganz Außerordentliches gewest sein.«
»Warum?«
»Weilst ein Gesicht machst, ein Gesicht, als hättest einen ganzen Bottich voll Schlampinscher austrunken oder einen Sack voll Giftpilzen aufifressen.«
»Ists gar so schlimm, das Gesicht?«
»Ja, so eine Visagen hab ich halt noch gar niemals bei Dir gesehen. Entweder bist besoffen oder – verliebt.«
»Hast Recht, aber betrunken, das ists nicht.«
»Also verliebt?«
»Ja, und wie!«
»Alle tausend Teufeln! Bist etwan verruckt?«
»Nein.«
»Aber wer verliebt ist, der ist ja verruckt.«
»Kannst Recht haben, wenn auch nicht ganz, aber doch halb, denn es ist mir so ein Bisle innerlich, als ob ich nicht so mehr beschaffen sei, wie gewöhnlich.«
»Da hat man es! Hurrjesses! Der Fex und verliebt! Es giebt jetzt gar keinen Verlaß mehr, selbst auf den besten Freund nicht! Wer hat Dir denn den Kopf verdreht? Etwan die Käth, die Großmagd in der Mühlen?«
»Die? Nein, so sehr verruckt bin ich glücklicher Weisen doch noch nicht.«
»Oder die alte Leichenfrau und Heimbürgin, drinnen in dera Stadt?«
»Auch die nicht. Traust mir halt keinen bessern Geschmack zu, Sepp?«
»Nein. Ein Verliebter hat überhaupt gar keinen Geschmack mehr. Er hat sich die ganze Zungen mitsammt dem Maul verdorben, und darum schmeckt ihm Alles süß, was bitter, sauer, scharf und salzig ist. Ja, wanns noch ein hübsches Dirndl war, wie etwan die Paula; da wollt ich mirs gleich schon eher gefallen lassen. Aberst so hoch darfst die Nasen schon nicht erheben.«
»Meinst?« lachte der Fex.
»Ja.«
»Du, da bist schief gewickelt, wie eine Cigarren, bei der das Deckblatt nicht über nander paßt.«
»Oho!«
»Freilich. Wannt meinst, daß die Paula mich nicht wollt, so kannst mich sehr dauern, alter Knaster!«
Der Sepp betrachtete ihn mit listigem Blicke von der Seite her und sagte:
»Weißt, da wird es Dir wohl gehen wie dem Fuchs in der Fabel: Diese Trauben ist Dir zu sauer.«
»Gar nicht. Es giebt keine süßere Trauben, als grad die Paula. Das kannst mir wohl glauben.«
»Na, hast sie etwan gekostet?«
»Ja.«
»Was! Richtig kostet? Mit dem Maule?«
»Ja.«
»Wirklich angebissen?«
»Wirklich!«
»Und wohl auch gar hinuntergeschluckt?«
»Nein, so weit bin ich doch noch nicht kommen.«
»Gott sei Dank! Die Paula sollt mir leid thun, wannst sie verschlungen hättst, denn so ein Dirndl giebts alleweil sogleich nimmer wieder.«
»Da hast grad den Daumen auf der richtigen Flöten und Clarinetten. So Eine giebts überhaupt nicht mehr.«
»Bist ja ganz begeistert.«
»Ja. Muß ich nicht begeistert sein, wanns mir gut ist und meine Frau werden will?«
Der Sepp fuhr in scherzhaftem Erschrecken zurück.
»Die?« fragte er. »Die soll Dir gut sein?«
»Hasts nicht gehört?«
»Und Deine Frauen solls werden? Mohrenelement, da thät ich an Deiner Stell auch gleich mitmachen!«
»Nicht wahr? Aber hab nur keine Sorg und Bangigkeit; ich tret sie Dir schon nimmer ab.«
»Weilst sie überhaupt noch gar nicht hast, kannst sie also auch gar nicht abtreten.«
»Oho! Ich hab sie wohl!«
»Das machst Niemand weiß!«
»Wannsts nicht glaubst, so geh hin zu ihr und frag sie halt selber darnach!«
»Himmelsakra! Dazu machst ein so ernsthafts Gesicht, als obs wirklich die Wahrheiten wär?«
»Es ist ja wahr!«
»Du, Fex, Alles glaub ich Dir, aber nur dieses nicht. Ich kann mir den Fex, gar nicht vorstellen, als den Liebhaber von einem hübschen Dirndl.«
»Warum nicht?«
»Weil ich denk, Du hast kein Geschick dazu.«
Der Jüngling erröthete wie ein Mädchen und antwortete:
»Was für ein groß Geschicken sollt dazu gehören?«
»O, es ist alleweil nicht leicht, ein Dirndl so anzufassen, wie sichs gehört. Hast etwan mit ihr beisammen gesessen?«
»Ja.«
»Wo?«
»Da oben auf dera Rasenbank.«
»Sapristi! Das ist freilich ein sehr hübsch Plätzchen dazu. Und da hast ihr sagt, daßt ihr gut bist?«
»Freilich.«
»Und sie hat Dir wieder sagt, daß sie Dich leiden mag?«
»Jawohl!«
»Und da hast sie in die Arme genommen?«
»Das versteht sich.«
»Und sie gedruckt, gequetscht und gekneipt nach Herzenslust?«
»Gar so sehr freilich nicht.«
»Und ihr ein Kußpusserl ums andre gegeben, daß es gekracht hat, wie eine ganze Kanonenbatterie?«
»So laut nicht ganz.«
»Ja, das hab ich mir denkt, daßt kein Geschick dazu hast. Weißt, wann man die Liebesverklärung macht, so muß man dabei das Dirndl quetschen, daß es laut aufischreit.«
»Etwan gar um Hilfe?«
»Da brauchst keine Angst zu haben. So eine Hexen kannst drucken, daß ihr die Seel aus denen Fußzehen hinausfährt, da will sie nicht gerettet sein. Und nachhero, wann man sie küßt, so darf das nicht so sein, als ob mans nur versuchen will, obs auch einen Mund unter dera Nasen hat, sondern es muß Saft und Kraft haben, es muß knallen, wie eine Schlittenpeitschen. Das habens gern, die Madels, das kann sie gefreun. Je kräftiger Einer thut, desto lieber habens ihn. Wie wars denn mit der Paula? Ist sie zufrieden mit Dir gewest?«
»Ich meins wohl.«
»Na, da hab ich noch so einen Zweifel. Ich werd mich bei ihr darnach verkundigen. Und wannst Deine Sach etwan nicht gut macht hast, so werd ich Euch Beid in die Schulen nehmen und Euch Unterricht ertheilen in dera Lieblingskoserei.«
»Das werd ich mir verbitten, Sepp.«
»So? Ja, das ist der Welt ihr Lauf. Wann man es gut mit denen Leuteln meint, so wollens das nicht anerkennen, und wann man ihnen was Ordentliches vorgeigen thut auf dera Vigolinen, so schlagens Einem den Fiedelbogen um den Kopf. Aberst ich will mich nun gar nicht mehr darum kümmern, und Euch lieber gehen lassen.«
»Daran thust sehr recht, Wurzelsepp.«
»Aberst sagen will ich Dir dennoch, daß Du mir gar nix zu sagen brauchst. Ich weiß bereits Alles, denn grad Ihr seids halt gewest, die ich belauscht hab.«
»Wie? Ists auch wahr?«
»Freilich! Ich hab hinter denen Büschen steckt und ein jeds Wort hört, was Ihr sprochen habt.«
»Schlechter Kerle!«
»Das ist nicht schlecht. Ich hab nur zuspringen wollen, wanns mit Eurer Lieb hat vielleicht gefährlich werden wollen. Aberst das ist gar nicht nöthig gewest, denn Ihr seid so zart und sanft und zahm gewest, wie ein Turteltäuberich mit seiner Tauberin.«
»Mensch, jetzt kannst mich ärgern!«
»Das darfst nicht, lieber Fex. Der Mensch soll sich überhaupt nicht ärgern, denn davon bekommt er das Gallenfiebern, das Friesel, die Masern und noch ganz andere Krankheiten auch. Eins aber muß ich Dir sagen.«
»Was?«
Er trat näher an den Fex heran und flüsterte demselben geheimnißvoll zu:
»Wannst die Paula wieder küssest, so muß es noch viel mehr krachen als vorhin. Merks Dir gut!«
»Alter Hallunk! Ich geb Dir eine Ohrfeigen, daßt denken sollst –«
Er holte aus, halb im Ernst und halb im Scherz.
»Dank schön, Fex! Diese Feigen kann ich nimmer brauchen!« lachte der Alte. »Wannst mir so gefährlich wirst, daßt gar zu verexplodiren beginnst, nachher reiß ich lieber aus und komm später wieder.«
Er eilte davon.
Wohin er eigentlich wollte, das wußte er selbst noch nicht; aber als er die Mühle erreicht hatte und sich eben links nach der Stadt wenden wollte, ging die Thür auf und die Leni trat heraus.
»Ah, Du bist auch schon munter?« fragte er.
»Nicht schon, sondern noch munter,« antwortete sie.
»So hast gar nicht geschlafen?«
»Nein.«
»Glaubs Dir schon. Die Aufregung von gestern Abend her hats nicht erlaubt. Wo aber willst bereits hin?«
»Ich wollt ein Wengerl im Morgen herumspazieren. Und Du, Path Sepp?«
»Ich weiß selberst nicht, was ich eigentlich wollt. Vielleicht hätt ich mir ein kleins Platzerl sucht, wo ich einen Schlummer machen konnt.«
»So hast auch nicht geschlafen?«
»Nein. Ich hab mit dem Fexen zu thun gehabt. Nun aber, wanns Dir recht ist, lauf ich ein Stuckerl mit Dir spazieren.«
»Recht ists mir allemal, das weißt ja gewiß.«
Sie gingen, das gestrige Concert besprechend, langsam neben einander hin, auf dem Wege, welcher nach der Stadt führte. Fast hatten sie die ersten Häuser derselben erreicht, und nun wollten sie sich nach rechts ins freie Feld wenden, als Einer zwischen den Häusern hervorkam, den großen Kasten auf dem Rücken.
»Der Anton!« sagte Leni, halb erschrocken.
»Ja. Komm, gehen wir schnell fort!«
»Nein, wir bleiben.«
»Sehnst Dich etwan nach ihm?«
»Nein. Aberst er hat uns bereits gesehen, und wann wir da fortlaufen, so meint er am End gar, daß wir uns vor ihm fürchten.«
»Fürchten? Das könnt mir grad noch einfallen! Hast sehr Recht. Wir bleiben hier auf dera Straßen. Ich bin doch neugierig, was er sagen wird.«
»Er macht ein schlecht Gesicht. Sepp, ich bitt Dich schön, sag nix dazu, wann ich mit ihm red!«
»Nix? Wozu hab ich denn mein Maul?«
»Das hast jetzund nur zum Schweigen. Wannst auch mit redest, so giebts einen richtigen Zank.«
Der Anton war jetzt so nahe, daß Leni nichts mehr sagen konnte, ohne von ihm gehört zu werden. Er blieb mitten auf der Straße stehen, stemmte seinen Stock unter den Kasten, um sich dessen Last zu erleichtern, und sagte:
»Guten Morgen auch, Ihr Herrschaften!«
Die Beiden dankten. Leni that, als ob sie dann an ihm vorüber wollte. Er aber wehrte ab.
»Willst weiter? Fürchtest Dich etwan vor mir?«
»Das glaubst wohl selber nicht!«
»So schämst Dich also vor mir!«
»Ich wüßt halt nicht, warum!«
»Nicht? Weißts wirklich nicht?«
»Nein,« antwortete sie ruhig.
»So muß ichs Dir sagen.«
»Das hast nicht nöthig. Ich hab gar nix dagegen, wannst Deine Weisheiten für Dich allein behältst.«
»Wirsts aber doch anhören müssen, denn ich bin derowegen zu Dir heraußikommen.«
»Ah, nach dera Mühlen hast also gewollt?« fragte Sepp.
»Ja.«
»So früh am Tag? Konntst erst ausschlafen. Oder hast etwan ein schlecht Nachtlagern gehabt?«
»Besser wohl als Ihr. Ich bin der Gast von dem Musikprofessor aus Wien, weißt, dessen Frau ich dazumalen vom Felsen herabholt hab. Bei denen Leuteln kann ichs fein genug haben. Aberst ich bin ihnen schon in der Fruh davongangen, weil ich nix mehr von dera Stadt wissen will. Ich hab das Nest hier übersatt bekommen und will nun wieder fort. Vorher aber wollt ich zur Leni – oder vielmehr zu der feinen Sängrin. Darum hab ich Euch auch ganz vornehm grüßt. Ihr seid ja Herrschaften worden.«
»Da kannst Recht haben,« nickte der Sepp.
»Du auch, Wurzelsepp. Hast ja auch mit sungen beim Concertl und bist ausklatscht worden.«
»Ausklatscht? Du, Anton, sag das nicht noch mal, sonst bist Du's, der selber ausklatscht wird! Man hat mir Beifall und Bravori klatscht, aberst vom Ausklatschen ist halt keine Red gewest.«
»Ja, und von dem Bravori bist nun ganz stolz und dudeldick worden, das seh ich bereits.«
»Ich kann auch stolz sein!«
»Auf Dich etwan?«
»Jawohl!«
»Und auf Deine Path wohl auch?«
»Noch weit mehr als auf mich!«
»So muß ich Dir sagen, daß ich für so einen Stolz sehr danken thät. Ihr habt Veranlassung, Euch zu schämen, zum Stolz aberst giebts halt gar keinen Grund.«
»Das sagst nur Du allein, weilst wuthig bist und voller Neid und Eifernsuchten.«
»Das brauchst Dir nicht einzubilden. Auf so ein Weibsen kann ich nimmer eifersüchtig sein.«
»Meinst?«
»Ja. Sie hat sich blamirt für alle Ewigkeiten.«
»So! Hat sie ihre Sachen schlecht gemacht?«
»Nun, wann ich gerecht sein will, so muß ich zugeben, daß das erste Stuckerl sehr gut gewest ist.«
»Aha!«
»Aberst nachhero! O wehe!«
»Wieso?«
»Nun, bei dem Lied – wie gings nur an? Wie heißen gleich die ersten Zeilen?«
Leni hatte ihre vollständige Ruhe bewahrt. Sie antwortete in gleichmüthigem Tone:
»Ich sah Dich nur ein einzig Mal.
Da wars um mich geschehen.
Ich fühlte Deines Auges Strahl
Durch meine Seele gehen.«
»Ja, das war es,« nickte der Anton. »Aber dieser Text war falsch. Er paßt nimmer zu dem ganzen Auftritt. Er sollte viel anderst heißen.«
»Wie denn zum Beispiel?« fragte der Sepp.
»Er sollte ungefähr lauten:
Ich sah Dich nur ein einzig Mal,
Da wars um Dich geschehen.
Der Anzug, nein, so ein Scandal,
So Etwas muß man sehen!«
»Du!« rief der Sepp. »Ich kam auch dichten!«
»So?«
»Ja, aberst mit dem Prügelstock. Wann ich Dir ein Gedicht auf den Buckel schreiben soll, so kann es gleich beginnen!«
»So fang an!«
Der Alte war drohend auf ihn zugetreten. Die Leni aber ergriff ihn beim Arme und sagte:
»Laß ihn nur, Sepp! Er verstehts halt nicht besser, und es ist freilich nix nur als die Eifersuchten, wann er sich so zornig geberdet.«
»Oho!« widersprach der Anton. »Eine Eifersuchten giebts bei mir nicht mehr; das sag ich noch einmal. Du kannst mir gestohlen werden. Ich hab nix dagegen.«
»Warum kommst da heraußi zu mir?«
»Weil ichs Dir sagen will, wie sehr ich Dich von jetzt an verachten muß!«
»Das ist nicht nothwendig, mirs extra zu sagen. Das kannst nur für Dich behalten.«
»Nein, hören sollsts!«
»Nun gut, so hab ichs jetzund gehört. Aber ich mach mir nix daraus. Was so ein dummer Lolch von mir denkt, das kann mir sehr Wurst und Schnuppe sein. Jetzt sind wir fertig und Du kannst gehen.«
»Nein, fertig sind wir nicht. So einer ausverschämten Dirn, wie Du bist, muß man deutlich –«
»Schweig!« unterbrach sie ihn, hart an ihn herantretend. »Oder willst abermals eine Backpfeifen haben? Du wärst mir der Kerlen dazu, mir eine Zeugnißcensuren zu geben! Dich wird kein Mensch nach Deiner Meinung fragen. Wir gehn einander nix mehr an, und wannst mir nun nochmals nachlaufst und mich beleidigst, so nehm ich halt die Polizei zu Hilf und laß Dich einsperren!«
Er fuhr vor Ihrem Zorn zurück.
»Wa-a-as! Gar ein-sper-ren!«
»Ja, darauf kannst Dich verlassen! Hast etwan irgend eine Gewalt über mich? Was fallt Dir ein, zu denken, daß ich mir Deine Grobheiten gefallen lassen muß! Geh, wohin Du willst, und mach auch, was Du willst! Mich aber laß in Ruh, sonst werd ich mich zu wehren wissen. Mit so einem Kerlen, wie Du bist, wird gar kein Kram mehr gemacht. Komm, Sepp, und laß den Maulaffen stehen!«
Sie ergriff den Alten bei der Hand und zog ihn fort. Der Anton blickte ihnen eine kurze Weile nach, dann rief er in seinem Zorn:
»Was soll ich sein? Einen Maulaffen hats mich geheißen? Das ist gut, das ist fein! So eine dreifarbige Cyperkatzen will mich auch noch schumpfen! Lauf hin, Du alte Papierduten, Du! Um Dich ists halt gar nicht schade. Lauf hin mit Deinem Pavian, der Dir die guten Rathschläg ertheilt! Ihr paßt genau für einander und könnt Euch bald gar heirathen. Nachhero zieht Ihr mit dem Drehorgelkasten auf denen Jahrmärkten herum und singt den Leuteln das schöne Lied vor:
»Die Lieb, die ist wie Sauerkraut:
Wird Alles durch und durch gekaut,
Die Leni wird des Pathen Frau,
Und Alles schreit dann Ach und Au.«
Er drehte sich um und ging fort, nicht nach der Mühle zu, sondern er schlug einen Richtsteig ein, welcher zur Höhe stieg, über welche die Straße aus dem Badeorte nach der nicht sehr entfernten Kreisstadt führte.
Auf dieser Höhe lag eine kleine, aber viel besuchte Restauration. Von dort aus hatte man einen herrlichen Ausblick auf die Berge, und besonders gut konnte man da den Auf- und Untergang der Sonne betrachten. Darum saßen früh und gegen Abend immer zahlreiche Badegäste in dem kleinen Anbau, welcher mit hohen Glasscheiben versehen war und in Folge dessen der Glassalon genannt wurde.
Auch heute befanden sich trotz der frühen Morgenstunde bereits Gäste da, unter ihnen der Professor Weinhold aus Wien mit seiner Frau.
Anton verfolgte, wie bereits gesagt, nicht die Straße, sondern er stieg den Bergpfad empor, auf welchem man zwar mühsamer, aber auch schneller zur Höhe gelangte. Gerade unter dem Glassalon, welcher hart am Abhange lag, erreichte der Pfad einen Vorsprung, welcher seiner gefährlichen Lage wegen mit einem Geländer versehen war. Um zu verschnaufen, stützte dort Anton seinen Kasten auf dieses Geländer und blieb kurze Zeit da halten.
Sein Blick fiel hinab in den Grund. Da sah er die Leni und den Sepp, welche mit einander langsam durch die Wiesen gingen. Um ihnen zu zeigen, daß er nicht etwa voller Herzeleid von ihnen scheide, stieß er ein lautes Juhu aus und schwang den Hut dabei. Sie schauten empor. Der alte Sepp erkannte ihn, riß seinen Hut auch vom Kopfe, schwenkte ihn und improvisirte nach Gebirglerart sogleich folgenden Trutzgesang:
»Der Anton steigt den Berg hinauf
Und will nicht mehr herunter.
Den Kasten schleppt er mit sich fort.
Da drinnen steckt viel Plunder.
Hallodrium, Hallodria;
Dein Scheiden macht uns froh.
Aus Dir wird nix, halleluja,
Hallo, halli, hallo!«
Es war hier oben jedes Wort deutlich zu verstehen. Als der Alte den Schlußjodler geendet hatte, antwortete der Krikelanton sofort schlagfertig:
»Der Sepp, der alte Bösewicht,
Ist halt sehr naseweise.
Sein alter Hut hat Loch an Loch,
und drunter krabbeln Läuse.
Hallodria, hallodrium;
Gebt Euch nur keine Müh.
Ihr Beid seid mir halt viel zu dumm,
Halli, hallo, halli!«
Der Anton hatte keine Ahnung von dem Reichthume, welchen er in seiner besaß. Sie ertönte von der Höhe hinab, füllte das ganze Thal und weckte die Echo des Waldes aus ihrem Schlummer. Drunten im Städtchen blieben die Passanten auf den Gassen stehen und lauschten dem mächtigen Schalle, welcher nicht aus einer einzigen Kehle zu kommen, sondern von einem Unisono-Chore herzurühren schien.
Natürlich wurde sein Gesang auch im Glassalon über ihm gehört. Daß dort, als er den Jodler begann, eine Glasscheibe klirrte, bemerkte er gar nicht.
Als er geendet hatte, antwortete Sepp sogleich wieder von unten herauf:
»Renn mit dem Kopf nur durch die Wand!
Dumm bist halt, wie die Sünden.
Sucht man bei Dir nach dem Verstand
So ist er nicht zu finden.
Hallodrium, hallodria;
Dein Scheiden macht uns froh.
Aus Dir wird nix, halleluja,
Hallo, halli, hallo!«
Und Anton wollte ihm das letzte Wort nicht lassen. Er schwang den Hut wieder und sang dazu:
»Euch ärgerts nur, daß ich jetzt geh
Und laß Euch hinten liegen.
Der Abschied thut mir nimmer weh,
Kann stets 'ne Andre kriegen.
Hallodria, hallodrium;
Gebt Euch nur keine Müh.
Ihr Beid seid mir halt viel zu dumm,
Hali, hallo, halli!«
Er sah von oben, daß Sepp ihm weiter Stand halten wolle, daß aber die Leni ihn beim Arm ergriff und mit sich fortzog. Da gab auch er sich zufrieden.
Jetzt nun erst hörte er über sich Stimmen. Eine weibliche rief in ängstlichem Tone:
»So komm doch herein!«
»Ich kann ja nicht,« antwortete eine männliche.
»Aber so kanns doch nicht bleiben!«
»Nein. Ich zerschneide mir die Kehle. Der Kellner mag einen Hammer bringen.«
»Ja. Wir zerklopfen die Scheibe, daß das Loch weiter wird, dann kannst Du herein. Nein, Mann, Mann, wie Du nur nicht sehen konntest, daß das Fenster nicht offen war!«
»Ich dachte nicht daran. Der Sänger! Diese Stimme, nein, so eine Stimme! Wo mag er sein!«
Anton blickte empor. Er konnte Niemand sehen. Die Stimmen der Sprechenden kamen ihm bekannt vor. Er ging weiter. Als er den Absatz verlassen hatte, konnte er die Fenster des Glassalons über sich sehen. Sie lagen höchstens acht Ellen über dem Pfade, auf welchem er sich befand. Ein Kopf mit hoch geröthetem Angesicht blickte aus einer der Scheiben herab.
»Alle Teufel!« rief der Mann, welchem der Kopf gehörte. »Da kommt der Anton!«
»Herr Professor, Sie!« rief dieser hinauf.
»Ja. Ich bin mit dem Kopfe durch die Scheibe gefahren und kann nun nicht wieder hinein.«
»Himmelsakra! Wer wird eine solche Dummheiten begehen!«
»Freilich! Aber es sang da unten Einer, und da wollte ich schnell herausschauen und stieß also das Glas durch. Weißt Du, wer gesungen hat?«
»O gewiß, ich wars halt selber!«
Der gute Professor machte ein höchst erstauntes Gesicht.
»Du?« fragte er lang gedehnt.
»Ja.«
»Unmöglich!«
»Glaubsts etwan nicht?«
»Nein.«
»So hör einmal!«
Er widerholte den Jodler.
»Wahrhaftig, wahrhaftig, er ists gewesen!« rief der Professor. »Frau, denke Dir nur – ah, jetzt!«
Jetzt erklangen Schläge gegen das Fenster und die Glassplitter fielen herab. Die Oeffnung wurde vergrößert und der Professor konnte seinen Kopf wieder zurückziehen, steckte ihn aber sogleich wieder heraus und sagte:
»Anton, komm herauf, schnell!«
»Ja, wannst denkst, so komm ich schon bereits.«
Er stieg weiter. Unter der Thür der Restauration erwartete ihn der Professor, dessen Gesicht von dem Glase an einigen Stellen verletzt war. Er achtete dies aber nicht. Die Blutstropfen, welche langsam hervorquollen, mit dem Taschentuche abwischend, kam er ihm mit ausgestreckter Hand entgegen und sagte:
»Ich kanns noch immer kaum glauben. Bist Du es wirklich gewesen, Anton, der gesungen hat?«
»Freilich. Hasts ja nachhero noch gehört.«
»So war es Deine Stimme! Komm herein!«
Er wollte ihn mit sich hineinziehen.
»Halt!« wehrte sich Anton. »Da hinein in die gute Stuben gehör ich nicht. Die ist nur für die vornehmen Herrschaften da.«
»Papperlapapp! Für Einen, der eine solche Stimme besitzt, ist keine Stube gut und fein genug. Uebrigens ist meine Frau bereits im Nebenzimmer; dort sind wir allein. Ich hab mit Dir zu reden, was Niemand weiter zu hören braucht. Also komm!«
Er zog ihn fort, in den Salon hinein, zwischen den Gästen, welche da saßen und die Scene mit stillem Lächeln betrachteten, hindurch in die Nebenstube, wo die Professorin ihrer wartete. Sie wollte natürlich zunächst für das Gesicht ihres Mannes besorgt sein, dieser aber wies ihre Dienste mit den Worten zurück:
»Bitte, laß das jetzt! Ich habe Wichtigeres zu thun.«
»Aber Du blutest ja!«
»Das sind nur Tropfen. Das schadet nichts; das heilt in einigen Stunden zu. Komm her, Anton! Thu Deinen Kasten ab und setz Dich nieder.«
Er war dem Tabuletkrämer behilflich, die Tragbänder abzuschnallen. Als der Kasten auf dem Tische stand, klapste er mit der Hand an ihn und sagte:
»So! Der hat ausgedient!«
»Wie willst das meinen?« fragte Anton.
»Daß Du ihn nie mehr auf den Rücken nehmen wirst.«
»Da kannst Dich irren.«
»Nein, ich weiß es genau.«
»Ich muß doch mein Geschäft haben!«
»Ja, aber ein anderes. Diesen Kram hier kannst Du gleich sammt dem Kasten zum Fenster hinauswerfen, denn mit der Tabuletkrämerei ists aus.«
»Was soll ich sonst thun?«
»Singen.«
»Das kann ich nebenbei.«
»Nebenbei? Nein. Du sollst nichts thun als singen. Das Singen soll von heute an der Hauptzweck Deines Lebens, Dein Beruf sein, Anton.«
»Meinst, daß ich ein Sänger werden soll?« fragte dieser erstaunt.
»Nichts Anderes meine ich.«
»Da machst aber doch wohl nur Spaß?«
»Spaß? Es ist mein heiliger Ernst. Mensch, was hast Du für eine Stimme!«
Er legte ihm beide Hände auf die Achseln und blickte ihm ganz begeistert in das Gesicht.
»Na, eine Stimme hat doch ein jeder Mensch!«
»Ja, aber was für eine!«
»Nun, zum Singen!«
»Stimme und Stimme ist ein großer Unterschied. Die Deinige ist ein Reichthum, der gar nicht zu ermessen ist.«
»Sakra! So kann ich mal reich werden?«
»Du kannst Dir eine Million erfinden.«
»Hurrjesses! Wieviel ist das?«
»Tausend mal tausend.«
»Na, das thät ich mir schon gefallen lassen.«
»Ja. Ich kenne keinen der jetzigen Sänger, welcher sich in Beziehung auf die Stimme mit Dir messen könnte. Du hast meiner Frau das Leben gerettet und keinen Dank dafür angenommen. Wir kennen Dich bereits seit jener Zeit und haben doch keine Ahnung gehabt von dem Pfunde, welches Dir der Herrgott verliehen hat. Soll es etwa vergraben liegen bleiben?«
»Nicht? So gieb mir einen Rath!«
»Ich bin ja Professer der Musik!«
»Das weiß ich gar wohl.«
»Ich bilde Dich also aus.«
»Ausbilden? Verdimmi, verdammi! Etwan grad so wie die Leni?«
»Grad so.«
»Daß ich in Concertln sing?«
»Ja.«
»Und auf dem Theater?«
»Ja.«
»Und dabei muß ich auch andre Gewandle anziehen als gewöhnlich?«
»Ja, freilich müßtest Du Dich nach der Rolle kleiden.«
»Und könnts da auch vorkommen, daß ich grad mit der Leni auf der Bühne singen müßt?«
»Das könntest Du sehr leicht einrichten.«
Da schlug der Anton mit der Faust auf den Tisch, daß dieser krachte, und rief:
»So hab ich meine Rache! So wirds gemacht, grad so! Und nachhero aber, nein, es geht halt nicht.«
Er sagte diese letzteren Worte in einem etwas kleinmüthigeren Tone.
»Warum geht es nicht?« fragte der Professor.
»Wegen denen Eltern, die ich hab.«
»Werden die sich dagegen sträuben?«
»Ja. Weil sie doch leben wollen.«
»Aber das können sie dann ja viel besser als jetzt! Da wirst viel, viel Geld verdienen!«
»Dann vielleicht, aber jetzunder hab ich nix. Wie lange Zeit wird es währen, bis ich ein Sänger worden bin?«
»Das ist unbestimmt. Auftreten kannst Du schon, bevor Du vollkommen ausgebildet bist.«
»Bei der Leni hats vom September bis zum Mai gedauert, bis sie im Concert singen konnt.«
»Bei Dir wird es auch nicht längere Zeit erfordern.«
»Nun gut; aber in diesen Monaten wollen meine Eltern leben und ich auch.«
»Ach so! Das meinst Du! Mensch, ich bin ja da!«
»Willst mir etwan geben, was ich brauche?«
»Ganz natürlich! Ich habe Dir ja längst bewiesen, daß ich Dir gern dankbar sein möchte. Jetzt freut es mich von ganzem Herzen, daß sich endlich eine Gelegenheit dazu gefunden hat, und was für eine!«
»So willst mir das Geld schenken?«
»Ja. Was ich habe, das ist auch Dein.«
»Nein, geschenkt mag ich nix haben. Wann Du meinst, daß ich später viel Geld verdienen werd, so kannst mir ja borgen, was ich jetzund brauch; ich werd Dir es nachher zurückerstatten.«
»Was bist Du für ein närrischer Kerl.«
»Ja, anderst thu ich es einmal nicht.«
»Nun gut, so borge ich es Dir.«
»Und wann geht es los?«
»Sogleich.«
»Gern; aber hier darf Niemand kein Wort davon erfahren, das ding ich mir aus.«
»Auf diese Bedingung gehe ich sehr gern ein. Auch mir ist es lieb, wenn kein Mensch Etwas erfährt. Wir werden ganz im Stillen mit einander studiren und dann treten wir plötzlich an die Oeffentlichkeit. Welch ein Aufsehen wird es erregen, wenn dann wie aus heitrem Himmel ein Riesentenor erscheint, von dessen Dasein kein Mensch eine Ahnung gehabt hat. Wir reisen von hier ab und suchen uns einen stillen, verborgenen Ort, an welchem wir an Deiner Ausbildung arbeiten können, ohne daß es den Bewohnern auffällt. Also sag, bist Du einverstanden?«
»Ja.«
»So soll der heutige Tag derjenige sein, an welchem Dein Glück begründet wurde. Für Deine Eltern werde ich sorgen.«
»Und was thu ich da mit den Kasten?«
»Der braucht Dir nicht am Herzen zu liegen. Er ist Dir nur hinderlich. Verschenke ihn!«
»Nein, verschenken oder verkaufen thu ich ihn nicht. Ich werd ihn mir aufheben zum Andenken, daß ich mal ein Tabuletkramer gewest bin. Und wann es fehl schlägt und ich doch vielleicht kein Sänger werd, so greif ich halt wieder zum Kasten und fang das Hausiren ganz von Neuem an.«

Fünftes Capitel
Der Silberbauer

Es war ein ziemlich heißer Junitag. Draußen im Freien machte sich die Mittagshitze sehr bemerklich; aber hier im tiefen Walde gab es kühlenden Schatten und von den fließenden Wässern stieg ein leiser Luftstrom empor, welcher die Zweige der Waldesbäume zu einem leisen, vertraulichen Flüstern verleitete.
Ein junger Mann schritt durch den Wald, da, wo es keinen Pfad gab. Und die Art und Weise, in welcher er sich umblickte und zuweilen lauschend stehen blieb, ließ vermuthen, daß er sich verirrt habe.
Er war städtisch, aber nicht übermäßig fein gekleidet und an seiner linken Seite hing eine kleine Tasche, wie man sie zu tragen pflegt, wenn man sich auf einer Wanderung nicht mit überflüssigen Dingen schleppen will.
Eben jetzt blieb er wieder stehen. Er hatte Etwas gehört, was wie Worte einer menschlichen Stimme geklungen hatte. Und nun bemerkte er, daß er sich nicht getäuscht hatte. Er hörte deutlich den Lockruf:
»Matz, Matz, lieber Matz, sing noch ein Mal!«
»Finkferlinkfinkfink!« erklang ein heller Finkenschlag als Antwort.
»So ists schön! Machs noch mal, Kleiner!«
»Finkfink – finkfinkfififififink!«
»Prächtig, prächtig! Bist doch mein Liebling. Hier hast nun auch die Rübsenkörner. Ich hab sie vorher eingequellt, daßt Dir Dein Schnaberl nicht anzustrengen brauchst.«
Der junge Mann ging diesen Tönen nach. Bereits nach wenigen Schritten erreichte er eine Waldblöße, welche rings von hohen Bäumen umstanden war, unter deren weiten Aesten es grünes Unterholz gab. Auf dieser Blöße saß ein grauköpfiger Mann, dessen Gesicht jetzt nicht zu erkennen war, da er den Rücken der Stelle zugekehrt hatte, an welcher der junge Mann stand.
Der Alte trug kurze Lederhosen und war barfuß. Die alte Jacke, welche er ausgezogen hatte, lag neben ihm und der Hut darauf. Sein viel geflicktes Hemde war vom stärksten, gröbsten Leinenzeug, aber reinlich und schneeweiß gebleicht. Wie es schien, fehlte ihm der linke Arm.
Der junge Mann schritt langsam auf ihn zu und bemerkte, daß ein Finke, der in der Nähe des Alten gesessen hatte, bei seinem Nahen scheu davon flog. Das veranlaßte den Mann, sich umzudrehen.
»Grüß Gott!« sagte der Junge.
»Grüß Gott auch!« nickte der Alte. »Wann der Fink nicht fortflogen wär, so hätt ich gar nicht wußt, daß Jemand kommt, so einen leisen Schritt hast Du.«
»Hoffentlich bist mir nicht bös, daß ich Dich störe?«
»Bös? Warum nicht gar. Die liebe Sonn, der Wald, die Luft, das Alles hat der Herrgott gemacht, und da hat halt ein Jeder das Recht, darinnen zu sein. Aberst Dich hab ich hier noch niemals gesehen.«
»Ich bin fremd.«
»Wo kommst her?«
»Von der Eisenbahn.«
»So. Da hast zwei Stunden laufen müssen.«
»Ueber drei. Ich wollt es klug machen und grad durch den Wald gehen, da hab ich mich auf meine Landkarte verlassen und mich grad erst recht verirrt.«
Der Alte blickte mit einer Art humoristischen Respectes zu ihm auf.
»So! Eine Landkarten hast? Da bist wohl gar ein Gelehrter?«
»O nein.«
»So, ich dachts halt nur. Aberst mit denen Landkarten ists ein eigen Ding. Man möcht sie auch lesen können. Wer nach ihnen geht, der verirrt sich oft. Weißt, wo die beste Landkarten gezeichnet ist?«
»Nun?«
»Im Köpferl der Vögel. Die fliegen weit übers Meer hinweg und irren sich doch nie. Und kein Schulmeister hat ihnen die Geograferie gelehrt und keinen Wegweiser können sie lesen. Der Herrgott muß doch ein wunderbar kluger Kerle sein, daß er solche Geschöpferl hat machen konnt. Meinst nicht auch?«
»Ja. Die Werke des Herrn sind wunderbar; er hat sie alle weislich geordnet und die Erde ist voll seiner Güte.«
Da erglänzte das Gesicht des Alten vor Freude.
»Schau, den Spruch kannst auch auswendig! Hast wohl gern in der Bibeln gelernt?«
»Ja. Sie ist das Buch der Bücher und Gott spricht in ihr.«
»Da hast abermals Recht. In der Bibeln wohnt der liebe Gott, und in dera Naturen auch. Wer dera heiligen Schriften versteht, der kommt auch leicht in dera Natur zurecht. Der Glaube ist die größte Klugheit dieser Erden. Das hab ich oft derfahren. Aberst wo willst hin, da Du von der Eisenbahn kommst?«
»Nach Hohenwald.«
»Schau, nach Hohenwald! Da wohn ich auch.«
»Ists noch weit?«
»Drei Viertelstund. Willst Jemand besuchen?«
»Ja.«
»So kann ich Dir wohl Auskunft ertheilen.«
»Zunächst muß ich zum geistlichen Herrn.«
»Den kann ich Dir loben. Das ist ein braver Herr, weißt, nicht so gelehrt und frommthuerisch, sondern Einer von der richtigen Sorte, der mehr in Thaten predigt, als in Worten. Wannt zu den kommst, so sag ihm einen Gruß von mir!«
»Danke! Aber wenn ich ihn von Dir grüßen soll, so muß ich Deinen Namen sagen können.«
»Das sollst auch. Ich heiß halt eigentlich Heinrich Weise; weil man aberst hier Heiner sagt, anstatt Heinrich, und weil ich ein Vogelfreund bin und ganz besonders die Finkerln gern hab, so macht mans kurz und nennt mich halt nur den Finkenheiner. Willst nachher auch noch zu einem Andern?«
»Ja, zum Dorfschulzen.«
»Ach so! Hm!«
Er hustete leise vor sich hin, sagte aber nichts weiter.
»Kannst mir da nicht auch Auskunft geben?«
»Ich könnte wohl.«
»Magst aber nicht?«
»Es ist halt besser, wann den ein Jeder selber kennen lernt. Nimms mir nicht übel.«
»Warum sollt ichs Dir übel nehmen.«
»Ja, Du hast ein guts Gesicht. Du kannst mir schon gefallen und – bst, bst! Setz Dich doch gleich mal da neben mich her! Da kommt meine Bachstelzen. Die war heut noch nimmer da und will sich nun ihr Wurmerl holen.«
Wirklich kam eine Bachstelze geflogen und blieb in einiger Entfernung auf einem Steine sitzen. Sie betrachtete die beiden Männer. Der Junge setzte sich schnell zu dem Alten nieder. Dieser sagte:
»Bist wohl nicht ein Vogelfreund?«
»Ich liebe sie sehr.«
»Und hast Käfige?«
»Nicht einen. Ich höre den Gesang dieser lieben Thiere für mein Leben gern, aber frei müssen sie sein. Einen Vogel im Käfig möchte ich nicht haben, selbst wenn er der beste Schläger wäre.«
»Du, da bist mein Mann! Da harmoneriren wir Beid vollständig zusammen. Ich sitz den ganzen Tag hier im Wald und alle Vögerl kennen mich. Ich hab meine ganz besondern Lieblinge; die kommen und holen sich eine Delicateresse von mir, ein Wurmerl, eine Fliegen, ein Ameiseneierl oder ein Körnchen, je nach dem Appetit, den ein jedes hat. Paß nur mal auf das Bachstelzerl auf. Es fürchtet sich noch ein Wengerl vor Dir; aberst ich werds doch herbekommen.«
Er hatte nur einen Arm, den rechten. Vor ihm stand eine kleine Schachtel; er öffnete dieselbe mit den Fingern seiner einzigen Hand und nahm ein kleines Würmchen heraus. Dann machte er den leisen, kurzen Pfiff nach, den die Bachstelze bei jedem Flügelschlage hören läßt, und hielt dem Vogel den Wurm entgegen. Das kleine, niedliche Geschöpf kam auch wirklich nach einem kurzen, bedenklichen Zögern herbei und fraß ihm den Wurm aus der Hand.
»Hasts gesehen?« fragte er mit glückstrahlendem Gesicht.
»Sollte man es für möglich halten!«
»Möglich? Was denkst von diesen Thierlen; Schau mal hin! Hipp hipp, tipp tipp, jipp jipp und schwipp schwipp ists nun fort. So sauber das Körperchen, ohne Schmutz und Fleck. So ist auch die Seel im Innern. So ein Geschöpferl kennt keine Sünde, und vor einem guten Menschen da fürchtet sichs auch nimmer. Diese kleinen Vögerl sind die Einzigen, denen ich Gutes thun darf. Ich bin arm und kann Niemandem was geben. Und wann ich auch mehr hätt – von dem Finkenheiner nähm doch Keiner irgend was an.«
»Warum?«
»Weil ich ein schlechter Kerle bin.«
»Du? Das glaube ich im ganzen Leben nicht.«
»Nicht? Warum?«
»Wer ein solches Gesicht und ein solches Auge hat wie Du, der ist gewiß kein böser Mensch.«
»Meinst?«
»Ja, ganz gewiß.«
Im Auge des Alten schimmerte es feucht. Er gab dem Anderen die Hand und sagte:
»Da sag ich Dir auch meinen Dank. Du glaubst gar nicht, wie wohl ein solches Wort thut, wann man von allen Leuteln verachtet wird.«
»Da thut man Dir ganz gewiß Unrecht.«
»Das sag ich auch, aber Niemand glaubts.«
»So hast wohl mal einen Fehler begangen?«
»Ja.«
»Ah! Und den will man Dir nicht vergeben!«
»Du hasts errathen. Weißt, als meine Frau auf den Tod darniederlag und das Mädchen daneben krank auf der Streu, denn ein Bett haben wir nicht, da wollte sie essen und hatte nix. Und auch der Bub weinte vor Hunger. Ich bekam nix mehr geborgt und wo ich bat, da wurd ich abgewiesen, weil ich nicht aus dem Dorf stammte. Da bin ich in meiner Noth bei dem Schulzen in den Keller stiegen und hab mir heimlich einen Sack Kartoffeln holen wollen. Er hat mich derwischt, weil ich zum Stehlen kein Geschick gehabt hab. Dann bin ich in das Gefängniß kommen, und als ich wieder frei war, da war die Frau todt und die beiden Kinder steckten im Gemeindehaus. Seit dieser Zeit gelte ich halt für einen Spitzbuben, und nur die Waldvögerl halten mich noch für einen ehrlichen Menschen.«
»Auch ich halte Dich für einen guten Menschen. Hier hast Du meine Hand nochmals darauf. Und ich will es Dir auch beweisen. Ich habe eine Bitte. Einem Andern würde ich sie nicht sagen, dazu wäre ich zu stolz.«
»Sage sie nur heraus.«
»Ich habe Hunger.«
Der Alte machte eine Bewegung freudiger Ueberraschung. Sein Auge leuchtete auf. Doch fragte er:
»Willst mich etwan narren?«
»Nein, nein. Ich habe seit gestern nichts gegessen und dachte, eher nach Hohenwald zu kommen. Da habe ich mich aber verirrt und bin wirklich recht hungrig geworden.«
»Das gefreut mich, das gefreut mich sehr, das kann ich Dir sagen. Aberst wannst etwan theure Schnepperpäppchen gewöhnt bist, so kann ich Dir nicht helfen.«
»Ein Stück trocknen Brodes würde mir köstlich schmecken.«
»Wanns das ist, so kann ich Dir gar wohl helfen.« Er zog aus der Tasche seines Wammses ein Papierpäcktchen hervor und gab es ihm hin. »Da hast. Gar weiß ist es freilich nicht, denn es ist viel Hafer drunter, aberst es schmeckt schon leidlich, wann man den Hunger hat.«
»Ists Dein Deputat?«
»Ja.«
»So hast aber Du nachher nichts.«
»Ich? Wannst blos das hast, so beiß nur tüchtig an! Ich brauch jetzt nix. Und wann ich am Abend nach Haus komme, so giebts eine Mehlsuppen, die ist wirklich delicatiös.«
Er sah mit sichtlichem Entzücken zu, wie der junge Mann mit seinen weißen Zähnen in das harte, schwarze Brodstück biß.
»Nun, wie schmeckts?« fragte er.
»Ausgezeichnet!«
»Ja, die Liesbeth hats gebacken.«
»Wer ist das?«
»Meine Tochter.«
»So hast Du selbst auch einen Backofen?«
»Ich?« lachte der Alte. »Wo denkst hin? Wannt meine Wohnung sähst, so würdst sagen, daß ein Wilder besser wohnt als ich. Und den Backofen baun wir uns allemal selber gleich, wann wir backen wollen – ein paar Steine, ein paar Hände voll Lehm, ein Feuer hinein und den Teig darauf, so wird das Brod bald fertig.«
»Und was hast für ein Geschäft?«
»Siehsts nicht, daß ich Löffelschnitzer bin?«
»Mit einer Hand!«
»Hab ich nicht die beiden Füßen? Hier hasts Holz und hier die Messern. Mit denen Knieen halte ich das Holz und mit der Rechten thu ichs schnitzen. Und wanns mal eine recht feine Arbeiten giebt, so halte ich das Holz mit denen Fußzehen. Die sind dazu eingerichtet.«
»Hast Du stets nur einen Arm gehabt?«
»O nein. Ich war fast über zwanzig Jahr alt, als ich den linken verlor.«
»Wie ist dieses Unglück geschehen?«
»Mit – na, ich will Dir nur sagen, daß ich es dem Schulzen verdank. Ich wohnte auswärts und kam zu Der in Heimgarten, die nachhero meine Frau worden ist; das hat den Arm gekostet.«
Sein Gesicht hatte sich verfinstert, und er blickte eine Weile lang düster vor sich hin. Um ihn von dieser Erinnerung abzubringen, brachte der Jüngling das vor, was ihm am Meisten auf dem Herzen lag.
»Kennst Du vielleicht alle Personen, welche in Hohenwald wohnen?«
»Alle. Das Dorf ist nicht so groß, daß es Leute geben könnt, die man nicht kennt.«
»Gehen von den Bewohnern oft welche nach auswärts in Dienst?«
»Ja, das kommt freilich häufig vor. Weißt, der Ort hat früher mehr wohlhabende Leut gehabt als jetzt. Seit der Silberbauer aber Schulze worden ist, hat sichs geändert; der Reichthum hat die Andern verlassen und sich zu dem gezogen. Wo viele Kinder sind, da giebts auch viele Mäulern, welche essen wollen, und wanns nicht zureicht, so müssen eben die Uebrigen in Dienst gehen. Warum fragst darnach?«
»Weil ich ganz zufällig eine Herrschaft kenne, bei welcher ein Mädchen aus Hohenwald gedient hat.«
»Jetzt nicht mehr?«
»Nein. Sie ist seid einem halben Jahre wieder zu Hause.«
»Wo ist das gewesen?«
»In Regensburg beim Kaufmann Herold.«
»Wie – wa – – –! Warum fragst grad nach diesem Dirndl?«
»Weil ich grad nach Hohenwald komme und mich ganz zufällig an sie erinnere.«
»Ach so! Sonst hast keinen Grund?«
»Nein.«
Dabei konnte er aber doch nicht verhüten, daß eine leichte Röthe über sein hübsches Gesicht flog.
»So ists also nur Zufall. So so!«
»Ja. Kennst vielleicht dieses Mädchen?«
»Nun ja, kennen sollt ich es halt wohl.«
»Wer ists?«
»Es ist die Liesbeth.«
»Welche Liesbeth?«
»Die meinige.«
»Was? Deine Tochter?«
»Ja.«
»Warum hast sie denn aus Regensburg wieder fortgenommen? Dort hat sie es jedenfalls wenigstens ebenso gut gehabt wie daheim.«
»Besser, viel besser hat sies gehabt. Aber weißt, der arme Mann kann niemals, wie er will. Mein Sohn, der Emil, ist plötzlich kränker worden, und da hat sie schnell wieder nach Haus gemußt. Ja, wenn der nicht immer so krank wär, da gings beim Finkenheiner auch nicht so schlimm. Nun aber weißt fast Alles von mir und ich von Dir noch gar nix. Was bist denn eigentlich? Ein Schuster oder Schneider sicherlich nicht.«
»Nein. Ich bin Lehrer.«
»Schau, schau! Darum hast die Bibel lieb gehabt! Man schaut es Dir auch gleich an, daßt Dich mit der Gelehrsamkeiten abgeben hast.«
»Nun, so gar schlimm ists mit meinem Wissen leider doch nicht, lieber Heiner.«
»Lieber Heiner! O Jerum Je! So hat noch Keiner zu mir gesagt. Wo warst denn Lehrer?«
»In Regensburg.«
»Ach so! Und da hast meine Liesbeth gesehen?«
»Ja.«
»Hast aber nicht mit ihr sprochen?«
»Einige Worte, nur zufällig. Weiter nix.«
»Aberst nicht wahr, sie ist ein braves und fein sauberes Dirndl?«
»Das will ich meinen.«
Wieder zog eine leichte Röthe über sein Gesicht.
»Und warum kommst nach Hohenwald? Etwan auf einen Besuch?«
»Nein. Ich bleibe ganz da.«
»Aber halt nicht als Lehrer?«
»Als was sonst?«
»O Jemineh! Das ist nicht gut.«
»Warum?«
»Weil ich Dich bedauern thu.«
»Das klingt nicht sehr tröstlich.«
»Freilich nicht. Hast wohl mal einen kleinen Fehlern begangen im Schulamt etwa?«
»Wie kommst Du zu dieser Frage?«
»Weil diese Stelle eine sogenannte Strafstellen ist. Wer zu uns kommt, der steht bei seinen Vorgesetzten nicht gut angeschrieben.«
»Das hab ich wohl gewußt.«
»Und bist dennerst kommen?«
»Ja, aber nicht zur Strafe.«
»So kann ich Dich nicht begreifen. Du hast doch wohl in Regensburg auch mehr Gehalt bekommen, als Du bei uns erhalten wirst?«
»Weniger bekomme ich; aber das gleicht die gute Waldesluft wieder aus. Ich komme nämlich herauf, um meine Gesundheit zu kräftigen.«
Ein Menschenkenner hätte seinem ehrlichen Gesicht wohl anmerken können, daß er jetzt nicht ganz die Wahrheit sagte. Glücklicher Weise war der Finkenheimer kein großer Psycholog. Er fragte in teilnehmendem Tone:
»So bist krank?«
»So ziemlich.«
»Doch nicht etwan die galoppirende Schwindsuchten?«
»Wie kommst gleich auf diese?«
»Weilst von unserer guten Lust sprochen hast. Na, die ist freilich gut; aber sonst wirst nicht viel Gutes weiter bei uns finden.«
»Das ahnte ich schon, als Du Dich weigertest, mir Auskunft über den Schulzen zu geben.«
»Ja, da hab ich Dich noch nicht kannt.«
»Kennst mich vielleicht nun?«
»Ja.«
»So geht das bei Dir schnell!«
»Warum nicht? Was gehört da viel dazu?«
»Psychologisches Studium und Scharfblick.«
»Das Psycho – bolo – die Studirerei und dern Scharfblick – hm, das ist mir zu gelehrt. Ich weiß, daß Du ein Lehrer bist und ein braver Kerl dazu. Das ist genug für mich und weit besser als alle Universitäten und Gelehrtheitsschulen. In Dir täusch ich mich nimmer.«
»Das freut mich. Nun darf ich wohl noch einmal nach dem Schulzen fragen?«
»Ja. Der Silberbauer ißts.«
»Warum heißt er so?«
»Weil er ein besonderer Liebhaber vom Silber ist. Alle Knöpfe an seinem Gewand sind Silberthaler, und überall, wo er eine silberne Zier anbringen kann, da bringt er sie auch an. Und so ists halt auch bei seinem Sohn und bei seiner Tochter.«
»Ist er aber auch brav?«
»Da frag lieber Andere. Er ist mein ärgster Feind, und ich halt ihn für den schlechtesten Kerlen auf Gottes Erdboden. Darum ist mein Urtheil wohl zu partheiisch.«
»Was denkst von seinen Kindern?«
»Sein Sohn ist wie er, aber seine Tochtern ist brav.«
»So hat sie wohl eine brave Mutter gehabt. Doch das geht mich nichts an. Ich in meiner Stellung habe es nur mit ihm zu thun. Jetzt dank ich Dir für die Auskunft und für das Brod. Vielleicht kann ich Dir auch mal einen Dienst erweisen.«
»Bitt gar schön! Ist nicht nöthig. Aber wannst mich mal brauchen solltest, so komm zu mir. Ich bin Dein Freund. Das darfst halt nicht vergessen.«
»Bist wohl oft im Wald?«
»Alle Tage. Früh komm ich heraus und des Abends geh ich wieder heim.«
»Und da bist Du wohl meist hier an diesem Orte?«
»Stets.«
»Aber wanns regnet?«
»So setz ich mich dort unter die dichte Fichte; da kann kein Tropfen hindurch. Hier bin ich Hans für mich; hier hab ich meinen Stand, und am Liebsten möcht ich auch hier einmal sterben.«
Er sagte das in einem Tone, welcher ahnen ließ, daß er wohl irgend einen geheimen Grund haben müsse, grad an dieser Waldblöße so fest zu hangen. Sein Gesicht hatte eine Art von Starrheit angenommen, und der graue Schnurrbart, welcher seine Lippen verdeckte, zitterte verrätherisch. Es war augenscheinlich, daß er sich bestrebte, eine tiefe Gemüthserregung zu bemeistern.
Dann erhob er sich langsam vom Boden, streckte dem Lehrer seine Hand entgegen und sagte:
»Darfst nicht unrecht von mir denken, Herr Schulmeister. Ich bin halt kein weinerlicher Kerl; aberst heut ist mirs wieder mal ganz weich ums Herz. Und weißt, warum?«
»Nun?«
»Weilst mich behandelt hast wie einen Menschen auch und hast mein Brod gegessen. Das werd ich Dir gedenken, so lange wie ich lebe. Und nun sag mir auch Deinen Namen, damit ich weiß, wie ich Dich zu benennen habe!«
»Ich heiße Walther, Max Walther.«
»Ich dank Dirs schön! Und nun wannst nach dem Dorf hinein willst, so gehst hier immer grad durch den Wald. Da kommst an einen breiten Weg, und wannst ihm nach rechts folgst, so kommst grad am Gasthof nach Hohenwald. Der liebe Herrgott behüt Deinen Eingang und mags geben, daß Du Glück erlebst am neuen Orte!«
Walther ging, nachdem er dem Alten herzlich die Hand geschüttelt hatte. Er folgte der Weisung desselben, was gar keine Schwierigkeiten hatte, da die Bäume nicht dicht zusammen, sondern im Gegentheile weit aus einander standen, so daß keine Hindernisse zu überwinden waren.
So hatte er auf dem weichen Boden wohl über eine Viertelstunde zurückgelegt, als er Schritte vernahm. Der Betreffende mußte auf hartem Boden gehen. Wirklich kam Walther an den Weg, welcher jedenfalls derjenige war, von dem der Finkenheiner gesprochen hatte. Er wurde zu beiden Seiten von niedrigen, dichten Blutbuchen eingesäumt. Walther blieb hinter denselben stehen, um den Kommenden vorüber zu lassen.
Eigentlich hatte er gar keine Veranlassung dazu. Es gab keinen Grund für ihn, sich nicht sehen zu lassen. Er that es ohne alle Absicht, so wie man sehr oft Etwas rein instinctiv thut oder unterläßt.
Die Schritte kamen langsam von rechts her näher, und dann erblickte der Lehrer einen jungen, vielleicht vierundzwanzig Jahre alten Menschen, dessen Erscheinung ein Mittelding zwischen Bauer und Stutzer war.
Er trug eine kurze Jacke, welche mit zwei Reihen von silbernen Thalern besetzt war. Am Hute war eine Silberspange angebracht. Von der Westentasche hing eine schwere, silberne Kette herab, und an den Händen trug er so viele silberne Ringe, daß auf jeden Finger wenigstens einer kam. Die Hosen steckten in halblangen Stiefeln, welche blank gewichst und mit silbernen Sporeninterims versehen waren. Die Gestalt war lang, breit und starkknochig, das Gesicht sommersprossig und unschön.
Dieser junge Mann wollte vorübergehen, blieb aber plötzlich lauschend stehen, duckte sich nieder, um nach vorn zu lugen und sprang dann schnell hinter die Buchensträucher, welche am jenseitigen Wegrande standen. Er mußte etwas oder Jemand gesehen haben!
Walther hörte Schritte, leicht und elastisch, wie von einem Frauenzimmer, und nach einigen Augenblicken erschien aus der entgegengesetzten Richtung ein junges, vielleicht achtzehnjähriges Mädchen, welches einen ziemlich großen Korb auf dem Kopfe trug.
Die Nahende war ärmlich, aber sehr reinlich gekleidet. Ihre Gestalt war jugendlich voll, ihr schönes Gesichtchen vom Gehen und Tragen geröthet, und da sie mit der einen Hand den Korb auf dem Kopfe im Gleichgewicht zu erhalten hatte, so nahm sie eine Haltung ein, welche das schöne Ebenmaß und die weiche Rundung ihrer Körperformen zur vollsten Geltung brachte. Der Korb war mit Pilzen gefüllt. Sie hatte keine Ahnung, daß zwei Lauscher nahe seien.
Eben wollte sie zwischen den Beiden hindurch, da rief Der drüben:
»Liesbeth!«
Sie erschrak und blieb stehen.
»Wer ruft?« fragte sie.
»Raths einmal!«
»Hab keine Zeit dazu.«
Das sagte sie in verweisendem Tone, und schon erhob sie das Füßchen, um weiter zu gehen, da trat er hervor.
»Der Silberfritz!« rief sie aus, noch mehr erschrocken als vorher.
»Ja, der Silberfritz!« lachte er, sich ihr in den Weg stellend. »Hast wohl keine Freude drüber, daßt mir hier im Wald begegnest?«
»Ich kann weder drüber jubeln noch drüber weinen.«
»So! Aber erschrocken bist?«
»Da würd eine Jede verschrocken, wenn sie meint, ganz allein zu sein, und plötzlich tritt doch ein Bursch hinter denen Bäumen hervor.«
»Ich hab Dich kommen hört und wollt sehen, wers war.«
»Das hättst auch sehen konnt, wannt Dich nicht versteckt hättst. Jetzt weißts aber nun?«
»Ja, ich seh's doch. Des Finkenheiners Liesbeth ists.«
»So ist Deine Neugierden befriedigt, und nun kann ich weiter gehen.«
»Nicht so schnell,« entgegnete er. »Es paßt mir gut, daß ich Dich hier troffen hab – –«
»Mir aberst schlecht,« fiel sie ein.
»So müßt Ihr Mädels ja sagen. Aber ob mans auch glaubt –« antwortete er selbstgefällig.
»Das kannst gut und billig glauben.«
»Fallt mir nimmer ein! Warum sollts Dir nicht passen, daßt mich hier triffst?«
»Weil ich Dich überhaupt nicht treffen mag. Und num gieb Raum! Ich muß heim.«
»Das hat noch Zeit. Du hasts daheim nicht so, daßt Dich um jede Minut, die Du nicht dort bist, grämen mußt.«
»Das geht Dich gar nix an!«
»O, grad sehr viel! Wann man Einer gut ist, so verinteressirt man sich für Alles, was sie betrifft. Und daß ich Dir gut bin, das weißt wohl nun bald?«
»Ich kanns schon auswendig, so vielmal hasts mir bereits gesagt.«
»Dennerst sag ichs jetzt abermals.«
»Das kannst bleiben lassen!«
»Oho! Wer wills dem Silberfritz verbieten, zu sagen, was er sagen will! Den möcht ich schon sehen!«
»Thu nur nicht, als obst der größte Prinz in Europa wärst! Es giebt noch ganz andere Kerlen, als Du bist! Wannt meinst, daß es nur darauf ankommt, was Dir beliebt, so bist albern genug. Es kommt auch auf Diejenige an, die's anhören soll, ob sie auch Lust verspürt, es anzuhören. Und ich hab eben keine Lust dazu. Red, was Du willst; aber sags meinswegen hier den Bäumen; ich hab keine Zeit für Dich.«
Sie wollte fort. Er hielt sie zurück.
»Laß nach mit Deinem Gezier!« sagte er. »Ich weiß halt doch, daßt ganz anderst denkst, alst sprichst. Den Silberfritz weißt Keine von sich ab. Du aber willsts durch die Sprödigkeiten so weit bringen, daß ich noch tiefer verschossen werd in Dich und nachher gar vom Heirathen reden thu. Darinnen aber hast Dich sehr verrechnet. Des Finkenheiners Dirndl kann niemals Silberbäuerin werden, das sag ich ganz bestimmt; aberst mein Schatz kannst sein, das geht schon an.«
Ihr Gesicht war noch röther geworden, als vorher. Sie trat rasch auf ihn zu und rief zornig:
»Das sagst mir, mir, mir! Meinst, daß ich solche Worten anhören muß, weilst der Sohn vom Silberbauern bist und ich bin die Tochter vom ärmsten Mann im Dorf? Ich Dein Schatz? Nicht für zehntausend Thalern möcht ich mich von Dir nur mit denen Fingerspitzen anrühren lassen. So reich Du bist, so roh bist auch, so rüd und gemein. Da hasts, was ich von Dir denk. Und nun laß mich weiter gehen!«
Man sah es ihm an, daß er solche Worte nicht erwartet hatte. Er war der Don Juan des Dorfes und hatte wirklich nicht geglaubt, daß es Eine geben könne, welche im Stande sei, ihn zurück zu weisen. Er war darum in hohem Grade erstaunt, doch verwandelte sich das Erstaunen schnell in Zorn.
»Was?« fragte er. »Wie redest mit mir? Wann ich Dich nur anschau, so ists eine Ehren für Dich, die Tochter des Heiner, den mein Vater mit den Kartoffeln erwischt hat. Wer einen Spitzbuben zum Vatern hat, der hat fein demüthig zu sein. Ihr habt daheim nix zu fressen, und ich will Dir aus lauter Barmherzigkeiten eine Gelegenheit geben, Dir was zu verdienen. Wannst heut Abend hinters Haus kommen und da mein richtiger Schatz sein willst, so geb ich Dir einen ganzen Thalern.«
Im Nu hatte sie den Korb vom Kopfe genommen und zu Boden gesetzt. Hart an ihn herantretend, rief sie aus:
»Mensch, niederträchtiger und gemeiner! Soll ich Dir die Antwort ins Gesicht spucken? Willst mich nun auslassen, oder soll ich gar mit Dir balgen, damit ich den Weg frei bekomme?«
Sie ballte drohend die kleinen Fäuste. Sie war in ihrem Zorne außerordentlich reizend.
»Dirndl, was bist couragirt!« lachte er. »Aber so ists recht! So lieb ichs grad! Jetzt ist der Korb herab, und nun mußt mir ein Busserl geben.«
Er faßte sie um den Leib. Sie aber rief keineswegs nach Hilfe. Sie glaubte sich allein mit ihm und also auf sich selbst angewiesen. Darum verließ sie sich auch ganz nur auf sich selbst.
»Willst mich gehen lassen!« drohte sie. »Oder soll ich Dir zeigen, daßt ein Lump bist!«
»Zeig, was Du willst, aber vorerst den Mund, daß ich ihn küß!«
»Nein, vorerst die Hand. Da, und da und da und da!«
Sie schlug mit beiden Fäusten so herzhaft auf sein Gesicht ein, daß er sie wirklich frei geben mußte. Er war aber in Wuth gerathen und drohte:
»Das will ich mir noch gefallen lassen, denn das thut ja nicht wehe. Wann ich nur wollt, so könnt ich zugreifen, daßt gleich ganz still wärst. Aberst nun stell auch meine Geduld nicht länger auf die Proben. Ich will Dich küssen, und so mußt dran glauben!«
»So! Meinst wirklich?« antwortete sie. »Denkst wohl, weil ich den Korb tragen muß, so kann ich mich nicht wehren? Den kann ich hier stehen lassen und ohne ihn davonlaufen.«
»So habt Ihr nix zu essen.«
»So hungern wir. Das schmeckt doch noch besser, als ein Kuß von Dir.«
»Wannst die Pilzen zurücklassen willst, brauchens auch nicht im Korb zu bleiben. Da, paß auf!«
Er ergriff den Korb und schüttete die Pilze aus, die von dem armen Mädchen mühsam zusammengesucht worden waren, um dafür in der Stadt einige Pfennige für den kranken Bruder zu lösen. Liesbeth stieß einen Klageruf aus; er aber kümmerte sich nicht darum, sondern warf den Korb weit fort und ergriff sodann das Mädchen; dasselbe so fest an sich pressend, daß eine Gegenwehr nun gar nicht möglich war, sagte er, höhnisch lachend:
»Nun solls losgehen! Und nicht nur einen werd ich mir nehmen, sondern fünfzig und hundert.«
»Nicht einen einzigen!«
Diese drei Worte erklangen hinter ihm. Der Lehrer war hinter den Buchen hervorgetreten. Der Silberfritz drehte sich schnell um, maß den Störenfried mit zornigem Blick und sagte:
»Was hast hier drein zu reden?«
»Grad so viel wie Du!«
»Oho! Wer bist denn eigentlich.«
»Das kannst gleich erfahren. Vorerst aber nimm die Händ vom Dirndl weg!«
»Fallt mir nicht ein.«
»Soll ich Dich etwan zwingen?«
»Du? Du wärst mir der Kerlen dazu!«
Der Silberfritz wuthschnaubend, noch immer das Mädchen in den Armen, und der Lehrer ruhig und kalt, so standen sich die Beiden gegenüber. Liesbeth rührte sich nicht. Ihr Blick hing an Walther mit einem eigenthümlichen, ganz unbeschreiblichen Ausdrucke. Angst, Scham, Vertrauen und noch vielmehr war in ihrem schönen, jetzt so bleichen Gesichtchen zu lesen.
»Nun, ich halt sie fest,« höhnte der Silberfritz. »So nimm sie doch weg, wannt kannst. Oder hast Angst?«
»Vor Dir nicht.«
Bei diesen Worten faßte der Lehrer den Arm des Bauerburschen.
»Rühr mich nicht an!« brauste dieser auf.
»Ich rühre Dich ebenso gut an, wie Du dieses Mädchen anrührst. Beides geschieht ohne Erlaubniß. Lässest Du sie gehen, dann gebe ich Dich auch frei.«
»Das fallt mir nicht ein. Du aberst bekommst Deine Keile, wannst nicht sofort loslässest.«
»Ober [Oder?] bekommst Du sie!«
»Das werden wir gleich sehen.«
Er wollte die Hand des Lehrers von sich abschütteln; dieser aber lachte lustig auf und sagte:
»Du scheinst Dich für stärker als mich zu halten. Da irrst Du Dich aber gewaltig. Paß einmal auf!«
Er drückte mit seiner Faust den Ellbogen des Gegners mit so einem mächtigen Griffe zusammen, daß der Silberfritz laut aufschrie und das Mädchen fahren ließ.
»Hund!« brüllte er auf. »Das hast gewagt!«
Liesbeth war frei, aber sie benutzte ihre Freiheit nicht zur Flucht, sondern sie blieb stehen, als müsse sie nothwendiger Weise erfahren, welchen Ausgang dieser Kampf nehmen werde.
Der Silberfritz hatte seine Fäuste geballt und sich dem Lehrer gegenüber gestellt. Dieser stand ihm ruhig und furchtlos lächelnd gegenüber und antwortete:
»Was ich gewagt habe? Nichts, gar nichts. In einem Streite mit Dir ist gar nichts zu wagen.«
»Meinst, daßt mir über bist?«
»Allemal!«
»So wirst mir gleich unter kommen. Da schau!«
Er holte aus, um nach dem Lehrer zu schlagen. Dieser aber ließ den Spazierstock, welchen er in der einen Hand gehalten hatte, fallen, parirte den Hieb mit einem Arme, faßte dann den Gegner mit einem blitzschnellen Griffe bei den Hüften, hob ihn aus und warf ihn mit solcher Gewalt zu Boden, daß er dort liegen blieb, halb betäubt und Arme und Beine von sich streckend.
»Jesus Maria!« klagte Liesbeth. »Er ist todt!«
»Nein! Trag keine Sorge! Er ist nicht todt. Es ist ihm nicht der mindeste Schaden geschehen. Ich habe ihn nur ein Wenig geprellt, und da wird er einige Zeit brauchen, ehe er wieder nach mir schlagen kann.«
»Aber weißt, wer er ist?«
»Nun?«
»Der Silberfranz, der Sohn vom reichen Silberbauern.«
»So! Was ist da weiter?«
»Sein Vater ist der reichste Mann im Dorf!«
»Was geht das mich an?«
»Und der Schulz dazu, der Vorsteher!«
»Desto mehr sollte sein Sohn es vermeiden, Ungesetzliches zu unternehmen.«
»Aberst es kann Dir von ihm schlecht ergehen!«
»Das wollen wir einfach abwarten.«
»Brauchsts gar nicht abzuwarten. Es wird vielmehr sogleich kommen, jetzt, in diesem Augenblick.«
Diese Drohung stieß der Silberfritz aus. Er hatte eine kurze Weile ganz regungslos am Boden gelegen und dann leise probirt, ob er seine Glieder zu bewegen vermöge. Es ging. Jetzt erhob er sich, spuckte in beide Hände und rieb sie wie Einer, der eine schwere Last erfassen will; dann sprang er auf den Lehrer ein.
»O Gott!« rief Lisbeth erschrocken.
Bei der Gewalt, welche der Bauerssohn in seinen Sprung legte, war sie überzeugt, daß er den Lehrer zu Boden reißen werde. Dieser aber trat schnell einen Schritt zur Seite, holte aus und schlug dem Angreifer die Faust so unter den hoch erhobenen Arm, also in die Achselhöhle, daß der Getroffene eine Wendung nach seitwärts erhielt und dort zu Boden stürzte.
Sich schnell wieder aufraffend, erhob er beide geballte Fäuste und drang mit einem lauten Wuthschrei wieder auf Walthern ein. Dieser erhob einfach den rechten Fuß und trat dem Angreifer so in die Magengegend, daß derselbe abermals zur Erde flog.
Es war ein Kampf der rohen, ungeschulten Kraft gegen einen geübten und geistesgegenwärtigen Turn- und Ringlehrer. Dieser Letztere stand noch ebenso lächelnd da wie vorhin. Nicht eine Spur der geringsten Anstrengung war ihm anzusehen. Der Silberfritz aber schnaufte, als er sich jetzt wieder aufraffte, wie ein wüthender Eber. Seine Augen schienen aus ihren Höhlen treten zu wollen. Er stierte den Lehrer an wie eine ganz unbegreifliche Erscheinung, da ihn, den Starken, noch kein Einziger Widerstand zu leisten gewagt hatte, blickte nach rechts und nach links, als ob er von dorther Aufklärung über seine unfaßbare Niederlage erwarte und stieß hervor:
»Geht das denn wohl mit dem Teufel zu! Nieder mußt, Hund verdammter, und wann ich Dich derschlagen sollt!«
Er griff abermals nach Walther. Dieser wich ihm zur Seite aus und antwortete:
»Ganz wie Du willst! Wenn Du partout eine noch nachhaltigere Lehre haben willst, so sollst Du sie ganz gern erhalten. Da!«
Er schlug ihm dabei die Faust unter das Kinn, daß der Getroffene einige Augenblicke lang wie eine Bildsäule stand, nach Luft schnappend, und sich dann halb um seine eigene Achse drehte. Walther benützte diese Blöße, welche sich der Gegner gab, faßte ihn mit beiden Händen an im Genick, trat ihm hinten in das Kreuz und riß ihn auf diese Weise abermals zu Boden.
Einen gotteslästerlichen Fluch ausstoßend, schnellte der Silberfritz wieder zur Höhe, da er nicht an der Erde festgehalten worden war. Seine Augen waren jetzt mit Blut unterlaufen. Er blickte sich um. Nicht weit von ihm lag ein großer Stein. Er sprang hin, raffte denselben auf, holte aus und schrie:
»Ob Dein Schädel fest genug ist. Komm her!«
Der Hieb hätte unbedingt Walthers Hirnschaale zerschmettert. Aber der Letztere war zu gewandt und zu kaltblütig, um sich treffen zu lassen. Er wich aus und der Silberfritz wurde von der Gewalt, welche er in den Schlag gelegt hatte, zu Boden gerissen.
Jetzt aber ließ der Lehrer ihn nicht wieder aufkommen. Er kniete auf ihn nieder, riß ihn herum, mit dem Gesicht nach oben, und versetzte ihm eine Menge so gewichtiger, schallender Ohrfeigen, daß Liesbeth voller Angst laut aufschrie:
»Nicht so! Nicht so! Laß ihn gehen! Du derschlägst ihn ja!«
»Pah! Solche Kerls haben ein zähes Leben,« lachte der Lehrer. »Er kann noch mehr, noch viel mehr vertragen.«
Er fügte noch einige Ohrfeigen hinzu und erhob sich dann vom Boden. Der Bauernbursche lag still an der Erde. Er war nicht verletzt; aber Wuth und Scham arbeiteten so in ihm, daß er nicht wußte, was er vornehmen solle, und also liegen blieb.
»Er kann nicht auf!« jammerte Liesbeth.
»O, ich werde ihm schon aufhelfen.«
»Welch ein End soll das nehmen!«
»Ein besseres, als der Anfang war. Hast Du bereits mal gehört, wie man ein wildes Thier zähmt?«
»Nein.«
»Man muß ihm gleich erst merken lassen, daß man mehr Kraft besitzt als es selbst. Nachhero bekommts halt Respect. Dieser Kerl scheint auch halb wild zu sein, so eine Art Büffelstier, auf den man fein einhauen muß, ehe er gehorchen lernt. Paß auf, wie gehorsam er jetzt sein wird!«
Er hob seinen Spazierstock auf.
»Um Gotteswillen! Thu ihm nix mehr!« bat sie.
»Wann er folgt, soll ihm nix mehr geschehen. Nimmt er aberst keinen Verstand an, so wird er bald erfahren, daß noch mehr kommt.«
Und zu dem Daliegenden tretend, gebot er:
»Steh auf!«
Der Silberfritz bewegte sich nicht.
»Nun? Willst oder nicht?«
Er stieß ihm dabei den Fuß in die Seite.
Der Besiegte raffte sich langsam auf. Er mußte sich erst auf die Hände stellen, ehe er emporkam. Es war ja auch kein Wunder, daß er sich wie an allen Gliedern zerschlagen fühlte. Jetzt stand er da, maß den Lehrer mit stieren Augen und sagte wuthbebend:
»Das ist Dir nicht geschenkt!«
»Nein, aber Dir! Nimms als ein gutes Andenken mit fort, und laß es Dir zur Lehre dienen!«
»Willst auch noch spotten! Meinst etwan, daßt den Silberfritz gar besiegt hast?«
»Ja, das meine ich. Oder willst nochmals anfangen?«
»Das fallt mir jetzt nimmer ein! Ich bin heut krank und hab kein Gelenk, sonst lägst längst unter mir und bätst um Pardon und Barmherzigkeiten. Aberst laß Dich um Gotteswillen nimmer von mir treffen. Sobaldst mir wieder begegnest, kommt der Zahlaus!«
»Schön! Auf den bin ich sehr neugierig!«
»Wirst ihn kennen lernen! Jetzt aberst will ich gehn. Ich bin heut viel zu stolz, als daß ich mich noch weitern an Dir vergreif. Bleib da bei dem Dirndl, welches Keiner im Dorf anschaut! Kannst Freud an ihr haben und Ehr mit ihr einlegen. Ihr Vatern ist der Spitzbub, und sie ist die richtige Zuchthaustochter!«
»Ich glaube, Du hast mehr Anlagen in dieses Haus zu gelangen als sie!«
»Du, wannst dem Sohn des Silberbauern in dieser Art und Weisen kommst, so kannst was derfahren, was Dir nimmer lieb ist! Bist wohl auch Einer, der zu einem solchen Volk paßt und gehört!«
»Ja, zu Dir passe ich freilich nicht.«
»Das seh ich allbereits, und darum will ich gehen.«
Er hob seine Kopfbedeckung auf, welche ihm während des Kampfes entfallen war, und wendete sich um, den Platz zu verlassen. Da aber sagte Walther:
»Halt! So schnell kommst nicht fort von hier! Merkst nicht, daßt was vergessen hast?«
Der Bursche wendete sich wieder um.
»Was?«
»Hier! Schau her!«
Er deutete mit dem Stock auf die an der Erde liegenden Pilze und auf den Korb.
»Meinst etwan die Schwammpilzen?«
»Ja.«
»Die gehn mich nix an!«
»Aber diesem Dirndl gehns was an. Sie sind ihr Eigenthum: sie hat dieselbigen gesammelt, und Du hast sie ihr entrissen und auf den Boden geworfen.«
»Wer sagt das?«
»Ich habe es selbst gesehen! Du wirst sie zusammensuchen und sie ihr fein sauber wieder in den Korb thun.«
Der Silberfritz wurde bis an das Haar glühend roth.
»Meinst das wirklich?« fragte er.
»Ja, wirklich!«
»So thu's an meiner Stell! Der Silberfritz bückt sich wegen keines Menschen zur Erd herab!«
»Aber auf der Erd hast doch meinetwegen bereits selbst gelegen?«
»Weil ich heut krank bin und abgemattet. Aber gehorchen wie ein dressierter Pudel, das werd ich keinem Menschen, und Dir erst recht nicht. Verstanden?«
Liesbeth sah, daß der Kampf von Neuem auszubrechen drohte. Sie ergriff den Lehrer leise beim Arme und bat ihn in besorgtem Tone:
»Laß ihn gehen! Ich les mir die Schwammerln selber wiedern zusammen.«
»Nein, das sollst aber nicht.«
»Ich bitt gar schön!«
»Hier hilft Deine Bitt nix. Ich wills haben, und so wird ers auch thun müssen!«
»Meinst?« höhnte der Bursche.
»Jawohl!«
»Dann kannst wirklich mehr als Brot essen!«
»Halt, laß sie liegen!«
Diese in befehlendem Tone gesprochenen Worte galten dem Mädchen, welches sich bereits gebückt hatte, um die Pilze wieder in den Korb zu sammeln. Liesbeth fuhr bei dem Klange dieser strengen Worte wieder empor.
»Also vorwärts!« gebot der Lehrer, mit dem Stocke auf die Erde deutend.
»So kannst einen Hund anschnautzen, aberst mich nicht!« antwortete der Fritz. »Der Uebermuth wird Dir schon bald genommen werden! Jetzt geh ich.«
»Du bleibst!«
»Papperlapapp!«
Er wendete sich zum Gehen. Aber mit einigen raschen Schritten stand der Lehrer hinter ihm.
»Willst gehorchen oder nicht?«
»Nein.«
»So werd ich meinem Befehle Nachdruck geben.«
»Meinswegen vermag die Prügelei wiedern beginnen. Aberst diesmal gehts anderst als vorhin!«
Er griff nach dem Lehrer. Dieser aber versetzte ihm mit dem Stocke einen so wuchtigen Hieb auf den Arm, daß er denselben sogleich wieder sinken ließ. Sodann faßte Walther ihn beim Kragen und schleuderte ihn mit einem kraftvollen Ruck zurück, so daß der Silberfritz keinen Halt findend, zur Erde flog. Er wollte sich zwar sogleich wieder aufrichten, erhielt aber mit dem Stocke einen solchen Hieb über den Rücken herüber, daß er wieder niedersank.
»Nun! Jetzt heißts arbeiten!« rief Walther. »Ich scherze nicht.«
»Saukerl!« knirschte Fritz.
»Also los! Sonst – –!«
»Fallt mir doch nicht ein!« klang es bereits viel kleinlauter.
Die Antwort war ein abermaliger Hieb. Wüthend wollte Fritz aufspringen; aber es fiel jetzt so schnell Hieb auf Hieb auf seinen Rücken, daß er durch die Wucht dieser Streiche förmlich zu Boden gedrückt wurde. Er griff nach den Pilzen.
»Ah, endlich!« sagte Walther. »Nun aber schnell!«
Es war wirklich, als ob ein Thier dem Gebote eines intelligenten, überlegenen Menschen Gehorsam leiste. Der Silberfritz begann die Arbeit, erst langsam und zögernd, dann aber schneller und schneller. Als er ungefähr zur Hälfte fertig war, machte er einen Versuch, sich zu erheben.
»Jetzt ißts genug!« sagte er.
»Noch lange nicht!«
»Die sind zu klein!«
»Aberst grad die besten, gesündesten und delicatesten!« lachte Walther. »Die dürfen wir erst recht nicht liegen lassen. Beeile Dich!«
»Kannst auch mit helfen!«
»Pah! Ich habe meinen Diener!«
»Meinst etwan mich?«
»Wen sonst?«
»Donnerwettern! Das leid ich nimmer! Nun endlich ists genug. Jetzt wirds mir viel zu bunt!«
»Wirklich?«
»Ja. Jetzunder beginn ich, auch ein Wort zu reden!«
»Das hast schon längst than, aberst es hat Dir leider gar nix geholfen!«
»Jetzt wirds helfen!«
Er wollte vom Boden auf. Ein Hieb des unbarmherzigen Bezwingers trieb ihn wieder nieder.
»Schau, so gehts!« sagte dieser. »Du darfst nicht eher auf, als bis die Arbeit vollendet ist!«
»Bin ich etwan Dein Sclav!« keuchte der Besiegte.
»Jetzt, ja!«
»So sollst bald sehen, wie es anderst wird!«
»Meinswegen! Jetzt aber arbeitest weiter!«
Und wirklich, der Silberfritz nahm die unterbrochene Zwangsarbeit wieder auf. Als zuletzt nur noch kleine Stückchen am Boden lagen, wollte Fritz aufhalten; aber Walther deutete mit dem Stocke auf jedes einzelne Stück, Fritz las auch diese auf. Dann aber richtete er sich langsam empor, stellte sich in seiner ganzen Höhe und Breite vor seinem Sieger hin und fragte:
»Nun ists fertig; aberst eh ich geh, will ich noch Etwas wissen. Wer bist eigentlich?«
»Das kann Dir sehr gleichgiltig sein!«
»Gar nicht. Heut hast den ersten Trumpf gebracht; den letzten aber will ich ausspielen!«
»Dagegen hab ich nix.«
»Dann aberst mußt Du dabei sein!
»Sehr gern.«
»So will ich wissen, ob ich Dich wieder treffen thu.«
»Du wirst mich noch oft gern sehen.
»Wohnst in der Nähe hier?«
»Noch nicht. Aber ich werde bald da wohnen, wo Du mich täglich sehen kannst.«
»Das gefreut mich sehr. Da kann ich ruhig gehen und brauch mich nimmer zu schämen. Es wird sich zeigen, wer von uns Beiden der Sieger bleibt.«
»Ja, jetzt kannst Du gehen. Du hast Deine Arbeit gethan, und ich halte Dich nicht zurück. Leb wohl!«
»Hol Dich der Teuxel!«
Er ging.
Lisbeth stand neben ihrem Korbe. Sie betrachtete den Lehrer mit einem Blicke, aus welchem die größte Bewunderung sprach. Er nickte ihr freundlich zu und sagte:
»Wird er auch gehen?«
»Ich meine es.«
»Oder kommt er heimlich zurück, um irgend eine Hinterlist gegen uns auszuüben?«
»Nein. Der geht; der hat genug.«
»Es ist ihm Recht geschehen.«
»Aber was bist für ein – – für ein Herr!«
»Herr?« fragte er lächelnd. »Wolltest Du nicht ein ander Wort sagen?«
»Erst freilich! Was bist für ein Bursch, wollt ich sagen.«
»Warum hasts nicht gesagt?«
»Weil ich denkt hab, Du nimmsts übel.«
»Uebel? Bin ich so ein gar alter Mann, daß man mich nimmer einen Burschen nennen kann?«
»O nein, alt bist nicht, aber – aberst vornehm – – –«
»Ich? Vornehm? Hältst mich wohl für einen Baron?«
»Nein. Ein Lehrer ist doch kein Bauernbursch.«
»Woher weißt, daß ich Lehrer bin?«
»Von Regensburg her.«
»So kennst mich wohl gar noch?«
»Warum sollt ich Dich nicht mehr kennen? Es ist ja noch gar nimmer so lange her, daß ich Dich – – – –«
Sie schien sich auf Etwas zu besinnen und hielt erschrocken inne.
»Bitte, sprich weiter!«
»O, ich bin sehr – dumm gewest! Ich sag immer Du zu Ihnen!«
»Warum nicht?«
»Zu einem Lehrern? Zu einem Schulmeistern? Das gehört sich nicht.«
»Ich sag doch auch Du zu Dir!«
»Das ist was ganz Anderes.«
»So! Nun, ganz wie Du willst. Ich werde so zu Dir sagen, wie Du zu mir sprichst. Also Du oder Sie?«
Sie blickte verschämt sinnend zu Boden und antwortete:
»Ich bin ein arms Dorfdirndl.«
»Und ich ein armer Schulmeister.«
»Das ist kein Vergleich. Sie sagen Du zu mir, und ich sag halt Sie. Das ist das Richtige.«
Sie war in Eifer gerathen, und ihre Wangen hatten sich geröthet. Er sah erst jetzt eigentlich, wie hübsch dieses Mädchen war. Diese rehbraunen Augen; diese küßlichen Lippen; diese volle Büste; diese runden, gebräunten Arme, und doch Alles so keusch, so rein, so züchtig.
»Es bleibt dabei,« lächelte er. »Also wähle! Nennen wir uns Du oder Sie?«
»Dann – – lieber Sie.«
»Gut! Ich hab mich gefreut, als ich Sie vorhin erblickte, denn ich dachte daran, daß Sie mir eine Frage beantworten könnten. Wollen Sie?«
»Wenn ich kann, ganz gern.«
»Erinnern Sie sich noch, daß Ihre Herrschaft einmal Besuch hatte?«
»Es ist oft Besuch dort gewest.«
»Ich hab nur einen beachtet, obgleich ich grad gegenüber wohnte. Es war im vorigen Februar.«
»Ein Herr oder nicht?«
»Es war kein Herr, sondern eine junge Dame.«
»Eine Dame?« meinte sie nachsinnend. »Im Februar? Das kann nimmer richtig sein.«
»Und doch ist es so. Ihre Herrschaft wohnte neben einem Gasthofe. Im Saale dieses Letzteren veranstaltete ein Gesangverein ein Maskenfest. Ihr Herr war Mitglied dieses Vereins – – –«
»Ja, das weiß ich schon. Allemal am Samstag ist er in den Verein gelaufen und spät nach Haus kommen, mit einem Spitz, einem Käfern, oder gar einem Affen.«
»Ja, das kam vor.«
»Dann hat die Herrin zankt.«
»Das verdenke ich ihr gar nicht.«
»Er aberst hat sich nix draus macht, sondern dabei immer pfiffen und sungen, was er am Abend im Verein hat lernen müssen. Er hat stets so lange summt und brummt, bis sie still gewest ist.«
»Das verdenke ich nun auch ihm nicht. Aber wollen Sie sich vielleicht erinnern, daß an jenem Maskenfest er sich auch mit betheiligt hat?«
»Ja, das weiß ich schon. Es sollt ein Bärenführer macht werden. Da hat mein Herr den Bären vorgestellt und sich in eine Bärenhaut nähen lassen müssen.«
»Das stimmt.«
»Darüber ist die Herrin so zornig gewest, daß sie fast aus der ihrigen Haut fahren ist.«
»Welche Maske hat denn sie gehabt?«
»Sie war die Königin der Nacht.«
»Ja, ja, so ists richtig.«
»Sie hat einen großen, dunklen Schleiern über den Kopf hängt und lautern Papiersterne von Gold und Silbern darauf klebt.«
»Und gingen sie beide allein, Ihr Herr und Ihre Herrin? Besinnen Sie sich!«
»Nein, sie sind nicht allein gangen, sondern die Martha ist auch mit gewest.«
»Hm! Als was war sie verkleidet?«
»Als eine Prinzeß aus der Türkei.«
»Richtig, sehr richtig! Das war die junge Dame, welche ich meine.«
»Also die ist eine Dame? Nun, ich weiß halt nimmer, was oder wer eigentlich eine Dame ist.«
»Eine weibliche Person von nicht gewöhnlichem Stande.«
»So! Dann ist sie halt keine Dame, weil ihr Vätern ein Bauern ist.«
»Nicht ein Rittergutsbesitzer?«
»Nein. Er möcht sich halt gar gern so nennen; aberst ein Ritterngut hat er nicht.«
»Wer ist er denn?«
»Der? Nun, der ist eben der Silberbauer.«
Der Lehrer trat einen Schritt zurück. In seinem Gesichte spiegelte sich eine wirkliche Enttäuschung wieder.
»Der – Silber – – bauer!« wiederholte er.
»Ja freilich!«
»So ist diese Martha die Schwester des Menschen, den ich soeben durchgeprügelt habe?«
»Ja. Die Beiden sind des Bauern einzige Kinder.«
»Aber, aber – Sapperlot! Sie sprach gar nicht, als ob sie eine gewöhnliche Bauerstochter sei!«
»Ja, sie kann halt bereits vornehm thun. Sie spielt auf dem Pianissimo und redet auch ein Französisch. Sie ist zwei Jahr in Pension gewest.«
»Aber sagen Sie mir doch, aus welchem Grunde die Martha Ihre Herrschaft in Regensburg besucht hat.«
»Um sie mal zu sehen!«
»So meine ich es nicht. Ist sie bekannt mit ihnen?«
»Ja freilich. Meine Herrin ist die Schwestern von der Martha ihre Muttern. Sie hat meine Herrschaft Onkel und Tante genannt.«
»Ach so – so! Wo befindet sie sich jetzt?«
»Daheim.«
»Und was thut sie da?«
»Was soll sie thun? Sie spielt Pianissimo und hat auch manchmal eine Häkelnadeln in der Hand.«
»Weiter nichts? Ist sie nicht in der Wirthschaft tätig?«
»Nein. Auch fährts zuweilen spazieren in der Kutschen.«
»So, so! Also spielt sie die Dame.«
»Ja, wanns so gemeint ist, nachhero ist sie freilich eine Dame. Gut hat sies freilich, besser als alle Andern im Dorf.«
Sie blickte dabei trüb vor sich nieder. Obgleich Walther sich in Folge dessen, was er soeben erfahren hatte, auch nicht in einer glänzenden Stimmung befand, that ihm das Bild der Entsagung, als welches dieses hübsche und brave Mädchen vor ihm stand, herzlich weh.
»Auch besser als Sie?« nickte er theilnehmend.
Sie hob den Blick ihrer guten Augen zu ihm auf und antwortete:
»Ich? Halten Sie mich für unglücklich?«
»Das nicht grad, aber für arm.«
»Ja, arm find wir freilich; aberst unglücklich bin ich nicht. Mein Vatern hat mich lieb, und der Brudern hängt erst recht an mir mit seiner ganzen Seelen. Gesund bin ich auch, so daß ich herzhaft schaffen kann, und so könnt ich halt recht zufrieden sein, wann – wann – – wann nur Zweierlei nicht wär.«
Sie hatte das nur zögernd ausgesprochen.
»Zweierlei?« fragte er. »Also zwei Veranlassungen zum Kummer haben Sie?«
»Ja.«
»Darf man nichts darüber erfahren?«
»Was hilfts, wann ich auch davon sprech!«
»Sie erleichtern Ihr Herz.«
»O, das bleibt dennerst fest drauf liegen. Und wanns Lehrern bei uns werden, so werdens ja Alles schon bald selber derfahren.«
»Am Liebsten erfahre ich es von Ihnen selbst.«
»So! Nun, das Eine wird mir schwer, wann ich davon sprechen soll, denn der Vatern ist in Noth gewest – – –«
»Ach, Sie meinen die Angelegenheit mit den Kartoffeln?«
»Ja,« antwortete sie, indem sie die Augen niederschlug.
»Darüber brauchen Sie sich nicht zu kränken. Das ist ja vorüber, und Ihr Vater befand sich in sehr großer Noth, wie Sie ja selbst sagten.«
»Was? Sie wissens schon bereits?«
»Ihr Vater hat es mir gesagt.«
»Wann?«
»Vor einer Viertelstunde. Ich hatte mich verirrt und traf ihn im Walde. Er hat mich zurecht gewiesen, und wir sind recht gute Freunde geworden.«
»Das gefreut mich sehr, wann der Vatern freundlich zu Ihnen gewest ist. Er ist es sonst nimmer. Wann er mit Einem freundlich ist, das ist eine Ausnahme, auf die man stolz sein kann. Hat er Ihnen auch wohl Etwas von dem Brudern gesagt?«
»Daß er einen kränklichen Sohn hat?«
»Das ist eben meine zweite Sorg und Bangigkeiten.«
»Was hat er für eine Krankheit?«
»Kein Mensch weiß, wie mans nennen soll. Und weils halt Keiner weiß, so hat der Doctorn der Krankheiten einen gar langen und fremden Namen geben. Wer den Brudern so sitzen sieht, der sollt meinen, es sei die Verzehrungsschwindsuchten. Aberst sie ist es halt nicht, sondern etwas ganz andres.«
»Erhält er Medicin?«
»Der? Wer sollt dafür zahlen? Als es vor letzter Zeiten mit ihm zur Besserung war, bin ich als Magd nach Regensburg gangen. Für meinen Lohn hat der Vatern den Doctorn kommen lassen und die Medicinen zahlt. Da aberst ist es so schlimm worden, daß ich wiedern zuruck mußt hab. Weitern aberst giebts halt keinen Menschen, der den Arzt zahlen wollt für ihn.«
»Die Gemeinde, welche den Armenarzt honoriren muß.«
»Da dürft halt dera Silberbauern nicht der Schultheiß sein. Und nachhero will ich mir auch das Blut von denen Händen herabarbeiten, bevor ich mir sagen laß, daß ich mir von dera Gemeind ein Almosen erbitt!«
»Das ist brav, sehr brav! Was treibt denn der Bruder während der Krankheit?«
»Was soll er treiben! Zur Arbeit ist er halt viel zu schwach. So liest er, wann er ein Buch oder so was derwischen und geborgt erhalten kann. Am allerliebsten aberst thut er halt malen und zeichnen. Die allergrößt Freuden kann man ihm machen, wann man ihm ein Bleifedern schenkt und ein Bogen weiß Papieren. Da malt er in die Million.«
»Und was?«
»Ganz dummes und fremdes Zeug. Was es hier bei uns halt gar nimmer giebt. Affen, Elephanten, Tigern, Krokodilen und lauter solches Zeugs. Aberst auf jedem Bild, das er macht, ist wenigstens ein Elephant dabei, und daher wird er, weil sein Name Johann ist, also Hans, im ganzen Dorf nur der Elephantenhans geheißen.«
»Sonderbar! Woher hat er denn die Marotte, nur so fremde Thiere zu zeichnen?«
»Aus denen Büchern, die er lesen hat. Und Alles merkt er sich. Alles. Jeds Wort, was in diesen Büchern steht, weiß er auswendig. Es wird Einem halt ganz angst, wann man ihn von so gelehrten Dingen sprechen hört. Es will ihn hier gar nimmer leiden. Er will fort.«
»Wohin?«
»Ich weiß den Namen nimmer. Es ist auch so ein fremds Wort, was Einer nimmer über die Zungen bringt. Wissens, der Doctoren hat sagt, der Hans könnt leicht gesund werden, wann er in ein Land ging, was im Süden liegt, wo es warm ist. Da hat er nun meist nach solchen Büchern ausschaut, wos drinnen auch warm und südlich ist, voller Palmen und Löwen und Elephantern. Darum malt er lauter solche Sachen, und darum redet er nur davon, daß er dorthin möcht nach – nach – – –«
»Nach dem Orient?«
»Orient! Ja, ja, das ist das Wort, worauf ich nimmer kommen bin. Dahin will er.«
»Der Aermste! Dazu gehört Geld!«
»Wohl viel?« fragte sie naiv.
»Sehr viel!«
»Da derschreck ich fast. Ich hab im Stillen bei mir denkt, daß ichs doch vielleicht dermachen kann.«
»Was?«
»Das Geld zu verdienen. Schauns, in großen Städten, da erhält ein Dienstmädchen mehr Lohn als in kleinen. Da hab ich denkt, wann ich nach München geh und erhalt am Monat zehn Mark, so sinds hundertzwanzig im Jahr. Wann ich nachher zwei Jahren hindurch dienen thu und leg Alles zusammen, so sinds zweihundertundvierzig. Das ist doch ein ganz erstaunlich Geld, und ich sollt meinen, daß der Brudern dafür nach dem Orient gehen und gesund werden könnt.«
Sie rechnete ihn das mit einer Begeisterung her und in einem so vertraulichen Tone, daß es ihm so wohl und doch auch so weh im Herzen that. Dieses gute, schöne, aufopferungsfreudige Mädchen wollte Alles, Alles hergeben, um den Bruder gesund zu sehen. Durfte er ihre glückliche Illusion zerstören? Durfte er ihr sagen, daß selbst ein zehn Jahre langes Dienen und Sparen nicht zu der Summe führen könne, welche nöthig war, den Wunsch des kranken, wohl unheilbar kranken Bruders zu erfüllen? Nein, das wäre Grausamkeit gewesen! Er wollte die Familie und besonders den Bruder erst näher kennen lernen. Nachher konnte er eher ein Wort über diesen Plan des Mädchens sprechen. Darum antwortete er jetzt, ernst und nachdenklich nickend:
»Ja, das ist freilich eine tüchtige Summe.«
»Man könnt sich gar eine Kuh dafür kaufen und nachhero mit Milchen, Butter und Käs handeln. Aberst noch besser ists, der Hans wird gesund. Aberst wann ich von ihm fortgeh in den Dienst, nachhero wird es wieder schlimmern mit ihm, das weiß ich schon. Der Vatern kann mit seiner einen Hand nix verdienen, und wann ich fort bin, ists gar ganz aus.«
»Was arbeiten Sie daheim?«
»Allerlei. Ich halt unsere kleine Wirtschaften in Ordnung, geh zu denen Bauern, wanns eine Arbeiten im Feld oder im Garten giebt, und mach sodann auch heimlich für die Frauen und Töchtern, was sie nicht können.«
»Was wäre das?«
»Nun, ich hab in Regensburg meiner Herrin das Häkeln und das Sticken ablauscht und mich in dera Nacht übt, wanns denkt hat, ich schlaf. Hier in Hohenwald nun giebts Keine, die das kann, und so mach ichs für sie.«
»Aber die Martha kann es doch?«
»Ja, sie hats wohl lernt, aberst sie ist zu faul dazu. Da muß ichs arbeiten, und nachhero sagt sie, daß sie's macht hat. Das bringt mir gar manchen Groschen ein. Sie könnens glauben. Wann dies nicht wär, so müßten wir halt doch verhungern.«
»Bitte, wo wohnen Sie?«
»Beim Feuerbalzer.«
»Wer ist denn das?«
»Der war ein reicher Bauer; aberst er ist schnell arm worden, weil er mit dem Silberbauern ganze Nächte lang spielt hat um die Thalers und Gulden und wohl oft auch um die Dukaterln. Nachhero ist sein Gut eines Nachts wegbrannt, und darüberst ist er gar verruckt worden. Jetzt geht er umher und weiß nimmer, was er thut. Aber ich möcht nun fast verschrecken, daß ich so dasteh und mit Ihnen schwatz. Ich muß ja noch nach dera Stadt hinein!«
»Haben Sie dort nothwendig zu thun?«
»Ja. Ich will diese Schwammerln hineinschaffen. Da erhalt ich grad so viel, daß ich mir eine kleine Duten mit Kaffee kaufen kann. Wissens, dera Vatern trinkt gern den Kaffee. Das ist sein Leben, wann er so eine altbackene Brotrinden hineinbrocken kann. Und nachhero bleiben mir auch noch ein paar Pfennige über für einen Bogen Zeichenpapier für den Brudern. Jetzt also muß ich fort.«
»Ich geh noch ein Stuck mit Ihnen.«
»Ich hab denkt, Sie wollen ins Dorf hinein?«
»Ja.«
»So geht mein Weg anderst als der Ihrige.«
»Ich denk, Sie müssen durch das Dorf?«
»Eigentlich ja. Aberst weil ich so lang hier standen bin und die schöne Zeiten versäumt hab, so muß ich das jetzund wieder einholen und werd nun gleich grad durch den Wald hineinlaufen.«
»Sie werden doch nicht etwa wieder auf den Silberfritz stoßen!«
»O nein. Vor dem hab ich nun alleweil Ruhe.«
»War es das erste Mal, daß er Sie in dieser Weise belästigt hat?«
»O, was denkens? Der hat auf mich lauert auf Schritt und Tritt: aberst so arg wie heut ist er doch noch nie gewest. Ich weiß halt gar nicht, wie ichs Ihnen danken soll. Sie sind mir grad wie ein Rettern in dera größten Noth derschienen.«
»Das bedarf keines Dankes.«
»O doch! Ein Andrer hätt sich gar nimmer an den Silberfritz wagt, denn der ist als der stärkste Bursch in der ganzen Umgegend bekannt. Wer Sie so anschaut, der kann halt gar nicht denken, daß Sie so eine gar besondere Körperkräften besitzen.«
»So? Ich seh also nach gar nichts aus?«
Er sagte das im Tone scherzhafter Beleidigung. Sie glaubte, es sei Ernst, und so antwortete sie schnell:
»So wars halt nicht gemeint, bei Leibe nicht! Sie sehen schon nach was aus! Das versteht sich!«
Dabei glitt ihr Blick in unbewußtem Wohlgefallen über seine zwar nicht auffallende aber doch sehr stattliche Gestalt.
»Nun, nach was denn?« fragte er.
»Nach – nach – ja, wer kann das sagen! Dazu bin halt ich gar viel zu dumm. Hübsch sehens aus und reputirlich, gut und brav und wie Einer, der was lernt hat und sich vor Niemand nicht zu fürchten hat.«
»So gefalle ich Ihnen?«
Bei dieser Frage wurde sie glühend roth. Dennoch aber antwortete sie sogleich:
»Freilich wohl. Ich hab schon damals gern nach Ihnen geschaut, als ich in Regensburg dient hab. Wissens, das ist grad so, wie wann die Gans sich das Roß anblickt. Sie wird gerupft und kostet zwei Mark; das Roß aber ist das vornehmste Thier auf dem Gut und kostet wohl gar über tausend Mark. Jetzt nun muß ich schönen Dank sagen für die Hilf, die Sie mir bracht haben. Wann ich Ihnen einen Gefallen thun könnt, einen recht gar großen, so wollt ichs von Herzen gern thun.«
»Das freut mich sehr. Menschen haben einander nöthig, und so ist es möglich, daß ich mir recht bald von Ihnen einen kleinen Dienst erbitten muß. Aber da am Ende fällt mir ein, daß wir so viel von dem Silberbauer gesprochen haben, und ich hab aber noch gar nicht nach seinem Namen gefragt.
»Claus heißt er. Aber wanns mit ihm sprechen, so sagens ja nicht so blos weg Claus, sondern Herr Claus.«
»Das versteht sich ganz von selbst.^
»Aberst dieses Herr muß bei ihm ganz besonders betont werden. Am allerliebsten aberst läßt er sich Herr Silberbauern nennen. Merkens wohl!«
»Ich ahne bereits, daß ich nicht allzu höflich mit ihm verkehren werde. Doch haben Sie Dank für Ihren guten Rath. Ich will Sie nun nicht länger aufhalten. Behüt Sie Gott, Liesbeth.«
Er streckte ihr die Hand entgegen. Sie legte die ihrige hinein und sagte, beinahe verschämt:
»Sie wissen, daß ich Liesbeth heiß?«
»Ihr Vater hat den Namen genannt, und auch bereits in Regensburg kam es vor, daß ich ihn hörte – wenn Sie zum Beispiel einen Gang zu thun hatten und sich bereits auf der Straße befanden, und Ihre Madame rief Ihnen noch Etwas aus dem Fenster nach. Sie müssen nämlich wissen, daß ich Sie immer gern so von Weitem beobachtet und angeschaut hab.«
»Jetzt spottens über mich!«
W. z. G. »Davor sollte mich Gott behüten! Ich habe Freude gehabt, daß Sie immer so nett und blitzsauber gingen.«
Er hielt ihr Händchen noch immer in der seinen. Sie senkte den Blick und meinte:
»Nett und blitzsauber? Herrgottle, wanns halt auch so wär! Aber wann man gar so arm ist und kaum Etwas hat zum Anziehen, so ists halt gar schwer, so zu sein, wie ein accurat Weibsbild sein muß. Wann Unsereins sich ein Röckerl oder eine Schürzen kaufen will, da muß man sichs vorher am eignen Mund absparen, wann man nicht gar den Vatern und den Brudern darben lassen will.«
»Ich glaubs, ich glaubs!« sagte er ernst. »Aber es wird Ihnen wohl auch einmal besser gehen als jetzt. Ich habe mich herzlich gefreut, Sie wiederzusehen und will Sie nun ja nicht länger hindern, Ihrem Verdienste nachzugehen. Leben Sie wohl, Liesbeth!«
»Behüts Gott, Herr Lehrern!«
Sie schüttelten sich herzhaft die Hände und trennten sich. Sie ging grad in den Wald hinein, und er folgte dem Wege, welchen der Finkenheiner ihm beschrieben hatte, und welchen vor ihm auch der Silberfritz gegangen war, um sich nach dem Dorfe zu begeben.
Dieser Weg folgte den Erhöhungen und Senkungen des Bodens, war bald breiter und bald enger, je nachdem das Terrain es gestattete, und schien sehr fleißig betreten zu sein.
Bei einer solchen Bodensenkung wurde er zum engen Hohlwege, welcher steil abwärts und dann ebenso steil aufwärts führte. Da erblickte Walther eine alte Frau, welche an der Seite des Weges stand und sich schier über ihre schwachen Kräfte mit einem Tragkorb abmühte, den sie nicht auf ihren Rücken bringen konnte. Der Korb war hochauf mit dürrem Lesholz gefüllt, wie arme Leute es ja im Walde zusammensuchen dürfen. Um ihn auf den Rücken nehmen zu können, hatte die Alte ihn auf die Böschung gestellt; sie selbst stand unten auf dem Wege und bemühte sich, die beiden Tragbänder über ihre Achseln zu ziehen und unten wieder am Korbe zu befestigen. Aber so oft sie diesen Versuch machte, merkte sie, daß der zu sehr beladene Korb für sie viel zu schwer sei.
Sie mußte arm sein, sehr arm. Sie war barfuß und hatte jedenfalls nur einen einzigen Rock an. Dieser, aus roth und schwarz gestreiften Flanell gemacht, war vielfach zerrissen gewesen und sorgsam wieder geflickt worden. Aber leider hatten die Flickflecke nicht nach der Farbe des ursprünglichen Zeuges gewählt werden können, und so waren an diesem Kleidungsstücke fast alle Farben des Regenbogens zu sehen. Oberhalb dieses Rockes trug die Alte ein schwarzes, bis hoch an den Hals gehendes Leibchen. Eine blaue, auch sehr geflickte Schürze war über den Rock gebunden, jetzt aber aufgerafft worden, weil die Frau irgend Etwas darinnen verwahrt trug. Eine Jacke oder einen Spencer gab es nicht, und so ragten die dürren, runzeligen Arme nackt aus dem Leibchen hervor, eben nur von den kurzen Aermeln eines groben, auch ausgebesserten Hemdes bedeckt. Ein Kopftuch oder eine sonstige Kopfbedeckung war auch nicht vorhanden und das graue Haar ganz kurz abgeschnitten, grad wie bei einem Manne. Das gab der Alten ein nicht eben sympathisches Aussehen. Und doch zeigte das runzelvolle, von der Sorge der Noth abgemagerte Gesicht noch Spuren, welche darauf schließen ließen, daß es einst sehr hübsch, vielleicht sogar schön gewesen sei.
Als diese Greisin den Lehrer kommen sah, schmiegte sie sich so eng an die Wegböschung, daß er ja ganz bequem vorüber könne, ohne sie zu berühren. Dabei machte sie einen ehrerbietigen Knix und grüßte:
»Gelobt sei Jesus Christus.«
»In Ewigkeit!« antwortete er.
Als er dabei sein Auge auf sie richtete, blickte sie ihn so stumm flehend an, daß es ihn innerlich erbarmte. Diese Frau mußte viel ausgestanden, viel innerliche und äußere Noth erfahren haben.
»Haben Sie Hunger?« entfuhr es ihm.
Sie sah aber auch wirklich ganz so aus, als ob seit langer Zeit kein Bissen über ihre Lippen gekommen sei. Sie öffnete den Mund, als ob sie antworten wolle, gab aber ihre Antwort dennoch stumm. Sie schüttelte den Kopf und öffnete ihre Schürtze, um ihm eine kleine Anzahl Pilze sehen zu lassen, welche sich in derselben befanden. Er verstand nicht, was sie meinte, und erkundigte sich also:
»Warum soll ich diese Pilze sehen?«
»Weils mich fragen, ob ich Hunger hab.«
»Ach so! Was meinten Sie also damit?«
»Daß ich keinen hab, weil ich Pilze gessen hab.«
»Gleich so roh, wie sie hier sind?«
»Ja.«
»Mein Gott! Wer kann solche Schwämme essen, bevor sie zubereitet sind!«
»Wer kein Geld – aberst dafür Hunger hat.«
»Haben Sie kein Brod daheim?«
Sie schüttelte traurig den Kopf.
»Und auch nichts Anderes?«
»Ein paar Stoppelrüben noch vom vorigen Jahr.«
»Aber da können Sie doch gar nicht existiren!«
»O wir existiren schon bereits eine lange Zeit so. Jetzt haben wir freilich Hunger. Aberst wann ich mit dem Holz nach Haus komm, nachhero können wir Feuern machen und die Rüben kochen und auch die Schwammpilzen dazu.«
»Und nachher?«
»Ja, nachhero – dann gehn wir zu Bett.«
»Und morgen?«
»Da wirds halt wieder so wie heut.«
»Habt Ihr kein Feld?«
»Keinen Teller voll Land.«
»Aber ein Handwerk, ein Geschäft?«
»Auch nimmer. Ich bin an die sechsundsiebzig Jahre; mein Sohn ist nimmer richtig im Kopf und kann nix verdienen, und meine Schwiegertochtern liegt krank auf der Streu und jammert den ganzen Tag über weiter nix, als daß sie Hungern hat und Schmerz dazu.«
»Mein Gott! Erbarmt sich denn Niemand über Euch!«
»Wer denn? Etwan der Silberbauern? Der spuckt uns höchstens an, wann er uns derblickt. Oder die Andern, die auch nix haben, weil er ihnen Alles nommen hat, grad wie uns? Nein! Wann nicht die Liesbeth zuweilen kommt und mir ein Stück Brod heimlich zusteckt, so hab ich nix als Rüben und Pilzen jetzunder.«
»Meinen Sie die Tochter des Finkenheiner?«
»Ja.«
»Die hat doch selber nichts!«
»Die? Ja die ist grad so arm wie wir; aber sie hat doch immerst Etwas für uns, einen Happen Brod, ein warms Kartoffel, eine Spinatensuppen, dies aberst aus Brennesseln macht hat; auch ein kleins Backobsten bringts zuweilen, und in voriger Woch hats gar ein Stuckerl Fleisch bracht. Wohers das gehabt hat, das weiß halt auch nur der liebe Herrgott. Sagen aberst thuts nix davon. Das Dirndl ist der wahre Engel für uns und auch für andre Leutln.«
»Wie lange sind Sie heut bereits im Walde?«
»Seit fruh Morgens drei.«
»So lange haben Sie Holz gesammelt?«
»Ja, und Pilzen gessen.«
»Da müssen Sie aber doch todmüde sein!«
»Freilich wohl.«
»Und da wollen Sie den schweren Korb noch tragen?«
»Muß ich nicht?«
»Aber Sie können ihn ja nicht einmal heben!«
»Wann ich ihn nur erst mal auf dem Rucken hab, nachhero wank ich schon auch mit demselbigen fort.«
»So lassen Sie doch einen Theil des Holzes zurück! Dann bringen Sie das Uebrige leichter fort.«
»Ja, mein gutes Herrle, das thät ich schon, wann nicht morgen der heilige Sonntag wär. Da kann ich doch nicht in den Wald, und bis zum Montag reicht doch das Holz nachher immer aus. Am Sonntag geh ich nicht in den Wald. Da will ich meine Kirchen haben, meine Predigt und ein Liedl dazu. Das ist das Einzge, was man auf dera Erden noch hat, bevor man stirbt. Wann ich den Trost nimmer hätt, so wär ich schon längst vergangen vor Gram und Herzeleid.«
»Wo wohnen Sie denn?«
»In derra Flachsdörre.«
»Was! In einer Flachsdörre wohnen Sie?«
»Ja freilich. Und wir sind gar noch froh, daß wir es so gut derwischt haben. Sie müssens nämlich wissen, daß die Flachsdörre ein gar großes Gebäuden ist. Unten ist dera Ofen west, wo dera Flachsen geröstet worden ist, und oben drüberst hat ein alter Bauersmann wohnt, der die Dörre baut hat und sich dabei ausbedungen, daß er bis an sein End frei da oben wohnen kann. Jetzt nun aberst wird in unsern Gegend kein Flachs mehr baut, seit der Silberbauern die ganzen Felder für sich zusammenworfen hat. Das, was die Andern haben behalten dürfen, brauchens jetzund, um ein Bisle Kartoffel, Roggen, Gerst und Hopfern darauf zu thun. Für dera Flachsen aberst giebts halt keinen Platz mehr. Darum wird die Dörre nimmer braucht, und nun wohnen wir darinnen, unten wir und oben über uns dera Finkenheiner.«
»Wie? Dann seid Ihr wohl die Mutter des Feuerbalzer?«
»Ja, die bin ich schon. Sie kennen mich also?«
»Gehört hab ich von Ihnen.«
»Freilich, mir ists an meiner Wiegen auch nicht sungen worden, daß ich mal in den Wald muß, Holz zu lesen und dabei Schwammerln essen. Ich hab gar andre Zeiten durchgemacht; das könnens mir gut glauben. Ich bin im seidnen Kleid gangen, mit dem Mieder von Sammet und goldene Spangerln daran; aber – –«
Es waren ihr die Thränen in die Augen getreten. Sie hielt inne, sich dieselben abzuwischen.
»Ich bedaure Sie!« sagte der junge Lehrer mitleidig. »Es ist dabei ein großes Glück, daß Sie Ihren Glauben und Ihr Gottvertrauen nicht verloren haben.«
»O, meinen Gott, den geb ich nicht her; den halt ich fest bis zum letzten Athemzuge! Der ist ja mein einziger Trost im Leben und im Sterben. Sie habens wohl nimmer die Noth kennen lernt und – –«
»Ich?« lächelte er wehmüthig. »Da irren Sie sich. Ich bin ein armes Waisenkind. Ich weiß, wie trocknes Brod schmeckt und der Stock dazu, wenn man einen brutalen Pflegevater hat. Ich hab arg gehungert und gekummert, um Das zu werden, was ich bin. Aber der liebe Herrgott hat auch mir geholfen. Und grad weil ich meine Hunger- und Kummerzeit nie vergessen werde, fühle ich mich als Bruder Aller, die mühselig und beladen sind.«
»Schauns, das ist ja recht schön von Ihnen! Solche Leutln findet man jetzt selten, und bei uns im Dorf alleweile fast gar nimmer. Darf ich dennerst fragen, was der Herr noch worden ist, nachdem er ein arms Waisenkind wesen war?«
»Schullehrer.«
»Ein Schulmeistern sinds? Hab mir doch gleich so was denkt! Das gefreut mich sehr. Da habens einen schönen Beruf, aberst auch einen gar schweren. Seins nur froh, daß nicht Lehrer hier in Hohenwald sind!«
»Warum?«
»Mit dem ists halt gefehlt.«
»Weils eine Strafstelle ist?«
»Deshalb auch. Es war keine Strafstellen gewest vorher; aberst seit der Silberbauern das Heft in die Hand nommen hat, ist alles anderst worden, viel schlimmer als vorher. Da mag Niemand die Lehrerschaft hier haben, und darum wird halt immer Einer herschickt, mit dems irgendwie und irgendwo einen Haken hat. Das ging wohl an. Aberst das Allerschlimmst ist, daß der Lehrern hier nicht geachtet wird, sondern vielmehr grad verspottet.«
»Warum?«
»Weiß ichs? Niemand weiß, wie das so nach und nach kommen ist. Die Stellen bringt nicht viel ein, und so hat der Lehrern stets mit denen Bauern scharwenzeln mußt, um eine Wursten, eine Buttern, ein Brod zu erhalten, damit er auskommen kann. Das hat dera Reputationen Schaden than, und jetzund ists nun so gestellt, daß der Lehrern gar dena Hanswurstl machen muß für den Silberbauern. Wann er das nicht thut, so hält ers gar nimmer aus.«
»Ists gar so schlimm?«
»Jawohl! Der Jetzige hats gar nicht lange Zeit trieben. Er ist vom Bauern verführt worden und hat im Wirthshaus sessen, anstatt in dera Schulen. Da habens ihn halt fortgejagt. Gestern ist er weg, weit fort. Man sagt, er sei Schreiber worden bei einem Adverkaten. Heut nun soll dera Neue kommen. Wann er nicht käm, so könnt morgen gar nicht mal Kirch gehalten werden von wegen der Orgel.«
»So ist man wohl neugierig, was für ein Mann er sein wird?«
»Freilich wohl. Am Neugierigsten ist der Silberbauern. Er hat den Dorfwächtern ausgesandt auf dera Straßen nach der Stadt. Der soll ausschaun, ob Einer kommt, der wie ein Schulmeistern ausschaut, und ihn sogleich ins Wirthshaus bringen.«
»Ach so!«
»Ja, so schauts aus! So beginnts, und so ähnlich muß es nachhero auch enden.«
»Weiß man denn nichts Bestimmtes über ihn?«
»Nein.«
»Freilich ein gar sehr braver wirds wohl auch nicht sein, eben weil er zu uns gesandt wird, und der Herr Pfarrern hat sich auch bereits wegen ihm mit dem Silberbauern zankt.«
»Wieso und warum?«
»Der Lehrern hat stets beim Silberbauern wohnt, droben überm Pferdestall. Er hat ihm die Schreiberei versorgen müßt, die in der Gemeind vorkommen, denn der Bauern ist der Schultheißen und schreibt nicht gern. Dafür hat dera Lehrern die Stub erhalten, und dera Bauern hat ihn gleich gut bei der Hand gehabt, zur Bedienung, zum Trinken und gar auch zum Allodria. Dera Neue aberst hat das vielleichten nicht wußt und darum seine Büchern und andre Sachen, als er sie vorausschickt hat, an den Herrn Pfarrern veradressirt. Das hat dera Silberbauern nicht leiden wollen. Er hat die Sachen heraus verlangt. Der geistliche Herr aber hat sagt, was an seine Adressen kommt, das hab er auch zu verwahren. Nun soll der Lehrer auf dera Straßen auffangt und gegen den Pfarrern hetzt werden. So geht halt gleich dera Teufel los.«
»Wann dies so ist, so ist der neue Lehrer nicht sehr zu beneiden.«
»Gar nimmer. Wann nur mal Einer käm, der sich vor dem Bauern nicht fürchten, sondern ihn gehörig anknurren thät wie ein Kettenhund. Das thät gar Manchen freuen, und nachhero könnts vielleicht im Ort auch besser werden.«
»Dafür sollte doch eigentlich der geistliche Herr sorgen. Nicht?«
»Vielleicht wohl. Aberst er ist bereits sehr alt, und sein Gemüth paßt nicht zum Streit. Er ist eine Seel und ein Herz. Er kann kein Wässerlein trüben. Doch sich mit dem Silberbauern balgen, dazu ist er dera Mann nicht. Nein, ein Schullehrer muß kommen, der noch jung ist und voller Muth und sich nimmer fürchtet, vor dem Teuxel nicht und auch vor dem Silberbauern nicht. Ich, wann ich derjenige war! Herrgottsakra, wollt ich dreinfahren!«
Sie ballte die Hand und hob sie drohend empor.
»Sind Sie denn gar so schlimm auf den Claus zu sprechen?«
»Hab ich etwan nicht Ursach dazu?«
»Ich bin fremd und weiß es nicht.«
»Und ich red gar nimmer gern davon. Aberst Sie sind freundlich gewest mit mir, und da geht mir halt das Herz über. Drum will ich sagen, daß ich all mein Unglück nur ihm allein zu danken hab.«
Sie blickte düster vor sich nieder. Er störte sie nicht. Dann erhob sie den Kopf und fragte:
»Kennens halt die Karten?«
»Ja.«
»O Jerum! So spielens vielleicht auch selber?«
»Zuweilen.«
»Da hat dera Teufel seine Krall auch bereits nach Ihnen ausstreckt.«
»Meinen Sie?« fragte er, indem es leise um seine Lippen zuckte.
»Ja. Wer dem Spielteufel mal den keinen Fingern geben hat, den zieht er nachhero an der Hand und am Arm hinein in die Höllen. Lassens sich verwarnen. Ich hab das kennen lernt. Mein Sohn war ein braver Kerl. Er hat sein Weib lieb gehabt und mich dazu. Da hat ihm der Silberbauern die Karten zeigt, und von diesem Augenblick an ists aus gewest mit dem Glück. Da, hier steh ich halt. Schauns mich an! Das ist die reiche Balzerbäurin, die ihre Gulden und Thalern mit dem Maß gezählt hat. Wie schauts jetzunder aus? Kein Strumpf und kein Schuh und keinen Spencer! Und in der Kirch kriecht sie hinter den Balken, damits nur nicht gesehen und verspottet wird. Und wer ist schuld? Der Eine, Der, Der!«
Sie drohte abermals mit der gehobenen Faust nach dem Dorfe zu. Dann fuhr sie fort:
»Und noch wärs halt nicht gar so schlimm worden, wenn das Feuer nicht ausbrochen wär grad in dera Nacht, in welcher das gar viele Geld bei uns gelegen hat.«
»Das ist wohl mit verbrannt?«
»Ja, Alles, Alles!«
»Das ist freilich schlimm!«
»Schlimm? O, das sagt gar nix, das Wort schlimm. Es giebt halt gar kein Wort, um auszusagen, was nachher gefolgt ist, und was wir haben erleiden müssen. Mein Sohn hat sichs so zu Herzen nommen, daß er überschnappt ist und verrückt worden. Jetzunder läuft er umher, gar nimmer wie ein Mensch. Du lieber Herrgott! Und dazu die Schwiegertochtern krank! Und ich so alt, daß ich nix mehr verdienen kann als die paar Pfennige, die ich erhalt, wann ich mal so einen Korb voll Lesholz verkauf!«
»Wie viel bekommen Sie da?«
»Einen Groschen.«
»Das ist unmöglich.«
»Meinens, daß mehr zahlt wird, hier mitten im Wald, wo ein Jeder ins Holz gehen darf? Ich sag Ihnen halt, daß drei Wochen vergangen sind, und ich hab keinen Pfennig in meiner Hand gefühlt.«
»Sie arme, arme Frau!«
»Arm? O, wanns nur das wär! Das wollt ich schon mit Geduld vertragen. Ich bin einst hochmüthig gewest, und der Fetzen, den ich mir kauft hab, hat nicht gut und theuer genug sein können. Dafür hat mich der Herrgott gestraft, und ich sag halt, daß ichs verdient hab. Aberst es ist ja noch viel schlimmer. Nicht arm allein bin ich, sondern alt, elend und jämmerlich. Meine Schwiegertochtern liegt daheim und kann nimmer auf vor Schwachheit. Sie hat ein Nervenfiebern habt, und es ist halt zum Verwundern, daß sie's ausstanden hat. Wann die Liesbeth nicht wesen wär, so hätts sterben mußt. Nun aberst soll sie eine kräftige Suppen haben. Wer aber giebt mir das Geld dazu?«
»Ich.«
Sie fuhr förmlich vor ihm zurück, als er dieses kleine Wörtchen sprach.
»Sie? Das glaub ich nimmer!«
»Warum wollen Sie es nicht glauben?«
»Weil ich in so langer Zeit keinen Menschen funden Hab, der mir in meinem Elend hat beistehen wollt.«
»Auch die Liesbeth nicht?«
»Die allein!«
»Ihr Vater, der Heiner?«
»Auch Der. Diese Beiden. Nun aberst ists auch gleich aus mit der ganzen Zahl von denen Leutln, die ich hier nennen könnt.«
»So nennen Sie auch mich mit ihnen. Wollen Sie mir erlauben, Ihnen einstweilen so viel zu geben, daß Sie Fleisch zu einer Krankensuppe kaufen können?«
Er zog sein Portemonnaie aus der Tasche.
»Herrgott! Er macht wirklich Ernst!« sagte sie in einem Tone, als ob sie darüber erschrecke.
»Natürlich! Oder halten Sie es für möglich, daß Jemand über Ihr Elend scherzen könne?«
»Viele, Viele habens than!«
»Nun, so giebts auch Andre, welche dies für die größte Sünde halten würden. Hier haben Sie.«
Er hielt ihr die Hand entgegen. Sie aber streckte die ihrige nicht aus, sondern sie versteckte dieselbe unter ihre Schürze.
»Wollen Sie es nicht nehmen?« fragte er bittend.
Sie sah ihn wie geistesabwesend an.
»Soll ich – soll ich?« flüsterte sie leise.
»Sie sollen! Sie müssen sogar!«
»Nein. Ich darf nicht!«
»Warum nicht?«
»Ein armer Waisenjunge – gehungert und gekummert – trockenes Brod und den Stock!« wiederholte sie die Worte, welche er ihr vorhin von seiner Vergangenheit gesagt hatte.
»Das ist ja längst vorüber!« warf er ein.
»Nein. Sie sind selber arm!«
»Ich hab so viel übrig, daß ich Ihnen diese Kleinigkeit ganz gut geben kann. Sie müssen es nehmen. Sie müssen gehorchen! Ich befehle es Ihnen!«
Er hatte dies mit erhobener Stimme gesprochen. Sie zuckte zusammen und streckte ihre Hand aus, doch in einer Weise, als ob sie es nur aus Furcht thue. Er legte ihr die Gabe hinein. Als ihr Blick auf dieselbe fiel, wurden ihre Augen groß und starr.
»Herrgott im Himmel! Zwei Thalern! Zwei ganze, ganze Thalern! Hier, hier, hier!«
Sie streckte ihm die beiden Silberstücke wieder hin.
»Was wollen Sie denn?« fragte er.
»Ich kanns nicht nehmen, nein, nein, nein!«
Es klang fast, als ob sie Angst vor dem Gelde hätte.
»Warum denn nicht?«
»So viel giebt Keiner!«
»Aber ich doch!«
»Weshalb? Wozu? Was soll ich dafür thun?«
»Nichts, gar nichts. Sie sollen zum Fleischer gehen und Fleisch kaufen für sich und für die Schwiegertochter. Etwas Anderes sollen Sie nicht.«
»Es ist keine Versuchung dabei, keine Verführung, wie beim Silberbauern?»
»Nein.«
»Schwörens darauf.«
»Ich versichere, daß ich von Ihnen für dieses Geld nichts und aber auch gar nichts verlange. Hier haben Sie meine Hand darauf.«
Er streckte sie ihr entgegen. Sie aber griff nicht nach ihr. Sie sank langsam, langsam auf ihre Kniee, drückte die zitternden Hände, in denen sie die zwei Thaler hielt, gegen ihre Brust, ihre Stirn, an ihre Lippen, küßte das harte, gefühllose Metall und sagte:
»Mein lieber Herrgott droben, jetzt hast mir Deinen Engel gesandt, grad jetzt in der schwersten Stund, die ich derlebt hab. Was ich hab thun wollt, das hast mir nicht angerechnet, sonst hättst mir die Hilf nicht gesandt. Es war zu End mit meiner Kraft und zu End mit meinem Muth. Und nun ists doch noch nicht zu End. Es giebt noch Menschen und noch Engel! O Gott, o Gott, o Gott!«
Sie begann laut und bitterlich zu weinen.
Walther lehnte sich an die Böschung des Weges, um zu warten, bis sie ruhig geworden sei. Das geschah erst nach längerer Zeit. Es wurde ihr zu schwer, ihre Aufregung zu bemeistern. Dann erhob sie sich und ergriff seine Hand, um sie an ihr Herz und an ihren Mund zu drücken. Er zog sie aber rasch zurück.
»Nein, lassens mir die Hand!« bat sie. »Ich muß sie haben, ich muß!«
Sie griff wieder darnach, hielt sie fest und drückte ihre Lippen darauf.
»Wissens, was diese Hand than hat?« fragte sie.
»Nichts Großes!«
»O, gar das Größt, das Allergrößt, was nur eine Hand thun kann auf dera Welt.«
»Ihnen eine kleine Gabe gereicht hat sie. Was ist das weiter! Sprechen wir nicht davon.«
»O nein, nicht nur das hats than, sondern viel, viel mehr. Das Leben gerettet hats mir!«
»Was – was – –!«
Er blickte sie erschrocken an.
»Ja,« nickte sie ernst.
»Sie – hätten – sich – das – Leben– nehmen – wollen –?« fragte er in Absätzen.
»Ja. Der Herrgott wirds mir nicht anrechnen. Ich hab dacht, daß ichs halt nimmer aushalten könnt. Heut Abend hab ich in das Wassern gehen wollt.«
»Mein Himmel!«
»Ja, ganz gewiß wär ich hineingegangen, wann Sie nicht kommen wären. Ich weiß, daß ein lieber Herrgott im Himmel ist; aber meine Kraft war vorbei für Das, was ich zu tragen hab. Mehr, als man Kraft hat, kann man ja nimmer thun oder dulden.«
»Das ist wahr, aber Gott der Herr, der allweise, allliebend und allwissend ist, legt keinem mehr auf, als er zu tragen vermag.«
»Mir wards doch zu viel.«
»Nein. Sie haben es nur gedacht, daß es zu viel würde. Der Herrgott hat wohl gewußt, wie weit Ihre Kräfte reichen würden. Als es mit denselben auf die Neige ging, hat er Ihnen Hilfe gesandt.«
»Durch Sie.«
»Ja, durch mich; deß bin ich froh und glücklich. Aber stand es denn wirklich so bös in Ihrem Hause, daß Sie auf einen so schlimmen Gedanken kamen?«
»Es war schlimm, so schlimm, daß ich gar keinen klaren Gedanken mehr gehabt hab. Nur weg hab ich wollt, weg, ganz weg.«
»Und daran haben Sie nicht gedacht, daß es eine Todsünde sei, was Sie thun wollten?«
»Ich hab halt schon sagt, daß ich gar nix mehr dacht hab. Die Schwiegertochtern hat gewimmert und geweint vor Hunger, und der Heiner und die Liesbeth haben auch nix mehr geben konnt. Das gute Dirndl hat selber seit gestern hungert und heut in der Früh ihrem Vatern das letzte Stuckerl Brod mit in den Wald geben –«
»Und das hab ich ihm weggegessen!«
»Sie? Wie ist das kommen?«
»Hätt ich das gewußt! Hätt ichs gewußt! Ich hatte zwar auch wirklich Hunger, mehr aber als aus Hunger that ich es in der Absicht, ihm zu zeigen, daß ich eine Gabe von ihm hoch schätze.«
»So habens ihn im Wald troffen?«
»Ja. Und auch seine Tochter Liesbeth.«
»Hat sie Pilzschwammerln funden?«
»Ja.«
»Sie hats in die Stadt tragen wolle, damit der Vatern heut am Abend was zu essen hat.«
»Die gute, gute Tochter! Also auch mit Ihnen hat sie ihr Brod getheilt?«
»Ihr allerletztes. Nachhero hatten wir nix weitern. Die Schwiegertochtern hat geweint, und der Sohn hat auf der Streu gesessen und sich immer gekrümmt und um Gnad gebettelt, daß es zum Derbarmen gewest ist und ich hab glaubt, daß ichs nimmermehr aushalten kann. Da hab ich denkt, noch einen Korb voll Holz zu holen und hernach ins Wassern zu gehen.«
»O, Ihr Kleingläubigen! Warum zweifelt Ihr!«
»Wanns Einer wären, der die Noth nicht kennt, so thät ich anderst antworten. So aberst kann ich nur sagen, daß die Trübsalen mir wirklich bis herauf an die Kehlen gangen ist. Es war zum Dersticken.«
»Ich glaube es wohl. Nun aber können Sie wieder athmen, und wenn ich es vermag, sollen Sie nicht wieder in so schwere Sorge fallen.«
»Ja, ich glaubs, daß Sie's thäten, wanns könnten. Aberst das ist doch nicht möglich.«
»O, ein Stück Brot hab ich immer übrig.«
»Aber bei uns sinds nicht.«
»Nicht? Freilich werd ich in Ihrer Nähe sein.«
»Wo? Wohl in der Stadt?«
»Nein, sondern in Hohenwald selbst.«
»Wie? Da werdens wohnen?«
»Ja. Ich will es Ihnen sagen: Ich bin der neue Lehrer.«
Sie öffnete den Mund, machte große Augen und blickte ihn an, ohne zunächst ein Wort zu sagen. Sodann stieß sie langsam hervor:
»Sie – der – neue – Lehrern?«
»Ja.«
»Wann – dies – wahr – wär!«
»Freilich ists wahr. Warum sollte ichs sagen, wenns unwahr wäre!«
Da streckte sie ihm beide Hände zugleich entgegen und rief in fast jauchzendem Tone:
»So mag der Herrgott Ihren Eingang segnen! Und ich will die Allererste sein, die Sie willkommen heißt!«
»Der Finkenheiner hats auch schon gethan,« sagte er, ihre Hände schüttelnd.
»Der? Dem gönn ichs gern. Jedem Andern aberst wär ich gram drüber gewest. Gott sei Dank! Endlich kommt da mal der Mann, den wir bei uns im Dorf brauchen können!«
»Jubeln Sie nicht zu früh!« sagte er. »Sie können ja gar nicht wissen, ob ich der richtige bin.«
»Sie sinds! Darauf möcht ich wohl schwören! Ich seh es, ich hör es, und ich fühls hier in meinem Herzen. Weiß auch die Liesbeth es bereits?«
»Ja.«
»Na, das wird eine Freuden sein! Aber warum kommens nicht auf dera Straßen?«
»Ich liebe den Wald und wollte durch denselben meinen Einzug halten.«
»Und wo werdens wohnen? Etwan beim Claus?«
»Das weiß ich noch nicht.«
»Nur nimmer bei diesem!«
»Es könnte für ihn und die Gemeinde grad gut sein, wenn ich bei ihm wohnte.«
»Das glaube ich nimmermehr.«
»Giebt es denn auch andre Wohnungen?«
»Es muß Rath geschafft werden.«
»Im Schulhause ist wohl keine Wohnung?«
»Wo denkens hin? Die Kirchen ist so klein, daß man dera Decken mit dem Kopf einistoßen kann. Beim Pfarrhaus kann man mit der Hand grad aufs Dach langen, wann man vor dera Hausthüren steht und ein richtigs Schulhaus haben wir gar nicht.«
»Wo wird denn da die Schule gehalten?«
»Nun ja, im Schulhaus; so wirds ja genannt. Aberst eigentlich ists Spritzenhaus. Daran ist eine kleine Stuben baut worden, worinnen die Kindern zusammen kommen und den Unterricht erhalten.«
»O weh!«
»Ja, wanns aus einer großen Stadt herkommen, so werdens halt bald wiederum fortgehen wollen. Und nun gar zur Straf hier sein! Aberst das kann ich mir bei Ihnen schon gar nicht denken.«
»Das ist auch nicht der Fall. Ich hab mich ganz freiwillig noch Hohenwald gemeldet.«
»Das hat Ihnen dera Herrgott eingeben! Jetzt nun wartet der Dorfwächter auf dera Straßen, und Sie kommen von der ganz andren Seiten. Da werden sich die Leuteln schier wundern. Schauns nur, daß Sie bald hinkommen. Ich hab Sie bereits allzu lang aufihalten. Aberst mit dena zwei Thalern weiß ich wirklich nicht, ob ich sie behalten darf!«
»Sie gehören Ihnen.«
»So will ichs nehmen und dera Herrgott wirds Ihnen hundertfach wieder schenken. Jetzt, wanns immer gradaus gehen, sinds in einer Viertelstunden am Dorf, da, wo der Gasthof steht.«
»Wollen Sie mich denn so gern los sein?«
»Ja, mit mir könnens doch nicht laufen!«
»Warum nicht?«
»Mit –«
Sie sprach es nicht aus; aber sie sah ihm in das Gesicht, als hätte er etwas ganz Unbegreifliches gesagt.
»Freilich möcht ich grad mit Ihnen gehen,« sagte er.
»Wollens im Dorf verspottet werden?«
»Auf die Stimme Derer, welche darüber spotten möchten, gebe ich gar nichts.«
»Aberst schauens halt mich an!«
»Grad so, wie Sie sind, sind Sie mir recht.«
Ihre Augen wurden wieder feucht. Man sah es ihr an, daß sie sich bemühte, ihre Rührung zu verbergen. Sie ergriff seine Hand und sagte mit beinahe schluchzender Stimme:
»Sie find ein wahrer Mann Gottes! Daß Sie mit Einer gehen wollen, das ist mir fast noch liebern, als die zwei Thalern, mit denens mich gerettet. Wanns so weitern wirken im Dorf, wies heut anfangt haben, dann wirds bald ganz anderst aussehen bei uns. Das könnens glauben.«
»Ich werde meine Pflicht thun, so weit es in meinen noch jungen und bescheidenen Kräften steht. Aber da fällt mir ein, daß Sie vorhin von Ihrem Sohne sagten, daß er um Gnade gefleht habe.«
»Das thut er immer.«
»Wann?«
»Immerfort, bei Tag und Nacht.«
»Wen fleht er an? Gott?«
»Ja, wann wir das wüßten!«
»Hm! Sonderbar! Wie spricht er denn?«
»Er sagt nur immer ganz dieselbigen Worte: ›Nimms hin, nimms hin. Ich sag halt nix! Gnade, Gnade!‹; Diese Worte bringt er stets, kein anderes, kein einziges.«
»Das ist nicht nur sonderbar, sondern sogar auffällig.«
»Meinens?«
»Ja, sogar sehr bedenklich. Was mag er meinen mit den beiden Worten: Nimms hin! Etwa das Geld?«
»Das haben wir auch schon denkt.«
»Dann müßte es Einen geben, der ihm das Geld abgenommen hat.«
»Das, was bei uns lag?«
»Vielleicht.«
»Herrgott! Was das für ein Gedank ist!«
»Freilich ein sehr schwerer.«
»Vielleicht meint er auch mehrere Personern?«
»Nein. In diesem Falle würde er sagen: Nehmts hin! Er aber sagt: Nimms hin! Das deutet darauf, daß er es nur mit einer einzelnen Person zu thun zu haben glaubt. Macht er vielleicht Gesticulationen dabei?«
»Ja freilich, und immer auch ganz dieselbigen. Er kniet dabei und hält beide Händen vor den Kopf, als wann Jemand ihm einen Hieb geben wollt.«
»Das ist doch höchst bedenklich. War er denn vor dem Feuer seiner Sinne vollständig mächtig?«
»Ganz und gar.«
»Und nach dem Feuer war er sogleich geisteskrank?«
»Erst war der Körpern krank.«
»Was fehlte ihm?«
»Es war ihm ein Balken auf den Kopf stürzt.«
»Ach so!« dehnte der Lehrer in bedächtigem Tone. »Sah man die Spur davon?«
»Freilich. Er hatte eine lange Wunde im Kopf. Die Hirnschale war entzwei.«
»Und da hatte er natürlich keine Besinnung.«
»Nein.«
»Sie ist ihm auch nicht wiederkommen?«
»Er ist so blieben, wie er nach dem Feuer war. Er kennt seinen Namen and er kennt mich und seine Frau, aberst weiter keinen Menschen. Er macht Alles wie im Schlaf und wie im Traum und sagt nix als die Worte, die ich erwähnt hab.«
»Hm. War die Wunde offen?«
»Nein. Die Haut war ganz. Wir mußten Eis auflegen, und nachhero ist der Kopf selber heil worden.«
Der Lehrer blickte still vor sich nieder. Dann fragte er weiter:
»Also der Silberbauer ist Euer Feind?«
»Unser bösester.«
»Bekümmert er sich zuweilen um Ihren Mann?«
»Jetzt nimmer.«
»Aber vorher?«
»Als derselbige noch krank lag, kam er alle Tage.«
»Was that er da?«
»Er saß stundenlang und hörte zu, wann mein Sohn in der Irre sprach.«
»Können Sie sich auf den Tag, an welchem Ihr Gut wegbrannte, genau besinnen?«
»Wie auf gestern und heut, denn einen solchen Tag vergißt man niemals nicht im Leben.«
»Zu welcher Tageszeit brach das Feuer aus?«
»Des Nachts.«
»War der Claus vorher bei Euch gewesen?«
»Nein.«
»Wie ist das Feuer ausgebrochen?«
»Kein Mensch weiß es. Alle Leuteln sagen, daß es anlegt worden sein müsse.«
»Wo war Ihr Sohn zur Zeit als es ausbrach?«
»Wir wußtens nicht. Als wir aufweckt wurden durch den Feuernlärm, war er nicht im Bett. Aberst nachher, als ich an das Geld denkt hab und gute Worten geben hab, zu versuchen, obs noch zu retten sei, da sind die Feuernleut hinauf in die guten Stuben sprungen. Da hat er auf dera Dielen gelegen. Sie haben ihn retten wollen vor dem Geld und sind mit ihm herab. Da aber ist ein Theil dera Decken einistürzt, auf sie und auf ihn. Ihnen hats nix than; er aber hat den zerbrochenen Kopf erhalten.«
»War der Kopf nicht vielleicht schon verletzt, als er in der guten Stube lag?«
»Wer kann das wissen.«
»Hm! Hm!«
Er brummte so nachdenklich vor sich hin, daß sie endlich aufmerksam wurde und ihn fragte:
»Warum forschens so nach diesen Sachen?«
»Ich hab einen Grund dazu, welcher vielleicht aus der Luft gegriffen ist. Wir sprechen jedenfalls noch später darüber. Ich bin neugierig, Ihren Sohn zu sehen.«
»Wanns ihn anschaun wollen, so könnens zu aller Zeit kommen. Es wird eine Freuden sein, wann ich Sie bei mir seh. Nun aberst wollens aufbrechen und weiter gehen?«
»Ja. Es wird Zeit, daß ich meinen Einzug halte.«
»Aber nimmer mit der alten Frau!«
»Sie werden sich wohl in meinen Willen fügen müssen. Was würde sonst mit Ihrem Korbe werden, wenn Sie nicht mit mir gehen wollten.«
»Den trag ich heim.«
»O nein. Ich würde gar nicht wissen, wo ich ihn absetzen sollte.«
»Sie?«
Bei dieser Frage blickte sie ihn erstaunt an.
»Ja, ich,« lachte er vergnügt.
»Das klingt ja allbereits grab so, als ob Sie ihn gar heimtragen wollten.«
»Natürlich will ich das.«
»Jetzt aberst machens großen Spaß!«
»Nein, sondern großen Ernst!«
»O nein. Es müßt doch gar zu gespaßig sein, wann der neue Herr Schullehrern seinen Einzug halten thät mit einem Tragkorb voll Reißigholz auf dem Rucken und ein altes Weib auf seiner Seiten!«
»Genau so soll es werden.«
»Na, meinswegen auch!« lachte sie.
»So geben Sie den Korb her!«
Bald hatte er ihn auf dem Rücken.
»So, das geht ja ganz gut!« sagte er heiter.
»Ja, wann man eine solche Körperkraften hat wie Sie, dann mags gehen. Aberst jetzunder wissens nun gut, wie es ist, wann man einen Holzkorb auf dem Rucken trägt. Nun thuns ihn fein wieder herab, damit ich ihn weiter trag!«
»Werde mich hüten! Ich bin froh, daß ich ihn hab.«
»Aber ich bitt gar schön! Sie werden doch nicht etwan aus dem kleinen Gespaß einen Ernst machen!«
»Freilich ists Ernst!« antwortete er, indem er, mit dem Korbe auf dem Rücken, wacker auf dem Wege voranschritt.
»Um Gotteswillen, so wartens doch!« rief sie.
»So kommens doch!« rief er lustig zurück.
»Sie reißen mir ja aus!«
»Nein. Sie brauchen blos an meine Seite zu kommen, so sind wir schön beisammen.«
Sie lief, so schnell sie konnte, bis sie ihn eingeholt hatte; dann sagte sie, ihn am Arme fassend:
»Da bin ich schon.«
»Das ist recht.«
»Aberst nun gebens auch den Korb herab!«
»Aberst nun lassens auch den Korb oben!«
»Sie dürfen sich nimmermehr damit schleppen!«
»Nein, Sie nicht!«
»Und gar noch dazu lächerlich machen!«
»Pah! Wer mich auslacht, der ist ein großer Esel!«
»Im Dorf giebts ja nur lauter Eseln! Die werden halt alle lachen. Das weiß ich gewiß.«
»So lache ich mit, und zwar länger als sie, und wer zuletzt lacht, der hat gewonnen.«
»Aberst der Respect ist fort!«
»Ich hab ganz großen Respect vor mich.«
»Das hilft Ihnen nix.«
»Von den Andern werde ich ihn mir schon verschaffen.«
»Aberst ich kanns nimmermehr zugeben!«
Sie hielt ihn noch immer am Arme und strengte jetzt ihre ganze Gewalt an, ihn zum Stehen zu bringen. Er blieb auch stehen.
»Endlich!« sagte sie, tief aufathmend. »Nun seiens gut und geben ihn herab!«
»Nein, das werde ich nicht thun.«
»Dann bin ich gar bös auf sie!«
»Und ich würde gar bös auf mich sein müssen, wenn ich mich von Ihnen verleiten ließe, Ihnen Ihren Willen zu thun.«
»Jetzt weiß ich nimmer, was ich machen soll!«
»Ich weiß es desto besser.«
»Mir ihn geben.«
»Nein,« sagte er jetzt sehr ernst. »Sie sind alt und schwach und haben zu viel aufgeladen. Sie brechen unter dieser Last zusammen. Ich aber bin jung und stark und trage sie mit Leichtigkeit auf meinen Schultern. Da versteht es sich ganz von selbst, daß der Starke die Arbeit des Schwachen thut.«
Sie sah, daß er fest entschlossen war, bei seinem Vorsatze zu bleiben. Es gab nur einen rettenden Gedanken; diesem folgte sie, indem sie sagte:
»Ich werd Ihnen auch ganz schön gehorchen und nach dem Rathe thun, dens mir geben haben.«
»Welchen?«
»Ich werf so viel von dem Holz herab, daß ich hernach den Korb leicht tragen kann.«
»Dann können Sie morgen nicht in die Kirche gehen.«
»Einmal schadet nix.«
»O doch. Der liebe Gott soll wegen einer Wenigkeit Holzes nicht verkürzt werden. Vorwärts!«
Er setzte sich wieder in Bewegung. Sie gab gute Worte über gute Worte. Am liebsten hätte sie weinen mögen vor Sorge, daß dieser gute Mann um ihretwillen sich von den Dorfleuten auslachen lassen müsse, und doch fühlte sie sich auch stolz und hoch beglückt, daß er sich nicht zu vornehm fühlte, ihr diesen so außerordentlichen Dienst zu erweisen.
Er wollte ihren Einreden entgehen und machte große Schritte. So kam er eine kurze Strecke voran. Sie rief und bat hinter ihm her – vergeblich.
Ein schmaler Seitenpfad mündete von rechts her in den Weg. Als er vorüber ging, sah er etwas Helles von da her schimmern. Er achtete nicht darauf und schritt weiter; aber nur drei oder vier Schritte hatte er gethan, so hörte er hinter sich eine tiefe, sonore Frauenstimme:
»Ja, was ist denn das für ein Spectakel hier im Wald? Wer schreit denn da, ganz als ob er gebraten werden sollt? Ah, die Feuerbalzern!«
»Ja, ich bin's,« antwortete die Alte.
»Warum schreist denn so?«
»Von wegen meinem Korb, denn der –«
Sie hielt mitten in ihrer Rede inne, als sie die erstaunten Gesichter erblickte, mit denen die beiden Anderen einander betrachteten.
Als der Lehrer die Stimme hinter sich hörte, war er stehen geblieben und hatte sich umgedreht, um zu sehen, wer die Sprecherin sei.
Diese war ein Mädchen im ungefähren Alter von neunzehn Jahren. Ihre Gestalt war voller, als es in diesem Alter eigentlich erwartet werden darf, hoch und stark. Sie trug einen hellen, kurzen Rock, welcher deutlich sehen ließ, daß der feine Schnürstiefel eine starke Wade unterstützte. Die blaue Jacke war tief ausgeschnitten und mit mehreren Reihen eng an einander gesetzter, silberner Markstücken ausgeputzt. Der Ausschnitt umschloß die üppige Form eines ausgebildeten Busens, welchen ein sein gefälteltes Hemd bedeckte. Um den Hals hing eine aus lauter fremdländischen Silberstücken bestehende dreireihige Kette. Um die Handgelenke legten sich breite, massive, silberne Armspangen. Den Hut zierte eine Silberschnur, an welcher mehrere Thaler hingen. Und in die weit herabhängenden Zöpfe, aus tiefschwarzen Haaren bestehend, waren schillernde Silberschnuren eingeflochten.
Die ganze Erscheinung war gebieterisch, in die Augen fallend, herausfordernd. Augen wie die Nacht, lange, dunkle Wimpern, volle, rothe Wangen, die vor Gesundheit strotzten, ein kleiner, wie nur zum Küssen geschaffener Mund, ein niedliches, rundes Kinn, unter welchem der allerliebste Ansatz zu einer frühzeitigen Unterkehle hervorlugte, das gab eine Gesammtheit, welche auch einem sonst kalt denkenden Manne das Blut schneller durch die Adern rollen lassen konnte.
Sie blickte den Lehrer an, als ob sie vor einer überirdischen Erscheinung stehe. Er aber erwiderte diesen Blick lächelnden Auges.
»Sehe ich recht!« sagte sie.
»Jedenfalls,« antwortete er.
»Ein Regensburger!«
»Mich vorzustellen!«
Dabei machte er trotz des Holzkorbes eine Verbeugung.
»Eigentümlich! Wenn wir uns sehen, ists immer nur zur Fastnachtszeit!«
»Ausgenommen heute.«
»Aber auch Maskerade!«
»Schwerlich.«
»Sie geben doch zu, daß Sie hier in einer ganz anderen, als Ihrer bisherigen Eigenschaft erscheinen!«
»Ich bin ein Mann!«
Er sagte das in so würdevollem Tone, daß sie, auf den Korb deutend, lachend antwortete:
»Und was für einer!«
»Gleichviel! Ein Mann hat die Verpflichtung, der Ritter jeder Dame zu sein, welche seiner Dienste bedarf.«
»Zum Beispiel der meinige?«
»Ja, aber nicht jetzt.«
»Warum nicht?«
»Weil ich jetzt engagirt bin.«
»Von wem?«
»Ich bin der Ritter dieser Dame.«
Er deutete auf die Alte. Das Mädchen machte Miene, in ein lautes, höhnisches Gelächter auszubrechen; aber aus seinem Auge strahlte ein solcher Blitz auf sie herüber, daß sie sich sofort beherrschte und nur ironisch sagte:
»Ich gratulire!«
»Danke! Es ist mir allerdings zu gratuliren, denn die Dame, der ich diene, ist eine Frau, der ich meinen Dienst von ganzem Herzen gern widme.«
»Ich beneide Sie nicht,« erklang es kalt.
»Ich begehre auch wirklich den Neid gar nicht.«
Er machte eine Bewegung, als ob er sich abwenden wolle. Da trat sie nahe an ihn heran und fragte in leiserem Tone:
»Wie kommen Sie zu diesem Korbe?«
»Auf die einfachste Weise. Ich habe ihn mir auf den Rücken gebunden.«
Da stampfte sie mit dem Fuße ungeduldig die Erde und sagte:
»Geben Sie Antwort!«
»Er war der Frau zu schwer, und da habe ich ihr ihn natürlich abgenommen.«
»Soll das so viel heißen, wie selbstverständlich?«
»Allerdings.«
»Für einen Mann wie Sie ist es keineswegs selbstverständlich, einer Bettlerin Handlangerdienste zu leisten.«
»Nicht eine Jede kann eine Silbermartha sein!«
»Sie wissen meinen Namen?«
»Ich erfuhr, daß die Martha des Silberbauers eine Tante in Regensburg hat, bei welcher sie zu Fastnacht auf Besuch gewesen ist.«
Wieder stampfte sie mit dem Fuße.
»Ich hatte mir unser Wiedersehen ganz anders gedacht. Sie sollten nach mir suchen müssen.«
»Und zwar vergebens?«
»Nein. Finden lassen wollte ich mich, aber nicht sogleich. Der Lohn folgt nur der Anstrengung.«
»Nun, die habe ich ehrlich hinter mir. Sie sehen ja den schweren Korb.«
»Schwatzen Sie nicht! Ich nehme an, daß Sie meiner Einladung gefolgt sind?«
Er machte seine unbefangenste Miene.
»Welcher Einladung?«
Ihr Auge blitzte zornig auf.
»Sie wissen das nicht mehr?«
»Nein – wenn ich es überhaupt gewußt habe.«
»Ich flüsterte sie Ihnen noch zuletzt zu!«
»Ah, das kommt davon, wenn man nur flüstert!«
Wieder stampfte sie mit dem Fuße.
»Zum Donnerwetter! Bleiben Sie doch bei der Stange und sprechen Sie nicht querfeldein!«
Um seine Augenwinkel legte sich momentan ein kleines Fältchen. Er sagte lächelnd:
»In Regensburg führten Sie eine so kräftige Sprache nicht!«
»Weil ich es dort mit gebildeten Leuten zu thun hatte. Hier aber giebt es nur Affen und Hornochsen.«
»Schöne Zoologie!«
»Ja, ich bin nicht zu beneiden. Darum hatte ich mich auf Sie gefreut. Also Sie haben wirklich meine Einladung vergessen?«
»Ganz und gar!« gestand er mit größter Aufrichtigkeit.
»Warum sind Sie aber hier?«
»Ich fliege, wie der Vogel fliegt.«
»Ja, mit einem Korb auf dem Buckel. Sind Sie jetzt vielleicht Tourist?«
»So ähnlich. Tourist für lange Zeit mit kurzen Pausen.«
»Sie sprechen heute in ganz verteufelten Räthseln für mich!«
»Sie sind geistreich genug, diese Räthsel alle schnell zu lösen.«
»Oder kommen Sie als Dichter?«
»Mit dem Pegasus auf dem Rücken, anstatt ich auf ihm? Nein.«
Die Alte war natürlich auch stehen geblieben. Sie mochte der Tochter des Silberbauers lästig sein, denn diese fuhr sie jetzt an:
»Was stehst Du da! Mach Dich fort von hier!«
»Mein Korb –« antwortete die Frau.
»Gehen Sie langsam weiter,« meinte der Lehrer in freundlichem Tone. »Ich komme gleich nach.«
Als sie sich entfernt hatte, sagte Martha:
»Und nun endlich die Wahrheit! Was wollen Sie hier in Hohenwald?«
»Mein Licht leuchten lassen.«
»In welcher Eigenschaft? Sie sind Lehrer, aber zugleich auch Dichter.«
»In beiden Eigenschaften.«
»Sakkerment! Sind Sie von Regensburg fort?«
»Sehr!«
»So sind Sie doch nicht etwa – das heute erwartete Opferlamm?«
»Hm! Leider bin ich dieses Lamm.«
»Ists wahr? Sie sind um die hiesige Stelle eingekommen?«
»Sie mir anzubieten, hätte wohl Niemand gewagt.«
Sie blickte in die Weite. Es lag ein eigenthümlicher Ausdruck auf ihrem Gesicht. War es Aerger, oder war es Triumph? Wer konnte das wissen! Vielleicht sie selbst nicht. Dann wendete sie sich wieder zu ihm: »Werden Sie diesen Schritt nicht bedauern?«
»Ich bereue niemals einen Schritt, den ich mit vollster Ueberlegung gethan habe.«
»Nun, was haben Sie sich denn bei dem jetzigen überlegt, mein bester Herr?«
»Ob ich mir auf so einer Stelle eine Frau nehmen könne.«
Es lag in seiner Haltung, seinem Tone und in den Worten, welche er wählte, etwas Giftiges, Grimmiges. Sie merkte das sehr wohl. Sie fühlte es bei jedem Worte, welches er sprach, sehr leicht heraus; aber sie ließ sich nichts davon merken.
»Denken Sie schon daran, Familienvater zu werden?« lachte sie.
»Natürlich! Seid fruchtbar und mehret Euch und füllet die Erde!«
»Meinen Sie, daß Sie die Erde nun plötzlich ganz allein füllen sollen?«
»Allein? Das ist eine Unmöglichkeit, ein grenzenlos unnatürliches Verlangen.«
»So warten Sie noch. Aber, wollen Sie mit diesem Korb in das Dorf?«
»Vielleicht.«
»Ich kenne Sie und schätze Sie. Ein Mann von ihren Talenten darf einige Schrullen haben. Aber die hiesigen Leute haben keine Ahnung von diesen Talenten und werden Sie einfach auslachen.«
»Das wird mich sehr glücklich machen.«
»Unsinn! Geben Sie der Alten ihren Korb, sobald der Wald zu Ende ist. Wenn Sie sich mit demselben vor den Leuten sehen lassen, werde ich kein Wort mit Ihnen sprechen.«
»Das würde mir mein Herz zerbrechen.«
»Also sorgen Sie, daß Ihr Herz ganz bleibt! Wo werden Sie wohnen?«
»In Hohenwald.«
Sie stampfte abermals mit dem Fuße.
»Himmeldonnerwetter! Kommen Sie mir nicht mit solchen Albernheiten! Sie können verständig sein, wenn Sie wollen. Hoffentlich wohnen Sie bei uns?«
»Das dürfte für mich zu gefährlich sein.«
»Halten Sie uns für Menschenfresser?«
»Nein, aber Sie für eine Herzensfresserin.«
»Das ist ein sehr zartes, sinniges Bild!« lachte sie.
»Wir Dichter sind stets zart.«
»Und tragen Lesholz auf dem Rücken – ah, da kommt glücklicher Weise ein Erlösung!«
Ein Mann, der sehr ärmlich gekleidet war, kam des Weges daher.
»Setzen Sie ab!« gebot das Mädchen.
Dabei griff sie in den hinteren Korbhenkel und half dem Lehrer die Bänder loszumachen und den Korb auf die Erde zu setzen.
»Hofmann,« gebot sie dem Manne, als dieser vorübergehen wollte, »trag diesen Korb da vor, wo die Feuerbalzern steht. Er gehört ihr.«
»Nein,« sagte der Lehrer, »tragen Sie ihr ihn bis in ihre Wohnung. Sie ist zu schwach für eine solche Last. Hier haben Sie ein Geld für Bier.«
Er gab ihm einen Fünfzigpfenniger, für diesen Arbeitsmann eine außerordentlich gute Bezahlung. Derselbe bedankte sich höflich und verschwand mit dem Korbe.
»So!« sagte sie jetzt. »Nun sieht man Sie doch wenigstens in voller Gestalt. Aber das alte Weib hätte sich das Holz auch selbst nach Hause tragen können.«
»Ich halte sie für brav!«
»Wenn es auf Sie ankommt, sind alle Menschen brav.«
»Sogar Sie?«
»Der Teufel mag Sie holen! Sie sind heut so viel anders als früher.«
»Ja, die Zeit bildet ihre Leute.«
»Ich gestehe Ihnen aufrichtig, daß unser heutiges Wiedersehen mich nicht so entzückt, wie ich es mir in Gedanken ausgemalt hatte.«
»So meinen Sie, daß ich heut nicht entzückend bin?«
»Welch ungeheure Einbildung, nur zu denken, daß Sie es überhaupt einmal sein könnten!«
Sie lehnte sich gemächlich an einen Baum, welcher am Wege stand, kreuzte die Arme über die Brust und musterte ihn vom Kopf bis zu den Füßen herab. Ein Weib, welches die Gewohnheit hat, die Arme über die Brust zu kreuzen, hat sicherlich einen selbstständigen Character und eine gute Portion Eigenwillen.
Er lehnte sich an den gegenüber stehenden Baum und hielt ihren Blick mit ruhigem Lächeln aus. Keine Miene verrieth, daß seine Gefühle keineswegs so ruhige seien.
»Eigentlich,« begann sie, »ist es ein glücklicher Zufall, daß wir uns treffen, ehe Sie das Dorf betreten. Wir können uns klar über unsere Stellung werden.«
»Bin es bereits,« sagte er kurz.
»Das kann ich von mir nicht sagen.«
»Bei mir versteht es sich ganz von selbst.«
»Wieso?«
»Nun, was meine Stellung betrifft, so bin ich Lehrer in Hohenwald. Das ist sehr einfach.«
»Sakkerment!« fluchte sie, mit dem Fuße stampfend. »Sie wissen recht gut, daß ich nicht das meine, sondern die Stellung, welche wir Zwei gegenseitig einzunehmen haben. Da müssen wir uns klar werden.«
»Natürlich!« nickte er. »Also bitte ich, mir Ihre Wünsche mitzutheilen.«
»Die sollen Sie hören.«
Wieder schweifte ihr Blick an seiner Gestalt hernieder. Ihr Auge wurde warm und um ihre Lippen spielte ein befriedigtes Lächeln.
»Wissen Sie, daß Sie ein hübscher Kerl sind?«
»Wenn Sie es sagen, muß es wahr sein,« antwortete er kalt.
»Sie werden ein schöner Mann werden!«
»Auf solche Vorzüge bilde ich mir gar nichts ein.«
»Aber jedes Weib hat gern einen schönen Mann.«
»Und umgekehrt jeder Mann eine schöne Frau.«
»Was halten Sie in dieser Beziehung von mir?«
»Davon nachher. Sprechen Sie weiter.«
»Gut! Sie wissen, daß ich reich bin?«
»So leidlich.«
»Ich kann wählen, und zwar nach meinem Willen. Mein Vater wird mich nie zu einer Heirath zwingen.«
»Sehr verständig von dem Manne,« nickte er.
Sie warf ihm einen forschenden Blick zu. Der halb ironische Ton, in welchem er Alles sagte, behagte ihr ganz und gar nicht. Sie fuhr fort:
»Ich hatte mein Ideal. Nicht ob schwarz oder blond, alt oder jung, groß oder klein war bei mir die Frage, sondern mein Ideal war ein Dichter. Hübsch sollte er auch äußerlich sein. Damit war das Maß meiner Ansprüche voll.«
»Sehr bescheiden!«
»Ich kam nach Regensburg und hörte von Ihnen. Sie waren der Dirigent eines Gesangvereines, in welchem mein Onkel Mitglied war und –«
»Und ich hatte ein Bändchen Gedichte verbrochen!« fiel er ein.
»Ja. Das Bändchen wurde sofort angeschafft, und ich verliebte mich in den Dichter, ehe ich ihn noch gesehen hatte –«
»Per Courierzug also!«
»Bringen Sie keine so trivialen Bilder und Randglossen! Ich mag sie nicht leiden!«
»Gut! Ich hülle mich in lyrisches Schweigen.«
»Dann sah ich Sie während des Maskenfestes, und – ich war Ihnen sofort gut. Beim Scheiden machten wir ein Rendezvous aus und sahen uns noch einmal. Als wir uns trennten, theilte ich Ihnen mit, daß Sie mich finden würden, wenn Sie für länger als nur einen Tag nach Hohenwald kommen wollten. Jetzt sind Sie da –«
»Halleluja!«
»Donnerwetter! Wollen Sie schweigen!«
»Wenn Sie wünschen, ja.«
»Ich wünsche es sehr. Also weiter! Jetzt bin ich gewiß, daß Sie eine entscheidende Frage an mich richten werden, und ich will Ihnen die Antwort ertheilen, noch ehe Sie die Frage ausgesprochen haben. Sie gefallen mir. Ein Dichter ist mein Ideal. Aber einen Schulmeister heirathe ich nun und nimmermehr. So tief steige ich nicht herunter. Also dichten Sie! Sobald Sie einen Namen haben, legen Sie Ihre Stelle nieder und ich werde Ihre Frau. Deutlicher und bündiger kann ich doch nicht sein!«
»Nein. Wir können uns schon morgen heirathen.«
»Ah! Wieso?« frug sie befremdet.
»Ihre Bedingungen sind erfüllt. Ich trete die hiesige Stelle gar nicht an und ich dichte nur.«
»Sehr schön.«
»Und ich heiße Max Walther.«
Jetzt gab sie keine Antwort. Sie wußte nicht, was sie aus ihm machen solle. Er sprach so unbefangen, so überzeugt, daß sie sofort ja sagen werde.
»Hoffentlich verstehen Sie mich?« fragte er.
»Das Letztere doch nicht.«
»Eine Ihrer Bedingungen war, daß ich einen Namen haben solle. Ich habe Ihnen denselben genannt.«
So ruhig er bei diesen Worten war, sie wurde das directe Gegentheil. Sie ließ die Arme von der Brust herniederfallen, ballte die Fäuste, stampfte mit dem Fuße und rief zornig:
»Wollen Sie mich verhöhnen?«
»Verhöhnen?« fragte er erstaunt. »Wie kommen Sie zu dieser Frage?«
»In Folge Ihrer albernen Erklärung.«
»Albern? Ich muß da doch sehr bitten!«
»Ja, albern genug war sie. Ich meine, Sie sollen einen Namen als Dichter haben; das versteht sich ja ganz von selbst. Berühmt sollen Sie sein. Eher heirathe ich Sie nicht.«
»Ach so! Und Sie behaupten, mich zu lieben?«
»Das ist höchst poetisch.«
»Aber auch klug. Ich bin Keine, die sich verschleudert.«
»Das merke ich.«
»Ich habe dies auch nicht nöthig, denn ich bin jung, schön, reich, gebildet, kurz Alles, was ein Mann nur wünschen kann. Und nun, was sagen Sie dazu?«
»Eigentlich habe ich nun gar nichts hinzuzufügen.«
»Ah!«
»Ja. Sie haben bereits Alles gesagt. Nur eine Kleinigkeit haben Sie vergessen.«
»Welche?«
»Ob ich Sie überhaupt auch mag.«
Das hatte sie freilich nicht erwartet. Sie stand ganz perplex vor ihm.
»Nicht – mag –« wiederholte sie.
»Freilich. Sie scheinen von der Voraussetzung auszugehen, daß ich ohne Sie in den ersten Teich springen werde und ohne Sie überhaupt nicht zu existiren vermag. Das ist nicht der Fall. Es fällt mir gar nicht ein, Sie zur Frau zu begehren. Sie meinen, sich mit einem Schulmeister wegzuwerfen. O nein, Fräulein, Sie sind gar keinen Schulmeister werth.«
Auch das sagte er in einer ruhigen, anheimelnden Freundlichkeit, als ob er ihr die größten Schmeicheleien sage. Dies machte sie irre. Darum sagte sie:
»Sie treiben Ihre Scherze zu colossal!«
»Scherz? Pah! Ich sehe ein, daß ich mich Ihnen erklären muß.«
»Ja, ich bitte sehr darum!« sagte sie spitzig.
»So erlauben Sie, daß ich mich in derselben Reihenfolge halte wie Sie. Also zunächst, ich habe niemals ein Ideal gehabt, weder als Junge noch als Säugling, wo doch ein fetter Zulp das größte Ideal ist, nach welchem man mit allen Fingern strebt. Ich habe auch nie gedacht, daß ich heirathen müsse, werde oder wolle. Ich habe das sehr einfach dem lieben Herrgott anheim gestellt. Da sah ich Sie –«
»Ah, jetzt!« meinte sie, sich fest an den Baum lehnend.
»Ja, ich sah Sie, und ich gestehe, daß Sie als Türkin wunderschön waren, entzückend sogar. Die Kleidung, welche mehr zeigte, als sie verhüllte, war mit raffinirtem Geschmack gefertigt. Ihre vollen Formen, das blendende Weiß Ihres Teints, die prächtigen Augen, die berauschenden Lippen, das – das Alles nahm meine Sinne gefangen. Ich kam mit Ihnen zu sprechen. Nun, für ein Dorfmädchen haben Sie mehr als genug gelernt. Was Sie wußten, das befriedigte mich, und wie Sie es vorbrachten, das war so naiv-offen, so traulich, so – so – eben auch so verdammt raffinirt, daß ich an der Leimruthe hängen blieb. Ich liebte Sie wirklich und von ganzem Herzen. Nach dem Scheiden schwärmte ich für Sie und dichtete auf Sie Lieder, wie ich sie so schön vielleicht in meinem Leben nicht wieder dichten werde. Es zog mich zu Ihnen. Ich hörte, daß der hiesige Lehrer abgehe, und meldete mich. Meine Vorgesetzten hielten mich für geistesgestört. Ich habe mehr gelernt als ein gewöhnlicher Volksschullehrer, und eine Karriere lag vor mir. Da bat ich um die Strafstelle. Von allen Seiten rieth man mir ab – vergeblich! Ich liebte Sie und ging.«
»Ah!« holte sie tief Athem.
»Jetzt nun treffe ich Sie und bin –«
Er hielt inne.
»Was denn? Was sind Sie?« fragte sie dringend.
»Enttäuscht, vollständig enttäuscht.«
»Ah!«
»Ja, ich habe das Gefühl, wie Einer, der im Dampfbade sitzt und ganz unerwartet und plötzlich mit eiskaltem Wasser übergossen wird. Er schreit ganz gewiß »Au au« und nimmt Reißaus.«
»Sie wählen wieder die trivialsten Bilder!«
»Von Ihnen angeregt. Ich habe bemerkt, daß man sich bei Ihnen keine Mühe, zart zu sein, zu geben braucht. Zunächst erscheinen Sie mir in einer Kleidung, welche nur eine Coquette anlegen wird –«
»Donnerwetter!«
»Dieser Prassel mit Ihren Silbermünzen ist einfach ungezogen und beleidigend. Wenn Sie reich sind, so seien Sie es meinetwegen, aber hängen Sie das liebe Geld nicht an Ihrer werthen Person so auffällig auf die Bleiche! Sodann war Ihr erstes Wort eine Grobheit. Sie fluchen wie ein Landsknecht. Sie zeigten gegen die arme Frau, deren Korb ich trug, kein Herz – kurz, ich bin überzeugt, daß Sie ein gefühlloses, rohes, raffinirtes, eingebildetes, stolzes und – liebeslüsternes Frauenzimmer sind. Ich bin geheilt. Holen Sie sich einen anderen Dichter! Ich werde Schulmeister von Hohenwald sein, aber als Frau möchte ich Sie nicht, selbst dann nicht, wenn Sie mir mit aller Gewalt auf den Buckel sprängen.«
Er hatte zuletzt seine Stimme erhoben. Sie stand ihm gegenüber und vermochte seine Worte gar nicht zu fassen. Nur mit Anstrengung stieß sie hervor:
»Ist das etwa Comödie?«
»Nein.«
»So sind Sie verrückt, verrückt im höchsten Grade!«
»Meinen Sie?«
»Ja. Nur ein Verrückter vermag es, einer Dame solche maßlose Grobheiten zu sagen.«
»Sie sind keine Dame, sondern eine Bauerndirne, und Ihre grenzenlose Gefühllosigkeit kann nicht anders als mit ebensolchen Grobheiten ärztlich behandelt werden. Adieu!«
Er wendete sich zum Gehen. Da that sie einen Sprung auf ihn zu, faßte ihn beim Arme und rief:
»Fort wollen Sie?«
»Ja.«
»Und was Sie sagten, war ernst gemeint, wirklich ernst?«
»Im höchsten Grade ernst.«
»Ah! Das haben Sie wirklich gewagt, wirklich? Sie haben gar keine Ahnung, wer, was und wie ich bin. Sie wissen nicht, was ich vermag! Ich will noch nachsichtig sein. Ich will Ihnen die Wahl stellen.«
»So? Welche Wahl?«
»Zwischen meiner Liebe und meiner Rache.«
»Pah!«
»Ich habe Ihnen gesagt, daß ich Sie liebe. Noch größer aber würde meine Rache sein.«
»Die Wahl kann mir nicht schwer fallen. Nur Ihre Liebe fürchte ich; sie könnte mich unglücklich machen. Ihre Rache aber kann mir gar nichts anhaben. Darum wähle ich sie; ich fürchte sie nicht.«
Sie ließ seinen Arm los und trat einen Schritt zurück. Die Lippen fest zusammengepreßt, betrachtete sie ihn mit glühendem Blicke.
»Rache, Rache wollen Sie?« stieß sie hervor.
»Ja. Adieu!«
Er drehte sich um. Da eilte sie ihm nach, schlang die Arme um ihn und bat:
»Max, Max, nimm die Liebe, sonst verderbe ich Dich! Nimm sie, nimm die Liebe!«
»Fort! Ein Weib, welches von Rache nur sprechen kann, ist keiner Liebe werth.«
Er schob sie von sich.
Sie stand da, die Hände niedergesunken, und sah ihn davongehen und um eine Biegung des Weges verschwinden. So stand sie eine ganze, ganze Weile noch. Dann ballte sie die Hand und drohte ihm nach:
»Also Rache will er, Rache! Er soll sie haben, voll und ganz! Ich verderbe ihn! Ich –«
Als hätte sie plötzlich einen Stich in das Herz bekommen, so fuhr sie schnell mit beiden Händen nach der Brust. Sie fest an den hoch wallenden Busen drückend, fuhr sie fort:
»Und doch liebe ich ihn, unendlich, heiß und innig. Das fühle ich erst jetzt. Ich hab es gar nicht gewußt. Erst jetzt kommt es mit Allgewalt, da er sagt, daß er mich verachtet, und ich ihn deshalb verderben will und verderben muß!«
Sie schrak zusammen. Eine Hand hatte sich auf ihre Achsel gelegt. Sie drehte sich um. Die Feuerbalzerin stand vor ihr.
»Was willst Du hier!« rief sie sie an.
»Ihn schützen!« antwortete die Gefragte.
»Wen?«
»Den Schulmeistern, dent verderben willst.«
Martha nahm ihre ganze Selbstbeherrschung zusammen, um ruhig zu erscheinen.
»Verderben? Was faselst da?« fragte sie, nun auch in den bäuerlichen Dialekt fallend.
»Willsts etwan leugnen?«
Die Augen der Alten waren mit scharfen, haßerfüllten Blicken auf das Mädchen gerichtet.
»Leugnen? Fallt mir gar nimmer ein. Ich hab nix zu leugnen und nix einzugestehen. Ich weiß von gar nix gar nix.«
»Oho! Meinst, daß ich dumm bin?«
»Aberst ich weiß halt gar nicht, wast willst!«
»Ich hab Dirs gesagt: Ihn schützen will ich. Er hat mit mir sprochen, mit der Verachteten, mir die Hand geben, mir Geld schenkt, ist mit mir gelaufen und hat mir sogar den Korb tragen. Ja, er hätt ihn ganz durchs Dorf tragen, wannt ihm nicht in den Weg treten wärst. Das Alles, Alles hat er than, und nun werd ich ihn schützen.«
»Vor wem denn?«
»Vor Dir.«
»Was fallt Dir ein?«
»Du bist die Teufelin, vor der er sich in Acht nehmen soll. Aberst wannt sein Teufel sein willst, so werd ich sein Engel sein. Wannt um ihn schleichst, so ich wachen am Tag und in dera Nacht, um ihn zu beschützen.«
»Bist verruckt!«
»Gar nicht. Heut, als mirs zu viel worden ist, was Dein Vatern für Jammer über uns bracht hat, da hab ich mein Leben all machen und in den Teich gehen wollen. Der Lehrer aber hat mir meinen Muth zurückbracht, und mit diesem Muth werd ich Dir entgegentreten und mit Dir kämpfen. Ihn sollt Ihr mir nicht vergiften, wie Ihr das ganze Dorf vergiftet habt!«
»Alte, Du bist wirklich wahnsinnig! Ich habe ja gar keine Ahnung, weshalb ich diesem fremden Menschen Böses thun soll!«
»Fremd? Und hast doch in Regensburg mit ihm sprochen!«
»Alle Teufel!« fuhr sie auf.
»Und ihn hierher bestellt!«
»Woher weißt das?«
»Und willst ihn heirathen, wann er ein berühmter Dichtern worden ist!«
»Bist etwan allwissend?«
»Er aber mag Dich nicht. Er will lieber Deine Rache als Deine Liebe. O, jetzund giebts endlich mal Einen, der den Muth hat und die richtige Schneid, es mit dem Silberbauernvolk aufzunehmen. Er hat die Silbermartha nicht wollt! Oh, oh! Wann das die Leutln derfahrn, wann sie's derfahrn!«
Martha stand ganz bewegungslos vor der Alten.
»Hast etwan gehorcht?« brachte sie hervor.
»Sollt ich nicht?« höhnte die Alte.
»Wer hat Dirs geheißen?«
»Ihr alle Beid nicht. Aberst mein Herz hat mir sagt, daß er sich in Gefahr befindet. Als ich sehen hab, daßt ihn kennst, nachhero ists mir auch gleich sofort angst um ihn worden, denn wer mit Euch zusammenkommt, dem sagt das Unglück guten Tag. Alst mich dann fortjagt hast, hab ich than, als ob ich geh; aberst ich hab mich heimlich zurückschlichen und hinter die Bäumen steckt. Ihr habt nicht dacht, daß Jemand da sein könnt, und immer nur laut sprochen. So hab ich Alles hört. Und sodann, als er fort war, hast auch Du noch laut sagt, daß alleweil grad jetzt erst die richtige Lieb über Dich kommen sei. Ah, oh, hats Dich endlich auch mal packt? Dir ists schon recht. Jetzt weißt auch, wies Einer zu Muth ist, die Einen gern haben möcht und er mag sie nicht!«
»Willst schweigen!«
»Schweigen? Nein! Reden werd ich, reden! Verzählen werd ich es, damit alle Welt es derfährt, daß ein armer Dorfschulmeistern die reiche Silbermartha nicht mocht hat, und sie hat ihm doch gute Worten geben!«
»Wannst ein einzig Wort sagst, nachhero wirst sehen, was ich thu!« drohte das Mädchen.
»Wast thust? Nix, gar nix! Mehr kannst nun gar nimmer thun, als was Ihr allbereits schon than habt an uns. Und nachhero, wann mir ja was geschehen ist, so werden alle Leut gleich wissen, daß Du es gewest bist denn ich werds Allen verzählen, daßt mir droht hast. Ich fürcht mich nicht vor Dir. Ich hab mich gefürchtet vor Euch bis auf den heutigen Tag. Aberst er ist mein guter Engel gewest und hat mich nicht verachtet. Um seinetwegen thät ich mit Bären kämpfen und mit Tigern und Löwen, warum nicht auch mit Euch! Wann Ihr ihm was Leids anthut, so komm ich und zerreiß Euch Alle mit denen beiden Händen, diet hier schaust!«
Sie krümmte die Hände wie Krallen und hielt sie vor das Gesicht. Die brave Alte hatte in diesem Augenblicke ganz das abschreckende Aussehen einer Harpye, welche bereit ist, sich auf ihr Opfer zu stürzen und demselben das Blut auszusaugen. Selbst die gefühllose Tochter des Silberbauern, die sich noch nie vor einem Menschen gefürchtet hatte, fühlte ein tiefes Grauen, eine plötzliche Angst vor ihr.
»Ich thu ihm ja nix!« versicherte sie.
»Das machst mir nicht weiß! Dir glaub ich nix, kein einzig Wörtle nicht.«
»Ich kanns beschwören!«
»Auch das gilt nix. Ihr in Eurer Familie schwört das Blaue vom Himmeln und das Feuer aus dera Höllen, ohne daßt Ihr Euch ein Gewissen daraus macht. Ich weiß, was ich weiß, und nun kannst mich nicht mehr irre leiten.«
»So schweig doch! Es war nicht so gemeint.«
»Ich schweig nicht, sicherlich nicht!«
»Aber, Balzerbäuerin, was sollen die Leut von mir denken, wanns hören, daß ich ihm gute Wort geben hab, und er hat mich dennerst nicht wollt!«
»Daß er ein gescheidter Kerlen ist, werdens denken, und daßt mal an den Richtigen kommen bist und Dich nun vor aller Welt schämen mußt. Warum nennst mich jetzt aufmal die Balzerbäuerin, he? Warum sagst nicht Feuerbalzern wie sonsten? Jetzt hast Angst vor mir und kannst nun höflich sein!«
»So schrei doch wenigstens nicht gar so sehr.«
»Schreien? Ich wollt, ich hätt eine Stimmen wie eine Kanonen, so wollt ichs hinauspuffern in alle Welt, was ich hört und sehen hab. Im schönsten und größten Gut haben wir wohnt, und bezahlt wars und schuldenfrei. Jetzt herbergern wir in dera Flachsrösterei wie die Ratten in dera Gossen. Geh hin zu uns, und schau Dir meinen Sohn an und sein Weib! Der Hungern ist unser Koch, die Krankheit unser Vergnügen und der Wahnsinn unser Pläsir. Wer hat das verschuldet? Das Feuern und Dein Vatern, diese beid haben uns aufgefressen.«
»Ists gar so arg mit Euch?«
Sie versuchte, ihrer Stimme einen theilnehmenden, mitleidigen Ton zu geben.
»Meinst etwan, daß das geselchte Rauchfleischen bei uns zur Thürer hereinispaziert kommt? Heut hab ich nix gessen am ganzen Tag als Schwammpilzen draußen im Wald, ganz so, wie sie auf der Erden stehn, ohne Schmalz und Peterumsilium. Grad so fressens auch die Wurmerln an. Zu Haus liegen die beiden Andern und warten auf mich, daß ich ihnen die paar Schwammerln bring, welche ich hier in der Schürzen hab. Das ist unser Frühstücken, unser Mittag- und unser Abendessen. Nachhero können wir uns den Magen zubinden, damit der Hungern nicht herauskann und die Trübsalen nicht hinein. Der neue Lehrern aberst hat mir zwei blanke Thalern geben, um der kranken Schwiegertochtern eine Suppen zu machen. Das werd ich ihm danken all mein Leben lang. Was wird der arme Schulmeistern für ein Geld übrig haben! Gar keins! Er brauchts für sich selbsten, und dennerst hat er mirs mit Freuden schenkt und sogar noch richtig aufizwungen, als ich es trotz meines Hungern nicht hab nehmen wollen. Das hat der liebe Herrgott sehen, und der wirds ihm vergelten hier und dann auch in dera Ewigkeiten!«
»Nun, was der kann, das können wir auch. Willst was haben etwan?«
Sie griff in die Tasche.
»Von Dir?« fragte die Alte, mehrere Schritte zurücktretend.
»Ja, ich gebs Dir.«
»Keinen Pfennig mag ich, keinen einzigen!«
»So nimms aber doch!«
Sie nahm eine Mark heraus und hielt sie ihr hin. Die Alte streckte beide Hände abwehrend dagegen aus und rief im Tone des Abscheus:
»Der Herrgott mag mich behüten, daß ich von Euch ein Geld annehm! Lieberst verhunger ich mit Freuden, als daß ich so was anrühren thät.«
»Oder ists nicht genug, eine Mark?«
»Tausend sind nicht genug gegen das, was Dein Vatern uns abgenommen hat!«
»So geb ich Dir mehr als eine. Hier, hast drei!«
»Nein, nein, und wanns mein Leben kosten thät!«
»Ich wills Dir ja gar nicht schenken, wannst zu stolz bist, ein Almosen zu nehmen.«
»Was sonst?«
»Du sollst mir einen Gefallen thun; dafür geb ich Dir sogleich fünf Mark.«
»Welchen Gefallen?«
»Du sollst Niemand sagen, wast hier hört hast.«
»Aller Welt werd ichs sagen!«
»So geb ich Dir zehn Mark.«
»Nein, nein!«
»Oder zwanzig? Sag, wie viel Du willst!«
»Ich verkaufs um keinen Preis.«
»Schau, ich will hier die Thalern von meinem Hut herabmachen und Dir geben, wannst still bist!«
»Behalt Dein Geld!«
Sie wendete sich zum Gehen. Martha bekam Angst. Sie wollte um keinen Preis einem Menschen wissen lassen, was zwischen ihr und dem Lehrer vorgegangen war. Darum ging sie der Alten nach, hielt sie am Arm zurück und sagte:
»Schau Dir hier diese Halsketten an. Sie ist werth an die hundert Thalern. Ich geb sie Dir augenblicklich und werd sie morgen einlösen, wannst mir diesen Gefallen thust.«
Die Bäuerin schüttelte den Kopf und versuchte, sich von der Hand des Mädchens zu befreien.
»Denk – hundert Thalern!«
»Nein!«
»In Eurer Armuth ists ein Vermögen?«
»Ich mags aberst nicht!«
»Ihr könnt nun essen und trinken und Euch auch Kleider kaufen!«
»Lieber nackt verhungern als Geld nehmen von Dir!«
Es war viel, sehr viel von der Frau, daß sie trotz ihrer Noth diese Summe von sich wies.
»Thu es doch! Thu es!« drängte Martha.
»Nein! Fallt mir nicht ein!«
»Schau, ich bitt Dich darum!«
Sie faltete beide Hände zusammen und stand mit gesenktem Kopfe vor der Alten. Was kein Geld vermocht hatte, selbst die Summe von hundert Thalern nicht, das vermochte dieses Wort.
»Was?« fragte die Bäuerin. »Du bittst mich?«
»Ja.«
»Du, die Silbermartha, die Feuerbalzern?«
»Ja, Du siehsts ja! Ich weiß nicht, was ich machen thät, wann ich die Schand derleben müßt, daß die Leut derfahren, er hat mich nicht haben mögen.«
Die Alte kämpfte mit sich selbst. Der Haß, die Rachsucht stritten wider ihr gutes Gemüth.
»Laß Dich doch derbitten, Balzerbäuerin!« flehte das Mädchen.
Das gute Herz siegte über den Haß. Die Alte sagte:
»Nun gut, ich kann mal keiner Bitt nix abschlagen. Ein guts Wort findet eine gute Statt. Aberst für immer und ewig gelob ich kein Schweigen. Ich werd dem Lehrern sagen, daß ich Alles derlauscht hab, und ich werd ihn nachher auch fragen, ob ich still sein soll oder davon reden darf. Nach dem seinigen Willen werd ich dann handeln.«
»Mein Gott! Was wird er sagen!«
»Ich weiß es allbereits.«
»Was?«
»Daß ich schweigen soll.«
»Meinst wirklich?«
»Ja. Er hat ein gutes Herz, grad so wie ich, und er ist auch viel zu stolz, als daß er sich meines Mundes bedienen sollt, Dich zu blamiren.«
»Aberst er war hier gegen mich hartherzig!«
»Hartherzig? Was fallt Dir ein! Hat er nicht von einer Arzneien sprochen? Seine graden Worten sollten eine Arzneien gegen den Deinigen Hochmuthen sein. Er hat glaubt, Dich damit treffen und bessern zu können, sonst wärs ihm gar nimmer einifallen, in dieser Art und Weisen mit Dir zu reden. Also mein Versprechen hast.«
»Und wirst mir sagen, was er Dir befohlen hat?«
»Ja, wann ich Dich treff.«
»So seh ich, daßt nicht so schlecht bist, wie ich dacht hab.«
»Schlecht? Ich? Mein lieber Himmeln, ich und schlecht! Grad das Gegentheil ist der Fall.«
»So wirst nun aberst auch ein Geld von mir annehmen, wann ichs Dir jetzt abermals anbieten thu!«
»Nein. Da hilft Dir keine Bitt etwas. Aberst ich will Dir was geben, das mehr ist als alles Geld. Du bist nicht schuld an Deinem Vatern und Deinem Brudern. Du bist wohl noch die Best von Euch dreien. Wannt besser erzogen wärst, so könntst ein ganz ander Dirndl sein. Der Schulmeistern wird wohl ganz das selbige auch dacht haben. Er hats gut gemeint mit seiner Grobheiten. Er hat Dich sehr lieb gehabt, und vielleicht hat er Dich auch heut noch lieb. Nimm Dir seine Worten zu Herzen! Du kannst noch so glücklich werden, wie das Geld gar nimmer machen kann; aberst den Hochmuth mußt lassen, und fluchen und wettern darfst nicht, sondern recht fein sanft mußt sein und gut. Das kommt Dich jetzund schlimm an, und Du wirst denken, daßt das gar nimmer fertig bringst. Aberst wannst nur einmal Dich überwunden hast und einem einzigen Menschenkind eine rechte Lieb erwiesen, so wirst gleich empfinden, wie glücklich das im Herzen macht. Wer einen Sonnenschein hervorbracht hat im Gesicht eines Andern, der hat auch sogleich Sonnenschein in seinem Herzen und mag nachhero ohne diesen Sonnenschein gar nimmer leben. Ich bin im Unglück alt worden und habs derfahren. Schau, Du bist meine Feindin; aberst ich hab Dir jetzund eine Bitt erfüllt, und nun fühl ich keinen Hungern mehr, und es ist mir, als hätt der heilge Christ mir eine große Freuden gebracht. Versuchs auch so, nachhero wird eine große Freuden auch sein über Dich im Himmel und auf Erden. Es ist nicht gut, wann ein Kind keine Muttern hat; drum kann ich Dir viel verzeihen. Behüt Dich Gott, Martha; sei brav, sei brav!«
War es wahr – war es wirklich geschehen? Die Alte hatte die Hand des Mädchens ergriffen und dieselbe mit Wärme gedrückt!
Martha blickte ihr nach, bis sie verschwunden war. Dann preßte sie die Hände auf die Brust.
»Martha, sei brav, sei brav!« wiederholte sie, diese Worte vor sich hinflüsternd.
Sie betrachtete ihre Hand, welche soeben in derjenigen ihrer ärgsten Feindin gelegen hatte. An der Hand war nichts zu sehen, nicht die mindeste Spur dieser Berührung, aber von den Spitzen der Finger und durch den Arm und bis ins Herz hinab ging es wie ein warmer, wohlthuender Strom, der sich auch über den ganzen übrigen Körper verbreitete.
»Er hat Dich sehr lieb gehabt, und vielleicht hat er Dich auch heut noch lieb!«
So hatte sie gesagt. War das möglich? Konnte ein Bursche das Mädchen noch lieben, zu welchem er so harte, so schlimme Worte gesprochen hatte? Es fluthete heiß in ihr empor. Woher sie kamen, das schöne Mädchen wußte es nicht, aber im Augenblicke standen ihre Augen voller Thränen, welche über die Wangen herabliefen, um noch andern, vielen andern Platz zu machen.
Es war ihr, als ab sie niederknieen und Gott bitten müsse, so wie jetzt auch ferner in ihr fort zu walten. Sie that es aber nicht, sondern sie kehrte zurück zu dem Baume, an welchem der Geliebte gelehnt hatte, und schlang die Arme um ihn. Als sie den wogenden Busen an den Stamm schmiegte, war es ihr, als ob sie ihn, ihn, ihn umarme. Die Thränen rannen fort, aber eine selige Ruhe fand sich im Herzen ein.
»Max, o Max!« flüsterte sie. »Behalt mich lieb! Ich will anders werden, viel, viel besser, und nicht an Haß und Rache denken. Vergieb mir auch, denn ich hab – – – ja keine Mutter mehr!« – – –
Der, an welchen sie so innig dachte, war von ihr weg nach dem Dorf gegangen. Bald sah er das Wirthshaus vor sich liegen; weiter oben lag die Kirche und also wohl auch das Pfarrhaus. Um nach dem Letzteren zu gelangen, mußte er an dem Ersteren vorüber. Er hörte bereits von Weitem, daß man Kegeln schob.
Der offene Kegelschub zog sich dicht am Wege hin. Walther schritt langsam auf denselben zu. Im Vorbeischreiten warf er einen Blick hin auf die Bänke. Dort saßen und standen vielleicht zehn Männer, mit dem Kegelspiel beschäftigt – der Silberfritz unter ihnen. Dieser Letztere hatte kaum den Lehrer erblickt, so sprang er auf und rief mit lauter Stimme:
»Das ist er, Vatern, das ist der Kerlen!«
»Wo?« fragte eine tiefe Stimme.
»Der da vorbeigeht.«
»Der Dich anfallen hat im Wald?«
»Freilich.«
»So wollen wir gleich schnell die Polizeien machen. Kommt Alle, kommt! Den halten wir fest!«
Im nächsten Augenblicke sah Walther sich von den Leuten umringt. Der Silberbauer war sofort an dem überreichen, prahlenden Silberschmuck seines Anzuges zu erkennen. Seine grobe, vierschrötige Gestalt, sein hartes Gesicht mit den kleinen, hinterlistigen Augen machten keinen guten Eindruck. Er erfaßte den Lehrer beim Arme.
»Halt, Bursch!« schnauzte er ihn an. »Hier wird nicht vorübergelaufen!«
»Warum nicht?« fragte Walther ruhig.
»Weilt verarretirt bist.«
»Von wem?«
»Von mir!«
»Ach so! Wer sind Sie denn?«
»Der Silberbauer und die oberste Polizei hier in diesem Ort. Wo willst hin?«
»Zunächst muß ich fragen, weshalb Sie mich arretiren wollen!«
»Das fragst auch noch, Kerl!«
»Natürlich habe ich das Recht zu dieser Frage. Uebrigens bitte ich um die nöthige Höflichkeit. Ich nenne jeden der anwesenden Herren Sie und muß dasselbe auch für mich verlangen!«
»Wie wir Dich nennen werden, ob kurz oder lang, ob buckelig oder lahm, das wirst bald sehen. Zunächst wirst eingesteckt, damit wir erst das Kegelspiel beenden. Nachhero werd ich Dich vernehmen. Da kommt auch der Wächtern gleich gelaufen, als ob er gerufen wär!«
Der Betreffende war ein langer, dürrer Kerl, gewöhnlich gekleidet. Nur eine alte Soldatenmütze ließ errathen, welch ein wichtiges Amt er in der Gemeinde begleitete. Er kam im Trab gelaufen, sprang über die Kegelbahn herüber, verschnaufte einen Augenblick, begrüßte den Silberdauer, indem er militärisch die Hand an die Mütze lehnte und meldete:
»Er ist da!«
»Wer?«
»Der neue Lehrern.«
»Wo denn? Kommt er schon auf dera Straßen?«
»Nein, da nicht. Er steckt halt im Wald.«
»Im Wald? Da hindurch geht ja gar nicht der Weg von dera Stadt herüber. Bist denn Du etwan draußen im Wald gewest.«
»Nein, ich nicht, aberst das Liesbetherl.«
»Meinst dem Finkenheiner die seinige?«
»Ja. Die hat den neuen Lehrern troffen und auch mit ihm sprochen.«
»Alle Donnerwettern! Da stell ich Dich auf die Straßen zum Aufipassen, und da lauft dera Huckibuschi grad durch den Wald. So ist er am End grad alleweil schon vorübergangen und sitzt nun bereits beim Pfarrer und macht bei ihm Kuschi. Das kann mir auch gefallen! Mußt also gleich mal hingehen und anfragen, ob er dort ist. Wannt ihn findst, so bringst ihn gleich mit hierher.«
»Gleich mitbringen? Wird sich das machen lassen?«
»Warum etwan nicht?«
»Wann er nicht will.«
»Nicht wollen? Dera Schulmeistern? Bist gescheidt oder nicht! Ich den dera Schultheise, und er ist mein Untergebener. Er hat mir zu gehorchen. Mit einem Schulmeistern wird gar kein großer Summs gemacht. Du sagst ihm, daß ich ihm befehl, mit zu kommen.«
»Aberst wann er dennerst nicht mitgeht?«
»So verarretirst ihn sofort.«
Der Wächter machte ein sehr verlegenes Gesicht.
»Nun, was machst da für eine Visagen, als hätts Dir die Kindstaufen verregnet?«
»Weil ich an was denken thu.«
»An was denn?«
»Daß er sich nicht verarretiren lassen wird.«
»Was fallt Dir ein! Bist etwan nicht die Polizei?«
»Das wohl. Aberst ob er gehorchen wird!«
»Er muß. Weißt, das war ja Widerstand gegen die Staatsgewalt, und ich thät ihn sogleich einisperren lassen.«
»Und wann er auch da nicht mit macht? Wann er sich nicht ins Loch sperren laßt?«
»Willst etwan gleich eine Maulschellen haben, Du Dummkopf Du?«
»Ja, wann ich mich an ihm vergreifen thu und er verappellerirt mich ans Gericht, so wirds schlimm. Am End komm ich da gar gleich vom Dienst.«
»Oho! Ich bin der Schultheißen, und ich thu, was mir beliebt. Das Gericht geht mich halt gar nix an. Aus dem Gericht mach ich mir keinen Pfifferling. Ich führ das ganze Gericht mit sammt dem Amtmann au dera Nasen herum. Dazu bin ich der Mann, denn ich bin der Silberbauern. Verstanden! Also Du sagst dem Lehrern, daß ich ihm befehl, herbei zu kommen. Wir schieben Kegel, und er muß mitthun. Wann er nicht will, so bringst ihn als Verarrestirten mit Gewalt herbei. Und jetzund zunächst nimmst diesen Kerlen hier gleich mit und steckst ihn eini. Er ist anklagt wegen Raubüberfall und Verletzung des Körpers. Wann ich morgen oder übermorgen Zeit hab, werd ich ihn ins Verhör nehmen und dann dem Gericht überliefern. Er hat meinen Sohn vermorden wollen, der Hallunkenschuft. Da steht er.«
Der Lehrer hatte bis jetzt so hinter einigen der Bauern gestanden, daß der Wächter ihn nicht hatte sehen können. Jetzt traten die Betreffenden zur Seite. Der Blick des Wächters fiel auf Walthern. Er betrachtete ihn und sagte dann:
»Heiliges Pech! Der soll ein Mordanstifter sein!«
»Ja, mich hat er dermorden wollen,« antwortete der Silberfritz.
»Ists möglich!«
»Wann ich es sag, wirsts halt glauben müssen!«
»Und doch glaub ichs nicht.«
»Warum nicht?«
»Well er der neue Lehrern ist. Nun brauch ich ihn auch nicht vom Pfarrern herbei zu holen.«
Sie erstaunten Alle. Nur der Silberbauer sagte:
»Wie kannst den neuen Lehrern kennen! Du hast ihn ja noch niemals bereits sehen könnt.«
»Das ist freilich war; aberst das Liesbetherl hat ihn gesehen und ihn mir ganz genau beschrieben. Einen Anzug wie in dera Stadt, ein Hüterl auf dem Kopf, ein Tascherl an dera Seiten, ein Spazierstöckerl und dunkle Haaren. Sagt mal selberst, ob das nicht ganz genau stimmen thut!«
»Ja, stimmen thäts schon,« meinte Claus, »und im Wald ist er auch gewest. Wollen schauen.«
Er wendete sich an den Lehrer.
»Wie heißt denn eigentlich?«
»Max Walther,« antwortete der Gefragte gelassen.
»Wo bist her?«
»Ich komme aus Regensburg.«
»Das ist freilich das Richtige. Das stimmt mit denen Nachrichten, welche ich erhalten hab. So bist also wirklich dera neue Lehrern?«
»Ja.«
Da lachte der Silberbauer laut auf und rief:
»Na, da werden sich halt die Schulbuben gefreuen! Seit der Vorige fort ist, hats keine Schulen geben, und nun werden gar schon wiederum neue Ferien beginnen!«
»Das möchte ich bezweifeln,« bemerkte Walther. »Von einer längeren Dauer der Vacanz ist keine Rede. Ich beabsichtige vielmehr, bereits morgen früh den Unterricht zu beginnen, und ersuche Sie, dies durch den Gemeindediener noch heut den betreffenden Eltern zu wissen zu geben.«
»So!« höhnte der Bauer. »Schule halten willst?«
»Natürlich!«
»Das wirst wohl bleiben lassen!«
»Warum?«
»Meinst, daß wir einen Mördern zum Schulmeistern haben wollen? So dumm sind wir halt nimmer!«
»Einen Mörder? Was fällt Ihnen ein?«
»Nein, sondern was fallt Dir ein! Du hast meinen Sohn derschlagen wollen und bist mein Gefangener. Aberst ein Gefangener ist noch niemals dazu kommen, Schulen zu halten.«
Da trat Walther einen Schritt näher an ihn heran und sagte in ernstem Tone:
»Herr Claus, ich – – –«
»Schweig!« donnerte ihn der Bauer an. »Herr Silberbauern hast zu sagen, aber nicht Herr Claus! Verstanden!«
»Ich nenne Sie zunächst Claus, denn das ist Ihr Name. Sie nennen mich Du, trotzdem ich Ihnen dies bereits untersagt habe. Wenn Sie, als Vorstand dieser Gemeinde die nöthige Höflichkeit unterlassen, so müssen Sie gewärtig sein, daß man Ihnen mit ganz demselben Maße mißt. Sie dürfen nicht denken, daß ich mich von Ihnen dominiren lasse. Zwar bin ich jünger als Sie, sonst aber glaube ich ganz der Mann zu sein, der gar keine Veranlassung hat, sich vor Ihnen zu fürchten oder es zu dulden, daß Sie ihn wie einen dummen Jungen anschnautzen. Dazu sind sie mir denn doch nicht gescheidt genug. Verstanden?«
Das war dem Bauer noch nicht passirt. So hatte noch nie ein Mensch mit ihm gesprochen.
»Wie – – was – –!« stieß er hervor.
Die Umstehenden waren ganz erschrocken. Sie selbst hätten nie gewagt, dem reichsten Manne des Dorfes solche Worte zu sagen, und da kam dieser fremde, junge Mensch und antwortete ihm in solcher Weise.
»Ja, so hab ichs gemeint,« antwortete Walther. »Ich habe schweigend zugehört, als sie sich in selbstsüchtigen Reden ergingen; jetzt aber ist die Reihe, zu sprechen, an mich gekommen. Und ich werde sprechen!«
»Schweig, Lausbub!«
Diese beiden Worte stieß er donnernd hervor und hob dabei die Hand wie zum Schlage.
Walther wich trotz dieser drohenden Haltung seines Gegners keinen Schritt zurück. Er sagte:
»Diesen Schimpf werde ich nicht auf mir sitzen lassen!«
»So! Was willst thun?«
»Ich werde Sie anzeigen.«
»Was! Mich, den Vorsteher!«
»Ja. Denken Sie ja nicht, daß Sie mein Vorgesetzter sind. Sie haben mir gar nichts zu befehlen.«
»Was! Das sagst mir? Du, der Arrestant!«
»Ich bin nicht arretirt. Von einem Manne, wie Sie sind, lasse ich mich keineswegs arretiren. Ich habe keinen Mordversuch begangen. Ich kam im Walde dazu, als Ihr Sohn die Liesbeth anfiel und vergewaltigen wollte, und habe Sie in meinen Schutz genommen. Dabei hat er freilich gewaltige Prügel erhalten, und ich sage in aller Offenheit, daß er deren noch viel mehr bekommen kann, wenn er sich wieder bei einer solchen That von mir erwischen läßt. Er ists, welcher bestraft werden muß, und wenn es mir in den Sinn kommt, so mache ich zu den Prügeln, die er gekostet hat, auch noch Anzeige beim Gericht. Und wenn sein Vater mich weiter beleidigt, so werde ich mich zu schützen wissen. Zeugen sind genug vorhanden, welche aussagen müssen, daß ich diesen Streit nicht provozirt habe.«
»Zeugen? Sie sollen nur das Maul aufthun!«
»Ich glaube nicht, daß Einer von den Anwesenden dem Klausbauern zu Liebe sich wegen Meineids auf das Zuchthaus schaffen lassen werde.«
»Oho! Zunächst kommst Du selber ins Zuchthaus. Du bist verarretirt. Wächtern, schaff ihn fort!«
Der brave Ortspolizist befand sich in einer nicht geringen Verlegenheit. Er kratzte sich hinter dem rechten Ohr, dann hinter dem Linken und fragte:
»Wohin?«
»Ins Loch.«
»Ja, in welches? Es ist ja gar kein Ortsgefängnissen vorhanden hier in Hohenwald.«
»Schaffst ihn in mein Gut und schließest ihn in den Kartoffelkellern ein, den Schlüsseln bringst mir hierher.«
»Ja, schön! Also komm!«
Er winkte dem Lehrer. Dieser zuckte die Achsel, setzte sich an einen der Tische, welche im Freien standen und fragte einen dicken Mann, welcher unter der Hausthür stand und den Streit mit höchstem Interesse angehört hatte:
»Sind Sie der Wirth?«
»Ja.«
»Bringen Sie mir ein Bier!«
»Sogleich!«
Der Wirth verschwand im Innern des Hauses. Einige der Anwesenden lachten leise vor sich hin. Der Silberbauer bemerkte es und rief zornig:
»Was habts da zu feixen und zu lachen! Ich werd Euch gleich zeigen, wer der Herr ist. Wächtern, schaff ihn fort, aberst sogleich!«
Der Polizist trat näher zu dem Lehrer heran und sagte:
»So komm doch! Es hilft Dir ja doch nix, wannt Dich sperrst. Mit mußt auf alle Fällen.«
Der junge Mann maß den Sprecher vom Kopfe bis zu den Füßen herab und antwortete:
»Wenn Sie mich noch ein einziges Mal Du nennen, so pfeife ich Ihnen eine Ohrfeige ins Gesicht, daß Sie denken sollen, der Himmel fällt ein! Wenn der Ortsschulze grob ist, braucht doch der Polizist nicht unverschämt zu sein!«
Der Wächter kratzte sich auf beiden Seiten hinter den Ohren und sagte zum Silberbauern:
»Verdorium! Ist das ein Ausgesuchter! Bei den möcht ich halt mal in die Schulen gehn! Du, Herr Silberbauern, ich denk halt, es wird am Allerbesten sein, wannt ihn selber verarretirst.«
»Das ist Deine Sache. Oder fürchtest Du Dich etwann?«
»Das schon nicht.«
»Sonst hätt ich Dich auch gleich abgesetzt. Ein Polizist muß Couragen haben.«
»O, die Couragen ist schon bereits da; aber wann er zuhaut, so hab ich die Ohrwascheln drin, Du aberst nicht!«
»Er soll es wagen. Jetzt schaffst ihn fort und nennst ihn Du! Ich will doch sehen, obt Couragen hast!«
»Na, wanns blos daran liegt, so sollst gleich sehen, wie schnell ich mit ihm fertig bin!«
Er nahm seinen ganzen Muth zusammen, trat zu dem Lehrer heran, faßte ihn beim Arme und sagte:
»Hasts gehört? Ich laß mich nicht auslachen wegen Deiner. Jetzt kommst allsogleich mit oder – – –«
Er sprach nicht weiter, denn er erhielt in diesen Augenblicke eine solche Ohrfeige, daß er an zwei Bauern flog und dann sich in den Kasten setzte, in welchem sich die Kegelkugeln befanden. Auch die beiden Bauern, welche auf eine solche Carambolage gar nicht gefaßt gewesen waren, setzten sich zu Boden. Der Wächter wußte gar nicht, wie ihm geschah. Zwischen den Kugeln sitzen bleibend, reckte er die langen, dürren Beine empor und sagte zum Silberbauer:
»Da hasts! Nun sitz ich hier in dena Kugeln und hab die Ohrfeigen drin! Was hilft da die Couragen, und wann sie noch so groß ist?«
Wieder lachten Einige. Das erhöhte den Zorn des Ortsschulzen. Da grad jetzt der Wirth das Bier brachte und dem Lehrer hinsetzte, adressirte er seinen Zorn an diesen:
»Was bringst ihm Bier, he!«
»Er hats ja bestellt!«
»Er ist doch verarretirt!«
»Davon seh ich noch nix.«
»Das werd ich sofort beweisen. Wißt Ihr bereits, daß ein jeder Bürger der Polizeien Hilf erweisen muß, wenn sie dieselbige braucht und verlangt? Jetzt nun fordere ich sie von Euch. Ihr habt uns zu helfen den Lehrern fest zu nehmen!«
Die Leute blickten einander verlegen an. Im Stillen gönnten sie dem Bauer die moralische Niederlage. Sie freuten sich über den Muth, welchen der neue Lehrer zeigte, und gönnten ihm den Sieg von ganzem Herzen; aber sie wollten es auch nicht mit dem Gebieter des Dorfes verderben.
»Also vorwärts!« gebot dieser, auf Walther zeigend.
»Geh nur auch selbst voran!« sagte Einer.
»Ich? Ich bin der Befehlshaber; ich kommandire nur blos, und Ihr habt zu gehorchen.«
»So schick wenigstens den Wächtern voran!«
»Ja, der muß!«
»Fallt mir nicht ein,« rief derselbe, noch immer zwischen den Kegelkugeln sitzend und jetzt zu den emporstehenden Beinen nun auch noch beide Arme abwehrend emporstreckend. »Ich kann nimmer aufi. Fallt nur mal Ihr so zwischen denen Kugeln hereini; nachhero werdet Ihrs merken, wie's Einem hinten und vorn zu Muthen ist. Ich glaub, ich lern all mein Lebtage gar nimmer wieder richtig laufen.«
»Dummheit! Steh aufi!«
»Ich wills halt versuchen; aberst alleini bring ichs halt nicht fertig; das fühl ich schon bereits. Es mögen mich zwei von Euch emporziehen.«
Er wurde bei beiden Händen gefaßt und aus dem Kasten gezogen. In gebückter Haltung blieb er stehen, befühlte sorgfältig denjenigen Körperteil, mit welchem er sich in den Kasten gesetzt hatte, und klagte:
»Ja, so hab ich mirs halt gleich denkt! Das ganze Fleisch ist von denen Knochen los, und nun kann ich nur heim gehn und mich von meinem Weib mit Opodeldoc und Baldriandincturen einreiben lassen. Jetzt bin ich Invalid und kann mein Amt nicht verwalten heut. Meinswegen mag ihn verarretiren, wer da will. Ich geh heim, leg mich ins Nest und laß mir kalte und heiße Umschlägen machen, mal kalt und mal heiß, die Kälte für die Knochen und die Wärme halt für das Fleisch. Adjeh also, und seht wie Ihr mit ihm zu Ende kommt!«
Er hob seine Mütze auf, welche ihm bei der Ohrfeige abhanden gekommen war, stülpte sie auf und hinkte krummen Leibes von bannen.
»Wächtern!« rief der Silberbauer. »Du Himmelsakra! Willst gleich bleiben!«
Der Fahnenflüchtige schüttelte den Kopf.
»Kommst her, oder – – –«
»Nein! Mich bringst nimmer wieder hin. Wann ich noch so eine Ohrwatschen erhielt, so wär ich auf dera Stellen eine Leich. Und mein Leben setz ich halt nimmerst auf das Spiel für den Gehalt von drei Mark Fünfzig in Wochen. Nein, ich bedank mich gar schön!«
Er humpelte so eilig wie möglich davon.
»Also den Gehorsam sagt man mir auf!« rief der Bauer. »So will ich sehen, ob ich hier noch welchen finden werd. Jetzt kommt Ihr, mir zu helfen. Vorwärts!«
Er trat auf den Lehrer zu. Dieser setzte sein Bierseidel an die Lippen, trank in aller Ruhe, stellte das Seidel höchst pflegmatisch wieder auf den Tisch und sagte:
»Wer mich haben will, der mag herkommen!«
»Ja, da sind wir bereits,« antwortete Claus. »Jetzt kommst sofort mit mir!«
»Ich sage jetzt zum dritten Male, daß ich mir dieses Du streng verbitten muß. Eine Beleidigung dulde ich nun keinenfalls mehr.«
»Pah! Soll ich etwan so einen Lumpazi auch noch mit Durchlaucht oder Excellenzi antituliren – au, verdammt!«
Er flog nämlich über die ganze Breite des Kegelschubes hinüber und stürzte dort zu Boden, einen solchen Hieb ins Gesicht hatte er von dem Lehrer erhalten.
»Hund!« brüllte sein Sohn auf, als er den Vatter stürzen sah. »Jetzt sollst Du es büßen!«
Er wollte auf den Lehrer eindringen. Dieser war von seinem Stuhle aufgestanden, trat einen Schritt zurück, holte mit dem Stocke aus und schlug ihm denselben so über das Gesicht herüber, daß der Silberbauer heulend zusammenbrach.
Der Vater desselben sah es und sprang, vor Grimm laut aufbrüllend, auf den muthigen, jungen Mann ein, flog aber trotz seiner Stärke wieder zu Boden, denn er erhielt einen Faustschlag, der ihn wie einen Klotz zur Erde fällte. Dennoch raffte er sich wieder auf, nahm einen Bierkrug vom Tische und drang mit demselben auf Walthern ein. Dieser schlug ihn mit dem Stocke auf den Arm, daß er denselben sinken und den Krug fallen ließ.
Walther war so vorsichtig, keinen seiner Gegner so weit an sich herankommen zu lassen, daß er gepackt werden konnte. Es schien, als ob der Silberbauer den getroffenen Arm nicht gleich wieder erheben könne. Doch sprang er wieder auf den Lehrer zu, um denselben mit dem andern Arme zu ergreifen. Aber da erhielt der Lehrer eine Hilfe, an welche Niemand hatte denken können.
Nämlich die Feuerbalzerin hatte ihre Unterredung mit Martha beendet und war jetzt ans dem Walde gekommen. Beim Wirthshause angelangt, sah sie, daß der Lehrer von dem Silberbauer angegriffen wurde, und sofort sprang sie ohne Besinnen herbei, stellte dem Schultheißen, der sie nicht sah, ein Bein, so daß er niederstürzte, warf sich auf ihn und bearbeitete ihn nun derart mit den Händen, daß er gar nicht zur Besinnung kam.
»Was!« schrie sie. »Den Herrn Lehrern willst hauend Du, Du? Das ist mein Freund, und dem helf ich gleich!«
Dabei schlug und kratzte sie mit der Schnelligkeit einer Meerkatze auf den am Boden Liegenden ein. Er wollte sich zwar wehren, aber sie war so behend, daß es ihm gar nicht gelang, eine ihrer Hände zu erfassen.
Die dabeistehenden Bauern hüteten sich gar wohl, in diesem eigentümlichem Kampfe Partei zu nehmen. Sein Sohn konnte ihm nicht zu Hilfe kommen, denn sein Gesicht blutete von dem Stockstreiche, welchen er erhalten hatte. Er hielt es mit beiden Händen, fluchte und schimpfte in allen Tonarten und machte sich von bannen, um nach Hause zu gehen.
Der Lehrer war der Einzige, welcher dem Silberbauer zu Hilfe kam.
»Balzerbäuerin, lassen Sie ihn los!« bat er.
»Nicht eher, als bis er derschlagen ist!« antwortete sie, immer auf den Bauer einschlagend und kratzend.
»Sie wollen ihn doch nicht ermorden!«
»Nicht? Ach, also nein! Aberst die Visagen werd ich ihm vorrichten, daß sie aussehen soll wie eine Landkarten, wann sie ins Tintenfaß fallen ist!«
»Nein, nein! Bitte, lassen Sie ihn!«
Er ergriff sie und zog sie empor.
»Na, wanns nicht anderst wollen! Ihnen bin ich schon gehorsam!« sagte sie, ganz außer Athem. »Aberst er solls nimmer wagen, sich wieder an meinem guten Freund zu vergreifen, sonst komm ich ihm noch viel besser als bishero!«
Der Silberbauer stand von der Erde auf. Er sah freilich schrecklich aus.
»Wer ists denn eigentlich?« brüllte er. Er konnte kaum aus den Augen sehen. »Ach Du! Die Feuerbalzerin! Na wart, alte Hex, Dir werd ichs vergelten! Auf das Gericht werd ich gehen und – – –«
»Und dort sagen,« fiel der Lehrer schnell ein, »daß Sie das ganze Gericht mit sammt dem Amtmann an der Nase herumführen. Wenn Sie das sagen, dann werden Sie Hilfe erhalten.«
»Das, das hätt ich gesagt?«
»Ja.«
»Das ist eine niederträchtigen Lügen!«
»Alle die Anwesenden haben es gehört!«
»So! Haben sie es gehört? Nun, ich will doch sehen, ob sie wirklich Etwas gehört haben, was ich gar nicht gesagt hab. Jetzt geh ich hinein, um das Gesicht abzuwaschen. Nachhero komme ich wieder, und es werden Alle verarretirt und einisteckt, welche mir ungehorsam gewest sind und sich an mir vergriffen haben.«
Er ging in das Haus. Der Lehrer setzte sich ganz ruhig nieder auf seinen Stuhl. Die Bäuerin setzte sich zu ihm, als ob sie es für nothwendig hielt, ihn noch länger in ihrem Schutze zu behalten.
Die anwesenden Bauern, deren Kegelspiel ein so unerwartetes Ende gefunden hatte, wußten nicht, wie sie sich verhalten sollten. Bei diesen Leuten wird meist auf physische Vorzüge gesehen, und daß der Lehrer einen solchen Kampf aufgenommen und auch als Sieger aus demselben hervorgegangen war, das sicherte ihm ihren Respect. Aber der Silberbauer war nun einmal Derjenige, zu dem sie alle mehr oder weniger in Abhängigkeit standen; auch scheuten sie sich vor dem Gericht, und so erschien es ihnen für das Allerbeste, jetzt zunächst für Keinen Partei zu nehmen. Sie setzten sich also zusammen an einen andern Tisch und flüsterten mit einander. Doch sagten dem Lehrer die bewundernden Blicke, welche sie zu ihm herüberwarfen, daß sie ihm keineswegs feindselig gesinnt seien.
»Aber, Balzerbäuerin, wo kommen denn Sie noch her?« fragte er. »Ich hab fast geglaubt, daß Sie bereits längst zu Hause seien.«
Sie zwinkerte ihn schlau an und antwortete:
»Nach Hause gehen? Das ist mir halt nicht einifallen. Ich hab für Sie zu sorgen habt.«
»Für mich?«
»Freilich.«
»So weiß ich nicht, in wiefern.«
»Soll ichs sagen?«
»Ja, bitte?«
»Aberst Sie werden nachhero bös auf mich sein!«
»Das glaube ich nicht.«
»Na, wanns mir versprechen, daß Sie mirs verzeihen wollen, dann werd ichs Ihnen verzählen.«
»Nun, ich bin vollständig überzeugt, daß Sie nichts Böses gegen mich unternommen haben.«
»Da soll mich der Herrgott behüten!«
»So erzählen Sie!«
»Jetzt schauns! Sie wissen halt, daß ich nicht gut auf die Clausens zu sprechen bin. Ich trau ihnen nicht. Als ich nun fortgehen mußt halt von Ihnen, da hab ich mir denkt, daß die Martha doch eine Clausen ist und daß sie am End gar etwas Schlimmes vorhat mit Ihnen. Da hab ich Sie schützen wollen.«
»Ah! ich vermuthe!«
»Ja, ich hab halt gelauscht.«
»Das hätten Sie freilich nicht thun sollen.«
»Sie haben schon Recht. Aberst ich bin Ihnen gleich so gut gewest wegen dera Freundlichkeiten, dies mit mir gehabt haben, und da – da – da – – –«
»Na, beruhigen Sie sich! Ich zürnen Ihnen nicht.«
»So! Nicht? Nun, das kann ich mich halt gefreuen. Nun bin ich wieder ruhig.«
»Haben Sie gehört, was wir gesprochen haben?«
»Freilich.«
»Hm! So hoffe ich, daß Sie keinem Menschen davon ein Wort sagen werden.«
»Das ists ja eben, warum ich mit Ihnen darüber reden will. Ich hab so eine große Freuden gehabt, als ich hörte, daß die Martha Sie haben will und Sie mögen aberst nix von ihr wissen. Das hab ich aller Welt sagen gewollt, daß alle Leuten es derfahren sollen.«
»Nein, das verbitte ich mir!«
»Und nachhero, als Sie fort gewest find, da bin ich halt stehen blieben und hab sehen, was die Martha macht hat. Wissen Sie's?«
»Nun; ich bin ja sogleich fort.«
»Sie hat laut mit sich selber sprachen, daß sie sich rächen will.«
»Dem sehe ich in aller Ruhe entgegen.«
»O, Herr Lehrern, wann sich ein Dirndl rächen will, weils Einer nicht heirathen mag, dann darf man nie dabei ruhig sein. Das ist allemal gefährlich.«
»Warten wir es ab!«
»Ja, Sie fürchten sich halt vor gar keinen Menschen. Muth zu haben, das ist halt gar schön; aberst vorsichtig sein, das ist auch gut! Also rächen hat sie sich wollen. Dabei aberst hats doch auch ganz laut sagt, daß sie Sie lieb hat, nun erst recht, und daß sie das nun jetzt erst richtig gewahr worden ist.«
Sein Auge leuchtete auf.
»Das haben Sie gehört?«
»Ganz deutlich. Aberst weils von Rach gesprochen hat, so bin ich hingangen zu ihr und – – –«
»Ach, so weiß sie, daß Sie gelauscht haben?«
»Alles weiß sie.«
»O wehe!«
»Ich hab ihr sagt, daß ich denen Leuteln Alles verzählen werd, und da hats gute Worten geben und mir auch Geld anboten, hundert Thalern zuletzt sogar; aberst ich hab nimmer mitgemacht.«
»Balzerin, Sie sind eine Rachsüchtige und Hartherzige!«
»Wanns das durchmacht hätten, was ich derlebt hab, so dächtens halt auch an Rach und Vergeltung. Aberst hartherzig bin ich dennerst nicht, denn als die Martha nachhero gute Worten geben hat, da hab ich freilich nicht widerstehen könnt.«
»So haben Sie ihr versprochen, daß Sie schweigen werden?«
»Na, so schnell ists doch nicht gleich gangen. Ich hab sagt, daß ich erst mal mit Ihnen reden will, und wann Sis es befehlen, so werd ich nachhero schweigen.«
»Nun gut, ich wünsche es.«
»Daß ich nix sag?«
»Ja. Wenn ich erfahre, daß Sie nur ein Wort davon ausplaudern, so werde ich keine Sylbe mehr mit Ihnen sprechen und sie auch niemals wieder ansehen.«
»Herrgottle! Das ist freilich schlimm!«
»Ja, das werde ich thun!«
»So werde ich freilich schweigen müssen. Ab erst schau, da kommt die Wirthin. Was mags wollen?«
»Was ist sie für eine Frau?«
»Ein schlechtes Weib ists halt nicht; aberst sie kann auch nimmer so, wies gern wollen thät.«
Die Wirthin war mindestens ebenso dick wie ihr Mann. Mit freundlich glänzendem, hochrothem Gesicht kam sie herbei, wischte sich die Hand sorgfältig an der Schürze ab, hielt sie Walthern entgegen und sagte:
»Das ist aso dera neue Herrn Lehrern – – –«
»Ja, und ein fein braver dazu!« fiel die Feuerbalzerin ein. »Ich habs herfahren.«
»Hast auch für ihn gekämpft!«
»Hasts wohl sehen?«
»Freilich wohl! Ich stand am Fenstern und hab mir Alles von drinnen heraus angeschaut. Wir sind hier dergleichen Sachen gar wohl gewöhnt, denn ohne eine Raufereien geht hier ein Vergnügen selten ab, und wann nicht ein Wengerl gerauft wird, nachhero ists kein Vergnügen und die Leutln gehn unzufrieden nach Haus. Aberst so einen wackern Kampf hab ich halt doch noch nimmerst geschaut. Dera Herr Lehrern ist ein sehr Tapferer, und eine Körperkraften und Gewandtheiten hat er auch. Es ist eine Freuden gewest, zuzuschauen, wie er zugehaut hat. Ich muß ihm nur gleich nochmals meine Patschen geben.«
Sie hielt ihm abermals die Hand entgegen und schüttelte die seinige recht herzlich.
»Aber die beiden Silberbauern haben die Schläge bekommen!« sagte Walther.
»Das hab ich freilich sehen.«
»Und sich doch darüber gefreut? So sind Sie nicht eine Freundin von diesen Beiden?«
Sie hatte sich mit hingesetzt. Jetzt wischte sie sich mit der Schürze den Mund ab, neigte sich weiter zu ihm hin und antwortete mit leiser Stimme:
»Ich bin halt Freund und auch Feind mit ihnen; das will ich schon wohl sagen. Freund bin ich, weils viel zu uns kommen und immer eine gute Zechen machen. Das muß Unsereins schon in Acht nehmen. Das Uebrige von ihnen aber gefallt mir nun schon gar nicht. Wann sie nicht da wären, so wärs halt im Dorf so gar viel anderst, nämlich besser.«
»Wieso?«
»Nun, von denen Gemeindesachen und solchen Dingen will ich halt nicht reden. Ich bin eine Frau, und das geht mich nix an. Aberst wann ich an meine Kindern denk, nachhero möcht mirs angst werden. So ein Bub soll doch was lernen, und die Dirndls auch. Aberst hier bei uns ist dera Lehrern immer der größest Ludrian von Allen. Die Silberbauern haben ihn im Sack. Da wird die Zeit verschlupft und verlurft, und wann er in die Schulen kommt, hernach hat er den Katzenjammern; er schlaft ein, und die Kindern lernen nix und tanzen ihm auf dera Nasen herum, weils keinen Respecten vor ihm haben. Es ist eine Sünden und eine Schanden gewest, und ich hab mir immer denkt, daß es doch ein recht groß Glück sein würd, wann mal ein Lehrern käm, der so recht mit dera Peitschen umzuspringen wüßt, und nimmer blos bei denen Schulbuben, sondern auch bei denen Leuteln müßt er sich eine Achtung geben. Als ich nun vorhin geschaut hab, wie brav der neue Herr Schulmeistern zuklopft hat, so ist mir ganz so gewest, als ob er dera Mann sei, den wir halt brauchen können. Dort sitzen die Alten und stecken die Köpf beisammen. Die haben wohl eine Furchten erhalten. Wanns nach Haus kommen, werdens verzählen, daß man mit dem Neuen nicht Hampelmann machen darf. Das werden die Kindern hören und einen Schrecken davon bekommen.«
»Meinen Sie?« lächelte Walther.
»Gewiß. Sie hätten hören sollen, was mein Dirndl zum Buben sagt hat, als Sie vorhin so wacker dreingesetzt haben.«
»Ihre Kinder haben auch mit zugesehen?«
»Freilich! So was ist ein Gaudium für sie, und sie freun sich immerst schon im Voraus, daß sie's spätern auch mal so machen werden. Da standen nun die Beiden am Fenstern. Der Bub ist zwölf Jahren alt und das Dirndl zehn. Als Sie nun so brav eingewichst haben, was meinens wohl, was das Dirndl sagt hat?«
»Nun?«
»Pfui Teuxel, schmeißt Der zu! Bub, steck Dir in der Schul ein Bret auf den Buckel unter die Westen, sonst kommst nimmer ganz nach Haus!«
»So schlimm wirds wohl nicht!« lachte der Lehrer. »Hat der Bub geantwortet?«
»Ja. Er hat den Buckel so langsam an dera Tischkanten gerieben und dabei gemeint: ›Da hilft auch kein Bret nix auf dem Buckel, denn Der da draußen haut auch durchs Bretten hindurch. Am Besten wirds da sein, man muxt sich nimmer!‹; Ja, so hat er sagt, und so werden Alle sagen. Wissens was, Herr Lehrern, ich will Ihnen mal einen sehr guten Rath geben!«
»Nun, bitte, welchen?«
»Wie werdens Ihre Schulen anfangen?«
»Natürlich mit einem frommen Lied, welches gesungen wird.«
»O weh! Das ist falsch!«
»Warum?«
»Mit dem Lied, da fallens hinten runter. Hier bei uns sind die Kindern ganz anderst als in dera großen Stadt, wo es außerhalb dera Schulen noch Gouvernanteln und Bonnerln und Verzieherinnen giebt. Unsere Buben sind von andrem Schlag. Wann Sie mit einem frommen Lied beginnen, so werdens dasselbige ganz alleini fingen müssen, denn kein solcher Hallunk singt mit. Ja, wanns ein Schnadahüpfel wär, da thätens Alle mitschreien. Nein, Sie müssen anderst beginnen.«
»Aber wie?«
»Ich will den Knecht hinaussenden in den Busch. Der mag so viele Ruthen schneiden, wies Kindern in dera Schulen giebt. Diese Ruthen thun wir in die Schulstuben, und wanns zum ersten Male hineinkommen, so sagens gar kein Sterbenswort, sondern Sie nehmens die erste Ruthen her und den ersten Buben und haun so lange zu, bis die Ruthen alle ist. So machens halt fort, bis der letzte Stock auf dem Rücken des letzten Buben zerbrochen ist, und nachhero erst fangens an, zu reden.«
»So!« lachte Walcher. »Und was soll ich da sprechen?«
»Gar nix weitern, als: ›Jetzt scheert Euch heim und wohl bekomms!‹; Die werden ganz still heimlaufen und sich das Ding fein merken.«
»Ich kann die Schule doch nicht vor der Zeit schließen!«
»O, habens keine Angst. Vier Stunden lang ist Schulen im Sommer, und grad vier Stunden werdens brauchen, um die Kinder der Reihen nach zu versohlen. Die werden Gesichtern machen! Und die Alten auch! Nachhero wirds ein Segen sein. Und wanns die Buben so abgehaut haben, nachhero könnens auch ein frommes Liedl mit ihnen singen. Das wird eine viel bessern Melodie geben, als ohne Prügeln. Ich kenne unsere Leutln. Also soll ich den Knecht hinausschicken nach Holz?«
Es schien der Frau mit ihrem Raths wirklich Ernst zu sein. Aber Walther antwortete:
»Ich bin Ihnen sehr dankbar für Ihren guten Rath, und wenn ich ihn auch nicht wörtlich zu befolgen beabsichtige, so will ich ihn doch als freundlichen Wink gelten lassen, an welchen ich mich vorkommenden Falles gewiß erinnern werde.«
»Na, ganz wies selberst wollen. Gut gemeint hab ichs schon. Die Jungen sollten ganz dasselbige bekommen wie die Alten. Und mit denen habens ja heut sogleich anfangt, sogar bei denen beiden Vornehmsten von ihnen. Die werdens merken!«
»Nun, ich denke, daß ich noch nicht ganz fertig bin.«
»Wieso?«
»Der Silberbauer wird wieder herauskommen. Ich bleib ja deshalb hier sitzen, damit es nicht heißen mag, daß ich vor ihm davongegangen bin.«
»Der? Wieder herauskommen?«
»Ja, er sagte es. Dann will er Gericht über uns halten.«
»Na, Der! Der ist ja längst fort!«
»Was? Wirklich?«
»Ja. Er hat sich das Gesicht abverwaschen und ist nachhero zur hintern Thür hinaus, um nach Haus zu gehen. Er hat sich halt geschämt.«
»Und ich warte hier!«
»Da könnens lang warten. Er sagte, er wolle anspannen lassen, um nach dera Stadt zu fahren und die Anzeig zu machen. Mein Mann hat ihn begleitet, um ihn auf andere Gedanken zu bringen.«
»Was mich betrifft, so mag er in Gottes Namen Anzeige machen. Ich fürchte dieselbe nicht.«
»Ja, das hab ich freilich gesehen, daß Sie sich nimmer fürchten. Ich weiß zwar nicht, wie's eigentlich zugangen ist, aberst mein Mann hat sagt, daß Sie nicht Unrecht haben, wann der Silberfritz die Liesbeth im Wald draußen anfallen hat.«
»Das ist der Fall gewesen. Freilich bin ich auch Etwas weiter gegangen, als ich eigentlich gedurft hätte. Ich hätte mich ruhig arretiren lassen und dann beim Gericht Einspruch erheben sollen. Aber die hiesigen Verhältnisse dürfen nicht nach dem gewöhnlichen Maße beurtheilt werden. Darum bin ich ein Wenig kräftiger aufgetreten, als das Gesetz es mir eigentlich gestattet. Ich hoffe aber, es verantworten zu können.«
»Wills hoffen. Ich glaub, denen Silberbauern ist grad ihr Recht geschehen. Nur dera arme Wächtern dauerte mich, als ich ihn so da im Kasten sitzen sah.«
»Es war wohl nicht so schlimm, wie er es machte. Er mag es sich zur Lehre dienen lassen, daß er den Silberbauer nicht als den Despoten der hiesigen Gemeinde zu betrachten hat. Es hat eben ein jeder Bürger seine Rechte, und wenn ein Gemeindevorstand seine Gewalt mißbraucht, so kann er zu jeder Stunde absetzt werden. Das scheinen die guten Leute hier nicht zu wissen. Schultheiß kann ein Jeder werden, selbst der ärmste Mann im Dorfe, und die Gemeinde ists ja, die ihn wählt.«
Das sagte er mit erhobener Stimme, um an dem anderen Tisch gehört zu werden. Die Männer steckten die Köpfe wieder zusammen und es war zu hören, daß einer von ihnen sagte:
»Sappermentsky, das ist Einer! Der hat eine Schneid und ein Geschick! Vor dem möcht man ja alleweilen gleich den Hut abnehmen!«
Und als Walther sein Bier bezahlte und im Gehen nachher freundlich grüßte, griffen die Leute wirklich nach den Hutkrämpen, was sie vor einem Schulmeister seit langen Jahren nicht gethan hatten.
Der Lehrer ging langsam das Dorf hinauf. Die Kinder, welche ihm begegneten, öffneten die Mäuler und starrten ihn an. Die Erwachsenen machten es ebenso. Das waren untrügliche Zeichen, daß er es hier mit einem höchst spröden Materiale zu thun haben werde.
Als er das kleine Kirchlein erreicht hatte, sah er das Pfarrhaus neben demselben stehen. Er konnte sich gar nicht irren. An den kleinen Fenstern hingen weiße Vorhänge, und wohlgepflegte Blumen blickten durch die blank geputzten Scheiben.
Er klingelte an der Thür. Die alte, grauhaarige Wirthschafterin öffnete ihm.
»Hier wohnt der hochwürdige Herr Pfarrer?« fragte er.
Eine so freundliche Anfrage war hier eine Seltenheit. Sie machte einen Knix und antwortete:
»Ja. Vielleicht sind Sie gar der neue Herr Lehrer, den wir erwarten?«
»Der bin ich allerdings.«
»So kommen Sie schnell herein! Hochwürden freut sich sehr auf Sie; das will ich Ihnen im Vertrauen mittheilen.«
Der alte, geistliche Herr saß in einem großblumigen Sopha, rauchte seine Pfeife, und las dazu. Er empfing den Lehrer mit aufrichtigster Herzlichkeit. Als Beide bei einer Tasse Kaffee einander gegenüber saßen, gestand der Pfarrer:
»Ich begann fast zu zweifeln, Sie heut noch bei mir zu empfangen.«
»Darf ich fragen, warum?«
»Weil ich erfuhr, daß der Silberbauer Sie von der Straße wegfangen wollte. Sie kennen die hiesigen Verhältnisse noch nicht, und darum will ich Ihnen –«
»O bitte, ich kenne sie bereits,« fiel Walther lächelnd ein. »Ich habe schon einige Erfahrungen gemacht, da ich unterwegs mit verschiedenen Mitgliedern Ihrer Gemeinde zu sprechen kam.«
»So wissen Sie bereits, daß es hier einen Gegensatz giebt, welcher fast unausgleichbar ist?«
»Leider – Sie, Hochwürden, und der Silberbauer.«
»So ist es. Die Lehrer haben leider stets auf der Seite des Letzteren gestanden. Nun fragt es sich, welche Stellung Sie einzunehmen gedenken.«
»Ich werde fest und treu zu Ihnen stehen.«
»Gott sei Dank! Endlich erhalte ich Hilfe! Ich sage Ihnen aufrichtig, daß, als ich Ihre Zeugnisse und sodann Ihren Brief las, ich bereits ahnte, in Ihnen einen Helfer zu finden. Freilich konnte ich mir gar nicht recht erklären, wie sich ein Mann von Ihren Eigenschaften grad nach diesem Winkel sehnen kann. Sie haben sich unbedingt in Beziehung auf Ihre Zukunft Schaden gethan.«
»Den werde ich gern verwinden.«
»Bitte, gab es einen besonderen Grund für Sie, sich nach Hohenwald zu wünschen?«
»Ja.«
»Vielleicht erfahre ich denselben später einmal.«
Die Wangen Walther's rötheten sich, als er sagte:
»Es wird gerathen sein, Ihnen denselben sogleich mitzutheilen. Ich sehnte mich nach – Wald und nach Einsamkeit. Ich bin nämlich – – Dichter.«
»O wehe!« entfuhr es dem Pfarrer. Sogleich aber fügte er hinzu: »Verzeihung! Im Allgemeinen ist meine Hochachtung für sogenannte Dichter leider nicht bedeutend.«
»Und mit Recht. Ich hege ganz dieselbe Ansicht. Was werden Sie sagen, wenn ich Ihnen offen gestehe, daß ich sogar jetzt an einem Theaterstück schreibe?«
Das Gesicht des Pfarrers nahm einen sehr ernsten Ausdruck an. Er antwortete:
»Das ist ein Stoff, über welchen sich nicht schnell aburtheilen läßt. Auf alle Fälle aber will ich Sie lieber dichten, als mit diesem Silberbauer im Wirthshause sitzen sehen. Die bisherigen Lehrer haben bei ihm gewohnt und sie alle sind an diesem Umstande zu Grunde gegangen. Da Sie so freundlich waren, mir Vollmacht zu ertheilen, habe ich mich im Stillen nach einer andern Wohnung für Sie umgesehen.«
»Aber wohl nicht mit Erfolg?«
»O doch. Sie werden sogar im neuesten Hause des Ortes wohnen. Vor Jahren brannte der Balzerbauer ab. Er war verarmt. Der Eschenbauer hat an seiner Stelle aufgebaut und will Ihnen zwei Stuben geben, obgleich vorauszusehen ist, daß er sich dadurch mit dem Silberbauer verfeindet. Der Eschenbauer ist nämlich einer der Wenigen, welche nicht zu den verlorenen Schafen gehören. Ich habe gestern Abend, als Niemand es sah, Ihre Kisten und Koffer bereits hinüberschaffen lassen. Es wird Ihnen bei ihm gefallen, während die Wohnung, welche Ihnen der Silberbauer gegeben hätte –«
»Ueber dem Pferdestalle liegt,« fiel Walther ein.
»Das wissen Sie bereits?«
»Daß ich diese Wohnung sogar gratis erhalten hätte, dafür aber der Scriblifax des Vorstandes gewesen wäre.«
»Oder auch noch Schlimmeres. Sie scheinen sich bereits erkundigt zu haben?«
»Ich kam durch den Wald und traf da die Tochter des Finkenheiner und die Balzerbäuerin.«
»Das sind zwei Seelen, mit denen ich keine Noth habe, so verschieden sie auch von einander sind. Ich wünsche von ganzem Herzen, in Ihnen einen thatkräftigen und streitbaren Helfer zu finden.«
»Streitbar? Hm, das schein ich zu sein. Wenigstens werde ich hier bereits dafür gehalten.«
»Hier? Wieso?« fragte der Pfarrer.
»Ich habe bereits den Silberfritz so nachdrücklich durchgeprügelt, das er sich wohl nicht sogleich wieder an mich wagen wird.«
»Sie scherzen!« rief der Pfarrer erschrocken.
»Ich erzähle Thatsachen, Hochwürden. Auch seinem Vater, dem Silberbauer, hab ich eine so ernste Lehre gegeben, daß er sich das Blut aus dem Gesicht hat waschen müssen.«
Der Pfarrer stand vom Sopha auf, legte die Pfeife weg, schlug die Hände zusammen und rief:
»Soll ich das wirklich glauben?«
»Gewiß! Und den Gemeindewächter habe ich beim Gasthof in den Kegelkugelkasten geworfen, daß er drinnen stecken geblieben ist, und Zwei mußten ihn herausziehen. Er ist nach Hause gehinkt.«
»Und das sagen Sie mit diesem ruhigen Lächeln!«
»Bitte, Hochwürden, setzen Sie sich wieder nieder und lassen Sie sich erzählen, in welcher Weise ich meinen Einzug gehalten habe.«
Der Pfarrer nahm wieder Platz, hörte die aufrichtige und ausführliche Erzählung des Lehrers mit Staunen an und sagte dann, als sie zu Ende war:
»Und Sie sind nicht besorgt um sich?«
»Gar nicht.«
»So begreife ich Sie nicht. Sie müssen sofort nach der Stadt, um dem Silberbauer zuvorzukommen.«
»Das möchte ich doch nicht thun. Ich glaube nicht, daß er Anzeige machen wird. Wenn ich in diesem Falle die Initiative ergreife, bringe ich gleich am Tage meines Einzuges zwei hiesige Einwohner in Strafe. Das möchte ich vermeiden.«
»So werde wenigstens ich jetzt zu ihm gehen.«
»Warum? Um ihm in das Gewissen zu reden? Er wird Sie gar nicht anhören. Oder wollen Sie ihn um Nachsicht für mich bitten? Das könnte ich nicht dulden.«
»Aber Etwas muß geschehen!«
»Natürlich! Und das werde ich sofort selbst besorgen, wenn Sie die Güte haben wollen, mir das dazu nöthige Papier zu leihen.«
»Was wollen Sie thun?«
»Ihn schriftlich auffordern, den Eltern hiesiger Schulkinder sofort sagen zu lassen, daß morgen früh sieben Uhr der erste Unterricht beginnt und daß ich einen Jeden, der sein Kind nicht schickt, in die Straftabelle notiren werde.«
»Das wollen Sie? Er wird es nicht thun.«
»Er muß! Erlauben Sie mir, es wenigstens zu versuchen!«
»Ich glaube an kein Gelingen!«
»O, ich glaube, meinen Mann zu kennen. Jeder Bramarbas ist im Grunde doch nur ein Feigling.«
Er schrieb die betreffenden Zeilen und der Pfarrer besorgte sie durch einen Boten zum Ortsschulzen. Sodann begaben sich die Beiden in das Eschengut, um sich die Wohnung zu betrachten.
Dieses Gut hatte den erwähnten Namen von mehreren hohen Eschen, welche vor dem Thore desselben standen. Walther war mit den beiden Zimmern zufrieden und ebenso mit seinen Wirthsleuten, welche ihm gefielen. Er nahm sofort Besitz von der Wohnung, und begann, als der Pfarrer sich entfernt hatte, seine Bücher und andere Sachen auszupacken und sich häuslich einzurichten.
Als die Dämmerung hereinbrechen wollte, setzte er den Hut auf, steckte seine Papiere ein und ging das Dorf hinab. Er war noch nicht weit gekommen, so erblickte er den Wächter, welcher aus einer Hausthür trat. Der Mann hinkte jetzt nicht und blieb, als er Walther erblickte, stehen und legte die Hand grüßend an die Mütze.
»Guten Abend, Herr Lehrern!«
»Guten Abend! Wie geht es?«
»Alleweile wie immer.«
»Wie stehts mit der Gesundheit?«
»Es muß gut sein. Was hilft das Klagen!«
»Kommts nicht zuweilen vor, daß Sie ein Wenig lahm gehen?«
»Ja freilich, nämlich wann die Zeit dazu da ist.«
»Giebts da besondre Zeiten?«
»Ja, wann ich Einen verarretiren soll, den ich aber nicht verarretiren will. Nachhero hink ich heim und reib mich mit Opodeldoc eini.«
»So, so. Was thun Sie hier?«
»Ich hab den Umgang im Dorf. Ich muß denen Alten anheißen, daß die Jungen morgen in der Früh, wanns sieben Uhren ist, in dera Schulen sein müssen bei fünf Mark Strafen.«
»Ah! Wer hats befohlen?«
»Der Herr Silberbauern.«
»Auch das mit der Strafe?«
»Nein; das setz ich halt von selberst dazu.«
»Hm! Rauchen Sie?«
»Nur wann ich was hab.«
»Hier haben Sie eine.«
Er gab ihm eine Cigarre. Der Wächter betrachtete ihn, die Cigarre, wieder ihn und wieder die Cigarre.
»Sapperlot! Was ist denn das!«
»Nun, eine Cigarre.«
»Ja, das weiß ich schon. Aberst wem soll die sein?«
»Ihnen soll sie natürlich gehören.«
»Mein, mir? Himmelsakra! Noch niemals hat mir ein Lehrern was geschenkt! Sondern die wollten Alle nur haben. Der Neue aberst ist ein Feiner; das hab ich nun schon bald weg!«
»Auch mit dem Raufen!«
»Ja, da erst gar! Na, ich dank Ihnen auch sehr schön! Werds auf Ihr Wohl rauchen und gratulir unterthänigst zum neuen Jahr!«
Damit eilte er von dannen.
In der Nähe stand das Pfarrhaus. Der geistliche Herr hatte am Fenster gestanden und den Vorgang mit angeschaut. Er öffnete und blickte heraus.
»Wohin?« fragte er, als Walther zu ihm trat.
»Zum Silberbauer.«
Der Pastor hätte fast das Fenster zerbrochen, so sehr erschrak er bei dieser Antwort.
»Das ist wohl unmöglich!«
»Das ist sogar sehr nothwendig, Hochwürden. Ich habe meine Pflicht zu erfüllen.«
»Welche?«
»Der Silberbauer ist der Ortsvorsteher. Ich bin heut hier angekommen und habe mich bei ihm anzumelden.«
Der Pfarrer schüttelte den Kopf.
»Sie sind fast mehr als streitbar!« meinte er.
»O nein. Ich möchte mich von ihm nicht auf Etwas aufmerksam machen lassen, was sich ganz von selbst versteht. Ich vermeide möglichst jede Blöße.«
»Wie aber wird er Sie empfangen!«
»Das ist seine Sache. Nach dem, was ich soeben erfahren habe, ist für mich nichts zu befürchten.«
»Was war es?«
»Er hat dem Wächter befohlen, meine Weisung auszuführen, und dieser hat sogar für Jeden, der nicht gehorcht, fünf Mark Strafe hinzugefügt.«
»Ah! Unglaublich! Herr Lehrer, das klingt ja grad wie ein Sieg, den Sie erfochten haben.«
»Es ist nicht der erste und wird hoffentlich auch der letzte nicht sein.«
»So lassen Sie mich wissen, wie der gegenwärtige Besuch dann abgelaufen ist.«
Walther ging weiter. Der große Gebäudecomplex, welchen der Silberbauer besaß, lag fast in der Mitte des Dorfes, nur Etwas seitwärts von der geraden Dorfstraße. Als der Lehrer durch das große, offene Thor schritt, empfing ihn das Gebell mehrerer großer Hunde. Er hatte über einen weiten Hof zu gehen. Aus der Hausthür trat ein Knecht, der, die Mütze auf dem Kopfe behaltend, ihn groß anblickte. Walther zog seinen Hut, grüßte und fragte nach dem Herrn Schultheißen.
Der Mann dankte nicht, griff auch nicht an die Mütze und deutete schweigend nach einer Thür. Walther klopfte dort an und trat ein. Er befand sich in einem großen Raume, welcher wohl als Gesindestube diente. Eine Magd schlug Butter, eine Andere schälte Kartoffeln. Auf seinen Gruß und seine Fragen betrachteten ihn die Beiden mit großen Augen und sagten kein Wort; aber die Eine deutete mit dem Finger nach einer zweiten Thür, an welche Walther nun ebenfalls klopfte. Ein lautes »Herein!« ließ sich hören.
Die Stube, in welche er jetzt trat, war jedenfalls die Herrschaftsstube. Das ganze Meublement lies dies errathen. Doch bedurfte es dessen gar nicht, denn es befanden sich ja die beiden ›Herren‹; da.
Der Silberfritz sah gar nicht silbern aus. Er hatte das von dem Stockhiebe des Lehrers aufgesprungene Gesicht so bepflastert und verbunden, daß nur der Mund und die beiden Augen zu sehen waren. Der Silberbauer saß ihm gegenüber am Tische und sah auch gar nicht sehr appetitlich im Gesicht aus. Die Nägel der Feuerbalzerin hatten es nicht übel zugerichtet. Als sie den Eintretenden erblickten, fuhren sie Beide kerzengrade von ihren Stühlen empor.
»Grüß Gott, Herr Vorsteher!« sagte der Lehrer in sehr höflichem Tone. »Bitte um Verzeihung, daß ich Sie stören muß!«
»Himmeldonnerwettern!« rief der Silberfritz.
»Da muß doch gleich der helle, lichte Teufeln drin sitzen!« fluchte sein Vater. »Was zu stark ist, das ist zu stark!«
Der Lehrer beachtete diese beiden Interjectionen gar nicht. Er zog seine Papiere heraus und sagte:
»Ich heiße Max Walther und bin der neue Lehrer, welchen Sie heut erwarteten – – –«
»Zum Teuxel! Das weiß ich ja!«
»Sie wissen das bereits? Nun so wird es – – –«
»Mensch; bist denn ganz verruckt, daßt so thust, als obst uns gar nimmer kennst! Willst denn nun alleweile jetzt Deine Prügeln haben oder – – –«
»Herr Vorsteher!« donnerte ihn Walther an.
Der Bauer fuhr förmlich zusammen.
»Na, was dann?«
»Sind Sie gar so wenig Diplomat, daß Sie nicht ahnen, warum ich so thue, als ob ich Sie noch gar nicht gesehen habe? Wenn ich Sie Beide schon einmal gesehen hätte, müßte ich vielleicht Anzeige machen, und dann käm der Eine in Untersuchung wegen seines Verhaltens im Walde und der Andere würde wegen Mißbrauchs amtlicher Gewalt und Beleidigung des Gerichtes von seinem Posten abgesetzt. Sie sehen also ein, daß es für Sie am Besten ist, wenn ich sie gar nicht kenne.«
»Fritz!« rief der Alte, seinen Sohn ansehend.
»Vatern!« rief der Junge, den Alten anstarrend.
»Was sagst dazu?«
»Ich? Gar nix. Aberst Du?«
»Mir bleibt der Verstand stehen!«
»Wollen wir ihn nauswerfen?«
»Das Allerbest würde das sein.«
Da machte Walther eine energische Handbewegung und sagte:
»Meine Herren, ich weiß nicht, von wem oder was Sie sprechen; aber ich habe nicht viel Zeit übrig und bitte, mich gütigst abzufertigen. Ich komme natürlich, mich anzumelden.«
»Anmelden? Himmelsakra!«
»Hoffentlich bin ich beim Vorsteher?«
»Ja, der bin ich zwar. Aber ich hab keine Zeit!«
»Wie ich sehe, sind Sie nicht beschäftigt.«
»Das geht Dich nix an, ganz und gar nix. Ich hab keine Zeit und keine Lust, mit Dir zu reden und – – –«
»Bitte!« fiel Walther ein. »Wenn Sie meine Geduld allzusehr auf die Probe stellen, dann kann es leicht passiren, daß sie reißt. Ich verlange, daß Sie mich Sie nennen und mir meinen Anmeldeschein ausstellen. Thun Sie das nicht, so melde ich mich morgen früh bei der vorgesetzten Behörde und stelle den Antrag, einen zuverlässigeren und weniger willkürlichen Mann mit dem Amte des Vorstehers zu betrauen. Jetzt wählen Sie! Ich bin in aller Höflichkeit gekommen und habe keine Lust mich mit Grobheiten regaliren zu lassen. Mein Wirth will den Meldeschein sehen.«
»Dein – – ah! Ihr Wirth? So? Wer ist denn das?«
»Der Eschenbauer.«
»Ah, dort wohnst – – dort wohnen Sie! Der Lehrer hat hier bei mir zu wohnen!«
»Wer sagt das?«
»Ich sags.«
»Welcher Paragraph gebietet dies.«
»Ich selberst bin der Paragraph!«
»Nun, ein solcher Paragraph hat bei mir gar keine Geltung. Ich bin kein Sclave und weiß auch nichts von einer Dienstwohnung, welche mit meinem hiesigen Amte verbunden ist.«
»Der Lehrer muß hier bei mir wohnen, weil er mein Schreibern ist.«
»In meiner Bocation steht nicht ein Wort von einer Schreiberstelle. Ich bin Lehrer aber nicht Schreiber und bitte, mich nun endlich abzufertigen.«
»Donnerwettern! Willst etwan in meiner eigenen Stuben mit mir so anfangen wie drüben am Gasthof! Da kannst leicht wegen Hausfriedensbruch eingesteckt werden.«
»Sie scheinen nicht zu wissen, was man unter Hausfriedensbruch versteht. Wenn ich gehen soll, so sagen Sie es nur. Ich werde melden, daß es hier einen Beamten giebt, welcher Den, der in amtlicher Veranlassung zu ihm kommt, wegen Hausfriedensbruch bestrafen lassen will. Es wird wohl eine geeignetere Person zu finden sein!«
Er nahm seine Papiere wieder zusammen, steckte sie ein und wendete sich bereits zum Gehen. Da wurde eine gegenüberliegende Thür geöffnet. In derselben erschien Martha. Sie sah blaß aus und war viel weniger auffällig gekleidet als am Nachmittag. Sie schien sich im Nebenzimmer befunden und dabei das Gespräch gehört zu haben.
»Herr Walther!«
Das klang so bestimmt und doch auch so bittend. Er wendete sich um.
»Verzeihung! Vater ist unwohl und scheint sich die Hand verletzt zu haben. Er kann nicht schreiben. Gestatten Sie, daß ich die Meldung entgegennehme!«
Er verbeugte sich sehr förmlich und antwortete:
»Wenn der Herr Vorsteher mir sagt, daß er Sie beauftragt, ganz gern.«
»Vater, soll ich?«
»Hol Dich der Teuxel! Mach wast willst!«
Er stand auf und verließ die Stube. Sein Sohn schlug mit der Faust auf den Tisch und lief ihm nach. Sie aber zeigte nach der Thür, durch welche sie gekommen war, und sagte:
»Bitte, treten Sie hier ein!«
Er zögerte. Sie bemerkte es.
»Oder nicht?«
»Wo ist die Expedition des Vorstehers?«
»Eben da, wo ich Sie einzutreten bitte.«
Und kalt fügte sie hinzu:
»Ein Privatzimmer zu betreten, würde ich Ihnen natürlich auf keinem Falle zumuthen.«
Sie ließ ihn voran eintreten und machte hinter ihm die Thür zu. Dann zeigte sie auf einen Stuhl.
»Bitte, nehmen Sie Platz!«
Es fiel ihm ein, daß Sie heut im Walde gesagt hatte, ein Schulmeister stehe viel zu tief unter ihr. Darum standen ihm schon die Worte auf den Lippen: »Ein Dorfschulmeister darf in Ihrer Gegenwart nicht sitzen.« Aber sein besseres Ich ließ ihm diese Worte zurück behalten. Erst als sie ihre Einladung wiederholte, antwortete er kalt:
»Ich gehorche.«
Sie trat an ein an der Wand stehendes Stehpult und schlug ein großes, auf demselben liegendes Buch auf. Sie schien nicht unvertraut mit den amtlichen Obliegenheiten und Arbeiten ihres Vaters zu sein.
»Darf ich bitten?«
Er legte seine Legitimationen in ihre Hand, welche sie bei diesen Worten ausgestreckt hatte. Sie las die Papiere durch und begann, die Einträge zu machen.
Das Stübchen war klein, aber die Ausstattung desselben war sichtlich darauf berechnet, auf den armen Bauersmann, der hier zu seinem Ortsvorsteher kam, den Eindruck zu machen, daß er sich bei einem sehr reichen Mann befinde. Das Einfachste und Anspruchloseste im ganzen Zimmer war – Martha.
Der Silberschmuck war verschwunden. Kein einziger Silberfaden befand sich mehr in den schweren Zöpfen, welche ihr von dem schönen Haupte fielen. Kein einziger Ring war an den Fingern ihrer alabasternen, schönen Hände mehr zu sehen. Sie trug einen einfachen, dunklen Hausrock, aus welchem oben am Halse ein weißer Stehkragen blickte. Aber grad diese einfache Toilette ließ die Plastik ihrer Gestalt um so wirkungsvoller und bedeutender hervortreten.
Walthers Augen hingen an dieser vollen, prächtigen, an das Stehpult geschmiegten Gestalt. Die Röthe der Wangen, welche ihn bezaubert hatte, war gewichen. Ihr Auge war fast glanzlos, ganz trüb und müde. Er bewunderte im Stillen den so wunderbar gezeichneten, üppigen Mund, und es war ihm, als ob auch der Purpur desselben erblaßt sei.
Als sie den Meldeschein ausgefertigt und unterstempelt hatte, gab sie ihm denselben mit seinen Papieren zurück und sagte mit mattem Lächeln:
»Ich danke Ihnen. Jetzt nun sind Sie legitimirter Einwohner von Hohenwald. Wir sind fertig.«
Er steckte die Dokumente ein, indem er sich erhob, griff er nach seinem Hute und verbeugte sich.
»Ich empfehle mich, Fräulein Claus!«
»Gute Nacht!«
Sie sah ihn dabei nicht an. Ihr Auge war auf den Boden gerichtet. Es war ihm, als ob er noch Etwas sagen müsse, eine Bemerkung, ein kleines, freundliches Wort. Und doch fühlte er, daß ihm die Kehle wie zugeschnürt sei. Schon streckte er die Hand nach der Thür aus.
»Herr Walther!«
Er zog die Hand wieder zurück.
»Fräulein Claus!«
Da hob sie die Wimpern empor. Es war ein unbeschreiblicher, ein qualvoller Blick, der ihn aus ihren Augen traf. Sie fragte leise, beinahe flüsternd:
»Gehen Sie so fort?«
»Wie anders denken Sie es sich?«
»Ich dachte, Sie könnten mir eine Hand geben.«
»Einer Dame, die mir Rache geschworen hat!«
»Sie haben Recht. Dem Menschen ist oft sein eigenes Herz das größte, unbegreiflichste Räthsel. Jetzt kann ich nicht begreifen, wie ich vorhin von Rache zu Ihnen habe sprechen können.«
»Ich kann es begreifen.«
»Nun?«
»Sie fühlen nicht wie ein ruhiges Menschenkind. Bei Ihnen ist Alles in höherem Maße vorhanden, das Gute und auch das Schlimme. Darum kann Ihnen der Wunsch nach Rache nichts Unbegreifliches sein.«
»Ich habe ihn aufgegeben.«
»Sollte ich das wirklich glauben dürfen?«
»Ich bitte Sie darum!«
»Nicht, daß ich Ihre Rache fürchtete, sondern allein um Ihretwillen würde es mich freuen, wenn Sie sich von einem so gewaltthätigen, unweiblichen Verlangen trennen könnten. Die Rache ist das Verächtlichste, was ich kenne. Und wenn Sie mir jetzt sagen, daß Sie auf dieselbe verzichtet haben, so kann dies auch nur ein Schachzug sein, der gegen mich gerichtet ist.«
»Sie meinen, daß ich Sie dadurch einschläfern und sicher machen will?«
»Grad dies will ich damit sagen.«
»So irren Sie sich wirklich. Ich war unsinnig, als ich von Rache sprach. Ich hab mir nachher überlegt, in wiefern ich mich an Ihnen rächen könnte, und da ist mir allerdings klar geworden, daß ich nur Niederträchtiges thun könnte. Dazu aber besitze ich die Begabung trotz Allem wirklich nicht. Ueberhaupt haben Sie mir nicht die mindeste Veranlassung zur Rache gegeben. Ich selbst bin an Allem schuld. Das habe ich schnell eingesehen, als ich erst dazu kam, kühl über mich nachzudenken.«
»Wenn Sie diese Worte wirklich vom Herzen sprechen, so geben Sie sich selbst das beste Zeugniß, mein Fräulein. Ich habe wirklich nicht geglaubt, daß die ›Silbermartha‹; so demüthig sprechen könne.«
Bei dem Namen, den er mit besonderer Betonung nannte, erhob sie abwehrend die Hand.
»Bitte, sprechen Sie dieses Wort nicht aus. Seit einer Stunde hasse ich es. Sie sehen jetzt bei mir keine Spur dieses Silbers mehr. Der Eine wird durch ein großes Unglück, der Andere durch ein Glück klug. Bei dem Einen bedarf es eines langen, schweren Ganges durch Trübsal und Prüfung, ehe er zur Selbsterkenntniß kommt, und bei dem Andern ists eis schneller, unerwarteter Blitzstrahl, der ihm die Tiefen seines Herzens erblicken läßt. Die Silbermartha lebt nicht mehr. Ich möchte den Reichthum hassen, denn ich habe erkannt, daß er ein Feind des wahren Glückes ist.«
Sie wendete sich ab. Er kämpfte mit sich selbst. Doch gab er seinen Gefühlen nicht die Erlaubniß, ihn jetzt in seinen Worten zu bestimmen. Er fragte:
»Aber bitte, wozu diese Bekenntnisse?«
Jetzt rötheten sich ihre Wangen doch, und schnell antwortete sie ihm:
»Ich bitte Sie, mich ja nicht falsch zu verstehen! Ich habe Sie beleidigt, und ich habe zugleich auch mich selbst beleidigt, indem ich Ihnen eine Anschauung von mir gab, welche eine – falsche war. Da ist es mir Bedürfniß, meine Fehler zu bekennen, damit Sie sehen, daß ich Sie rechtfertige und alle Schuld auf mich allein nehme. Die Vergangenheit ist hinweg. Unsere Lebenswege gehen weit aus einander. Wir wohnen einander jetzt zwar körperlich nahe, aber in anderer Beziehung stehen wir uns fern, ferner als sich vielleicht ganz Fremde stehen. Wollen wir da nicht wenigstens eine freundliche Erinnerung von einander mitnehmen hinaus in unser ferneres Leben?«
»Sie haben Recht. Wir sind heut von einander geschieden – für immer. Wir können uns niemals wiederfinden; denn eine psychologische Unmöglichkeit ist eben auch eine Unmöglichkeit. Unser Scheiden war kein freundliches. Jetzt aber steigt doch noch ein mildes Abendroth empor, und so wollen wir still des vergangenen Tages gedenken, ohne Haß und ohne Zorn. Wir sind versöhnt.«
Er streckte ihr die Hand entgegen, und sie ergriff dieselbe. Wie kam es nur, daß er die seinige so schnell wieder zurückzog? War ihm diese Berührung so sehr zuwider, oder hatte er das Vorgefühl, daß sie ihm gefährlich werden könne? Sie hatte diese schnelle Bewegung gar wohl beachtet. Sie senkte den Kopf und sagte:
»Ehe Sie heut von hier fortgehen, erlauben Sie mir, eine Bitte auszusprechen!«
»Gern. Ich will hoffen, daß ich Sie Ihnen erfüllen kann.«
»Vielleicht, vielleicht auch nicht. Es ist ja möglich, daß auch hier eine psychologische Unmöglichkeit vorliegt.«
Sie sagte diese Worte mit einiger Bitterkeit, obgleich sie sich Mühe gab, dies nicht fühlen zu lassen.
»Sie haben heut ein Rencontre mit meinem Bruder und mit meinem Vater gehabt – – –«
»Leider! Ists nicht besser, darüber zu schweigen?«
»Nein. Es ist mir eine Nothwendigkeit, Ihnen wissen zu lassen, welche Stellung ich in dieser Beziehung zu Ihnen einnehme.«
»Diese kann ich mir denken.«
»Wohl schwerlich!«
»Sie werden mich für einen Raufbold halten.«
»Ich dachte es mir, daß Sie mich auch hier falsch beurtheilen. Ich habe in Regensburg gehört, daß Sie ein sehr geschickter Ringer und Fechter sind, aber für einen Raufbold halte ich Sie nicht. Sie haben sich vielmehr heut, geprügelt als – – Lehrer und als Psycholog.«
Er blickte überrascht auf. Das war ja der betreffendste Ausdruck, den sie überhaupt hatte wählen können. Sie bemerkte das und fragte lächelnd:
»Nicht wahr, ich habe es errathen?«
»Allerdings.«
»Sie sehen, daß ich wenigstens beginne, Sie richtig zu beurtheilen. Sie haben geglaubt, es sei für unsere Gemeinde und für die Erfolge Ihrer erziehlichen Bemühungen hier von Vortheil, meinem Vater entgegen zu treten. Sie sind gewöhnt, sich mit den Waffen zu vertheidigen, mit denen Sie angegriffen werden, und da Sie in niedrigster Weise herausgefordert wurden, ist es eben zu einer – – Rauferei gekommen.«
»Das klingt freilich, als ob Sie gegen Ihre Anverwandten Parthei nähmen!«
»Vollständig. Sie konnten fast nicht anders handeln. Was meinen Bruder betrifft, so weiß ich nach ganz genauer Erkundigung, daß Sie die Liesbeth zu vertheidigen gezwungen waren.«
»Das haben Sie erfahren?«
»Ja, und zwar von ihr selbst. Ich war bei ihr.«
»Sie – – bei der Tochter des Finkenheiner?«
»Ja, in der Flachsdörre! Ich weiß, was Sie meinen. Früher war ich viel zu stolz gewesen, den Fuß in dieses Gebäude zu setzen.«
»So dachte ich allerdings,« antwortete er offen.
»Ich muß wirklich ein sehr hoffährtiges Wesen gewesen sein! Doch, das ist vorüber! Sie haben den Vater und den Bruder besiegt. Ich warne Sie!«
»Danke! Ich fürchte mich nicht.«
»Das ist der Stolz der Jugend. Halten Sie sich ja nicht für unverwundbar! Kein Mensch ist das. Wenn es mir möglich ist, werde ich Sie beschützen.«
»Gegen Ihre Angehörigen?«
»Warum nicht? Soll ich Personen, welche zu mir gehören, nicht die Gelegenheit nehmen, Böses zu thun? Das bin ich Ihnen, mir und auch anderen schuldig. Aber nun meine Bitte: Wenn es Ihnen möglich ist, so schonen Sie den Vater. Er ist ja doch – – mein Vater!«
Sie sagte das in so demüthigendem Tone und senkte dabei des Haupt so tief herab, daß es ihm ganz weh im Herzen wurde. Sie sah aus wie Eine, welche sich das Leben eines Andern erbitten will.
»Fräulein Martha!«
»Was wollen Sie sagen?«
»Halten Sie mich für boshaft?«
»Nein.«
»Nun, es wäre ja Bosheit, Personen, welche ich bereits bestraft habe, ohne Ursache noch weiter zu verfolgen. Ich denk, daß die Ihrigen zu der Einsicht kommen werden, daß es für sie von Vortheil ist, alle Fortsetzung des Streites zu vermeiden.«
»Aber wenn sie dies nicht einsehen?«
»So vertheidige ich mich, grad so wie heute.«
»Das ist es, was ich fürchte. Und ich fürchte es wahrlich nicht um Ihretwillen, denn ich habe die Zuversicht, daß Sie doch siegen werden – aber –«
Sie stützte den Ellbogen auf das Stehpult und legte den Kopf in die Hand.
»Bitte, sprechen Sie weiter!«
»Ich möchte nicht haben, daß Sie auch mich als Ihre Feindin betrachten. Ich sprach heut mit einer Person, welche mir ein schweres, schweres Wort sagte, ein Wirt, dem ich es verdanke, daß ich so schnell und so plötzlich zur Erkenntniß meiner selbst gekommen bin. Ich war klein, ganz klein, als meine Mutter gestorben ist.«
Ihr Kopf sank mit dem Arme tiefer herab.
»Die Frau, welche mir dieses Wort sagte, meinte, daß man einem Mädchen, welches keine Mutter gehabt hat, viel, sehr viel verzeihen könne. Herr Walther, denken – – –«
Ihre Stimme verlor den Halt. Ihr Busen arbeitete heftig. Sie bemühte sich, ein Schluchzen zu unterdrücken.
»Denken – auch Sie zuweilen daran – daß ich – keine Mutter – gehabt habe!«
Jetzt legte sie ihr Gesicht in beide Hände und die Letzteren auf das Pult. Sie weinte, nicht laut, aber herzbrechend. Sie hatte Recht. Das Wort der alten Feuerbalzerin hatte es in ihr hell werden lassen, so daß sie ihr ganz von Liebe verlassenes Leben, Denken und Treiben erkannt hatte. Sie hatte eingesehen, daß ihr Gefühlsvermögen bisher vollständig vernachlässigt gewesen sei. Und doch trug sie eine große, reiche Liebe im Herzen. Das hatte sie erkannt, als es zu spät war und als sie einzusehen begann, daß nur allein die Liebe glücklich zu machen vermag.
Walther wußte nicht, was er thun und sagen solle. Es trat eine peinliche Pause ein. Leider hatte er sich stets bemüht, seinem objektiven Denken mehr Rechte zu lassen, als den subjectiven Gefühlen. Nur ein einziges Mal hatte er sich von seinem Gefühle zu einem schnellen, folgereichen Schritte verleiten lassen – er hatte seine gute Stelle aufgegeben, um nach Hohenwald zu gehen, eines Mädchens wegen, von dem er gleich beim ersten Wiedersehen die Ueberzeugung erhielt, daß es einen solchen Opfers gar nicht werth sei. Eine solche Dummheit wollte er nicht begehen.
»Bleiben wir kalt, Fräulein Martha,« sagte er. »Aufregung läßt sich lieber vermeiden!«
Da erhob sie den Kopf und blickte ihn durch rinnende Thränen an.
»Läßt sie sich vermeiden!«
»Gewiß!«
»Das sagen Sie, weil Sie stärker sind als ich. Aber dennoch will ich es versuchen, auch stark zu sein. Sie sollen mich nicht wieder weinen sehen.«
»O, nicht das Weinen verwerfe ich, sondern das vergebliche Weinen. Thränen find eine große Wohlthat, aber unnütze Thränen soll man nicht vergießen, denn – – –«
»Schulmeister!« warf sie ihm vor. »Während andre weinen, philosophiren Sie kalt über das Thema der unnützen Thränen. Ich gebe Ihnen freilich Recht. Alles Unnütze ist überflüssig, also auch verboten. Auch die unnützen Worte, deren wir jetzt bereits so viele gesprochen haben. Thun wir das nicht wieder. Die Meinen werden sich überhaupt wundern, daß ich mit der kleinen Schreiberei eine so lange Zeit brauche. Gute Nacht!«
Sie winkte mit der Hand und drehte sich von ihm ab, dem Lichte der Lampe entgegen, welche auf dem Pulte stand. Er blieb noch einige Augenblicke stehen. Er hatte das Gefühl, daß er eine wirkliche Sünde begehe, wenn er jetzt so von ihr scheide; aber – sie hatte Recht – Schulmeister, Pedant!
»Gute Nacht!« sagte er und ging zur Thür hinaus.
»Er geht!« klagte sie. »Er geht! Er kann gehen!«
Laut aufschluchzend legte sie den Kopf und die Arme auf das Pult, welches unter den convulsivischen Bewegungen ihres Körpers zitterte.
Er aber schritt ruhig durch die Stuben und über den Hof hinweg. Erst als er durch das Thor getreten war und längs des eisernen Zaunes hinging, blickte er nach dem Gebäude hinüber. Er sah das erleuchtete Fenster, das Stehpult und die an demselben liegende Mädchengestalt. Er blieb stehen.
»Sie weint!« flüsterte er. »Vielleicht hat sie mich trotz Alledem lieb, wirklich lieb!«
Er stand so noch eine ganze Weile. Wie kam es doch nur, daß er die Strophen jenes alten Gedichtes leise für sich hinsagte:
O gräme nie ein Menschenherz;
Der Gram geht bis aufs Blut,
Und all den Kummer, all den Schmerz
Machst Du nicht wieder gut!
O mach, daß keine Thräne hier
Ein Mensch um Dich vergießt,
Denn wiß, daß diese Thräne Dir
Ein ewger Vorwurf ist!
O sorge, daß kein Herzeleid
Du hier verschulden magst:
Es kommt die Stund, es kommt die Zeit,
Wo Du es tief beklagst!«
Noch immer lag die Mädchengestalt unbeweglich am Pulte, als er endlich ging. Er suchte den Pfarrer auf, um ihm mitzutheilen, daß sein Gang zum Silberbauer ohne schwere Folgen gewesen sei. Sodann wollte er eigentlich nach Hause gehen. Aber der Abend war so mild, und vom Walde wehte es so duftig und kräftig herüber. Er ging noch eine Strecke weiter. Als er dann umkehrte, gewahrte er gegenüber dem Eschenhofe ein Licht im Stockwerke des Hauses, welches dort stand. Er hatte bereits am Tage bemerkt, daß dieses Haus von ganz eigentümlicher Bauart sei. Mehr unwillkürlich, als um es zu betrachten, näherte er sich demselben.
Der Abend war nicht dunkel, und man konnte auf eine ziemliche Entfernung hin sehen. Da kam von seitwärts her eine Gestalt. Sie lief in gebückter, müder Stellung. Bei dem Lehrer angekommen, blieb sie stehen und betrachtete ihn.
»Wer sind Sie?« fragte Walther.
Er erhielt keine Antwort.
»Wollen Sie etwas von mir?«
»Gnade!«
»Was? Gnade? Ich verstehe Sie nicht!«
Da wimmerte der Mann:
»Nimm sie, nimm sie! Ich sag halt nix! Gnade, Gnade!«
Da besann Walther sich auf die Worte, welche die alte Feuerbalzerin zu ihm gesagt hatte. Sollte dieser Mann ihr wahnsinniger Sohn sein?
»Gehn Sie nach Hause!« forderte er ihn auf.
Da drehte sich derselbe um und schlich sich in seiner eigentümlichen gebückten Haltung nach dem erwähnten Hause und zu der offenen Thür desselben hinein. Walter war ihm nachgegangen. Er hörte innen hinter dem kleinen Holzladen eine Stimme:
»Na, kommst endlich? Wo bist herumgeschlichen heut, wo ich nach so langer Zeit endlich einmal ein ordentliches Essen Hab für Dich. Komm setz Dich nun her!«
Er erkannte die Stimme der Balzerbäuerin und trat in den dunklen Hausflur. Er suchte mit der Hand nach der Thür und klopfte an. Sie wurde geöffnet, und das Gesicht der Bäuerin blickte heraus.
»Wer ists? Was willst?« fragte sie.
»Ich bin es. Darf ich einmal herein?«
Obgleich es dunkel war, erkannte sie ihn sofort, natürlich nur an der Stimme.
»Herrgottle, das ist ja unser neuer Herr Lehrern! Na so eine Verüberraschung! Zu uns arme Leutln kommens! Na, na, so was!«
Sie machte die Thür möglichst weit auf und er trat hinein. Was er erblickte, sah nicht tröstlich aus. Ein niederer Raum, von dessen Mauer sogar die Tünche gewichen war. Hinten ein Lager von Streu, auf welchem eine weibliche Gestalt lag, mit einem alten Rocke zugedeckt. Ein vielfach schadhafter Kachelofen, ein Tisch, ein Stuhl, ein Schemel und eine Kiste, welche als Brod- und Kleiderschrank und vielleicht auch noch zu anderen Zwecken diente. In der Mauer steckte ein brennender Kienspan, dessen roth qualmende Flamme die Scene trüb beleuchtete.
Die Alte hob den Rock auf, den sie anhatte und wischte den Schemel ab.
»Setzens sich, Herr Lehrern!« sagte sie. »Auf den Stuhl könnens halt nicht, weil er nur drei Beinen hat. Nein, so eine Freuden! Schwiegertochtern, schau Dir nur den Herrn richtig an! Der hat mir die zwei Thalern für Dich geben.«
»Schweigen Sie davon!« gebot Walther. »Ich mag das nicht wieder hören. Ich ging zufällig vorüber und sah Ihren Sohn hereintreten. Da kam ich ihm nach, um Ihnen einen guten Abend zu bringen und Ihnen zugleich zu sagen, daß Sie den Silberbauer nicht zu fürchten brauchen. Er wird keine Anzeige machen.«
»Anzeig? Der? Der sollte mir mal damit kommen! Die Augen kratzt ich ihm aus! Aberst wissens, Herr Lehrern, wer da gewest ist?«
»Nun, wer?«
»Die Silbermartha.«
»Bei Ihnen?«
»Ja. Eigentlich hats freilich zur Lisbetherl wollt, aberst da ists halt auch gleich mal hereini kommen zu uns. Sie hat mich ausfragt, wies mit dem Zank gewest ist im Gasthof, und ich hab ihr den reinen Wein zu kosten geben. Nachhero ists hinaufi zum Heiner. Da ists sehr lange Zeit gewest.«
»Was hat sie da gewollt?«
»Das weiß ich halt nicht. Es ist Niemand von denen Leutln noch herabkommen zu mir, und ich geh nicht aufi, weils sonst meinen könnten, daß ich aus Neugierden komm.«
»Na, für neugierig darf Sie kein Mensch halten!«
»Nein, das bin ich niemals gewest.«
»Auch horchen thun Sie nie?«
»Nein. Nur manchmal im Wald, wann da Zwei miteinander schwatzen. Aberst da kann man auch nix hören und nix verstehen.«
»Ist der Heiner daheim?«
»Freilich. Na, Herr Lehrern, bei denen Leutln habens halt einen großen Stein im Bret. Dem Heiner habens gefallen und dera Liesbetherl auch. Wanns mal aufisteigen wollten zu ihnen, so thätens ihnen halt eine große Freuden bereiten.«
»So? Da muß ich nur gleichmal hinaufgehen.«
»Na, so gar gleich brauchts doch auch nicht zu sein. Bei uns sinds halt auch so willkommen.«
»Ich glaube es. Aber ich habe nicht viel Zeit übrig.«
»Doch essen könnens erst ein Wengerl mit.«
»So? Was haben Sie denn?«
Es war ihm gar nicht so, als ob er hier mit essen solle. Der Verrückte aß von einem zerbrochenen großen braunen Thonteller ein Zeug, dem man es gar nicht ansehen konnte, was es eigentlich war.
»Erdäpfeln haben wir, Erdäpfeln und Runklrüben zusammenkocht und eine Zwiebeln hinein. Das giebt einen guten Geschmack und Gewürzen. Und der Schwiegertochtern hab ich für drei Pfennige Tropfenbier holt vom Gasthof. Wissens, was vom Hahn herunterläuft. Das hat Kraft und ist gut überstanden; da wird man halt nicht davon besoffen. Und einen Sallaten mach ich auch schon noch von Wegrichkrauten mit Essigen und ein Wengerl Pfeffern hinein und Kümmeln und Anis. Es geht halt nix über ein gut Gewürzen. Ich trag mir Alles selberst ein. Nachhero, wann der Dillen reif wird, da leg ich mir Rüben ein. Gurken sind noch besser; aberst dazu hat Unsereins das Geld nicht.«
Der Irre schien zu begreifen, daß die Rede vom guten Essen sei. Er nahm einen Löffel voll von dem Kartoffel- und Runkelrübenbams und kam hin zum Lehrer, um es demselben in den Mund zu reichen. Walther hatte alle Mühe, ihn davon abzubringen.
»Schauns, was mein Sohn für ein guter Kerlen ist,« lachte die Alte ganz glücklich. »Er hats gar wohl merkt, daß sie unser guter Freund sind.«
Dieses Wort schnappte der Irre auf.
»Freund! Guter Freund!« sagte er, dem Lehrer zärtlich die Wange streichelnd.« »Freund!«
Man hätte über diese Wirtschaft lachen mögen, und doch war es zum bitterlich Weinen.
Als nachher Walther nach der Oberstube gehen wollte, zog die Alte den Kienspan aus der Mauer, um ihm zu leuchten, und sagte:
»Laufens leise hinauf, Herr Lehrern, und machens die Thüren recht heimlich auf. Das wird hernachers eine feine Verüberraschung geben.«
Sie blieb unten stehen mit dem Spane, und Walther stieg die alte, steile Holztreppe empor. Als er ihr durch einen Wink zu verstehen gab, daß er sich an der Thür befinde, ging sie hinein.
Er klinkte leise und zog die Thür um eine kleine Spalte auf. Was er sah, war ein rührendes Familienbild. Der alte Heiner saß an einem alten, aber blitzblank gescheuerten Tische, eine ungeheure Messingbrille auf der Nase und las in einer Zeitung. Ihm gegenüber saß die Lisbeth und strickte an einem Pantoffelmuster auf Canevas. Sie hatte eine dünne, leinene Jacke an. Einer ihrer Zöpfe war aufgegangen und warf seine Haarfluth von Zeit zu Zeit auf die Stickerei, so daß sie dieselbe durch eine rasche Bewegung wieder nach hinten bringen mußte. Zur Seite stand ein Stuhl, den der Finkenheiner selbst gefertigt und mit weichem Moos gepolstert hatte. In demselben saß ein Jüngling, hager, außerordentlich hager, mit einem schönen, aber erschrecklich wachsfarbenen Angesichte. Er war seiner Schwester außerordentlich ähnlich. Seine Haltung, Alles, Alles an ihm war müd. Dennoch arbeitete er mit Eifer an einer Zeichnung, welche er vor sich auf dem Tische liegen hatte. Das Gemach war weiß getüncht. Anstatt der Rouleaux war weißes Papier angeklebt, in welches man eine hübsche Kante geschnitten hatte. Von der Decke hing eine Petroleumlampe herab, welche brannte, augenscheinlich ein Luxus, welchen man sich heut Abend erlaubte, dann in der Ecke stand eine hölzerne Vorrichtung zum halten der brennenden Kienspäne.
Der Kachelofen war von hohem Alter und sehr oft ausgebessert, und doch hatte Alles in dieser Stube den Anschein äußerster Sauberkeit. Ein Tellerbret, jedenfalls auch von dem Alten selbst gefertigt, barg einen bescheidenen Vorrath Schüsseln, Tellern und Tassen. An der Hinterwand hing das Bild des Heilandes, von dem Jünglinge in Oel gemalt, darunter das Weihwassergefäß.
»Und wie lang war er, Liesbetherl?« fragte der Kranke, augenscheinlich ein Gespräch fortsetzend.
»Fast wie dera Vatern.«
»So! Wannt mir nur das Gesicht mal so recht deutlich beschreiben könntst.«
»Warum? Willst ihn wohl gar gleich malen?«
»Ja.«
»Du bist wieder mal der richtige Hans, der gleich Alles malen will.«
»Sag doch, was er für eine Nasen hat!«
»Ja, wie soll ich das sagen?«
»Wars groß oder klein.«
»Beids nicht.«
»Wars eine griechische oder eine römische?«
»Nein,« fiel da der Alte ein, indem er mit der Hand auf seine Zeitung schlug. »Es war eine Nürnberger Nasen.«
»Wann ich ihn nur sehen könnt!« meinte der Sohn. »Er hat den Fritz niederschlagen und seinen Vatern auch. Er muß der richtige Herkules sein.«
»Gar so lang und dick war der Schulmeistern nicht. Man hats ihm so gar nicht anschauen könnt, was für eine Gewalten er in denen Muskeln hat. Aberst daß er ein braver Kerlen war, das könnt man ihm gleich ansehen.«
»Meinst?«
Das hatte Walther vorn an der Thür gesagt, und sofort richteten sich alle sechs Augen nach derselben. Der Alte sprang augenblicklich auf.
»Das ist er! Der Herr Lehrern! Na, da hat er standen und Alles hört! Willkommen auch an die tausend Malen!«
Er streckte ihm seine eine Hand entgegen. Beide begrüßten sich herzlich. Auch Liesbeth gab ihm die Hand. Hans wollte aufstehen, brachte es aber nicht fertig. Darum sagte sein Vater:
»Bleib sitzen, Bub! Der Herr Schulmeistern nimmt Dirs nicht übeln, daßt krank bist und schwach.«
Er schob dem Gast den vierten Stuhl hin, den letzten, den es gab. Dann blickte er sich rathlos in der Stube um und sagte:
»Ja, nun haben wir halt Besuch, aberst nix zum Vorsetzen. Was ist da zu machen?«
»Bitte, keine Umstände! Ich komme nicht des Essens und des Trinkens halber.«
»Das läßt sich auch denken, denn bei uns giebts da nicht viel zu haben; aber heut, wo dera Liesbetherl ihr Namenstag ist, da sollten wir schon was Guts vorsetzen können.«
»Was? Der Namenstag? Da freilich muß es einen Schmaus geben,« sagte Walther. Also was haben Sie in Ihrer Rauchkammer?«
»Rauch, weiter nix.«
»So müssen Sie bald etwas hineinhängen.«
»Ja, meine alten Holzpantofferln. Das Lisbetherl ist in dera Stadt gewest beim Kaufmann. Der hat wußt, das heut ihr Tag ist, und da hat er ihr bescheert: eine Flasche voll Petroleum, ein Pfund Seifen, eine Düten voller Kaffee und gar auch noch eine Tafeln Schokoladen. Und dem Hans hat er ein Blei und ein Papieren mitgeschickt auch. Das ist doch schön! Nicht, Herr Lehrern?«
»Ja freilich.«
»Aberst die Schokoladen haben wir schon kocht und außitrunken. Zum Kaffe haben wir nix, und das Petroleum und die Seifen kann man nicht verschnabuliren. Nun weiß ich halt nicht, woher wir was nehmen zum Schmausen.«
»Wer ich weiß es.«
»So? Da bin ich halt neubegierig.«
»Haben Sie noch Brod?«
»Nein. Das ist heut alle worden.«
»Weil ich es gegessen hab.«
»Na, na, na! Es hat mich schier gefreut, daß der Herr Lehrern mir die Ehre anthan hat.«
»Und mich wird es ebenso freuen, wenn Sie mir auch die Ehre anthun. Das Liesbetherl mag jetzt beim Bäcker ein Brod, beim Fleischer eine Wurst und im Gasthof ein Bier holen.«
Das Gesicht des Kranken röthete sich vor Freude, Liesbeths Gesicht vor Verlegenheit. Der Heiner aber sprang auf und rief, seinen Arm wie zum Schwur erhebend:
»Nein, daraus wird halt nix, auf keinen Fall nix. Das geb ich gar nicht zu!«
»Sie werden gar nicht gefragt. Wenn ich dem Liesbetherl das zum Namenstag geb, so hat nur sie allein zu bestimmen, ob sie es annehmen will oder nicht. Und wenn sie es nicht annimmt, so ist es eine große Beleidigung für mich, und ich komme ihnen niemals wieder in das Haus.«
»Sakra! Aberst so ist er halt! Gefallen läßt er sich nix. Er haut sogleich zu! Was meinst, Liesbetherl? Wirsts nehmen?«
Sie schwieg.
»Wollen Sie mich beleidigen?« fragte Walther. »Ihr Vater hat mir heut sein letztes Brod gegeben. Da soll ich ihm kein anderes geben dürfen?«
»Aberst eine Wursten dazu!« rief der Alte, »und gar auch noch ein Bier!«
»Und auch ein Stück Butter,« fügte Walther hinzu.
»Hurrjesses! Das wär doch die reine Hochzeiten und Kindtaufen! So was ist noch nicht derlebt.«
»So erleben Sie es heut.«
»Also Liesbetherl, wollen Sie? Sagen Sie Ja!«
Er griff in die Tasche und legte ein Silberstück auf den Tisch. Der Heiner nahm dasselbe in die Hand, blickte von dem Geldstück zum Lehrer und so einige Male hin und her und sagte dann:
»Fünf Mark! Sinds halt etwan ein Rothschild, Herr Lehrern?«
»Nein; aber heut hab ich es übrig.«
»Und dera Feuerbalzern habens auch allbereits sechs Mark geben!«
»Diese alte Klatschbase sollt es nicht sagen. Also diese fünf Mark müssen heut alle werden.«
»O Jerum Je!«
»Ja. Ein Brod, eine Butter, eine ganze Wurst und vier Flaschen Bier. Was noch übrig bleibt, gehört der Liesbeth.«
So blieb es, ob sie sich noch so sehr dagegen sträubten. Das Mädchen mußte gehen, um die bestimmten Einkäufe zu machen.
Jetzt nun sah Walther sich die Zeichnung an, an welcher der Sohn arbeitete. Es war eine Bleistiftlandschaft, welche er in Zeit einer Stunde auf das Papier geworfen hatte. Als der Lehrer sich in höchst anerkennender Weise über dieselbe und über das Talent des Zeichners aussprach, schwieg der kranke Jüngling bescheiden; aber sein Vater sagte:
»Das gefallt Ihnen wirklich? Das ist nix, gar nix. Da hat er noch ganz andere Sachen macht. Darf ichs Ihnen vielleicht mal zeigen?«
»Ich bitte drum.«
Da ging der Heiner in eine Nebenkammer, wo die Familie zu schlafen pflegte und brachte einen alten Kasten herbei, welcher ganz voller Zeichenblätter war. Walther begann, diese Blätter durchzusehen, und bemerkte zu seiner Freude, daß Hans nicht nur eine außerordentliche Begabung besaß, sondern sich ganz ohne Lehrer eine Fertigkeit angeeignet hatte, welche gradezu erstaunlich war, eben weil das ganze ohne Unterricht geschehen war.
»Jetzt werde ich Ihnen etwas zeigen,« sagte er zu Hans und ging fort. Als er nach kurzer Zeit wiederkehrte, brachte er Gegenstände mit, bei deren Anblick Hans laut aufjubelte: ein Reißbret mit Reißschiene und vollständiges Reißzeug, einen Farbenkasten, Zeichenpapier, welches er sich aus Regensburg mitgebracht hatte in der Ueberzeugung, daß hier am dem abgelegenen Orte dergleichen nur schwer zu haben sein werde. Zuletzt legte er noch zwei schön eingebundene Bücher hin. Hans schlug die Tittel derselben auf und las: »Stieglitz, über die Malerei der Griechen und Römer« und »Völker, die Kunst der Malerei.«
»Das Alles lasse ich Ihnen da,« sagte Walther. »Und alle Tage komme ich herüber, um mit Ihnen zu zeichnen. Talent haben Sie, und Methode habe ich. Da dürfen wir erwarten, daß Sie sehr bald vorwärts kommen.«
Wer war glücklicher als der arme Kranke. Auch sein Vater wußte sich vor Freude nicht zu lassen.
»Herr Lehrern,« sagte er. »Sie sind halt grad wie ein Engeln zu uns kommen. Erst habens der Liesbetherl beistanden gegen den Silberfritz, und nun bringens gar noch dem Hans diese Sachen. Das werden wir gar nie vergelten können. Und ein Geld habens auch noch geben zum Essen für heut Abend. Das ist gar zu viel!«
»Nein, das ist nicht zu viel. Ich kann es geben.«
»Aberst bei denen paar Markerln Gehalt, die Sie hier bei uns bekommen, da werdens gar nimmer weit ausreichen, wanns so splendid leben.«
»O, so splendid bin ich nicht immer. Und glücklicher Weise bin ich nicht allein auf meinen Gehalt angewiesen.«
»Sinds halt reich?«
»Gar nicht. Aber ich bin nebenbei Schriftsteller.«
»Was ist das?«
»Das heißt, ich schreibe Erzählungen, welche gedruckt werden. Und dafür bekomme ich ein Honorar, welches weit mehr beträgt als mein Gehalt.«
»Sakra! Das lasse ich mir halt gefallen.«
Jetzt kam die Liesbeth mit den Eßwaaren zurück. Das war ein Gaudium, nicht ein lautes, geräuschvolles, sondern eine stille Freude darüber, daß man jetzt einmal ein ordentliches Stück Brod zu essen hatte. Denn das, was die Liesbeth aus dem schlechtesten Mehle selbst backen mußte, das war schließlich gar nicht Brod zu nennen.
Und wie aßen diese braven Leute! Nicht als ob sie seit Monaten weder Wurst noch Butter oder Bier gesehen hätten, sondern als ob bei ihnen nicht der mindeste Appetit vorhanden wäre. Walther aß ganz wenig, um ihnen Alles zu lassen, und sie wieder hatten, wie sich nachher herausstellte, die Absicht, ihm das Uebrigbleibende einzupacken und mitzugeben, woraus freilich nichts wurde.
Als er zuletzt noch einige Cigarren auf den Tisch legte, sagte der Finkenheiner, daß er noch nie so einen glücklichen Namenstag erlebt habe, wenigstens so lange seine Frau todt sei.
Das erinnerte Walter an das, was er heute im Walde von ihm über diese Frau gehört hatte. Darum erkundigte er sich:
»Der Silberbauer hat Ihre Frau auch gekannt?«
»Freilich. Er hat sie ja haben wollen.«
»Darf ich darüber Etwas erfahren?«
»Alles, Alles könnens derfahren. Wanns unten rechts aus dem Dorf hinaus gehen, nachher kommens an das Wassern, an welchem die Schneidemühlen gelegen ist. Dort war ich der Müllerknappe, und meine Frauen war die Tochtern. Wir haben uns im Stillen lieb gehabt und haben denkt, daß Niemand was davon wüßt; aberst der Claus hats doch wohl merkt, denn er ist mir feind gewest zu aller Zeit. Er hat sich beim Müllern einischlichen, daß der ihm hat seine Tochter geben wollen; sie aberst hat nicht wollt. Ein Mal hab ich des Abends draußen mit ihr am großen Rad standen. Wir haben leise mitnander sprachen und dabei merkt, daß uns Einer zuhört. Kaum aberst ist sie fort gewest, so hat sich ein Kerlen auf mich worfen und mit mir gerungen. Sein Gesicht war schwarz von Ruß, so daß ich ihn nicht erkannt hab; aberst es ist die Gestalt des Claus gewest. Er hat mich nach dem Rad treiben wollt, und ich hab mich aus Leibeskräften wehrt. Es hat vorher geregnet habt, und da bin ich ausglitten und niederstürzt. Er war stark, und im nächsten Augenblick bin ich hinabflogen in das Radlager, wo das oberschlächtige Wassern darüber geht. Das Rad war im Gang, und ich hab aus Leibeskräften brüllt. Der Müllern war schlafen gangen, aberst mein Dirndl war noch wach und hat allsogleich die Mühlen stehen lassen. Nachdems den Vatern weckt hat, bin ich sucht und da unten funden worden. Der linken Arm war weg.«
»Mein Gott! Das hat der Silberbauer gethan?«
»Ich möcht halt drauf schwören, aberst ich kann nix beweisen. Damals ist das Gericht nach ihm laufen, aber er hat beweisen könnt, daß er um diese Zeit daheim gewest ist. Er war nämlich Knappen in der unteren Mühlen, die eine Viertelstunden tiefer im Thal gelegen war. Aberst später hat er zuweilen ein Wort fallen lassen, aus dem ich sicher weiß, daß ers gewesen ist.«
»Wenn er auch nur Knappe war, so kann er doch früher nicht so reich gewesen sein?«
»Der, reich? Ein armer Schlankerl ists gewest. Er hat nix habt als was er auf dem Leib tragen hat, denn Alles, was er verdient hat, das ist über die Zungen laufen. Als er damals freigesprochen worden war, ist er in die Fremd gangen, und ich hab doch mein Dirndl heirathet. Spätern ist der Claus dann wieder kommen, und zwar zum Unglück für uns Alle.«
»Wieso?«
Der Heiner warf einen bezeichnenden Blick auf seine Kinder und antwortete:
»Wanns das wissen wollen, so verzähl ichs Ihnen ein ander Mal. Heut aberst ist der Namenstag, und da mag ich halt nicht an dera Sachen denken. Die heutge Zeiten ist schlimm genug; so wolln wirs nicht noch verschlimmern, indem wir halt auch noch das vergangene Unglück dazunehmen. Wanns erst eine längere Zeit hier wohnen, nachhero werdens bald Alles wissen, was da herum geschehen ist.«
Das war für den braven Alten eine außerordentlich trübe Erinnerung gewesen, und er wurde auch nicht wieder so fröhlich, wie er vor derselben gewesen war. Als Walther sich sodann verabschiedete, sollte er unbedingt mitnehmen, was übrig geblieben war. Natürlich that er es nicht. Nun sollte er wenigstens das Geld zurücknehmen, was von den fünf Mark nicht ausgegeben worden war, doch auch dies wies er energisch von sich. Nach seiner Entfernung wurde sein Lob von allen sechs Lippen gesprochen.
Am nächsten Morgen ging der Finkenheiner bei Zeiten in seinen lieben Wald hinaus und hinterließ der Liesbeth die Weisung, in die Mühle zu gehen und für fünfzehn Groschen Grobmehl zum Brodbacken zu holen. Das war ganz dieselbe Schneidemühle, von welcher er gestern Abend dem Lehrer erzählt und die ihm früher gehört hatte. Nach ihm war sie in die Hände des Silberbauern übergegangen, welcher sie auch zu einer Mahlmühle eingerichtet und nachher verpachtet hatte. Der jetzige Pächter war ein junger, überall gern gesehener und beliebter Mann, welcher noch keine Frau hatte und mit einer alten Magd eine einsame Wirthschaft führte.
Als Liesbeth die Mühle erreichte, ging sie nicht sofort hinein, sondern sie schritt hinter derselben nach dem Wasser, welches die Räder trieb. Dort, am Radlager blieb sie stehen. Sie dachte an die gestrige Erzählung ihres Vaters. Hier, grad wo sie stand, hatte er mit dem Nebenbuhler gekämpft war von demselben hinabgestürzt worden und war da um den Arm gekommen.
Und ihre Mutter? Warum sprach der Vater so wenig und beinahe ungern von ihr? Warum hatte er gestern dem Lehrer einen Wink gegeben, als dieser etwas Näheres hatte erfahren wollen? Auch sonst war es Liesbeth vorgekommen, daß Leute, mit denen sie von ihrer Mutter gesprochen hatte, plötzlich still geworden waren und ihr keine weitere Auskunft gegeben hatten. War da irgend ein Geheimniß vorhanden.
»Grüß Gott, Liesbetherl!« hörte sie sich jetzt rufen. »Bist auch schon »munter und wach?«
Der junge Müller stand drüben an der Ecke und hatte sie gesehen. Sie ging zu ihm hinüber und gab ihm die Hand. Sie waren Vertraute schon seit langer, langer Zeit und hatten mit einander gespielt, bereits als sein Vater noch Pächter der Mühle war. Es war von jeher ihr Ideal gewesen, Müllerin zu sein. Und gerade an diese Mühle hatte sie dabei allemal denken müssen. Aber der Müller, so hübsch und gut und herzig er war, schien seine alte Magd höher zu halten als alle jungen Dirndln der Welt. Das war immer ihr Herzeleid gewesen.
»Stehst schon wieder drüben am Rad!« sagte er. »Wirst schon mal hineinfallen!«
»So kannst mich herausholen.«
»Warum ich?«
»Weilst der Nächste bist, der dabei steht.«
»Ach so! Dann mußt aberst auch richtig schreien, daß ichs sogleich gut hör.«
»Wie beim Vatern.«
»Denk nicht daran.«
»Ich muß halt doch stets daran denken, daß er dort den Arm verloren hat. Seitdem ists ihm stets unglücklich gangen.«
»Ich denk, er hat erst hernachers heirathet?«
»Das wohl.«
»So kann er doch nicht sogleich unglücklich gewest sein.«
Sie blickte ihn forschend an. Auch er machte jetzt eine Bemerkung, die ihr zu denken gab.
»Was meinst damit?« fragte sie.
»Nix,« antwortete er kurz.
»Und doch wars was!«
»Na, ich hab denkt, Dein Vatern ist erst dann elend worden, als dera Silberbauern wiederkommen ist aus der Türkeien.«
»In dera Türkeien ist er gewest?«
»So sagt man zuweilen.«
»Aber wie hat es ihm gelingen konnt, den Vatern unglücklich zu machen?«
»Ja, wer weiß das!« antwortete er gedehnt. »Ich denke, Du willst ein Mehlen holen?«
»Ei freilich! Recht grobes, billiges.«
»Ja, Ihr seid die Feinen, die nur das Delicatste backen wollen. Hast aberst auch ein Geld?«
»O, viel! Eine ganze Mark und eine halbe.«
»Sapperloten, seid Ihr heut reich! Hast doch stets nur für eine Mark kauft?«
»Ja, gestern zu meinem Namenstag war der Rothschilden bei uns.«
»Oh wai, o weh! Der Namenstag war gestern? Schlipperment, das ist dumm!«
»Was? Es ist dumm, daß ich einen Namenstag hab?«
»Nein, sondern aber daß ichs nicht wußt hab.«
»Wär auch weiter nix gewest!«
»Oho!«
»Nun, was?«
»Ich wär in die Restaurationen gangen und hätt mir ein Bier kauft.«
»So! Das ist schön! Was thätst aberst dazu sagen, wann ich zu Deinem Namenstag mir auch was kauf?«
»Das thät mich freilich ärgern!«
»So! Und ich soll mich nicht ärgern?«
»Wannt Dich wirklich ärgerst, so muß ichs halt wiederst gut machen.«
»Das bringst schon gar nicht fertig.«
»Oho!«
»Nein. Hast mir allemalen gratulirt, nur gestern nicht. Du bist schon der Richtige!«
»Dann bin ich sehr zufrieden, wann ich für Dich der Richtige bin.«
»Geh!« antwortete sie erröthend. »Wannt Einem das Wort im Mund herumdrehst, so bist eben der Richtige nicht, sondern grad der Falsche!«
»Weißt, ich war gestern nicht daheim. Ich war verreist, Getreid einzukaufen. Nachher also konnt ich nicht zu Dir kommen. Und sodann hab ich wußt, daßt heut doch selberst kommst.«
»O, wie willst das wissen?«
»Weil Euer Brod alle gewest ist. Als ich in der Früh fort ging, traf ich Deinen Vatern im Wald, und der hat mir sagt, daß in seinem Sack der letzte Bissen stecken that.«
»Und da denkst halt, daß wir gleich zu Dir kommen müssen?«
»Ei freilich.«
»Nein, nein! Wann der neue Lehrern nicht am Abend bei uns gewest wär, so hätt ich doch nicht kommen können. Er hat uns fünf Mark schenkt.«
»Und dera Feuerbalzern gar sechs?«
»Das weißt schon?«
»Die hats ja schon im ganzen Dorf herumitragen. Der Neue muß ein Sakrafixi sein. Nicht?«
»Ja, ein Wackerer und Guter.«
»Ist er jung?«
»Sehr.«
»Und auch hübsch?«
»Viel mehr als Du.«
»Und den Namenstag hat er auch schon mit Euch feiert? So kannst Frau Lehrerin werden.«
»Geh fort! Mit Dir sprech ich halt gar nimmer!«
»So bekommst auch kein Mehlen.«
»Ach so. Dann gieb mirs halt schnell.«
»So schnell geht das schon nicht. Erst mußt mit in die Stub kommen und den Kaffee trinken. Die Barbara wird ihn wohl bereits fertig haben. Sodann werd ich Dir das Mehl einithun.«
»Aber mußt besser messen!«
»Meß ich schlecht?«
»Nein, zu gut. Allemalen bring ich grad noch mal so viel heim, als ich zahlt hab.«
»So wirds halt unterwegs mehr. Ich gab Dir das richtge Gewicht.«
»Wers glaubt!«
»Nun, ich glaubs halt selber. Also komm hereini!«
Er führte sie in die Wohnstube, in welcher die alte Barbara wirklich grad beschäftigt war, die Tassen auf den Tisch zu setzen. Sie begrüßte das Mädchen mit herzlicher Freundlichkeit und holte unaufgefordert die dritte Tasse, denn sie kannte die Herzensneigung ihres jungen Herrn. Solche alte, treue Seelen pflegen instinktiv stets das Richtige zu treffen. Auch ein Weißbrod wurde hingelegt und goldgelbe Butter dazu. Eben schenkte die Barbara den Kaffee ein, da wurde die Thür um eine Lücke geöffnet, und eine helle Stimme rief herein:
»Grüß Gott zum guten Morgen! Der ehrenwerthe Herr Meistern mag erlauben, daß ein wandernder Gesell der achtbaren Müllerzunften die edle Kunst begrüßen thut. Ich hab keinen Beutel, aber viel Hungern, kein Geldl, aber viel Dursten, und ein Kaffee mit Zuckern wär mir eben recht.«
Als die Drei hinblickten, sahen sie einen alten, zerrissenen Hut, dessen Löcher mit allerlei Blüthen und Pflanzen durchwebt waren. Darunter blickte eine Nasenspitze und ein gewaltiger, grauer Schnurrbart hervor.
»Was!« rief der Müller, indem er von seinem Stuhle aufsprang. »Bists wirklich?«
»Nein, ich bin ein Anderer.«
»Oho! Dich kennt man alsogleich an Deinem Hut und an dem Gespaß, wast allemalen machst.«
»Wer? Was?« rief nun auch die Barbara. »Ists die Möglichkeiten! Diese Stimmen sollt man kennen. Das ist kein Anderer als dera Wurzelsepp!«
»Weiß Jux, sie hats derrathen!« sagte der Sepp, indem er die Thür vollends aufmachte und hereinkam. »Ja, so eine alle Liebsten vergißt den Schatz niemalen.«
Er warf den Sack und den Hut zu Boden, lehnte den Bergstock an die Wand und sprang auf die Alte ein.
»Komm heran, Bärbel! Dich muß ich gleich zuerst begrüßen, sonst schaffst Dir gar einen Anderen an!«
Er faßte sie um die Taille, drückte sie herzhaft an sich und gab ihr einen schallenden Kuß. Sie stieß ihn von sich, wischte sich mit dem Topflappen, den sie in der Hand hatte, den Mund schnell ab und zeterte:
»Mach Dich fort, Du Sausewind! Ich will nur auch sehen, wannst mal zu Verstand kommen und ein gesetzter Mensch werden wirst! Bei allen denen hübschen, jungen Dirndln muß er seinen Schnautzi am Mund abwischen!«
»Ja, Du bist halt die richtige Junge und Hübsche! Wann bist hundertfünfzig gewest? Vor sechzig Jahren, nicht wahr?«
»Hundertfünfzig! Hört, Ihr Leutln, hundertfünfzig! Und da will der Lodrian gar einen Kaffee haben, und noch dazu mit Zuckern!«
»Ists etwan nicht wahr? Bei Dir heißts auch:
Jetzt bin ich hundertneunzig Jahr,
Hab nur noch einen Zahn;
Obgleich ich nicht mehr beißen kann,
Krieg ich doch keinen Mann!«
»Schweig!« raisonnirte sie. »Sonst werf ich Dich zur Thüren hinaus! Wir Beid sind nicht allein in dera Stuben! Kannst die Andern nicht auch grüßen?«
»Ja, eben jetzt kommen sie dran.«
Und Beiden die Hände entgegenstreckend, sagte er:
»Herr Müller und Frau Müllerin,
Ich bin froh, daß ich da nun bin.
Schenkt gleich dem Sepp den Kaffee ein;
Er hofft, willkommen Euch zu sein.«
Liesbeth erröthtete am ganzen Gesicht. Der Müller aber wehrte ab:
»Weißt, Sepp, hier giebts halt keine Müllerin.«
»So? Steht sie nicht allhier?«
»Da bist falsch berichtet. Die heirathet den neuen Schulmeistern.«
»Was? Die Liesbetherl, eine Müllerstochter und das Kind von meinem Spezial, dem Finkenheimer? Die gehört in eine Mühlen. Und wann sie keine hat, so kauf ich ihr eine.«
»Hast wohl gar sehr viel Geldl?«
»So viel, daß mirs zu denen Strumpfen heraußifallt. Drum hab ich keines mehr im Sack. Aberst wie ists nun halt mit dem Kaffee?«
»Siehsts nicht, daß die Barbara bereits einigießt?«
»Ja, was Die thut, das sieht man niemalen. Ich glaub, sie thut überhaupt gar nix. Die ist auch die richtige Faullenzerin und Schlaraffenheimerin!«
Die Alte schlug die Hände über dem Kopfe zusammen und rief:
»Was soll ich sein? Eine Faullenzerin? Und hier stehe ich schon seit stundenlang und hab nur immer den Kaffee herzugießen. Jetzt, wanns nicht anderst wird, kehr ich das ganze Volk gleich mit dem Besen hinaus!«
»Na, nimm Dir Zeit, liebste Braut! Den Sepp mußt hinne lassen! So, jetzt haben wir uns gezankt, und nun wollen wir zur Hauptsach kommen. Wie gehts, und wie stehts?«
Nachdem er Auskunft erhalten hatte, sollte auch er berichten. Der Müller meinte:
»Hör, Sepp, ich hab hört, daßt ein gar großer Künstlern worden bist?«
»Was für einer?«
»Ein Sängern.«
»Weißts auch schon?«
»Es hat ja in dera Zeitungen standen, daßt sogar vor dem König sungen hast!«
»Ja, ich und der König, wir sein halt zwei Spezi. Er sitzt auf dem Thron und ich drunter.«
»Da hasts halt bessern als er.«
»Das mein ich auch; drum bin ich halt immer lustig und kreuzfidel. Gut gehn thut mirs auch. Was will ich mehr haben auf dera Welt. Nur Eins thut mir fehlen, ein Einzigs und das ist a Stubn.«
»Eine Stuben?! Und für wen denn?«
»Für ein Jägern und sucht hier eine in Hohenwald.«
»Da liegt ja das Jägerhaus im Wald.«
»Dahin mag er halt nicht. Weißt er sucht denen Bombyx.«
»Wie? Der Jäger sucht denen Bombyx? Wer ist das, dera Bombyx? Wohl gar ein Wildschütz?«
»Nein, sondern ein Viehzeug.«
»Das kenn ich noch gar nimmer.«
»Wirsts auch sehen haben.«
»Glaubs nicht. Von einem Bombyx hab ich noch gar niemals was hört. Ists groß?«
»Hm! Es frißt ganze große Bäumen auf, besonders Kiefern und Fichten.«
»Bist toll? Welch ein Thier kann eine Kiefern oder Fichten fressen!«
»Eben dera Bombyx. Er frißt sogar ganze Wäldern aufi.«
»Schneidst wohl mit dem großen Messer?«
»Nein. Ich wills Dir sagen. Dera Bombyx ist halt ein Schmetterlingen, dessen Raupe im Wald gar großen Schaden macht. Wann man nicht bald schnell ein Mittel dergreift, so ists gefährlich. Und weil nun in dera Gegend der Bombyxen sein soll, so wird dera Jägern kommen, um nach zu schaun; ob er ihn auch wirklich findet. Er hat mir Auftrag geben, mich nach einer Stuben umzuschaun, in welcher er während dera Zeiten wohnen kann.«
»Ach so ists! Ja, was ists denn für Einer?«
»Nun, ein Feiner.«
»O weh! Ich hätt wohl eine Stuben, aberst wanns ein so gar seiner ist, so ists ihm halt nicht gut genug.«
»Ja, und essen und trinken will er auch. Das macht schon eine große Arbeit und Wirtschaften. Und Du hast nur die Barbara. Die ist zwar eine gar Fleißige und Emsige, aberst allein dermachen kanns doch halt so Etwas nicht. Du solltst also doch eine Müllerin haben.«
»Damit ists gefehlt.«
»Etwan weil Dich Keine mag?«
»Ja.«
»Oder weilst Dich nach Keiner umschaust. Du wirst auch warten und warten, grad so wie ich, bis es zu spät worden ist und Du kommst ins uralte Registern.«
»Dann geh ich auf den Wurzelhandel.«
»Gut, so heirath ich die Barbara und übergeb Dir meine Kundschaft. Machst mit, Bärbel?«
»Mit Dir sogleich!« antwortete sie.
»So? Wirklich? Na, da wollen wir bald losmachen. Hast auch bereits was gespart?«
»Sechsundachzig Pfennige.«
»Und ich zweiundneunzig. Das soll eine Hochzeiten werden, wies halt noch keine geben hat! Ich zieh den Kartoffelsack an, und Du nimmst den Regenschirm um. Gegessen und trunken wird auch, was das Zeug hält, Sauernkraut und Zwetschgenkerne und zwei Flaschen Röhrenbrunner dazu. Sodann haben wir uns und können wiederum auseinander gehn, grad so wie jetzunder.«
Er stand auf.
»Willst schon fort?« fragte der Müller.
»Ja. Was will der Sepp auch noch länger hier?«
»Wohin willst gehn?«
»Wohin der Sepp überhaupt geht, überall und nirgends. Ich hab in aller Welten meine guten Freunden, die ich besuchen muß. Jetzund will ich zuerst zu meinem guten Spezi, dem Finkenheiner. Ist er draußen im Wald auf seinem Platz, bei denen Finken und Bachstelzern, Liesbetherl?«
»Ja, wie immer.«
»So will ich alleweilen mich für den Kaffee bedanken. Wann ich wiederum komm, gebt Ihr mir einen andern. Nachhero find wir quitt. Behüts Gott!«
Er nahm Hut, Rucksack und Stock wieder auf, gab den Dreien die Hand und ging. Sie versuchten nicht, ihn aufzuhalten; sie kannten seine Art und Weise und wußten, daß es erfolglos gewesen wäre. Die Barbara begleitete ihn hinaus.
»Jetzt nun kannst mir mein Mehl geben,« bat das Mädchen den Müller.
»Hasts so eilig?«
»Ja. Ich will heut noch backen.«
»Wannst noch eine Viertelstund hier bleibst, wirds drum doch auch noch fertig.«
»Der Brudern ist allein daheim.«
»Da hast Recht. Also komm.«
Er führte sie hinaus, aber nicht hinüber in die Mühle, wo er, wie sie wußte, das Mehl hatte, sondern nach der Treppe.
»Da hinauf?« fragte sie.
»Ja. Komm.«
»Hast jetzt das Mehl da oben?«
»Die Nummern, die Du brauchst, die ist da hier oben. Oder willst nicht mit?«
»Mit Dir geh ich halt schon aufi.«
Sie kannte das Haus von ihrer frühen Jugend her. Sie wußte, daß es allerdings oben eine Mehlkammer gebe, aber er schlug eine andere Richtung ein. Dann blieb er vor einer Thür stehen und zog den Schlüssel aus der Tasche, sie zu öffnen.
»Da drin ist doch kein Mehl!« sagte sie.
»Das weißt noch?«
»Ja. Das ist meiner Muttern ihre gute Stuben gewest. Oder nicht?«
»Ja, und der meinigen Muttern ihre auch. Komm hereini. Brauchst Dich nicht zu fürchten.«
Als er die Stube öffnete, war es dunkel in derselben, denn der Fensterladen war verschlossen. Er machte das Fenster auf und öffnete ihn, und nun drang das Morgenlicht hell und freundlich in den Raum, der demselben Jahre lang verschlossen gewesen war.
Die Mühle lag an einem Damme, nach welchem dieses Fenster führte. Obgleich man, um in diese Stube zu gelangen, eine Treppe hoch steigen mußte, konnte man doch von dem Damme aus, welcher höher lag als die Hausthür, ganz leicht in dieses Fenster steigen.
Der Raum war sehr altmodisch ausgestattet. Ein einziges Bild hing an der Wand, das Bild einer Frau, deren Gesichtszüge auf große Herzensgüte schließen ließen. Der Müller deutete auf das Kanapee und sagte:
»Setz Dich nieder, Liesbetherl. Ich will Dir Etwas suchen.«
»Was denn?«
»Das, was ich Dir heut zum Namenstag geben will, weil ich gestern nicht zu Dir konnt hab.«
»Das ist nicht nöthig, Wilhelm. Brauchst mir nix zu schenken. Ich weiß dennerst, daßt mich nicht vergessen hast.«
»Nein. Ich muß thun, was mir die Muttern sagt hat, bevor sie storben ist.«
Er öffnete eine Truhe und nahm ein kleines Kästchen aus derselben. Mit dem Letzteren setzte er sich neben Liesbeth auf das Kanapee und öffnete es.
»Schau Dir mal an, was da drinnen ist,« sagte er. »Hier, nimms in die Hand; da hasts nähern.«
Es waren zwei einfache Goldringe und sodann eine goldene Kette, an welcher zwei Doppellouisd'ors und drei Henkelducaten hingen.
»Ein Schmuck!« sagte sie. »Wohl von der Deinigen Muttern?«
»Ja.«
»Das ist ein heilig Andenken, Wilhelm. So was muß man gut und sauber verwahren. Da hängt ein großer Segen daran.«
»Meinst?«
»Ja. Von der meinigen Muttern hab ich gar nix erhalten. Es ist nix übrig blieben, weil die Eltern arm worden sind.«
Es war ein fast mitleidiger Blick, welchen er auf ihr hübsches, ernstes Gesicht warf.
»Ja, Du hast nix geerbt von dera Muttern. Nicht mal ein Ringerl oder ein Kreuzerl. Und doch sollst gern was haben, woran ein Muttersegen hängt. Ich schenk Dir die Ketten und auch die Ringerln!«
»Wilhelm!« rief sie wie erschrocken.
»Willsts wohl nicht?«
»O, so was nimmt man schon gern; aberst Du darfsts nicht verschenken.«
»Warum nicht?«
»Eben weils von Deiner Muttern ist.«
»Nun, sie hat mirs erlaubt, dies zu geben.«
»Mir?«
»Ja, grad Dir.«
»Wie könnt ich das glauben!«
»Wann ichs Dir sag, so ists halt wahr. Schau, diese Ketten hat die Muttern tragen, als sie Braut gewest ist, einen Ring auch und den andern aberst der Vatern. Ich schenks Dir, doch mußt auch mir den einen Ring tragen lassen.«
Sie blickte ihn forschend an; dann plötzlich flog eine tiefe, glühende Röthe über ihr Gesicht. Fast hätten ihre zitternden Händchen das Kästchen fallen lassen. Er wartete eine Weile. Sie hielt das Kästchen in der einen Hand und hatte die andre in holder Scham an das Gesicht gelegt. Er zog diese Hand von ihrem Gesichtchen sanft fort und fragte:
»Willsts haben, Liesbetherl?«
»Nein,« hauchte sie.
Er senkte den Blick seiner treuen, blauen Augen in die ihrigen. Sie wendete sich ab.
»Magsts wirklich nicht haben, Liesbetherl?« wiederholte er, leiser als vorhin.
»Nein, Wilhelm.«
»Gar nicht?«
»Nie!«
Da nahm er das Kästchen wieder aus ihrer Hand, that es in die Truhe und verschloß dieselbe. Dann trat er zu dem Bilde heran und sagte:
»Hasts gehört, meine gute Muttern? Ich hab sie so sehr lieb. Du hasts wußt. Sie aberst mag nicht. Nun wird keine Andre Dein Ketterl erhalten und die Hochzeitsringerln dazu. Es kommt keine Müllerin in diese Mühlen, und Dein armer Wilhelm wird allein mahlen, bis er nachher zu Dir kommt. Grüß mir den Vatern!«
Er zog den Laden wieder zu und schloß auch das Fenster. Es war wieder dunkel in der Stube geworden. Er ging nach der Thür und öffnete dieselbe. Draußen fiel das Licht in sein Gesicht. Sie sah, daß ihm die Thränen in den Augen standen.
»Liesbetherl, komm! Ich will Dir das Mehl einimessen.«
Sie antwortete nicht, und sie bewegte sich auch nicht.
»Liesbeth!«
Auch jetzt blieb sie still.
Da trat er wieder zurück und auf sie zu. Sie fuhr vom Kanapee empor, schlang die Arme um ihn und sagte unter ausbrechendem Weinen:
»Wilhelm, ich darf nicht.«
»Warum nicht?«
»Ich weiß nicht.«
»Wann Du weißt, daßt nicht darfst, so mußt auch wissen, warum nicht.«
»Nein, ich weiß es nicht.«
»Wohl weilt mich nicht lieb hast?«
»Ich Dich nicht lieb? O, wie so sehr, wie so sehr! Ich hab Dich schon als kleines Dirndl lieb habt, und noch jetzund träum ich davon, daß ich Deine Müllerin bin. Aberst ich bin nicht so wie Du.«
»Das versteh ich halt nicht. Wie meinst das?«
»Ich find die richtgen Worten auch nicht, es Dir zu sagen. Es ist was zwischen Dir und mir, was uns nicht zusammenkommen laßt. Weißt, von dem meinigen Vatern.«
»Du, da thust Deinem Vatern ein großes Unrecht und Herzeleid an. Er ist der bravste Mann, den es nur geben kann.«
»Und doch liegt was auf uns – – –«
»So ists von meiner Muttern! Du weißts, und auch Andre wissens, aberst Niemand wills mir sagen. Wilhelm, wannt mir das Kästerl schenken willst, so soll ich Deine Müllerin werden. Ich bin ein arms Dirndl, aberst ich weiß, daß ich eine brave Frau sein werd und auch fleißig und ordentlich. Das ist fast auch wie ein Geld. Also wegen dera Armuthen sag ich nimmer nein. Aberst wannt mir so ein großmächtiges Vertrauen schenkst, daß ich Deine Frau werden soll, warum schenkst mir da nicht auch das Vertrauen, mir zu sagen, wast von meiner Muttern weißt?«
»Weils Dir nix nützen kann.«
»Dir aber auch nicht. Ich hab Dich lieb, Wilhelm, und ich mag niemals keinen Andern; aber erst wann ich weiß, woran ich mit der Muttern und dem Vatern bin, nachhero kann ichs Dir sagen, ob ich das Kästle annehmen darf.«
»Darauf bleibst bestehen?«
»Fest und sichern!«
»Nun wohl, so will ichs Dir sagen.«
Er zog sie neben sich auf das Kanapee nieder. Obgleich er sie nicht umarmt hielt und ganz wie ein Fremder an ihrer Seite saß, bat sie dennoch:
»Magst den Laden nicht wiedern aufimachen?«
»Jetzund noch nicht. Das, was ich Dir verzählen will, laßt sich am Besten in dera Dunkelheit sagen.«
»Ists so schlimm?«
»Schlimm? Nein, wohl nimmer, aber traurig ists, sehr traurig. Liesbetherl, Du denkst, Deine Muttern sei storben; aberst sie ist nicht todt.«
»Herrgott! Ists wahr?«
»Ja.«
»Wo ist sie, wo?«
»Das weiß kein Mensch.«
»Auch dera Vatern nicht?«
»Nein.«
»Warum forscht er nicht nach ihr?«
»Sie ist ihm untreu worden und auf und davongangen, in die weite Welt.«
»O Jesus!«
»Sie hat das ganze Vermögen mitnommen und ihm nur viel Schulden hinterlassen.«
»Mein Vätern! Mein armer Vatern!«
»Und dera Silberbauern hat sie verführt.«
»Der? Der und immer wieder Der!«
»Soll ichs Dir verzählen?«
»Ja, thu es! Ich muß es wissen.«
»Schau, das ist so: Meine Muttern ist Deinem Vatern so sehr gut gewest, aberst er hat nur Augen für Deine Muttern gehabt, die sehr schön gewest ist, aber lüderlich und leicht, meine Muttern aber nicht hübsch. Sie hat dann später meinen Vatern genommen und sich mit ihm ganz gut zusammenfanden und bis an sein End glücklich mit ihm gelebt. Dann hat sie sehen müssen, wie es Deinem Vatern ergangen ist, und ihre alte Lieb ist wieder erwacht. Die hat Dich so lieb gehabt und mir noch auf dem Sterbebett geboten, Dich zur Müllerin zu machen, wannt mich nur haben willst.«
»Und Du mich aberst nicht?«
»Was denkst! Sie hat ja wußt, wie lieb ich Dich hab. Doch ich wollt ja von Deiner Muttern reden. Hier in diesem Haus war sie geboren, und hier hat Dein Vatern sie kennen lernt. Er war ein hübscher Kerlen, und sie war ihm gut, wie eben ein leichtes Dirndl einem Burschen gut ist. Daß sie ihn nicht nehmen sollt, das hat sie nur in dieser Lieb bestärkt. Freilich bessern für ihn wärs gewest, sie hätt ihn nehmen dürfen; dann hätt sie ihn wohl nicht genommen, und es war ihm alles spätere Herzeleid erspart geblieben. Der Silberbauern war in dera unteren Mühlen und stellte ihr nach. Ihr Vatern wollte, daß sie diesen nehmen solle, aber grad darum hat sie ihn nicht mocht. Da ists zum Kampf kommen zwischen denen beiden Nebenbuhlern, und das hat Deinem Vatern den Arm kostet. Der Claus ist zwar einisperrt worden, doch hat die Magd in dera unteren Mühlen sagt, daß er grad um dieselbige Zeit daheim gewest sei, und das hat ihn wieder frei gemacht.«
»Bis hierher weiß ichs auch.«
»Aberst weitern nicht?«
»Daß der Vatern die Muttern heirathet hat.«
»Das hat sie nur than, weil sie den obstinaten Charactern gehabt hat. Ihr Vatern hat Ja sagen müssen und Amen zu dieser Heirath; aberst er hat auch dafür sorgt, daß nachhero die Mühlen und Alles Deiner Muttern gehört hat und nicht Deinem Vatern. Der Claus ist in die Fremde gangen und für eine lange Zeit verschwunden gewest. Aberst plötzlich ist er wieder kommen und wieder Knappe worden in dera unteren Mühlen. Von jetzunder nun beginnt das eigentliche Unglück Deines Vaters. Der hatte nur den einen Arm noch. Damals, als er unter das Rad kam, das hat ihn gar arg mitgenommen gehabt. Er ist nimmer so frisch und gesund gewest wie vorher. Der Claus aberst, der spätern Silberbauern, hat sich in deren Fremde eine hübsche Gesichtsfarben geholt und einen festen, kräftigen Körpern. Er ist immer um die obern Mühlen herumischlichen, bis er sie troffen hat, und als sie nun so mit nander sprochen haben, da hat er ihr wohl viel bessern gefallen als ihr Mann, der um sie zum Krüppeln worden ist.«
»Der arme Vatern!« klagte sie.
»Hast Recht. Und Du kannst Dir halt denken, daß es nicht bei diesem ersten Zusammentreffen blieben ist, sondern sie sind nachher oft wiedern zusammenkommen, erst draußen im Wald und nachhero sogar in dera Mühlen, hier da, wo wir sitzen.«
»Das – das ist ja eine Sünde!«
»Was fragen solche Leut darnach, obs eine Sünden ist oder nicht? Sie thuns eben.«
»Und habens die Nachbarn gemerkt?«
»Erst nicht, aberst nachhero, als die Beiden nicht mehr so vorsichtig gewest sind, da hat man erst leis gesprochen, dann lauter und immer lauter, bis es öffentlich worden und vor die Ohren Deines Vaters kommen ist. Na, da kannst denken, was er dacht und than hat. Am Abend, als der Claus wiederum hier durchs Fenstern einistiegen war, da ist Dein Vätern dazu kommen.«
»Herrgott! Was wirds da geben haben!«
»Ja, was es da geben hat, davon weiß halt kein Mensch was. Aberst am andern Morgen hat Dein Vatern im Fiebern gelegen und ganz irr sprochen. Denn weißt, er hat Deine Muttern so sehr lieb gehabt, und Ihr beiden Kindern seid so kleine, arme Wurmerln gewest. Deine Muttern hat sich nicht um ihn und nicht um Euch kümmert.«
»Davon hab ich ja gar niemals was wußt.«
»Da schaust eben, was Dein Vatern für ein edler Charactern ist, trotzdem er verachtet wird, und daß er Deine Muttern so lieb habt hat, daß er nicht mal jetzt ihr bei Dir einen Schaden hat machen wollt.«
»Und wie ists nachhero worden?«
»Noch viel schlimmern»
»Du lieber Herrgott!«
»Ja. Als Dein Vatern so todtkrank dagelegen hat, da ist plötzlich Einer kommen, der hat zeigt, daß er die Mühlen kauft hat mit Allem, wie es steht und liegt, und der kranke Müllern must augenblicklich heraus und fort.«
»Das ist doch gar nicht möglich!«
»O doch!«
»Ein Weib kann doch nix verkaufen ohne den Mann!«
»Gewöhnlich, ja. Aber der alte Müllern hats so gemacht, daß sie hat machen konnt, was sie wollt hat. An Stelle des Mannes ist ein andrer Vormund gewest, und der hat halt den Kauf gebilligt. Dein Vater hat heraus gemußt.«
»Und die Muttern?«
»War verschwunden.«
»Du großer Himmel!«
»Und der Claus auch, mit ihr.«
»Wohin?«
»Kein Mensch weiß es. Aberst vom Claus redet man heut, daß er in der Türkeien gewest ist.«
»Was hat denn da der Vatern anfangt?«
»Der ist viel kränkern worden und ins Bezirkshaus kommen. Der Arzt hat sagt, er muß einen Schlag auf den Kopf erhalten haben. Erst viel spätern ist er wieder so worden, wie er heut noch ist.«
»Und wir Kindern?«
»Nun, Euch hat meine Muttern zu sich genommen, bis Dein Vatern Euch zurückgefordert hat.«
»Die Gute!«
»Ja, darum hat sie Dich so lieb habt wie ihr eigenes Kind. Dein Vatern hat seitdem eine ganz eigene Vorliebe zu der Waldblößen da draußen, wo er immer sitzt; Niemand weiß, warum; aber es muß doch mit jener Zeit zusammenhängen. Spätern ist dera Claus wiederkommen mit seinen zwei Kindern. Er ist indessen verheiratet gewest und sehr reich worden. Jetzt ist er der Silberbauern. So, Liesbetherl, jetzund weißt Alles.«
»Ist das wirklich Alles?«
»Alles, was ich weiß, ja.«
»Und Niemand weiß mehr?«
»Kein Mensch. Zwei wissen wohl mehr. Dein Vatern und dera Silberbauern; aberst die sagen nix.«
»So muß ichs doch derfahren.«
»Niemand wird Dir was sagen.«
»O, ich werd keine Ruhen finden, als bis ich Alles weiß.«
»Und doch mein ich, daßt nix derfahren wirst.«
»Und ich weiß Einen, der mir helfen wird.«
»Wer ists?«
»Dera Wurzelsepp.«
»Was will der derfahren haben?! Dera Silberbauern weiß das Allermeist, und der wird sich hüten, was zu sagen. Er hat stets sagt, daß er gar nicht weiß, wo Deine Muttern hinkommen ist. Er hat gar nicht wußt, daß sie fort ist; so sagt er.«
»Aberst dem Sepp sagt ers.«
»Nein, nein!«
»Da kennst den Sepp schlecht. Der lockts aus ihm heraus.«
»Ich kenn den Sepp schon lang und gut, aberst ich glaub halt nicht, daß er klüger ist, als dera Silberbauern.«
»Dennerst werd ich ihn um seine Hilfen bitten. Und nachhero weiß ich noch Einen, auf dem ich mich wohl gar verlassen kann.«
»Wer möcht das sein? Etwan ich?«
»Nein. Auf Dich kann ich mich auf Alles verlassen im Leben und im Sterben; das weiß ich wohl. Hier aberst bist viel zu gut und ehrlich dazu. Nein, ich mein den neuen Lehrern.«
»Den, ah den! Ja, ich hab gar wohl merkt, daßt auf den gar große Stucken hältst.«
»Er hats auch gar verdient.«
»Von wegen gestern?«
»Ja.«
»Wie ist denn das gewest?«
»Weißts wohl noch nicht?«
»Nein. Munkeln hab ich davon hören, aberst was Sicheres konnt ich nicht derfahren.«
»Der Silberfritz hat mich im Wald überfallen.«
»Der Hallunk! Ich derschlag ihn!« rief er zornig.
»Ich sollt ihn – küssen.«
»Der Hund! Ich derstech ihn!«
»Ich hab mich wehrt, und er wollt mich zwingen.«
»So ein verfluchtger Kerl! Ich derschieß ihn!«
»Er hat mich beim Leib gehabt und fast wärs so weit kommen, daß er mich geküßt hätt.«
»So ein infamer Galgenstrick! Ich verwürg ihn, und nachhero vergift und versäuf ich ihn noch obendrein!«
»Da aberst ist der Herr Lehrern kommen.«
»Ah! Jetzt kommt die Hilf!«
»Ja. Der hat ihn hergenommen und zur Erd geworfen viele Male, als obs eine Puppen wär, und nachhero hat er ihn sogar mit dem Stock zwungen, mir die Schwammpilzerln wieder aufzuheben, die er mir ausgeschüttet hatte.«
»Was that dera Silberfritz nachher?«
»Er ist ausgerissen.«
»Und der Lehrern?«
»Er ging nach dem Dorf.«
»Mit Dir?«
»O nein. Ich bin gleich durch den Wald nach dera Stadt gangen, ganz allein, und hab die Schwammerln verkauft.«
»Ists wahr?«
»Werd ich Dir eine Lügen machen?«
»Du, den neuen Lehrern könnt ich bereits lieb haben!«
»Ich auch.«
»Oho, das geht ja bei Dir so außerordentlich rasch!«
»Bei Dir noch viel schneller! Hast ihn ja noch gar nicht sehen und bist ihm bereits schon gut.«
»Du hast ihn wohl schon oft sehen?«
»Gestern Abend wiedern. Er war bei uns.«
»Verzähl mirs doch!«
Sie erzählte ihm von dem gestrigen Besuche des Lehrers und schloß daran die Bemerkung, daß sie ihm zur Dankbarkeit verpflichtet sei und ein großes Vertrauen zu ihm habe.
»Und darum willst ihn auf den Silberbauern hetzen?«
»Dessen bedarfs gar nicht. Er ist schon selberst auf ihn gehetzt.«
»Nun wohl, ich hab nix dagegen; aber wart jetzt noch ein Weilchen. Man muß den Mann doch erst kennen lernen.«
»O, den kenn ich schon bereits ganz gut!«
»Ich stimm Dir ganz bei, daß er ein braver und ganz tüchtiger Kerlen sein mag; aberst er ist noch neu. Laß ihn vorerst noch ein Wenig älter werden.«
»Aberst dem Sepp darf ichs verzählen, das vom Vatern?«
»Vielleicht weiß ers schon.«
»Glaubs nicht.«
»Er ist ja der Spezi Deines Vaters.«
»Das wohl. Na, ich werd ja sehen; aber derfahren muß ich, was mit dera Muttern worden ist.«
»Wann ich kann, will ich Dir gern auch dazu behilflich sein. Jetzt aberst sind wir nun fertig. Nun sag, ob ich die Truhen wiederum aufschließen soll.«
Sie schwieg.
»Liesbetherl, ich bitt! Antworte mir!«
»Mach den Laden wiedern auf!«
Er ging hin and that es. Als das Tageslicht nun wieder in die Stube fiel, trat er zur Truhe.
»Soll ich?«
Sie nickte.
Er schloß auf, nahm das Kästchen heraus, öffnete es und hielt es ihr hin.
»Da, nimm!«
Sie erhob das kleine Händchen, zögerte aber doch noch.
»Ists auch Dein Ernst?«
»Gar sehr!« antwortete er.
»Und wirsts nie bereuen?«
»Niemals!«
»So will ichs mit dem Herrgott wagen!«
Sie nahm die Kette heraus, legte sie sich über den Busen, warf einen Blick auf die funkelnden Goldstücke herab und legte sie dann wieder hinein.
»Wie? Willst sie etwan nicht behalten?« fragte er.
»O ja; aberst Du sollst sie aufheben.«
»Bis Du sie am Altar trägst. Nicht, Liesbetherl?«
»Ja.«
»So hat meine gute Muttern nun doch ihr Recht. Ich dank Dir gar sehr, Liesbetherl. Du wirst halt sehen, daß ich ein guter Mann sein werd.«
»O, das weiß ich schon!«
»Ich bin ein stiller, ruhiger Bub und stell mich nicht überall vornhin und obenan; aber was ich zu thun hab, das weiß ich zu thun, und so denk ich, daßt mit mir wohl gar zufrieden sein wirst.«
Er hatte ihre beiden Hände ergriffen und hielt dieselben in den seinigen.
»O, ich werd nicht nur zufrieden, sondern sogar glücklich sein!« sagte sie. »Grad daßt ein so Ruhiger und Bescheidentlicher bist, das gefallt mir so sehr wohl.«
»Du weißt nicht, wie glücklich mich dies Wort macht, Liesbetherl. Aberst manchmal sehens die Dirndln gar nicht gern, wann man bescheiden ist.«
»Ich immer!«
»Was meinst? Ob ich auch jetzt bescheiden sein soll?«
Sie blickte ihm ganz hell und unbefangen in das Gesicht. Aber plötzlich mochte sie errathen, was er meinte, denn sie wurde glühend roth und antwortete schnell:
»Jetzt grad gar sehr!«
»Aberst grad jetzt wär ich gern mal kühn gewest!«
»Das ist nicht gut!«
»Aberst es schmeckt so gut.«
»Weißt das schon bereits?«
»Ich habs hört.«
»Von wem?«
»Drunten von dera Barbara.«
Da lachte sie hell auf, und er stimmte fröhlich ein.
»Hat die denn auch mal einen Schatz habt?«
»Ei freilich. Sie verzählt sogar zuweilen von ihm.«
»Wer ists gewest?«
»Ein Fleischerngesell. Der hat ihr ihren Lohn immer abgeborgt. Für jeden Gulden hat er einen Kuß geben. Daher weiß sie, wie es schmeckt.«
»Das ist theuer! Ich thät viel weniger geben.«
»Und ich viel, viel mehr.«
»Wie viel?«
»Für einen Kuß von Dir thät ich Dir geben – – na, was denn? Zehntausend andern!«
»O Jerum! Wann thätst da fertig werden!«
»Das könnt nicht lange dauern, denn ich thät da gar fleißig sein.«
»Aberst wie lange ungefähr?«
»Ja, wer kann das sagen, wann man es noch nicht probirt hat. Wann ich nur wüßt, obst mitmachen thätst.«
»Das hat noch Zeit.«
»Aberst, wann man sich liebt, muß man sich doch auch einen Kuß geben dürfen!«
»Sogleich nicht.«
»Der Anfang muß doch mal gemacht werden.«
»In elf Wochen.«
»Du mein Himmel! Da sterb ich vor lautern Appetit!«
»So geh ich mit zu Grabe.«
»Geh, Du hast kein Herz!«
»Und Du keinen Muth!«
»Was? Ich keinen Muth? Das hast nicht umisonst sagt. Jetzt wirst geküßt, und wannst eine alte Fischthranflaschen wärst!«
Er hielt sie fest und küßte sie auf Stirn, Wange und Mund. Sie wehrte sich zwar, aber nicht allzusehr. Aber als er die Lippen gar nicht wieder von den ihrigen lassen wollte, schob sie ihn von sich und sagte:
»Jetzt gehst nun halt! So ein gar Ungestümer brauchst derowegen nicht zu sein. Aus einer alten Fischthranflaschen trinkt man nicht so lange.«
»O, noch länger, wanns so gut schmeckt.«
»Dazu hab ich keine Zeiten. Ich will jetzt endlich mal mein Mehl haben!«
»Ich so!« lachte er. »Das feinste?«
»Nein, das billigste.«
»Für zehn Thalern?«
»Nein, für einen halben Thalern.«
»Und backen willst heut auch?«
»Freilich. Wann uns dera Lehrern gestern Abend nicht das Geld schenkt hätt, so thäten wir heut gar hungern.«
»O Jagerl! So schlimm solls nicht wieder werden. Komm, Liesbetherl. Ich will Dir Dein Grobmehl einmessen.«
Er machte das Fenster gar nicht zu. Es war ja das Glück hier eingezogen; darum durfte auch der Sonnenschein wieder herein. Er ergriff sie bei der Hand und führte sie hinab in die Stube, wo die alte Magd beschäftigt war.
»Du Bärbel,« sagte er. »Schau Dir doch gleich mal dieses Dirndl an!«
Die Alte stemmte beide Arme in die Hüften, stellte sich vor das Mädchen hin und machte die Augen weit auf.
»Siehst sie?«
»Ja. Blind bin ich nicht.«
»Wer ist sie?«
Wann er erwartet hatte, die Barbara in Verlegenheit zu bringen, so hatte er sich geirrt, denn sie antwortete:
»Das sieht man ihr sogleich an.«
»Nun, wer?«
»Die junge Müllerin.«
»Hurrah! Sie hats wahrhaftig derrathen!«
»Na, daderzu gehört keine große Klugheit. Gut seid Ihr einander immer gewest, und wann Ihr volle drei Stunden droben in dera Stuben sitzt, so weiß man ganz genau, daß die Maus nun endlich mal in die Fallen schlüpft ist.«
»Wer ist die Maus? Sie oder ich?«
»Sie. Du aberst bist der Esel!«
»Warum?«
»Weilst nicht schon längst zugriffen hast. Eine Müllerin wie das Liesbetherl kannst gar nirgends bekommen. Aber wann ich nicht hier und da hätt ein Wort fallen lassen, so wärs auch heut noch nix. Der junge Hund muß oben mit dera Schnauzen hineindrückt werden in die Milch, bevor er sauft. Na, ich gratulir von ganzem Herzen und wünsch viel Glück, Gesundheit und gedeihlichen Kinder. Und nun kann dera Herren getrost kommen, der hier wohnen soll. Die junge Müllerin ist da. Kannsts dem Wurzelseppen sagen, daß hier Alles in Schuß und Ordnung ist.«
»Das werd ich thun. Du aberst bekommst auch gleich Deine Arbeiten. Das Liesbetherl will nämlich backen.«
»Backen?« sagte sie in sehr energischem Tone. »Damit hats einstweilen ein End.«
»Meinst?«
»Ja. Für die Braut backen wir hier, und wanns nachhero die Frauen ist, backts selber.«
»Aberst sie braucht jetzt Brod.«
»Das werd ich schonst Alles besorgen. Setzt Euch nur her, und nehmt Euch hübsch beim Kummt. Ich werd hinausgehn und das Brod besorgen.«
Als sie nach einer halben Stunde hereinkam, um zu melden, daß die Liesbeth nach Hause gehen könne, und ihr die Beiden folgten, stand draußen vor der Thür der alte Esel, fast hoch bepackt.
»Herrgottl!« rief Liesbeth, die Hände zusammenschlagend. »Was ists mit dem alten Peter?«
»Den führst fort. Tragen kannsts doch nicht. Bringst ihn nachhero hübsch wiedern.«
»Aber was hast denn aufgesackt?«
»Willsts etwan auch noch wissen?«
»Ja freilich.«
»So horch! Vier Brode zu acht Pfund eins. Fünf Pfund Mehl. Sechs Pfund Backobsten. Drei Flaschen Milchen. Eine Flaschen Eingemachts. Zwei Pfunden Strickgarn. Ein Paar neue Pantofferln und zwanzig Ellen Hemdenzeug. Da habt Ihr für diese Woche nun genug zu essen, und wanns alle ist, so kommst wieder!«
Liesbeth wollte Einspruch erheben, mußte aber mit dem alten Peter abziehen. – – –
An diesem Morgen nun hatte Walther sein Amt angetreten. Der Pfarrer hatte ihn eingeführt; das heißt, er hatte ihn in die Schule begleitet und den Kindern gesagt, daß dieser Herr der neue Lehrer sei. Dann war er wieder gegangen. Walther hatte dies so gewünscht.
Als sich der geistliche Herr entfernt hatte, forderte Walther die Schüler auf, ihre Gesangbücher zur Hand zu nehmen. Er fragte den Jungen, welcher der Erste in der Classe war, welches Lied gewöhnlich bei Beginn der Schule gesungen worden sei, und der Gefragte antwortete mit ernster Miene:
»Auf d' Alma geh i aufi,
Es brummelt schon der Stier,
Und wann er mit den Hörnern stößt,
Ists ein verfluchtges Thier.«
Ein anderer Lehrer hätte über diese Frechheit den Gleichmuth verloren. Walther aber sah in die Liste, um den Namen des Jungen zu erfahren, und sagte:
»Du kannst nach Hause gehen. Heut brauch ich Dich hier nicht.«
Daß Einer für ein Vergehen eine solche Belohnung empfing, war noch gar nie da gewesen. Der Junge wußte gar nicht, ob er seinen Ohren trauen solle.
»Geh!« wiederholte der Lehrer kurz, indem er nach der Thür zeigte.
Der Bube nahm seine sieben Sachen und trollte sich schleunigst von dannen.
»Na, der Neue, der ist aberst freilich ein Dummer!« erklang es von einer der letzten Bänke.
»Wer sprach da?« fragte Walther.
»Des Hornfriedern sein Christjörgen.«
»Der kann auch für heut gehen.«
Der betreffende Junge stampfte höchst beglückt ab.
Dieses Strafverfahren fand den Beifall der lieben Schuljugend in solchem Grade, daß nach Verlauf der zweiten Unterrichtsstunde über die Hälfte der Kinder wegen Ungezogenheiten für heut Urlaub erhalten hatten. So war es auch am folgenden Tage.
Die Kunde von diesem wunderbaren Strafverfahren des neuen Lehrers verbreitete sich schnell im Orte. Diejenigen, welche ihm wegen seines tapfern Verhaltens gegen den Silberbauer gewogen waren, schüttelten die Köpfe, die Andern aber lachten ihn aus.
Am Abende des dritten Tages ging er zum ersten Male in den Gasthof, um ein Glas Bier zu trinken. Er that dies in einer ganz bestimmten Absicht, und auch, daß er zu einer Stunde ging, an welcher die meisten Gäste da waren, war eine Berechnung.
Als er eintrat, richteten sich Aller Blicke auf ihn. Die früheren Lehrer hatten hier das große Wort geführt. Walther aber setzte sich, nachdem er höflich gegrüßt hatte, an die Ecke des entferntesten Tisches.
Der Silberbauer war vorhanden. Er saß am großen Stammtische. Die Kratzwunden in seinem Gesicht sahen heut nicht mehr so auffällig aus.
Wie es in solchen Fällen herzugehen pflegt, waren einige Minuten lang alle Anwesenden still. Als Walther sein Bier erhalten hatte und von demselben trank, sagte der Silberbauer zu einem dicken, untersetzten, stierköpfigen Gast, der ihm gegenüber saß:
»Also, Hornfrieder, wie war das mit Deinem Buben, dem Christjörgen?«
Alle wußten es, daß es mit dieser Frage auf den Lehrer gemünzt sei.
Walther aber freute sich innerlich, daß es gerade so kam, wie er es sich gewünscht hatte.
»Hasts noch nicht hört?« meinte der Gefragte.
»Ja, hört hab ichs wohl, aberst glauben thu ichs nicht. Es ist auch gar so dumm!«
»Ich hätts auch nicht glaubt, wanns nicht grad mein eigner Bub gewest wär. Also am Abend vorher wird ansagt, daß dera neue Lehrern am nächsten Morgen die Schul anfängt. Ich schick also den meinigen Buben hin. Er ist der Erst und Klügst in der ganzen Classen und darf also nicht fehlen. Als nun das Ding beginnt, so fragt der Lehrer den Meinigen, was für ein Lied immer in der Fruh sungen wird, und der Bub wird da vom Teuxeln geritten, daßt er ein Schnadahüpfl sagt, anstatt ein Gesangbuchsliedl.«
»Welches?« fragte der Silberbauer in der Absicht, die Scene recht lustig zu machen.
»Nun, Ihr kennts halt Alle. Es lautet:
Auf d' Alma geh i aufi,
Es brummelt schon der Stier,
Und wann er mit den Hörnern stößt,
Ists ein verfluchtges Thier.«
Es erscholl ein allgemeines Gelächter durch die Gaststube. Die Blicke richteten sich verstohlen nach dem Lehrer. Dieser spitzte mit so gleichgiltiger Miene, als ob ihm die Sache gar nicht gelte, an einem Bleistift herum.
»Und was hat da der Herr Lehrern dazu sagt?« fragte der Vorsteher.
»Was meinst wohl?«
»Dem Buben eine Watschen geben?«
»O nein.«
»Hiebe mit dem Stock?«
»Auch nicht.«
»Vortreten lassen zur Schand?«
»O nein.«
»So hat er ihn wohl ein paar Stunden länger in der Schul behalten?«
»Fallt ihm gar nimmer ein.«
»Was sonst?«
»Das grade Gegentheil hat er than. Er hat ihn fortschickt aus der Schulen.«
»Oho! Denkst, ich bin albern!«
»Es ist wahr.«
»Aberst mir machsts doch nicht weiß.«
Da schlug der Andere mit der Faust auf den Tisch, daß die Gläser klirrten, und fluchte:
»Donnerwettern! Wannsts nicht glauben willst, so läßts halt bleiben!«
»Ja, es ist wahr!« rief ein Anderer. »Des Meinigen hat er auch heimschickt.«
»Was hat denn der than?«
»Den hat er fragt, wo Frankreich liegt, und dera Bub ist so kitzlich west und hat sagt, bei uns hinterm Mist.«
»Na, den muß er doch durchhauen!«
»Er hat ihm aber grad frei geben.«
»Sollt man so was glauben!«
»Ja, ich hab denkt, mein Bub macht mir was weiß, als er nach Haus kommt und sagt: Vatern, der neue Lehrern ist verrückt. Wer von dera Schul loskommen will, der muß eine Dummheiten machen.«
»Das ist freilich wahnsinnig; das heißt halt grad heraus, das Vergehen belohnen.«
»Die Buben und Madels merken sichs auch bereits. Heut sind nicht der Drittheil Schülern dagewest.«
»Und da bekommt dera Lehrern den Gehalt!« rief der Silberbauer. »Keinen Pfennig soll er erhalten, nicht einen einzigen! Habt Ihr ihn schon auch Alle bereits einmal sehen?«
Er saß nämlich mit dem Rücken nach Walthern gerichtet und that so, als ob er ihn gar nicht bemerkt habe. Rundum wurde geantwortet:
»Ich nicht, ich auch nicht!«
Nur einige Verständige schwiegen.
»Ich möcht ihn doch mal sehen!« rief Einer. »Wer solche Dummheiten macht, der muß doch ein ganz besonderes Gesicht haben. Ja, ich thät allsogleich einen Schnaps geben, wann ich ihn sehen könnt!«
»So blicken Sie gefälligst hierher zu mir!« ertönte es laut von der Ecke her. »Ich bin der Mann, von dem Sie sprachen.«
Es trat eine augenblickliche Stille ein. Der Silberbauer drehte sich leicht um, that, als ob er ihn erst jetzt sehe und sagte halblaut:
»Ah! Ja, das ist er freilich.«
Der stierköpfige Bauer, dessen Junge den Vers gesagt hatte, lachte vor sich hin und sagte:
»So! Also so schaut er aus! Hm, hm!«
»Ja, so schau ich aus,« antwortete Walther. »Und ich selbst will nicht unterscheiden, ob ich dümmer aussehe als Sie. Aber das will ich fragen, ob Sie wissen, was Psychologie ist?«
Alle schwiegen.
»Und verstehen Sie vielleicht von der Erziehung mehr als ein Lehrer?«
Da fiel der Silberbauer ein:
»Ein Vatern, der Kindern hat, wird mehr davon verstehen als ein Lehrern, der keine hat.«
»Leider ist dies nicht der Fall; das bemerkt man an den Kindern. Wenn die Eltern Etwas von Erziehung verständen, so würde ein Lehrer von ihren Kindern nicht solche Antwort erhalten. Ich habe meine Schüler zu lehren und zu erziehen. Wenn die Zucht bei den Eltern fehlt, hätte ich vergebliche Mühe, und dazu bin ich nicht da, und dazu werde ich auch nicht besoldet. Ich werde also die Eltern zwingen, ja zwingen, ihre Kinder anders zu erziehen, anders zu behandeln.«
»Oho!« erscholl es fast allgemein.
»Zwingen?« rief der Stierköpfige. »Ich wollt wohl sehen, ob ein junger Schulmeistern, der zum ersten Male in die Welt kiekt, mich zu was zwingen kann!«
»Ja, gewiß! Sie, grad Sie sind wohl der Allererste, den ich zwingen werde.«
»Donnerwettern!«
»Ganz sicher. Kinder, welche gut erzogen sind, werden sich zu meiner Zufriedenheit verhalten; die bleiben bei mir und werden Etwas lernen. Buben aber, deren Väter Freude an den Ungezogenheiten derselben haben, jage ich fort, denn sie stören den Unterricht und stecken mir gar die Andern an. Solche Buben lernen also nichts.«
»Brauchts auch nicht!« rief Einer.
»Das sagen Sie jetzt aus Oppositionsgelüste. Aber wenn das Jahr herum ist und das Examen kommt, so entlasse ich Diejenigen, welche artig waren und Etwas gelernt haben; die Andern aber bleiben zu ihrer und ihrer Eltern Schande noch als Schulbuben sitzen, und wenn sie meinswegen unterdessen zwanzig Jahre alt werden sollten. Auf diese Weise zwinge ich die Eltern, darauf zu sehen, daß ihre Kinder sich zu meiner Zufriedenheit betragen.«
Wieder trat eine Stille ein. Man überlegte. Der Silberbauer ergriff als der Erste das Wort:
»Laßt Euch nix weiß machen, Ihr Leutln! Wann der Bub oder das Madl das Alter hat, so wirds aus dera Schulen entlassen.«
»Nein, sondern wenn es Das gelernt hat, was es gelernt haben muß!« fiel Walther ein.
»Oho! Ich bin der Vorstehern und werd es nie nicht dulden, daß ein Kind länger in dera Schulen gehalten wird.«
»Sie werden das ebenso gut dulden, wie Sie bereits schon Anderes sich haben gefallen lassen müssen. Ich dächte, Sie wüßten nun so ziemlich, woran Sie mit mir sind. Ich befolge meine Grundsätze und weiche nicht von ihnen ab. Ein Ortsvorsteher hat mir auf diesem Felde nicht das Mindeste zu befehlen. In der Schule bin ich Herr, und wenn die Schule zu Hohenwald noch so verwahrlost ist, so werde ich doch Herr werden über alle diese räudigen Schafe. Wer von Ihnen also darüber lacht, daß ich sein Kind fortschicke, der wird später nicht mehr lachen, wenn es mit sechszehn und noch mehr Jahren noch schulpflichtig bleiben muß. Wer also sein Kind lieb hat und auf Ehre hält, der mag dafür sorgen, daß ich ihm dasselbe nicht wieder nach Hause sende. Das ists, was ich Ihnen sagen wollte. Deshalb bin ich gekommen. Wer mich nun noch auslachen und für dumm halten will, der mag es thun. Später kommen wir zusammen. Die Verständigen unter Ihnen aber bitte ich, sich ja nicht verführen zu lassen; ihre Kinder würden es unschuldig zu entgelten haben. Jetzt gute Nacht, meine Herren!«
Er trank sein Bier aus, legte das Geld dafür auf den Tisch und ging, ganz unbekümmert um Das, was man nun über ihn sagen werde. Er begab sich zum Finkenheiner, um mit dessen Sohne die begonnene Zeichnenstudien fortzusetzen. Dort fand er den Müller, welcher nach seinem abgekürzten Vornamen Wilhelm in der ganzen Gegend nur der Müllerhelm genannt wurde. Beide junge Männer fanden Wohlgefallen an einander, und als der Lehrer erfuhr, daß der Müller seit heute der Verlobte der Liesbeth sei, freute er sich von ganzem Herzen über das Glück der Liebenden, durch welches ja auch der armseligen Lage des Heiners ein Ende gemacht wurde.
Als er die Schankstube verlassen hatte, wurde von den Zurückbleibenden lebhaft auf ihn geschimpft. Der Allerschlimmste unter ihnen war der stiernackige Hornfrieder.
»Was!« sagte er. »Ich soll der Erste sein, den er zwingen will? Der Letzt werd ich sein, der Allerletzt. Ich erziehe meinen Buben ganz so, wie es mir gefallt, und laß mir von keinem Schulmeistern darüber Vorschriften machen.«
Die Debatte spann sich lange hin. Daher kam es, daß der Hornfrieder erst spät nach Hause kam und auch spät am Morgen aufstand, und zwar nicht in der allerbesten Stimmung, eine Folge des Rausches, den er mit nach Hause gebracht hatte. Als er in die Stube trat, stand sein lieber Christjörg am Tische und machte sich einen großen Papierdrachen. Die Mutter schimpfte eben darüber, daß ihr der Bube dazu einen großen Knäuel Strickgarn entwendet hatte.
Der Hornfrieder sah an die Uhr. Es war grad halb Neun.
»Nun, wird heut keine Schulen gehalten?« fragte er.
Der Junge antwortete nicht.
»Hasts gehört, Christjörgen?«
»Ja.«
»So thu halt das Maul auf, wann ichs wissen will!«
»Schulen wird gehalten.«
»Aberst ohne Dich?«
»Ja. Ich hab wiedern frei.«
»Warum?«
»Weil der Lehrern ein Eseln ist.«
Da zuckte es eigenthümlich über das Gesicht des Bauern.
»So! Also ein Esel ist er? Woher weißt das?«
»Weil er nicht rechnen kann. Er hat sagt, mein Exempel sei falsch, und ich hab mich mit ihm stritten, daß es richtig ist.«
»So! Und da hat er Dich wiedern gehen heißen?«
»Ja.«
»Freust Dich wohl drübern?«
»Alleweil ja!«
»So freu Dich auch mal darüber! Da hast!«
Er holte aus und gab ihm zwei gesalzene Ohrfeigen. Der Getroffene fuhr sich mit den Händen nach den beiden Backen und rief:
»Donnerwettern! Das ist mir auch noch nicht passirt!«
»Nein, das ist Dir auch noch nicht passirt; aberst von heut an kanns Dir alle Tage passiren, wannst wiedern nicht in dera Schulen bleibst!«
»Hast Dich ja selberst freut darüber!«
»Was? Gefreut hab ich mich? Sehr schön! Darum hast vor lauter Freuden noch zwei Watschen.«
Der Christjörgen nahm die zweite Portion mit lautem Gebrüll in Empfang und schrie:
»Ich bin noch nie gehaut worden und laß mich nicht versohlen! Verstanden!«
»Ja, habs wohl verstanden. Sollst auch gleich die Quittung erhalten!«
Er riß die Elle von der Wand, legte sich den Buben über das Knie herüber und maß ihm einige Kilometer von dem Theile ab, welcher für solche Messungen am geeignetsten ist.
»Um Gotteswillen! Du haust ihn ja todt!« schrie seine Frau voller Angst.
»Halts Maul! Es brauchts Niemand zu hören, daß ich den Buben verwalk. Das thät meinem Renommee schaden. So, Lausbub, da hast den letzten Hieb! Und wannst wiederum aus dera Schulen kommst, so erhältst noch viel mehr!«
»Warum aber?« fragte die Frau.
»Das verstehst halt nicht. Der neue Lehrern ist ein Kerlen wie dera Moltke. Wo der durch will, da geht er durch und haut den Feind. Wann der Bub ihm nicht parirt, so schickt er ihn heim, daß er nix lernen soll und nachhero nicht aus der Schulen kommt. Jetzt ist er der Erst in dera Classen. Das klingt gut und sein. Aber wie wirds dann nachher klingen, wanns heißen thut: Schaut doch mal den Hornfriedern seinen Christjörgen an! Der stellt sich im nächsten Jahr zum Militär und sitzt in der Schulen noch unter denen elfjährigen Buben!«
»Na, so was wird doch nicht geschehen!«
»Schweig! Sonst kriegst selberst auch Prügel! Ich laß mir den meinigen Buben nicht von Dir falsch verziehen! Hiebe muß er kriegen. Hiebe, daß die Schwarte knackt. Folgen und gehorchen muß er dem Lehrer; das verlange ich partutemang von ihm, aberst zu wissen braucht das Niemand, sonst werd ich halt ausgelacht!«
Leider aber wurde er bereits ausgelacht, ehe noch der Mittag herangekommen war. Sein Christjörg hatte einem andern Buben im Vertrauen mitgetheilt, daß er heut wegen der Schule die ersten Prügel bekommen habe und zwar so, daß ihm die Lederhosen hinten angeklebt seien. Er ging mit demselben also hinter das Haus, wo die Wasserpumpe stand, knöpfte die Lederhosen oben ab und ließ sie sich voll Wasser pumpen damit sie sich von der wund geschlagenen Haut lösen möchten. Der andere Junge erzählte es schleunigst weiter, und so verbreitete sich sehr schnell im Dorfe die Nachricht, daß der neue Lehrer ganz Recht gehabt habe, denn der Hornfrieder habe seinen Christjörgen, weil der Lehrer ihn fortgeschickt habe, so wund geschlagen, daß er sich habe die Lederhosen voll Wasser pumpen lassen müssen. Für den Spott brauchte der Stiernackige nicht zu sorgen; Walther hatte abermals einen Sieg errungen.
Als er zur Mittagsschule ging, begegnete ihm ein Bursche, welcher vor ihm stehen blieb, den Hut zog und ihn grüßte.
»Grüß Gott, Herr Lehrern! Ich möcht gar schön bitten, daß Sie mir einen Gefallen erweisen.«
»Gern. Was ists?«
»Ich hab für den Herrn einen Zetteln nach dera Stadt zu tragen und weiß halt nimmer mehr, wohin er soll, ob auf die Post oder anderswo.«
»Ist keine Adresse dabei?«
»Ich kann halt nicht lesen, und weil ich den Herrn Lehrern so treff, wollt ich um guten Rath fragen. Nach Haus darf ich nicht wieder, um zu fragen, denn da würd ich gar schön Grobheiten erhalten.«
Er zog einen zusammengefalteten Zettel aus der Tasche, schlug ihn auseinander und reichte ihn dem Lehrer hin. Dieser las Folgendes:
»Telegramm.
Herrn Gotthold Keller, Thalmüller bei Scheibenbad.
Morgen früh elf Uhr bin ich dort. Ich mache das Geschäft.
Der Silberbauer.«
»Ach so!« sagte Walther, »Sie dienen beim Silberbauer?«
»Jawohl.«
»Das ist kein Brief, sondern eine Depesche. Sie müssen das Papier auf das Telegraphenamt tragen.«
»Ich dank sehr schön! Behüt Gott, Herr Lehrern!«
Er zog den Hut und ging weiter. Walther fühlte sich im Stillen befriedigt, daß ein Bediensteter seines Feindes ihn gegrüßt habe. Er hoffte, auf seine Weise nach und nach alle Widersacher zum Schweigen zu bringen.
Er hatte keine Ahnung, wie wichtig der Umstand, daß er dieses Telegramm gelesen hatte, werden solle. Obgleich er sich keine Mühe gab, den Namen des Adressaten und den Inhalt zu merken, blieb doch jedes Wort in seinem Gedächtnisse fest.
Der heutige Tag war ein sehr warmer. In dem kleinen Schullokale war es außerordentlich schwül. Walther war ein Freund des Wassers, und so beschloß er, nach dem Unterrichte ein Bad zu nehmen. Zwar wußte er nicht, ob das Wasser, welches seitwärts des Dorfes von den Höhen herabkam und nachher die Mühlen trieb, eine breitere Stelle habe, welche sich zum Baden eigne; aber er konnte doch wenigstens nach einer solchen suchen.
Er schritt also zum Dorf hinaus und wendete sich nachher rechts zwischen den Feldern hindurch, dem Wasser entgegen. Da sah er auf einem Steinhaufen, welcher am Ende eines Feldraines aufgerichtet war, eine ihm fremde Gestalt sitzen. Der Mann war alt, hatte graues Haar und einen mächtigen grauen Schnurrbart. Auf dem Kopfe trug er ein kleines Hütchen, welches viele Löcher hatte, in denen allerlei Pflanzen steckten. Neben ihm lag ein alter Rucksack und ein starker Bergstock. Der Mann hatte ein Papier auf dem Knie liegen und schien zu schreiben. Je näher aber Walther kam, desto mehr überzeugte er sich, daß er nicht schreibe sondern zeichne, denn der Alte warf regelmäßig den Blick nach der Felsenhöhe, welche sich jenseits des Baches fast senkrecht gegen den Himmel hob. Diese Felsen hatten fast das Aussehen einer von Menschenhänden stammenden Ruine.
Der Alte blickte sich um, als er Walther kommen hörte, griff er höflich an den Hut und grüßte zuerst.
»Guten Tag auch, Herr!«
»Grüß Gott!«
»Schönes Wettern!«
»Fast zu warm für die jetzige Jahreszeit.«
»Ja, besonders wenn man eine Arbeit hat, bei der man Syrupen schwitzen möcht.«
»Sie zeichnen?«
»Freilich.«
»Wohl den Berg?«
»Den Berg mit denen Felsen. Schauns! Wie ists wohl getroffen?«
Er hielt dem Lehrer das Papier hin. Dieser lächelte, als er den kindlichen Versuch einer alten, ungeübten und zugleich zitternden Hand erblickte.
»Leidlich!« sagte er dennoch. Aber es mochte in seinem Tone doch eine schlimmere Censur gelegen haben, denn der Alte meinte:
»Jetzunder lachens mich halt aus!«
»O nein. Dazu habe ich das Recht ja nicht.«
»Aberst die Veranlassung.«
»Wie kommen dann Sie dazu, diese Felsen abzeichnen zu wollen?«
»Weils mir gefallen. Ich will das Bild einem Bekannten geben, der sich sehr dafür verinteressiren wird.«
»Nach Ihrer Zeichnung kann er sich aber kein Bild des Gegenstandes machen.«
»Das glaub ich gar wohl, weil ich vom Gegenstand selberst kein Bild machen kann. Es ist doch halt zum Aergern, wenn man nix lernt hat. Ich hab schon bereits vier solche Papieren beschmiert und doch nix fertig bracht.«
»Haben Sie nicht noch eins?«
»Noch ein paar.«
»So lassen Sie michs einmal versuchen!«
»Himmelsacra! Sinds vielleicht ein Malern?«
»Nein, doch zeichne ich ein Wenig.«
»Aberst Zeit müssens halt auch dazu haben.«
»Ich bin jetzt unbeschäftigt.«
»Na, da mögens mal versuchen.«
Er zog aus seinem Rucksack eine kleine Rolle Zeichenpapier hervor und gab sie ihm sammt dem Bleistift hin. Walther setzte sich nieder und begann. Der Alte schaute voller Spannung zu. Schon nach den ersten Strichen aber sagte er:
»Ja, das ist ein ganz andre Geschichten! Das lauft ja wie Buttermilchen! Schau, da ist auch schon der Bergen, und nun kommen darauf die Felsen. Herr, Sie sind halt ein Malern!«
»Nein.«
»Was sonsten.«
»Ein Lehrer.«
»Verteuxeli! Heißens etwan Herr Walthern?«
»Ja,« antwortete er, indem er immer weiter zeichnete.
»So sinds der neue Lehrern von Hohenwald?«
»Ja.«
»Des gefreut mich, daß ich Sie da gleich kennen lernen thu. Das gefreut mich sehr. Ich hab von Ihnen gar viel Gutes gehört.«
»Von wem?«
»Von meinem Spezi, dem Finkenheiner, und seiner ganzen Familie.«
»Ich habe diesen Leuten einen kleinen Dienst erwiesen, für welchen sie mir in der übertriebensten Weise dankbar sind.«
»Oho! Kleiner Dienst! Das weiß ich halt schon!«
»Sind Sie von hier?«
»Ja und nein.«
»Also aus der Nähe?«
»Ja und nein.«
»Oder weiter her?«
»Ja und nein.«
»Sie haben eine eigenartige Weise, zu antworten!«
»Aberst es ist die richtige. Ich bin nämlich überall zu Haus und doch auch an keinem Ort daheim. Ich lauf im ganzen Land herum, und überall nennt man mich nur denen Wurzelsepp.«
Da blickte Walther rasch von der Zeichnung auf, musterte den Alten mit einem sehr theilnehmenden Blicke und fragte:
»Sie sind ein guter Jodler?«
»Na, grad ein Künstlern bin ich nicht, aberst ich schrei doch noch immerst gern ein Bisserl mit.«
»Das hab ich gehört.«
»Von wem?«
»Vom Capellmeister in Bad Scheibenbad.«
»Sacra! Kennens den?«
»Er ist mein Freund.«
»Dort hab ich ein Conzerten mitmacht.«
»Ich weiß es. Er hat mir davon erzählt. Auch vom Fex, welcher jetzt in München ist, von dem Concertmeister Rialti, dem Sie einen so großen Schalksstreich gespielt haben – –«
»Ja freilich! Es ward bald Zeit, daß ich mich aus dem Staub fortgemacht hab, denn wegen dem Streichen wollt mich nachherst dera Italienern gar noch einisperren lassen. Aberst schau! Da wird das Bild ja bald fertig sein!«
»Es ist nur eine flüchtige Skizze.«
»So! Das ist grad ein Meisterstucken gegen die meinige Schmierereien. Na, wann ich dies am End gar behalten dürft!«
»Ich zeichne es ja für Sie.«
»So ists mein? Na, so merkens sich halt den meinigen Namen. Wann ich Ihnen mal wiederum einen Gefallen derweisen kann, so solls von Herzen gern geschehen. Odern lachens halt darüber?«
»Gar nicht. Es kann der ärmste Bettler unter Umständen dem reichsten Fürsten einen Dienst erweisen.«
»Wills meinen!« nickte der Sepp eifrig als wolle er sagen: »Ich zum Beispiel!«
»Vielleicht ist das sogar gleich jetzt möglich.«
»Der Dienst?«
»Ja. Wenn der Finkenheiner Ihr Spezialfreund ist, so läßt es sich erwarten, daß Sie hier in der Gegend bekannt sind?«
»Wie in meiner Taschen.«
»Giebt es hier im Bach eine Stelle, welche sich zum Baden eignet?«
»Ah, baden wollens halt?«
»Ja.«
»Es giebt da eine gar schöne, und wanns Ihnen recht ist, führ ich Sie hin, sobald die Zeichnung fertig ist.«
»Sie wird gleich fertig sein. Ich will nur dem Baumschlag ein Wenig mehr Character geben, damit man erkennt, welche Art von Wald hier steht.«
»Bei mir hat überhaupt kein Wald dastanden. Drin herumi laufen kann ich wohl, aberst ihn abzeichnen, das bring ich schon gar nicht zusammen.«
Bereits nach kurzer Zeit war die Skizze fertig. Sie war sehr gut gelungen, und der Sepp war darüber so erfreut, daß er dem Lehrer auf die Achsel klopfte und dabei sagte:
»Da habens mir einen Gefallen than, und zwar einen sehr großen. Bezahlen kann ichs halt nicht – – –«
»O bitte!«
»Aberst mein Freund, dem ichs schenken will, der ist halt gar kein so unrechter Kerlen. Wann der merkt, daß Sie so zeichnen können, so ists wohl möglich, daß er Sie auch mal aufsucht. Er kommt nächstens her.«
»Er wird mir willkommen sein. Und nun bitte, zeigen Sie mir den Badeplatz.«
»Sogleich.«
Er verwahrte die Zeichnung sorgfältig in seinem Rucksack und führte den Lehrer dann weiter zwischen den Feldern hin. As sie um die Ecke eines solchen bogen, zeigte er nach rechts und sagte:
»Dort kommt halt auch Einer, der badet hat.«
»So? Ist das nicht der Silberbauer?«
»Ja.«
»Der badet?«
»Mit Leidenschaft.«
»Bei seinem Alter? Das ist selten.«
»O, den hab ich schon gar oft im Wassern stehen sehen. Schwimmen freilich thut er nimmer. Er steht nur so drinnen und planschert die Armen hin und her.«
Sie hatten jetzt die Felder hinter sich und gingen über saftige Wiesen. Dann kamen sie an den Bach. Sie folgten dem Laufe desselben durch bald dichtes und bald dünnes Gebüsch, bis sie an eine Stelle kamen, wo sich der Bach zu einer Art kleinen Teiches erweiterte, von zwei Seiten mit Felsen und steinigem Geröll umgeben.
»Da ist der Platz,« sagte der Sepp.
»Ists tief?«
»Nur höchstens bis heran zur Brust. Die tiefsten Stelle ist hier, wo ich jetzt steh.«
Er trat näher an das Ufer heran, bückte sich dort nieder, hob Etwas auf und sagte:
»Was ist das hier? Eine Brieftaschenportföllchen. Die hat Jemand hier verloren.«
Der Lehrer trat näher.
»Ja,« sagte er. »Hier ist Jemand vor kurzem gewesen. Das Gras ist niedergetreten.«
»Wer mags gewest sein?«
»Wohl gar der Silberbauer?«
»Ah! Sollte dem die Brieftaschen gehören?«
»Jedenfalls haben Sie als Finder die Pflicht, hineinzuschauen, um den Namen des Besitzers dadurch zu ermitteln.«
»Finder? Ich? Allein bin ichs halt nicht, Sie sind auch dabei. Da schauns hinein!«
Er gab dem Lehrer die Tasche. Dieser öffnete sie. Sie enthielt werthlose Notizen über Feld- und Wieswachs und einen Brief, welcher neben dem zu ihm gehörigen Couverte in der Tasche steckte. Walther las:
»Herrn Gutsbesitzer Conrad Claus in Hohenwald.«
»Conrad Claus?« fragte der Sepp. »Giebts da einen?«
»Ja; das ist der Silberbauer.«
»Der sollt doch eigentlich als Vorsteher oder Schulzen angeredet werden. Vielleichten ist noch ein anderer Clausen gemeint.«
»Das ist möglich. Ich kenne noch nicht die Namen sämmtlicher Einwohner. Vielleicht giebt uns der Inhalt des Briefes Aufschluß. Unter den gegenwärtigen Verhältnissen ist es kein Vergehen, ihn zu lesen.«
Er öffnete das Schreiben und blickte zunächst nach der Unterschrift.
»Gotthold Keller, Thalmüller,« las er.
»Keller? Dera Thalmüllern? Von dem ist der Brief?« fragte der Sepp. »Sappermenten! Da möcht ich, wohl wissen, was darinnen steht.«
»Der Inhalt ist allerdings eigenartig,« meinte der Lehrer. »Sie sind der eigentliche Finder, und so müssen Sie es auch hören.«
Er las Folgendes:
»Lieber Freund.
Es müssen Fremde in meinem Stuhle gewesen sein. Die Photographie fehlt mir und auch die andern Papiere. Es ist zum Teufelholen. Wenn ich nur wenigstens wüßte, ob man auch eine Geldrolle geöffnet hat, um zu sehen, was für Geld es ist. Ich muß Alles schleunigst fortschaffen, wenn ich mich und Dich nicht verrathen will. Aber ich kann nicht fort, da ich gelähmt bin. Zweitausend goldene türkische Pfundstücke macht 37000 Mark. Wenn Du mir das Gold abkaufen kannst und sogleich bezahlen, lasse ich Dir es für 80000 Mark. Du verdienst also 7000. Gieb schnell Nachricht.
Dein Freund
Gotthold Keller, Thalmüller.«
Als Walther geendet hatte, schüttelte er den Kopf und sagte:
»Wie gesagt, das klingt eigenthümlich, sogar verdächtig, möchte ich sagen!«
Der Sepp stand ganz sprachlos da, mit offenem Mund, einer Bildsäule gleich. Plötzlich aber riß er dem Lehrer die Brieftasche und den Brief aus den Händen, faltete den Letztern zusammen, steckte ihn in die Erstere, machte sie zu, warf sie dahin, von wo er sie aufgehoben hatte, ergriff Walther beim Arme und zog ihn schleunigst mit sich fort, in die Büsche hinein.
»Was giebts?« fragte der Lehrer, welcher über das seltsame Gebahren seines Gefährten fast erschrocken gewesen war.
»Es kommt Jemand.«
»Das hören Sie?«
»Ja.«
»Was haben Sie da für Ohren!«
»Wann man immerst heraußen ist, so lernt man gut hören. Passens auf!«
Sie standen hinter den Büschen versteckt und lugten nach der freien Stelle hinaus, auf welcher sie bisher gestanden hatten. Jetzt hörte auch Walther eilige und heftige Schritte. Ein Mensch kam schnell herbeigelaufen. Es war der Silberbauer. Er hatte noch unterwegs bemerkt, daß er die Brieftasche verloren hatte, und war schleunigst umgekehrt. Er brach förmlich durch die Büsche. An der Stelle angekommen, an welcher er gebadet hatte, sah er die Vermißte liegen.
»Gott sei Dank, ah!« jubelte er laut auf.
Er hob sie vom Boden empor, öffnete sie und sah den Brief darinnen liegen. »Ist auch noch da! So war noch Niemand hier! Na, das wird nicht wieder passiren!«
Er hatte so laut gesprochen, daß die Beiden jedes Wort gehört hatten. Jetzt kehrte er um, den Heimweg einschlagend.
Die Beiden warteten, bis seine Schritte verklungen waren. Dann sagte Walther:
»Dahinter steckt Etwas!«
»Natürlich!« lachte der Sepp.
»Der Bauer ist förmlich entsetzt gewesen über den Verlust dieses Briefes. Es muß da viel auf dem Spiel gestanden haben.«
»Viel Geldl.«
»Vielleicht noch mehr als Geld. Ich traue diesem Manne nichts Gutes zu.«
»Ich habe ihm schonst seit langen Jahren nicht traut. Und well er von dem Thalmüllern Freund genannt wird, so ist er ganz gewiß ein schlechter Kerlen.«
»Kennen Sie diesen Thalmüller?«
»Sehr gut. Er ist ein Schuft.«
»Es muß sich um türkisches Geld handeln.«
»Freilich. Der Silberbauern soll ja in deren Türkeien drin gewest sein.«
»So? Wirklich?«
»Ja. Vielleicht ist der Thalmüllern mit ihm gewest.«
»Was mag das für ein Stuhl sein, welcher im Briefe erwähnt wird?«
»Es ist dera Polsterstuhlen, auf dem dera Müllern sitzt, und den der Fex – – Sakra!«
»Was?«
»Jetzt hätt ich mich fast versprochen!«
»Wieso?«
»Ich soll doch nix sagen.«
»Auch zu mir nicht?«
»Zu keinem Menschen.«
»Hm! Und doch wäre es vielleicht nöthig, daß Sie mir mittheilen, was Sie wissen.«
»Ich darf nicht.«
»Handelt es sich denn um ein Unrecht, welches Sie begangen haben?«
»Hm! Einbrochen sind wir.«
»O weh!«
»Und stohlen haben wir.«
»Sie sehen mir nicht wie ein Dieb aus!«
»Nein. Ein Spitzbuben bin ich auch nicht.«
»Und dennoch sind Sie eingebrochen, um zu stehlen?«
»Ja. Aberst wir haben nur Das gestohlen, was dem Fexen gehört und was ihm vorher gestohlen worden war.«
»Das ist derselbe Fex, welcher sich damals auf dem Concerte der Violine des Italieners bemächtigt hatte?«
»Ja.«
»Hm! Aus Dem, was ich über diesen jungen Mann gehört habe, ist seine Vergangenheit in ein Geheimniß gehüllt. Sollte dieselbe gar mit der Person des Silberbauern in Beziehung stehen?«
»Das wäre freilich fast ein Wunder zu nennen.«
»O, es geschehen täglich noch Wunder, nur daß wir die Augen und Ohren nicht genug offen haben, sie zu bemerken. Für den Herrgott ist kein Wunder zu groß. Freilich sendet er keine Propheten und Engel mehr zur Erde, um sie vollbringen zu lassen, sondern er läßt sie auf jenem Wege geschehen, welchen wir Menschenkinder so fälschlicher Weise den Zufall nennen.«
»Ja, ganz denselbigen Gedanken habe ich auch. Es ist mir oft was passirt, was ich nur einem Zufall nannt hab, und wann ichs nachhero richtig betrachtet hab, so ists mir grad wie ein Wunder vorkommen. So ists wohl auch mit diesem Brief, den wir jetzt funden haben. Der Herrgott hatts gewollt, daß dera Silberbauer die Brieftaschenportföllgen mußt verlieren, damit wir hinter ein Geheimnissen kommen, von dem wir sonst keine Ahnung habt hätten.
»Und dem Knechte des Silberbauern gebot er, mir zu begegnen und mir die Depesche zu zeigen, welche er fortgeschickt hat.«
»Eine Depeschen?«
»Ja. Der Bauer hat an den Thalmüller telegraphirt, daß er morgen Vormittags elf Uhr kommen will, um das Geschäft abzumachen.«
»So will er ihm die türkischen Goldstücken wirklich abkaufen?«
»Gewiß will er das.«
»Himmelsakra! Da möcht ich dabei sein, wann die Beiden heimlich mit nander sprechen!«
Der Lehrer blickte sinnend zu Boden.
»Hm!« sagte er. »Vielleicht könnten wir doch wenigstens Etwas darüber erfahren, falls wir es schlau anfangen.«
»So? Was müßten wir da thun?«
»Das weiß ich noch nicht genau. Es schwebt mir jetzt nur so wie eine Ahnung vor. Vor allen Dingen müßten wir Beide uns gegen ihn verbinden.«
»Da bin ich gleich dabei.«
»In diesem Falle aber müßten Sie natürlich aufrichtig gegen mich sein. Ich müßte Alles erfahren, was Sie selber wissen.«
»Das thät ich wohl sehr gern, aberst ich hab halt versprechen mußt, zu schweigen.«
»Aber überlegen Sie sich doch, daß Sie sich mit Ihrer Mittheilung in gar keine Gefahr begeben! Ich bin ein Gegner dieses Silberbauern. Es würde mich sogar freuen, wann ich einer seiner Schändlichkeiten auf die Spur kommen könnte.«
»Das glaube ich schon. Aberst ohne die Erlaubniß des Fexen darf ich halt doch nix sagen.«
»Nun, ich will nicht in Sie dringen, ohne hoffen zu dürfen, daß Sie sich mir endlich mittheilen. Haben Sie jetzt noch Zeit?«
»O, immer.«
»So überlegen Sie sich die Sache. Ich werde jetzt baden. Wenn ich fertig bin, können Sie mit Ihrem Nachdenken so weit gekommen sein, mir endgiltig sagen zu können, ob ich das erfahren kann, was ich erfahren möchte.«
»Ja, ich werd mich hier herniedern ins Gras setzen. Machens nur Ihre Sachen, Herr Lehrern.«
Der Alte setzte sich hinter dem Busche nieder und schaute nicht hervor, bis er durch ein lebhaftes Plätschern überzeugt wurde, daß der Lehrer sich im Wasser befinde. Dann trat er an das Ufer heraus, um den Schwimmkünsten desselben zuzusehen.
»Himmelsakra!« sagte er. »Sie sind fast beinahe so ein Schwimmern wie der Fexen selber!«
»Schwamm der gut?«
»Na, freilich. Der war die reine Wassermaus. Den, wanns mal hätten sehen könnt, so –«
Er hielt mitten in seiner Rede inne und machte ein Gesicht als ob er über irgend Etwas ganz außerordentlich überrascht sei.
»Was haben Sie?« fragte Walther.
»Ich? O nix! Aberst Sie haben es.«
»Was denn?«
»Sie haben da doch ein schwarz Kreuzle um den Hals hängen, an dem Bindfaden.«
»Ja, was ists damit?«
»Von wem habens das geschenkt erhalten?«
»Das weiß ich nicht.«
»Na, wann Einer was hat, so muß er doch auch wissen, von wem ers hat!«
»Das sollte man wohl denken. Leider aber weiß ich nicht, von wem ich dieses Kreuz habe.«
»So habens es also funden?«
»Nein, ich selbst bin gefunden worden, und da hat das Kreuz an meinem Hals gehangen.«
Der Alte schlug die Hände zusammen und rief:
»O, all ihr Himmeln da droben! Was war das nun auch für ein Wundern und Mirakeln, wann es das Kreuzle war, was ich schon so lange such!«
»Sie suchen ein solches Kreuz?«
»Ja. Bitt Ihnen schön, steigens heraus! Schnell, schnell! Ich kanns kaum derwarten!«
»Hat es denn solche Eile?«
»Ja. Aberst sagens mir vorher, ob vielleicht unten dran ein Stückle fehlt?«
»Ja, da ist ein Stückchen abgebrochen.«
»Du lieber Herrgotten! Vielleicht ists gar das richtige! Nun machens aber schnell, daß Sie herauskommen aus dem Wassern, sonst komme ich gar noch hineinsprungen.«
Er ging wieder hinter den Busch zurück und der Lehrer stieg aus dem Wasser, um sich schnell anzuziehen. Er war damit noch nicht fertig, so stand der Sepp schon bei ihm.
»Jetzt nun zeigens gleich schnell mal das Kreuzle her! Ich muß mirs anschauen!«
Er griff an den Hals Walthers und betrachtete sich den kleinen Gegenstand.
»Himmelsakra! Es ist schon gar dasjenige, was ich such! Ich will mich gleich mal überzeugen!«
Er suchte einige Zeit lang in seinem Rucksack herum und brachte dann ein kleines, unscheinbares Päckchen hervor, welches aus lauter sorgsam über einander gewundenen Leinwandstückchen bestand, die alle einzeln wieder vielfach mit Zwirn umwickelt waren. Er wickelte und wickelte eine ganze Weile lang, bis er es geöffnet hatte. Seine Hände zitterten dabei vor Aufregung.
»Endlich! Da ists!« sagte er. »Nun wollen wir gleich mal schauen ob das Stückle hinanpaßt.«
Walther hatte dem Treiben des Alten natürlich mit der allergrößten Spannung zugesehen. Er sagte:
»Gott im Himmel! Sollte dieses Stückchen Holz wirklich an mein Kreuz passen!«
Der Sepp hatte nämlich ein kleines, schmales, schwarzes Holzstückchen aus der erwähnten Hülle hervorgebracht. Jetzt hielt er es an das Kreuz.
»Hurrah, hurrah! Es paßt!« rief er dann, indem er vor Freuden einen Luftsprung that. »Es ist wirklich das Stückle, was davon abbrochen worden ist! Sie sinds, Sie sind das Buberl, was ich schon bereits seit so langer Zeit sucht hab.«
»Also gesucht haben Sie mich! Dies ist ein Stückchen von meinem Kreuze. Sie müssen es also direct oder indirect von einer Person haben, welche über meine Abkunft Auskunft ertheilen kann.«
»Natürlich, natürlich ists halt so!«
»Wer ist mein Vater, meine Mutter? Schnell, schnell!«
Er ergriff den Alten beim Arme.
»Nur sachte, sacht! So schnell geht das wohl schon nicht! Das Kreuzle ist da. Ob Sie aberst auch der Bub sind, dems gehören thut –«
»Der bin ich.«
»Könnens das beweisen?«
»So sehr, wie Sie es nur verlangen.«
»Das werdens freilich müssen!«
»Ich kann e, heut, sogleich, wenn Sie nur mit in meine Wohnung gehen wollen. Aber jetzt sagen Sie mir vor allen Dingen, wer meine Eltern sind!«
»Das werd ich wohl nicht thun!«
»Warum nicht?«
»Es ist mir verboten worden. Erst, bevor ich Etwas sagen darf, muß ich derjenigen Personen, die mir das Stückle Holz anvertraut hat, meinen Bericht erstatten.«
»So sagen Sie mir doch wenigstens, ob meine Eltern noch leben!«
»Auch das darf ich nicht.«
»Herrgott! Warum denn nicht? Es ist ja ganz ungefährlich, wenn Sie es mir sagen!«
»Aberst es ist mir doch verboten, und was mir verboten ist, das darf ich nicht thun.«
»So thun Sie nur schnell alles Mögliche, damit ich es baldigst erfahre!«
»Das werde ich freilich thun.«
»Und sagen Sie mir wenigstens, wie es kommt, daß man grad Ihnen dieses Stückchen Holz anvertraut hat! Warum haben die Betreffenden nicht selbst nach mir geforscht?«
»Das weiß ich nicht.«
»Sie müssen doch wissen, wo sie sich meiner entledigt haben. Oder bin ich geraubt worden?«
»Nein, geraubt sinds nicht worden, so viel ich weiß. Jetzt aberst stellens sich nicht länger her in Hemden und Hosen! Ziehens auch die Westen an und denen Rock! Nachhero können wir ja auch mit nander weiter sprechen.«
»Das wohl, aber ich brenne vor Begierde, Etwas zu erfahren.«
»Wanns gar so lichterloh brennen, werd ich Sie sogleich hinein ins Wassern werfen!«
Der alte Sepp war selber ganz weg vor Freude, daß er diesen außerordentlichen Fund gemacht hatte. Walther aber bebte so vor Aufregung, daß er fast die Knöpfe seiner Weste nicht zubrachte.
»Sehens,« meinte Sepp, »das ist nun auch schon wiedern so ein Wundern, was da geschehen ist ohne Engel und Prophet. Der Herrgott weiß das Alls so schlau und geschickt anzufangen, daß man gar nimmer merkt, daß es eigentlich ein Wundern ist.«
»Ja, seine Wege find unerforschlich. Wie habe ich mich gesehnt, Etwas über meine Eltern zu erfahren. Ich bin nicht so romantisch, zu erwarten, daß ich das Kind reicher oder gar hochstehender Leute sei. Ich bin herzlich zufrieden, wenn ich nur den Vater oder die Mutter finde, und wenn sie auch Bettler wären. Ich wollte für sie arbeiten Tag und Nacht, um ihnen zu zeigen, wie glücklich ich bin, zu wissen, wem ich mein Dasein zu verdanken habe.«
»Nein, ein Graf oder Millionären ist Ihr Vater nicht gewest, aberst auch kein Bettlern nicht. Aberst sagens doch nun mal, was Sie halt von Ihrer Jugend wissen. Wie weit könnens sich da zurück besinnen?«
»Von meinen Eltern habe ich freilich gar keine Vorstellung, denn als ich noch bei ihnen war, bin ich zu jung gewesen, als daß irgend eine Vorstellung sich in mir hätte befestigen können. Ich bin nicht viel über ein Jahr alt gewesen, als sie sich von mir getrennt haben.«
»Und wo ist das gewesen?«
»In der Nähe eines Dorfes bei Regensburg. Da gab es eine kleine Hütte, welche ein Tagearbeiter bewohnte, der zu einem nahe gelegenen Einödhof gehörte. Zu ihm kam eines Sonntags, als er Ruhetag hatte und in Folge dessen daheim war, ein junges, wohlgekleidetes Frauenzimmer, welches ein Kind im Arme trug. Das Mädchen bat, ein Wenig ausruhen zu dürfen, und er erlaubte es. Sie setzte sich auf die Bank vor der Thür. Er unterhielt sich mit ihr, und als sie ihn um einen Schluck Wasser bat, ging er, ihr ein Glas Milch zu holen. Als er wiederkam, war sie fort, und das Kind lag auf der Bank. Er wartete lange Zeit, aber sie kam nicht zurück, und als er sie darnach suchte, war sie nirgends zu finden. Er hat niemals wieder Etwas von ihr gehört.«
»Und das Kind, das sind halt Sie gewest?«
»Ja.«
»War kein Papier dabei?«
»Ja, es gab einen Zettel; darauf stand, daß ich nach katholischem Ritus getauft sei und Max Walther heiße.«
»Weiter nix?«
»Nein.«
»Hm, hm! Aberst das Kreuzle war da?«
»Ja, es hing an meinem Halse. Daß der Zettel vorhanden war, bewies deutlich, daß man beabsichtigt hatte, sich meiner zu entledigen.«
»Und nachhero sinds halt bei dem Arbeiter blieben?«
»Nein. Er war zu arm, sich mit mir zu befassen. Ich kam in die Stadt in das Waisenhaus.«
»O weh!«
»Was das betrifft, so habe ich keine Veranlassung, darüber Wehe zu rufen. Ich habe viel Liebe und Güte genossen, und später fand sich ein wohlthätiger Gönner, welcher mir die Mittel gab, das zu werden, was ich jetzt bin. Aber, obgleich ich mit meinem Schicksale zufrieden bin, hat mir der Gedanke an meine Eltern immer auf dem Herzen gelegen. Und jetzt stehe ich auf der ersten Stufe der Treppe, welche mich zu ihnen führen soll.«
»Ja, auf dera ersten Stuf stehens schon bereits, aberst es werden halt noch viele Stuferln zu steigen sein.«
»Ist es gar so schwierig?«
»Schwierig wohl nimmer, aberst langweilig.«
»Dauert es sehr lang, ehe Sie Ihre Erkundigungen einziehen können?«
»Ja, denn die Personen, bei der ich anfangen muß, ist halt grad jetzt nicht zu haben.«
»Wo ist sie?«
»Verreist.«
»Wohin?«
»Nach Trippsdrillen, wo die Pfützen über die Weiden geht, verstanden? So fragt man nämlich den Kesselflickern aus. Wann ich Ihnen eins sag, nachhero wollens auch die Zwei wissen, und das kann ich halt nicht gelten lassen. Habens also eine Gedulden; nachhero wirds zu seiner Zeit schon ganz von selberst kommen.«
»Aber Sie sehen doch ein, daß ich höchst begierig sein muß, baldigst Etwas zu erfahren!«
»Eben begierig sollens halt nicht sein, sonst verderbens sich selber den Brei, und nachhero schmeckt er versalzen.«
»Wie lange Zeit soll ich ungefähr warten?«
»Achtzig Jahren!«
»Unmöglich!«
»Was? Unmöglich? Wann ich Ihnen nix sag, was wollens da dagegen machen? Warten müssens doch.«
»Aber ich sterbe vor Ungeduld!«
»Unsinn! An dera Auszehrungen kann man sterben, aberst nicht an dera Ungedulden. Habens nur gar keine Angsten. Der Wurzelsepp wird seine Sach schon so einrichten, daß Sie mit ihm zufrieden sind. Hier habens die Hand darauf. Topp!«
Er streckte ihm die Hand hin. Der Lehrer ergriff dieselbe und sagte in dringlichem Tone:
»Also Sie werden mich nicht länger warten lassen, als unumgänglich nothwendig ist?«
»Keinen Augenblicken länger. Mir liegt ja selberst daran, daß diese Sachen so schnell wie möglich lauft. Und nun wollen wir sie bei Seiten legen und lieberst von dem reden, was nothwendiger ist.«
»Was könnte das sein?«
»Das fragst auch noch?«
»Für mich giebt es nichts Nochwendigeres, als zu erfahren, wer meine Eltern sind und ob sie noch leben.«
»Himmelsakra! Eben grad davon sollens ja nimmer wieder beginnen! Jetzunder reden wir nun mal ernstlich vom Silberbauern.«
»Als ob wir von dem nicht schon gesprochen hätten!«
»Aberst nicht genug! Jetzt handelt sichs um das Geldl, was er holen will.«
»Ja; aber eigentlich geht uns dasselbe gar nichts an.«
»Das scheint so; aberst ich denk mir, daß es grad für uns Beid nothwendig ist, hinter seine Schlichen zu kommen. Also wann wird er beim Thalmüllern sein?«
»Morgen früh um elf Uhr.«
»So werdens da das Geschäftl abschließen und hernach wird er wiedern zurückfahren.«
»Ja. Sie meinen also, daß er nicht laufen wird?«
»Nein. Er wirds Wagerl nehmen, damit er das Geldl gleich mitbringen kann.«
»So müssen wir zu erfahren suchen, ob das Geschäft abgeschlossen worden ist.«
»Das werden wir schon derfahren.«
»Aber wie?«
»Das könnens sich nicht denken?«
»Ach, man könnte es auf verschiedene Weise erfahren. Aber welche wird die beste sein?«
»Die meinige.«
»Welche ist das?«
»Ich fahr halt mit.«
»Der wird Sie gleich mitnehmen!«
»Der muß und der wird. Da kenn ich den Silberbauern schon beinahe ganz genau.«
»Er muß ja darauf sehen, daß seine Sache so geheim wie möglich bleibe!«
»Freilich wohl. Aberst denkens denn etwan, daß ichs so dumm anfang, daß er merkt, was ich wissen will? Gehens! So albern ist der Wurzelsepp freilich nicht.«
»Nun, wie wollen Sie es denn anfangen?«
»So, daß ich gar nicht mit hinfahr.«
»Wie? Und soeben sagten Sie –«
»Daß ich mitfahren will!«
»Ja.«
»Das ist auch richtig. Nämlich ich will gar nicht mit nach der Mühlen fahren, sondern ich werd unterwegs bei ihm aufisteigen, wann er auf dem Ruckweg ist.«
»Ach so! Das ist freilich etwas Anderes.«
»Na, sehens! Es ist ein Glück, daß er mich hier noch nicht sehen hat. Er weiß halt noch gar nicht, daß ich wiedern mal in Hohenwald bin.«
»Aber er kennt Sie?«
»Sehr gut. Da paß ich also morgen heimlich auf, ob er fortfahrt. Nachhero geh ich ihm entgegen bis zur Waldschänke, da, wo dera Weg steil abwärts geht. Da seh ich ihn nachhero auf dem Ruckweg den Berg herauf fahren kommen und geh gleich in die Schänk hinein.«
»Wird er nicht vorüberfahren?«
»Das fallt ihm gar nicht ein. Der bringts in seinem ganzen Leben nicht fertig, an dera Waldschänken vorbei zu fahren. Nachhero sitz ich drin und bitt ihn schön, mich mitzunehmen.«
»Wird er das thun?«
»Das ist so sicher wie Linsen. Wissens, dera Wurzelsepp ist ein armes Teuferl, aberst er hats auch da hinter den Ohren, und er wirds halt Keinem rathen, ihm so einen kleinen Wunsch abzuschlagen. Und nachhero, wann ich drin im Wagerl sitz, werd ich wohl merken, ob er das Geldl mit hat odern nicht. So eine Meng von Goldstuckerln kann man nicht in dera Westentaschen verstecken.«
»Gut! Und nachher?«
»Und nachhero? Nun, was solls nachhero sein?«
»Was haben wir damit gewonnen, wenn wir wissen, daß er das Geld hat?«
»Dann haben wir halt erstens den Beweis, daß er mit dem Müllern unter einer Decken spielt, und zweitens giebts noch was, wovon ich heut noch nicht reden will. Wann ich zuruckkomm, darf ich Sie aufsuchen?«
»Ja, das versteht sich ganz von selbst. Wenn es gilt, diesem Manne hinter seine Schliche zu kommen, so bin ich gern dabei.«
»Das gefreut mich sehr, denn vielleicht ists möglich, daß Sie mir dabei was helfen müssen.«
»Und ich ahne, daß ich auch Ihrer Hilfe bedarf, in Betreff dieses Mannes. Kennen Sie den Feuerbalzer?«
»Ja. Wie sollt ich den nicht kennen!«
»Seit langer Zeit?«
»Bereits schon, als er noch reich war.«
»So wissen Sie auch, wie er arm geworden ist?«
»Ja. Vielleicht weiß ichs noch bessern als Andere.«
»Nun, wie denn?«
»Da meinens, daß ichs Ihnen sag?«
»Ja.«
»Fallt mir nicht ein!«
»Warum?«
»Weils mir heut noch zu gefährlich ist.«
»Ich denk, wir sind Verbündete!«
»Ja freilich. Aberst trotzdem braucht der Eine dem Andern nicht gar Alles zu sagen. Ein jedes Ding hat seine Seiten, und es wird halt schon noch die Stund kommen, in der ich Ihnen Alles sag.«
»Ganz, wie Sie wollen. Ich hörte, der Silberbauer habe ihn zum Spiel verführt?«
»Das ist schon richtig.«
»Und da hat er sein ganzes Vermögen verloren?«
»Das ganze halt doch nicht. Er hat schon noch was übrig habt, aber das ist im Feuern verbrannt.«
»Ja, das erzählte mir seine Frau.«
»So! Hat sie es Ihnen auch bereits derzählt? Das derzählt sie allen Leutln, die sie nur derwischen kann.«
»Bei dieser Erzählung fiel mir Einiges auf.«
»Was?«
»In Betreff des Silberbauern.«
»So, so! Darf man das hören?«
»Nein.«
»Donnerwettern! Jetzt wollens wohl schweigen?«
»Ja.«
»Warum? Wir sind doch Verbündete!«
»Jetzt sag ich grad so wie vorhin Sie: Es ist mir jetzt noch gefährlich, davon zu reden.«
»Das ist ja die reine und richtige Rachsuchten! Das hätt ich Ihnen bei Leibe nicht zutraut!«
»Wie Du mir, so ich Dir! Obs wohl viel gewesen sein mag, was damals verbrannt ist?«
»Grad fünftausend Thalern.«
»O weh! So eine Summe?«
»Ja. Ich weiß es ganz genau. Ich war dabei. Der Balzer hatte ein Hypothekerl aufs Haus nommen und der Silberbauern hats ihm geben. Die Beid sind in die Stadt fahren, um das Geld zu holen und das Hypothekerl beim Amt festschreiben zu lassen. Nachhero beim Nachhauseweg stand ich auf der Straßen und bin mit auf den Wagen stiegen. Da hab ich Alls derfahren.«
»Und später ist das Gut weggebrannt?«
»Noch in derselbigen Nacht.«
»Was Sie sagen!«
»Ja. Ich bin niemals in dera Schänk über Nacht blieben, sondern stets bei einem Bekannten. So ein Lagern auf dem Heu kann ein Jedern einem armen Teuxeln geben. Am damaligen Abend bin ich beim Silberbauern zur Nacht blieben.«
»Bei dem?« fragte der Lehrer schnell. »Hören Sie, das ist mir im höchsten Grade interessant.«
»So? Warum?«
»Weil – na, weil ich einen gewissen Verdacht nicht los werden kann.«
»Welchen Verdacht?«
»Daß das Feuer damals angelegt worden ist.«
»Das hab ich auch bereits denkt, und viele Leutln habens damals grad heraus gesagt.«
»Aber an den Tag ist nix gekommen?«
»Gar nix.«
»Waren Sie auch mit beim Brande?«
»Natürlich. Wann an einem so kleinen Ort ein Feuerl ist, so rennt ja Alles hinzu.«
»Und haben Sie nichts besonders Auffälliges bemerkt?«
»Nein; nur daß das Feuer heiß war, hab ich merkt.«
»Ich scherze nicht; ich habe meine ganz bestimmte Absicht, wenn ich Sie jetzt frage.«
»So! Aberst die Absichten ist mir nicht bekannt.«
»Natürlich war der Silberbauer auch mit bei dem Feuer?«
»Ja. Er hat brav mit gerettet.«
»War er gleich mit da?«
»Nein. Bereits vor dem Feuern, so um die Mitternachten, als beim Silberbauern Alles schlief, da konnt ich keine Ruh finden. Ich hatt eine innre Aengsten, als ob was passiren wollt. Da bin ich vom Heuboden, wo ich schlafen wollt, wiedern herab gangen und in denen Garten hinaus. Da hab ich sessen im Mondenschein und so an Dieses und Jenes denkt, bis der Bauern kommen ist – – –«
»Nach Hause?«
»Nein. Wann er nach Haus kommen wär, da wär er doch durch die vordere Thüren herein. Er kam durch die Hinterthüren in denen Garten hinaus.«
»Was hat er dort gewollt?«
»Das hab ich mich auch fragt. Es ist so ein heller Mondschein west, und da hab ich sehen, daß er einen Hammern in der Hand tragen hat.«
»Um Mitternacht mit einem Hammer in den Garten?«
»Ja. Das hat mich auch wundert. Er hat mich nicht sehen, bis ich auf ihn sprechen hab. Da, als er mich hört und sehen hat, ist er schier verschrocken.«
»Ah! Das böse Gewissen!«
»Meinens? Thätens nicht auch verschrecken, wann in der Nacht plötzlich Einer auf Sie sprochen thät?«
»Vielleicht.«
»Na, also! Er ist fast zornig worden, daß ich noch nicht schlafen gangen war.«
»So! Er schlief doch selber nicht!«
»Freilich!«
»Warum war er noch wach?«
»Das hab ich ihn auch fragt, und er hat sagt, daß er nach dem Wassern will.«
»Mit dem Hammer?«
»Ja. Als ich vom Hammern sprochen hab, ist er wiedern verschrocken und hat ihn schnell in die Taschen steckt.«
»Wozu hatte er ihn bei sich?«
»Um Nachtangeln zu setzen.«
»Mit dem Hammer? Hm!«
»Ja. Er hat ihn wohl braucht, um die Holzpflöckern in die Erd zu schlagen.«
»So! Dann ist er wirklich gegangen?«
»Ja. Und mir hat er sagt, daß ich mich nun aufs Ohr legen soll. Das hab ich auch than.«
»So haben Sie nicht bemerkt, wenn er wieder nach Hause gekommen ist?«
»Nein.«
»Vielleicht ist er gar nicht am Bach gewesen.«
»Warum sollt er nicht? Warum sollt er mir eine Lügen macht haben? Es war gar kein Grund vorhanden?«
»Vielleicht doch!«
»Ich seh keinen ein. Und am Wassern, am Bach ist er ganz gewiß gewest. Das weiß ich genau.«
»Woher?«
»Als ich schon einschlafen gewest bin, hat man ganz plötzlich Feuern schreit. Ich bin schnell aufi und fort. Da hat dem Balzerbauern sein Gut brannt, lichterloh empor. Ich bin spät kommen, weil ich fest schlafen hatte; aberst der Silberbauern kam noch spätern, und als er kam, ist er ganz naß gewest. Also muß er doch nach dem Bach gangen sein.«
»Hm hm! Und wie hat er sich beim Feuer verhalten?«
»Wie soll er sich verhalten haben? Wie ein jeder Andre auch. Er hat sich mit in Reih und Glied stellt, um Wassern nach dera Feuerspritzen zu reichen. Aberst die Spritzen ist ausdorrt gewest und hat einen Sprung und Löchern gehabt, so daß mehr Wassern heraustropft ist, als man hineinthan hat. In denen Schlauch ist kein Tropfen kommen, und so hat man nicht löschen konnt, und das ganze Gut ist abibrant mit sammt deren Scheuern und Stallen.«
»Und der Bauer wär beinahe auch mit verbrannt?«
»Viel hat nimmer daran fehlt. Er muß sehr fest schlafen haben. Die Frau hat gar nicht wußt, daß er daheim ist, weil er noch nicht im Bett legen hat. Aber das Geldl ist ihr einifallen. Da sind ein paar brave Burschen hinauf in die guten Stuben, wo es aufbewahrt gewest ist, und da hat der Balzer besinnungslos gelegen.«
»Vielleicht gar verwundet?«
»Nein. Den Schlag hat er erst später erhalten, als der Balken auf ihn stürzt ist. Ihn habens gerettet; das Geld aber ist zum Teuxel gewest.«
»Was war es für Geld?«
»Lautern Goldstuckerln außer ein Kassenbilleterl von fünfhundert Thalern.«
»Und man denkt, das Alles das verbrannt ist?«
»Natürlich.«
»Das Geld kann ja nicht verbrennen!«
»Grad das habens sich auch denkt, und darum hat die Balzerbäurin dann streng nachsuchen lassen. Aberst es ist nix funden worden.«
»Das Gold ist geschmolzen. Da aber muß es auf alle Fälle gewesen sein.«
»Das denk ich halt auch; aber was hilfts wann mans denkt, und es ist doch nicht da! Die Arbeitern, welche sucht haben, sind vielleicht nicht ehrlich gewest.«
»Das wäre die eine Erklärung. Aber es giebt auch noch eine andere und zwar daß das Geld vor dem Brand gestohlen worden wäre.«
»Himmelsakra!«
»Nun, ist das nicht möglich?«
Der Sepp machte ein ganz eigenthümliches Gesicht, ein Gesicht wie Einer, dessen Gedanken man errathen hat.
»Wie kommens auf dieselbige Idee?« fragte er.
»Es muß ein Jeder darauf kommen, der einigermaßen nachdenkt.«
»Ja freilich!« nickte er.
»So haben Sie diesen Gedanken auch bereits gehabt?«
»Ich bin ihn noch gar nicht los worden.«
»Aber wer könnte der Dieb sein?«
»Hm! Ja, wer?«
»Vielleicht ist die Bezeichnung »Dieb« noch zu gelinde.«
»Warum?«
»Man könnte wohl auch »Mörder« sagen.«
»Alle tausend Donnerwettern!«
Sie standen längst nicht mehr am Bache, sondern sie waren von dort aufgebrochen und während ihres Gespräches ins freie Feld zurückgekehrt. Jetzt schritten sie über die Wiesen. Der Sepp blieb, als er die letzten Worte sprach, stehen und ergriff den Lehrer am Arme. Er machte zwar ein erschrockenes Gesicht, aber der Blick, welches er auf den Gefährten warf, sagte deutlich, daß er sich von dessen Worten eigentlich gar nicht überrascht fühle.
»Es ist doch gar kein Mord vorhanden!« sagte er.
»Nein, aber vielleicht ein Mordversuch.«
»Was denkens eigentlich?«
»Nun, ich denk mir, daß man das geschmolzene Gold hätte finden müssen, wenn es beim Ausbruch des Feuers noch vorhanden gewesen wäre. Es ist aber nicht gefunden worden, folglich – – –«
Er hielt inne. Der Sepp setzte die Rede fort:
»Folglich wars wohl gar nimmer da, als das Feuern losgangen ist.«
»Ja. Aber wohin ists gekommen?«
»Wer kann das wissen!«
»Wissen kann es nur der Betreffende. Aber vermuthen kann man; Schlüsse ziehen kann man.«
»Dazu hab ich halt kein Talenten.«
»O doch! Ich halte Sie für einen Mann, dem man nicht leicht ein X für ein U hermachen darf.«
»Meinens? Na, vielleicht habens Recht. Nachdenken kann ich halt schon, und vermuthen auch; aberst das Denken so in denen richtigen Worten sagen, das bring ich halt doch nicht fertig; dazu reichen meine sieben Universitäteln noch nicht aus.«
»Gut! So wollen wir Beide denken, und ich will die Gedanken in die richtigen Worte fassen. Nehmen wir also an, das Geld sei beim Ausbruch des Brandes nicht mehr da gewesen, so müssen wir uns fragen, wohin es gekommen ist.«
»Jawohl.«
»Nun, was denken Sie?«
Der Sepp legte den Finger an die Nase, machte ein pfiffiges Gesicht und antwortete:
»Ja, wer hats gestohlen?«
»Ja. Denken wir aber ja daran, daß der Bauer in der Stube gelegen hat, in welcher das Geld aufbewahrt worden ist. Weshalb ist er dort gewesen?«
»Um das Geldl zu retten.«
»Das ist falsch, denn wenn er das Geld hätte retten wollen, so hätte er wissen müssen, daß sein Gut brenne – – –«
»Freilich!«
»Dann hätte er um Hilfe gerufen, Lärm gemacht, geschrieen, gebrüllt –«
»Himmelsakra! Daran habe ich gar nicht denkt!«
»Seine Leute hätten ihn unbedingt hören müssen.«
»Freilich, freilich.«
»Sie haben aber geglaubt, er sei gar nicht zu Hause. Sie haben gar nicht gewußt, daß er sich in der guten Stube befand. Sie haben ihn also nicht gehört, und folglich hat er gar nicht gerufen. Sehen Sie das ein?«
»Ja, das kann ich schon leicht begreifen, wanns mir in dieser Art und Weisen verklärt wird.«
»Ich schließe folgerichtig weiter, daß er sich also nicht in der guten Stube befunden hat, um sein Geld aus dem Feuer zu retten.«
Der alte Sepp hatte wohl in seinem ganzen Leben noch gar kein so gespanntes, wichtiges und aufmerksames Gesicht gemacht wie jetzt. Er stand vor der Lösung eines Geheimnisses. Was er so lange Jahre still verborgen und vielleicht ohne das richtige Bewußtsein in sich getragen hatte, das holte ihm jetzt der junge Mann mit seinen unerbittlichen und folgerichtigen Schlüssen aus der Seele heraus. Der Lehrer fuhr fort:
»Der Balzerbauer hat also gar nichts vom Feuer gewußt. Warum?«
»Weil er ohnmächtig wesen ist.«
»Wie ist er ohnmächtig worden?«
»Vielleicht vor Schreck?«
»O nein. Die Nerven eines solchen Mannes halten schon einen Puff aus. Erschrecken kann er, starr sein für einige Augenblicke, ja. Aber daß er vor lauter Schreck todt hinstürzen soll, das glauben Sie wohl selbst nicht, Wurzelsepp.«
»Freilich nicht.«
»Also einen anderen Grund!«
»Er ist vor Rauch fast erstickt?«
»Auch das nicht. Diejenigen, welche das Geld haben holen wollen, hätten sich des Geldes wegen nicht in eine Stube gewagt, in welcher die Gefahr des Erstickens so groß war. Es ist Luft genug vorhanden gewesen.«
»Freilich! Das Fenstern war noch nicht mal entzwei sprungen.«
»Sehen Sie. Also weder vor Schreck noch vor Rauch ist der Bauer besinnungslos gewesen. Er hat seine Besinnung bereits vor dem Ausbruche des Feuers nicht mehr gehabt.«
»Wie meinens das? Wie könnt das wohl der Fall gewest sein? Bevor das Feuern ausbrochen ist, ist dera Bauern doch wohl ganz frisch und gesund und muntern gewest!«
»Davon bin auch ich sehr überzeugt. Wenn aber ein frischer und gesunder Mann besinnungslos am Boden liegend gefunden wird, und später bemerkt man, daß seine Hirnschale entzwei ist, was darf man da vermuthen, Wurzelsepp?«
Der Blick des Alten wurde ganz starr.
»Himmel und Höllen!« stieß er hervor.
»Antworten Sie!«
»Das ist so leicht und aberst doch auch so schwer!«
»Wir sind allein, und Niemand hört es.«
»Nun, Sie meinen, daß der Balzerbauern von Jemandem niedergeschlagen worden ist?«
»Ja.«
»Ich habs auch schon denkt – nein, nicht denkt sondern ahnt hab ichs. Aberst wanns Einem so klar und mundrecht macht wird wie von Ihnen, so könnt man gleich einen Eid thun, daß es so gewest ist.«
»Nun, beschwören wollen wir es noch nicht; aber ich habe die Ahnung, daß wir uns auf dem richtigen Weg befinden.«
»Aberst wir dürfen halt nicht vergessen, daß ihn der Balken verschlagen haben soll!«
»Das vergesse ich auch nicht. Aber hat ihn denn der Balken auch wirklich getroffen?«
»Sie sagens ja.«
»Geben wir es immerhin zu. Die Hauptsache für uns ist die, daß er bereits vorher wie todt auf der Diele gelegen hat. Also ist ihm bereits früher Etwas geschehen. Und so haben wir wohl Veranlassung, anzunehmen, daß er die Kopfwunde bereits gehabt hat, als er gefunden wurde.«
»Aberst wer soll ihn derschlagen haben?«
»Das ist die Hauptfrage.«
»Ich kann keine Antwort finden.«
»Wirklich nicht?« fragte der Lehrer, indem er ihn scharf ansah.
»Nein, eine richtige Antworten, die ich beweisen könnt, giebts halt nicht.«
»Das glaube ich gar wohl. Aber das Gefühl geht richtiger als der Verstand. Wer sagt dem Vogel, was Nord oder Süd ist? Er weiß es nicht; er denkt gar nicht darüber nach; er folgt seinem Gefühle und findet ganz genau den richtigen Ort. Man pflegt das den Instinct zu nennen.«
»Ja, das weiß ich wohl.«
»Auch der Mensch handelt zuweilen auch instinctiv.«
»Das hab ich auch bei mir schon merkt.«
»Schön! Sie haben also auch Instinct.«
»Ja, sehr.«
»Nun, so nehmen Sie jetzt einmal denselben zu Rathe.«
»Das wollt ich gar wohl, wanns nur nicht so gefährlich wär!«
»Das begreife ich nicht.«
»Nun, es giebt halt doch Sachen, die man sich wohl denken kann, aberst sagen darf man sie nimmer.«
»Ich wiederhole, daß wir allein sind und daß uns kein Mensch hört.«
»Das weiß ich schon. Und wann das nicht wär, so würd ich auch gar kein Wort sagt haben. Jetzt aberst will ichs gestehen, daß ich immern und immern an den Hammern denken muß.«
»Den der Silberbauer damals in der Hand gehabt hat?«
»Ja.«
»Warum müssen Sie daran denken?«
»Weil ich auch nicht so recht begreifen kann, wie er den Hammern zu denen Nachtangeln hat brauchen können.«
»Auch mir ist das befremdlich. Ist er früher im Hause des Balzerbauern verkehrt?«
»Alle Tagen.«
»So daß er die Oertlichkeit genau gekannt hat?«
»Wie der Balzer selberst.«
»Hm! Warum ist er erschrocken, als er Sie im Garten bemerkte?«
»Ja, und als ich den Hammern sah, verschrak er auch schon wiedern.«
»Also muß er ein böses Gewissen gehabt haben. Und warum befahl er Ihnen, nun schlafen zu gehen?«
»Ich sollt nicht sehen, wann er wiedern kommt.«
»Oder sollten Sie nicht bemerken, daß er überhaupt gar nicht wiederkam.«
»Das glaub ich halt nicht. Wiederkommen ist er. Wann er wirklich das Geld holt hat, so hat ers doch wohl nach Haus schafft. Oder nicht?«
»Er wird sich gehütet haben, es in seine Wohnung zu verstecken. Nein, nein. Er hat es außerhalb derselben verborgen. Das ist gewiß. Und von dem Versteck aus ist er gleich nach dem Feuer zurückgekehrt.«
»Wo mag das Versteck sein?«
»Am Wasser.«
»Wie? Am Bach? Warum denkens das?«
»Weil er naß gewesen ist. Er muß also mit dem Wasser zu thun gehabt haben.«
»Sapperloten! Daran hab ich gar nicht denkt!«
»Ja, man denkt oft grad an die Hauptsache nicht.«
»Und ist halt nicht ganz und gar besonderbar, daß wir grad denselbigen Gedanken haben?«
»Freilich.«
»Und auch denselbigen Mann im Verdacht! Nun hab ichs so lange Jahren mit mir herumitragen, und Sie habens gefunden und sind doch erst nur so ganz kurze Zeiten hier. Das ist zum Zerwundern!«
»O nein. Es ist mir eben aufgefallen, als ich mit der Balzerbäuerin sprach. Uebrigens wundert es mich, daß die Behörde nicht auch auf einen ähnlichen Gedanken gekommen ist.«
»Die? Ja, warum meinens das?«
»Nun, hat man etwa Verdacht gehabt?«
»Wegen Mord nimmer, aberst wegen Diebstahlen. Das Geld hat nämlich in einem eisernen Kastl gelegen.«
»Ah, ah! Das ist ja ein neuer Anhaltepunkt! Wenn dies der Fall ist, so hätte man dies geschmolzene Geld unbedingt finden müssen, da die Goldstücke nicht zerstreut sein konnten.«
»Und weil man nix funden hat, so hat das Amt denkt, daß doch ein Spitzbuben dagewest sein könnt.«
»Der das Gut angebrannt hat, um den Diebstahl zu verdecken?«
»Ja. Und darum hat das Amt nach dem Schein forscht und nach der Nummern, die er tragen hat. Sie ist in allen Blättern bekannt macht worden.«
»Das ist gut, sehr gut. Der Dieb hat es nicht wagen dürfen, den Kassenschein auszugeben. Vielleicht hat er ihn gar noch heut im Besitz!«
»Und das eiserne Kastl auch noch!«
»Alles ist möglich. Alles. Und da wir einmal den ersten Schritt gethan haben, so müssen wir auf demselben Wege weiter vorwärts schreiten. Ich vermuthe, daß der Silberbauer der Thäter ist.«
»Ich auch.«
»Und daß er das Geld damals in der Nähe des Baches versteckt hat. Vielleicht hat er dieses Versteck noch heut in heimlichem Gebrauch. Ach, da fällt mir ein: Sie sagten doch, daß er ein fleißiger Bader sei?«
»Das ist er.«
»Daß er aber nie schwimme?«
»Schwimmen habe ich ihn noch niemals sehen.«
»Badet er stets da, wo wir heut gewesen sind?«
»Oft auch am Mühlenwehr.«
»Wo ist das?«
»Ueber der oberen Mühlen, in welcher dera Müllerhelm wohnt. Es ist von dem Silberbauern vor langer Zeit baut worden, damit die Mühlen stets das richtige Wassern haben.«
»Gehört die Mühle ihm?«
»Beide, die obere und auch die untere. Er hat sie nur verpachtet.«
»Giebt es nicht einen bestimmten Ort am Bache, an welchem er oft zu sehen ist?«
»Nein. Einen Lieblingsort hat er halt nicht.«
»Und doch kann ich den Gedanken nicht los werden, daß er sein damaliges Versteck noch heut dort hat. War, als das Balzergut niederbrannte, das Wehr bereits fertig gebaut?«
»Ja, ganz fertig.«
»Nun, wollen sehen. Uebrigens kommt mir da ein neuer Gedanke, der uns vielleicht zum Ziele führt. Nämlich das Geschäft, welches er morgen mit dem Thalmüller abschließen will, ist auch ein derartiges, daß er es geheim halten muß. Der Müller hat sein Geld nicht sehen lassen, und so denk ich, daß der Silberbauer es auch verstecken wird.«
»Auf alle Fällen.«
»Aber wohin?«
»Nun, in seinem Haus. Odern – – Sapperloten, jetzt weiß ich, was Sie meinen! Wann das alte Verstecken noch da ist, so wird er das Geldl aus dera Türkeien auch dorten verbergen. Nicht?«
»Ja, das hab ich gemeint.«
»Nun, so brauchen wir ja nur aufzupassen.«
»So? Stellen Sie sich das so leicht vor? Ich halte es für schwer?«
»Warum?«
»Weil wir die Zeit nicht wissen, in welcher er es verstecken wird.«
»Nun, die werden wir halt schon derfahren.«
»Aber wie?«
»Sehr leicht. Ich paß halt auf ihn auf.«
»Wollen Sie sich in seine Hausthür legen?«
»Nein, sondern gleich ins Haus hinein.«
»Ach so! Sie wollen ihn um Herberge bitten?«
»Wird er sie Ihnen nicht versagen?«
»Der? Kein Mensch versagt sie dem Wurzelsepp. Das wär ja eine ewge Schand für einen Jeden, wann er den armen Sepp von der Thür weisen thät. Nur wissen darf er freilich nicht, daß ich ein guter Freund von dem Herrn Schulmeistern bin.«
»Nun, das können wir ja geheim halten.«
»Ja, das müssen wir freilich. Und schauns, da hinten kommen zwei Leutln. Es ist nicht nothwendig, daß die uns beisammen sehen. Darum wollen wir uns jetzt den Abschied sagen.«
»Gut. Wann sehen wir uns wieder?«
»Morgen am Abend, wann ich mit dem Silberbauern wiederkommen bin. Wo wohnens halt?«
»Beim Eschenbauern, wo früher der Feuerbalzer sein Gut gehabt hat.«
»Wohl in dera guten Stuben?«
»Ja.«
»Schön! Wann ich komm, werd ich in die Hand klatschen. Nachher kommens herab zu mir.«
»Und was mache ich, wann ich Sie einmal sehen will?«
»Nun, da spazierens halt hinaus auf die Waldblößen zum Finkenheimer. Der wird Ihnen sagen, wann und wo ich zu finden bin.
»Darf der Alles wissen?«
»Nein, jetzund noch nicht. Also jetzt behüts Gott!«
»Behüt Sie Gott auch!«
Sie gaben einander die Hand und trennten sich.
Der Wurzelsepp strich nach dem Walde hinüber, und der Lehrer nach dem Dorfe. Da er von dieser Seite kam, mußte er an dem Gute des Steinbauers vorüber. Eben als er sich demselben näherte, trat Martha aus dem Thor.
Sie war heut nicht mehr die »Silbermartha«. Sie ging höchst einfach gekleidet, fast wie die Tochter eines armen Mannes. Ihr Gesicht war sehr blaß. Als die Beiden aneinander vorübergingen, zog der Lehrer den Hut, und sie nickte leicht mit dem Kopfe. Keins sprach ein Wort. Für einen Augenblick war sein Gesicht ebenso blaß geworden wie das Ihrige.
Es hatte ihm einen Stich tief ins Herz gegeben, als er sie erblickte. Das war die Tochter des Mannes, den zu verderben er sich fest vorgenommen hatte. Er hatte sie geliebt mit der ganzen Gluth seiner Seele, und jetzt sann er auf ihr Verderben. Denn das Verderben des Vaters zog unbedingt auch dasjenige der Tochter nach sich.
Seine Schritte wurden unwillkürlich kleiner und langsamer, und sein Blick suchte nachdenklich den Erdboden. Bald aber hob er den Kopf wieder empor. Ein Schulmeister sei ihr viel zu niedrig, hatte sie gesagt. Gut, sie sollte erfahren, daß ein Schulmeister mit der Tochter eines Verbrechers nichts, gar nichts zu schaffen hat!
Es war ihm nun in diesem Augenblicke wirklich ganz so zu muthe, als ob er diesem Mädchen niemals auch nur einen einzigen seiner Gedanken geschenkt habe. Es war ihm, als ob er nie gefühlt habe, was Liebe und Enttäuschung sei.
Er ging zum Pfarrer, um zu sehen, ob dieser zu Hause sei. Der geistliche Herr hatte heut nach der Kreisstadt gemußt, und Walther hatte ihn gebeten, Papier und Pastellstifte für den Elephantenhans, den Sohn des Finkenheiner mitzubringen. Er war noch nicht da, und erst als es dunkel geworden war, kam er nach der Wohnung des Lehrers, um demselben das Bestellte zu bringen.
Als der Pfarrer wieder gegangen war, begab Walther sich nach der Wohnung seines Zeichenschülers. Der Heiner war bereits daheim, und die Lisbeth stand im Begriff, das Abendessen zu bereiten. Der Bruder saß am Tische und hatte ein Buch vor sich, welches der Lehrer ihm gestern geborgt hatte. Es waren die Reisen Vogels in Centralafrika. Der junge Mann hatte den Band heut mit Heißbegierde verschlungen und sich ganz besonders von den Illustrationen begeistert gefühlt. Er schob dem Lehrer, als dieser sich gesetzt hatte, ein Blatt zu, auf welchem er eine Scene aus jenen Ländern entworfen hatte. Walther betrachtete sie mit kritischem Auge und sagte dann:
»Ich überzeuge mich immer mehr, daß sie eine seltene Begabung und eine außerordentliche Inclination für das Exotische besitzen. Wenn ich wüßte, daß es Ihnen recht wäre, würde ich mich mit Ihnen nach einem Sujet für eine umfänglichere Arbeit umsehen.«
Die bleichen Wangen des Kranken rötheten sich bei diesem Lobe.
»Bitte,« sagte er. »Suchens halt, und gebens mir eine Aufgab, an der ich eine Freud haben kann.«
»Nun, ich glaube Ihren Geschmack zu kennen. Sie haben das Buch durchgelesen; der Inhalt ist Ihnen bekannt. Ein Capitel handelt von dem Tsad-See, jenem großen Wasserbecken im Sudan, an dessen Ufer sowohl die Vegetation als auch die Thierwelt in ihren riesigsten Formen vertreten ist. Krokodile, die riesigsten unter den Amphibien, bewohnen das Wasser; Löwen, Elephanten, Nashörner, Flußpferde trinken am Ufer. Gigantische Schlangen winden sich durch das hohe Gestrüpp. Und diese Ufer werden in Schatten gehüllt von Bäumen, deren Spitzen höher ragen als die Wetterfahnen unserer Kirchthürme. Palmen, Affenbrotbäume, Talha's und andere Riesen verbieten den Sonnenstrahlen den Zutritt zu der Fläche des Sees. Es ist Alles groß, erhaben, gigantisch, riesig. Eine Scene am Ufer dieses See's, das wäre ein Sujet für Sie.«
Der Kranke nickte nur. Seine Augen leuchteten, seine dünnen, wächsernen Finger spielten zitternd mit dem Bleistifte. Der Lehrer fuhr fort:
»Und dieses Riesenhafte müßte gemildert werden durch eine Fabel, deren Gestalten aus dem Schattendunkel leuchteten. Sie haben gelesen, daß sich ein kleines, helles, unscheinbares, liebliches Blümchen in großen Massen auf der Oberfläche des See's bewegt?«
»Die heimathlose Fanna,« antwortete Hans.
»Warum wird sie so genannt?«
»Ich weiß es nicht.«
»Nun, sie wurzelt nicht am Boden des Sees; sie lebt nur an der Oberfläche desselben und folgt der Richtung des leisesten Windes. Sie blüht also nicht an einer festen Stelle und heißt darum die heimathslose Fanna. An diese Blume knüpft sich eine Sage, von welcher sich die dortigen Eingeborenen erzählen. Auf dem Grunde des Wassers wohnt nämlich ein herrliches Meerweib von so wunderbarer Gestalt, daß kein Mensch, der sie erblickt, ihr zu widerstehen vermag. An hellen Mondnächten erscheint sie auf der Oberfläche, weiß von Farbe, wie ein Christenweib, nur noch viel herrlicher und entzückender. Rudert nun ein Jüngling über das Wasser und erblickt er sie, so ists um ihn geschehen. Er springt aus dem Kahn in ihre Arme und verschwindet mit ihr in der feuchten Tiefe – auf Nimmerwiedersehen. Seine Seele wird in eine Fanna verwandelt, in eine jener lichten Blüthen, welche heimathlos auf den Wassern treiben. So viele Blüthen als da schwimmen, so viele Jünglinge hat das Geisterweib bereits hinab in die Tiefe gezogen. Nun denken Sie sich ein Bild, eine Uferparthie des Tsad-See's vorstellend, der Mond über den riesigen Bäumen stehend, und im Wasser das Meerweib, einen Fischer ans dem Kahne ziehend. Das ist ein Entwurf, wie er besser Ihnen wohl nicht geboten werden kann.«
»Ob ich es bringe!« flüsterte der Kranke.
»Nein, das ist unmöglich.«
»Ah!«
»Ja, es ist unmöglich. Dazu gehört neben dem Genie eine jahrelange Schulung, welche Sie nicht besitzen. Aber versuchen sollen Sie es; eine Probe soll es sein, wie weit man auf Ihre Begabung rechnen kann. Und hernach, wenn es glückt, dann – –«
Er hielt inne.
»Dann?« fragte Hans.
»Dann weiß ich Einen, der Sie ausbilden lassen wird.«
»O Gott, wenn das wäre!«
»Beweisen Sie, daß Sie Begabung besitzen, so wird er Ihnen seine Hand reichen.«
»Wer ists?«
»Der König.«
Alle fuhren erschrocken auf.
»Der König!« sagte der Finkenheiner. »Wo denkens hin, Herr Lehrern! Wird unser König sich mit meinem Hans abgeben.«
»Warum bezweifeln Sie es?«
»Weil ichs mir halt gar nicht denken kann, daß so ein großmächtger und vornehmer Herr einen Sinn für Unsereinen hat.«
»Da irren Sie sich. Es giebt viele, viele vornehme Herren, welche ein echtes und rechtes Herz für das Volk haben, und bei unserm guten Könige ist dies erst gar sehr der Fall.«
»Ich kann mich ab erst doch nicht drein denken. Und wie soll er von unserm Hans derfahren?«
»Ich schreibe es ihm.«
»Sie? Kennens ihn denn?«
»Ich werde doch meinen König kennen!«
»Aberst kennt er auch Sie?«
»Nein. Er hat mich weder gesehen, noch jemals von mir gehört.«
»Da schauns! Wanns ihm auch schreiben, so wird er das Brieferl gar nimmer lesen, sondern gleich in denen Ofen werfen oder ein Käs und Brod hineini wickeln, wann er mal spazieren geht und sein Fruhstucken in dera Taschen mitnimmt.«
»Da irren Sie sich. Doch wollen wir uns in Beziehung auf diesen Punkt noch gar nicht mit Sorgen quälen. Jetzt ist die Hauptsache, daß sich unser Hans an die Arbeit macht. Ich habe hier Papier und Pastellstifte mitgebracht und werde ihm zeigen, wie man damit umzugehen hat. Und damit er einen Faden besitzt, nach welchem er sich richten kann, will ich ihm ein Gedicht dictiren über ganz denselben Gegenstand, über welchen er ein Bild anfertigen soll. Bitte, Hans, nehmen Sie Papier her, und schreiben Sie sich Folgendes auf:
Die heimathlose Fanna.
Es treibt die Fanna heimathlos
Auf der bewegten Fluth,
Wenn auf dem See gigantisch groß
Der Talha Schatten ruht.
Er breitete die Netze aus
Im klaren Mondesschein,
Sang in die stille Nacht hinaus
Und träumte sich allein.
Da rauscht es aus den Fluthen auf
So geistergleich und schön;
Er hielt den Kahn in seinem Lauf
Und ward nicht mehr gesehn.
Nun treibt die Fanna heimathlos
Auf der bewegten Fluth,
Wann aus dem See gigantisch groß
Der Talha Schatten ruht.«
Der Lehrer hatte keine Ahnung, welchen Einfluß dieses Gedicht, dessen Verfasser er selbst war, da er es augenblicklich improvisirte, ohne es sich merken zu lassen, auf die spätere Gestaltung seines Lebens haben sollte.
Hans schrieb die Strophen nieder und erhielt dann eine kurze Unterweisung über die Anwendung der Pastellstifte. Dann trug Liesbeth das Essen auf, an welchem Walther theilnehmen mußte. Er that dies ohne Zögern, da er wußte, daß der Finkenheiner jetzt nicht mehr zu hungern brauchte.
Nach dem Essen ließ Hans sich seinen Stuhl in die Stubenecke schieben, und der Lehrer begann zu erzählen. Die alte Balzerbäurin kam herauf und setzte sich auf einen Schemel, um ihm zuzuhorchen. Ihr geisteskranker Sohn war dabei. Er hockte sich gleich auf die Stubendiele nieder und verwandte kein Auge von dem Sprecher.
Gegen zehn Uhr endlich verabschiedete sich Walther und erhielt von Hans das Versprechen, daß dieser gleich morgen früh mit seiner neuen Arbeit beginnen werde. Nachdem er Allen die Hand gegeben hatte, ging er.
Er hatte von der Flachsdörre weg noch nicht die Dorfstraße erreicht, so hörte er einen leichten, schnellen Schritt hinter sich. Er blieb stehen und blickte sich um. Es war der verrückte Balzerbauer, der ihm nachgeeilt kam. Derselbe ergriff ihn beim Arme und flüsterte ihm zu:
»Freund – guter Freund!«
»Ja,« antwortete der Lehrer. »Ich bin Dein Freund, ich meine es gut mit Dir.«
»Feind – böser Feind!«
Bei diesen Worten deutete er nach dem Dorfe aufwärts.
»Wen meinst Du?«
»Feind.«
»Wer ists?«
»Böser Feind. Komm!«
»Wohin?«
»Du ihn sehen.«
»Wo?«
»Dort, dort!«
Er deutete wieder in die bereits angegebene Richtung. Das Verhalten des Verrückten kam dem Lehrer ungewöhnlich vor. Seine Mutter hatte gesagt, daß er kein anderes Wort sage als »Nimms hin, nimms hin! Ich sag halt nix! Gnade, Gnade!« Und jetzt sprach er auch andere Worte. Wie kam das? War dem geistig Gestörten vielleicht gerade jetzt eine lichtere Stunde gekommen? Das mußte benutzt werden.
»Ich soll mit gehen?« fragte Walther.
»Komm!«
Der Irre antwortete auch auf alle weiteren Fragen gar nichts, als was er bisher geantwortet hatte. Walther merkte, daß er nur das eine Verlangen habe, seinem ›guten Freunde‹; den ›bösen Feind‹; zu zeigen. Welchen Nutzen aber konnte das haben? Gar keinen.
»Geh nach Haus!« sagte er darum.
Aber als er Miene machte, sich abzuwenden, ergriff ihn der Wahnsinnige wieder beim Arme und bat in dringlichem, halblautem Tone:
»Komm, komm!«
»Warum denn?«
»Licht, Licht!«
Das war wieder ein neues Wort. Der Mann schien sich mehr Vorstellungen in seine geistige Nacht hinübergerettet zu haben, als man glaubte. Was aber meinte er mit dem Lichte?
»Wer hat Licht?« fragte Walther.
»Feind.«
»Wo?«
»Dort.«
»Freilich hat er Licht brennen. Aber laß es doch brennen. Es stört Dich nicht. Geh nach Hause!«
Walther sagte sich, daß unter dem Feinde jedenfalls der Silberbauer gemeint sei. Der Irre wollte ihm wohl zeigen, daß der Feind in seinem Gute Lichter brennen habe. Das war so eine kindische, irre Idee, wegen der man keinen Schritt zu machen brauchte. Darum wollte er den Balzerbauern von sich schieben. Dieser aber hielt sich an seinem Arme fest und sagte in wirklich flehendem Tone:
»Guter Freund! Komm, komm!«
»Nein. Geh!«
»Feind sehen!«
»Ich habe ihn schon gesehen.«
Der Irre blickte ihm sinnend in das Gesicht. Jedenfalls bemühte er sich, irgend einen Gedanken zu finden. Dann sagte er:
»Wasser?«
Er sagte dieses Wort in so fragendem Tone, daß der Lehrer doch zu der Ansicht kam, daß es sich hier um irgend eine Idee handle, welche man festhalten müsse. Darum antwortete er:
»Welches Wasser meinst Du?«
»Dort!«
»Den Bach?«
»Wehr.«
Dieses Wort durchzuckte den Lehrer wie mit einem electrischen Schlage. Wollte der Irre ihn etwa gar an das Wehr führen, an das Mühlwehr, welches der Silberbauer gebaut hatte? Sollte der Feind sich dort befinden? Befand der Irre sich im Besitze irgend eines Geheimnisses, welches er verborgen mit sich herumgetragen hatte, bis der Instinct ihm sagte, daß er jetzt einen guten Freund besitze, dem er Alles mittheilen könne?
»Komm! Führe mich!« sagte er, entschlossen, mit dem Irren zu gehen.
Dieser ergriff ihn bei der Hand und führte ihn fort, nicht in das Dorf hinein, sondern hinter demselben weg. Kein Wort wurde gesprochen. Das Gebahren des Irren war dasjenige eines Menschen, welcher von Niemand gehört und gesehen werden will.
Das große Gut des Silberbauern lag etwas rückwärts vom Dorfe. Darum kamen die Beiden hart an dem dazu gehörigen Garten vorüber. Dieser war an dieser Stelle von einem lebendigen Zaun eingefaßt. Dort blieb der Irre stehen und blickte starr nach einem erleuchteten Fenster hinüber.
»Wen suchst Du?« fragte Walther.
»Feind.«
»Ist er dort?«
»Dort,« antwortete der Gefragte, nach dem Fenster deutend.
»Nun, was wollen wir hier?«
»Warten auf den Feind!«
»Bis wann?«
»Gehen nach dem Wehr.«
Er gab alle diese kurzen, abgerissenen Antworten erst nach einer Weile nach den Fragen. Es verursachte ihm sichtlich Anstrengung, Walthers Fragen zu begreifen. Der Letztere ahnte nun, daß der Irre ganz genau wissen müsse, daß der Silberbauer heut nach dem Wehre gehen werde. Er wollte durch weitere Fragen der Fassungskraft des Geisteskranken zu Hilfe kommen, schwieg aber, denn es ließen sich leise Schritte hören.
Sofort duckte sich der Irre am Zaune auf die Erde nieder. Walther wollte sich auch nicht sehen lassen und kauerte sich hart neben ihm hin.
Jetzt kam der Betreffende, langsam und schleichend. Man hörte, daß er sich Mühe gab, jedes Geräusch zu vermeiden. Ganz in der Nähe blieb er stehen. Er hatte keine Ahnung, daß er nicht allein sei. Da flüsterte es neben ihm
»Wurzelsepp!«
Er fuhr erschrocken zusammen.
»Tausendsakra! Wer ist da?« fragte er.
»Ich bins.«
Walther richtete sich empor.
»Ah! Der Herr Lehrern! Was machens denn hier?«
»Ja, was machen Sie hier?«
»Ich wollt noch nicht schlafen, und da hielt ichs für das Best, mal ein Bißle lauschen zu gehen. Sie wohl auch?«
»Nein. Ich bin hierher geführt worden.«
»Von wem?«
»Vom Balzerbauern. Hier kauert er.«
Der Sepp bückte sich nieder. Da wimmerte der Irre leise und voller Angst:
»Nimms hin, nimms hin! Ich sag halt nix! Gnade, Gnade!«
»Mach keine Faxen, Balzer! Kennst mich denn nicht? Ich bin der Sepp, der Wurzelsepp!«
Sofort erhob sich der Irre aus seiner kauernden Stellung und flüsterte in frohem Tone:
»Freund, guter Freund!«
»Ja, das bin ich, und das weißt gar wohl.«
»Auch guter Freund!«
Er nahm sie alle Beide bei den Händen.
»Nun ja,« meinte der Sepp. »So Einer merkts gar wohl auch, wer sein Freund ist und wer nicht. Also der hat Sie herführt? Wozu?«
»Er will mir seinen Feind zeigen.«
»Das ist der Silberklaus.«
»Wie es schien, wollte er mich auch an das Wasser führen.«
»Wasser!« stimmte Balzer bei.
»Hinunter zum Mühlenwehr.«
»Wehr!« nickte Balzer.
»Warum? Was wollens dort unten?«
»Ich weiß es nicht, vermuthe aber, daß ich dort den Feind auch sehen solle, und – –«
Der Irre unterbrach ihn jetzt.
»Komm!« sagte er in dringlichem Tone.
Dabei deutete er nach dem Fenster, welches dunkel geworden war, da man dort das Licht verlöscht hatte.
Er faßte die Beiden und zog sie hinter sich her. Erst als er merkte, daß sie ihm auch freiwillig folgten, gab er sie frei.
»Sonderbar!« meinte der Sepp. »Er muß eine lichte Stund haben, denk ich mir.«
»Es scheint so.«
»Er hat irgend eine Absichten. Wanns aberst nur auch eine gute ist.«
»Ich glaube nicht, daß wir Etwas zu befürchten haben.«
»So einem Verrückten darf sogar sein bester Freunden nicht trauen. Man ist niemalen sichern, ob ers ehrlich meint odern nicht. Nehmens sich also in Acht!«
»Wir sind ja zu Zweien!«
»Nun ja, und vielleichten ists grad gut, daß ich mit kommen bin.«
Der Irre schien jetzt gar nicht auf Das, was hinter ihm gesprochen wurde, zu achten. Er schritt mit ziemlich schnellen Schritten vorwärts, zum Dorf hinaus, über die Wiesen hinüber und nach dem Flüßchen zu. Bei demselben angekommen, führte er die Beiden am Ufer entlang. Das Rauschen des Wehres war bald zu hören. Es tönte immer näher. Endlich hatte man es erreicht.
Es war nicht leicht gewesen, im dunkeln Gebüsch dem Führer zu folgen. Hier aber am Wehre waren außer einem einzigen, welcher hart am Wasserfalle stand, die Sträucher abgerodet, so daß man mehrere Schritte weit zu sehen vermochte. Das Wehr stieß drüben am andern Ufer an eine steil ansteigende Felsenwand. Hüben aber war das Terrain eben, bis dahin, wo der Mühlgraben seinen Wasserinhalt auf das klappernde Mühlenrad leitete. Dort war der Mühlendamm, welcher ziemlich steil nach der Radgrube abfiel und auf welchen auch das Fenster führte, durch welches der Silberbauer früher zur untreuen Frau des Finkenheiner eingestiegen war.
Da, wo das Wasser des Baches oder vielmehr des Flüßchens sich von der gemauerten Kante des Wehres in einem breiten Strahle herunterstürzte, stand der bereis erwähnte Busch dicht am Wasser, so daß er von demselben Jahr aus, Jahr ein benetzt wurde. Dort war der Irre stehen geblieben. Er deutete auf den Busch und sagte:
»Hier Feind.«
»Was mag er meinen?« fragte der Sepp. »Dieser Strauch ist doch kein Feind!«
Das Braußen des Wehres war nicht gar zu stark. Man konnte verstehen, was gesprochen wurde.
»Eine Absicht muß er mit seinen Worten haben,« erklärte der Lehrer.
»Ja, aberst welche?«
»Licht!« sagte der Balzerbauer.
»Licht? Wo ist Licht?« fragte der Sepp.
»Komm, komm!« sagte der Irre anstatt der Antwort. »Feind, Feind kommt.«
Er faßte Beide beim Arme und zog sie eine kleine Strecke mit sich fort. Dort legte er sich in das Gras.
»Sollte der Silberbauer kommen?« meinte der Lehrer. »Dann darf er uns nicht sehen, und wir müssen uns auch niederlegen.«
Sie thaten es. Bereits nach wenigen Secunden erkannten sie eine lange, breite Gestalt, welche sich dem Strauche näherte und bei demselben stehen blieb. Es verging eine ganz kurze Zeit, dann leuchtete ein Streichholz auf, und eine keine Windlaterne wurde angebrannt. Beim Scheine derselben erkannten die Lauscher den Silberbauer.
Als die Laterne brannte, bückte er sich nieder und kroch in den Busch, hinter welchem er zum großen Erstaunen der Beiden verschwand. Aber durch die Wassermasse, welche von der Höhe des Wehres stürzte, sahen sie die Laterne nachher schimmern und sich nach der Mitte des Wassers bewegen. Sodann verschwand der Lichtschein.
»Feind, böser Feind!« sagte der Irre.
»Habens Alles gesehen?« fragte der Sepp.
»Ja,« antwortete der Lehrer.
»»Er ist unterm Wassern. Ich hab denkt, da muß man gleich versaufen!«
»Nicht unter dem Wasser ist er, sondern hinter demselben.«
»Das begreif ich halt nimmer.«
»Es ist sehr leicht zu begreifen. Das Wehr ist so gebaut, daß man hinter das Wasser gelangen kann. Haben Sie sich einmal ein Wehr genau angeschen?«
»Nein.«
»Gewöhnlich besteht dasselbe aus einem Mauerwerke, welches stromaufwärts sich senkrecht erhebt, um das Wasser zu stauen und in den Mühlgraben zu leiten; stromabwärts aber bildet es eine schräg abfallende Ebene, über welche das Wasser, welches nicht in den Graben geflossen ist, hinabläuft. Dieses Wehr aber bildet eine sehr starke Mauer, welche quer durch das Flüßchen errichtet ist und auf beiden Seiten senkrecht aufsteigt. Das Wasser, welches über sie hinwegläuft, stürzt dann in einem Bogen von ihr herab. Hinter diesem Bogen, also zwischen dem Wasser und der Mauer, befindet sich in Folge dessen ein hohler Raum, in den man gelangen kann. Es ist das ganz genau so wie beim Niagarafall in Amerika, hinter welchem man auch sich bewegen kann. Damit man nun nicht sehen soll, daß zwischen der Mauer des Wehres und dem Wasser ein freier Platz sei, hat der Silberbauer den Busch hergesetzt. Kriecht man unter dessen Zweigen hinein, so befindet man sich in dem genannten Raume.«
»Aberst gefährlich muß das sein!«
»Gar nicht, so lange die Wehrmauer hält.«
»Was aber will dera Silberbauern drin?«
»Das errathen Sie nicht?«
»Meinens etwan, daß dies sein Verstecken ist?«
»Ja.«
»Sapperment! Da hätten wirs ja entdeckt!«
»Mit Hilfe des Irren da.«
»Der kennt es vielleicht schon längere Zeit.«
»Nun möcht ich halt drin sein und zuschaun, was der Silberklaus machen thut.«
»Wir brauchen das jetzt gar nicht zu sehen. Wenn er fort ist, werden wir es erfahren.«
»Wollens etwan hinein?«
»Natürlich. Sie nicht mit?«
»Wanns halt meinen, daß ich nicht ganz versaufen thu, so gehe ich mit.«
»Sie werden nicht ertrinken. Fürchten Sie das Wasser gar so sehr?«
»Gar sehr nicht. Ich hab mit dem Fex Sachen macht, die ein Andrer nicht gleich wagt hätt. Aberst gefreun thuts mich außerordentlich, daß wir da hinter Dem seine Schliche kommen sind. Wann er nur erst wiedern heraußi und fort wär, damit wir gleich hinein könnten!«
»So gleich können wir nicht hinein. Wir müssen erst ins Dorf zurück.«
»Warum?«
»Wegen einer Laterne. Ohne Licht ist es ganz unmöglich, sich dort hinein zu wagen.«
»Da werd ich mich wohl hüten, ins Dorf zu laufen. Das hab ich gar viel näher.«
»Wo?«
»Hier in dera Mühlen.«
»Wollen Sie sich eine borgen?«
»Ja, bei der alten Barbara.«
»Aber die darf um keinen Preis wissen, wozu wir die Laterne brauchen!«
»Meinens etwan, daß ichs ihr sogleich auf die Nasen binden werd?«
»Einen Grund müssen Sie doch angeben.«
»Ich? Der einen Grund? Fällt mir nimmer ein. Ich hol mir eine Laterne, damit gut. Der alte Wurzelsepp hat gar viel vor, was andre Leutln nicht wissen dürfen. Das wissen halt Alle, und darum fragens mich auch nicht. Und wann die alte Bärbel gar sehr fragen thut, so sag ich ihr höchstens, daß ich ihr heut in der Nacht ihren Verstand zusammensuchen will. Dann ist sie halt still.«
Jetzt schwiegen die Drei. Es dauerte eine ziemlich lange Weile, ehe sich vom Silberbauern wieder eine Spur sehen ließ. Endlich sagte der Irre:
»Feind!«
Das Licht schimmerte wieder durch das Wasser. Man sah, wie es sich langsam dem Rande des Falles näherte, und dann kam der Bauer aus dem Busche hervorgekrochen. Er löschte die Laterne aus, steckte sie ein und entfernte sich.
»Ob er vielleicht was holt hat?« fragte der Sepp.
»Es schien nicht so. Wenigstens hatte er außer der Laterne nichts in den Händen.«
»So holen vielleicht wir uns was!«
»Zunächst die Laterne.«
»Da geh ich allein. Die Barbara braucht nicht zu wissen, daß ich nicht allein bin. Wartens halt ein paar Minuterln. Ich komm gleich wiedern.«
Er ging, und es dauerte auch gar nicht lange, so kehrte er mit einer Blendlaterne zurück.
»Es wird Ihnen doch Niemand aus der Mühle gefolgt sein?« fragte der Lehrer.
»Nein. Kein Mensch.«
»Wissen Sie das genau? Wir dürfen hier keinen Zeugen haben.«
»Es ist Niemand mitgangen, denn es weiß gar Niemand, daß ich in dera Mühlen gewest bin. Der Müllern war drinnen im Gangwerk, und ich ging in die Küchen, wo die Laternen hangt. Durch die Küchenthüren sah ich die Barbara in dera Stuben sitzen am Tisch, hat die Brillen auf und schlaft wie eine Ratzen. Wanns so sitzen bleibt, wirds wohl bald anwachsen.«
»So wollen wir anbrennen.«
Sie steckten das Licht in Brand und begannen nun den Entdeckungsweg anzutreten. Der Lehrer hatte die Laterne in der Hand und ging voran. Er bog sich tief zur Erde nieder, schob die Aeste des Busches zur Seite und kroch hinein. Der Sepp folgte ihm. Der Irre blieb draußen sitzen. Er war wieder in seine Lethargie verfallen, in welcher ihm Alles gleichgiltig war.
Als die Beiden den Busch hinter sich hatten, befanden sie sich nun unter dem Wehre, rechts die Mauer und links das Wasser, welches von derselben hernieder schoß. Hier im Innern war das Brausen stärker, doch konnte man sich verstehen, wenn man laut rief. Der Luftraum war eine Elle höher als ein Mensch. Der Boden bestand aus nassen, schlüpfrigen Quadersteinen.
Grad traulich war es nicht da. Der geringste Zufall konnte den Tod des Ertrinkens oder ein Anderes Unglück nach sich ziehen.
»Weiter!« rief der Sepp.
Der Lehrer schritt fort, unter dem Wasser, dem andern Ufer entgegen. Als sie sich ungefähr in der Mitte des Wehres befanden, sahen sie eine hölzerne Thür, welche mit einem eben solchen Riegel verschlossen war. Sie schoben ihn zurück und öffneten. Ein kleiner, dunkler Raum blickte ihnen entgegen. Er wahr beim Bau des Wehres hohl gelassen und mit der Thür versehen worden.
Sie traten ein.
Das unterirdische Cabinet war nicht groß, vielleicht viertehalb Ellen hoch, sechs Ellen breit und drei Ellen tief. Darinnen befand sich zunächst ein schrankähnliches Möbel, welches verschlossen war, sodann eine Bank, ein Tischchen. An den Wänden hingen einige gleichgiltige Gegenstände. Auf der Bank lag ein eisernes Kästchen, welches ganz gewiß einmal gewaltsam aufgebrochen worden war. Der Lehrer setzte die Laterne auf den Tisch und griff sodann nach dem Kästchen.
»Sollte das dasjenige sein – – –?« rief er.
»Den Balzerbauern seins?«
»Ja.«
»Schauns nach!«
Dem Gewicht nach schien es leer zu sein. Walther machte den Deckel auf. Er fand mehrere Holz- und Papierschnitzel drin unter den Letzteren ein – – –
»Schaun Sie her!« jubelte er.
»Was habens?«
»Gucken Sie nur genau her!«
»Was! Ein Kassenbilleterl!«
»Zeigens her! Das ist doch eine Fünfhundert!«
»Ja, fünfhundert Thaler.«
»Herrgottsakra! Ists denn möglich!«
»Wir sind am richtigen Orte!«
»Sollts denn wirklich dem Balzerbauern sein Kassenscheinerl sein!«
»Jedenfalls.«
»Aberst wir kennen die Nummeri nicht.«
»Die werden wir schon erfahren.«
»Und was mag da in dem Schrank sein?«
Der Lehrer probirte ob er zu öffnen sei.
»Er ist verschlossen.«
»So brechen wir ihn auf!«
»Nein.«
»Warum nicht? Ists etwan eine Sünden, wann man bei einem Spitzbuben einibrechen thut?«
»Nein, besonders wenn man nicht stehlen will; aber die Klugheit gebietet uns, heut noch alle Gewaltmaßregeln zu vermeiden.«
»Warum?«
»Wir wollen warten, bis der Silberbauer morgen das andre Geld geholt hat.«
»Ach so! Sie haben freilich Recht. Aberst was machen wir mit dem Banknoterl?«
»Das lassen wir natürlich da.«
»Was? Dalassen? Hörens, das gefallt mir nicht.«
»Warum?«
»Das Billeterl ist gestohlen. Es gehört dem armen Teuferl, welcher da draußen sitzt.«
»Das ist sehr richtig. Aber wir dürfen den Silberbauern nicht ahnen lassen, daß wir in sein Geheimniß eingedrungen find. Darum lassen wir Alles stehn und liegen, wie es ist. Wir haben für heut genug Erfolg gehabt, indem wir diesen verborgenen Ort entdeckten. Alles, was sich hier befindet, ist – – ah, was liegt da unter der Bank?«
Der Sepp bückte sich und hob den Gegenstand auf.
»Herrgottle!« rief er aus. »Schauns, was das ist! Das gehört auch dazu!«
»Ein Hammer!«
»Ja, ein Hammern! Jedenfalls der, mit welchem er hat den Balzer verschlagen wollen.«
»Zeigen Sie her!«
Der Lehrer betrachtete das Werkzeug genau und meinte dann:
»Vielleicht läßt es sich noch nach der Narbe bestimmen, ob ein solcher Hammer es gewesen ist, mit welchem der Schlag ausgeführt wurde. Legen wir ihn wieder her. Auch er soll hier liegen bleiben. Bis wir so viel Beweismaterial beisammen haben, daß die Last desselben den Silberbauer erdrücken muß.«
»Wanns der Balzer wüßt!«
»Ja, wenn er es verstehen könnte!«
»Vielleicht doch!«
»Meinen Sie?«
»Ja. Ich an der Ihrigen Stell thät ihn mal holen. Vielleicht thät er doch den blechernen Geldkasten erkennen, und nachhero – – –«
»Was, nachhero?«
»Wann er nur erst was erkannt, dann kommt das Andre schon ganz selbst hinterher.«
»Unrecht haben Sie freilich nicht.«
»Also holens ihn mal hereini!«
»So muß ich Sie im Finstern lassen.«
»Für eine so kurze Zeiten gehts schon gut.«
»Also warten Sie!«
Er entfernte sich mit der Laterne und ließ den Sepp im Dunkel zurück. Bereits nach kurzer Zeit kam er wieder, den Irren an der Hand hinter sich her ziehend. Dieser zeigte in seinem Gesicht nicht die mindeste Spur von Angst. Das Braußen des Wassers, die Unheimlichkeit des Ortes machte nicht den mindesten Eindruck auf ihn. Walther stellte die Laterne auf den Tisch, neben den Eisenkasten, deutete auf denselben und fragte:
»Kennst Du das?«
Er erhielt keine Antwort.
»Kennst Du diesen Kasten?«
Wiederum keine Antwort. Die Augen Balzers waren auf den Schrank gerichtet. Da zog Walther ihn näher heran und hielt ihm den Kasten vor die Augen. Es änderte sich im Ausdrucke seines Gesichtes nicht das Geringste. Da nahm Walther den Hammer, hielt ihm denselben hin und fragte:
»Was ist das?«
Auch jetzt blieb er still.
Ohne alle Absicht, höchstens nur um die Aufmerksamkeit des Indolenten zu erhöhen, erhob er jetzt den Hammer wie zum Schlage. Der Irre sah es, und sofort bemächtigte sich seines Gesichtes der Ausdruck der Unruhe, der Besorgniß. Sein Blick glitt in immer steigender Aengstlichkeit von dem erhobenen Hammer zum Kasten hin und von diesem wieder zu jenem zurück. Sein Auge gewann Leben, aber das Leben des Schreckes. Seine sonst so starren Züge bewegten sich, aber es waren die Bewegungen des Entsetzens. Seine Lippen bebten; sein ganzer Körper begann zu zittern, und dann stürzte er plötzlich in die Knie, erhob flehend die Hände und rief mit durchdringender Stimme:
»Nimms hin, nimms hin, das Geld, alle fünftausend Thaler, nur morde mich nicht! Ich sag halt nix, gar nix, daß Dus gewesen bist, Silberbauer! Gnade, Gnade!«
Sein Anblick war zum Erbarmen. Der Lehrer ließ den Hammer schnell wieder sinken und hob den Knieenden empor.
»Stehe auf!« rief er ihm durch die rauschenden Wasser zu. »Ich thue Dir ja gar nichts!«
Sobald der Irre den Hammer nicht mehr erblickte, beruhigte er sich.
»Freund, guter Freund!« sagte er.
»Ja, ich bin Dein Freund.«
»Gut, gut, gut!« bat er.
»Ja, komm, wir wollen gehen!«
Er legte die Gegenstände, welche er in der Hand gehabt hatte, genau wieder so, wie sie vorher gelegen hatten, und zog dann den Irren mit sich hinaus. Der Sepp folgte und riegelte dann die Thür wieder zu. Als sie draußen angekommen waren, bliesen sie die Laterne aus. Die Entdeckung war vollendet.
»Freund, gut Freund, fort!« sagte der Balzerbauer und lief davon.
»Der ist halt froh, daß er heiler Haut davon kommen ist, der arme Schacherl,« meinte der Sepp. »Jetzt nun muß ich die Laternen wiedern heim tragen. Wollens mitkommen, Herr Lehrern?«
»Ich denke, sie dürfen mich in der Mühle nicht sehen!«
»Vorhin nicht. Jetzt aber geht es.«
»So gehe ich mit.«
Als sie die Thür erreichten, welche, wenn die Mühle sich im Gang befand, auch des Nachts offen zu stehen pflegte, stand die alte Barbara vor derselben.
»O Jegerl, der Sepp!« sagte sie, vor Verwunderung die Hände zusammenschlagend. »Was thust denn Du noch hier bei nachtschlafender Zeit?«
»Ich wollt schaun, ob mein Bärberl noch nicht müd worden ist heut.«
»Ich? Müd werden? Herr Jerum, wie kann ich denn müd sein! In dem meinigen Alter schlaft man alle vier Wochen nur einmal.«
»Odern alle Stunden sechsmal.«
»Geh! Ich hab heut schanzt wie eine Junge. Es ist bereits nach Mitternacht; aberst ich verspür noch gar keine Müdigkeiten. Ich hab noch keine einzge Minuten sitzen können.«
»Auch nicht am Tisch?«
»Auch nicht.«
»Mit dera Brillen auf der Nasen?«
Sie stutzte, antwortete aber doch:
»Was fallt Dir ein! Dazu hab ich keine Zeit.«
»So ists Dein Geist gewest, der vorhin am Tisch gesessen hat, mit der Brillen auf dera Nasen und hat dabei schnarcht wie eine Lokomotiven.«
»Mein Geist? Wie hättst das sehen könnt?«
»Weil ich drin wesen bin in dera Stuben.«
»Mach mir keine falsche Musiken!«
»Gar nicht.«
»Was hättst denn wollt?«
»Zu Dir wollt ich.«
»Wohl auf die Heirath und Brautschau?«
»Nein, denn an Dir ist nix mehr zu schaun; ich hab Dich nur warnen wollen.«
»Warum? Jemineh! Es ist doch nicht etwan gar ein Unglück geschehen?«
»Leider ists eins!«
»Bei uns? Bei mir? Hier in dera Mühlen?«
»Ja.«
»So sags schnell, sags!«
»Es ist Eins ausgerissen.«
»Ausgerissen? Wer denn?«
»Das wirst auch nicht verrathen.«
»So sags liebern gleich! Doch nicht etwan gar die Sauen? Die hat am Abend rumort.«
»Nein, die nicht.«
»Oder der neue Pfauhahn?«
»Auch der nicht.«
»Odern gar der alte Pater, unser Esel?«
»Geh, der wird Dir außireißen! Mit dem bist ja so eine Seel und ein Herz, daß der Dir nie davonlaufen wird. Nein, es ist eine Andre. Ich traf sie im Wald, und da meint sie, ich sollt Dir ein schönes Complerment ausrichten, und sie käm heut nicht gleich wiedern heim.«
»Mein Himmel! Wer mag das sein! Kommt heut nicht wiedern heim! Und gar ein Complerment noch! So sag doch nur, wers wesen ist!«
»Ich bin auch gleich zu Dir laufen, ums Dir zu melden; aberst als ich sah, daßt so schön schlummern und dusserl thatst, da hat michs dauert, Dich zu wecken, und so bin ich gleich selbern wieder in den Wald zurucklaufen um sie zu fangen und Dir wiedern zu bringen.«
»Und hast sie auch der wischt?«
»Ja.«
»Bei dieser Nachtzeit im Wald! Du armes Wurm! Wo hast sie denn und wer ists auch?«
»Da ist sie, hier. Die ists gewest.«
Er hatte die Laterne bisher hinter sich gehalten; jetzt zeigte er sie ihr vor.
»Was! Die Laterne ists? Die Laterne hast meint? Und von ihr hast mir ein Complerment sagen sollen, he?«
»Freilich.«
»O Du Nixnutz, Du oberster. Lautern Dummheiten hast im Kopf und Schalksnarretheien. Es ist doch jammernschad, daßt nicht heirathet hast!«
»Etwan Dich?«
»Ja, grad mich!«
»Au wai!«
»Ich wär Diejenige gewest, die Dir den Kopf zurecht gerückt hätt! Alle Tag hätts Wassersuppen gesetzt und eine Hucke Prügel dazu! Weiter hast nix verdient! Und wen bringst denn da noch mit?«
»Es ist mein guter Freund.«
»Was? Ein guter Freund von Dir? Na, da wird er mich von dera richtigen Nummern sein!«
»Ein gar Feiner ist er!«
»Ja, das schaut man ihm gleich an! Man merkt gleich, was für ein Hallodri er ist; man braucht ihn ja nur anzublicken. So ein Hans Dampf in allen Gassen, kanns Stehlen und Mausen nicht lassen!«
»Du, verschimpfir mir meinen Freund nicht!«
»Willst etwan auch noch aufbegehren?«
»Jawohl!«
»So nehm ich den Besen und die Ofengabeln und bring Euch sogleich in Ordnung. Mit solchen Wischiwaschi, wie Ihr seid, wird gar nicht lang gespengerlt!«
»Du nimm Dich in Acht! Weißt, wer er ist?«
»Nun, wer dann wohl? Etwan ein Graf odern gar ein Fürst?«
»Ja, ein Fürst ist er in seiner Schulstuben, denn weißt, er ist der neue Herr Lehrern, der den Silberbauern und seinen Buben so wacker durchprügelt hat.«
»Machst etwan Spaß?«
»Gar nicht.«
»Was! Verschreck mich nicht! Ich kann ja gleich den Tod davon tragen! Der neue Herr Lehrern soll das sein? Ists wahr?«
Sie richtete ihre letzte Frage an den Lehrer selbst.
»Ja,« antwortete er lächelnd. »Ich bin es.«
Da versetzte sie dem Sepp einen Rippenstoß, daß er weit fort auf die Seite flog und rief:
»Warum hast mir das nicht sogleich sagt, Du alter Galgenvogel! Läßt mich da stehen und dem Herrn Lehrern solche Grobheiten anwerfen!«
»Das hat mich ja eben gefreut!« lachte er.
»Auch noch gefreut! Wart, Bursch, sollst mir nur wieder mal kommen und Kaffee verlangen und Zuckern dazu! Wirst nachher sehen, wast bekommst! Jetzt nun steh ich da wie eine Katz in dera Milchschüsseln und weiß gar nicht, wie ichs halt wiedern gut machen soll. Bitt schön, Herr Lehrern, was ist fein Ihr Leibessen?«
»Warum?«
»Ich kochs Ihnen allsogleich!«
»Des Nachts ein Uhr?«
»Ja. Das schadet nix; das ist ganz gleich. In einer Mühlen ists in der Nacht grad wie am Tag. Ich hab Sie geschumpfen, und das muß ich gut machen. Da muß ich Ihnen Ihre Leibspeis bereiten. Also, was essens gern? Etwan Dampfnudeln?«
»Danke!«
»Oder einen guten Schmarrn?«
»Danke auch.«
»Ein grünes Gemüßen mit Bratschinken?«
»Nein. Ich kann überhaupt jetzt nichts essen. Ich danke von ganzem Herzen, Fräulein Barbara.«
Einen Augenblick lang war es ganz still; dann schlug sie die fetten Hände zusammen, daß es weithin schallte.
»Sepp, Sepp!« rief sie überlaut.
»Was? Wo brennts?«
»Hasts hört?«
»Was er sagt hat, der Herr Lehrern? Daß er nix essen mag?«
»Nein, das Andre, was nachhero kam.«
»Das weiß ich nicht.«
»Wie? Das weißt nicht? Grad die Hauptsachen hast übersehen? Weißt also nicht, wie er mich nannt hat?«
»Nein.«
»Fräulein hat er mich nannt, Fräulein Barbara!«
»Donnerwettern!«
»Ja. Hast Du mich etwan mal so geheißen?«
»Nein.«
»Nun, warum etwan nicht?«
»Weiß nicht.«
»Bin ich etwan kein Fräulein nicht?«
»Nein.«
»So? Was denn?«
»Eine alte Rapunzerl.«
»Was? Wie? Eine alte Rapunzerl! Weißt, wannt mir noch mal so kommst, mit so einem Wort, so werf ich Dir gleich Alls an den Kopf, was ich so mit allen Händen derwisch. So ein Schnauzerl wie Du kann mir gestohlen werden! Da ist der Herr Lehrern doch ein andrer Kerlen; der ist so ein seiner, verbildeter und gralanter Herr, daß man seine Freuden daran hat, der liebe, gute Herr Lehrern. Nein! Fräulein, Fräulein Barbara! Herr Lehrern, habens die Gewogenheit und kommens auf einen Augenblick hereini. Ich muß Ihnen mal gleich was zeigen.«
»Was?«
»Werdens schon sehen.«
»O, ich denke, Sie werden sich irgend eine Arbeit machen, welche unnöthig ist!«
»O nein! Aber Ihnen werd ich eine Arbeit zeigen, wanns mir nicht übel nehmen.«
»Was für eine?«
»Ich hab ein paar alte, gute Büchern, die solltens sich mal anschaun und probiren, obs was taugen.«
»Wenn es das ist, so kann ich gern mit hineingehen. Ich bin ein Freund von alten Büchern.«
Er ging voran, denn sie machte ihm eine fürchterliche Verbeugung. Dem Sepp gab sie einen Stoß, daß er auch zur Thür hinein und an den Lehrer flog, und dann folgte sie. Die beiden Männer mußten sich an den Tisch setzen.
»Jetzund werd ich die Büchern holen,« sagte sie. »Ich werd gleich wiedern kommen.«
Sie ging hinaus.
»Ich bin neugierig, was für alte Schardeken sie mir bringen wird,« meinte der Lehrer leise zum Sepp.
»Schardeken? Was ist das?«
»Alte Bücher, die nichts taugen.«
»So? Dann hat sie keine Schardeken.«
»Also wirklich etwas Gutes?«
»Na, und ob!« nickte der Sepp.
»So bin ich neugierig auf den Titel.«
»Den kenn ich schon.«
»Das glaub ich wohl. Sie sind ja öfters hier und werden die Bücher wohl schon gesehen haben. Wer mag sie gedruckt haben?«
»Die Barbara.«
»Was? Die Barbara?«
»Ja.«
»Wie soll ich das verstehen?«
»Die braucht halt keinen fremden Buchdruckern. Die backt und schlachtet und pöckelt und räuchert Alles selberst.«
»Ach so ists gemeint!« lachte Walther. »So bin ich also doch in die Falle gegangen!«
»Ja, und ohne Speck kommens nun nicht wiederum hinaus.«
Er hatte Recht. Das Bärbel trug auf, daß der Tisch krachte. Der Müller kam auch herbei, und nun begann eine Schmaußerei, von welcher keiner zuerst aufstehen sollte – eine Folge des freundlichen Titels Fräulein Barbara.
Es war spät, als der Sepp den Lehrer nach hause führte, denn der Wurzelsepp sollte in der Mühle bleiben und wollte zu ihr zurückkehren.
»Jetzt nun brauch ich nicht den Silberbauern um ein Obdach anzureden,« sagte er.
»Nein; das ist nicht mehr nothwendig. Sie brauchen ihn nicht zu bewachen, denn wir kennen sein Versteck. Morgen Abend wird er das Geld hineinthun, welches er vom Müller bringt.«
»Was mag er heut drinn gemacht haben?«
»Wohl nichts, was uns mehr interessiren konnte.«
Und doch hätte es ihn interessirt, zu wissen. Der Silberbauer hatte sich nämlich das Geld für den Thalmüller aus dem Schranke geholt, welcher in dem geheimen Cabinete unter dem Wehre stand. Am andern Morgen wurde angespannt, und der Knecht wunderte sich nicht wenig, als er vernahm, daß seine Dienste heut überflüssig seien, da der Herr Ortsvorsteher selber fahren werde. Der Silberbauer liebte es nämlich, bei dergleichen Gelegenheiten mit seiner Dienerschaft zu prunken.
Wie er in seinem Telegramm versprochen hatte, hielt er punkt elf Uhr vor der Thalmühle. Die Knechte waren bereits von dem Müller instruirt und flogen herbei, dem Herrn Vorsteher beim Aussteigen behilflich zu sein. Er übergab ihnen Pferde und Wagen und trat beim Müller ein.
Obgleich Beide nicht sehr weit von einander wohnten, hatten sie sich doch seit Jahren nicht gesehen. Das Band, welches sie verband, war kein solches, daß sie sich sehr nach einander gesehnt hätten.
Als nun jetzt Claus den Müller erblickte, blieb er an der Stubenthür stehen.
»Keller, bists denn, oder bists nicht?« fragte er.
»Wer solls denn sein?« antwortete der Müller ärgerlich, denn kein Mensch läßt sich gern sagen, daß er unter seinen körperlichen Gebrechen leidet.
»Wie stehst aber aus!«
»Jedenfalls nicht schlechter als Du!«
»Oho!«
»Da geh her, und schau Dich doch im Spiegel an.«
»Ach so, wegen der paar Kratzerln?«
»Die sind groß genug.«
»Aberst eine Krankheiten ists doch nicht wie bei Dir!«
»Ich will liebern krank sein als mich prügeln lassen.«
»Prügeln?«
»Ja. Was solls anderst sein?«
»Geh weg! Die Katz ists gewest!«
»Ja, eine Katz mit zwei Beinen und zwei Händen.«
»Meinst etwan, ich hab noch meine Frau?«
»Na, die Erst könnst noch haben; die lebt wenigstens noch. Die Zweit aberst hast ganz regelrecht zu Tod geschlagen.«
»Ja, die Erst, die hat Haaren auf denen Zähnen gehabt. Die hab ich nicht angreifen durft, da hats mir gleich mit allen Nägeln im Kopf sessen. Die hat mir dera Finkenheiner verdorben gehabt.«
»Hättsts ihm gelassen!«
»Ja, wanns heut wär, da möcht ers gern behalten. Eine schöne Larven hats gehabt; das Andre aberst das hat gar nix taugt, und drum hab ich sie auch zum Teufel jagt.«
»Und die Andre war besser?«
»Viel besser. Nur das Flennen hab ich nicht ausstehen könnt; da hab ich alleweil gleich zuschlagen müssen. Aber darf man sich bei Dir nicht setzen?«
»Warum nicht? Stühlen sind genug da. Sei auch willkommen. Also heirathen thätst nicht wiedern?«
»Fallt mir nicht ein!«
»Ich auch nicht. Wir sind Schwagern gewest und haben zwei Schwestern gehabt. Du hast die Deinige todt schlagen, und ich hab die Meinige todt geärgert. Nun sind sie weg, und das Geld haben wir.«
»Ja, reich waren die beiden Dirndln, das ist wahr,« lachte der Silberbauer, indem er die Beine behaglich über einander schlug. »Zwei Müllerstöchtern und wir zwei Mühlenknappen; das war ein gut Geschäft. Der Alte hat Ja sagen müssen und ist nachhero – – storben.«
»Ja – – storben!« stimmte der Müller bei, indem er höhnisch grinste. »Und hernacherst das Geschäft mit dem – – – –«
»Schweig!« fiel der Bauer ein.
»Warum?«
»Von solchen Sachen redet man nicht.«
»Wir sind allein!«
»Auch die Wänd haben Ohren!«
»Bei Dir vielleicht, bei mir aber nicht.«
»Wie gehts daheim bei Dir?«
»Gut.«
»Die Kindern sind gerathen?«
»Wohl! Der Bub ist ein ganzer Kerlen, ganz und gar nach mir gerathen. Der reißt die Welt über den Haufen.«
»Und das Dirndl?«
»Ist sakrisch sauber worden. Und die Nasen tragts auch schon hoch.«
»Das ist so Deine Art.«
»Ja, mir ists sehr recht. Und wie ists bei Dir?«
»Da könnts besser sein.«
»Einen Buben hast nicht!«
»Und das Dirndl schlagt mir ganz aus der Art; das ist nach dera Muttern gerathen. Das ist ganz wie ein Pflaumenbrod. Wanns aus der Hand fallt, so fallts stets immer in den Dreck. Und vom Stuhl auf kann ich auch nicht.«
»Das ist schlimm. Wie stehts da mit dem – – –«
Er zeigte mit dem Daumen über die Achsel.
»Wen meinst?«
»Den Fex.«
»Donnerwettern! Der macht mir Noth!«
»Schlag ihn todt!«
»Hätt ichs nur schon than!«
»So thu es noch!«
»Kann ich?«
»Warum nicht?«
»Weil ich ihn nicht hier hab.«
»Was – wa – – – aaas! Er ist fort.«
»Wohin?«
»Ja, wann ich das wüßt, so schickt ich ihm Einen nach, der müßt ihm einen Hieb geben, daßt er gleich so auf dera Nasen liegen blieb, und wanns mich fünfhundert Mark kosten sollt.«
»Warum hast ihn denn fort lassen?«
»Konnt ich ihn halten!«
»Bist nicht der Vormund?«
»Bins nicht mehr.«
»Wer sonst?«
»Der Obervormund.«
»Wen meinst?«
»Nun den, der über Alle Vormunden ist.«
»Das ist der König; aberst den meinst doch nicht?«
»Grad den mein ich. Er war hier und hat ihn mit fortnommen.«
Da sprang der Bauer vom Stuhle auf.
»Bist albern!«
»Nein.«
»Wie kann der Fex mit dem König fort sein?«
»Er ist mit ihm fort, und da machst gar nix anderst daran.«
»Wie ist das zugangen?«
»Mit dem Teuxel. Ich hab immer denkt, der Zigeunerin ihre Violinen ist verloren gangen; aberst nein, der Fexen hats sich aufbewahrt und heimlich drauf geübt. Jetzt nun hat er auf einem Concerten mitspielt ohne meine Erlaubnissen. Ich hab gar nix davon wußt. Der König ist auf dem Concerten west und hat den Narren fressen an dem Fex. Darum hat er ihn mit fortnommen.«
»Was will er denn mit ihm?«
»Er will einen großen Künstlern aus ihm machen.«
»Alle Teufel! Das kann mir nicht passen!«
»Mir auch nicht.«
»Daraus wird nix!«
»Was willst dagegen thun?«
»Das wird sich schon bald finden. Der Bub gehört uns aberst nicht dem König!«
»So hol ihn wiedern!«
»Ja, das werd ich thun, wann ich nur erst weiß, wo er ist. Kannsts nicht derfahren?«
»Nein. Niemand sagts. Einer weiß es ganz genau; aberst dieser Hallunk ist verschweigsam wie ein Fischen im Wassern.«
»Wen meinst?«
»Den Wurzelsepp.«
»Den? O, das ist ein guter Bekannter von mir. Wann ders wirklich weiß, wird er mirs sagen.«
»Meinst wirklich?«
»Ganz gewiß. Wann ich ihn nur erst einmal treffen thu, nachher erfahr ichs ganz gewiß.«
»Und was wirst nahero thun?«
»Nicht, was Du thun wolltst. Ich werd dem Fex Niemand nachsenden, sondern ich werd selber hingehn und dafür sorgen, daß er – – still wird.«
»Das wolltst wirklich thun?« fragte der Müller, dessen Augen freudig aufleuchteten.
»Ja, ganz gewiß.«
»So thust mir und Dir den größten Gefallen.«
»Das siehst jetzt nun ein? Hab ich Dich nicht warnt, zehnmal und hundertmal? Hab ich Dir nicht sagt, daßt den Wechselbalgen ins Wassern werfen sollst?«
»Hab ichs nicht than? Er ist ja nicht versoffen. Der Racker ist schwommen wie eine Wasserratten. Er hat gar nicht merkt, daß ich schuld war, daß er paar Mal ins Wassern fiel.«
»Nun, wann er nicht versaufen wollt, so konntst was Anderst mit ihm machen.«
Das hab ich nachhero nicht gern wollt von wegen der Paula, die ihn immer hat bei sich haben wollen.«
»Schwachheit! So lange der Bub lebt, sind wir in Gefahr, wir und unser Geld.«
»Darum ists recht, daßt ihm selberst nachmachen willst. Schau nur zu, daßt bald vom Wurzelsepp derfährst, wo der Hallunk zu finden ist. Ich hatt auch schon Einen, der ihm ans Leder wollt; aberst es ist halt nicht glückt.«
»Wer war das?«
»Der Fingerlfranz, der Bräutigam von der meinigen Tochtern. Der hat ihm eins auf den Kopf geben wollt. Aberst dieser Fex muß mit dem Teuxel im Bündniß sein. Es ist ihm nix geschehen. Und doch, wann er nicht bald auf die Seiten geschafft wird, so ists gefehlt mit uns Beiden.«
»Warum?«
»Er hat die Papieren.«
Da sprang der Bauer abermals auf. Er war leichenblaß geworden und fragte:
»Die Papiere? Welche meinst?«
»Nun, die richtigen.«
»Von ihm und seinen Eltern?«
»Ja.«
»Die Du in Deiner Verwahrung hattst?«
»Ja doch! Welche andern könnt ich denn meinen?«
Da schlug der Bauer mit der Faust auf den Tisch, daß Alles krachte und rief:
»Müller, bist wahnsinnig?«
»Nein.«
»So mußt auch die Papieren noch haben!«
»Er hat sie, und die Photographie dazu.«
»Auch die! Dazu ist aberst doch gar keine Möglichkeiten! Du hasts doch hier im Stuhl gehabt!«
»Freilich! Ich habs auch gar nimmer begreifen könnt, bis er mirs selberst sagt hat.«
»Wie ists gewest?«
»Ich hab mal fort mußt des Abends, aus dera Stuben hinaus. Da hat er sich einischlichen. Dera Schlüsseln ist mir herabfallen gewest. Er hat ihn funden und den Stuhl aufmacht. Die Papieren und das Bild hat er nommen.«
»Und das Geld?«
»Hat er drin gelassen.«
»So wärs bessern, er hätt das Geld nommen und das Andre liegen lassen. Hat ihm Jemand dabei geholfen?«
»Kein Mensch. Er hats mir sagt.«
»Aberst weiß er denn, daß die Papieren die seinigen sind?«
»Freilich.«
»Wie kann er das wissen?«
»Aus dera Photographien. Er hat da gleich seine Muttern wieder erkannt.«
»Verdammt, verdammt, verdammt!«
Der Bauer lief im Sturmschritt in der Stube auf und ab. Dann blieb er vor dem Müller stehen und sagte im Tone höchsten Zornes:
»Daran bist ganz allein schuld! Warum gehst aus dera Stuben hinaus!«
»Oho! Bleibst etwan Du in der Deinigen immer fort, bei Tag und bei Nacht?«
»Warum hast den Schlüsseln verloren!«
»Hast etwan Du noch nicht mal nix verloren?«
»So eine wichtige Sachen noch niemals nicht! So ein alter Bub wie Du sollt doch nun endlich mal lernt haben, vorsichtig sein!«
Der Müller hatte im Gefühle seiner Schuld bisher ziemlich ruhig gesprochen; jetzt nun brauste er auf:
»Du, so kommst mir nicht! Du hast auch bereits schon Fehlern macht, die man nimmer verzeihen kann. Auf dem Stuhl kann ich nicht nimmerst sitzen bleiben wie eine Henne auf ihren Eiern, und einen Schlüsseln kann man auch mal fallen lassen, ohne daß mans bemerkt. Und daß dera Fex grad an dieser Zeit hereinikommen ist, dafür kann ich nicht.«
»Dafür kannst schon! Du bist allein dran schuld, daß er überhaupt noch lebt. Verstanden? Hättst ihn gar nicht todt zu machen braucht. Hättst ihm nur zu wenig essen geben sollen; da wär er nach und nach einigangen. Aberst wer weiß, wie Du den Buben füttert hast!«
»Ich? Ihn füttert?« lachte der Müller. »Ich sag Dir, Silberbauern, dera Fex hat selten was Anderst habt als Luft und Wassern. Es ist aberst dem Hallunken ganz gut bekommen.«
»Weiß er denn auch was von mir?«
»Nein, wann ihm damals die Zigeunerin nix sagt hat.«
»Da war er zu klein. Wanns ihm auch was sagt hat, so ists doch längst wieder vergessen. Nein, sondern ich mein, ob nicht von Dir aus mal irgend ein Wort fallen ist.«
»Wie kannst so was denken!«
»Dir ists zuzutrauen.«
»Oho!«
»Wer den Schlüsseln verliert, der macht auch noch andere Dummheiten. Aberst wannst mich gegen ihn noch nicht erwähnt hast, so – – –«
»Was fallt Dir ein! Ich hab ja über die ganze Geschicht mit ihm noch kein einzig Wort sprachen. Wie könnt ich also Dich derwähnt haben!«
»So! Dann ist noch nicht Alles verloren. Weißt nicht, ob er mich kennt?«
»Er kennt Dich nicht. Und wann er Dich auch einmal sehen hat, so hat er sichs doch nicht merkt.«
»Das ist gut. So brauch ich mich nur zu derkundigen, wo er zu finden ist, sodann mach ich hin zu ihm.«
»Und nachhero?«
»Nachhero thu ich, als ob ich es sehr gut mit ihm meine, und brings so weit, daßt er mir die Papieren zeigt.«
»O, der wird sich hüten!«
»Meinst? Da kennst mich schlecht. Ich, wann ich will, so locke ich Einem Alles heraus. Und wann er hört, daß ich die Sprachen versteh, in der die Papieren geschrieben sind, so zeigt er sie mir ganz sichern und gewiß.«
»So müßts sein.«
»Ja. Und hab ich sie dann in dera Hand, so bekommt er sie nicht wiedern zuruck.«
»Und wann er sie haben will?«
»Pah! Er will sie nicht haben.«
»Oho! Freiwillig laßt er sie Dir nicht.«
»Nein; aberst wiederhaben will er sie auch nicht.«
»Willsts ihm vielleicht abkaufen?«
»Ja.«
»So kannst viel dafür zahlen.«
»Viel und wenig, wie mans verstehen will. Ein guter Hieb auf den Kopf ist viel und auch wenig, je nach denen Umständen. Schau, das braucht ich Alles nicht zu thun, wannst Deine Sachen bessern macht hättst. Ich sitz nicht denen ganzen Tag auf meinem Geld, und wann ich auch mal den Schlüsseln verlier, in mein Geheimniß kann doch Keiner einidringen. Dafür ist gesorgt.«
»Ja, bei Dir war so eine schöne Gelegenheit vorhanden. Du hattst die Mühlen kauft, und das Wassern ist einsam. Da konntst das Wehr bauen ganz nach Deinem Gusto, und dann lief der Bach drüber weg, und Keiner kanns je finden. Wie aberst ists bei mir? Hab ich so was bauen konnt?«
»Mußts denn grad ein Wehr sein!«
»Nein. Aberst was Andres ist mir alleweil nicht einifallen, bis ich an den Stuhl denkt hab. Doch wollen wir dabei die Hauptsach nicht vergessen. Ich hab Deine Depesche erhalten und daraus ersehen, daßt meinen Brief bekommen hast.«
»Ja; aberst wannst mir wieder mal schreibst, so machst eine richtige Adressen drauf! Was muß dera Briefträgern von mir denken, wann er so einen Wischen in die Hand bekommt!«
»Ich hab denkt, daß wir Beid uns nander keine Komplimenten zu machen brauchen.«
»Da hast Recht, nämlich wann wir bei nander find und allein. Aberst wann Andre dabei sind oder gar auf dera Briefadressen, da verlang ich mein Recht, und da geb ich Dir halt auch das Deinige. Da muß ein Jeder wissen und auch sehen, mit wem ers zu thun hat. Wann meine Bauern merken, daß es Einen giebt, der keinen Respectum vor mir hat, so ists gleich aus mit dem Gehorsam bei ihnen.«
»Ach so! Bist wohl der König von Hohenwald?«
»Ja, der bin ich auch. Da droben bei mir müssen Alle tanzen wie ich pfeif.«
»Wanns so ist, so werd ich auf meinen nächsten Briefen schreiben: An Seine Majestäten, Herrn, Herrn Ortsvorstehern und Schultheißen Conrad Claus, Silberbauern in Hohenwald.«
»So schlimm brauchsts nicht zu machen. Und nun, wie stehts mit dem Geld?«
»Ja, wie stehts damit?«
»Ich mein mit dem Deinigen!«
»Und ich mit dem Deinigen. Das ist die Hauptsach. Das meinige Geld kennst ganz genau.«
»Ich hab welches mit. Wie viel verlangst für das Gold, was Du los werden willst?«
»Ich hab Dirs schrieben.«
»So viel geb ich halt nicht.«
»Dann kannst nur gleich wiederum gehen. Ich laß keinen Pfennig herab.«
»Wirst schon noch handeln lassen!«
»Kein Wort. Du kennst mich bereits. Ich hab Dir sagt, wie viel ich einbüßen will, mehr aberst nicht.«
»Pah! Wann man Etwas partuhtemang los werden will, so muß man Preis machen.«
»Ich hab einen guten Preis macht. Zum Fenstern will ich mein Geld doch nicht hinauswerfen. Und daß ichs partuhtemang losschlagen will, das ist auch nicht wahr. Weil der Fex die Papieren hat, muß ich gewärtig sein, es kommt aller Augenblick Jemand, um nun auch nach dem Geld zu schauen; darum will ichs von mir thun, damit Niemand es finden soll. Aberst für einen Lumpenpreis geb ichs doch nicht hin. Dann mags lieber liegen bleiben, und es mag es finden, wer da will. Mein Schad ists nicht allein, sondern auch der Deinige.«
»Willst mich verrathen?«
»Nein; aberst wanns mich anpacken, so forschens auch noch weitern, und dann kannst Dir denken, daß auch Du an die Reihe kommst.«
»Nun gut, ich will mich nicht mit Dir zanken. Ich geb Dir, wast verlangt hast.«
»Baar?«
»Baar, in guten Staatspapieren.«
»So zähl auf!«
»Zähl erst Du Dein Gold her!«
»Das ist noch in ganz denselbigen Rollen, in denen wir es damals mitbracht haben. Wie schaffsts fort?«
»Ich hab einen Kasten mit.«
»So hol ihn herein! Nachhero schließen wir die Thür zu. Es braucht kein Mensch zu wissen, was wir hier mit nander machen.«
Der Bauer ging hinaus und holte den Kasten herein. Als er ihn dann nach ungefähr einer Stunde wieder zurück in den Wagen trug, konnte man es ihm ansehen, daß derselbe eine bedeutende Last habe. Er hatte sich aber einen Augenblick gewählt, an welchem er von Niemandem beobachtet wurde.
Der Abschied der Beiden war keineswegs ein herzlicher. Sie gingen unter gegenseitigen Vorwürfen und Grobheiten auseinander. Die Sünde ist nicht das geeignete Mittel, Menschenseelen innig zu verbinden. Bald rollte der leichte, viersitzige Wagen des Königs von Hohenwald auf derselben Straße zurück, auf welcher er nach der Thalmühle gekommen war.
Es war ein schöner Tag. Die Sonne schien zwar heiß, aber da die Straße durch dichten, hohen Wald führte, so fielen die Strahlen derselben nicht lästig.
Claus mochte ungefähr die Hälfte des Weges zurückgelegt haben, als er einen Wanderer bemerkte, welcher vor ihm her dieselbe Straße ging. Die Fahrt wurde ihm nachgerade langweilig, und da kam ihm der Gedanke, diesen Mann aufzufordern, mit in den Wagen zu steigen. Das gab wenigstens eine Unterhaltung. Darum prüfte er denselben, so weit das von hinten möglich war.
Der Mann war von hoher, imposanter Gestalt und war halb wie ein Gebirgler, halb wie ein Forstbeamter gekleidet. An der linken Seite hing ihm eine Tasche, und in der Rechten trug er einen Stock.
»Grüß Gott!« sagte der Bauer, als er ihn erreichte, doch griff er nicht an den Hut. »Wollens vielleicht mitfahren?«
Der Angeredete wendete dem Sprecher das Gesicht zu, und nun blickte der Bauer in ein Paar dunkle, mächtige Augen, unter derem Blick er ganz unwillkürlich nach dem Hute griff, um ihn nachträglich doch noch abzunehmen. Der Fremde dankte mit kurzem Nicken, betrachtete mit einem schnellen, scharfen Blicke den Mann, die Pferde und den Wagen und antwortete:
»Grüß Gott! Wohin fahren Sie?«
»Nach Hohenwald.«
»Wie lang geht man noch bis dorthin?«
»Weit über zwei Stunden.«
»So werde ich Ihr Anerbieten acceptiren. Wie viel verlangen Sie?«
»Nix.«
»Wenn ich fahre, zahle ich.«
»Und ich nehme nix.«
»So fahren Sie allein weiter!«
»Donnerwettern! Das ist mir auch noch nicht passirt. Ich will gern einen Gesellschaftern haben. Darum laß ich Sie halt nicht laufen. Gebens also eine Mark!«
»Ich gebe fünf!«
»Was fallt Ihnen – – –«
»Fünf!« unterbrach ihn der Fremde. »Ja oder nein?«
»Na, ich bin kein so Dummer. Wanns Ihr Geld los werden wollen, so zahlens meinetwegen fünf, und steigens aufi! Aberst in dera Waldschänken mach ich eine kleine Pausen. Da müssens halt mal mit einikehren!«
»Ist mir recht.«
Er stieg ein, setzte sich aber nicht auf den vorderen Sitz neben Claus, sondern auf den hintern. Der Bauer trieb die Pferde an und sagte dann:
»Warum setzens sich da hinten her?«
»Hier ists bequem.«
»Vorn bei mir ist das Reden bequemer.«
»Ich bin kein leidenschaftlicher Redner.«
»Das heißt, daß ich das Maul halten soll?«
»Nicht grade das.«
»Hernach hättens auch sogleich wiedern aussteigen mußt. Ich hab Sie mitnommen, um Einen zu haben, mit dem ich ein Wengerl vom Disputiren reden kann.«
»Ich werde wohl nicht wieder aussteigen. Sie haben erklärt, mich für fünf Mark nach Hohenwald zu fahren, und wenn nicht ich selbst Sie von diesem Contract entbinde, so haben Sie ihn einzuhalten.«
Der Bauer hielt unwillkürlich die Pferde an und sagte, sich zurückwendend: »Himmelsakra! Auch das ist mir noch nicht passirt. Jetzund also bin ich zwungen, Sie zu fahren?«
»Ja.«
»So! Das ist schön! Das ist prächtig! Das kann mich aberst gefreun! Erst bin ich der Herr, der den Wagen verschenken will aus Gnaden und Barmherzigkeiten, und nun auf einmalen bin ich nur dera Kutschern, der zu gehorchen hat!«
»So ist es allerdings,« lächelte der Fremde. »Bitte, fahren Sie weiter!«
Claus ließ die Pferde wieder laufen und fuhr dann fort:
»Freilich, wanns wüßten, wer ich bin, so würdens nicht so mit mir reden.«
»So lange Sie Ihre Pflicht als Kutscher thun, brauche ich nicht zu wissen, wer Sie sind.«
»Meine Pflicht als Kutschern? Alle tausend Teuxeln! Das wird noch bunter als vorher! Wissens, ich bin der Claus, dera Silberbauern!«
Dabei warf er sich in die Brust.
»So!« meinte der Fremde gleichgiltig.
»Habens etwan von mir noch nix hört?«
»Kein Wort.«
»Das ist aber ein Wundern! Ich bin dera Ortsrichtern von Hohenwald!«
»Weiß nichts davon.«
»Auch davon nix! So, da will ich Ihnen halt noch was sagen. Nachhero werdens Respect bekommen. In dem Kasten, da unterm Sitz, hab ich Geld, fast an die vierzigtausend Mark!«
»Ich sitze trotzdem nicht besser.«
»Was? Wie? Das impernirt Ihnen nicht?«
»Nein.«
»Da muß doch gleich der Teuxel drein fahren. Wer sinds denn eigentlich da, wanns bei vierzigtausend Mark so ruhig bleiben, als obs nur ein Stückle vom Fingernagel wäre?«
»Ich bin jetzt Forstbeamter.«
»So! Nun, da brauchens nicht grad gar so appart zu thun. Was ist ein Forstbeamter, und wie viel hat er im Jahr? Da heißts auch nur blos Hungerleiden mein Gemüthe. Es ist halt zwar ein gesundes Leben, aberst zu beißen giebts nicht viel. Forstern, Kinderwärtern und Schulmeistern, das könnt so meine Passionen sein. Besonders das Schulmeistern. Das thut groß und dick, und wanns zum Treffen kommt, so fressens Löschpapieren und saufen Klarizerintinten dazu.«
»Kennen Sie so ein Beispiel?«
»Bei uns im Dorf. Da ist vor ein paar Tagen der neue Schulmeistern kommen und hat gleich in dera ersten Stund Prügel bekommen.«
»Wo?«
»Im Wald und auch in dera Schänk.«
»Von wem?«
»Vona mir und meinem Buben, dem Silberfritz.«
»So! Bei Ihnen empfängt also der Inhaber der Ortsgewalt den neuen Lehrer mit Schlägen?«
»Warum nicht? Wann ers verdient hat!«
»Was hatte er denn gethan?«
»Er ist grob gewest gegen meinen Silberfritz.«
»Und da giebts sofort Prügel?«
»Sofort, und zwar nach Noten! Und wann dera König selberst käm, wann er nicht höflich wär, so würd er durchgehaun.«
»Ah!«
»Ja! Oder glaubens das etwan nicht? Da kommens bei mir schlecht an. Wir hier oben kümmern uns den Teuxel um den König und seine Leuten. Der weiß halt auch nimmer, was er für Dummheiten beginnen soll.«
»Sie scheinen ihm nicht sehr gewogen zu sein.«
»Gewogen? Na, mir ist er eigentlich ganz und gar gleichgiltig; aberst er soll mich nur auch in Ruhe lassen.«
»Hat er das nicht gethan?«
»Nein!«
»Wieso?«
»Der will alle Menschen groß machen und berühmt. Der Eine soll ein Maler werden und der Andre ein Dichtern, der Dritte ein Musikanten und der Vierte ein Sänger. Alle sollen Künstlern werden und berühmt und reich. Sogar die Bubn nimmt er von dera Fähr hinweg und wills studiren lassen, weils ein Wengerl Violinen geigen können. Da komm ich alleweil von einem Freund aus dera Thalmühlen. Dem hat der König einen Gesindebub wegnommen, weil er auf der halben Geigen klimpert hat. Mir, wann er das machen thät, na, ich wollts ihm schon stecken! Und weitern – ah, schad, daß ich aufhalten muß! Ah bin grad im Zug. Da aber ist die Waldschänken, und da gehn meine Pferden halt gar niemals vorüber. Also, steigens mit aus?«
»Ja.«
Beide sprangen ab. Der Bauer hing zwei Stränge aus, und dann ging er hinein. Der Fremde folgte langsamer. Als Claus in die Gaststube trat, befand sich nur ein einziger Gast in derselben. Sobald er diesen sah, rief er aus:
»Was der Teuxel! Wurzelsepp, Du bist hier! Das ist gut. Wo willst hin?«
»Nach Hohenwald.«
»So kannst mit aufisteigen und mit uns fahren.«
Der Sepp hatte diese Einladung erwartet, wußte aber nicht, was er darauf antworten solle, denn jetzt trat der Fremde ein. Würde dieser – – mit dem Wurzelsepp fahren. War es dem Sepp überhaupt gestattet, ihn zu kennen?
Der Fremde bemerkte die Verlegenheit des Alten und beseitigte sie sofort, indem er, ihm gütig zunickend, sagte:
»Das ist ja der Wurzelsepp! Ich hoffe, Du kennst meinen Namen noch?«
»Ja wohl, Herr Ludewig.«
»Wo willst Du hin?«
»Nach Hohenwald.«
»So kannst Du ja gleich mitfahren. Auf dem Vordersitz ist ein Platz übrig. Laß Dir ein Bier geben!«
»Also Herr Ludewig heißens?« fragte der Bauer. »Und den Sepp kennens auch? Ja, ich möcht wissen, wer im ganzen Bayernlandl den Sepp nicht kennen thät. Der Haderlump steckt seine Nasen überall hinein. Aberst ein braver Schelm ist er doch. Oder meinst nicht, Sepp?«
»Weiß nicht.«
»Das kannst schon wissen. Bist überall willkommen, auch bei vornehmen Leutln, sogar bei mir. Wannt heut in Hohenwald bleiben willst, kannst wiedern bei mir im Heu schlafen.«
»Kann noch nicht sagen, ob ich bleiben werd.«
»Willst vielleicht schon weitern fort?«
»Das ist möglich.«
»So ists bessern, ich frag Dich gleich jetzund.«
»Was?«
»Ich hab mich bei Dir wornach zu erkundigen.«
»So? Wann ich Auskünften geben kann, so soll es ganz gern geschehen.«
»Hast Einen kannt, der Fex geheißen hat?«
»Ja.«
»Er soll jetzund ein Künstlern werden?«
»Freilich.«
»Der König will ihn studiren lassen, dens gar nix angeht eigentlich. Ich möcht nun gar gern wissen, wo der Fex jetzt ist.«
»Warum?«
»Weil ich mich sehr für ihn verinteressir.«
»Das hast jetzunder nicht mehr nöthig.«
»Warum?«
»Eben weil der König sich für ihn verinteressirt.«
»Ich möcht aberst doch gern wissen, wies ihm geht.«
»Ganz gut.«
»Und möcht ihm gern was schicken.«
»Er braucht nix. Der König sorgt für ihn.«
»Das ist wohl gar schön. Aberst ich mach in nächsten Tagen eine Reisen; da ists möglich, daß ich auch dahin komm, wo er sich befindet, und da thät ich ihn doch gar gern mal mit aufsuchen, weil er sich so sehr darüber freuen würd.«
»So! Bist ein so gar sehr gutern Freund von ihm?«
»Sehr. Ich solls aberst nicht sagen.«
»Wer hats verboten?«
»Er selber.«
»Geh, dabei hat er grad nicht an mich dacht.«
»Das ist sehr möglich.«
»Aberst ich glaub gar nicht, daßt jemals dorthin kommst, wo er sich jetzt befindet.«
»Das weiß man nicht.«
»Da müßtest weit fahren, mit der Eisenbahnen und nachhero gar auch noch mit dem Dampfschiffen.«
»Sapperment! Ists gar so weit?«
»Ja.«
»Also wo?«
»In Sebastebol.«
»In Sebastebol? Ists wahr?«
»Ja.«
»Was sie damals mit den Kanonen derobert haben, als der Malerkoff verstürmt worden ist?«
»Dasselbige.«
»Aber was will er dorten?«
»Er soll dorten das Geigen lernen.«
»Warum grad dorten?«
»Weißt, dorten lernt man die Vigelinen mit den Beinen spielen, und weil das so eine große Kunsten ist, die bei uns noch gar Niemand kann, ist dera Fex hin, ums zu lernen.«
»Die Vigolinen mit den Beinen! Wast da sagst! Ich hab wohl hört, daß Einer mit denen Fußzeherln zeichnet und auch malt hat, aberst die Geigen mit denen Beinen spielen, das ist noch nicht dagewest. Auf was steht dann so ein Mann?«
»Auf dem Kopf und auf denen Händen.«
»So, das muß freilich ein Gaudi sein für Die, welche es mit ansehen. Aberst da hast Recht, nach dem Sebastebol komm ich nicht. Das ist mir zu weit. Aber sag, warst dabei, als er fort macht ist?«
»Ja.«
»Weißt Alles, was er mitnommen hat?«
»Ja.«
»Was denn? Hat er eine Legitimutionen?«
»Natürlich.«
»Von frühern her?«
»Nein. Die hat er zuruck gelassen. Eine Photographien war auch dabei.«
Die Augen Clausens leuchteten auf.
»Wo hat er sie gelassen?« fragte er.
»Bei mir. Ah solls ihm aufbewahren, bis er mal wieder zurückkommen wird.«
»Aberst Du trägsts doch nicht mit Dir herum?«
»O nein; das fallt mir gar nicht ein!«
»Wo hasts da hingethan?«
»Zu meiner Frau.«
»Wie – wa – wo – – –!«
»Zu meiner Frau, hab ich sagt.«
»Du – Du hättst eine Frauen?«
»Ja.«
»Davon weiß ich doch gar nix!«
»Nur ganz Wenige haben das wußt.«
»Nein, aber nein! Der Wurzelsepp hat eine Frauen! Wo lebt denn die?«
»Gar nicht weit von hier.«
»Aberst wo?«
»Das willst wissen? Werd mich schön hüten, es zu sagen. Das ist gefährlich.«
»Warum?«
»Weißt, weil ich mir eine ganz junge Frauen nommen hab, dera Adressen sagt man nicht einem Jeden. Warum willsts wissen?«
»Nur so.«
»So ists auch egal wannts nicht verfährst. Später, wanns alt worden ist, werd ich Dirs vielleicht mal aufischreiben.«
»Bist ein alter Hallunk!«
»Ja, da hast Recht. Vertölpeln thut mich so leicht Keiner nicht. Das kannst merken.«
»Meinst, daß ich Dich vertölpeln will?«
»Ja.«
»Da irrst sehr.«
»O nein. Dich kenn ich schon. Du hast nur wissen wollen, wo sich die Papieren und das Bild befinden, welche der Fex bei sich hat.«
»Das ist nimmer wahr!«
»Schweig! Du bist jetzund beim Thalmüllern gewest und hast mit ihm vom Fex sprechen.«
»Das behauptest blos. Ich kenn denen Thalmüllern fast gar nicht. Er ist mir fremd.«
»Und da kaufst ihm für dreißigtausend Mark Geld ab, und er büßt dabei so viel ein?«
Der Bauer erbleichte. Er blickte sich ängstlich in der Stube um. Der König war nicht mehr da. Es war ihm in der niedrigen Stube zu schwül geworden und darum war er nach den Worten, welche er mit Sepp gewechselt hatte, hinausgegangen, um sein Bier an einem der draußen stehenden Tische zu trinken. Er hatte also die Unterredung der Beiden nicht gehört. Sie waren allein in der Stube.
»Du,« sagte der Bauer, »was weißt von dem Geld? Sags heraus! Schnell!«
»Daß der Thalmüllern Dir darüber schrieben hat, und Du hast ihm darauf telergraphirt.«
»Das ist nicht wahr!«
»Freilich! Du hast ihm telergraphirt, daßt heut um elf Uhr zu ihm kommen willst, um den Handel mit ihm zu machen.«
»Donnerwettern! Woher weißt das?«
»Weil ich heut bei ihm war. Ich komme von ihm her und will nach Hohenwald.«
»Er hätt Dir das sagt?«
»Ja.«
»Mensch, das kann doch nicht wahr sein!«
»Freilich ists wahr. Ich bin sein Vertrauter.«
»Er hat mir doch gar nix sagt, daßt da gewest bist.«
»Weil ichs ihm verboten hab.«
Der Bauer lief mit langen Schritten in der Stube auf und ab. Er befand sich in einer leicht begreiflichen Aufregung.
»Du,« sagte er, »hier giebts mit Dir ein Geheimnissen, wast mir aufiklären mußt.«
»Dazu bin ich gern bereit.«
»So sag – – –«
»Halt, jetzt nicht!«
»Wann sonst?«
»Hier ist kein Ort zu solchen Dingen. Ob ich heut noch Zeit hab, das weiß ich nicht; aberst morgen komm ich ganz sichern zu Dir, um Dir Alles zu derklären. Nachhero wirst froh sein, daßt mich heut hier an diesem Ort troffen hast.«
»Sepp, ich weiß gar nimmer, was ich sagen soll. Hat dera Thalmüllern plaudert?«
»Nein.«
»Wer sonst?«
»Ich hab mit Einem sprochen, der Euch sucht.«
»Woher ist er?«
»Da unten aus dem Land, wo die Donauen hinunterlauft. Ich glaub, es ist der jetzige Mann von Deiner ersten Frauen, welche vorher die Frau des Finkenheiner gewest ist.«
»Herrgottsakra! Mich rührt der Schlag!«
»Warum? Brauchst keine Angst zu haben, denn ich bin Dein Freund; ich halts mit Dir.«
»Wirklich?«
»Ja.«
»Das soll Dein Schad nicht sein, Sepp; das versprech ich Dir. Also morgen kommst?«
»Ja.«
»Zu welcher Zeit?«
»Das weiß ich noch nicht. Vielleichten am Abend. Also laß Dir ja nicht bang sein! Ich bin verschwiegen und sag keinem Menschen Etwas. Schau, wir sollen fort.«
»Ja. Ich zahl Dein Bier.«
»Der Andre hat schon zahlt.«
»Wer ist er denn?«
»Werds Dir spätern sagen. Jetzt darfst ihn nicht warten lassen. Komm!«
Sie hatten nämlich gesehen, daß der König in den Wagen gestiegen war, für Sepp das Zeichen, mit dem Bauer zu kommen. Beide setzten sich auf die beiden Vorderplätze, und die Pferde zogen an. Ganz entgegengesetzt gegen vorhin, war der Silberbauer vollständig schweigsam. Er holte von Zeit zu Zeit tief Athem oder blickte den Sepp verstohlen von der Seite an. Er traute dem Allen doch nicht recht.
So kamen sie in die Nähe von Hohenwald. Da ließ der König halten, stieg ab und bezahlte seine fünf Mark. Auf einen verstohlenen Wink von ihm wollte auch der Sepp herab.
»Halt!« sagte der Bauer. »Du fährst mit mir bis ins Dorf hinein.«
»Das geht nicht.«
»Warum nicht?«
»Weil ich vorerst gleich noch eine Pflanzen such, die bis morgen verdorren thät. Brauchst keine Sorg zu haben; ich komm schon zu Dir.«
Jetzt sprang er ab, und der Bauer fuhr fort:
»Ich komme eher, als ich dachte. Giebts ein Logis?«
»Ja, aberst nicht im Dorf, sondern in dera Mühlen.«
»Das ist mir recht. Führe mich! Kennst Du den neuen hiesigen Lehrer?«
»O, sehr gut.«
»Was ist er für ein Mann?«
»Ein Bub so, wie ich wollt, daßt ich früher gewest war. Die Schulmeistern haben hier immer nur den Affen machen müssen; der aberst hat sogleich in dera ersten Stund bewiesen, daß er nicht mit sich spaßen laßt.«
»Er rauft wohl gern?«
»Nein, aberst er vertheidigt sich brav, wann er angriffen wird. Die Geschichten, wie er hier seinen Einzug halten hat, mit dem Tragkorben auf dem Buckel, die ist interesserant.«
»Erzähl es mir!«
Während der Sepp dieser Aufforderung nachkam, schritten die Beiden nach der Mühle. Sie waren dort angekommen, als er seinen Bericht beendet hatte. Das Gesicht des Königs hatte einen eigenen, befriedigten Ausdruck angenommen. Er nickte leise vor sich hin und sagte:
»Diesen jungen Mann werde ich mir ansehen. Wer ist diese Frau?«
Er meinte damit die alte Barbara, welche unter der Thür stand.
»Das ist die Barbara, die Magd, welche dem Müllern die Wirthschaft versorgt, ein sauberes und accurates Weibsbild.«
Als die Alte den vornehmen Herrn kommen sah, machte sie einen tiefen Knix und fragte:
»Wen bringst denn da zu uns, Sepp?«
»Das ist dera Herr, welcher den Bombyx sucht, weißt, was ich Euch verzählt hab.«
»Ja ich weiß.«
»Und er will Dich fragen, ob er bei Dir wohnen kann auf ein paar Tagen, liebes Bärbel.«
Liebes Bärbel! So hatte der Sepp noch nie zu ihr gesagt. Ihr Gesicht glänzte vor Freude. Sie machte noch einen Knix und meinte:
»Ja, wanns zufrieden sein wollen, lieber Herr, mit unserer armen Mühlen, so könnens uns gar gern willkommen sein. Reich sind wir halt nicht; aberst sauber will ichs Ihnen schon machen, daß ich mich nicht nachhero noch zu schämen hab. Bitt sehr schön! Kommens herein und seins willkommen!«
Die Drei verschwanden in der Thür. Bereits nach kurzer Zeit kam der Sepp wieder heraus. Er hatte einen heimlichen Befehl nach dem Forsthaus zu bringen. Als er sich dieses Auftrages entledigt hatte, war der Nachmittag so ziemlich vergangen, und da er für heut nun von dem König beurlaubt war, so beschloß er, sich heimlich in der Nähe des Wehres auf die Lauer zu legen, falls der Silberbauer vielleicht bereits am Tage dort Etwas zu suchen habe. Mit dem Lehrer hatte er ausgemacht, daß dieser sich am Abende dort einstellen werde.
Walther seinerseits war nach beendeter Nachmittagsschule hinaus ins Freie gegangen, um da, beeinflußt von den Reizen des herrlichen Sommertages, den letzten Aktschluß seines Theaterstücks zu vollenden. Er hatte sich am Waldesrande ein reizendes Plätzchen ausgesucht, das Taschenschreibzeug hervorgenommen und zu arbeiten begonnen. Er befand sich in ausgezeichneter Stimmung, und die Worte flossen ihm so schnell von der Feder, daß er bald zu Ende war. Er steckte das Schreibzeug wieder ein und streckte sich auf den warmen, duftenden Boden aus.
Da schwebte ein Schmetterling heran, ein großer, prächtiger Trauermantel. Der Lehrer war Schmetterlingssammler. Er sprang auf, nahm den Hut in die Hand, und die Jagd begann, wobei er gar nicht beachtete, daß er sich weiter und immer weiter von dem Plätzchen entfernte.
Bald kam ein Anderer langsam daher, der König. Dieser hatte bemerkt, daß er der alten Barbara überrascht gekommen war, und darum hatte er einen Spaziergang unternommen, um ihr Zeit zu lassen, die zwei kleinen Oberstübchen für den Herrn Ludwig in Glanz und Wichs zu bringen. Jetzt befand er sich auf dem Heimwege. Er sah das ziemlich dicke Heft liegen, hob es auf und blätterte darinnen. Seine Züge nahmen, je weiter er schritt, den Ausdruck desto größerer Spannung an. Als er bei der Mühle anlangte, empfing ihn die Barbara mit hoch gerötheten Wangen.
»Jetzt nun könnens herauf kommen, Herr Ludewig,« sagte sie. »Wollen sehen, obs Ihnen gefallen wird.«
»Ja, meine Beste. Aber sagen Sie mir vorher vor allen Dingen, ob es hier einen Dichter giebt.«
Sie schüttelte fast erschrocken den Kopf.
»Einen Dichtern? Nein, Gott sei Lob und Dank, einen Dichtern haben wir hier noch nimmer habt.«
»Oder wohnt sonst Jemand hier, der sich mit der schönen Literatur beschäftigt?«
»Ein Liter Natur?« brummte sie leise. »Hm, sonderbar!« Und laut fügte sie hinzu: »Schön ist sie wohl sehr, aberst hier hat Niemand Zeit, sich extra mit ihr abzugeben.«
»Giebt es außer dem Pfarrer und dem Lehrer noch studirte Leute im Dorf?«
»Nein.«
»Der Pfarrer ist kein Dichter?«
»Nein, obgleich er von seinen paar Kreuzern gar ärmlich leben muß.«
Sie hatte nämlich die Ansicht, daß ein Dichter von Gottes- und Rechtswegen zum Hungern verurtheilt sei.
»Aber der Lehrer dichtet wohl?«
»Das fallt ihm halt gar nicht ein. Der, wann er was zu essen hat, kann gar derb einhauen. Das hab ich gestern am Spätabend bemerkt.«
In Folge ihrer obigen Ansicht hegte sie auch die Ueberzeugung, daß ein Dichter einen so schwachen Magen habe, daß bei ihm gar keine Rede von einem richtigen, kräftigen ›Einhauen‹; sein könne.
Der König errieth ihren Gedankengang und sagte mit freundlichem Lächeln:
»Ich habe soeben draußen am Waldesrande dieses Heft gefunden und wünsche sehr, den Besitzer desselben zu erfahren. Wo ist der Müller? Ich will auch ihn einmal fragen.«
»Er ist drüben in dera Mühlen. Wanns ihm das Geschreib zeigen wollen, glaub ich dennerst nicht, daß er sagen kann, von wem es ist. Aberst versuchen können Sie's halt.«
Sie hatte Recht. Als der König zu dem Müller kam, um ihm das Heft zu zeigen, war auch diesem die Schrift vollständig unbekannt. Als er dann aus der Mühle zurückkehrte, stand die Barbara im Hausflur, um den Finkenheiner zu begrüßen, welcher mit seiner Liesbeth gekommen war, um den Abend bei dem Müller zuzubringen.
»Schaut,« sagte sie zu den Beiden. Das hier ist dera Herr Ludewigen, der nach Hohenwald kommen ist, um den Bimbaxen zu suchen, der die Bäum zusammenfrißt.«
Und sich an den König wendend, sagte sie, die Beiden vorstellend.
»Und das hier ist halt dera Finkenheiner mit seiner Liesberthel, die den Müllern heirathen wird. Ich hab vorhin zu ihr schickt, damit sie mir helfen soll bei dera Bedienung. Unsereins ist nicht auf so vornehme Herren dressirt, sondern man braucht eine Hilfen dazu.«
»Machen Sie sich meinetwegen keine Sorgen! Ich bin nicht so vornehm, daß ich zwei Personen zu meiner Bedienung brauche.«
»Ach gehens! Vornehm sinds halt doch! Das sieht man Ihnen ja sogleich an dera Nasen an.«
»Hab ich eine so hohe Nase?«
»Nein. Wie ein Kirchthurm ragts nicht empor. Aberst wer nach dem Buxbimben sucht, der muß schon ein gewaltig gescheidter Kerlen sein.«
»Sie meinen den Bombyx?«
»Ja, denen Bimbexen, den ich noch gar nie sehen hab, obgleich ich aus dera Gegend gebürtig bin. Aberst nicht wahr, dera Müllern hat auch nicht wußt, von wem das Geschmier ist?«
»Nein.«
»So zeigens doch mal dem Heiner hier!«
»Was giebts?« fragte dieser.
Der König erklärte es ihm.
»O weh! Da kommens halt grad an den Unrechten,« meinte der Heiner. »Ich bin kein Schriftgelehrter; ja, ich kann nicht mal selberst schreiben. Was steht denn drin in den Papieren?«
»Es ist ein Theaterstück, welches nur von einem begabten Dichter hat verfaßt werden können.«
»Von einem Dichtern? Nun, wir haben einen.«
»Wer ist das?«
»Dera Schulmeistern. Er hat so beiläufig sich mal versprochen, daß er Gedichten macht und auch Geschichten, in denen er todtschlagt, wen er will.«
»Also der? So hat er es verloren!«
»Verloren? Ja, da fallt mirs ein, daß er vorhin einen Schmetterling nachlaufen ist bis in den Wald hinein zu mir. Da hat er meint, daß er schnell wieder zurück muß, weil er sein Heft hat liegen lassen.«
»Dann ist er es sicher. Er soll es morgen erhalten.«
Der König ließ sich nach seinen Zimmern bringen, welche allerdings zweier Schmuckkästchen glichen. Dort setzte er sich hin, um das Manuskript zu lesen.
Barbara begann dann, sich in der Küche zu beschäftigen. Liesbeth half ihr, und der Heiner ging zu dem Müller. Nach einiger Zeit kam er in die Küche gelaufen und fragte:
»Bärbel, ist denn Jemand droben bei dem Herrn Ludewigen?«
»Nein.«
»Er redet doch mit Jemand!«
»Es ist Niemand droben.«
»Und doch muß Jemand droben sein, mit welchem er sich vielleicht gar zanken thut. Er brüllt gar laut.«
»Herrjesses! Es wird sich doch Niemand zu ihm hinauf schlichen haben!«
»Das wird sein, denn horch nur mal!«
Er machte die Küchenthür auf, und da war allerdings trotz des Mühlengeklappers die Stimme des Königs sehr laut zu hören.
»Freilich ist wer droben!« sagte die Barbara. »Sonst thät er doch nicht reden.«
»Und schreien thut er so! Da muß man ihm zu Hilf kommen. Gehn wir hinaufi, Barbara!«
»Ja, gehn wir! Ich möcht nur wissen, was für ein Lumpen so heimlich hinaufi gangen ist. Dem werd ich aberst die Höllen heiß machen.«
Sie stiegen die Treppe empor. An der Thür blieben sie stehen. »Wollen erst horchen,« sagte die Barbara. »Vielleicht hören wir gleich an dera Stimmen, wer bei ihm ist.«
Sie lauschten. Die Stimme des Königs ertönte laut:
»Herrlich, herrlich! Das rechtfertigt den Titel des Stückes,›der Schutzengel‹;. Dieser Lehrer ist ja ein Talent, vielleicht noch mehr.«
»Er zankt nicht,« flüsterte Barbara.
»Nein,« antwortete der Heiner. »Sie reden halt von dem Herrn Lehrern. Horch!«
Drinnen erklang es mit Pathos:
»Es giebt so wunderliebliche Geschichten,
Die bald von Engeln, bald von Feen berichten,
In deren Schutz wir Menschenkinder stehn.
Man möchte gern den Worten Glauben schenken
Und tief in ihren Zauber sich versenken,
Denn Gottes Odem fühlt man daraus wehn.«
»Du,« flüsterte die Barbara, »die reden vom Zauber.«
»Ja. Es wird doch nicht etwan gar eine Teufelei losgelassen werden sollen!«
Drin erklang es weiter:
»So ists in meiner Kindheit mir ergangen,
In welcher oft ich mit erregten Wangen
Auf dererlei Erzählungen gelauscht.
Dann hat der Traum die magischen Gestalten
In stiller Nacht mir lebend vorgehalten,
Und ihre Flügel haben mich umrauscht.«
»Die reden von Flügeln. Verstehst was davon?« fragte die Barbara.
»Nein. Horch noch mal!«
Mit erhöhter Stimme fuhr der König fort:
»Fragt auch der Zweifler, obs im Erdenleben
Wohl könne körperlose Wesen geben,
Die für die Sinne unerreichbar sind –
Ich will die Jugendbilder frisch erhalten
Und glaub an Gottes unerforschlich Walten,
Wie ichs vertrauensvoll geglaubt als Kind!«
»Na, Zank ist das halt nicht,« meinte der Heiner. »Nein. Aber Einer ist doch bei ihm drin!«
»Ja, und wer?«
»Wollen wir hinein?«
»Nein. Wanns kein Zank ist, brauchen wir ihm nicht zu helfen. Aberst ich werd unten im Haus bleiben und dem auflauern, der drin bei ihm ist.«
»Das wich das Allerbest sein, wast machen kannst. Stören thu ich ihn nicht gern. Er hat gar so ein vornehms Gesichten und ein paar Augen – na, solche Augen kann man selten sehen. Da liegt was drin!«
Sie stiegen hinab. Der Heiner postirte sich an die Hausthüre. Zu seinem Erstaunen aber kam Niemand von oben herab, und als später die Barbara das Essen hinauftrug, war sie ebenso erstaunt, zu sehen, daß Herr Ludewig sich ganz allein in der Stube befand. Er studirte das Heft, auf dessen erster Seite der Titel zu lesen war »der Schutzgeist, Drama in vier Aufzügen.«
Kurz vorher, als die Dämmerung sich zum Abende neigte, war ein eigenthümliches Gefährt durch das Dorf gekommen und hatte vor dem Gasthause gehalten.
Ein magerer, abgetriebener Gaul hatte einen Wagen gezogen, wie sie bei sogenannten herumziehenden Künstlern gebräuchlich sind – die Leute pflegen gleich darinnen zu wohnen. Ein junger, ziemlich verlumpter Kerl führte das Pferd. Hinter dem Wagen schritt ein älterer Mann einher, welcher einen abgeschabten, ungarischen Schnürrock aus Sammet anhatte. Sein Gesicht war tief gebräunt und hatte den ausgesprochenen Zigeunertypus. Er beaufsichtigte zwei große, magere Ziegenböcke und mehrere ebenso magere Hunde, welche dem Wagen folgten. Das Ganze machte einen ziemlich herabgekommenen Eindruck.
Als der Wagen vor dem Gasthofe hielt, kam der Wirth heraus, und die Wirthin folgte ihm. Beide waren neugierig, denn dergleichen Gäste gab es hier im Dorfe nur äußerst selten. Der Mann im Schnürrocke grüßte in fremdländischem Dialect und fragte, ob er hier für einige Tage Quartier bekommen könne.
»Was sind Sie denn eigentlich?« fragte der Wirth.
»Ich bin Akrobat und Equilibrist,« antwortete der Gefragte in stolzem Tone.
»Das versteh ich halt nicht. Redens doch lieber in dera deutschen Sprachen, denn hier sinds ja in Bayern.«
»Ich meine, daß ich Künstler bin auf dem Seile und auch in andern Produktionen. Ich führe dressirte Hunde und Ziegenböcke vor und habe auch einen Bären, welcher erstaunliche Kunststücke kann.«
»Was! Einen Bären habens auch? Wo dann?«
»Hier im Wagen.«
»Donnerwettern! Ein Bären ist ein schlimmer Kerl. Der soll mit hier bei uns logiren?«
»Ja. Er ist nicht schlimm. Er ist so zahm wie ein Kanarienvogel.«
»So! Da thut er wohl auch singen?«
»Zuweilen, aber mit Baßstimme.«
»Nun, ich könnt Sie wohl schon behalten, wann nur der Bären nicht wär. Man kann halt nicht wissen, ob er mal Lust bekommt, Jemand aufzufressen.«
»Er liegt ja an der Kette.«
»So! Aberst wo thun wir ihn hin?«
»Haben Sie nicht einen Stall oder einen andern sichern Behälter?«
»Hm! Den Schweinestall hab ich schon; der ist jetzt leer. Wollens denn hier im Dorf Kunststücke machen?«
»Ja.«
»Warum nicht in dera Stadt? Da würdens doch viel mehr verdienen?«
»Erst will ich mich hier produziren. Finde ich, daß die hiesige Bevölkerung Verständniß für meine Leistungen hat, so fahre ich dann auch noch nach der Stadt.«
»Verständniß? Da brauchens keine Angst zu haben. Ziegenböcken und Hunden verstehen wir halt schon, und was den Bären betrifft, so wird er wohl nicht gar so gelehrt sein, daß wir ihn nicht begreifen können.«
»So kann ich also ausspannen?«
»So schnell nicht. Wanns hier wohnen wollen, müssens auch zahlen können. Wie aberst stehts nun da? Habens denn auch ein Geldl mit?«
»Selbst wenn meine Kasse leer wäre, würde ich hier so viel verdienen, daß ich Sie bezahlen könnte. Uebrigens mache ich keine Ansprüche.«
»Das ist auch nicht nöthig, denn seidene Betten und ein Tafelgeschirren von Silbern kann bei mir Niemand erhalten. Eine Stuben mit Betten müssens doch haben wie ein jeder Andrer auch.«
»Nein. Ich brauche kein Bett. Haben Sie vielleicht eine Scheune?«
»Ja, dort hinterm Haus.«
»So können wir ja in derselben wohnen. Ein Wenig Heu wirds doch wohl geben zu einem Lager.«
»Das giebts schon. Zwei Personen sinds also?«
»Nein, sondern drei. Ich habe eine Dame mit.«
»Potz Teuxeln!« lachte der Wirth. »Eine Damen! Da sinds doch gar vornehm! Wir haben im ganzen Ort nicht eine einzige Dame. Nicht mal die Silbermartha gilt für eine! Wo ist sie denn?«
»Hier im Wagen ist die Signora.«
»So! Habens aberst nun auch Ihre richtigen Legitimationen und Paßzeugnissen?«
»Das versteht sich. Ich werde sie Ihnen vorlegen.«
»So hab ich nix dawidern, daß Sie bei mir bleiben. Fahrens also herein in den Hof. Die Scheune werd ich Ihnen gleich öffnen.«
Der Wagen wurde in den Hof geschafft. Der Künstler brachte Pferd, Ziegenböcke und Hunde im Stalle unter; dann wurde eine Wagenthür geöffnet. Der Bär stieg hervor. Er war ein sehr großes aber entsetzlich mageres Thier. Dasselbe wurde in den Schweinestall geschafft und dort angekettet.
Von der andern Seite des Wagens stieg die ›Signora‹; aus. Sie war eine volle, fast üppige Gestalt, auch ärmlich gekleidet und hatte ihr Kopftuch so weit vor ins Gesicht gezogen, daß dasselbe gar nicht zu erkennen war. Sie ging aus dem Wagen so schnell in die Scheune, daß es zu merken war, sie wolle sich von niemandem betrachten lassen.
Später kam der Künstler in die Gaststube, welche jetzt noch leer war. Er legte seine Papiere vor. Sie lauteten auf den Namen Jeschko Bandolini. Die Frau war Signora Mylla genannt. Er erkundigte sich bei dem Wirthe nach Verschiedenem, trank einen Schnaps, bestellte ein ärmliches Futter für seine Thiere und kehrte nachher in die Scheune zurück.
Diese stand offen. Es war Abend geworden und also Dunkel.
»Wo bist Du?« fragte er am Eingange.
»Hier hinten in der Ecke auf dem Heu,« antwortete sie. »Hast Du Etwas erfahren?«
»Ja. Es steht gut. Er wohnt hier.«
»Gott sei Dank!«
»Dieser Conrad Claus wird hier der Silberbauer genannt. Er ist sehr reich. Auf fast allen Häusern hat er Geld stehen. Die beiden Mühlen, welche ihm gehören, hat er verpachtet. Kinder besitzt er zwei, einen Sohn und eine Tochter. Ich werde ihn übrigens bald sehen. Er ist Ortsschulze, und ich habe mich also bei ihm zu melden.«
»Wann thust Du das?«
»Ich möchte am liebsten gleich gehen.«
»Ja, geh gleich. Ich muß wissen, woran ich bin.«
»Soll ich noch schweigen?«
»Das mußt Du selber sehen, wenn Du bei ihm bist. Du bist schlau genug und wirst keinen Fehler machen.«
»Nein. Du willst Dich an ihm rächen, und ich helfe Dir. Aber nachher –«
Sie standen neben einander.
»Was nachher?« fragte sie.
»Nachher will ich auch meinen Lohn haben.«
»Du wirst ihn erhalten.«
»Und vorher eine Abschlagszahlung.«
Er legte seinen Arm um ihre Taille und wollte sie an sich ziehen. Sie aber schob ihn von sich ab und sagte:
»Abschlag giebt es nicht. Wenn ich mich gerächt habe, bin ich Dein, eher nicht.«
»So gehe ich gleich jetzt.«
Er hatte sich beim Wirthe nach der Wohnung des Silberbauern erkundigt. Sie war sehr leicht zu finden. Als er dort ankam und höflich nach dem Herrn Vorsteher fragte, wurde er nach der Gesindestube gewiesen und von da in das nächste Zimmer. Dort saß der Bauer mit seinem Sohne, ganz so wie an dem Abende, an welchem der Lehrer sich angemeldet hatte. Der Künstler grüßte höflich.
»Was wollts?« fragte der Bauer.
»Gestatten Sie mir, Ihnen meine Papiere vorzulegen.«
Der Bauer nahm sie in Empfang. Während er sie durchlas, ruhte das schwarze Auge des Zigeuners mit stechendem Blicke auf seinem Gesichte. Der Vorsteher legte die Papiere vor sich hin, betrachtete den Künstler verächtlich und sagte:
»Die Papieren sind gut. Also ein Akrobaten sinds? Was wollens da hier?«
»Ich habe die Absicht, mich vor einem hiesigen hochverehrten Publikum zu produziren und möchte Sie um Ihre freundliche Genehmigung ersuchen.«
»Habens denn was Ordentliches gelernt?«
»Ich habe mich bereits vor höchsten Herrschaften und Fürstlichkeiten sehen lassen und stets den größten Beifall geerntet.«
»Na, so schauns aberst gar nicht aus!«
Der Zigeuner zuckte die Achsel.
»In wiefern?«
»Habens sich denn noch nicht selberst angeschaut?«
»Ach so! Meinen Sie vielleicht, daß ich während der Reise und beim Fuhrwerke einen Galaanzug anlegen soll? Bei der Production bin ich im Stande, mich in befriedigender Garderobe sehen zu lassen.«
»Hm! Und wie stehts mit dem Geldl? Könnens die Erlaubnissen bezahlen?«
»Ja.«
»Sie haben sofort den Betrag in die hiesige Ortsarmenkassen zu entrichten.«
»Ich bitte um die Erlaubniß, dies nach der Vorstellung thun zu dürfen. Grad heut habe ich mich so ausgegeben, daß ich um Stundung ersuchen muß.«
»Das geht nicht. Wanns nicht zahlen können, so könnens auch keine Kunststucken machen.«
»Aber ich bitte, zu bedenken, daß die hiesige Armenkasse gar nicht gefährdet ist.«
»Ja, wanns nun bei dera Vorstellung nix verdienen!«
»So sind Sie durch das Eigenthum, welches ich mit mir führe, vollständig gedeckt.«
»Wenn das Eigenthum so ausschaut wie Sie selberst, so ist da wohl gar nix zu holen.«
»Der Zigeuner blitzte ihn mit seinen Augen zornig an, beherrschte sich aber und sagte demüthig:
»Einen Werth haben selbst die Lumpen und leider kann nicht ein Jeder ein Silberbauer sein.«
»Ja, das wollt ich mir auch gar verbitten!«
»Obgleich sich ein armer Teufel vielleicht mehr und ehrlicher plagt als Einer, der nachher silberne Knöpfe und Ketten trägt.«
»Was!« fuhr der Bauer auf. »Ehrlicher plagt! Wie meinens das etwa»? Bin ich nicht ehrlich!«
»Werf ihn hinaus, Vatern!« sagte der Sohn.
»Vom Hinauswerfen kann keine Rede sein,« meinte der Zigeuner. »Ich habe nur im Allgemeinen gesprochen und keinen Namen genannt.«
»Aberst wann ichs nun auf mich beziehe!« rief Claus.
»So sind Sie selber schuld. Ein ehrlicher Mann bezieht niemals ein solches Wort auf sich. Wer sich getroffen fühlt, der hat einen Grund dazu.«
»Wollens damit etwan sagen, daß ich einen Grund hab? Das will ich mir verbitten!«
»Ich habe gar nichts gesagt, was Sie beleidigen könnte.«
»Aberst unverschämt ists, überhaupten hier mit solchen Redensarten zu kommen! Und da werd ich nun grad meine Erlaubnissen nicht geben. Es wird also hier im Ort keine Vorstellungen abgehalten.«
»Ich glaube nicht, daß Sie mir die Erlaubnis verweigern können. Ich habe meine Conzession bezahlt, gebe meine Steuern und habe die Berechtigung, aufzutreten, wo es mir beliebt. Eine Verweigerung müßte da einen sehr triftigen Grund haben.«
»Den hat sie.«
»Welchen?«
»Das ist meine Sachen!«
»Wenn Sie ihn mir nicht nennen, werde ich mich bei der Behörde über Sie beschweren.«
»Dagegen habe ich nix. Die Behörden wird mit solchem Volk nicht viel Sperrenzen machen. Hier sind Ihre Papieren. Machens nun, daß Sie hinauskommen.«
Der Zigeuner steckte die Legitimationen zu sich und sagte in ruhigem Tone:
»Sie werden es bereuen, daß Sie mir die Erlaubniß verweigern. Wenn Sie wüßten, was ich Alles aufführe, würden Sie sich und den hiesigen Einwohnern einen so hohen Kunstgenuß nicht versagen.«
»Von dera Kunst mag ich nix wissen. Was wirds sein als ein paar Kartenkunststücken.«
»O, es ist noch viel mehr! So führe ich zum Beispiel eine höchst interessante Pantomime auf, welche den Titel führt, »die beiden Müller«. Es ist das eine Leistung mit Feuerwerk und wahrhaft großartigem Schlußeffect.«
»Die beiden Müllern? Machens sich nicht lächerlich! Was wollens von dera Müllerei verstehen!«
»Ein Müller brauche ich nicht zu sein, Uebrigens hat das Stück einen ausführlicheren Titel. Es heißt eigentlich: Die beiden Müller oder die keusche Bojarenfrau oder – –«
»Bojarenfrau!« rief der Müller, ihn unterbrechend. »Was wissens von Bojaren?«
»Ich stamme von der unteren Donau. Der Titel lautet weiter: oder der Schloßbrand bei Slatina.«
Der Müller wurde leichenblaß. Er stützte sich mit den Händen auf den Tisch.
»Slatina!« sagte er. »Sie kennen Slatina?«
»Sehr gut.«
»Wann warens dort?«
»Als das Schloß brannte, welches in der Nähe liegt. Der Name desselben thut nichts zur Sache.«
»Das kenne ich nicht. Ich weiß nix davon.«
»Das glaube ich. Wie sollte der Silberbauer von Hohenwald nach Slatina kommen? Aber grad darum sollten Sie sich mein Stuck ansehen.«
»Was ists denn für eins?«
»Es behandelt ein Ereigniß, welches bisher noch sehr unaufgeklärt ist. Bei Slatina liegen zwei Mühlen, welche zum Schlosse gehören. Die beiden Müller waren Deutsche. Der Schloßherr war gestorben. Die Herrin war jung und schön. Sie kam oft mit ihrem Söhnchen herab an den Fluß, an welchem die Mühlen lagen. Die beiden Müller verliebten sich in sie.«
»Donnerwettern!«
Er ließ sich in den Stuhl niederfallen. Seine Augen ruhten groß und erschrocken auf dem Zigeuner.
»Nicht wahr, es ist interessant?« fragte dieser.
»Ja,« stieß der Bauer hervor. »Erzählens weiter!«
»Das kann ich nicht, weil das Ereigniß eigentlich geheim bleiben muß, bis meine Pantomime die Aufklärung bringt. Nur einige Andeutungen kann ich geben. Es kommt ein Zigeuner vor, welcher Barko heißt.«
»Alle Teufeln!« rief der Bauer.
»Der holt des Nachts den Knaben aus dem Schlosse.«
Der Bauer nahm alle seine Selbstbeherrschung zusammen, um ruhig zu erscheinen.
»Weiter!« sagte er.
»Dann überfallen die beiden Müller die Bojarin.«
»Die schlechten Kerlen.«
»In der Schloßkasse war eine ganz bedeutende Summe in türkischen Goldstücken eingegangen. Dieses Geld verschwand. Die Müller theilten sich darein.«
»Wer sagt das? Wer behauptet das?«
»Ich und jener Zigeuner Barko.«
»Das ist wohl eine erfundene Geschichten?«
»Nein. Sie ist wirklich passirt. Um den Diebstahl zu verdecken, wurde das Schloß angebrannt. Die Bojarenfrau verunglückte dabei. Sie starb.«
»Weiter, weiter!«
»Die Müller übergaben die Mühlen anderen Leuten und zogen bald darauf fort.«
»Wohin?«
»Nach Deutschland.«
»Das ist groß.«
»Bayern ist kleiner. Ich bin ausgezogen, um sie zu finden und der Polizei zu übergeben.«
»Donnerwettern! Das ist freilich eine sehr interessante Geschichten! Und die wollens spielen?«
»Ja.«
»Und wie endet sie?«
»Natürlich wird der Knabe gefunden und die beiden Müller enden am Galgen.«
»Das ist ein böser Schluß.«
»Aber ein verdienter, denn die beiden Menschen haben auch noch Anderes begangen. Der Eine hat sich zum Beispiel der Bigamie schuldig gemacht. Er hat zwei Weiber zugleich gehabt.«
»Das Alles hat sich wohl ein Romanschreibern ausdacht? Nicht wahr?«
»O nein. Die Geschichte ist so wahr, daß ich sogar die Namen nennen kann.«
Der Silberbauer fuhr sich mit der Hand über die Stirn, um sich den Angstschweiß abzuwischen, welcher ihm ausgebrochen war. Er wendete sich an seinen Sohn und sagte:
»Vielleicht erlaub ichs doch, daß diese Geschichten aufführt wird. Ich muß nur erst wissen, ob die Sachen auch so viel Werth haben, daß ich das Geldl noch stunden kann. Lauf mal nach dem Gasthof und schau, was es taugt!«
Der Sohn erhob sich nur langsam vom Stuhle.
»Ich möcht halt liebern dableiben Vatern,« sagte er.
»Warum?«
»Weil dieser Mann da so gar sehr schön verzählen kann. Ich thät fürs Leben gern zuhören.«
Das klang beinahe höhnisch.
»Er ist fertig mit dem Verzählen. Geh nur!«
Der Sohn ging, warf aber noch unter der Thüre einen bezeichnenden Blick auf die Beiden zurück.
Der Bauer legte sich in den Stuhl zurück und betrachtete den Zigeuner.
Er wußte nicht, wie er beginnen solle. Der Künstler setzte sich nieder, machte es sich bequem und sagte lächelnd:
»So! Jetzt sind wir ohne Zeugen. Wir können mit einander sprechen, ohne befürchten zu müssen, verrathen zu werden.«
»Was wollens! Was ich zu reden hab, das kann ein Jeder hören. Verstanden?«
»So? Dann täusche ich mich. Ich glaubte, daß Sie Derjenige sind, den ich suche.«
»Wer sollt ich sein?«
»Der eine der beiden Müller, welche in meiner Pantomime vorkommen.«
»Da täuschens sich freilich.«
»Hm! Den Andern suche ich noch. Wissen Sie vielleicht, wo er sich befindet?«
»Nein. Wie soll ichs wissen! Ich weiß von gar nix. Die Sachen gehn mich gar nix an.«
»Das ist sonderbar, denn die Namen stimmen ganz genau. Der eine Müller hieß Conrad Claus und der andere Gotthold Keller oder Kellermann. Kennen Sie vielleicht den Letzteren?«
»Nein.«
»Nun, so bin ich freilich im Irrthume und muß also weiter suchen. Jetzt aber handelt es sich darum, ob ich die Erlaubniß erhalten werde, meine Vorstellungen zu geben.«
Der Bauer stand auf und schritt einige Male im Zimmer auf und ab. Dann sagte er:
»Ja, was machens dann eigentlich für Stücken?«
»Ich führe dressirte Hunde vor.«
»Das ist freilich hübsch. Das schaut man gern an.«
»Zwei dressirte Ziegenböcke.«
Claus hatte allen Grund, den Zigeuner mit sich auszusöhnen. Er mußte einlenken. Darum meinte er:
»Das ist noch hübschern.«
»Auch habe ich einen Bären mit, welcher außerordentlich gelehrig ist.«
»Gar auch ein Bär! Ja, das hab ich nicht wußt.«
»Und sodann besteige ich das hohe Seil.«
»Auch das noch! Warum habens das nicht gleich erst sagt? Solche Sachen schau ich selbem gern an. Da will ich schon meine Erlaubnissen dazu geben.«
»Ich danke! Und wie steht es mit der Pantomime?«.
Er blickte dabei den Bauer erwartungsvoll an.
»Die dürfens halt nicht machen,« antwortete dieser.
»Warum nicht?«
»Ich darfs nicht erlauben. Ich muß da vorher erst die höhere Behörden fragen.«
»Warum sollte das nöthig sein?«
»Weil ein Feuerwerken dabei vorkommt.«
»So lassen wir es weg.«
»Nein, denn dann würd das Stück nimmer so gut und schön sein. Wann das Feuerwerken dazu gehört, muß es auch mit geben werden odern das Stück wird liebern ganz ausgelassen. Ich werd gleich morgen anfragen.«
»Sie stunden mir also den Betrag, welchen ich an die Armenkasse zu zahlen habe.«
»Nein, stunden darf ich denselbigen nicht; das ist gegen meine Pflicht und Schuldigkeiten. Aber wanns das Geldl nicht gleich haben, so werd ichs selberst zahlen.«
»Welch eine Güte von Ihnen. Vorhin habe ich Sie ganz anders beurtheilt.«
»Ja, man täuscht sich oft im Menschen. Wanns einige Tagen hier bleiben, werdens vielleichten derfahren, daß ich ein sehr guter Kerlen bin. Aberst sagens doch mal, obs vielleicht in denen letzten Tagen mit Jemand von dera Pantomimen sprochen haben?«
»Nein.«
»Mit gar Keinem?«
»Mit keinem Menschen. Ich komme erst heute hier an und habe noch gar keine Gelegenheit gehabt, mich mit irgend Jemandem zu unterhalten.«
»Aberst vielleicht vorher und wo anderst. Kennens vielleichten einen alten Handelsmann, der der Wurzelsepp geheißen ist?«
»Nein.«
»So! Dann hab ich freilich falsch vermuthet.«
»Und Sie, Herr Silberbauer, kennen Sie nicht einen Mann, welcher Müller war oder auch noch ist und Gotthold Keller heißt?«
»Nein.«
»So habe auch ich falsch vermuthet.«
»Das ist gewiß. Also Sie dürfen Ihre Kunststücken machen, und wegen dem Geldl will ich Ihnen gleich die Quittung geben.«
Er setzte sich hin und schrieb. Als der Zigeuner das Papier erhalte hatte, bedankte und entfernte er sich. Der Bauer lauschte, bis er die Thüre des vorderen Zimmers gehört hatte. Dann konnte er sich nicht länger beherrschen. Er schlug mit der Faust auf den Tisch und zischte hervor:
»Da sollen doch gleich alle Donnerwettern drein schlagen! Erst kommt dieser verdammte Wurzelseppen und macht mir die Höllen heiß, und nun ist dieser Gauklern da, welcher die ganze Geschichten kennt! Was thu ich nur! Derschlagen sollt ich alle Beiden! Vielleichten thu ichs auch; dann bin ich sicher. Und dieser Fexen muß auch hinaus aus dera Welt, sonst – – ah, das Geld, was ich vom Thalmüllern hab, muß ich gleich noch heut Abend verstecken. Man kann nicht wissen, was passirt. Es darf auf keinen Fall bei mir funden werden, und nachher – –«
Er hielt inne, denn sein Sohn kam zurück. Dieser blickte sich um und sagte:
»Was? Er ist ja fort!«
»Ja; er konnte nicht länger warten. Ich hab ihm derlaubt, seine Kunststucken zu machen.«
»Und vorher hast ihn so anschnauzt!«
»Er hat gar so gute Worten geben.«
»Wann auch! Er hat so spitzfindige Worten sagt, und seine Sachen find auch nix werth. Ich hab mir Alles anschaut.«
»Die paar Markerln, die er zu zahlen hat, wirds schon noch eintragen.«
»Na, daßt auf einmal so redest, das ist auch vor Deinem End. Bist doch sonst nicht so!«
»Ich hab mal eine gute Launen habt.«
»Das ist eine Seltenheiten. Vielleicht hast Grund zu dieser guten Laune. Nicht?«
»Was meinst?«
»Kennst etwan die Geschichten genauer, die er vorhin uns verzählt hat.«
»Was fallt Dir ein?«
»Ich hab ja sehen, daßt ganz verschrocken bist.«
»Ich? Verschrocken? Was hast für Augen habt? Der Silberbauern kann vor nix derschrecken.«
»Hm! Gut solls sein, wanns so ist, denn dieser Kerlen sah mir grad so aus, als ob er noch viel hinterm Rucken hat. Dem ist nicht zu trauen. Im Gasthofen wird Karten spielt. Ich geh jetzt wiedern hin. Kommst vielleichten nach?«
»Ja, später«. Jetzt hab ich noch zu thun.«
Der Silberfritz ging wieder fort. Der Bauer aber trat in die nächste Stube, welche seine eigentliche Expedition war. Dort brannte auch eine Lampe. Auf einem Stuhle, welcher neben der Thüre stand, saß Martha. Als ihr Vater sie erblickte, erschrak er auf das Heftigste.
»Was? Du bist hier!« rief er aus.
Sie antwortete nicht.
»Wie kommst hier herein? Ich hab nicht wußt, daßt hier bist. Ich hab denkt. Du bist gar nicht daheim.«
Da sie auch jetzt nicht antwortete, betrachtete er sie genauer. Sie war leichenblaß und saß mit geschlossenen Augen da. Er legte ihr die Hand auf die Achsel und fragte:
»Was hast? Was ist mit Dir?«
Sie schlug die Augen auf und holte tief, tief Athem.
»So red doch nur! Sprich!«
Jetzt stand sie auf, langsam und unsicher. Sie mußte sich dabei auf die Lehne des Stuhles stützen.
»O mein Gott, mein Gott!« stöhnte sie.
»Na, was hast zu jammern?«
»Ich habe Alles gehört. Alles!«
»Was denn?«
»Was der Fremde gesagt hat.«
»So! Hast horcht? Na, was ists da weitern?«
»Das fragst auch noch!«
»Nun freilich.«
Sie richtete sich grad empor und sagte:
»Mach mal die Augen richtig auf! Ich will doch sehen, obt mich richtig grad anschaun kannst!«
Er senkte doch die Augen.
»Siehst, Du kannsts nicht. Das ist das böse Gewissen!«
»Was meinst? Was sagst? Ich weiß halt gar nicht, wast eigentlich da willst.«
»Du weists gar wohl! Du bist der Mann, Du!«
»Wer?«
»Von dem dera Seiltänzer verzählt hat.«
»Bist bei Trost!«
»Du bists, Du und dera Thalmüllern!«
»Schweig!«
»Warum hasts nicht sagt, daßt den Gotthold Keller ganz gut kennst?«
»Was geht mich der Keller an!«
»Auch Deinen Namen hat er sagt. Und in Slatina sind wir ja west und der Thalmüllern auch. O Gott, o Gott! Mein Vatern ist ein Verbrecher! Das halt ich nicht aus!«
Sie sank wieder in den Stuhl nieder, bedeckte ihr Gesicht mit den Händen und weinte bitterlich. Der Müller gab sich Mühe, seine Verlegenheit hinter einem geheuchelten Zorn zu verbergen:
»Donnerwettern! Was sagst? Was soll ich sein? Ein Verbrechern! Soll ich Dich etwan aufs Irrenhaus schaffen lassen?
»Frevle nicht! Der Gedanke, daß Du der Schuldige bist, kann mich bald dorthin bringen. Willsts wirklich leugnen, daßts bist?«
»Ja. Ich weiß von nix etwas!«
»Das ist nicht wahr! Sogar das von denen zwei Frauen hat er wußt. O Gott, o Gott!«
»Jammer nicht, sonsten sperr ich Dich ein!«
»Also dera Sohn ist gestohlen, und die Bojarenfrau ist storben, und die beiden Müller sind schuld daran! Jetzt will ich Dich in allem Ernsten fragen: Bist unschuldig odern nicht?«
Sie war wieder aufgestanden und hatte ihn beim Arme ergriffen.
»Ich bin unschuldig,« antwortete er, aber sein Auge suchte den Boden.
»Das ist eine Lügen!« antwortete sie.
»Dirn! Wag das nicht!« brauste er auf.
»Ich seh Dirs an, daßt nur die Unwahrheiten sagst. Ich aber will wahrhaftig und offen mit Dir sein.«
»Nun, da bin ich begierig, wast mir für eine Offenheiten zu bringen hast.«
»Sollsts gleich hören.«
»Ich hab aber keine langen Zeit. Machs kurz!«
»Solche Sachen macht man stets so kurz wie möglich. Ich bin noch jung gewest, als wir von dera Donauen hierher zogen sind. Ich hab nix wußt und nix verstanden. Die Muttern war todt und weil ich nur Dich hatt, so bin ich innerlich so worden, wie Du bist, nämlich hochmüthig, goldprotzig, hart und schlecht – ja schlecht!«
»Alle Teufel! Das sagst mir?«
»Ja, Dir, denn Du bist schuld daran. Ich bin so blieben bis vor kurzer Zeit. Ich hab das Silbern um mich hängt und immer dacht, daß ich was ganz Besondres bin. Da aberst hat mir Jemand die Augen öffnet, und da ists schnell licht worden in mir drinnen und um mich herum. Ich Hab nun wußt, woran ich bin. Freilich hab ich nur das Eine wußt, daßt den Finkenheinern seine Frau mitnommen und nachhero wiedern fortjagt hast, aber – – –«
»Willst schweigen, Dirn! Was geht das Dich an?«
»Es geht mich an, denn ich bin Deine Tochtern. Also ich hab nur Das wußt, aberst ich hab nachdenken müssen und da ist mir viel einfallen und auffallen. Ich hab die Ahnung bekommen, daß mein Vatern ein schlechter Kerlen ist und daß der Brudern auch so einer wird.«
Der Müller setzte sich auf den Stuhl und sagte:
»Und das soll ich anhören! Na, red nur aus, nachhero werd ich Dir antworten, wie sichs gehört.«
»Ich hab nix dagegen. Es ist mir klar worden, wie schlecht und albern ich gewest bin, und ich hab mir vorgenommen, anderst zu sein. Heut nun bin ich hier in dera Stuben gewest und hab ein jedes Wort vernommen, was draußen gesprochen worden ist. Jetzt nun weiß ich, woran ich bin. Ich hab meine Muttern nicht kannt und hab nun auch keinen Vatern mehr. Ich will lieber keinen haben als einen, der hinein in's Zuchthaus muß.«
»Kreuzhimmeldonnerwettern! Mach mich nicht warm, sonst sollst sehen, was passirt!«
»Es kann passiren, was da will, schlimmer ists halt doch nicht als das, was bereits schon geschehen ist. Der liebe Gott hat mir zur rechten Zeit die Augen öffnen lassen und nun weiß ich, was ich zu thun hab. Den Vatern kann ich nicht anzeigen; aberst bei einem Verbrechern bleiben kann ich auch nicht, und so werd ich fortgehen von hier.«
»Bist verruckt!«
»Nein.«
»Du bleibst!«
»Das kannst nicht verlangen.«
»Ich befehl es Dir!«
»Ich bin Dir keinen Gehorsam mehr schuldig. Ich geh von hinnen, arm und elend, aberst der liebe Herrgott wird mich nicht verderben lassen.«
»Das ist ein Vorsatz, über den man nur lachen muß. Die Silbermartha will fort! Weißt, was Armuth ist und Hunger und Kummer und Arbeit und Elend? Du bist heut nicht bei Sinnen. Du hältst den Vatern für einen Andern, als er ist, und willst drum fort. Morgen aberst wirst schon anderst denken und gern bleiben.«
»Morgen? Ich werd im ganzen Leben nicht anderst denken als ich jetzt und heut denk. Darauf kannst Dich verlassen. Ich geh und bevor ich geh, will ich Dir den Rath geben, der der einzige ist: Mach gut, wast bös macht hast. Geh in's Gericht und verzähl da Alles, wast auf dem Gewissen hast. Gieb Alles wiederum her, was Dir nicht gehört. Nachhero biß die Schuld los und ich kann wiedern Deine Tochtern sein und zu Dir in's Gefängniß kommen und Dich trösten.«
»Nun hör jetzt auf! Wannt noch so ein Wort sagst, schließ ich Dich in Deine Stuben ein und laß Dich ein ganzes Jahr lang nicht wiedern heraus!«
»So weit solls nicht kommen. Ich schweig. Wer wie bei mir der Herrgott anklopft hat, so daß ich anderst worden bin, so wird er auch Dir in's Herz hinein greifen. Wannt nicht selberst Buße thust, so wird er Dich mit seiner Gerechtigkeit fassen, ehe Du es dacht hast, vielleicht schon morgen oder gar heut bereits. Er läßt sich nimmer verspotten, und wer das Herz hat, eine Sünd zu thun, der soll auch den Muth haben, dieselbe zu bekennen. Ich bitt Dich von ganzem Herzen und aus dem tiefsten Grund meiner Seelen heraus, daßt jetzt –«
»Schweig!« brüllte er, indem er aufsprang und die Hand ballte. »Wannt noch ein einzig Wort sagst, so schlag ich Dich nieder. Du Lumpendirn, Du!«
»Gut, ich schweig! Leb wohl, Vatern! Der liebe Gott behüt Dich vor der ewigen Verdammniß und vor dera Höllen. Ich werd alle Tag und alle Stund zu ihm bitten, daß er Dich erlös aus dem Fallstrick; in demt gefangen bist. Leb wohl!«
»Fahr selberst in die Höllen!«
Er ergriff die Thür, welche sie geöffnet hatte, und warf sie hinter ihr in's Schloß, daß Alles krachte. Er war vollständig überzeugt daß dieses Abschiednehmen gar nichts zu bedeuten habe. Sie befand sich in Aufregung und würde wohl bald wieder ruhig werden.
Sie begab sich nach ihrem Zimmer. Dort sank sie weinend und betend in die Kniee. Lange lag sie da, ehe sie sich wieder erhob und einen Kasten der Kommode öffnete. Sie packte ein Wenig Wäsche ein und steckte das Geld, welches sie grad besaß, zu sich. Dann öffnete sie ein kleines Kästchen, und nahm einen einzelnen Handschuh aus demselben. Ihn an die Lippen drückend, sagte sie schluchzend:
»Max, Max, wannt wissen thätst, wie ich meinen Hochmuth büßen muß! Das ist so schnell kommen, und auch Alles zugleich, so viel, daß es mich schier zerdrücken will. Ich hab gar nicht wußt, wie lieb ich Dich hab. Ich hab denkt, Du bist so viel tief unter mir. Und nun bin ich die Tochtern des Verbrechers und kann gehn, um mich da zu verbergen, wo kein bekanntes Aug mich sehen kann. Damals, auf dem Maskenfest, hast mich um den Handschuh gebeten und mir diesen dafür geben. Jetzt nehm ich ihn mit. Es ist das Einzige, was ich wirklich mein nennen kann. Wie gern, wie so gern möcht ich jetzt die Frau des armen Dorfschullehrers sein, aberst ich bin auch das nicht werth. Ich muß gehen und verschwinden. Ich muß Buße thun für den Vatern, damit Gott nicht mit ihm in's Gericht geh. O Muttern, Muttern, warum bist mir hinwegstorben! Warum hab ich überhaupt eine Muttern gehabt! Mir wäre besser, wann ich gar nimmer geboren worden wär!«
Sie steckte die Wäsche in eine kleine Tasche und ging, gleich wie sie war. Weder auf der Treppe noch im Hausflur begegnete ihr Jemand. Sie kam ganz unbemerkt auf den Dorfweg und ging denselben fort, in der Richtung nach der Stadt. Dabei kam sie beim Eschenbauer vorüber. Sie wußte, daß der Lehrer da wohnte. Sie kannte auch die Fenster seiner Wohnung; diese waren erhellt.
»Er ist daheim,« flüsterte sie. »Wann ich ihn nur noch mal sehen könnt, nur ein einziges Mal, nur seinen Schatten wenigstens!«
Sie stellte sich an den gegenüber liegenden Zaun und blickte beharrlich hinauf. Es wollte sich kein Schatten sehen lassen. Das hatte seinen Grund, denn Walther war nicht daheim. Er war für einige Augenblicke hinüber zum Heiner gegangen, um dessen Sohn, welcher sich allein befand, noch einige Kleinigkeiten zu bringen, welche zur Anfertigung des projectirten Bildes nothwendig waren. Dann wollte er Abendbrot essen und sich nachher hinaus nach dem Wehr begeben, wie er mit dem Wurzelsepp verabredet hatte.
Der Weg, welchen er von der Flachsdörre nach Hause zu gehen hatte, führte an dem Zaune hin. Er war grasig und so waren Walther's Schritte kaum zu hören. Als er um die Zaunecke biegen wollte, blieb er überrascht stehen. Er sah eine weibliche Gestalt, welche starr nach seinen Fenstern emporblickte.
Sie bewegte sich nicht. Sie war so in ihr Leid versunken, daß sie für Aeußeres gar keinen Sinn hatte. Darum hörte und sah sie ihn nicht. Er that zwei rasche Schritte und stand vor ihr. Jetzt erkannte er sie.
»Marth – – Fräulein Claus!«
»Max – – Herr Lehrer!«
»Entschuldigung, daß ich Sie störe. Jedenfalls warten Sie auf Jemand.«
Sie war außerordentlich verlegen. Sie schämte sich, hier von ihm gesehen worden zu sein. Was mußte er von ihr denken! Seine letzten Worte gaben ihr den Stoff zu einer Erklärung:
»Ja, ich wart auf den Knecht, der mit dem Wagen kommt. Ich will nach dera Stadt.«
»So spät?«
»Es giebt heut noch zu besorgen.«
»Dann wünsche ich gute Reise. Gute Nacht, Fräulein!«
»Gute Nacht!« hauchte sie.
Es wollte ihr das Herz abdrücken. Sollte sie ihn rufen? Nein, nein. O, wenn er wüßte, daß sie im Begriffe stehe, fortzugehen auf Nimmerwiederkehr! Vielleicht hätte er sich umgedreht, wäre zurückgekommen und hätte ihr ein freundliches Abschiedswort gesagt. Aber durfte sie das verlangen, sie, die Tochter des Verbrechers? Nein und wieder nein und tausend Mal nein!«
Jetzt stand er bereits am Hause. Da blieb er doch, wie überlegend, stehen, wandte sich um und fragte:
»Verzeihung, Fräulein, fährt Ihr Herr Vater mit?«
»Nein.«
»Ist er daheim?«
»Ja. Als ich jetzt ging, war er in seiner Stuben.«
»Ich dank! Gute Nacht!«
Er verschwand hinter der Ecke des Hauses. Sie drückte die Hände auf den wogenden Busen, schluchzte ein, zwei Mal laut und convulsivisch auf, drängte aber mit aller Gewalt den glühenden Schmerz zurück und wankte weiter.
Droben wurde das Licht verlöscht. Als Walther nachher herabkam, war sie fort.
Er ging hinter das Dorfe hinweg hinaus nach dem Bache, wo er den Sepp seiner wartend fand und ihm sagte, daß der Silberbauer noch zu Hause sei. Sie lagerten sich in der Nähe des Wehres in das Gras, so daß sie jeden Nahenden, mochte er von der Mühle links oder von der Stadt rechts her kommen, deutlich sehen konnten.
Sie hatten gar nicht sehr lange gewartet, so hörten sie von rechts her Schritte, langsam und leise.
»Das ist er,« flüsterte der Sepp.
»Möglich. Still!«
Es kam näher; die Gestalt blieb am Wehr stehen.
»Alle Teuxel, ein Frauenzimmer,« flüsterte Sepp.
»Ja. Ist sie Ihnen bekannt?«
»Nein.«
»Aber jedenfalls eine Hiesige.«
»Nein. So gekleidet geht hier keine. Sie hat das Tucherl ganz über den Kopf zogen. Vielleicht will sie das Gesicht nicht sehen lassen.«
»Das ist verdächtig.«
»Mir fallts auch auf. Da stehts und starrt in's Wehr, als obs Etwas drinnen zu suchen hätt.«
»Sie wird doch nicht –«
»Was?«
»Bei Nacht so einsam hier am Wasser und so verhüllt! Ich will doch rächt hoffen– –«
»Daß sie sich ersäufen will?«
»Ja.«
»Hm! Dieser Gedank ist am End nicht falsch. Soll ich sie anreden?«
»Nein. Springt sie ja hinein, so hole ich sie heraus. Will sie nicht hinein, so brauchen wir ihr unsere Anwesenheit nicht merken zu lassen.«
Die Frauengestalt blieb noch eine Weile stehen, dann schritt sie weiter, links hin, auf dem Mühlendamme. Dort konnte sie das erleuchtete Fenster sehen, hinter welchem der König das Manuscript Walthers las. Es war ganz dasselbe Fenster, in welches vor Jahren der Silberbauer in ehebrecherischer Absicht gestiegen war. Die Gestalt setzte sich auf den Damm nieder, starrte lange, lange in das Fenster und ließ dann den Kopf in die Hände und mit diesem nieder auf die Kniee sinken. Sie weinte, weinte leise aber anhaltend, immerfort.
Nach langer Zeit erhob sie den Kopf und wischte sich die Thränen aus den Augen.
»Heiner, Heiner!« flüsterte sie. »Wie habe ich mich an Dir versündigt, und doch bist Du es gewesen, den ich wirklich geliebt habe! Ich war jung und leichtsinnig, der Claus verstand es, mich zu bethören. Du wurdest unglücklich und ich auch. O, ich bin noch viel, viel elender geworden als Du, denn Du bist rein und ich trage meine Schuld und meine Schande mit mir herum.«
Sie weinte wieder. Dazwischen hinein erklang es leise jammernd:
»Meine Kinder! O Gott, o Gott! Ich muß sie wieder sehen, sonst sterbe ich vor Sehnsucht. Sie sehen und ihnen nicht sagen dürfen, daß ich die Mutter bin. Mein Herr und mein Gott, Du strafst hart, aber gerecht!«
Die Jammernde war die Frau, welche mit dem Seiltänzer im Dorfe angekommen war. Als dieser vom Silberbauer zurückkehrte, hatte er sie in der Scheune aufgesucht, um ihr den Erfolg seiner Unterredung mitzutheilen. Dann hatte er sich in die Gaststube begeben, um sich den anwesenden Bauern für seine Vorstellungen zu empfehlen. Sie hatte dann heimlich die Scheune und den Hof verlassen und war nach der Mühle gegangen.
Als sie sich vom Wehr entfernt hatte, theilten sich die beiden Lauscher ihre Gedanken über die fremde Erscheinung mit. Das Benehmen dieser Frau war sonderbar. Da hörte man trotz des monotonen Rauschens des Wassers wieder nahende Schritte. Ein Mann kam, lang und stark, er trug eine Last.
»Er ist's!« flüsterte der Sepp.
»Ja. Passen Sie auf!«
Der Bauer stellte den Kasten neben den Strauch nieder, schob die Zweige desselben zur Seite und den Kasten dann hinein, zwischen die Mauer des Wehres und den Bogen des Wassers. Dann brannte er die Laterne an und kroch nach.
»Was thun wir?« fragte der Sepp. »Gehen wir ihm nach?«
»O nein.«
»Warum nicht?«
»Er braucht noch nicht zu wissen, daß wir hinter sein Geheimniß gekommen sind. Wenn wir noch schweigen, können wir noch mehr erfahren.«
»Pah! Ich brauch gar nix mehr zu wissen. Was ich weiß, das ist halt vollauf genug. Spätern, wenn wir das Gericht hierher führen, leugnet er es gar, daß das Versteck ihm gehört. Nein, er muß hier dergriffen werden!«
»Aber doch nicht heut!«
»Wann anders! Ich hab keine Lust, länger zu warten.«
»Es wird einen Kampf geben.«
»Wir Zwei brauchen uns halt nicht zu fürchten. Es ist auch gar nicht nothwendig, daß wir ihn festhalten. Nur reden mit ihm müssen wir, damit ers nicht leugnen kann, daß ers gewest ist.«
»Still! Jetzt kommt er wieder!«
Man sah das Licht, welches durch den Wasserbogen leuchtete. Es kam dem Rande desselben immer näher und wurde dann ausgelöscht. Dieses Mal nahm der Bauer also die Laterne nicht mit nach Hause, sondern er ließ sie drinnen im Verstecke stehen.
Die beiden Lauscher sahen den Busch sich bewegen; der Silberdauer kam hervorgekrochen. Er richtete sich auf, blieb einen Augenblick lang stehen und drehte sich um, um fortzugehen.
»Tausend Teufel!« rief er erschrocken.
Vor ihm stand der Lehrer.
»Guten Abend, Herr Silberbauer!«
Claus hatte so viel Geistesgegenwart, einzusehen, daß er sich verleugnen müsse.
»Silberbauer?« sagte er. »Da kannst Dich wohl sehr geirrt haben. Geh zum Teuxel!«
Er stieß den Lehrer von sich ab und wollte schnell enteilen. Da aber fuhr die Gestalt des Sepp vom Boden auf.
»Willkommen, Silberbauer! Gehst spazieren hier am Wassern? Ja, schön ists da!«
Der Bauer antwortete gar nicht. Die Gesichter der Beiden konnte er nicht sehen; aber den Lehrer hatte er an der Stimme erkannt. Sich zu fragen, wer der Andere sei, hatte er keine Zeit. Er sagte sich, da er die Gesichter der Beiden nicht erkannt habe, so würden sie das seinige also auch nicht deutlich gesehen haben. Er nahm überhaupt an, daß sie erst jetzt, in diesem Augenblicke an Ort und Stelle gekommen seien und also auch nicht beobachtet hatten, daß er hier ein Versteck habe und in demselben gewesen sei. Also nur fort, und zwar schnell, ehe es ihnen möglich war, sich genau zu überzeugen, daß er wirklich der Silberbauer sei. Darum sagte er auf Sepp's Anrede kein einziges Wort, sondern er ergriff schleunigst die Flucht, und zwar nicht nach der Dorfseite, wo die Beiden ihm im Wege standen, sondern nach der Mühle zu.
Mit großen Sprüngen eilte er auf dem Mühlendamme hin, die Beiden hinter ihm her. Er wollte an der Mühle vorüber und dann im Wald verschwinden. Die Frau hörte seine Schritte. Sie blickte sich um und sah einen Menschen in höchster Eile auf sich zukommen. Sie erhob sich. Beim Trocknen der Thränen hatte sie das Tuch aus dem Gesichte zurückgeschoben. Sie stand jetzt grad so, daß der Lichtschein aus der Stube, in welcher der König lesend saß, voll in ihr Gesicht fiel.
Der Bauer hatte sie nicht sitzen sehen. Es wäre jedenfalls in seiner Eile über sie hinweggestürzt. Da fuhr sie vor ihm empor. Er prallte zurück. Einen kurzen Augenblick standen sie einander gegenüber. Der Lichtschein traf auch sein Gesicht.
»Claus!« rief sie. Kennst Du mich?«
»Anna! Die Anna!« rief er aus.
In seinem Entsetzen fuhr er zur Seite, bis an den scharfen Rand des Dammes, da, wo derselbe fast senkrecht nach dem klappernden Mühlenrade abfiel. Er verlor das Gleichgewicht.
»Donnerwettern!« brüllte er auf.
Er fuhr mit den Armen in der Luft herum, die Balance wieder zu erlangen – vergebens, er stürzte hinab. Ein lauter, schriller Angstschrei; und er war verschwunden, grad und direct in das Radlager hinein, in welches er damals den Finkenheiner gestürzt hatte.
Das Wasser, rauschte aus dem Graben auf die Holzleitung und von da auf das Rad. Dieses drehte sich, aber nicht mehr so rasch wie zuvor.
Die Frau rief laut um Hilfe, der Sepp auch. Der König riß das Fenster auf und blickte heraus. Der Lehrer verlor keinen Augenblick lang die Geistesgegenwart. Ohne einen Ruf des Schreckens auszustoßen, rannte er am Damme hin, nach der Mühle zu, zur offenen Hausthür hinein, durch die spärlich erleuchtete Flur und riß die Stubenthür auf. Da saß der Müller mit dem Heiner, der Liesbeth und der Barbara am Tisch.
»Schnell die Mühle stoppen!« rief er ihnen zu. »Es ist Einer unters Rad gekommen!«
Der Müller sagte kein Wort. Er fuhr blitzesschnell zur Stubenthür heraus, drüben zur Mühlenthür hinein – im nächsten Augenblicke war es beim Räderwerk todtenstill; die Mühle stand.
»Wer ist hinein?« fragte der Heiner.
»Der Silberbauer.«
»O Gott! Der! Rasch, rasch! Leitern her!«
Der Verunglückte war sein Todfeind und doch war er sofort zur Hilfe bereit. Er ergriff den Lehrer am Arme und riß ihn mit sich fort, hinter die Mühle, wo, wie er wußten die Leitern lagen.
»Bringt Lichter und Laternen!« rief Walther den beiden Frauen noch zurück.
Jetzt kam der Müller aus der Mühle und zu gleicher Zeit der König von oben herab.
»Leitern, Leitern!« befahl der Letztere.
»Der Heiner und der Lehrern sind schon darnach,« antwortete die Barbara.
»Dann schnell Lichter!«
Die wurden geschafft und dann begaben sie sich nach dem Radlager, das heißt nach dem Mauerwerk, zwischen welchem sich das große Triebrad bewegt.
Dieses Letztere stand. Das Wasser rauschte über dasselbe herab. Man leuchtete in die Tiefe. Das Licht konnte nicht bis hinab dringen.
»Die Leitern hinein!« befahl der König.
Zwei wurden hinunter gelassen. Der Heiner wollte als Erster hinab.
»Halt!« sagte der Lehrer. »Sie haben nur einen Arm, hier aber sind wenigstens vier Arme nöthig. Ich steige mit dem Müller hinab.«
Die Beiden nahmen jeder eine Laterne und verschwanden in der Tiefe. »Ist er zu sehen?« fragte der König.
»Ja,« antwortete der Müller. »Hier liegt er im Wasser.«
»Ertrunken?«
»Ertrunken kann er nicht sein. Das Wasser ist nicht tief und der Kopf liegt über demselben.«
»Aber todt?«
»Ich weiß nicht. Herr, mein Heiland! Es fehlt ein Arm!«
»Bringt ihn herauf!«
Sie brachten ihn, langsam und vorsichtig. Droben legten sie ihn nieder. Ja, es fehlte ihm der linke Arm, aber es war keine Spur von Blut zu sehen. Der König bückte sich nieder und untersuchte ihn.
»Er lebt!« sagte er. »Er ist zwischen Rad und Mauer gekommen, und das Erstere hat ihm den Arm so glatt herausgedreht, daß sogar die Adern geschlossen worden sind.«
Einige Augenblicke lang standen die Andern wortlos. Dann entfuhr es dem Lehrer:
»Herr, Dein Strafgericht ist gerecht!«
»Wieso?« fragte der König.
»Dieser Mann hat vor Jahren hier unseren braven Heiner an ganz demselben Orte hinabgestürzt. Das Rad hat dem Heiner den Arm zermalmt. Heut ist der Thäter bestraft worden.«
Es graute Allen. Dem alten Finkenheiner liefen die Thränen über die Wangen.
»Lebt er?« erklang eine halblaute Frage hinter den Männern.
Sie blickten sich um. Die fremde Frau stand da, mit verhülltem Gesicht.
»Er lebt,« antwortete der Lehrer. »Wer sind Sie?«
»Ich bin Niemand. Gute Nacht!«
Sie verschwand schnell im Dunkel des Abends.
»Und wer sind Sie?« fragte der König Walthern.
»Ich bin der hiesige Lehrer.«
»Ah, der sind Sie! Haben Sie heute ein Manuscript verloren?«
»Leider, unbegreiflicher Weise.«
»Ich habe es gefunden. Sie sollen es wieder haben. Jetzt aber vor allen Dingen muß der Verunglückte heim geschafft werden.«
»Wird ers aushalten?« fragte Walther.
»Ich hoffe es, da die Wunde nicht blutet. Dann muß sofort ein reitender Bote mit zwei Pferden nach der Stadt, um den Arzt schleunigst zu holen.«
»Das will ich selbst ausrichten,« rief der Sepp und sprang eiligen Laufes davon.
Die Andern hoben den Bauer auf und trugen ihn nach der Vorderseite der Mühle. Der Müller ging, um eine Trage zu holen. Da standen die Andern still bei einander.
»Wie hat das nur geschehen können?« fragte der König.
Der Lehrer wollte es erzählen, wenigstens so viel zur Erklärung nöthig war, ohne das Andere zu verrathen:
»Ich ging mit dem Sepp am Wasser her und – –«
Er hielt inne. Die zwei Laternen standen hart neben dem Verwundeten, zu welchem sich der König niederbeugte. Das Auge des Lehrers fiel auf die Züge des Monarchen.
»Nun?« fragte dieser. »Und was nachher?«
»O bitte, darf ich vorher fragen, wie – – wie Sie hier in die Mühle kommen?«
»Der Herr hier?« meinte die Barbara. »Das ist unser Herr Ludewigen, welcher bei uns wohnt. Er will im Wald herum laufen, um denen Blomfaxen oder Fomplixen zu fangen.«
»Bombyx,« verbesserte der König, welcher sehr wohl merkte, daß der Lehrer ihn erkannt habe. »Ich bin nämlich jetzt eine Art Forstbeamter.«
Der Lehrer verbeugte sich discret und fuhr sodann in seiner Beschreibung fort.
Da brachte der Müller die Trage. Der Bauer, dessen Herz zwar schlug, der aber kein Lebenszeichen von sich gab, wurde darauf gelegt. Der Lehrer und der Müller griffen zu, um ihn nach dem Dorfe zu tragen.
»Soll ich mit?« fragte der Heiner.
»Nein,« antwortete der Müller. »Dich können wir nicht brauchen, und wir wollen Dir halt auch gar nicht zumuthen, mit nach dem Silberhof zu gehen. Bleib Du also hier!«
Sie schritten mit dem Verunglückten fort, dem Dorfe zu. Als sie an dem Silberhofe ankamen, trat ihnen vor dem Thore der Sepp entgegen.
»Ist ein Bote fort?« fragte der Lehrer.
»Ja, sofort. Und ich hab nun auch in den Gasthof nach dem Silberfritzen schickt, daß der heim kommen soll.«
Das Gesinde eilte herbei. Es war ein Augenblick unbeschreiblicher Aufregung. Keiner ließ merken, was er eigentlich dachte und fühlte. Der Bauer wurde nach seiner Schlafstube gebracht und in das Bett gelegt. Da kam sein Sohn.
»Ists wahr?« rief er bereits unter der Thür. »Der Alte ist todt?«
»Nein, er lebt,« antwortete der Lehrer.
»Na, die dumme Magd, die mich geholt hat, hat sagt, daß er bereits hinten rumi sei. Ja, der hat halt ein zähes Leben!«
Das klang so roh und herzlos, daß es Alle kalt überlief.
»Es läßt sich nicht sagen, ob er nur noch Minuten lang leben wird,« sagte der Lehrer in strengem Tone. »Er ist ins Mühlenrad gefallen und hat den einen Arm verloren.«
Der Sohn beugte sich über das leichenfahle Gesicht des Vaters und meinte dann:
»Na, wegen einem Arm gehts halt fort. Der blutet ja nicht mal. Nun kann er mit dem Finkenheiner Kameradschaft spielen. Wie aberst ist das denn zugangen?«
»Das wird er Ihnen wohl später sagen.«
»Ja. Sie brauch ich auch nicht dazu, verstanden! Jetzt aberst möcht ich doch wissen, warum man mich aus dera Wirthschaften holt, und dera Martha sagt man nix davon. Wo ist sie?«
»Sie ist nicht zu finden,« antwortete ein Knecht.
»Na, wo lauft sie wieder herum!«
»Kein Mensch weiß es.«
»Wie? Sie wissen nicht, wo sie ist?« fragte Walther, höchst erstaunt.
»Nein,« antwortete der Knecht.
»Sie ist ja nach der Stadt!«
»Nach der Stadt? Davon hat sie nix sagt.«
»Das muß ein Irrthum sein. Sie hat sich doch den Knecht mit dem Wagen bestellt, um nach der Stadt zu fahren.«
»Wer hat denn diese Lügen derfunden?« fragte der Silberfritz in höhnischem Tone.
Der Lehrer überhörte geflissentlich diesen feindseligen Ton und antwortete:
»Sie selbst hat es mir gesagt.«
»Was! Sie selber?«
»Ja.«
»Wo dann und wann?«
»Vor Etwas über zwei Stunden. Ich traf sie unten am Ausgange des Dorfes. Dort stand sie mit einer Tasche in der Hand. Sie sagte mir, daß sie nach der Stadt wolle und auf den Knecht mit dem Wagen warte.«
»Himmeldonnerwetter«! So ist sie fort! So hats sies doch wahr gemacht.«
»Was?«
»Sie hat sich mit dem Vatern zankt und ihm sagt, daß er ihr Vatern nimmer sein darf und daß sie fortgehen werd in die Fremden hinaus. Dera Vatern hat drüber lacht. Er hat nicht glauben wolln, daß sie grad wirklich so albern sein wird. Nun aberst, wann sie eine Taschen habt hat, so hat sie den Vorsatzen doch ausführt. Na, hat sie der Teuxel holt, so hab ich halt nix dagegen.«
Es gab dem Lehrer einen Stich durch das Herze, nicht wegen dieser Gefühllosigkeit, sondern wegen etwas Anderem. Sie hatte sich von ihrem Vater getrennt. Sie war fortgegangen, still und heimlich. Jetzt wußte er, warum sie vor seiner Wohnung gestanden hatte, und jetzt erst besann er sich, daß ihre Stimme so gepreßt geklungen hatte, als wenn sie nur mit Mühe das Weinen hätte unterdrücken können. Er nahm den Müller und den Sepp beim Arme und entfernte sich mit ihnen.«
»Kommen Sie!« sagte er. »Hier kann unsers Bleibens nicht sein. Wir haben unsere Schuldigkeit gethan.«
»Und was machen nun wir Beide?« fragte der Sepp, als sie vor dem Silberhofe standen.
»Für heut lassen wir Alles, wie es ist,« antwortete der Lehrer.
»Warum? Wir müssen ja hineinschaun in – na, Sie wissens ja!«
Er sprach nicht aus, weil der Müller anwesend war.
»Das läuft uns nicht davon.«
»Aberst dera Silberbauern –!«
»Auch der ist uns sicher! Ich habe einen außerordentlich nothwendigen Weg zu machen. Kommen Sie morgen Früh zu mir; da werden wir besprechen, was zu thun ist. Jetzt aber hab ich keine Zeit, ich darf keinen Augenblick verlieren.«
Ohne ein weiteres Wort abzuwarten, eilte er davon, das Dorf hinab und auf der Straße weiter, nach der Stadt zu. Als er so allein durch die Nacht schritt und die Aufregung hinter sich hatte, konnte er sich mit sich selbst beschäftigen. Es kam jetzt so plötzlich und so schwer über ihn, daß er einen großen, großen Fehler begangen habe, einen Fehler, den er schleunigst wieder gut machen müsse.
»Sie ist brav! Sie liebt mich! Sie hat mit ihrem Vater, mit der Heimath, mit Allem gebrochen, weil sie auf mich gehört hat! Ich muß ihr nach! Ich muß mit ihr sprechen! Ich muß ihr sagen, daß – daß – daß – ja, daß ich sie liebe, liebe, liebe! Und wie! So innig, so heiß, so unendlich! Herrgott, gieb nur, daß ich sie noch ereile!«
Es war ihm himmelangst, daß er sie wohl bereits nicht mehr in der Stadt finden werde. – –
Der Müller hatte zum Finkenheiner gesagt, er solle in der Mühle zurückbleiben. Das wollte der Heiner auch. Während der Herr Ludewig mit der Barbara und Liesbeth im Innern der Mühle verschwand, blieb der Alte im Freien stehen. Es war ihm zu Muthe, als ob heut das jüngste Gericht sei und Gott seinem Feinde das verdammende Urtheil verkündigt habe. Er dachte an jenen Tag zurück, an welchem er selbst da unten unter dem Rade verunglückt war. Das war schrecklich. Noch schrecklicher aber war jene Nacht gewesen, in welcher er den Silberbauer bei seiner Frau getroffen hatte und dann – – ah, jene fürchterliche Scene drüben auf der Waldblöße! Es hatte ihn seit jener Zeit täglich nach der Blöße gezogen, und es zog ihn auch jetzt hinüber, jetzt, wo der Nebenbuhler, der Mörder seines Glückes einen Theil der verdienten Strafe gefunden hatte. Er dachte nicht an Liesbeth, welche auf ihn wartete. Gottes Gerichtstag war heut. Hier an der Mühle war ein Urtheil gefällt worden. Drüben auf der Blöße war ein zweites zu fällen. Nicht aus Ueberzeugung, nicht aus Vorsatz, sondern rein aus Instinct schritt er langsam durch die Nacht dem Walde entgegen, den Pfad hinein und nach der Blöße zu. Er hatte keineswegs den Gedanken, Jemand dort zu finden. Er handelte ganz unwillkürlich, ganz unter dem Einflusse eines innern Antriebes, über welchen er sich selbst keine Rechenschaft ablegte, ja, von dem er vielleicht nicht einmal nur eine Ahnung hatte.
Es war kein Mondschein. Nur die Sterne flimmerten am Himmel; doch ihr Licht reichte nicht hin, die von Bäumen freie Waldstelle zu erleuchten. Man konnte nur wenige Ellen vor sich hin sehen. Er kannte jeden Schrittbreit der Blöße, und sein Fuß traf trotz der Dunkelheit an keinen Baumsturz oder Stein. Er ging langsam und in Gedanken nach der Stelle, an welcher er seit Jahren täglich zu sitzen pflegte. Er erreichte sie. Da erhob sich eine dunkle Gestalt vor ihm vom Boden. Er hatte kein ängstliches Herz; aber er erschrak doch, als so unerwartet ein fremdes, menschliches Wesen wie aus der Erde emporstieg.
»Halt! Wer ist da?« fragte er.
Er erhielt keine Antwort, denn die Person schien über sein Erscheinen noch weit mehr erschrocken zu sein als er über das ihrige.
»Nun, kannst nicht reden?« fragte er wieder.
»Ich bins,« wurde geantwortet.
»Ich? Wer?«
Er trat näher und sah nun, daß die Person weibliche Kleider anhatte.
»Ach so! Eine Frau bist! Was hast da in der Dunkelnheit hier im Wald zu thun?«
»Ich geh spazieren.«
»Spazieren? Sappernloten! Das ist mir auch noch nicht passirt, daß ich eine Frau troffen hab, die bei Nacht im finstern Wald eine Promenaden macht. Hör, das glaub ich Dir freilich nicht. Da steckt was ganz Anderes dahintern. Jetzt sagst gleich aufrichtig, wast hier willst.«
»Nix.«
»So, nix willst! Und da bist hier! Hm, wer bist denn da eigentlich?«
»Ich bin eine Fremde.«
»Und da gehst hier im unbekannten Forst spazieren? Hör, das machst mir nimmer weiß! Da hast irgend welche Absichten. Es giebt Forstspitzbuben und auch Grenzschmugglern, die verbotene Sachen hinüber und herüber tragen. Die Grenz von Oesterreichen ist ja ganz hier in dera Nähe. Gehörst etwan zu ihnen?«
»Nein. So Etwas zu treiben, fallt mir gar nicht ein.«
»Nun, so kann ichs erst recht nicht begreifen, wast hier willst. Ich werd mir also Dein Gesichten mal anschaun.«
Er trat auf sie zu. Sie wich zurück und sagte:
»Nein, nein! Ich laß mich nicht anschaun!«
»Nicht? Das ist noch verdächtigern!«
»Bist denn Einer von dera Polizeien oder von denen Grenzern, daßt in dieser Weisen gegen mich aufitrittst?«
»Das braucht man nicht zu sein. Es hat Jedermann das Recht und auch die Pflicht, darauf zu sehen, daß nix Verbotenes passirt. Und daßt nicht sagen willst, wer Du bist, das ist verdächtig.«
»So will ich es sagen. Ich gehör zur Gesellschaft des Signor Bandolini.«
»Den kenne ich nicht.«
»Wir sind erst in dera Dämmerung hier angekommen. Der Signor ist ein Künstler und Seiltänzer und will hier Vorstellung geben.«
»Ach so! Und da gehst gleich in denen Wald spazieren? Wo seid Ihr denn her?«
»Von weit aus dem Süden.«
»Und da redest unsere Sprachen so hübsch? Nein, ich werd Dich doch mal anschauen. Ich bin der Heinrich Weise, den sie hier nur den Finkenheiner nennen.«
Es war, wie gesagt, hier zwischen den hohen Waldbäumen noch dunkler als draußen im Freien. Darum hatte sie sein Gesicht nicht sehen und auch nicht erkennen können, daß er nur einen Arm besaß. Jedenfalls hatte sich im Laufe der Jahre seine Stimme so verändert, daß er an derselben selbst von einer Person, welche ihm früher nahe gestanden hatte, nicht erkannt werden konnte. Sie wich wie erschrocken noch weiter von ihm zurück und sagte:
»Herrgott, dera Finkenheiner!«
»Kennst etwan meinen Namen?«
Sie zögerte mit der Antwort. Sie schien in Ungewißheit zu sein, ob sie Ja oder Nein sagen solle.
»Nun, warum antwortest nicht?«
»Weil – weil – ja, ich hab Deinen Namen bereits schon mal gehört.«
»Hier? Warst schon hier?«
»Nein, zum letzten Male hab ich ihn an einem Ort vernommen, welcher sehr weit von hier liegt.«
»Wo?«
»Da unten in dera Walachei.«
»In – dera – Walacheien!« stieß er langsam hervor. »Bist dort gewest?«
»Ja, lange Zeit.«
»So kannst meinen Namen dort nur von dem Silberbauern hört haben – oder nein, denn der ist ja bereits schon eine lange Zeiten hier. Sag also, wer dort von mir sprochen hat!«
»Das ist – – eine Frauen gewest.«
»Eine Frauen? Herrgott! Was werd ich jetzund derfahren müssen. Sag an, ists vielleicht gar – – meine Frauen gewest?«
Sie antwortete nicht sogleich.
»Ja,« erklang es erst nach einer Weile und in sehr gepreßtem Tone.
Es wurde still. Sie fügte nichts hinzu, und auch er beobachtete ein momentanes Schweigen. Sie sah trotz der Dunkelheit, daß er sich mit seiner einen Hand über das Gesicht fuhr.
»Von ihr, von ihr!« erklang es dann leise. »Mein liebern Gott! So hat sie von mir sprochen?«
»Ja.«
»Und sie ist noch nicht todt? Sie lebt wohl noch?«
»Ja, sie lebt noch.«
Er setzte sich langsam auf einen Baumstumpf nieder, welcher neben ihm aus dem Boden hervorsah, und in müdem Tone meinte er:
»Wie mich das angreift! Ich hab halt gar nicht denkt, daß ich so schwach sein kann!«
Sie schwieg, und erst nach einer minutenlangen Pause gestand er aufrichtig:
»Ich hab halt gar nicht wiedern an sie denken wollen, aber seit sie fort ist, verging keine Minut, an welcher ich nicht an sie hab denken müssen. Und ich hab auch nicht von ihr reden wollt, und nun, da ich Eine treff, die sie kennt, so red ich dennerst von ihr! Was ist das Herz doch für ein armselig Dingerl!«
Da klang leise und verzagt aus ihrem Munde die Frage:
»So hast sie also nicht vergessen?«
»Vergessen? O Gott, wann ich sie hätt vergessen konnt, so wärs wohl bessern, viel bessern für mich gewest!«
»Und – und – – hast sie wohl – – lieb gehabt?«
»Lieb, so lieb wie mein Leben!«
»Du Armer!«
Auch sie setzte sich nieder, auf einen andern Baumstumpf, welcher in der Nähe stand.
»Ja,« sagte er, »ich bin arm, aberst nicht mehr so wie früher, wie dazumal. Hat sie Dir vielleicht erzählt, was zwischen uns geschehen ist?«
»Ja.«
»Aberst wohl nicht Alles?«
»Alles!«
»So mußt halt eine sehr gute Freundinnen von ihr sein.«
»Wir haben, so lang wir uns kennen, kein Geheimnissen vor nander habt.«
»So kannst mir auch sagen, wo sie jetzund ist?«
»Ja. Sie ist noch dort unten in derselbigen Gegend.«
»Sie sehnt sich wohl nimmer heim?«
»O, sehr; aberst sie darf doch nicht heimkommen!«
»Ja, sie darf nicht. Sie selberst hat sich die Thür verschlossen, welche nach dera Heimath zuruckführt. Die Schand ist dera Riegeln, den sie nimmer wiedern wegschieben kann.«
»Und Dir dürft sie ja auch niemalen wieder unter die Augen treten?«
»Mir? Ach, mir!«
Er sagte das in einem Tone, welcher weder als Ja noch als Nein gelten konnte.
»Denn Du mußt sie ja hassen!« fuhr sie fort.
»Hassen? O nein! Wie könnt man Eine hassen, die man so lieb habt hat!«
»Aberst verachten!«
»Auch nicht. Weißt, die Verachtung ist eine sehr, sehr große Sünden, welche ein Mensch an dem andern begehen kann. Verachten soll Keiner den Andern; das ist gegen die Lieb, die uns der Herrgott zur Pflicht macht hat. Hassen kann ich Einen, aberst verachten niemals. Selbst dera schlechtest Kerl, selbst dera schlimmst Verbrechern ist ein Geschöpf Gottes und hat noch ein Stückle Boden und Erdreich im Herzen, auf dem was Guts noch wachsen kann, wann das richtge Körnle drauf gesäet wird. Nein, hassen odera verachten kann ich die Anna nimmer. Aber Mitleid kann ich mit ihr haben, großes, großes Mitleid und Derbarmen!«
Sie ließ den Kopf sinken und sagte nichts.
»Schau,« fuhr er fort, »sie ist jung gewest und unerfahren. Sie hat eine schnelle und hitzigen Naturen habt. Ich war ein stiller und bedachtsamer Kerlen, und da hab ich halt nimmer gut zu ihr paßt. Das hab ich freilich erst spätern einisehen. Da ist dera Silberbauern kommen; der ist ein ganz anderer Kerlen gewest, und da ist sie von ihm verführt worden.«
»Sie hätt sich nicht sollen verführen lassen!«
»Ja, aberst ich bin auch mit schuld daran.«
»Wieso?«
»Schau, wann man einen Schatz hat odern ein kostbar Kleinoden, so wacht man darüber und laßt nicht einen Jeden dazu kommen. So ists auch, wann man eine schöne Frauen hat, die so jung ist, daß sie noch keinen festen Charactern haben kann. Ueber die muß eben dera Mann wachen, daß nicht hinter seinem Rucken ein Dieb kommt, der sie ihm hinwegschnappt. So eine Frauen will wohl gar nix Böses thun; aberst der Verführer ist schlau und hat sie halt gefangen, noch bevor sie überhaupt merkt hat, daß er sie fangen will. Das hätt ich wissen und mich darnach verhalten sollen. Ich hätt den Silberdauern gar nimmer an sie heranlassen sollen. Ich aberst hab nicht aufpaßt, bin zu sehr voller Vertrauen gewest, und darum bin ich auch mit schuld an Dem, was mir damals geschehen ist.«
»Nein, nein, sie allein war schuld! Das weiß sie ganz genau.«
»Hat sie es denn sagt?«
»Ja.«
»So hat sie bereut, was sie than hat?«
»O, bitter, bitter bereut.«
»Das gefreut mich um ihretwillen. Ich trag ihr keine Rache nach und wills ihr gönnen, wanns ihr so gut wie möglich geht.«
»Ja, Du bist gut, so gut! Das hat sie auch immer sagt. Dera Silberbauern aberst ist ein Schurk gewest durch und durch. Er hat sie nur belogen und betrogen.«
»Das hab ich mir freilich denken könnt. Sie wird als seine Frauen kein großes Glück derlebt haben.«
»Glück? Wo denkst hin! Und seine Frauen ist sie ja gar niemals gewest!«
»Nicht?« fragte er erstaunt.
»Nein.«
»So hat er sie freilich ganz schlimm betrogen! Ich hab damals – – hat sie Dir nicht sagt, was an jenem Abend hier, grad an dieser Stellen geschehen ist?«
»Ja, das hat sie mir sagt.« Und leiser, leiser wiederholte sie: »Jawohl, sie hats sagt.«
»Das war schrecklich, ganz schrecklich! Ich hab nicht ahnt, daß dera Claus zu meiner Frauen ging; aberst im Dorf habens Alle wußt und auch in dera ganzen Umgegend. Einer hat mich mal aufmerksam macht, und da bin ich in ihre Stuben gangen. Sie hat ihn bei sich habt. Er hat mir einen Schlag auf den Kopf geben, daß ich sogleich zusammenbrochen bin, und ist dann zur Thüren hinaus, sie mit ihm. Ich hab mich doch aufrafft und bin hinter ihnen her bis auf die Waldblößen hier. Da hab ich sie derwischt; er aberst ist weiter laufen. Mir ists so schlimm im Kopf gewest von dem Schmerz, daß meine Frauen mir untreu ist, und von dem Schlag, den er mir geben hat. Ich hab nur wankt und zittert und kaum reden konnt. Sie hat kein Derbarmen habt und zornig auf mich einisprochen. Sie hat verlangt, daß ich sie aufgeben sollt, weil sie den Claus hat heirathen wollen. Es ist ein Auftritt gewest, daß mir das Blut im Herzen stillstanden ist. Ich hab ihr auch versprochen, sie frei zu geben, und bin mit ihr nach Haus. Da hab ich ihr die Unterschrift geben und hab mich nachhero ins Bett legt. Als ich wiedern zu mir kommen bin, hab ich hört, daß ich sehr lange krank war, und im Kopf ists noch immer nicht richtig gewest. Die Frauen war fort, und die Kindern hat die Muttern vom jetzigen Müllern zu sich nommen gehabt. Spätern bin ich aufs Amt verlangt worden, denn sie hat die Unterschriften einschickt, und die hab ich vor Gericht anerkennen mußt. Ich habs than und ihr alles Glück gewünscht. Nun aberst hör ich, daß er sie doch nicht heirathet hat. Was hast denn?«
Während er erzählte, hatte sie das Gesicht in die Hände genommen. Es klang, als ob sie leise weine. Sie antwortete nicht auf seine Frage.
»Was thust denn?« wiederholte er. »Ich glaub gar. Du fangst an zu weinen.«
»Ja, da muß man weinen,« antwortete sie. »Oder ists etwan nicht traurig?«
»Freilich ists traurig, und wannt ihre Freundinnen bist, so mags wohl auch Dich angreifen.«
»Ich wein nicht über sie sondern über Dich, weil Du das Schwerste hast ausstehen müssen, und noch dazu ganz unschuldig. Was sie derlebt hat, das hat sie verdient. Sie hat kein Herz habt, für Dich nicht und auch für die Kindern nicht. Als nachhero der Bericht kommen ist vom Gericht, daß sie geschieden war von Dir und hat wiedern heirathen konnt, so hat dera Claus zu ihr sagt, daß er sie nicht heirathen kann, weil er katholisch war und sie evangelisch.«
»Dera Lump!«
»Aberst spätern hat sie den eigentlichen Grund derfahren. Er ist nämlich gar nicht ledig gewest.«
»Wie? Er war verheirathet?«
»Ja. Er ist doch, bevor er Deine Frauen kennen lernt hat, bereits mal da unten an dera Donauen gewest. Dort hat er seine Frauen zurückgelassen mit zweien Kindern. Mit der Deinigen ist er nur bis ins Ungarn hinein; dann hat er sie sitzen lassen. Sie ist ihm nach, ohne Geld und ohne Alles, als Bettlerin. Sie hat ihn lange, lange vergeblich sucht, und nachhero, als sie ihn fand, war er verheirathet.«
»Du guter Himmel! Was mag die Anna da denkt und fühlt haben! Das muß eine Strafen gewest sein!«
»Eine harte, eine sehr harte. Sie hat fast den Verstand verlieren wollen. Er hat ja auch ihr Geld habt, um daß sie Dich vorher betrogen hat.«
»Ja, ich hab aus dem Haus mußt, und weil ich so krank war im Kopf, hab ich keine Arbeit funden, und es ist mir und denen Kindern gar traurig ergangen. Aberst was hat die Anna nachhero anfangen?«
»Sie hat sich einen Dienst sucht.«
»Und auch einen funden?«
»Ja, bei einer Bojarenfrauen auf einem Schloß, welches nicht weit von dera Stadt Slatina standen hat.«
»Was ist das, ein Bojar?«
»Ein Edelmann.«
»O Jegerl! So hat sies wohl gut gehabt?«
»Nur kurze Zeit, denn das Schloß ist wegbrannt, und nachhero starb die Frauen. Nicht weit vom Schloß sind zwei Mühlen gewest. In der einen hat dera Claus wohnt mit seiner Familien. O, was ich da verzählen kann!«
»Von der Anna?«
»Nein, vom Claus. Er hat da Sachen macht, die ihn aufs Zuchthaus bringen müssen.«
»Wie? Wirklich? Weißt Du was?«
»Ich weiß Alles, und die Anna weiß es auch.«
»Und darf ichs vielleichten derfahren?«
Sie wartete eine Weile, ehe sie antwortete:
»Du? Warum willst Dus wissen?«
»Weil er seine Strafen erhalten – – – Sapperloten, daran hab ich ja gar nicht denkt! Die Strafen hat ihn ja bereits schon troffen!«
»Heut Abend, ja. Ich bin ganz voll Entsetzen gewest, als ichs sehen hab.«
»Ach, Du warsts, die hinkam, als wir hinter dera Mühlen bei ihm standen?«
»Ja.«
»Wie bist dorthin kommen?«
»Ich – ich – – weißt, meine Heimath hat im Wald gelegen, und darum lieb ich den Wald und bin des Abends gern in ihm. Darum bin ich heut, nachdem wir hier ankommen sind, in den Wald spazieren gangen – – –«
»Eine Frauen, die im Dunkeln in den Wald spazieren geht, die ist eine große Seltenheiten?«
»Ja, aberst ich thu es doch. Ich bin am Wasser her und kam grad dazu, als Ihr den Claus aus dem Rad herauszogen habt. Und – das will ich Dir sagen, daß ich nicht kommen bin, um mit Kunststücken zu machen, denn ich kann keins, sondern ich cassier vor das Geldl ein, sondern ich hab den Signor Bandolini so weit bracht, das er hierher gangen ist, denn ich hab den Claus aufsuchen wollt.«
»Warum?«
»Um ihm seine Straf geben zu lassen.«
»Das wird jetzund nicht mehr nöthig sein. Ich habs aushalten, als mir der Arm zermalmt worden ist; ein Zweiter halts nicht so gut aus. Und ihm ist er nicht zermalmt sondern sogar gleich aus dem Leib rissen worden. Das ist noch schlimmern.«
»Vielleicht ist das nicht so schlimm. Ich hab von einem Beispiel derfahren, daß in einer Fabriken die Maschin Einem den Arm ausrissen hat. Da hats auch kein Blut geben, und er ist bald wiedern gesund worden.«
»Das ist wohl möglich. Aberst wanns bei ihm auch so war, so hat er sich wohl auch noch innerlich Schaden than; er hat mir ganz so ausgeschaut. Und dann ists aus mit ihm. Da kann er nicht davonkommen.«
»Meinst? Nun, das kann nix ändern an dem, was ich thun will und was ich thun muß. Ich muß entdecken, was damals in Slatina geschehen ist, damit noch ein Andrer auch seine Straf erhält.«
»Wer?«
»Der zweite Müllern, der mit dort wohnt hat. Der ist auch mit dem Claus ins Deutschland zogen. Ich hab ihn nur nicht finden konnt, und dera Claus will ihn nicht verrathen.«
»Das weißt schon jetzt?«
»Ja, denn dera Signor ist beim Claus gewest, und der hat sagt, daß er den Kellermüllern gar nicht kennt.«
»Kellermüllern? Heißt er etwan Keller oder Kellermann?«
»Ja.«
»Wanns das ist, so kann ich Dir wohl sagen, wo er zu finden ist. Der ist jetzt Thalmüllern in Scheibenbad, was gar nicht weit von hier gelegen ist.«
»Wirklich? Wann ers wär, sollt michs gefreun. Aberst vielleicht ists ein Anderer.«
»Das glaub ich nicht. Ich weiß genau, daß der Thalmüllern so da unten gewest ist, wo die Türkeien liegt, und dera Silberbauern ist sein guter Freund!«
»So ist ers, so ist ers! Gott sei Dank, daß ich das derfahr! Nun kann ich vielleicht auch heraus bekommen, wo dera kleine Curty hinkommen ist.«
»Wer ist das?«
»Das ist das Söhnchen von dera Bojarenfrauen, welches plötzlich verschwunden ist. Ich hab immer denkt, daß er geraubt worden ist.«
»Geraubt? Ein Kind? Wer kann das thun?«
»Die beiden Müllern: Ich weiß noch viel mehr, als ich jetzunder sagen kann. Wehe dem Silberbauern, wann er an dem heutigen Unglücken nicht sterben sollt!«
»Er hat Alles verdient, was ihm Böses geschehen kann. Aberst er ist schlau, und es wird gar schwer halten, ihm was zu beweisen. Wannst keine Zeugen hast, so – – – ah, da fallt mir ein, Du hast doch sagt, daß meine Frauen auch Alles weiß?«
»Ja. Von der hab ichs doch erst derfahren.«
»So müßt sie es sein, die ihn anzeigen thät.«
»Meinst?«
»Ja.«
»Das kann sie nicht.«
»Warum nicht?«
»Wann sie gegen ihn aufitreten wollt, mußt sie doch wohl hierher kommen. Nicht?«
»Freilich.«
»Das kann sie nimmer wagen.«
»Wegen meiner etwan?«
»Wegen Deiner ganz allein.«
»O, vielleicht mag sie sich von denen andern Leutln nicht gern anschauen lassen.«
»Da irrst Dich. Was die Andern sagen, das ist ihr ganz gleichgiltig. Sie hat so viel gelitten und so viel gebüßt, daß sie sich gar nimmer vor dera Verachtung fürchtet, die sie vor den Leutln finden thät. Nur vor Dir hat sie Angst.«
»Vor mir! Ich hab ihr damals nicht den einzigen Vorwurf macht. Ich hab ihr kein böses Wort sagt; ich bin nicht grimmig gewest sondern nur traurig und elend tief im Herzen drinnen.«
»Aberst jetzunder? Wie würds da wohl sein?«
»Wann sie käm?«
»Da thät sie mich wohl nicht aufsuchen. Und wanns mich zufallig treffen thät, so wär ich ganz still. Ich sagt ihr auch jetzt kein böses Wort.«
»Wirk – – lich?« fragte sie.
»Ja. Was geschehen ist, das ist vorüber«, und das kann nun nimmer anderst werden. Es würd mir wohl einen Stich durch das Herz geben, wann ich sie schauen müßt, aberst daß ich ihr Feind bin, das soll sie nicht denken.«
»Ja, Du bist – – gut, gut, gut!«
Sie griff herüber und suchte nach seiner Hand. Als sie dieselbe fand, zog sie sie zu sich hin und – – drückte schnell ihren Mund darauf. Er entriß sie ihr augenblicklich.
»Was thust? Was fallt Dir ein!« rief er. »Dera Finknheiner ist nicht ein vornehmer Herr, dem man die Patscherln küssen muß.«
»Vornehm bist freilich nicht aberst gut und rein edel wie nur irgend Einer!«
»Oho! Da kennst mich schlecht?«
»Nein, ich kenn Dich gut?«
»Woher?«
»Von der Anna, die immer viel, sehr viel von Dir sprochen hat. O, wannts nur wissen könntst, wie sie es bereut hat, was damals schehen ist!«
»Ich wills Dir glauben!«
»Und wie sie sich seit Jahren sehnt hat nach dera Heimath, nur um Dich mal zu erblicken.«
»Ists wahr?«
»Ja. Sie hat oft herbei wollt, um sich zu verstecken, so daß kein Mensch sie sehen kann. Und da hats ausschauen wollen, bis sie Dich heimlich sehen konnt.«
Ihre Stimme klang ganz so, als ob sie sich sehr große Mühe gebe, eine tiefe Bewegung zu verbergen. Er war still. Was er hörte, ging ihm zu Herzen.
»Und weißt.« fuhr sie fort, »wornach sie dann auch noch die allergrößt Sehnsuchten hat?«
»Nach dera Mühlen, wo sie wohnt hat?«
»Auch wohl. Aberst das ists nicht, was ich mein. Die Kindern, die Kindern sinds, nach denen ihr Herz aufischreit hat jahrelang.«
»So!« sagte er gerührt. »Hat sie nach denen Kindern eine Sehnsuchten habt?«
»O, wie große, große Sehnsuchten.«
»Das kann mich gefreun. Das macht Vieles, Vieles wiedern gut. Ich hab nicht glauben konnt, daß bei ihr das Mutternherz doch endlich mal die Stimm erheben werd.«
»O, diese Stimme hat lange geschwiegen, aber spätern ist sie desto lauter worden. Die Anna hat vergehn wollen vor Sehnung nach dem Buben und dem Dirndl. Und je längern desto größern ist die Sehnsucht worden.«
Sie sagte das langsam und mit mehreren Pausen. Er hörte es, daß nicht ihr Mund allein sondern auch ihr Herz es sprach. Die Thränen traten ihm mit Gewalt in die Augen. Er weinte.
»Schau,« sagte er, »bei dem Allen hat michs am Meisten dergriffen, daß sie hat von denen Kindern fort können gehen. Wie, wie hat das mir wehe than!«
»Sie hat ja nicht bleiben konnt!«
»Ja. Sie war eine Ehebrecherin; sie hat fort mußt und die Kindern ja nicht mitnehmen konnt. Doch auch das mag ihr vergeben sein. Du aberst bist eine Gute. Du hast ein weiches Herz. Du, wannt ihre Freundinnen bist, so kann sie doch nicht so schlimm sein, wie ich immer hab denken müssen.«
Auch sie schluchzte.
»Ich, eine Gute? O nein, o nein!«
»Ja, Du bist gut. Das hör ich ja.«
»Nein, nein! Wannts wüßtest, was ich Alles than hab, so würdst wohl ganz anderst reden.«
»Du magst than haben, wast willst, ein gutes Herz hast doch. Wann die Anna so eins habt hätt, so wär das Alles nimmer passirt. Jetzt aberst, da sie sich nach denen Kindern sehnt, wirds wohl besser worden sein in ihrem Gemüth.«
»Viel, viel anderst; das kannst glauben. Sie hat mir gute Worten geben. Ich soll nachschaun, obs möglich sei, daß sie mal herkommen darf, weist ganz still und heimlich, ohne daß Jemand was merkt.«
»Will sie das? Herkommen wills? Sie mag in Gottes Namen kommen.«
»Und wanns Dich trifft, was wirst thun?«
»Ich werd ihr sagen, daß ich ihr vergeben hab.«
»Mein Gott, mein Gott! Was Du für ein so Guter bist! Und nachhero will sie sich von Weitem stellen, so ganz von Weitem und auch die Kindern mal schaun. Sie will nicht mit ihnen reden, denn das ist sie ja nimmer werth, und das will sie sich auch nicht von Dir derbitten; aberst mal anschaun möcht sie sie und nachhero wieder fortgehn. Dann hat sie doch das Bild von ihnen im Herzen und wirds festhalten bis an ihre letzte Stund.«
Er schluchzte laut.
»Wirst ihr das derlauben?« fragte sie mit brechender Stimme. »Wirsts thun?«
»O Gott, o Gott! Ist das nicht zum Herzbrechen! O Anna, Anna, warum hast mir Das than und Dir aber auch! Wir hätten so glücklich sein konnt, so glücklich! Mir möcht jetzt die Seel ausnander gehn vor Jammer und Herzeleiden! Freilich, freilich werd ichs ihr derlauben, die Kindern zu sehen. Sie ist ja die Muttern und hat das Recht dazu!«
»Dies Recht hat sie sich verscherzt!«
»Nein. Das Recht der Muttern kann niemals verscherzt werden. Sie soll nur kommen. Sie mag die Kindern sehen und mag auch mit ihnen reden.«
»Welch ein Glück, welch ein Glück!« erklang es fast jubelnd aus dem Schluchzen heraus. »Aber reden auch? Nein, reden darf sie nicht mit ihnen!«
»Warum?«
»Das kann sie nicht. Wannts auch in Deiner großen Güten derlauben thätst, so ists doch unmöglich.«
»Da seh ich keine Unmöglichkeiten!«
»Und doch! Was sollt sie zu ihnen sagen?«
»Daß sie die Muttern ist.«
»Das darf sie nicht sagen; das kann sie nicht sagen. Sie müßt ja vor Scham vergehen!«
»Nein, sie braucht sich vor denen Kindern nicht zu schämen, gar nicht.«
»Meinst, daß die Kindern freundlich wären, daß sie ihr keine Vorwürfen machen thäten?«
»Keinen einzigen.«
»So haben auch sie ihr vergeben?«
»Vergeben? O, die wissen ja gar nicht, daß sie dera Muttern was zu vergeben haben.«
Sie hob den Kopf mit einem schnellen Ruck empor.
»Nicht? Sie Wissens nicht?«
»Nein, kein Wort. Ich hab allein, ganz allein unglücklich sein wollen. Wann ich auch die Kindern hätt unglücklich machen wollt, so war ich ja doppelt elend gewest. Sie haben nie derfahren, daß ihre Muttern noch lebt, daß ihre Muttern fortgangen ist und sie verlassen hat. Sie haben immer dacht, daß die Muttern storben ist, daß sie im Himmeln ist. Ich hab denen Kindern nicht das Glück nehmen wollt, gern an ihre Muttern zu denken und des Abends, wanns schlafen gehen, und des Morgens, wanns aufistehen, für sie zu beten.«
Da stand sie auf. Sie faltete die Hände und stieß, vor Bewegung am ganzen Körper bebend, hervor:
»Wie? Das, das hättest than?«
»Ja. Ich hab die Anna lieb habt, und die Kindern sollen sie auch lieb haben.«
»Was – bist – doch – für ein Mann!« schrie sie förmlich laut auf. »Was sie an Dir verbrochen hat, kann ihr nimmer, nimmer vergeben werden!«
»Ich habs ihr verziehen, und dera liebe Herrgott wird nicht weniger barmherzig sein als ich.«
»Aber habens die Kindern nicht wohl von fremden Leuten derfahren?«
»Nein. So lange ich krank legen hab, sinds bei dera Müllerin gewest und mit Niemand zusammenkommen. Und sobald ich hab laufen konnt, bin ich von Haus zu Haus gangen und hab die Leutln beten, denen armen Kindern nix von dera Muttern zu verzählen. Diese Bitten ist mir derfüllt worden, denn wanns Einer verrathen hätt, so hätten die Kindern mirs ja sagt und mich fragt. Nein, nein, die Anna braucht sich vor ihnen nicht zu schämen.«
»O, wanns das wüßt, so thäts vor Glück vergehen. Und sag nun auch noch, was die Kindern machen!«
»Die sind heran wachsen, ehe mans dacht hat. Die Zeiten vergeht ja schnell. Vorhin, alst beim Silberbauern standen bist, hast da das Dirndl sehen, was die Laternen in dera Hand habt hat?«
»Ja.«
»Wie hats Dir gefallen?«
»Das ist ein gar prächtigs Dirndl gewest. Hats in die Mühlen gehört?«
»Bereits ja, denn sie ist dem Müllern seine Braut. Das ist nämlich die Liesbetherl.«
Da stieß die Frau einen lauten Freudenruf aus.
»Die Liesbetherl, die Liesbetherl ists gewest! O Gott, o Gott! Wie schön sie war? Der Herrgott mag sie glücklicher machen als ihre Muttern!«
»Die ist bereits glücklich. Weißt, das Liesbetherl ist eine gar Saubere und Richtige und auch Brave! Von der könnt ich Dir verzählen wochenlang. Die ist mein Glück und meine größte Freuden.«
»Die? Dera Buben also nicht.«
»O, der auch. Dem hab ich noch nie ein böses Wörtle sagen dürfen. Aberst er ist halt nicht gesund.«
»Mein Gott! Was fehlt ihm denn?«
»Ja, wann ich das wissen thät! Weißt, als meine Frauen damals fort ist, da war die Liesbeth so klein, daß sie gar nix wußt hat. Dera Hans aberst hat schon den Verstand habt. Ich war krank, so daß er nicht zu mir durft, und so hat er ohne End und Aufhören nach dem Vatern und nach dera Muttern schreit. Er hat sich da so abjammert und abhärmt, daß er ganz elend worden und bis heut auch schwach blieben ist. Eine Arbeiten kann er nicht machen. Seine größte Freuden ist, wann er am Tisch sitzen und Bilder machen darf aufs Papieren. Ich hab den Doctoren fragt. Der schüttelt den Kopfen, sagt einen fremden Namen für die Krankheit und meint, daß dera Hans gesund werden kann, wann er in ein Land kommen könnt, wo ein wärmers Klima ist.«
»Mein Himmel! Und das kann er nicht!«
»Nein, denn ich bin arm.«
»Das glaub ich wohl. Und einen Arm hast auch nur; da wirst nimmer viel verdienen.«
»Ich mach Holzlöfferln. Wann ich da am Tag zwanzig Pfennigen hab, so ists gar viel.«
»Und davon mußt leben?«
»Davon und von dem, was das Liesbetherl verdient. Die macht mit dera Nadeln gar saubere Sachen und arbeitet Tag und Nacht. Verkommen thun wir da freilich schon, aberst gar bescheiden. Eine Suppen aus Kartoffelschalen, die kommt sehr oft auf den Tisch bei uns.«
»Eine – Suppen – aus – Kartoffelschalen!« wiederholte sie. »Die Kindern müssen eine Suppen aus Kartoffelschalen essen! Und das viele Geldl, was ihnen gehören thät, das hab ich mitnommen, das hab ich ihnen stohlen, ihnen und Dir, das hab ich dem Silberbauern an den Hals worfen! O, ich Rabenmuttern, ich Rabenmuttern!«
Der Gedanke, daß ihre Kinder Hunger leiden müßten, war ihr so schrecklich, daß sie es vergaß, sich auch noch weiter zu verleugnen. Der Finkenheiner fuhr von seinem Baumstumpfe empor.
»Was!« schrie er auf. »Von wem redest da? Wer, wer iß eine Rabenmuttern?«
»Ich.«
»Du? Du? Warum?«
»Da, schau her, wannsts wissen willst!«
Sie trat ganz nahe zu ihm heran, nahm das Tuch vom Kopfe und hielt ihr Gesicht vor das seinige.
»Schau mich an! Kennst dies Gesichten noch?«
Er erkannte ihre Züge trotz der Dunkelheit und trotz der Länge der Zeit, in welcher er seine Frau nicht gesehen hatte. Er taumelte förmlich zurück.
»Anna!«
Das klang fast wie Entsetzen.
»Heiner!« antwortete sie.
Dabei sank sie vor ihm in die Kniee und blieb in dieser Stellung vor ihm liegen.
Er rang mit sich selbst. Er wollte sprechen und brachte doch kein Wort, keinen Laut hervor. Sie hörte es, daß er förmlich nach Luft schnappte.
»Heiner!« flehte sie weinend. »Tritt mich mit den Füßen! Spuck mich an! Schlag mich mit dera Faust! Ich will Dirs gar noch danken, denn ich habs verdient. Aberst sei nur nicht so still! Das macht mir Angst. Was hast? Was schnaufst? Kannst keinen Athem erhalten? Sag ein Wort, sag eins!«
Er ließ einige unarticulirte Laute hören. Sie sah, daß er taumelte. Da sprang sie auf und legte den Arm um ihn, um ihn zu stützen.
»Heiner, setz Dich nieder, sonst fallst mir um!«
»An – na. An – na!« kam es beinahe röchelnd hervor. »Du – Du – Du selberst bists!«
»Ja, ja, ich! Aberst bleib stark, bleib ruhig! Mach Alles mit mir, Alles, nur fall mir nicht um!«
»Mein Gott – – und mein Herr! Die Anna ist da, die Anna!«
Er brach, trotzdem sie ihn hielt, langsam zusammen nieder in's Moos, legte den Arm auf den Baumstumpf und den Kopf auf den Arm und begann, wahrhaft herzzerbrechend zu weinen. Sie kniete neben ihm nieder und betete inbrünstig:
»Mein Vatern im Himmeln, gieb ihm, daß ers ertragen mag! Laß mich sterben, gleich hier auf der Stell, aberst gieb, daß es ihm nix schaden mag!«
Dann lehnte sie die gesenkte Stirn neben Heiners Kopf auf den Baumstumpf und weinte mit.
Beide waren so von ihrem Schmerz gefangen, daß sie für nichts Anderes Augen und Ohren hatten. Sie hörten nicht ein leises, leises Räuspern, das ganz in der Nähe erklang. Es war ganz so, wie wenn Einer eine tiefe, tiefe Rührung kaum überwinden kann und dabei unvorsichtig laut einmal kräftig durch die Nase athmet.
So knieten die Beiden eine ganze Weile neben einander. Endlich erhob die Frau den Kopf.
»Heiner,« bat sie, »kannst noch nicht sprechen? Sag mir ein Wort! Nur ein ganz kleines!«
Da erhob auch er den Kopf.
»Sei still!« antwortete er. »Ich hab glaubt, daß dera Schlag mich trifft, aber der liebe Herrgott hat mich dafür behütet. Jetzt wart einen Augenblick!«
Grad hier an diesem Baumstumpf pflegte er zu sitzen. Er war ein sparsamer Arbeiter. Selbst den kleinsten Holzabfall pflegte er aufzuheben und mit nach Hause zu nehmen, wenn er ein Bündel zusammen hatte. Dabei pflegte er das harzige Holz von dem andern zu scheiden. Für das Erstere erhielt er einige Pfennige, wenn er es verkaufte. Er wußte, daß er solches Holz hier liegen hatte. Er griff hin und nahm ein Stück davon, dann holte er ein Streichholz aus der Tasche. Es flammte auf und er brannte das harzige Stück an. Er leuchtete mit demselben der Frau in das Gesicht. Sie ließ es sich gefallen. Sie bewegte sich nicht und hielt den Blick angstvoll auf sein Gesicht gerichtet, welches sie beim Scheine der kleinen Flamme auch erkennen konnte. Nun blies er das Licht aus, warf den Spahn weg und sagte:
»Ja, Du bists, Du bists! Jetzt seh ichs deutlich. An dera Stimm hätt ich Dich nicht derkannt. Bleich bist, bleich wie dera Tod. Hast wohl rechte Aengsten vor mir?«
»Ja, große Angst.«
»Das brauchst nicht, Anna. Ich hab Dir doch vorhin sagt, daßt Dich nicht zu fürchten brauchst!«
»Da hast denkt, die Anna ist weit fort, und ich bin eine Fremde. Nun aberst bin ich selbern da!«
»Das machts nicht änderst.«
»So willst wirklich nicht auf mich zanken?«
»Nein. Komm, steh auf, Anna!«
Er ergriff sie mit seiner einen Hand.
»Nein!« sagte sie. »Ich werd hier vor Dir knieen, bist mir sagst, daßt mir vergeben hast!«
»Das hab ich ja bereits sagt. Ich hab keinen Groll mehr gegen Dich im Herzen. Steh also auf aus den Knieen und setz Dich neben mich her!«
Ehe er es verhindern konnte, hatte sie abermals seine Hand ergriffen. Sie hielt sie so fest, daß er sie ihr nicht entziehen konnte und bedeckte sie mit Küssen.
»Heiner, Heiner!« schluchzte sie. »Ich bin nimmer werth, daß die lieben Sterne vom Himmel auf mich niedern scheinen. Und grad weilst nicht zürnst, weilst so gut bist und so barmherzig, darum steht meine Schuld viel größern als bisher vor mir. Jetzt, wannt ich ungeschehen machen könnt, was ich Dir than hab, ich gäb mein Leben hin, ja, mit tausend Freuden gäb ichs hin, hier auf dera Stellen!«
»Ungeschehen kannsts nicht mehr machen, Anna. Also kannst nix weitern thun, als es vergessen.«
»Vergessen? Das ist unmöglich!«
»Warum? Schau, ich habs auch vergessen!«
»Vergeben hasts. Du Großmüthiger, aber vergessen kannsts nicht. Daß Einer um sein ganzes Lebensglück, um sein Vermögen und um seine Gesundheiten bracht worden ist, das kann bei ihm nicht in Vergessenheit gerathen.«
»Wannsts so meinst, so hast freilich recht. Aberst man braucht doch nicht mehr mit Zorn daran zu denken. Schau, ich hab viel gelitten, aberst Du hast noch mehr erduldet. Du hast einen Wurm in Dir getragen, welcher immer nagt und fressen hat, und ein Feuern, das nie verlöscht ist. Ich hab nachhero doch noch Freuden habt an denen Kindern. Du aberst hast keine Freud finden können niemals nicht.«
»O Gott, da hast Du Recht, sehr Recht. Ich bin oft, sehr oft nahe dran gewest, mir das Leben zu nehmen. Aberst da ist mir der Gedank an den lieben Gott kommen und an Dich und die Kindern. Euch hab ich noch mal sehen wollt und nachhero wird dera Herrgott ein Einsehen haben und mich sterben lassen, ohne daß ich mich an mir selberst vergreifen muß.«
»Das ist schrecklich! Nein, so darfst nicht denken. Schau, jetzunder denk ich nimmer an das Herzeleid, sondern daran, wie lieb ich Dich habt hab und wie groß das Glück gewest ist, bevor der Claus kommen ist. Ich bin ein Krüppeln, doch glaub ich an den lieben Herrgott, der für den Sperlingen sorgt und für die Blum auf dem Felde. Der wird mich nicht verderben lassen und uns erlauben, das Vergangene zu vergessen und ein neues Leben zu beginnen.«
»Ein neues Leben? Unmöglich!«
»Nix ist unmöglich, wanns der liebe Gott will.«
»Aberst das ist – – ich weiß ja auch gar nicht, was da hast sagen wollen.«
»Ich hab meint, daßt nicht die Frauen von dem Silberbauern worden bist damals.«
»Das freilich.«
»Nun, so bist ja noch die meinige.«
»Heiner!« rief sie auf.
»Odern meinst halt nicht?«
»Wir sind geschieden!«
»Das tut nix. Man kann sich wiedern nehmen.«
»Wie? Was? Ich hör da wohl nicht richtig!«
»Wirsts schon richtig hört haben. Willsts wohl nicht glauben, daß ich Dir so gut gewest bin?«
»Das glaube ich.«
»Oder willsts nicht glauben, daßt Deine Fehlern längst bereut hast?«
»Gott ist mein Zeuge, wie sehr ich sie bereue und wie sehr ich um ihretwillen gelitten hab.«
»Nun, warum solls da nicht grad so werden können, wies früher mal gewest ist?«
Sie schwieg. Sie starrte im Finstern zu ihm herüber, so daß er ihre Augen förmlich leuchten sah.
»Heiner,« sagte sie, »ich denk, Du hast mir vergeben!«
»Ja, freilich!«
»Warum sinnst dann auf eine solche Rach?«
»Auf eine Rach? Das fallt mir nicht ein!«
»O doch! Denn nur eine Rach kanns sein, wegen der Du so zu mir redest.«
»Das begreif ich nicht. Willsts mir erklären?«
»Du willst so thun, als ob ich noch das größte Glück haben könnt, ein Glück, das so groß ist, daß ich nicht im Traum und nicht im Wahnsinn daran denken könnt, und nachhero, wann ichs glaub, dann willst mich auslachen und verspotten.«
»Ich Dich auslachen und verspotten? Herrgottsakra! Wanns mir ein Andrer sagen thät, dem wollt ichs wohl zeigen! Ich schlüg ihn in Grund und Boden! Nein, was ich sag, das ist mein heiliger Ernsten.«
»Nein, nein, unmöglich!«
»So! Willst beim Seiltänzern bleiben?«
Sie schwieg.
»Bist etwan seine Frauen?«
»Nein, Gott bewahre!«
»Oder lebst mit ihm, als obt sie wärst?«
»Heiner, ich habe ein einzig Mal nicht an meine Ehr gedacht; seit jener Zeit aberst hats Keinen gegeben, der mich hat anrühren dürfen. Ich bin beim Seiltänzer, weil er mir helfen soll, mich an dem Silberbauern zu rächen. Daß er das kann, davon werd ich Dir noch verzählen. Er will mich zwar zu seiner Frauen haben, aber er wird sich das aus dem Kopf schlagen müssen.«
»So! Also bei ihm willst nicht bleiben. Was aber willst anfangen späterhin?«
»Es wird mir schon ein gutern Gedank kommen oder eine Gelegenheiten, die ich ergreifen kann.«
»Diese Gelegenheiten ist eben jetzt da, und Du mußt sie eben nur schnell dergreifen.«
»Nein, nein! Deine Frauen kann ich nicht sein.«
»So hassest mich?«
»O Himmel! Ich und Dich hassen! Wann ich bei Dir sein dürft, nicht als Frauen, sondern als eine ganz geringe Magd, so wollt ich mir die Händ blutig arbeiten, um Dich zu dernähren und ein freundlich Wort von Dir zu erhalten. Nachhero, wannst mich mal freundlich anschaun thätst, so könnt ich mir gar kein größer Glück mehr denken.«
»Ist das wahr, Anna?«
»Soll ich schwören?«
»Nein, nein! Ich wills lieber glauben.«
»Schau, Heiner, nachhero, als ich von Dir fort gewest bin, da hab ich erkannt, daß nur Du es gewest bist, den ich lieb habt hatte. Dera Claus hat mich mit Reden trunken macht, und als ich nachhero wiedern nüchtern war, da hab ich erkannt, welch ein Glück ich mir verscherzt hatte. Ich hab Dich betrogen und eine Schand auf mich laden, die niemals nicht von mir herabnommen werden kann.«
»Ich nehm sie herab!«
»Du kannst nicht!«
»O, ich kann! Wannt wiedern meine Frauen bist, so ist ja Alles gut und richtig!«
»Was würden die Leutln sagen?«
»Sie würden das sagen, was ich ihnen vorsag, nämlich es ist damals Alles ein Irrthum gewest. Du bist mir nie untreu worden; ich hab mich irrt, und weil ich Dich beleidigt hab und Dir nicht traut, so bist von mir fortgangen und wir sind schieden worden.«
»Das – das wollst sagen?« rief sie.
»Ja, Anna, das thu ich gern und gewiß.«
Sie griff sich mit den Händen nach dem Herzen.
»Jetzt, jetzt kommt die richtige Strafen, die ärgste und die schlimmste Strafen, die es nur geben kann,« sagte sie. »Heiner, jetzt möcht ich gleich in die Erd hinein sinken und ganz vergehen und verschwinden vor Scham und vor Reu, daß ich so schlecht an Dir handelt hab. Mir ists ganz so, als könntest mich hier auf dera Stell tödten mit Deiner Barmherzigkeit.«
»Nein, tödten will ich Dich nicht, Anna. Leben sollst bleiben, noch lange leben, für mich und für unsere Kindern.«
»Das wär ein Glück, das ich nicht fassen könnt! Es ist so groß, daß ich nicht mal nur den Anfang davon richtig ausdenken kann.«
»So gar groß ists halt doch wohl nicht. Wer einen Mann bekommt, der für den Tag sich nur zwanzig Pfennige derschnitzt, der braucht nimmer von so einem großen Glück zu reden. Du würdst fast mit hungern und sehr darben müssen. Jetzt aberst haben wir den Schwiegernsohn; der backt uns wohl das Brod und für das Andere werden wir wohl selberst sorgen können.«
»Wie gern wollt ich hungern, wann ich nur bei Dir sein könnt! Aberst so voller Vergebung kann doch kein Mensch sein!«
»Anna, ich hab Dir ja bereits sagt, daß ich selberst auch mit schuld gewest bin! Und jetzunder bin ich kein Junger mehr, der die Eifersuchten in dera Taschen stecken hat, sondern ein Alter, der über einen solchen Fehlern nimmer fleischlich denkt. Wannts noch mal mit mir versuchen willst, so soll kein Mensch wagen, die Nasen über uns zu rümpfen.«
Sie kniete noch vor ihm. Eine solche Milde war unerhört. Sie schlang die Arme um seine Kniee, preßte das Gesicht an dieselbe und weinte – weinte – weinte!
Er legte seine Hand leise auf ihren Kopf und schwieg. Dann, als ihr Schluchzen leiser und leiser geworden war, bis er es nicht mehr hörte, sagte er in mildem Tone:
»Weißt Anna, als ich damals drunten an dera Mühlen im Gras sessen hab und Du auf dera Bank? Da hab ich den Kopf auf Dein Knie legt und Dir sagt, wie seelensgut ich Dir bin.«
Sie holte tief, tief Athem, ohne zu antworten.
»Damals,« fuhr er fort, »damals ist mir mein Herz so weit gewest, als ob die ganze Welt drin Platz haben könnt. Und jetzt, da ich ein alter Kerlen bin mit grauen, Haar und nur dem einzigen Arm, da ists mir ganz genau wiedern ebenso.«
»Heiner!« antwortete sie.
»Ja, mir ists, als ob ich Dir jetzunder grad noch mal die Liebesverklärung machen müßt. Nur hast Dich verkehrt hersetzt. Damals hast Ja zu mir sagt, als ich Dich fragt hab, obst meine Frauen werden wolltst. Und jetzt? Was sagst nun dieses Mal?«
»Heiner! Ich kanns nicht fassen!«
»Hasts doch schon faßt, nämlich mich, bei denen Beinen. Willsts nicht festhalten, Anna?«
»Ach, wie gern, wie gern!«
»So thus!«
»Nein. Es ist nicht zu glauben!«
»So will ich Dir was sagen, Anna. Wannst mich partutemang nicht wiedern haben willst, so kann ich Dich nicht zwingen; aberst eine Freuden kannst mir machen.«
»Wenn ich kann, mit tausend Freuden.«
»So geh jetzt mit mir. Ich will Dir unsere Kindern zeigen. Willst sie sehen?«
»Was!« rief sie aus. »Ich soll sie sehen?«
»Ja, freilich!«
»Jetzt? Noch heut am Abend?«
»Willst wohl nicht?«
»Mein Heiland! So eine Freuden, ob ichs auch wohl aushalten kann! Ich glaubs noch nicht.«
»Wirsts schon überstehen,« lächelte er.
»Solln sie aberst auch mich sehen?«
»Natürlich!«
»Nein, nein! Das geht nicht!«
»Warum nicht?«
»Ich – muß mich schämen!«
»Hab ich Dir nicht bereits sagt, daßt dies nicht nöthig hast? Und woher wissens denn, daßt die Muttern bist?«
»Ja, wannts ihnen nicht sagen willst?«
»Soll ichs verschweigen?«
»Ja. Wannt mir versprichst, daßt nix sagen willst, so will ichs wagen, mitzugehen.«
»Nun gut, so werd ich nix sagen, Anna.«
»Hältst aberst auch Wort?«
»Ich hab mein Wort noch niemals brochen, also werd ich wohl auch jetzt die Wahrheit sagt haben. Gehst also mit?«
»Fast trau ich mich nicht, Ja zu sagen. Schau, es ist mir ganz so, als ob heut der jüngste Tag war und ich sollt in das Fegefeuern und in die Höllen gehen; da aberst kommt der liebe Heiland herbei, nimmt mich bei dera Hand und führt mich in alle Himmeln hinein, wo die Engeln jubilirn in Ewigkeit!«
»Und mir ists, als ob ich lange, lange Jahren krank gewest wär, und heut bin ich zum ersten Mal aus dem Bett stiegen und sitz am Fenstern und athme die frischen Luft und schau hinaus, da wo die liebe Sonne scheint und tausend Rosen und Nelken und Levkoyen blühen. Komm Anna, gieb mir die Hand! Der Herrgott hat mich und Dich gerächt an dem Silberbauern. Damit hat er sagt, daß die Trennung zu End sein soll, und so wollen wir mit nander heim gehen.«
Er ergriff ihre Hand. Sie entzog sie ihm nicht, aber sie ging noch nicht sogleich mit; sie blieb noch stehen und sagte zu ihm:
»Wegen dem Silberbauern hab ich Dir vorhin das Richtige doch nicht sagt, Heiner.«
»So sags jetzunder!«
»Jetzt kannst wohl wissen, warum ich trotz des Abends im Wald spazieren gangen bin?«
»Ich kanns mir schon denken.«
»Hier, da auf dera Blösen, hab ich zum letzten Mal mit Dir sprochen. Am andern Tag warst krank und ohne Besinnung, und ich ging fort. Heut, als ich nach Hohenwald kam, hab ich gleich sofort hierher mußt. Mein Herz hat mir keine Ruhe lassen. Da bin ich am Bach gangen bis zur Mühlen hin. Da hab ich sessen und nach dem Fenster schaut, weißte, dasjenige, wo –«
»Weiß schon, Anna!«
»Es war Licht in dera Stuben.«
»Der Herr Ludewigen wohnt darinnen, ein seiner, vornehmer und gelehrter Herr, der ein paar Tagen hier bleiben will.«
»Als ich die Mühlen sah und das Fenstern, da ists mir gewest, als ob mir das Blut nur immer so aus dem Herzen tropft; ich hab weint, ach so sehr weint! Dann ist Einer schnell laufen kommen, grad auf mich zu. Ich bin aufsprungen, sonst wär er über mich wegstürzt. Ich hab ihn angeschaut und er mich. Das Licht ist aus dem Fenstern grad in sein Gesicht und in meins kommen, und wir haben uns derkannt. Der Silberbauern wars. Er ist über mich so derschrocken, daß er zur Seit sprungen ist vor Entsetzen, den Damm hinab und grad in's Rad hinein. So ists kommen und so ists gewest.«
»So, also so! Siehst nun ein, daß es Gottes Fügung war? Deinetwegen hat er mich in's Rad hinabworfen, daß ich den Arm verlieren mußt, und grad Deinetwegen ist er heut hinabstürzt und hat auch grad denselbigen Arm brochen. Gott ist der Gerechte. Er läßt nicht mit sich spotten. Aug um Aug und Zahn um Zahn. Seine Mühlen mahlen langsam, mahlen aberst schrecklich klein. Wolln ihn also immerst vor Augen haben und im Herzen und uns hüten, fernere Sünd zu thun. Und eine Sünd wärs ganz gewiß, wannt denen Kindern nicht ihre Muttern geben wolltst. Komm, und schau sie Dir an!«
Er zog sie mit sich fort und sie folgte ihm ohne abermalige Unterbrechung. Beide waren so mit sich selbst beschäftigt, daß sie gar nicht bemerkten, daß sich hinter ihnen eine hohe, breite Gestalt aus dem Moose erhob. Es war – Herr Ludewig.
Dieser hatte in sein Zimmer zurückkehren wollen, doch als er in den niedrigen Hausflur trat, fühlte er sich – wohl auch mit in Folge der ihm ungewohnten engen räumlichen Verhältnisse – von dem Geschehenen so ergriffen, daß er es vorzog, noch für kurze Zeit im Freien zu bleiben. Er trat also wieder zur Thür heraus.
Da sah er den Finkenheiner, dessen ganze Persönlichkeit ihm bereits vorher höchst interessant vorgekommen war. Die Haltung des Alten war in diesem Augenblicke eine solche, daß sie Ludwigs Aufmerksamkeit fesselte. Der Heiner stand gesenkten Hauptes da, gestikulirte mit seinem einen Arm in der Luft herum und stieg dann in einer Weise den Damm empor, als ob er irgend etwas sehr Geheimnißvolles vor habe. Ludwig folgte ihm langsam über den Damm hin bis zum Wege, der in den Wald führte.
Was wollte der Heiner jetzt, bei dieser Dunkelheit, im Forste. Jedenfalls war es kein gewöhnlicher Grund, welcher ihn veranlaßte, diesen Weg einzuschlagen. Ludwig folgte ihm also. Der Weg war so weich, daß man die Schritte nicht leicht hören konnte; er konnte sich also ganz nahe hinter dem Heiner halten.
Dieser bog dann links vom Wege ab und in den Wald hinein. Auch jetzt folgte ihm Ludwig. Es war hier freilich schwieriger, fortzukommen, und so kam es, daß er ihn bald verlor. Doch ging er trotzdem noch eine Strecke in gerader Richtung weiter und kam in Folge dessen auf die Blöse. Da hörte er die ersten Worte, welchen zwischen Heiner und Anna gewechselt wurden. Er ging näher, neugierig, was da für ein Gespräch geführt werde. Es konnten Wilddiebe, Schmuggler oder sonst Leute sein, welche Ursache hatten, ihr Wesen im Dunkeln zu treiben. Als er unbemerkt so nahe gekommen war, daß er jedes Wort deutlich verstehen konnte, ließ er sich hinter ihnen in das Moos nieder und horchte. Auf diese Weise wurde er Zeuge der ganzen ergreifenden Unterredung und lernte einen Blick in die Verhältnisse des armen Löffelmachers thun. Zugleich aber fiel dabei ein düsteres Streiflicht auf den Silberbauer, mit dem er heute gefahren war und der auf ihn bereits einen sehr abstoßenden Eindruck gemacht hatte.
Als dann der Heiner den Kienspan anbrannte, konnte Ludwig die Züge der Frau ganz deutlich erkennen. Sie mußte früher allerdings schön gewesen sein, ja, die einstige Schönheit war noch nicht verschwunden. Die Frau mochte nicht viel über vierzig Jahre alt sein, und wenn die Folgen der bisherigen Leiden und Entbehrungen überstanden sein würden, so war zu erwarten, daß sie einen höchst stattlichen Eindruck machen werde. Der Heiner sah dagegen viel älter aus, als er war. Er hatte weit mehr noch als sie unter den Folgen ihres Fehltrittes gelitten.
Als die Beiden dann aufbrachen, folgte ihnen Ludwig nicht. Er kehrte, erst langsam und vorsichtig zwischen den Bäumen hindurch und dann den bereits beschriebenen Waldweg entlang, ins freie Feld und nach der Mühle zurück.
Der Heiner war mit seiner Anna kaum ans dem Walde heraus getreten, so hörten sie, daß ihnen Jemand entgegen kam.
»Wer mag das sein?« fragte er. »Komm zur Seite.«
Sie wichen einige Schritte seitwärts. Ein Mann wollte an ihnen vorüber. Der Heiner erkannte ihn.
»Sepp! Wurzelsepp!«
»Was? Wer ist da?« fragte der Angeredete, indem er stehen blieb.
»Kennst mich denn nicht gleich an dera Stimmen?«
»Ja, nun freilich. Der Heiner! Dich such ich.«
»Hier?«
»Ja, wo sollst sein, wannt nicht daheim bist und nicht in dera Mühlen. Dich kennt man schon. Du schläfst sogar, wanns Dir einfallt, draußen im Wald auf Deiner Blößen.«
»Ich war auch eben dort.«
»Hab mirs denkt. Aberst, Sappermenten! Bist ja nicht allein! Hör mal, ich glaub gar, Du hast ein Rothkatherl fangt und schaffsts jetzunder heim, damits Deine Mehlwurmern fressen soll!««
»Hasts derrathen. Fangt hab ichs und heimschaffen thu ichs. Ich laß es gar nimmer wiedern fort.«
»So mags nur gut singen und pfeifen!«
»Das wirds gar gern thun.«
»Glaubs aberst nicht.«
»Warum?«
»Den Vogel, den kennt man schon. Der hat keine rechte Stimmen. Da ists gefehlt.«
»Da bist auf dem falschen Weg. Diesen Vogel, den kennst halt freilich nicht.«
»Oho!«
»Ja. Kennen thust ihn wohl, aber sehen hast ihn noch nicht, noch gar niemals nicht.«
»Da willst mich narren. Wer solls sein, als die Feuerbalzern, die bei Dir wohnt.«
»Die! Denkst also das!«
»Ja, denn eine Andre wirst nicht heimführen.«
»Na, eine Andre ists aberst doch. Und was für Eine!«
»Wohl eine gar Schöne oder Junge?«
»Die Willkommenste, die's nur geben kann.«
»Himmelsapperloten! Da bin ich freilich neubegierig, wers ist. Darf ich sie mir mal anschaun?«
»Wann sie's leiden will, ja.«
»Warum soll sie's nicht leiden? Der Wurzelsepp ist noch ein ganz hübscher Bub, so daß ein Dirndl nur ihre Freuden haben kann, wann ers anschaut.«
Er brachte sein Gesicht nahe an das ihrige.
»Nun, hasts schon kannt?«
»Nein, das ist freilich eine Fremde. Du, Heiner, läufst doch nicht etwan gar auf Freiersfüßen?«
»Grad das ists, worauf ich lauf.«
»So will ich Dich vergratuliren. Nimmst mich doch zum Brautführern?«
»Ja, Dich am Liebsten.«
»Topp?«
»Topp!«
Sie schlugen ein. Der Sepp machte Spaß, dem Heiner aber war es Ernst. Der Letztere fuhr fort:
»Jetzt nun brauchst nicht in den Wald. Gehst liebern mit mir?«
»Nein. Ich geh zur Mühlen, wo ich schlafen will. Ich wollt Dich nur aufsuchen, um Dir zu sagen, wie es mit dem Silberbauern steht. Ich war bereits fort, bin aberst nachher nochmals hin, um zu derfahren, was er zu hoffen hat.«
»Ist der Arzt kommen?«
»Ja. Er hat den Kopf schüttelt.«
»So stehts schlimm?«
»Ja. Von wegen dem Arm, das hätt keine sehr große Sorg gemacht. Es ist kein Blutverlust gewest, und so seltsam der Fall ist, so thät er doch bald heilen. Aberst der Bauern hat auch noch ein Bein an zwei Stellen brochen und eine Rippen dazu. Das macht die Sach schlimm.«
»So kommt er nicht davon, obgleich die Silbermartha ihn wohl gut pflegen wird.«
»Die? Die ist nicht daheim. Es heißt, sie ist vom Vatern fortgangen, doch ists noch nicht zu glauben. Wer weiß, wo's steckt. Morgen komm ich zu Dir hinaus in den Wald, da können wir weitern drüber sprechen. Gute Nacht!«
Er ging, und die Beiden setzten ihren Weg auch fort. Sie gingen, um nicht Neugierigen zu begegnen, nicht durch das Dorf, sondern hinter demselben weg. Da begegnete ihnen der Müller, welcher sich still wunderte, daß sein Schwiegervater mit einer fremden Frau ging. Er berichtete, daß er soeben Liesbeth nach Hause begleitet habe.
Als sie die Flachsdörre erreichten, sahen sie, daß droben in der Wohnung des Heiner noch Licht brannte. Die Stube wurde nicht von einem Kienspane erleuchtet, sondern, ganz wie zu Liesbeth's Geburtstag, von der Lampe. Die alte, gute Barbara hatte dafür gesorgt, daß ihre spätere junge Herrin Petroleum im Hause habe.
»Da droben wohnen mir,« sagte er.
»Mein Gott! In dera Flachsbrechen!«
Damals als sie sich noch in der Gegend befand, war das Gebäude noch nicht zum Bewohnen eingerichtet.
»Brauchst keine Sorg zu haben. Es ist nicht gar schlimm da droben. Die Liesbetherl sorgt halt dafür, daß Alles recht hübsch fein und saubern ist. Komm nur gern mit!«
»Ich weiß gar nicht, wie mirs ist. Es treibt mir eine gar große Aengsten aus.«
»Das ist die Freud.«
»Die Freud? Vielleicht ists auch was Andres. Die Kindern können sehr leicht meine Richtern sein, die mich verdammen werden.«
»Wo denkst hin! Ich sag Dir, daß sie gar nicht wissen, daß die Muttern noch lebt.«
»Wer willst nun sagen, daß ich bin?«
»Das weiß ich selbern noch nicht. Gieb mir da einen guten Rath. Wer willst sein?«
»Ja, das mußt bessern wissen als ich.«
»Eine Verwandte von jenseits dera Grenz?«
»Das geht nicht.«
»Warum nicht?«
»Wann ich eine Verwandte bin, so muß ich doch auch bei Euch bleiben als Gast.«
»Das sollst auch!«
»O nein gar! Das geht nicht.«
»Den Grund möcht ich kennen.«
»Nein, nein! Ich bleib im Gasthof.«
»Bei dem Seiltänzern? Ist der Dir liebern als ich und die beiden Kindern?«
»Das fragst auch nicht aus dem Herzen heraus. Du mußt ja einsehen, daß –«
»Nun ja,« unterbrach er sie munter. »Ich sehs schon ein. Also komm heraufi. Das Andre wird sich schon bald finden.«
Er ergriff ihre Hand, die er nicht wieder los ließ, und führte sie ins Haus und die Treppe empor. Er öffnete die Thür. Hans saß zeichnend am Tisch und das Liesbertherl stand im Begriff, den Ofen für morgen früh vorzurichten.
»Der Vatern!« sagte sie, sich umdrehend. »Du warst ja schnell fort. Wo bist gewest?«
»Ich hab einen Gast holt, den ich Euch hier mit bring. Da, schaut ihn Euch an!«
Er schob Anna in die Stube. Ein einziger Blick der Frau zeigte ihr die Armuth der Bewohner, aber auch die Wirtschaftlichkeit des jungen Mädchens. Hans konnte wegen seiner Schwäche nicht gut vom Stuhl empor; Liesbeth aber trat der Eintretenden entgegen, reichte ihr freundlich die Hand und sagte:
»Schau, das ist schön von Dir, daßt uns aufsuchst. Einen Gast hab ich halt gar zu gern; aberst leidern kommt Niemand zu uns.«
Sie war vor Freude roth geworden. Auf dem Gesicht ihrer Mutter aber wechselte die Röthe mit der Blässe. Die unglückliche und doch so glückliche Frau mußte alle ihre Kraft zusammen nehmen, sich zu beherrschen.
»Ja,« sagte der Heiner. »Du thust doch grad ganz so, als obt sie schon kennen thätst!«
»Der Vatern wird sie schon kennen, und da ists mir halt gar gern willkommen.«
»So hast wohl den Vatern sehr lieb?«
Diese Frage sprach Anna aus. Ihre Stimme zitterte und über ihr Auge legte sich ein feuchter Schleier. Liesbeth horchte ganz eigenthümlich auf, als sie diese Stimme hörte. Ihr Blick nahm einen forschenden Ausdruck an. Sie antwortete:
»Ja freilich hab ich den Vatern lieb. Und das dort ist Hans, der Brudern. Er ist krank und kann nicht gut aufistehen. Wannt seine Händen haben willst zum Willkommen, so mußt zu ihm gehen.«
Da ging Anna hin, streckte ihm die Hand entgegen und fragte:
»Wirst auch Du mich willkommen heißen?«
Er hatte ihre Hand ergreifen wollen, zog aber die seinige wieder zurück, erröthete, fuhr sich mit der Hand nach dem Herzen, ergriff dann aber hastig ihre Rechte und antwortete:
»Freilich bist herzlich willkommen, denn Dich hab ich gern und sehr lieb.«
Das war die Stimme des Blutes, welche Gottes Stimme ist. Dem Heiner traten rasch die Thränen aus den Augen.
»Ja, habt sie lieb!« sagte er. »Sie ist eine gute und liebe Base aus – aus – aus Steinegg über der Grenz herübern. Wir sind frühern gar sehr gut bekannt mit nandern gewest. Nicht wahr, Bas?«
»Ja,« antwortete Anna.
Sie mußte die Lippen mit Gewalt zusammenpressen, um nicht in lautes Weinen auszubrechen; aber die Thränen stürzten ihr über die Wangen.
Da that Liesbeth einen raschen Schritt auf sie zu, ergriff sie bei der Hand, sah ihr mit einem unbeschreiblichen Blick in das Gesicht und sagte:
»Du weinst! Dera Vatern weint! Herr mein liebern Gott, ich weiß, warum ihr weint! Ich weiß, wert bist. Muttern, meine Muttern, meine liebe, liebe, liebe Muttern! Bist wiedern kommen! O meine arme, gute, liebe Muttern Du!«
Sie schlang die Arme um sie. Sie hing an ihrem Halse und weinte und lachte aus thränenden Augen. Der Sohn fuhr vom Stuhle auf.
»Mutter!« rief er. »Haben wir denn noch eine Mutter? Ist sie nicht todt?«
»Nein,« rief Liesbeth. »Sie ist nicht todt. Der Wilhelm hat mir sagt, daß sie noch lebt. Und hier ist sie. Das ist sie. Ich kenne sie. Da drin, da drin im Herzen hats ruft, daß es die Muttern ist, die Muttern, die Muttern!«
Hans flog hinter dem Tisch hervor, als ob er völlig gesund sei, und auf sie zu.
»Ists wahr? Bists? Bist unsere Muttern?«
»Ja, ja, Ihr guten, lieben, armen Kinder!« schluchzte sie, indem sie vor Wonne und Schmerz in die Kniee brach.
Sogleich knieten die drei Anderen neben ihr. Vater und Mutter, Bruder und Schwester, die Vier hielten sich eng umschlungen und weinten, weinten, weinten.

Sechstes Capitel  Die Sirene

Die Bahnhofsglocke war zum zweiten Male geläutet worden. Von fernher ertönte ein schriller Pfiff der Locomotive, zum Zeichen, daß der erwartete Zug nahe. Ein Aechzen, Stöhnen und schmerzendes Kreischen rollender Räder – der Zug fuhr im Perron ein.
Der Zug hielt. Die Schaffner eilten an die Thüren, um dieselben zu öffnen.
»Station Lindenberg!« ertönte ihr Ruf.
Die Wagen entleerten sich, denn hier wurde auf die hier einmündende Sekundärbahn, welche westwärts in die Berge und an die österreichisch-bayrische Grenze führte, umgestiegen.
Eine junge Dame stand auf dem Perron. Ihr Köpfchen, welches sich nach rechts und links wandte, um besorgt forschend die Aussteigenden zu betrachten, ließ vermuthen, daß sie irgend einen Passagier oder eine Reisende erwarte. Schon schienen alle Ankommenden die Coupées verlassen zu haben, da öffnete sich am hintersten Wagen die Thür, welche unachtsamer Weise von außen wieder zugeworfen war, noch einmal und es stieg eine in ein elegantes Reisegewand gekleidete Dame aus.
Sie war blond, sehr üppig gebaut. Schon beim ersten Blicke auf sie mußte man sich sagen, daß sie den besseren, vielleicht sogar den höheren Ständen angehöre. Sie blieb am Coupée stehen und blickte sich forschend um.
Da fiel das Auge der erst erwähnten jungen Dame auf sie.
»Ah, doch, endlich!« sagte die Wartende in erfreutem Tone zu sich selbst und dann eilte sie auf die Andere zu.
Diese sah sie kommen und kam ihr einige Schritte mit ausgestreckten Armen entgegen.
»Milda!« rief sie aus. »Schon glaubte ich, Du seiest verhindert worden.«
»O nein, liebe Asta. Beinahe fühlte ich Sorge. Ich sah so Viele aussteigen, nur Dich nicht. Hast Du mein Telegramm unterwegs erhalten, in welchem ich Dich benachrichtigte, daß ich Dich hier abholen werde? Ich hatte es Bahnhof Brünn zum Ausrufen unter den Passagieren adressirt.«
»Freilich habe ich es erhalten. Der Portier rief so laut: ›Baronesse Asta von Zolba aus Wien!‹; Alle Welt wurde aufmerksam auf mich. Hätte ich es nicht erhalten, so würde ich mich hier nicht so nach Dir umgeblickt haben.«
»So ist es also geglückt, und nun herzlich willkommen, meine liebe, liebe Asta!«
Sie umarmten und küßten sich. Es war ein reizendes Bild, eine höchst interessante Gruppe, welche diese beiden Mädchen boten. Beide jung, schön, sichtlich wohlhabend und hochstehend. Die Eine blond, hoch, voll, eine fast mehr als königliche Gestalt, die Andere ein Wenig kleiner, fein, aber äußerst elegant, brünett und von jener Schönheit, welche zwar nicht im ersten Augenblicke alle Aufmerksamkeit auf sich zieht, dann aber für immer fesselt.
»Und ists weit, daß Du mir entgegengekommen bist, Milda?« fragte die Blonde.
»Eine ziemliche Strecke. Wir haben volle zwei Stunden zu fahren, bevor wir ankommen. Aber ich wollte Dich gern so bald wie möglich begrüßen.«
»Das ist so reizend, so lieb von Dir. Aber ich habe gar nicht gewußt, daß dieses Schloß Steinegg so weit entfernt von der übrigen Welt gelegen ist.«
»Es liegt in den Bergen, hart an der Grenze, aber wirklich reizend. Ich bin ganz glücklich darüber, daß Vater es gekauft hat.«
»Und wann geht der Zug?«
»Wir haben eine volle Stunde zu warten.«
»Dann also hinein in den Wartesalon!«
Einer der Schaffner hatte indessen ihre Effecten aus dem Coupée genommen.
»Wartezimmer erster Klasse!« befahl sie.
Er trug die Sachen hinein und erhielt ein so reichliches Trinkgeld, daß er ihr ein Honneur machte, als ob er einen sehr hohen Offizier oder eine Prinzessin vor sich habe.
Die beiden Freundinnen setzten sich an einen der wenigen Tische. Lindenberg war keine große Station. Das Bahnhofsgebäude war klein und so faßte das Wartezimmer erster Klasse nur wenige Personen. Da viele der eben Ausgestiegenen auf den Zug der Sekundärbahn warteten, und Andere, welche mit demselben Zuge fahren wollten, sich auch nach und nach auf dem Bahnhofe einstellten, so waren die Tische sehr bald so besetzt, daß nur eine kleine Anzahl von Stühlen noch frei stand.
»Also Du findest Schloß Steinegg hübsch?« fragte Asta. »Das freut mich. Ich hatte Sorge, daß Du Dich enttäuscht fühlen könntest.«
»Das gar nicht. Steinegg ist nicht nur hübsch, sondern geradezu reizend. Es liegt hoch oben auf dem Felsen, weißt Du, so recht wie eine frühere, alte romantische Ritterburg. Und unten am Fuße des Berges breitet sich zwischen Waldesgrün das Städtchen aus, schmuck und sauber, wie eine Perle zwischen lauter Smaragden.«
»Du wirst ja förmlich poetisch!«
»Ich bin geradezu begeistert von unserer neuen Besitzung. Schade, daß Vater erst so spät kommen kann!«
»Leider! Es ist nicht immer bequem, eine solche Hofcharge zu bekleiden. Uebrigens hat er sich doch wegen Deiner Abwesenheit zuweilen einsam gefühlt, und ich habe meiner Freundespflicht genügt und Deine Stelle zu vertreten gesucht.«
»Dafür muß ich Dir großen Dank wissen, zumal Vater jetzt weniger als früher der Mann ist, mit welchem man die Einsamkeit gern theilen mag.«
»Ja, weißt Du, in aller Aufrichtigkeit, er ist doch ein ziemlicher Brummbär!«
»Brummbär wohl nicht, aber schwermüthig. Es muß irgend ein Kummer an seinem Frohsinn nagen. Ich habe mich vergeblich bemüht, zu entdecken, was sein Gemüth beschwert. Ich habe bei ihm in Wien wirklich nicht behaupten können, daß ich die Freuden der Residenz genießen durfte. Ich bin vielmehr eine Einsiedlerin gewesen.«
»Und jetzt wieder!«
»O nein. Es giebt im Orte einige Personen, mit denen ich gern verkehre.«
»Im Orte? Also in dem kleinen Neste Steinegg?«
»Ja.«
»Du scherzest. Eine Baronesse von Alberg kann sich doch nicht an irgend eine Bewohnerin einer solchen winzigen Provinzialstadt anschließen!«
Es war ein hochmüthiger, beinahe harter, abstoßender Zug, welcher der Schönheit ihres reizenden Gesichtes in diesem Augenblicke Eintrag that. Ihre Freundin bemerkte es und antwortete mit einiger Reserve:
»Nun, von einem förmlichen oder wohl gar innigen Anschließen habe ich doch nicht gesprochen. Es ist so zu sagen eine Art Höflichkeitsverkehr, und die Ansprüche, welche man bei einem solchen macht, sind ja nicht unschwer zu befriedigen.«
»Ja, Du bist freilich immer leicht zu befriedigen gewesen. Das ist wahr!«
Milda sah über diese Bemerkung, welche einen Vorwurf enthielt, hinweg und antwortete:
»Du kannst Dir ja denken, daß ich zu einem wirklich geselligen Verkehr ja gar keine Zeit habe. Die umfangreiche Einrichtung eines Schlosses zu beaufsichtigen, das ist eine Anstrengung, welche Einem wenig Ruhe und Muße läßt. Darum freue ich mich Deiner Ankunft. Du wirst mich unterstützen und Dein bekannter, vorzüglicher Geschmack wird alle Lücken ergänzen, welche ich an mir so zu beklagen habe.«
»Ja, dazu bin ich sehr gern bereit. Freilich der Wirthschaft werden wir uns nicht ausschließlich widmen können. Es giebt noch Anderes, was unser volles Interesse in Anspruch nehmen wird.«
»Anderes?«
»Ja, und zwar höchst Interessantes.«
»Was könnte das sein?«
»Etwas, was Du niemals errathen würdest.«
»So will ich lieber gar nicht rathen und Dich also bitten, es mir gleich mitzutheilen.«
»Ja, ich brenne vor Begierde, es Dir zu sagen. Ich werde nicht der einzige Besuch sein, welchen Du auf Schloß Steinegg empfängst.«
Milda machte nicht ein Gesicht, als ob sie sich über diese Mittheilung erfreut fühle.
»Noch anderen Besuch?« fragte sie.
»Ja. Du scheinst nicht davon erbaut zu sein?«
»Ich weiß ja nicht, wen Du meinst.«
»Nun, ich habe Dir ja gesagt, daß es sich um etwas sehr Interessantes handelt. Ah!«
Der letztere Ausruf war mit ganz eigenartiger Betonung ausgesprochen, etwa so, wie Einer, dem etwas Unangenehmes widerfährt, ›Nanu!‹; sagen würde. Er galt einer Person, welche soeben eingetreten war, sich im Zimmer umgesehen hatte und nun langsam auf den Tisch, an welchem die beiden Mädchen saßen, zugeschritten kam.
»Ich glaube gar, dieser Mensch will sich hieher zu uns setzen!«
»Er hätte ein Recht dazu. Dieses Lokal ist ja ein öffentliches,« meinte Milda in versöhnlichem Tone.
»Was nennst Du öffentlich! Es muß selbst in größter Oeffentlichkeit, und da gerade erst recht, darauf gesehen werden, daß ein Jeder die Würde seines Standes zu wahren vermag. Ah, wirklich, der Mensch wagt es, der Strolch!«
Der, von welchem sie sprach, trug kurze Hosen, so daß seine Kniee nackt hervorblickten, Wadenstrümpfe und derbe, rindslederne Bergschuhe. In seinem breiten, wollenen Gürtel steckte eine kurze Tabakspfeife. Aus der Tasche seiner Weste hing eine dünne, messigene Uhrkette. Sein Halstuch war von Baumwolle und sehr leger gebunden. Der breite Kragen des groben Hemdes war weder gestärkt, noch geplättet. Sein Hut war alt und zerknillt und der Stock, welchen er in der Hand hatte, schien einfach im Walde abgeschnitten worden zu sein. Sein Gesicht war – schön, männlich schön, scharf und kühn gezeichnet, und gewisse Parthieen desselben ließen vermuthen, daß es noch vor kurzer Zeit sehr wetterbraun gewesen sei.
Dieser junge Mann war kein Anderer als – der Krikelanton. Er trug seine alte, ärmliche Gebirgstracht.
»Grüß Gott!« sagte er. »Mit Verlaubnissen, meine Damen!«
Milda nickte leise; Asta aber that, als ob sie ihn weder gesehen noch seinen Gruß gehört habe.
»Gebens mal ein Bierl her!« sagte er zu dem Kellner, welcher soeben vorüber ging.
Der dienstbare Geist brachte das Verlangte, und der Krikelanton zog ein kleines, altes Beutelchen aus der Tasche und suchte die nöthige Anzahl einzelner Kupferkreuzer aus demselben hervor.
»Kellner,« sagte Asta, »nicht wahr, hier ist der Wartesalon erster Klasse?«
»Ja, meine Dame.«
»Dürfen Passagiere anderer Classen hier verkehren?«
»Verkehren? Ja.«
»Ich denke, das ist untersagt!«
»Nein, nämlich der nothwendige Verkehr. Es kann doch vorkommen, daß ein Passagier niederer Classe mit einem höherer Classe zu sprechen hat.«
»Davon spreche ich nicht. Ich frage, ob ein Passagier niederer Classe hier Platz nehmen und sein Bier verzehren darf grad wie Einer, welcher für erste Classe bezahlt.«
»Nein.«
»Nun, dann sorgen Sie schleunigst dafür, daß dieser Mann hier sich dahin plazirt, wohin er gehört.«
Der Anton that, als ob ihm dies gar nicht gelte. Er setzte das Glas an den Mund und that einen kräftigen, vergnügten Schluck aus demselben, setzte es wieder nieder und schnalzte mit der Zunge wie Einer, dem es sehr gut geschmeckt hat.
»Haben Sie es gehört?« fragte der Kellner.
»Was?«
»Sie sollen dahin gehen, wohin Sie gehören.«
»Da bin ich bereits schon.«
»So? Wohin gehören Sie?«
»Hierher auf dem Bahnhofen.«
»Sie befinden sich aber gegenwärtig im Wartesalon der ersten Classe!«
»So? Das ist halt schon richtig. Da will ich ja auch sein.«
»Ach so!« dehnte der Kellner. »Sie wollen erster Classe fahren, Sie etwa?«
»Ja. Habens vielleichten was dagegen?«
»Mit Ihren einzelnen Kreuzern!«
Da blitzte der Anton ihn aus seinen dunklen Augen an und fragte ihn: »Hörens mal, Sie guts Gschnappsel, wer sinds dann eigentlich, daß mir in dieser Weisen kommen?«
»Ich bin der Kellner hier. Verstanden!«
»Na, da sinds auch was rechts! So ein Bierl einschenken und herumitragen und den Frack schwenken und mit dera Servietten wedeln, das kann halt ein jeder dumme Jungen. Ich will nicht sagen, daß Sie auch einer sind, mich abern lassens aus, sonst fang ich auch an zu wedeln, aberst halt nicht mit dera Servietten!«
Er hatte das so laut gesagt, daß man es durch das ganze Zimmer hören konnte. Die Herrschaften wurden aufmerksam auf ihn. Der Kellner warf sich in Positur und antwortete:
»Was, auch noch grob werden wollen Sie! Das fehlte noch, hier im Wartesaale erster Classe. Ich fordere Sie hiermit auf, das Zimmer zu verlassen.«
»Du armes Männerl, Du hättst das Geschicken, mich aufzufordern! Du bist ein dienstbarer Geisten. Wann ich außigehen soll, so muß es mir ein ganz Anderer sagen als Du bist.«
»Gut! Der Andere soll sogleich kommen!«
Er ging, und der Anton nahm so ruhig und gleichmüthig einen zweiten Schluck Bier, als ob nicht das Geringste vorgekommen sei. Jetzt kam der Wirth, an seiner Seite der Kellner.
»Da sitzt er,« sagte der Letztere.
Kein Mensch im Zimmer sprach ein Wort. Alle wollten erfahren, was gesprochen wurde, und wie der arme Gebirgler sich verhalten werde.
»Mein Kellner hat Ihnen befohlen, das Local zu verlassen?« fragte der Wirth.
Der Anton nickte.
»Gesagt hat ers, aberst befohlen hat er mirs nicht, denn er hat mir nix zu befehlen!«
»Er hat es an meiner Stelle gethan!«
»So? Wer sinds dann eigentlich?«
»Der Wirth.«
»Das will ich schon bereits gelten lassen, denn das geht doch ein Bisserl weitern hinaufi: erst dera Kellnern und nachhero dera Wirthen. Dann bin ich neubegierig, wer nun noch kommen wird!«
»Niemand. Ich befehle Ihnen, zu gehen, und Sie haben zu gehorchen!«
»So! Und wenn ich nun nicht gehorch?«
»So lasse ich Sie mit Gewalt hinausbringen!«
»Das könnens versuchen! Ich werds gar gern darauf ankommen lassen.«
»Also Sie gehen nicht freiwillig?«
»Nein!«
»So hole ich Polizei!«
»Das machens ja, mein scharmanter Herr Wirthen. Dir Polizeien wird Ihnen sodann sagen, obs hier Jemand hinauswerfen können, der herkommen ist, wo mit dera Eisenbahn zu fahren. Für solche Passagiererln sind die Stuben da!«
»Aber die erste Classe nicht für Sie!«
»So! Fahrt Ihr Herr Kellnern etwan erster Classen? Dann, wann nicht, so soll er bei Denen bedienen, die niedriger Classe fahren! Verstanden!«
Die Anwesenden steckten die Köpfe zusammen. Sie waren überzeugt, daß er nicht herein gehöre; aber daß er sich nicht werfen ließ, sicherte ihn ihrer stillen Sympathie. Nur Asta von Zelba sagte in befehlendem Tone zum Wirthe:
»Bitte, beenden Sie diese widerwärtige Scene! Es ist ja ein Skandal!«
»Sofort gnädiges Fräulein! Ich hole Polizei!«
Er ging und kehrte baldigst mit dem Stationär zurück. Dieser machte ein sehr grimmiges Gesicht, faßte den Anton bei der Schulter und sagte ganz einfach:
»Komm Bursche! Hier bist Du am unrechten Platz!«
Da stand der Anton langsam auf. Schon glaubten die Anwesenden, daß er dem Polizisten folgen werde; aber er wirbelte nur die Spitzen seines prächtigen Schnurrbartes in die Luft und sagte:
»Hörens mal, zunächst verbitt ich mir das Du! Ich glaub nicht, daß ich mit Ihnen oder Sie mit mir die Schweinen gehütet haben! Und das Wort Burschen, das könnens meinetwegen anwenden, wanns mal mit sich selberst reden! Und wo ich am richtigen oder am falschen Platzen bin, das muß ich am Allernbesten wissen. Ich bin höflich hereinikommen, hab grüßt und um Erlaubnissen beten, mich hierher setzen zu dürfen. Weiterst hab ich nix zu thun, und weiterst hab ich auch nix than. Ich hab auch mein Bierl zahlt, und nun möcht ich doch fast wissen, warum ich hier nicht sitzen bleiben darf!«
»Weil Sie nicht hier herein gehören!«
»So? Wer sagt das?«
»Ich. Oder fahren Sie vielleicht erster Klasse?«
»Ja.«
»So – o – s – o – o! Das glaube ich nicht. Sie sehen gar nicht nach erster Classe aus!«
»Na, nach welchern sehens dann wohl Sie aus?«
»Werden Sie nicht grob!«
»Ach, aberst Sie haben wohl das Recht, mit denen Passagieren erster Classen grob zu sein? Da werd ich mich doch mal bei dera vorgesetzten Behörden derkundigen. Wann Einer sein Geldl zahlt wie ein jeder Andrer und nix than hat, gar nix, und muß sich vom Kellnern, vom Wirthen und sodann auch noch von dera Polizeien verinjuriren lassen, das ist mir schon die rechte Art und Weisen. Da werd ich doch mal gleich beim Ministerl anfragen. Verstanden!«
»Sie haben nicht zu räsonniren. Zeigen Sie mir Ihr Billet erster Classe!«
»Das hab ich noch nicht.«
»So gehen Sie eben fort! Hier dürfen nur solche Leute verkehren, welche sich durch den Besitz des Billets legitimiren können.«
»Wann kein Billetenschaltern offen ist, so kann ich mir keins kaufen. Und nun seins doch mal so gut, und fragens die andern Herrschafterln nach denen Billeten! Gar Mancher, der gut hier herein gehört, wird sich noch keins kauft haben.«
»Das ist wahr!« ließ sich ein Herr hören.
»So sagen Sie, wer Sie sind?« fragte der Polizist.
»Ich bin dera Anton Warschauer geheißen.«
»Ach, etwa gar der Krikelanton?« fragte der Wirth.
»Ja.«
»So, also der Wilddieb.«
»Was? Wilddieb sagst? Na da werd ich Dir sogleich einen Gamsbock schießen, dent heimitragen magst!«
Er holte aus und gab dem Wirth eine Ohrfeige, daß der Getroffene sofort niederstürzte. Da sprang der Polizist auf den Anton ein, faßte ihm beim Arme und herrschte ihn an:
»Mensch, Sie vergreifen sich an dem Wirth! Jetzt sind Sie mein Arrestant!«
»So? Dann verarretiren Sie vorher den Wirthen, der mich beleidigt hat!«
»Was ich thun werde, das haben Sie mir nicht zu befehlen. Sie sind ein Ruhestörer und renitenter Mensch. Sie müssen bestraft werden. Kommen Sie! Vorwärts marsch!«
Da trat der Herr herbei, welcher bereits vorhin gesprochen hatte, und sagte zum Polizisten:
»Sie haben nicht das mindeste Recht, diesen Herrn zu arretiren. Er hat sich ganz anständig betragen. Er ist provocirt worden von einer Dame, welche selbst noch nicht bewiesen hat, daß sie sich im Besitze eines Billetes erster Classe befindet. Daß er dem Wirthe eine Ohrfeige gegeben hat, ist kein Grund zur Arretur. Der Wirth hat ihn geschimpft, und ich an seiner Stelle hätte ebenso mit einer Ohrfeige geantwortet. Ihr Verhalten ist auch nicht correct. Sie sind über Ihre Befugnisse hinausgegangen; das muß ich ernstlich rügen!«
»So!« meinte der Polizist kleinlaut. »Wer sind Sie denn, mein Herr?«
»Der!«
»Er zog eine große, glänzende Medaille aus der Tasche und zeigte sie ihm.
»Herrgott! Verzeihung, allergnädigst – – –«
»Still! Entfernen Sie sich!«
Der Polizist ging; der Kellner verschwand, und der Wirth trug in aller Stille seine Ohrfeige hinaus. Der Anton aber sagte zu dem Fremden:
»Habens auch von Herzen Dank, gnädiger Herr! Es gefreut mich halt sehr, daß doch Einer hier wesen ist, der da wußt hat, was Gerechtigkeiten ist!«
Er setzte sich wieder nieder. Es war still in dem Salon. Da ließ sich Asta's Stimme laut hören:
»Bitte, Milda, komm! Vielleicht giebt es draußen anständigere Umgebung als hier!«
Sie stand auf und verschwand hinter der Thür des andern Wartezimmers. Milda von Alberg befand sich sichtlich in größter Verlegenheit. Sie war glühend roth geworden. Sie wollte die Freundin nicht verlassen, aber auch nicht vor so vielen Leuten durch ihre Entfernung constatiren, daß sie die Ansicht Asta's theile. Der Krikelanton sah das. Er kam ihr zu Hilfe:
»Gehens in Gottes Namen mit hinaus, Fräulein,« sagte er. »Ich weiß halt ganz genau, daß sie nicht so sind wie die Andre. Sie, wanns auf Sie ankommen wär, Sie hätten mich nimmer fortweisen lassen. Dazu ist halt Ihr Gesichterl zu lieb und zu gut. Also gehens immer!«
»Bravo, bravo!« riefen mehrere Stimmen.
Milda erglühte wie eine Rose. Sie blieb noch ein kleines Weilchen sitzen und entfernte sich dann.
Draußen im Wartezimmer zweiter Classe saß ihre Freundin.
»Nun, kommst Du endlich?« fragte diese in zürnendem Tone. »Das scheint doch beinahe, als ob Du mich verleugnen wolltest, als ob Du Dich meiner schämtest.«
»Was denkst Du! Ich folgte nicht sofort, um den Affront nicht zu vergrößern.«
»Affront? Wer hat ihn verursacht? Ich oder dieses Subject, welches uns in dieser Weise blamirte?«
»Bitte, Asta, regen wir uns nicht weiter auf; freuen wir uns vielmehr, daß wir einander wieder haben! Ich bitte Dich!«
Die schöne Blondine zog die Stirne in Falten, zuckte die vollen Schultern, was ihr ein äußerst indignirtes Aussehen gab, und antwortete:
»Nun ja. Du bist immer ein klein Wenig plebejisch gesinnt gewesen. Nimm mirs nicht übel; aber ich gebe es auf, Dich zu ändern. Vergessen wir also dieses so unangenehme Intermezzo, obgleich ich am Allerliebsten wieder umkehren und nach Wien zurückfahren möchte. Ich denke aber an die höchst interessante Bekanntschaft, welche ich bei Dir machen werde.«
»Ich wüßte nicht, wen Du meinen könntest!«
»Nun, aus Schloß und Stadt Steinegg ist es allerdings Niemand. Darauf kannst Du Dich verlassen. Ich glaube nicht, daß es dort eine Person giebt, welcher ich meine Beachtung schenken werde.«
»Ich hoffe doch!«
»Ich? Wem zum Beispiel?«
»Da ist zum Beispiel eine mir sehr sympathische Dame: Frau Bürgermeister Holberg. Sie ist Wittwe – – –«
»Hm! Eine Bürgermeisterswittwe! Fi donc!«
»Eine sehr gebildete Dame!«
»Dame? Doch bürgerlich?«
Nun, meinst Du, daß es keine bürgerliche Dame geben könne?«
»Nein, die kann es freilich nicht geben. Eine Dame muß meiner Ansicht nach unbedingt von Adel sein. Also Deine Freundin kann mir nicht imponiren.«
»Das wird sie auf keinen Fall. Ihr ganzes Wesen ist gar nicht aufs Imponiren angelegt. Sie ist eine sehr liebe, stille, bescheidene Seele, welche ihren reichen Schatz an Kenntnissen und Erfahrungen kaum ahnen läßt, weißt Du, so eine tief angelegte Natur, aus welcher man immer neue Schätze empor fördert, sobald sie sich Einem einmal geöffnet hat.«
»Also eine Art Schacht?« spottete Asta.
»Ja,« antwortete Milda, über den Spott hinweggehend, »wirklich ein reicher Schacht.«
»Oder ein Stollen, eine Kohlengrube. Einmal von Weitem werde ich sie mir wohl ansehen; aber nahe kommen werde ich ihr auf keinen Fall. Kohlengruben haben für mich stets etwas Beängstigendes. Ich lasse sie Dir also über, ohne in die geringste Concurrenz mit Dir zu treten. Lieber werde ich mich mit der neuen Bekanntschaft sehr eingehend beschäftigen.«
»So sage mir doch endlich, wen Du meinst!«
»Es wird Dich außerordentlich überraschen, es zu vernehmen. Du liebst ja auch die Kunst.«
»Also sprichst Du von einem Künstler oder von einer Künstlerin?«
»Von Einem, nicht von Einer natürlich.«
»Und den willst Du bei mir kennen lernen?«
»Ja.«
»Auf Schloß Steinegg?«
»Freilich.«
»Da dürftest Du Dich täuschen. Außer eben Frau Bürgermeister Holberg, welche eine angenehme Stimme hat, sehr reizend singt und mit mir zuweilen musicirt, giebt es auf und in Steinegg keine Person, welcher ich den Rang eines Künstlers zusprechen möchte.«
»Schon wieder diese Frau Bürgermeisterin! Ich spreche aber ja von gar keiner sich in Steinegg befindenden Person, sondern von einem Herrn, welcher aus Wien kommen wird, sich Dir vorzustellen.«
»Aus Wien? Ein Künstler? Ich weiß wirklich nicht, welcher das sein könnte. Mit welcher Abtheilung der Kunst beschäftigt er sich?«
»Mit dem Gesange.«
»Also ein Sänger? Ich wüßte keinen einzigen Sänger der Hauptstadt, welcher Veranlassung haben könnte, sich mir auf Schloß Steinegg vorzustellen.«
»Das ist eben das Hochinteressante, daß Du ihn gar nicht kennst!«
»Ich! Also ein Herr Deiner Bekanntschaft?«
»Nein, auch nicht. Ich habe ihn weder gesehen noch gehört; aber ich brenne vor Begierde, ihn kennen zu lernen.«
»Aber, liebste Asta, so begreife ich nicht, ans welchem Grunde er grad zu mir will!«
»Aus dem sehr einfachen und sehr triftigen Grunde, daß Dein Vater ihn zu Dir schickt.«
»Mein Vater?« fragte Milda erstaunt. »Der? Der schickt mir einen Sänger?«
»Ja, meine Liebe!«
»Unglaublich! Mein Vater, welcher mich zwar nicht meiner Ansicht nach, sondern zufolge des Urtheils Anderer fast zu streng, beinahe klösterlich erzogen hat, mein Vater, welcher so unausgesetzt jede männliche Bekanntschaft von mir fern hielt, sendet mir einen Künstler, einen Sänger nach Steinegg, welches ich, wie er weiß, in solcher Einsamkeit bewohne!«
»So ist es.«
»Du mußt Dich irren, vollständig irren!«
»O nein. Er hat mir sogar, bevor ich abreiste, gewisse Instructionen in Beziehung auf diesen jungen Herrn ertheilt.«
»Also jung sogar! Ich begreife nicht!«
»Ich werde es Dir erklären müssen.«
»Natürlich bitte ich Dich sehr darum!«
»Nun, Du kennst doch den Professor der Musik, Weinhold?«
»Freilich. Er war mein Clavier- und Gesangslehrer, eine ausgesprochene Capacität in seinem Fache.«
»Nun, dieser Professor hat eine neue Gesangesgröße entdeckt, einen Tenor, der ohne Gleichen sein soll.«
»Ach! Wo?«
»Das ist Geheimniß, wenigstens konnte ich bisher nichts Gewisses erfahren. Dein Vater weiß es, aber er scheint Diskretion versprochen zu haben, denn ich vermochte mit allen meinen Bitten nicht, ihm eine Mittheilung abzulocken.«
»Das klingt ja außerordentlich geheimnißvoll!«
»Ist es auch, ist es auch wirklich. Also besagte Stimme ist entdeckt worden, irgendwo und vor ganz kurzer Zeit. Der Professor hat den Betreffenden mit nach Wien gebracht und ihm im Stillen den ersten Unterricht ertheilt. Der Sänger scheint ein Unicum zu sein, denn nicht nur seine Kehle ist einzig, sondern auch seine übrige Begabung soll eine so brillante sein, daß er in Zeit von wenigen Wochen Fortschritte zu verzeichnen hat, zu welchen bei Anderen Monate und wohl gar noch längere Fristen gehören. Du weißt, daß der Professor eben als Capacität bei den hohen und höchsten Herrschaften Zutritt hat. Auch wird er von ihnen in seinem Hause besucht. Eines Tages steigt die Fürstin Metternich vor seiner Thür aus dem Phaeton, um ihn irgend einer Composition zu interviewen. Sie gelangt, da seine Vorsaalthür zufälliger Weise offen steht, in seine Wohnung, ohne klingeln zu müssen. Niemand hat eine Ahnung von ihrer Gegenwart – da hört sie vom Vorzimmer aus eine Stimme – eine männliche, wunderbare Stimme, welche zur Pianobegleitung ein Lied singt. Sie hat noch nie so eine Stimme gehört, sie, welche die Künstler aller Länder und Welten gehört hat. Sie lauscht, sie hört das Lied zu Ende und ist unendlich entzückt und begeistert. Sie öffnet die Thür, ohne anzuklopfen, und überrascht den Professor beim Unterrichte, welchen er seinem neuen Findling giebt. Er muß erzählen, und die Folge ist, daß die neue Stimme zur Soirée der Fürstin befohlen wird. Der Professor weigert sich, er will nicht, aber er muß. Am Abend trägt der neu Entdeckte einige Piécen vor, natürlich vor höchsten Herrschaften, und erntet einen Beifall, wie er noch gar nicht gehört worden sein soll. Alle Welt will ihn nun hören. Alle Salons sind ihm geöffnet. Eine der allerhöchsten Damen; ich weiß nicht, ob eine der Erzherzoginnen oder gar die kaiserliche Majestät selbst, wünscht auch, ihn zu hören. Er erhält Audienz und singt mit ganz dem gleichen Erfolge. Eine Stimme wie die seinige soll noch gar nie gehört worden sein. Der hohe Herr Gemahl wird herbei gebeten; er hört den Sänger auch und ist für dessen Stimme so begeistert, daß er sich für seine Ausbildung auf das Lebhafteste zu interessiren beginnt. Der von Gott Begnadete soll sich nicht vorzeitig in den Salons verausgaben, sondern er soll studiren, ernsthaft arbeiten, um baldigst zur Vollkommenheit zu gelangen. Dazu aber ist Wien für ihn der Ort nicht. Man würde ihm keine Ruhe gönnen; er müßte singen, singen und immer wieder singen und fänd dabei nicht eine Stunde Zeit zur Ausbildung. Darum muß er fort, und zwar an einen Ort, welchen Niemand kennt, damit er nicht von den Kunstenthusiasten aufgesucht und entführt wird. Man wendet sich an Deinen Vater, und dieser ist ganz entzückt, Schloß Steinegg zur Verfügung stellen zu können.«
»So also ist es, so!«
»Ja. Du begreifst, daß es Deinem Vater ganz bedeutende Chancen macht, sich auf diese Weise den höchsten Herrschaften verbinden zu können. Der unbekannte Sänger ist bereits personna grata und wird es später unbedingt noch mehr werden. Also kannst Du Dich rüsten, ihn so zu empfangen, daß – – – verstehst Du mich?«
»Vollständig!«
»Der Professor kommt auch mit. Es soll auf Schloß Steinegg ganz im Stillen einige Monate lang geübt werden, und dann soll er plötzlich, und ganz unvorhergemeldet mit einer bedeutenden Leistung an die Öffentlichkeit treten, Und nicht blos der Professor allein soll an seiner Ausbildung arbeiten, sondern es sind noch zwei andere Personen dazu ausersehen.«
»Noch zwei Lehrer, welche nach Steinegg kommen?«
»Lehrerinnen!«
»O wehe!«
»Nicht o wehe, sondern ganz das Gegentheil!«
»So wird mein liebes Steinegg ja zur wirklichen Unterrichtsanstalt!«
»Freilich. Ich bin ganz entzückt darüber!«
»Ich weniger.«
»Warum?«
»Nun, daß ich meinen lieben Professor für längere Zeit bei mir haben soll, das freut mich. Daß der Sänger bei mir ausgebildet werden soll, ist mir sogar eine Ehre. Ich werde ihnen Beiden gern die Thore öffnen. Aber daß ich noch zweien Lehrerinnen gastlich – – – das ist mir unbequem.«
»Weißt Du denn, wer sie sind!«
»Gleich viel, wer sie sind!«
»Nein, denn die Eine bin ich, und die –«
»Du? Du? Unmöglich!«
»Ja, ich! Und die Andere sollst Du sein. Du selbst, liebe Milda!«
»Du scherzest!«
»Es ist mein völligster Ernst.«
»Ich, Lehrerin eines angehenden Künstlers! Bist Du toll! Ich wüßte nicht, was er von mir lernen sollte!«
»Anstand!«
»Was? Anstand?«
»Ja, Anstand und Tournüre!«
»Höre, das klingt höchst sonderbar!«
»Und ist doch so sehr einfach. Er soll nämlich, wie Dein Vater mir mittheilt, sich bisher nicht in sehr exclusiven Verhältnissen befunden haben, und in Folge dessen ist es ihm noch schwierig, sich in höheren Kreisen als souverainer Künstler zu bewegen. Eine alte Erfahrung aber lehrt, daß man diesen Chic sich am Leichtesten und Schnellsten und am Sichersten im Umgange mit gewandten und liebenswürdigen Damen aneignet. Diese beiden Eigenschaften besitzen wir. Du bist sehr liebenswürdig, und ich schmeichle mir, gewandt zu sein. Voila tout! Einverstanden?«
»Ich möchte das doch noch immer für einen Scherz Deinerseits halten.«
»Das darfst Du nicht; es ist völliger Ernst. Der betreffende Herr mag wohl einige kleine Ecken und Härten besitzen, welche er in unserer Gesellschaft verlieren soll. Nun, ich will mich dieser Aufgabe sehr fleißig und mit aller Sorgfalt widmen, denn ich habe gehört, daß er – im Vertrauen zu Dir gesagt – ein außerordentlich hübscher Kerl sein soll.«
»Kerl! Asta!«
»Pah! Unter vier Augen ist selbst ein solcher Ausdruck einmal gestattet!«
»Also, das hast Du bereits gehört?«
»Ja. Sein Aeußeres soll sehr vielversprechend sein. Du weißt, daß ich mich stets besonders gern mit den Vorzügen des starken Geschlechtes beschäftigt habe. Ich gehöre zu den umworbensten Mitgliedern unserer ›weiblichen Phalanx‹;, und so ist es für mich vom größten Interesse, zu probiren, ob ich diesen ›Neuentdeckten‹; besiegen werde oder ob er Sieger über mich sein wird.«
»Asta, ich bitte Dich!«
»Bitte, sei nicht prüde! Tugendhaft sind wir ja Alle, denn man beobachtet uns. Aber sobald wir uns unter uns befinden, können wir den lästigen Schleier ablegen. Ich halte es mit der Liebe, denn ich bin jung und schön. Wäre ich alt und häßlich, so würde ich mich nach einem anderen Sport umsehen.«
Diese mehr als aufrichtigen Auslassungen machten einen höchst peinlichen Eindruck auf Milda. Die schöne Blondine nannte sich zwar ihre Freundin, aber von Milda's Seite war diese Freundschaft viel mehr eine Bekanntschaft gewesen. Von Herzen hatte sie sich nie zu ihr hingezogen gefühlt. Sie hatte auch recht wohl gewußt, daß Asta eine mehr sinnlich als geistig bevorzugte Natur sei; aber daß sie solche Grundsätze wie jetzt entwickeln könne, hatte sie freilich nicht geahnt. Sie fühlte sich abgestoßen und hätte wohl eine nicht sehr freundliche Bemerkung gemacht, wenn nicht gerade jetzt das erste Glockenzeichen für den Abgang des Zuges gegeben worden wäre. Das überhob sie der Gelegenheit, einen so schnellen Riß zwischen sich und Asta entstehen zu lassen. Beide begaben sich hinaus an den Zug, wohin Asta ihr Gepäck sich nachkommen ließ.
Sie hätten sich ganz ungestört weiter unterhalten können, denn es stieg Niemand weiter bei ihnen ein. Jetzt läutete es zum dritten Male. Die Schaffner schlugen die ja noch aufstehenden Thüren zu.
»Steinegg, erster Classe!« rief eine Stimme.
»Was? Sie wollen erster Classe fahren?«
»Ja.«
»Das muß ein Irrthum sein. Zeigen Sie Ihr Billet!«
»Hier!«
»Ah, wirklich! Also schnell, schnell, hier herein!«
Der Schaffner riß die Coupéethüre auf, und die beiden Mädchen sahen – – den Krikelanton einsteigen, Milda zu ihrem geheimen Ergötzen, Asta aber zu ihrem größten Aerger.
»Ihr Diener!« grüßte er höflich und setzte sich nieder.
Milda nickte ihm zu, Asta aber zuckte verächtlich die Achsel und wendete sich ab. Auf der nächsten Station bat sie den Schaffner um ein anderes Coupée, mußte aber zu ihrem Grimme vernehmen, daß alle anderen Plätze dieser Classe bereits besetzt seien. Sie mußte sich drein ergeben, mit diesem entsetzlichen Menschen bis Steinegg fahren zu müssen.
Dort wartete ihrer eine Equipage, welche sie nach dem Schlosse brachte. Der Erste, welcher ihnen entgegentrat, war – Professor Weinhold, welcher mit dem vorigen Zuge angekommen war und sich durch einen Brief des Barons von Alberg legitimirte, welchen er der Tochter überreichte.
Der Vater schrieb Milda ganz dasselbe, was sie bereits von Asta gehört hatte, und fügte allerlei wirthschaftliche und andere Bemerkungen hinzu, welche sich auf ihr Verhalten zum Professor und dessen Schüler bezogen. Nach diesem Letzteren befragt, erklärte der Professor, daß derselbe nicht direct von Wien hierher gefahren sei, sondern vorher einen kurzen Abstecher nach seiner Heimath gemacht habe, aber heut ganz gewiß noch ankommen werde. Es wurde sofort dafür gesorgt, daß er bei seiner Ankunft alle nöthigen Bequemlichkeiten vorfinden werde.
Der Krikelanton hatte sich, nachdem er am Bahnhofe aus dem Coupée gestiegen war, nach dem Gasthause begeben, wohin er seine Effecten vorausgeschickt hatte. Dort ließ er sich ein Zimmer geben und befahl den Friseur zu sich. Als er später wieder in die Gaststube trat, starrte ihn der Wirth offenen Mundes an.
»Ah, Verzeihung?« sagte er. »Ich weiß nicht – weiß nicht – aber sind Sie der Herr, welcher sich vorhin Nummer Drei anweisen ließ?«
»Ja.«
»Dann begreife ich nicht – –! Welch eine Veränderung ist da mit Ihnen vorgegangen! Fast hätte ich Sie für einen ganz Andern gehalten.«
Anton begab sich nach dem Schlosse. Er trug einen höchst eleganten Anzug, den Frack unter dem Ueberrocke. Auch sein Gang, seine Haltung war eine ganz andere. Der Aufenthalt in Wien hatte zwar keineswegs lange gedauert, war aber doch von sehr günstigem Einflüsse auf sein Aeußeres gewesen. Auch des Hochdeutschen war er nun mächtig, so daß er nicht befürchten mußte, sich eine Blöse zu geben.
Im Schlosse angekommen, fragte er den Diener nach dem Professor und wurde zu demselben geführt. Dieser ließ sogleich die Baronesse benachrichtigen, daß Herr Warschauer angekommen sei. Zugleich ließ er anfragen, wann es gestattet sei, denselben vorzustellen.
»Was meinst Du?« fragte Milda. »Es ist bereits Dämmerung, also Abend. Sollten wir nicht so rücksichtsvoll sein, ihn erst bis morgen von seiner Reise ausruhen zu lassen?«
»Ausruhen? Wozu?«
»Nun, er ist soeben erst angekommen; darum sollten wir – – ah, da fällt mir ein, daß ja seit dem unserigen kein weiterer Zug gekommen ist!«
»Wirklich? Dann hat er sich bereits heute hier befunden, oder er ist mit einer anderen Gelegenheit hier angekommen. Auf keinen Fall aber ist er so ermüdet, daß wir ihn bis morgen schonen müßten. Wir wollen ihn sehen. Und wie heißt er? Warschauer? Allerdings kein sehr distinguirter Name. Klingt fast wie ein Jude. Bruder Straubinger, Bruder Warschauer! Hm! Mir ists, als ob ich diesen Namen erst kürzlich gehört hätte.«
»Mir auch.«
»Aber wo?«
»Ich kann mich nicht besinnen.«
»Ich auch nicht.«
»Nun, so – aber, höre, da fällt mir ein! Weißt Du, wer Warschauer hieß? Anton Warschauer?«
»Nun, wer?«
»Der Passagier, welcher mit in unserem Coupée saß.«
»Ja, wahrhaftig. Du hast Recht. Jetzt fällt auch mir es ein. Anton Warschauer nannte er sich, als der Polizist ihn nach seinem Namen fragte. Aber das ist auf alle Fälle nur ein Zufall. Du meinst doch nicht etwa, daß dieser Mensch und der Sänger eine Person seien?«
»Das möchte ich nicht glauben.«
»Es ist ganz unmöglich! Die hoch interessante Person, von welcher ich gehört habe, und dieser freche Kerl können gar nicht identisch sein. Also, wollen wir ihn jetzt kommen lassen?«
»Wenn Du meinst?«
»Ja, ich meine es. Nun, was giebts?«
Diese Frage war an den wieder eintretenden Diener gerichtet.
»Frau Bürgermeister Holberg ist da,« meldete er.
»Kann wieder gehen!« befahl Asta ganz so, als ob sie die Herrin des Hauses sei.
»Verzeihe,« fiel Milda ein. »Ich möchte sie doch empfangen.«
»Aber Du siehst doch ein, daß wir jetzt keine Zeit für sie übrig haben!«
»O doch!« erklärte die Herrin leise, um dem wartenden Diener nicht hören zu lassen, was sie mit der Freundin spreche. »Ich muß Dir nämlich ein Geständniß machen, liebe Asta.«
»Nun?«
»Als Du mir gestern telegraphirtest, daß Du heute kommen würdest, war die Dame gerade bei mir, und in meiner Freude über Deine Ankunft lud ich sie ein, mich jetzt zu besuchen. Ich wollte sie Dir vorstellen, da ich ja unmöglich wissen konnte, daß Du in dieser Weise dagegen sein werdest. Nun ist sie da, und ich kann sie unmöglich wieder fortschicken.«
»Das ist mir höchst fatal. Du hättest mit dieser Einladung warten sollen, bis Du wußtest, ob es mir angenehm sei oder nicht. Ich bin nun einmal auf solche Bekanntschaften nicht passionirt.«
»Aber dieses eine Mal wirst Du es mir zu Liebe über Dich ergehen lassen, bitte!«
»Nun, nur höchst ungern, das sage ich Dir allerdings. Wie wird es aber da mit dem Sänger?«
»Den können wir trotzdem empfangen.«
»In Gegenwart dieser – Bürgermeisterin?«
»Ja. Warum nicht?«
»Weil es, streng genommen, eine Beleidigung für ihn ist, wenn Du ihn in Gegenwart einer so gewöhnlichen Person empfängst.«
»Das wohl kaum, denn er ist ja selbst bürgerlich.«
»Aber das Genie adelt ihn. Na, sie mag eintreten. Es ist aber ganz gewiß das erste und das letzte Mal, daß ich mit ihr spreche. Du darfst von mir nicht erwarten, daß ich große Herzlichkeit gegen sie zeige.«
Der Diener erhielt Befehl, die Bürgermeisterin herein zu lassen. Als die Dame hereintrat, begrüßte sie Milda wie eine lieb gewordene Person. Das Mädchen zeigte eine nicht ganz verhehlte Befangenheit, gab sich aber Mühe, sich gegen sie ganz so zutraulich wie gewöhnlich zu verhalten.
Asta hingegen nahm ihren Gruß mit hochmüthiger Herablassung hin und trat dann an den offenstehenden Flügel, um in den dort liegenden Noten herum zu blättern.
Die Bürgermeisterin war nicht eine alte Frau. Sie konnte wenig über vierzig Jahre zählen. Man sah es ihr an, daß sie sehr schön gewesen sein müsse. Ihr Auftreten war bescheiden, aber selbstbewußt. Sie mußte es unbedingt sehen und fühlen, daß sie von Asta mit Geringschätzung behandelt werde, besaß aber eine zu gute und gediegene Bildung, als daß sie ihre Indignation darüber hätte zeigen mögen.
Sonderbar! Sie und Milda waren einander in Beziehung auf die Gesichtszüge nicht im Mindesten ähnlich; hätte man aber den Hohenwalder Lehrer Max Walther zwischen Beide gestellt, so wäre es eine Unmöglichkeit gewesen, nicht zu sehen, daß er sowohl mit Milda als auch mit dieser Frau eine frappante Ähnlichkeit besitze.
Die Schloßherrin theilte ihrem Besuche mit, daß sie eben jetzt im Begriffe stehe, einen Herrn zu empfangen, welcher beabsichtige, sich als Sänger auszubilden. Sodann gab sie Befehl, Herrn Warschauer herbei zu bitten.
Die Spannung der beiden Mädchen war eine ganz bedeutende. Da öffnete der Diener die Thüre und meldete:
»Herr Professor Weinhold. Herr Warschauer!«
Die Beiden traten ein und verbeugten sich. Die Blicke trafen sich. Anton war im Frack, weißer Cravatte und eben solchen Glacéehandschuhen. Er hatte keine Ahnung, daß er hier diese beiden Damen finden werde; dennoch aber verrieth nicht ein Zug seines Gesichtes, daß er sie kenne oder gar über diese Begegnung überrascht sei.
Ganz anders Asta. Sie blickte ihn mit großen Augen an. Zunächst fragte sie sich, ob es möglich sei, daß der »Kerl« in so veränderter Gestalt jetzt vor ihr stehe, als sie aber seine Identität anerkennen mußte, konnte sie einen Ruf der Bestürzung nicht unterdrücken:
»Also doch, Milda!«
Und sie, die sich nicht beherrschen konnte, wollte in Beziehung auf Umgangsform seine Lehrerin sein!
Milda war ebenso betroffen wie ihre Freundin, wenigstens einen kurzen Moment lang; dann aber fühlte sie eine innere Freude darüber, daß es gerade so und nicht anders sei. Sie war nicht schadenfroh, aber sie sagte sich doch, daß Asta diese Niederlage mehr als voll verdient habe.
»Meine Damen,« stellte der Professor vor, »gestatten Sie mir, Ihnen meinen jungen Freund und Schüler, Herrn Warschauer, dringend zu empfehlen! Er ist ebenso wie ich in der Lage, Ihrer Freundlichkeit und Nachsicht zu bedürfen.«
Milda gab ihm und dann auch Anton die Hand und sagte zu dem Letzteren:
»Sie sind mir herzlichst willkommen. Papa schreibt mir viel Liebes und Gutes von Ihnen, und es soll mich aufrichtig freuen, wenn ich Ihnen den schweren Weg, welchen Sie so muthig betreten haben, ein Wenig erleichtern kann. – Hier, meine Freundin Baronesse Asta von Zella.«
Die Beiden standen einander gegenüber. Ihre Augen trafen sich mit prüfendem Blick. Der seinige blieb ruhig und fest auf ihr haften; sie aber senkte ihr Auge. Es war ihr unmöglich, ihn so wie er sie anzusehen. Dann wendete er sich zu Milda:
»Gnädige Baronesse, ich komme unfreiwillig als Einer, dem Sie einen Theil der Traulichkeit Ihres Heims zum Opfer bringen sollen. Ich kann mich nicht selbst entschuldigen, und Sie sollen selbst entscheiden, ob ich ein strenges Urtheil verdiene oder nicht.«
Wie klang das so ganz anders als vorher auf dem Bahnhofe! Asta's Augen blitzten unwillkürlich auf, und als er sich jetzt zu der Bürgermeisterin wandte, um auch dieser vorgestellt zu werden, da folgte sie seinen Bewegungen mit hellen Blicken.
Wie war es nur möglich, daß sie diesen jungen Mann auf dem Bahnhofe so hatte beleidigen können? Diese kräftige, ebenmäßige Gestalt, diese gewandten Bewegungen, die eigenartigen, männlich schönen Züge, das große, dunkle, gluthvolle Auge – ja, er war schön, und er war sogar noch mehr, er war interessant, höchst interessant.
Sie beschloß ihren großen Fehler durch gesteigerte Liebenswürdigkeit wieder gut zu machen.
»Eigentlich bin ich Diejenige gewesen, welche die Ankunft der Herren hier gemeldet hat,« sagte sie. »Der Herr Baron von Alberg hatte die Güte, mich damit zu beauftragen. Ich hatte das Vergnügen, mich wiederholt mit ihm über den neuen Stern zu unterhalten, welcher so plötzlich am Himmel der Kunst erschienen ist. Leider konnte ich nicht erfahren, in welchem Sternbilde er eigentlich entdeckt wurde.«
Während die Herren sich setzten, antwortete der Professor:
»Um auf Ihr Bild einzugehen, könnte ich antworten: im Sternbilde des Steinbockes.«
»Also im Thierkreise!« lachte sie.
»Ja.« fiel Anton selbst mit ein. »Ich wurde nämlich im Gebirge entdeckt und will zur besseren Erläuterung hinzufügen, daß ich eigentlich ein Wenig Wildschütz gewesen bin.«
Dabei ließ er seinen Blick zu Asta hinüberschweifen. Sie erröthete, denn Sie dachte an die Scene im Bahnhofe, wo er den »Wilddieb« mit einer Ohrfeige beantwortet hatte.
»Ja,« fügte der Professor bei, »sonderbarer Weise macht Herr Warschauer kein Hehl daraus, daß er zuweilen das Leben gewagt hat, um sich eine Gemse zu holen. Die Herren vom Amte sind auch so scharf hinter ihm her gewesen, daß er sich nur dadurch retten konnte, daß er einen Bären tödtete, welcher dem Könige an das Leben wollte. Diese kühne That war der erste Schritt auf der Bahn, welche er jetzt zu wandeln hat. Der zweite Schritt war der fürchterlich waghalsige Aufstieg zur Felsenwand, von welcher er mir meine arme, verunglückte Frau herabholte.«
»Ich bitte, bitte, nicht weiter!« fiel Asta ein. »Das ist ja ein ganzes Verzeichniß von Heldenthaten. Gemsjäger, Bärentödter, den König gerettet, Ihre Frau Gemahlin gerettet! Dürfte man darüber nicht vielleicht etwas Näheres hören?«
Anton sträubte sich gegen die Erzählung dieser Ereignisse; aber der Professor ließ es sich nicht nehmen, die Kühnheit seines Schülers in ein helles Licht zu stellen. Anton konnte nichts dagegen thun, als hier und da einen Einwand dazwischen zu werfen, wenn der Professor sich gar zu weit hinreißen ließ.
Dadurch wurde die Unterhaltung eine außerordentlich belebte. Ein Wort gab das andere. Anton hatte keine Schule genossen, aber er war außerordentlich gut beanlagt. Er hatte seinen Aufenthalt in Wien fleißig ausgenutzt und fühlte sich in Folge des heutigen Vorkommnisses den Damen überlegen. Das gab ihm eine außerordentliche Sicherheit, und so war es kein Wunder, daß er bei seinen körperlichen Vorzügen einen höchst günstigen Eindruck machte, besonders auf Asta, welche für männliche Schönheit so sehr leicht empfänglich war.
»Und bitte, wo haben Sie ihn denn zum ersten Male singen gehört?« fragte sie.
»Das sollte ich eigentlich gar nicht erzählen,« antwortete der Professor, »denn die Rolle, welche ich dabei spiele, ist keineswegs eine sehr ehrenvolle. Es war in einem kleinen Badeorte. Ich saß in einer hoch gelegenen Restauration, zu welcher ein steiler Pfad empor führte. Herr Warschauer kam diesen Pfad herauf gestiegen und begann gerade unter meinem Fenster zu jodeln. Im beispiellosen Erstaunen über diese unvergleichliche Stimme vergaß ich, daß das Fenster geschlossen sei, und fuhr mit dem Kopfe durch das Glas. Meine Frau hat dann mit dem Hammer nachgeholfen, daß ich den Kopf wieder hereinziehen konnte. In dieser Weise wurde der Stern entdeckt. Sie sehen, meine Damen, daß der Beruf eines Kunstastronomen kein ganz ungefährlicher ist.«
»Dann muß die Stimme freilich eine außerordentliche sein!«
»Ich habe bisher meinen großen Vorrath von Kunstausdrücken und termini technici vergebens durchstöbert, um die geeigneten Ausdrücke, Herrn Warschauers Stimme zu beschreiben, zu finden.«
»Schade, daß die Herren Künstler gewöhnlich so spröde und zurückhaltend sind.«
»Wieso?«
»Sie pflegen sich nur selten zu einer kleinen Gabe erbitten zu lassen.«
»Ja, leider gehört Herr Warschauer auch unter diese Kathegorie.«
»Wirklich?«
»Ja.«
»Ist er so unerbittlich?«
»O nein,« antwortete Anton jetzt selbst. »Nur bin ich nicht immer gestimmt, die gewöhnliche Neugierde Jedermanns zu befriedigen. Sie werden mich hier ja täglich singen hören, wohl mehr, als Sie es wünschen mögen?«
»Und wann werden Sie beginnen?« fragte Asta, ihm einen heißen Blick zuwerfend und dann eine ziemlich bezeichnende Wendung nach dem Flügel machend.
»Sofort, nachdem ich die Erlaubniß dazu erhalten habe.«
»Und wenn Sie dieselbe nun jetzt empfangen?«
»Ah,« lachte der Professor. »Auch eine jener Diplomatinnen, welche unüberwindlich sind!«
»Das soll sich jetzt erst zeigen. Milda, Du hast doch jedenfalls ein hübsches Lied hier liegen.«
»Wohl, aber wir wollen Herrn Warschauer doch nicht gleich heute belästigen?«
»Warum nicht? Ich mache mich anheischig, ihn so lange zu bitten, bis er die Bitte erfüllt.«
Wieder sandte sie ihm einen Blick zu, welcher berechnet war, ihn verwundend zu treffen. Es war ihm ganz eigentümlich zu Muthe. Er stand auf und trat zu ihr hin.
»Sie sollen nicht lange bitten müssen, gnädiges Fräulein,« sagte er. »Bitte, suchen Sie eines der Lieder aus!«
»Gern; aber helfen Sie mit!«
Sie schob ihm einen Theil der Noten zu. Beide suchten; dabei kam es wie von Ungefähr, daß ihre Hände sich berührten. Er erröthete. Sie bemerkte es.
»Er ist mein; er ist mir verfallen!« erklang es in ihrem Innern.
Endlich entschloß sie sich für eines der Lieder.
»Hier, bitte, mein Herr! Ich habe diese Composition nur ein einziges Mal gehört. Sie ist von einer Zartheit und Innigkeit, welche einen außerordentlich tiefen Eindruck in mir zurückgelassen hat. Darf ich bitten?«
»Gern, wenn der Herr Professor die Güte haben will, mich zu begleiten.«
Der Professor trat an das Instrument.
»Wenn ich auf dem Lager liege, componirt von Robert Franz? Gut, beginnen wir!«
Er setzte sich. Anton stand hinter ihm. Asta stellte sich so, daß er ihr und sie ihm offen in das Gesicht sehen konnte. Der Professor präludirte die zwei Tacte, und dann begann Anton:
»Wenn ich auf dem Lager liege,
In Nacht und Dunkel gehüllt
So schwebt um mich ein liebes,
Anmuthig süßes Bild.
Wen mir der stille Schlummer
Geschlossen die Augen kaum,
So schleicht das Bild sich leise
Hinein in meinen Traum.
Doch mit dem Traum des Morgens
Zerrinnt es nimmermehr;
Dann trag ich es im Herzen
Den ganzen Tag umher.«
So einfach das Gedicht ist, so einfach auch die Melodie. Wie viele tausend Male mochte dieses Lied schon gesungen worden sein, nur damit ein anderes folgen solle. Und welch einen Eindruck machte es hier!
Als er langsam in As-dur begann, vermochte keine der Zuhörerinnen, unbeweglich zu bleiben. Es klang, als ob die hellsten, reinsten Perlen von seinen Lippen rollten. Er sang leise, mit unterdrückter Stimme; aber man hörte, welcher Mächtigkeit dieselbe fähig sei. Das war eine Zartheit, ein Schmelz! War das denn wirklich der Tabuletkrämer, der damals seine ungelenken Jodler hinausgeschrieen hatte? Keine der Damen war eigentlich eine Musikkennerin; aber alle Drei fühlten sich tief, tief ergriffen, nur eine Jede in ihrer Weise.
»Dann trag ich es im Herzen
Den ganzen Tag umher!«
sagte Asta, als er geendet hatte. »Wie gut ist es doch, daß der Sänger nicht verurtheilt ist, das zu thun, was er singt! Sie würden bald müd werden.«
»Wohl kaum,« antwortete er. »Ich würde mein Herz nur einem Bilde öffnen, welches ich gern in demselben trage, und dann ermüdet man nicht.«
»Und wie müßte dieses Bild beschaffen sein?«
Ihre Augen leuchteten förmlich auffordernd zu ihm herüber.
»Blond,« antwortete er. »Das ist mein Ideal.«
»Und weiter!«
»Vielleicht folgt die Schilderung später einmal. Jetzt möcht ich auch den andern Damen gerecht werden: Für Jede ein Lied. Bitte, gnädige Baronesse!«
»Für mich auch eins?« sagte Milda. »Nun dann mein Lieblingslied. Hier ist es!«
Sie legte ihm das Notenblatt hin. Es war überschrieben »Blühendes Thal.« Der Gesang beginnt sogleich, ohne Vorspiel:
»Wo ich zum ersten Mal Dich sah,
Wie üppig grünt' die Wiese da.
Wo ich zum ersten Mal Dich sprach,
Da blühn die Veilchen unterm Dach.
Wo ich Dich küßt in dunkler Nacht,
Da hadert nun der Rosen Pracht,
Doch wo ich Abschied nahm in Leid,
Da rauscht nun eine Trauerweid'.
Bald jauchzt in Wonne mir das Herz,
Bald sinkt es ein in tiefstem Schmerz.
So blüht und rauscht das ganze Thal
Von unsrer Lieb, von unsrer Qual.«
Er hatte jetzt vermieden, Asta anzusehen, und doch fühlte er förmlich ihren Blick auf sich ruhend. Es war etwas Fascinirendes, Gefangennehmendes an diesem Mädchen. Er fühlte sich von ihr abgestoßen und doch auch mit eigenthümlich zwingender Macht wieder angezogen. Er dachte kaum an das Lied, welches er sang. Er sah kaum die Noten, und er hörte kaum seine eigenen Töne. Es war, als ob er sich in einem Zauber befinde.
Und nicht allein er war bezaubert. Auch Asta fühlte Etwas, was sie noch nie gefühlt hatte. Dieser Wildschütz machte ihr mit seiner herzbestrickenden und sinnbethörenden Stimme zu schaffen. Wenn Orpheus mit seinem Gesange Steine lebendig machen konnte, warum sollte es dieser geradezu beispiellose Tenor nicht vermögen, ein kaltes Herz in Liebesgluth zu versetzen? Warum vermied er ihren Blick? Sie veränderte ihre Stellung, um ihn zu zwingen, sie anzublicken, aber da wendete er sich ab:
»Bitte, Frau Bürgermeister, nun auch Sie ein Lied.«
»O nein, ich möchte Sie nicht belästigen,« antwortete sie in ihrer Bescheidenheit.
»Sie belästigen mich nicht, sondern es ist ein Wunsch, welchen Sie mir erfüllen.«
»In diesem Falle möchte ich Sie um dasjenige Lied bitten, welches mich unter allen hier vorzufindenden stets am tiefsten rührt: ›Des kranken Kindes Traum.‹; Bitte, hier sind die Noten!«
Er überflog die Melodie. Sie begann in A-moll, in so weichen, herzinnigen Tönen fragt das Kind:
»Was wecken aus dem Schlummer mich
Für süße Töne doch?
O Mutter, sieh, wer mag es sein
In später Stunde noch?«
Und die Mutter, welche am Bette des sterbenden Kindes wacht, antwortet voller Angst:
»Ich höre nichts, ich sehe nichts;
O schlummre fort, so lind.
Man bringt Dir keine Ständchen jetzt,
Du armes, armes Kind!«
Aber das Kindesohr hört doch Töne, Töne, welche nun heller und heller, jubelnd erklingen. Das Moll mit seinen Klagen ist vorüber, und nun ertönt es in freudigem, sicherem Dur:
»Es ist nicht irdische Musik,
Was mich so freudig macht;
Mich rufen Engel mit Gesang,
O Mutter, gute Nacht!«
Er hatte dieses Lied leise und zart begonnen wie die andern beiden auch; dann aber, bei den Worten »es ist nicht irdische Musik,« begann seine Stimme zu schwellen, stärker und starker; bei »mich rufen Engel mit Gesang« brauste sie durch das Zimmer, daß in Wahrheit und buchstäblich die Fensterscheiben klirrten, und dann sank sie bei dem letzten Gruße an die Mutter schnell wieder zum leisen, hinsterbenden Flüstern herab.
Und diese Stärke seiner Stimme hatte nichts Gewaltsames, nichts Erzwungenes an sich. Die Sonne strengt sich auch nicht an, wenn sie das ganze Licht und die ganze Wärme ihrer Strahlen zur Erde sendet. Asta war unwillkürlich zurückgewichen. Sie war fast erschrocken über diese gewaltige Fülle von Wohlklang und Metall. Milda saß mit gefalteten Händen auf ihrem Stuhle und blickte den Sänger zweifelnd an. War es denn möglich, daß diese Worte, diese Töne aus einer menschlichen Brust kamen? Und die Bürgermeisterin hatte sich abgewendet und weinte inbrünstig. Es war überhaupt eigen, daß diese drei weiblichen Wesen sich ganz genau und treffend durch die Wahl ihrer Lieder characterisirt hatten. Asta mit ihrem einfachen, nackten Constatiren des Verliebtseins:
»Dann trag ich es im Herzen
Den ganzen Tag umher!«
Milda, die Liebe tiefer, viel tiefer erfassend:
»So blüht und rauscht das ganze Thal
Von unsrer Lieb, von unsrer Qual.«
und die Bürgermeisterin nur an die größte Liebe, an die Mutterliebe denkend
»Man bringt Dir keine Ständchen jetzt,
Du armes, armes Kind!«
Sie war auf das Tiefste ergriffen. So wie jetzt hatte sie dieses Lied noch niemals singen gehört, und darum bäumte sich aller, aller Schmerz wieder empor, den sie seit langen, langen Jahren still im Herzen getragen hatte. Sie hatte zuweilen geglaubt und gehofft, ihn endlich, endlich besiegt zu haben; aber er regte sich von Zeit zu Zeit, um ihr zu zeigen, daß er noch immer vorhanden sei, und jetzt, heute Abend, war er mit einer Gewalt losgebrochen, welche ihr Herz erzittern und ihre Seele erbeben machte. Sie konnte sich nicht beherrschen, sie konnte nicht länger hier bleiben. Mit riesiger Anstrengung drängte sie die Thränen nur für die wenigen Augenblicke zurück, welche sie brauchte, um sich zu verabschieden.
Sie machte dem Professor eine höfliche und Asta eine sehr kalte Verbeugung, gab Milda die Hand und streckte sie dann auch Anton entgegen.
»Herr Warschauer,« sagte sie mit leiser Stimme, denn wenn sie laut hätte sprechen wollen, so wär sie in Schluchzen ausgebrochen, »ich danke Ihnen innigst für das Lied! Gott hat Ihnen in Ihrer Stimme eine Macht über die Menschenherzen gegeben, welche Ihnen und Andern zum Segen, aber auch zum Verderben gereichen kann. Er gebe Ihnen nun auch das ächte, wahre, treue Fühlen; dann werden Sie die Seele besitzen, ohne welche selbst die größte Kunst nur todt und leblos ist. Ich danke Ihnen nochmals! Gute Nacht!«
Ganz ohne es zu wollen, hatte sie eine scharfe und äußerst treffende Kritik geführt. Ja, sein Gesang war ohne Gefühl, ohne wahre Empfindung. Ihm fehlte die Seele; er hatte sie mit der Leni von sich gestoßen. Welchen Eindruck hätten seine Lieder gemacht, wenn eine wahre, reine und treue Liebe in seinem Herzen gelebt hätte! Leni's Lieder wirkten ja gerade deshalb, weil sie eine unglückliche Liebe im Herzen trug, so wunderbar, so hinreißend. Anton mußte, um auf die Höhe seines Berufes zu gelangen, innerlich von Neuem geboren werden.
Die Bürgermeisterin ging. Kaum hatte sie die Thür hinter sich zugemacht, so brachen ihre Thränen von Neuem aus. Es klangen ihr brausend und anklagend die Worte in's Ohr:
»Man bringt Dir keine Ständchen jetzt,
Du armes, armes Kind!«
Sie wankte langsam den Schloßberg hinab, müd und immer müder werdend und flüsterte wieder und immer wieder:
»Mein Kind, mein Kind, mein armes Kind! Mein Max, mein armer, kleiner Max! Dir wurde an der Wiege bei Fackelschein gesungen, und nun – bringt man Dir keine Ständchen mehr. Du armes, armes Kind! O Gott, gieb mir doch ein Zeichen, ob er todt ist, gestorben und verdorben in fremden, kalten Händen! Und lebt er noch, so laß mich ihn wiederfinden, damit ich gut mache, was an ihm gefehlt worden ist!«
So betete sie inbrünstig und ging langsam weiter, weinend und die Hände ringend.
Da trat ein Mann, der wartend am Rande des Weges gestanden hatte, an sie heran, blickte ihr in das Gesicht, um dasselbe bei der Dunkelheit des Abends zu erkennen und sagte dann in frohem Tone:
»Grüß Gott, Frau Bürgermeisterin! Ich hab hört, daß Sie auf dem Schloß waren und hier auf Sie wartet seit fast einer Stunden.«
»Sepp!« rief sie. »Sepp, ists wahr, bist Du es? Soeben habe ich zu Gott wegen meines Kindes gebeten, und da trittst Du zu mir heran. Ist das nicht, als ob mein Gebet Erhörung finden solle!«
»Na, regens sich halt nimmer auf, Frau Bürgermeistrin. Eine Botschaften bring ich schon; das ist wohl wahr.«
»Eine Botschaft! O Gott, mein Gott, ich danke Dir! Sepp, hast Du ihn gefunden?«
»Wen? Sie meinen wohl denen Buben?«
»Ja, wen soll ich denn sonst meinen!«
»Na, seins halt nur nicht gleich so hitzig! Wann ich sag, daß ich eine Botschaften bring, so denkens nachher gleich, daß Alles aufifunden worden ist. So schnell gehen diese Sachen doch nicht.«
»Aber eine Spur hast Du vielleicht doch?«
»Eine Spuren? Ja, die hab ich vielleicht entdeckt; aberst es ist nur so eine ganz kleine, ein Gedank von einer Spuren, und da müssen wir halt erst sehen, obs auch wohl die richtige ist.«
»So erzähle! Sag, wo, wie und wann Du diese Spur entdeckt hast.«
»Wo, wie, wann? Also von dem Ort, von der Zeit und auch von dera Art und Weisen soll ich gleich in einem Athem berichten! Hörens mal, Frau Bürgermeistrin, das halt der Hundertste nicht aus! Und ich bin so ein alter Kerlen, bei dems Hirn schon ein Wengerl eintrocknet ist. Wann ich gleich so viel auf einmal sagen soll, so bleibt mir gleich dera halbe Verstand stehen und die andera Hälften läuft mir fort. Nachhero sitz ich da und kann mich auf gar nix besinnen. Nein, das geht nimmer. Das muß recht hübsch langsam gethan werden, so in dera richtigen Reihen, Eins nach dem Andern und auch nicht hier auf dera Straßen, wo man die fünf Sinnen nicht so beisammen haben kann wie drinnen in dera Stuben, wo's einen Kaffee giebt, oder ein Bier und auch ein Käs und Brod oder gar einen Endknopf von dera Servelleratwursten dazu.«
»Du hast Recht. Hier ist freilich nicht der Ort zu solchen Mitteilungen. Mein Gott, wenn man sich so lange Jahre gesehnt hat, vergebens gesehnt, und man hört, daß diese Sehnsucht doch vielleicht gestillt werden kann, so denkt man freilich nicht sogleich an das Naheliegende. Also komm mit zu mir. Da magst Du mir erzählen, was Du erfahren hast.«
»Na, endlich! Das ist ein Worten, was ich gelten lassen will. Dort kann auch Niemand nix hören. Hier aberst in dera Dunkelheiten kann man niwmerst wissen, ob nicht Einer in dera Nähe steht und Alles hört.«
Sie gingen abwärts nach dem Städtchen. Die Bürgermeisterin lief so schnell, daß der Sepp Mühe hatte, nachzukommen. Er kannte die Wohnung seiner Auftraggeberin. Es war eines der besten Häuser der Stadt. Er war schon öfters bei ihr gewesen und darum kannte ihn auch das Dienstmädchen der Bürgermeisterin.
Dort angekommen, mußte er sich sofort an den Tisch setzen und erhielt ein gutes Abendessen vorgesetzt.
»Das laß ich mir schon gefallen,« meinte er schmunzelnd. »So was hat Unsereiner nicht immer. Das ist vom Mittag übrig blieben, ein halbes Backhähnerl mit Selleriesalaten und Backbirnen. Das öffnet den Verstand und macht die Augen hell. Und gar auch noch ein Gläserl Wein dazu! Na, das ist ja grad, als ob man die silberne Hochzeiten verzehren thut! Prost Mahlzeit, Frau Bürgermeistrin! Sie brauchen sich nicht mit anzustrengen, Essen werd ich schon selberst. Nachhero kann ich auch verzählen.«
Er ließ es sich schmecken. Sie saß ihm gegenüber und sah ihm zu. Obgleich sie ihre Begierde, Etwas zu erfahren, kaum beherrschen konnte, bemühte sie sich, äußerlich ruhig zu sein, und freute sich auch wirklich darüber, daß es dem Alten so ausgezeichnet schmeckte. Wenn er sein Glas ausgetrunken hatte, schankte sie es ihm schnell wieder voll und nöthigte ihn, nur zuzulangen. Das Trinken erleichtert bekanntlich das Essen, und je schneller der Sepp fertig wurde, desto eher konnte er seinen Bericht beginnen.
Er dagegen glaubte, nicht sogleich Alles sagen zu dürfen. Er hatte gehört, daß eine große Freude unter Umständen ebenso gefährlich wirken kann wie ein großer Schmerz. Er wollte vorsichtig sein, zumal er sehr große Stücke auf die Bürgermeisterin hielt.
Endlich legte er Messer und Gabel weg und wischte sich den Schnautzbart mit dem Zipfel des Tischtuches ab. Sie athmete erleichtert auf.
»So!« sagte er. »Das hat geschmeckt, und nun könnten wir wohl von unsera Angelegenheiten reden, wanns sicher wissen, daß's Niemand hören thut.«
»Wer soll es hören? Das Mädchen ist in der Küche.«
»Na, ich hab Dirndln kannt, dera Ohren gingen von dera Küchen aus dreimal ums ganze Haus herum. Da muß man sich in Acht nehmen.«
»Die meinige horcht nicht.«
»So? Das ist sehr gut. Dafür werd ichs auch heirathen, wann ich mal Eine brauchen thu, welche nicht neubegierig ist. Jetzt aberst darf ich Niemand auszanken von wegen dera Wißbegierden, denn ich hab ja jetzt selbst überall hinanhorchen mußt, um zu derfahren, was ich gern wissen wollt.«
»Nun, und was hast Du erfahren?«
Er machte ein verwundertes Gesicht und antwortete:
»Ich? Nix hab ich derfahren, gar nix.«
»Was? So hast Du wohl nur Scherz gemacht, als Du sagtest, daß Du eine Spur gefunden habest?«
»Nein. In so einer Sachen mag ich keinen Scherz treiben; das fallt mir freilich nicht ein. Aberst ich mein, daß ich nix derfahren hab, wie's frühern gewest ist. Und das muß ich doch wohl wissen, um merken zu können, ob ich richtig denkt hab oder nicht.«
Er blickte sie erwartungsvoll an. Sie lehnte sich in den Stuhl zurück, schloß für einen Augenblick die Lider, als ob sie überlegen wolle, und sagte dann:
»Also wissen willst Du, was früher geschehen ist? Ja, vielleicht hab ich einen Fehler gemacht, daß ich Dir nicht Alles aufrichtig erzählte.«
»Freilich wohl. Je mehr ich weiß, desto besser und leichter kann ich forschen. Jetzt hab ich wohl Einen funden, der an einer fremden Thüren niederlegt worden ist, aberst ob er auch – der Richtigen ist, wer kann das wissen.«
»So! An einer fremden Thür? Wo?«
»In dera Gegend von Regensburgen.«
»Nun, das ist ja die Gegend, welche ich Dir genannt habe!«
»Ganz richtig. Aberst um Regensburgen herum sind gar viele Oertern und gar viele Häusern und gar viele Thüren. Was nun ist das Richtige?«
»Ich habe Dir gesagt, daß ich den Ort selbst nicht weiß.«
»Das ist schlimm. Aberst grad darum muß ich doch das Andre derfahren, was Sie noch wissen.«
Sie kämpfte mit sich selbst. Sie hatte ein großes Vertrauen zu dem Alten, und sie wußte recht gut, daß er dieses Vertrauen auch gar wohl verdiene; aber konnte sie, die Frau, einem Manne von ihrer Jugend erzählen, von dem Fehltritt, dessen sie sich damals schuldig gemacht hatte? War das nicht zu viel verlangt?
Als sie so zögerte, nickte er bedächtig vor sich hin und sagte:
»Na, ich weiß es gar wohl: es giebt halt Sachen, von denen man nicht gern redet. Darum will ich auch nix derfahren. Nachhero aberst dürfens auch nicht verlangen, daß ich mich weitern um diese Sach bekümmern thu. Ich sag Ihnen also, was ich weiß, und sodann mögens halt schaun, obs das Uebrige selber dermachen können. Ich werd Ihnen also mal was zeigen.«
Er holte seinen Rucksack aus der Ecke, in welche er ihn gelegt hatte, öffnete ihn und nahm einen kleinen Lederbeutel heraus, den er ihr gab.
»Hier habens dieses Beuterl, Frau Bürgermeistern. Schauns mal hinein, obs das kennen, was sich jetzt darinnen befindet!«
Sie zögerte. Sie hielt den Beutel zagend in der Hand, drückte ihn an die Brust und seufzte:
»Was wird es sein? Was?«
»Das werdens ja gleich schaun!«
»Jawohl. Aber es ist mir, als ob ich jetzt ein Urtheil vernehmen solle, welches über Leben und Tod entscheidet.«
»Na, so schlimm wirds halt doch nicht sein. Da nehmens auch noch das Papiererl, was ich da in meiner Taschen hab.«
Er zog ein zusammengefaltetes Papier aus der Tasche und gab es ihr hin. Das öffnete sie. Es enthielt jenes kleine Stückchen Holz, welches zu dem bereits erwähnten Kreuz gehörte.
»Das Bruchstück, welches ich Dir anvertraut habe!« sagte sie. »Das giebst Du mir wieder? Warum? Hat es Dir nichts genützt?«
»Machens nur das Beuterl auf, nachhero werdens sehen.«
»Nun gut! So sei es gewagt!«
Sie öffnete den Beutel. Er enthielt jenes schwarze Holzkreuzchen, welches der Sepp bei dem Lehrer Walther entdeckt hatte. Die Frau fuhr von ihrem Stuhle auf.
»Das Kreuz, das Kreuz!« rief sie. Sie hielt es nahe an die Lampe, um es genau zu betrachten, und sah auch, daß das abgebrochene Stückchen ganz genau dazu paßte. »Es ists, es ists, es ist mein Kreuz, mein Kreuz! O Gott, endlich wird es Licht; endlich finde ich, was ich so lange Zeit und so vergeblich gesucht habe!«
Sie preßte das Kreuz an ihr Herz und an ihre Lippen und brach in Thränen aus. Der Sepp sagte nichts. Er war selbst aufs Tiefste gerührt. Er ließ sie gehen. Nach einer Weile fuhr sie fort:
»Wo das Kreuz gefunden worden ist, muß auch Derjenige sein, dem es gehört hat! Von wem hast Du es, Sepp, von wem?«
»Ja, ich weiß halt nicht, ob ichs sagen darf.«
»Warum nicht?«
»Weil mirs verboten worden ist.«
Das war nicht wahr. Er wollte vorsichtig sein. Er wollte hören, was sich damals begeben hatte, als die Mutter ihr Kind von sich gab. Erst dann konnte er gewiß wissen, ob der Lehrer dieses Kind gewesen sei, und erst dann konnte er, seiner Ansicht nach, die verlangte Mittheilung machen.
»Wer hat es Dir verboten?« fragte sie.
»Der, von dem ichs hab.«
»Er muß doch einen Grund dazu gehabt haben?«
»Freilich hat er ihn habt. Er hat nicht wollt, daß ein Mißbrauchen damit macht werde, und darum hat er mir befohlen, ich solls nimmer eher hergeben und nicht eher was verzählen, als bis ich selberst mich überzeugt hab, daß die Personen auch wirklich ganz die richtige ist.«
»So traust Du mir also nicht?«
»Ich? O, ich hab ein gar groß Vertrauen zu dera Frau Bürgermeisterin, aberst was mir anbefohlen worden ist, das muß ich doch thun.«
Sie blickte still vor sich hin, betrachtete das Kreuz wieder und wieder und sagte dann:
»Nun wohl. Du sollst sehen, daß ich wohl die Richtige bin. Ich werde Dir Alles erzählen.«
»Daran werdens wohl sehr recht thun. Ich werd hernach auch Alles sagen, was ich zu sagen hab.«
Sie war aufgestanden und ging in großer Erregung einige Male im Zimmer auf und ab. Dann blieb sie bei ihm stehen, legte ihm die Hand auf die Schulter und fragte:
»Sepp, sage mir, warum Du ledig geblieben bist!«
»Ich? Na, weil mich Keine hat haben wollt.«
»Dich? Wenn ich Dich ansehe, so möchte ich trotz Deines Alters behaupten, daß Du in Deiner Jugend ein ganz hübscher Bursche gewesen sein mußt.«
Er nickte leise vor sich hin, schüttelte dann den Kopf und antwortete:
»Ja, was soll das nützen, wann man kein übles Aussehen hat und hernach dennoch keine Frau bekommt! Freilich wohl bin ich nicht ganz häßlich gewest, aberst es hat mir gar nix nützt.«
»So hast Du gar kein Mädchen gehabt?«
»Freilich hab ich mal Eine habt; dera Leni ihre Muttern ists gewest. Die hab ich so lieb habt, so sehr lieb; aberst sie ist mir untreu worden, als ich beim Militären standen hab und eine Zeiten lang nicht heimkommen bin.«
»Also geliebt hast sie?«
»Grad wie mein Leben und auch noch mehr.«
»Das wollt ich wissen. Ich wollt erfahren, ob Du die Liebe kennen gelernt hast.«
»O, die hab ich kennen lernt, mehr als genug, mit all ihrem Glück und mit all ihrem Leid. Als ich hab hört, daß es aus ist mit uns, da ist mirs grad so gewest, als ob ich schier vergehen soll und mich gleich hinlegen und sterben. Das hätt ich wohl nicht zweimal derleben könnt; das, wann mans nur einmal mitmachen thut, so ists grad schon mehr als genug.«
Er wischte sich über die Augen und dann mit dem Aermel über den Schnurrbart. Es war die Rührung über ihn gekommen, welche ihn jedesmal übermannte, wenn er an jene Zeit dachte, in welcher er hatte entsagen müssen.
»Sepp, ich fühle mit Dir. Nun ich weiß, daß Du die Liebe kamen gelernt hast, wirst Du mich verstehen und nicht gar schlimm von mir denken. Ich kann also von dem Jugendfehler, welchen ich begangen habe, mit Dir sprechen.«
»Ja, das könnens halt ganz gut. Ich hätt mir wohl spätern ein Weib nehmen konnt; wann ich wollt hätt, denn es hat mehrere geben, welche gar gern ihr Ja sagt hätten und sind auch ganz saubera Dirndln gewest; aber ich hab eben nicht wollt. Die Lieb hat mir zu tief im Herzen sessen; sie ist meine erst und einzige gewest und wird auch mal mit mir ins Grab hinunter gehen. Da brauchens also gar keine Sorg zu haben. Was die Lieb betrifft, davon versteh ich schon auch so ein kleines Wengerl.«
»So höre mich an! Ich werde es möglichst kurz machen, um nicht all des Vergangenen aber nicht Vergessenen wieder in mir aufzuwühlen.«
»Ja, sprechens nur! Ich hör schon zu.«
Sie setzte sich ihm wieder gegenüber und begann:
»Als ich jung war, hielt man mich für ein schönes Mädchen – – –«
»Ja,« fiel er ein. »Das glaub ich gar wohl, daß die Frau Bürgermeistrin ein appetitlichs Dirndl wesen ist. Das sieht man ja sogar jetzunder noch.«
Sie überhörte diese Bemerkung und fuhr fort:
»Mein Vater war Banquier. Er galt für reich; aber er hatte sich auf Zureden seines Compagnons in sehr verwickelte Speculationen eingelassen, und eines schönen Tages stellte es sich heraus, daß ihm kein Gulden und kein Kreuzer übrig bleibe, wenn er so ehrlich sein wollte, seine Passiva zu decken.«
»Ja, das hat man davon, wann man sich einen Compagnonerl anschafft! Das hab ich mir auch immer denkt, und darum hab ich meinen Wurzelhandel stets ganz alleini trieben. Ich mag halt keinen Andern dazu.«
»Er war ehrlich und zahlte. Er mußte eine untergeordnete Stelle im Bureau eines Andern annehmen.«
»Das war brav. Er hat Niemand betrogen. Solche Leutln sind aberst nicht gar zu häufig zu finden.«
»Ich hatte einen Jugendgenossen, welcher stets viel Interesse an mir genommen hatte. Er studirte Jurisprudenz und besuchte uns täglich, wenn er in den Ferien daheim war.«
»Ah, jetzunder beginnt die Liebesgeschichten!«
»Nein. Ich war ihm sehr freundschaftlich gesinnt, aber Liebe fühlte ich nicht für ihn.«
»Der arme Schluckerl!«
»Ich glaube vielmehr, daß meine Schwester ihm im Stillen eine innige Zuneigung widmete. Sie war ein gutes, aber immer kränkliches Mädchen, welches wenig Geräusch von sich machte. Er hieß Holberg.«
»Ah, so heißens doch jetzt selbst! So ist er also doch noch Ihr Mann worden?«
»Später! Als Vater sein Geschäft aufgeben mußte, reichte sein Gehalt nicht zu, unsere gemeinschaftlichen Bedürfnisse zu bestreiten. Ich als Aelteste sah mich darum gezwungen, dem Vater die Last zu erleichtern. Ich sah mich nach einer Stelle um und wurde Gouvernante in einer adeligen Familie.«
»Das ist ein großes Viehzeug, eine Gouvernanten; das weiß ich auch schon bereits. Denen Gouvernanterln steht die Nasen manchmalen höher als denen Herrschaften selbst. Das hab ich sehen, wann ich zu denen vornehmen Leutln kam und Wurzeln verkaufen wollte. Keine einzige Gouvernanten hat mir einen Enzianen oder auch nur einen Kalmussen abkaufen wollt!«
»Was sollte eine Gouvernante mit Kalmus machen?«
»Mit Kalmus? Na, der ist gar sehr gesund, auch für Gouvernanten, besonders wanns Bauchgrimmen haben und die stechende Koliken dazu.«
»Ach so! Also weiter. Meine Herrin war kränklich und mußte jährlich sechs Monate ins Bad. Natürlich nahm sie ihre Kinder mit, und ich mußte sie begleiten.«
»Der Herr aberst nicht?«
»Nein. Der blieb daheim. Er war bei der Regierung angestellt. Ueberhaupt besaß meine Dame einen sehr selbstständigen Character. Sie liebte es nicht, von ihrem Manne abhängig zu sein. Im Bade machte sie die Bekanntschaft eines jungen, höchst interessanten, adeligen Herrn, welcher sich Herr von Walther nannte.
»Walther? Hm!« brummte der Sepp.
»Was meinst Du? Kennst Du den Namen?«
»Ja, den kenn ich schon.«
»Wer heißt so?«
»Es soll mal einen Dichtern geben haben, welcher Walther von dem Vogelleim geheißen hat.«
»Walther von der Vogelweide, meinst Du wohl?«
»Na ja; der Walthern war aberst doch dabei.«
»Ich glaubte schon, Du hättest von jenem adeligen Herrn gehört.«
»Nein. Dafür werden Sie halt desto mehr von ihm hört haben. Nicht?«
»Leider! Ich bemerkte nämlich sehr bald, daß er nur um meinetwillen so oft kam. Das gefiel mir. Ich war ihm gut. Sein Aeußeres nahm mich gefangen, und seine gesellschaftliche Gewandtheit imponirte mir. Ich war sehr streng erzogen, hatte keine Mutter mehr und mit dem Vater und der Schwester sehr einsam gelebt. Es entging mir also alle Welt- und Lebenserfahrung. Meine Liebe wuchs von Tag zu Tag. Er wußte es einzurichten, mich oft allein zu treffen, und sprach endlich von seiner Liebe zu mir. Meine Zuneigung zu ihm war zur tiefen Hingebung geworden. Er sprach davon, seinen Eltern zu schreiben, und brachte mir nach kurzer Zeit ihre schriftliche Einwilligung. Nur machten sie die Bedingung, daß unsere Liebe noch einige Zeit geheim bleiben solle.«
»Warum denn?«
»Weil er eine alte, hocharistokratisch gesinnte Verwandte besaß, deren einziger Erbe er war. Sie hätte ihm aber die Erbschaft entzogen, wenn er eine Verbindung mit einer Bürgerlichen eingegangen wäre.«
»Also habens auf ihren Tod warten sollen?«
»So war es.«
»Na, das ist schön! Das ist gut! Und das nennt sich nachhero vom Adel und hocharistokraterisch! Unsereiner thät sich in dera Seelen hinein schämen, wann man auf den Tod einer alten, guten Tanten warten sollt. Das ist ja grab so schlimm, als wann man die alte, liebe Karfunkeln gleich todtschlagen thut! Ich dank sehr schön!«
»Leider sind solche Verhältnisse gar nicht sehr selten. Aber Du brauchst Dich gar nicht so zu ereifern. Er wartete gar nicht auf den Tod einer Verwandten.«
»Nicht? Aberst sogleich erst haben Sies sagt!«
»Es war ja gar nicht wahr! Er hatte mich belogen.«
»Was! Dera Schuft! Aberst warum hat er dann so eine Lügen macht?«
»Um meine Liebe auch ohne Ehe besitzen zu können.«
»Ah! So ist diese Sachen! So ein Hallodri ist er gewest! Na, Der, wann ich ihn da hätt, hier in dera Stuben, dem thät ich das Genick zerbrechen und auch noch ein paar andre Knöcherln dazu!«
»Ich liebte ihn, und in Folge dessen glaubte ich ihm. Er besaß mein ganzes Vertrauen, und wir verlobten uns im Stillen. Zwar gab ich meine Stellung nicht auf, aber wir befanden uns trotzdem möglichst oft und allein bei einander, und da – – da habe ich ihm denn mehr Vertrauen bewiesen als er verdiente. Ich habe es bitter bereuen müssen.«
»Ja, so gehts halt, wann so ein Schuftikus einen armen Dirndl den Himmeln vormalt, und doch hat er nix als nur Teufeleien im Kopf!«
»Das war im Spätherbst, und nach einigen Tagen verließen wir das Bad. Er ging nach Wien, und ich folgte meiner Gebieterin nach deren Besitzung.«
»Nun habens den Kerlen wohl gar nimmer wieder sehen?«
»O doch. Zunächst schrieben wir uns oft. Ich mußte alle meine Briefe poste restante adressiren – – –«
»Possi fressante? Warum?«
»Wegen seiner Tante. Sie wohnte bei ihm, und so war es leicht möglich, daß ihr eine Zuschrift von mir in die Hände fallen konnte.«
»Hörens mal, Frau Bürgermeistrin, das glaub ich halt nicht.«
»Du hast Recht. Ich aber glaubte es. Er besuchte mich auch einige Male heimlich. Dann blieb er aus, und auch seine Briefe kamen immer seltener. Ich hatte gegen Ende des Winters zu meinem Schreck gefühlt, daß der innige Umgang mit ihm nicht ohne Folgen geblieben sei, und es ihm mitgetheilt, aber keine Antwort erhalten. Meine Briefe wurden gar nicht mehr von der Post abgeholt und kamen zurück. Ich begann zu ahnen, das ich meine Liebe einem Unwürdigen geschenkt hatte.«
»Freilich. Das selbige hab ich schon längst geahnt.«
»Ich suchte natürlich meinen Zustand zu verbergen. Im Anfange deß Juni ging meine Dame wieder ins Bad, aber in ein anderes, nämlich nach Eger.«
»Und Sie mit?«
»Ja. Zu meiner freudigen Ueberraschung begegnete ich – – meinem Geliebten.«
»Himmelsakra! Was hat er sagt?«
»Er zeigte eine große Freude und entschuldigte sein Schweigen damit, daß er ganz plötzlich eine Reise nach Petersburg habe antreten müssen und jetzt erst zurückgekehrt sei. Er betheuerte mir, daß er nun im Begriff gestanden habe, mich aufzusuchen, und ganz glücklich sei, mich so unerwartet gefunden zu haben.«
»Na, wers glaubt!«
»Ich liebte ihn ja, und darum glaubte ich es.«
»Ja, die Lieb ist das schönste, aberst auch das dümmste Ding auf Gottes Erdboden!«
»Natürlich theilte ich ihm meine Sorgen mit. Ich hatte höchstens noch drei Wochen Frist und konnte es nicht über mich gewinnen, meinen Zustand der Herrin oder gar meinem Vater mitzutheilen. Er ging leichthin darüber weg und tröstete mich mit dem Versprechen, die Angelegenheit auf das Befriedigendste zu arrangiren.«
»Da gabs halt nur Eins: Er mußt Sie heirathen.«
»Das war ja unmöglich, weil seine Tante noch lebte, wie er sagte. Aber er zeigte mir so viel Liebe, daß ich mich beruhigte und ihm versprach, ganz nach seinem Willen zu handeln.«
»Na, da bin ich halt fast neubegierig, was sein Willen gewest sein wird!«
»Grad zu dieser Zeit bekam ich einen Brief, in welchem mir Vater meldete, daß die Schwester sehr krank geworden sei. Auch ihn hatte der Verlust seines Vermögens außerordentlich angegriffen. Er fühlte sich schwach und wünschte, daß ich schleunigst zu ihm kommen möge, um mich seiner und der Schwester anzunehmen. Das sagte ich dem Geliebten. Er fand, daß dieser Brief grad zur günstigen Zeit komme. Ich mußte ihn meiner Herrin zeigen und enthielt sogleich meine Entlassung.«
»Und auch ein Geldl dazu?«
»Nein. Ich war im Vorschuß, da ich sehr oft kleine Summen nach Hause gesandt hatte. Das Gehalt, welches Vater bezog, war sehr niedrig.«
»So sinds also nach Haus gangen?«
»Nein. Herr von Walther hatte sich nach einer nicht zu fernen Stadt gewandt, in welcher eine Hebamme Annoncen, wie man sie oft zu lesen pflegt, in den Blättern veröffentlichen ließ. Sie nahm Damen, welche ihre Entbindung in discreter Weise halten wollten, bei sich auf. Zu ihr mußte ich. Als ich mich drei Wochen bei ihr befand, war ich Mutter eines wunderhübschen kräftigen Knaben geworden, und – – das Geld, welches Walther mir gegeben hatte, war alle. Natürlich glaubte ich, daß er kommen werde. Er kam auch und wohnte einige Tage lang im besten Hotel des Ortes. Da wurde das Kind auf den Namen Max getauft.«
»Also Max von Walther? Hm!«
Er nickte nachdenklich vor sich hin.
»Was hast Du, Sepp? Du machst jetzt wieder ein Gesicht grad wie vorhin.«
»Ja, dies Gesichten mach ich allemalen, wann ein Kind tauft wird, Frau Bürgermeistrin.«
»Ich verstehe Dich nicht. Ich war an jenem Tage ganz glücklich. Mein Verlobter sprach von unserer Hochzeit, und als wir so allein in der kleinen Stube beisammen saßen, ich mit dem kleinen Max auf dem Arme, eine glückliche, hoffnungsvolle Mutter, da ertönten aus dem Gärtchen herauf die Töne eines Ständchens, welches er mir und dem Kinde bringen ließ. Der Garten lag abgeschieden, und es war nur ein Streichquartett; darum mochte dieses Ständchen gar kein Aufsehen, keine Störung im Orte, ich aber fühlte mich um so entzückter darüber.«
»Na, den Kerlen begreif ich jetzt fast nicht. Ich trau ihm gar nix Gutes zu, und doch läßt er gar ein Ständchen geigen! Hm!«
»Es war das erste und wohl auch das letzte, welches man dem Kinde gebracht hat!«
Und sich an das Lied erinnernd, welches der Krikelanton gesungen hatte, fügte sie traurig hinzu:
»Ich höre nichts, ich sehe nichts,
O schlummre fort, so lind,
Man bringt Dir keine Ständchen jetzt,
Du armes, armes Kind!«
Sie schwieg. Der Sepp verstand nicht, warum sie diese Strophen sagte, und schwieg darum auch. Nach einer längeren Weile fuhr sie fort:
»Als er dann an jenem Abende von mir ging, war ich so glücklich. Das Glück sollte ein schnelles und ganz unerwartetes Ende nehmen. Nämlich als ich am andern Morgen erwachte, brachte mir die Hebamme einen Brief, welcher für mich abgegeben worden sei. Ich erkannte auf dem Couvert die Handschrift meines Verlobten und öffnete, eine freudige Ueberraschung vermuthend.«
»Und es war doch keine?«
»O, es war im Gegentheil die schrecklichste Nachricht, welche mich treffen konnte.«
»Was hat drin standen?«
»Sepp, das würdest Du nie vermuthen, im ganzen Leben nicht!«
»Na, eine Schurkereien ists doch!«
»Ja, der würdige Abschluß einer entsetzlichen Schurkerei. Ich werde Dir den Brief vorlesen, obgleich ich seinen Inhalt auswendig weiß. Ein jedes Wort, ein jeder Buchstabe ist mir mit glühenden Zügen in die Seele geschrieben.«
Sie ging in das Nebenzimmer und kam mit einem alten, ganz zerlesenen Blatte, zurück.
»Das ist der Brief,« sagte sie. »Tausende von Thränen, nein, Millionen und Abermillionen find darauf gefallen. Sie haben die Schriftzüge verwischt, und doch kann ich sie noch lesen. Höre!«
Sie faltete das Blatt auseinander, fuhr sich mit der Hand über das Auge, als ob sie von dort einen Schleier entfernen wolle, und las langsam und mit tief bewegter und zitternder Stimme:
»Liebe Bertha.
Es ist die Zeit gekommen, in welcher ich es für gerathen halte. Dir eine Mittheilung zu machen, welche ich Dir wohl nicht so lange Zeit hätte vorenthalten sollen.
Wir müssen uns trennen, und zwar für immer. Zwar habe ich Dich geliebt und liebe Dich auch noch, aber das Weib eines unter einer Freiherrnkrone Geborenen hättest Du doch nie werden können. Der Sommer ist so schön. Die Sonne flimmert, und es duften die Blumen. Der Schmetterling nippt von der Rose und fliegt dann weiter. Die Rose warst Du, und der Schmetterling bin ich.
Wir haben einen schönen Traum geträumt. Jetzt müssen wir erwachen, denn das Leben ist sehr streng und verlangt nüchterne Menschen.
Natürlich habe ich von allem Anfang an diese Trennung voraus gesehen und mich darnach verhalten. Ich heiße nicht von Walther. Ich habe mir diesen Namen beigelegt aus Gründen, welche Du begreifen wirst. Auch habe ich keine alte Tante, welche ich beerben soll. Das sagte ich ja nur, um Dich einmal recht innig als – – Braut umarmen zu können. Diese Umarmung ist zu innig gewesen. Ich bedaure das jetzt um Deinetwillen. Aber es läßt sich nicht ändern. Natürlich bin ich so aufmerksam gegen Dich, Dir den kleinen Max nicht zu rauben. Du magst ihn als Andenken an die glücklichen Stunden behalten, welche Du in meinen liebevollen Armen verlebtest.
Forsche nicht nach mir! Es würde doch vergeblich sein. Du findest mich nicht. Und wolltest Du mich ja belästigen, so würde ich in meiner einflußreichen Stellung die Mittel besitzen, mich aller Querulei nachhaltig zu erwehren.
Ich habe Dir gestern Abend zum Abschied ein Ständchen bringen lassen, damit für immerdar ein zarter, poetischer Hauch über dem Andenken an unsere Trennung schwebe. Vielleicht hätte ich das unterlassen sollen, denn dieses Ständchen habe ich fast mit dem letzten Gulden bezahlt, den ich besitze.
Ich habe in diesem verdammten Bade heuer wenig Glück aber desto mehr Pech gehabt. Mein Geld ist alle, und alle meine Mittel sind nun erschöpft. Ich muß fast wie ein Handwerksbursche von hier abreisen und sehe mich also gezwungen, Dir die Befriedigung der Hebamme zu überlassen. Das wird Dir nicht schwer werden; Du hast ja Kleider und Wäsche genug bei Dir.
Uebrigens warne ich Dich, allzu lang bei ihr zu bleiben. Ich erfuhr, daß Deine Schwester nur noch kurze Zeit zu leben habe. Vielleicht ist sie jetzt bereits todt. Wann Du an ihrem Begräbnisse theilnehmen willst, mußt Du Dich also höchst wahrscheinlich beeilen.
Natürlich wünsche ich Dir und Deinem Max alles Glück der Erde. Es sollte mich freuen, wenn ich einst von Euch nur Erfreuliches zu hören bekäme. Also zuletzt herzlichen Dank für Deine Liebe und Hingebung. Denke zuweilen an Deinen – – sogenannten
Curt von Walther.«
Es war still im Zimmer, als sie den Brief vorgelesen hatte. Sie hatte denselben auf den Tisch gelegt und blickte starren Angesichtes in die Ecke.
Der Sepp stand auf. Er stieg mit langen Schritten hin und her, stieß halblaute Flüche und Kraftworte aus, blieb endlich vor ihr stehen und fragte:
»Wissens, wers gewest ist?«
»Nein.«
»So habens nicht nach ihm geforscht?«
»So viel es mir möglich war, ja. Aber es ist vollständig vergeblich gewesen.«
»So gut also hat er sich verstecken konnt! Ich!«
Er schlug mit der Faust auf den Tisch, daß die Lampe empor sprang und fast umgefallen wäre. Dann fügte er hinzu:
»Ja, versteckt hat er sich gut, sehr gut. Aberst er wird seine Rechnung ohne den Sepp macht haben!«
»Wie so?«
»Wie so? Das fragens auch noch? Wie so? Nun, weil ich ihn finden werd!«
»Das ist unmöglich!«
»Meinens halt? O nein, da denkens sehr falsch, sehr falsch! Wissens, es giebt einen Herrgott, der das Gute belohnt und das Böse bestraft. Er wird den alten Wurzelseppen leiten, daß dieser den Herrn Curt von Walthern finden thut. Unds liegt mir halt schon heut in allen Gliedern, daß ich mit dem Urianer schon recht bald zusammen gerathen thu. Aberst dann, o dann! Himmelsakra, dann werden die Aesten und die Spänen so herumi fliegen, als ob Einer mit dera Axten einen Baum niederschlagen thut!«
»Daran denk ich längst nicht mehr!«
»Aberst ich seit jetzt! Hätt ichs schon ehern wußt, so hätt ich den Hallunken schon bereits funden. Das ahn ich ganz deutlich. Na, na, ich freu mich halt schon jetzt, wies sein wird, wann ich ihn ins Gebet nehm und in die Beichten. Dem solls zu Muthen werden als ob die Welt gleich untergehen wollt!«
»Es sind seit jener Zeit über zwei Jahrzehnte vergangen. Ich habe natürlich nicht öffentlich geforscht; aber einen Erfolg hätte mein Suchen doch gehabt, wenn der Erfolg überhaupt möglich gewesen wäre. Jetzt nach dieser langen Zeit ists nun ganz die Unmöglichkeit. Uebrigens, weshalb sollt ich nach ihm suchen?«
»Weshalb? Was für eine Fragen! Natürlich muß er seinen Zahlaus erhalten.«
»Nein. Ja, damals habe ich auch an Rache gedacht. Ich bin vor Schmerz, Jammer und Elend fast wahnsinnig gewesen. Das ist aber längst, längst vorüber. Ich bin alt und ruhig geworden und denke nicht mehr an Rache. Ich überlasse sie dem lieben Gott.«
»Und noch Einem!«
»Wem?«
»Dem lieben Gott und dem Wurzelsepp. Diese Beiden halten gar große Stucken auf nander und werden den Kerlen schon zu finden wissen. O Du mein Himmelreich, wie muß es Ihnen damals ums Herze gewest sein, nach dems den Brief gelesen hatten!«
»Ich war starr wie eine Leiche!«
»Das glaub ich halt gar gern.«
»Ich hab nicht denken und fühlen können. Ich bin bei lebendigem Leibe todt gewesen, bis mich das Schreien meines Kindes zu mir gebracht hat.«
»Und was habens nachhero macht?«
»Wenn ich Dir das ausführlich und wahrheitstreu erzählen sollte, würde ich sehr in Verlegenheit kommen, denn ich kann mich nicht besinnen, weil ich überhaupt ganz ohne Besinnung gewesen bin.«
»Ja, nach so kurzer Zeit, daß die Entbindung vorüberwest ist. Das ist ja grad ganz gefährlich gewest für die Gesundheiten und das Leben!«
»An mich hab ich zunächst gar nicht gedacht, sondern an das Kind, welches nun keinen Vater mehr hatte, und an die Schwester, welche nun todt sein solle. Diesen letzteren Gedanken hielt ich fest. Ich mußte fort, fort, fort, und zwar heimlich, daß mich Niemand zurückhalten konnte. Ich zog mein schlechtestes Kleid an, schrieb ein paar Zeilen an die Hebamme, daß sie sich mit meinen Sachen bezahlt machen möge, wickelte mein Kind in ein Tuch, steckte das wenige Geld zu mir, welches ich noch besaß, und schlich mich leise von dannen.«
»Herrgott! Wohin wolltens da?«
»Nach Hause.«
»Mit dem Kind?«
»Daran dachte ich nicht. Ich handelte ja ohne alle Ueberlegung. Ich befand mich wie im Traume und wußte nicht, was ich that. Ich lief nach dem Bahnhofe und lößte ein Billet. Aber ich kann heut noch nicht sagen, wo ich ausgestiegen bin. Ich konnte nicht weiter fahren, weil mein Geld nicht reichte. Das hätte ich mir doch ausrechnen können.«
»Sie armes, armes Wurm!«
»Dann bin ich zu Fuße gewandert, weiter und immer weiter. Das Geld wurde weniger und weniger. Ich empfand weder Hunger noch Durst; aber ich fühlte doch, daß ich essen müsse, um meinem Kinde zu trinken geben zu können. Dann wurde es nach und nach heller in meinem Kopfe, wenigstens zeitweilig, während es auch Stunden gab, in denen ich gradezu fieberte. In solchen offenen Augenblicken fragte ich mich, ob ich mit dem Kinde vor den alten, schwachen Vater treten dürfe. Nein! Es konnte sein Tod sein! Aber was anfangen?«
»Ja, was? Wann man keinen Verstand hat und keine Erfahrung und kein Geld! Mein Herrgott!«
»Da kam mir der Gedanke, das Kind einstweilen irgendwo hinzulegen, wo es gefunden werden mußte. Später konnte ich mir es ja wieder holen. Dieser Gedanke wühlte sich in meine Seele fest, und ich wurde ihn nicht wieder los. Ich wollte kein Verbrechen begehen, o nein! Nur einstweilen wollte ich mich des Kinders entäußern. Ich schrieb auf einen Zettel, den ich mir nebst Bleistift in einem Wirthshause, in welchem ich für einige Augenblicke einkehrte, geben ließ, den Namen des Kindes auf und daß es getauft sei.«
»Hm, ja! Das stimmt!«
»Womit stimmt es?«
»Nachher! Verzählens jetzund nur weitern!«
»Dann ging ich noch stundenlang fort, bis ich an ein kleines, allein stehendes Häuschen kam. Vor der Thür stand eine Bank, auf welche ich mich niedersetzte. Der Mann kam heraus und begann ein Gespräch mit mir. Was wir gesprochen haben, hatte ich bereits nach kurzer Zeit vergessen. Aber Einiges habe ich mir bis heut gemerkt. Der Mann war Tagearbeiter in einem nahe liegenden Einödhofe und hieß Beyer. Er hatte an jenem Tage frei, weil es ein Sonntag war.«
»Beyer?« fragte der Sepp. »Habens sich den Namen auch wirklich genau merkt?«
»Ganz genau. Ein guter Bekannter meines Vaters hieß ebenso. Das erleichterte es mir, den Namen zu merken.«
»Hm! Oh!«
Er machte wiederum ein sehr nachdenkliches Gesicht.
»Was meinst Du?« fragte sie.
»Nix, gar nix. Ich sinn nur eben nach, ob ich nicht vielleichten einen Beyer kennen thu, der Tagarbeiter an einem Einödhof wesen ist.«
»Nun, fällt Dir vielleicht einer ein?«
»Vielleicht, wann ich noch länger nachdenk. Es ist mir, als ob ich diesen Namen schon mal hört hätt.«
»Das sollte mich außerordentlich freuen, denn all mein Forschen ist vergeblich gewesen. Der Mann hatte ein so gutes Auge, ein so ehrliches Gesicht. Ich beschloß, ihm den Knaben da zu lassen. Ich fragte ihn, ob ich nicht ein Glas Milch erhalten könne, und er ging, es zu holen. Die Zeit, in welcher er mich allein ließ, benutzte ich, den Knaben auf die Bank zu legen und mich zu entfernen. Aber ehe ich es that, kam mir der Gedanke, ob ich dem Kinde nicht ein Andenken zurücklassen möchte. Ich hatte von meiner Mutter ein kleines Kreuz von Rosenholz, dieses hier, welches Du mir gebracht hast. Ich nahm es vom Halse, um es dem Knaben umzuhängen. Er schlief so schön, und seine Mutter wollte ihn verlassen. Das griff mir tief in das kranke Herz hinein. Ich hatte das Kreuz an die Lippen gelegt, um es noch einmal zu küssen. In meinem Schmerze nahm ich es zwischen die Zähne und bis darauf. Die Zähne gruben sich tief in das Holz ein. Ich sah es und brach das halb abgebissene Stückchen vollends ab. Es konnte mir ja als Erkennungszeichen dienen; dieser Gedanke kam mir.«
»So also ists gewest. Ich hab nicht begreifen konnt, warum das kleine Stückle ist abbrochen worden.«
»Ich hing dem Kind das Kreuz um, steckte den Zettel in das Tuch und eilte von dannen. In der Nähe gab es ein Gebüsch, an welches sich der Wald anschloß. Dort konnte man mich im Falle der Verfolgung nicht leicht finden; also suchte ich den Wald zu gewinnen, und das gelang mir auch.«
»Und habens sich die Gegend merkt?«
»Ja. Es war in der Nähe von Regensburg, wie ich Dir früher ja gesagt habe, daß Deine Nachforschungen dort von Erfolg sein könnten.«
»Sinds aberst doch nicht gewest.«
»Die meinigen auch nicht. Freilich bin ich nicht so bald wieder hin gekommen, wie ich mir vorgenommen hatte. Ich lief damals im Walde immer nach Osten hin und ließ mich an diesem und dem folgenden Tage von keinem Menschen erblicken. So kam ich über die kaiserliche Grenze und nach Hause.«
»Und wie stands da?«
»Als ich kam, wars am Abend, und sie hatten meine Schwester grad in den Sarg gelegt.«
»Du lieber Herrgott im Himmel droben!«
Die Bürgermeisterin senkte den Kopf und weinte.
Es dauerte lange, ehe sie wieder fortfahren konnte.
»Das war schrecklich, schrecklicher wohl noch als Alles, was vorher geschehen war. Der Vater hatte meiner Herrin geschrieben und die Nachricht erhalten, daß ich längst fort sei. Ich fand keine andere und bessere Ausrede, als daß ich unterwegs erkrankt sei. Das glaubte man mir sofort, denn ich hatte ja das Aussehen einer Leiche. Weiter konnte ich nichts sagen. Ich sah die todte Schwester und den alten, gramgebeugten Vater. Ich fand keine Worte und auch keine Thränen. Am andern Morgen wankte ich neben dem Vater hinter dem Sarge her, und dann legte ich mich krank nieder – ein Wundfieber hatte mich ergriffen.«
»Sapperloten! Da habens wohl phantasirt und auch Alles verzählt, was geschehen war?«
»Nein. Phantasirt habe ich nicht, sondern ganz still und stumm gelegen. Das Fieber hatte jene heimtückische, schleichende Gestalt angenommen, welche dem Leben am gefährlichsten ist. Ich rang Monate lang zwischen Tod and Leben, bis endlich die Jugend siegte. Und selbst dann war ich noch lange Zeit so schwach, daß ich nicht stehen konnte. Es war ein Gefühl stumpfer Gleichgiltigkeit, ein Zustand dumpfen Vergessens über mich gekommen. Ich sah die Gesichter der Leute, welche in meine Nähe kamen, aber ich merkte sie mir nicht. Ich wußte später nicht, was um mich her geschehen war. Nach und nach, langsam, äußerst langsam erwachte der Puls neuen Lebens in mir. Ich zwang mich, meiner Umgebung wieder Aufmerksamkeit zu schenken. Was ich erblickte, war traurig genug. Der Vater wankte wie ein Schatten umher, abgemagert, mit müden, glanzlosen, todten Augen. Der Tod meiner Schwester meine Krankheit, sein eigenes, unverdientes Schicksal; das trieb nun auch ihn an den Rand des Grabes. Er hatte mich in meiner Krankheit nicht verlassen können und in Folge dessen seine Stelle verloren. Er war zu schwach, eine andere zu begleiten und hätte jetzt auch keine andere erhalten.«
»Aberst wovon habens dann gelebt?«
»Das wußte ich auch nicht. Ich fragte ihn, und er antwortete mir nur mit dem Namen Holberg. Mein Jugendfreund hatte kurz vorher sein Assessorenexamen bestanden und sich dann in unserer Stadt als Rechtsanwalt niedergelassen. Bereits vor meiner Ankunft hatte er den Vater unterstützt und während meiner Krankheit seiner Güte in Form einer Geldanweisung Ausdruck gegeben. Auch diese Summe war bald zur Neige gegangen, und nun lebten wir Beide, Vater und ich, ohne daß ich es erfuhr, nur von der edlen Unterstützung des braven Holberg. Er war keineswegs sehr vermögend; aber er besaß trotz seiner Jugend bedeutende juridische Kenntnisse und hatte bald eine so zahlreiche Klientel um sich versammelt, daß er nicht unbedeutende Einnahmen machte.«
»Ein sehr braver Kerlen!«
»Ja, das war er,« gab sie mit einem tiefem Seufzer zu. »Und daß er so brav war, das hat mir später so manche, manche böse Stunde bereitet.«
»Warum das? Wann einer brav ist, kann man doch nicht bös drübern werden!«
»O nicht über ihn, sondern über mich mußte ich zürnen. Ich war nicht brav gegen ihn. Ich erfuhr erst nach und nach vom Vater, welchen Dank wir ihm schuldeten. Das lockte die Aufmerksamkeit meiner dankenden Seele auf ihn. Ich begann, ihn zu beobachten. Ich lernte seine Charaktereigenschaften, seine Vorzüge kennen, lernte ihn schätzen. Ich hatte ihn täglich vor Augen, sein bescheidenes Wesen, sein stilles Werben um meine Liebe. Ich betrachtete auch sein Aeußeres zum ersten Male mit anderen Augen. Ich sah, daß er zwar nicht schön war, aber doch auch körperliche Vorzüge besaß, welche mir bisher entgangen waren. Kurz und gut, er war ein edler Mann, und ich lernte ihn lieben. Das war freilich eine ganz andere Liebe als meine erste. Sie hatte nicht die Gluth, die unbedenkliche Hingabe der Ersteren; aber sie war rein, innig und wahr.«
»So habens ihn dann heirathet?«
»Ja. Aber das ging nicht so schnell. Ich fühlte und wußte, daß ich sein nicht werth sei. Ich war ohne den Segen des Priesters das Weib eines Andern gewesen. Durfte ich einem so edlen Manne gehören, ohne mich der größten Sünde, des Betruges schuldig zu machen? Aber konnte ich ihm Alles sagen? Nein und tausendmal nein. Ich wär vor Scham gestorben. Da belauschte ich eine Unterredung zwischen ihm und meinem Vater. Dieser sagt: ihm, daß er mich kenne und daß er glaube, ich liebe ihn, den Rechtsanwalt. Er gab ihm den Rath, zu mir von seiner Liebe zu sprechen. Aus der Antwort, welche darauf erfolgte, erkannte ich den Edelmuth Holbergs. Er sagte, daß er nur mich lieben könne und sein Glück nur an meiner Seite finden würde, aber er glaube, daß ich ihn nicht liebe, sondern nur Dankbarkeit empfinde für das Wenige, was er für uns gethan habe. Vater zerstreute sein Bedenken, und dann – ja dann kam eine Stunde, in welcher der edle Mann meine Hand in die seinige nahm und mich fragte, ob ich sie ihm lassen wolle fürs ganze Leben. Sepp, was hättest Du ihm geantwortet? Sage es mir aufrichtig!«
»Hm! Das weiß ich selberst nicht. Unrecht wärs gewest, ihm nix zu sagen; aberst es ihm zu sagen, das wär wohl auch eine Sünd an ihm gewest, weils ihn unglücklich macht hätt.«
»Das sagte ich ihm auch. Meine Liebe flüsterte mir hundert Entschuldigungsgründe zu, und ich – – wurde seine Frau.«
»Hat ers spätern derfahren?«
»Nein. Das hätte ihn elend gemacht. War ich vorher nicht aufrichtig, so durfte ich es später vollends gar nicht sein. Ich habe mir bittere Vorwürfe gemacht und oft, oft mit meinem Gewissen gekämpft. Grad dann, wenn er die ganze Fülle seiner Liebe über mich ergehen ließ, habe ich mich am elendsten gefühlt; aber ich habe einen großen, großen Trost: ich habe ihn glücklich gemacht, so glücklich, wie ein Weib ihren Mann nur machen kann.«
»So wirds der liebe Gott verzeihen, daß Sie nicht aufrichtig sein konnten.«
»Das hoffe ich von ganzem Herzen. Wir haben fünfzehn Jahre ununterbrochenen Glückes mit einander verlebt; dann starb er mir an einer Epidemie. Seitdem bin ich Wittwe. Während der letzten sechs Jahre war er Bürgermeister des hiesigen Ortes und hat mir dann ein Vermögen hinterlassen, von dessen Zinsen ich sorglos leben kann.«
»Aberst der Bub, der kleine Max Walthern. Was ist aus dem worden?«
»Das ists ja, was ich wissen will!«
»Habens denn nicht nach ihm forscht?«
»Gleich im ersten Jahre meiner Ehe. Ich hatte Gelegenheit, mit einer Freundin nach Regensburg zu reisen, und benutzte dies, nach dem Einödhof zu suchen. Ich fand ihn nicht. Ich habe die Nachforschungen fortgesetzt und sie niemals unterlassen. Erst nach dem Tode meines Mannes hatte ich Freiheit genug, in eigener Person zu suchen. Die Gegend hatte sich verändert. Einst kam ich an ein kleines Häuschen, welches ganz genau aussah, wie dasjenige, an dessen Thür ich meinen kleinen Max auf die Bank gelegt hatte. Ich fragte den Besitzer nach seinem Namen; es war nicht der richtige; aber nach vielen Fragen erfuhr ich, daß vor ungefähr fünfzehn Jahren ein gewisser Beyer, ein Tagearbeiter, hier gewohnt habe, aber bald darauf fortgezogen sei. Fernere Erkundigungen, selbst bei der Behörde, waren vergeblich. Er ist fortgezogen und hat den Knaben mit sich genommen, falls derselbe nicht vorher gestorben ist. Welche Vorwürfe ich mir darüber mache, das könnte nur eine Mutter fühlen, welche so wie ich ihr eignes Kind verstoßen hat. Und nun kommst heut Du und bringst mir das Kreuz, dasselbe Kreuz, mein Kreuz. Es ist mir, als sollte ich aus meiner Pein erlöst werden. Ich habe eine schwere Buße gethan, indem ich Dir Alles erzählt habe. Nun sage aber auch Du mir endlich, wie Du zu dem Kreuz gekommen bist!«
»Das ist ganz eigenthümlich. Das hat ein nackter Kerlen am Hals hangen habt.«
Sie blickte ihn verständnißlos an.
»Was? Sprich deutlicher!«
»Ich saß am Wassern und drinnen in demselbigen da badete Einer. Der hatte das Kreuzle anhangen.«
»Wer war es, wer? Sags schnell!«
»Na, ich hab ihn auch nicht kannt.«
»War er alt?«
»Nein, so ungefähr zwanzig.«
»Mein Gott! Das stimmt ja! Du hast ihn aber doch gefragt, wer und was er ist?«
»Na freilich werd ich das, wenn er das Kreuz am Hals hangen hat.«
»So sags doch, sags! Spanne mich nicht auf die Folter!«
»Ja wissens, ein Schullehrern ists gewest, und Max Walthern hat er heißen.«
Da fuhr sie blitzschnell von ihrem Stuhle auf.
»Max Walther! Ists möglich!«
»Natürlich! Er wird doch den seinigen Namen richtig nennen können!«
»Da stimmt ja auch der Name sehr genau.«
»Ja, der stimmt. Und Anderes stimmt halt auch noch.«
»Was?«
»Daß er bei Regensburgen an einem Häusle, in dem dera Tagearbeiter Beyer wohnt hat, auf die Bank legt worden ist von einem Mädchen, welches ein Glas Milchen verlangt hat und nicht gar sehr nobeln aussehen hat.«
»Ich habe Dir ja gesagt, daß ich mein schlechtestes Kleid angezogen hatte. Und unterwegs, in meinem fieberhaften Zustande, habe ich wohl auf mein Aeußeres so wenig Rücksicht genommen gehabt, daß mein Aussehen nicht das allerbeste gewesen ist. Er ists, er ists, er ists! Aber wohin hat ihn der Tagearbeiter mitgenommen?«
»Gar nicht. Der Mann ist so arm gewest, daß er sich des Buben gar nicht hat annehmen konnt. Er hat ihn also in das Waisenhaus geben mußt.«
»In das Waisenhaus!« Sie schlug die Hände zusammen. »Mein Kind mein armes Kind!«
»Na, da könnens schon ruhig sein. Er hat sagt, daß er da viele Liebe funden hat. Dann hat er einen Gönnern kennen lernt, der hat ihn auf die Schulen than, daß er hat Lehrern werden konnt.«
»Welch eine Fügung! So hat Gott mehr Mitleid mit ihm gehabt, als seine Mutter. Mein Heiland! Was wird er von dieser Mutter denken.«
»Das will Ihnen wohl Sorgen machen?«
»Wie schwere, wie große!«
»Nun, so werfens diese Sorg nur immerst zum Fenstern hinaus! Dera Maxerl ist halt ein gar braver Kerlen und denkt von seiner Muttern gar nix Böses. Er hat eine gar große Sehnsuchten nach derselben und wird ganz glücklich sein, wann er sie nur sehen kann.«
»Wirklich, wirklich?«
»Ja, er hat sagt, daß sie arm sein kann, wie eine Bettelfrauen. Dann will er für sie arbeiten und so gut zu ihr sein, daß sie alles Herzeleiden vergißt, was sie im Leben derfahren hat.«
»Das, das hat er gesagt?«
»O, noch viel, viel mehr!«
»Herr mein Gott, ich danke Dir! So einen Sohn bin ich nicht werth! Ich habe mich so schwer an ihm versündigt, daß ich ihm gar nicht unter die Augen treten darf!«
»Na, wo denkens da eigentlich hin? Den Max seine größte Aengsten ist, daß dera Vatern und die Muttern schon storben sind. Welch eine Freuden, wann ich ihm die Muttern bring.«
»Die ihm nicht einmal sagen kann, wer sein Vater ist!«
»Was das betrifft, so lassens nur den Wurzelsepp sorgen. Der wird den Luftikussen schon so ausfindig machen, daß er ihn beim Schopf derfassen und an den Haaren herbeischleppen kann. Es munkelt so eine geheime Stimm in meiner Seel, daß ich ihn schon recht bald derwischen werd. Wissens, da fallt mir was ein. Habens schon mal einen Steckbriefen gelesen?«
»Ja.«
»So ein Steckbriefen kommt in die Zeitungen, wann ein schlechter Kerlen, ein Verbrechern sucht und funden werden soll. Der Curt von Walthern aberst ist ein Verbrechern. Er hat Ihnen was vorschwindelt; er ist also ein Betrügern.«
»Willst Du etwa haben, daß wir ihn steckbrieflich durch die Polizei suchen lassen?« fragte sie unter einem leisen Lächeln.
»Durch die Polizeien nicht, sondern durch den Wurzelseppen. Bei so einem Steckbriefen steht alleweilen auch ein Signalementen. Jetzt wollen wir auch eins machen, damit ich ihn gleich kenne, wann ich ihn seh. Könnens Sich vielleichten noch derinnern, wie er damals ausschaut hat?«
»Als ob es noch heut wär. So eine Person prägt sich dem Gedächtnisse unauslöschlich ein. Aber was soll es Dir nützen, wenn ich ihn Dir beschreibe?«
»Gar sehr viel.«
»Er ist damals jung gewesen und muß also jetzt ein ganz anderes Aussehen haben.«
»Meinst? Ja, ältern wird er nun wohl ausschaun, als dazumalen; aberst es giebt doch Dingen, welche auch beim Alter nicht anderst werden. Wann er zum Beispiel schwarze Augen habt hat, so werden die nicht indessen roth worden sein und die blonden Haaren blau. Verstanden? Also sagens doch mal, wie alt er damals war!«
»Grad dreißig Jahre.«
»So ist er jetzund fünfzig. War er lang und stark?«
»Nein, sondern mittler Statur.«
»Die Haaren?«
»Blond.«
»Augen?«
»Blau.«
»Zähnen?«
»Vollständig und gut.«
»Hatte er Bart?«
»Ein Schnurrbärtchen. Aber ich kann mir nicht denken, daß dies zu Etwas führen soll!«
»Warum nicht? Lassens nur den alten Wurzelsepp gehn. Der weiß schon, warum er so fragen thut. Sagens lieber, ob er vielleichten so ein besonderes Kennzeichen habt hat, woran man ihn verkennen kann.«
»Das hatte er allerdings. Er hatte sich als Student einmal auf der Mensur befunden – – –«
»Was ist das für ein Ding?«
»Zweikampf. Zwei stehen auf der Mensur, das bedeutet so viel wie, sie stehen vor einander, um zu kämpfen.«
»Welch eine Dummheiten! Mensur! Kann man da nicht lieber gleich sagen: Sie fangen eine Rauferei oder Keilereien an? Nun weiter!«
»Dabei hat er einen Säbelhieb über den Kopf erhalten. Die rothe Narbe davon geht über die linke Stirn fast bis in das Auge hinein.«
»Wanns lieber was tiefer in den Kopf eindrungen wär, so wärs aus gewest mit ihm und er hätt kein braves Dirndl betrügen konnt! Also eine Narben hat er! Das muß man sich merken. Das kann leicht dazu führen, daß ich ihn entdecken thu.«
»Sei nicht zu sanguinisch mit Deinen Hoffnungen!«
»Warum soll ich nicht hoffen? Ich komm halt gar weit im Land herum, und da ists leicht möglich, daß ich mal Einen treff, der eine rothe Narben auf dera Stirn hat. Den werd ich dann gleich beim Schopf nehmen. Und nun sagens mal auch, wie Ihr Namen vorher gewest ist, bevor Sie den Mann geheirathet haben!«
»Mein Vater hieß Hiller, ich also Bertha Hiller. Aber ich bin überzeugt, daß Du diese Erkundigungen ganz umsonst einziehst. Ich werde mir, wie bisher, auch fernerhin Mühe geben, den Vater zu vergessen, und lieber meine ganze Aufmerksamkeit dem Sohne zuwenden. Noch habe ich Dich ja nicht nach einer der Hauptsachen gefragt. Wo hast Du Max getroffen?«
»Das hab ich bereits sagt, nämlich im Wasser, wo er baden that.«
»Bitte, scherze jetzt nicht!«
»Na, so will ich mal ernst sein und Ihnen den Ort nennen. Freuen werdens sich aberst wohl nicht sehr darüber, denn er ist weit von hier, sehr weit!«
»Das schadet nichts! Mag es noch so weit sein, ich reise hin. Und wenns in Amerika und noch weiter sein würde, so suchte ich meinen Sohn auf. Ich muß ihn sehen; ich muß ihn haben. Ich muß ihn um seine Verzeihung bitten und möglichst wieder gut machen, was ich an ihm verbrochen habe. Da kann mir kein Weg zu lang und kein Meer zu breit sein!«
»Na, schlimm ists freilich nicht. Uebers Wassern brauchens nicht, und auf dera Eisenbahn brauchens sich auch nicht zu setzen, denn sie könnens schon recht gut mit denen Füßen derlaufen. Sie brauchen halt nur da über den Berg zu steigen, so sinds halt gleich schon dort.«
»Da, hinüber, also in Bayern?«
»Ja, freilich.«
»Geht es durch viele Orte?«
»Nein, sondern es ist gleich dera erste.«
»Das wäre ja wohl Hohenwald?«
»Das ists. Dort ist er.«
»In Hohenwald! Das ist ja ein wahrer Spaziergang von wenig über einer Stunde! Also dort ist er, so nahe, und ich habe nicht die mindeste Ahnung davon gehabt?«
»Er ist erst seit ganz kurzer Zeit dort.«
»So! Und – – aber, da fällt mir ein: Hohenwald ist so verrufen. Ich glaube, gehört zu haben, daß die dortige Schulstelle eine sogenannte Strafstelle ist?«
»Das ist freilich wahr.«
»Mein Gott! Das erschreckt mich! Hat er einen Fehler begangen? Hat er sich das Mißfallen seiner Vorgesetzten zugezogen?«
»Der? Na, dem fallt das gar nimmer ein! Der ist ein Kerlen, der Haaren auf denen Zähnen und Federn am Buckel hat! Wann der noch eine kleine Weilen in dem Hohenwald ist, nachhero wird die Schulstellen bald keine Strafstellen mehr sein.«
»So! Also ist er brav?«
»Und was für ein Braver! Da könnt ich gar viel bereits erzählen, wann ich nur wollt.«
»Natürlich mußt Du das! Ich will Alles hören, was Du von ihm weißt.«
»Na, meinswegen. Werst es ist heut schon so spät worden und ich muß nun nach denen Gasthofen, sonst find ich keinen Platz zum Schlafen.«
»In den Gasthof lasse ich Dich nicht. Du mußt bei mir bleiben. Du. mußt Alles berichten. Ich werde noch eine Flasche Wein holen.«
»Ja, Frau Bürgermeisterin, das ist freilich der allerbesten Gedank, dens heut gehabt haben. Wanns mir noch ein Weinerl vorsetzen, nachhero bin ich nicht fortzubringen.«
»Gut, also Du bleibst! Sage mir aber noch schnell, wie er aussieht!«
»Na, wie soll er halt ausschaun? Die Beinen hat er unten und den Kopf oben, wie alle Menschen, und Schulmeistern.«
»Bitte, bleib ernsthaft.«
»Na, das bin ich schon! Ich seh bereits, daß ich ihn beschreiben muß fast auch wie in einem Steckbriefen.«
»Das ist nicht nöthig. Ich muß nur wissen, ob er gut aussieht und wohl und gesund.«
»Na freilich! Er ist nicht gar zu groß und stark, aberst auch nicht klein und schwach, wissens, so eine brave Mittelsorten. Haaren und Augen schwarz, das hat er von seiner Muttern. Und dabei hat er eine Körperkräften, die zum Verstaunen ist. Und er sieht auch gar nicht so aus, wie ein Dorfschulmeistern; er hat ein ganz ander Aussehen, viel gelehrter und vornehmer. Wann man ihm zum ersten Male begegnet, muß man bereits einen großen Respecten vor ihm haben. Auch mehr lernt hat er, als ein Schulmeistern, viel mehr. Er ist sogar ein Dichtern worden wie der Schillern und Göthen. Er hat dem Elephantenhanns ein Gedichten macht mit viel Wassern und großen Bäumen und Elephanten und auch einen Geist dazu. Das bringt gar nicht ein Jedern fertig. Und nachhero hat er auch ein Stuck aufs Papieren bracht, was im Theatern spielt werden muß; das wird halt ein Krama nannt.«
»Drama, meinst Du!«
»Ja, so mags sein. Ich weiß das Worten noch nicht so genau, weit ich noch selbst kein solches Lama schrieben hab. Sie werden eine große Freuden über ihn haben, wanns ihn sehen.«
»Ich bin ganz entzückt, lieber Sepp. Natürlich muß ich ihn gleich morgen sehen.«
»So! Da habens das Ding freilich sehr eilig!«
»Ich darf keine Stunde länger zögern, als unbedingt nöthig ist. Ich habe ihn und er hat seine Mutter so lange entbehrt, daß ich keine Minute verlieren darf, mich mit ihm zu vereinigen.«
»Recht habens da gar sehr. Und passen thuts morgen doch auch, denn da giebts keine Schulen, weil ein Feiertag ist. Aberst im Amt ist er da auch, weil er in dera Kirchen die Orgeln schlagen muß.«
»Desto besser. So kann ich sein Spiel hören und ihn sehen, ohne daß er mich bemerkt. Wir müssen also bei Zeiten aufbrechen, Sepp. Hörst Du?«
»Ja, das hör ich schon. Aberst wann wir so gar früh fort wollen, so müssens den Wein recht bald bringen, Frau Bürgermeisterin, sonst ist morgen die Kirchen anfangen und ich hab noch immer keinen.«
»Du hast recht,« lächelte sie. »Ich denke nur an mich und nicht an Dich.«
»Freilich! Und doch ist mir von dem vielen Sprechen und Derklären die Kehlen so trocken wie eine alte Feueressen. Den Ruß muß ich schnell hinabspülen.«
Sie war jetzt eine ganz Andere als vorher. Die Gewißheit, den Sohn zu sehen, verlieh ihr eine ganz jugendliche Spannkraft. Ihre Wangen hatten sich geröthet und ihre Augen leuchteten. Es war nach langer Leidenszeit neue Lebenskraft und neuer Lebensmuth über sie gekommen.
Sie holte den versprochenen Wein und während sich der Sepp denselben schmecken ließ, mußte er von Max Walcher erzählen, so viel er von demselben wußte. Nur das Abenteuer am Mühlenwehr verschwieg er. Als er erzählte, wie Walther gleich bei seiner Ankunft so mannhaft aufgetreten sei, war die Bürgermeisterin wirklich stolz auf den Sohn und fühlte sich so glücklich, wie noch niemals in ihrem ganzen Leben.
Sie trennten sich sehr spät, waren aber dennoch bereits sehr bei Zeiten wach. Die Bürgermeisterin zog sich nur sehr einfach an und dann begaben sie sich auf den Weg. Es fiel der braven Frau gar nicht ein, sich darüber zu schämen, daß sie an der Seite des armen Wurzelhändlers durch das kleine Städtchen ging. Der Sepp war auch hier bekannt und von allen Leuten geachtet.
Der Weg nach Hohenwald führte den Berg hinauf, an dem Schlosse vorüber und dann durch den Park, welcher zu dem Letzteren gehörte. Dann senkte er sich wieder abwärts, bis er in der Nähe der Mühle aus dem Walde trat und man Hohenwald vor sich liegen hatte.
Als Beide am Schlosse vorübergingen, blieb der Sepp einen Augenblick stehen und fragte:
»Ich hab hört, daß Schloß Steinegg verkauft ist. Wie heißt der jetzige Besitzern?«
»Es ist ein Baron von Alberg.«
»Aus dera hiesigen Gegend?«
»Nein. Er ist noch niemals hier gewesen. Er bekleidet eine hohe Anstellung in Wien, wo er von seinen Pflichten so festgehalten wird, daß er nicht selbst kommen konnte, sondern seine Tochter geschickt hat, um die Einrichtung des Schlosses zu beaufsichtigen.«
»Was für ein Dirndl ist sie, diese Tochtern?«
»Eine liebe, gute, junge Dame. Ich bin sehr oft mit ihr zusammen und habe sie wirklich herzlich lieb gewonnen. Natürlich ist auch sie noch niemals hier gewesen.«
»So kenn ich sie halt nicht.«
»Nein. Aber Du wirst sie gleich kennen lernen, denn dort kommt sie.«
Sie waren am Gebäude des Schlosses vorübergekommen und hatten den Park erreicht. In einiger Entfernung vor ihnen trat Milda mit Asta aus einem Seitenpfade auf den Hauptweg heraus. Sie hatten einen Morgenspaziergang gemacht und kamen den Beiden langsam entgegen.
»Welche ists?« fragte der Sepp.
»Die Schlanke.«
»Und wer ist die Andre?«
»Ein Fräulein von Zelba, welche den astronomischen Namen Asta führt.«
»Solche Namen können mir niemals gefallen. Wenn Einer sich immer bei so einem vornehmen Namen nennen hört, so wird er endlich gar selberst vornehm und stolz. Das ist wohl auch bei dera der Fall, denn sie schreitet so ganz besonderbar einher, grad als wanns in jeder Taschen eine Millionen stecken hätt.«
»Ja, stolz ist sie. Sie hat mich gestern, als ich ihr vorgestellt wurde, fast gar nicht angesehen.«
»So, dann mag sie nur höflich danken, wenn ich sie jetzt grüß, sonst sag ich ihr meine Meinung.«
»Das wirst Du nicht thun. Solche Leute läßt man in ihrem Hochmuthe gehen.«
»Ich werd sie auch gehen lassen. Ich halt sie nicht fest, aber Etwas thät ich ihr doch mitgeben.«
Die beiden Paare begegneten sich. Asta blickte verächtlich zur Seite. Milda machte zwar auch ein einigermaßen befremdetes Gesicht, als sie den ihr unbekannten Sepp an der Seite ihrer Freundin erblickte, nickte derselben aber doch bereits von Weitem freundlich zu.
Die Bürgermeisterin verbeugte sich vor den beiden adeligen Damen und der Sepp zog sehr höflich den Hut. Asta sah es gar nicht. Sie ging vorüber. Milda aber blieb stehen.
»Schon so früh munter, liebe Frau Bürgermeisterin,« sagte sie, ihr die Hand gebend. »Wollen Sie einen Spaziergang machen?«
»Ja, gnädige Baronesse. Und mit dem Angenehmen habe ich etwas Nützliches zu verbinden. Ich bin nach Hohenwald gerufen worden.«
»Dann darf ich Sie ja nicht aufhalten.«
Sie gab ihr die Hand zum Abschiede und ging der Freundin nach.
Sepp hatte bewegungslos dagestanden und kein Auge von ihr verwendet. Es zuckte über sein Gesicht wie eine große Ueberraschung.
»Komm!« sagte die Bürgermeisterin, als er auch jetzt noch stehen blieb und Milda nachblickte.
Sie hatte Sorge, daß er seinem Vorsatze folgen und gegen Asta grob sein werde.
»Donnerwettern!« stieß er hervor.
»Was hast Du?«
»Nix für Sie. Laufens langsam fort. Ich hab das Fräulein um was zu fragen.«
Er wendete sich rückwärts und eilte den beiden Damen nach. Sie hörten ihn kommen und blieben stehen, da sein Nahen nur ihnen gelten konnte. Er zog den Hut sehr respektvoll, blieb vor ihnen stehen und sagte:
»Bitt gar schön, Fräulein Baronessen! Nehmens halt nicht übeln, daß ich Sie vermolestir! Ich hab zwar kein vornehm Gewandel an, aberst ein braver Kerlen bin ich dennoch. Ich möcht halt sehr gern was fragen.«
»Thun Sie es,« antwortete Milda.
»Nicht wahr, Ihr Namen ist von Alberg?«
»Ja.«
»Lebt dera Herrn Baron Vatern noch?«
»Allerdings.«
»Ist er von nicht gar zu großer Figuren?«
»Ja.«
»Und er hat blonde Haaren?«
»Gewiß. Aber bitte, welche Ursachen haben Sie zu diesen eigenthümlichen Fragen?«
Statt die Antwort Sepp's abzuwarten, fiel Asta sogleich ein:
»Keine Ursache hat er. Der Mensch muß nicht recht im Kopfe sein.«
»Warum?« meinte Sepp.
»Sonst würden Sie nicht in dieser Weise nach dem gnädigen Herrn Baron von Alberg fragen.«
Er blickte sie vom Kopfe bis zu den Füßen herab an, drehte sich dann von ihr ab, Milda zu und fuhr zu dieser fort!
»Gnädiges Fräulein, Sie kennen mich nicht. Man nennt mich den Wurzelsepp, weil ich mit Wurzeln handle. Aber ich bin kein Irrer und auch kein Landstreichern. Sogar unser König redet gern mit mir, wann ich mal zu ihm kommen thu, und ich hab bereits mit manchen vornehmen Leutln so sprochen, wie ein Anderer nicht mit ihnen sprechen darf. Darum dürfen auch Sie mich anhören. Und Sie werdens thun, denn Sie haben ein liebs Gesichterl und zwei seelensgute Augen.«
Sie erröthete ein Wenig und nickte ihm dann gewährend zu:
»Sprechen Sie weiter!«
»Ich hab mirs denkt, daß ich darf. Ich habs Ihnen halt gleich angeschaut. Und das will ich Ihnen sagen, daß ich nicht unnütz frag, sondern daß ich eine sehr große Ursachen dazu hab, die ich Ihnen wohl einmal sagen werd. Nicht wahr, Ihr Herrn Vatern hat auch blaue Augen?«
»Ja.«
»Und eine Narben ans dera linken Stirn, von einer Pfenuren, auf der er standen hat.«
»Auch das ist richtig.«
»Haben Sie noch Geschwistern?«
»Nein.«
»So dank ich Ihnen gar schön! Heut kann ich Ihnen noch nicht sagen, warum ich diese Verkundigungen einizogen hab, aberst nächster Tagen werd ich mal um die Erlaubnissen bitten, mit Ihnen sprechen zu dürfen. Nachhero werdens wohl derfahren, daß ich meinen guten Grund habt hab.«
Und sich nun wieder zu Asta wendend, fuhr er fort:
»Und Sie, wissens, wanns wiedern mal gegrüßt werden, so dankens fein hübsch. Wann man vornehm ist, so muß man erst recht höflich sein, sonst ist man halt noch unverbildeter als gewöhnlichen Leut. Verstanden, Fräulein!«
Sie stand ganz starr.
»Frecher Mensch!« stieß sie hervor.
»Oho! Frech sagst zu mir? Da kommst gar schön an. Frech bist nur Du, daßt einer Damen nicht dankst, wie die Frau Bürgermeisterin ist! Denkst wohl, Du bist was Bessres? Denkst wohl, Deine Haut ist von Saffianen und Dein Gesicht von Marzipanen? Weißt, wannst zu viel trinkst, wirst auch besoffen, and wannst zu viel issest, bekommst auch das Schneiden im Leib, grad wie andere Menschen. Du bist aus demselbigen Stoff auch wie andere Leut, und wannst stirbst, so fangst auch an zu riechen, so daß man Dich fortschaffen muß. So eine Eiernudeln wie Du wird auch nur gefressen Und nun schau, daßt fortkommst! Du machst ja ein Gesichten, als ob die Gans den Schneemuff verschlungen hätt!«
Er drehte sich um und eilte der Bürgermeisterin nach, welche von dieser Unterhaltung nichts gehört hatte. Es fiel ihm gar nicht ein, zurück zu schauen, um zu sehen, welchen Eindruck seine Strafrede gemacht habe.
Dieser war allerdings ein gewaltiger, denn Asta fühlte sich einer Ohnmacht nahe.
»Das – das – das – – ah, hast Du es gehört?« stammelte sie.
Milda nickte nur. Der Alte war ihr sympathisch gewesen und der Freundin gönnte sie diese Zurechtweisung. Freilich hätte dieselbe nicht gar so grob kommen sollen.
»Also Wurzelsepp, Wurzelsepp!« rief Asta. »Er kommt aus der Stadt, er muß also dort wohnen. Ich werde sofort zur Polizei gehen, um ihn bestrafen zu lassen.«
Sie eilte fort und ließ Milda stehen.
Mittlerweile war der Sepp mit seiner Begleiterin weiter gegangen. Sie versuchte zu erfahren, was er mit der Baronesse zu sprechen gehabt habe, doch verschwieg er es.
Der Weg führte durch den Wald. Bald ging ein Seitenpfad rechts ab. Sepp bog in denselben ein.
»Das ist doch nicht der richtige Weg,« sagte sie. »Wir müssen gradaus gehen.«
»Kommens nur immer mit,« antwortete er. »Oder fürchtens sich, mit dem Sepp allein im Wald zu sein?«
»Nein. Dazu habe ich keine Veranlassung.«
»Dann gehens nur mit. Ich muß Ihnen was zeigen.«
»Was?«
»Einen Mann, der da drinnen wohnt.«
»Warum?«
»Das werdens bald derfahren. Gestern am Abend habens von dem Beyer sprochen, der Tagarbeitern gewest ist. Deshalben geh ich jetzunder hier in den Wald hinein.«
Er schritt rasch aus, um weiteren Fragen vorzubeugen und sie mußte folgen.
Nach mehreren Windungen des Weges kamen sie an eine von Bäumen befreite Stelle, an welcher eine alte sehr baufällige Hütte stand. Diese hatte nur zwei sehr kleine Fenster. Sepp klopfte an die Thür.
»Wer da?« fragte drinnen eine mürrische Stimme.
»Dera Wurzelsepp.«
»Gleich!«
Es dauerte eine Minute, bevor die Thür geöffnet wurde, dann kam ein langer, hagerer, kahler Kopf zum Vorschein.
»Bist auch wieder mal da?« erklang es unter der spitzigen Nase heraus.
»Das siehst ja, wannt mich anschaust!«
»So komm herein.«
»Heut bleib ich heraußen. Ich werd gar nicht lang bleiben; ich hab nur den Waldheger was fragen wollt.«
»So frag!«
Der Mann trat jetzt heraus. Er hatte trotz seiner schmalen, scharfen Gesichtszüge doch das Aussehen eines sehr gutmüthigen Menschen. Die Bürgermeisterin stand seitwärts, sodaß die offene Thür sich zwischen ihm und ihr befand, darum sah er sie nicht.
»Kennst vielleicht den neuen Herrn Lehrern?« fragte der Wurzelsepp.
»Da ist immer ein Neuer da, aberst keiner taugt was. Jetzt wohl wieder?«
»Ja.«
»Den hab ich noch gar nicht sehen. Was kümmert mich dera Lehrern? Ich geh nicht mehr in die Schulen.«
»Vielleicht thät er Dich doch was verinteressirn. Nicht wahr, Du bist früher Tagarbeitern gewest?«
»Freilich. In dera Gegend von Regensburg ists gewest.«
»Wo da?«
»Am Wasser aufwärts, beim Einödbauern, der damals Günther heißen hat.«
»So, also so! Und da kümmerst Dich nicht um den neuen Herrn Lehrern? Das ist wunderbar.«
»Warum wunderbar?«
»So hast auch wohl noch nicht hört, wie er heißt?«
»Ich hab schon sagt, daß er mich nix angeht. Er mag heißen, wie er will.«
»Na, wirst gleich anderst denken, wann ich Dir den Namen sag. Er heißt nämlich Max Walthern.«
Die lange Gestalt des Waldhegers fuhr kerzengrad empor.
»Max Walthern?« sagte er. »Alle Teufeln! Sollt das etwan dera Bub sein, welcher –«
»Nun, welcher? Was stehst nun da und sperrsts Maul sperrangelweit auf?«
»Weil dera Namen mir freilich bekannt ist.«
»Habs auch denkt.«
»Wieso kannst Du's dacht haben?«
»Weil ich weiß, daßt mal einen Buben gefunden hast, der grad so geheißen hat.«
»So! Da möcht ich auch fragen, wie Du das derfahren hast. Uebrigens hab ich den Buben nicht funden, sondern er ist mir grad nur so vor die Thür legt worden. Auf einem Zettel hat dera Namen standen, und am Hals hat er ein Kreuzerl habt. Ich bin ein armes Wurm west, fast noch ärmern als jetzund und hab den Buben ins Waisenhaus schafft. Was mit ihm worden ist, das weiß ich nicht, denn ich bin nachhero fortzogen, bald hierhin, bald dahin, wo ich grad eine Arbeiten funden hab.«
»Und bist doch so sucht worden.
»Von wem?«
»Von dem Mädchen.«
»Das sollt mich verwundern. Wer sein Kind in dieser Weise verläßt, der sucht nicht wiedern darnach.«
»Und doch hat sie sucht. Sie ist ein braves Dirndl west und krank. Sie hat das Fiebern habt im Kopf und in denen Nerven und da weiß man nicht, was man thut.«
»Ja, wanns so ist, so will ich ihr abbitten, was ich von ihr denkt hab. Also dera Bub ist nun groß und jetzt hier Schullehrern worden?«
»Ja. Kannst ihn Dir mal anschaun.«
»Freilich werd ich ihn mal aufsuchen. Vielleicht schenkt er mir da eine Cigarren odern gar ein Maß Bier. Dazu bring ichs von mir selber halt nicht so oft.«
Da trat die Bürgermeisterin hervor und fragte:
»So sind Sie wohl sehr arm.«
»O Jerum, ein Frauenzimmern!« rief er aus. »Sepp, was machst mit einem Weibsenbild im Walde?«
»Ich such den gestrigen Tag und kann ihn nicht finden. Jetzt aberst antwort doch, wannt fragt wirst!«
»Na, meinetwegen! Ob ich arm bin? Na freilich bin ich arm. Wann ich mir mal eine Extra-Güten thun will, kann ich Tannenzapfen essen.«
»Das sollen Sie nicht,« sagte die Dame. »Würden Sie jenes Mädchen, welches vergaß, daß Kind mitzunehmen, heut wieder erkennen?«
»Das wird schwer sein. Es sind seitdem doch nun zwanzig Jahren verflossen.«
»So will ich Ihnen sagen, daß ich es bin.«
»Sie!« Er schlug überrascht die Hände zusammen. »Sie sinds gewest, Sie? Na, damals habens mir halt eine schöne Arbeiten macht. Ich hab doch gar nicht wußt, was ich mit dem Kind anfangen sollt!«
»Sie haben gethan, was Sie thun konnten, und Sie sollen es nicht umsonst gethan haben. Würden Sie bereit sein, mich zu unterstützen, wenn Ihre Gegenwart nöthig wäre, falls der Lehrer legitimirt werden soll?«
»Allemalen! Das ist ja meine Schuldigkeiten.«
»Gut! So sagen Sie mir, was ich für Sie thun kann!«
»Sie für mich? Nix.«
»Was gar nichts?«
»Nein. Was solltens für mich thun können? Etwan im Wald herum laufen und meine Arbeit machen? Die muß ich halt selberst thun.«
»So meine ich es nicht. Ich wollte gern wissen, ob Sie nicht irgend einen Wunsch haben. Ich möcht Ihnen gern Etwas schenken.«
Da erheiterte sich sein altes Gesicht. Er kratzte sich mit beiden Händen den Kahlkopf, trotzdem derselbe keine Haare mehr hatte und meinte schmunzelnd:
»Ja, das ist freilich eine sehr böse Geschichten!«
»Wieso?«
»Sie wolln mir was schenken, und dos thät ich mir auch gar wohl gefallen lassen, aberst jetzt weiß ich nun nicht, was ich thu. Verlang ich zu viel, so geben Sie mirs nicht, und verlang ich zu wenig, so komm halt ich schlecht dabei weg.«
»Verlangen Sie nur getrost!«
»So! Na, so gebens mir vielleicht einen Groschen für ein Bier?«
»Gern!« lächelte sie über diese Bescheidenheit.
»Vielleicht gar auch fünfzehn Pfennige noch für ein Packeterl deutschen Kaisertabaken?«
»Auch das noch!«
»Aberst nun natürlich weiter nix?«
»O, wünschen Sie nur zu!«
»So gebens halt noch dreißig Pfennige für meine Schuhen hier. Sie haben einen Rissen, und ich muß mir einen Seitenflecken draufsetzen lassen.«
»Schön! Weiter!«
Er blickte sie ganz erstaunt an.
»Immer noch weitern?« fragte er.
»Ja.«
»Na, wanns gar so gut sein wollen, so gebens mir noch zwanzig Pfennige für einen Topf, worinnen ich mir meine Suppen kochen kann. Der vorige ist in diesem Winter zerfroren, und da muß ich nun kalt' Wassern trinken.«
»Auch das sollen Sie haben. Und wünschen Sie vielleicht noch Etwas?«
»Wie? Gar noch immer was?«
»Jawohl.«
»Da hat doch Ihre Güten und Mildthätigkeiten gar kein End! Wann das so ist, so werd ich mich mal sehr feini versteigen. Da kommt hier nun gar die Uhren daran. Darf ich?«
Er zog eine riesige Taschenuhr hervor, welche an einer starken Eichhörnchenkette hing.
»Immer wünschen Sie! Hat das Werk einen Fehler?«
»Nein, das hat keinen Fehlern. Wanns mal an einem Tag eine halbe Stunden vorauslaufen ist, so bleibts am nächsten Tag drei Viertelnstunden zuruck und dann läufts übermorgen wiedern eine Viertelstunden vor, und hernach hab ich ja gleich wiederum die richtige Zeiten. Also einen Fehlern hat die Uhr nicht. Es ist ein gar altes Erbstuck von meinem Großvater mütterlicher Seits, aus dem besten Tombak gemacht und mit vier Gehäusern gar – eine schwere und gar gewichtige Uhren! Aber vor anderthalb Jahren habe ich denen Schlüsseln verloren. Da borg ich mir zuweilen einen, wann ich Jemand treff, dessen Schlüsseln grad in die meinige paßt. Das ist ab erst äußerst selten weil sie gar so ein großes Schlüsselloch hat. Ich habs auch wohl versucht, mit dera Drahtzangen hinein zu. langen und sie aufi zu ziehen, äderst da kann ich mir leicht das kostbare Werk zu schanden machen. Also muß ich mir doch bald wiederum einen eigenen Schlüsseln kaufen.«
»Und den soll ich bezahlen?«
»Wanns wollen, bitt ich gar schön!«
»Wieviel kostet er?«
»Den macht mir dera Schlosser. Da ist er am Stärksten und hält am Längsten. Ich glaub, er wird halt nicht mehr verlangen als fünfzehn Pfennige vielleicht.«
»Die sollen Sie auch haben.«
»Na, so eine Güten ist mir seit langer Zeit nicht anthan worden! Jetzt nun kann ich nix mehr verlangen, und da wollen wir mal zusammenrechnen. Einen Topf, einen Uhrschlüsseln, einen Seitenflecken auf denen Stiefeln, ein Tabakspaketen und auch noch ein Bier. Das macht zusammen –«
Er hielt inne und kratzte sich sehr verlegen auf der Platte. Dann meinte er:
»Ja, verteuxeli, jetzt weiß ich nimmerst mehr, wie viel ich für das Einzelne anrechnet hab. Nun können wir nur gleich wiedern von vorn anfangen!«
»Nein, nein,« lachte die Bürgermeisterin. »Ich will Ihnen gleich lieber Etwas in Pausch und Bogen geben.«
»Meinswegen auch so! Aberst ob auch dieser Pausch und Bogen nachhero ausreichen wird?«
»Ich hoffe es. Hier haben Sie!«
Sie gab ihm zwei Stücke aus ihrer Börse. Er betrachtete dieselben, dann die Dame, ging mit den Augen noch einige Male herüber und hinüber und sagte dann:
»Jetzunder weiß ich gar nimmer, ob meine Augen auch noch richtig sehen können.«
»Nun, was sehen Sie denn?«
»Das sieht ja grad wie Gold aus, kanns aberst doch gar nicht sein!«
»Es ist Gold.«
»Dann ists ja ein Zwanzigmark- und nachhero noch ein Zehnmarkstuckerl!«
»Gewiß.«
»Aberst das kann doch nicht mir gehören sollen!«
»Warum nicht? Ich schenke es Ihnen.«
Er machte den Mund weit auf, schluckte und schluckte, als ob er Etwas drinnen habe, und sagte:
»Madame, wann ich mich nicht verrechnen thu, so sind das dreißig Markerln oder zehn Thalern!«
»Das ist richtig!«
»Und mein, mein solls sein! Sepp, Sepp, glaubst das etwan auch?«
»Freilich glaub ichs. Die Dame ist gut. Sie schenkt Dirs gern.«
»So will ich nur machen, daß ich schnell fortkomme, sonst könnts sich und zu meinen Kindern. Herrgott, wird das ein Jubel sein! Adjeh, Sepp, Adjeh, Madame! Behüts Gott alle Beid! Lebens recht wohl, und dank auch schön!«
Er nahm sich gar nicht Zeit, die Waldhütte zuzuschließen. Er rannte davon, so schnell seine alten Beine es ihm erlaubten.
»Da habens freilich eine Freuden angerichtet!« lachte der Sepp. »Der kanns halt brauchen!«
»Er soll noch mehr bekommen. Ist das nicht wieder eine Schickung Gottes, daß er diesen Mann und meinen Sohn so ganz in meine Nähe führt? Komm, Sepp, komm! Laß uns weiter gehen!«
Sie kehrten auf einem zweiten Waldpfade wieder nach dem Hauptwege zurück und folgten diesem bis zu der Brücke, welche über den Bach führte. Dort sahen sie Hohenwald vor sich liegen. Sie blieb stehen.
»Dort also, dort wohnt und lebt mein Sohn?« sagte sie, wie in Andacht die Hände faltend. »Dort ist die kleine, ärmliche Kirche, in welcher er nachher, die Orgel spielen wird! Mein Gott, wie ist mir zu Muthe! So froh, so selig und doch so bang!«
Sie schritten über die Brücke. Da kam hinter den Büschen des anderen Ufers der König daher. Die Drei trafen auf einander. Sepp zog den Hut. Die Bürgermeisterin grüßte auch, blieb aber mitten im Gruße starr halten. Sepp beeilte sich, ihr zu sagen:
»Das ist der Herr Ludwig, der hier für ein paar Tage wohnt.«
»Ludwig!« stotterte sie. Dann machte sie eine tiefe Verneigung. »Majestät!«
»Bitte!« antwortete der Monarch. »Nicht Majestät! Ich will hier nicht erkannt werden. Wenn Sie mich kennen, so ersuche ich Sie um Discretion.«
Sie beugte sich abermals. Sepp meinte einfach:
»Das ist nämlich die Frau Bürgermeisterin von Steinegg da drüben. Sie will zu ihrem Sohn, dem Herrn Lehrern.«
»Wie? Ich denke, dieser ist ein Findelkind.«
»Ja, er ist schon ein Findelkind, aberst sie gehören dennerst zusammen, denn sie ist eine Findelmutter, weil ich sie funden hab.«
»Ich verstehe das nicht.«
»Frau Bürgermeisterin, soll ichs verzählen?«
Die Frau erröthtete und erbleichte. Ihre Verlegenheit war eine ungeheure.
»Es handelt sich hier jedenfalls um eine discrete Angelegenheit,« sagte der König. »So sehr ich mich für den Lehrer interessire, kann ich doch nicht zugeben, daß der Sepp über Ihre privaten Angelegenheiten spricht.«
»Ach was!« rief der Sepp. »Wanns Eisen warm ist, so muß mans schmieden, sonst wirds wiederum kalt. Frau Bürgermeisterin, bedenkens, daß dera Max im Bayrischen geboren und auch da erzogen worden ist. Unsera königliche Majestäten habe also ein Wort mit drein zu sprechen, und es wird vielleicht niemalen wiedern vorkommen, daß Sie den guten, gnädigen Herrn so treffen wie grad jetzt in diesem Augenblick. Nehmens sich ein Herz, und redens von dera Leber weg. Er wird Sie nicht fressen. Dazu ist er doch gar zu gut und freundlich. Ich werd mich dabei zurückhalten und fein hinterherkraxeln.«
Der König machte eine Wendung zum Weitergehen, und die Bürgermeisterin hielt dies für eine Aufforderung, sich an seiner Seite zu halten. Sie folgte derselben. Der Sepp ging in gehöriger Entfernung hinter ihnen her. Er schmunzelte höchst vergnügt vor sich hin und brummte:
»Sepp, bist doch ein Teufelskerlen! Alles bringst zu Stande, Alles! Jetzt hast sogar Die da auf den König hetzt. Nun wird das Ding mit dera Legitimationen gleich gehen wie geschmiert!«
In der Nähe des Dorfes blieben die beiden Voranschreitenden noch eine ganze Weile in ernstem Gespräch stehen. Der Sepp sah dann, daß die Bürgermeisterin weinend des Königs Hand ergriff und ihre Lippen darauf drückte. Der Monarch schien tief gerührt zu sein. Es lag jener tiefsinnig-wohlwollende Zug über sein Gesicht ausgebreitet, welchen man stets an dem hohen Herrn bemerkte, wenn sein Herz in Mitleidenschaft gezogen wurde. Er nickte ihr zu, schenkte auch dem Sepp einen Blick und schritt dann langsam weiter.
Er ging hinter dem Dorfe hinweg, an Das denkend, was ihm die Bürgermeisterin in tiefster Reue und unter strömenden Thränen erzählt hatte. Seine Stirn legte sich in Falten. War sie nicht zu rechtfertigen, so war sie doch zu entschuldigen, denn sie hatte nur unter dem Einflusse ihres krankhaften Zustandes sich des Kindes entledigt. Wer aber war jener Schurke, welcher ein vertrauensvolles Mädchenherz in solcher Weise hintergangen hatte? Jedenfalls ein Angehöriger der feinen Aristokratie, welche dem Volke doch als leuchtendes Beispiel gelten sollte. Er verdiente die strengste Strafe, und diese Strafe sollte ihm werden, falls es gelang, ihn zu entdecken.
So dachte der König. Es war ein wunderbar schöner Feiertagsmorgen. Die Sonne leuchtete in all ihrer Pracht. Die Lerchen trillerten. Vom Busch her ertönte lauter Finkenschlag. Der König hörte es nicht. Sein Herz war so tief traurig. Welch eine Fülle von Schmerz vermag eine einzige Menschenseele in sich zu fassen! Hier, dieses kleine Hohenwald, dieses weltvergessene, einsame Gebirgsnest, wie viel Sorge und Noth, wie viel Jammer und Elend, wie viel Schlechtigkeit und Verbrechen trug es versteckt in seinen Häusern! Und nun die weite, weite Erde – welche undenkbare Masse von Herzeleid hat sie zu tragen, während sie stolz und leuchtend in furchtbarer Eile um die Sonne rollt! Ist das Leben denn überhaupt werth, daß man es lebt! Ist das Hohe, das Edle, nach welchem der Erdensohn strebt, denn wirklich so erhaben? Verdient es die Wissenschaft, die Kunst denn wirklich, daß man ihr die Leiden, Entbehrungen und Anstrengungen seines ganzen Daseins opfert? Ist nicht der Augenblick, an welchem ein müdes Auge bricht, um das Aufleuchten einer besseren Welt zu erblicken, nicht der schönste, der beneidenswertheste im ganzen Leben? Ist der Tod nicht Erlösung von allem Uebel, und bedeutet nicht der Klang der Sterbeglocken einen Bewillkommungsruf aus höheren Sphären, was die Seele Alles abgestreift hat, was – –
Er fuhr aus seinem Sinnen auf. Der Pfad hatte geendet und er stand vor der einstigen Flachsdörre. Die alte Feuerbalzern saß vor der Thüre auf einem Stein und flickte ein altes Tuch, welches kaum noch zu flicken war.
»Guten Morgen,« grüßte er.
»Guten Morgen,« dankte sie. »Der Herr hat sich gewiß verlaufen. Wo wollens denn halt hin, zu wem?«
»Ich geh nur spazieren.«
»So, dann sinds ein gar glücklicher Mensch. Unsereins kann nimmer spazieren gehn. Dazu giebts halt keine Zeit. Man muß schaffen, schaffen und immer schaffen, wann man nicht verhungern will.«
»Sind Sie so arm?«
»Arm? Du liebes Herrgott!? Wann wir nur blos arm wären, so wollt ich noch froh sein! Elend sind wir, die elendesten Leutln weit und breit.«
»Das wäre ja unaussprechlich traurig! Worin besteht denn Ihr Elend?«
»Das wissens nicht? Habens noch nimmer von der verrückten Feuerbalzern hört?«
»Es ist mir, als ob man mir diesen Namen einmal genannt hätte. Aber Genaues weiß ich nicht.«
»Sie können es sogleich derfahren.«
Und er erfuhr es. Die einstige Balzerbäuerin war stets bereit, Jedermann ihre Noth zu klagen. Sie that es auch jetzt. Sie erzählte Alles. Sie erzählte am Schlusse auch, daß der neue Lehrer der Einzige sei, der sie nicht verachtet, sondern ihr die Hand gereicht habe und sogar mit ihr gegangen sei.
Während der Erzählung war der Balzer aus dem Hause getreten. Er starrte dem Könige in das Gesicht. Das Auge des hohen Herrn ruhte forschend auf ihm.
»Ihr Sohn hat nicht das Aussehen eines Verrückten,« sagte er. »Es ist, als ob die Intelligenz sich vergeblich anstrenge, hervorzubrechen. Wo hat ihn denn damals der Balken getroffen?«
»Auf den Kopf freilich.«
»Das haben Sie mir bereits gesagt. Aber an welche Stelle?«
»Das kann ich halt nicht wissen. Das hat doch nur dera Doctoren merken konnt.«
So schmutzig der Balzer aussah, der König legte ihm doch die Hand prüfend auf das wirre Haar.
»Freund, guter Freund!« stammelte der Kranke, indem er dankbar nach der anderen Hand des Königs haschte.
Der Letztere betastete mit den Fingerspitzen den Kopf. Balzer duldete es, ohne eine Miene zu verziehen. Plötzlich aber schrie er laut auf. Der König hatte eine Stelle getroffen, welche schmerzte.
»Das habe ich mir gleich gedacht, als ich Ihrem Sohne in das Auge blickte. Er leidet nicht an einem Wahngedanken; sein Geist schläft auch nicht, sondern ist von einem physischen Drucke mit aller Gewalt niedergehalten.«
»Das verstehe ich nicht.«
»Ich meine, die verletzte Stelle seines Kopfes ist noch gar nicht geheilt; darum wird sein Geist verhindert, normal thätig zu sein. Wenn diese Stelle zur Heilung gebracht wird, so wird Ihr Sohn auch geistig gesunden. Er wird nicht mehr irr im Kopfe sein.«
Da blitzten ihre Augen auf. Sie warf das Tuch von sich, stand von dem Steine auf und fragte:
»Nicht mehr irr wird er sein? Er wird dann denken können und auch sprechen?«
»Ich bin kein Arzt und kann also nichts behaupten, aber ich vermuthe, daß ich Recht habe.«
»Und könnt er sich dann auch auf Alles besinnen, was damals in jener Nacht geschehen ist?«
»Ich glaube es.«
»Und er könnt es uns verzählen?«
»Gewiß.«
»Herrgott! Wärs möglich? Das ist das erste Licht, was ich leuchten seh. Wann doch die Stelle heilen thät! Dann käms heraus, wo unser Geld ist, und wer das Haus anbrennt hat. Warum sinds doch kein Arzt! Warum!«
Der König hatte jetzt die Stelle abermals berührt. Balzer stieß einen Weheruf aus und bat:
»Nimms hin, nimms hin! Ich sag ja nix. Gnade, Gnade!«
Dann, als der König die Hand von ihm nahm, rannte der Jammernde eiligst davon, um den Schmerz nicht etwa nochmals leiden zu müssen.
Der König blickte ihm sinnend nach und erkundigte sich dann:
»Ist denn nie ein Arzt auf denselben Gedanken gekommen, den ich soeben ausgesprochen habe?«
»Nein. Unsere Aerzten haben nie nix taugt. Und von fremd her einen klugen kommen lassen, das können wir nicht. Wir haben ja keinen einzigen Pfennig dazu.«
»Es soll ein kluger herkommen. Ich werde ihn rufen lassen.«
»Sie? Sie? Für uns? Sie wollen zahlen?«
»Ja, und zwar bald. Morgen bereits soll er hier sein.«
Da stürzte sie sich auf seine Hände, ergriff beide und bedeckte sie abwechselnd mit Küssen.
»Ists wahr? Ists wahr?« rief sie dabei. »O, ich weiß halt nicht, wers sind, aberst für uns sinds ein Engel, ein guter Engel vom Himmeln herab. Thun Sie's, ja thun Sie's! Wir können Ihnen freilich nix dafür geben, aberst dera Herrgott wirds Ihnen vergelten im Himmeln und in dera Seligkeiten!«
Er wehrte sie von sich ab.
»Wer wohnt noch in diesem Hause?«
»Dera Finkenheiner mit den Seinigen.«
»Ist er daheim?«
»Ja. Da droben steht er ja bereits am Fenstern und schaut herab auf uns.«
»So will ich ihn einmal aufsuchen.«
Er stieg die Treppe empor. Droben öffnete der Heiner bereits die Thüre.
»Der Herr Ludewigen,« sagte er. »Das ist gar schön, daß Sie mal zu uns kommen. Ich bin mit dem Sohn allein. Die Liesbeth ist mit –« er wollte sagen »mit ihrer Mutter«, schluckte aber die Worte wieder zurück – »nach dem Mühlen gegangen. Hier ist mein Bub, dens den Elephantenhannes nennen, weil er so gern so große Thieren malt.«
Der Jüngling saß bleich und matt wie gewöhnlich in seinem Stuhle. Er hatte ein von dem Lehrer geliehenes Buch vor sich. Seine großen; intelligenten Augen richteten sich mit demüthig forschendem Blick auf die gewaltige Persönlichkeit des Königs. Dieser winkte ihm freundlich zu und fragte:
»Könnte ich nicht vielleicht Etwas sehen, was Sie gezeichnet haben, junger Freund?«
»O, sehr Viel!« antwortete Heiner an Stelle seines Sohnes. »Das steht auf vielen hundert Blättern.«
Das Gesicht des Sohnes war leicht geröthet. Er machte eine abwehrende Handbewegung gegen den Vater und sagte:
»Nein, das zeig ich nicht mehr her. Das taugt ja Alles nix, gar nix. Das hab ich einsehen, seit der Herr Lehrern mich unterrichtet und seit ich in seinen Büchern les. Das neue, das Pastellenbild, wird wohl besser; aberst ich kanns auch noch nicht herzeigen, denn es ist noch nicht fertig.«
»Ich will Sie keineswegs dazu zwingen,« sagte der König. »Aber ich darf vielleicht erfahren, welchen Gegenstand es behandelt.«
»Ja, das kann ich schon sagen. Ich hab ein Bild zu zeichnen über ein Gedichten, welches dera Herr Lehrern macht hat.«
»Erlauben Sie mir, es zu lesen?«
»Er wird wohl nix dagegen haben, wann ichs Ihnen mal zeig.«
»Geben Sie es mir getrost? Ich werde es bei ihm verantworten. Wir sind gute Freunde.«
»So sollen Sie es gern haben. Hier ists.«
Der König erhielt das Blatt. Er las:
»Es treibt die Fanna heimathslos
Auf der bewegten Fluth,
Wenn auf dem See gigantisch groß
Der Talha Schatten ruht.
Er breitete die Netze aus
Im klaren Mondenschein.
Sang in die stille Nacht hinaus
Und träumte sich allein.
Da rauscht' es aus den Fluten auf,
So geistergleich und schön;
Er hielt den Kahn in seinem Lauf
Und ward nicht mehr gesehn.
Nun treibt die Fanna heimathlos
Auf der bewegten Flut,
Wenn auf dem See gigantisch groß
Der Talha Schatten ruht.
Der König ließ die Hand, in welcher er das Blatt hielt, langsam niedersinken und blickte still durch das niedere Fenster hinaus. Die Anwesenden sagten kein Wort. Der Ausdruck seines Gesichts sagte ihnen deutlich, daß er jetzt im Geiste mit dem Inhalte der soeben gelesenen Strophen beschäftigt sei. Sein Auge hatte einen sinnenden und doch beinahe begeistert glänzenden Blick. Er nickte dann leise und wie zustimmend mit dem Kopfe und sagte:
»Wer es nicht versteht, der kann dieses Gedicht nicht würdigen. Es ist ein geistreiches Gemälde einer südlichen, fremdartigen Landschaft, in kurzen, kräftigen und doch so tief durchdachten Worten – ein Meisterstück, welches eben nur von Meistern beurtheilt werden kann.«
Das hatte er wie zu sich selber gesagt. Dann wendete er sich wieder zu dem Elephantenhanns:
»Und nach diesen Worten wollen Sie ein Gemälde anfertigen, mein junger Freund?«
»Ja,« nickte der Gefragte. »Eine Pastellzeichnung.«
»Und haben weder eine Akademie besucht noch irgend einen namhaften Künstler zum Lehrer gehabt! Wissen Sie, daß Sie sehr kühn sind?«
»Ja, das weiß ich halt gar wohl, und darum zeig ich das Bild auch keinem Menschen. Nur dera Herr Lehrern darf es sehen.«
»So! Das ist bei aller Kühnheit doch bescheiden und vorsichtig.«
»Freilich, vorsichtig muß man halt bei einer solchen Sachen sein, wenn man nicht auslacht werden will.«
»Nun, ob Sie ausgelacht werden würden, das bezweifle ich doch. Ich glaube nicht, daß es hier irgend Einen giebt, der das Zeug hätte, über einen Versuch lachen zu dürfen. Daß Sie sich an ein so schwieriges Sujet wagen, beweißt, daß Sie entweder ein großer Dummkopf sind oder Genie besitzen. Wenn ich Sie so ansehe, möchte ich glauben, daß das Letztere der Fall sei.«
Hanns erröthete.
»Das sagens halt gar schön,« meinte er. »Aberst ein Genie bin ich wohl nimmer. Es liegt mir im Blut, daß ich zeichnen muß. Ich kann nicht anders. Es ist wie beim Rothkätherl oder beim Zeißig; die müssen singen, weils in dera Naturen bei ihnen liegt. Sie sind ganz traurig, wenns nicht singen dürfen, und auch ich fühl mich ganz elend, wenn ich kein Papieren mehr hab und keinen Bleistiften. Ich möcht ohne das Bildermachen halt gar nimmer leben.«
»So möchte ich gar bezweifeln, daß Sie Talent besitzen. Schade, daß man Ihre Pastellzeichnung nicht ansehen darf!«
Er warf einen fast bittenden Blick auf den jungen Menschen. Der alte Heiner sagte daher:
»Na, Hanns, einmal ist halt doch nicht immer. Laß doch dem Herrn das Bildwerk sehen!«
»Nein, Vatern, das geht nicht!«
»Warum denn nicht?«
»Weils noch nicht fertig ist. Ich muß mich ja schämen. Es ist einstweilen nur so dera Entwurfen da, und dera Elephant und das Flußpferd und die beiden Löwen sind ausgeführt. Die Dum- und Talebpalmen und die Talha und der Affenbrodbaum haben noch gar keine Schatten, und dera Geist, welcher den Fischern hinabzieht in das Wassern, ist erst nur in dera Contur angeben.«
»So weit ists schon fertig!« sagte der König. »Nun, da kann man ja doch bereits sagen, ob es nach der Vollendung Werth haben werde oder nicht!«
»Ja, dazu muß man aberst ein Kenner sein!«
Er sagte das in einem so naiv eindringlichen und auch ein Wenig selbstbewußten Tone, daß der König ein fröhliches, kurzes Lachen nicht unterdrücken konnte.
»Nun, sagte er, es giebt eine ganze Anzahl von Künstlern, welche mich für einen Kenner halten!«
»Obs aberst auch wahr ist?«
»Ich denke, diese Herren werden Recht haben.«
»So? Wie heißens denn diese Herren?«
»Ich will nur Lehnbach, Piloty, Kaulbach und Defregger nennen.«
Hanns fuhr empor, so weit seine Schwäche es ihm zuließ, und rief überrascht:
»O, Jerum! Das sind ja grad die berühmtesten!«
»Haben Sie bereits von ihnen gehört?«
»Ja denen Büchern, die ich mir borgt hab, hat gar viel von ihnen gestanden, und dera Herr Lehrern hat dann von ihnen erzählt. Also diese Künstlern sind Ihnen bekannt?«
»Persönlich sogar!«
»Dann sinds halt ein gar glücklicher Herr! Waans diese Leute kennen, so müssens vielleicht wohl aus dem München sein?«
»Ja, ich bin aus der Hauptstadt.«
»So möcht ich Sie beneiden. Wann ich mir mal so eine Gemäldesammlung anschauen, oderst gar mal mit so einem Künstlern reden könnt, gleich ein Jahr oder auch zwei thät ich von meinem Leben hingeben!«
Der König war tief gerührt von der Begeisterung des kranken Jünglings. Er sagte in mildem Tone:
»Vielleicht läßt es sich bewerkstelligen, daß dieser Wunsch Ihnen erfüllt werden kann.«
»Nein; das ist leidern gar nicht möglich. Ich bin ja krank und kann nicht aufi von meinem Platz. Ich muß die größt Anstrengung machen, wenn ich mal in dera Stuben umhergehen will. Und selbst wann ich gesund wär, so sind wir doch so sehr arm. Ich könnt das Geldl gar nimmer derschwingen, was man braucht, um nach dem München zu fahren.«
»So wenden sie sich doch an einen wohlhabenden Mann! Man hört ja so oft, daß ein Reicher einen Armen unterstützt hat.«
»Das klingt schon ganz gut und ganz schön. Aberst die Sache hat einen Haken oder gar zwei.«
»Welche?«
»Zunächst bin ich arm, aberst betteln könnt ich wohl nimmer, und sodann, wann ich auch bitten möcht, so wüßt ich doch gar nicht bei wem. Ich kenn nur einen einzig reichen Mann. Das ist dera Silberbauern. Von dem möcht ich keinen Pfennig haben, selbst wann ich darum sterben müßt.«
»Das glaube ich Ihnen. Aber es giebt doch noch Andere.«
»Die kennen wir nicht.«
»Nicht? Wirklich nicht? Hm! Einen kennen Sie doch.«
»Einen? Wer sollt das sein?«
»Der, welcher der Vater aller seiner Landeskinder ist und der allen Bedrängten und Hilfsbedürftigen gern eine Hand der Unterstützung bietet.«
»Landeskindern? Also meinens wohl unsern Landesvater, den König?«
»Ja.«
»O, der ist wohl gut. Ich hab ihn noch nie sehen, aber ich weiß, daß er ein gar milder und gütiger und barmherziger König ist. Das ganze Land weiß es, und darum halt ein jeder brave Bayer gar große Stücken auf seinen Landesherrn. Aberst wissens, das hat auch grad wiedern zwei Haken.«
»So! Gleich zwei? Welche sind das?«
»Zuerst weiß ich nicht, ob er grad auch mir helfen thät, und sodann weiß ich sehr wohl, daß er so gar sehr Vielen helfen muß, daß es eine Sünden und Unverschämtheiten war, wann grad dera dumme Elephantenhanns ihn auch belästigen wollt. Da sind noch gar Anderen da! Odern nicht?«
»Nein. Ein jeder Unterthan hat dasselbe Recht, sich an seinen König zu wenden.«
»Meinens? Hm! Wissens, dera Herr Lehrern hat auch davon sprachen, daß unser gutern König vielleicht ein Einsehen haben möcht, wann er wissen thät, daß ich arm bin und doch eine gute Anlage zum Malen hab.«
»So, hat er das gesagt? Das freut mich von ihm.«
»Ja, ich glaub gar, daß er mit dem Pastellbild eine gewisse Absichten hat, die sich auf den König bezieht.«
»Will er es ihm vielleicht zusenden?«
»Es ist möglich, daß er daran denkt.«
»Und würden Sie Ihre Einwilligung dazu geben?«
»Wenn ich halt wüßt, daß es dem Majestäten nicht gar so viel Störung machen thät, so wollt ich gar wohl einwilligen, denn unsera guter Ludwigen ist wohl dera Einzigen, vor dem ich mich nicht schämen thät. Darum geb ich mir halt eine große Mühen jetzund, und darum solls auch Keiner sehen.«
»Auch ich nicht?«
»Auch Sie nicht.«
»Es freut mich, daß Sie sie einen festen Willen haben. Aber es wäre wohl sehr gerathen, es mir einmal zu zeigen. Ich kann Ihnen auch erklären, weshalb.«
»Nun, warum?«
»Wenn Sie Ihr Werk dem Könige senden, so wird er es doch immer erst einigen hervorragenden Künstlern zeigen, um auf deren Ansichten zu hören. Diese Herren aber sind Bekannte von mir. Könnte ich nun Ihr Bild sehen und vorher mit ihnen von demselben sprechen, so würde das nur vortheilhaft für Sie sein.«
»Ja, hörst, dera Herr hat Recht!« fiel der Finkenheiner ein. »Zeigs ihm also doch mal, Hanns!«
»Nein, nun grad erst recht nicht,« entgegnete der junge Mann, dessen Gesicht sehr ernst geworden war.
»Aberst warum nicht?«
»Weil ich meinen König nicht täuschen will.«
»Was fällt Dir ein! Es ist ja gar kein Gedank dran, ihn zu täuschen.«
»O, freilich! Was sonsten? Jetzund zeig ich dem Herrn da mein Bild. Aus Mitleid giebt er den Künstlern ein gutes Worten, und diese geben nachher wiederum dem König aus Mitleid mit mir und aus Freundschaften mit dem Herrn da ein guts Wörtle. Nachhero sagt dera König Ja. Niemand hat ihn täuschen wollt, und dennoch ist er täuscht worden.«
»Bist ein dummer Talk!«
»Nein; ich hab Recht. Ists nicht so?«
Diese Frage war an den König gerichtet. Dieser streckte ihm die Hand entgegen und antwortete:
»Ja, Sie haben Recht. Ich sehe, daß Sie trotz Ihrer Jugend ein sehr reges Ehrgefühl besitzen. Damit haben Sie sich meine Hochachtung verdient, und ich will sehen, ob ich nicht selbst Etwas für Sie thun kann, auch ohne daß wir den König belästigen.«
»Sie? Könnens denn auch was thun für mich, für den Elephantenhanns, dens hier Alle auslachen?«
Der König nickte ihm zuversichtlich lächelnd zu.
»Trauen Sie mir gar nichts zu?«
»O, gar wohl. Ein guter Herrn sinds auf alle Fällen. Wann man Ihnen so ins Angesichten schaut, so hat man zuerst eine kleine Angsten vor Ihnen, denn Sie haben halt ein gar ernst Anschauen; aberst wenn man länger in Ihre Augen geschaut hat, und wanns nachher gesprochen haben, da geht Einem das Herz auf, denn man ist Ihnen recht gut worden inzwischen. So ists, wanns das wissen wollen.«
»Wenn Sie das ehrlich gemeint haben, so freue ich mich von Herzen, daß ich Ihr Vertrauen besitze.«
»Ja, ehrlich hab ichs meint. Sie haben ein Aug, ein Aug, so tief und voller Geheimnissen – – Wissens, grad so wie dera Tsad-See, den ich malen soll. Da sind auch Geistern und Nixen und allerhand Räthseln darinnen, und an seinem Ufer stehen tausend und abertausend Bäumen und Sträuchern, die sich an seinem Wasser derlaben und derquicken. So ists, ganz so!«
Der König war fast betroffen über die Wahrheit, welche in diesem Vergleiche lag. Er betrachtete den jungen Mann mit einem seiner mächtigen Blicke, die Keiner, auf dem das königliche Auge einmal geruht hatte, wieder vergessen kann, und sagte:
»Dieser Vergleich überzeugt mich, daß Sie eine tief und künstlerisch beanlagte Seele besitzen. Ich werde mich Ihrer annehmen.«
Ueber das bleiche Gesicht des Kranken ging ein sehr glückliches Lächeln, aber dennoch fragte er mit fast neckischer Betonung:
»Na aberst, wie werdens das anfangen?«
»Indem ich für Sie sorge.«
»Das könnens nicht. Das ist gar schwer.«
»Ja, es mag schwer sein, denn diese Sorge muß sich sowohl auf Ihren Geist als auch auf Ihren kranken Körper erstrecken. Das Letztere ist vielleicht noch schwieriger als das Erstere. Ich habe gehört, daß die Aerzte der Ansicht seien, nur eine Klimaveränderung könne Ihnen Heilung bringen.«
»Freilich wohl. Ich soll nach dem Süden.«
Er sagte das traurig, im Tone schmerzlicher Entsagung.
»Wohin?« fragte der König.
»Das hat Keiner sagt. Was solls auch nützen, wanns mir ein Land nennen? Sie wissens halt doch, daß ich im ganzen Leben nicht hinkommen kann.«
»Nun, wenn es durchaus nothwendig ist, daß sie unser Klima verlassen, so bin ich wohl erbietig, Ihnen das Fahrgeld auf der Eisenbahn zu bezahlen,« scherzte der König.
»O, weh! Das könnens gar leicht sagen!«
»So? Ich halte es nicht für leicht.«
»Schwer ists halt nicht. Was kanns eintragen, wann ich hinfahren kann? Ich muß doch dort bleiben, und dazu gehört wohl gar ein größeres Geldl als für nur das Hinreisen erforderlich ist.«
»Das ist sehr richtig. Und was sagen Sie dazu, wenn ich Ihnen verspreche, auch das zu bezahlen?«
Hans blickte ihn mit zaghaft forschenden Augen an. Sein Blick umschleierte sich feucht.
»Hörens,« bat er mit gesenkter Stimme, »machens keinen Scherz mit mir. Man darf einem Kranken nicht den Arzt und die Arzneien zeigen und ihn nachhero auf dem Schmerzenslager liegen lassen; das wäre eine gar große Grausamkeiten!«
»Gott soll mich behüten, grausam gegen Sie zu sein! Nein! Ich will Ihnen sagen, daß ich ziemlich wohlhabend bin. Ich habe keine Kinder; also macht es mich nicht arm, wenn ich für ein fremdes Kind einmal eine kleine Summe ausgebe. Zeigen Sie mir Ihr Bild, und dann werde ich Ihnen sagen, ob Sie Anlage zum Künstler besitzen. In diesem Falle werde ich Sie ausbilden lassen. Auf alle Fälle aber, selbst wenn Sie kein Talent für die Malerei besitzen sollten, werde ich dafür sorgen, daß Sie körperlich hergestellt werden, so weit es in der Möglichkeit liegt.«
Die beiden magern, bleichen Hände, welche der Kranke ihm jetzt entgegenstreckte, zitterten heftig.
»Ists wahr? Ists wahr?« fragte er.
»Ja. Ich spreche im Ernste.«
»Vater, Vater!« jubelte Hanns laut auf.
Er biß sich auf die Lippen, um nicht weinen zu müssen.
»Hanns, mein lieber Hanns!« rief der Heiner, auf ihn zuspringend und die Arme um ihn schlingend.
»Hasts hört? Hasts deutlich hört?«
»Ja, ja! Du sollst gesund werden! O, Herrgott, wer hätt denken konnt, daß heut so ein großes Glücken einkehren könnt in unsera arme Stuben hier!«
Hanns legte seinen Kopf an das Herz seines Vaters und sagte, auf den König deutend:
»Schau, wie gut er ist! Er weint! Der Herrgott mags ihm vergelten, daß er nur Freudenthränen kennen soll in seinem ganzen Leben!«
»Ja, die Augen des Monarchen standen voller Thränen. Er trat an das Fenster und blickte stumm hinaus. Er fühlte ganz und voll das Glück, der Wohlthäter braver Menschen sein zu können. Die Beiden wagten es nicht, ihn in seinem Schweigen zu stören. Sie hielten einander still umschlungen, und erst, als er sich wieder zu ihnen umwendete, trat der Heiner zu ihm, streckte ihm seine Hand entgegen und sagte aus überfließendem Herzen:
»Ich bin nun dera Finkenheiner, ein armer Deixsel, der Aermste wohl unter denen Armen hier; aberst da nehmens meine Hand! Ich muß sie Ihnen geben, sonst thät mirs das Herz abidrucken. Was Sie für meinen Hanns thun wollen, das kann er Ihnen gar nie vergelten, und ich kanns auch nicht. Es giebt nur Einen, der das lohnen kann; das ist dera Herrgott im Himmel droben. Zu dem werden wir halt beten alle Tagen und alle Nächten, daß er seine Hände so über Ihnen halten mag, daß nie kein Leid auf Ihr Haupt herabkommen mag. Er mag der Vergelter sein, hier im Leben und hernach auch droben in dera Ewigkeiten!«
Der König schüttelte ihm tief gerührt die Hand und sagte:
»Ich danke! An Gottes Segen ist Alles gelegen, und ohne seinen mächtigen Schutz ist selbst ein König machtlos und ein Millionär arm. Was den Hanns betrifft, so habe ich bereits die Absicht, einen Arzt kommen zu lassen, welcher den Balzerbauer untersuchen soll. Dieser Herr ist einer der berühmtesten Doctoren, welche wir besitzen, und er wird uns auch ganz genau sagen, was unserm jungen Maler frommt. Ich brauche jetzt eine Person, welche in die Stadt gehen kann, um mir eine Depesche zu besorgen – – –«
»Ich, ich werd das thun,« fiel der Heiner freudig ein. »Ich hab zwar nur einen Arm, aberst ich hab meine zwei Beinen, und mit denen werd ich springen, daß es auf dera Erden noch gar keine schnellere Stafetten geben hat als mich.«
»Gut! Vorher aber – – wie steht es nun mit dem Bilde? Darf ich es ansehen?«
»Freilich, freilich! Nicht wahr, Hanns?«
»Das versteht sich ganz von selberst! Hols schnell herbei, Vatern, schnell!«
Der alte Heiner ging hinaus in die Kammer und brachte die Zeichnung herein. Sie war mit einem dünnen Bogen bedeckt. Als der König nach demselben griff, um ihn zu entfernen, ging ein schwerer Seufzer durch die Stube:
»O Gott!«
Hanns hatte ihn ausgestoßen und dabei angstvoll die Hände gefaltet. Der Augenblick war ja da, an welchem entschieden werden solle, ob er Talent besitze oder nicht. Es öffnete sich die Zukunft für ihn, aber welch eine Zukunft.
Der König hörte den leisen Ausruf des Jünglings. Sein Auge mild auf denselben richtend, tröstete er:
»Seien Sie ruhig! Wie diese Prüfung auch ausfallen möge, Ihren Krankenplatz sollen Sie hier auf jeden Fall nicht länger mehr innebehalten. Und nun wollen wir getrost den Schleier lüften!«
Er schlug den Bogen zurück und ließ sein Auge prüfend auf die Zeichnung fallen. Kein Zug seines Gesichtes bewegte sich. Mit zuckenden Wimpern blickte Hanns ihn an. Es wurde ihm Angst, als der König nichts sagte. Der Heiner konnte es nicht aushalten. Er ging hinaus in die Kammer, sank in die Kniee, erhob seinen einen Arm und betete:
»Mein lieber Herrgott, gieb Deinen Segen dazu; gieb ihn, o gieb ihn! Dann will ich alles Herzeleid vergessen, was ich tragen hab, und auch noch mehr, noch viel mehr tragen bis an mein Sterbensend!«
Dann kehrte er in die Stube zurück.
Der König hatte das Bild vom Tisch hinweggenommen. Er hielt es gegen das Licht. Noch immer sagte er kein Wort. Hanns preßte auch die Lippen zusammen. Sie bebten ihm, als ob er unter einem Gesichtskrampf leide.
Endlich, endlich legte der König den Zeichenbogen wieder auf den Tisch und deckte das andere Papier darüber. Der Ernst seines Gesichtes machte einem heiteren, milden Lächeln Platz. Er bemerkte die Angst, mit welcher die Blicke der Beiden auf ihn gerichtet waren, und fragte:
»Das waren jetzt wohl böse Minuten?«
»Ei wohl!« antwortete der Heiner. »Fünf Minuten sinds gewest, volle fünf Minuten! Fast hab ichs nicht aushalten könnt. Mir ist gewest, als ob ich ein Mördern sein, der auf sein Urtheil warten muß. Und dem Hanns wirds nicht gar viel besser gewest sein in seinem Herzen!«
»Nun, ein Todesurtheil ist es glücklicher Weise nicht, was ich zu fällen habe.«
»Gott sei Dank! Also wirds halt gar nicht so sehr schlimm lauten?«
»Nein, sondern im Gegentheil sehr gut, besser wohl als Hanns es erwartet hat.«
Er trat zu dem Kranken, legte diesem die Hand auf den Kopf und fuhr fort:
»Gott hat Ihnen eine Gabe verliehen, wie nur sehr Wenige sie besitzen. Wenn Ihr Körper erstarkt ist, so daß Sie die Kraft besitzen, welche zu den Anstrengungen, die nothwendig sind, erforderlich ist, so werden Sie bald einen Platz erobern unter Denen, welche eine Zierde der Gesellschaft sind. Ich werde das Meinige thun, Ihnen den Weg zu ebnen und die Anstrengungen zu erleichtern. Von heut an, von dieser Stunde an, sorge ich für Sie.«
Hans holte tief, tief Athem, als ob er dem Erstickungstode nahe sei, stieß einen lauten, schrillen Schrei aus und legte den Kopf hintenüber an die Lehne des Stuhles. Todesbleich und mit geschlossenen Augen lag er da. Er war ohnmächtig geworden.
»Hanns, Hanns! Mein Bub, mein lieber, einziger Bub!« schrie der Heiner aus. »Stirb mir nicht! O mein Herrgott, stirb mir nur nicht!«
Er sprang auf ihn zu und zog den bleichen Kopf an seine Brust.
»Haben Sie keine Angst,« tröstete der König, nachdem er den Puls des Ohnmächtigen befühlt hatte. »Er lebt; es geschieht ihm nichts. Die Freude ist zu groß für seine schwache Constitution gewesen. Er hat mir die Besinnung verloren, wird aber sehr bald wieder zu sich kommen.«
»Meinens? Denkens das wirklich?«
»Ja, ich bin überzeugt davon.«
»Aber wanns sich irren! Wann er mir dennerst stirbt, grad heut, wo alle Sorg und alles Elenden ein End haben soll!«
»Er stirbt nicht. Da öffnet er ja schon die Augen!«
Hanns schlug die Augen auf, warf einen langen Blick in das Gesicht des Königs und schloß sie dann wieder. Ueber sein hageres Gesicht legte sich das Lächeln des Glückes, des Entzückens.
»O Du mein lieber Gott!« flüsterte er. »Wie herrlich das ist! Ich hör die Engel singen, und der Himmel ist offen, und alle Sonnen leuchten herab. Vater, Vater, hörsts auch?«
»Nein, Hanns,« meinte der Heiner. »Wach auf, wach auf! Mir ist so gar sehr bang um Dich!«
»Bang? Warum? Ich bin so selig! Ich soll ein Malern werden dürfen, ein großer Künstlern, eine Zierden von dera Gesellschaften, wie dera Herrn hier sagt hat! O Gott, o Gott! Jetzt weiß ich halt nimmerst, was ich denk und was ich thu. Ich bin wie im Traum und wie in allen Himmeln, und fast wird mirs zu schwer, wieder auf die Erd herab zu steigen. Ich möcht am Liebsten da bleiben, wo es so ein Wonnen giebt und solche Seligkeiten!«
Der König wendete sich ab. Am Fenster faltete er die Hände, empor zum heitern Morgenhimmel und flüsterte im leisen Gebete:
»Allliebender, ich danke Dir für diese Stunde! Ich danke Dir, daß Du mir die Macht und die Mittel verliehen hast, Menschen glücklich zu machen. Verleihe mir die Gnade, mein ganzes Volk glücklich zu sehen. Wie so gern möchte ich die Hungernden speisen, die Durstenden tränken, die Beladenen entlasten und die Irrenden auf den rechten Weg führen. Verleihe mir dazu die Kraft und die Weisheit, und bleibe bei mir mit Deinem starken Schutz und Schirm, denn Du, o Allmächtiger, bist es, ohne den ich nichts vermag!«
Da begannen die Kirchenglocken zu läuten. Es waren nur zwei kleine, armselige Glöcklein, welche im schwanken Kirchthurme ihre dünnen Stimmen ertönen ließen, aber es klang den drei Anwesenden doch, als ob diese Stimmen voll und gewaltig vom Thurme eines Domes erschallten. Und da fuhr der Heiner sich mit der einen Hand über die thränenden Augen und begann mit leiser, nach und nach stärkerer Stimme:
»Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut,
Dem Vater aller Güte,
Dem Gott, der große Wunder thut,
Dem Gott, der mein Gemüthe
Mit seinem reichen Trost erfüllt.
Dem Gott, der alle Jammer stillt.
Gebt unserm Gott die Ehre!«
Und der Elephantenhanns, welcher wieder zu sich gekommen war und die Augen geöffnet hatte, fuhr fort:
»Ich rief den Herrn in meiner Noth:
›Ach Gott vernimm mein Schreien!‹;
Da half mein Helfer mir vom Tod
Und ließ mir Trost gedeihen.
Drum dank, ach Gott, drum dank ich Dir!
Ach dankt, danket Gott mit mir!
Gebt unserm Gott die Ehre!«
Als jetzt nun die Stimmen des Vaters und des Sohnes zusammen erschallten, drehte sich der König nach ihnen um und fiel mit ein:
»Es danken Dir die Himmelsheer',
O Herrscher aller Thronen,
Und die auf Erd', in Luft und Meer
In Deinem Schatten wohnen,
Die preisen Deine Lieb und Macht,
Die Alles, Alles wohl gemacht.
Gebt unserm Gott die Ehre!«
Das Geläute war verhallt und still standen die Drei, still wie in der Kirche, bis der König sein Notizbuch aus der Tasche zog. Er nahm einen Zettel heraus, beschrieb ihn, steckte ihn in ein Couvert, welches er verschloß, versah dasselbe mit der Aufschrift ›Telegramm‹; und gab es dann dem Heiner.
»Hier, dieses Couvert muß nach der Stadt und dort auf dem Telegraphenamte abgegeben werden,« sagte er.
»Ich werd gleich laufen, was nur die Beine hergeben. Hab ich dort was zu zahlen?« fragte der Alte.
»Ja. Hier ist das Geld.«
Er zog seine Börse und schüttete den Inhalt derselben auf den Tisch aus. Der Alte warf eine fast erschrockenen Blick auf das viele Geld und fragte:
»Was? Wie? Kostet eine telegräfliche Depeschen ein solche Summen?«
»Nicht ganz. Was übrig bleibt, das soll als Botenlohn gelten.«
Der Alte blickte auf das Geld, in des Königs Angesicht, wieder hin und abermals her und rief:
»Na, wieviel wird da wohl übrig bleiben?«
»Ich hab es mir nicht genau ausgerechnet. Jetzt muß ich fort. Sobald der Arzt da ist, komm ich mit ihm her. Da können wir ja zusammenrechnen, Heiner.«
»Ja, das werden wir thun. Ich brings halt ehrlich wieder, was ich herausbekomm. Und wanns etwan gar zu viel verlangen, so kommens bei mir grad an den Rechten. Ich werd mit ihnen gut reden und so viel abhandeln, wie nur möglich ist!«
Der König ging, und dann konnte man den Heiner forteilen sehen, auf der Straße nach der Stadt, als ob er mit Hasen um die Wette zu laufen habe. –
Unterdessen war der Wurzelsepp mit der Frau Bürgermeisterin nach der Kirche gegangen. Er hätte gar so gern gewußt, was sie mit dem König gesprochen hatte; aber er besaß doch zu viel Zartgefühl, als daß es ihm eingefallen wäre, sie zu fragen, und da sie still und wortlos neben ihm herging, so achtete er ihr Schweigen und sagte auch nichts.
Die Dame hatte, wie bereits bemerkt, ihr einfachstes Kleid angelegt. Dennoch fiel ihre Erscheinung im Dorfe auf, zumal der Sepp mit ihr ging. Beide aber machten sich nichts aus der Aufmerksamkeit, welche sie erregten.
Das kleine Kirchlein stand inmitten des Gottesackers. Dort pflegten die Kirchengänger sich vor dem Beginn des Gottesdienstes einzufinden, um einige stille Minuten an den Gräbern ihrer Verstorbenen zuzubringen. Als der Sepp die Blicke bemerkte, welche ihm und seiner Begleiterin von diesen Leuten zugeworfen wurden, sagte er:
»Wollen doch lieber hineingehen in die Kirchen. Hier schaun halt Alle noch uns her, als ob wir so gar große Wunderthieren wären.«
»Das stört mich nicht,« antwortete sie.
»Mich auch nicht. Wanns Ihnen recht ist, so hab ich halt auch nix dagegen.«
»Ich möchte hier bleiben, um den Lehrer sehen zu können, wenn er kommt. In der Kirche kann ich ihn jedenfalls nicht so genau betrachten.«
»Wanns das ist, so gehen wir da um die Eck. Dort geht die Thüren hinaufi zur Orgeln, die er schlagen thut. Dahin muß er halt kommen.«
Sie stellten sich also so, daß sie ihn sehen konnten.
Noch ehe die Glocken läuteten, kam der Pfarrer langsam aus seiner Wohnung herbei. Die Anwesenden grüßten ihn und er verschwand in der Sacristei. Nur einige Augenblicke später kam Max Walther. Die anwesenden Bauern rissen ihre Hüte und Mützen in ganz anderer Weise herab, als vorhin beim Erscheinen des geistlichen Herrn, und die Frauen machten ihre respektvollen Knixe.
»Schauens,« flüsterte der Sepp. »Das ist er. Vor dem habens noch eine ganz andere Höflichkeiten, als vor dem Hochwürden. Er hats halt gar prächtig verstanden, sich in dera Ambitionen hineinzulegen. Ists nicht ein schmucker Bub?«
Sie standen Beide an einem Grabe, zu dessen Häupten sich ein Holzkreuz erhob. Die Bürgermeisterin sah den Sohn. Sie fühlte sich plötzlich so schwach, daß sie sich an das Kreuz lehnen mußte, um nicht zu wanken.
Der Lehrer mußte an ihnen vorüber. Der Sepp zog seinen mit Blumen und Kräutern besteckten Hut vor ihm vom Kopfe. Walther bemerkte den Gruß, dankte und trat herbei.
»Gut, daß ich Sie treffe, Wurzelsepp,« sagte er. »Ich habe Sie gestern vergebens gesucht.«
»Brauchens mich, Herr Lehrern?«
»Ja, Sie wissen doch, wozu.«
»Wohl wegen dera Geschichten, dort unterm Wassern?«
»Ja.«
»Nun, dann bin ich allzeit bereit.«
»Sehr gut! Wir müssen doch nachschauen, was dort zu finden ist, sonst kann sich leicht eine Störung ergeben.«
»O nein. Dera – na, Sie wissen halt doch, wen ich meine, der liegt ja ohne Bewußtsein und kann also nix thun.«
»Wir müssen dennoch vorsichtig sein. Ich bin heut in die Mühle zu Tische geladen. Wollen wir uns dort treffen?«
»Ja, ich werd schon kommen. Und da – – ich hab nämlich hört, wann Zwei sich treffen, die sich noch nicht kennen, so muß dera Dritt ihnen sagen, wers sind. Das ist nobel und fein und man nennts halt eine Vorstellungen. Also werd ichs jetzundern auch machen. Dieser Herrn ist nämlich dera Herr Lehrern Walther, und diese Damen, die ist die Frau Bürgermeisterinnen Holberg in Steinegg, drüben über dera Grenzen hinüber. So, jetzunder hab ich meine Sachen brav macht. Wars halt so richtig?«
Die Bürgermeisterin hatte seitwärts am Kreuze gelehnt, so das Walther vorher nur einen kurzen Blick auf sie geworfen hatte. Jetzt zog er den Hut und verbeugte sich. Sein Blick fiel forschender auf sie. Es glitt ein ganz eigenthümlicher Zug über sein Angesicht.
»Grüß Gott, Frau Bürgermeisterin,« sagte er. »Ich kann mich nicht besinnen, wo es geschehen ist, aber wir müssen uns bereits einmal gesehen haben.«
Er stand so frisch, so kräftig in ahnungslosem Selbstbewußtsein vor ihr. Sie hätte ihn an ihr Herz ziehen mögen mit größtem Entzücken, aber sie durfte es doch nicht. Sie gab sich alle Mühe, ihre Bewegung zu beherrschen, und dennoch zitterte ihre Stimme ganz hörbar, als sie antwortete:
»Ich möchte das bezweifeln.«
»O doch! Ich pflege mich da niemals zu täuschen. Es ist mir sogar, als ob wir uns nicht nur gesehen, sondern sogar auch gesprochen hätten.«
Sie war leichenblaß.
»Ich könnte mich wirklich nicht besinnen.«
»Ich leider auch nicht; aber ich möchte schwören, daß ich bereits Ihre Stimme gehört habe. Wir müssen uns jedenfalls einmal getroffen haben, und zwar unter Umständen, welche mir sympatisch gewesen sind. Aber da läutet es. Ich muß zur Kirche. Entschuldigen Sie!«
Er entfernte sich. Sie legte die Hand auf die klopfende Brust. Das Herz wollte ihr zerspringen.
»Habens ihn wirklich schon mal sehen?« fragte der Wurzelsepp.
»Nie.«
»Aberst er sagts doch!«
»Das ist die Stimme des Herzens. O Gott, wenn er wüßte, wer ich bin!«
»Nun, das müssens ihm halt sagen!«
»Nein. Jetzt noch nicht.«
»Wann sonst?«
»Später, später.«
»Hat er Ihnen etwan nicht gefallen?«
»Wie können Sie so fragen! Ich bin unendlich glücklich und ganz entzückt von ihm. Ich bin nicht werth, einen solchen Sohn zu haben.«
»Papperlapappen! Sie sagens ihm, daß Sie seine Muttern sind und nehmen ihn beim Kopf. Nachhero ist Alles gut. Anders könnens gar nix machen!«
»Ich fürchte mich!«
»So? Eine Muttern, die sich vor ihrem Buben fürchtet? Das ist eine Dummheiten, die ich gar nicht leiden mag. Wanns selberst nix sagen, so sag ichs halt. Verstanden!«
»Um Gotteswillen, nein!«
»Wir werdens ja sehen. Jetzunder aber wollen wir hinein in die Kirchen.«
»Gut, aber vis-à-vis der Orgel, damit ich ihn sehen kann. Zeig mir einen passenden Ort.«
Das that er. Sie setzte sich gleich auf den ersten Platz an der Thür, um möglichst wenig aufzufallen, und lauschte mit Andacht dem Gesange und dem Orgelspiel ihres Sohnes.
Als später der Pfarrer die Kanzel betrat und über die heutige Bibelstelle predigte, sprach er über die heilige Kirche als Mutter der Gläubigen. Der alte Herr sprach sehr eindringlich, da ihm selbst ein jedes seiner Worte aus dem Herzen kam. Im Laufe seiner Rede hatte er Gelegenheit, mehrere Male das Bibelwort zu wiederholen: ›Kann auch eine Mutter ihr Kind vergessen?‹;
Wie mit glühenden Lanzenspitzen traf diese Frage das Herz der Bürgermeisterin. Der hochwürdige Herr schilderte das Mutterherz in all seiner Liebe, in all den Entbehrungen und Aufopferungen, in denen es so groß, so unvergleichlich ist. Und so sorgt auch die Kirche für die Gläubigen.
Es war, als ob ein jedes Wort eigens für die Bürgermeisterin berechnet sei. Sie befand sich in einer geistlichen Folter und fühlte Qualen, welche kaum zu ertragen waren.
Dann sprach der Redner von Gottes Güte, welche ohne Ende ist; er sprach davon, daß der Herr seine Sonne aufgehen lasse über Gute und Böse, über Gerechte und Ungerechte, und wie hingegen der Mensch den Götzen Selbstsucht anbete und sein Herz verhärte dem Nächsten und sogar den Seinen gegenüber.
Für die Bürgermeisterin bewährte sich die Stelle der heiligen Schrift: ›Das Wort Gottes ist wie ein Hammer, welcher Felsen zerschmettert‹;. Jedes Wort des Predigers war ein solcher Hammerschlag für sie. Welche Liebe, wie viele Liebe hatte sie ihrem Kinde erwiesen? Gar keine. Hinausgestoßen hatte sie es in die weite Welt, hilflos unter fremde Menschen. Und jetzt, nachdem sie es wiedergefunden hatte, scheute sie sich, es an ihr Herz zu nehmen! Sie fühlte, daß es ihre Pflicht sei, keinen Augenblick zu zögern, und doch und doch kam dieser Schritt ihr so schwer, so unendlich schwer vor!
Am Schlusse der Predigt stellte der Pfarrer die unendliche Liebe Gottes als Aufforderung hin, ihr nachzueifern und in der Liebe zu den Menschen nicht zu ermüden und zu wanken. Dann verließ er die Kanzel. Trotzdem und trotz Alledem fühlte die Bürgermeisterin den Gedanken, daß sie ihren Fehler eingestehen und ihr Kind um Verzeihung anflehen müsse, schwer auf sich lasten.
Da ertönten mild und weich die Klänge der Orgel. Es war ein armes Instrument von nur vier Registern. Die Gemeinde hatte kein theureres zu beschaffen vermocht. Aber Walther war ein ausgezeichneter Orgelspieler. In seinem Vorspiele klang es wie eine Wiederholung des soeben Gehörten, wie eine innige, herzliche Mahnung zur Liebe, und dann begann der Gesang:
»Wie groß ist des Allmächtgen Güte!
Ist der ein Mensch, den sie nicht rührt,
Der mit verhärtetem Gemüthe
Den Dank erstickt, der Gott gebührt?
Nein, seine Liebe zu ermessen,
Sei ewig meine größte Pflicht.
Der Herr hat mein noch nie vergessen;
Vergiß, mein Herz, auch seiner nicht!«
Wer noch niemals den Eindruck einer einfachen, ergreifenden Melodie an sich erfahren hat, der kann es auch nicht begreifen, welche Macht sie auf ein vorbereitetes Menschenherz auszuüben vermag. Und das Herz der Bürgermeisterin war vorbereitet. Was die Predigt nicht vermocht hatte, das erwirkte diese Melodie. Sie schlich sich in die Seele der angstvollen Frau ein, stimmte sie ruhig und schmeichelte ihr alle Bedenken hinweg. Und was die erste Strophe noch unbesiegt gelassen hatte, das zerschmolz unter den Wogen der zweiten:
»Und diesen Gott sollt ich nicht ehren
Und seine Güte nicht verstehn?
Er sollte rufen, ich nicht hören.
Den Weg, den er mir zeigt, nicht gehn?
Sein Will ist mir ins Herz geschrieben
Und bleibt mir in der Seele ruhn:
Wie er mich liebt, will ich auch lieben
Und meine Pflicht getreulich thun.«
Es stand nun fest in ihr, nicht eher nach Steinegg zurück zu kehren, als bis sie sich ihrem Sohne zu erkennen gegeben habe.
Als der Gottesdienst beendet war, saß sie so in Sinnen versunken da, daß sie gar nicht bemerkte, daß die Gemeindeglieder sich von ihren Sitzen erhoben, um die Kirche zu verlassen.
Ganz hinten, da wo es keinen Sitz mehr gab, hatte der König gestanden, unbemerkt von den Anwesenden. Er war erst später gekommen und hatte nicht stören wollen. Darum ging er auch eher, als die Andern.
Als er aus dem Thore des Kirchhofs trat, kam in demselben Augenblicke ein städtisch gekleideter Herr das Dorf herauf, den Ueberrock am Arme tragend und eine Tasche an der Seite. Diese Letztere schien sehr gefüllt zu sein. Er trug eine goldene Brille und hatte ein sehr gelehrtes, dabei aber ziemlich joviales Aussehen. Als der König ihn bemerkte, blieb er überrascht stehen. Der Andere sah ihn und beschleunigte seine Schritte. Als er herangekommen war, zog er den Hut und machte eine tiefe, respektvolle Reverenz.
»Pst! Keine Komplimente!« warnte der König. »Es darf mich hier Niemand kennen. Aber Ihre Ankunft überrascht mich. Sie können doch unmöglich mein Telegramm bereits erhalten und in Folge dessen hier angekommen sein, Herr Medizinalrath.«
»Ein Telegramm habe ich allerdings nicht erhalten,« antwortete der Rath. »Umsomehr freue ich mich, ganz unbewußt dem hohen Rufe gefolgt zu sein.«
»Nichts vom ›hohen‹; Rufe, bitte ich! Ich wiederhole, daß ich hier nur ein gewisser Herr Ludwig bin, und ich werde Sie einfach Doctor nennen. Ihre Gegenwart ist hier dringend nöthig. Sie werden Interessantes zu thun bekommen. Aus welchem Grunde aber befinden Sie sich bereits jetzt schon hier?«
»Aus dem einfachsten: Meine Pflicht gebot mir, nach Hohenwald zu kommen!«
»Ah, das ist dankbar anzuerkennen!«
»Nachdem ich Eure Maje – – –«
»Pst, pst!«
»Entschuldigung! Also, nachdem ich Ihnen einen kurzen Aufenthalt in dieser herrlichen Waldluft angerathen hatte, verstand es sich von selbst, nachzusehen, wie mein Patient sich befinde, und ob er auch meine Verordnung in Ehren halte.«
»Das thut er sehr!« lächelte der König.
»So wird der Erfolg nicht ausbleiben.«
»Ich bemerke das bereits jetzt. Kommen Sie, damit wir nicht unter die Dorfbewohner gerathen, welche eben jetzt die Kirche verlassen. Sie begleiten mich nach meiner Wohnung.«
»Die ich mir hätte erfragen müssen, da ich sie nicht kannte.«
»Der Wurzelsepp hat sie mir besorgt. Ich wohne in einer Mühle bei sehr braven Leuten. Sie werden einem feinen Diner mit beiwohnen.«
»Von Herzen gern. Ich bin in der Stadt aus dem Coupee gestiegen und habe es vorgezogen, den Weg nach hier zu Fuß zurückzulegen. Das und die Gebirgsluft machen Appetit. Darf ich fragen, ob es ein Diner unter vier Augen sein werde?«
»O nein. Ich habe den Müller veranlaßt, den alten, würdigen Pfarrer zu laden und auch den Lehrer, einen sehr hoffnungsvollen, jungen Mann, von welchem ich überzeugt bin, daß er ein Dichter von Gottes Gnaden ist.«
»Ganz recht! Wieder einen Künstler entdeckt!«
»Zwei sogar. Einen Maler auch. Sie werden an demselben Ihre Kunst und Wissenschaft zu erproben haben. Doch davon später. Wir werden ferner speisen mit einigen guten Leuten, deren Namen Ihnen vielleicht ein Wenig prosaisch klingen werden.«
Der Medizinalrath freute sich außerordentlich, seinem hohen Patienten bei so vortheilhafter Stimmung zu finden. Er warf, während sie das Dorf verlassen hatten und nun über die Wiesen schritten, einen Blick umher und sagte:
»Hier in dieser Gottesnatur sollte Einem eigentlich gar nichts prosaisch erscheinen dürfen.«
»Namen doch wohl. So speisen wir zum Beispiel mit einem gewissen Müllerhelm. Das ist mein Wirth, der Müller, welcher Wilhelm heißt. Sodann mit dem Wurzelsepp – – –«
»Auf diesen freue ich mich bereits.«
»Und mit einem gewissen Finkenheiner.«
»Also Heinrich der Finkler, der Vogelsteller, aus dem sächsischen Herrscherhause.«
»O, mein Finkenheiner ist ein sehr guter Bayer. Er hat meine an Sie gerichtete Depesche nach der Stadt getragen und wird dennoch zur rechten Zeit zur Tafel kommen.«
In dieser wohlgemuthen Weise machte der König den Arzt mit den hiesigen Verhältnissen und Personen bekannt, während Beide langsam nach der Mühle spazierten.
Der Müller war auch in der Kirche gewesen. Als er aus der Thür derselben trat, sah er den Sepp stehen, welcher auf die Bürgermeisterin wartete. Er ging zu ihm hin und fragte:
»Hasts doch nicht vergessen, Sepp, daßt heut mit zum Mittag essen mußt?«
»Nein. Aberst ich kann trotzdem nicht kommen.«
»Das fehlt grad noch! Dera Herrn Ludwigen hats extra gewunschen, daßt mit dabei bist.«
»Mag wohl sein; aberst es geht dennerst nicht, weil ich heut em Kavallerirer bin.«
»Wie? Was bist?«
»Ein Kavallerirer.«
»Was meinst? Ein Kaviller oder ein Kavallerist?«
»Keins von Beiden. Weißt, ein Kavallerirer, das ist ein feiner Herrn, der eben einer feinen Damen ihr Begleitern und Beschützern und Kavallerirern ist.«
»So! Hast etwan eine feine Damen da im Dorf?«
»Ja.«
»Wohl die alte Feuerbalzern?«
»Nein, diese nicht. Aber wannst vielleichten meinst, daß ich mich mit dera schämen thät, so irrst Dich gar gewaltig. Die ist ein gar braves Weibsenbild, und es wär halt sehr gut, wann sich auch die Andern nach ihr richten thäten.«
»So ists eine Andere?«
»Ja, ab erst keine Hiesige.«
»Was Teuxel! Gehst etwan auf Freiersfüßen? Da würdest bei meiner alten Barbara schön ankommen.«
»Hat sich was! Es ist eine sehr feine Damen, eine Bürgermeisterin drüben aus Steinegg, welche hier zu thun habt hat und nun wiederum nach Haus will. Ich soll mitgehen.«
»Das geht nicht. Du mußt mit bei mir essen. Der Herr Ludewigen hats so befohlen.«
»Ich möcht freilich gern mit dabei sein, denn die Barbara wird sich heut mit ihrer Küchen sehen lassen.«
»Freilich! Die Liesbetherl hat gar sehr mit helfen mußt. Es wird hergehen fast wie auf einer Hochzeiten oder Kindtaufen.«
»Du, da möcht ichs freilich nicht versäumen; aberst meine Bürgermeisterin darf ich auch nicht im Stich lassen, und wannst ein gescheidter Kerlen bist, so weißt, wast nun da zu machen hast.«
»Was denn wohl? Das möcht ich fragen.«
»So bist eben halt kein gescheidter Kerlen, wannst erst fragst? Ohne sie kann ich halt nicht mit zu Dir. Also mußts mit einiladen.«
»Verbuxbaumi! Eine Frau Bürgermeistrin?«
»Jawohl!«
»Das kann doch wohl Dein Ernst nicht sein.«
»Grad ists mein allergrößter Ernst.«
»Das kann ich doch gar nicht wagen! Eine solche Damen, die noch dazu einen Bürgermeistern zum Mann hat! Wo denkst hin!«
»Sie hat den Mann nimmer mehr. Sie ist Wittwe!«
»Desto schlimmer! Die Wittwen, die haben gar viele Haar auf denen Zähnen. Vor denen hab ich immer einen großen Respecten habt.«
»O, die meinige beißt nicht.«
»So, also meinst, daß sie fürlieb nehmen wird?«
»Ganz gewiß, Schau, da kommts aus dera Kirchen. Sie kommt herbei. Nun kannsts ihr sagen.«
»Himmelsakra! Die hat so einen vornehmen Gang. Da fallt mir gleich die Buttern vom Brod, und ich weiß gar nicht, wie ich anifangen soll.«
»Ich werd Dir schon einihelfen. Paß nur aufi!«
Die Bürgermeisterin schritt auf die Beiden zu. Es war ihre Absicht nicht, bereits jetzt Hohenwald zu verlassen. Sie wollte vielmehr den Sepp fragen, ob es nicht möglich sei, den Lehrer wie durch einen blosen Zufall noch einmal zu treffen. Der alte Wurzelhändler hatte sich das bereits gedacht und darnach seine Vorkehrungen getroffen. Er ging ihr einige Schritte entgegen und sagte:
»Schauns, Frau Bürgermeistrin, hier Der ist dera Müllerhelm, mein bester Freund im Ort. Kennens den noch nicht?«
»Nein,« antwortete sie lächelnd, da er recht wohl wissen konnte, daß sie den Müller nicht kannte.
»Das ist Derselbige, bei dem halt der Herr Ludewigen wohnt. Er hat ein großes Essen bei sich. Wollens da auch nicht mitthun?«
»Ich? Ich bin ja fremd.«
»Fremd? Na, wanns dem Wurzelseppen seine Freundin Frau Bürgermeistrinnen sind, so sinds hier halt Keinem fremd. Der geistliche Herr speist mit und dera Herr Lehrern auch.«
»So! Aber dennoch kann ich es nicht unternehmen, in der Mühle Störung zu bereiten.«
»Störung? Sappermenten noch mal! Da giebts gar keine Störungen; da setzt man sich hin, nimmt das Messern und schneidet tüchtig ab. So ists hier Sitten, und so muß mans machen.«
»Hm! Du thust ja grad, als ob Du der Müller seist!«
»Ich? Wieso?«
»Weil Du mich einladest. Wenn dieser Herr es wirklich wünschte, daß ich mitkommen solle, so würde er es mit doch selbst sagen.«
»Der? Na, da kommens an den Rechten. Der hat gar die richtige Schneid nicht dazu. Der hat Angst vor Ihnen, weils eine Frau Bürgermeisterin sind.«
»Du!« rief der Müller, indem er ihm die Faust in die Seite stieß: »Ja! Was hast mich da zu stoßen? Ists etwan nicht wahr?«
»Nein,« antwortete der Müller, indem er sich Muth anschaffte. Er zog den Hut, machte einen schiefen Knix und sagte:
»Wissens, gnädige Frauen, einen Roggen kann ich von einer Gerste unterscheiden und einen Weizen von einem Hafern auch. Aberst mit denen großen städtischen Complimentern hab ich mich leider nicht gar viel abgeben konnt. Wanns zu mir kommen wollen und tüchtig mit essen, so solls mir halt eine Ehren sein und auch eine Freuden. Also sagens Ja, so wird halt noch ein Tellern mehr geschafft.«
Sie wäre gar zu gern mit gegangen. Aber schickte es sich denn? Darum wendete sie nochmals ein:
»Ich bin Ihnen ja fremd!«
»Nein, denn Sie sind hier beim Sepp. Und wen Der uns bringt, der ist grad, als ob er mein Brudern oder meine Schwestern oder Onkeln oder alte Tanten wär.«
»So,« lachte sie. »Dann will ich versuchen, Ihre Tante sein zu können.«
Der Müllerhelm kratzte sich verlegen am Ellbogen und raisonnirte über sich selbst:
»Sacra! Jetzund hab ich einen Bock schossen! Mit dera Tanten bin ich gar schön ankommen. Das mach ich gewiß nicht gleich wiedern! Lieberst sag ich da gleich Großmuttern, anstatt dera Tanten!«
»So soll ich als Großmutter kommen?«
Er sah sie erschrocken an.
»Donner und Doria! Jetzt hab ichs nun gar noch viel schlimmer macht! Nein, Frau Bürgermeistrin, mit dera Tanten und Großmüttern sinds halt nicht gemeint. Das weiß doch dera Teuxel! Mit dera Liesbetherl kann ich reden; das geht wie auf Butter; aberst sobald ich ein ander Weibsbild vor mir hab, so bin ich dera größt Dummrian auf dera Erden. Also nehmens, wie's gemeint ist, und kommens mit. Wollens die Güten haben?«
»Wenn Sie Ihre Einladung im Ernst meinen, so will ich Ja sagen.«
»Natürlich mein' ichs im Ernsten, denn zum Spaß wird bei mir nicht gessen; das werdens schon gar sehr bald wegbekommen. Wollens gleich mit mitnander? Da kommt auch schon dera Herr Lehrern.«
Ein kleines Bedenken hatte die Bürgermeisterin in Beziehung auf den König. Aber nach Dem, was sie ihm heut für ein Geständniß abgelegt hatte, sagte sie sich, daß es ihm nicht unerwünscht sein werde, falls sie mitkomme. Ihr Sohn war ja anwesend und der König war incognito.«
Während des kurzen Gespräches waren die Drei ans dem Gottesacker heraus auf die Dorfstraße getreten. Der Lehrer war herbeigekommen und hatte die letzten Worte gehört.
»Ja,« sagte er, »da komme ich bereits. Freilich will ich noch nicht nach der Mühle. Dazu wär es jetzt noch zu früh. Ich werde vorher noch einen kleinen Spaziergang machen.«
Das paßte dem Sepp. Er sagte sofort:
»Das ist sehr gut, Herr Lehrern. Wollens etwan allein spazieren?«
»Wollen Sie mit?«
»Nein, ich nicht. Ich muß hier mit dem Müllern gehen, weil wir noch Eins und das Andre zu besprechen haben. Aberst hier die Frau Bürgermeistrin kommt auch mit zum Schmauß; sie hat auch noch Zeit und kennt die hiesige Gegend noch nicht. Wanns galant sein wollen, so könnens sie halt einladen zum Mitgehen.«
Sie erröthete. Der Lehrer warf ihr ein bittendes Lächeln zu und sagte:
»Sie entschuldigen, Frau Bürgermeisterin! Unser Sepp hat so seine eigene Weise. Man darf ihm nichts übel nehmen.«
»Das fehlt auch noch, wann ichs nur gut meint hab!« rief der Alte. »Komm, Müllern! Die Beid werden keinen Andern brauchen, der so seine eigene Weise hat. Vorwärts!«
Er nahm den Müllern beim Arme und zog ihn fort.
»Da sehen Sie!« lachte Walther. »Hier oben in den Bergen wohnt ein kräftiger Menschenschlag; aber gut ist es doch gemeint.«
Sie mußte sich große Mühe geben, auch ein Lächeln zu zeigen, und fast nur leise antwortete sie:
»Ich bin überzeugt davon. Nur befürchte ich, Ihnen Störung zu bereiten, wenn Sie den Wunsch unsers eigenthümlichen Freundes erfüllen.«
»Störung? O nein! Es ist mir im Gegentheil recht lieb und aufrichtig angenehm, daß Sie mir erlauben, mich Ihnen anzuschließen. Ich befinde mich noch gar nicht lange hier oben in Hohenwald, aber doch fühle ich bereits jenen Wunsch nach Anderem, welchen Jeder empfindet, dem sein täglicher Umgang kein Genügen bringen kann. Man ist hier wirklich von Allem abgeschlossen.
Sie kamen in diesem Augenblicke an dem Gasthofe vorüber. Die Wirthin stand unter der Thür.
»Grüß Gott, Herr Lehrern!« rief sie erfreut. »Wollens spazieren gehen?«
»Ja, ein Wenig.«
»Das machens gar recht,« meinte sie, indem sie langsam näher kam. »Das Spazieren habens gar sehr nöthig zu dera Erholungen.«
»Meinen Sie?«
»Ja. Ich weiß halt sehr gut, was für eine Anstrengung Sie haben in dera Schulen. Die Buben sind kaum zu zähmen und die Maderl kaum zu bändigen. Aberst freuen thuts michs doch, daß sie bei Ihnen an den richtigen Mann kommen sind. Wissens noch, als sie kamen, was ich Ihnen da für einen Rath geben hab?«
»Ja, sehr gut noch.«
»Schauns, da hat ich gar ernst meint, Prügel müssens haben, ganz gewaltge Prügel, hab ich denkt. Und nun Sie bringens das Alles ganz anderst fertig, ohne nur einen Stock anzugreifen. Sagens doch, wie bringens das nur eigentlich fertig?«
»Hm! Das ist nicht so schnell zu erklären. Man muß ein Wenig Psycholog sein.«
»Da wollt ich, ich wär auch ein solcher Phixologen. Meine Zwei wachsen mir über denen Kopf zusammen. Wann ich da nicht zuhauen thät, so kriegt ich selberst noch die Prügel. Das muß hier heroben so in dera Luft liegen. Nicht?«
»Gewisser Maßen haben Sie Recht. Eine kräftige Luft zeitigt auch kräftige Charactere.«
»Ja freilich, kräftig sinds bei uns. Mein Bub, der kaum zehn Jahren zählt, frißt mir bereits eine ganze Pfannen voll Dampfnudeln aus und fragt hernachers auch noch, ob ich keinen Eierkuchen hab. Der ist kaum mehr zu derfüttern. Was sollens hernach in dera Schulen lernen. Ein voller Bauch wird kein Magistern.«
»Nein; darum gewöhnen Sie Ihre Kinder lieber an eine mäßige Speisekarte.«
»Da käm ich schön an! Ja, eine Karten wollens schon bereits haben, aberst keine Speisekarten, sondern eine ganz andre. Da sitzen die Zwei am Tisch und spielen Sechsundsechzig mit nander, und wanns dann fertig sind, so hauens sich den Gewinn mit denen Holzpantofferln um den Kopf herum. Meiner Seel, es kracht oft so, daß es mir Angst wird um die armen Köpfen. Aberst das hält schon was ab hier in dera Gegend! Also habens Besuch erhalten, Herr Lehrern?«
»Besuch? Wieso?«
»Nun diese Damen hier?«
»Die Dame ist kein Gast von mir. Wir haben uns an der Kirche getroffen.«
»Ach so! Ich hab denkt, daß es ein Besuch ist, vielleicht wohl gar Ihre Muttern, weils sich gar so ähnlich sehen. Na, nix für ungut! Machens sich viel Vergnügen, die Herrschaften!«
Sie knixte und kehrte in das Haus zurück.
Bei ihren letzten Worten hatte es der Bürgermeisterin einen Stich ins Herz gegeben. Sie setzten ihren Weg fort, zunächst schweigsam. Walther warf von Zeit zu Zeit einen prüfenden Blick in das ernste Gesicht seiner stillen Begleiterin. Dann sagte er:
»Eigenthümlich! Die Wirthin hat Recht. Erst deren Aeußerung hat mich auf diesen Umstand aufmerksam gemacht. Bemerken Sie nicht auch, daß wir einander außerordentlich ähnlich sehen?«
Sie hatte das auch bereits bemerkt.
»Wirklich?« fragte sie.
»Ja, und zwar ganz auffällig. Man sollte kaum glauben, daß zwei Personen, welche einander in jeder Beziehung fremd sind, eine solche Ähnlichkeit besitzen können.«
»Ein Naturspiel,« sagte sie in unterdrücktem Tone.
»Sie müssen also aus diesem Grunde die Wirthin entschuldigen, daß sie Sie in eine solche Beziehung zu mir bringen wollte!«
»Das bedarf keiner Entschuldigung. Ich halte es vielmehr für ein Glück, einen Sohn zu besitzen, welcher die Achtung Andrer in der Weise besitzt wie Sie.«
»Es ist mir nicht leicht geworden, sie mir zu erringen. Ich hatte es, als ich hier ankam, mit einem sehr harten Materiale zu thun.«
»Also darum Ihre vorige Bemerkung, daß Sie keine Genüge finden!«
»Nein, darum nicht, sondern aus einem andern Grunde. Einen guten Reiter macht es ganz glücklich, ein wildes Pferd zu bändigen! Ungefähr in ähnlicher Weise fühlt der Lehrer eine innige Befriedigung, wenn es ihm gelingt, solche spröde Seelen gefügig zu machen. Aber in meiner Erholungszeit finde ich nicht Das, was ich suchen möchte. Ich mußte mir das freilich vorher sagen.«
»Und dennoch haben Sie sich um diese schlimme Stelle beworben!«
»Dennoch!«
»Sie müssen einen sehr zwingenden Grund dazu gehabt haben?«
»Ich hatte ihn. Leider sehe ich ein, daß ich ein großes Opfer gebracht habe, ohne die erwartete Entschädigung dafür zu finden.«
Es legte sich ein herber, fast bitterer Zug um seinen Mund. Er blickte vor sich nieder. Sie fand nicht gleich einen neuen Anknüpfungsbund, und so schritten sie eine Weile stumm neben einander her.
Karl May
Der Weg zum Glück. Dritter Band
Roman aus dem Leben Ludwig des Zweiten
Sie hatten den Wald erreicht, da wo der bereits mehrere Male erwähnte Weg in denselben führte. Der Lehrer blieb stehen und sagte, nach rechts deutend:
»Dort, jenseits der Wiesen liegt hinter den Büschen die Mühle versteckt. Bis zum Essen ist noch über eine Stunde Zeit. Bestimmen Sie, wohin wir unsere Schritte lenken wollen!«
»Ich schließe mich Ihnen an.«
»Dann also grad aus. Ich befinde mich so gern im Walde.«
»Wohl vielleicht, weil sich Ihre Heimath in einer waldigen Gegend befindet?«
»Nein. Es ist mir leider eigentlich nicht erlaubt, von einer Heimath zu sprechen.«
»Wie?« hauchte sie. »Es hat doch ein jeder Mensch eine solche.«
»Wenn Sie den Ort, an welchem man die Jugend verlebt, Heimath nennen, ja. Ich aber verstehe unter Heimath den Ort der Geburt.«
»Und Sie kennen diesen Ort nicht?«
»Nein. Ich bin ein – Findelkind.«
»Sie Aermster! Welch ein Verbrechen ist da an Ihnen begangen worden!«
»Ein Verbrechen keineswegs!«
»So meinen Sie also, daß Sie von Ihren Eltern verloren oder gar geraubt worden sind?«
»Ich meine nichts Bestimmtes; aber ich bin überzeugt, daß von einem Verbrechen keine Rede ist.«
Sie befanden sich jetzt mitten im Walde, durch welchen der Weg führte. Es hatte sie Beide eine ganz ungewöhnliche Stimmung ergriffen. Bei der Bürgermeisterin hatte das seinen guten Grund; bei dem Lehrer aber war es weniger leicht erklärlich.
Bereits als er sie neben dem Sepp an der Kirche zum ersten Male erblickt hatte, war dieser Anblick von einer ganz eigenartigen Wirkung auf ihn gewesen. Nur war es ganz und gar unmöglich, diese Wirkung in Worten zu beschreiben. Wie er es ihr offen gesagt hatte, war es ihm gewesen, als ob er sie bereits gesehen, als ob er schon mit ihr gesprochen habe. Und doch, nun er jetzt neben ihr herging, wußte er ganz genau, daß er ihr noch niemals begegnet sei. Und doch der tiefe, tiefe Eindruck, welchen ihre Gestalt, ihre Stimme, ihr ganzes Wesen auf ihn machte. Besonders wirkten ihre Augen mächtig auf ihn ein. Aber warum? Er konnte sich diese Frage nicht beantworten. Hatte er sie denn bereits einmal gesehen? Nein! Oder hatte er von ihnen geträumt? Hatte ihr Blick im Traume auf ihm geruht, so innig und so warm, mit dem Blicke der Liebe, wie Augen der Geliebten, wie – Mutteraugen?«
Bei diesem letzteren Gedanken war es ihm, als ob ein galvanischer Strom sein Inneres durchzucke. Er blickte schnell auf, in ihr Gesicht, in ihre Augen, so scharf und forschend, daß sie den Blick senkte.
Sie fuhr fort:
»Ist es denn nicht möglich, daß Ihre Mutter Sie mit Absicht verlassen hat?«
»Möglich ist es.«
»Dann ist es aber ein Verbrechen!«
»Nein!«
»Erlauben Sie, daß ich anderer Meinung bin!«
»So werde ich stets eine andre als Sie besitzen. Sie waren heut in der Kirche. Denken Sie an das Wort: Kann auch eine Mutter ihr Kind vergessen?«
»Vergessen wohl nie, nie, nie! Aber macht dies die That weniger verdammlich?«
»Kann ein Mensch über eine That richten, für welche er kein Verständniß hat? Die Mutterliebe ist eine große Macht, eine aus der göttlichen Liebe fließende Macht. Wenn eine Mutter ihr Kind verläßt, so müssen gewaltige Motive vorhanden gewesen sein, und dann ist die That eben kein Verbrechen, sondern sie ist in den andern Verhältnissen begründet, mögen dieselben nun rein äußerliche oder seelische sein.«
»Sie denken sehr mild!«
»Ich habe kein Recht, anders zu denken.«
»Und doch haben Sie unter den Folgen einer solchen That schwer zu leiden gehabt!«
»Nein. Ich habe die Mutterliebe nicht vermißt, weil ich sie niemals kennen gelernt hatte. Andre Liebe habe ich reichlich gefunden.«
»So sind Sie also nicht zu beklagen?«
»Nein.«
»Und folglich kann Ihnen daran, Ihre Eltern zu finden, gar nichts gelegen sein.«
»Hierin irren Sie freilich. Ich möchte viel, sehr viel darum geben, wenn ich nur ein Weniges über meine Eltern erfahren könnte.«
»Sie leben wohl Beide nicht mehr. Sonst hätten sie doch nach Ihnen gesucht.«
»Sie haben gesucht, mich aber nicht gefunden.«
»Sonderbar! Wenn Sie das wissen, so sind Sie es, der sich nicht hat finden lassen.«
»Auch hier irren Sie. Ich habe erst vor ganz Kurzem erfahren, daß ich gesucht worden bin.«
»Das ist ja hoch interessant!«
»Gewiß für mich, weniger für Fremde.«
»Warum? Ich kann mich für einen solchen Fall so interessiren, als ob ich selbst dabei in Mitleidenschaft gezogen sei. Ganz besonders erregt Ihr Fall mein Mitgefühl.«
»Warum der meinige?«
»Weil – weil – –«
Er war stehen geblieben und blickte ihr mit großen, offenen Augen in das Gesicht. Vor diesem Blicke senkte sie den ihrigen. Sie hatte fast im Begriffe gestanden, ihm die Wahrheit zu sagen. Jetzt aber antwortete sie nur:
»Weil der Wurzelsepp davon gesprochen hat.«
»Der! Und ich habe es ihm streng verboten!«
»Sie dürfen es ihm verzeihen. Wir sind so alte und vertraute Bekannte, daß es uns sehr schwer fallen würde, ein Geheimniß vor einander zu haben.«
»Und doch sollte er nichts sagen. Das Geheimniß gehört nicht blos mir und ihm, sondern auch den Personen, welche ihm Auftrag gegeben haben, nach mir zu forschen.«
»So verzeihen Sie mir, daß ich in dasselbe eingedrungen bin! Haben Sie denn Hoffnung, die Ihrigen zu finden.«
»Ja. Nun der Wurzelsepp mich gefunden hat, braucht er ja nur Denen, in deren Auftrag er handelt, meine Adresse zu sagen.«
»Richtig. Daran dachte ich nicht. Sie werden also Ihre Eltern sehr bald kennen lernen.«
»Wohl die Mutter, den Vater nicht.«
»Warum denken Sie das?«
»Meine Mutter hat mich fremden Händen überlassen. Sie muß sich in großer Noth und Bedrängniß befunden haben. Sie hätte das jedenfalls nicht gethan, wenn der Vater ihr zur Seite gestanden hätte. Er hat sie verlassen. Entweder war und ist er todt, oder – es ist noch viel, viel schlimmer.«
»Was meinen Sie?«
»Er ist ein Schurke, der sie verlassen hat.«
»Mein Gott! Welch ein Gedanke!«
»Liegt er nicht nahe?«
»Vielleicht. Aber wenn es so wäre. Würden Sie Ihrem Vater verzeihen?«
»Ich würde ihm verzeihen, denn er ist mein Vater, und ich bin ein Christ und Mensch, der die heilige Pflicht hat, Jedem und Jedes zu verzeihen. Aber ich würde ihn – – verachten.«
Er sagte das so ernst und in festem Tone, daß sie erschrocken einsehen mußte, daß er nicht in leeren Worten gesprochen habe. Sie standen vor einander, er finster vor sich niederblickend, sie blaß und erregt, das Auge angstvoll auf sein Gesicht gerichtet. Sie fragte weiter:
»Und ebenso würden Sie Ihre Mutter verachten?«
Da erhob er den Kopf. Sein Gesicht erhellte sich. Sein Auge begann zu leuchten.
»Ihr zürnen? Sie verachten? Meine Mutter? Wie wäre das möglich! Was sie gethan hat, das that sie gezwungen. Vielleicht hat sie gewußt, daß ich unter Fremden besser aufgehoben sei, als bei ihr. Und wenn das Alles auch gewesen wäre, der Vater ist ein Mann, den kann und muß man verachten. Eine Frau aber, eine Mutter verachten, das liegt ganz außerhalb der menschlichen Natur. Sagt doch der Dichter mit Recht:
Wenn Du noch eine Mutter hast,
So danke Gott und sei zufrieden.
Nicht Jedem auf dem Erdenrund
Ist so ein hohes Glück beschieden!
Wenn Du noch eine Mutter hast,
So sollst Du sie mit Liebe pflegen,
Daß sie dereinst ihr müdes Haupt,
In Frieden kann zur Ruhe legen.
Er sagte das so innig, so herzlich! Sie kämpfte mit sich selbst. Sollte sie sich ihm mittheilen? Jetzt schon? Es zog sie mit jeder Faser ihres Herzens zu ihm hin. Und doch zitterte sie bei dem Gedanken, daß er sein mildes Urtheil zurücknehmen könne. Nein, sie wollte ihn noch weiter ausforschen, ehe sie das entscheidende Wort sagte.
»Und wenn Ihre Mutter aber wirklich schlecht an Ihnen gehandelt hätte.«
»Das hat sie nicht!« antwortete er bestimmt.
»Wenn sie Sie verlassen hätte aus Leichtsinn, ohne Noth und zwingende Gründe?«
Sie hatte die Hände gefaltet. Er ließ seinen Blick über sie schweifen, nicht beobachtend und forschend, sondern blitzschnell, aufleuchtend. Und als er dann antwortete, strahlte ihr förmlich eine seelische Wärme aus seinem Gesichte entgegen.
»Meine Mutter leichtsinnig? Nein, das ist sie nie gewesen, und das ist sie nicht. Ich habe den Charakter meiner Mutter geerbt, und ich bin nicht leichtsinnig. Meine Mutter ist ein gutes, herrliches, einziges Wesen. Ich liebe sie von ganzem Herzen und mit meiner ganzen Seele. Ich könnte mein Leben für sie geben zu jeder Zeit, gleich jetzt! Ich bete sie an! Oder soll ich das nicht? Soll ich Dich nicht lieben, Mutter, Mutter, meine Mutter?«
Er schlang die Arme um sie und zog sie an sich.
»Herrgott!« schrie sie auf.
Er aber drückte sie inniger und inniger an sich. Sie schloß die Augen, aber ein unendlich glückliches Lächeln legte sich über ihr Gesicht.
»Mutter, meine liebe, liebe Mutter!« jauchzte er abermals auf. »Endlich, endlich hab ich Dich gefunden!«
Sie antwortete nicht. Es war ihr, als ob sie in einem unendlich glücklichen Traum befangen sei, aus dem sie aber nicht erwachen dürfe. Da legte er den Mund nahe an ihr Ohr und flüsterte in inniger Bitte:
»Mutter, antworte! Sag nur ein Wort, ein einziges, allereinziges!«
»Max, mein Max!« antwortete sie leise.
»Herrgott! Das ist das erste Mal, daß ich meinen Namen aus dem Munde der Mutter höre! Wie glücklich bin ich, wie unendlich glücklich!«
»Wirklich?« fragte sie zaghaft.
»Ja. Ich kann es nicht beschreiben, wie glücklich ich bin. Bitte, bitte, öffne die Augen! Blicke mich an!«
Da schlug sie langsam die Augen auf, und es traf ihn ein Blick voll solcher Liebesgewalt, daß er innerlich zusammenschauerte.
»Ich danke Dir! Das ist das Mutterauge! Das ists, ja das ist es! Jetzt ist mein Leben nicht mehr öd und verlassen. Jetzt habe ich eine Mutter, welche mit mir denken und empfinden kann. Nun ist Alles, Alles, Alles gut!
Da entwand sie sich seinen Armen, blickte ihn mit einem Blicke an, welcher nach und nach in Thränen ertrank, sank langsam vor ihm in die Kniee, erhob flehend die Hände und rief:
»Max, Max, vergieb mir, vergieb!«
Er aber stieß einen Jubelruf aus, hob sie rasch zu sich empor, legte ihren Kopf an seine Brust und antwortete:
»Wie namenlos glücklich wäre ich, wenn ich Dir etwas zu vergeben hätte! Aber das ist leider nicht der Fall! Leider? Welch ein schlimmer Gesell ich bin! Glücklicher Weise ist es nicht der Fall. So muß ich sagen. Mutter, Du bist schuldlos. Kein Vorwurf kann Dich treffen. Du kannst nie bös gewesen sein!«
»Nein, bös war ich nicht, aber unglücklich, namenlos unglücklich!«
»Das weiß ich, denn ich sehe Dich!«
»Ich werde Dir Alles, Alles erzählen, Max. Höre mich an!«
»Nein, nein! Ich mag nichts hören; ich mag nichts wissen; wenigstens jetzt nicht! Es soll nicht der kleinste Tropfen Bitterkeit das Glück stören, welches ich in diesem Augenblicke empfinde. Mutter, Mutter, meine beste, einzige Mutter!«
Er drückte sie wieder und wieder an sich, schob sie von sich ab, um ihr in das vor Freudenthränen nasse Angesicht zu blicken, zog sie abermals an sich und konnte nicht satt werden, ihr Mund, Stirne, Wangen und die Hände zu küssen.
Sie gab sich ihm willenlos hin. Der Augenblick des Erkennens war unendlich herrlicher, als sie sich denselben gedacht hatte. Eine solche Fülle von Kindesliebe von Dem, den sie hinaus in die fremde Welt gestoßen hatte! Wie, wie wollte sie ihm diese Liebe vergelten! Ihr Herzblut sollte ihm gehören!
»Woher aber weißt Du, daß ich Deine Mutter bin?« fragte sie endlich.
»Mein Herz sagte es mir,« antwortete er. »Und sodann bin ich ja Psycholog,« fuhr er scherzend fort. »Du bist nach Hohenwald gekommen. Weshalb? Aus einem geschäftlichen Grunde sicherlich nicht. Der alte Wurzelsepp hat Dich gebracht, mein Vertrauter, von dem ich weiß, daß er meine Mutter kennt. Wir sind einander so sehr ähnlich. Du warst so sehr eigenthümlich. Du forschtest fast mit Angst darnach, ob ich verzeihen würde – – sind das nicht lauter höchst triftige Gründe, einzusehen, daß Du meine Mutter bist?«
»Ja, ja. Dein Herz hat laut gesprochen, gleich als Du mich zum ersten Male sahst. Du glaubtest, mich bereits getroffen zu haben. Aber hier stehen wir. Noch haben wir lange Zeit, bevor wir zur Mühle müssen. Setzen wir uns da in das Moos, und plaudern wir.«
Sie ließ sich nieder. Er setzte sich vor sie hin, legte seinen Kopf in ihren Schooß und schlang die Arme um ihren Leib, so wie er oder auch ein Andrer es vielleicht bei der Geliebten gemacht hätte. Sie blickten einander still in die Augen. Sie konnten gar nicht satt werden, einander zu sehen.
»Und nun sollst Du auch schnell fort aus diesem schlimmen Hohenwald,« sagte sie. »Ich lasse Dich nicht hier unter diesen Leuten.«
Sein Gesicht nahm schnell einen ernsten Ausdruck an.
»Wohin willst Du mich entführen?« fragte er.
»Heim, nach Steinegg.«
»Und was soll ich dort?«
»Bei mir sein. Ich verlange kein Opfer, keine Entsagung von Dir. Ich bin wohlhabend, sehr wohlhabend.«
Sie freute sich, ihm diese Mittheilung machen zu können. Er aber antwortete:
»Lieber wäre es mir, wenn Du arm wärst!«
»Arm? Oh! Warum?«
»Weil ich dann für Dich arbeiten könnte. Wie wollte ich schaffen und wirken, um Dir zu beweisen, daß ich Dich liebe und daß Dein Sohn ein Mann ist, welcher – – seinen Platz ausfüllt, wenn dieser Platz auch nur ein ganz kleines und ganz bescheidenes Plätzchen ist.«
»Ich danke Dir! Diese Worte erhöhen mein Glück, denn sie überzeugen mich, wie edel Du denkst. Aber es ist doch besser. Du brauchst den Kampf mit den feindlichen Mächten nicht fortzusetzen. Ich höre. Du liebst die Kunst, die Wissenschaft. Sepp sagte mir sogar, daß Du ein Dichter seist. Du sollst bei mir in Steinegg wohnen und nur Deinen Studien leben.«
»Und die Bewohner Steineggs, wissen sie, daß – Du einen Sohn hast?«
»Nein.«
»Dürfen sie es erfahren?«
Sie zögerte doch einen Augenblick lang mit der Antwort. Sodann sagte sie:
»Sie sollen es erfahren.«
»Nein, sie brauchen es nicht zu erfahren, außer – – – – der Vater war Bürgermeister dort?«
Er hatte diese Frage in leisem Tone ausgesprochen, als ob Niemand sie hören dürfe.
»Nein,« antwortete sie zögernd.
»So war der Bürgermeister erst – – – später Dein Mann?«
»Ja.«
»Und mein Vater war – – – –«
Er sprach nicht weiter.
»Max,« sagte sie. »Diese Wolke schwebt so lange zwischen uns, bis wir selbst sie vertrieben haben. Und da wollen wir nicht warten. Es ist am allerbesten, Du erfährst gleich heut, gleich jetzt Alles.«
»Mutter, bitte! Warum gleich jetzt, in der ersten Stunde diese trüben Erinnerungen!«
»Um sie dann nicht mehr zu haben. Je eher ich sie von mir werfe, desto eher genieße ich vollkommen das Glück, Dich gefunden zu haben.«
»Und wird es Dich nicht zu sehr aufregen?«
»Nein, gewiß nicht!«
»So denke aber daran, daß ich keine ausführliche Erzählung wünsche. Ich bitte, mir nur das zu sagen, was ich nothwendig hören muß, um zu wissen, wer mein Vater ist.«
»Mein Gott! Grad das kann ich Dir nicht sagen.«
»Wie? Nicht?« fragte er verwundert.
»Nein,« antwortete sie unter ausbrechenden Thränen. »Ich weiß ja nicht einmal selbst, wer er war und wer er ist.«
Er erschrak. Sie sah es.
»Das wußte ich,« schluchzte sie, »daß Du mich nun verachten würdest!«
»Verachten?« entgegnete er schnell. »Mutter, wie kannst Du das von mir denken! Ich Dich verachten! Habe ich Dir nicht bereits gesagt, daß es unmöglich sei, daß ein Sohn seine Mutter verachten könne. Ich bin auf einen Namen getauft worden. Folglich hat sich mein Vater denselben beigelegt. Ich denke mir, daß er Dich getäuscht hat. Dieser Name ist ein falscher gewesen.«
»Ja, so ist es, so!«
»Also, ein – – – Schurke!«
Er sagte das nicht laut: aber so wie es zwischen den zusammengepreßten Zähnen hervorklang, enthielt es eine ganze Welt voll Grimm und Bitterkeit.
»Soll ich es Dir erzählen?« fragte sie.
»Ja, erzähle! Und dann – dann – – –«
»Was soll dann geschehen?«
»Dann werde ich ihn zur Rechenschaft ziehen.«
»Ich weiß ja nicht, wo er sich befindet! Ich kenne nicht einmal seinen wirklichen Namen.«
»Keine Sorge, Mutter! Wenn er noch lebt, wenn er noch existirt, so mag er sich versteckt haben, wo es nur immer sei, ich werde ihn finden.«
»Ich habe während zwanzig Jahren vergebens nach ihm geforscht!«
»Du ja! ich aber werde ihn finden; das weiß ich ganz gewiß. Also bitte, erzähle!«
Sie begann, ihm Alles zu berichten, was sie bereits dem Wurzelsepp erzählt hatte. Hätten sie geahnt, daß Der, von dem sie jetzt sprachen, sich in ihrer Nähe befinde!
Nämlich fast um dieselbe Zeit kam von der Stadt her eine Kutsche gefahren. Auf dem Bocke saß ein vornehm gekleideter Herr, welcher die Zügel führte, im Innern saßen ein Livréediener und ein anderer Mann, dem die Kutsche gehörte. Er war in der Stadt ansässig und hatte den Herrn und dessen Diener über Hohenwald nach Steinegg fahren sollen. Nach vornehmer Herren Sitte hatte der Fremde sich ausbedungen, die Zügel zu führen. Darum saß der Besitzer des Miethfuhrwerkes mit dem Diener im Innern des Wagens.
Der Herr schien es sehr eilig zu haben, denn er trieb trotz der öfteren Mahnungen des Besitzers die Pferde zu schnellem Laufe an. Unterhalb der Kirche machte der Dorfweg eine scharfe Krümmung um die Ecke eines Hauses. Die Dorfbewohner wußten das und pflegten da langsam zu fahren und auch laut mit der Peitsche zu klatschen, um etwaige Entgegenkommende aufmerksam zu machen und einen Zusammenstoß zu vermeiden.
Der Fremde kam in scharfen Trabe dahergerollt. Eben als er um die Ecke biegen wollte, klatschte es jenseits derselben. Er achtete nicht darauf und bog um das Haus. Da kam ihm ein bespannter, schwerer Lastwagen entgegen, welcher trotz des Feiertages noch unterwegs gewesen war. Schnell die Pferde zur Seite reißend, bog der Fremde aus, brachte aber die Kutsche dabei so nahe an das Gebäude, daß sie an die Mauerecke prallte. Ein Stoß und ein Krach, und der Herr stürzte vom Bocke herab auf die Straße. Zum Glücke hielten die Pferde sofort an.
Der Besitzer der Kutsche sprang heraus, der Diener ebenso.
»Donnerwetter!« fluchte der Erstere. »So ists halt, wann man sein Geschirr in fremde Hände geben muß! Soll mir aberst in meinem ganzen Leben nimmer geschehen! Da ist mir nun das Rad zerbrochen, schon ganz und gar, in kurze und kleine Stücken. Nun mag ich nur auch schauen, wie es wieder ganz wird und wie ich nach Haus gelange!«
Der Diener war zu seinem Herrn geeilt und hatte denselben beim Aufstehen unterstützt.
»Sind gnädigster Herr verletzt?« fragte er.
Dabei zuckte es aber ganz wie verborgene Schadenfreude über sein Gesicht.
»Ich glaube nicht. Laß mich probiren!«
Der Herr streckte sich grad aufrecht und versuchte, einige Schritte zu gehen.
»Gebrochen habe ich nichts,« erklärte er. »Aber das Kreuz schmerzt mich sehr.«
»Ja, gebrochen habens halt nix!« zürnte der Fuhrmann. »Nur mir das ganze Rad.«
»Das wird reparirt!«
»Wo denn?«
»Natürlich hier!«
»Hier giebts halt nur einen Schmieden, nicht aberst einen Stellmachern. Auch kann das Rad gar nimmer reparirt werden; es muß ein neues her.«
»So bezahle ich es; aber das Spectakeln verbitte ich mir!«
»Na, wanns zahlen, so will ich halt still sein; aberst Geldl muß ich auch sehen.«
»Meinen Sie etwa, daß ich dieses Geschäft hier auf der Straße erledigen werde? Ist kein Gasthof hier in der Nähe?«
»Es ist nur einer da. Wanns ein Stückchen hier weitern laufen, so kommens gleich bald hin.«
»Gut, so kommen Sie nach!«
»Werd mich schon schnell einistellen. Wann man ein Geldl zu bekommen hat, nachher bleibt man nicht stundenlang auf dera Straßen kleben.«
»Gemeiner Strick!« brummte der Herr.
Dann ließ er sich von seinem Diener unterstützen und hinkte nach dem Gasthofe hin.
Dort saß als einziger Gast in der Schänkstube – – der Wurzelsepp. Er befand sich noch nicht in der Mühle. Es war ihm gar nicht darum zu thun gewesen, so schnell nach derselben zu gelangen. Er hatte sich nur aus dem Grunde dem Müller angeschlossen, um die Bürgermeisterin mit dem Lehrer allein zu lassen. Nachher hatte er den Müller allein gehen heißen und war in der Schänke eingekehrt, um sich dort die Zeit bis zum Essen zu vertreiben.
Anstatt Zeitvertreib aber hatte er Langeweile gehabt. Die Wirthin hatte mit der Vorbereitung zum Mittagstische in der Küche zu thun. Der Wirth war nicht daheim, ein anderer Gast nicht anwesend, und so saß der Sepp ganz allein in der Stube.
Darum war es ihm sehr lieb, jetzt Leute kommen zu sehen. Der fremde Herr trat ein, von seinem Diener unterstützt. Es fiel keinem von Beiden ein, zu grüßen. Sie blickten sich in der Stube um. Dann fragte der Herr:
»Giebts hier im Ort einen Kutschwagen?«
Der Sepp antwortete nicht.
»Heda, Alter!« wiederholte der Diener. »Ob es hier im Ort einen Kutschwagen giebt.«
Abermals keine Antwort.«
»Bist Du etwa taub?«
»Ja,« antwortete jetzt der Sepp.
»Aber meine Frage hast Du gehört?«
»Ich muß doch taub sein, da ich nicht mal einen einzigen Laut hör, wann Zwei hier einitreten und ganz laut und höflich grüßen.«
Der Herr hatte sich sofort auf einen Stuhl niedergelassen. Der Diener fuhr fort:
»Du meinst doch nicht etwa, daß ich Dir Complimente machen soll!«
»Nein; darum laß mich aberst auch aus und red nicht mit mir, sonst kannst auch vorher grüßen!«
»Oho, Grobian! Nenne mich nicht etwa Du, sonst zeige ich Dir, was für ein Unterschied ist zwischen Dir und mir!«
»So einer: Ich bin trocken, und Du bist noch naß hinter den Ohren und im Gesicht.«
Der Sepp hatte nämlich seinen Bierkrug ergriffen und dem Lakaien den Inhalt desselben an den Kopf gegossen. Dieser erhob darüber einen solchen Skandal, daß die Wirthin schnell herbeikam.
»Was ist denn da los?« fragte sie, welche die beiden Hände voller Nudelteig hatte.
»Dieser Flegel schüttet mir das Bier ins Gesicht!« rief der Diener. »Ich verlange, daß – – –«
»Flegel?« unterbrach ihn die Wirthin. »Das ist dera Wurzelsepp, und der ist niemals ein Flegeln gewest. Der ist stets ein höflicher Mann und tritt kein Wurmerl mit dem Fuß. Aberst wann er angriffen wird, nachhero wehrt er sich auch. Vielleichten bist vorher selberst ein Flegeln gegen ihn gewest, und nachhero, als er Dir antwortet hat, hast ihn einen solchen genannt!«
»Ich? Das verbitt ich mir! Ueberhaupt laß ich mich nicht Du nennen!« brauste der Diener auf.«
»Was?« fragte die Wirthin. »Du willst wohl gar Sie geheißen sein? Und draußen in dera Kücheln hab ich deutlich vernommen, daßt den Sepp Du genannt hast! Wer bist eigentlich? Ein Gesind, ein Dienstbot, grad wie mein Knecht und mein Saubub draußen und meine Gänsedirn. Grad wie diese bekommst Deinen Lohn auch, und wannst einen Rock anhast mit Dressen auf dem Kragen, so brauchst Dir nix drauf einzubilden, denn Du hasts ja doch nicht zahlt, und wann ich unserm Saububen auch Dressen machen lassen will an die Mützen und einen Pimperl ins Genicken und vorn eine Klingel an die Nasenspitzen, so kann er sich grad auch das einibilden. Verstanden!«
»Welch eine Unverschämtheit!« rief er aus.
Da trat sie auf ihn zu und fragte:
»Was? Wie nennst mich? Unverschämt soll ich sein? Willst etwan hier meine Händen ins Gesichterl haben, daßt ausschaust, als ob den Ziegenvieter hast? Wannst noch so ein Worten sagst, so nehm ich Dich beim Schlaffitchen und häng Dich anstatt dera Oellampen hinauf an den Haken hier an dera Stubendecken. So ein Baldriangansrich kann uns hier grad noch fehlen!«
Das war dem Herrn Lakai noch niemals vorgekommen. Er wendete sich zu seinen Herrn um Hilfe:
»Euer Gnaden haben doch gehört?«
»Ja, ja!« antwortete der Herr, sich mit der Hand das Kreuz reibend.
»Wollen wir das dulden?«
»Ich nicht, aber Du!«
Herr und Diener schienen keine große Sympathie für einander zu fühlen.
»Ich? Den Baldriangansrich soll ich leiden?«
»Was willst Du thun? Solche grobe Leute läßt man am Besten in Ruhe!«
»Wie?« fragte die Wirthin. »Grobe Leutln?«
»Ja,« lachte er höhnisch. »Sie wollen doch nicht etwa behaupten, daß Sie fein sind?«
»Nein; aberst Sie sinds auch nicht. Trinkens etwan was?«
»Ich habe keinen Appetit.«
»Oder hochdero Herr Bedienter?«
»Der hat keinen Trinketit. Wir wünschen nur einen Wagen.«
»Ach so! Das paßt sich ganz gut. Sie haben keinen Appetit; dera Dienern hat keinen Trinketit, und wir haben keinen Wagentit. Es giebt also hier gar keinen Tit, und darum könnens gehen.«
»Himmelsakkerment! Treten Sie doch nicht so auf! Ich bin gestürzt und kann nicht laufen. Sie werden doch nichts dagegen haben, daß ich hier so lange sitze, bis mein Diener einen Wagen aufgetrieben hat!«
»Nein. Hinauswerfen thu ich keinen Leidenden. Aberst wer blos hereinikommt, um sich herzusetzen, der kann auch Grüß Gott sagen. Und wann er das nicht thut und auch noch einen Spektakeln beginnt, so wird er an die Luft geblasen!«
Der kleine Bube des Wirthes war seiner Mutter aus der Küche gefolgt; er hörte, was gesprochen wurde, stellte sich vor den Diener hin, stemmte den linken Arm in die Seite, erhob drohend die rechte Faust und sagte:
»Hasts gehört, Grasaff? Wannst nicht schweigst, blas ich Dich hinaus! Du wärst mir Einer!«
Damit drehte er sich verächtlich um und trollte stolz von dannen, hinaus in die Küche, um der Mutter die frischen Nudeln vom Brette wegzuessen.
Der fremde Herr stieß ein schallendes Gelächter aus und rief:
»Alle Teufel, ist das ein Kreatürchen! Wenn das am grünen Holze geschieht, was soll da erst aus dem dürren werden! Hören Sie, Wirthin, der Kleine wird ein Prachtkerl. Nicht?«
»Ja, das glaub ich wohl. Der zerbricht sich nicht sogleich das Kreuz, wann er einmal mit dem Wagen umischwappt wird. Der hat feste Knocherln!«
»Ah, das geht auf mich! Nun gut! Jetzt aber sagen Sie mir einmal gütigst, ob man hier wirklich keinen Wagen bekommen kann.«
»O, Wagen sind schon da,« lachte sie.
»Bei wem?«
»Wir haben einen Leiternwagen.«
»Nach dem habe ich nicht gefragt.«
»Dera Nachbarn rechts hat gar einen Frachtwagen zum Ziegelnfahren.«
»Hol Sie der Teufel! Ich will gefahren sein! Verstanden! Ich!«
»Ach so! Das hab ich doch nicht wüßt. Wer sinds denn da, wanns gar gefahren sein wollen?«
»Ich bin der Baron von Alberg und will hinüber nach dem Steinegger Schloß.«
»Ach so! Ja, wanns ein Baronerl sind, so könnens auch schon fahren. Das glaub ich gar wohl. Aberst eine Kutschen giebts hier im ganzen Dorf nicht außer beim Silberbauern. Und der aber giebt sie nicht her.«
»Das möcht ich bezweifeln. Wenn ein Baron zu ihm schickt, so wird er sofort Ja sagen.«
»Da kennens ihn schlecht, ihn und seinen Sohn, den Silberfritzen. Grad weils ein Baron sind, werdens die Kutschen nicht bekommen.«
»Ich werde es dennoch versuchen. Wo wohnt er?«
Die Wirthin beschrieb den Weg zum Silberhof, und dann entfernte sich der Diener, sein Heil zu versuchen.
Als der Baron seinen Namen genannt hatte, war der Sepp, welcher sich verächtlich abgewendet hatte, schnell mit dem Gesicht herumgefahren. Der Baron hatte jetzt seine Reisemütze abgesetzt, und so war die Spur eines Hiebes auf der linken Stirn sichtbar geworden.
Als nun auch die Wirthin sich entfernt hatte, befanden sich die beiden Männer ganz allein mit einander in der Stube. Ein anderer Vertreter der Aristokratie hätte sich schweigend verhalten. Der Baron aber glaubte es wohl seiner Ehre schuldig zu sein, den Sepp zu ärgern. Er begann:
»Also Wurzelsepp ist Dein Name. Bist wohl sehr oft tüchtig ausgewurzelt worden?«
»Ich?« meinte der Sepp schlagfertig. »Wie kommst auf den dummen Gedanken? Hab ich etwan eine Narben an dera Stirn, daßt denkst, ich hab einen Hieb erhalten?«
»Mensch, hast Du nicht gehört, daß ich ein Baron bin!«
»Jawohl.«
»Und wagst es, mich Du zu nennen!«
»Warum nicht? Baron oder Schinder, wer mich Du nennt, den duz ich auch. Uebrigens weiß ich, daßt nicht der bist, für dent Dich ausgiebst.«
»Ich? Was fällt Dir ein!«
»Mir machst nix weiß!«
»Das kann mir nicht in den Sinn kommen!«
»Dera Baronen von Alberg willst sein?« Na, das sag nur einem Andern aberst nicht mir! Ich kenn Dich bereits besser!«
»Kerl, wag nicht zu viel!« brauste er auf. »Wenn ich mit Dir spreche, so ist das eine große Ehre für Dich. Keinesfalls aber darfst Du Dir einbilden, daß Du es wagen darfst, mich ungestraft zu beleidigen!«
»Eine Ehren soll es sein? Wann ein Schwindlern mit mir redet? Nun, das ist auch sehr gut! Ich dank für dera Ehren!«
»Siehst Du denn nicht ein, daß dies eine Verwechslung ist? Du verkennst mich!«
»Nein! Dich kenn ich genau!«
»Ach so? Seit wann denn?«
»Seit alst noch jung warst.«
»Und wo?«
»Im Bad.«
»In welchem?«
»In Eger, und vorher auch noch wo anderst.«
Er konnte sich doch nicht ganz beherrschen, dieser Baron von Alberg. Er zuckte zusammen, sagte aber?
»Dort bin ich nie gewesen.«
»Nicht? Ist etwa auch kein Schwindelmeier da gewest, der sich Curt von Walther hat heißen lassen?«
»Donnerwetter! Den kenn ich nicht.«
»Und auch eine gewisse Bertha Hillern hast wohl gar nicht kannt?«
Der Baron fuhr trotz des verletzten Kreuzes von seinem Sitze empor.
»Was weißt Du von ihr?« fragte er.
»Von ihr und von Dir? Alles!«
»Du verkennst mich doch!«
»Nein. Du bist halt gar nicht zu verkennen. Die Narben an Deiner Stirn ist ein sichres Zeichen, und nachhero haben wir auch noch andere Beweise funden.«
»Welche?«
»Meinst, daß ich Dir das sagen werd?«
»Ja, falls Du keine Lügen machst.«
»Ich sag die Wahrheit.«
»So kannst Du mir sagen, was Du weist.«
»Das fallt mir nimmer ein! Wann die Zeit kommen wird, wirst schon Alles von selbst derfahren. Aberst was wir wissen, das wissen wir gewiß.«
»Wie? Wer ist da gemeint?«
»Das wirst auch noch derfahren. Zunächst werd ich Deiner Tochtern derzählen und dera Baronessen Asta von Zelba, die jetzund bei derselbigen ist.«
»Mensch, bist Du allwissend!« rief der Baron.
»Was Dich betrifft, ja.«
Der Baron hatte alle Falbe verloren. Er kam langsam herbeigehinkt, legte dem Sepp die Hand auf die Achsel und sagte:
»Wir wollen uns nicht aufregen und lieber in Ruhe mit einander sprechen. Du bist arm?«
»Freilich! Das siehst ja!« antwortete der Alte, indem er ein Aufleuchten seiner Augen zu verbergen suchte.
»Hast Du Kinder?«
»Ei wohl! Gar viele.«
»Die Du vielleicht höchst armselig ernähren mußt.«
»Ja, Flaustern bekommens halt nicht zum Fruhstucken.«
»Nun gut. Du kannst Dir Deine Lage verbessern. Womit ernährst Du Dich jetzt?«
»Ich such halt Wurzeln und verkauf sie.«
»Das ist die reine Hungerkur. Möchtest Du nicht lieber eine feste, sichre Anstellung haben?«
»Gar zu gern. Aberst wer wird mir eine solche geben, einem so gar alten Menschen?«
»Ich.«
»Du? Da machst auch nur einen Spaßen mit mir!«
»Nein, es ist mein völliger Ernst. Ich brauch grad so einen erfahrenen, alten Mann, wie Du bist.«
»So! Was für eine Stellen ist es denn?«
»Die Stelle eines Parkaufsehers.«
»Himmelsakra! Das wär schön! So was könnt ich mir schon wünschen!«
»Nicht wahr! Also hast Du Lust?«
»Ich mach sogleich mit.«
»Gut! Du sollst die Stelle haben, natürlich aber unter gewissen Bedingungen.«
»Wie lauten dieselbigen?«
»Erstens hast Du mich zu tituliren, wie mein Rang und Stand es mit sich bringt.«
»Das versteht sich ganz von selber». Wannst erst mein Principalen bist, nachhero fallt das Du schon weg.«
»Ferner darfst Du natürlich nichts thun, was gegen mein Interesse, also zu meinem Schaden sein würde.«
»Gut, auch das!«
»Sodann darfst Du keine Geheimnisse vor mir haben, welche meine persönlichen Angelegenheiten betreffen.«
»Schön, ich bin bereit dazu.«
»Du mußt mir also Alles mittheilen.«
»Das würd ich ganz von selberst thun, wannst einmal mein Herr bist. Das brauchst gar nicht extra zu verlangen.«
»Schön. Wann kannst Du antreten?«
»Wannst willst.«
»Welche Familie bringst Du mit?«
»Gar keine.«
»Ich denke. Du hast so viele Kinder.«
»Die sind bereits verheirathet. Ich komm allein.«
»So kannst Du gleich morgen antreten.«
»Das gefreut mich gar sehr, Herr Baronen. Vielleichten erlaubsts auch, daß ich erst übermorgen komm. Ich muß erst noch einige Kunden befriedigen.«
»Einverstanden. Also sind wir einig?«
»Noch nicht. Was soll ich denn für ein Geldl erhalten?«
»Ach so! Nun, wie viel beanspruchst Du?«
»Sie müssen doch halt selberst wissen, wie viel die Stellen einibringt.«
»Nun, Du sollst freie Kost in der Dienerküche haben und fünfhundert Mark Gehalt.«
»Hm! Nicht übel. Da bin ich einverstanden.«
»Schön! Monatliche Kündigung!«
»Ja,« nickte der Sepp, indem er eine schlaue Miene zog. »Wer den Andern ausnutzt hat, der kann ihn so schnell wiedern fortjagen.«
»So ists nicht gemeint. Also komm, wenn es Dir paßt. Von diesem Augenblick an stehst Du also in meinem Dienste.«
»So? Meinst?«
»Ja. Du hast aufrichtig zu sein. Nun sage mir, was Du von diesem Curt von Walther Alles weißt.«
»Das werd ich Dir schon sagen, so bald ich wirklich in Deinem Dienst steh. Jetzt ist dies halt noch nicht der Fall. Das hörst schon daran, daß ich noch immer Du zu Dir sag.«
»Ich hab Dich doch engagirt.«
»So? Hast mir auch bereits ein Geldl geben?«
Der Baron machte eine Bewegung der Ungeduld und sagte:
»Also darauf ists abgesehen! Nun, hier hast Du zwanzig Mark. Das ist ziemlich ein halbes Monatsgehalt. Jetzt wirst Du sprechen?«
Der Sepp steckte das Geld schmunzelnd ein und antwortete:
»Ja, jetzt werd ich reden können.«
»Nun, also! Was weißt Du?«
»Daß, dera Walthern der größest Hallunken ist, den ich nur kennen thu.«
»Warum?«
»Weil er die Bertha verführt und betrogen hat.«
»Von wem weißt Du das?«
»Von ihr selberst.«
»Ah! Sie lebt noch! Wo?«
»Grad zwischen dem Mond und dem Mittelpunkten dera Erden.«
»Mensch! Eine solche Antwort giebt man seinem Herrn doch nicht!«
»Ja, weißt, ich muß Dich nehmen, wie Du bist, und so mußt auch mich grad so nehmen, wie mich der liebe Herrgott derschaffen hat. Wannst mich nicht so behalten willst, kannst mir ja gleich wiederum kündigen. Dann bin ich blos einen Monaten bei Dir.«
Der Baron machte ein sehr verblüfftes Gesicht.
»Kerl,« sagte er, »ich glaube. Du willst mich gar zum Narren halten!«
»Nein, außer wannst wirklich einer bist. Ich werd Dir so treu dienen, wie die zwanzig Markerln werth sind. Weißt, alter Freund, ich versteh Dich schon ganz gut. Du willst mich zu Deinem Dienern, machen, um Alles zu derfahren und nachhero thun, was Dir gefallt. Ist das geschehen, so jagst mich halt hübsch zum Teuxel. So steht die Kart. Aberst wannst einen Trumpfen ausspielst, so hat dera Wurzelsepp auch einen. Dann werden wir sehen, wer zuletzt der Kluge ist.«
Da fuhr der Baron auf ihn zu und rief zornig:
»Ah, so steht es! Gut. daß ich das gleich erfahre. Dann kann natürlich aus der Anstellung nichts werden!«
»Ist mir auch lieb! Bin ganz einverstanden!«
»So gieb also das Geld wieder heraus!«
»Das? Da wird der Wurzelsepp sich hüten. Das Geldl hab ich als Gehalt bekommen und ich bin bereit, den Dienst anzutreten. Diese Sach ist festgemacht. Willst mich nicht haben, so behalt ich mein Geldl und verlang auch noch das Andere vom Monatsgehalt. Verstanden? Wannst die Ohren hinten zusammenlegst, wirst gleich einsehen, daß ich in meinem Recht bin. Giebsts zu oder nicht?«
Der alte Schlauberger machte ein Gesicht, wie der Fuchs, wenn er den Wolf überlistet hat. Der Baron erkannte, was er für einen Gegner vor sich habe. Er wollte eben losdonnern, als sein Diener eintrat, um zu melden, daß der Silberfritz die Kutsche nicht hergegeben habe, daß aber ein Bauer bereit gewesen sei, einen leichten Spritzwagen zur Verfügung zu stellen.
Und jetzt kam auch der Besitzer des beschädigten Fuhrwerks, um die Effecten zu bringen, welche sich in der Kutsche befunden hatten, und seinen Schadenersatz ausgezahlt zu erhalten. Vor ihm und dem Lakaien konnte der Baron nicht mit dem Sepp weiter verhandeln. Darum gebot er ihm:
»Jetzt wartest Du noch hier!«
»Meinst?« fragte der Alte lachend. »Ich bin fertig mit Dem, was ich hier zu thun habt hab, und kann also gehen.«
Der Baron blickte ihn zornig erstaunt und von oben herab an:
»Ich glaube gar, Du willst Dich mir widersetzen!« rief er aus.
»Fallt mir gar nicht ein. Widersetzen kann ich mich halt doch nur Einem, der das Recht hat, mir Befehlen zu ertheilen. Meinst etwan, daßt zu diesen gehörst?«
»Ja. Ich habe Dich engagirt.«
»Aberst ich bin noch nicht bei Dir antreten, das darfst nicht vergessen. Wann ich jetzunder gehen will, so kannst mich gar nicht halten. Aberst doch bin ich erbötig, noch da zu bleiben, doch darfst mirs ja nicht befehlen, sonst geh ich sogleich fort.«
Er stand auf und griff nach Hut, Rucksack und Bergstock, den drei Gegenständen, welche von ihm so unzertrennlich waren. Das brachte den Baron, in eine große Verlegenheit. Er wollte sich vor den Anderen nicht blamiren und doch konnte er es mit dem Sepp auch nicht verderben, weil dieser im Besitze so wichtiger Geheimnisse war. Er that also, als ob er die Worte des Alten gar nicht gehört habe. Dieser aber, als er sah, daß der Baron sich zu dem Besitzer der Kutsche wandte, schritt nach der Thür.
»Behüts Gott alle mit nander!« sagte er grüßend und öffnete die Thür, um die Stube zu verlassen.
Jetzt mußte der Baron wohl oder übel Etwas thun, was er unter anderen Umständen auf keinen Fall gethan hätte.
»Halt!« sagte er. »Bleib doch da!«
Der Sepp wendete sich langsam um und fragte:
»Ist das etwan ein Befehl?«
»Nein.«
Aber damit begnügte sich der Alte keineswegs. Er wollte absolut gebeten sein. Darum erkundigte er sich weiter:
»Was ists dann, wann es kein Befehl ist?«
»Es ist ein Wunsch von mir,« knirschte der Baron.
»Also eine Bitte wohl?«
»Ja, zum Teufel!«
»Na,« lachte der Sepp, »wannst mich so schön bitten kannst, so will ich halt hier bleiben. Aberst ein Wenig schnell machen mußt, denn ich hab mehr zu thun und keine Zeit zu verlieren.«
Der Baron wurde vor Aerger und Scham blutroth im Gesicht und machte möglich schnell sein Geschäft mit dem Fuhrwerksbesitzer ab. Das kam diesem Fuhrwerksbesitzer aber sehr zu statten, denn der adelige Herr zahlte, um ihn nur los zu werden, ohne allen Anstand die geforderte Entschädigungssumme. Dann ging der Mann.
Indessen war der Hohenwalder Bauer mit seinem Korbwagen gekommen und hielt draußen vor dem Gasthofe. Der Baron gab dem Lakaien den Befehl, die Effecten hinauszuschaffen und dann draußen auf ihn zu warten. Als er sich nun mit dem Sepp allein befand, wendete er sich an diesen:
»Du scheinst ein sehr obstinater Mensch zu sein!«
»Ja, hochdelicat bin ich stets gewest; da hast schon sehr Recht. Wann ich Einem einen Gefallen erweisen kann, so thu ichs immer gar zu gern, aberst höflich muß man mir kommen, sonst ists gefehlt. Das mußt Dir merken!«
»Oho, wenn Du in meinen Dienst getreten bist, so ist die Reihe, höflich zu sein, an Dir!«
»Ja, wannst fein mit mir bist, so solls gar nicht dran fehlen. Wannst aber so von oben herab kommst, wie vorhin, so komm ich halt von unten heraufi und in dera Mitten treffen wir zusammen. Wer nachher den dicksten Kopf hat, der hälts am Allerlängsten aus und ich glaub, das wird wohl dera Wurzelseppen sein.«
»Darauf wollen wir es ankommen lassen. Jetzt sollst Du sehen, daß ich höflich sein kann. Das Draufgeld hast Du erhalten und es ist also Deine Pflicht, auf meinen Vortheil zu sehen, obgleich Du noch nicht bei mir angetreten bist. Ich bitte Dich also, mir zu sagen, wo die vormalige Bertha Hiller sich gegenwärtig befindet.«
»Wie ich Dir bereits sagt hab, ganz auf dera Erden.«
»Alle Teufel! Sei doch nicht so dickköpfig. Wenn Du mir Auskunft ertheilst, soll es mir auf eine Extragratification nicht ankommen.«
Der Alte lächelte ihm schlau ins Gesicht.
»So, also eine Grafiticationen soll ich auch haben? Das ist gar schön von Dir! Das kann mir gefallen. Wie viel willst denn zahlen?«
»Das wird sich ganz nach dem Werthe richten, welchen Deine Mittheilung für mich hat.«
»So! Da fangst die Sach bei dera falschen Seiten, an, mein liebern Herr Baron. Es ist vielmehr so, daß ich mich mit meiner Mitteilungen ganz nach dem Geldl richten werd, wast mir geben willst.«
»Schlaukopf! Du willst mich betrügen! Ich soll Dich bezahlen, und nachher wird es sich herausstellen, daß Du gar nichts weißt.«
»Du, da kennst den Wurzelseppen schlecht! Wannst überhaupt denkst, daß ich nix weiß, so kannst mich ja ruhig sitzen lassen und lieber weiter fahren.«
Der Baron ging zögernd in der Stube auf und ab. Er war überzeugt, dem Sepp nicht an Schlauheit gewachsen zu sein, oder er hatte doch wenigstens das Gefühl, sich ganz in dessen Händen zu befinden. Darum fragte er endlich, zögernd sondirend:
»Wie ists mit zehn Mark?«
»Dafür verkauf ich nicht mal da meinen alten Hut.«
»Aber fünfzehn?«
»Das ist schon etwas mehr, aberst nicht genug.«
»Nun, so wollen wir zwanzig sagen. Aber mehr gebe ich auf keinen Fall.«
»So? Na, wannst wirklich nicht mehr geben willst, so muß ich damit zufrieden sein.«
»Du bist also einverstanden?«
»Ja, gern sogar. Zwanzig Markerln sind für Unsereinen schon ein hübsches Geldl.«
»So antworte also!«
Der Sepp machte ein sehr erstauntes Gesicht, kratzte sich verlegen hinter dem Ohre und antwortete:
»Du, so ists halt nicht gemeint gewest. Ich geb meine Geheimnissen nicht so wohlfeil her. Wann ichs sagt hab und Du behältst die zwanzig Markerln, so kann ich nix machen und Du lachst mich aus.«
Der Baron zeigte eine Miene, welcher man es fast deutlich ansah, daß er wirklich vorgehabt hatte, den Alten zu übervortheilen. Er wollte die Antwort desselben hören und ihm dann nichts bezahlen. Als er sich bei diesem geheimen Gedanken ertappt sah, versteckte er seine Verlegenheit hinter einem gut gespielten Zorn und sagte:
»Ich werde Dich sofort bezahlen.«
»Das will ich ja auch. Sofort, das heißt gleich jetzt. Nachhero sag ich Dir auch, wast wissen willst. Änderst aber mach ich es nicht.«
»Du bist ein Hartkopf, wie ich noch keinen gefunden hab!«
»Und Du ein Schlaukopf, vor dem man sich in Acht zu nehmen hat. Also zahlst oder nicht?«
Der Baron zog seine Börse, legte ein Zwanzigmarkstück auf den Tisch und antwortete:
»Hier ist das Geld. Also wo befindet sich jetzt die Bertha Hiller?«
Der Sepp nahm das Geld schmunzelnd weg, zog den alten Beutel, ließ es in demselben verschwinden, steckte ihn langsam wieder in die Tasche und antwortete:
»Das kann ich Dir nun ganz genau sagen: Drüben in Oesterreich ist sie jetzunder. Da wohnt sie bereits seit langer Zeiten.«
Der Baron machte ein höchst enttäuschtes Gesicht.
»Aber wo da?« fragte er.
»Ich glaube es ist eine Stadt, in der sie wohnt.«
»Wie heißt dieselbe?«
»Hm! Wann ich mich nicht irren thu, so muß dies auf dera Landkarten zu lesen sein.«
Jetzt erkannte der Baron, daß er abermals überlistet worden war.
»Hundsfott!« rief er aus. »Wenn Du mich betrügen willst, so kommst Du an den Unrechten.«
»Betrügen? Was denkst von mir! Ich bin der allerehrlichst Kerlen im ganzen deutschen Reich. Ich hab Dir sagt, wo sie sich befindet und Du hast dafür zahlt. Dera Handel ist also ganz ehrlich von uns abgeschlossen worden.«
»Ich will aber den Namen der Stadt wissen.«
»Ach so! Ja, das hättst vorher sagen sollt. Das hab ich mir ja gar nicht denkt.«
»Nun, jetzt weißt Du es. So antworte also!«
»Verteuxeli! Jetzt verstehst mich falsch. Für zwanzig Markerln kann ich Dir nur das Land sagen, aberst die Stadt nicht auch. Die kostet halt schon mehr, viel mehr.«
»Tod und Teufel! Jetzt sehe ich ein, daß ich es mit einem Betrüger zu thun habe!«
»Du,« warnte der Sepp, »hier wird nicht geschumpfen. Ich betrüg Dich nicht. Ich hab die Wahrheit sagt, daß ich von Dir und dera Bertha Hillern mehr weiß, alst denkst und ahnst. Aberst für so ein Lumpengeld kann ich so wichtige Geheimnissen nicht verkaufen.«
»So! Dann bist Du zwar kein Betrüger, aber etwas noch viel Schlimmeres, nämlich ein wahrer Gurgelabschneider, der das, was er weiß, so theuer wie möglich verkaufen will.«
»Das thut halt ein jedern Geschäftsmann. Vom Verdienst muß man doch leben. Und wannst nicht bessern zahlen willst, so kannst eben auch nicht Alles derfahren. Du hast sagt, daßt nur zwanzig Markerln geben kannst, und ich sag Dir drauf, daß ich Dir für so ein Geldl nur das Land nennen kann, weitern nix. Jetzt sind wir quitt und fertig.«
Er erhob sich von dem Stuhle, auf den er sich wieder niedergesetzt hatte, und griff wieder zu seinen Sachen, um zu gehen.
»Halt, bleib noch einen Augenblick!« forderte ihn der Baron auf. »Wie viel willst Du für Alles haben, was Du weißt?«
Der Sepp legte bedenklich den Kopf auf die Seite und antwortet!:
»Du ich weiß halt sehr viel!«
»Das heißt. Du verlangst auch viel?«
»Ja, hasts derrathen.«
»Du willst also die Henne rupfen, weil Du sie in den Händen hast!«
»Kannst sie etwan rupfen, wann sie fort ist?« lachte der Schlaue.
Der Baron kniff die Augen zusammen und dachte eine Weile nach. Dann sagte er:
»Verstehe mich wohl! Wenn ich verlange, daß Du mir Deine Geheimnisse mittheilst, so verlange ich ebenso, daß sie nachher mein Eigenthum sind und nicht mehr das Deinige.«
»Ja, ich bin bereit dazu.«
»Du hast Dich also dann ganz so zu verhalten, als ob Du gar nichts mehr von mir wissest.«
»Schön! Zahl nur gut, dann hab ich sogleich Alles vergessen.«
»Gut. Du weißt also wirklich, wo sie sich befindet, und Du kennst ihre ganzen Verhältnisse?«
»Ja, ganz genau. Und dazu weiß ich auch, wo sich Dein Sohn befindet und kenn auch seine Verhältnissen ganz genau.«
»Mein Sohn? Verdammt! Wissen Beide, wer ich bin, das heißt, wer der damalige Curt von Walther eigentlich ist?«
»Nein. Sie haben keine Ahnung davon.«
»Und Du wirst es ihnen auch nicht verrathen!«
»Jetzt bin ich ganz bereit dazu, es ihnen zu sagen. Aberst nachdemt mich zahlt hast, werd ich ihnen kein Wort davon sagen.«
»Kannst Du darauf schwören?«
»Ja, und dera Wurzelsepp hat noch niemals sein Wort brochen, einen Schwur erst gar nicht.«
Er machte dabei ein so ehrliches Gesicht, daß der Baron überzeugt war, daß es ihm mit dieser Versicherung wirklich ernst sei. Darum forderte er ihn nun auf:
»So sage, welchen Preis Du von mir verlangst.«
Der Sepp zuckte die Achsel.
»Du, das ist eine böse Geschichten. Am Liebsten verlang ich gar nix. Sag selbsten, wast geben kannst!«
»Gut! Ich habe keine Zeit, mich länger mit Dir hier herum zu streiten. Ich gebe Dir Alles in Allem hundert Mark.«
»Hundert Mark! Bist des Teuxels!« meinte der Alte im Tone des größten Erstaunens.
»Nicht wahr, es ist das sehr viel?«
»Sehr viel? Auch noch! Na, kannst etwan gar nicht rechnen? Wann ich jetzt der Bertha und Deinem Sohn sag, wo sie seinen Vatern finden werden, so mußt für alle Beid ganz standesgemäß sorgen. Das kostet ein großes Geldl und packt Dich auch bei dera Ehren an. Wann ich aberst nix sag, so dersparst das Alles. Und dafür bietest Hunderl Markerln blos? Ja, Du bist auch ein Gescheidter!«
»Mensch! Hundert Mark sind für Dich ja ein Vermögen.«
»Meinst? Und wann ich zu denen Beiden geh und ihnen sag, daß ich Dich funden hab, was werdens mir wohl dann bieten? Tausend Markerln und noch mehr!«
Das sah der Baron freilich auch ein. Aber er hatte doch noch einen Einwand:
»Sie bezahlen Dich nur einmal; bei mir aber trittst Du in Dienst. Du findest also außer dem Geld eine lebenslängliche Versorgung bei mir.«
»Du, laß mich aus mit derjenigen Versorgungen. Wir passen nicht für eine lange Zeiten zu nander. Du thätst mich bereits nach einigen Tagen wiedern fortjagen, und weil ich ein ehrlicher Kerlen bin, der sein Wort, was er einmal geben hat, niemals brechen thut, so hätt ich die lumpigen hundert Markerln und weiter nix; denn ich könnt mein Geheimnissen doch nicht wiedern in Anwendung bringen, weils doch nicht mehr mein Eigenthum wär. Nein, so wird nix daraus! Für diesen Preis mach ich nicht mit.«
»Für wie viel sonst?«
»Geh nur selberst höher!«
»So will ich noch ein Wort sagen; aber es ist mein letztes. Ich gebe Dir zweihundert Mark.«
»So, das ist Dein letztes Wort? Nun, ich sag da halt gar nix, denn dazu hab ich kein Worten mehr. Adjeh, Herr Baronen. Behüt Dich dera Himmel! In nächster Zeiten wirst Besuch erhalten.«
»Was für welchen?«
»Von Deinem Sohn und seiner Muttern. Nachhero wirst einsehen, wie gut es wär, wannst mir mehr geboten hättst. Aberst des Menschen Wille ist sein Pflaumenkuchen. Je mehr Zuckern man dazu thut, desto bessern wird er schmecken.«
Er warf den Sack über, stülpte den Hut auf den Kopf, ergriff den Stock und schritt abermals nach der Thür. Der Baron stieß einen grimmigen, aber unterdrückten Fluch aus. Es war ihm unendlich ärgerlich und noch viel, viel mehr als nur ärgerlich, sich in den Händen dieses Mannes zu befinden.
»Mensch!« sagte er, »muß denn allemal sogleich fortgerannt werden. So bleib doch, wir sind ja noch gar nicht miteinander fertig!«
Der Sepp wandte sich um und antwortete:
»Du, von Dir laß ich mich nicht an dera Nasen herumführen. Wann ich nun wiedern gehen will, so geh ich auch. Darauf kannst Dich halt verlassen. Du hast sagt, daßt Dein letztes Wort sprochen hast, und da ich diesen Preis nicht mitmachen kann, so lauf ich halt davon. Was soll ich bleiben, wann mein Bleiben keinen Nutzen für mich hat!«
Dem Baron war noch niemals in dieser Weise zugesetzt worden.
»Himmeldonnerwetter!« fluchte er. »Du mußt aber auch bedenken, wer ich bin und wer Du bist!«
»Das thu ich ja auch!«
»Oho!«
»Ja. Ich bin ein ehrlicher Kerlen, der noch niemals ein Dirndl verführt und nachhero sein Kind verleugnet hat. Das ist dera Unterschieden zwischen uns!«
Jetzt wurde der Baron im Ernst zornig. Er dachte gar nicht daran, daß die Wirthin seine Worte hören müsse. Bisher hatte er mit unterdrückter Stimme gesprochen. Nun aber rief er laut:
»Vergiß nicht, daß ich ein Baron bin!«
»Daß weiß ich sehr gut.«
»Von altem Adel, angesehen bei Hofe, eine bedeutende diplomatische Stelle bekleidend!«
Da stellte sich der Sepp in Positur und antwortete halblaut:
»Du, mein liebern Herr Baronen, thu mir den Gefallen und blas Dich nicht so aufi! Du könntest leicht ausnander platzen, und nachhero bring ich Dich nicht wiedern zusammen. Ein Mann wie Du kann nimmer eine große Stellen bei Hof haben. Davon versteht dera Wurzelseppen schon auch noch was, obsts gleich vielleichten nicht denkst. Ja, drüben in Steinegg, wo Du jetzunder das Schloß kauft hast, da ists verbreitet worden, daßt ein gar großer Herren sein magst. Ich aberst glaubs nicht. Wer sein Kind verleugnet, dem giebt dera Herrgott nicht das Glück aus so voller Hand. Verstanden!«
Der adelige Herr stand ganz starr. So Etwas hatte noch kein Mensch gewagt. Und der alte, kluge Sepp hatte die Wahrheit getroffen. Es giebt in jedem Stand Schmarotzer, und der Baron gehörte zu dieser Sorte von Menschen. In intimeren Kreisen sprach man davon, wenn man es ihm auch nicht in das Gesicht sagte. Es gab in seiner Vergangenheit dunkle Punkte, welche ihre Schatten bis herein in die Gegenwart warfen. Er sah und empfand diese Schatten, welche sich je länger desto mehr bemerkbar machten, und das war ja eben der einzige Grund, daß seine Tochter zu ihrer Freundin hatte sagen können, daß er jetzt so oft verstimmt sei und ein inneres Leiden zu verbergen scheine.
Am Liebsten hätte er den Sepp mit der Faust zu Boden geschlagen; aber durfte er das? Ueberlisten konnte er den Alten, aber sich mit ihm in offene Feindschaft zu setzen, das war keineswegs gerathen. Wenn der Alte das, was er wußte, an geeigneter Stelle mittheilte, so war dem Baron der Zutritt in den Kreisen, in denen er so wie so jetzt nur geduldet wurde, zur vollen Unmöglichkeit geworden. Darum gab er sich jetzt die größte Mühe, seinen Grimm zu verbergen, und antwortete unter einem erzwungenen, mitleidigen Lachen:
»Du bist ein Wurzelhändler! Pah! Du kannst mich also nicht beleidigen. Machen wir die Sache nun in aller Schnelligkeit ab. Wieviel verlangst Du?«
»Geh nur immer noch höhern hinaufi!«
»Nein. Ich thue kein Gebot mehr. Sage das Deinige; dann werd ich ja wissen, ob ich darauf eingehen kann.«
»Nun gut, so will auch ichs kurz machen. Gieb mir fünfhundert Markerln, so sind wir fertig.«
Der Baron kreuzte die Arme über die Brust und blickte ihm einige Zeit scharf in das runzelvolle Gesicht. Er wußte recht wohl, daß diese Summe eine sehr niedrige sei. Ein ›Gurgelabschneider‹ hätte viel besser auf seinen Vortheil gesehen. Freilich war die Hauptfrage, ob der Alte dann auch wirklich sein Wort halten werde.
»Fünfhundert Mark! Eine riesige Summe!« sagte der Baron halblaut vor sich hin.
»Eine Kleinigkeiten für Dich!«
»Ich würde sie vielleicht geben.«
»Vielleicht? Du, mit einem Vielleicht fangst bei mir gar nix an. Ich geh keinen Pfennig herab, und wannst jetzund nicht Ja sagst, so sind wir fertig, und ich spazier von dannen.«
»Nun gut, ich will es bezahlen.«
»Schön! Jetzt endlich wirst gescheidt!«
»Schweig, und unterlaß diese Art von Bemerkungen! Wenn ich aber dieses viele Geld bezahle, so muß ich auch überzeugt sein, daß Du schweigst!«
»Darauf kannst Dich verlassen.«
»Ich verlange, daß Du zu keinem Menschen davon sprichst; verstanden? Zu keinem!«
»Ja. Sobald ich das Geldl in dera Taschen hab, ist kein Gedank mehr daran, daß ich Dich verrathen werd.«
»So sind wir also einig!«
»Ja. Aberst nun zahl auch aus!«
»Das geht nicht sogleich. Fünfhundert Mark habe ich nicht baar bei mir. Ich trage nur das zur Reise nöthige Geld in meiner Tasche und kann Dich also erst in Steinegg bezahlen.«
»Ach so! Also sind wir doch noch nicht einig.«
»Gewiß sind wir einig. Du brauchst ja nur nach Steinegg zu kommen. Du mußt ja überhaupt und auf alle Fälle dort eintreffen, weil ich Dich als Parkwächter engagirt habe.«
»Ja, das ist wohl richtig; auf monatliche Kündigung, um mich bald wiedern fortjagen zu können.«
»Nein. Du findest bei mir Deinen sichern und lebenslänglichen Unterhalt.«
Trotz dieser Versicherung war er innerlich gewillt, sich seiner möglichst schnell zu entledigen. Der Sepp dachte sich das, nickte ihm aber sehr zutraulich zu und sagte:
»Ja, wanns das ist, so wirst schon einen sehr treuen Dienern an mir haben. Also morgen oder übermorgen werd ich bei Dir antreten.«
»Komm so bald wie möglich! Aber, nun Du siehst, daß ich auf alle Deine Bedingungen eingehe, könntest Du mir wenigstens Etwas sagen, wenn Du mir auch nicht Alles mittheilst.«
Der Sepp stand noch mitten in der Stube, zum Gehen bereit, denn er hatte seine Sachen nicht wieder abgelegt. Er antwortete sehr freundlich:
»Ja, Etwas könnt ich Dir schon sagen; viel aberst wirds nicht sein.«
»Nun, was?«
Der Alte trat ihm näher und fragte vertraulich:
»Was thätst denn am Allerliebsten wissen?«
»Wo mein Sohn sich jetzt befindet.«
»Und das soll die reine Wahrheiten sein?«
»Ja.«
»Nun, so will ichs Dir auch sagen.«
Er hielt die Hand vor den Mund, näherte denselben dem Ohre des Barons und flüsterte ihm zu:
»Grad jetzt ist er beim König und wird mit ihm eine große Pfannen mit Dampfnudeln aufiessen.«
Der Baron trat zurück und blickte ihn starr an.
»So ist er bei Hofe?« fragte er.
»O nein. Er ist nur ein geringer Bub.«
»Und wird mit Eurem König speisen?«
»Ja,« lachte der Sepp am ganzen Gesicht.
»Mensch! Willst Du mich zum Narren haben! Glaubst Du, ich bin Dein dummer Junge!«
»Na, na, nur immer hübsch sacht, Herr Baronen! Du hast die Wahrheiten verlangt, und ich hab sie Dir sagt. Obsts glauben willst, das ist halt Deine Sachen. Ich aberst zank mich nicht mit Dir herumi. In Steineggen sehen wir uns wiedern. Leb wohl!«
Er ging so schnell zur Thür hinaus, daß der Baron gar keine Zeit fand, ihn zurückzuhalten.
»Verfluchter Kerl!« zürnte er. »Mir so eine Finte anzuhängen, nachdem er überzeugt sein konnte, daß ich ihn bezahlen werde! Na, komm nur erst zu mir in Dienst! Dann wird es sich finden, wer der Herr ist und wer der Knecht!«
Er ging hinaus, ohne nöthig zu haben, eine Zeche zu bezahlen. Der Lakai hatte den Preis der Fuhre mit dem Bauer vereinbart; so konnte der Baron also einsteigen und fort fahren, ohne sich mit dem Letzteren verabreden zu müssen. Er ahnte freilich nicht, wie nahe er grad jetzt den beiden Personen sei, mit denen sich in diesem Augenblicke alle seine Gedanken beschäftigten.
Der Sepp aber wanderte wohlgemuth über die Wiesen dahin, der Mühle zu. Er befand sich in der allerbesten Laune. Als er von weitem den Wagen erblickte, welcher nach der Brücke lenkte, über die der Weg nach Steinegg führte, schlug er nach dieser Richtung hin ein Schnippchen und brummte:
»Das wird auch ein Gespaßen sein! Zwanzig Markerln hab ich auf den Dienst, zwanzig bereits für mein Geheimnissen, und fünfhundert bekomm ich noch auch. Wurzelsepp, was kannst damit den armen Leutln Gutes thun! Wann ich den Baronen einige Goldstuckerln mit Listen aus dera Taschen zieh, so ist das ganz gewiß keine Sünden. Er hat noch eine ganz andere Straf verdient. Also bald bin ich gar ein herrschaftlicher Parkaufsehern! Man sollt gar nimmer glauben, wie weits dera Mensch noch bringen kann. Aberst lange Zeiten wird diese Herrlichkeiten freilich nicht währen.«
In einiger Entfernung von der Mühle, da wo der Weg am Wasser hinführte, begegnete ihm Anna, die Frau des Finkenheiner. Sie wollte, als sie ihn erblickte, zwischen die Büsche treten; er aber rief ihr freundlich zu:
»Vor mir brauchst Dich halt nicht zu verstecken. Warum bleibst nicht in dera Mühlen?«
»Ich kann doch nicht bleiben,« antwortete sie. »Es giebt dort so viele Leuten jetzt, und ich will mich noch nicht sehen lassen.«
»Wo gehst dann jetzunder hin?«
»Zunächst nach dem Gasthofe zu dem Künstler, um ihn über meinen Verbleib zu beruhigen. Nachher aber gehe ich zu meinem Sohne. Der arme Bub würde sonst ganz allein sein, weil der Heiner auch noch nach dera Mühlen kommt. Er hat für den Herrn Ludewigen nach dera Stadt mußt.«
»So geh in Gottes Namen, Anna. Ich wünsch Dirs gern, daß noch Alles gut werden mag!«
Bei diesen Worten drangen ihr sofort die Thränen aus den Augen.
»Ach, Sepp,« sagte sie weinend, »ich bins halt gar nicht werth, daß der Heiner mich so sehr gut aufgenommen und mir verziehen hat!«
»Ja, leichtsinnig bist freilich gewest, und Deine Strafen hast auch erhalten. Nun kann ja Alles noch ganz gut werden.«
Sie faltete die Hände und klagte:
»Das ist ja fast unmöglich.«
»Beim Herrgott ist Alles möglich. Und so schwer ist das, was Dir wünschest, denn doch nicht.«
»Und doch! Schwerer alst Dir denken kannst.«
»So muß es wohl einen Grund geben, den ich noch nicht kennen thu.«
»Zwei giebts. Der erste ist, daß ich mich so gar gewaltig schäm, mich hier vor denen Leutln wiedern sehen zu lassen.«
»Da geb ich Dir freilich nicht Unrecht. Hier giebts Erinnerungen, die das Glück immerst wieder stören würden. Ihr müßt also von hier fort.«
»Aber wohin!«
»Das wird sich wohl schon finden lassen.«
»Wir sind ja so sehr arm, und zum Fortziehen gehört allemal ein Geld.«
»Ja freilich. Aber ich werd das mal mit Euch überlegen, und es müßt grad mit dem Teuxel zugehen, wann wir da nicht Rath schaffen könnten.«
»Das wolltst thun? Wirklich, Sepp?«
»Herzensgern. Dein Mann, dera Heiner, ist ja mein Spezi. Für den werd ich doch meinen alten Kopf noch mal richtig anstrengen dürfen.«
»Du Guter! Er hat mir freilich auch schon derzählt, was für ein gutern Freund Du von ihm bist. Aber arm bist doch auch grad wie wir.«
»Es kann auch ein armer Schlucker mal einen Rath oder einen Gedanken haben, der ein Geldl werth ist. Laß mich nur nachdenken. Wann ich nur erst mal so richtig im Ueberlegen bin, nachhero kommen gar prächtige Gedanken. Aber Du hast noch von einem zweiten Hinderniß sprachen?«
»Das ist dera Signor Bandolini, mit welchem ich hierher gekommen bin.«
»Na, der kann doch grad nix dagegen haben, wannt hierbleiben willst!«
»Grad sehr viel. Er hat bis heut noch immer denkt, daß ich seine Frau werden soll.«
»Donnerwettern! Das glaub ich dem Kerlen sogleich und auch gern.«
Er ließ seinen Blick über ihre stattliche Gestalt schweifen. Es fehlte ihr nur kurze Zeit des Glückes, um die Spuren der Leiden und Entbehrungen aus ihrem bleichen Gesicht verschwinden zu lassen. Sie erröthete, als sie diesen Blick des Alten bemerkte.
»Hast Dich ihm denn versprochen?« fragte er.
»Ich habe ihm niemals eine bestimmte Zusagen geben.«
»Das ist gut. Aberst warum bist dann eigentlich mit ihm in dera Welt herumzogen?«
»Um mich an dem Silberbauer durch ihn zu rächen. Der Signor ist doch eigentlich ein Zigeuner und kennt einige Geheimnisse des Bauern sehr genau.«
»Sinds Schlechtigkeiten, die er kennt?«
»Ja.«
»Ah! So hat er sich doch eigentlich mit schuldig macht. Er hätts anzeigen mußt. Ists nicht so?«
»Recht magst da haben, Sepp.«
»Nun, schau, so brauchst vor ihm gar keine Aengsten zu haben. Ich werd zu ihm gehen und mit ihm sprechen, und es müßt sehr zu widern kommen, wann ich nicht mit ihm einig werden thät. Uebrigens giebts auch noch zwei Andre, von denen Du eine Hilfen derwarten kannst.«
»So weiß ich freilich nicht, went meinst.«
»Der Eine ist dera Herr Schulmeistern und der Andere dera Herr Ludwigen. Weißt, das sind zwei Kerlen, die haben schon Haaren auf denen Zähnen. Ich werd mit ihnen reden, und wann ich Dich wiedern treff, so glaub ich, daß ich Dir einen guten Trost sagen kann. Jetzt nun geh, Anna, und schau Deinem Buben recht ins Aug hinein. Nix kann einer Muttern mehr Zuversicht und Muth geben, als wanns sich ihn aus dem Aug des Kindes holt.«
Er gab ihr die Hand. Sie zog das Tuch weit ins Gedicht herein, um von etwaigen Begegnenden nicht erkannt zu werden, und war bedacht, auf Umwegen in den Hof und in die Scheune des Gasthofes zu gelangen. Der Sepp setzte, in sehr ernste Gedanken versunken, seinen Weg fort.
An der Mühle traf er mit dem Heiner zusammen, welcher von der andern Seite herbeikam. Er war von der Stadt aus gradwegs durch den Wald gegangen, um Herrn Ludwig eher melden zu können, daß er die Depesche aufgegeben habe.
Als die Beiden in die Mühle und dann in die Stube traten, saßen die Andern bereits an mehreren Tischen, welche zusammengeschoben worden waren. Die Fenster waren geöffnet, damit die würzigkräftige Waldesluft hereindringen könne, und der Raum erglänzte von einer Sauberkeit, welche man in den meisten Mühlen vergebens suchen würde.
Soeben trat die alte Barbara herein, mit einer ungeheuren braunen, irdenen Schüssel in den fetten Händen. Ihr Gesicht glühte vor Anstrengung und Entzücken, einmal solche Gäste bei sich versammelt zu sehen.
»Wo bleibst aber doch nur, Sepp!« zürnte sie scheinbar, die Schüssel auf den Tisch setzend. »Wann man auf Euch warten wollt, so würd das ganze, schöne Zumittagsdineh über dem Feuern verderben. Ihr Mannsbildern wißt gar nicht, was so ein Essen zu bedeuten hat, wanns nachher gut schmecken soll!«
»O, das weiß ich schon bereits. Und daßt eine ganz besonderbar gute Köchinnen bist, das weiß ich auch. Grad dieserthalben will ich Dich ja noch heirathen, obgleichst schon längst zum alten Registern gehörst.«
Da stemmte sie die Hände in die Seiten und fragte:
»Du, nun sag doch Du mal, wannt eigentlich geboren bist! Das ist seit so uralten Zeiten her, daßts schon gar selber nicht mehr weißt.«
»Hast Recht. Aberst wann wir nur erst Mann und Frau sind, nachhero werden wir wieder jung. Was hast denn da in dera Schüsseln?«
»Forellen sinds.«
»O Jegerl! Das ist grad heut meine Leibspeisen.«
»So! Hast wohl alle Tag eine andre?«
»Ja, denn grad allemal das, was ich bekomm, das eß ich gern. Da werd ich mich gleich hersetzen.«
Während dieses kleinen Wortgefechtes war der Heiner zu dem vermeintlichen Herrn Ludwig getreten und hatte ihm eine ganze Reihe von Gold- und Silberstücken auf den Tisch gezählt.
»Was soll das?« fragte der König lächelnd.
»Ja, das fragens mich nun!« antwortete der Heiner, indem er eine hochwichtige Miene zog. »Habens denn schon eigentlich mal eine Telegrafendelepeschen fortschickt?«
»Ja.«
»Und habens sich nicht merkt, was eine kosten thut! Na, das sollt man kaum denken! Die Gesichtern hättens sehen sollt, welche die Leut drin machten auf dera Depeschereien, als ich das viele Geldl aufizählen that. Wie viel glaubens wohl, was das Zeug kostet hat?«
»Nun?«
»Zwei Mark Fünfundzwanzig.«
»Das ist freilich billig!« sagte der König, indem er sich sehr erstaunt zeigte.
»Ja. Drinnen im München ists wohl theurer als hier bei uns. Bei uns ist eben grad Alles viel billigern als in so einer Stadt, sogar das Telegrafisterium. Ich hab noch keine Depeschen aufigeben. Darum hab ich fragt, wie schnell es geht.«
»So! Was hat man geantwortet?«
»So schnell, daß ichs gar nicht derlaufen kann.«
»Ja, das ist freilich wahr.«
»Aberst ich möchts doch wohl nicht glauben.«
»Warum?«
»Nun, dera Kerlen mit dera Uniformen hat das Blatt lesen und nachhero zu mir sagt, ich soll nur schnell heimilaufen, dann war dera Herr aus München wohl bereits schon da.«
»Da hat er wohl nur Scherz gemacht.«
»Nein, er hat ein gar ernsthafts Gesicht macht.«
»So, so! Ja. schnell ists freilich gegangen. Ich Hab nach München telegraphirt nach einem Arzt, welcher kommen soll, um den Balzerbauer und auch den Elephantenhanns zu untersuchen – – –«
»Jesses! Meinen Hanns auch mit! Wie gut Sie halt sind, Herr Ludewigen!«
»Nun, der Arzt ist schon angekommen. Hier sitzt er neben mir.«
Er zeigte auf den Medicinalrath. Der Heiner sperrte den Mund auf und starrte den Letzteren sprachlos an. Die Barbara schlug die Hände zusammen, daß es klatschte und rief:
»Schon aus dem München da! Wann das Depescherl erst vorhin fort ist! O jerum, das ist ja ein ganz blaugraues Wundern!«
»Drum!« rief der Heiner. »Drum!«
»Was hast mit Deinem Drum?« fragte der Sepp.
»Drum!« antwortete der Heiner, noch immer ganz starr dastehend und kein Auge von dem Medicinalrath verwendend. »Drum! Drum!«
»Na, was denn? So sags doch nur!«
»Drum hat dera Uniformerirte zu mir sagt, daß ichs gar nicht derlaufen könnt. Dera Doctorn ist auf dem Draht eher herlaufen aus München als ich aus dera Stadt! Nein, so was! Und das kostet halt nur zwei Markerln und Fünfundzwanzig! Sollt mans denken!«
»Ja,« fiel die Barbara ein. »Wann mans nicht so selberst sehen thät, so könnt mans gar nimmer für möglich halten. Jetzund, wann ich mal nach dem München will, so laß ich mich hin telegraferiren. Das geht schnell, und ich glaub, daß man da auch von den Wagenrollen keinen Ohrzwang bekommt. Ich hab die Eisenbahnen niemals gut vertragen könnt.«
Der Heiner schüttelte noch immer den Kopf.
»Drum! Drum! Ja darum!« sagte er in Einem fort.
»Ja, darum!« lachte der König. »Darum sollte es eigentlich mehr kosten als zwei Mark Fünfundzwanzig. Und weil ich das Geld einmal dazu bestimmt hatte, so kann ich es doch unmöglich zurücknehmen. Hier ist es also.«
Er schob es dem Heiner hin. Dieser blickte jetzt ihn noch verwunderter an als vorher den Medicinalrath.
»Was ists mit dem Geldl?« fragte er.
»Ich mags nicht wieder.«
»Was! Nicht wieder! Was sollte sonst damit geschehen? Ich kanns doch nicht behalten!«
»Warum nicht? Ich nehme es auf keinen Fall wieder. Es mag also das Botenlohn sein.«
»Herrgott!« rief er, tief aufathmend. »Das sind doch fast an die hundert Markerln!«
»Nur immer zugegriffen!«
Der König schob es zusammen und gab es dem Heiner in die Hand. Dieser konnte es noch immer nicht glauben.
»Ists wahr?« fragte er.
»Dummkopf! Stecks doch ein!« rief ihm der Sepp zu. »Was dera Herr Ludwigen einmal verschenkt, das nimmt er halt nicht wiedern.«
»Du, Sepp!« warnte der Heiner im ernsten Tone. »Du bist mein Spezi und hast mich noch niemals belogen. Wann Du also sogst, daß es mein sei, so behalt ichs auch. Wanns nachhero anderst wird, so kannsts halt auspatschen!«
»Das will ich schon. Stecks nur eini in die Taschen!«
Noch einen forschenden Blick warf der Heiner auf den König, und als dieser ihm ermunternd zunickte, so that er einen Luftsprung, daß er mit dem Kopf an die Decke stieß, und rief jubelnd:
»Hurrjesses! Ist das eine Freuden! Dank schön! Dank schön! Das giebt ein dulci jubilo, wie ich noch keins derlebt hab!«
Er ergriff die Hand des Königs, um sie zu küssen, und eilte dann in die Küche.
»Liesbeth, Liesbetherl!« rief er. »Schau her, was ich für ein Geldl schenkt bekommen hab! Lautern Gold und Silbern! Jetzt kann dera Hanns auch ein besser Essen haben und Papieren zum Zeichnen und Farben zum Malen! Ich muß gleich zu ihm! Ich muß es ihm verzählen!«
Er rannte fort.
»Heiner! Heiner!« rief ihm der Sepp nach. »So bleib doch jetzund noch da! Das Essen wird kalt!«
Aber der Heiner dachte nicht an das Essen, er dachte nur daran, den kranken Sohn baldigst an seiner eigenen Freude mit Theil nehmen zu lassen.
Wenn fremde Leute sich um einen Tisch versammeln, so pflegt es zunächst etwas still und kühl herzugehen. Hier in der Mühle war es ebenso. Und außerdem wußten Einige, daß der Herr Ludwig kein Anderer als der König sei. Aus diesem Grunde hatte man sich bisher höchst vorsichtig und wortkarg verhalten. Die Jubelscene des Heiner aber brachte Leben in die Versammlung. Besonders gab der Sepp sich Mühe, den Anderen durch sein eigenes Beispiel zu beweisen, daß der König es wünsche, daß Niemand sich Zwang anthue. Aus diesem Grunde wurde die Stimmung im Verlaufe des Mahles eine immer gehobenere.
Am Morgen war für Herrn Ludwig eine Kiste aus der Stadt angekommen. Der Sepp mußte sie öffnen und es stellte sich heraus, daß sie Weinflaschen enthielt. Der König ließ eine Anzahl derselben auf den Tisch stellen, und als nun die wenigen Gläser, welche in der Mühle vorhanden waren, zusammenklangen, da verschwand bald auch der letzte Rest von Scheu, welche man vor den beiden vornehmen Herren gehabt hatte.
Dieser Einfluß machte sich sogar auf die Bürgermeisterin geltend. Sie war eigentlich die Fremdeste hier in der Mühle. Sie hatte still neben dem Lehrer gesessen und nur mit diesem gesprochen. Die Hände der Beiden suchten und fanden sich sehr oft unter dem Tische.
Nun richtete der König wiederholt das Wort an sie. Seine Leutseligkeit öffnete ihr das Herz, und bald zeigte sie sich ebenso unbefangen wie die Anderen. Der König hatte die Absicht gehabt, einmal gute Menschen aus den niederen Kreisen des Volkes um sich zu haben, und diese Absicht war ihm gelungen.
Es ging recht eng her in der kleinen Stube. Der König, der Medicinalrath, der Pfarrer, der Lehrer, dessen Mutter, der Sepp, später kam auch der Heiner wieder. Dazu kam der Müller mit der Liesbeth und der Barbara, welche fleißig hin und her liefen, die Gäste zu bedienen – für so viele Personen wollte der Raum nicht gut ausreichen; aber das erhöhte nur die Gemüthlichkeit, welche sich nach und nach geltend machte.
Es kam unter Anderem auch auf den Elephantenhanns und sein Talent die Rede. Dabei fragte der König den Lehrer, wie viel Zeit er gebraucht habe, das Gedicht zu fertigen, über welches der Hanns das Bild zeichnen solle.
»Keine Zeit,« antwortete Walther. »Ich schrieb es nieder, indem ich es extemporirte.«
»Das sollte man kaum für möglich halten. Extemporiren Sie so leicht?«
»Ich könnte stundenlang ohne alle Anstrengung in Reimen sprechen.«
»Aber der Inhalt leidet gewöhnlich darunter.«
Walther sah vor sich nieder, richtete dann den Blick fast kühn auf den König und antwortete:
»Ich möchte niemals etwas Gewöhnliches sagen, selbst wenn ich es extemporirte.
Der König schüttelte den Kopf.
»Ist diese Behauptung nicht verwegen?« fragte er.
»Nein. Ich kenne mich.«
»Nun, so besitzen Sie ein bedeutendes Selbstbewußtsein, Herr Walther!«
Der Lehrer erröthete, entgegnete aber freimüthig:
»Ein Mann, welcher mehr von sich hält, als er darf, begeht einen großen Fehler. Einen noch größeren Fehler aber begeht Derjenige, welcher feig verschweigt, was er zu leisten vermag.«
»Wie aber nun, wenn ich Sie beim Worte halte?«
»Ich bin bereit dazu.«
»Declamiren Sie gut?«
»Vielleicht leidlich.«
»Max, Max!« flüsterte ihm seine Mutter warnend zu.
Der König hielt sein Auge ernst auf den jungen Mann gerichtet. Er schien das Innere desselben durchdringen zu wollen. Dann sagte er:
»Ich habe Ihnen mitgetheilt, daß ich Ihr Manuscript gefunden habe. Seitdem habe ich dasselbe nicht wieder erwähnt. Sie wissen nicht, welchen Eindruck es auf mich gemacht hat. Ich will auch jetzt noch darüber schweigen. Da Sie sich so sicher fühlen, möchte ich Sie beim Worte nehmen. Soll ich Ihnen eine Aufgabe ertheilen?«
»Nein, nein!« flüsterte die Bürgermeisterin dem Lehrer zu.
Sie hatte Angst. Es war ihre Absicht gewesen, leise zu sprechen, dennoch aber waren sie von Allen gehört worden. Der Lehrer antwortete ihr in herzlichem, aber bestimmtem Tone:
»Warum nicht? Ich weiß, daß ich mich nicht zu fürchten brauche.«
»Noch wissen Sie nicht, welcher Art die Aufgabe sein wird!« warnte der König.
»Verzeihung!« bat Walther. »Ich gehöre keineswegs zu den unbescheidenen, eingebildeten Menschen, deren Vergnügen es ist, überall möglichst hervorzutreten, aber ich beherrsche die Sprache, ich beherrsche den Reim, und wenn der Gegenstand, über welchen ich improvisiren soll, ein mir nicht ganz unbekannter ist, so glaube ich, es wagen zu dürfen, ohne mich ängstigen zu müssen.«
»Auch dann, wenn von dieser Improvisation vielleicht Ihr späteres Schicksal, Ihre Zukunft abhängen würde?«
Diese Frage wurde in ernstem, fast warnendem Tone ausgesprochen. Walther wechselte die Farbe. Das hatte er nicht erwartet. Seine Zukunft sollte davon abhängen? Wieso? Dennoch aber antwortete er beherzt:
»Auch dann, Herr Ludwig.«
»Aber Sie dürfen nicht erwarten, daß ich Ihnen eine sehr leichte Aufgabe ertheile!« sagte dieser. »Das Gedicht, welches ich von Ihnen gelesen habe, läßt mich vermuthen, daß Sie südliche Bilder lieben, vielleicht wie Freiligrath, eine glühende, fließende Sprache wie Ritterhaus –«
»Es ist so,« gestand Walther. »Wie der Elephantenhanns gern orientalische Bilder zeichnet, so nehme auch ich meine Sujets aus dem fernen Süden und Osten.«
»Nun, das freut mich. Ich will Ihnen Gelegenheit geben, zu zeigen, was Sie da leisten können, und –«
Er hielt inne, hielt abermals seinen Blick scharf forschend auf Max gerichtet und fuhr dann fort:
»Und ebenso sollen Sie Gelegenheit finden, Ihre sämmtlichen Anschauungen vor uns entwickeln zu können. Wollen Sie es wirklich wagen?«
»Ja.«
»Gut! Ich führe Sie nach Indien. Denken Sie sich einen indischen Tempel. An der Pforte desselben steht ein Priester Wischnu's, welcher –«
»Also ein Jogui,« bemerkte Walther.
»Ein Jogui, ja. Ich höre da, daß ich Sie auf kein Ihnen unbekanntes Feld führe. Also dieser Priester spricht zu seinen versammelten Gläubigen über die Lehren seiner Religion. Indessen kommt ein Christ, ein Missionär, und beginnt, als der Jogui geendet hat, die hohen Wahrheiten des christlichen Glaubens zu entwickeln. Der Jogui unterbricht ihn. Es beginnt zwischen Beiden ein Kampf, welcher mit der Niederlage des indischen Priesters endet. Wie gefällt Ihnen dieses Thema?«
Sein Auge war eigenthümlich gespannt auf Walther gerichtet, welcher den Blick gesenkt hielt.
»Ganz außerordentlich schwer!« meinte der Medicinalrath. »Selbst wenn ich Dichter wäre, möchte ich mich nicht an diese Aufgabe wagen, weil sie so bedeutende Kenntnisse erfordert, wie nur Wenige sie besitzen.«
Jetzt wagte auch der Pfarrer, ein Wort zu sagen:
»Eine solche Aufgabe kann nur gegeben werden, um abzuschrecken. Sie ist nicht zu lösen, wenigstens durch eine Improvisation nicht.«
Der König nickte lächelnd und schüttelte dann aber auch leise mit dem Kopfe. Jetzt blickte Walther wieder auf. Er entgegnete:
»Hochwürden haben nur halb Recht. Diese Aufgabe kann gegeben werden, entweder um einen Unfähigen sofort und gänzlich abzuschrecken, oder um die Gaben eines Anderen in das hellste Licht zu stellen.«
»Das ists, das!« stimmte der König bei. »Für welchen von Beiden halten Sie sich? Für den Begabten oder Unbegabten?«
Jetzt war es Walther, welcher seine Augen furchtlos forschend auf den König richtete. Welche Gedanken und Absichten wohnten jetzt dort unter der hohen, königlichen Stirn? In den dunklen, tiefen Augen war nichts zu lesen, weder Wohlwollen, noch Aufmunterung. Dennoch antwortete der Lehrer getrost:
»Ich gedenke jetzt des Gleichnisses von den verschiedenen Pfunden. Es soll ein Jeder mit dem seinigen wuchern. Gott gab es ihm, damit er es nach Kräften ausbilde, um möglichst viele und gute Früchte zu erzielen. Ich schäme mich nicht, zeigen zu dürfen, daß auch ein armer, einfacher Volkslehrer im Stillen nächtelang und unter vielen Entbehrungen und Anstrengungen an seiner Weiterbildung gearbeitet hat.«
»Nun wohl,« nickte der König. »Wir wollen sehen, ob Ihre Anstrengungen Früchte getragen haben und ob Sie berechtigt sind, ein solches Selbstvertrauen zu zeigen. Stellen Sie sich dort an die Wand und beginnen Sie!«
Walther erhob sich von seinem Sitze und stellte sich an den Punkt, welchen der König ihm durch einen Wink bezeichnet hatte. Sein ruhig-heiteres Angesicht zeigte keine Spur von Befangenheit oder gar ängstlicher Sorge.
»Mein Gott!« flüsterte seine Mutter, indem sie die Hände faltete. »Er ist so kühn!«
Alle hatten der kurzen Verhandlung mit Spannung gelauscht. Jetzt, als der Vortrag beginnen sollte, setzte sich ein Jedes bequem im Stuhle zurecht. Selbst die Barbara kam mit der Liesbeth aus der Küche. Beide lehnten sich an die Thür derselben, um die Improvisation anzuhören. Jeder der Anwesenden wünschte im Stillen von Herzen, daß der junge, muthige Mann die Probe bestehen möge.
»Also, anfangen!« sagte der König.
»Bitte,« fragte Walther vorher, »darf ich Bilder gebrauchen, wie sie dem indischen Character und der dortigen Scenerie angemessen sind?«
»Das müssen Sie sogar, wenn Sie wahr sein wollen. Sie können die Anschauungen eines indischen Priesters ja nicht in unsere deutschen Umschläge wickeln.«
»Das ist mir eben erwünscht.«
»Schön! Also zunächst spricht der Bramahne!«
Es herrschte eine wahre Todesstille in der kleinen Stube. Selbst diejenigen der Anwesenden, welche nicht wußten, daß der Herr oben am Tische der König sei, hatten ganz das Gefühl, daß die gegenwärtige Stunde für den Lehrer eine wichtige, wohl gar entscheidende sei.
Da erhob dieser langsam die beiden Arme zur Declamation, blickte empor, ganz in der Haltung, in welcher der Bramahne zu seinem Gotte betet, und begann:
»Steig nieder von den Heilgen Höhen,
Wo in Verborgenheit Du thronst;
Laß uns, o Bramah, laß uns sehen,
Daß Du noch immer bei uns wohnst!
Soll Deines Lichtes Sonne weichen
Jetzt von Dscholamandela's Höhn,
In Dschalawan Dein Stern erbleichen
Und im Verschwinden untergehn?
Spreng Deines Grabes Felsenhülle,
Kalidasa, steig aus der Gruft,
Und komm in alter Macht und Fülle
Zum Thuda, der Dich sehnend ruft!
Soll der Bramahne schlafen gehen,
Die Sakundala in der Hand,
Soll er den Zauber nicht verstehen,
Der ihn an Deine Schöpfung band?
Des Hymalaja mächtger Rücken
Steigt aus dem Wolkensaum hervor,
Und der Giganten Häupter blicken
Zum Ewgen demuthsvoll empor.
Ihn preist des Meers gewaltge Woge,
Die an Kuratschi's Strand sich bricht
Und in des Kieles lautem Soge
Von ihm erzählt beim Sternenlicht.
Ihn preist des Kilau Ea Tosen,
Das jedes Herz mit Graun erfüllt,
Wenn aus dem Schlund, dem bodenlosen,
Das Feuermeer der Tiefe quillt.
Ihn preiset des Suakrong Stimme,
Die donnernd aus den Dschungeln schallt.
Wenn er im wilden Siegesgrimme
Die Pranken um die Beute krallt –«
Bisher waren die Worte des Gedichtes nur dem König, dem Medicinalrathe und dem Pfarrer verständlich gewesen. Walther sollte sich ja in indischen Bildern und Ausdrücken bewegen. Er besaß eine kräftige, sonore, aber zugleich jeder zarten Biegung fähige Stimme. Sein Vortrag hatte etwas Gefangennehmendes, mit sich Fortreißendes.
Hatte das Gesicht des Königs erst eine bedeutende Spannung ausgedrückt, so legte sich jetzt ein Zug der Beruhigung über dasselbe. Der Monarch holte leise aber tief Athem, wendete sich halb ab und schloß die Augen, um diese biegsame, wohlklingende Stimme ganz auf sich einwirken zu lassen.
Walther fuhr in der Verherrlichung Bramah's fort:
»Und ewig war er, eh die Flosse
Des grausigen Geulodon
Im Urweltmeer der riesengroße
Ichthyosaurier geflohn.
Und ewig bleibt er und wird wohnen
In nie geahnten Sonnenhöhn,
Wenn Weltengenerationen
Durch ihre Urkraft neu erstehn.
Und Herr ist er. Vom Eiseslande,
Wo träg zum Meer die Lena zieht.
Bis weithin, wo am Felsenstrande
Der Wilde dem Yahu entflieht.
Und Herr bleibt er. Im Sternenheere
Erblickst Du seiner Größe Spur,
Sein Fuß ruht in dem Weltenmeere,
Und sein Gesetz ist die Natur.«
So verkündete der Priester weiter das Lob und den Preis seines Gottes und erzählte dann, daß andersgläubige Männer in das Land gekommen seien, welche sich Missionäre nennen. Im Gefolge dieser Männer kommen fremde Krieger, welche Kampf und Unterjochung bringen:
»Wo die Almeah kaum die Lieder
Der nächtlichen Bhowannie sang,
Tönt in die stillen Ghauts hernieder
Der Kriegstrommete heller Klang.
Die duftenden Thanakafelder
Zerstampft der Rosse Eisenhuf;
Der Phansegar flieht in die Wälder,
Vor seiner Feinde Siegesruf.
Des Ganges Welle muß sie tragen
Bis hin zu Shiwa's heilgem Ort,
Und ihre Feuerboote jagen
Die gottgeweihten Thiere fort.«
Und nun schildert der Priester haßerfüllt das Auftreten der Christen und beschwört seine Anhänger, zum Schwerte zu greifen, um die Fremden zu vernichten und dem finsteren Shiwa zu opfern. Er vergleicht beide Religionen, den Bramahnismus und das Christenthum, und spricht eben davon, daß das Letztere nur Irrlehren enthalte; er weist dies durch Beispiele scheinbar nach, da wird er von dem Missionär unterbrochen, welcher hinter einer Säule des Tempels verborgen, der heidnischen Predigt zugehört hat und nun hervortritt und dem Priester in die Rede fällt:
»Halt ein! Wollt Ihr Gott wahrhaft finden,
O, so verwischt nicht seine Spur!
Der Zweifel muß und wird verschwinden:
Den Schöpfer kennt die Creatur.
Sucht ihn im sphärischen Accorde,
Im großen Weltzusammenhang!
Dort öffnet sich des Himmels Pforte,
Aus der sein Ruf hernieder klang.
Doch Ihr beschweret Eure Flügel
Mit Eures Irrthums Tyrannei.
Ihr schäumt und knirschet in die Zügel
Und glaubt in Ketten Euch noch frei.'
Und nun beginnt er von dem Allmächtigen, Allgerechten, Allweisen und Allliebenden zu sprechen, von der Sündhaftigkeit und Undankbarkeit der Menschen, von dem Sehnen nach Erlösung, von der Weissagung und Verkündigung des Heilandes, von der Geburt, der Lehre, dem Wirken, dem Mittlertode des Erlösers. Seine Worte werden getragen von höchster Begeisterung; sie wirken hinreißend, überzeugend. Die Blicke der Hörer hangen an seinem Munde. Endlich schloß er mit den Worten:
»Dann einet sich zu einem Strome
Die Menschheit all von nah und fern
Und kniet anbetend in dem Dome
Der Schöpfung vor dem einen Herrn.
Dann wird der Glaube triumphiren.
Der einen Gott und Vater kennt;
Die Namen sinken, und es führen
Die Wege all zum Firmament!«
Mit diesen Worten endet der Missionär seine Rede, und von ihrer Gewalt gepackt und erschüttert, fallen die Hörer in die Kniee und begehren, aufgenommen zu werden in die Gemeinschaft der christlichen Kirche. Selbst der Priester, welcher erst gegen das Evangelium der Liebe und Gnade gesprochen hat, ist jetzt so erschüttert, daß er, ein zweiter Saulus, sich jetzt als Paulus zuerst erbittet, getauft zu werden. –
Jetzt war die Improvisation beendet. Sie hatte über eine halbe Stunde in Anspruch genommen. Nicht ein einziges Mal hatte der junge Dichter gestockt oder gezaudert, oder sich versprochen. Es waren ihm die Strophen von den Lippen geflossen, als ob er sie seit langer Zeit auswendig gelernt habe und nun recitire.
Und welch eine Kenntniß indischer Zustände entwickelte er! Wie glanzvoll und mit welchem Scharfsinne ließ er die heiligen Lehren des Christenthums über die heidnischen Satzungen siegen!
Seine Wangen hatten sich geröthet und seine Augen leuchteten. Er war mit seiner ganzen Seele bei der Aufgabe. Er sah nicht Diejenigen, zu welchen er sprach, sondern er sah im Geiste Palmen wehen unter Riesentempeln, und den Hauch der Palmen – er fühlte ihn hier in der niedrigen Stube der kleinen Mühle.
Hatte es, als er begann, den Hörern schwer auf der Seele gelegen, ob er auch bestehen werde, so war ihnen im Verlaufe der Declamation das Herz immer leichter und leichter geworden. Jetzt, als er schloß, war es Allen zu Muthe, als ob sie mit ihm gesiegt hätten, denn selbst Diejenigen, welche die zahlreichen Fremdworte nicht verstanden hatten, waren der festen Ueberzeugung, daß er eine höchst schwierige Aufgabe zufriedenstellend gelöst habe.
Zufriedenstellend nur? Der Medicinalrath hatte sich erhoben. Er trat auf Max zu, reichte ihm die Hand und sagte:
»Herr Walther, Ihre Improvisation war eine meisterhafte. Ich kann Ihnen von ganzem Herzen gratuliren!«
Und auch der Pfarrer trat herbei, drückte ihm die Hand und meinte anerkennend:
»Ich wollte zweifeln, bevor Sie begannen, aber Sie haben meinen Kleinmuth streng bestraft. Ich muß Sie sehr um Verzeihung bitten, denn ich gestehe aufrichtig, daß ich Ihnen so etwas nicht zugetraut habe. Sie müssen Indien ja förmlich studirt haben!«
Die gute, alte Barbara fühlte die Verpflichtung, auch Etwas zu sagen. Sie war ja die Wirthin, und als solche mußte sie dem Gaste doch ein Lob spenden. Deshalb kam sie herbei und sagte:
»Ja, das war gar schön gewest, Herr Lehrern. Wissens, das von dera Kriegstrompeten hat mir sehr gefallen, und daß man hinaufi zu denen Sternen springen soll. Ja, das war gar schön! Nicht wahr, Sepp?«
Sie hatte nämlich von der ganzen Declamation nichts weiter verstanden, als diese beiden Stellen. Der Wurzelsepp antwortete:
»Was plauschest da wieder mal! Du bist selberst eine alte Trompeten. Schwing Dich doch hinaus in die Küchen und nicht hinauf zu denen Sternen. Ich möcht gar wohl den Schwung sehen, dent da machen müßtest, bevor Du hinaufi kämst. Ich glaub. Du müßtest Dich unterwegs auf dem Mond erst mal niedersetzen, um auszuruhen und Luft zu schnappen!«
»Nein, was dera Mensch Einem immer anthut!« klagte sie. »Und dabei sagt er stets, daß ich seine Frauen werden soll!«
»Ja, nachhero, wann ich mich auch mit hinaufi schwungen hab zum Mond. Da lassen wir uns da oben zusammenthun. Du ziehst das Mondgesichten, und ich leucht dazu. Da werdens sich herunten auf dera Erden über die Physiognomie gar gewaltig freuen. Jetzt aber geh in die Küchen, und mach den Kaffee fertig!«
Er schob sie zur Thür hinaus.
Auch die Andern zollten dem Lehrer ihre Anerkennung. Zwei nur fehlten, gerade die Hauptpersonen – der König und die Bürgermeisterin.
Der Erstere war, als der Arzt so stürmisch auf Max zugetreten war, um ihm zu gratuliren, von seinem Stuhle aufgestanden und hinausgegangen. Die Mutter Maxens hatte dasselbe gethan, aber ohne ihm zu folgen. Der König war durch die vordere Thür getreten und langsam über den Grasplatz nach dem Waldesrand gegangen, wo er nun in Gedanken auf und niederschritt. Sie aber war durch die Hinterthür in den Garten getreten. Dort gab es in der Nähe des Hauses eine dichte Geisblattlaube, in welche sie sich setzte.
Es wäre ihr unmöglich gewesen, jetzt ein Wort zu sagen. Das Herz war ihr zum Zerspringen voll. Sie war keineswegs eine gelehrte Frau, aber sie hatte doch die feste Ueberzeugung, daß die Leistung ihres Sohnes ein Meisterstück sei. Er hatte Kenntnisse verrathen, wie man sie selten bei einem Lehrer sucht, und eine poetische Begabung, welche eher mit dem Worte genial als mit dem Ausdrucke talentvoll zu bezeichnen war.
Und wie hatte sie sich zu diesem Sohne verhalten? Was hatte sie für ihn gethan? Was hatte er ihr zu verdanken? Das nackte, armselige Leben! Weiter nichts.
Sie saß in der Laube, das Gesicht in die beiden Hände gelegt, und weinte, weinte bitterlich. Sie fühlte jetzt Das, was sie gethan hatte, als eine Sünde, für welche es kaum eine Vergebung geben könne. Selbst alle Reue und Buße schien zu gering und klein zu sein gegenüber dem Verbrechen, das eigene Kind von sich gegeben zu haben.
»Mutter!« erklang es da vom Eingange der Laube her.
Sie erhob das thränenschwere Angesicht und blickte ihn trostlos an, ohne ein Wort zu sagen.
»Mutter! Du weinst!«
»Muß ich nicht!« antwortete sie, laut aufschluchzend.
»Warum sollst Du müssen? Etwa vor Freude?«
»Vor Freude! Ja, ja, das könnte ich! Wie glücklich, wie selig könnte ich sein! Nun aber möchten meine Augen nie wieder trocken werden vor Schmerz über das Leid, welches ich über Dich gebracht habe.«
»Leid? Nie, nie hast Du Leid über mich gebracht!«
»Du willst mir nur keine Vorwürfe machen.«
»Nein, ich sage die Wahrheit. Ich habe zwar auch trübe Stunden gehabt im Waisenhause; aber welches Kind und besonders welcher lebhafte Bube hat nicht Stunden, in denen ihm die wohlverdiente Strafe wie eine große Ungerechtigkeit erschien! Nein. Kindesleid habe ich gehabt, nur Kindesleid, und das hat ein jedes Kind, selbst das Kind eines Fürsten, eines Kaisers. Ich hätte es auch bei Dir gehabt. Nicht das geringste Leid hast Du über mich gebracht. Aber Du stehst im Begriffe, ein schweres, sehr schweres über mich zu bringen.«
»Da sei Gott vor!« sagte sie ganz erschrocken.
»Und doch thust Du es bereits.«
»Sage mir, wie!«
»Indem Du Dich in einer ganz unnöthigen Reue verzehrst, welche Dir und mir das Leben zu verbittern droht. Willst und magst Du Dich denn nicht darüber freuen, daß wir uns wiedergefunden haben? Es giebt ja gar nicht die mindeste Veranlassung zu Kummer und Klage. Nur wenn Du in dieser Selbstpeinigung fortfährst, wirst Du mir Anlaß zur Traurigkeit geben.«
»Mein Sohn, mein guter Sohn! Wie mild und versöhnlich bist Du!«
Er setzte sich neben sie und nahm sie in seinen Arm.
»Schau, Mutter,« sagte er, »grad daß ich Dich früher missen mußte, das erhöht und verdoppelt jetzt mein Glück. Hätte ich stets die Mutter gehabt, so fühlte ich heut nicht die hohe Seligkeit, Dich gefunden zu haben.«
»Aber welche Freuden und Seligkeiten sind Dir vorher verloren gegangen!«
»Dir doch noch mehrere und größere. Du bist zu beklagen, nicht aber ich. Du hast ja auf alles Mutterglück verzichten müssen.«
»Ja, das ist wahr. Ich will nicht von den gramvollen Vorwürfen sprechen, welche ich mir täglich und stündlich machen mußte; ich hatte sie verdient. Aber wenn ich sah, wie glücklich eine Mutter im Anblicke ihres Kindes war, wenn ich ein kindliches Lallen, ein fröhliches, glückliches Lachen hörte, wenn ich sah, wenn eine Mutter dem Töchterchen die Puppe fertigte oder dem Sohne die Nahrung bot, dann überkam mich eine unendliche Bitterkeit, eine Bitterkeit gegen mich selbst und gegen – – –«
Sie schwieg. Max fuhr an ihrer Stelle fort:
»Und gegen Den, welcher der alleinige Urheber all dieser Leiden war! Nicht wahr?«
»Konnte ich anders? Mußte ich ihm nicht zürnen?« fragte sie.
»Natürlich! Und mir fällt es gar nicht ein, Dir darüber Vorwürfe zu machen. Ich habe die Pflicht, die Kinder im Christenthume zu unterweisen. Ich stehe vor ihnen und ermahne sie: ›Liebet Eure Feinde; thut wohl Denen, die Euch hassen, und bittet für Die, welche Euch beleidigen und verfolgen, auf daß Ihr Kinder Eures himmlischen Vaters seid!‹ So lehre und ermahne ich, und doch – ich fühle, daß es eine Sünde, eine unnatürliche Regung ist; aber ich – ich – ich hasse meinen Vater, weil er solches Elend über Dich gebracht hat, und ich verachte ihn, weil er als Bube handelte.«
»Was würdest Du thun, wenn wir ihn fänden?«
»Ich würde ihm ganz dasselbe, was ich soeben sagte, in das Gesicht sagen.«
»Nein, das brächtest Du nicht fertig. Dazu bist Du zu gut, zu liebreich.«
Sein Gesicht verfinsterte sich. Es nahm einen strengen, kalten, fast erbarmungslosen Ausdruck an.
»Nein, gegen ihn würde ich nicht die Spur einer Regung von Liebe fühlen. Darum wollen wir gar nicht daran denken, nach ihm zu forschen. Wir haben uns; wir sind uns genug. Wir brauchen ihn nicht, und sein Erscheinen würde uns nur in unserem Glücke stören. Oder hättest Du doch eine Ahnung, wer er ist oder wo er sich befindet?«
»Nein. Zwar habe ich nach ihm gesucht, doch stets vergebens. Jetzt nun will der Wurzelsepp nach ihm forschen.«
»Das mag er nur bleiben lassen! Ich werde es ihm sagen. Schau, da kommt er!«
Der Sepp war auch durch die Hinterthür getreten. Er sah sich um. Er konnte die beiden in der Laube Befindlichen nicht sehen und kam näher. Erst als er fast unter dem Eingange stand, bemerkte er sie und wich rasch zurück.
»Ah, ich hab nicht denkt, daß Jemand da ist,« sagte er. »Nehmts halt nicht übeln!«
Er wollte zurück.
»Halt, Sepp,« sagte Max. »Ich muß Dir eine Bemerkung machen.«
»So werd ichs wohl anhören.«
»Meine Mutter sagte mir soeben, daß Du nach meinem Vater suchen willst.«
»Ja freilich werd ich das! Nun die Muttern und dera Sohn funden worden sind, muß ich auch recht bald den Vatern herbeischaffen.«
»Das ist keineswegs nothwendig.«
»Was? Wie? Der Vatern gehört doch dazu!«
»Nein, wir danken! Hat er erst von uns nichts wissen wollen, so mögen wir nun auch von ihm nichts wissen. Du brauchst also nicht zu suchen.«
»Himmelsakra! Wann ich nun nach ihm bereits schon sucht hätt?«
»Das ist jedenfalls vergeblich gewesen.«
»Aberst wann ich ihn nun funden hätt?«
»Unmöglich!«
»Ja, unmöglich ists schon, das ist richtig. Es ist in dera Welt eben Alles unmöglich, aberst nur so lang, als bis es halt möglich wird. Ich weiß nun Eure ganze Geschichten. Da kanns doch kommen, daß ich mal ganz unversehens auf den Vatern treff. Wie hab ich mich da gegen ihn zu verhalten?«
»Du schaust ihn gar nicht an.«
»Na, wann ich ihn treff, so hab ich ihn doch bereits angeschaut. Und da muß ich doch mit ihm reden!«
»Aber nicht von uns. Er darf nicht ahnen, daß wir noch vorhanden sind und daß Du uns kennst.«
»Nein, so nicht, Max!« fiel seine Mutter ein. »Wenn er wirklich entdeckt werden sollte, so will ich mich nicht vor ihm verleugnen. Das bin ich Dir schuldig, als meinem Kinde.«
»Wieso mir?«
»Er muß gezwungen werden. Dich anzuerkennen. Jetzt trägst Du einen Namen, welcher Dir nicht gehört. Von ihm sollst Du den bekommen, auf welchen Du ein Recht hast.«
Er schüttelte den Kopf.
»Nein, Mutter. Ich trage meinen gegenwärtigen Namen in Ehren. Den Namen aber, welchen mein Vater durch sein Verhalten verleugnet und beschimpft hat, den mag ich nicht tragen. Ich bleibe Max Walther, wie ich bisher so geheißen habe.«
Der Sepp hörte still zu, machte jetzt ein ganz eigenthümliches Gesicht und fragte:
»Also wie solls sein? Wollt Ihr vom Vatern was wissen oder nix?«
»Nichts!« erklärte Max.
»Das ist halt sehr falsch. Ich thät ihn suchen, und nachhero, wann ich ihn fand, da möcht ich ihm meine Meinung sagen, und was für eine, grad mitten ins Gesichten hinein. Oder etwan nicht?«
»Pah!« antwortete Walther, geringschätzig mit der Achsel zuckend.
»Ja, da stehens und machens Pah! Aberst wissen thuns nicht, warum und weshalb! Vielleichten ist der Vatern ganz froh, daß sich Niemand findet. Vielleichten denkt er gar nicht mehr an die Bertha Hillern und seinen Buben. Er lebt in holdi flori, ist in seinem Herrgott vergnügt und fühlt nicht mal den geringsten Vorwürfen über die Schlechtigkeiten, die er begangen hat. Hat er etwan so ein Leben verdient? Nein und wiedern nein und noch abermals nein!«
»Recht hast Du da!« gab Max zu.
»Nun gut! Also müssen wir ihn aufisuchen, und hernach, wann wir ihn funden haben, so blasen wir ihm einen Marsch, bei dem ihm das Hören und auch das Sehen vergehen soll. Das ist das Richtige. Also, soll ich suchen?«
»Ja,« antwortete die Bürgermeisterin.
»Meinetwegen,« stimmte der Lehrer bei.
»So werd ich sofort beginnen. Vielleichten fang ich ihn noch heut.«
»So wohl wird es Dir nicht werden.«
»Nun so fangen wir ihn morgen.«
»Auch da nicht.«
»Oho! Wann dera Wurzelsepp mal was beginnt, nachher hat er keine lange Zeiten übrig, nachhero muß es fein schnell gehen, dann er hat auch noch andre Sachen zu thun und andre Sorgen im Kopf. Also bis morgen muß dera saubere Herr Curt von Walther geschafft werden, und wann ich ihn nicht schaff, so sollt Ihr mich kurz nennen oder auch lang, ganz wies gefällig ist. Wollen wir wetten, daß ich ihn morgen bring?«
Er lachte dabei am ganzen Gesicht.
»Hättest Du vielleicht schon eine Spur von ihm gefunden?« fragte Max.
»Nein. Das ist unmöglich,« antwortete seine Mutter. »Ich habe ihm erst gestern Abend eine Beschreibung Deines Vaters gegeben, einen Steckbrief, wie er sich ausdrückte. Heut ist er mit mir hier. Also ist es ganz unmöglich, daß er bis jetzt Etwas entdeckt haben kann. Er hat nur heut wieder einmal seine Feiertagslaune.«
»Ja, Frau Bürgermeistrin, die hab ich freilich, und dazu giebts halt auch die Veranlassungen. Jetzt nun sagens, wanns wiedern nach Steinegg zurückgehen?«
»Natürlich heut.«
»Ja, aberst wann?«
»Gegen Abend.«
»So gehn wir wiedern mit nander. Ich muß nämlich auch hinüber.«
»Das ist mir lieb. Du kannst wieder bei mir bleiben.«
»Schön! So brauch ich nicht in den Gasthofen zu gehen oder im Freien zu schlafen.«
»Und ich begleite Dich auch, Mutter,« erklärte der Lehrer.
»Du wirst bald ganz bei mir sein, mein Sohn. Aber kannst Du denn für heut mit fort?«
»Ja, Nachmittagskirche giebt es nicht, da der geistliche Herr nach der Filiale geht, und Schule ist auch nicht. Also kann ich recht gut mit Dir gehen. Und wenn es Dir recht ist, so bleibe ich bei Dir. Breche ich früh auf, so treffe ich hier ganz gut zur Zeit ein, in welcher die Schule beginnt«
»Das wird herrlich, ja, das wird herrlich!« rief der Sepp.
Er nahm seinen Hut vom Kopfe und warf ihn vor Entzücken auf die Erde. Diese Freude war so auffällig, daß der Lehrer fragte:
»Worüber bist Du denn da so aus Rand und Band?«
»Worübern? Hm! Ueber mich!«
»So! Na so gratulire ich Dir. Es giebt nicht viele Leute, welche Veranlassung haben, in dieser Weise über sich selbst entzückt zu sein.«
»Das glaub ich gar wohl. Aberst ich hab stets die Ursach, mich über mich selbern zu freuen. Ich bin ein Himmelsakra, wie's sonst keinen Zweiten giebt. Ich, wann ich ein hübsch jung Dirndl wär von achtzehn Jahren, schön, gesund und mit hunderttausend Markerln im Vermögen, so thät ich gleich denen Wurzelseppen heirathen.«
»Also Dich selber!« lachte Max.
»Ja, denn wann ich mich nicht selber nehm, so krieg ich keine Andre, nicht mal die Barbara. Die thut auch nur so, als ob sie mich nehmen wollt. Ich will doch gleich mal hinein zu ihr und nachschauen, obs denen Kaffee noch nicht bald fertig hat. Wann ich meine Nasen mit in denen Topf steck, so wird er auch was kräftiger, denn da thut das Bärbel ein paar Bohnerln mehr hinein.«
Er ging.
Als der Lehrer sich drinnen entfernt gehabt hatte, war er der Gegenstand der Unterhaltung gewesen. Alle waren begierig, zu erfahren, welches Urtheil der »Herr Ludwig« fällen werde. Der Pfarrer fragte den Medizinalrath heimlich, aus welchem Grunde der König sich entfernt habe. Der Gefragte antwortete:
»Aus einem für Herrn Walther jedenfalls sehr günstigen Grunde. Daß er still hinausgegangen ist, das ist ein sicheres und untrügliches Zeichen, daß er im tiefsten Herzen ergriffen worden ist. Jetzt nun verarbeitet er den Eindruck innerlich, bis das ruhige Niveau der Seele wieder hergestellt ist. Ich werde aber doch nachschauen, wo er sich befindet.«
Er trat hinaus vor die Mühle. Da erblickte er den König, welcher langsam am Waldesrande hin und herschritt, die Hände auf dem Rücken und den Kopf im Nachdenken gesenkt.
Er trat einige Schritte vor, um von dem Monarchen leichter gesehen zu werden. Dieser hatte ihm bereits verschiedene Mittheilungen über hiesige Personen und Verhältnisse gemacht, und so stand zu erwarten, daß er sich auch über den Lehrer aussprechen werde.
Jetzt erhob er zufällig den Kopf und sah herüber. Er erblickte den Arzt und winkte demselben. Der Letztere folgte dem Befehle und schritt dann langsam an der linken Seite des Königs mit auf und ab. Es wurde zunächst kein Wort gesprochen. Das war so die Art und Weise Ludwigs. Er war dann mit hochgestellten Personen viel kürzer und aphoristischer als mit Tieferstehenden.
»Haben Sie genau zugehört?« fragte er endlich.
»Gewiß, Majestät.«
»Nicht Majestät! Habe es bereits verboten! Haben Sie Alles verstanden, was er sagte und brachte?«
»Wann ich aufrichtig sein soll. Verschiedenes nicht.«
Der König nickte, und ein kleines, kleines Lächeln zuckte um seine Lippen.
»Glaubs wohl, glaubs wohl!« sagte er. »Wie hat der Vortrag gefallen?«
»Ausgezeichnet.«
»Warum?«
Er sprach diese Frage sehr laut aus, blieb dabei stehen und blickte den Arzt so groß und forschend an, daß dieser beinahe verlegen wurde.
»Weil – hm – weil er zunächst den Stoff vollständig zu beherrschen schien und denselben in ein wirklich künstlerisches Gewand zu kleiden verstand.
»Verstand, verstand – –! Dabei müßte das Urtheil mit thätig sein; das war es aber nicht. Die Reime kamen von selbst, so wie die Schwalben kommen, wann es Frühling geworden ist. Dieser Walther besitzt erstaunliche Kenntnisse. Nicht?«
»Wohl!« lächelte der Arzt. »Im Indischen ist er mir überlegen.«
»Glaubs! Auch sonst weiß er mehr als man seinem Alter und einem Volksschullehrer zutraut. Muß sehr gearbeitet haben, sehr fleißig gewesen sein. Freut mich sehr! Braver Mensch! Ist aber nicht nur fleißig!«
»Sondern ein Talent!«
»Ja, vielleicht noch mehr. Hat außerordentliche Gaben. Ist in Poesie fast Das, was der Fex für die Violine ist. Dichtet aber trotzdem auch, der Fex. Hm.«
Es trat eine Pause ein, welche der Arzt durch die Bemerkung zu unterbrechen wagte:
»Schade, daß dieser junge, talentvolle Mann so arm ist. Eine Strafstelle!«
»Strafstelle? Ja. Hat sie sich aber selbst ausgesucht.«
»Das wäre ja befremdend.«
»Oh, hm! Wenn ein Talent Etwas thut, so ist das für Andere oft befremdend, oft sogar unsinnig. Aber das Talent ist göttlich instinctiv. Trifft stets das Richtige. Hätte wo anders nicht mich getroffen. Darum mußte er hierher. Und arm? Warum sollte dieser hoffnungsvolle Mann arm sein?«
»Ich denke es mir.«
»So! Ich bin sein König und habe ihn gehört. Da ist er nicht arm. Uebrigens ist er eine Waise. Bin der Vater und Vormund aller Waisen. Habe für sie zu sorgen, für ihn also auch. Soll ausgebildet werden.«
»Diese hohe Gnade wird Gott segnen und lohnen!«
»Gnade? Ist keine Gnade. Ich thue meine Pflicht, folge meinem Herzen. Gott befiehlt es mir durch das Herz. Habe zu gehorchen ohne auf Lohn zu rechnen – Bin reichlich belohnt durch die Freude, eins meiner Landeskinder so brav und so begabt zu sehen.«
Wieder schritten sie eine Weile neben einander her. Dann fuhr der König fort:
»Wohin aber mit ihm? Hm!«
Der Arzt antwortete nicht. Er durfte nicht wagen, der Majestät einen Vorschlag zu machen. Ludwig war in dieser Beziehung eben auch souverain.
Nach einer Weile blieb er stehen, nickte fröhlich mit dem Kopfe und sagte:
»Habs gefunden! Passen zusammen! Müssen aber den Elephantenhanns erst untersuchen. Gehen Sie in die Mühle und sagen Sie, daß wir bald wiederkommen. Sollen auf uns warten.«
Der Arzt gehorchte. Als er drin die Weisung ertheilt hatte und wieder herauskam, sah er den König langsam nach dem Wehr hingehen, in der Richtung nach dem Dorfe zu. Er eilte ihm nach. Als er sich nun wieder an der Seite Ludwigs befand, sagte dieser:
»Habe Ihnen bereits von dem Silberbauer erzählt. Werden im Vorübergehen bei ihm eintreten und ihn untersuchen. Möchte genau erfahren, welches sein Zustand ist.«
Sie erreichten das Dorf und traten in das Silbergut. Unter der Thür stand der Silberfritz. Als er die Beiden kommen sah, verfinsterten sich seine Züge. Er hatte Ursache, Fremde vom Lager seines Vaters zurückzuhalten.
Der Arzt grüßte einfach und griff dazu an den Hut. Der König sagte nichts und machte auch keine Handbewegung.
»Was wollens?« fragte der Fritz.
»Wer sind Sie?« gegenfragte der Medizinalrath.
»Ich bin dera Sohn!«
»So. Wir wollen zum Silberbauer.«
»Wozu?«
»Ich bin Arzt.«
»Wir brauchen keinen zweiten.«
»Ich muß trotzdem ersuchen, mich zu dem Kranken zu lassen.«
»Das fallt mir gar nimmer ein!«
»Warum?«
»Da könnt jeder Quacksalbern kommen und nach ihm schauen wollen. Mein Vätern bedarf der Ruh. Er soll nicht stört werden.«
»Ich störe ihn nicht.«
»Wanns ihn nicht stören, was wollens dann bei ihm? Er ist kein Wundern und kein Panorama, daß die Leut kommen und ihn anschaun dürfen!«
»Nun, so will ich Ihnen sagen, daß ich im Auftrage der Obrigkeit komme.«
Der Fritz verfärbte sich.
»Ach so!« sagte er. »Nach was sollens denn schauen?«
»Ich will mich überzeugen, welche Verletzungen er erlitten hat.«
»Wozu will das die Obrigkeiten wissen?«
Der König machte eine Bewegung der Ungeduld.
»Kurz machen!« sagte er.
Darum antwortete der Rath dem Bauerssohne:
»Darüber hab ich Ihnen keine Rechenschaft abzulegen.«
»So! Dann beweisens nur erst, daß Sie auch wirklich ein Doctoren sind und von dera Obrigkeiten zu uns gesandt!«
Er stand so unter der Thür, daß Niemand ein- oder austreten konnte.
»Vorwärts!« befahl der König.
Er machte einen Schritt auf die Thür zu.
»Halt! Hier kommt Niemand herein!« rief der Fritz. »Der Vatern ist Polizei im Dorf. Wir wissen auch, was Gesetz ist. Zeigt nur vorher die Legitimationen heraus! Au! Donnerwettern! So schaut doch, wo – au! Kreuzmillionen – au – au! Na, wart!«
Der König war nicht gewillt, sich mit dem Burschen in lange Verhandlung einzulassen. Er hatte noch einen Schritt vorwärts gethan und war dann dem Fritz mit solcher Kraft auf die Fußzehen getreten, daß der Bursche zurückwich. Als dieser Letztere dann zu schimpfen begann, trat der König, langsam vorwärts schreitend, ihm noch viermal so fest auf die Füße, daß der Sohn des Silberbauers zornig in der Stube verschwand, vielleicht, um Hilfe zu requiriren.
Eine Magd kam zur Treppe herab.
»Wo liegt der Bauer?« fragte der König.
»Da droben,« antwortete sie, nach rückwärts deutend.
»Uns führen!«
Das klang so unwiderstehlich, daß sie sich sofort umdrehte und ihnen voranschritt. Oben öffnete sie die Stubenthür. Der König blickte hinein. Er sah ein Bett, in welchem eine lange Gestalt unbeweglich lag. Er gebot der Magd:
»Mit hineingehen. Dem Herrn Doctor helfen!«
Der Medicinalrath trat in Folge dessen mit dem Mädchen hinein. Ludwig blieb außen stehen. Es zeigte sich auch sogleich, daß er richtig vermuthet hatte, denn jetzt kam der Silberfritz zur Treppe heran, hinter ihm zwei Knechte.
»Was soll das hier heroben!« rief er. »Das duld ich nicht! Das brauch ich nicht zu leiden. Packt Euch hinab, Ihr Lausbu–«
Er hielt inne. Der König war ihm näher getreten. Er sagte kein Wort, aber aus seinem Auge flammte ein solcher Blick auf den Burschen hernieder, daß er sofort schwieg. Der König wendete sich wieder ab, ohne sich nun weiter um die Drei zu kümmern.
»Verdammt!« grollte der Fritz leise. »Hat dera Kerlen Augen!«
»Du,« flüsterte einer der Knechte, »der ist halt was Vornehmes, was ganz Großes. Das schaut man ihm sogleich an dera Nasenspitzen an.«
»Ja,« stimmte der Andre bei, »mit dem möcht ich halt nicht spaßen. Der spiest Einen ja gleich mit denen Augen an!«
»Kommt! Ich steig wieder nunter!« rieth der erste Knecht, indem er zurückkehrte.
»Ja, ich mach mich auch aus dem Staub,« meinte der Zweite, indem er ihm langsam folgte.
»Verdammt!« brummte der Fritz. »Ja, das ist weiß Gott ein Vornehmer! Wann das nicht war, so wollt ich ihm wohl heimleuchten! Ich steig auch wieder hinab! Besser ist besser!«
Und er verschwand auch nach unten.
Der König hatte das sehr wohl bemerkt. Er hatte gewußt, daß es so kommen werde, denn er kannte die Macht seines Auges über solche Menschen.
Er hatte nicht die Absicht, die Krankenstube zu betreten. Er liebte das Schöne, das Edle, das Erhabene; alles Andere stieß ihn ab und verursachte ihm inneres Wehe. Und wo fände man in einer Krankenstube – wenigstens, unter den hiesigen Umständen – etwas Hohes, Erhabenes!
Nach einiger Zeit kam der Arzt wieder zurück.
Da die Magd ihm folgte, wurde kein Wort gesprochen. An der Hausthür stand der Silberfritz. Er zog jetzt den Hut, als sie an ihm vorüber gingen; sie aber beobachteten es gar nicht.
»Vertori!« schimpfte er, dieses Mal aber sehr leise. »Die thun ja, als ob sie den König und das ganze Ministerium verschluckt hätten! Ich möcht halt nur wissen, was das zu bedeuten hat. Du, Nazi, lauf mal denen nach! Ich muß wissen, wohins nun gehen.«
»Dank sehr schön!« meinte der Knecht. »Das sind zwei Gewichtige. Der Eine, nämlich der Hohe, Breite, sah gar so aus, als wann er ein Generalen wär oder ein Staatsadvocaten! Dem lauf ich schon lang nicht nach! Der, wann er sich umidreht und mich derblickt, ist am End gleich gar im Stand, mich einistecken zu lassen.«
»Hasenfuß! So lauf Du, Wendelin!«
»Ich?« fragte der Andere. »Das sollt mich selber wundern, wann ich gehen thät. Ich bin hier um zu arbeiten aber nicht, um solchen Herren im Weg herum zu laufen. Ich begeb mich halt in keine Gefahren. Wannst wissen willst, wohins mit nander gehen, so spring ihnen nur selber nach!«
Sie entfernten sich. Da es dem Fritz aber auch nicht geheuer erschien, die Aufmerksamkeit der beiden Herren unnöthiger Weise auf sich zu lenken, so zog er es vor, so wie die Knechte zu Hause zu bleiben.
Die Herren schritten nun langsam durch das Dorf, der Flachsdörre zu. Als sie dieselbe erreichten, saß die Feuerbalzerin wieder vor der Thür. Sie erkannte den König und erhob sich sofort von dem Steine, auf welchem sie saß.
»Ach,« sagte sie erfreut, »das ist ja dera gute Herr, der mich so beschenkt hat und mir gar einen Doctorn versprochen für meinen Sohn!«
»Ja,« nickte Ludwig. »Der Doktor ist bereits da. Hier dieser Herr ist es.«
Die Frau betrachtete den Medicinalrath prüfend und sagte dann:
»Ja, so Einen laß ich mir schon gefallen.«
»Warum?« erkundigte sich der Arzt.
»Warum? Sie schaun schon ganz änderst aus als unsere Latwergenkramer. Ihnen sieht mans ja sogleich an, daß Sie die ganze Medizinen gleich bis in den Kopf hinausi studirt haben.«
»So! Ist Ihr Sohn zu Hause?«
»Ja, der sitzt drinnen und fangt Fliegen. Das thut er gern, weil er sonst nix treiben kann. Wollens mit hereini?«
»Danke!« lehnte der König schnell ab. »Holen Sie ihn einmal heraus!«
Sie ging hinein und brachte den Irren heraus. Als er die Beiden erblickte, sank er sofort auf den Boden nieder und wimmerte:
»Nimms hin! Nimms hin! Ich sag halt Nix! Gnade! Gnade!«
Der Sonnenschein fiel hell auf sein Gesicht, so daß der Arzt es in schärfster Beleuchtung sah. Der König hatte ihm einige Mitteilungen gemacht.
Er bohrte sein Auge in dasjenige des Kranken, ballte die Faust und that, als ob er zum Schlage aushole.
»Nimms hin! Nimms hin!« wimmerte der Balzerbauer so wie vorher. »Ich sag ja nix! Gnade! Gnade!«
Da ergriff der Arzt ihn bei der Hand, hob ihn auf und betrachtete seine Augen. Der Kranke hielt den Blick auf die Augen des Arztes gerichtet. Dieser Blick war verschleiert, ohne Selbstbestimmung, aber doch nicht irr. Es lag Etwas in diesen Augen verborgen, wofür nur der Arzt den richtigen Ausdruck und das Verständniß haben konnte. Nach und nach verlor das Gesicht des Irren den angstvollen Ausdruck. Es wurde sogar freundlich und immer freundlicher. Wie im Wiedererkennen sah er den König an und sagte dann:
»Freund! Guter Freund!«
Der Arzt schüttelte den Kopf.
»Nun?« fragte der König.
»Dieser Mann ist nicht wahnsinnig, nicht irr. Es lastet auf seinem Gesichte irgend ein schweres Gewicht, welches selbst zu entfernen, er die Kraft nicht besitzt.«
»Das war ganz genau auch meine Ansicht. Aber welch eine Last mag das sein?«
»Keine geistige, sondern eine körperliche. »Wir müssen ihren Sitz aufzufinden suchen.«
»Vielleicht ists die Verwundung, welche er damals bei dem Feuer erhalten hat oder vielmehr erhalten haben soll.«
»Höchst wahrscheinlich. Ich werde den Kopf untersuchen.«
Er legte dem Kranken, welcher jetzt keine Scheu mehr vor ihm zeigte, die Hände auf den Rücken und begann, mit den Fingerspitzen zu tasten. Als er die Mitte des Schädels berührte, schrie der Patient laut auf und wollte entfliehen. Der Arzt ergriff ihn beim Arme, hielt ihn zurück und sagte:
»Hier ist der Sitz des Nebels. Ich muß diese Stelle genauer untersuchen; aber der Schmerz, welchen er dabei empfindet, wird ihn hindern, still zu halten. Ich brauche einen Mann, oder auch zwei Personen, welche ihn festhalten.«
»Ich werd sogleich zwei holen!« sagte die Alte, welche aufs Aufmerksamste zugeschaut und dem Arzte jedes seiner Worte förmlich von den Lippen abgelesen hatte.
»Halt!« sagte der König, als sie sogleich forteilen wollte. »Bin ich stark genug, Doctor?«
»Sie?« fragte dieser. »Hm! Stark genug jedenfalls. Aber ich meine – – –«
»Sie haben nichts zu meinen! Wir vereinfachen die Prozedur. Ich halte ihn.«
Er trat zu dem Kranken heran, schob ihn an die Mauer, nahm ihn zwischen die Arme und hielt mit den Händen seinen Kopf fest. Der Patient konnte sich bei der Riesenkraft des Königs nicht bewegen. Er wimmerte angstvoll, denn er merkte gar wohl, daß man jetzt im Begriff stehe, einen Gewaltakt vorzunehmen.
»Nun, beginnen Sie!« gebot der König.
Der Medicinalrath nahm die Untersuchung vor. Der Kranke fiel aus dem Wimmern in ein schmerzvolles Schreien, so daß nicht nur oben an dem Fenster der Kopf von des Heiners Frau erschien, sondern auch aus den benachbarten Häusern die Leute traten, um die Ursache dieses Schreiens. kennen zu lernen.
Das währte mehrere Minuten. Endlich war der Arzt fertig.
»Zu Ende,« sagte er, »Sie können ihn los lassen, Herr Ludwig.«
Sobald der König die Hände von dem Balzerbauer nahm, rannte derselbe spornstreichs von bannen, den Kopf mit beiden Händen haltend und ein fast thierisches Jauchzen ausstoßend aus Freude, daß er dem Schmerze nun entronnen war.
Die Bäuerin hatte voller Angst zugeschaut. Es handelte sich ja darum, ob Ihr Sohn zu heilen sei oder nicht. Seine Heilung war vielleicht der erste Schritt zu einem besseren, menschenwürdigeren Leben. Sie näherte sich zaghaft dem Arzte und fragte:
»Jetzt, was sagens, Herr Doctorn? Kann er wiedern gesund werden?«
Das Gesicht des Gefragten war von Freude erhellt. Et antwortete:
»Zunächst sage ich, daß die Personen, von denen er bisher untersucht worden ist, wahre Esel – – hm, sich sehr geirrt haben. Von einem Irrsinn ist gar keine Rede.«
Und sich mehr an den König als an die Frau wendend, fuhr er fort:
»Bei seiner damaligen Verletzung hat sich, wie ich für ganz gewiß annehme, ein Knochensplitter nach abwärts in das Gehirn gesenkt. Er ist die Ursache der Geistesstörung, und es ist ein wahres Wunder zu nennen, daß sich nicht mit der Zeit noch schwerere Folgen eingestellt haben.«
»Ist dieser Splitter zu entfernen?« fragte der König.
»Ganz sicher. Vielleicht ist nicht einmal die Trepanation nöthig. Vielleicht ist dem Splitter schon durch einen bloßen Schnitt in die Kopfhaut beizukommen. Ich werde gleich morgen die Operation vornehmen und den in der Stadt wohnenden Collegen assistiren lassen. Wenigstens kann ich bei ihm die Säge zur Trepanation bekommen. Ich habe die meinige nicht mit.«
Die Bäuerin war förmlich atemlos.
»Herrgottl!« rief sie. »Bereits morgen?«
»Ja, gute Frau.«
»Und er wird wieder gesund?«
»Ich glaube, das garantiren zu können.«
»O Du mein lieber Himmel, wie dank ich Dir, wie dank ich Dir!«
Sie sank in die Kniee nieder, sprang aber sofort wieder auf, ergriff die Hand des Königs, küßte dieselbe inbrünstig und rief:
»Daran sind halt nur Sie ganz allein schuld! Das hab ich nur Ihrer Güten und Barmherzigkeiten zu verdanken.«
Und dann auch die Hand des Arztes erfassend, fuhr sie fort:
»Thuns, was Sie thun können, mein liebern, mein bester Herr Doctorn! Rettens mir den Sohn! Der Herrgott wirds zahlen.«
»Haben Sie keine Sorge. Was die Wissenschaft vermag, das wird sicherlich gethan werden.«
»Also er wird nicht nur am Leib gesund werden, sondern auch wiedern denken können?«
»Ja. Auf verschiedenen Erfahrungen fußend, möchte ich sogar behaupten, daß sein Geist nicht langsam zu sich kommen werde. Ich vermuthe vielmehr mit allem Grund, daß in dem Augenblick, an welchem ich den Splitter aus dem Hirn entfernt habe, der Kranke in den vollen Besitz seiner Geisteskräfte gelangen werde.«
»So kann er dann sogleich denken und sprechen?«
»Ja.«
»Mein Heiland! Dann wird er ja doch sagen können, was damals Alles geschehen ist!«
»Ich denke es. Aber, gute Frau, grad aus diesem Grunde ist es sehr gerathen, Niemandem vorher Etwas erfahren zu lassen. Verstanden?«
»O, ich weiß, was Sie meinen. Es soll kein Mensch wissen, daß mein Sohn operirt werden soll.«
»Gut. Sorgen Sie dafür, daß er morgen am Vormittag zu Hause bleibe, damit ich ihn finde, sobald ich komme. Ich freue mich, daß es mir erlaubt war, Ihnen eine so hoffnungsreiche Mittheilung zu machen. Leben Sie wohl!«
»Grüß Gott, mein guter, mein bester Herr Doctorn!« antwortete sie, vor Entzücken weinend. »Ich hab bisher lange Jahren in dera richtigen Höllen lebt. Nachher, wann mein Sohn wiedern gesund ist, wirds für mich sein wie im Himmeln!«
Sie zitterte förmlich vor Freude.
»Und nun?« fragte der Arzt den König.
Dieser deutete nach oben und antwortete:
»Zum Elephantenhanns. Ich prominire einstweilen unten.«
Der Arzt trat in das Haus und stieg die Treppe empor. Der König aber ging seitwärts, wo der Weg hinter dem Dorfe hin führte, und begann, da auf und ab zu gehen. Er hatte sehr lange zu warten, fast eine halbe Stunde, bis der Medicinalrath zurückkehrte.
»Nun?« fragte er diesen, indem sie langsam weiter schritten.
»In Beziehung dieses Kranken haben meine verehrten Herren Collegen nicht Unrecht gehabt, wenigstens was die Heilung betrifft. Der Knabe hat im kindlichsten Alter einen großen Jammer durchmachen müssen, und darauf sind arme, entbehrungsreiche Jahre gefolgt. Die Frau, welche eben bei ihm war, gab sich die Schuld, indem sie bitter dabei weinte.«
»Sie ist seine Mutter, welche leichtsinnig ihren Mann und ihre Kinder verlassen hat.«
»Ah! So sah sie gar nicht aus!«
»Sie ist zur Einkehr und Reue gekommen, und ihr Mann, welcher trotz seiner Armuth und seines niederen Standes ein edler, großherziger Character ist, hat ihr vergeben. Ich weiß, daß der arme Knabe damals über den Verlust seiner Mutter und die Krankheit seines Vaters gar nicht zu trösten gewesen ist. Er besitzt ein ausgezeichnetes Talent für Pinsel und Palette. Hoffen Sie, daß er noch erstarken und gesunden könne?«
»Ich bin überzeugt davon. Aber die Mittel – –«
»Habe ich.«
»Sie werden bedeutend sein!«
»Darnach darf ich nicht fragen. Es ist meine Pflicht, ein solches Talent dem Leben zu erhalten.«
»Er muß nach dem Süden. Wohin, das ist erst nach weiterer Beobachtung zu bestimmen. Der Süden mit seinem Lichte und seiner Wärme wird hier Wunder wirken, denn er findet eine sehr kräftige, geistige Unterstützung in der Sehnsucht des Patienten, dort Hilfe zu suchen. Schon die einfache Nachricht, daß er bald ziehen darf, wird seine Kräfte verdoppeln.«
»So wollen wir ja nicht zögern!«
Der Arzt fuhr sich mit der Hand über die Augen. Er ergriff die Hand des Königs und führte sie, ehe dieser es hindern konnte, an seine Lippen.
»Majestät, ich – – –«
»Pst! Schon wieder dieses Wort!«
»Verzeihung! Hier kann ich unmöglich »Herr Ludwig« sagen. Das wäre eine Entheiligung meiner innigsten Gefühle. Wenn Königliche Hoheit diesen armen Jüngling erlauben, dahin zu ziehen, wo die Schwalben der Härte unseres Winters entgehen, so retten Königliche Hoheit diesen Kranken vom sicheren Tode. Er würde hier binnen der Zeit eines Jahres hinsterben, langsam hinsterben wie eine Blume, welcher man das Tageslicht entzieht, indem man sie in den Keller stellt! So, nun kann ich hohem Befehle zu Folge wieder »Herr Ludwig« sprechen.«
Der König war tief, tief gerührt über den Gefühlsausbruch dieses Mannes, welcher in so vieljährigen Umgange mit dem Elende des Menschenlebens gelernt hatte, sein Gemüth mit eisernem Panzer zu wappnen.
»Und nun der Silberbauer?« fragte er. »Wie steht es mit diesem?«
»Er hat zwei Rippenbrüche. In wie weit sein Kopf beschädigt ist, kann jetzt noch nicht beurtheilt werden, weil er sich in einem traumartigen Zustande befindet und kein Wort, keine Silbe, nicht einmal einen Schmerzenslaut hören läßt. Die Armwunde, so fürchterlich sie beim ersten Anblicke erscheinen mag ist nicht einmal so gefährlich wie der Bruch der Rippen. Ich wollte, ich könnte bei ihm anwesend sein, wenn er erwacht. Es ist das für den Arzt ein Augenblick, an welchem die wichtigsten Beobachtungen angestellt und nicht weniger wichtige Erfahrungen gemacht werden können.«
»Wird man auf dieses Erwachen lange Zeit noch zu warten haben?«
»Diese Frage läßt sich kaum mit nur einiger Sicherheit beantworten. Es fehlt da jeder einigermaßen praktikable Maaßstab. Doch denke ich, daß binnen zweien, höchstens dreien Tagen der Patient eine Aeußerung geistigen Lebens bemerken lassen wird.«
»So sollen Sie dabei sein. So lang ich hier bleibe, bedarf ich doch Ihrer Gegenwart, und binnen dreier Tage reise ich wahrscheinlich nicht ab. Treffen Sie also Ihre Vorbereitungen. Nötigenfalls soll die Behörde dafür sorgen, daß Ihnen der Zutritt nicht wieder in der Weise wie vorhin erschwert werde.«
Sie sprachen nun noch über die Verhältnisse der Umgegend und der hier wohnenden, dem Könige bereits bekannten Personen. Dabei kamen sie nach der Mühle zurück.
Die Gäste waren dort, den Pfarrer ausgenommen, noch Alle vorhanden. Es hatte noch Wein auf dem Tische gestanden, und dieser Umstand hatte die guten Leute in der Stube festgehalten. Dieselben waren so mit sich selbst beschäftigt, daß sie die Rückkehr der beiden Herren gar nicht bemerkten. Eben als die Letzteren in den Hausflur traten, ertönte die muntere Stimme des alten Sepp. Die Stubenthür stand auf, und so war ein jedes seiner Worte zu vernehmen. Der König ergriff den Arzt bei der Hand, ihn zurückhaltend.
»So, also, Barbara, Du kommst zu ersten dran!« sagte der Wurzelhändler. »Wer ist der beste König auf dera ganzen Erdenwelt?«
Die Alte war sehr schnell mit der Antwort da.
»Dera preusche Fritzen!« rief sie.
»So! Der? Warum sodann?«
»Weil er die Franzosen haut hat bei einem Bach, woraus die Rosse soffen haben.«
»Du meinst Roßbachen. Na, so übel ist's nicht; aberst Du hast läuten hört, jedoch nicht zusammen schlagen. Wer weiß einen noch bessern König?«
»Ich, ich, ich, ich!« riefen mehrere Stimmen.
»Halt! Immer nur Eins nach dem Anderen! Peter, wen meinst halt Du?«
Peter war der uralte Mühlknappe, der fast nicht mehr arbeiten konnte und also das Gnadenbrot aß. Er stack die meiste Zeit droben in einem kleinen Dachkämmerchen und kam nur sehr selten herab. Das lustige Chor hatte ihn überfallen und herunter geschleppt. Er antwortete mit tiefer Baßstimme:
»Der allerbest König ist der alte Derfflinger gewest.«
»Der? Warum?«
»Weil er ein Schneidergesellen war und nachhero König worden ist. Da muß er doch halt ein gar tüchtigern Kerlen west sein!«
»So? In welchem Land war der denn König?«
»In einem Land, das nennt man halt die Luxemburgern Haide.«
»Schafsköpfen! Lüneburgern Haide heißts. Dort ist kein Land.«
»Sagristi! Wohl lauter Wassern?«
»Nein, sondern eben Haide. Das ist weder Land noch Wassern, sondern ein Brei von Ziegelsteinen und Kiefernharzen. Dorten hats gar nie einen König geben. Dera Derfflingern war auch kein König, sondern ein Generalen und Feldmarschallen, und wenn er gegen die Türken fochten hat, so hat er sie nämlich Alle mit dera Ellen massacrirt. Das war also nix, Peter. Also nun Du, Lisbetherl. Wer ist dera allerbest König in dieser Welten?«
»Ganz nur unser gutern Ludwigen!« antwortete das Mädchen.
»Heiner, Du?«
»Ich stimme auch für den Ludwigen. Für den geb ich allsogleich hier meinen letzten Arm und auch mein Leben!«
»Und Du, Müllern!«
»Natürlich, dera Ludewig!«
»Hast Recht. Es giebt nix Schwerers und auch Schmerzhafters als wann Einer aus dera Haut fahren muß. Aberst wann mein König Ludwig zu mir sagen thät: Wurzelsepp, machs möglich und fahr aus der Haut! Könnt Euch drauf verlassen, ich machts möglich. Ich ließ mich schinden, bis die Haut locker wär und führ hinaus, zwölfspännig und mit Trommeln und Trompeteln. Für so einen guten König muß man Alles möglich machen können. Merkts Euch das!«
»Ja, wannst denen Ludewigen meinst, so ist der freilich der best, viel bessern noch als dera alte Fritzen!« rief die Barbara.
»Ja,« brummte der alte Knappe, »sogar noch bessern als dera Derfflingern. Das ist richtig!«
»Schön!« sagte der Sepp. »So sind wir also jetzt einig und wollen ihm ein Hurrah und Vivavit bringen. Wein ist ja da. Odern, noch gar viel bessern! Da fällt mir halt was ein. Wir machens wie die Studenten, fein und nobel, wir reiben ihm einen Hilamandern.«
»Was ist das?« fragte Peter.
»Ein Hilamandern ist ein Säugethier, welches halb Vogel und halb Fisch und nachhero auch noch drei Viertel eine Schlangen ist.«
»Und den muß man reiben?«
»Ja, so heißts.«
»Vertorium! Wo nehmen wir aberst da gleich so einen Hilamandern her?«
»Gar nicht nehmen wir ihn her, sondern den denkt man sich blos. Weißt, Eins von uns muß sich hierher setzen, grad in die Mitt; das ist dera Hilamandern. Die Andern stellen sich rund herum, nehmen in die eine Hand Ruß und in die andere das Glas. Nachhero wird die Gesundheiten trunken. Jeder trinkt sein Glas aus und reibt dabei dem Hilamandern mit dera andern Hand denen Ruß ins Gesichten, und Alle rufen dabei recht laut: »Vivavit! Smollit und Viducitum!« Wann nachhero das Gesichten recht schwarz ist, so giebts eine große Freuden und Herrlichkeiten. Von diesem Reiben heißt die Sach also eine Hilamandern reiben.«
»O, das wär schön!« brummte der alte Peter mit seinem tiefen Basse.
»Nicht wahr? Also das machen auch wir jetzund. Wir wählen jetzt den Hilamandern?«
»Wer aberst soll das sei?« fragte der Heiner.
»Allemal diejenige Personen, welche die schönst und fetteste Visagen hat. Das ist ha unsre alte Barbara.«
»Dank schön! Dank sehr schön!« kreischte die gute Wirthschafterin. »Das könnt mir halt grad noch gefallen in meinen alten Tagen! Sucht Euch einen Hilamandern, wo Ihr nur wollt. Ich aber laß mir mein Gesicht nicht verschimpfiren!«
»Nicht? Könntst uns aberst doch mal diese Lieb erweisen!«
»Wannst keine andere Lieb von mir willst so mach Dich nur gleich fort von hier und komme mir nimmer wiedern! So ein Schlangangerl könnt mir gefallen!«
»So! Aberst eine andere Person paßt halt nicht dazu. Also müssen wir auf denen Hilamandern verzichten. Und das ist wohl auch sehr richtig; denn wann wir auf die Gesundheiten unsers guten Königs trinken wollen, so ists besser, wann wir fein ernst und andächtig dabei sind. Wenn ich an ihn denk, so muß ich auch gleich allemal an meine Leni denken. Ihr hättet nur dabei sein sollen, als sie sungen hat:
Als Alle mich verlassen hatten
In meines Unglücks schwerer Nacht,
Stand ich in meines Königs Schatten;
Mein König hat an mich gedacht!
Da hat Alles weint, Alles, Alles hat schluchzt und weint und dera König selbern auch mit. Hört, das merkt Euch! Keiner hat so ein Herz für das Unglück wie unsera Ludwigen. Dera Sepp weiß das sehr genau. Und wann er mal hierher kommen thät, so sollt Ihr sehen, wie schnell das Leid ein End nehmen thät bei Denen, die seiner Hilf und Gnaden würdig waren!«
»Herrgott« meinte der Heiner. »Wann er da meinen armen Hanns sehen thät!«
»Du, Heiner, ich will Dir mal was sagen. Das Glück kommt oft schneller, als man denkt hat. Ich hab hört, daß unser Ludwig bald mal kommen wird. Das versäume ja nicht; da mußt Dich an ihn wenden. Wirst sehen, er hilft dem Hanns. Und dafür wolln wir uns bereits schon vorher bedanken und unsern lieben König hoch leben lassen. Nehmt also die Glaserln in die Hand und haltets rechte hoch! So! Und nun paßt auf! Was ich schrei, das müßt Ihr auch rufen. Also jetzund geht dera Toasten los!«
Und mit erhobener Stimme fuhr er fort:
»Unsern gutern und bravern Ludwigen, König von Seiner Majestäten Bayern soll unterthänigst hoch leben. Wir bringen ihm ein allergnädigst Vivat – – – so schreit doch!«
»Vivat!« riefen die Andern.
»Abermals Vivavit!«
»Abermals Vivavit!«
»Und zum dritten Male Vivavit!«
»Und zum dritten Male Vivavit!«
Die Gläser klangen zusammen. Der König gab dem Arzte einen Wink und trat wieder aus dem Hausflur hinaus. Sie gingen still um die Mühle herum nach dem Garten.
Für Andere hätte diese Scene wohl mehr Drolliges als Ernsthaftes gehabt; diese Beiden aber waren Kenner des Volkscharacters, und zumal kannte der König den treuen Wurzelsepp. Es schimmerte in seinem Auge feucht. Er wandte sich, als sie nicht mehr gesehen werden konnten, an den Medizinalrath:
»Das sind Herzen, auf welche man sich verlassen kann. Da begreift man, wie glücklich jener Fürst war, welcher sagen konnte, er dürfe sein Haupt in den Schooß eines jeden seiner Unterthanen ohne Bedenken zur Ruhe legen! – Herrschersorgen und Herrscherglück. Der Sorgen sind so viele, so gar viele und schwere, aber ein Augenblick solchen Glückes wiegt Alles, Alles auf.«
Als sie den Garten erreichten, saßen noch der Lehrer und dessen Mutter in der Laube. Beide traten heraus, weil sie glaubten, der König wolle sich in den Schatten derselben niederlassen.
»Ich will Sie nicht stören,« sagte er. »Aber wenn Sie nicht hier gefesselt sind, so ersuche ich Sie, mit nach der Stube zu kommen. Dort herrscht ein reges Leben, wie es scheint. Und ich möchte gern auch einen Beitrag zu der allgemeinen Freude steuern.«
Sie kamen durch die Hinterthür in das Haus. Die Barbara bemerkte sie durch die Küche zuerst, und da war ihre Stimme zu vernehmen:
»Seid still, Ihr Hallodrivolk! Die Herrschafteln kommen! Was sollens von uns denken, wenn so ein Lärmen hierinnen herrscht!«
»Jerum, geh!« ertönte da der Baß des alten Peters. »Ich bin gar nicht mit geladen und sitz doch auch mit da! Wo versteck ich mich nur da sogleich! Ich krieg unter denen Ofen!«
Als die Vier nun eintraten, standen die Andern in halber Verlegenheit um den Tisch.
»Sitzenbleiben,« sagte der König. Und seitwärts blickend, fügte er, vergnügt lächelnd, hinzu: »Und auch liegen bleiben!«
Der große, mächtige Kachelofen stand nämlich auf vier hohen Beinen. Vorn war eine hölzerne Bank angebracht. Da drunten gab es Raum für einen Menschen. Der Peter war wirklich hinuntergekrochen. Weil er aber von ungewöhnlich langer Gestalt war, so ragten seine Beine so weit hervor, daß man die mehlweißen Stiefelpantoffeln, die herab gerutschten Strümpfe und dann die nackten, hagern Waden erblickte. Er gab sich zwar die größte Mühe, diese Extremitäten an sich zu ziehen, doch rutschten sie ihm immer wieder vor.
»Jetzund wirds uns schlecht ergehen,« sagte der Müller. »Herr Ludewig, wir haben fast denen ganzen Wein ausitrunken. Machens eine gnädige Strafen!«
»Ja,« stimmte der Heiner bei, »wenn man all sein Lebtage keinen solchen Tropfen trunken hat und man bekommt dann mal ein Glas, so macht man nachher allerlei Dummheiten. Wir haben auf unsern herzlieben König einen Toasten gerufen.«
»So!« lächelte der König. »Und das nennt Ihr eine Dummheit?«
»Himmelsakra, nein! Das war nicht so gemeint Herr Ludewigen. Ich mein' halt nur das Trinken, aber nicht den Toasten auf denen König.«
»Habt Ihr denn Ursache zu einem solchen Toast?«
»Ursache?« fragte der Heiner ganz erstaunt. »Natürlich! Giebts etwan einen besseren König?«
»Nun, ich kann Euch wenigstens versichern, daß er es gut mit Euch meint. Alles Leid kann er freilich nicht heben. Er ist ja nicht allwissend und auch nicht allmächtig. Und wo er nicht da ist, da sollen Andere an seiner Stelle handeln. Daran habe ich gedacht, als ich versprach, für den Hanns einen Arzt rufen zu lassen. Hier, der Herr Doctor ist jetzt mit mir bei ihm gewesen und hat ihn untersucht.«
»Jetzt? Bei mir gewest?« fragte der Heiner bestürzt. Und ich war nicht dabei?«
»Das war ja nicht nöthig.«
»Und untersucht ist er worden? Herr Doctorn, wie habens ihn funden? Sagens rasch! Kann er gesund werden?«
»Ja,« antwortete der Arzt. »Aber er darf nicht hier bleiben.«
»Habs mir denkt!« meinte der Heiner traurig. »Er muß fort!«
»Wollen Sie nicht einwilligen?«
»O! Gar gern! Aberst das kostet ein gar schweres Geldl, und wo nehme ich dasselbige her?«
»Ich weiß es, hier Herr Ludwig will Alles bezahlen.«
»O Gott! Ists wahr? Ists wahr?«
»Ja, Ihr Sohn soll nach dem Süden, und er soll so lange dort bleiben, bis er gesund ist, selbst wenn es mehrere Jahre dauert. Und nicht nur das will der Herr bezahlen, sondern er will ihn auch unterrichten lassen, daß der Hanns ein Maler werden kann, ein Künstler in seinem Fach.«
Der Heiner stand ganz sprachlos. Das Liesbetherl stieß einen Freudenschrei aus und machte eine Bewegung, als ob sie auf den König zueilen wolle, wankte aber dann und schlang den Arm um Barbara, um sich an derselben festzuhalten.
»O, Ihr Heilgen all im Himmel droben!« stieß der Heiner endlich hervor. »Das ist doch gleich gar zu viel! Wer kann das aushalten!«
»Und weiter!« fuhr der König fort. »Der Hanns kann doch nicht allein in die Fremde gehen – – –«
»Nein, da muß halt ich wohl mit,« fiel Heiner ein.
»Sie nicht,« antwortete der König. »Sie müssen hier bleiben, um anwesend zu sein, wenn Ihr Liesbetherl Hochzeit macht. Der Hanns braucht zunächst eine weibliche Hilfe. Da schlage ich vor, es begleitet ihn die Frau, welche wir vorhin bei ihm getroffen haben.«
»Herrgottle, seine Mutt – – –!« rief der Heiner ganz entzückt.
»Und,« fuhr der König fort, »da er doch auch einer stärkeren, gewandteren, erfahreneren Unterstützung nicht entbehren kann, so werde ich ihm eine männliche Begleitung auch noch mitgeben. Wie steht es Herr Lehrer, hätten vielleicht Sie Lust?«
Max Walther war so überrascht, daß er nicht sofort eine Antwort fand. Darum erklärte der König weiter:
»Während Hanns in Constantinopel, Jerusalem, Damaskus, Kairo und so weiter Heilung sucht, könnten Sie als sein Begleiter und Beschützer den Orient studiren und dabei Anschauungen und Erfahrungen sammeln, welche Ihnen, der Sie ein Dichter sind, von großem Werthe sein müssen. Dies ist meine Antwort, welche ich Ihnen bis jetzt auf Ihre Improvisation schuldig geblieben bin.«
Jetzt kam Leben und Bewegung in den Lehrer. Er that einen Schritt wie um dem König zu Füßen zu stürzen, und rief dabei unvorsichtig:
»Maje – – –!«
»Halt!« unterbrach der König ihn schnell. »Keine allzu große Eilfertigkeit! Sagen Sie mir einfach, ob Sie bereit sind, mein Anerbieten anzunehmen!«
»Mit tausend, tausend Freuden!« antwortete er, der sich vor Entzücken kaum beherrschen konnte.
Seine Mutter schlang die Arme um ihn und weinte vor Freude.
»Ists denn auch wahr, wirklich wahr?« fragte der noch immer zweifelnde Heiner.
»Gewiß, ganz gewiß!« antwortete der Arzt.
»Liesbeth!«
Er streckte den einen Arm nach seiner Tochter aus. Diese flog herbei und an sein Herz. Die Barbara machte sich bereits mit ihrer Schürze zu schaffen. Sie fühlte, daß sie die Thränen nicht lange mehr werde zurückhalten können. –
Da, plötzlich fing es unter dem Kachelofen an zu kratzen, zu rascheln und zu rumoren, und zugleich ließ sich ein tiefer, dumpfer Ton vernehmen – es war kein Niesen, es war kein Singen, es klang im tiefsten Basse wie »Huhu hhh – huhu hhh – huhu hhh – huhuhuhuuuuuuu!«
Zu gleicher Zeit wurden die Stiefelpantoffeln immer weiter hervorgestreckt; zwei lange Beine kamen zum Vorschein, dann ein Leib, der Hals, der Kopf – der Mann richtete sich auf. Es war der alte Peter, der Knappe, welcher laut weinend sich mit beiden Händen die Augen rieb und dabei im allertiefsten Basse schluchzte:
»Nein, nein, das ist halt gar zu schön und rührend. Das konnt ich nimmer aushalten da unten. Wann so ein Glücken vom Himmeln kommt, so lauft mir das Wassern in die Augen und es stoßt mich dera Bock, daß ich weinen und flennen muß wie ein Kind. Ja, das ist doch gar zu rührend, gar zu schön. Ich mußt heraus unterm Ofen, sonst hätts mich schon bald umibracht vor lauter Interess' und Sympathie. Man ist doch auch ein Menschenkind und hat ein Herz wie ein Schnee und ein Gemüth wie ein Wachs. Herr Ludwigen, Sie sind halt ein sakrisch braver Kerlen! Das sagt halt dera Peter, und was der sagt, das ist gewiß und wahr – – huhu – – hhh – – huhu – – hhh – – huhuhuuuuuuu!«
Er weinte so laut und nachdrücklich weiter, als ob er es nach dem Kilometer oder nach der Klafter bezahlt bekomme. Seine Rührung hatte etwas Gewaltsames; sie war dem Ausbruche eines Vulkans ähnlich; aber grad dadurch wirkte sie nicht lächerlich sondern ansteckend. Die Anwesenden stimmten Alle mit ein.
Der Finkenheiner hielt mit seinem einzigen Arme seine Tochter umschlungen und schluchzte:
»Und wie er Alles so schön einirichtet hat! Nun geht die Muttern mit dem Hanns fort, so daß die Leut hier nix zu reden haben. Und dera Hanns wird ein berühmter Malern, auf den wir stolz sein können.«
Die Frau Bürgermeisterin lag am Herzen ihres Sohnes.
»Max,« flüsterte sie weinend. »Welch eine Gnade! Für mich noch mehr als für Dich. Danke ihm dafür, indem Du sie fruchtbar an Dir wirken lässest. Zwar muß ich Dich für längere Zeit nun wieder meiden, nachdem ich Dich kaum erst gefunden habe; aber ich will gern auf das Glück verzichten, gleich von jetzt an Deiner Seite sein zu können, denn diese Trennung wird ja Dir zum Segen und zum Heile gereichen.«
Und der Sepp schlich sich hin zur Barbara und sagte, seine Rührung mit Anstrengung verbergend:
»Jetzt, Barbara, mußt dem Herrn Ludewigen auch ein gutes Wörtle geben.«
»Ich? Was für eine Bitten sollt denn ich an ihn haben?«
»Daßt auch mit nach dem Süden darfst.«
»Bist närrisch! Wo sollt denn dieser Süden liegen?«
»Nun, in dem Afrika, wo die schönen Mohren sind. Da kannst so einen Schwaben heirathen, und dann bist sogleich unter dera Hauben. Das ist doch Dein größter Wunschen, dent auf dera Erden hast. Und waannt nachhers mit Deinem Mann herkommst nach Hohenwald, so kannst ihn für Geld sehen lassen und eine gewaltig reiche Frauen werden.«
»Halts Maulen, alter Hallodri! So ein schwarzer Negern wär mir doch tausendmal liebem noch als Du. Hier hast was für den guten Rath!«
»Sie holte aus und gab ihm einen Hieb auf das Ohr, welcher noch kräftiger war als der wenig geistreiche Witz, den er gemacht hatte.
Dieses kleine Intermezzo war von den Andern gar nicht beobachtet worden; es war also auch gar nicht im Stande, die Stimmung zu stören, welche sich der Anwesenden bemächtigt hatte.
Der König erinnerte den Heiner:
»Gehen Sie jetzt nach Hause, um Ihrem Sohne die freudige Nachricht mitzutheilen. Ich hoffe, daß sie auf seinen Zustand von vortheilhafter Wirkung sein werde. Es ist jetzt nur das Allgemeine erwähnt worden. Die besonderen Arrangements werden wir treffen, wenn wir uns die Angelegenheit reiflicher überlegt haben. Bitte, Herr Doctor, begleiten Sie mich auf mein Zimmer!«
Die beiden Herren entfernten sich, und es läßt sich denken, daß die Zurückbleibenden sich in Lobeserhebungen ergingen und allerlei Pläne für die Zukunft schmiedeten.
Das dauerte, bis der Nachmittag vorüber war und der Abend herein zu dunkeln begann. Da brach die Bürgermeisterin auf. Am Morgen noch von Zagen und Bangigkeit erfüllt, befand sie sich jetzt in einer so glücklichen Stimmung, wie sie sie im Leben fast noch niemals empfunden hatte. Sie konnte an der Seite ihres so lange Zeit und so sehnlichst gesuchten Sohnes gehen. Sie hatten sich tausend Zärtlichkeiten zu sagen, und daß der alte, brave Sepp mit ihnen ging, das konnte diese Ergüsse nicht stören, denn er war es ja, dem sie diese Wonne zu verdanken hatten, und er war ja auch so sehr discret: er schritt nämlich sehr weit hinter ihnen her und that ganz so, als ob er kein Wort von ihrer Unterhaltung hören könne.
Er begleite sie bis nach ihrer Wohnung in Steinegg. Als er dort eintreten sollte, lehnte er es ab:
»Dank schön jetzunder, Frau Bürgermeisterin! Ich hab erst noch einen kleinen Gang zu thun. Nachhero komme ich wiedern. Nur denen Rucksack will ich eini thun.«
Er warf ihn hinter die Hausthür, es dem Dienstmädchen überlassend, sich seiner anzunehmen, und ging weiter, nämlich wieder zurück auf der Straße, welche sie gekommen waren, und schritt den Schloßberg empor. Von da oben leuchteten die hellen Fenster in den dunklen Abend hinein, denn die Herrschaften saßen bei Tafel, an welcher es ziemlich lebhaft herging.
Der Baron war angekommen, ohne seine Ankunft vorher angemeldet zu haben. Er hatte die Tochter, deren Freundin und ebenso den Professor und den Sänger überraschen wollen. Ein kleines Geschäft hatte ihn nach München getrieben, und von da war er dann nach Steinegg gefahren, erst per Bahn und sodann per Wagen. Seine unerwartete Ankunft hatte auch die beabsichtigte Ueberraschung hervorgebracht, und nun saßen sie beisammen und besprachen, in welcher Weise die nächsten Tage verbracht werden sollten; denn der Baron hatte die Absicht, wenigstens eine ganze Woche hier zu verweilen, bevor er nach Wien zurückkehrte.
Da trat der Hausmeister herein und sprach leise einige Worte mit dem servirenden Diener. Dieser zuckte die Achsel, schüttelte den Kopf, und warfen Beide ihre Blicke verlegen auf den Baron. Dieser bemerkte es und fragte:
»Was giebt es denn?«
»Gnädiger Herr,« antwortete der Hausmeister, es ist ein Mensch im Vorzimmer, welcher vorgiebt, ganz unbedingt mit Ihnen sprechen zu müssen.«
»Ein Mensch? Du willst doch sagen, ein Herr?«
»O nein. Er ist gekleidet wie ein echter Strolch.«
»So will er mich wohl anbetteln. Weise ihn ab!«
»Er läßt sich nicht abweisen, trotzdem ich es sehr energisch versucht habe, ihn fortzujagen. Er hat sogar die Frechheit gehabt, es sich auf dem Sopha höchst bequem zu machen.«
»Donnerwetter! So werft ihn hinaus!«
»Das wollte ich doch nicht riskiren?«
»Fürchtest Du Dich etwa?«
»Nein, obgleich er trotz seines Alters sehr kräftig aussieht. Er behauptet nämlich, zur Dienerschaft des gnädigen Herrn zu gehören.«
»Was!« Das ist eine Lüge. Einer meiner Wiener Domestiken kann es nicht sein, denn diese Leute haben nicht das Aussehen von Strolchen. Ueberhaupt begreife ich gar nicht, wie irgend ein Mensch wissen kann, daß ich hier bin. Ich bin ja ganz geheim nach hier gekommen.«
»Nun, so lächerlich es klingt, er behauptet, der neue Parkaufseher zu sein. Er will jetzt seine Stellung antreten.«
Der Baron erhob sich von seinem Stuhle. Er machte ein ziemlich verlegenes Gesicht.
»Parkaufseher! Ah, jetzt begreife ich. Der Mann ist freilich engagirt; aber daß er es sich da auf dem Sopha bequem macht, das werde ich mir doch sehr energisch verbitten müssen.«
Und sich in erklärendem Tone an die Andern wendend, fuhr er fort:
»Ich traf nämlich unterwegs einen Hilfsbedürftigen, welcher mich zufälligerweise als einen Mann kennt, der gerne Gutes thut. Seine Lage rührte mich, und so ließ ich mich von meinem guten Herzen hinreißen, ihn als Parkwächter zu engagiren. Er ist arm und brav und – was mich am meisten veranlaßte, ihn hier anzustellen, ein seltenes Original. Das erkennen Sie ja aus dem Umstände, daß er sich sofort auf dem Sopha häuslich niedergelassen hat.
»Ein Original?« fragte Asta. »O, ich liebe alles Originelle!« Dabei warf sie einen liebebedürftigen Blick auf Anton. »Lassen Sie also den Mann eintreten, bester Baron! Ich muß ihn sehen.«
Damit war der Schloßherr freilich nicht einverstanden. Er machte eine abwehrende Handbewegung und sagte:
»O bitte! Sie hören, daß er einem Landstreicher ziemlich ähnlich aussieht. In diesem Zustande darf ich ihn den Herrschaften nicht vorstellen. Er mag sich erst äußerlich so weit verändern, daß er die schönen Augen des gnädigen Fräuleins von Zalba nicht beleidigt. Jetzt soll er nach meinem Zimmer gebracht werden und dort warten, bis ich gespeist habe. Nachher werde ich kommen!«
Der Hausmeister entfernte sich mit einer tiefen Verneigung. Draußen saß der Sepp.
»Nun?« fragte er. »Wie stehts? Hat dera Herr Baronen Zeit und Lust?«
»Jetzt keins von Beiden. Du wirst eine Weile warten müssen. Folge mir!«
Er führte ihn in das betreffende Zimmer, brannte dort ein Licht an und sage in befehlendem Tone:
»Hier bleibst Du, bis der Herr Baron kommt. Setz Dich auf diesen Stuhl, und greif nichts an, was sich leicht einstecken läßt!« .
Dabei musterte er mit einem vielsagenden, höhnischen Blick das Aeußere des Alten. Dieser that, als bemerke er das nicht und nickte ihm freundlich zu:
»Also hier ganz an dera Thüren soll ich sitzen bleiben?«
»Ja, und nichts anrühren!«
»Das ist sehr hübsch von Dir, daßt so auf das Eigenthum Deines Herrn siehst.«
»Höre, geduzt wird hier nicht!««
»Nicht? Ich denk grad, daß hier geduzt wird. Wie hast denn mich genannt?«
»Das ist etwas Anderes. Ich bin Hausmeister und nenne einen Jeden Du, welcher zur Dienerschaft gehört. Das ist mein Grundsatz.«
»Schau, das kann mich gefreun! Ich hab die Leutln so gern, die ihre festen Grundsätzen haben. Ich hab auch einen. Mein Grundsatz ist nämlich der, daß ich für jedes Du, was man ohne meine Erlaubnissen sagt, eine Ohrwatschen geb. Wannst also recht viele Kopfnüssen haben willst, so weißts nun ganz genau, wiests anzufangen hast.«
»Sapperment! Ich soll Dich nicht Du nennen!«
»O ja! Ich hab gar nix dagegen, aberst ich geb für jedes Du eine Ohrfeigen, Jetzt hasts gleich zweimal sagt, und da hast nun auch gleich die zwei!«
Er holte mit beiden Händen aus und gab dem Hausmeister, ehe dieser sich nur zu wehren vermochte, rechts und links je eine so kräftige Ohrfeige, daß der Getroffene mit dem Kopfe an die Thür flog. Er fuhr sich mit den Händen in das Gesicht und rief:
»Kerl, das wagst Du! Warte, ich werde – – –«
Er kam nicht weiter, denn er empfing sofort eine dritte Ohrfeige, zu welcher der Sepp die energische Erklärung gab:
»Noch ein Du! Dazu gehört auch noch eine Maulschellen. Wann wir so fortfahren, so wird Dir die Bruderschaften sehr bald gefallen.«
Da sprang der Hausmeister nach dem Kamin, riß die Feuerzange vom Nagel, holte aus und rief:
»Hallunke! Das sollst Du büßen!«
Der Sepp hatte weder seinen Hut noch seinen Bergstock abgelegt. Er hob den Letzteren empor, um den Hieb des Gegners zu pariren. Zange und Bergstock prallten zusammen, und die Erstere flog aus der Hand des Hausmeisters fort und in einen kostbaren Spiegel, welcher sich an der gegenüberliegenden Wand vom Boden bis hinauf an die Decke erhob.
Der Beamte stand steif vor Schreck. Er starrte das zertrümmerte Möbel an und brachte kein einziges Wort hervor. Der Sepp aber lachte:
»Schau, jetzt kannst hineinsehen in den Spiegulum. Grad so wie er sieht auch Dein Gesichten aus. Wollen wir noch ein Bißle weiter fechten? Vielleichten können wir noch was Andres auch zertöppern. Dort die schönen Vasen oder ein paar Fensternscheiben. Wann man Bruderschaften macht, kanns gar nicht lustig genug hergehen.«
»O Jerum!« stöhnte der Hausmeister. »Der herrliche Spiegel!«
»Ja, herrlich schaut er nun aus!«
»Gestern erst ist er aus Prag gekommen!«
»So schick ihn nun gleich wiederum hin!«
»Vierhundert Gulden ist der Preis!«
»Vierhundert Gulden für dreimal Du? Macht für das Mal hundertdreiunddreißig Gulden und dreiunddreißig Kreuzern. Das kann man schon zahlen, wann man so ein vornehmer Herr Hausmeistern ist, der alle Welt duzen kann!«
»Ich? Ich soll es bezahlen?«
»Ja, natürlich!«
»Oho! Wer hat den Spiegel zerbrochen? Wer?«
»Die Feuerzangen. Und wer hat sie gehabt?«
»Wer hat sie mir aus der Hand geschlagen?«
»Wer hat mich mit ihr angegriffen, he? Mach hier nur keine Faxen! Bei mir kommst da an den Unrechten! Und wannst mir etwan noch Geschichten vorverzählen willst, so faß ich Dich an und werf Dich auch noch da hinein in den Spiegeln! So ein albernen Hottentottenonkel, wie Du bist, kann von mir grad noch was lernen, wann er noch nix lernt hast! Warum sagst mir, daß ich nix angreifen soll, he? Weiß ich denn etwan, daß Du vorher auch nix angriffen hast? Wann nachhero was fehlt und Du hasts gemaust, so kommt die Schuld wohl gar auf mich? Das kann mir grad gefallen!«
Der Hausmeister hatte vor Schreck und Angst gar keine Ohren für Sepps Worte. Er stand vor dem Spiegel, schüttelte den Kopf und stöhnte zum Erbarmen:
»Vierhundert Gulden – vierhundert! Ein ganzes Jahrgehalt! Ich zahl keinen Kreuzer!«
»Wanns Dir schenkt wird, so hab ich nix dagegen. Mußts aberst zahlen, so wirst spätern wohl ein Bisle höflicher sein als bisher.«
»Kerl, bringe mich nicht auf, sonst werf ich Dich hinaus!«
»Du, willst abermals noch eine Maulschellen! Wannst mich hinausiwirfst, so kanns mir grad sehr lieb sein; da hasts mit dem Herrn alleini abzumachen. Aberst, wannst vom Hinauswerfen sprichst, so kann ich das auch. Ich soll hier warten, und Du hast hier nix zu suchen. Wannst nicht bald verschwindest, so fliegst hinausi, ohne daß ich Dir vorher die Thüren aufimach! Verstanden. Schau also, daßt fortkommst, sonst kriegt die Thüren noch ein größeres Loch als dera Spiegel!«
Der Hausmeister ballte beide Fäuste, getraute sich aber nicht an den Sepp, welcher eine Stellung eingenommen hatte wie ein großer Leonberger Hund, welcher einen kleinen Kläffer mit einem einzigen Biß zur Ruhe bringen will. Darum zog er es vor, einstweilen mit der Miene eines gewissen Sieges vom Schauplatz abzutreten.
»Gut, ich gehe! Aber nicht etwa, weil ich mich fürchte, sondern um den gnädigen Herrn Baron zu benachrichtigen, wer dieses Unglück hier verschuldet hat.«
»Ja, das magst halt thun, denn dann brauch ich nix davon zu sagen. Also troll Dich fort, Schlangangerl! Laufen kannst ja gut, weilst nun um vierhundert Gulden leichter bist!«
»Spotte nur! Der hinkende Bote wird ganz gewiß nachkommen.«
Er ging, und der Sepp setzte sich auf ein Sammetfauteuil, welches am Tische stand. Auf demselben stand ein Etui mit Cigaretten. Er nahm sich eine derselben und steckte sie in Brand. So, in aller Gemüthlichkeit den Rauch von sich blasend, wartete er auf den Baron.
Dieser hatte sich mit dem Essen beeilt. Als der Nachtisch servirt wurde, erbat er sich einen kurzen Urlaub und entfernte sich, um dem Sepp die erbetene Audienz zu ertheilen. Er hatte nicht gedacht, daß sich der Alte so schnell, einstellen werde. Das Kommen des Wurzelhändlers war ihm heut Abend im höchsten Grade unangenehm. Er wußte nicht, wie er sich bereits heut mit demselben arrangiren solle. Wo sollte er ihn unterbringen? Es war fatal.
Befand er sich schon aus diesem Grunde nicht in der allerbesten Laune, so wurde diese negative Stimmung noch erhöht, als er draußen hörte, daß der neue Parkaufseher den kostbaren Spiegel zertrümmert habe. Er eilte daher in wirklichem Sturmschritte nach seinem Zimmer. Als er die Thür desselben öffnete, blieb er erstaunt in derselben stehen. Da saß der Sepp, hatte den Hut auf dem Kopfe, den Bergstock in der Hand, rauchte bereits seine dritte Zigarette und hatte die Asche ganz gemüthlich herunter auf den kostbaren Teppich fallen lassen.
»Mensch, bist Du toll!« rief der Baron, die Thür hinter sich zuziehend.
Der Alte nickte ihm vergnügt entgegen, that einen kräftigen Zug und sagte, ohne sich von seinem Sitze zu erheben:
»Guten Abend, mein lieber Herr Baronen! Schön, daßt endlich kommst! Hab lang warten mußt und mir daher einstweilen so ein Rauchpusterl anbrannt.«
»Und lässest die Asche auf den Teppich fallen!«
»Schadet nix! Odern hast kein Dienstbotendirndl, die's wieder wegkratzen thut? Setz Dich nur mit herbei, und brenn Dir auch eins an! Nachhero können wir vergnügt mit nander plauschen. Es ist bei Dir auch gar zu hübsch und vornehm!«
»Das seh ich! Sogar der Spiegel ist vornehm.«
»So vornehm, daßt er vor Stolz zerbrochen ist. Aberst das schadet auch nix. Dera Hausmeistern wirds zahlen.«
»Der? Ich meine vielmehr, daß Du den Schaden wirft tragen müssen!«
»Ich? Da hast mal einen sehr schiefen Gedanken. Er hat ihn zerbrochen; ich bins nicht gewest.«
»Das wird sich finden! Jetzt vor der Hand aber wirst Du aufstehen und Dich höflich bis an die Thür zurückziehen!«
»Warum? Hier auf dem Sammetschemel ists halt gar nicht übeln. Und wann man Parkaufsehern worden ist, so hat man schon was zu bedeuten und kann sichs in dem Herrn seiner guten Stuben mit bequem und lieblich machen.«
Der Baron trat hart an ihn heran und sagte in drohendem Tone:
»Jetzt ists genug! Steh auf!«
Der Sepp blickte lachend zu ihm auf und antwortete:
»Geh! Mach nur keine Wespen! Es steht Dir gar nicht gut! Setz Dich her, und laß einen Wein kommen! Zwei Leutln, wie wir sind, die müssen sich gut vertragen, denn was der Eine nicht weiß, daß weiß halt dera Andre. Wir passen gar so sehr gut zu nander.«
»Das – das bietest Du mir! Steh auf, sag ich Dir, Mensch, oder ich laß Dir durch den Diener zeigen, daß Du hin an die Thür gehörst!«
»So! Ich glaub gar, jetzt beginnst gar einen Ernst zu machen!«
»Ja, es ist mein völliger Ernst. Hier bin ich Herr!«
»Daß geb ich ja ganz gern zu, daßt ein Herr bist. Du bist dera Herrn Baron, und ich bin dera Herrn Wurzelsepp. Wannst mir mit dem Diener drohst, so kann er dieselben Maulschellen bekommen wie dera Hausmeistern sie erhalten hat. Und wann ich hin an die Thüren soll, so geh ich nachhero liebern gleich ganz hinausi. Dann kannst aber warten, bis erfährst, wast derfahren willst, und ich werd lieber Deinem Sohn sagen, wo sein Vatern zu finden ist.«
Der Baron war ganz in der Laune gewesen, mit eigener Hand den Alten vom Sammetsessel empor zu ziehen. Die letzten Worte aber brachten ihn von diesem Gedanken ab. Er erinnerte sich, daß er sich gewissermaßen in den Händen des Sepp befinde. Er knirrschte zwar innerlich darüber, schlug aber doch einen gelinderen Ton an.
»Aber Du mußt doch einsehen, daß Du nicht auf diesen Sessel gehörst!«
»Nicht? Wohin denn?«
»Du hast vor mir zu stehen!«
»So? Dann bist aber wirklich gar kein höflichem und elegantern Kavallerirer! Ich, wann ein Jemand zu mir kommt, lad ihn gleich zum Sitzen ein. Und weißt, je höflicher Du bist, desto freundlichern bin ich dann gegen Dich. Also mach, wast willst. Ich hab Dir keinen Befehl zu geben.«
Er stand jetzt auf und zog sich langsam nach der Thür zurück. Der Baron blickte sich in dem Zimmer um, betrachtete den Spiegel und sagte:
»Zunächst wollen wir von diesem Möbel hier sprechen. Kannst Du den Schaden ersetzen?«
»Das hast mal sehr falsch fragt!«
»So? Wie hätt ich denn nach Deiner hohen Meinung fragen sollen?«
»Hättst fragen sollen, wer den Schaden zu ersetzen hat.«
»Doch Du!«
»Oho! So darfst mir nicht kommen. Dera Hausmeistern hat Dir gewiß was vorgelogen. Die Sach ist ganz anderst gewest.«
Und nun erzählte er den Hergang der Wahrheit gemäß. Aber das besänftigte den Baron keineswegs, sondern er wurde im Gegentheile noch zorniger, als er vorher gewesen war:
»Also zugeschlagen hast Du sofort. Was denkst Du denn, wo Du Dich befindest!«
»Erst hab ich denkt, daß ich bei dem Herrn Baronen von Alberg bin. Nachhero aber, als dera Mann gleich wie ein Spitzbub sprochen hat, hab ich meint, daß ich mich in einer Diebsspelunken befind, und an so einem Ort duld ich keine Beleidigung. So ists halt gewest. Hätt er mich nicht beleidigt und nachhero nicht die Feuerzangen derwischt, so wär jetzund dera Spiegeln noch ganz. Nun magst sagen, wer ihn zu zahlen hat.«
»Ihr Beide jedenfalls. Jeder die Hälfte!«
»Schön! Ich bins zufrieden. Und damit Du siehst, was für ein nobler Kerlen ich bin, so mag er die seinige zahlen und die meinige schenk ich Dir. Ich hab auch meine Bildungen und Condewitten lernt und laß mich niemals lumpen!«
»Mensch!« fuhr der Baron auf. »Ich weiß wirklich kaum, was ich von Dir denken soll! So dummfrech ist mir noch Niemand begegnet.«
»Nun, so kannst mich halt gleich los werden. Ich hab die Ehr, mein gnädiger Herr Baronen! Wünsch sehr angenehm zu speisen und zu schlafen!«
Er wandte sich um und griff nach der Thür.
»Halt!« erklang es hinter ihm.
»Na, was hast noch?«
»Du bleibst! Wir sind noch nicht fertig!«
»So! Und wann ich nun dennoch geh!«
»So weiß ich, was ich zu thun habe. Ich habe Dich engagirt; Du bist gekommen, Deinen Dienst anzutreten, und nun bist Du mir Gehorsam schuldig!«
»Ach so! Nun, ich bin noch nicht kommen, den Dienst zu beginnen. Ich hab Dir ja sagt, daß das erst morgen oder übermorgen geschehen soll. Und nun bitt ich Dich, das ja nicht zu vergessen, daßt mich wirklich engagirt hast. Wir kommen daraufi auch noch weiter zu sprechen. Also, warum soll ich jetzund noch länger hier bleiben?«
»Ich erwarte die Mittheilungen, welche Du mir versprochen hast.«
»Du, so weit sind wir noch gar nicht.«
»So! Was könnte es denn vorher noch geben?«
»Den Spiegel hier. Du hast ja selbst sagt, daß wir erst von ihm reden müssen.«
»Es bleibt bei meinem Ausspruche. Ihr bezahlt ihn mit einander.«
»Nun ja! Und meine Hälfte hab ich Dir bereits schenkt. Odern willsts nicht annehmen?«
»Höre, glaube ja nicht, daß ich der Mann bin, der sich von Dir foppen läßt! Ich verlange, daß Du den Ernst und die Höflichkeit zeigest, welche Du mir schuldig bist!«
»Die kannst haben! Auch mir ists sehr recht, wann wir ernst reden. Darum will ich auch meinen Huten abnehmen und von jetzunder an Sie zu Dir sagen.«
Er nahm den Hut ab und machte einen Kratzfuß, freilich mit einer Miene, welche den Baron noch mehr als eine offene Unhöflichkeit ärgern mußte. Dieser Letztere aber hielt es für besser, so zu thun, als ob er den Sarkasmus gar nicht bemerkt habe.
»Schön! Wenn Du Verstand annimmst, werden wir bald einig werden.«
»Das hoff ich gern. Daher sag ich Ihnen auch gleich, daß ich für den Spiegeln hier keinen Pfennig zahlen werd.«
»Wirst aber doch zahlen müssen. Ich habe Dich ja auch ganz in der Hand.«
»So?«
»Ja. Ich ziehe Dir den Betrag an den fünfhundert Mark ab, welche ich Dir versprochen habe.«
»So ziehe ich auch ab.«
»Was denn?«
»Ich selber. Ich ziehe ab! Adieu!«
Er wendete sich wieder nach der Thür. Der Baron schritt ihm schnell nach und hielt ihn fest.
»Ich habe gesagt, daß Du bleibst! Du hast mir Rede und Antwort zu stehen.«
Der Alte kratzte sich in possierlicher Verlegenheit hinter dem Ohre.
»Herrgottsakra! Sind aberst Sie ein gestrengern Herrn! Da werd ich wohl nicht lang der Parkaufseher bleiben. Das bin ich nicht gewohnt. Davon thun mir ja die Augen weh!«
»Es wird Dir vielleicht noch mehr wehe thun, wenn Du Dich ungehorsam zeigst. Also, ich wünsche zu erfahren, wo sich die einstige Bertha Hiller jetzt mit ihrem Sohne befindet! Heraus damit!«
Der Sepp nahm jetzt den Bergstock und den Hut zwischen die Kniee, sie dort festhaltend, und kratzte sich mit allen beiden Händen im Haare.
»Verdimmi, verdammt, wie dera Nachtwächtern immer sagen that! Jetzt bin ich schön anilaufen!«
»Wieso angelaufen?«
»Weilst mich nach dera Sachen fragst – – sappernloten, jetzund sag ich auch schon wiedern Du zu meinem gnädigen Herrn! Ich mein nämlich,, daßt ich mich in einer schauderhaftigen Verlegenheit befind, weil ich was sagen soll, was ich halt gar nicht weiß.«
»Wie? Du willst jetzt die Adresse der beiden Personen nicht wissen?«
»Ich weiß sie nicht.«
»Und heut am Tage hast Du sie gewußt?«
»Ja, sehr genau.«
»So mußt Du sie doch auch jetzt noch wissen!«
»Eigentlich, ja. Aberst ich habs vergessen.«
»Mensch, mach keinen Schwindel!«
»Das ist kein Schwindel! Herr Baronen, Sie wissen halt gar nicht, was ich für ein so gar zart und empfindlich Gedächtnissen hab. Wann das nur ein ganz klein Bisle über was derschrickt, so ists gleich ganz ausi mit ihm. Das ist mir schon sehr oft so gangen. Ich hab mal sogar ein ganzes Jahr lang meinen eignen Namen nicht mehr wußt, weil mein Gedächtnissen über eine Fliegen verschrocken ist, die mich bissen hat. Ich hab mich nicht und nicht und nicht auf den Wurzelsepp besinnen konnt, bis ich mich endlich nachhero mal im Spiegel anschaut hab. Nachhero hab ichs wiedern wußt, wer ich bin. Und so ists auch heut. Mein Gedächtnissen ist verschrocken, und nun kann ich mich auf die beiden Leutln absolutemang nicht mehr besinnen.«
Er sagte das so demüthig, so treuherzig. Der Baron aber ballte die Fäuste.
»Mensch, ich sollte Dich prügeln!« knirrschte er.
»Na, mir ists auch recht. Versuchens halt mal, obs die Adreß herausitrommeln können!«
Der Baron stampfte mit dem Fuße, wendete sich ab, schritt einige Male hin und her und blieb dann wieder vor ihm stehen. Er zwang sich zur Ruhe.
»Worüber ist denn dieses so ungemein zarte und empfindliche Gedächtniß erschrocken?«
»Ueber das Geldl, was ich da hier für denen Spiegeln zahlen soll.«
»Ach so! Konnte es mir denken! Hm! Wenn ich es mir recht überlege, so muß ich vielleicht doch den Hausmeister die Schuld zum größern Theile zumessen.«
»Nur zum größern Theile?«
Dabei blinzelte ihn der Alte listig an.
»Na, sagen wir also ganz!«
»Schön! Das laß ich mir gefallen.«
»Du hast also nichts zu bezahlen.«
»Jetzt kann ich nun wiedern meines Lebens froh werden. Jetzund bin ich wiedern gesund.«
»Ist auch Dein Gedächtniß wieder gesund?«
»Ja, grad jetzt eben kehrts wiedern zurück.«
»Das freut mich. Also, wie ist die Adresse?«
Der Alte kratzte sich abermals mit beiden Händen, indem er Hut und Stock zwischen die Kniee einklemmte.
»Ich hoffe doch nicht,« fügte der Baron rasch zu seiner Frage hinzu, »daß Dir das Gedächtniß schon wieder abhanden kommt!«
»O nein, nein, nein! Grad jetzund ists ganz richtig da. Es ist noch niemals so gesund und so stark gewest, wie grad in diesem Augenblick. Das merk ich sehr, weils grad die Hauptsach festhalten hat.«
»Diese Hauptsache ist doch die Adresse, welche Du mir versprochen hast!«
»O nein. Die Hauptsach sind die fünfhundert Markln, die Sie mir versprochen haben!«
»Ach so! Höre, alter Spitzbube, Du hast eigentlich die besten Anlagen für den Galgen!«
»Ach? Das hab ich gar nicht wußt! Zum Galgen? Nun, weil wir so gut zusammenpasse», könntens nachhero an mir aufihangen werden!«
Der Baron fuhr einen Schritt auf ihn zu; aber er sah ein, daß ihm das Aufbrausen nichts nützen könne. Er hatte nur dieselbe Grobheit zurückerhalten, welche er vorher ausgegeben hatte.
»Bleibens halt nur ruhig!« warnte der Sepp. »Wann ich mich, noch mehr aufireg, so kann mir mein Gedächtnisserl schnell wiedern abhanden kommen, und sodann verdien ich mir das schöne Geldl nicht.«
»Ganz recht! Also sag mir lieber schnell die Adresse, welche ich wissen will; dann hole ich Dir das Geld!«
»Ich bitt Ihnen recht sehr schön, mir lieberst das Geldl recht schnell zu holen. Nachhero sollens gleich das Richtige derfahren!«
Der Baron schlug mit der geballten Faust auf den Tisch und stieß einen Fluch aus. Der Sepp hielt sich die Ohren zu, indem er den Erschrockenen spielte, und klagte:
»O weh! Wanns noch mal so geht, so ist mein Gedächtnisserl zum Teuxel! Am Besten ists, wann ich davon geh. Ich seh nun doch eini, daß hier keine Geschäften zu machen sind!«
»Halt, Du bleibst!« gebot der Baron. »Ich gehe, um das Geld zu holen.«
Er ging wirklich, um seine Tochter aufzusuchen, in deren Besitz er eine bedeutende Summe niedergelegt hatte, damit sie die zur Einrichtung des Schlosses nothwendigen laufenden Ausgaben bestreiten könne. Der Sepp blieb in ehrerbietiger Haltung an der Thür stehen, obgleich er sich jetzt allein befand. Aber er drehte sich die Schnurrbartspitzen aus und brummte dabei höchst vergnügt:
»Jetzund, Sepp, mach die Taschen auf! Es kommt ein Geldl geflogen! Und nachhero mußt klug sein und gescheidt!«
Als der Baron in den Speisesaal kam, hatte sich der Professor der Musik bereits wieder in sein Zimmer zurückgezogen. Anton lehnte mit Asta am geöffneten Instrumente, und Milda saß am Tische, in einer Modenzeitung nach Mustern suchend.
Die beiden jungen Leute dort am Pianino machten sich gar kein Gewissen daraus, die Dame des Hauses so allein zu lassen. Diese Isolirung seiner Tochter war dem Baron sehr gelegen. Er lud sie ein, ihn einmal nach ihrem Zimmer zu begleiten, da er mit ihr zu sprechen habe.
Dort angekommen, theilte er ihr mit, daß er sofort fünfhundert Mark baar brauche, und sie zählte ihm, ohne zu fragen, die Summe in Goldstücken vor und fragte sodann, ob sie heut Abend noch auf seine Gesellschaft zu rechnen habe.
»Schwerlich,« antwortete er »Ich habe soeben eine Meldung erhalten, welche mich veranlaßt, mich zurückzuziehen, um der Angelegenheit, welche große Wichtigkeit für mich besitzt, einiges Nachdenken zu widmen.«
»So bin ich leider ganz allein.«
»Wieso? Hast Du nicht Asta und den Sänger?«
»Nein, sondern diese Beiden haben nur sich.«
»Willst Du etwa sagen, daß sie Wohlgefallen an einander finden?«
»Es hat allen Anschein.«
»Ah, das wäre mir lieb!«
»Asta giebt sich höchst auffällig Mühe, ihn zu gewinnen.«
»Sie thut ganz recht daran und arbeitet mir grad in die Hände.«
»Wieso. Mir ist Ihre Annäherung unangenehm.«
»Weil Du meine Ab- und Ansichten nicht kennst. Dieser Anton Warschauer wird sehr protegirt. Es hat mich keine kleine Anstrengung gekostet, es so weit zu bringen, daß er Gast in Steinegg wurde. Er bildet von jetzt an, so zu sagen, ein Glied unserer Familie. Das ist von Vortheil für uns, denn diejenigen Personen, welche sich für ihn interessiren, werden uns dadurch zur Dankbarkeit verpflichtet.«
Sie blickte ihn befremdet an.
»Ich kenne Deine gesellschaftliche Stellung nicht genau, Vater, da Du es für gerathen gehalten hast, mich in Isolirung aufwachsen zu lassen. Aber bedarfst Du denn der – Protection eines Sängers?«
Er fühlte gar wohl den Vorwurf, welcher in ihren Worten lag.
»Die seinige nicht, sondern diejenige der hochgestellten Personen, welche ihm eine Zukunft bieten. Und wenn Asta seine Liebe gewinnt, so kann mir das nur erwünscht sein. Sie fesselt ihn an uns, da sie Deine Freundin ist.«
Milda zuckte leise die seine Schulter.
»Freundin?« fragte sie gedehnt. »Ich gestehe Dir offen, daß ich keine übergroße Zuneigung für sie empfinde.«
»Was? Du machst mir eine Mittheilung, welche mich außerordentlich überrascht. Ihr habt ja stets als Freundinnen mit einander verkehrt.«
»Aber nur aus dem einfachen Grunde, weil sie die einzige junge Dame ist, mit welcher Du mir zu verkehren erlaubtest.«
»Was ist an ihr unsimpathisch?«
»Sie hat kein Herz, kein Gemüth, ist berechnend und – was ich erst jetzt in Erfahrung gebracht habe – eine Kokette, welche mir offen erklärt, daß es der schönste Zweck des Lebens sei, das Leben zu genießen.«
»Da hat sie sehr Recht!«
Milda blickte ihn fast erschrocken an.
»Wenn Du das sagst, Vater, so ist Deine Weltanschauung keine sehr ernste!«
»Pah! Lerne das Leben kennen, so wirst Du eben so denken wie ich!«
»Und Asta spricht nicht etwa im Allgemeinen vom Genusse des Lebens, sondern sie meint damit ganz specielle Freuden.«
»Hm! Raffinirt sie etwa?«
»Ja. Sie will – geliebt sein.«
»Verdenkst Du ihr das?«
»Sehr! Sie trachtet nämlich nicht nach der Liebe eines Einzigen.«
»Verteufelt! Dann entwickelt sie sich zu einer Salondame, welche eine Zukunft hat.«
»Um Gotteswillen, Vater!«
»Du thust ja ganz entsetzt! Eine Dame muß ihre Schönheit zu benützen, mit ihren Reizen zu wuchern wissen. Gerade in diplomatischen Kreisen, zu denen ich doch auch gehöre, werden durch Damen die größten Trümpfe ausgespielt.«
Sie wendete sich halb ab, und wie in zweifelndem Tone wiederholte sie feine Worte:
»Zu denen auch Du gehörst? Bitte, Vater, wie kommt es, daß ich niemals Deinen Namen nennen hörte?«
Er nagte einige Secunden lang die Unterlippe mit den Zähnen und antwortete dann:
»Weil gerade die besten und brauchbarsten Kräfte zur Lösung jener schwierigen Aufgaben verwendet worden, an denen nur ganz in der Stille, ganz im Geheimnisse gearbeitet werden kann. Auch Dir ist eine dieser Aufgaben bestimmt.«
»Mir? Ich bitte Dich! Ich werde niemals eine Diplomatin sein!«
»Das sollst Du auch nicht. Die Damen, welche wir brauchen, sollen nicht selbst Diplomatinnen sein, sondern uns Diplomaten als Werkzeuge dienen.«
Sie streckte wie im Abscheu die Hände vor.
»Als Werkzeug? Die Damen sollen sich Euch also zur Verfügung stellen?«
»Ja, und zwar mit allen ihren körperlichen und geistigen Eigenschaften, mit ihrer Schönheit, ihren Reizen, ihren seelischen Vorzügen! Grad aus diesem Grunde bist Du in tiefster Einsamkeit erzogen worden. Du bist schön, interessant, was noch viel besser ist als schön, ein unverdorbenes Gemüth. Wenn ich Dich in die betreffenden Kreise einführe, werden sich Vieler Augen auf Dich richten, und ich werde Dir diejenigen Herren bezeichnen, von denen ich wünsche, daß sie sich an Dich fesseln lassen.«
»Mein Gott Das verlangst Du von mir!«
»Ich muß es verlangen!«
»Daß ich mit den heiligsten Gefühlen des Herzens spiele, mit meinen eigenen und mit fremden Gefühlen?«
»Pah! Du bist noch Kind. Sprechen wir über dieses Thema, wenn die Zeit dazu gekommen ist. Asta ist Dir in dieser Beziehung weit überlegen, und darum wünsche ich, daß Du Dich aufs Innigste ihr anschließest. Wenn sie jetzt den Sänger zu fesseln sucht, so lasse ich ihr Zeit und Gelegenheit dazu. Störe sie nicht dabei, sondern ziehe Dich lieber zurück. So wäre es zum Beispiel jetzt gerathen, nicht wieder zu ihnen zurückzukehren. Kannst Du Dich nicht allein beschäftigen?«
»Ganz gut. Wenn Du es wünschest, so will ich mich hier fügen, denn Du magst Deine wohl erwogenen Absichten dabei haben, die ich aber weder mit dem Verstande noch mit dem Herzen begreifen kann. Ich könnte ja, um sie nicht zu stören, einen kleinen Spaziergang machen.«
»Bei Abend?« .
»O nur herunter in die Stadt, zu einer Bekannten.«
»Ah, so hast Du hier Bekanntschaft geschlossen, hier in dem Städtchen? Wer ist denn die Dame, mit welcher die Schloßherrin von Steinegg verkehrt?«
»Eine Frau Holberg. Sie ist Bürgermeisterswittwe und eine Frau von wahrer Herzensbildung.«
»Hat sie Familie?«
»Nein, weder Kinder noch Verwandte.«
»Nun, so kann sie ungefähr die Stellung einer Gesellschafterin zu Dir einnehmen, und ich will nichts dagegen haben, wenn Du sie zuweilen besuchst oder bei Dir siehst.«
»Ihr Rath ist mir grad jetzt sehr oft von größtem Vortheil gewesen. Schade, daß grad Asta sie nicht gut leiden mag. Sie hat sie heut am Morgen gradezu beleidigt.«
»So! Und das willst Du jetzt wieder gut machen?«
»Das ist meine Absicht.«
»So hoffe ich, daß dies in einer Weise geschieht, durch welche Asta nicht etwa blosgestellt wird.«
»Gewiß. Das Quiproquo wird gar nicht erwähnt. Wenn ich mit der Dame spreche, so fühlt sie sich reichlich entschädigt. Sie ist trotz ihrer reichen Kenntnisse und ihrer hohen Bildung so sehr anspruchslos.«
»Dann besuche sie; aber laß Dich durch einen Diener dann abholen.«
»Das ist nicht nöthig. Sie begleitet mich bei der Heimkehr stets bis herauf an das Schloß.«
Er ging nach seinem Zimmer, wo der Sepp noch immer still an der Thür stand. Er zählte die Goldstücke auf dem Tische auf und sagte dann:
»Hier liegt das Geld. Jetzt also die Mittheilung!«
Der Alte schüttelte den Kopf.
»Ich glaub halt nicht, daß ich da mitmach!«
»Du siehst doch das Geld liegen!«
»Ja, aberst ich fühls noch nicht in meiner Taschen. Erst wann es da drinnen steckt sicher und gewiß, nachhero werd ich reden.«
»Das ist eine Beleidigung. Glaubst Du, daß ich Dich betrügen werde!«
»Ich glaub, daß man ein großes Brot und eine kleine Wursten wohl essen kann, daß aber ein kleines Brod und eine große Wursten zusammen noch gar viel bessern schmecken.«
»So greif zu!«
Der Sepp trat an den Tisch und zog seinen alten Beutel. Er zählte die fünfundzwanzig Zwanzigmarkstücken bedächtig hinein, band ihn langsam zu und steckte ihn in die Tasche.
»So, jetzund ist das Geldl einisperrt; nun gehörts mir. Jetzt kann mirs Niemand nehmen.«
»Nun red aber auch!«
»Sehr gern. Ich werd sogar noch vielmehr thun, als ich versprochen hab. Ich werd nicht nur die Adressen sagen, sondern ich werd Ihnen sogar Ihren Sohn zeigen, Herr Baronen.«
»Zeigen! Ist denn das möglich?«
»Dann, wanns unmöglich wär, würd ich es doch wohl nicht sagen.«
»Allerdings. Aber wann willst Du ihn mir zeigen?«
»Noch heut Abend, weil er da auf Besuch hier in Steinegg ist.«
Der Baron konnte seine Ueberraschung nicht bemeistern. Vielleicht fühlte er nicht nur Ueberraschung, sondern sogar Besorgniß, denn er fragte:
»Er ist auf Besuch hier? So wohnt er also nicht beständig hier?«
»Nein. Er wird morgen früh schon wiedern von hier fortgehen.«
»Was ist er denn?«
»Schulmeistern. Er hat in Regensburg einen Dienst gehabt.«
Der Baron beachtete dieses »gehabt« nicht, bemerkte also nicht, daß der Sepp nicht von der Gegenwart, sondern von der Vergangenheit sprach.
»In Regensburg. Da sind wohl auch seine Eltern?«
»Wahrscheinlich, denn er ist dort ja erzogen worden.«
»Und bei wem ist er hier auf Besuch?«
»Bei einer Frau Holberg, welche – – –«
»Welche Bürgermeisterswittwe ist etwa?« fiel der Baron gleich ein.
»Ja. Kennens etwan die bereits?«
»Nein. Aber was will er denn bei der?«
»Ich hab doch sagt, daß er bei ihr auf Besuch ist. Sie haben sich mal drüben in Hohenwald troffen, und weil er grad Zeit habt hat, hat er sie herübern begleitet und ist noch ein Wenig da blieben.«
»So, so! Welch ein Zufall! Ich kaufe dieses Schloß und finde da den – – diesen, na, wie heißt er denn wohl? Welchen Namen führt er?«
»Max Walthern.«
»Das stimmt.«
»Na, ich werd doch nix sagen, was nachhero nicht stimmen thät!«
»Du sprachst aber, als ich nach seinen Eltern fragte, in einem ungewissen Tone. Natürlich kennst Du die Adresse derselben?«
»Ich weiß nur, wo er ist. Von ihm wird man das Alles sogleich derfahren können. Ich werd also jetzund zu dera Frau Bürgermeistrin gehen und ihn fragen.«
Er wendete sich um, als ob er eilfertig gehen wolle; aber das lag nicht in der Absicht des Barons, welcher ihn zurück hielt.
»Bleib! Wie kannst Du denken, daß Du so Etwas unternehmen kannst!«
»Na, warum dann nicht.«
»Was würde die Bürgermeistrin denken, wenn Du am Abende zu ihr kämst, Du ein Fremder – –«
»Na, ich weiß, wo sie wohnt!«
»So! Aber genügt denn das? Die ganze Sache wäre ja gleich verrathen!«
»Das glaub ich halt nimmer!«
»Freilich. Man würde Dich fragen, warum Du Dich erkundigst, und ich traue Dir zwar Pfiffigkeit zu, aber nicht die Festigkeit, welche dazu gehört, sich nicht aushorchen zu lassen.«
»Ja, wie wollen wirs aberst derfahren? Er reist morgen bereits wiedern ab.«
»Ich gehe selbst.«
»Himmelsakra! Das kann nimmer sein!«
»Viel eher, als daß Du hingehst.«
»Aberst was soll die Bürgermeistrin denken, wann Sie kommen und nach ihm fragen? Das muß ihr ja auffallen!«
»Das laß nur meine Sorge sein. Meine Tochter ist oft bei ihr. Sie geht auch jetzt wieder hin, und ich werde sie begleiten. Auf diese Weise sehe und spreche ich diesen Lehrer und erfahre Alles, Alles von ihm, was ich nur wissen will, ohne daß er eine Ahnung hat, wer ich eigentlich bin.«
»Ja, wanns so ist, so mag es wohl gehen.«
»Wo ist die Wohnung?«
»Vom Schloß hinab und in die Straße hinein das letzte Haus rechts eh' man an den Marktplatz kommt. Habens nachhero noch was zu fragen?«
»Nein. Ich werde jetzt Befehl geben, Dir eine Stube – – – hm, ich bin gar nicht vorbereitet gewesen, daß Du heut schon kommst.«
»Na, darüber brauchens sich denen Kopf nicht zu zerbrechen. Ich gehe Hinabi in den Gasthof oder zu einem Bekannten, wo ich in dieser Nacht schlafen darf.«
»Das ist mir angenehm. Aber ich hoffe, daß Du verschwiegen bist!«
»Ich red grad so viel wie ein Karpfenfischen im Wassern drin.«
»Aber wenn man Dich fragt, aus welchem Grunde Du die Anstellung bei mir erhalten hast? Was wirst Du da antworten?«
»Da giebts gar Vielerlei, was ich sagen kann. Am Besten wirds halt sein, wann ich sag, ich hab den Dienst erhalten, weil wir verwandt mit nander sind. Ich bin dem Baron sein Vettern von Seiten seines Oheims her.«
»Bist Du toll! Ich glaube gar, Du würdest so Etwas sagen!«
»Warum nicht? Ists etwan eine Schand für mich, wann ich Ihnen Ihr lieber Cousin sein thät?«
»Für Dich keine Schande, für mich aber keine Ehre. Nein, Du mußt einen anderen Grund angeben. Sag, Du seiest mir von der Behörde Deines Heimathsortes empfohlen worden.«
»Ja, das ist auch eine gute Ausreden. An dieselbe hab ich halt gar nicht denkt. Also morgen soll ich meinen Dienst beginnen? Wann aberst dann? Um welche Zeiten?«
»Komm, wann Du denkst. Ich bin am ganzen Vormittag zu Hause.« »Das ist sehr schön. Aberst nun hab ich noch eine Frage, auf die ich mich sehr freu, Herr Baronen.«
Es spielte dabei ein recht eigenthümliches Lächeln um seinen starken, weißen Schnurrbart.
»Nun, welche ist es?«
»Wann ich Parkinspector werd, so – – –«
»Parkinspector?« fiel der Baron ein. »Der Titel, welchen Du Dir giebst, wird ja immer vornehmer!«
»Ja, ich avancire mich halt selberst!«
»Parkaufseher!«
»So! Auch gut! Aberst wann ich der werd, so muß ich doch auch eine Uniformen tragen?«
»Natürlich.«
»Wie wird die ausschauen?«
»Das werd ich mir überlegen.«
»Wann sichs erst überlegen wollen, so ists also noch unbestimmt, und so können Sie's mir ja wohl nach Gefallen machen.«
»Ach so! Du hast Wünsche?«
»Eine goldne Dressen möcht ich haben und auch goldne Knöpfen mit einer schönen Kronen darauf, die ich mit Kreiden und Thonen putzen thu!«
»Mensch, bist Du eitel?«
»Nein, aberst ich will einen Staat machen, daß dera Herrn Baronen seine Freud und Ehren an mir hat. Darum will ich auch einen Bounapartenhuten mit einem rothen Federbuschen daraufi haben.«
»Willst Du nicht auch Schellen und Klingeln daran?«
»Nein, sondern aber noch einen Schleppsäbeln, der richtig rasseln thut und eine Doppelflinten und einer blauen Patronentaschen mit Sporen an denen Schuhen.«
»Sporen an den Schuhen! Also nicht einmal an den Stiefeln!«
»Nein. Meine Schuhen hier behalt ich. Die trag ich nun bereits an die vierzehn Jahren und sind also auch über zwanzig Flecken drauf geflickt. Die passen mir gar schön. Sie sind derb und dauerhaft, und weils so gar hübsch auf und nieder schlappen, kann ichs auch gleich als Pantofferln tragen. Das ist nicht bei jeden Schuhen so bequem.«
»Ich muß sagen, daß Dein Geschmack ein sehr eigenthümlicher ist. Hoffentlich wirst Du den Anzug tragen, den ich für Dich fertigen lasse.«
»Ja, wann er nobeln ist und auch aloganten, dann zieh ich ihn schon an. Ich bin ein sakrischer Kerlen in dieser Beziehungen und hab immer viel auf mein äußeres Exteriören geben. Wann dera Mensch hübsch fein geht, so macht er gleich einen schönen Eindrucken auf die Leutln!«
»Das sieht man ja bereits schon jetzt ganz deutlich an Dir. Zunächst aber hat es mit der Livrée für Dich keine große Eile. Vielleicht wirst Du in meinem Auftrag eine Reise machen, für welche ich Dir zunächst einen Civilanzug besorge.«
»Wohin?«
»Nach Regensburg, um Dich nach den Verhältnissen und den Verwandten dieses Max Walther genau zu erkundigen. Ich muß Dir einmal mein Vertrauen schenken, und so will ich keinen Andern damit beauftragen.«
»Wollens ihn etwan als Sohn anerkennen?«
»Das kann mir im ganzen Leben nicht einfallen.«
»So! Ich, wann ich einen Sohn hätt, ich wär auch ganz gewiß sein Vatern; aberst mich geht diese Geschichten nix weitern an. Jetzund nun werd ich mich dem Herrn Baronen empfehlen und will nur wünschen, daß dera gnädigen Herrn mit mir zufrieden sein mag. Sag gute Nacht und gute Besserungen!«
Bei diesen Worten war er zur Thür hinaus.
Sein letztes Wort war eigentlich für den Baron eine Beleidigung; dieser nahm es aber nicht so. Er glaubte, der Alte habe es aus alter Gewohnheit oder ohne alle Ueberlegung gesagt. Er begab sich nach dem Zimmer seiner Tochter, um dieser mitzutheilen, daß er sie begleiten werde. Dort erfuhr er, daß sie bereits fort sei. Nun war es unmöglich, ihr sofort zu folgen. Es schien gerathener zu sein, später zu gehen. Es konnte dann die Ausrede gemacht werden, daß er sie habe abholen wollen, da sie allein sei. Aus diesem Grunde wartete er fast noch eine Stunde.
Die Bürgermeisterin hatte ihren Sohn sofort in ihre Stube geführt und dem Mädchen den Auftrag ertheilt, für das Abendbrot zu sorgen.
Wie glücklich fühlte sie sich, den so lang Ersehnten nun endlich, endlich bei sich zu sehen! Und mit welch zärtlicher Sorgfalt bediente sie ihn und sah darauf, daß er es recht bequem habe. Er sollte die Liebe, welche er vermißt hatte, nun in reichlichstem Maße finden, zumal er ja bald gezwungen war, für längere Zeit die Heimath zu verlassen.
Dann saßen sie Hand in Hand neben einander auf dem Sopha.
»Wie wird sich mein Mädchen wundern,« sagte sie, »wenn sie erfährt, daß Du mein Sohn bist! Es hält mich hier ja Jedermann für kinderlos.«
»Mutter,« bat er, »halte mit dieser Mittheilung noch zurück! Ich bin ja ebenso glücklich, wenn auch die Leute nicht wissen, wer ich Dir bin!«
»Wie, verleugnen soll ich Dich? Das kann mir nicht einfallen! Das wäre ja eine neue und noch größere Versündigung an Dir als vorher!«
»Aber bedenke Deinen Ruf!«
»Mein Ruf wird wohl kaum darunter leiden. Und ich glaube auch nicht, daß ich nun, da ich Dich besitze, für immer hier wohnen werde. Nein, nein, ich verleugne Dich nicht. Ich wollte, ich könnte Dir noch viele und größere Opfer bringen.«
Bald wurde das Mahl aufgetragen, und dabei warf das Mädchen allerdings ganz verwunderte Blicke auf die Beiden, welche sich Du nannten und so liebevoll mit einander waren.
»Der Sepp ist noch nicht da,« meinte die Mutter. »Ich denke wir warten mit dem Essen auf ihn?«
»Sehr gern. Ueberhaupt läßt mich das Glück gar nicht an das Essen denken.«
»Sag es aufrichtig, ob es Dir recht ist, daß sich der Alte mit zu uns setzt. Ich thue so gern nach Deinem Willen.«
»So soll er allerdings bei uns sein.«
»Recht so! Wir haben ja grad ihm zu verdanken, daß wir uns wiedergefunden haben.«
»Und überdies darfst Du nicht denken, daß ich den Wurzelsepp mißachte. Er ist ein ungewöhnlicher Mensch, und ich habe die Beobachtung gemacht, daß er sogar heimlich mit dem Könige verkehrt. Ich will keineswegs behaupten, daß er das nicht sei, was er zu sein scheint; aber er hat Bekanntschaften und Verbindungen, welche ihm Derjenige, der ihn nur nach der Kleidung beurtheilt, sicherlich nicht zutrauen wird. Uebrigens rechne ich ihn nicht nur zu meinen Bekannten, sondern er ist sogar ein Verbündeter von mir.«
»So verfolgst Du Zwecke, wobei er Dir behilflich ist?«
»Ja. Ich bin einem Verbrechen auf der Spur, und er steht mir bei, den Thäter zu entlarven. Er ist ein schlauer aber auch ebenso treuer und zuverlässiger Patron.«
Sie warteten noch einige Zeit, aber der Sepp wollte sich nicht einstellen. An seiner Stelle kam zur freudigen Ueberraschung Milda von Alberg.
Da die Bürgermeisterin eine einfache bürgerliche Wirthschaft führte, so war von einer Anmeldung durch Dienerschaft keine Rede. Milda klopfte also nur an die Thür und trat dann ein.
Mutter und Sohn erhoben sich vom Sopha, auf welchem sie noch immer gesessen hatten.
Es war ein ganz eigenthümlicher Augenblick. Die Bürgermeisterin fühlte sich im ersten Moment einigermaßen verlegen, nun da sie Max in Wirklichkeit als ihren Sohn vorstellen sollte. Dann, als sie sprechen wollte, fiel ihr mit einem Male die außerordentliche Ähnlichkeit dieser Beiden auf. Wer Max und Milda erblickte, ohne sie zu kennen, mußte sie unbedingt für Geschwister halten.
Und die Beiden standen auch einander mit ganz eigenartigen Empfindungen gegenüber. Sie hatten einander noch nie gesehen, und doch war es Beiden, als müßten sie sich fragen, wo sie einander bereits schon begegnet seien. Max verbeugte sich höflich, und das schöne, junge Mädchen beantwortete seinen stummen Gruß mit einer ähnlichen Verneigung. Die Wangen Beider waren roth geworden. Da endlich hatte sich die Bürgermeisterin gefaßt. Sie begann beherzt:
»Ich konnte gnädiges Fräulein heut nicht mehr erwarten, bin aber nur um so mehr erfreut und erlaube mir, Ihnen meinen Sohn vorzustellen – Max Walther, welcher einen anderen als meinen jetzigen Namen trägt. Milda, Baronesse von Alberg, die neue Herrin des hiesigen Schlosses.«
Die Verbeugungen wurden wiederholt, und Milda bemerkte dabei in ihrer Aufrichtigkeit:
»Ich danke Ihnen recht herzlich. Ich hatte bisher keine Ahnung, daß Sie so glücklich seien, einen Sohn zu besitzen.«
»O, die Wahrheit zu sagen, ich wußte ja selbst noch nicht, ob ich ihn noch besaß.«
»Wie? Ist das möglich!«
Max sah, daß seine Mutter antworten wollte. Er wünschte um ihretwillen, daß sie nicht allzu aufrichtig sein möge, und fiel also schnell ein:
»Ich bin nämlich ein verlorener Sohn gewesen, da ich der Mama als kleiner Knabe während einer Reise abhanden kam. Es wurde nach voller Angst nach mir geforscht, leider vergebens. Erst heut sind wir so glücklich, uns endlich wiedergefunden zu haben.«
»Mein Himmel! Das ist ja ein wirklicher Roman! Ich denke, so Etwas kann in unserer nüchternen Welt gar nicht mehr vorkommen! Was müssen Sie gelitten haben, Sie ärmste Freundin! Ich kann mir das denken und freue mich um so mehr, Ihren Kummer gestillt zu sehen. Aber warum haben Sie mir denselben nicht mitgetheilt?«
Sie hatte voll innigstem Mitgefühles die Bürgermeisterin umarmt.
»Mama wollte nicht von ihrem Kummer sprechen,« antwortete Walther, »weil dadurch die Wunde, welche ja niemals heil geworden war, immer schmerzlicher geworden wäre.«
»Aber ein still getragener Schmerz ist ja viel schrecklicher als ein Leid, welches durch Theilnahme gemildert wird. Ich möchte Ihnen wirklich zürnen, daß Sie gegen mich so verschwiegen gewesen sind. Nicht einmal erfahren habe ich, daß der selige Bürgermeister Ihr zweiter Mann gewesen ist.«
»Er war ja der erste!« entfuhr es der Frau.
»Mutter!« warnte Max.
»Der erste?« fragte Milda verwundert. »Und Herr Walther heißt nicht Holberg?«
»Weil man, als ich von fremden Menschen gefunden wurde, meinen Namen ja nicht kannte,« erklärte der vorsichtige Lehrer.
Seine Mutter aber schüttelte den Kopf, reichte ihm die Hand hin und sagte:
»Ich danke Dir, Max! Du willst mir Hilfe bringen, welche aber keine Hilfe ist. Du sagst die reine Wahrheit, welche aber dennoch eine Unwahrheit ist. Warum soll ich nicht den Muth haben, das Richtige zu sagen, da mich kein Vorwurf treffen kann? Gnädiges Fräulein, ich gestehe Ihnen aufrichtig, daß ich nicht weiß, wer der Vater meines Sohnes ist.«
Zunächst war das der jungen Dame gar nicht faßbar. Dann breitete sich eine glühende Röthe über ihr Gesicht. Sie fühlte das und erröthete darüber noch tiefer, in der Besorgniß, die Frau, welcher sie eine so aufrichtige Hochachtung zollte, beleidigen zu können. Darum ergriff sie schnell die beiden Hände derselben und sagte:
»Ich besitze keine Erfahrung, Frau Bürgermeisterin, aber ich ahne doch, daß Sie viel, sehr viel gelitten haben müssen. Der liebe Gott mag sie von nun an desto glücklicher sein lassen.«
In ihrer tiefen Theilnahme küßte sie die viel geprüfte Frau auf die Stirn. Dadurch wurde die Letztere so gerührt, daß sie es nicht über das Herz bringen konnte, das gute, liebe Mädchen in Ungewißheit zu lassen. Sie begann, zu erzählen.
Sie entschuldigte sich nicht. Sie klagte sich selbst an, so daß Max öfters ein Wort der Verteidigung für sie einwerfen mußte. Aber dennoch fiel alle, alle Schuld auf den herz- und gewissenlosen Betrüger, welcher sich nicht gescheut hatte, ein solches Verbrechen an einem reinen, und vertrauensvollen Mädchenherzen zu begehen.
Milda war ganz sprachlos vor Entsetzen. Es war ihr unmöglich, daß es solche Menschen geben könne. Sie wollte es nicht glauben, bis die Bürgermeisterin jenen Brief herbeibrachte, welchen sie als letztes Lebenszeichen von dem Betrüger empfangen hatte.
Weder Max noch die Baronesse waren im Stande, die von Thränen so vielfach verwischten Schriftzüge zu lesen. Als aber die Bürgermeisterin die Zeilen, aus denen ein so grausamer, ordinärer und giftiger Hohn sprach, vorgelesen, faltete Milda die Hände und rief unter strömenden Thränen:
»Mein Himmel! So eine Sprache! Und Sie sind nicht vor Herzeleid gestorben!«
»Ich war gelähmt, nicht am Körper, sondern am Geiste, an der Seele, am Herzen. Mein damaliger Zustand läßt sich nicht beschreiben. Er ist nur zu vergleichen mit einem fürchterlichen Traume, in welchem man moralisch niemals zur Verantwortung gezogen werden kann. Max, was hast Du?«
Sie hatte gehört, daß seine Zähne laut zusammenknirschten. Sein Gesicht war leichenblaß, und seine Augen glühten.
»Herr Walther, was ist Ihnen?« fragte auch Milda voller Angst.
»Nichts, nichts,« antwortete er tonlos und mit Anstrengung. »Und Du hast ihm vergeben?«
»Ja, mein Sohn.«
»So bist Du ein Engel, ich aber bin ein schwacher Mensch und vermag es nicht, mich zu einer so himmlischen Milde empor zu schwingen. Ich habe Dich heut gebeten ihn zu vergessen und nicht nach ihm zu forschen. Jetzt aber, nachdem ich seinen Brief gehört habe, dieses Machwerk eines satanischen Menschenherzens, jetzt werde ich alle Minen springen lassen, um zu erfahren, ob und wo er noch lebt. Und wehe ihm, wenn ich ihn finde!«
Man hörte die Gelenke seiner Finger knacken, so ballte er die Hände zusammen.
»Um Gottes willen, was würdest Du thun?«
»Das weiß ich noch nicht. Ich bin vor Grimm und Abscheu völlig fassungslos.
»Und ich,« sagte Milda, »ich weiß, was ich thun würde, wenn ich ein Mann wäre!«
Auch ihre Augen leuchteten in edlem Zorne.
»Was würden Sie thun?«
»Ich würde ihn fordern und dann niederschießen.«
»An meiner Stelle? Wenn Sie, wie ich, sein Sohn wären?« fragte Max.
»Sein Sohn! O Gott, ja, da wären Sie ja ein Vatermörder! Nein, nein, das ist unmöglich! Aber sollte er denn seine Strafe nicht finden?«
»Freilich soll er sie finden,« erklang es hinter ihnen. »Dafür werden Zwei sorgen, die ihn nicht entkommen lassen, nämlich dera Herrgott und dera Wurzelsepp.«
Als sie sich nach der Thür umdrehten, stand der alte Sepp unter derselben. Er hatte angeklopft, ohne von ihnen gehört zu werden, und war sodann eingetreten. Er zog seinen Hut und schwenkte ihn vor Milda tief auf den Boden herab.
»Grüß Gott und guten Abend auch, gnädige Madmoisellen Baronessen! Verzeihens, daß ich stört hab! Ich hab schon fein richtig aniklopft, aberst es hats halt gar Niemand hören wollt. Darum bin ich halt hereinistiegen, und wann ich Sie verschrocken hab, so ists doch nicht bös meint gewest.«
Sie fühlte sich allerdings einigermaßen befremdet, diesen so ärmlich gekleideten Menschen hier im Hause der Bürgermeisterin zu sehen. Zwar hatte diese ihr bereits am Morgen erklärt, daß sie nach Hohenwald gerufen worden sei, und jedenfalls war dieser Mann der Bote gewesen. Warum aber befand er sich nun am Abend noch bei ihr?
Sie hatte zu wenig Weltgewandtheit, als daß sie sich hätte vorstellen können. Darum las er ihr ihre Gedanken vom Gesichte ab. Er nickte ihr freundlich zu, blinzelte sie in seiner eigenartigen Weise vertraulich an und fragte:
»Nicht wahr, Sie wissen halt gar nicht, wie so ein alter Schlingerlschlangerl es wagen kann, sich hier schauen zu lassen? Na, wanns denen Sepp erst mal kennen lernt haben, so werdens ihm auch so ein klein Wengerl gut sein wie die andern Leutln, denn brav sinds halt von Herzensgrund; das schaut man Ihnen ganz gut an, und ein brav Gemüth braucht sich vor dem Sepp nicht zu fürchten.«
Als er ihr nun nochmals mit seiner urwüchsigen und gewinnenden Freundlichkeit zunickte, fühlte sie sich doch für diesen originellen Kauz gefangen genommen und antwortete:
»Nun, Furcht hab ich nicht grad vor Ihnen. Ich dachte nur eben an die ungewöhnliche Art und Weise, in welcher Sie heut am frühen Morgen Ihre Erkundigungen nach meinem – – –«
»Pst! Still!« unterbrach er sie warnend. »Wissens, das ist halt ein groß Geheimnissen, und da seins so gut und thuns mir denen Gefallen, Niemand nix davon zu verzählen!«
»Aber hoffentlich erfahre ich noch, warum Sie mich so angelegentlich nach dem – – –«
»Pst, pst! Nennens jetzt keinen Namen! Natürlich werdens Alles derfahren, und zwar wohl noch viel ehern, als Sies denken. Dera Sepp hat bei Allem, was er thut, seinen guten Grund. Aberst die Andre, die heut mit bei Ihnen war, die schickens halt ja recht bald nach Haus. Die ist Ihnen gar nix nutz. Die hat ein Aug so kalt wie Eis und doch so heiß wie ein glühend Eisen. An Der kann man sich derfrieren odern auch verbrennen, ganz wie sie es anfangt, denn ein Herzen und Gemüthen hats ja nicht. Das wollt ich Ihnen noch sagen, und nun bitt schön, nix für ungut!«
»Ja, bitte, nehmen Sie ihm seine Aufrichtigkeit nicht übel,« bat auch die Bürgermeisterin. »Er ist die bravste und treuste Seele, die ich kenne. Er heißt eigentlich Josef Brendel, und weil er ein Wurzelsucher ist, so wird er gewöhnlich kurzweg der Wurzelsepp genannt. Er wandert allüberall umher und ist daher im ganzen Land bekannt. Ihm allein habe ich es zu verdanken, daß ich meinen guten Max hier endlich gefunden habe.«
»Ihm? Diesem braven Manne?« fragte Milda. »Nun, Wurzelsepp, damit haben Sie sich meine Theilnahme und Freundschaft gewonnen. Hier nehmen Sie meine Hand. Wenn Sie einmal einen Wunsch haben, welchen ich Ihnen erfüllen kann, so kommen Sie zu mir. Ich werde Ihnen denselben gern erfüllen.«
Er ergriff mit seinen groben, braunen Fingern ihr kleines, weißes Händchen, zog dasselbe an seinen Schnurrbart, drückte einen leisen, vorsichtigen Kuß darauf und antwortete
»Ja, einen Wünschen, den hab ich allbereits schon jetzunder auf dem Herzen.«
»So? Wie lautet er?«
»Wanns mirs nicht übel nehmen, werd ich ihn sagen.«
»Nun, ich nehme es Ihnen nicht übel.«
»Dann schön! Ich hab halt einen gar braven Bekannten, dem ich ein so liebs und herzigs Weiberl wünsch. Thuns mir doch den Gefallen und habens ihn ein klein Wengerl lieb, wann ich Ihnen denselbigen mal bringen thu. Er ist eine so gar sehr gute und auch treue Haut!«
Eine solche Bitte hatte sie nun freilich nicht erwartet. Aus einem solchen Munde und in dieser treuherzigen Weise vorgebracht, konnte dieselbe aber ganz und gar nicht beleidigen. Damm antwortete Milda, allerdings unter einem leichten Erröthen:
»Hat er Ihnen denn den Auftrag dazu gegeben?«
»O nein. Er kennt Sie doch halt gar nicht.«
»Warum aber empfehlen Sie ihn mir da?«
»Weils Beide so gar prächtig zusammenpassen.«
»Ach so? Wer ist er denn?«
»O weh! Das wollens nun schon gleich wissen? Da werd ich gleich morgen zu ihm laufen und ihn fragen, wer er ist. Ich hab mir schon bereits fast meinen ganzen Kopf ausnander dacht, um zu derfahren, zu welcher Sorten er eigentlich gehört, habs aberst niemals derfahren konnt. Jetzt aber werd ich ihm recht tapfern aufs Kamisolen rucken, und da wird er mir seinen ganzen Lebenslaufen und Steckbriefen verzählen müssen. Dann sollens halt die Auskünften Verfahren, die ich erhalten werd.«
»Und einen so Unbekannten schlagen Sie mir vor? Ist das nicht ein klein Wenig unvorsichtig gehandelt?«
»Nein, denn wann mir auch das Andre unbekannt ist, so kenn ich doch seinen Charaktern, und ich kann Ihnen eine Garantieen bieten, mit ders halt sehr zufrieden sein können.«
»So? Welche Garantie wäre das?«
»Mich selberst. Da schauns mich nur mal an! Bin ich nicht ein Kerlen, auf den man sich verlassen kann?«.
Er stellte sich in possierlich militärische Positur vor sie hin. Das machte bei seinem äußern Habitus den Eindruck, daß sie Alle lachen mußten.
»Ja, eine solche lebendige Garantie würde ich schon annehmen,« antwortete Milda, »wenn ich sie stets in den Händen hätte.«
»Das habens doch!«
»O nein. Ich habe ja gehört, daß Sie stets im Lande herumziehen.«
»Das hat aufihalten. Von heut an bleib ich für stets und allezeit hier in Steinegg, denn ich bin hier ein Beamtern worden. Das müssens mir ja gleich an meiner Haltung anschaun. Die ist eine sehr gewichtige worden. Nicht?«
»Welche wichtige Stelle werden Sie denn bekleiden?«
»Ich bin Parkaufseher worden auf dem Schloß droben.«
»Bei meinem Vater?« fragte sie erstaunt.
»Ja freilich. Ich war droben bei ihm und komm so eben von ihm herab.«
»So waren Sie wohl Derjenige, welcher während des Essens angemeldet wurde?«
»Ja, das bin ich gewest.«
»Und Sie haben als hilfsbedürftiger Mann um diese Anstellung gebeten?«
»Hilfsbedürftig?« lachte er. »Dera Wurzelsepp bedarf keiner Unterstützung. Der kann sich bereits zu einer jeden Zeit schon selbern helfen. Nein. Dera Herr Baronen hat mir den Dienst freiwillig angeboten.«
»So, so! Nun, so werden wir uns also öfters sehen, und ich freue mich, daß Ihnen für Ihre alten Tage eine Stellung geboten ist, welche Sie der Nahrungssorgen enthebt.«
Er nickte ironisch lächelnd mit dem Kopfe.
»Ja, schön ists schon, wann man sich nicht um sein Brod zu sorgen braucht. In dera Beziehungen ist der Sepp überhaupten ein kluger Kerlen. Er läßt halt immer andre Leut für ihn sorgen. Da schauns zum Beispielen heut Abend, da ist dera Tisch hier bei dera Frau Bürgermeistrin für mich deckt. Darum wollen wir auch nicht lang warten und liebern richtig zugreifen.«
Er setzte sich an den Tisch. Die Andern folgten ihm. Mutter und Sohn fühlten keinen Hunger. Sie hatten zu sehr mit ihren Herzensgefühlen zu thun, als daß sie zu sehr an den Magen hätten denken können. Milda wurde zwar auch eingeladen, dankte aber, da sie bereits soupirt hatte.
So war der Sepp der Einzige, welcher zugriff, und er that das in einer Weise, welche der freundlichen Wirthin alle Ehre machte. Er betheiligte sich nicht an dem Gespräche, welches sich natürlich, um das endliche Zusammenfinden der so lange Zeit von einander Getrennten drehte. Nun, als er endlich fertig war und die Rede wieder auf jenen geheimnißvollen Curt von Walther kam und Milda ganz der Ansicht war, daß aus allen Kräften nach demselben geforscht werden müsse, nahm er wieder das Wort:
»Wissens, meine Herrschafteln, da gebens sich halt nur keine Mühe. Sie werden ihn doch nicht finden.«
»Wenn alle Nachforschungen vergeblich sind, so muß man irgend einen geübten Geheimpolizisten engagiren,« erklärte Milda.
»Ja, das denk ich halt schon auch. Das ist der richtige Weg zum Ziele. Und grad ich kenn so einen geheimen Polizeiern, der denen Kerlen ganz sichern finden wird.«
»So? Wo ist der Mann?«
»Hier in Steinegg.«
»Hier?« fragte die Bürgermeisterin. »Da kenne ich keinen. Unsere Polizeibeamten sind zwar recht würdige und diensteifrige Leute, aber das Geschick eines guten Detective besitzt keiner von ihnen. Uebrigens sind sie ja für hier verpflichtet und also an den Ort gebunden. Sie können nicht fort.«
»O, Der, den ich meint hab, der kann fort.«
»Nun, wer wäre das?«
»Dera Wurzelsepp.«
»Ah, also Du wieder!«
»Ja. Ich mach eine Wetten, daß ich denen Urian herbeischaff, sobald Sie nur wollen.«
»Schneiden Sie nicht auf, Sepp!« warnte Max.
»Aufischneiden? Fallt mir nicht ein! Ich weiß schon, was ich sag.«
»So? Wirklich? Wenn ich nun aber auf die angebotene Wette eingehe?«
»So soll michs sehr gefreun.«
»Ich würde sie gewinnen.«
»Nein, sondern ich thät das Geldl einistecken. Und weil ich immerst ein paar Markerln brauchen thu, so hätt ichs freilich gern, daß dera Herrn Lehrern mit wetten thät. Aberst ich denk mir halt, daß er sichs nicht trauen wird!«
Dabei blinzelte er listig den ihm gegenübersitzenden Lehrer an. Dieser hielt die Sache natürlich für einen Scherz und zögerte nicht, auf denselben einzugehen:
»Ich getrau es mir schon. Wie hoch wollen wir denn wetten, Sepp?«
»So hoch als Sie halt wollen.«
»Höre, kannst Du denn auch das Geld setzen?«
»So viel wie ein Schulmeistern einistecken hat, so viel hat dera Sepp allemal auch im Sack.«
»Reicher Kerl! Sagen wir also zehn Mark. Ich will Sie nicht unglücklich machen. Sie sind es doch jedenfalls, der verlieren muß.«
»Meinens? Nun, ich will auf die zehn Markerln einigehen, denn wann ich mehr setzen thät, so sollts mich dauern, wann Sie das schöne Geldl verlieren thäten. Denn das sag ich Ihnen: Die Wetten gilt bei mir, und wann ich einmal gewinn, so steck ich auch das Geldl ein, und wanns mein allerbesten Freunden zahlen müßt.«
»So bin ich auch. Also die zehn Mark bekämen Sie auf keinen Fall zurück.«
»Schön! Also heraufi mit dem Beutel!«
Er zog seinen alten Beutel und nahm ein Goldstück von zwanzig Mark heraus, steckte aber dagegen die zehn Mark ein, welche Walther auf den Tisch legte.
»So, das ist zusammen zwanzig Markerln. Nun kann es losgehen.«
»Ja, mein lieber Sepp,« lachte der Lehrer. »Also Du hast Dich anheischig gemacht, den Gesuchten herbeizuschaffen, sobald wir nur wollen?«
»Ja, und ich bleib dabei.«
»So verlange ich, daß Du ihn noch heut Abend hier herein in die Stube citirst.«
Sepp stellte sich erschrocken.
»Donnerwettern! Das wär freilich schlimm!«
»Ja, daran hast Du nicht gedacht. Du hast jedenfalls gemeint, daß ich Dir eine Frist von einigen Wochen gebe.«
»Freilich! Aber Wissens, Herr Lehrern, einmal sagens Du und einmal Sie zu mir. Da wird man ganz irr im Kopf. Wanns mir Alle zusammen einen Gefallen thun wollen, so nennens mich nur Du. Das ist mir das Liebst, und ich werd trotzdem Sie sagen, außer wann ich mich mal versprech, was bei mir freilich zuweilen passiren thut. Und was nun die Wetten betrifft, so mag sie immer gelten.«
»Nein, das hieße den Scherz zu weit treiben. Du mußt doch verlieren.«
»Ich? Na, wanns das denken, so tret ich erst recht nicht zurück. Ich will meine zehn Markerln gewinnen und werd also den Herrn Walthern noch heut herbeischaffen.«
Er sagte das in einem so zuversichtlichen Tone, daß die Andern nicht wußten, ob er Ernst oder Spaß mache. Er lachte ihnen ins Gesicht und meinte:
»Ja, ja, da schauens mich an und Wissens halt nicht, worans mit mir sind. O, dera Sepp ist ein so gar Schlauer! Hat er der Frau Bürgermeistrin den Sohn bracht, so wird er ihr auch wohl noch seinen Vatern bringen können. Laßt mir nur noch ein Wenig Zeiten. Nachhero werd ich da meinen Zauberstab nehmen« – – er deutete nach seinen Alpenstock – »und mit demselbigen auf den Tisch schlagen. Und sobald ich das thu, wird dera Mann hier vor Ihnen stehen.«
Diese Wendung hatte zur Folge, daß seine Worte nun ohne allen Zweifel für scherzhaft galten. Es wurde nicht weiter davon gesprochen, und auch er selbst war still; doch lauschte er aufmerksam, ob sich nicht die Schritte eines Nahenden hören lassen möchten.
Später wurde die Bürgermeisterin für kurze Zeit von dem Dienstmädchen nach der Küche gerufen, und grad da klopfte es an die Thür.
Sofort griff der Sepp nach seinem Stocke, schlug damit auf den Tisch und sagte:
»Jetzund kommt er. Hereini!«
Die Thür öffnete sich, und der Baron trat ein.
Aller Augen waren natürlich nach der Thür gerichtet gewesen, natürlich in der Gewißheit, daß es sich nur um einen Scherz handle. Als Milda ihren Vater erblickte, stand sie überrascht vom Stuhle auf.
»Du, Vater! Du?«
»Ja, mein Kind,« antwortete er. »Ich war mit meiner Beschäftigung zu Ende, und da mir einfiel, daß Du so ganz allein gegangen warst, so glaubte ich. Dir einen Gefallen zu thun, wenn ich käme, um Dich abzuholen.«
»Das ist ja sehr schön!« meinte sie erfreut »An solche Aufmerksamkeiten ist man hier gar nicht gewöhnt. Wenn Du aber erlaubst, verweilen wir noch eine Viertelstunde hier. Ich muß Dir doch die Frau Bürgermeisterin vorstellen.«
»Wo ist sie?«
»In der Küche. Doch wird sie nicht lange auf sich warten lassen. Erlaube mir zunächst, Dir Herrn Lehrer Walther vorzustellen, und hier ist noch Einer, welcher behauptet, bei Dir gewesen zu sein. Du mußt ihn also bereits kennen.«
Walther hatte sich beim Eintritt des Barons natürlich erhoben. Als sein Name genannt wurde, verbeugte er sich respectvoll.
Der Blick des Barons ruhte eigenthümlich forschend auf ihm und wendete sich dann finster nach dem Sepp.
»Du hier? Ich denke. Du willst nach dem Gasthofe!«
»Ich wollt schon erst; aberst die Frau Bürgermeistrin ist eine gute Bekannte von mir, und da hat sie mich beten, bei ihr zu bleiben.«
»So!« erklang es gedehnt und ärgerlich. »Hm!«
Milda kannte ihren Vater. Er hatte sich noch nicht gesetzt, und so befürchtete sie, daß des Sepp Anwesenheit ihn veranlassen werde, augenblicklich wieder fort zu gehen. Darum lenkte sie seine Aufmerksamkeit auf den Lehrer:
»Herr Walther ist heut auch Gast der Frau Bürgermeistrin, lieber Vater. Wir haben uns sehr gut unterhalten. Willst Du nicht für einige Augenblicke Platz nehmen?«
»Wenn Herr Walther gestattet, ja.«
Er sagte das in sehr reservirtem Tone und verneigte sich dabei mit nicht ganz zu verbergender Ironie. Walther erwiderte seinerseits die Verbeugung, und da der Eine hüben und der Andre drüben am Tische stand, so kamen dadurch ihre Köpfe einander nahe. Milda stieß einen leisen Schrei aus. Ihr Auge war auf die beiden Physiognomien gefallen.
»Was hast Du?« fragte ihr Vater.
»Welch eine – – –!«
»Aehnlichkeit!« hatte sie sagen wollen, hielt aber das Wort zurück und richtete den Blick auf den Wurzelsepp, welcher noch seitwärts stand, den Alpenstock in den Händen. Sie war leichenblaß geworden.
»Nun?« wiederholte ihr Vater.
»Nichts,« antwortete sie. »Ich stieß mich an den Tisch.«
Er setzte sich nieder, winkte Walthern, dasselbe zu thun, und sagte in jenem protectionellen Tone, in welchem Hochstehende mit Untergeordneten zu sprechen pflegen:
»Meine Tochter sagt mir, daß Sie Lehrer sind. Darf ich fragen, wo Sie amtiren?«
»Drüben in Hohenwald, Herr Baron.«
Auch Walcher fixirte sein Gegenüber. Das Gesicht desselben machte einen ganz eigenartigen, unbeschreiblichen Eindruck auf ihn. Es war ihm, als ob dieser Mann ihm bereits einmal irgend ein Unglück, ein Unheil gebracht haben müsse.
»In Hohenwald!« erklang es im Tone des Erstaunens. »Ich denke, Sie sind in Re– – –«
Er hielt inne und richtete den Blick forschend nach dem Sepp hinüber. Er hatte sich zu einer Unvorsichtigkeit hinreißen lassen. Er durfte ja nicht wissen lassen, daß er bereits mit Jemand über den Lehrer gesprochen habe. Dieser fragte:
»Bitte, was wollten der Herr Baron sagen?«
»Nichts, mein Bester. Es war ein Irrthum. Ich glaubte, Ihnen kürzlich zufälliger Weise begegnet zu sein, in Linz an der Donau. Aber ich bemerke, daß ich mich irre. Der Herr war hochblond, und Sie sind ja brünett.«
Milda hatte sich noch nicht wieder gesetzt und auch ihre Gesichtsfarbe noch nicht wieder erhalten. Ihr Auge war starr und angstvoll auf das Gesicht ihres Vaters gerichtet. Sie wich von ihm zurück, langsam, Zoll um Zoll, als ob eine fürchterliche, entsetzliche Ahnung in ihr empordämmere.
»Menschen sehen sich ähnlich,« bemerkte der Lehrer. »Auch ich habe bereits die Erfahrung gemacht, daß Personen, welche nach Namen, Geburtsort und Verhältnissen nicht verschiedener sein konnten, persönlich sich sehr ähnlich waren.«
»Ja,« stieß Milda hervor. »Ich mache soeben ganz dieselbe Erfahrung.«
Sie sagte das in einem Tone, welcher ihrem Vater auffiel. Er wart einen befremdeten Blick auf sie und fragte:
»Jetzt? Wieso?«
»Herr Walther besitzt eine ganz außerordentliche Aehnlichkeit mit Dir.«
»So? Jedenfalls eben auch nur ein Spiel des launigen Zufalles.«
»Grad so, als ob Du sein Vater seist.«
»Das wollen wir bleiben lassen!«
Er sagte das in fast zornigem Tone. Walthern fiel das auf. Er sah den Sprecher an und blickte dann in Mildas Gesicht. Erst jetzt bemerkte er, daß dasselbe leichenblaß war. Er erkannte ebenso den entsetzten, angstvollen Ausdruck ihres Auges. Und als er nun den Blick auf den alten Sepp richtete, sah er, daß dieser den Baron auf eine Weise fixirte, in welcher Haß, Verachtung und Triumph zu gleicher Zeit lagen. Nun kam auch ihm ein Gedanke, unter welchem er fast sichtlich zusammen schreckte. Er griff langsam, fast zitternd nach dem Tische, auf welchem das Zwanzigmarkstück noch lag, hob dasselbe empor und fragte:
»Sepp, ist die Wette etwa schon gewonnen?«
»Jawohl!« nickte der Alte.
Milda schlug die Hände vor das Gesicht und sank mit einem Wehelaute auf den Stuhl.
»Ist keine Täuschung vorhanden?« erkundigte sich Walther mit bebender Stimme.
»Nein. Das Geldl ist mein.«
Das Verhalten der Drei mußte dem Baron auffallen.
»Was ists?« fragte er. »Warum erschrickst Du denn, Milda?«
Sie antwortete nicht und hielt ihr Gesicht verhüllt.
»Nun, darf ich es erfahren?« wiederholte er in strengem Tone.
Es war ihm keinesweges sehr wohl zu Muthe. Anstatt seiner Tochter antwortete der Lehrer:
»Gestatten Sie, Herr Baron, daß ich Ihnen Auskunft ertheile, und zwar in Form einer Frage.«
Als vorhin das Essen begonnen hatte, hatte die Bürgermeisterin jenen verhängnißvollen Brief hinüber auf ein Nebentischchen gelegt. Walther stand auf, holte ihn herbei, legte ihn vor dem Baron hin und fragte:
»Ist Ihnen vielleicht diese Handschrift bekannt?«
Der Gefragte warf einen ganz flüchtigen Blick auf die Zeilen und antwortete stolz:
»Nein. Es scheint auf dieses Papier geregnet zu haben.«
»Ja, und zwar, tausende, Millionen von Thränen. Bitte, gnädiger Herr, betrachten Sie sich die Worte gütigst einmal genauer!«
Der Baron erhob den Kopf mit einem plötzlichen, schnellen Rucke, so wie man es zu machen pflegt, wenn man etwas Unerwartetes zu hören bekommt.
»Warum?« fragte er.
»Ich glaube, diese Zeilen werden Ihr größtes Interesse erregen.«
»Pah! Welche fremde Correspondenz könnte den Baron von Alberg interessiren!«
Er schob mit stolzer Bewegung den Brief von sich ab.
Da nahm Milda ihre Hände vom Gesicht fort, stand auf und sagte, allerdings mit tonloser Stimme:
»Ich ersuche Dich dennoch, zu versuchen ob Du diese Zeilen zu lesen vermagst.«
»Du auch! Beim Teufel! Was machst Du für ein Gesicht? Wie kommst Du mir vor?«
Er sprang auch auf.
»Ich muß darauf bestehen, daß Du diesen Brief liesest!«
»Das klingt ja gar wie ein Befehl!«
»Nein; ich befehle Dir nichts. Aber diese Zeilen werden Dich vielleicht sehr, sehr interessiren.«
»So!« Er blickte von einem Gesicht nach dem anderen. »Ich weiß gar nicht, was das zu bedeuten haben soll! Welche Mienen macht man da! Warum will man mich bewegen, einen fremden Brief zu lesen?«
»Er betrifft Deine Person!«
»Die meinige? Ah! Das wäre ja ein eigenthümlicher Zufall! Jedenfalls ein Geschäftsbrief. Laß also einmal sehen!«
Er griff wieder nach dem Papiere und versuchte, die verwischten Zeilen zu enträthseln. Walthers und Milda's Augen hingen unverwandt an seinem Gesichte. Der Sepp hustete leise wie Einer, der da zu verstehen geben will, daß jetzt der entscheidende Augenblick gekommen sei.
Es machte dem Baron sichtlich Mühe, die Wörter zu entziffern. Bei. einigen wenigen gelang es ihm. Der Zusammenhang that das seinige. Der Leser ließ die Hand mit dem Papiere sinken und starrte dann erst seine Tochter, dann Walthern an. Er machte ein Gesicht wie Einer, der eine Ohrfeige erhalten hat und doch nicht weiß, von wem.
»Nun, kennst Du diese Handschrift?« fragte seine Tochter.
Er nahm sich zusammen.
»Nein,« antwortete er kopfschüttelnd.
»Ich dächte aber doch. Du müßtest sie genau kennen, genauer, als ein jeder Andere.«
»Warum denn?«
»Weil Du es sein sollst, der diesen Brief geschrieben hat.«
Er machte eine sehr gut gelungene Geberde des Erstaunens.
»Ich? Diesen Brief? Wann denn?«
»Vor ungefähr etwas über zwanzig Jahren.«
»Wer sagt das?«
»Dein Gewissen wird es Dir sagen.«
Da warf er den Brief aus der Hand, machte eine gebieterisch« Armbewegung und sagte:
»Ich scheine mich hier in einem Hause zu befinden, in welchem geistig Gestörte unter einer schlechten ärztlichen Controle gehalten werden. Du wirst es augenblicklich mit mir verlassen. Komm!«
»Nicht eher, als bis sich dieses Räthsel gelöst hat. Bitte, Vater, sage mir, ob Du der Verfasser dieses Briefes bist!«
»Ich sage Dir allen Ernstes, daß ich diese Handschrift nicht kenne, ebenso wenig wie den Inhalt, und verlange, daß Du mich sofort begleitest.«
»Ist Dir auch der Name Curt von Walther nicht bekannt?«
»Habe ihn noch nie gehört!«
»Und hast Du nie die Bekanntschaft einer jungen Dame gemacht, welche Bertha Hiller hieß?«
»Habe nicht die Ehre gehabt. Aber wozu diese so räthselhaften Fragen?«
»Herr Walther hier, ist der Sohn eines Mannes, welcher sich Curt von Walther genannt hat, um ein braves, junges Mädchen zu betrügen. Er hat eigentlich ganz anders geheißen.«
Der Baron hatte sich jetzt vollständig wieder gefaßt. Er sagte, höhnisch lächelnd:
»Das ist ja ein recht interessantes Geschichtchen. Nur begreife ich nicht, weshalb es gerade mir erzählt wird.«
»Weil Du jener Curt von Walther gewesen sein sollst.«
»Ich? Welch eine Verrücktheit! Wer hat sich denn diesen Unsinn ausgedacht?«
»Einer, der glaubt, es ganz gewiß zu wissen. Also, Vater, sei aufrichtig! Befreie mich von dieser entsetzlichen Seelenangst. Sage mir auf Gott und Dein Gewissen, ob Du wirklich jener junge Mann nicht gewesen bist!«
»Nein, ich war es nicht! Ich habe gar nicht nöthig, mich ausfragen zu lassen. Wie kommt ein Baron von Alberg dazu, mit einer solchen Schmutzigkeit in Verbindung gebracht zu werden! Ich bereue nun allerdings meine Aufmerksamkeit, Dich von hier abholen zu wollen, und fordere Dich allen Ernstes auf, mir augenblicklich zu folgen.«
Er griff nach seinem Hute und fuhr erschrocken zusammen, denn der Sepp hatte mit dem Alpenstocke auf den Tisch geschlagen. Der Alte zeigte nach der Thüre, welche in die Küche führte und durch welche soeben die Bürgermeisterin hereintrat.
»Da kommt halt noch Eine, die ein Wörtle mit drein reden möcht. Laufens also jetzt noch nicht so gar schnell und eilig fort!«
»Was giebts?« fragte die Bürgermeisterin, indem sie näher trat. »Ah, ein Herr!«
»Mein Vater,« erklärte Milda. »Er kam, um mich abzuholen und Sie kennen zu lernen.«
»Eine werthgeschätzte Ehre für mich! Ich heiße Sie von Herzen willkommen, Herr Baron!«
Dieser hatte halb abgewendet dagestanden. Jetzt war er gezwungen, sich umzudrehen. Ihr Auge fiel auf sein von der Lampe hell beschienenes Gesicht. Sie trat zurück und wanke.
»Was – was – – was sehe ich!«
Sie mußte sich an dem Nebentisch anhalten, und der Sepp trat schnell herbei, um sie zu stützen.
»Nun, Vater!« sagte Milda. »Kennst Du diese Dame?«
»Curt! Curt von Walther!« rief die Bürgermeisterin im Tone des Entsetzens.
»Also doch!« hauchte Milda. »Also Sie erkennen ihn, Frau Holberg?«
»Ja, augenblicklich!« antwortete die Gefragte. »Da ist ja die Narbe, Und dieses Gesicht würde ich noch nach tausend Jahren wiedererkennen, und wenn es noch so sehr gealtert haben sollte!«
»Vater, Du hörst es! Sprich!«
Er hatte keine Ahnung gehabt, daß seine einstige Geliebte und die Bürgermeisterin identisch seien. Darum war er bei ihrem Anblicke geradezu erschrocken oder vielmehr consternirt. Er sah ein, daß er aller seiner Selbstbeherrschung bedürfe, um sich sowohl zu verstellen als auch herauszulügen. An dieser unglückseligen Ueberraschung war nur allein der Wurzelsepp schuld. Er warf demselben einen wüthenden Blick zu, fuhr sich dann mit den Händen nach dem Schnurrbart, drehte die Spitzen desselben in legerer Weise und antwortete:
»Vorerst wollte es mir scheinen, als ob ich mich ärgern müsse. Jetzt aber erkenne ich mit aller Klarheit und Deutlichkeit, daß ich es mit dupirten oder mystificirten Leuten zu thun habe. Ich will mich also in die gegebenen Umstände fügen und meine Antwort nicht verweigern. Frau Bürgermeisterin, Sie irren sich in mir!«
Sie schüttelte den Kopf.
»O nein! Von einem Irrthum kann hier keine Rede sein. Eher könnte ich mich in mir selber täuschen, als in Ihnen. Sie sind Curt von Walther.«
»Aber ich versichere Ihnen, daß ich diesen Namen noch niemals gehört habe!«
»Vater,« fragte Milda, »kannst Du darauf Dein Ehrenwort geben?«
»Ohne Bedenken! Es waltet hier jedenfalls eine jener Aehnlichkeiten ob, von denen wir vorhin sprachen.«
»Bitte, nehmen Sie Ihr Ehrenwort zurück!« rief die Bürgermeisterin, indem sie die Arme gegen ihn ausstreckte. »Haben Sie einst mich verrathen und verlassen, so handeln Sie wenigstens in Gegenwart Ihrer Tochter nicht ehrlos! Ich will gleich sterben, wenn Sie nicht jener Curt von Walther sind! Die Narbe ist ein sicheres Kennzeichen. Aber sie ist gar nicht nöthig. Ich kenne jeden Ihrer Züge, und außerdem müssen Sie am Mittelfinger der linken Hand auf dem ersten Glieds ein kleines, rothes Mal besitzen.«
»Das hat er; das hat er!« rief Milda. »Vater, ich bitte Dich um Gotteswillen, gieb der Wahrheit die Ehre! Bedenke, was auf dem Spiele steht!«
Er ließ seinen stolz höhnischen Blick langsam von Gesicht zu Gesicht schweifen und antwortete:
»Pah, ich bin der Betreffende nicht. Aber selbst wenn ich er wäre, was sollte da jetzt auf dem Spiele stehen?«
»Ich? Ich selbst!« antwortete sie.
»Du? Sprich deutlicher!«
»Du würdest mich, Deine Tochter verlieren!«
Er lachte kurz und heiser auf. Sich nach allen Seiten umblickend, antwortete er:
»Ich suche eben nur nach den Coulissen, denn jedenfalls befinde ich mich auf irgend einer Bühne, wo man im Begriff steht, ein verrücktes Hirngespinnst in Scene zu setzen. Ich und Dich verlieren! Pah!«
»Gewiß, gewiß!« rief sie.
»Und abermals Pah! Ich bin Dein Vater. Vergiß dies nicht. Jetzt folgst Du mir endlich. Ich warte keinen Augenblick länger.«
Er drehte sich nach der Thüre um. Er konnte nicht hinaus. Walther hatte sich mit einigen raschen Schritten vor dieselbe gestellt.
»Fort, junger Mann! Ich will gehen!«
»Bitte, bleiben Sie noch!« antwortete der Lehrer. »Wir sind noch nicht fertig!«
»Hoffentlich habe ich zu bestimmen, ob ich fertig bin oder nicht!« drohte der Baron.
»Nein,« antwortete Walther ernst. »Ich habe bisher geschwiegen; nun aber bin allein ich es, welcher hier zu bestimmen hat.«
»Oho! Wenn Sie nicht Raum geben, brauche ich Gewalt.«
»Das können Sie versuchen! Ich habe mit Ihnen zu sprechen, und Sie werden mir gehorchen und hier bleiben, so lange es mir gefällt!«
Er sagte das ohne alle Aufregung, in größter Ruhe. Der Baron maß ihn mit verachtungsvollem Blicke und antwortete:
»Schulmeister, Du bist wahnsinnig. Zurück!«
Er gab ihm einen Stoß; dieser hatte aber gerade denselben Erfolg, als ob er gegen eine eherne Statue gerichtet gewesen sei: Walther wankte um kein Haar breit. Aber nun ergriff er den Baron hüben und drüben bei den Armen, preßte ihm dieselben an den Leib, hob ihn empor, trug ihn über die Stube hinüber und setzte ihn dort in der Ecke auf einen Stuhl nieder. Er hatte dabei eine solche Körperkraft entwickelt, daß der Baron kein Glied zu rühren vermocht hatte, sondern jetzt laut aufstöhnte.
»So!« sagte der junge Mann. »Hier bleiben Sie sitzen. Ich bin noch jung, aber ich verstehe keinen Spaß, besonders wenn ich es mit Schurken zu thun habe.«
»Mensch!« rief der Baron. »Was wagen Sie! Sie haben sich an mir vergriffen!«
»Sie zwingen mich dazu.«
»Sie nennen mich einen Schurken!«
»Wohl mit Recht. Uebrigens, falls ich mich irre, so bin ich bereit, Ihnen alle Satisfaction zu geben, welche Sie sich nur wünschen können.«
»Ich versichere Sie aber, daß Sie sich irren!«
»Beweisen Sie das!«
»Das ist ja ganz die verkehrte Welt! Habe ich denn zu beweisen, daß ich unschuldig bin? Oder haben Sie mich meiner Schuld zu überführen?«
»Wohl, das können wir!«
»Da bin ich doch neugierig, wie Sie dies anfangen werden!«
Er hatte nämlich noch keine Ahnung davon, daß der Sepp ihn verrathen werde. Er glaubte bis jetzt, daß dieser unvorsichtig oder wenigstens nicht unterrichtet genug gewesen sei. Er hatte ihm fünfhundert Mark bezahlt und ihn als Parkhüter angestellt. Darum erschien es ihm als ganz sicher, daß der Alte schweigen werde.
Wenn dies der Fall war, welche Beweise konnte man dann gegen ihn vorbringen? Die Aehnlichkeit? Die Narbe? Das Mal? Pah! Das konnte Alles Zufall sein! Auf keinen Fall aber sollte es ihm einfallen, ein Geständniß auszusprechen. Nur der Sepp mußte schweigen!
»Sie werden es sogleich sehen!« erklärte der Lehrer. »Sepp, willst Du die Wahrheit sagen?«
»Natürlich werd ich keine Lügen machen,« erklärte der Alte.
»Wer ist dieser Herr?«
»Der? Na, das wißt Ihr ja Alle auch! Er ist dera Herr Baronen von Alberg.«
»Das hatte ich nicht gemeint. Ich meinte, ob dieser Herr früher einmal einen anderen Namen getragen hat als jetzt.«
»Ob er ihn grade tragen hat, auf denen Armen oder auch im Rucksack, das weiß ich nicht; aberst Herr Curt von Walther hat er sich mal nannt.«
»Schuft!« rief der Baron.
»Du!« antwortete der Alte. »Sag kein solch Wort zu mir! Du weißts, wie's droben dem Hausverwalter ergangen ist. Wannst mich nochmals schimpfen thust, so kann auch hier ein Spiegeln zerbrochen werden, denn ich nehm Dich sofort beim Schlaffitchen und werf Dich hinein.«
Dennoch erklärte der Baron:
»Er lügt! Woher will er es wissen?«
Da trat der alte Sepp vor ihn, legte ihm die Hand schwer auf die Achsel und sagte:
»So! Woher ichs wissen soll? Hasts mir nicht etwan selber sagt?«
»Nein.«
»Hast nicht in dera Schankwirthschaften Hohenwald mir fünfhundert Markerln versprochen, damit ich Dir sagen soll, wo die Bertha Hillern wohnt und ihr Sohn, der Max Walthern?«
»Nein.«
»Hast mir denn nicht dafür die Anstellung geben als Parkaufsehern?«
»Nein.«
»Und hast mich wohl auch nicht nach Regensburg schicken wollt, damit ich nach denen Verwandten des Lehrers Walther suchen soll?«
»Abermals nein! Du bist ein Lügner!«
»So! Da hast die Quittung für dies Wörtle, Du Hallodri, Du!«
Er gab dem Baron eine gewaltige Ohrfeige. Niemand hinderte ihn daran.
Der Baron wollte aufspringen, wurde aber von dem Alten fest niedergehalten. Dieser sagte:
»Weißt, Du bist ein Kerlen, der kein Gewissen hat, keine Ehren und kein Gefühl. Mit Dir muß man ganz anderst reden. Ich weiß ganz genau den Ton, den man bei Dir anschlagen muß. Das werd ich jetzunder thun. Paß auf, wie ich es machen werd! Hier, mit meiner Linken halt ich Dich beim Schlippserl am Hals, und mit dera Rechten hol ich aus. Ich werd Dich fragen, und sobaldst eine Lügen sagst, bekommst eine Ohrfeigen. Nachhero werden wir sehr bald die Wahrheit derfahren. Odern hat Jemand was dagegen?«
Er blickte sich nach den Andern um. Niemand antwortete. Selbst Milda hatte kein Wort, um für ihren Vater zu bitten. Sie hatte niemals die richtige kindliche Liebe für ihn gefühlt. Heute hatte er erklärt, daß er sie nur als sein Werkzeug gebrauchen wolle; das hatte den Riß noch tiefer gemacht, und nun die Entdeckung seiner an der Bürgermeisterin begangenen Schändlichkeit hatte den letzten Rest ihrer Zuneigung getödtet. Sie fühlte einen förmlichen Abscheu vor ihm. Wenn er seine That eingestanden hätte, hätte sie ihm verziehen. Sein höhnisches Leugnen aber empörte sie, und jetzt hatte sie die Empfindung, als wenn die Ohrfeigen, welche ihm angedroht wurden, das einzige Mittel seien, ihn zum Geständniß zu bringen.
»Also,« begann der Alte. »Sag, bist dera Curt von Walther gewest?«
Der Gefragte antwortete nicht. Er versuchte, sich von der Eisenfaust des Wurzelsepp zu befreien, mußte aber diesen Versuch sofort aufgeben, denn der Alte drehte ihm das »Schlippserl« so zusammen, daß er fast keinen Athem bekam.
»Nun, gieb Antwort! Ich hab keine Zeit.«
Die Situation war eine verteufelte. Der Baron erkannte, daß es am Besten sei, sich zu ergeben. Er sagte sich, daß er ja keinerlei Verpflichtungen auf sich zu nehmen brauche. Darum antwortete er jetzt:
»Laß mich los, Mensch! Ich will Euch den Gefallen thun und die mir zugedachte Rolle mit Euch spielen.«
»So? Willst? Nun, das ist das Allerbeste, wast thun kannst. So will ich Dir Luft lassen. Aber nun sag auch, obst dera Kerlen gewest bist!«
Er nahm die Faust von dem Baron. Dieser erhob sich vom Stuhle, holte tief Athem und antwortete:
»Ich sehe keinen Grund ein, es zu leugnen: Ich habe einmal den betreffenden Namen getragen. Es handelte sich um ein hübsches Mädchen. Welchem jungen Manne überkommt dabei nicht eine romantische Idee!«
Da stand Milda von ihrem Stuhle auf. War sie vorher bleich gewesen, so war ihr Aussehen jetzt ein geisterhaftes zu nennen.
»Du gestehst also ein,« fragte sie, »daß Bertha Hiller Deine Verlobte war?«
»Ja.«
»Und daß Max Walther Dein Sohn ist?«
»Nein.«
»So widersprichst Du Dir selbst. Wenn sie die Mutter ist, so muß er Dein Sohn sein.«
»Das sagst Du, weil Du die Welt nicht kennst,« lachte er höhnisch. »Wer kann mir beweisen, daß er wirklich mein Sohn ist? Wenn meine Verlobte ein Kind bekommt, wer kann behaupten, daß ich der Vater sein muß?«
Der Eindruck, welchen diese Worte machten, war ein ungeheurer. Die Bürgermeisterin stieß einen Schrei aus und glitt zu Boden.
»Mutter, meine Mutter!« rief Max und sprang zu ihr hin.
Der Sepp griff nach seinem Stocke und rief:
»Soll ich den Hallunken derschlagen, den elendigen?«
»Still!« gebot Milda, welche mit beiden Händen nach ihrem Herzen gegriffen hatte, als ob sie dort die Empfindung eines Schmerzes habe. Und nahe zu ihrem Vater herantretend, fragte sie:
»Du willst ihn nicht als Deinen Sohn anerkennen?«
»Ah!« lachte er. »Wünschest Du es vielleicht?«
»Ja, um meinet-, Deinet- und seinetwillen.«
»So! Mir aber kann es nicht einfallen. Ein Bastard in meiner Familie – –«
»Schweig!« donnerte sie ihm entgegen, so laut und streng ihre sanfte Stimme es zuließ. »Also, willst Du ihm Deinen Namen verweigern?«
»Ja.«
»Dieser Entschluß steht unerschütterlich fest?«
»Unerschütterlich.«
Da tat sie von ihm zurück, zeigte nach der Thüre und erklärte:
»So sind wir fertig mit einander. Herr Baron von Alberg, ich bin Ihre Tochter nicht. Max Walther ist mein Bruder. Wir müssen denselben Namen tragen. Darf er den meinigen nicht tragen, so nehm ich den seinigen an. Ich werde die dazu nöthigen Schritte bereits morgen thun. Sie können gehen, Herr Baron! Wir haben nichts mehr mit einander zu schaffen!«
Sie stand da wie eine Rachegöttin. Ihre Augen flammten; ihre Wangen hatten sich wieder geröthet, und zwischen ihren halb geöffneten Lippen schimmerten die kleinen Zähnchen weiß und glänzend hervor.
Das hatte er nicht erwartet. Er stand einige Augenblicke stumm. Dann aber schlug er eine laute Lache auf und fragte:
»Gehört das auch mit zu Deiner Rolle?«
»Ja. Und ich werde diese Rolle energisch bis zu Ende spielen.«
»Wenn ich es erlaube!«
»Ich gehorche nur meinem Gewissen!«
»Und mir jedenfalls nicht weniger. Das muß ich mir sehr erbitten! Du kannst wohl auf die höchst alberne Idee kommen, auf mich und meinen Namen zu verzichten. Nun aber fragt es sich, was ich für eine Ansicht habe. Bekanntlich hat der Vater gewisse Rechte, und diese werde ich natürlich in Ausführung bringen. Nimm Deinen Hut und komm.«
Sie wendete sich ab und antwortete:
»Sie werden allein gehen müssen.«
»Ich befehle es Dir!«
»Sie haben mir nichts mehr zu befehlen.«
»Mädchen, soll ich Gewalt brauchen!« rief er in höchstem Zorne.
»Dagegen würde ich Beschützer finden.«
»Soll ich Dich verstoßen, soll ich – –«
»Das ists ja, was ich wünsche,« fiel sie ein.
»Und Dich enterben?«
Sie hatte sich so gestellt, daß sie ihn nicht mehr sah; bei seiner letzten Frage aber drehte sie sich rasch zu ihm um:
»Enterben? Davon kann nicht die Rede sein. Sie, Herr Baron, haben keinen Gulden Vermögen besessen. Was wir besitzen, ist von meiner Mutter, einer Baronesse von Sendingen, eingebracht worden. Das Alles fällt mir am Tage meiner Mündigwerdung zu, und Sie sind bis dahin nur der Nutznießer. Von dem Tage meiner Mündigkeit an, besitzen Sie keinen Deut mehr und sind allein auf meinen guten Willen angewiesen. Wenn ich mich jetzt von Ihnen lossage, so dürfen Sie ja nicht glauben, daß ich auch auf mein Eigenthum verzichte. Während ich mich bisher nicht im Geringsten um dasselbe bekümmert habe, werde ich ihm von heut an meine vollste Aufmerksamkeit widmen. Ich trenne mich zwar von Ihnen, nicht aber von meinem Besitze. Ich werde auch fernerhin hier auf Schloß Steinegg wohnen und bereits morgen einen erfahrenen Rechtsanwalt kommen lassen, welcher darüber zu wachen hat, daß der ehrlose Baron von Alberg mich nicht um einen Gulden meines Vermögens bringe. Das sei Ihnen noch gesagt, und nun können Sie gehen!«
Sie stand so stolz und hoch aufgerichtet vor ihm, daß er vor ihr zurücktrat. Er starrte sie an. Es war ihm, als ob er träume.
»Was – fällt – – Dir ein!« stieß er hervor. »Ich glaube. Du bist nicht bei Sinnen! Wann hättest Du jemals gewagt, in diesem Tone mit mir zu sprechen!«
»Ja,« antwortete sie, »ich bin ein mildes, furchtsames Geschöpf gewesen. Das Leben hatte mich langsam gereift. Was ich aber heut Abend erfahren und gefühlt habe, das hat aus dem nachgebenden, unselbstständigen Wesen plötzlich ein, selbstbewußtes, willensstarkes Weib gemacht. Du hast mich erzogen, um mit meiner Person einen teuflischen Schacher zu treiben. Du hattest heut sogar die Stirn, mir dies zu sagen. Das hätte ich Dir noch vergeben können. Daß Du aber Deinen eigenen Sohn, Dein eigenes Fleisch und Blut verleugnest, daß Du kein Wort, kein einziges Wort hast, um Dir Verzeihung von einem Wesen zu erbitten, welches auf Deine Schuld hin so entsetzlich leiden mußte, daß Du im Gegentheile nur Hohn für Beide hast und die Ohrfeige eines alten Wurzelhändlers ruhig einsteckst. Du der Baron – – ah, mir graut! Mir wird schlimm! Gehen Sie, gehen Sie, Baron! Und wenn noch ein Rest von Ehrgefühl in Ihrem Innern verborgen sein sollte, so zeigen Sie dies dadurch, daß Sie morgen früh Schloß Steinegg verlassen. Ich kann und mag nicht mit Ihnen unter einem Dache wohnen.«
Da legte er die Arme über der Brust zusammen, zuckte die Achseln und sagte:
»Phantasien eines unreifen Kindes! Für Alles, was Du soeben gethan hast, wirst Du Deine Strafe erhalten, welche ich Dir unnachsichlich dictiren werde. Jetzt nun sage ich kein Wort mehr. Du wirst mit mir nach Hause gehen. Weigerst Du Dich, so gebrauche ich mein Recht.«
»Ihr Recht?« nahm da Max Walther das Wort. »Hören Sie, Herr Baron, ehe Sie das thun, habe auch ich ein Wort mit Ihnen zu sprechen. Zunächst möchte ich mich gegen die Ansicht verwahren, daß ich mich sehne, Ihren Namen zu tragen. Er ist der Name eines Schurken, und ich hätte ihn nicht angenommen, selbst wenn Sie bereit gewesen wären, ihn mit Millionen auf mich zu übertragen. Mein Name ist Walther. Ich habe ihn mit Ehren getragen und werde dieses auch ferner thun. Was ich von Ihnen denke, wissen Sie. Ich habe mich nach meiner Mutter gesehnt, nach Ihnen niemals. Das ist das Eine, was ich Ihnen sagen will. Das Andere aber ist eine Warnung. Fräulein Milda hat erklärt, daß sie nichts mehr von Ihnen wissen will, und Sie werden sich nach dieser Erklärung richten. Sie haben keine Rechte mehr auf Ihre Tochter – – –«
»Oho! Wer behauptet das?«
»Ich!«
»Das ist auch was Rechtes!«
»Es ist ein ehrlicher Mensch, wenn auch nur ein armer Dorfschulmeister. Nicht der Vater allein steht über dem Kinde. Es giebt eine Behörde, welche darüber zu wachen hat, daß der Vater nicht nur seine Rechte genießt, sondern auch seine Pflichten erfüllt. An diese Behörde wird sich Fräulein Milda wenden. Mit Ihnen also hat sie nichts mehr zu thun!«
»Wie klug Sie sprechen! Bis jetzt hat sich meine Tochter noch nicht an diese Behörde gewendet, und ich hab also Gewalt über sie. Diese Gewalt werde ich auf alle Fälle in Anwendung bringen. Wenn sie nicht jetzt sofort mit mir geht, werde ich sie durch die Dienerschaft holen lassen!«
»Das können Sie versuchen. Wir werden es in aller Ruhe abwarten.«
»Ich werde es nicht nur versuchen, sondern in Wirklichkeit thun!«
»In Gottes Namen! Jetzt aber machen Sie sich von dannen! Sie sind wirklich ein Mensch, vor dem es Einen grauen kann. Wenn es Viele Ihres Gleichens auf Erden geben sollte, so möchte man es sehr bedauern, ein Bewohner unsers Planeten geworden zu sein.«
Er wendete sich ab. Jetzt stellte sich noch der alte Sepp zwischen dem Baron und die Thür:
»Ein kleines Bisserl könnens noch warten, eh's fortgehen, Herr Baronen. Ich wollts halt nur noch fragen, ob ich Sie nun auch noch morgen am ganzen Vormittag antreffen werde?«
»Mach Dich auf die Seite! Mit Dir hab ich gar nichts zu sprechen!«
»Aberst ich mit Dir! Also soll ich den Dienst noch antreten oder nicht?«
»Wenn Du Dich erblicken lässest, so lasse ich Dich mit Hunden fort hetzen!«
»So also nicht! Aber Sie haben mich engagirt mit fünfhundert Mark. Das macht für dera Monat einundvierzig Mark sechsundsechzig Pfennige. Zwanzig habens mir bereits geben. Wann ich also nicht antreten soll, so bekomm ich den ersten Monat bezahlt, hab ich also noch einundzwanzig Mark und sechsundsechzig zu fordern!«
»Mensch, Du schnappst über!«
»Wanns das nochmal sagen, so schnapp ich nicht über, sondern ich schnapp zu. Was nachhero von Ihnen noch übrig bleiben wird, das ist höchstens noch der Henkerl vom Rock und ein Fetzen von denen Hosentragern! Wollens zahlen oder nicht? Ich werd Sie verklagen, denn ich bin in meinem Recht!«
»Hier, armseliger Verräther! Da bin ich Dich los!«
Er zog das Portemonnaie, griff hinein und warf ihm das Geld hin in die Stube.
»Schön!« lachte der Sepp. »Wannst wiedern so einen Parkwächtern brauchst, so komm nur zu dem Sepp: der macht da gar so gern mit! Nun aberst sind auch wir Beid fertig, und wannst nicht gleich verschwindest, so blas ich Dich hinausi! Da ist die Thüren, ergebenster Herr Baronen!«
Er machte die Thür so weit wie möglich auf. Der Baron wendete sich in die Stube zurück, drohte mit der Faust und rief:
»Wir sind noch nicht mit einander fertig. Was an diesem Abende hier geschehen ist, das muß ausgeglichen werden. Wir sehen uns wieder!«
Er ging fort.
Der Sepp machte die Thür wieder zu, bückte sich und las das Geld zusammen.
»Fünfundzwanzig Mark! Das ist nobel!« lachte er. »Und da die zwanzig auf dem Tisch. Wie steht es, Herr Lehrern? Wer hat gewonnen?«
»Du natürlich!«
»Und wem gehört da das Geldl?«
»Ebenso Dir!«
»Das denk ich auch. Nun aberst meines halt nicht etwan, daß ichs nicht einistecken thu. So ein armen Schelmen, wie dera Wurzelseppen ist, der ist froh, wann er mal auf eine so leichte Art und Weisen zu einem Goldfüchserl kommen thut.«
»Ich mag es auch gar nicht wieder haben. Nimm es in Gottes Namen.«
»Na freilich ja. Sie haben eine reiche Muttern und eine noch reichere Schwestern. Von denen könnens sich das Geldl wiedergeben lassen.«
Er zog den Beutel und steckte das Geld sehr sorgfältig und mit einem Schmunzeln hinein, welches gar nicht wohlgefälliger sein konnte.
Dann setzte er sich an den Tisch. Es war noch gar nicht abgetragen worden. Darum lagen noch die Reste des Abendmahles da.
»Jetzt hab ich mich mit dem Baronen so gar sehr gewaltig übernommen, daß ich bereits schon wiedern Hunger hab. Ich werd mir noch eine Hälft von denen marinerirten Heringen nehmen und ein paar backene Pflaumerln dazu. Das ist süß und salzig und stellt denen Magen wiedern her, wann man sich geärgert hat.«
Er begann zu essen und hatte für die Andern weder Augen noch Ohren. Sie nahmen es ihm auch gar nicht übel. Er war ein guter Esser, keineswegs aber ein Vielfraß. Daß er jetzt wieder zu speisen begann, hatte seinen Grund nicht in einem neu erwachten Hunger, sondern in einer sehr guten Absicht. Der Alte war nämlich weit über seine Bildung hinaus zartfühlend und rücksichtsvoll. Er wußte, daß es jetzt Gefühlsergüsse geben werde, und er wollte sich eine Beschäftigung machen, bei welcher er so thun könne, als ob er gar nichts davon bemerke. Dazu paßte aber das Essen am Allerbesten, und darum beschäftigte er sich mit seinem halben Heringe und den Backpflaumen so angelegentlich, als ob Leben und Seligkeit davon abhingen.
Die Andern beobachteten zunächst ein minutenlanges Stillschweigen. Die Bürgermeisterin saß angegriffen im Sopha und hielt das Gesicht in die Hände. Walther schritt langsam auf und ab, und Milda hatte sich in die andere Ecke des Sophas niedergelassen und das Köpfchen in die Hand gestemmt. Endlich brach die Bürgermeisterin das Schweigen:
»Max, das war er!«
Sie holte dabei tief, tief Athem, als ob sie ihre Seele erleichtern müsse.
»Das war er!« wiederholte er seufzend. »Ein Vater, welcher anstatt Reuethränen nur die schändlichsten Verleumdungen hat. Sepp, wie hast Du denn ein solches Arrangement mit ihm treffen können?«
»Das kann ich spätern auch derzählen. Jetzundern hab ich einen zu großen Hungern.«
»Hast Du denn gewußt, daß er hierher kommen werde?«
»Ja freilich!«
»So konntest Du Deine Wette allerdings sehr leicht riskiren.«
»Thun Ihnen die zehn Markerln weh?«
»O nein. Sie sind das Allerwenigste, was ich dabei verloren habe. Am Meisten hat Diejenige verloren, mit welcher Du gar nicht gewettet hast.«
Er trat zu der Baronesse. Ihre Augen waren trocken und heiß, und ihr Busen ging langsam aber tief. Es war ein warmer, milder, liebeleuchtender Blick; welchen er in ihr bleiches Angesicht warf. Sie hob die Augen zu ihm auf. Ihr Blick belebte sich an dem seinigen. Das Herz wollte ihm überfließen, und doch wußte er nicht, was er sagen und wie er sie anreden solle.
»Baronesse!« erklang, es halblaut und ungewiß.
Da stahl sich ein leises Lächeln auf ihr Gesicht.
»Baronesse? Hast Du kein anderes Wort für mich, mein guter Max?«
Da kniete er vor ihr nieder, nahm ihre Hände in die seinigen, blickte mit glückstrahlenden Augen zu ihr empor und flüsterte:
»Milda! Schwester!«
»Mein Bruder! Mein armer, guter Bruder!«
Sie bog sich herab, schlang die Arme um seinen Hals und küßte ihn auf die Stirn.
»Wie viel hast Du heut verloren!« klagte er.
»Nicht mehr als Du, nicht mehr!«
»Und doch so entsetzlich viel – den Vater!«
»Der mir nie ein wahrer Vater gewesen ist!«
»Dir durfte er doch einer sein!«
»Er durfte aber that es nicht. Es war mir bis heut so Manches unklar. Ich lebte still und ohne Aufmerksamkeit hin. Heut bin ich so plötzlich erleuchtet worden und nun sehe ich hell. Ich glaube, meine liebe, liebe Mutter, welche ganz plötzlich starb, ist auch nicht glücklich gewesen. Doch weg mit solchen Gedanken. Habe ich viel verloren, so habe ich auch viel, ja mehr noch gefunden, einen – – Bruder, Gott einen Bruder!«
Sie sprach das Wort erst leise, dann aber stärker wie ein Jubel aus.
»Und ich fand eine Mutter und eine Schwester! An einem einzigen Tage! Ist das nicht des Glückes gar zu viel?«
»Nein. Der Mensch kann nie zu sehr glücklich sein, und Euch Beiden ist dieses Glück ja recht gern zu gönnen. Aber sag, mein lieber Max, willst Du wirklich auf den Namen, welcher Dir gehört, verzichten?«
»Unbedingt!«
»Dann verzichte ich auch!«
»Bei Dir ist dies nicht gut möglich. Ich habe einen andern. Du aber nicht. Und hast Du wirklich die Absicht, Dich von Deinem – – Vater völlig loszusagen?«
»Ja. Ich kann es nicht beschreiben, was ich gegen ihn empfinde. Mein Entschluß mag ganz gegen die menschliche oder weibliche Natur sein, und doch ist er nicht natürlich, sondern sehr tief in meiner Empfindung begründet. Es ist nicht Haß, was ich gegen den bisherigen Vater fühle.«
»Aber Verachtung?«
»Auch nicht, sondern etwas noch Schlimmeres.«
»Was könnte noch schlimmer sein als Verachtung, liebe Schwester?«
»Ekel!«
»Ja, ja, das ist das aller negativste Gefühl, dessen der Mensch fähig ist. Herrgott! Eine Tochter, welcher vor dem Vater ekelt! Es ist entsetzlich! Er wird alle Mittel in Bewegung setzen, um zu verhindern, daß Du Dein Vorhaben ausführst.«
»Es wird ihm nichts nützen. Ich fühle, daß ich stark genug bin, es mit ihm aufzunehmen. Und selbst wenn ich nicht stark genug wäre, so hätte ich doch einen starken Helfer, auf welchen ich mich verlassen kann.«
»Wer ist das?«
»Du bist es. Der Bruder wird doch seiner Schwester beistehen, Max!«
»Mit allen Kräften!«
»So komm, und setze Dich her zu uns! Wir wollen überlegen, welche Schritte ich zu thun habe.«
Er mußte zwischen Mutter und Schwester Platz nehmen, und nun entwickelte sich eine jener Scenen, für deren wahrheitstreue Schilderung der Pinsel keine Farben und die Feder keine Wörter hat. Jedes suchte die Andern in Liebeserweisungen zu überbieten.
Die Zeit verging. Sepp saß noch immer am Tische. Der halbe ›marinerirte‹ Hering war längst mit den Backpflaumen verschwunden, und Anderes war gefolgt. Er hatte gegessen und gekaut und geschluckt, bis gar nichts mehr vorhanden war. Dann aber gab es auch keine weitere Beschäftigung und keinen Vorwand mehr, die Anderen nicht zu beachten. Er schaute nach der Uhr.
»Himmelsakra!« entfuhr es ihm.
»Was giebts, Sepp?« fragte Max.
»Es ist schon weit über Mitternachten.«
»Unmöglich!« meinte Milda, indem sie sich vom Sopha erhob. »Da muß ich heim!«
»Ja, Schwesterherz, kannst Du denn heim?«
»Warum nicht? Die Dienerschaft darf nicht schlafen gehen, bevor ich komme.«
»Das glaube ich gar wohl. Aber hast Du Dich nicht vor Deinem Va – – vor dem Baron zu fürchten?
»Nein. Früher hätte ich mich gefürchtet. Heut bin ich eine ganz Andere geworden. Es wird ganz gewiß noch eine Scene geben, denn er wird auf mich warten; aber ich habe keine Bangigkeit.«
»Das brauchens auch nicht,« erklärte der Sepp. »Ich werd Sie heimführen und mich unten aufstellen. Wann er Ihnen was thun will, so brauchens nur das Fenstern aufi zu machen und mich zu rufen. Dann komm ich hinaufrannt und hau ihn durch.«
Das klang so zuversichtlich, daß Max laut auflachend fragte:
»Wie willst Du denn hinaufkommen, wenn des Nachts zugeschlossen ist.«
»Na, da wirft mir die gnädigen Baronessen halt das Hausschlüsserl herab.«
»Ja, ein solcher Herrensitz hat ein ›Hausschlüsserl‹. O, Sepp, Sepp! Aber meinst Du denn wirklich, daß ich es Dir überlasse, meine Schwester zu begleiten?«
»Sie wollens wohl auch noch mit?«
»Natürlich!«
»Na, so laufen wir Beid hintern ihr her!«
»Nein, nicht doch. Bleib Du nur in Gottes Namen hier! Es wird wohl zureichen, wenn ich bei ihr bin.«
»Na, meinswegen. Ich hab heut Abend so gar sehr viel gessen, daß ich so wie so nicht gut mehr laufen kann. Am Besten ists, ich streck mich ins Bett und überleg, warum der Hering solchen Dursten macht.«
Die Bürgermeisterin verstand den Wink. Darum sagte sie:
»Ich werde Dir noch eine Flasche Bier aus dem Keller holen lassen. Nicht, lieber Sepp?«
»Lieber Sepp! Herjesses, da könnt man vor Freuden gleich zwei Flasche trinken anstatt nur einer. So eine Liebschaften widerfährt Unsereinen nicht alle Tagen! Und damit ichs auch sichern bekomm, werd ich liebern gleich selbern in denen Kellern hinabi steigen.«
Er ging hinaus und kam dann mit dem Bier grad recht zurück, um sich von Milda verabschieden zu können.
Arm in Arm gingen die Beiden, sie und Max, dem Schlosse zu. Sie sprachen nicht; aber das gute Mädchen schmiegte sich innig an seine Seite. Es war ihr wirklich in seiner Nähe ein Gefühl von Sicherheit überkommen, wie sie es bisher gar nicht gekannt hatte. Und er fühlte ein Glück und eine Seligkeit im Innern, als ob er das Anrecht einer Himmelsseligkeit erhalten habe.
Erst als sie so weit empor gekommen waren, daß sie die noch erleuchteten Fenster des stattlichen Bauwerkes erglänzen sahen, wechselten sie einige Worte.
»Vielleicht vermuthet der Sepp nicht ganz mit Unrecht, daß Dir Unangenehmes vom Baron droht,« meinte Max. »In welcher Weise könnte ich Dich da unterstützen?«
»In keiner. Herein kannst Du ja nicht.«
»So möcht es mir bange um Dich werden.«
»O, hab keine Sorge! Ich bin stark!«
»So halte Dich wacker, meine liebe, liebe Schwester! Und wann sehen wir uns wieder?«
»Morgen früh, bevor Du zurückkehrst nach Hohenwald. Du kommst zu mir, und ich begleite Euch ein Stück.«
»Was wird der Baron sagen, wenn er mich im Schloß erblickt!«
»Er wird sich in meinen Willen fügen müssen. Jetzt gute Nacht, lieber Max!«
»Schlaf recht, recht wohl, meine Milda!«
Sie umarmten sich und gaben sich den ersten Kuß auf den Mund. Beide errötheten, blickten einander an und ließen dann ein leises, verlegenes Lachen hören.
»Warum lachst Du Max?« fragte sie.
»Hm! Warum Du?«
»Antworte zuerst!«
»Dieser Kuß! So ein Schwesterkuß ist doch auch ein eigen Ding. Es war fast, als ob ich eine Geliebte geküßt hätte.«
»Ah! Weißt Du, wie das ist?«
»Ich kann es mir vielleicht denken.«
»So! Weißt Du, mir kannst Du es anvertrauen, und eine Schwester hat doch wohl auch das Recht, darnach zu fragen – – – liebst Du, Max?«
Es dauerte doch eine Weile, ehe er antwortete.
»Nein.«
»Das ist schade!«
»Warum?«
»Ich hätte so gern die Vertraute gemacht. Es muß einzig sein, die Beschützerin, der Engel zweier Liebenden zu sein. Weißt Du, Max, wenn einmal Deine Stunde schlägt, so mußt Du es mir sofort mittheilen, und dann halten wir es möglichst lang geheim!
»Ganz recht! Das heißt nämlich, wir plaudern es möglichst bald aus!«
»Nein, nein! Ich will ja die Vertraute sein. So lange Du im Hohenwald noch bist, werde ich sehr oft hinüberkommen.«
»Du wirst mich damit sehr beglücken. Aber nun erlaube mir auch, Deine Frage an Dich selbst zu richten, beste Milda.«
»Wegen – wegen – – der Liebe?«
»Ja; oder hat der Bruder nicht dasselbe Recht wie die Schwester?«
»Nicht ganz, weil eine Schwester viel besser zum Schutzengel taugt als ein Bruder. Aber ich kann Dich beruhigen. Ich habe da noch keines Schutzes bedurft, und vielleicht grad darum machte mich Dein Kuß fast verlegen. Du bist der erste Fremde, der meinen Mund berührt.«
»Fremde? Ah!«
»Verzeih! Wir waren uns allerdings bisher fremd. Und nun müssen wir aber scheiden. Dort erscheint der Hausmeister unter dem Portale. Er wird sich über mein so langes Ausbleiben wundern.«
»Das glaube ich. Und wir – wollen wir uns auch noch einmal wundern, Milda?«
»Worüber?«
»Ueber einen Geschwisterkuß!«
»Bist Du ein so sehr zärtlicher Bruder?«
»Ja, weil ich eine gar so liebe Schwester habe.«
»Dann hier!«
Sie bot ihm die Lippen abermals zum Kusse dar; dann trennten sie sich. Als Milda in das Portal trat, wagte der Hausmeister die Bemerkung:
»Der gnädige Herr Baron sind schon längst wieder zurückgekehrt.«
»Warte mit solchen Mittheilungen, bis ich Dich frage!«
Das klang so energisch und zurückweisend, wie er es von dieser zarten, freundlichen Natur noch nie gehört hatte. Er fuhr förmlich vor Schreck zurück.
»Na,« brummte er. »Ein schöner Tag! Ohrfeigen von einem Landstreicher! Den zerbrochenen Spiegel bezahlen, wie vorhin der Baron sagte! Und nun auch noch von der Baronesse angeschnauzt! Den Tag muß ich roth, grün und blau im Kalender anstreichen!«
Droben am Corridoreingange saß ein wartender Diener. Er erhob sich respectvoll und meldete:
»Der Herr Baron wünscht das gnädige Fräulein jetzt noch auf seinem Zimmer zu sprechen.«
Er griff schon nach der dorthin führenden Thür, um sie zu öffnen.
»Ich bin heut nicht mehr zu sprechen!« antwortete sie kurz und hart.
Sofort sprang er nach der andern Thür, welche zu ihren Gemächern führte. Als sie dort eingetreten war, ging er, den Bescheid der Baronesse seinem Herrn zu melden. Dieser ließ sichs nicht merken, daß er darüber erzürnt war, fluchte aber desto kräftiger in sich hinein.
Jetzt wurde unten das Hauptportal verschlossen, und die Lichter verlöschten in den Corridoren. Bald schien Alles zur Ruhe gegangen zu sein – schien aber nur. Ein Schatten huschte leise und vorsichtig aus dem rechten Flügel nach dem linken hinüber. Und das hatte folgenden Grund:
Anton und Asta hatten sich sehr gut unterhalten. Ihnen war es recht lieb, daß Niemand sich um sie bekümmerte und daß sowohl der Baron als auch Milda sich entfernt hatten. Später fiel es ihnen aber doch auf, daß sie so allein gelassen wurden, und auf eine in dieser Beziehung an den Diener gerichteten Frage erfuhren sie, daß sowohl der Baron als auch dessen Tochter nach der Stadt gegangen seien.
»So sind wir also allein, ganz allein,« sagte Anton.
»Nur auf uns angewiesen. Das ist Ihnen natürlich höchst unlieb!«
»Woraus schließen Sie das?«
»Ich vermuthe es nur.«
»Aber ohne allen Grund. Ich bin so gern mit Ihnen allein, gnädiges Fräulein.«
»Ganz wie es im Liede heißt,« lächelte sie verführerisch: »Ich bin so gern, so gern allein. Ist es Ihnen bekannt?«
»Sehr wohl. Es ist eins der ersten Lieder, welche der Professor mich singen lehrte, so einfach und so herzinnig.«
»Ich habe diese Melodie wirklich lieb, und den Text ebenso. Ach, wenn Sie es doch einmal singen wollten!«
»Singen, wenn ich mich mit Ihnen allein befinde?«
»Warum da nicht?«
»Wie kann ich singen, wenn alle Gedanken nur bei Ihnen sind!«
»Schmeichler!« sagte sie, ihm mit der Hand einen leichten Schlag versetzend. Dabei aber blieb ihre Hand sehr wohl berechnet auf der seinigen liegen, »Eben deshalb sollen Sie dieses Lied singen – nur für mich allein, leise und innig, dabei nur an mich denken. Wollen Sie? Ich werde Sie begleiten.«
Sie näherte ihr Gesicht dem seinigen und brannte ihren Blick in seine Augen.
»Nur mit Widerstreben,« antwortete er.
»Sie sind es aber uns Beiden schuldig. Denken Sie, daß es auffallen muß, wenn wir uns so lange Zeit still und beschäftigungslos bei einander befinden. Wenn wir singen, kann man aber nichts vermuthen.«
»Was soll man vermuthen?« fragte er leise und vertraulich.
»Soll ich Ihnen das wirklich sagen?«
»Ich bitte sehr darum!«
»Man wird vermuthen, daß – – ah pah! Warum solche Erklärungen! Singen wir. Bitte!«
Sie setzte sich an das Instrument. Er hatte eigentlich keine Lust zum Singen und trat darum nur zögernd an ihre Seite.
»Also nur für mich, nur für mich!« bat sie. »Denken Sie sich, ich sei Diejenige, bei welcher Sie so gern allein sind. Ich will gern hören, ob Sie bei dem Gedanken an mich mit der rechten Innigkeit zu singen verstehen.«
Sie blickte dabei so verführerisch zu ihm auf, daß es ihn heiß überlief. Dann ließ sie die Hände über die Tasten gleiten.
Der volle Arm blickte weiß und bloß bis an den Ellbogen aus dem Spitzenärmel. Er brauchte nur den Blick zu senken, so fand er Halt an dem üppig vollen Busen, welcher den Stoff des Kleides zu zersprengen drohte. Er fühlte, daß er jetzt im Stande sei, mit der von ihm erwarteten Innigkeit zu singen.
»Nun, noch drei Takte,« nickte sie. »Jetzt!«
Er begann mit unterdrückter, schmelzender Stimme:
»Ich bin so gern, so gern allein,
Daheim in meiner stillen Klause.
Wie klingt es doch dem Herzen wohl,
Das liebe, traute Wort ›zu Hause!‹
O, nirgends auf der weiten Welt
Fühl ich so frei mich von Beschwerden.
Ein braves Weib, ein herzig Kind,
Das ist mein Himmel auf der Erden.
Gewandert bin ich hin und her
Und mußte oft dem Schmerz mich fügen.
Den Freudenbecher setzt ich an;
Ich trank ihn aus in vollen Zügen,
Doch immer zog es mich zurück,
Zurück zu meinem heimschen Heerde.
Ein braves Weib, ein herzig Kind,
Das ist mein Himmel auf der Erde.
All Abends, wenn der Tag zur Ruh
Und ich mich leg zum Schlummer nieder,
Dann bete ich zum Herrn der Welt;
Es schließen sich die Augenlider.
Ich halte beide Hände fromm
Zu dem, der einstens sprach sein Werde:
Du guter Gott, erhalte doch
Mir meinen Himmel auf der Erde!«
Er hatte mit so unterdrückter Stimme gesungen, daß man es wohl kaum draußen auf dem Corridor oder im Nebenzimmer deutlich hätte vernehmen können. Dies gab seinem Vortrage scheinbar die Seele, welche ihm fehlte. Als die letzten Töne verklungen waren, nahm Asta die Hände von den Tasten und sagte:
»Herrlich Diese Stimme und dieser Vortrag! Wie soll ich Ihnen danken!«
»Fühlen Sie wirklich das Bedürfniß des Dankes?«
»Gewiß, gewiß! Sagen Sie mir Etwas!«
Sie hob das Gesicht zu ihm empor und blickte ihn aus halb verhüllten Augen an, verheißungsvoll und verlockend. Aus ihrem leicht geöffneten Munde glänzten die breiten, aber tadellos glänzenden Zähne zwischen den rothen, üppigen Lippen hervor. Er wagte es:
»Ich wüßte einen Dank!«
Er näherte sein Gesicht dem ihrigen.
»Welchen?«
Sie wich nicht zurück.
»Darf ich ihn mir selbst nehmen?«
»Wenn Sie es können!«
»O, leicht, nämlich so!«
Er legte seine Lippen auf ihren Mund. Sie hielt den Druck für einen Augenblick aus, schien ihn sogar zu erwidern, zog dann aber ihre Lippen schnell zurück und zürnte:
»Welche Kühnheit! Herr Warschauer, wie können Sie sich das erlauben!«
Ihr Gesicht zeigte aber weniger Zorn, als aus ihrem Tone zu hören war.
»Sie selbst erlaubten es ja!« antwortete er.
»Konnte ich ahnen, was Sie wollten!«
»Ja, denn Sie wissen, daß ich Wildschütz gewesen bin, und seit jener Zeit gelüstet mich stets nach Verbotenem.«
»Also nicht nach Erlaubtem?«
»Nein.«
Da lachte sie silbern auf und meinte:
»So giebt es ja ein sehr einfaches Mittel, sich vor Ihren Küssen sicher zu stellen!«
»Das möchte ich kennen lernen.«
»Man braucht es Ihnen nur zu erlauben, dann schweigen Ihre Wünsche.«
»O, Ihnen gegenüber niemals.«
»Also wäre ich völlig schutzlos in Ihre Hand gegeben, Sie – – Wilderer!«
»Oder umgekehrt, ich in die Ihrige. ›Halb zog sie ihn, halb sank er hin, da wars um ihn geschehn.‹ So, wie in diesen Göthe'schen Strophen ist es mir, wenn ich Ihnen in die Augen blicke.«
Anton hatte während seines Aufenthaltes in Wien gar wohl gelernt, sich auszudrücken. Asta schlug ihm ein Schnippchen und kicherte vertraulich:
»Was für Gefährlichkeiten könnten meine armen Augen für Sie haben!«
»Die allergrößten. Ich kann in ihren Tiefen ertrinken. Diese blauen, strahlenden, lockenden Sterne, tief und gefährlich wie die blauen Wasser eines Sees! Wer hineinschaut, der kann nie, nie wieder heraus.«
»Wie poetisch! Wem haben Sie dieses Bild abgelauscht?«
»Keinem!«
»Nicht? Und doch ergehen sich unter hundert Dichtern wohl neunzig in diesem Vergleich. Hören Sie:« Und sie trillerte leise: »O du himmelblauer See – – –! Kennen Sie das?«
»Nein.«
»Schade! Es ist auch nur ein einfaches Alpenlied, aber doch so – – ah, trauen Sie mir zu, daß ich es Ihnen vorsingen kann?«
»Gewiß!«
»Ich habe keine Stimme.«
»Nach Ihrer Sprache haben Sie einen Halbsopran. Und wenn dieser nicht hinter Ihren andern Vorzügen zurückbleibt, so besitzen Sie eine kostbare Stimme.«
»Welch eine Täuschung! Ich schrille wie eine Clarinette!?
»Das möchte ich bezweifeln. Bitte, bitte, singen Sie es doch! Ja?«
»Wohl auch nur für Sie allein?«
»Das möchte ich mir ausbedingen.«
»Nun wohl, es soll nur Ihnen gelten. Aber ich bin so beengt; ich muß die Stimme befreien.«
Dabei zog sie die Granatbroche aus dem Kragen. Dieser gab sich vorn auseinander und »ihre Stimme war frei,« wie sie gesagt hatte, aber auch noch etwas Anderes. Die obern Knöpfe des Kleides waren nicht zu. Als nun die Broche entfernt worden war, gab der leichte Stoff dem Drucke ihrer vollen Formen nach, und Anton, welcher seitwärts hart hinter ihr stand, vermochte nun einen Blick herab zu werfen, welcher von dem vollen Halse abglitt um noch tiefer zu dringen, dahin, wo ein Einblick eigentlich verboten sein sollte.
Er fühlte sich wie berauscht. Er ahnte nicht, daß hier eine klare Absicht vor lag, daß dieses Mädchen ihm die Augenweide mit voller Berechnung bot. Sie hatte ja nur aus dem Grunde zu singen gewünscht, um einen Grund zu haben, die einengende Broche entfernen zu können.
»Also, soll ich beginnen?« fragte sie.
Auch diese Frage geschah aus Berechnung, denn durch dieselbe erhielt sie Gelegenheit, zu ihm aufblicken zu können. Sie bemerkte seinen flimmernden Blick und seine gerötheten Wangen und wußte nun, daß ihre List gelungen sei.
Er nickte nur. Es war ihm, als wenn er statt aller Worte nur Küsse geben solle. Er war ja noch viel, viel zu befangen, um den Raffinerieen einer berechnenden Kokette mit kaltem Blute Stand halten zu können.
Eigentlich hatte er ihr keine gute Stimme zugetraut; darum fühlte er sich auf das Angenehmste enttäuscht, als sie jetzt mit leiser, vibrirender und recht angenehmer Stimme begann:
»Zwischen Felsen, die voll Schnee,
Liegt a himmelblauer See,
Und wer in den See schaut 'nein,
Sieht das höchste Glück tief drein.
O Du himmelblauer See,
Du stillst mein Herzleid nit,
Stillst nit mein Weh!
Und beim See im Mondesstrahl
Sitzt und singt a Nachtigall.
Und wers hört, dös G'sang, wie's hellt,
Meint, voll Freuden sei die Welt.
O du Gesang so hold beim See,
Du stillst mein Herzleid nit,
Stillst nit mein Weh!
Aus der Hütte hint' beim See,
Guckt a Dirnderl, weiß wie Schnee,
Weiß wie Schnee und roth wie Blut;
Ob dös Dirnderl mir ist gut?
O du himmelblauer See,
Aus ist das Herzeleid,
Aus ist das Weh!«
Es war eine etwas feste aber doch recht klangvolle Stimme, mit welcher sie dieses anspruchslose Lied sang. Sie ließ die hinein gehörenden Jodler fort und gab nur die Melodie. Dabei sang sie mit einem Ausdrucke, welcher des Guten zu viel that, aber bei Anton die beabsichtigte Wirkung mehr als vollauf hervorbrachte. Es ist für einen jungen, lebensfrischen und feurigen Mann gewiß schwierig, gleichgiltig zu bleiben, wenn er hinter oder neben einer ebenso jungen Dame steht, welche mit verführerisch ausgewirkten Formen am Klaviere sitzt und sich alle Mühe giebt, durch den bestrickenden Klang ihrer Stimme den Eindruck ihrer Reize noch zu erhöhen.
Nach dem letzten Tone stand sie schnell auf, so daß sie hart vor ihm zu stehen kam.
»So! Nun fällen Sie Ihr Urtheil!« sagte sie.
Ihr Athem fächelte seine Wange. Dieser Hauch hatte etwas gelind Aromatisches. Wäre Anton ein Kenner gewesen, so hätte er sofort erkannt, daß die Dame geröstete Kaffeebohnen gekaut hatte, was man doch nur thut, um einen üblen Athem zu maskiren. In seinem Rausche aber war es ihm, als ob dieser Hauch ihre Seele sei, welche zu ihm überfluthe, um nun die seinige hinüber zu locken auf Nimmer-, Nimmerwiederkehr. Es giebt wirklich einen Rausch, welcher mit dem Worte ›schönheitstrunken‹ characterisirt werden kann, und in diesem Rausche war Anton befangen. Er stammelte beinahe, als er antwortete:
»Ich soll mein Urtheil fällen über Ihren Gesang, gnädiges Fräulein? Ich bin kein Gelehrter. Was ich weiß, das habe ich mir erst in der letzten Zeit aneignen können. Da habe ich auch von jenen wunderbaren Wesen gehört, welche, im Wasser schwimmend, den Schiffer durch die Schönheit ihrer Gestalt und den verlockenden Ton ihrer Stimme so berauschten, daß er sich ohne Bedenken in die Fluthen warf – – –«
»Sie meinen die Sirenen?«
»Ja. Ihrem Zauber sollen nach der Sage Tausende verfallen sein, und nur ein Einziger entkam ihnen. Er verklebte seinen Gefährten die Ohren mit Wachs, damit sie die Stimme der Sirenen nicht hören konnten. Er aber wollte sie hören, und um da diesen verführerischen Wesen nicht zum Opfer zu fallen, ließ er sich mit festen Stricken an den Mast binden. Er ist der Einzige gewesen, der sie singen hörte, ohne verloren zu sein.
Sie legte ihm die Hand schmeichelnd auf den Arm und fragte:
»Und warum erwähnen Sie diese sagenhaften Wesen?«
»Weil ich Ihnen sagen soll, welchen Eindruck Ihr Gesang auf mich gemacht hat. Sie haben gesungen wie eine Sirene, und da Sie auch viel, viel reizender sind als jene Wesen gewesen sein können, so können Sie sich denken, welchen Eindruck Sie auf mich gemacht haben. Ich befinde mich unter einem Zauber, dem ich mich nicht entziehen kann, obgleich ich sehr wohl weiß, wie gefährlich er für mich ist.«
»Sie sind ein Schmeichler, ein großer, großer Schmeichler! Wie könnte ich Ihnen jemals gefährlich werden!«
»Dadurch, daß Sie Gefühle und Wünsche in mir erwecken, für welche sich keine Erhörung hoffen läßt.«
»Welche Wünsche wären das?«
»Sie sind alle zusammen zu fassen in das eine, einzige Verlangen nach – Gegenliebe.«
»Gegenliebe?« lachte sie. »Dann müßte ja vor allen Dingen Liebe vorhanden sein!«
Sie trat ihm noch um einen halben Schritt näher, so daß ihr Körper sich leicht an den seinigen schmiegte. Die Wärme, welche von ihren vollen, weichen Formen zu ihm überstrahlte, durchfluthete ihn wie eine magnetische Gewalt, welcher er nicht zu widerstehen vermochte. Er, ein armer Gebirgler, ein früherer Wilddieb, und sie, die Tochter einer adeligen Familie – er dachte gar wohl daran; aber ihre Augen brannten ihm verlangend entgegen; zwischen Hoffen und Zagen hob er langsam den Arm und legte ihn um ihren Leib, erst leise, wie um zu versuchen, ob sie vor dieser Berührung zornig zurückweichen werde, dann aber fester und immer fester. Sie machte nicht die leiseste Bewegung des Widerstandes; darum wagte er es, sie an sich zu ziehen. Ihr Körper folgte dem Drucke seines Armes; ihr Busen schmiegte sich an seine Brust, und ihr Kopf legte sich willig auf seine Achsel.
»Asta!« flüsterte er, glühend vor Freude.
»Anton!« antwortete sie, tief aufseufzend. »Was thun Sie mit mir!«
»Ich liebe, liebe, liebe Sie!« antwortete er, indem er nun auch den andern Arm um sie schlang und sie nun fest, fest an sich drückte. »Und Sie, Asta?«
»Niemals hat ein Mann mich so berühren dürfen. Ich weiß nicht, warum ich es von Ihnen dulde!«
»Warum von mir! Darf ich mir die Antwort auf diese Frage suchen, Asta?«»Werden Sie dieselbe finden?«
»Ich vermuthe es und würde unendlich glücklich sein, wenn meine Vermuthung sich als Wahrheit erweisen dürste.«
»Nun, so vermuthen Sie einmal!« forderte sie ihn lächelnd auf.
»Es ist die Liebe, welche Ihnen gebietet, mich nicht so wie Andre von sich zu weisen.«
»Die Liebe? Meinen Sie? Ich habe dieses Gefühl noch niemals kennen gelernt und weiß also auch nicht, ob das, was ich empfinde, Liebe ist.«
»So wollte ich, ich könnte erfahren, was und wie Sie jetzt empfinden.«
»Das können Sie nicht erfahren, denn es ist mir ganz unmöglich, es zu beschreiben.«
»O bitte, machen Sie wenigstens den Versuch, es zu beschreiben!«
»Auch der Versuch ist unmöglich.«
»O nein. Fragen Sie nur Ihr Herz! Es wird Ihnen Antwort geben. Oder, Asta, soll ich es nicht lieber fragen?«
Er beugte sein Gesicht so weit zu ihr nieder, daß er mit seiner Wange fast die ihrige berührte.
»Ja, fragen Sie!«
»Nun, was sagt Ihr Herz jetzt in diesem Augenblicke? Räth es Ihnen vielleicht, sich mir zu entziehen.«
Er drückte sie so fest an sich, wie man es sonst bei einer Dame, welche man erst so kurze Zeit lang kennt, nicht zu wagen pflegt. Sie hielt diesen Druck ohne Widerstreben aus und antwortete:
»O nein; von einem solchen Rath empfinde ich nichts, gar nichts. Ich fühle vielmehr, daß – – –«
Sie hielt inne und barg mit gut gespielter, mädchenhafter Verschämtheit ihr Gesicht an seiner Brust.
»Bitte, bitte, sprechen Sie weiter!« flüsterte er zärtlich. »Was fühlen Sie?«
Sie erhob den Kopf ein Wenig und antwortete mit der naiven Befangenheit eines Backfisches:
»Ich fühle daß – daß – – daß es so süß, so entzückend hier bei Ihnen ist.«
»Herrlich, herrlich!« jubelte er mit fast zu lauter Stimme. »Und was sagt Ihr Herz jetzt?«
Er hielt ihren Kopf mit der linken Hand fest, damit sie ihm nicht entschlüpfen möge, und küßte sie auf den Mund. Sie gab sich aber gar nicht die Mühe, ihm ihre Lippen zu entziehen, ja er fühlte sogar einen leisen Gegendruck. Sie antwortete nicht. Sie schloß die Augen und behielt den Kopf ganz in derselben Lage, so daß es ihm leicht wurde, den Kuß mehrere Male zu wiederholen.
»Asta,« fragte er, »ist das Ihre Antwort?«
»Ja,« hauchte sie.
»So darf ich Sie küssen?«
»Muß ich Ihnen das nun erst noch sagen?«
»Nein, nein! Welch ein Glück, welch eine Seligkeit! Sie lieben mich! Sie lieben mich!«
Und sie fast zu sehr an sich pressend, gab er ihr nun Kuß um Kuß. Sie duldete es. Ja, sie schlang sogar ihre Arme jetzt auch um ihn und gab sich seinen Liebkosungen ohne alles Widerstreben hin.
Da ließen sich Schritte hören. Die Beiden fuhren schnell auseinander. Er nahm ein Notenblatt in die Hand, und sie setzte sich vor die Claviatur und griff einige leise Accorde, als ob sie Beide eben im Begriffe ständen, einen Vortrag zu beginnen.
Ein Diener trat ein, um sich zu erkundigen, ob die Herrschaften vielleicht einen Befehl für ihn hätten. Er erhielt den Bescheid, daß er nicht gebraucht werde, und wurde nach dem Baron und Milda gefragt. Er berichtete, daß Beide nach der Stadt gegangen und noch nicht wieder zurückgekehrt seien, und entfernte sich dann wieder.
»Eigentlich eine Rücksichtslosigkeit gegen uns,« meinte Asta. »Man läßt doch nicht die Gäste allein, ohne sich vorher zu entschuldigen!«
»Diese Rücksichtslosigkeit ist mir außerordentlich willkommen, denn sie bietet uns ja Gelegenheit, allein und unbelauscht zu sein.«
»Jetzt nun nicht mehr. Nachdem wir erfahren haben, daß wir allein sein werden, dürfen wir nicht länger beisammen bleiben. Das würde der Dienerschaft auffallen. Diese Leute sind ja stets geneigt, sich Romane zu bilden, welche nur auf ihren vagen Vermuthungen beruhen. Man muß vermeiden, ihnen Gelegenheit dazu zu geben.«
»Sie mögen Recht haben; aber was mache ich mir aus den Gedanken dieser Menschen!«
»O bitte! Ein Herr braucht da vielleicht weniger Rücksicht zu nehmen als eine Dame. Ich mag auf keinen Fall der Dienerschaft Veranlassung zu irgend welchen Vermuthungen geben und werde mich also jetzt zurückziehen müssen.«
»Wie schade, wie jammerschade!«
»Liegt Ihnen denn gar so viel an meiner Nähe?«
»Wie können Sie diese Frage aussprechen! Muß einem Menschen nicht Alles, Alles an seinem Glücke liegen, Asta?«
»Ja. Aber haben Sie noch nicht gehört, daß das größte Glück der Liebe in dem Geheimnisse liegt, in welches sie sich so gern zu hüllen pflegt? Wir können uns ja sehen und sprechen, ohne daß es Andere bemerken.«
»Wo?«
»O, überall.«
»Und wann?«
»Zu jeder Zeit.«
»Auch heut?«
»Heut? Heut haben wir uns ja hier gesprochen!«
»Aber wie lange! Nur so kurze Zeit. Es sind ja nur so wenige Minuten gewesen.«
»Und doch wissen wir Alles, grad so, als ob wir seit Ewigkeiten beisammen gewesen wären. Nicht?«
Sie war wieder von ihrem Stuhle aufgestanden und legte bei der letzteren Frage ihre Arme um seinen Leib. Zu ihm aufblickend, bot sie ihm den Mund zum Kusse, ein Wunsch, welchen er natürlich sofort und auch sehr vollständig erfüllte. Anstatt durch diese widerstandslose Hingabe sich warnen zu lassen, fühlte er sich von derselben in der Weise hingerissen, daß er ihr entgegnete:
»Was sollen wir wissen? Nichts wissen wir, ganz und gar nichts. Wir haben uns ja kaum sagen können, daß wir uns lieb haben. Und was giebt es außer diesem nicht Alles noch zu sagen und zu besprechen! Asta, meine herrliche, süße Asta, wir müssen uns heute noch sehen! Ich lasse Sie nicht eher von hier fort, als bis Sie mir die Erfüllung dieses Wunsches versprochen haben!«
»Ungestümer!« zürnte sie in scherzhaftem Tone. »Sie verlangen gar zu viel!«
»Der Liebe ist nichts zu viel, sondern Alles zu wenig!«
»Haben Sie denn nicht bereits genug geküßt?«
»Nein. Und wenn ich Ihnen Tausend und Millionen Küsse gegeben hätte, so wäre es nicht genug, denn ich möchte an Ihren Lippen hangen in alle Ewigkeit. Bitte, bitte! Der Abend ist noch so lang und wir haben noch so viel Zeit, uns zu treffen.«
»Ist denn Ihre Liebe gar so groß?«
»Groß? Dieser Ausdruck sagt viel, viel zu wenig. Sie ist nicht groß, sondern unendlich.«
»Sie machen mir fast Angst. Dazu ist sie so glühend, so – unbescheiden!«
»Es liegt ja im Wesen der Liebe, daß sie unbescheiden sein muß. Sie Wünscht, sie verlangt, sie will erhört sein, sie will genießen. Und das kann sie nicht, wenn sie sich allein befindet. Oder haben Sie es noch nicht gehört:
Die Liebe ist nicht gern allein,
Es müssen immer Zweie sein!«
»Aber Sie sehen doch ein, daß für heute die Erfüllung Ihres Wunsches eine Unmöglichkeit ist!«
Sie sagte das freilich nicht in abweisendem Tone, sondern in einer Art und Weise, aus welcher er erkennen mußte, daß sie wohl selber auch wünschte, wieder mit ihm zusammen zu treffen. Darum wurde ihm der Einwand leicht:
»Von einer Unmöglichkeit kann keine Rede sein. Es. kommt ja nur auf Ihren guten Willen an. Und wenn Sie mich wirklich lieben, so dürfen Sie nicht so grausam sein, mir die Erfüllung dieser ersten Bitte zu versagen.«
»Also appelliren Sie an mein gutes Herz?«
»Ja, und ich hoffe, daß es diese Appellation gelten lassen werde.«
»Wohl gern. Aber sagen Sie, wo und wann wir uns treffen wollen! Wir sind ja zu beobachtet.«
»So gehen wir fort, hinaus, in den Park.«
»Gerade dies würde am Allermeisten auffallen, da man uns ja gehen sehen muß.«
»So warten wir, bis man uns nicht mehr sehen kann!«
»Also bis sich die Anderen zur Ruhe begeben haben? Ist Ihre Liebe denn wirklich so begehrlich, daß sie sich nicht einmal scheut, den Schlaf zu opfern?«
»Nur den Schlaf? Asta, Ihnen könnte ich noch viel, viel mehr opfern – Alles, Alles! Und hier ist ja nicht von einem Opfer die Rede. Es ist ja das Glück, welches uns erwartet, der Himmel, die Seligkeit.«
»Nun, wenn wir uns erst so spät sehen wollen, so ist es ja gar nicht nothwendig, das Schloß zu verlassen. Wir können uns da recht gut im Innern desselben treffen.«
»Ausgezeichnet! Aber wo?«
»Machen Sie einen Vorschlag.«
»Ich nicht. Befehlen Sie selbst.«
»Nun, ich möchte mich nicht allzu weit von meiner Wohnung entfernen, dieselbe womöglich nicht einmal verlassen.«
»Desto lieber mir! Soll ich also zu Ihnen kommen?«
»Ja, wenn Ihnen der Weg nicht zu weit ist.«
Dabei lächelte sie ihn so schelmisch lockend an, daß er nach einigen abermaligen heißen Küssen antwortete:
»Wie könnte er mir zu weit sein! Um Sie zu sehen, würde ich bis an das Ende der Welt gehen.«
»Nun, eine solche Anstrengung verlange ich nicht von Ihnen. Kommen Sie also zu mir. Ich wohne natürlich drüben in der Damenabtheilung. Sie werden die zweite Thür des Corridors rechts nur angelehnt finden.«
»Und wann?«
»Sobald Milda mit dem Baron nach Hause gekommen ist und Alle schlafen gegangen sind.«
Diese Abmachung wurde noch mit einigen Küssen besiegelt, welche das üppige Mädchen nicht empfing, sondern gab. Dann trennten sie sich.
Anton ging von da an ruhelos in seinem Zimmer auf und ab. Er konnte den Augenblick des Stelldicheins kaum erwarten. Er dachte nicht an Leni; er stellte also auch nicht einen Vergleich an zwischen dieser und der koketten Aristokratin. Er befand sich überhaupt gar nicht in der Lage zu Vergleichen, denn sein Denkvermögen war absorbirt von dem einzigen Gedanken an die zärtlichen Stunden, welche ihn erwarteten.
Er war überzeugt, daß Asta ihn wirklich liebe. Oder mußte sie ihn nicht lieben, wahr und heiß, da sie sich ihm so ganz ohne alle Gegenwehr zu Eigen gab? Daß eine Baronesse ihm ihr Herz geschenkt hatte, eine Baronesse, welche ein Jeder nur ihrer Schönheit allein wegen gern errungen hätte, das machte ihn förmlich betrunken. Durch diese Bekanntschaft, diese Liebe stieg er ja gleich eine ganze Reihe von Stufen empor aus der Armuth und Niedrigkeit zur Höhe und zum Reichthume.
Leider wurde seine Geduld auf eine harte Probe gestellt, da Milda so spät von der Bürgermeisterin zurückkehrte. Dann aber, als tiefe Ruhe und Stille im Schlosse herrschte, schlich er sich leise und vorsichtig zu seiner Sirene.
Das war der Schatten, welcher über den Corridor gehuscht war.
Die Ruhe, welche soeben erwähnt wurde, war eine nur scheinbare, denn außer, den beiden Liebenden schliefen noch zwei Andere nicht: der Baron und Milda.
Der Erstere war zu aufgeregt durch die Scene, welche er bei seiner einstigen Geliebten erlebt hatte. Er war blamirt worden in einem fast unmöglichen Grade. Seine Tochter hatte sich von ihm losgesagt und ihm sogar das Schloß verboten. Was war da zu thun? Bitten und gute Worte geben? Unmöglich! In diesem Falle hätte er unbedingt Max Walther als seinen Sohn anerkennen müssen, und das fiel ihm auf keinen Fall ein. Er nahm sich also vor, streng aufzutreten und auf seine Rechte nicht zu verzichten. Aber über das Wie war er sich nicht klar, und das Nachdenken darüber ließ ihn nicht zur Ruhe kommen.
Und Milda konnte ebenso wenig schlafen wie er. Der Gedanke, den Vater aufgeben zu müssen, machte sie unglücklich, trotzdem sie sich niemals mit kindlicher Innigkeit hatte an ihn schließen können. Die Trauer darüber wurde freilich reichlich aufgewogen durch den beglückenden Gedanken an Max. Einen Bruder gefunden zu haben, und zwar einen solchen, dessen Persönlichkeit ihr sofort eine herzinnige Zuneigung abgezwungen hatte, das war ja ein höchst beseligendes Gefühl!
Und ganz natürlich gedachte sie dabei auch seiner Mutter, welche so viel gelitten hatte. Sie fühlte sich so glücklich bei dem Gedanken, dieser Frau Ersatz bieten zu können für die leidvolle Vergangenheit. Sie wollte ihr eine Tochter, eine liebevolle Tochter sein; sie war ja doch seit den ersten Jahren ihres Lebens eine mutterlose Waise gewesen.
Sie häkelte das Medaillon, welches sie an einer goldenen Kette am Halse trug, los und öffnete es. Die goldene Kapsel enthielt das Miniaturporträt der Verstorbenen. Sie betrachtete es mit liebevollem, feuchtem Blicke, wie sie es schon tausend-, tausendmal betrachtet hatte. Es waren so milde, freundliche Züge; aber diese Freundlichkeit war keine glückstrahlende, sondern eine trübe, wohl nur augenblickliche. Es sprach aus diesem Angesichte so viel Enttäuschung und schmerzliche Entsagung, daß der Beschauer sofort zur herzlichsten Theilnahme veranlaßt wurde.
»Meine Mutter, meine liebe, liebe, arme, gute Mutter!« flüsterte Milda. »Erst jetzt verstehe ich den herben, wehmüthigen Zug, den selbst Dein mildes Lächeln nicht verbergen kann. Du hast viel und still gelitten. Das begreife ich nun Du bist längst erlöst; aber wenn Dein Geist jetzt bei mir weilt, so wirst Du begreifen, was ich heute empfunden habe. Es ist so schwer, so sehr schwer, auf den Vater verzichten zu müssen. Weile immerfort bei mir und hilf es mir tragen!«
Sie preßte das Bild an ihre Lippen. Als sie es dann an seine Stelle wieder zurück stecken wollte, mochte sie es an einem Punkte, welchen sie bisher noch nicht so fest berührt hatte, etwas energischer als gewöhnlich drücken, denn es ließ sich ein leises Knacken hören.
In dem Gedanken, das Medaillon beschädigt zu haben, zog sie es schnell wieder hervor, und siehe da, es hatte sich auf der hinteren Seite geöffnet, da, wo Milda niemals eine Möglichkeit der Oeffnung vermuthet hatte.
Ganz überrascht hielt sie diese Seite dem Lichte näher. Steckte auch hier Etwas darin? Vielleicht ein zweites Bild? Nein. Sie erblickte kleine, kaum erkennbare Schriftzüge. Es lag ein kleiner, zusammengefalteter Zettel darin, aus dem allerdünnsten und feinsten Papier bestehend. Trotz der Kleinheit des Raumes, welchen er in der einen Medaillonhälfte eingenommen hatte, besaß er doch, als Milda ihn auseinander gefaltet hatte, die Größe des sechzehnten Theiles eines Schreibebogens.
Die Schrift war wegen ihrer außerordentlichen Enge und Kleinheit für das bloße Auge kaum zu lesen. Doch besaß Milda ein niedliches Mikroscop. Sie war eine große Blumenliebhaberin und hatte sich dieses Vergrößerungsglas angeschafft, um selbst die kleinste Blüthe in allen ihren Theilen untersuchen zu können.
»Wem gelten diese Zeilen?« fragte sie sich. »Mir oder einem Anderen? Im letzten Falle habe ich nicht das Recht, sie zu lesen. Aber Mama hat das Medaillon für mich bestimmt, also darf ich wohl ohne Bedenken die Schrift untersuchen.«
Sie nahm das Mikroscop hervor und setzte es von Wort zu Wort auf das Papier. Auf diese Weise gelang es ihr, Folgendes zu lesen:
»Meine süße Milda, mein herziges Töchterchen! Mit vieler Mühe habe ich diese Zeilen für Dich fixirt. Wenn Du sie liesest, werde ich wohl längst nicht mehr auf dieser Erde weilen. Es ist ein Vermächtniß, welches ich Dir hinterlasse. Ich habe viel gelitten, wohl unverschuldet; eine einzige Schuld nur habe ich auf dem Herzen liegen, und ich wage es, sie mit hinüber in das Jenseits zu nehmen, in der sicheren Erwartung, daß Du sie an meiner Stelle tilgen werdest. Ich muß Dir das Herzeleid anthun. Dir zu sagen, daß Dein Vater kein Ehrenmann ist. Du wirst vielleicht, wenn Du diese Zeilen liesest, genug Seelenfestigkeit besitzen, von dieser Mittheilung nicht niedergeschmettert zu werden. Er hat gesündigt, und ich war so schwach, um Deinetwillen und aus Furcht vor ihm darüber zu schweigen. Sobald Du mündig bist, aber nicht eher, sollst Du mein Bekenntniß lesen, denn vorher kannst Du ja keine Disposition über Dein Vermögen treffen. Es gilt, unrechtes Gut zurück zu erstatten. Vielleicht lebt dann Emilie von Sendingen noch, die oder deren Kinder ich vergeblich gesucht habe – heimlich, da Dein Vater nichts davon wissen darf. Gehe am Tage Deiner Mündigerklärung in die kleine Bibliothek, welche ich Dir hinterlasse, und nimm das –«
Von diesem Worte an hatten die Zeilen aus irgend einem Grunde ihre Deutlichkeit verloren. Die Züge waren vergilbt und selbst durch das Mikroscop nicht mehr mit Deutlichkeit zu erkennen. Stundenlang noch saß Milda, aber nicht ein einziges Wort mehr brachte sie heraus. Ihre Mutter hatte sich von dieser Stelle an vielleicht einer anderen Tinte bedient, welche nicht die Güte der vorherigen besaß.
Endlich, nach langer, vergeblicher Anstrengung, ließ sie von dem fruchtlosen Versuche ab. Sie legte Papier und Mikroscop fort, stand vom Stuhle auf und schritt erregt in dem Zimmer hin und her.
»Meine Ahnung!« flüsterte sie. »Sie ist nicht glücklich gewesen. Sie ist gestorben, mit einer Schuld auf dem Gewissen – um meinetwillen! O Gott, die Arme, Arme! Und welche Schuld ist es? Sie spricht von der Zurückerstattung unrechten Gutes – an diese Emilie von Sendingen! Ist diese Letzter beraubt worden? Und von wem? Vom Vater?«
Dieser Gedanke quälte sie entsetzlich. Ruhelos wanderte sie auf und ab.
»Und erst, wenn ich mündig bin, soll ich es erfahren! So lange Zeit soll ich auch mitschuldig sein? Unmöglich! Was soll ich in der Bibliothek? Noch sind alle Bücher, welche Mama hinterlassen hat, vorhanden. Nein, nein, so lange Zeit warte ich nicht!«
Sie machte eine höchst energische Handbewegung.
»Fremdes Gut soll ich besitzen? Eine Diebin soll ich sein? Nein, nein, nein! Aber ich kann doch nicht weiter lesen! Ich weiß ja nicht, was ich machen soll! Freilich glaube ich, gehört zu haben, daß es chemische Mittel giebt, alte Schriftzüge lesbar zu machen. Das muß ich thun, das muß ich versuchen, und zwar sehr bald! Aber an wen wende ich mich da? Wem darf ich mich mittheilen, wem kann ich in dieser so discreten Angelegenheit mein Vertrauen schenken? Ah! Habe ich nicht einen Bruder? Habe ich nicht Max? Dem werde ich Alles sagen, und er wird mir behilflich sein, die Schrift zu enträthseln.«
Sie legte den Zettel wieder zusammen und that ihn in das Medaillon zurück. Ueber dem nutzlosen Versuche, die Zeilen zu entziffern, war eine sehr lange Zeit vergangen. Die kurze Sommernacht war vorüber und der Morgen brach an. Milda löschte das Licht aus und die Helle, welche der junge Tag verbreitete, war hinreichend, alle Gegenstände, welche sich im Zimmer befanden, deutlich zu erkennen.
Sollte sie jetzt nun schlafen gehen? Nein, sie fühlte kein Bedürfniß dazu. Sie war zu aufgeregt, als daß sie zu schlummern vermocht hätte. Sie wollte Beruhigung in der reinen, erfrischenden Morgenluft finden und verließ das Zimmer, um sich hinab in den Park zu begeben.
Die dicken Läufer, welche auf dem Korridor lagen, dämpften ihre Schritte, zumal sie leise auftrat, um keinen Schläfer in der Ruhe zu stören.
Der Corridor hatte ein breites Fenster, welches genügend Licht hereintreten ließ. Milda hatte fast die Thür erreicht, welche in Asta's Zimmer führte, als dieselbe geöffnet wurde. Sie blieb überrascht stehen. Sie konnte nicht gesehen werden, da die Thür nach derjenigen Seite aufgeschoben wurde, in welcher sie sich befand. Die zwei Sprechenden befanden sich unter dem Eingange des Zimmers und wurden von der Thür verdeckt. Zwei waren es, denn zuerst flüsterte die eine Stimme:
»Leb wohl, mein süßes, süßes Mädchen!«
Und dann antwortete die andere:
»Leb wohl. Geliebter, leb wohl!«
»Welche Seligkeiten habe ich bei Dir gefunden!«
»Nein, sondern welche Seligkeiten hast Du mir gebracht! Komm, noch einen Kuß!«
»Noch tausend, tausend!«
»Dazu haben wir leider nicht die Zeit.«
Das Geräusch mehrerer Küsse ließ sich hören; dann sagte die zweite Stimme:
»So, nun ists genug!«
»Nein, noch drei – zwei – nur noch einen!«
»Hier! – aber nun geh auch! Es ist ja ganz hell auf dem Corridor!«
»Und wann sehen wir uns wieder?«
»Nach dem Frühstücke im Park.«
Er ging, ohne sich umzublicken. Milda erkannte den Sänger. Er hatte den Schlafrock an und trug seine Stiefeletten in der Hand. Ohne sich zuvor zu überlegen, ob es gerathen sei, sich sehen zu lassen, trat sie rasch zwei – drei Schritte vor. Sie stand vor Asta, welche, die Thür noch in der Hand, dem Geliebten nachblickte, welcher soeben hinter der leise geöffneten Corridorthür stand.
Die überraschte Liebhaberin hatte ein weißes, dünnes Nachtgewand an. Sie erschrak sichtlich, als sie Milda bemerkte.
»Du – Du – Du!« stotterte sie.
»Asta!« hauchte die Freundin, fast noch erschrockener als die Andere.
»Du schläfst nicht!«
»Nein! Und Du –«
»Auch ich konnte nicht schlafen.«
»Das läßt sich erklären, wenn man sich in solcher Gesellschaft befindet.«
»Gesellschaft? Wie meinst Du das?«
»Nun, – Warschauer!«
»Ah, Du hast ihn gesehen?«
»Nicht nur gesehen, sondern auch gehört habe ich Euch.«
»So hast Du also – gelauscht! Höre, das ist in den Kreisen, zu denen wir gehören, streng verpöhnt!«
Sie sagte das in einem so scharfen und verweisenden Tone, als ob nicht sie es sei, welche sich im Unrecht befand.
»Ich kam nicht, um zu horchen,« antwortete Milda zurückweisend. »Ich wollte soeben hinab in den Park als Ihr die Thür öffnetet, und wurde somit Zeugin Eures Gespräches.«
»So! Hoffentlich bist Du nicht eifersüchtig!«
»Nein. Auf eine so zweifelhafte Errungenschaft kann ich unmöglich eifersüchtig sein.«
»Zweifelhaft? Es ist stets ein Glück, einen hervorragenden, begabten Mann zu erobern.«
»Auch wenn man diese Eroberung mit dem Verluste der Ehre bezahlt?«
»Was fällt Dir ein! Ueberlegst Du Dir nicht, daß diese Worte eine Beleidigung gegen mich enthalten?«
»Und überlegst Du Dir nicht, daß es eine Beleidigung ist, die Gastfreundlichkeit eines anständigen Hauses zu solchen – – Unerlaubtheiten zu benutzen?«
Milda war wirklich seit gestern Abend eine ganz Andere geworden. Vorher wäre es ihr unmöglich gewesen, mit der selbstständigen und nicht wenig tyrannischen Freundin in diesem Tone zu sprechen. Asta fühlte sich auch wirklich davon betroffen.
»Willst Du mir etwa verbieten, mit einem Herrn, welcher mich anbetet, zu verkehren?« fragte sie leise, aber in zornigem Tone.
»Nein.«
»Nun, so schweige!«
Sie wollte sich beleidigt in das Zimmer zurückziehen, aber Milda ergriff die Thür und hielt sie noch einige Augenblicke offen.
»Schweigen kann ich nur dann,« antwortete sie, »wenn dieser Verkehr, falls er hier bei mir stattfindet, zu einer anderen Zeit und in anderer Toilette vorgenommen wird. Blicke Dich an! So, wie Du hier stehst, kann sich nur eine Frau vor ihrem Manne sehen lassen.«
»Pah! Was verstehst Du davon! Du bist ja ein Kind. Oder willst Du mir etwa verbieten, dem Sänger die Erlaubniß zu ferneren Besuchen zu ertheilen?«
»Wenn Du meinst, daß es sich mit Deiner Ehre verträgt, so mag er Dich besuchen, wann und wie es ihm beliebt, nur aber nicht hier bei mir. Ich kann nicht wünschen, daß vielleicht Einer der Dienerschaft einen meiner Gäste bemerkt, welcher mit den Stiefeln in der Hand und im Schlafrocke des Nachts seine liebenswürdigen Visiten macht.«
Sie wollte sich umdrehen, um sich zu entfernen. Jetzt aber wurde nun sie von Asta festgehalten.
»Heißt das etwa,« fragte diese, »daß Du mir die Gastfreundschaft aufsagst?«
»So unhöflich bin ich nicht. Nur bitte ich, zu bedenken, daß Du mir Rücksichten schuldig bist!«
»Pah, Rücksichten! Rücksichten ist nur der Gastgeber seinem Gaste schuldig. Ich erkläre Dir, daß ich den Besuch meines jetzigen Geliebten noch sehr oft erwarte.«
»In dieser Weise und zu dieser Zeit?«
»Ja.«
»So werde ich ihm sagen, daß sich dies mit meinen Ansichten nicht verträgt.«
Asta's Augen leuchteten zornig auf.
»Ihm willst Du es sagen, ihm?« zischte sie.
»Ja.«
»Weißt Du, wie Du mich dadurch blamirst?«
»Ich habe Dir meinen Wunsch mitgetheilt und bei Dir kein Verständniß für denselben gefunden. Ich bin also, falls ich nicht Eins von Euch Beiden fortweisen will, gezwungen, mich an ihn zu wenden.«
»So, so also ists gemeint! Das ist mir noch niemals geboten worden, und nun von Dir, von meiner Freundin!«
»Als Freundin mußt Du doppelte Rücksicht hegen.«
»Wieder diese alberne Rücksicht! Ich sage Dir, daß Du mit Herrn Warschauer nicht zu sprechen brauchst, denn ich werde Steinegg noch heute verlassen!«
Sie blickte forschend in Milda's Gesicht. Sie glaubte, zu gewinnen, falls sie diesen Trumpf ausspiele. Doch die junge Schloßherrin antwortete ruhig:
»So brauchst Du mir nur zu sagen, zu welcher Zeit ich Dir die Equipage, welche Dich nach dem Bahnhofe bringt, zur Verfügung stellen soll.«
Asta blickte sie ganz betreten an. Das hatte sie nun freilich nicht erwartet. Ihr Trumpf war überstochen worden.
»Ists wahr, ists wahr?« stieß sie hervor. »Du lässest mich gehen?«
»Ja, gern. Es ist ja Dein Wille, und Du weißt ja, daß ich denselben stets befolgt habe.«
»Und überlegst Du Dir auch, was dann kommen wird?«
»Ich erwarte es in Ruhe.«
»Ich werde nie, nie wiederkommen!«
»Das thut mir leid; aber ich muß es eben so gut wie möglich ertragen.«
»Ich werde Dich nie wieder kennen!«
»Vielleicht habe ich dann doch einmal das Glück, eine andere Freundin kennen zu lernen.«
»Und ich werde – ja, ganz gewiß, ich werde den Sänger und den Professor gleich mit mir von hier fortnehmen!«
»Dann reisest Du ja in liebenswürdiger Gesellschaft. Das freut mich um Deinetwillen.«
So erstaunt wie jetzt war Asta noch nie in ihrem Leben gewesen. Sie kannte die sonst so unselbstständige Freundin gar nicht mehr. Darum fuhr sie in einem Tone, als ob sie es gar nicht fassen könne, fort:
»Aber, um aller Welt willen, was fällt Dir ein! Du bist ja ganz wie ausgewechselt! Bedenke doch, was Dein Vater sagen wird!«
»Der wird wohl schweigen.«
»Im Gegentheil. Du wirst eine außerordentliche Scene mit ihm haben.«
»Ich fürchte diese Scene nicht.«
»Wir sind ja auf seine Veranlassung hier. Wir sollen hier bleiben. Was wird er sagen, wenn er erfährt, daß Du uns fortweisest!«
»Das habe ich nicht gethan. Du gehst aus eigenem Antriebe, und ich stelle mich Dir nicht hindernd in den Weg. Das ist Alles.«
»Und doch ist es ganz dasselbe, als ob Du uns von hier fortjagtest!«
»Nun, so entschließt er sich jedenfalls, Euch zu begleiten. Uebrigens haben wir diesem leidigen Thema bereits schon zu viel Aufmerksamkeit geschenkt. Die Lust zum Spaziergange ist mir verleidet. Ich gehe wieder nach meinem Zimmer.«
»Ach, jetzt gestehst Du indirect ein, daß Du gar nicht beabsichtigtest, nach dem Park zu gehen. Du warst nur hier, um uns zu belauschen. Welch eine Gemeinheit von Dir!«
Sie sagte das im Tone tiefster Indignation.
»Glaube, was Dir beliebt,« antwortete Milda kalt. »Aber wirf mir keine Gemeinheit vor. Du sprichst sonst aus Deinem eigenen Spiegel!«
Sie schob jetzt die Thür zu und ging, nach ihrem Zimmer zurückkehrend. Dort öffnete sie das Fenster und setzte sich an dasselbe, mit trüben Augen hinausschauend in die Landschaft, von deren frischen Angesicht soeben der Wind den dünnen Nebelschleier fortblies.
Also nicht nur den Vater hatte sie verloren sondern auch die Freundin. Standen ihr außerdem noch andere Verluste bevor, etwa solche, die sich auf ihr Vermögen, ihren Reichthum bezogen? Jedenfalls. Das ließ sich ja aus dem Zettel schließen, welcher das Vermächtniß ihrer Mutter enthielt.
So saß sie in Gedanken versunken. Sie beachtete es nicht, daß die Sonne sich erhoben hatte und allmählig höher stieg. Sie beachtete es auch nicht, daß das Leben im Innern des Schlosses erwachte und daß sich Schritte hören ließen. Nach und nach wurden ihre Lider müd und fielen über die Augen. Ihr Athem ging leiser und leiser; ihr Köpfchen sank seitwärts nieder – – sie schlummerte ein.
Aber nicht lange war ihr dieses Vergessen des augenblicklichen Kummers beschieden. Sie wurde von dem Geräusch erweckt, welches durch das Oeffnen der Thür verursacht wurde. Sie erhob schnell den Kopf. Ein Diener stand am Eingange.
»Verzeihung, gnädiges Fräulein! Ich soll nachschauen, ob Sie bereits wach sind.«
»Wer befahl es?«
»Der Herr Baron.«
Bereits hatte sie den Befehl auf ihren Lippen, daß sie nicht zu sprechen sei, aber sie stieß doch auf einen Grund, diesen Entschluß zu ändern.
»Sagen Sie ihm, daß ich wach und zu sprechen bin!« befahl sie.
Doch blieb sie, als der Diener sich entfernt hatte, ruhig auf ihrem Stuhle sitzen. Auch als dann nach wenigen Minuten ihr Vater eintrat, machte sie keine Miene, sich zu erheben. Er warf einen finstern, forschenden Blick in ihr bleiches, übernächtigtes Gesicht und sagte, ohne ihr einen guten Morgen zu wünschen:
»Kannst Du mich nicht begrüßen?«
Sie blickte durch das Fenster und antwortete, ohne ihr Auge auf ihn zu »Ich glaube, gehört zu haben, daß es stets der Eintretende ist, welcher zu grüßen hat.«
»Auch wenn dieser Eintretende der Vater ist?«
»Dann vielleicht nicht.«
»Nun – – –«
»Dieser angenommene Fall kann bei mir nicht stattfinden. Ich habe Ihnen bereits gestern mitgetheilt, daß ich keinen Vater mehr habe. Ich bin Waise.«
Er trat schnell näher zu ihr heran.
»Hoffentlich fällt es Dir nicht ein, diese unsinnige Faxe weiter zu spielen!«
»Sie mag unsinnig sein oder nicht, so gebe ich sie nicht auf. Es ist schade, darüber auch nur ein einziges Wort zu verlieren. Vermuthlich sind Sie in einer rein finanziellen Angelegenheit zu mir gekommen?«
»Nein. Ich komme als Vater, welcher zu befehlen hat. Ich verlange unbedingt, daß – – –«
Er hielt inne. Sie war langsam aufgestanden, hatte sich zu ihm herumgewendet und richtete nun ihr Auge mit einem so ernsten, hoheitsvollen Blick auf ihn, daß er verstummte.
»Herr Baron,« sagte sie langsam und jedes Wort schwer betonend, »wollen Sie die Frau Bürgermeisterin Holberg zur Baronin von Alberg machen?«
»Alle Teufel! Das fällt mir nicht ein!« rief er aus.
»Wollen Sie den Lehrer Max Walther als Ihren Sohn anerkennen?«
»Daß ich albern wäre! Ueberhaupt verbitte ich mir solche Fragen. Ich muß am Besten wissen, was ich zu thun habe, und am Allerwenigsten kannst Du es sein, von der ich mir – – –«
»Und noch eine Frage!« fiel sie ihm in die Rede, indem sie an das Schreiben ihrer Mutter dachte, welches sie im Medaillon bei sich trug. »Wollen Sie mir sagen, ob Sie eine Dame Namens Emilie von Sindingen kennen?«
Er wechselte die Farbe und trat um einen Schritt zurück.
»Nun?« fragte sie, als er zögerte, ihr eine Antwort zu ertheilen.«
»Nein,« antwortete er, »ich kenne sie nicht.«
»Und haben Sie sie auch nicht gekannt?«
»Nein.«
»Ich merke, daß Sie zu Allem, was ich Ihnen vorzuwerfen habe, nun auch noch die offenbare Lüge fügen! Ach!«
Sie that den letzten Ausruf in der Weise, wie man sich von irgend etwas ganz Verächtlichem abwendet. Dadurch wurde seine Verlegenheit in Zorn verwandelt.
»Höre,« sagte er in drohendem Tone, »ich sage Dir jetzt allen Ernstes, daß das Theater endlich aus sein muß. Ich habe keine Lust, mich von Dir als Hanswurst behandeln zu lassen!«
»Das thue ich auch nicht. Wären Sie nur Hanswurst, so könnte ich Sie doch wenigstens bemitleiden. Sie spielen aber die undankbare und moralisch abstoßende Rolle des Intriguanten. Sie sind der Mephisto, dessen Anblick einem jeden Guten zuwider ist. Und da Sie gesonnen sind, diese Rolle nicht aufzugeben, so kann unmöglich der Vorhang fallen. Der letzte Act ist ja noch nicht zu Ende.«
»Er wird bald zu Ende gehen, noch heut oder bereits noch heut Morgen.«
»Zu Ende? O, er hat noch gar nicht begonnen, sondern er wird erst in dem Augenblicke beginnen, an welchem Sie sich auf jene Emilie von Sendingen besonnen haben.«
»Donnerwetter! Wer kann sich auf jeden Namen besinnen, den man während eines viel bewegten Lebens vielleicht einmal gehört hat!«
»Vielleicht? Und nur einmal?«
»Mehrmals gewiß nicht, denn sonst könnte ich mich besinnen. Mein Gedächtnis gehört ja nicht zu den allerschlechtesten. Uebrigens, wie kommst Du dazu, mich nach diesem Frauenzimmer zu fragen?«
»Um über sie Auskunft von Ihnen zu erhalten.«
»Thut mir leid!« lachte er höhnisch. »Ich kann da beim besten Willen nicht dienen.«
»Besinnen Sie sich gefälligst!«
»Wird ganz ohne Erfolg sein.«
Sie standen sich nicht wie Vater und Tochter gegenüber, sondern wie feindliche Diplomaten, welche auf der Bühne sich anstrengen, einander an Klugheit und Finesse zu überbieten.
»Nun,« sagte Milda mit Nachdruck, »wenn es Ihnen unmöglich ist, sich auf die Person zu besinnen, so wird es Ihnen vielleicht leichter, mir Auskunft zu geben, in welchen Verhältnissen sich diese Dame befunden hat.«
»Schwerlich! Uebrigens, welche Art von Verhältnissen meinst Du da?«
»Die pekuniären natürlich.«
Er zog die Brauen hoch empor. In seinem Gesicht stand die Frage geschrieben, welche auszusprechen, er sich allerdings sehr hütete:
»Weiß sie vielleicht mehr, als ich ahnen kann?«
Laut sagte er hingegen:
»Es versteht sich ganz von selbst, daß mir auch diese sehr unbekannt sind.«
»Das ist mir wirklich unbegreiflich, denn die Dame hat durch Sie ganz bedeutende Verluste erlitten.«
»Himmeldonnerwetter!« rief er aus. »Was fällt Dir ein!«
Es war ihm anzusehen, daß der Hieb, welchen er jetzt erhalten hatte, sehr gut saß.
»Mir fällt nichts ein,« antwortete sie. »Ich handle überhaupt nicht nach einem blosen Einfalle, sondern ich spreche aus Ueberlegung und Berechnung.«
»Das ist außerordentlich zu bezweifeln!«
»Ich werde es Ihnen sofort beweisen, daß ich aus Berechnung handle. Ich berechne mir nämlich soeben im stillen, wie groß die Summe ist, welche ich dieser Emilie von Sendingen zurückzuzahlen haben werde. Ich will ihr natürlich ihren Verlust ersetzen.«
»Welche Dummheit!« rief er unüberlegt aus. »So eine riesige Summe.«
Da erhob sie rasch und stolz den Kopf.
»Ah, jetzt haben Sie sich gefangen! Jetzt haben Sie zugegeben, daß Sie von diesem Gelde wissen!«
Er antwortete nicht sofort. Er war wüthend über sich selbst, daß er sich hatte übertölpeln lassen. Er zog sein Taschentuch, strich sich mit demselben über das Gesicht und antwortete dann:
»Natürlich sagte ich das nur aus Ironie!«
»Lüge! Die Ironie bedient sich einer ganz andern Betonung, Herr Baron. Ich erwarte, daß Sie mir jetzt Ihre Geständnisse machen.«
»Geständnisse? Der Vater der Tochter? Das wird ja immer toller! Und damit ist nun auch meine Geduld zu Ende. Ich habe mir während dieser Nacht überlegt, daß es ein Fehler war, Dich so allein und ohne gesellschaftlichen Halt hierher nach Steinegg zu schicken. Ich werde diesen Fehler wieder gut machen, indem ich Dich wieder mit nach Wien nehme. Die Einrichtung dieses Schlosses werde ich einer geeigneteren Kraft übertragen. Mache Dich bereit, mit dem Mittagszuge abzureisen.«
Sie schüttelte lächelnd das schöne Köpfchen.
»Geben Sie sich keiner Täuschung hin, Herr Baron,« antwortete sie. »Ich lasse mir nie im Leben wieder einen Befehl von Ihnen geben. Sie werden also ohne mich abreisen müssen, dennoch aber nicht ohne passende Gesellschaft sein, denn Asta wird Sie begleiten, und voraussichtlich wird auch der Professor mit seinem Schüler sich Ihnen anschließen.
»Wie? Was?« fragte er. »Die wollen reisen?«
»Von Asta weiß und von den beiden Anderen vermuthe ich es.«
»Warum?«
»Weil ich es nicht dulden kann, daß Ihr berühmter Sänger die liebenswürdige Baronesse des Nachts im Schlafrock und in den Strümpfen besucht. Ich habe Beide überrascht.«
»Ah! Also ein Rendezvous!«
»Ja, von der niedrigsten Art.«
»Mädchen! Was fällt Dir ein! Das ists ja grad, was ich gewünscht habe!«
»Das glaube ich Ihnen, ich aber wünsche es nicht.«
»Oho!«
Er sagte dieses Wort wie eine Drohung. Darum trat sie vom Fenster hinweg einen Schritt auf ihn zu, hob den Kopf stolz höher und antwortete:
»Und hoffentlich gilt hier mein Wunsch mehr als der Ihrige. Das Schloß ist in meinem Namen gekauft und auf denselben eingetragen. Ich bin die Besitzerin. Ich habe zu befehlen, ich und kein Anderer. Sie haben als Vater die Nutznießung meines Vermögens, soweit ich die Zinsen nicht selbst bedarf, und da ich dieses Vermögen von jetzt an nicht mehr als das meinige betrachte sondern als das Eigenthum jener Emilie von Sendingen, so werden wir unser Budget so tief wie möglich stellen. Ich werde, wie ich Ihnen bereits sagte, mich einem Rechtsgelehrten anvertrauen, so daß ich dessen, der sich meinen Vater nannte, vollständig entbehren kann. Reisen Sie also heut ab. Und da ich Ihnen gestern eine Summe geben mußte, so vermuthe ich, daß Sie kein Baargeld bei sich führen. Ich werde Ihnen aushelfen. Welche Summe brauchen Sie?«
»Aus – hel – – fen!« stieß er sylbenweise hervor. »Das klingt ja sehr gut! Die Tochter will dem Vater aushelfen – aushelfen! Dummes Ding, ich werde Dir jetzt zeigen, wer hier zu gebieten hat! Dort steht die Cassete. Ich werde Dir gleich den Muth nehmen, welchen Du mir wohl nur darum zeigst, weil Du im Besitz der Casse bist. Sie gehört mir. Ich nehme sie in Beschlag.«
Er trat an den Tisch, auf welchem die eiserne Schatulle lag, und wollte sie an sich nehmen; aber sie kam ihm mit einigen schnellen Schritten zuvor, legte die Hand darauf und sagte:
»Halt! Das Geld ist mein, oder vielmehr, es gehört mir nicht, und ich muß es für die rechtmäßige Besitzerin verwalten. Lassen Sie also davon ab!«
»Was! Ich soll nicht – – –«
»Nein,« unterbrach sie ihn energisch, die Hand abwehrend gegen ihn ausstreckend.
»O doch! Ich werde Dir zeigen, ob es hier einen Herrn oder eine Herrin giebt!«
Er faßte ihren Arm. Da richtete sie sich zu ihrer ganzen Höhe auf und fragte:
»Wollen Sie mit einer Dame ringen?«
»Ja, wenn ich gezwungen werde!«
»Dann gut! Ich werde aber – – – ah, Gott sei dank, es kommt Hilfe! Ich höre es.«
Draußen auf dem Korridore wurden nämlich streitende Stimmen laut.
»Zurück!« hörte man den Diener sagen. »Der Herr ist bei dem gnädigen Fräulein.«
»Der? Der Herr Baron wohl?« fragte eine kräftige Stimme, in welcher Milda sofort diejenige des alten Wurzelsepp erkannt hatte.
»Natürlich!«
»Nun, da muß ich halt erst recht hinein!«
»Nein, Sie bleiben hier!«
»Du, mach mir keine Wippchen, sonsten machst Du mit meinem Alpenstock Bekanntschaft. Dich werd ich wohl fragen, ob ich dahin gehen darf, wohin ich gehen will!«
»Mensch! Bist Du verrückt! Ohne Anmeldung darf überhaupt Niemand hinein.«
»Das weiß ich schon auch. Aberst anmelden werd ich mich schon selberst dazu brauch ich keinen Faullenzern, der nur den ganzen Tag dasteht und das Mustern von dera Tapeten anklotzt. Mach Platz!«
»Nein! Zurück!«
»Was? Angreifen thust mich auch, mich, den Wurzelsepp! Du, da blas ich Dich gleich in denen Wind! So, da fliegst fort! Wünsch glückliche Reisen!«
Man hörte, daß ein Mensch sehr kräftig weit fortgeschleudert wurde und gegen die Wand flog; dann wurde die Thür geöffnet und der Sepp trat ein.
»Grüß Gott, und guten Morgen auch, Fräulein Baronessen!« sagte er, indem er die Thür hinter sich rasch wieder zuzog. »Nehmens es nicht übeln, daß ich selberst aufimacht hab!«
»Nein, mein guter Sepp,« antwortete sie sehr freundlich. »Du kommst grad zur rechten Zeit.«
»Wieder mal?« Es ist doch zum Verteuxeli, daß dera Sepp allemalen grad zur richtigen Zeiten kommt. Brauchst mich wohl?«
»Ja.«
»So sag nur, wozu! Was soll ich thun?«
Er merkte es gar nicht, daß er sie vor Freude, so freundlich empfangen zu werden, duzte. Der Baron war nicht etwa zurückgetreten. Milda hatte sich beim Eintreten des Sepps von dem Tische entfernt, und das hatte er benutzt, sich der Schatulle zu bemächtigen. Er stand jetzt da, sie mit beiden Händen festhaltend.
»Man will mich bestehlen,« antwortete sie.
»Himmelsakra! Wer ist denn dera Kerlen, der das wagen will?«
»Dieser Mann hier.«
»Dera Baronen? Er will wohl da denen Kasten mausen?«
»Ja. Es ist meine Casse.«
»Und das willst nicht dulden?«
»Nein. Er wollte Gewalt anwenden und sogar mit mir ringen. Da bist glücklicher Weise Du dazwischen gekommen.«
»Na, so soll gleich das Theatern beginnen. Wart nur den einzigen Augenblick. Ich will mir nur erst die Händen frei machen.«
Er legte Rucksack, Hut und Alpenstock weg und schritt dann breitspurig auf den Baron zu. Dieser wußte augenblicklich gar nicht, was er machen sollte. Die Situation war eine so ungewöhnliche, ja gradezu unglaubliche. Er that zunächst nichts weiter, als daß er den Sepp zornig anblickte.
»Was machst für Augen?« sagte dieser. »Denkst wohl, daß man sich davor fürchten soll? Da kennst denen Wurzelseppen schlecht. Gleich thust den Kasten wiederum her auf den Tisch!«
»Kerl!« donnerte der Baron. »Soll ich Dich festnehmen und auspeitschen lassen!«
»Durch wen etwa»? Ich möcht wohl denen Krötenfrosch sehen, der es wagen wollt, seine Pratschen nach dem Sepp auszustrecken! Legst das Kasterl weg odern soll ich Dir helfen!«
»Himmeldonnerwetter! Ich bin der Herr hier!
»Ja, und ich bin dera neue Parkaufsehern, und wannt nicht gleich gehorchst, so sollst merken, wast für einen wackern Diener Du verengagerirt hast. Vorwärts gleich!«
Er faßte die Casse mit an, schob sie dem Baron mit Gewalt an den Leib und zog sie dann ebenso schnell und kräftig wieder an sich. Dadurch entriß er sie dem Baron, setzte sie auf den Tisch, stellte sich vor denselben und sagte:
»So! Da liegt sie hier! Und wer sie haben will, der mag versuchen, ob er die Festung wohl derstürmen kann.«
Der Baron eilte zur Thür und zog die Glocke. Sogleich trat der Diener ein.
»Schaff diesen Kerl hinaus! Er wird wegen Hausfriedensbruch arretirt.«
Milda stand lächelnd still dabei. Der Sepp hatte ihr mit den Augen zugezwinkert, und das beruhigte sie. Der Diener trat auf den Alten zu, ergriff ihn am Aermel und sagte:
»Vorwärts! Hinaus!«
Er wollte ihn fortziehen.
»Ja«, vorwärts und hinausi!« antwortete der Sepp, und im nächsten Augenblick flog der Diener zu der Thür, welche er offen gelassen, hatte, hinaus.
Der Baron stieß vor Wuth einen Fluch aus und rief dem Diener, welcher sich schnell aufgerafft hatte und wieder hereinkam, zu:
»Windbeutel! Hast keine Kraft! Hol Dir schnell Hilfe!«
Der Diener eilte fort. Der Vater wendete sich zur Tochter:
»Das ist eine Blamage, welche ich Dir nie vergessen werde. Ich werde Dir einen Stubenarrest dictiren, welcher so lange währt, bis Du mich weinend um Verzeihung bittest!«
»Die Blamage haben Sie sich selbst bereitet,« entgegnete sie. »Der Stubenarrest existirt wohl nur in Ihrer Einbildung, und eine Bitte um Verzeihung erwarte ich von Ihnen.«
»Das wird sich sogleich finden!«
»Ja,« nickte der Sepp. »Das wird sich sogleich finden. Ich bin halt nur neugierig, was für eine Hilfen dera Diener bringen wird. Ich freu mich schon daraufi. Je Mehrere ich herausi werfen muß, desto liebern ist es mir. Und wann ich nachhero einmal warm worden bin, dann fliegt auch dera Herr Baronen mit durch das Atmosphärerl. Ach, Der kommt mit! Na, das kann mich gefreuen! Der kennt mich schon.«
Der Diener war nämlich zunächst auf den Hausmeister gestoßen und brachte ihn mit.
»Da steht das Subject,« sagte er. »Also zugegriffen!«
Er kam herein. Der Hausmeister folgte ihm, aber langsam.
»Du,« rief ihm der Sepp warnend entgegen, »schau hier an die Wand! Da hängt auch ein gar schöner Spiegeln. Willst hereinifliegen?«
Der Angeredete betrachtete sich den Alten, welcher mit ausgespreizten Beinen und vorgestreckten Fäusten die Beiden erwartete, und warf dann einen bedenklich fragenden Blick auf den Baron.
»Nun, vorwärt«!« befahl dieser.
»Gnädiger Herr, dieser Mensch ist sehr rücksichtslos. Ihn anzufassen ist wirklich gefährlich.«
»Ah, Du fürchtest Dich?«
»Nein, aber ich bin Familienvater – – –!«
»Du, das hast Du sehr schön sagt, daßt Vatern bist von dera Familien! Wannst mich angreifst, so mach ich alle Deine Kindern zum Wittwer! Nun komm heran!«
»Beim Himmel, die Kerls fürchten sich!« rief der Baron. »Jetzt frag ich, ob Ihr gehorchen wollt oder ob ich Euch zum Teufel jagen soll.«
Der Diener fühlte sich auch nicht wohl. Er war durch die Bedenklichkeit des Hausmeisters eingeschüchtert worden, und der Sepp hatte wirklich das Aussehen, als ob er bereit sei, es mit zehn Personen aufzunehmen.
»Also, wollen wir?« fragte der Diener.
»Ja, wenn wir müssen!« antwortete der Hausmeister.
Sie kamen langsam auf den Sepp zu.
»Schön!« sagte dieser. »Jetzt kanns beginnen. Aberst sagt mir nur auch, durch welches Fenstern ich Euch werfen soll, durchs erste oder zweite. Mir ists ganz huschischnuppi, und so mach ichs also ganz, wie es Euch gefallen thut.«
Das schüchterte sie wieder ein. Sie blieben vor ihm stehen, ohne ihn anzufassen. Milda machte ihrer Verlegenheit ein Ende, indem sie ihnen erklärte:
»Dieser Mann ist mir willkommen. Ihr habt Euch zu hüten, Euch an ihm zu vergreifen. Geht hinaus!«
Das war Erlösung! Sie waren hinaus, ehe der Baron ein einziges Wort der Entgegnung hatte sagen können. Er wollte seinem Grimme Ausdruck geben, als die Thür abermals geöffnet wurde. Max Walther trat mit seiner Mutter ein. Beide blieben an der Thür stehen.
»Na,« lachte der Sepp, »da sind sie nun. Ich bin ihnen nur voranlaufen, um hier zu sagen, daß sie gleich kommen werden.«
Walther merkte auf den ersten Blick, daß es hier eine Differenz gegeben habe. Er sagte zu Milda:
»Ich sah draußen die Dienerschaft in Erregung. Man achtete gar nicht auf uns. Und hier – – –? Bedarfst Du vielleicht meines Rathes, liebe Schwester?«
Der Baron war vor innerer Aufregung ganz leichenblaß geworden.
»Meine Tochter bedarf keines andern Rathes als des meinigen!« rief er. »Wer hat Ihnen überhaupt die Erlaubniß gegeben, hierher zu kommen?«
»Die Herrin dieses Schlosses,« antwortete der Lehrer, ohne den Sprecher nur eines einzigen Blickes zu würdigen. »Liebe Milda, sag also, ob ich Dir hier dienen kann!«
Sie streckte ihm die Hand entgegen.
»Willkommen, mein guter Max! Der Baron wollte eine Gewalt über mich ausüben, zu welcher er kein Recht hat. – Er beabsichtigte, sich hier meiner Kasse zu bemächtigen, und hat mir unter Anderem mit Stubenarrest gedroht, welcher so lange dauern soll, bis ich ihn unter Thränen um Verzeihung bitte.«
»So? Hm!« machte es Walther, indem er geringschätzig die Achsel zuckte. »Dieser Mann verkennt die Situation so vollständig, daß ich ihn über dieselbe aufklären muß.«
»Ich verbitte mir jedes Wort!« gebot der Baron. »Ich bin nicht der Mann, von einem Dorfschulmeister Aufklärung zu brauchen!«
»Mir aber scheint es doch so! Ich sage Ihnen, Baron von Alberg, wenn Sie heut mit dem Mittagszuge nicht Steinegg verlassen, so reise ich morgen nach Wien und sorge dafür, daß Ihr früheres Handeln in den hervorragenden Blättern der Hauptstadt veröffentlicht werde. Es liegt in Ihrem eigenen Interesse, auf diese meine Weisung einzugehen. Sie haben nicht die mindeste Hoffnung, daß ich diesen Entschluß ändern werde, ebenso wie es ganz unmöglich ist, daß ich jemals meine Ansicht, welche ich über Sie hege, ändern kann. Wenn Sie klug sein wollen, so verlassen Sie dieses Zimmer!«
»Was! Das bieten Sie mir?«
»Ja,« antwortete schnell der Sepp. »Und weils halt so steht, so wirds mir eine große Freuden und eine hochgeschätzte Ehren sein. Dich hinausi zu schmeißen, wannst Dich nicht soforten von dannen machst. Also verschwind jetzunder nur, sonst helf ich nach!«
Er trat auf den Baron zu.
»Verflucht!« knirrschte dieser. »Hier geschieht geradezu das Unmögliche! Es fällt mir nicht ein, gegen die rohe Gewalt anzukämpfen; aber die Behörde wird Euch belehren, wer hier zu befehlen hat.«
»Wer? Dazu brauchen wir die Behörd schon gar nimmer nicht. Hier hat Niemand zu befehlen als dera Wurzelseppen alleini. Und daßts weißt: Ich werd da bleiben und aufipassen, obst zu Mittagen mit dera Eisenbahnen von dannen fährst. Wannsts nicht machst, so fahr ich auch gleich mit nach dem Wien hinein, und dort werd ich denen Leutln sagen, wast für ein Schubiaken bist. Und nun sei so gut, und mach die Thür zu, aberst fein von draußen!«
Er hatte gar nicht nöthig gehabt, diese Weisung auszusprechen, denn der Baron befand sich schon unter der Thür.
Draußen im Corridor stand die Dienerschaft. Die Leute steckten die Köpfe zusammen und wichen zwar höflich vor ihm zurück, blickten ihm aber nicht etwa mit sehr ehrerbietigen Augen nach.
Als er an Asta's Thür vorüber wollte, wurde dieselbe aufgestoßen. Sie war überhaupt nur angelehnt gewesen, denn die Bewohnerin des Zimmers hatte gelauscht.
»Herr Baron, bitte!« sagte sie.
Er trat ein. Sie zog die Thür hinter ihm zu und nöthigte ihn auf einen Stuhl.
»Es scheinen hier ganz unbegreifliche Dinge vorzugehen,« sagte sie.
»Ja, unbegreifliche, da haben Sie Recht.«
»Und mit Ihrer Erlaubniß
»Nein, gewiß nicht.«
»Und dennoch dulden Sie es?«
Er fuhr sich mit dem Tuche über die schwitzende Stirn und antwortete zögernd:
»Ich kenne meine Tochter gar nicht mehr!«
»Ich auch nicht. Sie ist gegen mich von einer Rücksichtslosigkeit gewesen, welche eigentlich mehr als beleidigend war.«
»Ich weiß es.«
»Ah! Sie hat davon gesprochen?«
»Ja.«
Sie erröthete doch ein Wenig.
»Ich hatte mit Herrn Warschauer gestern einen Morgenspaziergang für heut verabredet, und er kam in der Frühe hier auf den Corridor, um ganz discret zu horchen, ob ich bereits erwacht sei. Zufälliger Weise trat ich gerade an diesem Augenblick aus meiner Thür. Wir sahen uns und wechselten einige Worte. Milda kam dazu. Natürlich zog sich der Herr sofort zurück. Ihre Tochter aber wagte es, mich in einer Weise zur Rede zu stellen, daß ich mich veranlaßt sehe, heute abzureisen.«
Sie erwartete, daß er sie sofort in seinen Schutz nehmen und bitten werde, hier zu bleiben; aber zu ihrem Erstaunen antwortete er nur:
»Ja, es ist wirklich ein Teufel in sie gefahren.«
»Hm! Was für einer?«
»Wenn ich das wüßte!«
»Und zwar seit gestern Abend erst. Sie muß gestern in der Stadt irgend Etwas erlebt haben, was diesen Eindruck auf sie und diese schnelle Aenderung in ihrem Wesen hervorgebracht hat.«
»Das vermuthe ich auch.«
»Sie vermuthen es nur? Ich habe geglaubt, daß Sie sich bei ihr befanden. Mag es sein, was da wolle! Ich bin so beleidigt, daß ich auf Ihre mir sonst so werthvolle Gastfreundschaft verzichten muß. Ich kann nicht in diesem Hause mehr bleiben.«
»Ich glaube es Ihnen und gebe Ihnen ganz Recht.«
»Wie? Das ist Alles?«
»Was verlangen Sie mehr?«
»Sie geben mir Recht und nehmen mich nicht in Ihren Schutz? Wie soll ich das begreifen!«
»Erklären Sie es sich sehr einfach durch die Verlegenheit, in welcher ich mich befinde.«
»Sie kann keine große sein. Darf ich nach ihr fragen?«
Diese Frage kam ihm höchst ungelegen, aber glücklicher Weise fiel ihm ein, was er gestern über das erste Zusammentreffen zwischen Asta und der Bürgermeisterin gehört hatte; darum antwortete er:
»Diese Verlegenheit habe ich zum großen Theile Ihnen zu verdanken, beste Asta.«
»Mir? Das ist mir unerklärlich.«
»Sie haben diese sogenannte Bürgermeisterin durch Ihre Mißachtung beleidigt.«
»Was mache ich mir daraus!«
»Sie, ja! Aber ich habe mir Etwas daraus zu machen.«
»Wieso? Ich kann mir doch unmöglich denken, daß diese Frau eine Person ist, auf welche Sie irgend eine Rücksicht zu nehmen haben, oder Sie ihr verpflichtet sind.«
»Und doch ist es so.«
»Ah! Unbegreiflich!«
»Sie hat bedeutende Verbindungen in der Hauptstadt.«
»Diese Frau? Das darf ich doch wohl bezweifeln!«
»Ich wünschte auch, es war so. Aber Sie wissen ja, daß es gewisse Agenten und Agentinnen giebt, auf welche sogar Leute von hervorragender Stellung Rücksicht nehmen müssen.«
»Und so eine ist sie?«
»Ja. Ich habe soeben eine Nachricht von ihr erhalten, welche mich veranlaßt, heute nach Wien zurückzukehren.«
»Sonderbar! Schon Milda sprach davon, daß Sie mich wohl begleiten würden.«
»Weil sie die Nachricht bereits kannte, welche ich erst jetzt empfangen habe.«
»Und Sie reisen wirklich?«
»Ja. Und Sie?«
»Jedenfalls; aber – – nicht allein.«
Sie sagte das mit ausdrücklicher Betonung.
»Nicht allein? Meinen Sie meine Begleitung?«
»O nein. Ich glaube, daß Herr Warschauer sich mir anschließen werde.«
»Der?« fragte der Baron fast erschrocken. »Das wäre mir sehr unlieb.«
»Warum?«
»Weil – hm, Sie wissen ja, welche Absichten ich mit ihm verfolge. Ich wollte das Verdienst besitzen, daß er sich bei mir zum Sänger ausgebildet habe.«
»Das kann ja trotzdem noch geschehen. Muß es denn gerade hier in Steinegg sein? Steinegg ist ja nicht Ihre einzige Besitzung.«
»Da haben Sie ja Recht. Ich werde sofort zu ihm gehen, um mit ihm zu sprechen.«
»Nein; überlassen Sie das mir, Herr Baron. Ich schmeichle mir, mehr Einfluß auf ihn zu haben, als Sie. Ich sah ihn vor einigen Minuten vor meinen Fenstern vorbei gehen. Er befindet sich im Garten. Da werde ich ihn aufsuchen.«
»Und Sie glauben, ihn zu überreden, mit uns zu gehen?«
»Jedenfalls.«
»Aber dieser Professor!«
»O, der macht mir keine Sorgen! Der läuft dahin, wo der Sänger hingeht. Er will ganz allein den Ruhm haben, seine Ausbildung vollendet zu haben. Also gehen Sie getrost nach Ihrem Zimmer. Ich werde Ihnen nachher Nachricht bringen.«
Der Baron ging. Als er auf den Corridor trat, kam der Sepp gerade aus Milda's Zimmer. Er hatte bemerkt, daß zwischen ihr, dem Lehrer und der Bürgermeisterin ein Gespräch angeknüpft worden war, bei welchem seine Anwesenheit nur störend wirken konnte, und so hatte er sich in seiner Bescheidenheit für einige Zeit entfernen zu müssen geglaubt.
Er wollte still an den Dienern vorübergehen, ohne ihnen Beachtung zu schenken; aber Einer von ihnen sagte dem Andern halblaut:
»Ein verfluchter Strolch!«
Da blieb der Sepp vor ihm stehen, sah ihn mit funkelnden Augen an, holte zum Schlage aus und fragte:
»Meinst mich?«
»O nein!« antwortete der Mann sehr schnell.
Da trat ihm der Sepp noch um einen Schritt näher und sagte:
»Entwedern hast Dich gemeint odern mich; einen Andern keineswegs. Wannst eine Ohrwatschen haben willst, daß Dir dera Kopf so breit wird wie ein Kuchenbret, wann sollst mich meint haben. Also red schnell: Wer ist dera verfluchtge Strolchen?«
»Du nicht.«
»Aber wer sonst? Herausi damit!«
Er hielt die Hand noch immer erhoben. Wenn er zuschlug, so mußte das eine gewaltige Ohrfeige geben.
»Ich bins,« antwortete der Diener kleinlaut.
»Du also!« lachte der Sepp. »Na, hast auch Recht. Dir steht mans ja gleich sofort an, daßt ein Strolchen bist. Aberst zu sagen brauchsts doch Niemand. Vielleichten gäbs doch Einen, ders nicht gleich glauben thät, und das wär ein Unrechten, wie es Dir gar nicht größern geschehen könnt.«
Er ging. Der Diener wurde von seinen Kameraden natürlich ausgelacht, hielt ihnen aber vor daß sie ganz dieselbe Furcht wie er gezeigt hätten. Und da hatte er Recht.
Der Sepp ging hinunter in den Blumengarten. Dort strich er langsam zwischen den duftenden Beeten hin und näherte sich dabei einer Laube, welche so dicht mit Blättern bewachsen war, daß man von außen nicht in das Innere blicken konnte. Er trat hinein. Ein Herr saß da, den er nicht sogleich erkannte. Er füllte ja mit seiner Gestalt den Eingang so, daß er das Innere verfinsterte. Er wich einen Schritt zurück und sagte:
»Vertorium! Da ist schon eine Einquartirungen da. Bitt schön um Verzeihungen!«
Er wollte fort, warf aber doch vorher noch einen scharfen Blick hinein und blieb dann ganz erstaunt halten.
»Alle guten Geistern – – –! Wer ist das?«
Es war der Anton. Dieser hatte den Sepp sofort erkannt und hoffte schon, daß dieser ihn nicht erkennen werde. Darum hatte er nicht geantwortet.
»Hab ich die Augen verwechselt?« fuhr der Sepp fort. »Ist das nicht dera Krikelantonen?«
Jetzt war dieser gezwungen, zu antworten:
»Ja, der bin ich.«
»So! Wannst der bist, so brauch ich ja nicht auszureißen. Mach Platz da auf dera Holzbanken, und grüß Dich Gott!«
»Grüß Gott!« antwortete der Anton verdrießlich, indem er zurückte und dem Alten die Hand gab.
»Ja, wie redest denn heut? Hast wohl gar einen Borstbesen verschluckt? So verschling die Magd auch noch gleich, nachher kann sie Dir die Seel auskehren und auswischen, daß sie wieder saubern wird.«
»Meinst, daß meine Seele schmutzig ist?«
»Weiß nicht. Aberst Dein Gesichten ist lang nicht mehr so hell, wie es frühern war. Was hast auf dem Herzen?«
»Nichts.«
»Ist Dir was Unguts widerfahren?«
»Auch nicht.
»Aberst eine recht schlechte Launen hast!«
»Die Seelenstimmungen lassen sich nicht commandiren.«
Da erst betrachtete der Sepp sich seinen Bekannten genauer. Dann schlug er sich mit der Hand auf das Bein, daß es laut klatschte und rief:
»Die Seelenstimmungen lassen sich nicht commandiren! Na, Anton, wie redest denn eigentlich! Das klingt ja grad, als obst ein Regierungsrathen worden wärst! Hast wohl Deine Sprach vertauscht?«
»Man kann sich doch wohl auch einmal eines andern Dialectes bedienen!«
»Himmelsakra! Schwatzt dieser Kerlen jetzunder nobel! Und was hast da für ein Gewandl an! Schaust ja aus wie ein feiner Stadtherren!«
»Der bin ich auch.«
»So! Hat denn das Geschäft so viel Geld bracht?«
»Ja.«
»Sappermenten! Da werd ich auch in den nächsten Tagen ein Tabuletkramer!«
»Nun, mit diesem war kein so großer Ueberschuß zu machen. Es gab da bei allem Verdienste, welches doch nur ein bescheidenes war, zuweilen auch einmal eine Unterbilanz.«
»Unterbilanz! Donnerstag! Bring mir nicht solche Brocken! Die kann ich nicht verdauen und nicht vertragen. Red lieberst, wie Dir dera Schnabeln ans Maul wachsen ist! Oder hast Deine Muttersprachen schon gar verlernt? Da könntst mir sehr leid thun!«
»Ich verkehre jetzt in feiner Gesellschaft, da habe ich mich auch einer andern Ausdrucksweise zu befleißigen.«
»Ausdrucksweise zu befleißigen! Was das für ein unverständiger Klumpatschen ist! Jetzt redest mit dem Sepp, und der verlangt keine Ausdrucksweisen, sondern die alte treue Red, die frühern habt hast. Mit denen feinen Wörterln, die man mit dera Zungen zerquetschen muß, fangst bei mir nix an. Also das Tabuletkramergeschäft hast nicht gemeint?«
»Nein. Ich hab jetzt halt ein andres, ein viel besseres.«
»So! Und was ist denn das für eins?«
»Ich fang Dirndln.«
»Dirndln! So! Bringt das viel eini?«
»Sehr viel, denn ich fang halt blos reiche.«
»Und beißens denn auch an?«
»O, gern.«
»Auf den Krikelanton?«
»Ja; aberst der bin ich nicht mehr.«
»Was bist dann?«
»Ein Kavalier.«
»So, also auch ein Kaviller! Schau, zu was mans bringen kann, wann man die Heimathen vergißt und Die, welche Einen da lieb habt haben. Wo wohnst denn nun jetzunder?«
»Das geht Niemand nix an.«
»Hast Recht! Aberst was treibst hier in Steinegg?«
»Ich bin auf Besuch hier.«
»Wohl bei dem Nachtwächtern?«
»Hm! Beim Baron.«
»Schneid nicht aufi!«
»Wannsts nicht glaubst, so frag. Ich hab hier im Schloß zwei Zimmern, in denen ich wohn.«
»Na, wanns so ist, da kannst Dir wohl sehr viel drauf einbilden?«
»Allemal! Oder hast Du etwan schon mal bei einem Baronen wohnt?«
»O bei noch größeren Herren! Wanns weitern nix ist! Ich hab schon beim König wohnt. Und wannst Dirndln fangst, so willst wohl auch hier eine fangen?
»Ja, freilich.«
»Wohl gar die Fräulein Milda?«
»Nein, sondern eine viel bessere und schönere. Sie hat auch einen schöneren Namen – – Asta.«
»Sapristi! Die also?«
»Ja. Kennst sie? Hast sie schon sehen?«
»Wills meinen!«
»Nun also! Was sagst dazu, daß ich sie fangen hab?«
»Na, hör Mal, obst sie auch hast!«
»Fest, sehr fest.«
»Der Krikelanton eine Baronessen!«
»Es ist aberst doch so!«
»Wanns ist, so gratulir ich Dir! Kannst stolz sein, sehr stolz! Wohnst bei einem Baronen und hast eine Baronessen fangen! Aberst den Baronen hab ich soeben zur Thüren hinausschmissen, und die Baronessin wird aus Haus jagt!«
»Lügner!« brauste der Anton auf.
»Du, so kommst mir nicht! Wer den Wurzelseppen einen Lügnern schimpft, der kann sehr leicht einige Ohrwatschen heimtragen!«
»Dera Krikelanton nicht!«
»Der bist ja nicht mehr! Jetzt bist ein Stadtherr, ein feiner, und da hast eine Kopfnüssen drin, ehe Du Dichs nur versiehst. Ich hab die Wahrheiten sagt. Der Baron muß fort und die Asta auch.«
»So weiß ich noch nix davon. Ich hab ja erst in dieser Nacht mit sprochen.«
»So! Sprichst also in dera Nacht mit ihr!«
»Ja, weißt, das ist die beste Zeit dazu.«
»Da umärmelst und küßt sie wohl auch?«
»Freilich.«
»So mußt das freilich in dera Nacht thun, damitst nicht siehst, wast küssen thust. Bist ein Schöner worden, ein sehr schöner! Und den hat meine brave Leni so lieb habt!«
»Laß mich mit dieser aus! Sie, die – – Sängerin!«
»Nun, was bist denn Du, he?«
»Mehr als sie!«
»Ein Pflastertreter bist, der denen Mädels nachlauft! Nicht mal Tabuletkramer bist mehr! Auf meine Leni schimpfst! Etwan weils eine Sängrin ist? Na, wann Du mal so kommen könntst, wie sie schon kommen ist. Du Lodrian!«
»Meinst, wann ich ein Sänger war?«
»Ja.«
»O Jegerl! Da brauch ich nur zu wollen!«
»Bild Dir nur nix eini! Du hättst das Geschicken, Sänger zu sein! Dein Kehlen ist wie ein alter Spritzenschlauch. Was Du singst, dabei kann man vor Angst die Diphterithissen bekommen. Ich kenn es ja, denn ich habs hört.»
»Du, mach mich nicht schlecht!«
»Und Du, mach mir meine Leni nicht schlecht!«
»Ja, weißt noch, was wir uns zum Abschied sungen haben?«
»Weiß schon.«
»Das war schön, und dabei bleibts.«
»Hab nix dagegen. Aber spiel Dich nur nicht etwan als einen so gar Klugen aufi! Ich weiß doch, was ich von Dir denken soll. Ein hübscher Kerlen bist zwar, das ist wahr. Aberst wannst das jetzunder anwendst, um Dirndln zu fangen, so kannst mich nur sehr derbarmen. Dann bist ganz der richtige Lumpazi worden. Und daßt die Baronessen Asta fangen hast, das glaub ich schon gar nicht. Sie taugt zwar nix, aberst an denen Krikelanton wirds sich doch nicht wegwerfen.«
Der Anton erhob sich langsam von seinem Platze und sagte im Töne der Ueberlegenheit:
»Das meinst wirklich?«
»Ja, das mein ich halt.«
»Soll ich Dirs beweisen?«
»Das kannst nicht.«
»Oho! Da schau mal hinaus in den Garten! Wer kommt da? Wer ist Die?«
Sepp folgte der Aufforderung.
»Sappermenten! Das ist ja grad die Asta.«
»Ja. Und willst sehen, daß sie wirklich meine Liebste ist?«
»Da, wär ich freilich neubegierig.«
»Sollsts gleich sehen. Aberst blicken lassen darfst Dich jetzt nicht vor ihr, sonst störst uns.«
»Werds mir merken.«
»So paß auf.«
Er trat aus der Laube. Asta war in einem Seitenwege verschwunden. Er bog nach derselben Seite ein. Sepp, der ihn nun nicht mehr sehen konnte, ließ den Kopf hängen.
»Leni, meine arme Leni!« seufzte er. »Und diesen Kerlen hast heut noch lieb! Was wirst sagen, wannsts hören thust! Ich thät so gern sterben, gleich hier auf dera Stell, wann ich Dir diesen Schmerzen dersparen könnt!«
Er wischte sich die alten Augen und wartete. Bald kam der Anton mit Asta wieder in Sicht. Sie gingen Arm in Arm. Bald umschlang er sie und zog sie an sich. Sie ließ es geschehen, und als er sie küßte, gab sie ihm freiwillig seinen Kuß zurück. Dann führte er sie wieder nach einem der Seitenwege.
Der alte Wurzelhändler ballte die Faust.
»Jetzt, wann ich könnt, möcht ich ihn derschlagen! Doch wärs eine gar große Dummheiten, denn er ists gar nicht werth, daß ich ihn nur berühr. Ich will lieber gehn.«
Er stand auf und entfernte sich langsam. Grad als er nach dem Eingang lenkte, traten die Beiden hinter einem Bosquet hervor. Sie hielten sich eng umschlungen.
»
Fi donc! Der alte Stromer!« sagte sie, als sie ihn erblickte. »Fort, aus seiner Nähe! Er stinkt!«
Anton ließ sich von ihr fortführen, ohne auch nur dem Alten einen Blick der Entschuldigung zuzuwerfen. Sepp blieb stehen und schaute ihnen nach.
»Stromer!« sagte er. »Ich stink! Ja, ja, so sind diese Feinen! Und dera Anton hat kein Wort sagt, kein einziges! Wann Jemand zu mir sagt hätt, daß er stinken thät, so hätts bei mir eine Ohrfeigen setzt, neun Centnern schwer! Er ist verloren, ganz, und gar verloren, das ist nun sichern und gewiß. Leni, Leni! Geb der liebe Herrgottle, daß Dirs Herz nicht bricht!«
Er schritt langsam dem Schlosse zu. Nach einiger Zeit kam er wieder heraus, den alten Hut auf und den Bergstock in der Hand. Er hatte diese drei Gegenstände oben geholt, ohne ein Wort weiter zu sagen, als daß er beim Mittagszuge aufpassen werde, ob der Baron auch wirklich abfahre.
Milda hatte unterdessen dem Bruder erzählt, daß sie während der Nacht den geheimnißvollen Zettel im Medaillon gefunden habe, und ihm denselben auch vorgelegt. Mit ihrer Erlaubniß und mit Hilfe des Mikroskopes hatte er ihn gelesen, allerdings auch nur bis zu der betreffenden Stelle, von welcher an die Tinte so verbleicht war. Trotz aller Mühe gelang es ihm nicht, auch nur ein einziges, weiteres Wort zu entziffern.
»Schade, schade!« sagte er. »Jetzt kommt gewiß grad die Hauptsache, und da kann man nicht weiter.«
»Auch ich bedaure das. Aber ich habe gehört, daß es Mittel gäbe, solche verblichene Tinte wieder zu erneuern.«
»Die giebt es allerdings.«
»Und sind sie Dir vielleicht bekannt?«
»Mehrere. Man muß dabei sehr versichtig sein, da es auf die Art der Dinte ankommt, mit welcher die verblichenen Worte geschrieben sind. Es gehört ein Wenig Chemie dazu, um das Richtige zu treffen.«
»Und besitzest Du diese Kenntnisse. Max?«
»Ich bin kein Chemiker. Dichtkunst und Chemie sind nicht Schwestern, welche sich lieben. Aber dennoch getraue ich mir, diese Schrift leserlich zu machen. Mit einer Abkochung von Galläpfeln und klar geschnittenen weißen Zwiebeln kann man jede verblichene Galläpfeltinte wieder so leserlich machen, wie sie vorher gewesen ist. Nur muß man sich in Acht nehmen, das Original nicht zu verderben.«
»Wenn Du das thun wolltest?«
»Gern. Da müßtest Du mir aber diesen Zettel anvertrauen.«
»Ohne Bedenken. Nimm ihn also mit. Aber wird es lange dauern, ehe ich ihn wieder erhalte?«
»Nein, höchstens drei Tage. Dann bringe ich ihn Dir wieder. Aber, Milda, weißt Du auch, was Du unternimmst?«
Sein Auge war dabei mit mildernstem Blick auf sie gerichtet.
»Ja,« nickte sie.
»Jetzt bist Du reich. Du kannst nicht wissen, was dieser Zettel weiter enthält. Hast Du ihn einmal zu Ende gelesen, so hast Du auch die Verpflichtung, nach ihm zu handeln.«
»Die habe ich jetzt schon.«
»Aber bedenke, daß der Inhalt Dein ganzes Vermögen auf das Spiel setzen kann.«
»Ich würde es hingeben, wenn ich kein Recht habe, es zu besitzen.«
»Weißt Du auch, was dies bedeutet? Du kennst die Armuth nicht!«
»Max, ich werde niemals arm sein. Ich habe jetzt Dich und Deine Mutter, welche auch die meinige sein soll. Bei Euch finde ich die Liebe, welche ich noch nie gefunden habe. Ich bleibe reich und glücklich, selbst wenn ich Alles, Alles hergeben muß.«
Da legte er den Arm um sie und zog sie innig an sich.
»Gott segne Dich, mein liebes Schwesterherz!« sagte er, sie auf die Stirn küssend. »Du hast Recht. Du wirst niemals arm sein. Dein gutes Herz und Dein edler Sinn, das sind Reichthümer, welche Dir nicht genommen werden können: Und für mich sollte es beglückend sein, wenn ich für Dich sorgen dürfte. Jetzt aber kommt! Ihr wollt mich eine Strecke weit begleiten, und wenn ich zur rechten Zeit in Hohenwald ankommen will, so habe ich mich nun zu beeilen.« – –

Siebentes Capitel  Seelenstimmen

Um die Mittagszeit stellte sich der Sepp auf dem Bahnhofe ein. Er stellte sich so, daß er Alles sehen konnte, ohne selbst gesehen zu werden.
Da bemerkte er, daß eine Equipage vier Personen vom Schlosse brachte, den Baron, Asta, Anton und den Professor. Ein leichter Wagen folgte mit dem Gepäck. Es wurden die Billets gelöst und dann gaben die Herrschaften das Gepäck auf. Die Wagen kehrten zurück.
Jetzt war der Sepp überzeugt, daß der Baron wirklich abreisen werde. Was sollte der Alte die Ankunft und Wiederabfahrt des Zuges abwarten? Das hatte keinen Zweck mehr. Er wollte nach Hohenwald, und da sich der Himmel mit dunklen Wolken zu umziehen begann, welche wohl gar ein Gewitter erwarten ließen, so trollte er sich eiligst von dannen, um noch vor Ausbruch des Regens sein Ziel zu erreichen.
Erst eine halbe Stunde später kam der Zug. Er hatte hier längere Zeit zu halten; darum beeilten sich die auf ihn wartenden Passagiere gar nicht zu sehr mit dem Einsteigen.
Unter den Ausgestiegenen befand sich ein junger Mann, welcher nicht sehr viel über zwanzig Jahren zählen mochte. Er war hoch und schlank gebaut, brünett und besaß ein aristokratisch gezeichnetes Gesicht, dem man es ansah, daß der Jüngling sich viel mit Denken beschäftige. Dieses Gesicht war jetzt tief gebräunt, als ob eine südliche Sonne ihre Spuren auf demselben zurückgelassen habe.
Er trug einen einfachen, dunklen Reiseanzug, einen breitkrämpigen Hut und einen kleinen Tornister auf dem Rücken. Der Stock in der Hand war eine Palme, wie man sie in Italien zu kaufen bekommt.
Er hatte sich zuerst auf dem Perron umgesehen und schlenderte nun langsam nach dem Wartezimmer erster und zweiter Classe.
Eben als er dort eintreten wollte, wurde die Thür geöffnet und – der Baron kam heraus. Das Auge dieses Letzteren fiel auf den jungen Mann, und bei dem Anblicke desselben ließ er erschrocken den Regenschirm fallen, welchen er in der Hand trug.
»Rudolf!« stammelte er.
Der Fremde, welcher sich höflich gebückt hatte, um dem älteren Manne den Schirm aufzuheben, reichte ihm denselben dar und sagte im Tone des Erstaunens:
»Kennen Sie mich?«
»Sandau!« stieß der Baron abermals hervor, ohne diese Frage zu beachten.
»Das ist mein Name.«
»Alle tausend Teufel! Du hast Dich verdammt gut conservirt, oder –«
Er hielt inne, machte ein ganz unbeschreibliches Gesicht, schlug sich mit der Hand an die Stirn und fuhr dann fort:
»Wo denke ich hin! Welch eine Täuschung! Wie können Sie der sein, für den ich Sie hielt! Sie zählen vielleicht wenig über zwanzig!«
»Dreiundzwanzig.«
»Der, welchen ich meine, müßte heute mehr als doppelt so alt sein. Aber bitte, wie heißen Sie?«
»Rudolf Sandau.«
»So, so! Ist allerdings ein ganz auffälliger Irrthum, eine Verwechslung!«
Sein Blick war fast feindselig forschend auf den Jüngling gerichtet. Dieser antwortete in höflicher Entgegnung:
»Eine Verwechslung kann nicht vorliegen.«
»O doch!«
»Sie kennen ja meinen Namen!«
Ueber das Gesicht des Barons zuckte es wie verhaltener Zorn. Er antwortete:
»Heißen Sie denn wirklich so?«
»Ja, Rudolf Sandau.«
»Nun, so bleibt es dennoch eine Verwechslung. Ich habe Sie für Ihren Vater gehalten, den ich zum letzten Male erblickte, als er noch in Ihrem Alter stand. Sein Bild ist fest in meinem Gedächtnisse geblieben und so ist es gar kein Wunder, wenn ich jetzt nicht an die Jahre dachte, welche seit jener Zeit verflossen sind. Aber, um ganz sicher zu gehen, bitte, was war Ihr Vater?«
»Er war Feldmesser.«
Das eine Auge des Barons kniff sich zusammen. Sein Blick ruhte auf Rudolf grad so, wie das Auge eines Criminalisten sich auf den Verbrecher richtet.
»Feldmesser? Geometer also? Das kann doch nicht sein. In diesem Falle müßte ich mich doch geirrt haben. War er nicht Officier?«
»Nein. Er ist als Feldmesser gestorben.«
»So! Hm! Wo?«
»Drüben im fernen Westen.«
»Ah, so!« nickte der Baron jetzt lebhaft. »Also in den Vereinigten Staaten von Nordamerika. So ist er todt?«
»Seit langer, langer Zeit.«
»Haben Sie Geschwister?«
»Nein. Ich bin das einzige Kind.«
»Lebt Ihre Mutter noch?«
»Ja, mein Herr.«
»Wo?«
»In Eichenfeld.«
»Kenne ich nicht. Habe diesen Namen noch nie gehört.«
»Eichenfeld ist ein kleines Städtchen jenseits der bayrischen Grenze. Wenn man von Steinegg nach Hohenwald geht, biegt man auf halbem Wege links ab. Es liegt oben auf dem Kamme des Gebirges.«
»So, so! Ich hoffe, daß Ihr Vater Vermögen hinterlassen hat?«
»Ja.«
»Ist es bedeutend?«
»Es ist hinreichend für Mutter und mich.«
»Und was sind Sie?«
»Ich bin Schüler der polytechnischen Schule zu München.«
In diesem Augenblicke läutete es zum zweiten Male. Das schien dem Baron gelegen zu kommen. Er hatte genug erfahren und wollte sich nun schnell losreißen, um über sich keine Auskunft geben zu müssen. Nur zwei Fragen noch hatte er:
»Natürlich wissen Sie, was für eine Geborene Ihre Mutter ist? Wie war ihr Mädchenname?«
»Emilie Sendingen.«
»Nicht ›von‹ Sendingen?«
»Nein. Sie war bürgerlich.«
»Aber Ihr Vater war ein ›von‹ Sandau?«
»Auch nicht. Vater war ebensowenig von Adel wie Mutter.«
»So! Hm! Da habe ich mich wirklich geirrt, wirklich. Das ist aber menschlich und kommt oft vor. Bitte sehr um Entschuldigung!«
Er tippste an die Krämpe seines Hutes und eilte nach dem Coupee, in welches die drei Andern bereits eingestiegen waren. Rudolf Sandau blickte ihm befremdet nach. Er hatte sich ausfragen lassen, wie auf dem Einwohneramte und nicht Gelegenheit gehabt, selbst eine Frage zu thun.
Wer war dieser sonderbare Mann? Aristokratisch sah er aus. Rudolf ging zu einem der Bahnbeamten, welcher ganz in der Nähe gestanden hatte.
»Haben Sie sich den Herrn betrachtet, mit welchen ich jetzt sprach?«
»Sehr wohl.«
»Kannten Sie ihn?«
»Nein. Ich habe ihn noch nie gesehen.«
»Jedenfalls aber ist er aus dieser Gegend?«
»Das bezweifle ich sehr. Ich bin hier geboren und kenne die meisten Leute im weiten Umkreise. So einen Herrn, wenn er hier wohnte, würde ich unbedingt kennen, aber ich wiederhole, daß ich ihn noch niemals gesehen habe.«
Dieselbe Auskunft erhielt der Frager auch noch von einigen anderen Personen, an welche er sich wandte. Der Baron war eben zum ersten Male hier in Steinegg, und da er nicht per Bahn, sondern per Wagen und zwar von Bayern herüber gekommen war, so konnte auf dem Bahnhof keine Auskunft über ihn erlangt werden.
Rudolf Sandau trat in das Wartezimmer, um ein Glas Bier zu trinken. Er hatte der drohenden Wolkenbildung gar keine Beachtung geschenkt. Als er sein Bier ausgetrunken hatte, war der Bahnzug längst fort, und nun brach auch er auf, um hinüber nach Eichenfeld, seiner jetzigen Heimath, zu gelangen.
Er mußte da durch Steinegg gehen. Erst als er dieses passirt hatte und droben am Schlosse vorüberschritt bot sich ihm eine freiere Aussicht, und nun er da stehen blieb, um eine kurze Umschau zu halten, bemerkte er erst die cumulirenden Wolkenballen, welche sich fast zusehends höher und höher thürmten.
»O weh! Das giebt ganz sicher ein Gewitter!« sagte er sich. »Aber wie lange wird es noch dauern, ehe es ausbricht? Soll ich wieder hinunter in die Stadt, um dort abzuwarten, bis es vorüber ist, oder habe ich noch Zeit, bis nach Eichenfeld zu kommen?«
Er prüfte noch einmal den Horizont bedächtig und meinte dann couragirt:
»Pah! Diese herrliche Ueberraschung, wenn Mutter mich so unerwartet erblicken wird! Ich mag sie keine Minute zu lang auf diese Freude warten lassen. Und ein Bischen Regen – wer fürchtet sich vor ihm? Vorwärts also! Ich beeile mich.«
Er schritt rüstig und schneller als bisher vorwärts. Er hatte die Hauptsache nicht beachtet, nämlich die Richtung des Windes. Dieser kam von Osten her und trieb die Wolken westwärts nach den Bergen zu. Dort, im Gebirge, mußten sie sich entladen, weil sie nicht weiter konnten.
Der nach Hohenwald führende Fahrweg ging meist durch dichten Forst. Aus diesem Grunde bemerkte der Wanderer nicht, daß sich bald ein tüchtiger Wind erhoben hatte, welcher sich draußen im Freien gar zum Sturme steigerte.
Nach einiger Zeit führte ein langsam ansteigender Fahrweg links ab nach Eichenfeld, dem Ziele Sandau's. Dieser kannte die Gegend. Er wußte einen Fußweg, welcher zwar steiler, aber auch viel schneller zur Höhe stieg, um sich dann kurz vor Eichenfeld wieder mit dem Ersteren zu vereinigen. Er schlug den Letzteren ein.
Je höher er kam, desto mehr konnte der Wind sich geltend machen. Schon grollte der Donner in der Ferne und Blitze zuckten über das Haupt des Berges hin.
»Es wird eher Ernst, als ich dachte,« sagte er zu sich und verdoppelte seine Schritte.
Hier an der Nordseite des Berges standen die Bäume nicht so dicht, und darum wurden die nun fallenden Regentropfen bemerkbar. Sie fielen dick, schwer und prasselnd in die Zweige. Ein fürchterlicher, lang andauernder Donnerschlag folgte einem grellen, blendenden Aufleuchten des Blitzes und dann brach das Wetter los.
Nicht Wasser war es, was fiel, sondern es waren Schloßen, meist mehr als erbsengroß. Jetzt war guter Rath theuer. Sandau hatte erst die Hälfte des Weges zurückgelegt. Es war wie finstere Nacht geworden. Blitz folgte auf Blitz und Donnerschlag auf Donnerschlag.
Der junge Mann blieb einige Augenblicke lang überlegend stehen. Ein neuer Blitzschlag, dem ein entsetzliches, knatterndes Krachen folgte, verbreitete einen sehr bemerkbaren schwefeligen Geruch und gab den Gedanken des Wanderes eine schleunige Richtung.
»Das ist ein sehr schweres Gewitter! Ich muß nach Schutz suchen. Da, links droben, giebt es in dem Felsen eine Vertiefung, grad zureichend, daß ein Mensch sich bequem darinnen verbergen kann. Schnell hin zu ihr!«
Er stürmte unter den Bäumen hin, die er vor Dunkelheit kaum zu unterscheiden vermochte. Er sah dabei nur vor sich, weder rechts noch links. Da war es ihm, als ob er eine menschliche Stimme gehört habe. Er blieb stehen und lauschte. Wieder erklang es wie ein Ruf aus weiblichem Munde.
»Ist Jemand da?« rief er sehr laut.
»Ja! Hier, Hier!«
Es klang von links herüber. Er rannte dem Schalle nach. Da erblickte er unter einer hohen Buche, deren Gipfel alle anderen Bäume hoch überragte, eine weibliche Gestalt. Er sprang hinzu und faßte, ohne sie erst genauer zu betrachten, bei der Hand und zog sie mit sich fort.
»Um Gotteswillen! Sie stehen ja unter dem höchsten Baume der ganzen Gegend, das ist doch grad so, als ob Sie einen Blitzableiter in die Hände nehmen!«
Sie folgte ihm ohne Widerstreben. Kaum waren sie fünfzehn bis zwanzig Schritte von dem Baume entfernt, so schienen sie mitten in prasselnden Flammen zu stehen und es that einen Schlag, unter welchem die Erde erzitterte. Das Mädchen schrie laut auf und sank vor Schreck zu Boden. Auch Rudolf blieb stehen. Er war geblendet und hatte das Gefühl, als ob er die Füße nicht bewegen könne. Stücke und Splitter von Aesten und Zweigen flatterten um sie herum. Er beugte sich über die an der Erde Liegende, daß sie von diesen gefährlichen Geschossen nicht getroffen werden möge. Dann wendete er sich zurück.
»Mein Gott!« rief er aus. »Sehen Sie, daß der Blitz in die Buche geschlagen hat, unter welcher sie standen! Jetzt, jetzt wären Sie eine Leiche!«
Sie erhob das bleiche Gesicht und sah nach dem Baume. Er war auseinander gerissen. Die Theile lagen am Boden und Splitter weit umher.
»Mein Himmel! Sie haben mich gerettet!« sagte sie, die Hände vor das Gesicht schlagend.
»Aber es regnet! Es gießt ja förmlich. Hier können wir nicht bleiben! Kommen Sie schnell.«
Er ergriff sie abermals bei der Hand, zog sie vom Boden auf und eilte mit ihr fort. Sie sah nicht, wohin er sie führte. Felsen thürmten sich vor ihnen auf, zwischen denen sie hindurchrannten; dann gab es einen freien Platz, welcher von fast gar keinem Baum bestanden war, an drei Seiten von Felsen umgeben und nach Westen steil in die Tiefe abstürzend.
»Kommen Sie! Hier links. Da hinein! Bücken Sie sich, damit Sie sich der Regenfluth nicht lange aussetzen, denn noch sind wir nicht sehr naß.«
Es gab da eine Aushöhlung in dem Steine, vielleicht fünf Fuß hoch, vier Fuß breit und ebenso tief wie hoch. Sie bückte sich, kroch hinein und setzte sich da nieder.
Der Regen konnte sie hier nicht mehr treffen. Sie war sicher. Aber die Blitze zuckten draußen nach allen Richtungen und der Schall des Donners schien durch die Felsen verstärkt zu werden. Das war gräßlich.
Ihr Retter war nicht mit herein gekommen. Wo befand er sich? Sie beugte sich vor und blickte hinaus. Neben dem Loche hatte sich ungefähr vier Ellen über dem Boden ein Brombeerstrauch in eine schmale Ritze geklammert und ließ seine dichten, blätterreichen Ranken von da herunterfallen. Da drinnen, im stacheligen Gedorn, stand Rudolf Sandau. Es war klar, daß er da nicht den gewünschten Schutz vor dem Regen fand.
»Warum bleiben Sie draußen?« fragte sie.
»Weil ich hier einen Regenschirm gefunden habe.«
»Er hat aber so viele Löcher, daß Sie vollständig naß werden!«
Der Schreck war überwunden und nun, da sie sich in Sicherheit befand, klang es bereits wie Scherz aus ihren Worten.
»Ich muß es darauf ankommen lassen,« antwortete er.
»Nein, das kann ich nicht zugeben. Kommen Sie mit herein!«
»Das ist unmöglich.«
»Ich sehe keine Unmöglichkeit.«
»Es ist ja nicht Platz für Zwei.«
»So rücken wir zusammen, da giebt es Raum genug.«
»Danke! Ich darf Sie nicht belästigen.«
Das klang so bestimmt, daß sie sich wirklich abweisen ließ und ihren vorigen Sitz einnahm. Bald aber schien sich die Macht des Regens zu verdoppeln. Schloßen fielen nicht mehr. Die Insassin der kleinen Höhle sah förmliche Regenbäche vor dem Eingange derselben vorrüberrauschen. Da bog sie sich wieder vor und sagte in energischer Weise:
»Kommen Sie herein oder nicht?«
»Nein.«
»So mag auch ich nicht trocken bleiben. Entweder Beide geschützt oder gar Keins.«
Im nächsten Augenblick stand sie draußen neben ihm.
»Um Himmelswillen, Fräulein! In einer Minute sind Sie naß wie ein Fisch!« warnte er dringend.
»Das will ich ja. Ich bleibe hier, außer Sie gehen mit hinein.«
»Aber –«
»Kein Aber! Ich befehle es. Kommen Sie!«
Jetzt ergriff sie seine Hand und zog ihn herbei.
»Nun, wenn Sie befehlen, so folge ich,« lachte er. »Aber wenn Ihnen ein Duett in zu enger Harmonie gesetzt ist, so bedenken Sie dann gütigst, daß nicht ich der Componist gewesen bin!«
»Bitte, ohne weitere Entschuldigung!«
Schon saß sie wieder drin, sich so weit wie möglich zur Seite drängend. Er nahm seinen Ranzen ab, kroch hinein und bat:
»Wollen Sie sich nicht dieses Möbels als Fauteuil bedienen, Fräulein?«
»Danke! Hier sind Alle gleich. Sitzen Sie an der Erde, so ich auch.«
»Sie sind eine ganz entsetzlich energische Dame. Ist Ihr Herr Papa vielleicht Generalfeldmarschall oder Spritzenführer bei der Feuerwehr?«
»Keines von Beiden. Ich bin sonst gar nicht so sehr willenskräftig. Aber da Sie nicht zugegeben haben, daß mich die Flamme des Blitzes verzehrte, so will ich nun auch nicht gestatten, daß Sie auf festem Erdboden ertrinken. Also kommen Sie hier neben mich.«
Er hatte nur am Eingange Platz genommen.
»Ich werde Sie sehr beengen.«
»Sie arger Widerstreber! Sehen Sie denn nicht, daß ich gern beengt sein will?«
»Nicht eher, als bis abermals ein wirklicher ernster Befehl erfolgt.«
»Nun wohl, so gebiete ich es Ihnen mit dem größten Nachdrucke!«
»Dann muß ich freilich gehorchen.«
Er rückte hinter und versuchte, neben ihr Platz zu finden. Es ging, aber wie! Sie saßen so eng neben einander, daß Beide die Arme nicht zu bewegen vermochten. Eine Weile hielt Rudolf das aus; als er aber dann fühlte, wie beschwerlich es auch ihr werden mochte, sagte er:
»Sie erkennen hoffentlich, daß nicht für zwei Personen voller Platz vorhanden ist?«
»O doch!«
»Gewiß nicht. Ich werde also Ihnen allein die Stelle überlassen.«
»Dann thue ich dasselbe wie vorhin: Ich gehe auch wieder hinaus! Sie bleiben ganz bestimmt hier!«
Er blieb, antwortete aber nicht. Als er aber dann doch merkte, wie gepreßt sie Athem holte, sagte er:
»Sie wollen eine absolute Unmöglichkeit zur Möglichkeit machen. Soll ich partout sitzen bleiben, so müssen wir unbedingt ein anderes Arrangement treffen.«
»Bitte welches.«
»Ich fürchte sehr, daß Sie nicht auf dasselbe eingehen werden.«
»Ich gehe auf Alles ein, was unsere Lage zu erleichtern vermag.«
»Gut. Aber bitte, wenn ich einen Vorschlag mache, so mache ich ihn nur unter dem Drange dieser unangenehmen Umstände. Wie wir hier sitzen, so füllen zwei Körper und vier Arme die ganze Breite aus. Wenn ich aber einen Arm um Sie legen darf, und Sie legen einen um mich, so brauchen wir weit weniger Raum und sitzen in Folge dessen viel bequemer.«
Sie antwortete nicht. Er lauschte wohl eine Minute lang. Als sie auch da noch schwieg, fragte er:
»Nicht wahr, nun habe ich Sie beleidigt?«
»O nein!«
»Aber mein Vorschlag war so kühn, daß er beinahe an Beleidigung grenzte?«
Sie antwortete nicht gleich; dann aber meinte sie in einem heitren Tone, welchem man allerdings einen leisen Zwang anhören konnte:
»Sie haben Recht. Wir wissen nicht, wie lange Zeit dieser Regen anhält, und warum sollen wir auch gerade so lange eine qualvolle Stellung beibehalten. Wir befinden uns unter Ausnahmezuständen und dürfen also wohl eine Ausnahme machen.«
»Sie gehen also auf meinen Vorschlag ein?«
»Ja.«
Aber dieses Ja klang doch noch ein Wenig zaghaft und bedenklich.
»Sie können mir getrost vertrauen, Fräulein.« versicherte er. »Bitte, Ihren Arm!«
Er bog sich ein Wenig vor und fühlte dann, daß sie den Arm langsam und leise um seinen Leib legte.
»Immer fester, bitte! Ich bin nicht empfindlich für so geringe Schmerzen. Und nun gestatten auch Sie es mir!«
Als er seinen Arm jetzt um sie legte, fühlte er doch, daß ein schreckhaftes, widerstrebendes Zittern durch ihren Körper ging.
So saßen sie nun neben einander, still und unbeweglich wie Statuen. Das war fast noch schlimmer und unbequemer als vorhin. Er hörte wiederholt einen leisen Seufzer, den sie nicht zu unterdrücken vermochte.
»Sie fühlen sich noch immer unbequem, nicht wahr?« fragte er.
»Wir haben uns in nichts gebessert.«
»Daran sind wir selbst nur schuld. Wir haben die zwei Arme entfernt, wagen aber nicht, einander näher zu rücken. Haben Sie einen Bruder, mein Fräulein?«
»Nein – – doch ja!«
Diese Antwort befremdete ihn zwar; aber er machte keine Bemerkung darüber. Sie war bisher nicht gewöhnt gewesen, auf diese Frage mit Ja zu antworten, denn sie hatte ja erst gestern einen Bruder gefunden. Die junge Dame war nämlich keine Andere als – Milda von Alberg.
»Nun, wenn Sie einen Bruder haben, so wissen Sie auch, daß die Schwester sich nicht vor ihm zu scheuen braucht. Denken Sie einmal, Ihr Bruder säß an meiner Stelle hier neben Ihnen. Würden Sie sich dann so separat und abweisend verhalten?«
»Vielleicht nicht,« gestand sie.
»Nun, Sie haben befohlen, daß ich neben Ihnen sitzen soll; Sie müssen also auch die Consequenzen dieses Befehles mit Fassung tragen. Bitte!«
Sie rückte ihm wirklich ein Wenig näher.
»So! Lehnen Sie sich getrost fest an mich, und legen Sie Ihren Kopf auf meine Achsel, so wie Sie es bei einem Bruder ohne alle Scheu thun würden. Bitte, bitte!«
»Aber wenn – wenn – wenn –« stockte sie.
»Ich möchte kein Wenn und Aber hören.«
»Wenn – wenn Sie es mir nun übel nehmen?« warf sie in scherzendem Tone ein.
»Sie erkennen wohl selbst, daß es eine Unmöglichkeit ist. Wir sehen uns heut zum ersten Male, oder vielmehr, wir haben uns noch gar nicht einmal gesehen, da das in dieser Gewittersnacht beinahe unmöglich ist. Vielleicht werden wir uns auch nie wiedersehen. Also ist gar kein Grund vorhanden, wegen irgend eines unmotivirbaren Bedenkens die Unbequemlichkeit noch länger zu ertragen.«
»Ich mag Ihnen nicht widerstreiten und will Ihnen mein Vertrauen schenken. Ist es so recht?«
Sie rückte jetzt ganz eng an ihn heran und lehnte auch das Köpfchen an seine Achsel.
»Ja, so ists recht, Fräulein. Ich danke Ihnen.«
Sie saßen jetzt so eng wie möglich an einander – zwei einander vollständig fremde Personen, sich mit den Armen umschlungen haltend und fast Brust an Brust. Das Gewitter hatte den festen Stamm der Buche zerrissen, hier aber zwei widerstrebende Menschenkinder vereinigt.
Es donnerte, blitzte und regnete noch immer ohne Unterlaß. War es draußen unter den Bäumen und zwischen den Felsen dunkel, so war es hier in der kleinen Höhle noch viel finsterer. Sie konnten sich wirklich nicht sehen, und wenn ja einmal ein vorüberzuckender Blitz sein grelles Licht hereinwarf, so war das nur für einen so kurzen Augenblick, daß es nicht hinreichte. Ueberdies wäre es ja unhöflich gewesen, dem sich ihm anvertrauenden Mädchen in einem solchen Augenblicke in das Gesicht zu sehen.
Und doch! Obgleich er noch keinen ihrer Züge kannte, hatte er doch die Ueberzeugung, daß sie schön sei. Ja, er begann bereits, als sie jetzt so still und wortlos neben einander saßen, sich ihr Bild in Gedanken auszumalen.
Da ihre Körper einander berührten, fühlten sie bald die Wärme derselben. Es war Rudolf, als ob ein heilkräftiger Strom von ihr zu ihm überfluthe. Er hatte ein Gefühl, wie er es in seinem ganzen Leben noch nie empfunden hatte. Es gab kein Wort, dasselbe zu bezeichnen, und keine Sprache, es zu beschreiben.
So hatten sie fast eine Stunde gesessen, sie an ihn gelehnt und er sich ohne Bewegung haltend, um ja nicht ihr Vertrauen zu verscherzen. Endlich wurde ihr das Schweigen zur Qual. Sie fragte:
»Nicht wahr, ich falle Ihnen schwer?«
»Nein, o nein. Ich wollte, ich hätte endlos solche Last zu tragen.«
Das hatte er nicht sagen wollen. Die Worte waren ihm ohne Controle entschlüpft. Sie schwieg, und er nahm dies als ein Zeichen ihrer Mißbilligung.
»Zürnen Sie mir?« fragte er.
»Wie könnte ich!«
»Es wär leicht möglich, meine Worte falsch zu deuten.«
»Ja. Leider meinen die Herren, bei jeder, aber auch bei jeder Gelegenheit galant gegen uns sein zu müssen!«
»Es war keine Galanterie. Ich sprach es aus der Seele.«
»So halten Sie mich für eine Last, welche – welche man nicht fortzuwerfen braucht?«
»Für eine Last, welche man ewig tragen möchte.«
»Ohne mich zu kennen! Ohne mich gesehen zu haben?«
»Ja.«
»Das ist kühn!«
»Vielleicht nicht. Ich habe nur die Umrisse Ihrer Gestalt gesehen; aber es ist mir, als ob ich Ihr Gesicht mit aller Genauheit zeichnen könne.«
»Das ist freilich unmöglich.«
»Es giebt Philosophen, welche sagen, daß die Seele nicht immer der körperlichen Augen bedürfe, um Etwas deutlich zu erkennen.«
»Leider bin ich kein Philosoph,« sagte sie heiter.
Es soll sogar erwiesen sein, daß Seelen sich suchen und finden, bevor die Körper etwas davon wissen.«
»Das ist Metaphysik, von der ich auch nichts verstehe. Ich möchte aber wirklich wissen, welch ein Bild Sie sich von mir machen. Wollen Sie es mir einmal beschreiben?«
»Der Seltsamkeit wegen, ja.«
»Nun, Länge und Gestalt lassen wir unerörtert, da Sie Beides ja fühlen – – –«
»O, nicht so genau. Ich halte Sie, aber ich fühle Sie kaum. Was ich fühle, das ist so ätherisch leicht, daß ich befürchte, es verschwindet mir im Augenblick.«
»O bitte, hoffen Sie das nicht. Ich bin leider gezwungen, Ihre Geduld noch lange in Anspruch zu nehmen. Aber nun bitte, sagen Sie mir, welche Farbe mein Haar hat!«
»Sehr dunkelbraun, fast schwarz.«
»Das stimmt. Die Augen?«
»Groß, schwarz, mit langen aber nicht gar zu dichten Wimpern. Die Brauen find fast ein Bischen zu hoch gewölbt.«
»Wie genau! sie haben mich gesehen!«
»Nein, wirklich nicht!«
»Die Nase?«
»Klein, nicht grad, aber auch nur mit einer ganz geringen, kaum bemerkbaren Biegung.«
»Auch das ist wahr. Der Mund?«
»Gewölbt, mit etwas vorstrebender Mitte. Die untere Lippe ist voller als die obere.«
»Sie erschrecken mich wirklich. Sie sind doch der wirkliche Geisterseher. Sie beschreiben mich ganz genau. Ich mag nichts mehr hören. Höchstens möchte ich Sie fragen, welchem Stande ich wohl angehöre.«
»Diese Antwort ist ungeheuer schwer zu geben. Meine Beschreibung war das Ergebniß eines gewissen instinctartigen Ahnungsvermögens. Um Ihnen aber zu sagen, welches Standes Sie sind, dazu gehört mehr. Da muß man Menschenkenner sein. Ich bin das nicht. In meinem Alter kann man es noch nicht sein. Aber fast bin ich versucht, Sie für die älteste Tochter eines höheren Forstbeamten zu halten.«
»Wie kommen Sie auf diesen Gedanken? Besonders zu der Ansicht, daß ich eine älteste Tochter sei?«
»Zunächst haben Sie mir so viel Energie und festen Willen gezeigt, wie man ihn eben nur bei ältesten Töchtern findet, welche die Herrschaft über die Jüngeren führen. Und sodann haben Sie so – hm, was denn nur? Ich finde den richtigen Ausdruck nicht. Ihre Stimme hat bei aller Energie einen so zarten, sanften, weichen Klang, daß ich Sie mir gar nicht ohne irgend welche Wesen denken kann, denen Sie täglich recht viel Liebes und Gutes erweisen – also wohl Geschwister.«
»Hm! Die älteste Tochter! Welches Alter geben Sie mir da?«
»Immer höchstens achtzehn.«
»So! Und warum soll ich eine Försterstochter sein?«
»Weil ich Sie mitten im Walde traf, allein, ohne alle Begleitung.«
»So haben Sie sich freilich in nichts weniger als in Allem geirrt.«
»Wirklich?«
»Ja. Ich bin blond. Man sagt sogar, daß mein Haar einen etwas röthlichen Schein besitze. Meine Nase ist ein spitzer Kiekindiwelt, und die Augen sind blaugrau. Alt bin ich – – hm, soll ich Ihnen wirklich die Wahrheit sagen?«
»Wenn es Ihnen keine Schmerzen macht, ja.«
»Zweiunddreißig.«
»Sollte man es denken!«
»Ja. Geschwister, nämlich jüngere habe ich nicht, aber wohl ältere, welche verheirathet sind, so daß ich sogar Tante bin. Gefällt Ihnen das?«
»Es kann nichts nützen, wenn ich es mir verbitte.«
»Da haben Sie Recht, denn ich würde trotz Ihres Einspruches doch eine alte Tante bleiben. Und da ich einmal so sehr aufrichtig war, Ihnen dieses Alles zu sagen, so kann ich Ihnen schließlich auch gestehen, daß ich nicht die Tochter eines Forstbeamten bin.«
»Ich hätte aber darauf wetten wollen, daß ich richtig gerathen habe.«
»Leider ist das nicht der Fall. Ich habe weder Vater noch Mutter mehr und bin ein ganz, ganz armes – – Kind, hätte ich beinahe gesagt, muß aber der Wahrheit gemäß gestehen, eine ganz, ganz blutarme Tante.«
»Sie scherzen. Ob Sie wohlhabend oder gar reich sind, darüber habe ich freilich nicht nachgedacht; aber daß Sie die Tochter eines wohlsituirten Hauses sein würden, das war mir über alle Gewißheit erhaben.«
»Da haben Sie sich eben getäuscht. Ich bin – – soll ich auch hier aufrichtig sein?«
»Ich bitte darum.«
»Ich bin – – eine arme, alte Nähterin.«
»Ich werde mir doch gestatten, dies zu bezweifeln.«
»Warum wollen Sie es nicht glauben?«
»Weil Ihre Ausdrucksweise eine solche ist, wie man sie nur in gebildeten Kreisen gewöhnt ist.«
Die sonst so ernste, bedächtige und zurückhaltende Milda war in diesem Augenblicke in einer Stimmung, wie sie eine solche noch niemals an sich beobachtet hatte. So neckisch und zum Scherz aufgelegt wie jetzt, hatte sie sich noch nie gefühlt. Die Situation, in welcher sie sich befand, war eine ganz außergewöhnliche; es war eigentlich ein Wagniß, einem so fremden Manne, in dessen Armen sie eigentlich lag, einen so leichten Ton hören zu lassen. Aber es lag in seinem Austreten etwas so Vertrauenerweckendes, daß sie nicht die mindeste Sorge fühlte, er werde diese Situation ausnützen. Sie verfolgte den Scherz weiter, indem sie ihm antwortete:
»Wenn ich mich nicht so ausdrücke wie die Tochter eines gewöhnlichen Arbeiters, so ist eben daran nur der Umstand schuld, daß ich eine Nähterin bin.«
»Das begreife ich nicht.«
»Und doch ist es so leicht zu begreifen. Wir Nähterinnen kommen ja mit gebildeten Damen und feinen Familien sehr oft in Berührung, und da ist es gar kein Wunder, wenn irgend ein Ausdruck, irgend eine Redensart oder so etwas Aehnliches, gemerkt und dann später in Anwendung gebracht wird. Wir verfeinern uns, ohne daß wir es selbst merken.«
Sie lachte dabei so goldig hell auf, daß er in dieses wohlklingende Lachen einstimmen mußte. Doch meinte er:
»Ihre Art und Weise verräth aber gar nichts Angelerntes. Es ist ganz so und klingt auch ganz so, als ob es Ihnen so angeboren oder wenigstens anerzogen sei.«
»Meinen. Sie? Nun, das beweist doch nur, daß ich sehr gut aufgepaßt habe, also daß ich eine ganz leidliche Nachahmerin bin. Aber nun seien Sie auch noch einmal aufrichtig, und sagen Sie mir, wie ich Sie zu nennen habe!« »Meinen Namen soll ich Ihnen nennen? Warum? Wollen wir ihn nicht lieber in Geheimniß gehüllt bleiben lassen?«
»Nein, dafür bin ich nicht. Es ist ein so beengendes Gefühl, mit Jemandem zu sprechen, ohne seinen Namen zu kennen.«
»Mich kann das nicht beengen.«
»So tragen Sie also kein Verlangen, den meinigen zu erfahren?«
»Nein.«
»Aber Sie müssen mich doch nennen! Es muß doch irgend ein Wort vorhanden sein, mit welchem Sie mich bezeichnen können!«
»Das ist ja auch da. Ich nenne Sie sehr einfach ›mein Fräulein‹ »der auch, wenn Sie es mir erlauben, ›liebes Tantchen‹. Sie haben ja gesagt, daß Sie Tante sind.«
»Aber Sie wissen doch wohl, daß keine Dame sich gern Tante nennen läßt, bevor sie wenigstens ihr fünfzigstes Jahr erreicht hat.«
»So nenne ich Sie also Fräulein.«
»Und ich Sie ›mein Herr‹? Das ist so unbequem, Sagen Sie mir also doch lieber Ihren Namen!«
»Eigentlich sollte ich es wohl thun; aber Sie kennen doch wohl die Strophen:
»Heilig achten wir die Geister,
Aber Namen sind uns Dunst;
Würdig ehren wir die Meister,
Aber frei ist unsre Kunst.«
Lassen Sie also den Namen verschwiegen bleiben!«
»Daraus schließe ich, daß Sie ein Künstler sind.«
»Ich will erst einer werden.«
»Hm! Darum haben Sie noch keinen Namen und können mir ihn also nicht sagen!«
»So ist es leider.«
»Nun, so will ich von meiner Bitte abstehen; aber Sie werden nun auch auf keinen Fall erfahren, wie ich mich nenne.«
»Ich wünsche gar nicht, es zu erfahren. Unsere Begegnung hat einen so romantischen Anstrich, daß ich meine, je mehr wir uns gegenseitig in das Geheimniß hüllen, desto hübscher wird die Erinnerung an dieses Zusammentreffen sein.«
»Jetzt werden Sie gar poetisch. Sind Sie etwa Dichter?«
»Nein.«
»Maler?«
»Auch nicht. Der Pinsel ist nicht meine Waffe.«
»Und dennoch Künstler! Also vielleicht Schauspieler oder Sänger?«
»Keins von Beiden.«
»Was für Künstler giebt es doch noch? Reit-, Fecht- oder Turnkünstler?«
»Das ist Kunst niederen Ranges.«
»Hm! Baukunst! Sind Sie Architekt?«
»Ich will es werden.«
»So habe ich es endlich getroffen. Aber wenn Sie es erst werden wollen, so sind Sie noch jung, vielleicht gar noch Schüler. Seien Sie aufrichtig!«
»Giebt es nicht auch alte Schüler?«
»Gar wohl; der Mensch bleibt ja immer Schüler, da er bis an das Ende seiner Tage zu lernen hat, und – – Himmel!«
Sie fuhr erschrocken zusammen und schmiegte sich ganz unwillkürlich fester an ihn. Es hatte einen entsetzlichen Donnerschlag gethan, und der Blitz, welcher am Eingange der kleinen Höhle vorübergezuckt war, hatte einem großen Feuerball geglichen. Der Fremde hatte, als sie sich enger an ihn legte, seinen Arm fester um sie geschlungen, auch ohne Absicht, nur in dem unbewußten Gefühle, daß sie Schutz bei ihm suche.
So saßen sie eine ganze Weile still und eng an einander geschmiegt. Wie es bei solchen Donnerschlägen häufig vorzukommen pflegt, schien das Gewitter mit dem letzten Blitze seine Macht erschöpft zu haben. Es regnete nicht mehr; nur einzelne Tropfen fielen noch, und der Himmel heiterte sich schnell auf. Es wurde licht, so daß die Gesichtszüge der Beiden recht gut zu erkennen waren.
Daran aber dachten sie nicht. Sie blickten sich jetzt gar nicht an. Beide waren in Gedanken tief versunken.
Er fühlte sich ganz eigenartig erregt. Eine »arme, alte Tante« an seiner Seite! O weh! Und doch war es ihm, als ob er darüber recht sehr glücklich sein könne. Es ging von ihr ein seelisches Fluidum aus, dessen Wirkung er sich nicht entziehen konnte. Er mußte es auf sich einwirken lassen und hatte eine Empfindung, als ob es für ihn nichts Besseres zu wünschen gebe, als daß er stets, stets an der Seite dieser »alten Tante« verweilen dürfe.
Und sie, diese Tante – sie fühlte keineswegs die bedächtigen Regungen so einer bejahrten Muhme. Es ging eine wohlthuende, beglückende Wärme durch ihr Herz, fast ähnlich so, wie als sie ihren Bruder erlaubt hatte, sie zum ersten Male zu küssen. Sie hätte ihr Köpfchen immer und immer an der Schulter dieses Mannes liegen lassen und immer, immer so wie jetzt seinen Arm um sich fühlen mögen – – – seinen Arm um sich fühlen! Das brachte sie zum Bewußtsein ihrer augenblicklichen Lage. Sie schrak auf. Er fühlte das und zuckte auch zusammen. Sich aus seinem Sinnen aufraffend, lockerte er den Arm, mit welchem er sie umschlungen hielt, und sie nahm ihren Kopf von seiner Achsel weg. Dabei trafen sich ihre Blicke.
»Ach!« sagte er. »Was Sie für eine alte, uralte Tante sind!«
»Nicht wahr!« antwortete sie unter einem halblauten Lachen, was ziemlich verlegen klang.
»Und blond sind Sie auch!«
»Nicht ganz!«
»Freilich. Sie sagten ja, daß Ihr Haar einen röthlichen Schein besitze. Das ist also nicht ganz blond. Ich erschrecke übrigens auf das Heftigste.«
»Warum? Sie machen mir Angst. Was ist denn passirt?«
»Der Blitz muß meine Augen geblendet haben.«
»Herrgott! Ists möglich?« fragte sie, jetzt wirklich erschrocken.
»Ja, denn ich sehe Sie als eine sehr dunkle Brünette, während Sie doch eine Blondine mit rothem Haare sind.«
»Ach so!« meinte sie erleichtert. »Nun, ich gestehe, daß ich gescherzt habe.«
»Auch in Beziehung auf die Tante?«
»Ja.«
»Und in Beziehung auf die Arbeitersfamilie, aus welcher Sie stammen?«
»Da wohl kaum.«
»O doch. Bitte, geben Sie mir doch einmal Ihr kleines Hündchen da! Sie tragen hier einen Ring mit einem Diamanten, welchen ich auf wenigstens tausend Mark schätzen muß. Die Arbeitersfamilie muß also eine sehr wohlhabende sein.«
»Deswegen nicht. Ich habe meine Ersparnisse in diesem Ringe angelegt.«
»Auf eine so unproductive Weise, welche keine Zinsen bringt? Das thut eine arme Nähterin niemals. Nein, nein, Sie haben mich in jeder Beziehung getäuscht. Sie sind etwas ganz Anderes, als wofür Sie sich ausgegeben haben. Sie sind – – –«
Er hielt inne und sah ihr mit so leuchtendem Blicke in die Augen, daß sie ihre langen, weichen Wimpern senkte.
»Nun?« fragte sie leise.
»Sie sind gar keine Tante, gar kein Mädchen, gar keine Dame – –«
»Etwas muß ich aber doch wohl sein.«
»Natürlich. Sie sind gar kein menschliches, gar kein irdisches Wesen sondern eine Fee, welche aus der Höhe hernieder gestiegen ist.«
»O,« lachte sie fröhlich auf, »das ist ja recht sehr interessant für mich!«
»Für mich noch viel mehr.«
»Das bezweifle ich.«
»Und doch ist es wahr. Haben Sie bereits einmal von so einer Fee gelesen?«
»Nein.«
»Ach! Wirklich nicht? Sie scherzen!«
»Ich sage die Wahrheit. Wir Feen können ja gar nicht lesen. Bei wem sollten wir es gelernt haben?«
»Ach so! Ganz richtig! Nun, wenn Sie es noch nicht gelesen und gehört haben, so muß ich es Ihnen sagen, daß eine Fee stets nur in der Absicht, einen Sterblichen glücklich zu machen, vom Himmel steigt.«
»Und darum meinen Sie wohl jetzt, daß ich ganz dieselbe Absicht haben werde?«
»Ja. Ich bin vollständig überzeugt, daß Sie einen Sterblichen unendlich glücklich machen werden.«
Er sagte dies im Tone so inniger Ueberzeugung, daß sie verschämt vor sich niederblickte. Er ergriff lind und leise ihr Händchen und fragte:
»Habe ich nicht Recht, Fräulein?«
»Nein.«
»O gewiß. So wie ich Sie da vor mir sehe, machen Sie ganz den Eindruck auf mich, daß Sie geschaffen seien, einem Manne das höchste Glück der Erde zu gewähren. Verzeihen Sie, wenn meine Worte einen etwas kühnen Klang haben; aber ich kann nicht anders; ich muß meine Ueberzeugung aussprechen.«
Sie blickte noch immer vor sich nieder. Sie befürchtete, daß er beim ersten Augenaufschlage das warme Licht ihres Blickes bemerken und auf sich deuten und beziehen werde.
»Zürnen Sie mir?« fragte er in besorgtem Tone.
»O nein,« hauchte sie. »Aber der Regen hat aufgehört. Wollen wir nicht gehen?«
»Müssen Sie fort? Müssen Sie?«
»Ja; man erwartet mich.«
»So darf ich Sie nicht bitten, noch einige Minuten zu verweilen.«
Er kroch aus dem Loche heraus und sie folgte ihm. Es fiel auch nicht ein einziger Tropfen mehr. Nur wenn der Windhauch durch die Zweige fuhr, warf er aus denselben die nassen Perlen zur Erde herab. Die Wolken hatten sich zertheilt, und die Sonne schien warm und strahlend auf die vom Gewitter erfrischte Erde nieder. Alles athmete neue Kraft und Erquickung.
Als jetzt Milda im Freien stand, von hellem Lichte der Sonne überfluthet, glich sie der Rose, welche im Gewitter das Haupt senkte, es aber nun wieder erhebt, um ihren Duft in die Lüfte zu verbreiten. Er mußte sich wirklich zwingen, sein Auge von dem süßen Bilde zu wenden, um seinen Cavalierspflichten zu genügen.
Er zog sein Taschentuch und stäubte sie ab. Scherzend nahm sie es ihm dann aus der Hand, um auch ihn von dem Staube der Höhle zu befreien. Er wollte dagegen Einspruch erheben, mußte es aber doch dulden.
»Und nun,« sagte sie, »geht es wohl an ein Scheiden. Nicht wahr?«
»Ich weiß nicht, welche Richtung Sie einzuschlagen haben,« antwortete er.
»Das weiß ich leider selber nicht.«
»Wie? Ist das möglich?«
»Ja. Ich hatte mich verirrt, als Sie mich trafen.«
»Woher kamen Sie?«
Sie deutete von der Höhe in das Thal hinab, wo man die Gebäude von Hohenwald liegen sah.
»Ich war da unten in dem Dorfe, nicht allein sondern mit einer lieben, mütterlichen Freundin. Auf dem Rückwege hatte sie an einem alten Waldhüter einige Fragen zu richten. Sie begab sich nach seiner Hütte, und ich ging inzwischen langsam weiter. Ein Weg führte von der Straße ab. Ich glaubte, er werde parallel mit derselben gehen, und folgte ihm. Leider hatte ich mich geirrt. Als ich dies bemerkte, verließ ich ihn und kam dann immer weiter von meiner ursprünglichen Richtung ab. Ich wurde immer ängstlicher, und meine Besorgniß erreichte den höchsten Grad, als ich mich hier oben befand und das Gewitter losbrach. Sie sind mein Retter gewesen. Ohne Sie lebte ich nicht mehr.«
Sie blickte ihm dabei mit warmer Dankbarkeit in die Augen. Es war, als ob eine innere, drängende Stimme ihm zurufe:
»Umarme sie! Sie duldet es.«
Aber er that es doch nicht. Er wendete sich halb ab und blickte eine Weile lang in das Thal hinunter. Sie fand da Zeit, sein Gesicht zu betrachten. Er hatte in der Höhle den Hut abgenommen und hielt denselben in der Hand. Sein Kopf war ein wirklicher Antiniuskopf mit kaum zu bändigendem Lockenhaar. Das Gesicht von einem so edlen, reinen Schnitte, daß man hätte schwören mögen, dieser Jüngling sei keines ordinären Gedankens, keiner gewöhnlichen Handlung fähig. Jetzt drehte er sich wieder zu ihr um.
»Fräulein, ich habe doch einen Fehler begangen, ob ich es für gerathen hielt, uns unsere Namen zu verschweigen. Wollen Sie mir den Ihrigen nennen?«
Da kam ein launiges Widerstreben über sie.
»Nein. Nun ist es hell geworden. Was wir uns da drin im Dunkel der Höhle nicht sagen durften, darüber müssen wir nun erst recht schweigen.«
»Und wenn ich nun nur Ihren Vornamen wissen möchte.«
»Warum wünschen Sie das?«
»Ich weiß, daß ich sehr, sehr oft an Sie denken werde. Und da muß man den Namen wissen, welchen man mit einer so liebenswürdigen Erinnerung in Verbindung zu bringen hat.«
»Ich verstehe das nicht; aber ich will mich nicht sträuben, vorausgesetzt daß ich auch Ihren Vornamen erfahre.«
»Ich heiße Rudolf.«
»Danke!«
Sie machte ihm eine naive Verbeugung.
»Nicht wahr, ein häßlicher Name?«
»Nicht ganz so häßlich, wie der Träger desselben.«
»O weh! Habe ich solche Ungnade vor Ihren Augen gefunden?«
»Ungnade nicht. Sie wählen da grad den allerschlimmsten Ausdruck.«
»Und nun bitte, Ihr Name?«
»Milda.«
»Milda,« wiederholte er, indem sein Auge mit leuchtendem Blicke an ihrer Gestalt herniederglitt.
»Nicht wahr, ein häßlicher Name?« fragte sie mit denselben Worten, welche er vorher in Anwendung gebracht hatte.
»O nein, sondern ein sehr lieber und guter, aber noch lange nicht so lieb und gut wie die Trägerin desselben.«
»Ich verbitte mir alle Complimente!«
»Ich beabsichtige nicht, eine Schmeichelei auszusprechen. Oder sehe ich vielleicht aus wie ein Mensch, welcher anders spricht, als er denkt?«
»Nein. Das will ich Ihnen gern in aller Aufrichtigkeit gestehen.«
»Dann müssen Sie mir auch glauben, wenn ich Ihnen sage, daß Ihr Name derjenige ist, welcher am Allerbesten für Sie paßt, weil er Ihr Wesen auf das Treffendste bezeichnet.«
»So meinen Sie, daß ich einen sehr milden Character, ein sehr weiches Gemüth besitze?«
»Das ist meine Ueberzeugung.«
»O wie irren Sie sich!«
»Irren? Auf keinen Fall.«
»Auf jeden Fall! Oder bin ich etwa gar so weich und mild gegen Sie gewesen?«
»Ja.«
»Wie? Habe ich nicht in einem sehr befehlshaberischen Tone zu Ihnen gesprochen, als Sie hier im Regen stehen bleiben wollten?«
»Das ist ja eben auch nur ein Beweis Ihres guten Gemüthes!«
»Sie verstehen freilich, die Thatsachen in ganz wahrheitswidriger Weise zu beleuchten.«
»Ich vertheidige im Gegentheile die Wahrheit. Oder war es nicht eine ganz ungewöhnliche Milde und Nachgiebigkeit, als Sie mir erlaubten, meinen Arm um Sie zu legen?«
Sie erröthete.
»Ich gehorchte nur den zwingenden Umständen.«
»So! Unter anderen Umständen würde dies mir also nicht erlaubt gewesen sein?«
»Nein.«
Da trat er ihr um einen Schritt näher und fragte in leisem, vibrirendem Tone:
»Und wenn ich nun jetzt noch einmal meinen Arm um Sie legen möchte? Wenn ich nun jetzt den innigen Wunsch hätte, Ihr Köpfchen noch einmal so meiner Schulter zu fühlen wie vorhin?«
Sie hob ihren Blick fragend zu seinem Auge empor. Aber es lag nicht die mindeste Spur von Befremdung, oder gar Zorn in demselben. Und ihre Stimme klang auch ganz lieb und freundlich, als Sie fragte:
»Warum könnten Sie dies wünschen?«
Er schüttelte langsam den Kopf.
»Ihre Frage beweist mir, daß mein Wunsch ein recht unmotivirter war. Ich stehe also von demselben ab.«
Es flog dabei trübe wie eine Wolke über sein schönes, gebräuntes Gesicht.
»Vielleicht ist nicht Ihr Wunsch, sondern meine Frage unbegreiflich,« antwortete sie.
»Ja, bei Gott, das ist sie!«
»Oder sind Sie gewöhnt, mit Damen in diesem Tone zu verkehren.«
»O nein, nein, gewiß nicht! Ich kann Ihnen mit dem besten Gewissen mein Wort geben, daß mein Arm noch niemals ein Mädchen anders berührt hat, als es die kälteste Höflichkeit mit sich bringt. Hier aber ist es anders. Hier – – –«
Er sprach nicht weiter. Als sie auch schweigend vor sich niederblickte, ergriff er ihre Hand und fuhr fort:
»Ich möchte Ihnen ja gern erklären, warum ich diesen Wunsch ausgesprochen habe. Aber für solche seelische Vorgänge giebt es ja gar keine bezeichnenden Worte. Als wir vorhin beisammen saßen, da war es mir, als ob der Himmel mir eine recht große Gnade erwiesen habe. Und doch konnte ich ihm nicht dafür dankbar sein, weil ja Alles eben nur eine Folge der zwingenden Umstände war, welche Sie auch erwähnen. Jetzt nun schweigt der Donner, und die Blitze ruhen. Das Wetter hat ausgetobt, und Sie bedürfen des Schutzes nicht mehr. Wenn Sie trotzdem noch einen Augenblick, nur einen einzigen Augenblick lang in meinem Arme ruhen wollten, so würde mich das unendlich glücklich machen. Das Vertrauen, welches Sie mir damit erwiesen, würde dann kein erzwungenes, sondern ein freiwilliges sein.«
Sie blickte hell, freundlich und verständnißvoll zu ihm auf.
»Ist Ihnen so viel an meinem Vertrauen gelegen, Herr – Herr Rudolf?«
»Ja.«
»Aber Sie kennen mich ja nicht!«
»Das Gräschen, welches mit seiner winzigen Spitze die dunkle Scholle durchbricht, kennt die Sonne auch nicht und hat sie noch nie gesehen; dennoch ist ihm an ihrem Strahle, ohne welchen es nicht leben kann, so unendlich viel gelegen. Wollen Sie mir vertrauen, Fräulein Milda?«
Ihr Blick senkte sich zur Erde und »Ja,« hauchte sie mit bebenden Lippen.
Da legte er den Arm um sie, wie derselbe vorhin um ihr gelegen hatte. Und bewußt oder unbewußt, sie wußte es selbst nicht, neigte sich ihr Kopf an seine Schulter.
Es durchzuckte ihn eine nie geahnte Seligkeit.
»Milda!«
Er bog sein Gesicht zu ihr nieder. Sie erhob das ihrige. Ihre Augen flammten für einen Augenblick in einander. Sie wußte es selbst nicht, wie es kam, aber es entfuhr sein Name ihren Lippen:
»Rudolf!«
Kaum aber war es geschehen, so flog die tiefste Röthe der Scham über ihr Gesicht. In ihrer großen Verlegenheit wollte sie sich ihm entziehen. Er hielt sie fester, als er wohl selbst beabsichtigte. Sie nahm die andere Hand zur Hilfe, um sich seinem Arme zu entwinden, und glitt von ihm ab. Die Folge war, daß nun ihr Arm um seinen Leib zu liegen kam. Dies verdoppelte ihre Verlegenheit. Es war ihr, als flögen große Feuerbällen vor ihr hin und her, so sehr trieb ihr die Scham das Blut nach dem Kopfe.
»Milda, Milda, meine Sonne, meine Fee!«
So hörte sie ihn sprechen. Sehen konnte sie ihn nicht, denn sie hielt die Augen geschlossen. Es war ihr, als ob sie in den Erdboden sinken werde, wenn ihr Blick den seinigen treffe.
»Warum schweigen Sie?« fragte er. »Sind Sie mir so gar sehr zornig?«
»Nein,« erklang es kaum hörbar.
»Danke, danke! Du süßes, Du herrliches, Du entzückendes Wesen!«
Sie fühlte seine Lippen auf ihrem Munde. Da ließ sie wie im höchsten Schrecke die Arme sinken. Ihr Blut wallte mit Macht aus dem Kopfe nach dem Herzen zurück. Sie war leichenblaß geworden. Er sah es und nahm den Arm von ihr fort. Einen Schritt zurücktretend, blickte er ihr in das farblose Angesicht.
»Milda, was ist Ihnen?«
Anstatt der Antwort schlug sie die Hände vor das Gesicht.
»Was ist Ihnen?« fragte er dringend.
Sie antwortete nicht.
»Bitte, bitte! Entfernen Sie die Hände von Ihrem Angesichte! Es wird mir so bang, wenn Sie nicht sprechen!«
Da ließ sie die Hände langsam fallen.
»Was haben Sie gethan!« hauchte sie, ohne ihn anzublicken.
»Zürnen Sie?«
»Ja – – nein – – – o ja doch!«
»So verzeihen Sie! Ich wollte Sie nicht beleidigen. Ich weiß selbst nicht, wie das so gekommen ist.«
Es war ein ganz eigenthümlicher, tiefer Blick, welcher ihn jetzt aus ihrem Auge traf. Dann sagte sie:
»Sie haben mir mein Leben erhalten, und jetzt nun haben Sie – – mein Gott! Ich sollte eigentlich sagen: Wir sind quitt – – –«
»O, das sind wir ja längst! Ich habe nichts, gar nichts von Ihnen zu fordern. Was ich für Sie that, war ja eine Folge des einfachsten Zufalles. Ein jeder Andere hätte es auch gethan. Es hat mich weder eine Anstrengung noch ein Opfer gekostet. Ich muß Ihnen im Gegentheile meinen herzlichsten Dank sagen, daß Sie meine Hilfe angenommen haben, und ich wollte ich könnte noch viel, viel mehr für Sie thun!«
»Das ist freilich unmöglich.«
»Warum?«
»Wir werden einander nicht wiedersehen.«
»Meinen Sie? Sollte das Schicksal mir wirklich das Glück versagen, Ihnen wieder zu begegnen, Fräulein Milda?«
»Vielleicht nicht; aber wir würden uns wohl kaum erkennen.«
»O, glauben Sie das nicht! Ich würde Sie unter Millionen heraus suchen.«
»Sie würden vielleicht mich erkennen aber mich doch unter diesen Millionen stehen lassen.«
»Ganz gewiß nicht.«
»Ganz gewiß!« behauptete sie ernst.
»Warum? Giebt es einen triftigen Grund?«
»Wohl mehrere.«
»Ich kenne keinen einzigen.«
»So kenne ich sie.«
»Darf ich dieselben erfahren?«
»Nein. Sie haben mich Ihre Fee genannt. Nun wohl, bleiben Sie bei dem Glauben, daß ich eines jener geheimnißvollen, überirdischen Wesen sei, nach deren Ursprung der Mensch vergeblich fragt.«
»So soll auch ich nicht nach dem Ihrigen fragen?«
»Nein.«
»Und wenn ich in diesem mich weigere!«
Sie blickte lächelnd zu ihm auf.
»Sie werden sich nicht weigern.«
»Diese Meinung dürfte Sie täuschen.«
»Gewiß nicht. Sie werden mir einen so dringenden Wunsch nicht versagen.«
»Selbst wenn es mich eine so große Selbstüberwindung kostet?«
»Selbst dann, denn dadurch beweisen Sie mir, daß Sie meiner Achtung Werth sind.«
Sie sah, daß er mit sich kämpfte. Es wollte ihrem Herzen ja selbst auch wehe thun; aber sie glaubte, nicht anders handeln zu können.
»Also Sie verbieten mir, mich nach Ihnen zu erkundigen?« fragte er langsam und im gedrückten Tone.
»Ja.«
»Und wenn ich Sie zufälliger Weise wiedersehe, soll ich Sie nicht kennen?«
»Das ist es, was ich mir von Ihnen erbitte.«
»Melusine, also Melusine!«
»Ja, es ist ganz so, wie in der Sage von der schönen Melusine. Es war verboten, nach ihrem Ursprunge zu fragen, und als Raimund von Lusignar dennoch seine Wißbegierde nicht mehr zu zügeln vermochte, da entschwand sie ihm.«
»Aber Sie entschwinden mir doch bereits jetzt!«
»Desto besser für Sie, für uns Beide. Also, wollen Sie mir das Versprechen geben, meine Bitte zu erfüllen?«
Sie hielt ihm ihr kleines, weißes Händchen hin. Es schwebte dabei zwar ein Lächeln um ihre Lippen, aber es war eben auch nur ein erzwungenes, entsagendes Lächeln. Er blickte auf ihre Hand und dann in ihr Gesicht und antwortete:
»Sie wissen nicht, was Sie von mir verlangen.«
»Vielleicht weiß ich es ebenso gut wie Sie!«
»Nein, nein; Sie wissen es nicht, sonst würden Sie es nicht verlangen. Ich habe vorhin von dem Grase und der Sonne gesprochen. Verlangen Sie, der Halm solle auf die Sonne verzichten, so verlangen Sie, daß er sterben soll.«
»Nein! Er würde, wenn er nicht verzichtete, vielleicht um so eher sterben, denn er müßte in ihrer Gluth verwelken.«
»Aber dieser Tod wäre beneidenswerth.«
»Keine Todesart ist beneidenswerth! Wollen wir uns mit Sophismen bekämpfen? Bitte, bitte, sagen Sie mir, daß Sie thun werden, was ich von Ihnen erwarte!«
Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn, als ob er das Bedürfnis habe, sich den Schweiß von derselben zu wischen.
»Je mehr und länger ich Sie anblicke, Fräulein Milda, desto mehr erkenne ich, wie schwer, ja vielleicht unmöglich es sein wird, Ihnen zu gehorchen.«
»Soll ich Sie für einen Ehrenmann halten oder nicht?«
Sie sagte das in einem Tone, welcher um so strenger war, als er aus so weichen, freundlichen Lippen erklang. Rudolf machte eine Bewegung der Ueberraschung. Sein Blick leuchtete befremdet auf, und seine Brauen zogen sich leicht zusammen.
»Hoffentlich bin ich kein Lump!« antwortete er.
»Das bin ich überzeugt. Nur aus diesem Grunde konnte ich meine Bitte aussprechen.«
»Nun wohl, dann sei sie Ihnen gewährt.«
Er machte dabei eine kühle Verbeugung und setzte den Hut, welchen er bisher in der Hand behalten hatte, auf den Kopf. Sie bemerkte das mit mißbilligendem Kopfschütteln und sagte:
»Nicht so! Wir wollen nicht im Zorne von einander scheiden.«
»Ich zürne Ihnen nicht.«
»Aber Ihr Gefühl ist in diesem Augenblicke ein bitteres. Wir treffen uns, ohne uns zu kennen, und scheiden nun, ohne uns zu kennen. Was ist da weiter Ungewöhnliches daran? Ist das nicht so der Welt Lauf.«
»Ja; aber das Scheiden ist weniger angenehm als das Finden und Begegnen.«
»Nun, eine Begegnung zwischen uns Beiden ist ja doch nicht ausgeschlossen.«
»Aber kennen dürfen wir uns nicht.«
»Wenigstens Sie mich nicht. Ich muß Sie kennen; ich muß mich Ihrer erinnern; ich darf Sie nicht vergessen, denn Sie haben mir das Leben gerettet, und ich schulde Ihnen einen immerwährenden Dank.«
»Ich habe Ihnen bereits gesagt, daß von einem Dank keine Rede sein kann.«
»Ich muß dennoch darauf bestehen, daß ich Verpflichtungen gegen Sie habe, daran mich kein Mensch, selbst Sie nicht, entbinden kann. Aus diesem Grunde ist es mir freilich nothwendig, Ihren Namen zu erfahren.«
Er zuckte anstatt der Antwort mit der Achsel.
»Wollen Sie mir ihn verweigern?«
»Ja.«
»Selbst wenn ich Sie recht herzlich bitte.«
»Selbst dann.«
»Aber merken Sie nicht, daß dies sehr unhöflich von Ihnen ist?«
»Unter Umständen ist sogar eine Unhöflichkeit zu entschuldigen.«
»Niemals, zumal wenn sie gegen eine Dame gerichtet ist. Ich will Ihnen dankbar sein, und ich muß Ihnen dankbar sein, und darum ist es unbedingt nöthig, daß ich weiß, wer Sie sind!«
Sie stampfte dabei mit dem kleinen Füßchen auf den Boden. Sie war beinahe in Rage gerathen. Er bemerkte dies mit einem heiteren Lächeln und antwortete:
»Bemerken Sie nicht, daß die Waffen, mit denen wir kämpfen, höchst ungleich sind? Weil Sie eine Dame sind, soll und muß ich Ihnen gehorchen, während ich nicht erfahren darf, wer Sie sind.«
»Ich habe Sie erst gebeten, und dann, nachdem dies ohne Erfolg blieb, sah ich mich gezwungen, an Ihre Höflichkeit zu apelliren. Ich befehle Ihnen jetzt wirklich allen Ernstes, mir Ihren Namen zu nennen!«
Sie that freilich, als ob dieser Befehl halb ein scherzhafter sei; aber es war ihr doch anzusehen, daß sie es mit demselben ganz ernst meine.
»Wenn Sie in diesem Commandotone mit mir verkehren, so muß ich gehorchen,« sagte er.
»Schön! Also Ihr Name?«
»Lohengrin.«
Sie blickte fragend zu ihm auf.
»Lohengrin? So heißen Sie wirklich?«
»So ist mein Name.«
»Hm! Verzeihen Sie! Ich vergaß, daß man zuweilen heut noch dem Kinde einen Namen giebt, welche der früheren Geschichte oder Sage angehört. Freilich habe ich noch keinen Herrn gekannt, welcher diesen Namen getragen hat. Es ist Ihr Familienname?«
»Nein.«
»Aber doch auch nicht Ihr Vorname, denn Sie nannten sich vorhin ja Rudolf.«
»Es ist mein Pseudonym.«
»Ach so! Aber ich will doch nicht Ihr Pseudonym, sondern Ihren wirklichen Namen wissen!«
»Ganz so, wie ich gern den Ihrigen erfahren möchte. Ich nenne mich Lohengrin, ganz so, wie Sie sich Melusine nannten.«
»Ah! Sie sind also rachsüchtig!«
»Ja. Und paßt Lohengrin nicht ebenso gut auf mich wie Melusine auf Sie? Lohengrin hatte auch verboten,, nach seiner Herkunft zu forschen, und als Elsa von Brabant dies dennoch that, rief er seinen Schwan und zog mit demselben von dannen.«
»Das ist häßlich, sehr häßlich von Ihnen!«
»Aber dennoch gerecht, sehr gerecht. Sie haben selbst gesagt, daß wir uns fanden, ohne uns zu kennen, und daß wir also auch scheiden werden, ohne uns kennen gelernt zu haben.«
»Und so erfüllen Sie mir meinen Wunsch nicht?«
»Nein, außer ich erfahre auch Ihren Namen.«
»Nein!«
»So bleibt auch der meinige unerwähnt.«
Jetzt machte sie ein ernstlich, zorniges Gesicht.
»Ich werde ihn doch erfahren!« sagte sie.
»Das dürfte Ihnen schwer werden. Wir scheiden ja von einander.«
»So gehe ich Ihnen nach!«
»So führe ich Sie irre!« lachte er, innerlich erfreut über Ihren Eifer.
»Und dennoch folge ich Ihnen!« Sie schlug zur Bekräftigung das eine Händchen in das andere.
»Das ist für Sie unmöglich. Sie könnten ja gar nicht so weit gehen.«
»Wohnen Sie weit von hier?«
»Ja.«
»Also nicht in dieser Gegend?«
»O nein, sondern viele, viele Tagereisen von hier. Verstehen Sie italienisch?«
»Nein.«
»So bitte, sehen Sie einmal her!«
Er zog ein großes, gesiegeltes und gestempeltes Papier aus der Tasche, öffnete es und hielt es ihr hin, seinen in großer Schrift darauf stehenden Namen sorgfältig mit den Fingern bedeckend. Sie warf einen forschenden Blick darauf.
»So sind Sie ein Italiener?«
»Ja.«
»Und sprechen das Deutsche so ausgezeichnet!«
»Ich verkehrte in Rom sehr viel mit Deutschen. Sie sehen also, liebes Fräulein, daß Sie mir Ihren Namen ohne Gefahr nennen können. Ich kehre nach Italien zurück.«
»Desto mehr muß ich ihn verschweigen. Zeigen Sie einmal den Paß her!«
»O nein! Verschweigen Sie Ihren Namen, so sollen Sie den meinigen nicht lesen.«
Jetzt ballte sie ihr kleines Händchen zur Faust. Die sanfte Milda befand sich in einer Aufregung, wie sie ihr ganz und gar unbekannt war.
»Also nicht?« stieß sie hervor.
»Nein.«
»Gut! Dann gehe ich! Leben Sie wohl, Sie Herr – Herr – Herr Lohengrin!«
Sie wendete sich scharf um und eilte von dannen. Er rief ihr grüßend nach:
»Adieu, Fräulein – Fräulein Melusine!«
Sie verschwand um die Ecke des Felsens. Er that einen Schritt vorwärts, als ob er ihr folgen wolle, hielt aber den Fuß sogleich wieder an.
»Nein,« sagte er. »Wenn ich sie richtig beurtheile, so kommt sie wieder zurück. Es ist ja nur ihr gutes Herz, welches ihr diesen Streich spielt. Welch ein schönes, liebes Mädchen!«
Er wartete, und bald zeigte es sich, daß er sich nicht getäuscht hatte. Er war nach ganz vorn getreten, dahin, wo der Felsen steil zur Tiefe fiel, und that ganz so, als ob er in das Anschauen der unten in dem Thale sich ausbreitenden Landschaft ganz vertieft sei.
Da hörte er leichte Schritte, doch verrieth er durch keine Bewegung, daß er dieselben gehört habe.
»Herr – Rudolf!« erklang es leise hinter ihm.
Er antwortete nicht.
»Herr Rudolf!«
Jetzt drehte er sich um. Sie stand vor ihm, in ihrer Verlegenheit im ganzen Gesichte glühend.
»Ah, Sie, Fräulein! Ich glaubte, Sie seien fort.«
»Ich beabsichtigte es auch; aber ich kann doch unmöglich allein gehen.«
»Warum nicht?«
»Weil ich den Weg nicht weiß. Ich habe mich ja verirrt.«
»Ach so! Daran habe ich nicht gedacht.«
»Werden aber Sie mir den Weg beschreiben können? Sie als Italiener sind ja hier ebenso fremd wie ich.«
»Ebenso? Also sind auch Sie nicht von hier?«
»Nein.«
»Hm! Nun, so bitte ich, mir zu sagen, wohin Sie wollen.«
»Ich muß nach – –«
»Steinegg,« hatte sie sagen wollen. Aber bevor sie den Namen aussprach, fiel ihr ein, daß sie dadurch ihren Wohnort verrathen würde. Sie dachte daran, daß sie ja »Hohenwald«, sagen könne. Von dort aus führte die Straße nach Steinegg, und wenn sie dieselbe nicht verließ, so konnte sie sich nicht wieder verirren. Darum fuhr sie fort:
»Ich will hinab nach Hohenwald.«
»Haben Sie dort Verwandte?«
Das war ja keine Unwahrheit, denn sie hatte den Bruder dort. Rudolf bückte ihr forschend in das Gesicht, drohte ihr mit dem Zeigefinger und sagte:
»Fräulein, Fräulein! Ich fühle beinahe Lust, Ihnen nicht zu glauben.«
»Warum? Ich sage ja die Wahrheit. Ich will wirklich nach Hohenwald.«
»Und vorhin sagten Sie, Sie seien in Hohenwald gewesen, mit einer lieben, mütterlichen Freundin und hätten sich dann auf dem Rückwege verirrt.«
»Hätte ich das Wort Rückweg wirklich gebraucht? Das glaube ich nicht.«
»Aehnlich aber klang es.«
»So legen nur Sie meinen Worten diese falsche Bedeutung bei.«
»Mag sein. Wenn Sie hier hinabblicken, so sehen Sie Hohenwald da unten liegen. Sie haben also da rechts den Berg hinabzusteigen, immer unter Bäumen weg, und kommen dann auf die Straße, welche nach dem Orte führt. Wenn Sie links in dieselbe einbiegen, können Sie gar nicht fehlen. Nach rechts hin aber würden Sie nach Steinegg kommen.«
»Ich danke Ihnen! Aber ob ich die Straße auch wirklich finden werde?«
»Ganz gewiß, wenn Sie immer gradeaus gehen, den Berg hinab.«
Sie blickte so ziemlich rathlos vor sich hin.
»Ich habe dennoch Sorge. Wissen Sie, ich bin noch niemals allein im Walde gewesen. Ich kann die gerade Richtung nicht einhalten. Die vielen Bäume machen mich irr. Ich laufe ganz gewiß im Kreise herum, so daß ich früher oder später wohl gar erst bei Nacht, wieder hier ankomme. Ich habe so Angst.«
Er nickte bedächtig vor sich hin.
»Ja, da werde ich Sie bitten müssen, einige Zeit hier zu verziehen.«
»Ich soll warten? Warum?«
»Weil ich jetzt gehen werde, um Ihnen einen Führer zu senden. Bis dieser kommt, werden Sie also hier warten müssen.«
»So ganz allein!«
»Leider ist Niemand da.«
»Hier mitten im Walde!«
»O, das darf Sie nicht beängstigen. Sie befinden sich hier ja nicht in den Abruzzen oder im Bakonyerwald, wo es selbst heut noch Raubgesindel geben soll. Sie können inzwischen die Schönheit der Gegend genießen.«
Sie blickte verlegen in das Thal hinab und dann ihm in das Gesicht. Dasselbe war so ruhig und unbewegt, als ob er bei dieser Angelegenheit gar nicht mehr betheiligt sei.
»Aber bitte,« begann sie wieder, »Sie wollten doch wohl auch durch den Wald.«
»Ja, da hinüber!«
Er zeigte hinter sich.
»Und wo wollen Sie den Führer holen?«
»Natürlich unten in Hohenwald. Ich schicke Ihnen denselben herauf. Er kann Sie gar nicht verfehlen, denn dieser Felsen hier bietet einen ganz sichern Anhaltspunkt.«
Wieder schwieg sie eine Weile, blickte ihn verstohlen an und sagte endlich:
»Aber wenn Sie nach Hohenwald, hinab wollen, um dort den Führer zu holen, so könnte ich doch lieber gleich mit Ihnen gehen.«
Er that, als ob er über diese Worte sehr überrascht sei.
»Mit mir?« Sie scherzen!«
»O nein! Es ist mein Ernst.«
»Aber Sie sind ja soeben in einem solchen Zorne von mir gegangen, daß es ganz unmöglich ist, daß ich Sie begleite.«
Da lachte sie hell und melodisch auf.
»In einem solchen Zorne! O, das hat bei mir nichts zu bedeuten. Das war ja gar kein eigentlicher Zorn. Das war nur so ein Bischen Eigensinn. Und nun werden Sie wohl erkennen, daß ich keine solche weiche, gutherzige Milda bin, wie Sie vorher geglaubt haben.«
»Ja,« lächelte er, »man muß sich freilich sehr hüten, Sie in Harnisch zu bringen. Mir scheint doch, daß mit Ihnen nicht gut Kirschen essen sei!«
Das war ihr wieder nicht recht. Eine so falsche Ansicht sollte er denn doch nicht von ihr haben. Darum fiel sie schnell und eifrig ein:
»So schlimm, wie Sie es machen, ist es nun freilich nicht. Sie könnten es immerhin versuchen, eine Maaß Kirschen mit mir zu verspeisen. Wenigstens dürfen Sie mir zutrauen, daß Ihr Leben nicht in Gefahr kommt, falls Sie die Güte haben wollen, mich aus dieser Baumwildniß in geordnete Zustände zu bringen.«
»Wenn Sie das versichern, so will ich es einmal wagen.«
»Thun Sie das! Zu Ihrer Beruhigung will ich Ihnen mittheilen, daß Sie gar nicht ganz mit bis nach Hohenwald zu gehen brauchen. Es ist vollständig genügend, wenn Sie mich nach der Fahrstraße bringen. Dann finde ich mich schon selbst zurecht.«
»Wieder in die Wildniß hinein!«
»Nein, denn ich werde die Straße nicht abermals verlassen.«
»So werde ich mich Ihnen sehr gern zur Verfügung stellen.«
Er holte sein Ränzchen, welches noch in der Höhle lag, aus derselben und schnallte es sich auf den Rücken, ergriff den Stock und forderte sie durch eine Verbeugung auf, ihm zu folgen.
Als sie nun hinter ihm herschritt und Gelegenheit hatte, seine Bewegungen zu beobachten, konnte sie nicht umhin, zu bemerken, wie gewandt und elegant dieselben waren.
Erst führte der Weg noch eben dahin, bald aber senkte er sich steil hinab.
»Hier gilt es, vorsichtig zu sein,« warnte Rudolf. »Der Boden ist vom Regen naß und schlüpfrig. Wollen Sie mir nicht lieber Ihren Arm geben, Fräulein?«
»Ich danke,« wehrte sie ab.
Sie hatte das aber sehr bald zu bereuen, denn sie glitt aus, und wenn es ihr nicht gelungen wäre, noch rechtzeitig einen Baumstamm zu erfassen, so wäre sie gewiß gestürzt.
Rudolf fragte jetzt gar nicht. Er ergriff ihre Hand, zog ihren Arm in den seinen und führte sie nun sicher weiter. Er hätte den Fußweg benutzen können, auf welchem er vorhin herauf gekommen war, doch unterließ er dies absichtlich. Je unbequemer das Gehen war, desto mehr mußte das schöne Mädchen sich auf ihn verlassen, und es war ihm eine Seligkeit, zu fühlen, wie fest und nachhaltig sie sich auf seinen Arm stützte.
Aber das ging endlich doch zu Ende. Sie erreichten die Straße, und Rudolf erklärte abermals:
»Rechts nach Steinegg und links nach Hohenwald. Diese letztere Richtung müssen Sie also einschlagen.«
»Ich danke Ihnen. Und wie gehen nun Sie?«
»Ich kehre zur Höhe zurück, von welcher wir gekommen sind, und verfolge meine Richtung dann weiter.«
»Darf ich nicht wenigstens erfahren, welches Ihr nächstes Ziel ist?«
»Nein. Elsa von Brabant darf nicht erfahren, wohin ihr Lohengrin sich wendet.«
Sie standen vor einander, auf einsamer Waldstraße. Beide glaubten, daß dieses Scheiden wohl ein Abschied für das Leben sei. Milda blickte still zu Boden, und er ergriff mit seinem Blicke die liebliche Gesammtheit ihrer Gesichtszüge.
»Wenn Freunde aus einander gehn
So sagen sie: Auf Wiedersehn!
Das ist ein Dichterwort, welches auf uns wohl keine Anwendung findet, Fräulein Milda. Darum bitte ich Sie herzlich, mich noch einmal freundlich anzublicken. Ich möchte mir Ihre Züge gern für mein Leben lang einprägen und dieses freundliche Bild mit hinaus nehmen in die Zukunft, welche sich mir jedenfalls ernster gestaltet als Ihnen.«
Sie erhob ihr Auge zu ihm. Es strahlte ihm warm, aber nicht hell entgegen. Es glänzte feucht, wie unter einer tiefen, wehmüthigen Rührung.
»Auch ich werde sie nicht vergessen,« sagte sie. »Es war ein unerwartetes Treffen und schnelles Scheiden; aber es giebt Bilder, welche sich der Seele unaussprechlich einprägen, obgleich man sie nur einen Augenblick lang sah.«
»So ist das Ihrige!«
»Nehmen Sie meinen innigsten Dank für den großen Dienst, welchen Sie mir leisteten. Ich kann Ihnen denselben leider nicht vergelten, da Sie sich weigern, mir Ihren Namen zu sagen.«
»Daran sind nur allein Sie schuld. Der Dank aber gehört Ihnen. Ich nehme eine Erinnerung von hier mit fort, welche nur mit mir selbst aufhören und sterben wird. Leben Sie wohl!«
Sie hatte ihm ihre Hand entgegengestreckt. Er ergriff dieselbe. Sein Auge leuchtete so innig traurig auf sie nieder; seine Lippen bebten; sie bemerkte das.
»Gott behüte Sie!« flüsterte sie, zog ihre Hand aus der seinen und wendete sich ab.
Sie war bereits mehrere Schritte gegangen, langsam und zögernd.
»Melusine!« erklang es hinter ihr.
Sie blieb stehen und drehte sich um. Er kam auf sie zu. Sie abermals bei der Hand, bei allen beiden Händen fassend, sagte er:
»Wenn die Fee scheidet, so soll sie als Fee scheiden, beglückend, damit der Augenblick des Abschiedes seinen Glanz hinein in das spätere lichtlose Leben werfe. Darf ich?«
Er hatte sie an sich gezogen und bog den Kopf zu ihr hernieder.
»Was?« flüsterte sie erglühend.
»Den letzten Kuß in meinem Leben!«
Er schlang die Arme um sie und küßte sie, ohne daß sie sich dagegen sträubte. Sie befand sich wie in einem seligen Traume, aber der Traum weckte selbst sie auf.
»Genug, genug!« bat sie. »Und nun ade!«
»Ade, meine Fee, meine Sonne, ade!«
Sie ging fort, jetzt rascher als vorher, nach Hohenwald zu. Er blieb stehen und blickte ihr nach, bis sie verschwunden war.
»Soll ich ihr nach?« fragte er sich. »Soll ich forschen, wer sie ist? Nein! Sie will es nicht, und das ist Ehrensache für mich. Will Gott, daß ich sie wiedersehe, so wird er es schicken. Sein Wille mag geschehen.«
Er suchte den bereits erwähnten Fußpfad auf und stieg langsam, langsam wieder den Berg hinan. Wie schnell war es vorher gegangen, als er denselben Weg gefolgt war, um dem Gewitter zu entgehen. Und nun war es ihm zu Muthe, als ob er eine schwere, schwere Last zu tragen habe. Die Füße wollten gar nicht vorwärts gehen.
Wenn er geglaubt hatte, daß Milda wirklich nach Hohenwald gehen werde, so hatte er sich geirrt. Sie ging nur so weit, bis sie hinter einer Straßenkrümmung seinem Auge verschwunden war und trat dann unter die Bäume. Sie wollte sehen, ob er ihr folgen werde. Sie schlich sich im Schutze der Bäume zurück und bemerkte, daß er es ehrlich gemeint habe. Er entfernte sich in der von ihm angegebenen Richtung, und nun konnte sie umkehren, um nach Steinegg zu gehen.
Sie kam gar nicht weit, so wurde sie angerufen, und zwar von dem Wurzelsepp.
Dieser hatte, wie bereits erwähnt, von dem Bahnhofe zu Steinegg nach Hohenwald gewollt, doch war er unterwegs zu der Ueberzeugung gekommen, daß das Gewitter eher losbrechen werde, als er das Ziel erreichte. Darum hatte er sich nach der Waldhüterhütte gewendet und dort ein Unterkommen gefunden. Kurz vor Ausbruch des Gewitters war die Bürgermeisterin dort angekommen und hatte erzählt, daß Milda auf der Straße auf sie warte. Der Sepp war nun eiligst nach derselben gelaufen, um das Mädchen herbei zu holen, hatte aber vergeblich gesucht. Er hatte annehmen müssen, daß die junge Schloßherrin sich beeilt habe, nach Steinegg zu kommen, und kehrte also nach der Hütte zurück.
Dort wurde das Ende des Gewitters abgewartet und dann führte der Sepp mit dem alten Waldwärter die Bürgermeisterin nach der Straße und eine ziemliche Strecke weit auf derselben fort. Als sie dann zurückkehrten, hörten sie seitwärts Stimmen im Walde.
»Na,« meinte der Wärter, »wer jetzund hier im Walde ist, der hat halt das Gewittern mit durchmachen mußt und wird ausschaun wie eine badete Maus. Wollen also doch mal schaun, wer das sein wird.«
»Du, halt! Das ist ja doch wohl eine Frauenzimmernstimmen. Nicht?«
»Ja, das klingt grad so, so fein.«
»Und – sacra! Diese Stimmen kenn ich schon! Das ist dera Milda ihre Stimmen. Sie redet mit Einen. O Jerum! Die hat also noch im Wald steckt, bei dem Gewittern. Komm daher hinter die Bäumen. Wollen schaun, mit welcher Gesellschaften sie kommt.«
Sie versteckten sich, und einige Augenblicke später trat Milda mit Rudolf auf die Straße hervor.
»Du, kennst Den?« flüsterte der Wärter.
»Ja,« antwortete der Sepp. »Es ist dera Frau Sandauen in Eichenfeld droben ihr Sohn, ein sehr braver Kerlen.«
»Aberst die Beiden sind halt gar nicht naß.«
»Eben! Wie kommt denn das? Sie haben irgendwo steckt, wo dera Regen nicht hinkommt hat, vielleichten – –«
»Pst! Halts Maul jetzunder! Ich glaub halt gar, die nehmen sich noch beim Schopfi und Kopfi!«
»Wohl nicht!«
»O geh! Die Gesichterln schaun ganz so aus! Und – da siehsts! Jetzunder hat er sie bereits bei denen Händen!«
»Ja, aberst sie geht fort! Schau!«
»Und er, bleibt stehen. Wie barmherzig er ihr nachblickt. Horch! Er will halt gar eine Apfelsinen von ihr haben!«
»Dummkopf! Melusine hat er sagt. Hast von dera noch nix hört? Das ist eine schöne Frauen gewiß, welche halb Fisch und halb Madame gewest ist, und nachhero – Donnerwettern!«
»Na, da hasts!«
»Jetzt habens sich geschmatzt!«
»O Jerum! Wenn das Unsereinem auch mal so passiren thät!«
»Du hättst wohl auch das richtige Geschicken daderzu! Schau, jetzt gehens von einander!«
»Ja, er den Berg hinauf und sie nach rechts. Aberst sie thut nur so. Sie kommt sichern wieder retour, und da will ich mich sehen lassen. Mach Dich also fort in Deine Hütten. Du wirst nicht mehr braucht.«
»Ja, wann dera Gaul seine Arbeiten than hat, so erhält er die Peitsch auf den Leib. Jetzt willst wohl die Baronessen heimiführen?«
»Vielleichten.«
»Und ihr auch ein Busserl geben?«
»Halt den Schnabeln, sonst geb ich Dir was drauf! Uebrigens, wannsts einem einzigen Menschen sagst, daßt sie hier sehen hast mit dem Rudolf Sandauen, so hau ich Dir eine Ohrwatschen herab, daß die Fetzen fliegen sollen wie die Dachschindeln. Das muß ein sehr großes Geheimnissen bleiben. Verstehst?«
»Ja. Schweig nur Du selberst auch. Und nun leb wohl, Sepp! Wannst wiedern mal zu mir kommst, so bring mir für einen Pfennigen Stecknadeln mit.«
»Wozu willst denn diese haben?«
»Bei meinen Ledernhosen hier ist die Nath aufigangen; die muß ich zustecken.«
»Mit Stecknadeln?«
»Ja freilich.«
»Das mußt doch eigentlich zuflicken!«
»Fallt mir nicht eini! Eine Nähnadeln mit dem Zwirnen kostet drei Pfennigen. Für einen Pfennigen aber bekomm ich gar fünf Stecknadeln, mit denen kann ich die größte Nath zustecken. Und wann die Luft ein Wengerl durchgeht, so ist das nur gesund. Die Haut kann gar nicht Luft genug bekommen. Also vergiß es nicht, und leb nun wohl?«
Der alte Mann, bei welchem vor zwanzig Jahren Max Walther von seiner Mutter zurückgelassen worden war, entfernte sich, und der Sepp wartete, bis Milda kam. Er ließ sie vorüber gehen und trat dann unter den Bäumen hervor.
»Verteuxeli!« rief er. »Das ist ja die Fräulein Baronessen. Wo kommens denn jetzunder her? Von Hohenwalden?«
Sie hatte sich zu ihm umgedreht.
»Nein. Ich hatte mich verlaufen.«
»Bei dem Wetter? So habens das Gewittern wohl gar im Wald derlebt?«
»Ja.«
»Und sind doch gar nicht naß worden!«
»Ich traf einen Herrn, welcher mich unter den Schutz eines Felsens brachte, eben als der Blitz in einen Baum schlug, unter welchem ich eine Sekunde vorher gestanden hatte.«
»Verteuxeli! Wer wird sich unter einen Baumen stellen, wann dera Blitz hineinschlagen will!«
»Wo kommst Du jetzt her?«
»Vom Waldwärter, der seine Hütten da drinnen hat.«
»Jetzt eben?«
»Ja.«
»So hast Du Dich vor ungefähr fünf Minuten noch nicht hier befunden?«
Sie war in Sorge, daß er sie mit Rudolf belauscht habe.
»Vor fünf Minuten? Da war ich hinter denen Bäumen.«
Er deute nach dem tiefen Wald zurück. Seine Worte enthielten freilich keine Lüge, da er wirklich hinter den Bäumen gesteckt hatte.
»Und wo willst Du jetzt hin?«
»Allüberall! Mir ists, halt ganz gleich, wohin meine Beine mich tragen. Einen Bissen Brod und ein Lager find ich überall.«
»So kannst Du mir einen großen Gefallen thun. Willst Du?«
»Gern. Für Sie lauf ich durch zehn eisernen Thüren, wanns Jemand aufischlossen hat.«
»Der Herr, welcher mich beschützt hat, wollte mir nicht sagen, wer er sei. Er ist ein Italiener und hier zur Höhe hinauf. Getraust Du Dich, ihn zu finden?«
»Wann er nicht davonflogen ist, werd ich ihn wohl gut einholen.«
»So folge ihm schleunigst nach, und bringe mir Nachricht, was Du von oder auch über ihn erfahren hast!«
»Das ist nicht so gar sehr leicht. Weiß er denn etwa, wer die Fräulein Baronessen gewest sind?«
»Nein. Wir haben uns Beide in das tiefste Geheimnissen gehüllt.«
»Und dera Sepp soll Euch nun wiedern aus dem Geheimnissen herausiwickeln?«
»Mich nicht. Er darf auf keinen Fall erfahren, wer ich bin. Also schnell, damit er keinen zu großen Vorsprung erhält.«
»Dann mach ich die größern Nachsprungen und hol ihn dennerst noch ein. Grüß Gott, Fräulein!«
Er schwenkte den Hut und bog in den Weg ein, um Rudolf zu folgen.
»Das ist nun eine feine Sachen!« kicherte er vor sich hin. »Er kennt sie nicht, und sie ihn nicht. Dera Sepp kennt aberst alle Beiden. Nun wird er von ihm nach ihr und von ihr nach ihm ausgefragt werden, und Keins soll aberst wissen, wer dera Andere ist. Sepp, Sepp, wannt nicht einen gar so guten Kopf auf dem Hals hättst, so wär er schon längst entzwei gangen. Denn was die Menschheiten Alles von dem Sepp verlangt, daß ist halt gar nimmer nicht ausizusagen.«
Jetzt nun aber griff er aus. Seine Schritte waren langsam aber weit und ausgiebig, wie diejenigen eines erfahrenen Bergsteigers. Trotz seines Alters kam er schneller vorwärts, als Rudolf, welcher es erst so eilig gehabt hatte, zu seiner Mutter zu kommen, nun aber nur langsam lies, um das erlebte Abenteuer zu überdenken.
Als der Alte den Jüngling erreichte, that er natürlich so, als ob er über diese Begegnung ganz überrascht sei.
»Hollah da vorn!« rief er. »Lauf halt ein Wengerl langsam, daßt mich auch mitnehmen kannst, wannst aufi gehst!«
Rudolf wandte sich um und erkannte ihn.
»Sepp, Wurzelsepp!« antwortete er, sichtlich über diese Begegnung erfreut. »Woher, altes Haus?«
»Von da unten.«
Er deutete nach rückwärts.
»Und wohin?«
»Hinaufi.«
Er deutete vorwärts.
»Etwa nach Eichenfeld?«
»Ja. Wo sollt ich sonsten hinwollen? Dieser Weg führt ja nach keinem andern Ort.«
»So gehen wir mit einander.«
»Ist mir lieb. Zu Zweien kommt man halt viel schneller vorwärts, als wenn man ganz allein gehen muß. Das Gespräch vertreibt die Zeit und macht die Beine behender.«
»Hast Recht. Bist kürzlich wohl schon einmal oben gewesen?«
»Seit langer Zeit nicht wieder.«
»So kannst Du mir wohl auch keine Nachricht über meine Mutter geben?«
»Nein. Hab halt nix über sie vernommen.«
»Ich auch seit ewiger Zeit nicht. Ich war in Italien.«
»Das hab ich wohl wußt. Hast den großen Preis gewonnen und konntest dafür nach dem Italien gehen, um noch mehr zu lernen.«
»Mutter hat mir zwar wiederholt geschrieben. Aber ich befinde mich seit vier Wochen auf der Heimreise und habe ihr keinen Ort angeben können, an welchem mich ein Brief von ihr treffen könnte. Darum hat sie mir nicht schreiben können. Ich befinde mich in Sorge um sie.«
»Sorge? Die brauchst um die gute Frau Sandau nicht zu haben. Die befindet sich gewiß wohlauf.«
»Will es hoffen.«
»Also bist Du seit langer Zeit gar nicht wieder in dieser Gegend gewesen?«
»Nein. Aberst seit einigen Tagen war ich drunten in Hohenwald.«
»Wirklich? Ah, das freut mich sehr,« sagte der junge Mann schnell.
»So, das gefreut Dich. Warum?«
»Weil Du mir da vielleicht eine Auskunft ertheilen kannst.«
»Dazu bin ich schon gern bereit, wann es mir möglich ist.«
»Du kennst doch alle Bewohner des Ortes?«
»Natürlich. Wen sollt dera Sepp nicht kennen.«
»Ist vielleicht bei irgend wem jetzt ein fremder Besuch?«
»Ja. Beim Müllerhelm.«
»Wer ist da?«
»Ein fremder Doctor und nachhero noch ein Andrer, der kommen ist, um denen Combyx zu suchen.«
»Haben diese beiden Herren Familie?«
»Der Eine ist ledig; der Andere hat vielleicht eine Frauen und auch Kindern.«
»Hat er sie mit?«
»Nein; er ist ganz solo da.«
»Solo? Höre, Du drückst Dich doch recht gelehrt aus!«
»Na, warum denn nicht? Unsereiner kann auch mal was lernen.«
»Aber die Auskunft, welche Du mir ertheilst, genügt mir nicht. Ich suche nämlich – – –«
»Na, was denn?«
»Eine – – Person.«
»Eine Personen kannst sehr bald finden. Greif nur zu! Ich bin doch auch eine.«
»Ich meine eine weibliche.«
»Damit hats erst recht keine Noth. Wann wir noch eine Viertelstund so fort laufen, werden wir wohl einer begegnen.«
»Ich spreche von einer ganz bestimmten Person, von einer Dame.«
»Sapperment! Von einer Dame! Und da soll dera Sepp Rath schaffen?«
»Ja, denn Du bist der Allerweltsvetter, welcher einen Jeden kennt.«
»Aber von einer Damen weiß ich nix.«
»Vielleicht macht der Ausdruck ›Dame‹ Dich irr. Ich meine nämlich ein junges Mädchen, welches in Hohenwald bei irgend Jemandem auf Besuch sein muß.«
»Da irrst Dich. In Hohenwald giebts jetzunder keinen solchen Besuch.«
»Besinne Dich!«
»Ich brauch mich nicht zu besinnen, denn ich weiß es auch ohne das genau. Wannst vielleicht denen Namen kennen thätst.
»Sie heißt Milda.«
»Und weiter?«
»Den Familiennamen hat sie mir leider nicht sagen wollen.«
»Da ist dera Gaul freilich nur von vorn beschlagen, wenn die hinteren Eisen fehlen.«
»Vielleicht kannst Du die Dame doch noch ausfindig machen. Sie muß Dir doch begegnet sein. Wo kommst Du her?«
»Von Steinegg.«
»Dann freilich nicht, denn sie ist nach Hohenwald.«
»Ich komm vielleichten schon heut wiedern da hinab. Kannst mir nix von ihr herzählen. Nachhero weiß ich vielleicht, wie ich es anfangen muß, um sie zu derwischen.«
»Ja, Du sollst erfahren, was ich von ihr weiß.«
Er erzählte ihm nun im Vorwärtsschreiten sein heut erlebtes Abenteuer, natürlich nur so weit, wie er es für nöthig hielt.
»Hm!« brummte der Sepp, als Rudolf geendet hatte. »Am Besten wirds halt sein, wannt nicht weiter an sie denkst.«
»Warum meinst Du das?«
»Mir scheints, als ob sie den Teuxel im Leib haben thät. Das muß ein fixirtes Frauenzimmern sein. Sagt Dir nicht mal ihre Heimath und denen Namen, obgleich Du ihr das Leben gerettet hast. Ich möcht nix von ihr wissen.«
»Du irrst Dich. Die Dame besitzt ein ganz ausgezeichnetes Herz.«
»Und wohl auch ein hübsches Gesichterl?«
»Sie ist allerdings sehr schön.«
»Da hat man es! Wann so ein Dirndl die Nase abwärts hat und das Maul quer drunter, nachhero ist sie gleich schöni und hat auch ein gutes Herz. Zu meiner Zeit, damals, als ich noch jung war und ein sakrischer Bub, da ists doch ganz anderst gewest. Da haben wir viel mehr Ansprüchen macht. Wann da Eine hat für schöni gelten wollen, so hats Backen haben mußt wie die Fliegenpilzen, Zähnen wie die Perlen, Lippen wie die Leberwürsten, Augen wie ein Spitzbub, und tanzen häts können mußt wie eine Spindel am Rad. Jetzunder aberst ist das Alles ganz anderst worden. Jetzt ist halt eine Jede sogleich ein Bild von Schönheit, wanns nur nicht bucklig ist und nicht lahm oder taub. Geh nur weg! Ihr könnt mir gestohlen werden mit sammt Euren Dirndln. Warum hab ich nicht heirathet? Warum bin ich ledig blieben, he?«
»Nun, weshalb?«
»Weils selbst dazumalen Keine geben hat, die hübsch genug gewest ist für denen Wurzelsepp. Und jetzunder ists nun gar gefehlt.«
»Ja,« lachte Rudolf, »jetzt möchtest Du nun wohl heirathen, bekommst aber Keine.«
»Ich? Keine bekommen? Mehr als Du! Laß Dir erst den Schnurrbarten wachsen, bevor Du so was sagst! Bist noch kaum aus dem Ei und willst so gesetzte Leutln, wie ich eins bin, zum Narren machen. Das sieht Eine und ist auch sofort verliebt in sie. Scham Dich doch für einige Groschen! Wie alt ists denn wohl gewest, dieses Dirndl?«
»Achtzehn.«
»Nun, das ist noch nicht zu alt. Da kanns halt wohl warten, bis Du's wieder funden hast.«
»Das soll wohl nicht sehr lange währen. Ich verlasse mich da ganz auf Dich.«
»So! Ja, was die gelehrten Herren nicht selberst fertig bringen können, das soll dera Sepp machen. Was aber hat er davon?«
»Du sollst Dich nicht umsonst bemühen.«
»Schau, das klingt nicht übel. Was giebst mir wohl, wann ich das Dirndl find?«
»Wie viel verlangst Du?«
»Giebst zwanzig Mark?«
Da blieb Rudolf stehen, schüttelte den Kopf und antwortete:
»Sepp, Du weißt, daß ich nicht so viel übrig habe.«
»So giebst zehn.«
»Die könnte ich vielleicht zusammenbringen. Aber wie ich Dich kenne, machst es mir auch einstweilen umsonst. Später kann ich Dir dankbar sein. Du hast mir bereits größere Gefallen gethan, als der ist, um welchen ich Dich jetzt bitte.«
»Meinst? Na, das soll eine Reden sein. Ja, ich kenn Dich bereits, seit Du mit dera Muttern von dem Amerika herüberkommen bist. Du warst stets ein braves Buberl und wirst auch ein braver Mann werden. Aber laß Dich warnen, Rudolferl, laß Dich warnen!«
»Wovor?«
»Vor denen Teufeln, die aus den Augen eines hübschen Dirndls schauen. Wann man zu denen hineinblickt, dann ist die Teufelei sofort fertig. Ein verliebter Bursch ist nur ein halber Bursch. Und grad Du mußt nüchtern sein, denn Du brauchst den ganzen Kopf, um zu werden, wast werden willst.«
»Verliebt? Das bin ich nun freilich nicht.«
»So? Was sonst?«
»Ich interessire mich für die Dame.«
»Ach? Und bist nicht verliebt? Höre mal, wann man sich einmal verinteressirt, nachhero ists mit dera Liebe auch gleich da. Ich hab mich auch mal für Eine verinteressirt, und da zahlt mein altes Herz noch heutigen Tags die Interessen, obgleich es das Kapital doch gar nicht bekommen hat. Ich will Dir den Gefallen erweisen und nach dem Dirndl forschen; aber wann ichs nicht find, so mußt halt thun, als obsts gar nie gesehen hättst. Das sind so kleine Abenteuern, die ein Jeder mal derlebt. Deshalb aberst darf man nicht sogleich bis unters Dach hinaufi in Brand gerathen. Verzähl mir jetzunder lieber, wie es Dir drin in dem Italien ergangen ist.«
»Nach Verhältnissen gut. Ich habe tüchtig studirt und gearbeitet und auch Bekanntschaften geschlossen, welche mir später von Vortheil sein können, und – – aber, da fällt mir bei dem Worte Bekanntschaft eine Begegnung ein, welche ich heut in Steinegg hatte. Ich vermuthe, daß Du auch dort bekannt bist?«
»So wie hier.«
»Dennoch aber werde ich mich vergeblich an Dich wenden, denn der betreffende Herr schien fremd in Steinegg zu sein.«
Er erzählte sein Zusammentreffen mit dem Baron von Alberg. Der Sepp sagte zunächst gar nichts dazu. Er schritt in Gedanken neben dem jungen Manne her. Endlich erkundigte er sich:
»Er hat also Deinen Namen sagt?«
»Meinen Vor- und Zunamen.«
»Und auch nach dem Vatern fragt und von diesem Verschiedenes wußt? Hm! Hast Dir denen Mann genau anschaut?«
»Ja.«
»Giebts nix, woran man ihn vielleichten erkennen könnt?«
»O doch. Während er mich fragte, schob er den Hut zurück. Da erblickte ich eine Narbe auf seiner linken Stirn.«
»So! War er allein?«
»Zwei Herren und eine Dame waren bei ihm. Ich frug nach ihm, konnte aber keine Auskunft erhalten.«
»Und sodann hat er Dich fragt, obtst von Adel bist oder bürgerlich. Er muß doch einen Grund habt haben.«
»Jedenfalls. Aber adelig sind wir nicht.«
»Auch niemals gewest?«
»Nein.«
»So weiß ich nicht, was dera fremde Herr schwatzt hat. Aber wir werdens schon noch derfahren.«
»Das bezweifle ich sehr.«
»Ich nicht. Weißt, wann ich derfahr, wer das Dirndl ist, mit der Du vorhin sprochen hast, so werd ich wohl auch ausfindig machen können, wer dera Herr gewest ist. Vielleichten hab ich bereits gar eine Ahnungen davon.«
»Wirklich? Kennst Du ihn?«
»Gesehen hab ich ihn; aberst weitern kann ich gar nix sagen. Er wohnt nicht in Steinegg, doch werd ich schon die Auskunften finden, welche Du von mir verlangen thust. Und jetzt nun schau, da ist dera Wald zu End, und dort liegt Eichenfeld. Nun wirst Deine Muttern sogleich zu sehen bekommen.«
Das Städtchen war nicht groß, aber es lag recht nett und sauber auf der Höhe, überragt von einem Felsen, welcher in gewaltigen Stufen zur Höhe stieg, umgeben von Wald und fruchttragenden Feldern.
Einen befremdenden Eindruck machte die Kirche. Der Thurm war in Folge eines zündenden Blitzes in Feuer aufgegangen und bis zur Hälfte niedergebrannt. Das Feuer datirte nicht aus neuster Zeit, dennoch war der Thurm aus gewissen Gründen noch nicht wieder aufgebaut worden.
Als die Beiden sich der Stadt näherten, begegneten ihnen Leute, welche den Jüngling mit respektvoller Freundlichkeit grüßten, aber doch etwas eigenartig Scheues gegen ihn zeigten.
Noch hatten sie die ersten Häuser nicht erreicht, so kam ihnen eine vierschrötige Gestalt entgegen, ein Landwirth, welcher nach seinen Aeckern sehen wollte. Als er sie erblickte, blieb er stehen und nahm die Meerschaumpfeife aus dem Munde.
»Was!« sagte er. »Ists wahr? Da kommt dera Sandauer Rudolfen?«
»Ja,« antwortete Rudolf, »ich bin es. Oder kennen Sie mich nicht mehr, Nachbar?«
»O, ich kenn den Herrn Studenten schon; aberst ein Wundern ists, daßt er seinen Nachbarn noch kennen thut.«
»Warum sollte ich das nicht?« fragte der junge Mann erstaunt.
»Weils halt von dera Heimathen gar nix mehr wissen wollt haben.«
»Wer sagt das denn?«
»Keiner hats sagt, aber Alle wissens. Warum antwortens denn nicht, wenn man Ihnen so viele und dringliche Briefen schreibt?«
»Von solchen Briefen weiß ich gar nichts.«
»Ja, weils dieselbigen gar nicht angenommen haben. Sie sind halt alle mitnander wieder retur hier ankommen, und indessen liegt die arme Muttern daheim und – – –«
»Meine Mutter?« unterbrach ihn Rudolf.
»Was ist mit ihr?«
»Na, wissens das nicht?«
»Nein, kein Wort. Schnell, schnell! Was ist mit ihr? Was fehlt ihr?«
»Ja, wanns das wirklich noch nicht wissen, so muß ichs halt schon derzählen.«
Er zog ein Streichholz heraus, strich es an der Hose an und steckte sich die ausgegangene Pfeife wieder in Brand. Dann begann er:
»Also das war – – ja, meiner Seel, am Samstag sinds bereits vier Wochen gewest, und ich hat grad meine neuen Stiefeln vom Schustern bekommen. Also am Samstag vor vier Wochen so um die Mittagsstund war ich im Hof und hat grad die Sauen füttert – – –«
»Bitte, bitte, machen Sie etwas schneller, Herr Nachbar!« drängte Rudolf.
»Nur Zeit, nur Zeit, junger Mann! Wann man die Sauen füttert, darf man sich nicht übereilen, denn sonst würgens das Futter schnell hinunter und legen keinen Speck und Fetten an. Gut Ding will Weile haben. Also am Samstagen vor vier Wochen – ich weiß noch ganz genau, daß ich am Morgen den alten Kirschbaum im Garten umsägt hatt, weil er nicht mehr tragen wollt, und dera Schreiner hat mir elf Mark für den Stamm zahlt, elf Mark, gleich so, wie er im Garten lag, nämlich nicht der Schreiner, sondern der Stamm. Nachhero war es so um die Mittagszeit, und meine Frauen hat grad die Suppen angerichtet gehabt, da ist dera Briefträgern kommen und hat mir einen Brief bracht von meinem Schwagern Binzens droben in Reinsbergen, und da – – –«
»Um Gotteswillen,« fiel Rudolf ein. »Spannen Sie mich doch nicht auf die Folter! Was ist denn eigentlich geschehen?«
»Was? Ich werd Sie auf die Foltern spannen? Fallt mir gar nicht eini! Und was geschehen ist, das werdens sogleich derfahren, denn bevor ich noch meinen Brief aufmacht hab, hat dera Briefträgern mir sagt, daß er dera Frau Sandauen auch einen bracht hat, und die hat ihn aufschnitten und sich beim Lesen so still auf den Stuhl setzt, als obs todt gewest wäre, und –«
»Herrgott! Nachbar, schnell, schnell! Ist meine Mutter krank?«
»Krank? So wartens nur ruhig ab, bis ich es richtig verzählt haben werd. Also, sie hat sich so still auf denen Stuhl – – –«
»Halt! Nicht weiter! rief Rudolf, indem er den Mann beim Arme faßte. »Jetzt sagen Sie mir vor allen Dingen, ob meine Mutter krank ist!«
»Krank? Na, natürlich ist sie krank!«
»Was fehlt ihr?«
»Das sollens sogleich hören, denn als sie sich so auf denen Stuhl niedersetzt hat, so – – –«
»Was ihr fehlt, will ich wissen!« schrie ihn Rudolf an.
»Herjesses! Nehmens sich nur eine Zeit! Dera Schlag hat sie troffen.«
»Mein Gott, mein Gott! Lebt sie denn noch?«
»Na, starben ists noch nicht, und – – –«
»Gott sei Dank! Ich muß fort. Sepp, komm nach. Ich habe keine Zeit.«
Er sprang von dannen.
»Na,« brummte der Mann, indem er sich den Tabak fest stopfte, »nun hat er auf einmal keine Zeit, und vorher hat er sich gar nicht um sie kümmert!«
»Er hat ja gar nix davon wußt!« entschuldigte der Sepp seinen jungen Freund.
»Es ist ihm aberst doch schrieben worden!«
»Er hat die Briefe gar nicht erhalten.«
»So? Warum denn nicht?«
»Weil er auf dera Reisen unterwegs gewest ist.«
»So hätt er sollen daheim bleiben!«
»Ists denn schlimm?«
»Schlimm ists. Nämlich sie hat sich auf den Stuhl setzt und gar nix sagt. Dera Briefträgern ist gangen und hat mir meinen Briefen bracht. Kaum aber ist er hinaus gewest, so ist der Knecht hereini kommen und hat sagt, daß der Schlag die Frau Sandau troffen hat. Sie hat nicht reden konnt und auch nicht sich bewegen.«
»Du, mein guter Gott! Warum denn?«
»Vor Schreck.«
»Diese gute, brave, liebe Frauen! Worüber ist sie denn so verschrocken?«
»Weil sie kein Geld mehr empfängt. Dera Bankier, von dem sie alle Vierteljahren ihr Geld erhalten hat, der hat einen großen Bankerotten macht, und nun erhält sie all ihr Lebtag keinen einzigen Heller mehr.«
»Also darüber, darüber ist sie so verschrocken. Und nicht sprechen hats konnt und auch nicht sich bewegen?«
»In dera ersten Zeit. Nachhero aber ists besser worden. Jetzunder kanns bereits wieder langsam reden und auch die beiden Arme bewegen. Kein Mensch ist bei ihr gewest, und so sind halt die Nachbarn zusammentreten und haben sie gewartet und pflegt, wie sichs gehört. Vielleichten wirds wiedern so gesund wie vorher; aberst mit dem Studium ists nun aus bei ihrem Buben.«
»Weil das Geld nun fehlt?«
»Jawohl. Sie hat jetzund auf ein Vierteljahren für ihn zahlen sollt, aberst doch nix empfangen. Sie hat für sich keinen Pfennig mehr, für ihn nun aberst gar nix. Sie hat von ihren Sachen was verkaufen wollt, aberst das haben wir Nachbarn nicht zugeben. Jetzt nun ist dera Student angekommen, und nun mag er halt für sie sorgen. Wer weiß, ob die Frau im Leben wieder einen Pfennig verdienen kann. Sie hat denen Mäderls das Stricken und Nähen lehrt. Davon und von dera kleinen Pension hats lebt. Beides ist nun vorbei, und so mag nun der Bub sehen, was er anfangt, um nun durch die Welt zu kommen. Wir Nachbarn werden zwar unsera Händen auch nicht abziehen von dera Frauen, welche unsern Kindern Gutes lehrt hat; aberst ihn studiren lassen, bis er fertig ist, das können wir doch nicht.«
»So wird sich ein Anderer finden, ders thut,« sagte der Sepp.
»Ein Andrer? Den möcht ich sehen!«
»Wirst ihn schon bald sehen. Paß nur aufi!«
Er eilte fort, in die erste Straße des säubern Städtchens hinein und dann nach einer Seitengasse, wo das Häuschen lag, in welcher Frau Sandau zur Miethe wohnte.
Sie war vor langen Jahren hierher gekommen, aus Amerika, wie die Leute wußten. Von dort bezog sie als Pension die Zinsen eines kleinen Kapitales, welches dort für sie angelegt worden war, und beschäftigte sich zu ihrem weiteren Fortkommen damit, daß sie den jungen Schulmädchen Unterricht in den weiblichen Handarbeiten ertheilte. Mit dem Ertrage dieses Unterrichtes und jener Pension hatte sie es fertig gebracht, ihrem Sohne die polytechnische Schule zu München besuchen zu lassen. Er war ein hochbegabter und fleißiger Schüler, hatte bedeutende Fortschritte gemacht und sich sogar durch eine Preisarbeit die Mittel errungen, in Italien seine Studien fortsetzen zu können.
Frau Sandau war ein stilles, sehr anspruchsloses Wesen. Man merkte ihr wohl an, daß sie in früheren Zeiten ganz andere Ansprüche an das Leben gemacht hatte, doch zeigte sie in ihrer gegenwärtigen Lage ein immer heiteres Zufriedensein. Welche Opfer, Anstrengungen und Entbehrungen sie sich auferlegte, um ihrem Sohne eine Zukunft zu bieten, das wußte freilich nur sie allein.
Sie wohnte eine Treppe hoch, in einem Stübchen, an welches die Schlafstube stieß. In der Letzteren lag sie jetzt. Sepp war sehr oft bei ihr gewesen. Er verkehrte ja vorzugsweise gern mit Leuten, welche mit den Sorgen und Nöthen des Lebens zu kämpfen hatten. Zu ihnen kam er stets als tröstender Berather und war bei ihnen wohlgelitten und willkommen. Diese Frau Sandau hatte er ganz besonders in sein Herz geschlossen, und darum hatte ihn jetzt die Kunde von dem Unglücke, welches ihr zugestoßen war, doppelt tief getroffen.
Er stieg leise und langsam die Treppe hinan und öffnete die Thür. Das Stübchen glänzte trotz seiner alten, einfachen Möbels vor Reinlichkeit. Es befand sich Niemand in demselben. Aber aus dem Nebenzimmer, dessen Thür geöffnet war, ertönten Stimmen. Sepp trat hinzu.
Frau Sandau lag im Bett, bleich und abgezehrt, aber leuchtenden Angesichtes, da sie nun den heiß ersehnten Sohn endlich wieder bei sich hatte. Sie erblickte den alten Freund zuerst.
»Der Wurzelsepp, da ist er,« sagte sie mit langsamer, ein Wenig lallender aber deutlich verständlicher Stimme.
»Ja, da bin ich,« antwortete er, an das Bett tretend, an welchem Rudolf kniete, die eine Hand der Mutter in der seinigen haltend. »Wann ich wußt hätt, daß Sie krank sind, so wär ich allbereits schon längst mal kommen. Ich habs aberst soeben erst derfahren.«
»Rudolf sagte es mir. Setzen Sie sich, lieber Freund. Es freut mich, daß Sie kommen. Ich stehe im Begriffe, meinem Sohne eine Mittheilung zu machen, von welcher ich haben möchte, daß Sie dieselbige auch hören. Sie sind ein zwar einfacher aber sehr erfahrener Mann und können ihm rathend zur Seite stehen, wenn ich ihm nicht mehr zu rathen vermag.«
»Mutter!« bat Rudolf mit schmerzlichem Tone.
»Wanns ihm nimmer rathen können?« meinte auch der Sepp. »Na, wills Gott, so lebens halt noch lange Jahren. Hat sich die Sprach wiederfunden, so werdens auch bald wiederum laufen und hantieren lernen. Nur frohen Muth müssens haben. Das ist die Hauptsachen.«
»Ich hoffe zwar auch, daß sich meine Krankheit zum Bessern wenden werde, aber der Schlag pflegt sich gern zu wiederholen; das kommt ganz plötzlich und unerwartet, und darum möchte ich mein Haus bestellen.«
»Wollens etwan gar ein Testamenten machen?« versuchte der Sepp, zu scherzen.
»Nein, ein Testament im gewöhnlichen Sinne nicht. Ich besitze kein Vermögen. Ich bin leider jetzt ärmer noch als vorher. Ich kann meinem Sohne nichts hinterlassen als meinen Segen, die wenigen armen Gegenstände, welche ich besitze, und einen Namen, welchen er – – von einem Flecken zu reinigen hat.«
»Ich? Unsern Namen?« fragte Rudolf erschrocken.
»Ja. Ich habe bisher geschwiegen. Ich wollte keinen bittern Tropfen in den so schon leeren Kelch Deiner Jugendfreuden fallen lassen. Jetzt aber, wo mich möglicher Weise der Tod an jedem Augenblick ereilen kann, muß ich endlich sprechen.«
»Nein, Mutter, schweige! Hast Du eine Erinnerung, welche Dich aufregt, so schweige jetzt noch darüber, bis Du Dich mehr erholt hast. Jetzt aber ist es Dir gefährlich.«
»Ich habe diese Gefahr mit meiner Pflicht ganz genau abgewogen und dabei gefunden, daß es besser sei, wenn ich Dir meine Mittheilungen mache. Du brauchst überdies nicht zu befürchten, daß ich mich übermäßig aufrege. Der Gegenstand, über welchen ich mit Dir zu sprechen habe, ist mir niemals aus dem Sinne gekommen, und ich bin also genugsam mit ihm vertraut. Auch werde ich Dir keine ausführlichen Mittheilungen machen, sondern Dir nur so viel sagen, wie nöthig ist, damit Du im Falle meines Todes die Documente und Aufzeichnungen, welche Du dann finden wirst, zu gebrauchen verstehst. Setze Dir einen Stuhl zu mir, und höre mich an!«
»Aber, meine beste Mutter! Warum das denn grad so im ersten Augenblicke meiner Ankunft!«
»Ich habe diese Ankunft so heiß ersehnt und erwartet, daß ich nun, da sie erfolgt ist, keinen Augenblick länger warten möchte. Rede mir also nicht darein, sondern thue mir meinen Willen!«
Er zog sich einen Stuhl in ihre unmittelbare Nähe und wartete, daß sie beginnen werde. Sein Auge war mit angstvoller Besorgniß auf sie gerichtet, nicht wegen der Mittheilungen, die er erwartete, sondern aus Angst, daß dieselben ihr schaden möchten. Er liebte seine Mutter aus vollster Seele. Sie war ihm sein Alles gewesen, und es hatte kein anderes Wesen gegeben, welchem er irgend einen Dank schuldete.
Sie blickte sinnend vor sich hin. Endlich, wie nach einer gewissen Ueberwindung, begann sie:
»Ich habe Dich um Deine Verzeihung zu bitten, mein lieber Rudolf, daß ich Dir eine nicht ganz unwichtige Mittheilung bisher vorenthalten habe. Du wirst aber später meine Gründe begreifen und zu würdigen wissen. Du heißest nämlich nicht Sandau, sondern Rudolf ›von‹ Sandau. Du bist adelig.«
Er fuhr vom Stuhle empor.
»Mutter, ists wahr?«
»Ja.«
»Ah! Der Herr heut auf dem Bahnhofe!«
»Was meinest Du?«
»Ich wurde gefragt, ob ich adelig sei.«
»Das wäre ja wunderbar! Von wem?«
»Von einem fremden Herrn, welcher keine Zeit fand oder überhaupt nicht die Absicht hatte, mir seinen Namen zu nennen.«
»Hast Du nicht nach ihm gefragt?«
»Es konnte mir Niemand Auskunft ertheilen.«
»Bitte, erzähle es mir.«
Er berichtete ihr das Vorkommniß, so wie er es bereits dem Sepp erzählt hatte, und beschrieb auch die Person des Barons möglichst genau. Der Wurzelhändler verhielt sich schweigsam dazu.
Seine Mutter hörte ihm aufmerksam zu und versank, als er geendet hatte, in tiefes Nachsinnen. Dann sagte sie:
»Ich weiß nicht, wer dieser Mann gewesen sein mag. Ich habe keine Ahnung. Aber ein Bekannter Deines Vaters muß er gewesen sein. Du siehst dem Letzteren außerordentlich ähnlich, und dieser Fremde ist, als er Dich erblickte, so lebhaft an ihn erinnert worden, daß er seinen Namen ausgerufen hatte, welcher übrigens auch der Deinige ist, denn Dein Vater hieß ebenso wie Du Rudolf!«
»Ich werde nach diesem Manne forschen.«
»Thue das, mein Sohn. Freilich glaube ich nicht, daß Du ihn finden wirst.«
»Der Sepp will mir helfen.«
»So? Dann wäre es vielleicht möglich.«
In diesen Worten sprach sich so einfach und doch so deutlich das Vertrauen aus, welches der Alte besaß. Man war es eben von ihm gewohnt, daß er Rath und Hilfe wußte, wenn kein Anderer zu rathen und zu helfen vermochte.
»Ja,« nickte er. »Ich werd denen Kerlen schon finden. Aberst jetzunder sprechen wir nicht von ihm. Lassens sich nicht stören.«
»Sie haben Recht. Ich habe Wichtigeres zu sagen. Ich muß nämlich hinzufügen, lieber Rudolf, daß auch ich von Adel war, als Dein Vater mich kennen lernte. Mein Mädchenname war Emilie ›von‹ Sandingen.«
»Aber warum hast Du mir das niemals gesagt, Mutter?«
»Du solltest einestheils Dich auf Deine eigene Kraft verlassen und nicht auf das kleine Wörtchen, welches, wenn es vor einem Namen steht, den Menschen träge und doch anspruchsvoll zu machen pflegt. Und sodann hätte ich Dir sagen müssen, warum ich dieses Wörtchen abgelegt habe, und das wollte ich mir und Dir ersparen.«
Sie schwieg für einige Augenblicke, um ihrem angegriffenen Denkvermögen Ruhe zu gönnen, und fuhr dann fort:
»Also nicht einen ausführlichen Bericht will ich Dir geben, sondern ich beabsichtige nur eine kurze Mittheilung, damit Du später begreifst, was Du erfahren wirst. Ich war eltern- und vermögenslos und wurde mit einer nahen Verwandten, welche auch eine Sendingen war, von einer reichen Tante erzogen. Ich lernte Deinen Vater kennen und lieben. Die Tante billigte diese Liebe, bis ganz plötzlich eine Aenderung in dieser Gesinnung eintrat. Sie verbot mir den Verkehr mit Deinem Vater und bedrohte mich im Falle des Ungehorsams mit Enterbung. Was hättest Du an meiner Stelle gethan?«
»Auf das Erbe verzichtet.«
»Ich that es. Ich verließ die Tante und wurde die Gattin, die glückliche Gattin Deines Vaters. Leider aber währte dieses Glück nur kurze Zeit. Eines Tages – Gott, welch ein schrecklicher Tag – kehrte Dein Vater nicht vom Spaziergange zurück, und an seiner Stelle kam die Nachricht, daß er – arretirt worden sei, arretirt eines gemeinen, schimpflichen Verbrechens wegen.«
»Himmeldonnerwettern!« rief der Sepp.
»Ists möglich!« fuhr Rudolf auf. »Mein Vater ein gemeiner Verbrecher!«
»Sei ruhig, mein Sohn! Auch ich erzähle in Ruhe. Ich darf mich nicht aufregen. Ich darf jene qualvollen, entsetzlichen Tage nicht schildern. Ich war dem Wahnsinne nahe und von aller Welt verlassen. Der Schein war gegen Deinen Vater. Man brachte sogar Beweise, obgleich er betheuerte, nicht das Geringste zu wissen – er wurde verurtheilt. Er hat mir später gesagt, daß er den Tod vorgezogen hätte, aber aus Rücksicht auf mich sein Leben geschont habe.«
»Glaubtest Du an seine Unschuld, Mutter?«
»So fest wie an meine eigene. Und noch heut schwöre ich tausend Eide, daß er das Opfer einer schandbaren Intrigue geworden ist.«
»Ach, wenn wir dieselbe aufdecken könnten!«
»Das ist mein letzter, großer Wunsch auf Erden. Dein armer, unschuldiger Vater überstand eine lange, schwere Gefängnißstrafe. Nach seiner Entlassung wollte kein Mensch etwas von ihm wissen. Leute, welche sich früher seine besten Freunde genannt hatten, spuckten nun vor ihm aus; selbst aus seiner Familie wurde er gestoßen.«
»Schrecklich!«
»Unsere damalige Lage ist gar nicht zu beschreiben. Du warst während der Gefangenschaft des Vaters geboren worden, und da wir von Jedermann verstoßen wurden, so war es uns fast unmöglich, nur das trockene Brod zu erwerben. Wie oft habe ich damals an den Tod gedacht, wie oft! Da, in der größten Noth, wurden uns baare tausend Thaler zugesandt, mit dem Rathe, nach Amerika zu gehen. Die Sendung war mit den Worten, ›ein verborgener Freund‹ unterschrieben, aber Dein Vater kannte ebensowenig wie ich die Handschrift. Wir folgten dem Rathe. Er erschien uns als der Beste, welcher uns gegeben werden konnte.«
»Drüben wurde der Vater Kaufmann?«
»Nein. Ich habe Dir dies bisher so gesagt, um nicht gezwungen zu sein, Dir weitere Mittheilungen zu machen. Er trat in ein Privatdedectivechorps, ein Beruf, für welchen er nach Talent und Ausbildung ganz ausgezeichnet paßte. Aber bereits nach einem Jahre wurde er ein Opfer dieses Berufes. Im Begriff, einen höchst gefährlichen Verbrecher zu ergreifen, wurde er von demselben niedergeschossen.«
»Arme, arme Mutter!«
»Wohl war ich eine arme, arme Frau. Von den tausend Thalern war nichts mehr vorhanden, und nun war ich auf meiner Hände Arbeit angewiesen. Wohl war ich noch jung, und in Amerika ist es besonders für eine Deutsche nicht schwer, sich zu verehelichen; aber ich konnte nur einmal lieben, und mein Leben sollte von nun an nur Dir, meinem Kinde gewidmet sein. Ich wies alle Anträge, welche mir gemacht wurden, zurück und ernährte mich schlecht und recht durch Aufträge, welche ich von der Besitzerin eines Stickereigeschäftes erhielt. Dort, in dem Laden, lernte ich ganz zufälliger Weise eine Dame kennen, die Frau eines reichen Kaufmannes, in dessen Geschäft jener Einbruch verübt worden war, dessen Urheber Deinen Vater erschossen hatte. Diese Dame empfand Sympathie für mich und stellte mich ihrem Manne vor, welcher mir darauf ein kleines Kapitälchen aussetzte, dessen Zinsen ich bis an meinen Tod genießen sollte.«
»Wie viel war das, liebe Mutter? Sage es mir heut aufrichtig?«
»Warum das?«
»Weil ich heut nun klar sehen möchte. Du bist mir diese Offenheit schuldig.«
»Nun wohl; es waren tausend Dollars zu vier Prozent.«
»Mein Gott! Das sind jährlich zweihundert Mark, welche Du erhieltest. Und davon hast Du die Ausgaben bestritten, welche ich verursachte!«
»Ich verdiente ja nebenbei noch Manches!«
»Aber wieviel! Wie hast Du es angefangen, um ausreichen zu können!«
ES war ein entsagungsvolles und doch frohbefriedigtes Lächeln, welches um ihr bleiches Gesicht spielte und es verklärte.
»Nun ja,« sagte sie, »es ist sehr oft recht schmal zugegangen, und ich hätte zuweilen noch ein Wenig mehr gegessen, wenn ich mehr gehabt hätte. Aber das fühlt und merkt man gar nicht, wenn es wegen eines guten Kindes geschieht.«
»Also gehungert, heimlich gehungert sogar!« rief er erschrocken aus. »Und ich habe das nicht gewußt, habe Ausgaben gemacht, welche nicht unbedingt nöthig waren, habe sogar zuweilen Bier getrunken und eine Cigarre geraucht! Mutter, Mutter, warum hast Du has gethan! Warum bist Du nicht eher aufrichtig gewesen! Ich hätte ein Handwerk gelernt und wäre bereits seit einigen Jahren im Stande gewesen, Dich von meinem Gesellenlohn zu unterstützen!«
Ihr Auge ruhte mit leuchtendem Blicke auf ihm.
»Du, ein Handwerker! Ein Sandau ein Schuhmacher oder Schneider! Lieber wäre ich gestorben!«
»Sag lieber verhungert!«
»O, so schlimm ist es nie gewesen. Es hat immer gute Leute gegeben, welche mir Etwas zufließen ließen, worauf ich nicht gerechnet hatte. Laß mich lieber fortfahren. Da ich die Erlaubniß hatte, die Pension auch im Auslande zu verzehren, zog ich es vor, nach der Heimath zurückzukehren. Ich fühlte die Pflicht, Alles, Alles zu versuchen, um die Unschuld meines verstorbenen Mannes zu beweisen – ich habe vergebens gehofft, es thun zu können. Ich wurde überall abgewiesen, von seinen Verwandten und von den meinigen. Jene Cousine, mit welcher ich bei der Tante erzogen worden war, hatte sich inzwischen verheirathet und war gestorben, wie ich erfuhr. Man antwortete mir nicht einmal auf die Erkundigungen, welche ich einziehen wollte. Ich zog hierher, nach dem kleinen Gebirgsstädtchen. Hier konnte ich hoffen, trotz meiner armseligen Mittel leben zu können. Ich wollte Dich zu einem tüchtigen Manne erziehen, und dann solltest Du es in die Hand nehmen, das Andenken Deines Vaters von jenem Makel zu befreien.«
»Das werde ich, das werde ich sicher!«
»Gott gebe es! Die Anstrengungen und Entbehrungen überstiegen nach und nach doch meine Kräfte. Ich fühlte mich schwach und matt werden. Da kam der Brief aus Hamburg, welcher mir statt des erwarteten Geldes die Nachricht brachte, daß ich nichts mehr bekommen werde. Es war bereits ein jeder Pfennig angerechnet gewesen. Ich erschrak so, daß ich in Ohnmacht fiel. Als ich erwachte, konnte ich nicht sprechen und hatte auch die Fähigkeit der Bewegung verloren.«
»Und ich war nicht da!« schluchzte Rudolf.
»Du fehltest mir, aber die Nachbarn haben mich nicht verlassen. Ich ließ einige Briefe an Dich richten. Sie kamen mit dem Bemerken zurück, daß der Adressat nicht mehr aufzufinden sei. Ich errieth, daß Du zu mir unterwegs seist.«
»Ich Thor schrieb Dir nichts von meiner Absicht, denn ich wollte Dich überraschen. Und nun bin ich da, aber – – –«
Er hielt inne und zog unwillkürlich das Portemonnaie aus der Tasche. Seine Mutter blickte mit trübem Lächeln zu ihm herüber und sagte:
»Beunruhige Dich jetzt nicht so sehr! Gott wird helfen.«
»Ja, Gott hilft gewiß; aber wir Menschen dürfen nicht von ihm Hilfe erwarten, indem wir die Hände in den Schooß legen. Mit dem Fortbesuche der Bauakademie ist es nun aus – – –«
»Mein Himmel! Daß dies so kommen muß!« seufzte sie auf.
»Beruhige Dich, Mutter! Ich verzichte nicht für immer. Geld hast Du natürlich nicht mehr?«
»Leider nein.«
»Und mein ganzes Vermögen besteht noch aus nur wenigen Mark. Mein Aufenthalt in Italien hat Alles aufgezehrt, und ich thörichter Mann glaubte, bei Dir neue Mittel zu finden. Aber das soll mich nicht bedrücken. Giebt es hier vielleicht einen Bau?«
»An der Obergasse wird ein neues Haus gebaut.«
»Das trifft sich gut. Ich werde gleich nachher hingehen und um Arbeit bitten. Ich erhalte ganz gewiß welche, und wenn ich den Handlanger machen sollte!«
»Rudolf!« rief sie erschrocken.
»Andre Arbeit bekomme ich hier nicht, liebe Mutter. Von einer Verwendung meiner Kenntnisse und geistigen Fähigkeiten kann hier keine Rede sein. Aber es ist doch für den Anfang ein Verdienst, und wenn Du so lange Jahre im Stillen für mich gehungert hast, so werde ich nun wohl auch einmal für Dich arbeiten können. Eine Schande ist das nicht.«
»Und ich gebe es nicht zu!«
»Was willst Du dagegen thun?« lächelte er.
»Es muß doch andere Beschäftigung für Dich geben, Rudolf!«
»Augenblicklich nicht. Und wir brauchen doch sofort Brot. Nein, liebe Mutter, glaube nicht, daß Du mich in meinem Entschlusse wankend machen kannst. Ich trage Ziegeln und Kalk für die Maurer!«
»Himmelsakra! Da hat dera Sepp doch wohl auch ein Wort mit drein zu reden!« ließ sich jetzt der Alte vernehmen.
»Du?« fragte Rudolf. »Mein guter Sepp, gieb Dir keine Mühe! Sie würde vergeblich sein.«
»Oho! Wann sich dera Wurzelsepp mal eine Mühen giebt, nachhero ist sie halt nicht vergeblich. Aberst hier braucht er sich gar keine zu geben. Die Sach ist so einfach und leicht wie das Wasserntrinken.«
»Da irrst Du Dich.«
»Meinst? Nun, da gefreut es mich gar sehr, daß ich Dir beweisen kann, daß ich Recht hab. Du wirst wissen, daß ich allüberall herum komm und auch an allen Orten Bekannte hab, alte und junge, gute und böse, arme und reiche. Da giebts wohl gar Manchen, der dem alten Sepp einen Auftrag ertheilt, den er einem Andern nicht anvertrauen will, und der Alte ists, ders auch nach Kräften und Gewissen fertig macht. Nun schau, so einen Auftrag hab ich auch an Euch.«
»So? Was wäre das für einer?«
»Da giebts halt einen reichen Mann, der hat mal einen Fehlern begangen, so ganz im Stillen, und darum will er ihn auch im Stillen wiedern gut machen. Er hat mir eine kleine Summen geben und den Auftrag dazu, mich nach Jemand umzusehen, der das Geldl brauchen kann und auch werth ist, es zu bekommen. Ich habe mich lange Zeit vergebens nach einem Solchen umgeschaut: jetzt aberst ist er gefunden. Du bists, Rudolf.«
Der junge Mann stand langsam von seinem Stuhle auf und trat erstaunt näher.
»Sepp, das klingt ja sonderbar!«
»Aberst es ist ganz wahr.«
»Du sollst das Geld verschenken?«
»Ja.«
»Also ein Almosen!«
»Halts Maulen! Dera Mann, von dem ichs hab, giebt keinem Bettlern und Lumpazi einen Pfennig. Er hat mir sagt, daß es eine – eine – eine – – verteuxeli, wie heißt doch nur gleich das Worten!«
»Unterstützung?«
»Nein.«
»Ists ein Fremdwort?«
»Ja, und ein langes zwar. Vorn klingts wie Stiefel und hinten wie dumm.«
»Ah, ein Stipendium wohl?«
»Ja, so ists, ein Stipendilum. Also so ein Stipendilum solls sein für einen braven Burschen, der es würdig ist. Nun, bists etwan nicht?«
»Das vermag ich nicht zu entscheiden.«
»So entscheide ich es. Du bekommsts.«
»Aber von einem Unbekannten kann ich doch kein Geld annehmen.«
»Sapperloten! Bin ich ein Unbekannter?«
»Es ist ja nicht von Dir.«
»Was gehts Dich an!«
»Hm! Wenn es ein Darlehn wäre, ja, dann könnte man sich eher beruhigen.«
»Na, so beruhige Dich, und halts Maulen! Wanntsts als Darlehn annehmen willst, so ists mir auch recht. Kannst mirs ja spätern, wannsts übrig hast, wiedergeben. Ich komm indessen aller drei Tagen und hol mir die Zinsen und Prozerenten.«
»Das würde auf den Termin nicht viel ergeben. Vermuthlich ists nur ein geringer Betrag.«
»Ja, eine Millionen ists freilich nicht.«
»Wie viel also?«
»Fünfhundert Markeln um den Sohn zu schaffen und fünfundvierzig Markeln für denen alten Parkaufsehern.«
»Was meinst Du da? Ich verstehe Dich nicht.«
»Das ist auch nicht nochwendig. Wann ich türkisch sprech, so red ichs für mich, aberst nicht für Dich. Also willsts odern nicht?«
Mutter und Sohn blickten sich fragend an.
»Sepp, Sie treiben keinen Scherz?« fragte sie.
»Soll mich dera Herrgott behüten!«
»Und das Geld ist wirklich von einem unbekannten Wohlthäter?«
»Von einem Mann, ders gut geben kann und der Euch noch dankbar ist, wann Ihrs von ihm nehmt. Ich thäts Euch gar nicht anbieten, wann ichs nicht mit meinem Gewissen ausmachen könnt.«
Die Mutterliebe, die Sorge für den Sohn siegte.
»Rudolf, Hilfe in der Noth. Das reicht ja lange, lange hin, und inzwischen kannst Du bessere Beschäftigung finden, vielleicht sogar Deine Studien fortsetzen.«
»Das Letztere nicht, liebe Mutter. Dazu ist es doch zu wenig. Aber dieses Geld würde mir eine willkommene Brücke über die jetzige Kalamität bieten. Du meinst also, daß ich es annehmen soll?«
»Verträgt es sich mit Deiner Ehre?«
»Ja, denn ich nehme es nur als Darlehn an.«
»Gott sei Dank!« seufzte sie wie von einem schweren Alp befreit. »Nimm es! Und Sie, mein lieber Sepp, sind wirklich stets und immer ein Helfer in der Noth. Sie haben schon viel, viel mehr Sorgen gelindert als mancher Millionär. Wir danken Ihnen von ganzem Herzen!«
»Bitt schön, bitt gar schöni! An mir ist gar nix weitern als ein alter Wurzelkramer. Was ich thu, das thu ich halt im Auftrag von andera Leut, und da verdien ich keine Ehr und auch keinen Ruhm. Also soll ich das Geldl nun hierhier auf die Bettzudecken zählen?«
»Ja, bitte,« antwortete Rudolf. »Ich werde Dir dann den Schuldschein in giltiger Form ausstellen. Ich zahle fünf Prozent.«
»Du, machs halt nicht gar zu dick! Dera Herr, von welchem das Geldl ist, nimmt blos nur drei Prozenten. Und wannt etwan nicht zufrieden bist damit, so steck ichs wiedern ein und lauf Dir davon. Willst, drei?«
»Ja.«
»Schön! Nun werd ich das feuernfeste Geldschrank aufimachen. Schau her, mein Bub!«
Er zog seinen alten Lederbeutel heraus, machte ihn auf und nahm mehrere kleine Papierpacketchen heraus, welche er eins nach dem andern öffnete, um die Goldstücke auf das Bett zu legen. Er hatte die Zwanzigmarkstücke, welche ihm der Baron von Alberg hatte geben müssen, in kleine Stücke Zeitungspapier eingeschlagen. Er zählte sie in jener bedächtig sichern Weise vor, welche Leuten eigen ist, welche nicht oft mit größeren Beträgen zu thun haben, und meinte dann, als die glänzenden Füchse in Reih und Glied neben einander lagen:
»So! Hast auch nachzählt? Fünfhundertfünfundvierzig Markln. Stimmts?«
»Ja.«
»So stecks eini, und giebs nicht gleich wiedern ausi!«
»Hab keine Sorge, Sepp. Mit diesem Gelde wird sehr sparsam umgegangen werden. Hier aber vor allen Dingen nimm meine Hand. Ich weiß nicht, in welcher Weise ich Dir danken soll.«
»Soll ich Dirs sagen?«
»Ja, bitte!«
»Behalt da Deine brave Muttern lieb und sorg dafür, daß sie nicht mehr zu hungern braucht und daß sie ihre Freuden an Dir derlebt!«
»Das soll ein Wort sein! Nichts verspreche ich Dir so gern als das, Sepp. Hier hast Du meine Hand darauf.«
Sie schüttelten sich herzlich die Hände und die kranke Frau weinte vor Freude laut.
»Nun werde ich den Schuldschein aufsetzen,« sagte Rudolf. »Papier habe ich in meinem Ränzchen mitgebracht.«
»Weißt, das brauchst nicht gleich heut zu machen. Ich komm schon mal wiedern; da kann ich mir das Papiererl mitnehmen.«
»Nein. In solchen Sachen muß die peinlichste Ordnung sein. Hier das Geld und da die Quittung.«
»Na, wannst mal so willst, so verquitterirs meintwegen. Ich kann warten.«
Der junge Mann ging in die Stube, um das Document zu schreiben, und der Sepp blieb indessen bei der Kranken, welche in ihren mageren Händen die Goldstücke funkeln ließ. Man sah es ihr an, wie glücklich sie sich fühlte und daß der Besuch des Sohnes und des Alten, sowie der Besitz des Geldes die beste Medicin für ihr Leiden sei.
Sepp suchte die Zeitungspapiere zusammen, in denen das Geld eingeschlagen gewesen war. Er hatte das in Steinegg bei der Bürgermeisterin verpackt, bevor er zu Bett gegangen war. Sein Blick fiel auf einige fett gedruckte Zeilen. Das Papier war dem Steinegger Localblatte entnommen. Sepp hatte sich nicht darum gekümmert, was darauf stand. Jetzt aber traf sein Blick die in die Augen fallenden Buchstaben. Er pflegte sich gewöhnlich so zu stellen, als ob er nicht lesen könne, aber er verstand das Lesen doch sehr gut. Sein Blick leuchtete auf und um seinen dichten, grauen Schnurrbart zuckte ein sehr vergnügtes Lächeln.
Eben trat Rudolf herein und zeigte ihm das fertig gestellte Document vor.
»Lies mal selberst,« sagte der Alte. »Oder weißt Du halt nicht, daß ich nicht lesen kann?«
Rudolf las es vor und fragte dann, ob Sepp damit zufrieden sei.
»Jawohl,« antwortete der Gefragte. »Freilich ists richtig. Mein Name steht da als derjenige, von dem Du das Geldl hast; das stimmt. Aberst das Documenterl werd ich Dem geben, von dem das Geldl herstammt.«
»Dürfen wir denn nicht seinen Namen erfahren?«
»Ja, wannst ihn wissen willst, so kann ich ihn Dir schon sagen.«
»Ach schön! Also wer ist es?«
»Der Herr Corumbus, ders Amerika derfunden hat. Er hat die Markstuckerln drüben liegen sehen und mit herüber bracht. So, nun weißts ganz genau.«
»Schlingel!«
»Ja, so muß man halt antworten, wenn man so fragt wird. Aber wann ich Dir eine so sehr schöne Auskünften ertheil, so kannst mir nun auch einen Gefallen erweisen.«
»Wenn ich kann, so soll es sehr gern geschehen.«
»Das wirst schon können, denn Du bist ja ein studirter Mann von der Akamedia. Hast doch das Lesen gelernt?«
»Freilich.«
»Nun, da auf dem Zettel, worinnen das Geldl steckt hat, steht ein Name, den ich nicht heraufi bringen kann. Heißt das nicht Steinegg?«
»Ja,« antwortete Rudolf, nachdem er einen Blick auf den Zettel geworfen hatte.
»So! Was ist denn da von dem Steinegg zu lesen? Sei doch so gut und lies es mir mal vor.«
Nun erst nahm Rudolf den Zettel in die Hand und betrachtete sich die Annonce genauer. Sein Gesicht belebte sich.
»Woher hast Du dieses Stück Papier?« fragte er.
»Aus dem Steinegger Anzeiger hab ichs gerissen.«
»War es der neue?«
»Dera gestrige.«
»Ah, das hat großes Interesse für mich!«
»So lies es also doch endlich vor!«
»Ja, gleich! Hört!
›
Als Rathgeber und Dirigent bei der vollständigen Neueinrichtung der Räume des hiesigen Schlosses wird ein Herr gesucht, welcher umfassende Kenntnisse der einschlagenden Producte des Kunstgewerbes besitzt. Sollte der Betreffende Architect sein, so könnten ihm auch einige projectirte Bauarbeiten übertragen werden.
Restectanten wollen sich baldigst bei der gegenwärtigen Besitzerin des Schlosses melden.‹«
»Himmelsakra!« rief der Sepp. »Jetzunder möcht ich auf dera polytechnischen Schulen gewest sein. Da thät ich mich gleich melden!«
»Um abgewiesen zu werden!« meinte Rudolf.
»Ich? Im ganzen Leben nicht. Ich hab grad auf dem Schloß gar große Connexionen.«
»Wen denn?«
»Die Herrin selberst.«
»Wirklich? Wie bist Du denn mit dieser Dame bekannt geworden?«
»Dadurch, daß ich ihr einen Gefallen derwiesen hab, wies einen größeren gar nicht geben kann. Wann ich Einen wüßt, der sich da melden wollt, und er wär ein Bekannter von mir, so thät ich ihn empfehlen und sofort würd er angenommen, er und kein Anderer, das ist gewiß.«
Er sagte dies im Tone so fester Ueberzeugung, daß Rudolf sofort begeistert rief:
»Nun, hier steht ja Einer! Herrgott, wenn ich da engagirt werden könnte! Das wäre ja nicht nur Hilfe in der Noth, sondern sogar ein Glück, wie ich es kaum zu hoffen wagen kann. Ich bin zwar noch jung, aber die Schloßherrin sollte gewiß mit mir zufrieden sein.«
Der Sepp that, als ob er ganz erstaunt sei, schlug dann die Hände schallend zusammen und lachte fröhlich:
»Du, ah, Du! Da red ich von einem Dingsda und dera Dingsda steht schon im Dingsda vor dem Dingsda! An Dich hab ich doch gar nicht dacht! Ja, Du bist der Richtige! Dich thät ich sogleich empfehlen und Dich thät die Baronessen ganz gewiß sogleich verengageriren. Willst, Rudolf, sag, willst?«
Da wurde das Gesicht des jungen Mannes ernster.
»Ich bin zu sanguinisch gewesen,« sagte er. »Ich muß mich prüfen und kenne auch die Verhältnisse in Steinegg nicht. Ueberdies werden sich bereits genug Reflectanten gemeldet haben. Wer ist denn eigentlich diese Schloßherrin?«
Der alte, kluge, ehrliche Sepp zog ein undefinirbares, verschlagenes Gesicht und antwortete:
»Hast vielleicht schon mal den Namen Alberg hört?«
»Nein, nie.«
»Und Deine Muttern wohl auch nicht?«
Die Kranke antwortete ebenso verneinend wie ihr Sohn. Sie hatte keine Ahnung davon, daß dieser Name mit ihrem traurigen Schicksale in so naher Beziehung stand. Der Sepp aber wußte nun, daß er die erbetene Auskunft ertheilen könne, und so gab er sie:
»Die Schloßherrin ist halt eine Baronessen von Alberg, weißt, so eine lange, hagere, alte Jungfern, die keinen Mann bekommen hat und auch keinen bekommen wird. Nun, da sie keine Familie besitzt, hat sie nix zu thun und giebt sich aus langer Weilen mit Dingen ab, die eigentlich nur der Baumeistern und Künstlern machen soll.«
»So! Also eine alte Jungfer. Hat sie denn auch die Eigenthümlichkeiten, durch welche solche ältere, ledig gebliebene Damen sich auszeichnen?«
»Nun, eine Grillige und Zanksüchtige ist sie freilich nicht. Es läßt sich halt ganz gut mit ihr verkommen, und wannst zu ihr gehst, so wirst bald schaun, daß sie besser ist, als sie aussieht.«
»So ist sie wohl recht häßlich?«
»Freilich. Sie hat ein lahmes Bein und auch ein hübsches Kröpferl am Hals, eine Warzen auf dera Nasen und ein Wenig schielen thut sie auch. Sonst aberst ist sie ganz hübsch im Gesicht. Und was das Gemüth betrifft, so kann ich Dir sagen, daß sie ein sehr gutes besitzt.«
»Hm! Du meinst also, daß ich es einmal versuchen soll?«
»Ja, das mein' ich gern. Weißt, ich werd Dich bei ihr anmelden.«
Rudolf ließ seinen Blick langsam über den Alten gleiten, lächelte ein Wenig und fragte:
»Denkst Du, daß mir dies von Nutzen sein werde?«
»Ich denke es. Du schaust mich freilich an, wie Einen, dessen Empfehlung nur schaden kann; aberst da hast Dich gewaltig geirrt. Wann ich auch keinen Frack anhabe und keine Glaçeehandschuhen, aberst es giebt doch Leuten, bei denen mein Wort was gilt. Also entscheide Dich! Willst Dich mit melden?«
Rudolf blickte seine Mutter fragend an. Sie nickte ihm zu und sagte in aufmunterndem Tone:
»Schaden kann es Dir auf keinen Fall. Ist bereits Jemand engagirt oder traut sie Dir nicht die nöthigen Kenntnisse zu, nun, so ist das bei Deiner Jugend ja keine Schande für Dich. Du kannst Dir dann wenigstens sagen, daß Du nicht versäumt hast, Deine Pflicht zu thun.«
»Du hast Recht, liebe Mutter. Ich werde also nach Steinegg gehen, und zwar morgen schon. Weißt Du, Sepp, zu welcher Zeit die Dame zu sprechen ist?«
»Für mich zu jeder Zeit. Und wann ich ihr sag, daßt kommen willst, so wirst auch Du nicht sehr lange bei ihr antischamberiren müssen.«
»Antischamberiren? Höre, Sepp, Du ergehst Dich da doch in recht vornehmen Ausdrücken!«
»Wunderst Dich wohl drüber? Ja, dera Sepp hat auch seine Meriten. Er kommt mit vornehmen Leutln auch zusammen und weiß dererlei Sache den richtigen Namen zu ertheilen. Also, ich will Dir sagen, daß ich noch nicht genau weiß, wann ich mit ihr reden werd, ob heut noch oder erst morgen am Vormittag. Aberst wann ich morgen bis zum Mittag nicht wiedern bei Dir west bin, so ist das ein Zeichen von mir, daßt kommen sollst. Dann machst Dich also auf die Beinen und gehst hinab nach Steinegg. Brauchst nur dem Diener zu sagen, daßt zu ihr willst, nachhero wird er Dich in ihre Stuben führen. Jetzund aberst muß ich schaun, daß ich weiter komme.«
»Hast Du heut noch so nothwendig?«
»Wills meinen! Es giebt halt gar keinen Tag, an welchem dera Sepp nicht nothwendig hätt. Wo dera Sepp fehlt, da geht Alles schief, und wann er kommt, so ist er immer Derjenige, auf welchen man wartet hat.«
Er erhob sich vom Stuhle und griff nach seinen sieben Sachen.
»Also die Schuldverschreibung hast Du,« meinte Rudolf. »Heb sie gut auf und verlier sie nicht.«
»Werd sie schon sicher verwahren. Ich muß sie ja doch dem Herrn geben, von welchem das Geldl kommen ist. Also lebt jetzunder wohl und behüt Euch Gott!«
Er gab Beiden die Hand und ging.
»Ein eigenthümlicher, wunderbarer Mann,« sagte die Mutter. »Es ist wirklich so, wie er sagt. Wohin er kommt, da bringt er Sonnenschein. Es ist wirklich, als ob es seine Lebensaufgabe sei, seinen Nebenmenschen die ihnen auferlegte Last zu erleichtern. Wer mag wohl der reiche Herr sein, welcher ihm dieses Geld anvertraut hat?«
»Errathen läßt sich das nicht. Jedenfalls kommt die Zeit, in welcher wir es erfahren.«
Der Sepp aber sagte, als er das Städtchen hinter sich hatte, lachend zu sich selbst:
»Jetzund werdens neugierig sein, von wem ich das Geldl bekommen hab. Ein reicher Mann ists freilich, und ein Baronen dazu. Aberst dera Zweck, zu dem ichs erhalten hab, ist freilich ein ganz anderer. Was der Rudolfen für ein ehrliches und sorgfältiges Gemüth besitzt! Einen Schein mußt ich nehmen! Was soll der mir nützen? Hab ich etwan das Geldl verborgt? Nein, sondern ich habs ihm schenkt, und so werd ich gleich Alles verquittiren.«
Er zog das Papier aus der Tasche, zerriß es in viele kleine Stücke und streute dieselben in alle Windrichtungen aus. Dann setzte er seinen Weg wieder fort.
Es war derselbe, den er gekommen war. Als er unten auf der Straße anlangte, welche rechts nach Steinegg und links nach Hohenwald führte, blieb er sinnend stehen.
»Was thu ich? Wo geh ich hin? Nach Steinegg zu dera Baronessen, um den Rudolfen anzumelden, oder nach Hohenwald zum Herrn Lehrern? Das Letztere wird notwendiger sein, denn dera Lehrern wird bald unter das Wehr gehen wollen, um das Versteck wieder zu besuchen. Und da muß dera Sepp mit dabei sein. Also schwenk ich nach links. Morgen in der Früh ists auch noch Zeit, mit dera Milda zu reden.«
Und indem er langsam nach dem Dorfe schlenderte, lachte er vergnügt vor sich hin:
»Die Milda eine alte Jungfern! Wann er wüßt, daß er die Baronessen allbereits küßt hat! Na, die werden sich anschauen, wann er morgen zu ihr kommt! Ich möcht da das Mäusle sein, welches heimlich Alles mit anhören kann.«
Als er an das Gut des Eschenbauers kam, in welchem der Lehrer wohnte, begegnete er diesem Letzteren an der Treppe. Walther war im Begriff, fort zu gehen.
»Sepp, Du?« sagte er. »Hast Du vielleicht etwas Wichtiges?«
»Nein. Ich wollt nur fragen, wann wir wieder unters Wehr kriechen werden.«
»Vielleicht bereits heut Abend. Aergerlich ists, daß wir den Schlüssel zum Schrank nicht haben. Wir sind also gezwungen, den Letzteren aufzusprengen.«
»Hm! Vielleicht ist dera Schlüssel zu erhalten. Dera Silberbauern hat ihn doch wohl in dera Taschen habt, als er in das Rad fallen ist. Vielleicht steckt er noch jetzund drin. Soll ich mal nachschauen?«
»Wie willst Du das anfangen?«
»Die Sach ist nimmer so schwer, wie sie ausschaut. Ich geh halt in die Stuben, in der dera Silberbauern liegt. Da wird wohl auch das Kleidstück hangen, was er anhabt hat, und da schau ich in die Taschen.«
»Das sieht man doch!«
»O nein, denn ich thus nur dann, wann Niemand zugegen ist.«
»Nun, so versuch es einmal. Ich muß jetzt zu der Balzerbäuerin. Der Arzt, welcher beim König ist, hat nach mir geschickt. Ich soll zugegen sein, wenn der Feuerbalzer operirt wird.«.
»Sapperment! Wann wird das sein?«
»Jetzt. Der Doctor aus der Stadt ist dabei und auch ein Herr vom Gericht.«
»Wann ich doch auch mit dabei sein könnt!«
»Ich glaube, daß es Dich interessirt. Wir wollen es versuchen. Du kannst ja auch später zum Silberbauer gehen. Hoffentlich haben die Herren nichts dagegen, daß Du mit anwesend bist.«
So schloß der Sepp sich also dem Lehrer an. Als sie an die frühere Flachsdörre kamen, waren die genannten drei Herren eben auch erst eingetroffen.
Die alte Balzerbäuerin, welche natürlich vorher benachrichtigt worden war, hatte dafür gesorgt, daß ihr Sohn sich zu Hause befand. Ebenso war sie besorgt gewesen, ihrer Stube ein einigermaßen leidliches Aussehen zu geben. Die Fenster waren gewaschen und geputzt, so daß das Tageslicht voll hereindringen konnte, und aller Schmutz hatte für heute einer mühsam hergestellten Reinlichkeit weichen müssen.
Als die Beiden eintraten, fragte der Gerichtsassessor, welcher den Wurzelsepp nicht kannte, was dieser hier wolle.
»Er heißt Joseph Brendel,« antwortete der Lehrer, »wird gewöhnlich Wurzelsepp genannt und weiß so viel von dem Feuerbalzer und dem Silberbauer, daß er gern dabei sein möchte, wenn der Erstere den Gebrauch der Sinne und der Sprache wieder erlangt. Es steht zu erwarten, daß er dann im Stande sein werde, sehr wichtige Aussagen zu machen.«
»So mag er bleiben.«
Der Feuerbalzer verhielt sich trotz der Anwesenheit so vieler Personen völlig theilnahmlos. Nur als der Assessor einige Fragen an ihn richtete, um sich von seinem geistigen Zustande zu überzeugen, blickte er ihn blöd-ängstlich an und antwortete in klagendem Tone:
»Nimms hin, nimms hin! Ich sag halt nix! Gnade, Gnade!«
Der Assessor nickte den beiden Aerzten stumm zu. Er war bereits von ihnen über Alles unterrichtet worden und gab durch dieses Nicken zu verstehen, daß er ihre Ansichten theile.
Nun sollte die wichtige Operation beginnen. Die Feuerbalzerin mußte sich entfernen. Am Liebsten hätte man auch ihre kranke Schwiegertochter aus der Stube gewiesen; das ging aber nicht an.
Der Patient wurde auf einen Stuhl gewiesen und auf demselben festgebunden, was er sich unter ängstlichem Wimmern gefallen ließ. Dann wurde er chloroformirt, was seine Schwierigkeiten hatte, da er in seiner geistigen Umnachtung ja nicht zu zählen vermochte. Die Aerzte mußten da alle Vorsicht anwenden, ihm ja nicht zu viel des betäubenden Stoffes einathmen zu lassen.
Als er sich unempfindlich zeigte, wurde diejenige Stelle seiner Hirnschaale, deren Berührung ihm Schmerzen zu verursachen pflegte, von den Haaren befreit und dann griff der Medicinalrath zum Messerchen, um die Kopfhaut zu entfernen. Die zum Trepaniren erforderlichen Instrumente standen bereit.
Als die Haut zurückgeschlagen war, ließ der Arzt einen Ruf der Verwunderung hören.
»Wir brauchen nicht zu trepaniren,« sagte er. »Sehen Sie her, Herr College! Hier ist die verletzte Stelle. Es ist in Wirklichkeit so, wie ich vermuthete. Die Hirnschaale ist hier durch einen schweren Hieb eingedrückt worden. Man sieht trotz der Jahre, welche indessen vergangen sind, die scharfe Umschreibung der Wunde noch sehr genau. Der Gegenstand, mit welchem der Schlag ausgeführt worden ist, scheint ein Hammer gewesen zu sein, ein Hammer mit einem ganz genau quadratischen Kopf. Ich werde einmal messen.«
Er legte ein kleines, silbernes Stäbchen, welches dem angegebenen Zwecke diente, auf die verletzte Stelle und sagte dann:
»Drei Centimeter und vier Millimeter im Quadrat hat die Wunde. Merken wir uns das sehr genau. Das eingeschlagene Knochenstück hängt an einer Seite noch mit der Schädeldecke zusammen, während es mit der entgegengesetzten Seite nach einwärts gebogen ist und also auf das Gehirn drückte. Dieser Druck ist die einzige Veranlassung der geistigen Umnachtung des Patienten. Sobald derselbe beseitigt ist, wird, wie zu erwarten steht, Balzer den Gebrauch seiner Geisteskräfte wieder voll im Besitz haben. Und glücklicher Weise ist die Sache so sehr leicht. Wir brauchen nur die eingeschlagene Knochenstelle zu heben, mit der Haut zu bedecken und dann zu verbinden. Die Heilung wird in verhältnißmäßig kurzer Zeit erfolgen.«
So, wie er gesagt hatte, geschah es auch. Der Knochen wurde aus dem Hirn emporgezogen, mit der abgelösten Kopfhaut bedeckt und dann durch eine aufgelegte Metallplatte, welche bereit gehalten worden war, geschützt. Darüber kam ein Verband. Die Operation war als eine so sehr leichte in wenigen Secunden vorüber.
Jetzt nun waren alle Anwesenden darauf gespannt, wie der Patient sich im Augenblicke des Erwachens verhalten werde. Da mußte es sich zeigen, ob es klug gewesen war, daß ein Gerichtsbeamter sich mit hatte einfinden müssen.
Die Herren nahmen Platz, so gut es ihnen möglich war, und ließen den Patienten nicht aus den Augen. Er saß noch immer angebunden auf dem Stuhle. Es wäre wohl unvorsichtig gewesen, ihn bereits jetzt schon loszubinden.
So verging eine ziemlich lange Zeit, bevor er sich zu regen begann. Endlich öffnete er die Augen, blickte einige Secunden lang gerade vor sich hin und schloß sie dann wieder. Dabei stieß er einen tiefen, tiefen Seufzer aus, als ob er nach einer schweren Bedrückung jetzt wieder Erleichterung fühle. Seine Brust bewegte sich sichtbar unter tiefen Athemzügen.
»Binden wir ihn los!« sagte der Medicinalrath. »Ich glaube, daß wir es risciren können.«
Die Bande wurden dem Kranken abgenommen. Ein leises, befriedigtes Lächeln ging über sein Gesicht.
»Sehen Sie,« flüsterte der Rath, »daß sein Geist zurückkehrt? So lächelt kein Irrer. In diesem Lächeln liegt ein Bewußtsein, dessen er vorher entbehrte. Ich möchte wetten, daß er ganz vernünftig zu sprechen beginnen wird.«
Es zeigte sich, daß der erfahrene Mann Recht hatte. In kurzer Zeit öffnete Balzer die Augen abermals, blickte zunächst wie träumend vor sich hin und sah sich dann im Kreise um. Er erblickte die Anwesenden, fuhr sich mit der Hand nach dem Kopfe und sagte:
»Mein Kopf! Er hat mich also doch derb mit dem Hammer troffen.«
»Wer?« fragte der Assessor.
Balzer richtete sein Auge auf den Sprecher. Er schien erst jetzt in Wirklichkeit von den Anwesenden Notiz zu nehmen.
»Ja, wer ist denn da?« fragte er. »Wer sind diese fremden Leutln, die da bei uns sitzen?«
»Wundern Sie sich nicht,« antwortete der Medicinalrath. »Ich bin der Arzt, der Sie verbunden hat. Der Hieb, den Sie auf den Kopf erhalten haben, ist ein sehr gefährlicher gewesen.«
»Weil er so tüchtig ausholt hat.«
»Wer?«
Der Gefragte öffnete bereits den Mund, um zu antworten, besann sich aber eines Anderen. Seine Frau, welche in der Ecke lag, hatte mit angstvoller Spannung das Resultat der Operation erwartet. Jetzt, als sie ihren Mann plötzlich in verständiger Weise sprechen hörte, fühlte sie sich auf das Tiefste ergriffen. Es war ihr zwar verboten worden, sich bemerkbar zu machen, aber sie vermochte es nicht, sich zu beherrschen. Sie schluchzte vernehmlich.
»Wer weint denn da?« fragte Balzer.
Die Herren hatten sich nämlich so gestellt, daß er seine Frau nicht sehen konnte.
»Es ist eine Person, die Sie nichts angeht,« antwortete der Assessor.
»Aber, wo bin ich denn eigentlich?«
Er blickte sich ganz erstaunt um.
»Kennen Sie diesen Ort?«
»Nein.«
»Sind Sie noch nie hier gewesen?«
»Hm! Ich weiß es nicht genau. Es scheint fast grad so, wie die untere Stub in dera Flachsbrechereien. Aberst da wohnt doch kein Mensch. Ich bin gar nicht daheim, ich bin bei fremden Leutln.«
»Allerdings. Sie wissen also nicht, was geschehen ist?«
»Was soll geschehen sein?«
»Hm! Aber wer Sie sind, das wissen Sie?«
»Na,« lachte der Kranke, »ich werd halt doch wissen, wer ich bin!«
»Nun, wer?«
»Dera Balzerbauer in Hohenwald.«
»Richtig! Sie kennen also alle Bewohner dieses Dorfes?«
»Natürlich alle.«
»Auch den Silberbauer?«
»Ja. Ich bin doch erst gestern mit ihm in dera Stadt gewest.«
»Was haben Sie da gemacht?«
»Im Amt waren wir. Er hat mir eine Hypothek auszahlt.«
Es war klar, daß er von dem langjährigen Zeitraume, welcher seitdem vergangen war, gar nichts wußte. Der Assessor ging auf diese Anschauung sofort ein und fragte weiter:
»Wie viel betrug die Hypothek?«
»Fünftausend Thalern.«
»In welcher Münzart haben Sie dieselben ausgehändigt bekommen?«
»In lauter Goldfuchserln. Nur ein einziges Kassenbilleterl war dabei.«
»Wie hoch im Werthe?«
»Fünfhundert Thaler.«
»Kennen Sie vielleicht die Nummer desselben?«
»Ei wohl! Bei so einem großen Papiererl schaut man sich die Nummer schon sehr genau an. Freilich, wie sie aussprachen wird, das weiß ich nicht, aber es waren erst drei Neuner; nachher kamen drei Dreier und zuletzt noch eine Nullen.«
»Also 9993330 – neun Millionen neunhundertdreiundneunzig Tausend und dreihundertdreißig?«
»Wird schon so sein.«
»Und wo haben Sie das Geld?«
»Droben in meiner guten Stuben ists. Da liegts im Kasten drin.«
»Es ist also noch da?«
»Wohin solls sein? Aberst, warum fragens mich denn so aus? Wer sinds eigentlich? Und nun will ich wissen, wo ich bin!«
»Sie befinden sich bei Leuten, welche es sehr gut mit Ihnen meinen. Wir sind hier allerdings im Parterreraume der Flachsbrecherei.«
»Aberst da seh ich doch einen Tisch und den Stuhl, den Schemel und andre Sachen. Wohnt denn Jemand hier, ohne daß ich es weiß?«
»Ja, und wer das ist, das werden Sie nachher erfahren. Jetzt bitte ich Sie, mir vor allen Dingen meine Fragen zu beantworten.«
Das Gesicht Balzers nahm jetzt einen mißtrauischen Ausdruck an. Er heftete den Blick scharf auf den Assessor, betrachtete ihn genau und sagte:
»Ich kenne Sie halt gar nicht. Was habens mich denn eigentlich zu fragen?«
»Ich möchte Verschiedenes von Ihnen wissen und will Ihnen aufrichtig sagen, daß ich eine amtliche Person bin. Ich bin am Gericht angestellt.«
»Sapperlot! Was hab ich denn mit dem Gericht zu schaffen? Was soll ich than haben?«
»Nichts sollen Sie gethan haben. Ein Anderer ist einer strafbaren That beschuldigt, und ich denke, daß Sie als Zeuge gegen ihn werden auftreten können.«
»Als Zeuge? Ich weiß von nix und Niemand was.«
»Das wollen wir erst sehen. Sagen Sie mir zunächst, ob Sie vielleicht einen Schmerz am Kopfe fühlen!«
»Ja, den fühle ich schon.«
Er griff mit beiden Händen nach dem Kopfe und fuhr erstaunt fort:
»Ich hab ein Tuch am Kopfe? Ich bin verbunden worden? Warum hat man das than?«
»Weil Sie verwundet worden sind, lebensgefährlich verwundet. Es ist Ihnen der Schädel zerschmettert worden. Sie haben ein Loch in demselben.«
»Ach so! Jetzt begreif ich halt die ganze Sachen. Das Gericht ist da, um zu derfahren, wer mich so schlagen hat?«
»Ja. Hoffentlich werden Sie mir diese Frage beantworten können?«
Er blickte still vor sich nieder. Man sah es ihm an, daß er mit sich zu Rathe ging, ob er aufrichtig sein solle oder nicht. Der Silberbauer war sein Spielkumpan gewesen, und da er gar nichts von Dem, was geschehen und daß inzwischen Jahre verflossen waren, wußte, so hielt er es für gerathen, nichts zu gestehen.
»Ja, ich werd schon antworten,« sagte er. »Aber ich weiß halt nicht, ob ich das wissen werd, was Sie von mir derfahren wollen.«
»Ich möchte zuerst wissen, ob Sie im vollständigen Gebrauche Ihres Denkvermögens sind.«
»Warum soll ich das nimmer sein? Ich werd doch halt noch denken können.«
»Und Sie verstehen also meine Fragen sehr genau und wissen, was Sie auf dieselben antworten?«
»Ja, das weiß ich Alles ganz genau.«
»Nun gut! So sagen Sie mir, wo Sie gestern Abend gewesen sind.«
»Beim Silberbauern.«
»Waren Sie allein dort, oder befand sich außerdem noch Jemand bei ihm?«
»Dera Schulmeister und auch dera Heimannbauer.«
Der Letztgenannte war längst gestorben. Der Lehrer, der hier gemeint war, hatte indessen seine Stelle mehrmals gewechselt, und da er damals bereits ziemlich alt gewesen war, so ließ sich fast mit Gewißheit erwarten, daß auch er nicht mehr lebe.
»Was haben Sie dort gemacht?« fragte der Beamte weiter.
»Was sollen wir macht haben. Gesprochen haben wir und einen Tabaken dabei raucht.«
»Sonst haben Sie weiter nichts gemacht?«
»Nein. Wir haben sprachen von der Politiken, von Krieg und Frieden, von unsern Aeckern und von Allem, was im Dorf so vorkommt.«
»So! Haben Sie denn vielleicht ein kleines Spielchen gemacht?«
»Nein, spielt – haben – wir – – nicht.«
Diese Antwort wurde nur zögernd gegeben. Es war ihm anzumerken, daß er jetzt nicht die Wahrheit gesprochen habe.
»Besinnen Sie sich ganz genau! Es kommt sehr viel darauf an, ob Sie gespielt haben oder nicht.«
»Es ist nicht spielt worden. Wer spielen will; der geht ins Wirtshaus. Daheim bei sich aberst spielt hier bei uns Keiner.«
»So! Und wann gingen Sie nach Hause?«
»Die Stund weiß ich nicht mehr genau.«
»Was haben Sie zu Hause gemacht? Besinnen Sie sich ganz genau!«
»Was ich macht hab? Hm! Das weiß ich freilich nicht mehr. Es muß Einer in meiner Stuben gewest sein und mich schlagen haben. Davon hab ich den Verstand verloren.«
»Sie scheinen es also nicht zu wissen, wer es gewesen ist?«
»Nein. Ich weiß es nicht.«
»Und was sich dann weiter in dieser Nacht ereignet hat, das wissen Sie auch nicht?«
»Nein, gar nix.«
»Bitte, besinnen Sie sich! Es sind Dinge vorgekommen, von denen Sie, trotzdem Sie besinnungslos waren, doch wenigstens eine Ahnung haben können. Selbst der Ohnmächtige ist befähigt, gewisse Eindrücke zu empfangen, welche sich seinem Gedächtnisse wenigstens dunkel einprägen.«
»Das ist bei mir nicht geschehen. Ich weiß ganz und gar nix. Ich weiß nur, daß ich träumt hab, bis ich jetzunder aufwacht bin.«
»Was haben Sie geträumt?«
»Allerlei. Es war ein schlechter, ein sehr böser Traum, bei welchem ich eine recht große Aengsten ausstanden hab. Jetzund bin ich froh, daß ich wieder aufiwacht bin, und daß nix wahr ist, was ich träumt hab.«
»Können Sie mir über diesen Traum Etwas sagen?«
»Ja. Es wollt mich Einer dermorden, und ich hab ihm gute Worten geben, daß ers nicht thun soll. Nachhero haben die Leuteln Alle denkt, daß ich verrückt sei; aberst ich bins nicht gewest. Ich hab nur gar nicht denken konnt. Ich hab mir alle Mühen geben, zu sinnen und zu reden wie andre Menschen auch, aberst ich habs halt nicht zu Stande bracht, denn es ist eine große Last auf meinem Kopf gelegen, die ich nicht herunterbracht hab. Auch hat mir träumt, daß ich ganz arm bin und daß ich gar großen Hunger hab immerfort. Die Muttern ist eine große Lumpin worden und die Frau ganz krank. Den Leuteln, denen ich begegnet bin, haben mich angeschaut wie einen Verrückten, und ich hab einen Feind habt, der uns Alle hat unglücklich machen wollen.«
»Wußten Sie, wer dieser Feind sei?«
»Nein. Ich hab den Kopf sehr angestrengt, es zu derfahren; aberst das ist ganz vergeblich gewest.«
»War es nicht der Silberbauer?«
»Das weiß ich nicht.«
Er sagte das so zögernd und bedenklich, daß man leicht vermuthen konnte, er habe auch jetzt wider besseres Wissen gesprochen. Der Assessor schüttelte den Kopf; dennoch aber begriff er als Psycholog recht wohl, warum der Balzer nicht aufrichtig antwortete. Er mußte Schritt um Schritt vorgehen, um das noch nicht erstarkte Hirn des Kranken zu schonen.
»Das Geld, welches Ihnen gestern der Silberbauer ausgezahlt hat, befindet sich also noch in Ihrem Besitze?« fragte er weiter.
»Natürlich. Wer sollte es sonst haben.«
»Wo liegt es? Denken Sie genau nach!«
»Im Kasten, droben in dera guten Stuben.«
»So! Hm! Stehen Sie doch einmal auf, und blicken Sie durch das Fenster. Was liegt rechts da oben?«
Balzer schaute nach der angegebenen Richtung und antwortete:
»Das ist unsere Kirchen. Warum fragens halt so?«
»Und blicken Sie nun links da hinüber. Kennen Sie dieses Haus?«
Balzer folgte der Weisung des Beamten. Sein Blick fiel auf das Gut, welches auf der Stelle seines abgebrannten stand. Es war interessant, zu sehen, welch ein Erstaunen sich in seinen Zügen ausdrückte. Er öffnete die Augen weit und trat einen Schritt vor dem Fenster retour, den Blick auf die ihm fremden Gebäude gerichtet.
»Ja, was ist denn das?« fragte er. »Hab ich denn noch jetzund den Traum?«
»Nein, Sie wachen. Kennen Sie das Gebäude denn nicht?«
»Ich habs im Traum gesehen, aber ich konnt nicht wissen, wems gehört. Himmelsacra! Das steht ja grad da, wo mein Gut stehen muß! Das ist doch eine Zaubereien!«
»Es ist die Wirklichkeit, Balzer. Sie sind doch wohl überzeugt, daß Sie sich in Hohenwald befinden?«
»Freilich! Ich kenne ja alle die Häusern, welche von hier aus zu sehen sind. Aberst das meinige ist fort. Wo ists hin?«
»Es ist abgebrannt.«
»Ab – brannt – wärs?«
Er sprach die Frage nur silbenweise aus. Seine Augen wurden stier, und sein Gesicht nahm einen starren Ausdruck an. Seine Brust athmete schnell und schnappend, als ob ihm die Brust ausgehen wolle.
»Abbrannt wärs! Das hat mir auch bereits so träumt. Es hat mir lange Zeit um die Nasen gerochen wie lauter Brand. Aberst der Traum kann doch nicht Wahrheit sein! Wann mein Gut heut in dera Nacht verbrannt ist, kann doch nicht bereits heut ein neues dastehen!«
»Beruhigen Sie sich, Balzer! Sie haben jetzt allerdings Etwas zu erfahren, was Sie sehr betrüben wird; aber es wird nur kurze Zeit vergehen, so ist das Leid in Freude umgewandelt. Treten Sie doch einmal her an den Spiegel, und schauen Sie hinein!«
Auf einem Mauervorsprunge lehnte ein Stückchen Glas von einem zerbrochenen Spiegel. Balzer nahm es in die Hand und sah hinein. Er fuhr zurück, stieß einen Ruf des Schreckens aus, blickte wieder hinein, fuhr abermals zurück, kurz, er war in diesem Augenblicke das leibhafte Bild des unglückseligsten Erstaunens.
»Jesus Maria!« rief er. »Wie schau ich da aus! Das kann doch ich nicht sein!«
Er blickte die Anwesenden rathlos an. Dann erst fiel sein Blick zum ersten Male auf seine eigene äußere Erscheinung. Das Blut wich ihm aus den Wangen. Er wollte sprechen, brachte aber kein Wort hervor. Er schluckte und schluckte, vergebens, es wollte ihm keine Silbe über die Lippen.
Der Medicinalrath trat zu ihm, ergriff seine Hand, um nach dem Pulse zu fühlen, und sagte:
»Beruhigen Sie sich, Balzer! Es ist nicht so schlimm, wie Sie denken.«
»Nicht – so – schlimm?« stieß der Bauer jetzt hervor. »Wie schau ich aus! Barfuß, mit solch einer zerrissenen Kleidung! Nicht gewaschen und auch nicht gekämmt! Und mein Gesicht ist so alt, als ob seit gestern zwanzig Jahren vergangen wären. Das kann ich nicht – – –«
Er hielt inne, griff mit der Hand an die Stirn, stieß einen schrillen Schrei aus und sank auf den alten Stuhl zurück.
Da trat der Sepp herbei, legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte:
»Balzerbauer, laß Dichs halt nicht so angreifen! Der Herrgott hats geben und hats auch nommen. Wann er will, kannst Du es auch wieder erhalten.«
Der Bauer blickte zu ihm auf.
»Diese Stimm ist mir bekannt,« sagte er, »und das Gesicht auch. Du bist halt dera Wurzelseppen, aberst auch viel älter, alst sein kannst. O, ich weiß, ich weiß! Ich hab nicht träumt. Es ist Alles wahr; es ist Alles wirklich geschehen, was ich für einen Traum halten hab. Ists nicht so, Sepp? Sag mir die Wahrheit!«
»Die will ich Dir schon sagen. Du hast Recht; es ist kein Traum gewest. Dein Gut ist abbrannt, und nun wohnst hier mit Deiner Frauen und der alten Muttern.«
»Hier, im Flachshaus wohn ich? Herrgott! Bin ich denn der Armenhäusler? Bin ich denn ein Hungerleidern worden?«
»Es ist ja Alles verbrannt, und dera Eschenbauer hat das Gut für sich neu aufibaut.«
»Wann – wann ist das Feuer gewest?«
»Vor langen Jahren.«
Der Bauer vergrub sein Gesicht in die beiden Hände und blieb eine lange Weile still. Der Medicinalrath winkte den Andern, ihn nicht zu stören. Aus der Ecke, in welcher sich das Lager der Frau befand, erklang ein herzbrechendes Schluchzen. Der Bauer hob den Kopf und fragte:
»Wer weint da? Wann ich hier wohne, so muß es Eins von den Meinigen sein.«
»Wenn Sie mir versprechen wollen, möglichst ruhig zu bleiben, so sollen Sie es erfahren,« antwortete der Arzt.
»O, ich werde ruhig sein, ganz ruhig!«
»So schauen Sie hin! Kennen Sie diese Frau?«
Die Andern traten zurück, so daß der Bauer nun das Lager sehen konnte. Ein hohläugiges Gesicht blickte ihm von dorther unter Thränen entgegen.
»Wer, wer ist das?« fragte er. »Die hab ich noch gar nie, niemals sehen.«
Das ging der Kranken wie ein glühendes Eisen durch das Herz. »Balzer! Frieder!« schluchzte sie, ihn bei seinem Familien- und auch Vornamen nennend. »Mich willst Du nicht kennen, mich!«
Er horchte auf.
»Welch eine Stimm ist das? Das ist die Stimm von meiner Frauen! Aberst die kanns ja gar nicht sein! Kathrin', Kathrin', bists denn wirklich, odern bists nicht?«
»Ich bins, ja ich bins.«
Da that er die wenigen Schritte zu ihr hin. Er wollte sprechen, aber da öffnete sich die Thür, und die alte Balzerin, seine Mutter, trat ein.
»Ich kanns nicht länger aushalten,« sagte sie. »Ich hab ihn reden hört. Er kann sprechen; er kann denken. Wenn da fremde Menschen dabei sind, so darf seine Muttern wohl auch mit hereinikommen.«
Er hatte sich zu ihr umgedreht und sie wie eine Fremde angestarrt. Jetzt aber rief er aus:
»Was? Wer bist? Meine Muttern bist? Meine Muttern willst sein?«
»Ja, die bin ich. Kennst mich denn nimmer?«
Da breitete er die Arme aus, als ob er in der Luft nach einem festen Halt suche.
»O Gott,« stöhnte er. »Mir wird ganz schlimm. Es ist ganz dunkel vor denen Augen. Ich kann nix sehen. Ich fall um.«
Der Arzt wollte ihn halten; aber seine Mutter war noch schneller gewesen. Sie hatte den Wankenden in ihren Armen aufgefangen.
»Er stirbt, er stirbt!« schrie sie auf.
»Nein, er stirbt nicht,« tröstete der Medicinalrath. »Das, was er jetzt gesehen und gehört hat, ist zu stark gewesen für seine schwache Geisteskraft. Er ist ohnmächtig geworden und wird in einen tiefen Schlaf fallen, aus welchem er hoffentlich gestärkt erwachen wird. Wir werden uns entfernen; aber ich komme heute noch einige Male wieder, um nach ihm zu sehen. Legen Sie ihn hier nieder, neben seine Frau, und beobachten Sie gegen Jedermann einstweilen noch das tiefste Schweigen. Es soll noch Niemand wissen, was hier vorgegangen und gesprochen worden ist.«
Der Ohnmächtige wurde zu seiner Frau auf das elende Lager gebettet, und dann entfernten sich die Herren, nachdem sie der alten Bäuerin reichlich Geld zurückgelassen hatten, um die jetzt so nothwendigen Ausgaben bestreiten zu können.
Der Sepp stieg mit dem Lehrer in das obere Stockwerk zu dem Finkenheiner. Beide wollten gern im Hause bleiben, um beim Erwachen Balzers sofort bei der Hand zu sein. Die beiden Aerzte aber gingen mit dem Assessor nach dem Gasthofe, wo der Letztere sich eine Stube geben lassen wollte. Er hatte die Absicht, das Dorf nicht eher zu verlassen, als bis die Balzer'sche Angelegenheit in Ordnung gebracht worden sei. Der Arzt aus der Stadt blieb bei ihm; der Medicinalrath ging nach der Mühle, versprach aber, baldigst wieder zu kommen. Der Lehrer hatte versprochen, falls der Bauer erwachen werde, sofort zu schicken.
Die Zeit bis zum Anbruche des Abends verging. Da kehrte der Medicinalrath aus der Mühle zurück, und bald darauf kam auch vom Lehrer die Botschaft, daß der Kranke aus seinem Schlafe erwacht sei. Die Herren machten sich sogleich nach der Flachsbreche auf.
Als sie dort anlangten, saß der Balzer am Bette seiner Frau. Der Finkenheiner hatte seine Stühle hergeborgt, daß man sich wenigstens setzen konnte.
Das Auge des aus geistiger Nacht Erwachten war verhältnismäßig klar und frei von innerer Trübung. Er gab den Herren in demüthiger Freundlichkeit die Hand und antwortete auf die Frage des Medicinalrathes nach seinem Befinden:
»Dera Kopf thut mir weh, da wo ich den Schlag erhalten hab. Sonst aberst fühl ich gar nix von einer Krankheiten.«
»Das ist sehr gut. Ich hoffe, daß Sie recht bald vollständig gesund sein werden. Die Hauptsache ist, zu wissen, ob Ihnen das Denken und Sprechen allzu viele Anstrengung bereitet.«
»Gar keine. Es ist mir, als ob ich aus einer Gefangenschaft frei worden bin. Es druckt und zuckt noch ein klein Wenig, grad so, als ob ich einen Rausch habt hätt, aberst klar bin ich im Kopf. Ich weiß Alles genau, was ich sag und thu.«
»Auch das, was geschehen ist?«
»Ja. Die Frau und die Muttern haben mir Alles verzählt und derklärt. Ich weiß nun, wie es steht und was damals geschehen ist.«
»So werden Sie hoffentlich meine Fragen jetzt wahrheitsgetreuer beantworten als vorher,« bemerkte der Assessor, indem er warnend den Finger hob.
»Hab ich was sagt, was nicht wahr ist?« fragte der Bauer in unsichrem Tone.
»Ja, in Beziehung auf den Silberbauer.«
»Da habens Recht! Es war mir noch dumm und trüb im Kopf, und ich hab nicht wußt, was ich dem Silberbauer Alles zu danken hab. Darum hab ich dacht, daß ich nicht Alles derzählen darf. Jetzund aberst werd ichs sagen. Dieser Mensch ist ein Teufel. Er hat mich unglücklich macht, weil er mich zum Spiel verführt hat. Er hat mich bestohlen und dermorden wollen und mir nachher sogar das Haus über dem Kopf anbrannt.«
»Davon sind Sie überzeugt?«
»Ja, obgleich ichs nicht genau beweisen kann.«
»Vielleicht finden wir den Beweis, wenn Sie uns aufrichtig erzählen. Haben Sie sich an jenem unglückseligen Abende, an welchem Sie sich bei dem Silberbauer befanden, wirklich nur mit einander unterhalten. Haben Sie nichts Anderes gemacht?«
»Freilich haben wir nicht nur blos sprachen und derzählt, sondern wir haben auch spielt.«
»Karten? Was für ein Spiel?«
»Ich weiß nicht, wie's nannt wird, dieses Spiel. Es werden vier Zündhölzern auf den Tisch legt und das Geldl rechts und links dazu. Nachhero legt Einer die Karten auf, für sich und die Andern. Es ist ein Spiel, bei welchem man gar viel verlieren kann.«
»Aha! Ich kenne es. Sie hatten es wohl schon sehr oft betrieben?«
»Ja. Erst hab ich gar nicht wüßt, daß es unrecht war, und nachhero, als ich derfuhr, daß es verboten ist, da hat mich dera Spielteufel bereits zu fest in den Krallen habt. Ich hatt schon zu viel verloren und wollt Alles wieder gewinnen. Darum hab ich nicht aufihört. Und grad an jenem Abend hab ich einen großen Gewinn machen wollt, denn ich hatt fünftausend Thalern, mit denen ich das Glück vielleicht derzwingen konnt.«
»So haben Sie wohl sehr hoch gespielt?«
»Ja, sehr hoch und auch heimlich. Es hats gar Niemand wußt, daß wir bei dem Silberbauern waren, denn wir sind zu ihm durch das Fenstern einistiegen. Und eben so heimlich sind wir auch wiedern fort. Meine Frau und meine Muttern haben meint, daß ich das Geldl in die gute Stuben than hab. Aber dera Kasten, den ich dort einischließen that, war leer. Das Geldl hat dera Silberbauern gleich mit zu sich nommen. Dann hab ich mich zu ihm schlichen und wir haben beisammen sessen und spielt, vier Personen. Dera Silberbauern hat die Bank gehalten und gar viel gewonnen, bis ich sehen hab, daß er falsch spielt. Da hab ich mich an seine Stell setzt und die Bank übernommen. Von diesem Augenblick an hat sich das Blatt umidreht. Ich hab gewonnen und wieder gewonnen, bis die beiden Andern keinen Pfennig mehr habt haben. Da hat nur noch dera Silberbauern weiter mit mir spielt. Er ist aller Minuten fortgangen, um abermals Geld zu holen, und es war noch lange nicht Mitternachten, da hat er gar nix zu setzen hab. Ich hatt zu meinen fünf wohl noch viertausend Thalern gewonnen. Dera Silberbauern hat mir einen Sack borgt, in welchem ich das viele Geldl nach Haus schleppt Hab. Unterwegs hab ich mir vorgenommen, nun aufzuhalten und gar nie Wiedern zu spielen.«
»Das ist so einer von den guten Vorsätzen, mit denen der Weg zur Hölle gepflastert ist.«
»Ja, das hab ich gar bald merkt, denn kaum waren drei Minuten vergangen, so saßen wir wieder bei nander und spielten.«
»Wer? Doch nicht der Silberbauer mit?«
»Freilich grad der. Ich hatt mich leise hinaufi schlichen und das Licht anbrannt. Da saß ich und zählt das Geldl. Dabei hört ich, daß Einer mit Sand nach dem Fenster warf, und als ich hinaus schaut hab, da ists dera Silberbauern gewest. Er hat sagt, ich soll ihn heimlich zu mir lassen, weil er mir was Guts zu sagen hat. Ich bin also hinab gangen und hab ihm leis die Thür geöffnet. Droben dann hat er mir sagt, daß er nicht schlafen kann, weil er so viel verloren hat, und daß er kommen sei, um nochmals zu spielen. Er hat Alles wieder gewinnen oder noch mehr verlieren wollt.«
»Ich denke, er hat kein Geld mehr gehabt?«
»Damit ist er freilich zu End gewest. Aber er bot mir an, die untera Mühlen gegen zweitausend Thalern zu setzen. Da hat mich dera Spielteufel, abermals bei den Haaren dergriffen, und ich hab also mitmacht. Wir haben das Fenstern verhängt und die Thür verschlossen und kein lautes Wort sprochen, grad als ob wir ein Verbrechen ausführen wollten.«
»Schrecklich! Und der Erfolg?«
»Gleich bei dera ersten Tour hab ich gewonnen. Er hat Alles schon vorbereitet habt und mir ein Wechselpapieren geben, was er mit dera Mühlen einlösen wollt. Dann hat er die obera Mühlen verspielt und mir noch ein Papier geben. Sein Angesicht ist weiß wie Kreiden gewest, und seine Augen haben blitzt wie beim Satanas. Dann aber hat er mir den letzten Vorschlag macht. Alles, was ich gewonnen hab und auch meine fünftausend Thalern soll ich gegen sein großes Gut setzen und gegen Alles, was er hat. Er hats derzwingen wollen.«
»Und Sie sind darauf eingegangen?«
»Ja, ich hab nicht änderst konnt. Ich bin von dem großen Gewinn ganz wie betrunken gewest. Ich hab das ganze Geldl und auch seine beiden Papieren einsetzt und er dagegen einen dritten Wechselbrief, welcher so hoch lautete, wie sein Gut im Werth wesen ist. Das war ein Spiel, wie es wohl selten macht wird. Nur eine einzige Minut hat es dauert, und dann bin ich dera Gewinner gewest.«
»Das war wirklich ein fast beispielloses Glück, natürlich davon abgesehen, daß es ein verbotenes war. Wie hat sich der Silberbauer verhalten?«
»Er ist natürlich nun arm wie ein Bettlern gewest. Zunächst hat er still dagesessen und mich immer grad anstarrt. Dann ist er aufstanden und in dera Stuben hin und her laufen. Endlich hat er sagt, daß er es nicht gelten lassen kann. Ich Hab ihm die drei Papieren heraus geben sollt. Das hab ich freilich nicht wollt, sondern sie eilig in meine Taschen steckt. Da ist er zornig worden, hat mich bei dera Brust ergriffen und zu Boden gedrückt. Ich habs ihm da gleich anschaut, daß er mich dermorden will. Der Blick ist so grausam gewest und so fest, daß kein Zweifel vorhanden sein konnt.«
»Schrieen Sie um Hilfe?«
»Nein. Die Kehle war mir vor Schreck zu. Ich hab mich wehren wollt; aberst er ist mir zu stark gewest. Er hat dabei einen Hammern aus dera Taschen nommen und damit ausholt, um mir den Kopf zu zerschlagen. Jetzt, in diesem Augenblick, hab ich rufen könnt.«
»Um Hilfe?«
»Nein. Ich bin so in Angst gewest, daß ich nur ihn um Gnade beten hab.«
»Können Sie sich der Worte erinnern, welche Sie da gesprochen haben?«
»Ja. Ich weiß sie noch ganz gut. Ich hör sie noch jetzund klingen, wie sie damals mir aus dem Mund hervorkamen.«
»Nicht wahr, Sie riefen: Nimms hin, nimms hin! Ich sag halt nix! Gnade, Gnade!«
»Wie? Was? Sie wissen die Worten so genau, die ich sagt hab! Woher können Sie dieselbige wissen?«
»Von Ihnen selbst. Sie haben diese Worte während der vergangenen Jahre unzählige Male wiederholt. Aber erzählen Sie weiter.«
»Ich kann ja weiter nix verzählen. Ich hab nur noch sehen, daß er den Hammern auf mich schwang. Von nun an weiß ich nur noch, daß ich vorhin hier in dera Stuben wie aus einem bösen Traum aufwacht bin. Alles Andre aber ist mir unbekannt.«
»So ist es erwiesen, daß der Silberbauer Sie hat ermorden wollen. Natürlich hat er das ganze Geld und auch seine Wechsel an sich genommen und ist damit heimlich fortgegangen. Um aber alle Spuren seiner That auf das Sicherste zu vernichten, hat er Ihr Gut angebrannt.«
»Ja, so ists ganz gewiß.«
»Aber, wie es ihm beweisen? Er wird natürlich sagen, daß Sie geisteskrank sind, daß Sie sich das Alles ausgesonnen haben. Ich bin überzeugt, daß er der Mordbrenner und Dieb ist; aber wenn wir nicht noch schlagendere Beweise bringen, so befürchte ich, daß er doch freigesprochen wird.«
Da sagte der Sepp, welcher natürlich auch mit zugegen war:
»Schlagendera Beweise? Die sind da.«
»Ah! Wo?«
»Hier stehen sie: Ich und dera Herrn Lehrern. Wir haben den Hammern funden und auch den Kassenschein mit denen genauen Nummern, die dera Balzer vorhin sagt hat.«
Diese Worte machten natürlich einen ganz bedeutenden Eindruck auf die Andern. Der Sepp wurde aufgefordert, sich deutlicher zu erklären. Er erzählte von jenem Abende, an welchem er den Silberbauer im Garten getroffen und auch den Hammer gesehen hatte. Und dann berichtete der Lehrer von seiner und Sepps Beobachtung bei und unter dem Mühlenwehre. Diese Mittheilungen wurden schließlich mit größter Genugthuung aufgenommen.
»Jetzund kommts an den Tag!« rief die alte Balzerbäuerin. »Dera Herrgott ist gerecht. Er hilft, wann Niemand die Hilf erwartet. Und dera Engel, den er uns sendet hat, das ist dera Herr Lehrern. Als ich ihn zum ersten Mal troffen und sehen hab, da ists mir gleich in meinem Herzen und in dera ganzen Seel so gewest, als ob er ein Mann sei, dem ich viel zu danken hab. Und heut ists nun in Erfüllung gangen. Herr Lehrern, was Sie an mir und uns than haben, das werden wir nimmer vergessen!«
Sie ergriff seine Hand und führte dieselbe an ihre Lippen. Er entzog sie ihr schnell und entgegnete:
»Nicht mir haben Sie das Alles zu verdanken, sondern Ihrem Sohne, welcher uns auf die Spur seines Feindes führte. Uebrigens steht hier der Sepp, der noch viel mehr gethan hat als ich.«
»Sie haben sich Beide allerdings große Verdienste um diese arme Familie erworben,« sagte der Assessor. »Es war so außerordentlich wichtig, daß Sie dem Verstecke Ihre ganze Aufmerksamkeit zuwendeten. Das müssen wir auch jetzt thun. Wir dürfen nicht säumen. Brechen wir sofort auf, um den Inhalt der Kammer, welche sich unter dem Wasser befindet, zu untersuchen.«
Das geschah. Die fünf Männer versahen sich mit zwei Laternen und Hammer und Zange, um den Schrank öffnen zu können. Dann verließen sie die Flachsbreche, um sich nach dem Wehr zu begeben. Bei Balzers ließen sie die strenge Weisung zurück, daß über Alles das strengste Stillschweigen zu beobachten sei.
Als sie an dem Silbergute vorüberkamen, sagte der Assessor, auf das Gebäude zeigend:
»Also dort wohnt dieser Mann. Wäre es nicht vielleicht gerathen, uns vor allen Dingen seiner Person zu versichern?«
»O, den haben wir sicher!« antwortete der Medicinalrath.
»Ist sein Zustand so bedenklich, daß er uns auf keinen Fall entkommen kann?«
»Er liegt bewußtlos im Bette, vollständig betäubt. Der Arm ist ihm ausgerissen worden. Urtheilen Sie selbst, ob er im Stande sein kann, sich dem strafenden Arm der Gerechtigkeit zu entziehen.«
»Wenn es so ist, dann haben wir ihn freilich sicher. Dennoch werde ich ihm von heute an einen Wächter geben, der ihn keinen Augenblick verlassen darf.«
Aber selbst der erfahrenste und klügste Mensch und Arzt kann sich täuschen. Der Silberbauer war allerdings noch nicht aus seiner Betäubung erwacht, aber am Nachmittage bemerkte sein Sohn, daß das Gesicht des Vaters wieder Farbe bekommen habe. Der Kranke athmete ruhig und regelmäßig, und es schien, als ob der Zustand der Betäubung in einen natürlichen Schlummer übergegangen sei.
Von da an machte sich der Silberfritz in der Stube, in welcher sein Vater lag, möglichst viel zu schaffen, sagte aber Niemand etwas davon. Er wollte zugegen sein, wenn der Verunglückte erwachte. Es ließ sich ja mit Gewißheit erwarten, daß dann Worte fallen würden, welche kein Fremder hören durfte.
Als die Dämmerung hereinbrach, brannte der Silberfritz ein Licht an, und als er es auf den Tisch setzte, war es ihm, als ob der Vater sich bewegt habe. Vielleicht war der Schein des Lichtes dem Schlafenden zwischen den gesenkten Wimpern hindurch in das Auge gedrungen und hatte zur Beschleunigung des Erwachens beigetragen.
»Vater!« sagte Fritz, indem er zum Bette trat.
Der Schlafende bewegte die Lippen leise, und die Augenlider begannen zu zucken.
»Vater, schläfst noch oder kannst mich hören?«
Da schlug der Bauer die Augen auf, hielt sie starr auf den Sohn gerichtet, schloß sie wieder und antwortete:
»Ich bin müd.«
»Müd bist? Und hast doch mehrere Tage lang stets geschlafen!«
»Ich? So lang?«
»Ja, seit Du in das Mühlrad fallen bist.«
Da riß es dem Kranken die Augen förmlich unnatürlich auf. Er starrte den Sohn an und fragte:
»Ich, ins Mühlrad fallen?«
»Ja. Weißts wohl gar nicht?«
Der Silberbauer zog den gesunden Arm unter der Bettdecke hervor. Jedenfalls hatte er auch den anderen hervorziehen wollen, denn es ging wie ein gewaltiger Schreck über sein Gesicht.
»Alle Teufeln! Was ist das? Hat mich etwan dera Schlag troffen? Ich kann den linken Arm nicht mehr bewegen!«
»Das glaub ich gar wohl! Du hast den Arm ja gar nimmer mehr.«
»Was? Ich hätt den Arm nicht mehr? Bist etwan toll? Wo sollt er hin sein!«
»Greif doch mal hin!«
Der Bauer fühlte mit der rechten Hand nach der linken Seite. Dann stieß er einen halblauten Weheruf aus.
»Alle Teufeln! Er ist fort, wirklich fort! Und dera Kopf brummt mir wie eine Baßgeigen. Jetzt weiß ich freilich, was geschehen ist. Ich war im Wehr, und nachhero – – –«
Er unterbrach sich. Von dem Wehre durfte doch kein Mensch etwas wissen.
»Sprich doch weiter!« sagte der Sohn.
»Nix ist zu sprechen. Ich besinn mich, daß ich ausglitten bin und in das Rad hinabstürzt. Dann war es aus mit meiner Besinnung. Es ist eine ganz verdammte Geschichten. Also das Rad hat mir den Arm weggenommen!«
»Ja, grad wie damals dem Finkenheiner.«
»Schweig! Den darfst mir nicht nennen! Aberst wie kommt es, daß ich gar keinen Schmerz dran hab.«
»Dera Doctor hat sagt, daß dies zuweilen vorkommen ist. Wann Einem ein Glied ausdreht wird, so ists nicht so schlimm, als wanns ihm abschnitten wird. Das Blut kann nicht heraus bei Dir.«
Der Alte lag eine Weile still und fragte dann:
»Ist indessen was passirt bei uns?«
»Ja. Die Martha ist fort, ganz und gar verschwunden.«
»Laß sie! Ich mein anders Sachen. Ist Niemand kommen, um mich zu sehen?«
»Ja, oft.«
»Wer?«
»Die Bauern hier, die ich aberst nicht hereinilassen hab. Dann kamen Zwei. Der Eine sah gar vornehm aus, fast wie Einer vom Gericht oder von der Regierung.«
»Donnerwettern! Weiß man, wie es kommen ist, daß ich in das Rad fallen bin?«
»Nein.«
»Und – und – – weißt nicht, ob eine Frauen hier im Dorf ist, eine fremde Frauen?«
»Ich weiß nix davon.«
»Die etwan auf Besuch ist beim Finkenheiner?«
»Jetzund redest ja selber von ihm.«
»Wann ich das thu, so ists etwas ganz Anderes, als wann Einer unberufen von ihm beginnt.«
»Was für einen Besuch soll dieser Hungerleider bekommen!«
»Hm! Und doch – doch – – ist sie da! Ich hab sie erkannt, ganz genau erkannt. Und zwei Männern dort am Wehr, die wohl Alles sehen hatten.«
Er hatte das mehr zu sich selbst gesagt.
»Wen meinst?« fragte der Sohn.
»Das geht Dich nix an. Weiß Jemand, daß ich jetzund wiedern bei mir bin?«
»Nein.«
»So schweig auch noch. Niemand darf es wissen. Ich werd jetzund einmal fortgehen.«
»Wohin?«
»Hinaus aufs Feld. Weiter hast nix zu fragen.«
»Bist geschossen im Kopfe! Hinaus aufs Feld willst, in diesem Zustand hier?«
»Ja, ich muß.«
»Das ist unmöglich! Du liegst ja krank auf den Tod. Du kannst gar nicht aus dem Bett heraus.«
»Da kennst den Silberbauern schlecht. Was der will, das kann er auch. Wann mein Arm nicht blutet hat und wann er mir nicht wehe thut, so ist die Sach gar nicht schlimm. Er ist weg, und ein Krüppel werd ich bleiben; dennoch aber bin und bleib ich Derjenige, der ich gewest bin. Ich werd Dir gleich zeigen, wie gut ich aus dem Bett heraus kann.«
Er richtete sich mit Hilfe seines einen Armes empor. Sein Sohn aber schob ihn sofort wieder nieder und sagte:
»Liegen bleibst! Ich gebs nicht zu, daßt aufistehst, Nachhero, wannst stirbst, bin ichs, der die Vorwürfen bekommt.«
»Was fallt Dir ein!« zürnte der Alte. »Denkst wohl, weil ich nur noch einen Arm hab, so brauchst mir nicht mehr zu gehorchen? Da irrst Dich aberst gewaltig. Ich muß aufi.«
»Und ich duld es nicht!«
Sein Gesicht bewies, daß er wirklich fest gewillt sei, seinen Vater am Aufstehen zu hindern. Dieser lachte einen Augenblick lang grimmig vor sich hin und sagte dann mit unterdrückter Stimme:
»Wirst mich schon aufistehen und gehen lassen, wann ich Dir nur Eins sag. Weißt, wann ich nicht jetzund gleich was thu, was Niemand wissen darf, so kommen die Schandarmen und schaffen mich ins Zuchthaus. Alles, Alles wird uns nommen, und dann bist ein Bettlern und ein Lump, größer noch als dera Finkenheiner.«
Der Silberfritz erschrack.
»Ists wahr, Vater?« fragte er.
»Ja. Läßt mich also aufi?«
»Hast was than, was verboten ist?«
»Dummkopf! Hab ich nicht täglich than, was verboten ist? So was kann mich nicht in Angst bringen. Ein Verbrechen ists, was ich than hab, ein großes, um reich zu werden und Dir ein tüchtig Stück Geld zu hinterlassen. Aus Lieb zu Dir hab ichs than. Und wann ich jetzund nicht sogleich fortgehen kann, so kommt die Sach gewiß an den Tag. Willst mich auch nun noch zurückhalten?«
»Wanns so ist, so muß ich Dich freilich gehen lassen.«
»Oder soll ich mich dem Gericht freiwillig stellen? Wannsts meinst, so thu ichs,« höhnte der Alte.
»Bist des Teufels!«
»Nun gut! So steh ich jetzund aufi. Du magst mir helfen, das Gewandl anzuthun. Nachher wirst aufpassen, damit Niemand es sehen kann, daß ich fortgeh. Wann ich wiederkomm, so leg ich mich ins Bett, und kein Mensch weiß, daß ich fortgewest bin.«
»Aber wirsts auch aushalten?«
»Bin ich ein altes Weiberl?«
»Es kann Dir unterwegs was passiren. Es wird am Besten sein, daß ich mitgeh.«
»Ach so! Willst wohl sehen, was ich vorhab? Das schlag Dir aus dem Sinn. Meine Wege sind nicht für die Augen eines Andern. Schweig jetzund überhaupt, und kleid mich mit an.«
Er stand auf. Der Silberbauer besaß wirklich eine wahre Elephanternatur. Er bewegte sich mit einer Leichtigkeit, als ob ihm nicht das mindeste körperliche Leid widerfahren sei. In kurzer Zeit stand er angekleidet vor dem Sohne.
»Nun, schau ich aus wie Einer, dem unterwegs was geschehen kann? Meinst, daß ein Wind mich umzustoßen vermag?« fragte er.
»Ja, kräftig genug schaust wohl aus. Aberst es fragt sich halt, wie lange es währen wird.«
»So lange ich will. Jetzund steckst mir noch die kleine Laternen in die Taschen und ein Feuerzeug dazu. Den Jagdsack kannst mir auch umihängen. Ich werd Dir was mitbringen, worüber Du große Freud haben wirst.«
»Was mags sein?«
»Geld, sehr viel Geld.«
Die Augen des Silberfritz erglänzten lüstern. Geld war ihm Alles. Für Geld gab er Alles hin, die Ehre und selbst auch – den Vater.
»Hasts wo irgend versteckt habt?« fragte er.
»Ja. Wann ichs jetzund nicht hol, wirds mir wegnommen und es kommt an den Tag, woher ich es nommen hab. Ich bring es Dir und Du wirsts irgendwo anders verstecken. Denn gefunden darfs auch hier im Haus nicht werden.«
»So geh, so geh schnell! Wann es so ist, so darf ich Dich freilich nicht zurückhalten. Lauf, daßt fortkommst und mach geschwind, daßt wiedernkehrst!«
Jetzt, da es sich um Geld handelte, fragte er nicht mehr, ob sich der fast tödtlich verwundete Vater durch diesen unvorsichtigen, verwegenen Ausgang den Tod holen könne. Er wollte das Geld sehen, den glitzernden, blinkenden Mammon. Alles Andere war ihm sehr gleichgiltig. Sein Vater fühlte das gar wohl, aber es war ihm eben recht. Anstatt dem Sohn zu zürnen, freute er sich, daß dieser auch in dieser Hinsicht dem Vater so sehr ähnlich geworden war.
»Schau,« sagte er lachend, »was das Geldl für eine Wirkung hervorbringt. Jetzund thätst mich sogar nach Amerika hinüberlassen, wann es Dir ein Geldl einbringen thät!«
»Zehnmal um die ganze Welt herum!«
»So ists recht. Schau, das Geld ist die einzige wahre Macht und Gewalt, die es auf Erden giebt. Wem das fehlt, der ist nix und der gilt nix. Wer es aberst hat, dem gehorchens eben Alle, die Großen und die Kleinen, die Alten und die Jungen, die Gescheidten und die Dummen und auch die – Schönen und die Häßlichen. Das Letztere magst Dir gut merken, weilst noch jung bist und doch mal eine Frau nehmen mußt. Nun geh jetzund voran und schau zu, daß mir die Gesindeleut aus dem Wege gehen! Es darf mich Niemand sehen. Hier oben schließt zu und nach einer Stund und einer halben bist draußen am Gartenthor, um mich zu erwarten, damit ich ebenso heimlich wieder hereinkommen kann!«
Er hatte die Laterne nebst Zündhölzern eingesteckt und den Jagdsack umgehängt bekommen. Beide verließen die Stube. Der Sohn ging voran und ertheilte den im Wege Stehenden Befehle, durch welche sie entfernt wurden.
Auf diese Weise gelangte der Silberbauer unbemerkt in den Garten und – wohl auch aus demselben hinaus? Nein.
Anna, die reuig zurückgekehrte Frau des Finkenheiner, war den ganzen Tag in der Wohnung des Letzteren gewesen. Sie scheute sich, von Jemand gesehen zu werden. Jetzt aber, da es dunkel geworden war, verließ sie die Wohnung, um nach der Mühle zu gehen. Dort befand sich das Liesbetherl, um der alten Barbara in der Wirthschaft, welche bald nun ihre eigene werden sollte, zu helfen. Die Mutter wollte die Tochter abholen und nach Hause begleiten.
Sie schlug den Weg ein, welcher an den Gärten vorüberführte. Im Dorfe wäre sie ja gesehen und vielleicht sogar erkannt worden. Beim Garten des Silberbauers angekommen, blieb sie stehen und blickte über den Zaun hinüber. Dort befand sich der Mann, welcher schuld an ihrer Verirrung, an ihrem Unglücke war. Eine tiefe, tiefe Bitterkeit erfüllte sie, ein fast grimmiger Haß gegen den Menschen, der ihr Verführer gewesen war. Wie mild und freundlich war sie von ihrem braven, armen, unglücklichen Manne aufgenommen worden! Die Barmherzigkeit des Letzteren ließ ihr ihren Fehler und die Schlechtigkeit des Silberbauern in trübster Beleuchtung erscheinen. Sie war gekommen, sich an dem Verführer zu rächen. Sie fürchtete ihn nicht. Sie hätte sich sogar wohl auch nicht gescheut, auf einen persönlichen Kampf mit ihm einzugehen.
Da hörte sie Schritte, welche sich leise dem Gartenthore näherten. Wer kam da? Warum trat er so leise auf? Wollte er nicht gehört werden? In diesem Falle ging der Betreffende wohl auf verbotenen Wegen.
Sie drängte sich nahe an den Zaun heran und bog sich nieder, um nicht bemerkt zu werden. Kaum drei Schritte entfernt von ihr wurde das Thor geöffnet, und – – der Silberbauer trat heraus.
War das möglich! Er, der so schwer Verwundete, dessen Leben nur an einem Haare hing, hier im Freien? Und doch war eine Täuschung gar nicht möglich. Seine hohe, breite Gestalt mußte für einige Secunden stehen bleiben, um das Gitterthor wieder zu schließen, und da hatte sie Zeit, sich zu überzeugen, daß er es wirklich sei.
Sie gab sich gar keine Mühe, nach einer Erklärung zu suchen. Sie ahnte, daß er irgend etwas Böses, etwas Unheimliches vorhabe, und da war sie sofort und fest entschlossen, ihn zu beobachten. Darum folgte sie ihm auf dem Fuße.
Von Zeit zu Zeit stehen bleibend, um zu lauschen, ging er hinter dem Dorfe hinab und dann rechts über die Wiesen nach dem Wasser zu. Sie huschte unhörbar hinter ihm her, stehend bleibend, wenn er den Schritt anhielt, und dann wieder gehend, wenn er weiter ging.
Was wollte er dort, in der Gegend der Mühle? das fragte sie sich. Er hatte sich ja bereits am Abende, an welchem er verunglückte, dort herumgeschlichen.
So ging es weiter und weiter, durch das Gebüsch, bis hin zum Wehre. Dort blieb er lauschend stehen. Er horchte längere Zeit auf, um sich zu überzeugen, daß er sich ja ganz allein hier befinde. Sie hatte sich auf den Boden niedergekauert, kaum zehn Schritte weit von ihm. Er sah sie nicht.
Dann endlich trat er hin zu dem Busche, welcher den freien Raum maskirte, der sich zwischen dem Gemäuer des Wehres und dem Wasserbogen befand, welcher von dem Ersteren herabschoß.
Ein Zündholz leuchtete auf. Sie sah bei dem Scheine desselben ganz deutlich, daß eine kleine Laterne an der Erde stand, deren Lämpchen der Silberbauer anbrannte. Ebenso deutlich sah sie, daß er dann sich tief niederbückte, um unter den Zweigen des Busches hinweg zu kriechen und dann zu verschwinden.
Dieses Verschwinden war ihr völlig unbegreiflich. Sie, als einfache Frau konnte sich nicht sagen, daß hinter dem Wehre ein wasserfreier Raum sein müsse. Aber sie stellte gar keine Betrachtungen an. Sie eilte sofort dahin, wo er verschwunden war, bückte sich nieder und blickte unter den grünen Zweigen hindurch.
Da sah sie ihn mit dem Laternchen langsam zwischen der Wehrmauer und der Wasserfluth dahinschreiten. Er machte eine Thüre auf und war dann nicht mehr zu sehen.
Rasch entschlossen folgte sie ihm. Sie fragte nicht, ob die Passage hier mit Gefahren verknüpft sei. Sie wollte sehen und wissen, was er da drin zu thun habe, und da konnte kein Bedenken sie zurückhalten. Zwar war es jetzt dunkel in der kühlen, von Wasserdunst geschwängerten Passage; aber sie hatte ja vorhin beim Scheine seiner Laterne gesehen, wie man gehen müsse, um nicht in den Strom zu gerathen. Sie hielt sich so weit rechts wie möglich, eng an die Mauer, tappte sich langsam und vorsichtig an derselben hin und erreichte so die offene Thüre. Langsam schob sie den Kopf vor, um hinein zu blicken.
Der Silberbauer hatte den Jagdsack abgenommen und auf die früher bereits erwähnte Bank gelegt. Er stand vor dem offenen Kästchen und hatte den werthvollen Thalerschein in der Hand. Ihn betrachtend, murmelte er Worte vor sich hin, welche die Lauscherin wegen des Wasserrauschens nicht zu hören vermochte. Dann legte er den Schein in den Kasten, bückte sich nieder und hob den Hammer auf. Auch ihn betrachtete er und zwar mit einer Art grimmigen Behagens. Seine Lippen bewegten sich. Sie hätte viel darum gegeben, wenn sie die Worte, welche er sprach, hätte verstehen können.
Jetzt warf er den Hammer weg, in denselben Kasten hinein, und zog einen Schlüssel aus der Tasche. Er trat zum Schranke, um denselben zu öffnen. Es ging nicht rasch. In dieser feuchten Athmosphäre rostete das Schloß natürlich sehr leicht, und es war also schwer zu öffnen. Nur unter großer Anstrengung gelang es ihm, mit seinem einen Arme den Schlüssel im Schlosse zu drehen. Knarrend und kreischend that sich die Thüre auf. Die Lauscherin sah, daß der Schrank aus mehreren Abtheilungen bestand. In der unteren stand ein länglich viereckiger Kasten, an welchem sich ein großes Hängeschloß befand. Die beiden anderen Abtheilungen, welche nicht dieselbe Größe besaßen, waren mit Cigarrenkistchen angefüllt. Jedenfalls aber befanden sich keine Cigarren in denselben, denn sie wären in der hier herrschenden Feuchtigkeit binnen kürzester Zeit verdorben.
Der Müller hob zunächst den Kasten hervor und auf die Bank. Dann zog er einen Schlüssel aus der Tasche, um das Hängeschloß zu öffnen. Als ihm dies gelungen war und der Kasten geöffnet vor ihm stand, ruhte sein Blick mit gierigem Ausdrucke auf dem Inhalte desselben. Dann begann er, diesen Inhalt in den Jagdsack zu stecken. Die Frau sah deutlich, daß es lauter Goldrollen waren.
Es dauerte eine geraume Zeit, bevor der Kasten leer war. Dann nahm er einige der Cigarrenkistchen her und schüttete den Inhalt derselben, welcher in Briefen und anderen Scripturen zu bestehen schien, auch in den Sack. Sodann nahm er den bereits erwähnten Hammer und den Fünfhundertthalerschein, um Beides auch mit hinein zu thun. Jetzt schien er fertig zu sein, denn er schloß den Schrank wieder zu und lud sich den Sack auf die Schulter, was ihm, da er nur noch den einen Arm besaß, nicht leicht wurde. Dann drehte er sich um, um zu gehen.
Bis jetzt hatte die Frau an der Ecke der Thüre gestanden; jetzt aber trat sie hervor. Der Schein der Laterne fiel auf sie. Er sah sie und stieß einen lauten Schrei aus. Er war geisterbleich geworden. Seine Augen schienen aus ihren Höhlen treten zu wollen. Die Hand sank ihm herab, und da er mit derselben den Sack unterstützt hatte, so fiel dieser ihm vom Rücken herab und auf die Erde nieder.
»Anna!« schrie er auf.
»Silberbauer! Was treibst hier im Verborgenen?«
Er stützte sich mit der Hand an die Wand.
»Bists wirklich?« stöhnte er auf.
»Wohl bin ich es!«
»Ich hab glaubt, daßt todt seist!«
»Wenns auf Dich ankommen wär, so wär ich schon längst todt, verbrannt und begraben unter den Ruinen des Schlosses, welches Ihr angesteckt habt.«
»Das ist nicht wahr.«
»Es ist wahr. Willsts leugnen?«
»Ich muß es leugnen, denn es ist eine Lügen.«
»Aberst ich weiß es genau.«
»Wie kannst das wissen! Hasts etwan sehen?«
»Ich hab es nicht sehen; aberst ich hab einen Zeugen.«
»Wen?«
»Barko, den Zigeuner.«
»Der lebt nicht mehr.«
»Weilt ihn ermordet hast.«
»Das ist abermals eine Lügen!«
»Natürlich mußt Du es leugnen, sonst kommst als Raubmörder und Mordbrenner an den Galgen. Ist nicht ein Künstler bei Dir gewest, Signor Bandolini mit Namen, der sich hier sehen lassen will?«
»Wohl war er bei mir.«
»Nun, der heißt eigentlich Jeschko und ist auch ein Zigeuner. Kennst vielleicht diesen Namen?«
»Meinst etwan den Barko seinen Brüdern?«
»Ja.«
»Alle Teufeln! Drum hab ich nicht wußt, warum dera Kerl mir so bekannt vorkommen ist!«
»Die Krankheit hat sein Gesicht entstellt. Er ist mit mir hierher gekommen. Er will keine Vorstellungen geben, sondern mir nur behilflich sein, mich an Dir zu rächen!«
Der Bauer ließ seine Augen wie rathlos in dem kleinen Räume umher schweifen. Dann blieben sie an Anna's Gestalt haften.
»Also rächen willst Dich,« sagte er. »Wie willst das aberst wohl anfangen?«
»Indem ich Dich anzeig.«
»Das wirst nicht fertig bringen.«
»Warum nicht? Ich brauch ja nur aufs Gericht zu gehen und das zu erzählen, was ich von Dir weiß.«
Ein höhnisches Lächeln glitt über sein Gesicht.
»Du, das wirst bleiben lassen! Denn wannt von mir erzählst, so mußt auch von Dir reden, von dem Ehebruch, von Deiner Schand und daßt mit mir davonlaufen bist.«
»Warum sollt ich das nicht erzählen?«
»Weil das keine Frau thut.«
»Ich werde es dennoch thun. Alle Welt weiß es bereits, Jedermann hier im Ort. Und höher als alle Bedenken gilt mir die Rache. Du bist mein Verführer, mein Teufel gewest. Du hast mich verachtet und elend gemacht. Ich habe Dir meinen guten Ruf, meine Ehre, mein Glück, Alles, Alles geopfert, und dafür hast Du mich elendiglich betrogen, mich von Dir gestoßen. Mir gilt es gleich, ob die Leut hier Alles erfahren, was sie noch nicht wissen, wenn nur Du die Straf bekommst.«
Ihre Augen glühten voller Haß ihm entgegen. Er mußte an diesem Blicke erkennen, daß sie wirklich gewillt sei, alle Rücksicht ans ihre Person bei Seite zu lassen, nur um sich zu rächen. Dennoch aber gab er die Hoffnung nicht auf, sie eines Anderen zu bereden. Sie war ja Mutter. Darum sagte er:
»Jetzunder ist diese alte Sache bereits längst vergessen, und kein Mensch spricht mehr von ihr. Willst sie etwan wieder aufwärmen, Deinen Kindern zur Schand!«
»Den Namen meiner Kindern rufst vergeblich an, Silberbauer. Sie sind so brav und gut, daß mir die Augen übergehen, sobald ich nur an sie denk, vor Reue und vor Gram, aberst auch vor Grimm und Zorn gegen Dich. Solche Kindern hab ich damals verlassen können! Und warum? Weilst mich beredet hast und verführt mit schönen Worten. Grad der Gedank an meine Kindern macht mich unerbittlich in meiner Rach. Das laß Dir sagt sein!«
»So! Willst wohl allhier bei ihnen bleiben?«
»Ja.«
»Beim Finkenheiner?«
»Bei ihm.«
Er lachte laut auf.
»So kannst mit ihm hungern und betteln!«
»Das bin ich gewöhnt. Seitst mich um mein Geld bracht hast, hab ich gar oft hungern und auch betteln mußt. Aberst jetzund brauchst da um mich gar keine Angst zu haben. Dera Herrgott wird helfen.«
»Meinswegen! Aberst dera Finkenheiner wird Dich hinaus werfen!«
»Meinst? Da irrst Dich gar sehr. Ich hab bereits mit ihm sprochen.«
»So! Hast wohl gute Worte geben, dem Lump?«
»Es hat gar keiner guten Worten bedurft. Er hat mir verziehen und mich zu Gnaden angenommen. Und grad das hat mich zur Erkenntniß bracht, was für einen guten, herzlieben Mann ich so elend macht hab. Das schreit doppelt laut nach Vergeltung.«
»Nun, wannsts so willst, so hab ich auch halt nix dagegen. Mach also, wast willst.«
Aber sein Gesicht zeigte gar nicht die Gleichgiltigkeit, welche in seinen Worten lag. Seine Augen glühten fieberhaft, unheimlich auf. Sie sah es, aber sie fürchtete sich nicht.
»Ja, das werd ich freilich machen. Morgen um diese Zeit steckst bereits im Gefängniß.«
Es zuckte in seinem Gesicht wie von einem neuen Gedanken, welcher ihm jetzt gekommen war.
»Weißt,« sagte er, »Du darfst nicht denken, daß ich mich vor Dir und Deiner Drohung fürcht. Dera Silberbauern braucht vor keinem Menschen eine Angst zu haben. Aberst ich denk jetzund halt daran, daß ich Dich mal lieb habt hab, und daßt freilich meinetwegen in Noth kommen bist. Das möcht ich halt wieder gut machen an Dir.«
Sie lehnte sich an den Thürrand, zuckte verächtlich mit der Achsel und antwortete:
»Meinst etwan, daßt das wirklich wiedern gut machen kannst?«
»Warum nicht?«
»Kannst mir meine Ehr wiedergeben, meine Jugend, mein Glück?«
»Jung kann ich Dich freilich nicht wiedern machen, aberst doch glücklich.«
»Wie denn? Womit?«
»Durch Geld.«
»Ah! Geld also willst mir geben?«
»Ja. Der Heiner ist ein armer Schelm. Er kann Dich nicht dernähren. Ich aberst werd Dir so viel geben, daßt ein Geschäft beginnen kannst, einen Handel, einen kleinen Verkaufsladen.«
»So! Schau, wie barmherzig Du bist! Wie viel willst mir denn geben?«
»Sag, wie vielst verlangst!«
»Das kann ich nicht. Ich werd lieber hören, wie vielst an mich wenden willst.«
»Weißt, ich werd ein Uebriges thun und Dir hundert Mark geben. Damit kannst sehr leicht schon was beginnen.«
Sie benagte ihre Lippen mit den Zähnen, um den Grimm über dieses Angebot zu verbeißen. Dann fragte sie:
»Was meinst wohl, was ich mit diesen hundert Mark beginnen könnt?«
»Einen Handel mit Butter, Eiern und Grünzeug. Kaufst Dir ein Handwagerl für fünfzig Mark, und die andern Fünfzig legst im Einkauf an. Wannst sodann täglich zur Stadt fährst und die Sachen da verkaufst, so kannst ein sehr gutes Geschäften machen.«
»Ach so! Ich fahr mit dem Wagerl hin und her, im Sturm und Regen, Wind und Wettern, Hitz und Kälte! Und dera Silberbauern, der mich elend macht hat und die dreitausend Gulden verschlungen, die ich für die Mühl damals bekommen hab, der sitzt fein daheim am Ofen, laßt sichs gut sein und klimpert mit denen Goldstuckerln! Also mit hundert Mark ist all mein Elend gut bezahlt?«
»So will ich zulegen und Dir fünfzig mehr geben, daßt nur erkennst, wie gut ichs mit Dir mein!«
»Ja, gut hasts stets mit mir meint; das ist wahr!«
»Machst also nun mit?«
»Soll ich Dir wirklich auf diese Fragen eine Antworten geben?«
»Freilich! Deswegen hab ich doch fragt.«
»Nun, so sollst sie auch haben!«
Sie trat auf ihn zu. Ihr Blick bohrte sich in sein Auge, und mit zornbebender Stimme fuhr sie fort:
»Weißt, mit Geld kannst das, wast verbrochen hast, nimmer wieder gut machen. Mit hundert Markerln nicht, mit tausend und mit Millionen nicht. Ich mag kein Geld. Rache will ich, Rache! Bestraft mußt werden! An den Galgen odern auf das Schaffot muß dera Silberbauer! Nur das ists, was mich zufrieden machen kann. Weitern verlang ich nix. Wann Du Deine Strafe funden hast, dann bin ich zufrieden. Dann will ich nicht hinschauen, wann die Leut mit denen Fingern auf mich zeigen. Und übrigens bleib ich nicht hier. Ich geh in ein fremdes Land, und da will ich die Ueberzeugung mit hinnehmen, daß Dir Deine Sünden auch den richtigen Lohn bracht haben.«
»Wirst Dich wohl vorher noch bedenken, ehe Du das thust.«
»Ich hab mich bereits bedacht. Und Dich kenn ich gar zu genau. Jetzund bietest mir das Geldl; aberst ich würd es gar nimmer lang besitzen. Bevor ich eine Hand umidreht hätt, wär ich ganz plötzlich todt. Es ist ja immer Deine Art und Weis gewest, daß Leuten, welche Dir im Weg waren, ganz plötzlich storben sind.«
»So! Meinst also, daß ich sie dermordet hab?«
»Ja.«
»Und daß ich Dich auch dermorden würde?«
»Das glaub ich sichern und gewiß. Wann ich todt wär, könnt ich ja nimmer von Dir reden.«
Da stieß er ein trotz des Wasserrauschens schallendes Hohngelächter aus und sagte:
»Schau, wast für ein kluges Weibsbild bist! Wann ich Dich todt machen wollt, so müßt es doch so geschehen, daß kein Mensch was davon wissen kann. Und wo und wann könnts da besser passen, als jetzund und hier, an dem Ort, von welchem Keiner eine Ahnung hat! Bist in dem Löwen seine Höhlen gangen, so magst auch sehen, wie Du wiedern heraus kommst!«
Er that zwei Schritte nach der Thüre, stellte sich unter dieselbe und stieß die Frau in das Innere des Raumes zurück.
»So!« lachte er. »Jetzund bist in meinen Händen. Nun geh zum Gericht und zeig den Silberbauern doch mal an!«
War es seine Meinung gewesen, daß die Frau sich jetzt vor ihm fürchten werde, so hatte er sich geirrt. Sie hatte natürlich nicht geglaubt, daß er sie so schnell angreifen werde. Ueberrascht war sie von ihm geworden, aber Angst hatte sie dennoch nicht vor ihm.
»Jetzund bist wohl Herr über mich?« fragte sie.
»Ja. Du bist in meiner Gewalt.«
»Kannst das beweisen?«
»Ja, indem ich Dich derwürg oder niederschlag.«
»Nun, das kannst mal versuchen!«
Sie blickte ihm muthig entgegen und schob die Laterne mit dem Fuße so zur Seite, daß er nicht zu dem Lichte gelangen konnte, ohne an ihr vorüber zu gehen.
»Meinst, daß ichs nicht thue?«
»Ich glaub es schon. Aberst ringen wirst doch mit mir müssen. Ich hab zwei Arme und Du nur noch einen. Verbunden bist auch an der Wund, die Du hast. Das reiß ich Dir sogleich aufi. Werden wohl sehen, wer das Uebergewicht erhält. Du oder ich!«
Er sah gar wohl ein, daß sie Recht hatte. Auf einen Kampf mit ihr konnte er es kaum ankommen lassen. Aber er war dennoch nicht verlegen.
»Ich brauch mich mit Dir gar nicht zu raufen,« sagte er. »Ich brauch nur zu gehen und die Thür zu schließen. Da steckst hier drin und mußt elend verhungern und verschmachten.«
»So! Ja, Du bist ein sehr Kluger! Geh nur immer und schließ mich eini! Ich hab gar nix dagegen. Ich werd Dich gar nicht hindern, fortzugehen. Aberst ich komm gar bald hinter Dir her!«
»Meinst, daßt von innen aufimachen kannst?«
»Jawohl.«
»Das möcht ich wohl sehen!«
»Ich kann es Dir ja sagen. Schau, Licht hab ich da, und hier in dem Sack steckt ein Hammer. Mit dem zerschlag ich die Thür; dann bin ich draußen.«
»Den Sack werd ich Dir wohl hier lassen! Den nehm ich schon mit!«
Aber der Sack lag neben der Bank, da, wo die muthige Frau stand. Sie setzte den Fuß darauf und entgegnete:
»Versuch es doch einmal! Wer ihn haben will, der mag herkommen und sich bücken, um ihn weg zu nehmen.«
»Teufelsweib!« knirrschte er.
»Nicht wahr, jetzt siehst eini, daß es nicht so leicht ist wie früher und damals, die Arme zu betrügen? Willst raufen mit mir?«
Er sah ein, daß es unmöglich war, sie anders als durch einen direkten Angriff unschädlich zu machen. Er brauchte sie nur anzufassen und hinaus in das Wasser zu stoßen. Sie mußte von der tosenden Fluth fortgerissen und getödtet werden.
»Ja!« schrie er wüthend. »Ich rauf mit Dir!«
Er sprang auf sie ein, um sie bei der Kehle zu erfassen. Sie machte eine schnelle Seitenbewegung, so daß es ihm nur gelang, sie beim Arme zu ergreifen. Da riß sie sich los und versetzte ihm einen Stoß, daß er an den Schrank taumelte.
»Da hasts!« rief sie. »Jetzunder werd ich Dich einischließen, anstatt Du mich!«
Sie wollte hinauseilen. Gelang es ihr, ihre Drohung wahr zu machen, so war es um ihn geschehen. Darum that er einen schnellen Sprung nach ihr, und es gelang ihm, sie zu erfassen und zurückzureißen.
»So! Geh doch hinaus! Schließ mich doch eini!« höhnte er, indem er sie zurückschleuderte. »Du bists, die verspielen wird.«
Er erhob die geballte Faust zum Schlage. Sie aber sprang blitzschnell auf ihn ein und stieß ihm ihre beiden Fäuste so an den Leib, daß er taumelte, und dann niederstürzte. Sie warf sich sofort auf ihn, und nun begann ein stilles, wortloses, aber angestrengtes Ringen zwischen dem schwachen, aber muthigen Weibe und dem riesenstarken, doch einarmigen Manne. Mit ihren blitzschnellen Bewegungen war sie ihm, mit seinen kraftvollen Faustgriffen aber er ihr überlegen. Es war ihm gelungen, sie bei der Gurgel zu fassen. Er druckte ihr dieselbe zu. Sie wehrte sich in der Verzweiflung des Todes. Zwar kratzte sie mit ihren Nägeln sein Gesicht tief auf, aber er ließ sie nicht wieder los. Er wußte, daß sie ihn nur leicht verwunden könne, während sie, wenn er nur die Faust fest zusammendrückte, in wenigen Augenblicken eine Leiche sein mußte.
Sie machte noch eine letzte, convulsivische Anstrengung, sich zu befreien – vergeblich!
»Kratz nur, Teufelskatze!« brüllte er. »Wirst im Leben nicht mehr kratzen! Heut ists das letzte Mal! In die Höll mit Dir!«
»Noch nicht sogleich!« ertönte eine Stimme am Eingange.
Eine Gestalt schnellte herbei, bog sich über ihn nieder und riß seinen Arm von der Frau zurück. Der Silberbauer war so erschrocken, daß er vergaß, sich zu bewegen. Er starrte wie abwesend in das Gesicht des unerwarteten Ankömmlings, der gerade noch im letzten Moment gekommen war, um die Frau vom Tode zu retten.
»Was?« stammelte der Bauer. »Dera Schulmeistern!«
»Ja, ich bin es,« sagte der junge Mann. »Mensch, findest Du denn gar eine solche Lust am Morden!«
Anna hatte sich mühsam aufgerafft. Sie lehnte matt am Schranke, hielt die Hände an den Hals und rang nach Athem. Der Silberbauer war auch schnell aufgestanden. Er beachtete nichts und sah nichts als nur den Lehrer.
»Verdammter Hallunk!« rief er. »Was willst hier; was hast hier zu suchen!«
»Dich, Mörder, suche ich.«
»Was hast mit mir zu schaffen?«
»Arretiren werde ich Dich, und zwar mit viel mehr Grund, als Du mich am ersten Tage arretiren wolltest.«
»Du bist dumm im Kopf. Diese Stuben hab ich für mich baut; sie gehört mir. Pack Dich hinaus, sonst fliegst von selberst hinaus!«
Er zeigte mit der Hand gebieterisch nach der Thüre. Ganz selbstverständlich folgte sein Auge dabei derselben Richtung. Er ließ den ausgestreckten Arm sinken.
»Alle Teufeln!« rief er aus. »Auch dera Wurzelsepp! Verfluchtger Kerl, was hast hier zu suchen?«
»Den Fünfhundertthalerschein, dent noch vom Feuerbalzer da liegen hast,« antwortete der Alte, indem er näher trat.
»Oho! Du redest wohl im Traume?«
»Nein. Hier in denen Kasten hat er legen, und da unten dera Hammer, mit demt den Balzer hast derschlagen wollen.
»Ich versteh Dich gar nimmer!«
»Und das Geldl, wast vom Thalmüllern holt hast, die fremden Goldstuckerln aus dera Türkeien, sind wohl auch da?«
Der Bauer hielt sich mit der Hand am Schranke fest. Er fühlte eine plötzliche große Schwäche. Und jetzt trat auch der Assessor ein. Er hatte eine Laterne in der Hand. Der Lehrer und der Sepp waren vorangegangen, um die Herren zu überzeugen, daß man ganz ohne alle Gefahr sich unter das Wasser des Wehres begeben könne.
»Wer ist das?« entfuhr es dem Silberbauer.
»Dieser Herr ist der Staatsanwalt,« antwortete der Lehrer. »Ihre Rolle ist ausgespielt.«
Es ging wie ein Krampf über das Gesicht des Bauers. Er konnte nicht begreifen, woher diese Leute kamen, wie sie in den Besitz seines so tief bewahrten Geheimnisses gekommen seien. Aber Eins begriff er: Sie waren da. Es war Alles verrathen. Für ihn gab es keine Rettung als nur allein in der Flucht. Gelang es ihm, jetzt zu entkommen, so war es trotz seines Körperzustandes doch vielleicht möglich, der Strafe zu entgehen. Hier war seine Rolle ausgespielt, darin hatte der Lehrer Recht, aber als Gefangener wollte er sich nicht durch das Dorf führen lassen.
»Eure Rolle aberst spiel ich nicht mit!« schrie er wüthend auf.
Er sprang auf den Assessor ein und stieß ihn, der auf diesen blitzschnellen Angriff nicht vorbereitet war, zur Seite. Dadurch wurde der Eingang frei und er schoß hinaus. Aber indem er sich nach links wendete, um zwischen Mauer und Wasser hinauszueilen, sah er zwei Männer stehen, deren einer auch eine Laterne in der Hand hatte – die beiden Aerzte.
Sollte er mit ihnen kämpfen? Dazu gab es keine Zeit, denn da mußte er im nächsten Augenblicke von hinten ergriffen werden. Wohin also sich retten! Es gab nur einen Weg, hinein in die tosende Wasserfluth, welche vom Wehre herniederschoß. Der Assessor hatte sich augenblicklich wieder zusammengerafft und nach dem Ausgange gewendet. Schon streckte er seine Hand aus, um den Silberbauer zu ergreifen, da that dieser den verwegenen Sprung und verschwand in den abstürzenden Wogen.
»Herrgott!« rief der Assessor erschrocken. »Das ist ja der sichre Tod!«
»Was? Wo ist der Flüchtling?« fragte hinter ihm der Lehrer, welcher, weil er sich im Innern des Raumes befand, nichts gesehen hatte.
»Hier hinein ins Wasser.«
»Er soll uns trotzdem nicht entkommen!«
Der junge Mann warf den Rock ab und zog sich gedankenschnell die Stiefeln aus.
»Um Gotteswillen! Sie wollen ihm doch nicht etwa nach?« rief der Beamte.
»Warum nicht? Es ist nicht so gefährlich, wie es scheint. Haben müssen wir ihn. Ich muß ihn retten. Er darf nicht ertrinken. Seine Aussagen sind uns zu kostbar. Eilen Sie wieder zurück, hinaus, um mir nöthigen Falls zu helfen!«
Ein Sprung und die Wasser schlugen über ihm zusammen.
»Tüchtiger Kerl!« rief der alte Sepp. »Schnell hinaus, schnell, schnell! Sonst ersaufens sehr leicht alle Beiden!«
Die drei Herren eilten so schnell, wie das Terrain es gestattete, zwischen der Mauer und dem Wasser hin und krochen unter dem Busche wieder hinaus. Der Sepp folgte. Die Frau aber blieb allein zurück.
Draußen war es dunkel. Die eine Laterne, welche der Medicinalrath in der Hand hatte, konnte nichts nützen. Er setzte sie nieder.
Das Wasser hatte, vom Wehre zur Tiefe stürzend, sich ein tiefes Loch ausgehöhlt, in welchem es schäumende, kochende Strudel bildete. Dann aber floß es wieder ruhig zwischen den Ufern dahin.
»Was jetzt thun? Man sieht ja nichts!« sagte der Assessor. »Ich bin überzeugt, daß Beide verloren sind.«
»Vielleicht dera Herr Lehrern doch nicht,« antwortete der Sepp. »Ich habs sehen, daß er ein sehr guter Schwimmer ist.«
»Aber in diesen zischenden, drehenden Wassern! Und wenn er den Bauer wirklich durch Zufall ergreift und dieser hängt sich an ihn, so ist er doch verloren.«
»Nun, hier könnens alle Beide nimmer sein. Sie sind mit dem Wasser fort. Wir müssen weiter hinab.«
Er eilte fort und die Andern folgten. Dann, als sie eine Strecke zurückgelegt hatten, blieb der Alte stehen und rief:
»Herr Lehrern!«
Er erhielt keine Antwort.
»Herr Lehrern! Walther! Max! Max!«
In seiner Angst um den jungen Mann, den er so herzlich lieb hatte, nannte er ihn beim Vornamen. Er erhielt auch jetzt keine Antwort.
»Verteuxeli! Da ist halt doch das Unglück passirt. Wann er versoffen ist, so werd ich all mein Lebtagen nimmer wieder froh! Max, Max! Hörst denn den alten Seppen nicht mehr!«
Da antwortete in unmittelbarster Nähe die lachende Stimme des Lehrers:
»Natürlich höre ich Dich. Du schreist ja laut genug!«
»Herr Jerum! Da ist er! Aberst Mensch, warum gebens halt nicht gleich erst die Antworten?«
»Weil ich den Mund voll Wasser hatte. Es ist wirklich nicht ganz ungefährlich, einen Sprung in einen so rasenden Strudel zu thun, besonders bei Nacht.«
Er kam herbei.
»Gott sei Dank!« sagte der Assessor aufathmend. »So leben Sie doch wenigstens noch. Der Bauer ist natürlich ertrunken.«
»Das ist möglich. Wenigstens bewegt er sich nicht mehr.«
»Wie? Was? Wissen Sie, wo er sich befindet?«
»Natürlich. Er liegt keine zehn Schritte von hier am Ufer.«
»So hat ihn das Wasser ausgestoßen?«
»O nein. Vom Ausstoßen ist hier keine Rede. Als ich in den Strudel sprang, fühlte ich einen festen Gegenstand, an welchen ich beim Emportauchen stieß und griff zu. Ich hielt ihn auch fest, als ich noch einige Male zur Tiefe zurückgerissen wurde, und es gelang mir, mit ihm den Fluthen zu entkommen. Es war des Silberbauers Arm, den ich ergriffen hatte. Ich schwamm mit ihm an's Ufer und da rief auch bereits der Sepp nach mir. Bitte, kommen Sie!«
Er führte die Herren nach der Stelle, an welcher er den Bauer liegen gelassen hatte.
»Hier liegt er, neben diesem Busch.«
»So werd ich gleich untersuchen, ob noch Leben in ihm ist,« sagte der Medicinalrath.
Er bückte sich nieder, fragte aber in verwundertem Tone:
»Wo soll er liegen? Hier?«
»Ja. Gleich neben dem Busch.«
»Er ist nicht da.«
»Unmöglich!«
Er bückte sich auch nieder und suchte. Die Anderen suchten mit – vergeblich. Der Silberbauer war verschwunden.
»Ist er etwa in das Wasser zurückgefallen?« meinte der Assessor.
»Nein. Der Busch steht wenigstens eine Elle vom Ufer entfernt. Bitte, warten Sie einen Augenblick, meine Herren!«
Er eilte fort, um die Laterne zu holen, welche der Medicinalrath am Wehre niedergesetzt hatte. Als er dieselbe brachte, leuchtete er nach allen Seiten im Grase umher.
»Er ist fort, entflohen,« sagte er. »Der Mensch ist gar nicht besinnungslos gewesen. Er hat sich nur so gestellt und sich von mir aus dem Wasser schaffen lassen, um dann zu entfliehen. Hier sehen Sie die Spur im hohen Grase. Er ist nach dem Mühlgraben hinauf. Folgen wir schnell.«
Da das Gras hier eine ziemliche Höhe besaß, so war es leicht, der Spur zu folgen. Sie führte nach dem schmalen Steg, welcher über den Mühlgraben ging und verlor sich dann auf festem Boden.
»Er wird doch nicht etwa wieder unter's Wehr sein!« meinte der Medicinalrath.
»Das kann ihm nicht eingefallen sein,« antwortete der Lehrer. »Das hieße ja, sich widerstandslos unseren Händen überliefern. Nein. Jedenfalls ist er so schnell wie möglich nach Hause – –«
»Um sich dort von uns fangen zu lassen? Nein.«
»Gewiß nicht! Er ist nur nach Hause, um seinem Sohne zu sagen, was geschehen ist und wo dieser ihn zu suchen habe. Denn es versteht sich ganz von selbst, daß der Silberfritz seinen flüchtigen Vater mit Geld und anderer Kleidung und Wäsche versehen muß.«
»Das müssen wir verhindern!« sagte der Assessor. »Also schnell in das Dorf! Das Versteck aber dürfen wir auch nicht unbewacht lassen. Die beiden Herren Aerzte mögen hier bleiben, bis wir wiederkommen. Sepp mag nach dem Gasthofe eilen. Ich habe in der Vorahnung, daß ich sie brauchen werde, zwei Gensdarme dorthin bestellt. Vielleicht sind sie bereits da. Ist das der Fall, so mögen sie schleunigst nach dem Silbergute kommen. Sie aber, Herr Lehrer, führen mich jetzt nach demselben. Ich kenne den Weg nicht genau und es handelt sich darum, so schnell wie möglich hin zu gelangen.«
Diese Disposition wurde rasch ausgeführt, aber es war doch bereits eine wichtige Zeit vergangen.
Der Lehrer hatte mit seiner Vermuthung das Richtige getroffen. Der Bauer war zwar zunächst ziemlich betäubt gewesen, als er von dem Wasser herumgewirbelt wurde. Kluger Weise hatte er sich den Wogen widerstandslos überlassen. Da war er von Walther ergriffen und an das Ufer geschafft worden. Er hörte den Sepp rufen. Der Lehrer entfernte sich die wenigen Schritte. Sofort kroch der Bauer leise am Boden hin, richtete sich erst dann auf, als er gewiß war, nicht gesehen zu werden, und eilte dann davon, über den Mühlensteg hinüber und dein Dorfe zu.
Natürlich schlug er die Richtung nach seinem Garten ein. Am hintern Thore desselben stand sein Sohn.
»Kommst endlich!« sagte dieser. »Es sind längst mehr als anderthalbe Stunden vergangen. Sappermenten! Bist ja ganz naß!«
»Ja. Ich komm aus dem Wassern und –«
»Und hast gar keinen Athem! Was ist geschehen?«
»Ein großes Unglücken. Ich bring nix mit und bin derwischt worden. Die Polizei will mich fangen. Ich muß fliehen.«
»Alle Teufel! Bist gescheidt!«
»Hör, ich hab keine Zeit, Dir Alles zu derzählen. Vielleicht kommens gleich hinter mir her und sind schon in einer Minuten da. Der Lehrer ist auch dabei, dera Hallunk. Ich brauch Geld und ein ander Gewand und auch Wäsch. Brings schnell herausi! Dann werd ich Dir auch Alles derzählen und derklären.«
»Hierher soll ichs bringen?« fragte Fritz, jetzt vor Schreck nun selbst athemlos.
»Nein. Da ists zu gefährlich. Ich geh hinüber an unser Roggenfeld. An der unteren Eck desselben wirst mich finden.«
»Aberst wann sie indessen kommen und lassen mich nicht fort?«
»So steig ich hinauf zur Höh und versteck mich in's Felsenloch. Da findest mich gewiß.«
»Aberst wannst drin steckst, so sieht man Dich doch am Tag.«
»Da steck ich im Gebüsch und Du brauchst nur zu rufen.«
»Donnerwettern! Ich bin ganz außer mir vor Schreck! Du auf dera Flucht! Ists denn gar so gefährlich?«
»Ja. Es kostet mich den Kopf, wanns mich derwischen.«
»Aberst das Gut! Was wird mit dem Gut?«
»Das ist Dein. Verstehst? Und da man dabei auch auf Alles gefaßt sein muß, wannst mich etwan hier nicht findest, so bin ich fort und nach Scheibenbad zum Thalmüllern. Der ist mein Spezial und weiß Alles. Der muß mir forthelfen. Horch, da hör ich Schritten! Also fort! Komm an's Roggenfeld!«
Er huschte fort. Sein Sohn blieb stehen und lauschte. Es war nichts zu hören. Die Angst hatte den Bauer getäuscht. Fritz ging durch den Garten in das Haus und in die Stube seines Vaters. Er befand sich in außerordentlicher Aufregung. Der Silberbauer auf der Flucht! War das möglich? Das verwirrte ihm fast die Gedanken. Die Hauptsache war, den Vater mit Geld, einem Anzuge und trockener Wäsche zu versorgen. Soviel sah er bei all seiner Aufregung ein. Darum raffte er zusammen, was er dazu brauchte, nahm Geld aus dem Pulte und kehrte in fieberhafter Eile nach dem Garten zurück, um sich nach dem Roggenfelde zu begeben.
Aber er hatte die Hälfte des Gartens noch nicht durchschritten, so kamen ihm zwei Männer entgegen – der Assessor und der Lehrer.
»Guten Abend!« grüßte der Erster«. »Wohin, mein Bester?«
»Wer hat da zu fragen?« antwortete der Silberfritz trotzig. »Wer ist da? Wer derlaubt es sich, durch den Garten zu gehen?«
»Das können Sie sofort erfahren. Wer sind Sie?«
»Das geht halt Niemand nix an!«
»Es ist der Sohn des Bauers,« erklärte der Lehrer.
»So? Wo wollen Sie hin? Und was haben Sie da in den Armen? Ah, einen Anzug, wie es scheint. Darf ich fragen, für wen er bestimmt ist?«
»Das braucht Keiner zu wissen!«
»Bitte, sprechen Sie höflicher zu uns! Ich bin Gerichtsbeamter und komme, mich nach Ihrem Vater zu erkundigen. Wo ist er?«
»Der? Wo soll er sein? Er ist ja krank! Droben im Bett liegt er. Das versteht sich ja ganz von selberst.«
»Wollen Sie uns einmal zu ihm führen?«
»Wanns zu ihm wollen, meinswegen.«
»Und was wollten Sie mit diesen Kleidungsstücken?«
»Auch das müssens wissen? Ich hatt sie heut im Garten in die Sonn aufhängt. Nun ists Nacht, und ich hol sie wieder in's Haus.«
»Es schien aber, als ob Sie damit fort wollten, zum Garten hinaus?«
»Fallt mir nicht eini! Ich hab nur sehen wollt, ob die Thür noch offen ist. Die muß des Nachts zugeschlossen werden.«
»Nun, sie ist noch offen. Haben Sie den Schlüssel mit?«
»Nein.«
»So werde ich selbst dafür sorgen, daß sie nachher verschlossen wird.«
»Sie? Was haben denn Sie hier im Silbergut zu befehlen?«
»Darüber werden Sie recht bald aufgeklärt werden. Kommen Sie nur!«
Als sie durch die Hinterthür in das Haus traten, brachte zu gleicher Zeit der Sepp, welcher also sehr schnell gelaufen war, die beiden Gensdarme und auch den Finkenheiner zur vorderen Thür herein.
»Da bin ich schon, Herr Assessor,« sagte er. »Und weil ich mir denkt habt, daß wir leicht Leuteln brauchen, die den Wächter machen müssen, so hab ich auch den Heiner mitbracht, weil er mir begegnen that.«
»Einen besseren Wächter giebt es allerdings nicht, als den Heiner,« erklärte Walther leise dem Beamten. »Es ist nämlich der Spezialfeind der ganzen silbernen Gesellschaft.«
Der Assessor nickte zustimmend und befahl dann den Gensdarmen:
»Einer von Ihnen bleibt hier im Flur postirt, um dafür zu sorgen, daß kein Bewohner dieses Hauses dasselbe ohne meine Erlaubniß verläßt. Der Andre folgt uns jetzt! Also führen Sie uns zu Ihrem Vater!«
Diese Aufforderung war an den Silberfritz gerichtet. Dieser antwortete:
»Der ist halt oben in seiner Stuben. Kommens also mit.«
Sie stiegen hinauf. Eine Lampe brannte dort. Natürlich war das Bett leer.
»Nun, wo ist er denn?« fragte der Assessor.
»Ja, wo ist er?« rief der Sohn, sich ganz erstaunt stellend. »Er muß doch da im Bett liegen!«
»Aber wie Sie sehen, ist er fort!«
»Wie kann er fort sein! Er ist ja krank, ohne Arm! Er hat stets dagelegen ohne Verstand!«
»Wir werden ihn wohl finden. Zunächst erlauben Sie mir einmal, die Gegenstände anzusehen, welche Sie jetzt aus dem Garten geholt haben. Ah! Ein Paar Stiefel! Haben die auch mit unten gehängt?«
»Ja.«
»Ein neuwaschenes Hemde und ebensolche Strümpfe. Warum mußten auch diese Gegenstände an die Luft gehängt werden?«
»Weil Alles feucht worden war.«
»So! Seit wann hing das Alles unten?«
»Am ganzen Tag.«
Der Assessor entfernte sich für kurze Zeit, um unten beim Gesinde nachzufragen. Als er dann zurückkehrte, sagte er:
»Es hat nicht ein einziger dieser Gegenstände im Garten gehangen. Sie haben mich belogen. Ich fordere Sie auf, mir die Wahrheit zu sagen.«
»Die hab ich sagt. Wer anders spricht, der ist ein Lügner!«
»Nun, so will ich Ihnen sagen, daß Sie diese Gegenstände für Ihren Vater bestimmt haben. Wo befindet er sich?«
»Weiß ichs!«
»Ja, Sie wissen es!«
»Ich weiß nix davon, daß ichs weiß.«
»Nun, ich kann Sie nicht zwingen, mir zu sagen, was Sie nicht sagen wollen, aber Sie veranlassen mich durch Ihre Unwahrheiten, strenger mit Ihnen zu verfahren, als ich beabsichtigte. Sie sind hiermit arretirt!«
Der Silberfritz fuhr zurück, als ob er einen Schlag erhalten hätte.
»Was? Verarretirt soll ich sein!« rief er. »Ich, dera Silberfritz, dessen Vatern der Herr von ganz Hohenwald ist!«
»Von dieser Herrschaft weiß ich nichts. Sie bleiben einstweilen hier. Sie dürfen diese Stube ohne meine Erlaubniß nicht verlassen. Der geringste Versuch, gegen meinen Befehl zu handeln, würde mich veranlassen, Sie in Fesseln zu legen. Jetzt wollen wir nach Ihrem Vater suchen.«
Fritz wurde jetzt eingeschlossen. Draußen bemerkte der Lehrer zu dem Assessor:
»Ich bin überzeugt, daß die Durchsuchung des Hauses zu keinem Resultate führt. Der Sohn wollte aus dem Garten hinaus, um seinem Vater die Sachen zu bringen. Der Bauer befindet sich also im Freien.«
»Aber wo? Ich bin übrigens ganz und gar Ihrer Meinung.«
»Jedenfalls gar nicht weit vom Garten entfernt.«
»Meinen Sie, daß ich ihn draußen suchen lasse?«
»Nein. Dadurch würde er uns sicher entgehen. Die Beiden haben jedenfalls einen Ort verabredet. Wir kennen denselben nicht. Durch unser Suchen würden wir ihn nur auf uns und auf die ihm drohende Gefahr aufmerksam machen. Meiner Ansicht nach haben wir auch einen großen Fehler begangen.«
»Nicht daß ich wüßte!«
»Wir hätten den Silberfritz nicht stören, sondern ihm heimlich nachschleichen sollen. Er hätte uns ganz gewiß zu seinem Vater geführt.«
»Allerdings. Sie müssen aber berücksichtigen, daß er uns auch sogleich bemerkte, als wir ihn sahen. Es war also unmöglich, ihm heimlich zu folgen. Uebrigens habe ich alle Hoffnung, den Bauer doch zu ergreifen. Wenn sein Sohn nicht kommt, um ihm verabredeter Maßen die Sachen zu bringen, so wird er sich jedenfalls herbeischleichen, um den Grund dieser Zögerung zu erfahren. Ich werde dafür sorgen, daß er da ergriffen wird.«
Es war freilich so, wie der Lehrer gesagt hatte: die sorgfältigste Durchsuchung des ganzen Gutes bewies nur, daß der Bauer sich nicht in demselben befand. Die sämmtlichen Gesindepersonen wurden bis auf Weiteres eingeschlossen. Der zweite Gensd'arm postirte sich in den Garten, um mit dem alten Sepp und dem Finkenheiner den Silberbauer festzuhalten, falls dieser sollte herbei geschlichen kommen. Sodann kehrte der Assessor mit dem Lehrer wieder nach dem Wehre zurück. Das Versteck mußte durchsucht werden. Nach dem dortigen Befunde mußte der Beamte sein Verhalten gegen die Bewohner des Silberhofes einrichten.
Als die Beiden am Wasser anlangten, fanden sie die beiden Aerzte am Ufer sitzen, und zwar in Gesellschaft der Frau des Finkenheiners, welcher es in dem Verstecke zu einsam geworden war, die sich aber auch nicht hatte entfernen wollen, bevor sie vernommen worden war.
Nach der Mittheilung, daß der Flüchtling noch nicht ergriffen worden sei, begaben sich die vier Herren nebst der Frau hinein in das Versteck. Der Assessor kannte Anna nicht persönlich, aber der Lehrer hatte ihn unterwegs, so weit er es vermochte, über ihre Person und ihre Verhältnisse aufgeklärt. Darum wendete er sich zunächst, bevor er den Raum und dessen Inhalt untersuchte, an sie:
»Wie kommt es, daß wir Sie mit dem Silberbauer hier überraschten?«
»Ich wollte nach der Mühl, und er ging vor mir her. Ich sah ihn ein Licht anbrennen, dann verschwand er unter dem Wasser. Ich bin ihm folgt, und als er mich sah, wollt er mich todt machen. Da haben wir mit nander gerungen. Und wann dera Herr Lehrern nicht kommen wär, so lebt ich jetzund nicht mehr.
»Vielleicht muß ich Sie noch heut ersuchen, mir einige Auskunft über den Silberbauer zu ertheilen. Dazu ist aber später Zeit. Sagen Sie uns zunächst, was Sie hier erlauscht und beobachtet haben!«
Sie erzählte es. Als sie geendet hatte, nahm der Beamte den Jagdsack her und öffnete ihn.
»Wirklich, hier ist ein Hammer,« sagte er. »Das ist an und für sich gar keine verdächtige Erscheinung. Wer sich so ein heimliches Versteck herrichtet, kann ein solches Werkzeug oft brauchen. Warum aber dieses Versteck und warum hat er den Hammer in Sicherheit bringen wellen?«
Er betrachtete den Letzteren genau.
»Hm! Der Kopf hat drei Centimeter und einige Millimeter ins Geviert. So gaben Sie die Kopfwunde des Feuerbalzers an, Herr Medicinalrath.«
»Ich habe das Maß einstecken,« antwortete der Genannte. »Bitte, zeigen Sie!«.
Er erhielt den Hammer und zog das silberne Stäbchen hervor. Das Maß stimmte ganz genau. Nun hielt er den Hammer ganz nahe an das Licht der Laterne, um ihn ganz genau zu betrachten.
»Eigentümlich,« sagte er, »daß dieses Eisen nicht so verrostet ist, wie man es bei der Feuchtigkeit dieses Raumes erwarten sollte. Ich werde die Kopffläche, mit welcher der Hieb ausgeführt sein müßte, einmal ganz genau untersuchen. Vielleicht ist noch eine Spur von Blut aufzufinden. Und, Gott sei Dank, verstehen wir jetzt ganz sicher, Menschenblut vom Blute eines andern Geschöpfes zu unterscheiden.«
»Ja, wickeln wir dieses Werkzeug sehr sorgfältig ein! Es kann für uns von großer Wichtigkeit werden. Nun weiter!«
Er suchte im Sacke weiter nach, zog die Cigarrenkästchen und dabei auch den Kassenschein heraus.
»Welch eine Nummer!« rief er aus. »Es ist wirklich 9,993,330, also derselbe Schein, welcher dem Feuerbalzer geraubt wurde. Ich will hören, wie der Silberbauer nach seiner Ergreifung das Vorhandensein dieses Papieres in seinem Verstecke erklären wird.«
Er öffnete die Cigarrenkästchen und fand, daß der Inhalt derselben aus Briefen und schriftlichen Anweisungen befand, zu deren näherer Untersuchung jetzt nicht Zeit war.
Dann wurden auch einige der Geldrollen untersucht. Sie enthielten lauter türkische Goldstücke von der Prägung eines und desselben Jahres.
Zum Oeffnen des Schrankes fehlte der Schlüssel. Der Silberbauer hatte ihn einstecken. Der Hammer hätte zwar zum gewaltsamen Oeffnen dienen können, allein da an ihm nach Blutspuren gesucht werden sollte, so mußte man darauf verzichten. Es war im Dorfe kein Schlosser vorhanden. Aber der Schmied verstand sich auch so leidlich auf Schlosserei und pflegte Schlösser durch Nachschlüssel zu öffnen, falls irgend ein Bewohner des Dorfes einmal einen Schlüssel verlegt oder verloren hatte. Der Lehrer erbot sich also, nach dem Dorfe zu eilen, um ihn zu holen, und erhielt gern die Erlaubniß hierzu.
Anna, welche sich hier nicht erblicken lassen wollte, fragte, ob sie sich nicht entfernen dürfe, da der Schmied sie sogleich erkennen werde. Der Assessor gestattete es ihr unter der Bedingung, daß sie für ihn zu haben sei, sobald er ihrer Aussage bedürfe.
Sie ging nach der Mühle, um, was ihre ursprüngliche Absicht gewesen war, ihr Liesbetherl abzuholen. Dort erzählte sie natürlich, was geschehen war, und der Müller hatte nichts Eiligeres, zu thun, als nach dem Wehre zu gehen. Er kam gerade mit dem Lehrer und dem Schmiede dort an, blieb aber draußen stehen, um sich nicht aufdringlich zu zeigen und in Folge dessen zurückgewiesen zu werden.
Der Schmied war höchlichst verwundert, zu sehen, daß sich unter dem Wasser des Wehres eine so geheimnißvolle Kammer befand. Er öffnete mit Hilfe seines Dietrichs den Schrank mit Leichtigkeit, erhielt seine Bezahlung und durfte dann gehen, wurde aber angewiesen, jetzt noch zu keinem Menschen von dem zu sprechen, was er hier gesehen hatte.
Der Assessor öffnete nun ein Kästchen nach dem andern. Sie alle enthielten Geld in verschiedenen Sorten mehrerer südlicher Länder, außerdem Uhren, Ringe, und andere Gold- und Geschmeidesachen.
»Wie das Lager eines Pfandleihers,« sagte der Medicinalrath.
»Oder vielmehr wie der geheime Schatz eines Einbrechers,« antwortete der Assessor. »Jeder Gegenstand ist mit einer Nummer versehen und in jedem Kästchen liegen Blätter mit Bemerkungen über die verschiedenen Nummern. Hören Sie zum Beispiel.«
Er nahm ein Blatt und las vor:
»Nummer Elf. Ein goldener Ring mit Rubin, in der Pußta Kobro der reichen Bäuerin Emzcvary abgenommen.
»Nummer Vierzehn. Busennadel des Weinhändlers Terecky. Wollte schießen, kam aber nicht dazu.«
»Was sagen Sie zu solchen Aufzeichnungen, meine Herren?«
Auf diese Frage des Assessors antwortete der Medicinalrath kopfschüttelnd:
»Das klingt ganz so, als ob wir es hier mit einem neuen Räuberhauptmann Schobri zu thun hätten.«
»Ja. Und ich bin der Ansicht, daß er in früheren Jahren dieses verbotene Geschäft betrieben hat. Jedenfalls werden die Papiere, welche hier zu finden sind, Aufschluß darüber geben. Natürlich können wir alle diese Gegenstände nicht hier lasten. Ich werde sie in Verwahrung nehmen und nach dem Silberhofe schaffen lassen, wo ich für diese Nacht mein Hauptquartier aufschlagen werde. Es versteht sich ganz von selbst, daß ich nicht eher Hohenwald verlasse, ja, nicht eher schlafen gehe, als bis ich Einsicht in sämmtliche Papiere und Effecten genommen habe. Leider habe ich Niemand, der mir die Sachen fortschaffen könnte.«
»Draußen steht der Müller,« bemerkte der Lehrer. »Der wird sehr gern bereit dazu sein.«
Als der Genannte befragt, wurde, gab er seine Zustimmung. Er ging nach der nahen Mühle und brachte Peter, seinen alten Esel, herbei. In den zwei Körben, welche dieser rechts und links trug, fanden alle vorgefundenem Gegenstände Platz.
So setzte sich der Zug in Bewegung. Selbst der Medicinalrath ging nicht nach der Mühle, wo er doch sein Quartier hatte, sondern er begab sich mit dem Collegen noch einmal zum Feuerbalzer. Dieser lag in einem gelinden Wundfieber, eine ganz natürliche aber unbedenkliche Folge der Operation, welche heute an ihm vorgenommen worden war. Seine Mutter wollte gern erfahren, was sich indessen ereignet hatte, bekam aber nichts zu hören.
Als der Assessor mit dem Lehrer und dem Müller am Garten des Silberhofes anlangten, erfuhren sie, daß der Bauer sich nicht hatte sehen lassen. Vielleicht hatte er sich doch möglichst nahe herangeschlichen und da bemerkt, daß er abgelauert werden solle.
So geheim man den ganzen Vorgang gehalten hatte, er war doch ruchbar geworden.
Draußen vor dem Silbergute standen viele Neugierige, die aber freilich nichts zu hören bekamen. Nur den im Hausflur postirten Gensdarmen sahen sie, wenn sie aus der Entfernung durch die Hausthüre blickten, falls diese einmal geöffnet wurde. Wenn ja einmal einem dieser Neugierigen die Zeit zu lang wurde und er sich entfernte, so trat gleich wieder ein Neuangekommener an seine Stelle.
»Die Polizei ist beim Silberbauer!« so sagte man. Das war aber auch Alles, was man wußte. Dennoch war das für die hiesigen Verhältnisse ziemlich viel und die Bauern hüteten sich gar wohl, schlafen zu gehen. Sie gingen vielmehr in das Wirthshaus und waren entschlossen, das Bett nicht eher aufzusuchen, als bis sie eine sichere Nachricht mit nach Hause nehmen konnten.
Da saßen sie nun und ließen ihren Gedanken und Vermuthungen freien Lauf. Und Derjenige, welcher eigentlich von ihnen allen der Unterrichtetste hätte sein sollen, der Wächter, der saß bei ihnen und wußte ebenso wenig wie sie.
»Höre, Wächtern,« sagte Einer, »wer ist denn eigentlich die Polizeien hier im Ort?«
»Na, wer wirds halt sein! Ich bins!«
»So! Nun, so sag doch halt mal, was heut im Silberhof vorgenommen wird!«
»Das weiß ich freilich nicht.«
»So solltst Dich schämen! Es darf kein Mensch hinein und heraus. Der Schandarm steht drin und hält die Wach und Du weißt nix davon. Geh doch mal hin und bekümmere Dich um Dein Amt!«
»Das ist sehr bald sagt!«
»Und auch sehr bald than!«
»Ja, fangt nur mal mit denen Schandarmen an! Ich geh nicht ehern hin, als bis ich drei Schnapsen trunken hab oder vier oder fünf.«
»Dann hast wohl Muth?«
»Den hab ich auch jetzt schon. Aberst wann ich ein Branntweinerl trunken hab, dann bekomm ich scharfe Augen und eine beredte Zungen.«
»So trink!«
»Kann ich denn?«
»Nun, warum sollst nicht können?«
»Weil ich kein Geldl hab und dera Wirth pumpt mir nimmer.«
»So zahl ichs.«
»Das ist was Anderes. Da kann ich schon trinken.«
Als er sich dann Muth angetrunken hatte, setzte er seine Soldatenmütze auf und begab sich nach dem Silberhof. Erst war sein Gang gravitätisch, seine Haltung selbstbewußt. Aber je näher er seinem Ziele kam, desto mehr sank er zusammen und desto kleiner und langsamer wurden seine Schritte.
Dort standen die Leute und starrten das Haus an.
»Stehts noch immer wie vorhin oder hat sich inzwischen was Neues begeben?« fragte er.
»Niemand hat was sehen oder bemerkt,« wurde ihm geantwortet. »Aberst Du mußts doch besser wissen als die Leutln hier! Du bist ja die Polizeien!«
»Ja, weißt, das verstehst halt nicht. Ich bin nämlich der Kriminale. Wanns was Wichtigs giebt, einen Raubmorden oder einen Verrath ins Vaterland hinein, da muß ich dabei sein. Jedoch bei Verbrechen, die nicht wichtig sind für die Paragraphen, da bin ich nicht nöthig, da incommanderirt man mich nicht gern.«
»Aberst dennoch mußt wissen, was vorgeht.«
»Ja, eigentlich muß man mirs melden!«
»Schau! Man sagt Dir nix! Das ist eine Beleidigungen für Dich. Willst Du's dulden.«
»Nein. Zu dulden brauch ich's nicht.«
»So geh doch mal hinein und stell die Leutln ordentlich zur Red. Oder hast kein Herz? Hast vielleicht Angsten?«
»Ich Angsten? Ich weiß gar nicht, was Angsten ist. Ich hab mich nicht mal vor meinem Vatern fürchtet, als ich noch ein kleiner Bub gewest bin. Wann er mich hat hauen wollt, hab ich ihn gleich so anbrüllt, daß er keinen Schlag than hat.«
»Ja, aus Angsten hast brüllt!«
»Schweig! Und damitst siehst, daß ich ein Herzen und Kuraschi hab geh ich jetzund hinein.«
Er marschirte auf die Hausthüre zu und trat dort ein.
»Was wollen Sie?« fragte der Gensdarm.
»Ich bin dera Wächtern und Polizist hier vom Ort und wollt fragen, ob ich nicht auch mitmachen kann.«
»Was wollen Sie denn mitmachen?«
»Alles, was es hier zu thun giebt.«
»Schön! Wenn ich wüßte, daß Sie Ihre Pflicht gewissenhaft erfüllen werden, so würde ich Ihnen den schwierigsten Posten anweisen.«
Das schmeichelte dem Wächter. Das erhob seine Seele.
»O,« sagte er, »ich werd meine Pflicht thun und wanns mein Leben kosten thät.«
»Gut, so will ich Ihnen mein Vertrauen schenken. Sind Sie im Gasthofe bekannt?«
»Freilich.«
»So marschiren Sie jetzt gradewegs hin. Sie setzen sich in irgend eine Ecke, reden mit keinem Menschen ein Wort und passen genau auf alle Leute auf, welche dort ein- und ausgehen. Es wird höchst wahrscheinlich ein berüchtigter Verbrecher dort einkehren. Den arretiren Sie sofort. Verstanden?«
»Verstanden hab ichs schon. Aberst wie schaut denn dieser Verbrechern eigentlich aus?«
»Das wissen Sie nicht?«
»Ich hab ihn doch noch niemals sehen.«
»Das ist auch gar nicht nothwendig. Wenn Sie ein Polizist sind, so müssen Sie auch wissen, wie ein Verbrecher aussieht.«
»Ach so! Ja, das weiß ich freilich ganz genau. Mir soll schon Keiner entgehen!«
»Also gut! Eilen Sie also ins Wirthshaus, und sobald er kommt, fassen Sie ihn und bringen ihn mir hierher!«
»Schön! Sie werden bald derfahren, daß ich ihn erwischt hab.«
Er ging. Als er sich unter der Thür noch einmal umdrehte, sah er noch, daß durch die Hinterthür der Assessor mit dem Lehrer und dem Müller hereinkam. Der Letztere führte seinen Esel am Zügel. Sofort eilte der Polizist zu dem Gensdarm zurück und fragte leise:
»Ist vielleicht der Lehrern verarretirt?«
»Unsinn!«
»Aber der Herr Assessorn macht doch denen Staatsanwalten. Und wo der ist, da wird stets Einer verarretirt.«
»Nun ja. Sie sehen doch, daß der Esel arretirt worden ist.«
»Verteuxeli! Das hab ich mir doch denken könnt. Na, ich werd meinen Gefangenen auch bald bringen.«
Jetzt ging er. Als er die draußen Stehenden erreichte, wurde er gefragt, was er erfahren habe.
»Das sind heimliche Amtsgeheimnissen,« sagte er. »Wir von dera Polizeien dürfen halt nix verrathen.«
Er eilte weiter. Im Wirthshause angekommen, suchte er sofort einen Winkel auf und ließ die Thür nicht aus dem Auge. Er gab auch auf keine Frage eine Antwort. Er hielt sich ganz genau an seine Instruction. Leider aber wollte Niemand kommen, der nach seiner Ansicht das Aussehen eines berüchtigten Verbrechers hatte.
Der Assessor ließ alle Gegenstände in dasjenige Zimmer des Silberhofes bringen, welches er für sich ausgewählt hatte. Dann konnte der Müller nach der Mühle zurückkehren. Der Lehrer aber erfreute sich des Vorzuges, zum Bleiben eingeladen zu werden.
»Ihren Bemühungen ist es zum größten Theile zu verdanken, daß wir hinter die Thaten des Silberbauers gekommen sind,« sagte der Beamte. »Es wäre mir lieb, wenn ich heut noch weiter auf Ihren Beistand rechnen könnte. Es giebt so viel zu lesen. Wollen Sie helfen?«
»Sehr gern.«
»So kommen Sie mit herauf.«
Nun begannen die Beiden zu arbeiten. Es war noch lange nicht Mitternacht, so sahen die Neugierigen, daß der Wagen des Silberbauers vor dem Thore hielt. Der Knecht saß auf dem Bocke. Ein Gensdarm stieg ein und vor ihm – der Silberfritz. Der Letztere war an den Händen gefesselt.
Diese Nachricht lief im Verlaufe von zwei Minuten durch das ganze Dorf. Später wurde die alte Feuerbalzerin geholt. Sie blieb eine lange Zeit bei dem Assessor. Als sie wieder heraus kam, sollte sie den Leuten erzählen, aber sie entzog sich den neugierigen Fragern, indem sie sich schnell entfernte.
Sodann sah man den Finkenheiner kommen und nach fast einer Stunde wieder gehen. Auch er gab den Fragern keine Auskunft.
Gleich nach seinem Verschwinden kam eine verhüllte Frauengestalt das Dorf herauf, huschte an den Neugierigen vorüber und trat in das Silbergut. Niemand hatte sie erkannt. Es war die Frau des Finkenheiner. Sie wurde von dem Gensdarm nach dem Zimmer des Assessors gewiesen.
Dieser empfing sie freundlich und wies ihr einen Stuhl an. Der Lehrer saß an der anderen Seite des Tisches, um Notizen festzustellen. Nachdem der Assessor sich entschuldigt hatte, daß er sie zu so später Stunde noch bemühe, fragte er, ob er erwarten dürfe, daß sie seine Fragen nach bestem Wissen beantworten werde.
»Ich werde gern Alles sagen, was ich weiß, und nicht das Mindeste verheimlichen,« erklärte sie.
»Sorgen Sie nicht, daß ich Sie mehr als ganz nothwendig ist, belästigen werde. Ich habe Sie nicht rufen lassen, um mich über Ihre persönlichen Verhältnisse zu unterrichten. Dennoch aber wird es unvermeidlich sein, auch diese zuweilen zu berühren. Sie verließen damals Ihre Heimath in Gesellschaft des Silberbauers?«
»Ja,« antwortete sie erröthend. »Damals aber wurde er noch nicht mit diesem Beinamen genannt.«
»Wie weit kamen Sie mit ihm?«
»Zunächst bis Wien, wo ich meinem Manne schrieb und wartete, von ihm meine Papiere zu erhalten. Er that Alles nach meinem Willen. Wir sind nicht katholisch und wurden wegen böswilliger Verlassung meinerseits schnell geschieden. Dann ging ich mit Klaus nach Ungarn, wo er plötzlich verschwand, und zwar mit den dreitausend Gulden, welche mir gehörten.«
»Das stimmt. Er hat sie gebucht. Dieser Mann hat nämlich über seine Schurkereien höchst gewissenhaft Buch geführt. Bitte, was thaten Sie in Ihrer nun jedenfalls sehr bedrängten Lage?«
»Ich vermiethete mich, hatte aber traurige Zeit, da ich nicht ungarisch verstand und nur einen einzigen Anzug besaß. Klaus hatte mir Alles gestohlen, und mir nur das gelassen, was ich auf dem Leibe trug. Ich diente bei verschiedenen Herrschaften, versuchte manches Andere, alles ohne Glück und Erfolg, bis ich in Presburg eine liebe Herrschaft fand, bei der ich nun Jahre lang verblieb. Es war eine Wittwe, eine Baronin von Gulijan, welche in der Moldau und Wallachei bedeutende Besitzungen hatte. Ihr Lieblingssitz war ein Schloß in der Nähe von Slatina, wohin ich ihr folgte. Zu dem Schlosse gehörten zwei Mühlen. Auf einem Spaziergange betrat ich die eine derselben. Denken Sie sich meinen Schreck, als ich den Müller erblickte – Klaus war es.«
Der Assessor warf einen teilnehmenden Blick zu ihr hinüber.
»Es ist leicht begreiflich, daß Sie im höchsten Grade überrascht gewesen sind. Was that aber er?«
»Er that ganz fremd gegen mich.«
»Der Schurke!«
»Ich aber sah deutlich, daß er mich erkannte, denn er zuckte im ersten Augenblick förmlich zusammen.«
»Sind Sie öfters mit ihm zusammengekommen?«
»Nur allzu oft. Gleich an diesem ersten Male kam er mir, als ich ging, heimlich nach. Er leugnete gar nicht, es zu sein, obgleich er einen anderen Namen trug. Aber er verlangte von mir, daß ich ihn nicht kennen solle.«
»Und Sie? Was antworteten Sie?«
»Ich versprach ihm, ihn nicht zu kennen. Dieses Versprechen wurde mir sehr leicht. Ich verachtete ihn. Aber ich verlangte natürlich auch mein Eigenthum zurück. Er versprach mir, es mir nach und nach zurückzuerstatten, wenn ich ihm verspräche, seiner Frau nicht mitzutheilen, was ich von ihm wisse.«
»Er hatte also indessen geheirathet?«
»Nein, sondern er war bereits verheirathet gewesen, als er mich durch das Versprechen der Ehe verlockte, ihm zu folgen.«
»Sollte man das für möglich halten?«
»O, er war ein schrecklicher Mensch und ist es auch noch heut. Er hatte bereits hier gewohnt, als Knappe in der unteren Mühle, und war dann in die Fremde gegangen, an die untere Donau. Dort hatte er die Tochter eines sehr reichen Müllers verführt und dadurch das Jawort ihres Vaters erhalten, aber keinen Pfennig Mitgift. Darum war er unter dem Vorwande einer Geschäftsreise zu uns zurückgekehrt, um mich zu verführen und mein Geld in seine Hand zu bekommen. Als er es hatte, verließ er mich. Er hatte es für unmöglich gehalten, daß ich ihn finden würde. Von jetzt an beginnt eine Zeit, deren Erlebnisse ich für Erfindung einer müssigen Phantasie halten würde, wenn es nicht meine eigenen Erlebnisse wären. Der Silberbauer tritt da als ein wahrer Satan auf, er und der andere Müller, ein Kumpan und Helfershelfer von ihm, Namens Keller, dessen Aufenthaltsort ich leider trotz aller meiner Bemühungen nicht habe ausfindig machen können.«
»Ist er fort von dort?«
»Ja. Er verschwand mit Klaus zu gleicher Zeit, nachdem Beide Thaten verübt hatten, deren jede einzelne sie ins Zuchthaus hätte bringen müssen.«
Der Lehrer war aufmerksam geworden.
»Verzeihung!« sagte er. »Haben Sie keine Ahnung, wohin dieser Keller sich gewendet hat?«
»Nein, aber vermuthlich doch auch nach Deutschland, da er auch ein Deutscher war.«
»Können Sie mir seine Person beschreiben?«
»Schwarz, stark und kräftig mit rohen Zügen. Sein Benehmen war noch roher als sein Gesicht. Er war ein würdiger Spießgeselle Klausens.«
»Hatte er Familie?«
»Seine Frau und Klausens Frau waren Schwestern. Beide starben. Klaus hatte zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter, Keller aber nur eins, nämlich eine Tochter.«
»Wie hieß diese?«
»Pauline. Sie wurde von ihrer Mutter und in Folge dessen von allen Anderen Paula genannt.«
»Wunderbar, daß Sie diesen Mann nicht gefunden haben, da Sie doch Klaus fanden.«
»Was wollen Sie damit sagen?«
»Daß er hier in der Nähe wohnt, nur wenige Stunden von hier. Er ists, von welchem Klaus die türkischen Goldstücke gekauft hat.«
»Der Thalmüller?« rief der Assessor erstaunt.
»Ja. Seine Tochter heißt Paula und der Fex, von welchem ich Ihnen vorhin erzählte, ist höchst wahrscheinlich kein Anderer als jener geraubte kleine Baron Curty von Gulijan, welcher in den Aufzeichnungen Clausens so oft erwähnt wird.«
»Ah! Wenn das wäre! Wenn sich das bewahrheitete!«
»Ich möchte wetten, daß es so ist!«
»Und ich,« sagte Anna, »könnte vieles, vieles opfern, wenn ich jenen Keller wirklich wiedersähe.«
»Sie sollen den Thalmüller sehen,« sagte der Assessor. »Dann werden wir ja erfahren, ob er derjenige ist, den Sie meinen. Also Sie sagen, daß die beiden Menschen so Strafbares verübt haben. Dürfen wir es erfahren?«
»Ich bin ja hier, um es zu erzählen.«
»Nun wohl, ich gestehe Ihnen gern, daß ich ganz Ohr bin.«
Und nun begann Anna zu erzählen, Thaten, welche sie belauscht, deren Zeugin sie gewesen, geheimnißvolle Ereignisse, schier unglaublich und doch in Wirklichkeit geschehen. Die beiden Hörer lauschten. Ihre gespannte Aufmerksamkeit ermüdete nicht, denn was sie hörten, war so ungewöhnlich, so hochinteressant, daß eine Ermüdung ganz unmöglich war.
Als sie geendet hatte, sprang der Assessor von seinem Stuhle auf, schritt ganz erregt im Zimmer auf und ab und dictirte dann folgende Depesche an die Adresse des Fex nach München:
»Komm mit dem nächsten Zuge sofort nach Scheibenbad, doch laß Dich von keinem Bewohner der Mühle sehen. Es ist außerordentlich Wichtiges im Werke.
Dein Wurzelsepp.«
Der Sepp befand sich unten in der Gesindestube bei den Dienstleuten. Diese Letzteren befanden sich natürlich auch in größter Aufregung. Der Alte hatte die Aufgabe, sie möglichst zu beruhigen. Er wurde jetzt hinaufgerufen. »Sepp, Sie müssen mir sogleich nach der Stadt laufen,« sagte der Assessor.
»Gern. Ich werd halt fliegen, wanns so nothwendig ist.«
»Es ist nothwendig. Es handelt sich um eine Depesche, welche aufgegeben werden muß.«
»Na, das werd ich schon versorgen.«
»Können Sie lesen?«
»Nein.«
»Gar nichts?«
»Gedruckts buchstabir ich schon ein Wengerl, wann die Buchstaben so groß find wie meine Tabakspfeifen.«
»Nun,« lächelte der Beamte pfiffig, »so darf ich Ihnen das Telegramm anvertrauen, ohne eine Verletzung des Amtsgeheimnisses befürchten zu müssen. Es soll nämlich ganz geheim bleiben. Nur ich allein darf es wissen. Hier ist es.«
Er gab das Blatt dem Alten in die Hände. Dieser warf einen Blick darauf.
»Verteuxeli! Ists möglich?« rief er aus.
»Was denn?«
»Dera Fex soll kommen, nach Scheibenbad!«
»Woher wissen Sie das?«
»Hier stehts ja doch schrieben! Und gar mein eigener Nam darunter.«
»Bewahre!«
»Nicht? Sapperloten, ich sehs ja hier!«
»Aber Sie irren sich!«
»Fallt mir gar nicht ein! Ich werd doch lesen können, Herr Assessor«!«
»Ich denke, Sie können nur Gedrucktes lesen und auch das nur dann, wenn die Buchstaben die Größe Ihrer Tabakspfeife besitzen!«
Der Alte kratzte sich hinter dem Ohre.
»Hm! Ja,« brummte er. »Aber wissens, Herr Assessor», das ist auch grad schrieben wie gedruckt!«
»Und Sie lügen wie gedruckt!«
»Donnerwettern! Das hat mir noch Keiner sagt!«
»So sage ich es.«
»Na, von Ihnen muß ichs mir halt gefallen lassen. Und – hm, ja, Wissens, zuweilen, wann mein Aug recht scharf ist und die Luft recht rein und durchsichtig, de kann ich auch schon mal Geschriebenes lesen, besonders wanns mich betrifft und so einen guten Freund von mir, wie dera Fex es ist.«
»Verstehe schon! Sie find ein alter Schlaupelz. Aber glücklicher Weise ein herzlieber und seelensguter Kerl.«
»Das denkens? Wirklich denkens das? Das kann mich gefreun! Und Unrecht habens nicht damit. Warum aber habens denn meinen Namen darunter gesetzt?«
»Weil er nicht wissen darf, wer ihn eigentlich ruft. Auch denke ich mir, daß Ihr Name ihn herbeiziehen werde.«
»Versteht sich, daß er kommt! Aberst da muß ich doch auch hin!«
»Das ist nicht absolut nöthig.«
»O doch! Wann dera Wurzelsepp dem Fex telegraphiren thut, so ist er auch dabei, wann dera Bub kommt. Hergottl, hab ich da nothwendig! Jetzunder nach dera Stadt, in dera Früh nach Steinegg, und nachhero nach Scheibenbad hinüber!«
»Nun, die letztere Tour können Sie mit mir machen. Ich werde fahren.«
»Natürlich thut dera Sepp da mit. Fahren thut er schon gern, besonderst wann er die Pferd und den Wagen nicht zu bezahlen hat. Also werd ich mich jetzt sofort auf die Schuhen machen. Wer aberst zahlt das Geldl für die Depesch?«
»Ich natürlich. Hier!«
Der Sepp erhielt das Geld und trabte von dannen.
Als die Frau sich später entfernte, wurde der Künstler, Signor Landolin, aus dem Gasthofe geholt. Auch er blieb lange Zeit im Silberhofe. Zuschauer gab es nun doch nicht mehr vor dem Gute. Es war zu spät geworden.
Aber am andern Morgen gab es große Augen und noch viel größere Verwunderung, als die Leute erfuhren, daß der Feuerbalzer den Verstand wieder erhalten habe und vom Amte aufgefordert worden sei, seine Wohnung im Silberhofe aufzuschlagen. Der Silberfritz saß im Gefängnisse, und sein Vater war entflohen und wurde von der Polizei gesucht.
Am frühen Morgen machte sich der Sepp auf den Weg nach Steinegg hinüber. Er hatte während der Nacht nicht geschlafen. Das war ihm aber sehr gleichgiltig. Selbst wenn er zwei Tage und Nächte lang des Schlafes entbehren mußte, so störte ihn das gar nicht.
Er befand sich bei ausgezeichneter Laune. Alle seine Angelegenheiten liefen nach seinem Gefallen. Heut sollte er sogar den Fex sehen und sprechen! Kein Mensch war froher als er. Und nun gar den prächtigen Streich, welchen er zu spielen jetzt im Begriffe stand! Er blieb, als er das Schloß erblickte, stehen und stieß einen Jodler aus, welcher von den bewaldeten Bergwänden schallend zurückgeworfen wurde.
Als er die breite Freitreppe emporstieg, begegnete er, dem Herrn Hausmeister.
»Donnerwetter! Schon wieder dieser Kerl!« dachte dieser.
Sepp aber war ganz in Freundlichkeit aufgelöst.
»Herr Hausmeistern, wünsch schönsten, gutsten Morgen!« sagte er. »Ist das Fräulein Baronessen bereits aus den Federn heraus?«
»Aus denen Federn heraus? Aber bitte, bitte! Gnädiges Fräulein haben sehr gut geruht und befinden sich längst schon munter.«
»Und wo ist sie?«
»Auf ihrem Zimmer.«
»Schön? Da werde ich zu ihr gehen. Da, halt mir mal die Sachen!«
Ehe der Hausmeister es sich versah, hatte er ihm den Rucksack auf die Achsel geworfen, den Bergstock in die Hand gedrückt, den alten, zerrissenes Hut auf den Kopf gestülpt und stieg dann eiligst die Stufen weiter empor.
»Verrücktes Thier!« zürnte der auf sein Amt stolze Mann. »Mir diese Lumpen aufzuhängen! Ich werfe sie auf – auf – – Nein; das darf ich nicht. Ich müßte gewärtig sein, der Kerl giebt mir wieder Ohrfeigen. Ich werde diese ekelhaften Sachen fein, säuberlich im Vorzimmer ablegen.«
Das that er auch. Der alte Sepp hatte es verstanden, sich in gewaltigen Respect zu setzen. Eine gute Ohrfeige hat oft mehr Erfolg als die feinste und höflichste Redensart.
Der Alte fand zufälliger Weise weder einen Diener noch eine Zofe, sich anmelden zu lassen. Darum klopfte er leise an die Thür, machte eine Lücke auf, steckte die Nase und den grauen Schnurrbart hinein und sagte:
»Grüß Gott! Ists halt gefällig, einzutreten?«
Milda saß am Fenster, ihr Skizzenbuch und den Bleistift in der Hand. Sie schien gezeichnet zu haben, eine Lieblingsbeschäftigung von ihr, zu welcher sie ein ausgesprochenes Talent besaß. Sie war bei der Anrede ein klein Wenig erschrocken, da sie vorher ganz in ihre Zeichnung versenkt gewesen war. Als sie aber den Schnurrbart und die scharfe Nase erblickte, nickte sie ihm lächelnd zu.
»Du, Sepp! Schon wieder!«
»Schon! Na, ist das ein Wort! Und mir ists halt grad so, als ob ich eine ganze Ewigkeiten nicht hier gewesen wär.«
»Machs nicht so schlimm!«
»Nein, fallt mir gar nicht ein! Es ist von selberst schlimm; da brauch ichs nicht erst schlimm zu machen.«
»Hast schon gefrühstückt?«
»Ja.«
»Was?«
»Einen Schnaps.«
»O weh! Dort auf dem Tische steht das meinige. Willsts essen, so kann ich einstweilen meinen Kopf fertig machen.«
»Na, auf den Tod bin ich grad nicht verhungert, aberst essen kann ich halt immer. Die Kaninchen, die Tauben und dera Wurzelsepp, die haben immer Appetit. Wohl bekomms auch, und dank schön!«
Er zog sich den Stuhl an den Tisch, setzte sich und begann, die feinen, delicat belegten Brödchen zu verspeisen. Er that, als sei er nur in diese Arbeit vertieft, verwendete aber doch kein Auge von ihr. Ihr zartes, reines Profil kam ihm, als sie so über ihr Skizzenbuch gebeugt da saß, mit Eifer zeichnend, so daß die Wangen glühten, schöner als je war.
»Hast wohl etwas besonderes heut?« fragte sie, ohne aufzublicken.«
»Ja freilich.«
»Was?«
»Verschiedenes. Jetzund ist grad dera Rheinlachsen dran.«
»Rheinlachs? Wieso?«
»Weil ich ihn eß.«
»Ach, Du meinst das Brödchen mit Lachs belegt? Ich meinte den Grund Deines Besuches.«
»Ja, da hab ichs falsch verstanden. Wann ich essen thu, dann denk ich immer nur an das, was ich vor dem Schnabel hab. Aberst meinen Grund hab ich freilich, daß ich herkommen bin.«
»Und den werde ich wohl erfahren?«
»Kann möglich sein. Will nur erst noch dieses runde, kleine Napfkücherl probiren.«
»Napfkücherl? Das ist ein Maccaronitörtchen.«
»Schau, ein Törtchen! So, so! Törtchen! Das klingt schön, ganz so wohlschmeckend! Beißt man denn da so kleine Bisserln abi oder steckt mans gleich ganz in denen Schnabel hinein?«
»Nach Belieben.«
»Nun, so mags ganz verschwinden. Je weniger Arbeit desto größer die Freud! Verdimmi, verdammi! Dieses Törtchen ist nicht übel. Zwar für meine Tobakszungen ists wohl ein Bisserl zu fein, aberst süß ists doch wie ein Busserl. So, jetzund bin ich fertig, und nun kann ich alleweil Red und Antwort stehen.«
Er war vom Stuhle aufgestanden und trat ihr langsam näher. Es war nicht seine Weise, an der Thür stehen zu bleiben. Wer sich seine Herzlichkeit nicht gefallen lassen wollte, nun, zu dem kam er eben nicht wieder.
»Gleich, gleich!« sagte sie.
Sie hob das Skizzenbuch empor und hielt es etwas von sich ab, um die Wirkung zu taxiren. Da konnte auch der Sepp sehen, was sie gezeichnet hatte. Es war ein männlicher Kopf.
»Himmelsakra!« rief er aus.
Er hatte nämlich Rudolf Sandau's Züge erkannt, und da war ihm der unvorsichtige Ausruf entschlüpft.
»Was ists? Worüber erschrickst Du?« fragte sie, indem sie sich zu ihm umdrehte.
Er konnte ihr doch nicht die Wahrheit sagen, und in dem Augenblicke fiel ihm aber auch nichts ein. In seiner Verlegenheit kratzte er sich am Beine und antwortete:
»Ja, wissen», da hab ich mich unterwegs auf einen Baumstammen setzt, um auszuruhen, und da ist mir halt so ein schwarzes, großes Roßameiserl unter die Hosen krochen, und das zwickt mich nun in Einem fort.«
Sie erröthete doch ein Wenig.
»Aber, Sepp!«
»Was denn!«
»Das erzählt man doch nicht!«
»Warum nicht? Wenn Sie mich fragen, warum ich schrei, so muß ichs doch sagen! Oder darf man von denen Ameisen nix derzählen? Ich kann doch nicht Lügen machen und sagen, daß mir ein Alephant hineinkrochen ist, wanns nur ein Ameiserl ist.«
»Da hast Du freilich Recht,« lachte sie. »Schau doch einmal her. Hier habe ich einen Kopf zeichnet. Wie gefällt er Dir?«
Er stellte sich rechts und stellte sich links, neigte den Kopf erst auf die eine dann auf. die andere Seite, zog die Brauen hoch empor, machte erst das rechte und dann, als er dieses wieder geöffnet hatte, das linke Auge zu, strich sich den Bart, räusperte sich und sagte dann:
»Wie der Kopf mir gefallt? Hm! Gar nicht.«
»Wie?« fragte sie erstaunt.
»Gar nicht,« wiederholte er.
»Warum denn nicht?«
»Weils gar keinen solchen geben kann.«
»Woher weißt Du das?«
»Das sehe ich schon, so ein bildsauberer Bub kommt im Leben gar nicht vor. Das ist nur ein Kopf aus dera Phantasie. Oder wärs von einem Bub wirklich abmalt?«
Sie wechselte doch die Farbe ein Wenig.
»Nein,« antwortete sie; »es ist allerdings ein Phantasiestück.«
»Hab ichs nicht gleich sagt! Ja, dera Sepp, der versteht sich schon auf die Porträten.«
»Also er gefällt Dir wirklich nicht?«
»Eben weils nur nach dera Einbildungskunsten ist. Wärs aberst ein Conterfei, nachhero könnt es mir freilich gefallen. So ein Bub! Verteuxeli! Grad so hab ich ausgeschaut damals, als ich noch jung gewest bin.«
Sie lachte hell auf.
»Grad so?«
»Ja. Vielleicht noch was hübscher.«
»Und vorhin sagtest Du, es könne in Wirklichkeit gar keinen so hübschen Kopf geben!«
»Jetzund, in dera neuen Zeiten. Früher aberst waren hübsche Buben viel häufiger als heut. Seit aberst die hübschesten von damals nicht heirathet haben, ists mit dera männlichen Schönheit ganz alle worden.«
»Ach so! Du bist ja unverheirathet.«
»Ja, und das ist mein Glück.«
»Warum?«
»Wann ich verheirathet wär, das wär meiner Frau ihr Glück.«
»Du bist unverbesserlich. Also jetzt bin ich mit dem Phantasiekopf fertig. Nun können wir von Deiner Angelegenheit sprechen, in welcher Du gekommen bist.«
»Es ist nicht meine sondern die Ihrige.«
»Wieso?«
»Ich hab hört, daß Sie eine Annoncen in die Zeitung setzt haben, von wegen Einem, der Ihnen helfen soll, daß Schloß herrichten.«
»Ja.«
»Haben sich welche meldet?«
»Mehrere. Ich habe aber noch keine Entscheidung getroffen.«
»Das ist sehr gut. Ich weiß nämlich Einen, und zwar einen gar Braven.«
»So! Du willst mir ihn wohl empfehlen?«
»Ja, das will ich wohl, wenn Sie mirs nicht übeln nehmen wollen.«
»Uebel kann ich es Dir doch unmöglich nehmen. Aber ich muß Dir dabei eine Bemerkung machen, welche auch Du nicht übel nehmen darfst.«
»Ihnen übel nehmen? Eher fällt dera Mond vom Himmel herab.«
»Ich thue Dir sehr gern einen Gefallen, wenn Du auf dem Gebiete bleibst auf welchem Du zu Hause bist; aber weiter darfst Du nicht gehen. Hier handelt es sich um ein Feld, von welchem Du nichts verstehst, und da kann Deine Empfehlung wohl nichts gelten.«
»Oho! Dieses Feld versteh ich gar wohl!«
»Das Baufach – das Kunsthandwerk?«
»Nein, das geht mich nix an. Aberst ich mein' halt das Feld dera Wohlthätigkeit. Ich weiß, daß dera Mann, den ich meinen thu, sein Fach versteht, denn er hat halt die besten Censuren und auch bereits einen Preis errungen. Und es thät ihn so glücklich machen, wann er die Stell bekommen könnt. Darum wollt ich ihn empfehlen. Er brauchts so nothwendig, und er verdients auch gut, denn er ist so brav.«
»So? Wer ists?«
»Ein armer Schluckern. Sein Vatern ist drüben in Amerika storben, und seine Muttern hat sich nicht satt gessen, um den Sohn auf die Schul zu bringen. Sie hat eine kleine Pension gehabt, und die ist nun verloren, weil dero Kerl, ders zahlen soll, bankerott worden ist. Nun hat dera Sohn keine Stell, kein Verdienst und kein Brod. Die Muttern hat der Schlag troffen vor Schreck. Sie hat sich nicht bewegen und auch nicht reden konnt. Das ist ein Kreuz und Elend. Und doch sind die beiden Leutle seelensgut. Ich, wann ich dera Herrgott wär, ich gäb dem Buben gleich den größten Kirchendom zu bauen, damit er leben kann und seine Muttern pflegen, die er so sehr lieb hat.«
Milda blickte still vor sich hin. Sepps Worte verfehlten den beabsichtigten Eindruck nicht.
»Wie alt ist er?« fragte sie.
»Das weiß ich nicht so genau – – nicht gar zu alt und nicht gar zu jung.«
»Der Name?«
»Sandau.«
»Wo wohnt er?«
»Gar nicht weit von hier, nämlich da droben in Eichenfeld.«
»Hm! DK Mutter gelähmt vor Schreck! Und Du sagst, daß er seine Sache verstehe?«
»Freilich! Er hat doch vom König einen Preis erhalten.«
»Warum hat er sich da nicht bei mir gemeldet?«
»Weil ers nicht wußt hat. Erst gestern hab ichs lesen, und von mir hat ers derfahren. Ich hab ihm sogleich gerathen, sich mit zu bewerben. Aber dera Bub ist eine bescheidene Seel. Ich hab nun so in ihn hineinsprechen müssen, bevor er sich dazu entschlossen hat.«
»Das gefällt mir. Wirklich große Männer sind stets bescheiden. So will er mir also schreiben?«
»Nein, das hab ich ihm abgerathen. Ich hab ihm sagt, daß ich nach Steinegg gehen will, um es dera gnädigen Baronessen zu sagen, und heut am Nachmittag soll er nachhero selberst kommen.«
Sie drohte ihm mit dem Finger.
»Höre Sepp, solche Dispositionen darfst Du ohne meine Einwilligung eigentlich nicht treffen.«
»Das hab ich mir auch schon denkt; aberst ich hatt doch keine Zeit, erst lang zu fragen. Leicht wär da ein anderer dazwischen kommen und von Ihnen angagerirt worden.«
»Kennst Du denn die Familie?«
»Seit langer Zeit. Wann das nicht dera Fall wär, so könnt mirs gar nicht einfallen, ihn zu empfehlen. Seine Muttern ist eine Frau wie – wie – na, grad wie die Frau Bürgermeisterin. Und er ist zu was Besserm geboren als zum Hungerleiden. Ich bitt gar schön, daß es eine Freud und Lust, eine Wonne ist, Jemand auf den Weg zu bringen, das müssens halt bedenken, gnädige Baronessen.«
»Nun, er mag kommen. Einen Dummkopf werde ich freilich nicht engagiren; aber meine Ansprüche steigen auch nicht zu hoch. Es sollte mich freuen, wenn er im Stande ist, sie zu befriedigen. Ich könnte Dir dann einen Gefällen erweisen und würde eine Familie kennen lernen, die ich leicht ihrer Sorge zu entheben vermag.«
»Das hab ich mir denkt. Jetzt weiß ich nun ganz gewiß, daß er angenommen wird, und da geb ich gleich im Voraus meine Hand und sag einen großen Dank. Vergelte Gott!«
Er ging.
Sie stand am Fenster und sah ihn über den Schloßhof schreiten. Sie blickte ihm nach, so lange Sie ihn zu sehen vermochte. Welch ein eigenthümlicher Mensch! War er denn wirklich dazu bestimmt, die Vorsehung für so viele Menschen zu spielen!
Dann fiel ihr Auge wieder auf die Zeichnung. Sie hatte den Kopf aus dem Gedächtnisse wiedergegeben; aber er war dennoch so ausgezeichnet getroffen, als ob das Original ihr dazu gesessen hatte. Sie betrachtete diese Züge mit liebevollen Blicken. Hätte sie sich dabei im Spiegel sehen können, so wäre sie entweder über sich erschrocken oder über sich erröthet.
Endlich steckte sie das Porträt weg und griff zu Aufzeichnungen, Büchern und Plänen, um sich auf die Unterredung mit den Künstlern, welche sich gemeldet hatten, vorzubereiten.
Darüber verging der Vormittag. Sie war gewöhnt, nach dem Diner einen kurzen Ausgang zu unternehmen. Sie ging hinab in den Garten und dann in den Park. Dabei gelangte sie an die Straße, die denselben durchschnitt und grab hier eine scharfe Biegung machte. Im Begriff, über die Straße hinüber zu schreiten, hörte sie Schritte. Ohne sich zu fragen warum, blieb sie stehen. Der Nahende bog um die Krümmung und sah sie. Auch er blieb stehen. Sie standen sich gegenüber, kaum zehn Schritte entfernt – Rudolf Sandau war es.
Er zog grüßend den Hut. Sie erglühte bis in den Nacken herab.
»Fräulein!« stammelte er.
»Sie!« stieß sie hervor.
Er trat langsam, zögernd näher. Sie hob den Fuß, um zu gehen, setzte ihn aber wieder nieder.
»Was thun Sie hier?« fragte sie.
»Ich habe in Steinegg zu thun.«
»Wirklich?«
»Ja.«
»Unser Widersehen ist also ein rein zufälliges?«
»Gewiß. Oder denken Sie, daß – – –«
Er sprach den Satz nicht aus.
»Ich habe vorgezogen, zunächst gar nichts zu denken,« antwortete sie. »Es freut mich aber, zu hören, daß nur der Zufall Sie nach Steinegg führt. Unser gestriges Zusammentreffen war die Improvisation eines neckischen Waldgeistes, und Improvisationen dürfen nicht von langer Dauer sein, sonst verlieren sie ihren Werth. Leben Sie wohl!«
Sie schritt vollends über die Straße hinüber und verschwand hinter den dort stehenden Büschen. Er hatte gar nicht Zeit gehabt, seinen Hut zum Abschiede zu ziehen.
Er nahm ihn erst jetzt ab, zog das Taschentuch und wischte sich die Stirn ab. Sein Gesicht war sehr bleich geworden. Er preßte die Hand auf das Herz, setzte den Hut wieder auf und ging weiter, doch nein, er kehrte um, bückte sich da, wo sie gestanden hatte, nieder und hob einige Körnchen des Sandes auf, welchen ihr Fuß berührt hatte. Er riß ein Blatt aus der Brieftasche, legte es in Couvertform zusammen und that den Sand hinein. Erst nun, nachdem er die Brieftasche wieder eingesteckt hatte, setzte er seinen Weg fort, aber langsam, recht langsam, als ob er an einer Last zu tragen habe.
Und Milda? Wenn sie das gesehen hätte?
Nun, sie hatte es gesehen. Sie war zwar hinter den Büschen verschwunden, da aber nicht weiter gegangen sondern stehen geblieben. Sich umwendend sah sie, daß sie ihn beobachten konnte, ohne von ihm gesehen zu werden. Sie sah also, was er that. Sie blickte ihm nach, bis er unten, wo die Straße nach der Stadt zu steiler abfiel, verschwand.
Nun war er fort, und sie trat wieder auf die offene Straße heraus. Aber sie ging nicht über dieselbe zurück, sondern – sonderbarer Weise – schritt sie zu der Stelle, auf welcher er gestanden hatte. Die Spur seines Fußes war noch dort zu sehen. Sie bückte sich, nahm einige Fingerspitzen des Sandes auf und verbarg die feinen Körnchen in das Innere ihres Handschuhes.
»Sand!« flüsterte sie dabei. »Das Zeichen der Vergänglichkeit. Der Sand verrinnt. Diese Körner aber sollen mir nicht verrinnen! Ein Italiener! Wir werden uns nie wiedersehen. Addio!«
Sie kehrte nach dem Schlosse zurück und that ganz dasselbe, was ersuch gethan hatte: Sie that die Sandkörner in ein Couvert, schrieb das Datum auf dasselbe und hob es dann in einem Fache ihres Schreibtisches auf.
Sie war damit kaum fertig, so trat die Zofe ein und meldete Herrn Sandau, welcher die gnädige Baronesse zu sprechen wünsche.
»Bitte eintreten!«
Die Zofe gehorchte dem Befehle. Sandau nahm Zutritt, und sie machte hinter ihm die Thüre zu.
Es war ganz unmöglich, die Gesichter der beiden Erstaunten, welche sich abermals so unerwartet gegenüber standen, zu beschreiben. Er vergaß ganz, sich zu verbeugen. Auf seinem Gesichte wechselten Blässe und Röthe. Und sie stand ganz unbeweglich, das Auge mit stummer, verwunderter Sprache groß auf ihn gerichtet.
»Was ist das!« sagte sie. »Man hat mir Herrn Sandau gemeldet!«
»Der bin ich,« antwortete er, die vergessene Verbeugung jetzt nachholend.
»Aus – – Eichenfeld?«
»Ja.«
»Aber, ich denke, Sie sind Italiener!«
»Ein kleines, leicht erklärliches Mißverständnis. Ich komme aus Italien.«
»Ach! Also ein – Deutscher!«
»Und Sie – –? Pardon! Ich hatte gebeten, mich der Baronesse von Alberg zu melden.«
»Da sind Sie am richtigen Orte. Ich bin die Genannte.«
Sie sah seine Schläfe erglühen und sein Auge dunkler werden. Seine Lippen zitterten.
»Das – das konnte ich nicht wissen!« sagte er, fast leise, wie zu sich selbst, so daß sie es kaum vernehmen konnte. Und lauter fügte er hinzu: »Verzeihung, gnädiges Fräulein! Das ist eine Komödie der Irrungen, zu der ich die Veranlassung wirklich nicht habe geben wollen. Gestatten Sie, daß ich mich Ihnen empfehle!«
Er verneigte sich und öffnete hinter sich die Thür, um sich zurückzuziehen.
»Herr Sandau!« rief sie in bittendem Tone
»Gnädiges Fräulein!«
»Bleiben Sie noch!«
Er zog die Thüre wieder zu.
»Wer hätte das gedacht! Also Sie sind kein Ausländer?«
»Und Sie keine Försterstochter!« antwortete er mit mattem Lächeln.
»Verzeihen Sie den Scherz! Oder würden Sie ihn leichter verzeihen, wenn ich wirklich die alte Tante wär, für welche ich mich ausgab?«
»Ich habe nichts zu verzeihen. Sie sagten ganz richtig, daß unser Zusammentreffen die Improvisation eines neckischen Waldgeistes sei, und daß eine Improvisation ihren Werth verliere, wenn man ihr eine längere Dauer verleihe.«
»O bitte, das ist jetzt ganz anders. Jetzt ist von keiner Episode die Rede. Jetzt stehen wir uns in geschäftlicher Angelegenheit gegenüber, und solche Sachen pflege ich so wenig wie möglich poetisch zu behandeln. Bitte, nehmen Sie also Platz!«
Sie deutete auf einen Sessel. Er aber schüttelte leise den Kopf und entgegnete:
»Ich möchte mir die Möglichkeit, mich im spätern Leben frei von jeder geschäftlichen Beimischung der Fee zu erinnern, welche mir im Wald erschien, nicht rauben. Bitte, erlauben Sie mir gütigst, meine Bewerbung zurück zu ziehen!«
»Nein, das erlaube ich Ihnen nicht,« antwortete sie in bestimmtem Tone. »Ziehen Sie dieselbe aus geschäftlichen Gründen zurück, so kann ich Ihnen nicht zürnen. Sind aber die Gründe persönlicher Natur, so liegt darin eine Minderschätzung, vielleicht sogar eine Beleidigung für mich.«
»Das beabsichtige ich nun freilich keinesfalls!«
»Ich hoffe das. Nehmen wir an, daß wir die beiden menschlichen Wesen, welche durch das Gewitter zusammengeführt wurden, gar nicht kennen, so giebt es nicht das mindeste Hinderniß, uns über die Veranlassung Ihres gegenwärtigen Besuches in aller Ruhe zu unterhalten. Also bitte, nehmen Sie doch Platz!«
Sie setzte sich. Waren es ihre Worte oder war es das gewinnende Lächeln, welches ihm von ihr entgegenstrahlte, er fühlte sich besiegt. Er setzte sich.
»Also, Herr Sandau,« begann sie, »ich nehme an, Sie wissen, daß der sogenannte Wurzelsepp heut bei mir gewesen ist, um von Ihnen zu sprechen?«
»Ich weiß es, muß aber bemerken, daß nicht ich die eigentliche Veranlassung bin, daß Sie durch ihn incommodirt wurden.«
»O, dieser brave, originelle Alte incommodirt mich niemals!«
»Ich hätte Ihnen schreiben können; er aber drang darauf, mich in seinen Willen zu fügen.«
»Ja, so ist er.«
»Als ich einwilligte, hatte ich natürlich keine Ahnung, wer diese Baronesse von Alberg sei. Der Sepp beschrieb sie mir als eine sehr häßliche alte Jungfer.«
»Und Sie nannte er einen Herrn, der nicht gar zu alt und auch nicht gar zu jung sei.«
»Dieser Intriguant!«
»Das ist er, aber im besten Sinne und in der besten Absicht, außer –«
Sie hielt inne. Sie wurde blutroth. Erst jetzt dachte sie daran, daß sie dem Sepp den Kopf gezeigt hatte. Er kannte Sandau. Er hatte also gewußt, daß es sein Portrait sei. Sie fühlte eine unendliche Verlegenheit, wie noch nie in ihrem Leben. Es war ihr, als ob sie gegen den Alten einen unversöhnlichen Zorn fassen müsse, und doch sah sie im Geiste seine guten, treuen Augen leuchten. Sie brachte es zu keinem Zorne. Aber sie nahm sich vor, ihn gehörig auszuschelten.
»Außer – – – fragte Rudolf. »Ich glaube, es giebt in der Ehrlichkeit dieses Mannes kein Außer, keine Ausnahme.«
»So kennen Sie ihn genau?«
»So genau, als ob er mein Vater sei.«
»Ich habe ihn erst vor Kurzem zum ersten Male gesehen.«
»So erlauben Sie mir die Versicherung, daß Niemand sich zu schämen braucht, in der Nähe dieses Mannes gesehen zu werden. Er ist arm, aber ein ganz außerordentlicher Mensch. Wäre er reich oder hoch geboren, so wäre es ihm wohl nicht schwer gefallen, sich einen Weg zu den höchsten Gesellschaftspositionen zu ebnen. Es ist ein so ziemlich offnes Geheimniß, daß er mit sehr hohen Personen verkehrt. Er ist, wie in der Oper, der alte Ueberall und Nirgends, und wo er hinkommt, da thaut das Eis, die Wolken theilen sich, und die Sonne beginnt, die ersehnten Strahlen wieder herab zu senden.«
»Das ist ja eine sehr beredte Lobpreisung des guten Alten! Und ich glaube sehr gern, daß er sie verdient. Ich habe ja bereits selbst ein ganz eclatantes Beispiel erlebt, daß er wirklich den Sonnenschein bringt, von welchem Sie sprechen. Also er ist es gewesen, der Sie auf meine Annonce aufmerksam gemacht hat? Nun, so wünsche ich, daß das von gutem Erfolg sein möge.«
»Und ich,« sagte er in bescheidenem Tone, »fühle mich zur Erfüllung dieses Wunsches viel zu schwach. Ich habe ihm gesagt, daß ich zu jung, zu wenig erfahren bin, um Ihren Ansprüchen zu genügen.«
»Er erwähnte aber Ihre guten Zeugnisse und den Preis, welchen Sie sich bereits erworben haben.«
»Was will das sagen. Vielleicht hat er auch von meinen persönlichen Verhältnissen gesprochen?«
»Ein klein Wenig.«
»Dachte es mir!« sagte er erröthend.
»Bitte, Sie dürfen ihm nicht zürnen. Er sprach von Ihrer kranken Mutter und von dem Verluste, der Sie betroffen hat.«
»Das konnte er lieber unterlassen. Dieser Schlag hat mich ebenso schwer wie unerwartet getroffen.«
Er blickte trüb vor sich nieder. Als er dann den Blick erhob, sah er ihr Auge so warm und theilnehmend herüber leuchten, daß es ihm ganz absichtslos von den Lippen klang:
»Gestern, als ich Sie im Walde traf, hielt ich mich für zwar nicht wohlhabend aber für den Sohn einer Mutter, welche eine recht auskömmliche Pension bezog. Diese ist plötzlich verloren gegangen, und der Schreck darüber hat die Mutter an Körper und Sprache, gelähmt. Die Pension hat, wie ich da so spät erfuhr, eine so winzige Höhe gehabt, daß sie nicht ausreichen könnte, einen einzelnen Menschen nur mit dem trockenen Brode zu versorgen. Dennoch hat die Mutter mich zur Akademie geschickt. Sie hat Unterricht ertheilt, in einer so kleinen Stadt, wie Eichenfeld ist – was kann sie sich damit verdient haben. Jetzt weiß ich, daß sie gehungert, ja, wörtlich muß es genommen werden, gehungert hat. Nun liegt sie krank darnieder. Von einer vorläufigen Fortsetzung meiner Studien ist natürlich keine Rede. Ich muß verdienen, um leben zu können. Schon nahm ich mir vor, Arbeit bei einem Neubaue zu suchen, sollte es auch nur als Handlanger sein; da kam der Sepp und sagte mir von ihrer Annonce.«
»Sie sollen die Anstellung haben, Herr Sandau!« erklärte sie ihm, indem die Freude, ihm helfen zu können, auf ihrem Gesichte strahlte.
»Bitte!« wehrte er ab. »Dieser rasche Entschluß macht Ihrem Herzen alle Ehre, gnädiges Fräulein; aber ich kann ihm nicht zustimmen. Sie kennen mich noch nicht.«
»O, ich kenne Sie!«
»Nein. Höchstens können Sie aus meinen Worten auf meine Seeleneigenschaften schließen; aber ob ich der Aufgabe, welche hier zu lösen ist, gewachsen bin, das wissen Sie nicht. Dazu gehört eine kaltblütige, objective Prüfung.«
»Aber ich bin ja überzeugt, daß Sie alle meine Ansprüche befriedigen werden!«
»Das spricht die Stimme Ihres Herzens; ich aber möchte nun und nimmer eine Anstellung als Almosen empfangen. Der Verstand, welcher sich nicht von der Stimme des Herzens beschmeicheln und bestechen läßt, muß Ihnen sagen, daß ich das Salair, welches Sie mir zahlen, in Wirklichkeit auch verdiene. Also bitte, prüfen Sie, bevor Sie sich entschließen!«
»Aber wie soll ich Sie prüfen? Ich kann Sie doch nicht examiniren. Ich besitze ja gar nicht die Erfahrungen und Kenntnisse, welche zur Ausführung meiner Pläne nothwendig sind. Eben grad darum wollte ich mir einen Herrn, der das mir Fehlende besitzt, als Beirath engagiren. Ich muß einen Jeden, ob nun Sie es sind oder ein Anderer es ist, auf Treu und Glauben nehmen und kann nur am Erfolge sehen, ob ich mich dabei irrte oder nicht. Ich kann bei der Wahl nur darnach gehen, ob der Betreffende mein subjectives Vertrauen besitzt. Ob er es auch verdient, das kann sich doch nur später zeigen. Und da Sie nun ganz auf mich den Eindruck machen, daß ich mit Ihnen zufrieden sein werde, so sehe ich gar nicht ein, warum ich mich auch noch mit andern Bewerbern quälen soll.«
Er war ihrer Darlegung mit Aufmerksamkeit gefolgt, und er antwortete aufrichtig:
»Ihre Worte wirken überzeugend. Ich als Fachmann, wenn auch sehr junger, begreife freilich, daß Sie mehr instinctiv wählen können als in Folge genauer Abschätzung. Ich würde also sagen: Gut, versuchen Sie es mit mir! Aber als gewissenhafter Mann kann ich diese Worte nicht aussprechen, ehe ich weiß, welche Leistungen von mir erwartet werden.«
»Das sollen Sie sofort erfahren. Ich werde Sie durch das Schloß führen. Es soll eine vollständig neue Ausstattung erhalten und zwar nach den Angaben, welche Sie dem Meubleur und Anderen darüber machen werden. Außerdem beabsichtige ich, mehrere bauliche Veränderungen, vielleicht auch die Anfügung eines Neubaues, vornehmen zu lassen. Davon verstehe ich gar nichts; da muß ich mich ganz auf Sie verlassen. Das ist sehr viel und doch auch sehr wenig. Getrauen Sie sich nun, mein Alliirter zu werden?«
Er stand von seinem Sitze auf. Seine Brust erweiterte sich; er holte tief, tief Athem, und über sein Gesicht breitete es sich wie eine wonnevolle, friedliche Sicherheit.
»Sie haben Recht,« sagte er. »Es ist sehr viel und doch auch sehr wenig, was Sie von mir verlangen. Das Viel soll mich nicht abschrecken, und das Wenig soll mit solcher Treue gethan werden, als ob es sich um Großes handle.«
»Sie schlagen also ein?«
Sie streckte ihm ihr kleines Händchen entgegen.
»Nein, noch nicht. Bitte, lassen Sie mich erst die Baulichkeiten sehen. Ich habe hier eine doppelte Aufgabe. Ich will mir nicht nur ihre Befriedigung, Ihren Beifall erwerben, obgleich mir das am Höchsten steht. Es ist das die erste praktische Aufgabe meines Lebens. Ob und wie ich sie löse, das wird auf meine Zukunft von gestaltendem Einflüsse sein. Ich darf sie also nicht leichtsinnig übernehmen, sondern ich muß mich ernstlich prüfen, ob ich ihr auch wirklich gewachsen bin.«
»Das ist wohl mehr als pflichttreu gedacht!«
»Sie halten mich für einen Pedanten? Der bin ich glücklicher Weise nicht, und, Gott sei Dank, die Noth treibt mich ja doch nicht dazu, nur um leben zu können, eine Arbeit zu übernehmen, welche meine Kräfte übersteigt.«
Sie blickte ihn fragend an.
»Ich denke, Sie haben Alles verloren!«
»Ja, gestern, als ich heimkehrte, war ich sehr, sehr arm. Aber der Sepp kam als Retter. Ein edler Menschenfreund hat ihm eine Summe anvertraut zu dem Zwecke, einen strebsamen jungen Mann damit zu unterstützen. Er bot mir das Geld an, und da meine kranke Mutter mir zuredete, so nahm ich es an, natürlich unter der Bedingung, daß ich es später mit Zinsen zurückzahlen werde.«
Ueber Milda's Gesicht flog ein feines Lächeln.
»Hat er den Namen dieses Menschenfreundes genannt?« fragte sie.
»Nein. Es soll ein Geheimniß bleiben.«
»Dann möchte ich Sie doch zu gern bitten, einmal ganz gegen alle Erlaubniß neugierig sein zu dürfen!«
»Seien Sie es immerhin!«
»Ohne daß Sie mir zürnen?«
»Gewiß zürne ich nicht.«
»So bitte, sagen Sie mir aufrichtig, wie hoch die Summe war!«
Er antwortete unbedenklich, indem er ihr den Betrag nannte. Jeden andern Frager hätte er abgewiesen; diesem Mädchen gegenüber aber gab es kein Bedenken. Er war felsenfest überzeugt, daß ihre Absicht keine gewöhnliche sei.
»Dachte es mir!« nickte sie lächelnd. »Also der Menschenfreund soll verschwiegen bleiben? Ich kenne ihn sehr genau.«
»Das wäre ein ganz eigenthümlicher Zufall.«
»Zufall, ja, aber kein ganz besonders seltener. Soll ich Ihnen den Namen nennen?«
»Bitte, nein. Ich bin gern discret, und wenn der betreffende Herr wünscht, daß ich ihn nicht kennen soll, so möchte ich seinen Willen achten.«
»O, der betreffende Herr weiß gar wohl, daß er nicht lange Zeit verborgen bleiben kann. Auch bin ich vollständig überzeugt, daß er es mit der Discretion nicht gar sehr peinlich nimmt. Es ist nämlich – sei es heraus gesagt – kein Anderer als der Wurzelsepp selbst.«
»Der – –!« rief Rudolf. »Er selbst – –!«
»Ja, ganz gewiß.«
»Haben Sie genügende Veranlassung, dies anzunehmen?«
»Ich weiß ganz genau, daß er erst vorgestern und gestern dieses Geld verdient und ausgezahlt erhalten hat, nämlich von meinem Vater, ganz genau dieselbe Summe. Da haben Sie es. Es ist nicht der mindeste Zweifel möglich, daß er es Ihnen gegeben hat. Ja, ich bin sogar überzeugt daß er es Ihnen mit dem stillen Vorbehalt geliehen hat, es Ihnen zu schenken.«
»Das – das meinen Sie!«
»Ja, das meine ich. O, dieser alte Sepp ist ein Prachtmensch. Ich habe ihn lieb, obgleich er mich – – –«
Sie schwieg erröthend. Und als er sie fragend anblickte fuhr sie fort:
»Er hat mir heut einen Streich gespielt, den ich ihm eigentlich sehr übel nehmen sollte; aber wer kann ihm bös sein! Ich werde ihn zwar bestrafen, aber das wird mir ganz gewiß selbst weher thun als ihm. Und nun, bitte, wollen wir unsere Wanderung durch das Schloß beginnen.«
Sie führte ihn durch alle Räume des Schlosses. In einem jeden Zimmer sprach sie die Wünsche und Ansichten aus, welche dasselbe betrafen. Er hörte ihr in stiller Bewunderung zu. Sie entwickelte nicht nur eine Herzens- sondern auch eine Geistesbildung, welche sein Staunen erregte. Eine junge Dame, welche eine solche Fülle gediegenen Wissens besaß, hatte ganz gewiß keine Zeit gehabt, sich mit den Nichtigkeiten und Zerstreuungen der sogenannten vornehmen Welt zu befassen. Sie hatte voller Ernst, Eifer und Ausdauer an sich selbst gearbeitet. Er hatte noch niemals, außer seiner Mutter, eine Dame kennen gelernt, welche ihm imponirt hätte. Bei Milda war das der Fall, und er wurde sich dessen mit wahrer Wonne bewußt.
Sie wieder war ganz entzückt von der stillen, verständnißvollen Ruhe, mit welcher er ihren Auseinandersetzungen lauschte. Sie fühlte, daß ein jedes ihrer Worte einen Werth, einen bestimmten Werth für ihn habe, und obgleich er vorläufig nur einnahm und nichts ausgab, so wurde sie sich doch bewußt, daß er ihr überlegen sei.
Dann schritt sie mit ihm um das äußere Schloß herum und erklärte ihm mit liebenswürdigem Eifer, welche Veränderungen und Neugestaltungen sie da anzubringen wünsche.
Jetzt endlich waren sie fertig, und da sagte sie in freundlich schmollendem Tone:
»Nun aber haben Sie noch gar nichts gesagt. Ich habe gesprochen, und Sie hüllten sich in geheimnißvolles Schweigen. Jetzt werden Sie mir eine Censur ertheilen, die ich mir durch meine Plauderhaftigkeit zugezogen habe. Bitte, fällen Sie kein strenges Urtheil. Ich bin eine Dame und das ist bekanntlich der bedeutendste Milderungsgrund, den man kennt.«
»Plauderhaft?« antwortete er kopfschüttelnd. »Ich bin überzeugt, daß Sie das grade Gegentheil von plauderhaft sind.«
»Vielleicht haben Sie Recht. Ich bin nicht sehr mittheilsam.«
»Und ich meine, daß Sie jetzt so ausführlich sprachen, weil Sie von Ihrem Gegenstande begeistert sind.«
»Einestheils, und anderntheils giebt es Menschen, aber nur sehr selten, in deren Nähe man sich gezwungen fühlt, sein innerstes rücksichtslos und aufrichtig zu erschließen. Zu diesen Menschen gehören Sie.«
Es durchschauerte ihn wonnig bei diesen Worten des schönen Wesens. Er erröthete. Sie sah es und fügte schnell hinzu:
»Aber eine Rüge, eine schwere Rüge muß ich Ihnen ertheilen. Ich kann sie Ihnen unmöglich ersparen, Herr Sandau! Hoffentlich werden Sie dieselbe in geduldiger Ergebung über sich ergehen lassen?«
»Ganz gewiß.«
»Ich muß eben Ihre große Zurückhaltung tadeln. Sie haben zu Allem, was ich sagte, nicht ein einziges Mal eine Meinung geäußert.«
»Wollen Sie mich als einen voreiligen, oberflächlichen Wicht kennen lernen?«
»O nein, nur dies nicht! Jetzt aber darf ich hoffentlich hören, was Sie zu dem Allem sagen?«
»Ich bitte noch um einige Geduld. Sie kennen die Verhältnisse und haben über dieselben nachgedacht. Darum können Sie eine bestimmte Meinung besitzen. Das ist jedoch bei mir nicht der Fall. Die Eindrücke, welche ich hier empfing, sind vollständig neue. Wollte ich Ihnen bereits jetzt eine Ansicht sagen, so würde es nur eine oberflächliche, eine werthlose sein können. Ein jedes Ihrer Worte ist von besonderem Werth und Gehalt. Soll ich mich an der Sache und auch an mir selbst versündigen, indem ich mich in die Gefahr begebe, von Ihnen für flüchtig gehalten zu werden?«
»Sie nehmen aber die Sache viel zu ernst!«
»Nein, ich behandle sie als Fachmann. Sie sollen meine Ansicht hören, ein förmlich fachliches Gutachten, einen festen Entwurf, den wir besprechen werden, um ihn gemeinsam weiter auszubauen. Darum bitte ich, mir einen oder zwei Tage Zeit zu lassen. Dann werde ich Ihnen das Schloß zeigen, wie ich es mir nach Innen und Außen vollendet denke, und dann sollen Sie entscheiden, ob Sie sich meines Rathes bedienen oder eine bessere, gediegenere Kraft engagiren wollen.«
»Besser? Gediegener?« fragte sie sinnend. »Ich bin überzeugt, daß ich gut gewählt habe, und diese Wahl werde ich wohl nicht widerrufen. Grad Ihre Zurückhaltung beweist mir, daß Sie mein Vertrauen verdienen.«
»Herzlichsten Dank! Eins muß noch erwähnt werden, gnädiges Fräulein. Haben Sie auch daran gedacht, daß ich nothwendig wissen muß, welche Mittel uns zur Verfügung stehen?«
»Natürlich, Herr Sandau.«
»Daß Sie mir also einen Einblick in diejenigen Ihrer Verhältnisse gestatten müssen, in welche man gewöhnlich fremde Zungen nicht zu dringen erlaubt?«
»Dazu bin ich ganz gern bereit. Ich bin reich und kann über mein Eigenthum frei verfügen, so – – – lange es mein Eigenthum ist.«
Diese letzteren Worte setzte sie zögernd hinzu.
»Wie? Hätten Sie Gründe, anzunehmen, daß es fremde Ansprüche darauf giebt?«
»Vielleicht. Es ist möglich, daß ich einmal mit Ihnen über diesen Gegenstand spreche, um mir Ihren Rath zu erbitten. Ihnen und meinem Bruder kann ich da voll vertrauen.«
Wie wohl thaten ihm diese Worte. Er wollte eine Antwort geben, doch kam er nicht dazu, denn nach der Straße deutend, in deren Nähe sie eben jetzt standen, sagte sie:
»
Lupus in fabula! Kaum hatte man von dem Herrn gesprochen, so kommt er auch.«
Walther bog nämlich nach dem Schlosse ein. Als Sandau's Blick auf ihn fiel, fragte er ganz verwundert:
»Wie? Dieser Herr ist Ihr Bruder?«
»Ja. Und sogar ein sehr lieber.«
»So täuschen mich entweder meine Augen, oder es giebt da eine gradezu verblüffende Aehnlichkeit.«
»Wieso?«
»Dieser Herr sieht einem sehr lieben Bekannten von mir so ungeheuer ähnlich, daß – – –«
Er wurde unterbrochen. Walther bemerkte erst jetzt die Beiden. Er blieb voller Ueberraschung stehen und rief:
»Was! Wunder über Wunder! Ist's möglich? Sandau! Rudolf! Du hier.«
»Max! Also wirklich Du!«
»Nun, hoffentlich bin ich kein Anderer als eben ich! Oder soll ich die zweifelhafte Ehre haben, einen Doppelgänger zu besitzen?«
»Du siehst mich wirklich erstaunt. Ich vermuthe Dich natürlich in Regensburg, nicht aber hier.«
»Du würdest wissen, wo ich zu suchen bin, wenn Du nicht der Post Veranlassung gegeben hättest, mir meine Briefe zurückzusenden. Hast Du Italien endlich quittirt?«
»Nothgedrungen. Das Stipendium hörte auf.«
Die Beiden schüttelten sich die Hände auf das Herzlichste.
»Also die Herren kennen sich bereits?« fragte Milda. »Das ist ja ein sehr freudiges Ereigniß für mich!«
»Freilich kennen wir uns,« lachte Walther. Eines schönen Tages kam ich auf den Einfall, mir München zu besehen. Leider aber reichte meine Erfahrung nicht aus, zu berechnen, welche Börse man haben muß, um so eine Residenz kennen zu lernen – – –«
»Max!« fiel Sandau bittend ein.
»Pah! Dem Verdienste seine Kronen! Laß Dir also sagen, daß ich nach vier Tagen fremd und mit leerer Tasche in München stand, liebe Milda. Da schickte das gütige Geschick einen braven Polytechnikus die Straße herab. Ich fiel ihn an und bat um etwas Feuer. Er gab es mir, und wir wanderten miteinander weiter, natürlich direct in einen Bierkeller. Ich gestand, daß ich insolvent sei, und er zahlte. Er nahm mich mit zu sich, versah mich mit neuer Munition, zeigte mir die Münchener Welt und ihre Herrlichkeiten, ohne aber von mir zu verlangen, daß ich ihn dafür anbete, führte mich bei meiner Abreise sogar noch bis an das von ihm bezahlte Coupee und wartete geduldig und ohne Murren auf die sehr langsam und sehr unbeträchtlich einlaufenden Ratenzahlungen seines Schuldners, welcher jetzt vor Dir steht, um Dir zu sagen, daß es keinen besseren Kameraden giebt als besagten Polytechnikus, welcher den nach der Sahara klingenden Namen Sandau führt.«
Alle Drei lachten fröhlich, und Milda erklärte ihrem Bruder:
»Besagter Polytechnikus hat soeben die Aufgabe erhalten, uns Steinegg zu verschönern.«
»Du, Rudolf, hast Dich gemeldet?« fragte Walther hoch erfreut.
»Ja, oder vielmehr der Wurzelsepp hat es für mich gethan.«
»Ueberall hat dieser Schutzgeist die Hand im Spiele! Aber laß Dir lagen, daß ich ganz glücklich bin. Dich von Milda gewählt zu sehen.«
»Noch bin ich nicht gewählt!«
»O gewiß!« erklärte die Baronesse. »Aber er hat noch nicht zugesagt.«
»So thue ich es an seiner Stelle. Abgemacht und pasta! Aber lieber Rudolf, ich lese es Dir vom Angesichte, daß Dir unser geschwisterliches Verhältniß ein versiegeltes Räthsel ist!«
»Das gestehe ich aufrichtig.«
»Ich werde es Dir erklären. Milda wird es uns erlauben, mit hinein zu gehen. Ich muß mich setzen; ich bin außerordentlich müde von der anstrengenden Menschenjagd, welche wir so erfolglos unternommen haben.«
»Eine Menschenjagd?« fragte die Baronesse.
»Ja. Habt Ihr noch nicht gehört, daß der alte entflohene Silberbauer gesucht wird?«
»Kein Wort.«
»So kommt! Ich muß es Euch erzählen.«
Dann saßen sie im Salon beisammen in eifriger, animirter Unterhaltung. Walther erzählte dem Freunde, wie er die Mutter und obendrein eine Schwester gefunden habe, und dann berichtete er von den gestrigen Vorkommnissen in Hohenwald.
Heute früh waren sämmtliche Bewohner des Ortes aufgeboten worden, unter Anführung der Polizei nach dem Flüchtlinge zu fahnden. Die ganze Umgebung war durchstreift worden, Wald und Feld, Berg und Thal, doch vergebens. Es war nicht die kleinste Spur von ihm entdeckt worden.
Es war für Milda mehr als ein Vergnügen, bei den jungen Männern zu verweilen. Einander in jeder Beziehung ebenbürtig, entwickelten sie eine Fülle von Kenntnissen und Anschauungen, welche das Gespräch wie Brillantfeuer herüber und hinüber leuchten ließ. Der vorher so zurückhaltende Sandau wurde gesprächig. Jede seiner Mienen verrieth, wie glücklich er sich fühlte, und wenn er begeistert und begeisternd über einen Gegenstand sprach, da dachte Milda mit stillem Erröthen daran, daß dieser beredte Mund gestern ihre Lippen im Kusse berührt habe.
So verging die Zeit außerordentlich schnell. Es wurde dunkel, und Sandau mußte aufbrechen. Zwar wurde er aufgefordert, doch noch zu bleiben, aber er hatte ganz Recht, seine kranke Mutter nicht länger auf sich warten zu lassen.
»Wir haben halbe Strecke einen Weg,« sagte Walther. »Ich gehe also mit. Milda wird mich entschuldigen.«
Dann, als sie von der Schloßherrin freundlich entlassen und zur baldigen Wiederkehr aufgefordert waren, schritten sie schweigend neben einander her, die Straße entlang.
Sandau hatte mit dem Eindrucke zu thun, den Milda auf ihn gemacht hatte. Darum war er so still. Aber das Schicksal des Freundes beschäftigte ihn ebenso sehr. Endlich fragte er:
»Erkläre mir nur Eins, lieber Max: Was konnte Dich veranlassen, Regensburg mit diesem traurigen Gebirgsdorfe zu vertauschen?«
»Kannst Du die Antwort nicht selbst finden?«
»Nein Ich begreife die Sache einfach nicht.«
»Ich wurde von jener guten, bösen Macht getrieben, welche an so vielem Glück und Unglück schuld zu sein pflegt.«
»Alle Teufel, Du bist verliebt?«
»Jetzt nicht mehr.«
»Ah! Geheilt!»
»Für immer!«
»Glaub's nicht! Ein Mensch, der so veranlagt ist, wie Du, der wirft seine Liebe nicht so mir nichts Dir nichts auf den Schutthaufen. Sie bleibt in ihm. Sie schläft. Und wenn sie dann einmal wieder erwacht, so ist sie stärker und gewaltiger als je zuvor.«
»Sprichst Du aus Erfahrung?»
»Nein.«
»So darfst Du überhaupt nicht urtheilen.«
»Pah! Man hat Augen, um zu beobachten. Aber wie konnte die Liebe Dich zu diesem Wechsel des Wohnortes und der Stellung bewegen? Aber, ich will Dir ja nicht lästig fallen. Verzeihe!«
»Du incommodirst mich gar nicht. Ich denke und spreche jetzt in aller Ruhe über diese Angelegenheit, und da Du Dich gern an den Erlebnissen und Erfahrungen Anderer bildest, so sei Dir gesagt, daß ich in Regensburg ein in Hohenwald wohnendes Mädchen kennen lernte.«
»So, ah so! Schön!«
»Natürlich! Jeder hält die Seinige für einen Engel.«
»Hm! Wenn sie Dich gefesselt hat, so muß sie mehr als nur schön gewesen sein.«
»Du vermuthest ganz richtig. Ich glaube, ich habe sie mehr als Psycholog, denn als Mensch, also mit dem Herzen geliebt. Dieser Engel war auch ein Wenig ein Teufel.«
»Also nicht nur schön, sondern auch interessant. Dachte es mir!«
»Um Dir mit einem einzigen Strich die Situation zu zeichnen, will ich Dir nur sagen, daß sie die Tochter dieses Silberbauers war, den wir heut vergeblich gesucht haben.«
»Max!« rief Sandau erschrocken.
»Nicht wahr, das hat Pointe? Laß es Dir erzählen!«
Er erzählte in einfachen und scheinbar kalten, objektiven Worten sein Zusammentreffen mit der schönen Silbermartha. Er war noch nicht fertig, als sie die Stelle erreichten, an welcher der Fahrweg links nach Eichenfeld durch den Forst emporführte.
»Ich gehe noch eine Strecke mit Dir,« sagte er und lenkte mit dem Freunde in den betreffenden Weg ein, um seine Erzählung zu Ende zu führen. Als er dann fertig war, fragte Sandau:
»Und wo befindet sie sich jetzt?«
»Ich weiß es nicht.«
»Du denkst also, vollständig mit dieser Liebe gebrochen zu haben?«
»Ich denke es.«
»Selbsttäuschung!«
»Meinst Du?«
»Ja. Ich bin überzeugt, daß sie Dich wahrhaft liebt. Und, lege einmal die Hand auf das Herz, und sage mir aufrichtig, kommt Dir nicht zuweilen der Gedanke, daß Du zu hart mit ihr warst, daß sie den unverschuldeten Umstand, keine Mutter gehabt zu haben, büßen muß?«
Walther antwortete nicht sofort. Darum fügte Sandau hinzu:
»Ich wiederhole, was ich bereits sagte: Deine Liebe schläft. Sie wird stärker und gewaltiger erwachen, als sie vorher gewesen ist.«
»Soll ich aufrichtig sein, so habe ich es mir auch zuweilen als möglich gedacht.«
»Nicht wahr! Du als Psycholog kannst diesen Gedanken nicht als unmöglich verwerfen. Deine Liebe zu der üppigen Herzlosen ist eine sinnlichpsychologische gewesen. Du hast sie zurückgedrängt. Aus der Tiefe des Herzens wird sie geläutert hervorbrechen und – – – horch!«
Er blieb lauschend stehen.
»Was ists?« fragte Walther.
»Sollte ich mich getäuscht haben? Es war mir, als ob ich eine menschliche Stimme hörte, wie um Hilfe rufend.«
»Ich hörte nichts.«
»Und doch! Horch! Da wieder!«
Jetzt hörte auch Walther den Ton. Es war ein lang gezogener klagender Laut.
»Wie von dem sterbenden Knaben in Erlkönigs Umarmung.« bemerkte Sandau.
»Aus welcher Richtung kam es?«
»Das ist hier kaum zu bestimmen, da mitten im Walde.«
Wieder und nach einer kurzen Pause abermals erklang der zitternde, durchdringende Laut. Ich möchte behaupten, daß es da von rechts her kommt,« sagte Walther.
»Dieser Ansicht bin ich jetzt auch.«
»Was thun wir? Folgen wir dem Rufe?«
»Natürlich. Wer weiß, welches arme, hilflose Wesen sich hier verirrt hat.«
»Ich war erst ein einziges Mal hier oben und könnte mich in dieser Dunkelheit nicht zurecht finden. Bist Du besser bekannt?«
»Ja. Ich war erst gestern hier, während des Gewitters, als ich Deine Schwester kennen lernte.«
»Ah! Sie nannte Dich ihren Retter; Du aber fielst sogleich mit etwas Anderem ein. Ihr habt also darüber geschwiegen. Hoffentlich erfahre ich, auf welche Weise Ihr Euch kennen lerntet.«
»Gelegentlich werde ich es Euch erzählen. Horch, da ruft es wieder.«
»Es ist wirklich da rechts drin. Dort giebt es im Felsen eine Art von Höhle, in welcher man eine leidliche Unterkunft finden kann. Eigentlich sollten wir antworten. Ich will rufen.«
»Halt! Rufe nicht!« warnte Walther, indem er ihn beim Arme ergriff. »Unterkunft kann man dort finden? Das bringt mich auf einen Gedanken, auf eine Vermuthung. Ach, wenn sie sich bewahrheitete!«
»Woran denkst Du da?«
»An den entflohenen Silberbauer.«
»Das wär kühn!«
»O nein. Er kennt wohl diese Höhlung und hat seinen Sohn herauf bestellt. Am Tage hat er sich in einem unzugänglichen Dickicht versteckt, und nun am Abende sucht er die bequeme Höhle auf.«
»Der würde doch nicht rufen!«
»Denke an das Wundfieber!«
»Hat er ja gar nicht gehabt! Uebrigens ist es gradezu unbegreiflich, daß ein Mensch eine solche Verwundung überstehen und dann noch, nach dem Wehre laufen und schließlich unter solchen Umständen entfliehen kann.«
»Er hat eine Pferdenatur. Aber denk an seine gestrige Anstrengung, an das kalte Bad und auch daran, daß er bis jetzt die nassen Kleider auf dem Leibe hatte. Da ist das Auftreten des Fiebers nicht nur erklärlich, sondern das Ausbleiben desselben wäre gradezu ein Wunder. Aber schweigen wir jetzt! Es ruft nicht mehr, sondern es stöhnt und wimmert, ganz in der Nähe.«
»Die Höhle ist kaum noch dreißig Schritte von hier entfernt.«
»So wollen wir alles Geräusch vermeiden und uns leise anschleichen.«
Sie hatten schon längst den gebahnten Weg verlassen und waren, den Rufen folgend, nach rechter Hand unter den Bäumen vorgedrungen. Es war unter dem dichten Laubdach vollständig finster, so daß Beide sich führen und mit den freien Händen sich von Baum zu Baum tasten mußten. So kam es, daß sie nur sehr langsam Terrain gewonnen hatten.
Jetzt hörte auch das Wimmern auf, doch ließ sich eine sprechende Stimme in Sätzen vernehmen, deren einzelne Worte wegen der noch zu großen Entfernung nicht verstanden werden konnten.
Nun ragte es in schwarzer Schwere vor ihnen empor. Das war der Felsen, in welchem sich das Loch befand, und als sie um die Ecke desselben bogen, konnten sie auch die Worte verstehen, welche unter hörbarem Zähneklappern ausgesprochen wurden.
»Wer soll ich sein?« erklang es. »Dera Silberbauern soll ich sein? Hundsfott, das ist eine Lüg, eine miserable Lüg! Willst sie gleich widerrufen! Wannsts nicht sofort widerrufst, schlag ich Dich gleich zu Boden!«
Die beiden jungen Männer standen lauschend neben einander.
»Er ist es!« flüsterte Walther. »Er redet von sich selbst.«
»Könnte es nicht auch vielleicht ein Anderer sein?«
»Nein. Ich kenne seine Stimme. Sie ist zwar verändert, weil er im Fieber spricht, aber dennoch zu erkennen. Horch!«
Der Bauer sprach jetzt weiter:
»Wie sagst? Was soll ich than haben? Und eine Kisten mit Gold geraubt? Wer sagt das? Wer hat das derfunden? Wer hats sich aussonnen? Die Anna? Die? Was die sagt, das gilt nix, gar nix! Die will mich nur in's Gefängniß bringen. Hoho! Seht Ihrs, wie das Schloß brennen thut? Wie das Feuern bis hinaufi zum Himmeln steigt? Wer hats anbrannt? Dera Silberbauern und dera Thalmüllern? Wer das sagt, den bring ich um, gleich um! Was das für eine Hitz wirft und für eine Gluth, so ein Feuern, wanns ganze Schloß brennt! Und doch frierts mich, als obs im Wintern wär bei lauter Eis und Schnee. Gebt mir ein Bett! Macht Feuern im Ofen, und kocht mir einen Grog! Wer soll das aushalten bei solcher Kälten! Hört Ihrs nicht, wies mir die Zähne zusammenklappert?«
Die Beiden hörten deutlich, daß ihm die Zähne auf einander schlugen.
»Schrecklich!« flüsterte Sandau.
»Das ist Gottes Strafe!«
»Du hast ganz richtig vermuthet. Sein Körper ist doch nicht stark genug gewesen für das Alles. Er hat das Fieber bekommen. Was ist zu thun?«
»Man muß sich natürlich seiner Person versichern.«
»Aber wie? Wir Beide etwa allein?«
»Nein, das mag ich nicht wagen.«
»Er ist allerdings sehr stark?«
»Unter gewöhnlichen Umständen fürchte ich ihn nicht. Ich habe es ihm ja bewiesen. Aber jetzt? Ein Mensch, und zumal ein solcher, ist im Fieber zehnmal so stark als sonst. Er hat zwar nur einen Arm; aber wenn die Wuth über ihn kommt, so sind wir ihm wohl kaum gewachsen. Was wollen wir mit ihm anfangen, hier im Walde, in dieser Finsterniß!«
»Es ist am Besten, wir lassen ihn hier liegen und gehen, um Leute herbei zu holen.«
»Und wenn wir kommen, ist er fort!«
»Denkst Du?«
»Ja. Kann man wissen, was ihm während des Fiebers für Gedanken kommen?«
»Aber uns hierher zu ihm setzen, das können wir doch auch nicht!«
»Nein. Einer geht, um Hilfe zu holen, und der Andere bleibt hier, ohne es ihm merken zu lassen.«
»Das ist eine gewagte Sache.«
»Allerdings, aber es muß eben riscirt werden. Da Du hier im Walde mehr zu Hause bist als ich, so ists am Besten, Du gehst; ich würde die Richtung verlieren. Auch bin ich stärker als Du. Falls es ja zum Ringen mit ihm kommen sollte, habe ich mehr Hoffnung als Du, mit ihm fertig zu werden.«
»Suche das lieber zu vermeiden!«
»So lange es möglich ist, jawohl! Wenn er sich aber entfernen will, so muß ich ihn doch festhalten!«
»Du könntest ihm ja auch unbemerkt folgen!«
»In dieser Dunkelheit. Das ist unmöglich. Auch weiß man ja nicht, welche Richtung er einschlagen würde. Kämst Du dann, so wäre ich mit ihm nicht zu finden.«
»So schau zu, wie Du mit ihm verkommst! Aber wen soll ich holen?«
»Lauf so schnell wie möglich nach Hohenwald. Aber ich weiß nicht, ob Du die Leute dort kennst. Der Eschenbauer, bei welchem ich wohne, wäre der sicherste Mann. Er ist still und überlegsam. Da würde kein Geräusch gemacht.«
»Zufälliger Weise kenne ich ihn. Er wohnt am Ende des Dorfes, wo früher das Gut des Feuerbalzers gestanden hat.«
»Ja. Er mag sofort anspannen und den Knecht mitbringen, auch etliche Stricke, um nöthigenfalls den Silberbauer zu fesseln, und Stroh, oder sonst etwas weiches, daß er unterwegs nicht allzu hart liegt. Getragen kann er natürlich nicht werden. Nur per Wagen ist sein Transport möglich.«
»Gut! Aber mir ists angst um Dich.«
»Mache Dir ja nicht allzu große Sorge. Ich bin kaltblütig und stark. Das ist die Hauptsache. Und wie lange wird es dauern, so bist Du wieder hier. Ein Wenig über eine Viertelstunde brauchst Du hin, ebenso lang her und gleichfalls so lange zum Anspannen, macht also in Summa ungefähr drei Viertelstunden. So lange vermag ich ihn auf alle Fälle zu halten.«
»Hoffentlich geht es nicht schlimmer, als Du denkst. Also ich gehe jetzt. Halte Dich gut, Max!«
Sandau verschwand im Dunkel der Nacht. Walther setzte sich ganz in der Nähe des Felsenloches nieder. Welch ein Unterschied! Gestern hatte er mit Milda in der Höhlung Schutz gegen das Unwetter gefunden. Wie selig hatte da sein Her? geschlagen! Wie reizend war ihm da das Loch vorgekommen! Und jetzt! In finsterer Nacht neben einem verfehmten Verbrecher, der in wilden Phantasien lag! Hoffentlich blieb er still in dem Verstecke liegen.
Der Bauer schien jetzt ganz bewegungslos zu sein. Er ächzte und stöhnte halblaut vor sich hin, und während der Pausen war das Klappern der Zähne zu hören. Dann schrie er plötzlich laut auf:
»Fort mit Dir! Wer bist denn eigentlich? Was grinsest mich an und fletschest mir die Zähnen! Was, mein Weib willst sein? Was soll ich haben? Dich zu Tod geärgert? Wannst das mir nochmals sagst, so hau ich Dir den Stock in's Gesicht, viel mehr und viel stärkern als damals, wo Du noch lebtest! Sei froh, daßt todt bist! Du siehsts halt nicht, daß sie Deinen Mann im Wald suchen, um ihn zu fangen.«
Dann begann das Wimmern wieder:
Es war entsetzlich unheimlich in der Nähe dieses Mannes. So wie bisher, phantasierte er fort. Bald vertheidigte er sich laut und zornig gegen unhörbare Anklagen; dann stöhnte er zum Erbarmen. Das Fieber schien ihn förmlich empor zu werfen.
So verging eine Viertelstunde und noch eine. Walther hörte die Hohenwalder Thurmuhr schlagen, wie wenn man mit einem Hammer auf einen alten, zerbrochenen Kessel schlägt. Diese Töne paßten ganz zu der Unheimlichkeit der gegenwärtigen Situation.
Bereits begann er, in Gedanken die Minuten zu zählen. Bald mußte Sandau zurückkehren. Da stieß der Müller abermals einen Schrei aus.
»Hilfe, Hilfe! Seht Ihr sie nicht? Das ist die Anna, die mich ins Mühlrad werfen will! Der Arm soll weg, grad wie beim Heiner!«
Der Hilferuf wurde leiser und leiser, bis er endlich aufhörte. Dann begann der Phantasierende von Neuem in trotzigem Tone:
»Wer kommt da? Wer lauft da hinter mir her? Dera Schullehrern, der Fratz! Was hat der zu lauschen und zu horchen! Was will er derfahren! Etwan von mir was? Nix, gar nix soll er derfahren. Liebern geh ich fort. Ich bleib nimmer hier, wo der Kerlen ist!«
Es raschelte in dem Loche. Der Silberbauer kam heraus gekrochen. Er richtete sich mit seinem einen Arme mühsam am Felsen auf. Er taumelte dabei hin und her, und die Kinnbacken schlugen ihm gegen einander.
»Brrr! Wie kalt!« stöhnte er. »Wo steckt er denn, dera Lehrern? Ich seh ihn doch gar nimmer! Vielleicht ist bessern, ich leg mich wiedern zu Bett. Aber dann, wann er kommt, dann hat er mich auch gleich fest. Nein, ich werd hier auf ihn warten.«
Er stand da, krumm ungefähr wie ein Orang-Utang steht, wenn er sich aufgerichtet hat. Walther saß keine vier Schritte entfernt von ihm und konnte ihn trotz der Dunkelheit ziemlich deutlich sehen, da es hier keine Baumwipfeln gab, durch welche der Sternenhimmel verhüllt werden konnte.
»Jetzund fangens wieder an!« zürnte der Bauer. »Seid dera neue Lehrern da ist, singens in dera Schulen lauter dumme Liedern, an die kein Mensch glauben thut. Horch, was singens jetzunder? Ich hörs schon, ich hörs ganz gut. Auch die Melodien kann ich auswendig. Sie klingt so!«
Trotz seines Zähneklapperns sang er halblaut:
»Ueb immer Treu und Redlichkeit
Bis an Dein kühles Grab
Und weiche keinen Finger breit
Von Gottes Wegen ab!«
Es schnitt dem Lauscher in die Seele, diese Worte in solcher Weise aus diesem Munde zu hören. Es war wirklich eine Selbstqual, die sich des Silberbauers bemächtigt hatte.
»O, die Redseligkeiten!« lachte er höhnisch auf. »Wer ist redlich, wer?«
Er horchte auf und fragte dann mit lauter, weithin schallender Stimme:
»Wer hat da sprochen? Wer hat da fragt? Antwortet Keiner? Ah, es ist Niemand da, und ich hab doch glaubt, daß Jemand mich fragt hat. Nein, es hat kein Mensch sprochen. Ich bin allein, ganz allein. Und es ist still hier in dera Stuben. Aberst macht nur das Fenstern zu, damit ich das Gesing nimmer hör! Das halt ich nicht aus. Da muß ich allemal mitsingen.«
Und er krächzte mit zitternder Stimme:
Des Nachbars Kunz war bis ans Grab
Ein rechter Höllenbrand.
Er pflügte seinem Nachbar ab
Und stahl ihm vieles Land.
Nun pflügt er als ein Feuermann
Auf seines Nachbars Flur–-
Nix ist wahr, nix! Wers Land stohlen hat, der hats Land, und Niemand kanns ihm nehmen. Und wers Geld stohlen hat, der – – – So, wer wollt mir's nehmen, wer? Wer will unters Wehr kommen und mir den Schrank aufmachen? Ich möcht den sehen, ders wagen wollt!«
Das rief er mit lauter, drohender Stimme. Dann aber fügte er wie erschrocken hinzu:
»Pst, still! Sie kommen doch! Ich hör schon ihre Schritten! Aberst mich sollens halt nicht derwischen. Mich sollens nicht finden. Ich geh ihnen aus dem Wege.«
Und er machte wirklich Anstalt, sich von der Höhe zu entfernen. Er tappte sich mit der Hand langsam am Felsen fort, Schritt für Schritt, auf Walthern zu. Dieser huschte zur Seite, um nicht von ihm bemerkt zu werden.
So schritt der Fiebernde bis zur Ecke des Felsens. Dort blieb er horchend stehen.
»Ja,« sagte er, »sie kommen. Ich muß noch weitern fort, viel weitern. Sehen darf mich Keiner hier am Wehr, sonst denkens gleich sofort, daß ich da was versteckt hab.«
Er raffte sich zusammen, um in den Wald hinein zu schreiten. Da konnte der Bauer ihm entgehen. Darum trat er rasch einige Schritte vor und stellte sich zwischen den Bauer und den ersten Bäumen. Der Silberbauer bemerkte ihn sofort. Aber anstatt zu erschrecken und zu fliehen, wie Walther erwartet hatte, richtete der Kranke sich hoch auf und fragte:
»Wer bist und was willst hier?«
Dem Lehrer kam ein listiger Gedanke. Er antwortete im Dialecte der hiesigen Gegend:
»Wer ich bin? Kennst mich wohl nicht.«
»Nein, Dich kenn ich nicht.«
»Ich Dich auch nicht. Sag, wert bist und wast hier thun willst!«
»Geht Dich das was an?«
»Nein, aberst Du hast doch auch mich so fragt!«
»Das kann ich auch.«
»So will ichs Dir sagen, wannst mich nicht verrathen willst.«
»Ich verrath Keinen.«
»Weißt denn auch, wot jetzund bist?«
»Wohl werd ichs wissen: Da im Wald.«
Es schien, daß von dem Augenblicke an, an welchem der Silberbauer den Lehrer gesehen hatte, das Fieber von ihm gewichen sei. Er sprach wie im vollständigen Bewußtsein.
»Nun, schau!« sagte Walther in vertraulichem Tone. »Ich bin ein armer Teufeln und hab nix für den Ofen daheim. Da bin ich in den Wald gangen, um mir ein Holz zu holen.«
»Ach so! Ein Dieb bist also, ein Spitzbuben!«
»Das brauchst nicht gleich derowegen zu sagen.«
»Nein, und dennoch ists wahr.«
»So willst mich wohl verrathen?«
»Verrathen? Fallt mir gar nimmer ein! Einen Dieb verrath ich nimmer. Ich bin ja selberst auch einer.«
»Machst wohl einen Spaß?«
»Nein. Wannst mirs aufrichtig sagt hast, daßt Holz stehlen willst, so kann ich auch so offen reden. Laß Dich nur nicht derwischen. Und hör nicht darauf, wanns in dera Schulen singen. Hörsts? Sie beginnen bereits schon wiedern!«
Walthern beim Arme ergreifend, sang er leise:
»Dann wirst Du wie auf grünen Aun'
Durchs Erdenleben gehn.
Dann kannst Du ohne Furcht und Graun
Dem Tod ins Auge sehn.«
Er war also doch nicht bei voller Besinnung. Ergreifend war die Scene für den Lehrer auch dadurch, daß er erfuhr, welchen Eindruck dieses Lied gemacht habe. Er hatte es mit seinen Schulkindern eingeübt. Die Buben und Mädchen sangen es jetzt auf der Straße. Der Silberbauer hatte es gehört und war von ihm so tief getroffen worden, daß ihm Töne und Worte jetzt durch den umnachteten Geist klangen.
»Kennsts auch schon, das Lied?« fragte der Bauer.
»Ja.«
»Es taugt nix! Kannsts nur schnell vergessen. Also Holz stehlen willst? Laß Dich nur nicht derwischen! Ich aberst verrath Dich nicht. Bist etwan schon lange im Wald?«
»Ja.«
»Hast Niemand sehen?«
»O doch.«
»Wohl gar viele Leutln?«
»Sehr viele.«
»Was habens denn im Wald gewollt? Habens vielleicht gar Einen sucht?«
»Fast schien es so.«
»Etwan den Silberbauern?«
»Ja, den glaub ich.«
»Nun, habens ihn funden?«
»Nein.«
»Schau, den werdens auch nimmer finden. Er hat seinen Sohn bestellt, den Silberfritzen. Der bringt ihm ein großes Geldl und ein anderes Gewandl, und sodann verschwindet dera Silberbauern ganz hinweg aus dero Gegend. Kannsts ihnen sagen, daß sie sich keine Mühen geben sollen. Sie bekommen ihn doch nicht. Und der, der ihn am Liebsten gern haben möcht, dera neue Schulmeistern, der bekommt ihn auch nicht. Kennst ihn wohl vielleichten?«
»Ja.«
»Hasts wohl auch schon hört, daß er mit dem Silberbauern rauft hat?«
»Auch das weiß ich.«
»Und wer ist dem Andern über gewest?«
»Ja, wenn ich das wissen thät!«
»Nun, so will ichs Dir sagen. Dera Silberbauern hat den Lehrern zur Erd worfen und fast zu Tod schlagen. Das kannst auch denken, denn dera Bauern ist ein großer, starker Kerlen und dera Lehrern so eine kleine Kröten, fast so klein wie Du und auch so einen Huten hat er aufi und –«
Er hielt plötzlich inne und trat einen Schritt zurück.
»Was hast? Sprich doch weitern!« sagte Walther, welcher ahnte, daß die Scene jetzt eine ganz andere Wendung bekommen werde.
»Ja, wer bist denn eigentlich? Das hast mir halt noch gar nicht sagt.«
»Du mir auch noch nicht, wer Du bist.«
»Das brauchst auch nicht zu wissen.«
»Warum fragst da, wer ich bin?«
»Weil ichs wissen muß. Weißt, ich traue Dir nicht. Du bist –«
Er trat schnell heran, ergriff den Lehrer am Arme und brachte sein Gesicht ganz nahe an dasjenige Walthers. Er erkannte ihn, denn er fuhr zurück und rief:
»Himmelsakra! Spion, verfluchter! Willst mich fangen! Da hasts!«
Er holte zu einem fürchterlichen Hiebe aus. Walther war auf seiner Hut gewesen und trat rasch zur Seite. Der Bauer stürzte von der Wucht seines eigenen Schlages zu Boden, raffte sich aber augenblicklich auf und faßte den Lehrer bei der Brust.
»Fangen willst mich! Ja, das glaub ich gar wohl. Aberst Du hast nicht mich, sondern ich hab Dich. Und nun sollst sehen, was ich mit Dir thu.«
Er hielt den Lehrer mit eiserner Faust gepackt und streckte den Arm so weit und gerade aus, daß Walther ihn gar nicht zu fassen vermochte. Auf diese Weise versuchte er, ihn mit sich fort zu zerren, dahin, wo der Felsen stell zur Tiefe abfiel.
»Da mußt hinunter, da hinab!« knirschte er, indem er immer weiter nach dem Abgrund avancirte.
Es gab für Walthern kein anderes Mittel, von dem grimmigen Gegner loszukommen, als sich seiner Beine gegen denselben zu bedienen. Er versetzte dem Bauer einen kräftigen Fußtritt in die Weichen.
Da ließ der Wüthende los.
»Treten hast mich, treten mit dem Fuß! Und da kommen auch die Andern, die am Wehre mit Dir waren. Aberst ehe sie da sind, mußt Du todt sein, ganz todt, ganz!«
Er schlug mit der Faust und trat mit den Füßen blind auf den Lehrer ein. Dabei schrie er:
»Schau, wie das Schloß brennt! Ich solls anzündet haben. Aberst es ist nicht wahr. Ich will nur Dich hineinwerfen in die Flammen! Und den Heiner soll ich hinabworfen haben in das Rad. Das ist auch eine Lüge. Doch Du sollst hinab. Du sollst auch nur einen Arm haben, grad so wie er und ich!«
Seine Hiebe fielen hageldick und gedankenschnell. Das Fieber war wieder über ihn gekommen, aber während der Phantasieen hielt er doch den Gedanken fest, den Lehrer vor sich zu haben. Dieser konnte nichts Anderes thun, als die Hiebe seines Gegners pariren. Angreifend zu verfahren, dazu kam er gar nicht.
Und trotz des Fiebers verfolgte der Wüthende ganz seine vorige Absicht Walthern an den Abgrund zu drängen. Sie näherten sich demselben immer mehr. Die Gefahr wurde größer und immer größer.
Da machte Walther eine Seitenwendung, huschte unter dem Arme des Gegners hinweg, faßte ihn von hinten beim Kragen, drückte ihm das Knie in den Rücken und warf ihn zu Boden.
Aber der Silberbauer hatte ihn noch im Fallen auch gepackt und riß ihn mit zu Boden. Jetzt begann ein entsetzliches Ringen. Walther hatte seine beiden Arme und war dem Bauer an Gewandtheit überlegen. Dem Letzteren aber gab das Fieber eine Vervielfältigung seiner Kräfte. Er biß um sich wie ein wildes Thier. Walcher ergriff ihn mit einer Hand bei der Gurgel und mit der andern beim Arme und hielt ihn so fest. Der Bauer versuchte, sich unter ihm aufzubäumen – vergeblich. Walther spannte seine Muskeln und Flechsen auf das Stärkste an. Lange freilich konnte er es nicht aushalten«, das fühlte er gar wohl.
Da hörte er das Knarren eines Wagens.
»Rudolf, Rudolf,« rief er.
»Ja, ja!« antwortete es.
»Komm, komm!«
»Gleich, gleich bin ich dort!«
»Jetzt kommens! Jetzt wollens mich haben. Aber sie sollen mich nicht derwischen!« schrie der Bauer. »Erst dermord ich Dich und dann auch sie. Hinein müßt Ihr ins Feuern! Hinein, wo das Schloß brennt, alle alle!«
Er machte eine Anstrengung, wie nur ein Wahnsinniger oder Fieberkranker sie machen kann. Walther preßte die Zähne zusammen und – hielt aus. Sie lagen jetzt ganz nahe am Rande des Abgrundes. Erhielt der Bauer nur einen kurzen Augenblick die Oberhand, so konnte der junge, muthige Mann verloren sein.
Da ließen sich eilige Schritte hören, welche trotz der Dunkelheit und der Bäume schnell näher kamen. Dahinter erschienen die Lichter mehrerer Laternen.
»Max, wo bist Du?« rief Sandau.
»Hier, hier.«
»Kämpft Ihr vielleicht?«
»Ja. Greif zu. Aber stürzt um Gotteswillen nicht hinab.«
Der Silberbauer brüllte wie ein Stier, welchem in der Arena die Spitzen der Lanzen in das Fleisch gedrungen sind.
»Sie kommen; sie kommen! Hinab in die Höll mit ihnen! Hinab!«
Er zog seinen Leib zusammen und schnellte ihn wieder aus. Es war eine fürchterliche Kraftanstrengung, aber er vermochte doch nicht den Lehrer von sich abzuschütteln. Doch diese Bewegung hatte Beide noch näher an den Abgrund gebracht.
»Rudolf, schnell! Um Gotteswillen!« rief Walther, der sich nicht loszumachen vermochte.
»Da bin ich!«
Bei diesen Worten warf Sandau sich nieder, ergriff den Silberbauer beim Haare und zog ihn und mit ihm den auf ihm liegenden Lehrer von der gefährlichen Stelle fort.
Und nun war auch der Eschenbauer mit seinem Knechte da. Beide hatten Laternen. Sie sahen die drei Ringenden, setzten die Laternen zu Boden und warfen sich auf den Bauer, welcher vor Wuth schäumte und trotz seines kranken Zustandes einem auf das Schiffsdeck gezogenen Haifisch glich, welchem die Kraft genommen ist, der aber doch mit einem Bisse seines Rachens oder einem Schlag seines Schwanzes noch zu verletzen oder gar zu tödten vermag.
»Stricke, nehmt Stricke!« rief Walther.
Der Knecht hatte mehrere derselben mitgebracht, sie aber zu Boden geworfen, als er den Bauer faßte. Er holte sie herbei, und nun banden die Drei dem sich wüthend Wehrenden zunächst die Füße zusammen, damit er mit ihnen nicht gefährlich zu verletzen vermochte. Unter bedeutender Anstrengung wurde ihm dann auch der Arm an den Leib gefesselt. Er lag nun bewegungslos da. Der Schaum stand ihm vor dem Munde, und seine Brust athmete unter keuchendem Röcheln.
»Ihr Hunde!« stieß er dazwischen hervor. »Ihr Mörder! Was wollt Ihr mit mir! Wißt Ihr, wer ich bin? Meint Ihr etwan, ich sei dera Silberbauern? Der bin ich nicht. Ich bin dera Baron von Gulijan. Versteht Ihr mich! Ihr wollt mich nur fesseln, daß mein Weib verbrennen soll, daß ich sie nicht aus dem Feuer holen kann. Bringt den Silberbauern herbei und den Thalmüllern, und werft sie hinein! Die haben das Schloß verbrannt. Ich aber bin unschuldig!«
»Herrgott! Er ist verrückt worden!« sagte der Eschenbauer.
»O nein,« antwortete der Lehrer. »Er fiebert und sagt dabei Dinge, welche in Wirklichkeit passirt sind.«
»Aber Max, wie siehst Du aus!« sagte Sandau.
Beim Scheine der beiden Laternen bemerkte Walther, daß fast sein ganzer Anzug zerfetzt war.
»Das ist noch zu tragen,« meinte er. »Aber wenn Ihr einige Minuten später gekommen wärt, so hättet Ihr mich höchst wahrscheinlich nicht mehr hier gefunden. Ich wäre mit ihm in den Abgrund gestürzt.« .
»Wie ist denn das gekommen? Erzähle doch!«
»Später. Jetzt fehlt es mir an Athem. Wollen ihn nach dem Wagen schaffen, damit er unter Obdach kommt. Man muß Alles thun, um ihn am Leben zu erhalten. Wäre das nicht, so hätte ich mich nicht in so große Gefahr zu begeben gebraucht. Ich hätte ihn einfach erwürgt. Aber seine Geständnisse sind von großem Werthe.«
Der Wagen hielt auf der Waldstraße. Der Bauer wurde nach demselben getragen und in das Heu gelegt, welches fürsorglicher Weise mitgebracht worden war. Dann wurde er extra noch angebunden. Bei einem solchen Menschen mußte man alle möglichen Vorsichtsmaßregeln in Anwendung bringen.
Jetzt nun, als der Wagen sich heimwärts in Bewegung setzte, erzählte Walther, wie er in den Kampf mit dem Fiebernden gekommen war. Dabei sprach er natürlich nicht laut, und auch die daran sich knüpfenden Bemerkungen wurden so leise ausgesprochen, daß der Silberbauer sie nicht zu hören vermochte.
Er befand sich jetzt ruhig, wie es schien, in einem Zustande der Erschöpfung nach der vorangegangenen körperlichen Anstrengung. Nur leise, jammernde Laute stieß er zuweilen aus.
Wie Walther jetzt erfuhr, hatte der Eschenbauer dafür gesorgt, daß Niemand von dem Zwecke dieser nächtlichen Fuhre Etwas erfahren hatte. Selbst seiner Frau hatte er es verschwiegen und dem Knechte es erst unterwegs gesagt, wohin er fahren solle.
Dennoch blieb es nicht verschwiegen, denn als sie jetzt das Dorf erreichten und grad am Gasthofe vorüber wollten, bekam der Silberbauer einen neuen Fieberanfall. Der Umstand, daß er mit Gewalt verhindert wurde, seine Glieder zu bewegen, vergrößerte die Wuth, welche sich seiner bemächtigte. Er schrie überlaut, so daß es durch das ganze Dorf zu hören war:
»Wo bin ich? Warum hat man mich anbunden? Was will man von mir? Denkt man etwan, daß ich ein Dieb oder ein Mördern bin? Hält man mich für denen Silberbauern? Das kann ich nicht dulden. Ich bin ein ganz Anderer. Ich bin ein Baronen und werd meine Leuten zusammenrufen. Hilfe, Hilfe, Hilfe!«
Diesen Ruf wiederholte er so oft und stieß ihn in so durchdringendem Tone aus, daß sofort alle Gäste aus dem Gasthofe gestürzt kamen und den, Wagen umringten. Nun war es nicht mehr zu verschweigen. Es erhob sich ein allgemeines Halloh, so daß auch noch andere Leute herbei kamen und den Wagen bis zum Silbergute begleiteten. Diese Begleitung wuchs von Schritt zu Schritt immer mehr an.
»Sie bringen den Silberbauern. Dera Herr Lehrern hat ihn fangen draußen im Wald!« ging es von Mund zu Mund, von Haus zu Haus.
Und in anerkennender Weise wurden Bemerkungen laut wie:
»Ja, dera Herr Lehrern, das ist halt Einer, ein gar Feiner! Er hats dem Silberbauern gleich in der ersten Stund an den Kopf sagt, daß der sich vor ihm in Acht zu nehmen hat! So Einen haben wir hier gar noch nicht habt. Der weiß halt, was er will, und wer ihm zuwider thut, der kanns nicht lange treiben.«
Das größte Aufsehen erregte die Ankunft des Bauers natürlich bei seinem Gesinde. Die Leute sprachen kein Wort. Sie flüsterten nur leise mit einander und warfen scheue, ehrfurchtsvolle Blicke auf den Lehrer, der das aber gar nicht zu bemerken schien. Der Kranke wurde nach derselben Stube gebracht, in welcher er vorher gelegen hatte. Dann schickte man auf Anordnung des Lehrers sofort nach der Mühle zum Medicinalrathe. Auch der stellvertretende Ortsvorsteher wurde geholt, um Veranstaltung zu treffen, daß bis auf Weiteres ein Wachtdienst angeordnet werde. Man durfte den Gefangenen nicht abermals entwischen lassen.
Er hatte sich ohne Widerstreben entkleiden lassen und lag ganz ruhig in seinem Bette, die Augen starr nach der Decke gerichtet. Nur wenn ihn der Schüttelfrost überfiel, jammerte er kläglich.
Da kam der Balzerbauer herein, welcher, wie bereits erwähnt, seine Wohnung im Silberhofe aufgeschlagen hatte. Er wollte sich den Gefangenen auch einmal ansehen. Als er sich über das Gesicht desselben beugte, fiel der Blick des Silberbauers auf ihn. Sofort nahmen die Züge desselben den Ausdruck der grimmigsten Wuth an.
»Wer bist? Was willst hier bei mir?« schrie er auf. »Pack Dich von hinnen! Meinst etwan, ich hab Dich derschlagen?«
»Ja, Du warst es!« antwortete Balzer, welcher sich im Besitze seiner Verstandeskräfte befand.
»Ich? Das ist nicht wahr!«
»Ja, mit dem Hammern!«
»Nein. Ich hab niemals einen Hammern habt.«
»Aberst sie haben ihn bei Dir funden und auch den Fünfhundertthalerschein, dent von damals noch aufhoben hast.«
»Das ist abermals eine Lügen, eine ganz niederträchtige Lügen! Geh fort, sonst thu ich, was mir damals nicht gelungen ist: Ich schlag Dich todt. Fort, fort!«
Er bäumte sich im Bette auf und holte mit der geballten Faust zum Schlage aus. Balzer mußte sich sogleich entfernen, damit die Aufregung den Zustand des Kranken nicht verschlimmere.
Als der Medicinalrath kam, lag der Letztere wieder im Fieberfroste. Der Arzt untersuchte ihn sorgfältig, schüttelte den Kopf und sagte leise zu Walther:
»Wenn er das übersteht, so habe ich einen solchen Fall noch gar nicht erlebt. Ich werde ein fieberstillendes Mittel verschreiben. Das ist zunächst Alles, was ich thun kann. Dringend muß ich aber anordnen, daß der Patient keinen Augenblick allein gelassen werde. Es müssen stets einige starke Männer anwesend sein, die ihn bei einem Anfalle von Fieberwuth bezwingen können. Auch muß Alles entfernt werden, womit er dann sich oder Andern gefährlich werden könnte. Hoffentlich kehrt der Herr Assessor noch heut aus Scheibenbad zurück. Ich halte es für das Gerathenste, den Silberbauer in die Gefangenenabtheilung eines Krankenhauses unterzubringen.
Der von ihm erwähnte Assessor war, wie bereits erwähnt, heut nach Scheibenbad zu dem Thalmüller. Der Wurzelsepp hatte ihn begleiten dürfen. Der Weg war natürlich per Wagen zurückgelegt worden.
Sie waren natürlich nicht bei der Mühle vorgefahren, sondern in einem Gasthofe der Stadt abgestiegen.
»Ich möchte,« sagte der Assessor, »dem Müller nicht sofort merken zu lassen, daß ich ein Gerichtsbeamter bin. Ich kehre zunächst als Gast bei ihm ein und werde es auf irgend eine Weise einzurichten suchen, daß ich mit ihm zufälliger Weise zu sprechen komme. Wo aber werden wir den Fex treffen?«
»Auf dem Bahnhofe, wann sein Zug kommt.«
Der Assessor nahm den Fahrplan herbei, warf einen prüfenden Blick auf denselben und sagte:
»Wenn er den nach Empfang der Depesche zunächst abgehenden Zug benutzt hat, kann er bereits hier sein, denn derselbe ist vor drei Viertelstunden angekommen.«
»So weiß ich, wo er zu finden ist.«
»Wo?«
»Am Zigeunergrab.«
»Was ist das?«
»Ein Heidengrab in der Nähe der Thalmühlen. Was es mit demselbigen für eine Bewandtnissen hat, wird er Ihnen wohl selbst derzählen. Er weiß das viel bessern als ich. Soll ich hingehen und ihn aufsuchen?«
»Ja. Unterdessen kann ich meine Collegen hier unterrichten. Ohne vorherige Meldung habe ich hier in diesem Bezirke natürlich keine amtliche Gewalt.«
Der Sepp hatte Recht gehabt. Der Fex hatte sich, als er die Depesche gelesen hatte, sofort nach dem Bahnhofe begeben. Er konnte zwar nicht begreifen, was sein alter Freund von ihm wollte, sagte sich aber, daß die Veranlassung zu dem Telegramme jedenfalls eine genug wichtige sein werde.
Er saß zunächst allein in seinem Coupée. Wer ihn früher gesehen hatte, hätte jetzt in ihm wohl kaum den einstigen, mit wahren Lumpen bekleideten Fährmann wieder erkannt. Er trug einen sehr eleganten Anzug. Der eigenartige Chic, welcher ihm angeboren war, hatte während seines Aufenthaltes in der Residenz eine schnelle Ausbildung erhalten. Das lang gelockte, blonde Haar, welches er auch jetzt noch trug, stand gar gut zu dem schön geschnittenen, noch immer von der Sonne gebräunten Gesichte. Das Ebenmaß seiner Glieder wurde durch den modernen Anzug ganz besonders hervorgehoben und wurde in seiner Wirkung vergrößert durch die Gewandtheit und Sicherheit seiner Bewegungen, welche keineswegs verrathen ließen, daß er seine bisherige Lebenszeit in einer Art von Sklaverei zugebracht habe.
Nachdem einige Stationen zurückgelegt worden waren, öffnete der Schaffner das Coupée und fragte, ob es vielleicht unangenehm sei, wenn eine Dame mit Platz nehme.
»Ich kann es nicht verwehren,« antwortete der Fex in der halb vornehmen, halb leichten Art und Weise, welche er sich in letzter Zeit angeeignet hatte.
Ein kleiner Handkoffer wurde hereingethan, und sodann stieg die betreffende Dame ein. Der Fex erkannte sie sofort, da sie mit ihrem Vater und ihrer Schwester in der dem Thalmüller gehörigen Villa gewohnt hatte und vielleicht auch jetzt noch wohnte.
Sie grüßte höflich, machte es sich bequem und erklärte, nachdem der Zug sich wieder in Bewegung gesetzt hatte:
»Ich bin Ihnen sehr dankbar, daß Sie meine Bitte nicht abschläglich beschieden haben. Ich komme aus München und will nach Scheibenbad.«
»Ich ebenso,« antwortete er, indem er sich leicht verneigte und dabei ein leises Lächeln nicht verbergen konnte.
Seine Reisegefährtin war nämlich Franza von Stauffen, die dicke Dichterin, welche damals dem Krikelanton behilflich gewesen war, seinen Verfolgern zu entkommen. Sie trug ein weitpauschiges, grasgrünes Kleid, einen grellrothen Ueberwurf und einen hellblauen Amazonenhut mit schwefelgelber Feder. In ihrer Hand ruhte der bekannte, mit einem Knauftintenfasse versehene Schirm, und an einem rosafarbenen Riemen hing die theure Mappe an ihrer linken Seite. Es war ihr auf die weiteste Entfernung anzusehen, daß sie irgend eine Art von Bekanntschaft mit der edlen Dichtkunst geschlossen habe.
»Leider verlangte ich ein Damencoupée,« fuhr sie fort.
»Leider?« fiel er in befremdetem Tone ein.
»Ja, leider. Eine gebildete Dame sollte sich nie in ein Frauencoupée setzen. Entweder hocken die Insassinnen stolz und wortlos in ihren Ecken, gönnen einander kein freundliches Wort und mustern einander mit verstohlen sein sollenden und dennoch sehr gut an den Mann gebrachten verächtlichen Blicken, oder sie geben sich im graden Gegentheile einer überlebhaften Unterhaltung hin, welche eigentlich nur den Namen Schnatterei verdient und den einzigen Zweck verfolgt, dem lieben Nächsten das letzte Zipfelchen seiner Ehre vollends abzuzwicken. Geben Sie das zu?«
»Ich kann es wenigstens nicht bestreiten, da ich noch niemals das Vergnügen gehabt habe, in einem Damencoupée zu reisen.«
»Ach so! Ich vergaß. Das ist Ihnen doch verboten, da Sie ein Herr sind. Ich fahre in Folge dessen viel lieber mit Herren. Man unterhält sich da viel besser. Es ist da Alles solider und kräftiger. Es geht ein feiner Cigarettenduft durch das Coupée, und wenn dann gar einer der Herren einen leichten Pferdegeruch an sich hat, so ist das der sicherste Beweis, daß er ein Kavalier ist. Diese Herren sind in Allem bewandert und erfahren, in jeder Kunst und Wissenschaft au fait, und darum fühlt man sich bei ihnen tausendmal wohler als im Damencoupée. Leider ging ich heut einmal von meiner Gewohnheit ab, was ich aber sofort zu bereuen hatte.«
»Sie fuhren also nicht angenehm?«
»Ganz und gar nicht. In der einen. Ecke saß eine dicke Dame mit einem Mopse, welcher fast noch dicker war als sie. Sie hatte das liebe Vieh mit Eau de Cologne eingeschmiert, und zwar in einer Weise, daß das Fell naß glänzte und das ganze Coupée darnach stank. Ich kann nämlich diese Parfüms nicht leiden. Nur wer einen schlecht riechenden Schweiß hat, hat Veranlassung sich zu parfümiren. Treffe ich also eine Dame, welche sich irgendeines Wohlgeruches bedient, so bin ich stets gleich überzeugt, daß sie eigentlich eine übelduftende Persönlichkeit ist. Meinen Sie nicht auch?«
»Ich gestehe aufrichtig, daß ich es leider bisher unterlassen habe, eine Dame genau anzuriechen.«
»Das müssen Sie in Zukunft immer thun. Sie werden dann einsehen, daß ich Recht habe. Also weiter! In der andern Ecke saß eine lange, hagere Vogelscheuche. Sie hatte eine so lange Nase, daß man an der Spitze derselben leicht eine electrische Beleuchtung hätte anbringen können. Sie schlief und schnarchte laut dazu.«
»O weh!«
»Ah, Sie können das Schnarchen auch nicht leiden?«
»Nein.«
»Ganz mein Fall. Ich erkenne überhaupt, daß wir im höchsten Grade mit einander harmoniren. Doch wissen Sie, ein richtiges Schnarchen, welches ungefähr so klingt wie ein Strumpfwirkerstuhl, das ist noch zu ertragen, denn da liegt Kraft und Energie darin, also etwas sehr lobenswerthes. Diese Dame aber schnarchte ganz anders. Sie öffnete den Mund so weit, daß ihr das falsche Gebiß herausfallen wollte, zog die Luft mit einem entsetzlichen ›Chchchchchchchchchch‹ ein, blieb dann plötzlich stecken, schnappte nach Athem, klappte den Mund erschrocken zu und stieß die Luft mit einem brausenden ›Pwww‹ wieder von sich. Das machte mich ungeheuer nervös. Erst dachte man, sie werde ersticken, und dann glaubte man, sie müsse zerplatzen, und das wiederholte sich mit jedem Athemzuge.«
»Sehr fatal!«
»Nicht wahr? Ja, Sie und ich, wir Beide sind einander höchst sympathisch.«
»Wenigstens schnarche ich nicht.«
»Und ich dufte nicht.«
»Gab es nicht noch eine dritte interessante Ecke in diesem unglückseligen Coupée?«
»Leider ja. Darin saß ein Backfischchen. Das liebe Seelchen mochte in ihrem Leben die Mama zum ersten Male verlassen haben. Sie weinte ohne Unterlaß. Ihre Ecke schien der Entspringungsort des Rheines oder der Donau zu sein. Und das Weinen kann ich nicht vertragen. Es wird mir da so weich im Magen, als ob ich an seiner Stelle zehn Tafeln Watte im Leibe hätte. Und Sie geben wohl zu, daß dies kein sehr angenehmes Gefühl sein kann?«
»Ganz gern. Und in der vierten Ecke saßen wohl Sie selbst?«
»Ja. Weitere Passagiere gab es nicht.«
»Ich bedaure Sie!«
»Ja, Sie besitzen ein ausgezeichnet gutes Herz. Das sieht man Ihnen sofort an. Ich fühlte mich in dieser Gesellschaft ganz unheimlich und sann natürlich auf Abhilfe. Ich wendete mich zunächst an den Backfisch, indem ich eine theilnehmende Frage aussprach. Aber meiner Absicht grad entgegengesetzt, heulte die Kleine nun noch mehr. Erst waren die Thränen erbsengroß gewesen, jetzt nahmen sie sofort die Größe einer Haselnuß an. Ich bat sie nun, sich zu beruhigen und ja nicht so fortzuweinen; da wurden die Tropfen wallnußdick. Hätte ich noch ein einziges Wörtchen gesagt, so hätte sie Kegelkugeln geweint und wäre in zwei Minuten ganz in Wasser zerflossen gewesen. Ich wendete mich also von ihr ab und an die Dame mit dem Mopse. Kaum aber hatte ich den Mund geöffnet, so bellte mich das Vieh wüthend an und zeterte in allen möglichen Sprachen und Mundarten des Thierreiches.«
»O weh!«
»Und wissen Sie, wie die Dicke ihren Mops vertheidigte oder vielmehr entschuldigte?«
»Nun?«
»Sie sagte zu mir: Lassen Sie ihn! Er thut Ihnen nichts. Er kennt Sie nicht, denn Sie sind ihm noch nicht vorgestellt worden. Ist das nicht impertinent?«
»Mehr als das!« lachte der Fex.
»Nach diesem Mißerfolge wendete ich mich an die Schnarcherin. Ich richtete eine höfliche Frage an sie. Sie starrte mich erstaunt an und sagte mir frank und frei in das Gesicht, daß ich sie in Ruhe lassen solle.«
»Das war ja gradezu grob!«
»Natürlich! Aber es gab mir die Veranlassung, meinerseits auch grob mit ihr zu sein. Ich sagte ihr also, daß sie nicht so gewaltig schnarchen solle. Da wurde sie freilich gesprächig, und wie! Sie behauptete, ich hätte das Rollen des Zuges, das Pfeifen und Stöhnen der Maschine mit ihren leisen Athemzügen verwechselt, und gab mir den guten Rath, meine Ohren besser in Ordnung zu halten. Im nächsten Augenblicke schnarchte sie weiter, entsetzlicher noch als vorher. So hatte ich vor mir ein duftendes, ein schnarchendes und ein in Schmerzen zerfließendes Wesen. Das war nicht auszuhalten, und ich bat den Schaffner um ein anderes Coupée. Ich bin herzlich froh, daß er mich zu Ihnen plazirt hat, und hoffe, daß wir uns vertragen werden.«
»Ich werde mich bemühen, artig zu sein, mein Fräulein.«
»Ah, Sie wissen, daß ich unverheirathet bin?«
»Man sieht es Ihnen an. Sie haben das Duftige einer Blüthe, die noch nie berührt wurde.«
Sie merkte nicht die kleine Ironie, welche er um seine Lippen spielen ließ.
»Ah! Sie sind poetisch? Eine Blüthe, welche noch nie berührt, noch von keinem Wurm verzehrt wurde! Bitte, beschäftigen Sie sich mit Literatur, mein Herr?«
»Sehr gern.«
»Ich ebenso. Ja, ich kann sogar sagen, daß die Literatur eigentlich mein Fach ist. Ich bin nämlich Dichterin.«
Sie verbeugte sich gegen ihn, und darum antwortete er unter einer eben solchen Verbeugung:
»Und ich Musiker.«
»Ah! Also Künstler! Das ist ja recht schön! Nun interessire ich mich noch einmal so stark für Sie, denn ich finde in Ihnen vielleicht ein Wesen, welches ich seit einiger Zeit vergeblich gesucht habe.«
»Darf ich fragen, welch ein Wesen Sie meinen?«
»Ja, ein Modell.«
»Ah, ein Modell! Höchst interessant!«
Er sagte das sehr ernsthaft, mußte sich aber alle Mühe geben, das Lachen zu verbeißen.
»Ja, und ich muß Ihnen die Sache erklären. Ich will nämlich eine Künstlernovelle schreiben.«
»Das ist reizend. Hoffentlich wird man sie recht bald lesen können?«
»Wenn ich erst meine Modells beisammen habe, werde ich das Manuskript beginnen. Ich brauche dazu natürlich alle Arten von Künstler, Dichter, Musici, Bildhauer, Sänger, Schauspieler, Kunstreiter, Seiltänzer, Akrobaten und Andere. Sie sind das gradezu wunderbare Modell eines Musikkünstlers. Erlauben Sie mir, Ihre Gestalt mit in meine Novelle zu verflechten?«
»Ja.«
»Wie liebenswürdig! Zum Küssen!«
»Natürlich mache ich die Bedingung, daß meine Gestalt dabei keinen Schaden erleidet.«
»O nein. Ich meine natürlich nur eine ideelle Gestalt.«
»Gewiß, denn diejenige, in welcher Sie mich hier sehen, würde sich zum, ›Verflechten‹ nicht gut eignen.«
»Bitte, welches ist Ihr Instrument?«
»Die Violine.«
»Ah, grad wie beim Fex!«
»Fex? Wer ist das«
»Das wissen Sie nicht? Es ist doch in allen Musik- und Kunstzeitungen, von ihm geschrieben worden.«
Und nun begann sie, von jenem Concerte zu sprechen, in welchem der Fex vor dem König aufgetreten war.
»Haben Sie ihn auch gehört?« fragte er.
»Leider nein. Ich wollte das Concert besuchen, wurde aber daran verhindert. Gesehen aber habe ich ihn einige Male. Er hat mich übergefahren, und ich hatte auch Gelegenheit, ihn als Held Campeador zu bewundern.«
Sie erzählte, daß sie ihn damals belauscht habe, als er wegen der Paula mit dem Fingerlfranz gekämpft hatte.
»So werde ich mir ihn ansehen.«
»Wann, mein Herr?«
»Jetzt, wenn ich nach Scheibenbad komme.«
»Das ist unmöglich. Sie finden ihn nicht mehr dort. Er ist da, von woher Sie kommen, nämlich in München.«
»So müßte man ihn doch kennen!«
»Er scheint sehr verborgen zu leben. Es hat mir Niemand seine Adresse sagen können, obgleich ich mich bei Vielen erkundigte.«
»Hatten Sie eine bestimmte Veranlassung zu dieser Erkundigung?«
»Ja. Ich wollte ihn besuchen.«
»Ah, wirklich! Auf welche Veranlassung hin?«
»Wegen meiner Künstlernovelle. Grad ihn wollte ich zum Modell haben. Grad ihn wollte ich als Typus eines jungen Violinvirtuosen schildern. Leider aber habe ich ihn nicht finden können.«
»Die Polizei muß seine Adresse doch kennen?«
»Nein, auch nicht. Ich war dort.«
»Hm! Welchen Namen haben Sie denn genannt?
»Natürlich den Namen Fex.«
»Heißt der junge Mann wirklich so?«
»Ja, das weiß ich auch nicht. Er wurde allgemein nur so genannt.«
»Aber das Wort Fex scheint mir doch wohl eine Art Beiname zu sein.«
»Das wäre freilich möglich. Und in diesem Falle ist es gar nicht zu verwundern, daß ich ihn nicht gefunden habe.«
»Da ich in München wohne, würde es mir vielleicht leichter als Ihnen werden, seine Wohnung zu erfragen. Ich bin dann gern bereit, Sie von derselben zu benachrichtigen.«
»Sehr verbunden, mein Herr! Aber ich weiß wirklich nicht, ob dies nun noch nöthig sein wird. Ich habe ja jetzt ein anderes Modell.«
»Mich!« lächelte er.
»Ja.«
»Nun, vielleicht wäre die künstlerische Gestalt dieses Fex viel geeigneter für Ihre schönen Zwecke als die meinige. Und Schaden kann es ja keineswegs bringen, wenn Sie seine Adresse erfahren.«
»Gewiß nicht. Sie wollen also wirklich die Güte haben, mich zu benachrichtigen?«
Da hielt der Zug. ›Station Scheibenbad!‹ meldeten die Schaffner.
»Sehr gern, wie ich Ihnen bereits versicherte, antwortete er ihr. »Bitte, darf ich Ihnen Ihren Koffer hinausreichen?«
Die Thür des Coupées wurde geöffnet. Die Dichterin stieg aus. Er reichte ihr den Koffer nach und folgte dann selbst.
»Wenn Sie mir schreiben wollen, muß ich Sie doch nothwendiger Weise in den Besitz meiner Karte setzen,« sagte sie. »Bitte, hier!«
Sie zog ein feines Visitenkartentäschchen und gab ihm ein Kärtchen, worauf der Name ›Franza von Stauffen, epische Dichterin‹ zu lesen war. Er zog auch seine Tasche und reichte ihr seine Karte dar.
»Bitte, hier die meinige, gnädiges Fräulein. Ergebensten Dank für die hochinteressante Unterhaltung!«
Er zog den Hut, grüßte ehrerbietigst und entfernte sich schnell. Sie warf natürlich einen Blick auf seine Karte.
»Der Fex« stand hier in seiner, lateinischer Schrift. Weiter nichts.
»Der Fex!« rief sie aus. »Er war es selbst! Welch ein Abenteuer! Ganz wie gemacht für meine Novelle! Ich muß ihm nach!«
Sie eilte, so schnell es ihre dicke Leibesbeschaffenheit gestattete, über den Perron dahin, nach der Ecke des Stationsgebäudes. Da sah sie ihn noch gehen, dem Städtchen entgegen. Sie war vom Laufen ganz athemlos.
»Fex, Fex!« rief sie.
Er that, als ob er es nicht höre.
»Fex! Herr Fex!« schrie sie nun so laut wie möglich.
Jetzt drehte er sich um.
»Halt! Warten Sie, warten Sie!«
Sie wollte weiter, wurde aber am Arme ergriffen. Ein Bahnbeamter war ihr nachgeeilt.
»Haben Sie einen Koffer stehen lassen, gnädiges Fräulein?« fragte er.
»Ja, er mag stehen bleiben!« antwortete sie, indem sie forteilen wollte.
»Das geht nicht. Wenn Sie ihn nicht mitnehmen wollen, müssen Sie ihn in Verwahrung geben.«
»Ich habe keine Zeit! Sehen Sie denn nicht, daß er nicht warten kann, daß er die Geduld verliert. Wahrhaftig! Da geht er!«
Der Fex zog den Hut, verbeugte sich von Weitem auf das Höflichste gegen sie und setzte dann seinen Weg fort.
»Da haben Sie es!« rief sie zornig. »Nun ist er fort, dahin, dahin, und wer weiß, wann ich ihn wieder treffe!«
»Das thut mir leid, meine Gnädige! Aber es ist nicht erlaubt, Effecten unbeaufsichtigt auf dem Perron stehen zu lassen. Einerseits stehen sie uns da im Wege, und andererseits können sie sehr leicht gestohlen werden.«
»Was ists da weiter! Sie können mir auch gestohlen werden, Sie selbst mit allen Effecten mitsammt dem ganzen Perron und dem Bahnhofe dazu!«
»Bitte, Fräulein! Ich thue meine Pflicht, und da haben Sie kein Recht zu Unhöflichkeiten!«
»Aber mein Modell läuft davon! Das muß ich mir gefallen lassen! Nicht?«
»Ihr Modell? Sind Sie Schneiderin?«
Sie blickte ihn vor Zorn starr an und rief dann:
»Was sagen Sie? Mein Modell! Ob ich eine Schneiderin sei?«
»Nun ja. Nur als Schneiderin oder Putzmacherin können Sie ein Modell haben.«
»Etwa als Künstlerin nicht?«
Jetzt war er es, der sie erstaunt forschend anblickte.
»Ah!« sagte er. »Sie sind eine Künstlerin?«
»Sehen Sie mir das nicht an?«
»Hm! Ich gestehe in aller Aufrichtigkeit, daß ich mir eine Künstlerin ganz anders vorgestellt habe.«
»Wissen Sie, daß diese Aufrichtigkeit eine Beleidigung für mich ist?«
»Dann bitte ich um Entschuldigung!«
»Und wie haben Sie sich denn eigentlich eine Künstlerin vorgestellt, wenn ich fragen darf?«
»Nicht – – – gar so dick,« entfuhr es ihm.
»Welch eine Malitiösität! Sie sind ein Ungeheuer! Wissen Sie das!«
»Bis jetzt habe ich das freilich noch nicht gewußt. Aber mag es sein, wie es will. Mögen Sie eine Künstlerin, und mag ich wirklich so ein Ungeheuer sein, Effecten dürfen in keinem Falle hier auf dem Perron stehen bleiben, und ich ersuche Sie allen Ernstes, über Ihren Koffer zu verfügen!«
»Und wenn ich es nun grad nicht thue?«
»So wird er confiscirt, und Sie haben außer dem Aufbewahrungsgelde auch noch Strafe zu bezahlen.«
»Strafe? Das fällt mir nicht ein: Da nehme ich ihn doch lieber weg. Mein Modell ist nun einmal fort, und es ist mir unmöglich, dem Herrn nachzulaufen, um ihn noch einzuholen.«
Sie kehrte zornig zu ihrem Gepäckstücke zurück, um dasselbe einem Kofferträger zu übergeben, der es ihr nach ihrer Wohnung schaffen sollte.
Dem Fex war dieses kleine, possierliche Intermezzo sehr willkommen gewesen; denn ohne dasselbe wäre ihm die Dicke wirklich nachgelaufen und hätte ihn nicht sogleich aus dem Garne gelassen. Nachdem er ihr nochmals von Weitem sein Abschiedscompliment gemacht hatte, war er fortgegangen, nicht durch die Stadt, sondern hinter derselben weg, ganz denselben Weg, auf welchem damals die Leni mit dem Wurzelsepp zusammengetroffen war und dann die bekannte Scene mit dem Fingerlfranz gehabt hatte. Dieser Weg bog dann am Ende der Stadt in den Fahrweg ein, welcher zur Mühle führte.
Aber mich diesen Letzteren vermied der Fex. Er ging vielmehr quer über die Wiesen nach dem Flusse hinüber und verfolgte das Ufer desselben abwärts, um nach der Fähre zu gelangen. Er that das. um von der Mühle aus ja nicht bemerkt zu werden.
Nach einiger Zeit erreichte er den Ort, an welchem er den bedeutendsten Theil seiner Sclavenzeit verlebt hatte. Links vor ihm lag die Höhe mit dem Zigeunergrab, von welchem wohl auch jetzt noch kein Mensch ahnte, daß es leer sei, und rechts war die Fähre an das Ufer gekettet. Kein Mensch befand sich bei derselben.
Beim Anblicke dieser Gegend und der alten Fähre trat die Vergangenheit vor sein geistiges Auge. Er gedachte der leidensvollen Jahre, welche nun glücklicher Weise verschwunden waren, und des lieben, schönen Wesens, durch dessen Theilnahme ihm die vergangene Nacht wie durch einen mild strahlenden Stern erleuchtet worden war – an Paula.
Er lehnte sich an einen Baum. Es war derselbe, an welchem damals die Leni lehnte, als er ihr sein Gedicht vorgelesen hatte:
»Als Alle mich vergessen hatten
In meines Unglücks dunkler Nacht,
Stand ich in meines Königs Schatten,
Mein König hat an mich gedacht!
Unwillkürlich griff er in die Tasche, zog sein Portefeuille hervor und nahm einen Brief heraus, der letzte, welchen er erst jüngst von Paula erhalten hatte. Sie war ihrem Versprechen nachgekommen: Sie hatte ihm geantwortet, so oft er einige Zeilen an sie gerichtet hatte.
Er faltete das Blatt auseinander und las die letzten Sätze des Briefes: »Besser ist es nicht geworden, seit Du fort bist. Der Vater hat zwar durch den neuen Badearzt Hoffnung erhalten, von seiner Lähmung geheilt zu werden, aber das hat in seinem Charakter keine Aenderung hervorgebracht. Er ist zornig auf Dich und mich. Er meint noch immer, daß ich die Frau des Fingerlfranz werden müsse, und läßt mir keine Ruh. Da habe ich in meiner Bedrängniß keinen Menschen, der mir Trost und Muth zuspricht. Du fehlst mir gar sehr, mein lieber Fex. Dennoch bleibe ich stark und widerstehe Allem, obgleich der Franz mich auf Schritt und Tritt verfolgt. Wenn das nicht anders wird, so verlasse ich die Mühle und gehe in die weite Welt. Einen Dienst werde ich wohl finden, und wenn ich da meine Pflichten brav erfülle, so habe ich wenigstens vor Denen Ruhe, gegen die ich mich jetzt nur so schwer vertheidigen kann.«
Er faltete den Brief zusammen und steckte ihn wieder ein.
»Armes Kind!« sagte er. »Das muß freilich anders werden. Vielleicht kennt der Sepp Deine Lage und weiß, wie da zu helfen ist. Vielleicht hat er mir grad deshalb telegraphirt. Wer weiß, was er für Absichten hat. Es ist möglich, daß die Hilfe viel näher ist, als wir denken.
Er wurde durch nahende Schritte in seinen Gedanken gestört. Er trat hinter dieselben Sträucher, hinter denen er damals mit dem Wurzelsepp gesteckt hatte, um den Fingerlfranz im Fuchseisen zu fangen.
»Wenn man den Teufel an die Wand malt, so kommt er,« sagt ein altes Sprüchwort. Der Nahende war kein Anderer als der soeben Erwähnte, der Fingerlfranz. Er trat, ohne den Fex zu bemerken, an die Fähre, blickte sich um und stieß, als er keinen Fährmann bemerkte, einen scharfen Pfiff aus. Dieser wurde aus einiger Entfernung beantwortet, und bald kam ein zerlumpter Kerl dahergeschlendert, welchen der Fex nicht kannte. Er hatte ihn noch niemals gesehen.
»Wo steckst denn eigentlich!« zürnte Franz. »Wann man Dich braucht, so bist nicht da.«
»Nun, ich bin doch hier!« antwortete der Mann in mürrischer Weise.
»Nachdem ich Dich erst rufen mußt. Wannst so fortmachst, wirst nimmer lang mehr Fährmann sein!«
»Das ist auch kein Unglück. Was hab ich für ein Geldl für die Ueberfahrt? Zwei Pfennigen zahlt die Personen. Wann es Abend ist, so hab ich zwanzig oder dreißig, wann es hoch kommt, und davon soll ich leben!«
»Ja. bessern ists, Du gehst wiederum betteln durch das Land! Da war dera Fex schon ein anderer Kerlen. Der stand stets auf seinem Posten.«
Der Fährmann, welchen der Müller, wie es leicht zu erkennen war, unter den Bettlern ausgesucht hatte, warf einen höhnischen Blick auf den Franz und antwortete:
»So willst mir wohl ihn als Muster hinstellen?«
»Ja. Kannst Dich nach ihm richten.«
»So warst wohl gar sein guter Freund?«
»Er ist mir stets gehorsam gewest, und wannst so bist wie er, werd ich mit Dir ebenso zufrieden sein, wie ichs mit ihm gewest bin.«
»Schön! So werd ich mich nach ihm richten!«
»Das wird zu Deinem Vortheile sein.«
»Aberst nicht zu dem Deinigen!«
»Warum nicht? Was schaust mich so von dera Seiten an?«
»Wann ich so gegen Dich sein soll wie dera Fexen, so kannst gar viele Prügeln bekommen.«
»Prügeln? Ich?« fragte der Franz, indem er sich höchst erstaunt stellte. »Meinst, daß ich mich von Dir prügeln lasse?«
»Ja, wannst gegen mich so bist wie gegen dem Fex. Der hat doch gar wacker mit Dir rauft.«
»Wer sagt das!«
»Alle Leutln wissen es.«
»Nun ja, ich bin mal mit ihm zusammen gerathen, da im Wald, aberst da hat er seine Schläg so wacker erhalten, daß er gleich davon laufen ist.«
»Oder bist Du das nicht gewest, der davon laufen that?«
»Ich? Da kennst mich schlecht! Schau mich doch mal an! Seh ich etwan aus wie Einer, der vor dem Fexen ausreißen thut?«
»Ja, groß und stark schaust aus; das ist schon sehr wahr; aberst mancher Goliathen ist von einem kleinen Daviden besiegt worden. Warum hast denn eigentlich nach mir pfiffen?«
»Weil ich hinüber will.«
»Ach so! Warum?«
Er sprach diese Frage aus, indem er ein sehr pfiffiges Gesicht dazu machte. Der Fingerlfranz schien das übel zu deuten, denn er antwortete:
»Was hast Dich darnach zu erkundigen? Dich gehts doch nichts an, warum ich hinüber will!«
»Meinst? Vielleicht doch!«
»Wieso?«
»Weil es Leuteln giebt, denen es gar nicht lieb ist, wannst hinüber kommst.«
»Und wer sind Diejenigen?«
»Wohl die, welche Du suchst.«
»Himmelsakra! Sollst mich wohl gar nicht hinüber lassen?«
»O, das hat man mir zwar nicht verboten, aberst ich soll Dir einen Weg zeigen, auf dem Du nicht dahin kommst, wo sich diejenigen Personen befinden.«
»Das hab ich mir doch gleich denkt. Ich weiß auch schon bereits, went meinst.«
»Das wirst wohl nicht wissen.«
»Ganz gut weiß ich es. Es ist die Paula.«
»Die Paula?« fragte der Fährmann mit gut gespieltem Erstaunen. »Wie kommst grad auf diese zu sprechen?«
»Weil sie es ist, die ich such.«
»Ach so! Aberst ich hab sie nicht meint.«
»Mach keine Lüg, Kerl! Hast sie etwan heut noch gar nicht sehen?«
»Nein.«
»Das ist nicht wahr. Sie ist über das Wassern und da in den Wald hinein.«
»Wer Dir das sagt hat, der hat Dich auch sehr falsch berichtet.«
»Dera Müllern selbst hats mir sagt, und der Knecht hat dabei standen, alst sie hinüberbracht hast. Willsts nun noch leugnen.«
»Nun, wannsts so genau weißt, so will ich es gestehen. Und wannst nicht geizig bist, kannst auch noch was Anderes derfahren.«
»Was?«
»Wo sie ist.«
»Weißt Du das auch?«
»Ja.«
»Nun, was Du weißt, das weiß ich schon auch. Da brauch ich nicht erst in die Taschen zu greifen, um Dir ein Geldl zu zahlen.«
»Da wirst Dich wohl sehr irren. Die Paula hats wußt, daßt nach dera Mühlen kommst, heut grad so wie alle Tagen grad um diese Zeit. Da ist sie fortgangen, wie sie stets fortgeht, wann Du kommst. Nun hat sie sich denkt, daßt ihr nachlaufen wirst. Darum hat sie mir sagt, wohin sie geht, und ich soll Dir, wannst etwan auch fragen thätst, eine ganz andera Richtungen angeben.«
»Himmelsakra! Wirst das thun?«
»Ja freilich!«
»Das will ich mir verbitten!«
»Du kannst Dir gar nix verbitten. Die Paula ist die junge Herrin, der ich zu gehorchen hab.«
»Und ich werd ihr Mann; folglich hast mir noch mehr zu gehorchen.«
»Der bist noch gar nicht, und bevor Du er sein wirst, bin ich längst nicht mehr hier. Warum bist so geizig. Wer einen Gefallen erwiesen haben will, der muß den Beutel in dera Hand haben.«
»Du bist ein Lump. Verstehst mich!«
»Es giebt manchen Lump, der kein armer Fährmann ist, sondern ein reicher Kerlen. Also steig ein! Ich werd Dich für die drei Pfennigen hinüberfahren. Dann wirst ja schauen, obst die Paula findest.«
Er schritt näher zum Ufer hin.
»Halt!« sagte der Fingerlfranz. »Wieviel willst haben, wannsts mir sagst?«
»Giebst eine Mark?«
»Nein. Für eine Mark ists mir zu theuer. Ich geb Dir eine halbe.«
»Das ist mir zu billig. Für eine halbe Mark verrath ich meine Herrin nicht.«
»So hast die ganze. Hier! Aberst Du mußts auch genau wissen. Wann ich die Paula nicht find, so schlag ich Dir die Mark vom Fell herunter.«
Der Fährmann steckte das Geld lachend ein und sagte:
»Vielleichten ist mein ganzes Fell nicht eine Mark mehr werth. Weißt, die Paula sagte mir, daß sie nach der Quell gehen will; Dir aberst soll ich sagen, daß sie bei denen Eichkatzerln sei.«
»Gut! So werd ich sie finden. Heut soll sie mit mir Verlobung halten. Fahr mich über!«
Die Beiden stiegen ein und stießen vom Ufer ab. Die Stelle, an welcher Paula bei den Eichhörnchen zu sitzen pflegte, lag oberhalb des Fahrplatzes, während der von dem Fährmanne angegebene Ort unterhalb desselben lag.
Dort gab es ein junges Tannendickicht, unter dessen eng verschlungenen Zweigen ein Wässerchen aus dem Boden drang, um nach kurzem Laufe sich in den Fluß zu ergießen.
Der Fex kannte diese Stelle sehr genau. Er hatte den Quell in Steine gefaßt und daneben eine Rasenbank errichtet. Wie oft hatte er mit der schönen Müllerstochter dort gesessen, um mit ihr von tausend Dingen zu reden, Dingen, welche an und für sich außerordentlich gleichgiltig waren, durch ihren Mund aber und durch den Klang ihrer Stimme für ihn eine außerordentliche Wichtigkeit erhielten.
Dort also befand sich Paula jetzt. Vielleicht hatte sie den einsamen, trauten Ort nur aufgesucht, um an den Jugendgespielen zu denken, welchen sie so fern von sich wähnte. Und nun sollte diese Einsamkeit durch denjenigen Menschen, welcher ihr der allerverhaßtetste war, gestört werden!
»Wart, Franz, ich mache Dir einen Strich durch die Rechnung!« lächelte der Fex vor sich hin. »Die Verlobung, welche Du feiern willst, soll nicht zu Stande kommen, ohne daß ich mich dabei als Zeuge einfinde.«
Er konnte von seinem Standorte deutlich bemerken, daß der Franz aus der Fähre sprang und sich dann langsam entfernte. Der Fährmann aber kehrte nach dem diesseitigen Ufer zurück.
Der Fex verließ sein Versteck, ging eine kurze Strecke zurück und that, als ob er erst jetzt hier ankomme. Der Fährmann sah ihn langsam herbeischlendern, zog seinen alten Hut, grüßte höflich und fragte:
»Wohin will dera Herr gehen? Vielleicht nach dera Mühlen? Die liegt da drüben.«
Er zeigte mit der Hand nach der Mühle.
»Ueberfahren will ich,« antwortete der Fex.
»Wohin wollens dann? Sie sind doch wohl ein Spaziergängern aus dera Stadt. Ueber dem Wassern drüben aberst habens gar lang zu laufen, bevor Sie an einen Ort kommen.«
»Ich will nur da im Walde spazieren und komme bald zurück. Da fahr ich wieder herüber.«
Er sprang in den Fahrkahn und hielt dem Kerl einen Fünfzigpfenniger hin, bei dessen Anblick der Fährmann ihm schnell nachsprang um zu den Rudern zu greifen.
Drüben angekommen, ging der Fex erst eine kurze Strecke gradaus, um dem Fährmann nicht wissen zu lassen, daß er dem Fingerlfranz folge; dann aber, als er nicht mehr gesehen wurde, lenkte er nach links ein.
Der Boden war sehr moosig und weich, so daß die Schritte keinen Schall verursachten. Dabei spähte der Fex vorsichtig grad aus und nach den beiden Seiten hin, um von dem Franz ja nicht etwa bemerkt zu werden.
Er befand sich jetzt bereits in der Nähe der Quelle. Es waren keine sprechenden Stimmen zu vernehmen. Entweder hatte der Franz die Müllerstochter gar nicht dort gefunden, oder er stand noch versteckt vor ihr, um sie zu beobachten. Das war für den Fex Veranlassung, seine Vorsicht zu verdoppeln. Er ging also ganz leise und nur langsam weiter, und richtig – da lag der Franz hinter einem dichten Strauche am Boden und blickte zwischen den Zweigen desselben hindurch.
Der Strauch stand zwischen jungen Tannen ganz nahe an der Quelle. Befand sich Paula dort, so konnte der Fingerlfranz sie ganz deutlich sehen, denn die Entfernung zwischen ihm und ihr betrug nicht zehn Schritte.
Dem Fex fiel es gar nicht ein, sich ihm noch weiter zu nähern. Er schlug vielmehr einen kurzen Bogen und versteckte sich so zwischen den Bäumen, daß er ihn und auch die Quelle im Auge hatte.
Ja, dort auf der Bank saß Paula. Sie hatte ein beschriebenes Papier in der Hand und las. Neben ihr auf der Bank lagen noch mehrere solche Papiere und auch die zu denselben gehörigen Couverte.
»Meine Briefe!« flüsterte der Fex. »Sie liest meine Briefe! Die Gute! Also sie denkt an mich. Wie freut und wie beglückt mich das!«
Da sah er, daß der Franz leise, leise den Busch verließ. Er kroch um denselben herum. Es war ganz klar, was er beabsichtigte: Er wollte sich zu Paula schleichen, um zu sehen, was für Briefe sie so heimlich lese.
»Soll ich das dulden?« fragte sich der Fex.
Eigentlich hätte er es wohl verhüten sollen. Aber er kannte Paula und wußte, daß sie starke Nerven besitze, daß sie vor dem plötzlichen Erscheinen des Franz nicht erschrecken werde.
»Und,« sagte sich der Fex, »wenn er erfährt, daß diese Briefe von mir sind, so wird er sich schauderhaft ärgern. Das ist eine größere Strafe für ihn als alles Andere. Ich will ihm also nicht hinderlich sein.«
Er blieb also ruhig an seinem Orte und sah, daß der Franz, als er hinter dem Busche hervor gekrochen war, sich in aufrechte Stellung emporrichtete und leise, leise und sehr langsam sich der Bank von hinten näherte.
Paula war so in ihre Lectüre vertieft, daß ihr das fast unhörbare Geräusch entging, welches die Füße des Schleichers hinter ihr hervorbringen mußten. Jetzt hatte er die Bank erreicht. Er erhob den Arm, ergriff erst den einen und dann auch den andern der neben ihr liegenden Briefe und nahm dieselben an sich. Sodann kehrte er ebenso leise zurück, wie er sich herangeschlichen hatte. Er kauerte sich wieder hinter dem Strauche nieder und begann, die Briefe zu lesen.
Der Fex konnte das Gesicht des Lesenden ganz deutlich sehen. Er bemerkte, wie grimmig sich dasselbe verzog, als die Augen auf die Unterschrift fielen. Es war wirklich eine Qual, die der Franz durchkostete, indem er den warm geschriebenen Zeilen folgte. Aus jedem Worte war ja eine innige Liebe, zu erkennen, welche ebenso innige Erhörung gefunden hatte.
Jetzt war er fertig. Er wollte die Briefe zusammenballen, that dies aber nicht, um das dadurch nothwendiger Weise hervorgebrachte Geräusch zu vermeiden, sondern legte sie neben sich hin. Aber er erhob den Arm, ballte die Faust und drohte mit derselben nach Paula hin.
Diese hatte ihren Brief längst zu Ende gelesen. Sie ließ die Hand, in welcher sie denselben hielt, sinken und blickte mit glücklichem Lächeln vor sich hin. Dann wollte sie den Brief neben sich legen, um einen andern zu nehmen. Jetzt bemerkte sie, daß die zwei verschwunden seien.
Sie fuhr von der Bank auf und blickte sich besorgt um. Nur die Couverte waren noch da, die Briefe aber verschwunden. Hatte ein Lufthauch sie von der Bank geweht? Wohl nicht. Hier im Waldesdickicht rührte sich kein Lüftchen, und die Briefe hätten gar nicht weit wegfliegen können. Oder waren sie herab in die Quelle geweht und von dem Wasser mit fortgenommen worden? Schwerlich! Das hätte sie ja sehen müssen, denn sie saß ja so, daß der Quell vor ihren Füßen vorüberfloß.
Dennoch schickte sie sich an, dem Wasser zu folgen, um nach den vermißten Briefen zu suchen. Da trat der Fingerlfranz hinter dem Versteck hervor. Er hatte jetzt die beiden Briefe in seine Tasche verborgen und that, als ob er eben erst herbeikomme. Er machte eine Bewegung des Erstaunens und sagte:
»Alle Teuxel! Wen derblick ich hier! Die Paula! Wer hätt das denken konnt!«
Sie hatte ihm den Rücken zugewendet und drehte sich schnell zu ihm um. Sie war keineswegs erschrocken. Nur die Zeichen eines außerordentlichen Mißmuthes ließen sich in ihrem schönen Angesicht erkennen.
Sie antwortete kein Wort. Sie wendete sich nach der Bank, nahm die Papiere, welche noch dort lagen, weg und ging, weiter, um ihre vorige Absicht, die verlorenen Briefe zu suchen, auszuführen.
»Wo willst hin?« fragte er.
Sie antwortete auch jetzt nicht. Da eilte er mit einigen raschen Schritten herbei und stellte sich vor sie hin, so daß sie nicht weiter konnte.
»Hast mich etwan gar nicht sehen und auch gar nicht hört?« fragte er.
Sie wich vor ihm zurück, verbarg die Papiere in ihre Tasche und antwortete:
»Ich hab Dich gar wohl sehen und auch hört. Weitern kanns nix geben. Geh mir aus dem Weg!«
»Wo willst denn hin?«
»Das brauchst nicht zu wissen!«
»Meinst? Führst ja eine gar sehr strenge Sprachen mit mir!«
»Lieber war es mir, wann ich gar nicht mehr mit Dir zu reden braucht!«
»Das sagst doch nur im Scherz! Wirst wohl noch recht lange mit mir sprechen!«
»Das glaub ich nicht!«
»O, ich denk, daßt mit mir reden wirst, so lange wir leben. Mann und Weib müssen doch mit nander sprechen. Oder nicht?«
»Laß diese dummen Reden sein! Meine Meinung kennst genau, und wannst mir dennoch nachlaufst, so hast eben gar keine Ehren im Leib und bist ein Lumpazi vom Kopf herab bis zu denen Füßen herunter.«
Er lachte laut und höhnisch auf.
»Das sagst nur so! Weißt, ein Dirndl muß sich erst ein Wengerl spreizen und dem Buben zuwider stellen. Das weiß man schon. Und je mehr sie zornig thut, desto liebern hat sie ihn. Weilst nun gegen mich so gar sehr feindselig thust, so ist das ein sicheres Zeichen, daßt mir gut bist. Wannst gescheidt sein willst, so giebst das zu und sagst mir endlich die Wahrheiten!«
Er trat einen Schritt auf sie zu. Sie wich abermals zurück, streckte die Arme abwehrend gegen ihn aus und rief:
»Bleib von mir! Die Wahrheit hab ich Dir schon oft sagt und will sie auch jetzund nochmals sagen! Du bist mir noch viel mehr zuwider als die Sünden. Ich kann Dich nicht leiden; ich kann Dich nicht ausstehn. Wann ich Dich seh, so kommst mir vor wie ein Gestank, der nicht zu ertragen ist! Also mach Dich nur fort von hier! Ich kann Dich nicht gebrauchen!«
»So! Also das soll die Wahrheiten sein? Wann ichs nun nicht glaub?«
»So ists mir auch egal. Die Leutle wissens doch, wie ich mit Dir steh!«
»Egal? O, so gleichgiltig kanns Dir doch nicht sein, denn wann ich es nicht glaub, daß ich Dir so zuwider bin, so muß ich doch denken, daßt mich lieb hast. Und wann ich das denk, so werd ich mich auch darnach verhalten.«
Er überflog ihre jugendlich volle Gestalt mit lüsternen Blicken. Sie bemerkte dies grauend und drohte:
»Wannst mir etwan zu nahe kommen willst, so kann leicht was geschehen, woran Du gar nimmer dacht hast.«
»So! Was könnt das denn sein?«
»Das wirst sehen! Ich hab Dir verboten, mir nachzulaufen.«
»Bin ich Dir etwan nachlaufen?«
»Ja!«
»Da denkst freilich falsch. Als ich nach dera Fähren kommen bin, hat der Fährmann mir sagt, daßt auch in den Wald gangen bist, zu denen Eichkatzerln, und weil ich Dich nicht stören wollt, so hab ich mich grad nach dera entgegengesetzten Richtung gewendet und bin hierher gangen. Kann ich dafür, daßt nun da bist und nicht dort?«
»Wann das wahr ist, wannst mich wirklich nicht stören willst, so beweis es auch und geh wieder fort!«
»Das werd ich freilich nicht thun. So dumm darfst mich nicht kaufen. Ich hab Dich funden, ganz gegen alles Erwarten. Das ist mir dera Beweis, daß ich Dich finden soll, daß wir zusammengehören.«
»Niemals!«
»Kannst Dich noch so sehr sträuben. Wanns das Schicksal will, so mußt gehorchen. Und wannst einen Andern hättest, es würde doch nix draus. Liegt Dir etwan dera Fex im Sinn?«
»Das geht Dich nix an!«
»Freilich gehts mich nix an! Das denkst halt Du. Ich aberst denk ganz anderst. Was treibst Dich da in dera Einsamkeiten herum und fangst Grillen? Was hast da für Papieren in dera Taschen einisteckt? Zeigs doch mal her!«
»Du bist der Allerletzte, dem ichs zeigen thät!«
»Laß Dich nicht auslachen! Wann ich will, mußts mir doch zeigen. Ich bin stärker als Du.«
»Ich werd mich wehren!«
»Denkst wohl, es geht allemalen so, wie es damals war, als dera Fex dazu kam? Der Kerl ist nicht mehr da! Wer soll Dir helfen?«
»Dera Fährmann. Ich ruf ihn um Hilf herbei.«
»Meinst, daß ers hört?«
»Ja. Er ist nicht weit von hier.«
»Schau, wie klug Du bist! Dera Fährmann wird nicht kommen. Er weiß, daß ich bei Dir bin.«
Sie erschrak und fragte in gedrücktem Tone:
»Er hat Dir doch sagt, daß ich wo anders sei!«
»Nein. Ich hab ihm eine Markl geben, und dafür hat er mir sagt, wot bist. Nun schau, wie Du Dich auf ihn verlassen kannst! Also willst mir die Zetterln zeigen, die sich da in Deiner Taschen befinden?«
»Nein,« antwortete sie in entschiedenem Tone, indem sie die Hand fest auf die Tasche preßte.
»Nun,« lachte er, »es ist auch gar nicht nöthig, daß ich Dich zwing. Ich weiß doch, daß es Liebesbriefen sind, die dera Fex schrieben hat.«
Sie erglühte am ganzen Gesicht.
»Willsts leugnen?« fragte er.
»Nein. Du bists nicht Werth, daß ich Deinetwegen eine Lügen sag. Dera Fex hat mir die Briefen schrieben; aberst lesen wirst sie nicht.«
»Ich werd sie lesen und Dein Vatern auch.«
»Keiner von Euch Beiden!«
»Oho! Ich zeig sie ihm!«
»Wie willst sie bekommen?«
»Ich hab sie ja schon!«
»Lügner!«
»Da! Hier sind sie!«
Er zog die beiden Briefe aus der Tasche und hob die Hand mit ihnen empor. Paula schrie erschrocken auf. Wie war er zu den Briefen gekommen? Sie konnte es nicht begreifen. Vielleicht waren sie es gar nicht. Vielleicht wollte er sie täuschen. Er hatte zufälliger Weise Papiere in der Tasche gehabt.
»Meinst, daß ich mich von Dir betrügen lasse?« sagte sie in kaltem Tone. »Wer weiß, was für Briefen Du da in dera Hand hältst.«
»Die vom Fexen.«
»Das ist nicht wahr.«
»Nicht? So laß mal sehen, was darübersteht!«
Er las die Ueber- und dann auch die Unterschriften der beiden Briefe, nachher sogar noch einige Zeilen des Inhaltes.
»Nun, glaubsts jetzunder endlich?« lachte er.
»Sie sinds; sie sinds! Wo hast sie her?«
»Das weißt nicht; das ist ein Geheimnissen. Aberst ich will es Dir derklären. Alst so still da auf dera Bank saßest und in den Brief schautest, bin ich herbeischlichen und hab diese beiden wegnommen.«
»Ach, so ists gewest! Gestohlen hast sie mir! Jetzt wirst sie mir wiedergeben!«
»Das fallt mir nicht ein! Deinem Vatern werd ich sie geben, aberst nicht Dir.«
»Sie gehören mir!«
»Nein. Der Vatern ist dera Vormunden. Der muß sie lesen!«
»Er soll sie doch nicht haben!«
Sie trat blitzschnell auf ihn zu und griff nach den Briefen; aber er war ebenso schnell wie sie. Er hob die Hand, in welcher er die Briefe hielt, noch höher empor und sagte:
»Nimm sie doch; nimm sie doch!«
»Her damit, Spitzbub!«
Sie hing sich mit ihrem ganzen Gewicht an seinen Arm, um denselben herabzuziehen; es gelang ihr nicht, denn der Fingerlfranz war stark genug, diese Last zu tragen.
»Machst Dir eine vergebliche Mühen,« sagte er. »Ich kann mirs denken, wie gern Du diese Briefen wiedern haben möchtest. So, auf diese Art und Weisen bekommst sie aberst nicht. Damit Du siehst, daß ich nicht Dein Feind bin, will ichs Dir sagen, daß ich bereit bin, sie Dir zurückzugeben – – –«
»So bitte, gieb sie her!« bat sie schnell.
»Nein, so nicht, so nicht!« lachte er. »Solche Sachen giebt man nicht umsonsten aus dera Hand. Güte gegen Güte und Liebe gegen Liebe. Wann ich freundlich bin und Dir die Briefen wieder zurückgeb, so kannst auch mir dafür eine Lieb derweisen.«
»Welche?«
»Du giebst mir für einen jeden der beiden Briefe zehn Busserln.«
»Nein, nie!« schrie sie auf, schnell wieder von ihm zurückweichend.
»Besinn Dich vorerst, ehe Du antwortest! Ich will diese zwanzig Busserln auch nicht sogleich haben, sondern hübsch fein einzeln, einen nach dem andern. Wir sitzen hier mit nander auf dera Banken und nehmen nander beim Kopf. Da giebst mir die Küssen, und damit Du siehst, daß ich ein guter Kerlen bin und nix behalten will, die Briefen nicht und auch sogar die Busserln nicht, so geb ich Dir alle zwanzig wiedern zuruck.«
»Machst mit?«
»Du bist ein Ungeheuer!«
»Oho! Wannst mir meine Gutheit so vergelten willst, so kann ichs auch anderst machen. Ich kann mir die Busserln nehmen, ohne daß ich Dir die Briefen wiedergeb. Also frag ich Dich jetzund zum letzten Male; Willst gutwillig?«
»Nein. Behalt die Briefen, und zeig sie auch dem Vatern; ich hab gar nix dagegen. Aber ehe ich mich von Dir anrühren lasse, so sterb ich lieber!«
»So wollen wir doch gleich mal sehen, obst wirklich sterben wirst.«
Er steckte die Briefe schnell in die Tasche und ergriff Paula, ehe sie es sich versah, bei beiden Armen.
»Laß mich!« schrie sie auf.
»Nein, ich laß Dich nicht! Du bist mein!«
»So spuck ich Dich an!«
»Immer thu es nur! Wirst schon aufhören!
»Ich beiß und kratz Dich!«
Während sie in ihrer Angst diese Drohungen aussprach, versuchte sie, sich ihm zu entwinden. Es war vergeblich. Er hielt sie fest und zog sie mit Gewalt an sich.
»Hilfe, Hilfe!« rief sie aus. »O Fex, wärst doch Du wieder da!«
»Der?« lachte der Franz. »Dem fallts nicht ein, jetzt herbei zu kommen. Jetzunder wirst meine Braut sein, und wannst ihm einen Brief schickst, so kannst ihm mit schreiben.«
»Das ist nicht nöthig,« erklang es da neben ihm. »Mit dem Briefe wäre es zu umständlich. Ich komme lieber gleich selber dann, wann ich gebraucht werde.«
Der Fex war herbeigesprungen. Der Fingerlfranz ließ vor Ueberraschung seine Hände von dem Mädchen und starrte den jungen Mann mit ungläubigen, Augen an.
»Dera Fex! Donnerwettern, wirklich ists dera Fex!« stieß er hervor.
»Fex, mein Fex, mein lieber, lieber Fex!« rief Paula jubelnd und warf sich an seine Brust.
»Ja, ich bin es, Paula,« antwortete er in beruhigendem Tone. »Wenn die Noth am größten, ist die Hilf am nächsten. Jetzt brauchst keine Angst mehr zu haben.«
Er drückte sie innig an sein Herz.
»Alle tausend Teufeln!« fluchte der Franz. »Wie kommst daher, verdammter Kerl!«
Da schob der Fex das Mädchen lind von sich ab und wendete sich an den Burschen:
»Bitte, bedienen Sie sich anderer Ausdrücke, sonst nehme ich Sie in einen Sprachunterricht, welcher sehr guten Erfolg haben soll, obgleich er außerordentlich kurz sein wird! Ich bin keineswegs gewöhnt, in solchen Worten mit mir sprechen zu lassen.«
Diese Worte verfehlten ihren Eindruck nicht. Der Franz wußte, daß der Fex sich nicht vor ihm fürchtete. Er hatte zunächst im Augenblicke der Überraschung nur dem Gesichte des jungen Musikers Aufmerksamkeit geschenkt; jetzt aber fiel sein Blick auch auf die Gestalt desselben. Der Fex machte in seiner gegenwärtigen Kleidung einen ganz anderen Eindruck als früher. Aus seiner Miene sprach und aus seinen Worten klang eine Sicherheit, welche imponirte.
»Soll ich den Fexen etwan einen gnädigen Herrn nennen?« höhnte der Franz, indem er versuchte, den Eindruck zu verbergen, welchen der Genannte auf ihn machte.
»Das ist nicht nöthig. Sie haben mich ebenso mit Sie anzureden, wie ich das mit Ihnen thue, und sich dabei derjenigen Höflichkeit zu befleißigen, welche ich von Ihnen verlangen kann und auch wirklich allen Ernstes verlange. Ihre Gegenwart ist hier, wie Sie bemerken werden, höchst überflüssig. Ich erwarte bestimmt, daß Sie sich sofort entfernen, verlange aber vorher die beiden Briefe zurück.«
Der Franz hätte sich in Wirklichkeit am Allerliebsten entfernt; aber er schämte sich doch, sich in dieser Weise fortweisen zu lassen. Und was die Briefe betraf, so betrachtete er sie als eine Errungenschaft, welche er auf keinen Fall wieder zurückgeben wollte.
»Briefe?« fragte er. »Was für Briefe sollen das wohl sein?«
»Die, welche Sie hier von der Bank genommen haben.«
»Davon weiß ich nix!«
»Er hat es mir selbst gesagt und gestanden,« erklärte Paula dem Geliebten.
»Das war nur ein Gespaß,« wendete der Franz ein, »Ich wollt sie foppen, und sie hats glaubt.«
»Lügen Sie nicht!« antwortete der Fex. »Ich habe es gesehen, daß Sie sich hinter diesem Busche hervor nach der Bank schlichen und die Briefe wegnahmen. Ich verlange sie zurück!«
»So! Also auch sehen hats dera Fex! Nun so will ichs halt nimmer leugnen; aberst heraus geb ich sie nicht!«
»Und ich verlange sie! Sie haben nicht das mindeste Recht, sich unsere Correspondenz anzueignen.«
»Die Correspondenz! Was dera Fex jetzund für ein vornehmer Herr worden ist! Er schreibt gar keine Briefen, sondern Correspondenzen! Da muß man doch einen gewaltigen Respecten erhalten. Und stohlen soll ich sie haben? Diesen Ausdrucken muß ich mir verbitten. Ich bin auch gewohnt, grad so wie dera Fexen, daß man höflich mit mir redet. Ein Spitzbuben bin ich nicht.«
»Ich weiß keinen andern Namen für einen Menschen, welcher sich das Eigenthum anderer Leute ohne deren Erlaubniß heimlich aneignet. Sie sind ein Dieb!«
»Oho! Lassens das Wort weg, sonst werd ich zeigen, daß ich es nicht dulden kann! Die Paula ist meine Braut; ihr Vatern hat sie mir versprochen. Ich hab ein großes Recht, nachzuschauen, von wem sie etwan solche Liebesbriefen bekommt.«
»Nun wohl,« lachte der Fex. »Ich hab keine Lust und auch keine Zeit, mit Ihnen darüber zu streiten, ob Sie dieses Recht besitzen. Jetzt nun haben Sie nachgeschaut; Sie wissen, von wem die Briefe sind; Sie haben dieselben sogar gelesen, und nun können sie Ihnen ja gar nichts mehr nützen. Sie werden also die Güte haben, sie uns zurückzugeben.«
Er hatte das mit ironischer Höflichkeit gesagt.
»Nein, ich geb sie nicht zurück; ich behalt sie,« erklärte der Franz.
Da leuchtete der Blick des Fex wie ein glühender Funken auf.
»Und ich verlange sie, augenblicklich!« sagte er.
»Hol sie Dir doch, Kerl,« höhnte der Fingerlfranz. »Kannst gleich den Zahlaus erhalten für damals mit!«
»Schön! Her damit!«
Wie es so schnell kam, das konnte Paula gar nicht sagen; es ging so gedankenrasch, daß sie es sich gar nicht zu erklären vermochte; der Fingerlfranz lag am Boden, von einem fürchterlichen Hieb wie ein Klotz niedergestreckt; er bewegte sich zunächst gar nicht, und da war auch schon die Hand des Fex in seiner Tasche und zog die beiden Briefe daraus hervor.
»Hier, Paula, sind sie,« sagte er in so ruhigem Tone, als ob gar nichts geschehen sei. »Stecke sie ein; sie sind Dein Eigenthum.«
Während sie dieselben in ihrer Tasche verbarg, raffte sich der Franz vom Boden auf. Seine Augen schienen aus ihren Höhlen treten zu wollen; seine Zähne knirschten; er schnappte nach Luft und zitterte am ganzen Körper.
»Hund!« stieß er pfeifend hervor. »Das sollst büßen! Hast mich anfallen, hast mich derschlagen wollen. Nun üb ich Nothwehr und derschlag Dich!«
Er drang auf den Fex ein. Dieser führte einen Gegenhieb, so schnell, daß gar nicht zu sehen war, wohin er den Gegner eigentlich traf. Es klang dumpf und hohl, und sodann stürzte der Franz abermals hin wie ein Sack. Seine Augen schlossen sich; keines seiner Glieder bewegte sich, aber seine Brust hob und senkte sich krampfhaft, als ob er am Ersticken sei.
»Um Gotteswillen!« schrie Paula auf. »Er stirbt sogleich!«
»Nein! Dieses Unkraut hat ein zähes Leben. Das ist durch zwei Hiebe nicht todt zu machen,« antwortete der Fex.
»Du siehst es aber ja!«
»Beruhige Dich! Es war ein Boxhieb auf den Magen. Nun schnappt er eine Weile nach Luft. Indessen können wir gehen. Hat er Lust, so mag er dann nachkommen und sich den dritten Hieb holen. Bitte, gieb mir Deine Hand, mein liebes Kind.«
Er ergriff sie bei der Hand und führte sie fort. Sie blickte sich wiederholt und voller Angst um.
»Wenn er uns nachkommt und unerwartet über Dich herfällt!« warnte sie zitternd.
Für sich hatte sie vorhin nicht gezittert; für den Geliebten aber bangte ihr.
»Hab keine Sorge! Der bleibt noch für einige Minuten unfähig zu einem Angriffe auf mich. Ehe er die Fähigkeit dazu erlangt, befinden wir uns in Sicherheit.«
»Ist das wahr?«
»Gewiß. Du kannst es glauben.«
Er sagte das im Tone solcher Ueberzeugung, daß sie die Sorge fallen ließ. Die Gegenwart trat ja in ihre Rechte. Ihren Blick mit inniger und dankbarer Liebe zu seinem Gesicht erhebend, sagte sie:
»Abermals bist mein Retter gewest, lieber Fex! Und das ist fast für eine Unmöglichkeiten anzuschaun. Wer könnt denken, daßt hier bei uns bist. Wann bist kommen?«
»Vorhin mit dem Zuge.«
»Auf Besuch wohl?«
»Ja,« lächelte er.
»Bei wem?«
»Bei Dir natürlich. Oder giebt es hier noch andere Personen, zu denen ich eine Besuchsreise unternehmen könnte?«
»Vielleicht den Musikdirectorn in dera Stadt drinnen.«
»Oh, der ist vor mir sicher! Wollte ich ihn besuchen, so würde ich riskiren, von ihm gar nicht wieder fortgelassen zu werden.«
»Also zu mir hast wollt! Aberst leider mußt mich nur heimlich sehen. In dera Mühlen darfst Dich nicht blicken lassen.«
»So ist Dein Vater noch immer so streng?«
»Noch strenger als vorher.«
»Vielleicht muß ich ihn dennoch besuchen.«
»Nein, das wirst nicht thun. Es kann jetzt ja zu gar nix führen.«
»Freilich. Aber ich muß aufrichtig sein und Dir gestehen, daß ich eigentlich nicht aus freiem Antriebe komme. Ich erhielt eine Depesche von dem Wurzelsepp, welcher mich für heut hierher rief.«
»Von dem? Heut? Hierher? Was mag der von Dir wollen?«
»Ich weiß es nicht, werde es aber wohl erfahren.«
»Etwas Nothwendiges muß es sein, sonst hätt er nicht telegraphirt.«
»Das sage ich mir auch. Wo mag er sich jetzt befinden? Ist er vielleicht in den letzten Tagen hier in der Gegend gewesen?«
»Ich hab ihn nicht sehen.«
»So war er auch nicht da, denn Dich hätte er ganz sicher aufgesucht. Da sind wir am Flusse. Wir fahren über.«
»Nun schnell, bevor dera Fingerlfranz kommt!«
Die Beiden winkten, und der Fährmann kam herüber, um sie abzuholen. Er wunderte sich nicht wenig, den ihm unbekannten vornehmen Herrn bei der Müllerstochter zu sehen. Zugleich freute er sich auf die reichliche Bezahlung, welche er jetzt zu erhalten hoffte. Da aber hatte er sich geirrt. Als der Fex drüben ausgestiegen war, wendete er sich mit strenger Miene an ihn:
»Bekommen werden Sie für dieses Mal nichts, Sie sind ein schlechter Mensch. Sie verrathen die Tochter Ihres Herrn für einige Groschen an einen gewaltthätigen und ebenso ehrlosen Kerl wie Sie selbst sind. Schämen Sie sich!«
Er wollte mit Paula weiter gehen, hin nach dem Zigeunergrabe, da hörten sie links vom Wiesenwege her eine Stimme rufen:
»Fex, Fex! Lauf doch nicht davon. Ich weiß sonst nicht, wo ich Dich zu suchen hab!«
Es war der Wurzelsepp. Die Beiden gingen ihm natürlich entgegen.
»So hat meine Depeschen Dich also richtig troffen,« sagte der Alte. »Das ist schön; das ist gut! Nun ist die Sach in Ordnung! Aberst schau, stell Dich doch mal so grad vor mir her!«
Er faßte seinen jungen Freund bei den beiden Armen und gab ihm die beabsichtigte Haltung. Er überflog ihn mit scharfem Blicke vom Kopfe bis zu den Füßen herab, nickte befriedigt vor sich hin, drehte die eine Spitze seines Schnurrbartes und fuhr fort:
»Weißt, das ist fast gar nimmer auszuhalten.«
»Was?«
»Wast für ein hübscher Kerlen bist.«
»Unsinn!« lachte der Fex, indem er sofort eine andere Stellung annahm.
»Nein, das ist kein Unsinn, sondern die reine Wahrheiten! Du bist fast ein so accurater Kerlen, wie ich dazumalen war, als ich in Deinem Alter stand. Mir liefen die Dirndln ebenso gleich nach, grad wie jetzt Dir.«
»Woher weißt Du, daß sie das thun?«
»Meinst, ich hab keine Augen? Da steht ja gleich Eine. Kaum bist hier ankommen und aus dem Coupée stiegen, so hast schon Eine bei Dir. Ja, so ists halt in dera Jugend!«
»Wir trafen uns zufällig.«
»Soll ich das glauben?«
Er musterte die Beiden mit einem seiner bekannten freundlich pfiffigen Blicke.
»Ja. Ich ging hierher, weil ich überzeugt war, Dich hier zu finden, und hörte von dem Fährmanne, daß Paula im Walde sei. Natürlich suchte ich sie sofort auf.«
»Und das hat er gar recht macht,« fuhr Paula fort. »Wenn er nicht kommen wär, so hätt ich einen schlechten Stand mit denen Fingerlfranzen.«
»Mit dem wiederum? Wie ist das kommen?«
Paula erzählte es ihm und belobte dabei den Geliebten in solcher Weise, daß dieser sehr oft Einspruch erheben mußte, um nicht gar als ein halber Gott beschrieben zu werden. Dabei vermochte sie kaum, ihre bewundernden Blicke von ihm zu wenden. Sie fühlte sich unendlich glücklich, ihn so stattlich, zu seinem großen Vortheile verändert, vor sich zu sehen.
»Nun wird er zum Vatern gehen und ihm Alles berichten,« schloß sie ihre Erzählung.
»Und da hast wohl gar eine große Angst?«
»Eine Angsten grad nicht. Dera Vatern darf mich nicht zwingen, ihn zu heirathen; das weiß ich ja gewiß; aberst ein schlimmes Wesen giebts doch gewiß. Ich bekomm Scheltworts und böse Reden vom Morgen bis zum Abend, sogar wann fremde Leuten dabei zugegen sind.«
»Das könntest doch wohl anderst machen.«
»Wieso?«
»Wannst weggehen wolltst von dera Thalmühlen. Dann wär der ganze Aergern vorüber.«
»Ja, das hab ich auch schon denkt. Ich bin wie ein Garnix daheim. Alles schimpfirt auf mich hinein. Wann das so fortgeht, und ich derfahr einen Ort, wo es einen guten Dienst giebt, den ich derfüllen kann, nachhero bin ich sogleich bereit, die Thalmühlen zu verlassen.«
»Was für ein Dienst soll das aberst sein?«
»Das weiß ich nicht.«
Da bemerkte der Fex:
»Als gewöhnliches Dienstmädchen in eine gewöhnliche Familie einzutreten, davon würde ich Dir auf alle Fälle abrathen.«
»Ja,« lächelte der Sepp, »dera Fex will gar hoch hinaus, mit sich und auch mit seiner Paula!«
»Das bin ich mir schuldig. Ich werde in München nachschauen, ob sich eine passende Stellung finden läßt.«
»Soweit brauchen wir gar nimmer zu gehen. Eine passende Stellung findet sich auch hier in dera Umgegend.«
»Schwerlich!«
»Wirsts wohl besser wissen wollen als dera Wurzelseppen?«
»Nun, weißt Du vielleicht eine?«
»Ja, eine ganz gute.«
»Wo?«
»Das willst auch schon gleich wissen? Ja, wo irgend was braucht wird, ein Rath oder eine Hilfen, da ist dera Sepp immer Derjenige, welcher bereit ist, beizustehen. Weißt, Fex, ich kenn eine vornehme Dame, die ist noch jung und so gut wie die Liebe selbst; ich weiß zwar nicht, ob sie ein Mädchen braucht, aberst wann ichs ihr sag, so nimmt sie die Paula sogleich zu sich.«
»Wer ist das?«
»Das ist eine Baronessen Milda von Alberg, die vor kurzer Zeiten drüben in Steinegg das Schloß kauft hat.«
»Kennst Du sie?«
»Grad so, als ob sie meine Großmuttern wär.«
»Aber wenn Du nicht weißt, ob sie Jemanden braucht, so ist uns nicht geholfen.«
»Ich hab ja sagt, daß sie die Paula zu sich nehmen wird, wann ich mit ihr sprech. In so einem großem Schloß ist gar viel Platz, und da werden Leutln braucht zu jeder Zeit. Und wer weiß, wie bald die Paula Veranlassung hat, fortzugehen! Das kann gar vielleicht schon heut kommen.«
»Wie? Schon heut? Hast Du eine bestimmte Veranlassung, dies anzunehmen?«
»So brauchst nicht gleich zu fragen. Ich hab nur meint, daß der Mensch niemals am Morgen weiß, was am Abend geschehen ist. Und nun sind wir hier am Zigeunergrab. Gehen wir hinaufi? Ich hab mit Dir zu reden.«
»Weshalb mich herbestellt hast?«
»Ja.«
»Darfs die Paula auch hören?«
»Jetzunder noch nicht.«
»Es ist doch nix Schlimmes?« fragte das Mädchen ahnungsvoll.
»Wer wird gleich so denken!« antwortete der Sepp. »Wann Männer über ein Geschäft reden wollen ohne die Frauen, da braucht man doch nicht sofort zu denken, daß ein Unglück dabei ist!«
»Betrifft es meinen Vater?«
»Jetzund soll ich Dir auch schon bereits verrathen, wens betrifft! Ja, das Weibsvolk ist voller Neugierden wie das Meer voller Heringen! Ich will Dir nur sagen, daß es denen Fex betrifft. Bist nun zufrieden, Paula?«
»Ja, wanns etwas Gutes ist.«
»Nun, Du kannst Dirs denken, daß ich dem Fexen lieber ein Gutes bring als ein Böses.«
»So soll ich nach Hause gehen?«
»Ja, geh nach der Mühlen, mein Dirndl. Vielleichten kommen wir bald nach.«
Es lag eine eigenthümliche Rührung in dem Tone des Alten, Und sein gutes, treues Auge ruhte mit feuchtem, theilnahmsvollem Blicke auf dem schönen Mädchen. Paula bemerkte dies. Sie ergriff die Hand des Alten und sagte:
»Sepp, Du bringst was Böses für mich!«
»Schweig! Wie kannst so was denken!«
»Ich hör und seh Dirs an!«
»Ja, Du wirst so eine feine Menschenkennerin sein, die Einem gleich an dera Nasenspitzen anschaut, was man auf dem Herzen hat!«
»Bei Dir braucht man das nicht zu sein. Komm mal her, Sepp. Schau mir mal grad und ehrlich in die Augen!«
Er that, was sie wollte.
»Nun, da blick ich Dir ins Gesicht. Nun sag mir, wast von mir willst.«
»Sag mir jetzt einmal, ohne den Blick von mir zu wenden, die Wahrheit. Bringst wirklich nix Böses für mich?«
Das war dem alten, ehrlichen Manne denn doch zu viel. Eine Lüge sagen und dabei dem Belogenen aufrichtig in das Auge schallen, das vermochte er freilich nicht. Er wurde ganz verlegen. Um diese Verlegenheit zu verbergen, that er, als ob er zornig sei und rief in unwilligem Tone aus:
»Dirndl, laß mich aus! So ein junges Dingerl wie Du braucht nicht in denen Männern ihre Geschäftsgeheimnissen zu schauen.«
»Das will ich auch gar nicht. Ich will nur eine kurze Antwort auf meine Frage. Bitte, bitte, lieber Sepp! Spann mich doch nicht so auf die Folter!«
Sie sah ihn angstvoll flehend an. Der Fex nahm sich ihrer an und bat den Alten:
»Sepp, thu ihrs doch zu Liebe! Es ist viel besser, etwas Unangenehmes genau zu wissen, als daß man es nur ahnt und es sich in Folge dessen viel schrecklicher ausmalt, als es wirklich ist.«
»Ja, da hast freilich Recht, Fex. Und darum will ich also ehrlich sein. Aber wirst auch sehr derschrecken, Paula?«
Sie erbleichte.
»Ists denn gar so schlimm?«
»Nun, gut ists freilich nicht. Wannst mir versprichst, jetzund noch darüber zu schweigen, so will ich Dirs so weit sagen, wie ich darf.«
»Ich schweig. Hier meine Hand!«
»Schweigst gegen Alle? Auch gegen Deinen Vatern?«
»Ja. Ihn betriffts wohl?«
»Ja. Er hat was than, was im Gesetz verboten ist, und das wird heut vielleicht an den Tag kommen.«
Sie legte die kleinen Händchen zusammen. Ihre Augen standen sofort voller Thränen.
»Was ists, was er than hat?«
»Das darf ich noch nicht sagen.«
»Ein Vergehen nur oder ein Verbrechen gar?«
»Es wird leider wohl ein Verbrechen sein.«
»O Herr Gott! Ein Verbrechen! Das hab ich dacht!«
Sie hatte gar nicht beabsichtigt, dieses Geständniß auszusprechen. Nun es aber ihren Lippen entflohen war, konnte sie es nicht wieder zurücknehmen. Sie erschrak darüber noch mehr als über das, was sie von dem Sepp erfahren hatte.
»Wie?« fragte dieser erstaunt. »Das hast Du Dir bereits dacht?«
»Ja,« gab sie mit gesunkener Stimme zu.
»Warum?«
»Das weiß ich nicht.«
»Aberst das mußt Du doch wissen.«
»Nein, ich kann es nicht in Worte fassen.«
»Hast Du denn was darüber sehen oder hört oder derfahren?«
»Nein, aberst wann ich den Vatern anschaut hab, so ist mir immer ein Grauen überkommen, so ists mir immer gewest, als ob er was gar Schweres auf dem Herzen hat. Und er thut in Allem so heimlich, und sein ganzes Leben und Wesen ist so, daß man sich vor ihm fürchten muß.«
»Das ist freilich wahr. Ich glaubs Dir gar wohl, daßt kein Vertrauen zu ihm haben kannst.«
Da ergriff sie seine beiden Hände und sagte in flehendem Tone:
»Nun wird er wohl seine Straf erhalten?«
»Wann die Sach genau an den Tag kommt, so kann die Straf nicht abgewendet werden.«
»Und da kommt die Polizeien in das Haus?«
»Freilich wohl.«
Da schlug sie die Hände vor das Gesicht und brach in ein erschütterndes Schluchzen aus.
»Machst Du es nicht schlimmer, als es ist, Sepp?« fragte der Fex, indem er dem Alten einen halb zornigen, halb warnenden Blick zuwarf.
»Ich machs nicht schlimmer. Und bös darfst mir auch nicht sein, Fex. Es ist besser, die Paula weiß es vorher, als daß es ohne Erwarten über sie hereinbricht und sie desto härter trifft.«
»O Fex! Fex!« jammerte sie.
»Fasse Dich, Paula!« bat er. »Ich bin ja bei Dir!«
»Ja, jetzt bist bei mir, aber wie lange!«
»Immer, stets! Auf mich kannst rechnen!«
»Nein. Wir dürfen nix mehr von einander wissen!«
»Wie? Was sagst da?« fragte er betroffen.
»Ich bin die Tochter eines Verbrechers.«
»Aber Du hast doch nix than!«
»Das ändert nix an dera Sachen. Die Sünden der Väter werden straft an denen Kindern bis in das dritte und vierte Glied. Wann ich zehnmal unschuldig bin, so werden doch die Leut mit denen Fingern auf mich zeigen und dabei sagen: Das ist die Tochtern von dem Thalmüllern! Wie kannst da noch was von mir wissen wollen!«
»Du armes, liebes, gutes Mädchen! Wirf doch diese Sorge von Dir! Sie ist ganz nichtig und grundlos. Dein Vater mag sein, wer er will und mag than haben, was es sei. Du bist doch die Paula, meine gute, reine Paula! Du bist mein Engel gewest und mein Licht und meine Sonne allezeit, und wast mir gewest bist, das wirst mir sein und, bleiben, so lang ich leb auf dera Welt!«
»Hörsts Paula! Ihm kannsts glauben! Er ist wahr und treu wie Gold!« sagte der Sepp.
Sie schüttelte leise den Kopf, reichte Beiden die Hand und schluchzte:
»Ihr meints jetzund gut mit mir und wollt mich trösten; aberst es wird ganz anderst kommen. Und dann liegt dera Fluch auf mir, den der Vatern auf sich geladen hat. Ich will gehen. Lebt wohl, alle Beid!«
»Nein, so darfst nicht gehen!« bat der Fex. »Schau mich an, Paula! Ich Hab Dich lieb, lieber noch als mein Leben und als Alles. Mag geschehen sein und noch geschehen, was da wolle, ich bleib Derjenige, der ich bin. Auf mich kannst Dich verlassen. Ich will lieber auf Alles verzichten und Alles von mir werfen, wenn ich nur Dich glücklich seh. Wirst mir das glauben?« '
Sie hob den thränenschweren Blick zu ihm empor.
»Das sagst nur jetzunder, weil Dir sonst Dein gutes Herz wehe thut, wannst mich weinen siehst.«
»Nein, ich sags nicht nur, sondern ich fühl es auch, und was ich heut fühl, das werd ich fühlen immer fort und zu aller Zeit. Willst mir vertrauen?«
»O Gott, wann ich das dürft!«
Es war ein Blick voller Jammer und Herzeleid, den sie auf ihn warf.
»Du darfst! Wozu und für wen war ich denn da, wenn nicht für Dich. Und wofür hätt der liebe Herrgott uns die Lieb ins Herz geben, wann sie nicht dazu wär, daß sie uns nicht nur in der Freud, sondern auch im Leid vereinigen sollt! Nein, trockne Deine Thränen! Ich weiß, daßt mehr Furcht vor Deinem Vatern hast als Liebe zu ihm. Wann er die Folgen seiner Thaten zu tragen hat, so wirds Dich mit treffen, ins tiefe Herz hinein, weilst doch sein Kind bist, aber zur Verzweiflung kanns Dich nicht treiben. Du hast noch Anderes zu thun, als um einen Vater zu jammern, der Dir niemals ein Vater gewesen ist. Du hast den Fex, der ohne Dich nicht glücklich sein kann, der ohne Dich gar nicht leben möchte. Daran mußt denken, Paula! Für mich mußt Dich erhalten! Und wann heut eine Wolke kommt, aus welcher ein Wetter auf Euer Haus niederfällt, so kann sie doch nicht immer bleiben; sie muß vergehen, und nachher giebts wieder Sonnenschein.«
Da schlang sie die Arme um ihn, legte ihr Köpfchen an seine Schultern und flüsterte:
»O Fex, wie lieb und gut Du zu sprechen vermagst. Das kann ich doch nimmer Alles glauben!«
»Du kannsts und sollsts glauben!«
»Wie glücklich ich war, als ich Dich heut derblickte! Ich hätt mit Keiner tauscht in dera weiten, weiten Welt. Und nun soll Alles, Alles ganz vorüber sein!«
»Wer hat das sagt? Wer kann das auch nur denken? Komm, meine Paula! Wein jetzt nimmer! Sei stark und still! Was auch geschehen mag, so bin ich bei Dir!«
»Und auch ich!« sagte der Sepp. »Vielleicht ists gar nicht so schlimm, wie wir meinen. Und wann sie Dir den Vatern nehmen, der es schon längst vergessen hat, so lange wie er Dich kennt, und Der Dir ein guter und treuer Vatern sein will bis an sein selig End, wannsts ihm nur derlauben willst. Also halt den Kopf hoch, Dirndl! Trockne die Thränen, und verlaß Dich auf die beiden Männern; welche jetzunder da bei Dir stehen und es so gut und treu mit Dir meinen. Geh jetzunder heim und was auch kommen mag, Du darfsts glauben, wir werden sorgen, daß es nicht zu Deinem Unglück werden kann. Geh also, geh!«
Seinem Zureden gelang es, sie wenigstens äußerlich zu beruhigen. Es lag eben Etwas in seinem Wesen, dem Niemand zu widerstehen vermochte. Sie gab Beiden die Hände und ging fort, der Mühle entgegen. Die Beiden aber stiegen nach dem Hügel des Zigeunergrabes hinauf.
Oben angekommen, sagte der Fex:
»Sepp, heute bin ich gar nicht mit Dir zufrieden.«
»Warum?«
»Weilst dera Paula einen so großen Schreck bereitet hast.«
»Ich hab Dir meine Entschuldigung bereits sagt. Es war besser, sie vorzubereiten.«
»Nun, Du magst Recht haben, und so will ich Dir nicht zürnen. Aber handelt es sich denn in Wirklichkeit um ein Verbrechen ihres Vaters?«
»Ja. Und das Verbrechen ist viel größer, als ich es ihr hab ahnen lassen.«
»O wehe! Was hat er than?«
»Es bezieht sich auf Dich.«
»Wirklich? Du, Sepp, wann es sich auf mich bezieht und die Paula muß darunter leiden, so wollen wir es lieber sein lassen.«
»Das ist nicht möglich. Er hat auch noch Anderes than.«
»Der Unglückselige!«
»Und er hat einen Mitschuldigen, der bereits von dera Polizei verfolgt wird. Und wann dies auch nicht der Fall wäre, wenn man es rückgängig machen oder gar ganz verschweigen könnte, so dürfte man doch Deinetwegen nicht schweigen, denn es handelt sich um Deine Abstammung.«
»Weißt Du das genau?«
»Ja. Weißt Du, wer meine Eltern sind?«
»Ich glaub, es zu wissen.«
»Leben sie noch?«
»Nein.«
»So Verzicht ich auf Alles, wann nur die Paula nicht betrübt wird.«
»Auch wann Dein Vatern ein reicher und vornehmer Mann gewest ist?«
»Ja.«
»Wohl gar ein Baronen?«
»Auch dann. Paula's Seelenruhe und ihr Glück ist mir mehr werth als das Bewußtsein, das Kind eines vornehmen Mannes zu sein.«
»Das ist edel aber dumm!«
»Pah! Nenne es, wie Du willst. Ich werde auf alle Fälle meinen Weg machen, und ich will das, was ich einst sein werde, lieber aus eigener Kraft geworden sein, als dadurch, daß ich Diejenige betrübe, welche ich über Alles liebe.«
Der alte Sepp kaute eine ganze Weile an seinem Bart herum. Er war von dem Edelmuthe seines Freundes außerordentlich gerührt, wollte es sich aber nicht merken lassen und führte nun das letzte Argument gegen ihn in den Kampf.
»Weißt noch damals, daßt Dich an dem Thalmüllern rächen wolltest?« .
»Das weiß ich wohl.«
»Und nun bist auf einmal bei ganz anderer Gesinnung!«
»Weil ich jetzt erkannt habe, daß die Rache nicht nur den Vater, sondern, auch die Tochter und also auch mich treffen würde.«
»Na, Fex, ich will Dir aufrichtig sagen, daß ich Dir nicht Unrecht geben kann; aberst an dera Sach ist nun nix mehr zu ändern. Sie muß ihren Gang gehen.«
»Wirklich?«
»Ja. Da schau mal nach dera Mühlen hin. Wen siehst da sitzen?«
Man konnte, wie bereits früher erwähnt, von hier oben die ganze Mühle überblicken. Der Fex war bis jetzt so mit dem Gegenstande ihres Gespräches beschäftigt gewesen, daß er für Anderes kein Auge gehabt hatte. Auf die an ihn ergangene Aufforderung richtete er den Blick nach der Mühle. Vor derselben, im Vorgärtchen, saßen zwei Männer an einem und demselben Tisch.
»Ists möglich?« sagte der Fex. »Dort sitzt ja gar der Müller im Garten!«
»Ja, auch ich erkenn ihn am Gesicht. Er darf also nun die Stub verlassen.«
»Weil es jetzt Sommer ist. Als ich von hier fortging, war es noch Frühling.«
»Aberst kann er heraus laufen?«
»Nein. Du siehst ja, daß er auf einem Fahrstuhle sitzt. Paula hat mir von einem neuen Badearzt geschrieben, welcher behauptet hat, ihn herstellen zu können.«
»So mag dera Arzt nur rasch machen. Dann kann dera Müllern, wann er kurirt worden ist, seinen ersten Weg gleich ins Zuchthaus thun.«
»Sepp! Sprich nicht so!«
»Es ist aberst so!«
»Ich hoffe doch, daß es sich noch ändern läßt. Was in meiner Macht liegt, dieses Unglück von Paula zu wenden, das soll geschehen.«
»Es kann nix dagegen geschehen, denn dera Herr Assessor ist bereits da.«
»Ein Assessor? Ein Gerichtsbeamter? Wo ist er?«
»Dera Herr ist es, welcher mit dem Müllern am Tisch sitzt. Er macht den Staatsanwalt.«
»Alle Wetter! Der Staatsanwalt bereits bei ihm! Und Beide an einem Tische!«
»Ja. Diese Herren vom Gericht sind gar kluge Leute. Sie wissens so einzurichten, daß sie das, was sie hören wollen, ganz gut derfahren, ohne daß sie darnach fragen. Schau! Jetzunder kommt die Paula an ihnen vorüber, und ihr Vater ruft sie.«
»Und da unten kommt der Fingerlfranz von dera Fähre. Er läuft wie ein Schnellläufer. Und was für ein Gesicht er macht. Er wird auch nach der Mühle gehen.«
»Natürlich! Nun wird er die Paula bei ihrem Vatern anklagen; aber dera Herr Assessor wird sie in seinen Schutz nehmen.«
»Hat Der bereits von ihr gehört?«
»Von ihr und Dir.«
»Bist nicht klug! Warum hast plaudern müssen!«
»Weil dera Herr Assessorn Alles wissen mußt und nun er es weiß, wird er in dera Sach ganz anders vorgehen, mit weit mehr Schonung als es sonst geschehen wär. Die Sach liegt so, daß dera Müllern eigentlich ganz kurz vom Gensd'arm weggeholt werden müßt. Aberst weil ich ihm Alles derzählt hab, hat er eine Theilnahme empfunden und sich vorgenommen, humaner zu sein, als er es zu sein braucht.«
»Nach Dem, was ich bereits von Dir gehört habe, muß ich natürlich gespannt sein, noch mehr zu erfahren.«
»Sollst es auch derfahren. Dazu bin ich ja da, und deshalb hat Dir der Herr Assessorn telegraphiren lassen.«
»Nicht Du?«
»Nein. Er hat meinen Namen darunter setzt; sonst hab ich mit dera Depeschen nix zu schaffen. Jetzunder aber werd ich Dir Alles berichten.«
Sie setzten sich auf die bereits mehrfach erwähnte Bank, welche neben dem Grabhügel stand, und der alte Sepp erzählte, was in Hohenwald geschehen sei, natürlich nur so weit, als die dortigen Ereignisse die Verhältnisse des Fex näher berührten. Diesen Letztern hörte er aufmerksam zu. Die jugendliche Röthe wich mehr und mehr aus seinem Gesichte, welches letztere je länger desto mehr den Ausdruck der größten Spannung annahm. Als der Alte geendet hatte, sprang der junge Mann von seinem Sitze auf.
»Um Gotteswillen,« sagte er, »das ist freilich ganz anders, als ich es gedacht habe! Ich habe geglaubt, ein von Zigeunern geraubtes Kind zu sein. Ich habe gemeint, daß in diesem Raube das ganze gegen meine Eltern gerichtete Verbrechen bestehe. Und nun erfahre ich, daß noch weit Schrecklicheres geschehen sei!«
»Nicht wahr? Jetzunder magst nun wohl keine Nachsicht mehr üben?«
»Man hat das Schloß angebrannt!«
»Die Beiden, dera Thalmüllern mit dem Silberbauern.«
»Das Geld geraubt!«
»Es ist dasselbe gewest, welches Du bei dem Müllern im Kasten sehen hast.«
»Und meine Mutter getödtet! O Mutter, Mutter, meine Mutter!«
Er faltete die Hände wie betend in einander und richtete das Auge zum Himmel empor.
»Nun,« fragte der Sepp, »willst denen beiden Mordbrennern das Alles vergeben?«
»Nein, und abermals nein!«
»Dort sitzt Einer von ihnen. Soll der dort in der Sonnen, die ihn so warm bescheint, sitzen bleiben und die Frucht seiner Verbrechen genießen, Fex?«
»Nein. Die Gerechtigkeit mag ihn treffen!«
»So ists recht! Auge um Auge und Zahn um Zahn. So stehts in dera Schrift geschrieben, und das ist dem Herrgott sein Gesetz. Wer da sündigt, den muß die Straf ereilen.«
»Aber Paula, meine arme, arme Paula!«
Er ging auf der kleinen Höhe auf und ab, hin und her. Er war voll heiligen Zornes gegen die beiden Männer, die so schwere Verbrechen gegen ihn begangen hatten, und doch liebte er die Tochter des Einen mit solcher Innigkeit, daß er gern, sehr gern ihrem Vater verziehen hätte, wenn nur die Verbrechen nicht gar so schwere gewesen wären und der andere Verbrecher dann nicht auch straflos hätte ausgehen müssen. Da kam ihm in dieser inneren Bedrängniß ein Gedanke, von welchem, wenn er der richtige war, Rettung zu erwarten war.
»Aber, bin ich denn auch wirklich in jenem Schlosse geboren? Bin ich das Kind, von welchem hier die Rede ist?«
»Wer solls denn sonst sein?«
»Wer sonst? Jeder Andere kann es sein! Von mir ist es ja noch gar nicht mit unumstößlicher Sicherheit erwiesen.«
»Was fängst da an, zu schwatzen!«
»Das ist kein Schwatzen. Selbst meine Papiere beweisen noch nichts.«
»Welche Papiere meinst denn?«
»Die, welche wir dem Müller mit der Photographie aus dem Stuhle genommen haben.«
»Nun, diese Photographieen war doch richtig das Bildniß Deiner Muttern?«
»Ja. Ich erkannte sie sofort.«
»Schau, da müssen doch auch die anderen Papieren Dir gehören!«
»Das steht nicht so fest, wie Du meinst.«
»Ja, wenn wir doch nur Einen funden hätten, der es lesen kann.«
»So lange ich mich auf Dich verließ und gar zu sehr in meine Studien versunken war, fand sich allerdings Niemand; aber als Du fort warst und ich nicht gar so viel mehr zu arbeiten und zu üben brauchte, begann ich, selbst zu suchen.«
»Hast Einen funden?«
»Ja. Es kam ganz zufälliger Weise ein Rosenölhändler nach München, um sich die dortigen Kunstschätze anzusehen. Mit ihm traf ich zusammen. Er wohnte in Sofia und war in sämmtlichen Sprachen der Türkei und der Donauländer bewandert. Er verstand die Documente zu lesen und hat sie mir übersetzt.«
»Sappermenten! Das ist gut! Nun sag mir aberst auch, was für Papiere es gewest sind!«
»Der Geburtsschein eines walachischen Edelmannes Namens Samo von Gulijan; der Geburtsschein seiner Frau, einer geborenen Etelka von Toregg, und der Geburtsschein ihres Sohnes, welcher Curty, also Curty von Gulijan getauft wurde. Dabei lag auch der Trauschein der beiden Eltern.«
»Himmelsakra! So ist ja Alles gut!«
»Noch nicht.
Du bist dera Curty von Gulijan.«
»Beweise es!«
»Du hast ja die Papieren!«
»Ich hab sie dem Müller gestohlen!«
»Auf rechtmäßige Weise!«
»Wie wollte ich das beweisen? Wenn der Müller sich irgend eine Geschichte darüber aussinnt, wie diese Papiere in seine Hände kamen, so haben sie für mich nicht den mindesten Werth.«
»Da sollte doch gleich dera Teuxeln dreinschlagen! Das will ich mir verbitten! Etwas aussinnen darf er sich nicht!«
»Verbiete es ihm. Es wird nichts helfen.«
»Oho!«
»Und mir macht es das Herz leichter. Paula soll meinetwegen nicht unglücklich werden.«
»Ganz richtig! Unglücklich werden soll sie nicht. Aberst Du sollst was werden, nämlich derjenige Curty von Gulijan, von welchem wir sprochen haben. Und ich werd dafür sorgen, daßts auch wirst.«
»Gieb Dir keine Mühe.«
»Papperlapappen! Ich geb mir Mühe! Jetzunder wirst hier sitzen bleiben.«
Der Alte nahm den Sack und den Bergstock auf, welche Beide er auf den Rasen gelegt hatte.
»Wo willst Du hin?«
»Zum Herrn Assessorn. Du aberst bleibst hier sitzen und passest fein aufi, wann ich Dir das Zeichen geb. Nachhero kommst mir nach.«
»Welches Zeichen?«
»Ich schwenk mit dem Hut, aberst so, daß dera Thalmüllern es nicht bemerken kann.«
»Bleib lieber da, und laß den Assessor mit dem Müller thun, was ihm beliebt!«
»Fallt mir nicht eini! Ich hab vor wenigen Tagen aus einem Schulmeistern den Sohn eines Barons macht; da werd ich wohl mich aus einem dummen Geigenfexen den Curty von Gulijan machen können. Was dera Sepp will, das thut er, und was er thut, das kann er. Also hier wartest, und gehst nicht fort. Und wann ich mit dem Hut schwenk, so kommst zu uns hin. Kannst ja so thun, als obst ganz zufällig kämst.«
Der Alte war ganz Flamme. Er eilte davon. –
Nachdem der Assessor, wie er zu dem Sepp gesagt hatte, die betreffenden hiesigen amtlichen Personen aufgesucht und sich mit ihnen verständigt hatte, war er nach der Mühle herausspaziert.
Er hatte eigentlich noch keinen festen Plan darüber, wie er sich dem Müller unauffällig nähern wolle. Er vertraute dem Zufalle, und dieser war ihm wirklich günstig. Als er die Mühle erreichte, saß der Müller auf einem Fahrstuhle vor dem erwähnten Tische im kleinen Vorgärtchen. Er hatte, wie gewöhnlich die Peitsche in der Hand.
Er betrachtete den langsam und mit der unbefangenen Miene eines Spaziergängers herbeitretenden Assessor und erwiederte dessen Gruß in seiner unfreundlichen Weise, die ihm zur zweiten Gewohnheit geworden war.
»Erlauben Sie, bei Ihnen Platz zu nehmen?« fragte der Beamte.
»Dort ist ja auch Platz,« antwortete der Gefragte, indem er nach einem andern Tische deutete.
»Ich ziehe es vor, mich zu unterhalten.«
»Ich nicht.«
»Nun, so können wir ja auch still neben einander sitzen,« lächelte der Assessor.
»Das Stillsein geht noch besser, wann wir an verschiedenen Tischen sitzen.«
Der Beamte ließ sich aber nicht irre machen. Er zog sich einen Stuhl so an den Tisch, daß er dem Müller gegenüber saß, und sagte:
»Hier ist doch wohl eine Restauration?«
»Die ist freilich hier.«
»Was kann man da zu trinken bekommen?«
»Allerlei. Fragens nur die Leut.«
»Wo befinden diese sich?«
»Drinnen in dera Mühlen.«
»Hm! Wollen Sie nicht die Güte haben, irgend Jemand herauszurufen?«
Da schwang der Müller die Peitsche, klatschte einige Male laut mit derselben und antwortete:
»Lassens mich aus, Herr! Ich hab Ihnen schon bereits sagt, daß ich keine Unterhaltungen und Redereien haben will.«
»Nun, Sie sollen Ihren Willen haben. Aber vorher bitte ich, mir gefälligst zu sagen, wer Sie sind.«
»Das geht Sie gar nix an.«
»Vielleicht doch. Ich will mich nämlich bei dem Thalmüller nach Etwas erkundigen.«
»Das könnens schon thun; mich aber lassens halt nun in Ruh!«
Es war ein eigenartiges Lächeln, welches über die Züge des jungen Beamten glitt. Trotz des Empfanges, welcher ihm geworden war, getraute er sich, recht gut mit diesem Manne fertig zu werden. Natürlich wußte er, wen er vor sich hatte. Der Müller war ihm vom Sepp so genau beschrieben worden, daß ein Irrthum gar nicht möglich war, und zudem war der hier vor ihm sitzende Mann an den Füßen gelähmt, so wie der Thalmüller; er mußte es also sein.
Der Assessor brannte sich eine Cigarre an, die er nun in einer Weise rauchte, als ob seine ganze Aufmerksamkeit auf diese Thätigkeit gerichtet sei.
So verging eine ziemliche Zeit. Da trat eine Magd unter die Thür. Der Assessor winkte ihr, und sie kam näher.
»Haben Sie Bier, mein Fräulein?« fragte er sie in höflichem Tone.
»Ja freilich haben wir eins,« antwortete sie, indem sie versuchte, einen Knix zu machen.
Trotzdem ihr dieses Compliment vollständig mißlang, lachte ihr ganzes Gesicht vor Vergnügen über die Höflichkeit, mit welcher sie angeredet worden war.
»So bitte, bringen Sie mir ein Glas!«
Sie knixte wieder, freilich nur mit dem einen Beine und auf dieser einen Seite, und eilte dann in das Innere der Mühle, um den erhaltenen Befehl zu vollziehen.
»Alberne Drine!« brummte der Müller leise, aber doch so, daß der Assessor es hören mußte.
Der Letztere aber that dennoch so, als ob er die Worte nicht vernommen habe; aber als die Magd ihm dann das Bier brachte, fragte er sie:
»Bitte, mein Fräulein, können Sie mir wohl sagen, ob der Besitzer dieser Mühle jetzt zu sprechen ist?«
Sie blickte ganz verwundert erst auf ihn, dann auf seinen Gegenüber und antwortete:
»Meinens etwan den Müllern?«
»Ja.«
»Na, da sitzt er doch!«
Dabei deutete sie auf den Müller und machte ein Gesicht, dem man es sehr deutlich anmerken konnte, daß sie die an sie gerichtete Frage nicht begreifen könne.
»Danke!« sagte der Assessor höflich zu ihr, und als sie sich dann entfernt hatte, wendete er sich lächelnd an seinen Gegenüber. »Sie scheinen sehr gern Versteckens zu spielen, und da auch ich ein großer Freund dieses allerliebsten Spieles bin, so freut es mich außerordentlich, Ihnen zeigen zu können, daß ich in demselben nicht unbewandert bin. Also, machen wir weiter so fort, wie wir begonnen haben! Nur glaube ich nicht, daß Sie es lange mit mir aushalten werden.«
Diese letzteren Worte hatte der Assessor aus psychologischen Gründen gesagt. Der Müller war ihm als ein Hartkopf beschrieben worden, was durch das jetzige Verhalten auch bereits genugsam beschrieben worden war. Der Assessor that nun, als ob er ihm überlegen sei, um ihn zum Widerspruch heraus zu fordern. Hatte er ihn erst einmal zum Sprechen gebracht, so mußte sich alles Andere ganz von selbst entwickeln. Diese Berechnung zeigte sich auch sofort als richtig, denn der Müller zog ein höhnisches Gesicht und antwortete:
»Ich möcht wohl Den sehen, mit dem ichs nicht aushalten thät. Oder haltens sich vielleichten für gar so sehr klug und gescheidt?«
»Ja,« antwortete der Assessor in sehr ernstem Tone.
»Na, so schauens freilich nicht aus!«
»Das ist ja möglich. Gewöhnlich sehen die Leute ganz anders aus, als sie sind. Ich habe wohl ein dummes Gesicht, bin aber nicht dumm. Sie hingegen haben eine außerordentlich kluge Physiognomie, und da läßt sich vermuthen, daß Sie das Pulver wohl auch nicht erfunden haben werden.«
Da schlug der Müller mit der Faust zornig auf den Tisch und rief:
»Himmelsappermenten! Das ist eine Grobheiten, die ich mir nicht gefallen zu lassen brauch!«
»Nun, so lassen Sie es sich nicht gefallen! Nur bin ich neugierig, zu sehen, wie Sie das anfangen werden.«
»Ich laß Sie hinauswerfen!«
»Ich bin ja schon draußen. Wir sitzen doch im Freien!«
»Ich hab meint, daß ich Sie fortjagen laß!«
»Ach so! Was thue ich da mit Ihnen? Sie haben mich doch auch beleidigt, indem Sie sagten, daß ich nicht gescheidt aussehe.«
»Da hab ich nur die Wahrheit sagt.«
»Und ich auch. Uebrigens kann ich nicht begreifen, daß Sie sich verleugnen, wenn ich nach dem Müller frage. Das thut man doch blos nur dann, wenn man keine gerechte Sache hat.«
»Donnerwettern! Wie meinens das? In wiefern soll ich keine gerechte Sach haben? Heraus damit! Ich wills wissen!«
»Ich habe nicht einen bestimmten Gegenstand gemeint, sondern ganz im Allgemeinen gesprochen!«
»Das will ich mir verbitten! Hier wird nicht im Allgemeinen sprochen. Verstanden! Und wenn ich nicht gleich sag, daß ich dera Müllern bin, so kann ich das, und ich hab meinen Grund dazu. Ich brauch nicht für einen Jeden dazusitzen, der herbei kommt und mit mir reden will.«
»Ach so! So ist also mit Ihnen kein Geschäft zu machen?«
Dieses Wort brachte die beabsichtigte Wirkung hervor. Das Gesicht des Müllers legte sich in freundlichere Falten, und er fragte:
»Ein Geschäft? Wegen einem Geschäft sinds halt kommen? Was ists denn für eins?«
»Haben Sie nicht Lust, einen sehr guten Getreidekauf zu machen?«
»Warum nicht? Frucht kauf ich immer, und wanns denen Preis darnach stellen, so zahl ich auch sogleich baar. Ists Roggen?«
»Nein.«
»Weizen oder Gersten oder auch ein Hafer?«
»Auch nicht.«
»Sappermenten! Ein Anderes kanns doch wohl gar nicht sein.«
»Vielleicht doch!«
»So sagens doch grad heraus!«
»Danke! Erst wollten Sie nicht mit mir reden, und nun ist mir die Lust vergangen, mit Ihnen zu sprechen.«
Er legte sich bequem an die Lehne seines Stuhles zurück und zog an seiner Cigarre. Der Müller betrachtete ihn mit forschendem Blicke, hustete einige Male vor sich und sagte:
»Machens doch keine Sperrenzereien! Sinds etwan ein Getreidehändlern?«
»Nein.«
»Oder Agent?«
»Auch nicht. Sprechen wir nicht weiter von dieser Angelegenheit. Ich wollte Ihnen ein sehr vorteilhaftes Angebot machen. Sie haben mich abstoßend behandelt, und so ist es gut und abgemacht. Ich zwinge mich Keinem auf.«
»Da sinds aberst sehr schief gewickelt! Ein Geschäfts- und Handelsmann darf nicht so übelnehmisch sein, sonst macht er einen schlechten Handel.«
»Pah! Das brauche ich nicht zu befürchten. Meine Waare ist gut, und meine Preise sind sehr niedrig! Da weiß ich, daß ich das Getreide los werde. Uebrigens kam ich nur hierher, um Sie persönlich kennen zu lernen. Vielleicht machen wir später einmal ein Geschäft. Zu dem gegenwärtigen brauche ich Sie nicht. Ich habe einen Mann, der ist Besitzer von zwei Mühlen. Wenn er sie auch nicht selbst im Gange, sondern in Pacht gegeben hat, so wird er doch, wenn er die Preise erfährt und die Waare sieht, mir dieselbe sofort abnehmen.«
»So? Wer ist denn dieser Mann?«
»Er heißt Claus. Ich glaube nicht, daß Sie ihn kennen.«
Er sagte das im unbefangensten Tone. Der Müller horchte auf und fragte:
»Meinens etwan den Conrad Clausen drüben in Hohenwald?«
»Ja.«
»Also den Silberbauern? Den, den!«
»Ja, ich glaube, daß er in der dortigen Gegend bei diesem Namen genannt wird.«
»Den kennens also?«
»Sogar sehr gut.«
»Woher denn?«
»Schon seit langer, langer Zeit, als ich noch im Auslande war. Er hatte in der Nähe meines Wohnortes eine Mühle gepachtet.«
»Wo ist das gewest?«
»In Slatina.«
Es war, als ob eine Natter den Müller gestochen habe. Er fuhr so hoch empor, wie seine kranken Beine es ihm erlaubten.
»Was? Sie sind von da unten her?«
»Ja.«
»So! Da habens wohl auch alle Leuteln kannt, welche dort wohnen?«
»Nein. Zur Zeit, als der Silberbauer sich in jener Gegend befand, war ich ein halbwüchsiges Bürschchen und kam nur zur Ferienzeit nach Hause. Da versteht es sich ganz von selbst, daß der Kreis meiner Bekannten dort kein sehr großer gewesen ist.«
»Aberst beim Claus sinds wohl oft in seiner Mühlen gewest?«
»Sehr oft.«
»Und hats nicht noch eine zweite Mühlen dort in der Nähe geben?«
»Vielleicht. Ich kenne sie nicht. Ich bin nicht hingekommen. Uebrigens unter uns gesagt, muß Claus damals ein ganz eigenthümliches Leben geführt haben.«
Er hatte sich vorgebeugt und sagte diese Worte in vertraulichem Flüstertone. Des Müllers Augen waren weit geöffnet. Man sah es ihm an, wie hochinteressant ihm dieses Gesprächsthema sei. Er zwang sich aber zu einem möglichst gleichgiltigen Tone, als er antwortete:
»Was weiß ich davon!«
»Nichts? Ich denke, Sie kennen das?«
»Warum soll ichs kennen?«
»Weil Sie ein Vertrauter des Silberbauers sind.«
»Ich? Das kann Niemand einfallen. Warum denkens denn eigentlich, daß ich ein Vertrauter von ihm bin?«
»Weil Sie wissen, daß es dort in seiner Nähe noch eine zweite Mühle gegeben hat. Ich vermuthe, daß Sie das von ihm erfahren haben, denn hier giebt es keinen Menschen, der in jener Gegend gewesen ist.«
»Ja, das ist richtig. Ich bin Müller, und dera Claus ist Müller. Wir haben uns Mal troffen, und da hat er mir von dem Ort verzählt, an welchem er früher wohnt hat. Da sprach er von dera zweiten Mühlen. So hab ichs also von ihm derfahren. Aberst sagens doch mal, warum Sie denken, daß dera Silberbauern damals so ein absonderliches Leben führt hat?«
»Ich habe so meine Gedanken darüber.«
»Die man wohl nicht derfahren darf?«
»Was könnte es Ihnen nützen!«
»Nix. Das ist freilich war. Aberst ich verinteressire mich gar sehr für denen Silberbauern, und da hätt ich gar gern was von seinen früheren Zeiten derfahren.«
»Das gebe ich sehr gern zu. Sie sind Geschäftskollegen, und bei solchen ist es ja von Vortheil, wenn sie sich gegenseitig kennen. Aber ich weiß nun nicht, ob ich von diesen Sachen sprechen darf.«
»Warum nicht? Ists denn was so gar sehr Schlimmes?«
»Hm! Ich weiß nicht.«
Der Assessor machte bei diesen Worten ein sehr bedenkliches Gesicht. Das hatte die Wirkung, daß der Müller noch begieriger wurde, zu erfahren, was dieser fremde Mann von dem Silberbauer wußte.
»Was machens denn für ein Gesichten?« fragte er. »Das schaut ja ganz so aus, als obs sich von bösen Angelegenheiten handele.«
»Vielleicht!«
»Donnerwettern! Dera Silberbauern wird doch nix Böses thun! So wie ich ihn kennen lernt hab, ist er ein braver Mann.«
»Jetzt vielleicht.«
»Aberst früher wohl nicht?«
»Wie es scheint, nein.«
»Hörens, da betrachtens ihn wohl von dera falschen Seiten!«
»O nein! Haben Sie nicht vielleicht einmal von einer gewissen Frau Weise gehört?«
»Nein. Die kenne ich nicht.«
»Ihr Mann war auch Müller; er wohnt in Hohenwald und wird der Finkenheiner genannt.«
»Hm, den Mann seinen Namen hab ich freilich schon einmal hört; aberst die Frauen kenn ich nicht.«
»Auch ihr Schicksal nicht?«
»Nein.«
Es war ihm anzusehen, daß er die Unwahrheit sagte:
»Sie soll eine Liebschaft mit dem Silberbauer gehabt haben,« fuhr der Assessor fort.
»So! Das ists! Nun, wanns weiter nix Schlimmes von ihm wissen, so ists ja gar nicht so bös. Eine Liebschaften hat Jeder mal.«
»Aber nicht mit der Frau eines Anderen!«
»Warum nicht? Das soll auch vorkommen.«
»Er hat sie entführt.«
»Sappermenten! Das kommt ja nur in Theatern oder in denen Romanen vor!«
»Auch im Leben, wie dieses Beispiel so deutlich beweist.«
»Nun, wann sie mit ihm davonlaufen ist, so hat sie allein die Dummheiten begangen.«
»Aber sie hat ihr Geld mitgenommen, um welches er sie dann betrogen hat.«
»Obs wahr ist!«
»Sehr! Es ist sogar erwiesen.«
»Nun, so hat er sichs wohl blos nur borgt. Er mags ihr zurückgeben; er kann das, denn ich hab hört, daß er reich ist.«
»Ja, reich ist er. Er soll nämlich zwei große Kasten voll türkischer Goldstücke besitzen.«
Da wechselte der Müller die Farbe.
»Was!« rief er stockend. »Zwei große – Kasten mit – türkischen Goldstuckerln!«
»Ja, so munkelt man.«
»Woher soll er die haben?«
»Von Slatina mitgebracht, wenigstens den einen Kasten. Den anderen soll er sich erst vor kurzer Zeit geholt haben.«
»Alle Teufeln! Ist er da wiedern in Slatina gewest?«
»Nein. Er soll diesen Kasten bei einem Bekannten geholt haben, welcher mit ihm – – ah, da fällt mir etwas ein! Daran habe ich gar nicht gedacht, als ich vorhin – –«
Er hielt inne und that, als ob er über Etwas nachdenke.
»Was ists?« fragte der Müller angelegentlich.
»Eine kleine Vergeßlichkeit.«
»Welche denn? So sagens es doch!«
Er sagte das in einem sehr dringlichen Tone. Der Assessor antwortete:
»Sie fragten vorhin nach einer zweiten Mühle. Ich konnte mich nicht besinnen. Jetzt aber, da von dem Geldkasten die Rede ist, fällt es mir wieder ein. Ja, es hat noch eine Mühle gegeben, und der Pächter derselben ist nicht nur Freund, sondern auch der Verbündete des Silberbauers gewesen. Sie haben ein Schloß angebrannt.
»Tod und Hölle!« rief der Müller, vor Schreck fast überlaut.
»Und dabei alles Geld geraubt, welches sich in der Kasse befand.«
»Da sinds ja gradezu Mordbrennern gewest!«
»Allerdings. Den Raub haben sie getheilt und sind dann fortgezogen.«
»Wohin?«
Es war, als ob die Augen des Müllers aus ihren Höhlen treten wollten.
»Der Silberbauer natürlich nach Hohenwald.«
»Und der Andere?«
»Das weiß man nicht.«
»Aberst dera Silberbauern wird es wissen.«
»Höchst wahrscheinlich. Aber sagen wird er es jedenfalls nicht.«
»Warum denn nicht?«
»Weil dann die Sache erwiesen wäre. Er wird natürlich leugnen, und so kann man ihm also nichts beweisen.«
Der Müller holte tief Athem. Er nahm die Peitsche in die Hand und schwippfte leise mit ihr hin und her. Da aber kam ihm ein Gedanke, der ihn sehr zu erschrecken schien.
»Woher weiß man denn das eigentlich?« fragte er.
»Das kann ich auch nicht sagen.«
»Aberst Sie wissens doch, und da müssens natürlich wissen, von wem Sie es derfahren haben.«
»Das weiß ich freilich, und woher der es hat, das wird er auch wissen, Jeder erzählt es; aber Keiner sagt, von wem er es hat. Wissen Sie, solche Sachen liegen, so zu sagen, in der Luft. Es ist erwiesen; man weiß es, man spricht auch davon, und der Betreffende hat nicht die mindeste Ahnung.«
»Das sollte er wissen; das sollte er hören; das sollte man ihm sagen!« »Er wird es schon noch zur richtigen Zeit erfahren. Wenn ein Gewitter in der Luft schwebt, so geht es in den meisten Fällen auch nieder. Und so wird auch das Wetter, welches über dem Silberbauer schwebt, sich entladen. Er muß aller Augenblicke es erfahren, daß ein Gerichts- oder Polizeibeamter von der Sache erfährt, und dann bricht es los, und er wird arretirt.«
»Himmelsacra! Aberst es ist jedenfalls nur eine Redereien, eine Verleumdungen, die sich irgend Einer, der ihm nicht gut ist, ausdenkt hat.«
»Das glaube ich nicht. Solche Sachen sinnt man sich nicht aus. Das ist zu gefährlich für den Verleumder. Uebrigens ist eine Zeugin da, die wohl im Stande sein würde, gegen ihn auszusagen.«
»Wer ist diejenige?«
»Die Frau des Finkenheiner.«
Es verging eine Weile. Der Müller hatte den Mund offen und blickte ihn starr an. Dann sagte er, mehrere Pausen machend:
»Die – die ist – wiederum hier! Das kann sie doch gar nimmer wagen!«
»Warum nicht?«
»Sie kann ja ihrem Manne gar nicht unter die Augen treten!«
»O, der hat sich mit ihr ausgesöhnt. Er hat ihr vergeben!«
»Dann hat er keinen Charactern!«
»Grad weil er einen sehr guten Character hat, ist ihr vergeben worden. Sie ist die Verführte, sie hat gebüßt und viel erduldet, und vor allen Dingen, sie ist die Mutter seiner Kinder. Das hat ihn bewogen, ihr zu vergeben.«
»Aberst die Schand, die Schand vor denen andern Leuten! Die Alle wissen ja, daß sie ihrem Manne davonlaufen ist.«
»Das wird sie wohl ruhig tragen! Und wer eine große Rach im Herzen trägt, der macht sich aus einigen Blicken der Verachtung und Geringschätzung nicht viel oder auch gar nichts.«
»Was giebts da für eine Rach im Herzen?«
»Natürlich gegen den Silberbauer. Seit sie da ist, forscht sie nach dem anderen Müller. Sie will ihn entdecken, und dann, wenn sie ihn gefunden hat, wird es bei dem Silberbauer wohl einen sehr großen Krach geben.«
Der Müller ließ die Peitsche fallen. Er war ganz sprachlos vor Schreck. Dann trommelte er mit den Fingern seiner rechten Hand auf der Tischkante blickte in das Weite, weil er sich nicht getraute, den Assessor gerade anzusehen, und sagte endlich:
»Wer hätt das denken sollen! Weiß sie denn also nicht, wo dera Andre sich befindet?«
Der Assessor that, als ob er gleichgiltig vor sich niederblickte, hielt aber den verstohlenen Blick scharf auf das Gesicht des Müllers gerichtet, in welchem sich Schuld und Angst in der deutlichsten Weise aussprachen. Er antwortete wie so eben hin:
»Die Frage ist wohl eine überflüssige. Würde sie nach ihm suchen, wenn sie seinen Aufenthalt wüßte?«
»Freilich nicht. Sie muß also meinen, daß er in dera Nähe von Hohenwald wohnt?«
»Ja, sie scheint Veranlassung zu haben, das zu glauben.«
»Wiefern?«
»Weil der Silberbauer eine große Dummheit begangen hat. Er ist so unvorsichtig gewesen, vor einigen Tagen diesen anderen Müller aufzusuchen.«
»Donnerwetter! Woher weiß man das?«
»Er hat am Abend desselben Tages einen Kasten voll türkischer Pfundstücke gebracht, lauter Gold.«
»Das hat man sehen?«
»Ja. Darum rede ich von einer Dummheit, die er begangen hat.«
»Ja, das ist freilich eine Dummheiten,« rief der Müller im grimmigsten Tone, »eine verdammte Dummheiten, wie er sie größer gar nicht machen könnt hat!«
»Na,« lächelte der Beamte, »erbosen und erzürnen Sie sich doch nicht so darüber! Ihnen geht ja die Geschichte gar nichts an!«
Der Müller bemühte sich, sofort einen anderen, einen gleichgiltigeren Ton anzuschlagen:
»Da habens halt Recht! Man soll sich über die Unvorsichtigkeiten der andern Leuten gar nicht ärgern!«
»Freuen vielmehr muß man sich darüber, falls durch so eine Unvorsichtigkeit ein Verbrechen an das Tageslicht kommt. Aber, wenn der Silberbauer früh fortgefahren und gegen Abend schon wieder mit dem Gelde zurückgekommen ist, so versteht es sich ganz von selbst, daß der andere Müller in der Nähe von Hohenwald wohnen muß.«
»Das ist freilich richtig. Die Frau des Finkenheiner wird wohl den Namen desselbigen wissen?«
»Vermuthlich!«
»Und Sie, wissen Sie ihn auch?«
»In diesem Falle müßte ich mit dieser Frau auf einem sehr vertrauten Fuße stehen.« »Nun, Sie könnten dieselbige ja kennen, da Sie aus dera Gegend von Slatina sind.«
»Ich habe mich nicht um sie gekümmert.«
»Nun, sie mag suchen. Und wenn sie ihn auffindet, so wird es ihr wohl schwer werden, die That zu beweisen. Ist sie denn dabei gewest?«
»Ich glaube nicht.«
»So mag sie nur den Mund halten!«
»Das ist ihr freilich anzurathen, wenigstens in Beziehung auf den Raub der Goldstücke. Das Andere wird sie aber wohl beweisen können.«
»Was? Giebts noch ein Anderes?«
»Freilich! Es ist nämlich damals ein Knabe verschwunden, der Sohn des Barons von Gulijan, und –«
»Himmelsternenpech!« rief der Müller, von seinem Stuhle auffahrend aber sogleich wieder niedersinkend.
»Warum erschrecken Sie?«
»Ich –? Bin ich denn verschrocken?«
»Es sah ganz so aus.«
»Hören Sie, da irrens sich gewaltig!«
»Hm! Sie sprangen ja förmlich in die Höhe!«
»Aberst nicht vor Schreck. Ich möcht wissen, warum ich darüber verschrecken sollt! Mich geht diese Angelegenheiten ja gar nix an. Sie ist aberst so gar interessant, daß ich mich grad so hineindenk, als ob ich dabei gewest wär.«
»Ach so! Ja, mir ist sie auch so hochinteressant, und ich bin sehr begierig, zu erfahren, wie das enden wird!«
»Also ein Bub ist verschwunden? Der Sohn von einem Baronen! Wer weiß, wohin er ist. Wann ist er denn fort?«
»Am Abende, an welchem das Schloß niederbrannte.«
»O, weh! Da wird er mit verbrannt sein! Schade um den armen Buben!«
»Nein. Verbrannt ist er nicht, sondern entführt ist er worden.«
»Alle Teufel! Das weiß man so genau?«
»Ja. Man kennt sogar Denjenigen, der ihn geraubt und mit sich fortgenommen hat.«
»So! Auch das ist bereits an das Tageslicht kommen! Darüber hab ich meine Freud.«
»Das macht Ihrem guten Herzen alle Ehre.«
»Ich glaubs freilich noch gar nicht, daß eine Entführung geschehen ist.«
»Das ist bereits erwiesen und über allen Zweifel erhaben.«
»Und es kommt aberst auch nur in denen Romanen und Theaterstucken vor, sonst nicht. Ich hab mal so ein Theater sehen, wo Eine entführt worden war. Preziosa heißt das Stuck und Zigeuner warens, die das Kind mit fortnommen hatten.«
»Zigeuner sind es hier auch gewesen.«
»Ists wahr?«
»Ja. Der Kerl hat Barko geheißen. Sie sehen also, daß man bereits seinen Namen kennt.«
»Ists – – wahr – –! Barko – – oh!«
Er stieß das mit zitternder Stimme hervor.
»Ja. Dieser Barko hatte einen Bruder, Namens Jeschko, dessen Frau, Mylla geheißen, die Amme dieses Knaben wahr. Haben Sie diese drei Namen oder wenigstens einen davon, vielleicht bereits einmal gehört?«
»Nein, nein,« antwortete der Müller in aller Eile. »Wo sollte ich so was hört haben?«
»Nun, vielleicht aus dem Munde des Silberbauers, mit dem Sie ja bekannt sind.«
»Der wird sich hüten, mir so was zu sagen. Was geht mich dera Zigeunern an! Und was hat dera Silberbauern mit dera Entführungen zu schaffen! Nix, gar nix.«
»Sehr viel sogar, wie es scheint. Das muß wahr sein, denn Jeschko sagt es.«
»Dera Zigeunern?«
»Ja, den ich soeben genannt habe, dessen Frau die Amme des entführten Knaben war.«
»Wann hat er das sagt?«
»Vor Kurzem, in Hohenwald.«
»Was! Ist er etwan dorten?«
»Ja, er ist mit der Frau des Finkenheiner dort angekommen. Sie wollen dem Silberbauer an den Kragen; aber bevor sie gegen ihn auftreten, wollen sie erst den andern Müller suchen.«
»Warum diesen wohl?«
»Weil bei ihm sich der geraubte Knabe befinden soll.«
Das war zu viel für den Müller. Er war nicht leicht aus der Contenance zu bringen, und er hatte auch gelernt, sich zu beherrschen. Das aber, was er jetzt erfuhr, ging über die Kraft seiner Selbstbeherrschung. Er schlug mit der Faust auf den Tisch, daß es krachte, und schrie:
»So eine verdammte Gesellschaften! Was fallt ihnen ein. Wann sie mir kommen, so – –«
Er hielt erschrocken inne.
»Was haben Sie?« fragte der Assessor in freundschaftlich verwundertem Tone. »Von wem sprechen Sie denn?«
»Von – von – von,« stotterte der Müller. »Von diesen schlechten Kerls, welche denen braven Buben geraubt haben.«
»Die sollen Ihnen kommen? Kommen sie denn hierher zu Ihnen? Ich begreife Sie nicht!«
»Was giebts da zu begreifen,« versuchte er, sich draus zu reden. »Sehens nicht, daß ich ganz und gar verbost bin auf diese Bande? Ich könnt das Volk gleich hier auf dera Stell derschlagen, aus Zorn, daß sie das gute Buberl stohlen haben. Ein jeder gute Mensch muß da einen Grimm bekommen!«
»Ach, so war es gemeint. Sie thaten aber grad so, als ob Sie der Müller seien, der gesucht wird.«
Der Thalmüller wurde kreideweiß im Gesicht.
»Ich? Ich?« fragte er.
»Ja. Ihre Worte klangen ganz genau so.«
»Das habens falsch vernommen.«
»So, mag sein. Uebrigens wird es wohl nicht sehr lange dauern, so ist der Mann entdeckt. Man braucht seinen Namen gar nicht zu kennen. Die Amme Mylla ist bei ihm gewesen und bei ihm gestorben. Das ist Anhalt genug. Hier bei uns zu Lande giebt es so wenig Zigeunergräber, daß so ein Hügel sehr bald erfragt und gefunden wird.«
Das Auge des Müllers schweifte sofort angstvoll hinüber nach dem Zigeunergrab. Er wollte Etwas sagen, schwieg aber, da er grad eben jetzt in diesem Augenblicke den Fingerlfranz daher kommen sah.
»Schweigens jetzund,« bat er. »Der da kommt, der braucht von dieser Sach nix zu hören.«
»Wer ist er?«
»Der Fingerlfranz, der reichste Bub in dera ganzen Gegend, der meine Tochtern heirathen wird.«
»Und warum soll er nichts wissen?«
»Nur so!«
»Haben Sie einen besonderen Grund?«
»Nein, gar nicht. Aberst er kennt denen Silberbauern auch. Er hat sogar zuweilen ein Geschäften mit ihm und braucht nix zu wissen, was man von ihm derzählt.«
»Ganz, wie Sie wünschen. Mich geht die Sache übrigens gar nichts an. Ich kann mich über alles Andre ebenso gut unterhalten. Sehen wir also davon ab. Ich hätte gar nichts gesagt, wenn Sie nicht so begierig gewesen wären. Etwas darüber zu erfahren.«
»O, ganz schweigen wollen wir noch nicht darüber. Ich möcht Sie noch um was fragen, aberst nicht, wann dera Franz dabei sitzt. Gehens vielleichten schon bald fort?«
»Ja, wenn ich mein Bier ausgetrunken habe.«
»Das ist zu bald. Sie sind ja bereits herunter auf die Neige. Sie müssen sich halt noch ein andres geben lassen.«
»Was habe ich davon! Ich muß fort.«
»Ich kauf Ihnen auch das Getreiden ab!«
»Das bekommt nun ein Anderer. Ich bin ein eigenartiger Mann. Wer mir einmal etwas abschlägt, der bekommt eben nichts.«
»Meinetwegen! Aberst ein Bier müssens noch trinken. Sie brauchens auch gar nicht zu zahlen. Ich bitt gar schön!«
»Sehen Sie, mein Bester, jetzt bitten Sie, und vorhin wollten Sie gar nicht mit mir sprechen.«
»Ja, wer kann wissen, wovon nachhero das Gesprächen handelt. Also still; da ist dera Fingerlfranz bereits.«
Der Genannte war indessen langsam herangekommen. Er machte ein grimmiges Gesicht und that den Mund kaum auf, als er grüßte. Den Assessor schien er gar nicht zu sehen.
»Grüß Gott, Franz!« erwiderte der Müller die mürrische Anrede. »Was hast im Kopf? Machst ja ein Gesichten, als hättst Fischthranen verschluckt.«
»Hasts errathen!«
»Fischthranen? Wie meinsts?«
»Hab jetzt keine Zeit!«
»Oho! Zeit ists immer!«
»Aberst man muß alleine sein!«
Er warf dabei einen forschenden Blick auf den Assessor. Der Müller verstand ihn und antwortete:
»Setz Dich nur immer her. Vor dem Herrn brauchst Dich nicht zu scheuen. Er ist ein guter Freund von mir.«
»Ists wahr?« fragte der Franz den Beamten, indem er ihn erstaunt betrachtete.
Der Gefragte lächelte ironisch und antwortete:
»Meinen Sie, daß der Thalmüller Ihnen eine Unwahrheit sagt?«
»Nein, ihm glaub ich schon. Er ist ja dera Schwiegervatern.«
»Nun gut,« meinte der Müller. »So sag auch, was jetzund bereits so in dera Früh fressen hast!«
»Fressen hab ich nix, aberst fressen werd ich ihn schon noch.«
Er schlug sich dabei mit der geballten Faust auf die Brust, um seinen Worten Nachdruck zu geben, und setzte sich nieder.
»Wen denn wohl?«
»Den, den ich im Wald troffen hab.«
»Wo?«
»Bei dera Paula.«
»Die ist in den Wald gangen, das weiß ich schon und es war Einer bei ihr? Wer dann?«
»Kannsts denken!«
»Nein, denken kann ichs nicht.«
»Nun, Der, der allemalen bei ihr ist, wann ich komm, um mit ihr zu sprechen.«
Der Müller schüttelte verwundert den Kopf.
»Ich versteh Dich freilich nicht. Wer soll heut bei ihr sein! Einer, sagst Du? Also ein Bursch? Der, an den ich dabei denken möcht, der ist doch nicht hier.«
»So? Wo soll er etwan sein?« fragte der Fingerlfranz in höhnischem Tone.
»In München ist er.«
»Ja, in München! Das denkst freilich, aberst da hast Dich schon verrechnet. Da ist er; bei dera Paula ist er, bereits am frühen Morgen.«
»Dera Fex?« fragte der Müller im Tone des höchsten Erstaunens.
»Ja, dera Fexen.«
»Du hast Dich irrt!«
»Ich mich irrt? Meinst, ich hab keine Augen und Ohren?«
»Hast einen Andern sehen und ihn für deren Fex gehalten.«
»So! Kann ich einen Andern für ihn halten, wann ich mit ihm reden thu?«
»Donnerwettern! Mit ihm sprochen hast!«
»Ja, und mit ihm auch rauft.«
»Bist toll! Was will er da?«
»Weißts ja eben auch so genau wie ich. In den Wald kommt er, um mit dera Paula zu reden.«
»Du, das denkst blos nur! Vom München her macht Keiner ein Stelldichein, um ein Dirndl so früh im Wald zu treffen.«
»Ist aberst doch so.«
»Wie solls die Paula wissen, daß er kommt?«
»Das kannst Dir wohl nicht denken? Diesera Lump weiß schon, wie er das einzurichten hat. Einen Briefen schreibt er ihr, und da stehts drin, wo sie ihn sehen kann. Nun weißts.«
»Einen Briefen? Du, das machst mir nimmer weiß! Das ist nicht zu glauben.«
»So glaubs nicht! Hab nix dagegen, wannst Dich von dem Dirndl und denen Buben für den Narren halten und auslachen lassen willst.«
»Hör, Franz, so kommst mir nicht. Von der Paula laß ich mich nicht verlachen. Was ists mit dem Briefen? Ist was Wahres dran?«
»Natürlich! Mehrere sogar hats bereits, und schreiben thuts ihm auch wieder!«
»Das müßt ich doch auch wissen.«
»So! Dera Briefträgern wird Dir den Wischen wohl gleich unter die Nasen halten, wann die Paula zu ihm sagt hat, daß er heimlich thun soll.«
»Kreuzbataillon! Red richtig heraus! Kannsts beweisen?«
»Ja.«
»Wie denn?«
»Ich hab einen in dera Hand habt und denselbigen auch lesen. Und nachhero, als ich ihr sagt hab, daß es ein Unrechten ist, von dem Lumpazi Briefen zu empfangen, da ist er selberst dazu kommen. Er war im Wald.«
»So zeig her den Briefen.«
»Ja, hab ich ihn!« lachte er grimmig.
»Natürlich? Wirst ihn ihr doch nicht etwan wiedergeben haben!«
»Nein, aberst dera Fexen hat ihn mir wiederum abnommen.«
»Und das hast Dir gefallen lassen?«
»Muß ich nicht? Ehe ich es denkt hab, hat er mich mit dera Faust auf den Magen schlagen, daß ich zusammenbrochen bin wie ein Baumklotz. Die Gedanken waren sogleich fort; ich hab nix mehr sehen und hört, und als ich dann aufiwacht bin, so waren sie fort, dera Fexen, die Paula und auch die Briefen.«
Der Müller vermochte sich noch immer nicht hinein zu denken, daß der Fex da sei und – was ihm am Allerärgerlichsten war – mit seiner Tochter gesprochen habe.
»Soll ichs glauben, soll ich!« rief er aus.
»Machs, wie Du willst!«
»Was will er hier! Was für eine Absichten hat er, hierher zu kommen.«
»Das magst Dir selberst zusammenreimen, wannsts nicht sogleich verstehen kannst!« Natürlich will er weiter nix, als mit dera Paula reden, um sie mir abspännstig zu machen.«
»Wann er das denkt, so soll ihn dera Teuxeln reiten! Das duld ich nicht.«
»Und ich auch nicht.«
»So! Nicht dulden willst«, und doch hast Dich abermals niederschlagen lassen. Du, so ein großer und gewaltiger Kerlen!«
»Sei still! Mich brauchst darob nicht auszulachen. Dera allerstärkste Goliathen muß klein zugeben, wann ein kleiner Lump von hinterrucks an ihn kommt. Ich hab nicht dafür konnt, daß ich ein ehrlicher Raufer bin, der dem Gegner in das Angesichten schauen thut. Und nachhero, als ich aufiwacht bin und nun zuhauen wollt, ist er fort gewest.«
»Wohin?«
»Weiß ichs!«
»Na, das Dirndl wird wohl bald nach Haus kommen. Da mag sie sich gefaßt machen. Ich werd ihr zeigen, wo Barthel seinen Mosten holt.«
»So thu es auch, und sag es nicht nur!«
»Oho! Meinst, daß ich mich vor meiner Tochter fürchten thu?«
»Das könnt ich freilich denken!«
»Schweig! Willst mich beleidigen!«
»Ich sag nur die Wahrheiten! Es ist doch bereits schon die Verlobung festsetzt gewest, und Du hast Dich bereden lassen. Dein Wort zu brechen!«
»Daran war dera König schuld.«
»Der ist jetzund nicht mehr hier, also kannsts nun zeigen, daßt der Herr im Haus bist. Allzu lang wart ich nimmer mehr. Wannst denkst, daß ich mich an dera Nasen herumiführen laß, da hast Dich geirrt!«
»Das weißt ja, daß ichs ehrlich meinen thu mit Dir!«
»Was hilft mir die Meinung, wann die That auf sich warten laßt! Ich kann ein jedes Dirndl bekommen, was ich nur haben will. Ich brauch nicht hinter Einer herzulaufen, die mir immer nur versprochen wird, ohne daß ich sie bekommen thu. Ich hab das Warten satt. Wann binnen heut und vierzehn Tagen nicht das Verlöbnissen ist, so seh ich von dera Sachen ab, und Du wirst schauen, was für ein Weiberl ich mir dann nehme!«
Der Müller wollte zornig auffahren, besann sich aber eines Bessern und antwortete in beruhigendem Tone:
»Gut, ich werd Dir zeigen, daß ich Wort halten kann. Sie wird Deine Frau, und kein Anderer soll sie bekommen.«
»Wann ichs glauben könnt!«
»Ich geb Dir ja mein Wort darauf.«
»Das hast mir bereits schon vielmal geben, und wann ich mich darauf verlassen hab, so bin ich der Betrogene gewest. Jetzunder nun ists Zeit. Schau, da kommt sie gegangen. Nun red gleich mal ein Wort mit ihr in meiner Gegenwart. Ich will sehen, ob sie Widerstand leistet.«
»Das soll sie nur wagen.«
Er bückte sich nach der Peitsche. Der Fingerlfranz kam ihm zur Hilfe, hob sie auf und gab sie ihm. Er freute sich innerlich, den Zorn des Müllers angefacht zu haben; er hielt es für möglich, daß der Vater der Tochter die Peitsche zu fühlen geben werde, und das wäre ganz nach seinem Willen gewesen.
Der Assessor hatte sich während des Gespräches der Beiden vollständig schweigend verhalten. Jetzt betrachtete er das langsam näher kommende Mädchen. Der Wurzelsepp hatte von ihr gesprochen und sie ihm auch beschrieben; aber der Assessor sah, daß die Beschreibung weit hinter der Wirklichkeit zurückblieb.
Paula war ein Bild lieblicher, keuscher, unberührter Schönheit. Der Ernst, welcher in Folge des Gespräches mit dem Sepp und dem Fex über ihrem Gesicht ausgebreitet lag und ihre sonst so blühenden Wangen bleich gemacht hatte, erhöhte nur diese Schönheit anstatt dieselbe zu beeinträchtigen.
So kam sie langsam näher. Sie that, als ob sie vorübergehen wolle, ohne die drei Männer zu bemerken. Da aber rief ihr Vater:
»Paula, hast keine Augen?«
Sie blieb stehen und erhob den Blick, sagte aber nichts und that auch keinen. Schritt herbei.
»Nun, kannst nicht herkommen?«
Sie trat näher und fragte leise:
»Was soll ich?«
»Sprich laut, wannst mit mir redest! Wo bist jetzund gewest?«
»Im Wald.«
»Was hast da than?«
»Das wird Dir Der hier wohl bereits sagt haben.«
Sie deutete dabei auf den Franz.
»Jawohl hat er mirs sagt!«
»Das konnt ich mir denken. Ein Angeber und Verräther kann deren Mund niemals halten.«
»Schweig! Es ist seine Pflicht, es zu sagen, und ich bin ihm dankbar dafür, daß er mir die Augen öffnet hat. Du hast Dich mit dem Fexen heut im Wald bestellt gehabt!«
»Nein.«
»Willst mich belügen.«
»Ich sag die Wahrheit.«
Sie blickte ihn mit verschleierten Augen an, aber ihre Stimme klang voll und fest.
»Und es ist doch eine Lügen. Ich weiß es. Wannst die Wahrheiten nicht sagen kannst, so hab ich hier die Peitschen; die wird Dich schon gesprächig machen.«
Er schwang die Peitsche drohend.
Sie blickte ihm grad und ernst in das Auge und erklärte trotz seiner Worte:
»Ich hab den Fex nicht bestellt. Ich hab gar nicht wußt, daß er zugegen ist, und bin ganz verstaunt gewest, als er vor mir stand. Das muß dera Franz bestätigen, wann er die Wahrheiten sagen will.«
»Aberst Du hast doch einen Briefen habt von dem Fexen!«
»Das ist freilich wahr.«
»Sogar mehrere!«
»Ja.«
»Er hat Dir also schrieben?«
»Viermal.«
»Und Du hast ihm antwortet?«
»Dreimal.«
Sie gab diese Antworten in furchtlosem Tone, fast geschäftsmäßig, wie Einer, dem es ganz gleich ist, was nun erfolgen werde.
»Das hast ohne meine Erlaubnissen than und es wird nicht noch mal geschehen. Und damit Dir diese sauberen Gedanken aus dem Kopf kommen, so wirst mir jetzund die Briefen geben.«
Sie antwortete nicht und bewegte sich nicht.
»Nun, her damit!« befahl er in barschem Tone.
»Diese Briefen sind mein. Keiner als ich allein hat das Recht, sie zu lesen.«
Da flackerte das Licht seiner Augen drohend auf. Er schwang die Peitsche und fragte:
»Auch Dein Vater nicht?«
»Nein, so nicht. Er hätte wohl das Recht, zu wissen, was dera Fex mir schreibt, und was ich ihm antworte, nämlich wann er zu mir wäre, wie ein Vatern zu seiner Tochtern sein muß. Da er aberst ein Tyrannen ist und mich mit aller Gewalt zwingen will, einen Hallodri zu heirathen, so bin auch ich von meiner Pflicht entbunden. Er will, was er will, und ich thu, was ich thu!«
Sie wollte sich abwenden und fortgehen. Da rief der Müller:
»Ists so gemeint. Nun, ich werd Dir jetzund mal zeigen, daß Du thust, was ich will. Also her mit denen Briefen!«
Er streckte die linke Hand nach den Briefen aus und schwippte mit der Rechten die Peitsche in einer Weise, aus welcher zu ersehen war, daß er zuzuschlagen beabsichtige.
Sie drehte sich wieder herum und fragte:
»Und wann ich sie Dir nicht geb, was wirst dann mit mir thun?«
»Das wirst gleich fühlen!«
»Willst mich etwan schlagen, hier vor diesem Herrn und auch vor dem Fingerlfranz?«
»Ja, das werde ich thun, und zwar allsogleich!« antwortete er so, daß man ihm den Ernst seiner Drohung anhörte.
Da schritt sie auf ihn zu, ganz nahe an ihn heran, legte ihm die Hand auf die Achsel, warf dabei einen halben Blick auf den Assessor und antwortete: »Du, Vater, mach das nicht! Schlag Deine Tochter nicht. Du könntest ihre Liebe wohl sehr brauchen, wann Alles Dich haßt und verachtet.«
»Was!« fuhr er auf. »Was sagst? Was meinst da zu mir!«
Da beugte sie sich an sein Ohr und flüsterte:
»Die Polizei streckt bereits die Hand nach Dir aus! Denk an den Fex! Der ist deswegen da!«
Da war es ihm, als hätte ihn der Schlag gerührt. Der Schreck öffnete ihm die Hand, so daß die Peitsche ihm entfiel. Er starrte sie an und starrte ihr nach, als, sie sich jetzt von ihm wendete und langsam nach der Thür schritt.
»Nun, Müllern, so schlag doch zu!« rief der Franz, höhnisch lachend.
Der Müller antwortete ihm nicht. Sein Auge hing mit dem Ausdrucke des Entsetzens an der Gestalt seiner Tochter, bis dieselbe hinter der Thür verschwunden war.
»Nun, schlagen kannst also nicht, und reden aber auch nicht mehr, wie es scheint.«
Der Müller drehte sich zu ihm um. Sein Blick war beinahe ein gläserner zu nennen.
»Hasts hört, Franz?« fragte er tonlos.
Er dachte gar nicht daran, daß seine Tochter so leise gesprochen hatte, daß es unmöglich außer ihm ein Anderer gehört haben konnte.
»Freilich Hab ichs hört! Es klang gar schön!«
»Was! Wirklich hört hasts?«
»Ja. Alle werden Dich verachten.«
»Ach das. Und hast auch das vernommen, was sie mir ins Ohr sagt hat?«
»Nein. Das war so leise und nur allein für Dich gemeint.«
»Ah, das ist gut!« entfuhr es dem Alten.
»Gut? Warum? Willst nun wohl mit ihr aus einer Karten gegen mich spielen?«
»Nein, ich halt mein Wort!«
»Das hab ich jetzund gar deutlich sehen. Hast sie schlagen wollen, und sie ist davon gangen, ohne daßt ihr ein einzig Wort noch sagt hast.«
»Das hat seinen guten Grund. Sie hat mir da was sagt, was – was – was – –«
»Nun, was! Sags doch heraus.«
»Nein, so nicht. Wart ein Wenig! Ich hab über was nachzudenken.«
Er starrte vor sich hin. Erst hatte der Assessor, den er allerdings für einen Geschäftsmann hielt, ihm so bedenklich, ja gradezu erschreckliche Mittheilungen gemacht. Man suchte nach ihm und nach dem Fex. Man hatte das Gold gesehen, welches der Silberbauer von ihm geholt hatte. Jetzt war der Fex persönlich da, und Paula sprach von der Polizei. Er erkannte, daß eine große, fürchterliche Gefahr ihm nahe. Wie war dieselbe abzuwenden? Nur dadurch, daß er den Silberbauern warnte. Gestand dieser nichts, so konnte, seiner Meinung nach, kein Mensch ihm Etwas beweisen.
»Nun,« sagte der Franz, »bist bald fertig mit dem Gedanken? Oder soll ich Dir mit helfen?«
»Ja, kannst mir mit helfen, wannst willst.«
»So sag, was es betrifft.«
»Komm mit herein in meine Stuben!«
»Kannst nicht hier auch davon sprechen?«
»Nein, ich wills doch nicht thun. Weißt, ich werd jetzund die Paula zwingen, es Dir zu versprechen, daß sie Deine Frauen wird, und da müssen wir allein mit ihr sein.«
Da sagte der Assessor schnell:
»O bitte, ich will Sie nicht stören. Machen Sie diese Angelegenheit immerhin hier aus!«
Er stand auf und that, als ob er sich entfernen wolle, was aber natürlich ganz und gar nicht in seiner Absicht lag.
»Nein, nein!« fiel der Müller ein. »Bleibens nur da! Ich komm gleich wiederum heraus! Sie wissen ja, daß ich noch was Nothwendigs mit Ihnen zu reden hab!«
»Aber ich hab keine Zeit!«
»Wartens nur fünf Minuten! Ich werd sehr schnell machen. Komm, Franz, fahr mich hinein!«
»Ja, jetzund muß ich auch noch den Stier machen, der den Wagen schiebt. Na, wann die Paula der Preis ist, so thue ich Alles.«
Er drehte den Stuhlwagen, auf welchem der Müller saß, herum und schob ihn nach dem Hause.
»Hm!« flüsterte der Assessor, indem ein befriedigtes Lächeln über sein Gesicht glitt. »Fahrt nur zu! Was der Alte will, das kann ich mir wohl denken; aber ich will eine Barrière über den Weg legen.«
Er stand auf und entfernte sich, langsam und schlendernd, als ob er nur einige wenige Schritte thun wolle, um sich die Zeit zu vertreiben. Aber als er von den Fenstern aus nicht mehr gesehen werden konnte, wurden seine Schritte desto rascher.
An der Villa vorübereilend, kam er nach einem Buschwerke, welches seitwärts des nach der Stadt führenden Fahrweges lag. Er trat in dasselbe hinein. Dort standen zwei Gensdarme verborgen, welche er dahin beordert hatte.
»Meine Herren,« sagte er, »ich vermuthe, daß der Müller den Fingerlfranz mit einer Botschaft nach Hohenwald senden will. Halten Sie diesen Mann an, und bringen Sie ihn auf alle Fälle für so lange in Sicherheit, bis er uns keinen Schaden mehr machen kann.«
»Sehr wohl, Herr Assessor!« antwortete der Eine, ein militärisches Honneur machend.
»Es steht zu erwarten, daß die Botschaft nicht eine mündliche, sondern eine schriftliche ist. Suchen Sie also den Franz nach einem Briefe aus. Ich werde wohl den Wurzelsepp senden, mir diesen Brief zu holen, da ich nicht weiß, ob ich selbst kommen kann. Alles muß ohne Geräusch und exact gehen. Das ists, was ich Ihnen zu sagen habe.«
Er kehrte nach seinem Tische zurück und nahm an demselben Platz, ohne daß von irgend Jemand beachtet worden war, daß er sich entfernt gehabt hatte.
Der scharfsinnige Mann hatte in seiner Vermuthung das Richtige getroffen. Der Fingerlfranz mußte den Müller in dessen Stube fahren. Dort angekommen, war er überzeugt, daß nun Paula gerufen werde. Aber dem war nicht so.
»Schieb mich schnell an denen Tisch,« sagte der Müller, »und gieb mir Feder, Tinte und Papieren hier aus dem Kasten!«
»Willst etwan schreiben?«
»Ja.«
»Wohl gleich den Heirathscontracten?«
»Nein. Mach jetzund keinen Scherz! Mir ists sehr ernst zu Muthe.«
»Mir auch, denn eine Verlobung ist keine Kleinigkeiten. Soll ich die Paula rufen?«
»Wart noch!« Er legte sich das Papier zurecht, blickte einen Augenblick lang finster vor sich hin und wendete sich dann an Franz:
»Du sag mal, ob ich mich auf Dich verlassen kann!«
»Natürlich! Warum fragst?«
»Weilst mir einen Gefallen erweisen sollst, von dem Niemand was wissen darf.«
»Sehr gern; aber erweise mir vorher den Gefallen, die Paula rufen zu lassen, um ihr zu sagen, daß sie endlich und unbedingt einzuwilligen hat.«
»Das kommt auch noch – – –«
»Nein, das muß vorher kommen!«
»Still! Erst das Allernothwendigste. Jetzt sollst mir einen Weg machen. Wannst die Botschaft, die ich Dir anvertraue, richtig ausführst, so ist heut Abend die Versprechung zwischen Dir und dera Paula.«
»Ists wahr?«
»Mein Wort und mein Schwur darauf!«
»Und wann sie nicht will?«
»So mach ich in Deiner und ihrer Gegenwart das Testament. Ich enterbe sie, und Du bekommst Alles.«
»Donnerwetter! Darauf gehe ich gern ein!«
»Das kannst freilich gut! Arm mag sie wohl nicht werden, und darum wird sie Ja sagen, wann sie derkennt, daß ich Ernst mach.«
»Schön, sehr gut! Wo willst mich hinsenden?«
»Nach Hohenwald. Kennst Du dort denen Silberbauern?«
»Natürlich werd ich den kennen!«
»Ihm sollst den Briefen bringen, den ich jetzund schreib. Aberst kein Mensch darf es wissen, weder heut, noch in späterer Zeit.«
»Ists denn gar ein so großes Geheimnissen?«
»Freilich!«
»Aberst ich darf es derfahren?«
»Nein.«
»Sappermenten! Das paßt mir nicht! Ich soll es machen und darf doch nix davon wissen! Und da soll ich Dein Schwiegersohn werden und soll auch glauben, daßt Vertrauen hast zu mir!«
Der Müller fühlte sich in die Enge getrieben. Der Franz durfte natürlich keine Ahnung von dem Inhalte des Briefes haben. Ebenso wenig aber durfte er ihn zornig werden lassen. Darum griff er nach dem einzigen Mittel, welches ihm blieb:
»Könntest schon Recht haben, wann sichs nur blos um mich handelte: aberst das Geheimnissen ist nicht mein Eigenthum, sondern dasjenige des Silberbauers. Du siehst also, daß ich jetzt nix sagen darf. Aberst in einigen Tagen wirst Alles derfahren. Das versprech ich Dir.«
»Auf diese Weis will ichs mir gefallen lassen.«
»Das denk ich auch. Aber, weißt, die Sach darf keinen Aufschub derleiden. Du nimmst den Briefen, gehst heim, sattelst ein Pferd und reitest immer Trab und Galoppen. So schnell bringst mir auch die Antworten wieder.«
»So bin ich heut doch ein richtiger Staffetenreitern!«
»Ja, das bist.«
»So sollt ich eigentlich gar nicht erst heimgehen.«
»Warum?«
»Weil da die Zeit versäumt wird. Während Du schreibst, kann ich mir ja Deinen Schimmel oder Fuchsen satteln lassen.«
»Nein, das geht halt nicht. Das würde draußen Der bemerken.«
»Dera Fremde? Darf ers nicht wissen?«
»Nicht ahnen darf ers. Er ists ja, von dem ichs derfahren hab. Er ist ein Fruchtreisender, weißt. Er hat ein großes Geschäften vor, welches lieber ich mit dem Silberbauern machen will. Darum sollst so schnell fort. Es ist ein sehr schönes Geldl dabei zu verdienen.«
»Ah, ists so! Ja, ein Schlaukopfen bist alleweil und immer gewest. Also schreib. Ich werd reiten, daß die Straß zerbricht.«
Der Müller tauchte die Feder ein und schrieb:
»Mit großem Schreck habe ich erfahren, daß die Anna mit dem Jeschko nach Hohenwald gekommen ist. Es ist Alles verrathen, daß wir das Schloß angebrannt und Mitschuldige an der Entführung des Fex sind. Das Geld, welches Du von mir geholt hast, ist gesehen worden. Ich schreibe Dir das in aller Eile. Richte Dich darnach, und nimm Dich in Acht. Wirst Du ja arretirt, so gestehe nichts. Ich werde auch nichts gestehen, kein Wort, und sollte ich auf das Schaffot kommen.
Gotthold Keller, Thalmüller.«
Er steckte diesen Brief in das Couvert und begnügte sich nicht, das Letztere einfach durch den Gummirand zu verschließen, sondern er siegelte es noch extra zu.
»So,« sagte er, dem Franz den Brief gebend. »Nun lauf, wast laufen kannst, nach Haus, und sodann reitest, daß die Funken fliegen. Du verlangst eine Antworten. Und wann die gut ausfallt, so bekommst sodann noch heut die Paula zur verlobten Braut.«
»Ists gewiß?«
»Ja, sie oder die Erbschaft.«
»So schlag eini! Topp!«
»Topp! Aberst daßt mir denen Brief nicht etwan unterwegs aufimachst! Dera Silberbauern thät das sehen, und dann macht er den Handel nicht mit.«
»Ich werd doch meinem Schwiegervatern nicht das Schreiben aufibrechen! Was denkst von mir!«
»Schon gut! Also lauf! Nimm mich aber erst wieder mit hinaus.«
»Willst wirklich wieder zu dem Fremden?«
»Natürlich! Weißt, ich muß ihn so lang wie möglich zurückhalten, daß er das Geschäft versäumt.«
»Das kann ich mir gar wohl denken. Ja, ein richtiger Diplomaten bist! So komm! Ich werd Dich schieben.«
Kaum hatte der Assessor seinen Platz wieder eingenommen, so kam der Wurzelsepp vom Zigeunergrabe daher. Dies war dem Ersteren sehr recht.
»Gut, daß Sie kommen, Sepp,« sagte er. »Ich werde Ihnen einen kleinen Auftrag geben.«
»Werd Alles machen, was ich machen soll.«
»Wenn Sie ihn ausgeführt haben, dann müssen Sie nach dem Fex suchen. Er ist schon da, wie ich erfahren habe.«
»Ja, da ist er freilich. Ich hab ihn schon.«
»Ah! Wo?«
»Dort steht er auf dem Zigeunergrab. Sobald ich ihm ein Zeichen geb, wird er kommen.«
»Das ist sehr gut. Sie bleiben nachher mit hier bei mir. Wenn ich Ihnen winke, geben Sie das Zeichen, aber ohne daß der Müller es bemerkt.«
»Wills schon machen. Und wie lautet dera Auftrag, den ich jetzund bekommen soll?«
»Sie gehen da rechts um die Villa. Sie sehen ein Gebüsch, abseits des Weges. Dort stecken zwei Gensdarmen, welche dem Fingerlfranz höchstwahrscheinlich einen Brief abnehmen werden. Den bringen Sie mir her, lassen aber dem Müller nichts merken.«
»Schön! Soll ausgerichtet werden!«
Er fand die beiden Gensdarmen und gesellte sich zu ihnen. Bereits nach kurzer Zeit kam der Fingerlfranz. Die Gensdarmen wollten aus dem Gebüsch hervortreten; aber der Sepp sagte:
»Bleibens nur da! Wann er Sie derblickt, lauft er vielleicht davon; ich aberst werd ihn herbei rufen.«
»Wird er kommen?«
»Das versteht sich. Zu dem Sepp kommt er allemal, wann der ihn ruft.«
Jetzt war der Franz parallel mit dem Gebüsch. Der Sepp trat aus demselben hervor:
»Hallo!« rief er. »Fingerlfranz, hast einen Augenblicken Zeit?« »Ah, dera Sepp! Nein!« lautete die Antwort.
»Nur einen Augenblick!«
»Keinen halben!«
Er lief immer weiter.
»Hab Dir was zu zeigen!«
»Mag nix sehen!«
»So! Nun, so lauf davon, wannst von dera Paula nix sehen willst.«
Das half. Franz blieb stehen.
»Was sagst?« fragte er. »Von dera Paula ists, wast mir zeigen willst?«
»Ja.«
Er kam langsam näher.
»Was ists denn?«
»Komm nur, und schau!«
»Aberst ich habs eilig!«
»So lauf schnell und zieh nicht so wie ein Schneck!«
Der Franz war zu neugierig, als daß er sich hätte weigern sollen. Freilich, als er die Gensdarmen erblickte, war er nicht auf das Freudigste überrascht.
»Sapperment! Da steht ja die Polizeien!« sagte er im Tone der Enttäuschung.
»Ja, das ists, was ich Dir zeigen wollt.«
»Das ist aber nix von dera Paula!«
»O doch! Es hängt mit dera Mühlen und mit dem Müller zusammen und betrifft also auch die Tochter desselbigen.«
»So laß mich aus! Ich muß fort!«
Er wendete sich zum Gehen. Da aber ergriff der eine Sicherheitsbeamte seinen Arm und sagte:
»Bleiben Sie noch, Franz. Wir haben eine Kleinigkeit mit Ihnen zu reden.«
»So! Aberst ich hab keine Zeiten. Ich muß fort.«
»Wohl nach Hohenwald?«
»Wer sagt das?«
»Ich! Zu dem Silberbauer? Nicht?«
Er machte ein sehr verblüfftes Gesicht und fragte:
»Wer hat das sagt?«
»Das weiß man, ohne daß es Einem gesagt zu werden braucht.«
»So! Nun warum fragens denn eigentlich?«
»Weil wir wissen wollen, ob der Müller Ihnen einen Brief anvertraut hat.«
»Einen Briefen? Ich weiß nix davon.«
»Franz, sagen Sie keine Unwahrheit!«
»Ich sag, was richtig ist!«
»Es ist nicht allemal Das, was man für richtig hielt, auch wahr. Also, Sie haben in Wirklichkeit keinen Brief?«
»Nein.«
»Auch keine Botschaft von dem Thalmüller auszurichten?«
»Ich weiß von keiner was.«
»So zwingen Sie uns, Sie auszusuchen.«
»Alle Teufeln! Haltens mich etwan für einen Spitzbuben?«
»Nein. Sie sind ein ehrlicher Mann. In diesem Augenblicke aber haben Sie dem Müller zu Liebe die Unwahrheit gesagt, und das kann sehr große Unannehmlichkeiten für Sie haben.«
»Was! Unannehmlichkeiten! Wie meinens dieses Wort?«
Er war erschrocken, denn trotz seiner kräftigen Gestalt besaß er nur eine arme Portion wirklichen Muthes.
»Wir müssen Sie arretiren.«
»Herjesses! Und etwan einistecken?«
»Ja.«
»Aberst warum?«
»Weil der Thalmüller sich mit Dingen abgiebt, welche durch das Gesetz verboten sind. Indem Sie seinen Hehler machen, werden Sie sein Mitschuldiger.«
»Sappermenten! Ich hab nicht glaubt, daß ich was Böses thu!«
»Hätten Sie gedacht, daß Sie etwas Erlaubtes vornehmen, so brauchten Sie nicht zu leugnen.«
»Es handelt sich ja nur um ein Geschäften!«
»Aber um ein verbotenes.«
»Nein. Es soll Frucht kauft werden.«
»Ah, das hat der Müller Ihnen also weiß gemacht! Jetzt frage ich zum letzten Male: Haben Sie einen Brief?«
»Hm! Und wann ichs nicht gestehen thu, da suchens mir die Taschen aus?«
»Allerdings.«
»Nun, da will ichs sagen. Ich hab einen.«
»An den Silberbauer in Hohenwald?«
»An denselbigen.«
»Geben Sie ihn heraus!«
»So! Herausgeben soll ich ihn also! Habens denn auch das Recht, ihn zu verlangen?«
»Das versteht sich. Weigern Sie sich, so bringe ich Sie in's Gefängniß.«
»Nein, nein, dahin mag ich nicht! Liebern geb ich ihn her. Da ist er.«
Er langte in die Tasche und gab das Schreiben her. Es hatte die Adresse: ›Herrn Konrad Klaus in Hohenwald.‹ Es war also der gesuchte Brief.
»Sie sollten ihn also nach Hohenthal schaffen und eine Antwort mitbringen?« erkundigte sich der Gensdarm weiter, um sicher zu gehen.
»Ja, und reiten sollt ich, damit ich bald wieder hier sein könnt.«
»So! Nun, mein Lieber, Sie haben sich da zum Vermittler einer sehr sträflichen Absicht hergegeben. Sie sind eigentlich selbst strafbar.«
»Donnerwettern! Davon hab ich gar keine Ahnungen habt!«
»Das können Sie nicht beweisen?«
»Fragens doch denen Müllern selberst! Ich hab keine Ahnungen von Dem, was da im Briefen steht! Der Müllern hat mich belogen, wie es scheint. Dem will ichs aberst schonst gedenken! Er thut wie ein Heiliger gegen mich und als ob ers sehr gut mit mir meinen thät, und nun bringt er mich in so einen Verdachten.«
»Ja. Unannehmlichkeiten werden Sie freilich haben. Wir müssen uns Ihrer Person versichern.«
»Was! Ich hab doch den Brief hergeben!«
»Allerdings. Aber wir müssen uns vergewissern, daß Sie nicht dennoch nach Hohenwald gehen.«
»Das fallt mir nun schon gar nicht ein.«
»Ich will es Ihnen glauben, habe aber mich nach meiner Instruction zu richten. Doch will ich das so rücksichtsvoll wie möglich thun. Ich will Sie nicht in das Gericht schaffen. Wir gehen in den Gasthof des Scatmatsches und trinken da ein Glas Bier. Da merkt kein Mensch, daß Sie mein Arrestirter sind. Hier mein College wird mich später benachrichtigen, wenn ich Ihnen die Freiheit wiedergeben kann.«
»So mags eher gehen. Das will ich mir gefallen lassen. Dera Thalmüllern kann mir stohlen werden. Den schau ich schon gar nie wiedern in's falsche Angesichten.«
So raisonnirend ging er mit dem Gensdarm ab, während der College des Letzteren auf seinem Posten blieb. Der Sepp aber steckte den verhängnißvollen Brief in die Tasche und kehrte zu dem Assessor zurück.
Dieser hatte, als der Fingerlfranz den Müller wiederbrachte und sich dann schleunigst entfernte, eingesehen, daß seine Vermuthung eine richtige gewesen sei. Er freute sich im Stillen, den Müller in seiner eigenen Schlinge gefangen zu haben, denn er konnte erwarten, daß der Brief irgend ein Geständniß enthalte, während der Untersuchungsrichter wohl große Mühe gehabt haben würde, ihn zu einem solchen zu bringen.
Der Müller saß eine kleine Weile schweigend in seinem Rollstuhle. Er wollte wieder vom Silberbauer anfangen, und doch sollte das nicht sehr auffällig geschehen. Der Assessor sagte auch nichts, um dem Alten seine Absicht nicht etwa zu erleichtern. Endlich begann dieser:
»Was habens denn eigentlich zu meiner Tochtern denkt?«
»Daß sie ein sehr hübsches Mädchen ist.«
»Das hab ich nicht meint, sondern daß sie mir so ungehorsam ist?«
»Dazu kann ich als Fremder gar nichts sagen. Aber ich habe die Ansicht, daß man ein Kind nicht zur Heirath zwingen muß.«
»Sinds etwan auch bereits verheirathet?«
»Nein.«
»So könnens auch nix sagen. So was muß nur dera Vatern verstehen. So ein Dirndl weiß den Teuxel, wie man glücklich wird!«
»Streiten wir nicht darüber!«
»Ja, ich könnts beweisen. Denkens mal grad an den Silberbauern. Der hat auch einen Sohn und eine Tochter. Kennens die?«
Er war froh, jetzt seinen Gegenstand wieder ergriffen zu haben.
»Ja, ich kenne sie Beide,« antwortete der Assessor. »Sie sollen in Slatina geboren sein?«
»Ich weiß es auch nicht anderst. Der Bub ist ein Blitzkerl, und die Martha macht ein bildsauberes Dirndl. Da sollt mirs um diese Beiden leid thun, daß dera Vatern ein Verbrechen begangen hat.«
»Vielleicht wissen Beide auch davon.«
»Das glaube ich nicht. Welcher Vatern, der ein Spitzbub ist, wirds seinen Kindern sagen!«
»So!« lächelte der Assessor. »Sie also würden es Ihren Kindern verschweigen?«
»Himmelsakra! Was fragens so! Meinens etwan, daß ich einer bin?«
»O nein, gar nicht. Ich wollte nur Ihre Behauptung mit einem Beispiele belegen.«
»So! Natürlich würd ichs meiner Paula gar nicht merken lassen; das versteht sich ja von selberst. Aberst – – da kommt dera Wurzelsepp! Ist der auch wiederum mal hier in dera Gegend, der Lump?«
Der Sepp kam langsam herbei spaziert, zog den alten Hut und grüßte, als ob er erst jetzt hier ankäme:
»Gott grüß die Herren! Wie gehts, Thalmüllern? Ist die Paula gesund, und hats bereits Hochzeit macht mit dem Fingerlfranz?«
»Wannst so dumm fragen willst, kannst nur gleich wiedern gehen!« antwortete der Müller zornig.
»Ich komm ja eben erst. Hast den großen Topf noch mit denen Fröschen und Kröten?«
»Halts Maul, Lumpazi, sonst antwort ich Dir mit dera Peitschen!«
»Na, hast Du aberst eine schlechten Launen heut am Tage! Da möcht man sich doch lieberst gar nicht mit hersetzen.«
»Hasts auch nicht nöthig. Es sind noch andere Tischen da.«
»Ja, doch am liebsten sitz ich bei Dir. Also, mit Verlaubnissen!«
Er machte Anstalt, sich an den Tisch zu setzen.
»Halt, nicht hierher!« gebot der Müller. »Wannst auch vor mir keinen Respecten hast, so siehst doch, daß ein fremder Herren dasitzt!«
»Ein fremder? O, den Herrn kenn ich bereits bessern als Du! Der wird mirs schon gern verlauben, mich zu Euch zu setzen.«
»Ist wahr?« fragte der Müller den Assessor in verwundertem Tone.
»Ja,« antwortete dieser. »Ich habe den Wurzelsepp bereits mehrere Male gesehen und gar nichts dagegen, daß er sich her zu uns setzt.«
»Na, so kann ichs nicht ändern. Aberst was wir zu sprechen hatten, das braucht doch kein Anderer zu hören, und dera Sepp am Allerwenigsten.«
»Warum? Es sind doch keine Geheimnisse, welche wir verhandeln.«
»Freilich nicht.«
»Und uns geht die Sache gar nichts an. Oder vielleicht doch Ihnen?«
»Beileibe nicht! Was denkens von mir!«
Dem Müller war es außerordentlich unlieb, daß sich der alte Wurzelhändler hatte hinsetzen dürfen. Er konnte nun den Fremden nicht nach dem Silberbauer ausfragen. Und wie nun, wenn der Sepp anfing zu plaudern, z. B. von dem Zigeunergrabe? Dann war es ja gleich verrathen, wo der andere Müller wohne, welcher vergebens gesucht worden war. Dieser Gedanke versetzte den Thalmüller in förmliche Angst.
Der schlaue Sepp zog, indem er sich setzte, ganz unbemerkt den Brief aus der Tasche, ließ seinen Hut wie aus Versehen fallen, bückte sich, um ihn aufzuheben, und legte dabei dem Assessor den Brief auf die Kniee, ohne daß der Müller es sehen konnte. Dann begann er sofort ein Gespräch, um die Aufmerksamkeit des Müllers auf sich zu lenken.
Der Assessor bemerkte die Absicht, zog sein Messer hervor, schnitt das Couvert auf, nahm den Brief hervor, las ihn und steckte ihn wieder in den Umschlag; das geschah Alles unter dem Tische und ohne daß der Müller eine Ahnung davon hatte, daß sein Brief sich jetzt noch so sehr in seiner Nähe befand.
»Ja,« meinte der Sepp im Laufe des Gespräches, als er bemerkte, daß der Assessor fertig sei, »hier in dera Thalmühlen kehr ich halt allemalen sehr gern ein. Jetzund fehlt mir freilich dera Fex ein Wenig. Ich hab immer gar zu gern ein klein Wengerl mit ihm plaudert. Weißts nicht, wie es ihm geht?«
»Wie solls ihm gehen? Ferien hat er und lauft in der Welt herum, immer hinter denen Dirndeln her,« antwortete der Müller zornig.
»Hinter den Dirndeln? Das glaub ich nicht. Dera Fex ist ein gar solidera Kerl!«
»Ja, das hab ich heut wieder sehen! Hier im Wald ist er gewest, und dera Paula ist er nachlaufen. Wann ich ihn derwisch, so kann er sich gefaßt machen!«
»Was! Hier ist er? Das ist schön! Das kann mich gefreuen! Da muß ich ihn nachhero aufsuchen!«
»Kannst auch gleich jetzunder gehen! Ich brauch Dich hier nicht.«
Das war ein Wink mit dem Zaunspfahl; der Sepp aber that, als habe er ihn gar nicht verstanden. Er antwortete:
»Nein, erst muß ich was ausruhen. Weißt, Müllern, ich hab heut bereits einen sehr guten Weg macht. Da bin ich müde. Im Alter wollen halt die Knochen nimmer so gehorchen wie in dera Jugend, wo man gleich am Liebsten alle Tagen durchs ganze Vaterland Bayern einen Walzer oder Galoppen tanzen thät.«
»Ja, so geht mirs auch. Wo aberst kommst denn heut schon her, weilst gar so müd bist?«
»Droben von Hohenwald her.«
Das war dem Müller sehr recht. Da konnte er sich doch erkundigen. Das geschah auch sofort, indem er fragte:
»Bist blos durch den Ort gangen oder einen Tag da blieben?«
Der Assessor warf dem Sepp einen warnenden Blick zu, damit derselbe keinen Fehler machen solle. Der Alte bemerkte diesen Blick, lächelte in seiner eigenartigen Weise, drehte lustig die Spitzen seines Schnauzbartes empor und antwortete:
»Einen Tag nur? Nein, mehrere Tagen bin ich da gewest.«
»So! Giebts nix Neues droben?«
»Gar viel.«
»Nun, was denn? Verzähl einmal!«
»Du verinteressirst Dich wohl für das alte Dorf, Thalmüllern?«
»Ein Wenig.«
»So! Nun das Neueste ist dera neue Schullehrern, der da ist.«
»Wird auch was Rechtes sein! Was für eine Sorten dahin kommt, das weiß man.«
»Ja, aberst grad dieser ist ein gewaltig tüchtiger Kerlen.«
»Meinst? Nun, was wird er änderst werden als dera Schreibknecht von dem Silberbauern!«
»Da hast Dich schon geirrt. Er hat gleich am ersten Tag dem Silberbauern und dem Silberfritzen den Meister zeigt. Er hat sie alle Beiden zu Boden rauft.«
»Das ist nicht wahr!«
»Pah! Alle Welt weiß es, denn das halbe Dorf ist dabei gewest.«
»So muß es ein Riesen Goliath sein.«
»Nein; er ist nicht groß, aberst ein tüchtiger Kerlen. Er hat dem Silberbauern gleich ins Gesicht sagt, daß dieser ihm nix zu befehlen hat und daß er ihm zeigen werde, was ein Lehrern zu bedeuten hat. Er hat Wort gehalten, und wanns so fort geht, so bringt er denen Silberbauern aus dem Silberhof heraus und – – «
»Unsinn!« rief der Müller.
»Und dafür ins Zuchthausen hinein!« fuhr der Sepp ruhig fort.
»Bist wohl nicht gescheidt im Kopf!«
»Gescheidter als Du!«
»Dera Silberbauern ins Zuchthaus!«
»Freilich! Sein Sohn, dera Silberfritzen befindet sich schon bereits im Gefängniß.«
Jetzt wurde der Müller blaß wie eine Wand.
»Ists wahr?« fragte er.
»Ja. Ich selbst habs sehen, als er fortschafft worden ist.«
»Warum denn?«
»Weil er seinen Vatern holfen hat, auszureißen.«
»Auszureißen? Ich versteh Dich halt nicht!«
»Kennst denn das Wort nicht mehr? Es heißt halt so viel wie entfliehen. Dera Silberbauer hat die Flucht dergriffen.«
Der Müller hielt sich an den Seitenlehnen seines Stuhles an.
»Die Flucht dergriffen!« stieß er hervor. »Warum denn? Wer die Flucht dergreift, muß doch gefangen gewest sein.«
»Das ist er ja auch.«
»Sepp, was fallt Dir ein! Was machst da für einen dummen Scherzen!«
»Ich verzähl nur die Wahrheiten, denn ich bin ja mit dabei gewest und hab Alles mit macht und mit sehen.«
»Warum habens ihn denn fangt?«
»Weil er dem Feuerbalzern sein Haus anbrannt hat und den Balzer selbst hat derschlagen wollen. Das ist nun an den Tag kommen. Und sodann soll er auch in dera Türkeien mehrere Verbrechen verübt haben.«
»Mein Himmel! So ist er nicht daheim? So ist er auf dera Flucht?«^
Ihm war es darum zu thun, daß nun der Fingerlfranz den Brief nicht abgeben konnte.
»Ja, auf dera Flucht befindet er sich.«
»Und Niemand weiß, wohin?«
»Wissen thut mans nicht, aberst denken kann man es sich.«
»So! Was meinst?«
»Deshalb eigentlich komm ich zu Dir. Ich will Dich warnen, weil ich ein guter Freund von Dir bin. Man hat nämlich dacht, daß er zu Dir gehen werd.«
In diesem Augenblicke dachte der Müller, daß dies vom Silberbauern sehr klug gehandelt sein würde, laut aber sagte er:
»Wer das denkt, der ist ein großer Dummkopf!«
»Warum?«
»Was wollt dera Silberbauer bei mir?«
»Nun, Ihr seid doch immer die besten Freunde mit nander gewest.«
»Das denkst nur, weil wir einige Malen einen kleinen Handel mit nander habt haben.«
»Aberst wohl lange nicht mehr?«
»Viele Jahren nicht. Ich hab denen Silberbauern wohl an die fünf Jahren nicht mehr sehen.«
»Hm! Jetzund bist Du es, der einen Spaßen macht!«
»Ich? Wieso?«
»Weilst sagst, daß er Dir in so vielen Jahren nicht mehr vor die Augen kommen ist.«
»Das ist auch wahr.«
»So! Denk mal nach! Vielleicht besinnst Du Dich doch noch anderst.«
»Das ist nicht möglich.«
»Er ist doch vor nur einigen Tagen bei Dir wesen.«
»Nein.«
»O doch. Er hat bei Dir einen Kasten holt. Er war mit dem Fuhrwerk da.«
Jetzt war es dem Müller, als ob Jemand ihm mit dem Stocke einen Hieb über den Kopf herüber gegeben hätte. Sollte er leugnen oder nicht? Er hatte einmal Nein gesagt und mußte nun auch dabei bleiben. Er antwortete also:
»Da hat man Dich wohl falsch berichtet.«
»Nein. Man hat mir die Wahrheiten sagt.«
»Oho! Wer denn?«
»Dera Silberbauern selbest.«
»So hat er einen Scherz macht.«
»Ich möcht halt wissen, aus welchem Grund er sagen sollt, er sei bei Dir gewest, wann es nicht wahr sein thät.«
»Er muß doch einen solchen Grund haben.«
»Ich bin aberst doch selberst mit ihm fahren. Ich bin da draußen auf dera Waldschänk aufstiegen. Ja, ich weiß sogar, was er bei Dir holt hat.«
»So! Was denn, he?«
Diese Frage kam vollständig klanglos hervor. Der Müller sah aus, als ob er im nächsten Augenblick in die Ohnmacht fallen werde.
»Was denn? Das fragst auch noch! Geld hat er holt, viel Geld!«
»Das ist nicht wahr!«
»Oho! Ich habs sehen. Lauter Goldstückerln aus dera Türkeien sinds gewest.«
»Oh, oh – – – ah!« stöhnte der Müller.
»Was ists? Was hast?« fragte der Alte im Tone der Besorgniß.
»Nix ists, gar nix! Meine Füßen thaten mir ganz plötzlich weh! Weißt, wann die Gicht so mal plötzlich kommt, da ists gar nimmer auszuhalten.«
»Ja, diese Gichten kennt man sehr genau. Man glaubt gar nimmer wie schnell sie kommen kann. Sie ist allemalen da, wenn mans gar nicht denkt hat. Und dann macht sie gar große Schmerzen. Wie viel hat Dir dera Silberbauern denn für das viele Gold geben?«
»Ich weiß ja gar nix davon!«
»Sei still! Er hats mir doch sagt!«
»Laß mich aus! Es ist nicht wahr!«
»O doch! Dreißigtausend Markln hat er Dir geben, und sechstausend hat er verdient.«
»Wa – wa – wa – was!« stotterte der Müller. »Ich begreif – – Dich gar nimmer.«
»Thu nur nicht so! Wirst mich halt schon ganz gut begreifen. Du weißt ja, daß ich Recht hab.«
Da nahm der Müller seine ganze Kraft zusammen, um zu leugnen. Er rief im zornigsten Tone:
»Jetzund willst mich wohl gar mit dem Silberbauern seinem Thun und Treiben zusammenbringen? Das ist eine Schlechtigkeiten von Dir, eine große Schlechtigkeiten, die Dir gar niemals vergeben werden kann. Ich hab denkt, daßt ein so großer Freunden von mir bist, und nun seh ich, daß ich Dich zu meinen allergrößten Feinden rechnen muß!«
»Reg Dich nicht aufi, Thalmüllern!« warnte der alte Sepp. »Ich bin noch heut ein gutern Freund von Dir, und darum ists von Dir nicht recht, daßt mir so eine Lügen vormachen willst. Ich weiß doch ganz genau, daß das wahr ist, was ich von Dir sage.«
»Eine Lügen ists, weiter nix! Du hast sie Dir aussonnen, um mir Schaden zu machen!« fuhr er grimmig auf.
»Ich hab mir nix aussonnen. Was ich weiß, das weiß ich von dem Silberbauern.«
»So hat der Dich belogen.«
»Das glaub ich nicht. Ich hab doch die vielen Goldstückeln mit meinen eigenen Augen sehen.«
»Das mag meinswegen wahr sein; aberst von mir sind sie nicht gewest!«
»So! Und geschrieben hast ihm wohl auch nicht, daß er sie holen soll?«
»Nein, nein, nein!«
»Er sagts aber doch!«
»Das ist eine teuflische Lügen!«
»So! Nun, den Briefen hab ich ja auch lesen. Verstehst mich gut?«
»Was, Du hättst einen Brief lesen von mir!«
»Ja. Du hast ihm schrieben, daß Du nimmer sicher bist, weil die Papieren und die Photographieen weg ist aus Deinem Stuhl. Er soll kommen und das Geldl holen; Du willst ihm einen Profiten davon geben.«
Der Müller bot einen gradezu unbeschreiblichen Anblick. Das Blut trat ihm in das Gesicht, so daß dieses dunkelroth wurde.
»Diesen – Brief – hab ich – nicht schrieben!« stammelte er. Ich weiß – – nix davon – gar nix – kein Wort!«
»Und wohl auch davon weißt nix, daß er Dir eine telegraphische Depeschen schickt hat, in welcher stand, daß er morgen kommen will, um 11 Uhr Vormittags?«
Das war denn doch zu viel! Der Müller wollte antworten, konnte aber nicht. Die Sprache versagte ihm. Er schluckte und schluckte, brachte aber nichts hervor als einige unarticulirte Laute.
»Nun, so gieb doch eine Antworten!« sagte der Sepp.
»Ich – ich – – kann nicht!«
»Ja, das glaub ich gar wohl. Wenn man hört, daß solche Beweisen gegen Einem vorliegen, so kann es Einem schon die Sprachen nehmen. Aberst Du hast ja Zeit. Versammle Dich nur. Ich kann ja warten!«
Der Müller zitterte am ganzen Körper. Seine Lippen bebten. Man hörte seine Zähne gegen einander schlagen. Er blickte mit blutunterlaufenen Augen bald rechts und bald nach links, als ob er von daher Hilfe erwartete. Er sah ein, daß er doch Etwas sagen müsse; darum stammelte er mit heiserer Stimme:
»Warum thust mir das an! Warum verzählst da solche Sachen!«
»Weil Du selberst von ihnen anfangt hast.«
»Das ist nicht wahr!«
»Oho! Hast mich nicht nach Hohenwald fragt und nach dem Silberbauern?«
»Weil ich nicht denkt hab, daßt nun von solchen Dingen reden wirst. Schau doch mal diesen Herrn da an! Wie der mich anblickt! Grad als ob ich ein großer Verbrechern wär!«
»O, daran sind meine Worten nimmer schuld. Dieser Herr weiß allbereits auch ohne mich, was er von Dir zu halten hat.«
Der Assessor hatte bisher diesem Gespräche ruhig zugehört, denn er bemerkte, daß der alte, kluge Sepp ganz logisch vorging. Jetzt nun, bei den letzten Worten desselben, mußte er befürchten, daß der Wurzelhändler verrathen werde, daß er, nämlich der Assessor, ein Gerichtsbeamter sei, und das durfte noch nicht geschehen. Darum fiel der Letztere ein:
»Ich habe allerdings bereits Einiges über Sie gehört, Thalmüller. Aber was jetzt der Sepp sagt, das erfüllt mich doch mit größter Entrüstung.«
»Nicht wahr!« stimmte der Müller bei. »Ja, man muß ganz entrüstet sein bei denen Schlechtigkeiten, die er sagt.«
»So habe ich es freilich nicht gemeint, sondern ich wollte sagen, daß ich entrüstet bin gegen Sie.«
»Gegen mich? Das kann mich groß verwundern!«
»So! Auch noch!«
»Ja. Ich hab ihm doch gar nix than!«
»Dem Sepp mögen Sie allerdings nichts gethan haben; aber das, was er von Ihnen erzählt, das ist jedenfalls wahr.«
»Nein. Es ist die größte Lügen!«
»Pah! Man sieht es Ihnen doch an! Uebrigens mache ich Sie aufmerksam auf die Bemerkung, welche ich Ihnen beim Beginne unseres Gespräches gemacht habe. Wir spielen Versteckens, und ich sagte Ihnen, daß Sie das mit mir nicht aushalten würden. Jetzt sehen Sie ein, daß ich Recht hatte. Wir sprachen von dem zweiten Slatinaer Müller, und Sie thaten, als ob Sie den Mann gar nicht kannten. Nun aber sind Sie es selber!«
»Nein, nein! Der bin ich nicht.«
»Ach so! Sie sind also wirklich niemals in jene Gegend gekommen?«
»Nein.«
»Sind wohl niemals aus Bayern fortgewesen?«
»Nein.«
»Hören Sie, das ist eine offenbare Lüge. Es wird sehr leicht nachzuweisen sein, wo Sie sich früher befunden haben!«
Jetzt meinte der Müller, daß er doch anders auftreten müsse. Er sagte also:
»Und wann ich fortgereist wäre, was geht es Ihnen an!«
»Jetzt freilich nichts. Aber wenn ich nun die Gerichte benachrichte, daß jener Müller, welcher gesucht wird, gefunden worden sei?«
»So ist das eine Sach, mit welcher Sie gar nix zu thun haben. Man wird Sie abweisen.«
»Das glaube ich schwerlich. Man wird Sie arretiren, und dann ists um Sie geschehen. Man wird Ihnen nachweisen können, daß Sie in Slatina gewesen sind.«
»Das kann Keiner.«
Jetzt gab der Assessor dem Sepp einen Wink. Dieser stand auf, trat bei Seite, so daß der Müller es nicht bemerken konnte, und gab dem Fex das besprochene Zeichen.
»Wie kommt es dann, daß Sie mit Personen verkehren, welche aus jener Gegend stammten?« fragte der Assessor.
»Das hab ich nicht than. Ich weiß keine.«
»Besinnen Sie sich!«
»Ich brauch gar nicht nachzudenken; ich weiß keine. Das ist sichern und gewiß.«
»So! Also ist die Amme Mylla nicht hier bei Ihnen gewesen?«
»Nein.«
»Und es giebt wohl auch kein Zigeunergrab hier in der Nähe?«
»Da giebts wohl eins. Aberst Diejenige, welche darinnen liegt, die hab ich nicht kannt.«
»So, so! Aber ihren Sohn haben Sie gekannt?«
»Ja, den hab ich zu mir nommen und ihn bei mir erzogen.«
»Diese Erziehung soll eine sehr eigenartige gewesen sein. Sie wissen also ganz genau, daß er der Sohn jener Todten ist, welche da oben vergraben liegt?«
»Ja.«
»Er hatte keine andern Eltern? Vielleicht war sie nur seine Amme.«
»Nein, sie ist seine Mutter gewest. Sappermenten! Da kommt er ja gleich selberst. Fast kennt man ihn nicht!«
Er hatte zwar den Fex kommen sehen, ihn aber für einen ganz Andern gehalten. Er war ja gewohnt gewesen, seinen Fährmann nur barfuß und in zerlumpten Kleidern zu erblicken. Nun aber, als der Fex ganz herangetreten war, erkannte er ihn. Der Letztere verbeugte sich gegen den Assessor und setzte sich sodann auf den vierten Stuhl, welcher an dem Tische stand.
»Also Sie kennen diesen jungen Herrn?« fragte der Assessor den Müller.
»Natürlich! Das ist ja dera Fexen, von welchem wir reden.«
»Und dem Sie so zornig sind, weil er mit Ihrer Tochter gesprochen hat!«
»Ja, das muß ich mir verbitten! So Etwas kann ich nicht dulden. Von München herbei kommen, um der Paula den Kopf zu verdrehen, dazu geb ich mein Dirndl nicht her! Hörst, Fex! Wannst Dich nochmals derblicken läßt, so – – –«
»Schweigen Sie!«
Es waren nur diese beiden Worte, welche ihm der Fex zurief. Aber es lag in dem Tone, in welchem sie gesprochen wurden, und in dem Blicke, welchen der junge Mann ihm dabei zuwarf, eine Gewalt, welche dem Müller sofort den Mund schloß. Er fuhr zurück, betrachtete den Fex mit einem Blicke, in welchem Zorn, Haß und doch auch Furcht mit einander stritten, und sagte dann:
»Na, na! Man wird doch mit Dir reden dürfen!«
»Aber in einem andern Tone! Ich habe aufgehört, Ihr Sclave and Sündenbock zu sein!«
»Was? Sclave und Sündenbock! Hab ich Dich nicht erzogen, Dir Nahrung geben und Dich kleidet und stets gut behandelt?«
»Ich danke! Darüber wollen wir gar nicht sprechen. Sie haben wohl über die Angelegenheit bereits mit ihm verhandelt, Herr Assessor?«
Der Gefragte nickte. Er hatte eigentlich eine hörbare Antwort geben wollen, aber das Wort war ihm zwischen den Lippen stecken geblieben, als er die Wirkung sah, welche der Titel, welchen der Fex ausgesprochen hatte, auf den Müller machte.
Dieser war erst erbleicht, daß sein Gesicht ausgesehen hatte wie dasjenige eines Todten; dann aber schoß ihm das Blut gegen den Kopf, so daß sein Gesicht glühend roth wurde.
»Assessor!« stammelte er. »Ist das wahr? Ein Assessor sinds?«
»Ja,« nickte ihm der Beamte zu.
»Also kein Getraidehändler! Warum habens das nicht vorher sagt!«
»Eben weil wir mit einander Versteckens spielen wollten. Jetzt werden Sie nun wohl einsehen, daß Sie verloren haben.«
Da bäumte sich der Müller förmlich auf. Er schlug mit beiden Fäusten auf den Tisch und schrie:
»Jetzunder ists aus! Nun ists alle! Es muß ein End haben! Ich duld das nicht. Was wollens von mir? Was habens hier zu suchen! Machens sogleich, daß Sie fortkommen, Sie und auch hier diese beiden andern Lumpen!«
»Bitte, Müller, sprechen Sie in einem andern Ton zu uns!« warnte der Assessor. »Ich erkläre Ihnen hiermit, daß ich kraft meines Amtes bei Ihnen bin, um mich über gewisse frühere Geschichten zu informiren. Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß ich ein ehrerbietiges Verhalten und wahrheitstreue Antworten von Ihnen verlange, widrigenfalls ich diejenigen Maßregeln ergreifen werde, welche ich für geeignet halte, Sie in die Schranken zurückzuweisen, die Ihnen nach den vorliegenden Verhältnissen gezogen werden müssen.«
Diese im ernstesten Amtstone vorgebrachten Worte versäumten nicht, ihre Wirkung zu thun, aber nur einen Augenblick.
Zunächst ließ der Müller seinen Kopf hintenüber sinken. Er schnappte nach Lust. Es ging dann aber sofort ein eigenthümliches Leuchten über sein Gesicht, und er sagte in ruhigem aber höhnischem Tone:
»So! Also ein Herr Assessorn sinds also, und ein Verhör wollens anstellen mit mir?«
»Ja.«
»Hier, am Biertisch?«
»Es beliebt mir, diesen Ort zu wählen.«
»Vor denen beiden Menschen hier?«
»Ja, denn ich brauche ihre Aussagen.«
»Aberst ich brauch sie nicht. Und zu einer solchen Puppenkomödie giebt sich dera Thalmüllern doch nimmer her!«
»Sie werden sich wohl fügen müssen!«
»So? Wer will mich zwingen?«
»Ich!«
»Oho! Sind Sie denn auch dera richtige Kerlen dazu?«
»Ich denke es. Uebrigens kann ich Ihnen ja meine Legitimation und Vollmacht vorzeigen.«
»Diesen Wisch lassens mir gern in dera Taschen stecken! Mit ihm erreichens bei mir gar nix! Da könnt ein jeder Lump kommen, einen Wisch vorzeigen, den er funden oder stohlen hat, und sagen, ich bin dera Herr Assessoren, und Du mußt Dich von mir verhören lassen! Nein, da kennens denen Thalmüllern schlecht, mein guter, fremder Mann. Der macht da nicht mit!«
»So!« lächelte der Beamte. »Welche Legitimation verlangen Sie denn von mir?«
»Gar keine! Mit Ihnen hab ich nix zu thun, gar nix. Wir sind mit nander fertig. Sie sind gleich mit Lügen zu mir kommen, und mit solchen Leuten hab ich keinen Verkehr. Wann ein Herr von unserm Gericht hier oder einer von dera Polizeien kommt, den ich kennen thu, so weiß ich, daß ich zu gehorchen hab. Sie aberst machen mir keine Wippchen vor. Ich werd mich in meine Stuben fahren lassen. Sie können dann Ihre Suppen mit nander weiter kochen.«
Er griff zu der bekannten Klarinette, welche an seinem Rohrstuhle hing, und blies hinein. Sofort trat eine Magd aus der Thür und blickte fragend zu ihm her.
»Fahr mich hinein!« gebot er ihr.
Sie kam her. Der Assessor zog ein kleines Pfeifchen aus der Tasche und gab damit ein kurzes, schrilles Zeichen. Dann wendete er sich an die Magd:
»Sie können wieder gehen. Der Müller wird sich von einer andern Person bedienen lassen!«
Die Magd wollte sich entfernen.
»Bleibst gleich, alberne Dirn!« schrie der Müller sie an. »Wer ist dera Herr hier in dera Mühlen? Wem hast zu gehorchen!«
Sie wollte wirklich den Stuhl ergreifen, um den Befehl ihres Dienstherrn auszuführen; aber da deutete der Assessor auf den eiligst herbeikommenden Gensdarm, welchem das Signal gegolten hatte und sagte ihr:
»Hier kommt die Bedienung des Müllers. Treten Sie also ab!«
Als sie den Gensdarm erblickte, erschrak sie und machte sich schleunigst aus dem Staube.
»Jetzt sehen Sie einen Polizeibeamten, den Sie kennen,« sagte der Assessor zum Müller. »Ich habe Ihnen Ihren Willen gethan und bin überzeugt, daß Sie nun gehorchen werden. Thun Sie das nicht, so verschlimmern Sie Ihre Lage.«
»Alle tausend Teufeln! Soll ich etwan gar verarretirt werden!«
»Das wird ganz auf Ihr Verhalten und auf das Ergebniß der kurzen Unterredung ankommen, welche ich nun noch mit Ihnen zu führen beabsichtige.«
»Wollens mich etwan weitern ausfragen?«
»Ja.«
»So erhaltens freilich keine Antwort, keine einzige!«
»Schön! Sie zwingen mich also, Sie sofort nach einem Orte bringen zu lassen, an welchem man Sie zwingen kann, Antwort zu geben.«
Er gab dem Gensdarm einen Wink. Dieser ergriff den Rollstuhl, drehte denselben vom Tische ab und that, als ob er nun den Müller fortfahren wolle, der Stadt entgegen.
»Halt, halt!« schrie dieser. »Was soll hier vorgehen! Wohin soll ich bracht werden.«
»Ins Gefängniß,« antwortete der Assessor.
»Als Verarretirter? Als Verbrecher?«
»Natürlich!«
»Gleich so? Hier auf meinem Stuhl? Ohne daß ich vorher erst noch mal hinein in die Mühlen gehen kann?«
»So wie Sie da sitzen, werden Sie fortgebracht. Vorwärts also! Fort mit ihm!«
Der Gensdarm setzte sich mit dem Rollstuhle in Bewegung.
»Halt!« schrie da der Müller. »Das geht nicht! Ich hab vorher erst noch die Mühlen und das Geschäft in Ordnung zu bringen.«
»Schweigen Sie!« warnte ihn der Gensdarm. »Sonst lege ich Ihnen Fesseln und auch einen Knebel an!«
»Dableiben, dableiben! Ich will ja antworten!«
Er sah also doch ein, daß der Widerstand ihm nur schädlich sei.
»Gut! Bringen Sie ihn noch einmal her,« gebot der Assessor. »Ich will versuchen, ob sich mit ihm sprechen läßt. Wenn nicht, so wird er fortgeschafft, und dann helfen aber alle weiteren Bitten nichts mehr.«
Es war ein wirklich widriger Anblick, welchen der Müller bot, als er nun wieder an dem Tische saß. Blutroth im Gesicht, schnaufte er vor Aufregung wie ein Thier. Es war zum ersten Male in seinem Leben, daß sein gewaltthätiger Character bezwungen wurde, sich den heiligen Normen des Gesetzes zu beugen.
»Also, machen wir es kurz,« begann der Assessor. »Waren Sie früher einmal in Slatina?«
»Nein.«
»Haben Sie mit dem sogenannten Silberbauer in Geschäftsverkehr gestanden?«
»Ja.«
»Ihm türkisches Gold verkauft?«
»Nein.«
»Ihm auch keinen darauf bezüglichen Brief geschrieben.«
»Das ist mir nicht einfallen.«
»Auch keine Depesche von ihm erhalten, welche sich auf dieses Geschäft bezog?«
»Nein. Ich hab ein solches Geschäft gar nicht machen konnt, weil ich niemalen ein türkisches Geld sehen oder gar in meiner Hand habt habe.«
»So! Nun sehen Sie sich doch einmal dieses Telegramm an, welches für Sie aufgegeben worden ist!«
»Er zog seine Brieftasche hervor und nahm zwei Papiere aus derselben. Das eine zeigte er ihm hin. Es enthielt den Zettel, welchen damals der Knecht des Silberbauers auf das Telegraphenamt getragen und vorher dem Lehrer Walther gezeigt hatte.
Der Assessor hatte sich denselben von dem Telegraphenamte zum Zwecke des Beweises ausgebeten:
Der Müller las die Worte, schüttelte den Kopf und sagte:
»Das kenn ich nicht. So eine Depeschen hab ich niemals erhalten.«
»Und diesen Brief? Kennen Sie ihn?«
Er zeigte ihm das zweite Papier hin. Es war der Brief, welchen der Müller an den Silberbauer gesandt hatte und der von dem Sepp und dem Lehrer an dem Wasser in der Brieftasche des Letzteren gefunden worden war. Bei der Nachforschung in der Schlafstube des Silberbauers war die Brieftasche sammt ihrem Inhalte gefunden worden.
Der Müller erschrak, als er seine eigenen Zeilen erblickte. Er griff schnell mit beiden Händen darnach; aber der Assessor war noch schneller als er und zog den Brief wieder zurück.
»Nun, wer hat das geschrieben?« fragte er.
»Das weiß ich nicht.«
»Ist es nicht Ihre Hand?«
»Es ist ähnlich, aberst von mir ists nicht.«
»Und der Silberbauer ist auch nicht bei Ihnen gewesen?«
»Nein.«
»Machen Sie sich doch nicht so lächerlich. So ein Leugnen ist nicht nur frech sondern auch gradezu kindisch. Ich brauche nur den ersten besten Ihrer Dienstboten zu rufen und zu fragen, so werde ich sofort eine bejahende Antwort erhalten.«
»So ists eine Lügen!«
»Gut! Ist Ihnen eine Baronin von Gulijan bekannt gewesen?«
»Nein.«
»Zwei Zigeuner, Namens Jeschko und Barko?«
»Auch nicht.«
»So haben Sie also nicht das Schloß bei Slatina in Brand gesetzt?«
»Ist mir nicht einfallen. Ich weiß halt gar nicht, warums mir solche dummen Fragen vorlegen.«
»Nun, wer dumm ist, das wird sich später finden. Ich muß Sie aber ersuchen, sich solcher beleidigender Ausdrücke zu enthalten, sonst bin ich gezwungen, meine Maßregeln darnach zu ergreifen. Von einer Entführung des kleinen Barons von Gulijan wissen Sie auch nichts?«
»Nein.«
»Und doch haben Sie eingestanden, daß Sie sowohl das Schloß angebrannt haben als auch bei dem Kindesraube betheiligt gewesen sind!«
»Ich? Das ist mir nicht im Schlaf in den Sinn kommen!«
»Sogar schriftlich haben Sie es eingestanden.«
»So! Na, da weiß ich nicht, was ich halt denken oder sagen soll! Wann soll ich es denn einstanden haben?«
»Heut!«
»Das ist lächerlich! Zeigens mir doch mal die Schrift, worinnen das steht!«
»Hier ist sie.«
Er hielt ihm den Brief hin, welcher dem Fingerlfranz abgenommen worden war. Als die Augen des Müllers auf diese Zeilen fielen, vergrößerten sie sich geradezu zum Erschrecken. Dann schloß er sie und lag unbeweglich in seinem Stuhle.
»Nun, was sagen Sie dazu?«
Er antwortete nicht.
»Sprechen Sie!«
Als er auch jetzt weder antwortete noch sich bewegte, erhielt er von dem hinter ihm stehenden Gensdarmen einen kräftigen Stoß. Jetzt schlug er die Augen auf. Ihr Ausdruck war nicht, wie man hätte meinen sollen, derjenige des Schreckens, des Entsetzens, sondern der Wuth, des maßlosen Grimmes. Man hörte deutlich seine Zähne auf einander knirschen.
»Werden Sie nun antworten?« forderte der Assessor ihn auf. »Kennen Sie diesen Brief?«
»Nein.«
»Aber der Fingerlfranz behauptet, daß Sie ihn geschrieben haben!«
»Der Lump! Der Lügnern!«
»Er hat ja dabei gestanden, als Sie schrieben!«
»Das soll er mir beweisen!«
»Er wird es sogar beschwören müssen.«
»Wenn er es thut, so leistet er einen Meineid.«
»Es ist doch sonderbar, daß grad Sie der Unschuldige sind, während alle Andern, in deren Händen Beweise gegen Sie sich vorgefunden haben, die Verbrecher sein müssen. Diese Art und Weise, Thatsachen, welche klar und unwiderstreitbar vorliegen, zu ihrem Nutzen umzudrehen, wird Sie zu dem beabsichtigten Ziele nicht führen.«
»Ich kann nix sagen, was nicht wahr ist!«
»Pah! Ein offenes Geständniß würde Ihnen nur nützlich sein, während dieses heimtückische Leugnen uns veranlassen wird, die ganze Strenge des Gesetzes gegen Sie in Anwendung zu bringen. Also Sie widerrufen keine Ihrer jetzigen Aussagen?«
»Nein. Was ich sagt hab, dabei bleibt es.«
»Gut, so werde ich Sie jetzt nach Ihrer Stube bringen lassen. Sie bleiben dort unter der Aufsicht dieses Herrn Gensdarmen und dürfen mit keinem Menschen verkehren.
»Oho! Ich hab meinen Leuten ganz nothwendige Befehle zu ertheilen!«
»Sorgen Sie sich nicht! Ihre Mühle wird nicht einstürzen, wenn Sie auch einstweilen isolirt werden. Jetzt fort mit ihm!«
Der Gensdarm fuhr ihn in die Stube. Als die Bewohner der Mühle das sahen und sodann auch noch erfuhren, daß keiner von ihnen mit ihm reden dürfe, erregte das natürlich einen ganz gewaltigen Schreck. Der Thalmüller arretirt! Das war ja entsetzlich! Im Stillen aber gönnten Alle es ihm, und nur die Eine, gegen welche er in letzter Zeit am Härtesten gewesen war, saß weinend in ihrem Stübchen – Paula. Er war ja trotz alledem und alledem ihr Vater.
Nun saßen die Drei draußen am Tisch bei einander, der Assessor, Sepp und der Fex. Der Erstere betrachtete den Letzteren mit unverholener, freundschaftlicher Theilnahme.
»Der Sepp hatte Ihnen wohl bereits Alles erzählt?« fragte er ihn.
»Das, was er selbst wußte, hat er mir gesagt, ja.«
»Ihre Schicksale sind so hoch interessante, besonders auch für mich in meiner gegenwärtigen Eigenschaft, daß sie mein höchstes Interesse erwecken müssen. Leider habe ich in meiner Depesche eine große Unterlassungssünde begangen. Ich hätte Sie ersuchen sollen, die Photographie und die Papiere, welche Sie sich damals aus dem Stuhle des Müllers angeeignet haben, mitzubringen.«
»Werden Sie gebraucht?«
»Es wäre für mich von Vortheil, sie zu sehen.«
»Ich habe sie mit.«
»Wirklich? Ach, das ist sehr gut!«
»Ich konnte mir, als ich das Telegramm erhielt, natürlich nichts anders denken, als daß der Zweck meiner jetzigen Anwesenheit hier in Beziehung zu dem Müller stehe, und darum steckte ich diese Sachen zu mir.«
»Wollen Sie mir erlauben, sie zu sehen?«
»Gern natürlich.«
Er gab sie dem Assessor hin. Dieser betrachtete zunächst die Photographie.
»Eine sehr schöne Frau!« sagte er. »Und die Aehnlichkeit mit Ihnen ist eine so frappante, daß man sofort auf die Vermuthung kommt, daß Sie mit dieser Dame in nächster Verwandtschaft stehen müssen. Und nun auch die Papiere!«
Er nahm eins nach dem andern vor. An der Art und Weise, wie er aufmerksam die Zeilen der Reihe nach überblickte, ersah der Fex, daß er den Inhalt wirklich las.
»Wie, Sie verstehen diese Sprache, Herr Assessor?« fragte er erstaunt.
»Zufälliger Weise,« lächelte der Beamte. »Das hat seinen Grund darin, daß ich nicht Gerichtsbeamter bleiben, sondern mich der diplomatischen Laufbahn widmen will. Da ich mein Augenmerk dabei ganz besonders auf den Osten richte, so habe ich mich sehr eingehend mit den dortigen Sprachen beschäftigt. Das hier ist rumänisch oder, wie man es auch nennt, walachisch.
Er las die Papiere durch und bezeichnete sie dann einzeln:
»Geburtsschein des Baron Samo von Gulijan. Geburtsschein der Baronesse Etelka von Töregg. Der Taufschein dieser Beiden. Und nun noch der Geburtsschein ihres Sohnes Curty von Gulijan. Der wären also Sie.«
»Wer kann das behaupten oder wohl gar beweisen?«
»Ich hoffe, diesen Beweis führen zu können. Der Thalmüller wird nicht ewig leugnen können, und den Silberbauer werden wir wohl wieder ergreifen. Dann wird es nicht unmöglich sein, die Beweise Ihrer Abstammung zu erhalten.«
»Wenn ich nur wüßte, was die fünf fremden Worte bedeuten, welche da auf dem Rücken des Geburtsscheines, welchen Sie für den meinigen halten, stehen.«
Der Assessor hatte diese Worte noch gar nicht gesehen. Er drehte das Document um. Da stand in lateinischen Buchstaben geschrieben:
»de man ke rar es.«
Er betrachtete längere Zeit kopfschüttelnd diese Worte, schüttelte dann den Kopf und sagte:
»Das begreife ich nicht. Sie haben natürlich bereits Sprachkenner gefragt?«
»Ja, aber keiner hat es entziffern können. Nicht einmal, zu welcher Sprache die Worte gehören, konnte errathen werden.«
»Hm! Das könnte ich auch nicht sagen. Diese Worte – oder sind es nur Sylben?«
»Wohl auch möglich.«
Der Assessor studirte weiter, gelangte aber zu keinem Ergebnisse.
»Ich kann die Sylben zusammensetzen nach allen Weisen, so ergiebt es kein mir bekanntes Wort. Und doch möchte ich behaupten, daß sie sehr wichtig sind, daß sie sich auf Sie und auf diese Legitimationspapiere beziehen, mit einem Worte, daß sie die Lösung irgend eines wichtigen Geheimnisses enthalten.«
»Ein Geheimnissen ists, um das es sich handelt,« meinte der Sepp, indem er sich seine Pfeife stopfte. »Wollen mal darüber nachdenken. Vielleichten finden wirs.«
»Du, Sepp?« lachte der Fex.
»Warum nicht?«
»Dazu gehört ein größerer Schriftgelehrter, als Du bist.«
»Pst! Mach mir meine Pferden nicht scheu! Hast noch nicht den Spruch hört?
Was kein Verstand der Verständigen sieht,
Das merket in Einfalt ein kindlich Gemüth.
Man braucht eine Sach nicht grad aus dem Fundamenten zu verstehen, um über sie nachdenken zu können. Sind etwan die Herren Astronomen schon mal auf dem Monden oder auf dera Sonnen herumispaziert.«
»Freilich nicht.«
»Und doch schreibens ganze große Büchern über die Beiden. Also ists auch mit mir. Wann ich so ins Nachdenken komm, so sag ich mir Folgendes: Wann es ein Geheimnissen ist, darf es da Jeder lesen, Herr Assessorn?«
»Nein.«
»Schön! Wanns nicht Jeder lesen soll, wird mans da so herschreiben, daß es gleich zu lesen ist?«
»Schwerlich.«
»Also muß es wohl anderst gelesen werden, als wie mans gewöhnlich liest. Jetzunder buchstabierens mal los! Vielleichten muß es in die falsche Quere gelesen werden. Versuchens das Ding doch mal von hinten nach vorn!«
»Der Gedanke ist nicht übel, Sepp. Es ist überhaupt verwunderlich, day ich nicht auch schon darauf gekommen bin. Also von hinten nach vorn würden die fünf Sylben heißen:
»Es rar ke man de.«
und da könnte bei der richtigen Zusammenstellung sich – – –«
Er hielt inne. Seine Züge nahmen den Ausdruck größerer Spannung an; dann lachte er befriedigt auf und rief:
»Der Sepp hat Recht! Ja, er ist der Klügste von uns gewesen.«
»Nicht wahr!« schmunzelte der Alte. »Ja das ist mein Lebtage stets so gewest: Ich war immerst dera Gescheidteste von allen Andern. Also troffen hab ichs?«
»Ja. Es ist türkisch. Aus den fünf Sylben werden zwei Worte, welche
»Esrar kemande«
gelesen werden müssen.«
»Gott sei Dank!« rief der Fex. »Jetzt endlich ist Hoffnung hinter die Sache zu kommen. Aber bitte, können Sie diese beiden Worte übersetzen?« »Das ist sehr leicht. Esrar heißt nämlich Geheimniß. Sie sehen, daß wir ganz richtig vermutheten, als wir glaubten, daß es sich um ein Geheimniß handeln werde.«
»Und Kemande?«
»Eigentlich heißt dieses Wort nur keman, das ist Geige. Das de ist Suffix und bezeichnet das Umstandswort des Ortes »in«. Kemande heißt also wörtlich: »in der Geige«. Die Uebersetzung würde also vollständig lauten: Das Geheimniß ist in der Geige zu finden oder in der Geige zu lösen.«
»Fex, Fex, hasts hört? Hasts verstanden?« jubelte der Sepp. »In dera Geigen steckt der ganze Pudel! Da hinein müssen wir schauen!«
»Aber was für eine Geige mag gemeint sein?« fragte der Assessor.
»Darüber giebt es wohl keinen Zweifel,« antwortete der Fex. »Die Zigeunerin hat mir eine alte Violine hinterlassen. Sie ist es wohl gewesen, welche die Worte hierher geschrieben hat oder hat herschreiben lassen.«
»Aber, besitzen Sie diese Violine noch?«
»Ja. Ich brauche sie selten, da ich jetzt eine weit bessere habe; doch würde jene ich um keinen Preis verkaufen. Sie ist ein theueres Andenken an dunkle, trübe Zeit.«
»Und wo haben Sie die Geige?«
»In München, in meiner Wohnung.«
»Ach, wenn wir sie hier hätten!«
»Meinen Sie, daß uns das von Vortheil sein könne?«
»Ja, ich meine es nicht nur, sondern ich bin sogar überzeugt davon.«
»Schön! Sehr schön!« sagte der Sepp. »Weißt, was ich thu, Fex?«
»Was?«
»Ich fahr mit dem nächsten Zuge nach München und hol die Violinen herbei.«
»Hm!«
»Soll ich, Herr Assessor?«
»Ich hätte das Instrument allerdings sehr gern hier. Wer weiß, welchen Nutzen es uns machen würde. Aber Sie würden erst spät am Abende zurückkommen.
»So weiß ich einen bessern Rath,« sagte der Fex. »Wenn ich nur wüßte, wenn der nächste Zug aus München abgeht.
Sofort zog der Assessor seinen Fahrplan hervor, um nachzusehen.
»In anderthalb Stunden,« antwortete er.
»So telegraphiere ich.«
»Richtig, sehr richtig! Das ist das Allerbeste. Sie bemerken dazu die Buchstaben D. H. P., das heißt, dringendes Telegramm, und Eilboten bezahlt. Dann wird es sofort expedirt, und der Bote, welcher die Violine bringen soll, kann mit dem nächsten Zuge zurechtkommen. Wollen Sie?«
»Ja. Ich werde sofort schreiben. Sepp, Du läufst schnell nach der Stadt und giebst die Depesche auf.«
»Ja, ich renn, daß ich die Schuhen verlier!«
»Und,« fragte der Assessor, »wissen Sie, Sepp, wohin der Gensdarm den Fingerlfranz gebracht hat? Ich hatte noch keine Zeit, darnach zu fragen.«
»Das weiß ich allbereits, nämlich zum Matthes in denen Gasthofen.«
»So gehen Sie auf dem Rückweg mit da hinein und geben dem Gensdarmen einen Zettel, den ich Ihnen schreiben werde. Er mag den Franz nun frei lassen. Seine Sistirung kann uns ja nichts mehr nützen.«
Im Verlaufe einer Minute war der Alte unterwegs. Er rannte wirklich so rasch, wie er vielleicht in seinem Leben noch nicht gelaufen war.
»Was werden wir indessen beginnen?« fragte der Fex.
»Ich habe beim Müller auszusuchen, kann aber nicht eher damit anfangen, als bis der zweite Gensdarm da ist. Sie müssen es sich schon gefallen lassen, sich die Zeit mit mir zu vertreiben.«
»Gern. Natürlich wird der Müller eingezogen?«
»Das versteht sich ganz von selbst.«
»Ins hiesige Gefängniß?«
»Nein. Ich nehme ihn mit mir. Es wird dadurch die Untersuchung vereinfacht. Dieser Mensch ist ein so hartgesottener Sünder, wie ich noch keinen kennen gelernt habe. Ich meine, daß es sehr schwer sein wird, ihn zum Geständniß zu bringen.«
»Ich wüßte ein Mittel.«
»So? Welches?«
»Der Schreck, das Entsetzen.«
»Das ist freilich ein Mittel, welches bereits so manchem Untersuchungsrichter und Polizisten zu Hilfe gekommen ist. Aber woher es nehmen?«
»Aus dem Zigeunergrab.«
»Wieso?«
»Er muß meine Amme sehen.«
»Brrr! Das Gerippe? Sie meinen, es auszugraben? Es würde nicht anders wirken als wie jedes andere Gerippe auch. Er weiß doch nicht, daß es das ihrige ist. Und selbst wenn er das wüßte, zweifle ich an dem Erfolge, ganz abgesehen davon, daß die Exhumirung einer Leiche eine Sache ist, welche nur unter gewissen Umständen und bedeutenden Formalitäten gestattet wird.«
»Hm! Von einem Gerippe ist keine Rede.«
»Wovon sonst?«
»Ich werde es Ihnen zeigen. Erlauben Sie mir einige Augenblicke!«
Er ging nach der Mühle und kam bald darauf mit zwei grauen Leinwandhosen und eben solchen Jacken zurück. Diese Kleidungsstücke hatte er sich von den Knappen geliehen.
»Bitte, wollen Sie mich begleiten, Herr Assessor!«
»Sie haben sich ja ausgerüstet wie zu irgend einer geheimnißvollen Partie!«
»Das wird es auch. Wir steigen in die Unterwelt.«
»Sie scherzen!«
»Nein. Ich will Ihnen jetzt noch nicht sagen, was ich Ihnen zeigen will. Ich möchte sehen, welchen Eindruck es auf Einen macht, der dabei ganz unbetheiligt ist.«
Er führte ihn nach dem Zigeunergrabe. Sie kamen an Ort und Stelle. Er deutete auf einen Busch und sagte:
»Dieser Strauch war damals nicht so groß wie jetzt, aber auch ich war klein genug, mich dennoch hinter ihm zu verstecken. Da sah ich zu, als der Müller die Amme ermordete.«
»Herrgott! Ists wahr?«
»Ja. Hier auf der Stelle, an welcher sie in die Erde gescharrt wurde, erwürgte er sie.«
»Ach! Nun wird mir einiges Dunkle klar! Er hatte freilich Veranlassung, sie unschädlich zu machen. Aber ist die Leiche nicht untersucht worden?«
»Nur ganz oberflächlich. Sie war ja eine Zigeunerin, eine Heidin.«
»Und Sie sagten nichts.«
»Ich war kaum einige Wochen über neun Jahr alt. Ich fürchtete mich entsetzlich vor dem Mörder und hütete mich wohl, ein Wort zu sagen.«
»Und so hat er keine Ahnung davon, daß Sie Zeuge dieser schaudervollen That gewesen sind?«
»Jetzt doch. Ich habe es ihm gesagt. Er wollte seine Tochter zwingen, den Fingerlfranz zu heirathen, und ich wußte kein anderes Mittel, mich ihrer mit Erfolg anzunehmen, als daß ich ihm drohte, den Mord zur Anzeige zu bringen, falls er auf diese Heirath bestehe.
»Und was that er?«
»Die Verlobung unterblieb. Mich aber wollte er dann ermorden lassen.«
»Sind Sie des Teufels! Auch Sie ermorden! Und zwar ermorden lassen? Also durch einen Andern! Durch wen?«
»Durch den Fingerlfranz. Es ist ihm aber nicht gut bekommen.«
Und lachend erzählte er das Ereigniß jenes Abends, an welchem der Fingerlfranz so fürchterliche Prügel bekommen hatte.
Der Assessor aber blieb sehr ernst dabei.
»Anstiftung zum Mord seitens des Müllers und Mordversuch seitens des Fingerlfranz!« sagte er. »Ich werde den Franz auch festnehmen lassen.«
»Das liegt nicht in meiner Absicht, Herr Assessor.«
»Aber in der meinigen. Dieser Mensch ist ein gefährliches Subject; das hat, er hier bewiesen. Sie haben seine Rache stets zu befürchten, und da muß es ihm gezeigt und bewiesen werden, daß der Rachsüchtige seine schlimme Leidenschaft zu zügeln habe, wenn er nicht mit den Gesetzen in Conflict gerathen will. Aber wollen wir nicht unsern Gang antreten. Die Oberwelt nehmen wir später in Augenschein.«
»Ja, kommen Sie!«
Er führte ihn hinab, räumte die Steine weg und fand unter denselben die Holzthür. Es war Alles noch ganz genau so, wie er es verlassen hatte. Kein fremdes Auge hatte in das Geheimniß dringen können. Er öffnete die Thür und sagte:
»Hier hinunter müssen wir. Wir ziehen diese Hosen über, legen die Röcke ab und fahren dafür in die Jacken.«
»Ich bin begierig, was Sie mir zu zeigen haben,« sagte der Assessor, indem er die genannten Kleidungsstücke anlegte.
»Ahnen Sie es nicht?«
»Ich würde vermuthen, daß Sie mir die Ueberreste der Amme zeigen wollen; aber das ist doch nicht möglich.«
»Warum?«
»Weil dieser Stollen senkrecht hinabgeht und das Grab also viel höher liegt. Es liegt bereits höher, als wir uns jetzt befinden; zu ihm kann also dieser verborgene Gang nicht führen. Ueberhaupt, wer gräbt einen Stollen in einen Sarg hinein.«
»Nun, Sie werden ja sehen, wohin wir kommen.«
Sie ließen ihre Röcke und Hüte hier außen liegen. Es war kaum zu befürchten, daß ein Dieb herbeikommen und grad diese versteckte Stelle aufsuchen werde. Nun stiegen sie hinab, der Fex voran und der Assessor hinter ihm.
Unten angekommen, stieß der Erstere die Kiste bei Seite und zog den Letzteren mit sich hinein.
Die Hölzer, deren er sich früher bedient hatte und die noch in der Mauernische lagen, waren jedenfalls feucht. Der Fex aber hatte frische mit herab genommen. Er machte die Lattenthür auf und brannte die Lampe an.
Jetzt schaute der Assessor sich um.
»Ein unterirdisches Versteck mit zwei Abteilungen,« sagte er erstaunt. »Hier dringt sogar das Wasser des Flusses herein. Wie haben Sie diesen Ort entdeckt?«
»Das werde ich Ihnen später erzählen. Jetzt muß ich Ihnen vorher das zeigen, was Sie sehen sollen. Kommen Sie wieder in die andere Abtheilung zurück, in welche wir zuerst eingestiegen sind!«
Er nahm die Lampe in die Hand und trat mit dem Beamten hinaus.
»Erschrecken Sie leicht?« fragte er.
»Nein.«
»So brauche ich Sie nicht zu warnen.«
»Ists etwas so Entsetzliches, was ich sehen werde?«
»Nein; aber es gehören dennoch andere als Damennerven dazu. Also jetzt!«
Er nahm das Tuch hinweg, welches die Leiche verhüllte und hielt die Lampe so, daß das Licht derselben voll und hell auf die Erstere fiel. Der Assessor stieß doch einen Ruf, wenn auch nicht des Schreckens, so doch des Erstaunens aus.«
»Ach! Also doch eine Leiche! Aber nicht diejenige Ihrer Amme?«
»Und doch ist sie es.«
»Die muß ja viel höher liegen! Wie kommt sie hier herab?«
Der Fex erklärte es ihm: Er erzählte es ihm, wie er dazu gekommen war, diese unterirdische Felsenspalte zu entdecken. Das selbst der König bereits hier gewesen sei, verschwieg er ihm jetzt noch.
Ganz als ob sie schlafe, lag die Südana in dem Kasten. Es war, als ob die langen Wimpern nur halb geschlossen seien und im Erwachen leise zuckten. In den gebräunten Wangen schienen noch Ströme warmen Blutes zu pulsiren. Wer nicht wußte, daß er vor einer Leiche stehe, konnte leicht denken, daß die Schläferin im nächsten Augenblicke sich bewegen werde. Diese Täuschung wurde noch vervollständigt durch die seltene Fülle dunkler Haare, welche wie ein Schleier den Leib der Todten umflossen und die Gestalt bis herunter zu den Füßen einhüllten.
Dem Assessor war es ganz eigenartig zu Muthe. Er konnte für das Gefühl, welches, ohne eine Furcht zu sein, ihm dennoch kalt prickelnd durch die Nerven lief, keine passende Bezeichnung finden.
»Wunderbar!« sagte er. »So etwas konnte ich freilich nicht erwarten. Also ermordet ist sie worden, die treue Dienerin ihres Herrn! Ach, wenn man das noch jetzt nachweisen könnte! Wenn die Zeichen der Erdrosselung noch jetzt zu entdecken wären!«
»Wohl schwerlich!«
»Auch ich glaube es nicht.«
»Nun aber die Hauptsache. Was glauben Sie, wie der Müller sich benehmen würde, wenn er ganz plötzlich vor diese Leiche gestellt würde?«
»Gewisses läßt sich da nicht sagen, doch glaube ich, daß sich ein fürchterliches Entsetzen seiner bemächtigen würde. Sie haben ganz recht gethan, mich hier herab zu führen. Der Müller muß vor sein Opfer gestellt werden, und zwar noch heut!«
»Ist das möglich?«
»Unter diesen Umständen, ja. Ich eile sofort in die Stadt, um mich mit den Herren der betreffenden Behörde zu besprechen.«
»So soll der Müller hier herab? Das wird schwer gehen, weil er gelähmt ist.«
»Nein, die Leiche muß hinauf.«
»Durch den engen Gang?«
»Den erweitern wir. Es müssen Arbeiter her. Uebrigens wird das keine großen und langen Schwierigkeiten machen. Drei, vier Männer können in zwei Stunden fertig sein.«
»Und was geschieht nachher mit der Leiche?«
»Darüber kann ich jetzt nicht entscheiden. Jedenfalls erhält sie in geweihter Erde einen Ruheplatz. Bitte, kommen Sie! Ich möchte keinen Augenblick versäumen.«
Oben angekommen, vertauschten sie die leinenen Sachen mit den ihrigen und schlossen den Gang. Dann begaben sie sich nach der Mühle. Der Wurzelsepp war indessen bereits wieder zurück und hatte auch den Gensdarm mitgebracht. Dieser erhielt ebenso seine Instruction wie sein beim Müller in dessen Stube befindlicher College, dann begab der Assessor sich nach der Stadt.
Der Sepp hatte sich wieder vor die Mühle an den Tisch gesetzt, rauchte seine alte Pfeife und trank ein Bier dazu. Der Fex aber hatte nun eine schwere Pflicht zu erfüllen: Er mußte zu Paula gehen, um sie möglichst zu beruhigen.
Sie hatte sich eingeschlossen und wollte Niemand zu sich lassen; als er aber seinen Namen nannte, öffnete sie ihm die Thür. Sie schien vollständig in Schmerz und Thränen aufgelöst zu sein und machte, als er eintrat, eine Bewegung, als ob sie sich in seine Arme werfen wolle, blieb aber auf halbem Wege stehen und ließ die Arme sinken. Dann hob sie dieselben wieder, verbarg ihr Gesicht in den Händen, legte den Kopf an die Wand und brach in ein herzbrechendes Schluchzen aus.
Er zog die Thür hinter sich zu, trat zu ihr, legte ihr die Hand leise auf die Schulter und sagte in bittendem Tone:
»Paula, willst mich wohl nimmer anschauen?«
Es war, als ob sie eine Antwort geben wolle, aber das Schluchzen erstickte ihre Worte.
»Magst nun wohl gar nix mehr von mir wissen?«
Er wartete auf eine Antwort von ihr – vergebens. Ihr ganzer Körper erbebte unter der Gewalt des Schmerzes, der heut über sie gekommen war. Da legte er den Arm um sie und zog sie an sich. Sie ließ es willenlos geschehen. Sie duldete es auch, daß er ihren Kopf an sein Herz bettete; aber weinte fort und brachte kein Wort hervor.
Da überkam auch ihn eine bittere, große Traurigkeit. Er war es ja, um dessen willen das Unglück heute über Diejenige, welche er über Alles liebte, gekommen war; er gab sich die Schuld, obgleich er daran unschuldig war. Hätte er dieses gewaltige Herzeleid nicht von ihr wenden können, fragte er sich. Nein, lautete, die Antwort. Ihr Vater war dem Arme der göttlichen Gerechtigkeit verfallen, und wann er von demjenigen der menschlichen ergriffen wurde, das war bis heut nur eine Frage der Zeit gewesen.
Mit diesem Gedanken beruhigte sich der Fex. Freilich machte ihm der gewaltige, wortlose Schmerz der Geliebten schwere Sorge. Wenn er sie nur erst wieder zum Sprechen hätte!
Er zog sie zu sich auf einen Stuhl, nahm sie auf den Schooß, schlang beide Arme um sie und flüsterte ihr in innigstem und teilnahmsvollstem Tone zu:
»Meine liebe, liebe Paula, Du darfst es Dir nicht zu sehr zu Herzen nehmen! Alle, alle wissen ja, daß Du unschuldig bist und mit den Thaten Deines Vaters nichts zu thun hast.«
»Aber er ist ja mein Vater!« stieß sie unter herzbrechendem Schluchzen hervor. »Seine Schuld fällt also auch auf mich.«
»Nein. Kein Mensch kann so unbillig denken, einem Kinde die Handlungen des Vaters entgelten zu lassen. Bedenke, daß ich es bin, der hier am Meisten in Betracht kommt. Und grad ich weiß es am Allerbesten, wie rein und schuldlos Du bist. Ich möchte denjenigen sehen, der es wagen wollte. Dir eine Kränkung oder gar Beleidigung zuzufügen.«
Da blickte sie ihm mit einem trostlos zwischen Thränen hervorbrechenden Ausdruck an und antwortete:
»Du, ja, Du hast den guten Willen. Dein gutes Herz rechnet mir die Sünden meines Vaters nicht an. Aber Andere denken nicht so edel und gerecht wie Du. Der Schatten von dem, was mein Vater that, fällt auf mich. Mein Leben wird von jetzt an so dunkel und traurig sein, daß ich mir lieber den Tod als ein längeres Dasein wünschen möchte.«
»Um Gotteswillen, was sind das für Gedanken?« rief er erschrocken.
»Gedanken, welche sich auf den Willen Gottes gründen,« antwortete sie.
»Nein, nein, und tausendmal nein! Gott will nicht, daß der Gerechte mit dem Ungerechten leide!«
»Hast Du nicht gehört, daß er die Sünden der Väter heimsuchen will, bis in das dritte und vierte Glied der Nachkommen?«
»Und hast Du nicht gehört, daß es einen Erlöser giebt, der alle Sünde tragen will, der die Mühevollen und Schwerbelasteten einladet, zu ihm zu kommen? Kennst Du nicht den guten Hirten, welcher selbst das verlorene Schaf auf seine Schultern nimmt, um es zur Heerde zurück zu tragen? Und Du bist es ja gar nicht, die verloren ist. Der Schmerz, der gewaltige Schreck über das, was Du erfahren mußtest, haben Dir das Vertrauen genommen und den Lebensmuth geraubt. Wenn einige Tage vergangen sind, wirst Du Trost und neuen Muth finden.«
»Nie, niemals wieder!«
»Das darfst Du nicht sagen. Diese Kleingläubigkeit ist eine Sünde, deren Du Dich nicht schuldig machen darfst.«
»Das sagst Du, weil Du mich lieb hast. Wie aber werden die Andern, sprechen?«
»Es wird nur sehr Wenige geben, welche Dich mit dem belasten wollen, was Dein Vater auf seinem Gewissen liegen hat. Und die das thun, sind nicht werth, daß Du sie beachtest. Jeder brav denkende Mensch wird Dir sein volles Mitgefühl widmen.«
»Das ist ja grad das Schreckliche! Vor diesem Mitgefühle fürchte ich mich, vor den Blicken, welche in stolzer Barmherzigkeit schwelgen, indem sie auf mir ruhen. Und noch weiß ich nicht einmal genau, welcher Thaten sich mein Vater schuldig gemacht hat.«
»Er leugnet Alles.«
»Vielleicht ist er doch unschuldig.«
»Nein, er ist schuldig. Indem ich Dir dies sage, scheine ich grausam zu sein; aber das ist nicht der Fall, denn ich bin Dir diese Aufrichtigkeit schuldig. Es würde doppelt und zehnfach grausamer von mir sein, wenn ich Dich jetzt täuschte, indem ich Dir Hoffnungen machte, welche doch nicht in Erfüllung gehen können.«
»Mein Gott, wie traurig! Nicht einmal eine armselige Hoffnung darf ich hegen!«
»Ich muß sie Dir leider nehmen, und darüber wirst Du mir sehr bös sein.«
Sie sah lange Zeit vor sich nieder. Dann hob sie den thränenverschleierten Blick zu ihm empor, reichte ihm die Hand und antwortete:
»Nein, lieber Freund, bös kann ich Dir nicht sein. Der Patient muß vielmehr dem Arzte für die Medizin danken, selbst wenn dieselbe noch so bitter sein sollte. Du hast Recht. Du darfst mir keine Unwahrheit sagen. Der Trost, welchen ich dadurch bekäme, würde sich später in eine desto schwerere Traurigkeit verwandeln. Ich will die bittere Arzenei schnell und bis auf den letzten Tropfen trinken. Sage mir also Alles! Was hat mein Vater gethan?«
Er zögerte eine ganze Weile. Erst als sie ihre Aufforderung wiederholte, antwortete er:
»Das ist mir jetzt noch unmöglich, meine liebe Paula. Ich weiß ja selbst noch nicht Alles, was man ihm zur Last legen wird.«
»O, Du weißt es. Ich sehe es Dir deutlich an! Du bist ja gar nicht im Stande, mich zu belügen. Und wenn Dein Mund es versucht, mich zu täuschen, so spricht doch Dein Auge die Wahrheit. Fex, mein lieber, guter Fex, sage mir Alles, was Du weißt. Alles! Ich bitte Dich darum.«
Sie ergriff seine beiden Hände und blickte ihm flehend in das Gesicht. Er konnte diesem Blicke nicht widerstehen, und doch widerstrebte es ihm, ihr einen solchen Schmerz zu bereiten. Er rang mit sich selbst. Er sah ein, daß es besser sei, aufrichtig mit ihr zu sprechen, als sie im Unklaren zu lassen. In diesem letzteren Falle mußte sie später doch Alles hören, und dann war der Eindruck, der die Kunde auf sie machen mußte, jedenfalls ein viel unglücklicherer als jetzt, wo er ihr mit der nöthigen Schonung die Mittheilung machen konnte. Sie bemerkte natürlich seine Unschlüssigkeit und bat dringend:
»Bitte, sprich! Verschweige mir ja nichts.«
»Paula, ich kann es kaum! Es fällt mir ja gar zu schwer.«
»So bedenke, daß das, was ich aus. Deinem Munde erfahre, vielleicht leichter für mich zu tragen ist, als was Fremde mir sagen!«
»Du hast Recht; das sehe ich ein. Und doch wollen mir die Worte nicht über die Lippen.«
»Ist's denn gar, gar so schlimm?«
»Leider, mein armes Kind.«
»Wessen klagt man ihn an?«
»Der schwersten Verbrechen, welche es giebt.«
»Herrgott! Das schlimmste Verbrechen ist ja der Mord. Schon vorhin bei dem Zigeunergrabe fielen Reden, welche mich dieses Schlimmste erwarten lassen. Ist mein Vater wirklich ein – – ein – – ein Mörder?«
Sie brachte dieses Wort kaum über die Lippen und blickte nun den jungen Mann mit einem angstvollen Ausdrucke an, als ob Leben und Tod von seiner Antwort abhängig sei»
»Sprich! Rede doch um Gottes Willen!« drängte sie, als er immer noch zögerte.
Er zog sie an sich, drückte ihr Köpfchen an seine Brust und sagte leise, als ob er sich fürchte, die Worte laut auszusprechen:
»Du armes Mädchen, Deine Vermuthung ist leider nicht falsch.«
Da fuhr sie von seinem Schooße empor, stieß einen lauten Wehschrei aus und schlug die Hände vor das Gesicht.
»O Gott, o Gott! Also doch! Ein Mörder, ein Mörder! Der Himmel erbarme sich über ihn und über mich! Ists wahr? Ists wirklich wahr?«
»Leider, leider!«
»Wen soll er getödtet haben, wen?«
»Zwei Personen, welche mir sehr nahe standen, nämlich meine Mutter und – – –«
»Deine – – Deine Mut – – Mutter!« unterbrach sie ihn in einem Tone, in welchem die größte Seelenpein erklang.
»Ja, meine Mutter und auch meine Amme.«
»Unmöglich! Unmöglich!«
»Nein, es ist wirklich; es ist wahr.«
»Fex, Fex, Du mußt Dich irren! Es kann ja gar nicht wahr sein!«
Sie hatte die Hände vom Gesicht genommen, aus welchem alles Blut gewichen war, und starrte ihn mit großen, großen Augen an. Er wollte schweigen. Bei ihrem Anblicke bereute er, offen gewesen zu sein. Aber sie erfaßte ihn bei den beiden Schultern, schüttelte ihn und rief:
»Ich verlange die Wahrheit, die volle, reine Wahrheit! Täusche mich nicht! Denke, Du ständest vor einem Priester, vor einem Richter, vor Gott selbst, der Dir in das Herz blickt und Alles ebenso gut weiß wie Du selbst. Du sollst und darfst mir nichts verschweigen. Ich schwöre Dir, daß ich nie wieder ein Wort mit Dir spreche, wenn Du mir jetzt nicht die ganze Wahrheit sagst. Also rede! Hat er wirklich Deine Mutter gemordet?«
»Ja, er und der Silberbauer.«
»Ah, ah! Also er nicht allein!«
»Bedenke, daß das keine Entschuldigung für ihn ist!«
»Ja, ja. Das Wort entfuhr mir nur so in meiner Herzensangst. O Gott, o Gott! Also ist es doch wahr! Und er gesteht es nicht ein?«
»Er leugnet es.«
»Sind Zeugen da?«
»Es scheint, daß der Assessor es ihm beweisen kann.«
»Ist es lange her?«
»Fast so lange, als ich alt bin.«
»So ists vielleicht verjährt!«
»Der Mord verjährt niemals.«
»So wird es wenigstens schwer sein, ihn zu überführen. Aber auch das ist ja kein Trost für mich, wenn er doch der Mörder ist. Ob Zeugen da sind oder nicht, ob er bestraft werden kann oder nicht, das bleibt sich gleich; ich bin doch auf jeden Fall die Tochter eines Mörders.«
»Ja. Ich sage es aber sehr schwer und sehr ungern; aber ich muß Dir doch mittheilen, daß ich selbst gezwungen sein werde, als Zeuge gegen ihn aufzutreten.«
»Du! Du selbst?«
»Ja. Ich war zugegen, als er die Amme ermordete, da drüben, wo sie begraben liegt.«
»Du, Fex, Du warst selbst mit dabei?«
»Ja. Entsinnst Du Dich nicht dessen, was wir Dir vorhin am Zigeunergrabe sagten? Ich lag hinter dem Busche. Ich war ein kleiner Knabe und habe keinem Menschen Etwas davon gesagt, aus großer Angst vor Deinem Vater.«
»Und selbst mir nicht, auch mir nicht!«
»Konnte ich Dir diesen Schmerz bereiten? Dir hatte ich ja mein Leben zu verdanken.«
»Mir? Ich hätte Dir das Leben gerettet? Ich weiß kein Wort davon.«
»Du hast es gethan, ohne eine Ahnung davon zu haben. Dein Vater trachtete auch mir nach dem Leben. Er wollte mich tödten; das weiß ich ganz gewiß. Aber Du zeigtest eine so große Anhänglichkeit gegen mich, daß er es Deinetwegen unterließ. Ich wußte, daß ich in steter Todesgefahr schwebte.«
»Wie schrecklich, wie entsetzlich! Und Du hast mich lieb gehabt, hast so viel für mich ertragen und erduldet!«
»Je größer meine Angst vor Deinem Vater war, desto größer wurde meine Liebe zu Dir!«
»Zur Tochter des Mörders! Fex, Fex, ich habe geglaubt, einmal recht, recht glücklich sein zu können. Das war ein Traum; das war Täuschung; das ist nun nicht mehr möglich. Der Fluch heftet sich an meine Fersen. Ich muß verschwinden, dahin, wo Niemand mich kennt. Und Du wirst Deine lichten Pfade wandeln, und kein Strahl davon wird auf meine dunklen Wege fallen. Ich bin die Tochter eines Mörders, eines Mörders, eines Mörders.«
Sie schritt händeringend in dem Stübchen hin und her und stieß die letzten Worte in einem so jammervollen Tone hervor, daß es dem jungen Mann durch Herz und Seele schnitt.
Er sprang von seinem Stuhle auf, ergriff sie beim Arme und sagte:
»Paula, sprich nicht so, nicht so! Das kann ich nicht erhören. Es ist mir, als ob ich sterben müsse, wenn ich Dich so trostlos sehe. Bedenke, daß ich Alles gerade so tief und innig mit empfinde, wie Du es fühlst. Du hast von mir Aufrichtigkeit verlangt. Soll ich es bereuen. Dir diesen Wunsch erfüllt zu haben?«
Da faßte sie sich. Sie zwang sich zur äußerlichen Ruhe. Die Hand fest auf das stürmisch klopfende Herz pressend, seufzte sie:
»Du hast Recht. Was nützt der Jammer und das Klagen. Es ist nichts mehr ungeschehen zu machen, und das Unglück muß, muß ja doch ertragen werden. Ich will mich also beherrschen, damit ich im Stande bin, auch das Uebrige zu hören, was Du mir zu sagen hast.«
»Was das betrifft, so wirst Du freilich nichts mehr hören.«
»Warum?«
»Weil – weil ich Dir – nichts mehr zu sagen habe,« antwortete er stockend und in einem hörbar unsichern Tone.
Sie blickte ihn forschend, fast streng an.
»Jetzt sagst Du mir abermals die Wahrheit nicht, Fex!«
Er senkte den Blick, behauptete aber dennoch:
»Du weißt ja nun Alles.«
»Nein. Ich sehe es Dir an, daß noch mehr gegen meinen Vater vorliegt. Und selbst wenn ich es Dir nicht anmerkte, könnte ich es doch mit Sicherheit errathen. Warum hat er die Beiden getödtet? Nur um sie zu ermorden? Nein. Er muß eine verbrecherische Absicht gehabt haben, eine Absicht, zu deren Erreichung der Mord nur das Mittel war. Und das Alles weißt Du genau. Ich verlange, daß Du es mir sagst. Vermuthe ich richtig oder nicht?«
Ihr Blick ruhte dabei so scharf forschend auf ihm, daß es ihm unmöglich war, aus liebevoller Rücksicht auf ihren Seelenzustand ihr eine Unwahrheit zu sagen.
»Ja,« antwortete er. »Deine Vermuthung ist freilich richtig.«
»Ich wußte es. Also warum hat er Deine Mutter ermordet?«
»Um sie zu berauben.«
»Zu berauben!« wiederholte sie tonlos. »Also nicht nur ein Mörder, sondern sogar ein Räuber, ein Raubmörder ist er! Es ist mir, als ob der Himmel über mir zusammenbrechen wolle.«
»So wollen wir doch jetzt nicht weiter über diesen Gegenstand sprechen. Später, wenn Du gefaßter bist, kannst Du ja Alles erfahren.«
»Nein. Ich habe vorhin gesagt, daß ich die Arznei ganz, bis auf den letzten Tropfen austrinken will. Ich mag sie nicht schluckweise zu mir nehmen. Also weiter! Warum tödtete er Deine Amme?«
»Weil sie wußte, was er gethan hatte. Sie war eine Zeugin gegen ihn, die er aus dem Wege schaffen mußte.«
»Deshalb also, deshalb! Und Du warst bei diesem Morde zugegen, und er leugnet trotzdem?«
»Ja. Vielleicht glaubt er, sich durch das Leugnen retten zu können.«
»Oder, ich wiederhole es, obgleich Du mir da bereits wiedersprochen hast – vielleicht hat er es doch nicht gethan!«
»ES ist kein Zweifel möglich. Ich habe es ganz deutlich gesehen.«
»Aber Du warst ein kleiner Knabe, noch unzurechnungsfähig.«
»Meine, Augen waren dennoch scharf, doppelt geschärft von dem Schrecke unter welchem mein ganzer Leib erzitterte.«
»Wird aber Dein Zeugniß gelten?«
»Warum nicht?«
»Ich habe noch nicht gehört, daß man auf die Worte eines so kleinen Kindes hin einen Menschen zum Tode verurtheilt. Und zudem sind seit jener – Zeit fast sechzehn Jahre vergangen.«
»Du magst Recht haben. Ich kann darüber keine Auskunft ertheilen und wünsche um Deinetwillen herzlich gern, daß meine Aussage gar nichts gelten möge.«
»Auch das läßt sich nicht erwarten. Daß sie gar nichts gelten werde, ist nicht denkbar. Die Richter werden sie vielmehr sehr beachten; aber den Vater zu überführen, dazu reicht sie nicht aus. Und giebt es denn in Beziehung auf die Ermordung Deiner Mutter Zeugen, welche ihm die That beweisen können?«
»Ich weiß es nicht. Die Amme ist todt, und sein Mitschuldiger, der Silberbauer hat die Flucht ergriffen.«
»Dieser wird, selbst wenn man ihn wieder ergreift, sich hüten, ein Geständniß abzulegen und sich dadurch selbst mit in Strafe zu bringen. Es scheint also doch, daß der Vater Recht hat, wenn er meint, daß das Leugnen ihm Nutzen bringen werde.«
»Mag es ihm gelingen. Ich gönne es ihm um Deinetwillen, wie ich bereits bemerkt habe.«
Sie strich sich mit der Hand über die Stirn, holte tief und schwer Athem und entgegnete:
»Du verstehst mich falsch. Meinst Du, daß ich meinen Vater entschuldigen will?«
»Das ist doch natürlich.«
»Natürlich wohl, aber nicht gerecht.«
»Jedes Kind hat das Recht, den Vater zu vertheidigen, selbst wenn dieser gefehlt hat.«
»Meinst Du? Ich habe den Vater niemals so geliebt, wie eine Tochter ihren Vater lieben sollte; aber selbst wenn ich ihm mit der zärtlichsten Zuneigung zugethan gewesen wäre, muß mir der Wille Gottes höher stehen, als die Rücksicht auf den Vater. Keine Liebe zu irgend einem Menschen könnte mich vermögen, gegen die Stimme meines Gewissens zu handeln. Hat mein Vater gesündigt, so muß ich ihn verurtheilen, ganz gleich, ob ich ihn liebe oder nicht. Und ich werde es nicht dulden, daß er durch Lügen die Schuld noch erhöht, welche jetzt bereits auf ihm lastet.«
»Willst Du damit sagen, daß Du beabsichtigst, ihn zu einem offenen Geständnisse aufzufordern?«
»Ja.«
»Das wird vergeblich sein.«
»Wahrscheinlich. Aber es ist meine Pflicht, den Versuch zu machen, Wo befindet er sich?«
»In seiner Stube.«
»Allein?«
»Nein. Es sind zwei Gensdarmen bei ihm.«
»Vor ihnen darf ich mich nicht scheuen. Nur fragt es sich, ob sie mir erlauben werden, zu ihm zu kommen.«
»Sie haben freilich den strengen Befehl, ihn mit keinem Bewohner der Mühle verkehren zu lassen. Aber sie wissen, wie sehr betheiligt ich bei dieser Angelegenheit bin, und werden Dir auf meine Befürwortung hin vielleicht die Erlaubniß geben.«
»So bitte, komm, geh mit hinab!«
Sie wendete sich zum Gehen. Er hielt sie noch zurück und sagte in besorgtem Tone:
»Unterlaß es lieber noch, Paula! Du bist bereits entsetzlich aufgeregt. Zu Dem, was Du vor hast, gehört eine Stärke, welche Du in diesem Augenblicke wohl kaum besitzest.«
Jetzt ging doch ein Lächeln, wenn auch ein sehr mattes, über ihr jugendlich schönes Gesicht.
»Meinst Du auch, daß nur die Männer stark sein können?« fragte sie.
»Nein, das meine ich nicht. Es giebt ja Lagen, in denen selbst der stärkste Mann sich schwach fühlen kann, und die Deinige, in welcher Du Dich selbst befindest, scheint eine solche zu sein.«
»Ich habe gehört, daß oft dann, wenn es den Männern an Stärke gebricht, die Frauen eine Kraft zeigen, welche man ihnen nicht zugemuthet hat. Du wirst sehen, daß ich nur Dir gezeigt habe, wie mich die Kunde von den Verbrechen meines Vaters erschüttert hat. Dieser aber nicht, und auch kein fremder Mensch, soll bemerken, daß ich in's tiefste Leben hinein getroffen bin. Also komm mit hinab!«
Sie schritt voran, und er folgte ihr. Ihre Haltung war aufrecht, fast stolz, und ihr Gang sicher. Dieses junge, unerfahrene Mädchen hatte in den wenigen Augenblicken eine Schule durchgemacht, zu welcher Andere lange Jahre gebrauchen. Sie war in dieser kurzen Zeit zu der Erkenntniß gelangt, daß sie in Beziehung sowohl auf ihr inneres, als auch auf ihr äußerliches Leben von jetzt an nur auf sich selbst angewiesen sein werde.
Und eigenthümlich war es auch, daß sie im Verlaufe ihres Gespräches mit dem Fex hochdeutsch gesprochen und sich nicht ihres ländlichen Dialectes bedient hatte. Es ist das keineswegs ein psychologisches Räthsel, welches nicht gelöst werden kann. Wenn fremde, bisher unbekannte Gewalten die Seele bewegen, ist es nur ganz selbstverständlich, daß auch die Sprache eine andere wird.
Als sie die. Thür zu der Stube des Müllers öffneten, sahen sie diesen auf seinem Rollstuhle am Tische sitzen. Er hielt die Augen geschlossen, als ob er schlafe. Das war nur Verstellung. Er wollte ungestört über seine Lage und den Ausweg aus derselben nachdenken. Auch lag es ganz in seinem Character, die beiden anwesenden Gensdarmen keines Blickes zu würdigen.
Der Eine derselben kam auf die beiden Eintretenden zu und fragte nach ihrem Begehr.
»Darf ich vielleicht einmal mit meinem Vater sprechen?« erkundigte sich Paula.
»Nein, Fräulein.«
»Warum nicht?«
»Ihr Vater darf überhaupt jetzt mit keinem Menschen verkehren. Es liegt das ganz, in der Natur der Sache.«
»Aber ich verspreche Ihnen, daß ich kein Wort zu ihm sagen werde, was ich nicht zu ihm sagen darf.«
»Darauf kann ich leider nicht eingehen.«
»Aber ich werde mein Versprechen sehr gern und ganz genau halten!«
»Das können Sie nicht. Sie wissen ja gar nicht, was Sie sagen dürfen und was nicht. Und der Gefangene würde dieses Gespräch ganz gewiß nur zu Mittheilungen oder Winken benutzen, die wir unmöglich gestatten dürfen.«
Jetzt warf sie einen Blick auf den Fex, ihn stumm bittend, sich ihrer und ihres Wunsches anzunehmen. Der junge Mann wandte sich in flüsterndem Tone an den Gensdarmen:
»Sie können es ihr getrost erlauben. Ihre Absicht ist nur vorteilhaft für den Verlauf der betreffenden Untersuchung.«
»Inwiefern?«
»Sie will ihren Vater auffordern, ein offenes Geständniß abzulegen.«
Der Polizeibeamte zuckte die Achsel und antwortete:
»Wer giebt mir Garantie?«
»Ich.«
»Sie sind nicht Beamter.«
»Aber es liegt in meinem Interesse, daß nichts Störendes sich ereigne.«
»Das mag sein; aber ich kann das Risico doch nicht übernehmen. Selbst wenn sie die beste Absicht hat, kann ihr Vater das Gespräch zu einer Bemerkung benützen, welche schädigend in den Verlauf des Criminalprocesses einwirkt. Uebrigens ist der hartköpfige Alte nicht der Mann, welcher sich durch eine einfache Bitte seiner Tochter bewegen läßt, die Rettungsgedanken aufzugeben, mit denen er sich ganz sicher noch trägt.«
»Sie schlagen uns also die Bitte ab?«
»Nur ungern, aber doch ganz bestimmt. Meine Instruction ist so streng und gemessen, daß ich mich durch nichts bewegen lassen kann, gegen dieselbe zu handeln.«
»So müssen wir uns leider zurückziehen.«
»Ich ersuche Sie allerdings darum. Ich habe eigentlich bereits gegen die mir ertheilten Befehle verstoßen, indem ich Sie hier eintreten ließ. Ich darf keinen Menschen zu meinem Gefangenen hereinlassen.«
Der Fex nahm Paula bei der Hand und entfernte sich mit ihr. Gerade als sie aus der Thür traten, kam der Assessor zur Hausthür herein.
»Wie?« sagte er erstaunt. »Sie waren drin beim Müller?«
Seine Stirn legte sich dabei in Falten.
»Wir wollten zu ihm,« erklärte der Fex,»sind aber von den Gensdarmen zurückgewiesen worden.«
Die Stirn des Gerichtsbeamten glättete sich wieder, und er bemerkte:
»Mein Befehl, welcher sehr streng ist, lautete allerdings, daß kein Mensch Zutritt nehmen dürfe, am allerwenigsten ein Bewohner dieses Hauses. Darf ich fragen, was Sie bei Ihrem Vater wollten?«
Diese Frage war an Paula gerichtet. An ihrer Stelle erklärte der Fex, welche Absicht das Mädchen verfolgt hätte. Der Assessor blickte eine Weile sinnend vor sich nieder, dann antwortete er:
»Sie verfolgen zwar einen sehr lobenswerthen Zweck, allerdings, ich habe nicht die mindeste Hoffnung, daß Sie ihn erreichen werden. Ihr Vater ist ein hartgesottener Character. Bei ihm wirken gute Worte gerade so wie hohle Gummibälle, welche von der Mauer abprallen, an welche man sie wirst.«
»Wollen wir es nicht wenigstens einmal versuchen?« fragte das Mädchen schüchtern.
»Sie haben wirklich nicht die Absicht, irgend eine Ungehörigkeit zu begehen?«
»Nein. Ich würde dadurch ja die Mitschuldige meines Vaters werden, und dazu habe ich freilich keine Lust.«
»Nun gut, so soll Ihre Bitte erfüllt werden, aber weniger in der Hoffnung, daß Ihr Zweck erreicht wird, sondern nur aus Rücksicht auf die Theilnahme, welche ich Ihrer Person widme. Kommen Sie also mit herein!«
Er öffnete die Stubenthür, damit Paula eintreten möge, und da er den Fex nicht hinderte, so nahm auch dieser mit Zutritt.
Der Assessor schritt auf den Müller zu, welcher noch ebenso regungslos und mit geschlossenen Augen dasaß wie vorhin und sagte:
»Müller, schlafen Sie?«
Es erfolgte keine Antwort.
»Kellermann!« rief nun der Beamte den Müller bei dessen Namen.
Auch das hatte ganz denselben Mißerfolg.
»Ihre Tochter ist da. Sie will mit Ihnen reden.«
Der Gefangene bewegte sich noch immer nicht und behielt auch die Augen geschlossen. Da gab der Assessor Paula einen Wink und trat zurück. Das Mädchen ging hin zu ihrem Vater. Ihre Schritte waren leise, aber fest und sicher. Ihr Gesicht war todesbleich und ohne bewegte Mienen.
»Vater!« sagte sie.
Trotzdem sie nur dieses eine Wort gesprochen hatte, hörte man doch, daß ihre Stimme zitterte. Der Angeredete aber that noch immer, als ob er nichts höre.
»Vater, ich bin da, die Paula!«
Keine Antwort.
»Vater,« rief sie nun mit laut erhobener Stimme, »hörst mich nicht oder willst mich blos nicht hören?«
Und als auch jetzt keine Antwort erfolgte, so fuhr sie fort:
»Meinst etwan, ich soll denken, daßt schlaft oder nicht beim Bewußtsein bist? Gegen mich brauchst Dich nicht zu verstellen. Ich will mit Dir reden, und wannst mich nicht hören willst, so kann ich ja gehen. Aberst denk nur nicht, daß ich dann wiederkomm. Wann ich jetzund von Dir gehe, ohne daßt mich anhört hast, so bekommst mich im ganzen Leben nimmer wieder zu sehen.«
Da machte er eine leise Bewegung, ohne jedoch die Augen zu öffnen.
»Also, sag, obst mich hörst.«
»Ja,« antworte er leise.
»So mach auch die Augen auf!«
Jetzt hob er langsam die Lider empor. Sein Blick glitt blitzschnell, so daß es kaum bemerkt werden konnte, im Zimmer umher und blieb dann an der Tochter haften. Wäre dieselbe unerwartet vor ihn hingetreten, vielleicht hätte er dann seine Verlegenheit für den ersten Moment nicht bemeistern können; jetzt aber, wo er bereits seit einigen Minuten wußte, daß sie mit ihm sprechen wolle, zeigte sein Auge ganz die gewöhnliche kalte, gefühllose Strenge und Festigkeit. Er that, als ob er keine der anderen Personen sehe, und hielt das Auge nur auf Paula gerichtet.
»Was willst?« fragte er kurz.
»Hast jetzund schlafen, Vatern?«
»Nein.«
»Warum machst die Augen zu?«
»Weil ich keinen Menschen anschauen mag, der mich beleidigt, ohne daß ichs ihm verwehren kann.«
»So fürchtest Dich?«
»Was fallt Dir ein, alberne Kröten Du! Vor wem soll ich mich fürchten?«
»Oder hast Dich schämt?«
»Das ist eine noch viel dümmere Fragen als die vorhergehende. Dera Thalmüllern hat gar keinen Grund, sich vor irgend einem Menschen zu schameriren!«
»So kannst auch die Augen offen behalten.«
»So? Meinst? Ich schau keinen Menschen an, der es nicht werth ist, daß dera Thalmüllern ihn anschaut. Gegen Diejenigen vom Gericht und von dera Polizeien darf ich mein Hausrecht nicht anwenden, sonst hätt ich sie allbereits schon längst hinauswerfen lassen. Und weil ich es dulden muß, daß sie sich herstellen und mich anstaunen wie die Kuh das neue Scheunenthor, so hab ich kein anderes Mittel, mich gegen sie zu wehren, als daß ich die Augen zumachen thu. Auf diese Weis bekomm ich sie doch nicht zu sehen.«
»Und meinst wirklich, daßt ein Recht hast, gegen sie zornig zu sein?«
Er that, als ob er über diese Frage außerordentlich erstaunt sei.
»Natürlich hab ich das Recht.«
»So bist wohl unschuldig?«
»Dirndl, frag nicht so dumm!«
»Ich frag weder klug noch dumm. Ich bin Deine Tochtern, und als solche muß ich doch wohl wissen, was ich von Dir zu denken hab.«
»Und das weißt wohl jetzund noch gar nicht?« fragte er in höhnischem Tone.
»Nein.«
»Sodann bist mir auch eine gar schöne Tochtern! Ich dank auch für so ein Kind! Eine richtige und brave Tochtern muß Stein und Bein schwören können, daß ihr Vätern unschuldig ist.«
»Aberst wann sie da nun gar einen Meineiden schwört?«
»Woher weißts, daß es einer ist?«
»Ich kanns mir denken.«
»So! Also hältst mich für schuldig?«
»Ja.«
Sie blickte ihm dabei fest und scharf in die Augen. Um nicht seinen Blick senken zu müssen, heuchelte er einen Zorn, den er gar nicht empfand, denn es war vielmehr der Schreck, in welchen ihn ihre Antwort versetzte. Er schlug mit der Faust auf die Armlehne seines Stuhles und rief:
»Jetzt marsch sofort hinaus aus dera Stuben hier! Gleich und sofort! Ists nicht genug, daß fremde Leut sich Lügen aussinnen, die sie mir an denen Kopf werfen? Muß auch noch mein eigenes Kind so schlecht gegen mich sein!«
Sie ließ sich durch diese Worte keineswegs bewegen, ihr Verhalten zu ändern. Den Blick noch immer fest auf ihn gerichtet, antwortete sie ihm:
»Kannst in aller Ruhe mit mir sprechen. Dera Zorn ist hier schlecht angewendet. Du siehst ja, daß auch ich ruhig bin.«
»Ja, das sehe ich schon! Und das ist auch wohl eine gar große Ehren für Dich? Wanns dem Vatern so gemacht wird wie mir, so kann ein richtiges Kind nicht ruhig bleiben. Ich, wann man meinen Vätern so beschuldigen thät wie mich, ich thät Alles zerschmeißen und würf die ganze Gesellschaften zum Haus hinaus. Odern hasts vielleicht noch gar nicht hört, was ich Alles begangen haben soll?«
»Habs gar wohl vernommen.«
»Von wem denn?«
»Vom Fex.«
»So! Vom Fex also! Ja, das kann ich ihm schon zutrauen. Anstatt daß er mir dankbar ist dafür, daß ich ihn zu mir nommen und füttert hab diese langen Jahre hindurch, geht er zu Dir, um mich schlecht zu machen und Dich gegen mich aufzuhetzen. Aberst dera Lohn wird ihm schon noch werden. Wann ich erst bewiesen hab, daß ich unschuldig bin, dann werd ich ihn einsperren lassen, ihn, verstanden? Er ist schuld daran, daß ich heut die Polizeien in meinem Haus sehen muß. Das hast von dera Freundschaft, die Du stets gegen ihn habt hast. Jetzunder will er mich unglücklich machen. Ein Mördern soll ich sein! Denk Dirs nur!«
»Und das bist nicht?«
»Nein.«
»Wirklich nicht?«
»Dirndl, wie kommst mir vor! Wann ich Dir sag, daß ich unschuldig bin, so mußts glauben, grad als obs ein König oder ein Kaiser sagt hätt!«
»O, wie gern wollt ichs glauben, wie gern! Vatern, Du bist nicht immer so zu mir gewest, wies hätt sein können, und darum bin ich Dir auch lieber fern blieben. Aber mein Vatern bist doch, und ich bin Dein Kind. Wir Zwei gehören zusammen. Zu Dir muß ich mehr halten als zu einem Andern, und wann ich ihn noch so lieb hätt. Darum hat mich das, was man von Dir sagt, bis tief ins Leben hinein troffen. Es ist grad so, als ob ich den Mord soll ausführt haben. Wir wollen grad und ehrlich mit nander sein. Schau, wannst auch schuldig bist, mein Vatern bleibst doch, aberst sagen mußt mirs aufrichtig, wie es steht. Hasts than, so gesteh es ein. Du wirst die Straf erhalten, ich aber werd mich dem König zu Füßen werfen und ihn bitten, daß er Dich nicht tödten läßt. Wannst nachhero im – im – im Gefängnissen bist, so werd ich kommen und Dich besuchen, daß Dir es nicht gar so schwer fallen mag. Und beten werd ich für Dich, und – und – und – –«
Sie konnte nicht weiter, denn die hervorbrechenden Thränen erstickten ihre Stimme. Der Müller sah finster vor sich nieder. Er fühlte sich von dem Schmerze seines Kindes nicht im Geringsten berührt. Er war vielmehr ergrimmt über Paula's Verhalten. Seiner Meinung nach hätte sie ihn mit allen Kräften und gegen alle Wahrheit in Schutz nehmen und vertheidigen sollen. Darum blickte er, als er nun den Kopf wieder hob, sie finster an und herrschte ihr entgegen:
»Schweig! Was redest da für Dingen, die gar keinen Sinn und keinen Verstand haben! Dera König soll mich nicht tödten lassen? Ich möcht wissen, weshalb ich getödtet werden sollte! Und ins Gefängnissen soll ich kommen? Wer das sagt, der ist ein Wahnsinniger. Nun will ich wissen, obst den Verstand verloren hast oder nicht.«
»Es ist allerdings ganz darnach, den Verstand zu verlieren!« schluchzte sie.
»Das war bei Dir gar kein Wunder, weilst niemals viel davon habt hast. Nach mir bist da gar nicht gerathen.«
»Vater, Vater, spotte nicht! Versündige Dich nicht auch noch an mir mit dem Hohne, der mir in die Seele schneidet!«
»Das ist kein Hohn, sondern es ist der Zorn darüber, daßt mich für schuldig halten kannst.«
»Muß ich denn nicht?«
»Nein. Wer zwingt Dich dazu?«
»Das, was man von Dir sagt hat.«
»Willst also dem Fexen mehr glauben als mir. Deinem Vatern?«
»Er hat mir noch niemals eine Unwahrheiten sagt.«
»So! Aberst ich hab Dich wohl gar sehr oft und viel belogen?«
Und als sie auf diese Frage nicht gleich eine Antwort fand, welche ihn nicht beleidigen konnte, fuhr er fort:
»Wannst so gegen mich denkst, so brauchst gar nicht zu mir zu kommen. Was willst da bei mir? Du machst die Sach nur noch schlimmer für mich, denn wer Dich so dumm reden hört, der muß denken, daß ich wirklich das bin, wofür mich die Polizeien ausschreien will. Dazu brauch ich Dich nicht. Wannst nicht auf der meinigen Seite stehen willst, so bleib lieberst ganz weg. Ich kann mich schon allein vertheidigen. Und nachhero, wanns mich wieder frei haben lassen müssen, dann mag ich Dich auch nimmer sehen. Ich weiß nun schon: Ich hab mal eine Tochter habt; jetzt aber hab ich sie nicht mehr.«
Er hatte sich bemüht, einen gefühlvollen Ton anzuschlagen, und obgleich ihm dies nicht gelungen war, fühlte Paula sich doch von seinen Worten unendlich ergriffen. Sie trat ganz zu ihm heran, ergriff seine Rechte und sagte:
»Vater, lieber Vater, solche Worten mag ich nicht hören. Ich bin Deine Tochtern; ich will sie sein und auch bleiben. Ich will mit Dir leiden und dulden. Aberst ich muß auch wissen, woran ich mit Dir bin. Ich thät mein Leben geben, wann ich sagen könnt, daßt wirklich unschuldig bist.«
»Du glaubsts ja nicht.«
»Ich glaubs doch, ja, ich will es glauben, wannst es mir richtig sagst.«
»Ich habs Dir ja sagt! Odern war das vielleicht nicht richtig?«
»Nein.«
»So! Jetzund möcht ich es wissen, wie man es sagen muß, damit es richtig ist.«
»Wannst mir die wirkliche Wahrheiten sagst, so mußt mich auch dabei anschauen können.«
»Hab ich das nicht?«
»Nein, nicht so, wie es sein muß. Vater, ich bitt Dich, schau mir grad, ganz grad in die Augen.«
Er erhob den Blick zu ihrem Gesicht empor. Er gab sich alle Mühe, diesem Blicke die nöthige Festigkeit und Unbefangenheit zu verleihen, aber es gelang ihm doch nicht ganz.
»Grad mir ins Aug mußt schauen!«
»Das thu ich doch! Was willst eigentlich von mir! Meinst, daß ich Narrenspossen mit mir spielen laß?«
»Nein. Jetzund schaust mich also fest an, und nun sagst mir grad hinein in mein Gesicht, was ich Dich frag. Bist ein Mördern, oder bist unschuldig? Sags!«
»Ich bin unschuldig,« antwortete er.
»Hast also nicht die Mutter des Fex ermordet?«
»Nein.«
»Auch seine Amme nicht?«
»Von dera Ammen weiß ich kein Wort!«
»Das ist die Zigeunerin, welche da drüben am Wasser begraben liegt.«
»Ist mir gar nicht einfallen, sie zu dermorden.«
»So bist also wirklich, wirklich unschuldig?«
Es klang eine ungeheure Angst aus dem Tone, in welchem diese Frage nun wiederholt ausgesprochen wurde.
»Ja, freilich bin ich unschuldig.«
»Kannsts wohl auch beschwören?«
»Ja.«
»So schwör einmal!«
»Madel, mach kein Theatern mit mir. Wannst meinst, daßt mich ins Gebet nehmen kannst wie ein Criminaler, so hast Dich geirrt! Jetzund soll ich auch noch einen Schwur ablegen?«
»Ja, das sollst auch! Und wannst es thust, so werd ich Dir Alles glauben, und hernach soll mich kein Mensch mehr von dera Ueberzeugung abbringen, daß man Dich unrechtmäßiger Weise beschuldigt hat.«
»So! Wanns so ist, so kann ichs freilich mit gutem Gewissen thun. Also hör mir mal zu, Paula! Hier hast meine Hand. Ich schwör Dir mit allen Eiden, die es nur geben kann, in Deine Hand hinein, daß –«
»Halt!« befahl da der Assessor, indem er rasch näher trat. »So weit kann ich meine Erlaubniß nicht ausdehnen. Nur allein die von Gott eingesetzte Obrigkeit hat das Recht, einen Schwur zu verlangen. Derjenige aber, welchen Sie von Ihrem Vater fordern, Fräulein, würde eine große Sünde gegen Gottes Gebote sein. Und dabei will ich gar nicht entscheiden, ob dieser Schwur nicht vielleicht gar ein entsetzlicher Meineid wäre.«
»Meineid!« rief der Müller. »Wer das zu sagen wagt, der ist ein Schur –«
Er hielt inne bei dem drohenden Blicke, den der Assessor auf ihn warf. Dann fuhr der Letztere, gegen Paula gerichtet, fort:
»Ich habe Ihnen Ihren Wunsch erfüllt, und es ist eingetroffen, was ich Ihnen vorhersagte. Ihr Besuch hier hat nun sein Ende erreicht. Sie können an die Unschuld Ihres Vaters glauben; es fällt mir nicht ein, Sie darin zu stören. Wir aber haben die Pflicht, nicht nach dem Glauben, nach Vermuthungen, sondern nach den Thatsachen zu richten. Es bleibt Ihnen unbenommen, jetzt von ihm Abschied zu nehmen.«
»Abschied? Schon? Nehmens ihn mit fort?«
»Ja. Er ist natürlich mein Gefangener.«
»Aberst er ist doch unschuldig! Habens denn nicht hört, daß er hat schwören wollen?«
»Darnach kann ich mich nicht richten.«
»Wo schaffens ihn dann hin?«
»Das wird Ihnen noch mitgetheilt werden. Ich bitte Sie, sich und uns diesen Augenblick nicht schwerer zu machen, als es unbedingt nöthig ist.«
Es war unmöglich, in diesem Augenblicke den Ausdruck ihres Gesichtes zu beschreiben. Sie sah wie eine Todte aus, als sie sich jetzt ihrem Vater wieder zuwendete. Dieser aber war keineswegs so todesbleich wie sie. Ihm war das Blut in das Gesicht gestiegen, und seine Augen blitzten voll Haß und Zorn auf, als er dem Assessor zurief:
»Also fortgeschafft soll ich wirklich werden? Nun gut! Ich kann mich nicht dagegen wehren; aberst wissen will ich, wohin ich transportirt werden soll.«
»Dahin, wo die Untersuchung gegen Sie geführt werden soll. Ich bin Ihnen keineswegs Rechenschaft schuldig. Verkürzen Sie sich die Zeit, welche ich Ihnen zur Verabschiedung von Ihrer Tochter gewähre, nicht durch unnütze Fragen!«
»So, also nicht wie ein Mensch werd ich behandelt, sondern wie eine Waar', die man hin und her schleppen kann, wie man will! Ich muß mit, das seh ich wohl. Doch vorher muß ich mein Haus und Geschäft in Ordnung bringen. Und Wäsch und Kleidern und Geld und Essen muß ich mir einpacken lassen. Dazu will ich Zeit haben!«
»Sie verreisen nicht in ein Seebad, Müller. Für das, was Sie brauchen, wird die Behörde sorgen. Und was Ihr Haus und Geschäft betrifft, so werde ich thun, was meine Pflicht von mir fordert. Sie haben noch eine einzige Minute Zeit. Wollen Sie Ihrer Tochter Ade sagen oder nicht?«
»Nein. Ich nehme keinen Abschied von ihr! Ich werd, wanns mich heut fortschaffen, morgen oder übermorgen bereits wieder da sein.«
»Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß Ihre Abwesenheit, selbst wenn sich Ihre Unschuld herausstellen sollte, Monate lang währen kann.«
»Das wollen wir sehen! Das laß ich mir nicht gefallen! Ich weiß schon, was ich thu, wanns mich nicht schnell wieder frei lassen. Und anspannt wird! Ich laß mich nicht durch den Ort schleppen wie einen Mordspitzbuben! Fahren will ich in der neuen Kaleschen. Ich bin dera Thalmüllern und kann das machen!«
»Sie stellen meine Geduld auf eine harte Probe. Vielleicht führen Sie bereits sehr bald eine ganz andere Sprache. Uebrigens ist die Zeit nun abgelaufen. Bitte, Fräulein!«
Er deutete in höflicher Weise nach der Thür. Anstatt diesem Winke zu folgen, ergriff Paula nochmals beide Hände ihres Vaters und fragte abermals:
»Also Du hast mich nicht belogen? Du bist wirklich unschuldig?«
»Laß mich nun endlich mal aus mit denen Erkundigungen! Was ich sagt hab, das hab ich sagt!«
»So will ichs glauben. Und ich hoff auch so wie Du, daßt gar bald wiederkommen wirst. Ich werd mich schon fleißig derkundigen und Dir gern Alles, bringen, wast brauchen kannst und was man Dir derlaubt. Und nun behüt Dich Gott, lieber Vatern! Vergiß nimmer, daßt eine Tochtern hast, die an Dich denken wird an jedem Augenblick!«
Ihre Thränen flossen. Sie beugte sich über ihn, als ob sie ihm einen Abschiedskuß geben wolle. Da aber schob er sie schnell von sich fort und antwortete:
»An mich wirst denken? Ja, das kennt man schon! An denen Fex wirst hangen, wann ich nimmer da bin. Was aber mit dem Vatern geschieht, das wird Dir wenig Sorg bereiten. Mir machst da gar nichts weiß, und –«
Er unterbrach sich, denn die Thüre wurde aufgerissen und der Fingerlfranz stürmte herein.
»Ists wahr, Müller?« rief er hastig. »Ists wirklich wahr?«
»Was?«
»Daßt arretirt bist? Daßt fortschafft werden sollst?«
»Ja.«
»So! Also ists doch wahr! Und auch ich bin verarrctirt worden Deinetwegen, und den Brief hat man mir abnommen, und ins Unglück hättst mich beinahe bracht! Das hat man davon, wann man sich mit einem Schuften und Schurken abgiebt. Ich hab mir zwar schon längst denkt, daßt kein Guter bist, aber so schlimm, wie es ist, hab ichs mir doch nicht ausmalt. Jetzt nun komm ich, um Dir zu sagen, daß unsere Freundschaft vorüber ist. Mit einem Zuchthäuslern mag ich nichts zu thun haben. Hasts hört und verstanden?«
Dieses Hereindringen in die Stube und diese Auslassung trotz der Gegenwart der anderen Anwesenden war so roh und kam dem Müller so unerwartet, daß er zunächst kein Wort der Entgegnung fand. Der Assessor hatte es in seiner Macht, den Menschen fort zu weisen; aber er mochte vielleicht denken, daß einige Worte fallen würden, welche für ihn als Untersuchungsrichter von Nutzen sein könnten, und darum verhielt er sich zunächst schweigsam.
»Nun, was starrst mich an?« fuhr der Fingerlfranz fort, zu dem Müller gewendet. »Hasts hört, was ich Dir sagte, oder soll ichs noch einmal sagen?«
»Ah! Ah! Oh!« stieß der Angeredete hervor. Er fand vor Grimm gar keine richtigen Worte.
»Also seufzen thust! Nun ja, das kannst schon billig haben. Ich hab auch seufzen mögen, als ich vorhin verarretirt worden bin, weilst mich belogen hast.«
»Belogen?« fragte jetzt der Müller. »Davon weiß ich halt gar nix.«
»Nicht? Hast mich nicht mit einem Briefen zu dem Silberbauern senden wollen wegen einem Geschäft? Und weils kein Geschäft gewest ist, sondern ein Verbrechen, so hat mich dera Schandarm mitnommen.«
»Was sagst, was!«
»Ich habs deutlich genug sagt!«
»Zum Silberbauern hätt ich Dich schicken wollt?«
»Ja. Willsts wohl gar leugnen?«
»Ja, leugnen muß ichs, denn es ist gar nicht wahr. Das hast Dir nur selberst aussonnen.«
»Was! Ich mir aussonnen! Thalmüllern, was fallt Dir ein! Daßt ein schlechter Kerlen bist, das weiß alle Welt; aberst daßt eine so gar große Lügen machen kannst, das geht schon über alle Begriffen!«
»Ich, Lügen machen? Wer ist dera Lügner? Du bists. Du allein!«
»Oho! Soll ich Dir diese Beleidigung gleich etwan ins Gesicht hinein schlagen? Jetzund willst wohl gar sagen, daß ich selberst den Brief schrieben hätt?«
»Ja, das sag ich. Odern hast Dir ihn von einem Anderen schreiben lassen. Ich aberst weiß gar nix von ihm!«
Da riß der Franz seinen Mund weit auf, blickte mit dem Ausdrucke des dümmsten Erstaunens im Kreise umher und sagte:
»Sollt man so was denken! Und Dem sein Schwiegersohn hab ich werden sollen. Aber ich sag es ja, daß ich sein Dirndl gar nicht hab haben wollen. Die Dirn ist sogar für denen Fex noch viel zu schlecht. Sie steckt mit ihrem Vatern unter einer Decken und muß mit ihm sogleich verarretirt werden!«
Das war dem Fex zu viel. Zwar ärgerte er sich nicht über die unsinnigen Reden des rohen Menschen, aber er kam doch von seiner früheren Absicht zurück, keinen Strafantrag gegen ihn zu stellen. Darum sagte er jetzt zu ihm in scheinbar freundlichem Tone:
»So! Also sie ist noch zu schlecht für mich? Und erst heut Morgen noch hast sie zwingen wollen, freundlich mit Dir zu sein.«
»Das war nur ein Gespaß. Ich mag sie gar nimmer. Ihr Vatern gehört ins Zuchthaus hinein und sie auch.«
»Und Du? Wohin gehörst Du?«
»Wie meinst das? Warum fragst so?«
»Ich glaube nämlich, daß auch Du in dasselbe Haus gehörst.«
»Ich? Höre, Fex, wannst etwan meinst, daßt mit mir so einem albernen Spaßen kommen kannst, so kommst an den Unrechten! Ich möcht Den sehen, der mir was Unrechts nachzusagen vermag.«
»Nun, da schau Dir ihn an! Hier steht er; ich bins selberst.«
»Du? Was fallt Dir ein! Was könnst von mir wissen?«
»Ich weiß, daß dera Mord mit dem Zuchthaus bestraft wird.«
»Das weiß ich auch, aberst es geht mich doch gar nix an.«
»Gar viel geht Dichs an! Oder hasts vielleichten bereits vergessen, daßt mich hast dermorden wollen?«
Der Fingerlfranz machte das erstaunteste Gesicht, welches ihm möglich war, und antwortete:
»Ich? Dich? Das hast wohl träumt?«
»Dann hättst wohl auch nur träumt von denen Hieben, die Du damals von mir erhalten hast?«
»Wo?«
»Drüben an dera Fähre, als Du Dich mit denen Händen im Fuchseisen fangen hattst.«
»Ach so! Daran hab ich schon gar nimmer dacht. Ja, ich möcht wissen, wers damals war, der sich den albernen Witz macht hat. Ich wollt mich überfahren, und da lag ein Fuchseisen, ohne daß ichs wußt hab.«
»O nein! Ueberfahren hast Dich nicht wollt, sondern mich hast dermorden wollen. Das weiß ich ganz genau.«
»Jetzund weiß ich gar nicht, ob ich auch richtig hört hab. Wie könnt es mir denn einfallen, Dich zu dermorden!«
»Weil ich Dir bei dera Paula im Weg gewest bin.«
»Das ist nicht wahr. Ich mag sie doch gar nicht.«
»Das sagst nun jetzt erst. Aber das war auch nicht dera einzige Grund. Die Hauptsach ist gewest, daßt mir die Brieftasch hast abnehmen wollen.«
»Die Brieftasch? Keinen Buchstaben weiß ich davon!«
»Nicht? So dauerst mich sehr, daßt so ein gar schlechtes Gedächtnissen hast. Dera Müller hat sie Dir ja sehr genau beschrieben. Und Du bist auch drüben an dera Fähr gewest und hast nach ihr sucht, sie aber nicht funden. Dann als ich von dem Concert kommen bin, hat Dir dera Müller sagt, daß ich sie in dera Taschen hab, und dann bist zu mir schlichen, um sie mir abzunehmen und mich in das Wassern zu werfen. Versuchs doch mal, obsts leugnen kannst!
Nicht nur der Fingerlfranz allein, sondern auch der Müller war ebenso darüber erstaunt und erschrocken, daß der Fex Alles so genau wußte. Dem Müller versagte geradezu die Sprache. Es war auch wirklich zu viel, was heut auf ihn eindrang. Der Franz starrte dem Fex in das Gesicht. Er wußte zunächst nicht, was er sagen solle; dann aber entfuhr es ihm:
»Wer hat Dir das Alles verrathen?«
»Weißts nicht?«
»Nein.«
»So kannsts Dir doch aber denken!«
Das war sehr schlau angefangen. Der Fex beabsichtigte, den Fingerlfranz gegen den Müller aufzubringen und ihm, der ja kein sehr gescheidter Kerl war, ein unvorsichtiges Geständniß zu entlocken. Der Franz ging auch sogleich in die Falle, denn er antwortete, indem er nach dem Müller blickte:
»Das könnt nur ein Einziger sein.«
»Meinst?«
»Ja, denn nur dieser Einzige hats wußt. Hat ers bereits verrathen und einstanden?«
»Könnt ichs sonst so genau wissen?«
»Das ist wahr; das ist wahr!« rief der Franz. »Aberst das hat man davon, wenn man einen solchen Freunden hat! Erst stiftet er es an, und nachhero will ers von sich herab schieben und auf mich herüber. Müller, Müller, was bist doch für ein gar so großer Schuft!«
»Ich?« antwortete der Genannte. »Halts Maul! Was hab ich Dir etwa than? Nix, gar nix!«
»So? Verrathen hast mich!«
»Das ist eine Lügen!«
»Oho! Nur Du allein hasts wußt, und wanns nun auch Andere wissen, so hasts verrathen!«
»Kein Wort!«
»Schweig! Und ich kanns mir denken, daßt nun Alles auf mich schoben hast. Und doch bist Du es west, der den Anschlag macht hat, den Fex zu dermorden.«
Da war das verhängnißvolle Wort heraus. Alle waren still, nur Paula ließ einen halb unterdrückten Schrei hören. Was jetzt der Fingerlfranz sagte, das war gewiß keine Lüge. Und wenn ihr Vater den Fex hatte ermorden wollen, so war er auch der anderen Verbrechen fähig, deren er angeklagt war. Sie sah also ein, daß sie seiner Versicherung keinen Glauben schenken dürfe. Ihr Glaube zu ihm verschwand mit einem Male wieder.
Auch der Müller war bei der so offen und direct ihm ins Gesicht geschleuderten Anklage verstummt. Doch durfte er sie unmöglich auf sich ruhen lassen. Darum brach er auf das Heftigste los:
»Willst gleich still sein. Du armseliger Hallunken Du! Was soll ich than haben? Ich soll Dich anstiftet haben, den Fex umzubringen? Denk nur mal genau nach! Da wirst Dich gleich derinnern, daß Du Dirs selber außsonnen hast.«
»Das ist eine Lügen!«
»Nein. Ich hab Dich sogar sehr verwarnt, es nicht zu thun!«
»Oho! Du hast mir versprochen, wann ich ihn umbring, so soll gleich Hernachen die Hochzeiten sein. Warum sollt ich ihn dermorden wollen? Wegen der Paula etwa?«
»Ja.«
»Oho! Das machst Niemandem weiß.«
»Es ist doch wahr, und ein Jeder, der nachdenken kann, wirds glauben.«
»Nein, sondern wer nur ein Wenig nachdenken will, der wird gleich finden, daß die Paula ihren Verdacht doch gleich auf mich worfen hätt, und dann hätt sie mich erst recht nicht mocht.«
»Das ist eine Ausred, an die kein Mensch glauben wird.«
»Wann ich weiter sprech, wird man mir schon glauben. Dir war die Brieftaschen verschwunden mit denen Papieren drinnen. Der Fex hat sie habt, und das war für Dich so gefährlich. Darum hab ich ihn dermorden und Dir die Brieftaschen bringen sollen.«
»Wer das glaubt, der ist noch viel dümmer als Du selber.«
»Red nicht von dera Dummheit anderer Leut! Wie klug Du selber bist, das beweist eben jetzt, wot als Gefangener hier verarretirt worden bist. Ich aberst bin frei. Und wann Du im Zuchthaus Wolle spinnen mußt, werd ich mit dem reichsten Dirndl im Land die Hochzeit machen!«
Das war dem Müller denn doch zu viel. Dieser Hohn brachte ihn so in Harnisch, daß er die nöthige Vorsicht vergaß und augenblicklich erwiderte:
»Daran ist nicht zu denken. Wann ich einmal ins Zuchthaus soll, so wirst auch Du keine Hochzeit ausrichten. Dafür werd ich sorgen.«
»Wie wolltst das wohl anfangen?«
»Das kannst Dir nicht denken?«
»Nein.«
»So will ichs Dir sagen: Du mußt auch mit hinein, um Wolle zu spinnen.«
»Fallt mir nicht ein!«
»Ja, wann man Dich erst fragen thät, so würds Dir wohl freilich nicht einfallen. Aberst Du wirst eben gar nicht fragt, denn ich mach die Anzeig gegen Dich. Ich klag Dich an!«
»Das kannst meinetwegen thun, aberst kein Mensch wird darauf hören!« Er stand da, siegesgewiß lächelnd und sah hochmüthig zu dem in seinem Rollstuhle sitzenden Müller hernieder. Dieser Letztere aber blickte höhnisch lächelnd zu ihm empor und antwortete:
»Dir zu Gefallen werd ichs nun gleich sagen, wie es gewest ist. Ich gesteh ein, daßt hinüber zu der Fähr gangen bist, um den Fex umzubringen.«
»Aberst Du hasts anstiftet.«
»Nein, Du selbst. Ich hab Dich sogar warnt.«
»Darauf hab ich gar keine Antwort.«
Da trat der Assessor zu ihm heran und sagte in sehr ernstem Tom.
»Ich werde mir aber dennoch eine Antwort ausbitten müssen.«
»Sie? Was hab ich mit Ihnen zu thun?«
»Wenig wohl, desto mehr aber ich mit Ihnen.«
»Sie haben nur mit dem Müller zu schaffen, mit mir aberst gar nix. Behüt Gott!«
Bei den Worten des Beamten war ihm plötzlich ein großes Licht aufgegangen, daß er sich in außerordentlicher Unvorsichtigkeit in die Höhle des Löwen gewagt habe. Es kam nun darauf an, aus derselben so schnell wie möglich zu entkommen, und darum wendete er sich bei den letzten beiden Worten nach der Thür, um zu gehen. Aber schon hatten ihm die beiden Gensdarmen den Weg verlegt, und der Assessor befahl:
»Bleiben Sie noch! Sie sind mir einige Antworten schuldig.«
Franzens Gesicht war bleich geworden. Er war trotz seiner großen, breiten Gestalt gar nicht etwa ein Held, und jetzt sah man es ihm an, daß sein Herz begann, ihm in die Strümpfe zu sinken. Gar nicht mehr in dem frühern selbstbewußten sondern vielmehr in sehr höflichem Tone antwortete er:
»Wanns mich was fragen wollen, so will ich wohl gern antworten; aberst ich hab gar nicht lange Zeit, sondern ich muß schnell wiederum fort. Darum bitt ich gar schön, mich nicht lange aufzuhalten.«
»Wird sich finden! Also Sie' behaupten, von dem Müller veranlaßt worden zu sein, den Fex zu ermorden?«
»Ja.«
»Um ihm die Brieftasche abzunehmen?«
»Ja.«
»Sind Sie auf dieses Ansinnen eingegangen?«
Diese Frage hatte Franz freilich nicht erwartet. Sie verblüffte ihn so, daß er gar keine Antwort fand.
»Nun, bitte!«
»Ja,« stammelte der Gefragte, »eingegangen darauf bin ich schon.«
»Mit dem festen Willen, es zu thun?«
»O nein. Ich hab dem Fex gar nix thun wollen. Das könnens mir glauben.«
»Aber dennoch sind Sie zu der Fähre gegangen, sogar zweimal.«
»Nur zum Schein.«
»Ach so! Also haben Sie die Fähre zunächst nur zum Schein durchsucht?« »Ja,« nickte der Franz, ganz froh, daß der Beamte so schnell auf seine Ausrede einging.
In seinem beschränkten Geiste bemerkte er gar nicht, daß er damit nur an die Leimruthe geführt werden solle.
»Und dann später sind Sie auch nur zum Schein nach der Fähre geschlichen?«
»Freilich, freilich!«
»Und sind nur zum Schein in dieselbe gestiegen?«
»Ja, nur zum Schein!«
»Das war ja aber nun gar kein Schein mehr, sondern es war die Wirklichkeit!»
»Wie so! Ich habs doch thun müssen, damit dera Müllern denken sollt, daß ich den Fex wirklich dermorden will.«
»Der Müller war gelähmt und konnte seine Stube nicht verlassen, um Sie zu beobachten. Sie hatten, wenn Sie ihn wirklich täuschen wollten, blos nöthig, sich für kurze Zeit zu entfernen und dann bei der Rückkehr ihm zu sagen, daß Ihre Absicht nicht ausführbar gewesen sei.«
»Ganz recht. Das wollte ich auch.«
»Warum aber sind Sie denn da in Wirklichkeit nach der Fähre gegangen?«
Der Fingerlfranz machte ein förmliches Schafsgesicht. Er begann einzusehen, daß er mit aller Gemütlichkeit in eine Falle gekrochen sei, aus welcher zu entschlüpfen ihm wohl kaum gelingen werde.
»Warum? Hm! Ja! Darum!« brummte er.
»Können Sie mir keine deutlichere Antwort geben?«
»Ich kanns doch gar nicht deutlicher sagen.«
»So! Also Sie geben zu, die Fähre nach der Brieftasche durchsucht zu haben?«
»Ja.«
»Und dann später haben Sie sich wieder ganz leise hingeschlichen und sind hineingestiegen?«
»Ganz hinein nicht, denn ich bin mit denen Händen gleich im Fuchseisen hängen blieben.«
»Aber wenn dieses Fuchseisen nicht da gelegen hätte, wären Sie doch wohl ganz in die Fähre gestiegen. Das ist doch von so einem couragirten Manne, wie Sie sind, zu erwarten.«
Ein couragirter Mann genannt zu werden, das schmeichelte dem Franz gewaltig. Darum nickte er freundlich zustimmend mit dem Kopfe und antwortete ohne alles Bedenken:
»Natürlich wär ich ganz hineinstiegen. Ich werd mich doch vor dem Fexen nicht fürchten!«
»Ganz richtig, nämlich für den, der das auch wirklich glaubt.«
»Glaubens es etwan nicht?«
»Nein.«
»Warum denn nicht?«
»Weil der Fex Ihnen bereits! einmal gezeigt hatte, daß er stärker ist als Sie.«
»Oho! Das war nur ein Zufall.«
»Schwerlich. Ich bin doch der Ansicht, daß Sie ihn fürchten müssen.«
»Fallt mir nicht ein! Das hab ich ja auch wohl bewiesen.«
»So? Wann denn?«
»Eben grad an jenem Abend hab ichs genau bewiesen.«
»Hm!« lächelte der schlaue Assessor ungläubig. »Wie wollen Sie es uns wohl beweisen, daß Sie es da bewiesen haben?«
»Das ist doch sehr leicht! Ich bin in die Fähre stiegen, obgleich ich dacht hab, daß dera Fex darinnen liegt.«
»So? Ist das wahr?«
»Ja. Freilich ist ers nicht west, sondern es war nur eine Decken die so zusammenlegt war, daß man denken mußt, es sei ein Mensch!«
»Das haben Sie für den Fex gehalten?«
»Natürlich!«
»Und da hatten Sie wirklich einen solchen Muth, daß Sie allen Ernstes beabsichtigten, ihn zu überfallen?«
»Ja. Ich hat mit dera Hand nach ihm langt, ihn bei dera Gurgeln faßt, und mit dem ersten Griff war es aus mit ihm gewest, und nachhero –«
Er hielt inne, durch alle die Gesichter aufmerksam gemacht, welche mit dem gespanntesten Ausdruck auf ihn gerichtet waren.
»Bitte, fahren Sie fort!« forderte der Assessor ihn auf, noch immer freundlich lächelnd.
»Himmeldonnerwettern!«
»Was? Warum fluchen Sie?«
»Weil ich glaub, ich hab, hab, hab – – –
»Nun, was haben Sie?«
»Ich hab mich verschnappt!«
Es kam ihm jetzt die riesige Erleuchtung, daß der Assessor ihn an der Angel ganz leise und sanft auf das trockene Land gezogen habe. Er hatte, ohne es zu ahnen, das allerschönste Geständniß abgelegt. Darüber war er nun so consternirt, daß er ganz offen gestand, sich verschnappt zu haben. Und dabei machte er ein Gesicht, wie kein Maler das Conterfei eines Dummkopfes besser hätte liefern können.
»Ja,« nickte der Beamte ihm freundlich zu, »verschnappt haben Sie sich allerdings.«
»Das ist eine ganz verfluchtige Geschichten!«
»Freilich. Es kann sehr leicht recht unangenehme Folgen für Sie haben.«
»Das mag ich freilich nicht hoffen!«
»Nun, wir werden ja sehen. Da Sie ein so freiwilliges Geständniß abgelegt haben, so steht zu erwarten, daß die Richter die möglichste Milde walten lassen. Ihre Strafe wird allerdings nicht die härteste sein. Es ist immer vortheilhafter, man zeigt sich geständig, als daß man durch Verstocktheit und Lügenhaftigkeit die Richter veranlaßt, zum höchsten Strafmaße zu greifen.«
Das Gesicht, welches der Fingerlfranz jetzt machte, war gar nicht zu beschreiben. Er schlang und schlang, als ob er irgend einen Gegenstand im Halse stecken habe. Er schnappte nach Luft und schien keine zu bekommen. Dann riß er sich den Hut, welchen er bisher nicht abgenommen hatte, vom Kopfe, um sich die Schweißperlen mit dem Aermel seiner Joppe von der Stirn zu trocknen, und dann endlich brachte er die kurze Frage hervor:
»Strafe? Strafe?«
»Natürlich!«
»Das ist doch nur ein Gespaß!«
»O nein. Ich pflege in solchen Angelegenheiten niemals zu scherzen. Uebrigens muß ich bemerken, daß ich mich in amtlicher Eigenschaft hier befinde. In dieser Eigenschaft habe ich auch meine Fragen an Sie gerichtet.«
»Himmelsakra! Sie sind doch dabei so ganz und gar freundlich gewest!«
»Das ist so meine Art und Weise.«
»Grad so, als ob wir alte Bekannten und gute Freunden wären!«
»Gute Freunde weniger, aber Bekannte, ja, die sind wir. Wir haben uns bereits vorhin gesehen, und außerdem habe ich mir von Ihnen erzählen lassen. Sie sehen nun wohl ein, warum ich gefragt habe?«
»Hm! Ich weiß nicht, ob ich Recht haben werde.«
»Womit?«
»Mit der Meinung, daß am End gar Ihre Fragen ein Verhör gewest sind?«
»Ja, das waren sie allerdings, ein richtiges amtliches Verhör, bei welchem freilich der Protokollant gefehlt hat.«
»Alle tausend Teufeln! So gilt wohl gar Alles, was ich sagt hab?«
»Natürlich!«
»Na, wann ich das so vorher wüßt hätt!«
»So hätten Sie hoffentlich ebenso aufrichtig gesprochen!«
»Den Teuxel auch! Das wär mir gar nicht in denen Sinn kommen. Man soll sich nicht in Gefahr begeben, und das hätt ich vorhin beinahe gethan.«
Jetzt lächelte der Assessor nicht nur freundlich, sondern beinahe herzlich.
»Meinen Sie? Sie sind also der Ansicht, daß Ihnen eine Gefahr gedroht habe, wohl verstanden, blos gedroht?«
»Ja. Aberst ich bin doch klug gewest. Ich hab nix sagt.«
»O, ich meine daß Sie im Gegentheile ein sehr umfassendes Geständniß abgelegt haben.«
»So? Dann habens wohl gar viel mehr hört, als ich wirklich sagt hab?«
»Nein. Das, was Sie gestanden haben, genügt so vollständig, daß man sich gar nicht das Geringste dazu zu denken braucht.«
»Das denk ich nicht. Was ich sagt hab, das ist gar nix Unrechtes gewest. Was soll ich denn einstanden haben? Sagens mir doch mal das Abrechen, das ich einräumt hab?«
»Mordversuch.«
»Donnerwetter! Das ist nicht wahr!«
»Bitte! Sie sind von dem Müller angewiesen worden, den Fex zu ermorden, und dann stiegen Sie in die Fähre, indem Sie glaubten, daß der Fex darinnen liege. Wollen Sie das jetzt leugnen?«
»Nein. Aberst ich hab ja gar nix than, gar nix begangen!«
»Weil der Fex nicht da war. Hätte er im Schlafe so da gelegen, wie die alte Decke, die Sie für ihn hielten, so hätten Sie ihn mit der Faust bei der Gurgel genommen und mit einem einzigen Griffe erwürgt.«
»Oho! Woher Wissens das?«
»Sie selbst haben es uns erzählt und es also eingestanden.«
»Wann denn?«
»Vorhin, als Sie uns erzählten, daß Sie sich vor dem Fex nicht gefürchtet haben. Die Herren, welche hier stehen, haben Wort für Wort mit angehört und können es beschwören.«
Da fuhr sich der Franz mit beiden Händen nach dem Kopfe, raufte sich in den Haaren und rief:
»Na, wer hat das denkt, daß ich so ein riesiger Schafskopfen sein kann! Bin ich so ganz ohne alles Bewußtsein in eine Patsche hineinstiegen aus der ich mich nur schnell wieder heraus machen kann!«
»Das wird so schnell, wie Sie es meinen, wohl nicht gehen.«
»Oho! Wer nix than hat, kann auch nicht bestraft werden.«
»Hier ist bereits der Versuch strafbar. Und Sie haben sich eines sehr vollendeten Versuches schuldig gemacht.«
Der Franz kam noch immer nicht aus seiner Fassungslosigkeit heraus.
»Was?« fragte er. »Wer soll das begreifen! Ein vollendeter Versuch? Wanns nur ein Versuch ist, kanns doch nicht vollendet sein!«
»Das Verbrechen freilich nicht, aber der Versuch ist vollendet.«
»Und das wird auch bestraft?«
»Natürlich!«
»Nein, das ist gar nicht so natürlich! Wann ich versuch, ins Wirthshaus zu gehen, um ein Bier zu trinken, und ich gehe aberst gar nicht hinein, so hab ich auch nix zu zahlen.«
»Dieser Vergleich hinkt an verschiedenen Stellen. Aber ich habe Ihnen zu Ihrer Beruhigung ja bereits mitgetheilt, daß man in Anbetracht Ihres offenen Geständnisses zu dem möglichst niedrigen Strafmaße greifen werde.«
»Der Teuxel mag dies offene Geständniß holen! Wann ich nicht so offen und so geständig gewest wär, so hätt ich nun keine Straf zu zahlen!«
»Zahlen? Damit wird es wohl nicht abgemacht sein,« lächelte der Assessor.
»Nicht? Na, auspfänden laß ich mich nicht. Da zahl ich lieberst gleich. Wanns nur nicht gar zu viel ist.«
»Die Kosten werden Sie wohl zahlen müssen. Das Andere aber, nämlich die eigentliche Strafe, kann nicht mit Geld abgemacht werden.«
»Was, nicht mit Geld?«
»Nein.«
Da warf der Franz seinen Hut in die Stube, trat zornig darauf und rief:
»Jetzt seh ich, was man davon hat! Ich glaub gar, daß ich nun brummen muß!«
»Was nennen Sie brummen?«
»Im Loch sitzen.«
»So! Das werden Sie freilich.«
»Tod und Teufel! Jetzund wirds mir fast zu arg. Wie lange denn? Doch nicht etwan länger als einen Tag oder zwei? Denn mehr hab ich keine Zeit übrig. Und da wollen wir auch gar keine großen Sachen machen, sondern ich geh gleich heut, um es abzusitzen. Je schneller man anfängt, desto rascher wird man fertig.«
»Das ist nicht möglich. Eine richtige, actenmäßige Untersuchung muß geführt werden, und ich muß Ihnen auch sagen, daß Sie mit zwei Tagen nicht wegkommen können.«
»Wie? Nicht? Wohl gar eine ganze Woche?«
»Mehr.«
»Noch mehr? Da bleibt mir gleich dera ganze Verstand stille stehen! So was ist doch gar nimmer möglich!«
»Mordversuch ist eine schlimme Sache. Er wird natürlich sehr streng bestraft.«
»So sagens doch gleich, wie groß meine Bestrafung sein wird!«
»Das kann ich nicht sagen.«
»Nicht? Sie sind aberst doch Einer von dem Gericht. Sie müssen doch die Gesetze kennen!«
»Das freilich. Aber ich kann nicht vorher wissen, welches Strafmaß bei Ihnen in Anwendung kommen wird. Der Mord wird mit dem Tode bestraft.«
»Das geht mich nix an, denn ich hab Keinen dermordet.«
»Wird ein Verbrechen, welches mit dem Tode bestraft wird, nur versucht, so wird dieser Versuch mindestens mit drei Jahren Zuchthaus bestraft, mindestens.«
Jetzt stand der Franz ganz steif, so bewegungslos wie eine Bildsäule.
Die Worte des Assessors hatten ihn wie ein Keulenschlag getroffen. Erst nach einiger Zeit begann er sich zu regen. Er fuhr wie aus einem Traume empor, strich sich mit der Hand über die Stirn, als ob er seine Gedanken sammeln müsse, und sagte in beinahe leisem Tone:
»Was Sie da sagt haben, das ist doch nicht wahr!«
»Es ist wahr.«
»Drei Jahre Zuchthaus?«
»Mindestens.«
»Herrgott! Weniger kann ich also gar nicht bekommen?«
»Keinen Tag, keine Stunde, ja sogar keine Minute weniger.«
»Aber wohl gar mehr?«
»Möglicher Weise!«
»Das – das – – das kann ich mir aberst doch gar nicht denken! Ich hab ja gar nix than!«
»Sie haben es thun wollen. Uebrigens habe ich nicht sagen wollen, daß Sie die Ihnen zufallende Strafe auch völlig abbüßen müssen. Die Gnade des Königs kann Ihnen einen Theil derselben schenken.«
»So! So! Und wanns mir das sagen, so meinens wohl, mir einen Trost sagt zu haben? Wann ich einmal so lang im Zuchthaus sein muß, ein Jahr oder zwei Jahren, so kann ich das dritte Jahr auch noch dort bleiben. Du mein Himmel! Ich weiß halt gar nicht, ob ich leb, ob ich todt bin! Wer hätt so was dacht! Und die Schand! Dera Fingerlfranz drei Jahren oder gar noch länger in das Zuchthaus! Das mir so was passiren könnt, das hab ich all mein Lebtag nicht für möglich halten. Und wer ist – – –«
Er hielt inne. Er hatte seine Worte wie nur im Traume, wie abwesend gesagt. Jetzt aber, als er die unterbrochene Frage aussprechen wollte, kam Leben und Bewegung in ihn. Er reckte sich plötzlich empor; seine Augen erhielten das frühere Feuer, und in sein erbleichtes Gesicht kehrte die entschwundene Röthe zurück. Und als er jetzt fortfuhr, wurde seine Stimme immer stärker und sein Ton immer drohender:
»Und wer ist Schuld daran? Wer hat mich dazu verführt? Wer hat mir die Paula als Lohn dafür versprochen? Dera Thalmüller, der Schuft. Soll ihm das so gelungen ausgehen? Nein, nein, nein! Wann ich einmal drei Jahren sitzen muß, so mögens auch gleich viere werden, und für das vierte werd ich jetzt den Müller durchhauen, daß ihm die Seel im Leibe schreien soll?«
Er stürzte sich auf den Genannten, um seine ausgesprochene Drohung wahr zu machen. Aber schnell stand der Fex hinter ihn, ergriff ihn und riß ihn zurück.
»Laß mich!« schrie der Franz. »Was gehts Dich an, wann ich noch, ein Jahr länger brummen will! Dir kanns nur lieb sein, wann ich dem Müllern ein Andenken geb, das er niemals wiedern verlieren kann.«
»Machen Sie keine Dummheiten!« warnte der Assessor.
»Dummheiten hab ich macht; aber was ich jetzt thun will, das, ist keine Dummheiten, sondern so was Kluges, daß alle Leuteln mich dafür loben werden!«
Er wollte sich von dem Fex losringen; da aber nun auch die beiden Gensdarme mit zugriffen, gelang es ihm nicht. Aber er schäumte vor Wuth. Die Erkenntniß, welcher Bestrafung er entgegengehe, war wie etwas ganz Unglaubhaftes über ihn gekommen, und anstatt offen einzugestehen, daß die Schuld nur an ihm selbst liege, warf er dieselbe auf seinen Verbündeten.
Dieser, nämlich der Thalmüller, hatte, seit der Assessor das eigentümliche Verhör mit dem Fingerlfranz begonnen hatte, sich ganz schweigsam verhalten. Er hätte es von Herzen gern gesehen, wenn der Franz bestraft würde. Und bei diesen Gedanken vergaß er ganz, sich zu überlegen, daß diese Strafe ihn selbst auch mit treffen müsse.
Jetzt nun, als er sich außer Gefahr sah, von dem Franz maltraitirt zu werden, rief er diesem höhnisch zu:
»Nun kannst zufrieden sein! Mich hast einen Zuchthäusler nannt, und Du kommst selbst hinein. Das ist Dir zu gönnen. Warum hast vorhin auf mich schimpfiret!«
»Schweig!« brüllte der zornige Franz. »Wann ich drei Jahre drinnen bin, so wirst Du so lang gefangen sein, wie Du lebst. Vielleicht kommst gar auf das Schaffoten, denn verdient hasts wohl mehr als nur einmal!«
»Kennen Sie vielleicht eine That, durch welche er diese Strafe verdient hat?« fragte ihn da der Assessor schnell.
»Nein.«
»So schweigen Sie!«
»Oho! Wann ich auch nix weiß, so ists doch sicher und gewiß, daß er gar Vieles auf dem Gewissen hat, womit er den Tod verdienen thät!«
»Das geht Sie nichts an! Es wird sehr vortheilhaft für Sie sein, wenn Sie sich nur mit Dem beschäftigen, was Sie auf Ihrem eigenen Gewissen haben!«
Dieser strenge Ton war so verschieden von seiner vorhin gezeigten Freundlichkeit, daß der Franz ihn ganz betroffen anblickte und sodann weiter raisonnirte:
»An Dem, was ich than hab, ist nur er allein schuld. Aberst die Vergeltung wird auch ihn noch treffen. Jetzt nun will ich wissen, wann ich auf's Gericht zum Verhör zu kommen hab!«
»Das sollen Sie sogleich erfahren, denn ich muß Sie ersuchen, sich vorläufig sogleich einmal hin zu verfügen.«
»Ja, das werd ich thun. Ich mag gar nicht eher nach Haus gehen und meinem Vatern vor die Augen treten, als bis ich genau weiß, woran ich bin. Also geh ich jetzt sogleich.«
Er machte in gemüthlichster Unbefangenheit einige Schritte nach der Thür zu, um sich zu entfernen.
»Warten Sie noch einen Augenblick,« gebot der Assessor.
»Warum? Habens mich vielleicht noch um was zu fragen?«
»Nein. Aber Sie wissen doch gar nicht, zu wem Sie sich beim Gericht zu verfügen haben.«
»Ja, das ist freilich wahr. Seins also mal so gut, es mir zu sagen!«
»Das reicht nicht aus. Ich werde Ihnen einen der Herren Gensdarmen Mit geben, welcher den betreffenden Herrn zu benachrichtigen hat. Wenn ich das nicht thue, werden Sie einfach abgewiesen, und das werden Sie in Ihrem eigenen Interesse doch nicht wollen.«
»Nein. Je schneller, desto besser. Der Schandarm mag also mitgehen.«
Der Assessor riß ein Blatt aus seinem Notizbuche, schrieb einige Zeilen darauf und übergab es dann dem Gensdarm, diesem zugleich leise zuflüsternd:
»Er ist natürlich arretirt und wird sofort in eine Zelle für Untersuchungsgefangene isolirt. Aber behandeln Sie ihn unterwegs sehr vorsichtig, denn er ist gewaltthätig. Besser ists, er ahnt nicht eher Etwas, als bis er sich hinter Schloß und Riegel befindet.«
Sodann entfernte sich der Gensdarm mit dem Franz, welcher nicht ahnte, daß er sein väterliches Gut nicht so bald wiedersehen werde.
Der alte Müller aber hatte den Assessor durchschaut. Er sagte, hämisch grinsend:
»Da läuft er hin, der alberne Kerlen! Er denkt, er braucht nur zu fragen und kann nachhero gleich wieder gehen. Dem sein Gesicht möcht ich sehen, wann er sogleich in das Loch einisperrt wird!«
Da antwortete ihm der Assessor in seinem ernstesten Tone:
»Schämen Sie sich, Müller! Die Schadenfreude, welche Sie jetzt zeigen, ist eine wahrhaft teuflische.«
»Warum sollt ich mich denn nicht freuen? Er hat ja gar auch mich ins Unglück bringen wollen, als er sagte, ich hätt es anstiftet, daß er den Fex dermorden solle.«
»Da hat er die Wahrheit gesagt.«
»Das ist nicht wahr.«
»Leugnen Sie es nicht! Wir wissen es ganz genau.«
»Da möcht ich wissen, woher es ein Mensch wissen soll!«
»Es ist gar nicht nöthig, daß ich Ihnen antworte; aber um Ihren Uebermuth doch ein Wenig zu dämpfen, will ich Ihnen sagen, daß Sie belauscht worden sind.«
Der Müller erschrak, antwortete aber dennoch in zuversichtlichem Tone:
»Wer das sagt hat, der hat gelogen. Ich hab gar kein Wort über diese Sach mit dem Franz sprochen. Ich hab gar nicht wußt, daß er dem Fex ans Leben wollt hat. Und wanns auch wirklich so war, wie Sie's sagen, wann ich dera Anstifter war, so hätt ich es doch wohl than, wo und wann kein Anderer es hören kann.«
»Leider sind Sie nicht so vorsichtig gewesen. Sie haben sich mit dem Fingerlfranz hier in dieser Stube befunden und dabei sogar so laut gesprochen, daß man draußen ein jedes Wort hören konnte. Einige Männer haben am Laden gestanden und durch die Spalten und Astlöcher hereingeblickt. Sie haben Alles gehört und gesehen. Wäre dieser glückliche Umstand nicht gewesen, so hätte der Fex sich in der Fähre befunden und wäre in Wirklichkeit ermordet worden.«
»Donnerwetter!« entfuhr es dem Müller.
»Sie sehen also, daß wir Zeugen haben. Ein Leugnen wird Ihnen gar nichts nützen und im Gegentheile Ihre Lage nur verschlimmern. Uebrigens wollen wir jetzt diesen Laden schließen. Man kann von draußen herein sehen, und es braucht kein Neugieriger zu bemerken, daß die Polizei sich hier befindet.«
Er trat selbst an das Fenster, um den Laden zuzumachen. Der Gensdarm kam schnell herbei, um zu helfen, und erhielt dabei die ganz leise Weisung:
»Sorgen Sie dafür, daß er nicht bemerken kann, was jetzt am Zigeunergrabe vorgeht. Er darf keine Ahnung davon haben.«
Dann verließ der Assessor mit dem Fex und Paula die Stube, um sich hinaus zu begeben, wo eben eine Gerichtscommission mit mehreren Arbeitern angekommen war, um die Leiche der Zigeunerin aus der Höhle emporzuholen.
Der Fex blieb mit Paula für einige Augenblicke im Flur stehen.
»Glaubst Du noch, daß er unschuldig sei?« fragte er sie.
»Nein, nun nicht mehr. Es wurde mir bereits vorher sehr schwer, es zu glauben.«
»Wenn Du Dich doch in den Gedanken finden könntest, daß er des Schmerzes gar nicht werth ist, den er Dir bereitet.«
Sie blickte still vor sich nieder und antwortete dann in traurigem Tone:
»Vielleicht finde ich mich darein. Ich fühle ein Grauen gegen den Vater, seit ich jetzt bei ihm gewesen bin. Der Assessor hatte ganz Recht, als er ihn teuflisch nannte.«
»So suche die verlorene Ruhe wieder zu gewinnen. Es sind schwere Tage, welchen Du entgegen gehst; der heutige ist der allerschwerste; aber es wird auch die Zeit kommen, in welcher diese Last von Deinem Herzen genommen wird. Darf ich Dich heut noch einmal in Deinem Stübchen aufsuchen?«
»Ja, komm! Andere dürfen nicht zu mir. Ich schäme mich, irgend Jemandem in das Gesicht zu sehen.«
»Kind, das ist falsch. Wenn Du Dich so verhältst, können Leute, welche Dich nicht kennen, sehr leicht auf den Gedanken kommen, daß Du bei Dem, was Dein Vater gethan hat, nicht ganz unbetheiligt seist.«
»Das möge Gott verhüten!« antwortete sie erschrocken. »Wohin gehest Du jetzt?«
»Hinüber nach dem Zigeunergrabe. Sodann muß ich einmal nach der Stadt, und nachher komme ich zu Dir.«
Sie stieg empor, um sich in ihrem Stübchen einzuschließen und nun den Thränen, die sie vergießen konnte, ohne gesehen zu werden, freien Lauf zu lassen. Er ging nach dem Grabe, wo der Assessor mit den Herren der Commission seiner warteten. Es war ein Amtmann, ein Protocollant und der Gerichtsarzt. Der Fex stieg mit diesen Dreien hinab zu der Leiche, die auf sie ganz denselben Eindruck wie auf den Assessor vorhin machte. Sodann begannen die Erdarbeiter ihr Werk.
Bereits nach kurzer Zeit mußte der Zug aus München eintreffen. Aus diesem Grunde begab der Fex sich nach der Stadt und da nach dem Bahnhofe, um zu sehen, ob ein Bote mit der Violine aussteigen werde.
Die Depesche hatte ihre Wirkung nicht verfehlt. Als der Zug anhielt, stieg ein Dienstmann aus einem Coupée dritter Classe. Er hatte einen Geigenkasten in der Hand und blickte suchend nach allen Seiten um. Der Fex ging auf ihn zu und fragte:
»Sie kommen aus München?«
»Ja. Ich habe diese Violine hier an einen Herrn abzugeben.«
»Er wird Fex genannt und hat nach dem Instrumente telegraphirt?«
»Ja.«
»Der bin ich selbst.«
»So! Nun ich kann Ihnen die Geige nicht eher geben, als bis Sie sich legitimirt haben.«
»Ganz recht. Aber welche Art von Legitimation verlangen Sie?«
»Ich habe das Telegramm mit erhalten. Wenn Sie mir den Wortlaut desselben sagen können, sind Sie natürlich der Herr, dem ich die Violine bringen soll.«
»So will ich ihn Ihnen sagen.«
Da der Fex noch ganz genau wußte, wie telegraphirt worden war, so fiel es ihm nicht schwer, sich zu legitimiren, und er erhielt das Instrument. Der Dienstmann wollte mit dem nächsten Zuge, welcher in kurzer Zeit hier durchkam, wieder zurückkehren, und blieb also gleich auf dem Bahnhofe. Der Fex aber machte sich schnell auf den Weg nach der Mühle. Er war natürlich außerordentlich begierig, zu erfahren, worin das Geheimniß der Geige bestehen werde.
Als er dort ankam, saß der Assessor, seiner wartend, mit dem Wurzelsepp in dem Gärtchen, und er gesellte sich zu ihnen.
»Also Esrar Kemande – das Geheimniß in der Geige,« sagte der Assessor. »Jetzt wollen wir schnell dazu thun, den Schleier dieses Geheimnisses zu lösen.«
Die Violine wurde aus dem Kasten genommen und von allen Seiten befühlt, beklopft und betrachtet. Es zeigte sich gar nichts Auffälliges. Nun versuchten die Drei, durch die Schalllöcher in das Innere zu blicken; aber da, wohin ihre Blicke zu reichen vermochten, war nichts zu bemerken.
»Wir müssen sie aufsprengen,« meinte der Assessor. »Oder ist sie etwa so werthvoll, daß Sie das lieber unterlassen wollen?«
»Die Violine ist nicht schlecht,« antwortete der Fex. »Sie würde noch besser, vielleicht sogar ausgezeichnet sein, eine prächtige Zigeunergeige, wenn ihr Ton nicht etwas Störendes an sich hätte, was sich durch Worte nicht genau beschreiben läßt.«
»Vielleicht ist grad daran das betreffende Geheimniß schuld.«
»Möglich. Ich habe oft darüber nachgedacht, woran der Fehler liegen mag, mir diese Frage aber nicht beantworten können. Doch, ob werthvoll oder nicht, die Ergründung des Geheimnisses ist uns jedenfalls noch werthvoller. Ich mache sie auf.«
Er zog sein Messer hervor und versuchte, den Boden von der Umwand zu lösen, ohne aber das Holz des Ersteren zu zersprengen. Natürlich mußten vorher Steg, Saiten und Saitenhalter entfernt werden.
Es gelang, und nun zeigte sich ein schmal zusammengeschlagenes Papier, welches mit Leim an den hintern Theil der Umwand, da wo der Saitenhalter am Knopfe hängt, befestigt war.
»Hier haben wir es, das Geheimniß!« rief der Fex. »Jetzt werden wir es lösen können.«
Dieses Papier war unbeschrieben und bildete einen Umschlag, in welchem mehrere zarte, dünne, eng beschriebene Bogen steckten. Der Fex faltete die letzteren auseinander. Die Schrift war so deutlich, als sei sie erst gestern aus der Feder geflossen, aber sie bestand aus fremden Buchstaben, welche er nicht verstand. Darum reichte er die Bogen dem Assessor hinüber.
»Rumänisch,« sagte dieser, als er den ersten Blick darauf geworfen hatte.
»Und das verstehen Sie?«
»Wenigstens so, daß ich es leidlich zu lesen vermag.«
»Dann bitte, übersetzen Sie es schnell!«
»Nur gemach, gemach, mein lieber Freund! Zunächst will ich es einmal überblicken.«
Er überflog die Seiten und begann dann, leise zu lesen, anstatt zu übersetzen. Der Fex brannte vor Begierde, den Inhalt kennen zu lernen, ebenso der alte Wurzelsepp; Beide aber hielten es für nicht höflich, den bereits einmal ausgesprochenen Wunsch nochmals zu wiederholen. Sie thaten das Einzige, was sie thun konnten: Sie beobachteten den Gesichtsausdruck des Assessors.
Demselben sah man es an, daß der Inhalt ein außerordentlich interessanter sein müsse. Die Spannung, welche sich in seinen Zügen ausdrückte, wuchs von Seite zu Seile, ja fast von Zeile zu Zeile. Endlich faltete er die Papiere zusammen.
»Nun, welches ist der Inhalt?« fragte der Fex.
»Er enthält eine Beichte.«
»Ah! Von wem?«
»Von Ihrer Amme. Sie ist mit Ihnen von einem fürchterlichen Wetter überrascht worden und hat sich krank gefühlt. Da hat sie Schutz im Hause eines griechisch-katholischen Popen gesucht, und dort ist eine Krankheit zum Ausbruche gekommen, deren Keime wohl längst verborgen in ihr gelegen hatten. Unter dem Gedanken, vielleicht sterben zu müssen, hat sie diesem Manne ihre Beichte abgelegt, und zwar unter der Bedingung, daß er sie Wort für Wort niederschreiben solle. Im Falle ihres Todes solle er sich des Knaben annehmen und nach den beiden Müllern Kellermann und Claus forschen, im Falle ihrer Genesung ihr aber die Blätter geben, da sie dann die Nachforschung selbst vornehmen wolle.«
»Und was hat sie gebeichtet?«
»Hm! Ich bin überzeugt, daß Sie ganz außerordentlich auf den Inhalt dieser Zeilen gespannt sein müssen – – –«
»Natürlich!«
»Auch gebe ich zu, daß dieselben Ihr unbestrittenes Eigenthum sind, aber dennoch möchte ich Sie bitten, noch ein klein Wenig Geduld zu haben.«
»Warum?«
»Weil ich mich über den Inhalt erst mit meinem Collegen, dem Amtmanne, berathen möchte. Auch möchte ich, bevor ich Ihnen die betreffenden Mittheilungen mache, den Thalmüller nochmals ins Verhör nehmen.«
»Und wie lange soll ich warten?«
»Nur kurze Zeit, höchst wahrscheinlich nicht länger als bis morgen.«
»Nun, so lange kann ich mich wohl noch gedulden.«
»Ich danke Ihnen!«
»Aberst ich,« fiel da der alte Sepp ein. »Darf auch ich noch nix derfahren?«
»Sie?« lachte der Assessor. »Sie haben ja gar kein Recht auf dieses Geheimniß.«
»Ich? Kein Recht? Himmelsakra! Dera Wurzelsepp hat ein Recht auf Alles!«
»Soll ich Ihnen etwa erzählen, was ich dem rechtmäßigen Besitzer dieses Beichtstückes vorenthalte?«
»Ich sag ihm ja nix wieder!«
»Nun, wenn Sie es nicht in der Absicht erfahren wollen, darüber zu sprechen, so brauchen Sie es auch noch nicht zu wissen.«
»So! Schön, sehr schön! Das ist ja sehr gut! Das gefallt mir ganz ausgezeichnet. Wann nachhero Sie mal von mir was derfahren wollen, werd ichs auch so einem Popen beichten, damit Sie nix davon hören.«
»So lasse ich es mir ebenso gefallen, wie Sie jetzt gezwungen sind, sich in meinen Willen zu fügen.«
»Ja, aber hörens, Herr Assessor«, wann wir nix derfahren sollen, so hätten wir gar nicht nöthig gehabt, die alte Vigolinen zu zerbrechen. Na, ich will nicht räsonniren. Mir kann Alles Recht sein. Aberst verlangt nur nicht etwan von mir mal eine Neuigkeiten! Da sollt Ihr auch warten müssen, bis es mir beliebt.«
Der Assessor lachte den Alten, der doch nur so that, als ob er zornig sei, gehörig aus und entfernte sich dann in der Richtung nach dem Zigeunergrabe zu, bei welchem sich der Amtmann befand, mit dem er sich bald in ein tiefes, angelegentliches Gespräch vertiefte.
Die Grabearbeiten schritten nur sehr langsam vorwärts. Der felsige Boden leistete mehr Widerstand, als man vermuthet hatte, und so verging ein guter Theil des Nachmittags, ohne daß die Arbeiter bis hinab in den Raum gelangten, in welchem sich die Leiche befand.
Um diese Zeit möglichst gut zu benutzen, begab der Fex sich wieder zu Paula. Der alte Sepp aber saß im Vorgärtchen an seinem Tische und trank ein Bier nach dem anderen.
Dann, als es gar nicht mehr weit zum Abende war, kam der Assessor wieder herbei und schickte den Sepp, den Fex zu holen. Als dieser dem Rufe Folge geleistet hatte, erklärte ihm der Beamte:
»Auch mein College ist ganz meiner Ansicht, daß Sie bis morgen warten möchten. Wir wünschen vorher noch die Aussage des Thalmüllers zu vernehmen.«
»So habe ich also bis morgen hier zu bleiben?«
»Nicht hier. Sie werden mir in den nächsten Tagen als die Hauptperson, um welche es sich handelt, so nöthig sein, daß ich Sie in meiner Nähe haben möchte. Haben Sie Zeit?«
»Zu diesem Zwecke ganz bestimmt.«
»So wäre es mir sehr lieb, wenn Sie für diese Tage Ihren Aufenthalt in Hohenwald nehmen wollten. Sie könnten ja in dem Gute des Silberbauers wohnen.«
»Ich richte mich natürlich ganz nach Ihren Wünschen, Herr Assessor.«
»Schön! Höchst wahrscheinlich komme ich heut noch nicht von hier fort. Sie aber möchte ich bereits heut dort in Hohenthal wissen. Ich werde Ihnen meinen Wagen zur Verfügung stellen, und der Sepp kann Ihnen bei der Fahrt Gesellschaft leisten. Wollen Sie?«
»Ja. Haben Sie vielleicht einen triftigen Grund, mich von hier zu entfernen?«
»Sie zu entfernen nicht, aber Sie dort in Hohenwald zu wissen. Sie können dort nämlich heut bereits einige Vorstudien zu Dem machen, was Sie morgen erfahren werden. Der Sepp mag Sie zu dem Finkenheiner führen, dessen Frau ja in Slatina bei Ihren Eltern gewesen ist. Sollte heute dort Etwas passirt sein, wovon Sie meinen, daß es zu wissen mir nöthig oder nützlich sein werde, so bitte ich, mir zu telegraphiren. Ich werde hier in der Mühle wohnen.«
»Wann wird die Leiche an die Oberwelt gelangen?«
»Vielleicht noch heute, Sie werden sie übrigens wiedersehen, denn ich nehme sie mit. Also begeben Sie sich nach der Stadt, um anspannen zu lassen. In drei Stunden können Sie oben in Hohenwald sein.«
»Was wird einstweilen, bevor ich für sie zu sorgen vermag, mit Paula geschehen?
»Um diese braucht es Ihnen nicht bange zu sein. Ich werde sie gern unter meine Obhut nehmen. Die Mühle wird von Gerichtswegen einen Verwalter bekommen, dem sie sich ja außerordentlich nützlich machen kann. Falls heute in Hohenwald Etwas geschehen sollte, adressire ich Sie besonders an den Lehrer Walther, zu dem ich ein großes Vertrauen habe. Und noch eine Warnung: Verplaudern Sie sich nicht, wenn Sie dem fremden Herrn begegnen, welcher jetzt in der dortigen Mühle wohnt.«
»Warum nicht verplaudern?«
»Weil er unerkannt sein will.«
»Wer ist er?«
»Ein Bekannter auch von Ihnen, nämlich unser – – – König.«
»Sappermenten! Das hätt ich ihm ja auch sagen konnt!« zürnte der alte Sepp. »Hier soll ich nix hören und auch nix reden. Es wird Zeit sein, daß wir uns auf den Weg machen. Komm, Fex, wir wollen suchen, so bald wie möglich zu unserm Wagen zu kommen.«
Bereits in kurzer Zeit waren die beiden Freunde per Kutsche nach Hohenwald unterwegs.
Ihre Unterhaltung drehte sich natürlich um die heutigen Erlebnisse, und sodann schilderte der Sepp dem Fex die Personen, mit denen er in Hohenwald wahrscheinlich zusammentreffen würde. Und da er besonders an die Frau des Finkenheiner adressirt war, so theilte der Alte ihm Alles mit, was er von derselben und ihren Schicksalen wußte.
So war, als sie am Abende in Hohenwald eintrafen, der Fex bereits, über Alles orientirt, was zu wissen ihm nothwendig war.
Am Eingange des Dorfes ließ der Alte halten und sagte:
»Ich fahr gleich nach dera Mühlen. Du weißt schon zu wem. Der muß sogleich derfahren, was in der Thalmühlen geschehen ist. Du aberst kannst schon hier aussteigen. Da rechts liegt die Flachsbrechen, in welcher dera Finkenheiner oben wohnt. Nachhero, wannst von dort fortgehst, kann er Dich nach dem Silbergute führen, wo Du allemalen gleich eine Stuben bekommst. Ich werd Dich noch heute dort aufsuchen.«
Der Fex folgte diesem Rathe. Er stieg aus und schritt auf die Flachsbreche zu. In dem untern Raume derselben war es heute dunkel, da die Balzerbauersfamilie jetzt ja in dem Silbergute wohnte. Er fand nur mit Mühe den Weg, und ging die steile, alte Treppe empor. Dann tastete er sich bis zur Thür und klopfte an. Eine weibliche Stimme antwortete, und dann trat er ein.
Es war nur der Elephantenhanns mit seiner Mutter daheim, da der Heiner mit der Tochter sich noch in der Mühle befand. Heute brannte eine kleine Stehlampe auf dem Tische, deren kleiner Schein nicht ganz bis nach der Thür hin reichte. Das Gesicht des Eintretenden war also nicht deutlich zu erkennen.
»Guten Abend,« grüßte er.
Der Hanns dankte mit denselben Worten; seine Mutter hatte auch bereits den Mund geöffnet, vergaß aber die Antwort. Sie hob schnell den Kopf, horchte auf, als ob ihr etwas Auffälliges in das Gehör gedrungen sei, und blickte scharf nach dem Eintretenden hin.
»Nicht wahr, hier wohnt der Finkenheiner?« fragte dieser.
»Ja,« antwortete Hanns.
»Ist er zu Hause?«
»Nein. Aber vielleicht dauert es nicht lange, bis er kommt.«
»So möcht ich sehr gern auf ihn warten, wenn Sie es mir erlauben wollen.«
»Sehr gern,« antwortete jetzt sie. Sie kam dabei langsam, ganz langsam näher, nach der Thür zu und machte dabei ein Gesicht, als ob alle ihre Sinne in Thätigkeit, und zwar in ganz ungewöhnlicher, scharfer Thätigkeit seien.
»Bitte, wollen Sie sich setzen?« fügte sie hinzu, indem sie auf einen an der Wand stehenden Stuhl deutete.
Dieser stand im Scheine des Lichtes. Darum richtete der Fex, der das eigentümliche Gebahren der Frau gar wohl bemerkt hatte, es so ein, daß er, ihr den Rücken zukehrend, den Stuhl in den Schatten rückte und dann erst sich auf denselben niederließ.
Trotzdem er nun im Halbdunkel saß, sahen Mutter und Sohn doch deutlich, daß er vornehm gekleidet sei und sie also keinen gewöhnlichen Dorfbewohner vor sich hatten.
»Kommen Sie vielleicht, eine Bestellung bei meinem Manne zu machen?« fragte die Frau.
»Nein. Meine Absicht ist nur, bei ihm eine Erkundigung einzuziehen.«
»Kennen Sie ihn schon?«
»Nein. Ich war noch niemals hier. Ein Bekannter von mir, der Wurzelsepp, hat mich hergeschickt.«
»So ist es, als ob Sie uns bereits ganz gut kennten. Die Bekannten dieses Mannes sind alle gut Freund unter einander.«
»Das habe auch ich bereits bemerkt. In Ihrer Familie muß er schon seit langen Jahren verkehrt sein. Er hat mir so sehr viel von Ihnen erzählt.«
Sie erröthete ein Wenig bei dem Gedanken, daß der Alte wohl auch von ihrem früheren Vergehen geplaudert haben könne. Dieser Gedanke trug die Schuld, daß sie nicht sogleich antwortete; aber sie hielt den Kopf lauschend zu ihm herüber geneigt wie allemal, wenn er seit seinem Eintreten gesprochen hatte. Das benutzte er, indem er fragte:
»Sie sind doch jedenfalls die Frau des Finkenheiners?«
»Ja,« antwortete sie, noch tiefer erröthend als vorher.
»Fällt Ihnen vielleicht an mir Etwas auf?«
»Warum denken Sie das?«
»Weil Sie mich so eigenartig betrachten und so scharf herüberhorchen, wenn ich spreche.«
»Sie haben es errathen, mein Herr. Ihre Stimme ist's, die mir auffällt.«
»Hat das vielleicht einen Grund?«
»Ja freilich hat es einen. Ihre Stimme hat nämlich ganz genau den Klang einer anderen, welche ich vor vielen Jahren täglich hörte.«
»Das ist nichts Auffälliges. Stimmen sind sich häufig sehr ähnlich.«
»So sehr aber nicht. Es ist nicht nur die Stimme allein, sondern auch die Art und Weise der Betonung und der eigenartige Wohlklang, der sich nicht verkennen läßt.«
»Wer war die Person, an welche Sie dadurch erinnert werden?«
»Ein Baron, bei dessen Frau ich diente.«
»Nun, so ist die Ähnlichkeit eben nur ein ganz gewöhnlicher Zufall.«
»Das glaube ich auch, denn die Familie wohnte sehr weit von hier, drunten in der Walachei.«
»So! Wie war der Name derselben?«
»Gulijan.«
»Ah! Das Stammschloß derselben lag bei Slatina?«
Die Frau fuhr zunächst zusammen, als ob sie erschrocken sei. Dann aber fragte sie schnell in freudigem Tone:
»Wie? Sie kennen diese Familie?«
»Ich hörte von ihr sprechen.«
»Von wem?«
»Von dem Wurzelsepp.«
»So ist es erklärlich. Der hat von meinem Manne Einiges über diese Familie gehört.«
Da zog der Fex seine Brieftasche hervor und nahm aus derselben die Photographie seiner Mutter, welche er damals mit den Papieren aus dem Stuhle des Thalmüllers entwendet hatte.
»O,« sagte er, »der alte Sepp kennt diese Familie nicht nur vom Hörensagen, sondern auch aus eigener Anschauung.«
»Das ist unmöglich. Er hat niemals ein Glied derselben gesehen.«
»In Person freilich nicht, aber im Bilde.«
»Das bezweifle ich. Es ist mir nicht bewußt, daß irgend ein solches Bild existirt.«
»Auch keine Photographie?«
»Auch die nicht, denn es ist Alles damals bei dem großen Schloßbrande mit zerstört worden.«
»Das bezweifle ich. Wollen Sie vielleicht einmal einen Blick auf diese Photographie werfen?«
Er gab das Bild auf den Tisch, ohne aber sein Gesicht so nahe zu bringen, daß es deutlich erkannt werden konnte. Die Frau nahm es von dort auf und hielt es an das Licht. Kaum hatte sie ihren Blick darauf gerichtet, so stieß sie einen lauten Schrei der freudigsten Ueberraschung aus.
»Baronin Etelka! Das ist sie; das ist sie, meine liebe, liebe, gute Herrin! Ja, ja, das ist sie! Es ist gar kein Zweifel möglich! Herr, wie kommen Sie zu dieser Photographie?«
»Auf eine etwas geheimnißvolle Weise, von welcher ich Ihnen erzählen muß.«
Er trat bei diesen Worten an den Tisch, wie um das Bild wieder an sich zu nehmen, in Wirklichkeit aber in der Absicht, das Licht nun auf sein Gesicht fallen zu lassen.
Und warum diese Prozedur?
Aus einem sehr guten und lobenswerthen Grunde. Aus allem Bisherigen mußte er annehmen, daß er der Sohn jenes Barons von Gulijan sei. Und dennoch war er nicht im Stande, dies bis zur Evidenz zu beweisen. Die Papiere, welche er besaß, waren zwar die Papiere jenes Kindes, aber ob er identisch mit diesem Kinde sei, das war noch zu beweisen. Darum war er heut, als er aufgefordert worden war, diese Frau aufzusuchen, auf den Gedanken gekommen, einmal an ihr zu prüfen, ob er seinem Vater oder seiner Mutter ähnlich sei.
Diese Prüfung war von einem vollständigen Erfolge begleitet, denn kaum fiel das Licht auf sein Gesicht, so schrie die Frau laut auf:
»Herrgott! Ists möglich! Baron Samo Gulijan!«
Das war der Name seines Vaters, für welchen er also von ihr gehalten wurde. Es durchrieselte ihn ein Gefühl glücklicher Befriedigung. Er war jenem Baron zum Verwechseln ähnlich. Das konnte als ein Glied in der Kette jener Beweise gelten, welche er zu führen hatte. Doch blieb er kalt und ruhig und fragte im Tone des Erstaunens:
»Meinen Sie mich?«
»Ja, Sie! Es ist doch kein Anderer hier!«
»Aber so heiße ich ja nicht!«
»Nicht? Sie wären nicht Baron Samo Guli – – –«
Sie hielt inne, schlug sich mit der Hand an die Stirn und fuhr sodann fort:
»Ja, richtig! Woran habe ich da gedacht! Der Baron ist ja todt! Der können Sie gar nicht sein! Aber welch eine Aehnlichkeit! Das grenzt geradezu an das Wunderbare.«
»Auch das wird das Spiel eines blosen Zufalles sein.«
»Nein, nein; das kann ich nicht glauben.«
»Und doch müssen Sie es glauben. Ich kann ja doch nicht ein Mann sein, von welchem Sie sagen, daß er seit langer Zeit todt ist.«
»Das ist richtig. Er würde jetzt fast über noch einmal so alt sein, als Sie zu sein scheinen. Und schon damals, als ich ihn kannte, war er älter als Sie. Er trug einen Bart.«
»Nun sehen Sie, ich kann doch unmöglich eine Person sein, welche über noch einmal so alt als ich ist.«
»Aber diese Ähnlichkeit! Die Gestalt, das Gesicht, das Haar, die Augen und sogar auch die Stimme!«
»Zufall!«
»Das kann ich mir nicht denken, Herrgott! Da fällt mir der kleine Curti ein!«
»Wer ist das?«
»Das Söhnchen meiner Herrschaft, welches ganz plötzlich verschwand und niemals wiedergefunden wurde.«
»Haben Sie den Knaben gekannt?«
»Freilich, freilich! Wie oft habe ich ihn hier auf meinen Armen getragen, wenn die Südana, die Amme, einmal verhindert war es zu thun.«
»Und niemals hat sich eine Spur von ihm finden lassen?«
Sie zauderte mit ihrer Antwort. Sie schien gewissermaßen verlegen zu sein. Endlich antwortete sie:
»Er selbst ist nicht wiedergefunden worden; aber Spuren hätte man wohl entdecken können, wenn man an die richtigen Personen gedacht hätte. Erst kürzlich sprach ich mit – – – ah, Sie sagen, daß Sie den alten Sepp kennen. Jetzt, jetzt geht mir ein Licht auf. Er hat Sie zu uns geschickt, vielleicht gar nicht zu meinem Manne, sondern zu mir. Er erzählte von einem jungen Manne, welcher Fex genannt wird. Kennen Sie diesen vielleicht?«
»Freilich kenne ich ihn. Ich bin es selbst.«
»Selbst, selbst sind Sie es? O mein Gott! Wenn doch meine Ahnung mich nicht täuschen wollte! Sagen, o sagen Sie mir, haben Sie Ihre Eltern noch? Ist Ihre Abstammung klar und widerspruchslos erwiesen?«
Sie kam um den Tisch herum zu ihm und hielt die Lampe, welche sie ergriffen hatte, so, daß seine ganze Gestalt beleuchtet wurde.
»Leider nein,« antwortete er. »Ich habe keine Eltern, ich kenne sie nicht. Und über meiner Abstammung schwebt ein Dunkel, welches ich bisher nicht zu lichten vermochte.«
»So sind Sie es; so sind Sie es, der junge Herr, der Baron Curty von Gulijan!«
Sie rief das förmlich jauchzend aus und ergriff seine beiden Hände, um dieselben an ihre Lippen zu ziehen. Er aber wehrte ihr ab. Er entzog ihr seine Hände und warnte:
»Nicht so sanguinisch! Wie wollen Sie die Wahrheit dessen, was Sie sagen, beweisen? Ich bin Ihnen ja ein vollständig fremder und unbekannter Mensch!«
»Fremd und unbekannt? Nein, o nein! Sie sind mir so bekannt, als ob wir uns seit Jahren nicht ein einziges Mal getrennt hätten.«
»Das ist freilich eine Behauptung, welcher gegenüber ich ganz wehrlos stehe. Meine einzige Waffe besteht in der Versicherung, daß ich Sie nicht kenne; also können auch Sie mir nicht besonders nahe gestanden haben.«
»Diese Entgegnung ist hinfällig. Ich bin bereit, es Ihnen zu beweisen.«
»Nun, so beweisen Sie!«
»Erstens spricht die Stimme meines Herzens für Sie.«
»Das gilt bei dem Juristen, auf den es ja in diesem Falle ankommt, gar nichts.«
»Sodann habe ich Sie sofort erkannt.«
»Verkannt, wollen Sie sagen?«
»Nein, nicht versondern erkannt. Gleich als Sie Ihre ersten Worte sprachen, fiel mir die Aehnlichkeit mit der Stimme und Ausdrucksweise Ihres Vaters auf. Und sodann die übrigen Ähnlichkeiten, welche auch so frappant sind, daß sie nur eine Folge engster Verwandtschaft sein können.«
»Das sind keine genügenden Beweise.«
»Sodann hat mir doch der Sepp von Ihnen erzählt.«
»Soll etwa das Etwas gelten?«
»Nein, aber es läßt doch vermuthen, daß auch Sie sich für Denjenigen halten müssen, für den ich Sie halte! Und nun gar das Bild Ihrer Mutter! Wie käme dasselbige in Ihre Hände, wenn Sie nicht ihr Sohn wären?«
»Vielleicht bin ich nur ein Verwandter von ihr.«
»Nein. Von diesen ist keiner abhanden gekommen. Was wird Jeschko sagen, wenn er Sie erblickt? Er wird alle möglichen Eide schwören wollen, daß Sie der junge Baron von Gulijan sind.«
»Ich habe von ihm gehört und werde mit ihm sprechen. Haben Sie seine Frau gekannt?«
»Natürlich habe ich sie gekannt. Sie war ja jene Amme, welche ich vorhin erwähnte. Sie hieß Mylla.«
»Wann starb sie?«
»Von ihrem Tode weiß ich nichts. Sie war ganz plötzlich verschwunden und ist niemals wieder gesehen worden.«
»Sie werden sie sehen.«
»Was? Wie? Sie lebt noch?«
»Nein, sie ist todt. Aber ihr Körper hat sich so gut erhalten, daß sie das Aussehen einer Schläferin besitzt.«
»Und wo befindet sie sich?«
»Jetzt drunten in Scheibenbad; aber vielleicht schon morgen wird man den Körper hierher bringen, um in der Untersuchungssache gegen den Müller Kellermann – – –«
»Kellermann!« rief sie aus. »Ein Müller! Ists Derjenige, welcher mit dem Silberbauer in der Gegend von Slatina war?«
»Derselbe.«
»Der befindet sich in Untersuchung?«
»Ja; ich komme soeben von ihm und war dabei, als er gefangen genommen wurde.«
»Gott sei Dank! Endlich, endlich beginnen meine Wünsche sich zu erfüllen! Nach diesen Menschen habe ich gesucht lange, lange Jahre, und stets vergeblich. Hat er denn hier auch Verbrechen begangen? Denn wegen seiner in der Walachei verübten Thaten wird man ihn hier doch wohl nicht festgenommen haben.«
»Wegen derselben auch. Aber er hat auch hier gemordet, nämlich die Südana.«
»Ihre Amme?«
»Ja. Ich selbst habe es gesehen.«
»So hat sie ihn gesucht, ganz so wie ich, und ihn zu ihrem Verderben gefunden. Möge ihn die Strafe so hart treffen, wie er sie verdient. Nachsicht gegen diesen Menschen wäre eine Sünde, wie es kaum eine so große sonst noch geben kann. Auch ich bin bereit, gegen ihn zu zeugen. Ich werde gleich morgen nach Scheibenbad gehen, um mich beim dortigen Gericht zu melden.«
»Das haben Sie nicht nöthig. Er wird morgen hierher transportirt, weil die Untersuchung von unserer Behörde geführt werden soll.«
»Desto besser. Wie entsetzt wird er sein, wenn er mich erblickt, welche er längst verschollen oder gar todt wähnt! Er wird grad so entsetzt sein, wie der Silberbauer, welcher vor Schreck über mein Erscheinen in das Mühlenrad gestürzt ist.«
»Der Sepp hat mir davon erzählt. Wie schade, daß es diesem Menschen gelungen ist, zu entkommen!«
»Uns ist er entkommen. Vor Gottes Auge und Gottes Hand aber vermag er nicht zu entfliehen. Beide werden ihn finden, ja sie haben ihn vielleicht bereits gefunden. Bei den Verletzungen, die er davongetragen hat, ist es geradezu unmöglich, daß er das Leben eines Flüchtlings zu führen vermag. Vielleicht ist er bereits hinter irgend einem Busch oder an einem anderen einsamen Ort zusammengebrochen, wo er unter Fiebergluth mit dem Tode ringt. Horch! Es kommt Jemand. Das ist mein Mann. Ich kenne ihn am Schritte.«
Sie hatte Recht; der Finkenheiner trat ein. Noch unter der Thür rief er in frohlockendem Tone:
»Anna, weißt, was passirt ist?«
»Nein!«
»Sie haben ihn.«
»Wen?«
»Den – ah, da ist ein Besuch? Den kenn ich gar nicht. Willkommen auch!«
Er streckte dem Fex seine eine Hand entgegen. Dieser ergriff sie, schüttelte sie herzlich und antwortete:
»Danke sehr! Ich habe bereits so viel Gutes von dem Finkenheiner gehört, daß ich mich aufrichtig und recht herzlich freue, Sie endlich einmal kennen zu lernen.«
»So? Wer hat sich denn da den unnützigen Spaß macht, von mir ein Aufhebens zu machen, woran gar keine Wahrheit ist?«
»Der Wurzelsepp.«
»Ja der! Der ist mein Spezial, und sein Maulwerk geht den ganzen Tag wie bei einer alten Jungfrauen die Kaffeemühlen. Wer weiß, was er Ihnen verzählt hat. Aber darf ich wohl auch derfahren, wer Sie sind?«
»Ja, das darfst erfahren,« antwortete seine Frau an des Fex Stelle; »aberst von mir sollsts hören. Denk Dir nur mal, das ist der junge Herr Baron von Gulijan.«
»Bist des Teuxels?«
»Nein.«
»Bei demt dient hast in dera Walacheien?«
»Ja.«
»Aberst dera junge Baronen ist ja verloren gangen!«
»Jetzund nun hat er sich wiederfunden. Er wills zwar selberst nicht ganz glauben, daß ers ist, aber wir wollen die Beweisen schon recht hübsch zusammenkriegen. Auch den Kellermann Müller haben wir nun endlich funden, und wann der Silberbauer noch entdeckt werden könnt, so wäre das – – –«
»Halloh!« rief der Heiner. »Was hast da zu plauschen! Hast denn vorhin nicht hört, was ich sagt hab?«
»Wann denn?«
»Grad als ich zur Thüren hereinikommen bin.«
»Nix hast sagt, gar nix.«
»Oho! Ich habs grad laut genug gerufen.«
»Rufen wollen hasts, aberst als Du hier den jungen Herrn verblickt hast, da ists Dir gleich im Maul stecken blieben.«
»Ach so; ja, das ist wahr. Aberst die Hauptsach hab ich doch herausgeschreit, nämlich daß sie ihn haben.«
»Doch nicht etwan gar den Silberbauern?«
»Natürlich den und keinen Andern.«
»Hallelujah! Jetzt ist auch dieser Wünschen noch derfüllt. Wer hätt dacht, daß es so schnell geschehen thät, nachdem ich ihn erst kurz zuvor aussprochen g'habt. Aberst wo hat er denn steckt?«
»Droben in dera Felsenhöhlen.«
»Und wer hat ihn derwischt?«
»Wer? Auch das brauchst nicht zu fragen, denn die Antworten versteht sich ganz von selberst. Seit der da ist, so ists ein ganz ander Leben worden, Sonnenschein anstatt Regen, Segen statt Fluch und Sattheit an Stelle von Hunger und Durst.«
»Meinst wohl den Herrn Lehrern?«
»Freilich. Was der einmal will, das thut er auch, und was er anfaßt, das hat Sinn, Verstand und Schick. Er ist mit dem jungen Sandau aus Eichenfeld im Wald gewest, wo sie ihn haben schreien hört. Da haben sie den Eschenbauern mit seinem Wagen holt und den Silberbauern aufiladen. Nun liegt er wieder in seiner Kammer, und soeben ist dera Doctor von ihm fort, und zwei Wächter sitzen bei ihm, denn er hat das Wundfieber und kann gar leicht ausbrechen wollen.«
Die Nachricht, welche der Heiner gebracht hatte, hatte ihn so sehr in Beschlag genommen gehabt, daß er eigentlich gar nicht darüber nachgedacht hatte, daß es beinahe ein Wunder sei, den verschollenen Baron von Gulijan bei sich zu sehen. Und als nun jetzt dieser Gedanke bei ihm in's Bewußtsein trat, war es zu spät, denn der Fex hatte bereits den Hut ergriffen und fragte:
»Bitte, gehen Sie heut zeitig zur Ruhe?«
»Nein, heut wohl nicht. Warum fragens?«
»Weil ich gar zu gern noch mehr mit Ihnen sprechen möchte und doch jetzt für einige Zeit fort muß.«
»So kommens nur getrost wieder! Wir werden gar gern warten.«
»Schön. Wie geht man, um nach dem Silberhofe zu kommen?«
»Dahin wollens wohl gar?«
»Ja, ich muß den Silberbauer einmal sehen und dann sogleich seinetwegen ein Telegramm absenden.«
»So werd ich Sie lieber führen. Das ist gar viel besser, als wann ich Ihnen den Weg beschreiben thue, und Sie finden ihn in dera Dunkelheiten dennerst nicht.«
»Ja, führ den Herrn,« stimmte seine Frau bei. »Und auch einen Boten zum Telegraphen mußt ihm versorgen. Sodann aber bringst mir ihn ja wiederum mit her. Es sind gar sehr wichtige Dingen, die wir mitsammen zu besprechen haben. Ich wollt, ich könnt dabei sein, wann dera Silberbauern ihn derblickt. Ich möcht wetten, daß es diesem grad so gehen wird wie mir: er wird ihn für den Herrn Baronen Samo von Gulijan halten. Das ist heut ein gar großer Tag, ein Tag, den ich so bald nicht wieder vergessen werd. Wer weiß, was da Alles noch passiren kann! Denn wann dera Herrgott einmal seine Thaten geschehen läßt, so kommt gleich gar viel zusammen. Also geht nun jetzt, und laßt mich nicht gar zu lange auf Euch warten!«
Die beiden Männer verließen die Flachsbreche und begaben sich nach dem Silbergute, vor dessen Einfahrt noch immer verschiedene Leute standen, welche neugierig waren, zu erfahren, was heut vielleicht noch geschehen werde.
»Dera Finkenheiner mit einem Fremden!« hörte man sie sagen. »Wer mag das sein?«
In dieser abgelegenen Gegend war das Erscheinen eines Unbekannten eben eine Seltenheit, zumal so spät am Abende und das man mit einem solchen Ereignisse sofort in nähere Beziehung brachte.
In dem Hause war es ungewöhnlich still, gar nicht wie früher, als die lauten, befehlenden Stimmen des Silberbauers und seines Sohnes das Gesinde immer außer Athem gehalten hatte. Es hatte sich der Dienstboten ein heilsamer Schreck bemächtigt. Sie verrichteten ihre Arbeiten jetzt in möglichster Ruhe, gar nicht mit der lauten, polternden Hast wie früher.
Das hatte seinen Grund nichts nur in dem wohlverdienten Schicksale, welches über ihren Herrn hereingebrochen war, sondern auch in dem Umstände, daß sich der Balzerbauer jetzt hier befand und die Leitung des Gutes übernommen hatte.
Vielleicht war es ein Wagniß zu nennen, daß der Assessor einen Menschen, der bisher für einen Wahnsinnigen gehalten worden war, die Aufsicht über die Bewirthschaftung eines so großen Heimwesens anvertraut hatte. Aber einestheils hatte er dies nur nach einer eingehenden Besprechung mit dem Medicinalrathe gethan, und anderntheils war es ihm eine wirkliche Herzensangelegenheit gewesen, den armen Feuerbalzer, welcher durch den Silberbauer so viel gelitten hatte, diese Genugthuung zu verschaffen.
Und eine große Genugthuung war es freilich, ganz besonders für die Feuerbalzerin, die alte Frau, welche so lange Jahre hindurch gehungert und gekümmert hatte und wegen ihrer großen Armuth von den Leuten verachtet worden war.
Sie fühlte sich jetzt wieder als eine Frau, welche ein gewichtiges Wort zu reden hatte. Da sie mehr als arm an Kleidern war, so hatte sie sich einstweilen aus dem Vorrath, welchen Martha zurückgelassen hatte, einiges für sich Passende ausgesucht. Nun konnte sie sich auch in dieser Beziehung sehen lassen, und – – sie ließ sich sehen.
Mit dem großen Schlüsselbunde am Schürzenbande ging sie durch alle Räume, um das Reich, dessen Negierung ihr nun anvertraut worden war, kennen zu lernen, und wehe der Magd, welche sich bei irgend einer Ungehörigkeit ertappen ließ! Die Alte nahm sich der Wirtschaft mit einem Eifer und einer Pflichttreue an, als ob der Silberhof jetzt ihr Eigenthum sei.
»Und wer kanns wissen, wie es noch wird!« sagte sie zu ihrem Sohne. »Dera Silberbauer hat uns Alles nommen; er muß es uns nun auch wiedergeben. Und woher sollen wirs erhalten? Doch vom Silberhof! Vielleichten kommts gar noch so weit, daß dera verruckte Feuerbalzer ein Silberbauern wird. Es giebt einen Herrgott und eine Gerechtigkeiten. Und nachdem wir so viel und auch so lang gelitten haben, kann man es uns gönnen, daß es uns nun auch wiederum mal wohl gehen mag.«
Als der Fex mit dem Finkenheiner oben in die Schlafstube trat, in welcher der Silberbauer lag, befand sich der Lehrer da und mit ihm noch einige Männer, denen die Bewachung des Fieberkranken anvertraut war.
Dieser Letztere hielt die Augen geschlossen, als ob er schlafe, doch befand sich sein Geist nicht in einem Zustande der Ruhe. Die Lippen bewegten sich unaufhörlich, und ein leises Flüstern und Murmeln deutete an, daß er sich trotz seiner äußeren Bewegungslosigkeit innerlich mit allerhand Phantastereien beschäftige.
Der Lehrer gab den Eintretenden einen Wink, ruhig zu sein; deshalb sagte der Finkenheiner leise zu ihm, auf Fex deutend: »Wer mag dieser wohl sein?«
Der Lehrer warf einen prüfenden Blick auf den Fex und antwortete lächelnd:
»Ich weiß es nicht, deshalb muß ich Sie bitten, mir seinen Namen zu nennen.«
»Es ist dera Fex, von dems wohl bereits gehört haben.«
»Ah, das ist eine Ueberraschung, obgleich ich weiß, daß der Herr Assessor nach München hat telegraphiren lassen, um ihn für heut nach Scheibenbad zu rufen. Willkommen, Herr – Herr – – ja, wie habe ich Sie denn eigentlich zu nennen?« wandte der Lehrer sich an Fex.
Er reichte, indem er diese Frage aussprach, dem angehenden Violinvirtuosen die Hand, welche dieser lebhaft schüttelte.
»Der Heiner hat ja soeben meinen Namen genannt,« antwortete der Fex.
»Aber Sie müssen doch einen andern haben. Sie können doch unmöglich Fex heißen!«
»Bevor ich das Recht erlangt habe, meinen wirklichen Namen zu führen, mögen Sie mich immerhin so nennen. Ich bin an ihn gewöhnt, und darum hat er nichts Fremdartiges oder wohl gar Unangenehmes für mich.«
»Ja,« meinte der Heiner, indem er eine sehr bedeutungsvolle Miene zeigte, »wanns seinen wirklichen Namen wüßten, Herr Lehrern, da thätens sich wohl gar gewaltig verwundern. Er ist nämlich – –«
»Pst!« unterbrach ihn der Fex. »Davon wollen wir jetzt nicht sprechen.«
»Warum nicht? Sie sind dera junge Herr Baronen, und da wird man es doch wohl auch sagen dürfen.«
»Noch fehlen die Beweise.«
»Oho! Die werden mir bald zusammensuchen. Und ich hab halt die Meinung, daß Fex nicht so schön klingt wie gnädiger Herr, junger Baronen.«
»Baron?« fragte der Lehrer. »Ich habe eine Ahnung, welchen Namen Sie meinen. Der Wurzelsepp hat mir einige Andeutungen gegeben. Ich kenne Sie bereits sehr gut, wenn auch noch nicht persönlich aber doch vom Hörensagen, und es sollte mich von ganzem Herzen freuen, wenn Sie sehr bald die Berechtigung erhielten, den Namen zu führen, auf den Sie ein heiliges Anrecht haben. Da Sie hier in Hohenwald sind, vermuthe ich, daß der Herr Assessor auch mit angekommen ist. Warum ist er nicht zu sehen?«
»Er wird erst morgen zurückkehren und hat mich vorausgesandt, damit ich mich einstweilen über die hiesigen Verhältnisse orientiren möge.«
»Das ist recht. Ich stelle mich Ihnen zur Verfügung. Wie ist es in der Thalmühle gegangen?«
»Der Müller ist gefangen und wird morgen hier eingeliefert werden. Der Assessor beauftragte mich, ihm zu telegraphiren, wenn sich hier etwas Wichtiges ereignet haben sollte, und da ich hörte, daß es gelungen sei, den – – –«
»Den Silberbauer zu ergreifen,« fiel der Lehrer ein, »so müssen wir natürlich sofort eine Depesche absenden. Das versteht sich ganz von selbst, und ich werde das besorgen. Sie kamen, um den Silberbauer zu sehen? Kennen Sie ihn vielleicht bereits?«
»Ich habe ihn bereits einmal in der Thalmühle gesehen, aber so flüchtig, daß ich mich nicht mehr auf sein Gesicht besinnen kann. Jetzt weiß ich, daß ich mit diesem Menschen eine ganz bedeutende Rechnung auszugleichen habe, und will mir sein Gesicht doch einmal genau betrachten.«
Er trat zu dem Bette.
Da lag der Mann, der ihn im Vereine mit dem Thalmüller um Alles, Alles gebracht hatte! Es waren eigenartige Gefühle, welche bei dem Anblicke des Verbrechers den Fex bewegten. Er beugte sich tiefer und tiefer zu dem Silberbauer nieder, um zu sehen, ob vielleicht ein Wort des im Fieber Flüsternden deutlich zu verstehen sei. Und wirklich, da hörte er:
»Still! Still! Das darf nimmer verrathen werden. Was? Was sagst? Ich war es gewest? Ich?«
Einem augenblicklichen Impulse folgend, hielt der Fex seinen Mund nahe an das Ohr des Phantasirenden und sagte:
»Ja, Du bists gewest. Du und kein Anderer.«
Der Kranke öffnete die Augen nicht; auch seine Lippen bewegten sich nicht; aber sein Gesicht nahm einen Ausdruck an, als ob er nachdenke, als ob er auf Etwas lausche. Dann fragte er, nicht mehr im Flüstertone, sondern so laut, daß die Anwesenden es alle hören konnten:
»Wer spricht denn da? Das ist wieder eine andere Stimme. Sag werst bist?«
»Kennst mich denn nicht?«
»Dich? Ja, wann ich Dich doch sehen könnt! Wo bist denn eigentlich?«
»Hier. Schau nur her!«
Wieder vergingen einige Secunden. Der Silberbauer zog die Brauen empor. Er horchte; das war ihm anzusehen. Dann antwortete er:
»Ich schau ja hin, aberst sehen kann ich Dich nicht. Warum versteckst Dich denn? Hast wohl eine Angst vor mir?«
»O nein, sondern Du mußt Dich vor mir fürchten!«
»Ich? Vor Dir? Das ist nicht wahr. Dera Silberbauern fürchtet sich vor keinem Menschen. Er schlägt Den todt, der ihm was thun will. Darum nimm Dich wohl in Acht vor mir! Bist Du etwa Einer aus Hohenwald?«
»Nein.«
»Das ist gut. Die suchen mich. Die wollen mich fangen. Aberst ich geh zum Thalmüllern; der versteckt mich und giebt mir Geld, daß ich weiterkommen kann. Oder bist wo anderst her? Kennst mich denn?«
»Ja, Dich und alle Deine Verbrechen.«
»Das ist nicht wahr. Meine Verbrechen? Was ich than hab, das weiß kein Mensch. Und diejenigen, die es wissen, die sind nicht da. Also sag, woher Du bist!«
»Aus Slatina.«
Die Wirkung, welche dieses Wort hervorbrachte, war eine außerordentliche. Sein Mund öffnete sich weit und seine Augen auch. Aber sein Blick war stier und ausdruckslos. Es war klar, daß er trotz der geöffneten Augen gar nichts sah. Aber auf seinem Gesichte lag der Ausdruck eines großen Schreckes, den man fast Entsetzen nennen konnte.
»Vorsicht, Vorsicht!« flüsterte der Lehrer dem Fex warnend zu.
»Es wird ihm nichts schaden,« meinte der Letztere leise. »Vielleicht entlocke ich ihm ein Geständniß, eins seiner Geheimnisse.«
»Oder regen Sie ihn so auf, daß er zu toben beginnt. Das müssen wir vermeiden.«
»Pah, ich werde es doch wagen. Warum soll ich zarte Rücksicht auf die Gesundheit eines solchen Menschen nehmen.«
Der Lehrer wollte noch eine warnende Bemerkung machen, aber er kam nicht dazu, denn jetzt löste sich der starre Schreck von den Zügen des Silberbauers, und er sagte in der hastigen Art und Weise wie man in der Angst Jemandem Etwas zuraunt:
»Pst, pst! Sprich leise, ganz leise! Von dort darf Niemand was derfahren. Also in Slatina bist bekannt?«
»Ich bin dort zu Haus.«
»Kennst auch die Mühlen dort?«
»Ja.«
»Und auch die beiden Müllern damals?«
»Ganz genau.«
»Wie habens denn geheißen?«
»Claus und Kellermann.«
»Himmelsakra! Ja, Du weißt die Namen, aberst weißt Du nix, gar nix!«
»O, ich weiß Alles.«
»Nein, nein, nein!«
Das erste ›Nein‹ sprach er leise, das zweite lauter, und das dritte rief er förmlich aus.
Dann murmelte er heimlich vor sich hin und fragte schließlich wieder vernehmlich:
»Hast auch den Baronen kannt?«
»Grad so gut wie Du.«
»Und auch seine Frauen?«
»Ja.«
»Eine schöne Frauen, eine sehr schöne, nicht wahr?«
»Hat sie Dir denn gefallen?«
»Gefallen? Was fragst so albern. Ich bin ganz verruckt gewest in sie, ganz wahnsinnig verliebt. Warst etwan dabei, als ichs ihr sagt hab?«
»Nein.«
»Das ist gut, denn was sie mir antwortet hat, das darf Keiner wissen. Einen Mördern hat sie mich nannt; denk Dir, einen Mördern! Und ich bins doch nicht allein gewest.«
»Sondern der Thalmüller auch?«
»Ja. Und wann Zwei was mitsammen than haben, so ist doch nicht einer allein schuld daran. Ich hab vor ihr kniet. Hasts sehen?«
»Nein.«
»Das ist gut, denn sie hat mich anspuckt, und nachhero, als ich aufisprungen bin, um sie anzufassen und zu umarmen, da hat sie mich mit dera Faust ins Gesichten schlagen und dann laut um Hilf geruft. Und da ist die Anna kommen, die Anna. Kennst sie?«
»Nein.«
»Dem Finkenheiner sein Weib. Da hab ich fliehen mußt, damit sie mich nicht sehen sollt. Aberst die Rach ist nachhero gleich kommen. Hast vielleichten sehen, wie lieb sie ihren Buben hat?«
»Nein, gar nicht.«
»Das ist schade, jammerschade. Wannsts sehen hättest, so könntst auch wissen, welch ein Jammer es nachhero war, als dera Bub dann so plötzlich verschwunden war. Das war die Rach. Und sodann unten am Fluß, als sie mich da traf. Hasts vielleicht sehen, wie sie da vor mir niederkniet ist?«
»Nein, ich war nicht dabei.«
»Ja, da hat sie vor mir kniet, wie ich erst vor ihr, und mich himmelhoch beten, ihr doch den Buben wieder zu geben.«
»Hat sie es denn gewußt, daß Du es gewesen warst?«
»Wußt hat sie es, und denken hat sie sichs konnt; aberst mir was zu beweisen, das war ihr nicht möglich. O, dera Silberbauern ist ein gar kluger Mann gewest! Und noch heut ist er so gescheidt, das kein Mensch was mit ihm anfangen kann! Hättst sie hören sollen, wie sie wimmert und jammert hat. Alles soll vergeben und vergessen sein, und kein Mensch soll was derfahren, wann ich ihr nur den Buben wiedergeb.«
»Warum hasts nicht gethan?«
»Werd mich wohl hüten! Was hätt ich davon? Gar nix, gar nix! Und Geld hat sie mir geben wollt, viel Geld, sehr viel. Ich hab gar nicht wüßt, daß sie so viel hat. Sie hat mirs selbst sagt, daß gestern welches ankommen ist und bei ihr liegt in dera Schlafstuben. Ich solls haben. Alles, Alles; nur den Buben, den Curty soll ich ihr wiedergeben. War das nicht dumm von ihr; ganz dumm?«
»Warum?«
»Weil wir uns das Geld doch holt haben, und sie hat den Buben nicht bekommen. Ich hätt ihn ihr auch gar nicht geben können, denn ich hab ja nicht wüßt, wohin dera Barko, der Zigeunern mit ihm ist. Und nachhero das schöne Feuer. Wie hats knistert und brannt, und wie ists emporstiegen, himmelhoch! Und kein Mensch hats wußt, wie es entstanden ist. Und die Baronin hat sich wehrt wie eine Katz und mir das Gesicht zerkrallt und um Hilf gerufen. Da ist die Anna an die Thür kommen und hat fragt, was es ist und ob sie hereinkommen soll. Und ich hab eine Frauenstimmen nachgeahmt und ihr mit ›Nein‹ antwortet. Und sie hätt auch nicht herein könnt, denn wir hatten die Thür von innen verschlossen; ich und dera Thalmüllern. Und die Baronin hat weiter nicht rufen könnt, denn wir hatten sie anbunden und ihr ein Tuch in den Mund steckt. Dann, als wir das Geld durchs Fenster schafft hatten, haben wir das Bett anbrannt. Was sie da für Augen macht hat, so voller Angst und Entsetzen! O, es ist gar schön, so eine Rach, wann Einen Eine anspuckt hat und nix von Einem wissen will, weil man nur ein Müllern ist, und sie eine reiche und vornehme Baronin! Kannst Du Dir so eine Rach denken?«
Der Fex vermochte nicht zu antworten. Er zitterte vor Entsetzen und klammerte sich an das Bett, um nicht umzusinken. Seine Brust athmete schwer. Er befand sich in einer Aufregung wie noch niemals in seinem ganzen Leben. Also eines solchen Todes war seine Mutter gestorben! Welch ein schreckliches Ende! Gefesselt war sie worden, und dann hatte man Feuer angelegt. Verbrannt, bei lebendigem Leibe verbrannt! Er hätte gradauf schreien mögen vor Entsetzen, und doch war es grad dieses Entsetzen, welches ihm die Sprache raubte.
Auch die anderen Anwesenden waren auf das Tiefste ergriffen von Dem, was sie gehört hatten. Eines solchen Verbrechens hatte doch Keiner den Silberbauer für fähig gehalten. Dieser aber lag bewegungslos in seinem Bette, lächelte befriedigt vor sich hin und hielt das eine Ohr aufwärts, als ob er eine Antwort erwarte. Und als keine erfolgte, fuhr er fort:
»Aberst nachhero hab ich derfahren, wo dera Bub sich befindet. Weißt vielleicht auch?«
Der Fex antwortete nicht. Darum phantasirte der Bauer weiter:
»Ja, Du sagst nix, weilst nix weißt. Ich aber kanns Dir sagen, wannsts nicht verrathen willst. Drunten beim Thalmüllern ist er. Dera Fex ist der Baronen Curty. Aberst er wird es niemals wissen. Er ist dera Fex und bleibt dera Fex. Das ist auch ein Theil von meiner Rach. Was – was – was schreist?«
Jetzt endlich löste sich das Entsetzen des jungen Mannes von der beklemmten Brust. Er stieß einen lauten, unarticulirten Schrei aus, einen Schrei, als ob er sich in Lebensgefahr befinde. Dieser Schrei bewirkte, daß der Bauer aus seinem Phantasiren erwachte. Er kam zu sich und öffnete die Augen. Sein jetzt selbst bewußter Blick fiel auf den Fex, welcher noch immer vornüber gebeugt am Bette stand. Sofort nahmen seine Züge einen ganz anderen Ausdruck an.
»Tausend Teufel!« rief er laut aus.
»Mörder! Elender Mörder!« schrie der Fex.
»Der Baron! Der Baron! Er lebt!« erklang es fast wimmernd aus dem Munde des Silberbauern.
»Du hast sie ermordet, verbrannt! Du bist ein Teufel, ein Satan!«
»Nein, er lebt nicht; er ist ja todt! Es ist sein Geist, sein Geist! Hu – hu – hu!«
Er brüllte wie in entsetzlicher Todesangst auf und versuchte, aus dem Bette zu springen. Da er angebunden war, gelang es ihm aber nicht.
»Fort, fort!« zitterte er. »Ich sterbe! Ich ersticke!«
Er bäumte sich mit aller Macht unter seinen Banden auf; dann fiel er zurück. Seine Glieder streckten sich, und sein Gesicht nahm den Ausdruck des Todes an. Dann lag er still.
»Er stirbt, er stirbt!« rief der Lehrer, schnell an das Bett tretend.
»Mag er sterben!« antwortete! der Fex, vor Grimm die Fäuste ballend. Sein Tod ist schnell und leicht; er hat einen anderen verdient. Mag der ewige Richter dort oben nach seiner Gerechtigkeit mit ihm verfahren!«

Achtes Capitel  Zweimal gerettet

Ueber den Bergen drüben, auf böhmischer Seite, liegt das Dorf Slowitz zwischen den Ausläufern des Gebirges. Meist aus kleinen, armen Häuslerswohnungen bestehend, besitzt es nur drei Bauerngüter, deren größtes dem reichen Kery gehört, mit welchem sich an Wohlstand in der Umgegend Keiner zu messen vermag.
So reich er ist, so geizig und hartherzig ist er auch. Er kennt nur ein Vergnügen – sein Geld zu zählen, und er hat nur eine Leidenschaft, der er aber nur heimlich fröhnt – das Spiel. Wenn er hinein nach Pilsen kommt, so giebt es in dem Einkehrhause, vor welchem er auszuspannen pflegt, ein kleines Hinterzimmerchen, in welchem er nach dem Essen seine Cumpane erwartet.
Dann gehen die Karten herüber und hinüber, und die Guldenzettel wechseln ihre Besitzer.
Daß er aber auch daheim in seinem Dorfe heimlich spielt, das wissen nur Wenige, und diese verrathen es nicht.
In seinem Hause ist er ein Tyrann. Sein Weib, eine stille, harmlose Frau, der man es ansieht, daß sie ein hübsches Mädchen gewesen sein muß, hat keinen Willen. Ebenso tyrannisirt er auch seine Tochter Gisela, nur daß diese dies nicht so ruhig über sich ergehen läßt wie ihre Mutter. Körperlich und auch geistig ist sie das echte Kind ihrer Eltern. Ihr Vater ist vor Jahren ein gar stattlicher Bursch gewesen. Die kräftige Gestalt hat sie von ihm, die weibliche Schönheit von ihrer Mutter. Und wenn sie von der Letzteren das tiefe Gemüth geerbt hat, so bekam sie dazu vom Vater ein gut Theil Energie und Characterstärke. Freilich hat sie bisher noch keine Gelegenheit gehabt, dieselbe dem Vater gegenüber in einer Weise zu zeigen, daß er gemerkt hätte, wie sehr sie seine Tochter sei.
Es war Sonntag. Die Bewohner des Dorfes waren aus der Kirche zurückgekehrt, und überall in den Häusern setzte man sich zu Tische. So auch beim Bauer Kery.
Bei ihm durfte das Gesinde nicht mit der Herrschaft essen. Für die Dienstboten stand in der hinteren Ecke ein besonderer Tisch, und für sie wurde auch besonders gekocht. Er hätte es für eine Schande gehalten, dasselbe Gericht vor sich zu sehen wie die Dienstleute.
Schon standen Alle an ihren Plätzen, und nur der Bauer fehlte noch. Das war so seine Gepflogenheit. Er ließ auf sich warten, denn er hatte gehört, daß dies vornehm sei. Wenn er aber dann in die Stube trat und seinen Platz am Tische einnahm, so verlangte er, daß Keiner fehle. Wehe Dem oder Derjenigen, die sich eine Versäumniß zu schulden kommen ließ!
Und leider war dies heut der Fall. Am Gesindetische stand ein Stuhl leer. Mutter und Tochter hatten den Herrentisch in Ordnung gebracht und erwarteten nun den Herrn des Hauses. Da bemerkte die Erstere den besorgten Blick, welchen die Letztere nach dem Gesindetische warf.
»Was giebt es noch?« fragte sie.
»Der Ludwig ist noch nicht da.«
»Wirklich! Ist er denn noch nicht wieder heim?«
»Ich weiß es nicht. Ich werde gleich einmal nachsehen.«
Eben wollte sie fort; da trat der Bauer ein. Ohne Jemandem einen Blick zu gönnen, schritt er auf den Tisch zu, stellte sich an seinen Platz, faltete die Hände und gebot:
»Wir wollen beten!«
Alle wußten, was jetzt kommen werde. Er pflegte erst nach der Aufforderung zum Gebete sich zu überzeugen, daß Alle anwesend seien. So auch jetzt. Er musterte mit einem schnellen Blicke den Gesindetisch und rief, anstatt das Gebet zu beginnen:
»Donnerwetter! Wo bleibt der Ludwig?«
Niemand antwortete.
»Nun! Habt Ihr keine Mäuler oder keine Ohren? Ich frage, wo der Ludwig bleibt!«
In diesem Augenblicke hörte man das Räderrollen eines Wagens, welcher in den Hof einfuhr.
»Da kommt er erst,« sagte eine der Mägde, welche couragirt genug war, das Schweigen zu brechen.
»Erst jetzt also!« zürnte der Bauer. »Er hätte schon vor einer Stunde hier sein sollen. Nun hat er erst die Pferde zu versorgen. Es wird gegessen und wenn nichts übrig bleibt, so kann er nichts bekommen. Wollen beten!«
Die Hände wurden abermals gefaltet und dann recitirte er in leierndem Tone, dem man es anmerkte, daß er sich bei den Worten eigentlich gar nichts dachte:
»Wir danken Gott für seine Gaben,
Die wir von ihm empfangen haben,
Und bitten unsern lieben Herrn,
Er wolle uns hinfort mehr bescheer'n.
Amen.«
»Gesegnete Mahlzeit!« erklangen die Stimmen der Knechte und Mägde im Baß, Tenor, Alt und Discant. Dann hörte man nichts mehr als das Klappern der Teller und das Klirren der Messer, Gabeln und Löffel.
Es wurde während des Essens kein Wort gesprochen. Höchstens durfte man einmal ein heimliches Flüstern wagen; aber auch das war gefährlich, denn die Augen des Bauern waren scharf und er sah es als eine Mißachtung seiner Autorität, ja fast als eine Beleidigung an, wenn Jemand beim Essen zu reden wagte.
Die Gesindepersonen warfen verstohlene Blicke nach dem Fenster, welches in den Hof führte. Sie waren um den Knecht besorgt, welcher sich verspätet hatte. Die Bäuerin schien gleichgiltig zu sein, aber die Tochter konnte eine gewisse Unruhe nicht ganz bemeistern. Sie aß, als ob es ihr nicht schmecke. Ihr Gesicht war noch etwas mehr geröthet als gewöhnlich und ihr Blick hing mit bangem Ausdrucke an der Thür.
Da wurde dieselbe geöffnet, aber nicht der säumige Knecht trat ein, sondern eine ältliche Frau. Sie war ärmlich, aber sehr sauber gekleidet und von hoher Gestalt, die jedoch gebeugt erschien, weniger vom Alter, als vielmehr von der Noth und Sorge des Lebens.
»Grüß Gott die Herrschaft, und gesegnete Mahlzeit!« sagte sie.
»Grüß Gott!« dankten Mutter und Tochter, freilich in gedämpftem Tone.
Vom Gesinde wagte Niemand den Gruß zu erwidern.
»Was braucht Ihr zu antworten!« fuhr der Bauer auf. »Ihr wißt, daß ich das beim Essen nicht leiden mag. Guckt in die Schüssel und haltet die Mäuler!«
Die Frau blieb an der Thür stehen und Niemand wagte es, sie zum Sitzen einzuladen. Sie blickte nach dem Gesindetische hin und da nahm ihr bleiches, hageres Gesicht den Ausdruck der Besorgniß an.
Der Bauer aß sehr schnell. War er fertig, so pflegte er den Löffel so laut wegzulegen, daß Alle es hörten. Das war eine Aufforderung, sich nun zu beeilen. Zuweilen kam es vor, daß er dann ein Wort sprach oder irgend eine Bemerkung machte. So auch heute. Er drehte sich nach der Frau herum und fragte:
»Was will Sie denn schon wieder?«
»Ich will zu meinem Ludwig,« antwortete sie in bescheidenem Tone.
»Der ist nicht da, wie Sie sieht.«
»Wo ist er denn?«
»Das weiß der Teufel! Wenn das öfters vorkommt, so jage ich ihn fort.«
»Das werden Sie nicht thun, Herr Kery!« rief die Frau erschrocken.
Sie war nämlich die Mutter des säumigen Knechtes.
»Natürlich werde ich es thun! Oder meint Sie etwa, daß ich keinen anderen Knecht bekomme?«
»Ich habe geglaubt, daß Sie zufrieden mit ihm sind!«
»Seine Sache macht er gut, das ist richtig. Da könnten sich die Anderen ein Beispiel an ihm nehmen. Aber er hat einige Mucken, die ich ganz und gar nicht vertragen kann.«
»Sie erschrecken, mich, Herr Kery!«
»Ja, Sie hat auch Veranlassung zum Erschrecken, denn Sie trägt auch die Schuld!«
»Aber ich weiß von nichts.«
»So! Das sagt Sie mir auch noch? Ich möchte wetten, daß ich sagen kann, weshalb Sie heut wieder kommt!«
Die Frau senkte die Augen.
»Nun, da hat mans! Sie kann mich ja schon nicht grad ansehen. Sie war erst vor vierzehn Tagen hier. Was hat Sie denn heute schon wieder da zu schaffen?«
»Ich – ich – ich habe mit dem Ludwig zu reden.«
»Von was denn?«
»Von von – ich wollte –«
Sie stockte.
»Geld!« fiel er ein. »Nicht wahr, er soll schon wieder Geld schaffen?«
Der strenge Ton, in welchem er das sagte, ermuthigte sie keineswegs, ihm eine offene Antwort zu geben.
»Nun, kann Sie etwa nicht reden?«
»Ja, ich brauche etwas,« preßte sie hervor.
»So, so! Also habe ich es errathen. Ich möchte nur wissen, wozu Sie so oft Geld braucht!«
»Das letzte Mal war es für Abgaben; heute ist es für Zins.«
»Und wofür wird es morgen sein? Denn es wird gar nicht lange dauern, so ist Sie schon wieder da. Sie ist der Blutegel, der sich an Ihren Sohn hängt und ihn aussaugt, so lange es Etwas zu saugen giebt. Und er ist auch so dumm, Ihr Alles zu geben, jeden Kreuzer seines sauer erworbenen Lohnes. Das ist die eine Mucke von ihm, die ich nicht leiden kann. Wozu soll das führen! Bei mir muß ein Knecht tüchtig arbeiten, aber er bekommt auch einen tüchtigen Lohn. Da verlange ich Sparsamkeit, daß es die Kerls zu Etwas bringen. Schau Sie dorthin an den Tisch. Sie alle, die dort sitzen, haben ihren Lohn bei mir stehen. Ihr Sohn aber hat kein Guthaben. Er hat sich Alles geben lassen, und Sie trägt es heim. Wozu? Für Zins und Abgaben? Das mache Sie mir nicht weiß. Sie lebt wohl gern ein Bischen gut. Und da Sie nicht viel verdient, so muß der Sohn herhalten. So wird es sein!«
Der Frau traten die Thränen in die Augen. Sie konnte oder mochte auf diese Anklage keine Antwort geben.
»Vater!« sagte Gisela leise in bittendem Tone.
»Was?« fuhr er auf. »Was willst Du?«
»Sei nicht so hart.«
»Hart? Ich? Was verstehst Du! Schweig! Ueberhaupt verbitte ich mir jede Einrede! Ich leide es nicht, daß ein Knecht von mir einen solchen Anhang hat, durch den er zur Liederlichkeit verführt wird. Und was treibt dieser Ludwig außerdem? Bücher liest er, Bücher! Es ist zum Todtlachen oder zum Todtärgern. Er borgt sie sich. Bücher über die Landwirthschaft. Als ob er Verwalter oder Inspector werden oder gar sich selber ein Rittergut kaufen wolle. Er mag die Mistgabel in die Hand nehmen, aber kein Buch! Hat er denn daheim auch gelesen?«
»Sehr viel,« antwortete die Frau. »Es ist das immer sein größtes Vergnügen gewesen.«
»Vergnügen? Ich danke! Für einen jeden verständigen Mann ist das Lesen eine Anstrengung. Das muß man den geistlichen Herren und den Schulmeistern überlassen.«
»Er wollte gern einer werden; aber ich war ja eine arme Wittfrau. Da mußte er dienen, bis er zum Militär kam.«
»Nun, er hat es doch bis zum Unteroffizier gebracht. Warum ist er nicht bei der Uniform geblieben?«
»Das weiß ich nicht. Ich habe mich auch darüber gewundert. Er hätte später eine schöne Anstellung haben können. Aber er sagt es mir nicht, warum er wieder zu Ihnen hierher gegangen ist.«
»Nun, ein tüchtiger Knecht ist ein eben solcher Kerl wie ein Steueraufseher oder ein Gensdarm. Nur sparen muß er, sparen. Ihr Sohn aber bringt es zu nichts, wenn das so fort geht. Ich werde ihn einmal gehörig in's Gebet nehmen. Und dazu kommen noch andere Unzuträglichkeiten. Er wird saumselig. Heut hab ich ihn mit dem Wagen nach der Stadt geschickt. Er konnte schon um Elf hier sein, und nun hat er beim Essen gefehlt. Ich glaube gar, er hat ein Buch mitgenommen und unterwegs gelesen, wobei die Pferde eingeschlafen sind.«
Er hätte vielleicht fortgefahren, aber da trat der Knecht endlich herein.
Er war von hoher, kräftiger Gestalt und hatte ein ausgesprochen militärisches Aussehen. Der dunkle Bart und die schwarzen Augen standen ihm recht gut zu den gesunden, rothen Wangen. Zu verwundern war es, daß er den ziemlich schmutzigen Werktagsanzug anhatte, während die anderen Dienstpersonen ihre Sonntagshabits trugen.
»Gesegnete Mahlzeit!« grüßte er, indem er nach dem Tisch hinschreiten wollte.
Seine Mutter hatte sich vor Verlegenheit vorn bei der Thür eng an die Wand gedrückt, und darum hatte er sie noch nicht gesehen.
»Nun!« rief ihm der Bauer in lang gezogenem Tone zu.
Der Knecht blieb stehen und blickte ihn fragend an.
»Woher?«
»Aus der Stadt.«
»Das weiß ich! Warum so spät?«
»Es ging nicht rascher.«
»Und im Alltagshabit!«
»Ich habe das gute angehabt.«
»Warum hasts sogleich wieder ausgezogen?«
»Weil es schmutzig geworden war.«
»Das hier ist aber noch dreckiger!«
»Kann nicht dafür!«
Er hatte schnell und exact geantwortet, wie er es vom Militär her gewohnt war. Jetzt wendete er sich wieder nach dem Tische, wo man ihm seine Portion übrig gelassen hatte.
»Alle Teufel, bist Du kurz angebunden!« rief der Bauer. »Das ist auch eine Mucke, die ich mir verbitten muß. Schau Dich doch einmal um! Siehst Du denn nicht, daß Du Besuch hast?«
Da drehte Ludwig sich um. Als er seine Mutter erblickte, heiterte sich sein ernstes Gesicht schnell auf. Er eilte auf sie zu, ergriff sie bei der Hand und rief:
»Das ist recht, daßt kommst, meine liebe Mutter. Ich hab dort mein Essen stehen. Wannst einen Appetiten hast, so setzt Dich herbei und iß!«
Jetzt sprach er seinen Dialect, welcher bewies, daß er von jenseits der bayrischen Grenze herstamme.
»Ich dank Dir schön, Ludwig,« antwortete sie. »Es ist doch das Deinige Essen.«
»Aberst ich hab gar keinen Appetiten und Hungern! Und Du hast an die drei Stunden laufen mußt. Komm nur herbei, und laß es Dir wohl schmecken!«
Der Bauer hatte nicht einmal der Frau erlaubt, sich zu setzen, und jetzt wurde sie von dem Knechte gar zum Tisch geführt!
»Du, hör mal, Ludwig, wer ist denn eigentlich hier Herr im Hause?« fragte Kery. »Du oder ich?«
»Natürlich Sie!«
»Dann bin ich es auch allein, der zu bestimmen hat, wer sich hier niedersetzen und essen soll.«
»Nun ja, im Hause sind Sie der Herr, aber über meine Portion bin ich der Herr. Mit ihr kann ich machen, was ich will.«
»So! Das ist Deine Ansicht aber nicht die meinige. Wenn mein Knecht nicht ißt, gehört sein Essen mir. Und wenn Du es verschenken willst, so giebt Dir das noch kein Recht, eine Person, die nicht hier herein gehört, am Tische niedersetzen zu lassen.«
Ueber das Gesicht des Knechtes zuckte ein ganz kurzes, ironisches Lächeln. Er war der Einzige, der sich vor dem Bauer nicht fürchtete. Er wußte auch ganz genau, daß dieser ihn nicht gern verlieren würde, denn er arbeitete für Zwei und that auch außerdem mehr, als man eigentlich von ihm verlangen konnte. Weshalb, das wußte nur er allein. Er antwortete:
»Eine Person? Wen meinen Sie?«
»Deine Mutter natürlich!«
»Ach so! Nun für mich ist sie keine Person, sondern meine Mutter. Und wenn ich meiner Mutter, der ich seit meiner Geburt Alles verdanke, nicht einmal mein Essen geben darf, dann suche ich mir einen andern Herrn, der das vierte Gebot genauer kennt als Sie! Komm Mutter, setz Dich her!«
»Ludwig!« flüsterte sie voller Liebe und zugleich auch voller Bangigkeit.
»Komm nur! Setz Dich!« antwortete er ihr, indem er sie zum Tische schob und sie liebreich auf den Stuhl niederdrückte.
Alle die Andern waren erschrocken. Sie waren überzeugt, daß der Bauer jetzt ganz gewaltig losdonnern werde. Dieser war auch allerdings von seinem Sitze empor gefahren.
»Was! Das sagst Du mir!« rief er. »Weißt Du nicht, daß ich Dein Herr bin!«
»Aber bevor Sie mein Herr wurden, war diese Frau meine Mutter!«
»Ich werde Dir kündigen!«
»Mir recht. Ich kann gleich heut noch gehen. Meines Bleibens ist so wie so nicht länger hier!«
»Ah! Fort willst Du?«
»Ja.«
»Warum?«
»Ich hab auch meinen Grund.«
»Was fällt Dir ein! Bekommst Du etwa nicht genug Lohn?«
»Das ists nicht, was ich meine.«
»Was denn?«
»Reden wir nicht davon!«
»Reden wir grad davon! Ich bin der Herr und will wissen, warum Du nicht länger hier bleiben willst.«
»Zu was soll die Rederei nützen! Sie wollen mir doch kündigen, und da ist es ja ganz gleichgiltig, warum auch ich fort will.«
»Nein, mir ist das nicht gleichgiltig. Ich verlange, daß Du es mir sagst.«
»Nun gut. Ich kann den Stephan nicht leiden.«
Die Andern alle hatten mit größter Spannung zugehört. Aus dem Verhalten des Bauers war zu ersehen, daß es ihm mit der Kündigung keineswegs Ernst sei. Er bekam in seinem ganzen Leben keinen so pflichttreuen Knecht wieder. Das wußte er gar wohl. Jetzt, bei der Antwort Ludwigs hätte ein aufmerksamer Beobachter sehen können, daß Gisela die Farbe wechselte. Der Bauer machte eine Bewegung des Erstaunens und fragte schnell:
»Was geht Dich der Stephan an?«
»Mich? Nun freilich, mich gar nichts.«
»Warum erwähnst Du ihn da?«
»Das werden Sie wohl wissen.«
Jetzt hustete der Bauer verlegen. Er räusperte sich einige Male und erkundigte sich sodann:
»Von wem hast Du es erfahren?«
»Von ihm selbst.«
»Wann?«
»Vorhin. Unterwegs, auf der Straße.«
»Kann der sein Maul nicht halten. Ich werde ihm den Kopf zurecht setzen. Ob Du bleibst oder nicht, darüber reden wir noch. Deine Mutter mag essen. Wir Andern aber sind fertig und wollen beten.«
Niemand außer Ludwig hätte ihm zugetraut, daß er in dieser Weise über ein solches Zerwürfniß hinweggehen werde. Sie hatten eher geglaubt, daß er den Knecht sofort fortschicken werde. Er aber faltete seine Hände und betete grad wie vorhin:
»Wir danken Gott für seine Gaben,
Die wir von ihm empfangen haben,
Und bitten unsern lieben Herrn,
Er wolle uns hinfort mehr bescheer'n.
Amen.«
Es kümmerte den Kery-Bauer nicht, daß dieses Gebet sich nur nach beendigtem Essen eigne. Er betete es auch beim Beginne desselben. Und weshalb? Die Zeile, daß Gott noch mehr bescheeren möge, gefiel ihm ausnehmend, und darum betete er es lieber zwei- anstatt nur einmal.
Nun entfernten sie sich Alle, und nur Ludwig blieb mit seiner Mutter zurück.
»Daran bin ich schuld!« seufzte sie!
»Laß es Dich nicht anfechten,« tröstete er. »Es ist nicht so schlimm, wie Du denkst.«
»O doch! Er sprach, ehe Du kamst, von mehreren Mucken, die Du hast.«
»So? Und welche sind denn das?«
»Das Bücherlesen.«
»Das kann er freilich nicht leiden, mir aberst ists halt das liebste Vergnügen. Wann ich da was lern, so ists mir lieber, als wann ich mich ins Wirthshaus setzen und Schnaps trinken und Karten spielen soll. Und die andera Mucken? Welche ists?«
»Daßt mir immer Geld giebst.«
»Ja, auch das sieht er nicht gern. Ich soll meinen Lohn bei ihm stehen lassen, der weiß es nicht, was es heißt, arm zu sein. Aberst iß nun jetzund vorerst, sonsten wird es kalt!«
»Nein, das ist das Deinige. Ich nehm es nicht!« wehrte sie ab.
»Ich hab aberst wirklich keinen Hungern!«
»Geh, das sagst blos mir zu lieb. In den Deinigen Jahren und bei dera Deinigen schweren Arbeiten kann man an jedem Augenblicken essen. Im Alter braucht man nimmer so viel, und ich hab mir ja eine Brodrinden einisteckt.«
Sie klopfte lächelnd an ihre Tasche, konnte es aber doch nicht verhüten, daß ihr Blick sehnsüchtig nach dem Teller und der Schüssel schweifte.
»Eine Brodrinden von daheim etwan?« fragte Ludwig. »Von dem Selbstbackenen?«
»Ja.«
»Zeig mirs doch mal!«
Sie zog wirklich eine harte, trockene, schwarze Brodrinde hervor. Er griff schnell darnach, nahm sie ihr aus der Hand und sagte:
»Schau, wie schön das ist! Ich hab mich schon bereits lang sehnt nach einem Stückle Brod, wast selberst backen hast. Das mußt mir schenken, und ich thu mir eine gar große Güten und Deliciositäten daran. Hier liegt von unserem Brod. Das ist auch weicher und weißer und besser für Dich. Da kannst Dir ein Stuck abschneiden und mitnehmen.«
»Mitnehmen? Was denkst von mir!«
»Meinst, daß es ein Diebstahl sei? O nein! Von diesem Brod kann ich essen, so viel wie mir beliebt. Dazu liegts da. Und wann ich nix davon esse, so kann ichs Dir schenken. Und nun hier das Essen. Dera Bauer ist ein sehr Geiziger, doch auf ein kräftig Essen fürs Gesind, da hält er. Das muß man sagen. Das ist ein Rauchfleisch, ein Geselchtes mit dicken Maccaroninudeln. Das hast daheim nicht so oft. Also lang zu und iß. Ich nehm mir Deine Brodrind dafür.«
»Meinst wirklich, das ich soll?«
»Natürlich! Also greif zu!«
»Aberst wann dera Bauer wiederum kommt! Ich fürcht mich so gar vor ihm.«
»Ich nicht. Auch kommt er nicht wieder. Es kommt jetzund gar Niemand hereini. Die Knecht und Mägd sind im Stall; die Gisela wird hinaufi nach ihrer Stuben sein und die Bäurin schaut sich in dera Milchkammer um. Sie wissen, daß Du hier sitzest und issest, und darum kommens nicht. Sie wollen Dich nicht stören.«
Wußte er wirklich so genau, wo sie Alle sich befanden? In Beziehung auf Gisela hatte er sich freilich geirrt. Er saß mit seiner Mutter an der Wand und dachte gar nicht an das kleine Fensterchen, welches grad über seinem Kopfe hinaus in die Küche führte.
Dieses Fensterchen war offen, und draußen stand Gisela und konnte jedes Wort hören. Die Beiden sprachen nicht gar zu leise, da sie glaubten, ganz allein und unbeobachtet zu sein.
Die arme, alte Frau begann zu essen. Man sah es ihr an, wie gut es ihr schmeckte, und ihr Sohn wußte es am Besten, daß so ein Gericht eine große Seltenheit für sie sei. Er schien überhaupt gewußt zu haben, daß und weshalb sie heut kommen werde, denn er sagte:
»Ich hab mir schon denkt, daßt auf mich hast warten mußt, doch konnt ich wirklich nicht ehern kommen. Ich hatt eine Abhaltung unterwegs.«
»Eine schlimme oder eine gute?«
»Es war eine gute. Ich hab überhaupten erst heut früh derfahren, daß ich nach dera Stadt mußt. Sonst wär ich daheim gewest, alst kommen bist.«
»Das war gut gewest, denn da hätte der Bauern mich nicht so anschnauzen konnt.«
»Wars denn gar so schlimm?«
»Freilich wohl. Ich bin erst in den Hof gangen und hab nach Dir sucht. Und als ich Dich da nicht sehen hab, bin ich hereini in die Stub gangen. Da hat er mir eine Predigt macht, daß ich mich hab schämen müssen vor allen Leuten.«
»Das soll er bleiben lassen. Was ich mir verdien, das gehört mir. Mit diesem Geldl kann ich machen, was mir beliebt. Und auch an dera Thüren hast stehen müssen! Hat denn Niemand sagt, daßt Dich setzen sollst?«
»Nein. Die Frauen oder auch die Tochtern hätts mir wohl gern derlaubt; das hab ich ihnen gar gut anschauen konnt. Sie haben sichs aber nicht traut. Er hat schon sehr darüber schimpft, daß sie mir dankten, als ich grüßt hab.«
»So ist er. Aberst es ist dennoch mit ihm auszukommen. Man muß nur auch beißen, wann er die Zähnen zeigt. So ein reicher Bauer hat gar keine Ahnung davon, wie es uns armen Leutln zu Muth ist, wann die Noth vor dera Thür steht, und es ist kein Geldl da. Also den Briefen hab ich erhalten. Die Schwestern hat ihn schrieben.«
»Hast ihn auch lesen? Weißt, was drinnen steht?«
»Natürlich werd ich ihn lesen haben. Ich werd doch einen Briefen, den Ihr mir sendet, nicht verschlossen liegen lassen.«
»Du weißt gar nicht, wie schwer mir das Herz gewest ist unterwegs. Vor vierzehn Tagen hast mir acht Gulden geben, damit ich die Steuern zahlen kann, und nun hab ich Dir abermals schreiben mußt, weil dera Jud mir keine Ruhen läßt. Er will mir die Kuh nehmen, wann ich den Zins nicht zahlen kann.«
»Ich bin freilich gar sehr verschrocken, als ichs lesen hab. Ich hab doch nicht wußt, daß ihr die Kuh borgt habt. Ich hab immer denkt, daß sie umtauscht ist gegen die vorige.«
»So hab ich Dir sagt, aber es ist nicht wahr gewest. Die Vorige ist uns storben. Ich hab es Dir verschwiegen, um Dir die Sorg zu ersparen. Nun aberst mußts doch derfahren. Und ich weiß gar nicht mal, obst noch ein paar Gulden hast!«
Er nickte einige Male sehr ernst mit dem Kopfe vor sich hin und antwortete dann:
»Ein Schweres ists für mich, freilich, aberst was ich thun kann, das thu ich gern. Schau, wir sind Drei, Du, die Schwestern und ich. Du versorgst mit dera Schwestern das kleine Heimwesen, was Euch grad so dernährt, daß Ihr nicht verhungern könnt. Ich aberst kann mich satt essen hier im Dienst. Das Häusle und das Kühle soll mal dera Schwestern gehören, wann sie einen Mann nimmt. Ich mag nix davon. Ich hab meine kräftigen Händen und kann schon was für mich schaffen. Und weil Ihr das Unglück hattet, daß die Kuh starben ist und Ihr seid dem Juden in die Hand fallen, so muß ich schon sehen, wie ich Euch heraus helfen kann.«
»Das kannst leider nimmer. In seinen Händen bleiben wir doch. Denn die Kuh können wir nicht bezahlen. Wann wir nur die Zinsen zusammenbrächten.«
»Was hat sie denn kostet?«
»Es ist ein kleins Kühle. Fünfzig Thalern, hundertfünfzig Mark. Für uns ists ein großes Capital.«
»Und wie viel Zinsen zahlt Ihr da?«
»Dreißig Mark sind wir schon schuldig.«
»So schnell! Der Kerl sollt eigentlich anzeigt werden. Er ist ein Wucherer und Gurgelabschneider!«
»Ich wollt gar gern nix sagen, wann ich nur die Zinsen zusammenbrächt, sonst muß ich Zinseszinsen geben. Aberst dreißig Mark, die zusammenzubringen, das ist gar nimmer möglich.«
»Geholfen aber muß doch werden.«
»Das sagst? Du? Das klingt ja grad, als obt bereits wüßtest, woher die Hilf kommen wird!«
»Freilich weiß ichs,« lächelte er.
»So sags schnell! Gott, jetzund will mir das Herz leicht werden.«
»Ja, meine liebe, gute Muttern, laß es Dir leicht werden. Ein Geldl hab ich schon.«
»Wirklich? Wirklich?«
»Ja, und zwar ein großes Geldl.«
»O Himmel! Doch nicht etwan gar gleich die ganzen dreißig Mark!«
»Nein, dreißig sinds nicht.«
»Siehst, habs mir denkt!«
»Meinst weniger? O nein, es ist mehr.«
»Mehr?« fragte sie, indem sie schnell das Messer und die Gabel aus der Hand legte.
»Ja, es ist mehr.«
»Wie viel, wie viel?« fragte sie in fast jauchzendem Tone.
»Rath es mal!«
»Das kann ich nicht. Aberst woher willsts denn eigentlich haben?«
»Weißts nicht, was meine Uhr kostet, die ich mir damals als Preis erschossen hab?«
»Fünfzig Mark hast sagt. Aberst Ludwig, ich bitt Dich! Du hast sie doch nicht gar etwan verkauft?«
»Nein, jedoch versetzt hab ich sie heut in dera Stadt. Zum Sonntag macht dera Pfandleiher eigentlich keine Geschäften, doch als ich ihm sagt hab, daß es für meine Muttern ist, so hat ers mir zu Gefallen than. Auch ein Pfandleihern kann ein Herz haben.«
»Versetzt, versetzt! Die Uhr hast versetzt!« klagte sie, die Hände zusammenschlagend. »Die Uhr, auf welche Du so stolz gewest bist.«
»Ich bekomm sie ja wieder!«
»Nie, nie! So was ist schwer wieder zu bekommen. Versetzt ists gar bald, doch das Einlösen geht langsam.«
»O, der Mann ist sehr freundlich gewest. Ich kann langsam abzahlen und brauch nur ganz wenig Zinsen zu geben.«
»Aberst die Schand, die Schand! Wer da weiß, daßt eine Uhr hast, und nun ist sie fort, was wird der denken?«
»Was der denkt, das ist mir gleichgiltiger als das, was dera Jud macht, wannst ihn nicht bezahlen kannst.«
»Wieviel hast denn erhalten?«
»Vierzig Mark.«
»Vierzig – vierzig Mark! Und ich brauch gar nur dreißig!«
»Nein, Du brauchst mehr.«
»Dreißig, keinen Pfennig mehr.«
»O doch. Willst denn dem Juden seine Zinsen noch weiter zahlen? Du mußt die Kuh kaufen. Du mußt sie bezahlen!«
»Ja, das kannst leicht sagen. Aberst mit denen Zinsen sinds zusammen hundertachtzig Mark. Wo sollen die herzunehmen sein?«
»Wo? Hm! Wann man ein Wenig gut nachdenken thät, so wär vielleichten gar ein Weg zu finden.«
»Welcher denn? Hör mal, Ludwig, Dich kenn ich. Ich bin Deine Muttern und hab Dein Gesicht studirt. Wannst so lächelst wie grad jetzund in diesem Augenblick, so hast allemal einen großen Schelmen im Nacken sitzen. Herrgott!! Am End weißt gar bereits einen solchen Weg!«
»Meinst wirklich?«
»Wann wir nicht blos die Zinsen, sondern gleich das ganze Capitalen suhlen könnten, was für eine Sorgen wär ich da los! Ich lebt gleich noch mal so lang!«
»Ja, meine arme Muttern, es ist Dir freilich anzuschaun, daßt Dich in letzter Zeit sehr absorgt hast. Da muß Hilf und Rath schafft werden.«
»Meinst, daß es möglich ist?«
»Ja, ich weiß bereits Einen, der ein Geldl für Dich hat.«
»Wirklich, wirklich? Wer ists? Sags schnell, wers ist, und ob er viele Zinsen nimmt!«
»Gar keine.«
»So ists wohl ein sehr guter Freund von Dir?«
»Nein, sondern von Dir. Er mag nicht nur keine Zinsen haben, sondern er schenkt Dir gleich das ganze Capitalen.«
»Wast sagst!« rief sie im höchsten Erstaunen.
»Ja, so ists.«
»So sags doch endlich, wie er heißt!«
»Ludwig heißt er.«
»Lud – – so heißt doch Du!«
»Ja, und ich bins doch auch.«
»Du! Du! Du selberst hättst so ein gar großes Geldl?«
»Ja, freilich!« nickte er.
»Das sagst doch nur im Spaß!«
»Nein, sondern im Ernst. Weißt, ich wills Dir verzählen. Kennst doch denen alten Wurzelseppen?«
»Natürlich kenn ich den.«
»Der hat mich zuweilen aufsucht, als ich in München beim Militär stand. Ich bin nicht gern in die Restaurationen und Tanzsälen laufen und hab lieber daheim sessen und ein gutes Buch lesen. Auch hab ich zuweilen für denen Hauptmann was schrieben, um mir ein Geldl zu verdienen. Das hat dera Sepp merkt und sich darüber freut. Er hat fragt, ob ich auch wohl Noten schreiben könnt, und ich hab sagt, noch nicht, aberst ich möchts wohl bald lernen. Da hat er mir Violinennoten bracht. Die hab ich erst abmalt, langsam, dann aberst ists immer schneller gangen. Die sind für Einen gewest, der hat einen gar wunderbaren Namen gehabt. Fex hat er geheißen. Der Sepp hat mir das Geldl bracht, und es war stets viel mehr, als ich denkt hab. Sodann hat er mir auch andere Sachen bracht, Manuscripten von einem Schriftstellern. Dadurch hab ich mir was verdient und es mir zurücklegt. Jetzunder wollt ich mir ein neues Gewandl kaufen und Wasch und noch mehr; aberst da die Kuh bezahlt werden muß, so ist das nothwendiger. Soll ichs holen?«
»Ludwig, Ludwig,« jubelte die Mutter, »was bist für ein guter, braver Bub!«
»Schweig, Muttern! Ich bin gar nicht braver, als ich sein muß.«
»Und das willst wirklich hergeben?«
»Ja, ganz gern.«
»Und wie viel ists?«
»Grad, als ob ichs wußt hätt, wie vielst brauchst. Hundertundvierzig Mark hab ich mir derschrieben, und vierzig Mark hab ich für die Uhr. Das macht grad hundertachtzig.«
»Aberst nachhero hast gar nix mehr!«
»Ich brauch jetzt nix. Und bald ist das Vierteljahr um; da bekomm ich wieder Lohn. Soll ichs holen?«
»Obsts holen sollst! Ja, ja, und doch auch wiederum nein, nein! Mir ist damit geholfen, aber es thut mir doch in der Seelen weh, wannst das schöne Geldl so hergeben sollst, nachdemsts so schwer verdient hast und Dich freut, daßt Dir was dafür kaufen kannst.«
»Wann Du damit die Sorg los wirst, hab ich eine noch viel größere Freuden. Also ich lauf, ich hols!«
Er stand von seinem Stuhle auf.
»Hasts denn hier im Haus?«
»Natürlich. In meiner Stuben ists, in dera Truhen, im Nebenkästchen in einem ledernen Beutel – hm, da fallt mir ein, daß ich vorhin den Schlüssel hab stecken lassen. Das schadet aberst nix. Es giebt keinen Spitzbuben hier im Haus. Ich geh also und bin gleich wieder hier, liebs Mutterle.«
»Ja, geh, mein Sohn! Ich wills annehmen, und dera Herrgott wird Dirs lohnen. Jetzund ist das Leid zu End, und nun erst schmeckt mir auch dies Essen. Komm her, Bub, ich muß Dir einen Kuß geben! Verdient hast ihn sehr.«
Während sie sich umarmten, huschte Gisela vom Fenster weg und zur Küche hinaus. Als dann Ludwig hinauskam und zur Treppe hinauf wollte, kam sie scheinbar von oben herab.
»Du bist es Ludwig,« sagte sie. »Ist Deine Mutter noch da?«
»Ja, drinnen in der Stube.«
»So hast Du leider keine Zeit.«
»Hast Du eine Arbeit für mich?«
»Eine Arbeit nicht, aber einen kleinen Weg, nur eine Minute.«
»Das kann ich ja thun.«
»Wirklich? Aber Du wirst dann Deiner Mutter fehlen!«
»Die hat Zeit. Wohin soll ich gehen?«
»Nur hinunter zum Sternbauer. Da sollst Du fragen, ob die Fredi schnell einmal zu mir kommen kann. Es ist sehr nothwendig, sonst würde ich Dich nicht von Deiner Mutter wegnehmen. Und Dich schicke ich doch am liebsten. Das weißt Du ja.«
Er erröthete unter dem freundlichen Blicke, welcher ihn aus dem Auge des schönen Mädchens traf.
»Ich gehe schon!« sagte er. Ich wills nur erst der Mutter mittheilen.«
Er öffnete die Stubenthür und rief hinein:
»Ich werd gleich erst mal einen Weg schickt, bin aberst in zwei Minuten wieder da!«
Dann eilte er fort, ganz glücklich darüber, Gisela einen Privatgefallen thun zu können. Kaum aber war er fort, so huschte sie nach ihrem Stübchen, schloß die Kommode auf, machte ihr darin befindliches Portemonnaie auf und nahm aus demselben so viel, wie sie gerade erwischte. Dann eilte sie weiter nach der Kammer Ludwigs.
Er bewohnte dieselbe ganz allein, ein Vorzug, welchen der Bauer ihm eingeräumt hatte als Beweis, daß er mit ihm zufrieden sei. Der Schlüssel steckte an. Die Truhe stand neben dem Bette. Auch sie war unverschlossen, wie Gisela ja unten erlauscht hatte.
Sie öffnete und sah das sogenannte Bei- oder Nebenkästchen, welches er erwähnt hatte. Als sie den Deckel desselben aufschlug, erblickte sie den Lederbeutel. Schnell prakticirte sie ihr Geld zu dem seinigen und machte Kästchen und Truhe wieder zu.
»Das ist er werth, und noch viel mehr als das!« sagte sie zu sich, froh aufathmend, daß ihr der Streich gelungen war. »Wenn er wüßte, daß ich ihn belauscht habe! Ich mußte ihn fortschicken, um hier herein zu können, bevor er das Geld holte. Ich weiß ganz genau, daß Sternbauers Fredi heut gar nicht zu Hause ist. Und nun schnell wieder fort und hinab in die Küche! Ich muß wissen, was er dazu sagt, daß sein Spargeld so gewachsen ist.«
Da sie so eilig gewesen war, hatte sie sich in seiner Kammer nicht umgesehen. Erst jetzt fiel ihr Blick auf seinen Sonntagsanzug, welchen er heute in der Stadt angehabt hatte. Die einzelnen Stücke desselben waren breit aufgehängt, und sie fühlte, daß der Anzug durch und durch, von oben bis unten naß war.
»Was ist da geschehen?« fragte sie sich, beinahe erschrocken. »Ist er etwa gar in's Wasser gestürzt? Das muß ich erfahren. Er ist sonst so pünktlich, und daß er heute so spät zurückkam, das muß einen ganz besonderen Grund haben. Vielleicht erwähnt er gegen seine Mutter Etwas davon.«
Sie ging hinab, und als sie ihn kommen sah, that sie, als ob sie eben aus der Hausthür treten wolle.
»Die Fredi ist gar nicht da,« berichtete er. »Sie kommt erst am Abend nach Hause. Dann aber will ihre Mutter sie sofort hersenden!«
»Dann ists zu spät. Aber ich danke Dir, Ludwig.«
Sie that, als ob sie fortgehe, nach dem Garten zu, und er eilte hinauf nach seiner Kammer. Das benutzte sie, um sofort unbemerkt in die Küche zurückzukehren.
Er kam so schnell von oben herab, daß anzunehmen war, er habe oben den Beutel gar nicht geöffnet.
»Da bin ich wieder,« sagte er im Eintreten. »Ist Dir die Zeit lang worden?«
»Nein. Wo bist west?«
»Für die Gisela hab ich fortgehen mußt. Dann aberst hab ich gleich den Beutel holt. Hier ist er. Und nun wollen wir mal aufzählen.«
Er streifte den Beutel auf den Tisch, daß es klang und klirrte.
»Horch!« sagte er. »Hasts hört? Es ist auch Gold darinnen.«
»Das hör ich nicht. Unsereins lernt gar nicht kennen, wie das Gold klingen thut. Das wissen nur so reiche Leutln, wie Du eins bist.«
»Ja, heut bin ich reich!«
»Und morgen bist wieder arm! Das ist wahr, mein armer Bub. Wollen doch nachdenken, ob die Hilf nicht auch auf andera Weisen möglich ist!«
»Nein. Nix wird nachdacht! Aufzählt wird. Und dann laufst, wast laufen kannst, zum Juden. Aber niemalen wieder darfst was kaufen, ohne es mir vorher zu sagen!«
»Ja, das will ich Dir gern versprechen!«
»Schön. Jetzund ist der Beutel offen, und nun wirds ausgeschüttet. Horch mal, wie das klingen wird!«
Sie saßen wie zwei Kinder an dem Tische. Sie ganz glücklich, so schnell und unerwartet Hilfe gefunden zu haben, und doch auch betrübt darüber, ihren Sohn seiner Ersparnisse berauben zu müssen. Er aber schüttete den Inhalt des Beutels mit jenem selbstbefriedigten Gesichtsausdrucke aus, den man bei Leuten zu beobachten pflegt, welche das Bewußtsein hegen, tüchtige Kerls zu sein.
»Hörsts, hörsts?« fragte er, als die Geldstücke auf den Tisch rollten.
»Ja. Es klingt gar schön.«
»Schöner noch als eine Geigen oder eine Ziehharmonika. Und wie viel!«
»Hundertachtzig Markeln!«
»Ja, hundertundacht – – – –«
Er hielt inne. Sein Blick war ungefähr abschätzend über das Geld geflogen und blieb nun befremdet aus demselben haften.
»Was hast?« fragte seine Mutter. »Fehlt etwan was?«
»Fehlen? Nein, fehlen thut nix, gar nix. Ich weiß gar nicht, was ich denken soll.«
»Wast denken sollst? Ja, was sollst denn denken? Du machst ja ein Gesicht wie – wie – wie – hör, da wirds mir ganz angst und bang dabei.«
»Mir auch fast! Hm – hm – – hm!«
»Was hast denn zu brummen? Was ist denn geschehen?«
»Was geschehen ist? Das begreif ich nicht. Meine Zwanzigmarkstuckerln haben Junge bekommen.«
»Wast sagst!«
»Ja, wirklich. Ich hab noch gar nicht zählt, und doch seh ich es genau. Hundertundvierzig Mark waren darinnen. Dabei waren fünf Zwanzigmarkerln, zwei Zehnmarkerln, und das Andere war Papieren und Silber. Jetzund aber seh ich hier sieben Zwanzigmarkerln und fünf Zehnmarkerln, ohne das Silber, was auch geheckt worden. Wer kann das begreifen?«
»Ich nicht.«
»Ich auch nicht.«
»Ja, wer soll es dann begreifen, wann Du selbst es nicht begreifst.«
»Das weiß ich nicht.«
»Ich weiß es noch viel weniger. Vielleicht hast mehr gehabt als nur hundertvierzig Mark.«
»Mehr? O nein! Das kommt bei mir gar nie vor, daß ich mehr hab, als ich denk.«
»Aberst wie soll es hineinkommen sein!«
»Wenn ich das wüßt, da wär ich ein gescheidter Kerlen. Es ist ein Wunder. Ich muß doch mal zählen.«
Als er nun genau nachzählte, stellte es sich heraus, daß er gegen neunzig Mark mehr hatte. Er schüttelte den Kopf und blickte seine Mutter an, und sie schüttelte den Kopf und schaute ihn an. So sahen sie sich eine ganze Weile kopfschüttelnd an und machten dabei keineswegs sehr geistreiche Gesichter.
»Ludwig!« seufzte sie.
»Mutter!« antwortete er.
»Ists denn wirklich wahr, daßt nicht so viel habt hast?«
»Gewiß und wahrhaftig.«
»Kannst Dich aber doch irren!«
»Nein. Wann man eine gewisse Summe so lange Zeit besitzt, so ist kein Irrthum möglich. Und als ich Euern Brief bekam, hab ichs wieder zählt, obgleich es nicht nöthig war, und mir sagt, daß dies für eine Kuh nicht ausreichen werde. Darum hab ich dann die Uhr in dera Stadt versetzt. Und bevor ich fortfuhr von hier, hab ich nochmal nach dem Gelde sehen. Es ist indessen mehr worden.«
»Am hellen, lichten Tag?«
»Ja.«
»Wunderbar!«
»Warum soll es grad am Tag wunderbar sein?«
»Wanns des Nachts wär, so könnt man sichs derklären.«
»So? Inwiefern denn wohl?«
»Eine gute Fee könnts bracht haben. Die kommen nur des Nachts, niemals aberst am Tage.«
»Weißt das so genau?«
»Ja, ganz genau.«
»Hast etwan eine sehen, die zu Dir kommen ist?«
»Nein. Zu mir ist noch keine kommen. Aberst hört hab ich sehr viel davon.«
»Das sind Märchen. Es giebt gar keine Feen.«
Die Mutter machte ein sehr erschrockenes Gesicht, hob warnend den Finger empor und sagte:
»Du, wast da redest, das ist eine Sünden! Das darf man nicht; das ist verboten!«
»Meinst? Wo ists denn verboten?«
»Das weiß ich freilich nicht. Aber dennoch ists eine Sünden, wenn man nicht glaubt, daß es so gute Wesen giebt, die denen Menschen zuweilen eine Lieb erweisen und ihm ein Glück bringen.«
»Ja, solche Wesen giebts. Das find die heiligen Engel. Aberst von denen Feen steht in dera heiligen Schrift nix schrieben.«
»Das ist auch nicht nothwendig. Weißt, als ich mal hier war und auch des Abends hier blieben bin, da hat die Gisela aus einem schönen Buch mehrere Gedichten vorgelesen. Das war des Abends, als dera Bauer ins Wirthshaus gangen ist. Und da war auch eins dabei, in dem von den Feen die Red gewest ist. Also muß es doch welche geben, wann die Dichter solcherlei Gedichten über sie machen.«
»Das ist das Buch, welches da oben über dera Thür liegt. Ich kenn das Gedichten auch noch. Aberst da steht gar nicht darinnen, daß es wirkliche Feen giebt.«
»O doch. Ich habs mir ganz gut merkt.«
»So werd ichs Dir gleich mal bringen.«
»Aberst wann dera Bauer dazu kommt!«
»Was könnt der dagegen sagen? Er kommt auch gar nicht. Wann er zu Mittag gessen hat, so schlaft er allemal bis dahin, wann dera Kaffee trunken wird. Der wird uns also gar nicht stören.«
Er ging zur Thür, nahm das betreffende Buch von dem über derselben befindlichen Bret herab, kam mit ihm zurück und schlug das Gedicht auf.
»Hier ists,« sagte er. »Die Bäurin liests auch gern, besonders wann mal was passirt ist, was Frohes, was sie sich nicht anders derklären kann als dadurch, daß es gute Geistern giebt, die an denen braven Menschen ein Wohlgefallen haben. Sollsts gleich hören.«
Er las vor:
»Es giebt so wunderliebliche Geschichten,
Die bald von Engeln, bald von Feen berichten,
In deren Schutz wir Menschenkinder steh'n.
Man möchte gern den Worten Glauben schenken
Und tief in ihren Zauber sich versenken,
Denn Gottes Odem fühlt man daraus weh'n.
So ists in meiner Kindheit mir ergangen,
In welcher oft ich mit erregten Wangen
Auf derlei Erzählungen gelauscht.
Dann hat der Traum die magischen Gestalten
In stiller Nacht mir lebend vorgehalten,
Und ihre Flügel haben mich umrauscht.
Fragt auch der Zweifler, obs im Erdenleben
Wohl könne körperlose Wesen geben,
Die für die Sinne unerreichbar sind,
Und glaub an Gottes unerforschlich Walten
Wie ichs vertrauensvoll geglaubt als Kind.«
Als er nun das Buch schloß, um es an seinen Platz zurückzustellen, sagte seine Mutter:
»Siehsts, daß auch dera Dichter glauben will, daß es welche giebt! Wer soll Dir das Geldl bracht haben, wannsts wirklich nicht vorher schon habt hast? Ein Mensch nicht.«
»Hm, ja! Ein Mensch am End nicht. Es giebt genug Menschen, die Einem das Geld stehlen, aberst so im Stillen und in aller Heimlichkeiten es hineinlegen, das thut wohl sehr selten Einer.«
»Also ists eine Fee. Oder hast gar vielleichten einen Heckepfennig dabei!«
»Die giebts nicht.«
»Gar wohl giebts welche!«
»Nein. Das ist Aberglauben.«
»Das ist kein Aberglauben. Ich hab mal bei einem Bauern dient, der hat einen Heckethalern habt. Alle Morgen hat dieser Thalern einen andern heckt, den dera Bauer herausnommen hat, um ihn auszugeben. Mal aber hat er den falschen ergriffen, nämlich den Heckethalern, und ihn einem Fremden auszahlt. Dann ists freilich zu End gewest.«
»Wer hat Dir das weiß macht?«
»Niemand. Dera Bauern hats uns von selbst derzählt.«
»So hat er sich einen Spaßen macht.«
»Der? O, der ist gar kein so gespaßiger Kerlen gewest.«
»Nun, so wollt ich, daß ich auch mal so einen Heckethalern finden thät. Ich würd mich gar sehr in Acht nehmen, ihn wegzugeben.«
»Vielleicht hast einen drinnen.«
»Glaubs nicht. Weißt, es muß hier irgend ein Irrthum vorhanden sein, auf den ich mich schon besinnen werd. Die Hauptsach ist, daß ich Dir das Geldl, was Du brauchst, geben kann und dennoch neunzig Markerln im Beutel behalt. Hier, nimms!«
Er schob ihr das Geld hin.
»Ja, ists denn nun wirklich Dein Ernst, daßts mir geben willsts?«
Sie wußte gar wohl, daß er nicht scherzte, aber es dünkte ihr doch noch immer fremd, von ihm eine solche Summe anzunehmen.
»Freilich ists mein vollständiger Ernsten,« antwortete er.
»Und ich soll zugreifen?«
»Schnell, sonst nehm ichs wieder fort!«
Da griff sie freilich zu. Strahlenden Gesichtes nahm sie die Goldstücke und Papiere und band sie fest in die Ecke ihres Schnupftuches ein, welches Letztere sie tief hinter ihr Mieder versenkte.
»Nun brauchsts blos nur zu verlieren; sodann ists weg,« warnte er.
»Ja, werde ichs verlieren!« nickte sie lachend. »Für Unsereinen ist so ein Geldl doch ein wahrer Reichthumen. Da paßt man schon gut auf, daß es Einem nicht abhanden kommt.«
»Jammerschad ists, daß ichs nicht selberst auszahlen kann.«
»Warum?«
»Ich thät dem Juden auch noch was dazu geben.«
»Was?«
»Nun, eine schöne Ermahnungen und nachhero vielleichten auch einige tüchtige Ohrwatscheln, wenn er grob werden wollt.«
»Das kann uns nix nutzen. Zahlt muß es doch werden, und das Uebrige ist überflüssig. Ich werd ihn gleich auf dem Ruckweg aufisuchen, damit er es noch heut bekommt, und ich werd die Sorgen los.«
»So willst etwan schon heut fort?«
»Freilich. Wann sonsten?«
»Es ist heut ein Festtagen. Könntest doch hier bleiben.«
»Nein; das thu ich nicht. Hasts ja sehen, daß dera Bauern mir nicht mal derlaubt hat, mich niederzusetzen, nachdem ich altes Weib so einen langen Weg laufen war.«
»Ja, es ist so. Man muß sich aberst nur nix draus machen.«
»Das bring ich nicht fertig. Und wo sollt ich denn bleiben?«
»Wo? Das brauchst gar nicht zu fragen. Erst gehen wir ein Wenig hinaus aufs Feld und auf die Wies spazieren, und dann gehen wir ins Wirthshaus, wo ein Tanz abgehalten wird.«
»Tanz? Willst wohl auch tanzen?«
»Nein. Aberst, obgleich ich hier noch nie auf denen Tanzboden kommen bin, so würd ich heut gern einmal hin gehen, weil meine Muttern da ist und weil ich heut ein Glas Bier zahlen kann.«
»Ja, das kannst freilich zahlen, weilst neunzig Markeln funden hast. Das ist wahr. Und doch kann ich nicht mitthun.«
»Warum?«
»Ich kann doch nicht so spät am Abend heimkehren.«
»Das sollst auch gar nicht. Du bleibst vielmehr in der Nacht auch hier.«
»Da möcht ich denen Bauern hören, wann ers derfährt!«
»Der darf gar nix sagen. Wast issest und auch trinkst, das zahl ja ich, und schlafen wirst in meiner Kammern.«
»Und Du?«
»Ich steig hinaufi aufs Heustadel. Da werd ich schlafen wie ein Baronen oder gar wie ein Prinz und König.«
»Und wird er nicht zanken, wann er hört, daß ich in Deiner Kammer schlaf?«
»Verdorium! Ich würd ihm schon antworten! Wann meine Muttern bei mir auf Besuch ist, kann sie sich in mein Bett legen, und wer das nicht dulden will, der mag sich nach einem andern Knecht umischaun. Ich bin ein armer Kerlen, aberst meine Muttern laß ich mir nicht schimpfiren und beleidigen. Das kannst mir glauben!«
»So fürchtest Dich wohl gar nicht vor ihm?«
»Nein.«
»Aberst alle Andern fürchten sich.«
»Das sind mir auch die rechten Kerls! Und wann ich mich nicht vor ihm fürchten thu, so hab ich meinen Grund dazu.«
»Was ist das für einer?«
»Das kann ich nicht sagen.«
»Nicht? Warum nicht?«
»Weil es ein Geheimnissen ist.«
»Was, Du hast ein Geheimnissen vor Deiner Muttern? Ich hab meint, daßt stets ganz aufrichtig gegen mich gewest bist.«
»Das war ich und bins auch noch. Aberst es giebt Sachen, die man selbst dem nächsten Menschen nicht anvertrauen darf.«
»Ists denn so gar was Wichtigs?«
»Freilich.«
»Wohl gar was Verbotenes?«
»Ja.«
»Herrgottle! Wer sollt das denken!«
»Ich hab mirs auch nicht dacht und es gar nicht glauben wollt, als ichs derfahren hab. Aberst wahr ists dennoch. Und wann ich reden wollt, so könnt ich dem Bauern einen gar großen Schaden machen.«
»Das weiß er wohl auch?«
»Freilich weiß er es, und daher laßt er sich von mir eher ein Wort gefallen, als von einem Andern. Das hast ja vorhin hört.«
»So behalt das Geheimnissen ja für Dich!«
»Natürlich! Es fallt mir gar nicht ein, ihn in Schaden zu bringen. Da thät mir die brave Bäurin viel zu leid.«
»Ja, die ist brav und gut, und die Töchtern wohl auch?«
»Die Gisela? O, wann ich die anschau, so möcht ich gleich glauben, was ich vorhin nicht hab glauben wollt.«
»Daß es Feen giebt?«
»Ja. Weißt, die ist ein Engel.«
Als er das sagte, glänzte sein Gesicht. Die Mutter bemerkte es und fragte:
»Sie ist wohl auch gegen Dich gar gut?«
»Gegen Alle.«
»Ach so! Wann ich Dein Gesicht anschau, so ist mirs jetzt ganz so gewest, als ob sie ganz besonders gegen Dich ein Engel sei. Und das sollt mir um Dich leid thun.«
»Warum?« fragte er im Tone der Verwunderung.
»Um Dich und auch um – – –«
Sie schwieg und blickte ihn dabei verstohlen forschend an.
»Warum redest nicht weiter?« fragte er.
»Weil ich nicht weiß, ob ich darf.«
»Wer soll Dirs verbieten?«
»Du.«
»Ich? Das fallt mir gar nicht ein. Also, um wen wär Dirs noch leid? Um mich und auch noch um – – –?«
»Um die Theres.«
»Ach so! Habs mir doch beinahe denkt, daßt die bringen wirst!«
»Und ich habs wußt, daß ich sie nicht bringen soll!«
»Freilich wohl. Es kann nix nutzen.«
»O, es könnt schon was nutzen, wannst nur wollst!«
»Nein. Sie mag thun was sie will, aberst an mich braucht sie nicht zu denken.«
»Da kann ich Dich weder verstehen noch begreifen. Was hast gegen sie?«
»Gar nix, o gar nix.«
»So eine junge Wittwen!«
»Jung ist sie freilich,« nickte er.
»Und auch ganz hübsch!«
»Man könnt sie wohl gar schön nennen.«
»Und reich.«
»Ja, sie hat das größte Gut daheim in unserm Dorf.«
»Und Dich will sie haben, partoutemang nur Dich!«
»Das ists eben, was sie sich aus dem Kopf schlagen soll.«
»Ludwig, was bist doch für ein unbegreiflicher Kerlen! Tausend Andere thäten zugreifen! Wer die Theres kennt, der leckt alle Fingern nach ihr.«
»Nicht ein Jeder.«
»O, doch Alle!«
»Nein, denn ich kenn sie auch, und es fallt mir doch nicht ein, nur einen einzigen Finger nach ihr zu lecken.«
»Könntest aberst doch ein großes Glück mit ihr machen!«
»Meinst?«
»Ja. Oder ist sie etwan nicht brav?«
»Brav ist sie auch. Ich weiß ganz gut, daß Derjenige, der sie zur Frauen bekommt, dem Himmel danken kann.«
»Nun, warum magst sie also nicht?«
»Weil ich sie nicht lieb haben kann.«
Seine Mutter machte ein außerordentlich erstauntes Gesicht.
»Nicht lieb haben kannst sie? Ist denn so was möglich, Ludwig?«
»Ich sags ja, folglich ists möglich.«
»Das kann ich gar nicht glauben. So ein Dirndl oder so eine Wittwen muß ein Jeder lieb haben, der sie anschaut.«
»Dagegen mag ich nicht streiten. Vielleichten hätt ich sie auch lieb gewonnen, wann – wann – – wann – –«
Jetzt war er es, welcher stockte.
»Warum redest nicht weiter?« fragte sie.
»Weils auch nix nutzen thät.«
»So hast also wohl noch ein anderes Geheimnissen vor mir?«
»Hm! Ja, vielleicht ists auch ein Geheimnissen.«
»Und ich darfs nicht derfahren?«
»Sagen könnt ichs Dir schon, denn Du bist ja meine Muttern. Aberst anderst kannsts doch auch nicht machen.«
»Wer weiß das! Ich bin eine arme und einfache Frauen, doch einen guten Rath könnt ich doch vielleicht finden.«
»Ein Rath kann da gar nix ändern.«
»Vielleichten doch. Oder ist die Sach gar eine so schlimme?«
Er schüttelte den Kopf, strich sich mit der Hand über die Stirn und antwortete:
»Schlimm? O nein. Wem thuts was, wenn ein armer Bauernknechten einen Wunsch hat, der ihm niemals erfüllt werden kann! Keinem Menschen!«
Sein Gesicht war dabei so trüb geworden, daß sie in besorgtem Tone fragte:
»Was hast? Einen Wunsch, der Dir nicht derfüllt werden kann? Geh her! Jetzunder sagst mir gleich, welch ein Wunsch dies ist!«
»Warum und wozu? Du brauchsts doch nicht auch mit zu tragen!«
»Nicht? Was denkst von mir! Du sagst, ich sei Deine Muttern. Nun, weißt etwan nicht, daß eine Muttern Alles gern mit ihren Kindern theilt, Freud und Leid, Glück und Unglück. Du thust, als obst mich so sehr als Muttern achtest, und nun Du eine Sorg oder so was auf dem Herzen hast, willsts mir nicht sagen. Ist das recht von Dir? Denkst etwan, daß ich mich darüber freuen kann?«
Er schwieg eine kleine Weile. Dann sagte er:
»Recht hast, und weils blos mich betrifft, so kann ichs Dir schon sagen. Ich hab vorhin meint, daß ich dera Theres wohl schon gut sein könnt, wann – – wann es nicht bereits eine Andere gäb, die ich lieb hab.«
Diese Worte kamen nur langsam und zögernd hervor. Seine Mutter blickte ihm einige Secunden lang erstaunt in das Gesicht, schlug dann die Hände zusammen und rief:
»Was? Ists wahr?«
»Freilich.«
»Einer Andern bist bereits gut?«
»Schrei doch nicht so! Wannsts so laut rufst, so kann mans im ganzen Dorf hören.«
»Das ist vor lauter Verstaunen, daß ich so schrei. Wer hätt das denkt! Ich nicht.«
»Ja,« lächelte er. »Wer Dich jetzund anschaut, der sieht Dirs auch ganz deutlich an, daßt Dirs gar nicht dacht hast.«
»Nicht wahr! Ich mach da wohl ein sehr dummes Gesichten?«
»Klug siehst jetzund allerdings nicht aus.«
»Hab auch Grund dazu! Also gut bist Einer! Ists ein Dirndl oder eine Wittwen?«
»Ein Dirndl natürlich.«
»Und wer?«
»Das willst auch nun gleich wissen?«
»Kannst Dirs doch denken!«
»Freilich hab ichs mir denkt, daßt nachher Alles derfahren willst, wann ich Dir nur erst ein Wort davon sagt hab.«
»Ludwig, was bist für ein Bub! Eine Muttern wird doch fragen dürfen, wer es ist, wann sie hört, daß ihr Sohn eine Liebsten hat!«
»Da irrst Dich freilich. Eine Liebsten hab ich nicht.«
»Und bist doch Einer gut? Wer soll das begreifen? Ich freilich nicht!«
»Weißt denn, ob sie mich auch leiden mag?«
Bei dieser Frage hob sie den Blick so voller Verwunderung zu ihm empor, daß er beinahe in ein lautes Lachen ausgebrochen wäre.
»Dich leiden?« fragte sie. »Nun möcht ich doch mal das Dirndl sehen, welches Dich nicht leiden könnt, wannst ihm gut bist! So ein Kerlen wie Du! Ein Unteroffizieren gewesen und eine Figuren wie ein General! Dazu gut und arbeitsam und auch Einer, der seine Arbeit kennen thut wie kein Andrer! Nein, wast da redest, darüber muß ich mich schier verwundern! Ein Dirndl, welches meinem Ludwig nicht gut ist, wanns ihn derblickt, die hat gar kein Herz im Leib und keine Augen im Kopf!«
Bei diesen Worten streichelte sie ihm die Wange und blickte in stolzer Mutterliebe zu ihm empor.
»Ja,« lachte er, »das sagst Du, und ich weiß auch gar wohl, warum.«
»Nun, warum?«
»Weil halt eine jede Muttern in ihren Buben verliebt ist und nachhero denkt, daß auch jedes Dirndl sich sogleich in ihn verschameriren muß.«
»Nein, das denk ich schon nicht.«
»Hasts aber doch sagt!«
»Habs aber nicht ganz so meint, wie ichs sagt hab. Ich hab nur denkt, weilst sagst, ob sie Dich auch leiden mag, daßt schon ein Kerlen bist, den man leiden kann.«
»Wollen uns nicht darum zanken. Aberst ein Dirndl, wanns reich ist, nimmt sich schon in Acht, sich in so einen armen Teuxel, wie ich bin, zu verlieben. Weißt!«
»Ach so! Sie ist reich?«
»Leider!«
»Wohl sehr?«
»Gar sehr.«
»O weh!«
»Ja, hörst, daßt nun gleich Ach und auch Wehe schreist!«
»Nun, so schlimm wirds doch wohl nicht sein. Es hat schon gar mancher Bub ein reiches Dirndl gefreit.«
»Aberst nicht ein Jeder bekommt eine Reiche.«
»Du könntest eine bekommen, wannt nur wolltst – die Theres. Und wer weiß, ob die Deinige so reich ist wie sie.«
»Viel, viel reicher.«
»Und so hübsch!«
»Viel, viel schöner!«
»Aber auch brav und gut?«
»Wie keine Zweite.«
»Du, da ist sie doch gar ein Engel!«
»Fast möcht ichs sagen.«
»Kennst sie wohl bereits seit einer Zeit?«
»Seit lange schon. Bereits noch bevor ich zum Militair mußt, hab ich sie kannt.«
»Und sie auch lieb habt?«
»Ja.«
»Und ich hab nix davon wußt, gar nix!«
»Weißt, solche Sachen hängt man nicht an die große Glocken und thut sie auch nicht mit Kanonen in die Welt hinein schießen.«
»Aberst dera Muttern kann mans sagen. Und nun weiß ich auch, was mir ahnt.«
»So! Was ahnt Dir denn?«
»Daß ich nun weiß, warumt nicht beim Militair blieben bist.«
»Ja, das kannst nun leicht derrathen.«
»Du hättest eine gar schöne Anstellungen haben konnt; aberst das Dirndl hat Dir im Sinn legen, und da bist lieberst vom Militair fortgangen und wiederum Knecht worden. Ists so oder nicht?«
»Es ist schon so.«
»Was bist da für ein dummes Kraxerl gewest! Hast Deine Zukunft aufgeben wegen eines Maderls, von dert nicht mal wußt hast, obs Dich auch leiden kann.«
»Magst Recht haben; doch weißt, wann man Einer so recht von Herzen gut ist, so fragt man nicht nach so einem Opfer. Man ist nur glücklich, wann man bei ihr sein kann.«
Da blickte sie ganz verwundert zu ihm auf.
»Bei ihr sein kann? Wast sagst! So bist wohl jetzund bei ihr?«
»Ja.«
»Ist sie hier im Dorf?«
»Das kannst Dir denken.«
»O Jerum! Eine Hiesige ists, eine Böhmin, eine Oesterreichsche!«
»Da derschrickst wohl gar?«
»Freilich! Ich habs mir nie anderst denken konnt, als daßt mal eine ächte Bayerin heirathen wirst!«
»So hast wohl meint, daß die in Oesterreich nix taugen?«
»Das hab ich nicht denkt, ich hab überhaupt noch gar keinen Vergleich macht. Ich bin eine Bayerin und hab mir auch nur eine Bayerin als Schwiegertochter denken konnt.«
»So kannst Dich wohl gar nicht an den andern Gedanken gewöhnen?«
»Warum nicht, wann sie brav und gut und lieb ist.«
»Nun, brauchst Dich gar nicht an ihr zu gewöhnen, denn bekommen werd ich sie doch auf keinen Fall.«
»So weißts wohl genau, daß sie Dich nicht mag?«
»Ja.«
»Hast sie fragt?«
»Nein.«
»So bist ein gar talketer Bub! Hast noch gar nicht mit ihr sprochen und weißt doch, daß sie nix von Dir wissen will!«
»Um das zu wissen, braucht man sie doch nicht zu fragen. Das sieht man ohnedies.«
»So ist sie wohl gar verächtlich gegen Dich?«
»Nein. Sie geht mir aus dem Weg. Wann sie zu mir wär wie zu denen anderen Knechten, so wollt ich meinen, daß ich ihr nicht grad zuwider wär, sondern nur gleichgiltig; aberst sie geht mir aus dem Weg.«
»Das denkst vielleicht blos.«
»O nein. Wann ein anderer Knecht mit ihr redet, so schaut sie ihn ruhig an und hört ihm zu. Und wann ich ihr was zu sagen hab, so blickt sie an dera Schürzen nieder und schaut, so bald wie möglich von mir fortzukommen. Da hasts: Sie kann mich nicht dersehen.«
Seine Mutter schüttelte den Kopf, lächelte ein Wenig und fragte dann:
»Bist wohl ein großer Menschenkenner?«
»Ich? Ich bin kein Gelehrter.«
»Das merk ich bald!«
»So! Was redest da? Was hast für einen Ton? Was lachst mich an?«
»Weilst so ein ganz besonderbar gescheidter Kerlen bist. Verstanden?«
»Jetzund willst mich wohl gar vexiren?«
»Nein. Weißt, das Dirndl hat Dich lieb!«
»Mach nur Deinen Spott!«
»Fallt mir gar nicht ein!«
»Woher willst wissen, daß sie mich lieb hat?«
»Weil ich selberst ein Dirndl gewest bin, und ein bildsauberes dazu. Das kannst an Dir merken. Die Buben und Jungburschen haben mich auch anschaut und sind hinter mir nachlaufen. Wann Einer mit mir sprochen hat, so hab ich ihm grad ins Auge blickt und da meine ruhige Antwort geben. Aberst nachhero, als der Rechte kommen ist, Dein Vatern nämlich, den hab ich nicht grad anschauen konnt.«
»Warum nicht?«
»Das weiß ich nicht; ich hab die Augen nicht zu ihm emporbringen konnt. Das Blut ist mir in die Wangen stiegen; das Herz hat mir klopft, und wann ich ihm eine Antworten geben hab, so ist meine Stimmen so leise und zittrig gewest, als ob ich mich gar sehr vor ihm fürchten thät.«
»Was! Ist das wahr? Wirklich wahr?«
»Ja. Und so ists fast bei einem jeden Dirndl, wanns in dera Still Einen lieb hat.«
»Wann ich das so glauben könnt!«
»Glaubst etwan, daß Deine alte Muttern Dich belügen werd?«
»Nein. Grad so, wie Dus beschreibst, so ists mit dem Dirndl, das ich meinen thu. Sie schaut nicht zu mir auf, und ihre Wangen bekommen eine andera Farben, und wanns mir ja antworten muß, so klingts so ganz anderst als gewöhnlich.«
»Da hasts! Sie hat Dich lieb!«
»Und das kann aberst doch nicht sein. Ich bin so lange Jahren mit ihr beisammen, daß ich es doch wohl ein einziges Mal hätt merken müssen, daß sie mir gut ist.«
»Was? So lange Zeit bist mit ihr beisammen? Wirklich beisammen? Ludwig, soll ichs etwan derrathen, wer das Dirndl ist?«
»Das ist nun leicht.«
»Ja. Beim Kery-Bauer hast von Jugend auf dient, bist zum Militair kommen bist. Und alst von München zuruckkamst, bist sofort wieder zu ihm gangen. Ich hab mir den Grund gar nicht denken konnt. Jetzund aber weiß ich ihn: Die Gisela hat Dirs anthan. Wegen ihr bist vom Militair fortgangen, und wegen ihr hast auf das schöne Fortkommen verzichtet. Hab ichs derrathen oder nicht?«
»Wirst schon Recht haben,« gestand er.
»Also doch, doch, doch! Wer hätt das denken könnt!«
»Wars denn so was ganz Unmögliches?«
»Ja! Daßt Deine Augen zu Der, grad zu ihr aufschlagen könntst!«
»Meine Augen? O, die nicht! Ich weiß, daß meine Liebe eine vergebliche ist. Aberst kann ich gegen mein Herz?«
»Nein, dagegen kann kein Mensch. Das weiß ich am Allerbesten. Ich konnt als blutarmes Dirndl auch eine reiche Heirath machen und habs doch nicht than, weil ich Deinen Vatern lieb gehabt hab, trotzdem er ein armer Schluckerl war. Ich kanns gar gut begreifen, daßt die Gisela lieb hast, denn sie ist ein Dirndl, wies kein zweites giebt. Wann sie arm wär, so sollts mich von Herzen gefreun, und ich wollt gar stolz sein auf so eine Schwiegertochtern. Nun sie aberst so eine gar Reiche ist, so kannst mir leid thun, Du und auch die Theres, die es so gar ehrlich mit mir meint.«
»Sie thut mir auch leid, doch kann ich nicht dafür, daß ich bereits eine Andre lieb hab.«
»Kannst Dir diese Andere denn nicht aus dem Sinn schlagen?«
»Nein; das ist ganz unmöglich. Und wann ichs könnt, so thät ichs doch nicht. Schau, Muttern, die Lieb ist halt ein gar wundersames Ding. Ich weiß, daß die Gisela nun und nimmer mein Weib werden kann, und doch mag ich nicht von ihr fort, und doch bleib ich hier, obgleich ichs bei einem andern Bauern weit besser hätt. Wann ich sie sehen und ihre Stimm hören kann, so bin ich zufrieden und glücklich.«
»Meinst wohl, daß es auch so bleibt?«
»Warum nicht?«
»Jetzund ist sie ledig. Wann nun oberst ein Freier kommt und nimmt sie fort von hier?«
»Das geschieht nicht.«
»Da wirst Dich sehr täuschen, denn so ein Mäderl wie sie bleibt nicht ledig.«
»Ja, sie wird heirathen, aber fortgehen kann sie nicht. Sie ist das einzige Kind und muß also hier bleiben. Ihr Mann wird das Gut übernehmen, und ich bleib auch da bei ihr.«
»So willst gar niemals heirathen?«
»Niemals!«
»Ludewig! Das wirst mir doch nicht anthun!«
»Mutter, ich mag keine Andere!«
»Ja, ja, so ist die Lieb, wanns nämlich die richtige ist! Die opfert sich auf und fragt nix nach sich selbst. Doch sag mir mal, obst auch hier bleiben wirst, wann Dir ihr Mann nicht gefällt?«
»Ich denk, daß sie Einen nehmen wird, mit dem ich es aushalten kann.«
»Hör, ich möcht fast weinen, und doch ists mir ganz so, als ob ich auch lachen muß. Wannt nämlich dabei stehst und zuschauen mußt, daß ihr Mann sie beim Kopf nimmt und in seine Arme und ihr ein Busserl nach dem andern giebt, so wirsts wohl – – –«
»Donnerwettern!« unterbrach er sie. »Den Kerlen möcht ich zerreißen!«
»Schau, schau! Jetzund gehst gleich in die Luft vor Grimm!«
»Ja, weißt, daran hab ich noch gar nicht denkt!«
»Woran denn? Wann sie einen Mann hat, nachhero muß sie doch gut und zärtlich mit ihm sein!«
»Das thät ich nicht dulden!«
»Was wolltst dagegen machen?«
»Ich thät – – – ja, was thät ich denn da nur gleich!«
»Nix, gar nix könntst machen. Eine Faust in dera Taschen thätst machen, und das wär Alles, wast Dir derlauben könntst. Wannt etwan etwas sagen wolltst, so würdst auslacht und aus dem Haus jagt.«
»Recht hast, Mutter, ganz Recht. Alle tausend Teuxeln. Wann ich mir vorstell, daß ein Anderer die Gisela herzen und küssen darf, so möcht ich zerspringen und zerplatzen vor Zorn!«
»Nun, so ists doch am Besten, wannst so bald wie möglich fortgehst von hier.«
»Das fallt mir zu schwer.«
»Aber mal mußt doch fort. Wie leicht und schnell kanns geschehen, daß ein Freier kommt!«
»Meinst? Es kommt ja bereits heut einer.«
»Ists wahr?«
»Ja.«
»So redst wohl nur im Scherz?«
»O nein. Er hats mir selber sagt.«
»Und sie weiß es?«
»Vielleicht, vielleicht auch nicht. Sie hat vorhin nicht so ausschaut, als obs einen Freier erwarten thät.«
»Ists denn Einer, demt sie gönnen kannst?«
»Dem gar nimmer! Und seit ich mir jetzt denken muß, daß Derjenige sie umarmen und küssen darf, so gönne ich sie gar Keinem auf dera Welt.«
»Wer ists denn?«
»Derjenige, den ich derwähnt hab, als ich vorhin mit dem Bauer redete. Hasts nicht hört, daß ich sagt hab, ich könne mich mit dem Stephan nicht vertragen?«
»Hört hab ichs wohl, aber nicht wußt hab ich, wen und wast meintest.«
»Der Kerl heißt Stephan Osec und wohnt nicht weit von hier auf einem Dorf. Sein Vater ist dort dera reichste Bauer, ein stolzer und hochmüthiger Geldprotz. Der Bub ist noch hochmüthiger, aberst dabei so dumm, daß es Einem derbarmen kann.«
»Ist er hübsch?«
»Wie eine Vogelscheuch. Aberst Geld muß doch wiederum zu Geld, und so mögens die Alten verabredet haben, daß die Jungen ein Paar werden.«
»Jerum! Da sollt die Gisela mir leid thun!«
»Mir auch, wanns sich zwingen ließ.«
»Meinst, daß sie ihn mag?«
»Das kann ich nimmer für möglich halten.«
»Sie wird wohl dennoch gehorchen müssen.«
»Möglich, denn dera Bauer hat einen gar harten Kopf. Und doch ists nicht ganz unwahrscheinlich, daß sie ihm widerstrebt.«
»Das wird ihr nix helfen.«
»Wer weiß. Ich hab sie nur als mild und gut und gar sanft kennen lernt. Doch wann ich sie zuweilen so im Stillen anschau und sie merkt es nicht, so ists mir, als ob sie doch auch ein Wenig nach dem Vatern gerathen sei. Wann er hart mit ihr ist, so zuckt es um ihre Mundwinkeln, und in ihren Augen blitzt es heimlich auf.«
»Dann zankt sie wohl mit ihm?«
»Nein, sie bleibt still. Es scheint mir, daß sie es nicht für der Mühen werth hält, wegen einer Kleinigkeiten dem Vatern zu widerstehen. Aberst wann es sich mal um was Großes und Wichtiges handelt, um ihr Lebensglück, so ahne ich, daß sie es zum ersten Male zeigt, daß sie auch einen Willen hat.«
»Nachhero wirds schlimm. Wenn zwei solche zusammen gerathen, da fliegen die Funken!«
»Mögen sie fliegen! Ich werd sie löschen.«
»Obsts vermagst.«
»Ich hoffe es.«
»Du, als armer Knecht? Was könntest dem reichen und stolzen Kery-Bauern zu gebieten haben!«
»Nix, gar nix. Aberst ein klein Wenig wird er doch auf mich hören müssen.«
»Wohl von wegen dem Geheimniß, von dem vorhin sprachen hast?«
»Ja.«
»Wann ich dasselbige doch derfahren könnt!«
»Vielleicht später mal. Jetzund aber muß ichs für mich behalten. Nun haben wir die schöne Zeit verschwatzt, und ich muß doch noch arbeiten. Kannst mitkommen. Ich muß in den Stall, um die Pferd zu füttern, mit denen ich in dera Stadt gewest bin. Nachhero, wann ich da fertig bin, ist der Kaffee bereit und dann gehen wir hinaus auf das Feld spazieren.«
»Darfst denn fort? Wirds dera Bauer auch derlauben?«
»Ich frag ihn gar nicht. Ich werd fortgehen, sobald ich meine Arbeit macht hab. Heut ist kein Werktag. Und wenn ich am Abend meine Pferden wiederum besorgen thu, so hab ich meine Pflicht than. Komm!«
Sie verließen Beide jetzt die Stube, ohne zu ahnen, daß sie grad von Derjenigen belauscht worden seien, von welcher so vorzugsweise die Rede gewesen war.
Diese, nämlich Gisela, stand jetzt mitten in der Küche, und wer sie jetzt in diesem Augenblicke gesehen hätte, der hätte vielleicht nicht gewußt, was er von ihr denken solle.
Sie hielt die Hände gefaltet und blickte mit verklärtem Ausdrucke nach oben.
»Er liebt mich; er liebt mich!« flüsterte sie. »Und ich habs doch nicht geahnt. Er war stets so still und so kalt, so ernst und so zurückhaltend. Und diesen Stephan Osec hat man mir zugedacht, den zechischen, hinterlistigen Menschen! Ja, Ludwig hat Recht. Wenn der Vater mir diesen Verhaßten aufzwingen will, so wird er zum ersten Male im Leben erfahren, daß ich die Erbin seines unbeugsamen Characters und seines festen Willens bin. Wo mag die Mutter sein? Ich muß ihr gleich mittheilen, was ich jetzt erfahren habe.«
Sie eilte hinaus, um die Genannte zu suchen. Dieselbe pflegte um diese Zeit, nach dem Mittagsessen, die Milch- und andern Wirthschaftsräume zu besuchen. Da aber war sie heut nicht mehr zu finden, denn als sie in der Kammer, in welcher die Milchgefäße standen, gewesen war, hatte der Bauer die Thür geöffnet und ihr in seiner gewöhnlichen, rauhen Weise gesagt:
»Laß jetzt die Milch sein! Ich habe mit Dir zu reden.«
»Ists nothwendig?«
»Ja. Komm herauf in meine Stube.«
»Magst Du nicht vorher Dein Mittagsschläfchen halten?«
»Nein; heut hab ich keine Zeit dazu.«
Nun war sie ihm gefolgt, theils verwundert, theils aber auch beängstigt von seiner Mittheilung, daß er Etwas mit ihr zu reden habe. Er pflegte stets höchst selbstständig zu handeln. Er war der absolute Beherrscher des Hauses, und es fiel ihm nicht ein, die Meinung eines Andern zu berücksichtigen. Eine Besprechung im Vertrauen, wie sie zwischen Eheleuten so häufig sind, hatte seit langen Jahren auf dem Kery-Hofe nicht stattgefunden. Daher wußte die Bäuerin sogleich, daß es sich um eine außergewöhnliche, wichtige Angelegenheit handeln müsse.
Als Beide oben in der Stube des Bauers ankamen, setzte er sich auf einen Stuhl, schob der Bäuerin einen zweiten hin und sagte:
»Setz Dich. Was ich Dir zu sagen habe, das ist nicht sogleich abgemacht.«
Sie folgte dieser Aufforderung und hielt nun voller Spannung den Blick auf die strengen Züge ihres Mannes gerichtet. Dieser schien nicht recht zu wissen, wie er beginnen solle. Er räusperte sich einige Male und fragte sodann in unsicherem Tone:
»Bist Du gesund?«
Sie blickte ihn ganz erstaunt an und zögerte mit der Antwort.
»Nun, hast Du mich verstanden? Ich will wissen, ob Du gesund bist?«
»Aber warum denn? Natürlich bin ich gesund!« antwortete sie.
»Das glaube ich nicht.«
»So? Welchen Grund hättest Du denn, anzunehmen, daß ich krank bin?«
»Ich habe Dich oft Husten hören.«
»Mich? Ich weiß von keinem husten etwas!«
»Du siehst jetzt immer so blaß aus!«
»Ich? Und Andre sagen mir, daß ich von Woche zu Woche röther werde!«
»Grad das beängstigt mich. Diese Röthe ist ein Zeichen von Blutandrang nach dem Kopfe. Dich kann sehr leicht einmal der Schlag rühren, so daß Du ganz plötzlich todt bist.«
»Herrgott!« rief sie erschrocken. »Was fällt Dir ein! Wie kannst Du so reden! Ich bin in meinem Leben noch nie krank gewesen.«
»Das ist nicht gut!«
»Wie? Nicht gut? Ich begreife Dich nicht!«
»Leute, welche nie krank sind, sterben am schnellsten!«
»Dann ständest Du ja ganz in derselben Gefahr! Auch Dich habe ich noch nicht krank gesehen.«
»Das ists ja, was mir Sorgen macht. Ich fühle schon seit längerer Zeit, ohne daß ich davon gesprochen habe, daß ich nicht mehr der Alte, der Frühere bin. Es geht bergab mit mir.«
»Mein Gott! Das sagst Du nicht!«
»Ich sage es Dir jetzt, im Vertrauen, ohne daß Andre es zu wissen brauchen. Es wird mir oft ganz schwindlig. Es braust mir in den Ohren. Die Beine werden schwer, und aus den Armen sind die Kräfte fort.«
»Du greifst aber heut grad noch so zu wie früher!«
»Scheinbar. Ich strenge mich über meine Kräfte an, um mir nichts merken zu lassen. Das schadet mir aber; das greift mir meine Nerven so sehr an, daß ich nachher des Nachts nicht schlafen kann. Das darf nicht so fortgehen. Ich muß mich schonen und Du Dich auch. Das sind wir uns selbst und unserer Tochter schuldig.«
»Aber ich fühle mich wirklich noch ganz so rüstig wie früher und allezeit.«
»Täuschung! Das muß ich verstehen. Wenn ich so fortfahre wie bisher, gehe ich zu Grunde. Ich brauche Einen, der mir die Arbeit abnimmt.«
»Da hast Du den Ludewig.«
»Der ist ein tüchtiger Knecht, ja: aber das genügt mir nicht. Einem Knecht kann ich nicht Alles anvertrauen. Ich brauche einen Mann, der zu befehlen versteht. Ein Knecht kann das nicht.«
»Meinst Du etwa einen Verwalter oder Inspector?«
»Nein. Mein Gut kann sich freilich mit manchem Rittergute messen, aber die Inspector- und Verwalterfaxen sind nicht nach meinem Gusto. Es fällt mir nicht ein, so einen Kerl zu besolden. Dazu bin ich ein zu guter Geschäftsmann und kenne meinen Vortheil. Nein. Ich will Einen hernehmen, der mir meine Arbeit ganz und gar abnimmt, ohne daß ich ihm nur einen einzigen Kreuzer zu bezahlen brauche.«
»Das ist eine verwunderliche Absicht.«
»Wieso?«
»Du wirst keinen solchen Menschen finden.«
»Das sagst Du, weil Du es nicht verstehst. Ihr Frauen denkt ja überhaupt zu kurz. Wenn wir einen Sohn hätten, brauchten wir ihm doch keinen Lohn zu zahlen.«
»Ja, ein Sohn! Das ist was ganz Anderes!«
»Das ist grade das, was ich meine. Ich will einen Sohn haben.«
»Einen – – Sohn – – –?« fragte sie ganz gedehnt.
»Ja. Du verstehst mich immer noch nicht. Einen wirklichen Sohn kann ich freilich nicht haben; aber weil ich eine Tochter besitze, wird es mir leicht werden, einen Schwiegersohn zu finden, dem ich meine jetzigen Obliegenheiten auf die Schulter legen kann. Was machst Du denn für ein Gesicht?«
Er hatte gar wohl Veranlassung, diese Frage auszusprechen, denn die Bäuerin hatte die Hände zusammengeschlagen, dafür aber den Mund desto weiter geöffnet. Sie machte ein Gesicht, als ob ihr etwas ganz und gar Unbegreifliches widerfahren sei.
»Nun, antworte! Was sagst Du dazu?« gebot der Bauer.
»Einen – Schwieger – – sohn! Gisela soll heirathen?«
»Ja.«
»Will sie denn?«
»Dumme Frage! Ob sie will oder nicht, das geht doch mich nichts an. Hier fragt es sich doch nur, ob ich will! Und ich will! Verstanden!«
»Aber, Mann, wie kommst Du denn so plötzlich auf diesen Gedanken?«
»Plötzlich ganz und gar nicht. Ich habe mich im Gegentheile schon seit langer Zeit mit ihm beschäftigt, seit so langer Zeit und auch so oft, daß ich mich bereits nach einem Schwiegersohn umgesehen habe.«
»Um Gotteswillen!«
»Was? Ich glaube gar, Du erschrickst!«
»Du hast wohl gar schon einen gefunden?«
»Ich glaube Du kennst mich so, daß ich nicht eher von Etwas spreche, als bis ich die Sache bereits fest und fertig habe. Ja, der Schwiegersohn ist da.«
»Mein Gott! Und ich weiß nichts davon!«
Sie sagte das in vorwurfsvollem Tone. Er aber meinte sehr ruhig;
»Du? Was brauchtest Du davon zu wissen? Es war genug, daß ich mich nach einen umsah.«
»Ich bin aber doch die Mutter!«
»Das geb ich freilich zu. Doch ich bin der Vater und der Herr im Hause, der über solche Dinge ganz allein zu bestimmen hat.«
Die Bäuerin hatte es nur höchst selten gewagt, eins ihrer Rechte geltend zu machen oder gar ihrem Manne zu widersprechen. Jetzt aber hielt sie die Angelegenheit für wichtig genug, zu bemerken:
»Du weißt, daß ich nichts dagegen habe, daß Du der Herr im Hause bist – – –«
»Möchte auch wissen, was Du dagegen haben wolltest!« fiel er ihr in die Rede.
»Aber jetzt, wo es sich um die Verheirathung meiner Tochter handelt,« fuhr die Frau fort, »mußt doch zugeben, daß Gisela mein Kind ebenso gut ist, wie das Deinige.«
»Wer leugnet das?«
»Du nicht? Nun, so wirst Du mir auch dieselben Rechte einräumen, welche Du beanspruchst.«
Er ließ ein sarkastisches Lächeln sehen und antwortete in beinahe scherzendem Tone:
»Was Du da sagst! Ganz dieselben Rechte? Da irrst Du Dich doch! Der Vater ist doch ein ganz anderer Kerl als die Mutter. Deinen Segen kannst Du geben; das ist Dir erlaubt. Dieses Recht hast Du, weiter aber keins. Den Schwiegersohn habe ich zu bestimmen.«
»Auch wenn er mir nicht paßt?«
»Auch dann.«
»Und ich soll mit ihm leben?«
»Du? Wer sagt das?« lachte er auf. »Seine Frau hat mit ihm zu leben.«
»Ich aber auch. Denn ich denke, daß ich nicht nach der Hochzeit meiner Tochter aus dem Hause gejagt werde.«
»Natürlich! Zusammenwohnen werden wir mit ihm. Das ist aber auch Alles. Zu befehlen hat er nichts, sondern nur zu arbeiten. Herr meines Hauses bleibe ich nach wie vor.«
»Und Du sagst Dir nicht, wie schwer es ist, mit einem Menschen, den man nicht leiden kann, unter einem Dache zu wohnen?«
»Weißt Du denn bereits, daß Du ihn nicht ausstehen kannst?«
»Nein. Ich kenne ihn noch gar nicht.«
»So rede also nicht in den Wind und nicht so dummes Zeug!«
»Wer ists denn?«
»Du wirst Dich wundern, was für einen prächtigen Kerl ich mir ausgesucht habe. Er ist vor allen Dingen reich – – –«
»Das kann ich mir denken!«
»Natürlich! Ein Lump kommt mir nicht ins Haus. Sodann ist er der Sohn eines guten Freundes von mir, und endlich, was ich sehr hoch anschlage, ist er stets gewöhnt gewesen, seinem Vater unbedingt zu gehorchen. Wir bekommen also einen Schwiegersohn, welcher es niemals wagen wird, mir zu widersprechen.«
»Dir? Dir allein? Mir darf er wohl widersprechen?«
»Pah! Du wirst so wenig mit ihm zu thun haben, daß es gar nicht darauf ankommt, ob Ihr einerlei Meinung seid oder nicht.«
»Ich weiß wohl, daß ich da nichts zählen werde. Aber wer ists denn?«
»Der Stephan Osec!«
Als sie diesen Namen hörte, fuhr sie erschrocken von ihrem Stuhle auf.
»Der Osec! Der, der!«
»Ja, dieser!«
Sie starrte ihn an. Das Blut war aus den Wangen gewichen. Schnell aber kehrte es zurück. Ihre Miene wurde eine beruhigtere; sie setzte sich wieder nieder und sagte:
»Das war fast albern von mir!«
»Was?«
»Daß ich mich so erschrecken ließ.«
»Was meinst Du damit? Ich weiß nicht, was Du sagen willst.«
»Du hast doch nur Spaß gemacht.«
»Spaß? Ich? Wie kommst Du auf diesen Gedanken? Bin ich denn ein solcher Harlekin, daß Du glauben kannst, ich mach dann sogar dann Dummheiten, wenn es sich um die Verheirathung meiner Tochter handelt?«
Da erbleichte sie abermals.
»Also hast Du im Ernst gesprochen?«
»Natürlich.«
»Das ist aber doch unmöglich!«
Da zog er seine Stirn in Falten.
»Set nicht albern! Warum sollte das denn unmöglich sein?«
»Der Osec und unsere Gisela! So Etwas ist gar nicht möglich!«
»Oho! Hast Du vielleicht Etwas dagegen?«
»Etwas nur? Nein, Alles, Alles habe ich dagegen! Der bekommt meine Tochter nun und nimmermehr!«
Jetzt stieß er ein höhnisches Gelächter aus und fragte dabei:
»Wie willst Du das anfangen?«
»Ich willige nicht ein!«
»Das brauchst Du gar nicht, denn Du wirst von keinem Menschen gefragt.«
Da stand sie langsam von ihrem Stuhle auf, es lag auf ihrem sonst so milden Angesichte ein Ausdruck, den er noch niemals bemerkt hatte.
»Du lachst mich höhnisch aus,« sagte sie. »Ich kann nichts dagegen machen. Lache also weiter! Aber meine Tochter bekommt der Osec im ganzen Leben nicht!«
»So? Ach?«
»Ja. Ich bin Dir unterthan gewesen seit dem ersten Tage unserer Ehe bis heut. Ich hab mich biegen und schmiegen müssen oft wie ein Wurm, um nicht ertreten zu werden. Ich hatte mich in Dein Gesicht und Deine Gestalt vergafft. Du warst Derjenige, vor dem sich die anderen Burschen fürchteten, und deshalb war ich unverständiges Ding stolz darauf, Deine Braut zu sein. Das habe ich nachher büßen müssen – – –«
»Ah, büßen!« fuhr er auf.
»Ja. Du bist mein Tyrann geworden, und ich war Deine Sclavin bis heut. Aber ich will nicht darüber klagen und mich nicht beschweren, denn ich trage die Schuld daran. Ich konnte jeden Andern bekommen und war so dumm, nur Dich zu wollen. Ich werde auch in Zukunft Deine Sclavin bleiben; aber in einem Punkte habe ich auch meinen Willen: Mein Kind lasse ich mir nicht unglücklich machen, so unglücklich wie ich selbst bin. Selbst eine Löwin vertheidigt ihre Jungen, und da – – –«
»Papperlapapp!« rief er lachend. »Eine Löwin! Das ist ein wunderbarer Vergleich. Wo hast Du ihn denn einmal gehört? Du, die ängstliche Maus, jetzt plötzlich eine Löwin! Das klingt geradezu toll!«
»Mag es toll klingen. Ich werde meine Tochter zu vertheidigen wissen. Wenn Du diesen Gedanken nicht freigiebst, so – – –«
»Still! Kein Wort weiter!«
Auch er war aufgestanden und schlug, während er diese Worte sprach mit der Faust auf den Tisch, daß dieser in allen seinen Fugen krachte. Die Frau zuckte angstvoll zusammen und schwieg.
»Schau,« fuhr er fort, »wie Du gehorchst! Und das ist Dein Glück! Eine solche Sprache laß ich mir nicht gefallen. Offenen Widerspruch? Das fehlte noch! Wenn Ihr Frauen mit List gegen den Mann conspirirt, so läßt man es sich gefallen, denn dazu seid Ihr geboren, und man achtet es nicht; aber in dieser Weise gegen mich aufzutreten, das ist mir zu stark. Das unterlaß, wenn Du nicht Etwas erleben willst, was sonst nur ungezogene Mädchen in der Schule erleben, nämlich eine Tracht Prügel zu bekommen. Ich will Dir ja erlauben, vorzubringen, was Du gegen den Osec hast; aber das ist auch Alles. Ein weiteres Recht kann ich Dir nicht einräumen. Ein solches Auftreten aber wie jetzt, das unterlasse ja! Ich warne Dich! Also warum paßt er Dir nicht?«
»Ich mag keinen Osec im Hause haben. Jedermann weiß, daß Vater und Sohn sich ihr Vermögen nur auf unrechte Weise erworben haben.«
»Das ist leere Klatscherei.«
»Nein. Sie sind Pascher.«
»Beweise es!«
»Die Polizei wird es ihnen schon noch beweisen!«
»Darauf kannst Du lange warten. Wenn Du nichts weiter gegen sie hast, so kannst Du lieber schweigen.«
»Er ist zu alt.«
»Unsinn! Ein Mann ist nie zu alt für eine Frau. Ihr Weiber müßt erfahrene Männer haben, die es verstehen, Euch straff in den Zügeln zu halten.«
»Er ist der häßlichste Kerl im ganzen Lande!«
»Das ist nur vortheilhaft für Gisela. Er wird es dankbar anzuerkennen wissen, daß er eine schöne Frau bekommt. Er wird sie auf seinen Händen tragen.«
»Er gilt für dumm; aber er ist es nicht. Er ist heimtückisch und hinterlistig und zu allen Schlechtigkeiten fähig!«
»Das ist Verleumdung.«
»Nein; es ist wahr!«
»Schweig! Was ich sage, das hast Du zu glauben!« donnerte er.
»Und Gisela kann ihn nicht ersehen!«
»Ach, das weißt Du so gewiß?«
»Ja.«
»Hast Du sie etwa schon gefragt, ob sie ihn haben will?«
»Das ist nicht nöthig. Es ist genug von ihm gesprochen worden, daß ich wissen kann, was sie von ihm denkt.«
»Was sie von ihm denkt, das kann hier gar nicht in Betracht kommen. Die Sache ist abgemacht und kann nicht zurückgenommen werden.«
»Um Gotteswillen! So hast Du mit den Osecs schon gesprochen?«
»Natürlich! Ich habe Dir ja bereits gesagt, daß die Angelegenheit vollständig abgemacht ist. Nachher, zur Kaffeezeit, werden Beide kommen.«
»Vater und Sohn? Zu uns?«
»Ja, und auch die Mutter mit. Du freust Dich doch auf sie?«
»Freuen! Freuen soll ich mich!«
»Nun, Du kannst mit der Alten einen schönen, interessanten Klatsch beginnen. Das ist ja Euer größtes Vergnügen. Natürlich wirst Du Alles auftragen, was Du vermagst, denn es ist die Brautschau.«
»Brautschau! Mein Himmel! Und das ist ausgemacht worden, ohne mir ein Wort zu sagen!«
»Das war nicht nöthig.«
»Aber ich brauchte es doch nicht erst im letzten Augenblicke zu erfahren!«
»Pah! Je später ich Dirs sagte, desto besser, denn je früher Du es erfahren hättest, desto eher hätte die Lamentation begonnen.«
»Für Das, was Du da sagst, finde ich keine Worte. Wenn Du das Glück Deines Kindes so verschacherst, so mag es auf Dein Gewissen zu liegen kommen. Aber mir es bis zu diesem Augenblicke zu verschweigen, das ist die reine Hinterlist und Heimtücke!«
»Was?« brüllte er auf. »Hinterlist und Heimtücke! Das sagst Du mir, mir, mir! Ah, ich habe Dich gewarnt. Hier, schau zu, wie die Heimtücke zu fühlen ist!«
Er holte aus und versetzte ihr einen Faustschlag, daß sie niederstürzte.
»Und merke es Dir,« fügte er hinzu, »wenn Du Dir gegen die Osecs durch ein Wort oder auch nur einen Blick merken lässest, daß der Besuch Dir nicht angenehm ist, so schlage ich Dich vor ihren Augen so lange, bis Du den Stephan gradezu bittest, die Gisela zu heirathen! Das ist mein letztes Wort.«
Er verließ die Stube und stieg die Treppe hinab. Unten im Hausflur angekommen, warf er ganz zufällig einen Blick zur Thür hinaus, und da bemerkte er einen Menschen, welcher sich mit langsamen Schritten dem Gute näherte. Sogleich trat er zur Thür hinaus, um denselben zu erwarten.
Der Kerl schien einer jener Slavonier zu sein, wie sie als Drahtbinder und Blechhändler allüberall herumziehen. Er hatte enge Hosen an, einen kurzen Mantel übergeworfen und ein schmalkrämpiges Hütchen auf. Er trug eine Anzahl Töpfe, Tiegel, Reibeisen, Mausefallen und anderes Draht- und Blechgeschirr auf dem Rücken. Seine Haare hingen wirr und lang bis auf die Schultern herab, und sein Aussehen war so schmutzig und verwildert, daß man sich leicht vor ihm fürchten konnte.
Als er den Bauer erblickte, kam er schneller herbei, griff an seinen Hut und grüßte in dem zechisch-slowenischen Idiome:
»Dobry den pane Kery! Tesi ma, ze se s wami sbledam – guten Tag, Herr Kery! Es freut mich, Ihnen zu begegnen!«
Dabei suchten seine Augen verstohlen nach rechts und links, ob er vielleicht von noch irgend Jemand bemerkt werde.
»Halts Maul, Usko!« antwortete der Bauer unwirrsch, »Du weißt, daß ich Deine fremde Schlabberei nicht verstehe.«
»Ich habe gegrüßt,« meinte der Slowak nun in geläufigem Deutsch.
»So rede deutsch, Kerl!«
»Haben Sie keine Arbeit für mich? Töpfe oder Schüsseln einzustricken, Herr?«
»Mach keinen Unsinn! Wir sind allein. Es hört uns Niemand. Also können wir sprechen. Aber mach die Sache kurz. Wo ist Zerno?«
»Noch auf der Suche, Herr.«
»Bringst Du Nachricht?«
»Ja, eine sehr gute. Morgen grad um Mitternacht dürfen Sie kommen.«
»Schön! Das paßt sehr gut, denn morgen bekomme auch ich neue Waare. Da können wir gleich umtauschen. Wann wird Zerno kommen?«
»Noch heut Abend. Darf ich bei Ihnen übernachten?«
»Ja. Kannst im Heu schlafen. Aber jetzt am Tage ist es mir lieb, wenn Du mein Gut noch meidest.«
»So werde ich gehen und am Abend wiederkommen. Bohu was poraucim; do opet wideni – Gott befohlen: auf Wiedersehen!«
»Willst Du schweigen mit Deinem fremden Geschwätz!«
»Es ist besser, die Leute denken, ich kann nicht gut Deutsch, Adieu, Herr!«
Er machte sich von dannen, und der Bauer trat wieder in das Haus. Grad in diesem Augenblicke kamen Ludwig, der Knecht, und seine Mutter aus der Wohnstube.
»Nun, seid Ihr fertig mit Klatschen?« fragte Kery.
»Wollen Sie mir verbieten, mich mit meiner Mutter zu unterhalten?« antwortete Ludwig.
»Schau Du lieber nach den Pferden!«
»Das werde ich wohl thun.«
»Und sorge dafür, daß Platz für zwei Fremde ist! Wir bekommen Besuch.«
»Weiß schon. Die Osecs kommen zu Dreien angefahren.«
»Haben sie es Dir wirklich gesagt?«
»Wüßte ich es sonst?«
»Wie kommen sie dazu, Dir das mitzutheilen, he?«
»Vielleicht ists besser, wenn Sie sie selber fragen.«
»Kerl, wenn Dein Herr fragt, hast Du zu antworten! Was hast Du mit ihnen zu schwatzen! Nur deshalb bist Du so spät zurückgekommen. Ich werde Dich unter ein strenges Kommando nehmen müssen.«
»Je strenger es ist, desto lieber ists mir. Als Unterofficier liebe ich die Strenge. Komm, Mutter!«
Er nahm seine Mutter bei der Hand und ging nach dem Stalle. Der Bauer blieb zornig stehen, hatte aber seinen besondern Grund den Knecht nicht gegen sich aufzubringen. Als jetzt Gisela mit verklärtem Gesicht aus der Küche trat, verfinsterte sich das seinige noch viel mehr.
»Was ziehst für einen Fratz?« fragte er. »Du machst doch ein Gericht, als ob Du die ganzen Lottogewinne verschluckt hättest!«
Früher war sie auf eine solche Anrede still davon gegangen, jetzt aber blieb sie vor ihm stehen und antwortete:
»Ich hab freilich einen sehr großen Gewinn gemacht.«
»So? Welchen denn?«
»Den allergrößten.«
»Schwatz nicht in Räthseln!«
»Nein. Den Gewinn wirst Du wohl heut noch erfahren. Wo ist die Mutter?«
»Droben in meiner Stube. Kannst hinaufgehen und ihr jammern helfen.«
Ihr Gesicht nahm schnell einen besorgten Ausdruck an.
»Was ist mit ihr?« fragte sie.
»Frag sie selber! Dann wirst Du zugleich Etwas erfahren, was Dir große Freude machen wird.«
»Diese Freude wird nicht groß sein,« sagte sie, ihm ruhig und voll in das Gesicht blickend.
»Hör nur erst, was es ist!«
»Das ist nicht nöthig. Ueber so einen Bräutigam werde' ich nicht vor Freude närrisch.«
»Bräutigam? Wen meinst Du?«
»Den hübschen Osec. Da hast Du ein Meisterstück gemacht, Vater!«
»So? Woher weißt Du denn überhaupt davon?«
»Welche Frage! Ich als Braut werde es doch wissen, daß der Bräutigam kommt! Was denkst Du denn von mir! Ich bin ganz entzückt über diesen Besuch.«
Sie machte ihrem Vater einen Knix und eilte fort, zur Treppe hinauf. Sie hatte in ungewöhnlicher Freundlichkeit gesprochen. Er wurde dadurch förmlich verblüfft.
»Habe ich denn recht gehört?« fragte er sich. »Ironie war das nicht. Dazu war ihr Gesicht zu aufrichtig, und das würde sie auch nie wagen. Aber wirklich und aufrichtig kann ihre Freude doch auch nicht sein, denn das ist ja rein unmöglich.«
Er sann noch einige Augenblicke über ihr Verhalten nach, konnte sich aber dasselbe nicht anders erklären als:
»Es geht manchmal ganz verkehrt zu in der Welt, und grad das, was man am Allerwenigsten denkt, geschieht am Leichtesten. Sollte sie heimlich in den Stephan verliebt sein? Man hat ja oft das Beispiel, daß sich das schönste und gescheidteste Mädchen in den albernsten und häßlichsten Kerl verlieht. Wäre das der Fall, so wollte ich gern damit zufrieden sein. Werden sehen, werden schon sehen!«
Er ging nach dem Garten, von welchem aus die Straße zu überblicken war, auf welcher der erwartete Besuch herbeikommen mußte.
Indessen war Gisela oben bei ihrer Mutter eingetreten. Diese saß auf dem Stuhle, das Gesicht in die Hände gelegt, und weinte bitterlich.
»Mutter, meine liebe Mutter, Du weinst!« rief sie. »Warum denn?«
Sollte die Mutter der Tochter sagen, wie roh sie vom Vater behandelt worden sei? Nein.
»Warum ich weine?« antwortete sie. »Ach, Gisela, wenn Du es wüßtest!«
»Ists gar so schlimm?«
»Das Allerschlimmste, was es nur geben kann.«
Die Tochter betrachtete die Mutter genauer. Der Hieb, den die Letztere erhalten hatte, hatte eine Spur zurückgelassen, welche Gisela jetzt bemerkte.
»Um Gotteswillen! Der Vater hat Dich geschlagen!« entfuhr es ihr.
»Nein, Kind! Wie kannst Du so Etwas nur denken!«
»Nur denken? Meinst Du, wir Alle wüßten es nicht, daß er Dich zuweilen mißhandelt?«
»Was? Wie? Ihr wißt es?«
»Ja, Mutter. Ich habe es Dir noch nicht gesagt, um Dich nicht zu betrüben. Jetzt aber, da ich es ganz genau an Deiner Wange sehe, kann ich es nicht mehr verschweigen. Nicht wahr, er hat Dich geschlagen?«
»Er war zornig, sonst hätte er es nicht gethan, mein Kind.«
»Also doch! Meine Mutter geschlagen. Mein lieber Gott! Und zwar meinetwegen!«
»Warum vermuthest Du das?«
»Ich weiß es. Du hast ihm widersprochen. Du hast es nicht dulden wollen.«
»Was denn?«
»Daß ich den Osec nehmen soll.«
»Wie! Du weißt es bereits?«
»Ja. Ludwig erzählte es seiner Mutter, und ich belauschte es. Die Osecs haben es ihm gesagt, daß sie kommen werden, zur Versprechung wohl bereits.«
Die Bäurin trocknete ihre Thränen, blickte die Tochter verwundert an und sagte:
»Und das sagst Du so lachenden Muthes!«
»Ist dieser Stephan es denn werth, daß ich seinetwegen nur eine einzige Thräne vergieße?«
»Nein, gewiß nicht!«
»Nun, so laß mich also lachen!«
»Aber, Kind, ich begreife Dich nicht! Ich habe dem Vater widersprochen, bis er mich sogar schlug. Ich habe es für ein gräßliches Unglück angesehen, und Du lachst!«
»Weil es mir wirklich lächerlich ist, zu denken, daß ich diesen Menschen heirathen soll.«
»Aber dem Vater ist es Ernst, wirklicher und wahrhaftiger Ernst!«
»Das glaube ich wohl.«
»Und er wird Dich zwingen, einzuwilligen!«
»Das glaube ich nicht.«
»Höre, Gisela, Du weißt, daß er es nicht duldet, ihm zu widersprechen.«
»Und ich werde ihm doch widersprechen.«
»So wird es so lange entsetzliche Scenen geben, bis er Dich zwingt, Ja zu sagen.«
Jetzt nun nahmen die Züge Gisela's einen ernsten Ausdruck an. Sie antwortete:
»Ja werde ich nicht sagen, nun und nimmermehr. Ich würde mich eher in das Wasser stürzen, als mich von diesem Menschen anders berühren lassen als wie Einen ein Jeder berühren darf.«
»Aber der Vater wird Dich zwingen! Ich wiederhole es.«
»Nein, und abermals nein, und tausendmal nein! Es wird keine Scenen geben. Darauf kannst Du Dich verlassen. Ich werde mich mit dem Vater gar nicht zanken. Ich bin ihm bis heut in Allem gehorsam gewesen; hier in diesem Falle würde der Gehorsam der reine Selbstmord sein.«
»Was willst Du denn aber thun?«
»Das weiß ich noch nicht genau. Ich will es mir noch überlegen. Nur das weiß ich, daß ich mich nicht zanken werde. Mit offenem Widerstand kommt man beim Vater nicht aus. Ich muß erst mit meinem Verbündeten reden.«
»Hast Du einen solchen?«
»Ja.«
»Wer könnte das sein?«
»Ludwig.«
»Der? Dein Verbündeter?«
»Ja, ohne daß er es weiß. Ich hörte, daß er zu seiner Mutter sagte, er werde es nicht dulden, daß der Osec mich bekomme. Und ich glaube, er weiß ein Mittel, den Vater von seinem Vorhaben abzubringen.«
»Welches wäre das?«
»Das weiß ich selbst noch nicht, werde es aber hoffentlich recht bald erfahren. Komm also herab, Mutter. Wir wollen den Kaffee fertig machen. Und dann, wenn die Osec kommen, sind wir so freundlich gegen sie, daß der Vater ganz irr werden muß an uns!«
»Kind, ich möchte schon jetzt ganz irr an Dir werden. Du bist ja wie ganz umgewechselt!«
»Das bin ich auch. Dieser Stephan soll sich verrechnet haben.«
»Vielleicht bist Du es, die sich verrechnet!«
»Nein, nein. Es ist doch ganz unmöglich, daß ich ihn heirathe, denn – denn – – –«
»Denn – – Nun, was denn?«
»Denn ich weiß bereits einen Andern.«
»Was? Wie? Hast Du etwa einen Schatz, ohne daß ich es ahne?«
»Nein.«
»Aber Du redest doch von einem Andern!«
»Ja freilich. Er ist mein Schatz nicht, aber ich habe ihn unendlich lieb und er mich auch. Du siehst also, daß der Osec heut umsonst kommt.«
Da schlug die Mutter die Hände zusammen, schüttelte den Kopf und sagte staunend:
»Mädchen, Du bist wirklich ganz plötzlich eine vollständig Andere geworden. Ich kenne Dich gar nicht mehr!«
»Das glaube ich wohl. Wenn ich nicht ich selber wäre, würde ich mich auch nicht mehr kennen.«
»So sag mir doch, wer der Andere ist!«
»Willst Du es wirklich wissen?« meinte das schöne Mädchen in schäkerndem Tone.
»Natürlich!«
»Es ist kein Reicher.«
»O weh! Da giebts der Vater im ganzen Leben nicht zu.«
»Darüber mache ich mir jetzt noch keine Sorgen. Wenn er auch kein Vermögen besitzt, so ist er doch hübsch, brav und arbeitsam. Weißt Du, ich will es Dir sagen!«
Und die Mutter umarmend, näherte sie dem Ohre derselben ihre Lippen und flüsterte:
»Der Ludewig ists.«
»Mädchen!« fuhr die Bäuerin auf.
»Du erschrickst wohl gar?«
»Natürlich.«
»Bist Du gegen ihn?«
»Davon ist keine Rede. Seine Armuth ist bei mir kein Hinderniß, aber der Vater, der Vater!«
»Den fürchte ich nicht mehr, seit ich weiß, daß Ludewig mich lieb hat.«
»Er hat es Dir aber doch noch nicht gesagt, wie Du vorhin sprachst!«
»Wir haben freilich noch kein Wort darüber gesprochen. Aber ich hörte es, als er seiner Mutter erzählte, wie lieb er mich habe. Er weiß, daß er mich niemals bekommen kann und hat doch meinetwegen so lange Zeit bei uns gedient. Er hätte sich beim Militär eine Anstellung erdienen können, ist aber lieber wieder zu uns gekommen, um nur in meiner Nähe sein zu können. Ist das nicht schön von ihm?«
»Wenn er das Deinetwegen gethan hat, so muß er Dich freilich sehr, sehr lieb haben.«
»Nur meinetwegen. Mutter, meine gute Mutter, bist Du bös, daß ich ihn so lieb habe?«
Sie schlang die Arme um die Bäuerin und legte ihr Köpfchen an deren Herz.
»Nein, mein Kind! Wie könnte ich Dir bös sein. Ists denn ein Wunder, daß er Dich lieb hat und Du ihn wieder? Er ist als armer Junge von der Schule weg zu uns gekommen. Damals warst Du noch ein kleines Mädchen, und er hat Dir bereits in jener Zeit so viel Gutes gethan.«
»Ja, ich habs gewußt, daß ich ihm herzlich gut bin; aber ich habe nicht gedacht, daß er mich wieder liebt. Wäre er reich, so würde der Vater nicht dagegen sein. Und auch Dir wäre ein Reicher vielleicht lieber.«
»Nein, mein Kind. Wenn ich für Dich wählen sollte und die Wahl zwischen einem Reichen und einem Armen hätte, denen Du gleich gut wärst, so würde ich mich für den Letzteren entscheiden.«
»Ist das wahr?«
»Ganz gewiß. O, ich habe auch alle Ursache dazu!«
»Wegen des Vaters?«
»Ja. Er war der Reichste im Ort und darum auch allen Andern voran. Das gefiel mir. Wäre er nicht reich gewesen, so hätte er mehr Bescheidenheit gezeigt und mir dummen Dinge nicht so gut gefallen. Ludwig ist ein tüchtiger Oberknecht und wird ein ebenso tüchtiger Landwirth werden. Du wirst von heut an mit dem Vater viel zu kämpfen haben. Wie Du Dich dabei verhalten willst, das weiß ich freilich nicht, aber ich weiß desto gewisser, daß ich Dir aus allen Kräften beistehen werde. Doch jetzt haben wir keine Zeit, über diese Sachen zu sprechen. Wir müssen in die Küche. Komm, Gisela, komm! Später sind wir ungestörter als jetzt.«
Als sie in die Küche kamen, fanden sie Ludwig dort, welcher seine durchnäßten Kleider an den heißen Ofen aufhängen wollte, und um die Erlaubniß bat, dies thun zu dürfen.
»Wie sind sie denn so naß geworden?« fragte die Bäurin.
»Ich sprang in das Wasser.«
»Warum?«
»Die Osecs werden nachher kommen; diese können es vielleicht besser erzählen als ich.«
Weiter brachten sie nichts aus ihm heraus.
Als der Kaffee dampfend auf den beiden Tischen stand, versammelten sich Herrschaft und Gesinde wieder in der Wohnstube. Ludwig hatte seine Mutter nicht mitgebracht, um sie nicht abermals der beleidigenden Behandlung des Kery-Bauers auszusetzen.
Da hörte man eine Peitsche knallen und sodann das Rollen eines Wagens, welcher draußen vor der Thür hielt.
»Holla!« rief eine laute, scharfe Stimme. »Ist Niemand da, uns zu empfangen.«
»Rasch hinaus zu den Pferden!« befahl der Bauer. »Die Osecs sinds.«
Ludwig sprang auf, um hinaus zu eilen.
»Halt!« gebot Kery. »Du nicht. Du heut zum Festtag mit Deinen Lumpen auf dem Leib! Was sollte da der Besuch denken! Es ist eine Schande, daß Du hier in der Stube sitzest. Mach, daß Du Deinen Kaffee trinkst, und scheere Dich dann zum Teufel!«
Die andern Knechte eilten fort, um Pferde und Wagen zu besorgen. Der Bauer ging natürlich auch hinaus, um die Angekommenen zu begrüßen. Er brachte sie herein.
Die beiden Osecs, Vater und Sohn, waren einander außerordentlich ähnlich, zumal sie ganz dieselbe Kleidung trugen, wie sie in jener Gegend gebräuchlich ist – schwarze, enge Lederhosen mit hohen Schaftstiefeln darüber, rothe Sammetwesten mit blinkenden Metallknöpfen und eine kurze Jacke ohne Schöße.
Beide waren lang und hager; Beide hatten dünne, scharfe Gesichtszüge und die Haut voll großfleckiger, häßlicher Sommersprossen. Das Haar des Jungen war semmelblond und struppig, das des Alten grau und ganz kurz verschnitten. Beide hatten dieselbe Physiognomie, das Gesicht des Fuchses, welcher sich Mühe giebt, ungefährlich zu erscheinen. Dabei war das Auftreten des Sohnes ein außerordentlich dummdreistes. Häßlich, sehr häßlich waren Leide. Das konnte gar nicht geleugnet werden.
»Da ist unser Besuch,« sagte der Kerybauer. »Meine Frauen heißen Euch willkommen.«
»Wers glaubt!« lachte der alte Osec.
»Warum wollen Sie es nicht glauben?« fragte Gisela im munteren Tone. »So angesehene Leute sieht man nur zu gern kommen.«
»Wettermädel, Du gefällst mir! Komm, gieb mir Deine Hand!«
Sie streckte sie ihm entgegen. Er drückte sie ihr und schob sie dann seinem Sohne zu.
»Siehst Du auch den gern kommen?«
»Natürlich! Ein Junger ist Einem allemal lieber als ein Alter.«
»Glaubs! Wenn er Dir wirklich lieber ist, so gieb ihm keine Hand, sondern einen Kuß!«
»Den kann er ganz gern haben.«
Sie hob wirklich das hübsche Gesichtchen zu dem langen Burschen empor. Dieser war schnell bereit, diesen so unerwarteten Genuß in Empfang zu nehmen, und bückte sich nieder. Mit gespitztem Munde und halb geöffneten Lippen wollte er sie küssen. Da aber hob sie blitzschnell die Hand und schob ihm Etwas in den Mund.
»Da ist der Kuß!« lachte sie.
Er fuhr zurück, starrte sie überrascht und enttäuscht an, kaute, sprudelte und spuckte dann den Gegenstand aus.
»Pfui Teuxel!« rief er. »Was war das?«
»Dreierlei. Schmeckt es nicht?« fragte sie.
»Wie verflucht. Für so einen Kuß muß ich danken!«
»Ist nicht nothwendig. Es war Butter, Pfeffer und Petroleum. Ich hab mir einen Vorrath gemacht davon. Vielleicht bekommst Du später wieder Appetit.«
Die Knechte und Mägde lachten, daß es schallte.
»Was habt Ihr zu feixen!« zürnte der Kery-Bauer. »Und Dir, Mädchen, sage ich, daß ich mir so dumme Witze gegen einen geladenen Gast verbitte!«
»Laß sie; laß sie nur!« beruhigte ihn der alte Osec. »Was sich liebt, das neckt sich. Das ist eine alte Sache. Du mußt es doch auch wissen, denn Du bist ja auch mal jung gewesen.«
»Aber solche Küsse haben wir uns damals doch nicht geben lassen!«
»Andre Zeiten, andre Sitten! Vielleicht ist jetzt Pfeffer und Petroleum an der Mode. Aber da sehe ich ja den Ludwig. Grüß Dich Gott, Bursche! Hast auch die Kleidung umgewechselt?«
Er reichte ihm die Hand.
»Was geht Dich Dem seine Kleidung an!« sagte der Hausherr zornig. »Soeben habe ich ihn ausgezankt, daß er sich an einem Festtag Nachmittags, an welchem man noch dazu so liebe Gäste bekommt, in dieser Kleidage herzusetzen wagt.«
»Was? Ausgezankt ist er worden? Das hat er nicht verdient.«
»So? Warum denn?«
»Das wirst Du wohl wissen.«
»Ich weiß gar nichts.«
»Hat er nichts erzählt?«
»Kein Wort. Diesem Kerl möchte man eine jede Silbe abkaufen.«
»Das ist nicht nöthig,« fiel da Ludewig ein. »Wenn es nöthig und am rechten Platze und in der richtigen Zeit ist, weiß ich schon auch zu reden; aber schwatzen ist freilich nicht meine Angewohnheit. Hätte ich von der Sache erzählt, so wäre es herausgekommen, als ob ich mich rühmen wollte.«
»Wenn Du nicht schwatzhaft bist, warum schwatzest Du da jetzt?«
»Weil es an der Zeit war.«
»Das finde ich nicht. Und rühmen? Ich möchte wissen, wessen Du Dich rühmen könntest.«
»Zanke nicht! Er hat Recht!« erklärte der alte Osec. »Wenn er nicht gewesen wäre, ständen wir Beide nicht hier.«
»Warum?«
»Weil wir da ersoffen wären.«
»Unsinn! Ersoffen!«
»Freilich. Er sprang uns nach und holte uns Beide heraus.«
»Wo? Und wie sollte das geschehen sein?«
»Wir fuhren die beiden neuen Füchse zum ersten Male aus. Das sind zwei höllische Bestien. Sie gingen uns durch.«
»Euch? Hahahaha! Das konnte mir wohl nicht passiren!«
»Vielleicht noch leichter als uns! Kurz und gut, sie gingen uns durch. Es war uns geradezu unmöglich, sie zu halten. Sie rannten in Carrière dem Flusse zu. Alles, was wir thun konnten, war, sie nach der Brücke zu bringen. Aber das verschlimmerte die Sache. Sie rissen das Geländer fort und stürzten mit dem Rollwägelchen, in welchem wir saßen, in das tiefe Wasser hinab.«
»Donnerwetter! Das ist ja geradezu lebensgefährlich!« rief Kery.
»Ja, schön war es freilich nicht.«
»Was habt Ihr denn da gemacht?«
»Nichts? Was wollten wir machen? Wir waren ja vor Entsetzen ganz und gar starr. Ich weiß nur, daß ich, als der Wagen gegen das Geländer flog, aus demselben hinab und in das Wasser geschleudert wurde.«
»Und ich auch,« fügte der Junge bei. »Der Vater rechts und ich links.«
»Da ist's geradezu ein Wunder, daß Ihr lebendig hier steht!«
»Ja, das ist richtig. Und dieses Wunder hat Euer Ludewig vollbracht. Er kam auf seinem Wagen aus der Stadt, uns entgegen. Er sah vom Weiten die ganze Geschichte und trieb seine Pferde an, um schnell herbeizukommen. Als er den Fluß erreichte, hielt er an, sprang aus seinem Wagen heraus und direct in das Wasser hinein. Das heißt, gesehen habe ich das nicht, denn ich war bereits dreiviertel todt. Ich bin kein Schwimmer, denn ich hab all mein Lebtage zu viel Knochen gehabt, welche gleich untergehen. Ich schluckte also riesig Wasser und verschwand rasch in der Tiefe. Natürlich verlor ich den Verstand. Als ich ihn wiederfand, lag ich am Ufer und mein Junge da neben mir. Bei ihm aber war der Verstand noch nicht wieder da.«
»Vielleicht kommt er später noch, in einigen Wochen oder Monaten,« bemerkte Gisela.
»Schweig, Mädchen!« zürnte ihr Vater. »Das ist doch eine ganz verfluchte Geschichte gewesen! Da stand das Leben auf dem Spiele!«
»Nicht blos auf dem Spiele, sondern es hing nur noch an einem einzigen dünnen Faden,« antwortete der alte Osec. »Der Ludewig hat uns die Haut so lange geklopft und gerieben, bis wir wieder lebendig geworden sind.«
»Und die Pferde? Die sind doch jedenfalls ersoffen?«
»Ein Wunder wäre es nicht, dort in der tiefen, reißenden Stelle. Aber zum größten Glücke war es ein ganz leichter Wagen. Die Thiere haben sich oben erhalten, bis der Ludewig uns Beide am Ufer hatte. Sodann ist er wieder hineingesprungen, und es ist ihm gelungen, auch noch das Gespann herauszuwürgen.«
»Drum, drum also war er so naß und dreckig geworden! Kerl, konntest Du das nicht sagen!«
Dieser letztere Zuruf war an Ludewig gerichtet. Dieser antwortete in sehr gleichmütigem Tone:
»Wenn ich nicht gleich in so patziger Weise empfangen worden wäre, hätte ich es vielleicht erzählt. So aber verging mir jede Lust dazu.«
»Du hast ja zweien Menschen und dazu auch zweien Pferden das Leben gerettet. Du wirst die Rettungsmedaille bekommen.«
»Für die Menschen oder für die Pferde?«
»Natürlich für uns, für uns!« erklärte Osec, der Vater, in bestimmtem Tone. »Du mußt ein ganz verteufelter Schwimmer sein!«
»Ich schwimme leidlich.«
»So hast Du nicht solche Knochen wie wir. Es mag für einen Schwimmer nicht schwer sein, eine solche That zu vollbringen, aber ich werde Dich dennoch belohnen.«
»Ist nicht nöthig. Danke!«
»Pah! Es soll mir Keiner nachsagen können, daß ich mich, meinen Jungen und zwei Pferde habe umsonst retten lassen. Ich wollte Dich gleich belohnen, aber Du machtest mir gar zu schnell von dannen. Hier, nimm, Ludewig!«
Er zog den Beutel, griff hinein und gab dem Knecht zwei Zettel in die Hand. Das that er in einer Weise und mit einer Miene, als ob er ein Königreich verschenke.
Ludewig betrachtete die beiden Zettel und sagte:
»Herr Osec, das kann ich nicht annehmen!«
»Warum nicht?«
»Es ist zu viel.«
»Wie? Zu viel? Sollte ich mich vergriffen haben?«
»Jedenfalls.«
»Was habe ich Dir gegeben?«
»Zwei ganze, volle Guldenzettel.«
»So habe ich mich doch nicht vergriffen.«
»Wirklich? Zwei Gulden wollten Sie mir geben?«
»Ja.«
»Die kann ich nicht annehmen. Es ist wirklich zu viel.«
»Närrischer Kerl! Behalte es doch! Ich kann es ja geben. Ich bin der Mann dazu!«
»Und dennoch. Ich bitte, es wieder zurück zu nehmen!«
»Nein, das thue ich nicht. Alles zurückzunehmen, dazu bin ich viel zu nobel. Dem Verdienste seine Krone! Wenn es Dir wirklich zu viel ist, so gieb mir den einen Gulden wieder und behalte den anderen.«
»Auch das kann ich nicht.«
»Warum aber denn?«
»Weil auch das noch zu viel ist.«
»Du bist mir ein ganz unbegreiflicher Mensch. Ich kann den Gulden ganz leicht verschmerzen. Das kannst Du mir glauben!«
»Möglich! Aber es verträgt sich mit meinem Gewissen nicht.«
»Nun, wenn Dein Gewissen dabei ins Spiel kommt, so muß ich Dir freilich den Willen thun. Ich bin bekanntlich ein guter Christ und werde mich also hüten, jemals Etwas zu thun, wodurch ein Anderer mit seinem Gewissen in Conflict gerathen könnte. Aber Deinen Lohn mußt Du auf alle Fälle haben. Wenn Dir ein Gulden zu viel ist, so gieb die beiden Zettel her.«
Ludewig that dies. Der Geizige steckte sie ein, suchte dann eine lange Zeit in seinem kleinen Silbergelde herum, gab ihm Etwas davon und sagte:
»So, das kannst Du wohl mit gutem Gewissen annehmen.«
»Nein, auch das nicht.«
»Warum?«
»Es sind doch fünfzig Kreuzer!«
»Ja, ein halber Gulden.«
»Das ist noch zu viel.«
»So behalte dreißig und gieb zwanzig heraus.«
»Immer noch zu viel.«
»Wie viel willst Du denn? Zwanzig?«
»Nein.«
»Donnerwetter! Wie viel denn?«
»Gar nichts.«
»Mensch, ich begreife Dich wirklich nicht, ganz und gar nicht! So Etwas macht man doch nicht ganz und gar umsonst!«
»Ich habe nichts zu verlangen. Ich habe es freiwillig gethan.«
»Und ich bezahle Dich freiwillig, obgleich Du nichts zu verlangen hast!«
»Ich nehme lieber gar nichts, als daß –«
Er hielt inne.
»Was denn? Was willst Du sagen?«
»Das wissen Sie nicht?«
»Nein.«
»Wirklich und wirklich nicht?«
»Wie kann ich es wissen? Hältst Du mich etwa für allwissend?«
»Nein, aber dennoch können Sie recht gut wissen, was ich meine. Ich will lieber gar nichts nehmen, als mich mit zwei lumpigen Gulden beleidigen lassen!«
»Oho! Pfeifst Du so!« fuhr Osec auf.
»Ja, so pfeife ich, und so würde ein Jeder pfeifen, welcher Ehre im Leibe hat.«
»Tu willst wohl gar mehr als zwei Gulden.«
»Nein. Ich habe Ihnen ja gesagt, daß ich gar nichts zu verlangen habe.«
»Ich gebe es Dir dennoch!«
»Sie dürfen es nicht so geben, daß die Gabe eine Beleidigung für mich ist.«
»Mensch, was fällt Dir ein! Ein Knecht muß froh sein, zwei Gulden zu erhalten!«
»So! Wieviel habe denn ich Ihnen gegeben?«
»Du? Mir? Gar nichts!«
»Sie irren sich. Ihre Pferde waren neu. Wieviel haben Sie dafür bezahlt?«
»Achthundert Gulden.«
»Nun, diese achthundert Gulden wären verloren gewesen, wenn ich die Pferde nicht herausgeschafft hätte. Und für diese achthundert Gulden geben Sie mir zwei! Und da rechne ich noch gar nicht, wieviel Ihr Leben werth ist und dasjenige Ihres Sohnes. Hätte ich das gewußt, so hätte ich die Pferde gerettet, weil mir die Thiere leid thaten, Sie aber hätte ich ruhig ersaufen lassen.«
»Mensch, Du wirst grob!«
»Nein, sondern ich sage Ihnen nur meine Meinung, Herr Osec. Hätten Sie mir die Hand gedrückt und gar kein Geld angeboten, so hätte ich mich gefreut. Aber mich mit zwei Gulden abfinden, für zwei Menschenleben, zwei Pferde und einen Wagen, welcher zertrümmert und zu Schanden geworden wäre, mit zwei Gulden, welche nicht einmal ausreichen, mir meinen Anzug wieder herstellen zu lassen, das ist lumpig! So Etwas thut man aber am Allerwenigsten dann, wenn man auf die Brautschau geht, um die einzige Tochter eines steinreichen Mannes zu angeln. Sie sind der reiche Herr Osec, aber nebenbei sind Sie auch ein Geizkragen und Filz ohne Gleichen. Wehe dem Mädchen, welches einen solchen Schwiegervater bekommt!«
Alle, Alle hatten sich darüber geärgert, daß der geizige Mensch seinen Lebensretter mit so einer Bagatelle abfinden wollte. Darum war diesem Keiner, selbst nicht sein eigener, sonst so strenger Herr, in die Rede gefallen. Und als dieselbe nun einen so unerwartet kräftigen Ausgang nahm, war es zu spät, dies zu verhindern und ihn zu unterbrechen. Als er die letzten Worte gesprochen hatte, ging er schnell hinaus. Noch bevor er die Thür schloß, vernahm er einen zornigen Ausruf der beiden Osecs. Dies ärgerte ihn aber keineswegs, sondern machte ihm nur Vergnügen.
Er hatte seiner Mutter gesagt, daß sie in dem hinteren Garten auf ihn warten solle. Sie war aber nicht zu sehen. Vielleicht hatte sie geglaubt, daß er nicht so schnell zurückkehren werde. Er setzte sich also auf eine von Sträuchern umgebene Bank und verfiel in ein trübes Nachdenken.
Das Gespräch mit seiner Mutter hatte ihm über seine Liebe, seine Hoffnungen und Befürchtungen die Augen geöffnet. Er hielt es noch jetzt, obgleich seine Mutter das Gegentheil behauptet hatte, für unmöglich, daß das reiche, schöne Mädchen seine Liebe erwidern könne. Daher sah er mit dem heutigen Tage einen Wendepunkt seines Lebens nahe getreten. Und das war jedenfalls nicht eine Wende zum Guten, zum Glücke.
Wurde Gisela gezwungen, den jungen Osec zu heirathen, so war seines Bleibens nicht länger. Ließ sie sich aber nicht zwingen, so gab es dennoch keine Hoffnung für ihn, glücklich zu werden. Auch dann war es für ihn am Besten, fortzugehen und nur seiner Mutter und seiner armen Schwester zu leben.
Ueberall zeigte sich der Himmel trübe und sein Horizont bewölkt. Würde es einmal einen Lichtstrahl geben, dem es gelänge, diese Wolken zu durchbrechen? Wohl kaum!
So saß er eine längere Zeit, ohne von irgend Jemand gestört zu werden. Da fiel sein umflorter Blick zufälliger Weise nach dem Eingange des Gartens, und da gewahrte er Gisela, welche hereintrat, gefolgt von dem jungen Osec. Beide kamen nach der Richtung, in welcher die Bank stand, auf der er saß.
Sollte er sich von ihnen sehen lassen? Nein! Aber fortgehen konnte er auch nicht, ohne von ihnen bemerkt zu werden. Es gab nur den einen Ausweg, sich hinter die Sträucher zu stellen, bis sie vorüber waren. Er that dies so schnell wie möglich.
Sie kamen näher. Er hörte des Mädchens helle, fröhliche, neckische und des Burschen scharfe Stimme.
»Du weißt also, weshalb wir kommen?« fragte der Letztere.
»Ja,« antwortete sie.
»So brauche ich es Dir nicht zu sagen?«
»Nein. Das hast Du nicht nöthig.«
»Und was sagst Du? Werden wir umsonst gekommen sein?«
»Gewiß nicht.«
»Gott sei Dank! So wird also der Handel gelingen?«
»Auf alle Fälle. Sie ist ja gar nicht theuer,« antwortete sie, sich zur Erde bückend, um eine Blume zu pflücken und dieselbe an ihren schönen, vollen Busen zu stecken.
»Sie ist gar nicht zu theuer?« fragte er gedehnt und im Tone der Befremdung.
»Gewiß nicht. Der Vater wird doch von Euch nicht mehr verlangen, als von anderen Leuten. Zwei oder drei Gulden.«
»Für wen denn?«
»Das fragst Du noch?«
»Freilich! Ich muß doch wissen, von was Du redest!«
»Nun, doch davon, wovon auch Du sprichst.«
»Das kann doch gar nicht sein!«
»So begreife ich Dich nicht. Du hast mich doch gefragt, ob ich wisse, weshalb Ihr heute zu uns gekommen seid.«
»Das habe ich gefragt, aber Du scheinst es nicht zu wissen.«
»O, sehr genau!«
»Nun, weshalb?«
»Wegen der jungen Ziege, die Ihr kaufen und mitnehmen wollt.«
»Ziege? Wann wäre denn von einer Ziege die Rede gewesen!«
»Also nicht?«
»Nein. Wir werden doch nicht Beide zu Wagen herüberkommen, um eine Ziege zu kaufen! Wir haben selbst mehrere.«
»Ach so! Da habe ich freilich falsch verstanden. Also kommt Ihr zum Besuch?«
»Ja und auch nein. Unser Besuch hat einen ganz besonderen Zweck.«
»Das ist schön, sehr schön.«
»Meinst Du?«
»Ja. Ich liebe die Menschen, welche einen Zweck haben, nämlich wenn es ein guter ist.«
»Der unserige ist ein sehr guter.«
»So wünsche ich, daß Ihr ihn erreichen mögt.«
»Ich weiß, daß wir ihn erreichen. Darum ist meine Mutter nicht gleich mit gekommen. Sie wird erst später kommen und da gleich die Verwandtschaft mitbringen.«
»Die Verwandtschaft? Wollt Ihr vielleicht ein Erbe eintreiben und unter einander vertheilen?«
»O nein, das ist es nicht. Es giebt ein Familienfest.«
»Wohl gar eine Kindtaufe?«
»Auch nicht.«
»Hochzeit?«
»Beinahe.«
»Das verstehe ich nicht.«
»Beinahe Hochzeit! Was heißt das?«
»Sage Du es lieber! Mir fällt das Rathen schwer. Weißt Du, ich habe in der Schule gar nicht viel gelernt.«
»Du stehst mir aber gar nicht darnach aus!«
»Schadet nichts. Es ist besser, man sieht klüger aus, als man ist.«
»Da hast Du freilich Recht. Also will ich es Dir sagen. Eine beinahe Hochzeit, das ist ein Verspruch, eine Verlobung.«
»Ach so! Also einen Verspruch wollt Ihr halten. Das ist sehr interessant. Wer soll denn verlobt werden? Etwa gar Du?«
»Ja.«
Sie waren an der Bank stehen geblieben. Gisela machte ein sehr erstauntes Gesicht und sagte:
»Du willst Dich verloben? Das ist gar kein übler Witz von Dir.«
»Wieso?«
»Weil ich weiß, daß Du Dich nur im Scherz verloben kannst. Im Ernst bringst Du das doch nicht fertig.«
»Nicht im Ernste? Warum denn nicht?«
»Weil Du nichts, gar nichts hast, was dazu gehört.«
»So! Nun sag doch einmal, was das ist!«
»Zunächst bist Du zu dumm?«
Sie sagte das mit solchem Ernste, daß er einen Schritt zurückwich.
»Gisela! Jetzt machst Du den Scherz!«
»O nein. Ich meine es im Ernste.«
»Ists wahr? Also ich bin zu – zu dumm?«
»Ja, zu dumm zur Verlobung.«
»Bist Du bei Trost!«
»Sehr bin ich bei Trost. Wer sich verloben will, muß doch eine Geliebte haben!«
Sie blickte ihn von der Seite forschend an, und als er nicht antwortete, fragte sie:
»Hast Du eine?«
»Ja.«
»Eine wirkliche Geliebte? Verstehe wohl, eine wirkliche Geliebte, mit welcher Du gesprochen hast und die Dir auch gesagt hat, daß sie Dich haben will?«
»Nein, so eine habe ich freilich nicht.«
»Nun, siehst Du, wie dumm Du bist! Du hast nicht einmal das, was man zur Verlobung am Allernothwendigsten braucht, eine Geliebte.«
»Die brauche ich nicht.«
»So! Du verheirathest Dich wohl mit – mit – der Ziege, die wir zu verkaufen haben?«
»Spotte nicht. Ein rechter und richtiger Bursch läßt die Eltern für sich wählen.«
»Das wäre mir ein Bursch! Den Kerl möcht ich nicht haben. Ein Bursch muß einen eigenen Willen und eine Schneid besitzen, dann ist man ihm gut, dann hat man Vertrauen zu ihm. Aber Einer, der sich bevatern und bemuttern läßt, der hat bei uns Mädchens kein Glück. Ich wenigstens möcht keinen solchen!«
»Wirklich nicht?« fragte er, beinahe erschrocken.
»Nein. Schau, ich bin ein Mädchen und kein Bube, aber meinen freien Willen habe ich doch. Ich will auch, wenn ich einmal heirathe, für mich selbst wählen. Sollte ich Einen nehmen sollen, den mein Vater für mich ausgesucht hat, so würde ich ihn grad darum nicht nehmen, selbst wenn ich ihn ganz gut leiden könnte.«
Er stand still vor ihr und blickte sie forschend an. Sein schon ohnedies häßliches Gesicht wurde noch abstoßender gemacht durch einen Zug von Heimtücke und Hinterlist, welcher jetzt in demselben zu bemerken war. Er mochte ahnen, daß sie diese Worte nur sage, um ihm die Gelegenheit zu der beabsichtigten Liebeserklärung abzuschneiden, und sann nun nach, wie er sich am Besten zu diesem klugen Schachzuge verhalten solle.
»So willensstark wärst Du?« sagte er.
»Ich bin keineswegs sehr energisch. Aber man heirathet aus Liebe, und wer nicht nach Liebe fragt und nach Liebe strebt, kann auch keine erhalten. Einen Menschen, der mich durch seinen Vater von meinem Vater begehrt, den mag ich nicht, denn er achtet und liebt mich nicht. Er behandelt mich wie eine Waare, wie ein willenloses Thier, welches man kaufen kann. Und ein Bursche, welcher mir schon als Mädchen keinen Willen zutraut oder vielmehr keinen Willen läßt, wie mag der mich erst später behandeln, wenn ich erst einmal seine Frau geworden bin!«
Er sah sehr wohl ein, wie Recht sie hatte. Darum fragte er:
»Also wenn zum Beispiel ich Dich haben wollte und ich schickte meinen Vater zu dem Deinigen, um Dich von ihm zu fordern, und beide Väter wären einverstanden, was thätest Du in diesem Falle?«
»Das, was ich soeben gesagt habe: Ich möchte Dich nicht.«
»Und wenn Dein Vater Dich zwingen wollte!«
»Ich würde mich nicht zwingen lassen.«
»So! Aber weißt Du, ein Vater hat Gewalt und Recht über die Tochter!«
»Nur so viel, wie ihm das Gesetz einräumt. Zur Heirath kann er mich nicht zwingen. Ich würde mich an das Gericht wenden und den Schutz desselben finden.«
»Donnerwetter!«
»Warum fluchst Du?«
»Hm! Davon nachher! Aber Dein Vater könnte Dich enterben!«
»Das möchte er thun. Ich fände sogleich eine Stelle oder einen Mann, mit dem ich glücklich sein kann. Aber wir sind von unserem Thema abgekommen. Ich habe gesagt. Du seiest zu dumm zum Heirathen. Das ist noch nicht Alles, denn Du bist auch zu häßlich dazu.«
»Bist Du des Teufels!«
»Nein, ganz und gar nicht. Ich sage die Wahrheit. Oder hast Du Dich noch niemals im Spiegel betrachtet?«
»Sehr oft.«
Karl May
Der Weg zum Glück. Vierter Band
Roman aus dem Leben Ludwig des Zweiten
»So mußt Du doch bemerkt haben, daß Du das Aussehen eines Menschen hast, der die personifizirte Häßlichkeit vorstellen soll.«
Er machte ein Gesicht wie ein Raubthier, welches bereit ist, auf seine Beute loszustürzen. Eine solche Offenheit war ihm noch gar nicht vorgekommen. Er rang förmlich nach Athem und antworte, vor Aerger stockend:
»Bin – bin – bin ich denn gar so sehr häßlich?«
»Ja, ungeheuer.«
»Alle Teufel! Schön seh ich freilich nicht; das weiß ich auch; aber daß ich so ein förmliches Scheusal bin, das habe ich nicht gedacht. Ich habe doch keine Verletzung oder so etwas Aehnliches im Gesicht!«
»Das fehlte auch grade noch. Uebrigens kann selbst das schönste Mädchen einen Mann lieb haben, wenn er auch nicht schön ist. Weißt Du, zur wirklichen Häßlichkeit reicht das Gesicht allein nicht aus. Da kommt auch die Seele mit in Betracht. Erst durch eine häßliche Seele wird auch das Gesicht wirklich häßlich.«
»Und meinst Du, daß ich so eine häßliche Seele habe?«
»Ja. Die Narben und Flecke, welche Du nicht im Gesicht hast, die hast Du in der Seele, in Deinem Herzen.«
»Das weißt Du?«
»Alle Leute wissen es. Und wenn es Niemand wüßte, so steht ja Alles auf Deinem Gesicht geschrieben, so deutlich, daß Jedermann es lesen kann.«
»Und was für Flecken sind das, he?«
»Hartherzigkeit, Hinterlist, Heimtücke, Gefühllosigkeit, Rücksichtslosigkeit, Falschheit und vor allen Dingen Feigheit. Derjenige, welcher einem Mädchen nicht sagen kann, daß er sie zur Frau begehrt, sondern hinter ihrem Rücken und ohne ihre Zustimmung sie von ihrem Vater erschachert, der ist eben ganz entsetzlich niederträchtig und feig.«
»So?« zischte er. »Und weißt Du etwa, daß ich das gethan habe?«
»Ja.«
»Woher?«
»Ihr seid doch gekommen, um Dich mit mir zu verloben.«
»Und wenn das wäre?«
»So hattest Du erst mich zu fragen, ob ich Dich will.«
»Unsinn! Ich weiß, daß Du mich nicht magst.«
»So ist es gradezu schurkisch, mich durch den Vater zwingen lassen zu wollen. Ein Menschenkind ist kein Hund, dem man irgend einen Herrn aufzwingen kann.«
»Und das sagst Du mir in all dieser Offenheit und Gemüthlichkeit.«
»Wie Du siehst und hörst!«
»Und mit lächelndem Gesichte!«
»Sehr gern sogar!« lachte sie. »Nun hoffe ich, daß Du meine Meinung kennst und den Gedanken, mich zur Frau zu haben, aufgeben werdest.«
Jetzt trat er um einen Schritt zurück, fixirte ihre schöne Gestalt mit verlangendem Blicke und antwortete in höhnischem Tone:
»Das wäre ja eine Beleidigung für Dich!«
»Wieso?«
»Wenn ich das thäte, würde ich Dich doch Lügen strafen.«
»Meinst Du wirklich?«
»Ja. Du sagst, ich sei ein schlechter Kerl. Thät ich Dir aber den Willen, so handelte ich als Ehrenmann, und da Du mich nicht für einen hältst, so machte ich Deinen Ausspruch zu schänden. Du sollst aber Recht behalten. Ich habe Dich lieb und will Dir dies dadurch beweisen, daß ich Dir den Willen lasse, mich für einen ehrlosen Menschen zu halten.«
»Das heißt. Du giebst mich nicht auf?«
»Ja.«
»Du wirbst trotzdem um mich?«
»Versteht sich! Ich werde gleich hineingehen zu unsern Vätern und dafür sorgen, daß ich das Jawort erhalte.«
»Das kannst Du erhalten, mich aber nicht.«
»Oho! Es giebt Mittel und Wege, Dich zu zwingen.«
»Und es giebt noch kräftigere Mittel und sichere Wege, Euch heimzuschicken.«
»Das magst Du denken, weil Du ein dummes, unerfahrenes Ding bist.«
»Selbst wenn man mich zwingen könnte, Deine Frau zu werden, so würdest Du an meiner Seite die Hölle auf Erden haben. Ich würde Dein Teufel sein.«
»O, ich fürchte den Teufel nicht. Du hast zwar gesagt, daß ich feig sei; aber da irrst Du Dich außerordentlich. Ich nehme es mit dem Teufel auf. Das kann ich Dir beweisen. Da Du sagst, daß Du mein Teufel sein willst, so will ich gleich jetzt Dir eine Probe meines Muthes geben. Ich werde den Teufel küssen. Wer das wagt, der ist doch nicht feig. Komm also her!«
Er trat auf sie zu, und sie wich zurück. Aber er war noch schneller als sie und ergriff sie beim Arme.
»Laß mich los. Elender! gebot sie. »Sonst rufe ich um Hilfe!«
»Hahaha! Der Teufel ruft um Hilfe. Und vor diesem Kerl soll ich mich fürchten! Heut ist die Verlobung, und die können wir sogleich hier feiern.«
Er riß sie an sich. Da erklang es hinter ihm:
»Bei einer Verlobung müssen Zeugen sein, hier ist gleich einer.«
Der freche Patron wendete sich erschrocken um.
»Ludewig!« rief Gisela erfreut.
»Der Ludewig!« wiederholte Osec. »Wie kommst Du hierher?«
»Durch die Gartenthür grad so wie Ihr. Aber Ihr seid so mit einander beschäftigt, daß Ihr keine Augen für Diejenigen habt, welche sich außer Euch im Garten befinden.«
»Und was willst Du da?«
»Was ich sagte: Zeuge Eurer Verlobung will ich sein.«
»Packe Dich fort! Scheere Dich zum Teufel!«
»Bei dem bin ich. Hier steht er ja!«
Er deutete bei diesen Worten auf Gisela.
»Auch das hast Du gehört? Kerl, ich glaube. Du hast uns belauscht!«
»Kann ich dafür, daß Ihr so laut redet, daß man ein jedes Wort durch den ganzen Garten vernimmt.«
»Wo hast Du gesteckt?«
»Das brauche ich eigentlich nicht zu sagen, denn Dir bin ich keine Rechenschaft schuldig, aber Gisela soll es wissen, daß ich da hinter dem Busche gestanden habe.«
»Mensch, das hast Du gewagt!«
»Willst etwa Du mir sagen, was ich hier bei uns zu thun und zu lassen habe?«
»Laß das Du! Für Dich bin ich Sie!«
»Mach Dich nicht lächerlich. Du nennst mich auch nicht Sie, und für einen solchen Burschen, wie Du bist, ist es eine große Ehre, von einem braven Kerl Du genannt zu werden.«
»Ah! Wenn ich nur erst Schwiegersohn sein werde, so ist das Erste, was ich thue, daß ich Dich aus dem Hause jage!«
»Unter dieser Voraussetzung bleibe ich ewig hier, denn Du wirst niemals der Schwiegersohn werden.«
»Meinst Du! Noch heut wirst Du fortgejagt.«
»Sollte mir lieb sein, denn da bekomme ich Dich nicht mehr zu sehen. Eine Freude kann man ja an Dir nicht erleben.«
»Merke Dir Alles, was Du gesagt hast. Jetzt aber packst Du Dich fort!«
»Auf Deinen Befehl? Fällt mir nicht ein!«
»Ich gebiete es Dir!«
Er trat drohend auf Ludwig zu. Dieser lachte laut auf.
»Du nimm Dich in Acht, daß Du nicht umfällst, wenn ich Dich anblase. Ein Dutzend von Deiner Sorte werf ich über den Zaun hinüber. Nicht wahr, Gisela?«
»Ja,« nickte diese lächelnd. »Ich möchte diesen Osec fliegen sehen, wenn er es wagen wollte, Dich anzugreifen. Uebrigens hast Du ganz Recht, daß er Dir gar nichts zu befehlen hat. Er ist fremd hier und wird von uns nur geduldet. Die Herrin bin ich.«
»Ja, und wenn Du mir gebietest, daß ich ihn fortschaffen soll, so wird er schon im nächsten Augenblicke mit Eilzug abdämpfen.«
»Nein, laß ihn! Er ists doch nicht werth, daß Du ihn berührst. Du hast ja nicht einmal die zwei Gulden genommen. Das war brav von Dir und hat mich herzlich gefreut, so sehr gefreut, daß ich Dir jetzt dafür ganz extra die Hand reichen muß.«
Sie gab sie ihm und schüttelte die seinige; dann fuhr sie fort:
»Und nun setz Dich her auf die Bank, Ludwig! Oder hast Du keine Zeit?«
»Für Dich immer. Das weißt Du ja.«
»Ich setze mich zu Dir. Es ist nur für Zwei Platz. Will Herr Osec ja noch dableiben, so mag er sich einen Platz suchen.«
»Droben auf dem Kirschbaume sind mehrere Plätze. Sein Nußhähergesicht paßt ausgezeichnet da hinauf.«
Das war selbst für den hartgesottenen Osec zu viel. Er ballte die Fäuste, streckte dieselben dem Sprecher entgegen und rief wüthend:
»Merke Dir auch das noch! Ich gehe jetzt hinein, und der Kerybauer mag herauskommen und sich das hübsche Liebespaar betrachten, welches hier beisammensitzt.«
Er stürmte fort.
»Hast Du Angst vor dem Vater?« fragte Gisela.
»Nein.«
»Vielleicht aber glaubt er es wirklich, daß wir ein Liebespaar seien.«
»Das mag er glauben. Wenn es Dich nicht stört, so stört es mich vollends gar nicht. Aber besser ists doch, wenn wir nicht beisammen sitzen.«
Er stand auf und blieb seitwärts vor der Bank halten.
»Du meinst also wirklich, daß der Vater herauskommen werde?« fragte sie.
»Er kommt jedenfalls.«
»So wird er seine Wuth jedenfalls an Dir zuerst auslassen.«
»Pah! Mag es immer thun. Mir ist es nur um Dich.«
»O, ich werde auch mit ihm fertig. Nun hast Du es also erfahren, weshalb wir heut diesen hübschen Besuch haben.«
Sie sagte das, um sich nicht merken zu lasten, daß sie sein Gespräch mit seiner Mutter belauscht habe.
»Ja, ich weiß es,« antwortete er.
»So einem Menschen will man mich verschachern! Aber ich werde mich wehren. Willst Du mir dabei helfen, Ludwig?«
»Von ganzem Herzen gern!« antwortete er, hocherfreut über dieses ihr Vertrauen.
»Aber es kann Dir Schaden bringen!«
»Immerhin! Ich habe doppelten Lohn. Du wirst Dich freuen, und die Osecs werden sich ärgern. Sag mir nur schnell, was ich machen soll, denn Dein Vater kann an jedem Augenblicke kommen.«
»Ich werde jedenfalls mit auf den Saal gehen müssen, um mit dem Osec zu tanzen. Gehst Du vielleicht auch?«
»Wünschest Du es?«
»Ja.«
»Gut, so bin ich dort.«
»Stell Dich bei Zeiten ein, damit ich nicht auf Dich zu warten habe. Und richte es so ein, daß Du immer in meiner Nähe bist. Wenn dann der Osec kommt, um mich zu engagiren, so kommst Du ihm stets rasch zuvor. Ich werde Dir dazu gern behilflich sein.«
Ein süßes, namenlos glückliches Gefühl durchfluthete ihn bei dieser Aufforderung.
»Weißt Du auch, was Du verlangst?« fragte er sie.
»Vollständig!«
»Ich, der Knecht, soll mit Dir, der Tochter seines Herrn tanzen!«
»Du bist ein braver Mensch. Ich schände mich nicht, wenn ich mit Dir tanze.«
»Aber ich soll dem Dir bestimmten Bräutigam den Weg zu Dir verlegen. Dein Vater wird darüber wüthend werden.«
»Ich fürchte ihn nicht. Dich aber wird er wohl fortschicken. Das ist freilich ein Opfer, welches ich nicht von Dir verlangen kann.
Sie blickte ihn dabei lächelnd an.
»O, noch viel, viel größere Opfer könnte ich Dir bringen. Wenn Du nur um mich besorgt bist, so bleibt es gern bei der Verabredung.«
»Gut, ich nehme es an. Vielleicht kann ich Dir dafür dankbar sein.«
»Ich beanspruche keinen Dank. Wenn ich Dir einen Gefallen thun kann, so verursacht mir das tausend Freuden. Aber darauf muß ich Dich aufmerksam machen, daß es vielleicht gar zu Thätlichkeiten kommen kann.«
»Das macht mir keine Bangigkeit, denn ich weiß, daß Du Dich nicht fürchtest.«
»Nein, wahrhaftig nicht!« lachte er. »Ich bin noch niemals auf dem Saale gewesen, aber die Burschen kennen mich, und die braven unter ihnen sind alle meine Freunde.«
»Das weiß ich ja, und darum habe ich keine Angst um Dich, lieber Ludwig. Also wir halten heut fest zusammen! Hier, die Hand darauf!«
Sie reichte ihm die Hand entgegen, die er ergriff. ›Lieber Ludwig‹ hatte sie ihn genannt, heut zum ersten Male. Wie ihn das beglückte. Er hätte für sie kämpfen mögen bis zum letzten Athemzuge.
Und grad als sie sich die Hände drückten, kam der Kerybauer mit den beiden Osecs in den Garten. Die Drei schritten sehr rasch auf die Bank zu.
»Was ist mir denn das?« rief der Bauer schon von Weitem. »Was habt Ihr Euch die Hände zu schütteln?«
»Wir haben uns ein Versprechen gegeben,« antwortete Gisela sehr ruhig.
»So! Darf man wohl erfahren, welches?«
»Warum nicht?«
»Nun, heraus damit!«
»Ludwig hat mir versprechen müssen, auch dann noch da zu bleiben, wenn der Osec als mein Mann hier eingezogen ist.«
Ihr Vater vermochte nicht sogleich zu begreifen, was sie beabsichtigte.
»Das ist wohl eine Lüge!« sagte er.
»Nein. Der Ludwig bleibt bei mir. Nicht wahr?«
Die Frage war an den Knecht gerichtet.
»Ja, ich bleib bei Dir,« antwortete dieser. »Ich habe es Dir versprochen, und mein Versprechen halte ich.«
»Da hast Du es, Vater. Er ist ein braver Dienstbote, mit dem Du immer zufrieden gewesen bist. Und weil er heut beim Essen sagte, daß er fortgehen werde, so habe ich ihn gebeten, zu bleiben.«
»Ist das auch wahr?«
»Natürlich! Du hast ja gesehen, daß er mir die Hand darauf gegeben hat.«
»Ich denk, Du willst von dem Osec hier gar nichts wissen!«
Die drei neu Angekommenen waren durch das Verhalten des listigen Mädchens vollständig dupirt.
»Ja, noch vorhin war ich entschlossen, zu widersprechen,« antwortete sie. »Der Bräutigam fing seine Sache gar zu ungeschickt an. Wenn man einen häßlichen Mann bekommt, kann man wenigstens dafür verlangen, daß er nicht auch noch dazu ein Dummkopf ist. Aber Ludwig hat mir gute Worte gegeben und mir die Sache in Güte erklärt. Er hat gesagt, daß der Mann immer anders werde, als er als Bräutigam sei, und weil der Vater es nun einmal will und ich nichts dagegen machen kann, ohne großes Aufsehen zu erregen, so bin ich entschlossen, einmal zu sehen, ob er das richtige Geschick hat, sich meine Zuneigung zu erwerben.«
Die Drei blickten sich sprachlos an. Endlich sagte Osec, der Sohn:
»Und wenn ich hier einziehe, dulde ich diesen Kerl doch nicht.«
»Halts Maul!« gebot der Kerybauer. »Hier bin ich der Herr, und Du hast Niemanden fortzujagen. Der Ludwig ist gut. Sei froh, daß er der Gisela in das Gewissen geredet und sie zum Gehorsam gebracht hat! Also, Mädchen, Du willst diesen Bräutigam haben?«
»Ja,« antwortete sie bereitwillig.
»So ist heut der Verspruch, sobald die Verwandten kommen.«
»Nur nicht so schnell,« lachte sie. »Erst muß ich wissen, ob er auch gut tanzen kann.«
»Na, wenn Du weiter keine Schmerzen hast, so kannst Du bald kurirt werden,« antwortete ihr Vater, ebenso lachend wie sie. »Gleich nach der Kirche wird die Musik beginnen. Wir warten, bis die Verwandten kommen und gehen dann mit ihnen hin. Ob wir vor oder nach dem Verspruch einen Oberländer stampfen, das ist egal. Und jetzt wird eine Flasche Wein aufgemacht. Kommt Alle herein! Und Du, Bursche, gieb Deiner Braut den Arm! Du hast das Recht dazu.«
Der jüngere Osec hielt unter einer plumpen Bewegung seinen Arm hin, und Gisela legte ihre Hand auf denselben. Beide schritten als Paar hinter ihren Vätern her.
Ludwig blieb stehen. Gisela bemerkte es, drehte sich um und sagte:
»Komm doch auch mit! Vater hat gesagt, daß Alle mitgehen sollen. Da bist Du doch auch gemeint.«
»Nein,« entgegnete der Kerybauer. »Mit einem Knecht trinke ich freilich nicht aus einer Flasche. Wenn er Dir den Standpunkt klar gemacht hat, so war das seine Pflicht und Schuldigkeit, und ich bin ihm nicht noch extra verbunden, die Gläser mit ihm anzustoßen. Auf den Saal aber mag er mitkommen, und was er da trinkt, das werde ich bezahlen.
Damit war die Sache abgemacht. Ludwig fühlte natürlich die Beleidigung auf das Lebhafteste, wurde aber genugsam dafür getröstet, denn Gisela warf ihm, sich nochmals zurückwendend, einen so freundlichen, leuchtenden Blick zu, daß er darüber hätte laut aufjauchzen können.
Er blieb also im Garten zurück und nahm wieder auf der Bank Platz, wo er vor kaum einer Viertelstunde in so trüben Gedanken versunken gesessen hatte. Jetzt freilich waren seine Empfindungen ganz andere, obgleich die Verhältnisse sich seit vorhin eigentlich gar nicht geändert hatten. Ein warmer, freundlicher Blick aus einem lieben Auge kann größere Wirkung hervorbringen, als ein äußeres, wenn auch noch so einflußreiches Ereigniß. Ein solcher Augenstrahl kann eine ganze innere Welt zum Grünen und Blühen bringen.
Nach einiger Zeit kam seine Mutter in den Garten und gesellte sich zu ihm. Sie war draußen auf den Wiesen spazieren gegangen, ganz von Glück erfüllt, daß sie in ihrer Noth Rettung gefunden hatte, und theilte ihm ihren Entschluß mit, heut bei ihm zu bleiben.
»Das ist recht,« sagte er. »Nun wirst hier noch was derleben können.«
»Ja, den Verspruch der Gisela mit dem Osec.«
»Oder auch was Anderes. Es ist gar leicht möglich, daß aus der Verlobung gar nix wird.«
»Meinst? Ich glaub, es wird was draus, denn was dera Kerybauer einmal will, das führt er auch hinaus.«
»Aber die Gisela wird nicht wollen.«
»Hat sie Dir das etwan gesagt?«
»Nein. Ich denks halt nur. Ich hab hier belauscht, was sie mit Dem sprochen hat, der ihr Bräutigam werden soll. Sie hat ihn nur an dera Nasen packt und ihn daran herumizogen. Nun gehts halt in das Wirthshausen, wo er zeigen soll, daß er tanzen kann. Das sollst auch mit sehen, Mutter.«
»So, also wills ihn zuvor auf die Proben stellen. Ist er denn ein guter Tänzer?«
»Er schaut halt gar nicht darnach aus. Ich glaub nicht, daß er die Prob bestehen wird.«
»Ja, wann er so tanzen könnt wie Du, da könnt sie schon mit ihm zufrieden sein. Es hat nicht ein Jeder das Gelenk dazu.«
»Nun, das Gelenk, das ich hab, das wird sie heut wohl kennen lernen.«
»Wie? Willst sie etwan gar mal zum Tanz verengageriren?«
»Freilich wohl. Oder meinst nicht?«
Sie machte ein sehr bedenkliches Gesicht, drohte mit dem Finger und antwortete:
»Ludwig, mach keine Dummheiten! Wannst sie auch lieb hast, aber bekommen thust sie doch nicht. Ich rath Dir Gutes: Schlag sie Dir aus dem Sinn!«
»Schon gut! Brauchst keine Angst zu haben.«
»Ja, die brauch ich wohl nicht zu haben, denn tanzen thust doch nicht, und Dich blamiren, das wirst auch nicht thun.«
»Oho! Dera Ludwig Held blamirt sich wohl nicht gar so leicht.«
»Wirsts aber doch thun, wannst sie zum Tanz aufforderst, denn sie wird ihn Dir abschlagen.«
»Oder auch nicht!«
»So eine reiche und vornehme Bauerstochter tanzt nicht mit ihrem Knecht. Und nachhero, wann sie Dich abweist, dann wirst ausgelacht.«
»Aber wann sie doch mit mir tanzen will?«
»So wirds der Bauer nicht dulden; das kannst Dir denken und an denen zehn Fingern abzählen. Du mußt gewärtig sein, daß er Dich vielleichten gar aus dem Dienst jagt.«
»Das wär freilich schlimm!« lachte er leise auf.
»Vielleicht wär es nicht schlimm, sondern gut. Du kämst fort und thätst die Gisela nimmer sehen. Da könntest sie Dir leicht aus dem Sinn schlagen. Und einen andern guten Dienst bekommst doch allemal.«
»Das hab ich mir auch denkt, und darum wollen wir uns keine Sorgen machen, Mutter. Komm, wir gehen jetzund nach dem Wirthshaus. Heut werden wir ein paar Flascherln Schampagner trunken.«
Er stand von seinem Sitze auf. Sie ging auf seinen Scherz ein, indem sie antwortete:
»Ja, heut kannst groß thun und den Flamschlamper trinken. Heut hat Dir eine Fee das Geld dazu in den Kasten than. Aber besser wärs, wannsts Dir aufheben thätst.«
»Hab nur darum keine Sorg! Der Schampagner, den ich trink, der ist in dera Brauerei sotten worden und kostet das Leben nicht. Also komm!«
»Wirds nicht zu zeitig sein?«
»Nein, denn ich hab Besuch, und da muß halt die Lüderlichkeiten sobald wie möglich beginnen.«
Sie gingen Beide nicht durch den Hof, sondern sie verließen den Garten durch eine kleine Thür, welche in das Freie führte. Dort ging ein Weg an den Wiesen hin. Wenn man ihm folgte, so gelangte man zunächst an eine kleine Ziegelei, welche dem Kerybauer auch gehörte, und sodann nach dem etwas entfernten Gasthofe, der ein Wenig seitwärts der Dorfstraße lag.
Heut, am Feiertage, stand die Zigelei verwaist da. Die Arbeit ruhte ja. Dennoch ging Ludwig nicht an ihr vorüber. Als ein treuer Knecht seines Herrn konnte er nicht vorüber gehen, ohne nachzusehen, ob sich Alles in Ordnung befinde.
Sie bestand aus dem Brennofen, welcher am Eingange der Lehmgrube lag, und gegenüber zog sich ein sehr langes, niederes, auf Pfeilern ruhendes Dach hin, unter welchem auf Latten tausende von Ziegeln standen, um da vor dem Brennen lufttrocken zu werden.
Neben dem Brennofen stand eine kleine Hütte, in welcher sich die Ziegelarbeiter während ihrer freien Zeit aufzuhalten pflegten. Jetzt aber war ganz gewiß keiner von ihnen anwesend. Darum fiel es dem Knecht auf, daß der Laden geöffnet war. Ein Glasfenster gab es nämlich nicht. Auch die Thür war nicht verschlossen sondern nur angelehnt.
Ludwig trat hinzu, stieß die Thür vollends auf und blickte hinein.
Das Innere zeigte die vier nackten Wände, eine alte Holzbank und ein Strohlager in der Ecke. Dieses Letztere war in diesem Augenblicke benutzt. Auf demselben lag nämlich Usko, jener Slowak, welcher vorhin mit dem Kerybauer gesprochen hatte. Es schien ihm nicht ganz angenehm zu sein, hier getroffen zu werden. Doch stand er keineswegs von dem Lager auf.
»Was thust Du hier?« fragte Ludwig, keineswegs in einem sehr freundlichen Tone.
»Ospanliwy sem,« antwortete der Gefragte.
Das heißt zu Deutsch: Ich bin schläfrig.
»Rede deutsch!« gebot der Knecht. »Ich weiß, daß Du das ebenso gut kannst wie ich.«
Anstatt zu gehorchen, schob der Slowak seine neben ihm liegenden Blech- und Drahtwaaren noch mehr von sich ab und streckte sich in eine bequemere Lage.
»Nun, willst Du nicht reden?« fragte Ludwig.
»Ist nicht nothwendig,« erklang es kurz.
»Ich denke grad, daß es nothwendig ist. Wer hat Dir erlaubt, Dich hier niederzulegen?«
»Ich.«
»Wie bist Du hereingekommen?«
»Da herein.«
Er deutete dabei nach der Thür.
»Das ist nicht wahr. Die ist stets verschlossen, wenn die Arbeiter nicht da sind. Ich sehe übrigens auch, daß der Schlüssel fehlt.«
»Wenn Du es besser weißt, so brauchst Du mich ja nicht zu fragen!«
»Du hast den Laden aufgestoßen und bist da hereinstiegen. Die Thür hast von innen aufimacht.«
»Ja, so ists. Hast Du was dawider?«
»Sehr viel.«
»So wirf mich hinaus!«
Bei diesen Worten richtete er sich in drohende Stellung halb empor.
»Dazu könnte Rath werden,« lachte Ludwig verächtlich; »aber ich mag es nicht thun.«
»Weil Du Dich fürchtest!«
»Oho! Das bilde Dir nur nicht ein. Du bist mir zum Angreifen zu dreckig.«
»So packe Dich fort, und laß mich in Ruh!«
Der Slowak drehte sich so, daß er dem Knechte den Rücken zukehrte.
»Ja, gehen werde ich; aber Du machst auch, daßt weiter kommst. Hier ist keine Herbergen für solche Leut, wie Du bist.«
Da sprang der Landstreicher mit einem einzigen Rucke empor.
»So?« rief er funkelnden Auges. »Was sind das denn für Leute, zu denen ich gehöre?«
»Vagabunden sinds,« antwortete der Knecht furchtlos.
»Das sagst Du mir, mir?«
Er bückte sich nieder und nahm eine starke, spitze Drathscheere vom Boden auf. Er pflegte sich derselben zu bedienen, wenn er irgend eine Reparatur an den Blechgeschirren Anderer vorzunehmen hatte. Doch geschah das nur ganz selten. Usko liebte es nicht, zu arbeiten. Er gewann seinen Unterhalt auf eine ganz andere Weise und trug das Gewerbe eines Topfeinstrickers und Blechwaarenhändlers nur aus gewissen Gründen zur Schau.
»Ludwig, komm!« bat seine Mutter angstvoll, als sie die drohende Haltung des Stromers bemerkte.
»Pah!« antwortete der gewesene Unteroffizier. »Meinst, daß ich mich vor diesem Kerlen und seiner Scheer fürchten thu? Er gehört nicht hier herein. Wann er schläfrig ist, so mag er in das Wirthshaus oder in die Herberg gehen, falls er gerechte Sach hat. Durch den Laden einisteigen, das duldet Niemand.«
»So?« fragte der Slowak höhnisch. »Gehört diese Hütte etwa Dir?«
»Nein, aber meinem Herrn.«
»Und Du denkst, daß der mich hier nicht dulden würde?«
»Frag ihn doch mal! Aberst nicht, wann er allein ist, sondern wann er sich bei andern Leuten befindet.«
»Ich frage ihn überhaupt nicht. Wenn er mich fort haben will, so mag er kommen und es mir sagen. Du aber hast mir nichts zu befehlen. Dich kenne ich.«
»So? Nun, wie kennst mich dann?«
»Als einen Spion und Aufpasser, der sich um Dinge bekümmert, welche ihm ganz und gar nichts angehen.«
»Weißt das so genau?«
»Ja. Ich hab Dich beobachtet.«
»So bist also Du der Spion, wannst mich heimlich beobachtest. Aberst schau, ein gescheidter Kerlen bist freilich nicht. Wannst klug wärst, so hättst mir das nicht sagt. Indem Du Dich aber verplaudert hast, so hast damit eingestanden, daß ich ganz auf dera richtigen Spur bin. Und grad darum wärs sehr gut für Dich, wannst höflich mit mir wärst und nicht so grob. Verstanden!«
»Soll ich Dir vielleicht Kratzfüße machen?«
»Nein. Aber wannst an einem Ort schlafen oder übernachten willst, der meinem Herrn gehört, und ich komm dazu, so kannst wenigstens um Entschuldigung bitten.«
»So! Nun, so bitte ich Dich jetzt nachträglich noch um Verzeihung. Bist Du nun zufrieden gestellt?«
Das klang so höhnisch, daß Ludwig zornig auffahren wollte; er zwang sich aber zur Ruhe und antwortete:
»Ob ich zufrieden gestellt bin oder nicht, darauf kommt es Dir doch nicht an. Ich mag am liebsten gar nix mit Dir zu schaffen haben.«
»Das ist sehr klug von Dir, denn Dein Nutzen wäre es nicht, wenn wir einmal zusammengeriethen. Wenn Du noch Etwas zu sagen hast, so sage es rasch. Ich habe keine Lust, mich länger mit Dir zu ärgern. Ich bin müde.«
»Und ich bin fertig mit Dir.«
»So mach Dich von dannen!«
Ludwig hätte diesen Menschen fortjagen können. Er fürchtete sich auch nicht etwa vor ihm, aber er befolgte eine gewisse Absicht, indem er sich jetzt still mit seiner Mutter entfernte. Und es zeigte sich auch viel eher, als er es ahnen konnte, wie klug er da gehandelt hatte.
Die Beiden gingen langsam an der erwähnten langen Ziegelreihe hin.
»Dreh Dich mal um!« sagte Ludwig. »Du wirst sehen, daß der Kerlen aufistanden ist und uns nachschaut.«
Sie befolgte seine Worte und antwortete sodann:
»Ja, er stand unter dera Thür; aberst er fuhr sogleich zuruck, als ers merkte, daß ich zuruck sah.«
»Siehst! Habs mir doch denkt.«
»Wer ist dieser Kerlen?«
»Ja, wann ich das nur erst wissen thät! Ein Slowaken ist nicht. Daß er aber ein ganz und gar schlechter und gefährlicher Kerlen ist, das weiß ich genau.«
»Und er beobachtet Dich?«
»Weil er weiß, daß ich auch auf ihn aufpaß. Wann er nun was thun will, was ich nicht wissen soll, so macht er vorher den Spionen, um zu derfahren, wo ich bin und was ich thu.«
»Ja was ist denn das, was er da treibt?«
»Vielerlei, wast jetzund nicht zu wissen brauchst. Weißt, es geschehen zuweilen Dinge, die man ganz still auf dem Herzen behalten muß. Nicht mal seinem besten Freund oder seiner Muttern darf mans sagen.«
»So bist ja jetzt ein recht Heimlicher worden!«
»Freilich wohl. Aberst es kommt schon auch mal die Zeit, in der Du Alles derfahren wirst.«
»Ists etwan gefährlich für Dich?«
»Nein.«
»Der Kerl hat aberst doch ganz so than, als ob er Dir was auswischen will!«
»O, der soll mir nur kommen! Aber schau, dort ist noch Einer!«
Sie hatten jetzt die Ziegelei hinter sich und kamen an einem Gebüsch vorüber, an welchem ihnen ein zweiter Slowak langsam entgegenschlenderte.
»Kennst den auch?« fragte die Mutter.
»Grad so gut wie den Andern.«
»Und sie gehören zusammen?«
»Ja. Sie sind Verbündete. Wo dera Eine ist, da bekommt man auch bald den Andern zu sehen.«
Jetzt war der Slowak ihnen ganz nahe. Er blieb in demüthiger Haltung stehen und grüßte:
»
Dobre den – Guten Tag!«
Der Knecht dankte kurz und ging weiter.
»Diese Kerlen thun, als wanns nicht Deutsch reden könnten, und doch können sie es ganz ausgezeichnet;« sagte er. »Wart mal, Mutter, ich will doch mal sehen, ob er uns wohl heimlich nachschaut.«
Der Weg hatte eine Krümmung gemacht, so daß der Slowak nicht mehr zu sehen war. Ludwig trat um einige Schritte zurück und bemerkte, daß der Kerl nachgeschlichen kam. Rasch eilte er weiter, nahm seine Mutter beim Arme, zog sie fort und schritt nun mit ihr in einer Weise weiter, als ob es ihm gar nicht in den Sinn gekommen sei, sich umzusehen. Aber als er hinter einer abermaligen Biegung des Weges angekommen war, blieb er wieder stehen und lauschte hinter die Büsche zurück. Dann sagte er:
»Er hat uns beobachtet, und nun ist er überzeugt, daß ich mich nicht um ihn bekümmere.«
»Das ist auch das Allerbest, wast thun kannst.«
»O nein. Diese Beiden haben heut was vor, und das muß ich derfahren.«
»Beileibe nicht. Willst etwan zu ihnen zuruck?«
»Ja. Sie haben sich vielleichten nach dera Ziegelhütten bestellt, und wenn auch nicht, so werdens sich jetzund gleich dort treffen. Was sie da reden, das muß ich hören.«
»Das geb ich nicht zu! Wann sie es merken, kanns Dir schlecht ergehen!«
»Da glaub ja nicht, Mutter. Von diesen Beiden nehm ich den Einen in die rechte Hand und den Andern in die Linke und werf sie nachher so hoch in die Luft, daß sie erst nach zehn Jahren wiederum herunterkommen.«
»Sie können Dir aber heimlich was anthun!«
»Ich werd meine Sach ja auch heimlich machen. Oder meinst, daß ichs ihnen merken laß, wann ichs belauschen thu?«
»Wie willst das anfangen?«
»Ich geh hier hinter die Büschen. Dort beginnt die Lehmgrube, welche sich bis hin zu der Ziegelhütten erstreckt. Sie ist tief, und es kanns gar Niemand bemerken, daß ich mich in ihr befind. Auf diese Weisen gelang ich an das Häuschen. Die Beiden werden drinnen sein, und ich schleich mich an den Laden. Dieser steht offen, und da kann ich Alles hören, was sie mitnander reden.«
»Und das ist nicht gefährlich?«
»Nein. Geh nur einstweilen weiter. Ich komm bald nach. Mach Dir keine Sorg um mich!«
»Fast möcht mir dennoch angst werden. Dera zweite Kerlen hat zwar so demüthig grüßt, aberst ich hab doch den Blick sehen, den er dabei nach Dir worfen hat. Es war da eine gar große Feindseligkeiten drinnen.«
»Weiß schon. Aber ich bitt Dich, geh nur jetzt weiter, sonst versäume ich die Gelegenheit und bekomm gar nix zu hören.«
Er eilte hinter die Büsche. Dort senkte sich eine tiefe, steile Böschung da hinab, wo man den Lehm zu den Ziegeln gegraben hatte. Die Grube war lang und schmal. Ludwig eilte auf der Sohle derselben hin bis an das andere Ende derselben, wo der Ziegelofen stand und neben ihm die Hütte. Hier kletterte er wieder an der Böschung empor und stand nun an der Hinterwand der Hütte. Er lauschte vorsichtig um die Ecke. Er sah keinen Menschen und huschte nun bis hin zu dem geöffneten Laden. Dort angekommen, vernahm er nun zu seiner Genugthuung die Stimmen der beiden Slowaken.
Der Zweite derselben, welcher ihm soeben begegnet war, hatte allerdings nicht gewußt, daß Usko sich in der Hütte befinde. Er hatte an derselben vorübergehen wollen, war aber von seinem Kameraden bemerkt und angerufen worden:
»Zerno! Du schon hier? Willst Du etwa vorübergehen! Komm herein!«
Darauf hin war der Genannte in das Innere der Hütte getreten, hatte seine Blechgefäße und Drahtwaaren zu Boden geworfen und sagte erfreut:
»Wie gut, daß wir uns finden! Ich dachte schon, Dich erst am Abend zu sehen.«
»Es ist ein Zufall, aber ein guter. Hast Du den Knecht gesehen?«
»Ja. Er Dich auch?«
»Er kam herein und that, als ob er hier der Herr sei.«
»Hättest Du ihn doch hinaus geworfen!«
»Beinahe wäre es so weit gekommen. Wo ist er hin?«
»Er ging mit der Alten nach der Schänke hin.«
»Weißt Du das genau?«
»Ja.«
»Ich traue dem Hallunken nicht. Da er erst mich und sodann auch dich gesehen hat, kann er leicht auf den Gedanken kommen, wieder umzukehren um zu sehen, was wir hier treiben.«
»Das thut er nicht. Auch ich traue ihm nicht und Du weißt, daß ich vorsichtig zu sein pflege. Ich bin ihm heimlich nachgegangen und habe mich überzeugt, daß er nicht umgekehrt ist.«
»Das war gut. Ich bin nicht so vorsichtig gewesen wie Du, und das war sehr dumm von mir. Hätte ich die Thür und den Laden zu gehabt, so wäre der Kerl an mir vorüber gegangen, ohne mich zu entdecken.«
»Tröste Dich! Ein Unglück ists nicht, daß er Dich gesehen hat. Er ist nur der Knecht. Der Herr aber hält es mit uns. Hast Du schon mit ihm gesprochen?«
»Ja. Er hat mich für den Abend wieder bestellt.«
»Recht so! Morgen kann wieder ein Geld verdient werden. Drüben liegen die Waaren schon bereit.«
»So machen wir vielleicht einen doppelten Profit. Wenn wir hinüberwärts auch Etwas bekommen, so giebts zwiefältige Bezahlung.«
»Wenn wir nicht erwischt werden!«
»Unsinn! Warum sollen wir grad morgen so ein Pech haben?«
»Weil man jetzt besser aufpaßt als früher.«
»Hm! Ein Wunder ist das nicht. Wir haben es Jahre lang getrieben, ohne daß es ihnen gelungen ist, uns zu ertappen. Aber auf die beiden Osecs können wir uns verlassen. Besonders der Alte ist ein Schlaukopf ohne Gleichen. Wer weiß, was er sich jetzt wieder ausgesonnen hat, um die Beamten irre zu führen. Es ist eine Lust, unter diesen zwei Spitzbuben zu arbeiten. Giebts sonst vielleicht noch etwas Neues?«
»Ja! Zweierlei. Etwas Böses und auch etwas sehr Gutes.«
»So sage zuerst das Böse, damit man nachher das Gute zum Troste hat.«
»Dieses Böse brauchst Du eigentlich gar nicht zu wissen, denn es geht Dich gar nichts an. Es betrifft nur mich allein.«
»Das freut mich; aber erfahren kann ich es wohl dennoch?«
»Ja. Du mußt es eigentlich auch erfahren, damit Du mir keinen Schaden machst. Ich habe nämlich von früher her einen Feind, einen grimmigen Feind, und diesen Kerl habe ich gestern gesehen.«
»Ist das etwas so Böses?«
»Eigentlich nicht, wenn ich ihm aus dem Wege gehen könnte. Leider aber, ist es sehr leicht möglich, daß er mich zufällig sieht, und dann kann es um mich geschehen sein.«
»Donnerwetter! Ist der Mensch so gefährlich?«
»Ja. Ich wäre ihm gestern beinahe in die Hände gelaufen.«
»Wo?«
»Drüben in Hohenwald. Ich kam hinüber, um für morgen die Gelegenheit auszukundschaften, und ging in das Wirthshaus. Ich hatte schon die Stubenthür halb offen. Da sah ich zu meinem Erstaunen diesen Menschen sitzen und machte die Thür natürlich rasch wieder zu.«
»Hat er Dich auch gesehen?«
»Nein, sonst wäre ich nicht so davon gekommen.«
»Du scheinst gewaltigen Respect vor ihm zu haben!«
»Hm! Du kennst mich. Ich arbeite lieber mit List als mit Gewalt. Ein Goliath bin ich nie gewesen.«
»Wer ist denn dieser Kerl eigentlich?«
»Ein Zigeuner.«
Usko blickte rasch auf. Er war sichtlich überrascht.
»Ein Zigeuner? Da drüben in Hohenwald?« fragte er.
»Ja. Dort hätte ich es nicht für möglich gehalten, einen solchen zu treffen. Er ist aus der Walachei, da unten herauf.«
»Sapperment! Aus der Walachei! Das ist ja höchst interessant! Bist Du denn auch da unten gewesen?«
»Nein. Ich habe den Kerl in Ungarn getroffen. Da führte er noch seinen eigentlichen Namen. Jetzt hat er sich anders genannt. Als ich mich durch den Hof des Wirthshauses von dannen schlich, traf ich auf eine Magd und fragte nach ihm. Da erfuhr ich, daß er jetzt ein Tausendkünstler ist und sich Signor Bandolini nennt.«
»Das ist ein italienischer Name.«
»Ja. Eigentlich heißt er Jeschko.«
Da sprang der andere Slowak vom Boden auf. Es war deutlich zu sehen, daß er nicht nur überrascht sei. Die Zeichen des Schreckes standen ihm im Gesicht geschrieben.
»Jeschko!« rief er aus. »Donnerwetter! Ist das möglich!«
»Was hast Du denn? Kennst Du ihn?«
»Natürlich! Ich kenne ihn genau, sehr genau. Ich werde doch meinen – – –«
Er hielt inne.
»Was meinst Du?«
»Na, ich brauche mich ja vor Dir nicht zu fürchten, zumal er auch Dein Feind ist. Ich wollte sagen, daß ich doch meinen Bruder kennen werde.«
»Wie? Was? Dein Bruder soll er sein!«
»Ja, er ist es.«
»Du hast doch niemals erwähnt, daß Du einen Bruder hast.«
»Weil ich alle Veranlassung habe, nicht von ihm zu reden.«
»Aber der Name Jeschko ist gar nicht selten. Es kann ein ganz Anderer sein.«
»Schwerlich. Mein Bruder ist Tausendkünstler, Seiltänzer und so weiter.«
»Und dennoch kannst Du Dich irren. Es ist doch wohl möglich, daß auch ein anderer Künstler so heißen kann.«
»Freilich! Aber daß er grad nach Hohenwald gekommen ist, daß – – Himmeldonnerwetter! Wenn ich, ohne zu erfahren, daß er da drüben ist, ihm in die Hände gelaufen wäre!«
»Mensch, Du bist ja beinahe außer Dir!«
»Ich habe auch Veranlassung dazu!«
»Dich in dieser Weise vor Deinem Bruder zu fürchten?«
»Ja. Er ist ein unversöhnlicher Kerl. Und ich habe früher Etwas gethan, was er mir nie vergeben wird. Ich freilich würde es ihm auch nicht vergeben.«
»So sieh ihn Dir doch zunächst einmal von Weitem an! Vielleicht ist er doch ein Anderer.«
»Das glaube ich nicht. Daß er nach Hohenwald gekommen ist, zum Silberbauer jedenfalls, das ist mir der sicherste Beweis, daß er es ist. Ich möchte aber zum Teufel beten, daß er den Silberbauer sterben lassen möge. Wenn er leben bleibt, und ich falle unglücklicher Weise in die Hände des – – – na, schweigen wir lieber davon!«
»Bester wärs. Du erzähltest mir Alles.«
»Vielleicht später.«
»Ich könnte mich doch darnach richten. So aber kann man sich irren Ich habe geglaubt. Dir sei es sehr gleichgiltig, daß ich diesen Jeschko gesehen habe, und nun ist er gar Dein Bruder!«
»Jedenfalls ist er es. Ich glaube nicht, daß ich mich irre. Aber was hast denn Du mit ihm gehabt, daß Du jetzt vor ihm erschrecken mußt?«
»Das werde ich Dir auch später erzählen, so wie Du mir das Deinige auch heut nicht sagen willst.«
»Meinetwegen! Aber morgen kommen wir hinüber, und da werde ich mich ganz genau nach ihm umsehen. Er soll mir nicht gar lange im Wege sein.«
»Wie meinst Du das?«
»So, wie ich es sage.«
»Willst Du etwa – – –?«
Er fuhr sich mit dem Finger über die Kehle.
»Ja, das will ich, und das werde ich, wenn er es ist, und wenn er etwa die Absicht hat, alte Sachen wieder aufleben zu lassen.«
»Deinen eigenen Bruder umbringen!«
»Rede nicht so dumm! Feind ist Feind, selbst wenn man blutsverwandt mit ihm ist. Und ehe ich mich aufhängen lasse, mache ich doch lieber einen Andern stumm.«
»Recht hast Du. Und daß Du grad so und nicht anders denkst, das ist mir lieb. Er wird also auch mir nicht lange im Wege sein.«
»Nein. Dafür laß mich nur sorgen. Und wenn ich es nicht allein fertig bringen sollte, so wirst Du mir doch wohl mit helfen.«
»Das kannst Du Dir denken. Also auf den Silberbauer bezieht sich die Sache?«
»Ja! Auf ihn und den Thalmüller drüben in Scheibenbad.«
»Was? Auf den mit? Bist Du mit ihm feind- oder freundlich daran?«
»Wir sind Freunde.«
»So habe ich Dir noch etwas höchst Unangenehmes zu sagen. Der Müller ist nämlich gefangen genommen worden.«
»Ists wahr?« fragte Usko erschrocken.
»Ja. Ich habe es gesehen, als sie ihn brachten.«
»Alle Teufel! Dann darf ich mich ja auch nicht sehen lassen. Jetzt werden die Beiden, der Müller und der Silberbauer, wohl gar so dumm sein und Alles gestehen!«
»Der Letztere wird vielleicht kein Wort mehr sagen. Der Teufel wird ihn holen. Aber was ist es denn, was sie gestehen sollten?«
»Das geht Dich zunächst noch gar nichts an.«
»Himmel! Bist Du heut höflich!«
»Ists ein Wunder? Mein schöner Bruder ist drüben in Hohenwald – der Silberbauer ist wieder erwischt – der Thalmüller ist gefangen – wer solche Neuigkeiten hört, der hat genug. Rede lieber von der guten Nachricht, die Du mitgebracht hast.«
»Jetzt noch nicht. Erst muß ich von Dir Eins erfahren, nur das Eine. Das andre Alles magst Du noch für Dich behalten. Wenn der Jeschko Dein Bruder ist, so mußt Du doch auch ein Zigeuner sein?«
»Freilich bin ich das!«
»Er hat damals davon gesprochen, daß er einen Bruder gehabt hat. Der hat, glaube ich, Barko geheißen.«
»Stimmt ganz genau.«
»Der bist Du?«
»Ja. Hat er Dir auch gesagt, was er gegen mich hat?«
»Nein.«
»Das ist ihm ähnlich. Er ist ein höchst verschwiegener Kerl. So, jetzt weißt Du, was Du wissen willst. Und nun rede Du auch!«
Der Knecht Ludwig stand schon längst draußen vor dem Fenster und hörte jedes Wort, welches im Innern der Hütte gesprochen wurde. Jetzt dauerte es eine Weile, bevor der Slowak der an ihn ergangenen Aufforderung nachkam.
»Nun, fällt es Dir so schwer?« fragte Usko, der eigentlich Barko hieß.
»Nein; aber es ist etwas so Prächtiges, daß Du es vielleicht gar nicht glauben wirst.«
»Pah! Du wirst mir doch nicht etwa einen Bären aufbinden!«
»Nein, gewiß nicht, zumal ich Dich sehr nothwendig brauche, um endlich einmal mein Ziel zu erreichen.«
»Das erreichst Du niemals.«
»Oho!«
»Du hast mir einmal gesagt, daß Du ein Millionär werden möchtest.«
»Nun ja, grad das ist mein Ziel.«
»Und das glaubst Du, jetzt zu erreichen?«
»Ja, endlich!«
»Höre, laß Dich nicht auslachen!«
»Siehst Du, daß Du es nicht glaubst! Ich wußte es im Voraus!«
»Es ist ja auch nicht zu glauben. Um Millionär zu sein, muß man eine Million haben, und wo sollst Du sie herbekommen?«
Er lachte laut auf. Der Andere aber bemerkte ärgerlich:
»Lach mich nur aus! Ich weiß doch, wo ich sie hernehmen werde.«
»Ja, das wüßte ich auch. Man nimmt sie eben von einem Millionär. Aber diese Kerls lassen sich nicht so leicht Etwas nehmen!«
»Hier in diesem Falle ists aber ganz und gar leicht. Ich bekomme eine Million und Du auch eine. Wenigstens! Vielleicht bekommen wir noch viel mehr!«
»Mensch, das sagst Du mit solcher Gewißheit!«
»Warum nicht?«
»Und dazu machst Du ein so ganz und gar ernsthaftes Gesicht! Ich werde fast irre an Dir!«
»Das glaube ich Dir gern. Wenn Einer so mit Millionen herumwirft, so hat man wohl Veranlassung, zu zweifeln. Aber ich sage Dir, daß ich wirklich nicht flunkere.«
»So rede doch! Rede! Wenn es Dein Ernst ist, so darfst Du mich doch nicht so lange auf die Folter spannen!«
»Ja, jetzt kannst Du es nicht erwarten, und erst hast Du mich ausgelacht!«
»Weil ich weiß, daß der Zufall ein ganz sonderbarer Kautz ist. Es läßt sich schon denken, daß er uns einmal eine Million in den Weg werfen kann. Also heraus damit! Ich kann es kaum erwarten!«
»Nur langsam, langsam! Die Sache ist von so großer Wichtigkeit, daß ich, bevor ich davon rede, erst sehen muß, ob ich sicher bin. Es wäre doch möglich, daß wir belauscht werden. Ich will einmal nachsehen.«
»Vorhin war ich mißtrauisch, und jetzt bist Du es. Na, so sieh nach.«
Als Ludwig, der Lauscher, diese Worte hörte, huschte er von dem Fenster fort und nach dem Brennofen hin, hinter welchen er sich versteckte. Dort waren mehrere Tausend fertiger Ziegel aufgeschichtet; er konnte nicht gesehen werden, vermochte aber sehr gut zu bemerken, was Zerno vornehmen werde.
Dieser kam aus der Hütte heraus, blickte sich um, schritt langsam um die Hütte, um sich zu überzeugen, daß hinter derselben sich Niemand befinde, und kehrte sodann in das Innere zurück.
Dem Knechte kam es darauf an, möglichst wenig von der so wichtigen Unterhaltung zu verlieren. Darum kehrte er schleunigst auf seinen Lauscherposten zurück. Er hörte Usko sagen:
»Konnte es mir denken! Wer kommt auf den Gedanken, heut, am Feiertage, nach der Ziegelei zu gehen, um uns zu beobachten!«
»Der Knecht!«
»Du sagtest vorhin selbst, daß er mit der Alten nach der Schänke gegangen sei: Den also haben wir nicht zu fürchten. Also rede nun endlich.«
»Erst muß ich die Thür ganz zuschließen.«
Ludwig hörte den Riegel, welchen man von innen auch ohne Schlüssel bewegen konnte, in das Schloß schnappen, und dann erklang die Stimme Zerno's:
»Ich habe nämlich einen Herrn ausgegattert, welcher an einem Orte wohnt, an den ganz leicht zu gelangen ist, halb im Dorf und halb im Walde. Er hat Millionen bei sich.«
»Weißt Du das genau?«
»Ja.«
»Hast Du sie gesehen?«
»Nein.«
»So weißt Du es also nicht!«
»Oho! Wenn ich es Dir sage, wer dieser Herr ist, so wirst Du es sofort glauben.«
»Nun, wer ist's?«
»Es ist – – halt! Wir sind zwar ganz allein, aber man kann in einem solchen Falle nicht vorsichtig genug sein. Selbst die Wände haben Ohren. Ich werde Dir den Namen lieber in das Ohr sagen.«
Der Knecht strengte sein Gehör auf das Aeußerste an. Er hörte, daß drin Einer dem Andern Etwas zuraunte, verstehen aber konnte er es nicht. Dann aber rief Usko fast überlaut:
»Alle Millionen Donnerwetter! Ist das wahr?«
»Natürlich!«
»Du bist des Teufels!«
»Ich kann es beschwören.«
»Kennst Du ihn denn so gut, daß gar kein Irrthum möglich ist?«
»Ich habe nur sein Bild gesehen, aber bereits viele Male.«
»So kannst Du Dich dennoch täuschen.«
»Nein, denn ich habe ihn belauscht, ihn und einen Anderen, als sie von der Mühle her kamen nach der Straße zu, welche nach Eichenfeld führt. Da nannte ihn der Andere bei seinem Titel. Und weißt Du, wer dieser Andere war?«
»Nun, wer?«
»Der alte Wurzelsepp.«
»Donner und Doria! Wenn es dieser war, so ist die Sache zu glauben. Ich habe schon einige Male gehört, daß der Alte mit ihm verkehren solle. Aber Du kennst doch auch wirklich den Wurzelsepp?«
»Wer sollte Den nicht kennen! Ich habe nachher sogar mit ihm gesprochen.«
»Sapperment! Hast Du ihn etwa gefragt, wer der Herr gewesen sei?«
»Fällt mir nicht ein!«
»Das ist sehr gut. Das hast Du ganz recht gemacht, denn hättest Du gefragt, der Alte hätte Dir die Wahrheit doch nicht gesagt, sondern vielmehr Verdacht geschöpft. Er ist ein gescheidter Kerl.«
»Das ist er. Und mich hat er niemals leiden können. Er hätte, glaube ich, den Anderen sogleich vor mir gewarnt, denn er hält mich für einen Kerl, dem man nicht trauen darf.«
»Da wird er sich wohl auch nicht irren.«
»Oho! Traust Du mir etwa nicht?«
»Unsinn! Von mir ist doch gar keine Rede! Wir Beide werden doch wahrhaftig kein Mißtrauen in einander setzen! Wenn Du Dich in diesem Herrn nicht geirrt hast, so glaube ich freilich, daß wir einen außerordentlich guten Fang machen könnten.«
»Millionen!«
»Wenn auch das nicht grad, aber viel Geld hat er stets bei sich.«
»Geld? Denkst Du nur an das Geld? Sei doch nicht so dumm!«
»An was denn noch?«
»An seine Uhr, seine Ringe, seine Busennadel, an seinen Schmuck. Man weiß ja, daß bei ihm das Alles mit den größten Diamanten besetzt ist. Und er hat nicht blos die Edelsteine, welche er an seinem Körper trägt. Wenn er irgend wohin reist, so nimmt er so Vieles mit, an was er gewöhnt ist, und das ist dann Alles von Gold und mit Brillanten geschmückt.«
»Recht hast Du, sehr Recht. Kerl, Dein Gedanke kann mich ganz begeistern!«
»Nicht wahr? Ja, ich sage Dir, daß ich mich von dem Augenblicke an, als ich ihn sah, in einem gelinden Fieber befinde.«
»Das glaube ich, denn bei mir fängt es auch bereits an, den Puls schneller zu machen. Wie schinden wir uns, um einige Hundert armselige Gulden zu verdienen!«
»Wir riskiren dabei das Zuchthaus und auch das Leben. Die beiden Osecs zahlen schlecht, und der Kerybauer weiß sich so schlau zu halten, daß man ihm niemals an den Leib gehen kann. Er würde sich, wenn wir ergriffen werden, ganz sicher aus der Schlinge ziehen können.«
»Das wohl; aber sein schönes Geld, welches er stets dabei riskirt, wäre dach verloren. Es soll doch vorgekommen sein, daß er sein ganzes Vermögen an einem einzigen Abende auf das Spiel gesetzt hat.«
»Dafür aber ist es auch immer größer geworden. Ich möchte nicht wissen, wie viel er oft an einem Abende verdient; ich würde mich zu sehr ärgern, wenn ich das vergleichen müßte mit unserer Bezahlung. Nun aber können wir es auch so machen. Wir können mit einem Schlage reich werden.«
»Reich, ja. Aber ob wir diesen Reichthum anwenden können, das ist eine ganz andere Frage.«
»Warum nicht? O, ich weiß schon, was ich mit dem Gelde beginnen würde!«
»Ich auch, mit dem Gelde nämlich. Aber wir werden grad Geld vielleicht wenig bekommen. Was aber fangen wir mit den Diamanten an? Weißt Du das?«
»Die verkaufen wir.«
»Wer nimmt sie uns ab?«
»Darum habe ich keine Sorge. Ich kenne in Prag einige professionirte Hehler, welche mit Freuden zugreifen würden.«
»Aber was würden sie uns bieten? Kaum die Hälfte des Werthes.«
»Natürlich! Jeder will verdienen, und je größer das Risico ist, desto größer die Prozente. Du mußt doch auch bedenken, daß unser Käufer die Edelsteine binnen einer Jahre langen Zeit gar nicht verwerthen könnte. Die Polizei der ganzen Erde würde in Aufruhr versetzt sein.«
»So mag er sie umschleifen lassen. Dann sind sie nicht mehr zu erkennen.«
»Aber sie verlieren dadurch am Werthe, und darum dürfen wir den Preis nicht zu hoch stellen. Uebrigens ist es lächerlich, jetzt schon vom Verkaufe zu reden. Wir haben ja die Katze noch gar nicht im Sacke.«
»O, die bekommen wir!«
»Bist Du so überzeugt davon?«
»Ja. Ich habe mir dann gestern am späten Abende die Gelegenheit angesehen. Sie ist wirklich prächtig. Man kann den Fensterladen von dem Mühlendamm aus erreichen.«
»Und in dieser Stube schläft er?«
»Ja. Er wohnt und schläft da.«
»So wacht er auf dabei. Ohne Geräusch wird es sich wohl kaum thun lassen.«
Bist Du auf einmal gar so ungeschickt geworden? Du hast ja bereits Streiche mit ausgeführt, welche hundertmal schwieriger waren.«
»Das mag wohl sein; aber wenn es sich um einen solchen Herrn handelt, so wird man mißtrauisch gegen sich selbst. Auf welche Weise ist denn der Laden verschlossen?«
»Auf ganz gewöhnliche Art; durch einen eisernen Querstab, der mit dem einen Ende in der Mauer befestigt ist. Am andern befindet sich der Vorstecker, welcher nach innen geschoben wird.«
»Nun, wie willst Du da den Laden aufmachen, ohne daß ein Geräusch zu vernehmen ist?«
»Dadurch, daß ich die Angel aus der Mauer wuchte. Die Mühle macht Geräusch genug, um das Knirrschen, welches wir verursachen, unhörbar werden zu lassen.«
»Da hast Du freilich Recht. An das Klappern der Räder habe ich nicht gedacht. Aber nun kommt es auf das Fenster an. Wie kommen wir da hinein? Wie bringen wir es auf?«
»Mit einem Pflaster. Das legen wir an die Scheibe und drücken sie ein.«
»Und wenn er doch dabei erwacht!«
»Nun, so ist das doch nicht gefährlich für uns. Wir können ja ausreißen. Kein Mensch wird uns halten. Mit einigen Schritten erreichen wir den Wald.«
»Dann aber ist die Million zum Teufel!«
»Leider! Aber wir brauchen sie doch nicht aufzugeben! Warum wollen wir fliehen? Das ist doch auf keinen Fall nothwendig!«
»Auch nicht, wenn er erwacht?«
»Auch dann nicht.«
»Ich begreife Dich nicht.«
»Und ich Dich auch nicht. Mag er immerhin aufwachen. Er wird sich doch ganz ruhig verhalten.«
»Der? Auf keinen Fall!«
»Pah! Wir zwingen ihn dazu! Wenn es sich um so viel handelt, dann ist mir Alles gleich.«
»Ah! Sapperment! Du meinst – –?«
»Ja, ich meine – –«
»Das wäre ja gefährlich!«
»Gar nicht. Der Schuß ist auch nicht zu hören, denn meine Stockflinte ist ein Meisterstück. Es kann für uns nicht die allergeringste Gefahr geben.«
»Aber der Gedanke, ihn zu erschießen, ist doch im höchsten Grade un – un – un – – ich finde kein Wort, dafür.«
»Und ich finde kein Wort, um Deine Dummheit richtig zu bezeichnen. Zum Beispiel ziehen Hunderttausende in den Krieg und ein Viertel davon wird erschossen. Und Du willst Dir's zu Herzen nehmen, wenn es sich um einen einzigen Menschen handelt! Laß Dich doch nicht auslachen!«
»Aber so ein Mensch wie grad er!«
»Vor Gott sind alle Menschen gleich und vor dem Teufel auch. Also wenn wir einen Menschen in den Himmel oder in die Hölle schicken, so ist es sehr gleich, wer dieser Mensch ist. Das giebst Du doch zu?«
»Kerl, Du bist wirklich ein ganz und gar gefährliches Subject!«
»Du ebenso. Vielleicht hast Du bereits mehr auf Deinem Gewissen als ich auf dem meinigen.«
»Darüber wollen wir uns nicht streiten.«
»Nein; das fällt mir nicht ein. Aber gescheidter als Du bin ich auf alle Fälle. Du redest von dem Einbruche, zu dem wir uns entschlossen haben, wie der Blinde von der Farbe. Ich habe Dich wirklich nicht für so dumm gehalten!«
»So? Ist meine Dummheit wirklich so sehr groß?«
»Ungeheuer!«
»Wieso?«
»Meinst Du denn in Wahrheit, daß wir zu den Millionen kommen könnten, ohne daß der gegenwärtige Besitzer dran glauben muß?«
»Ich denke, daß es sich wohl auch ohne Mord möglich machen lassen werde.«
»Nein. Kannst Du denn einsteigen und ihm Alles abnehmen, ohne daß er dabei aus dem Schlafe erwachen wird?«
»Hm! Das wird sich freilich nicht thun lassen!«
»Siehst Du! Munter wird er jedenfalls.«
»So binden und knebeln wir ihn.«
»So einen Riesen? Wenn es nur für einen kurzen Augenblick zum Kampfe kommt, ist es mit uns aus. Er wird sogleich um Hilfe rufen.«
»So reißen wir aus.«
»O, der hält uns fest!«
»So ist es immer noch Zeit, die Waffen zu gebrauchen.«
»Aber es ist dann zu spät, wenn sein Hilferuf einmal gehört worden ist. Nein, er muß auf alle Fälle unschädlich gemacht werden.«
»Wenn es uns gelingt, den Laden zunächst nur ein Wenig zu öffnen, so kommen wir dann ohne alle Gefahr an's Ziel. Ich hab bemerkt, daß er während der ganzen Nacht Licht brennt. Ich habe ihn sogar durch eine Spalte des Ladens im Bette liegen sehen. Man kann ganz bequem auf ihn zielen. Er ist gleich beim ersten Schusse eine Leiche. Dann steigen wir ein und nehmen Alles weg.«
»Donnerwetter! Welch ein Aufsehen dann am Morgen!«
»Das geht uns nichts an!«
»Aber wird uns auch die Zeit dazu übrig bleiben?«
»Warum denn nicht?«
»Weil wir ja auch das Paschergeschäft besorgen müssen.«
»Das wird uns wenig stören. Punkt zehn Uhr gehts über die Grenze hinüber, und eine halbe Stunde später sind wir unsere Waaren los. Punkt zwei Uhr bekommen wir die Paquete, welche herüber zu transportiren sind. Wir haben also über drei Stunden freie Zeit zur Ausführung unseres Vorhabens. Die anderen Pascher dürfen freilich nichts davon ahnen. Sie halten das Schmuggeln für keine Sünde, den Mord aber für das größte Verbrechen. Darum ist es gut, daß die ganze Gesellschaft sich nach dem Ablegen der Pakete zerstreut und sich erst dann wieder zusammenfindet, wenn die Rückwaaren angekommen sind.«
»Es fragt sich, wie weit wir bis zur Mühle haben. Oder weißt Du bereits, welchen Weg wir dieses Mal nehmen werden und wo wir die Packete abzugeben haben.«
»Nein. Das werden wir erst morgen erfahren. Jedenfalls aber werden wir uns nicht sehr weit von der Mühle befinden.«
»Hat er denn keine Dienerschaft bei sich?«
»Ich habe Niemand bemerkt, konnte mich aber auch nicht erkundigen. Das wäre ja aufgefallen. Aber morgen früh werde ich Alles zu erfahren suchen.«
»Und wo bleiben wir heut Abend?«
»Beim Kerybauer auf dem Heustadel. Er wird uns dann unsere Weisungen geben können. Er muß natürlich vorher mit den Osecs Alles besprechen. Jetzt am Tage wird er keine Gelegenheit dazu haben. Also abgemacht?«
»Hm! Ich möchte doch noch nicht ganz bestimmt Ja sagen.«
»Feigling!«
»Schimpfe einstweilen! Es ist ein verdammt albernes Gefühl, welches Einen beschleicht, wenn man daran denkt, was er ist.«
»Hast Recht. Albern ist dieses Gefühl jedenfalls, und weil ich niemals albern gewesen bin, so mag ich mit dergleichen Gefühlen nichts zu thun haben. Du mußt bedenken, daß sich eine so außerordentliche Gelegenheit, schnell reich zu werden, niemals wieder bieten wird. Ergreifen wir sie nicht, so sind wir die dümmsten Menschen der Erde.«
»Und wenn ich nicht mitmache, so siehst Du wohl auch davon ab?«
»Ich? Davon absehen? Das fällt mir gar nicht ein! Wenn Du diesen großen Reichthum nicht mit heben willst, so hole ich ihn mir allein.«
»Das ist Dein fester Vorsatz?«
»Er steht unerschütterlich.«
»Aber Du wirst es allein nicht fertig bringen.«
»Allein viel leichter als in Gesellschaft mit Einem, der sich fürchtet.«
»Hm! So ist also der Tod dieses – dieses Mannes eine beschlossene Sache, ich mag nun mitthun oder nicht?«
»Jawohl.«
»Dann wäre ich freilich sehr dumm, wenn ich verzichten wollte. Ich kann ihn doch dadurch nicht retten.«
»Nein. Und es ist also am Allerbesten, wenn Du mitmachst.«
»Gut, so bin ich dabei.«
»Deine Hand darauf!«
»Hier!«
Der Lauscher hörte die Hände kräftig zusammenschlagen. Dann erklang Zerno's Stimme:
»So sind wir also fertig, und das ist gut. Ich habe heut fast gar nicht geschlafen und bin müde. Ich will ausruhen. Es wird wohl Niemand kommen, der uns stört. Später können wir Alles besprechen. Heut Abend im Heustadel ist dazu die beste Zeit und der beste Ort. Da wissen wir vielleicht auch bereits, wohin der Pascherzug gehen wird. Jetzt laß mich in Ruhe!«
Es erklangen die Blechgefäße. Daraus ließ sich schließen, daß die Zwei sich mit einander auf dem Strohlager Platz gemacht hatten, um sich auszuschlafen. Sie hatten den Tod eines Königs beschlossen und vermochten, darauf ruhig zu schlafen. Ludwig schauderte. Zwar wußte er nicht, von wem sie gesprochen hatten, aber er wußte doch, daß es sich um einen Mord handelte. Ists möglich, daß die Seele eines Menschen so bodenlos tief in Gott- und Gefühllosigkeit versinken kann? Man sollte es nicht glauben.
Ludwig mußte jetzt annehmen, daß das Gespräch nun zu Ende sei und er jetzt nichts mehr erfahren werde. In Folge dessen entfernte er sich. Aber wie langsam und zögernd waren seine Schritte gegen vorher. Das Gehörte ging ihm im Kopf herum. Es lag ihm so schwer auf der Seele, als ob er selbst den Entschluß gefaßt habe, einen Menschen umzubringen.
Und wer war dieser Mensch?
Zerno hatte den Namen desselben seinem Verbündeten in das Ohr geflüstert, und dann war er nicht laut genannt worden. »Herr« hatten sie immer nur gesagt. Aus Allem ging hervor, daß er kein gewöhnlicher Mann sein könne. Er trug Edelsteine im Werthe von Millionen bei sich – ihrer Ansicht nach. Außerordentlich reich war er also auch.
In einer Mühle wohnte er. Aber in welcher? Er war aus dieser Mühle gekommen und nach der Straße gegangen, welche nach Eichenfeld führt. Aber welche Straße war das? Es führten Straßen von Nord und Süd, von Ost und West nach Eichenfeld. Aus dieser Aeußerung war also nichts Bestimmtes zu schließen.
»Sollten Sie gar einen König dermorden wollen? Aberst hier in Oesterreich giebts halt keinen. Sollten sie meinen König meinen? Eichenfeld liegt ja drüben im Bayern. Und einen »Riesen« haben sie ihn nannt? Mein guter König ist von hoher und breiter Gestalt, und er würde es gar wohl mit diesen Zweien aufnehmen können, wanns ihn überfallen wollten. Aberst das ist nicht möglich, ganz und gar unmöglich. Dieser Gedanke ist ja so gräßlich, daß ihn gar kein Menschenkind haben kann!«
Er dachte weiter nach, ohne Etwas zu finden, woraus irgend eine Klarheit zu schöpfen sei. Sollte er sie jetzt sofort anzeigen und arretiren lassen? Nein, denn es stand in diesem Falle fest, daß sie Alles leugnen würden. Und dann konnte ihnen nichts geschehen.
Nein, er mußte schweigen und sie genau beobachten. Er mußte warten, bis Grund vorhanden war, sich ihrer zu bemächtigen. Das war freilich gefährlich. Sie konnten dabei Zeit finden, ihr Verbrechen auszuführen.
Aber da dachte er daran, daß sie sich heut Abend ja im Heustadel besprechen wollten. Wenn es ihm da gelang, sie abermals zu belauschen, so lernte er wohl besser als jetzt ihre Absichten kennen und konnte darnach handeln. Er beschloß also, jetzt noch zu schweigen und sich am Abende zeitig in's Heu zu legen, noch bevor sie es thaten.
»Und das, was ich immer denkt hab, ist also auch richtig. Dera Kerybauern ist ein Hauptschmugglern, und die beiden Osecs sind seine Kameraden. Darum soll die Gisela den Jungen heirathen. Nun, da werd ich wohl meine beiden Händen dazwischen halten. So ein Kerlen soll mein Dirndl nicht unglücklich machen. Wann ich sie auch nicht bekomm, so soll sie doch Einer erhalten, der kein Verbrechern ist und den sie gut leiden mag.«
In diesem Sinnen langte er beim Wirthshause an. Der Tanz hatte noch nicht begonnen, doch waren schon viele Burschen und Mädchen versammelt. Diejenigen, welche für dieses Vergnügen unentbehrlich waren, nämlich die Musikanten, saßen unter dem Baume, welcher vor dem Hause stand, und Ludwigs Mutter hatte bei ihnen Platz genommen.
Die Capelle bestand aus nur drei Personen, welche ihre Instrumente bei sich hatten – einen Violonbaß, eine verbogene und verknillte Posaune und eine alte B-Klarinette. Diese drei Künstler waren in mehreren Beziehungen hochinteressant. Zunächst wegen ihrer fast gleichlautenden Namen. Sie hießen nämlich Menzel, Wenzel und Frenzel. Darum wurde die Capelle kurz und treffend die »Wenzelei« genannt.
Die Drei waren keineswegs Musiker vom Fache. Der Rumpelfrenzel, welcher so genannt wurde, weil er den Violonbaß »rumpelte«, hatte sein Instrument von einem selig verschiedenen Vetter geerbt. Er war der Schneider des Ortes und verbrachte einen Theil seiner freien Stunden damit, seinem Basse ein Zahnschmerzen erregendes Grunzen und Stöhnen zu entlocken. Er war sehr lang, sehr dürr, trug eine schauderhafte falsche Haartour auf dem schmalen Schädel, einen blauen Sonntagsfrack mit blanken Knöpfen auf dem Leibe und einen kupferrothen Hautüberzug auf der langen Nase.
Der Posaunenwenzel war Schuster. Er hatte einem in der Stadt wohnenden Musikus lange Jahre hindurch die Stiefel geflickt, selten aber seine Bezahlung erhalten. Endlich hatte er die Geduld verloren und seinen Schuldner verklagt. Nachdem er den Proceß gewonnen und es bis zur Pfändung getrieben hatte, war von dem säumigen Musikus nichts zu bekommen gewesen als die unglückliche Posaune. Da sie ihrer Unbrauchbarkeit wegen keinen Käufer fand, so hatte sich der Schusterwenzel vor lauter Wuth darauf gelegt, sie nun selbst zu blasen. Er verstand es, ihr die unglaublichsten Töne zu entlocken. Töne, welche zwischen dem Quiken eines Ferkels und dem Brüllen eines wüthenden Ochsen hin und her fuhren, ohne auf einem festen Ton haften zu bleiben. Der Posaunenwenzel war von starkknochiger, untersetzter Gestalt. Die Haare standen ihm stets zu Berge; sein kleiner Schnurrbart sträubte sich ohne Unterlaß, und was er in seinem Geschäfte des Wochentags an Pech übrig behielt, daß pflegte ihm des Sonntags an den Händen und im Gesicht zu kleben.
Der Dritte im schönen Bunde, nämlich der Clarinettenmenzel, spielte den Musikdirector. Er war von Geburt und Herzensliebe ein echter Bayer und sprach, obgleich er bereits seit langen Jahren hier in dem böhmischen Dorfe als Hufschmied wohnte und lebte, heut immer noch seine vaterländische Mundart. Er hatte ein rothes, dickes Gesicht, war überhaupt sehr behäbig und beleibt und ging grundsätzlich nur in bayrischer Gebirgstracht – Bergschuhe, Wadenstrümpfen, Lodenjoppe, Gurt und einen Hut mit Spielhahnfeder, obgleich er während seines ganzen Lebens keine Henne, viel weniger einen Hahn sich auf das Gewissen geladen hatte.
Sein Mund hatte eine eigenthümliche Lage angenommen. Er war nämlich stets zugespitzt, mit aufgeblasener, vorgeschobener, runder Oberlippe. Das sah sehr possierlich aus, hatte aber einen guten Grund, und dieser Grund war die Clarinette.
Eines schönen Tages nämlich, kurz nachdem er hier in's Dorf gezogen und sich die Schmiede nebst einem kleinen Aeckerlein gekauft hatte, war ein alter Mann, welcher mit altem Eisen handelte, zu ihm gekommen und hatte ihm einen Sack voll dieser Waare zu einem wahren Schundpreise angeboten. Der Schmiedemenzel hatte das alte Eisen gekauft und dann unter demselben die Clarinette gefunden.
Das liebe Instrument hatte freilich nur aus den hölzernen Theilen bestanden. Die messingenen Klappen hatten sich aus dem Staube gemacht; die Löcher waren verstopft und am Schnabel fehlte das Rohrblatt, ohne welches selbst die beste Clarinette kein menschliches Herz zu rühren vermag. Das hatte den guten Menzel tief erbarmt. Er hatte beschlossen, sich des verwaisten Instrumentes als Pflegevater anzunehmen, und begann dann, die Blößen desselben zu bedecken. Er schmiedete und feilte sich selbst neue Klappen zurecht und nagelte sie an Ort und Stelle fest. Sodann bohrte er die verstopften Löcher wieder aus, freilich mit einem Bohrer, welcher viel zu stark war, und endlich brach er, da er keines Rohrblattes habhaft werden konnte, sich ein Stück von einer hölzernen Streichholzschachtel ab und band es mit starkem Eisendrahte auf den Schnabel fest.
So war das große Werk gelungen. Er kam sich vor wie ein berühmter Instrumentenbauer und rief das ganze Dorf zur ersten Musikprobe zusammen. Diese hatte, aufrichtig gestanden, einen ganz außerordentlichen Erfolg. Als er zum ersten Male oben hineinblies, heulte und jammerte es unten heraus wie von tausend Gespenstern, und die sämmtlichen Löcher winzelten und fibten so, daß er sie sofort mit allen zehn Fingern zustopfte, denn mit seinen neuen Klappen konnte er sie nicht verschließen, da er die Gelenke derselben auch mit festgenagelt hatte.
Aber sein musikalisches Genie setzte sich über solche Nebensachen leicht hinweg. Er blies und blies, bis sein Mund für immer und ewig, selbst des Nachts im Schlafe, die Gestalt des Clarinettenschnabels annahm. Wenn auch jedes Loch der Clarinette in einer anderen Tonart stand, und wenn er auch monatlich für den Schnabel mehr Streichhölzerschachteln brauchte, als er in einem Jahre Streichhölzer verbrennen konnte, er blies eben weiter und brachte es zu einer solchen Virtuosität, daß er zuletzt beim Blasen die Augen gar nicht mehr aufmachte.
Sogar Noten hatte er sich gekauft und sie einstudirt. Eines schönen Tages aber hatte ihm der Herr Lehrer mitgetheilt, daß es Orgelnoten seien, die nur mit zwei Händen und zwei Füßen gespielt werden können. Seit jener Stunde hatte er nie wieder ein Wort mit dem Lehrer gesprochen, und nur des Nachts, wenn Alles schlief, blies er noch diese Orgelfugen, bis ihn seine zornige Frau beim Wickel nahm und in's Bett schleuderte. Die Clarinette kam dann stets unter das Kopfkissen zu liegen; sie konnte gut ruhen, da nun die Frau Schmiedemeisterin aus ihrem natürlichen Schnabel zu schimpfen begann.
Diese drei Musikliebhaber hatten sich selbstverständlich sehr bald zusammengefunden. Sie begannen heimlich zu üben, draußen im Walde oder in einer abseits gelegenen Scheune oder in einem fernen Steinbruche. Es klappte besser und immer besser. Zuletzt hatten sie eine solche Uebung erlangt, daß, wenn der Eine begann, fingen die andern Beiden auch mit an. Und wenn Einer endlich aufhörte, weil er müde wurde, so brachten die andern Beiden höchstens nur noch zehn bis zwölf Fußtritte, die sie Tacte nannten, und hörten nachhero auch mit auf. Mehr konnte doch nicht verlangt werden.
Schließlich wurde sogar ein so meisterhaftes Zusammenspiel erreicht, daß sie den Walzer ganz richtig im Sechsachtel- und den Galopp im Zweivierteltacte nudelten. Und nun traten sie zum ersten Male öffentlich auf. Der Erfolg war gradezu und wörtlich ein durchschlagender.
War es ein Wunder, daß man sie nach und nach immer mehr schätzen lernte? Endlich kam es sogar so weit, daß, wenn keine auswärtigen Musikanten zu erlangen waren, die drei Künstler gebeten wurden, dem Alter und der Jugend zum Tanze aufzuspielen. Sie thaten es mit stolzem Herzen und steckten voller Genugthuung die Kupferkreuzer ein, welche sie nun ernteten.
Aber nun, da sie ein festgeschlossenes Musikcorps bildeten, stellte sich die Notwendigkeit ein, unter sich einen Director zu wählen. Jeder von den Dreien wollte den Ehrentitel für sich erwerben, und ein Jeder brachte seine guten Gründe vor. Gut waren sie alle, diese Gründe, aber diejenigen des Schmiedemenzel waren doch die besten, wie auch die ganze Gemeinde einstimmig anerkannte. Er hatte sich nämlich sein Instrument selbst reparirt, und er hatte, wie nun auch der Herr Lehrer bezeugte und mit hundert Eiden beschwören wollte, Orgelnoten achtstimmig auf der Clarinette geblasen. Das war maßgebend. Der Clarinettenmenzel wurde Concertmeister und Musikdirector. Die beiden Andern fügten sich. Nur machte der Schuster zur Bedingung, daß das vereinte Corps nach seinem wohlbekannten Namen die Wenzelei genannt werden müsse, und der Schneider bedang sich aus, daß er, während er den Baß strich, sich niemals zu setzen brauche.
»Denn,« sagte er, »ein wahrer Künstler muß stramm am Basse stehen.«
Heut nun sollte getanzt werden. Alle bekannten Musici der Umgegend waren aber vergriffen, und so hatte sich gestern am Abende eine Deputation der Jungburschen zum Herrn Musikdirector begeben, um ihn zu veranlassen, mit seinem Corps zu erscheinen. Er hatte zugesagt, war aber nicht gar zu eilig eingetroffen, denn er hatte einmal gehört, daß es vornehm sei, spät zu erscheinen.
Aus diesem angegebenen Grunde waren die drei Virtuosen nicht direct nach dem Saale gegangen. Sie hatten sich zunächst hier unter dem Baume niedergelassen, um sich an einem Biere zu stärken.
Indessen blickten die Burschen und Mädchen voller Sehnsucht durch die Fenster herab. Sie hätten die Musikanten sehr gern gerufen; aber das ließen sie wohlweißlich bleiben, denn der Schmied konnte es nicht leiden. Er pflegte anzufangen und aufzuhören, wenn es ihm paßte. War man damit nicht zufrieden, so ging er einfach nach Hause, und keine Gewalt der Erde hätte vermocht, ihn zurückzurufen. Dann hatte es natürlich auch mit dem Tanz ein Ende.
Als Ludwig jetzt näher kam und die »Wenzelei« erblickte, zuckte ihm ein guter Gedanke durch den Kopf. Der Musikdirector hielt große Stücke auf ihn, da sie ja Landsleute waren. Das bewies er auch jetzt wieder, denn er rief ihm bereits von Weitem zu:
»Na, Ludwig, wo bleibst denn so lange? Deine Muttern hats uns sagt, daßt kommen willst, und da hab ich nicht ehern beginnen wollt, bist da bist. Dich hab ich ja noch niemals tanzen sehen, und meinem Landsmann muß ich doch einen gar Feinen vormuseriziren.«
»So? Was denn für einen?«
»Einen Walzern aus B-Duren, mit sechzig Trillern und Schnörkeln, wiet noch nimmer einen hört hast.«
»Wissens denn die beiden Andern auch schon bereits?«
»Sie haben ihn noch nicht hört, aber das thut nix bei so einispielten Truppen, wie wir halt sind. Sie mögen ihre zwei Tonarten machen, ich fint schon auch noch die meinige dazu. Die Hauptsach ist und bleibt doch stets, daß wir zusammen anfangen und auch zusammen aufhören. Das Andere ist nur Nebenfach und wird von dera richtigen Discipliren recht bald funden. Ein richtiger Kapellmeistern und Musikdirectoren weiß schon, sich zurecht zu finden, wann auch einer seiner Musicum ein paar Pausen zu viel oder zu wenig blasen thut.
Dieser letzteren Ausdruck schien den Posaunenwenzel zu beleidigen. Er mußte ja gemeint sein, da sein anderer College, der Rumpelfrenzel, ja nicht blies, sondern den Baß strich. Er sagte daher:
»Bitte sehr schön, Herr Musikdirector! Ich blase niemals zu viel. Mich kennt die ganze Gemeinde als einen schenerösen Künstler. Ich gebe stets einige Tacte zu, manchmal sogar eine ganze Klause.«
»Ja,« stimmte der Schmied bei, um ihn zu beruhigen, »das weiß ich halt recht gut. Und Dich hab ich auch gar nicht meint. Ich hab nur sagen wollt, daß keiner von uns jemals irre zu machen ist.«
»Ja,« nickte der lange Schneider, »das ist sehr wahr. Wir sind nicht aus dem Concept zu bringen. Nicht einmal ich, obgleich ich das schwerste Instrument hab.«
»Du?« fragte der Schuster.
»Freilich ja.«
»Wieso denn?«
»Ich hab ja vier verschiedene Seiten zu streichen. Du aber hast nur eine Posaune. Ich hab ferner mit der rechten Hand zu sägen und mit der linken zu greifen. Das macht die Sache schwierig. Habe ich nicht Recht, Herr Director?«
»Recht hat nur Derjenige, welcher sagt, daß ein jedes Instrumenten seine eigenen und sonderlichen Schwierigkeiten besitzt,« entschied der Schmied. »Du streichst und greifst mit den Händen. Wir aber brauchen alle Finger und außerdem auch noch das ganze Maul dazu. Du hast keinen Athem nöthig, wir Beide aber müssen blasen wie mein Schmiedebalg. Ueber solche Sachen wollen wir uns nicht entzweien. Wir sind Kollegen, und ein Jeder muß die Vorzügen und Meisterschaften anerkennen. Trinken wir lieber in Frieden noch ein Bier. Du aberst, Ludwig, setz Dich mit her zu uns. Wir haben bereits Deine Muttern zu uns einiladen, und weilst mein Landsmann bist, sollst grad da neben mir sitzen.«
»Ich denk, Ihr habt keine Zeit mehr, weil dera Tanz beginnen muß?«
»Was? Keine Zeit mehr? Wer will einen Musikdirectorn zwingen, anzufangen? Den möcht ich sehen, der das wagt. Setz Dich nur nieder. Wir haben noch gar viel Zeit.«
Da antwortete Ludwig höflich:
»Das soll mir eine sehr große Ehre und Reputationen sein, wanns die Herren von dera Wenzelei derlauben.«
Diese Schmeichelei gefiel den drei Künstlern gar wohl. Der Schneider Frenzel nahm seine Mütze so schnell ab, daß er sich die Perrücke mit vom Schädel riß. Der Schuster Wenzel lachte aus allen Zahnlücken heraus und antwortete:
»Servus, Salvus, Malvus!«
Er sprach nämlich gern in Ausdrücken, welche mit »us« endigen, weil Musicus ganz dieselbe Endung hat. Auch der Herr Director lächelte wohlgefällig und meinte:
»Da merkt mans doch gleich, wer als Unteroffizier bei dem bayrischen Militär standen hat. Dort wird Einem die Nasen geputzt, daß man sehr bald die richtigen Höflichkeiten lernt.«
»Bist Du auch Soldat gewesen?« fragte ihn der Schuster.
»Nein. Als ich das richtige Alter hatte und untersucht worden bin, da haben die Herren mir auf die Achsel klopft und sagt, daß ich ein sehr tapferer Soldat werden thät und vielleicht gar ein Offizieren. Aberst weil sie es meinem Maul gleich ansehen haben, daß ich ein tüchtiger Künstlern werden könnt und sogar ein Meister auf dera Clarinetten, so habens halt mein Glück und Schenie nicht stören wollt und mich wieder heimgehen lassen. Da bin ich Schmied blieben und hab bald nachhero lernt, die richtigen Klappen auf die Clarinettenlöchern machen. Bist nicht auch irgendwo musikalisch, Ludwig?«
»Habs noch nicht versucht.«
»So bists auch nicht. Wer zu dera edlen Kunst geboren ist, der versuchts auch bald. Dera Instinct treibt ihn so lange, bis er sich zum Beispiel eine Clarinetten im alten Eisen kauft.«
»Oder eine Posaune auspfändet,« stimmte der Schuster bei.
»Oder ein Violonbaß erbt,« meinte der Schneider. »Ein jedes Talent drückt sich seiner Zeit einmal durch, wenns nicht vielleicht stecken bleibt. Aber wer kommt dort? Ist das nicht der Kerybauer mit den Seinigen?«
Der Genannte kam vom Dorfe her. Mit ihm kamen seine Frau, seine Tochter und seine beiden Gäste.
»Holla,« meinte der Schmied, indem er eine finstre Miene zog, »die Osecs sind auch dabei. Da wirds halt nicht viel Freud für uns geben.«
»Warum nicht?« fragte Ludwig.
»Weil diese Kerlen so protzend und aufbegehrend sind. Das mag ich nicht dulden. Ein Musikdirectoren muß auf Ehr halten. Wanns etwan heut wiederum auf ihren Geldsack pochen, so kommens bei mir gleich an den Unrechten. Paßt mal auf!«
Er hatte ganz richtig geahnt. Als die Genannten herangekommen waren, blieb der junge Osec, um groß zu thun, am Tisch stehen und sagte:
»Da sitzt ja bereits der Ludwig! Höre, Du bist ein armer Teufel. Was Du trinkst, das bezahl ich. Kannst Dir einen guten Tag machen.«
»Dank schön!« antwortete der Knecht. »Ich habe bereits zu trinken. Aberst was Du Dir einischenken lässest, das kannst von denen Silberstückerln zahlen, die ich Dir vorhin wiederschenkt hab.«
»Thu nicht groß,« nahm da der alte Osec das Wort. »Für einen Dienstknecht ziemt es sich nicht, aufzuschneiden. Wir aber sind reich und können zahlen. Warum sitzt Ihr noch hier, Ihr Musikanten? Ihr gehört hinauf in den Saal. Hier wird keine Faulheit geduldet. Fangt an!«
Da blickte der Schmied ihn von oben bis unten an und antwortete:
»Was wird hier nicht duldet? Faulheit? Und wer wills nicht dulden? Du etwan? Wer bist denn eigentlich? Ich aberst bin dera Herr Musikdirektor!«
»Ja, der Director von der Lausewenzelei!« lachte Osec.
Aber in demselben Augenblicke stand der Schmied vor ihm, faßte ihn mit seinen gewaltigen Händen an der Brust, hob ihn empor, setzte ihn dann wie ein Kind auf den Erdboden nieder und sagte:
»Das soll einstweilen meine Antwort sein. Wannst noch ein Wort weiter sagst, setz ich Dich hinauf auf den Baum, Du Lausbub Du! Lern erst mal die Clarinetten blasen. Du unnützer Bauerslump. Jetzt werd ich mein Musikantencorps von Dir schimpfiren lassen. Mach Dich von dannen mit Deinem jungen Starmatz, der da steht und das Maul aufsperrt, als ob die Maccaroninudeln achtundzwanzig Ellen lang wären. Ihr seid mir die Richtigen.«
»Aber, Schmied! Was fällt Dir ein,« rief der Kerybauer. »Wie kannst Du meinen Gast da in den Dreck setzen!«
»Was sagst Du zu mir? Was soll ich sein? Schmied soll ich sein?«
»Natürlich!«
»So? Siehst etwan hier meine Clarinetten nicht? Bist wohl blind worden?«
Während er diese Fragen in zornigem Tone ausrief, hielt er dem Bauer die Clarinette dicht unter die Nase. Dieser fuhr zurück und antwortete fast erschrocken:
»Natürlich sehe ich die Clarinette.«
»Nun, so mußt auch wissen, daß ich an diesem Augenblick nicht dera Schmied bin, sondern dera Musikdirectorn. Ich will meine Ehre haben für mich und meine musikalische Capellen, und wer sie mir nicht giebt, dem sollen sogleich Hunderttausendmillionen Teufeln in die Strümpfen fahren!«
Er trat bei diesen Worten drohend auf Kery zu. Dieser wich vorsichtig zurück, denn bei einer Rauferei hätte er gegen den Schmied unbedingt den Kürzern gezogen, und antwortete in beruhigendem Tone:
»Na, na, nur nicht gleich so hitzig! Du hast keinen Lump vor Dir!«
»Du auch nicht. Ich hab einen Bauer vor mir. Du aberst einen Clarinettisten. Kartoffeln kann ich auch pflanzen. Du aber, wannst Clarinetten lernt hast, so blas sie doch mal! Hier ist sie.«
Er hielt ihm das Instrument abermals entgegen.
»Das kann ich freilich nicht,« gestand Kery halb verlegen und halb belustigt.
»Nun, so thu auch nicht so dick, und verlang nicht von uns, daß wir Euch gehorchen sollen!«
»Aber wenn wir Euch bezahlen, so müßt Ihr doch auch blasen!«
»Wer hat Dir sagt, daß wir von Dir Geld haben wollen. Laß Dir vom Wind was vorblasen. Da kannst auch tanzen. Wir machen Musik, wanns uns gefällig ist. Für diese beiden Osecs aberst nun grad gar nicht. Die sind nicht mal von hier. Die zählen hier nix; die sind Luft vor unsern Augen!«
»Sie sind meine Gäste. Beleidige sie mir nicht!«
»Was willst machen, wann ichs dennoch thu? Meinst, weilst der reiche Kerybauern bist, so kannst das ganze Dorf in den Sack stecken? Da bist falsch berichtet. Reiche Bauern giebts genug allüberall. Aberst sag doch mal Deinen gescheidten Gästen, sie sollen jetzt mal da die Wenzelposaune blasen oder den Wenzelviolen spielen. Hebt Euch nur schnell hinweg, sonst lauft mir die Gallen noch mehr über, und nachhero kommen andre brave Leutln schlecht weg, denn wanns mir einfallt, so mach ich nun heut gar keine Musik!«
Da ergriff die Kerybäuerin ihren Mann beim Arme, zog ihn fort und bat:
»Komm! Mach keinen weitern Streit, sonst kann nicht getanzt werden!«
Die Worte verfehlten die beabsichtigte Wirkung nicht, obgleich der Bauer sonst einer solchen Bitte niemals zugänglich war. Er ließ sich fortziehen, konnte es aber nicht über's Herz bringen, ganz zu schweigen, vielmehr gab er noch einen kleinen Hieb zurück:
»Ja, ich gehe; aber lange warte ich auf die Musik nicht. Ich habs nicht nöthig.«
Der Schmied aber rief ihm zornig nach:
»Thu nicht so groß! Vielleicht kommt auch noch mal die Zeit, in welcher Du recht gern wartest, weils nöthig hast!«
Osec, der Vater, war still wieder vom Boden aufgestanden und hatte kein Wort gesagt. Er hatte wohl geglaubt, daß dies dem Schmied gegenüber das Beste sei. Der Kerybauer verschwand mit den Seinen in der Thür des Gasthauses. Er war nicht beliebt, dafür aber gefürchtet im Dorfe. Jetzt nun, da er es nicht hören konnte, wurde oben im Saale, von wo aus man den Vorgang mit angesehen hatte, ein Fenster geöffnet, und einer der Burschen rief herab:
»Bravo, Herr Musikdirector! So war es recht! Wenn sich die Osecs etwa auch hier oben vornehm aufspielen wollen, geigen wir ihnen zur Treppe hinab. Bravo!«
»Schaut, die Jungens habens also sehen,« lachte der Schmied. »Ja, fein bin ich nicht, aberst grob kann ich werden, wann man mich auch grob behandelt. Uebrigens hab ichs denen Osecs schon längst zugedacht. Wann ich denen mal einen Streich spielen könnt, so sollt michs von ganzem Herzen freuen.«
»Ist das Dein Ernst, Landsmann?« fragte da Ludwig.
»Kannsts gern glauben.«
»Nun, die Gelegenheit dazu kannst bereits heut schon haben.«
»Wirklich? Die sollt mir gar sehr willkommen sein. Sie haben grad heut ein Gesicht macht, als obs das große Loos gewonnen hätten.«
»Das haben sie auch. Du hasts derrathen. Wenigstens wenns auf den Kery ankommt, so erhalten sie den Gewinnst.«
»Wie meinst denn das?«
»Der große Gewinn ist die Gisela.«
»Was? Die Gisela? Die will wohl gar der junge Osec denen hiesigen Burschen wegschnappen?«
»Ja.«
»Da soll ihm doch gleich ein Donnerwettern auf den Ambos blitzen Der und die Gisela! Das thät ja, das größte Unglück für das arme Dirndl geben!«
»Das weiß sie gar wohl; darum sträubt sie sich dagegen. Auch ihre Muttern will nix davon wissen; aber der Vatern thut sie zwingen.«
»Schau, ist das so! Oho! Giebts denn hier im Ort Keinen, den sie haben mag? Der sollt sie bekommen, wenn ich was dazu thun könnt!«
»Wenigstens könntst mit wirken, daß dera Osec sie nicht bekommt.«
»So? Wie müßt ich das anfangen?«
»Weißt, sie soll mit ihm tanzen, aberst sie mag nicht.«
»Das kann ich ihr nicht verdenken.«
»Ihr seid drei Künstlern, und Du bist dazu außerdem gar noch auch mein Landsmann. Ihr habt eine Ehr im Leib?, und ich weiß, was ich Euch anvertrau, das werdet Ihr nicht wieder ausplaudern. Nicht?«
Da schlug der Schmied auf den Tisch, daß Alles krachte und rief: »Ja, Recht hast. Künstler plaudern niemals nix aus. Uns kannst Alles sagen. Ists ein Geheimnissen?«
»Ja. Ihr sollt meine Verbündeten und Wohlthätern sein.«
Da erhob der Schneider die Hand wie zum Schwüre und betheuerte: »Bei meiner Baßgeige, ich rede kein Wort aus!«
Und der Schuster stimmte bei:
»Meine Posaune soll verstummen für immer, wenn ich plaudere!«
»Hasts hört?« sagte der Schmied. »Ja, wir sind drei Kerlen, auf die man einen Verlaß haben kann. Also nun kannst reden.«
»Gut! Die Gisela will nicht mit dem Osec tanzen. Sie hat mir gesagt, ich soll stets in ihrer Nähe sein, und wenn er sie engagiren will, so soll ich stets schneller kommen und sie ihm vor dera Nasen wegnehmen.«
Da beugte seine Mutter sich von ihrem Sitze aus weit zu ihm herüber und fragte im Tone freudiger Verwunderung:
»Ists wahr, Ludwig?«
»Ja. Könnt ichs etwan sagen, wanns eine Lügen wär?«
»Nein. Wann hat sie Dirs sagt?«
»Vorhin im Garten.«
»Du lieber Herrgott, so hat – hat – hat –«
Sie hielt inne, indem sie einen zurückhaltenden Blick auf die drei Musikanten warf. Der Herr Musikdirector bemerkte denselben und sagte darum ärgerlich:
»Hat – hat – – hat – – nun, was hat sie denn? Meinst etwan, daßts wegen uns nicht sagen darfst. Ludwig, ich weiß, was sie hat.«
»Nun, was denn?«
»Lieb hat sie Dich.«
Der Bursche erröthete und schüttelte den Kopf.
»Nein,« sagte er, »das bild ich mir nicht ein. Daran ist gar nicht zu denken. Aber sie weiß, daß ich gar viel auf sie halte, und darum hat sie sich unter meinen Schutz begeben.«
»Ein Dummkopfen bist und ein Esel, ein gar gewaltiger! Wann ein Dirndl zu einem Burschen sagt, daß er nur immer mit ihr tanzen soll, weil sie mit ihrem Bräutigam nicht tanzen mag, so hat sie ihn lieb. Das ist die deutlichste Liebeserklärung, die Einem gemacht werden kann.«
»Da wirst Dich wohl irren.«
»Ich, mich irren? Oho! In denen Dirndln irr' ich mich niemals. Damals, als ich die Meinige kennen lernt hab, da hab ich ihr ein Busserl geben wollt. Sie aberst hat sich wehrt und mir eine Maulschellen einilangt, daß mir das Feuer aus denen Augen sprungen ist. Da hab ich sofort wußt, daß sie in mich ganz weg ist. Und nun geh hin zu ihr und frag sie mal, ob sie nicht meine Frauen worden ist! Nein, in diesen Sachen bin ich oh fäh, wie wir Künstlern sagen. Die Gisela hat Dich lieb, und das gefreut mich von ganzem Herzen. Du bist mein Landsmann und ein braver Kerlen. Und wann ich Dich unterstützen kann, so solls gar gern geschehen.«
»Das kannst; wannst willst. Du und Deine beiden Herren Collegen hier.«
»Es geschieht; darauf kannst Dich verlassen. Oder willst etwan nicht, Herr Frenzel?«
Er pflegte, wenn es sich um Collegenschaft handelte, die Beiden stets Herr anzureden.
»Natürlich will ich,« antwortete der Schneider.
»Und Du, Herr Wenzel?«
»Ich thu ihm auch Alles zu liebe,« meldete der Schuster. »Er läßt ja bei mir arbeiten. Noch in voriger Woch hab ich ihm eine neue Strupp an seinen Stiefel machen müssen. So werd ich ihm doch wohl hier beistehen!«
»Hasts hört, Ludwig, hasts hört? Die ganze Wenzelei steht auf Deiner Seiten. Nun sag uns also, was wir thun können!«
»Es ist fast schwer.«
»Pah! Was Leichts zu thun, das ist keine große Ehr. Heraus damit!«
»Nun, es ist doch nicht möglich, daß ich so stets und immer bei dera Gisela stehen bleib. Ich komm auch mal ab von ihr. Da wird dera Osec natürlich sogleich zugreifen, um mit ihr zu tanzen. Nachhero könntet Ihr mir den großen Gefallen thun, daß Ihr – daß Ihr – daß – – –«
»So red doch weitern! Was schnappst denn so nach Luft?«
»Weils gar zu viel ist, was ich Euch zumuthen möcht.«
»Obs zu viel ist oder zu wenig, das werden wir besser wissen als Du. Sags nur erst getrost herausi!«
Da zog Ludwig seinen Beutel aus der Tasche, nahm ein Zehnmarkstück aus demselben, legte es vor den Schmied hin und antwortete:
»Dieses Goldstuckerl geb ich Euch, wann Ihr allemal gleich mit dero Musiken aufhört, sobald er zu tanzen beginnt.«
Der Schmied sagte zunächst kein Wort. Er öffnete den Mund und blickte dem Burschen starr in's Gesicht.
»Nicht wahr, das war zu viel verlangt?« fragte dieser.
Jetzt stand der Schmied langsam auf, schlug mit der Faust auf den Tisch, daß man hätte meinen mögen, das Holz desselben müsse zersplittern, und rief:
»Nein, nein, nein! Hat man schon mal so was hört oder sehen! So eine Beleidigungen, so eine Schlechtigkeiten! Nicht wahr, Herr College Wenzel, dera Ludwig ist ein schlechter Kerlen?«
Der Schuster zögerte mit der Antwort. Da erhob der Schmied den Arm und sagte in drohendem Tone:
»Wirst gleich antworten oder nicht!«
»Ja, Herr Director, er ist einer!«
»Das wollt ich Dir gerathen haben, daßt mir zustimmen thust! Und Du, Herr College Frenzel, Du meinsts doch auch, daß er ein Lump und Beleidiger ist?«
Der Schneider schüttelte verlegen den Kopf und antwortete:
»Mit gütigem Verlaub, Herr Director, ich denke, daß diese Worte –«
»Gar nix hast zu denken, gar nix!« brauste der Schmied auf. Ich bin Euer Herr Directorn; ich hab für Euch zu denken, und Ihr habt mir zuzustimmen. Wannsts nicht sogleich auf dera Stellen thust, so hau ich Dir eine Watschen herunter, daßt mit dem Gesichten sofort in die Baßgeigen einifährst! Also red!«
»Ja, er ist ein schlechter Kerl!« gestand der Violonkünstler nun.
»So ists richtig! Aberst warum ist er ein Lump? Warum? Das wißt Ihr doch auch!«
Beide schwiegen.
»Ja, da sitzt Ihr nun und könnt nicht antworten. Was wärt Ihr für traurige Kerlen, wann Ihr nicht mich, Euern Herrn Directorn hättet! Aberst es ist auch gar kein Wunder, denn ich hab mir meine Clarinetten ganz von selber reparirt und keinen Teuxel dazu braucht. Und Noten hab ich auch lernt, ganz ohne eine fremde Hilf und Zuthat. Darum kann ich jetzt auch den Capellmeistern spielen.«
Ludwig erbarmte sich jetzt der beiden sogenannten Künstler, indem er sagte:
»Ich habs gar wohl wußt, daß es Euch beleidigen muß.«
»So? Was denn?« fragte der Schmied, indem er ihn gespannt anblickte.
»Daß ich Euch zugemuthet hab, gegen Amt und Pflicht zu handeln. Ihr dürft wohl eigentlich gar nicht aufhalten, wann Ihr einmal anfangen habt.«
»Meinst? Wer wills uns denn verbieten, es zu thun, wanns uns beliebt, he? Nein, grad das, daßt das von uns verlangst, das hat mir sehr gefallen; darüber hab ich mich freut. Aberst daßt uns ein Geld dafür geben willst, das ist eine Infamitäten sonder Gleichen. So ein armer Schluckern wie Du bist, und wir, die noblen Künstlern, sollen Dich um Deine Ersparnissen bringen! Dazu will ich gar nicht rechnen, daßt mein Landsmannen bist. Sollsts auch gleich hören, wie die Andern davon denken. Nicht wahr, Herr College Wenzel, es hat Dich beleidigt, daß er uns das Geldl anboten hat?«
Der Schuster warf einen sehnsuchtsvollen Blick auf das Goldstück und antwortete:
»Ja, schlecht genug wars von ihm.«
»So recht! Und Du, Herr College Frenzel?«
Der Schneider krazte sich so lange hinter dem Ohre, daß sich seine Perrücke verschob.
»Nun, wirst gleich antworten! Oder soll ichs Dir etwan hier mit denen beiden Fäusten vordemonstriren?«
»Hm!« antwortete der Bedrängte. »Es ist eine sehr schöne Sache um so ein hübsches Goldstück; aber wenn es dem Herrn Director so beliebt, so hat der Ludwig freilich sehr unrecht gehandelt. Es war eine großartige Beleidigung für uns!«
»Natürlich! Das ist wahr!«
»So hätte er nicht an uns handeln sollen. Ich hätt nicht geglaubt, daß er uns das anthun könnte. Aber wenn der Herr Director nichts von dem Gelde wissen will, so könnte der Ludwig es uns nachhero vielleicht heimlich geben. Dann hätte ja ein Jeder seinen Willen gehabt.«
Da fuhr der Schmied auf ihn zu, faßte ihn beim Kragen, riß ihn empor und schüttelte ihn, daß Mütze und Perrücke herunterfielen. Dabei rief er in höchstem Zorn:
»O Du gemeiner Taugenix! Wo bleibt bei Dir das künstlerische Ehrgefühl! Hinter meinem Rücken willst das Geldl nehmen! Ich werd Dirs sogleich auf Deinen Rücken zahlen, daßt denken sollst, es brennen Dir zehntausend Freudenfeuern auf dem Buckel!«
Der erschrockene und unter den Fäusten des Schmiedes sich windende Schneider bot einen so jämmerlichen Anblick, daß Ludwig hinzu sprang und ihn von seinem Bedränger befreite.
»Laß ihn doch!« bat er. Kannst Dir doch denken, daß er nur einen Scherz hat machen wollt!«
»So? Aberst einen solchen Scherz will ich mir verbitten. Der musikalische Corpsgeist muß darunter leiden. Dera Musikus muß ein Inbegriff von allen möglichen Noblessen sein, denn die Musiken ist die einzige Kunst, welche nach oben strebt. Die Töne klingen empor; die andern Künsten aber sind Larifari dagegen. Steck Dein Geldl ein, und laß es nimmer wieder sehen, sonst komm ich in die Wuth und prügle alle meine Collegen braun und blau, und Dich dazu, Du Hallunkenkerl!«
»Nun, wannst so befiehlst, so will ich gehorchen. Wie aber stehts nun mit dem meinigen Wunsch, um den sichs gehandelt hat?«
»Der wird Dir erfüllt.«
»So! Herr Director, Du verpflichtest mich da zur ewigen Dankbarkeit.«
»Mach nicht so dumme Redensarten! Ich möcht Dich so ewig dastehen sehen und mir vor Dankbarkeiten die Hand ablecken. So lang stelle ich mich nicht her. Du aberst thätst die Sach gar bald auch überdrüssig kriegen. Nein, das wird ganz anders macht. Hier ist meine Patschen. Hau mit dera Deinigen darein. Das ist ein Handschlag und ein Dank, wie er unter Männern gebräuchlich ist, besonders wann sie Künstlern sind.«
Sie schlugen ein, und sodann gab Ludwig auch den beiden Anderen die Hand. Das Zehnmarkstück aber wär ihnen viel, viel lieber gewesen.
»So, nun ists abgemacht,« sagte der Schmied. »Und nun kann die Musiken beginnen.«
»Aber meinst nicht, daß es zur Unzufriedenheit oder gar zum Streit kommen könnt?« erkundigte sich Ludwig.
»Zur Unzufriedenheit? Ich möcht Denjenigen sehen, der mit mir, dem Directorn unzufrieden thun wollt. Ich thät augenblicklich mit meinem ganzen Corps den Saal verlassen. Und gar noch Streit! Ich als Directorn bin die höchste Polizei beim Tanz, und wer einen Streit beginnt, den werf ich zum Fenstern hinaus, wann er nicht mein Freund ist.«
»Aber die hiesigen Burschen leiden doch darunter, daß die Musik aufhören soll.«
»Das geht Dich gar nix an! Darum hast Dich gar nicht zu kümmern. Ich weiß schon genau, wie man so eine feine Sachen ins Werk setzen muß. Weißt, ich sag so Einigen, die brave Kerlen sind, ein paar Worten davon; diese sagens weiter, und bald wissen Alle, die unsere Freunde sind, um was es sich handelt. Nachhero werden sie nicht unzufrieden sein, sondern sich im Gegentheile ganz außerordentlich darüber veramüseriren, daß die Osecs in dieser Art und Weisen heimileuchtet werden. So, nun ist sagt worden, was sagt werden muß, und jetzunder können wir mit dera Musik beginnen. College Frenzel, hast doch Deinen Carliphonium nicht schon wieder mal vergessen?«
Der Schneider griff in alle Taschen, suchte aber vergebens nach dem Colophonium.
»Der – der ist schon wieder daheim geblieben,« meinte er.
»Was hat er denn daheim zu thun! Hier brauchst ihn doch, hier, um den Bogen zu verschmieren, aber nicht daheim!«
»O, da brauch ich ihn auch.«
»So? Wozu denn?«
»Um den Zwirn einzuwichsen.«
»Mit Carliphonium? Das hab ich all mein Lebtag noch nie gehört. Es muß sich da doch ganz mühsam nähen!«
»Das ist schon richtig; aber es hält besser.«
»So! Aberst mitbringen mußt ihn doch! Wie soll das wieder mal klingen, wannst keinen Carliphonium zum Einreiben hast!«
»Da weiß ich mir schon zu helfen.«
»Wohl gar mit Seifen?«
»Nein, sondern ich laß mir vom Wirth ein Stückchen Faßpech geben.«
»Dann klingts zu rauch, und das Pech fliegt dabei uns in die Nasen. Mußt mehr Rücksicht auf Deine Herren Collegen nehmen. Und grad bei dera Baßgeigen kommts darauf an, daß dera Ton fein, zart und lieblich klingt. Die Baßgeigen ist das Instrument des feinen Gefühls, der noblen Zartheiten. Die Posaune kann eher mal dreinschmettern; das hört man gern an. Aberst Euch kann man die musikalische Instrumentation zehn Jahre lang derklären, so habt Ihr nachhero doch noch nix capirt. Es ist ein schwerer Beruf, Musikdirector zu sein. Das reibt aufi und bringt Einen ganz vor dera Zeit ums Leben. Ich wär bereits schon lange todt, wann ich nicht dazu geboren wäre. Das Scheni und Talent verleiht dem echten Künstler immer neue Kräften.«
Mit diesen Auseinandersetzungen schritt er seinen »Herren Collegen« voran nach dem Saale. Ludwig folgte langsam nach, mit ihm seine Mutter.
Die Musikanten wurden mit lautem Jubel begrüßt. Der Herr Director gab durch eine »noble« Handbewegung seine Zufriedenheit zu erkennen und bestieg mit seinem »Corps« das Orchester.
Dieses bestand aus mehreren leeren Biertonnen, über welche Bretter gelegt waren. Es gab für den Director sogar ein Pult, nämlich ein altes Tischgestell ohne Platte, über welches ein hölzerner Kuchendeckel gelegt war. Ein Taktstock lag darauf. Der Director hatte ihn sich selbst aus einer Ofengabel geschmiedet. Die beiden Zinken hatte er gelassen, zu welchem Zwecke, das konnte man vor Beginn jeder Tanzmusik sehen.
Nachdem er sich gravitätisch hinter sein Pult gestellt hatte, musterte er mit dem Blicke eines Jupiters das Publikum. Dann rief er mit dröhnender Stimme:
»Meine Damen und Herren, Dirndls und Buben, ich bitt um die größte Ruh und Lautlosigkeiten. Es wird einistimmt.«
Er zog einen Bindfaden aus der Tasche, befestigte die frühere Ofengabel daran und ließ sie an demselben hin und her schwingen, so daß sie endlich an das eine Bein des Dirigentenpultes schlug. Das gab einen Ton, welcher durch den ganzen Saal zu hören war. Die verflossene Ofengabel diente also als Stimmgabel. Doch hätte weder Beethoven, noch Richard Wagner sagen können, welchen Ton sie eigentlich angab.
»Herr College Frenzel, den Violonbaß will ich hören!«
Der Genannte ergriff den Bogen und fuhr mit demselben kraftvoll über alle Saiten. Anstatt eines Tones aber war nur ein ganz unbeschreibliches Quietschen und Pfiepen zu vernehmen.
»Was ist denn, das?« rief der Herr Director. »Das klingt ja, als hättest Mäusen und auch Ratten drin!«
»Es ist nix drin; aberst der Carliphonium fehlt am Bogen. Ich habs ja schon gesagt!«
»Donnerwetter! So konntest Dir doch das Pech gleich jetzunder mit heraufi nehmen. Gleich laufst und holst Dirs! Es ist eine Schand, wann die verehrten Anwesenden auf den Bassisten warten müssen.«
»Auf Dich haben sie auch gewartet!«
»Ich spiel die Clarinetten; das ist was ganz Anderes. Lauf schnell, sonst zahlst zwanzig Kreuzer Straf. Ich will Deinen Carliphon schon in Ordnung bringen.«
Der Schneider rannte fort, daß die Frackschöße flogen, und Alles lachte. Der Schmied bat um Ruhe, ließ die berühmte Stimmgabel wieder erklingen und rief sodann:
»Herr College Wenzel, ich wünsche die Deinige Posaunen zu hören.«
Der Schuster setzte das Instrument an, blies die Backen auf, pustete mit aller Gewalt hinein und fuhr nun mit dem Zuge so eilig auf und ab, daß es ein ganz unbeschreibliches Getöne und Gewinsel gab.
»Stimmt!« nickte der Dirigent mit zufriedener Miene. »Du hast noch die ganze Tonleitern drin. Zieh mal ganz aus, und spuck tüchtig hinein! Das giebt dera Posaunen gleich einen viel weicheren Ton.«
Der Künstler befolgte diese Aufforderung sofort und mit größtem Eifer. Indessen kehrte der Schneider zurück. Er hatte ein drei Pfund schweres Stück Faßpech in der Hand, mit welchem er zuerst den Bogen und sodann alle vier Saiten so kräftig einrieb, daß der Staub aufflog. Sodann gab auch er die Stimmung an. Der Director erklärte sich mit derselben einverstanden und rief nun über den Saal hinüber:
»Jetzund kanns beginnen. Ein Walzer, die »gelbe Donau« genannt. Zwei Kreuzer für die Herren. Die Damen zahlen nix. Gewechselt wird nicht und wiedergeben thu ich auch nix. Die Paare kommen, wann sie mal rum tanzt haben, herbei ans Orschestern und stecken mir das Geldl in die Hosentasche. In Empfang nehmen kann ichs nicht, weil ich beide Händen für meine Clarinetten brauch. Aberst ich sag Euch, wann mir ein Einziger etwan einen Knopf anstatt eines Kreuzers in die Taschen steckt, so hat das Vergnügen allsogleich ein End. Reellität muß sein. So, jetzt wißt Ihr Alle, woran Ihr seid. Ich hab nix mehr zu sagen, und es geht los.«
Er ergriff den eisernen Taktstock, schwang ihn durch die Luft, schlug auf den Kuchendeckel, und Baß und Posaune fielen ein. Er hing gemächlich den Taktstock am Faden auf, ergriff die Clarinette und begann eine Melodie zu blasen, über welche alle Hunde des Dorfes, wenn sie da gewesen wären, ein lautes Geheul erhoben hätten.
Die anwesenden Burschen waren aber zufrieden. Was sie hörten, das war Musik, und zwar ein Walzer; das war ihnen genug.
Freilich läßt es sich denken, daß eine Musikcapelle mit Baßgeige, Posaune und Clarinette, welche drei Instrumente nicht einmal zusammenstimmten, ein geradezu schauderhaftes Spiel ergeben mußte. Der Violonfrenzel strich seinen alten Baß so nachdrücklich, als ob er einen dicken Baumstamm entzwei sägen wolle. Und da er sein bestes Augenmerk auf dieses Streichen richtete, so hatte er natürlich keine Zeit, auch noch seine linke Hand zu beaufsichtigen. Es war ihm ziemlich Schnuppe, ob er griff und wohin er griff, und so gab er die Töne aller möglichen Tonarten an, aber diejenige, aus welcher grad dieses Stück ging, brachte er nicht fertig.
Der Posaunenwenzel schien blos zu wissen, daß man vorn hineinblasen und dabei die Posaune auf und ab ziehen und schieben müsse. Takt hielt er; das ist sehr wahr; aber das Uebrige ging ihm weiter nichts an. Er befand sich mit seinen beiden Collegen niemals in derselben Tonart. Das schadete aber nichts; getanzt wurde doch.
Der Clarinettenmenzel mußte natürlich vor allen Dingen zeigen, daß er der Herr Director sei. Zu diesem Behufe gab er den Tact an; das heißt, er stampfte mit dem Fuße, daß die Fässer wackelten, auf denen das Podium errichtet war. Und that ihm davon der eine Fuß weh, so wechselte er ab und stampfte mit dem andern.
Auf sein Instrument hatte er sich gar nicht übel eingeübt. Er vermochte demselben alle Stimmen der Thierwelt zu entlocken, und darauf war er stolz. Weil er die Löcher zu weit ausgebohrt hatte und weil die Ventile so streng gingen, daß sie ihre Schuldigkeit nicht thaten, so kam natürlich mancher Ton zum Vorscheine, welcher klüger gethan hätte, sich gar nicht vernehmlich zu machen. Aber was schadet das? Die beiden Andern spielten ja auch nicht richtig, warum sollte da gerade der Dritte ganz allein rein blasen?
Hätte es sich darum gehandelt, irgend Jemandem eine Katzenmusik zu bringen, so wäre dieser Walzer ein wahres Meisterstück gewesen. Aber er wurde dennoch getanzt, und nicht blos getanzt, sondern auch bezahlt. Der Herr Director erhielt sein Geld ehrlich in die rechte Hosentasche gesteckt.
Es tanzten, wie gewöhnlich beim Beginne eines solchen Vergnügens, nur wenige Paare. Man mußte sich doch erst einrichten. Man mußte erst den Geschmack wegbekommen. Später konnte man dann diese kleine Versäumniß reichlich nachholen. Die Bursche und Mädchens mußten sich erst begrüßen. Sie hatten sich viel zu erzählen. Darum wurde der erste Walzer nur von den leidenschaftlichen Tänzern benutzt, welche sich schon bereits geärgert hatten, daß die Musik nicht längst begonnen hatte.
Der Kerybauer hatte mit seinen Gästen an einem Tische Platz genommen, welcher während des Tanzes nur von den »paar Großen« benutzt zu werden pflegte. Gisela hatte sich nicht niedergesetzt. Sie war zu einer Freundin getreten, um mit derselben zu sprechen; Andere kamen dazu; es bildete sich eine Gruppe hübscher Mädchens, in welcher zu bleiben, Gisela sehr besorgt war.
Sie wollte nicht bei den Osecs sitzen. Da konnte ja Ludwig nicht schnell zu ihr. Darum zog sie sich schließlich mit einigen ihrer liebsten Freundinnen auf die Bank zurück, welche an der Wand stand. Und zwar suchte sie sich eine solche Stelle, auf welcher sie von ihrem Vater so wenig wie möglich beobachtet werden konnte. Und zugleich war dieser Platz so ausgewählt, daß ein leeres Tischchen in der Nähe stand, welches nur für zwei Personen berechnet war.
Als dann Ludwig mit seiner Mutter eintrat und dieses Tischchen bemerkte, eilte er zu demselben, um sich da mit ihr nieder zu setzen. Auf diese Weise befand er sich mit der Mutter allein, konnte nicht belästigt werden und hatte Gisela in der Nähe.
Der Walzer war zu Ende. Jetzt, wo alle Anwesenden seine Stimme hören konnten, machte der Kerybauer seine Bestellung. Er befahl, Wein zu bringen, und blickte sich dabei mit einem Gesicht um, als ob er rundum fragen wolle: »Könnt Ihr mir das nachmachen, Ihr Lumpen?«
Der alte Osec sah, daß das die Leute ärgerte. Darum sagte er ebenso laut:
»Ja, wir haben Geld und können trinken, was unser Herz begehrt. Hier in Euerm Slowitz sind solche Leute selten. Aber, Wirth, schenk ein. Ich will den Slowitzer Burschen zeigen, daß ich ein nobler Kerl bin. Sie sollen ein Freibier haben. Wenn der reiche Mann sich eine Güte thut, so soll der arme Lazarus auch einen Brocken davon bekommen.«
Die Burschen steckten die Köpfe zusammen, flüsterten mit einander und warfen dem stolzen Protzen finstre Blicke zu.
»Das machst Du Recht,« antwortete der Wirth, welcher sich über dieses »Freibier« freute. Natürlich glaubte er ein gutes Geschäft damit zu machen. »Zeig einmal, was Du kannst. Wie viel soll ich bringen?«
»Sechs Gläser.«
Der Wirth glaubte, nicht richtig gehört zu haben. Er sagte:
»Ich hab Dich wohl falsch verstanden. Hast Du wirklich sechs Gläser gemeint?«
»Natürlich. Wann ich einmal was verschenk, so geb ich auch gleich ordentlich.«
»Donnerwetter, ja, das ist nobel! Gleich sechs Gläser voll für – ja, wie viele Trinker sind denn da?«
»Sechsundzwanzig, die Mädels nicht gerechnet,« antwortete einer der Burschen.
»Sechs Gläser für sechsundzwanzig Burschen. Wieviel kommt da auf den Mann? Wer kann sich das ausrechnen? Der muß die Bruchrechnung gut verstehen.«
Der Bursche, welcher geantwortet hatte, war der Sohn desjenigen Bauers, welcher nach Kery der reichste im Orte war. Er konnte weder den Kery noch die Osecs leiden. Er trat in die Mitte des Saales und rief laut:
»Kameraden, der Osec will uns sechs Glas Bier geben, sechs Glas, sechs Glas für sechsundzwanzig Burschen. Sind wir denn gar solche Lumpe, daß wir uns für einen halben Schluck bedanken müssen? Es ist eine Beleidigung. Ich zahle dem Osec sechsundzwanzig Gläser, auf jeden Burschen eins. Wir hier in Slowitz können auch noch zahlen. Wir sind nicht bankerott und auch keine Bettler; Wirth, gieß die Sechsundzwanzig ein. Er mag saufen, bis er platzt. Dann ist auf der Welt ein Großthuer und Prahlhans weniger.«
»Bravo, bravo! So ists recht!« riefen die Burschen rundum.
»Halt, Wirth!« schrie Osec. »Schänk nicht ein. Nun sollen sie das Bier nicht haben, und ich mag auch das ihrige nicht. Solche Leute sollten froh sein, wenn sie Etwas geschenkt erhalten. Jetzt aber behalte ich mein Geld!«
»Behalte es!« antwortete der Bursche. »Ich aber nehme meine Bestellung nicht zurück. Die Sechsundzwanzig trinken wir, und außerdem bekommt die Musikcapelle ein halbes Dutzend. Schänk ein, Wirth!«
»Himmelsakra!« rief da der Schmied. »Was bist für ein braver Kerlen! Ein halbes Dutzend für meine Capellen! Das laß ich gelten. Durst hat ein Schmied halt immer und zu jeder Zeit, besonders wann er zugleich Musikdirectorn ist. Von Dir nehmen wirs gern an. Von denen Osecs aberst möchten wir keinen Tropfen haben. Wißt Ihr etwan, weshalb diese Beiden heut hier in Slowitz sind?«
»Nun, warum?«
»Die Gisela wollens haben. Verspruch wollens halten. Denkt Euch mal, das reichste Dirndl im Dorf wollens uns wegfischen; Verlobung soll sein, und da giebt dera Osec sechs Glas Bier für sechsundzwanzig Mäulern. Wann das bei dera Verlobung geschieht, wie mag es da erst bei dera Hochzeiten werden! Da müssen die Leutln halt alle verdursten. Nein, wer von Denen was trinkt, dem schau ich all mein Lebtagen nicht mehr ins Gesicht. Für unser Deputat aberst will ich mich gern gleich extra bedanken.«
Er sprang vom Orchester herab und reichte dem Burschen, welcher sich als so freigebig erwiesen hatte, die Hand. Einige andere Burschen traten hinzu, und diese Gelegenheit benutzte der Schmied, ihnen zu sagen, daß Gisela nicht mit dem Osec tanzen wolle, sondern dem Knecht Ludwig die heimliche Weisung ertheilt habe, sie sofort wegzuengagiren, wenn der Kerl auf sie zu komme.
Jetzt zeigte es sich, wie beliebt Ludwig war. Die Burschen freuten sich aufrichtig dieses großen Vorzuges, welchen er vor ihnen erhalten hatte, mit dem reichsten und schönsten Mädchen des Dorfes tanzen zu können, er, der arme Knecht.
»Aber,« meinte der Schmied, »Ihr müßt halt auch mit helfen. Vielleichten giebts einen Skandalen, denn dera Kery wird es nicht dulden wollen, daß seine Tochtern mit dem Knecht tanzt. Nachhero dürft Ihr die Zung nicht schonen und die Hände nicht in die Taschen stecken. Ihr müßt zeigen, daß hier im Saal ein Vatern keine Gewalt über seine Tochtern hat. Hier haben nur die Burschen zu gebieten, und ich bin dera Herr über Alle, weil ich halt dera Herr Capellmeistern bin.«
»Aber was geschieht dann, wenn der Osec sich dennoch einmal der Gisela aufdrängt?« fragte einer der Burschen.
»Was dann geschehen wird, das laßt nur meine Sach sein.«
»Aber wir möchtens doch wissen, damit wir uns darnach verhalten können.«
»Richtig! Nun, wann er das Dirndl engagirt, so halt ich eben auf mit spielen. Ich werds meiner Capellen sagen.«
»Das ist prächtig! Aber er wird es gewaltig übel nehmen.«
»Was machen wir uns daraus? Die Hauptsach ist, daß Ihrs nicht übel nehmt, wann ich mitten im Tanz aufhalten thu.«
»Das fällt uns gar nicht ein. Uns wirds vielmehr einen gewaltigen Jux machen, wenn er wieder zurück muß, ohne getanzt zu haben. Das wird ein Gaudium.«
»Dera Großprahler verdients halt gut, daß er auslacht wird. Doch braucht Ihrs Euch nicht etwan merken zu lassen, daß das Alles eine abgekartete Sachen ist. Lieber nehm ichs auf mich allein. Und nun sagts auch weiter, daß es die Uebrigen derfahren, nur nicht Diejenigen, die es denen Osecs heimlich verrathen würden!«
Er kehrte auf das Podium zurück und gab seinen beiden Collegen die nöthige Weisung. Dann begann der zweite Tanz.
Der junge Osec hielt sich für den vornehmsten Burschen im Saale. Darum tanzte er noch nicht. Jetzt schon zu tanzen, das wäre nicht nobel gewesen. Er feierte noch mehrere Touren hindurch; aber als dann der Director einen Galopp ankündigte, sprang er auf und wollte zu Gisela hin.
Das gelang ihm nicht sogleich, denn die Burschen traten schnell zusammen und stellten sich ihm in den Weg, scheinbar ganz unabsichtlich, und als er dann zur Bank kam, auf welcher Gisela gesessen hatte, war der Platz leer. Gisela stand neben Ludwig in der Reihe der Tänzer.
Um nicht blamirt zu sein, that Osec so, als ob er nicht zu ihr gewollt habe, sondern er engagirte ein Mädchen, welches in der Nähe saß. Da dasselbe aber die Tochter eines armen Teufels war, ärgerte er sich doppelt.
Der Tanz begann. Kery und Osec wollten ihre Kinder mit einander tanzen sehen. Sie standen vom Tische auf und traten weiter vor. Was für Augen aber machte da der Bauer, als er seine Tochter am Arme seines Knechtes sah.
»Donnerwetter, was ist denn das!« sagte er. »Der Ludwig hat sie engagirt! Welch eine Frechheit! Wenn er meint, daß ich mir das gefallen lasse, so hat er sich freilich sehr geirrt. Das werde ich ihm sofort zeigen.«
Er wollte fort, über den Saal hinüber, aber der alte Osec hielt ihn am Arme zurück und warnte:
»Bleib! Mach keinen Lärm!«
»Ein Lärm wird es gar nicht. Ich nehme sie ihm fort, ohne ein Wort zu sprechen.«
»Das giebt trotzdem ein Halloh, denn es ist eine große Schande für einen Burschen, wenn ihm seine Tänzerin genommen wird.«
»Du meinst, ich soll so Etwas dulden? Es ist auch für mich eine Schande, wenn meine Tochter mit meinem Knecht tanzt. Grad Du solltest mir nicht abreden.«
»Laß es nur das eine Mal! Später kannst Du es halten wie Du willst. Du hast gehört, daß die Slowitzer nicht gut auf mich zu sprechen sind. Wir wollen ihnen alle Gelegenheit nehmen, Streit mit uns zu beginnen. Wer ist denn das Mädchen, mit der mein Junge tanzt?«
»Ihr Vater ist Arbeiter in meiner Ziegelei.«
»Alle Teufel! Wie kommt der Kerl zu einer solchen Hungerleiderin?«
»Das kann ich auch nicht begreifen.«
»Ich werde ihn ins Gebet nehmen. So Etwas ist doch unerhört!«
»Natürlich! Wenn er meine Gisela zur Frau haben will, darf er nur mit ihr tanzen und mit keiner Anderen; das versteht sich ganz von selbst, und das ding ich mir auch aus. Und gar noch mit so Einer, wie Diese ist.«
Die Beiden setzten sich wieder nieder. Die Kerybäuerin hatte mit heftigem Erschrecken Gisela neben Ludwig gesehen. Was sollte daraus werden! Sie beobachtete mit angstvollen Blicken ihren Mann. Daß er sich wieder setzte, beruhigte sie keineswegs. Sie sah es ihm an, wie er sich ärgerte.
»Hast Du es gesehen?« fragte er sie. »Die Gisela tanzt mit dem Knechte.« Sie nickte nur.
»Eine solche Blamage ist mir in meinem ganzen Leben noch nicht passirt. Fast möchte ich denken, daß das Mädchen verrückt geworden ist. Aber ich werde ihr den Kopf bald wieder auf die richtige Stelle bringen.«
Jetzt war der Tanz zu Ende. Der junge Osec führte seine Tänzerin gar nicht an ihren Platz zurück, sondern er ließ sie stehen, wo er aufgehalten hatte. Das war eine Beleidigung für sie, welche von Allen bemerkt wurde.
Der bereits erwähnte reiche Bursche nahm sich ihrer sofort an. Er trat dem Osec in den Weg und fragte ihn so laut, daß Alle es hörten:
»Hast Du vielleicht diese Tour auch mit getanzt?«
»Ja. Warum fragst Du?«
»Wo ist Deine Tänzerin?«
»Dort läuft sie.«
»So! Dort läuft sie! Und zwar allein muß sie nach ihrem Platz zurück! Weißt Du nicht, was sich schickt und gehört?«
»Was gehts Dich an! Ich kann thun und lassen, was ich will!«
»Daheim bei Dir meinetwegen, ja; aber hier bei uns nicht. Hier sind die Bursche höflich. Es ist eine Ehre für einen Fremden, wenn Eine mit ihm tanzt.«
»Eine Ehre? Mach Dich nicht lächerlich!«
Damit schob er ihn zur Seite und ging fort. Der Andere aber blieb stehen und rief mit lauter Stimme:
»Hört, der Osec hat seine Tänzerin stehen lassen. Ist das nicht eine Beleidigung für sie und für uns Alle?«
»Ja, ja!« antwortete es rundum.
»Aber beleidigen lassen wir uns nicht. Unsere Mädchen müssen wir beschützen, daß so Etwas nicht wieder stattfindet. Ich schlage also vor: Keiner von uns Allen tanzt mit einem Mädchen, welche sich von jetzt an von dem Osec angreifen läßt. Diejenige, welche mit ihm tanzt, wird von uns in Verruf erklärt. Seid Ihr einverstanden?«
»Ja, Alle, Alle!«
»Außer er geht jetzt gleich hin zu seiner Tänzerin und bittet sie um Verzeihung.«
Das war dem alten Osec zu viel. Er stand von seinem Stuhle auf und rief:
»So Etwas wird ihm nicht einfallen! Selbst wenn er es thun wollte, so würde ich es ihm verbieten.«
»Ein schöner Kerl, der sich von seinem Alten verbieten läßt, höflich zu sein.«
»Willst Du mich etwa beleidigen?«
»Nein! Ich sage nur die Wahrheit und spreche in unser Aller Namen. Ihr seid es, die uns beleidigen. Wenn Ihr so weiter macht, werdet Ihr auch weiter kommen, nämlich zum Saale hinaus und zur Treppe hinunter!«
»Das wagt einmal! schrie der Kerybauer. »Sie sind meine Gäste!«
»Aber nicht die unserigen. Wenn Du Gäste bei Dir hast, so sorge auch dafür, daß sie sich anständig betragen, andres fällts auf Dich zurück. Wir brauchen keine Grobianers hier bei uns im Saale!«
»Und der Osec braucht Eure Mädchens nicht. Er hat seine Tänzerin!«
»So ist sie zu bedauern.«
»Still!« ertönte die Stimme des Schmiedes vom Podium herab. »Ich bitte mir Ruhe aus! Hier habe ich zu gebieten. Wer Veranlassung zum Streite giebt und sich nicht nobelfein betrügt, der wird einfach hinausgeworfen. Merkts Euch gut! Ihr wißt, daß ich kurzen Proceß mach, und da hilft auch keine Appellationen was!«
So war die Ruhe wenigstens einstweilen hergestellt; aber Grimm herrschte an dem Tische, an welchem Kery saß. Der alte Osec ärgerte sich natürlich nicht weniger. Er fuhr seinen Sohn an:
»Daran bist Du allein schuld! Warum hast Du nicht mit der Gisela getanzt?«
»Ich kam zu spät.«
»So lauf schneller! Ein Bursche, welcher ein Geschick hat, läßt sich sein Mädchen nicht vor der Nase wegnehmen. Du mußt gleich beim ersten Musikton hin zu ihr. Und diesen Slowitzern zeigst Du, daß Du ihre Dirnen gar nicht brauchst. Der nächste Tanz wird gemacht. Also paß auf!«
Von jetzt an stand sein Sohn auf dem Sprunge, und kaum hatte der Schmied einen Oberländer verkündigt, so eilte er zu Gisela hin. Aber bereits stand Ludwig vor ihr, sie zum Tanze auffordernd.
»Halt!« sagte Osec. »Diese Tänzerin ist mein!«
Ludwig blickte ihm lachend in's Gesicht und fragte:
»Wer hat das gesagt?«
»Ich!«
»Das gilt wohl nix. Hier hast nix zu sagen. Ich bin eher kommen als Du.«
»Aber ich leide es nicht, daß Du mit ihr tanzest! Sie gehört mir!«
»So? Ich will mich nicht mit Dir streiten. Sie muß es am Besten wissen, wer das Recht besitzt, diesen Oberländer mit ihr zu tanzen. Gisela, wer ist der Richtige?«
»Du,« antwortete sie, »denn Du bist eher da gewesen.«
Sie gab ihm die Hand, und er führte sie fort. Da aber eilte ihr Vater hinzu, ergriff sie beim Arme und rief zornig:
»Was fällt Dir ein! Mit dem Knechte wird nicht getanzt. Das muß ich mir verbitten!«
»Ja, dann muß ich gehorchen,« sagte sie ruhig.
Sie ließ Ludwig fahren und kehrte nach ihrem Platze zurück. Die Musik begann, und die Paare bewegten sich im Kreise. Ludwig schlenderte weiter, und der junge Osec ergriff nun Gisela's Arm und führte sie in die Reihe. Sie folgte ihm, ohne sich zu weigern. Er nahm eine Haltung an wie Einer, der eine Schlacht gewonnen hatte, und warf stolze Blicke rund umher. Er ahnte nicht, wie sehr er heimlich ausgelacht wurde.
Jetzt kam die Reihe an ihn. Er machte seiner Tänzerin eine höflich sein sollende Verbeugung, faßte sie um die Taille und wollte eben beginnen, kam aber nicht dazu.
»Pfififififififi!« erklang die Clarinette. »Psififififapppp!«
Der Baß und die Posaune schmiegen. Alle schauten nach dem Orchester.
»Donnerwettern!« rief der Schmied. »Das ist eine gar alberne Geschichten!«
»Was ist denn geschehen?« fragte Ludwig.
»Mein Clarinettenschnabel hat wieder mal die Diphtherumdis bekommen. Es geht nicht weiter!«
»Kannsts nicht kuriren?«
»Ja, aberst das geht nicht so schnell. Aus dem Oberländer wird nun nix. Setzt Euch wieder auf Eure Plätze. Der Schnabel kann nur durch fließendes Wasser geheilt werden. Ich muß also nunter gehn in den Dorfbach. Wartet also. Vielleichten gehts nachhero wieder besser.«
Er nahm die Clarinette unter den Arm, stieg vom Podium herab und schritt zum Saale hinaus. Die Bursche führten ihre Tänzerinnen an ihre Plätze zurück. Osec mußte dasselbe thun. Er machte ein weniger siegreiches Gesicht als früher. Doch ahnte er nicht, daß die Clarinette ihre Dipheritis nur seinetwegen bekommen hatte.
Nach einer Weile kehrte der Schmied wieder zurück und erklärte:
»Es hat gut holfen. Die Clarinetten hat ihre Stimm wiederum erhalten. Also kann der Ball fortsetzt werden. Ich will hoffen, daß unsere Instrumenten auch fernerhin gesund bleiben. Wir wollen nun den Oberländer nochmal anfangen.«
Die Tänzer suchten ihre Mädchens wieder auf, und auch Osec kehrte zur Gisela zurück. Doch mußte er abermals erleben, daß sie ihm von Ludwig entführt wurde, welcher gar nicht erst in die Reihe trat, sondern sogleich zu tanzen begann.
»Himmeldonnerwetter!« fluchte Kery. »Da hat dieser Kerl sie abermals weggenommen. Welche Frechheit! Jetzt gehe ich hin und halte das Paar mitten im Tanze an!«
Er führte diesen Vorsatz aus. Er ergriff seine Tochter am Arme, riß sie von Ludwig los und wieß diesen durch eine strenge Handbewegung fort. Der Knecht gehorchte ohne Widerstreben und entfernte sich.
»Habe ich Dir nicht verboten, mit ihm zu tanzen!« donnerte der Bauer.
»Ich dachte. Du meintest nur die vorige Tour.«
»Nein, ich meine es überhaupt, ein- für allemal!«
»Aber wenn er eher kommt als der Osec, so muß ich mit. Ich kann ihn nicht zurückweisen. Das würde die Andern beleidigen, und dann wär der Skandal sofort da. Der Osec mag doch schneller machen!«
»Das kann er nicht, weil er weiter entfernt von Dir ist als dieser Ludwig. Du wirst Dich mit zu uns setzen. Und jetzt tanzest Du mit Deinem Zukünftigen.«
Er winkte den Letzteren herbei. Dieser folgte dem Winke, nahm Gisela in den Arm und erhob bereits den Fuß zum Tanze; aber, da – – –
»Fumfumfumfum! Klapp!«
Die Musik schwieg, und alle Paare blieben stehen.
»Sapperment! Das ist dumm!« rief der Violonfrenzel.
»Was hast denn macht?« fragte der Herr Director in ärgerlichem Tone.
»Da ist mir gar der Steg umgefallen, auf dem die Saiten liegen. Nun kann ich eine Viertelstunde arbeiten, ehe ich ihn wieder aufbringe.«
»Das ist freilich ein Unglück, schuld bist aber glücklicher Weisen nicht daran. Wannst schuld wärst, da thät ich Dich gleich aus meiner Capellen entlassen und ohne Pangsion aus den Dienst jagen.«
»Oho!« fuhr der lange Schneider auf.
»Ja, das ist wahr. Da brauchst Du Dich nicht zu wundern. Eine Nachlässigkeiten duld ich nicht im Dienst. Meine Capellen ist berühmt, und ich muß zuschauen, daß sie diesen guten Ruf auch fort behalten thut. Oder meinst etwan, daß solche Nachlässigkeiten mich nicht in Schaden bringt?«
Der Schneider verstand ihn sehr gut; darum fragte er:
»Wie denn in Schaden? Das möchte ich doch wissen.«
»Weils Störung macht im Tanz. Da haben wir wiederum aufhalten müssen. Die Andern haben doch wenigstens ein paar Male herumschwenken könnt; aber dera Osec ist schlecht wegkommen. Der arme Kerlen hat eben beginnen wollt und ist gar nicht dazu kommen. Schau nur, was für ein mitleidiges Gesichten er macht! Grad als ob ihm das Kartoffelfeld verhagelt wär! Das kann einem Jeden, der ein ordentlich Herz und ein gutes Gemüth besitzt, beinahe sehr wehe thun.«
Ein lautes Gelächter erschallte rundum, und der Schneider begann, seinen Baß wieder in Ordnung zu bringen.
Natürlich waren die Burschen abermals gezwungen, ihre Mädchens nach den Plätzen zurückzuführen. Osec brachte Gisela zu ihrem Vater, wo sie sich niedersetzte, ohne mit einer Miene zu verrathen, was sie eigentlich dachte.
»Du,« meinte der alte Osec zu Kery, »das kommt mir verdächtig vor.«
»Verdächtig? Was denn?«
»Daß der Steg umgefallen ist.«
»Wie könnte denn das verdächtig sein. So Etwas kann doch vorkommen.«
»Zuerst ging die Clarinette nicht mehr, und nun hapert es auf einmal mit der Baßgeige. Ich traue dem Landfrieden nicht recht.«
»Unsinn! Wie kannst Du auf solche Gedanken kommen!«
»Warum nicht! Es passirt allemal grad in dem Augenblicke, wenn mein Junge eben anfangen will.«
»Das ist freilich wahr. Hm!«
»Nun, ich will mich jetzt noch bescheiden. Sollte nun aber auch die Posaune irgend eine Krankheit bekommen, so ist es ganz gewiß auf uns abgesehen. Wollen es einmal abwarten.«
Nach einiger Zeit war die Baßgeige reparirt, und der Tanz begann von Neuem. Osec wollte ihn tanzen, aber Gisela sagte, daß sie jetzt keine Lust habe, und vertröstete ihn auf den nächsten. Aber kurz bevor dieser begann, benutzte sie die Gelegenheit, daß eine Freundin vorüberging, und rief dieselbe zu sich. Sie sprach einige Worte mit ihr, stand auf und trat mit ihr bei Seite, um Ludwig Gelegenheit, zu geben, sie schnell engagiren zu können. Er errieth ihre Absicht und hielt sich bereit.
»Jetzund kommt ein Rheinländer, meine Herrschaften,« meldete der Schmied.
Er hatte kaum ausgesprochen, so stand Ludwig bei Gisela und bot ihr den Arm. Osec war zwar auch rasch aufgestanden, aber doch nicht schnell genug gewesen.
»Mensch,« rief der Kerybauer seinem Knechte zu, »hast Du es Dir denn nicht gemerkt? Die Gisela ist nicht für Dich. Ich verbiete es Dir, sie anzurühren. Packe Dich fort!«
Ludwig gab sie frei. Da trat Osec zu ihr und wollte ihren Arm nehmen. Die Musik begann.
»Halt!« sagte Ludwig zu seinem Nebenbuhler. »Jetzt wird Gisela nicht tanzen!«
Sofort kamen die beiden Alten herbei, und Kery fuhr den Sprecher zornig an:
»Willst Du es ihr etwa verbieten?«
»Nein,« antwortete der Knecht in aller Ruhe. »Es kann mir nicht einfallen, es ihr zu verbieten; aber einem andern Burschen werde ich verbieten, mit ihr zu tanzen.«
»Oho!«
»Ja, und da hilft kein Oho! Ich habe sie engagirt. Dieser Tanz gehört entweder mir, oder sie tanzt gar nicht. Ich habe gehorcht und sie frei gegeben. Soll sie aber einem andern Tänzer gewähren, was mir verboten worden ist, so ist das ein Schimpf für mich, den ich nicht auf mir sitzen lasse.«
»Du bist ein Knecht und mit einem Dienstboten darf meine Tochter nicht tanzen.«
»Zu Hause bin ich Knecht; hier aber bin ich Gast wie ein jeder Anderer. Hier gilt nicht der Stand und der Rang, sondern hier gilt das Tanzrecht.«
»Aber ich habe Dir verboten, meine Tochter überhaupt zu engagiren!«
»Das lasse ich mir nicht verbieten. Daheim habe ich Dir zu gehorchen; hier aber hat mir kein Mensch Etwas zu befehlen.«
»Himmelsakkerment! Das wagst Du mir zu sagen! Ich glaube. Du kennst mich noch gar nicht!«
»O, Dich kenne ich genau!«
Diese Worte sagte er in einem so eigenthümlichen Tone, daß der Bauer, in gesteigertem Zorne hart an ihn herantrat und fragte:
»Was soll das heißen? Was willst Du mit diesen Worten sagen?«
»Nichts weiter, als daß ich Dich genau kenne.«
»So! Nun, als was kennst Du mich denn?«
»Als einen Herrn, dem ich lange Jahre treu gedient habe und für den es keine Schande ist, wenn ich einmal mit seiner Tochter tanze. Ich bin Unterofficier gewesen und habe mir das eiserne Kreuz verdient. Da kann von einer Schande keine Rede sein. Du tanzest ja selbst auch gern, und zwar mit Leuten, mit denen zu verkehren ich mich schämen würde.«
»Wie! Was! Hallunke, was war das!«
»Höre, Bauer, treibe es nicht zu weit! Ein Hallunke bin ich nicht. Ein solches Wort lasse ich mir von keinem Menschen gefallen, er mag sein oder heißen, wie er will!«
»Und ich will aber hören, wer diese Leute sind, mit denen ich verkehre!«
»Topfstricker sinds, Kesselflicker und Mausefallenhändler!«
Jetzt wich der Bauer wieder zurück. Er machte ein beinahe erschrockenes Gesicht und sagte:
»Bist Du bei Sinnen! Ich, der Kerybauer, soll mit solchem Gesindel verkehren?«
»Hast Du nicht heut mit diesem Usko, dem Slowaken gesprochen.«
»Willst Du mir etwa verbieten, mit einem Kerl zu reden, zu dem ich nur gesprochen habe, um ihn fort zu weisen!«
»Ja, zum Scheine weisest Du ihn fort. Sehen lassen willst Du Dich nicht mit ihm, aber Geschäfte machst Du dennoch mit ihm, freilich wenn es Niemand sieht, im Dunkeln, des Nachts.«
»Lässest Du Dir das gefallen, von Deinem eigenen Dienstboten, Kery?« fragte der alte Osec.
»Schweig nur Du!« antwortete ihm der Knecht. »Grad Du bist Derjenige, welcher auch mit in dem Kesselflickerbunde ist. Du hättest am wenigsten Ursache, hier groß und stolz zu thun. Ich bin zwar kein reicher Bauer, sondern nur ein armer Knecht, aber meinen Lohn verdiene ich mir ehrlich und nicht auf heimlichen Schleichwegen. Verstanden, was ich meine? Und darum bleibt es dabei: Wenn die Gisela gezwungen wird, jetzt anstatt mit mir mit einem Andern zu tanzen, gebrauche ich mein Recht. Nun macht, was Ihr wollt.«
Er wendete sich halb ab.
»Und nun grad tanzest Du mit ihr!« gebot der alte Osec seinem Sohne.
Da drehte sich Ludwig wieder herum und erklärte in drohendem Tone:
»Wer sie, so lange diese Tour dauert, ohne meine Erlaubniß anrührt, der fliegt zum Fenster hinaus. Pasta! Abgemacht!«
Er ging fort, ohne sich umzublicken.
»Und nun verlange ich grad erst recht, daß Du mit ihr tanzest!« gebot der Kerybauer seinem zukünftigen Schwiegersohne.
Dieser kam dadurch in eine nicht geringe Verlegenheit. Er kratzte sich hinter dem Ohre und ging nicht von der Stelle.
»Nun, hast Du es gehört? Greif zu!«
»Ich – ich – ich möchte es doch lieber jetzt noch lassen.«
»Warum?«
»Wenn ich zugreife, so greift der Ludwig auch zu, und der hat andere Arme und andere Muskeln als ich.«
»So bin ich auch noch da!«
»Willst Du Dich mit Deinem Knechte prügeln? Das würde sich für den reichen Kerybauer schlecht schicken.«
»Was sich für mich schickt oder nicht, das ist meine Sache. Ich werde mich nicht mit ihm prügeln, aber ihn vom Saale weisen lassen, das werde ich!«
»Es würde Dir Niemand gehorchen.«
»Du fürchtest Dich also?«
»Nein; aber von Schlägereien bin ich kein Freund, weil da selbst der Sieger nichts gewinnen kann.«
»Mein Junge hat Recht,« nahm der Alte sich jetzt seines Sohnes an. »Mit solchen Menschen, wie hier im Saale sind, mag ich mich nicht abgeben. Ich bin nicht nach Slowitz gekommen, um in eine Prügelei verwickelt zu werden. Dein Knecht macht Ernst; das habe ich ihm angesehen.«
»Ja, das weiß ich auch, daß er keinen Spaß gemacht hat. Er hat es sogar gewagt, mir zu drohen. Dafür werde ich ihm kündigen. Er muß fort.«
»So will ich Dir wünschen, daß Du im Guten auseinander kommst mit ihm.«
»Ich verstehe Dich nicht.«
»Du hast doch gehört, was er sagte. Darüber muß ich ein Wort mit Dir reden. Das klang ja grad so, als ob er uns gefährlich werden wolle.«
»Und grad darum zeige ich ihm, daß ich mich nicht vor ihm fürchte. Soll ich mich etwa seinetwegen gar mit Euch entzweien? Ich will jetzt nachgeben. Dein Sohn mag noch jetzt eine oder zwei Touren warten. Dann aber tanzt er mit Gisela, und ich will Den sehen, der Etwas dagegen hat!«
Er setzte sich nieder, schob einen Stuhl so zwischen den Tisch und die Wand, daß der auf demselben Sitzende von keinem Unberufenen erreicht werden konnte, und befahl seiner Tochter:
»Hierher setzest Du Dich, da kann Niemand zu Dir, um Dich zu engagiren. Und überhaupt darfst Du mit keinem Andern tanzen als mit Deinem Bräutigam. Darnach hast Du Dich zu richten.«
Sie gehorchte mit einer Miene, als ob sie gegen den Willen ihres Vaters gar nichts einzuwenden habe. Sie wußte ja, daß seine Absicht doch vereitelt werden würde.«
Ludwig war zu seiner Mutter zurückgekehrt, welche sich in großer Sorge befand. Sie freute sich im Stillen ungemein darüber, daß Gisela sich unter seinen Schutz gestellt hatte, und doch bangte sie vor einem Zerwürfnisse mit ihrem Vater. Ludwig suchte seine Mutter zu beruhigen.
Es gingen einige Tänze vorüber, an denen Osec sich nicht betheiligte. Dann verkündigte der Schmied einen Walzer.
»Der wird getanzt,« gebot Kery. »Macht vorwärts!«
Der unerwünschte Bräutigam erhob sich. Auch Gisela stand auf, aber langsam. Sie brauchte lange Zeit, sich hinter dem Tische hervor zu schieben, und so kam es, daß der Walzer bereits im Gange war, als sie ihrem Tänzer den Arm reichte.
Er trat mit ihr vor, ohne sich der Ordnung gemäß erst in die Reihe zu stellen. Um in den Takt zu kommen, schwippte er den linken Fuß erst hin, dann her, und nun wollte er – – –
»Droh – droh – droh – fum – fum!« erklang die Posaune, und die Musik verfiel in plötzliches Schweigen.
Die Paare standen, und Alle blickten nach dem Orchester.
»Das hätte bald ein Unglück gegeben,« hörte man die Stimme des Posaunenwenzels.
Er hatte nämlich sein Instrument ganz aus einander gezogen, hielt in jeder Hand eine der Hälften, holte tief Athem, wie nach einer gewaltigen Anstrengung und schüttelte den Kopf.
»Ists wiederum mal alle?« rief der Herr Musikdirektor zornig. »Was ist denn mit dera Posaunen geschehen?«
»Ich weiß es nicht.«
»Nicht? Ein Dummkopfen bist. Ausnander zogen hasts! Ists da ein Wundern, wanns keinen Ton mehr giebt!«
»Aus einander gezogen habe ich sie nicht!«
»Was? Das willst mir weiß machen? Du stehst ja da und hast die Stucken in denen Händen!«
»Ja, aber doch habe ich sie nicht aus einander gezogen sondern aus einander geblasen.«
»Das kann doch gar nicht möglich sein!«
»Und doch ists so! Es wollte kein Ton mehr kommen, und als ich nun mit aller Gewalt hinein bließ, so schob die Luft die untere Hälfte heraus. Die Lunge konnte mir dabei zerplatzen.«
»Ja, wanns so ist, so kannst freilich froh sein, daßt mit dem Leben davonkommen bist. Konntest gar leicht einen Blutsturz bekommen, und dann hätt ich meinen besten Posaunisten verloren.«
»Ich zittre noch an allen Gliedern!«
»Das sieht man wohl. Nun giebts schon wiederum eine Unterbrechung. Heut scheint dera Teuxel losgelassen worden zu sein. Am Schlechtsten kommt da wiederum der Osec weg. Er hat schon das Bein hin und her schwenkt, um sich auch mal eine Güten zu thun, und da muß nun grad auch noch die Posaunen obstinat werden. Was ist denn mit ihr?«
»Ich weiß es nicht; ich kann es mir nicht erklären. So Etwas ist mir in meiner ganzen musikalischen Praxis noch nicht passirt.«
»Aberst Du mußt doch Deine Posaunen kennen!«
»Das habe ich freilich gedacht, aber nun sehe ich, daß es mit der Posaune ist wie mit den Weibern: Man lernt sie nicht auskennen.«
»O, die wollen wir schon gleich auskennen lernen. Stecks mal wiederum zusammen, und blas hinein!«
Der Wenzel gehorchte. Er blies, daß er krebsroth wurde. Es war nichts zu hören, bis endlich ein Ton heraus kam, welcher grad so klang, wie wenn ein Bahnzug in dem Perron einfährt und alle Räder unter den Bremsen dröhnen, knarren und kreischen.
Natürlich waren die Blicke aller Anwesenden nach dem Orchester gerichtet. Als dieser Mißton erscholl, konnte sich Niemand halten: es brach ein stürmisches Gelächter los.
»Was giebts da auch noch zu lachen!« schrie der Schmied. »So eine Posaunen ist ein gar schweres Instrumenten. Es hat seine großen Mucken, und wer darunter zu leiden hat, der hat keine Lust zum Lachen. Zeigs mal her! Ich wills selberst mal probiren.«
Er blies hinein, und was sich nun hören ließ, das war noch schrecklicher als vorher.
»Das ist schlimm!« meinte er. »Bei dera Posaunen ist drinnen in denen inneren Eingeweiden Etwas nicht in Ordnung. Es wird doch nicht etwa eine Verhärtung sein! Die wäre gar schwer zu heilen. Das muß noch genauer untersucht werden.«
Er zog das Instrument aus einander und blies in die eine Hälfte.
»Die hat Luft!« meinte er. »Es muß also auf der anderen Seite liegen.«
Er blies nun auch in die andere Hälfte, bis sich sein Gesicht fast blauroth färbte. Dann setzte er ab, schüttelte bedenklich den Kopf und erklärte:
»Jetzund hab ichs entdeckt. Es sitzt auf einer gar gefährlichen Stellen. Das kann so schlimm werden, daß wir mit dera Musiken ganz und gar aufihören müssen. Wer hätte das dacht von einer Posaunen, mit der man so lange Jahren ganz zufrieden gewest ist!«
»Machst mir wohl nur Angst?« fragte der Schuster.
»Nein. Ich muß Dirs ehrlich sagen, weil ich halt Dein Directorn bin.«
»Was ists denn eigentlich?«
»Das Allerschlimmst, was bei einer Posaunen nur passiren kann: Sie ist verstopft.«
»Das ist doch gar nicht möglich!«
»Warum sollt es nicht möglich sein? Sie ist alt genug, und im Alter giebts allerlei Zufällen und Calamertäten, von denen man in dera Jugend keine Ahnung hat.«
»So müssen wir zu helfen suchen!«
»Ja freilich! Die Burschen und Dirndln wollen doch weiter tanzen. Schau, dort steht auch dera Osec noch mit seiner heißgeliebten Braut! Was er für eine Sehnsuchten hat, zu zeigen, daß er noch Sohlen auf denen Stiefeln hat. Mach schnell, damit wir fertig werden. Blas mal da hinein; ich will auf dera andern Seiten helfen.«
Der Schuster blies, und der Schmied that, als ob er ihn unterstützte. Er drückte, quetschte und schob aus allen Kräften.
»Blas, blas!« rief er dabei. »Es wird schon Luft. Es gukt schon was heraus. Blas mehr! Jetzt kommts! Da ists! Ah, Sapperment!«
Er hielt einen Gegenstand in der Hand, den er aber vorher in seinem Aermel verborgen gehalten hatte.
»Heraus ists endlich! Das hat tief drinnen steckt. Aberst schau her! Was ist das?«
»Himmeldoria!« meinte der Wenzel. »Das hab ich ganz vergessen gehabt. Mein Tabaksbeutel!«
Die beiden Musici hatten ihre Sache so täuschend gemacht, daß es wirklich ganz den Anschein hatte, als hätte der Director den Tabaksbeutel aus dem engen Rohre gezogen.
»Ja, ein Tabaksbeuteln ists,« sagte er, sehr ernst den Kopf schüttelnd. »Da kann die Posaunen freilich keinen guten Ton geben, wann so was drinnen steckt.«
»Ich habe vergessen, ihn heraus zu nehmen.«
»Also hasts wußt, daß er drinnen war?«
»Natürlich. Ich habe ihn ja selbst hineingesteckt.«
Was fallt Dir ein, den Tabaksbeuteln in die Posaunen zu stecken!«
»Da ist mein Ignaz schuld, der Kerl.«
»Wieso?«
»Der Hallunke raucht mir immer meinen Tabak weg. Ich kann ihn verstecken, wohin ich will, der Bube findet ihn allemal. Und nun seit einiger Zeit verberge ich ihn in die Posaune. Da hat er ihn noch nicht gefunden.«
»Das glaube ich, daß er ihn nicht in dera Posaunen sucht. Aberst er wird ihn wohl bald finden, denn nun ist das Geheimnissen ganz öffentlich verrathen worden. Mußt Dir also von jetzund an wiederum einen andern Ort suchen. Steck den Beuteln ein, und blas mal los, ob die Posaunen nun ihre Stimmen wiederbekommen hat!«
Der Wenzel schob die beiden Theile zusammen und blies, daß Alles dröhnte.
»Es geht. Sie ist kurirt. Und nun kann der Tanz von Neuem beginnen.«
Es läßt sich denken, welche Wirkung dieses lustige Intermezzo hervorbrachte. Es erscholl ein brausendes Gelächter, welches gar nicht enden wollte. Die Komik war eine gradezu überwältigende in Folge des hohen Ernstes, mit welchem der Musikdirektor sich dabei verhalten hatte. Daß er die Anwesenden zweimal ganz besonders auf Osec aufmerksam gemacht hatte, steigerte das Vergnügen.
Der Genannte war wirklich mit Gisela lange stehen geblieben, während die Andern sich längst gesetzt hatten. Als aber die Aufmerksamkeit Aller in dieser Weise auf ihn gelenkt wurde, beeilte er sich, nach seinem Tische zu kommen.
»Da hast Du es!« sagte sein Vater zu Kery. »Es ist auf ihn abgesehen. Ich habe ganz richtig vermuthet.«
»Jetzt glaube ich es auch, denn es ist so deutlich, daß man gar nicht zweifeln kann.«
»Was ist da zu thun? Soll ich es stillschweigend dulden? Können mir uns so Etwas gefallen lassen?«
»Nein. Aber wie sollen wir es anfangen?«
»Das weiß ich nicht.«
»Ja, die Sache liegt so, daß man sie nicht anfassen kann, ohne sich lächerlich zu machen. Die Kerls haben sich gegen uns verschworen. Wer mag der Urheber sein?«
»Der Ludwig wohl!«
»Mir scheint das auch. Er hat unten bei den Musikanten gesessen, als wir kamen. Er soll das nicht umsonst gethan haben. Er muß fort. Es bleibt dabei, ich kündige ihm.«
»Wollen wir noch länger da bleiben? Es ist am Allerbesten, wir gehen fort.«
»Nein, das wäre ein Fehler. Man soll nicht sagen, daß man uns fortgetrieben hat. Wir bleiben; wir thun ganz so, als ob die Sache uns gar nichts angehe. Da ärgern sie sich.«
»Das wird ihnen nicht einfallen. Tanzen kann mein Junge nun nicht mehr. Es ist klar, daß die Musikanten abermals aufhören würden, wenn er es wieder versuchte. Wir sind besiegt von diesen Hallunken.«
»Donnerwetter! Das laß ich nicht auf mir sitzen! Soll meine Tochter nicht tanzen dürfen wie jede Andre auch!«
»Das darf sie doch. Man verwehrt es ihr ja gar nicht, wenn sie mit ihm nicht tanzt. Das ist ja eben – Du, da fällt mir Etwas ein. Ich werde diesen Kerls einen Streich spielen. Du erlaubst mir doch. Deine Frau einmal zu engagiren?« . '
»Was, Du willst selbst auch tanzen?«
»Ja. Ich bestelle eine Extratour. Die bezahle ich, und da darf nur Der mit tanzen, dem ich es erlaube. Da werden sie Alle gezwungen, zu pausiren, während ich mit Deiner Frau tanze und mein Junge mit der Gisela.«
»Hast Recht, hast Recht! Wie dumm, daß ich nicht daran gedacht habe. Das ist der beste Weg, ihnen zu zeigen, daß wir unsern Willen doch durchsetzen.«
»Aber nicht gleich. Wir warten noch einige Zeit, ehe wir es thun.«
Da sagte die Bäuerin in bittendem Tone:
»Wollen es lieber unterlassen. Wir machen uns doch nur Feinde.«
Sie scheute sich außerordentlich, mit dem alten Osec zu tanzen. Sie fühlte, daß dies gradezu eine Herausforderung war, auf welche ganz gewiß eine kräftige Antwort erfolgte.
»Was geht das mich an!« antwortete der Bauer. »Die Kerls sind ja jetzt schon alle meine Feinde. Aber ich will es ihnen vergelten. Weder der Schmied noch der Schuster noch der Schneider bekommen jemals für einen Kreuzer Arbeit von mir. Sie sollen sich alle Finger nach mir lecken. Es ist ausgemacht, Ihr Viere tanzt eine Extratour. Dabei bleibt es. Wenn es mir einfällt, engagire ich die Wirthin und tanze auch mit.«
Die Bäuerin wußte, daß Widerspruch jetzt nur geschadet hätte. Sie ergab sich in das Unvermeidliche.
Während dieses Gespräches hatten die Paare sich lustig im Kreise gedreht. Auch die folgenden Touren wurden fröhlich abgetanzt, als ob es gar keine Entzweiung geben könne. Und doch fühlten Alle, daß ein Gewitter in der Luft liege. Kery und die Osecs waren nicht die Leute, nach einem verlorenen Scharmützel friedlich nach Hause zu gehen. Irgend Etwas unternahmen sie ganz gewiß; daran war kein Zweifel. Aber was das sein werde, das wußte man nicht; man erwartete es mit Neugierde.
Es ließ nicht allzu lange auf sich warten. Während einer Pause stand der alte Osec auf, stellte sich mitten in den Saal und sagte:
»Menzel, was für ein Tanz kommt nun?«
Der Schmied that, als habe er die Frage gar nicht gehört.
»Menzel! Schmied!«
Er schmauchte ruhig an seinem Zigarrenstummel, an welchem er sich eben abquälte, weiter. Da ging Osec hin, so daß gar kein Zweifel darüber sein konnte, mit wem er reden wolle, und sagte in zornigem Tone:
»Bist Du taub, oder willst Du blos nicht hören?«
»Ich? Taub? Das bin ich nie gewest und werds hoffentlich auch nicht werden.«
»Warum antwortest Du mir nicht?«
»Ich Dir? Dazu ist doch gar keine Veranlassung gewest. Wann man eine Antworten geben soll, muß man vorher doch eine Fragen erhalten haben!«
»Ich habe laut genug gesprochen, daß Du mich verstehen konntest.«
»Ja, reden habe ich Dich wohl hört, und verständen hab ich auch ganz gut, wast sagt hast. Ich hab mich auch sehr wundert, daß dera Menzel Dir keine Antworten geben hat. Wo ist er denn eigentlich?«
Er blickte suchend im Saale umher.
»Mach keine Dummheiten! Das weißt Du, daß ich Dich gemeint habe!«
»Mich? Wie soll ich das wissen?«
»Ist etwa noch ein anderer Menzel hier?«
»Ich kenn keinen anderen; aberst es muß doch wohl einer da sein, weilt mit ihm sprochen hast. Denn wann ich gemeint wesen wär, so hättest mich wohl jedenfalls anderst genannt.«
»Hast Du denn mehrere Namen?«
»Nein, aberst einen Titel hab ich. Hier, wo ich mit meiner Kapellen bin, hat man mich Musikdirectorn zu rufen.«
»Mach Dich nicht lächerlich! Von wem willst Du diesen Titel erhalten haben?«
»Von mir! Verstanden!«
»Einen Titel muß man von Dem bekommen, der ihn zu verleihen hat.«
»Da hast ganz Recht. Wer ist das wohl, der am Allerbesten weiß, ob ich einen Titel verdien oder nicht? Das bin ich. Ich muß am Besten wissen, ob ich Musikdirectorn bin. Darum hab ich mir den Titeln auch geben, und ich verlang, daß ich dabei rufen werd. Wer das nicht thut, der kann es ja unterlassen; aberst er braucht sich dann auch nicht zu wundern, wann ich nicht antworten thu. So, nun weißt, wast wissen mußt!«
»Alle Wetter!« höhnte Osec. »Du nimmst mich ja ins Gebet wie einen Schulbuben!«
»Wer nix lernt hat, der muß eben noch lernen. Was willst von mir?«
»Ich wollte wissen, was für ein Tanz nun kommt.«
»Das weiß ich noch nicht. Ich muß stets mit dera Baßgeigen und Posaunen Converenz halten, bevor ich sag, was weiter tanzt werden soll. Willst wohl auch mal Einen versuchen?«
»Ja, eine Extratour.«
»Willst sie zahlen?«
»Ja. Aber es darf dann nur Derjenige mit tanzen, dem ich es erlaube.«
Diese Unterredung wurde von allen Anwesenden gehört. Der bereits erwähnte reiche Bursche nahm sich jetzt der Sache feindlich an, denn er rief laut:
»Wollen wir uns das gefallen lassen? Soll ein Fremder uns unser Vergnügen stören, weil er einige Kreuzer bezahlt?«
»Nein, nein!« ertönte es rundum als Antwort.
»Er weiß gar wohl, daß er nur auf diese Weise seinen Sohn auf die Beine bringen kann. Aber das soll ihm doch nicht glücken!«
Da wendete Osec sich gegen ihn:
»Wer will es mir verwehren, eine Extratour zu tanzen?«
»Wir Alle.«
»Das könnt Ihr nicht. Es ist im ganzen Lande Brauch, daß man Extratouren tanzen kann, und Ihr werdet es auch nicht so weit bringen, daß es anders wird.«
»Wir bringen es so weit, darauf kannst Du Dich verlassen. Wir tanzen eben, und ich möchte wohl wissen, wie man uns daran verhindern wird.«
Der Schmied gab ihm einen verstohlenen, beruhigenden Wink und sagte in scheinbar zornigem Tone:
»Was hast Du drein zu reden? Bist Du's etwan, der hier zu befehlen hat? Bist Du dera Herr Musikdirectorn, oder bin ich es? Ob eine Extratour tanzt werden darf oder nicht, darüber hab nur ich ganz allein zu bestimmen.«
»Nun, so bestimme schnell!« sagte Osec.
»Das kann gar kein Zweifel sein, daß man Extratouren tanzt.«
»Nun gut, ich will eine haben, und zwar sogleich.«
»Was für einen Tanz?«
»Das ist mir gleich; aber ein feiner muß es sein, den Ihr nicht alle Tage und einem Jeden vorspielt.«
»Also soll ich selberst einen wählen?«
»Ja.«
»Da mußt auch zahlen.«
»Das versteht sich ja allein. Wie viel kostet es?«
»Zehn Gulden.«
Da fuhr Osec zurück.
»Bist Du toll! Zehn Gulden eine Tour!«
»Meinst, daß ichs billiger machen kann?«
»So viel kostet es nirgends. Ich weiß, daß Du von Andern nur im höchsten Falle einen einzigen Gulden nimmst.«
»Da hast Recht. Aberst Du bist ein Fremder und sodann ist heut mein nobler Tag. Wer nicht zahlen kann, der braucht auch nicht zu tanzen. Mit Extratouren groß thun und dabei doch kein Geld im Beuteln haben, das kann ein jeder Lump. Willst Dich mit einem solchen vergleichen lassen? Du, dera reiche Osecbauer?«
»Fünf Gulden will ich dranwenden!«
»Handeln hilft nix! Ich hab auch gar keine Zeit, mich mit Einem abzuquälen, der da tanzen will, Geld ausgeben aberst nicht. Geh aus dem Wege hier! Jetzund wird getanzt.«
Er legte seinen Stummel weg und griff nach, der Clarinette.
Was blieb Osec übrig? Er wollte durchsetzen, daß sein Sohn mit Gisela tanzen könne; das konnte nur durch eine Extratouren geschehen. Zehn Gulden war freilich eine unerhörte Forderung; sein Geiz wand sich in ihm wie ein zertretener Wurm; aber er wollte seinen Willen haben und durfte auch nicht zurücktreten, weil er sich sonst gradezu unerhört blamirt hätte. Darum sagte er jetzt:
»Nur nicht so rasch! Ja, getanzt wird, aber nicht ohne meine Erlaubniß. Ich bezahle die Tour.«
»Schön! Aberst sogleich!«
»Natürlich! Oder meinst Du etwa, daß der Osec nicht zehn Gulden einstecken hat?«
Er zog den Beutel und gab die verlangte Summe hin. Dann schritt er erhobenen Hauptes nach seinem Platze zurück. Er hatte gesiegt und seinen Zweck erreicht.
Der erwähnte Bursche ärgerte sich gewaltig. Er kam zum Schmied herbei und warf ihm vor:
»Das ist Verrath an uns! Nun wird sein Sohn mit der Gisela tanzen.«
Der Schmied versenkte die zehn Gulden schmunzelnd in die Tasche und antwortete, listig mit den Augen blinzelnd:
»Hältst mich wirklich für einen Verräthern? Da wärst dumm genug!«
»Aber nun tanzt er doch!«
»Das wirst erst abwarten müssen! Hast denn nicht hört, daß er einen Feinen verlangt hat?«
»Das ist eben das Aergerlichste. Er will einen Bessern aufspielt haben als wir.«
»Den soll er auch bekommen.«
»Ich begreife Dich nicht. Ich habe sehr große Lust, es so weit zu bringen, daß alle Bursche und Mädchens fortgehen. Dann bist Du allein hier mit Deiner Capelle und kannst spielen was und für wen Du willst.«
»Das ist eine schlimme Execution!« lachte der Schmied. »Aberst es ist mir gar nicht bange. Wirst schon änderst denken, wannst nur ein paar Minuten wartest. Ich hätt den Osec gleich ganz abgewiesen. Aberst es ist besser, ich hab ihm die zehn Gulden abnommen. Ich kann sie brauchen, und er wird nix davon haben.«
»Nichts? Aufspielen mußt Du ihm doch, denn er hat bezahlt.«
»Ja, aufspielt soll werden, und wie! Nun mach Dich von dannen! Ich hab keine Zeit mehr, da mit Dir herum zu schwatzen. Die große und berühmte Extratouren wird beginnen.«
Der Bursche zog sich zurück.
»Verdammter Kerl,« hatte Osec gesagt, als er an seinen Tisch kam. »Nimmt mir da volle zehn Gulden ab.«
»Hättest sie ihm wohl lieber nicht gegeben?« fragte Kery ärgerlich.
»Nun, ists etwa nicht zu viel?«
»Theuer ist es, über den Spahn theuer. Aber Du kannst es geben, und es ist ein Sieg für uns.«
»Das ist freilich richtig. Ich will diese Kerls ärgern, daß sie platzen. Paß einmal auf!«
Da ertönte die laute Stimme des Schmiedes:
»Meine Herrschaften, es kommt eine Extratouren, die dera Herr Osec allein tanzen darf, außer wenn ers derlaubt, mit zu thun. Zehn Gulden hat er zahlt, wofür meine Capellen ihm unsern Dank sagt. Jetzunder kommt die Einleitungen. Da haben sich die Tänzern aufzustellen. Dann, wanns parat dastehen, geht es los. Ein nobler Tanz soll es sein, hat er sagt, und so wird es einer sein, den Ihr noch gar nie tanzt habt. Für zehn Gulden kann man schon was leisten. Also aufipaßt!«
Aber ehe er beginnen konnte, trat der alte Osec vor und verkündigte:
»Wer meine Extratour gern mittanzen will, der mag sich jetzt an mich wenden!«
Niemand regte sich.
»Ist keiner?«
Er erhielt keine Antwort. Und das ärgerte ihn gewaltig. Er hatte sich vorgenommen, es einem Jeden abzuschlagen, und sich bereits darüber gefreut, die Gesichter der Bittsteller, wenn sie unverrichteter Sache gehen mußten, zu sehen. Und nun kam Niemand.
»Das konntest Du Dir denken!« zürnte Kery. »Hast eine Dummheit begangen!«
»Wenn es erst losgegangen ist, bekommen sie schon Lust. Dann werden sich welche melden.«
»Das glaube ich nicht.«
Jetzt begann das, was der Schmied die Einleitung genannt hatte. Niemand hörte eigentlich darauf, denn die ganze Aufmerksamkeit aller Anwesenden war nur auf den einen Tisch gerichtet.
Der alte Osec wollte den Leuten zeigen, was für ein seiner Kerl er sei. Er machte vor der Bäuerin eine tiefe Reverenz, küßte ihre Hand und führte sie nach der Mitte des Saales. Sein Sohn folgte ihm mit Gisela. Dort warteten die beiden Paare auf den Schluß der Einleitung.
Jetzt war sie zu Ende. Und nun verkündete der Schmied:
»Dera Tanz kann beginnen. Es ist ein gar seltener.«
Er gab seiner Capelle das bekannte Zeichen und die Musik begann. Aber anstatt, daß die beiden Paare sich in Bewegung setzten, blieben sie stehen. Der Alte drehte sich verlegen nach seinem Sohne um und fragte:
»Was ists denn eigentlich für einer, den sie da aufspielen?«
»Das weiß ich nicht.«
»Dummkopf! Du wirsts doch wissen!«
»Ich habe ihn noch nie getanzt.«
»Du bist jünger als ich. Du mußt doch mehr wissen als ich!«
»Was ich nicht gehört habe, kann ich nicht kennen.«
»Ists denn nicht ein Galopp?«
»Nein.«
»Oder ein Walzer oder Rutscher oder vielleicht Tyroler?«
»Keins von diesen allen.«
Da wandte sich der Alte an die Bäuerin. Auch sie konnte keine Auskunft geben. Er fragte Gisela. Sie lächelte still vor sich hin und schüttelte: den Kopf.
Da brach die Musik plötzlich ab, dann gab der Schmied das Zeichen, und sie begann wieder, und zwar in einer ganz anderen Tactart. Aber das war den Osecs auch unbekannt. Es begann sich ihrer eine große Verlegenheit zu bemächtigen.
Die anwesenden Hiesigen hatten dem Schmied gezürnt, daß er wegen den zehn Gulden von der heimlichen Vereinbarung abgewichen war. Jetzt aber fingen sie an, ihn zu begreifen. Der Schlaukopf hatte zwei Fliegen mit einer Klappe treffen wollen. Er blamirte beide Osecs ganz gewaltig und steckte dafür das schöne Geld in die Tasche.
Es wurde zwar nicht gelacht, aber auf den Gesichtern lag ein Ausdruck, über welchen die Osecs sich noch mehr ärgerten als sie sich über ein wirkliches Gelächter geärgert hatten. Was war zu thun? Wie konnten sie sich am besten und leichtesten aus dieser verzweifelten Lage ziehen? Noch ehe sie zu einem Entschlüsse kommen konnten, wechselte die Musik abermals, und auch dies? dritte Abtheilung war unmöglich zu tanzen.
»Kreuzmillionendonnerwetter!« fluchte der Alte. »Wir können doch nicht hier stehen bleiben und warten, bis er einen Walzer bringt! Er sieht es ja, daß wir warten. Ich gehe hin und sag es ihm!«
Er ließ die Tänzerin stehen und ging nach dem Podium.
»Was fällt Euch denn ein! Das ist ja gar kein Tanz!« rief er hinauf.
Der Schmied bog sich herab, hielt ihm die Clarinettenöffnung an das Ohr und blies weiter.
»Bibibibibiteltitelti!« schrillte es ihm scharf in das Gehör, und er fuhr erschrocken zurück.
»Gieb eine Antwort, Kerl!« schrie er. »Wer soll das Zeug tanzen!«
Da hielt der Wenzel ihm die Posaunenstürze entgegen.
»Trahrararara!« krachte es heraus, und er trat noch weiter zurück. Da begann er zu raisonniren und mit den Händen zu fechten – vergebens! Die Drei arbeiteten, daß der Saal erbebte. Der lange Schneider strich seinen Baß, als ob er ihn mit aller Gewalt zu Grunde richten wolle. So ging es noch eine Weile. Osec schimpfte, und die Capelle machte einen Heidenspectakel.
Das sah so urkomisch aus, daß es nun nicht mehr bei einem Lächeln blieb. Man lachte laut, immer lauter und endlich so laut, daß kaum die Musik mehr zu hören war.
Erst jetzt nun erkannte Osec, wie die Sache stand. Er rannte zu der Bäuerin zurück und zog sie von dannen. Man sah, daß er entsetzlich raisonnirte, aber was er sagte, das war ja nicht zu vernehmen. Sein Sohn folgte ihm mit seiner Tänzerin nach dem Tische zurück, wo sie sich niedersetzten und mit Kery in einen sehr erregten Wortwechsel zu gerathen schienen. Das war an ihren eifrigen Gestikulationen zu erkennen.
Die Capelle spielte wacker weiter, bis das Stück zu Ende war. Der Schmied setzte die Clarinette ab und rief:
»Jetzund ists vorüber. Ich hab gar nicht denkt, daß das Stuck so sehr gut gelingen wird, denn wir habens nur erst ein paar mal probirt. Freilich, bei einem guten Directorn ist das eine Leichtigkeit.«
Da brach der alte Osec los. Er schrie von seinem Platz herüber:
»Jetzt verlange ich augenblicklich einen Walzer. Aber schnell!«
»Einen Walzer? Für wen denn?«
»Für uns.«
»Willst wohl noch eine Extratouren?«
»Das fällt mir nicht ein! Ich habe die bezahlte noch abzutanzen.«
»Oho! Denkst etwan, wir blasen in alle Ewigkeiten weiter, bis Dir endlich mal die Musiken und dera Tact in die Beinen fährt? Da kannst Dich sehr irren!«
»Aber wenn wir bezahlt haben, wollen wir auch tanzen!«
»Natürlich! Das nehm ich auch gar nicht übel. Und darum hab ich mich sehr darüber wundert, daß Ihr gar nicht tanzt habt.«
»Jetzt, jetzt haben wir tanzen sollen?«
»Freilich! Ihr aber seid dastanden und habt Maulaffen feil halten. Nun verlangst gar auch noch einen Walzern!«
»Ich will einen Tanz haben, den ich auch wirklich tanzen kann!«
»Hast den denn nicht kennt?«
»Nein.«
»Ja, dann ists freilich gefehlt. Das hättst halt sagen sollen!«
»Ich hab Dir es ja gesagt. Ich habe mir die Lunge fast aus dem Leib herausgebrüllt.«
»Meinst, als wir spielten? Ja, da war es zu spät. Wann ich einmal im Spielen bin, so hör ich nicht eher aufi, als bis das ganze Stuckerl zu End ist. Das war ein schöner und sauberer Musikdirectorn, der in dera Mitten aufhalten wollt! Die Leut müßten doch denken, daß er nix kann. Nein, das muß gehen wie bei einer Uhren. Wann die mal aufigezogen ist, so hörts nicht eher auf, als bis sie wieder abilaufen ist.«
»Aber so einen Tanz wollt ich nicht, so einen habe ich mir gar nicht bestellt!«
»Red keine Dummheiten! Einen nobeln hast Dir bestellt, und das ist der feinste und nobelste, den ich hab.«
»Was war es denn?«
»Ja, weißt das wirklich nicht?«
»Woher sollt ichs wissen?«
»Ein Cotilljong wars, ein französischer Cotilljong, wie er in Paris tanzt wird.«
»Ich aber will keinen französischen! Ich bin kein Franzose! Ich bin nicht in Paris, sondern in Slowitz in Böhmen.«
»Nein, nicht in Slowitz bist, sondern im Irrthum bist. Ich hab meine Schuldigkeiten than. Wir haben spielt, wast verlangt hast, einen Noblen, und wir sind mit nander fertig. Wannst ihn nicht tanzt hast, so bist selber schuld daran!«
»So verlange ich mein Geld wieder!«
»Das kannst, nämlich, es verlangen. Dagegen habe ich nix, aberst wiederbekommen thusts nicht. Was ein Musikus mal in dera Taschen hat, das giebt er nicht wieder heraus.«
»Es muß zurückgezahlt werden!«
»Nein, es bleibt. Für diese zehn Gulden haben wir uns rechtschaffen plagt und schunden.«
»So ists ein Betrug!«
»Du, nimm Dich in Acht! Beleidigen laß ich mich nicht. Merks Dir.«
»Ein Betrug ists; ich sage es noch einmal! Das heißt, Einem gradezu das Geld aus der Tasche stehlen.«
Da stieg der Schmied vom Podium herab, kam herbei, stellte sich breitspurig vor ihm hin und sagte:
»Einen Betrüget hast mich nannt. Willsts gleich wiederrufen?«
»Das fällt mir nicht ein. Verklagen werde ich Dich extra!«
»Also um Verzeihung bitten willst mich nicht, he?«
»Nein. Was ich gesagt habe, das ist wahr!«
»Nun, so mach ich wahr, was ich vorhin sagt hab: Wer Lärm macht, der wird hinausworfen.«
»Wag es einmal!«
Dennoch aber wich er ängstlich zurück.
»Was ist da zu wagen! So einen schmalen Federkiel, wie Du bist, setz ich an die Luft, ohne daß ich es merk, daß ich ihn in denen Händen hab. Paß aufi!«
Er packte ihn mit eisernen Fäusten und schaffte ihn nach der Thür.
»Halt!« schrie der Kerybauer. »Das laß ich mir nicht gefallen!«
»Brauchst keine Sorg zu haben,« antwortete der Schmied zurück. »Wanns Dir nicht recht ist, daß Der da eher nausworfen wird als Du, so kannst Dich trösten. Wirst gleich auch drankommen. Wart nur noch einen einzigen kleinen Augenblick!«
Der alte Osec hing in den Armen des starken Mannes wie ein schwacher Knabe. Er bewegte kein Glied. Er kannte die Körperkraft des Schmiedes und wußte, daß Widerstand ganz vergebens sein werde.
Sein Sohn, sonst keineswegs ein Held und muthvoller Charakter, wagte es dennoch, seinem Vater zu Hilfe zu kommen. Er eilte dem Schmiede nach, zur Thür hinaus, und erreichte ihn, als derselbe grad die Treppe betreten wollte.
»Willst Du gleich meinen Vater frei geben!« schrie er ihn an. »Ich mach Dich todt!«
»Du? Mich?« lachte der Schmied. »Gut, daßt kommst! So kannst ihn gleich begleiten.«
Er gab dem Alten einen Stoß, daß dieser zur Treppe hinab – zwar nicht stürzte, aber in der Weise hinabtaumelte, daß er sich nicht eher zu erhalten vermochte, als bis er unten angekommen war. Inzwischen faßte der Schmied den Jungen, drückte ihm die Arme so fest an den Leib, daß er vor Schmerz laut aufschrie, und spedirte ihn dem Vater nach. Das ging so schnell und exact, daß Beide unten zusammenstießen und mit einander an die Wand stürzten.
Da trat der Kerybauer unter die Thür.
»Willst auch nachfolgen?« fragte ihn der Schmied. »Ich bin einmal bei dera, Arbeit und da gehts aus einer Schüssel. Ihr könnt gleich Alle so gespeist werden, daß Ihr satt bekommt.«
Da war auch die Bäuerin nachgeeilt. Sie ergriff den Arm ihres Mannes und bat ihn:
»Keine Prügelei! Das schickt sich für Dich nicht!«
»Ich weiß selbst, was sich für mich schickt, und Du brauchsts mir nicht erst zu sagen,« antwortete er. »Mit einem Schmied raufe ich mich nicht. Das ist mir viel zu respectirlich. Ich wollte nur sehen, was die Osecs mit ihm beginnen.«
»Sie haben gar nix mit mir beginnen können, sondern ich mit ihnen,« lachte der Schmied. »Und wann Du zu vornehm bist, mit einem Schmied zu raufen, so rath ich Dir, Dich von dannen zu heben. Es könnt sonst sein, daß ich mich nicht für zu vornehm halte, Dich tüchtig durchzuwalken. Ein Schmied ist auch ein Mensch, und vielleicht ein besserer noch als Du!«
Die beiden Osecs machten Miene, wieder die Treppe empor zu steigen.
»Bleibt unten!« rief ihnen Kery zu. »Ich komme auch gleich nach. Will nur erst unsere Zeche bezahlen.«
Er ging zum Wirthe und bezahlte; dann gebot er seiner Frau und Tochter, ihm zu folgen, und verließ mit ihnen die Schänke. Das war das Ende des Wirthshausgehens, welches unter ganz anderen Voraussetzungen begonnen hatte.
Die fünf Personen befanden sich keineswegs in einer guten Stimmung. Die drei Männer fühlten, daß sie sich außerordentlich blamirt hatten. Sie waren anfangs aufgetreten, als ob kein Anderer mit ihnen zu vergleichen sei, und nun waren sie mit Gewalt gezwungen worden, das Local zu verlassen. Eine solche Demüthigung fühlten sie, welche sich für die Besten und Vornehmsten der ganzen Umgegend hielten, doppelt peinlich. Darum schritten sie zunächst schweigsam neben einander her. Jeder von ihnen scheute sich, merken zu lassen, daß er in ganz wohl verdienter Weise bestraft worden sei.
Mutter und Tochter gingen eine Strecke voraus. Sie beeilten sich mehr, als sie eigentlich nöthig gehabt hätten. Sie wollten aus der Nähe der Männer kommen.
»Ich habe es mir gleich gedacht,« sagte die Bäuerin. »Wenn die Osecs mit dem Vater sind, so giebt es stets so einen Auftritt.«
»Ja, er ist so schon stolz und herrisch und wird doppelt gebieterisch, wenn er diese Uebermüthigen neben sich hat. Und da sollen wir den Jungen nun gar noch in das Haus bekommen!«
»Als Schwiegersohn! Man möchte beten, daß die Heiligen es abwenden: aber das würde doch vergeblich sein, denn was der Vater sich einmal in den Kopf gesetzt hat, das führt er auch hinaus. Und wenn man ihm Widerstand leistet, so wird es nicht besser, sondern doppelt so arg. Du armes, liebes Kind! Ich möcht mein Leben hingeben, wenn ich Dich dadurch glücklich machen könnte, und nun muß ich ruhig mit zusehen, daß Du an so einen Menschen verschachert werden sollst.«
»Gräme Dich nicht um mich, Mutter,« sagte Gisela in munterem Tone. »Es wird wohl zu ertragen sein.«
»Das sagst Du so lustig.«
»Würde mir das Weinen Hilfe bringen? Unglücklich werde ich nicht. Das weiß ich sehr genau.«
»So kann ich Dich nicht begreifen. Oder könntest Du Dich so leicht darein finden, die Frau eines solchen Mannes zu werden?«
»Ich kann mich gar nicht hineinfinden, und grad deshalb fällt es mir nicht ein, zu jammern und zu klagen. Du hast gesagt, was der Vater einmal will, das führt er auch hinaus. Nun, ich habe auch meinen Kopf, welcher dem seinigen sehr ähnlich ist, nur daß ich es noch nicht bewiesen habe. Was ich nicht will, das führt man mit mir nicht aus. Ich weiß ein treffliches Mittel, von dem Osec loszukommen.«
»Wenn es wahr wäre!«
»Es ist wahr, und leicht und probat ist es auch.«
»Welches meinst Du?«
»Ich nehme ihn einfach nicht; so komme ich von ihm los.«
»Kind treib keinen Scherz. Du thust so leicht und sicher; aber Du kennst den Vater noch nicht genau.«
»Und er mich auch nicht!«
»So willst Du Dich also weigern?«
»Ja.«
»Und gleich heut schon?«
»Natürlich! Oder soll ich etwa warten, bis ich seine Frau bin, bevor ich dem Osec sage, daß ich ihn nicht mag? Dann wäre es gar freilich zu spät.«
»Du bringst es nicht fertig.«
»Warte es ab!«
»Wenn Du nicht willst, so wird der Vater Dich zwingen.«
Da ergriff Gisela die Hand ihrer Mutter und sagte in herzlicher Weise:
»Gräme Dich nicht, Mutter! Ich habe mich stets vor dem Vater gefürchtet. Jetzt aber handelt es sich um ein Großes, um das Glück meines ganzen Lebens; da ist alle meine Furcht verschwunden. Ich fühle mich stark und fest genug, ihm zu widerstehen.«
»Ich würde ganz glücklich sein, wenn Du vor dem Dir drohenden Unheile bewahrt bliebst; aber ich kenne den Vater nur zu gut. Er giebt einen Entschluß, den er einmal gefaßt hat, niemals wieder auf. Er ist ohne alle Rücksicht. Es ist ihm ganz gleich, ob Du zu Grunde gehest oder nicht, wenn er nur seinen Willen durchsetzen kann. Das habe ich tausendmal in meiner Ehe erfahren.«
»Nimm es mir nicht übel, liebe Mutter! An dieser Erfahrung bist Du selbst auch viel mit schuld.«
»Ich? Wieso?«
»Du hättest fester sein und ihm nicht immer seinen Willen lassen sollen.«
»Wo denkst Du hin! Wenn ich nicht stets und willig nachgegeben hätte, so wäre wohl gar Mord und Todtschlag entstanden.«
»Nein. Du hast mir ja selbst gesagt, daß Du stolz gewesen bist auf ihn. Sein gebieterisches Wesen hat Dir imponirt. Du hast ihn wohl gar auch in diesem Auftreten unterstützt.«
»Da magst Du freilich nicht ganz Unrecht haben.«
»Schau, das hättest Du nicht thun sollen, denn er hat dann dieses Wesen auch gegen Dich selbst gerichtet. Und weil Du es zuvor gutgeheißen hast, hast Du es nachher nicht tadeln können. Er hat Dich doch lieb gehabt? Nicht?«
»Ganz gewiß. Freilich ist seine Liebe eine ganz andere gewesen als die Liebe anderer Burschen. Er war eben immer obenauf, auch mir gegenüber.«
»Das hättest Du nicht dulden sollen. Du hättest ihm zeigen müssen, daß Dir das zuwider ist, und liebte er Dich wirklich, so hätte er sich geändert. Und selbst wenn es zu bösen Scenen dabei gekommen wäre, Du hättest sie nicht scheuen sollen. So aber hast Du stets nachgegeben, selbst wenn Du im größten Rechte warst, und das ist ein Fehler gewesen, unter dem wir Alle nun zu leiden haben.«
In dieser Weise hatte die Tochter noch nicht mit der Mutter gesprochen. Diese fühlte, daß die Tochter wohl Recht habe. Darum entgegnete sie nichts. Gisela aber fuhr fort:
»Auch ich habe es bisher stets so gemacht wie Du; ich bin ihm unterthan gewesen fast wie eine Sclavin. Ich bin seine Tochter und muß ihm gehorchen, weil er mein Vater und mein Herr ist. Aber Herr meines Glückes, meines Lebens, meiner Seele ist er nicht. Wenn es sich um Eins von diesen Dreien handelt, so brauche ich ihm nicht zu gehorchen.«
»Darnach fragt er nicht!«
»So frage ich auch nicht nach ihm, und wir sind dann fertig!«
Sie sagte das so kurz und entschlossen, daß ihre Mutter erschrak.
»Um Gotteswillen, Kind, was hast Du vor?« fragte dieselbe.
»Was ich thun werde, das weiß ich noch nicht. Aber das weiß ich, daß ich nicht die Frau dieses Osec werde. Du hast jetzt auf dem Saale wieder gesehen, was für ein Kerl er ist. Eigentlich müßte ich mich schämen, daß ich in seiner Nähe gewesen bin; aber ich weiß, daß die Leute bald erfahren werden, woran sie mit mir sind.«
»Aber heut schon soll der Verspruch sein!«
»Ich thue nicht mit!«
»So giebt es einen Auftritt, wie es noch keinen gegeben hat!«
»Das ist Deine gewöhnliche Angst. Du bist blos besorgt, solche Auftritte zu verhüten, und dadurch hast Du dem Vater alle Macht überlassen. Ich würde mich an den Osec niemals verhandeln lassen, selbst dann, wenn ich – wenn ich – wenn ich nicht schon einen Andern wüßte, den ich lieb habe.«
»Den Ludwig! Gisela, das giebt ein Unglück!«
»Nein. Wir werden ganz im Gegentheile sehr, sehr glücklich sein!«
»Jawohl, wenn Ihr Euch heirathen dürftet. Aber dazu kommt es im ganzen Leben nicht.«
»Vielleicht kann es schon recht bald dazu gekommen sein!«
»Denke wie arm er ist!«
»Desto braver ist er.«
»Ein Knecht!«
»Er kann ein reicher Bauer werden. Er hat das Zeug dazu.«
»Wenn ich daran denke, so wird mirs wirklich himmelangst.«
»Und mir himmelswohl!«
»Habt Ihr jetzt mit einander gesprochen?«
»Nein. Ich weiß auch ohne dem, woran ich mit ihm bin. Und grad das benimmt mir alle Sorge und giebt mir den Muth, dem Vater zu widerstehen. Vielleicht bedarf es gar nicht eines offenen Widerstandes. Vielleicht genügt es, mir den Osec durch List oder Aehnliches fern zu halten. Wir werden ja sehen. Nun sind wir daheim. Wir müssen das Nachtmahl bereiten.«
Sie waren am Keryhofe angekommen und begaben sich nach der Küche, nachdem sie ihre Anzüge gewechselt hatten.
Die drei Männer kamen später. Sie waren, wie bereits erwähnt, langsamer gegangen, erst schweigend neben einander her, dann in einzelnen Ausrufen ihrer zornigen Stimmung Luft machend, bis der Kerybauer endlich zum alten Osec sagte:
»Du brauchst eigentlich gar nicht so grimmig zu sein, denn Du bist an Allem schuld!«
»Ich? Das möchte ich doch wissen!«
»Ja, Du ganz allein.«
»Das wirst Du wohl nicht gleich beweisen können!«
»Sogleich. Hättest Du nicht angefangen, so hätten sich die Glowitzer nicht so beleidigt gefühlt.«
»Meinst Du, wegen dem Biere?«
»Ja.«
»Nun, das ist lächerlich! Die mögen doch froh sein, wenn Jemand für sie bezahlt.«
»Aber das muß in anderer Weise geschehen?«
»Ich gebe nach meiner Weise und nicht nach einer anderen!«
»Wenn ein Bettler Dich anspricht, so magst Du geben, wie es Dir beliebt, und er wird sich sogar auch noch bedanken. Die Burschen aber hatten nichts von Dir verlangt.«
»Sie sind aber lauter Hungerleider, die sich sonst gar nicht weigern, Etwas anzunehmen.«
»So hättest Du wenigstens bis zu einer passenden Gelegenheit warten sollen. Du bist aber gleich mit der Thür ins Haus gefallen. Du hast sofort, nachdem wir kaum fünf Minuten da waren, vom Freibier angefangen.«
»Das grad war nobel von mir. Ich habe zeigen wollen, daß ich nicht lange warte, ehe ich etwas gebe.«
»Und sechs Biere für so Viele!«
»War das etwa nicht genug?«
»Nein. Es wäre auf die Person kaum ein Schluck gekommen. Grad darin lag ja eben die Beleidigung! Das war knickerig.«
»Oho! Willst Du mich beschimpfen?«
»Nein. Wir sind gute Bekannte und wollen uns nicht zanken. Wir werden ja bald sogar Schwäger sein. Aber wenn Du bei mir bist, so mußt Du anders auftreten. Wenn man ein Freibier giebt, so giebt man es ordentlich, sonst ist es besser, man giebt es gar nicht.«
»Nun ja; ich weiß schon; das ist gewöhnlich so. Ich bin stets der Sündenbock. Du sagst, daß ich schuld bin. Aber ein ganz Anderer hat die Sache auf dem Gewissen.«
»So! Wer denn?«
»Der Ludewig, Dein Knecht. Hätte er die Gisela nicht engagirt, so hätte mein Junge mit ihr getanzt, und es wäre nicht der geringste Streit entstanden.«
»Weiß der Teufel, wie er auf den Gedanken gekommen ist!«
»Du hast ihn verzogen; Du bist viel zu gut mit ihm gewesen.«
»Fast glaube ich, daß Du Recht hast.«
»Und wie ist er gegen Dich aufgetreten! Und nachher auch noch gegen mich!«
»Dafür werde ich ihm kündigen.«
»Was kündigen! Ich würde ihn sofort aus dem Hause jagen.«
»Das geht nicht; das ist gegen das Gesetz.«
»Pah! Was mache ich mir aus dem Gesetz! Eine offene Widersetzlichkeit ist der beste Grund, einen Knecht augenblicklich fortzujagen.«
»Das weiß ich wohl. Aber die Widersetzlichkeit fand nicht bei der Arbeit sondern auf dem Tanzsaale statt.«
»Ganz egal. Du bist sein Herr, welchem er zu gehorchen hat!«
»Und so einen bekomme ich nie wieder.«
»Das brauchst Du nicht zu glauben. Es giebt Andre, die ebenso gut und wohl auch noch besser sind. Er ist doch nicht etwa gar ein richtiger Engel! Das hat er vorhin bewiesen. Er hat doch mit Dir und auch gegen mich gesprochen, als ob er ein Polizist wäre. Das klang ja ganz so, als ob er uns anzeigen wolle!«
»Wird ihm nicht einfallen!«
»Vielleicht doch, wenn er von Dir fort ist. Dann wird er sich rächen wollen. Ich bin gradezu erschrocken. Ich habe stets gedacht, daß kein Mensch eine Ahnung hat, was für ein Geschäft wir betreiben, und da sagt Dein Knecht es uns auf öffentlichem Tanzboden gradezu in das Gesicht.«
»Er weiß nichts.«
»So könnte er nichts sagen!«
»Er ahnt es blos.«
»Das ist schon genug. Wenn er es ahnt, so muß er doch irgend Etwas gemerkt haben.«
»Das wohl.«
»Was denn? Weißt Du es?«
»Ja. Wir brauchen uns nicht zu fürchten.«
»So sage doch, was und wie viel er weiß!«
»Viel ist es nicht. Kannst Du Dich besinnen, als wir im Februar erwischt wurden und draußen vor dem Dorfe umkehren mußten?«
»Das weiß ich noch sehr gut. Wir verloren alle unsere Güter, und die Grenzer waren hart hinter uns her.«
»Damals warst Du schneller als ich. Du flüchtetest nach meinem Gute zu, und ich kam einige Minuten später. Da stand der Ludwig vor der Thür. Weiß der liebe Himmel, was er zu so später Stunde da noch zu treiben hatte. Wir fürchteten schon, von den Grenzern erkannt worden zu sein; aber es kam keiner. Du schliefst bei mir und gingst erst am nächsten Morgen fort. Ich glaubte, die Sache sei nun gut. Aber am Mittag fuhr ich mit dem Ludwig nach der Stadt, und unterwegs sagte er pfiffig:
»›Das war gestern gefährlich.‹
»›Was?‹ antwortete ich.
»›Das mit den Grenzern.‹
»›Mit welchen Grenzern?‹
»›Nun, mit denen, welche hinter Euch herkamen.‹
»›Hinter uns her? Was meinst Du denn eigentlich?‹
»›Er that einen Zug aus seiner kurzen Pfeife; dann sagte er:‹
»›Erst kam der Osec und versteckte sich; dann kamst Du ebenso eilig herbei gelaufen. Ihr hattet Beide keinen Athem mehr. Sodann kamen drei Grenzer gesprungen. Sie sahen mich stehen und fragten mich, ob ich nicht zwei Kerls hätte laufen sehen. Natürlich antwortete ich, daß sie vor fünf Minuten hier vorüber seien, das Dorf hinab, und so eilten sie weiter. Die beiden Kerls aber, welche ich gesehen hatte, waren gar nicht zum Dorfe hinab. Ich kannte sie gar wohl und wußte, wer sie waren.«‹
Nachdem Kery dies berichtet hatte, blieb es für einige Augenblicke still; dann sagte der alte Osec:
»Warum hast Du nicht gegen mich davon gesprochen?«
»Was hätte es genützt?«
»Vielleicht sehr viel!«
»Ich möchte es wissen! Ich bin vollständig überzeugt, daß der Ludwig uns niemals verrathen wird.«
»Diese Ueberzeugung habe ich nicht.«
»Nun gut, wenn er auf das Amt ginge und uns anzeigte, was könnte er da sagen, und was könnte er beweisen? Nichts, gar nichts. Er hat Dich und mich kommen sehen. Das ist Alles!«
»Weißt Du wirklich, ob das Alles ist?«
»Ja.«
»Ich denke anders.«
»Er hat ja niemals wieder Etwas gesehen.«
»Das darfst Du nicht behaupten. Du, Du hast ihn nicht gesehen, er aber Dich vielleicht um so besser. Er hat uns damals beobachtet und sogleich Verdacht geschöpft. Natürlich ist er neugierig geworden und hat Dich heimlich beobachtet. Weißt Du da, was er Alles erfahren haben kann?«
»Donnerwetter!«
»Ja, fluche nur!«
»Daran habe ich gar nicht gedacht!«
»Daß er mehr weiß, als Du denkst, das ist erwiesen aus der Art und Weise, wie er uns heut antwortete.«
»Jetzt geht mir freilich ein Licht auf!«
»Wenn es Dir eher aufgegangen wäre, so wäre es besser für uns. Er weiß, daß Du ein Schmuggler bist. Nur das hat ihm den Muth gegeben, mit Deiner Tochter zu tanzen. Darauf kannst Du Dich verlassen. Er hat keinen Respect mehr vor Dir.«
»So soll er ihn recht bald wieder bekommen.«
»Keine Unvorsichtigkeit! Wenn Du ihn falsch behandelst, kann er uns gefährlich werden. Das mußt Du bedenken.«
»Er ist nicht rachsüchtig.«
»Pah! Ein jeder Mensch ist rachsüchtig. Ich möchte einmal Einen sehen, welcher es vergißt, wenn er beleidigt worden ist.«
»Ein solcher ist der Ludwig. Er ist gradezu das, was man edel nennt.«
»Mache Dich nicht lächerlich! Ein Bauernknecht, und edel! Darüber könnte man sich todt lachen! Uebrigens glaube ich nicht, daß Du von dem sogenannten Edelmuthe sehr viel verstehest.«
»So viel wie Du, gewiß!«
»Das ist kein großer Ruhm für Dich, denn ich kann Dir offen sagen, daß ich kein Freund vom Edelmuthe bin. Man kommt dabei zu nichts. Diese Erfahrung habe ich gemacht.«
»Was! Wärest Du etwa einmal edel gewesen, Osec?«
»Nein, ich nicht; das kannst Du mir aufs Wort glauben. Ich habe diese Erfahrung vielmehr an Anderen gemacht. Sie sind dabei zu Grunde gegangen.«
»Während Du dabei reich geworden bist. Nicht wahr?«
»Das geht Dich nichts an. Jetzt reden wir von dem Ludwig. Ich warne Dich allen Ernstes vor ihm. Denke einmal, was er uns für einen Streich spielen könnte, wenn er wüßte wo sich bei Dir die heimliche Niederlage befindet!«
»O, von der hat er keine Ahnung!«
»Das kannst Du nicht behaupten.«
»Beschwören sogar kann ich es!«
»Vielleicht schwörtest Du einen Meineid. Er ist so lange Jahre bei Dir. Wenn er sich den Schuppen richtig angesehen hat, muß er doch unbedingt auf den Gedanken kommen, daß er von Außen viel, viel breiter ist als von Innen, und daß also wohl eine Doppelwand da sein müsse, hinter welcher sich ein verborgener Raum befindet.«
»Diesen Gedanken hat er niemals gehabt. Ich hätte Etwas davon gemerkt. Er hätte sich verrathen.«
»Vielleicht ists so, wie Du denkst, und das wäre gut für uns. Ich rathe Dir allen Ernstes, ihn fest im Auge zu behalten, so lange er noch bei Dir ist.«
»Das ist nicht mehr lange, nur noch ein Monat und ein paar Tage.«
»Wie leicht kann er heut merken, daß die Waaren kommen!«
»Da schläft er längst. So ein Knecht, der von früh vier Uhr bis Abends zehn Uhr stark arbeiten muß, hat keine Lust, seiner Neugierde den kostbaren Schlaf zu opfern. Nein, in dieser Beziehung habe ich keine Angst. Und selbst wenn er Alles wüßte, würde er mich doch nicht verrathen. Da kenne ich ihn doch zu genau.«
»Wollen es wünschen! Aber daß er mehr weiß, als Du denkst und als er damals gesehen hat, das ist gewiß. Er sprach doch vorhin von dem Slowaken Usko. Woher kennt er diesen?«
»Der Kerl kommt manchmal zu mir und strickt meiner Frau die Zöpfe ein.«
»Sapperment! Sollte er bei so einer Gelegenheit mit dem Knechte geschwatzt und uns verrathen haben?«
»Das ist ihm nicht eingefallen. Dieser Usko ist der Gescheidteste und Verschlagenste von Allen. Eher geht die Welt unter, als daß es Jemandem gelingen könne, ihm ein Wort zu entlocken.«
»So hat er doch wohl irgend Etwas gethan, wobei er von dem Knechte beobachtet worden ist. Anders ist es nicht möglich.«
»Das will ich eher glauben. Uebrigens macht auch das mir keine Sorge. Wenn ich von keinem Andern beobachtet werde, als von dem Ludwig, so kann ich sehr zufrieden sein.«
»Du bist ein ganz unbegreiflicher Kerl! Er hat Dich beleidigt; Du willst ihm kündigen, und doch lobst Du ihn auch in dieser Weise!«
»Weil er in seiner Arbeit wirklich ein tüchtiger Kerl ist. Das muß ich am Besten wissen, und ich erkenne es an, weil es mir Schaden macht, wenn er fortgeht.«
»Nun, so behalte ihn!«
Er sagte das in kurzem, zurechtweisendem, fast beleidigtem Tone.
»Nein; das kann mir nicht einfallen. Nach dem, was heut geschehen ist, kann ich ihn unmöglich behalten.«
»Wenn Du klug bist! Er ist ja doch der Kukuk in Deinem Neste.«
»Oho!«
»Oder vielmehr der Sperling im Staarkasten. Dieser Vergleich ist noch richtiger als der vorhergehende.«
»Wie meinst Du das?«
»Nun, Du weißt doch, daß der Sperling sich gar gern im Staarkasten häuslich niederläßt?«
»Das weiß ich ebenso gut wie Du.«
»Der Sperling ist der Ludwig, und der Staarkasten, das ist Dein Gut.«
»In dem er sich niederlassen will?«
»Ja.«
»Nennst Du das ein häusliches Niederlassen, wenn man Knecht ist?«
»Knecht!« lachte Osec. »Ja, Knecht ist er jetzt noch; aber er denkt wohl, daß er es nicht lange mehr bleiben wird.«
»Weil er fort muß?«
»Davon weiß er ja noch gar nichts. Nein, ich meine es anders. Schwiegersohn ist doch besser als Knecht.«
Da blieb der Kerybauer stehen, schlug ein lautes Gelächter auf und sagte:
»Schwiegersohn! Der Knecht! Du bist toll!«
»Nein; ich bin nicht toll, aber Du bist blind.«
»Donnerwetter! Ich habe bisher gedacht, daß ich sehr gute Augen habe!«
»Für die Ferne, ja; aber in der Nähe scheinst Du nicht so gut zu sehen.«
»Mensch, sage mir nicht solche Sachen. Von dergleichen Spaßen bin ich kein Freund.«
»Das kann ich mir sehr wohl denken. Drum mache ich auch keinen Spaß, sondern es ist mein völliger Ernst.«
»Unmöglich!«
»Mach die Augen auf!«
»Die habe ich stets offen!«
»Ja, wie die Hasen! Die schlafen dabei, indem sie die Augen offen haben.«
»Wenn Du gerechte Sache hast, so rede offen. Hast Du vielleicht Etwas gesehen?«
»Ja, und zwar genug.«
»Was?«
»Viel weniger, als Du gesehen hast. Für mich aber ist es mehr als genug. Saßen sie nicht heut im Garten neben einander auf der Bank?«
»Wenn es weiter nichts ist!«
»Und hatten einander bei den Händen!«
»Nein. Sie hielten sich nicht bei den Händen, sondern sie hatten sich nur den Handschlag gegeben. Die Gisela hatte ihm versprechen müssen. Deinen Sohn zu heirathen.«
»Und das glaubst Du wirklich?«
»Warum nicht?«
»Ich hab wirklich nicht gedacht, daß Du ein so großer Dummkopf bist!«
»Halts Maul! Wenn Du nur schimpfen willst, so brauchst Du lieber gar nichts zu sagen!«
»Gut! Ich kann ja schweigen. Aber wenn die Gisela so sehr viel aus den Knecht giebt, daß sie auf seinen Wunsch hin einen Mann nimmt, den sie vorher nicht hat haben wollen, so kommt mir das natürlich außerordentlich verdächtig vor.«
Das leuchtete dem Kerybauer ein. Er stand noch immer auf derselben Stelle und hielt den Osec beim Arme gefaßt.
»Alle Teufel!« rief er aus. »Das kann auch mir jetzt auffallen!«
»Gehen Dir jetzt die Augen auf?«
»Beinahe!«
»Und sagte sie nicht, sie hätte ihn gebeten, hier im Dienst zu bleiben? Das hast Du doch auch gehört?«
»Natürlich.«
»Nun, weißt Du nun, woran Du bist?«
»Noch nicht.«
»So weiß ich es desto besser. Mein Junge ist der Bauer hier; der Ludwig aber soll der Mann sein, der eigentliche Mann! Verstanden!«
»Kerl, das ist ja ganz unsinnig!«
»Papperlapapp! Sie ist dem Ludwig gut und er ihr auch. Heirathen können sie sich aber nicht, denn das würdest Du ja nicht zugeben – – –«
»Im ganzen Leben nicht!« fiel der Kerybauer schnell ein.
»Also haben sie sich so verabredet, daß sie doch meinen Sohn nimmt, obgleich sie ihn nicht leiden kann. Der Ludwig aber bleibt hier, und was weiter geschieht, das brauche ich Dir doch wohl nicht zu sagen.«
»Das wäre ja schön und nett und außerordentlich sauber! Himmelbataillon! Und Du meinst, meine Tochter, die Gisela, wäre ein Weibsbild, dem so Etwas zuzutrauen ist?«
»Ich habe sie bisher nicht für eine solche gehalten, gewiß nicht.«
»Sie ists auch nicht! Wer das von ihr sagt, der hat es mit mir zu thun. Sie ist mein einziges Kind. Den Ehebruch versprechen, noch ehe sie verheirathet ist sogar, dazu ist sie nicht fähig!«
»Ich möchte freilich, daß Du Recht hättest. Das sollte mir lieb sein. Ich will Dir auch gar nicht wehe thun, denn wir sind ja gute Freunde. Aber denke nachher an den Tanz, von dem wir kommen! Was ist da geschehen? Wer hat sie engagirt? Und mit wem hat sie getanzt? Mit ihrem Bräutigam oder mit dem Ludwig?«
»Osec, ich sage Dir, wenn Du in dieser Weise redest, so machst Du mich ganz irr!«
»Und weiter! Bin ich nicht mit meinem Sohne ihretwegen und des Ludwigs wegen zur Treppe hinunter geworfen worden? Wer ist schuld, daß auch Du fort gemußt hast und daß wir nun von allen den dummen Jungs, welche zugegen waren, ausgelacht werden?«
»Da schlage doch der Teufel drein!«
»Denke ja darüber nach!«
»Das thue ich eben, und – ich glaube, es gehen mir die Augen auf!«
»Recht so! Recht so!«
»Dann aber Gnade ihr Gott, wenn Du Recht haben solltest! Ich schlage sie todt.«
»Nur ruhiges Blut! Bis zum Todtschlagen sind wir noch nicht. Wir sind ja noch nicht einmal bis zur Verlobung.«
»Die wird sein; die wird sein! Natürlich noch heut! Sogleich, wenn wir nach Hause gekommen sind, beim Abendessen.«
»Nun hast Du es auf einmal weit eiliger noch als vorher. Aber meinst Du, daß wir es auch so eilig haben?«
»Was fällt Dir ein? Willst Du etwa zurück treten?«
»Fast möchte ich!«
»Schwatz doch nicht albernes Zeug!«
»Das ist kein albernes Zeug. Soll mein Junge sich eine Frau nehmen, von der er schon vor der Hochzeit weiß, daß sie ihm untreu sein wird.«
Jetzt endlich ließ Kery den Arm Osec's fahren. Er stampfte zornig mit dem Fuße und rief:
»Willst Du mich wuthig machen! Weißt Du, welche Beleidigung das ist!«
»Ich weiß es, aber Du als mein guter Freund kannst es mir nicht übel nehmen. Denk darüber nach! Ich will auch nicht zurücktreten; aber ich muß die Bedingung machen, daß der Ludwig so bald wie möglich aus dem Hause kommt.«
»Das soll er, das soll er!«
»Schön; so sind wir so weit einig.«
»Also nun nach Hause, damit wir die Sache zu Ende bringen.«
»Giebt es nicht noch vorher Etwas zu besprechen?«
»Was?«
»Das Geschäft für morgen.«
»Darüber können wir später reden.«
»Nein. Jetzt ist's besser. Jetzt sind wir ungestört und unbelauscht. Später sind wir vielleicht gar nicht mehr allein.«
»Nun, meinetwegen. Also es kommt ganz sicher Waare?«
»Noch heute.«
»Wie viel?«
»Sehr viel und sehr theuer. Das ist es eben, weshalb wir uns besonders besprechen müssen. Für gewöhnlich beträgt's nur so um tausend Gulden. Dieses Mal aber handelt es sich um viel mehr. Willst Du es wagen?«
»Ja, wenn's nicht gar zu hoch ist.«
»Fünfzehntausend sind's.«
»Gut, ich wage es trotzdem. Wir haben meist immer Glück gehabt, und so läßt sich annehmen, daß wir wohl auch jetzt, wo es sich um eine solche Summe handelt, nicht unglücklich sein werden.«
»Daran ist nicht zu denken. Natürlich werden wir doppelte Vorsicht anwenden. Das zu thun, ist Deine Sache. Ich liefere Dir die Waaren ins Haus, bis dahin habe ich die Verantwortung; nachher beginnt die Deinige. Wie aber steht es mit dem Gelde?«
»So viel habe ich natürlich nicht baar daliegen.«
»Und ich kann nichts ohne Bezahlung abgeben.«
»Hoffentlich habe ich Credit bei Dir!«
»Natürlich. Aber gegen Wechsel.«
»Einverstanden! Stelle sie auf drei Monate. Wann kommen die Leute?«
»Punkt zwei Uhr. Sorge dafür, daß Niemand mehr wach ist!«
»Die Leute sollen alle zu Bett sein.«
»Ganz besonders aber der Ludwig, denn dem traue ich nicht.«
»Da habe ich keine Sorge. Heute ist seine Mutter da, was ich übrigens niemals gern geduldet habe. Da geht er mit ihr zeitig auf seine Kammer. Nun aber wollen mir machen, daß wir nach Hause kommen.«
Sie setzten den unterbrochenen Weg jetzt wieder fort. Als sie das Gut erreichten, zeigte es sich, daß die zur Verlobung erwartete Frau Osec's nicht gekommen war. Ihr Mann grämte sich nicht gerade sehr darüber.
Kery ging in die Küche und sagte seiner Frau und Tochter:
»Heute Abend wird oben in der guten Stube gegessen. Was dort vorgeht und was da gesprochen und ausgemacht wird, das braucht das Gesinde nicht zu hören.«
Nun wußten die Beiden genau, daß die Verlobung eine fest beschlossene Sache war.
Der Nachmittag war längst vorüber gegangen und der Abend angebrochen. Droben in der guten Stube wurde die Lampe angebrannt und bald war der Tisch gedeckt. Große Kocherei war nicht gemacht worden. Das war nicht nach dem Geschmacke des Kerybauern, und die beiden Osec's waren so geizig, daß sie es gar nicht übel nahmen, daß ihnen nur kalte Küche vorgesetzt wurde.
Das Essen begann. Die drei Männer ließen es sich schmecken. Der Bauerin quoll der Bissen im Munde. Sie vermochte fast nicht, zu schlucken, solche Angst hatte sie. Wie es im Inneren Gisela's aussah, konnte man nicht merken. Sie machte sich mit der Bedienung der Gäste so zu schaffen, daß man ihr keine Besorgniß ansehen konnte. Uebrigens war sie munter und die Farbe ihres Gesichtes hatte sich nicht im mindesten verändert.
Endlich war der Appetit gestillt. Die Messer wurden fortgelegt und Gisela mußte eine Flasche Wein entstöpseln. Nachdem die Gläser gefüllt waren, erhob der Bauer das seinige.
Ein tiefer, tiefer, angstvoller Seufzer entquoll der Brust der Bäuerin. Jetzt sollte es beginnen! Die schwerste und wohl auch traurigste Stunde ihres Lebens war da.
»Laßt uns anstoßen,« sagte Kery, »auf das Gelingen unseres jetzigen Vorhabens!«
Was das für ein Vorhaben sei, sagte er freilich nicht. Die Gläser klangen aneinander. Auch Gisela stieß munter mit an. Sie that so, als ob es sich um etwas ihr ganz Willkommenes handle.
»Setze Dich nieder, Gisela,« sagte ihr Vater. »Ich habe mit Dir zu sprechen.«
Sie nahm ihm gegenüber Platz und blickte ihm scheinbar unbefangen und erwartungsvoll ins Gesicht.
»Du bist mein Kind, meine einzige Tochter,« begann er. »Du wirst einmal Alles erben, was wir besitzen, und ich möchte dafür sorgen, daß es nicht in schlechte Hände kommt.«
»Hältst Du denn die meinigen für schlecht?« fragte sie erstaunt.
»Nein, denn Du bist eine brave, fleißige und sparsame Wirthschafterin, wie ich als Dein Vater aufrichtig sagen muß.«
»Nun, so brauchst Du also gar nicht zu sorgen. Wenn es in meine Hände kommt, ist es eben in guten Händen.«
»Das ist schon wahr. Aber Deine Hände werden nicht immer Dein Eigenthum sein.«
»Wieso?«
»Du wirst heirathen.«
»Daran denke ich nicht.«
»Aber ich muß daran denken. Ich bin Dein Vater und muß Dich versorgen.«
»O, lieber Vater, für mich ist ja gesorgt. Ich erbe einmal Alles und so werde ich also niemals Noth zu leiden haben.«
»Sakkerment! Mach mir keine Flattusen vor! Ich kann das nicht leiden. Du weißt recht gut, was ich denke und was ich will. Du bist in dem Alter, in welchem man sich nach einem Manne umsieht; da Du aber das richtige Geschick und die nöthige Einsicht dazu nicht besitzest, so habe ich an Deiner Stelle für Dich Umschau gehalten. Ich habe Einen gefunden, der für Dich paßt, wie kein Zweiter, und ich hoffe, daß Du Dich nicht weigern wirst, ihm Deine Hand zu reichen, obgleich ich weiß, daß Du ihm eigentlich ein Bischen gram gewesen bist.«
»Gram? Ich kenne keinen Menschen, dem ich gram bin. Es hat mir ja noch Niemand Etwas gethan.«
»Ich weiß aber doch, daß Du ihn nicht leiden kannst.«
»Nicht leiden? Wer ist es denn?«
»Dummheit! Thu nur nicht so, als ob Du es noch nicht wüßtest! Hier sitzt er, der Sohn meines guten Freundes Osec. Willst Du ihm Deine Hand reichen?«
»Ja; hier ist sie.«
Sie gab sie dem jungen Osec hin. Dieser ergriff sie und behielt sie fest. Sie machte auch keine Miene, sie ihm wieder zu entziehen. Das verblüffte ihren Vater einigermaßen. Er warf ihr einen verwunderten Blick zu und fuhr fort:
»Das freut mich, denn eigentlich hatte ich Widerspruch erwartet. Wenn ein junges Mädchen einem Burschen nicht gleich zum Fressen gut ist, so denkt sie, sie muß sich gegen ihn sträuben. Das ist aber eine große Dummheit. Die Liebe kommt mit der Ehe. Davon kann meine Frau auch ein Wörtchen reden. Nicht war, Alte, wir haben stets gut und glücklich gelebt?«
»Sehr!« beeilte sie sich, zu antworten. Doch war der Ton, in welchem sie dieses eine Wörtchen aussprach, kein sehr herzlicher.
»Hörst Du es, Gisela!« fuhr er fort. »Ich bin gern aufrichtig mit den Meinigen und so will ichs eingestehen, daß bei mir die eigentliche, wirkliche Liebe erst nach der Hochzeit gekommen ist. So wird es auch mit Dir sein, Gisela. Du wirst Deinen Mann lieb gewinnen.«
»Das glaube ich nicht,« antwortete sie, indem sie that, als ob sie erröthe.
Der Bauer zog die Stirn in Falten und fragte in strengem Tone:
»Warum glaubst Du das nicht?«
»Vater, Du bist aufrichtig gewesen, und so will ich es auch sein. Bei mir kann die Liebe nicht erst kommen, denn sie ist schon lange da.«
»Wie! Da ist sie schon! Du bist Einem gut! Donnerwetter! Und das sagst Du so offen! Jetzt, wo Dein Bräutigam daneben sitzt!«
»Ja, grad jetzt sage ich es, denn jetzt ist die richtige Zeit dazu.«
»So. Und wer ist es denn, dem Du schon so lange gut bist?«
Er machte bei dieser Frage ein so drohendes Gesicht, daß man wußte, er werde nach der Antwort, welche er von ihr vermuthete, im fürchterlichsten Zorne losbrechen. Aber es kam ganz anders, als er und auch alle Anderen erwartet hatten. Gisela senkte in schüchterner Verlegenheit den Blick und sagte:
»Da brauchst Du doch gar nicht erst zu fragen.«
»Nicht? So! Freilich muß ich fragen. Also heraus damit! Wer ist Der, den Du meinst?«
»Der da natürlich!«
Bei diesen Worten deutete sie auf den jungen Osec. Ihr Vater fuhr vom Stuhle empor. Ihre Mutter schlug die Hände zusammen. Der alte Osec bewegte die finsteren Brauen und sein Sohn rieb sich mit dem Zeigefinger der Rechten die Nase. Er wußte nicht, ob er sich ärgern oder sich freuen solle, denn er war im Unklaren darüber, ob sie die Wahrheit oder die Unwahrheit gesagt habe.
»Mohrenelement!« rief ihr Vater. »Hier wird kein dummer Spaß gemacht!«
Sie blickte ihm sehr ernst in das Gesicht und antwortete:
»Mache ich denn etwa Spaß?«
»Was denn sonst?«
»Ernst.«
»Und das soll ich glauben?«
»Thue, was Du willst.«
»Aber Du hast es ja nie merken lassen, daß Du ihn lieb hast!«
Da lachte sie lustig auf.
»O, Ihr klugen Männer, wie seid Ihr doch in Sachen der Liebe so sehr dumm!«
»Na, bist etwa Du eine so sehr Gescheidte!«
»Daß ich gescheidter bin, als Ihr alle Drei, das hat sich ja doch soeben gezeigt. Ihr habt gedacht, daß ich ihn nicht leiden kann, und doch bin ich ihm bereits als kleines Mädchen schon herzlich gut gewesen.«
Da schlug der Bauer auf den Tisch, sah ganz verwundert zu Osec hinüber und sagte:
»Jetzt brat mir aber Einer einen Storch! Gut ist sie ihm gewesen! Schon von Kindesbeinen an! Und wir Alle haben dagegen geglaubt, daß sie ihn im Magen hat. Wer hätte das gedacht!«
»Das kommt bei Euch Männern und Burschen sehr oft vor. Ihr denkt, es sei Eine ganz verliebt in Euch und dabei lacht sie Euch heimlich aus. Und Ihr meint, es könne Euch Eine nicht leiden, und dennoch hat sie die größte Sehnsucht nach Euch.«
»So hast Du wohl auch solche Sehnsucht gehabt. Du Wettermädchen?«
»Einiges kann man wohl verrathen, aber nicht Alles. Das sind Sachen, über welche man nur mit dem Geliebten allein reden kann.«
»Richtig, richtig! Aber wenn es so steht, dann hat ja alle Noth ein Ende! Nicht wahr, Osec? Schänk ein und laß uns einmal auf diesen unerwarteten Ausgang anstoßen!«
Der alte Osec machte ein sehr finsteres Gesicht, griff zur Flasche, goß ihm ein und flüsterte ihm bei dieser Gelegenheit zu:
»Da hast Du es! Jetzt thut sie so; aber den Ludwig meint sie.«
Da verflog im Augenblicke der freudige Ausdruck aus dem Gesicht des Kerybauern. Er schob das Glas wieder von sich und sagte:
»Mädchen, spielst Du etwa Comödie mit uns? Das laß bleiben!«
»Comödie?« fragte sie verwundert. »Wie kommst Du auf diesen Gedanken?«
»Du bist einem Anderen gut und willst den Osec heirathen, um mit dem Anderen recht fröhlich leben zu können.«
Jetzt erglühte sie in Wirklichkeit bis zum Nacken herab. Ihre Augen begannen zu blitzen. Sie erhob sich vom Stuhle und fragte:
»Und wer ist der Unverschämte, der diesen Gedanken ersonnen hat?«
»Das ist Nebensache.«
»Nein, das ist für mich eine Hauptsache. Man traut mir zu, daß ich schon jetzt als junges Mädchen an Dinge denke, die nur eine scham- und ehrlose verheirathete Frau ausführen kann! Und das muß ich mir von meinem eigenen Vater in das Angesicht sagen lassen? Ist der Keryhauer ein solcher Lump und ist seine Tochter eine solche gewissenlose Dirne, daß man so Etwas wagen kann! Unter diesen Umständen kann ich keinen Augenblick länger hier bleiben!«
Sie wendete sich um und schritt nach der Thür. Ihr Vater eilte ihr nach und hielt sie fest.
»Bleib, Gisela, bleib!« sagte er. »Es war doch nur mein Spaß.«
Da blickte sie ihn fast drohend an und sagte in einem Tone, dessen sie sich noch nie gegen ihn bedient hatte:
»Solche Späße muß ich mir ein für alle Male verbitten. Wenn Du so wenig Ehre besitzest, sie zu machen, so habe doch ich Ehre genug, sie zurückzuweisen. Fühlst Du es denn nicht, daß Du Dich selbst beleidigest, wenn Du mich beleidigest!«
»Laß gut sein, laß gut sein. Setz Dich nur wieder her,« bat er. »Ich hatte es ja gar nicht so gemeint, wie es mir über die Lippen kam. Es hat ja manches Mädchen einen heimlichen Geliebten und heirathet doch einen Anderen.«
»Aber da wird ihr nicht gleich zugemuthet, was Ihr mir zugemuthet habt! Doch will ich mich nicht ärgern. Ich werde es Euch gleich beweisen, daß ich an so Etwas mit keiner Sylbe gedacht habe. Meine Wünsche sind ganz andere, viel ernstere, viel frömmere.«
»So bist Du dem Osec also wirklich gut?«
»Ja.«
»Und hast nichts dagegen, daß er Dich auch lieb hat?«
»Es freut mich im Gegentheile sehr, daß ich ihm nicht gleichgiltig gewesen bin. Desto mehr wird er den Schritt zu würdigen wissen, den ich ihm zu Liebe thue.«
»So? Was ist das für ein Schritt?«
»Ihr sollt es gleich hören. Wen man so sehr lieb hat, an den denkt man allezeit. Darum kam es häufig vor, daß ich von ihm träumte. Heute Nacht nun träumte mir, er befinde sich in großer Lebensgefahr. Ich schwitzte und jammerte vor Angst im Traume und wachte darüber auf. Ich war unendlich glücklich, daß es nur ein Traum gewesen war; aber es ahnte mir, daß dieser Traum in Erfüllung gehen werde. Da gelobte ich in meiner Herzensbangigkeit, wenn er aus dieser wirklichen Gefahr errettet werde, wolle ich in das Kloster gehen. Gleich heute schon ist er in das Wasser gestürzt. Er wäre ganz gewiß ertrunken, aber der Ludwig hat ihn gerettet. Mein Traum hat sich erfüllt, und nun soll auch mein Gelöbniß in Erfüllung gehen. Ich führe meinen Vorsatz aus und gehe in das Kloster, aus Liebe zu ihm und aus Dankbarkeit für die Rettung seines theuren Lebens.«
Diese Erklärung brachte eine ungeheure Wirkung hervor, verschieden nach der Verschiedenheit der einzelnen Charaktere.
Osec, der Vater, fuhr kerzengerade von seinem Stuhle auf, öffnete den Mund weit und starrte die Sprecherin an, als ob er etwas ganz und gar Unglaubliches gehört habe.
Sein Sohn sank in die Lehne des Stuhles zurück und machte ein Gesicht, wie es dümmer unmöglich sein konnte.
»Gisela!« rief die Bäuerin erschrocken. »Was Du da sagst, ist doch nicht etwa wahr?«
»Es ist sehr wahr,« antwortete das Mädchen. »Ich habe es mir reiflich überlegt.«
»Aber ich kann es mir doch gar nicht denken!«
»Du wirst es Dir schon noch denken können, wenn es einmal geschehen ist.«
Der Kerybauer war langsam von seinem Stuhle aufgestanden, hatte denselben mit dem Fuße so kräftig zurückgestoßen, daß er umstürzte, und stand nun mit einem Angesichte da, auf welchem das starre Erstaunen zu lesen war. Er wollte sprechen, brachte aber zunächst nichts hervor, als einige unverständliche Laute. Doch gab er den Anderen mit der Hand einen Wink, nichts zu sagen. Er schluckte und schluckte und stieß endlich mit Anstrengung den Ausruf hervor:
»Bist – Du – ver–rückt!«
Seine Tochter blickte ihn lächelnd an und antwortete:
»Verrückt? Ist man verrückt, wenn man sich der Frömmigkeit widmet?«
»Der Frömmigkeit? Donnerwetter! Man kann doch fromm sein, ohne in das Kloster zu gehen!«
»Ja. Aber wenn man ein Gelübde gethan hat, muß man es auch halten.«
»Geh zum Teufel mit Deinem Gelübde! Ehe Du ein solches Versprechen ablegen darfst, hast Du mich erst um Erlaubniß dazu zu fragen. Weißt Du das!«
»Nein. Das habe ich nicht gewußt. Ich habe geglaubt, daß man so Etwas nur mit sich selbst abzumachen hat.«
»Wenn man selbstständig ist und keine anderen Verpflichtungen hat, ja. Aber Du hast einen Vater und eine Mutter. Ohne diese Beiden darfst Du absolut nichts thun. Meine Tochter eine Nonne! Dieser Gedanke ist so unglaublich, daß ich eigentlich über ihn lachen sollte, anstatt mich über ihn zu ärgern.«
»Und mir ist er gar nicht so lächerlich, Vater. Ich meine es sehr ernst damit.«
»Unsinn! Diese Geschichte schlage Dir nur getrost aus dem Sinne. Es wird nichts daraus!«
»Aber, Vater, bedenke doch, daß es sich um ein Gelübde handelt! Das kann ich doch unmöglich brechen. Einen Meineid schwöre ich nicht.«
»Von einem Meineide ist gar keine Rede. Du magst Dir in Deiner Dummheit vorgenommen haben, ins Kloster zu gehen, der wirkliche Zwang aber, diese Dummheit auch wirklich auszuführen, ist nicht vorhanden. Meine Tochter, das einzige Kind des reichen Kerybauers, eine Nonne! Was sollte aus uns werden, aus mir und der Mutter, wenn ich diesen Unsinn zugeben wollte?«
»Ihr würdet ohne mich ja ganz gut verkommen.«
»Oho! Das ist nicht wahr.«
»Meinst Du, daß der reiche Kerybauer verhungern würde, wenn seine Tochter in das Kloster geht?«
»Nein, denn Geld hat er genug. Aber eben was wird mit dem Gelde, mit dem ganzen Vermögen, wenn Du eine Nonne bist?«
»Das Kloster bekommt natürlich Alles.«
»Mädchen, Du bist wirklich verrückt! Denkst Du, daß ich mich all mein Lebtage geschunden und abgerackert habe, um nun zu sehen, daß Alles, was ich besitze, in solche Hände kommt!«
»Es kann ja in gar keine besseren Hände kommen!«
Sie sagte das so ruhig und gleichmüthig, daß er doppelt aufgeregt wurde.
»Mädchen,« rief er, »bringe mich nicht in Zorn! Du weißt es, daß ich dann kein Guter bin!«
»Wenn Du zornig wirst, so bist Du selbst schuld daran. Du hast es nicht nöthig, denn die Sache ist gar nicht darnach. Es handelt sich um mein Seelenheil. Du solltest mich also lieber in meinem Vorhaben unterstützen, als daß Du Dich gegen die Ausführung desselben sträubst.«
»Dafür danke ich doch gar schön! Dich auch noch unterstützen und bestärken! Das könnte mir gerade einfallen. Ich bin Dein Vater, und was ich nicht will, das unterbleibt. Du hast mir einfach zu gehorchen.«
»So weit es sich um weltliche Dinge handelt, ja. Hier aber haben wir es mit einer geistlichen Angelegenheit zu thun, und da habe ich mich im Falle eines Zweifels an meinen geistlichen Vater zu wenden.«
»Ah! So! Meinst Du etwa unseren geistlichen Herrn, den Pfarrer?«
»Ja.«
»Himmelschock – Der würde freilich sagen, daß Du Dein Gelübde zu halten hast!«
»Davon bin ich überzeugt. Er muß das besser verstehen als wir und darum muß ich seinen Rath befolgen. Ich werde also morgen zu ihm gehen, um mit ihm zu reden.«
Der Bauer stand mit dem Ortspfarrer in keinem guten Einvernehmen. Er war überzeugt, daß derselbe gegen ihn sprechen werde; aber er getraute sich auch nicht, gegen den Willen des geistlichen Herrn zu handeln. Daher befand er sich jetzt in großer Verlegenheit. Es war ihm geradezu unfaßbar, seine Tochter ins Kloster gehen zu lassen, und doch konnte und durfte er sich nicht dagegen sträuben, wenn der Pfarrer darauf bestand, daß Gisela ihren Vorsatz auszuführen habe. Einem solchen Ausspruche gegenüber war er zu machtlos. Diese Erkenntniß verdoppelte seinen Zorn. Darum schlug er mit der Faust auf den Tisch, daß Alles krachte, und rief:
»Zum Satan sollst Du gehen, aber nicht zum Pfarrer! Das leide ich nicht. Lieber sperre ich Dich ein, bis Du auf andere Gedanken gekommen bist. Eine Himmelsbraut willst Du sein? Das bilde Dir nur ja nicht ein. Du bist des Osec Braut. Das will ich und dabei hat es zu bleiben. Jetzt weißt Du meinen Willen, und wenn Du nicht nach demselben handeln willst, so werde ich mir Gehorsam zu verschaffen wissen:
Er stand in drohender Haltung vor seiner Tochter und hatte die Hand erhoben, als ob er sie schlagen wolle. Seine Frau fiel ihm in den Arm und bat:
»Mann, beherrsche Dich! Du wirst doch nicht in Gegenwart fremder Leute Deine Tochter schlagen wollen!«
»Warum nicht?« antwortete er. »Wenn sie nicht gehorchen will, muß sie gezüchtigt werden. Ob da Andere dabei sind, das ist mir sehr egal.«
Gisela ließ keine Spur von Furcht blicken. Sie wich nicht vor ihm zurück. Im Gegentheile, sie trat noch näher, zog die Mutter vom Vater fort und sagte:
»Aengstige Dich nicht, Mutter. Er wird mich nicht mißhandeln. Wenn er das thäte, würde ich ihm zeigen, daß ich seine Tochter bin.«
»So!« rief er aus. »Und wie würdest Du mir das zeigen?«
»Dadurch, daß ich augenblicklich das Haus verließe. Ich bin kein Kind mehr, welches man schlagen darf.«
»Oho! Ich bin der Vater und kann Dich strafen, wie es mir beliebt!«
»Und ich kann darauf thun, was mir recht dünkt. Du hast einen harten Kopf. Nun wohl, ich hab den meinigen von Dir geerbt, aber ohne das Dir bisher zu zeigen. In Liebe und Güte laß ich mit mir sprechen, zwingen aber kann mich kein Mensch, selbst mein Vater nicht, wenn ich mir einmal vorgenommen habe, Etwas zu thun, was ich für richtig halte.«
»Soll ich Dir etwa gute Worte geben!«
»Nein, das verlange ich nicht. Ich erwarte nur, daß Du nicht in der Aufregung handelst und Dir die Sache überlegst, ehe Du ein Machtwort sprichst.«
»Hier giebt es gar nichts zu überlegen.«
»O doch! Die Angelegenheit ist von solcher Wichtigkeit, daß man sie sich gar wohl überlegen muß. Ich habe Dir meinen Entschluß mitgetheilt und ich bitt Dich, daß –«
»Und Du hast den meinigen gehört,« unterbrach er sie. »Wir sind also fertig. Mein Entschluß gilt mehr als der Deinige.«
»Möglich, nur muß das eben erst überlegt werden. Ich will Dir den Willen thun, nicht gleich zum Pfarrer zu gehen. Ich will über die Sache noch nachdenken. Vielleicht gebe ich meinen Vorsatz freiwillig auf, wenn ich nicht gedrängt und zu einem raschen Schritte gezwungen werde. Du siehst ein, daß ich nicht geradezu auf meinem Willen bestehe. Nun versuche aber auch nicht, den Deinigen augenblicklich durchzusetzen. Gieb mir eine Bedenkzeit!«
Er nahm eine etwas friedfertigere Haltung an, knurrte aber:
»Da soll also wohl aus der heutigen Verlobung nichts werden?«
»Allerdings nicht. Wir müssen sie aufschieben, bis ich mich besonnen habe.«
»Sakkerment! Es war aber doch bereits für ganz sicher ausgemacht!«
»Es hat schon Manches Aufschub erleiden müssen, was ganz fest aufgemacht zu sein schien. Ob die Verlobung heute stattfindet oder vierzehn Tage später, das wird Keinen von uns unglücklich machen. Gehst Du auf die Verzögerung ein, so ists gut. Willst Du mich aber mit Gewalt zur Braut machen, so gebe ich mein Jawort nie dazu. Du hast die Wahl. Du kannst also nun thun, was Dir beliebt.«
In dieser festen, selbstbewußten Weise hatte seine Tochter noch nie mit ihm gesprochen. Er sah ihr ins Gesicht, mehr erstaunt, als zornig, schüttelte den Kopf und sagte:
»Mädchen, Du bist ja auf einmal wie ganz umgewechselt! Dich kenne ich gar nicht mehr.«
»Kannst mich aber sehr bald kennen lernen. Die Gelegenheit ist dazu da.«
Er wollte auf diese Worte hin wieder aufbrausen. Seine Frau fiel ihm in begütigendem Tone in die Rede und bat ihn, den Wunsch Gisela's zu erfüllen. Da wendete er sich fragend an den alten Osec:
»Was sagst Du dazu? Welches ist denn Deine Meinung?«
Der Gefragte kratzte sich den Schädel und antwortete:
»Hm, das ist eine verteufelte Geschichte. Mir scheint, als ob man es gar keine eigene Meinung haben dürfe. Das habe ich heute nicht erwartet. Ich war ganz sicher, daß wir einig werden würden.«
»Das scheint doch nicht ganz so,« entgegnete Gisela.
»Warum?«
»Die Mutter des Bräutigams hat kommen wollen, ist aber doch nicht eingetroffen.«
»Sie wird abgehalten worden sein.«
»Bei einer so wichtigen Angelegenheit darf man sich nicht abhalten lassen. Wenn sie es nicht für der Mühe werth hält, bei der Verlobung ihres Sohnes gegenwärtig zu sein, so macht sie sich entweder gar nichts aus der Sache oder sie hat eben gedacht, daß es mit dem Gelingen doch noch nicht ganz sicher sei. Mir ist es freilich lieb, daß sie nicht gekommen ist. Da braucht sie nun nicht unverrichteter Sache fortzugehen. Also, Vater, sag: Aufschub oder nicht?«
Auf diese Weise in die Enge getrieben, antwortete er ärgerlich:
»Es ist wirklich eine ganz und gar verdammte Geschichte. Das ganze Dorf weiß es ja bereits, daß heute die Verlobung sein soll.«
»Daran bin ich nicht schuld. Ich habe es keinem Menschen gesagt. Wäre ich vorher gefragt worden, so wäre es ganz anders gekommen. Uebrigens kann es den Leuten sehr gleichgültig sein, ob ich einige Wochen früher oder später einen Mann bekomme.«
»Aber bekommen wirst Du ihn. Ich gehe nicht davon ab. Ich will heute ausnahmsweise einmal mit mir reden lassen, denn ich glaube wahrhaftig, daß es Dir einfallen würde, Widerstand zu leisten. Aber meinen Willen setze ich doch durch. Vierzehn Tage Zeit sollst Du haben, länger aber nicht. Merke Dir das. Es ist doch wahr, wenn so ein Weibsbild sich einmal das Kloster in den Kopf gesetzt hat, so ist es nur mit zehn Pferden davon abzuhalten.«
Er setzte sich wieder nieder, stemmte den Kopf in beide Hände und starrte die beiden Osec's an. Der Jüngere fühlte sich einigermaßen unheimlich. Er wendete sich in einem beinahe kläglichen Tone an Gisela:
»Du sagtest doch vorhin. Du hättest mich lieb!«
»Ja.«
»Und nun magst Du nichts von mir wissen. Das reimt sich doch gar nicht zusammen.«
»Es reimt sich gar wohl. Gerade aus Liebe zu Dir habe ich das Gelübde gethan.«
»Na, das ist sehr unnöthig! Aus Liebe braucht man doch nicht zu entsagen. Oder hast Du etwa Etwas an mir auszusetzen?«
»Gar nichts,« lachte sie. »So wie Du bist, bist Du mir ganz recht. Ich brauche einen Mann, der nach meiner Pfeife tanzt.«
Jetzt machte er ein wirkliches Schafsgesicht und stotterte ganz betreten:
»Nach Deiner Pfeife tanzt? Denkst Du denn, daß ich das thun würde?«
»Ja, das denke ich. Du hast ja heute bewiesen, daß Du ein seelensguter Gottfried bist.«
»Himmeldonnerwetter! Das möchte ich mir doch verbitten!«
»Pah! Thu nur jetzt nicht so kräftig! Es war doch nichts als die reine Nachgiebigkeit und Herzensgüte, daß Du nicht mit mir getanzt hast. Ich hatte mich heimlich gefreut, mit Dir eine Tour machen zu dürfen. Wir wollten auch einige Male bereits anfangen, aber Du hast alle Male gleich wieder aufgehört.«
»Weil die Musik aufhörte!«
»Ja, warum hast Du das gelitten? Eben weil Du es Dir gefallen ließest, bin ich überzeugt, daß Du einmal ein guter Mann sein wirst, den man um den Finger wickeln kann.«
»Hörst Du das, Vater?« fragte der Junge den Alten. »Sollte man so Etwas denken?«
»Ja, glauben sollte man es nicht, wenn man es nicht hörte. Oder will sie Dich etwa nur foppen? Das wollen mir doch nicht hoffen!«
»Fällt mir nicht ein,« antwortete Gisela. »Ich werde mich doch über den mir bestimmten Bräutigam nicht lustig machen! Wenn es möglich wäre, daß ich das könnte, so hätte mir der Vater einen schönen Kerl bestimmt. Also aus der Verlobung wird heute nichts. Und da ist meine Gegenwart nun auch nicht mehr unumgänglich nöthig. Ich muß einmal hinab, um nach dem Gesinde zu sehen.«
Sie ging. Die Bäuerin folgte ihr nach, ergriff sie bei der Hand und fragte besorgt:
»Gisela, sei aufrichtig! Willst Du wirklich in das Kloster?«
Da lachte das Mädchen hell auf und antwortete:
»Fällt mir ganz und gar nicht ein!«
»Gott sei Dank! Wie aber kommst Du auf den Gedanken, so zu sagen? Ich bin darüber so erschrocken, daß es mir noch jetzt in allen Gliedern liegt.«
»Du siehst ja nun, was ich damit bezweckte: einen Aufschub. Ich habe meine Absicht erreicht.«
»Aber es wird Dir doch nichts helfen. Der Vater wird Dich doch noch zwingen.«
»Warten wir das ruhig ab. Zeit gewonnen, viel gewonnen. Wer weiß, was in diesen vierzehn Tagen Alles passiren kann, Auf keinen Fall werde ich die Frau dieses Menschen. Es muß sich ein Mittel finden, von ihm loszukommen. Hilf mir mit nachdenken.«
Sie machte sich von der Mutter los und ging, aber nicht, um nach dem Gesinde zu sehen, wie sie gesagt hatte, sondern – nach dem Garten.
In welcher Absicht sie ihre Schritte dorthin lenkte, das konnte sie sich selbst nicht sagen. Vielleicht wollte sie in der frischen Abendluft ihre aufgeregten Pulse beruhigen. Vielleicht auch dachte sie an Ludwig, welcher, wie zu erwarten stand, nun bald aus dem Gasthofe zurückkehren mußte.
Wenn sie diesen Gedanken gehabt hatte, so zeigte es sich sogleich, daß sie sich nicht geirrt hatte, denn sie war kaum in den Garten getreten, so hörte sie Schritte, welche sich von der Außenpforte her näherten. Ludwig kam mit seiner Mutter.
Es war nicht hell, aber Gisela erkannte ihn bereits von Weitem an seinem Schritte. Sie ging den Beiden entgegen und sagte:
»Recht, daß Ihr kommt. Das Abendessen ist längst vorüber. Geht in die Stube. Dort steht Euer Mahl.«
»Danke,« antwortete der Knecht. »Wir haben im Gasthofe gegessen.«
»Wohl weil der Vater zu geizig ist, einem fremden Gaste etwas zu geben?«
»Vielleicht, ja. Aber auch aus dem Grunde, daß die Mutter gleich schlafen gehen kann. Sie ist müde. Wo sind die Osec's jetzt?«
»Oben in der guten Stube.«
»Hm! Da weiß man also, was geschehen ist. Darf man vielleicht gratuliren?«
»Ja.«
Diese Antwort hatte er nicht erwartet. Er deutete sie natürlich so, als ob die Verlobung stattgefunden habe, und erschrak darüber.
»So hast Du also doch Ja gesagt?« fragte er.
»Nein.«
»Nicht? So bist also gar nicht fragt worden? Das ist noch schlimmer!«
»O, man hat mich allerdings gar nicht fragen wollen, aber ich habe es. mir nicht gefallen lassen. Aus dem Verspruch ist nichts geworden.«
»Was sagst Du?« fragte er schnell. »So bist also noch nicht die Braut?«
»O nein. Und ich werde sie wohl auch niemals sein.«
»Aber dennoch hast sagt, daß ich Dir gratuliren könnt. Da hab ich mir dacht, daß der Verspruch gehalten worden sei.«
»Eben daß nichts daraus geworden ist, dazu hast Du mir gratuliren sollen.«
Seine Mutter war nicht mit stehen geblieben. In ihrer bescheidenen, rücksichtsvollen Weise war sie langsam weiter gegangen. Darum rief er ihr, einem augenblicklichen Impulse folgend, mit gedämpfter Stimme nach:
»Geh hinauf in meine Kammer, Mutter, und leg Dich nieder. Ich komm nachher auch noch auf eine Minut hinaufi.«
Sie folgte dieser Aufforderung und entfernte sich. Er stand bei Gisela, wollte zu ihr sprechen und doch fiel ihm kein Wort ein, mit welchem er beginnen solle. Sie begann vorwärts zu schreiten und er hielt sich an ihrer Seite, bis sie die bereits beschriebene Bank erreichten. Dort blieb das Mädchen stehen und sagte:
»Hier war es, wo Du mir heute gegen ihn geholfen hast.«
»Ist Dir das lieb gewest?«
»Sehr lieb, sehr. Ich habe Dir recht herzlich zu danken, daß Du aus dem Saale so gut für mich gesorgt hast.«
»Brauchst nicht zu danken. Das Wenige, was in meiner Macht stand, hab ich gern gethan. Das Meiste hat dera Musikdirector gemacht.«
»War es denn verabredet, daß die Musik allemal aufhören mußte, sobald der Osec mit mir tanzen wollte?«
»Ja. Das war das Allerbeste, was geschehen konnte. Alles Andere wäre gefährlich gewest, denn ich hätt Dich so viele Male vorengagiren müssen, daß Dein Vatern ganz gewiß zuletzt gar grimmig worden wäre.«
»Das ist er auch so bereits. Einen schönen Dank kann ich Dir freilich nicht geben. Wenn Hochzeit geworden wäre, so hättest Du doch wenigstens einen guten Tag gehabt, nun aber wird leider nichts daraus.«
»Sprich nicht von einem guten Tag. So einen Tag möcht ich gar nicht haben. Aber wie ist es denn kommen, daß Dein Vatern von seinem Vorhaben abgewichen ist?«
»Er hat müssen, denn ich geh in das Kloster.«
»Himmelsakra!«
Er fuhr bei diesem Ausrufe gleich um einige Schritte zurück.
»Das erschreckt Dich wohl?« fragte sie.
»Beinahe sehr!«
»Warum?«
»Weil – weil – Du bist doch Keine, die ins Kloster gehört.«
»Wohin denn sonst?«
»Du gehörst heraus ins Leben. So Eine wie Du kann verlangen, glücklich zu sein.«
»Das kann ich doch auch im Kloster werden!«
»Meinst das wirklich?«
»Ja,« antwortete sie, sich aus die Bank niedersetzend. »Oder denkst Du vielleicht, daß es da kein Glück geben kann?«
»Ja, davon versteh ich halt nix. Ich bin kein frommer Klaußner oder Einsiedler. Ich kann mir aberst gar nicht denken, daß es in dera Klosterzellen so schön ist, daß man solche Sehnsucht haben darf, hinein zu kommen.«
»Und ich hingegen kann es mir denken. Darum sehne ich mich hinein.«
»Ists Dein Ernst?«
»Natürlich.«
»O Jerum! Da ists aber doch jammerschad!«
»Um was?«
»Um Dich!«
»Warum?«
»Weil – weil – ja, das kann ich Dir so gar nicht sagen.«
»Ich denke, daß Du es mir recht gut sagen könntest, wenn Du nur wolltest.«
»Das ist weit gefehlt.«
»Ists so schwer zu sagen?«
»Ja, weil man kein Herz dazu hat.«
»Du bist doch sonst nicht so furchtsam!«
»Da hast freilich Recht. Ich furcht mich vor dem Teuxel nicht, und nun möcht ich mich gar vor – vor – vor einem Engel fürchten.«
»Wer ist dieser Engel? Wo ist er?«
»Der ist – hm, ich denk, er wird halt nicht gar weit von hier sein.«
»Ich sehe ihn nicht. Du sprichst in Räthseln. Komm, setze Dich mit her zu mir und rede so, daß ich Dich verstehen kann.«
Es überlief ihn glühend heiß. Jetzt, im Abenddunkel, sollte er sich neben sie setzen. Er zögerte, es zu thun.«
»Nun,« sagte sie, »Du magst wohl nicht gern neben mir sein?«
Jetzt nun ließ er sich an ihrer Seite nieder und antwortete:
»Da kannst mich mit dieser Frage grad ganz aus dem Häusle bringen. Ich möcht wohl wissen, wer sich nicht gern zu Dir setzen thät. Es gab im Gegentheil gar Manchen, der da neben Dir sitzen möcht all sein Leben lang.«
»Kennst Du vielleicht einen solchen?«
»Ja.«
»Wer ist es?«
»Dera Osec.«
»Schweig von diesem! Ich mag von ihm nichts wissen.«
»Das ist sehr schön und gut, daßt von ihm nix wissen magst; aberst mußt denn derohalben nun gleich partoutement ins Klostern gehen?«
»Ja. Es giebt kein anderes Mittel, von ihm loszukommen.«
»Das denkst blos nur. Es giebt noch andere Mittel und Weg. Brauchst Dich nicht gleich fürs ganze Leben eingraben zu lassen.«
»So sei so gut und nenne mir einen solchen Weg!«
»Das kann ich schon. Du brauchst doch nur Deinem Vatern zu sagen, daßt den Osec nicht magst.«
»Das habe ich auch gethan, aber es hat mir nichts geholfen. Der Vater will mich zwingen.«
»Da hat er weit gefehlt. Das kann er nicht. Er kann Dich doch nicht mit aller Gewalt hin ans Altar schleppen.«
»Das kann er nicht. Aber er kann mich durch sein Verhalten so weit bringen, daß ich auf die Heirath eingehe, um nur Ruhe und Frieden zu haben.«
»Ja, wannst so gar weich bist, daßt Dich auf diese Weise zwingen läßt, so ists allerdings gefehlt von mir. Aberst ich hab mir immer denkt, daßt auch aufitreten kannst, wannst nur erst einmal willst.«
»So? Das hast Du Dir gedacht? Da magst Du Recht haben. Was ich mir einmal eingebildet habe, das muß geschehen. Jetzt nun bin ich fest entschlossen, in das Kloster zu gehen, und ich werde mich auch nicht davon abbringen lassen. Du freilich meinst, daß es schade um mich sei; aber warum es schade ist, das hast Du mir noch nicht gesagt.«
»Weilst so ein gar schöns und feins Dirndl bist.«
»Das denkst Du nur.«
»O nein! Du bist halt eine bildsaubere und eine gar gute dazu. Ich hab mir immer denkt, daß – daß –«
»Sprich weiter! Was hast Du Dir gedacht?«
»Ich hab mir denkt, daß Derjenige, der Dich einmal zur Frau bekommt, ganz gewiß mit keinem Andern tauschen thät.«
»Vielleicht grad ganz gern.«
»O nein, o nein, mit keinem Millionär, mit keinem König und keinem Kaiser!«
Er hatte im Eifer seine Stimme erhoben.
»Nicht so laut!« warnte sie. »Es brauchts Niemand zu hören, daß wir hier sitzen und daß Du mir solche Schmeichelhaftigkeiten sagst.«
»Das ist keine Schmeicheleien, sondern die reine Wahrheiten! Ich hab nie ein Dirndl kennt, welches sich hätt mit Dir messen können.«
»Ludewig, jetzt flunkerst Du!«
»Das fallt mir gar nicht ein. Ich kanns gleich beschwören, daß ich die Wahrheit sag. Du bist die Allerschönst in dera ganzen Gegend.«
»Aber in München, wo Du so lange Zeit als Soldat gewesen bist, da giebt es doch weit Schönere.«
»Ja, es ist verteuxeli, was es in München für Blitzdirndln giebt; aberst Du bist mir halt doch noch lieber als –«
Er hielt erschrocken inne, denn er bemerkte, daß in den Worten, welche er sagen wollte, eine ganz regelrechte Liebeserklärung lag.
Sie war heimlich vergnügt über seine Verlegenheit. Es war für sie ein so glückliches Gefühl, so neben ihm zu sitzen, zu wissen, daß er sie so lieb hatte, und doch zu beobachten, wie er sich Mühe gab, von seiner Liebe nichts merken zu lassen. In neckischem Tone fragte sie:
»Warum redest Du immer nicht ganz aus? Was hast Du sagen wollen? Daß ich Dir lieber bin als diese Münchnerinnen?«
»Nein, das hab ich nicht sagen wollt,« antwortete er sehr rasch und in besorgtem Tone. »Das ganz gewiß nicht.«
»Also sind Dir die Münchnerinnen lieber?«
»Das auch nicht.«
»Nun, was ist denn das Richtige, wenn beides nicht richtig ist?«
»Ja, wann ich, wann ich – wann – Himmelsakra! Es giebt eben auf dera Welt zuweilen Dinge, von denen man nicht so recht reden darf.«
»Ich verbiete es Dir doch nicht?«
»Du nicht, aberst es ist schon ohnedies verboten. Weißt, wann ich ein Anderer wär, nachhero könnt ich eher sprechen.«
»Und was würdest Du da sagen?«
»Wann ich so Einer wär, der nur so in denen Geldsack hineingreifen könnt, ein gar reicher und hübscher und schneidiger, da thät ich sagen, daß es kein schöneres Dirndl giebt als die Gisela auf dem Keryhofe.«
»Das darf also nur so Einer sagen?«
»Ja, ein Armer nicht.«
»Warum denn nicht? Darf ich denn keinem Armen gefallen?«
»Nein, das darfst nicht. Was thät Dein Vatern dazu sagen!«
»Was sollte er sagen? Gar nichts. Ist es etwa eine Beleidigung für ein reiches Mädchen, wenn es auch einem armen Burschen gefällt?«
»Nein. Gefallen darf er an ihr finden, aberst mehr nicht. An die Liebe und gar an die Heirath darf er nicht denken.«
»Und doch kommt es so häufig vor, daß ein Reicher eine Arme oder ein Armer eine Reiche heirathet.«
»Aberst auf dem Keryhofe kann das nicht stattfinden.«
»So hältst Du mich wohl für stolz?«
»Nein, stolz bist nicht, aberst auf Deinen Stand hältst doch auch.«
Es war nicht zu verwundern, daß er diese Ansicht von ihr hegte. Sie hatte sich ihm bisher nicht genähert. Sie hatte ferner nur mit wenigen anderen Mädchen Umgang gepflogen. Ihr Leben war ein kaltes, zurückgezogenes gewesen. Sie hatte die Liebe zu ihm im Herzen getragen, ohne sich derselben bewußt zu sein, und erst heute, als sie ihn belauschte, war sie zu der Erkenntnis gelangt, daß in ihrem Busen ein mächtiges Gefühl lebte, ein Gefühl, von dessen Seligkeit sie bisher keine Ahnung gehabt hatte.
»Ja, auf meinen Stand halte ich,« antwortete sie. »Das ist der Bauernstand. Aus ihm hinaus würde ich nicht heirathen. Mein Mann müßte ein Bauer sein.«
»Und zwar ein recht geschwollener, der die Guldenstuckerln gleich mit dem Scheffel messen kann.«
»O nein! Das habe ich nicht nöthig. Es kann auch ein Armer sein.«
»Da machst wohl einen Spaß?«
»Nein, sondern es ist mein Ernst. Ich habe zuweilen daran gedacht, wie schön es sein müsse, einem braven Burschen sein Herz schenken zu dürfen. Und doppelt glücklich müßte man sein, wenn derselbe arm, recht arm wäre, und man ihm zu der Liebe auch noch ein recht großes Vermögen geben könnte.«
Er schwieg. Es entstand eine Pause, nach welcher er fast ganz leise fragte:
»Das hast wirklich dacht?«
»Ja, sehr oft.«
»So bist ein doppelt braves Dirndl.«
»Und wenn ich daran gedacht habe, so hat mir dieser Gedanke so gut gefallen, daß ich mir schließlich vorgenommen habe, nur einen Armen zu heirathen.«
»Ja, das glaub ich schon. Wann man ein junges Dirndl ist, so macht man sich solche gar schöne Vorsätzen. Aberst nachhero im Leben wirds ganz anderst.«
»Das glaube ich nicht.«
»Wirsts schon noch glauben lernen. Wann so ein Armer käm, den würdest schön anschaun, daß er es wagt, seine Augen zu Dir empor zu heben.«
»Es käme ja darauf an, ob ich ihn lieb haben könnte oder nicht.«
»Also, wannst ihn leiden könntst, so nähmst ihn trotz seiner Armuth?«
»Ganz gewiß.«
»Aberst wann er nun nicht blos ein Armer wär, sondern ein gar Geringer?«
»Das wäre mir gleich.«
»Etwan ein Knecht blos?«
»Daran würde ich mich nicht stoßen, wenn ich ihn nur lieb haben könnte. Leider aber sind das unnütze Gedanken, weil ich in's Kloster gehe.«
»Das wirst Dir doch vorher überlegen.«
»Ja. Der Vater hat mir vierzehn Tage Bedenkzeit gegeben. Ist diese Zeit vorüber, so muß ich entweder ins Kloster oder den Osec heirathen.«
»Das ist ja eine ganz verteufelte Geschichten!«
»Welches von Beiden würdest Du wählen?«
»Da fragst mich halt zu viel. Ich an Deiner Stell thät keins von Beiden machen.«
»Es bleibt mir nur diese Wahl, keine andere.«
»Dann sag ich freilich, daßt lieber ins Kloster gehen sollst, als den Osec heirathen. Wannst im Klostern nicht glücklich wirst, so bist doch wenigstens auch nicht grad unglücklich. Das aberst würdest als die Frau dieses Kerlen sicherlich werden.«
»Schön! Das habe ich wissen wollen, Ludwig. Auf Dein Wort gebe ich sehr viel, und nun Du entschieden hast, habe auch ich entschieden. Ich gehe also ins Kloster.«
»Sapperloten!« fuhr er auf. »So ists nicht gemeint gewest. Nach mir sollst Dich halt doch nicht richten.«
»Und grad nach Dir will ich mich richten. Ich weiß, daß Du das Beste triffst.«
»Da möcht ich gleich auch ins Klostern hinein.«
»Das wäre nicht unmöglich. Es müssen doch auch Mönche sein.«
»Natürlich müssen welche sein und ich hätt gar nicht übel Lust, einer zu werden, wann ich nur nicht für meine arme Muttern und Schwestern zu sorgen hätt.«
»Ist Dir denn das Leben so verleidet?«
»Jawohl, gar sehr.«
»Ah! Davon habe ich keine Ahnung gehabt. Was ist denn geschehen, daß Du mit der Welt so zerfallen bist?«
»Etwas, was ich nimmer verwinden kann.«
»Darf ichs erfahren?«
»Ja, ich kanns schon sagen, denn das schadet Dir nix und mir auch nix. Ein Dirndl ist schuld, daß ich am Liebsten gleich sterben möcht.«
»Ein Dirndl! Schau, so ein Versteckter und Heimlicher, wie Du bist! Ein Dirndl hast Du also gehabt und Niemand hat Etwas davon erfahren.«
»Von solchen Sachen redet man nicht.«
»Wars in München?«
»Nein.«
»Aber doch drüben in Bayern?«
»Auch nicht.«
»So wohl gar hier in Oesterreich?«
»Ja, da ists; hier in Böhmen.«
»Wohl gar hier im Ort, in Slobitz?«
»Das darf ich nicht sagen.«
»So! Kenne ich sie?«
»Ja, kennen thust sie.«
»Das ist mir sehr interessant. Ist sie Dir denn untreu worden?«
»Nein.«
»Und dennoch möchtest Du am Liebsten sterben. Was hat sie Dir denn gethan?«
»Nix, gar nix. Sie weiß ja gar nicht, wie lieb ich sie hab.«
»Ah, Du hast es ihr wohl noch gar nicht gesagt?«
»Kein Wort.«
»So begreife ich Dich nicht. Du bist doch sonst kein scheuer Bursche. Warum sagst Du es ihr denn nicht? Hat sie bereits einen Andern?«
»Nein. Sie hat noch nie einen Schatz habt.«
»So kannst Du doch mit ihr sprechen.«
»Das geht nicht. Weißt, sie ist eine sehr Schöne, so schön, daß ich sie Dir gar nicht beschreiben kann.«
»Das ist gar kein Grund. Du bist ja auch nicht häßlich.«
»Aber auch nicht schön.«
»O, was das betrifft, so wollen wir uns nicht streiten. Ein Mann braucht nicht schön zu sein. Und Du bist gerade ein prächtiger Bursch, mit dem sich jede Frau sehen lassen könnte.«
»Und jung ist sie.«
»Du bist auch kein Greis.«
»Und Bildung hat sie auch. Sie ist viel besser und klüger als die andern Dirndln.«
»Dafür bist Du Unteroffizier gewesen. Klüger ist sie wohl nicht als Du.«
»Vielleicht nicht. Aberst reich ist sie, sehr reich.«
»Und Du bist brav und arbeitsam. Du verstehst Dein Fach. Das ist ebenso gut wie Geld, vielleicht noch besser.«
»Ja, wast sagst, das klingt recht gut. Aberst es ist doch eine Sach, die einen Haken hat.«
»Das denkst Du blos. Ein Unteroffizier sollte sich nicht scheuen, mit einem Mädchen zu sprechen.«
»Weißt, das verstehst halt nicht. Im Kugelregen kann ich ruhig' stehen; das hab ich wohl bewiesen und das eiserne Kreuz hab ich dafür bekommen. Wann jetzund zehn Franzosen auf mich eini kämen, so thät ich mich vertheidigen, ohne mich zu fürchten; aberst in zwei schöne Augen schauen und von dera Liebe sprechen, ohne genau zu wissen, ob man das Dirndl auch wirklich lieb haben darf, das ist halt eine ganz andere Sachen.«
»Da fürchtest Du Dich also?«
»Beinahe.«
»Und zitterst wohl sogar?«
»Nein, das Zittern bekomm ich freilich nicht. Weißt, man kann es nicht beschreiben, wie es Einem dabei ist. Das Dirndl ist Einem so lieb, so theuer so heilig, daß man ganz besorgt ist, es mit einem Wort zu kränken und zu beleidigen. Lieber sagt man gar nichts und schweigt still.«
»Aber wenn Alle so wären wie Du, dann käme ja gar keine Ehe zu Stande. Du willst nicht eher mit Deiner Geliebten reden, bis Du genau weißt, daß auch sie Dich lieb hat. Wie aber willst Du das erfahren, wenn Du sie nicht darum fragest?«
»Ja, da hast ganz Recht. Das ist eine ganz armselige Geschichten. Wanns nur nicht gar so sehr reich wär.«
»Das thut ja nichts!«
»Vielleicht bei ihr; aberst ihr Vatern – –«
»Der ist wohl ein Schlimmer?«
»Ein gar Stolzer ist er. Der würde seine Tochter niemals einem armen Knecht geben.«
»Vielleicht doch, wenn er sieht, daß sie den Knecht lieb hat.«
»Auch dann nicht. Er thät vielmehr den Knecht sogleich fortjagen.«
»Fortjagen? So? Dient denn der betreffende Knecht bei ihm?«
Ludwig erkannte, daß er sich jetzt so ziemlich verschnappt habe. Er lenkte schnell ein:
»Das hab ich nicht sagt. Es ist nur so ein Beispielen, welches ich bracht hab, um Dir die Sach richtig zu derklären.«
»Ach so! Nun, dennoch ist es gut, daß Du davon gesprochen hast. Da Du vom Davonjagen redest, so fällt mir dabei etwas ein, was ich Dir sagen muß. Nämlich mein Vater will Dir kündigen.«
»Sapperlot!«
»Das erschreckt Dich wohl? So thut es mir leid. Aber ich habe, gedacht, es sei besser, es Dir zu sagen.«
»Hast ganz recht than. Ich hab mir so was denkt. Nach dem, was heut vorkommen ist, konnt ichs ahnen, daß ich nicht mehr bei Euch bleiben darf.«
»Daran bin ich allein schuld. Hätte ich nicht gebeten, daß Du mit mir tanzen mögest, so hättest Du Dich nicht mit dem Vater überworfen.«
»Brauchst Dir nix draus zu machen; ich mach mir auch nix draus.«
»Das Du fortgehst von uns? Höre, das ist kein Compliment für uns. Du bist so lange bei uns gewesen und nun gehst Du mit so leichtem Herzen fort?«
»Davon ist keine Red. Mit schwerem Herzen geh ich fort, aberst nicht mit leichtem. Dennoch brauch ich mir nix draus zu machen, denn blieben wär ich doch nicht.«
»Warum nicht?«
»Wannst den Osec heirathest, geh ich fort, und wannst ins Klostern gehst, mag ich auch nicht bleiben; also es konnt kommen, wie es wollt, ich wär auf alle Fäll gegangen. Daß es nun so bald geschieht, das thut mir weh, aber schlimmer wird die Sach dadurch halt nicht.«
»Also auch weil ich in's Kloster gehe, magst Du nicht bleiben?«
»Ja.«
»Warum denn grad darum?«
»Weil ich nachhero, wannst nicht mehr da bist, gar keine Freud mehr hab an dera Arbeit.«
»Das klingt ja grad so, als ob Du nur um meinetwillen bei uns dientest?«
»Halt, so wars nicht gemeint. Wie könnt ich so was sagen. Da würdst mich gar sehr schön heimleuchten.«
»O nein. Es würde mich im Gegentheile herzlich freuen.«
»Meinst?«
»Ja. Ich nehme ja sehr Antheil an Dir. Das beweise ich Dir übrigens auch dadurch, daß ich Dir sage, daß mein Vater Dir kündigen will. Ich will nicht haben, daß Dir gekündigt wird. Jetzt weißt Du, woran Du bist, und kannst nun dem Vater kündigen, ehe er Dir es thut. Das ist ein Vortheil für Dich. Und sodann möchte ich Dir auch noch einen Gefallen thun, wenn Du mit darauf eingehen willst.«
»Sage es, welchen?«
»Kann ich es wirklich nicht erfahren, wer es ist, die Du lieb hast?«
»Nein, das kann ich nicht sagen.«
»Schade. Du sagst, daß ich sie kenne. Hättest Du mir ihren Namen genannt, so könnte ich sie einmal aushorchen, was sie von Dir denkt.«
»Das ist nicht nöthig. Was sie denkt, das weiß ich bereits.«
»So? Nun, was denkt sie denn?«
»Daß ich ein braver Knecht bin.«
»Weiter nichts?«
»Nein, weiter gar nix.«
»Vielleicht erwidert sie Deine Liebe, ohne daß Du eine Ahnung davon hast.«
»Nein, Sie hat mich nicht lieb, das weiß ich. Sie kann mich gar nicht lieb haben, denn sie ist in jeder Beziehung besser und höher als ich. Meine Lieb ist eine unglückliche.«
»So gehe hin und suche Dir eine Andere.«
»Meinst das im Ernst?«
»Ja.«
»Da kennst mich freilich schlecht. Ich bin kein Strumpf, den man umi numi wenden kann, ganz so, wie es beliebt. Ich hab das Dirndl lieb und werd niemals eine Andere lieb haben können.«
»So wirst Du also nie heirathen?«
»Niemals.«
»Das darfst Du nicht verreden. Der Mensch ist nicht allwissend; er weiß nicht, was später kommt.«
»Nein; aberst was heut ist, das weiß er. Und so weiß ich auch, daß meine Liebe so groß ist, daß eine andere gar keinen Platz finden könnt.«
»Und hast Du auch vorher keine Andere lieb gehabt?«
»Nein. Sie ist meine Erste und Einzige.«
»Dann bedaure ich Dich, lieber Ludwig. Ich gönne es Dir herzlich gern, daß Du glücklich werden möchtest. Da es aber so steht, so wird es wohl so werden, wie Du sagst: Du wirst einsam durch das Leben gehen.«
»Lieber« Ludwig hatte sie gesagt, zum ersten Male, seit er sie kannte. Und dabei hatte sie seine Hand ergriffen. Sie drückte dieselbe, und anstatt sie wieder loszulassen, behielt sie diese nur noch fester in der ihrigen.
Er saß still neben ihr. Er hätte trotz aller Anstrengung jetzt kein Wort hervorgebracht. Die Berührung ihrer warmen, weichen Hand durchzitterte ihn wie ein electrischer Strom. Er hatte ein Gefühl, für dessen Beschreibung es gar keine Worte giebt.
Auch sie schwieg. So saßen sie eine ganze Weile Hand in Hand nebeneinander. Endlich begann Gisela wieder:
»Und nun habe ich eine recht große Bitte an Dich, Ludwig. Willst Du sie mir erfüllen?«
»Wann ich könnt, so möcht ich Dir tausend Bitten derfüllen.«
»Es ist nur diese eine. Ich sah und hörte Einiges heut auf dem Saale, was meine Besorgniß erregt hat. Du sagtest zu dem Vater Worte, welche die Bestimmung hatten, ihm Angst zu machen, und ich sah, daß Deine Absicht gelang. Was war das, was Du sagtest?«
»Nix, gar nix!«
»Höre, jetzt bist Du nicht aufrichtig mit mir.«
»Ich kann doch nix sagen, wann ich nix weiß.«
»Du weißt Etwas.«
»Da irrst Dich wirklich.«
Jetzt stieß sie seine Hand von sich und sagte:
»Geh! Das hätte ich nicht von Dir gedacht.«
»Himmelsacra! Jetzunder bist wohl nun gar bös auf mich?«
»Natürlich! Und zwar sehr bös, sogar ganz ernstlich bös.«
»Das ist freilich schlimm!«
»Und daran bist nur Du schuld!«
»Nein, ich kann nix dafür.«
»Warum sagst Du mir eine Lüge?«
»Weißts so gewiß, daß es eine ist?«
»Ja. Ich habe mir einige der Worte gemerkt, welche Du meinem Vater und den beiden Osecs sagtest. Ich schließe aus denselben, daß Du ein Geheimniß meines Vaters kennst. Habe ich Recht?«
»Sapperlot! Was soll ich da antworten?«
»Die Wahrheit.«
»Das geht nicht.«
»O doch. Bis jetzt habe ich noch nicht verlangt, daß Du mir dieses Geheimniß mittheilen sollst. Also sei aufrichtig! Du weißt Etwas von meinem Vater? Nicht wahr?«
»Ja, ich wills eingestehen.«
»Es ist nichts Gutes?«
»Es ist Etwas, was eigentlich nicht hätte sein sollen.«
»Also etwas Verbotenes?«
»Ja.«
»Was ist es denn eigentlich?«
»Das darf ich nicht sogen.«
»Wenn ich Dich nun recht dringend bitte, es mir mitzutheilen?«
»Auch dann darf ich nix sagen.«
»Und warum denn nicht?«
»Weil es Dich kränken thät.«
»Das ist kein Grund. Ich will es wissen und wenn Du mich wirklich so – –«
Sie hielt inne. Beinahe hätte sie verrathen daß sie von seiner Liebe wisse. Sie lenkte also ein und fuhr fort:
»Wenn Du also Etwas auf mich hältst, so sagst Du es mir.«
»Das kann ich wirklich nicht. Du bringst mich in eine schlimme Verlegenheiten. Ich möcht Dir so gern jeden Willen thun und darf Dir doch den Wunsch nicht erfüllen. Wannst mir das Herz leicht machen willst, so dring nicht weiter in mich, es Dir zu sagen!«
»Nun gut. Ich weiß, daß Du diesen Wunsch nur aus gutem Grunde aussprichst. Darum will ich ihn erfüllen. Aber sagen muß Du mir doch Eins: Nicht wahr. Du könntest meinem Vater Schaden zufügen, wenn Du von der Sache zu Anderen sprächst?«
»Sehr großen Schaden.«
»So bitte ich Dich, das nicht zu thun. Willst Du mir versprechen, meinen Vater zu schonen, obgleich er nicht gut gegen Dich ist?«
Jetzt ergriff sie wieder seine Hand. Er konnte nicht widerstehen und antwortete:
»Den Gefallen werd ich Dir gern thun.«
»Dir bringt es doch keinen Schaden, wenn Du schweigst?«
»Einstweilen nicht und wohl auch fernerhin nicht. Hättest mich übrigens gar nicht zu bitten braucht. Ich hätt mich auch ohnedies gehütet, ihn in Schaden zu bringen, eben weil er Dein Vater ist.«
»Wenn er das nicht wäre, würdest Du wohl keine Rücksicht auf ihn nehmen?«
»Nein,« antwortete er aufrichtig. »Ich hätt ihn eigentlich verrathen mußt.«
»Mein Gott! Das klingt ja wirklich ganz so, als ob es sich um ein Verbrechen handle. Ludwig, ich bitte Dich, sage mir, was es ist.«
»Wann ich das thät, so würdst nix als nur ein großes Herzeleiden davon haben.«
»Aber Du mußt doch zugeben, daß ich mich so, wenn Du mich im Unklaren lassest, noch viel mehr ängstige, als wenn ich Alles wüßte. Was hat er denn gethan?«
Der Oberknecht besann sich einige Zeit, dann antwortete er:
»Wann ich mir die Sach richtig überleg, so seh ich freilich ein, daß es viel bessern ist, ich sag es Dir. Ich thät wohl schweigen, wenn Dein Vatern nur für einmal was macht hätt, was er nicht machen darf. Aber er hört nicht aufi; es geht immer fort. Da wirds wohl mal kommen, daß er derwischt wird und nachhero ists aus mit ihm.«
»Also handelt es sich nicht um eine einzelne That, sondern um ein fortgesetztes Verbrechen?«
»Ja. Und sodann denk ich auch daran, daß dadurch von denen Osecs loskommen kannst. Du sollst den Sohn heirathen, weil Sie Deinen Vater im Sack haben. Sie sind nämlich seine Verbündeten, seine Mitschuldigen.«
»Mein Himmel! Ich habe so Etwas geahnt!«
»Hasts ahnt? Wirklich? So hast wohl auch schon mal was merkt?«
»Ja. Ich habe nämlich bemerkt, daß manchmal des Nachts auf unserem Hofe Etwas vorgenommen wird, was Niemand sehen soll. Ich habe stets mein Fenster offen, wenn ich schlafe und da habe ich einige Male ein leises Hin- und Herschleichen bemerkt, ohne daß dann am anderen Morgen die Rede davon war, daß irgend Etwas geschehen ist. Die Knechte und Mägde haben nichts gewußt. Es mußten also fremde Leute im Hofe gewesen sein.«
»Das ist schon richtig: da hast ganz recht gedacht.«
»Ich habe angenommen, daß es Diebe seien und es dem Vater gesagt. Der aber hat mich zunächst ausgelacht. Später aber, als es wieder vorkam, und ich es bemerkte, wurde er, als ich es ihm wieder sagte, zornig und fuhr mich an, ich solle mich nicht um Dinge bekümmern, welche mich nichts angehen.«
»Das glaube ich schon gern, daß er das sagt hat. Und bist ihm dann gehorsam gewest?«
»Nein. Ich habe solche Angst gehabt. Und einmal, als ich wieder das Schleichen bemerkte, bin ich aufgestanden und leise hinuntergegangen. Da habe ich gesehen, daß da hinten am alten Backofen etwas Heimliches vorgenommen wurde. Ich hatte den Muth, so nahe wie möglich heranzuschlüpfen. Ich stand hinter dem Baume, und da habe ich den Vater erkannt und die beiden Osecs. Es waren noch mehrere Männer dabei, von denen ich aber nicht weiß, wer sie gewesen sind.«
»Am alten Backofen? Hm! Das hab ich freilich nicht wußt. Ich schlaf auf dera anderen Seiten und kann also nicht hören, was da drüben vorgeht, sonst wär ich wohl auch bereits aufmerksam worden. Sag weiter!«
»Als ich nun wußte, daß der Vater dabei sei, bin ich etwas ruhiger geworden, denn ich sagte mir, daß die Heimlichkeiten nicht ohne seinen Willen vorgenommen würden. Gefährlich konnten sie also für uns nicht sein.«
»Da hast falsch denkt. Sie können schon gefährlich werden. Die Männern, die Du geschaut hast, sind Paschern.«
»Ist das wahr?« fuhr das Mädchen auf. »Mein Vater soll ein Schmuggler sein?«
»Ja, das ist er.«
»Herrgott, wie Du mich erschreckst! Du wirst Dich irren, Ludwig!«
»O nein. Ich weiß es ganz genau. Die Osecs bringen die Packeten herbei auf den Keryhof und von hier aus werden dieselben dann von anderen Leuteln abholt und hinüber über die Grenz gebracht.«
»Ein Pascher, ein Pascher! Mein Vater ein Pascher!« jammerte Gisela weiter.
»Leider! Das hättst Dir eigentlich bereits denken könnt. Was solls anders gewesen sein, was da während dera Nacht trieben wird? Und wie kommts, daß Dein Vatern gar so schnell reicher und immer reicher wird?«
»Das kommt doch von unsern Ernten.«
»Nein. So schnell wird dera Landmann von denen Ernten nicht reich. Wir haben hier im Gebirg keinen guten Boden. Er trägt nicht viel. Der Keryhof ist zwar der größte in dera Gegend, aber der Besitzer hat grad sehr aufzumerken, daß er ohne Schaden und Verlust wirtschaftet. Nein. Das Geldl, auf welches Dein Vatern so stolz ist, das hat ihm die Schmuggelei einibracht. Und das Allerschlimmste dabei ist, daß er denen Osecs in die Hände gefallen ist. Die sind schlauer noch als er. Die haben ihn im Sack.«
»Er sie doch aber auch!«
»Wohl nicht. Was sie thun, das können sie vielleichten verantworten. Sie bringen ihm Sachen, welche er von ihnen kauft. Das ist doch nicht verboten. Das können sie thun, ohne daß sie dafür bestraft werden. Ich bin kein Jurist und kenne die Gesetzen nicht, doch denk ich halt, daß ich da Recht haben werd. Dein Vatern aber schafft die Packeten über die Grenz hinüber, und das ist die Schmuggelei. Werden die Leutln, die er dabei hat, mal derwischt, so kanns ihm gar schlimm ergehen. Wannst das bedenkst, so wirst auch einsehen, daß er die Osecs nicht im Sack hat, sondern sie ihn. Wann er also nicht Ja sagt mit dera Verheirathung, so verrathen sie ihn, und nachher ists gefehlt.«
»Ists so! Ists so! Also ich soll das Opfer sein. Ich soll mein Lebensglück hergeben um eines Verbrechens willen. Ludwig, lieber Ludwig, sag, was ich thun soll! Gieb mir einen guten Rath!«
»Gisela, da ist schwer rathen. Ich möcht Dir gern helfen, gar zu gern; aberst es wird mir wohl nicht möglich sein.«
»Das ist traurig. Mit dem Vater darf ich nicht sprechen. Der Mutter kann ich es nicht sagen, um sie nicht unglücklich zu machen. Fremde Leute? Nein, nein, nein! Ich habe nur Dich, Dich, allein, dem ich mein Vertrauen schenken darf. Und grad Du sagst mir nun, daß Du mir nicht zu helfen vermagst. Ich möcht vergehen vor Leid und Jammer.«
Sie lehnte ihr Köpfchen an seine Schulter und weinte leise vor sich hin. Das that ihm so wehe, daß auch seine Augen naß wurden. Trotz des innigen Mitleides, welches er mit dem schönen Mädchen empfand, war es doch noch ein zweites, ein ganz anderes Gefühl, welches in diesem Augenblicke sein Herz schwellen machte. Sie, die heimlich Geliebte, schmiegte sich an ihn, als ob er ein Recht auf eine solche Annäherung besitze. Ihre Hand hielt die seinige umschlossen, bittend, flehend, um Hilfe bei ihm zu suchen. Es war ihm so unaussprechlich wonnig, so selig zu Muthe wie noch nie in seinem ganzen Leben. Er fühlte einen beinahe unwiderstehlichen Trieb in sich, den Arm um sie zu legen und sie fest, fest an sich zu drücken. Es wurde ihm wirklich schwer, diesem Impulse nicht Folge zu leisten.
So saßen sie mehrere Minuten lang bei einander, still in ihre Gefühle versenkt.
»Ludwig!« hauchte sie dann.
»Gisela, was willst?«
»Giebt es wirklich keine Hilfe aus dieser Noth?«
»Ich denk soeben drüber nach.«
Aber wenn er hätte aufrichtig sein wollen, so hätte er sagen müssen, daß er nicht darüber nachgedacht hatte. Er hatte überhaupt nicht gedacht, sondern sich nur seinen Regungen hingegeben.
»Keine Noth ist in der Welt, gegen welche es nicht eine Hilfe giebt,« sagte sie. »Also muß es doch auch hier Rettung geben.«
»Der Herrgott mags schicken, daß mir ein guter Gedanke kommt. Es ist mir ganz so, als ob ich mich an Deiner Stelle befänd. Ich kann mir denken, was für eine Traurigkeiten jetzund in Deinem Herzen wohnt. Wann ich dieselbe auf mich nehmen könnt, so wollt ich es mit tausend Freuden thun.«
»Ich glaube es Dir. Aber abnehmen kannst Du mir das Herzeleid freilich nicht, doch es mit tragen helfen, das kannst Du. Willst Du das thun?«
»Ja, das will ich redlich thun. Darauf kannst Dich verlassen.«
»So bitte ich Dich, mit darüber nachzudenken, wie es mir möglich ist, den Vater von seinen Abwegen zurückzuführen.«
»Das wird schwer sein. Willst ihn etwan bitten?«
»Das würde nichts helfen.«
»Oder ihm drohen?«
»Dadurch würde die Sache nur noch schlimmer. Womit könnte ich ihm denn drohen?«
»Freilich nur mit der Anzeige.«
»Das geht nicht. Eine Tochter kann doch unmöglich ihren Vater anzeigen.«
»Nein, das geht nicht. Entweder würde er Dich auslachen, oder er nähm die Sach zornig und thät Etwas, was ich nicht zu verantworten vermag. Es steht also fest, daßt Dich gar nicht direct an ihn wenden kannst. Du mußt so thun, als obst gar nix weißt; und sodann hinter seinem Rücken die Sach mit Schlauheit beginnen.«
»Das klingt freilich sehr schön. Aber sage mir doch die Schlauheit, die ich anwenden soll!«
»Nun, vielleicht ists nicht so schwer, als man jetzt denkt. Ich hab da einen Gedanken. Ich bin nämlich der Meinung, daß er aufhören wird, wann er bemerkt, daß ihm die Grenzbeamten auf die Finger schauen.«
»Willst Du ihn etwa verrathen?«
»Ihn nicht, aberst die Leutln, welche mit ihm arbeiten.«
»So wird er auch mit bestraft.«
»Wann er nicht mit ihnen derwischt wird, können sie ihm nix thun. Nur müßt ich vorher wissen, ob er selbst auch mit über die Grenz hinüber geht.«
»Nein, das thut er wohl nicht. Wenigstens weiß ich, daß er dann, wenn ich das geheimnißvolle Treiben beobachtet habe, stets zu Hause geblieben ist. Er ist während der Nacht nicht fortgekommen, sondern er hat sie allein gehen lassen, nämlich die Männer, welche hier waren. Ich stimme Dir bei, daß es vielleicht am Besten wäre, wenn er einmal eine ganz gehörige Schlappe erlitte; aber seine Person müßte dabei aus dem Spiele bleiben.«
»Dafür könnte gar wohl gesorgt werden. Ich will mir die Sach überlegen. Vielleicht hab ich bereits heut Gelegenheit, Etwas zu derfahren.«
»Wie? Soll etwa heut Etwas vorgenommen werden?«
»Vielleicht.«
»Hast Du Etwas bemerkt?«
»Ja.«
»Was hast bemerkt?«
»Es wird besser sein, wenn ichs Dir nicht sag. Wer nix weiß, der hat keine Verantwortung zu tragen.«
»Aber ich könnte mit lauschen. Und wenn wir Etwas hören oder sehen, so könnten wir mit einander berathen, was zu thun ist.«
»Nein, so wird das nicht gemacht. So eine gefährliche Angelegenheiten ist nicht für ein junges Mädchen gemacht. Da ists gerathen, daß Du die Hand davon lassest. Ich werd schon selbst wissen, was geschehen muß.«
»Aber wenn Du Alles heimlich machst, so habe ich doppelte Sorge und Angst.«
»Das hast nicht nöthig. Oder hältst mich vielleicht für einen Kerl, der unvorsichtig ist und gern Dummheiten macht?«
»Nein. Aber mein Vater ist dann nicht allein in Gefahr, sondern – sondern auch noch ein Anderer.«
»So! Wen meinst denn damit?«
»Einen, für welchen mir sehr bange sein würde, wenn er sich die Rachsucht der Pascher zuziehen müßte.«
»Wanns Einer ist, der klug genug ist, so hat er nix zu befürchten. Weißt, er kanns doch leicht so machen, daß von ihm gar keine Red nicht ist.«
»Ist das möglich?«
»Ich denke es. Aber gar schön wär es, wann ich derfahren könnt, wenst meinst, Gisela.«
»Kannst Dir es nicht denken?«
»Nein, wirklich nicht. Sag mir's, wer es ist, so ists mir vielleichten möglich, auch über ihn mit zu wachen.«
»Das wird Dir nicht schwer werden, Ludwig, denn Du bist ja stets bei ihm.«
»So? Ists etwan einer von denen unserigen Knechten?«
»Ja.«
»Wirklich? Ich hab mir gar nicht dacht, daß so Einer auch mit bei den Paschern ist. Der muß ein gar schlauer Patronen sein, daß er es hat treiben konnt, ohne daß ich es bemerkt habe.«
Sie lachte leise auf, trotz der trüben Stimmung; in welcher sie sich befand.
»Ja,« sagte sie, »ein kluger Kerl muß er sein, da Du nicht einmal es bemerkt hast. Du bist es ja selbst.«
Er schwieg. Ihre Worte machten einen Eindruck auf ihn, von dessen Tiefe er selbst noch gar keine Ahnung hatte. Dann, nach einer Pause, sagte er:
»Jetzund willst wohl einen Scherz mit mir machen, Gisela?«
»Nein, es ist Ernst.«
»Das mag ich kaum glauben. Wanns ein Scherz war, so thät es mir leid, denn ich mein es halt gar gut mit Dir.«
»Das weiß ich ja, Ludwig.«
»So hast also wirklich mich gemeint?«
»Ja.«
»Und willst in Sorg und Angst um mich sein?«
»Muß ich nicht, wenn Du es wagst, Dich mit so gefährlichen Leuten, wie die Schmuggler sind, zu verfeinden.«
»Da ist wohl keine große Gefahr dabei. Und, weißt, wer beim Militär gewest ist und in mehreren Schlachten und Gefechten, der fürchtet sich vor einem Pascher nicht. Dennoch dank ich Dir gar herzlich dafür, daßt auch an mich mit denkst. Ich hab immer glaubt, es sei Dir ganz gleichgiltig, welches Schicksal ein Knecht hat. Er dient und arbeitet. Dafür bekommt er seinen Lohn. Weiter ists nix, und weiter giebts nix.«
»Da hast mich freilich sehr verkannt. Ich bin nicht so selbstsüchtig wie mein Vater, und selbst dieser sagt, daß Du ein guter Knecht seist.«
»Knecht, ja. Und Knecht bleibt Knecht.«
»In meinen Augen nicht. Ein Knecht ist ein Mensch wie jeder andere. Vielleicht ist er ein besserer, als Einer, der sich wunder was einbildet. Ich will Dir aufrichtig sagen, daß ich keinen Burschen kenne, auf welchen ich so gut gesinnt bin wie auf Dich!«
»Gisela, ist das wahr?«
»Ja, hier hast Du meine Hand darauf.«
Sie drückte ihm die Hand und hielt sie dann in der ihrigen fest. Seine Stimme zitterte jetzt, als er leise sagte:
»Also giebts wirklich keinen zweiten, wirklich nicht?«
»Nein, Ludwig.«
»Herrgott! Jetzund, wannst nicht sagt hättst, daßt ins Klostern gehen willst, sodann – dann –«
Er stockte.
»Was wäre dann?«
»Dann solltst mal sehen, was ich machen thät!«
»Nun, Du kannst es mir doch wenigstens sagen, was Du thun würdest.«
»Nein. Das sag ich nicht. Es ist doch nun zu nix nütze. Und was unnöthig ist, das soll man niemals thun.«
»Dennoch möchte ich es wissen.«
»Es ist besser, ich schweig.«
»So bist Du nicht aufrichtig mit mir, wie ich mit Dir.«
»Ich bin schon aufrichtig, mit Dir am Allermeisten. Aberst es giebt auch eine Aufrichtigkeit, welche nicht am richtigen Platze ist und bald recht übel genommen werden kann.«
»Ich nehme es Dir nicht übel. Das will ich Dir ganz fest versprechen.«
»Dennoch ists besser, ich bin still; denn was ich sagen möcht, das schickt sich nicht für Eine, die ins Klostern gehen will.«
»Hm! Ich bin ja noch nicht Nonne!«
»Willsts aber werden.«
»Vielleicht besinne ich mich doch noch anders.«
Da sagte er schnell :
»Ich denk, es ist bereits fest beschlossen?«
»O nein. Schau, ich sag, daß ich aufrichtig mit Dir bin. Das will ich auch jetzt sein, indem ich Dir im Vertrauen sage, daß ich eigentlich gar keine Lust habe, ins Kloster zu gehen.«
»Himmelsakra! Warum willst dann hinein?«
»Um den Osec los zu werden.«
»Derowegen? Weißt, ich hab mal von einem Einsiedler lesen, der hat einen zahmen Bären habt. Er hat schlafen und der Bär hat neben ihm sessen. Da hat sich eine Fliegen auf dem Einsiedler seine Nasen setzt. Der Bär hat diese Fliegen verscheuchen und tödten wollt. Er holt aus und haut mit seiner Tatzen tüchtig drein: Da hat er zwar die Fliegen derschlagen, den Einsiedler aber auch mit.«
»Davon habe ich auch schon gehört. Es ist eine Fabel.«
»Ja, aber eine jede Fabel hat einen besonderen Zweck und Sinn. Wer sich oder einem Andern helfen will, darfs halt nicht so machen wie dera Bär. Die Rettung darf den Hilfsbedürftigen nicht in noch größeren Schaden bringen. Du bist jetzund auch so ein Bär oder vielmehr eine Bärin.«
»Ich danke! Du scheinst ein Virtuos zu sein im Complimentemachen.«
»Ich meins halt gut. Du willst Dir helfen durch Etwas, was noch schlimmer ist als das, wofür Du Hilfe brauchst. Um den Osec los zu werden, willst ins Klostern gehen. Das ist ja grad so, als wann Einer, der Zahnweh hat, sich den Kopf abschneiden lassen wollt. Da ist das Zahnweh weg, dera Kopf aberst auch mit.«
»Ich kenne aber kein besseres Mittel.«
Sie sagte das so ernsthaft, als ob sie an ihre eigenen Worte glaube.
»O, wannst nicht gradezu drauf versessen bist, eine Nonne zu werden, so läßt sich wohl schon auch ein anderes Mittel finden.«
»Welches dann?«
»Das muß überlegt sein. Aberst so viel weiß ich genau, daßt den Osec loswerden kannst, und zwar sehr bald.«
»Ich allein bring das nicht fertig. Und von der Mutter kann ich keine Hilfe erwarten, weil sie sich zu sehr vor den Vater fürchtet.«
»Das weiß ich wohl. Aber sag mal, thätst vielleicht die meinige annehmen?«
»Gar zu gern! Wie kannst Du da erst noch fragen!«
»Und wanns mir gelingt, Dich von ihm zu befreien, so gehst nicht in's Kloster?«
»Nein. Dann würde mir so Etwas gar nicht in den Sinn kommen.«
»Nun, so will ich Dir mein Wort geben, daß dera Kerl den Gedanken aufgeben soll, Dein Mann zu werden. Nachhero bist frei von ihm und kannst – kannst –«
»Was denn?«
»Und kannst Dich nach einem andern Burschen umschauen.«
»Das werde ich nicht thun. Ich brauche mir keinen zu suchen.«
»Nicht? Willst also ledig bleiben?«
»Auch das nicht. Es wär doch jammerschade um unser schönes Anwesen. Wenn ich als alte Jungfer stürbe, so käme Alles an lachende Erben. Das soll man nicht machen. Giebst Du mir da nicht Recht?«
»Freilich geb ichs Dir.«
»Und sodann wäre es auch schade um mich selbst. Ich weiß, daß ich einen Mann recht glücklich machen könnte, wenn er mich lieb hätte und ich ihn. Und wenn man das kann, so soll man es auch machen. Du giebst mir doch wohl auch darin Recht?«
»Mehr noch als vorher. Ja, ich glaubs schon, daßt im Stand bist, Demjenigen das Leben zum Himmel zu machen. Darum kann ich aberst auch nicht begreifen, daßt Dich nach Keinem umischauen willst.«
»Ists denn das Sache der Mädchen, sich umzusehen?«
»Na, eigentlich ists freilich dera Bursch, der die Augen aufmachen muß. Doch hier im Ort und auch in dera Umgegend kenn ich außer dem Osec keinen der es wagen wird, nach dera Kerybauers Gisela die Hand auszustrecken.«
»Ja, was mach ich dann? Was ist dagegen zu thun? Da muß ich also wohl oder übel ledig bleiben.«
»Hm! Es ist eine schlimme Geschichten. Wannst arm wärst, recht arm, so wären Hundert da, die sich die Fingern nach Dir lecken thäten. So aber bist reich, die Reichste meilenrund, und da zieht sich halt ein Jeder zuruck.«
»Ich habe aber gar nicht gewußt, daß die Jungburschen so feig sind.«
»Feig? Das ist keine Feigheit nicht. Wann zehn Deutsche gegen tausend Franzosen kämpfen sollen, so müssen sie untergehen. Darum ists ihre Pflicht, sich zurückzuziehen. Thätst Du das feig nennen?«
»Nein.«
»Also ists auch mit dem Freien. Ein Bursch, der sich sagt, daß er von einem Dirndl abgewiesen wird, wann er ihr seine Liebesderklärung macht, der ists halt seiner Ehr und seiner Reputationen schuldig, daß er ihr lieber gar nix sagt. Er ist halt klug, doch nicht feig.«
»Vielleicht aber würde sie ihn nicht abweisen. Er kann das vorher doch nicht so sehr genau wissen.«
»Es giebt Verhältnissen, in welchen man das genau wissen kann.«
»Das glaube ich nicht. Es hat schon Manche, die sehr reich war, einen Blutarmen zum Mann genommen.«
»Das kommt vor, ist aber selten.«
»Wärst auch Du so vorsichtig, wie Du vorhin sagtest?«
»Vielleicht, vielleicht auch nicht. Das kommt eben auf die Verhältnissen an. Weißt, Gisela, es ist keine Schand, ein braves Dirndl lieb zu haben, die man wegen ihres Reichthumes nicht bekommen kann. Es ist mir auch so gangen. Ich hab Eine lieb habt, aber wie lieb, wie lieb! Sie war steinreich, und da bin ich halt still gewest. Aberst sagen thu ichs ihr doch noch mal, wanns mir grad so aus dem Herzen herausfließt.«
»Schau, das habe ich gar nicht gewußt. Du hast Dein Herz nicht mehr frei?«
»Nein. Das ist gefangen und kann nimmer wieder los. Ich kann das Dirndl nicht bekommen, aberst dennoch thät ich Alles, Alles, um sie glücklich zu sehen. Mein Leben gäb ich hin, wanns ihr Nutzen bringen thät.«
»Ja, das hast Du ja schon vorhin gesagt. Nur schade, daß Du mir ihren Namen nicht nennen willst.«
»Jetzt sollst ihn derfahren. Du bist in Sorg und in Noth. Du brauchst Einen, auf dent Dich verlassen kannst. Und damit Du weißt, daß Du mir vertrauen darfst, will ich Dir sagen, daß Du das Dirndl bist, an der meine Seel und mein ganzes Leben hängt. Aber brauchst ja nicht zu derschrecken. Meine Lieb ist so eine, weißt, wie im Ritter Toggenburg, was Schiller dichtet hat.«
Ihr Herz hüpfte vor Freude darüber, daß er endlich das ersehnte Wort gesprochen hatte, doch bezwang sie sich und fragte ihn in neckischem Tone:
»Diesen Ritter kenne ich gar nicht. Wie ists denn mit ihm gewesen.«
»Nun, der hat auch ein Burgfräulein geliebt, und sie hat ihn nicht haben wollen. Da ist er ins heilige Land zogen und hat denen Ungläubigen die Köpf herunterschlagen. Dann, als ihm auch das zu langweilig worden ist, ist er wiederum heim kommen. Vielleicht hat er denkt, daß er das Burgfräulein nun doch noch bekommen kann.«
»Wollte sie auch jetzt nicht?«
»Nein. Sie ist bereits im Klostern steckt und ist eine Nonne worden grad wie Du auch eine werden wolltst. Und allemalen gegen den Abend, da hat sie ihr Fenstern aufimacht und ein Wengerl herausischaut. Weil das der Ritter merkt hat, so hat er sich gegenüber eine Stuben miethet und sich da ans Fenstern setzt. Wann sie dann ausischaut hat, so hat er auch das Fenster aufimacht. Dann habens sich eine Weile ansehen, bis es dunkel worden ist.«
»Das ist doch gar zu rührend.«
Sie mußte sich Mühe geben, ein lustiges Kichern zu unterdrücken.
»Ja, mich hats auch immer rührt, wann ich das Gedichten lesen hab. Darinnen heißts:
Und so saß er viele Tage,
Saß viel Jahre lang;
Harrend ohne Schmerz und Klage,
Bis das Fenster klang.
Bis die Liebliche sich zeigte,
Bis ihr theures Bild
Sich ins Thal hernieder neigte,
Ruhig, engelsmild.«
»Du kannst es ja gar auswendig!«
»Ich habs lernt, weil ich so ein Toggenburgern bin.«
»Und was hat es dann mit ihm für ein Ende genommen?«
»Ein sehr sanftes, denn in dem Gedicht von Schillern heißts ganz zuletzt
Und so saß er, eine Leiche,
Eines Morgens da.
Nach dem Fenster noch das bleiche,
Stille Antlitz sah.«
»Das ist eine treue Liebe gewesen, eine ungeheure Anhänglichkeit. Und wie ist es nachher mit der geliebten Nonne geworden?«
»Darüber hat Schiller nix sagt. Vermuthlich hat er nix wußt. Ich denk, daß sie so lang zum Fenstern herausschaut haben wird, bis sie storben ist.«
»Ja, länger jedenfalls nicht.«
Jetzt lachte sie laut auf, hielt aber sogleich inne, um ihn nicht zu beleidigen. Aber sie hatte sich geirrt; anstatt einen Vorwurf über ihre Lustigkeit hören zu lassen, lachte er mit und sagte:
»Nicht wahr, so was kann nur ein Dichtern glauben?«
»So? Ich denke, auch Du hältst es für wahr?«
»Das fallt mir nicht ein. So ein Toggenburgern war mir ein schöner Kerl! Sich so lange Jahren ans Fenstern setzen, blos um dera Nonnen ihre Nasenspitz anzuschauen. Der müßt doch kein Hirn im Kopfe haben. Nein, man kann zwar Eine nicht bekommen, die man lieb hat, aberst das Leben macht auch noch Ansprüchen. Man darf die Händen nicht in den Schooß legen und wegen einer unerhörten Lieb den Runkelrübensyrupen weinen. Man kann dera Geliebten dienen und für sie arbeiten, auch wanns einen andern Mann nommen hat.«
»Das würdest Du thun?«
»Ja. Ich hab Dir meine Hilf und meinen Dienst anboten.«
»Du bist wirklich ein Braver, Ludwig. Aber nun kann ich Deine Hilfe leider nicht annehmen.«
»So! Warum?«
»Weil ein braves Mädchen nur die Dienste Desjenigen annehmen darf, den sie lieb hat.«
»Sappermenten! Jetzt ists gefehlt! So magst also nix von mir wissen?«
»Nein.«
»Das wollen wir noch nicht gleich gelten lassen. Ueberleg Dirs vorher noch mal.«
»Es ist bereits überlegt.«
»Denk doch wenigstens, daß ich Dein Freund bin. Eine Freundschaft ist doch nix Verbotenes. Und als Freund könnt ich gar Manches für Dich thun. Nicht?«
»Ich mag keinen Freund und ich brauch keinen Freund. Was ist ein Freund? Gar nichts! Der ist weder kalt noch warm.«
»Du, ich will Dir was sagen! Wannst mir warm machst, so kann ich sogar heiß werden.«
»So? Das würde nichts an meinem Entschlüsse ändern. Wenn mir Einer helfen will, so muß er mehr sein als nur mein Freund.«
»Was denn wohl?«
»Mein Geliebter.«
»Himmelsakra! Das laß ich mir freilich gefallen. Wer das sein könnte! Leider aber hast gar keinen, denn vorhin hast sagt, daßt Dich noch gar nicht umischaut hast und auch nicht umischauen willst.«
Wann es heller gewesen wäre, so hätte sie sehen können, daß sein gutes, ehrliches Gesicht vor Glück und Freude glänzte. Er wußte, woran er war; aber da er bemerkte, daß es ihr Vergnügen machte, ihn noch eine Zeit hinzuhalten, so that er, als ob er keine Ahnung habe.
»Das Umschauen ist doch ganz unnöthig,« sagte sie. »Was ich da suchen könnte, das habe ich bereits gefunden.«
»Was? Wie sagst? Hast schon Einen?«
»Schau, wast für eine gar Heimliche bist! Erst willst ins Klostern, und nun hast Einen. Ihr Dirndln seid doch wie das Wettern im April. Willst etwan nachhero, wann die Hochzeit vorüber ist, noch Nonne werden?«
»Wenn er mir recht gehorsam ist, dann wohl nicht.«
»So sags ihm nur vorher, damit er sich darnach richten kann.«
»O, Dem, den ich meine, brauche ich es nicht zu sagen. Er wird mich auch ohnedem auf den Händen tragen.«
»Ja, das bin ich auch überzeugt.«
»Sooooo!« dehnte sie, »Du tust ja, als ob Du ihn kenntest.«
»Natürlich kenne ich ihn.«
»Das ist nicht wahr. Du kannst unmöglich wissen, wen ich lieb habe.«
Wannt das denkst, so kennst mich schlecht. Ich weiß es ganz genau. Es hat doch gar nicht anderst kommen können.«
»Nicht anders? Wie?«
»Ich mein', daß er Einer ist, den eine Jede lieb haben muß.«
»Denkst Du?«
»Ja. Er ist ein Braver. Nicht?«
»Das ist er, ja.«
»Und ein Feiner. Er ist ein bildsauberer und schmucker Kerlen, dent der liebe Herrgott geschaffen hat, damit die Dirndln alle ihr Herz an ihn verlieren sollen.«
»Na, das wäre!«
»Ja, und ein Gescheidter ist er auch. Ich glaub halt nicht, daß es im ganzen Oesterreichen einen Zweiten giebt, der sich mit ihm messen könnt.«
»Höre, jetzt werde ich ganz irre an Dir.«
»Ich nicht, an mir nicht und auch an Dir nicht.«
»Das muß doch ein Ausbund von allen guten Eigenschaften und Vorzügen sein!«
»Das ist er auch. Das kannst eben gleich daran derkennen, daß selbst Du ihm nicht hast wiederstehen können.«
»Du!« lachte sie. »Ich bin überzeugt. Du sprichst von ihm, ohne eine Ahnung zu haben, wer er eigentlich ist.«
»Oho! Ich kenn ihn genau.«
»Woher?«
»Welch eine Frage! Ich seh ihn doch alle Tag!«
»Wo?«
»Hier im Ort und all überall. Ich weiß, wie er heißt und kann Dir seinen Namen nennen.«
»So nenne ihn!«
»Schön! Laut oder leise?«
»Wie Du willst.«
»Ich werd ihn doch lieber leise sagen, denn solche Geheimnissen muß man heimlich halten. Komm her! Ich werds Dir gleich hinein ins Ohr flüstern.«
»Schön! Ich bin wirklich neugierig, welchen Namen Du nennen wirst.«
»Den richtigen.«
»Das ist kaum glaublich.«
»Wirsts gleich hören.«
Er zog sie an sich, legte ihr den Arm um die Taille, näherte seinem Mund ihrem Ohre und – – –«
»Nun, wirds bald!« sagte sie, da er zögerte.
»Gleich! Ich habs mir überlegt, daß ich ihn nicht sagen werde, sondern lieber schreiben.«
»Worauf denn?«
»Hierher!«
Er nahm ihren Kopf in beide Hände, hielt ihn fest und gab ihr einen herzhaften Kuß.
Das hatte sie freilich nicht erwartet. Nicht vor Zorn, sondern vor Ueberraschung fuhr sie schnell mit ihrem Kopfe zurück.
»Ludwig!« rief sie.
»Schau,« lachte er. »Jetzt nennst den Namen selbst. Da brauch ich ihn Dir ja nicht zu sagen.«
»Ich bin erschrocken!«
Es war ihrem Tone wirklich anzuhören, daß sie eine Art von Schreck empfunden hatte.
»Ich nicht, Gisela.«
»Das glaube ich. Du hast auch keine Veranlassung dazu.«
»Aberst Du wohl?«
»Freilich! Wenn Einem so etwas passirt.«
»So was ganz und gar Schlimmes!«
Sie gab ihm einen zärtlichen Schlag.
»So einen Ueberfall!«
»Ja,« nickte er. »Dazu ist man Unteroffizier gewest.«
»Aber passiren darf es nicht wieder.«
»Nein, niemals! Blos nur einen Kuß, das geschieht gewiß nicht mehr. Wann man so eine herrliche Gelegenheit hat, so nimmt man sich gleich mehrere. Nicht?«
Er zog sie wieder an sich.
»Nein. Man bekommt keinen einzigen mehr,« antwortete sie, sich sträubend.
»Wann man ihn nicht freiwillig bekommt, so macht man wieder einen Ueberfall.«
»Der wird Dir nicht so gut gelingen wie der vorherige. Aber, Ludwig, reden wir jetzt im Ernst. Dieser Augenblick ist für uns Beide ein wichtiger, ein heiliger. Da wollen wir nicht scherzen. Glaubst Du wirklich, daß Du Derjenige bist, den ich lieb habe?«
»Ja, ich bins überzeugt.«
»Woher? Habe ich es mir denn merken lassen?«
»Ja.«
»Wirklich? Das ist kaum zu glauben. Ich habe mir alle Mühe gegeben, Dir nichts merken zu lassen.«
»Ja, ich hab auch gar, gar nix davon wüßt, bis heut Abend, als wir uns hierher setzt haben. Da hab ichs aus Deinen Worten hört, was für ein glückseliger Mensch ich bin.«
»So bist Du wirklich glücklich?«
»Eigentlich jetzt noch nicht.«
»So? Warum jetzt noch nicht?«
»Weilst mir noch gar nicht sagt hast, ob ich Recht hab oder nicht.« Ich könnt mich doch auch täuscht haben.«
»Nein, Ludwig, getäuscht hast Du Dich nicht. Du bist Derjenige, von welchem ich redete.«
Da schlang er beide Arme um sie, drückte sie an sich und flüsterte ihr in überquellender Zärtlichkeit zu:
»Jetzund, wann wir nicht heimlich sein müßten, solltest sehen, was ich machen thät. Ich thät mein Glück hinausirufen, daß mans auf allen Firmen und Alpenspitzen hören könnt. Du guter Herrgott droben! Daß es so ein Glück und so eine Seligkeiten bereits hier auf Erden geben könnt, das hab ich mir gar nicht dacht. Ich möcht lachen und weinen in einem Athem. Ists auch Dir so zu Muthe?«
»Ja,« antwortete sie.
»Es ist über mich kommen, so unerwartet und plötzlich, daß ich ganz aus meiner Fassung bin. Ich weiß halt gar nicht, was ich thun soll. Es wird am besten sein, ich mach vor der Hand weiter nix als – – –«
Er küßte sie, und dieses Mal wich sie nicht zurück.
»Hab ich Recht?« fragte er. »Ist das nicht das Schönste, was wir jetzt thun können?«
Sie antwortete nicht. Aber sie legte nun auch ihren Arm um ihn und schmiegte sich in voller Zärtlichkeit an seine Brust. So saßen sie eine lange Zeit, in ihre Liebe versunken und Küsse tauschend, bis er dann fragte:
»Hast denn vorher wußt, daß ich Dich so lieb habe?«
»Gedacht habe ich es mir wohl.«
»Ja, diese Lieb ist halt schon sehr alt. Gleich als ich zu Euch aufs Gut kam und Du warst noch ein kleins Dirndl, da hattests mir schon anthan. Darum bin ich auch vom Militair hinweg wiederum zu Euch kommen.«
»Da hast Du wohl gedacht, daß ich Dir auch gut sein würde?«
»Nein. Ich hab niemals eine Hoffnungen habt, daßt meine Liebe erwidern könntst. Es hat mich aber herbeitrieben, eine innere Macht, der ich nicht hab wiederstehen könnt.«
»Das war Gottes Wille!«
»Ja, das glaub ich gern. Ich hab manchmal in dera Nacht nicht schlafen konnt und an Dich denken mußt. Da ist mir einifallen, was ich thun werd, wannst einen Andern nimmst.«
»Nun, was hast Du da thun wollen?«
»Verschiedenes. Einmal hab ich mir eine Kugeln durch den Kopf jagen wollt, ein anderes Mal wollt ich in die weite Welt laufen. Zuletzt aberst hab ich an meine Muttern und Schwestern denkt, und dann hab ich wußt daß ich den Gram ruhig tragen würde und in Deiner Nähe bleiben fürs ganze Leben.«
»Das sollst Du nun auch!«
»Ja, und ganz anderst, als ich es mir vorher dacht hab. Und nun sag auch mir, seit wannt mich lieb gewonnen hast.
»Auch gleich seit dem Tage, an welchen Du zu uns gekommen bist.«
»Oho! Das soll ich glauben?«
»Ja.«
»Aber da wars eine andera Lieb als die heutige?«
»Natürlicher Weise.«
»Darnach aber hab ich nicht fragt. Ich wollt vielmehr wissen, seit wannt gewußt hast, daßt mein Dirndl werden willst.«
»Das kann ich Dir kaum sagen.«
»Warum nicht?«
»Weil ich es selber nicht genau weiß. Die Liebe ist in mir gewachsen und groß geworden, ohne daß ich es deutlich gemerkt habe. Zur eigentlichen Erkenntniß bin ich erst heute gekommen.
»Was! Erst heut hast merkt, daßt mich lieb hast? Höre, Gisela, da kann die Lieb nicht eine gar große sein.«
»Da irrst Du Dich. Kennst Du nicht das Lied:
Kein Feuer, keine Kohle
Kann brennen so heiß
Wie heimliche Liebe
Von der Niemand nichts weiß.«
»Ja, aberst Derjenige, der sie im Herzen trägt, muß doch von ihr wissen!«
»Gewußt hab ich es, daß ich Dir herzlich gut bin, und daß kein Bursche mir so gefällt wie Du. Aber das, was ich jetzt im Herzen fühle, daß dies gar so groß und mächtig, so gewaltig und beglückend ist, das habe ich nicht gewußt; das habe ich erst heut bemerkt, als Du mit Deiner Mutter sprachst.«
»Mit meiner Mutter? Wann ist das wohl gewest?«
»Nach dem Essen.«
»Ja, da hab ich mit ihr sprochen, in dera Stuben. Kein Mensch war dabei. Davon kannst also nix wissen.«
»Nichts? O, ich weiß vielmehr Alles!«
»Nix, gar nix weißt!«
»Hast Du ihr nicht von Deiner Liebe zu mir erzählt?«
»Ja, davon hab ich sprochen. Aber wie kannst das wissen?«
»Ich hab in der Küche gelauscht.«
»Himmelsakra! Und Alles hast hört?«
»Jedes Wort!«
»Dirndl! Das war schlecht von Dir.«
»Nein, es war nicht schlecht. Du glaubst nicht, wie glücklich ich mich gefühlt habe, als Du von Deiner Liebe sprachst. Da brach es auch in mir mit aller Gewalt hervor. Von diesem Augenblicke an wußte ich, daß ich nicht allein stehen würde, meinem Vater gegenüber. Ich erkannte, daß ich einen starken, treuen Helfer an Dir haben würde. Nun konnte ich ruhig sein, denn ich weiß, daß ich glücklich sein werde.«
»Ja, das wirst sein, so viel an mir liegt, Gisela. Also ins Klostern willst nun nicht?«
»Lieber sterben!«
»Und den Osec nimmst auch nicht?«
»Wie kannst Du doch so fragen!«
»Im Scherz!«
»Leider wird es bald Ernst werden, sehr bald. Der Vater will – –«
Sie hielt erschrocken inne. In nächster Nähe hinter ihnen gab es ein Geräusch. Hinter dem Strauche, hinter welchem am Nachmittage Ludwig gestanden hatte, um Osec mit Gisela zu belauschen, trat die lange Gestalt des – – Kerybauern hervor.
Dieser hatte natürlich gedacht, daß seine Tochter, als sie sich aus der guten Stube entfernte, nach der Küche gehen werde. Einige Minuten später hatte er etwas außerhalb der Stube zu thun, und da begegnete er der Mutter Ludwigs, welche zur Treppe heraufgestiegen kam, um sich nach der Kammer ihres Sohnes zu begeben.
»Kommt Sie jetzt erst aus dem Wirthshaus?« fragte er sie.
Ja.«
»Ist Ihr Sohn noch dort?«
»Nein. Er ist mit mir heim.«
»So sitzt er nun wohl unten in der Stube?«
»Nein. Er ist im Garten.«
Der Bauer horchte auf.
»Allein?« fragte er scharf.
Jetzt erkannte sie, daß sie unvorsichtig gewesen war; darum antwortete sie:
»Ganz allein.«
»Was macht er dort?«
»Ich weiß nicht, nach was er sehen wollte. Er wird gleich nachkommen.«
»So! Sie bleibt wohl heut hier?«
»Ja, wann der Herr es erlaubt.«
»Eigentlich nicht. Nun aber ists für Sie zu spät, fortzugehen. Also legt Sie sich jetzt nieder, bei mir wird zeitig aufgestanden.«
Er kehrte in die gute Stube zurück und fand die beiden Osecs in einem leisen Gespräche, welches sie führten, obgleich die Bäuerin bei ihnen saß und durch das leise Geflüster eigentlich beleidigt werden mußte.
»Was habt Ihr denn für Heimlichkeiten?« fragte er.«
»Es ist nichts Heimliches, aber eine Geschäftssache. Mein Sohn muß gleich nach Hause.«
»Unsinn! Was fällt ihm ein! Ihr wißt doch, daß – – –«
Er sprach den Satz nicht zu Ende, warf aber den Beiden einen Blick zu, welcher ihnen sagte, was er meine. Osec der Aeltere gab ihm einen ebenso bezeichnenden Blick zurück und antwortete:
»Eben grad darum muß er fort. Es ist daheim Etwas, woran wir nicht gedacht haben, in Ordnung zu bringen.«
»So, so! Da kann ich freilich nichts dagegen habe», daß er jetzt schon geht.«
»Er wird nicht gehen, sondern er nimmt den Wagen. Es ist eilig.«
»Aber Du bleibst doch noch hier?«
»Ja. Er kommt dann zurück, um mich abzuholen.
»So will ich ihm anspannen lassen.«
Der Bauer wollte allein hinab in den Hof, aber die beiden Gäste gingen mit.
»Als sie unten an der Küche vorüber kamen, blickte Kery hinein. Sie war leer. Das fiel ihm auf. Er dachte daran, daß Ludwig im Garten sei. Wo war Gisela? Doch nicht etwa draußen bei ihm? Sie hatten mit einander getanzt. Es war anzunehmen, daß irgend eine Vertraulichkeit zwischen ihnen vorhanden sei. Es fiel ihm freilich gar nicht ein, an eine Liebschaft zu denken. Das wäre für ihn eine solche Ungeheuerlichkeit gewesen, daß es gar nicht möglich war. Aber wenn die Beiden sich im Garten befanden, so sprachen sie jedenfalls von den Osecs, von der aufgeschobenen Verlobung, vom Kloster und von all den Dingen, welche heut geschehen waren. Das mußte er hören. Er konnte sich da über die eigentlichen Absichten seiner Tochter unterrichten. Darum ließ er die Osec's allein nach dem Pferdestalle gehen und begab sich nach dem Garten.
Wer sich in demselben befand, der saß sicherlich auf der Bank. Darum schlich er sich nach jener Gegend hin, in welcher sie stand. Im weichen Grase waren seine Schritte völlig unhörbar. Als er nahe herangekommen war, konnte er die Beiden zwar noch nicht sehen, aber er hörte ihre leisen Stimmen.
»Aha!« dachte er. »Ein guter Gedanke, mich hierher zu schleichen.«
Er schlüpfte bis zum Strauche hin und bückte sich dort nieder. Gegen den helleren Himmel waren die Gestalten der Beiden ziemlich genau zu erkennen. Der Bauer bemerkte zu seinem Entsetzen, daß sie sich umschlungen hielten. Es durchzuckte ihn eine Empfindung, wie er sie in seinem ganzen Leben noch nicht gefühlt hatte. Es war, als ob ein Blitz in sein Inneres geschlagen habe.
Sein Blut kochte. Getreu seinem jähzornigen Temperamente wollte er sich sofort mit beiden geballten Fäusten auf sie stürzen; aber die Klugheit gewann doch die Oberhand. Er wollte zuvor wissen, was sie sprachen. Darum blieb er ruhig liegen und lauschte.
»Hab ich Recht?« fragte Ludwig soeben. »Ist das nicht das Schönste, was wir jetzund thun können?«
Dabei hielt er Gisela umschlungen und küßte sie auf den Mund.
Der Bauer sah und hörte das. Der Zorn trieb ihm das Blut nach dem Kopfe, so daß es ihm vor den Augen war, als ob er helle Feuerfunken stiegen sehe. Er zwang sich noch einige Secunden lang zur Geduld. Dann aber, als Gisela sagte:
»Leider aber wird es bald Ernst werden, sehr bald!«
Da konnte er sich nicht mehr beherrschen. Er richtete sich aus seiner halb kauernden und halb liegenden Stellung empor, trat vor und rief:
»Ja, Ernst wirds! Und nicht etwa sehr bald, sondern sogleich!«
»Der Vater!« rief das erschrockene Mädchen, indem sie aufsprang.
Auch Ludwig stand auf, aber nicht eilig und erschrocken wie die Geliebte.
»Ja, Dein Vater ists, Du ungerathene Tochter! Also hier ist das Kloster, in welches Du gehen willst. Mit dem Knechte sitzest Du im Garten. Von ihm lassest Du Dich abküssen, und darum willst Du den Dir bestimmten Bräutigam nicht heirathen! Dir will ich zeigen, wer Dein Herr und Meister ist. Da hast Du!«
Er holte aus, um sie schlagen. Da aber ergriff Ludwig den Arm.
»Kerybauer, was fällt Dir ein!« sagte er in warnendem Tone.
»Hast etwa Du mich darnach zu fragen?«
»Ja.«
»Du – Du – Du! Mensch, soll ich Dich mit dieser meiner Faust zu Boden schlagen!«
»Das wirst Du unterbleiben lassen.«
»Nein, ich werde es thun!«
Er wollte sich von dem Griffe Ludwigs los machen; aber es gelang ihm nicht.
»Hallunke!« keuchte er.
»Ludwig, Ludwig! Thu dem Vater nichts!« flehte Gisela.
»Hab keine Sorge. Ich will ihn nur verhindern. Dich zu schlagen. Komm her, und stelle Dich hinter mich!«
Sie befolgte diesen Rath, und nun erst, da er die Geliebte in Sicherheit wußte, ließ er den Arm des Bauers los.
Dieser zitterte vor Aufregung am ganzen Körper. Er schnappte förmlich nach Athem.
»So etwas, so etwas muß ich erleben!« keuchte er. »Mir, dem Kerybauer, muß das passiren, daß – – –«
»Was ist denn dort hinten los?« rief es vom Hofe her. »Wer hat dort zu schreien?«
Es war die Stimme des alten Osec.
»Komm her, komm her!« antwortete Kery. »Du sollst sehen, was da los ist.«
Man hörte die nahenden Schritte. Vater und Sohn kamen auf das Eiligste herbei. Sie mochten meinen, daß ein Gartendieb erwischt worden sei.
»Gleich, gleich sind wir dort!« rief der Alte. »Halt ihn nur fest.«
Nun waren sie da. Sie sahen drei Gestalten, von denen ihnen nur die zunächst stehende, der Bauer, kenntlich war.
»Hast Du ihn?« fragte Osec.
»Ja, ich habe ihn!« knirschte Kery. »Aber auch sie dazu.«
»Sie? Sinds zwei?«
»Freilich. Schau sie Dir nur an!«
Die beiden Osecs traten an die Beiden heran, welche jetzt neben einander Händen. Gisela hatte, wie um Schutz zu suchen, Ludwigs Hand ergriffen.
»Donnerwetter!« fluchte der Alte.
»Kreuzmillion!« stimmte der Junge bei.
»Kennt Ihr sie denn?« fragte Kery in einem Tone, in welchem eine gewaltsam verhaltene Wuth klang.
»Die Gisela! Was thut sie hier im Garten?« fragte der ältere Kery.
»Erkundige Dich bei dem Kerl, der da bei ihr ist!«
»Bei dem Ludwig? Der ist hier bei ihr gewesen? Warum – –? Ah, heiliges Pech! Jetzt geht mir ein Licht auf. Das ist wohl gar ein Liebespaar?«
»Hasts errathen!«
»Da schlage der Teufel drein!«
»Der braucht nicht drein zu schlagen. Ich bin der Vater und werde das selbst besorgen. Sie bekommen Beide ihre Hiebe, er und auch sie!«
Ein Anderer hätte unter den obwaltenden Verhältnissen sich wohl schleunigst aus dem Staube gemacht. Ludwig aber war kerzengerade stehen geblieben. Ihm fiel es nicht ein, sich zu entfernen und die Geliebte im Stiche zu lassen. Jetzt antwortete er in muthigem, ernstem Tone:
»Mäßige Dich, Kerybauer! Von Prügeln kann hier keine Rede sein!«
»Hund, mucke nicht noch auf, sonst schlage ich sogleich zu! Hier stehen Zwei, die mir helfen werden!«
»Macht keine Dummheiten! Ich werfe Euch alle Drei aus dem Garten hinaus! Ihr wärt die Kerls, die es mit mir aufnehmen könnten. Und was Gisela betrifft, wenn Du Dich an ihr vergreifst, so hast Du es mit mir zu thun!«
»Du willst drohen!« schrie Kery und trat mit erhobenem Arme auf ihn zu.
Ludwig that nun auch seinerseits einen Schritt vorwärts.
»Zurück!«
Er rief nur dieses eine Wort, aber mit einer solchen Stimme und in solcher Weise, daß der Bauer schleunigst um einige Schritte retirirte.
»Hört Ihr es?« rief der Letztere seinen beiden Verbündeten zu. »Jetzt fängt sogar der Knecht an, zu commandiren!«
»Ich bin Dein Knecht nicht mehr,« erklärte Ludewig. »Ich bleibe nicht hier. Morgen früh ziehe ich ab!«
»Das will ich Dir auch gerathen haben! Ich jage Dich fort und werde Dir das in das Dienstbuch schreiben.«
»Versuchen kannst Du es; Du wirst ja erfahren, ob es Dir gelingt. Von einem Fortjagen ist keine Rede. Ich habe Dir vorher gesagt, daß ich morgen früh gehe. Du bist zu spät gekommen!«
»Deine Rede gilt nichts. Ich bin der Herr!«
»Jetzt nicht mehr. Wir haben nichts mehr mit einander zu schaffen!«
»Aber desto mehr willst Du wohl mit meiner Tochter zu schaffen haben?« »Das kannst Du Dir doch denken!«
»Das schlage Dir aus dem Sinn!«
»Leider kann ich diesen Rath nicht befolgen, denn Gisela wird meine Frau.«
Diese Worte hatten zunächst die Wirkung, daß eine augenblickliche Todtenstille eintrat. Dann aber stieß der Kerybauer ein Gelächter aus, welches gar nicht beschrieben werden kann. Es klang wie das Lachen eines Teufels oder eines Wahnsinnigen.
»Deine Frau!« schrie er.
»Ja, meine Frau.«
»Wann denn?«
»Sehr bald.«
»Schau, schau! Wer richtet denn die Hochzeit aus?«
»Du! Du bist ja der Vater. Du hast das soeben erst gesagt.«
»Ich richte die Hochzeit aus, die ohne meine Einwilligung abgehalten werden soll. Der Kerl ist reif fürs Irrenhaus.«
Die Osecs fielen in sein Hohngelächter, welches gar nicht enden wollte, mit ein.
»Wer spricht denn davon, daß wir Hochzeit ohne Deine Einwilligung halten wollen?« fragte Ludwig.
Das klang so ruhig und sicher, als ob er von etwas ganz Gewöhnlichem und Selbstverständlichem spräche.
»Wollen, wollen!« schrie Kery. »Was Ihr wollt, das geht mich nichts an. Ich, meine Einwilligung geben. Ich, erlauben, daß meine Tochter, mein einziges Kind, einen Knecht heirathet!«
»Warum nicht?« meinte Ludwig ganz freundlich. »Wir haben uns ja lieb.«
»Was geht mich das an. Lieb habt Ihr Euch also. Das habt Ihr Euch wohl gesagt? Und nicht erst heut, sondern bereits seit langer Zeit.«
»Nein. Wir haben uns erst vor wenigen Augenblicken mitgetheilt, daß wir uns lieb haben, und da wird Gisela ganz natürlich meine Frau.«
Die Selbstverständlichkeit, in welcher der Knecht das Alles sagte, steigerte die Erregung des Bauers auf das Doppelte.
»Hund, rede anders von meiner Tochter. Ich rufe sonst die Knechte zusammen, und lasse Dich zum Hofe hinaus peitschen.«
Er brüllte jetzt so, daß es weithin zu hören war. Gisela ergriff voller Angst den Arm des Geliebten mit beiden Händen. Dieser antwortete ganz in seiner bisherigen Weise:
»Schimpfe mich nicht, Bauer. Du kennst mich, und weißt, daß ich das nicht leide. Wir können die Angelegenheit in aller Ruhe besprechen.«
»Hier giebts nichts zu besprechen. Hinausgehauen wirst Du.«
»Mache den Versuch, ob Dir die Knechte da gehorchen werden. Sie würden Dich doch nur auslachen. Uebrigens habe ich Dich bisher für viel klüger gehalten, als Du Dich jetzt zeigst.«
»Ja, Du bist freilich gescheidter. Du willst den Keryhof erheirathen. Gescheidter kann doch kein zweiter Gedanke sein. Mein Knecht will meinen Hof.«
»Wenn es gar so eine Schande ist, daß Du Deine Tochter an der Seite des Knechtes auf der Bank sitzen fandest, warum hängst Du diese Schande an die große Glocke? Warum schreist Du, daß man es im ganzen Dorfe hören kann? Warum rufst Du diese beiden Osecs herbei, die doch davon gar nichts zu hören brauchten. Mit wenigen, leisen Worten wäre die Sache beigelegt gewesen.«
»Beigelegt?« antwortete der Bauer, jetzt allerdings nicht mehr brüllend, sondern in gemäßigtem Tone. Beigelegt soll sie werden, und zwar sogleich. »Gisela, da steht Dein Bräutigam. Geh her zu ihm.«
Er deutete auf den jungen Osec. Gisela blieb stehen. Sie war voller Vertrauen, daß der Schutz Ludwigs ausreichen werde, sie vor Gewaltthätigkeiten zu bewahren.
»Nun, wirds oder nicht!« fügte Kery drohend hinzu, als er sah, daß sein Befehl nicht befolgt wurde.
»Nein, es wird nicht,« antwortete Ludwig an Gisela's Stelle. »Der Osec ist noch gar nicht ihr Bräutigam; er wird es auch niemals werden; er wird sie nicht bekommen, und wenn er sich auf den Kopf stellen sollte.«
»Oho!« riefen die Beiden.
»Ja, ich habe es gesagt, der Knecht Ludwig Held, und das ist genug. Uebrigens habt Ihr Beide hier gar nichts drein zu reden. Ich und der Bauer sind, es, die es mit einander zu thun haben. Und wir Beide werden schon noch einig werden.«
»Ich mit Dir? Nichtsnutz!« entgegnete der Bauer. »Im ganzen Leben nicht.«
»Vielleicht sehr bald. Machen wir der Sache ein Ende. Der Zank und Streit kann zu gar nichts führen. Gisela ist meine Geliebte, und ich gebe sie nicht her. Sie wird keinen Andern heirathen als nur mich. Das merkt Euch. Uebrigens habe ich gar nicht die Absicht, schon jetzt Ansprüche zu erheben oder um das Jawort zu bitten, denn – – –«
»Du würdest es sogleich erhalten!« lachte Kery.
»Nein,« antwortete Ludwig in aller Ruhe. »Ich weiß zur Genüge: Du würdest mich abweisen – – –«
»Natürlich! Und wie!«
»Bald aber wirst Du anderer Gesinnung sein – – –«
»Im Leben nicht!« entgegnete, ihn unterbrechend, der Bauer.
»Das meinst Du jetzt; ich aber weiß ganz sicher, daß es anders wird. Darum will ich jetzt still sein und mich entfernen. Morgen in der Frühe ziehe ich ab.«
»Und lässest Dich niemals wieder hier bei mir sehen!«
»Du wirst noch froh sein, wenn ich zu Dir komme. Also morgen früh ziehe, ich ab. Wenn ich aber erfahren sollte, daß Gisela gezwungen werden soll, den Osec zu nehmen, oder wenn mir nur zu Ohren kommt, daß sie wegen des heutigen Tages von ihrem Vater schlecht behandelt wird, so bekommt er es mit mir zu thun.«
»So? Wie willst das anfangen?«
»Ich nehme sie weg von Dir.«
»Donnerwetter! Bist Du etwa ein Fürst oder Graf, daß Du in einem solchen Tone mit mir redest.«
»Nein, ich bin ein armer Knecht, aber ein Ehrenmann. Es kann mir kein Mensch etwas Unehrliches nachweisen. Ich aber kann beim Gerichte verlangen, daß man meine Geliebte aus einem Hause nimmt, in welchem Schmuggler und Spitzbuben verkehren.«
»Hört Ihrs? Hört Ihrs? fragte Kery, zu den Osecs gewendet. »Ihr verkehrt doch auch hier. Also seid Ihr auch Spitzbuben!«
»Ja, das sind sie.«
»Himmeldonnerwetter!« brauste jetzt der alte Osec auf. »Muß ich mir das etwa gefallen lassen?«
»Ja, das mußt Du Dir gefallen lassen, denn ich kann es beweisen.«
»Beweise es.«
»Wünsche nicht, daß ich es thun muß. Ich würde es nicht hier beweisen, sondern auf dem Gericht.«
»Verfluchter Kerl! Was weißt Du von uns?«
»Genug, um Euch hinter Schloß und Riegel zu bringen, wo es weder Verlobung noch Hochzeit giebt. Jetzt habe ich Euch gesagt, was ich auf dem Herzen hatte, und nun gehe ich zu Bette. Ich wünsche, daß Ihr alle so gut schlafen mögt wie ich.«
Er wendete sich zum Gehen. Da er die Hand Gisela's noch fest hielt, mußte sie mit ihm gehen.
»Halt!« gebot ihr Vater. »Gisela bleibt da bei uns.«
»Nein, sondern ich führe sie hinein,« erklärte Ludwig. »Die Osecs brauchen sie nicht.«
Sein festes, selbstbewußtes, siegessichres Auftreten und dann der Umstand, daß die Andern glaubten, er wisse viel, viel mehr als er eigentlich von ihnen wußte, waren die Gründe, weshalb die Beiden ungehindert mit einander den Garten verlassen konnten.
»Habt Ihrs gehört!« knirschte Kery.
»Grad so wie Du,« antwortete Osec der Vater. »Ich begreife Dich nicht.«
»Wieso? Warum?«
»Diesen Menschen hätte ich sofort hinauswerfen lassen.«
»Du? Schneide nicht auf. Dich kenne ich. Du wärst noch stiller und nachgiebiger gewesen als ich.«
»Da irrst Du Dich gewaltig.«
»Gewißlich nicht. Willst Du Dich ins Gefängniß stecken lassen?«
»Weiß er denn gar so viel von uns?«
»Ich habe gar keine Ahnung, wie weit er über unsere Heimlichkeiten unterrichtet ist. Vielleicht weiß er gar nichts und thut nur so, als ob er Alles erfahren habe. Klüger^ aber ist es, ihn nicht zu reizen.«
»Nein, klüger wäre es, ihn auf- und davon zu jagen.«
»Unsinn. Morgen früh geht er fort, und dann sind wir Hahn im Korbe.«
»So paß nur auf, daß er uns nicht etwa heut noch Schaden machen kann. Uebrigens, wie steht es mit der Gisela? Das mit dem Kloster war doch nur Verstellung von ihr?«
»Wie ich jetzt einsehe, ja.«
»Und wer soll sie bekommen?«
»Dein Sohn natürlich. Oder meinst Du, daß ich sie dem Knechte gebe?«
»Hm! Darüber können wir noch reden. Jetzt spannen wir ein, damit der Junge endlich fortkommt. Er muß um Zwölf wieder hier sein.«
»Und ich will hinein und dafür sorgen, daß meine Frau erfährt, was geschehen ist. Dann schicke ich die Weibsbilder ins Bett. Wir brauchen keine Zeugen.«
Er trat, während die Osecs sich wieder in den Pferdestall begaben, das Haus. Im Flur traf er auf Gisela.
»Wo ist der Kerl?« fragte er sie.
»Welcher Kerl?«
»Dein schöner Liebster!«
»Zu Bett.«
»Ists wahr?«
»Geh hinauf, und sieh nach!«
»Das werde ich auch wirklich thun.«
Er ging nach der Kammer des Knechtes und machte die Thür auf, welche noch nicht verschlossen war. Es brannte ein Licht. Beim Scheine desselben war Ludwigs Mutter zu sehen, welche im Bette lag. Er selbst hatte sich bis auf die Hose ausgezogen und lag auf einer Holzbank, beschäftigt, sich mit einem alten Mantel zuzudecken.
»Was giebts?« fragte er.
»Ich wollte nur sehen, ob Alles in Ordnung ist. Wenn man Leute im Hause hat, welche nicht herein gehören, kann man nicht vorsichtig genug sein.«
Das war natürlich eine ganz infame Beleidigung, dennoch antwortete Ludwig freundlich lachend:
»Hast Recht. Schau zu, daßt morgen Alles noch hast, was heut Abend Dein Eigen ist.«
Jetzt war der Bauer überzeugt, daß der Knecht wirklich schlafen gegangen und nun nicht mehr zu fürchten war. Er begab sich hinab zu seiner Frau, bei welcher er Gisela fand.
Diese Letztere war Hand in Hand und schweigend mit Ludwig aus dem Garten nach dem Wohnhause gegangen. Dort angekommen, fragte das Mädchen:
»Gehst Du wirklich morgen früh nun fort?«
»Ja. Fürchtest Du Dich ohne mich?«
»Nein. Jetzt habe ich keine Angst und Sorge mehr. Ich verlasse mich auf Dich. Was Du thust, das ist gut.«
»So ists recht! Ich werde über Dich wachen. Gehorche Deinem Vater, wo Du ihm Gehorsam schuldig bist; aber dulde keine schlechte Behandlung von. ihm. Geschieht irgend Etwas, was ich wissen muß, so sende das Schreiben an meine Mutter. Nicht wahr, Du schließest die Küchenthür zu, wenn Du schlafen gehst?«
»Ja.«
»Den Schlüssel nimmst Du mit?«
»Ja; ich muß ihn bei mir haben, weil ich früh wieder am ehesten munter bin.«
»Nimm ihn heut nicht mit in Deine Kammer, sondern lege ihn mir unter die unterste Treppenstufe.«
»Warum?«
»Ich kann vielleicht die Osecs belauschen, wenn sie in der Stube sitzen. Wenn es mir gelingt, leise die Küche aufzuschließen und mich drin zu verstecken, so kann ich großen Vortheil davon haben.«
»Gut, ich werde Dir den Schlüssel hinlegen.«
»Jedenfalls wird Dich Dein Vater in Gegenwart Deiner Mutter ins Gebet nehmen wollen. Wie wirst Du Dich da verhalten?«
»Ganz so, wie Du zu ihm gewesen bist, ruhig, ohne zu zanken, aber fest bei meinem Vorsatze bleibend.«
»Ja, das ist das Beste. Lebe wohl, meine liebe, liebe Gisela.«
»Lebe wohl, mein guter Ludwig.«
Sie umarmten und küßten sich. Gisela ging in die Küche und Ludwig nach seiner Kammer. Dort angekommen, sollte er seiner Mutter, welche vom Garten her die lauten Stimmen vernommen, sagen, was dort geschehen sei.
»Jetzt nicht,« antwortete er. »Wir wollen still sei». Ich habe nämlich eine Ahnung, daß der Bauer heraufkommen wird, um sich zu überzeugen, daß ich auch wirklich schlafen gegangen bin. Da muß ich rasch machen.«
Er zog sich aus und legte sich auf die Bank, da er seiner Mutter das Bett überlassen hatte. Eben hatte er den Mantel ergriffen, mit welchem er sich zudecken wollte, da erschien der Bauer und verhielt sich in der bereits beschriebenen Weise.
Kaum aber war Kery fort, so stand Ludwig wieder auf und zog sich wieder an.
»Ich muß hinab,« sagte er. »Lösch das Licht aus, wenn ich hinaus bin, und riegle von innen zu, damit Niemand nachsehen kann, ob ich fort bin. Wenn Jemand klopft, fragst Du nach dem Namen. Nur mich lassest Du herein.«
Er ging.
Draußen blieb er horchend stehen. Er hörte die laute, scheltende Stimme des Bauern und huschte an der Thür, hinter welcher dieser sich mit Frau und Tochter befand, vorüber. Es gelang ihm, ganz unbemerkt hinunter in den Hof zu gelangen.
Dort befand sich über einem offenen Holzschuppen der wohl gefüllte Heuboden, auf welchem die beiden Slowaken schlafen wollten. Jetzt waren sie noch nicht da. Um später gleich zu wissen, ob sie indessen gekommen seien, schlüpfte Ludwig in den Schuppen.
Dort war es stockdunkel, aber er kannte jeden Schrittbreit des Raumes. Hinten im Winkel führte eine Holztreppe hinauf nach dem Heuboden. Eine Thür gab es gar nicht. Es war Alles offen.
Ludwig zog einen Bindfaden aus der Tasche und legte ihn, lang ausgedehnt, so über mehrere der Treppenstufen, daß kein Mensch die Treppe passiren konnte, ohne die Schnur mit den Füßen aus ihrer jetzigen Lage zu bringen. Sodann trat er wieder in den Hof hinaus.
Er sah, daß Licht in dem Pferdestalle brannte. Die Thür desselben stand halb offen. Er schlich sich näher und huschte an eines der kleinen Fenster des Stalles. Er konnte nicht nur hineinblicken, sondern das Glück war ihm so günstig, daß eins der Pferde, welche den Osecs gehörten, grad an diesem Fenster postirt worden war. Der junge Osec war beschäftigt, dem Thiere das Kummet anzustecken. Sein Vater lehnte, wie es schien, neben dem Pferde an der Wand. Sie glaubten sich allein und unbeobachtet. Darum sprachen sie ziemlich laut. Da das Fenster offen stand, hörte Ludwig, was gesprochen wurde.
»Ich möchte sie nun nicht,« sagte soeben der Vater.
»Das kannst Du leicht sagen. Du bist aber noch einmal so alt wie ich.«
»Bist Du denn gar so vernarrt in sie?«
»Vernarrt? Nein. Es ist etwas Anderes als das, was man unter vernarrt versteht, aber so was Aehnliches ist es doch.«
»Hm! Eine Hübsche ist sie; das ist wahr. Wäre ich noch jung, so wüßte ich nicht, was ich machte. Ich glaube, ich verliebte mich auch in sie.«
»Da hast Du es! Und von mir verlangst Du, daß ich sie aufgeben soll.«
»Aus gutem Grunde!«
»Es giebt keinen Grund.«
»So! Daß sie Dich nicht haben mag, ist wohl keiner?«
»Ich kehre mich nicht daran.«
»Ja, wenn sie keinen Kerl hätte, da wäre doch was zu machen. Nun aber kommts heraus, daß sie sich in diesen verdammten Spion verliebt hat. Da ist nun alle Hoffnung vergeblich.«
»Der Alte wird sie schon noch herum zu kriegen wissen.«
»Das glaube ich schwerlich. Ja, wenn dieser Ludwig nicht hinter unsere Schliche gekommen wäre.«
»Fürchtest Du ihn?«
»Ganz natürlich! Wenn er uns verräth, so find wir des Teufels. Das weiß der Kerl ganz genau, darum tritt er in dieser Weise gegen uns auf, und aus ganz demselben Grunde wird es ihm gelingen, die Gisela von Dir frei zu bringen.«
»So schlage ich ihn todt!«
»Meinswegen! Gehe aber von hinten auf ihn und ja nicht von vorn! Der Kerl hat Kräfte wie ein Bär oder ein Ochse.«
»O, so was läßt sich ganz aus der Ferne machen. Und wenn der Kery sich von ihm beschwatzen läßt, so bekommt auch er es mit mir zu thun. Uebrigens bin ich zwar der Tochter gut, den Alten aber kann ich nicht gar so sehr gut leiden.«
»Es geht mir ebenso. Aber Geschäft ist Geschäft. Wir saugen ihn aus. Der gute Mann hat höchstens noch fünfzehntausend Gulden. Um diese beschummeln wir ihn heut. Dann ist er ein Bettler und muß aus dem Haus trotz des großen Maules, welches er stets hat.«
»Eigentlich kann er mir leid thun.«
»Unsinn! Ich glaube gar. Du willst Dir ein Gemüth anschaffen. Das ist das Allerdümmste, was man haben kann.«
»Er ist ehrlich mit uns.«
»Abermals Unsinn! Was Du Ehrlichkeit nennst, das ist nichts als Dummheit. Wäre die Verlobung zu stande gekommen, so hätte ich gewartet, ehe ich ihm den Strick um den Hals zuziehe. Da er sich aber von der Gisela hat verleiten lassen, ihr einen Aufschub zu geben, so ist ab. Wir zwingen ihn.«
»So kann ich allerdings mich sputen, sonst bringen unsere Kerls die echten Packete anstatt der falschen.«
»In einer halben Stunde bist Du dort. Es ist noch reichlich Zeit,«
»Aber wenn er es merkt?«
»Fällt ihm nicht ein. Er hat in letzter Zeit niemals ein Packet geöffnet.«
»Heut aber könnte er es doch thun, weil es sich um eine solche Summe handelt.«
»Laß mich nur sorgen. Ich werde ihn so beschäftigen, daß er gar nicht Zeit findet, eines aufzumachen.«
»So kann er morgen auf diesen Gedanken kommen.«
»Auch nicht. Am Tage geht das nicht, sonst würde sein Gesinde merken, was es mit dem alten Backofen für eine Bewandtniß hat. Und nach Anbruch der Dunkelheit werden die Waaren bereits abgeholt.«
»Wollen wünschen, daß es glückt. Wir machen ein famoses Geschäft dabei. Er bekommt Lumpen und altes Papier, während wir die theuren Spitzen und Seidenstoffe für uns behalten. Dafür giebt er einen Wechsel über fünfzehntausend Gulden! Hahaha!«
»Der Kaufmann drüben, jenseits der Grenze, wird sich wundern, wenn er alte Lumpen und Makulaturpapier bekommt, während ihm solche Kostbarkeiten avisirt sind. Na, Kery trägt die Kosten. Wir liefern ihm scheinbar gute Waare. Liefert er Lumpen ab, so ist der Tausch in seinem Hause vorgefallen, und er hat den Schaden zu tragen. So, jetzt bist Du fertig. Wollen anspannen.«
Ludwig hatte grad noch Zeit, unter einen Baum zu schlüpfen. Da kamen die Beiden heraus. Jeder ein Pferd führend. Die Thiere wurden vor den Wagen befestigt; der junge Osec stieg auf und fuhr davon; der Alte begab sich in das Haus zurück, um den Kerybauer aufzusuchen und bei ihm die Rückkunft seines Sohnes abzuwarten.
Als er oben in die Stube trat, war der Bauer mit seiner Tochter noch gar nicht etwa im Reinen.
»Also den Osec willst Du nicht?«
»Auf keinen Fall,« antwortete sie, trotzdem der Vater des Genannten so eben in die Stube kam und also ihre Antwort hörte.
»So enterbe ich Dich!«
»Das schadet nichts. Ich kann arbeiten.«
»Und jage Dich gleich morgen schon aus dem Hause!«
»Das ist mir lieb. So gehe ich mit dem Ludwig fort. Wir heirathen und werden schon ein Unterkommen finden.«
Der Bauer stampfte zornig mit dem Fuße.
»Mädchen, nimm Dich in Acht. Bis jetzt habe in lauter Liebe mit Dir gesprochen. Ich kann aber auch einen andern Ton anschlagen. Du kennst mich noch nicht!«
»Wenn das Liebe ist, was ich bis jetzt von Dir gehört habe, so möchte ich Dich einmal zornig sehen.«
»Spottest Du etwa?«
»Fällt mir nicht ein.«
Er wendete sich rathlos zu seiner Frau. Ja, er war fürchterlich zornig: aber größer noch als sein Zorn war sein Erstaunen über die Umwandlung, welche so ganz plötzlich mit seiner Tochter vorgegangen war.
»Sage mir nur, was mit dem Mädchen ist!« rief er aus.
»Weiß ichs? Ich kanns nicht sagen,« antwortete die Bäuerin.
Sie hätte am Liebsten weinen mögen, aber sie wußte, daß ihr Mann keine Thränen sehen konnte. Er wurde durch dieselben nur noch zorniger gemacht.
»Sie ist ja ganz und gar umgewandelt!«
»Ich bin nicht schuld daran!«
»Etwa ich?«
»Zankt Euch nicht,« fiel Osec ein, indem er sich niedersetzte und zum Weinglase griff, welches noch gefüllt auf seinem Platze stand. »Ich weiß, wer schuld ist.«
»Nun, wer?«
»Dieser außerordentlich gute und treue Ludwig, den Du immer für ein Muster von einem Knechte gehalten hast.«
»Ja, sie hat sich in ihn vergafft.«
»Und das hätte sie nicht gethan, wenn er ihr nicht den Kopf verdreht hätte. Wer weiß, was Alles da geschehen ist.«
»Ich soll nur etwas Derartiges erfahren.«
»Erst war die Gisela wie ein kleines Kind. Sie ist Euch gehorsam und unterthänig gewesen und hat niemals einen Widerspruch gehabt. Das hat mir so gut gefallen, daß ich mich wirklich gefreut habe, sie einmal meine Schwiegertochter heißen zu können. Und nun? Wie ists geworden? Heut kommen wir zur Verlobung, und wir müssen mit langen Nasen abziehen. Das hat man noch nie erlebt.«
»Denkst Du, ich sehe das gern!« grollte Kery.
»Zum Donnerwetter, so leide es doch nicht!«
»Was soll ich machen?«
»Dreinschlagen, mit allen Fäusten dreinschlagen. Ich sollte an Deiner Stelle sein. Da sollten die Fetzen fliegen.«
»Es handelt sich doch nur um einen kurzen Aufschub!«
»Laß Dir nichts weiß machen. Das kenne ich besser. Aus diesem kurzen Aufschub wird ein langer, und endlich wird aus der ganzen Sache nichts. Hast Du das denn nicht schon bemerkt? Erst hatte sie keinen Geliebten und wollte in das Kloster. Jetzt will sie nicht in's Kloster, weil sie einen Geliebten hat. Und diese Geschichte ist bereits so weit gediehen, daß der Ludwig es wagt, Dir Gesetze vorzuschreiben und auch uns zu drohen.«
Bisher war Gisela zur Rede Osecs still gewesen; nun aber fiel sie ein:
»Er wird wohl auch Ursache dazu haben!«
»Meinst Du?« lachte er höhnisch.
»Ja.«
»Hat er es Dir gesagt?«
»Nein. Er ist keine Klatschbase.«
»Pah! Er weiß nichts und spricht nur so, um uns zu ärgern.«
»Dazu hat er den Character nicht. Was dera Ludwig sagt, das ist wahr. Und wenn er von Schmugglern und Paschern redet, so kann er jedenfalls seine Worte beweisen.«
»Er mag es versuchen. Uebrigens werde ich ihn wegen Beleidigung verklagen, und es soll ihm schwer werden, sich heraus zu beißen.«
»Das wird ihm keine große Mühe machen. Und selbst wenn es ihm schwer fiele, würde ich ihm dabei behilflich sein.«
»Alle Teufel! Was fällt Dir ein! Willst Du ihm etwa Recht geben mit seinen Schmugglern?«
»Ja.«
»Willst Du damit sagen, daß Du auch so Etwas weißt?«
»Ja, das will ich.«
Seine Augen waren mit scharfem, stechendem Blicke auf sie gerichtet.
»Nun, was weißt Du denn?« fragte er.
»Das brauche ich nicht zu sagen.«
»Oho! Weil Du nichts weißt.«
»Nichts? Ist das nichts, was da hinten am alten Backofen geschieht?«
»Donnerwetter! Sollte man es denken! Am alten Backofen! Was geschieht denn dort?«
»Das wißt Ihr ebenso gut wie ich.«
»Hm, hm! Sonderbar, sonderbar! Jetzt nun weiß ich, woher der Ludwig seine Klugheit hat. Von Der da, von der Gisela! Die ists, die ihm ihre Träumereien für Wahrheiten aufgebunden hat. Jetzt bist Du nun klar über Das, was der Ludwig Dir anhaben kann, alter Kery. Ist das nicht lächerlich?«
Dem Kerybauer war es keineswegs lächerlich. Er stieg mit langen Schritten im Zimmer auf und ab. Er preßte die Lippen zusammen; er biß die Zähne auf einander. Es kämpften verschiedene Gefühle in seinem Innern gegen einander.
Er hatte seine Tochter lieb. Das fühlte er recht deutlich, heut, wo sie durch ihr Auftreten bewies, daß sie wirklich seine Tochter sei! Die Ansichten, welche er vom Leben hatte, waren beschränkt. Geld, Geld und immer wieder Geld, weiter war nichts zum Glücke eines Menschen erforderlich.
»Bist Du denn dem Ludwig gar so gut?« fragte er sie.
»Von ganzem Herzen, Vater,« antwortete sie offen.
»Aber er ist ein Lump!«
»Wen nennst Du einen Lump?«
»Wer nichts hat.«
»So ist er keiner.«
»Ach! Was hat er denn?«
»Gesundheit, Verstand, Fleiß, ein gutes Herz, eine reine Ehre und – mich. Ist das nicht genug, Vater?«
»Dummheiten sinds, die Du da vorbringst!«
»Ich halte es für keine Dummheiten.«
»Hat er denn Geld?«
»Nein.«
»So hat er eben nichts, gar nichts. Schau Dir dagegen den Osec an. Der ist reich, steinreich. Der kann Dir jeden Wunsch am Auge ablesen.«
»Nein, Vater, das kann er nicht.«
»Mache Dich nicht lächerlich!«
»Für die Wünsche, die ich habe, hätte der Osec gar kein Verständniß. Meine besten Herzenswünsche können nicht mit Geld erfüllt werden. Nimm dem Osec sein Geld, was bleibt dann noch übrig?«
Er war frappirt von dieser Frage.
»Sein Geld kann man ihm nicht nehmen,« antwortete er, so indirect zugebend, daß gar nichts übrig bliebe.
»So? Wie viele Millionen hat er denn?«
»Dummheit! Wer spricht von Millionen!«
»Ich! Es ist gar mancher Millionär schon ein Bettler geworden. Osec hat ein paar Tausende. Was ist das? Wird er arm, so bleibt nur der Haß und die Verachtung. Ludwig ist arm; er kann wohlhabend werden. Was für ein anderer Mann würde er dann sein als Osec!«
Kery war keineswegs gegen Verstandesgründe verschlossen. Er mußte im Stillen seiner Tochter Recht geben, ließ sich dies aber nicht merken. Da trat sie ganz an ihn heran und fragte:
»Sage mir einmal, Vater, wenn Ludwig grad eben so reich wäre wie Osec, welcher von Beiden wäre Dir als Schwiegersohn lieber.«
Er zog die Brauen finster zusammen. Er fühlte sich überwunden, glänzend besiegt. Aber er machte es wie die Franzosen, welche stets Sieger sind. Wenn sie eine Schlacht verlieren, so telegraphiren sie einen großen Sieg nach Paris. So machte es auch der Kerybauer. Er antwortete:
»Frag nach gescheidteren Sachen. Natürlich wäre mir der Osec zehnmal lieber.«
»Das ist nicht wahr.«
»Oho!«
»Nein. So dumm bist Du nicht. Und wenn ich so dumm wäre, so könntest Du wohl nicht stolz auf mich sein.«
Der alte Osec sah gar wohl, daß die Worte und Vorstellungen der Tochter nicht ganz ohne Eindruck auf den Vater blieben. Dem mußte er entgegenarbeiten. Darum trank er sein Glas aus, stand auf und sagte:
»Ich begreife Euch nicht, Ihr Leute. Ich werde auf das Heftigste beleidigt, indem ich dabeisitze. Anderswo macht man wenigstens erst dann die Leute schlecht, wenn sie abwesend sind. Ich bin gar nicht etwa hergekommen, um so Etwas anzuhören. Ich kann ja gehen. Es giebt noch Orte, an denen man froh ist, wenn ich komme.«
Er griff nach seinem Hute.
»Was fällt Dir ein!« rief Kery, ihm den Hut schnell wieder aus der Hand nehmend.
»Was mir einfällt? Giebst auch Du mir etwa Unrecht?«
»Nein, ganz und gar nicht.«
»Warum duldest Du es dann, daß man mich in dieser Weise beleidigt?«
»Das darf Dich nicht beleidigen.«
»Donnerwetter! Wenn man meinen Sohn schlecht macht, in dieser Weise von ihm redet, ihn mit einem Knecht vergleicht, der besser sein soll, als er – ist das etwa nicht beleidigend für mich?«
»So streng darfst Du es nicht nehmen. Du weißt ja, wie die Frauen sind.«
»Ja, das weiß ich; sie haben lange Haare und kurzen Verstand. Man darf sie nur nicht zu üppig werden lassen. Meine Frau muß in Gegenwart Anderer stets still sein. Wenn Du Deinem Mädchen aber erlaubst, in meiner Gegenwart zu reden, wie es ihr gefällt, nun so kann ich mich nur dadurch vor ihren Ungereimtheiten retten, daß ich mich entferne.«
Er drängte, trotzdem er den Hut nicht mehr in der Hand hatte, nach der Thür zu. Kery warf Gisela einen zornigen Blick zu und rief:
»Das hat man davon, wenn man ein zu guter und nachsichtiger Vater ist. Da werden Einem die besten Freunde entfremdet. Räumt hier und unten auf, und scheert Euch nachher in's Bette! Ich habe den Aerger satt. Komm, Osec, wir gehen hinab in die Niederstube.«
Indessen war Ludwig, als der junge Osec fortgefahren war, nach dem Holzschuppen zurückgekehrt. Er fand dort auf den Stufen seine Schnur noch ganz genau so, wie er sie hingelegt hatte. Das war das sichere Zeichen, daß die beiden Slowaken noch nicht angekommen waren. Er steckte also die Schnur wieder ein und stieg die Treppe empor.
Ein starker Duft drang ihm entgegen. Das Heu war bis hoch an das Dach aufgespeichert. Da er täglich einige Male hier, oben war, fand er leicht eine Stelle, an welcher er im Dunkeln nicht bemerkt werden konnte und von welcher aus es ihm möglich war, ohne Geräusch den Rückzug anzutreten. Dort legte er sich nieder.
Es war bereits über elf Uhr geworden, und die Slowaken mußten also bald eintreffen, wenn sie überhaupt eintreffen wollten. Und richtig, er lag noch kaum fünf Minuten, so hörte er Schritte, welche aus dem Hofe unten in den Schuppen traten. Dann polterten schwere Stiefel stolpernd die Treppe herauf.
»Donnerwetter, mach doch leise!« sagte eine unterdrückte aber doch deutlich hörbare Stimme.
»Ich trete, trete doch leise auf!« stammelte der Andere, dem man es anhörte, daß er betrunken war.
»Das bemerke ich nicht. Es darf doch hier Niemand missen, daß wir da sind. Leise, leise, viel leiser!«
Der Betrunkene war von einer Stufe abgerutscht.
»Ich bin – bin ja leise,« sagte er. »Es war hier eine Stufe – Stufe zu viel.«
»Du hast eine zu viel im Kopfe. Na, bist Du oben?«
Der Betrunkene stieg nämlich voran.
»Ja, ich bin – bin oben. O, Donner – donnerwetter!«
Er hatte nämlich geglaubt, bereits oben zu sein, sich aber geirrt. Es gab noch eine Stufe zu ersteigen. Er wollte aber gradaus gehen und stürzte in Folge dessen zum Eingange herein.
»Sapperment! Was war es denn?« fragte der Andere.
»Wieder eine – eine Stufe zu viel!«
»Wie viele sind denn zu viel? Wo bist Du? Ich fühle Dich doch gar nicht!«
»Hier bin ich, hier. Im Schnee – Schnee sitze ich da.«
»Schnee! Sollte man so etwas denken! Hält er das Heu für Schnee! Nein, so besoffen ist er noch nie gewesen. Wo sitzest Du denn eigentlich?«
»Hier, hier, rechts von Dir – Dir!«
Der Andere bückte sich und griff nach ihm.
»Das ist doch nicht rechts, sondern links. Und Du sitzest ja gar nicht.«
»Ich sitze – sitze fest.«
»Nein. Du liegst auf dem Bauche und streckst alle Viere kerzengerade von Dir. Steh auf. Hier am Eingange können wir nicht bleiben. Wir müssen weiter nach hinten.«
»Hinten? Ich bleib – bleib hier! Hier ists fein – fein.«
»Unsinn! Wenn zufällig ein Knecht kommt, der zu Tanze gewesen ist und hier schlafen will, weil er nicht mehr in's Haus kann, so erwischt er Dich.«
»Nein, sondern ich ihn – ihn!«
»Rede nicht, sondern komm!«
»Ich bleib!«
»So setze Dich wenigstens aufrecht.«
»Ich sitz – sitz ja schon!« behauptete er, obgleich er noch genau so wie vorher auf dem Bauche lag.
Sein Kamerad sah, daß heut mit ihm nichts zu machen sei, und ließ ihn liegen. Es wurde nicht gesprochen. Ludwig hatte bemerkt, daß sie ihre Blechwaaren nicht bei sich hatten. Wo mochten dieselben versteckt worden sein?
Nach einiger Zeit begann der Betrunkene zu röcheln und zu schnarchen.
»Himmeldonnerwetter!« fluchte der Andere. »Der Kerl schnarcht, daß man es drei Stunden weit hört! Wenn ich ihn nicht wecke, kommt das ganze Gesinde gelaufen. Usko! Usko!«
»Wa-a-as?« brummte der Slowak.
»Schnarche nicht so!«
»Ich? Ich schna-narche nicht!«
»Freilich schnarchst Du! Und wie!«
»Nein, ich bin es nicht – nicht!«
»Wer denn?«
»Usko ists. Usko schna-narcht.«
»Na, der Usko bist doch eben Du!«
»Nein. Ich bin Bar-Barko, der Zigeuner.«
Der Andere, Zerno geheißen, ließ ein leises Pfeifen hören, ganz wie Einer, welcher in der Ueberraschung die Lippen spitzt und den bekannten Pfiff ausstößt.
»Barko also bist Du?« fragte er.
»Ja. Barko schna-na-narcht niemals.«
»Dein Bruder ist Jeschko?«
»Jeschko ist mein Bru-ru-ruder. Der schna-na-narcht auch.«
Wieder war es eine kleine Weile still. Ludwig wußte nicht, wer Barko war. Er wußte nur von heut Mittag her, wo er sie in der Zigelei belauscht hatte, daß Jeschko, der Zigeuner, als Tausendkünstler nach Hohenwald gekommen sei und in irgend einer Beziehung zu dem Silberbauer und dem Thalmüller stehen müsse. Dennoch aber hatte er das Gefühl, daß das Gespräch, welches er jetzt hörte, von größter Wichtigkeit sei, wenn auch nicht für ihn, so doch für Andre. Er war daher außerordentlich gespannt auf den Fortgang desselben.
Wieder begann der Betrunkene zu schnarchen. Es klang, als ob eine starke Säge auf einen Spahn stößt.
»Usko! Usko!« rief der Andre.
Er erhielt keine Antwort; darum wendete er den anderen Namen an:
»Barko! Hörst Du mich?«
»Ja – ja,« grunzte der Gefragte. »Bist Du es – Du, Jeschko?«
»Ja,« log der Andere, welcher sicherlich auch sehr begierig war, das Geheimniß seines Gefährten zu erhorchen.
»Wo ist das Kind – Kind?«
»Ich weiß es nicht.«
»Deine Frau – Frau hat mir es wieder gestoh-stoh-stohlen.«
»Das ist nicht wahr. Meiner Frau fällt es gar nicht ein, ein Kind zu stehlen!«
»Ich ha-ha-hab es gesehen – sehen!«
Beim Sprechen überkam ihm, wie es bei Betrunkenen oft der Fall zu sein pflegt, der Schlucken. Darum wiederholte er oft ein Wort seiner Rede.
»Wann denn?« fragte Zerno.
»Ge-ge-gestern.«
Es war klar, daß er sich in seinem Rausche über viele Jahre hinweg in seine Vergangenheit zurückversetzt glaubte.
Er sprach nicht weiter, und auch der Andre schwieg. Dieser Letztere mochte sich überlegen, wie er weiter zu fragen habe. Da aber begann Usko selbst:
»Hast Du – Du die Messer mit?«
»Ja.«
»Auch die Fli-li-linte?«
»Auch diese.«
»Gut. Es gilt dem Lu-lu-ludwig. Er ist rei-rei-reich, steinreich.«
Der Knecht wäre beinahe erschrocken. Es war von Messern und einer Flinte die Rede, und er hieß ja Ludwig. Doch konnte ja von ihm gar nicht die Rede sein, da die Beiden von seiner Anwesenheit nichts wußten.
Aber nun war es die Frage, wer dieser Ludwig sei, dem es gelten sollte. War von einem Ueberfalle, von einem Morde die Rede? War ganz derselbe gemeint, von welchem sie bereits in der Ziegelhütte gesprochen hatten.
»Rede nicht davon!« sagte Zerno. »Lieber von etwas Anderem!«
Der Betrunkene verstand ihn falsch, denn er antwortete:
»Der An-Andere? Das ist der Thalmü-mü-müller. Er hat den Fe-fe-fex.«
»Fex? Der Thalmüller hat den Fex? Was ist das, der Fex? Eine Krankheit?«
»Nein, sondern der junge Ba-baron.«
»Du träumst wohl!«
»Träumen? Nein. Gieb mir Schna-naps!«
»Ja, ja, der fehlt Dir gerade noch. Der Verstand ist Dir schon zum Teufel gegangen.«
»Teu-teu-teufel! Ja, der Teufel hat ihn geho-ho-holt!«
»Wen?«
»Den Ba-barko.«
»Der bist doch Du.«
»Ni-ni-nicht mehr. Jetzt heiße ich Usko – Usko!«
»Ach so! Still! Ich höre Etwas.«
Es hatte sich unten ein Geräusch vernehmen lassen. Leise Schritte kamen die Treppe herauf.
»Usko!« erklang die Stimme des Kerybauers.
»Der kann nicht antworten,« sagte Zerno.
»Ach Du, Zerno. Was ist denn mit ihm?«
»Besoffen ist er wie ein Thier.«
»Donnerwetter! Kann er nicht damit warten, bis er Zeit dazu hat?«
»Ich habe ihn gewarnt.«
»Die Waare wird gleich kommen. Weil Usko nicht kann, wirst Du doppelt zugreifen müssen.«
»Ist weiter Niemand hier?«
»Nein. Die anderen Träger sind erst für morgen Abend bestimmt.«
»Ists schon ausgemacht, wie Alles wird?«
»Es mußte Einiges geändert werden. Ich erkläre Euch alles morgen früh. Es geht diesmal über den Föhrenbusch.«
»Ist das nicht zu gefährlich?«
»Nein. Warum sollte es gefährlich sein?«
»Weil in neuerer Zeit dort Holz geschlagen worden ist. Das steht nun in Klaftern, und man kann leicht gesehen werden.«
»Da bin ich ganz anderer Meinung. Grad die Holzstöße sind von großem Vortheile. Man kann sich hinter denselben besser verbergen, als hinter einem dünnen Baume. Es ist verteufelt ärgerlich, daß der Usko betrunken ist. Ich hatte einen Auftrag für ihn.«
»Kann ich ihn nicht übernehmen?«
»Auch. Kennst Du meine Knechte alle?«
»Alle, am Besten aber den Oberknecht.«
»Das ist der Ludwig. Ihn betrifft dieser Auftrag. Triffst Du ihn öfters?«
»Nur ganz wenig.«
»Seid Ihr etwa Freunde?«
»Ganz das Gegentheil.«
»Das ist mir lieb, denn die Sache ist nicht sehr vorteilhaft für ihn. Ich habe ihn nämlich fortgejagt.«
»Sapperment! Warum?«
»Weil er mich bestohlen und betrogen hat.«
»Der? Dieser scheinheilige Spitzbube. Da hat man es: Diejenigen, welche die ehrlichsten Gesichter schneiden, sind die gefährlichsten Spitzbuben. Was hat er denn gemaust?«
»Verschiedenes. Geld und Goldsachen.«
»Der muß angezeigt werden. Welche Freude hätte ich, wenn er ins Gefängniß käme!«
»Ich will es nicht thun. Ich will es ihm vergeben, seiner armen Mutter wegen. Ich habe ihm sogar aus lauter überflüssiger Güte erlaubt, noch diese Nacht bei mir zu schlafen, weil seine Mutter auf Besuch bei ihm war.«
»Das ist der Kerl doch gar nicht werth!«
»Allerdings. Aber was kann man dafür, daß man ein gutes Herze hat. Aber seinen Lohn soll er doch bekommen, wenn auch auf andere Weise. Und dazu sollst Du mit beitragen.«
»Vom Herzen gern! Wenn ich diesem Kerl Eins anhängen kann, so lasse ich mich recht gern sogar des Nachts aus dem schönsten Schlafe wecken.«
»Gut. Ich sehe, daß ich mich auf Dich verlassen kann. Er soll nämlich für einen Schmuggler gehalten werden.«
»Ist denn das fertig zu bringen?«
»Sogar ganz leicht.«
»Und ich soll es machen?«
»Ja.«
»So habe ich wirklich keine Ahnung, wie es angefangen werden muß.«
»Nichts leichter als das. Du hast einfach nur ein Briefchen auf den Weg zu legen, so, daß es genau aussieht, als ob Einer das Papier verloren habe.«
»Hm! Das wäre ja leicht genug. Und das soll die gewünschte Wirkung hervorbringen?«
»Ganz gewiß. Du weißt es ebenso gut, daß die Grenzbeamten jetzt ihre Augen verteufelt offen halten. Man muß Alles versuchen, sie zu täuschen. Der Brief, von dem ich rede, soll zwei Fliegen mit einem Schlage treffen. Er soll uns die Grenzer vom Halse schaffen und zugleich den Ludwig in den Verdacht bringen.«
»Darf ich den Inhalt wissen?«
»Natürlich. Er wird so abgefaßt, als ob er von einem hiesigen Pascherkaufmanne an einen jenseitigen geschickt worden sei. Es wird dem Letzteren gemeldet, er solle sich darauf einrichten, daß heut Nachts ein Uhr zwanzig Träger mit Spitzen und Seide durch das Hainholz die Grenze passiren würden.«
»Hm! Ich beginne, zu begreifen. Die Grenzbeamten werden in Folge dessen das Hainholz besetzen; wir aber gehen über den Föhrenbusch.«
»So ist es.«
»Dazu ist es aber nothwendig, den Beamten den Brief in die Hände zu spielen.«
»Der Ludwig wird ihn besorgen.«
»Der? Freiwillig etwa?«
»Sogar sehr freiwillig.«
»Das glaube ich nicht.«
»Und ich bin überzeugt davon. Ich habe eine alte Brieftasche; in diese wird der Brief gesteckt, nachdem er ganz fehlerhaft zugemacht worden, ist, so daß man leicht zu dem Inhalte kann. Der Ludwig wird in der Frühe mit seiner Mutter heim nach Oberdorf gehen. Du gehst ihm voraus und legst ihm an einer dazu passenden Stelle die Tasche hin; aber er darf Dich ja nicht erblickt haben.«
»Sapperlot, der Plan ist ausgezeichnet!«
»Nicht wahr?«
»Ja. Er wird die Brieftasche finden und aufmachen.«
»Nachher den Brief auch, weil dieser keine Adresse hat und das Couvert so lose zusammengemacht ist, daß es bei der ersten Berührung auseinander geht. Er liest den Brief und wird nichts Eiligeres zu thun haben, als ihn der Behörde zu übergeben.«
»Aber das schadet ihm doch nichts!«
»Nein, das nicht.«
»Wie soll er für einen Pascher gehalten werden?«
»Dadurch: Kurze Zeit später, nachdem er seinen Brief abgegeben hat, gelangt ein anderer an die Behörde, in welchem ungefähr Folgendes zu lesen ist:
›Der gewesene und aus dem Dienste gejagte Knecht Ludwig Held ist einer der gewandtesten Paschgänger der ganzen Grenze. Er wird heute Ihren Beamten Sand in die Augen zu streuen versuchen, indem er einen selbst verfertigten Brief vorzeigt, von welchem er angeben will, ihn gefunden zu haben. In demselben steht, daß ein bedeutender Pascherzug heute Nachts ein Uhr durch das Hainholz gehen werde. Während nun die Grenzwache nach diesem Punkte gezogen wird, geht der Pascherzug an einem weit südlicher gelegenen Orte über die Grenze. Also, hüten Sie sich!‹«
»Und die Unterschrift?«
»Gar keine oder eine fingirte natürlich.«
»Aber die Sache hat einen höchst bedenklichen Haken.«
»Ich wüßte nicht, welchen.«
»Die gleiche Handschrift der beiden Briefe.«
»Darum sorge Du Dich nur nicht. Jeder der beiden Briefe wird von einem Anderen geschrieben. So gescheidt sind wir auch, um da unsere Maßregeln zu treffen. Also willst Du die Sache übernehmen?«
»Wenn sie einen Verdienst abwirft, ja.«
»Ihr seid doch Hallunken! Keiner will einen Schritt umsonst thun.«
»Umsonst ist nicht einmal der Tod, denn auch da sind die Begräbniskosten zu bezahlen.«
»Du sollst den Weg bezahlt bekommen, mußt Dich aber früh aufmachen, denn ich weiß nicht, wann der Knecht aufbrechen wird. Dann postirst Du Dich an einen Ort, von welchem aus Du den Ludwig kommen siehst, ohne selbst von ihm bemerkt werden zu können. Du mußt genau aufpassen, ob er die Brieftasche findet und das Schreiben öffnet. An dem Ausdrucke seines Gesichtes kann ein gescheidter Kerl erkennen –«
»Na, ich rechne mich nicht zu den Dummköpfen. Oder bin ich einer?«
»Ich halte Dich für ziemlich durchtrieben. Also aus seinem Gesichtsausdrucke wirst Du zu erkennen vermögen, was er denkt und ob er den Brief abgeben wird.«
»Werde schon aufpassen.«
»Das hoffe ich. Den Brief bringe ich Dir nachher hinüber. Diese Angelegenheit ist also beendet. Jetzt kannst Du herabkommen. Ich habe den Wagen gehört. Bekümmere Dich aber vorher einmal um Usko!«
Der Slowak rüttelte seinen Kameraden. Dieser aber war jetzt so fest im Schlafe, daß er ohne besondere Anstrengung nicht zu erwecken war.
Die Beiden entfernten sich.
Ludwig hatte den Bauer für keinen Engel gehalten, aber daß er eines solchen Planes fähig sei, das hatte er niemals gedacht. Vielleicht war dieser Anschlag dem Kopfe des alten Osec entsprungen. Welch ein Glück, daß Ludwig Ohrenzeuge dieses Gespräches gewesen war!
Er hatte hier oben genug gehört und zog es vor, anstatt die Rückkehr Zerno's zu erwarten, sich lieber nach der Küche zu schleichen. Darum näherte er sich vorsichtig, um nicht an den Betrunkenen zu stoßen, dem Eingange und stieg dann leise die Treppe hinab.
Als er aus dem Schuppen herauskam, begab er sich nicht sogleich nach dem Wohngebäude, sondern er huschte vorher um eine Ecke, um einen Blick nach der Gegend des alten Backofens zu werfen.
Er wäre sehr gern näher gegangen, allein er befürchtete, bemerkt zu werden. Etwas Deutliches war ja nicht zu beobachten. Dazu wäre eine Annäherung nöthig gewesen, die ihn in die größte Gefahr gebracht hätte. Es genügte ihm, zu bemerken, daß dort Menschen sich leisen Schrittes bewegten, und nun gab er sich zufrieden.
Jetzt schritt er nach dem Wohnhause, dessen Hinterthür offen stand. Unter der letzten Treppenstufe lag, wie er mit Gisela verabredet hatte, der Schlüssel zur Küche. Es war ein gefährliches Unternehmen. Wie leicht konnte gerade im betreffenden Augenblicke Kery oder Osec aus der Wohnstube treten! Aber es war kein Laut zu hören. Vielleicht befand sich jetzt gar Niemand darin.
Er schloß leise auf, trat hinein und riegelte sodann von innen zu.
Das Fensterchen, welches nach der Stube führte, war erhellt und geöffnet. Es brannte eine Petroleumlampe drinnen auf dem Tische. Vorhanden war kein Mensch. Aber Schreibpapier lag auf dem Tische und Tinte und Federn befanden sich dabei.
Er setzte sich auf einen niedrigen Schemel, um das Kommende zu erwarten. Erst nach längerer Zeit nahten sich Schritte. Der Kerybauer trat mit den beiden Osec's in die Stube. Der jüngere Osec war wieder zurückgekehrt, nachdem er den Umtausch der echten Packete mit den gefälschten bewirkt hatte. Sie setzten sich an den Tisch.
»Also sind wir wieder einmal fertig,« sagte der alte Osec mit einem Seufzer der Erleichterung. »Es ist doch allemal eine strenge Arbeit.«
»Schwerer noch ists, die Packte über die Grenze zu schleppen,« meinte Kery. »Ich möchte es nicht versuchen.«
»Hasts auch gar nicht nöthig. Hoffentlich gelingt Dir es dieses Mal ebenso wie immer.«
»Ich habe keine Sorge.«
»Mache es nur so mit dem Briefe und Deinem Ludwig, wie ich Dir gerathen habe, so kann es gar nicht fehlgehen.«
»Ist schon besorgt. Der Zerno legt den Brief auf den Weg und der Knecht wird ihn dann sicherlich finden.«
»Wenn er ihn dann abgiebt und Dein Brief kommt hinterher, so bist Du ihn für immer los, nicht nur als Knecht, sondern auch als Hochzeiter für Deine Tochter.«
»Ich hoffe es.«
»Da ist gar nichts nur zu hoffen, sondern es ist eine wirkliche Gewißheit. Denn wenn die Behörde einmal ein Mißtrauen auf einen Menschen geworfen hat, dann wird es schwer, sich aufrecht zu halten. Es kommen Belästigungen über Belästigungen, von denen er gar nicht weiß, woher sie stammen. Es wird ihm Alles schwer gemacht, ohne daß er es bemerkt, wie und warum. Kurz und gut, wenn der Ludwig in den Verdacht kommt, ein Pascher zu sein, so wird er auch sehr bald einer werden. Und dann ist es umgedreht so, wie er Dir gesagt hat: Du brauchst Deine Tochter einem Pascher nicht zu geben.«
»Eigentlich thut er mir wirklich leid.«
»Sei still! Das brauchst Du nicht immer und immer wieder zu sagen.«
»Er war fleißig, treu, still, sehr ordentlich und der Erste des Morgens und der Letzte des Abends bei der Arbeit. Jammerschade, daß er so ein armer Schlucker, ein solcher Habenichts ist.«
»So! Wenn er also Etwas hätte, so würdest Du ihm Deine Tochter wohl geben?«
»Hm. Darüber läßt sich jetzt nun nichts mehr sagen. Ich brauch einen Schwiegersohn, welcher Geld hat.«
»Das ist die einzig richtige Erkenntnis. An dieser halte fest, sonst kann es noch schief gehen mit dem steinreichen Kerybauer!«
Er betonte das Wort ›steinreich‹ mit einem so ironischen Nachdrucke, daß der Bauer ihn schnell fragte:
»Verfolgst Du mit dieser Drohung vielleicht eine Absicht?«
»Ja und nein. Eine klare Absicht habe ich heute noch nicht, denn wir sind ja Freunde; aber warnen will ich Dich hiermit.«
»Warum warnen?«
»Weil es sehr leicht kommen könnte, daß unsere Freundschaft eine Loch erhielt. Doch wollen wir das für später aufheben. Jetzt muß das Geschäft glatt gemacht werden. Hier ist, wie wir es stets gehalten haben, das Verzeichniß der Waaren, welche Du heute übernommen hast. Darunter setzest Du Deine Empfangsbescheinigung und Quittung.«
Er gab ihm einen eng beschriebenen Papierbogen hin. Kery nahm denselben in die Hand, las ihn aufmerksam durch und fragte dann:
»Es sind doch wirklich alle diese Gegenstände in den Packeten?«
»Hat jemals Etwas gefehlt?«
»Nein. Aber heute handelt es sich um fünfzehntausend Gulden; da möchte man recht sicher gehen.«
»Du kannst ja nachsehen!«
»Dazu war und ist keine Zeit, und wenn ich die Packete öffne, so verlieren sie ihr gutes Aussehen. Also will ich Euch vertrauen und den Zettel unterschreiben.«
Er schrieb unter das Verzeichnis:
»Diese sämmtlichen Handelsgegenstände vom Lieferanten richtig, voll und in gutem Zustande empfangen zu haben, bescheinigt hiermit Slowitz.
Georg Kery.«
Als er dann das Papier zurückgab, brachte Osec ein anderes zum Vorscheine. Es war ein Wechselformular.
»Und nun acceptirst Du diesen Wechsel. Das ist eine leichte Arbeit. Deinen Namen vorn quer herüber, so ist es gethan.«
»Das ist leicht, jawohl; aber das Einlösen und Zahlen ist schwerer.«
»Ich präsentire Dir das Papier nur erst dann, wenn Du bei Casse bist.«
Kery las die wenigen Zeilen.
»Ah, Du hast ihn nicht auf ein bestimmtes Datum, sondern auf Sicht gestellt? Warum das?«
»Eben nur aus Freundschaft und Rücksicht für Dich. Da kann ich Dir ihn eben präsentiren, wenn es Dir paßt. Stelle ich ihn aber auf einen gewissen Tag, so kann es möglich sein, daß Du an demselben gerade nicht bei Gelde bist.«
»Wenn Du das wirklich freundschaftlich handhabst, so ist es ja gut.«
»Daran brauchst Du nicht zu zweifeln. Uebrigens lauten auch alle die anderen Wechsel, welche ich von Dir in Händen habe, auf Sicht. Ich habe sie nie präsentirt und auch niemals einen Kreuzer Zins verlangt. Ist das Freundschaft oder nicht?«
Das Gesicht des Bauers nahm jetzt einen ganz anderen Ausdruck an. Er war bleich geworden; er sagte:
»Auf Zinsen könnt ihr leicht verzichten, denn Ihr habt das Geld auch leicht verdient – im Spiele.«
»Nun ja; aber wenn Du das Einem sagst, so glaubt er es Dir nicht. Ein Jeder wird es für eine Unwahrheit halten, daß der geizige Kerybauer solche Summen im Spiele verloren hat. Uebrigens bist Du uns ein sicherer Mann und es fällt uns gar nicht ein, Dich zu drängen. Das Spiel wendet sich oft rasch. Vielleicht hast Du in einem Vierteljahre uns Alles wieder abgewonnen. Also schreib!«
Kery griff abermals zur Feder und acceptirte den auf Sicht und fünfzehntausend Gulden lautenden Wechsel. Die beiden Osec's verfolgten die Bewegungen seiner Feder mit gierigen Blicken. Ein triumphirendes Lächeln glänzte in ihren Zügen, als er ihnen dann das verhängnißvolle Papier hingab. Jetzt gehörte das Kerygut ihnen. Er hatte seine letzten Fünfzehntausend für Packete hingegeben, welche nur Lumpen und Papier enthielten.
Der Alte steckte Empfangsbescheinigung und Wechsel zu sich, legte sich bequem im Stuhle zurecht und sagte:
»So, das Geschäft ist geordnet und nun können wir wieder von Familienangelegenheiten reden. Wie steht es also mit Deiner Tochter? Wird sie die Frau meines Sohnes?«
»Wenn es nach meinem Willen geht, ja.«
»Ist es denn möglich, daß es gegen Deinen Willen gehen kann?«
»Ihr wißt so gut wie ich, daß in der Welt Alles möglich ist. Kann ich sie zwingen, wenn sie nicht will?«
»Ja.«
»Wie denn? Etwa sie vor den Altar schleppen? Was würde die Behörde dazu sagen?«
»Das ist Deine Sache und nicht die unserige. Ich will ganz aufrichtig mit Dir sein. Ich pfeif eigentlich auf Deine Gisela. Sie hat nichts und mein Sohn kann unter den Reichsten des Landes wählen.«
»Was! Sie hätte nichts?« rief Kery.
»Ja, gar nichts hat sie!«
»Oho! Bin ich nicht Besitzer des Keryhofes!«
»Einstweilen! Aber streiten wir uns nicht über solche selbstverständliche Sachen! Also eigentlich bin ich ganz dagegen, daß mein Sohn Deine Tochter heirathen will. Es ist eine Mißheirath –«
»Donnerwetter!«
»Ruhig! Laß mich sprechen und dann kannst auch Du reden. Leider hat er sich so in sie vergafft, daß er meint, er könne ohne sie gar nicht leben. Darum will ich Rücksicht nehmen und meine Zustimmung geben. Dafür verlange ich aber auch, daß mir von Euch nichts in den Weg gelegt wird. Du hast der Gisela heute einen Aufschub gewährt. Ich bin nicht damit einverstanden, ich laß mich nicht auf die lange Bank strecken. Ich will Gewißheit haben, und zwar bald. Ich will nächste Mittwoch nach Tische wiederkommen, da sollst Du mir Bescheid sagen.«
»Das kann ich nicht. Ich habe der Gisela vierzehn Tage gewährt.«
»Aber ich gewähre Dir nur die Zeit von heute bis Mittwoch.«
»Bis dahin kann ich ihr keine anderen Gedanken beibringen.«
»So werde ich sie ihr beibringen!«
»Wieso?«
»Ich bin Dein Freund, wenn aber die Freundschaft so mit Füßen getreten wird, wie es von Deiner Tochter geschieht, so hört sie eben auf, Freundschaft zu sein, und verwandelt sich in das gerade Gegentheil. Sagt Deine Tochter zur nächsten Mittwoch nicht Ja, so zieht Ihr aus dem Hofe.«
Der Bauer fuhr kerzengerade aus seinem Stuhle auf.
»Ausziehen?« fragte er.
»Ja.«
»Wie meinst Du das? Meinen Hof soll ich verlassen?«
»Ja, das meine ich.«
»Niemals!«
»Nicht? Schau, was Du für ein Querkopf bist. Wie willst Du es denn anfangen, hier bleiben zu dürfen?«
»Wie ich es anfangen will? Gar nicht. Ich bleib eben sitzen. Es kann mir Niemand mein Eigenthum nehmen. Ich halte es fest bis zum Tode.«
»Auch wenn ich die Wechsel präsentire, die ich von Dir in den Händen habe?«
»Ja.«
»Kannst Du zahlen?«
»Ja.«
»Womit denn wohl? Hast Du etwa Geld daliegen?«
»Nein. Aber wenn Du wirklich so schlecht wärst, sogleich auf Einlösung der Papiere zu dringen, so würde ich eine Hypothek aufnehmen.«
Da lachte Osec laut auf und sein Sohn stimmte mit ein.
»Von wem willst Du denn diese Hypothek bekommen?«
»Von überall her. Der reiche Kerybauer bekommt geborgt, so viel er haben will.«
»Auch so viel, wie die Summe meiner Wechsel ist?«
»Allemal.«
»Du scheinst keine Ahnung zu haben, wie hoch diese Summe gestiegen ist. Hast Du Dir Alles aufgeschrieben?«
»Das Spielgeld nicht; das will ich wieder gewinnen.«
»Oder noch mehr dazu verlieren! Ich habe mir Alles ganz genau notirt, die Summe und das Datum. Hier steht es auf dem Zettel. Lies einmal nach! So viele Wechsel habe ich von Dir in meinen Händen, alle auf Sicht.«
Er gab ihm den Zettel hin. Als Kery zu lesen begann, wurde sein Gesicht todtesbleich und seine Nase zusehends spitz. Seine Hände zitterten, und als dann sein Blick auf die unten stehende Hauptsumme fiel, entglitt der Zettel seinen Händen. Er legte sich in die Lehne des Stuhles zurück und schloß die Augen.
Die beiden Osec's stießen sich triumphirend mit den Ellbogen. Sie warteten, bis er sprechen werde, vergebens.
»Kery!« rief nach einer Weile der Alte.
Er erhielt keine Antwort.
»Kery! Rede doch!«
Diese Aufforderung hatte ganz denselben Mißerfolg. Der Bauer rührte sich nicht. Da ergriff der Alte ihn an der Schulter und rüttelte ihn, aber auch vergebens.
»Sapperment,« meinte sein Sohn. »Ich glaube, der Schlag hat ihn getroffen!«
»Das wäre das Allerbeste. Er käme in den Sarg und seine Familie in das Armenhaus. Wir aber hätten den schönen Hof für uns.«
»Er bewegt sich wirklich nicht!«
Jetzt stand der Alte auf und strich dem Bauer über das Gesicht.
»Er ist todt, wirklich todt!« sagte er dann. »Wir haben gewonnen!«
»Wie immer. Es ist doch gut, wenn man mit den Karten richtig umzugehen versteht. Der Dummkopf hat es niemals bemerkt, daß wir ihn betrogen haben.«
»Weil wir ihn vorher immer betrunken machten. Wäre er nüchtern gewesen, so hätte er sich nicht betrügen lassen. Er ist ein gar schlauer Kerl gewesen.«
»Aber was thun wir jetzt?«
»Wir müssen die Leute wecken. Laufe doch einmal hinaus und wecke die Frau!«
»Magst Du das nicht lieber thun?«
»Fürchtest Du Dich etwa, sie zu erschrecken?«
»Ja.«
»Schwachkopf! So werde ich gehen,«
Er ging hinaus und traf da auf – Ludwig. Dieser war Zeuge des ganzen Vorganges gewesen und hatte, als der Alte sich anschickte, aus der Stube zu gehen, schnell die Küche verlassen. Er that, als ob er zur Treppe herabgekommen sei.
»Wer kommt da?« fragte der Alte, da es so finster im Flur war, daß er den Knecht nur hörte, aber nicht sah.
»Ich.«
»Wer denn?«
»Der Ludwig.«
»Was machst denn Du hier unten?«
»Frisches Wasser will ich holen für meine Muttern. Es ist ihr unwohl worden.«
»Komm schnell da herein! Da ist Einer, dem es noch viel unwohler geworden ist.«
»Wer ists?«
»Dein Herr.«
»Der geht mich nix mehr an.«
Er that, als ob er sich entfernen wolle.
»Kerl, bleib! Der Bauer ist todt!«
»Todt? Um Gottes willen! Ist das wahr?«
»Ja, der Schlag hat ihn gerührt.«
Jetzt ging der Knecht mit hinein. Er that natürlich außerordentlich erschrocken und ließ sich nicht merken, daß er Alles wisse.
»Wie ist denn das gekommen?« fragte er.
»Ganz plötzlich und unerwartet. Wir saßen so fröhlich und freundschaftlich beisammen und redeten über die Saaten, daß sie so schön stehen draußen. Da plötzlich legte er sich hintenüber, that einen Seufzer und war todt.«
Ludwig öffnete dem Bauer die Weste, knüpfte ihm die Halsbinde ab und griff ihm mit der Hand unter das Hemde nach der Herzgegend. Seine bang besorgten Züge erheiterten sich.
»Er ist nicht todt. Er lebt noch,« sagte er. »Er ist nur ohnmächtig gewest.«
»Gott sei Dank! Das war ein Schreck! Den mag ich im Leben nicht wieder mitmachen,« rief der Alte, »welcher soeben erst gesagt hatte, daß es das Beste sei, wenn den Bauer wirklich der Schlag getroffen habe.«
»Ja, er wird wohl bald aufwachen,« erklärte Ludwig. »Soll Jemand geweckt werden?«
»Jetzt nun nicht. Vielleicht ist keine Hilfe nothwendig.«
»So kann auch ich wieder gehen.«
Er verließ die Stube, that, als ob er vom Hofe her Wasser hole und es nach dem oberen Stockwerke trage, kehrte aber heimlich in die Küche zurück, deren Thür er wieder hinter sich verriegelte. Dazu hatte er aber wegen der dabei anzuwendenden Vorsicht eine ganz beträchtliche Zeit gebraucht, im Ganzen wohl über eine Viertelstunde, und so wunderte er sich gar nicht, als er von der Küche aus bemerkte, daß Kery indessen das Bewußtsein wieder erlangt hatte.
Die beiden Osecs hatten ihn nach dem Kanapee getragen, in dessen Ecke er nun saß. Sie waren mit einander überein gekommen, ihm von dem Erscheinen Ludwigs gar nichts zu sagen. Daß dieser Letztere im vollständigen Anzuge war, das hatten sie übersehen, sonst hätten sie sich wohl veranlaßt gefühlt, größere Vorsicht anzuwenden.
Kery vermochte bereits wieder mit ihnen zu reden. Er war noch leichenblaß, und seine Stimme klang eintönig. Als Ludwig zum Fenster trat, um in die Stube zu blicken, hörte er ihn eben sagen:
»Das war das erste Mal in meinem Leben, daß mich eine solche Schwäche überkommen ist. Gebt mir jetzt Ruhe, sonst könnte es wiederkehren und würde gefährlich sein. Aus der Ohnmacht könnte ein Schlaganfall werden.«
»Ja, wir wollen Dir Ruhe geben. Wir haben ja Zeit,« antwortete der Alte. »Wir setzen uns her und warten. In einer Viertelstunde wirst Du Dich wohl erholt haben.«
»So schnell geht das nicht.«
»Ja, länger brauchen wir doch nicht da zu bleiben. Wir wollen doch auch unsern Schlaf genießen!«
»So fahrt ab!«
»Und was giebst Du uns für eine Antwort?«
»Heut keine.«
»Aber zur Mittwoch will ich sie haben.«
»Da sollst Du sie bekommen.«
»So merke es Dir genau! Wenn die Gisela nicht Ja sagt, hast Du die Wechsel zu bezahlen. Schlaf wohl!«
Er bot ihm die Hand zum Abschiede. Kery zog schnell die seinige zurück, schüttelte den Kopf und sagte mit matter Stimme:
»Geh nur, geh! Eine Hand bekommst Du von mir niemals wieder Ich weiß nun, woran ich mit Euch bin.«
»So? Woran denn?«
»Ihr seid Gauner.«
»Donnerwetter! Sagst Du das etwa im Ernst? Zum Spaße taugt es nichts.«
»Es ist mein Ernst. Ich sehe jetzt Alles klar. Erst habt Ihr mir geschmeichelt, bis ich mit Euch zu spielen begann. Ich wurde ein leidenschaftlicher, heimlicher Spieler und verlor ohne Unterlaß bedeutende Summen. Ich wollte sie wiedergewinnen und verlor immer mehr dazu. Das Geld begann mir zu mangeln. Da verführtet Ihr mich zum Paschen. Ihr habt einen festen, schuftigen Plan verfolgt, und es ist Euch gelungen. Ihr könnt zur Mittwoch kommen. Meine Antwort sollt Ihr hören.«
»Schön! Was Du da Schlimmes von uns sagst, das wollen wir Dir vergeben, denn Einem, der ohnmächtig gewesen ist, dem muß man so Etwas verzeihen. Wenn Du weißt, woran Du mit uns bist, so wissen wir auch, wie wir mit Dir halten. Du bist vollständig fertig mit Deinem Vermögen und kannst Dich nur dadurch retten, daß mein Sohn Deine Tochter heirathet.«
»Oho! Fertig bin ich noch nicht!«
»So? Was hast Du dann noch?«
»Ihr seid über meinen Besitz fast noch besser unterrichtet als ich. Die Wechsel, welche Ihr von mir in den Händen habt, betragen genau den Werth meines Gutes und – – –«
»Ja,« unterbrach ihn der Alte lachend, »da haben wir immer genau nachgerechnet. Die Wechsel liegen daheim in meinem Pulte, und dieser neue kommt auch mit dazu. Dabei liegen auch alle Lieferscheine, die Du unterschrieben hast.«
»Warum habt Ihr diese aufgehoben?«
»Zum Beweise gegen Dich. Wenn Du etwa Etwas gegen uns unternehmen wolltest, so würden wir diese Lieferscheine dem Gericht übergeben.«
»Mein Himmel! Welch eine raffinirte Schlechtigkeit!«
»Nur Klugheit ist's, weiter nichts.«
»Aber diese Scheine können ja auch Euch mit schaden!«
»Niemals. Wir haben sie gefunden.«
»Oho! Ihr, grad Ihr habt mir ja Alles geliefert!«
»Wo sieht denn das? O, wir sind sehr vorsichtig gewesen. Eine jede Quittung lautet genau so wie die heutige. Es ist von einem Lieferanten die Rede, aber sein Name steht allemal darunter, und die Ueberschrift lautet bei jedem Scheine ›Ueber gelieferte Schmuggelwaren, abgegeben auf Gefahr des Empfängers.‹«
»Ich würde beschwören, daß Alles von Euch gewesen ist!«
»Du kämst gar nicht zum Schwure!«
»Wohl Ihr?«
»Ja.«
»Und Ihr würdet einen Meineid schwören?«
»Ja. Ein Meineid ist kein Beinbruch.«
Da stand der Bauer vom Sopha auf. Er schwankte.
»Herr, mein Gott, in welche Hände bin ich da gerathen!« sagte er. »Das ist Alles so teuflisch berechnet. Da giebt es weder Mitleid noch Erbarmen. Ich bin das Opfer und werde abgeschlachtet. Aber ganz todt bin ich doch noch nicht. Noch habe ich fünfzehntausend Gulden, und bevor die nicht verprozessirt sind, bekommt Ihr meinen Hof nicht.«
»Die hast Du noch? So! Das ist schön!« lachte der Alte hämisch. »Vielleicht werden sie eher alle, als Du denkst. Also, mach Dich gefaßt. Zur Mittwoch bin ich da.«
»Ich werde Dich erwarten.«
»Hast Du Etwas noch zu bemerken?«
»Nein.«
»Dann behüt Dich Gott!«
»Euch mag er auch behüten, nämlich vor ferneren Missethaten!«
Die Beiden gingen; sie konnten das Haus durch die offen stehende Hinterthür verlassen. Er begleitete sie nicht zu ihrem Wagen, welcher mit den beiden ausgesträngten Pferden seit der Rückkehr von Osec junior draußen auf der Straße am Gartenzaune hielt. Er stieß, als er ihre Schritte nicht mehr hörte, einen lauten, unartikulirten Schrei aus, warf sich auf das Sopha, wühlte mit beiden Fäusten in dem Polster desselben und fand keinen Trost und keine einzige erleichternde Thräne.
Ludwig hatte, als er bemerkte, daß die Osecs nun bald gehen würden, die Küche verlassen und den Schlüssel, nachdem er die Thür verschlossen hatte, wieder unter die Treppe gelegt.
Er war sodann in höchster Eile nach dem Pferdestalle gelaufen, um sich einen kurzen, festen Strick zu holen. Mit demselben ging er hinaus zum Rollwagen der Osecs und befestigte den Strick in Schlingenform an die hintere Wagenachse.
Warum und wozu that er das?
Es war ihm kein Wort der Unterhaltung entgangen. So hatte er auch gehört, daß der Alte sagte, er habe die Wechsel und Schmuggelquittungen zu Hause bei sich im Pulte liegen und werde auch den neuen, heutigen Wechsel dazu thun. Als er diese Worte vernahm, kam ihm ein Gedanke, kühn, ja verwegen, aber er nahm sich vor, ihn auszuführen, wenn es irgend möglich sei. Er wollte mit den Osecs heim zu ihnen. Er mußte zugleich mit ihnen dort eintreffen. In den Wagen konnte er sich nicht zu ihnen setzen, denn sie durften ja nicht wissen, daß er bei ihnen sei, und so befestigte er die Schlinge an die Achse. Wenn er mit den Füßen in dieselbe trat und sich mit den Händen oben am Wagen festhielt, so konnte er leicht mit ihnen fortkommen, ohne von ihnen bemerkt zu werden.
Als er diese einfache Vorbereitung getroffen hatte, legte er sich hart am Zaune hin auf den Erdboden, um die Osecs zu erwarten.
»Der Herrgott wird mir verzeihen, daß ich heut zum Spitzbuben und vielleicht gar zum Einbrecher werden will!« dachte er. »Ich nehme nur geraubtes Gut zurück und erlöse Unschuldige aus dem Elende. Der Kery könnte es nicht überleben, seinen Hof verlassen zu müssen. Er thut sich ganz sicher ein Leid an. Das muß verhütet werden!«
Er brauchte nicht lange zu warten, so kamen die Beiden.
»Donnerwetter, hat der Kerl ein zähes Leben!« sagte der Alte. »Ich freute mich bereits auf das Begräbniß. Da muß dieser verdammte Knecht kommen und uns die Freude zu Wasser machen! Wenn er den Bauer nicht Luft geschafft hätte, so wäre dieser sicherlich nicht wieder aufgewacht.«
»Ja, dieser verteufelte Ludwig muß doch überall seine Hand im Spiele haben!«
»Nun nicht mehr. Er hat ausgespielt ebenso wie sein Herr.«
»Wie der sich auf die Fünfzehntausend vertröstete!«
»Er wird sich wundern, wenn er hört, daß der Empfänger nichts bezahlt, weil er nur Lumpen erhalten hat. Dann wird er klein beigeben.«
»Er war bereits jetzt ganz sanft. Er that sogar fromm, was ihm früher niemals eingefallen ist. Na, die Stränge sind in Ordnung. Steig ein! Es kann fortgehen!«
Während die Beiden vorn aufstiegen, kroch der Knecht behend herbei, griff sich hinten an der Oberleiste fest und setzte die beiden Füße in die Schlinge. Er stand in der Letzteren ganz hübsch und sicher, so daß er seine Hände gar nicht sehr anzustrengen brauchte. Dann setzte sich der Wagen in Bewegung, erst langsam und dann in schnellen Trab.
Bis zu dem Dorfe, in welchem die Osecs wohnten, hatte man eine gute Stunde zu gehen. Zu Wagen gelangte man in einer halben hin, selbst jetzt bei Nacht, da der Weg ein guter und dem Geschirrführer wohl bekannt war.
Das Gut, welches die Beiden bewohnten, lag vor dem Dorfe. Ludwig kannte es genau, ebenso von innen wie von außen. Er war als Bote seines Herrn sehr oft da gewesen.
Am Thore angekommen, mußte der Wagen halten, bis es aufgeschlossen wurde. Diese Gelegenheit benutzte Ludwig, aus der Schlinge zu steigen und dieselbe von der Achse zu lösen. Dann schlich er sich fort, längs eines niedrigen Zaunes hin, welchen er an einer gewissen Stelle überstieg. Nach wenigen Schritten stand er an der hinteren Seite des Hauptgebäudes.
Dieses Letztere war im Gebirgsstyle erbaut, mit weit hervorstehendem Dache, unter welchem im Stockwerke oben ein hölzerner Söllergang um alle vier Seiten des Hauses lief. Diese Galerien, welche man besonders in Oberbayern, Tyrol und der Schweiz zu sehen bekommt, werden meist von hölzernen Säulen getragen. So auch hier. Ludwig ergriff eine dieser Säulen und flüsterte, wie sich aufmunternd, vor sich hin:
»Hier müssen wir halt hinauf. Da ist die Stub von dem Alten und daneben seine Schlafkammern. Von dem Söller aus kann man in beide schauen, und es ist sogar eine Thür da, durch welche man auf den Hausboden kommen kann.«
Es war ihm ein Leichtes, da hinaufzuklettern und über die Brüstung zu steigen. Er befand sich nun auf der Galerie. Er schlich sich leise nach der vordern Seite des Hauses und bemerkte, daß die Beiden noch im Stalle waren. Die andern Bewohner des Hauses schliefen jedenfalls.
»Das paßt ausgezeichnet,« sagte er sich. »Da hab ich noch gut Zeit, mir den Eingang zu verschaffen.«
Er schlüpfte zu der Thür, welche von der Außengalerie hinein in das Innere des Stockwerkes führte. Sie war leicht zu öffnen, auch von außen. Er trat da ein und tastete sich möglichst rasch nach der Stube des alten Osec, in welcher er auch schon einige Male gewesen war. Die Thür war nicht verschlossen. Er huschte hinein und drehte die Wirbel des einen Fensters auf, so daß dasselbe von der Galerie aus aufgestoßen werden konnte. Nachdem er sich so den ›Einbruch‹ erleichtert hatte, kehrte er eiligst auf demselben Wege nach der Galerie der hinteren Hausseite zurück. Dort kauerte er sich neben dem Fenster, dessen Wirbel er von innen geöffnet hatte, nieder und wartete auf den Alten, der nun jedenfalls bald zu Bette ging und vorher den Wechsel und die Empfangsbescheinigung ins Pult in Sicherheit brachte. Bei dieser Gelegenheit konnte Ludwig hoffentlich sehen, in welcher Abtheilung oder in welchem Fache die Werthpapiere, nach deren Besitz er strebte, steckten.
Was er zu unternehmen beabsichtigte, war gefährlich. Ertappte man ihn dabei, so wurde er ganz sicherlich als Dieb festgenommen und bestraft. Sein Gewissen aber sagte ihm, daß er kein Verbrechen beabsichtige, sondern daß ganz im Gegentheile Das, was er vorhatte, eine gute und lobenswerthe That sei. Dieses Bewußtsein gab ihm den Muth und die innere Ruhe, deren er bedurfte, wenn sein Unternehmen gelingen sollte.
Er hatte nicht lange zu warten, so hörte er Schritte, welche sich der Stube näherten. Die Thür ging auf, und der alte Osec trat ein, eine hellbrennende Lampe in der Hand, hinter ihm sein Sohn.
Der Alte setzte die Lampe auf den Tisch, hing seinen Hut an den Nagel und griff dann in die Tasche, aus welcher er die beiden bereits erwähnten Papiere hervorzog, mit ihnen noch ein drittes, einen Brief. Diesen Letzteren bemerkend, sagte er:
»An den habe ich gar nicht gedacht. Das ist der Brief, den der Kery an die Grenzbehörde geschrieben hat, damit sie den Ludwig für einen Pascher halten sollen. Er hat ihn mir zur Besorgung gegeben, weil wir näher an der Bahn wohnen als er.«
»Er sollte aber doch bereits morgen Vormittags in den Händen der Behörde sein!«
»Freilich. Darum kannst Du noch nicht schlafen gehen. Du mußt hinüber nach der Haltestelle laufen und ihn dort in den Briefkasten stecken. Da kommt er mit dem Fünfuhrzuge noch mit fort.«
»Noch einmal fort zu laufen, das paßt mir schlecht. Ich bin müde.« »Es geht nicht anders, und wenn – – – was ist denn das? Da liegt ja auch einer.«
Er hatte erst jetzt ein Schreiben bemerkt, welches auf dem Tische lag. Er nahm es in die Hand und las die Adresse. Dann sagte er:
»Von drüben herüber. Der ist heut Nachmittag angekommen, und die Mutter hat ihn hierher gelegt, damit ich ihn gleich sehen soll. Sie wird gedacht haben, daß es eilig sei.«
Er öffnete den Brief und las ihn.
»Wohl eine Bestellung?« fragte sein Sohn.
»Ja, und zwar eine tüchtige. Das wird uns Etwas einbringen.«
»Zeig einmal her!«
Er erhielt den Brief, las ihn durch und meinte sodann:
»Das wäre freilich ein gutes Geschäft, ein Geschäft, wie wir es noch gar nicht gemacht haben; leider müssen wir mit dem Kery theilen.«
»Müssen? Wer sagt das?«
»Es ist ja immer so gewesen!«
»Aber es kann auch einmal anders gemacht werden.«
»Und die Träger verlangen auch ihr Antheil.«
»Das ist mir immer ärgerlich gewesen. Aber weißt Du, die Waare, welche hier bestellt wird, nimmt nicht viel Raum ein. Es werden nur vier Packete, freilich aber außerordentlich werthvolle. Zwei Männer genügen, sie hinüber zu schaffen.«
»Hm! Meinst Du etwa – – –?«
Der Alte nickte zu der nicht ausgesprochenen Frage und sagte:
»Ja, das meine ich. Wir brauchen eigentlich gar Niemand dazu. Wir können es selbst thun.«
»Ich denke das auch. Aber wir müssen dann auch die Gefahr auf uns nehmen.«
»Natürlich! Oder fürchtest Du Dich?«
»Fällt mir nicht ein!«
»Na, also!«
»Wann würde es sein?«
»Nicht eher als am Donnerstage, aber auch nicht später.«
»Das paßt, weil wir Mittwoch zu Kery müssen. Dann wissen wir, woran wir mit ihm sind, und brauchen in Beziehung auf dieses Geschäft keine Rücksicht auf ihn zu nehmen. Gieb also Antwort hinüber, daß wir die Waaren am Donnerstage selbst bringen werden.«
»Ich werde gleich morgen früh schreiben. Aber welchen Ort geben wir an?«
»Das ist die Hauptsache. Wir müssen einen Weg einschlagen, den wir ganz genau kennen, auf welchem aber die wenigste Gefahr ist, mit den Grenzern zusammen zu treffen.«
»So schlage einen vor!«
»Es fällt mir im Augenblicke keiner ein.«
»Ich wüßte wohl, eine Route, welche die beste wäre, sie ist aber auch die beschwerlichste.«
»Welche meinst Du?«
»Der Wendelsteig.«
»Sakkerment! Der ist des Nachts nicht nur beschwerlich, sondern gradezu gefährlich!«
»Der gefährlichste Theil ist drüben in Bayern. Wenn wir es richtig anfangen, brauchen wir den gar nicht zu betreten. Die drüben mögen uns entgegenkommen.«
»Wenn sie darauf eingehen, so sollte es mich freuen.«
»Natürlich gehen sie darauf ein. Ich werde den Brief darnach einrichten.«
»Und wo treffen wir sie?«
»Grad mitten im Felsenklamm.«
»Dazu rathe ich nicht.«
»Warum?«
»Der Ort ist zu gefährlich.«
»Das denke ich nicht. Er eignet sich im Gegentheile am Allerbesten zur Zusammenkunft. Hüben und drüben Felsen. Wie oft ists schon passirt, daß die beiden Parteien sich nicht getroffen haben. Das ist aber im Felsenklamm ganz unmöglich.«
»Aber wir können auch desto leichter gefangen werden!«
»Pah! Es weiß ja Niemand um unser Vorhaben. Wir sind die beiden Einzigen. Wir sprechen zu keinem Andern davon, und so müßte es gradezu mit dem Teufel zugehen, wenn wir erwischt würden.«
»Es könnte ganz zufällig ein Grenzer sich dorthin postiren.«
»Ein Einzelner? Nun, der würde uns wohl nicht sehr stören, sondern vielmehr wir ihn.«
»Du meinst, daß wir Gewalt anwenden würden?«
»Wenn es nöthig ist, ja.«
»Hm! Dann ists desto gefährlicher.«
»Pah! Wir stecken die Pistolen zu uns. Giebt es Einen, der sich uns in den Weg stellt, so ists um ihn geschehen. Uebrigens kommt es sehr darauf an, welche Zeit wir wählen.«
»So spät wie möglich.«
»Nein, sondern grad im Gegentheile so zeitig wie möglich. Die meisten Pascherzüge werden zwischen Mitternacht und dem Morgengrauen unternommen; darum sind die Grenzer um diese Zeit am Aufmerksamsten. Vor Mitternacht fühlen sie sich sicherer. Da kommen wir also viel leichter durch.«
»Das, ist schon wahr; aber vor Mitternacht können wir nicht hinüber. Bedenke, daß es bis zum Felsenklamm von hier aus fast drei Stunden sind. Wir müßten also, um noch vor Mitternacht dort einzutreffen, um acht Uhr hier aufbrechen. Da ist es noch nicht gehörig dunkel. Man würde uns sehen.«
»So theilen wir den Weg.«
»Wie meinst Du das?«
»Wir schaffen am vorhergehenden Abende die Packete eine Strecke weit fort.«
»Und lassen sie dort liegen?«
»Ja.«
»Das ist ja viel zu riskant. Wenn wir sie da nicht ganz ausgezeichnet verstecken, so werden sie gefunden, und wir sind nicht nur um das viele Geld, sondern laufen sogar die größte Gefahr, erwischt zu werden.«
»Das befürchte ich nicht.«
»Und ich befürchte es sehr. Wenn unser Versteck entdeckt wird, so wird man uns bei demselben ablauern. Wenn wir dann am andern Abende kommen, werden wir ergriffen. Donnerwetter! Das wäre mir eine schöne Bescheerung!«
»Mir natürlich auch. Aber ich habe da gar keine Sorge, denn ich weiß einen Ort, an welchem wir die Packete ganz unbesorgt liegen lassen könnten.«
»Welcher wäre das?«
»Ich meine beim Pfarrer in Felsberg.«
»Bist Du toll!«
»Fällt mir nicht ein!«
»Der Pfarrer wird sich hüten, Dir Deine Paschergüter aufzubewahren!«
»Wenn ich ihn fragte, ja, da würde er mich wohl hoch nehmen. Aber er darf ja davon gar nichts wissen. Wir schleichen uns mit den Packeten in seine Scheune. Die hat er oben unter dem Dache noch ganz voll Stroh vom vorigen Jahre.«
»Weißt Du das genau?«
»Ja. Ich wollte ihm einen Theil davon abkaufen und bin erst vorgestern hinaufgestiegen, um es mir anzusehen. Ich habe mir da gleich die Localität gemerkt. Die Leiter liegt stets an, und die Thür ist weder bei Tag noch bei Nacht verschlossen.«
»Hm! Ich traue doch nicht recht.«
»Unsinn! Wir tragen das Schmuggelgut hinauf und verstecken es ganz hinten tief unter dem Stroh.«
»Wenn man uns dabei ertappt!«
»Das ist gar nicht möglich. Wir dürfen es nur nicht dumm anfangen. Liegen die Packete einmal da oben, so sind sie uns sicher. Darauf kannst Du Dich verlassen. Von da an haben wir dann am Donnerstag Abend nur eine halbe Stunde bis zur Grenze und drei Viertelstunden bis zum Felsenklamm. Also kann ich die Jenseitigen ganz gut schon für elf Uhr des Abends bestellen.«
»So, wie Du es hermachst, scheint es freilich leicht zu sein.«
»Es ist auch leicht, und wir machen es nicht anders.«
»Nun, meinetwegen. Ich bin dabei und will nur wünschen, daß es glückt.«
»Es muß glücken. Also abgemacht! Und nun will ich die Papiere aufheben.«
Er trat ganz nahe zum Fenster heran. Dort stand eine alte Rollkommode, welche wohl vom Urgroßvater stammte. Er zog einen Schlüssel aus der Hosentasche und öffnete. Als die Rolle aufgeschoben war, wurden mehrere Kästchen sichtbar, welche nicht verschlossen, sondern zum Herausziehen mit einem Knopfe versehen waren. Darunter war ein Bret angebracht, welches nach innen geschoben und auch wieder herausgezogen werden konnte. Im letzteren Falle bildete es den Schreibtisch des alten Osec.
Dieser zog jetzt das Bret heraus, holte die Lampe herbei, um sie darauf zu setzen, und schob sich einen Stuhl herbei, auf welchem er Platz nahm. Dann zog er eines der Kästchen auf, in welchem weiter nichts als eine alte Brieftasche lag. Er nahm sie in die eine Hand, schlug mit der anderen darauf und sagte.
»Hier stecken Moses und die Propheten! Wieviel giebst Du dafür?«
»Den Keryhof zahle ich dafür.«
»Ja. genau so viel beträgt es.«
»Aber ob wir ihn auch bekommen!«
»Ob? Oho! Da giebt es ja gar keinen Zweifel zu hegen.«
»Er wird sich bis auf das Aeußerste wehren.«
»Das weiß ich freilich auch; aber sein Wehren wird ihm nichts nützen.«
»Er wird behaupten, daß wir falsch gespielt haben.«
»Kann er, es beweisen?«
»Freilich nicht.«
»Nun, wer soll uns da Etwas anhaben!«
»Muß man gewonnenes Spielgeld nicht herausgeben, wenn man angezeigt wird?«
»Nein. Sobald man das Geld in den Händen hat, hat man es sicher.«
»Aber Du hast es ja nicht.«
»Hier sind Wechsel! Das ist genau so gut wie Geld.«
»Aber es ist kein baares Geld. So ein Wechsel hat meiner Ansicht nach nur den Werth, daß Du mit ihm beweisen kannst, dem Kery die Summe, auf welche er lautet, abgewonnen zu haben. Also ist die Schuld eine Spielschuld und kann nicht eingeklagt werden.«
»Schau, was für ein gescheidter Kerl Du bist!« lachte der Alte. »Der reine Advocat! Hast Du etwa Juristerei studirt?«
»Ja,« antwortete der Sohn, in das Lachen einstimmend.
»Wo denn?«
»Hier, bei Dir! Du bist der allerbeste Lehrmeister in solchen Sachen.«
»Das mag richtig sein. Wenigstens hat es noch Keinen gegeben, dem es gelungen wäre, mich zu übertölpeln. Und der Kery soll nicht der Erste sein, von dem ich mich überlisten lasse. Wenn die Wechsel auch nur Spielschulden bedeuten, so muß doch ein jeder Wechsel bezahlt werden. Wenn ich ihn einklage, hat das Gericht nichts zu fragen, woher er stammt. Und da schau her! Auf einem jeden steht ganz deutlich zu lesen: ›Werth erhalten‹. Er hat also von mir die Summe erhalten, die er hier unterschrieben hat.«
»Wenn er das aber leugnet!«
»Das hilft ihm nichts. Uebrigens habe ich ein gutes Mittel, ihn zum Schweigen zu bringen, nämlich hier die vielen mit seinem Namen unterschriebenen Empfangsbescheinigungen über erhaltene Schmuggelwaaren. Er wird es nicht so weit treiben, daß ich diese Unterschriften dem Gericht übergebe.«
Er hatte die Brieftasche geöffnet und ein Päcktchen Wechsel und sodann ein ebenso großes Päcktchen Empfangsbescheinigungen hervorgenommen. Weiter enthielt die Tasche nichts. Er klopfte mit der Hand auf diese beiden kleinen Packete und fuhr fort:
»Wir haben uns tüchtig schinden müssen, ihn im Spiel zu überlisten. Nun aber ists gelungen, und den Gewinn lasse ich mir auf keinen Fall entgehen.«
»Nimmst Du zur Mittwoch diese Wechsel mit zu ihm?«
»Wozu sollte ich sie mitnehmen?«
»Um sie ihm zu präsentiren.«
»Das fällt mir nicht ein. Ich gebe sie, wann er uns ja abweisen sollte, dem Advocaten. Der mag sie ihm präsentiren und auch sogleich den Prozeß beginnen. Jetzt aber nimm den Brief und schaffe ihn fort. Es ist heut sehr spät geworden, und ich will schlafen gehen.«
Der Sohn ergriff den Brief. Ihn betrachtend, las er die Adresse laut vor und fügte dann hinzu:
»Die Herren werden sich wundern, wenn sie ein Schreiben erhalten, welches mit einem Guldenstücke versiegelt worden ist.«
»Sollte der Kery etwa sein Petschaft zum Versiegeln nehmen, damit sie entdecken konnten, wer der Schreiber ist? So dumm ist er freilich nicht. Jetzt mach, daß Du fort kommst!«
»Du hasts heut eilig mit dem Schlafe. Ich aber muß noch hinaus in die Nacht.«
»Wird Dir nicht viel schaden. Wer jung ist, braucht sich nicht vor so einem Weg zu fürchten.«
Der Sohn ging. Der Alte legte die Päcktchen in die Brieftasche und diese Letztere in das Kästchen zurück, welches er dann zuschob. Die Kommode aber verschloß er nicht. Er brauchte sie, die ihm als Schreibepult diente, ja gleich morgen früh wieder, wo er den erwähnten Brief zu schreiben hatte. Er stand vom Stuhle auf, riegelte die Thür von innen zu, ergriff die Lampe und ging in die nebenan liegende Schlafkammer. Dort zog er sich aus, blies die Lampe aus und legte sich ins Bett.
Ludwig hatte nicht nur Alles gesehen, sondern auch Alles gehört. Besser hatte es gar nicht gehen können. Es war ihm Alles so mundrecht gemacht worden, daß er gar nicht zu warten brauchte, bis der Alte eingeschlafen war.
Die Kommode stand so nahe am Fenster, daß er, wenn das Letztere geöffnet war, das betreffende Kästchen mit der Hand erreichen konnte, ohne in die Stube steigen zu müssen.
Er schob das Fenster leise, leise auf. Es gelang ihm dies, ohne daß dabei das mindeste Geräusch verursacht wurde. Er zog ebenso leise das Kästchen heraus und griff nach der Brieftasche.
»Soll ich sie mitnehmen?« fragte er sich. »Nein, sie muß hier bleiben, damit er sie nicht sogleich vermißt.«
Er öffnete sie, nahm die beiden Päcktchen heraus und steckte dieselben ein. Als er dann die Brieftasche wieder zumachte, war diese nun freilich sehr dünn geworden.
»Hm!« dachte er. »Wann er das bemerkt, so ists gefehlt. Ich muß irgend was hinein thun, damit sie noch so dick ist wie vorher.«
Er hatte eine Zeitung bemerkt, welche auf dem Fensterbrette lag. Er nahm dieselbe und brach sie so zusammen, daß sie die Größe der Brieftasche bekam, in welche er sie nun steckte. Die Letztere wurde nun zugemacht und an ihren Ort zurückgelegt. Dann schob er das Kästchen zu.
Jetzt galt es, den Fensterflügel so heran zu ziehen, daß der Bauer nicht sogleich bemerken konnte, daß das Fenster offen gewesen sei. Er zog also sein Taschenmesser hervor, stach die Spitze desselben in das Holz des Flügels und zog den Letzteren zurück. Jetzt war es geschehen.
Er kletterte auf dem Wege, auf welchem er heraufgekommen war, wieder hinab und stieg über den Zaun. Draußen blieb er stehen, holte tief Athem und seufzte erleichtert:
»Gott sei Dank! Jetzt ists gelungen! Nun mag er die Wechseln präsentiren und die anderen Papieren dem Gericht zeigen. Die beiden heutigen sind auch schon mit dabei, denn ich hab gesehen, daß er sie mit dazulegt hat. Nun ist dera Kery gerettet und kann nicht zwungen werden, ihm die Gisela zu geben. Ich bin dera Retter, und wann der Kery ein Gewissen im Leib hat, muß er mir nun wieder freundlich gesinnt werden.«
Er begab sich nun auf den Rückweg, war aber kaum einige Schritte gegangen, so blieb er stehen.
»Hm! Der Briefen, den der Sohn nach dem Anhaltepunkt schafft, wann ich denselbigen haben könnt, so wär es sehr gut für mich.«
Er sann einen Augenblick nach, dann wendete er sich um und eilte in einer andern Richtung weiter.
Der Weg, welchen er jetzt eingeschlagen hatte, führte nach einem nahen Dorfe, welches von der Bahn berührt wurde. Dort gab es einen kleinen Bahnhof oder vielmehr Anhaltepunkt, an welchem die Züge nur nach Bedürfniß hielten. Und dort befand sich der Briefkasten, in welchen der junge Osec den betreffenden Brief stecken wollte.
Als Ludwig ungefähr fünf Minuten gelaufen war, hörte er Schritte, welche ihm entgegen kamen. Er trat zur Seite und duckte sich nieder. Der Begegnende ging an ihm vorüber, ohne ihn zu bemerken.
»Das war dera Osec. Er kommt schon zurück. Nun kann ich weiter.«
Er stand auf und setzte seinen Weg fort. Bald erreichte er das Dorf und auch das Stationsgebäude. Aber als er nun vor dem Letzteren stand, kam ihm der Gedanke, an welchen er bereits längst hätte denken sollen:
»Sapperloten! Ich will den Brief haben; aber wie kann ich ihn bekommen? Er ist doch nun in dem Kasten! Vielleicht hat dera Osec ihn nicht ganz hineinsteckt, so daß ich ihn noch derwischen und wiederum heraufiziehen kann.«
Er wußte, daß der Briefkasten sich um die Ecke befand. Eben als er um dieselbe treten wollte, stand eine andere Person im Begriff, ihm entgegen um sie zu biegen. Die Beiden prallten zusammen.
Es gab hier kein Steinpflaster. Darum waren die Schritte nicht zu hören gewesen, und übrigens war Ludwig so leise wie möglich aufgetreten.
»Himmeldonnerwetter!« rief der Andere. »Nimm Dich doch in Acht! Siehst Du mich denn nicht?«
»Nein, ich hab Dich nicht hört und auch nicht sehen.«
»So paß auf!«
»Ebenso kannst auch Du aufipassen!«
»So! Ich! Freilich ist das Aufpassen mein Amt. Und vielleicht ist es gut, daß ich heut aufgepaßt habe. Es geht heut Nacht hier ja recht rege zu. Vor kaum einer Viertelstunde hörte ich Einen hier; aber als ich kam, war er schon fort. Und nun treffe ich schon wieder auf Einen. Das ist ja ein außerordentlich lebhafter Verkehr. Wer bist Du denn eigentlich?«
»Sag mir doch zuvor, wer Du selbst bist, und obst ein Recht hast, hier herum zu schleichen und die Leutle auszufragen.«
»Dieses Recht hab ich gar wohl. Es ist sogar meine Pflicht, denn ich bin die Bahnpolizei.«
»Sappermenten! Da bist freilich ein gar großer Kerlen, und da werd ich sogleich einen gewaltigen Respecten vor Dir haben.«
»Das kann ich auch verlangen!«
»So! Bist wohl ein Mann von großer Bedeutung?«
»Ja. Mir ist der ganze Bahnhof anvertraut. Ich bin der Bahnhofswächter.«
»So! Hab mirs doch gleich denkt, daßt nicht dera Herr Director bist.«
»Wieso denn?«
»Weilst mich gleich Du nannt hast. Ein Anderer hätte doch wenigstens Sie gesagt.«
»Ach so! Soll ich Dich etwa Herr Baron oder Herr Professor nennen? Thu nur nicht groß! Von so einem Bayerländer lasse ich mir nichts befehlen.«
»Woher weißt, daß ich aus Bayern bin?«
»Deine Sprache sagt es deutlich genug.«
»Da magst Recht haben. Ein Bayer ist gar leicht zu erkennen. Aberst daßt dera Bahnhofwächtern bist, das glaub ich halt nicht.«
»So! Warum willst Du es nicht glauben?«
»Weil es keinen giebt. Ich bin hier auch bekannt und weiß genau, daß hier kein Wächtern anstellt ist.«
»Da irrst Dich sehr. Ich bin bereits seit vierzehn Tagen hier im Amte. Es sind einige Male des Nachts Ungehörigkeiten vorgekommen, verübt von losen Buben, und da hat man eben einen Wächter angestellt.«
»Und der bist Du?«
»Ja. Du glaubst es wohl nicht?«
»Ich muß es halt glauben.«
»Nun siehst Du also ein, daß ich ein Recht besitze, Dich zu fragen. Uebrigens muß ich Deine Stimme schon gehört haben. Sie kommt mir bekannt vor.«
»Ich bin der Ludwig vom Keryhof in Slowitz drüben.«
»Der Ludwig! Habe es mir doch gleich gedacht! Und ich bin der Schustermax, der bei Euch im Herbste tagelöhnern thut, wenn es nach der Ernte viele Arbeit giebt.«
»Dera Max! Drum ist mir Deine Stimme auch gleich bekannt vorkommen. Also der Bahnhofswächtern bist! Da hast wohl auch eine Uniformen an? Man kann es bei dera Dunkelheiten nicht derkennen.«
»Nein, eine Uniform habe ich noch nicht; aber ich hoffe, daß ich es schon noch zu einer solchen bringen werde. Wenn man nur erst ein Amt hat, mags auch nur klein sein, so kann man weiter avanciren. Vielleicht werde ich auch noch einmal Weigensteller oder Wagenschieber.«
»Ja, so weit kannsts schon mal bringen, denn einen anstelligen Kopf hast stets habt, besonders beim Essen.«
»Da stelle ich freilich meinen Mann; aber mein Amt versorge ich auch gut. Und Vertrauen besitze ich auch. Denke Dir, ich habe sämmtliche Schlüssels, weil ich doch als Wächter überall hin können muß, wenn während der Nacht Etwas passirt. Siehst Du daraus nicht, welch einen guten Stand ich bei den Vorgesetzten habe?«
»Ja, das sehe ich gar wohl ein. Ich glaub gar, Du thätst mit mir schon gar nimmer tauschen.«
»O doch vielleicht, denn als Oberknecht hast Du einen hohen Lohn, und Dein Herr hält gar viel auf Dich; das weiß ich ja ganz genau. Aber nun sage mir auch, was Du eigentlich hier am Bahnhofe willst. Hast Dich wohl verlaufen?«
Als Ludwig hörte, daß sein Bekannter, welcher ein ziemlich dummer Tagelöhner war, im Besitze aller Schlüssel sei, war ihm ein guter Gedanke gekommen. Er folgte demselben, als er jetzt antwortete:
»Nein, verlaufen habe ich mich nicht, aberst vergriffen. Und das kann mich ärgern.«
»Vergriffen? Worinnen?«
»In denen beiden Briefen.«
»Das verstehe ich nicht. Du mußt es mir erklären.«
»Ich bin jetzunder zum zweiten Male hier. Derjenige, dent schon vorhin hört hast, der war ich.«
»Du? So ist ja Alles gut. Ich habe fast geglaubt, daß es ein Spitzbube gewesen ist.«
»Nein, ich stehle nicht.«
»Das weiß ich, und darum darfst Du es mir nicht anrechnen, daß ich Dir vorhin ein Wenig grob gekommen bin.«
»O, ich bin nicht so zimperlich; das weißt ja doch. Und eine Grobheiten hätt ich schon verdient, wenn auch nicht von Dir, sondern aber von meinem Herrn. Er hat nämlich zwei Briefen schrieben, von denen der eine sehr eilig ist. Ich hab ihn hierher tragen mußt, damit er noch beim Zug mit kann. Da bin ich nun herlaufen und hab ihn in den Briefkasten steckt. Nachhero aber auf dem Heimweg hab ich nachdenkt, und da ists mir einifallen, daß ich die beiden Briefen mit nander umiwechselt hab. Dera falsche steckt hier im Kasten.«
»Sapperlot! Das ist dumm!«
»Freilich. Ich bin auch gleich wieder umikehrt, um zu sehen, ob ich ihn vielleichten wieder derwischen kann.«
»Ja, wie willst Du ihn wieder erwischen?«
»Ich hab ihn vielleicht nicht ganz tief in den Kasten steckt.«
»Da wollen wir doch gleich einmal nachsehen.«
Sie traten zum Kasten, und der Wächter untersuchte denselben.
»Er ist ganz drinnen, ganz und gar,« sagte er. »Du kannst ihn also nicht wieder herausziehen.«
»Das ist eine ganz ärgerliche Geschichten! Heraus bekommen muß ich ihn. Und nun kann ich mich bis fünf Uhr herstellen und warten.«
»Worauf?«
»Auf den Zug. Nachhero wird doch hier Licht macht, und die Beamten sind alle da. Der Kasten wird geöffnet, und da kann ich mir meinen Brief geben lassen.«
»Meinst Du, daß Du ihn wieder bekommst?«
»Ja.«
»Ich glaube es nicht.«
»Warum?«
»Was die Post einmal hat, das giebt sie wohl nicht wieder heraus.«
»Da kennst halt die Gesetzen schlecht. Ich muß meinen Brief wieder bekommen. Ich beweise es, daß er mir gehört.«
»Wie willst Du das beweisen?«
»Indem ich ganz genau die Adresse sage und auch das Siegel beschreibe.«
»Ja, wenn Du das kannst, so ist es freilich erwiesen, daß er Dir gehört. Und dann wirst Du ihn wieder bekommen.«
»Aber nun soll ich bis fünf Uhr warten! So eine lange Zeit. Wann dera Herr Bahnhofsinspectorn noch wach wäre, thät er aufischließen lassen und ihn mir geben. Oder meinst, daß ich ihn wecken darf?«
»Auf keinen Fall! Wo denkst Du hin! So einen Herrn vom Schlafe wecken!«
»Auch keinen Andern?«
»Auch nicht!«
»Ich brauch ja eigentlich den Inspectorn gar nicht. Wanns nur irgend ein Beamter ist, der hier eine Bedeutung hat, der könnt ihn mir wiedergeben, wann er den Schlüssel haben thät.«
»Den Schlüssel habe ich.«
»Zum Briefkasten?«
»Nein. Zu dem giebts gar keinen Schlüssel. Die Briefe fallen gleich von hier außen hinein in die Stube in einen Korb, der untergestellt ist. Das ist der Briefkorb.«
»Und dazu hast den Schlüsseln?«
»Zur Stube, ja.«
»Das wäre ja schön! Und wannst nun ein wirklicher Beamtern wärst, so könntst mir den Briefen amtlich aushändigen, und mir wäre geholfen. Weilst aberst nur dera Nachtwächtern bist und kein richtiger Angestellter, so muß ich leider verzichten.«
Da aber kam er bei dem verflossenen Tagelöhner schön an. Dieser fragte beinahe zornig:
»Was sagst Du? Was bin ich?«
»Dera Nachtwächtern.«
»So! Da irrst Du Dich fürchterlich. Ich bin der Bahnhofswächter aber nicht der Nachtwächter!«
»So! Da liegt wohl ein Unterschieden drin?«
»Und was für einer! Ein ganz gewaltiger. Nicht jeder Nachtwächter kann auch Bahnhofswächter sein. Ein Bahnhof hat Etwas zu bedeuten! Wenn da ein Zug entgleist, gehen gleich viele Menschenleben zu Grunde!«
»Das sehe ich freilich nun ein. Aber ist denn ein Bahnhofswächtern auch ein Beamtern?«
»Natürlich!«
»Nein, wohl nicht!«
»Und wie! Ich bin Beamter!«
»Geh! Das glaubst selbst nicht.«
»Oho!«
»Wannst ein wirklicher Beamter bist und sogar den Schlüssel zur Stuben hast, warum getraust Dich da nicht, mir den meinigen Brief zu geben? Warum willst mich da hier warten lassen noch stundenlang?«
Der Nachtwächter kratzte sich hinter dem Ohre und antwortete dann:
»Davon steht in meiner Instruction gar nichts.«
»Ja, dann bist eben kein Beamter, denn in dem seiner Instructionen steht Alles. Da hast also den Unterschieden.«
»Donnerwetter! Mache mich nicht zornig! Ich sage Dir, daß ich ein Beamter bin!«
»Nein, Du bist keiner!«
»Ich bin einer! Soll ich es Dir etwa beweisen?«
»Das kannst ja gar nicht!«
»Ich kann es schon!«
»Wie denn?«
»Dadurch, daß ich Dir Deinen Brief zurückerstatte.«
»Ja, nachhero muß ich es glauben, daßt ein wirklicher Angestellter bist.«
»So sollst ihn haben. Kannst auch selbst gleich mit hereinkommen.«
»Darf ich denn?«
»Wer will es Dir verbieten?«
»Die Instructionen.«
»Ach was. In meiner Instruction steht kein Wort davon, daß ich Dich nicht mit hereinnehmen darf. Du bist ein guter Bekannter von mir, und ich weiß, daß Du nichts stehlen wirst.«
»Nein, ein Spitzbub bin ich nicht.«
»Du bist keiner. Diese Bürgschaft kann ich als Beamter leisten. Also komm!«
Er schloß das Expeditionszimmer auf und brannte eine in demselben befindliche Lampe an. Es war genau so, wie er gesagt hatte: Der Briefeinwurf mündete in das Zimmer, und ein auf einem Stuhle stehender Korb hatte die Bestimmung, die hereinfallenden Briefe aufzunehmen.
Ludwig trat auf den Korb zu; aber der Wächter ergriff ihn beim Arme, hielt ihn zurück und sagte:
»Halt! Dahin darfst Du freilich nicht.«
»Warum nicht?«
»Wegen des Briefgeheimnisses.«
»Ich mache doch keinen auf!«
»Aber auch ansehen darfst Du Dir keinen. Du bist ein Fremder und darfst also keine Amtshandlungen vornehmen. Verstanden!«
»Donnerwettern! Jetzunder sehe ich freilich, daßt ein richtiger Beamtern bist. So ein Gesicht und so eine Miene, wiet jetzunder machst, kann nur ein Beamter haben.«
»Ja, nun erkennst Du mich wohl an? Sag es nur den Leuten, wenn einmal die Rede von mir ist, was ich jetzt für eine Stellung bekleide! Also ich werde als Beamter handeln, und Du wirst mir antworten. Wie lautet die Adresse Deines Briefes?«
Der Gefragte gab die verlangte Antwort. Er konnte das, weil er es genau gehört hatte, als der junge Osec die Adresse las.
»Und wie ist das Siegel?« fragte der Wächter in strengem Amtstone weiter.
»Es ist ein Guldenstück anstatt des Petschaftes genommen worden.«
»So! Sag Deinem Herrn, dem Kerybauer, daß ich mir das verbitten muß. Er hat in Zukunft alle Briefe mit einem richtigen Petschaften zuzusiegeln. Ich bin der Bahnhofswächter und darf solche eigenmächtige Ungehörigkeiten nicht länger dulden.«
»Ja, wannst so auftrittst, so muß selbst dera Kery einen Respecten vor Dir bekommen!«
»O, ich kann noch ganz anders auftreten. Jetzt aber will ich den Brief herauslesen.«
Er trat zum Korb und griff in den da liegenden Karten und Briefen herum, ohne aber den Brief zu bringen.
»Nun?« fragte Ludwig. »Ist er etwa nicht drin?«
Der Wächter begann abermals, sich hinter dem Ohre zu kratzen.
»Drin wird er schon sein,« antwortete er.
»So nimm ihn doch heraus!«
»Das geht doch nicht.«
»Warum nicht?«
»Weil ich ihn nicht finden kann.«
»Ich habe Dir doch die Adresse sagt.«
»Freilich wohl – aber – aber – – –«
»Was hast denn? Warum kratzest Du Dich so?«
»Weil ich gar nicht an die Hauptsache gedacht habe.«
»Und was ist das?«
»Ich – ich – ich kann nicht lesen.«
»O Jerum, das ist schlimm!«
»Wie will ich also den Brief finden!«
»Kannst ihn doch am Siegel derkennen!«
»Ja, da sind einige mit Siegeln, mit großen und auch mit kleinen Siegeln. Aber weil ich nicht lesen kann, so weiß ich doch auch nicht, welches das richtige Siegel ist.«
»So muß ich mir ihn doch selber suchen.«
»Nein. Das geht nicht.«
»Wann ich aberst sehr schön bitten thu?«
»Auch dann nicht. Da hilft kein Bitten und kein Betteln.«
»Ich muß doch meinen Brief haben!«
»So mußt Du eben warten, bis die Andern aufgewacht sind.«
»Bis dera Zug kommt? Das ist mir zu lang, viel zu lang!«
»Ich kann es nicht ändern.«
»Hast mirs aberst doch versprochen!«
»Ich hatte vergessen, daß ich nicht lesen kann.«
»Also ein Beamter, der sein Wort nicht hält!«
»Oho!« meinte der Wächter zornig.
»Ja, ein Wortbrüchiger! Und nun glaub ichs doch nicht, daßt ein Beamtern bist. Ein Angestellter muß lesen können.«
»Schweig! Sonst steck ich Dich hinaus. Ich verbitte es mir sehr, mich hier in unsern Büroh zu beleidigen.«
»Beleidigen will ich Dich nicht; aberst von einem Beamten verlange ich auch, daß er sein Wort hält.«
»Das ist mir dieses Mal unmöglich.«
»Ja, warum soll ich mir denn den Brief nicht selberst suchen?«
»Weil Du die Adressen der andern nicht lesen darfst.«
»Das will ich doch gar nicht.«
»Aber Du wirst sie doch lesen, wenn Du in den Korb blickst.«
»So können wir es anders machen. Ich schau gar nicht in den Korb.«
»Wohin sonst?« «
»Du nimmst einen Brief nach dem andern heraus und zeigst ihn mir. Ich sage Dir dann, ob es der richtige ist.«
»Ja, das geht; da hast Du Recht. Auf diese Weise wird es gehen. Du siehst Dir die einzelnen Adressen an, aber natürlich ohne sie zu lesen. Dann wirst Du Deinen Brief erkennen.«
So wurde es gemacht. Da der Inhalt des Korbes überhaupt kein bedeutender war, so dauerte es nur wenige Augenblicke, bis Ludwig den Brief hatte.
»So,« sagte der Wächter. »Man muß nur Alles beim richtigen Anfang beginnen, dann nimmt es auch ein ordentliches Ende. Nun bist Du wohl befriedigt?«
»Vollständig.«
»Und hast mich wirklich in meinem Amte gesehen.«
»Natürlich! Das muß ich denen Leuten derzählen, wast jetzund für ein Kerlen bist.«
»Ja, das kannst Du immer thun. Es schadet gar nichts, wenn die Leute erfahren, daß Unsereiner auch ein Mann bei der Spritze ist. Jetzt aber müssen wir wieder hinaus.«
Er löschte die Lampe aus und schloß, als sie Beide das Zimmer verlassen hatten, die Thür wieder zu.
»Nun kannst Du heimkehren,« meinte er. »Die Verwechslung der Briefe kann wieder umgeändert werden. Das hast Du aber nur mir zu verdanken.«
»Natürlich. Ich werds Dir nie vergessen. Und nun muß ich doch auch fragen, was ich Dir schuldig bin.«
»Schuldig? Habe ich Dir vielleicht einmal Etwas geborgt?«
»Nein.«
»Ich könnte mich auch auf nichts besinnen.«
»Ich meine heut. Es ist doch eine jede Amtshandlung zu bezahlen.«
»Sapperment! Daran habe ich gar nicht gedacht. Du hast doch die Gebühren und Sporteln zu entrichten.«
»So sag, wieviel!«
»Das weiß ich nicht.«
»Als Beamter!«
»Davon steht in meiner Instruction nichts. Hast Du vielleicht zufällig mal gehört, wie viel man für die Aushändigung eines verirrten Briefes zu bezahlen hat?«
»Nein.«
»So ist das eine schlimme Geschichte. Ich muß doch nach den Gesetzen handeln. Ich darf das Geld nicht verschenken.«
»Freilich nicht. Aberst auf dem Gnadenwege darfst mir erlassen.«
»Ist das wahr?«
»Ganz gewiß.«
»Nun wohl, so will ich Gnade für Recht ergehen lassen und Dir die Sporteln schenken. Bist Du nun zufrieden?«
»Sehr.«
»Aber weißt Du, ein paar Kreuzer könntest Du mir doch zukommen lassen. Ich bin ein armer Teufel und möcht mir gern einen Tabak für meine Pfeifen kaufen.«
»Wie viel brauchst?«
»Einen Sechser.«
»Den geb ich gern. Ich will Dir sogar zwanzig Kreuzer schenken. Brenn ein Streichholz an, damit ich das Geld erkennen kann.«
Der Wächter machte Feuer, und Ludwig suchte ihm zwanzig Kreuzer zusammen, welche er ihm schenkte. Dann schieden sie, Beide herzlich zufrieden mit dem Erfolge der hochwichtigen Amtshandlung, welche der Bahnhofsnachtwächter vorgenommen hatte, obgleich nichts davon in seiner Instruction stand.
Jetzt nun erst konnte Ludwig vollständig mit seinen Erfolgen zufrieden sein. Es war ihm Alles leichter und besser gelungen, als er es für möglich gehalten hatte. Er kehrte höchst befriedigt nach Glowitz zurück.
Dort kam er durch die stets unverschlossene Hinterthür in das Haus und schlich sich hinauf in seine Schlafstube. Er klopfte, und seine Mutter öffnete ihm.
Sie hatte keinen Augenblick geschlafen, natürlich aus Sorge um ihn. Sie bat ihn, daß er ihr erzählen solle, was geschehen sei. Er sprach einige beruhigende Worte und erklärte, daß er ihr am Tage Alles erzählen wolle; jetzt sei er müd und müsse schlafen.
»Sage mir nur das Eine, ob etwas Unglückliches geschehen ist!« bat sie.
»Was geschehen ist, ist kein Unglück,« antwortete er. »Es ist etwas Unangenehmes, kann aber für mich ein sehr glückliches Ende nehmen.«
»Was ists denn?«
»Ich ziehe ab.«
»Was! Du gehst aus dem Dienste?«
»Ja.«
»Wann?«
»Am Vormittage.«
»Herrgott! Ists wahr?« fragte sie erschrocken.
»Ja. Ich gehe mit Dir heim.«
»So schnell! Wie ist denn das gekommen? Hat er Dich fortgejagt?«
»Nein, sondern ich bin es, der den Dienst aufgesagt hat.«
»Warum?«
»Er traf mich bei Gisela im Garten und wurde grob. Da sagte ich ihm, daß ich morgen früh fortgehen werde.«
»Und er willigte ein?«
»Natürlich, denn er stand eben im Begriff, mich fortzujagen.«
»Warum wurde er denn grob? Es war doch gar nichts Böses von Dir, mit Gisela zu reden.«
»O nein; es war im Gegentheile etwas sehr Gutes. Ihm aber gefiel nicht. Denn eben als er kam, uns zu belauschen, sagten wir uns, daß – nun, rathe einmal, was wir uns sagten, Mutter!«
»Das kann ich nicht.«
»Wir sagten uns, daß wir uns lieb hätten.«
»Ists wahr!«
»Ja. Und daß wir uns heirathen werden.«
»Die Gisela Dich?«
»Natürlich, und ich sie.«
»Sie hat wirklich, wirklich gesagt, daß sie Dich nehmen will?«
»Sie hat gesagt, daß sie niemals heirathen werde als nur mich.«
»Den Heiligen sei Lob und Dank! Sie wird Wort halten, wie ich sie kenne.«
»Heut sollte ihre Verlobung mit dem Osec sein: Nun kannst Du Dir denken, welch eine Scene es gab, als ihr Vater uns erwischte.«
»Das glaube ich. Aber was soll nun werden?«
»Ich ziehe ab, werde aber in kurzer Zeit wieder anziehen.«
»Da könntest Du Dich in dem Kerybauer doch geirrt haben.«
»Ich irre mich in ihm ebenso wenig, wie ich mich in Dir oder mir irren kann. Ich werde meinen Wiedereinzug in das Kerygut nicht als Knecht, sondern als Schwiegersohn halten.«
»Bilde Dir nicht zu viel ein!«
»Ich bilde mir gar nichts ein. Wenn ich Dir Alles erzählt habe, wirst Du mir Recht geben.«
»So erzähle doch!«
»Jetzt nicht. Ich habe den Schlaf nothwendig. Es ist bereits spät, und wer weiß, ob ich heut Abend schlafen kann.«
»Was hast Du da vor?«
»Verschiedenes, was Du noch erfahren wirst. Jetzt aber wollen wir schweigen. Gute Nacht, liebe Mutter!«
»Gute Nacht, Ludwig!«
Nach wenigen Augenblicken schliefen Beide. Ludwig war müde, und seine Mutter fühlte sich durch seine Worte so beruhigt, daß sie jetzt schnell den Schlaf fand, der sie vorhin gemieden hatte.
Da sie so spät einschliefen, war es gar kein Wunder, daß sie auch erst spät erwachten. Ludwig ging sofort hinab, sich sein Dienstbuch zu erbitten, welches sich in der Aufbewahrung seines bisherigen Herrn befand.
Der Bauer antwortete ihm kein Wort, setzte sich aber hin und schrieb. Als er fertig war und dem Knechte das Dienstbuch gab, las dieser nur die Worte:
»Muß heut meinen Dienst verlassen.«
Weiter stand nichts da. Ludwig legte ihm das Buch wieder hin und sagte:
»Mit dieser Bemerkung bin ich nicht einverstanden.«
»So! Warum nicht?«
»Sie enthält eine Unwahrheit.«
»Oho! Mußt Du nicht heut aus dem Hause?«
»Nein. Ich muß nicht, sondern ich gehe aus eigenem Antriebe.«
»Das ist nicht wahr!«
»Ich habe Dir gestern Abend in Gegenwart Deiner Tochter erklärt, daß ich heut früh Deinen Dienst verlassen werde.«
»Und ich habe Dir in derselben Gegenwart gesagt, daß ich Dich fortjage.«
»Zu spät!«
»Nein!«
»Ich werde aber doch nicht fortgejagt!«
»Doch!«
»Nun, so jage mich einmal hinaus!«
Er war zornig geworden.
»Wenn Du nicht augenblicklich gehst, so jage ich Dich hinaus!«
»Und wenn Du Dich nicht weniger grob ausdrückst, so weiß ich, was ich zu thun habe!«
»Willst Du schon wieder drohen? Das verfängt bei mir ganz und gar nicht. Ich weiß nun, was Du Dir einbildest.«
»Es ist keine Einbildung. Ich weiß, was ich weiß. Ich weiß sogar weit mehr als Du.«
»Ah! Was denn?«
»Daß ein Pascher den andern betrügt.«
»Da sagst Du mir nichts Neues; aber es geht mich nichts an, weil ich kein Schmuggler bin.«
»Dein bester Schmuggelkumpan wird in ganz kurzer Zeit im Gefängnis sitzen.«
»Das ist mir lieb. Ich bin kein Schmuggler, wie ich bereits gesagt habe, und wenn ein Pascher zum Sitzen kommt, so kann ich als ehrlicher Mann nur Freude darüber haben. Du lebst im Traume, in der Einbildung, wirst aber auch noch erwachen!«
»Mein Erwachen wird da aber jedenfalls ein weit besseres sein. Wenn Dir die Augen aufgehen werden, so wirst Du vor einem Abgrunde stehen, an welchem nur eine einzige Hand Dich vor dem Sturze bewahren kann.«
»So? Welche wohl?«
»Die meinige.«
»Du bist wirklich ein so eingebildeter Mensch, daß man Dich nur auslachen sollte anstatt man sich über Dich ärgert.«
»Es ist weder zum Aergern noch zum Lachen, sondern nur zum Weinen. Es wird die Zeit kommen, daß Du mich wieder zu Dir rufest, daß Du froh sein wirst, mich bei Dir zu haben.«
»Höre, werde nicht frech!« rief der Bauer. »Nimm Dein Buch, und packe Dich fort!«
»Mit diesem Eintrage nehme ich mein Dienstbuch nicht!«
»So bleibt es liegen!«
»Gut! Ich werde es mir durch die Behörde kommen lassen. Setzest Du kein richtiges Zeugniß hinein, lasse ich die Sache untersuchen. Du hast zu erwähnen, ob ich treu, fleißig und ehrlich gewesen bin.«
»Was ich zu schreiben habe, weiß ich. Darüber hast Du mich nicht zu belehren. Jetzt aber gehest Du und kommst mir nie wieder in das Haus. Treffe ich Dich aber einmal mit Gisela zusammen, so schlage ich Dir alle Knochen im Leibe entzwei!«
»Schön! Darauf freue ich mich außerordentlich. Ich habe mich bereits längst gesehnt, einmal meinen Meister zu finden. Also ich soll mich nicht mit Gisela treffen lassen? So wirst Du mir aber doch wenigstens erlauben, mich von ihr zu verabschieden.«
»Nein. Das verbitte ich mir!«
»So wirst Du mich öfters mit ihr treffen. Darf ich aber Abschied nehmen, so – – –«
»Hinaus!« schrie der Bauer, indem er aufstand und gebieterisch nach der Thür zeigte. Da aber ging diese Letztere auf, und Gisela kam herein.
»Ich war in der Küche und habe Alles gehört,« sagte sie. »Der Ludwig will Abschied von mir nehmen, und er hat ein Recht dazu.«
»Wer hat es ihm gegeben?«
»Ich.«
»Du? Dirne, redest Du so mit mir!«
»Ja. So wie Du mit mir rede auch ich mit Dir. Das darf Dich nicht befremden.«
Sie standen einander gegenüber, Auge in Auge. Er zornig, sie ruhig entschlossen.
»Gehe in Deine Küche!« befahl er ihr.
»Wenn ich mit Ludwig gesprochen habe, eher nicht.«
»Ich werfe den Kerl hinaus!«
»So gehe ich mit ihm und komme niemals wieder nach Hause zurück!«
Sie sagte das in so entschlossenem Tone, daß er einsehen mußte, wie ernst es ihr mit dieser Drohung sei. Da sagte Ludwig in bittendem Tone zu ihr:
»Rege Dich meinetwegen nicht auf, Gisela. Es kommt doch so, wie es kommen soll. Es wird nicht lange dauern, so sieht Dein Vater, wer sein, Freund oder sein Feind gewesen ist.«
»Nun, Du willst doch wohl nicht etwa mein Freund gewesen sein!« rief der Bauer.
»Dein bester sogar!«
»Kerl, nun packst Du Dich aber hinaus!«
»Ja, Du hast Recht; es ist besser, ich gehe. Mein Bleiben nützt Dir und mir heut doch nichts. Also leb wohl, Kerybauer! Wir sehen uns bald wieder. Leb auch Du wohl, Gisela! Wir brauchen uns nicht zu grämen, daß wir jetzt aus einander müssen. Desto größer ist dann die Freude, wenn wir uns wieder haben.«
»Der Teufel soll Euch haben!« schrie der Bauer. »Macht Euch fort!«
»Ja, das thun wir bereits,« lachte Ludwig.
Er ergriff Gisela bei der Hand und zog sie aus der Stube.
»Wirst Du mir treu bleiben?« fragte er draußen.
»Bis zum Tode.«
»So ist ja Alles gut. Ich muß meine Sachen hier lassen. Nimm sie in Verwahrung, bis ich sie holen lasse.«
»Vielleicht lässest Du sie gar nicht erst holen.«
»Ja. Ich ahne auch, daß ich bald wieder da sein werde.«
»Hast Du gestern Etwas erlauscht?«
»Ja.«
»Was?«
»Davon später. Du wirst zu seiner Zeit Alles erfahren. Jetzt aber ist es besser, daß Du noch im Unklaren bleibst.«
»Sag nur wenigstens, ob es etwas Gutes oder etwas Böses war.«
»Es sollte etwas Böses für uns werden, wird sich aber, nun ich es erfahren habe, in Glück und Freude für uns kehren. Und nun, behüte Dich Gott, mein Mädchen.«
Er zog sie an sich und küßte sie innig. Sie erwiderte seinen Kuß und sagte dann in traurigem Tone:
»Ich werde hier im Hause nicht wie im Himmel wohnen. Komm bald zurück, Ludwig, sonst halte ich es nicht aus!«
Dann entzog sie sich ihm schnell und ging in die Küche.
Er suchte nun auch die Bäuerin auf, um Abschied von ihr zu nehmen. Sie war an ihn gewöhnt, ja, sie hatte ihn so lieb, fast als ob er ihr eigener Sohn sei. Sie begann zu weinen. Er verkürzte also den Abschied so viel wie möglich. Sodann suchte er die Knechte und Mägde auf. Sie alle sahen ihn nicht gern gehen. Er hatte den Vermittler gemacht und viele Härten des Bauers gemildert. Nun er fortging, bekamen sie es mit Kery direct zu thun, und davor hatten sie Angst.
Nun konnte Ludwig gehen. Ein kleines Bündel in der Hand, wanderte er mit seiner Mutter fort, zum Hause hinaus, in welchem er so lange Zeit treu und redlich gedient hatte.
Unterwegs erzählte er ihr die Vorkommnisse des gestrigen Abends, aber nur so weit, wie er es für unumgänglich nöthig hielt, um sie auf dem Laufenden zu erhalten. In die Geheimnisse aber weihte er sie nicht ein.
So schritten sie rüstig vorwärts. Mit scharfem Auge durchforschte er den Weg und seine Umgebung. Er mußte ja nun bald den Ort erreichen, an welchem er den Brief finden sollte. Seiner Mutter hatte er nichts davon gesagt. Wenn sie nichts davon wußte, so spielte sie die Finderin mit vollendeter Wahrheit und die Lauscher wurden sicherer getäuscht.
Denn es verstand sich ganz von selbst, daß Zerno in der Nähe sein werde, um zu beobachten, welchen Erfolg der Fund des Briefes machen werde. Höchst wahrscheinlich war auch Usko dabei. Ludwig war, bevor er das Kerygut verließ, einmal hinauf ins Heustadel gegangen und hatte sich überzeugt, daß die beiden Slowaken nicht mehr da seien.
Jetzt führte der Weg in kurzen Windungen zwischen dichten Büschen eine Höhe empor. Es gab keine geeignetere Stelle für die Absicht Zerno's. Und wirklich, da blieb Ludwigs Mutter, welche augenblicklich voranschritt, weil der Weg hier schmal war, plötzlich stehen und sagte:
»Was ist das? Hier liegt ein Papier.«
»Wo?«
»Grad im Wege. Schau! Am Ende ist es gar ein Brief.«
Sie hob denselben auf und gab ihn ihm in die Hand. Er las die Adresse mit lauter Stimme und sagte dann:
»Allerdings ein Brief. Aber den Namen kenne ich nicht, der darauf steht. Ah, das Couvert ist offen. Da kann man ihn doch lesen und dabei sehen, an wen er ist. Es steht wohl der Name des Mannes da aber kein Ort dabei.«
Er zog das Blatt aus dem Couvert, faltete es aus einander und las mit lauter Stimme die wenigen Zeilen. Er wußte, daß er gehört und beobachtet werde.
»Hast Du das verstanden?« fragte er sodann seine Mutter.
»Nicht ganz.«
»So will ich es Dir noch mal lesen.«
Er begann von Neuem.
»O, jetzund versteh ich es schon besser,« sagte sie nun. »Aberst was ist denn das?«
»Ein Briefen, den der Eine an den Andern schreibt.«
»Ja, das kann ich mir schon denken.«
»Und Beide sind Pascher.«
»Herrgottln! Einen Brief von Paschern haben wir funden?«
»Ja, anderst ists nicht.«
»Sie schreiben also wohl gar vom heutigen Abend?«
»Freilich. Da steht der Ort und die Zeit, wo und wanns zusammenkommen wollen, um die Waaren herüber und hinüber zu transportiren.«
»So eine Schlechtigkeiten! Und auch welch eine Unvorsichtigkeiten! Wer so ein Schreiben verliert, der sollt eine richtige Strafen bekommen, denn er kann sich und auch die Kameraden ganz in das Unglück bringen.«
»Diese Straf wird er auch erhalten.«
»Meinst? Was für eine?«
»Er wird derwischt werden.«
»Auf welche Weisen soll das geschehen?«
»Ich werd dafür sorgen.«
»Du? Willst Dich wohl gar mit einer solchen Sach abgeben? Das wirst nicht thun!«
Da Ludwig seiner Mutter nichts davon gesagt hatte, daß er es wußte, daß man ihm einen solchen Brief in den Weg legen werde, so hatten ihre Worte, ihre Mienen, überhaupt ihr ganzes Verhalten den Ausdruck der Wahrheit. Er hatte berechnet, daß die Lauscher sich dadurch täuschen lassen würden.
Und diese Berechnung trog ihn nicht, denn die beiden Slowaken kauerten in Wirklichkeit hinter einem der nächsten Büsche, um den ganzen Vorgang anzusehen und anzuhören.
Sie hatten diesen Ort für denjenigen gehalten, welcher für ihr Vorhaben am Allerbesten geeignet sei. Erstens konnten sie sich hier so verstecken, daß sie nicht gesehen wurden, dabei aber Alles leicht zu beobachten vermochten. Und bei der Schmalheit des Pfades konnte Ludwig gar nicht vorübergehen, ohne den für ihn bestimmten Brief zu bemerken.
Jetzt nun freuten sie sich über jedes Wort, welches sie hörten. Nach ihrer Ansicht war ihr Vorhaben vom besten Erfolg gekrönt. Ludwig ging auf die ihm gesteckte Leimruthe. Er wollte den Brief abgeben.
»Freilich werde ich es thun,« sagte er. »Ich bin sogar gezwungen dazu.«
»Wer sollte Dich zwingen?«
»Mein Gewissen. Oder meinst Du, daß ein braver Mann ein Verbrechen ausüben läßt, wann er das selbige verhindern kann?«
»Ja, die Schmuggelei ist freilich verboten, doch ein wirkliches Verbrechen ist sie wohl nicht.«
»Sie ist verboten und wird streng bestraft, also ist sie auch ein Verbrechen, und so muß ich es zur Anzeig bringen.«
»Bist aberst doch kein Polizist oder gar ein Grenzbeamter.«
»Aberst ein Unterthan bin ich, der seine Rechten und also auch seine Pflichten kennen muß. Ich bin ein Bayer. Soll ich es dulden, daß die Oesterreicher, von denen ich gar nix hab und die mich jetzunder sogar hinausstoßen haben, mit ihrer Schmuggeleien sich unser schönes bayrisches Geldl derschwindeln? Nein, das darf ich nicht. Ich muß allsogleich zur nächsten Grenzstation, wo ich diesen Briefen abzugeben habe.«
»Wirds aber auch was nützen?«
»Allemalen! Es steht doch ganz deutlich hier, wann die Paschern kommen wollen und wo sie sich treffen werden.«
»Vielleichten kommen sie gar nicht. Wir haben diesen Briefen hier mitten im Wege funden. Der Bote hat ihn verloren, und so ist er also gar nicht an Denjenigen abgeben worden, für den er bestimmt war.«
»Das denkst, weilsts nicht verstehst. Schau mal her! Sind nicht zweierlei Schriften da?«
»Ja, das sehe ich schon. Die eine ist mit Tinten und die andere mit Bleistiften. Wie mag das kommen?«
»Das ist sehr einfach. Derjenige, der den Briefen schickt hat, der hat ihn mit Tinten schrieben. Und Derjenige, der ihn empfangen hat, der hat mit Bleistiften eine Bemerkungen daraufi macht. Also ist dera Briefen doch sicher an den richtigen Adressaten kommen, und dera Pascherzug wird heut Abend jedenfalls vor sich gehen.«
»Aberst wannst die Anzeig machst, kannst doch nicht etwa vielleicht in Schaden kommen?«
»Was denkst denn da! Wie soll es mir Schaden bereiten, wann ich meine Pflicht erfüll? Ein Lob werd ich erhalten und auch noch gar ein Geldl dazu.«
»Ist das wahr?«
»Ja. Derjenige, der dazu beihilft, daß ein Schmuggelzug abfaßt wird, erhält eine Prämie. Und die kann sehr groß sein, wanns werthvolle Waaren sind, die abfaßt werden.«
»So hab ich freilich nix dagegen, daßt diese Anzeigen unternimmst. Eine Pflicht derfüllen und auch noch ein Geldl dazu derhalten, das ist ja sehr gut. Besser kann man es ja gar nicht haben.«
»Schau, wie das Geldl gleich einen großen Eindrucken auf Dich macht! Ja, das Weibsvolk hat das Geldl lieb. Da lachts gleich im ganzen Gesicht, wanns einen Thalern oder ein Fünfmarkl derblickt. Aberst komm weiter. Wir bleiben hier stehen und müssen doch eilen, damit ich denen Briefen recht bald abgeben kann.«
Sie setzten ihren Weg fort.
Sobald sie verschwunden waren, standen die beiden Slowaken vom Boden auf.
»Prächtig!« meinte Zerno. »Besser konnte es gar nicht gehen. Unsere Absicht ist so gut gelungen, wie sie nur gelingen konnte. Wenn nun auch der andere Brief in die richtigen Hände kommt, so gilt der Ludwig für einen Pascher und kommt unter Polizeiaufsicht.«
»Das gönne ich ihm von ganzem Herzen. Wir kommen gut weg dabei. Der Verdacht ist auf ihn gelenkt. Wir werden weniger beobachtet, weil man nun sehr auf ihn merkt, und können unser Handwerk leichter treiben.«
So erfreut wie sie über das Gelingen ihres Streiches waren, war es auch Ludwig über das Gelingen des seinigen. Er schritt eine Weile rasch aus, um aus dem Bereiche der Lauscher zu kommen. Dann, als der Weg wieder breiter wurde und nicht mehr von Büschen eingefaßt war, so daß er sich überzeugen konnte, daß er nicht mehr beobachtet werde, sagte er zu seiner Mutter:
»Aber weißt, aus dera Belohnung wird doch nix werden.«
»Denkst, daß keine bekommst? Meinst wohl, daß die Paschern nicht derwischt werden?«
»Nein. Sie werden nicht derwischt.«
»Aber wannst den Briefen abgiebst, so muß man sie doch ergreifen!«
»Ich geb ihn gar nicht ab.«
»So hast Dich schon anderst besonnen? Was bist doch für ein wetterwendischer Kerlen jetzt. Jetzt willst so und in einer Minuten schon bereits wieder das Gegentheil.«
»O nein. Ich hab gleich erst wußt, daß ich den Briefen nicht abgeben werd.«
»Geh mir doch von dannen! Warum hast da ganz anderst sprochen? Ich hab mich nun bereits auf die Prämie freut, welche wir doch bekommen hätten.«
»Wir hätten keine erhalten, denn erstens kommen die Paschern gar nicht auf demjenigen Weg, der hier im Briefen steht, und zweitens tragen sie nur Lumpen und altes Papier über die Grenz. Wann man es ihnen abnimmt, so giebt das doch keine Prämie für mich. Es ist ja gar nix werth.«
»Und das weißt so genau?«
»Ja. Ich weiß sogar, daß dieser Brief nur deshalb hinlegt worden ist, damit ich ihn finden und abgeben soll.«
»Das weißt? Woher denn? Ich bin ganz derstaunt darüber. Bist denn mit denen Paschern so bekannt, daß sie Dir Alles sagen?«
»Kennen thu ich sie sehr gut, aber mir was zu sagen, da werdens sich schön hüten. Ich hab sie belauscht. Sie kommen heut Abend nicht durch den Ort, der hier im Briefen angeben ist, sondern durch das Föhrenholz.«
»O Jerum! Das ist ja ganz nahe bei unserem Oberdorf!«
»Ja, ganz nahe.«
»Und willst sie da nicht abfangen lassen?«
»Nein. Und ich hab meine guten Gründen dazu. Erstens bringen sie nur Lumpen, und zweitens käm dera Kerybauern dabei in großen Schaden. Er ist dera Gisela ihr Vatern, und da will ich ihn nicht ins Unglück bringen.«
»Der Bauer!« rief sie erstaunt. »Ist denn der etwa auch dabei?«
»Freilich. Er und die beiden Osecs sind eigentlich die richtigen Anführern.«
»Herrgottle! Wer hätt das denken konnt!«
»Ja. Sie haben bisher Alles so schlau anfangen, daß Niemand einen Verdachten auf sie haben kann. Aberst dera Krug geht halt so oft zum Wasser, daß er endlich doch mal zerbrechen thut. Und dieses End ist nahe herbei kommen.«
»Da weiß ich gar nicht, was ich sagen soll! Dera reiche Kerybauern giebt sich mit denen Schmugglern ab! Er, der so stolz thut und mich nicht mal niedersitzen läßt, wann ich zu Dir auf Besuchen komm!«
»Wann man es zum ersten Mal derfährt, ists freilich zum Verwundern. Nachhero aberst, wann man sich an den Gedanken gewöhnt hat, so ists gar leicht zu begreifen. Ich schau ganz klar hinein in diese Angelegenheiten.«
»Wie bist denn dahinter kommen?«
»Durch einen Zufall. Und von da an hab ich immer aufmerkt bis gestern, wo ich dann Alles entdeckt hab. Dera Kery hat reich werden wollen durch denen Schmuggel, doch Alles, was er sich dabei erworben hat, das haben die Osecs ihm im falschen Spiele abnommen, heut ist er ebenso arm wie ich, und gar vielleichten noch viel ärmer. Ich mag nicht mit ihm tauschen.«
»Mein grundgütiger Himmel! Weiß die Bäurin davon und die Gisela?«
»Sie wissen nur ein Wenig, und wann es nach mir geht, sollen sie auch niemals Alles derfahren. Die Osecs wollen den Kery vom Hof fortjagen und dann sich hineinsetzen wie der Sperling, wann er in das Staarnest kommt. Aberst dera Ludwig ist auch noch da. Er wird es nicht dulden, daß sein Dirndl zur Bettlerin macht wird.«
»Dagegen wirst wohl nix thun können!«
»Meinst? O, ich kann da viel thun, vielleicht gar Alles.«
»Was denn?«
»Darüber darf ich nicht reden. Weißt, wanns sich um solche Sachen handelt, wie die Pascherei eine ist, so ists gefährlich, viel darüber zu reden. Ich will also lieber schweigen.«
»Bei dem Allen wirds mir himmelangst nun auch um Dich!«
»Um mich brauchst keine Sorg zu haben. Ich werd jetzunder einige Tagen lang gar nicht viel zu Hause sein; doch darf Dich das nicht in Angst versetzen. Die Wegen, auf denen ich gehe, sind gute.«
»Willst Dir einen andern Dienst suchen?«
»Nein. Ich brauche keinen.«
»Mußt aber doch leben und arbeiten!«
»Das werd ich auch, nämlich wiederum in meinem jetzigen Dienst beim Kerybauer.«
»Nachdem Ihr so im Zorn ausnander gangen seid? Wer soll das glauben!«
»Du. Was ich sag, das kannst für die richtige Wahrheit nehmen. Ich weiß schon, was ich thu. Ich weiß bereits vorher, wie Alles wird. Es ist mir Alles klar. Nur über ein Einziges bin ich mit mir in Zweifel.«
»Was ists? Kann ich Dir nicht vielleicht einen Rath ertheilen?«
»Nein. Du weißt es auch nicht.«
»Was?«
»Die Paschern werden heut in dera Nacht durch das Föhrenholz kommen. Sie redeten davon, daß in dera Nähe eine Mühlen liegt. Weißt Du eine?«
»Nein.«
»Das Föhrenholz liegt gleich neben unserm Dorf. Doch eine Mühlen giebts in dera weiten Umigegend nicht. Das macht mir Schmerzen.«
Ludwig täuschte sich. Was er erlauscht hatte, handelte nicht vom Föhrenholze, sondern vom Föhrenbusche. Beide Orte lagen weit aus einander. Das Föhrenholz war eine kleine Kiefernwaldung ganz in der Nähe von Oberndorf, der Heimath Ludwigs. Der Föhrenbusch aber befand sich bei Hohenwald, eine nicht sehr bedeutende Strecke von der Mühle entfernt, in welcher jetzt König Ludwig wohnte.
Diese Verwechslung der beiden Orte konnte für den Monarchen leicht verhängnißvoll werden.
»Ja,« fuhr Ludwig fort. »Ich hab schon nachsonnen und nachsonnen immerfort, aberst es fallt mir keine Mühlen ein.«
»Wirst fragen müssen.«
»Das kann auch nix helfen. Ich kenn die Gegend grad so gut wie jeder Andere, und es wird Keinen geben, der in dera Gegend vom Föhrenholz eine Mühlen entdecken kann.«
»Ists denn so wichtig?«
»Sehr wichtig. In dera Mühlen soll nämlich heut in der Nacht was macht werden, was ich verhüten muß.«
»Was denn? Das klingt grad so, als obs was Böses ist.«
»Das ists auch.«
»Und wohl gar gefährlich?«
»Sehr.«
»Mein Gott! Ludwig, ich bitt Dich, thu mir doch den Gefallen und gieb Dich nicht mit solchen Dingen ab. Wer sich in Gefahren begiebt, der kann sehr leicht darinnen umkommen. Bedenk, daßt eine Muttern und eine Schwestern hast!«
»Und gar auch noch ein Dirndl, was meine Frauen werden soll!« lachte er.
»Du lachst hierüber! Mir ists gar nicht zum Lachen. Wannst von einer Gefahren redest, so kann ich doch nicht ruhig dabei sein.«
»Hab ich denn sagt, daß ich es bin, für den es eine Gefahren giebt?«
»Ja.«
»Nein. Mir will Niemand nix thun, sondern es ist ein ganz Anderer, dem es an den Kragen gehen soll. Und diesen möchte ich so gern derretten. Ich werd halt doch nach dera Mühlen fragen, und nachhero, wann ich keine Auskünften derhalten kann, so muß ich die Sach dera Polizeien melden.«
»Und wanns Dich auch nicht betrifft, so wirds mir doch gleich ganz angst und bang dabei! Red lieber richtig aus dera Seel heraus, damit ich weiß, woran ich bin. Wann man sich so in Ungewißheiten befindet, so macht man sich das Leben schwerer, als es nöthig ist.«
»Da hast schon Recht. Darum werd ich Dir später Alles derklären. Nur jetzund kann ich nicht. Ich kann Dir aberst sagen, daß ich in gar keiner Gefahr bin, auch nicht in dera kleinsten. Und nun wollen wir von diesem Gespräch ablassen. Hier ist das Gasthaus. Wir werden mal einikehren, denn wir Beid sind noch ganz nüchtern im Magen.«
Sie hatten wirklich noch nichts genossen und darum war ihnen die Schänke eben recht. Diese lag am Eingange eines kleinen Dörfchens, durch welches der Weg nach Oberdorf führte. Nach einer anderen Richtung ging die Straße gegen Eichenfeld und Hohenwald hin.
Die Schänke war ein ärmliches Gebirgshäuschen, fast nur eine Blockhütte zu nennen, da das auf sie verwendete Baumaterial fast nur aus Baumklötzen bestand. Doch machte sie einen freundlichen Eindruck mit ihren kleinen, spiegelblank geputzten Fenstern und den Epheu- und wilden Weinranken, welche die Wände bis an das niedere Dach und die beiden Giebel bis zur Firste hinauf mit ihrem grünenden Kleide umzogen.
Vor der Hütte standen einige Tische nebst den dazu gehörigen Bänken, aus rohen Holzstangen zusammengenagelt. An einem dieser Tische saß ein Gast, ein einzelner, welcher die Nahenden mit erfreutem Blicke musterte. Er stand auf, ergriff seinen alten, mit allerlei Blumen und Kräutern geschmückten Hut, wirbelte ihn in die Luft, fing ihn wieder auf und rief dabei:
»Wer kommt denn da angedampft! Das ist doch dera Ludwigen vom Keryhof mit seiner Muttern! Nein, so was! Wer hätt denn das denkt, daß man hier heroben mit so einem feinen Bub und mit so einer hübschen, jungen Damen zusammentreffen thät! Nein, so eine Freuden! Hier ist meine Hand! Willkommen auch! Setzt Euch herbei und trinkt, was Euer Herz begehrt! Ich zahl Alles, Alles, was nicht über fünfzehn Pfennigen ist.«
Die Frau hatte bereits, als sie ihn von Weitem erblickte, im ganzen Gesicht gelacht. Jetzt antwortete sie, ihm die Hand reichend:
»Grüß Gott auch, Wurzelsepp! Bist und bleibst doch immer dera alte Schabernack!«
»Was sagst? Ich ein Schabernack! Wannst das nochmals sagst, mußt mich gleich mit einem Kussen versöhnen!«
»Mich eine junge, hübsche Damen zu nennen!«
»Bists etwan nicht? Dem Methusalem seine Urgroßmuttern ist achttausend Jahren alt worden. Bist etwan nicht jung gegen diese?«
»Ja, gegen so eine Achttausendjährige! Das ist richtig!«
»Also hab ich doch Recht. Und nun hast auch Du eine Hand von mir, Ludwig. Wie kommts, daßt mal vom Keryhof fort darfst? Hast eine Kindtaufen daheim, oder so eine andere ähnliche Festivitätin?«
»Nein.«
»Also einen Urlauben?«
»Auch nicht. Ich bin fortjagt worden.«
»Fortjagt? Bist auch ein Hallodri, der, mir da einen Bären aufibinden will!«
»Es ist kein Bär, sondern die Wahrheit.«
»Das glaubt Dir dera Teuxel, ich aber nicht. Dera Ludwig wär eben ein Kerlen, den Einer fortjagt! Und dera Kery weiß ganz genau, wen er an Dir hat.«
»Er hats so genau wußt, daß er mich eben fortschickt hat. Aberst reden wir davon nicht. Ich hab einen Dursten und auch einen Hungern. Da setz Dich herbei, Muttern! Jetzt wird gessen und trunken, was das Hotel hier zu schaffen vermag.«
»Holst doch recht groß aus!« lachte der Wurzelsepp. »Hast eine Lotterie gewonnen?«
»Nein; aberst eine Fröhlichkeiten hab ich in mir, die muß heraus.«
»Worüber wohl?«
»Ueber Dich.«
»Willst gleich das Maul halten! Wer wird über den alten Sepp fröhlich sein!«
»Ein Jeder. Wer Dir begegnet, der freut sich sicherlich. Bist eben ein Sonntagsmensch, wie es selten einen giebt. Wo kommst her?«
»Von Oberdorf, wohin Ihr wollt.«
»Und wohin willst?«
»Hinüber nach Hohenwald.«
»Hast wohl dort Geschäften?«
»Ja. Ich hab jetzund meine Stationen dort, wannst mich mal besuchen willst.«
»Dazu kann Rath werden und die Zeit dazu hab ich ja auch.«
»So ists also wirklich wahr, daßt fort bist aus dem Deinigen Dienst?«
»Ja.«
»Himmelsakra! Warum denn eigentlich?«
»Weil – weil – na, weil ich eben nur so ein armer Teuxeln bin.«
»So! Ein armer Teuxeln! Was geht das dem Kery an, wannst Deine Arbeiten machst und Dir nix zu schulden kommen läßt.«
»Aberst ich hab mir was zu schulden kommen lassen.«
»Du? Das glaub ich nicht. Was denn?«
»Nix, als eben nur, daß ich arm bin.«
Der Sepp blickte ihm forschend in das Gesicht, stieß dann einen Pfiff aus, schnippste mit den Fingern und rief:
»Verdorio! Da hab ichs fest! Da ist auch wiederum ein Dirndl schuld daran! O, Ihr jungen Leutln, was seid Ihr doch für ein unnützes Volk! Kaum sieht Einer ein Dirndl, so vergafft er sich in sie, obgleichs die Tochter seines Herrn ist. Und kaum siehts Dirndl den Buben, so langt sie mit allen zehn Fingern nach ihm, obgleich er der Knecht ist und sie einen ganz Andern bringen soll, nämlich den Osec!«
»Ah! So weißt auch davon?«
»Was könnt dera Wurzelsepp nicht wissen?«
»Ja, Du bist dera Vetter von aller Welt, und ein Jeder theilt Dir seine Geheimnissen mit. Aber dera Kery wird Dir wohl nix sagt haben.«
»Der wäre der Richtige! Den kann ich so gut leiden wie den Leichdornen am Fuß. Nein, der sagt mir nix. Dennoch hab ich wußt, daß dera Osec sein Schwiegersohnen werden soll. Das dies dera Gisela nicht passen thut, das konnt ich mir denken, aberst daß es ihr grad um Deinetwillen nicht passen will, das ist mir unbekannt gewest.«
»Ich habs auch nicht wußt,« lachte Ludwig.
»So! Das soll ich glauben?«
»Ja. Ich hab es erst am gestrigen Abend derfahren, und da kam auch sogleich dera Bauern dazu und hat einen Spektakeln macht, daß ich ihm gleich sagte, daß ich heut früh vom Hofe fortgehe.«
»Ists so! Also fortjagen hast Dich nicht lassen, sondern selbst bist gangen. Das kann ich mir denken, denn so Einer wie Du, der sieht sich wohl vor, daß er nicht einen Schandfleck in das Dienstzeugniß bekommt. Also mit dera Gisela bist einig?«
»Ja.«
»Und was sagt ihre Muttern dazu?«
»O, die ist nicht dagegen.«
»Das ist gut. Da werdst Ihr Euch auch bekommen, und wann dera Kery sich noch so sehr dagegen sträubt. Ich bin seit einiger Zeit nicht hinunterkommen nach Slowitz. Aber ich werd in den nächsten Tagen mal hinab und da will ich dem Kery eine Bußpredigten halten, daß ihm die Augen übergehen.«
»Das kann ihm nix schaden. Aberst wo ist denn dera Wirth! Sieht uns denn Niemand sitzen?«
»Laß nur! Es ist kein Mensch daheim, als nur die alte Großmuttern! Bei dieser geht es langsam. Ich hab mir ein Käß und Brod bestellt. Ehe die das fertig bringt, kann eine Woch vergehen.«
»So lang kann ich mich nicht hersetzen; ich hab keine Zeit dazu. Geh Du doch mal hinein zu ihr, Muttern, und hilf ihr dabei. Das wird ihr willkommen sein. Hol ein Bier heraus und ein Essen dazu.«
Seine Mutter folgte dieser Aufforderung.
»Hasts doch recht eilig!« meinte der Sepp.
»Ja, ich hab heut noch gar viel vor.«
»Was denn? Willst Dir einen neuen Dienst suchen?«
»Nein. Ich hab andere Sachen zu versorgen.«
»Und damit hasts gar so schnell?«
»Es erleidet keinen Aufschub. Vielleichten sehen wir uns bereits heut wieder. Ich muß nach Hohenwald.«
»So kannst doch gleich jetzt mit mir.«
»Ich komme nach. Ich möcht doch erst zur Schwestern gehen, um sie zu begrüßen.«
»Nun, wannst dazu Zeit hast, so ist die Sach doch nicht so eilig, als wie ich dachte.«
»Es hat Zeit bis am Nachmittag. Also Deine Stationen hast jetzund in Hohenwald? So kennst wohl auch die Leutln dort?«
»Die kenn ich so gut wie mich selbst, bereits seit langer, alter Zeit, auch ohne daß ich meine Station dort aufschlagen thu.«
»So kannst mir am End eine Auskunften geben.«
»Ja, gern. Was willst wissen?«
»Sind jetzunder fremde Leutln dort im Dorf?«
»Ja. Warum fragst nach ihnen?«
»Ich möcht Einen aufisuchen.«
»Wen?«
»Er soll ein Hexenmeistern sein, ein Tausendkünstlern.«
»Da kenn ich keinen in Hohenwald. Die Bauern, die da wohnen, sind keine Tausend–«
»Er soll im Gasthofen wohnen,« fiel ihm Ludwig in die Rede.
»Ah, im Gasthofen! Sappermenten, das kann schon sein. Jetzunder weiß ich, wenst meinst. Heißt er nicht Signor Bandolini?«
»Ja. Aberst eigentlich nennt er sich anders.«
»So kennst also seinen wirklichen Namen?«
»Ja.«
Das Interesse des alten Sepp begann sich zu verdoppeln. Er zog seine alte Tabakspfeife hervor und begann, den in dem Kopfe enthaltenen Tabaksrest in Brand zu setzen. Es war zu erwarten, daß er etwas Neues, Wichtiges erfahren werde, und dabei mußte die Pfeife brennen. Das erhöhte den Genuß. Er that einige tüchtige Züge und fragte sodann:
»Und wie nennt er sich dann?«
»Jeschko.«
»Das stimmt.«
»Er ist ein Zigeunern?«
»Auch das stimmt.«
»So kennst ihn also?«
»Ganz gut.«
»Mit dem muß ich reden!«
»Das kannst sehr leicht. Er ist immer anzutreffen. Doch, darf ich nicht vielleicht wissen, wast von ihm willst?«
»Ich möcht nicht davon sprechen.«
»Ach so! Es ist ein Geheimnissen?«
»Ja.«
»So behalts für Dich, wannst kein Vertrauen hast zum Wurzelsepp!«
Er stand von der Bank auf und entfernte sich. Er ging in das Innere der Schänke, entweder um die beiden Frauen zur Eile anzutreiben oder weil er sich ärgerte, daß Ludwig nicht mittheilsamer mit ihm war.
Bald brachte er dessen Mutter getrieben. Auch die alte Großmutter kam herbei gehinkt, um das verlangte Essen und Trinken zu bringen. Sie war fast ganz taub, hörte kein Wort von dem, was gesprochen wurde, und entfernte sich bald wieder.
Die Drei begannen zu essen. Der Sepp schien seine gute Laune verloren zu haben.
»Bist mir wohl bös?« fragte Ludwig.
»Bös? Warum sollt ich das sein?«
»Weil ichs Dir nicht sagt hab.«
»Wie könnt ich Dir das übel nehmen? Ein Jeder hat das Recht, zu thun, was ihm beliebt; Du auch.«
»Ich kann Dir nämlich nix sagen, weil ich eigentlich selbst nix weiß.«
»Das klingt seltsam!«
»Ich will es erst derfahren.«
»So! Nun, vielleicht kann ich Dir eine Auskunften geben.«
»Du wohl nicht.«
»So! Hast noch niemals hört, daß dera Wurzelsepp Alles weiß?«
»Ja, aberst dieses kannst nicht wissen. Was geht Dich dera Jeschko und dera Barko an!«
Da legte der Sepp schnell sein Messer hin, sprang auf und rief:
»Barko! Kennst Einen, der so heißt?«
»Ja.«
»Was ist er?«
»Ein Slowak.«
»O wehe! Da ist er es nicht.«
Der Alte setzte sich wieder nieder. Ludwig aber machte die Bemerkung:
»Als Slowak nennt er sich nämlich Usko.«
»So geht er mich nix an.«
»Aber eigentlich heißt er Barko und ist ein Zigeunern.«
Sofort sprang der Sepp wieder auf, schlug mit der Faust auf den Tisch und rief:
»Kreuzmillion! Warum sagst denn das nicht gleich!«
»Ich kann doch nicht Alles auf einmal sagen! Ein jedes Wort braucht seine Zeit, um aus dem Mund heraus zu kommen.«
»So sperr ihn weiter auf, damit es rascher geht! Weißt, je größer das Loch ist, desto mehr kann hindurch.«
»Ja, Du bist ein Kluger. Du weißt halt Alles auf dera Welt!«
»Nun sei still und schweig und beantwort mir lieberst meine Fragen!«
»Das kann ich nicht.«
»Warum nicht?«
»Wann ich schweigen soll, kann ich doch nicht antworten.«
»Willst still sein, Du Unnutz! Ich will nun rasch wissen, obst den Barko kennst.«
»Ich kenne ihn.«
»Wo hält er sich aufi?«
»All überall.«
»Er muß doch eine Wohnung haben!«
»Hast Du etwan eine?«
»Hm, eigentlich nicht. So ist er wohl auch so ein Herumtreiber grad wie ich?«
»Ja. Er handelt mit Blechwaaren, Mausefallen und solchen Dingen.«
»Ah, so hab ich ihn vielleicht schon mal sehen. Wann ich nur wissen thät, wo er grad heut und jetzund steckt! Kannsts nicht vielleichten derfahren?«
»Hm! Wann ich mir Mühe geben thät, so wär es vielleicht möglich.«
»Schön! Wannsts möglich machst, so kannst einen schönen Lohn verdienen.«
»Von Dir?«
»Ja.«
»Wieviel wird das sein?«
»Mehr alst vielleichten denkst. Weißt, dera Barko wird gar nothwendig braucht. Es hat Niemand wußt, daß er noch lebt, selbst sein Brudern nicht.«
»Wie? So weißt also, daß der Barko dem Tausendkünstlern sein Brudern ist?«
»Ja. Erst von Dir hab ich jetzt derfahren, daß er noch vorhanden ist.«
»Das ist freilich ein guter Zufall.«
»Die Polizei wird sich freuen, wann sie ihn finden kann!«
»So? Warum?«
»Weil er ein Criminali ist, wie es keinen Zweiten giebt.«
»Das weißt auch bereits?«
»Besser als Du!«
»Vielleicht doch nicht besser.«
»Oho! Hast vielleicht von dem Silberbauern hört?«
»Daß er gefangen ist? Ja.«
»Und vom Thalmüllern?«
»Auch. Mit denen Beiden hat dera Barko früher zu thun habt.«
»Verteuxeli! Der Kerl, dera Ludwig, weiß wahrhaftig auch was davon! Wer hat es Dir denn sagt?«
»Erlauscht habe ich es. Und nachhero war dera Barko betrunken und hat allerlei Zeug sprochen, von einem Knaben, der beim Thalmüllern ist und der – ich weiß nicht mehr, wie er heißen soll. Es war so ein gar besonderlicher Name.«
»Etwa Fex?«
»Ja, ja, Fex hat er sagt. Kennst Du diesen?«
»Sehr gut. Und da er diesen Namen sagt hat, so ists nun auch ganz gewiß, daß er dera Richtige ist, den wir brauchen können. Er ist nämlich ein großer Verbrechern.«
»Das weiß ich auch.«
»Du? Woher willst das wissen?«
»Besser weiß ichs als Du. Er ist ein ganz niederträchtiger Schmugglern.«
»Davon weiß ich freilich nix. Kannst das auch beweisen?«
»Ja.«
»Sappermenten! So bist ganz dera Kerlen, den wir gern haben werden.«
»Wanns daraufi ankommen sollt, so kann ich mit noch weit mehr dienen.«
»Bist ein Tausendsassa!«
»Ja. Ich weiß nicht nur, was er than hat, sondern sogar auch noch, was er thun will.«
»Bist etwan allwissend?«
»Nein. Ich habs derlauscht, als er es seinem Kumpan derzählte und es mit ihm verabredete.«
»Was will er thun?«
»Einen Mord.«
»Donnerwettern! Wann?«
»Eigentlich weiß ich nicht, obs recht ist, wann ich Dir Alles sagen thu. Eigentlich sollt ich zu dera Polizeien gehen.«
»Papperlapapp! Wanns sich um diesen Barko handelt, so bin grad ich die allerrichtigste Polizeien; das wirst bald merken und einsehen. Also heraus damit! Wann will er einen Mord thun?«
»Heut Abend.«
»Herr Jerum! Ist das möglich! An wem denn?«
»Das weiß ich nicht. Kennst vielleichten das Föhrenholz?«
»Natürlich. Es liegt bei Oberdorf, wo ich jetzunder soeben herkomme. Ich bin also durchgegangen.«
»Giebts da eine Mühlen?«
»Nein.«
»Und doch muß es dort eine geben!«
»Nein. Kannst eine ganze Stund im Umkreis laufen, ohne eine Mühlen zu finden. Das weiß ich genau, und auch Du sollsts wissen, da das doch Deine Heimath ist.«
»Ich weiß es ebenso; aber ich bin ganz irre worden. Der Barko hat behauptet, daß es eine Mühlen giebt, welche in dera Nähe des Föhrenholzes liegen muß.«
»So! Was ists denn mit dera Mühlen?«
»Dort soll der Mord geschehen.«
»An dem Müllern?«
»Nein. Der Betreffende muß ein Fremder sein, weicher jetzunder bei dem Müller wohnt.«
Die Augen des alten Sepp wurden größer.
»Sapperment! Jetzt geht mir eine Ahnung auf. Wirst Dich wohl versprochen haben. Beantwort mir nur schnell die Fragen: Weshalb soll er dermordet werden? Etwan aus Rachsucht?«
»Nein. Sie wollen ihn berauben.«
»Himmelsakra! Hat er denn was?«
»Sie sagten, daß er sehr reich sein muß. Sie redeten von dera Uhr und denen Ringen, von Gold und Diamanten.«
»Das Licht, welches mir aufigeht, wird immer größer. Was sagtens denn noch?«
»Ich hab aus ihren Reden hört, daß er von großer Gestalt sein muß, denn sie nannten ihn einen Riesen.«
»Das ist er auch, ja, das ist er.«
»Was! Kennst ihn etwa?«
»Wart erst noch! Haben sie nicht auch seinen Namen nannt?«
»Es scheint so, daß er grad so heißt wie ich, Ludwig.«
»Himmeldonnerwettern! Jetzund ists richtig, ganz richtig! Habens denn nicht auch sagt, was er ist?«
»Nein.«
»Sie müssen doch davon sprochen haben, ob er was ist, ein Kaufmann, ein Bauer, ein Professorn oder so was.«
»Nein. Nur mal ist ihnen ein Wörtle entschlupft. Das muß aberst ein Versehen sein, denn so was ist doch die allerreinste Unmöglichkeit!«
»Wie lautete das Wort?«
»König.«
Da fuhr der Sepp mit den beiden Händen nach seinem Hute, riß ihn vom Kopfe, warf ihn zu Boden und rief:
»Jetzund ists richtig! Ich habs! Es kann zusiegelt werden so sicher, wie ich da meinen Hut auf die Erde werfen thu. Ja, ja, so ists, so ists! Es ist gar kein Zweifel möglich!«
»So ahnsts wohl, wer es ist?«
»Ahnen? Nein, ahnen thu ich es nicht; aber wissen thu ichs, wissen, so sicher und gewiß, daß ich gleich tausend Eiden daraufi schwören könnt.«
»Wirst Dich auch nicht täuschen?«
»Nein. Das werd ich nun gleich noch sehen. Also beim Föhrenholz soll diese Mühlen liegen?«
»Ja.«
»Hasts vielleichten falsch verstanden. Haben sie nicht sagt, beim Föhrenbusch?«
Ludwig stutzte.
»Föhrenholz, Föhrenbusch,« sagte er einige Male hintereinander. »Hm! Ich kann es nicht genau behaupten. Diese beiden Worten sind einander so ähnlich, daß man sie ganz leicht verwechseln kann.«
»Denk nur richtig nach!«
»Ja, wann ichs mir recht überleg, so wird es wohl so sein, wie Du es sagt hast. Sie haben nicht das Föhrenholz meint, sondern den Föhrenbusch.«
»Habs mir doch gleich denkt.«
»Giebts denn einen solchen?«
»Freilich giebt es einen, und den kenne ich sehr genau. Es ist so, ich habe Recht. Meine Vermuthung ist ganz die richtige.«
»Wo ist dera Busch?«
»Bei Hohenwald liegt er.«
»Und ist eine Mühlen dabei?«
»Freilich! Gar nicht weit davon.«
»Und da wohnt wohl so ein reicher Kerlen?«
»Ja, und der heißt ganz richtig Herr Ludwig. Der also soll dermordet werden. Der! Herrgottsakra! Wer so was sagen thät, den möcht man ins Irrenhaus stecken!«
»Und es ist aber so. Ich habe es ganz deutlich hört.«
»Heut in dera Nacht? Wirklich? Doch um Gotteswillen nicht eher?«
»Nein. Vor Mitternacht ist er noch ganz sicher; aber hernach kommen sie.«
»Nun, so kannst jetzund nicht nach Haus gehen nach Oberdorf, sondern Du mußt mit mir gleich nach Hohenwald kommen. Mach schnell, daßt austrinken thust!«
»Wanns so steht, muß ich freilich mit. Und das thu ich gern. Eine Ermordung zu verhüten, das war mein Bestreben. Nur hab ich vergebens nach dera Mühlen sucht. Ich hätt nicht dacht, daß ich sie durch Dich finden würd.«
»Welch ein Glück, welch großes Glück, daßt mich troffen hast! Ohne das war dera Mord ausführt worden, und Hernachens dieses Unglück, dieses Herzeleid, dieses Aufsehen und dieser Jammer!«
»Vielleicht hätt ichs auch ohne Dich funden. Ich hab ja am Nachmittage nach Hohenwald gehen wollt. Dorten hätt ich mich erkundigt und wohl hört, daß es da einen Föhrenbusch und in dessen Nähe eine Mühlen giebt.«
»Auch das ist möglich. Besser aber ists doch, daß wir uns troffen haben.«
»Was ist denn dera Herr Ludwigen für ein Mann?«
»Kein Schustern und kein Schneidern. Er ist ein gar reicher Herr?«
»Ja, die beiden Slowaken redeten gar von Millionen.«
»Die hat er auch. Und dazu ist er ein sehr hoch anstellter Mann. Das Amt, was er hat, ist kein kleines. Also mach, daßt mit mir kommst! Diese Angelegenheit hat eine große Eilen.«
Er setzte seinen Hut auf, warf den Rucksack über und griff nach seinem Alpenstocke. Da sagte Ludwigs Mutter:
»Und ich werd gar nicht fragt, ob ich ihn mit Dir gehen laß!«
»Was giebts da zu fragen!«
»Soll ich allein nach Haus!«
»Wirst den Weg schon finden. Es ist ja heller Tag.«
»Kann er denn nicht nachkommen?«
»Nein. Er muß halt gleich mit mir. Ich halt ihn fest und laß ihn nicht wieder los.«
»Da wollt Ihr gegen zwei Mördern gehen! Herrgottle, Ludwig, thu mir den Gefallen und mach nicht mit! Man weiß nicht, was geschehen kann.«
»Mutter, was fällt Dir ein! Es ist meine Pflicht, mitzugehen.«
»Aber wannst sie mit fangen sollst! Da kommts zum Kampf. Wie leicht kannst dabei derschossen oder gar derstochen werden.«
»Halts Maul, alte Heulmeierin!« rief der Sepp. »Natürlich werden die beiden Kerle festnommen, wanns kommen. Aberst dazu brauchen wir Deinen süßen Ludwigen nicht. Da sind noch andera Leuteln da. Oder willst vielleicht auf die Belohnung verzichten, die er zu erwarten hat?«
»Meinst, daß er eine bekommen wird?«
»Und was für eine!«
»Wenn auch. Für fünf Mark oder zehn soll man sein Leben nicht riskiren.«
»Fünf Mark oder zehn! Wo denkst hin! Dera Herr, um den sichs handelt, giebt mehr, viel mehr. Hundert ist da noch zu wenig. Er zahlt tausend.«
»O Jerum!« rief sie, die Hände zusammenschlagend.
»Wohl auch noch mehr!«
»Mach mir nix weiß!«
»Sei still! Du bist halt so dumm, daß man Dir gar nix weiß zu machen braucht. Wir haben jetzt keine Zeit mehr, uns mit der alten tauben Großmuttern abzugeben. Hier hast ein Geldl! Zahl die Zech, und mach Dich nachhero davon!«
Er nahm einen Thaler aus der Tasche und legte ihn hin.
»Halt, Sepp, das zahl ich,« meinte Ludwig.
»Du? Du willst zahlen? Für den Wurzelsepp? Da kommst schön an! Heut ist mein guter Tag. Da zahl ich Alles.«
»Was nicht über fünfzehn Pfennige ist, hast vorhin sagt.«
»Das war ein Gespaß. Ich bin ein reicher Kerlen und kann das Geldl wegwerfen, wann ich Lust dazu verspür. Jetzt komm!«
Er wendete sich ab.
»Wann kommst heim, Ludwig?« fragte die Frau.
»So bald wie möglich, Mutter.«
»Doch schon am Nachmittag?«
Da wendete der Sepp sich noch einmal zu ihr herum, machte sein grimmigstes Gesicht und antwortete:
»Willst ihn Dir nicht lieber gleich auf den Buckel binden, he? So eine Karfunkeln hab ich doch noch gar nicht sehen! Dera Ludwigen ist Unteroffizieren west und hat sich gar in dera Schlacht das eiserne Kreuzerl derworben, und nun will ihn die Muttern behandeln, als ob er aus Pfefferkuchen backen und mit Prowangseröhlen bestrichen wär. Schäm Dich! Heut kann er nun nicht kommen.«
»O Jerum! Warum heut nicht?«
»Weil er viel zu verzählen hat und als Zeuge dienen muß. Er wird vor Gericht vernommen werden, und – – –«
»Er wird doch nicht etwan gar mit einisteckt werden!« unterbrach sie ihn.
»O Du großartige Dummheiten! Wird man einen Lebensrettern einistecken! Mach Dich von dannen, sonst lauft mir die Gallen in den Magen, und das könnt nachhero leicht mein Tod und letztes Ende sein. Dann käm ich als Gespensten allnachts an Dein Bett und streckte Dir die Zung heraus!«
»Bist aber heut ein Protziger, und Grober!«
»Du hast die Schuld daran! Dera Ludwig geht mit mir und kommt erst morgen nach Haus. Er wird der Gast des reichen Herrn sein, den er derrettet hat, und dabei wird er sich wohler und besser befinden, als wannst ihn mit nach Haus nimmst, in Watten und Seidenpapieren einiwickelst und dann ins Glasschrankerl stellst, damit ihm ja kein Lüfterl an die Nasen weht und er den Schnupfen bekommt. So, jetzt hast genug! Merk Dirs, und behalt den alten Wurzelseppen lieb. Wannt wieder mal jung wirst, kannst seine Frau werden. Behüt Gott!«
Er schritt von dannen. Ludwig verabschiedete sich von seiner Mutter, sagte ihr einige beruhigende Worte und folgte dann dem Sepp.
Dieser brummte, während sie rüstig weiter schritten:
»So sind die Weibern. Sie heulen und klagen, wanns an eine Gefahr denken. Aberst sodann, wann die Gefahr wirklich hereinbrochen ist, nachhero könnens auch die richtigen Helden sein. Dann besitzt oft so ein schwaches Weib, mehr Muth und Ausdauer als dera stärkste Mann.«
»Hast sie freilich tüchtig ausscholten!«
»Das muß man. Wann ich es ihr nicht gar so derb sagt hätt, so hätt sie anfangen zu wimmern wie eine Ziehharmonika, in welche die Katz ein Paar Löchern einifressen hat. Das kann ich nicht ausstehen. Freilich, wanns wissen thät, wer Der ist, dent rettet hast, so würd sie ein gar anderes Gesichterl machen, ein Gesichterl wie Schneeglöckchen und Selleriesalaten.«
»Warum hasts ihr nicht sagt?«
»Weil das Weibsvolken nicht Alles zu wissen braucht. Verstanden?«
»Aber ich darfs wohl derfahren?«
»Eigentlich nicht, denn es ist ein Geheimnissen. Ich denk aberst, daßt ihn kennen wirst.«
»So ist er wohl ein Bekannter von mir?«
»Ein sehr guter sogar, aberst nicht etwan so einer, mit demt schon Sechsundsechzig spielt hast oder einen Scaten oder Schafkopfen. Sehen hast ihn oft, aberst nicht mit ihm redet. Wannst ihn derblickst, so wirst ihn gleich kennen. Darum denk ich, es ist bessern, daß ich Dir schon jetzt sag, wer er ist.«
»Nun, wer?«
»Eigentlich bist ein gewaltiger Dummerian, daßt das nicht schon weißt.«
»Woher sollte ich es wissen?«
»Aus Allem, was sprachen worden ist. Er ist reich; er hat Millionen. Verstanden! Und Ludwigen heißt er auch! Nun denk doch mal nach, wo in Bayern einen Ludwigen giebt, der so reich ist an Millionen!«
Da hielt der einstige Unteroffizier den Schritt an, legte dem Alten fast erschrocken die Hand auf die Schulter und sagte:
»Sepp, sollt meine Ahnung die richtige sein!«
»Nun, was ahnst denn?«
»Dein Herr Ludwig ist ein Mann von sehr großer, starker Figur?«
»Ja, ein Großer ist er.«
»Und eine hohe Stellung hat er? Wohl eine sehr hohe?«
»Eine gar sehr hohe, ja.«
»Um Gottes willen! Sage mir einmal, ist der König jetzunder in München?«
»Nein.«
»Wo denn?«
»Er ist auf eine Sommerfrischen gangen.«
»Wohin, wohin?«
»Na, nach Hohenwald.«
»Herrgott! Also doch, also doch!«
»Was jammerst denn?«
»Ich jammere ja nicht. Aber nachträglich möcht ich erschrecken über die Gefahr, in welcher er geschwebt hat. Also er ists, der König, unser lieber, guter König?«
»Ja, der ist es.«
Ludwig holte tief, tief Athem. Er wollte etwas sagen, aber es kam ihm ein anderer Gedanke. Er wendete sich schnell der Richtung des Weges zu, eilte fort und rief:
»Komm, Sepp, komm schnell! Wir müssen zu ihm, zu ihm!«
Er schritt so aus, daß ihm der Alte gar nicht zu folgen vermochte.
»Kreuzmillionenschockhaselnüssen!« schimpfte er. »Willst gleich anschleifen! Legst sofort den Hemmschuh an! Wer soll denn da mit Dir laufen!«
»Komm nur, komm!«
»Ich komm ja schon! Aberst mach ein Wenig langsamer, sonst bringst mich um! Auf zehn Minuten kann es nun auch nicht ankommen.«
»Auf eine einzige kann es ankommen!«
»Die That soll doch erst in dera Nacht geschehen. Und wannst so fortläufst, so läufst gleich über Hohenwald hinaus: und bist um drei Uhr in Hamburgen und um Vier drüben in Amerika. Was soll aus meiner Lung werden und aus den meinigen Beinen. Ich setz mich hier nieder und geh gar nicht von dera Stell. Nachhero kannst Dir den Herrn Ludwigen selberst suchen!« Er that wirklich so, als ob er sich niedersetzen wollte, und das half.
»Na, komm,« meinte Ludwig. »Du hast Recht. Wir haben ja noch genug Zeit.«
Nun schritten sie neben einander hin, möglichst rasch zwar, aber doch nur so schnell, als der Alte auszuhalten vermochte. Dabei mußte Ludwig nun ausführlicher erzählen, was er erlauscht hatte.
Er hütete sich, Etwas zum Vorschein zu bringen, was dem Kerybauer schaden konnte. Er erzählte überhaupt nur, daß er gestern an der Ziegelhütte vorübergegangen sei und da bemerkt habe, daß sich Jemand darinnen befinde. Er habe sich näher geschlichen und durch die Ladenöffnung Alles mit angehört. Er verschwieg, daß er die beiden Slowaken auch dann am Abende noch einmal beschlichen habe. Der Kerybauer und die ganze Schmuggelei mußte aus dem Spiele bleiben.«
Als er geendet hatte, meinte der Sepp:
»Das hat halt dera liebe Herrgott schickt, daßt an dera Ziegeleien vorüber bist. Wann das nicht wär, so wär morgen in dera Früh das Bayern ein Waisenkind. Ich darf gar nicht daran denken, so steigen mir sogleich alle Haaren zu Berge.«
Nun schwieg die Unterhaltung, der Wald, durch welchem der Weg führte, senkte sich tiefer und tiefer, bis der Pfad in die bekannte, von Steinegg führende Straße mündete. Da lenkten sie links ein und sahen bald Hohenwald vor sich liegen.
Sie hatten die bereits vielfach erwähnte Brücke zu überschreiten und bogen dann wieder rechts, um nach der Mühle zu gelangen. Sepp deutete nach einer Stelle des Waldes rechter Hand, wo die Wipfel einiger sehr hoher Kiefern über die andern Bäume emporragten.
»Schau,« sagte er, »dort ist dera Föhrenbusch, von welchem die Red gewesen ist. Dort sind jetzunder die Bäumen niederschlagen und das Holz steht zum Verkauf in Klaftern; daher also werden die Kerlen kommen!«
Jetzt kamen sie an dem Wehre vorüber und sahen die Mühle vor sich liegen.
»Siehst das Fenstern hier am Giebel,« meinte der Sepp. »Das ist dasjenige, durch welches sie einisteigen wollen.«
»Da drinnen wohnt der König?«
»Ja.«
»Ein König und eine solche Wohnung!«
»Ja, weißt, Du glaubst gar nicht, was für ein eigener und lieber Her? unser guter König ist. Wer ihn nicht kennt, der denkt, er sei ein recht Kalter und Stolzer. Aberst er ist grad das Gegentheil. Das wirst nun auch derfahren. Komm!«
Sie schritten nach dem Eingange zu. Als jetzt der Augenblick da war, vor seinem Könige zu erscheinen, fühlte Ludwig doch Etwas, was er bisher selbst in der Schlacht nicht empfunden hatte. Er kämpfte es aber tapfer, nieder.
Eben kam die alte Haushälterin aus der Thür.
»Dera Sepp!« sagte sie scherzend. »Bist schon wieder da, Du Wegebreit und Unkraut! Wann man mal froh ist und denkt, daßt endlich fort bist, so bist erst recht wiederum daheim!«
»Daran ist nur die schöne Barbara schuld!« antwortete er.
»Ich? Geh und laß mich aus!«
»Nein, ich kann Dich nicht auslassen. Ich hab Dich einmal tief im Herzen drin. Du bist die schöne und liebreizende Schweinefinne, welche mir im Fleische sitzt. Darum komm ich immer wiederum zu Dir herbei!«
»Wannst so weiter redest, werd ich den Tact dazu schlagen,« drohte sie, nach einer Schaufel greifend, welche zufälliger Weise neben der Thür lehnte.
»Das kannst bleiben lassen! Ich bin schon fertig und hab weiter keine Zeit. Ist dera Herr Ludwigen daheim?«
»Ja, er sitzt eben in seiner Stuben und hat die Zeitung in dera Hand.«
»Schön! Komm, Ludwig!«
Er wollte hinauf. Da aber stellte Barbara sich ihm in den Weg und sagte:
»Oho! So rasch geht das nicht! Meinst, ich hab hier gar nix mehr zu gebieten und zu bedeuten! Hier ist kein Ort, wo jeder fremde Vogel ein- und ausfliegen kann, ganz so, wie es Dir beliebt.«
»Hast Recht! Das hätt ich gar beinahe vergessen. Du muß doch wissen, wer mein junger Freund ist!«
»Auch ein Freund! Wie viele Freunde hast denn eigentlich?«
»Zehntausend und noch einige mehr. Also dieser junge Herr, der ist ein berühmter Professor der Astronomie aus Wien, der vor einigen Tagen den Vollmond entdeckt hat. Und diese hier« – fuhr er fort, auf Barbara deutend – »ist die Fürstin Pompadur, die vor sechshundert Jahren die Krinolin derfunden hat. So, nun kennt Ihr Euch, und wir dürfen eini!«
Die Barbara wollte anfangs zürnen, brach aber doch in lautes Lachen aus, gab den Eingang frei und sagte:
»Dich kennt man schon, alter Lügenpatron! Hast nix als bunte Raupen und Würmern im Kopf. Niemals soll ich wissen, wer die Leutle sind, die er mitbringen thut! Aberst ich werds schon noch derfahren, wer dieser Vollmondastronomen eigentlich ist. Er ist weit laufen, das sehe ich schon. Er wird einen Hungern und einen Dursten haben. Darum werd ich gleich einen Schmarren backen, den kann er essen, wann er vom Herrn Ludwigen wieder abikommt. Und nachhero wird er mir sagen, wer er ist.«
Halb gerührt wendete der alte Sepp sich zu Ludwig:
»So ist sie halt immer, die alte, gute, treue Seele. Wann Jemand einikommt, dem muß sie gleich Etwas braten oder backen. Das ist ihr größtes Vergnügen auf dera Erdenwelt, und wanns mal sterben thut, so muß man sie in den Kochheerd oder den Backofen einimauern, sonst findets halt keine Ruhe nicht. Na, mach nur den Schmarren fertig, mein gutes Bärberl, und mach ihn nicht gar zu klein, denn ich helf auch mit essen.«
»Das kannst bleiben lassen! Von mir bekommst im ganzen Leben nix mehr präsenterirt. Du bists nicht werth.«
Da streichelte er ihr die vollen, rothen Wangen und bat zärtlich:
»Nur ein einziges Mal noch! Nicht?«
»Na, ist denn dera Appetiten gar so groß?«
»Ja, und dera Trinketiten noch größer.«
»So will ich mich noch mal derbitten lassen. Aberst mach, daßt Dich endlich besserst, sonst mußt noch verhungern, und wann ich bis an den Hals im Eierkuchen stecken thät!«
»O Jerum! Den möcht ich sehen, was da für eine gar große und dicke Rosinen drinstecken thät. So was Appetitliches und Extrafeines häts noch gar nie geben!«
Er stieg die Treppe hinauf und flüsterte, oben angekommen, dem ihm folgenden Ludwig leise zu:
»Wart hier heraußen. Ich will Dich erst anmelden. Wann man zum König geht, ists was ganz Anderes, als wenn man seinen Gevattern besucht.«
Er legte Rucksack und Bergstock ab, nahm den Hut vom Kopfe, strich sich das Kopfhaar und den gewaltigen weißen Schnauzbart zurecht und klopfte dann an:
»Herein!« antwortete die sonore Stimme des Königs.
Der Sepp trat hinein und zog die Thür hinter sich zu. Der König richtete den Blick fragend auf ihn.
»Bitt gar schön um Verzeihung, Herr Ludwigen. Es steht Einer draußen, der halt mal mit Ihnen reden möcht.«
Der Monarch hatte sich für seine Lectüre gerade jetzt wohl mehr als gewöhnlich interessirt, denn er zog, verdrießlich über die Störung, die Brauen zusammen und sagte in einem ziemlich scharfen Tone:
»Hoffentlich kein Querulant!«
»O nein! Das fallt Demjenigen gar nicht ein!«
»Und auch wichtig genug, so daß es sich rechtfertigen läßt!«
»Das versteht sich. Er ist ein guter und ein gar braver Bayer.«
Die Brauen wichen aus einander und ein leises Lächeln war zu sehen. Der König kannte den Alten. Wenn es nach dem Sepp gegangen wäre, so hätte er jeden braven Bayer zum Könige gebracht.
»Kannst Du das verbürgen?« erklang es, besser gelaunt als vorher.
»Von ganzem Herzen! Er ist ein ebenso guter Patriot, wie da mein Hut, auf dem noch keine Blume steckt hat, die nicht im schönen Bayernlande pflückt worden ist.«
»Auf solche Patrioten, wie Dein alter Chapeau da ist, kann Dein König freilich stolz sein. Das ist allerdings eine dringende Empfehlung für Den, der draußen steht.«
»O, er hat noch weit bessere. Er ist Unteroffizieren gewest und zweimal verwundet worden, hat das eiserne Kreuzerl erhalten und dient bei einem reichen Bauern als der Oberknecht, um seine arme Muttern und Schwestern unterstützen zu können.«
»So! Was wünscht er denn?«
»Wünschen und bitten will er nix. Aberst bringen will er dem Herrn Ludewigen was, und zwar das Allerbest, was es nur geben kann.«
»Was meinest Du?«
»Die Errettung vom Tode.«
Der König richtete, obgleich er sitzen blieb, den Oberkörper langsam empor, maß den Sprecher mit einem vollen, erstaunten Blicke und sagte:
»Errettung vom Tode? Wer soll gerettet werden, Sepp?«
»Sie!«
»Sepp!«
Wieder wollten die Brauen sich finster auf die großen, dunklen Augen senken.
»Bitt gar schön um Verzeihung! Aberst wanns nicht erschrecken wollten, so thät ich es sagen, was es ist.«
»Sprich!« erscholl es gebieterisch.
»Zwei fremde Slowaken haben Sie hier in dera Mühlen sehen und derkannt. Sie wollen heut in der Nacht kommen und Sie durchs Fenstern herein derschießen, um sich die Ringen und Diamanten zu holen.«
Da stand der König auf, kam hinter dem Tische hervor und fragte: »Das ist doch nur die Erfindung eines wahnwitzigen Menschen, welcher es auf ein Geschenk abgesehen hat.«
»Nein, Herr Ludwigen. Es ist die reine Wahrheit. Und wann dera Ludwig Held, wie er heißen thut, nicht das Gespräch der beiden Mördern belauscht hätt, so wehten morgen im ganzen Lande Bayern die Trauerfahnen.«
»Sepp, das sagst Du mit solcher Ueberzeugung! Bedenke, daß ich es nicht gewöhnt bin, mit mir scherzen oder mir eine ersonnene Fabel aufbinden zu lassen.«
Da antwortete der Alte in höflichem, aber doch einigermaßen vorwurfsvollem Tone:
»Dera Herr Ludwigen kennt mich wohl genau. Ich will gleich hier auf dera Stelle sterben, wann ich nicht vollständig überzeugt bin, daß dera Mordanschlag wirklich und in Wahrheit beabsichtigt wird.«
»Dann wollen wir die Sache untersuchen. Laß den Mann herein!«
»Darf ich auch dabei bleiben?«
»Ja.«
Der Sepp öffnete die Thür.
»Kannst hereinikommen. Fürcht Dich aber nicht und red halt von dera Leber weg!«
Ludwig trat herein, während der Alte die Thür hinter ihm zumachte, stellte sich in militärisch strammer Haltung vor den König hin, blickte ihm fest aber bescheiden in das Angesicht und erwartete so die Anrede des Monarchen.
Dieser musterte den jungen Mann mit scharfem Blicke. Die Prüfung mußte wohl befriedigend ausgefallen sein, denn er nickte ihm gnädig zu und fragte:
»Du kennst mich und weißt, wer ich bin?«
»Zu Befehl, Ew. Majestät.«
»Ich höre, daß ein Anschlag gegen mein Leben geplant worden ist. Bist Du überzeugt, daß dem so ist?«
»Zu Befehl, Ew. Majestät.«
»Nenne mich Herr Ludwig! Ich bin hier nicht der König. Erzähle mir in kurzen Worten, was Du mir zu sagen hast.«
Er winkte ihm dabei, eine bequemere Haltung anzunehmen. Ludwig gehorchte und begann seinen Bericht. Er trug denselben ohne Zagen mit klarer, sicherer Stimme vor. Er versprach sich dabei nicht ein einziges Mal. Seine Art und Weise machte sichtlich einen guten Eindruck auf den König, wenn auch der Inhalt seiner Rede einen ganz entgegengesetzten hervorbringen mußte. Als er geendet hatte, trat er einen Schritt zurück und wartete in ehrerbietiger Haltung auf den Bescheid des Königs.
Dieser sagte zunächst kein Wort. Er trat an das Fenster und blickte längere Zeit hinaus, ohne sich zu regen. Sein Gesicht war nicht zu sehen. Welche Regungen mußten jetzt durch seine königliche Seele gehen!
Als er sich dann wieder umdrehte, zeigte sein Gesicht den Ausdruck ruhiger, milder, wohlwollender Freundlichkeit. Anstatt von dem Mordanschlage zu sprechen, fragte er:
»Bist Du arm?«
»Ja, Herr Ludwig.«
»Und unverheirathet?«
»Ja.«
Bei dieser Antwort flog eine leichte Röthe über sein offenes, Vertrauen erweckendes Angesicht. Der König bemerkte es. Er konnte nicht darüber in Zweifel sein, was dieses Erröthen zu bedeuten habe.
»Aber Du hast eine Braut?« fragte er lächelnd.
»Eine Braut nicht, aber eine Geliebte.«
Auch den Sinn dieser Worte faßte der Monarch sofort richtig auf, wie gleich seine nächste Frage bewies:
»Ihre Eltern sind wohl dagegen?«
»Nur dera Vatern. Der ist ein reicher Bauern drüben in Slowitz, ich aberst bin ein armer Bub.«
»Slowitz, das ist drüben in Böhmen, hm! Ist der Mann denn gar so reich?«
»So gar mit Scheffeln wird er die Ducaten doch wohl nicht messen können.«
»Erzähle mir von Deiner Familie!«
»O, da ist nicht Vieles zu derzählen. Die leben schlecht und recht und thun ihre Schuldigkeiten. Damit ist wohl Alles sagt, und da kann kein Dichtern eine Novelle oder gar einen Roman draus machen.«
»Dennoch will ich mehr von Deiner Mutter, Deiner Schwester und Deiner Geliebten hören. Von Personen, welche man lieb hat, spricht man doch gern.«
»Ja, das ist schon richtig. Wann ich es so nehmen thu, so könnt mir freilich sogleich das Herz überlaufen.«
»Nun, so laß es einmal überlaufen!«
Der König nahm wieder auf dem Sopha Platz und es gelang ihm, durch aufmunternde Fragen dem bescheidenen Burschen eine aufrichtige Darstellung seiner Verhältnisse zu entlocken.
Der Sepp erlaubte sich zuweilen eine Bemerkung, durch welche er entweder etwas Unbekanntes oder Ungenaues erläuterte, oder dem Erzähler Muth zu machen suchte, weniger zurückhaltend zu sein.
Es waren kaum zehn Minuten vergangen, so hatte Ludwig dem Könige weit, weit mehr erzählt, als er selbst glaubte; denn was nicht gesagt worden war, das wußte die scharfe Combinationsgabe des Monarchen auf das Sicherste zu errathen.
Jetzt war er zu Ende. Es war ein wirklich herzensfreundlicher Blick, welchen der König auf ihn warf, um abermals seine Gestalt zu prüfen.
»Und nun erzähle, auf welche Weise Du im Kriege verwundet worden bist und Dir das eiserne Kreuz verdient hast.«
Auch dieser Aufforderung kam der junge Mann nach, doch in so bescheidener Weise, daß zu hören war, er wolle mehr verbergen als erzählen. Das brachte ihm das Wohlwollen des Königs in noch höherem Maße ein. Der Letztere streckte ihm jetzt sogar die Rechte entgegen und sagte:
»Held, Du bist wirklich das, als was der Sepp Dich mir bezeichnete, ein guter, braver Bayer. Ich freue mich. Dich kennen gelernt zu haben, und hoffe, daß auch Du diesen Tag nicht vergessen wirst. Hier, nimm meine Hand. Es passirt nur Wenigen, dieser Auszeichnung sich rühmen zu dürfen. Der Händedruck Deines Königs mag Dir in Erinnerung bleiben für Dein ganzes Leben; er sei Dir die beste Belohnung für Deine Tapferkeit und Treue, ebenso für das, was ich Dir heute wieder zu danken habe, und der Gedanke an den gegenwärtigen Augenblick schwebe immer vor Dir wie ein Engel, welcher Dich vor dem Bösen warnt und vor jedem Fehltritt behütet!«
Das war ernst aber freundlich gesprochen. Der König hielt die Hand des armen Knechtes während der ganzen Rede fest umschlossen. Ludwig schluchzte. Es war ihm so selig, so fromm zu Muthe, wie noch nie in seinem ganzen Leben. Er bückte sich nieder, drückte seine Lippen auf die königliche Hand und konnte es nicht verhindern, daß dabei einige Thränentropfen auf dieselbe fielen.
»Mein König und mein Herr,« schluchzte er, »ich möcht vor Wonne und vor Leid gleich sterben. Es ist mir, als ob meine Seele ausnander springen möcht vor Freud und vor Glück, und doch ists mir auch ganz so, als ob ich ein ganzes Meer von Wehmuth in mir hätt, vor Wehmuth darüber, daß ein solcher Herr sich herabläßt, in dieser Güt und Freundlichkeiten mit mir zu reden. Verlangens mein Leben und ich gebs her, gleich auf dera Stell und mit tausend Freuden.«
»Nein,« lächelte der König gerührt, »ein solches Opfer verlange ich nicht von Dir. Du sollst leben, Dir und mir zur Freude. Du hast mir das Leben erhalten und dafür soll es fortan mein Bestreben sein, daß das Deinige sich glücklich gestaltet. Mein Dank wird nicht auf sich warten lassen.«
»O nein. Dank sinds mir gar nicht schuldig. Wann Einer von uns dem Andern danken muß, so bin halt nur ich Derjenige. Ich hab nur meine Schuldigkeiten than, und dabei ist doch gar nix, denn es war Alles so gar leicht und ich hab nix dabei zu wagen habt. Aber die Hauptsach ist, daß Sie wirklich meinen, mir einen Dank schuldig zu sein. So glaubens nun also, daß ich die Wahrheiten sagt hab?«
»Ja. Nachdem ich Dich gehört habe, bin ich vollständig überzeugt, daß ich morgen nicht mehr leben würde, wenn Du nicht gekommen wärest, mich zu warnen.«
»Gott sei Dank! Darauf, daß Sie das glauben, kommt ja Alles an. Da werdens nun also auch die Vorbereitungen treffen, daß der Anschlag nicht gelingen kann.«
»Ja, das werde ich ganz gewiß, und da wirst Du auch erkennen, daß Deine Warnung für Dich nicht ganz so gefahrlos ist, wie Du vorhin meintest.«
»Ich hab doch wirklich keine Gefahr gehabt.«
»Bis jetzt noch nicht. Sie wird aber ganz gewiß noch kommen. Es fällt mir natürlich gar nicht ein, dem Mordanschlage nur aus dem Wege zu gehen, sondern die Hauptsache ist, die Mörder für alle Zukunft unschädlich zu machen.«
»Freilich, freilich! Das denk ich auch. Wir müssen sie ergreifen.«
»Wir, sagst Du?«
»Ja, natürlich!«
»So willst Du also auch mit dabei sein?«
»Ich hab mir das als eine ganz besondere Gunst und Gnad erbitten wollt.«
»Nun siehst Du, das ist es ja grad, was ich meine. Die Festnahme solcher Leute ist doch nicht ungefährlich, und wenn Du Dich dabei betheiligen willst, so begiebst Du Dich in Gefahr.«
»Sappermenten!« meinte Ludwig stolz. »Ich bin doch nicht etwa dera Kerlen, der sich vor denen Beiden fürchten thut!«
Er hatte sich bei diesen Worten stramm emporgerichtet, und blickte dem Könige fast herausfordernd ins Gesicht. Dieser lächelte fröhlich und meinte:
»Ja, wie Du so dastehst, so machst Du wohl den Eindruck, daß Du kein Hase bist.«
»Na, ein Has, wann ich der wär, so thät ich mich gleich vor mir selber schämen. Nein, nein. Wissens, Majestät, wanns die Kerlen dergreifen wollen, so brauchens dazu keinen Andern, als halt nur mich ganz allein. Ich nehm sie Beid beim Wipfel, daß es ein Vergnügen sein soll.«
»Ich traue es Dir zu; aber Vorsicht ist auch hier nothwendig. Du wirst mir schon erlauben müssen, noch einige Andere daran zu betheiligen.«
»Das versteht sich ganz von selbst,« fiel da der alte Wurzelsepp ein. »Ich bin nicht Derjenige, der in der Ferne stehen möcht, wanns einen solchen Fang gilt.«
»Also auch Du, Alter, wirst mit helfen?«
»Natürlich! Oder meinens etwa, daß ich kein Mark mehr in denen Knochen hab? Da will ichs doch lieberst gleich mal zeigen. Komm her, Ludwig. Wollen mal mit nander raufen, damit unsera Majestäten sieht, was dera Wurzelsepp noch vermag.«
Er streifte die Aermel seiner alten Jacke empor, ballte die Fäuste und trat auf den Oberknecht zu.
»Halt,« lachte der König, »wir sind hier in keiner Schänke. Ich glaube auch ohne diesen Beweis, daß Du Dich nicht gleich werfen lassen wirst.«
»Gewißlich nicht! Ich möcht denen Urian sehen, der den Wurzelsepp zu Boden bringen will. Und so zwei armselige Slowakern, das wären die Richtigen dazu! Also wir Beiden, dera Ludwigen und ich, wir genügen. Es braucht kein Dritter dabei zu sein.«
»Hm! Ihr seid wirklich recht siegesgewisse Leute. Ich fürchte mich auch nicht, aber um allen Zufälligkeiten vorzubeugen, werde ich noch Zwei zu Euch commandiren.«
»Noch Zwei? Etwa den Müllern?«
»Nein. Der darf von der ganzen Angelegenheit nichts wissen.«
»Nichts? Das ist gefehlt. Er ist doch dera Hauswirthen und muß unterrichtet werden.«
»Grad er auf keinen Fall. Er würde sich dabei vielleicht so verhalten, daß die Slowaken es bemerkten, daß sie verrathen worden sind.«
»Ja, dieser Gedank ist wohl richtig. Wann er es dera Barbara plaudert, so erhebt die ein Geschrei, daß man es in Asien und Amerika hören thut. Das thäten die Kerlen vielleicht merken.«
»Das ist ja meine Ansicht. Wir müssen uns die Sache gut überlegen.«
»Ganz richtig!« schmunzelte der Sepp. »Wir müssen es machen wie ein kluger Generalen, bevor er die Schlacht beginnt. Es gehört da eine richtige Strategerie und Taktiken dazu. Und dieses Beides verstehen wir.«
»Du ganz besonders,« nickte der König belustigt. »Darum sollst auch Du der Erste sein, den ich um Rath frage. Wo wie werden wir uns am Besten verhalten müssen?«
»Das ist doch sehra leicht. Wir warten, bis sie kommen, und greifen tüchtig und schnell zu. Wann wir sie nachhero einmal in denen Fäusten haben, so kommen sie gewißlich nicht wieder los.«
»Was sagst Du dazu?« fragte der König den Knecht.
»Ich bin gegen diese Ansicht,« antwortete der Genannte in bescheidenem Tone.
»Warum?«
»Weil wir denen Mördern auf diese Weis Gelegenheit geben, eine Ausred zu machen.«
»Du hast sehr Recht.«
»Wir dürfen sie nicht gleich dergreifen, wann sie kommen, sondern wir müssen warten, bis sie den Mord begangen haben.«
»Bist verrückt?« rief der Sepp.
»Nein, das bin ich nicht.«
»Aberst Du meinst halt doch, daß sie unsere Majestäten dermorden sollen!«
»Das hab ich nicht sagt. Wir müssen sie aus dera That ertappen. Wir müssen warten, bis sie schossen haben und durch das Fenstern in die Stub einisteigen.«
»Jetzund bleibt mir dera Verstand gleich stillstehen! Sie sollen schießen und doch soll dera König nicht dermordet sein?«
»Nein, er lebt noch.«
»Aberst er wird sich doch nicht etwan hier ins Bett legen sollen?«
»Nein.«
»O Du Schwachkopf Du! Wann er nicht drin liegt, so schießens eben nicht!«
»Es legt sich ein Anderer hinein!«
»So schießens den todt, weils ihn für den König halten!«
»Das schadet nix.«
»Mensch, Dein Hirn möcht ich sehen! Das muß wie ein Leimtopf ausschauen! Wer soll sich denn hineini legen und derschießen lassen? Etwan ich? Fallt mir nimmer ein! Ich hab meinen König lieb und bin bereit, mein Leben für ihn zu wagen, aberst auf eine so unnöthige Art und Weisen sich im Bett umbringen lassen,, dazu bin ich nicht als kleiner Bub auf die kommen. Oder willst Du die Rolle übernehmen?«
»Nein. Hab ebenso wenig Lust dazu wie Du.«
»Wer solls dann sein?«
»Eine Puppe.«
Der alte Sepp sperrte das Maul weit auf, starrte ihn einige Augenblicke an, gab sich dann selbst eine schallende Ohrfeige und sagte:
»Sepp, Sepp, was bist doch für ein Dummrian gewest. Dera Ludwig hat Recht! So ein Gedank kann halt gar nicht besser sein! Wir machen eine Pupp, eine Figurenperson, und legen sie ins Bett. Wanns nachhero diese erschießen, so ists nicht schad um sie.«
»Nein! Wir aberst können denen Beiden beweisen, daß sie den König und Herrn haben derschießen wollen.«
»So ists! Ludwig, bist wirklich kein dummer Kerlen! Aberst wann? etwan merken, daß es nur eine Puppen ist!«
»Das merkens nicht. Dera Usko hat sagt, daß dera König ein Nachtlichten brennen thut. Dasselbige müssen wir so klein machen, daß es nur einen geringen Schein abgiebt. Nachhero brauchen wir gar keine ganze Figuren in Menschengröße, sondern nur einen Kopf, den wir auf's Kissen legen. Und das Deckbett ziehen und legen wir so, daß es den Anschein hat, als ob der Leib unter demselbigen läg.«
»Ich stimm vollständig bei! Nachhero könnens einisteigen und – Himmel sacra, den Kopf hab ich schon!«
»Den Deinigen etwa?«
»Nein, den geb ich nicht dazu her. Drunten im Gewölb hat dera Müllern einige Kürbissen liegen. Aus denen schneiden wir den Kopf. Die Schale ist dunkel, die giebt das Haar. Auf anderen Seiten schneiden wir sie weg und schnitzen ein Gesichten mit Mund und Nas und Stirn und Augen. Das soll ein Prachtkopf werden. Meinst nicht auch, Ludwig?«
»Ja, das ist das Best, was wir thun können, wann nämlich unser Herr damit einverstanden sein will.«
Der König hatte die Beiden nicht unterbrochen. Jetzt, als Ludwig die letzten Worte direct an ihn richtete, antwortete er ihm:
»Es ist wirklich eigenthümlich, daß Du ganz denselben Plan entwickelst, welcher auch mir vorschwebte. Ich hatte gleich den Gedanken, mich einer Puppe zu bedienen. Und der Kürbis ist geeigneter als jedes Andere dazu. Nur darf der Müller einstweilen noch nichts davon merken, daß ihm ein solcher fehlt.«
»Er soll nix wissen,« antwortete der Sepp. »Ich bin ein ehrlicher Kerlen, aberst bei so einer Gelegenheiten kann ich mausen wie ein Rab oder eine Elster.«
»Gut! Aber wer schneidet das Gesicht?«
»Ich,« antwortete der Alte.
»Wirst Du es bringen?«
»So gut und noch bessern als jeder Andere. Wann ich zuweilen ins Oberammergau kommen thu, so hab ich gute Bekannte unter denen dortigen Holzschnitzern und da sitz ich allemalen tagelang bei ihnen und schneid irgend eine Figuren zurecht.«
»Aber wie!« lachte der König.
»Oho! Da giebts halt gar nix zu lachen! Ja, erst, da wollts nicht recht gelingen. Wann ich einen Frauenkopf schneiden wollt, so war es ein Elephantengesicht und wann ich ein Pferd schnitzen wollt, so wars nachhero ein Papageien. Sodann aberst gings immer besser und besser und jetzt bring ich ganz genau das, was ich bringen wollt. Also dera Kürbiskopf wird ganz gut werden, und wann ich mir ein Wengerl Mühen geb, so glaub ich sogar, daß er einige Aehnlichkeiten haben soll.«
»Das möchte ich mir eigentlich verbitten,« scherzte der König.
»Werdens sich aber diesmalen doch gefallen lassen müssen! Je ähnlicher die Visagen wird, desto eher lassen die Slowaken sich täuschen. Nun möcht ich auch wissen, wer die Anderen sind, die mit helfen sollen.«
»Zwei gute Bekannte von Dir. Der Lehrer und der Fex.«
»Ah, diese Beiden! Das laß ich mir schon gern gefallen. Wann die mit dabei sind, da muß die Sach gelingen. Wie aberst soll es anfangen werden?«
»Sehr einfach. Nachdem wir den Kopf in das Bett gelegt und die Decke so draperirt haben, daß es den Anschein hat, als ob ein Mensch unter derselben liege, verstecken sich Zwei von Euch hier im Zimmer. Die zwei Andern aber verbergen sich draußen vor dem Fenster so, daß sie den Mördern nahe sind, ohne von ihnen bemerkt zu werden.«
»Das ist leicht. Es steht ja Hollunder längs dera Mauer hin. Das giebt ein gutes Versteck. Aberst ich mein, daß es besser sei, wann sich Alle hier in dera Stub verstecken. Nachhero kommen die Mörder einistiegen und werden sogleich dergriffen.«
»Nein, dazu rathe ich nicht und ich habe meine guten Gründe. Ich muß Euch so viel wie möglich schonen.«
»Uns? Wer soll uns Etwas thun? Wir sind doch vier Personen gegen zwei.«
»Das ist richtig. Ich bin überzeugt, daß Ihr die Beiden überwältigen werdet; aber es ist doch leicht möglich, daß es trotz Eurer Uebermacht zum Kampfe kommen kann.«
»Wehren werden sich die Hallunken freilich, aberst es soll ihnen nix nützen. Wir nehmen sie halt gleich so fest, daß sie sich gar nicht rühren können.«
»Es fragt sich, ob Euch das gelingt. Und ich glaube, die Slowaken haben gefährliche Waffen bei sich. Wie leicht könnte da Einer von Euch verwundet werden!«
»Was schadet das? Gar nix!«
»Aber es kann und muß verhütet werden. Uebrigens dürft Ihr nicht denken, daß Alles so glatt gehen wird, wie Ihr es Euch denkt. Die Beiden können nicht zugleich einsteigen. Der Eine kommt hinter dem Andern. Wenn nun Derjenige von ihnen, welcher voransteigt, bemerkt, daß der Kopf ein vingirter ist, so –«
»Ein vingirter – wie soll ich das verstehen? Er ist doch aus einem Kürbis schnitten!«
»Vingirt heißt ein nachgemachter, unechter Kopf.«
»Ach so: Nun, wann ers bemerkt, so hat das nix zu bedeuten. Wir dergreifen ihn doch.«
»Aber dann wohl den Zweiten nicht. Der Erste wird sofort zurück wollen.«
»Wir halten ihn fest.«
»Ja doch, aber der Zweite, welcher noch nicht in der Stube ist, wird Zeit gewinnen, zu entkommen.«
»Sappermenten, das soll er nicht!«
»Es kann ihm aber gelingen, wenn alle Vier sich hier befinden. Nein, zwei von Euch müssen unbedingt draußen sein. Ich denke mir, daß dann der Erste von Zweien hier und dann der Zweite von den anderen Zweien draußen, während er sich beim Hereinsteigen befindet, festgenommen wird.«
»Hm, das will mir jetzund einleuchten. Das wird das Beste sein.«
»Ganz gewiß. Ich selbst werde mich draußen vor der Thür befinden und im geeigneten Augenblicke hereinkommen. Stricke, um die Strolche zu binden, müssen vorhanden sein.«
»Die werd ich auch besorgen und zwar vom allerbesten Hanf. Wann ich sie gleich daran aufihängen könnt, so sollts mir ein Gaudi und Vergnügen sein.«
»Also wann wollen sie kommen?«
»Ich denk mir halt, daß sie kurz nach Ein Uhr hier sein werden,« antwortete Ludwig.
»So müssen wir bis Mitternacht die Vorbereitungen beendet haben. Und wie waren ihre Namen?«
»Usko und Zerno. Aberst dera Usko heißt eigentlich anderst, nämlich Barko. Er ist ein Zigeunern, das hab ich derlauscht, und soll einen Bruder hier in Hohenwald haben, nämlich den Tausendkünstler Jeschko.«
Diese Mittheilung machte einen sehr schnellen Eindruck auf den König.
»Jeschko?« sagte er. »Den Signor Bandolini? Dessen Bruder ist er? Ah, das hinge ja mit der Vergangenheit des Fex zusammen!«
»Ja, vom Fex habens auch mit nander sprachen!«
»Welch ein Fang, den wir da machen werden! Vielleicht erhalten wir da Aufklärung über Verschiedenes, was uns bisher noch dunkel gewesen ist. Sepp, gehe doch in das Wirthshaus und schicke mir den Tausendkünstler heraus. Ich muß mit ihm sprechen.«
»Darf er wissen, wers ist, mit dem er da redet?«
»Nein. Uebrigens kennt auch Ihr Beide mich nicht. Ich heiße Ludwig, anders nicht.«
»So werd ich gleich laufen. Die Barbara kann mit ihrem Schmarren, dens machen wollt, warten, bis ich wiederum zuruck bin.«
Der König lächelte über diese Bemerkung des Alten und sagte:
»Na, so eilig habe ich es nicht. Wir haben ja noch lange Zeit. Also laß Dir immerhin den Schmarren vorher schmecken. Es genügt, wenn dieser Bandolini überhaupt noch vor Abends zu mir kommt.«
»Na, bis dahin bringe ich ihn schon her citirt, so wie er leibt und lebt.«
»Schön! So sind wir also für jetzt fertig. Ich danke und werde Euch noch weiter danken. Wo wirst Du Dich bis zum Abende hier aufhalten?«
Ludwig, an welchen diese Frage gerichtet war, antwortete:
»Ich bleib mit dem Sepp beisammen. Wo der ist, da bin ich auch. Und wann uns die Zeit zu langsam vergeht, so ist doch eine Schänk im Dorf, wo man sich eine Kurzweil bereiten kann.«
»So will ich wenigstens verhindern, daß Du um meinetwillen Dein schwer verdientes Geld verzehrst. Hast Du eine Geldtasche mit?«
»Ja, einen Beutel hab ich gar wohl.«
»So mache ihn einmal auf.«
Er zog seine Börse hervor, um den Inhalt derselben in Ludwigs Beutel zu schütten. Der junge Bursche aber fuhr wie erschrocken zurück und sagte:
»Nein, nein! Ich dank gar schön! So was kann ich nicht zugeben!«
»Ich wünsche es aber.«
»Alles, Alles will ich thun, Majestät, aberst eine Bezahlung annehmen, das möcht ich nicht. Wann Sie es gebieten, so muß ich freilich gehorchen, aberst ich bitt gar schön, es nicht zu thun.«
Da reichte der König ihm die Hand.
»Braver Bursche! Aber wie soll ich Dir dankbar sein, wenn Du nichts von mir annehmen willst?«
»Ich hab den Dank bereits genossen und werd ihn im Herzen haben, so lang wie ich lebe.«
»Nun gut, so sollst Du Deinen Willen haben. Also geht jetzt zu Eurer Barbara und schickt mir den Fex und den Lehrer herbei, wenn Ihr diese Beiden trefft. Sagt ihnen aber ja nicht, um was es sich handelt.«
Der Sepp machte eine seiner curiosen Verbeugungen; der Andere aber machte ein militärisches Honneur; dann gingen sie.
Draußen nahm der Alte Alpenstock und Rucksack auf und stieg die Treppe hinab. Unten wendete er sich an seinen Gefährten:
»Nun, was sagst dazu?«
»Gar nix!« antwortete Ludwig leuchtenden Angesichts.
»Hast die Sprach verloren?«
»Beinahe.«
»Und wie ists Dir zu Muthe da herum, in dera Gegend, wo das Herz sitzen thut?«
»Ganz unaussprechlich.«
»Ja, man siehts Dir auch an, daßt im siebenten Himmeln bist. Ich weiß, wie es mir da unterm Kamisol gewumpert und gepumpert hat, als ich zum ersten Male mit ihm sprach. So einen Zweiten giebts halt nicht. Oder kennst vielleicht Einen?«
»Nein.«
»Ich auch nicht. Vergiß diese Stund nicht, Ludwig. Du wirst bald erkennen, wie wichtig sie für Dein Leben sein wird.«
»Es wird die schönste und heiligste Stund meines ganzen Lebens sein und bleiben.«
»Ja, aberst nicht nur in dieser Beziehung, sondern auch in einer anderen. Dein Leben wird eine ganz andere Gestalt erhalten. Du wirst die Füßen auf einen ganz neuen Weg zu setzen haben.«
»Wie meinst das?«
»Das kannst Dir nicht denken? Warum hast das Geldl nicht angenommen? Ich habs so blinken sehen. Es waren viele Goldstuckerln dabei.«
»Das hab ich auch sehen. Aberst eher wär ich davonlaufen, als daß ich ein Geldl genommen hätt. Eine Bezahlung von meinem guten König! Nein, nein! Und wann ich verhungern sollt, das, was ich than hab, diese Pflicht und Schuldigkeiten laß ich mir nicht bezahlen.«
»Ja, das ist brav und auch klug. Es scheint, daßt ein gar kluger Rechner bist.«
Sein Blick war mit einem schalkhaften Ausdruck auf Ludwig gerichtet.
»Ja, rechnen kann ich wohl,« antwortete dieser ganz unbefangen.
»Das hab ich gleich dacht, sonst hättst das Geldl nommen.«
»Wie meinst denn das?«
»Nun, weilst nun noch viel mehr bekommen mußt.«
»Was fallt Dir ein!«
»Seh, thu doch nicht so, als obst mich nicht verstehen thätst. Ein Kluger bist, ein gar Kluger, das hab ich sagt und das werd ich auch noch fernerhin sagen.«
»Sapperment! Sag doch, wast meinst! Ich kanns nicht begreifen.«
»So, den Geheimnißvollen willst auch dazu spielen? Da kommst bei dem alten Sepp nicht gut an! Er schaut Dir durch und durch. Oder denkst etwan, daß dera König sich von Dir das Leben retten läßt, ohne es Dir zu danken. Da bist schief gewickelt.«
»Ich will aber keinen Lohn!«
»Ja, das ist eben die Klugheit von Dir. Wannst das Geldl nommen hättest, so wären es vielleicht hundertundfünfzig oder zweihundert Markerln gewest. Das war freilich zu wenig für das Leben eines Königs.«
»Sepp, was fallt Dir ein?«
»Was mir einifallt? Gar nix und doch auch viel. Du magst keinen Lohn? Denkst etwan, dera König richtet sich darnach, wast magst oder nicht? Er wird Dich belohnen, darauf kannst Dich verlassen und weilst das Geldl nicht nommen hast, nun grad wird er Dir noch mehr geben.«
»Er soll mir nur kommen!«
»Was willst dagegen machen?«
»Ich nehm halt nix. Das ist gewiß.«
»Auch die Gisela nicht?«
»Die hat nix damit zu thun.«
»So! Bist wirklich ein gescheidter Kerlen! Na, dera Wurzelsepp wirds dem König sagen, daßt nix haben magst, nicht mal die Gisela und wannst nachhero als alter Junggesellen begraben wirst, so darfst nicht schimpfen, denn Du selbst bist schuld daran. Aberst jetzt still, denn da guckt sie schon!«
Die Barbara war nämlich unter die halb offene Küchenthür getreten.
»Was giebts denn da unter Euch zu zanken?« fragte sie. »Daß nun dera Sepp niemalen Ruh und Frieden halten kann! Kaum hat er einen neuen Bekannten entdeckt, so schimpft er auf ihn hinein. Der kann mir gut gestohlen werden!«
»So stiehl ihn Dir selberst, denn eine alte Spitzbübin bist doch immer gewest. Wie steht es denn in dera Küchen! Ist das Essen bald fertig?«
»Noch nicht. Und wannst mich störst, so kannst noch lange warten. Schaff, daßt wiederum hinaufi kommst.«
Er war nämlich zu ihr in die Küche getreten, sie aber schob ihn wieder hinaus.
»Wie fein das riecht!« lachte er. »Wie nur gleich? Jetzt weiß ich wirklich nicht, was sie uns zusammenschmort.«
»Brauchsts auch nicht zu wissen; wirsts schon bald derfahren. Also, mach Dich davon.«
Sie schob ihn vollends heraus, machte die Thür zu. und schob von innen den Riegel vor, freilich nur zum Scherz. Da drehte er von außen den Schlüssel um und flüsterte Ludwig zu:
»Das macht sich gut. Jetzunder kann sie nicht heraus und ich werd den Kürbis mausen.«
»Wo ist er?«
»Gleich hinter dera Thür daneben.«
»Wo schaffst ihn hin?«
»Hinaus in den Garten. Da versteck ich ihn in den Büschen und kann ihn mir nachhero heimlich holen.«
»Aber sieht Dich Niemand?«
»Nein, denn ich hör, daß dera Müller in der Mühlen ist. So ist die Luft rein und es wird Niemand merken, was ich thu. Geh also hinein in die Stub. Ich komm auch gleich nach.«
Ludwig folgte dieser Aufforderung. In der Stube war Niemand. Er setzte sich, auf einen Stuhl an den Tisch. Da knarrte hinter ihm eine Thür. Er blickte sich um und sah das rothe, lachende Gesicht der alten Barbara.
Wenn Sepp geglaubt hatte, sie fest eingeschlossen zu haben, so war er im Irrthum gewesen, denn die Küche hatte ja zwei Thüren, eine nach dem Hausflure und eine nach der Wohnstube. Durch diese letztere kam sie jetzt herein.
»Wo ist er?« fragte sie leise.
Ludwig war beinahe erschrocken. Wie nun, wenn Sepp jetzt erwischt wurde?
»Wer denn?« fragte er verlegen.
»Nun, dera Sepp.«
»Er ist noch draußen, wird aber sogleich reini kommen.«
»Warum hat er den Schlüssel umidreht?«
»Hat er das macht?«
»Ja.«
»So möcht ich wissen, warum! Vielleicht weil Du selbst auch zuschlossen hast!«
»Nein, denn wann ich zuschließ, so braucht er nicht noch auch zuzuschließen. Er hat glaubt, ich bin nun einischlossen und kann nimmer heraus. Wer weiß, was für eine Narrheiten er treiben will. Ich werd gleich mal nachschauen.«
Sie schritt nach der Stubenthür.
»Sapperment, wo willst hin?« fragte Ludwig.
»Hinaus.«
»So bleib doch da.«
»Warum? Was machst für ein Gesicht?«
Sie betrachtete ihn aufmerksam. Er versuchte, gleichgiltig zu erscheinen und antwortete:
»Was soll ich für eins machen? Das meinige doch.«
»Das weiß ich. Aberst das ist in diesem Augenblicke ein gar besonderbares. Bist doch ganz verlegen. Weshalb denn?«
»Verlegen? Ich? Das fallt mir gar nicht ein! Ich wüßt auch nicht, warum?«
Er war langsam näher gekommen und versuchte nun, sich zwischen sie und die Thür zu stellen. Das aber fiel ihr auf. Sie gab ihm einen gelinden Rippenstoß und fragte:
»Was willst hier? Warum bleibst nicht dort sitzen, wost sessen hast?«
»Weil ich mit Dir sprach, komm ich herbei.«
»Kannst auch dort sprechen. Weißt, Du kommst mir verdächtig vor.«
»Was fallt Dir ein!«
»Ja. Dera Sepp schließt mich in die Küchen ein und Du versperrst mir den Weg. Da ist was nicht richtig in denen Backbirnen. Ich muß doch gleich mal nachschauen.«
Sie griff nach der Klinke; er aber faßte ihre Hand und sagte: »Was hast für Gedanken! Bleib doch hier! Der Sepp wird gleich kommen.«
»Ja, aber ich werd ihm auch gleich kommen!«
Sie riß sich los und stieß die Thür auf.
»Herrjemineh!« rief sie aus.
»Himmelsacra!« schrie draußen der Sepp.
Er war in diesem Augenblicke aus der gegenüber liegenden Thür des Gewölbes getreten, einen Kürbis von der Größe eines Männerkopfes in den Händen. Jetzt ließ er ihn vor Schreck fallen, so daß die Frucht bis vor Barbaras Füße rollte.
Nun standen sie sich gegenüber unter den beiden offenen Thüren.
»Was machst da?« fragte sie erstaunt.
»Das siehst ja,« stotterte er.
»In dem Gewölb bist gewest?«
»Leider!«
»Und den Kürbis hast mausen wollt!«
»Ja, leiderer!«
»Wohin hast ihn denn schaffen wollt?«
»Auf den großen Pappelbaum draußen vor dera Mühlen.«
»Bist ein Unnutz, den Niemand bessern kann.«
»Und Du bist eine alte Hexen, vor welcher kein Engel und kein Teuxel sicher ist. Wie kommst denn hier herbei? Ich hab Dich doch ganz fest einischlossen habt!«
»Ja, hast aberst nicht daran dacht, daß aus dera Küchen auch eine Thür in die Stuben führt.«
Da gab er sich wieder eine Ohrfeige und zwar noch viel kräftiger, als vorhin droben beim Könige.
»Verteuxeli!« schimpfte er. »Diese zweite Thüren hab ich freilich ganz vergessen habt. Nun steh ich da, wie ein Schulbub, der sich die Hosen vorn und hinten zerrissen hat.«
»Ja, ein Bub bist, aberst kein Schulbub, sondern ein Spitzbub. Für wen hast denn den Kürbissen haben wollt?«
»Für mich.«
»Wozu?«
»Das brauchst nicht zu wissen.«
»So! Also nicht mal derfahren soll ichs, warum ich bestohlen werd? Gleich schaffst den Kürbissen wiederum hinein!«
»Das ist schlimm! Könntst ihn mir doch auch lassen!«
»Ja, das könnt ich, denn auf einen Kürbissen kommts mir halt gar nicht an; aberst wissen muß ich, wozu ihn brauchen willst.«
»Das darf ich nicht sagen.«
»So bekommst ihn auch nicht. Also heraus mit dera Sprachen! Willsts sagen oder nicht?«
»Nein.«
»So schaff ihn wiederum hinein!«
»Sappermenten! Das ist eine ganz verfluchte Geschichten!« lachte er. »Jetzund muß dera Spitzbub die Sach wieder zurucklegen.«
Er bückte sich und hob den Kürbis auf.
»Es geschieht Dir ganz recht!« antwortete sie. »Jetzund legst ihn wieder hinein und bekommst ihn nicht eher, als bist mir sagst, wozu er braucht werden soll. Denn – – – o Jerum, jetzund lauft mir die ganze Buttern aus dem Kasseroltiegeln heraus!«
In der Küche ließ sich nämlich das laute Kreischen aufschäumender Butter hören. Die Alte eilte, so schnell sie konnte, hinein, um zu retten, was zu retten war. Ebenso schnell war auch der Sepp fort, nämlich mit dem Kürbis durch die Hinterthür in den Garten hinaus. Schon eine Minute später kehrte er von dort zurück, machte die noch offene Gewölbethür zu und trat nun in die Stube, um sich zu Ludwig zu setzen.
»Das war ärgerlich!« sagte dieser.
»Ich bin fast so verschrocken wie ein wirklicher Spitzbub. Konnst sie denn nicht festhalten hier in dera Stuben?«
»Ich hab es wollt, aberst es ging nicht. Nun ists mit dem Kürbissen gefehlt.«
»O nein.«
»Willst ihn noch holen?«
»Ja, aus dem Garten.«
»So ist er draußen?«
»Ja. Die heiße Buttern hat uns den Kürbissen gerettet. Nun ists dennoch gelungen. Und dera Schmarren wird auch gelingen. Das riech ich bereits. Ich will nur immer mein Messern herausnehmen, damit es nachhergleich beginnen kann.«
Er nahm wirklich sein altes Messer heraus und legte es vor sich hin. Bald trat die alte Barbara glühenden Angesichtes aus der Küche. Sie hatte ein wahres Meisterstück geliefert. Der Sepp griff sofort zum Messer.
»Halt!« sagte sie, indem sie den Schmarren auf den Tisch setzte. »Was willst?«
»Essen.«
»Das glaub ich schon, doch daraus wird heut wohl nix!«
»Und ich denk, daß sehr viel daraus wird.«
»Nicht eher, als bis ich Zweierlei derfahren hab. Nachher erst darfst zugreifen.«
»Nun, was willst wissen?«
»Zuerst, wast mit dem Kürbissen hast machen wollt.«
»Kegelschieben.«
»Halts Maul! Die Wahrheit will ich wissen.«
»Na, meinswegen! Wann ichs nicht sag, so druckts Dir das Herze ab. Ich hab ihn Dir bringen wollt. Weißt, so ein Schnittle Kürbissen in denen Schmarren hinein, das ist die größte Delicatessen, die es nur geben kann.«
Sie schlug erstaunt die Hände zusammen.
»Kürbissen in den Schmarren! Das hab ich all mein Lebtag noch nimmer hört! Wer hats Dir weiß macht?«
»Weiß macht? Was denkst von mir! Ich bin Keiner, der sich was weiß machen läßt.«
»Und doch ists nicht wahr!«
»Oho! Versuchs nur mal! Die junge Baronessen drüben in Schloß Steinegg hats mir sagt.«
»Eine Baronessen! Ja, die haben einen ganz verwunderlichen Geschmack sehr oft.«
»Der ist nicht verwunderlich. Es schmeckt wirklich so ausgezeichnet, wie ich noch gar nix gessen hab.«
»So hasts auch schon gessen?«
»Ja, mit eben dera Baronessen.«
»So ists also wirklich wahr? Dann muß ichs doch mal versuchen. Und wannst den nächsten Schmarren bekommst bei mir, so ist ein Kürbissen darin.«
»Verteuxeli!«
»Was sagst? Ists Dir nicht recht?«
»O ja. Aberst gleich einen ganzen brauchst darum nicht hinein zu schneiden.«
»Das weiß ich auch. Heut freilich mußt ihn nun ohne Kürbissen verspeisen.«
»Nun weißts also. Und was willst noch wissen, alte Neugierde?«
»Wer Dein guter Freunden hier ist.«
»Das kannst derfahren. Der ist der Ludwig Held aus Oberdorf, ein gar braver Kerlen. Er hat eine alte Muttern und eine arme Schwestern, für die er sich abschinden thut, damits nicht hungern müssen.«
So Etwas konnte die Barbara nicht gut hören. Sofort waren ihre Augen feucht.
»Armes Wurm!« sagte sie. »Ja, wer eine alte Muttern hat, der soll auch für sie sorgen. Hast nicht das schöne Lied mal hört von dera Mutter?«
»Welches?«
»Es beginnt:
Wenn Du noch eine Mutter hast,
So danke Gott, und sei zufrieden.
Es ist auf dieser Erdenwelt
Nicht Jedem solch ein Glück beschieden.
Aber leider weiß ich nicht, wie es weiter geht. Und weilst so für Deine Muttern sorgest, so bist mir sehr willkommen. Da macht Euch also über den Schmarren her, und laßt mir fein nix übrig!«
Sie setzte sich zu ihnen und sah mit Vergnügen zu, wie das kochkünstlerische Meisterstück so schnell hinter den gesunden Zähnen der beiden Männer verschwand. Dabei flogen launige Reden herüber und hinüber, und als der Schmarren verspeist war und die beiden Männer von ihren Sitzen aufstanden, meinte die Alte:
»Das ist schön gewest; das hat mir gefallen. Wollt Ihr etwa schon fort?«
»Ja, wir müssen ins Dorf.«
»Aber Ihr kommt doch wieder?«
»Gegen Abend. Vielleicht bleibt dera Ludwigen hier bei Euch über Nacht.«
»Das sollt mir sehr lieb sein, denn dann könnt ich Euch gleich bereits heut Abend noch einen Schmarren machen mit Kürbissen darein.«
»Danke sehr! So schnell braucht das nicht probirt zu werden. Ein und dasselbige Essen zweimal des Tages, das ist nicht gut. Dabei verdirbt man sich nur denen Magen.«
Sie gingen nun nach dem Dorfe und fanden den Tausendkünstler daheim. Sein Wagen stand im Hofe des Wirthshauses. Er selbst hatte sein Domicil in der Scheune aufgeschlagen. Dort auf der Tenne lagen einige Bunde Stroh, und auf einem derselben saß Signor Bandolini oder Jeschko, wie sein eigentlicher Name war.
Er schien schlechter Laune zu sein und empfing die Beiden nicht eben sehr freundlich. Dem Wurzelsepp, mit dem er bereits einige Male zusammengetroffen war, gab er die Hand. Ludwig schien er gar nicht zu sehen. Wenigstens nahm er keine Notiz von ihm.
Sepp ließ sich sogleich auf das Stroh nieder und fragte:
»Ich komm heut, um zu fragen, wanns denn endlich mal Ihre Vorstellungen beginnen. Die Leuteln hier möchten doch auch mal von Ihren Künsten was sehen.«
»Ist nicht nothwendig!« klang es beinahe unhöflich.
»Ja, nothwendig ists freilich nicht; aberst ich denk, Sie sind herbeikommen, um hier ein Theater sehen zu lassen.«
»Eigentlich, ja; aber meine Truppe ist mir zersprengt worden, und zudem fehlt mir die Lust, eine Vorstellung zu geben.«
»Dann verdienens auch kein Geldl.«
»Was die hiesigen Bauern zahlen würden, das kann ich wohl verschmerzen.«
»Es giebt auch einige wohlhabende darunter. Nicht alle sind so arm wie dera Finkenheiner.«
»Gehen Sie mir mit Dem! Ich mag von ihm nichts hören.«
»Hat er Ihnen was than?«
»Ja. Das Aergste, was mir Einer thun konnte.«
»So! Das wundert mich. Er ist ja sonst so ein braver und guter Kerlen!«
»Das will ich nicht bestreiten, und eigentlich trägt ja auch nicht er die Schuld, sondern die Anna ists gewesen.«
»Seine Frau?«
»Ja. Der Assessor hat mir verboten, von diesen Angelegenheiten zu sprechen; aber ich weiß, daß Sie eingeweiht sind. Da kann man wohl ein Wort fallen lassen.«
»Freilich. Gegen mich brauchens gar nicht zuknöpft zu sein, und hier mein Kamerad weiß auch schon Alles. So wollens wohl gar nicht lang mehr hier bleiben!«
»So bald diese verfluchte Amtsgeschichte, bei welcher man mich als Zeuge braucht, vorüber ist, schüttele ich den Staub von den Sohlen, und Niemand erblickt mich wieder. An dieses Hohenwald will ich denken.«
»Warum? Ist das, was Ihnen hier geschehen ist, denn gar so schlimm?«
»Ja. Ich hatte eine Frau, die wurde mir untreu. Und dann lernte ich eine zweite kennen, von der ich annahm, daß sie die Meinige werden würde. Jetzt nun erfahre ich hier, daß sie die Frau des Finkenheiner ist und daß sie bei ihm bleibt.«
»Donnerwettern, daß ist freilich ein Pech! Hat die Anna denn niemals sagt, daß sie seine Frau ist?«
»Ja und nein. Sie hat sich genirt, ausführlich darüber zu sprechen.«
»Das läßt sich denken; aberst eine Untreue ist das doch nicht. Da müssens sich also über Ihre erste Frau noch weit mehr kränkt und ärgert haben.«
Der Zigeuner blickte finster vor sich hin. Erst nach einer Weile fragte er:
»Waren Sie verheirathet?«
»Nein.«
»So wissen Sie nichts, gar nichts. Sie haben gar keine Ahnung davon, was es heißt, eine untreue Frau zu haben.«
»Hm! Ich hab halt nur deswegen nicht heirathet, weil mein Dirndl mir untreu worden ist.«
»So! Also haben Sie doch auch dieselbe Erfahrung gemacht wie ich. Sie taugen doch Alle nichts. Es ist keine Einzige dabei, welcher man Glauben und Vertrauen schenken darf.«
»Sollts wirklich so gar schlimm sein?«
»Ja, ganz sicher. Meine Frau gab sich sogar mit meinem Bruder ab. Sollte man das für möglich halten!«
»Mit dem Barko also?«
Der alte Sepp hatte diese Frage ganz im gleichgiltigsten Tone ausgesprochen; aber dennoch machte sie einen gewaltigen Eindruck. Der Zigeuner sprang von seinem Sitze empor und rief:
»Barko! Was wissen Sie denn von ihm?«
»Hm!« brummte Sepp.
»Woher wissen Sie, daß ich einen Bruder Namens Barko habe?«
»Hm!«
»Ich habe Ihnen ja gar nichts von ihm erzählt. Ich habe mich überhaupt stets gehütet, von ihm zu reden. Also, woher wissen Sie es?«
»Es hat mir von ihm träumt.«
»Unsinn! Man kann nur von bekannten Gegenständen träumen. Uebrigens ist Barko längst todt.«
»Wissens das genau?«
»Ich war zugegen als er starb.«
»So war ich zugegen, als er wiederum auferstanden ist.«
Der Zigeuner trat um mehrere Schritte zurück und starrte den, Alten an.
»Auferstanden?« fragte er. »Ein Todter kann nie auferstehen.«
»Aberst Einer, der noch nicht ganz todt ist.«
»Alle Teufel! Wollen Sie etwa sagen, daß Barko noch lebt?«
»Ja.«
»Wo?«
»Gar nicht weit von hier.«
»Unmöglich!«
»Na, wanns nicht glauben wollen, so lassens halt bleiben! Mir kanns sehr gleichgiltig sein.«
»Es ist jedenfalls ein ganz Anderer, der nur denselben Namen hat.«
»Nein, es ist ganz Derselbige, nur daß er einen andern Namen hat. Er nennt sich nämlich nicht mehr Barko sondern anders.«
»Ich kanns nicht glauben!«
»So lassens eben bleiben!«
»Er ist ja vor meinen Augen gestorben.«
»Das ist ein Irrthum.«
»Nein. Können Sie mir beweisen, daß er lebt?«
»Ja wohl.«
»Wie ist Ihnen das möglich?«
»Soll ich ihn Ihnen etwa herbringen?«
»Alle tausend Donnerwetter! Wenn er wirklich noch lebte, wenn Sie ihn mir bringen könnten! Welch eine Scene! Das wäre eine Rache, eine Entschädigung für Vieles, Vieles, Vieles, was ich erduldet habe und kaum tragen konnte. Aber was Sie sagen ist unwahr. Sie täuschen sich, oder Sie werden getäuscht. Es ist gar nicht anders möglich.«
»Und doch ist es wahr, auch weiß er, daß Sie sich hier in Hohenwald befinden.«
»Was sagen Sie?«
»Und deshalb fürchtet er sich, hierher zu kommen.«
»Ist das wahr?«
»Ja, ich kanns beschwören.«
»Er kennt mich also? Er sagt wirklich, daß ich sein Bruder bin?«
»Ja.«
»Woher wissen Sie das?«
»Hier sitzt Einer, der es selbst hört hat.«
Er deutete auf Ludwig. Der Zigeuner wendete sich daher an diesen:
»Bestätigen Sie die Behauptung des Sepp?«
»Ja, ich kenne Ihren Bruder seit längerer Zeit. Ich kann Ihnen sagen, daß er den Silberbauer kennt, den Fex und den Thalmüller.«
»So ist er es, so ist ers? Geschehen denn wirklich noch Zeichen und Wunder!« Er schritt in höchster Aufregung auf der Scheunentenne hin und her.
»Ein Wunder ist das nicht,« bemerkte Ludwig. »Sie haben sich eben getäuscht. Er ist gar nicht todt gewest.«
»Er war todt!«
»Nein!«
Der Zigeuner blieb stehen, griff sich an den Kopf, befühlte seine Glieder, dann trat er näher heran und sagte, indem seine Augen in rollende Bewegung kamen:
»Er war todt; ich selbst habe es gesehen; ich selbst habe – habe – habe ihm damals die Kugel in die Brust gejagt.«
»Herrgott!« schrie der Sepp auf. »Sie haben ihn derschossen?«
»Ja, ich.«
»Ihren eigenen Bruder!«
»Er war mein Bruder nicht mehr. Er war ein Satan. Der Zigeuner hat keine Brüder. Er liebt nur Den, von dem er Liebe erhält, und er haßt selbst seinen Bruder, wenn dieser es verdient.«
Er ging jetzt wieder in langen, hastigen Schritten auf und ab. Sepp blickte Ludwig ganz betroffen an. Eine solche Kunde, ein solches Geständniß hatten Beide nicht erwartet. Dann warf der Zigeuner sich neben sie in das Stroh nieder und sagte, mehr zu sich selbst als zu ihnen:
»Also er soll leben – er soll in der Nähe sein – er soll sich vor mir fürchten! Das will ich glauben! Er hat mich zu fürchten, sehr, sehr, mehr als irgend einen Andern! Wenn er noch lebte, so würde ich meine Rechnung abermals mit ihm zum Abschlusse bringen. Erzählen Sie mir, wo er ist und wie sie ihn getroffen und kennen gelernt haben.«
»Das kann ich nicht,« sagte der vorsichtige Ludwig.
»Warum nicht.«
»Dann müßte ich Einiges verrathen, was auf Wunsch des Gerichtes noch Geheimniß bleiben muß. Wenigstens kann ich Ihnen nicht eher Etwas erzählen, als bis ich erfahren habe, welche Rechnung Sie mit Ihrem Bruder abzuschließen haben.«
»Sie wollen mich ausforschen?«
»Nein.«
»Pah! Sie sind wohl ein verkleideter Polizist?«
»Nein, das bin ich nicht. Ich bin ein ganz einfacher Bauernknecht und ganz zufällig mit Ihrem Bruder in Berührung gekommen. Ich kann es beschwören, daß er es ist.«
»Und dennoch möchte ich es kaum glauben. Können Sie ihn mir beschreiben?«
»Ganz genau. Aber es fragt sich halt sehr, obs ihn aus dera Beschreibungen derkennen werden, denn ich kanns mir denken, daß Sie ihn seit langen Jahren nicht wieder sehen haben.«
»Das ist richtig. Aber gewisse Dinge giebt es doch, die sich selbst in den Jahren nicht sehr verändern, die Statur, die Farbe der Haare, der Augen und noch Anderes. Er hat überhaupt ein Kennzeichen, welche man beim ersten Blick bemerken muß.«
»Meinens etwa die Nasen? Er muß wohl mal einen Hieb darauf erhalten haben.«
»Von mir selbst. Vorher war er ein sehr hübscher Kerl, nachher aber sah er entstellt aus. Also Derjenige, den Sie meinen, hat eine solche breitgeschlagene Nase?«
»Ja. Freilich mag sich diese Beschädigung im Lauf der Jahre wiederum ziemlich verwachsen haben, doch sehen thut man es noch.«
»Alle Teufel! Sollte er es wirklich sein?«
»Ganz sicher. Er hat eine starke, untersetzte Statur. Seine Haare sind mit Grau vermischt, müssen aberst pechschwarz gewest sein, ebenso auch die Augen.«
»Das stimmt, das stimmt!«
Er befand sich in großer Aufregung und schritt, während er sprach, immer schnell hin und her. Die Andern ließen ihm gewähren. Sie störten ihn nicht, bis er, plötzlich vor Ludwig stehen bleibend, sagte:
»Also Sie können mir wirklich nicht sagen, was Sie von ihm wissen und was Sie mit ihm gesprochen haben?«
»Nein, das darf ich nicht.«
»Sie sprachen von der Behörde. Ist er mit ihr in Conflict gerathen?«
»Ja. Ich kann mir denken, daß sie ihn gar gefangen nehmen werden.«
»Ah! Das ist mir lieb. Lebt er wirklich noch, so ist er an seinen damaligen Verletzungen nicht gestorben, und ich bin kein Brudermörder. Das hat mir stets wie ein Alp auf der Seele gelegen und war auch schuld, daß ich niemals, selbst jetzt nicht, wo ich ausgefragt worden bin, die reine Wahrheit über das früher Geschehene gesagt habe. Nun aber kann ich Alles erzählen. Ich bin kein Mörder; ich bin frei von dieser Schuld und weiß dennoch, daß er seinen Lohn erhalten wird.«
Er holte tief, tief Athem. Man sah es ihm an, wie sehr er sich erleichtert fühlte. Das Bewußtsein seiner Schuld mußte wirklich schwer auf ihm gelegen haben.
»Wanns so ist, so könnens freilich froh sein,« sagte der Sepp. »Und wanns uns derzählen wollen, was mit dem Barko vorgegangen ist, so wissen wir nachhero auch, ob wir Ihnen sagen dürfen, was er treibt und wo er sich befindet.«
»Ich brenne darauf, dies zu erfahren, und darum will ich Ihren Wunsch erfüllen. Das wird kein Fehler sein, denn ich weiß, daß Sie in die ganze Angelegenheit ebenso eingeweiht sind, wie die daran näher Beteiligten.«
Er setzte sich jetzt wieder zu ihnen hin und begann:
»Ich bin kein Italiener, obgleich ich einen italienischen Namen trage, sondern ein Zigeuner.«
»So ist also auch dera Barko kein Slowak?«
»Nein; er ist Zigeuner wie ich, und zwar ist er mein älterer Bruder. Er war Hirt bei den Heerden des Barons von Gulijan. Ich aber führte ein wanderlustiges Leben. Während er bei Slatina seine Hütte hatte, zog ich als Scherenschleifer im Lande herum und verdiente mir nebenbei durch allerhand Kunststücke und Productionen ein schönes Geld. Ich konnte nach den Verhältnissen, in denen wir Zigeuner leben, für wohlhabend gelten.«
»Hatte er auch eine Frau?«
»Nein. Wir Beide lernten ein und dasselbe Mädchen kennen, eine junge, schöne Zigeunerin. Er war hübscher als ich, und sie hatte ihn also lieber als mich; aber ich war reicher, und da heuchelte sie mir Liebe und wurde meine Frau. Nun mußte ich eine Heimath haben, denn meine Frau wollte nicht mit mir im Land umherziehen, und so kaufte ich ein kleines Häuschen bei Slatina, in der Nähe der beiden Mühlen. Das bewohnten wir.«
»Aha, jetzunder kommen nun auch die beiden Müllern zum Vorschein.«
»Ja. Da ich mein Handwerk nicht aufgeben wollte, war ich öfters wochenlang nicht daheim. Meine Frau kehrte sich nicht daran. Sie hat niemals geäußert, daß es ihr unlieb sei, so oft allein zu sein. Und wenn ich selbst einmal davon erwähnte, so sagte sie, daß sie nie ganz ohne Schutz und Hilfe sei, weil ja mein Bruder ganz in der Nähe wohne.«
»Vielleicht hat das ihr grad gefallen.«
»Ich ahnte das nicht, habe es aber später leider einsehen müssen. Wenn ich daheim war, so hatte ich nichts zu thun. Dadurch wurde ich zu allerhand Dingen verleitet, welche verboten waren. Ich ging in den Wald und legte dem Wilde Schlingen. Dabei bin ich mehrere Male von dem Obermüller erwischt worden. Er sagte, daß ihm das nichts angehe und er mich also nicht anzeigen werde. Später wollte ich mir einmal des Nachts Etwas aus seiner Mühle holen. Da ertappte er mich auch, zeigte mich aber auch da nicht an.«
»Hm! Etwas holen? Wohl ohne seine Erlaubnissen?«
»Das war also ein Diebstahl. Die Zigeuner mausen doch wohl alle?«
»Alle! Das ist ihnen angeboren. Der Zigeuner hält eben den Diebstahl nicht für ein Verbrechen, sondern einfach für ein Vergnügen, welches sich der Kluge macht, den Dummen zu übervortheilen.«
»Aber Sie reden vom Obermüller. Wer ist denn das?«
»Der jetzige Silberbauer. Er hatte die obere Schiffsmühle, und Keller die untere in Pacht, darum wurden sie Ober- und Untermüller genannt.«
»Wie ists denn eigentlich kommen, daß er Sie nicht angezeigt hat?«
»Weil er selbst ein Wilddieb war. Die beiden Müller schlichen des Nachts im Walde herum und schossen gar manches Wild weg. Sie fingen das aber so schlau an, daß sie niemals erwischt worden sind.«
»Ja, schlau sind sie alle Beid immerfort gewest. Das muß man sagen. Aber daß er Sie auch dann nicht anzeigt hat, als Sie in seiner eigenen Wohnung einbrachen sind, das ist zum Verwundern.«
»Auch das hatte seinen Grund. Ich hatte ihn nämlich einmal belauscht, als er die Baronin auf einem Spaziergange traf, den sie machte. Er war verliebt in sie und wagte es, ihr eine Liebeserklärung zu machen und nachher als sie ihn abwies, ihr zu drohen. Dann einige Tage später ging ich in den Busch, um nach den Schlingen zu sehen, die ich gelegt hatte. Da hörte ich zwei laute Stimmen und schlich mich näher. Es war der Baron, welcher den Müller hier getroffen hatte. Beide befanden sich im höchsten Zorn. Die Baronin hatte es ihrem Manne gesagt, was der Obermüller ihr gegenüber gewagt hatte. Das gab einen so heftigen Zusammenstoß, daß der Baron den Müller mit der Faust in das Gesicht schlug und sodann davon ging.«
»Was that da der Müller? Hat er es sich gefallen lassen? Das würde ihm gar nicht ähnlich sehen.«
»Er stand erst ganz steif und unbeweglich. Sodann stich er einen wilden Fluch aus und zog den dicken Stock, welchen er in der Hand hatte, auseinander. Jetzt sah ich, daß dies eine Stockflinte war. Dann folgte er dem Baron nach. Ich huschte so vorsichtig wie möglich hinter ihm her und hörte nachher zwei Schüsse.«
»So sind sie zusammengerathen!«
»Das dachte ich auch, jetzt aber denke ich ganz anders darüber. Ich war so erschreckt, daß ich gar nicht nachdachte, ab es gut für mich sei, mich sehen zu lassen. Ich eilte hinzu. Da lag der Baron am Boden und der Müller kniete bei ihm und griff ihm an das Herz, um nach dem Pulse zu fühlen.«
»Was machst Du hier?« schrie er mich an, als er mich erblickte.
»Das geht Dich nichts an! Was aber hast Du hier gemacht?«
Ich deutete auf die Leiche, denn der Baron war todt. Der Müller aber hatte, wie es ein solcher Wildschütze stets thut, nach dem Schusse seine Stockflinte gleich wieder zusammengeschoben. Er ließ sich nicht aus der Fassung bringen und antwortete:
»Nichts habe ich gemacht. Ich war hier im Wald und hörte den Schuß. Da eilte ich herbei und fand die Leiche. Der Baron ist ein Selbstmörder. Er hat sich erschossen.«
»Das soll ich wohl glauben?«
»Wie soll es denn anders sein?«
»Er ist erschossen worden.«
»Von wem denn?«
»Von Dir!«
Da stand der Müller vom Boden auf, stellte sich drohend vor mich hin und sagte:
»Du bist wohl wahnsinnig? Womit sollte ich ihn erschossen haben? Es ist ja kein anderes Gewehr als das seinige vorhanden.«
»Dieses da!« sagte ich, indem ich auf seine Stockflinte deutete.
»Das ist mein Stock. Mit dem kann ich doch nicht schießen.«
»So nicht, wohl aber wenn Du ihn auseinander schraubst.«
»Kerl, woher weißt Du das?«
»Das ist Nebensache. Ich weiß es, das ist genug.«
»Da sah der Müller mich mit solchen Augen an, daß mir angst und bange wurde. Es war ihm anzumerken, daß er den Gedanken hatte, mich niederzuschießen. Dann aber lachte er laut aus und sagte:
»Kerl, Du bist ein Schlaukopf und hast mich, während Du Schlingen legtest, einmal beobachtet. Nun ja, ich habe eine Stockflinte, mit welcher ich mir zuweilen eine Kleinigkeit schieße. Hier schau sie Dir an. Vergleiche ihr Kaliber mit dem Loch, welches die Kugel des Barons gemacht hat, und Du wirst sehen, daß der Schuß nicht aus meiner Flinte gekommen sein kann.«
Da hatte er freilich Recht. Die Wunde konnte nur von einer Kugel stammen, für welche das Kaliber der Stockflinte viel zu klein war. Ich konnte mir das nicht erklären. Hatte der Baron sich wirklich erschossen? Das war doch nicht anzunehmen. Als ich das dem Müller sagte, lachte er mich aus und antwortete:
»Der sich erschießen? Das wäre ihm im ganzen Leben nicht eingefallen. Es ist eine Unvorsichtigkeit gewesen. Wer weiß, wie er das Gewehr getragen oder gehalten hat. Niemand war dabei.«
»Aber vorher hast Du Dich mit ihm gezankt!«
»Was? Wer sagt das?«
»Ich. Ich habe es gehört. Ich habe es sogar gesehen, daß er Dich geschlagen hat.«
»Mensch! Ist das wahr?«
»Ja. Ich weiß sogar, weshalb er Dich geschlagen hat.«
»Nun, weßwegen?«
»Wegen seiner Frau.«
Er wurde leichenblaß, und in seinen Augen blitzte Etwas auf, was ganz nach Mord und Todtschlag aussah. Das machte mir Angst, denn er war stärker als ich. Darum fügte ich schnell hinzu:
»Aber das Alles geht mich gar nichts an. Ich habe keine Lust, mich in solche Sachen zu mischen.«
»Höre, Jeschko, daran thust Du ganz recht. Ich will nicht thun, was ich eigentlich thun sollte. Kannst Du mir beweisen, daß ich Den da erschossen habe?«
»Nein, denn die Kugel ist aus seinem Gewehre gekommen.«
»So sind wir Beide eben ganz zufällig hier in der Nähe gewesen, als er sich durch eine Unvorsichtigkeit entleibte. Am Besten ists, wir wissen nichts davon. Wenn wir es melden, so haben wir tausend Scheerereien. Das können wir vermeiden. Bist Du einverstanden?«
»Nicht ganz. Wir haben doch wohl die Pflicht, die Meldung zu machen.«
»So habe ich auch die Pflicht, anzuzeigen, daß Du ein Wilddieb bist und bei mir eingebrochen hast.«
»Du wilderst doch auch!«
»Beweise es. Ich will sehen, wem, man mehr glaubt, mir oder Dir. Ich erkläre Alles, was Du vorbringen würdest, für eine Fabel. Ja, ich bin sogar im Stande, zu behaupten, daß diese Stockflinte Dir gehört und daß ich Dich hier an der Leiche des Barons getroffen habe!‹
»Es war ihm zuzutrauen, daß er diese Drohung ausführen werde. Darum überlegte ich nicht lange und versprach ihm, daß ich schweigen wolle.«
»›Gut, abgemacht,‹ sagte er sodann. ›Lassen wir den Todten liegen. Er geht uns ja gar nichts an. Also komm!‹
»Und nachdem wir uns von der Stelle weit entfernt hatten, blieb er stehen und meinte:
»›Damit Du erkennst, daß ich Dir vertraue und daß ich es gut mit Dir meine, will ich Dir ein Geheimniß mittheilen. Wer ist denn eigentlich der Mann Deiner Frau? Du oder der Barko, Dein Bruder?‹
»Ich war von dieser Frage so verblüfft, daß ich keine Antwort gab.«
»›Nun?‹
»›Ich natürlich.‹
»›So! Du? Armer Junge! Hast Du denn noch gar nicht bemerkt, daß diese Beiden es mit einander halten?‹«
»›Tausend Teufel! Ists wahr?‹«
»›Ueberzeuge Dich nur. Du brauchst ja nur zu thun, als ob Du in Geschäften fortgingst. Du bleibst aber da und beobachtest sie. Da wirst Du bald sehen, wer der eigentliche Herr in Deinem Hause ist. Leb wohl jetzt, und halte reinen Mund! Dann bleiben wir gute Freunde. Solltest Du aber plaudern, so magst Du die Folgen auf Dich nehmen.‹«
»Er ging fort, und ich stand da, als ob mich der Schlag gerührt habe.«
»Das glaub ich gar wohl,« meinte der Sepp. »Wann man eine solche Botschaften zu hören bekommt, so ists grad, als ob man mit einem Beil einen Hieb auf den Kopf empfangen thät.«
»Ja, so war es, ganz so!«
»Für jetzt ist mir die Hauptsach, ob dera Müller denen Baronen derschossen, hat oder nicht.«
»Ich bin überzeugt, daß er der Mörder ist.«
»Vorhin habens aber doch ganz anderst sprochen, nämlich von wegen dem Kaliber!«
»Ja, damals habe ich mir die Sache nicht erklären können. Je mehr ich aber später über dieselbe nachdachte, desto klarer ist es mir geworden, wie der Vorgang eigentlich gewesen ist.«
»Nun, wie soll er gewest sein?«
»Der Müller ist dem Baron nach und hat ihn mit seiner Stockflinte erschossen – – –«
»Da wär doch das Mundloch kleiner gewest.«
»Lassen Sie mich ausreden! Damit man nun annehmen möge, daß die Kugel aus dem Gewehre des Barons gekommen sei, hat der Müller dann die Mündung desselben grad auf die Wunde gehalten und die größere Kugel noch hindurchgeschossen. Beide sind vorn in den Kopf und hinten wieder hinaus. Das Gewehr ist ganz nahe an die Stelle gehalten worden, denn sie war versengt und verbrannt.«
»Himmelsakra! Wäre das richtig?«
»Ganz gewiß. Sie müssen sich erinnern, daß ich nicht einen Schuß, sondern zwei Schüsse gehört hatte.«
»Ja, ja! Zuzutrauen ist ihm ein solches Experimenten gar sehr wohl. Was hat man denn über den Baronen denkt?«
»Es ist viel nachgesucht worden an Ort und Stelle; man hat nichts finden können. Aus Allem aber läßt sich ersehen, daß die Baronin verrathen hat, wer der Mörder gewesen ist.«
»Nun, vielleichten bringts heut noch die Sonne an den Tag. Wie ists dann mit Ihrer untreuen Frauen worden?«
»Ich habe am nächsten Morgen gethan, als ob ich mich wieder auf eine meiner Wanderungen begebe, und sie hat mich eine Strecke weit begleitet und dann zärtlichen Abschied genommen. Aber am Abende war ich wieder daheim. In meinem kleinen Häuschen brannte Licht. Ich konnte durch das Fenster sehen. Da saß mein Bruder bei ihr, und ich sah nun, was ich nicht zu beschreiben brauche. Sie waren wie Mann und Frau.«
»Donnerwettern! So eine Weihnachten! Was habens denn da macht?«
»Zunächst wollte ich die Thür einschlagen und Beide umbringen. Aber von diesem Gedanken kam ich glücklicher Weise bald ab. Dann habe ich lange, lange an der Mauer gelehnt und bitterlich geweint. Endlich dachte ich an den Schieber im Dache. Hinter dem Häuschen lag die Leiter. Ich lehnte sie an, stieg auf das Dach und schob den Schieber auf. Ich stieg hinein und befand mich nun auf dem niedrigen Boden. Dann schlich ich mich die Treppe hinab. Die Beiden waren so sicher, daß sie nur die Haus- nicht aber die Stubenthür abgeschlossen hatten. Ich machte auf und stand nun so plötzlich vor ihnen; daß sie sich vor Schreck nicht zu rühren vermochten.«
»Ist ihnen auch zu gönnen, und nicht nur dieses, sondern noch weit mehr.«
»Eine Ausrede für sie gab es nicht. Ich habe kein Wort gesagt, kein einziges. Ich habe mich umgedreht und den Ort verlassen. Als ich nach langer, langer Zeit wieder hin kam, war mein Bruder verschwunden. Er hatte jedenfalls meine Rache gefürchtet und sich aus dem Staub gemacht.«
»Ich dacht, Sie hätten ihn derschossen?«
»Damals nicht. Das geschah später.«
»Und Ihre Frau?«
»Die war auf dem Schlosse Amme geworden. Ihr Kind, dessen Vater ich wohl nicht gewesen bin, war gestorben.«
»Haben Sie dieselbige denn nicht besucht?«
»Nein. Aber am nächsten Tage begegnete ich dem Bruder, welcher heimlich in die Gegend gekommen war, um sich nach der Lage der Sache umzusehen. Es war im Freien, und wir standen uns ganz plötzlich gegenüber. Ich hob unwillkürlich den Arm empor, wie um nach ihm zu schlagen, und da packte er mich blitzschnell mit beiden Fäusten an der Gurgel. Wir kamen zum Ringen und stürzten nieder. Dabei gerieth mir ein Stein in die Hand, mit welchem ich ihm einen Hieb ins Gesicht versetzte, der ihn für den Augenblick betäubte. Später habe ich gesehen, daß ich ihm die Nase zerschlagen hatte. Es war eine große Wuth über mich gekommen; aber ich überwand sie und ließ den Kerl liegen, ohne ihm ein Weiteres anzuthun.«
»Das hätten viele Anderen wohl nicht so fertig bracht.«
»Ich habe mich selbst auch darüber gewundert. Später hatte ich eine solche Selbstbeherrschung nicht. Ich traf auf meiner Wanderung auf eine Zigeunerbande, der ich aber aus dem Wege ging. Ich bog weit um ihr Lager herum und setzte dann den Weg fort. Da kam Einer von ihnen, der zum Lager zurückkehrte, auf mich zu. Er hatte eine Flinte überhängen. Es war – mein Bruder!«
»Sapristi! Jetzt kommts!«
»Ja. Wir erkannten uns auf der Stelle, trotzdem indessen die Blattern mein Gesicht zerrissen hatten. Er riß sogleich das Gewehr herab und legte auf mich an. Dabei rief er mir zu, meine letzte Stunde sei vorhanden, weil ich ihm damals die Nase zerschlagen hätte. Aber ich war schneller als er. Wuth und Todesangst gaben mir doppelte Kräfte. Ich entriß ihm das Gewehr, sprang zurück, richtete den Lauf auf ihn und schoß – aus einer Entfernung von drei Schritten grad durch die Brust. Er stürzte nieder. Ein Blutstrom quoll aus seinem Munde. Ich aber ergriff schleunigst die Flucht. Seit jenem Augenblicke habe ich ihn für todt gehalten.«
»Er lebt. Er muß geheilt worden sein.«
»Möglich ist es ja. Selbst wenn die Kugel durch die Lunge gegangen ist, kann die Wunde heilen. Freilich bedarf es da einer ganz außerordentlichen Pflege. Aber die Zigeuner verstehen sich auf Wundbehandlung. Also er lebt und ich kann ihn zu sehen bekommen?«
»Ja. Und das sehr bald. Vielleicht schon heut Abend.«
»Wo?«
»Das darf ich nicht verrathen, aber Sie werdens wohl gleich derfahren, sobalds mit dem Herrn Ludewigen sprochen haben.«
»Meinen Sie den, der in der Mühle wohnt?«
»Ja.«
»Der weiß auch davon?«
»Er weiß Alles und hat uns herschickt, damit Sie zu ihm kommen sollen. Er will mit Ihnen über diese Angelegenheiten reden.«
»Und da sitze ich hier und verschwatze die kostbare Zeit!«
Er sprang wieder von seinem Sitze auf.
»So eilig ists halt nicht,« beruhigte ihn der Sepp. »Wanns nur am Nachmittag hin kommen.«
»So lange soll ich warten? Das bringe ich nicht fertig. Ich muß möglichst bald von meinem Bruder erfahren. Ich gehe sofort.«
Er griff nach seinem Hute, welcher an einem Pflocke hing.
»Halt!« rief der Sepp. »Laufens doch nicht davon! Wir haben noch mitnander zu reden.«
»Was denn?«
»Wir müssen doch derfahren, was damals Alles geschehen ist.«
»Das können Sie später auch hören.«
»Von wegen daß das Schloß wegbrannt worden ist – – –«
»Dazu habe ich nun keine Zeit.«
»Und wie Sie mit dera Frau des Finkenheiner zusammenkommen sind.«
»Kommen Sie später wieder. Jetzt muß ich vor allen Dingen wissen, was der Herr Ludwig mit mir zu sprechen hat.«
Er eilte davon. Der Wurzelsepp schlug sich zornig mit der Faust auf das Bein, stand auch auf und sagte:
»So ists, wann man sich auf die Leut verlassen thut! Grad wanns bleiben sollen, da laufens erst recht davon!«
»Und wann sie laufen sollen, da bleiben sie sitzen.«
»Ja. Was thun wir nun?«
»Ganz was Dir gefällt.«
»Wollen wir etwan hier warten, bis dieser Zigeunern wiederkommt?«
»Nein. Dazu habe ich keine Geduld.«
»Ich auch nicht.«
»Sollten wir nicht den Lehrer und den Fex nach der Mühle schicken?«
»Ja, das werden wir jetzunder thun. Die Beiden sind schnell dicke Freunden worden. Ich kann gleich drauf schwören, daß dera Fexen sich jetzt beim Lehrer befindet. Gehen wir dahin!«
Er hatte sich nicht geirrt. Die beiden Genannten waren beisammen und begaben sich nach der erhaltenen Botschaft sogleich nach der Mühle. Der Sepp schlug mit Ludwig ganz dieselbe Richtung ein, nur langsamer und gemächlicher.
Dort angekommen, schlich er sich in den Garten und holte den Kürbis aus demselben. Sie begaben sich in den nahen Wald und setzten sich an ein Plätzchen, welches rings von Büschen umgeben war, so daß sie nicht leicht entdeckt werden konnten.
Sepp begann sein Meisterwerk. Während sie sich eifrig unterhielten, schnitt er an dem Kürbis herum, daß es eine Art hatte. Später, als die rohen Umrisse vorhanden waren und es nun darauf ankam, die feineren Linien heraus zu bringen, ging es freilich viel langsamer, doch war, als die Dämmerung hereinbrach, die Arbeit vollendet.
Er knüpfte den Kopf in sein Sacktuch und begab sich zum Könige. Dieser zeigte sich über diese Arbeit sehr befriedigt. Der alte Sepp hatte wirklich kein übles Geschick zum Bildschnitzen, und eine kleine Ähnlichkeit war unbedingt zu erkennen.
Der König theilte ihm mit, daß die Vorbereitungen getroffen worden seien und daß auch Jeschko, der Zigeuner, mit dabei sein werde. Punkt zwölf Uhr wollte der Letztere mit dem Lehrer und dem Fex kommen.
Nun begab sich der Alte mit Ludwig hinab in die Mühle, wo das Abendbrot bald auf dem Tische stand. Der Finkenheiner war mit seiner Tochter Liesbeth gekommen, und so gab es eine recht animirte Unterhaltung. Der Abend verging. Der Finkenheiner verabschiedete sich mit der Liesbeth, und der Sepp begab sich mit Ludwig nach der Kammer, die ihnen zum Nachtlager angewiesen worden war.
Nach kurzer Zeit aber waren sie bereits überzeugt, daß der Müller mit der alten Barbara schlafen sei. Die Mühle sollte heut einmal von dem alten Knappen Peter bedient werden. Der bekümmerte sich ganz gewiß nicht darum, ob Jemand noch nicht eingeschlafen sei.
Die Beiden schlichen sich also leise wieder hinab und öffneten die Hausthür, vor welcher sie den Fex mit dem Lehrer fanden. Als diese Beiden kaum nach der Stube des Königs gegangen waren, kam auch der Zigeuner. Er wurde hinauf geleitet.
Es war hoch interessant, ihn beim Eintritte zu beobachten. Er hatte den Fex noch nicht gesehen. Als nun sein Blick auf denselben fiel, blieb ihm der Gruß, welchen er bereits ausgesprochen hatte, im Munde stecken.
»Was haben Sie?« fragte der König.
Das Fenster war vorsichtiger Weise verhängt worden, und eine Lampe brannte so hell, daß die Züge eines Jeden auf das Deutlichste zu erkennen waren.
»Wer – wer – wer – –!« stammelte der Gefragte anstatt der Antwort.
»Sprechen Sie doch!«
»Wer – wer – wer ist das?«
Da antwortete der Sepp:
»Das ist dera Wasserfex, welcher den Barko mit fangen soll.«
»Der – der – Wasserfex! Mein Gott, Herr Baron! Das ist ja der Herr Baron von Gulijan, er und kein Anderer!«
»Sprechen Sie leiser!« warnte der König. »Es ist allerdings zu vermuthen, daß unser junger Freund der Sohn des ermordeten Barons ist, aber wir haben noch einige Glieder für die Kette des Beweises zu suchen. Jetzt können wir uns damit nicht befassen. Wir haben uns zu postiren. Sie sehen, daß der Kopf bereits im Bette liegt. Und die Falten des Letzteren sind so geordnet, daß man selbst bei einem sehr aufmerksamen Blicke zum Fenster herein unbedingt der Meinung sein muß, daß ich selbst im Bette liege.«
Er öffnete sodann einen großen Kleiderschrank, welcher in der Stube stand.
»Hier dieser Schrank ist ausgeleert worden. Zwei Stühle stehen darinnen. Auf ihnen werden der Fex und Jeschko Platz nehmen, um die Mörder hier zu erwarten.«
»Darf ich denn nicht mit hier im Zimmern bleiben?« fragte Sepp. »Ich möcht halt gern dera Erste sein, welcher zugreifen thut.«
»Nein. Es steht zu erwarten, daß Barko als Erster einsteigen werde. Wenn er seinen Bruder erblickt, wird er so erschrocken sein, daß er für den ersten Augenblick alle Gegenwehr vergißt. Auch meine ich, daß er über den Anblick des Fex so erstarren wird wie hier sein Bruder Jeschko. Ehe er sich erholt, ist er überwunden. Da im Schranke liegen Stricke zum Fesseln. Vor das Fenster postiren sich der Herr Lehrer und da mein Lebensretter und Namensvetter Ludwig. Eine Instruction brauche ich ihnen wohl nicht zu geben.«
»Aberst wohin werde denn nun ich posterirt?« fragte der Sepp ungeduldig.
»Hinaus vor die Stubenthür.«
»Donner und Doria! Da soll ich wohl gar nicht dabei sein, wann dera Krawall beginnt? Das mach ich nicht mit.«
»Du sollst auch mit dabei sein. Sobald Du draußen hörst, daß der Kampf hier losgeht, trittst Du schnell ein.«
»Das will ich mir schon eher gefallen lassen.«
Um ihn vollends zu beruhigen, fügte der König hinzu:
»Uebrigens werde ich mich nach der Wohnstube hinab begeben und auf dem Kanapee die Entwickelung abwarten. Es kann da leicht vorkommen, daß ich eines schnellen und zuverlässigen Menschen bedarf. Darum habe ich Dich auf den Hausboden postirt. Von der Stubenthür aus kann ich leise mit Dir reden, ohne daß ein Unberufener es hört.«
»Schön! So bin ich also dera Flügeladjutant. Das will ich mir gefallen lassen.«
»Jetzt löschen wir die Lampe aus und brennen das Nachtlicht an. Wenn dann noch der Vorhang vom Fenster weggenommen ist, so sind alle Vorbereitungen getroffen.«
»Aber wie steht es mit dem Laden?« fragte der Lehrer.
»Der ist zu aber nicht verschlossen. Sie können ihn leicht und ohne Geräusch von draußen aufziehen. Man muß ihnen so wenig Schwierigkeiten wie möglich, bieten. Also, ein Jeder nun an seinen Platz!«
In Zeit von einer Minute lag die Mühle in tiefer Nacht und Ruhe. Die Stille wurde durch das Klappern und Knarren der Räder eher hervorgehoben als unterbrochen.
Der Fex hatte sich mit dem Zigeuner in den Schrank gesetzt und die Thüre desselben von innen zugezogen. Ihre Lage war eine möglichst bequeme.
»Dürfen wir mit einander sprechen?« fragte Jeschko.
»Leise, ja.«
»Aber vertreiben wir da nicht vielleicht die Einbrecher?«
»Nein. Nach dem von dem Knecht gelieferten Bericht steht zu erwarten, daß sie schießen werden. Bevor also der Schuß nicht gefallen ist, haben wir sie hier in der Stube nicht zu erwarten.«
»Welch eine Dreistigkeit, schießen zu wollen! Das muß man ja hören!«
»Vielleicht besitzt Ihr Bruder eine Windbüchse oder ein geräuschloses Deschin. Sie müssen natürlich den Bewohner des Zimmers erst tödten, bevor sie einsteigen können.«
»Na, kommt nur herein! Wir werden Euch empfangen!«
»Sie scheinen sich förmlich darauf zu freuen, den Mann, welcher Ihnen so nahe verwandt ist, dem Arme der Gerechtigkeit zu überliefern.«
»Er hat es verdient, um mich, um Andere und vor allen Dingen auch, um Sie.«
»Ich habe das, was ich erlitt, meist nur dem Silberbauer und dem Thalmüller zu danken.«
»Aber Barko war ihr Verbündeter. Sie müssen sich doch seiner ganz gut erinnern können.«
»Nein. Vielleicht habe ich ihn niemals gesehen.«
»Sie sind ja eine ganze Zeit von ihm herumgeschleppt worden.«
»Davon weiß ich nichts. Ich war zu jung. Ich erinnere mich nur noch der Amme.«
»Das war meine Frau.«
»Die Frau des Finkenheiner, mit welcher Sie hier angekommen sind, hat es mir mitgetheilt. Sie haben mit dieser Frau nicht glücklich gelebt?«
»Sehr glücklich, bis sie mich betrog. Sie war die Geliebte meines Bruders.«
»Das müssen Sie mir später einmal erzählen. Würden Sie sie erkennen, wenn Sie ihr heut begegneten?«
»Ganz gewiß. Eine Person, welche man so lieb gehabt hat, erkennt man sofort. Aber von einer Begegnung ist keine Rede. Sie ist ja todt.«
»Ja, aber ich werde Ihnen einmal ihr – – – Bild zeigen. Es ist so außerordentlich täuschend, daß Sie staunen werden.«
»Horch! War das nicht am Laden?«
»Ja. Auch ich hörte es!«
»Dann pst!«
Sie lauschten mit angehaltenem Athem. Es ließ sich ein leises, klingendes Knicken hören.
»Sie haben eine Fensterscheibe mit Hilfe eines Pflasters eingedrückt,« flüsterte der Fex. »Nun wird sich der Schuß hören lassen. Horch!«
Ein nicht zu lauter Knall ertönte. Er wurde von dem Klappern der Mühle übertäubt. Draußen war er jedenfalls nur ganz schwach zu hören Hier im Zimmer war er vernehmlich gewesen.
Nun erklang das Fenster. Es knisterte von dort her. Dann hörte man, daß ein Mensch hereingestiegen kam und mit einem leisen Sprunge auf der Diele fußte.
»Einer ist da,« flüsterte der Zigeuner. »Wollen wir hinaus?«
»Ja. Aber vorher mal schauen.«
Er schob die Schrankthür um eine ganz kleine Lücke auf und blickte hinaus. Ein Mensch schlich an das Bett und beugte sich über den vermeintlichen Kopf des Königs.
»Jetzt! Leise noch!« sagte er und erhob sich geräuschlos vom Stuhle.
Ebenso geräuschlos öffnete sich die Thür des Schrankes. Es war nicht das mindeste Knarren zu vernehmen. Die Beiden traten heraus, voran der Fex.–
Der Lehrer hatte mit dem Knecht Ludwig nicht ganz nach dem Willen des Königs gehandelt, dessen Instruction er bereits am Nachmittag erhalten hatte. Es war ihm die Weisung geworden, sich in das Hollundergebüsch, welches längs der Mauer wucherte, zu verstecken. Als er aber jetzt nun mit Ludwig herauskam und am Hause stehen blieb, schien es ihm doch bedenklich zu sein, der erhaltenen Weisung Folge zu leisten.
»Meinen Sie auch, daß wir uns in diesen Hollunder stecken?« fragte er.
»Ja.«
»Das ist gefährlich.«
»Und ich denk grad das Gegentheil.«
»Stecken wir drin, so können wir nicht weichen. Wie nun, wenn die beiden Kerls auf den Gedanken kommen, das Buschwerk abzusuchen.«
»Hm! Darauf können sie allerdings sehr leicht kommen.«
»Sie müssen das sogar, wenn sie nur eine Spur von Gehirn haben. Entdecken sie uns, so ists aus mit unserem Vorhaben.«
»Nun, ergreifen würden wir sie doch.«
»Nein. Ehe wir uns aus den Sträuchern fitzen können, sind sie fort. Und selbst wenn es uns gelingt, sie festzuhalten, so haben wir sie doch nicht auf vollendeter That erwischt.«
»Sehr richtig! Wir müssen uns also anderswo postiren.«
»Uebrigens können wir sie auch nicht genau beobachten, wenn wir da unten auf der Erde liegen, dicht an die Mauer gedrückt und vom Hollunder überdeckt.«
»Ja, wenn wir uns dem Fenster gegenüber stellen könnten! Da würden wir freilich Alles sehen.«
»Das können wir doch!«
»Ohne alle Deckung?«
»Wir haben Deckung, nämlich das Dunkel der Nacht. Wir legen uns in das Gras. Da sind wir an der dunklen Böschung gar nicht zu sehen und haben alle Freiheit der Bewegung. Kommen sie uns zu nahe, so entfernen wir uns kriechend. Kommen Sie, es ist das Allerbeste.«
Sie zogen sich also bis auf ungefähr zwanzig Schritte von dem betreffenden Fenster zurück und legten sich da dicht neben einander in das weiche Gras, in welchem sie bis auf vier, fünf Schritte Entfernung nicht erkannt werden konnten.
»Woher werden Sie kommen? Von welcher Seite?« fragte Ludwig.
»Jedenfalls von rechts, aus dem Walde. Links ist ihnen der Mühlgraben im Wege. Es steht natürlich zu erwarten, daß sie vorher die ganze Mühle umschleichen werden. Nachher wird –«
Er hielt inne.
»Was wird nachher?«
»Still! Hörten Sie nichts?«
»Nein.«
»Mir war, als ob mit einem Stiefel auf Stein getreten worden sei.«
»Ja, ja. Sehen Sie da gegen die weiße Mauer, an der Ecke.«
»Das scheint ein Mensch zu sein. Kriechen wir näher.«
Sie bewegten sich leise fort, dem Gebäude entgegen, und gewahrten nun deutlich eine an der Ecke lehnende menschliche Gestalt.
»Das ist der Eine, der auf den Anderen wartet,« flüsterte der Lehrer. »Dieser Andere wird sich noch auf Recognition befinden.«
»Nein; da kommt er.«
Eine zweite Gestalt bog um die Ecke und Beide huschten sodann nach dem Laden. Es war ein leises, ganz leises Klingen zu hören. Der Laden wurde geöffnet. Das sah man genau, weil nun das von dem Nachtlichte erleuchtete Fenster zum Vorscheine kam.
»Jetzt werden sie hineinblicken,« vermuthete Ludwig.
»Nein. Sehen Sie, daß sie erst nach rechts und links die Mauer absuchen? Jetzt würden sie uns entdecken, wenn wir uns dort versteckt hätten. Sie finden nichts; nun kehren sie zurück.«
Der eine der beiden Einbrecher erhob den Kopf an das Fenster und blickte hinein, eine ziemlich lange Zeit. Dann sahen die beiden Lauscher, daß etwas Dunkles an die Glastafel gehalten wurde.
»Ein Pechpflaster,« meinte der Lehrer. »Sie drücken das Fenster ein.«
Jetzt hörten auch sie jenes leise Knirschen, welches der Fex mit dem Zigeuner vernommen hatte. Das Pflaster verschwand und mit demselben die Glastafel. Dann wurde wieder ein Kopf sichtbar, welcher durch das Fenster in die Stube lugte, und nun wurde ein langer Gegenstand in das durch die entfernte Glastafel entstandene Loch gesteckt.
»Eine Flinte!« sagte der Lehrer. »Der Kerl zielt sehr, sehr lange. Er will natürlich keinen Fehlschuß thun. Ah, jetzt!«
Der Schuß erklang, aber so, daß er vom Mühlengeklapper fast ganz verschlungen wurde. Sodann lauschte wieder Einer in die Stube hinein und langte nachher mit dem Arme durch die Oeffnung, um die Wirbel zu öffnen. Als das geschehen war, stieg der Mann ein.
»Jetzt ist unsere Zeit gekommen,« meinte der Lehrer. »Kriechen wir ganz hinzu. Der Andere wird auch sogleich einsteigen.«
Sie bewegten sich in gerader Richtung nach dem Fenster hin. Jetzt schwang sich auch der Zweite hinauf und wollte hinein.
»Jetzt können wir aufstehen,« sagte Ludwig. »Ich bin stark. Ich halte den Kerl ganz allein fest. Binden Sie ihn!«
»Dann rasch. Wir dürfen ihn nicht in die Stube lassen, sonst sind da drinnen Zwei gegen Zwei. Nehmen wir ihn bei den Beinen! Ah, was ist das?«
»Er kommt wieder.«
Der Einbrecher wollte zurück. Drinnen in der Stube waren Stimmen zu vernehmen. Es war ein kritischer Augenblick.
Usko und Zerno waren mit den anderen Paschern nach dem Föhrenbusch gekommen und hatten da an andere hier versteckte und auf sie wartende Schmuggler ihre nichts als Lumpen enthaltende Packete abgegeben. Bis sie Rückfracht bekamen, konnten mehrere Stunden vergehen. Diese Frist benutzten sie zu dem verabredeten Ueberfalle.
Sie hatten nicht weit bis nach der Mühle. Usko hatte die Lage derselben und deren Umgebung bereits ganz genau ausgekundschaftet. Es handelte sich nur, zu erfahren, ob man noch wache oder nicht. Das fiel den schlauen Verbrechern gar nicht schwer. Sie wußten sehr bald, daß nur ein alter Knappe in der Mühle wache.
Nun lauschten sie an den vorderen Parterrefenstern. Es ließ sich keine Spur von Leben hören. Die Bewohner waren schlafen gegangen.
»So sind wir sicher,« sagte Usko. »Komm!«
Er huschte nach der Ecke, mußte aber dort noch kurze Zeit warten, da der übervorsichtige Zerno abermals zu horchen begann. Endlich war Letzterer befriedigt und sie näherten sich nun dem Fenster. Usko hob den Kopf und blickte durch eine kleine Spalte des Ladens.
»Wie steht es?« fragte Zerno.
»Sehr gut. Er schläft fest.«
»Aber der Laden. Den können wir ohne Geräusch doch nicht öffnen. Das muß ihn unbedingt aufwecken.«
»Pah! Du scheinst sehr ungeschickt zu sein. Uebrigens steht uns ja eine Probe frei – – Himmelsapperment! Das ist gut! Der Laden ist gar nicht richtig zu! Es ist vergessen worden, den Vorstecker einzuschieben. Schau, da geht er auf.«
»Leise, leise!«
»Keine Sorge! Ich mache jede Thür und jeden Laden auf, ohne Geräusch zu verursachen.«
»Halt, jetzt klingts!«
»Das war so wenig, daß es kein Mensch hört. So, jetzt ist er auf. Aber wir wollen doch aus Vorsicht mal nachsehen, ob wir uns auch wirklich ganz allein hier befinden. Gehe Du rechts und ich links.«
Sie recognoscirten die Giebelmauer bis zu den beiden Ecken hin, und da sie nichts Verdächtiges fanden, kehrten sie befriedigt zu dem Fenster zurück, durch welches Usko nun sehr aufmerksam schaute.
»Er hat nichts gemerkt,« sagte er. »Er schläft wie ein Ratz. Ich glaube, der Anschlag wird gelingen. Gieb mir jetzt das Pechpflaster her!«
»Aber mach ja leise!«
»Pah! Ein Fenster einzudrücken, das habe ich gelernt.«
Er drückte das Pflaster fest an die Scheibe, legte dann die beiden Handflächen darauf und gab einen raschen, kräftigen Druck. Die Scheibe war herausgebrochen und blieb an dem Pflaster kleben. Es hatte nur leise geknirscht.
»So!« sagte er. »Auch das ist gelungen. Nun haben wir leichtes Spiel. Jetzt einen Schuß und wir sind die Herren im Hause.«
»Ist es wirklich nothwendig, daß wir ihn ermorden?«
»Wimmre nicht, altes Kind! Ehe ich mich erwischen lasse, muß lieber ein Anderer dran glauben. Wer dieser Andere ist, das ist mir sehr egal.«
Er nahm das mitgebrachte Gewehr, welches er vorher gegen die Mauer gelehnt hatte, empor und legte an. Er zielte auf das Sorgfältigste und drückte sodann ab.
Es gab einen leisen Knall, welcher aber, wie bereits erwähnt, nicht vernommen wurde, wenigstens von den Schläfern nicht. Sodann lehnte er die Flinte wieder zurück.
»Getroffen!« sagte er. »Grad in die Schläfe. Er bewegt sich nicht, er ist augenblicklich todt gewesen. Jetzt können wir hinein.«
»Wer steigt voran?«
»Ich natürlich. Habe ich Alles machen müssen, so will ich auch das noch thun.«
Er schwang sich empor und stieg in die Stube. Da angekommen, lauschte er einige Augenblicke und schlich sich dann auf den Fußspitzen nach dem Bette. Er beugte sich, während Zerno sich anschickte, nachzusteigen, über die vermeintliche Leiche.
»Ja, grad in die Schläfe,« sagte er; »ein Meisterschuß. Aber – Donnerwetter!«
»Was ists?« fragte Zerno, indem er in seinen Bewegungen inne hielt.
»Das – das ist ja gar kein Kopf!«
»Was? Kein Kopf!«
»Nein.«
Er ergriff den Kopf mit beiden Händen, hob ihn empor, betrachtete ihn und flüsterte dann hastig:
»Der ist aus einem Kürbis geschnitzt. Alle tausend Teufel! Mach wieder hinaus, Zerno. Wir sind verrathen!«
Er selbst drehte sich um, um nach dem Fenster zurückzueilen, blieb aber erstarrt stehen, denn vor ihm stand der Fex.
»Guten Abend, Barko!« sagte dieser.
Der Zigeuner wankte. Er griff mit den Händen um sich, nach einer Stütze suchend.
»Der Ba-ba-ba-ron!« stieß er hervor.
»Ja, der Baron. Was thust Du hier?«
»Ich – ich – ich – Himmel und Hölle!«
Er sah jetzt auch seinen Bruder, welcher aus dem Schrank getreten war.
»Jesch-jesch-jeschko!« stöhnte er.
»So?« antwortete der Genannte. »Du kennst mich also noch. Komm her, mein Lieber, wir haben Armbänder für Dich!«
Er hob den Strick empor.
Da erkannte Usko die ganze Größe der Gefahr. Wenn er nicht floh, so war er verloren, fürs ganze Leben verloren. Zerno war vom Fenster verschwunden. Das letztere stand offen und frei. Da hinaus mußte er. Der Fex sah nicht stark aus, darum sprang Usko auf diesen ein, um ihn bei Seite zu schleudern. Aber da hatte er sich geirrt. Der Fex wich keinen Zoll breit zurück, sondern versetzte ihm vielmehr einen Stoß, daß er bis zur Thür hin taumelte.
Das brachte ihn auf einen anderen Gedanken: Vielleicht gelang es ihm, durch die Thür zu entkommen. Er wollte hinaus und riß sie auf. Da aber ertönte ihm, unter dem Schnurrbarte des alten Sepp hervor, entgegen:
»Hier kannst halt nicht außi, mein Bub. Bleib also liebern daheimi!«
Der Sepp schob ihn zurück und trat mit herein. Er hatte einige Stricke in der Hand.
Usko wollte nun blind um sich schlagen, hatte aber auch damit keinen Erfolg, denn er wurde von seinem Bruder und dem Fex von hinten so fest gehalten, daß der Sepp ihn in aller Gemüthlichkeit fesseln konnte. Dann trugen ihn die Drei hinunter in die Wohnstube.
Zerno hatte, als der Warnungsruf seines Gefährten erschallte, sofort die Flucht ergriffen. Er schob sich aus dem Fenster zurück und sprang zur Erde. Dort aber blieb er für einige Augenblicke bewegungslos stehen, denn hinter ihm ertönten die Worte:
»Haben ihn! Ich halt ihn fest! Bindens ihn gar schön, Herr Lehrern!«
Im gleichen Augenblicke legten sich die Arme des riesenstarken Ludwig um seinen Leib. Der flinke Lehrer zögerte nicht, der an ihn ergangenen Aufforderung nachzukommen. Noch ehe dem Einbrecher die Besinnung recht zurückgekehrt war, lagen ihm die Stricke so fest um den Leib, die Arme und Beine, daß er sich nicht zu rühren vermochte.
»Nun hinein mit ihm. Ich nehme ihn auf die Achsel. Bringens seine Flinten mit!«
Bei diesen Worten schwang Ludwig sich den Gefangenen auf die Achsel und trug ihn wie einen Sack in das Haus und die Stube hinein. Der Lehrer folgte mit dem Gewehre. In der Stube war es noch dunkel. Darum sagte Ludwig:
»Hier ist Einer, Herr Ludwig. Den Anderen werdens wohl auch bald bringen. Jetzund sollten wir ein Streichhölzerl haben.«
»Ist schon da,« antwortete der Lehrer, indem er ein Hölzchen anstrich und dann die auf dem Tisch stehende Lampe anbrannte.
Jetzt wurde eben Usko zur Treppe herabgebracht. Man legte die Beiden auf die Diele neben einander.
»Willkommen auch!« lachte der alte Sepp. »Schaut, so kommen die fremdsten Leutln zusammen. Ihr hättet wohl nicht glaubt, Euch mal hier in dera Mühlen zu begegnen? Na, uns gefreuts auch gar sehr, daß wir Euch kennen lernen. Wir werden Euch so bald nicht wieder fortlassen.«
»Warum werde ich gefangen?« fragte Zerno. »Ich habe gar nichts gethan!«
»Nichts? Bist wohl nicht einistiegen?«
»Ich, aber in der besten Absicht.«
»So! Was war denn das für eine?«
»Ich kam am Wasser her und sah bereits von Weitem, daß Einer durch das Fenster stieg. Ich eilte herbei und bin ihm nach, um zu sehen, ob das vielleicht wohl gar ein Spitzbube sei.«
»Wars denn Einer?«
»Das weiß ich nicht, denn in diesem Augenblicke wurde ich ergriffen und gebunden.«
»Wie jammerschade! Man soll gar nicht glauben, daß das so einem braven Kerlen passiren kann. Ja, es kommen Sachen vor, die selbst ein Spitzbub nicht begreift. So kennst wohl diesen Anderen hier gar nicht?«
»Nein.«
»Und doch geht Ihr mit nander auf den Handel!«
»Das ist nicht wahr.«
»Und schlaft mit nander auf denen Heuböden bei denen Bauern.«
»Das ist eine Lüge.«
»Und steckt mit nander in denen Ziegelhütten. Ist auch das unwahr?«
»Ja.«
»So seht Euch mal da diesen Buben an. Es scheint, daß der uns belogen hat.«
Er zog Ludwig herbei, welcher bis jetzt seitwärts gestanden hatte.
»Dieser!« knirschte Usko, als er den Knecht erblickte.
Weiter sagte er nichts.
»Den kenne ich nicht!« log Zerno.
»Das braucht Dich nicht zu ärgern, denn Du wirst ihn recht bald kennen lernen. Sodann kann es leicht kommen, daßt ihn fein lieb gewinnen wirst.«
Er wendete sich ab. An seiner Stelle trat Jeschko zu den Gefangenen heran. Er funkelte seinen Bruder mit haßerfüllten Augen an und sagte:
»Nun wirst Du keine Frauen mehr verführen, keine Schlösser anbrennen und keine Kinder mehr rauben können!«
»Hund!« zischte der Gefangene wüthend.
»Das beleidigt mich nicht. Die allergrößte Beleidigung für mich erfuhr ich an dem Augenblicke, an welchem ich als Dein Bruder geboren wurde. Du hast es lange genug getrieben. Nun bricht das Strafgericht über Dich herein.«
Anstatt der Antwort spuckte der Gefangene vor seinem Bruder aus. Dieser wendete sich von ihm ab.
Der König hatte diese beiden Scenen schweigend beobachtet. Jetzt winkte er den Lehrer zu sich heran und sagte:
»Besorgen Sie einen Wagen, in welchem die Gefangenen sofort in das Gefängniß geschafft werden. Sie mögen mit dem Sepp und Ludwig Held als Bedeckung mitgehen. Lassen Sie den Assessor wecken und sagen Sie ihm, daß ich unverweilt mit ihm sprechen muß. Ich bin gezwungen, bis zu seiner Ankunft hier unten zu bleiben, da eben nichts verändert werden darf. Also beeilen Sie sich!«
Als der Lehrer zur Thür hinaus wollte, begegnete er unter derselben der alten Barbara, welche in einem unbeschreiblichen Negligée hereintrat.
»Was ist, denn das für ein Lärm im Haus? Was ist geschehen?« fragte sie.
»Zwei Freier haben wir in Deiner Kammern funden und sie allsogleich verarretirt,« antwortete der Sepp.
»Freier? Bei mir? Was fallt Dir wieder mal eini, Du alter Nixnutz! Marie, Joseph! Da liegen wirklich Zwei!«
Sie schlug die Hände zusammen und dabei entfiel ihr das alte Saloppentuch, welches sie übergeworfen hatte. Als sie sich nun augenblicklich nach demselben bückte, rutschte ihr auch die riesige Nachthaube vom Kopfe. Beides aufraffend, erkannte sie nun zu spät, daß sie sich nicht in einer salonfähigen Toilette befinde. Wie der Wind war sie zur Thüre hinaus. –
Am nächsten Mittwochstage saß der Kerybauer wieder mit seiner Familie beim Mittagsessen. Es ging heute noch stiller und trüber als gewöhnlich zu.
Heute war der Entscheidungstag. Heute wollten die Osecs sich die Antwort holen, und doch hatte er weder mit der Frau noch mit der Tochter wieder über das schwierige Thema gesprochen.
Und warum hatte er das nicht gethan?
Er selbst hätte auf diese Frage wohl keine klare Antwort zu geben vermocht. Der einzige Grund lag in seiner verborgenen, ihm selbst unbewußten Liebe zu Gisela.
Ihr letztes kräftiges und selbstständiges Wesen hatte ihm imponirt. Ihr Widerstand, obgleich gegen ihn selbst gerichtet, war ihm sympathisch. Er fühlte, daß er an ihrer Stelle ganz ebenso gehandelt hätte, und darum brachte er es nicht dazu, ihr zu zürnen.
Aber seine Lage wurde dadurch nicht gebessert. Er befand sich in den Händen der Osecs. Seine einzige Hoffnung waren die fünfzehntausend Gulden, welche er für die vorgestern abgelieferten Waaren im Laufe dieser Woche bekommen mußte. Dieses Geld mußte ihn schwimmend erhalten. Vielleicht scheuten die Osecs einen Proceß.
So saß er an dem Tische und aß, obgleich ihm kein Bissen schmeckte. Niemand wagte, eine laute Aeußerung zu thun. Man sah es ihm an, daß er sich in der allerschlechtesten Laune befand.
Da kam der Postbote und brachte einen eingeschriebenen Brief. Das Gesicht des Bauers erheiterte sich. Er erkannte die Handschrift des Kaufmannes, welchem er die Schmuggelwaaren geliefert hatte.
Er quittirte, stand vom Tische auf und ging hinauf in seine Stube. Dort öffnete er den Brief. Derselbe lautete, anstatt in gewohntem, freundlichem Tone, folgendermaßen:
»Herrn Georg Kery.
Wenn Sie meinen, mich im Laufe einer längeren Zeit durch scheinbare Ehrlichkeit so kirre gemacht zu haben, daß Sie nun einen desto lohnenderen Betrug gegen mich ausführen können, so haben Sie sich in vollständigem Irrthum befunden. Mit einem so gemeinen Schwindel übertölpelt man mich nicht. Zum Glück haben Sie weder eine Empfangsbestätigung noch ein darauf lautendes Werthpapier in den Händen. Sie bekommen anstatt der fünfzehntausend Gulden keinen Kreuzer. Die alten Lumpen und das alte Papier, welches die Packete enthielten, können Sie sich nach Berichtigung der Lagerkosten bei mir abholen. Länger als eine Woche aber behalte ich diesen Schund nicht bei mir.
»Für weitere Geschäftsverbindung ernstlichst dankend, kann ich Ihnen nur den Ausdruck meiner tiefsten Verachtung zu Theil werden lassen.«
Hierauf folgte die Unterschrift. Als der Bauer diese Zeilen gelesen hatte, sank er in einen Stuhl. Seine Brust ging hoch. Der Athem stockte ihm. Dann sprang er plötzlich auf, riß die Thür auf und rief hinab:
»Hanns! Hanns! Wo steckst Du!«
In dieser Weise hatte er noch niemals gebrüllt. Unten wurden alle Thüren aufgerissen. Der Gerufte kam die Treppe herauf, aber der Bauer herrschte ihn an:
»Spar die Stufen! Es giebt keine Zeit! Sattle sofort den Braunen! In fünf Minuten muß er vor der Thür stehen!«
Das war ein Befehl, welcher ungeheures Aufsehen erregte. Seit einem vollen Jahrzehnt war Kery in keinen Sattel gekommen. Der Knecht nahm gleich zwei, drei Personen mit, die ihm helfen sollten.
»Was muß geschehen sein?« sagte die Bäuerin besorgt zu ihrer Tochter.
»Wer weiß es, der Brief ist schuld.«
»Jedenfalls. Mir wird ganz angst und bange. Etwas Gutes kann es nicht sein.«
»Da haben jedenfalls die Osecs wieder die Hand im Spiele. Mir ist Alles gleich.«
Die fünf Minuten waren kaum vergangen, so kam der Bauer herab. Sein Gesicht war hochroth gefärbt. Er befand sich sichtlich in einer ungeheuren Aufregung. Seine Frau wagte es nicht, eine Frage auszusprechen.
»Na, wo ist das Pferd!« schrie er.
»Es sind erst vier Minuten vergangen,« antwortete Gisela ruhig. »Ueberhaupt kannst Du nicht verlangen, daß ein Pferd in fünf Minuten bereit stehen soll.«
Er blickte sie ganz betroffen an. So Etwas hatte sie niemals gewagt.
»Jungfer Naseweis, sei still!« fuhr er sie an.
Sie aber fuhr unbeirrt fort:
»Im Circus Renz oder Herzog kann man so Etwas verlangen, aber nicht bei einem Bauer, wo das Zeug erst stundenlang zusammengesucht und geputzt werden muß.«
»Habe ich befohlen, daß man es putzen soll?«
»Nein; aber das ist doch selbstverständlich.«
»Du scheinst Dir ganz fremdartige Mucken anzugewöhnen. Die muß ich Dir austreiben!«
»Ich übe mich ein, die Frau Osec zu spielen. Das kannst Du mir nicht übel nehmen. Es ist ja Dein Wille so.«
Da wurde er noch zorniger.
»Himmelkreuzmillion! Noch hat er Dich nicht, der Schwindler!«
»Ah, hat er Dich betrogen?«
»Ja und wie! Aber das geht ja Euch nichts an. Da kommt das Pferd. Wenn nachher die Osecs kommen, so sagt Ihnen, daß ich erst am Abend punkt neun Uhr zurückkehre. Bis dahin mögen Sie machen, was ihnen beliebt. Am Besten ists, sie gehen ins Wirthshaus.«
»Hier behalten werden wir sie auf keinen Fall.«
Noch vor wenigen Tagen wäre auf ein solches Wort eine harte Strafe erfolgt, jetzt aber ging er hinaus, ohne ein Wort zu entgegnen. Er schien wie umgewechselt zu sein. Nachdem er aufgestiegen war, ritt er in scharfem Trabe davon, in der Richtung nach Westen, der bayrischen Grenze zu.
Natürlich hatte er die Absicht, den Verfasser des Briefes aufzusuchen, um sich über die Veranlassung zu demselben zu unterrichten.
Die beiden Frauen dachten vergeblich darüber nach, was ihn in eine solche Aufregung versetzt haben möge. Kurze Zeit später hatte Gisela oben irgend eine Verrichtung und kam sehr bald wieder, den unglückseligen Brief in der Hand. Ihr Vater hatte in seiner Aufregung vergessen, ihn einzuschließen.
»Mutter, Mutter,« rief sie. »Hier steht es, was geschehen ist.«
»Ist das der Brief, den er bekommen hat?«
»Ja.«
»Woher?«
»Von drüben herüber. Hier ist der Beweis, daß der Ludwig Recht hat; der Vater ist ein Pascher. Er ist einer und scheint jetzt mit einem Male fünfzehntausend Gulden verloren zu haben.«
»Mein Himmel! Das ist doch unmöglich!«
»Hier steht es.«
»Zeig her!«
Die erschrockene Frau riß ihrer Tochter den Brief aus der Hand und las ihn selbst. Dann stieß sie einen Wehelaut aus und ließ ihn fallen.
»Glaubst Du es nun?« fragte Gisela.
»Ja. Fünfzehntausend Gulden. Das ist ein Vermögen, ein ganzes Vermögen! Darum war er so ganz aus der Fassung! Das ist die Strafe! Das sind die Folgen, wenn man gegen die Gesetze sündigt! Mein Gott, mein Gott! Wer kann da Hilfe bringen!«
»Ich weiß Einen.«
»Wen?«
»Ludwig.«
»Ja, wenn er noch hier wäre! Aber selbst dann hätte er keinen Einfluß. Dein Vater ist ja ein Starrkopf, der sich von keinem Menschen Etwas sagen läßt.«
»Und dennoch brächte er es fertig!«
»Er war so lange bei uns und hat es nicht ändern können.«
»Da hat er nichts davon gewußt. Jetzt aber ist es etwas Anderes. Wäre er hier und könnte er diesen Brief lesen, er wüßte doch vielleicht einen Weg zur Hilfe zu finden.«
»Er ist auch nicht allmächtig.«
»Aber ein kluger, anstelliger Kopf.«
»Hm! Ist er denn wirklich ganz plötzlich in Deiner Hochachtung so sehr gestiegen?«
»Ja. Ich habe jetzt einen förmlichen Respect vor ihm. Seit er mir gesagt hat, daß er mich liebt, sehe ich ihn mit ganz anderen Augen an. Horch!«
Es hatte an die Stubenthür geklopft. Die Beiden befanden sich ganz allein in dem Räume.
»Herein!« antwortete die Mutter, ganz verwundert, wer der höfliche Besuch sein werde.
Da wurde die Thüre um eine Lücke aufgemacht und eine schnarrende Stimme sagte:
»Verzeihung! Ein armer Handwerksbursche! Haben Sie nichts von der gesegneten Mahlzeit übrig?«
»Nein,« antwortete die Frau, indem sie aufstand, um dem Manne ein kleines Geldstück zu geben.
»Oder ein paar alte Stiefeln?«
»Auch nicht.«
»Oder ein abgesetztes Hemd?«
›Leider nicht.«
»Auch keinen Sonnenschirm oder ein Kanapee? Ich nehme Alles.«
Das war noch nicht dagewesen. Die Bäuerin konnte den Handswerksburschen nicht sehen, weil er die Thür nur ein ganz klein wenig geöffnet hatte.
»Wollen Sie nicht das ganz Bauergut geschenkt haben?« lachte sie.
»Nein; aber erben möchte ich es.«
»Daraus wird nichts. Hier ist Etwas!«
Sie schob die Hand zur Thürluke hinaus, um ihm den Kreuzer zu geben. Er aber hielt die Hand fest und sagte:
»Und daraus wird Etwas! Ich erb den Keryhof. Hier ist meine Hand darauf!«
Er schüttelte die ihrige. Sie wollte die Thür aufstoßen, brachte das aber nicht fertig, da er zu fest hielt.
»Lassen Sie los!« befahl sie. »Wer sind Sie denn eigentlich?«
»Der Retter in der Noth. Nicht wahr, Gisela?«
Hatte er bisher in schnarrendem Tone gesprochen, so bediente er sich bei den letzten Worten seiner natürlichen Stimme.
»Ludwig, Ludwig!« rief das Mädchen, vom Stuhle aufspringend und nach der Thür eilend.
»Der Ludwig soll es sein?« fragte ihre Mutter. »Der hat keine solche Stimme, wie ein alter Papagei.«
»Er macht es doch nach. Komm herein!«
Jetzt nun freilich öffnete er die Thür sperrangelweit. Ja, Ludwig war es. Mit glückstrahlenden Augen betrachteten sich die Beiden.
»Gisela!«
»Ludwig!«
Nach diesen beiden Ausrufen hatten sie einander beim Kopfe. Dabei aber reichte er auch ihrer Mutter die Hand.
»Grüß Gott, Bäuerin!« sagte er. »Da bin ich wieder mal zu sehen.«
»Um Gotteswillen! Mein Mann hat es ja verboten!« sagte sie ängstlich.
»Ich mach mir nix daraus!«
»Aber wir müssen doch gehorchen!«
»Niemand kann uns zwingen. Uebrigens ist er gar nicht daheim.«
»Das weißt Du schon?«
»Ja. Er ist mir ja begegnet.«
»Hat er Dich gesehen?«
»Man sollte es denken, denn er hat mich beinahe niedergeritten. Aber es schien ganz so, als ob er mich gar nicht angesehen habe. Er ritt Galopp, daß die Funken flogen. Darf ich mich ein Wengerl setzen?«
»Meinetwegen, ja. Aber wenn mein Mann es erfährt, so geht es uns schlimm.«
»Ich nehms auf mich.«
»Das kannst Du nicht.«
»Wer weiß.«
»Du bist nur seit zwei Tagen fort und doch haben wir so viel Schlimmes indessen erlebt. Heut kommen die Osecs.«
»Das weiß ich und eben darum komme ich auch.«
»Um Gotteswillen! Wenn sie Dich sehen!«
»So brauch ich mich nicht zu schämen.«
»Aber sie sagen es meinem Manne.«
»Mögen sie! Ich sage es nochmals, daß ich Alles auf mich nehme.«
»Laßt das jetzt!« meinte Gisela. »Komm her, Ludwig. Setz Dich nieder und erzähle uns, was Du seit dem Montag Alles begonnen hast!«
Sie zog ihn an den Herrschaftstisch. Ihre Mutter schüttelte den Kopf dazu, ließ es aber doch nicht nur geschehen, sondern setzte sich auch selbst mit hin
»Dazu bin ich nicht gekommen,« sagte er. »Ich komme, um zu derfahren, wie es auf dem Keryhofe geht.«
»Nicht besser, sondern eher schlechter als bisher. Vorhin zum Beispiel hat der Vater einen Brief bekommen und sogleich das Reitpferd bestellt. Wohin er ist, das wissen wir nicht. Das Pferd. Es mußte in fünf Minuten gesattelt dastehen.«
»Vielleicht holt er den Freier für Dich.«
»Nein. Das war etwas ganz Anderes. Es ist ein Unglück geschehen.«
»Welches?«
»Es ist – es sind – Mutter, darf ich ihm den Brief zeigen?«
»Ich glaube nicht, daß ich das erlauben darf. Der Vater darf es nicht einmal wissen, daß wir ihn in den Händen gehabt haben.«
Ludwig schüttelte lachend den Kopf.
»Dank schön! Ich brauch ihn gar nicht zu lesen. Ich weiß doch, was drinnen steht.«
»Unmöglich!«
»Ganz gewiß.«
»Es ist Etwas, was Du nicht wissen kannst.«
»Wollen wir wetten?«
»Um was?«
»Um ein Busserl. Wer verliert, der hats zu geben.«
»Das könnt man schon versuchen. Theuer ist das nicht.«
»Also machst mit?«
»Wenn die Mutter es erlaubt.«
»Ihr seid kleine Kinder,« antwortete diese, trotz dieser Worte gerührt über das Glück, welches diese Beiden fühlten, daß sie sich nach einer so ewig langen Trennung von zwei Tagen wieder sahen.
»Also sie hat nichts dagegen,« sagte Gisela. »Die Wette ist also angenommen.«
»Schön! So kann es also beginnen.«
»Ja; aufgepaßt, Ludwig! Was steht in dem Briefe?«
»Grobheiten.«
»Das genügt nicht. So Etwas kann man sehr leicht errathen, wenn man weiß, daß der Vater so in Aufregung gewesen ist.«
»Gut, so sage ich also weiter: altes Papier?«
»Was? Wie?«
»Alte Lumpen.«
»Mutter! Hörst Du es? Er weiß es!«
»Weiter!« lachte Ludwig. »Also erst, was nix werth ist, Papier und Lumpen. Sodann aber viel Besseres, nämlich Geld.«
»Wieviel?«
»Fünfzehntausend Gulden.«
»Mein Gott! Er weiß wahrhaftig Alles! Ludwig, wer hat es Dir gesagt?«
»Niemand.«
»Weißt Du auch, um was es sich handelt?«
»Ja. Um ein Schmuggelgeschäft.«
»Denke Dir, Mutter! Auch das weiß er!«
»Dein Vater soll Lumpen und Makulaturpapier eingepackt und dafür fünfzehntausend Gulden verlangt haben.«
»Nun bekommt er sie nicht?«
»Nein.«
»Das klingt ja ganz so, als ob er ein Betrüger sei.«
»Freilich. Der Kaufmann hält ihn für einen solchen. Und darum reitet er Hals über Kopf hin, um seine Ehre zu retten.«
»Wird ihm das gelingen?«
»Ja. Er ist unschuldig. Er ist selbst betrogen worden.«
»Von wem?«
»Von den Osecs. Sie haben ihm Lumpen gesandt, für welche er fünfzehntausend Gulden geben hat. Er sendet sie weiter und bekommt nix dafür. Da ist das Geld verloren.«
Die beiden Frauen blickten ihm rathlos ins Gesicht. Sie verstanden ihn nicht. Nur das Eine lag der Bäuerin so schwer auf dem Herzen:
»So ist er also wirklich ein Schmuggler?«
»Sogar der Anführer einer ganzen Gesellschaft.«
»Herr mein Gott! Der reiche Kerybauer ein Pascher! Ich kann diesen Gedanken nicht ertragen. Warum thut er uns das an! Ludwig, ist er nicht davon abzubringen?«
»Sehr leicht,« antwortete er in zuversichtlichem Tone.
»Siehst Du!« rief Gisela fröhlich. »Habe ich es nicht gesagt, daß er eine Hilfe weiß!«
»Ludwig,« meinte die Frau, »wenn Du ein Mittel weißt, so sag es uns, damit wir es anwenden. Ich werde es Dir danken Zeit meines Lebens.«
»Habs schon mit!« lachte er.
»Wo?«
»Hier in dera Taschen.«
Er klopfte auf die Brusttasche.
»Darf man es sehen?«
»Nein. Es ist jetzund noch ein Geheimnissen, und es soll auf den Bauer ankommen, ob Ihrs derfahren dürft. Vielleichten sagt ers Euch freiwillig und schon heut.«
»Schon heut?«
»Ja. Ich denk es mir. Und darum bin ich zu Euch kommen. Ich will dem Bauer von dem Uebel helfen. Wie groß dasselbige ist, davon habt Ihr gar keine Ahnung. Doch wollen mir jetzund nicht darüber sprechen, sondern lieber von – schau, da kommt ein Wagen. Das werden wohl die Osecs sein.«
Es rollte der bekannte Wagen der Osecs in den Hof. Vater und Sohn stiegen aus.
»Ludwig, versteck Dich in die Küche,« bat die Bäuerin.
»Nimm mirs nicht übel! Das thu ich nicht. Vor denen Osecs reiß ich nicht aus.«
»Aber sie sehen Dich ja!«
»Ich sie auch. So sind wir dann quitt.«
»Sie sagen es meinem Manne!«
»Ich werde es ihm selberst sagen. Ich habe gar keine Veranlassung, ihn oder andera Leutln zu scheuen.«
»Hättsts nur mir zu Gefallen gethan! Nun aber ist es zu spät. Sie kommen schon.«
Die beiden Freiersleute traten ein, ohne anzuklopfen. Der Keryhof war ja doch ihr sicheres Eigenthum. Als der Alte Ludwig erblickte, blieb er unter der Thür stehen und vergaß ganz, zu grüßen.
»Was ist denn das?« rief er aus. »Da sitzt ja dera Knecht! Ich habe geglaubt, daß er fortgejagt sei!«
»Gehts Dich was an?« fragte Ludwig.
»Jetzund noch nicht.«
»Auch später wirst mir nix zu sagen haben. Wannst überhaupten in eine Stuben kommst, so nimmst den Hut herab und sagst ein Grüß Gott dazu!«
Die Augen Osecs wurden größer und größer. Er kam langsam näher, schwenkte seinen Stock wie drohend hin und her und antwortete:
»Wie ist mir denn? Hab ich da den Herrn Kerybauer vor mir oder einen Knecht, der keinen Dienst besitzt?«
»Keins von Beiden. Ich bin der Herr Ludwig Held, ehrenvoll verabschiedeter und mit dem eisernen Kreuz ausgezeichneter bayrischer Unteroffizier. Ihr aberst seid zwei Schufte, Hallunken, Schurken, Spitzbuben und Gurgelabschneidern. Ihr schmuggelt, Ihr raubt, Ihr stehlt, Ihr spielt falsch, Ihr treibt alle Lastern und Verbrechen. Und wann so ein Hallunkenvatern mit seinem Schurkensohne vor einen braven Unteroffizieren tritt, so kann man wenigstens verlangen, daß die Beiden grüßen. Verstanden!«
Die zwei Osecs und die beiden Frauen standen wortlos. Ludwig aber trat hart an die Ersteren heran und sagte in befehlendem Tone:
»Nun, wirds bald! Herab mit denen Hüten!«
Und als diesem Befehle nicht sofort Gehorsam geleistet wurde, nahm er dem Alten schnell den Stock aus der Hand – ein Hieb mit demselben und noch einer, die beiden Hüte flogen von den Köpfen.
Die Bäuerin stieß einen Schrei des Schreckens aus. Sie kam herbei und sagte athemlos:
»Ludwig, was fällt Dir ein! Denk an meinen Mann!«
Aber Gisela sagte in stolzem Tone:
»Laß ihn, Mutter! Er hat Recht. Es ist eine Flegelei, hereinzutreten, ohne Gruß, den Hut auf dem Kopfe und den Herrn des Hauses spielen. Wenn wir uns das jetzt schon gefallen lassen sollen, wie soll das dann sein, wenn so ein Mensch als Schwiegersohn sich im Hause befindet. Durch solche Rohheiten gewinnt man sich nicht die Liebe eines Mädchens.«
Die beiden Osecs hatten sprachlos dagestanden. Ludwigs Verhalten kam ihnen als ein so ungeheures Wagniß vor, daß sie ganz starr waren. Nun aber brach der Alte los:
»Kerl, bist Du verrückt? Uns die Hüte vom Kopf zu schlagen! Augenblicklich hebst Du sie uns auf und bittest um Verzeihung, sonst –«
Er trat in drohender Haltung auf Ludwig zu.
»Sonst?« fragte dieser ruhig, dem Manne lächelnd in das Gesicht blickend.
»Sonst – schlage ich Dich nieder, wie einen Hund, der mich angebellt hat!«
»Schön! Das kannst ja thun. Hier stehe ich, und nun schlag zu!«
Er that einen Schritt vorwärts. Der Alte holte wirklich aus, aber sein Sohn ergriff ihn am Arme und sagte:
»Halt, Vater! Willst Du Dich wirklich an einem fortgejagten Knecht vergreifen? Das ist der Kerl doch gar nicht werth. Wir sind viel zu gut und viel zu vornehm für so einen Lumpen.«
»Vornehm? Ihr?« lachte Ludwig. »Ja, Eure Vornehmheit ist außerordentlich. Ihr seid unter den Bauern so vornehm, wie dera Wiedehopf unter denen Vögeln. Aber Du hast mich einen Lumpen nannt. Meinst, daß ich das dulden werde? Ich fühle mich nicht zu vornehm, Dir dafür den Dank sogleich abzuzahlen. Hier hast ihn!«
Er gab ihm eine so gewaltige Ohrfeige, daß der Getroffene sich um sich drehte und sodann in die Stube fiel.
»So!« fuhr er fort. »Und wer noch ein ungrades Wort sagt oder gar mich angreifen will, den werfe ich an die Wand, daß er gleich dran hangen bleibt!«
Die Bäuerin zitterte vor Angst. Sie ergriff seine Hand und bat:
»Ludwig, sei vorsichtig. Du weißt ja gar nicht, was darauf folgen wird.«
»Was darauf folgen wird, o, das weiß ich schon. Ausreißen werdens und eine Hand werdens ballen in dera Taschen. Doch mit mir sich raufen, das werdens schön bleiben lassen!«
Der junge Osec hatte sich wieder aufgerafft. Sein Gesicht glühte in Folge des erhaltenen Schlages, dasjenige seines Vaters aber vor Grimm über die seinem Sohne widerfahrene Züchtigung. Er ballte die Fäuste, schüttelte wie kampfbereit die Arme und schrie:
»Hund elender! Du wagst es, Dich an uns zu vergreifen. Ich werde –«
Da unterbrach ihn Ludwig mit donnernder Stimme:
»Was wirst? Nix wirst! Wannst nochmals so ein Wort sagst wie ›Hund‹, so erhältst ganz ebenso eine Maulschellen wie Dein armseliger Bub, dem ganz recht geschehen ist! Ich werd Euch zeigen, wie solche Leut von Eurem Schlag behandelt werden müssen!«
»So hau doch mal her!«
Er wollte hart an Ludwig herantreten; aber sein Sohn hielt ihn abermals zurück und warnte:
»Laß ihn, Vater! Du weißt ja, daß die Dummen gewöhnlich stärkere Fäuste haben als die Klugen. Wer Dreck angreift, der besudelt sich nur. Es giebt ein Mittel, ihn zu bestrafen; das ist besser als eine Rauferei.«
»Welches meinst Du?«
»Wir zeigen ihn bei Gericht an. Da wird er eingesteckt.«
»Ja, da hast Du Recht. Es giebt noch Gesetze, welche einen braven Mann beschützen.«
»Ja, das ist wahr,« lachte Ludwig. »Daß es solche Gesetze giebt, werdet Ihr sehr bald derfahren, wohl noch viel eher, als Ihr denkt und als Euch lieb ist. Freilich, wer das ist, den diese Gesetze beschützen, ob ich oder Ihr, das wird sich bald zeigen.«
»Du hast meinen Sohn geschlagen. Du bists also, welcher bestraft wird.«
»Und Ihr habt mich beleidigt. Wann ich Euch dafür tüchtig verhau, so hat das Gesetz gar nix dagegen. Eine Ohrfeigen auf so ein Schimpfworten, das ist das Passende und das Richtige.«
»Oho! Meinst Du, daß wir so dumm sind, nur das anzuzeigen? Du hast noch ein ganz anderes Verbrechen begangen, ein noch viel schwereres.«
»So? Was denn für eins?«
»Du hast einen Hausfriedensbruch begangen.«
»Ach so! Das ist mir wirklich was ganz und gar Neues.«
»Weil Du zu dumm bist, es zu begreifen.«
»Ja, die Osecs sind klüger als alle anderen Leut. Sie haben die Gescheidtheit gleich mit Löffeln gegessen und nun möchtens davon zerplatzen. Ich und Hausfriedensbruch. Darüber könnt man sich krank lachen!«
»Lach nur immer! Wer zuletzt lacht, der hat gewonnen und Du wirst das nicht sein. Wer hat Dir erlaubt, nach dem Keryhofe zu kommen, he?«
»Ich!«
»Es ist Dir aber verboten.«
»Von wem?«
»Vom Bauer.«
»Aberst doch nicht von Dir.«
»Ich bin so gut wie der Bauer.«
»So! Nun, das magst nur immer erst zuvor beweisen.«
»Ich kanns beweisen. Wenn ich will, so ist der Keryhof sofort mein Eigenthum!«
»Und wenn ich will, so fliegst sofort hinaus!«
»Versuche es doch!«
»Das kann sehr bald geschehen. Hast etwan den Hof gekauft? Zeig doch mal den Kaufbrief, wannst ihn hast.«
»In welcher Weise der Hof mein Eigenthum geworden ist, das geht Dich gar nichts an!«
»Das geht mich freilich was an. Bis jetzt weiß ich nur, daß Kery der Besitzer ist. Ihr geltet hier gar nix, noch viel weniger als ich. Ich bin hier mit Erlaubniß der Bäurin und der Tochter. Ihr aber habt gar keine Erlaubniß, hier zu sein.«
»Der Bauer hat uns eingeladen.«
»Das ist nicht wahr. Ihr habt Euch selbst eingeladen. Und wann die Bäurin Euch fortjagen will, so müßt Ihr hinaus, sonst seid Ihr es, die wegen Hausfriedensbruch verklagt werden können.«
»Uns fortjagen? Das sollte sie mal wagen!«
»Pah! Thut nur nicht gar so groß. Mit Euch wagt man gar nix.«
»Das wird sich finden. Uebrigens haben wir mit Dir kein Wort mehr zu sprechen, sondern nur mit dem Bauer. Wo ist er denn? Warum läßt er sich nicht sehen?«
Diese Frage wurde an die Bäurin gerichtet, deren Angst keine geringe war. Sie gab Ludwig innerlich vollständig Recht, fürchtete sich aber doch so vor den Osecs, daß ihr sein kräftiges Auftreten die größte Besorgniß einflößte.
»Er ist nicht da,« antwortete sie.
»So! Er ist nicht da? Er hat aber doch gewußt, daß wir kommen werden.«
»Er mußte fort. Es kam etwas sehr Notwendiges dazwischen.«
Der Alte lachte ungläubig auf.
»Etwas Notwendiges? Es kann für Deinen Mann nichts Notwendigeres geben, als das, was wir mit ihm zu reden haben. Er wird sich vor uns fürchten und sich aus Angst versteckt haben. Wir lassen uns nicht täuschen. Wo steckt er denn? Heraus mit ihm!«
»Er ist wirklich nicht da.«
»Das ist eine Lüge.«
»Fragt da die Gisela!«
»Die wird uns auch belügen. Wir lassen uns nichts weiß machen. Wir gehen jetzt, ihn zu suchen, überall, im ganzen Haus. Wenn wir ihn dann finden, so hat er es sich selbst zuzuschreiben, wenn wir nicht sehr gnädig mit ihm verfahren.«
Er wendete sich nach der Thür und sein Sohn wollte ihm folgen. Da aber rief Ludwig ihnen zu:
»Die Beiden haben Euch sagt, daß dera Bauer nicht da ist. Ihr habt sie dafür Lügnerinnen nannt. Das ist eine Beleidigungen, die ich nicht dulden kann. Ihr habt nix im Haus zu suchen. Wann Ihr eine einzige Thür aufmacht, so helf ich Euch dabei, aber wie!«
Der Alte rief zurück:
»Du hast uns nichts zu befehlen!«
»Nein. Aberst hinauswerfen werde ich Euch doch. Darauf könnt Ihr Euch verlassen. Hier hast Deinen Stock. Nimm ihn und trolle Dich von dannen. Das ist das Allerbest, wast hier thun kannst. Wannst meinen Rath nicht befolgst, so fliegst hinaus auf die Straßen wie eine Fliegen. Mit Euch wird gar kein Summs gemacht.«
Es war Ludwig anzusehen, daß es ihm Ernst war. Der junge Osec sagte einige leise Worte zu seinem Vater. Dieser sann einen Augenblick lang nach und wendete sich dann an die Bäuerin:
»Also Dein Mann ist wirklich nicht da?«
»Nein.«
»Gut, so warten wir hier, bis er kommt.«
»Da könnte Euch die Zeit doch wohl zu lang werden.«
»Warum?«
»Er kommt erst am Abend zurück, um neun Uhr, hat er gesagt.«
»Donnerwetter, das ist uns freilich zu lang. So befindet er sich also nicht im Dorf oder auf dem Felde?«
»Nein. Er ist verreist.«
»Verreist? Das fehlt uns grad! Wie kann er verreisen, da er doch weiß, daß wir heut kommen werden. Konnte er diese Reise nicht aufschieben?«
»Nein, sie war zu nothwendig.«
»Das hast Du uns bereits einmal gesagt, und ich habe Dir meine Antwort darauf gegeben. Wo ist er denn hin?«
»Ich weiß es nicht.«
»Was? Dein Mann ist verreist und Du weißt nicht, wohin? Wer soll Dir das glauben? Eine Frau weiß stets, nach welchem Orte ihr Mann ist, wenn es sich um eine Reise handelt.«
»Er hat mir nichts gesagt.«
»Hm! Das glaub der Teufel! Was will er denn dort?«
»Auch das weiß ich nicht.«
»So scheint die Sache ein großes Geheimniß zu sein. Aber wir wissen genau, woran wir sind. Dein Mann ist fortgegangen, um uns aus dem Wege zu gehen. Wir sind gekommen, um uns Bescheid zu holen. Er will uns den nicht sagen und darum ist er ausgerissen. Das kann ihm aber nichts helfen. Er macht dadurch die Sache nur noch schlimmer. Wir lassen uns nicht betrügen.«
Das war der Bäuerin denn doch zu viel. Sie sagte in ernstem Tone:
»Osec, ich habe mir bisher Alles gefallen lassen, denn ich liebe den Frieden. Aber Ihr treibt es doch zu bunt. Du thust ja ganz so, als ob Du hier der Herr und Gebieter seist.«
»Der bin ich auch.«
Sie blickte ihn groß an.
»Das glaubst Du wohl nicht?« fragte er.
»Wie könnte ich das glauben!«
»Und ich könnte es Dir sehr leicht und auch sofort beweisen.«
»Mein Gott! Ich verstehe Dich nicht!«
»Da« kann ich mir wohl denken. Dein Mann wird sich wohl gehütet haben, Dir zu sagen, wie wir mit ihm stehen.«
Ludwig war zum Fenster getreten. Er blickte hinaus, als ob er auf das Gespräch gar nicht mehr achte, aber natürlich entging ihm kein einziges Wort desselben.
»So! Wie steht Ihr Euch denn mit ihm?« fragte die Bäuerin.
»Sehr gut. Er ist unser Schuldner.«
»So wird er Euch bezahlen.«
»Natürlich muß er uns bezahlen. Was aber werdet Ihr dann anfangen?«
Er sprach diese Frage in dem höhnischesten Tone aus, der ihm zur Verfügung stand. Sie blickte mit Augen zu ihm auf, in denen ihre ganze Fassungslosigkeit zu lesen stand.
»Was wir dann anfangen werden? Ich begreife Dich nicht.«
»Du würdest mich aber begreifen, wenn Du wüßtest, wie viel er mir schuldig ist.«
»Viel wird es nicht sein.«
»Oho!«
»Mein Mann hat keine Schulden; das weiß ich gewiß.«
»Nichts weißt Du, gar nichts.«
»Er würde es mir doch sagen.«
»Ja, ja, der Kerybauer ist derjenige, der seiner Frau solche Sachen anvertraut.«
»Wenn er Euch wirklich etwas schuldig ist, so kann das doch nur eine Kleinigkeit sein, wie man sie sich gelegentlich von einem Bekannten borgt.«
»Eine Kleinigkeit ist es, ja, aber eine sehr große Kleinigkeit. Sie ist so groß, daß ich Euch das Fell über die Ohren ziehen kann.«
Jetzt wurde sie bleich.
»Osec!« rief sie. »Das ist nicht wahr.«
»Ich sage die Wahrheit. Aber wenn mir gedroht wird, daß ich gar hinausgeworfen werden soll, so fang ich an, zu reden. Aus dem Keryhofe lasse ich mich nicht werfen, denn er ist mein, mein rechtmäßiges Eigenthum.«
»Herrgott! Hat mein Mann ihn denn etwa verkauft?«
Sie faltete die Hände. Es sprach eine unendliche, angstvolle Ueberraschung aus ihren Zügen. Auch Gisela trat schnell näher. Ihr wurde ganz ebenso bange wie ihrer Mutter.
»Verkauft?« lachte Osec. »Nein, verkauft hat er ihn nicht, aber verspeculirt.«
»Das ist doch ganz unmöglich.«
»Pah! Es ist die reine Wirklichkeit!«
»Mein Mann ist doch kein Kaufmann! Er kann ja gar nichts verspeculiren.«
»O, das wissen wir freilich besser. Er hat sehr viel speculirt, freilich unglücklich.«
»Womit denn?«
»Hm! Das mag er Dir lieber selber sagen. Die Lamentation möchte ich nicht mit sehen und anhören.«
Da kam der Frau ein fürchterlicher Gedanke. Sie dachte an die Schmuggelei.
»O Ihr Heiligen im Himmel droben!« rief sie aus. »Meine Ahnung, meine Ahnung!«
»Hast Du eine Ahnung?« nickte Osec. »Darf ich erfahren, was Du ahnst?«
»Der Schmuggel, der Schmuggel!«
»Hm! Wie kommst Du auf dieses Wort?«
»Mein Mann ist ein Pascher.«
»So? Wer hat Dir das gesagt?«
»Ich weiß es.«
»Davon habe ich freilich nichts gewußt. Hätte ich eine Ahnung davon gehabt, so hätte ich ihn gewarnt, denn ich bin sein Freund und meine es ehrlich mit ihm.«
Da rief die Frau in zorniger Angst:
»Du, sein Freund? Schweig! Verstelle Dich nicht! Dich kenne ich!«
»Das ist mir lieb. So wirst Du auch wissen, daß ich es stets gut mit ihm gemeint habe.«
»Du? Ja, gut gemeint hast Du es, aber nur mit Dir selbst. Verführt hast Du ihn, zum Schmuggel verleitet.«
»Unsinn! Der Kerybauer ist nicht derjenige, der sich zu irgend Etwas bereden läßt. Der thut nur das, was er selbst will. Ich habe freilich keine Ahnung gehabt, wozu er immer das Geld brauchte, welches er sich von mir borgte. Hätte ich es gewußt, so hätte er freilich keinen Pfennig bekommen.«
»Lüge nicht! Du hast Alles gewußt!«
»Kein Wort! Ich kann es beschwören.«
»Wie viel ist es, was er Dir schuldig ist?«
»Das möchte ich doch lieber nicht sagen.«
»Ich will es aber wissen!«
»Dein Mann hat es mir verboten.«
»Das mag ich nicht hören. Ich bin die Frau und muß es wissen. Deinem Auftreten nach ist es nicht wenig.«
»Nein, wahrlich nicht.«
»So sage es, sag es doch!«
Sie faßte ihn am Arme und schüttelte denselben. Er blickte mit teuflischer Schadenfreude auf sie nieder und sagte:
»Na, wenn Du so in mich dringst, so muß ich Dir den Willen thun. Aber vorher muß da der Knecht hinaus.«
»Warum?«
»Der braucht es nicht zu hören.«
»Der kann es hören. Er hat bereits nun genug gehört.«
»So willst Du Dich und Deinen Mann vor ihm blamiren?«
»Der Ludwig ist treu. Vor ihm kann ich mich nicht blamiren. Er wird keinem Menschen Etwas sagen.«
»Denkst Du? Ich meine vielmehr, daß er es schnell allen Leuten sagen wird. Also lieber hinaus mit ihm!«
»Nein, er bleibt da. Also sprich! Wie viel ist es?«
»Versprich mir erst, nicht zu erschrecken.«
»Herrgott! Isis denn gar so gefährlich, daß ich Dir so ein Versprechen geben soll?«
»Ja. Ihr Frauen seid ja so schwach. Und ich kann das Heulen und Jammern nicht vertragen, weil ich ein so gutes Herze hab.«
Da sprühten ihre Augen zornige Blitze.
»Schweig und treibe keinen Frevel mit mir. Was Du für ein gutes Herze hast, das weiß alle Welt. Ich bin gefaßt, das Schrecklichste zu hören. Ich verspreche Dir, daß ich ganz still und ruhig sein will. Ich werde nicht jammern. Also sage es!«
»Na, es mag Dir freilich unerwartet kommen, aber ich sage Dir, daß es nicht ganz so schlimm ist, wie es klingen mag. Von Haus und Hof treiben will ich Euch doch nicht. Es kommt ganz darauf an, wie Ihr Euch zu uns verhaltet.«
»Von Haus und Hof treiben! Gott, mein Gott, was werde ich hören! Wie viel ists, wie viel? Heraus damit!«
»Es ist grad so viel, wie der Keryhof werth ist.«
Er hatte in diesem Augenblicke ganz das Aussehen eines Spielers, der seinen besten und höchsten Trumpf auf den Tisch legt. Seine Mienen waren triumphirend und in seinen Augen leuchtete die Lust eines Raubthieres, welches sich an den Qualen seines Opfers weidet.
Auch sein Sohn zeigte diese Freude. Er war an die Seite des Vaters getreten und hielt den Blick höhnisch auf Gisela gerichtet, um den Eindruck zu beobachten, den die Worte seines Vaters auf sie hervorbringen würden.
Beide Frauen sagten zunächst kein Wort. Beide waren todtesblaß geworden. Dann fragte die Bäuerin mit zitternder Stimme und die Silben nur einzeln hervorstoßend:
»Wie – viel – soll – es – sein?«
Und der alte Osec antwortete, jedes Wort langsam und scharf betonend:
»Grad so viel, wie der Keryhof kostet.«
Die Bäuerin fuhr sich mit beiden Händen nach dem Kopfe. Sie wankte. Ihre Tochter schlang schnell beide Arme um sie und rief:
»Mutter, Mutter, glaube es nicht.«
»Nein!« hauchte die arme Frau, »es ist ja auch nicht zu glauben.«
»Eine Lüge, eine himmelschreiende Lüge ist es! Der Osec will uns nur erschrecken.«
»Das fällt mir gar nicht ein,« antwortete er. »Was hätte ich davon? Nichts, gar nichts. Und der alte Osec thut nichts, gar nichts, wenn er nicht wenigstens Etwas davon hat.«
»Ja, das ist wahr. So bist Du bekannt. Aber jetzt hast Du doch eine Ausnahme gemacht. Jetzt war es doch ein Spaß, den Du Dir mit uns hast machen wollen.«
»Das denke ja nicht, Bäuerin! Es ist mir jetzt sehr ernst zu Muthe. Wenn ich an das viele, schöne Geld denke, welches Dein Mann mir abgelockt hat, so möchte mir gleich himmelangst werden. Er darf nur ohne meine Erlaubniß eine Hypothek aufgenommen haben, so komme ich um mein ganzes schönes Geld.«
»Herrgott! Sollte es wirklich wahr sein?«
Da machte der Alte ein ärgerliches Gesicht.
»Himmeldonnerwetter! Ich habe es gesagt, wie es ist! Und nun macht mir keine unnöthigen Redensarten vor.«
Aber sie mochte und wollte es doch noch nicht glauben. Darum erkundigte sie sich:
»Hast Du es denn schwarz auf weiß?«
»Natürlich.«
»Und er hat sich unterschrieben?«
»Nicht nur unterschrieben, sondern sogar quer geschrieben hat er.«
»Wie – was – etwa Wechsel?«
»Ja, lauter schöne gute, unanfechtbare Wechselbriefe, auf Sicht lautend. Wenn ich sie ihm präsentire, muß er augenblicklich bezahlen, sonst ist der Hof mein Eigenthum.«
Da konnte sie nicht länger zweifeln. Sie schlug beide Hände vor das Gesicht, stieß einen lauten, durchdringenden Schrei aus und glitt in die Kniee nieder.
Gisela dachte jetzt nicht an das Furchtbare, was sie gehört hatte. Sie dachte in diesem Augenblicke nur an ihre Mutter. Sie kniete neben derselben nieder, schlang beide Arme um sie und rief bittend:
»Mutter, meine liebe, gute Mutter! Sei stark, sei stark! Es ist wohl nicht gar so schlimm, wie er es macht.«
Die Frau schüttelte den Kopf.
»Es ist so schlimm, ganz gewiß. Ich kenne ihn genau. Er hat die Wahrheit gesagt.«
»Ja,« lachte er befriedigt. »Nun seht Ihr wohl, wie dumm Ihr vorhin gewesen seid. Ihr habt mich fortjagen wollen und nun kniet Ihr da zu meinen Füßen. Oh, Ihr werdet uns noch gern um Erbarmen anflehen.«
Da fuhr Gisela augenblicklich aus ihrer Stellung empor. Sie zog auch ihre Mutter auf und rief zornig:
»Was? Wir vor Euch knieen? Das bildet Euch nur nicht ein. Ich würde lieber sterben als Euch ein einziges gutes Wort geben.«
»Na, na, nur sachte, sachte! Ein solches Aufbegehren steht Euch nicht. Wer auf dem letzten Loche pfeift, der muß ganz anders reden. Ihr seid jetzt am Bettelstab und –«
»Gut, so gehen wir betteln,« antwortete das Mädchen. »Aber zu Euch kommen wir nicht.«
Da trat Ludwig wieder heran.
»Zum Bettelngehen ist die Sach noch lange nicht,« sagte er. »Laßt Euch nur nicht gar so sehr angst machen. Es wird keine Speisen so heiß gessen, wie sie kocht worden ist und grad vor denen Osecs braucht Euch nicht sehr bang zu sein. Sie haben stets nur das große Maul habt und ist aber nix dahinter gewest.«
»Oho!« lachte der Alte. »Jetzt hast Du das große Maul. Du wirst aber bald anders reden müssen. Ich habe den Kery einen Bettler genannt. Das ist er, so bald ich will.«
»Nein. Noch kann er arbeiten und noch bin ich auch da. Ich habe meine gesunden Arme und so lange ich mit denselbigen noch zugreifen kann, so lange werden die Kery's nicht zu hungern und auch nicht zu betteln brauchen.«
»Ja, Du bist ein gar gewaltiger Kerl. Es wird nicht lange dauern, so giebst Du ihnen gar schon ihren Hof zurück.«
»Ja, das will ich auch. Das werde ich thun.«
»So gratulire ich dazu.«
»Das hast nicht nöthig. Und wann wir sodann hier beisammen sind, so wirst auch Du mit dem Deinigen Sohn gar schön beisammen sein, nämlich im Zuchthaus drinnen, wo der beste Ort für Euch ist.«
»Kerl, merk Dir das.«
»O, ich vergeß es nicht. Merkts nur auch Euch selbst. Nun habt Ihr sagt, was zu sagen war. Was wollt Ihr noch hier? Macht Euch doch lieber fort.«
»Oho! Wir werden hier bleiben, bis der Bauer kommt.«
»Etwan bis heut Abend neun Uhr?«
»Ja. Wir gehen nicht eher fort, als bis wir mit ihm gesprochen haben.«
»So setzt Euch fein nieder. Hier sind die Stühlen und dera Tisch. Wir aber werden aus dera Stub gehen und dieselbige verschließen. Nachhero möcht Ihr sehen, womit Ihr Euch die Zeit vertreibt. Komm, Bäuerin, komm, Gisela!«
Er ergriff die Beiden bei der Hand, um sie fortzuführen. Sie gingen willig mit. Noch aber waren sie nicht bei der Thür, so sagte der alte Osec:
»Donnerwetter, dazu haben wir keine Lust. Uns einschließen lassen, das fällt uns gar nicht ein.«
»So macht Euch also fort, hinaus!« meinte Ludwig, stehen bleibend.
»Ja, das thun wir, aber freiwillig, nicht weil Du es sagst.«
»So macht aberst nur schnell, sonst werdet Ihr freiwillig hinausworfen.«
»Schön! Mit Dir Burschen rechnen wir einmal extra zusammen.«
»Dabei aberst werdet Ihr die Rechnung bezahlen müssen.«
»Wird sich finden. Bäuerin, denke ja nicht, daß wir gehen. Wir bleiben im Wirthshause bis zum Abende. Dann kommen wir wieder, um uns die Entscheidung zu holen. Bis dahin kannst Du Dich von dem Knechte trösten lassen, mit dem Du so ungeheuer intim bist. Dein Mann wird sich sehr darüber freuen, wenn wir es ihm erzählen.«
Sie gingen, aber noch unter der Thür drehte sich der Alte um und zog eine höhnische Fratze, wie sie kein Teufel beleidigender fertig gebracht hätte.
Jetzt wendete sich die Frau an Ludwig:
»Ich bin wie im Traume, aber es ist ein schrecklicher Traum. Ists denn wirklich wahr, was er gesagt hat?«
»Ja, leider ists ganz so.«
»Du weißt es?«
»Ich weiß es.«
»Um Gotteswillen! Wie ist das möglich?«
»Der Bauer hat sich von denen Osecs verführen lassen, zur Schmuggeleien und auch zum Spiel. Sie haben heimlich spielt, und dabei ist ihm das Geld abnommen worden.«
»Und das soll gelten? Er muß wirklich bezahlen?«
»Er muß, weil er die Wechsel unterschrieben hat.«
»So ist das mein Tod. Das kann ich unmöglich überleben.«
Sie sank in das Kanapee und weinte bitterlich. Gisela nahm an ihrer Seite Platz, um sie zu trösten. Aber Ludwig unterbrach sie:
»Sei still, Gisela! Deine Muttern wird gleich ruhig sein, wann ich mit ihr sprechen thu. Die Sach wird sich schon noch machen lassen.«
»Wie?« fragte die Bäuerin, schnell zu ihm aufblickend. »Kann es denn da noch Rath und Hilfe geben?«
»Freilich wohl.«
»So weißt Du einen Rath?«
»Einen sehr guten. Dera Osec hat so im Hohne sagt, daß ich Dich trösten soll. Er hat gar keine Ahnung, wie gut ich Dich zu trösten vermag.«
»So sprich, was sollen wir thun?«
»Zunächst, nicht weinen. So eine Thränen sind die Osecs gar nicht werth. Sie denken, sie haben den Sack bei allen vier Zipfeln, aber sie irren sich. Ja, den Sack habens wohl, aberst es ist nix darinnen.«
»Wieso?«
»Das möcht ich Euch freilich gleich gern sagen, aberst ich darf das nicht. Es giebt eben Dinge, welche man einer Frau erst dann erzählt, wanns geschehen sind. Ich kann Euch nur sagen, daß Ihr den Hof behaltet.«
»Wirklich, wirklich?«
»Ja. Ihr könnts mir glauben.«
»Gott, wenn das wahr wäre.«
»Es ist wahr. Ich habe Euch Beiden viel zu lieb, als daß ich Euch blos einen Trost geben wollt, wann nix dahinter wäre.«
»Aber Du kannst Dich doch wohl irren?«
»Nein, ein Irrthum ist da gar nicht möglich. Ich will Euch nur so viel sagen, daß ich hinter die Schlichen dera Osecs kommen bin. Ich weiß Alles, was sie than haben und was sie thun wollen, und hab allbereits im Voraus dafür sorgt, daß nix daraus werden kann.«
Die Bäuerin ergriff seine Hand, drückte dieselbe herzlich und sagte:
»Lieber Ludwig, Du weißt, daß ich Dich stets sehr gern gehabt habe. Du bist brav und treu und gut. Das beweisest Du auch jetzt wieder. Wie soll ich Dir dafür danken.«
»Dadurch, daßt ein fröhliches Gesichten machst. Es wird Alles ein gutes End nehmen. Ich versprech es Dir und werd mein Wort halten. Ich glaub, daß bereits heut Abend Alles in Ordnung kommen wird.«
»Das mag der Herrgott geben! Mein Mann, ein Pascher! Den Keryhof verspekulirt. Schrecklich, schrecklich!«
»Ja, er hat ihn verspekulirt und verspielt; aber er soll ihn nicht verlieren.«
»Er muß vom Spiele und vom Paschen lassen.«
»Das wird er gern, wenn wir es geschickt anfangen. Weißt, wann er heut kommt, so mußt ganz so thun, als ob Du keinen Trost von mir empfangen hast. Das wird ihn wohl so weit bringen, daß er in sich geht.«
»Darf er denn wissen, daß Du dagewesen bist?«
»Ja. Wannsts ihm nicht sagst, so derfährt er es doch von denen Osecs.«
»Er wird fürchterlich zornig sein darüber.«
»Was thut das? Fürchtest Dich?«
»Ja. Ich habe ihn stets gefürchtet.«
»Jetzunder brauchst doch keine Angst mehr vor ihm zu haben. Wann er zankt, so zankst auch. Hast ja Veranlassung dazu. Er hat den Hof verspielt und muß ruhig sein.«
»Da kennst Du ihn doch wohl nicht recht.«
»O, den kenn ich schon genau! Und wann er auch darüber zankt, daß ich da gewest bin, so hat das gar nix zu sagen. Ich werd ihn gleich wiederum gut machen. Ich bleib nämlich da, bis er kommt.«
»Um Gotteswillen! Wenn er Dich sieht!«
»Das soll er.«
»Er wirft Dich hinaus!«
»Ich werde freiwillig gehen. Vorher aber muß ich mit ihm sprechen. Und das, was ich ihm zu sagen hab, das ist so erfreulich, daß er mich wohl bitten wird, wieder in seinen Dienst zu treten.«
»Meinst Du?«
»Ja.«
»Ich halte das kaum für möglich.«
»Und ich bin überzeugt davon. Laßt mich nur machen. Wann er kommt, gehe ich hinauf in meine Kammer. Er braucht nicht sogleich zu wissen, daß ich da bin. Nachhero aberst, wann die Osecs fort sind, sodann werde ich zu ihm gehen.«
»Darf er es wissen, daß wir den Brief gelesen haben?«
»Ja. Er wird es sich ganz von selbst denken, denn es wird ihm wohl unterwegs einifallen, daß er ihn liegen lassen hat. Kannst das Schreiben aberst doch wieder hinaufi legen. Dann werden mir halt sehen, was er thut.«
Die beiden Frauen fühlten sich durch das zuversichtliche Wesen des Knechtes wenn auch nicht ganz aber doch leidlich beruhigt. Zwar sagte er ihnen keinesweges, was er thun und reden wolle, aber er zeigte doch eine Siegesgewißheit, durch welche sie mit fortgerissen wurden.
Der Nachmittag wurde in traulichem Beisammenleben verbracht. Die Dämmerung trat ein. Da ließ sich draußen Hufgetrappel vernehmen.
»Um Gotteswillen, der Vater!« sagte Gisela, welche durch das Fenster geblickt hatte.
»So kommt er um Vieles eher,« meinte Ludewig. »Er wird daran dacht haben, daß er den Brief liegen lassen hat. Das hat ihn zur Eile antrieben.«
»Verstecke Dich! Schnell in die Küche!«
»Bin schon drüber!«
Er huschte in die Küche. Eigentlich war das nicht nöthig, denn der Bauer kam nicht herein. Er war vom Pferd gesprungen und schnell durch den Flur gegangen. Man hörte seine raschen Schritte von der Treppe schallen. Droben trat er in seine Stube und sofort an den Tisch, auf welchem er den Brief liegen gelassen hatte. Gisela hatte ihn wieder hingelegt. Er ergriff und betrachtete ihn. Dann ging er eiligst hinab in die Stube. Einen raschen, forschenden Blick auf Mutter und Tochter werfend, fragte er:
»War Jemand in meiner Stube?«
»Ja, ich,« antwortete Gisela.
»Hast Du den Brief gesehen, welcher auf dem Tische lag?«
»Ja.«
»Ihn wohl auch gelesen?«
»Ja.«
»Die Mutter auch?«
»Ich habe ihn ihr herunter gebracht.«
Da schritt er zornig auf sie zu, holte aus und – – – er hielt den Arm ausgestreckt, ohne den Schlag zu führen. Seine Tochter blickte ihm starr in die Augen.
»Schlag doch zu!« sagte sie.
»Verdammtes Geschmeiß, welches überall herum kriecht und nach Heimlichkeiten hascht!«
Er ließ den Arm sinken und schritt nach der Thür. Dort aber drehte er sich noch einmal um und fragte:
»Waren die Osecs hier?«
»Ja.«
»Was sagten sie?«
»Daß sie um neun Uhr wiederkommen wollen. Sie sind in der Schänke.«
»Schön! Ah – da kommen sie. Wahrscheinlich haben sie mich vorbeireiten sehen.«
Er ging hinaus. Soeben kamen die Osecs zur Hausthür herein.
»Da bist Du ja,« sagte der Alte. »Wir sahen Dich kommen. Wo bist Du denn gewesen, daß Du gar nicht auf uns hast warten können?«
»Das sollt Ihr erfahren. Kommt herauf!«
Seine Stimme hatte einen eigentümlichen heiseren Klang. Er schritt ihnen voran. Droben angekommen, brannte er die auf dem Tische stehende Lampe an. Es war bereits dunkel in der Stube.
Die Beiden nahmen gemächlich Platz. Sie dünkten sich, Herren der Situation zu sein. Darum fiel es ihnen auch gar nicht ein, aus den starren, jetzt unheimlichen Zügen Kerys etwas für sie Schlimmes zu lesen.
Er setzte sich nicht zu ihnen. Er blieb stehen, lehnte sich an die Wand, verschlang die Arme über der Brust und fragte:
»Nun, was habt Ihr mir zu sagen?«
»Das fragst Du uns?« meinte der Alte im Tone der Verwunderung.
»Du hörst es ja.«
»Vielmehr haben wir zu fragen, was Du uns zu sagen hast.«
»Vor der Hand nichts.«
»So! Aber später?«
»Vielleicht,« nickte er finster.
»Wir wollen uns natürlich Deine Antwort holen. Wie steht es? Giebst Du Deine Tochter meinem Sohne?«
»Nein.«
Das klang so bestimmt, daß Osec fast erschrocken aufblickte. Eine solche Antwort hatte er nicht erwartet.
»Nicht? Was fällt Dir ein!«
»Es ist kein Einfall; es ist eine sehr wohl überlegte Antwort.«
»Hoffentlich meinst Du es anders.«
»Ich wüßte nicht, wie.«
»Du willst Ja sagen anstatt Nein.«
»Nein. Dein Sohn bekommt meine Tochter nicht.«
Da stand Osec langsam vom Stuhle auf.
»Ist das wirklich der Bescheid, den Du uns zu geben hast?«
»Natürlich.«
»Warum giebst Du Deine Einwilligung nicht?«
»Weil ich mein Kind nicht unglücklich machen will.«
»Alle Teufel! Das Mädel muß froh sein, wenn es einen solchen Mann bekommt!«
»Ja, einen Spieler und Pascher!«
Das klang im Tone größten Hohnes.
»Bist Du das nicht selber?«
»Leider!«
»So ist es doch kein Grund, Dich zu weigern!«
»O, ich habe heut eingesehen, was für ein elender Kerl ich gewesen bin. Ich habe mein Glück, eine gute Frau und ein liebes, braves Kind zu besitzen, nicht erkannt. Ich habe mein Eigenthum verspielt. Ich habe – – – ah pah, das Lamentiren hilft nun doch nichts. Aber ich will meine Tochter vor dem Schicksale bewahren, dem ich verfallen bin. Sie soll glücklicher werden als ich.«
»Du bist ein Dummkopf!«
»Gewesen, jetzt aber nicht mehr!«
»Unsinn! Nimm Verstand an!«
»Den habe ich. Es bleibt bei Dem, was ich gesagt habe.«
Da schob der alte Osec seinen Stuhl bei Seite, griff nach dem Hute und sagte:
»So sind wir mit einander fertig!«
»Ja.«
»Wenigstens für heut. Das Uebrige wird nachfolgen.«
»Ich erwarte es ruhig.«
»Ruhig? Das glaube ich nicht.«
»Hm! Bin ich etwa nicht ruhig?«
Osec betrachtete ihn vom Kopfe bis zu den Füßen. Es begann in ihm sich ein ganz eigenartiges Gefühl zu regen – – er fürchtete sich vor dem Manne, dessen Freund er sich genannt hatte und der jetzt so kalt, so stolz und finster vor ihm stand.
»Ja, ruhig bist Du,« sagte er. »Aber wenn Du wüßtest, was nun kommt, so würdest Du es nicht sein.«
»So! Was wird denn kommen?«
»Die Wechselklage.«
»Und nachher?«
»Du mußt aus dem Hofe.«
»Und nachher?«
»Ziehen wir herein.«
»Und nachher?«
»Donnerwetter! Frage doch nicht so albern! Oder meinst Du, daß wir Dich etwa nicht verklagen werden?«
»O, ich bin im Gegentheile sehr überzeugt davon.«
»Oder daß Du den Proceß gewinnen wirst?«
»Ich processire nicht.«
»Nun, zum Teufel, was denkst Du denn? Willst Du mit Deinen lumpigen fünfzehntausend Gulden dicke thun?«
»Nein. Die habe ich nicht mehr.«
»Was? Nicht mehr?«
»Nein. Sie sind futsch. Ich bin darum betrogen worden.«
»Sakkerment! Wie denn?«
Er heuchelte das größte Erstaunen.
»Thue doch nicht so, als ob Du es nicht wüßtest,« antwortete Kery. »Du selbst bist ja der Betrüger.«
»Was fällt Dir ein!«
»Willst Du es leugnen?«
»Ich weiß ja gar nicht, was Du meinst!«
»Nicht? Pfui Teufel! Wer den Muth hat, eine Schurkerei zu begehen, der sollte doch auch den Muth haben, sich zu ihr zu bekennen!«
»Von welcher Schurkerei redest Du denn eigentlich?«
»Mache Dich nicht lächerlich! Du weißt es ja ebenso gut wie ich.«
»Ich? Ich habe keine Ahnung davon.«
»Hier liegt der Beweis.«
Er deutete auf das offen auf dem Tische liegende Schreiben.
»Was ists mit dem Briefe?«
»Lies ihn doch.«
Osec griff zu. Sobald er die Hand des ihm wohl bekannten Schreibens sah, wußte er den Inhalt. Er las aber dennoch die Zeilen und zwang sich, als er sie aus der Hand legte, zu einer Miene unendlichen Erstaunens.
»Was – was soll das bedeuten!« rief er aus. »Lumpen sollen darin gewesen sein?«
»Ja. Du hast es doch gelesen.«
»Das ist ein Betrug!«
»Natürlich!«
»Das darfst Du Dir nicht gefallen lassen!«
»Hm! Was will ich machen? Der Betrüger ist bereits bezahlt und wird sich sehr hüten, das Geld zurückzugeben.«
»Er muß!«
»Meinst Du?«
»Ja. Wir zwingen ihn!«
»Nun gut, so gieb mir meinen auf fünfzehn Tausend Mark lautenden Wechsel retour!«
»Ich? Wie käme ich dazu?«
»Nun, der Betrüger bist ja Du.«
»Kery, bist Du des Teufels?«
»Nein. Du hast die Lumpen eingepackt.«
»Mensch, wie kommst Du auf diesen kopflosen Gedanken!«
»Wie jeder Andere auch sogleich auf denselben kommen würde.«
»Er ist ja ganz ungeheuerlich. Sollten etwa die Träger den Coup begangen und die Packete vertauscht haben?«
»Ganz gewiß nicht.«
»Oder der Adressat?«
»Auch nicht.«
»Das kannst Du nicht behaupten.«
»O doch. Ich war ja bei ihm. Es waren im Ganzen vierundzwanzig Packete. Achtzehn hat er geöffnet. Sie enthielten Lumpen und altes Papier. Die letzten sechs hat er uneröffnet gelassen, um mich zu überzeugen, daß der Betrug nicht auf seiner Seite geschehen ist. Ich machte sie auf und fand – – ebenso Papier und Lumpen.«
»So sind die Träger schuld.«
»Nein. Die können so Etwas nicht wagen. Der Betrug ist geschehen, bevor ich die Packete in das Haus bekommen habe.«
»Also wohl von uns?«
»Ja.«
»Donnerwetter! Beleidige uns nicht!«
»Pah! Verstelle Dich nicht. Dieser Coup ist nur die Krone, welche Du Deinem bisherigen Verhalten aufsetzest. Oder wärst Du bereit, mir den Wechsel zurückzugeben?«
»Kann mir nicht einfallen!«
»Davon bin ich natürlich überzeugt.«
»Ich habe nicht fünfzehntausend Gulden zu verschenken.«
»Ich noch viel weniger als Du.«
»Untersuche nur die Sache genau. Der Schuldige muß entdeckt werden.«
»Er ist entdeckt. Zur Untersuchung ist es zu spät. Ich hätte die Packete untersuchen sollen, bevor ich Dir dafür den Wechsel gab.«
»Ja. Das hättest Du freilich thun sollen. Dann würde sich heraus stellen, daß ich ehrlich bin.«
»Nun, so leugne meinetwegen! Ich habe nichts dagegen; aber ich weiß, woran ich bin.«
»Mensch, so nimm doch nur Verstand an! Wir sind ja Deine Freunde. Wir wollen Dir helfen. Willst Du denn diese fünfzehntausend Gulden schwimmen lassen?«
»Ja. Ich bekomme sie doch nicht wieder.«
»Dann hast Du aber gar nichts mehr!«
»Ich weiß es.«
»Na, ich begreife Dich nicht. Aber es kann mir auch nicht einfallen, Dich zu zwingen. Des Menschen Wille ist sein Himmelreich. Ich an Deiner Stelle könnte nicht so ruhig dastehen und von diesem Verluste wie von einer selbstverständlichen Sache, von einer Kleinigkeit reden.«
»Hm! Bin ich denn wirklich so ruhig?«
»Ja. Ich kenne Dich wirklich nicht mehr.«
»Du wirst mich schon wieder kennen lernen, lieber Osec!«
Das klang freundlich, aber es lag eine Drohung darin, welche Osec ganz gut heraus hörte. Er schüttelte den Kopf und sagte in einem Tone, welcher theilnehmend klingen sollte:
»Du mußt doch bedenken, daß dieses Geld Dein Letztes war!«
»Das weiß ich gar wohl.«
»Und daß Du nun ein Bettler bist.«
»Noch nicht ganz. Der Kerybauer wird niemals betteln gehen.«
»Was aber willst Du anfangen? Dich als Knecht verdingen?«
»Nein. Was ich thun werde, das wirst Du schon noch erfahren.«
»Du könntest ja ganz leicht Kerybauer bleiben.«
»Wieso?«
»Gieb meinem Sohne Gisela!«
»Giebst Du mir dafür etwa meine Wechsel zurück?«
»Nein. Aber Du giebst mir das Gut. Dafür bekommst Du Deine Wechsel retour. Mein Sohn zieht zu Dir, und Niemand braucht zu erfahren, daß er der Herr ist und nicht Du.«
»Ich danke sehr!«
»Du machst nicht mit?«
»Nein. Einer solchen Sklaverei ziehe ich den Tod vor.«
»Hartkopf!«
»Ja, ich bin hart gewesen, zu hart, und das habe ich jetzt zu bereuen. Es ist während des schweren Rittes, den ich heut gemacht habe, eine Veränderung mit mir vorgegangen, von welcher Du keine Ahnung hast. Ich bin viel zu stolz, Euch Vorwürfe zu machen. Ihr seid Spitzbuben, aber dennoch bin ich ganz allein selbst an meinem Schicksale schuld. Ich hätte mich nicht von Euch übertölpeln lassen sollen. Nun aber ists dennoch geschehen, und ich habe zu tragen, was ich verdiene.«
»Das klingt ja ganz wie Leichenrede!«
»Die ist es vielleicht auch.«
»Puh! Wer mag an so was denken! Ich sehe aber, daß kein guter Rath mehr bei Dir hilft. Du willst Dich selbst unglücklich machen, und so sollst Du Deinen Willen haben. Morgen werden Dir die Wechsel präsentirt!«
»Und wenn ich sie nicht einlöse?«
»Folgt Wechselklage und Pfändung. Oder denkst Du, daß es für Dich irgend ein Hinterthürchen giebt?«
»Nein. Ich bin heut gleich mit beim Advocaten gewesen und habe mich erkundigt. Die Wechsel sind giltig, und der Keryhof ist zum Teufel. Ich bin in eine scheußlich schlau angelegte Falle gegangen. Mit mir ist es aus. Aber die Gauner sollen ihrer Ernte auch nicht froh sein. Ich verhagle sie ihnen.«
»Wie meinst Du das?«
Kery öffnete ein verschlossenes Schränkchen und nahm einen Revolver heraus.
»Schau dieses kleine Ding,« sagte er. »Das ist der Richter zwischen Euch und mir.«
Die Beiden fuhren zurück.
»Donnerwetter!« rief der Alte. »Mach mir nicht etwa Dummheiten!«
»Dummheiten? Pah! Meinst Du, daß ich es überleben mag, aus dem Hofe gestoßen zu werden? Nicht einen Tag, nicht eine Stunde oder auch nur einen Augenblick.«
»Willst Du Dich erschießen?«
»Ja.«
»Kerl, das laß bleiben!«
»Ich thue es. Aber nicht allein ich werde sterben sondern Andre auch.«
»Wer denn etwa, wer?«
»Zunächst werde ich Demjenigen, der mir einen der Wechsel, welche Du von mir in den Händen hast, präsentirt, eine Kugel durch den Kopf jagen.«
»Du bist ja gradezu verrückt! Meinst Du etwa, daß ich so dumm sein werde, Dir selbst die Papiere zur Zahlung zu präsentiren?«
»Wer sonst?«
»Das wird der Advocat thun.«
»Nun, dem werde ich freilich nichts thun; er ist ja völlig unschuldig. Aber der Schuldige oder vielmehr die beiden Schuldigen werden ihrem Schicksale nicht entgehen.«
»Zielt das etwa auf uns?«
»Ja.«
»Da willst Du uns wohl bedrohen?«
»Nein. Ihr sollt nur die Folgen Eures Verhaltens zu kosten bekommen, grad so, wie ich auch diejenigen meiner Dummheit tragen werde.«
»Wir haben uns nichts vorzuwerfen!«
»Nein. Ihr habt ja Eure Sache außerordentlich gut gemacht. Aber desto mehr habe ich Euch vorzuwerfen. Ich sage Euch: Mich bringt man nicht lebendig vom Keryhofe hinweg; man trägt mich als Leiche hinaus.«
»So! Na, Du kannst ja machen, was Du willst.«
»Und Euch bringt man aber auch nicht lebendig hinein. Darauf schwöre ich!«
»Donnerwetter! Du willst uns ermorden?«
»Wenn es Euch Vergnügen macht, könnt Ihr Euch als Leichen hineintragen lassen.«
»Du, sollen wir Dich etwa anzeigen!«
»Versucht es einmal!«
»Dann wirst Du eingesperrt!«
»Möglich, aber wahrscheinlich ist das nicht. Ihr seid durch Unrecht und Schwindel zu meinem Eigenthum gekommen. Mit dem Gesetze kann ich Euch nichts anhaben, folglich wehre ich mich so gut, wie ich kann.«
Er stand erhobenen Hauptes vor ihnen, den Revolver in der Hand. Die Beiden waren keine Helden. Sie fürchteten sich vor ihm. Es wurde ihnen angst und bange. Wie nun, wenn er auf den verteufelten Gedanken kommen sollte, gleich jetzt auf sie zu schießen! Sie schauerten. Der war ja heut ein schrecklicher Kerl! Man mußte sich vor ihm in Acht nehmen. Gab es denn kein Mittel von ihm los zu kommen? Dem Alten kam nur ein Gedanke, wie dem Bauer vielleicht beizukommen sei.
»Dir hat wohl der Ludwig den Kopf verdreht gemacht?« fragte er.
»Der? Was hätte ich mit dem zu thun?«
»Er war ja da!«
»Wann?«
»Am Nachmittage, als wir kamen.«
»Was! Wirklich? Wo war er?«
»Unten in der Stube, bei Deiner Frau und Tochter.«
»Was wollte er?«
»Weiß ich es denn? Er würde es uns nicht sagen, selbst wenn wir ihn gefragt hätten.«
»So! Also hinter meinem Rücken besucht er die Meinigen! Das ist ja schön!«
»Und uns wollte er hinauswerfen!«
Der Bauer lachte grimmig vor sich hin.
»Dieser Gedanke ist gar nicht übel von ihm!«
»So? Er hat uns mit meinem eigenen Stocke die Hüte vom Kopfe geschlagen!«
»Warum?«
»Weil wir sie nicht abgenommen hatten. Der Kerl muthete uns zu, zu grüßen – in einem Hause, welches so gut wie unser Eigenthum ist. Und sodann gab er meinem Sohne sogar eine Ohrfeige.«
»Hm! Dafür könnte ich ihn lieb haben! Er ist doch ein tüchtiger Kerl!«
»Und wie hat er uns genannt! Betrüger, Schwindler, Spitzbuben und so weiter.«
»Da hat er wohl Unrecht?«
»Schweig! Und wie gar freundlich die Gisela zu ihm war. Wie sie ihm in Allem Recht gab und ihn beschützte.«
»Meine Frau wohl auch?«
»Na, die war verständiger. Sie fürchtete sich vor Dir. Sie bat ihn einige Male, an Dich zu denken.«
»Ja, sie ist brav, so brav, wie ich es gar nicht verdiene. Aber – da kommt mir ein Gedanke. Meine Tochter hat diesen Brief hier gefunden und mit hinabgenommen. Am Ende hat der Ludwig ihn auch gesehen.«
»Ein Brief lag freilich auf dem Tische, und ich möchte fast glauben, daß es dieser hier gewesen ist.«
»Das ist freilich eine ärgerliche Geschichte. Davon brauchte er nichts zu wissen.«
»O, er weiß noch mehr.«
»So? Was denn?«
»Alles!«
»Alles? Was meinst Du damit?«
»Nun, Alles! Daß der Keryhof von jetzt an mir gehört, weil Du mir so viel schuldig bist, ferner daß – – –«
»Mensch,« fiel ihm der Bauer in die Rede, »Du hast doch nicht etwa geplaudert.«
»Freilich habe ich Alles gesagt.«
»Welch eine Unvorsichtigkeit.«
»Na, ich hab ihnen ja auch mit gesagt, daß Du mir Verschwiegenheit geboten hast.«
»Und in Folge dieses Gebotes hast Du nun grad schwatzen müssen!«
Das war ein Vorwurf, aber er klang gar nicht so zornig, wie man hätte erwarten sollen. Es legte sich dabei ein trübes Lächeln um den Mund des Bauers. Wenn die Seinen es bereits wußten, wie es um ihn stand, so brauchte er es ihnen nicht erst mitzutheilen. Dieses schwere Geschäft war ihm also abgenommen worden.
»Deine Frau that es nicht anders,« erklärte Osec.
»Das ist Unsinn! Wie kann sie Etwas verlangen, wovon sie gar nichts weiß?«
»Sie wußte es doch aus dem Briefe.«
»Da steht von Dir nichts drin.«
»Das Eine folgte aus dem Anderen. Sie fragte weiter und immer weiter, bis Alles heraus war.«
»Schwachkopf! Sich von einem Weibe so aushorchen zu lassen.«
»Oho!«
»Das paßt Dir wohl nicht. Nun ja, ich will zugeben, daß es nicht Schwachköpfigkeit von Dir gewesen ist. Ich kenne Dich und Dein großes Maul. Du hast prahlen wollen. Da ist Dir der Ludwig brav in die Quere gekommen, und so hast Du einfach gesagt, daß Dir Niemand Etwas zu befehlen habe, weil der Keryhof Dir gehöre.«
»Denke und rede, was Du willst, sie wissens nun einmal doch.«
»Auch der Ludwig?«
»Ja. Ich wollt haben, daß er hinausgeschickt werde, aber darauf gingen sie nicht ein.«
»Ich habe ihn gar nicht gesehen.«
»So ist er wieder fort. Und da will ich Dir einen Vorschlag machen, der für beide Theile gleich vortrefflich ist.«
»Solltest Du wirklich etwas so Gutes und Vortreffliches für uns haben!«
»Ja. Deine Frau und Tochter wissen es nun doch einmal, wie es steht. Wie wäre es, wenn Du die Entscheidung in ihre Hände legtest? Gisela wird freiwillig sagen, daß sie meinen Sohn nehmen will. Dadurch bleibt Ihr ja im Hofe sitzen.«
Kery lachte laut und grimmig auf. Aber er antwortete nach einer Weile doch:
»Ich habe sie dazu zwingen wollen, und das ist vergeblich gewesen. Jetzt sollte sie es freiwillig thun wollen!«
»Versuche es.«
»Es ist fruchtlos.«
»Und grad ich denke, daß es gelingen wird.«
»Ich könnte es nicht verantworten.«
»Warum? Denkst Du etwa, daß es für sie ein Leichtes ist, den Hof zu verlassen?«
Kery schritt einige Male in der Stube auf und ab. Dann war er zu einem Entschlusse gekommen. Er theilte denselben mit:
»Ich würde meine Einwilligung zu dieser Ehe nun nicht geben; aber ich will nichts unterlassen, was zu thun mir meine Pflicht gebietet. Ich werde also mit ihr reden.«
»Lassest Du sie heraufkommen?«
»Nein. Ich gehe hinab.«
»Wir mit?«
»Nein. Ich muß mit ihnen allein sein. Vielleicht lasse ich Euch nachher holen, damit Ihr den Bescheid erfahren sollt.«
Er steckte den Brief und den Revolver zu sich und ging hinab in die Wohnstube.
Ludwig hatte sich, um nicht erwischt zu werden, hinauf in seine bisherige Kammer begeben. Dieselbe lag im gleichen Corridore mit der Stube des Bauern. Er zog sich den Stuhl an die Thür, machte diese eine kleine Spalte auf und setzte sich nieder. Auf diese Weise konnte er ganz bequem beobachten, was auf dem Corridore vorging.
Jetzt hörte er den Bauer hinabgehen. Er konnte ihn zwar nicht sehen, weil es im Gange dunkel war, aber er kannte den Schritt zu genau, als daß er sich hätte irren können.
Ludwig war ein anstelliger Kopf. Er errieth sofort, was Kery unten wolle. Es kam sehr viel darauf an, zu hören, was er sagen werde; darum schlich er sich ihm sofort nach, in die Küche.
Es war sehr gut, daß er nicht noch schneller gemacht hatte, sonst wäre er von Kery erwischt worden.
Als dieser unten in die Stube trat, saß seine Frau mit Gisela am Tische, auf welchem eine Lampe brannte. Sie hatten sich eine weibliche Arbeit vorgenommen.
»Ist Jemand in der Küche?« fragte er.
»Nein,« lautete die Antwort.
»Will doch erst nachsehen.«
Er öffnete die Thür, welche aus der Stube hinausführte. Es war Niemand darinnen. Das beruhigte ihn. Kaum aber hatte er die Thür wieder geschlossen, so trat Ludwig zu der anderen leise herein, welche aus dem Hausflure nach der Küche führte. Er huschte an das Fenster, sah eben noch, daß der Bauer nach dem Tische ging, schob schnell bei beiden Thüren den Riegel vor, um ja von keiner Seite überrascht werden zu können, und blieb dann neben dem Fenster stehen. Da konnte er Alles hören und auch sehen.
Kery blieb nicht am Tische stehen. Er wendete sich wieder um und begann nun, mit großen Schritten auf und ab zu gehen. Er wußte nicht, wie er beginnen solle.
Das, was er jetzt fühlte, hatte er in seinem ganzen Leben nicht gefühlt. Es war ihm so weich und so wehe in seinem Herzen.
Dort saß die Frau, der er vor dem Altare versprochen hatte, ihr das Leben leicht zu machen und sie auf den Händen zu tragen. Und wie hatte er sein Versprechen gehalten! Diesem lieben, guten, geduldigen Wesen hatte er das Leben zur Hölle gemacht. Er war der Herr, sie aber die Sclavin gewesen. Und sie hatte es still, ruhig und ohne Murren ertragen. Er fühlte ein unendliches Mitleid für sie und einen Grimm, einen maßlosen Grimm gegen sich selbst. Jetzt, in diesem Augenblicke erkannte er zum ersten Male, wie lieb er sie trotzdem und trotz alledem gehabt hatte und noch hatte.
Und dort die Tochter, die blühende, bildschöne Tochter. Was war er gewesen? Etwa ein freundlicher, zärtlich besorgter Vater? Ein fröhlicher, teilnehmender, nachsichtiger Beschützer ihrer Jugend? Nein, und wieder nein. Ein harter, egoistischer Tyrann war er gewesen. O, er wußte jetzt, wie sehr er gesündigt hatte und wie groß seine Pflicht war. Alles gut zu machen.
Gut zu machen! Ja, das war nun nicht mehr möglich. Es war zu spät. Zu spät! Welch ein fürchterliches Wort für den Reuigen, dessen Seele nach Sühne lechzt! Der Bauer ballte beide Fäuste. Er hätte sich ermorden können und – – pah, er wollte dies doch auch ohnedies thun!
Die beiden Frauen blickten nicht von ihrer Arbeit auf. Es bangte ihnen vor ihm. Sie ahnten ja nicht, welche Gefühle jetzt sein Inneres bewegten.
Da endlich blieb er bei ihnen stehen.
»Bertha,« sagte er, »Ihr habt den Brief gelesen. Wißt Ihr, was er zu bedeuten hat?«
Bertha! Das war ihr Name. Er hatte seine Frau seit langen Jahren nicht bei demselben genannt. Er hatte geglaubt, sich durch eine solche Zärtlichkeit den Respect zu vergeben.
Seine Stimme hatte bei der Frage leise gezittert. Sie klang mild und warm; fest lag der Anflug einer Furcht in ihrem Tone.
Die Frau blickte überrascht auf. Er senkte den Blick. Er konnte ihr nicht in das offene, fragende Auge sehen.
»Ja, wir wissen es,« antwortete sie.
»Alles? Wißt Ihr Alles?«
»Alles!«
»Daß ich ein Schmuggler, ein Spieler gewesen bin?«
»Ja.«
»Und Alles verloren habe?«
»Alles,« antwortete sie, das Auge voller Thränen.
»Und da sitzest Du so still da! Ich kann mir nicht denken, daß Du wirklich Alles weißt. Weißt Du denn, daß wir vom Hofe müssen?«
»Die Osecs haben es gesagt.«
»Und das nimmst Du so ruhig hin? Du springst nicht auf mich ein? Du ballst nicht die Fäuste und schlägst mir ins Gesicht? Du spuckst mich nicht an, und giebst mir nicht die Namen, die ich verdient habe?«
Da legte sie die Arbeit fort. Ein großer, voller Blick traf ihn aus ihren guten Augen. Dann stand sie auf.
»Georg,« sagte sie, indem sie mit Gewalt ein hervorbrechen wollendes Schluchzen überwand, »sag das Wort noch einmal!«
»Welches?«
»Meinen Namen.«
Statt glühender, grimmiger Vorwürfe diese fast demüthige Bitte! Er wußte nicht, wie ihm geschah. Seine Kniee begannen zu zittern. Sie bogen sich. Er konnte sich nicht beherrschen; er vermochte nicht zu widerstehen. Er sank vor der Frau nieder, er ergriff ihre beiden Hände und rief:
»Bertha! Ich bin ein Ungeheuer!«
Da zog sie ihn zu sich empor, umschlang ihn, legte ihren Kopf an seine Brust und weinte ihm leise zu:
»Georg; es ist nun Alles wieder gut!«
»Alles wieder gut? Nein, es ist ja Alles verloren.«
»Der Hof ist verloren; wir aber haben uns wiedergefunden. Wir werden arbeiten und dabei recht, recht glücklich sein.«
»Weib, einer solchen Entsagung bist Du fähig!«
»Es ist das keine Entsagung, Die Liebe ist viel, viel besser als aller Reichthum!«
»Aber wir werden gar, gar nichts haben!«
»Wir haben ja uns. Und haben wir etwa jetzt nicht auch arbeiten müssen. Wir haben geschafft wie andre Leute auch. Arbeiten ist ja eine Lust. Daß Du mich wieder Bertha nennst, dieses eine Wort ist mir lieber als der ganze Keryhof.«
Da schob er sie von sich ab, blickte ihr mit überströmenden Augen in das Gesicht und rief:
»Gott, welch ein Hallunke bin ich gewesen! Ich war ein Elender und kann nicht den tausendsten Theil von Dem, was ich auf dem Gewissen habe, wieder gut machen.«
Da trat Gisela herbei, schlang die Arme um ihn und bat:
»Sprich nicht so, Vater! Das kann ich nicht hören. Du hast nichts verbrochen. Laß den Hof fahren. Mag er fort sein. Mich haben die Aecker und Wiesen, welche unser waren, nicht glücklich gemacht. Sie sind vielmehr schuld, daß ich habe unglücklich werden sollen. Sind wir arm, so ziehen wir fort, dahin, wo uns Niemand kennt. Dort arbeiten wir und lernen, zufrieden und glücklich zu sein.«
Da drückte er sie innig an sich.
»Gisela, mein Kind. Und einen solchen Schatz habe ich an Hallunken. wie die Osecs sind, verschachern wollen. Sie schicken mich herab zu Euch. Wenn Du den Jungen heirathen willst, so soll der Keryhof scheinbar unser bleiben, so daß ich wenigstens vor den Nachbarn nicht blamirt werde. Was sagst Du dazu?«
»Sag erst, was Du selbst denkst.«
»Ich denke, daß Du ein solches Opfer nicht bringen darfst.«
»Ist das Dein Ernst?«
»Ja, Gisela.«
»So ist ja Alles, Alles gut. Ich würde diesen Menschen nicht nehmen, selbst wenn ich nicht bereits einen Andern lieb hätte. Er ist ein solches Opfer gar nicht werth. Du verlangst also nicht von mir, daß ich Ja sage?«
»Nein. Wolltest Du es sagen, so würde ich Dich allen Ernstes warnen. Also Du hast bereits einen Andern lieb? Doch wohl den Ludwig?«
»Ja, Vater.«
»Sehr?«
Sie verbarg ihr Gesichtchen an seiner Brust und antwortete verschämt:
»Ich mag niemals einen Andern.«
»Und ich, ich habe ihn fort gejagt, der mir so treu gedient hatte!«
»Er wird wiederkommen.«
»Er wird sich hüten. Er weiß ja wohl auch, daß Du nichts mehr hast.«
»Das weiß er; aber ich glaube, ihm ist es lieb, daß ich arm geworden bin. Er wird mit uns gehen, wohin Du nur immer willst, lieber Vater.«
Er schob jetzt auch Gisela von sich ab, blickte abwechselnd sie und ihre Mutter an und sagte, indem seine Augen zu glänzen begannen:
»Ich bin wirklich wie im Traume. Ich habe Vorwürfe erwartet und finde solche Liebe. Könnt Ihr denn wirklich leben ohne den Hof?«
»Georg, wir finden überall eine zweite Heimath,« antwortete seine Frau ernst und innig.
»Und Du, Gisela?«
Da stieß die Tochter ein fast fröhliches Lachen aus und rief:
»Immer fort mit dem Hofe! Da darf ich dann doch dem Ludwig gut sein!«
Sie ahnte nicht, daß der Glückliche in der Küche stand und jedes Wort hörte.
»Und so denkt Ihr wirklich?« fragte der Bauer. »Das ist Euer Ernst?«
»Ja, ja,« antworteten die Beiden.
»Herrgott! Und ich, ich wollte – – –!«
Er schlug sich mit der Faust an die Stirn.
»Was? Was wolltest Du?« fragte seine Frau.
»Du wirst erschrecken, wenn Du es hörst. Es ist etwas Fürchterliches, Aber ich muß es Euch sagen, mir zur gerechten Strafe. Ich wollte mich – erschießen.«
Zwei Schreckensrufe erklangen.
»Ja, mich und die beiden Osecs. Ich glaubte, die Schande nicht überleben zu können, und wollte ihnen nicht gönnen, meinen Hof zu besitzen. Ein Mörder und Selbstmörder wollte ich werden!«
»Ist das wirklich wahr, Georg?«
»Ja. Hier hast Du den Beweis.«
Er zog den Revolver aus der Tasche und legte ihn auf den Tisch.
»Herr, mein Gott! Ists geladen?« fragte die Bäuerin.
»Ja, scharf.«
»Thu ihn weg, schnell, schnell!«
»Du brauchst Dich nicht mehr zu fürchten. Er ist mir nicht mehr gefährlich. Ich mag nun nicht sterben, sondern ich will leben bleiben, leben bleiben, um gut zu machen. Ich will arbeiten, daß mir die Schwielen an den Händen bersten, und wenn auch der Hof verloren ist, so werden wir doch noch eine Wenigkeit retten, so daß wir wenigstens nicht ganz nackt anderswo beginnen müssen.«
Er zog Frau und Tochter innig an sich. Thränen flossen, liebe, gute Worte wurden gewechselt. Der Kerybauer war ein so ganz Anderer und sagte zuletzt:
»Wer hätte das gedacht! Jetzt erfahre ich es an mir selbst, daß der Reichthum nicht glücklich und die Armuth nicht unglücklich macht. Es ist vielmehr grad das Gegentheil der Fall. Zwar wird es mir fürchterlich wehe thun, dem Hofe den Rücken zukehren zu müssen, und ich werde das niemals ganz verschmerzen können, aber ich werde doch nicht unglücklich sein. Und das sollen die beiden Osecs sofort erfahren.«
»Gehst Du wieder hinauf zu ihnen?« erkundigte sich seine Frau.
»Ja, ich hole sie herab, und nachher mögen sie schleunigst verschwinden. Unsere Freundschaft hat ausgespielt,«
Er ging und brachte die beiden Schurken herab. Sie waren natürlich außerordentlich begierig, das Ergebniß zu erfahren. Sie hatten sich eingebildet, die Frauen in Thränen, und den Bauer im Zorn zu sehen. Dort auf dem Tische lag der Revolver. Hatte der Vater seiner Tochter vielleicht gar mit dem Erschießen gedroht, um ihren Widerstand zu brechen?
Aber da gab es doch keine Spur von Thränen. Das Gesicht der Bäuerin war ernst, aber ganz und gar nicht traurig, und um Giselas Mund hatte sich ein glückliches Lächeln gelegt.
Auch das Gesicht Kerys war ein ganz anderes. Solche Augen wie jetzt hatte er noch niemals gemacht.
»Ja, was ist mir denn das?« fragte der Alte. »Ich hab gedacht, Alles in Thränen zu finden.«
»Da hast Du Dich geirrt, wie Du siehst,« antwortete der Bauer.
»Ich sehe es. Das ist ja grad so, wie es in dem Liede heißt:
»Wir sitzen so fröhlich beisammen
Und haben einander so lieb.«
Und Kery fügte lachend hinzu:
»Erheitern einander das Leben;
Ach, wenn es doch immer so blieb.«
»Das lasse ich mir freilich gefallen, und ich freue mich herzlich darüber, daß Ihr so einig geworden seid.«
»Ja, einig sind wir geworden, einig, so wie wir es noch niemals gewesen sind.«
»Das ist sehr gut für uns.«
»Hoffentlich.«
»Und wir dürfen mit fröhlich sein?«
»So lustig, wie es Euch beliebt.«
»So thu nur erst den Revolver fort.«
»Laß ihn immerhin liegen. Es geschieht Euch nichts Böses. Ich bin vollständig kurirt und habe überhaupt vorhin mit meiner Drohung nur einen dummen Spaß gemacht.«
»Wenns wahr ist!« meinte der Alte.
»Kannst es glauben.«
»Wie steht es da mit den Wechseln?«
»Die kannst Du präsentiren, am liebsten gleich morgen.«
»Das werde ich freilich thun. So einen Wunsch erfüllt man sehr gern. Und wie steht es mit dem Hofe?«
»Den kannst Du nehmen.«
»Aber wir sagen, daß er noch Dir gehört.«
»O nein. Wir wollen doch lieber die Wahrheit sagen. Man soll auch in solchen Dingen keine Lügen machen.«
»Schön. Das ist mir noch lieber. So lößt sich ja Alles in Wohlgefallen und Freundschaft auf. Wer hätte das er erwartet!«
»Ja, unverhofft kommt oft.«
»Es könnte wahrhaftig gar nicht besser sein. Das soll aber auch eine Hochzeit sein, wie man sie im Lande noch niemals gesehen hat. Geh also hin zur Gisela und gieb ihr den Verlobungskuß.«
Diese Aufforderung war an seinen Sohn gerichtet. Dieser hielt sich verlegen die Hand vor den Mund, hüstelte einige Male und schritt dann auf das Mädchen zu.
Schon hob er die Arme, sie zu umschlingen, da blieb er aber halten. Sie that gar nicht so, als ob sie sich von ihm küssen lassen wolle. Sie lachte ihm vielmehr so in das Gesicht, daß es ordentlich eine Beleidigung für ihn war.
»Na, so mache doch und ziere Dich nicht!« rief ihm sein Vater zu.
Der Sohn kratzte sich hinter den Ohren und antwortete:
»Hm, ja, sie will doch nicht!«
»Warum nicht? Sie hat ja noch gar nichts dagegen gesagt!«
»Aber schau sie doch an! Was sie für ein Gesicht macht!«
»Ach was, Gesicht! Jede Jungfer zieht eine Visage, wenn sie im Beisein Anderer geschmatzt werden soll. Nachher, wenn Ihr unter vier Augen seid, wird sie schon ein anderes Gesicht machen.«
Das erhöhte den Muth des vermeintlichen Bräutigams. Er hob die Arme abermals und trat näher zu ihr heran. Sie aber wich zurück und fragte:
»Was willst Du denn eigentlich?«
»Du hast es doch gehört! Den Kuß.«
»Ich habe keinen.«
»Was?« fragte er verblüfft.
»Ich habe keinen für Dich. Meine Küsse sind alle bereits von einem Anderen bestellt.«
»Mach keinen dummen Witz!«
»Mit Dir wird kein Witz gemacht. Ehe ich Dir einen Kuß gebe – oh!«
Es war ein unbeschreiblicher Abscheu, welcher aus diesem Ausrufe sprach. Da wendete er sich zu seinem Vater zurück:
»Da hast Du es. Sie will nicht.«
»So wird sie müssen. Kery, setze ihr doch mal den Kopf zurecht!«
»O,« antwortete der Bauer, »den hat sie ganz auf der richtigen Stelle und das Herze auch. Ich wüßte ja gar nicht, weshalb sie sich von Deinem Jungen küssen lassen sollte.«
»Warum nicht? Sapperment! Zur Verlobung.«
»Wo ist denn Verlobung?«
»Na, hier!«
Sein Gesicht nahm den Ausdruck größten Erstaunens an.
»Wer hat denn das gesagt?«
»Doch Du!«
»Ist mir nicht eingefallen.«
Das Gesicht Osecs wurde länger und länger.
»Donnerwetter!« rief er aus. »Will man denn hier mit uns etwa Fastnacht spielen?«
»Dazu sind wir viel zu ernst gestimmt.«
»Nun, so ists ja ganz in Ordnung, daß mein Bube Deine Tochter umarmt.«
»Du irrst. Ich glaube, daß Du mich nicht richtig verstanden hast. Gisela mag ihn ja nicht.«
Da fuhr Osec zornig auf:
»Warum hast Du das nicht gleich gesagt!«
»Ich habs gesagt.«
»Nein.«
»O doch! Ich habe gesagt, daß Du den Hof nehmen und den Leuten sagen kannst, daß er Dir gehört. Das ist nach unserer vorhergehenden Unterredung grad so viel, als wenn ich gesagt hätte, daß sie ihn nicht mag.«
Da stieß der Alte seinen Stock auf die Diele und rief:
»Auch gut! Weißt Du nun, was folgt?«
»Ja.«
»Morgen präsentire ich die Wechsel.«
»Schön.«
»Ich selbst.«
»Ist mir lieb.«
»Oder meinst Du, daß ich mich vor dem Revolver fürchten soll?«
»Das hast Du nicht nöthig. Ich habe nur Spaß gemacht.«
»Ich komme aber schon früh bei Zeiten!«
»Nur nicht schon während der Nacht. Alles hat seine Zeit, auch das Wechselpräsentiren.«
»Was das betrifft, so brauchst Du mich nicht zu belehren. Wirst Du denn zahlen können?«
»Das wirst Du morgen sehen.«
»Pah! So ein Heidengeld hat Keiner beisammen. Sodann gehen die Wechsel sofort aufs Gericht zum Protest. Die Klage erfolgt. In vierzehn Tagen ist die Auspfändung da, und der Hof ist mein Eigenthum.«
»Das geht ja recht schnell!«
Der Bauer lachte. Er konnte wirklich lachen. Wie groß mußte da die Veränderung sein, welche in seinem Innern sich vollzogen hatte.
»Lach nur jetzt. Es wird schon noch das Weinen kommen.«
»Das glaube ich nicht. Um Deinetwillen weine ich nicht.«
»Aber um des schönen Gutes willen!«
»Auch da nicht. Ich kaufe mir ein anderes.«
»Ja, ein Rittergut für sechs Kreuzer. Das wird eine schöne Wirthschaft werden. Da kannst Du auch den schönen Ludwig wieder als Oberknecht zu Dir nehmen. Dann paßt Ihr zusammen, Lump zu Lump!«
Da fuhr ihm der Bauer donnernd entgegen:
»Osec, so kommst Du mir nicht! Du hast mich zu Grunde gerichtet, und ich will mich nicht dagegen wehren, obgleich sich gar wohl ein Punkt finden ließe, an welchem Du noch zu fassen wärest; aber beschimpfen lasse ich mich nicht. Uebrigens ist der Ludwig ein Ehrenmann. Sein kleiner Finger ist mehr werth, als Ihr beide Kerls am ganzen Körper. Das will ich Euch noch sagen. Laßt mir ihn in Ruhe!«
»Wie hast Du ihn denn am Sonntag geheißen? Da war er Alles, aber kein Ehrenmann.«
»Selbst am Sonntage habe ich gesagt, daß er ein braver und treuer Bursche ist.«
»Nun, so gieb ihm doch die Gisela. Da können sie arme Ritter in Elendsfett backen!«
»Das ist nicht nöthig,« ertönte es hinter ihm. »Ein Gänsebraten thuts auch, wann er recht knusprig backen ist.«
Ludwig war eingetreten. Er wendete sich an Kery:
»Mußt halt schön verzeihen. Zwar bin ich aus dem Dienst bei Dir, aberst ich hab noch meine Sachen droben in dera Kammer, und sodann giebts noch was Wichtiges, was ich gern mit Dir besprechen möcht.«
Er streckte ihm treuherzig die Hand entgegen und Kery schlug freundlich ein, wobei er antwortete:
»Du bist mir willkommen. Setze Dich nur nieder!«
»Das ist ja sehr schön. Da können wir nun wohl gehen? Denn zu einem solchen Kerl passen wir doch nicht.«
Da wendete sich Ludwig ihm zu und antwortete, noch bevor der Bauer eine Entgegnung geben konnte:
»Hast Recht, Lump! Wir passen nicht zusammen, eben weilst ein Lump bist. Schaff Dich also von dannen! Hier hast nix mehr zu suchen.«
»Oho! Ich bin hier Herr im Hause!«
»Beweise es!«
»Morgen am Vormittage werde ich den Beweis führen.«
»Darauf bin ich sehr neugierig. Vielleicht derlaubt mirs dera Kerybauer, daß ich mit dabei sein darf.«
Kery nickte zustimmend. Osec aber höhnte:
»Du siehst, daß er es Dir erlaubt, seine Schande mit anzusehen. Wo kein Ehrgefühl ist, da ist auch niemals welches hinzubringen. So habe ich also das Vergnügen, die Herrschaften morgen wieder zu sehen!«
»Ja, aber darfsts ja nicht versäumen, sonst könntst nachhern verhindert sein.«
»Verhindert? Wieso?«
»Habs Dir bereits mal sagt. Wann man im Zuchthausen steckt, kann man keine Besuchen machen, um Wechsel einzukassiren, die man im falschen Spiel gewonnen hat.«
»Kerl, Dich selbst werd ich aufs Zuchthaus bringen.«
»Da bin ich neugierig, wie Du es anfangen willst. Bei Dir aber kostets mich nur ein einziges Wort, und dieses Wort, ich werd es sprechen.«
»Das bildest Du Dir ein. Du Habenichts.«
»Mach Dich hinaus, sonst helf ich nach. Es juckt mir schon bereits in denen Fingern. Wann ich Dich beim Salpeter krieg, so walk ich Dich, daß alle Knochen klingeln.«
Er schritt auf ihn zu; da fuhren beide, Vater und Sohn, zur Thür hinaus. Ludwig ging ihnen nach, um sich zu überzeugen, daß sie nicht etwa irgendwo sich versteckten, um zu lauschen. Als er dann wieder in die Stube trat, saß der Bauer mit der Frau und Tochter am Tische.
»Du bist wohl heut gekommen, um Deine Sachen zu holen?« fragte dieser ihn.
»Nein. Ich habe eine viel wichtigere Angelegenheit.«
»Was betrifft sie denn?«
»Die Osec's und Dich.«
»So hättest Du jetzt die beste Zeit gehabt, die Sache an den Mann zu bringen. Nun aber sind die Beiden fort.«
»Hab sie dennoch angebracht. Die Schufte haben freilich keine Ahnung davon. Also ich darf morgen mit dabei sein, wanns kommen, um die Wechsel vorzuzeigen?«
»Ich habe es Dir versprochen und Du weißt, daß ich mein Wort halte. Ich weiß, daß Du Dich nicht über mein Unglück freuen wirst!«
»Nein, sondern über Dein Glück.«
»Das wird auf sich warten lassen!«
»Wer kann wissen, was passirt.«
»Was geschehen wird, das weiß ich. In Zeit von einigen Wochen bin ich vom Hofe.«
Ludwig schüttelte den Kopf und meinte bedenklich:
»Ich glaubs nicht, glaubs nicht.«
»Das ist sicher.«
»Wohl nicht ganz.«
»Es ist keine Rettung. Ich bin heut mit beim Advocaten gewesen. Er hat mir alle Hoffnungen auf einen Ausweg benommen.«
»So ist er eben ein dummer Rather!«
»Es ist der beste in der Stadt.«
»Da ist ja ein Bauernknecht gescheidter.«
»Etwa Du?«
»Ja.«
Es lag etwas in seinem Tone, was dem Bauer auffiel. Er musterte ihn mit forschendem Blicke und sagte:
»Du thust ja ganz so, als ob Du wirklich eine Rettung wüßtest.«
»Die weiß ich auch.«
»Einbildung.«
»Nein, ich weiß wirklich eine Rettung.«
»Höre Ludwig, Du bist ein braver Knecht und ein tüchtiger Landmann: aber zu einem Juristen, der alle Hinterpförtchen des Prozeßverfahrens kennt, gehört doch mehr.«
»Oho. Es giebt sehr feine Advocaten und Juristen; aber zu einem guten Knecht, der seinen lieben Herrn retten will, gehört doch mehr. Und ich setz da gleich einen Schwur darauf, daß ich denen Osec's eine Nasen aufsetze, an ders zu tragen haben sollen all ihr Leben lang.«
»Wenn Du das könntest.«
»Ich kanns, ich kanns!«
»Wie wolltest Du das anfangen?«
Während die Augen der Anderen mit größter Spannung auf ihn gerichtet waren, lachte er fröhlich vor sich hin und antwortete sodann:
»Anfangen? Wann ichs nun heut erst anfangen wollt, da die Osec's bereits fast fertig sind, da wär es weit gefehlt. Ich hab schon längst wußt, was ich thu, und heut bin ich halt fertig.«
»Schon längst?« fragte der Bauer überrascht.
»Ja freilich.«
»So hast Du Dich bereits früher mit dieser Angelegenheit beschäftigt?«
»Schon seit dem, als Du, weißt, damals sucht wurdest, und ich hab sagt, daß dera Schmuggler das Dorf hinunterlaufen ist.«
»Schlauberger und Hinterlistiger!«
»Ja, die Hinterlist laß ich mir gefallen, dies darauf absehen hat, Andere vor Schaden zu behüten! Wann dera Herr darauf los wirtschaftet, nachhero muß der Knecht die Sache desto mehr in Acht nehmen.«
Er hatte das im Tone des Scherzes gesagt, dennoch drohte ihm die Bäuerin sofort mit dem Finger und warnte:
»Pst! Keine Vorwürfe!«
»Das solls auch gar nicht sein; dafür soll mich dera Herrgott behüten. Es ist mir halt so über die Zung laufen. Aberst sag nur mal, Bauer, warumst Dir von denen Osec's einen solchen Schrecken einijagen lassest.«
»Das muß ich wohl. Sie haben mich doch in den Händen.«
»Ich glaube das nicht.«
»Gewiß. Ich weiß kaum selbst genau, wieviel ich ihnen schuldig bin.«
»Habens denn was darüber in denen Händen?«
»Lauter gute Sichtwechsel.«
»Ich glaubs nicht.«
Er wiegte dabei wieder wie vorhin den Kopf bedenklich hin und her.
»Wirst's wohl glauben müssen. Ich habe sie ja natürlich alle selbst acceptirt und unterschrieben.«
»Das glaube ich gern, aberst daß sie dieselbigen auch wirklich haben, daran möcht ich zweifeln.«
»Natürlich haben sie sie. So Etwas hebt man sich auf. Was sollten sie denn damit gemacht haben?«
»Ja, das weiß ich nicht.«
»Sie haben sich überhaupt sehr sicher gesetzt. Im Falle ich gegen sie klagen sollte, besitzen sie eine große Anzahl Lieferscheine in Beziehung der Schmuggelei. Wenn Sie diese der Polizei übergeben, werde ich noch extra als Pascher bestraft.«
»Ja, das sind die richtigen Klugen. Doch glaub ichs halt nicht, daß sie solche Lieferscheinen von Dir haben.«
»Weshalb nicht?«
»Weilst zu klug bist.«
»Ich bin eben dumm gewesen und habe mich von ihnen überlisten lassen.«
»Nun, so ist Dein Oberknecht viel zu klug dazu. Was dera Eine nicht ist, das kann der Andere sein.«
»Wie meinst Du das?«
»Wie sollt ich es meinen! Mags halt stehen wie es will, den Keryhof lassen wir Dir nicht nehmen.«
»Aber morgen präsentiren sie die Wechsel!«
»Mögen sie. Nachhero erst kommt die Klage.«
»Und die geht aber schnell!«
»So machen wir noch schneller.«
»Was denn?«
»Nun, wannst die Wechseln nicht bezahlen kannst, so können sie Dir doch nur das nehmen, wast hast.«
»Natürlich.«
»Und wast nicht hast, das können sie eben nicht bekommen.
»Auch richtig.«
»Wannst also keinen Hof hast, können sie Dir keinen nehmen.«
»Ach, jetzt verstehe ich Dich. Daran habe ich auch bereits gedacht.«
»Nicht wahr, dieser Gedank ist nicht übel?«
»Nein; aber er läßt sich nicht ausführen.«
»Warum nicht?«
»Wo finde ich sofort einen Käufer, welcher mich gleich bezahlen kann?«
»Ja, das ist schwer.«
»Bedenke wohl, daß es noch heut geschehen müßte. Verkaufte ich erst nachdem mir die Wechsel präsentirt worden sind, so wäre das Betrug, wegen dem ich bestraft werden könnte.«
»So muß es anders anfangt werden.«
»Aber wie? Etwa ein Scheinkauf? Der ist doppelt gefährlich.«
»Das kann ich mir leicht denken. Aber muß es denn grad ein Kauf sein?«
»Ich wüßte nichts Anderes.«
»Vielleicht ein Tausch?«
»Erst recht nicht.«
»Ja, warum aber nicht?«
»Bei einem Tausche bekäme ich kein Geld sondern doch ein anderes Gut. welches mir dann grad so weggenommen würde wie der Keryhof.«
»So darfst kein Bauerngut eintauschen.«
»Was denn?«
»Werthpapieren.«
»Hm! Das ließe sich freilich hören. Aber es müßte eben auch' heut geschehen.«
»Das denk ich auch.«
»Und wo finde ich einen solchen Tauschlustigen?«
»Brauchst Dich blos umzuschauen.«
»Wo?«
»Hier in dera Stuben.«
»Etwa Du?«
»Ja.«
»Höre, Ludwig, ich habe gedacht, daß Du diese Angelegenheit wirklich ernsthaft nimmst.«
»Das thue ich auch.«
»Nein. Was Du jetzt sagtest, kann nur ein Spaß sein.«
»Es ist mein Ernst.«
»Unsinn!«
Da hielt Ludwig dem Bauer die rechte Hand hin und sagte!
»Es ist mein Ernst, daß ich Dir das Kerygut abtauschen will. Ich hab Papieren, welche grad so viel gelten, wie das Gut werth ist. Wannst mitmachst, so kann dera Handel sofort abschlossen werden.«
Da stand der Bauer langsam, langsam auf. Er blieb kerzengrade vor dem Knechte stehen und sagte:
»Ludwig, ist's wirklich Dein Ernst? Spanne mich um Gotteswillen nicht auf die Folter.«
»Es ist mein Ernst, ich schwör Dirs zu.«
»So hast Du Dich heimlich nach einem Manne umgesehen, der den Tausch mit eingehen will?«
»Ja, und ich hab einen funden.«
»Wer ist's?«
»Rathe mal.«
»Das kann ich nicht.«
»Das glaub ich wohl. Den würdest im ganzen Leben nicht derrathen. Es ist grad derjenige, vor demt Dich am Meisten fürchtet hast.«
»Wer wäre das?«
»Dera alte Osec.«
Der Eindruck dieses Namens war ein augenblicklicher. Der Bauer schlug mit der Faust auf den Tisch und rief zornig:
»Mensch! Habe ich Dir nicht verboten, Scherz mit mir zu treiben?«
»Ludwig!« rief auch die Bäuerin in vorwurfsvollem Tone.
Gisela aber sah es dem Geliebten an, daß er ein Geheimniß hege. Seine Augen leuchteten so innig vergnügt. Er mußte es mit der Rettung ihres Vaters wirklich ernst meinen. Darum bat sie:
»Vater, werde nicht zornig. Höre ihn doch nur!«
»Ach was, hören! Es versteht sich doch ganz von selbst, daß er Unsinn macht. So etwas ist doch gar nicht denkbar!«
»Warum nicht?« fragte Ludwig.
»Derjenige, welcher mich unglücklich machen will, wird mich doch nicht etwa retten?«
»Sappermenten, das scheint mir nicht gar so sehr unmöglich zu sein.«
»Dann bin ich entweder ganz von Sinnen, oder Du bist – ein –«
Er sprach nicht weiter, aber er warf einen drohenden Blick auf den Knecht. Dieser aber meinte lachend:
»Der Osec wird Dich retten, aber dera Kerlen weiß gar nix davon.«
»Wie sollte das geschehen?«
»Eben durch die Papieren, die er Dir für das Gut zum Umtausch sendet. Und das Allerbeste bei diesem Tausche ist, daß Du die Papieren bekommst und das Gut gar nicht dafür zu geben brauchst.«
»Das wäre doch gar kein Tausch!«
»Freilich nicht. Es ist ein Geschenk, ein großartiges Geschenk, welches er Dir macht. Freilich weiß er eben gar nix davon.«
»Das sind mir lauter Räthsel.«
»Die werden gleich gelöst werden. Da, paßt mal aufi.«
Er erhob sich nun von seinem Sitze und ging erst in die Küche, deren beide Thüren er verschloß. Dann sah er auch hinaus an die Läden und in den Hausflur, um sich zu überzeugen, daß es keinen Lauscher gebe. Als er wieder in die Stube trat, meinte Kery:
»Du thust doch recht heimlich und vorsichtig dabei!«
»Das muß ich. Was wir thun und sprechen, das darf kein Mensch wissen, und auch Keiner darf jemals davon derfahren. Nur wir vier, wir behalten es als ein großes Geheimnissen bei uns.«
»Du versetzest mich in die größte Spannung.«
»Wirst gleich schauen, was es ist.«
Er zog ein Päckchen, welches in ein blaues Papier geschlagen war, aus der Tasche, öffnete es, nahm ein Papier heraus, gab es dem Bauer und fragte:
»Kennst Du das?«
Kery faltete es auseinander, warf einen Blick darauf, stieß einen Ruf freudigen Erstaunens aus und sagte mit bebender Stimme:
»Mein Wechsel, mein Wechsel! Die fünfzehntausend Gulden habe ich wieder! Kein Mensch erhält ihn aus meiner Hand!«
»Daran thust sehr recht. Dieses Geldl, um das Dich dera Osec betrügen wollte, haben wir also glücklich rettet.«
»Aber, Mensch, Ludwig, wie ist das möglich? Woher hast Du ihn denn?«
»Er lag bei denen andern,« lachte der Knecht.«
»Bei was für andern?«
»Bei diesen hier.«
Er nahm eine zusammengelegte Anzahl von Papieren und gab sie ihm. Der Bauer schlug sie auseinander.
»Herr Gott! Was ist das?« rief er.
Seine Augen schienen die Zettel verschlingen zu wollen.
»Ists so richtig?« fragte Ludwig.
»Meine Lieferscheine!«
»Alle?«
»Alle mit einander!« rief Kery, indem er mit zitternden Händen die Zettel zählte.
»Auch ich glaub nicht, daß einer fehlt.«
»Kein einziger.«
»Nun mag dera Osec Dich einmal bei dera Polizeien anzeigen wegen Pascherei.«
»Nein, nun kann er nicht. Ich bin gerettet! Ich bin nun sicher vor dieser fürchterlichen Gefahr, und kein Teufel soll mich jemals verführen, wieder zu paschen.«
Er streckte der Frau und der Tochter die Hände zur Bekräftigung entgegen, gab dann auch dem Knechte eine Hand und fragte:
»Aber Ludwig, lieber Ludwig, wo hast Du denn diese Papiere her?«
»Na,« lachte der Gefragte glücklich, »woher soll ich sie haben? Sie lagen eben auch bei den anderen.«
»Bei welchen?«
»Bei diesen hier.«
Er gab den Rest des Packetes hin. Kery griff zu. und öffnete und las. Sein Gesicht wurde bald roth und bald blaß. Er zählte die einzelnen Stücke, legte dann alles auf den Tisch, starrte den Knecht wie abwesend an und stieß mit bebender Stimme hervor:
»Ludwig!«
»Was?«
»Ludwig, ist so was möglich?«
»Man sollts denken, da man es sieht.«
»Kannst Du zaubern?«
»Nein.«
»Aber wie kommst Du zu den Papieren?«
»Auf die einfachste Art und Weisen in dera Welt.«
»Meine Wechsel, alle, alle meine Wechsel!«
»Ists wahr, ists wahr?« riefen Frau und Tochter, Beide von ihren Stühlen aufspringend.
»Ja; schau, Bertha; schau, Gisela! Das sind die Wechsel, mit denen ich meine Seele dem Teufel verschrieben hatte. Es war ein dreifacher Teufel, der Spiel- und der Pascher- und der Hochmuthsteufel. Nun bin ich erlöst. Ich habe sie zurück!«
»Gott, Gott sei Dank,« hauchte die Frau und sank weinend in den Stuhl zurück.
»Und auch der Keryhof ist gerettet! Morgen kann mir kein Wechsel präsentirt werden. Seit wann hast Du sie denn eigentlich, Ludwig?«
»Seit dem Sonntag.«
»Und die Osecs wissen es nicht?«
»Ja, wann die es wüßten!«
»Wie bist Du zu ihnen gekommen?«
»Grad so, wie auch die Osecs zu ihnen kommen sind: durch eine Schlechtigkeiten. Ich bin ein Spitzbub. Ich hab sie stohlen; ich hab sie maust.«
»Kerl, gestohlen!«
»Ja.«
»Du bist aus Liebe zu Deinem Herrn ein Dieb geworden!«
»Leider. Ich hab nicht anders konnt. Ich habs freilich nicht eher than, als bis ich mit meinem Gewissen eine Zwiesprachen halten hab, und das hat mich freisprochen. Ein Verbrechen hab ich nicht begangen.«
»Ein Verbrechen! Nein, das ist es nicht.«
»Und ists ein Verbrechen, eine Sünd, so wirds mir der Herrgott vergeben und mich gnädig dafür strafen.«
»Es, ist weder ein Verbrechen noch eine Sünde. Es ist kein Diebstahl. Ich bin um dieses viele Geld betrogen worden. Du hast mir mit List mein Eigenthum zurückerobert, welches man mir mit List abgenommen hatte. Meine Wechsel, meine Wechsel!«
In seiner Herzensfreude küßte er das Packet. Er sprang in der Stube herum und rief dann aus:
»Kommt heraus in die Küche! Wir wollen einen Scheiterhaufen errichten und diese bösen Geister verbrennen.«
Er ging hinaus und machte ein Feuer im Ofen.
»Aber Georg, darfst Du das?« fragte seine Frau.
»Warum nicht?«
»Ist das alles Dein Eigenthum?«
»Ja.«
»Gehört es nicht den Osecs.«
»Nein. Geraubtes Gut kann dem Räuber niemals gehören. Seht, da brennt es!«
Er hatte das ganze Päckchen den Flammen, die es gierig ergriffen, überliefert.
»Aber wenn es dennoch ein Unrecht wäre,« sagte die Bäuerin.
Da beruhigte sie der Knecht:
»Hab keine Sorg! Wann ich glaubt hätt, daß es ein Unrecht sei, so hätte ichs nicht than.«
»Aber wir müssen es verschweigen.«
»Ja freilich.«
»Und was Andre nicht wissen dürfen, das ist ein Unrecht.«
»Nicht immer. Man schweigt auch oft nur aus Klugheit und nicht aus Angst. Und warum kann keine Spielschuld einiklagt werden? Das Gesetz meint doch, daß es kein ehrlich verdientes Geld sei. Und die Osecs haben noch dazu mit falschen Karten gespielt.«
»Weißt Du das?«
»Ja, ganz gewiß. Sie haben davon sprochen und den Kerybauer auslacht. Ich stand dabei und hab alles hört.«
»Nun aber bin ich es, der sie auslachen wird,« sagte Kery. »Sie sollen mir morgen nur kommen! Aber, Ludwig, wie hast Du die Papiere an Dich gebracht? Das mußt Du uns erzählen.«
»Ja, das sollt Ihr hören. Aber nicht jetzund.«
»Warum nicht?«
»Na, Ihr guten Leutln, wißt Ihr denn nicht, wie ihr in dera Zeiten lebt? Es ist schon längst die Zeit, das Abendmahl zu bereiten. In einigen Minuten werden die Gesinden kommen und essen wollen.«
Da schlug die Bauerfrau die Hände zusammen und rief:
»Er hat Recht. Ich hab mich ganz vergessen. Nun können wir uns gleich sputen, um fertig zu werden, Gisela.«
»Ja,« meinte der Bauer. »Macht heut was Gutes! Der Ludwig mag indessen mit mir in meine Stube gehen und mir erzählen, wie Alles zugegangen ist. Wenn das Essen fertig ist, so ruft Ihr uns!«
Die Beiden begaben sich nach oben. Dort brannte die Lampe noch.
»Setz Dich her an den Tisch,« sagte Kery. »Und,« fuhr er fort, mehrere Cigarren hinlegend, »brenn Dir eine Virigina an!«
Das war eine Auszeichnung, die in diesem Hause noch nie einem Dienstboten widerfahren war. Ludwig genirte sich nicht. Er sagte:
»Wannst meinst, daß ich eine rauchen darf, so nehm ichs halt mit großem Danke an.«
»Nimm nur! Was ist so eine Cigarre gegen für das, was ich von Dir hab! Ich hab Dir das Kerygut, meine Ehre und auch mein Glück, vielleicht gar mein Leben zu verdanken.«
»Na, gar so schlimm ist es nicht.«
»Weniger auch nicht. Nun will ich mir eine anstecken. Und jetzt erzähl!«
Ludwig berichtete Alles, vom Augenblicke an, an welchem der erste Verdacht in ihm aufgestiegen war, bis zum Gelingen seines Diebstahles. Als er fertig war, fragte er sodann:
»Die Packete mit den Lumpen sind also hinüber nach Bayern. Ist denn auch die Rückfracht richtig angelangt?«
»Warum erkundigest Du Dich nach ihr?«
»Weil ich ein großes Interesse an ihr hab. Warum? Das wirst Du gleich hören.«
»Ja, sie ist angelangt. Aber es soll das letzte Mal sein, daß ich es thue. Der alte Backofen wird morgen weggerissen.«
»Ich hab mir ihn gar nicht genau angeschaut, weil ich denkt hab, daß er zu nix mehr nütze ist.«
»Zum Verbergen der Waaren war er ausgezeichnet. Wers nicht wußt, der konnt dort noch so gut suchen, er hätte nichts gefunden. Kannst Dir ihn morgen früh ansehen, ehe ich ihn wegreißen lasse. Je eher er wegkommt, desto eher verschwindet ein Zeuge gegen mich. Aber warum fragtest Du nach der Rückfracht?«
»Ist dabei nix passirt?«
»Nein. Es ist alles gut abgelaufen.«
»Wirklich Alles.«
»Ja, nur daß Zwei doppelte Lasten zu tragen gehabt haben.«
»Warum?«
»Es sind unterwegs zwei Träger abhanden gekommen.«
»Weißt Du, welche?«
»Ja, die beiden Slowaken. Sie müssen sich in der Zwischenzeit verspätet haben.«
»Das ist sehr richtig. Verspätet haben sie sich, und zwar sehr.«
»Weißt Du Etwas davon?«
»Ich weiß Alles. Sie haben sich so weit verlaufen, daß sie in ihrem ganzen Leben nicht wiederkommen können.«
»Ah! Wohin?«
»Ins Gefängniß, von wo aus sie in das Zuchthaus gehen werden, höchst wahrscheinlich lebenslänglich.«
»Donnerwetter! Weshalb? Doch nicht etwa wegen Pascherei?«
»Nein, sondern wegen eines Mordes.«
»Herrgott! Das ist wahr?«
»Ja, ich war dabei.«
»Du? Wieder dabei? Kerl, es scheint, daß ohne Dich gar nichts mehr geschehen kann.«
»Ja, es ist beinahe so!« lachte Ludwig.
»Also Mord! Diese Menschen waren allerdings höchst gefährliche Subjekte. Ich will nicht fürchten, daß meine Pascherei dabei mit ins Spiel kommt.«
»O nein. Dafür habe ich gesorgt.«
»Du wieder? Wie war das möglich? Ich glaube nicht, daß Dein Wunsch bei so etwas maßgebend sein kann.«
»Warum nicht? Ich bin es ja, durch den der Fang geglückt ist.«
»Du? Immer wieder Du! Bist ein Tausendsassa.«
»Ich hatte die Anzeige gemacht und mir ausbedungen, mit bei dem Fange sein zu dürfen.«
»Wie konntest Du davon wissen?«
»Ich hatte die beiden Slowaken erst in der Ziegelhütte und dann auch auf unserm Heuboden belauscht.«
»Heuboden? Warst Du oben?«
»Ja,« lachte Ludwig. »Usko war so betrunken, daß Du mit Zerno reden mußtest.«
»Alle Teufel!« rief der Bauer.
»Stimmt es?«
»Ja. Aber – aber – hast Du Alles gehört. Alles?«
»Jedes Wort.«
»Sakkerment! Das ist ja eine ganz verfluchte Geschichte.«
»Na, ich denke, daß es Dir jetzt leid thut?«
»Und wie! Du hast nur immer auf mein Wohl gesonnen, und zum Dank dafür habe ich Dich ins Verderben jagen wollen.«
»Du hast doch nicht gewußt, wie gut ich es mit Dir meinte; also bist zu entschuldigen.«
»Du bist mir also nicht bös?«
»Nein.«
»Gieb mir die Hand darauf!«
»Hier ist sie. Und auch noch was will ich Dir darauf geben.«
»Was?«
»Hier diese beiden Briefen.«
Er zog sie aus der Tasche und legte sie ihm hin.
»Alle Wetter! Das ist doch der Brief, den Zerno Dir in den Weg legen sollte, und dann auch der andere, den der Osec nach dem Bahnhofe besorgen wollte. Wie bist Du zu dem Letzteren gekommen?«
Ludwig erzählte es. Als er geendet hatte, war der Bauer sehr verlegen. Er schlug mit der Faust auf den Tisch und rief:
»Nun siehst Du, was für ein schlechter Kerl ich gewesen bin. Meinen, besten Freund habe ich unglücklich machen wollen. Höre, Du mußt es mir nicht nur vergeben, sondern mir auch noch einen Gefallen thun!«
»Ganz gern, wenn es in meiner Macht liegen sollte.«
»Du kannsts. Bitte, sag meiner Frau und auch der Tochter nichts von diesem Anschlage, den wir gegen Dich geplant haben!«
»Das brauchst Du gar nicht erst zu bitten. Ich hätte auch ohne dies geschwiegen.«
»Ists wahr?«
»Denkst etwan. ich werd den Deinen Etwas von Dir verzählen, was Deiner Reputation bei ihnen schaden könnt?«
»Ja, ein braver Kerlen bist. Darauf kann ein Jeder schwören. Und Du meinst, daß die beiden Slowaken mich nicht mit ins Dekerment bringen werden?«
»Sicher nicht. Ueberhaupt, wie wollten sie das thun?«
»Sie könnten von mir erzählen. Sie könnten sagen, was sie im Walde zu thun gehabt haben, nämlich schmuggeln.«
»Das werden sie bleiben lassen. Kein Gottloser, der wegen eines Verbrechens gefangen ist, wird freiwillig gestehen, daß er auch noch ein zweites begangen hat.«
»Es soll aber so Etwas zuweilen doch vorkommen, wie ich gehört habe.«
»Bei solchen verstockten, hart gesottenen Sündern, wie diese Beiden sind, sicherlich nicht. Uebrigens ist die That nicht im Walde, sondern in der Hohenwalder Mühle geschehen.«
»Was! In der oberen oder unteren?«
»Oben.«
»Um Gotteswillen! Sie haben doch nicht etwa den braven Müllerhelm ermordet?«
»O nein.«
»Oder die gute, alte Barbara?«
»Auch diese nicht.«
»Auch den Knappen Peter nicht, das alte Inventarstück der Obermühle?«
»Auch dera lebt.«
»So fällt mir ein Stein vom Herzen! Ich halte große Stücke auf diese Leute. Kennst Du sie vielleicht?«
»Ich hab sie am Montage kennen lernt und sie gleich sehra lieb gewonnen.«
»Ja, das sind Leute, die man sofort lieb hat. Aber gegen wen ist denn der Anschlag gerichtet gewesen? Es wohnt doch weiter kein Mensch in der Mühle.«
»Jetzund ist ein Herr auf Sommerfrische da. Er heißt Herr Ludwigen, ist aus dem München und ein steinreicher Mann. Den habens dermorden und berauben wollen.«
»Und ists ihnen gelungen?«
»Nein, eben weil ichs derlauscht und anzeigt hab. Laß es Dir verzählen.«
Er erzählte das Ereigniß, hütete sich aber wohl, zu sagen, daß dieser Herr Ludwig der König sei.
»Welch eine That, welch ein Abenteuer!« sagte der Bauer, als der Bericht zu Ende war. »Der Herr hat Dir sein Leben zu verdanken. Wenn er wirklich so reich ist, daß er Brillanten und Diamanten besitzt, so wird er Dir dankbar sein.«
»Ich habs ihm sagt, daß ich nix nehmen werd.«
»Das ist schön! Das freut mich von Dir! Du brauchst Dir von keinem Fremden Etwas schenken zu lassen.«
»Ich hab doch meine gesunden Arme. Das ist das schönste Geschenk vom lieben Herrgott.«
»Ganz richtig! Und was das Uebrige betrifft, so hast Du mich.«
»O, damit ists aus.«
»Warum?«
»Weil ich aus dem Dienste bin.«
»Pah! Das war ein Irrthum, ein Versehen von mir! Uebrigens hab ich nicht Dir gekündigt, sondern Du mir. Darum darf ich es nicht zurücknehmen, sondern Du wirst es thun.«
»Hm! Das wird schwer gehen!«
»Hoffentlich nicht. Ich erwarte ganz bestimmt, daß Du wieder zu mir kommst.«
»Werd es mir überlegen.«
»Was giebts da zu überlegen? Gar nichts! Du kommst eben wieder und bist da. Du brauchst ja gar nicht wieder zu kommen, denn Du bist schon da. Nun bleibst Du gleich hier. Das versteht sich ganz von selbst.«
»Ja, wann dies ginge. Weißt, heut kann ich mal hier schlafen, um morgen da zu sein, wann die Osecs kommen. Aberst gegen Abend muß ich wieder fort.«
»Wohin denn?«
»Wann ich das sagen dürft!«
»Ists ein Geheimniß?«
»Ja.«
»Mensch, Du steckst ja jetzt voller Geheimnisse wie der Keller voller Kartoffeln! Bist Du etwa ein Diplomat geworden?«
»Ein Stück davon.«
»Du hast doch nicht vielleicht wieder so Etwas vor wie am Montage?«
»Grad so was.«
»Jemand gefangen nehmen? Du bist ja der reine Polizist geworden! Nimm Dich in Acht, damit es Dir nicht einmal schief geht!«
»Es ist dies das letzte Mal. Es gilt Leuten, denen ich es bereits schon seit langer Zeit getippt habe. Morgen laufens nun endlich mal ins Garn.«
»Sinds Bekannte von mir?«
»Vielleicht. Ich werds Dir übermorgen sagen.«
»Warum nicht eher, nicht gleich heut?«
»Weil ich ein Schloß vor dem Munde hab.«
»So will ich nicht in Dich dringen. Aber wenn eine Gefahr für Dich dabei vorhanden ist, so bitte ich, Dich in Acht zu nehmen. Es sollte mir herzlich leid thun, wenn Dir ein Unfall widerführe.«
»Hab keine Angst um mich! Ich bin nicht allein. Uebrigens werd ich mich auch nicht grad dahin stellen, wo ein Stein vom Himmel fallt und mir grad auf den Kopf.«
»Dann kommst Du aber wieder zu mir?«
»Das kann ich nicht versprechen.«
»Hast Du vielleicht schon eine andere Stelle? Willsts mir nicht sagen?«
»Ich hab noch keine. Wann ich wiederum in Dienst gehe, so komm ich nur zu Dir.«
»Das ist mir recht und lieb. Uebrigens soll es kein Dienst sein, in dem Du bei mir stehest. Du bist nicht mein Knecht.«
»Was denn?«
»Mein – mein – na, kannst Du es Dir denn nicht denken?«
»Na, Oberknecht?«
»Nein.«
»So nennen wir es lieber Schirrmeister. Das ist vornehmer und klingt hübscher.«
»Ist noch nicht das Richtige.«
»Wohl gar Verwalter oder Inspector?«
»Das nähert sich schon mehr demjenigen, was ich meine. Denk doch an die Gisela.«
»O, an die denk ich halt stets und immer.«
»So ist sie Dir wohl sehr lieb und werth?«
»Mehr als mein Leben. Weißt, ich bin ein einfacher Kerlen. Ich kann kein Gedicht machen, und wann ich einen Liebesbriefen schreiben wollt, so würd er wohl recht sehr verwunderlich werden. Desto wärmer und tiefer aber sitzts im Herzen drinnen. Wann ich also sag, daß mir die Gisela lieber ist als mein Leben, so ist das keine Redensart, sondern eine Wahrheiten, von der nix abzuklopfen und abzubrechen ist. Ich werd nie heirathen, wann nicht sie meine Frau werden kann.«
»Nun, was denkst Du da von mir? Werde ich Euch mein Jawort geben?«
»Wannst klug und auch brav sein willst, so sagst ja. Kannst als guter Vatern gar nicht besser handeln. Ich thät die Gisela und die Eltern auf denen Händen tragen.«
»Ja, das würdest Du thun; ich weiß es. Und darum sollst Du sie haben, als Lohn dafür, daß Du mir den Keryhof erhalten hast. Topp, schlag ein!«
Er war überzeugt, hiermit etwas Großes gesagt und gethan zu haben. Er, der reiche Kerybauer, wollte seine Tochter seinem Knechte geben! Es war heute eine große Umwandlung mit ihm vorgegangen. Aber es gab doch immer noch Schlacken, welche von dem guten Golde getrennt werden mußten.
Darum wunderte er sich nicht wenig, als Ludwig nicht sofort einschlug. Der Knecht bog sich zurück und sagte:
»Nimm mirs nicht übel! Einischlagen kann ich da nicht!«
»Nicht – –? Wa – – rum?« erklang es gedehnt.
»Weils ein Lohn sein soll.«
»Das ist doch nichts Böses?«
»Nein, etwas Böses nicht. Aberst die Gisela ist mir viel zu gut und werth, als daß sie als Lohn gelten soll. Was ich than hab, das ist meine Pflicht und Schuldigkeiten west. Ich habs nicht than um eines Lohnes willen, sondern aus Liebe zu Dir.«
Der Bauer blickte ihn tief gerührt an.
»Ludwig,« sagte er, »Du bist wirklich nicht nur ein braver, sondern auch ein edler und vornehmer Mensch, obgleich Du nur eben ein Knecht bist.«
»Ich würde kein Knecht sein, wann ich nicht die Gisela gar so lieb hätt. Sie hat mich wieder herzogen, ohne daß sie es wußt hat. Ich selbst hab ja nicht ahnt, was in mir lebt. Darum mag ich sie eben nicht als Lohn. Wannst nix gegen unsere Lieb hast, so machst mich unendlich glücklich, und ich dank Dir es all mein Leben lang. Aber ich bitt Dich, laß uns gehen. Wann die rechte Zeit und Stund kommen ist, werden wir schon vor Dich und die Mutter hintreten und um Euern Segen bitten. Giebst Du denselbigen gern, so wirds Dir der Herrgott vergelten. Hier, nun nimm meine Hand!«
Er streckte sie ihm hin. Kery schlug kräftig ein und sagte, indem ihm ein großer Tropfen im Auge stand:
»Ja, so soll es sein! Ihr sollt thun, was Euch gefällt. Die Liebe duldet keinen Zwang und auch kein Triebwerk. Sie will für sich selbst blühen, und wenn sie mit profanen Fingern angegriffen wird, so geht ihr schönster Schmelz verloren.«
Da öffnete die Bäurin die Thür und meldete, daß das Essen fertig sei. Die Beiden folgten ihr Ludwig ging natürlich, so wie er es gewohnt war, nach seinem Platze am Gesindetische.
»Halt!« sagte der Bauer. »Du bist heut nicht im Gesinde, sondern mein Gast. Du setzest Dich mit herüber zum Herrentisch.«
Das war noch niemals da gewesen. Die Knechte und Mägde machten große Augen und sperrten die Mäuler noch weiter auf.
»Du, Christel, hasts gehört?« fragte einer der Knechte, indem er der neben ihm sitzenden Magd einen Rippenstoß gab, daß sie fast vom Stuhle fiel.
Sie griff sich in die Seite, rieb die betreffende Stelle eine Weile und antwortete, als der Athem zurückgekehrt war, den sie in Folge des Stoßes verloren hatte:
»Ja. Das ist ein tausends Wunder!«
»Gradezu ein Mirakel.«
»Der Ludwig mit am Herrentisch!«
Dabei fuhr sie mit dem Löffel, welchen sie voll Milchsuppe hatte, nach dem Ohre, anstatt in den Mund, und da der Löffel dort keinen Eingang fand, so lief ihr die Suppe am Halse herab.
»Da kann noch was draus werden,« nickte der Knecht.
Er war über die Weisheit, welche in dieser Prophezeihung zu liegen schien, selbst so erstaunt, daß er rund im Kreise ein Gesicht nach dem andern anblickte, um zu beobachten, ob diese Klugheit das erwartete Erstaunen hervorrufe. Dabei sah er nicht auf die Schüssel, und da fuhr er nicht nur mit dem Löffel, sondern mit der ganzen, schmutzigen Hand in die Milchsuppe.
»Sakkerment!« sagte sein Nebenmann. »So paß doch auf! Willst Du denn ersaufen?«
»Wo denn? fragte der Gute, die Hand noch immer in der Suppe habend.
»Da, hier in der Schüssel.«
Erst jetzt sah er nieder und gewahrte, wohin er gerathen war.
»Verflucht!« schimpfte er. »Jetzt konnt ich mich verbrennen!«
Er ließ den Löffel drin liegen, zog rasch die Hand zurück und leckte sie sich begierig ab. Dann schaute er rund auf dem Tische herum.
»Was suchst Du denn?« fragte Einer.
»Na, meinen Löffel natürlich.«
»Der liegt ja in der Suppe.«
»Der Esel! Als ob er da hinein gehörte!«
Er langte nun mit der rechten Hand wieder in die Schüssel, um zu fischen und brachte nun endlich den Löffel glücklich heraus.
»Da ist er ja!« meinte er befriedigt.
Er leckte nun behaglich erst den Löffel und dann auch die beiden Hände ab. Dabei bemerkte er, daß die Anderen aufgehört hatten, zu essen.
»Na, macht nun wieder weiter!« munterte er sie auf.
»Was? Wir sollen diese Suppe essen?«
»Na freilich!«
»Wo Du mit den Händen drin herumgelaufen bist! Schau sie nur an! Wie schaut sie aus! Was hast Du denn dran kleben?«
»Wagenschmiere.«
»Damit fährst Du in die Suppe, und wir sollen weiter essen? Pfui, Teufel!«
»So laßts bleiben! Mir ists recht.«
Er zog sich die Schüssel hin und begann nun, sich solo über ihren Inhalt her zu machen, und das mit einem solchen Eifer, daß sie ebenso schnell leer war, als wenn Alle mit gegessen hätten.
Daran war die Auszeichnung schuld, die der Oberknecht erlangt hatte.
Am Herrentische ging es nicht so lautlos wie gewöhnlich zu. Der Bauer war ganz anders als früher. Er redete! Da gab es Fragen und Antworten, Rede auf Rede, daß es schier zum Verwundern war.
Als dann ein Jeder seine Schuldigkeit gethan hätte, sagte der Bauer, sich erhebend:
»Heut Abend gehe ich einmal in die Schänke. Was thust Du, Ludwig?«
»Ich habe einen nothwendigen Gang.«
»Dauerts lange?«
»Das weiß ich noch nicht.«
»Wenns nicht zu spät ist, so kannst Du ein Wenig nachkommen.«
Er zog den anderen Rock an, setzte den Hut auf und ging, nachdem er sich freundlich von Frau und Tochter verabschiedet hatte.
Wieder gab es am Gesindetische Rippenstöße und heimliche Bemerkungen.
Gisela's Gesicht glänzte vor Freude. Daß dem Geliebten eine so große Auszeichnung widerfahren war, erfüllte sie mit Stolz und Glück. Sie wußte nun, daß der Vater mit ihrer Liebe einverstanden sei.
Als sie dann bemerkte, daß Ludwig sich zum Gehen anschickte, schlich sie sich hinaus vor die Thüre, um ihn zu erwarten. Als er kam, ergriff sie seine Hand, zog ihn, um nicht mit ihm bemerkt zu werden, eine kleine Strecke fort und blieb dann stehen.
»Ludwig,« sagte sie innig, »was für ein Tag ist das gewesen!«
»Ein sehr guter!«
»Ein glücklicher, der glücklichste meines Lebens!«
»Weil dera Vater gar so anderst worden ist. Nicht wahr?«
»Ja, und besonders auch weil Du es bist, dem wir es zu verdanken haben. Wie hast Du das nur fertig gebracht?«
»Ich habs dem Vater derzählt.«
»Darf ichs mit der Mutter nicht auch erfahren?«
»Ja, ich werde es Euch schon noch berichten.«
»Heut?«
»Da ist keine Zeit dazu.«
»Wohin willst Du?«
»Das möchte ich Dir wohl gern sagen, doch es geht nicht.«
»So! Es ist also eine Heimlichkeit?«
»Sogar eine sehr große.«
»Und wohl gefährliche?«
»Fürchterlich!« scherzte er.
»So errathe ich es.«
»Gewiß nicht.«
»Gewiß! Du willst eine alte Geliebte aufsuchen, um ihr zu sagen, daß Du nun eine neue hast. Das ist das Gefährlichste, was es geben kann.«
»Meinst Du?«
»Ja. Nimm Dich vor ihr in Acht!«
»Mach mir keine Angst.«
»Ich muß Dich warnen. Ich weiß, was ich so Einem sagen und thun würde. Da kann ich mir nur denken, was Dich erwartet.«
»O wehe! Da möcht ich lieber nicht gehen.«
»Ja, bleib da!«
»Wann ich dürft!«
»Ists denn gar so nothwendig?«
»Ja, es leidet keinen Aufschub. Und wanns Dich beruhigen thut, so will ich Dir sagen, warum ich gehe. Aberst es darfs kein Mensch derfahren.«
»Ich rede es ganz gewiß nicht aus.«
»Es gilt wieder denen Osecs. Sie haben heut was vor, was ich mir mit anschauen muß.«
»Was ists?«
»Eine Pascherei.«
»Du, da kannst Du leicht in Gefahr kommen. Laß es lieber sein!«
»Nein, heut giebts keine Gefahr.«
»Das denkst Du wohl. Aber die Osecs sind natürlich wüthend auf Dich. Wenn sie Dich bemerken, so kann es Dir schlecht ergehen.«
»Sie können mich nicht bemerken. Und selbst wanns mich sehen thäten, so fürcht ich mich vor denen noch lange nicht. Mir kann nun Niemand mehr was anhaben. Da kannst ganz ruhig sein.«
»So? Warum?«
»Wegen Deiner. Wer eine solche Lieb wie ich im Herzen trägt, der ist geschützt in aller Fährlichkeit.«
»Ists denn mit dieser Liebe etwas gar so sehr Schlimmes?«
»Etwas Schlimmes nicht, sondern etwas – – etwas – – ja, wann ich nur gleich das richtige Worten finden thät! In denen Worten hab ich gar nix los. Grad allemalen dasjenige, welches ich haben will, das läßt sich nicht sehen. Aberst in denen Thaten, da leist ich schon Etwas!«
»Ja, im Kegelschieben und solchen Sachen!«
»Auch in anderen und schöneren Dingen.«
»Zum Beispiel?«
»In dera Liebe auch.«
»Ach geh!«
»Glaubsts wohl nicht? Da muß ichs Dir nur gleich beweisen. Ich hab Dir vorher meine Lieb beschreiben wollt, aber nicht den richtigen Ausdruck funden, aberst den richtigen Armdruck, den hab ich gleich. Oder nicht?«
Er zog sie innig an sich.
»Ja,« antwortete sie. »Dieser Druck ist schon fast zu stark.«
»Das muß er sein.«
»Warum denn wohl?« fragte sie zärtlich.
»Weilsts mir sonst nicht glaubst, daß ich Dich so innig lieb habe.«
»Das hast wohl auch dem Vater gesagt?«
»Nein. Mit dem sprach ich von solchen Dingen nicht. Weißt, die Lieb ist eine Heiligkeiten, die nicht in jeden Mund kommen darf.«
»Da hast Du Recht. Darum wollen auch wir recht heimlich mit ihr tun. Nicht wahr?«
»Ja, meine gute, meine liebe Gisela.«
»Aber der Vater muß Dir doch wohl auch ein Wort über mich und Dich gesagt haben?«
»Das hat er freilich than.«
»War es ein freundliches?«
»Ein sehr gutes. Wir dürfen uns lieb haben. Er hat nix dagegen. Und wannst auch Du nix dagegen hast, so möcht ich mir jetzt ein Busserl mit auf den Weg nehmen.«
»Ist das gar so dringend?«
»Ganz nothwendig.«
»Warum?«
»Weil ich da im Gehen immer nur an Dich denk.«
»Das thust wohl gern?«
»Gar so gern. Kannsts glauben.«
»So nimm gleich zwei oder drei.«
»Das werd ich mir nicht zweimal sagen lassen. Komm, gieb Dein liebes Mäulchen her!«
Sie küßten sich, aber nicht nur zwei- oder dreimal, sondern mehrere Male. Dann machte er sich auf den Weg. –
Die Osecs wollten ihre Paquete in der Scheune des Pfarrers von Felsberg versteckten. Dieser Ort, ein kleines Dorf, lag nicht sehr weit von Slowitz entfernt. Ludwig hatte auch erlauscht, zu welcher Zeit sie ungefähr dort eintreffen würden, und so konnte er sich darnach richten.
Das betreffende Pfarrgut lag neben der Kirche, am Anfange des Ortes auf einem kleinen Hügel. Ludwig kannte es gar wohl.
Dort angekommen, begann er zu überlegen. Die Osecs mußten zunächst außerhalb anhalten, um zu recognosciren. Sie mußten sich überzeugen, daß die Luft rein sei. An welchem Orte nun würden sie das voraussichtlich thun?
Es war dunkel. Ludwig ging im Geiste die Oertlichkeit durch. Hinter der Scheune gab es ein wildes Kirschengebüsch. Das war der gelegenste Platz, für Ludwig noch besonders deshalb vortrefflich geeignet, weil nur höchstens vier bis fünf Schritte davon der Pfad vorüberführte, auf welchem sie kommen mußten.
Er kroch also in dieses Gebüsch hinein und machte es sich da so bequem wie möglich. Die Zeit, in welcher die Beiden zu erwarten waren, stand nahe.
Aufmerksam lauschend, hörte er bereits nach wenigen Minuten leise Schritte, welche auf dem Wege hielten, grad gegenüber dem Gebüsche. Ein Flüstern drang zu ihm. Die Worte konnte er nicht verstehen.
Dann kamen zwei Gestalten ganz herbei.
»Wo warte ich?« fragte die eine.
»Hier hinter den Sträuchern. Das ist der schönste Platz dazu,« antwortete die andere.
Sie legten ihre Packete ab. Der Eine, jedenfalls der Sohn, setzte sich nieder. Der Vater schlich sich fort. Nach ungefähr zehn Minuten kehrte er wieder zurück.
»Nun, wie steht es?« fragte der Sohn.
»Alles gut. Nur ein Knecht ist noch auf. Er stand mit der Laterne im Hofe und wird den Umgang gemacht haben.«
»Hoffentlich stellt er sich nicht ewig hin!«
»O nein. Ich weiß, wo die Knechte schlafen. Man kann von hier aus die Fenster sehen, und wir werden das Licht bemerken. Dann können wir hinein. Ich will mich bis dahin niedersetzen.«
Er legte sich neben dem Sohne in das Gras. Ludwig hätte Beide mit seiner Hand erreichen können.
»Du meinst also, daß wir leichte Arbeit haben werden?« fragte der Sohn.
»Sehr leichte. In einer Viertelstunde kann es gethan sein. Dann haben wir morgen den halben Weg und sind gegen elf Uhr im Felsenklamm.«
»Was thun wir heut noch, wenn wir nachher fertig sind?«
»Hm! Weiß auch nicht.«
»Zum Schlafen habe ich noch keine Lust.«
»Ich auch nicht. Der Tag war zu aufregend. Da kommt man nur schwer zur Ruhe. Wollen wir heimwärts durch Slowitz gehen?«
»Meinetwegen.«
»Vielleicht ist noch ein Gasthaus offen. Da trinken wir ein Bier und ärgern die Slowitzer dabei.«
»Schön! Ich wollte, der Kery wäre da. Den häkelten wir an. Nicht?«
»Und gehörig! Die andern Gäste müßten schon heut erfahren, was er morgen zu erleben hat.«
»Das giebt einen Spaß. Den allergrößten Spaß aber würde es mir geben, wenn ich einmal diesem verdammten Knechte, dem Ludwig, Eins auswischen könnte.«
»Dann aber gleich etwas Tüchtiges. Hoffentlich giebt es einmal eine Gelegenheit dazu. Ja, früher, da wäre es leicht gegangen.«
»Wie?«
»Im Keryhofe. Da waren wir mit Kery noch coulant; wir konnten nach Belieben kommen und gehen, auch im Hause umherlaufen. Das ist nun vorbei.«
»Das Haus wird ja unser!«
»Ja, aber der Knecht ist dann nicht mehr da. Wir hätten ihm Etwas in seine Truhe stecken können, meine Uhr oder meinen Geldbeutel. Dann hätten wir aussuchen lassen. Er wäre der Dieb gewesen und hätte in das Gefängniß gemußt.«
»Prächtig! Schade, daß dies nun nicht mehr geschehen kann.«
»Es wird sich schon noch was Anderes finden. Kommt Zeit, kommt Rath. Schau, dort sieht man das Licht. Der Knecht geht also schlafen.«
»Ja. Wir können hinein. Komm!«
Sie nahmen ihre Packete wieder auf und verschwanden in der Richtung nach der Scheune zu.
Jetzt kroch Ludwig aus seinem Verstecke. Er hatte seinen Zweck vollständig erreicht. Seine Absicht war gewesen, zu erfahren, ob die beiden Pascher ihre Packete heut nach diesem Orte bringen würden. Kamen sie, dann führten sie auch auf alle Fälle ihr morgendes Vorhaben aus. Jetzt hatte er diese Gewißheit verlangt und konnte gehen.
Unterwegs dachte er weniger an die Geliebte – trotz der Küsse, die ihn an sie erinnern sollten – als vielmehr an die Schlechtigkeit, an die Verworfenheit dieser beiden Osec. Ihn zum Dieb machen!
Er ballte die Fäuste und murmelte:
»Mich ins Gefängnissen bringen! Oho! Wartet nur bis morgen Abend, sodann steckt Ihr selbst darinnen. Dafür werd ich gern die Sorge tragen.«
Er verdoppelte seine Schritte um baldigst früh vor den Beiden im Gasthofe anzukommen. Hätten sie gewußt, daß er sie belauscht hatte!
Im Gasthofe war nicht nur noch auf, sondern es ging sogar sehr lebhaft da drinnen zu. Die Laden waren zwar verschlossen; aber durch die Lücken derselben drangen doch genug Lichtstrahlen, um zu verkünden, daß sämmtliche Lampen noch brannten.
Ludwig hatte noch nicht die Hausthüre erreicht, so erkannte er bereits die laute Stimme des Schmiedes alias Herrn Musikdirectors. Derselbe schien einen Vortrag zu halten.
Als er die Thür öffnete, drang ihm dicker Tabaksqualm entgegen. Man konnte zunächst wohl die einzelnen Gestalten unterscheiden, nicht aber die Gesichter. Wer längere Zeit hier saß, hatte sich dann an die Atmosphäre gewöhnt und konnte dann auch besser sehen.
Als Ludwig grüßte, richteten sich aller Augen auf ihn. Der Schmied sprang von seinem Stuhle auf und rief erfreut:
»Dera Ludwig! Eine weiße Schwalben! Landsmann, willkommen auch. Wie kommts, daßt Dich mal in das Wirthshausen verlaufen thust.«
»Ich hab Durst.«
»Du? Einen Durst? Na, das ist auch das vierzehnte Wunder auf dera Welt. Das dreizehnte bin ich nämlich selberst, wenn ich mal keinen Dursten hab. Komm her, Ludwig. Trink außi.«
Er hielt ihm einen großen, vollen Maßkrug hin und ruhte nicht, bis Ludwig ihn ausgetrunken hatte.
»So,« sagte er dann. »Nun setz Dich her. Heut laß ich Dich nicht weg von mir. Bist mal in mein Garn gerathen, so magst auch drinnen stecken bleiben.«
Der Schneider und Schuster, die beiden edlen Musici, saßen auch dabei. Man hatte überhaupt mehrere Tische zusammengeschoben und auf diese Weise eine lange Tafel gebildet, an welcher über ein Dutzend Gäste saßen, die sich in einer außerordentlich animirten Stimmung befanden.
Ludwig lachte in sich hinein. Wehe den Osecs, wenn sie es sich beikommen ließen, sich das Mißfallen dieser Leute zuzuziehen.
»Also hierher, gleich neben mich,« meinte der Schmied. »Landsleute gehören zusammen.«
Schon wollte Ludwig, dieser Aufforderung folgend, sich setzen, da ertönte von einem andern Tische die Stimme des Kerybauern:
»Wirst ihn aber doch aus dem Garne lassen müssen, Schmied.«
»Wieso denn?«
»Weil er sich zu uns setzen soll.«
Kery saß nämlich mit den beiden wohlhabendsten Bauern des Ortes beim Kartenspiel. Der Schmied war fast verblüfft.
»Meinst den Ludwig?« fragte er.
»Dich nicht!« antwortete Kery.
»Der soll zu Euch.«
»Hast Du etwas dagegen?«
»Nein, gar nicht. Aberst so eine Auszeichnungen, die ist ja großartig.«
»Dir würde sie jedenfalls nicht widerfahren. Du kannst doch Scat spielen, Ludwig?«
»Wann Ihr nicht zu hoch spielt.«
»Es reicht aus. Und wenn Deine Kasse nicht langt, so helfe ich aus. Komm her.«
Es trat eine tiefe Stille ein. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Der Kerybauer lud seinen Knecht ein, mit ihm Scat zu spielen.
»Erlauben die Herren!« sagte Ludwig, an den Scattisch tretend, um sich auf den vierten Stuhl zu setzen.
Die beiden Bauern nickten bejahend, nicht mürrisch aber auch nicht grad freundlich. Die Nachbarschaft des Knechtes war ihnen keineswegs hochwillkommen; aber einestheils wollten sie Kery nicht beleidigen, und anderntheils war Ludwig doch so beliebt und geachtet im Dorfe, daß sie ihm nicht wehe thun wollten.
»Eigentlich geb ich ihn nicht gern her,« meinte der Schmied. »Er kam grad zur rechten Zeit, um meine Rede anzuhören.«
»Die kann ich hier auch hören,« antwortete Ludwig.
»Nein. Wannst spielst, so mußt dort Achtung geben und nicht hier. Aberst sag mal vor allen Dingen, was für eine Stimmen hast.«
»Wie denn Stimmen?«
»Frag nicht so dumm. Ich mein', obst einen Tenoren oder einen Bassen singst.«
»Meine Stimm ist ein erster Baß.«
»Donnerwetter! Da mußt mitmachen.«
»Was denn?«
»Im Gesangverein. Wir sind nämlich hier drüber einen Gesangvereinen zu gründen, dessen Herr Direktoren ich natürlich werden soll. Machst mit?«
»Wills mir überlegen.«
»Da giebts gar nix zu überlegen. Du machst eben mit. Schneider, Du bist dera Schriftführer. Schreib seinen Namen mit ein. Ludwig Held aus Oberndorf. Erster Bassen mit Solostimme in D-dur. Zwei Kreuzer Steuer wöchentlich und einen halben Gulden Eintrittsgeld. Macht er nicht mit, so zahlt er zwei Gulden und wird noch extra nausschmissen, wann er nicht kommt.«
Der Schneider schrieb das Dictat auf das Eifrigste nieder. Indessen begann bei Ludwig das Spiel. Es nahm ihn so in Anspruch, daß er der Andern wenig achtete.
Jetzt erhob sich der Schmied wieder, klopfte an seinen Krug und rief:
»Silicium, zu Deutsch: Alle sollen die Mäulern halten, wann ich jetzt reden thu. Nun kommt nämlich die Grundsteinrede des neuen Gesangvereins. Ich werde sie halten, Euch zur Belehrung und mir, damit ich nachhero besser trinken kann.«
Er räusperte sich und begann dann:
»Ein jeder Mensch hat Etwas in sich. Wann dasselbige herauskommt, so wirds seine Stimme nannt. Also ein jeder Mensch – –«
»Auch das Vieh hat eine, zum Beispiel die Gans,« warf der Schuster ein.
»Schweig!« rief der Redner. »Ich hab Sicilium sagt, und Ihr haltets Maul. Auch der Esel hat eine Stimm; das sieht man an Dir. Aberst es ist doch keine menschliche. Die Stimm des Menschen unterscheidet sich nämlich von derjenigen des Thieres dadurch, daß sie nach Noten singen kann. Die Stimm ist eine große Gabe Gottes, und wer keine hat, der hat sie durch den Schnupfen verloren und muß Kandiszucker, Lakritzensaft und eingelegte Preußelbeeren fressen. Mehrere Stimmen zusammen heißen ein Terzett, noch mehrerein Quartett, noch viel mehrere ein Sextett, und sinds über zwanzig, so ists auch nett. Besitzt nun ein Dorf Stimmen im Ueberfluß, so singen die schlechtesten daheim, die besten aber gehen ins Wirthshausen und gründen einm Gesangverein, dem sie einen poetischen Namen geben. Welchen Namen wir dem unserigen geben, wollen wir gleich berathen. Wer hat einen Vorschlag?«
»Ich,« rief der Schneider.
»Nun, heraus damit!«
»Adelgundina.«
»Esel! Denkst wohl, weil Deine Alte Adelgunde heißt. Der brauchst keinen Denksteinen hier bei uns zu setzen. Wenns nach Deiner Stimmen ging, so müßt der Name des Vereines heißen Quietschania oder – Sappermenten! Wer kommt da!«
In diesem Augenblicke waren nämlich die beiden Osec hereingekommen. Auch sie konnten vor Rauch nicht sehen, und so bemerkten sie nicht, daß der Schmied den Andern ein Zeichen gab und sodann flüsterte:
»Nun können wir den Verein nicht weitergründen, denn es wird bald Besseres zu thun geben.«
Die Osecs sahen sich um. Außer den bereits besetzten Möbels stand nur noch ein einziger Tisch in der Ecke, derselbe, an welchem gewöhnlich der Nachtwächter seinen Platz hatte. Das wußten sie nicht und setzten sich hin. Sie ließen sich zwei Biere geben und gingen dann leise zu Rathe, wen und wie sie ihn ärgern sollten.
Zunächst wollten sie mit dem Schmied anfangen. Er hatte sich am Sonntag als ihr größter Gegner gezeigt.
»Nun, Herr Musikdirector, wie geht es heut?« fragte der Alte.
Der Schmied antwortete gar nicht. Er that, als ob er gar nichts gehört habe.
»Herr Musikdirector!«
Wieder keine Antwort.
»Schmied!«
Jetzt endlich drehte er sich langsam zu ihnen um und fragte:
»Was soll sein.«
»Wie geht es heut dem Herrn Musikdirector?«
»Weiß ichs? Wie kann ich das wissen.«
»Nun, Du bists ja selber!«
»Ich? Da irrst Dich wohl.«
»Na, wer denn sonst! Ich habs ja am Sonntag gesehen.«
»Ja, das ist was ganz Anderes. Wann ich Sonntags meine Musiken mach, da bin ich dera Herr Kapellmeistern und Musikdirectoren. Des Wochentags aber bin ich dera Schmied und heiße Wenzel.«
»Ach so! Da hast Du wohl auch an Wochentagen kein so großes Maul wie des Sonntags?«
»Nein, da red ich fast gar nicht.«
»Das ist sehr gut. Ein Schmied sollte überhaupt nicht viel reden.«
»Warum?«
»Sondern desto mehr arbeiten, damit er es zu Etwas bringt.«
»Da hast Recht. Was bist denn Du früher gewest?«
»Was ich heut bin.«
»So! Da hasts also auch zu nix bracht, wannst das noch bist, wast früher warst.«
»Oho! Ich hab es weiter gebracht, als Ihr es ahnt. Ihr werdet es aber bald erfahren.«
»Machst mich neugierig.«
»Vielleicht morgen schon.«
»Was giebts denn da?«
»Einen, der aus seinem Hause muß.«
»Du etwa?«
»Das wäre unmöglich. Es ist Einer von Euch, ein Slowitzer.«
»Was! Ein Slowitzer müßte morgen aus seinem Hause?«
Es war eine tiefe Stille eingetreten. Alle lauschten dem Gespräche der beiden Männer. Außer dem momentanen, klatschenden Aufschlagen der Karten dort am Spieltische waren nur die beiden Stimmen der Sprechenden zu vernehmen.
»Wer sollte das sein?« fragte der Schmied.
»Das wirst Du morgen früh erfahren.«
»So! Das soll ich glauben?«
»Glaube es oder auch nicht. Mir ist das sehr gleichgiltig.«
»Ich wüßt aber Keinen, mit dem es so schlecht stünde!«
»Man irrt sich oft in den Menschen. Es ist nicht Alles Gold was glänzt.«
»Das kann bei Dir dera Fall sein.«
»Oho!«
»Ja, Du bist auch so ein Glänzender. Da soll man meinen, es sei Gold, und wenn man es richtig anschaut, so ists nur ein Messing.«
»Da kennst Du mich wenig.«
»Geh! Euch Osecs kennt man schon! Ihr kommt halt nur zu uns, um unsere Bürger zu verschimpfiren. Aberst das kann Euch mal schlecht bekommen. Wann Ihr sagt, es müsse ein Slowitzer aus dem Hause, so kann es leicht werden, daß Ihr aus einem Slowitzer Hause müßt, nämlich hier aus dem Wirthshause. Verstanden!«
»Wir zahlen unser Bier so gut wie Ihr.«
»Dafür dürft Ihr es trinken. Aber zu Anderem berechtigt Euch Euer Geld nicht. Merkt Euch das. Lügen lassen wir uns nicht aufbinden.«
»Es ist keine Lüge.«
»So sagt den Namen.«
»Ist nicht nöthig. Ihr braucht Euch nur umzuschauen.«
»Etwa hier in dera Stuben?«
»Ja.«
»So ist er hierinnen?«
»Freilich.«
»Sakkermenten! Habt Ihr es hört! Einer von uns soll morgen früh aus seinem Haus worfen werden! Wollen wir das dulden? Wer es ist, der mag ehrlich sein und sich melden, damit kein Anderer in denselbigen Verdacht kommt!«
Er hatte das laut und in aufforderndem Tone gesprochen. Aber Keiner meldete sich.
»Siehsts Osec, es ist Keiner da,« sagte er.
»O, der Betreffende wird sich hüten, es einzugestehen.«
»Da kennst unsera Leutln schlecht. Die sind Alle ehrlich. Wär ein solcher da, der thät es sagen. Wannsts so genau weißt, warum sagst da den Namen nicht?«
»Weils nicht nöthig ist. Ich sag nur das, was ich will. Zwingen laß ich mich nicht.«
»So schweig lieber ganz still, sonst kann Dir das Maul stopft werden.«
»Das will ich sehen! Wenn ich die Wahrheit sage, so kann mir Niemand was anhaben.«
Ludwig hatte jetzt eben Karten gegeben und war also für einen Augenblick frei. Er kam zu dem Schmied herüber und flüsterte ihm zu:
»Schaffst sie mit hinaus?«
»Gern.«
»In denen Wassertrog?«
»Sapperment! Das wird hübsch. Wann?«
»Wann ich aufsteh und den Einen nehm, nimmst Du den Andern. Wir Beiden sind genug; Hilfe brauchen wir nicht, aber Lichtern, um sie anzuleuchten.«
»Wird besorgt.«
»Ich verlaß mich darauf.«
Er kehrte an seinen Tisch zurück und spielte weiter, scheinbar sich um das Gespräch gar nicht kümmernd.
Der Schmied wendete sich nach dieser kurzen Unterbrechung wieder an Osec:
»Könnt mans denn nicht wenigstens derrathen?«
»Wenn Du das Geschick dazu hast, ja.«
»Wollens versuchen. Ists ein Junger?«
»Nein.«
»Also ein Alter. Ists ein Armer?«
»Nein.«
»Also ein Reicher. Ists Einer bei uns herüben?«
»Auch nicht.«
»Also Einer am Spieltisch. War er vorher ein guter Freund von Dir?«
»Ja.«
»So ists der Kerybauer?«
»Ich habe nichts dagegen.«
»Schön! Kery, was sagst dazu?«
Der Bauer, an welchem diese Frage ergangen war, wendete sich gleichmüthig um und antwortete:
»Wenn ich es wäre, so hätte ich mich vorhin gemeldet. Ich möchte wissen, wer den Kerybauer von Haus und Hof vertreiben wollte.«
»Ich!« rief Osec, sich stolz von seinem Stuhle erhebend.
»Du?« lachte Kery höhnisch. »Du wärst der Kerl dazu. Bezahle Deine Schulden, bevor Du ehrliche Leute verleumdest!«
»Wer sagt es, daß ich Schulden habe?«
»Ich.«
»Ich habe nur ein Hypothek auf meinem Gute.«
»Ist das keine Schuld? Bezahle sie. Ich habe keine Hypothek. Mein Hof ist vollständig schuldenfrei.«
»Ja, aber Wechsel hast unterzeichnet.«
»Wer behauptet das?«
»Ich.«
»Beweise es.«
»Ich habe sie doch selbst in den Händen.«
»Das ist eine Lüge.«
»Es ist die Wahrheit. Willst Du es etwa noch leugnen?«
»Ja.«
»Bin ich nicht etwa heut deshalb bei Dir gewesen?«
»Ja, aber bist Du nicht etwa heut deshalb bei mir fortgejagt worden?«
»Morgen komme ich wieder.«
»So wirst Du hinausgeworfen.«
»Das wollen wir sehen. Ich werde morgen früh punkt acht Uhr hier in der Schänke sein und von da aus zum Kerybauer gehen, um ihm die Wechsel zu präsentiren. Wenn er nicht zahlen kann, nehme ich ihm das Gut weg, und er muß fort, meinetwegen in das Gemeindehaus.«
»Kery, ist das wahr?« fragte der Schmied mit zornbebender Stimme.
»Nein. Er kann mir keinen Wechsel präsentiren. Er lügt.«
»Was! Ich lüge?« rief Osec. »Seht Ihr es denn nicht, wie es mit ihm steht! Er spielt ja mit seinem eigenen Knechte. Würde er das thun, wenn er noch der reiche Kerybauer wäre? Früher war ihm ein Fürst zu klein, jetzt sitzt er bereits mit dem Gesinde in der Kneipe. Ein Hundsfott neben dem andern.«
»Laternen an!« rief da Ludwig. »Jetzt wird es mir zu bunt.«
»Mir auch,« stimmte der Schmied ein. »Die Osecs sind verrückt worden. Sie haben das hitzige Fieber. Was ist da wohl zu thun?«
»Man muß sie abkühlen.«
»Gut! Landsmann, faß an! Macht die Thüren aufi und leuchtet dazu!«
Drei, vier Laternen brannten, und die Thüren wurden geöffnet. Ludwig packte den alten Osec an, und zwar so, daß diesem gleich die Arme schlaff am Leibe niederhingen. Der Schmied nahm den Jungen. Beide trugen ihre Leute hinaus vor das Haus, wo ein riesengroßer, steinerner Wasserbottich stand, in welchen aus einer Holzröhre kaltes Quellwasser floß.
Die beiden Gefangenen schrieen aus Leibeskräften. Niemand kehrte sich daran.
»Hinein!« rief der Schmied.
»Plumps und Plumps!« erklang es. Vater und Sohn fielen in die eiseskalte Fluth. Sie brüllten grad auf. Sie wollten heraus, wurden aber immer wieder zurückgestoßen.
Es war eine unbeschreibliche Scene. Rund um dem Bottich standen die Männer. Der Trog war nicht tief. Das Wasser ging den Beiden nur bis über die Hüften, und sie waren auch nur beim ersten Male untergetaucht; aber von allen Seiten wurden sie, wenn sie heraus wollten, zurückgewiesen. Man spritzte sie an und warf ihnen ganze Ströme Wassers in das Gesicht.
Sie heulten vor Angst, Wuth und Kälte. Es half ihnen nichts, bis endlich der Schmied das Commando gab:
»Gebt sie frei. Sie haben genug. Nun mögen sie morgen den Kery aus den Hof treiben. Wir werden aber auch dabei sein.«
Die Beiden sprangen heraus und flohen so schnell sie konnten, ihre Hüte in der Schänke lassend. Die Zeche hatten sie nicht berichtigt. Sie wurde für sie bezahlt.
Der Spaß wurde noch einige Minuten lang besprochen, und dann kehrten Alle zu ihrer früheren Beschäftigung zurück, der Schmied mit den Seinen zur Gründung des berühmten Gesangvereines und die Scatspieler zu ihren Karten.
Als später Kery mit Ludwig nach Hause ging, sagte er:
»Die beiden Kerls müssen doch eine entsetzliche Wuth haben, sonst würden sie es nicht wagen, sogar in der Kneipe, wo sie wissen, daß Alles gegen sie ist, zu schimpfen. Ich möchte dabei sein, wenn der Alte morgen früh die Brieftasche öffnet.«
»Ich natürlich auch. Welch ein Gesicht!«
»Vielleicht bekommen wir dieses Gesicht zu sehen.«
»Schwerlich.«
»Es kommt ganz darauf an, ob er die Brieftasche zu Hause erst einmal öffnet, um sich zu überzeugen, daß Alles in Ordnung ist.«
»Das wird er doch.«
»Man sollte es meinen. Aber vielleicht ist er seiner Sache so sicher, daß er es gar nicht für nöthig hält, noch einmal nachzuschauen. Das ist ganz sicher: Wenn er zu uns kommt, so glaubt er, die Wechsel noch zu haben.«
»Das wird dann ein unbezahlbarer Augenblick.«
Es war jetzt mit den Beiden, als ob Vater und Sohn mit einander verkehrten. Zu Hause angekommen, reichten sie sich oben im Corridore die Hand, auch Etwas, was früher niemals geschehen war.
Als Ludwig in seine Kammer, trat, fand er ein anderes, feineres Bett als früher, frisch überzogen und darauf eine Rose. Er drückte sie an die Lippen, denn sie war jedenfalls von Gisela geküßt worden. An die Geliebte denkend, schlief er ein. Er fühlte sich so glücklich wie noch nie in seinem Leben.
Am anderen Morgen wachte er bei Zeiten auf. Er ging durch Hof und Stall, unbeschäftigt, nur um sich zu unterhalten.
»Pst!« hörte er es vom Gartenzaun herüber.
Gisela stand dort, und er eilte natürlich zu ihr. Sie war so morgenfrisch und schön.
»Ich danke Dir!« sagte er, ihr die Hand drückend.
»Wofür?«
»Für die Gute Nacht, gestern Abend.«
»Ich weiß von nichts.«
»Geh! Die Rose.«
»Ja, welche Rose?«
»Auf meinem Bette.«
»Auf Deinem Bette hat eine Rose gelegen? Warte, Christel! Das will ich mir verbitten.«
»Die Christel soll sie mir hingelegt haben?«
»Ja. Ich ließ ihr das Bett überziehen, und so ist sie es gewesen, der Du die Rose verdankst. Vielleicht betet sie Dich im Stillen an?«
»O wehe! Ich habe sie geküßt.«
»Die Christel? Puh!«
»Nein, die Rose.«
»Das will ich eher verzeihen. Ich werde dafür sorgen, daß niemals wieder eine dort liegt.«
»O bitte, alle Abende eine.«
»Was soll das nützen? Du gehst ja fort.«
»Aber ich komme bald wieder.«
»So mache schnell, sonst werden meine Rosen alle.«
»Deine Rosen? Also warst Du es doch!«
»Na, wer sonst!« lachte sie. »Ich wollte es der Christel gerathen haben, Dich mit Rosen zu verehren. Ist Dein Weg gestern von Erfolg gewesen?«
»Vollständig.«
»Du hast die Osecs getroffen?«
»Zweimal. Erst da, wo ich sie suchte, und sodann auch in der Schänke.«
Er erzählte ihr, wie es ihnen da gegangen war. Das verständige Mädchen fand keine Freude daran. Sie sagte:
»Nun werden sie noch wüthender gegen uns, und das kann uns auf keinen Fall einen Nutzen bringen.«
»Sollen sie uns ungestraft öffentlich beleidigen dürfen?«
»Man muß nicht hinhorchen.«
»Aber man hört es doch. Auf einen groben Klotz gehört, ein grober Keil. Diese Kerls halten nicht eher auf, als bis sie so gedemüthigt sind, daß sie gar nicht mehr aufschauen können. Und daß dies geschehe, dafür werde ich sorgen.«
Es war kurz vor neun Uhr, so hielt der Wagen der Osecs draußen vor der Thür. Sie stiegen Beide aus, obgleich es genügt hätte, wenn Einer die Wechsel präsentirt hätte. Sie wollten sich Beide an der Verlegenheit des Kerybauers erlaben.
Sie waren nicht vorher nach dem Gasthofe gegangen. Sie schämten sich, nach der gestrigen Scene sich dort sehen zu lassen.
Die Vermuthung des Kerybauern bestätigte sich. Der alte Osec hatte die Brieftasche eingesteckt, ohne sie erst zu öffnen. Sie hatte das gewohnte Volumen; es war also kein Grund zum Mißtrauen vorhanden gewesen.
Jetzt traten sie nun langsamen, gewichtigen Schrittes herein. Kery hatte dafür gesorgt, daß keine Gesindeperson anwesend sei. Er saß mit Frau und Tochter am Tische. Ludwig stand, eine Cigarre rauchend, am Fenster.
Die Osecs nahmen dieses Mal ihre Hüte ab. Sie grüßten mit ironischer Höflichkeit:
»Guten Morgen den geehrten Herrschaften!«
»Guten Morgen!« dankte Kery kurz.
»Ich weiß nicht, ob wir willkommen sind?«
Als der Alte diese Worte sagte, machte er eine theatralische Geste dabei, die er irgend einem Mitglieds irgend einer herumziehenden Schauspielertruppe, vielleicht dem Zettelträger, abgelauscht haben mochte.
»Mir ist jeder brave Mann willkommen. Heimtücker aber fertige ich schnell ab.«
»Nun, als Heimtücker kommen wir nicht.«
»Soll mir lieb sein.«
»Ich komme sogar mit einer Frage, welche beweisen wird, daß ich Dir mein Vertrauen schenke.«
»Ah! So frage einmal los.«
»Du warst doch gestern Abend im Gasthofe?«
»Ja.«
»Und weißt, wie man uns mitgespielt hat?«
»Hm!«
»Ja oder nein! Weißt Du es?«
»Und kennst auch die Thäter?«
»Natürlich.«
»Gut, das ists, was ich wissen wollte. Ich werde nämlich diese Sache zur Anzeige bringen, und Du wirst mir als Zeuge dienen.«
»Ich? Wie komme ich dazu?«
»Weil Du dabei warst.«
»Es waren auch noch Andere da.«
»Ich möchte aber am liebsten Dich namhaft machen, weil ich weiß, wie gut Du bei dem Gericht angeschrieben stehest. Es trifft sich, daß ich heut noch bei Gericht zu thun habe – Du weißt schon, weshalb – da kann ich die Klage gleich mit vorbringen.«
»Du weißt schon, weshalb? Ich weiß gar nichts. Ich bin in keine Deiner Absichten eingeweiht.«
»Ich meine natürlich, in Deiner Angelegenheit.«
»In meiner? Giebt es denn eine solche?«
»Pah! Verstelle Dich nur nicht! Wenn Du Verstand annimmst, so kann noch Alles gut werden. Ich will mich sogar nochmals zu der Frage herablassen, ob Gisela nicht vielleicht noch einwilligt?«
»Auf keinen Fall.«
»Nun gut, da muß die Freundschaft schweigen und der Geschäftsmann hervortreten. Du weißt doch, weshalb wir kommen?«
»Ihr habt es ja gestern laut genug ausposaunt. Ich aber kann es nicht begreifen.«
»Pah! Da müßtest es natürlich leugnen, um wenigstens bis heut noch als reich zu gelten. Damit aber ists alle. Kannst Du zahlen?«
»Ja.«
»Wie? Was!«
»Was ich schuldig bin, pflege ich zu bezahlen.«
»Auch das, was Du mir schuldig bist?«
»Ja.«
»Donnerwetter! Etwa baar?«
»Baar! Das versteht sich ganz von selbst.«
»Woher hast Du diese Masse Geld?«
»Das kann Dir sehr gleichgiltig sein. Uebrigens kennst Du meine Vermögensverhältnisse nicht im Entferntesten so genau, wie Du zu denken scheinst.«
»O, ich pflege mich nicht zu täuschen. Also wenn Du Geld hast, so ist es mir natürlich lieb. Baares Geld ist mir viel willkommener als der Keryhof, wenn ich ihn Dir erst abpfänden muß. Das macht Kosten, die man niemals ersetzt bekommt.«
»Abpfänden? Meinen Hof abpfänden? Was fällt Dir ein?«
»Na, verstelle Dich doch nicht! Wir Beide brauchen nicht Comödie mit einander zu spielen.«
»Das fällt mir auch gar nicht ein. Ich habe nicht die mindeste Lust, Comödie zu spielen.«
»So wundere Dich auch nicht, wenn ich vom Pfänden spreche.«
»Hm! Närrischer Kerl! Ich glaube gar. Du willst die verrückte Idee, die Du gestern hattest, hier in Wirklichkeit in Scene setzen.«
»Verrückte Idee?«
»Ja, das ist doch eine?«
»Mensch, ich begreife Dich nicht!«
»Und ich Dich auch nicht. Wenn ich nicht annehmen soll, daß Du wahnsinnig bist, muß ich Dich für krank halten. Du phantasirst.«
»Wieso?«
»Nun, ist das nicht geradezu wahnsinnig, nur immer davon zu reden, daß ich Dir schuldig bin. Jetzt kommst Du sogar zu mir herein, und Dein erstes Wort, daß ich Geld auszahlen soll.«
»Natürlich. Ich will endlich mal mein Guthaben eincassiren.«
»Wenn Einer sein ausgeborgtes Geld zurückverlangt, so ist das nur ganz in der Richtigkeit. Aber imaginäre Schulden cassirt man doch nicht ein.«
»Imaginär? Was ist das?«
»Was nur in der Einbildung existirt.«
»Donnerwetter! Meinst Du etwa, daß auch Deine Schuld eine so imaginäre ist? Das wäre stark! Das wäre wirklich stark!«
»Nein, stark ist, daß Du mich nicht in Ruhe lassest und sogar in der öffentlichen Kneipe erzählst, daß Du mich vom Hofe treiben willst. In Rücksicht auf alte Freundschaft zu Dir habe ich bisher dieses Verhalten einfach ignorirt. In Zukunft aber muß ich es mir auf das Strengste verbitten!«
Osec sperrte den Mund sperrangelweit auf und rief:
»Der Teufel soll mich holen, wenn ich Dich begreife! Ich möchte darauf schwören, daß Einer von uns verrückt ist!«
»Das weiß ich schon lange. Ich aber bin geistig kerngesund. Du leidest an dieser wunderlichen Monomanie.«
»Monomanie! Was ist nun wieder das?«
»Wenn ein Irrer immer eine und dieselbe Idee hat und nicht von ihr abzubringen ist. Du leidest an der Idee, daß ich Dir eine große Menge Geld schuldig sei. Und doch ists eben nur Monomanie.«
»Mo-no-ma-nie! Himmelsakkerment! Das lasse ich mir nicht länger gefallen. Zahlst Du oder nicht?«
»Was ich schuldig bin, bezahle ich.«
»Dann heraus mit dem Gelde!«
»Dir bin ich nichts schuldig.«
»Soll ich es Dir beweisen?«
»Natürlich!«
»Hier sitzt das Finanzministerium!« sagte Osec triumphirend, indem er an die Brusttasche klopfte.
»Nun, so laß diese Excellenzen doch mal raus!«
»Sogleich, sogleich! Aber wehe Dir, wenn Du nachher kein Geld hast!«
Er nahm die Brieftasche heraus, schlug mit der flachen Hand darauf und sagte:
»Das ist der Keryhof.«
Kery zuckte mitleidig die Achsel.
»Eben Deine alberne Idee.«
»Idee? Diese Idee soll sofort zur Wirklichkeit werden. Ist etwa ein Sichtwechsel eine Idee?«
»Nein, sondern sogar etwas sehr Reales.«
»Nun, so will ich Dir diese Realitäten vorreiten. Macht mal Platz hier!«
Er war an den Tisch getreten, schob Alles, was darauf stand und lag, zur Seite, als ob er aufzählen wolle, und öffnete die Brieftasche. Sein Sohn stand an seiner Seite und zeigte jenes, breite, dumme, selbstgefällige Lächeln, welches Leuten seines Schlages eigen zu sein pflegt. Es hieß so viel wie:
»Paßt auf! Jetzt kommt es! Ihr seid Alle Lumpen. Nur allein wir Beide sind die richtigen Kerls!«
Der Alte hatte den Verschluß der Tasche aufgezogen. Er legte nun die Hälften auseinander und wollte in die Abtheilungen greifen. Da wurde sein Gesicht leichenblaß und sein Auge starr. Es war, als ob er plötzlich versteinert sei.
»Na, heraus damit!« sagte Kery.
Osec antwortete nicht. Er war noch immer wie ganz steif.
»Was hast Du denn?«
»Das – das – das ist ja – eine – eine Zeitung!« stotterte er.
»Eine Zeitung! Das konnte ich mir denken! Wo sollten die Wechsel herkommen! So eine alberne Monomanie! Geh nach Hause, leg Dich zu Bette und laß Dir kalte Umschläge machen. Die werden Dir gut thun!«
»Umschläge! Ich und Umschläge!« schrie Osec. »Ich bin bestohlen worden!«
»Bestohlen? Von wem denn?«
»Weiß ichs? Weiß ichs?«
»Was soll man Dir denn genommen haben?«
»Deine Wechsel und die Pascherquittungen.«
»Pascherquittungen? Du hättest welche gehabt? Du, das sage ja Niemandem, sonst könnte es Dir schlecht ergehen.«
»Sie sind fort! Alle, alle! Man hat mir Zeitungspapier hineingesteckt!«
»Du jedenfalls selbst!«
»Ich? Ich? Was fällt Dir ein! Ich kenne dieses Papier gar nicht.«
»Siehe es Dir doch nur an!«
Osec nahm die Zeitung heraus und betrachtete sie. Er war abermals überrascht.
»Ja,« rief er, »diese Zeitung ist auch von mir. Es ist die Nummer der Prager ›Politik‹, die ich mir wegen einer Annonce extra habe kommen lassen.«
»Na,« lachte Kery, »da sage ja nicht, daß Du bestohlen worden seiest! Die Zeitung gehört Dir. Wer anders als Du soll sie hineingethan haben?«
»Und ich bins doch nicht gewesen!«
»Kein Anderer!«
»Junge, sage einmal, wo steckten die Wechsel?«
»Hier in der Nothen; das weiß ich ganz gewiß,« antwortete sein Sohn.
»Also!«
»Unsinn!« meinte Kery. »Geh nach Hause, und suche nach! Suche Alles aus! Dann wirst Du überzeugt sein, daß Deine ganze Idee von meiner Schuld nur ein Aberwitz gewesen ist.«
»Was, Du willst es leugnen?«
»Ja.«
»Alles?«
»Alles!«
»Junge, hat er uns nicht kürzlich einen Wechsel auf Sicht über fünfzehntausend Gulden acceptirt?«
»Ja, Vater.«
»Du weißt es ganz gewiß? Du warst mit dabei?«
»Natürlich. Ich habe sogar dabei gestanden, als Du den Wechsel mit der Empfangsbescheinigung zu den anderen Papieren in diese Brieftasche legtest.«
»Na also!«
»Bei Euch ist nicht nur Einer verrückt, sondern Ihr seid es alle Beide. Wofür sollte ich Euch denn einen solchen Wechsel gegeben haben?«
»Für Pascherwaaren.«
»Was? Ihr liefert Schmuggelgüter? Das laßt ja Niemandem hören. Das wird sogar sehr streng bestraft. Es soll sogar vorkommen, daß ein Geisteskranker sich einbildet, einen Wechsel auf fünfzehntausend Mark für Lumpen und altes Papier bekommen zu haben. Der Wahnsinn spiegelt dem Menschen doch die tollsten Dinge vor!«
Die beiden Osecs blickten ganz erstaunt auf den Sprecher.
»Was?« fragte der Alte. »Du willst leugnen, von mir Pascherwaaren bezogen und dann weiter geschickt zu haben?«
Da legte Kery ihm die Hand auf die Achsel und fragte in strengem Tone:
»Sage mir zunächst, ob Du verrückt oder bei Sinnen bist?«
»Ich bin sehr wohl bei Sinnen.«
»Nun gut, so muß ich mit Dir reden als mit einem Manne, der für das, was er sagt, verantwortlich gemacht werden kann.«
Und mit erhobener, fast donnernder Stimme fuhr er fort:
»Also verbitte ich mir jede derartige Anschuldigung! Sagst Du mir noch ein einziges solches Wort, so lasse ich Dich sofort arretiren und als Paschhändler bestrafen. Merke Dir das! In solchen Dingen verstehe ich keinen Spaß!«
»Donnerwetter!« sagte Osec, indem er erschrocken zurückfuhr, »es passiren weiß Gott ganz unmögliche Dinge!«
»Das sehe ich an Dir. Ich soll gepascht haben. Ich soll Dir Geld schuldig sein, und weiß kein Wort davon!«
»Es ist aber doch wahr!«
»Beweise es!«
»Die Wechsel sind fort!«
»So geh, und verklage mich!«
»Das muß ich thun!«
»Sage aber dabei gleich, wofür ich Dir das Geld zu geben haben soll, nämlich für gelieferte Pascherwaaren!«
Osec blickte starr vor sich nieder. In seinen Zügen lebte ein ganz unbeschreibliches, leidenschaftliches Spiel. Kery legte ihm die Hand auf die Achsel und fragte lächelnd:
»Nicht wahr, Alter, jetzt überlegst Du, wer wohl der größere Schurke sei, Du oder ich? Ja, es wird selbst der Gescheidteste, sogar selbst ein Osec überlistet. Gehe nach Hause, und such nach den Wechseln. Sobald Du sie gefunden hast, werde ich sie einlösen müssen.«
Da blickte Osec zu ihm herüber. Sein Gesicht hatte etwas Raubvogel-, etwas Geierartiges.
»Kery,« zischte er, »jetzt weiß ich Alles!«
»So! Nun?«
»Du hast sie mir gestohlen!«
»Pah! Wann denn?«
»Ja, das weiß der Teufel!«
»So frage ihn!«
»Gieb sie heraus!«
»Ich habe sie nicht.«
»Mensch, Du hast sie! Gieb sie heraus! Ich will Dir die Hälfte schenken!«
»Und wenn Du mir Alles schenkst, so kann ich sie Dir nicht geben.«
»Warum nicht?«
»Weil ich sie nicht habe. Ich kann sie ja gar nicht haben. Sie sind ja imaginär, nur eingebildet.«
»Donnerwetter! Mach mich nicht verrückt!«
»Das bist Du schon seit langer Zeit.«
»Und ich weiß nun, daß Du sie hast! Ich verlange sie wieder! Heraus mit den Wechseln, sonst geschieht Unheil!«
Da trat Ludwig zu ihm heran und sagte:
»Alter Sünder, wannst keine Ruhe giebst, so trag ich Dich augenblicklich wieder in das Wassern wie gestern Abend. Du hast Dich hier still und höflich zu verhalten! Du hast hier lang genug den Herrn spielt; nun kannst auch mal zu Kreuz kriechen. Wannst noch ein Wort sagst, was mir nicht gefallt, so ists um Dich geschehen!«
Da nahm der Alte sein Zeitungspapier, steckte es in die Brieftasche und schob diese Letztere in den Rock. Dann trat er hart an den Bauer heran und zischte:
»Kery, wir sind nicht etwa fertig mit einander. O nein. Wir fangen erst mit einander an. Denke nicht, daß Du gewonnen hast! Ich will und muß Dein Meister werden.«
»Versuche es! Gieb Dir alle Mühe!«
»Das ist nicht nöthig. Ich bin von Natur klüger wie Du, der Du doch ein ausgesprochener Dummkopf bist. Leb wohl einstweilen! Wir sehen uns wieder!«
Er ging mit dem Sohne fort. Sie stiegen in ihren Wagen. Der Sohn lenkte die Pferde. Der Alte saß still und in tiefe Gedanken versunken neben ihm. Er preßte die Lippen zusammen und zuweilen knirschten die Zähne laut an einander.
»Was sagst Du dazu, Vater?« frug der Sohn.
»Sag erst, was Du denkst!«
»Vielleicht liegen die Wechsel zu Hause?«
»Sie sind nicht aus dieser Tasche gekommen. Darauf will ich meine Seligkeit setzen.«
»Aber wie kommen sie heraus und die Zeitung hinein?«
»Darüber denk ich eben nach. Kery hat sie mir gestohlen.«
»Unmöglich!«
»Pah! Oder stehlen lassen.«
»Durch wen?«
»Wenn er sie hat stehlen lassen, dann durch keinen Andern als durch diesen verdammten Ludwig.«
»Er war ja zornig auf ihn!«
»Verstellung.«
»Hat ihn sogar fortgejagt.«
»Aus Diplomatik. Er hat ihn gehen heißen, um ihm Zeit zu geben, den Coup auszuführen. Aber wann ists geschehen? Wir müssen daheim nachsuchen. Der Dieb kann nur durch das Fenster gedrungen sein, und – alle Teufel!«
»Was ists?«
»Da fällt mir ein, daß ich diese Zeitung, welche sich jetzt in der Brieftasche befindet, auf das Fenster gelegt hatte. Fahr zu; fahr zu!«
Kaum waren sie zu Hause angekommen, so eilten sie nach oben. Sie durchsuchten zunächst die Kästen der Rollkommode nach den Wechseln – vergebens.
Sodann wurde das Fenster untersucht.
»Schau,« sagte der Alte. »Hier hat ein Messer gesteckt. Der Dieb ist durch das Fenster ein- und ausgestiegen. Hier hat er die Spitze seines Taschenmessers in den Fensterrahmen gestochen, um das Fenster zuziehen zu können. So weit sind wir also, und hoffentlich kommen wir auch noch weiter. Der Keryhof soll mir nicht verloren gehen, und sollte ich ihn umlagern Tag und Nacht!«
Mit dem resultatlosen Besuche der beiden Osecs hatte die Angelegenheit Kerys ihren vorläufigen Abschluß gefunden. Ludwig hatte für heute in Slowitz nichts mehr zu suchen und begab sich also auf den Weg nach der Grenze. Er machte Anzeige über das beabsichtigte Vorhaben der beiden Pascher und mußte mit einem Grenzoberbeamten nach Felsberg gehen.
Der dortige Pfarrer erstaunte nicht wenig, als er hörte, daß seine Scheune den Paschern zur Niederlage diene.
»Welch eine Frechheit!« klagte er. »Nicht einmal die Wohnung eines Geistlichen ist mehr sicher vor dem Verbrechen. Schaffen wir schleunigst die Packete fort!«
»Das geht nicht, Hochwürden,« meinte der Beamte. »Wir wollen nicht nur die Packete, sondern auch die Pascher.«
»Wollen Sie diese in meiner Scheune ergreifen?«
»Auch das nicht. Wir würden nur die Zwei erwischen; aber wir wollen auch die Andern haben, welchen die Packete übergeben werden. Darum müssen die Letzteren hier bei Ihnen liegen bleiben, und keiner Ihrer Leute darf eine Ahnung davon haben. Wenn die Pascher kommen, müssen sie Alles ganz genau so vorfinden, wie sie es verlassen haben.«
Er stieg dann ganz allein in der Scheune empor, um nach den Packeten zu suchen. Er fand sie auch und kam dann wieder herab. Er empfahl dem Pfarrer, den Schmugglern ja nichts in den Weg zu legen und entfernte sich sodann mit Ludwig.
Dieser bat, bei der Festnahme der Osecs mit zugegen sein zu dürfen, und diese Bitte wurde ihm bereitwilligst gewährt. Der Beamte bestimmte ihm für den Abend ein Rendez-vous, und dann trennten sie sich.
Ludwig ging nach Oberdorf zu seiner Mutter, verbrachte da die ersten Stunden des Nachmittages und begab sich nachher hinab nach Hohenwald, um die Personen, mit denen er seit dem Montage dort Bekanntschaft geschlossen hatte, zu besuchen.
Er gedachte auch, vielleicht den König zu sehen; dieser war aber nicht mehr da, sondern – nach Oberdorf gegangen, woher Ludwig kam. Daß Beide sich nicht begegnet waren, hatte seinen Grund in dem Umstande, daß Beide verschiedene Wege eingeschlagen hatten.
Am Morgen war ein Courier nach der Mühle gekommen und hatte eine große Mappe verschiedener Scripturen gebracht. Nach Erledigung derselben hatte der König zwei von ihnen zu sich gesteckt und war dann nach Oberdorf aufgebrochen.
Er kannte die Richtung, in welcher das Dorf lag, und glaubte, nicht fehl gehen zu können. Sein Ortssinn war ihm ein vortrefflicher Führer. Obgleich er nur Fußpfade eingeschlagen hatte, sah er doch in vorausgesehener Zeit den kleinen, armen Gebirgsort vor sich liegen.
Ein wenig müde von der Wanderung, setzte er sich auf einen mit Moos bewachsenen Fels nieder, welcher wie eine breite Bank aus der Bergwand ragte.
Die Stelle war eine recht traulich heimliche. Drunten im Grunde lag das Dorf, rechts und links zog sich dichtes Buschwerk die Höhen hinan, und gegenüber stieg ein schwarzer Hochwald düster empor. Hier und da schlang sich ein Bächlein wie ein Silberfaden durch das Grün.
Der Ort, an welchem der König saß, mußte zuweilen besucht werden, wie aus gewissen Spuren und Anzeichen zu errathen war.
Bald hatte er sich ausgeruht, und schon schickte er sich an, den Fels zu verlassen und zu Thal zu steigen, da ließ sich erst rechts und sodann auch links ein Jauchzer hören, der erstere von einer männlichen, der letztere von einer weiblichen Stimme.
Diese Jauchzer wiederholten sich und kamen dabei näher. Es war klar, daß die beiden Personen sich treffen wollten, und zwar wahrscheinlich hier.
Warum er es that, er wußte es eigentlich auch nicht – der König zog sich zurück. Aber er ging nicht abwärts, wo er einer der beiden Personen begegnet wäre, sondern er stieg von seiner Bank zu einer zweiten Felsplatte empor, welche wie ein Baldachin die erstere überragte und mit Sträuchern und Gras bestanden war. In das Letztere ließ er sich nieder und verhielt sich von jetzt an ganz ruhig.
»Hanna!« ertönte es jetzt anstatt des bisherigen Jauchzers von links herüber.
»Stephan!« antwortete es von rechts.
Nach wenigen Augenblicken vernahm der König Schritte. Er bog den Kopf vor und sah einen kräftigen Burschen, welcher die landläufige Gebirgstracht trug und mit raschen Sprüngen sich der Felsbank näherte.
Das war jedenfalls Stephan, der gerufen worden war. Seine Kleidung ließ errathen, daß er nicht reich sei. Sein offenes Gesicht machte einen sympathischen Eindruck, doch lag um seine Mundwinkel ein herber Zug, welchen es früher in diesem Gesicht wohl nicht gegeben hatte. Er bildete etwas Fremdartiges, was nicht in die früher heitere Physiognomie paßte.
Bald kamen auch von rechts herüber Schritte. Zwischen den Büschen trat ein schlankes Mädchen hervor, von ebenmäßiger Gestalt und hübschen, regelmäßigen Gesichtszügen, bei deren Anblick der König sofort an den Oberknecht Ludwig Held dachte.
Auch sie war ärmlich, aber außerordentlich sauber gekleidet. Sie hätte noch für frisch gelten können, wenn sich nicht ihre Mundwinkeln wie entsagend herabgebogen und an ihren Augen jene Fältchen gezeigt hätten, welche man Krähenfüße nennt.
Trotzdem war sie ein gar stattliches und begehrenswerthes Kind.
»Bist da, Stephan?« sagte sie, ihm die Hand bietend. »Hast gut Zeit gehalten.«
»Ja, Hanna, wir können schon gut Zeit halten. Wir haben es lernen mußt.«
»Klagst schon gleich wieder!«
»Ich möcht nicht aufihören mit klagen. Wann man sich so gar lieb hat wie wir und ist an die sieben Jahren in allen Ehren mit nander gangen, und es heißt immer nur Warten, Warten, so will das Herzerl doch auch mal unwillig werden. Andera, die sich lieben, die dürfen sich auch holen.«
»Hast mich ja, Stephan!«
»Ja, wann denn? Mal auf eine Viertelstund. Nachhero mußt gleich wieder hinab zu dera Muttern.«
»Sei stät, Bub! Dera Herrgott weiß am Besten, was gut ist für den Menschen.«
»Das glaub ich wohl; aberst das gefallt mir nimmer, daß grad für uns Beiden allein das Warten gut sein soll. Du tröstest immer und immer, um mir Muth zu machen. Aberst ich weiß es, wannst allein bist so siehts gar anderst aus. Dann kommts auch trüb und bitter heraufi aus dera Seel, und in denen guten, lieben, braunen Guckerln laßt sich ein kleines Wassern sehen. Hab ich Recht, Hanna?«
Er schlang den Arm um sie und zog sie an sich.
»Ja, kannst rechtschaffen Recht haben,« antwortete sie, den Kopf an seine Schulter lehnend.
»Ja, das hab ich mir denkt. Unsera Jugend geht vorübern, und nachhero, wanns Alter kommt, haben wir uns noch immer nicht. Warum? Vatern sagt, auf dem Höhlbauershof kann der Herr keine Frau mit Kindern dernähren. Er hat Recht, denn es ist ein gar wüstes Land, und aus Steinen machst kein Brod. Euer kleines Hüttle ist eigentlich für eine Ziegen zu eng, und doch wohnst mit dera Muttern und dera Kuh darinnen, und wann dera Ludwig mal kommt, findet er auch noch einen Platz. Aberst was für einen! Daß es Gott derbarm. Und was habts zu essen! Die Kuh hats noch am Allerbesten von Euch.«
»Der Ludwig bringt auch zuweilen ein Geld!«
»Ja, dera Gute nimmt sichs aus dem Leben heraus. Und doch könntens wir Beid so sehr viel besser haben. Ich hatt eine Reiche, und Du hattst einen Reichen; aber wir hatten nur uns lieb und blieben lieber ledig. Zusammen können wir nicht, und so bleiben wir die Einsamen, aberst auch die Treuen. Nicht wahr?«
Sie nickte nur. Sie hätte schluchzen müssen, wenn sie geredet hätte, und das wollte sie doch nicht. Sie durfte ihrem Herzensbuben das Leben nicht noch schwerer machen.
Nun saßen sie eine ganze Weile still und innig beisammen. Er streichelte lind und ohne Aufhören ihr seidenweiches Haar. Sie mußten sich recht herzlich lieb haben. Dann sagte er plötzlich:
»Sakra! Das hätt ich gar bald vergessen. Ich hab Dir was mitbracht.«
»Eine Blumen wohl?«
»Dieses Mal was ganz Andres. Ich war unten in dera Stadt. Da gabs einen vornehmen Herrn mit zweien Fräuleinen, denen hab ich den Weg zeigt. Dabei setztens sich niedern und brachten eine Düten hervor mit allerlei Delikatessen vom Conditoren. Ich muß recht Augen macht haben beim Zuschauen, denn das eine Fräuleinen fragt mich, ob ich noch nicht so was gessen hab.«
»Im ganzen Leben nicht,« hab ich antwortet.
»Auch Dein Dirndl nicht?«
»O, das Dirndl hat noch weniger für das Schnaberl als ich.«
»Als sie das hört, hat sie gleich die Düten zumacht und mir in die Taschen einisteckt. Ich solls meinem Dirndl geben. Hier hasts, Hanni!«
Er zog die Düte aus der Tasche und gab sie ihr.
»Was ists?« fragte sie. »Eine Conditoreien! So was hab ich fast noch gar nie sehen. Laß mal schauen. Es sind noch vier Stuckerln drinnen; aberst wie sie heißen, das weiß ich halt nicht.«
»Wanns nur schmeckt!«
»Mußts auch kosten. Da!«
»Dank schön! Unsereinem ist ein Tabak lieber.«
»Und hast keinen?«
»Von nix stirbt man nicht, ist also auch gut. Aberst, was legst denn die Düten weg? Sollsts ja essen.«
»Nein, Buberl, das eß ich nicht.«
»Wer sonst?«
»Zwei Stuckerln bekommt die Muttern und zwei die Bas daneben. Die ist krank und kann fast gar nix mehr genießen. Vielleicht schmeckt ihr diese Conditoreien.«
»Bist doch eine Gute!«
»O nein! Ich bin oft auch eine richtige Zuwiderwurzen, und die Mutter hat manche liebe Noth mit mir.«
»Weiß schon, woher das kommt.«
»Nun, woher?«
»Von dera Lieb, wanns warten muß. Man wird gar so leicht ungeduldig. Und noch Eins bring ich mit, was grad schön für uns paßt. In dera Stadt hab ich ein Bier trunken. Da lag ein Buch auf dem Tisch und ich las darinnen. Da stand das, was ich für Dich abschrieben hab. Soll ichs lesen?«
»Bitt schön, mein guter Stephan!«
Er faltete einen mit Bleistift beschriebenen Zettel auseinander und las:
»Trost.
Horch, klopfte es nicht an die Pforte?
Wer naht, von Himmelsduft umrauscht?
Woher des Trostes süße Worte,
Auf die mein Herz voll Andacht lauscht?
Wer neigt, als alle Sterne sanken,
Mit mildem Licht und stiller Huld
Sich zu dem Staub- und Erdenkranken?
Es ist der Engel der Geduld.
O, laß den Gram nicht mächtig werden,
Du tiefbetrübtes Menschenkind!
Wiß, daß die Leiden dieser Erden
Des Himmels beste Gaben sind,
Und daß, wenn Sorgen Dich umwogen
Und Dich umhüllt des Zweifels Macht,
Dort an dem glanzumfloss'nen Bogen
Ein treues Vaterauge wacht.
O laß Dir nicht zu Herzen steigen
Die lang verhaltne Thränenfluth.
Wiß, daß grad in den schmerzensreichen
Geschicken tiefe Weisheit ruht,
Und daß, wenn sonst Dir nichts verbliebe,
Die Hoffnung doch Dir immer lacht,
Da über Dich in ewger Liebe
Ein treues Vaterauge wacht.
O, wolle nie Dich einsam fühlen!
Obgleich kein Aug sie wandeln sah,
Die sorgenheiße Stirn zu kühlen,
Sind Himmelsboten immer nah.
Wer gern dem eignen Herzen glaubte,
Der kennt des Pulses heilge Macht.
Drum wiß, daß über Deinem Haupte
Ein treues Vaterauge wacht.
Drum füge Dich in Gottes Walten,
Und trag Dein Leid getrost und still.
Es muß das Herz ihm stille halten,
Wie ers zum Lichte führen will.«
Als er geendet hatte, sagte sie nichts. Sie lag an ihn gelehnt, den Kopf an seiner Schulter. Sie nahm das Papier aus seiner Hand, drückte es an ihr Herz und weinte leise vor sich hin.
Das war eine Scene so still, so ergreifend. Das waren zwei gute, herzliebe Menschen. Dem Könige stand das Wasser in den Augen. Nach längerer Zeit seufzte der Bursche:
»Ich möcht' doch mal nur für eine Stund wissen, wie es ist, wann man reich ist. Nur für eine Stund. Das möcht gar schön sein. Ich thät mir Eins wünschen, nur Eins und weiter nix.«
»Und was würdest Du Dir wünschen?«
»Dich!«
Sie umschlangen einander eng und warm. Sie küßten sich, aber in einer Weise, welche deutlich verrieth, daß an dieser reinen Liebe kein anderer als nur der Wurm der Armuth nage.
»Weißt,« tröstete sie, »die Reichen sind auch nicht alle glücklich.«
»Das ist freilich wahr. Zum Exempel, ich möcht nicht König sein.«
»Warum?«
»Er hat Alles, was sein Herz begehrt. Aber hat er eine Tabakspfeifen, wann er Appetit verspürt? Darf er ein Bier trinken und einen Schafkopfen spielen? Hat er so ein Dirndl wie ich, was er lieb haben will und lieb haben kann? Nein, ich thät doch nicht mit ihm tauschen. Er ist der Sclaven von seinem Amt. Und grad dera unserige ist so ein lieber und guter! Das ist eine Seel und ein Gemüth von einem Menschen. Da droben hat er eine Sennerin zur Sängrin macht und drunten in Scheibenbad einen armen Fährmann zum Virtuosen. Hasts auch hört?«
»Ja. Die Bas hats verzählt, und Alle haben sich drüber gefreut.«
»Du, wann der mal heraufi käm!«
»Geh! Da thätst vor Angst zittern!«
»Ich! Was denkst von mir!«
»Vor einem König? Und nun gar vor so einem! Ich thät gleich in die Knieen zusammenbrechen. Schon wann man einen noblen Herrn schaut, er braucht gar kein König zu sein, da hat man gleich eine Angsten und Bangigkeiten. Weißt, so einen, wie den Herrn Ludwigen in Hohenwald.«
»Kennst den?«
»Nein. Mein Brudern, dera Ludwig, hat ihn mir beschrieben und dabei sagt, daß er ein gar feiner, guter und vornehmer Herr sei. Den habens gar dermorden wollen.«
»Sollt mans denken!«
»Ja, zwei Slowaken sinds west; aber mein Brudern hat ihn warnt.«
»So hat er ihm wohl das Leben gerettet?«
»Fast möcht ichs denken.«
»Der Glückliche! So wird er wohl auch eine Belohnungen erhalten.«
»Nein. Er hat sagt, daß er diesen Herrn Ludwigen so von Herzen lieb hat, daß er nix, gar nix von ihm annehmen mag.«
»Ist er nicht da dumm? Dieser Herr kann es ja vielleicht geben. Für ihn ists gar nix, und für Unsereinen ists wie eine Million.«
»Geh! Bist auch ein Sauberer! Willst Dir eine Gutthat gleich bezahlen lassen!«
»Hanna, was denkst von mir! Kennst mich denn nicht besser? Ich habs ja gar nicht so meint, wie Du es nommen hast. Hab ich nicht sagt, daß ich mit dem König nicht tauschen thät? Aber, denk mal, wann ich dem guten König Ludwig einen Dienst derweisen könnt, der ihm was werth wäre und er könnt mich und Dich mit einem Worte glücklich machen, so könnt ichs wegen meiner wohl abschlagen, aber nicht wegen Deiner und seiner. Für ihn wärs ja eine große Beleidigungen, und außerdem thäts ihn drücken und nagen sein Lebelang, daß er einem armen Teufel was schuldig ist und hats nicht abtragen können. Kannsts mir glauben, ein gutes Wörtle von einem armen Arbeiter kann einen braven König so glücklich machen wie Unsereinen hunderttausend Thalern.«
»Ja. Das kann ich mir schon denken. Aber es soll auch gar grausam sein, was so ein großer Herr immer zu geben hat. Das soll man nicht thun. Schau, mein Vatern ist auf dera Jagd, wo er Treiber wesen ist, von einem hohen Hofherrn so ins Bein schossen worden, daß es ihn hat abschnitten werden mußt. Er ist ein Krüppel worden und hat fast gar nix mehr verdienen können. Viele haben ihm sagt, er soll doch an den König schreiben. Der Herr Pfarrer hat ihm ein gutes, ein schönes Attestum geben wollt; aber er hat stets antwortet, daß er das nicht thun mag, weil dera gute König für so viele Andre auch zu sorgen hat. Er hat lieber hungert mit uns und ist auch bald vor Armuth storben. Der Herrgott schenk ihm die Seligkeit, dem treuen Vatern. So solltens Andre auch machen. Schau, mein Brudern hat von dem Herrn Ludwigen nichts nommen; dera Dank dafür ist ihm sogleich vom Himmel schickt worden. Er war vorhin hier und ist ganz glücklich gewest, denn dera steinreiche Kerybauer drunten in Slowitz will ihm die Gisela, sein einzigs Kind geben. Wir haben vor Freud und Seligkeit so weinen mußt, und das war die frohe Botschaft, die ich Dir bringen wollt; darum hab ich Dir das Zeichen geben, daßt aufikommen sollst.«
»Wast sagst! Dem Kerybauer seine Gisela?«
»Ja.«
»Das allerschönst Dirndl und so reich!«
»Sie hat ihn so lieb und er sie auch. Und ich glaub, er muß dem Kery auch einen schönen Dienst erwiesen haben, denn der hat ihn gleich mit an den Herrentisch nommen und auch sogar im Gasthofen mit ihm Karten spielt.«
»Sappermenten! Das heißt Etwas! Das kann mich gefreuen. Das ist grad so, als obs mir selbsten widerfahren sei. Dera Ludwig ist ein Braver, den ich sehr lieb hab und alles Gute gönnen thu.«
»Sollst nur meine Mutter hören! Die schwebt jetzund in allen Himmeln.«
»Und Du auch mit!«
»Ja, denn weißt, wann nachhero dera Ludwig Bauer ist, dann wird er schon auch drauf schauen, daß wir Beid zusammenkommen. Denkst nicht auch?«
»Ja, das thut er ganz gewiß.«
»Und freust Dich drauf?«
»Das kannst Dir denken! Freilich darfst nicht zu viel von ihm verlangen. Wann er auch die Tochtern nimmt, so ist er doch dera Bauer nicht. Er bleibt so arm wie vorher und kann nicht von seinem Schwiegervatern verlangen, daß der um unsertwillen ein großes Opfer bringt.«
»O Jegerl! Daran hab ich gar nicht dacht. Ich hab glaubt, die Hilf sei nun nahe.«
»Nein. Das darfst dem Bruder gar nicht anthun, daßt ihn um was bittest. Du machst ihm da nur Schmerz und Verlegenheiten. Wollen lieber geduldig noch ein paar Jährle warten. Dera Herrgott wird dann schon ein Einsehen haben. Wann wir uns nur lieb behalten. Vielleicht derscheint uns nachhero mal eine Fee und giebt uns einen Wunsch auf, der in Erfüllung geht.«
»Wanns nur auch welche gäbe!«
»Leider! Ja, es sollt welche geben. Das war eine Herrlichkeiten, wann zum Beispiel jetzt, in diesem Augenblicke eine Stimme vom Himmel herab käme und zu mir sagte – – –«
Er wollte weiter sprechen; er wollte sagen, welche Worte er von dieser Himmelsstimme hören möchte; aber er verstummte, denn in demselben Augenblicke erscholl es über ihnen, grad wie aus den Wolken heraus:
»Höhlbauers Stephan, sag mit lauter Stimme einen Herzenswunsch! Er soll Dir heut noch in Erfüllung gehen!«
»O Du liebs Herrgottle,« rief Hanna, auf das Tiefste erschrocken.
Sie sank von dem Felsensitze herab auf ihre Kniee, faltete die Hände und wagte nicht, empor zu blicken.
Ihr Bursche aber stand zwar auch vor Ueberraschung starr und steif, aber in seinen Augen glänzte das Licht entschlossenen, freudigen Vertrauens, Er lauschte. Zum zweiten Male ließ sich die Stimme vernehmen:
»Höhlbauers Stephan, sag mit lauter Stimme einen Herzenswunsch! Er soll Dir heut noch in Erfüllung gehen!«
Da nahm er sich zusammen und antwortete laut und deutlich:
»So bitt ich von ganzem Herzen, gieb mir da meine Hanna zur Frau!«
Ein Augenblick verging, dann fragte die räthselhafte Stimme:
»Hanna Held, bist Du mit diesem Wunsche einverstanden?«
»Antworte rasch!« bat Stephan.
»Ja,« hauchte sie.
»Lauter!«s
»Ja.«
»Immer lauter! Um Gotteswillen, red laut! Sonst gehts vorüber!«
Da nahm sie sich zusammen, preßte beide Hände an die Brust und rief:
»Ja, von ganzem Herzen!«
Und nun folgte sofort die Bestätigung.
»Der Wunsch ist erfüllt. Seid fromm und gut, seid glücklich!«
Hanna blieb auf ihren Knieen liegen, und Stephan stand noch eine ganze, lange Weile, bevor er es wagte, den Blick zu erheben.
Das war die gewöhnliche Umgebung, ganz dieselben Steine, Bäume und Büsche; aber dennoch waren sie so ganz anders. Der Grund lag nicht in der äußeren Natur, sondern im Innern der beiden jungen Menschenkinder.
»Ists vorbei?« fragte das Mädchen.
»Ja, kannst aufistehen.«
»Aber, wanns noch da ist!«
»Ich steh ja auch.«
Sie erhob sich, sah ihm mit einem großen, weiten Blicke in die Augen und sagte:
»Hältsts für möglich?«
»Ja.«
»Wir hatten davon sprochen. Wer mags gewesen sein? Eine Fee.«
»Nein. Eine Fee ist eine Frau; diese Stimme aber war männlich.«
»So wars ein Engel.«
»Wer weiß es! Weißt, Mancher thät vielleicht sagen, daß Jemand hier gewest sei, der unser Gespräch gehört und nachhero den Engel macht hat. Ich glaub, daß es ein gutes Wesen war, und werd schauen, was nun folgen thut.«
»Das ist das Allerbest. Ich glaub auch daran.«
»Oder soll ich mal suchen, ob Jemand da oben steckt?«
»Nein, thu es nicht. Ich bitte Dich!«
»Gut. Aber Hanna, wanns eintreffen thät! Bereits heut!«
»Welch ein Glück!«
»Dann aber müßten wir auch sein Gebot erfüllen. Wir müßten immer fromm und gut sein. Dann wären wir auch glücklich.«
Sie blickte ihn so fromm und innig an, ohne zu antworten. Er zog sie an sich und fragte:
»Wirsts Deiner Muttern sagen?«
»Darf man das?«
»Ja. Ich sag es dem meinigen Vatern gleich auch.«
»Wann er darüber lacht!«
»So mag er lachen. Es wird sich doch schon heut zeigen wer Recht hat. Bleiben wir noch hier, meine Hanna?«
»Nein, wollen gehen. Es ist mir allzu heilig hier. Ich kann kaum Athem holen. Sehn wir uns heut noch mal wieder?«
»Vielleicht. Bei wem Etwas passirt, der kommt eilends zum Anderen gelaufen. Hier hast die Hand, mein gutes Dirndl! Ich möcht gleich niederfallen und beten, daß es doch ein Engel gewest sein möge! Diesen Tag und diese Stund aber werd ich in meinem ganzen Leben nicht vergessen.«
Sie nahmen zärtlichen Abschied und gingen dann auseinander.
Der König hatte die Worte von oben herab gerufen. Dann war er schnell hinter die Büsche geschlüpft und hatte versucht, auf einem Umwege den abwärts führenden Pfad zu erreichen.
Die beiden jungen Leute waren ihm bekannt, wenn auch nicht persönlich. Als er am Montage den Großknecht Ludwig nach seinen Familienverhältnissen ausgefragt hatte, war ihm von diesem eine ziemlich ausführliche Mittheilung gemacht worden. Auch seines verkrüppelten Vaters hatte er erwähnt. Der Monarch war gleich auf den Gedanken gekommen, den von Ludwig zurückgewiesenen Dank auf dessen Familie überzuleiten. Er hatte das Nöthige schleunigst verfügt, und vorhin hatte der Courir das Dokument gebracht, welches der König nun in der Tasche trug.
Er schritt eilig und in sehr animirter, ja sogar gehobener Stimmung den Berg hinab. In der Nähe des Dorfes fragte er einen ihm begegnenden kleinen Jungen nach der Wittfrau Held und wurde nach einem kleinen Häuschen gewiesen, dessen Firste er beinahe mit der ausgestreckten Hand hätte erreichen können.
Er machte einen weiten, weiten Umweg, um von einer ganz andern Seite zu kommen. Er stieg sogar in eine Schlucht hinab, um den Anschein zu erwecken, daß er ja nicht mit der Fee da oben auf dem Berge in Beziehung stehe.
So kam er also von Süden heraufgestiegen, als Hanna von dem nach Norden liegenden Berge kommend, langsam über die Haide schritt.
Grad bei ihrem Häuschen begegneten sie sich. Sie wollte zur niedern Thür hinein und glaubte, er werde vorübergehen. Er aber lüftete den Hut und sagte:
»Verzeihung, liebes Kind! Wohnen Sie in diesem Häuschen?«
»Ja,« antwortete sie, leicht verlegen.
»Ich bin durstig. Haben Sie nicht vielleicht einen Schluck Milch für einen armen Wandersmann?«
Sie warf einen lächelnden Blick auf sein Aeußeres und sagte:
»Ja, ein gar arg Armer scheinens zu sein; aberst die Milch bekommens halt immer gern. Wollens eine gestandene welche mehr kühlt, oder eine gleich von dera Kuh weg, welche man trinkt, wann man verhitzt ist?«
»Eine kühle.«
»Sogleich.«
Sie trat nur einen kurzen Augenblick in die Hütte und brachte ein einfaches Tischchen und einen Stuhl heraus, beide glänzend vor Sauberkeit, trotzdem sie keine Zeit gehabt hatte, abzustäuben.
»Bitt schön, wanns sich setzen wollen! Dahier giebts einen guten Blick hinauf in die Berge und hinab ins Land. Die Luft ist so rein und mild, und wann nachhero auch die Milchen noch mundet, so soll es mich gefreun.«
Das war so anheimelnd, so traulich, so wahr. Er setzte sich.
Als sie dann die Milch brachte, glänzte das Glas tadellos. Dazu brachte sie einen Teller mit einem Stücke groben Schwarzbrodes und sagte:
»Und da ist auch ein Brod zur Milchen, wanns Ihnen gefallt. Butter oder Käs kann ich nicht geben. Die werden verkauft, weil wir halt ein armes Volkl sind und doch auch ein Geldl brauchen.«
Sie blieb bei ihm stehen, um etwaige Fragen zu beantworten. Er trank von der Milch, ja, er aß sogar einige Bissen des groben Brodes, und zwar mit Appetit. Das freute sie, drum sagte sie:
»Das ist halt lieb von Ihnen, daß Sie unser Brod nicht verschmähen. Wir habens leider nicht besser.«
Er musterte die Hütte mit einem sympathischen Blicke, ließ denselben auch auf Tisch und Glas und Teller schweifen und antwortete:
»Aus einer so sauberen Hand muß Alles munden.«
Sie erröthete lebhaft vor Freude, wies aber das Compliment zurück:
»Hier in dera Luft und wo es ein so gar vieles und schönes Wasser giebt, da kann man leicht sauber sein. In denen großen Städten aber da wird es schon schwerer macht.«
»Sind Sie die Besitzerin dieses netten Häuschens oder die Tochter?«
Trotz der Einfachheit ihrer Erziehung wußte sie die erstere Bezeichnung sofort richtig zu verstehen. Sie antwortete abermals erröthend:
»Ich bin die Tochtern. Die Muttern ist wohl mal fortgangen, um was zu holen. Wanns zurückkommt, wirds sich gar sehr freuen, daß unser Hüttle einen Gast funden hat.«
Sie hatten kaum von der Mutter gesprochen, so kam dieselbe herbei, ärmlich aber ebenso sauber wie ihre Tochter gekleidet.
»Schau, Hanna, was hast da für einen feinen Besuchen!« sagte sie schon von Weitem. »Da möcht man sich fast gar nicht traun, herbeizukommen!«
»Kannst immer herbei. Dera Herr ist ein gar braver. Denk nur, er hat gar von unserm Brod gessen.«
Die Frau schlug die Hände zusammen und rief:
»Von dem unserigen? Das ist gar schön und gefreut mich auch über die Ehr, die's uns anthun, aber machens nur, daß Sie kein Leibgrimmen bekommen, wanns das hiesige nicht gewöhnt sind. Nun grüß Gott, und willkommen auch!«
Sie hatte eine sehr reinliche Schürze um. An dieser wischte sie sich die Hände ab und streckte ihm Beide entgegen. Er schlug kräftig ein. Ein warmer Zug lag auf seinem Gesicht. Das war so die richtige biedere bayrische
Weise, höflich, wahr und kräftig zu gleicher Zeit, einer der wackersten, redlichsten Stämme des deutschen Vaterlandes.
»Wollen Sie sich nicht mit her setzen, liebe Frau, wenn Sie Zeit haben?« fragte er sie.
»Ich mich mit zu Ihnen setzen? Zu Ihnen? Zu so einem so sauber feinen Herrn? Das darf ich doch gar nicht wagen!«
»Das ist kein Wagniß, sondern Sie machen mir eine große Freude damit.«
»Ja, wanns halt so ist, daß ich Ihnen eine Freuden machen kann, so muß ich wohl gehorchen. Aber da mußt mir einen Stuhl bringen, Hanna.«
Die aufmerksame Tochter aber war bereits in das Innere der Hütte getreten, da sie den Wunsch der Mutter vorher errathen hatte. Ludwig verließ seinen Stuhl und näherte sich der Thür.
»Dürfte man vielleicht einmal eintreten?« fragte er.
»Warum nicht,« antwortete die Frau bereitwillig. »Wollens sich vielleichten etwas aus dera Stuben holen?«
»Nein, sondern ich möcht gern einmal nachschauen, wie es in einer solchen Gebirgswohnung aussieht.«
»O Jegerl! Da werdens aber nicht viel Feines zu schauen bekommen. Ich weiß aberst schon, die Stadtleutln sehen sich gern so was an. Darum kommens nur auch herrein!«
Das Häuschen war aus starken Baumstämmen zusammengefügt und mit Schindeln gedeckt. Die Zwischenräume der Stämme, alle Ritzen und Löcher, hatte man mit Moos verstopft.
Das Innere bestand aus zwei Theilen, einem größeren, welcher als Wohn- und zugleich Schlafstube diente, und einem kleineren, dem Kuhstalle. Die Wohnstube erhielt ihr Licht durch drei kleine, quadratische Fenster, an denen Blumen blühten. Der Tisch, die Stühle und alles Geschirr glänzten vor Sauberkeit, sogar der alte, riesige Kachelofen sah aus, als ob er erst heut gesetzt worden sei.
An der einen Seite standen zwei roh gearbeitete Bettstellen, mit langem, getrockneten, elastischen Wassermoos gefüllt. Der Bettlaken und die Decke waren schneeweiß.
Ueber dem Tische hingen zwei eingerahmte Tafeln. Auf der einen stand:
»Deinen Eingang segne Gott,
Deinen Ausgang gleichermaßen,
Segne unser täglich Brod,
Segne unser Thun und Lassen,
Segne uns mit selgem Sterben
Und mach uns zu Himmelserben.«
Und auf der andern war zu lesen:
»Im Glück nicht jubeln, im Sturm nicht zagen.
Das Unvermeidliche mit Würde tragen,
Und stets an Gott und bessre Zukunft glauben,
Heißt leben, heißt dem Tod sein Bittres rauben.«
Und gegenüber hing ein kleiner, alter aber blitzblank geputzter Spiegel, zu beiden Seiten desselben zwei Bilder. Das eine stellte den König vor und das andere die einstige Geliebte und Braut desselben, die Prinzessin Sophie, Tochter des Herzogs Max von Bayern.
Er stand vor diesem letzteren Bilde und blickte es lange an. Um seine Lippen zuckte es eigenthümlich; dann wendete er sich rasch ab.
Die Bilder waren keine Meisterstücke, sondern ganz billige Oelfarbendrucke. Der König war schlecht getroffen, und da er auf dem Bilde in großer Galauniform dargestellt war, so erschien es als kein Wunder, daß die beiden Frauen ihn nicht erkannten.
Er trat wieder hinaus und nahm auf seinem Stuhle Platz. Die Mutter setzte sich neben ihm, aber respectvoll nur auf die Hälfte des Stuhlsitzes. Hanna stand neben der Thür. Sie hatte einen Strickstrumpf zur Hand genommen und arbeitete, daß die Nadeln klirrten.
»Nun?« fragte die Frau, »wie gefallts Ihnen in unsern Hütten?«
»Ganz gut!« antwortete er.
»Ih gehens! Das sagens doch blos nur, um uns nicht zu betrüben.«
»Nein, ich sage es, weil ich es wirklich so meine.«
»Aber wann es eine solche Armetheien giebt, so kann ein so vornehmer Herr doch keinen Wohlgefallen finden.«
Er war durch den Anblick des Bildes der Prinzessin elegisch gestimmt worden. Auf die Frage der Frau schüttelte er fast traurig den Kopf und anwortete:
»Sie sprechen von Armethei? Sie wissen gar nicht, wie reich Sie sind.«
Da schlug sie die Hände zusammen und sagte:
»Reich? Wir reich? Ja, was machens denn da für ein Gespaß?«
»Es ist kein Scherz, sondern mein Ernst.«
»So, dann solltens mal einige Tagen oder Wochen bei uns sein, da würdens wohl bald merken, wo dera Reichthum steckt. Oder meinens halt etwan, daß wir wo die alten Strümpfen verborgen haben, welche voller Thalers sind?«
»Nein,« lächelte er, »zu solchen gefüllten Strümpfen werden Sie wohl nicht kommen.«
»Da habens gar Recht. Wissens, wovon wir leben?«
»Nun?«
»Von dera einzigen Kuh und von dem kleinen Acker da neben dem Häusle. Der ist dreißig Schritten breit und vierzig lang. Hier heroben in denen Bergen ist das Land nicht so gut wie da drunten in dera Ebene, und so könnens sich wohl denken, wie wir das liebe Gut zusammennehmen müssen. Wanns nur unsern Küchenzettel wüßten!«
»Darf ich ihn nicht erfahren?«
»Ganz wohl. Des Morgens in dera Früh, wann wir aufstanden find, giebts eine Haferschleimsuppen. Die ist gut und gesund und hält die Brust und die Lungen sauber und macht keine Löchern in den Magen. Nachhero am Vormittag, da giebts ein Stückerl Brod, so wie Sie es da gessen haben.«
»Und was darauf?«
»Ein Salzen.«
»Weiter nicht?«
»Ja, was weiter soll man daraufi thun?«
»Butter und Käse.«
»O weh! Die Butter und denen Käs machen mir zwar, aberst zu essen bekommen wirs halt nicht. Nein, es bleibt beim Salzen, und das ist genug. Wissens, die Buttern schmeckt wohl gut, aber sie macht einen kurzen Athem und soll auch für die Milz und Lebern nicht viel taugen. Da laßt mans lieber sein.«
»Hm! Sie scheinen also sehr besorgt für Ihre Gesundheit zu sein!«
»Das muß man auch, wann man am Leben bleiben will. Und mit dem Käs ists halt auch nix. Ich hab hört, daß man von dem vielen Käs gar fast den Blasenstein bekommt. Den mag ich nicht; das könnens mir wohl glauben.«
»Ganz gern! Und was giebt es Mittags?«
»Da giebts halt Kartoffeln, zur Abwechslung heut in dera Schaalen, morgen in dera Montur und übermorgen in dera Livrée.«
»Und was dazu?«
»Wieder was dazu? Ein Salzen wieder, ganz natürlich.«
»Das ist aber doch zu frugal!«
»Frugal? Was das heißt, das weiß ich nicht.«
»Ich meine, zu einfach, zu arm!«
»Da habens aber Unrecht. Denkens denn, wir können uns keine Delicatessen machen? Da kommens gar schön an. Zum Mittagsmahl mögen wir das Salzen nicht so, wie es ist, da sind wir zu fein. Sondern es wird in den Tiegel than, und übers Feuer setzt. Da wirds hübsch braun und bekommt einen noblen Geschmacken. Wann man nachhero die Kartoffeln hineinithut, so ists was gar sehr Feines. Habens das denn noch gar nicht versucht?«
»Nein,« lächelte er.
»Was! Noch kein braun gemachtes Salzen habens gessen? Da wissens doch noch gar nicht, was gut schmeckt. Da könnens mich fast dauern.«
»Ich werde es nächstens versuchen.«
»Das könnens ja thun. Kann denn Ihre Frau gut kochen?«
»Ich bin mit meiner Küche zufrieden.«
»Sagens aber nur, daß das Salzen nur hellbraun werden darf. Sobald es dunkler wird, nachhero verbrennt es und schmeckt nimmer gut. Es ist dann jammerschad um das schöne Geld, denn das Pfund Speisesalzen kostet jetzunder neun Pfennige. Vergessens das ja nicht!«
»Nein, ich werde es daheim streng andeuten. Und wie lautet Ihr Speisezettel weiter?«
»Am Nachmittagen giebts halt wiederum ein Stückerl Brod mit Salzen; das hält die Zähne weiß und frisch, und des Abends nachhero giebts einen Kaffee, einen feinen und guten!«
»Wie viele Bohnen für die Person?«
»Bohnen? Ja wann wir Bohnen trinken dürften! Nein, habens schon mal die Nüssen sehen, die auf dera Eichen wachsen?«
»Sie meinen Eicheln?«
»Ja, Eichnüssen. Die werden sammelt und in dem Tiegel überm Feuer brannt. Das ist dera Kaffee.«
»O weh!«
»Sagens nicht! Der ist sehr gesund und macht die Augen hell. Wann wir uns aberst mal eine Extra-Güten thun wollen und ein Geldl dazu übrig haben, so bringen wir uns aus dera Stadt ein Päckchen homöopathischen Gesundheitskaffee mit. Das Päckchen kostet acht Pfennigen, und wir können grad vier Wochen lang alle Abende davon trinken.«
»Der steigt wohl nicht in's Blut?«
»Nein, dazu ist er zu dünn. Aberst zu Weihnachten, Ostern und Pfingsten, und wann wir unsera Namenstagen haben, dann wird ein feiner Bohnenkaffee kocht. O Jegerl, ist das nachhero ein Fest! Wann man da ein Stück Schwarzbrod in solchen Kaffee brockt, so ists grad, als ob man beim König essen thät!«
»Hm! Und wann giebt es Fleisch?«
»Fleisch? Das giebts auch zuweilen, besonders im Jahr einmal, nämlich zu Weihnachten, wo man doch mal ein Geldl springen lassen muß. Nun wissens unsern Küchenzettel. Was meinens dazu?«
»Ich möchte nicht mitthun.«
»Das glaub ich schon. Aberst wanns hier wohnen thäten, so wirds Ihnen wohl schon schmecken. In dera Luft hat man einen Appetiten und einen Hungern, daß man nur immer kauen möcht! Das könnens glauben. Wann man nur auch immer was haben thät.«
»Nun, zu hungern brauchen Sie aber doch wohl nicht?«
Sie blickte vor sich nieder, strich sich bedenklich die Schürze glatt, warf einen Blick auf ihre Tochter und antwortete:
»Nun, vor Hungers storben sind wir freilich noch nicht. Aberst es ist doch schon oft vorkommen, daß wir gern was gessen hätten und haben nichts mehr habt.«
»Sie Aermste!«
Bei dem bedauernden Tone, in welchem er das sagte, blickte sie rasch zu ihm auf. Ihr Auge war hell und munter, als sie antwortete:
»Na, gar so schlimm dürfens sich das nicht denken. Habens auch schon mal hungert?«
»Gott sei Dank, nie!«
»So wissens halt auch nicht, welch einen Werth dera Hunger hat!«
»Ich spreche ihm nicht viel Werth zu.«
»Da thuns ihm Unrecht. Sehens, wann man immer und immer Brod und Kartoffeln mit Salzen hat, so wills halt mal nicht mehr munden. Dann kommt die Noth und dera Hunger; man hat einige Tagen nix zu beißen. Herrgottle, wann man nachhero wiederum ein Stuckerl Brod und eine Kartoffeln hat, dann solltens mal schauen, wie man da zugreifen thut. Ja, kommens nur heraufi zu uns. Wir wissen gar gut zu leben!«
»Haben Sie denn niemals gewünscht, es besser zu haben?«
»Besser – besser – besser – –!« Sie glättete sich abermals die Schürze und blickte nachdenklich vor sich hin. »Was ist besser? Was meinens damit? Wann ichs jetzunder besser hab, nachhero bin ich noch nicht zufrieden und wills noch immer besser haben.«
»Da haben Sie freilich Recht. Zufrieden sein, das ist das höchste Gut.«
»Und Gesundheiten dazu! Schauns, ich denk, daß wir gar glücklich sind. Wir haben unsern Herrgott; wir haben einen gar braven König und ein gut Regiment, und wir sind gesund und zufrieden. Was will man mehr! Und dazu sind wir jetzt gar reich worden. Wir haben ein gar großes Glück macht.«
»So? Welches?«
»Ich hab einen Sohn, einen gar tüchtigen Buben. Er ist beim Militairen west und hats eiserne Kreuzl erlangt. Er heißt Ludwig, grad wie dera König, und wird ein gar reiches Dirndl heirathen.«
»Ich gratulire!«
»Dank Ihnen schön! Wann nur erst die Hochzeiten vorüber ist, nachhero gehts bei uns heroben auch hoch her. Dann sind wir wohl so gestellt, daß wir unsera Buttern, Quark und Käsen selberst essen können. Das wird nachhero ein Leben wie im Schlaraffenlandl, und wanns da wiederkommen, nachhero haben wir wohl gar ein paar Hühnern und können Ihnen einen Eierkuchen vorsetzen.«
»Das sollte mich freuen. Also der Ludwig heirathet. Wie steht es denn mit der Hanna?«
Die Tochter erröthete und trat in die Stube zurück. Die Mutter wartete, bis sie sich entfernt hatte, und antwortete nachher:
»Mit dera Hanna? Ja, mit der ists halt gefehlt.«
»Hat sie denn keinen Schatz?«
»Sie hat wohl einen; aberst sie kann ihn nicht nehmen.«
»Warum nicht?«
»Weils halt nicht zureichen will.«
»Ist er denn so arm?«
»O, fast noch ärmer als wir.«
»Aber wohl brav?«
»Dera bravst Bursch im Dorf. So wie ihn giebts halt keinen im ganzen Umkreis. Er arbeitet vom frühen Tag bis zum späten Abend und gönnt sich keine Ruh und kein Vergnügen.«
»Was ist er denn? Ein Handwerker?«
»O nein. Er ist ein Bauerssohn.«
»Ein Bauerssohn? Und dabei so blutarm, daß er nicht heirathen kann?« »Ja. Wissens, das sind ganz besondere Verhältnissen. Einen Bauer hieroben dürfens halt nicht vergleichen mit einem Bauern da unten an dera Donauen, wo dera Roggen und Weizen mannshoch wachsen thut. Sein Großvatern ist wohlhabend gewest. Das war dera alte Höhlenbauer. Wissens, er hieß so, weil sein Grundstück an einer tiefen Höhlung lag, die zwischen dem Berg einisunken war. Er war ein gar wüster Mensch, ein Trinker und Spieler. Seine Frau starb vor Gram, und als er nachhero mal beim Wildern eine Kugel bekam, hat er nix als Schulden hinterlassen. Sein Sohn, was der jetzige Alte ist, war dagegen ein sehr braver. Er hat sich fast die Haut von denen Händen abarbeitet und nach und nach die Schulden seines Vaters zahlt. Das hat aberst gar viele Jahren dauert. Und als er nachhero damit fertig war, da ist im Frühjahr dera Felz vom Berg abistürzt und hat ihm sein ganzes Feld verschüttet. Davon hat auch das Wasser eine ganz andera Richtung erhalten und lauft ihm nun übers Land und schwemmt ihm Alles davon. So ist er ärmer als vorher. Sie sind ein Stadtherr und wissen gar nicht, was das zu bedeuten hat.«
»Hatte er denn nicht versichert?«
»Nein. Hier oben wir trauen denen Versicherungen nicht. Nun fangt dera Höhlbauer wiederum von vorn an, und sein Sohn, dera Stephan, kann nicht daran denken, eine Frau zu nehmen.«
»Ists denn gar so schlimm?«
»Ja. Wanns sich heirathen thäten, was solltens da thun? Zu mir ziehen? Mein Hüttele thät das Paar nicht dernähren. Oder in das Höhlgut ziehen? Da reichts auch nicht aus.«
»So legen Sie doch Beides zusammen!«
»Das geht ja nicht. Und wanns auch für sie ausreichen thät, so denkens doch, wann nachhero Kinder kämen! Das war ja eine Traurigkeiten!«
»Aber Sie müssen doch auch an den Herrgott denken!«
»Das thun wir auch; aberst man soll sich nicht auf Gottes Hilf verlassen und dabei in den dicken Tag hineinleben. Man muß halt in die Zukunft denken, und was man nicht haben und nicht durchführen kann, das soll man sich nicht wünschen und soll es nicht beginnen. Ja, es war ein Glück für den Stephan und die Hanna, wanns sich so haben könnten. Das wär halt ein Paar, wie es die Tauben nicht besser und lieber zusammentragen könnten. Vielleicht hat dera Herrgott ein Einsehen und sendet mal einen Engel herab, der die Hilfe bringt.«
»Nun, wenn Ihr Sohn eine so reiche Heirath macht, so kann er doch Ihrer Tochter helfen.«
»Das möcht man denken. Aberst die Hanna mag nicht betteln.«
»Das ist keine Bettelei.«
»Mag sein. Denkens denn vielleicht, daß ein Schwiegersohn sogleich mit dem Geld des Schwiegervaters um sich werfen kann? Nein. Die Beiden mögen warten. Wann nur noch so drei Jahren vorüber sind oder vier, so dann – – na, ich sag halt nix, aberst nachhero kanns wohl besser werden.« Sie hatte das Letztere mit leiser Stimme gesagt und sich dabei vorsichtig nach der Hütte, in welcher Hanna war, umgeschaut.
»Sie haben wohl gar ein Geheimniß?« fragte der König.
»Freilich.«
»Darf man es erfahren?«
»Hm! Ich habs noch keinen Menschen sagt.«
»Aber mir können Sie es doch sagen!«
»Meinens? Ja, Sie haben ein so gutes Gesicht und so ehrliche Augen. Ihnen kann ichs am End mittheilen.«
»Ich sage nichts wieder.«
»Das dürfens auch nicht. Wanns mich verrathen thäten, dann wäre mir halt meine ganze Freud verdorben.«
»Sie können sich darauf verlassen, daß ich schweigen werde.«
»Schön! So will ichs sagen. Ich hab – ich hab – ich hab ein – – –«
Sie beugte sich weit zu ihm herüber, hielt die Hände an beide Seiten des Mundes und raunte ihm zu:
»Ein – ein Sparkassenbuchen.«
Er fuhr in komischem Erstaunen weit zurück und machte ein Gesicht, als ob er etwas ganz Unglaubliches gehört habe. Ihre Augen leuchteten glücklich auf.
»Habens auch richtig hört?« fragte sie.
»Ja, ganz richtig.«
»Und da sinds halt so verstaunt?«
»Außerordentlich!«
»Ja, das hättens mir wohl nicht zutraut?«
»Ganz und gar nicht!«
»Ich glaubs schon! Aberst ich bin halt die Richtige! Ich weiß schon, wie man so was anfangen muß!«
»Aber wie haben Sie das fertig gebracht?«
»Das wollens wissen? Ja, das ist eine ganz gehörige List und Klugheiten von mir. Dera Käs, dera Käs ist schuld daran!«
»Der Käse ist schuld am Sparkassenbuch?«
»Ja, blos dera Käs. Könnens sich das denn nicht verklären?«
»Nein. So weit reicht mein Scharfsinn nicht.«
»Und es ist ganz einfach. Nämlich ich hab doch stets die Butter und den Käs verkauft. Was die Butter einbracht hat, das ist in dera Wirtschaft verbraucht worden, für Steuern, Abgaben, für den Schuster und Anderes. Aberst von dem Käs, da hab ich mir ein Sparkassenbücherl anschafft.«
»Ach so! Hm! Wie gescheidt!«
»Nicht wahr? Ja, hinter denen Ohren muß man es haben!«
»Ists denn viel?«
»Ja,« antwortete sie, indem sie ein Gesicht machte, als ob es sich um eine Million handle.
»Wie hoch ist die Summe?«
»Rechnen Sichs mal aus: Alle Wochen zwanzig Pfennige, fünf Jahren lang.«
»Das macht in Summa zweiundfünfzig Mark.«
»Jawohl, und noch die Zinsen dazu.«
»Das ist ja großartig!«
»Fein ists, sehr fein! Und wenn ich nun noch zwei oder drei Jahren so weiter spar, nachhero – – pst, da kommt die Hanna wieder heraufi. Ich bitt um aller Welt, lassens sich ja nix merken!«
»Kein Wort!«
»Reden wir gleich von etwas Anderem!«
»Schön! Aber wovon?«
»Vom Wetter. Das ist halt das Allerbest, wann man nix Andres weiß.«
Die Heimlichthuerei der guten Frau gab ihm großen Spaß. Sie begann wirklich, vom Wetter zu reden. Er ging darauf ein, und mit triumphirender Miene nickte sie ihm ihre Genugthuung darüber zu, daß die Tochter nichts gemerkt habe.
Nach einiger Zeit erhob er sich, um zu gehen. Er fragte nach dem Preis der Milch, die er getrunken hatte; aber da kam er schön an. Die Frau wäre beinahe grob geworden, und die Tochter blickte ihn so bittend an, daß er davon absah, ihnen eine Bezahlung aufzuzwingen.
»Kommens nur bald wieder!« meinte die brave Alte. »Das soll uns eine Freud sein, und dann ists grad so, als obs uns ein Geldl geben hätten.«
»Gern käm ich wieder; aber ich weiß nicht, ob meine Geschäfte es mir erlauben.«
»So? Was habens denn eigentlich für ein Geschäften?«
»Es ist weniger ein Geschäft als vielmehr ein Amt.«
»Ah, ein Amt! Das hab ich mir dacht, denn ich habs Ihnen gleich beinahe anschaut. So was sieht Unsereine so einem Herrn gleich an dera Nasenspitzen an.«
»Und ehe ich gehe, möchte ich Sie gern um ein Andenken bitten.«
»Ein Andenken? O Jegerl, was könnt ich Ihnen denn da gleich geben. Ich hab ja nix!«
Sie blickte verlegen an ihrem ärmlichen Anzug nieder.
»Nun,« meinte er, »ich werde mir schon Etwas erbitten.«
»Ja, was denn? Sagens es nur!«
»Zunächst von Hanna die Nelke, welche sie an der Brust stecken hat.«
Das hübsche Mädchen wurde glühend roth.
»Oder wollen Sie mir die Blume nicht gern geben, Fräulein?« fragte er.
»Gar zu gern, wanns von so einem armen Dirndl die Nelken annehmen wollen.«
Sie hielt sie ihm hin.
»Nicht so! Ich habe kein rechtes Geschick dazu. Haben Sie die Güte, mir die Blume ins Knopfloch zu befestigen!«
Die Röthe ihres Gesichtes wurde noch intensiver. Doch trat sie an ihn heran und steckte ihm die Nelke mit Hilfe einer Nadel an die Joppe, welche er trug.
»Ich danke Ihnen sehr, Hanna! Und nun Sie,« wendete er sich an ihre Mutter.
»Jetzt ich!« meinte sie. »Da bin ich doch neugierig, was ich Ihnen geben soll.«
»Es ist ein Stück Ihres Hausrathes.«
»Ein Hausrath? Das ist besonderlich! Wollens vielleichten einen Stuhl mitnehmen oder gar den Tisch zum Andenken?«
»Nein. Es ist etwas Anderes, was Sie leichter entbehren können.«
»Wann ichs nicht brauch, so sollens es gar gern bekommen.«
»Sie haben drin zwei Bilder. Ich glaube, das eine stellt den König vor?«
»Ja, es ist das Conterfei von unserem guten Ludwigen.«
»Das möchte ich gern haben.«
»Das?« fragte sie erschrocken. »Warum denn grad dasselbige?«
»Weil ich mich für ihn interessire.«
»O weh! Da ists gefehlt.«
»Warum?«
»Weil ichs nicht hergeben kann.«
»Haben Sie einen Grund dazu?«
»Ja. Meinen König soll ich aus dem Haus geben? Nein, das kann ich nicht!«
»Ich will ja das Bild nicht geschenkt haben. Ich kaufe es Ihnen ab; ich bezahle es Ihnen.«
»Da mache ich schon gar nicht mit. Lieber thät ichs Ihnen schenken. Meinen guten König kann ich nicht verkaufen. Für Geld geb ich ihn schon gar nicht her! Oder meinst Du doch, Hanna?«
Man sah es der Tochter deutlich an, daß sie nicht gern unbereitwillig gegen den Gast war, aber sie antwortete doch:
»Nein, Mutter, den können wir gar nimmer verkaufen.«
»Aber warum denn nicht?«
»Weil wir ihn lieb haben.«
»Das ist wohl gut. Aber wann ich Ihnen das Bild abkaufe, können Sie sich doch für das Geld ein anderes anschaffen.«
»Da habens wohl Recht,« entgegnete die Mutter, »aber ganz ebenso können doch auch Sie sich ein anderes kaufen.«
»Ich habe es grad auf dieses abgesehen.«
»Warum auf dieses?«
»Weils grad zum andern Bilde paßt, worauf seine Braut ist.«
»Mein Seliger hat damals, als unser König so gar unglücklich war, daß er seine Braut verlieren mußt, sein letztes Geldl hergeben, um sich auf dem Jahrmarkt die beiden Bildern anzuschaffen. Sie gehören zusammen und sollen auch zusammen bleiben.«
»So kaufe ich beide. Da bleiben sie also beisammen.«
»Nein, ich verkauf sie nicht. Wanns ein Andenken haben wollen, so seins halt so gut und suchens sich was Anderes aus!«
»Ich mag nichts Anderes. Wie viel hat denn damals Ihr Mann bezahlt?«
»Für beide Bildern einen halben Thalern.«
»Ich gebe Ihnen einen ganzen, nur für das eine Bild.«
»O nein! Ich verkaufs halt nicht.«
»Fünf Mark.«
»Nein, Herr.«
»Ich gebe Ihnen zehn Mark.«
»Heilige Maria! Zehn Mark! Das ist gar viel, gar viel! So viel könnens doch für solche Bildern nicht geben!«
»Ich zahle es Ihnen dennoch!«
»Führens uns nicht in Versuchung! Zehn Mark ist ein schönes Geld, aberst ich geb das Bild nimmer her!«
Da trat er einen Schritt näher an sie heran und sagte in dringlichem Tone:
»Liebe Frau, seien Sie doch verständig. Ich meine es gut mit Ihnen. Sie sind arm und können das Geld gebrauchen, und mir machen Sie eine Freude, wenn Sie mir das Bild ablassen. Ich will sogar noch ein höheres Gebot thun. Ich gebe Ihnen – hören Sie wohl! – ich gebe Ihnen zwanzig Mark.«
Sie hob den erstaunten Blick zu ihm empor.
»Zwan-zig – Mark!«
»Ja, zwanzig.«
»Wollens mich foppen?«
»Nein. Also, sagen Sie ja!«
»Zwan-zig – Mark! Hanna, wie viel Thalern sind das?«
»Sechs Thalern und zwanzig Silbergroschen,« antwortete die Tochter.
»Und wie viel ists nach dem früheren Geld?«
»Wohl über elf Gulden.«
»Mein lieber Gott! So ein Geld! So ein gar großes Geld!«
»Ja, es ist ein guter Preis,« stimmte der König bei. »Also schlagen Sie ein!«
Er hielt ihr die Hand hin. Sie achtete aber nicht darauf.
»So viel bietet Ihnen Niemand wieder.«
»Zwan-zig – Mark! Ueber elf Gulden! Was man sich dafür kaufen könnt!«
»Also wäre es sehr unklug von Ihnen, wenn sie auf diesen Handel nicht eingehen wollten.«
»Zwan-zig – Mark für den guten König Ludwig! Nein, ich kann nicht, ich kann doch nicht. Das Bild ist mir ans Herz wachsen und ich hab meinen König lieb. Ich verkauf ihn nicht, auch um zwanzig Mark nicht.«
»Aber, liebe Frau, ich begreife Sie nicht! Ich will Ihnen sogar noch etwas mehr bieten. Ich gebe Ihnen dreiß–«
»Halt!« rief sie.
Das klang so gebieterisch, daß er mitten in seinem ›Dreißig‹ inne hielt. Ihr Gesicht war blaß geworden und ihr Auge glänzte feucht.
»Führens mich nicht in Versuchung!« fuhr sie fort. »Das Geldl, was Sie uns bieten, das ist fast ein Vermögen für uns arme Leutln; aberst Sie dürfen nicht denken, daß wir dafür was hergeben, was uns immer heilig gewest ist. Thäten denn Sie das Bild verkaufen?«
»Ja.«
»Dann habens halt unsern guten König nicht lieb. Ich hab mich da sehr irrt in Ihnen. Da solltens sich schämen! Wer so einen gar braven König nicht gern hat, dem ists auch zuzutrauen, daß er solche arme Leutln in Versuchung führt. Gehens weg! Ich mag halt nix mehr von Ihnen wissen!«
Er war tief gerührt von dem heiligen Zorne, in welchem sich der Patriotismus dieser blutarmen Frau Luft machte.
»Aber, gute Frau, ich habe es ja ganz gut mit Ihnen gemeint,« entschuldigte er sich.
»Gut? Davon hab ich halt nix merkt.«
»Ich wollte Ihnen auf diese Weise Etwas geben, weil Sie für die Milch nichts genommen haben.«
»Gehens! Ich mag ja gar nichts haben! Sie wollen von dem König nix wissen.«
»Ich will ja grad im Gegentheile sein Bild haben!«
»Aberst uns wollens es nehmen. Sagens doch mal, wo habens denn Ihr Amt? Wohl drüben im Oesterreichischen?«
»Nein.«
»Oder im Norddeutschen?«
»Auch nicht, sondern hier in Bayern.«
»So! In Bayern sinds also! Und was für ein Amt ist denn das Ihrige?«
»Ich bin – bei der Regierung angestellt.«
»So, bei dera Regierung! Da solltens sich aber doch freuen, wann wir unsern König lieb haben, und sollten sich nicht Mühe geben, uns sein Bildniß wegzureden!«
»Ich gebe Ihnen Recht. Sie sollen es also behalten. Wollen Sie mir verzeihen?«
»Na, wanns halt nun so ein Einsehen haben und selberst Einer von dera Regierungen sind, so will ichs Ihnen nimmer anrechnen. Suchens sich also nur ein anderes Andenken aus.«
»Ich danke Ihnen. Ich will lieber darauf verzichten, denn ich könnte abermals in Gefahr gerathen, Ihnen wehe zu thun. Ich will mich also mit dieser Nelke begnügen. Leben Sie wohl und vielen Dank!«
Er gab ihr die Hand, die sie treuherzig schüttelte.
»Behüt Gott!« sagte sie. »Und wanns halt bei dera Regierungen sind, so sehens wohl auch manchmal den König?«
»Ja.«
»Kommens vielleicht gar mit ihm zu reden?«
»Oft.«
»So seins so gut und grüßens ihn und sagens ihm, daß er gar nicht weiß, wie gut wir ihm sind und was für gar große Stücke wir auf ihn halten.«
»Ich werde es ausrichten.«
»Aber vergessens ja nicht!«
»O nein. Er wird es eher erfahren, als Sie es denken und ahnen. Leben auch Sie wohl, Hanna!«
Er reichte ihr die Hand und that, als ob er gehen wollte. Aber nach einigen Schritten blieb er stehen, drehte sich wieder um und sagte:
»Da fällt mir ein: Ich kann mich doch gleich bei Ihnen erkundigen.«
»Nach was? Wo wollens hin?«
»Ich will zu einer Wittfrau, welche Held heißt.«
»Wittfrau? Held? Hier in Oberdorf?«
»Ja.«
»Da giebts doch nur eine einzige Familie, die Held heißt. Diejenige Wittfrauen muß ich also sein.«
»Ah, Sie?«
»Ich denk mirs halt.«
Er zog das Schreiben aus der Tasche, blickte auf die Adresse und erkundigte sich:
»Heißen Sie denn Rosalie Held, geborene Rottmann?«
»Herrjesses, so heiße ich. Das bin ich selberst.«
»Wer hätte das gedacht! Ich komme nur Ihretwegen nach Oberdorf und sitze eine volle Stunde und noch länger bei Ihnen, ohne zu ahnen, daß Sie Diejenige sind, welche ich suche.«
»Was ists denn? Was giebts denn? Warum kommen Sie zu mir?«
»Ich habe Ihnen diesen Brief zu übergeben.«
»Diesen Briefen! Herrgott! Sie haben ein Amt! Kommt er etwan aus dem Amt?«
»Ja.«
»Ich bin doch nicht etwa verklagt worden?« fragte sie erschrocken.
»Nein. Es handelt sich nicht um eine gerichtsamtliche oder gar polizeiliche Angelegenheit.«
»Um was denn? Ists was Böses?«
»Nein, sondern vielmehr etwas Gutes.«
»Etwas Gutes! Das giebt schon einen Trosten. Aberst ich kann mir nicht denken, wie ich zu einem solchen Briefen komm!«
»Der Inhalt wird Ihnen wohl Aufklärung bringen. Nehmen Sie!«
Er reichte ihr den Brief hin.
»Wartens, Herr! Ich muß mir doch erst vorher die Fingern abwischen!«
Obgleich sie vollständig reinliche Hände hatte, wischte sie sich dieselben doch recht umständlich an der Schürze ab. Dann griff sie nach dem Briefe, hielt ihn aber nur an der Ecke fest und betrachtete ihn.
»Da ist doch gar keine Postmarken darauf!«
»Weil ich ihn bringe und nicht der Briefträger.«
»Ach so! Und was für ein großes Siegellacken mit Petschaften. Da könnt Einem beinahe angst und bange werden. Wie lautet denn die Adreß? Lies mal vor, Hanna!«
Sie gab der Tochter das Schreiben und diese las:
»An die Wittfrau Rosalie Held, geborene Rottmann in Oberdorf.«
»Ja, das ist ganz richtig,« nickte die Alte. »Diejenige bin ich. Aberst nun das Inwendige! Ich kanns kaum derwarten.«
»So öffnen Sie doch!« lächelte Ludwig.
»Ja. Aber womit macht man denn so einen Amtsbriefen aufi? Mit dera Scheeren oder mit dem Messer?«
»Das ist gleich.«
»So lauf, Hanna, und schneid ihn aufi?«
Die Tochter ging ins Haus und kehrte bald mit dem aufgeschnittenen Convert zurück.
»Soll ich den Brief herausnehmen?« fragte sie.
»Freilich mußt ihn herausnehmen, wannst ihn vorlesen sollst. Mach rasch!«
Hanna zog den Bogen heraus und faltete ihn auseinander. Sie begann zu lesen:
»Der Wittfrau Ro–«
»Halt!« wurde sie von ihrer Mutter unterbrochen. »Wart noch einen Augenblick. Ich muß mich setzen. Man weiß doch nicht, was darinnen steht. Und wann ich sitzen thu, bin ich besser auf Alles gefaßt. So! Jetzund kannst nun beginnen!«
Hanna war nicht weniger als ihre Mutter begierig, den Inhalt des Schreibens kennen zu lernen. Sie begann von Neuem:
»Der Wittfrau Rosalie Held, geborene Rottmann in Oberdorf.
Nachdem es leider zu spät zu Unserer Kenntniß gekommen ist, daß der Arbeitsmann Peter Held von einem Unserer Hausbeamten derart verletzt worden ist, daß er fast gänzlich arbeitsunfähig wurde, so sprechen Wir in Anbetracht angegebenen Umstandes seiner Wittwe Rosalie, geborenen Rottmann, hiermit eine Pension von jährlich 600 Mark, sage sechshundert Mark, welche jährlich pränumerando zu zahlen ist, zu.
»Zugleich verfügen Wir, daß diese Pension als von dem Todestage des erwähnten Peter Held an laufend zu berechnen und seiner Wittwe nebst fünf Procent Verzugszinsen nachzuzahlen ist.
»Die hierzu nöthigen Gelder sind Meiner Privatschatulle zu entnehmen Genehmigt und gezeichnet
Ludwig, König von Bayern.«
Hanna hatte längst, das letzte Wort gelesen und stand noch immer mit offenem Munde da, den Brief in beiden Händen.
Ihre Mutter hatte sich langsam, langsam erhoben und starrte ihre Tochter wie abwesend an.
»Hanna, Hanna!« rief sie dann. »Das steht drinnen?«
»Ja, Mutter.«
»Das steht drinnen? Wirklich?«
»Ja,« antwortete Hanna, und zwar in einem Tone, als ob sie es selbst nicht glaube.
»Und wie lautet die Unterschriften?«
»Ludwig, König von Bayern.«
»Und Peter Held, dera Namen Deines Vatern steht auch dabei?«
»Hier ist er.«
Da schlug die Frau die Hände zusammen und rief:
»Herr mein Gott! Einen Brief von dem König! Einen Brief von meinem lieben, guten König! Ich, die arme, alte Wittwe, erhalt ein Schreiben von ihm! Ich – ich – ich!«
Und nun sprang sie auf die Tochter zu.
»Zeig her, zeig her! Wo steht der Namen? Wo steht dera Ludwig?«
»Hier!«
Hanna deutete mit dem Finger auf die betreffende Stelle.
»Zeig her den Brief!«
Sie nahm ihn der Tochter aus der Hand, hielt ihn breit vor sich hin und betrachtete die Unterschrift mit wonnefunkelnden Augen.
»Das hat er schrieben, unser König? Nicht wahr, Hanna? Er?«
»Ja. Das Andre hat ein Andrer schrieben; aberst den Namen, den hat er selbst daruntersetzt.«
»Er selberst, er selberst! Mein König hat dieses Papieren in seiner Hand habt und seinen Namen herschrieben! Welch ein Glück und eine Freuden. O mein Gott, mein Gott!«
Sie drückte den Bogen an ihre Brust. Sie legte die Lippen auf die Unterschrift und fuhr doch sofort erschrocken zusammen, als ob sie eine Sünde, eine Entheiligung begangen hätte. Sie blickte die Stelle besorgt an, ob sie vielleicht unter dem Kusse gelitten habe, und sagte dann:
»Hanna, hast denn einen Begriff davon, was das heißt, daß dera König, die Majestäten, einen Briefen an mich sendet?«
»Mutter, ich weiß, welch ein Heil und welche Gnade uns dadurch widerfährt!«
Ihre Augen standen voller Wasser. Es waren Freudenthränen.
»Ja, hast Recht! Ein Heil und eine Gnade ists! Diesen Briefen werd ich mir einrahmen lassen in einen schönen, goldenen Rahmen, und sollt michs so viel Geldl kosten, daß ich mein ganzes Sparkassenbuchen – o Jegerl, was hab ich da schwatzt! Ich bin halt ganz närrisch worden vor Freud und vor Entzücken. Da weiß man gar nimmer, was man sagt!«
»Aber,« fragte der König, welcher alle Kraft aufbieten mußte, seine Rührung zu beherrschen, »wissen Sie denn auch, was drin steht? Haben Sie da aufgepaßt?«
»Was drinnen steht? O ja, da hab ich freilich gar sehr aufipaßt.«
»Nun, was steht drin?«
»Mein Mann steht drin, mein Seliger.«
»Weiter!«
»Ich steh auch darinnen.«
»Immer weiter!«
»Und dera König steht drin. Dera König, mein Mann und ich. Sollt man so was denken? Sollt man so was für möglich halten? Man sollt es überhaupten gar nicht glauben, wann man es nicht sehen thut.«
»Hier steht es aber,« sagte Hanna.
»Freilich stehts da, mit Tinten aus Papieren schrieben. Schwarz auf Weiß. Mit einem Siegellacken drunter und dem König seiner eigenen Handschriften! Da muß mans glauben, selbst wann man es nicht glauben möcht!«
»Und weiter steht nichts drin?« fragte der König.
»Weiter? Was dann weiter? Daß mein Seliger schossen worden ist, das ist auch mit hinein schrieben.«
»Und dann?«
»Und dann? Ja, was war es denn noch? Hanna, schau gleich noch mal hinein!«
Die gute Frau war so beseligt von dem Gedanken, daß der König an sie geschrieben habe, daß sie die Hauptsache gar nicht beachtet hatte.
»Das hast wohl gar nicht mit anhört, von dera Pension?« fragte ihre Tochter.
»Von dera Pension? Da steht was drin?«
»Ja.«
»Dera Vatern hat um eine bitten sollen, hats aber nicht than.«
»Darum bekommst Du sie jetzt.«
»Ich? Bist wohl närrisch?«
»Nein. Ich habs doch lesen!«
»Das kann doch nicht drin stehen, denn wir haben nicht darum beten!«
»So hör doch mal! Hier heißts ja:
»so sprechen Wir in Anbetracht angegebenen Zustandes seiner Wittwe Rosalie, geborene Rottmann, hiermit eine Pension von jährlich 600 Mark, sage sechshundert Mark, welche jährlich pränumerando zu zahlen ist, zu
Da hörsts ja, daß von einer Pensionen die Red ist.«
»Ja, jetzund hör ichs wohl. Eine Pensionen soll ich erhalten, eine Pensionen! Wer hätte das gedacht!«
Sie faltete die Hände und blickte freudestrahlend auf ihre Tochter.
»Ja,« sagte diese, »eine Pensionen von sechshundert Mark.«
»Herrgott, sechshundert! Dieses Geldl soll ich erhalten?«
»Ja, meine liebe Muttern.«
»Und alle Jahren, alle Jahren?«
»Freilich, und zwar pränumerando.«
»Was heißt das, prämerando?«
»Vorher heißts. Du bekommst das Geldl nicht am letzten December, sondern wanns beginnt, am ersten Januaren.«
»Auch noch! Mein grundgütiger Himmel, was soll ich da anfangen mit dem vielen Geldl! Hanna, Hanna, ich kann gar nicht glauben!«
»Fast möcht auch ichs nicht glauben, aberst es steht ja da und die Unterschrift des Königs dazu.«
»Sogar mit seinem Siegellacken und großem Petschaften!«
Das große Siegel schien, da sie es so oft erwähnte, ihr ganz besonders imponirt zu haben.
»Ja, da müssen wir es freilich glauben,« fuhr sie fort. »Sechshundert Mark! Es ist zu viel, zu viel! Eine Pensionen von fünfzig Markln im Jahr, das schon könnt uns emporhelfen; aberst sechshundert Markln, das ist doch fast gar nicht auszuhalten, da wirds Einem ganz angst dabei. Wo soll ich dieses viele Geld hinthun? Was soll ich mit demselbigen anfangen!«
»Ich bin auch ganz außer mir vor Entzücken! O Mutter, Mutter, jetzund hat alle, alle Noth und Sorg ein End!«
Sie schlang die Arme um sie und weinte heiße Freudenthränen. Ihre Mutter fiel laut schluchzend ein. Dann wendete die Letztere sich an den König.
»Seins uns nicht bös, wann wir ganz so thun, als ob wir alleini hier wären! Eine solche Ueberraschungsfreuden läßt sich nicht stumm hinunterschlucken. Das muß heraus aus dem Herzen. Und nun sagens uns nur, obs wirklich wahr ist, daß wir so ein Heidengeld erhalten sollen!«
»Ich bestätige es.«
»Und noch dazu prämando auszahlt!«
»Ja. An jedem ersten Januar wird Ihnen diese Summe zugehen.«
»O mein guter Heiland! Eine solche Summe aller Jahren! Da werden wir ja die reichsten Leutln in dera ganzen Umgegend! Was wollen wir da denen Armen geben und schenken, und wie werden wir uns freuen, daß wir auch mal ein Gutes thun dürfen! Aberst sagens doch, wie ists denn kommen, daß wir eine Pensionen erhalten, ohne daß wir darum beten haben?«
»Der König hat von Ihnen erfahren.«
»So. Wer hats ihm denn sagt?«
»Ich glaube, Herr Ludwig, welcher in Hohenwald wohnt, ists gewesen.«
»Der! Dera Herr Ludwigen, den unser Ludwig rettet hat! Ja, dera Ludwig hats sagt, daß der ein gar vornehmer Herr sein soll. Hanna, da müssen wir uns gleich morgen in dera Früh aufimachen und zu ihm gehen, um uns zu bedanken. Wir müssen ihm auch ein Geschenken mitbringen. Weißt, was wir ihm mitnehmen?«
»Nun, was?«
»Ich hab in meiner Truhen noch sechs Ellen Leinwand liegen, die wir selbst derbaut und auch selber sponnen haben. Das reicht grad zu einem Hemd. Wann wir ihm das geben, so wirds ihn außerordentlich gefreun.«
»Mutter, wo denkst hin! Einem so feinen Herrn eine Leinwand schenken!«
»Warum nicht?«
»Noch dazu eine so grobe!«
»Was fallt Dir eini! Das weiß ich besser. Solche Leutln kaufen Alles in dera Stadt, wo Alles theuer ist und nicht echt. Da giebts in dera sogenannten Leinwanden eine ganze Menge Baumwollen mit. Das ist Alles nur Schund und Betrug. Wir aberst bringen ihm eine echte, reine Leinwanden, da ist kein Trug und keine Falschheiten dran. So eine Leinwanden hat er gar nicht. Das wird seine Haut kühl halten, und er wird sich ganz gewiß sehr darüber gefreuen.«
»O, er wird es gar nicht annehmen!«
»Nicht annehmen?« rief sie eifrig. »Dummes Ding! Was thust heut klug und gescheidt! Meine Leinwanden nicht annehmen! Wo denkst nur hin! Ich wickle sie gar schöni ein in ein sauber Papieren. Wir haben zwar keines. Aberst ich werd zum Herrn Pfarrer gehen, der liest die Zeitung und wird mir wohl ein Blatt schenken, das er nicht mehr braucht. Dann putzen wir uns brav heraus und gehen nach Hohenwald. Herrgott, wird das ein Feiertag sein. Aber lieber Herr, sagens doch, warum unser guter König gleich so viel schicken will!«
»Für ihn ist das nicht zu viel. Er hat Euch gründlich helfen wollen.«
»Nun, das kann uns nur gefreun. Und hat er sich das auch selberst ausdacht, nämlich das mit dem Prämando?«
»Natürlich.«
»Nein, nein, was für einen gar lieben König wir haben! Das ist schon gar nicht zu sagen. Sogar an das Prämo hat er gedacht!
Je größer ihr Entzücken wurde, desto kürzer, wurde das Pränumerando. Prämerando, Prämando und Prämo. Doch trotz ihrer Herzensfreude war sie Wirthin genug, um sich zu erkundigen:
»Also bekommen wir die sechshundert Markln wohl am nächsten Januaren?«
»Nein,« antwortete die Tochter. »Hasts denn nicht hört, daß wir mehr, viel mehr bekommen?«
»Wie denn? Wo steht das schrieben?«
»Hier. Da lautet es:
»›Zugleich verfügen wir, daß diese Pension als vom Todestage des erwähnten Peter Held an laufend zu berechnen und seiner Wittwe nebst fünf Procent Verzugszinsen nachzuzahlen ist.‹«
»Das versteh ich halt nicht,« meinte die Mutter. Diese Pensionen soll laufen! Wanns mir nur nicht davonlauft! Und Procenten soll ich zahlen? Da werd ich doch vorsichtig sein, sonst könnt ich am End gar Zinsen zahlen und gar keine Pensionen bekommen.«
»Du hasts falsch verstanden, Mutter. Ich muß es Dir derklären, Nämlich diese Pensionen bekommst nicht von heut an, sondern vom Tage an, an dem der Vatern damals storben ist.«
»Du, das ist nicht wahr.«
»O ja. Hier stehts.«
»Und dennoch ists nicht wahr. Ich hab ja doch nix bekommen.«
»Du bekommsts ja nun nachzahlt!«
»Nachzahlt? Das ganze Geldl, was ich da bisher erhalten hätt?«
»Freilich.«
»O Jemine! Wann das wär, so thät mir ja dera Verstand stehen bleiben!«
»Mir ists auch ganz so zu Muthe. Mir ist, als ob sich der ganze Kreis um mich drehen thät. Mir wird ganz schwach und schwindelig.«
Die Mutter nahm sie beim Arme und rief:
»Mach mir keine Dummheiten nicht. Jetzt wirst vor Schwindel herfallen! Wir haben das Geld noch gar nicht erhalten. Wann wirs haben, nachhero kannst den Schwindel bekommen, eher aber nicht!«
»Aber, bedenke doch, Mutter, wie viel das ist! Sechshundert Mark fürs Jahr und dera Vatern ist nun allbereits schon seit neun Jahren todt.«
»So bekommen wir es wohl gar neunmal auszahlt?«
»Ja, das ists eben, was mich ganz schwindelig macht.«
»Da steigt mir auch das Blut in die Hauben. Neunmal. Wie viel wäre das denn?«
»Fünftausendundvierhundert Mark.«
Da schüttelte die Alte den Kopf, machte eine halb zornige Bewegung und sagte:
»Halts Maul! Willst mich an dera Nasen zupfen? Oder kannst nimmer rechnen?«
»Das kann ich schon noch.«
»Hast Dich aber doch verrechnet!«
»Nein. Du kannsts ja nachrechnen!«
»So hoch komm ich nicht.«
»O doch. Sechs Hundert sinds und neun Jahren sinds auch. Wie viel ist sechs mal neun?«
»Das ist vierundfünfzig.«
»Also machts vierundfünfzig Hundert.«
»Ja, das ist aberst noch lange nicht tausend. Und Du hast gar von fünftausend sprechen wollt.«
»O Muttern, was thust Dich blamiren! Fünftausendundvierhundert das ist ja eben vierundfünfzig Hundert.«
»So! Wannst so weiter rechnen thust, so lauf ich vor Verwunderung an denen vier Wänden empor.«
»Und dazu kommen gar noch die Verzugszinsen. Fünf Procent von sechshundert Mark auf neun Jahren, das macht in Summa zweihundertundsiebenzig Mark.«
»Auch das erhalten wir?«
»Ja.«
»Hanna, Hanna, mir wirds innerlich ganz weich und armselig im Magen. Ich muß mich ein Wengerl niedersetzen, sonst kann mir gar was passiren. Das ist doch grad, als ob das Geld heut nur so vom Himmeln herabfallen thät. Geh eini, Hanna, und hol mir das Stuckerl Kalmus, was in dera guten Kaffeetassen liegt, die neben dem Gebetbuch steht. Ich muß ein Wengerl Kalmussen kauen, damit dera Magen wiederum in Ordnungen kommt. Mir ists, als ob er im Leib hin und her schwingen thät wie eine Glocken, wann zur Kirch läutet wird.«
Die Tochter wollte ins Haus treten, um den Wunsch ihrer Mutter zu erfüllen, diese aber rief ihr zu:
»Halt! Den königlichen Briefen nimmst halt nicht mit hineini. Der bleibt heraußen bei mir. Leg ihn mir hier auf den Tisch, damit ich ihn vor meinen Augen hab.«
Hanna legte den Brief hin und ging in die Stube. Die Alte legte beide Hände auf das Schreiben, als ob sie ein heiliges Gut bewahren müsse, und sagte zum Könige, der der rührenden Scene stehend beigewohnt hatte:
»Setzens sich doch noch ein Wengerl zu mir her! Ich glaubs halt, daß Alles so ist, denn das Siegellacken ist ja auf den Brief gemacht, und doch möcht ich Sie fragen, obs auch wirklich und gewißlich wahr ist.«
»Sie dürfen nicht zweifeln.«
»Auch an denen Fünftausend nicht?«
»Nein. Es wird sogar noch mehr.«
»Was? Noch mehr?«
»Ja, noch sechshundert mehr.«
»Herrgott! Das wächst ja wie die reine Ueberschwemmung! Wanns so fortgeht, so wirds bald eine Millionen sein!«
»Nun, so hoch kommt es wohl schwerlich.«
»Ja, machens nur so weiter, dann haben wir sie morgen oder übermorgen sicher! Gieb her! Das wird mich stärken!«
Sie nahm das Kalmusstück und das Messer, welches beides Hanna ihr gebracht hatte, schnitt sich ein Stück ab und schob es in den Mund. Dann fuhr sie kauend fort:
»Wie viel wirds nachhero zusammen sein?«
»Das ist leicht auszurechnen,« antwortete Ludwig. »Ihr Mann ist seit neun Jahren todt, das macht neunmal sechshundert; eine Jahrespension bekommen Sie pränumerando, das macht zehnmal sechshundert. Und dazu kommen zweihundertundsiebzig Mark Verzugszinsen, macht zusammen sechstausendzweihundertundsiebenzig Mark.«
»Sechstau – – Herr, sinds, denn gescheidt im Kopfe?«
»Es ist schon so!« nickte der König, innerlich hoch vergnügt.
»Ists wahr, Hanna?«
»Ja, Mutter.«
»Da muß ich doch gleich – –«
Sie schnitt eiligst noch ein Stück Kalmus ab, schob es der Tochter hin und fuhr fort:
»Da, kau schnell, sonst fallt auch Dir dera Schreck in den Magen. Und wann der einmal drinnen ist, so kann er nicht wieder heraus!«
Hanna war vor Freude ganz außer sich. Sie weigerte sich nicht, das sonderbare Mittel zu nehmen. Sie schob den Kalmus mechanisch zwischen die rothen Lippen und weißen Zähne und begann, zu kauen. Das sah so urkomisch aus, daß der König in ein herzliches Lachen ausbrach. Hanna erröthete vor Verlegenheit: ihre Mutter aber fragte:
»Was lachens denn? Wohl über meinen Kalmussen?«
»Ja.«
»Den dürfens mir nicht verlachen. Der macht die Nerven stark und ist das allerbeste Mittel gegen alle Zufälligkeiten des Leibes und dera Seelen. Den hab ich schon gut erprobt. Sie wissen es halt gar nicht, was es zu bedeuten hat, wann zwei so arme Würmern, wie wir halt sind, ein solches Geld – – aberst, da fällt mir eini: Wann wir das prämando erhalten sollen, so muß das also – hm! Wann werden wir es denn erhalten?«
»Sofort.«
»Was heißt das? Wann die Herren vom Amt sagen sofort, so heißt das gewöhnlich, daß es in mehreren Monaten oder Jahren geschehen soll.«
»Nein, hier heißt es so viel wie gleich.«
»Da meinens, daß wir das Geldl heut noch erhalten werden?«
»Ja.«
»Von wem denn?«
»Von mir.«
»Sie habens mit?«
»Ja.«
»Und wollens hierher legen? Daher auf diesen Tisch? Vor meinen Augen?«
»Gewiß.«
Sie starrte ihn an, ganz fassungslos, dann raffte sie sich mit aller Gewalt zusammen, schnitt schnell ein Stück Kalmus ab, schob es ihm in den Mund und rief:
»Da, kauens auch einen Kalmussen! Mir scheint, es ist Ihnen ein Rad sprungen hinter dera Stirn dahier.«
Sie tippte ihm mit dem Zeigefinger auf die Stirn. Er biß lachend auf die sonderbare Medicin und antwortete:
»O hier ist Alles ist Ordnung und hier auch.«
Bei diesen Worten deutete er zunächst auf seine Stirn und schlug dann gewichtig an die Brusttasche seiner Joppe.
»So! Alles richtig? Da und dort! In dera Taschen soll wohl das Geldl stecken?«
»Ja.«
»So zeigens doch mal her! Zählens mal vor! Ich kanns nicht glauben!«
Er zog seine Brieftasche heraus, öffnete sie und begann, zweiundsechzig Hundertmarkscheine auf den Tisch zu legen. Dann zog er die Börse und fügte aus derselben noch siebzig Mark hinzu.
»So!« sagte er, von dieser Arbeit aufblickend. »Das ist Ihr Eigenthum. Nehmen Sie es an sich!«
Aber er erschrak über das Aussehen der alten Frau. Sie war mit dem Oberkörper in die Lehne des Stuhles gesunken. Ihre Wangen waren todtesblaß und ihr Kopf hing schlaff auf die Brust herab.
»Mutter, Mutter, meine liebe, liebe Mutter!« rief Hanna voller Angst.
»Sie ist ohnmächtig geworden,« beruhigte sie der König, indem er die Hand der Frau ergriff, um nach dem Puls zu fühlen. »Ja, es ist eine Ohnmacht. Aengstigen Sie sich nicht, sondern bringen Sie schnell kaltes Wasser herbei.«
Hanna brachte das Gewünschte und befeuchtete Stirn und Wangen ihrer Mutter. Diese kam bald wieder zu sich.
»Was ist mit mir? Was war es denn?« fragte sie.
»Du warst in eine Ohnmachten fallen.«
»Nein, das war keine Ohnmachten. Ich bin niemals in einer Ohnmachten gewest. Jetzund war ich weg, weit fort, im Himmel droben. Da saß dera Herrgott und neben ihm der gute König und viele tausend Engel standen umher. Und da kam die Himmelskönigin, legte mir die Hand auf den Kopf und sagte, ich sollt recht fleißig beten für meinen König und dem Herrgott täglich danken für die Gnad und Barmherzigkeit, die mir heut erwiesen worden ist. Darauf bin ich aufiwacht und nun wiederum bei Euch. Ich seh das viele Geldl daliegen. Das soll unser sein. Das Herz möcht mir springen vor Glück und Seligkeit. Dir nicht auch?«
Hanna schlang die Arme um die auf dem Stuhle wie eine Verklärte sitzende Mutter, zog deren Kopf an ihre Brust und antwortete schluchzend:
»Mutter, ich kann Dir gar nicht sagen, wie mirs ist. Ich bin wie eine Selige des Himmels. Ja, wir wollen beten und danken, nicht nur dem Herrgott und dem Könige und dem Herrn Ludwig in Hohenwald, sondern auch diesem Herrn da, der uns die frohe Botschaft herbeibracht hat.«
»Hast Recht, hast Recht. Er ist kommen wie ein Gottesbote. Darum müssen wir ihm auch dankbar sein.«
Sie streckte ihm ihre Hände entgegen. Er drückte sie ihnen freundlich und unterbrach ihre Dankesworte durch die Bemerkung:
»Jetzt müssen Sie mir vor allen Dingen quittiren, Frau Held, denn die Quittung wird zu den betreffenden Scripturen geheftet.«
»Ja, quittiren möcht ich gar wohl, aber das geht ja nicht.«
»Warum?«
»Ich kann wohl ein Wengerl lesen, schreiben aber nicht.«
»So machen Sie ein Kreuz, und ich schreibe darunter, daß das Ihre Unterschrift sei.«
»Na, ein Kreuzerl könnt ich schon machen, aberst auch das geht nicht.«
»Auch nicht? Aus welchem Grunde?«
»Weil ich keine Tinten da in meiner Wirtschaften hab. Unsereins hat gar nix zu schreiben. Vor langer Zeit hab ich mir wohl mal für einen Pfennig Tinten kauft, aber die ist nun längst eintrocknet und wann ich auch ein Feuer anmachen wollt, um sie wiederum aufzukochen, so fehlt mir doch nachhero die Schreibfedern!«
»Nun, da kann ja geholfen werden. Ich trage stets eine Patentfeder bei mir, zu welcher man keine Tinte braucht. Man taucht sie nur ins Wasser. Und Wasser haben Sie doch wohl hier?«
»So viel, wie's nur haben wollen. Hanna, bring mal einen Eimer voll herbei!«
»Danke, danke!« lachte Ludwig. »Ein einziger Tropfen genügt vollständig.«
Die Tochter brachte eine Tasse voll Wasser. Der König zog das Quittungsformular heraus, füllte es aus und schob es dann nebst der Feder der Frau hin.
»So! Machen Sie Ihr Kreuz hierher,« forderte er sie auf, indem er ihr die betreffende Stelle mit dem Finger angab.
»Das sollens gleich herschrieben haben,« sagte sie. »Wie groß solls denn sein, wie lang, breit und dick?«
»Nur deutlich. Das genügt.«
»Hanna, bring mal meine Gesangbuchsbrillen heraus und das Handtuchen, damit ich sie mir putzen kann!«
Beides wurde gebracht. Die Brille war eine uralte, sogenannte Nasenquetsche. Sie wurde gehörig abgerieben, als ob sie jahrelang im tiefsten Schlamme gelegen hätte. Dann wurde sie auf die Nase gesetzt.
Nun gab sich die gute Frau eine Positur, als ob sie die Aufgabe habe, ein unendlich schwieriges wissenschaftliches Problem zu lösen, stieß die Feder bis an die Hälfte des Halters in das Wasser, trocknete den Letzteren mit der Schürze wieder ab und – – that einen so kräftigen Strich, daß sie mit der Feder durch das Papier fuhr und im Holze der Tischplatte stecken blieb.
»O Jerum Je–!« rief sie. »Das ist ein gar zu dünnes Papieren. Da bin ich ja gleich durchgerannt und die Federn steckt im Tisch. Was ist da zu machen?«
Der König lachte fröhlich auf.
»Ja, wenn Sie beim Schreiben so thun, als ob Sie mit dem Spaten ein Gartenbeet bearbeiten wollen, da fahren Sie freilich durch das Papier. Leise, viel leiser!«
Er zog die Feder aus dem Tische, prüfte sie, ob sie noch brauchbar sei, tauchte ein und gab sie ihr in die Hand.
»Schön! Ich werds ganz leise und sanftmüthig machen. Es soll kein Loch mehr werden.«
Ein Loch wurde es freilich nicht, aber sie setzte ein Kreuz hin, zehn Centimeter lang und acht Centimeter breit.
»So!« sagte sie, vor lauter gelehrter Anstrengung tief aufathmend. »Jetzt ist quittirt. Nun ist das Geld mein?«
»Ja, Sie können es nehmen. Bewahren Sie es gut auf. Was werden Sie damit machen?«
»Das werd ich mir überlegen. Ich werds wohl gleich zum Herrn Pfarrer tragen. Nachhero – – oh, jetzt weiß ich es, was geschieht. Hanna, nicht wahr, dera Ludwig, Dein Brudern, braucht kein Geldl von mir? Er freit ja ein reiches Dirndl.«
»Wirst ihn wohl selberst fragen müssen.«
»Ich weiß schon, was er sagen wird.«
»Was denn?«
»Er wird sagen, daß ich es Dir geben soll. Da kann dera Höhlbauer seinen Hof frei machen und Du wirst die junge Bäuerin. Meinst nicht auch?«
Im Gesichte des Mädchens kam und ging das Erröthen.
»O Muttern, liebe Muttern!« stammelte sie.
»Willsts wohl nicht haben?«
»Es gehört ja Dir.«
»Schwatz mir nicht dareini! Was mein ist, das ist auch Dein. Wann ichs Dir geb, so werd ich wohl stets ein Stückerl Brod von Dir bekommen, so oft ich Hunger hab. Und wann das Jahr vorüber ist, so bekomm ich doch schon wiederum sechshundert Markerln. Willsts nehmen oder nicht?«
»Da muß ich erst mit dem Bruder reden und auch mit dem Stephan, was diese Beiden dazu sagen. Herrgott, wer hätt vorhin denkt, baß es so schnell geht?«
»Was?«
»Das mit dera Fee.«
»Mit dera Fee? Was plauderst von einer Fee? Hast etwan eine gesehen?«
»Nein, aber gehört.«
»Wo?«
»Droben am Berg.«
»Hast wohl träumt?«
»O nein. Dera Stephan war auch mit dabei. Der hat sogar mit dera Fee sprochen und ich hab auch Ja sagen mußt.«
»Ich weiß nicht, wast willst. Red deutlicher.«
Hanna nickte verlegen nach dem Könige hin und antwortete:
»Nachher, Muttern, sollst Alles derfahren. Ich weiß nun, daß es Himmelsboten giebt. Ich kanns beweisen. Nimm jetzund das Geld. Wir wollens in der Truhen einischließen.«
»Ja. Hol mal das neuwaschene Betttuch heraufi. Dahinein wollen wirs schlagen.«
»Ein Halstuch oder Kopftuch ist doch wohl auch groß genug dazu.«
»Nein. Es muß viel, viel Mal eingewickelt werden, damit Keiner dazukommen kann. Wann man reich ist, so beginnt auch gleich die Angst um die Spitzbuben. Wir steckens ganz unten hinein in die Truhen und thun dann die drei Hängschlössern hinan. Wann wir nachhero noch ein paar Nägel in den Deckel schlagen und einen Strick darum binden und mit Siegellacken ankleben, nachhero möcht ich den Spitzbuben sehen, der uns das Geldl nehmen kann, ohne daß wir ihn dabei derwischen.«
Ludwig hatte einige Worte der Bescheinigung unter das Riesenkreuz gesetzt und steckte dann die Quittung zu sich. Er mußte sich mit aller Gewalt zusammennehmen, nicht in ein lautes Lachen auszubrechen, als Hanna jetzt wirklich mit einem großen, neuwaschenen Betttuche erschien, in welches das Geld mit größter Sorgfalt gewickelt wurde.
»So!« meinte die Alte befriedigt. »Was man hat, das muß man auch verwahren, sonsten kann man leicht drumkommen. Geh mit hinein, Hanna. Wir wollens einschließen. Dera Herr wird nicht bös sein, wenn wir ihn eine Minuten alleini lassen.«
Sie verschwanden im Innern der Hütte.
Ludwig wartete eine Weile. Sie kamen nicht wieder. Da näherte er sich leise der Thür und blickte hinein.
Da, wo das Weihwassergefäß hing und das Crucifix darüber, knieten Beide betend an der Erde. Vor ihnen auf einem Stuhle, den sie an die Wand gerückt hatten, lehnte so, daß es deutlich zu sehen war – das Bild des Königs. Sie hatten es von der gegenüberliegenden Wand herabgenommen.
Er trat leise zurück, fuhr sich mit dem Taschentuche nach den Augen und entfernte sich dann eiligst.
»Wie klein und gering die Gabe und doch wie groß das Glück!« sagte er für sich. »Sie werden nicht die Einzigen sein; denen ich heute Freude bringe. Jetzt nun hinüber nach Eichenfeld!«
Eine ziemlich gut fahrbare Strecke führte in die angegebene Richtung. Er folgte ihr. Sie stieg erst steil an. Als er oben auf der Höhe angekommen war, blieb er stehen und blickte zurück.
Man mußte jetzt sein Verschwinden bemerkt haben. Und wirklich sah er jenseits des Dorfes eine weibliche Gestalt mit eiligen Schritten über die Wiese laufen. Ein einsam stehendes Gut schien ihr Ziel zu sein. Er erkannte sie.
»Das ist die Hanna. Jetzt sucht sie den Geliebten auf, um ihm versprochener Maßen die Botschaft zu bringen, daß sich das Wort der Fee erfüllt hat. Werdet glücklich, Ihr braven, treuen Herzen! Ihr seid es werth!«
Er schritt weiter. Nach der eingezogenen Erkundigung hatte er bis Eichenfeld gegen drei Viertelstunden zu gehen. Der Weg führte unausgesetzt durch Tannenwald, dessen Ränder zur Seite der Straße mit Gebüsch besetzt waren.
Ungefähr eine Viertelstunde lang war der König gegangen. Da erblickte er einen Mann vor sich, welcher langsam und etwas unsicheren Schrittes dieselbe Richtung verfolgte. Da Ludwig schneller ging, hatte er ihn bald eingeholt.
Als der Mann Schritte hinter sich hörte, blieb er stehen und drehte sich um. Ludwig sah ein farbloses, aufgedunsenes, bartstoppeliges Gesicht, aus dem zwei kleine Augen stechend ihre Beobachtungen machten. Der Leib des Menschen war angeschwemmt, die Beine krumm, das Haar wirr. Der Anzug war früher einmal ein eleganter Gesellschaftsanzug gewesen, jetzt aber sah er abgeschabt und schäbig aus und war sogar an einigen Stellen zerrissen. Auch die Nähte der Stiefel waren aufgegangen. Die Fußbekleidung schien überhaupt seit längerer Zeit weder Wichse noch Schmiere gekostet zu haben.
Der Besitzer dieses Anzuges machte einen höchst verkommenen Eindruck. Wer ihn sah, hatte sofort das Gefühl, daß man sich vor ihm in Acht zu nehmen habe. Er trug in der einen Hand ein in ein blaues Schnupftuch eingebundenes Päcktchen und in der anderen einen fast übermäßig starken, knorrigen Knotenstock.
Sein Gang war unsicher, ganz wie derjenige eines Menschen, welcher zu tief in das Glas geschaut hat, und wirklich bemerkte Ludwig sofort, das; der Mann von einer widerlichen Schnapsatmosphäre umgeben war.
Der Strolch riß den schäbigen Filz vom Kopfe, streckte die Hand aus und machte dabei ein möglichst jammervolles Gesicht.
»Ein armer Reisender bittet um einen Zehrpfennig,« sagte er.
Ludwig wäre lieber an ihm vorüber gegangen, aber in einer jener plötzlichen und unbegreiflichen Regungen zog er seine Börse und gab ihm ein Fünfzigpfennigstück.
Der Mann war höchst erstaunt über diese nach den gegebenen Verhältnissen hohe Gabe. Er schwenkte höchst ergeben den Hut und sagte:
»Besten Dank, mein Herr! Ich sehe, daß Sie ein nobler Mann sind. Wohin wollen Sie? Vielleicht haben wir gleichen Weg. Ist dies der Fall, so können wir mit einander gehen.«
Der König hielt diese Frechheit mehr für eine Lächerlichkeit. Er überflog die Gestalt des Mannes mit einem lächelnden Blick und antwortete:
»Wohl weil dann zwei noble Herren zusammen sind?«
»Ja.«
Dieses Ja kam so überzeugungsvoll heraus, daß Ludwig lachen mußte.
»Sie lachen? Wohl über mich?«
»Ueber mich selbst jedenfalls nicht.«
»Also doch über mich!«
»Natürlich.«
Der Mann hatte Etwas an sich, was der König nicht definiren konnte, was ihn aber abhielt, ihn so zurückzuweisen, wie er es eigentlich verdient hätte und wie es von Ludwig auch gewiß in jedem andern Falle geschehen wäre. Es lag in seinem Gesichte, in seinem ganzen Wesen etwas Räthselhaftes, was den Menschenkenner aufforderte, es zu lösen und also bei diesem Manne zu bleiben, obgleich sein Anblick eigentlich abstoßend wirkte.
»Lachen Sie nur,« sagte derselbe. »Sie haben jawohl jetzt eine Veranlassung dazu. Wenn Sie mich aber früher gesehen hätten, so würden Sie mehr Respect vor mir haben.«
»So!« dehnte der König.
»Ja, gewiß.«
»Was sind Sie denn?«
»Jetzt bin ich Privat-Secretär.«
»Das heißt, Schreiber?«
»Ja, so sagt der gewöhnliche Mann. Aber wenn ich zum Beispiel irgend einem Manne, der die Kunst des Schreibens nicht versteht, einen Brief verfasse, so bin ich Secretär. Nicht?«
»Ja.«
»Und weil ich für Privatleute schreibe, so bin ich also Privatsecretär.«
»Wenn Sie das in dieser Weise begründen, so muß ich Ihnen freilich Recht geben. Wo wohnen Sie, denn?«
»Hm! Ich wohne nicht.«
»Sie müssen doch ein Unterkommen haben.«
»Ich habe augenblicklich weder ein Unter-, noch ein Auskommen. Die fünfzig Pfennige, welche Sie mir gaben, sind mein ganzes Besitzthum.«
»Aber eine Heimath haben Sie doch!«
»Was man einen Unterstützungswohnsitz nennt, hm, den habe ich nicht.«
»Sie müssen doch auf irgendwelche Weise irgendwo gewohnt haben!«
»Ich danke für diese irgendwelche Weise! Sie hat mir ganz und gar nicht gefallen.«
»Nach dem Gesetze haben Sie Ihren Unterstützungswohnsitz da, wo Sie zum letzten Male zwei Jahre lang gewohnt haben!«
»Zwei Jahre lang habe ich nirgends gewohnt, außer an dem Orte, von welchem ich jetzt komme. Und für diesen danke ich. Ich mag nicht wieder hin!«
Der König war in seinem gewohnten Schritt rasch weiter gegangen. Der Andere hatte sich bemüht, an seiner Seite zu bleiben. Es kostete ihm dies einige Anstrengung; aber er schien nicht Willens zu sein, auf eine solche Reisegesellschaft zu verzichten. Ludwig wollte ihn nicht geradezu zurückweisen. Dazu kam der bereits erwähnte Umstand, daß der Mann Etwas an sich hatte, was den Psychologen reizte, es kennen zu lernen. Darum zog Ludwig seine Schritte ein und fragte:
»Wie heißen Sie denn?«
»Ich heiße Hermann Arthur Willibold Keilberg.«
Dieser Name kam Ludwig bekannt vor. Er mußte ihn, und zwar vor nicht sehr langer Zeit, einmal gehört oder gelesen haben. Er sann darüber nach. Hermann Arthur Willibold Keilberg. Besonders auffällig war der letzte Vorname, Willibold anstatt Willibald. Wo war ihm nur dieser Name vorgekommen?
Ach, jetzt entsann er sich desselben. Vor einiger Zeit war ihm ein Gnadengesuch zur Unterschrift vorgelegt worden. Ein zu zehn Jahren Zuchthaus verurtheilter Schreiber hatte sich während seiner Gefangenschaft acht Jahre lang so gut geführt, daß der Director der Strafanstalt ihn zur Begnadigung vorgeschlagen hatte. Das Gesuch war vom Justizminister unterstützt worden, und so hatte Ludwig den Mann begnadigt und ihm die letzten zwei Jahre erlassen. Dieser Schreiber hatte – ganz richtig – Hermann Arthur Willibold Keilberg geheißen. Er war wegen Betrugs und Fälschung bestraft worden. Jetzt verstand der König, warum es ihn nicht gelüstete, nach demjenigen Orte zurückzukehren, an welchem er länger als zwei Jahre gelebt hatte. Das Zuchthaus ist eben für keinen Menschen ein sehr wünschenswerther Unterstützungswohnsitz.
»Sie wissen also nicht, wo Sie Ihre Heimath haben, Herr Keilberg. Aber wohin Sie wollen, das werden Sie wohl wissen.«
»Auch nicht. Ich gehe überall hin. Ich bin wie der Vogel, welcher dahin fliegt, wo er ein Körnchen findet oder einen Mehlwurm oder eine Raupe.«
»Und dabei fliegt er in die Falle, die man ihm gestellt hat.«
»Da ist er dumm und ungeschickt. Mich fängt kein Vogelsteller.«
»Hm! Sollten Sie noch niemals gefangen worden sein?«
Diese Frage war in einem solchen Tone ausgesprochen worden, daß Keilberg verwundert zu dem Könige aufblickte und ihm antwortete:
»Sehe ich denn aus wie ein Gimpel, welcher so leicht auf den Leim geht?«
»Hin! Geistreich ist Ihr Gesicht nicht.«
»Donnerwetter! Das ist eine Beleidigung!«
Er machte ein zorniges Gesicht und schwang den Knotenstock.
»Eine Beleidigung kann es nicht sein, weil ich keineswegs die Absicht habe, Sie zu kränken. Sie haben mich nach Ihrem Aussehen gefragt und tragen also selbst die Schuld, daß ich Ihnen eine so ehrliche Antwort gegeben habe.«
»Aber eine solche Ehrlichkeit ist zuweilen ganz am unrechten Platze!«
»Nie! Die Ehrlichkeit ist stets am richtigen Platze.«
»Das mögen Sie denken!«
»Denken Sie meinetwegen anders! Aber gerade der Grundsatz, welchen Sie damit ausgesprochen haben, läßt mich vermuthen, daß Sie leicht einmal an einer Leimruthe hängen geblieben sein können.«
»Da täuschen Sie sich in mir! Ich bin noch nie kleben geblieben. Sie sehen ja, daß ich mich in voller Freiheit befinde!«
»Hat man Sie etwa wieder frei gelassen?«
Der Mann blieb stehen, ergriff den König beim Aermel und fragte:
»Wie kommen Sie zu solchen Worten?«
»Weil ich glaube, Menschenkenner zu sein. Einem Vogel sieht man es sofort an, daß er lange Zeit im Käfig gesessen hat. Wenn er seine Freiheit auch wieder erlangt, so hat er doch das Fliegen verlernt.«
»Kann ich es etwa nicht mehr?«
»Nein. Sie taumeln ja!«
»Das kommt von den verdammten paar Glas Nordhäuser, welche ich getrunken habe. Sonst aber bin ich gewöhnlich sehr gut auf den Beinen. Ich werde es Ihnen beweisen. Kommen Sie nur! Ich laufe mit Ihnen gewiß um die Wette.«
Er machte jetzt so rasche und weite Schritte, als ihm nur möglich war, ließ aber bald wieder nach. Dabei brummte er:
»Eigentlich sollte ich das gar nicht leiden!«
»Was?«
»Das mit dem Vogelbauer.«
»Warum wollen Sie das nicht dulden?«
»Weil es nicht wahr ist. Ich bin nicht gefangen gewesen.«
»Nun, so entschuldigen Sie!«
»So Etwas ist gar nicht zu entschuldigen. So Etwas darf gar nicht vorkommen. Man darf nicht einem Menschen, den man gar nicht kennt, in's Gesicht sagen, daß er gefangen gewesen sei.«
»Wenn man es aber vermuthet!«
»Gehen Sie zum Teufel mit Ihrer Vermuthung! Denken Sie, weil Sie mir ein Viergroschenstück gegeben haben, so dürfen Sie mit mir machen, was Sie wollen?«
»Nein, das denke ich nicht. Aber als Sie mir Ihren Namen sagten, da dachte ich unwillkürlich an einen Rechtsfall, in welchen ein Schreiber verwickelt war, der ganz genau so hieß wie Sie.«
»Hermann Arthur Willibold Keilberg?«
»Ja.«
»Wann war das?«
»Vor etwas über acht Jahren.«
»So so!«
»Er wurde wegen Betrugs und Fälschung zu zehnjähriger Zuchthausstrafe verurtheilt.«
»Hm!«
»Und ist jetzt vom Könige begnadigt worden.«
»Der Mann geht mich nichts an!«
»Sieht Ihnen aber ungeheuer ähnlich.«
»Donnerwetter! Kennen Sie ihn?«
»Das kann Ihnen gleich sein, da der Mann Sie ja gar nichts angeht.«
»Hören Sie, werden Sie nicht anzüglich!«
»Das werde ich nicht. Aber Sie haben auf Ihrer Wanderung jedenfalls Legitimationspapiere bei sich?«
»Natürlich.«
»Darf ich sie einmal sehen?«
»Hol Sie der Teufel! Sind Sie etwa ein verdeckter Gensdarm?«
»Nein.«
»Was denn?«
»Ich bin – – na, rathen Sie einmal!«
Keilberg musterte den König aufmerksamer, als er ihn bisher betrachtet hatte, und sagte dann:
»Ich will mich fressen lassen, wenn Sie nicht ein Jurist sind!«
»Warum denken Sie das?«
»Weil – weil Sie ganz darnach aussehen, und weil Sie sich auch jenes Rechtsfalles so genau erinnern. Nur ein Jurist bedient sich solcher Ausdrücke wie Sie. Und woher wissen Sie, daß ich begnadigt worden bin?«
»Sie?« fragte der König lächelnd.
»Ja, ich.«
»Ich habe doch nicht von Ihnen, sondern von jenem Hermann Arthur Willibold Keilberg gesprochen, der Sie gar nichts angeht!«
»Alle Teufel! Jetzt habe ich mich also doch verplappert!«
»Das denke ich auch. Wollen Sie noch weiter leugnen?«
»Nein, das wäre nun Unsinn.«
»Sie sind also jener Keilberg?«
»Ja. Aber Sie müssen nun auch zugeben, daß Sie Jurist sind. Nur ein Jurist kann Unsereinen in dieser Weise ausfragen.«
»Nun ja, ich bin Jurist.«
»Sehen Sie! Aber nun denken Sie sich wohl, ich fürchte mich vor Ihnen?«
»Das haben Sie nicht nöthig. Uebrigens bin ich bei keinem Gerichte angestellt.«
»Schön! Also Advocat, Rechtsanwalt?«
»Ja – – ja – – Anwalt bin ich jedenfalls.«
»Das freut mich! Wie heißen Sie denn?«
»Ludwig ist mein Name.«
»Also Rechtsanwalt Ludwig. Woher?«
»Aus München.«
»Sie haben wohl Ferien?«
»Ja.«
»Freut mich, freut mich, Sie getroffen zu haben, Herr Advocat! Ja ja, habe es mir doch gleich gedacht, daß Sie zur Juristerei gehören. Nur so Einer konnte sich meiner erinnern, trotzdem seitdem über acht Jahre vergangen sind. Wenn ich nur wüßte, ob Sie – –«
Er hielt inne.
»Was möchten Sie wissen?«
»Ob ich Ihnen – – na, es geht doch wohl nicht. Das kann ich mir denken.«
Er blickte im Vorwärtsgehen sinnend vor sich nieder. Es war ihm anzusehen, daß er sich Etwas überlegte. Er schien über irgend einen Punkt im Unklaren zu sein.
Ludwig störte ihn nicht. Er ahnte, daß er jetzt Etwas erfahren werde, was Keilberg lieber verschweigen möchte. Er wartete ruhig ab, was der Mann für einen Entschluß fassen werde. Endlich hob Keilberg den Kopf wieder empor, blickte Ludwig von der Seite prüfend an und fragte:
»Als Rechtsanwalt kennen Sie natürlich alle Gesetze?«
»Jawohl.«
»Giebt es auch ein Gesetz über die Verschwiegenheit?«
»Welche Verschwiegenheit meinen Sie?«
»Diejenige der Advocaten.«
Es giebt Paragraphen, welche einem jeden Beamten zur Pflicht machen, amtliche Geheimnisse zu verschweigen. Kann doch sogar der Angestellte irgend eines Privatmannes bestraft werden, wenn er die gefährlichen Geheimnisse seines Prinzipals verräth.«
»So! Das ist gut. Gesetzt den Fall, es kommt irgend Jemand zu Ihnen, der Sie Advocat sind, und fragt Sie um einen guten Rath. Dürfen Sie darüber mit Andern reden?«
»Nein.«
»Sie müssen es verschweigen?«
»Versteht sich.«
»Ah, da möchte ich jetzt die Gelegenheit ergreifen. So gut wie jetzt paßt es freilich nicht gleich wieder.«
»So wünschen Sie einen Rath von mir?«
»Schon mehr ein Gutachten.«
»So sprechen Sie.«
»Ja, Sie können mich sehr leicht dazu auffordern! Aber die Sache hat einen Haken.«
»Welchen?«
»Ich habe kein Geld. Ihr Advocaten seid die Richtigen. Ihr thut nichts umsonst, und Eure Preise sind so hoch gestellt, daß sie Unsereiner nicht erschwingen kann.«
»So schlimm ists doch nicht.«
»Jawohl. Für eine Antwort muß man Ihnen drei oder gar vier und fünf Mark bezahlen.«
»So viel nicht.«
»Ich habe es so gehört. Wenn ich Sie jetzt um einen Rath frage, so könnte ich Ihnen für denselben nur die fünfzig Pfennige geben, die ich erst von Ihnen erhalten habe.«
»Sie vergessen, daß wir uns jetzt nicht in meinem Bureau befinden.«
»Hier unter freiem Himmel ist es wohl umsonst?«
»Eigentlich auch nicht. Aber ich will berücksichtigen, daß Sie ein armer Teufel sind. Geld sollten Sie freilich auch haben.«
»Ich? Woher denn?«
»Nun, Sie haben doch im Zuchthause gearbeitet?«
»Und wie! Wenn man da sein Pensum nicht bringt, so ist gleich die Strafe dahinter.«
»Also haben Sie doch auch Etwas verdient!«
»Ja, aber wieviel! Täglich drei Pfennige habe ich bekommen. Das macht rund für dreihundert Arbeitstage drei Thaler jährlich.«
»In acht Jahren also vierundzwanzig Thaler oder zweiundsiebzig Mark.«
»Davon habe ich die Hälfte für Kleinigkeiten verwenden dürfen. Bleiben also nur sechsunddreißig Mark.«
»Die haben Sie natürlich bei Ihrer Entlassung mitbekommen?«
»Ja.«
»Nun, wo sind Sie?«
»Da fragen Sie mich?«
»Wie Sie hören.«
»Alle Teufel! Sie haben einen schönen Begriff vom Leben! Wovon lebt man denn eigentlich?«
»Vom Ertrage der Arbeit.«
»Und wenn man keine Arbeit erhält?«
»Das ist Ausrede. Arbeit giebts stets und überall.«
»Nur nicht für einen entlassenen Zuchthäusler. Zunächst will man sich, wenn man acht Jahre lang bei dem Zuchthausessen gebrummt hat, doch einmal eine Güte thun. Das kostet natürlich Geld. Nachher muß man leben, und wenn man nichts verdient, so lebt man eben so lang von der Schnure, wie sie reicht. Und ist sie zu Ende, so geht das Betteln an.«
»Auch Sie können Arbeit finden, wenn Sie nur ernstlich wollen.«
»Ich? Denken Sie denn, daß ein Advocat, ein Bürgermeister oder sonst Einer einen entlassenen Sträfling als Schreiber anstellt?«
»Mag sein, daß er das nicht thut. Aber warum wollen Sie gerade eine Stelle als Schreiber haben?«
»Weil ich Schreiber bin.«
»Wenn Sie keine solche Anstellung finden, so müssen Sie eben nach einer andern Arbeit greifen. Es kommt dann, wenn Sie sich gut führen, ganz von selbst die Zeit, in welcher man Ihnen Vertrauen schenkt. Dann können Sie ja wieder zur Feder greifen.«
»Sie haben gut Reden. Das ist Alles ganz anders als Sie denken. Wir wollen uns gar nicht darüber streiten. Die Sache ist die, daß ich keine Arbeit bekam und also meine paar Mark verlebt habe. Ich kann Sie für den Rath, den Sie mir geben sollen, nicht bezahlen.«
»So bekommen Sie ihn umsonst.«
»Wirklich?«
»Ja. Also sprechen Sie!«
»Vorher muß ich wissen, ob ich mich auf Ihre Verschwiegenheit verlassen kann.«
»Ganz gewiß.«
»Nun gut, so sagen Sie mir doch einmal, in welcher Zeit ein Verbrechen verjährt, so daß es nicht bestraft werden kann.«
»Das kommt auf das Verbrechen an und auf die Strafe, mit welcher es voraussichtlich belegt worden wäre.«
»Das verstehe ich nicht.«
Die Strafverfolgung verjährt nach Paragraph 67 des Reichsstrafgesetzbuches bei einem Verbrechen, welches mit dem Tode oder lebenslänglichem Zuchthause bedroht ist, in zwanzig Jahren.«
»Das ist mein Fall nicht.«
»Ist das Verbrechen mit einer längeren als zehnjährigen Strafe bedroht, so tritt die Verjährung in fünfzehn Jahren ein.«
»Auch das paßt nicht auf mich.«
»Alle anderen Verbrechen verjähren bereits in zehn Jahren.«
»Hm! Das paßt auf mich.«
»Haben Sie denn ein Verbrechen begangen, für welches Sie noch nicht bestraft worden sind?«
»Ja.«
»Was für eins?«
»Einen Diebstahl oder vielmehr eine Unterschlagung. Ich kann das sagen, weil es verjährt ist und nun nicht mehr bestraft werden darf.«
»Vielleicht irren Sie sich. Nämlich die Strafverfolgung verjährt in der angegebenen Zeit, nicht aber die Strafvollstreckung, wenn nämlich die Strafe rechtskräftig erkannt worden ist.«
»Das verjährt gar nicht?«
»O doch, aber später.«
»Nun, eine Strafe ist damals nicht erkannt worden.«
»Wie kommt das?«
»Weil ich gar nicht angezeigt worden bin. Was ich gethan habe, ist gar nicht an den Tag gekommen.«
»So! Wie lange ist es her?«
»Ueber zwanzig Jahre.«
»So können Sie freilich ruhig sein.«
»Schön! Das freut mich. Aber darf ich denn auch öffentlich davon reden, ohne daß man mich bestrafen kann?«
»Ja. Das werden Sie aber natürlich bleiben lassen!«
»Meinen Sie?«
»Ja. Es wird doch Niemand den Leuten erzählen, daß er eine Unterschlagung begangen hat.«
»Vielleicht doch!«
»Der Mann hätte nicht eine Spur von Ehrgefühl im Leibe.«
»Das mag richtig sein. Aber ich will auch nicht gerade öffentlich davon sprechen. Es sind nur einige Personen, zu denen ich davon reden möchte.«
»Auch das ist nicht gerade ein Beweis, daß Sie ein empfindliches Ehrgefühl besitzen.«
»Aber ich habe einen desto empfindlicheren Magen. Hunger thut weh. Ich will leben.«
»Ah, Sie wollen sich für die Mittheilung Ihres Verbrechens bezahlen lassen?« »Ja, weil ich damals für dasselbe schändlicher Weise nicht bezahlt worden bin.«
»Sie haben es im Auftrage eines Andern ausgeführt?«
»Ja. Und dieser Andere ist schuld, daß es nachher mit mir bergab gegangen ist. Ich war ein ehrlicher Kerl. Er hat mich zum Verbrecher gemacht. Er versprach mir goldene Berge und hat mich doch nicht bezahlt. Jetzt aber soll er mir bluten!«
»Nehmen Sie sich in Acht.«
»Ich fürchte mich nicht! Wenn er mich nicht bezahlt, zeige ich ihn an.«
»Sie vergessen, daß die Sache verjährt ist.«
»Das ist sie. Aber es ist damals ein ganz Unschuldiger bestraft worden. Wenn ich jetzig sage, wie es damals zugegangen ist, so wird die Unschuld dieses Mannes an den Tag kommen, und Alberg kann zwar nicht mehr bestraft werden, aber es ist alle mit ihm.«
»Alberg? Hm! Der Name kommt mir bekannt vor.«
»Ich hätte ihn verschweigen sollen; aber Sie dürfen ja nichts ausplaudern.«
»Das ist richtig. Wer ist der Mann?«
»Er ist von Adel.«
»Ah, ist es vielleicht der Baron von Alberg, welcher seinen Aufenthalt in Wien hat?«
»Ja. Er ist ein Oesterreicher.«
»Dieser, dieser ist Ihr Mitschuldiger?«
»Ja.«
»Hm! Hm! Wie ist das denn damals zugegangen?«
»Das werde ich mich hüten, zu sagen.«
Dem Könige lag natürlich gerade daran sehr viel, dies zu erfahren. Darum wendete er eine List an, indem er bemerkte:
»Nun, wenn Sie es verschweigen wollen, so kann ich nichts dagegen haben; aber dann hat auch die Auskunft, welche ich Ihnen gegeben habe, nicht den mindesten Werth.«
»So? Warum?«
»Weil eben der Baron ein Oesterreicher ist. Jenseits der Grenze gelten andere Gesetze.«
»Sapperment! So ists wohl auch mit der Verjährung anders?«
»Ja.«
»Und ich könnte womöglich doch noch bestraft werden?«
»Freilich. Eine richtige und treffende Auskunft kann ich Ihnen nur dann erst geben, wenn ich genau weiß, um was es sich handelt. Da Sie aber das verschweigen wollen, so müssen Sie eben verzichten.«
»Na, wenn es so ist, so wäre es ja die größte Dummheit, zu schweigen, zumal ich mich auf Ihre Verschwiegenheit verlassen kann. Soll ich es Ihnen erzählen?«
»Wie Sie wollen! Mir ist das sehr egal.«
»Aber für mich ist es wichtig, richtige Auskunft zu erhalten. Nämlich Alberg hatte ein Mädchen haben wollen, welche ihm ein Anderer vor der Nase wegnahm – – –«
»Wer war sie?«
»Eine gewisse Emilie geborene von Sendingen. Sie heirathete aus Liebe einen Herrn von Sandau, einen Offizier.«
»Ah, der Name ist mir bekannt, und ich erinnere mich ganz leidlich eines Falles, von welchem ich einmal erzählen hörte. Dieser Sandau wurde wegen irgend eines militärischen Verbrechens infam kassirt.«
»Ja, das stimmt.«
»Er erhielt, glaube ich, eine Freiheitsstrafe?«
»Auch das ist richtig.«
»Und sodann ist er verschwunden. Von seiner Familie hat man auch nichts mehr gehört.«
»Auch seine Frau verschwand; das weiß ich gar wohl.«
»Hängt dieser Fall mit Ihrer Unterschlagung zusammen?«
»Ja. Ich habe das begangen, wofür er bestraft wurde.«
Der König blieb erschrocken stehen.
»Mensch!« rief er aus. »Sind Sie des Teufels?«
»Pah!« lachte Keilberg. »Ich wurde verführt. Alberg versprach mir eine bedeutende Summe, hat mir aber freilich keinen rothen Heller ausgezahlt.«
»Und Sie haben es übers Herz bringen können, daß eine unschuldige Familie die entsetzlichen Folgen tragen mußte!«
»Meinen Sie, daß ich mich etwa selbst hätte anzeigen sollen?«
»Ja, das meine ich. Es war Ihre Pflicht, sich dem Strafrichter zu stellen.«
»Werde mich hüten! Das Zuchthaus ist kein angenehmer Aufenthalt!«
»Sie sind diesem Aufenthalte aber doch nicht entgangen. Hätten Sie damals Ihre Pflicht gethan, so wäre die Strafzeit doch einmal vorüber gegangen, und da das die erste und einzige verbrecherische That war, die Sie begangen hatten, so konnten Sie doch leicht ein ehrlicher Kerl werden. Es wäre Ihnen dann die verbrecherische Zukunft erspart geblieben.«
»Hm! Sie mögen vielleicht Recht haben; aber damals hatte ich verdammt wenig Lust, mich einsperren zu lassen.«
»Sagen Sie, wie sich Alles zugetragen hat.«
»Nun, ich war auch Soldat, nämlich Compagnieschreiber. Herr von Sandau war zum Generalstab abcommandirt und hatte da viel zu schreiben. Ich besaß eine gute Handschrift und war ein offener Kopf. Darum gab er mir sehr oft seine Concepte zur Reinschrift. Geheime Sachen aber bekam ich natürlich nicht in die Hand.«
»Aber Zutritt hatten Sie zu ihnen?«
»Ja. Es kam sogar vor, daß ich in seiner Wohnung schrieb. Er saß da an seinem Schreibtische, während ich an einen Seitentisch postirt wurde. Ich hatte Gelegenheit, Alles zu beobachten, und wußte ganz genau das Fach seines Schreibtisches, in welches er diejenigen Scripturen, welche geheim zu halten waren, einzuschließen pflegte.«
»Eine solche haben Sie gestohlen?«
»Ja.«
»Mein Gott! Sie haben ja gar keine Ahnung, was für Folgen eine solche That nach sich ziehen kann!«
»Wenigstens damals wußte ich es nicht so wie heute.«
»Es kann dadurch eine Schlacht verloren gehen.«
»Das glaube ich heute ganz wohl.«
»Ein ganzer Feldzug kann dadurch verunglücken, ja, die Existenz des Staates kann auf das Spiel gestellt werden!«
»Darnach fragte Alberg nicht.«
»Aber Sie hätten sich das sagen sollen.«
»Ich war jung und lebenslustig. Ich hatte eine Geliebte, welche beim Ballet angestellt war. Ihr Gehalt reichte weder vorn noch hinten zu. Sie hatte mich fest und ich gab ihr Alles, was ich erübrigen konnte. Ja, ich gab ihr noch mehr: Ich machte Schulden. Dadurch kam ich in Noth. Ich hatte einem Bekannten Etwas vorgeschwindelt, um Geld von ihm zu bekommen. Als ich es nicht zurückgeben konnte, drohte er mit der Anzeige. Ich wäre bestraft worden wegen falscher Vorspiegelung, wegen Betrugs oder so ähnlich. Ich befand mich in der größten Angst, und gerade da kam Alberg zu mir.«
»Kannte er Ihre Lage?«
»Weiß der Teufel, wie es zugegangen war, er wußte Alles. Er versprach mir, die Schuld zu bezahlen und mir noch außerdem tausend Gulden zu geben, wenn ich einige der geheimen Papiere, welche sich in Sandau's Schreibtisch befanden, abschreiben wolle.«
»Also nicht stehlen?«
»Die Originale nicht. Aber ein Diebstahl war es doch, eine Unterschlagung.«
»Noch schlimmer!«
»Damals aber kam es mir wie eine Entschuldigung vor, daß ich nur die Abschriften zu nehmen hatte.
»Und gelang Ihnen das so leicht?«
»Es ging leichter, als ich dachte. Herr von Sandau war einmal für einige Minuten aus dem Zimmer gegangen. Ich wußte genau, daß er mich nicht überraschen werde. Der Schlüssel steckte. Ich öffnete und nahm drei kleine Manuscripte heraus, die ich zu mir steckte.«
»Wie leicht konnte er bemerken, daß sie fehlten!«
»Ich wußte es, daß er nach kurzer Zeit für mehrere Stunden fortgehen werde. Es waren noch viele andere Manuscripte und Scripturen in dem Kasten. Er konnte das Verschwinden der Drei nur dann bemerken, wenn er nur grad sie augenblicklich gebraucht hätte. Das war aber nicht der Fall. Als er wieder hereinkam, saß ich an meinem Tische und war so in die Schreiberei vertieft, daß er nicht ahnen konnte, daß ich meinen Platz verlassen gehabt hatte.«
»Entsetzlich! Wie kann man so Etwas thun!«
»Pah! Es geschehen noch ganz andere Dinge. Was ich gedacht hatte, das geschah. Er zog den Schlüssel ab und entfernte sich. Seine mehrstündige Abwesenheit benutzte ich, die Abschriften der drei Manuscripte zu machen. Später kehrte er zurück und setzte sich wieder an die Arbeit. Als er sich dann abermals aus dem Zimmer entfernte, benutzte ich diese Gelegenheit, die Manuscripte wieder an ihren Platz zu legen. Am Abende erhielt Herr von Alberg die Abschriften.«
»Wußten Sie welchen Zweck er verfolgte?«
»Daß er Sandau einen Streich spielen wolle, das wußte ich, welchen aber, das war mir nicht bekannt.«
»Gab er Ihnen Geld?«
»Nein. Er sagte, er müsse Handschriftproben von Sandau haben. Wenn ich diese ihm verschafft habe, werde er mich bezahlen, eher nicht.«
»Und Sie verschafften Sie ihm?«
»Ja. Das fiel mir ja sehr leicht. Es lagen so viele alte Schreibereien Sandau's herum, die er nicht mehr brauchte. Am nächsten Abende erhielt Alberg, was er wollte. Ich aber bekam kein Geld. Er hätte es vergessen, sagte er; er hätte nicht geglaubt, daß ich ihm seinen Wunsch bereits heute erfüllen werde. Dann war er verreist. Ich habe ihn erst nach Jahren wiedergesehen.«
»Und Sandau?«
»Wurde plötzlich verhaftet.«
»Weshalb?«
»Er hatte dem Militärattache eines fremden Staates drei wichtige Arbeiten des Generalstabes zum Verkaufe angeboten.«
»Das waren diese Drei, welche Sie abgeschrieben hatten?«
»Ja.«
»Aber wie konnte man ihm beweisen, daß er es war, der das Angebot gemacht hatte?«
»Er hatte ja den Begleitbrief geschrieben, mit welchem er die Manuscripte einsandte. Dieser Brief war freilich gefälscht. Alberg hatte sich zu diesem Zwecke eine Handschriftprobe von ihm gewünscht.«
»Welch eine Niederträchtigkeit! Welch eine Bosheit und Verworfenheit!«
»Denken Sie davon, wie Sie wollen! Schlecht war es von mir, noch schlechter aber von Alberg. Und die größte Schlechtigkeit beging er, indem er mir das Geld nicht gab.«
»Geschah Ihnen ganz recht!«
»Oho! Jeder Arbeiter ist seines Lohnes werth!«
»Das wäre ein Sündenlohn gewesen.«
»Ich konnte meine Schulden nicht bezahlen und wurde angezeigt. Natürlich traf mich die erwartete Strafe. Ich wurde in Folge dessen ausgestoßen.«
»Das hatten Sie verdient!«
»Ich war Unteroffizier gewesen. Ich hätte später eine Anstellung erhalten; damit war es nun aus. Als ich meine Strafe überstanden hatte, etablirte ich mich als Privatschreiber. Was ich verdiente, das war zum Leben zu wenig und zum Verhungern zu viel. Ich suchte nach Alberg, um ihn zur Zahlung aufzufordern; aber ich suchte vergebens. Endlich aber erfuhr ich zufällig seinen Aufenthalt. Er war in Bad Eger. Ich reiste hin.«
»Aber er gab nichts?«
»Noch schlimmer. Er ließ mich hinauswerfen, als ich ihm mit der Anzeige drohte.«
»Und Sie zeigten ihn nicht an!«
»Ich hätte ja mich selbst anzeigen müssen.«
»Aber Sie wußten doch, welche Folgen Ihr Verrath für Sandau gehabt hatte?«
»Natürlich wußte ich es; aber ich wollte lieber einen Anderen an meiner Stelle als mich selbst im Zuchthaus wissen.«
»Jämmerlicher Mensch!«
»Sapperment! Hätten etwa Sie sich dem Gericht gestellt?«
»Unbedingt!«
»Das glaube ich nicht!«
»Leicht begreiflich! Wer so handelt wie Sie, der hat kein Verständniß für eine ehrliche Handlungsweise. Hätte ich vor einigen Wochen gewußt, daß Sie noch ein solches Verbrechen auf dem Gewissen haben, so wären Sie nicht begna–«
Er sprach das Wort nicht aus. Er merkte, daß er sich von seinem Zorne hatte zu weit hinreißen lassen. Keilberg fragte ganz verwundert:
»Was? Was wäre ich nicht?«
»Sie wären nicht begnadigt worden.«
»So! Haben Sie denn dabei etwas zu sagen?«
»Wenn ich auch nichts zu sagen habe, so hätte ich es doch für meine Pflicht gehalten. Diejenigen, welche über Ihr Gesuch zu entscheiden hatten, zu benachrichtigen.«
»Danke sehr! Gut, daß die Begnadigung nicht rückgängig gemacht werden kann! Sie wären im Stande –«
»Nein, haben Sie keine Sorge! Ich schreibe dem Könige nicht.«
»Aber Sie werden Alles, was ich Ihnen jetzt erzählt habe, verrathen.«
»Vielleicht.«
»Donnerwetter! Sie haben mir Verschwiegenheit versprochen.«
»Was ich verspreche, halte ich.«
»Nun, soeben sagten Sie, daß Sie mich vielleicht verrathen werden!«
»Das ist kein Widerspruch, obgleich Sie es für einen solchen halten. Könnte man denn die Ehre Sandau's nicht herstellen, ohne daß Ihre Person dabei in Gefahr kommt.«
»Das ist freilich möglich.«
»So meine ich es. Man könnte vielleicht Alberg zwingen, ein Geständniß abzulegen.«
»Da müßte er doch mich erwähnen!«
»Schadet nichts! Sie können ja nicht bestraft werden.«
»Nicht? Obgleich er ein Oesterreicher ist?«
»Trotzdem! Nun Sie mir Alles erzählt haben, kann ich Ihnen die Versicherung geben, daß die Sache verjährt ist.«
»Gott sei Dank! Da kann ich also ruhig sein.«
»Ja. Würden Sie bereit sein, gegen Alberg als Zeuge aufzutreten?«
»Wenn ich Etwas davon habe, ja.«
»Ah, Sie wollen es bezahlt haben?«
»Natürlich!«
»Wissen Sie, Keilberg, daß Sie ein ganz schändlicher Mensch sind?«
Sein Gesicht glühte vor Zorn. Der Andere aber antwortete ganz ruhig:
»Ja, das weiß ich.«
»Und Sie schämen sich nicht?«
»Nein. Was soll die Scham! Sie ist zu nichts nütze. Wollen Sie vielleicht diese Angelegenheit in die Hand nehmen?«
»Ja.«
»Sie werden nichts erreichen. Alberg wird sich hüten, ein Geständniß abzulegen. Uebrigens bin ich selbst der Mann, ihn zu peinigen. Wissen Sie, wohin ich will?«
»Nun?«
»Zu ihm.«
»Wo ist er?«
»Das ist meine Sache. Sie sind Advocat und haben als solcher Ihre Mucken. Sie sind im Stande, mich um die Ernten zu bringen, welche ich einheimsen will. Ich werde mich also hüten, Ihnen zu sagen, wo er sich befindet.«
»Ich werde es doch erfahren.«
»Von wem?«
»Von Ihnen. Ich lasse Sie nicht aus den Augen, bis ich es erfahren habe.«
»Sapperment! Sie werden mir unbequem!«
»Das kann mich nicht beirren. Die Ehre Sandau's muß wieder hergestellt werden.«
»Was nützt es ihm? Er ist ja verschollen!«
»Er mag verschwunden sein. Sein Name ist noch da, und dieser muß von dem an ihm haftenden Makel befreit werden.«
»Befreien Sie ihn! Adieu, Herr Advocat!«
Während er diese Worte sprach, that er einen schnellen Sprung in die Büsche hinein, welche an der Straße standen. Er ahnte, daß er mit dem Geständnisse, welches er abgelegt hatte, eine Gefahr gegen sich selbst heraufbeschworen habe, und wollte derselben entgehen.
Ludwig blieb einige Secunden überrascht stehen. Was sollte er thun? Den Menschen laufen lassen oder ihn festhalten. Gegen das Letztere sträubte sich natürlich Alles in ihm. Er zuckte die Achsel und setzte seinen Weg fort.
Bald sah er das Städtchen Eichenfeld vor sich. Sein Auge blieb an dem alten, baufälligen Thurm der Kirche haften. Ein Lächeln glitt über sein Gesicht und unwillkürlich griff er mit der Hand nach der Brusttasche.
Bald stand er neben dieser Kirche vor der Thür des Pfarrhauses. Er trat ein und klopfte. Die Wirthschafterin öffnete und fragte nach seinem Begehr.
»Ist Hochwürden zu sprechen?«
»Wer sind Sie?« fragte sie vorsichtig.
»Ich bin ein Fremder und möchte dem Herrn Pfarrer eine Mittheilung machen, über welche er sich freuen wird!«
»So kommen Sie herein. Freudenboten heißt man gern willkommen.«
Er kam in ein kleines, niedriges Stübchen, welches ganz von Blumenduft erfüllt war. An dem Tische saß der alte Pfarrer, eine grauhaarige, ehrwürdige Gestalt. Er hatte ein Buch vor sich. Als Ludwig eintrat, erhob sich der geistliche Herr und nahm höflich die Brille von der Nase.
»Willkommen, Herr,« sagte er. »Womit kann ich Ihnen dienen?«
»Ich komme nicht, mich von Ihnen bedienen zu lassen, Hochwürden. Ich bringe Ihnen eine Botschaft, von der ich hoffe, daß sie Sie recht freudig überraschen wird.«
»Das sollte mir sehr angenehm sein. Bitte, setzen Sie sich.«
Die Wirthschafterin schob Ludwig einen Stuhl herbei. Er setzte sich und begann:
»Meine Anwesenheit betrifft nämlich Ihre Kirche, Herr Pfarrer. Ich habe sie mir angesehen, allerdings nur äußerlich. Sie scheint außerordentlich reparaturbedürftig zu sein?«
»Ja, ganz außerordentlich. Man muß gewärtig sein, sie fällt einmal während des Gottesdienstes zusammen und begräbt die ganze Gemeinde unter sich.«
»Warum lassen Sie nicht bauen?«
»Warum? Herr, diese Frage beantwortet sich sehr leicht. Zum Bauen gehört Geld.«
»Und das fehlt Ihnen?«
»Leider! Meine Gemeinde ist eine der ärmlichsten des Landes.«
»Aber Sie sind mit den Ihnen anvertrauten Seelen wohl zufrieden?«
»Ja, lieber Herr. Ich weiß nicht ein einziges räudiges Schaf unter ihnen. Es betrübt sie gar sehr, daß ihnen die Mittel fehlen, ein Haus zu bauen, welches des Herrn würdig ist. Das Kirchenvermögen beträgt nur viertausend Mark. Die Gemeindeglieder haben freiwillig gerade ebenso viel zusammengesteuert. Das giebt achttausend. Aber wie will man damit eine Kirche bauen! Es ist allzu wenig.«
»Haben Sie sich nicht an die obere Behörde gewendet?«
»Ja, ich habe um eine Unterstützung in Form einer allgemeinen Kirchencollecte gebeten. Man hat mir dieselbe gewährt; aber der Sonntag, an welchem dieselbe abgehalten werden kann, ist noch nicht bestimmt.«
»Das ist leicht erklärlich. Dergleichen Gesuche gehen so häufig ein. Aber ich hätte geglaubt, daß Sie sich auch an den König hätten wenden können.«
»Das habe ich auch gethan, wenn auch mit großem Widerstreben.«
»Warum das?«
»Lieber Herr, unser guter König wird, wie man hört, so oft mit Bittgesuchen gedrängt, daß man sich wirklich scheut, sich in die Reihe von Bittstellern zu stellen, welche nur zu häufig die bekannte Mildthätigkeit des Herrschers mißbrauchen. Aber was will man thun, wenn man sich in Noth befindet! Mein Gehalt ist so armselig, daß ich kaum auszukommen vermag. Dennoch würde ich niemals eine Bitte aussprechen, welche meine Person zum Gegenstande hat. Da es aber meine liebe Kirchengemeinde betrifft, habe ich es gewagt, eine unterthänigste Eingabe einzureichen.«
»Und was war der Erfolg?«
»Es ist mir bisher noch nichts bekannt gemacht worden.«
Ein seines Lächeln spielte um die Lippen des Königs. Er sagte:
»Dennoch scheinen Sie von dem Erfolge Ihres Gesuches überzeugt zu sein.«
»In wiefern?«
»Weil Sie sich bereits mit dergleichen befassen.«
Er zog ein geöffnetes, aber leeres Couvert aus der Tasche und gab es dem Pfarrer hin. Dieser brachte es, ohne die Brille wieder aufzusetzen, in die Nähe der Augen und las die vier Zeilen, welche anstatt der Adresse auf demselben standen:
Nicht Koryphä' bin ich,
Nur unbekannt und klein,
Und dennoch bitt ich, laßt
Mich mit Bewerber sein!«
»Ah!« sagte er. »Gehören Sie mit zu den Herren, welche hier zu entscheiden hatten?«
»Ja.«
»Das freut mich. Und Ihre Anwesenheit ist mir ein sehr erfreuliches Zeichen.«
»Ein Zeichen wofür?«
»Daß der junge Mann etwas vielleicht Brauchbares geliefert hat.«
»Haben Sie die Zeichnung gesehen?«
»Nein. Ich weiß nicht, was er gezeichnet hat, und weiß auch nicht, zu welchem Zwecke es dienen soll.«
Der König machte ein ungläubiges Gesicht.
»Hochwürden,« sagte er, »ich darf natürlich die Wahrheit von Ihnen erwarten!«
»Gewiß! Zweifeln Sie daran?«
»Nein. Aber doch will es mir erscheinen, als ob Sie eben jetzt ein klein wenig Diplomat sein möchten.«
»Davon habe ich keine Ahnung. Ich bin ein armer Hirte meiner Gemeinde; aber zum Diplomat fühle ich weder Beruf noch auch Geschick in mir.«
»Wirklich? Sie haben nicht gewußt, um was es sich handelt?«
»Nein, gewiß nicht.«
»Dann giebt es hier einen ganz eigenthümlichen Zufall, der mir nun fast als Fingerzeig Gottes erscheint. In welcher Beziehung stehen Sie denn zu der Person, um welche es sich hier handelt?«
»Der Betreffende ist ein Glied meiner Gemeinde. Er hat die polytechnische Schule in München besucht und ging in Folge eines Stipendiums nach Italien. Von daher bekam ich kürzlich einen Brief, in welchem er mir mittheilte, daß er in einer deutschen Bauzeitung ein Preisausschreiben gelesen habe, er wolle sich trotz seiner Jugend an dem Wetterwerb betheiligen. Er schickte mir den Brief, dessen Couvert Sie mir jetzt wieder zeigen, und bat mich, ihn in einen Umschlag zu thun und an die Adresse nach München zu senden, welche er mir dabei angab.«
»Wußten Sie, was sein Brief enthielt?«
»Ich dachte es mir – eine Zeichnung?«
»Ja. Aber Sie wußten nicht, was für eine?«
»Ich weiß es heute noch nicht.«
»Nun, so sollen Sie es erfahren. Der König hat Ihr Gesuch erhalten. Sie baten um eine kleine Beisteuer zum Kirchenbau. Der König aber ist von der Art und Weise, in welcher Sie ebenso ergeben wie herzlich Ihre Bitte vortrugen, so gerührt gewesen, daß er nach näheren Erkundigungen sich entschloß, Ihnen die Kirche ganz und vollständig aus den Mitteln seiner Privatschatulle zu erbauen.«
Der Pfarrer sprang von seinem Sitze auf, schlug die Hände zusammen und rief:
»Herr, mein Gott! Sagen Sie mir da die Wahrheit?«
»Gewiß, Hochwürden.«
»Wenn das wirklich, wirklich wäre!«
»Es ist so. Ich bin von Seiner Majestät beauftragt, Ihnen diese Mittheilung zu machen.«
»Das ist so viel, so viel, daß ich es nicht zu fassen vermag.«
Man sah es dem alten, ehrwürdigen Herrn allerdings an, daß er so ziemlich perplex war. Er blickte nach oben, schüttelte den Kopf und wiederholte:
»Aus den Mitteln – der Privatschatulle – ganz und vollständig – zu erbauen! Das wäre echt königlich, ja mehr als königlich! Das wäre eine Gnadengabe, für welche kein Dank, kein Dank erfunden werden könnte!«
»Der König bittet nur um den Dank, daß Sie in Ihrem Gebete zuweilen auch seiner gedenken. Thun Sie das, so ist die Gabe, die Sie empfangen, reichlich vergütet.«
»Ob ich das thun will, ob ich! Mein gütiger Herr im Himmel! Täglich und stündlich soll mein Gebet emporsteigen für den Herrscher, welcher meine arme Gemeinde mit so reicher Gabe segnet. Es ist uns Gnade widerfahren über alles Erwarten! Es wird hier ein Jauchzen und Jubiliren sein, daß es in allen Himmeln wiederschallt, und Gott der Herr wird die That im Buche des Lebens verzeichnen! Noch heut – ah, was sage ich, gleich, gleich werde ich es der ganzen Stadt kundgeben, was ihr für ein Heil widerfahren ist!«
Er war so außer sich vor Freude, daß er wirklich nach dem Hute griff. Der König aber fragte lächelnd:
»So wollen Sie mich also hier sitzen lassen?«
»Sie – – oh, entschuldigen Sie, verehrtester Herr! Ich bin wirklich ganz confus vor Entzücken! Beinahe wäre ich unhöflich gegen Sie gewesen, gegen Sie, den Ueberbringer dieser Freudenbotschaft.«
»Ihre Gemeinde wird es zeitig genug erfahren. Sie können es ihr verkündigen, nachdem wir unser Gespräch hier zu Ende geführt haben.«
»Natürlich, natürlich! Ich stehe Ihnen ja mit Leib und Leben zur Verfügung!«
»Bitte, bitte! Behalten Sie Ihren Leib und auch Ihr Leben. Sie können Beides im Dienste des Herrn viel besser verwenden als in dem meinigen. Aber fragen möchte ich Sie doch, wer der junge Mann ist, von welchen wir sprachen.«
»Sie wissen das nicht?«
»Nein.«
»So hat er seinen Namen nicht genannt?«
»Er hat ihn verschwiegen, aber die Bemerkung gemacht, daß er im Pfarramte von Eichenfeld zu erfragen sei.«
»Warum diese Heimlichkeit?«
»Wohl aus Bescheidenheit. Er hat nicht geglaubt, daß der erste Preis und auch die Wahl auf ihn fallen könne.«
»Ganz recht! So ist er. Und direct aus Italien hat er seine Sendung nicht machen wollen, weil er befürchtet hat, daß man da errathen möge, wer der Absender sei. Also, er hat den ersten Preis?«
»Tausend Mark.«
»Gott sei gelobt! Die kann er sehr gut gebrauchen! Sie kommen ihm ebenso gelegen wie zu statten.«
»So ist er arm?«
»Blutarm, wenigstens jetzt. Und was wollen Sie damit sagen, daß die Wahl auf ihn gefallen sei?«
»Die Kirche wird nach seiner Zeichnung gebaut und unter seiner persönlichen Oberleitung.«
»Wie – ist – das – möglich!« stotterte der alte Pfarrer.
»Seine Einsendung ist die beste von Allen.«
»Wer – hätte – das gedacht! So ein junger Mann!«
»Wie alt ist er?«
»Wenig über zwanzig.«
»Unmöglich!«
»Ja, wirklich.«
»Das ist ja fast unglaublich.«
»Auch ich bin auf's Höchste überrascht.«
»Bei solcher Jugend, solche Kenntnisse! Da muß der junge Mann ein Genie sein!«
»Begabt ist er freilich, reich begabt.«
»Und wie heißt er?«
»Sandau, Rudolf Sandau.«
»Wie? Etwa Rudolf von Sandau?« fragte Ludwig schnell.
»Nein.«
»Von Adel ist er nicht?«
»Nein, lieber Herr.«
»Wissen Sie das genau?«
»Ganz gewiß.«
»Wo ist er geboren?«
»In Amerika. Seine Mutter kam aus den Vereinigten-Staaten und bezog von dort eine kleine Pension, welche sie aber vor Kurzem verloren hat. Aus Schreck darüber rührte sie der Schlag. Ihr Sohn hatte nun keine Mittel mehr, die Schule weiter zu besuchen und sieht sich nun nach einer für ihn passenden Beschäftigung um.«
»So ists, also so! Beschäftigung soll er haben – zunächst durch den hiesigen Kirchenbau. Das Weitere wird sich dann schon finden. Ich werde für ihn sorgen. Solche Talente muß man unterstützen.«
»Herr, durch eine solche Hochherzigkeit verdienen Sie sich Gottes Lohn.«
»Es ist meine Pflicht, es zu thun, weiter nichts. Ich sehe es keineswegs für eine Gnade an, die ich ihm erweise. Ich möchte ihn gern kennen lernen. Wo wohnt er?«
»Gleich um die Ecke das dritte Häuschen, eine Treppe hoch.«
»So werde ich jetzt zu ihm gehen.«
»Doch nicht sofort! Sie werden mir vielleicht die Ehre erweisen, ein kleines Mahl mit mir einzunehmen.«
»Danke sehr! Ich darf Sie nicht länger belästigen, und außerdem ist meine Zeit so in Anspruch genommen, daß ich sehr sparsam mit ihr sein muß.«
»Ich lasse Sie aber nicht fort. Ich weiß freilich noch nicht, wie Sie heißen und was Sie sind, aber da Majestät Sie sendet, so sind Sie jedenfalls ein sehr hochgestellter Herr, dem es in meiner einfachen Häuslichkeit kaum behagen mag. Aber hat der König uns mit einer solchen Gnade überschüttet, so hoffe ich, daß auch Sie eine kleine Nachsicht üben und meine Einladung nicht von sich weisen werden.«
Er bat in so dringlichem, aufrichtigem Tone, daß der König, um ihn nicht zu betrüben, antwortete:
»Nun, wenn Sie an den König appelliren, so darf ich Ihnen Ihre Liebe nicht abschlagen. Sie sei Ihnen also gewährt.«
»Danke, danke von ganzem Herzen! Und nun entschuldigen Sie für einen Augenblick. Meine alte Wirthschafterin ist nicht sehr gut auf den Beinen. Wenn ich Sie nicht eine halbe Ewigkeiten warten lassen will, so muß ich schon selber mit zugreifen.«
Die Wirthschafterin hatte sich nämlich, als das Gespräch begann, rücksichtsvoll entfernt. Als nun jetzt der Pfarrer zu ihr in die Küche trat und ihr mittheilte, was der fremde Herr für eine Neuigkeit gebracht habe, erfaßte sie ganz dasselbe Entzücken, welches auch er empfunden hatte und noch jetzt fühlte. Bei der Bemerkung, daß diesem Herrn nun ein Imbiß aufgetragen werden solle, kam sie ganz außer sich, und sie begann zu wirthschaften, daß es den Anschein hatte, als sollten einige Dutzend Gäste bedient werden.
Das beschleunigte natürlich das Serviren keineswegs. Endlich aber war doch der Tisch gedeckt, und das Mahl begann.
Nach den armen Verhältnissen des kleinen Städtchens und des pfarramtlichen Einkommens ging es hoch her. Es gab zweierlei Wurst, zweierlei Käse und zweierlei Wein, rothen und weißen. Und als der König darauf bestand, daß die würdige Wirthschafterin sich zu ihnen setzen und an dem Mahle theilnehmen solle, da war die Freude groß. Das war ihr noch nicht passirt, neben einem Herrn zu sitzen, welcher die ungeheure Ehre hatte, den König von Angesicht zu Angesicht zu sehen und von ihm zum Boten, zum Ueberbringer der allerhöchsten Wohlthaten ausersehen zu sein.
Diese Gelegenheit, da den beiden Alten das Herz aufgegangen und in Folge dessen die Zunge beweglich geworden war, benutzte Ludwig, sich noch näher nach den Personen und Verhältnissen der Familie Sandau zu erkundigen. Er vernahm nur Empfehlendes. Besonders ließ die Wirthschafterin es sich angelegen sein, die Frau Sandau nach ihrem Charakter und ihrer stillen, aber erfolgreichen Wirksamkeit auf das Beste zu loben.
Als sodann der Imbiß eingenommen war, zog Ludwig ein zweites Couvert aus der Tasche und sagte:
»Sie werden gern sehen wollen, wie die neue Kirche sich präsentiren wird. Ich bin in der Lage, es Ihnen zeigen zu können.«
»Prächtig! Sie haben die Pläne mit?«
»Ja. Ich werde sie Ihnen jetzt vorlegen, wenn es Ihnen recht ist.
»O, ich bitte herzlichst darum! Aber – aber – entschuldigen Sie! Ein Anderes ist mir ebenso wichtig, wenn nicht noch wichtiger!«
»Was?«
»Majestät haben Ihnen jedenfalls etwas Schriftliches an mich mitgegeben? Diese gnädige Zuschrift meines allerbesten Königs würde mich mit Glück und Stolz erfüllen.«
»Eigentlich, ja, hätten Sie einen Erlaß des allerhöchsten Privatamtes zu erhalten; aber da ich zu Ihnen komme, so hat man das unterlassen. Was ich sage, das hat dieselbe Geltung, als ob der König es selbst gesagt hätte.«
»So, so! Ja, das glaube ich schon. Sie müssen ja eine Stellung bekleiden, welche Sie in die nächste Nähe des Königs bringt.«
»Ja, ich bin stets bei ihm. Und nun sehen Sie!«
Er schob die Teller zur Seite und legte ihm die Pläne vor. Er war aufgestanden und stellte sich hinter den Pfarrer, um ihm die einzelnen Zeichnungen zu erklären. Der kurzsichtige, hochwürdige Herr setzte seine Brille auf und folgte dem auf den Zeichnungen hin und her gehenden Finger des Monarchen mit großer Aufmerksamkeit.
Zuletzt legte der Letztere die Totalansicht der Kirche vor.
»So wird sie aussehen, wenn sie fertig ist,« sagte er. »Gefällt sie Ihnen?«
»Unvergleichlich, herrlich! Das Aeußere ist einfach, aber würdevoll und erhaben. Der Thurm ist ein architectonischer Finger, welcher mahnend empor zum Himmel zeigt. So soll und muß es sein. Aber Geld, Geld kostet dieser Bau, verehrter Herr!«
»Nicht allzu viel.«
»Darf ich da eine wißbegierige Frage aussprechen?«
»Warum nicht? Im Preisausschreiben war angegeben, daß die Kosten bis sechzigtausend Mark betragen dürfen. Vielleicht wird es etwas mehr, da der König für ein gutes Altargemälde und sonstigen kirchlichen Schmuck besorgt sein will.«
»Sech – zig – tausend – Mark!« rief der Pfarrer, indem er vom Stuhle aufsprang. »Das ist ja eine Summe, welche wir nun und nimmermehr – –«
Er kam nicht weiter. Da er vorhin beim Eintritte seines Gastes aus Höflichkeit die Brille abgenommen hatte, so war ihm bei seiner Kurzsichtigkeit das Gesicht des Monarchen nur undeutlich erschienen. Jetzt aber hatte er die Brille auf und stand nun so nahe vor Ludwig, daß er dessen Züge auf das Deutlichste sehen konnte. Er hatte zwar den König noch nie, desto öfters aber dessen Bild gesehen. Einem gebildeten, studirten Manne konnte da kein Zweifel überkommen, zumal an der Wand ein wohl getroffenes Bild Ludwigs hing.
Er starrte, auf das Höchste erschrocken den König an. Seine Lippen bebten. Er wollte sprechen, brachte aber nichts hervor.
»Was ist Ihnen?« fragte der König lächelnd. »Was haben Sie?«
»Dieses – dieses – jenes – o mein Gott, ich weiß ja gar nicht, was ich sagen soll!« stotterte der Pfarrer.
»Sprechen Sie getrost!«
»Dieses – dieses Bild dort!« sagte er, indem er den Arm erhob, um nach dem Bilde zu zeigen.
»Ich kenne es. Es ist dasjenige des Königs.«
»Ja – aber – aber – das Original, das Original!«
»Nun, was ist's denn mit dem Originale?«
»Es steht – es steht hier, hier vor mir! O, Majestät, Majestät!«
Er wollte seine zitternden Kniee beugen, doch Ludwig hielt ihn sogleich an den Armen fest.
»Nicht doch! Wer wird knieen wollen!«
»Vor meinem Könige muß ich in die Kniee sinken, erfüllt von Ehrfurcht und tiefster, tiefster Dankbarkeit!«
»Nein, stehen Sie, und lassen Sie mich Ihnen die Hand drücken. Sie sind, wie ich aus dem Resultate meiner Erkundigungen weiß, ein sorgsamer und treuer Arbeiter im Weinberge des Herrn. Ich drücke Ihnen mit Freuden die Hand und halte es für meine Pflicht, dafür zu sorgen, daß Sie an den Lasten des materiellen Lebens nicht mehr so schwer wie bisher zu tragen haben. Ich werde veranlassen, daß Sie nach einer besser dotirten Stelle versetzt werden.«
»O nein, nein, nein!« fiel da der Pfarrer erschrocken ein. »Das nicht, das nicht!«
»Warum nicht?«
»Weil mir diese arme Gemeinde so lieb, so theuer geworden ist, daß ich nicht von ihr scheiden möchte, außer der Herr holt mich durch den Tod von hinnen. An einem anderen Orte, und wäre er noch so reich bezahlt, würde ich eingehen.«
»Das glaube ich Ihnen gern. Und so will ich besorgt sein, daß Sie hier keine Noth zu leiden haben. Ihr Gehalt soll verdoppelt werden.«
»Majestät!«
»Still. Ich kann mir freilich denken, daß Ihre Bedürfnisse nicht in demselben Maße steigen werden. Sie haben einfach gelebt und werden diese Einfachheit wohl beibehalten; aber wenn Sie von jetzt an besser situirt sind, werden Sie mehr Gutes thun können. Was ich Ihnen gebe, das erhalten also eigentlich nicht Sie, sondern die Hilfsbedürftigen Ihrer armen Pfarrgemeinde.«
»Königliche Majestät haben mich nicht verkannt. Und wenn Ihre Gnade sich über mich ergießt, so dürfen Hoheit überzeugt sein, daß ich mich nur als den Almosenier meines allergütigsten Herrschers betrachten werde.«
»Gut, das ist es, was ich mir dachte und wovon ich auch fest überzeugt bin. Und nun will ich von Ihnen scheiden, um diesen jungen Baumeister aufzusuchen. Ich verweile jetzt in der Nähe und werde Sie wahrscheinlich recht bald wieder besuchen.«
Ein lautes Schluchzen ließ sich hören. In der Ecke hinter dem Ofen saß die Haushälterin auf einem Schemel und weinte Freudenthränen. Der König trat zu ihr hin und sagte in mildem Tone:
»Beruhigen Sie sich, meine Liebe. Sie dürfen sich, von mir nicht erschrecken lassen.«
»Ach Gott,« stöhnte sie, »ich bin ganz, ganz außer mir!«
»Sie haben keinen Grund dazu.«
»O doch, doch, Majestät.«
»Ich kenne keinen.«
»Aber ich weiß ihn. Nein, nein, das werde ich nicht verwinden können.«
»Was denn?«
»Daß unser König bei uns – bei uns gegessen hat, und die Wurst – die Wurst – die Wurst war zu wenig gesalzen!«
»Davon lassen Sie sich ja nicht anfechten!«
»Ja, das ginge – das ginge wohl noch, aber im – im – im Käse dort waren – waren Maden.«
»Davon weiß ich gar nichts!« lächelte der Monarch.
»Aber ich – ich habs gesehen. Ich hatte ihn so gut ausgeputzt, und als Sie nachher davon nahmen, da waren sie, waren sie – –«
Sie konnte vor Erregung nicht weitersprechen.
»Nun, was waren sie denn?«
»Inwendig, inwendig waren sie. Und Sie haben – haben sie mit gegessen!«
Der Pfarrer stand in höchster Verlegenheit hinter dem König. Er winkte ihr, zu schweigen, sie aber sah es gar nicht. Ludwig hatte ein Gefühl, als ob jetzt der genossene Käse lebendig werden wolle; er überwand dasselbe und sagte:
»Sie werden sich geirrt haben.«
»Nein. Ich habe es ganz deutlich gesehen. Ich wollte Sie aufmerksam machen, aber es war zu spät. Sie hatten den Käse schon in den Mund gesteckt.«
»Lassen wir das! Machen Sie sich keine Vorwürfe!«
»Ja, wenn ein Anderer die Maden erwischt hätte, ich oder vielleicht der hochwürdige Herr, so wär das leicht zu verschmerzen; aber Sie! Unser guter König – und Maden, Käsemaden!«
»Schweigen Sie doch!« rief ihr jetzt der Pfarrer zornig zu. »Sie sind ja noch viel blöder auf den Augen als ich und werden sich geirrt haben. Ich weiß ganz genau, daß sich hier in diesem Käse – –«
Er ergriff den Käseteller und hielt denselben dem Könige hin, um ihn zu überzeugen; dabei fuhr er fort:
»Daß sich hier in diesem Käse keine Maden befinden, keine einzige, denn –«
Er brach erschrocken mitten in der Rede ab, denn gerade in diesem Augenblicke schnellte sich eine höchst kräftige Made vom Teller empor und auf die Diele herab. Der Pfarrer setzte den Teller schleunigst wieder hin. Er war trotz seines Alters feuerroth geworden und befand sich in einer Verlegenheit wie noch nie in seinem Leben.
»Glaubs gern, daß der Käse gut ist,« meinte Ludwig, um ihn zu besänftigen. »Er hat mir gut gemundet, und ich sage Ihnen herzlichen Dank für Ihre Gastfreundschaft, Hochwürden. Doch hoffe ich, daß Sie sich, falls ich wiederkomme, keine solche Mühe machen. Ich würde sonst dadurch veranlaßt werden, auf den Besuch zu verzichten.«
Er nahm die Pläne zusammen, steckte sie ein und verabschiedete sich.
Der Pfarrer begleitete ihn bis an die Ecke und zeigte ihm das betreffende Haus. Er nahm dabei eine so ehrfurchtsvolle Haltung an, daß der König ihn darauf aufmerksam machen mußte, daß er incognito hier sei, und ihm streng anbefahl, auch seiner Wirthschafterin anzudeuten, daß von diesem Besuche vorläufig nicht gesprochen werden solle.
Als er dann in seine Stube zurückkehrte, saß die Alte noch immer auf ihrem Schemel.
»Alte Plaudertasche!« rief er ihr zu.
»Maden, Maden!« antwortete sie.
»Konnten Sie denn nicht schweigen!«
»Der König, der König! Das überleb ich nicht! Das ist mein Letztes, mein Allerletztes! Das ist mein Tod!«
»Immer fort mit Ihnen! Mich in dieser Weise zu blamiren!«
Er stieg zornig in der Stube auf und ab. Sie aber jammerte:
»Und wie habe ich ihn ausgeputzt! Freilich, inwendig hinein konnte ich nicht!«
»Sie brauchten doch gar nichts zu sagen! Mußte er es denn wissen!«
»Ja! Oder soll ich etwa so Etwas verschweigen?«
»Natürlich!«
»Das bring ich nicht übers Herze!«
»Aber über die Lippen muß es! Gehen Sie hinaus in Ihre Küche! Ich mag Sie gar nicht sehen. Am Liebsten möchte ich Sie gleich fortjagen. Sie sind der bittere Wermuthstropfen, welcher mir in den Freudenbecher gefallen ist.«
»Ich – ich – ein Wermuthstropfen! Es wird immer schlimmer! Ich gehe, ich gehe! Ich halte es nicht aus! Morgen um diese Zeit bin ich eine Leiche!«
Sie entfernte sich nach der Küche. Der Pfarrer hätte am Liebsten geflucht und gedonnerwettert; aber das wäre gegen sein Amt und seine Gewohnheiten gewesen. Er würgte den riesigen Aerger mit Gewalt hinab; aber es verging eine lange Zeit, ehe sein Blut wieder ruhiger durch die Adern pulsirte.
Der König war indessen in der Wohnung der Frau Sandau eingetreten. Er fand sie allein. Sie lag im Bette, aber angekleidet, denn zu gehen vermochte sie noch nicht.
Als sie einen fremden Herrn eintreten sah, wurde sie einigermaßen verlegen, doch verschwand diese Anwandlung sofort, als Ludwig sich in höflichem Tone entschuldigte:
»Verzeihen Sie gütigst. Ich suche einen Herrn, Namens Rudolf Sandau.«
»Er ist mein Sohn.«
»Er ist wohl nicht daheim?«
»Nein, er ist ausgegangen. Können Sie vielleicht mir an seiner Stelle sagen, welcher Grund Sie zu mir führt?«
»Ja, ich kann auch Ihnen die betreffende Mittheilung machen. Jedenfalls wird er es aus Ihrem Munde ebenso gern hören, wie aus dem meinigen. Besitzen Sie das vollständige Vertrauen Ihres Sohnes?«
»Gewiß. Er thut nichts ohne mich.«
»So hat er Ihnen wohl auch mitgetheilt, daß er sich an einer Preisconcurrenz betheiligt hat?«
»Ja, ich weiß es. Ich habe ihn beinahe ausgezankt. Es ist das eine Kühnheit von ihm gewesen, zu welcher er keine Berechtigung besitzt. Leider ist sie nicht ungeschehen zu machen.«
»Leider? Sagen Sie lieber glücklicher Weise. Er hat gar wohl das Recht, eine solche Kühnheit zu begehen, denn es hat sich herausgestellt, daß es gar keine Kühnheit ist.«
Sie richtete sich ein Wenig im Bette auf, blickte ihn forschend an und fragte:
»Sie meinen –«
»Die Arbeit, welche er eingesandt hat, besitzt Vorzüge, welche ihre wohlverdiente Anerkennung gefunden haben.«
Da sank sie wieder in's Kissen zurück, faltete die Hände, holte tief Athem und hauchte:
»Gott sei gelobt! Jetzt bin ich dieser Sorge ledig!«
»Sie hatten keine Veranlassung zur Besorgniß. Ihr Sohn besitzt Gaben, welche, wenn sie ausgebildet sind, ihm einen Platz in der Reihe derjenigen Männer sichern, auf welche das Volk stolz sein kann. Erlauben Sie, daß ich mich setze!«
Sie nickte. Sie konnte jetzt nicht sprechen. Die Worte, welche sie gehört hatte, bewegten ihr Mutterherz in der Weise, daß sie vergebens nach einem passenden Ausdruck gesucht hätte, ihr Entzücken zu beschreiben. Sie hing mit ihrem Blicke an dem Angesicht des Königs und wartete, was er weiter sagen würde. Er fragte:
»Haben Sie gewußt, um was es sich handelt?«
Sie nickte und flüsterte dann:
»Um einen Kirchenbau.«
»Wußten Sie auch, welche Kirche gemeint war?«
»Nein. Rudolf wußte es selbst auch nicht.«
»Nun, es handelt sich um die hiesige.«
»Hier in Eichenfeld?«
»Ja. Der König will sie bauen lassen und hat jenen Preis, welchen Ihr Sohn gewonnen hat, ausschreiben lassen.«
Sie schloß die Augen. Ihre Züge schienen erstarren zu wollen vor freudigem Schreck, doch bald wich das, und es breitete sich ein seliges Lächeln über ihr blasses Angesicht, das Lächeln einer Mutter, welche das Glück ihres Kindes doppelt empfindet.
Ludwig schwieg. Er betrachtete sich das Gesicht dieser Frau. Trotz des wonnevollen Lächelns, welches sich an diesem Augenblicke über dasselbe verbreitete, war ihm doch Noth, Sorge, Entbehrung und Ergebung eingeprägt. Sie mußte viel, viel gelitten haben.
»Gewonnen – gewonnen!« flüsterte sie. »Rudolf hat den Preis erhalten!«
»Ja. Und ich bin beauftragt, ihm denselben auszuzahlen.«
»Auszahlen! Mein Gott! Und es war so sehr viel!«
»Tausend Mark.«
»Tausend Mark! Da können wir den Wurzelsepp bezahlen.«
Sie hatte noch immer die Augen geschlossen. Sie sagte das in einer Art von Verzückung. Der König aber fragte schnell:
»Den Wurzelsepp? Kennen Sie ihn?«
Jetzt öffnete sie die Lider und blickte ihn an.
»Sehr gut,« antwortete sie. »So oft er in Eichenfeld ist, kommt er auch zu uns.«
»Und er hat Ihnen Geld geborgt?«
»Ja. Nicht eigentlich er selbst. Er hatte es von einem reichen Herrn erhalten, welcher ihm den Auftrag gegeben hat, es an arme, würdige Leute zu schenken. Rudolf aber hat es geborgt; er wollte es nicht geschenkt haben.«
»Sepp, Sepp!« lachte der König.
»Sie kennen ihn auch?«
»Ebenso gut wie Sie. Ich kenne auch den reichen Herrn, von welchem er gesprochen hat.«
»Wer ist dieser? Sepp wollte es uns nicht sagen?«
»Das glaube ich. Er selbst ist es.«
»Er! Ah, er selbst! Ist er denn reich?«
»Er verdient so viel, wie er braucht und mag sich wohl auch Einiges zurücklegen, antwortete Ludwig zurückhaltend.«
»Jetzt können wir ihn bezahlen, da mein Sohn den Preis bekommt.«
»Ja. Darf ich Ihnen das Geld aushändigen?«
Sie nickte. Er zog einen Tausendmarkschein aus der Tasche und gab ihr denselben in die Hand.
»Tausend Mark, tausend Mark!« flüsterte sie. »O Rudolf, Rudolf, wie glücklich machst Du mich! Wie wirst Du Dich freuen.«
»Er wird sich noch mehr freuen, wenn er erfährt, welche Folgen mit der Erlangung des Preises in Verbindung stehen. Sein Entwurf ist angenommen. Die Kirche wird nach demselben gebaut, und Ihr Sohn hat die Leitung des Baues zu übernehmen.«
»Himmel! Ist das möglich?«
»Es ist so Beschluß.«
»Rudolf, Rudolf! Wenn das Dein armer Vater wüßte.«
Es standen ihr die hellen Thränen in den Augen.
»Ist derselbe bereits lange todt?« erkundigte sich Ludwig.
»Ja. Er hat viel, viel erdulden müssen.«
»Darf ich fragen, was er war?«
»Er war österreichischer Offiz – – –«
Sie verschluckte die zweite Hälfte des Wortes und fügte schnell hinzu: »Er war in einem kaufmännischen Geschäft thätig.«
»In den Vereinigten Staaten?« fragte Ludwig, dessen Gesicht einen Ausdruck hoher Spannung angenommen hatte.
»Ja.«
»Aber er war kein geborener Amerikaner?«
»Nein, sondern ein Deutscher.«
»Ein Offizier in österreichischen Diensten, wie Sie soeben sagten?«
»Das wollte ich nicht sagen.«
»Hm! War er adelig?«
»Nein« – stieß sie hervor.
»Und auch Sie stammen aus einer bürgerlichen Familie?«
Sie erröthete tief. Es fiel ihr schwer, die Unwahrheit zu sagen:
»Ja.«
»So! Sind Sie nicht eine geborene Sendingen?«
Da fuhr sie mit dem Kopfe empor. Ihr Auge richtete sich mit starrem, erschrockenem Blicke auf Ludwig. Dieser fuhr unbeirrt fort:
»Wollte sagen, eine geborene von Sendingen?«
»Gott! Woher wissen Sie das?« kam es leise aus ihrem Munde.
»Ich habe davon gehört.«
»So wissen Sie – –?«
»Daß Ihr verstorbener Mann ein Herr von Sandau war.«
»Und auch das Uebrige wissen Sie?«
»Alles! Ich weiß noch mehr als Sie.«
Da wendete sie das Gesicht ab und begann zu weinen.
Er trat an ihr Bette, ergriff ihre Hand und sagte:
»Weinen Sie nicht. Sie haben keine Ursache, Ihren Namen zu verschweigen. Es ist der Name eines Ehrenmannes.«
Da wendete sie ihm blitzschnell das Gesicht zu und wiederholte:
»Eines – Ehren – – mannes! Herr, mein Gott, was höre ich da!«
»Ich weiß, daß er unschuldig bestraft worden ist.«
»Sie – Sie – wissen das?!«
»Ja. Und ich hoffe, es beweisen zu können.«
»Beweisen – beweis – – bewei – – –!«
Ihr Gesicht wurde glühend roth; ihre Brust begann, zu arbeiten; sie wogte auf und ab. Ein schweres Aechzen erklang aus ihrem Munde, und dicke Schweißtropfen bildeten sich auf ihrer Stirn.
»Gott! Was ist Ihnen, liebe Frau?« rief der König. »Fassen Sie sich, fassen Sie sich doch!«
Sie stöhnte noch lauter auf; ihr ganzer Körper lag in Zuckungen. Der König fühlte ihr den Puls und sagte:
»Beherrschen Sie sich doch. Ich gehe, um Hilfe herbei zu holen.«
Er wollte fort; aber sie hatte sein Handgelenk ergriffen und umklammerte dasselbe so fest, daß er nicht loskommen konnte.
»Bleiben! Nicht gehen!« stammelte sie.
Es war, als ob sie mit einer unbekannten Macht, gegen irgend einen unsichtbaren Einfluß kämpfe. Sie wand sich hin und her. Sie preßte die Zähne auf einander. Ihre Augen traten weit heraus, und ihre Finger legten sich wie eiserne Klammern um die Hand des Königs.
Dieser beobachtete das mit äußerster Besorgniß. Es kam ihm der Gedanke, daß die frohe Botschaft von der Unschuld ihres Mannes von Einfluß auf ihre gelähmten Glieder sein könne. Vielleicht entwickelte sich eine Krise.
Und diese Vermuthung bestätigte sich sogleich. Plötzlich, mitten in den Zuckungen, fuhr sie mit dem Oberkörper empor. Sie blieb in sitzender Stellung, prüfte Arme und Beine, indem sie dieselben bewegte, und stieß dann einen markerschütternden Schrei aus.
»Was haben Sie? Was ists mit Ihnen? Sagen Sie es doch!« fragte Ludwig in heller Angst um sie.
»Ich – ich – ich bin nicht – nicht – nicht mehr gelähmt!« jubelte sie auf.
»Wirklich? Wirklich?«
»Ja, sehen Sie! Ich kann Alles bewegen, jedes Glied, jedes! O mein Herr Jesus, wer hätte das gedacht!«
»Fassen Sie sich! Auch die Freude ist gefährlich!«
»Nein, jetzt nicht, mir nicht! Ich bin vor Schreck gelähmt worden, und die Freude hat mich geheilt. Ich kann mich bewegen. Ich kann auf. Ich könnte gleich gehen! O, ich möchte es probiren, wenn nicht – – –«
Sie blickte ihn bittend an. Er verstand sie gar wohl, warnte sie aber:
»Es sollte mich herzlich freuen, wenn die Nachricht, welche ich Ihnen gebracht habe, zu einem solchen Heile für Sie geworden wäre. Aber seien Sie ja nicht zu sanguinisch! Die Täuschung würde Sie mit doppelter Bitterkeit treffen.«
»Es ist ja gar keine Täuschung! Ich konnte nur die Hände mühsam bewegen. Und jetzt, sehen Sie nur, bin ich wieder Herrin jedes einzelnen meiner Glieder.«
Sie bemühte sich, es ihm dadurch zu beweisen, daß sie alle Glieder einzeln bewegte. Daß sie eine Dame sei und er ein Herr, daß sie im Bette lag, den Oberkörper nur bekleidet, daran dachte sie gar nicht. Er sah an der sich bewegenden Bettdecke, daß sie sich allerdings im Besitze auch ihrer Beine befand, doch mahnte er:
»Schonen Sie sich! Beherrschen Sie sich! Wie leicht kann ein Rückfall eintreten!«
»O nein, den befürchte ich nicht, nun nicht! Sie sagen, mein Mann sei unschuldig. Das hat mich gesund gemacht. Sie sagen, daß Sie es vielleicht beweisen können, und das ist mir eine Medizin, welche meinem Körper die verlorene Spannkraft und Elastizität zurück giebt. Ich muß herab vom Lager, heraus aus dem Bette. Ich muß meinen Sohn überraschen. Wenn er kommt so muß ich gesund im Zimmer stehen. Gott, wie wird er entzückt sein!«
»Wann kommt er?«
»Leider erst am Abende.«
»So haben Sie ja noch vollständig Zeit, ihm diese Ueberraschung zu bereiten.«
»Es dämmert ja bereits!«
»Nur Geduld, Geduld! Ich begreife überhaupt nicht, daß er Sie verlassen kann. Sie sind gelähmt und liegen so allein.«
»Er mußte ja gehen. Und die Wirthin, welche unten im Parterre wohnt, kommt alle Viertelstunden, um nach mir zu sehen. Ach, wenn Sie die Güte haben wollten, sie zu rufen!«
»Wozu?«
»Sie soll helfen, mich ankleiden.«
»Da werde ich mich hüten, sie zu rufen. Bleiben Sie jetzt liegen! Wenn ich fort bin, können Sie thun, was Ihnen beliebt!«
»Sie könnten ja einstweilen ins Nebenzimmer treten!«
Er zog die Stirn in Falten.
»Bezähmen Sie doch Ihre Ungeduld! Ich kann mir denken, wie entzückt Sie sein müssen, so plötzlich den vollen Gebrauch der Glieder wieder erhalten zu haben. Aber ich fordere von Ihnen, daß Sie sich zur Ruhe zwingen, wenigstens so lang ich hier bei Ihnen bin.«
»Können Sie denn nicht wiederkommen?«
»Nein. Ich werde mich hüten, Personen zu besuchen, bei denen meine Weisung derart in den Wind gesprochen sind!«
Er hatte das in strengem Tone gesagt. Sie blickte ihn forschend an und sagte dann:
»Sie haben Recht. Ihnen schulde ich ja Alles. Ich bin Ihnen zu ewigem Dank verpflichtet und werde Ihnen gehorchen. Aber Eins erbitte ich mir von Ihnen?«
»Ich werde es gewähren, wenn ich es vermag. Sprechen Sie!«
»Ganz leicht können Sie es gewähren. Darf ich erfahren, wem ich eine so glückbringende Botschaft zu danken habe?«
»Dem Könige. Er ist es, welcher den Preis ausschreiben ließ.«
»Jawohl, aber wer ist der Herr, den er mir in Ihnen sendet?«
»Ich? Ich bin – – nun, haben Sie mich noch nicht gesehen?«
»Ich muß Sie gesehen haben, vielleicht schon öfters, aber wo und wann, das ist mir nicht gegenwärtig.«
»Sie werden mich im Bilde gesehen haben.«
»Ihr Bild? Wo könnte das gewesen sein?«
»Mein Bild ist in vielen tausend Exemplaren verbreitet.«
»In vielen tau – – –!«
Sie schwieg. Sie richtete einen fast angstvoll forschenden Blick auf ihn und warf sich dann plötzlich aus ihrer sitzenden in die liegende Stellung zurück, die Decke bis an das Kinn emporziehend.
»Mein Himmel!« hauchte sie. »Pardon, Pardon, Majestät!«
»So erkennen Sie mich jetzt?«
»Ja. Gnade, Gnade!«
»Seien Sie unbesorgt. Ich zürne Ihnen nicht. Ihr Verhalten hat seine volle, psychologische Berechtigung. Aber behalten wir unsere Ruhe!«
Er setzte sich wieder auf den Stuhl, welchen er in die Nähe des Bettes zog, und fuhr fort:
»Also Ihr Sohn wird die hiesige Kirche bauen. Ich werde mich mit ihm ins Vernehmen setzen und ihn auch später fest im Auge behalten. So viel jetzt, was ihn betrifft. Wichtiger aber ist mir jetzt das Andere – die Ehrenrettung Ihres Mannes. Haben Sie ihn jemals für schuldig gehalten?«
»Nie, keinen Augenblick.«
»Das war brav! Aber wenn Sie gewußt haben, daß er unschuldig war, so müssen Sie doch wenigstens im Gedanken nach dem Schuldigen geforscht haben.«
»Das haben wir freilich, er sowohl wie auch ich.«
»Und fiel Ihr Verdacht auf irgend wen?«
»Gewiß. Auf zwei Personen, denen aber nichts zu beweisen war.«
»Wer waren diese Zwei?«
»Ein Compagnieschreiber. Er war der Einzige, welcher durch List zu den Papieren gelangen konnte, welche mein Mann angeblich hatte verkaufen wollen.«
»Wissen Sie den Namen dieses Mannes?«
»Ich werde ihn nie vergessen. Er hieß Keilberg.«
»Hermann Arthur Willibold Keilberg!«
»Oh! Majestät kennen sogar den vollständigen Vornamen!«
»Ja. Aber der Andre, auf welchen Ihr Verdacht siel?«
»Das war ein Baron von Alberg.«
»Sie kannten ihn?«
»Ja.«
»Näher?«
»Eigentlich nicht!«
»Sie meinen, Sie kannten ihn nur so, wie man einen Bewerber kennt, den man abgewiesen hat?«
»Wie! Auch das wissen Majestät!«
»Ich sagte Ihnen bereits, daß ich mehr weiß als Sie. Ich habe mit jenem Keilberg gesprochen.«
»Ach! Lebt er noch?«
»Ja. Ich traf ihn draußen auf der Straße, und er bettelte mich an, vor kaum einer Stunde. Er hat mir Alles gestanden, auch daß Ihr Mann unschuldig war.«
»Welch, ein Glück! Welch ein Glück! Und wo ist dieser Mensch? Er befindet sich doch in Gewahrsam?«
»Nein, er entfloh mir.«
»So muß man ihn wieder erlangen! Die Gensdarmerie muß aufgeboten werden!«
Sie hatte sich in plötzlicher Erregung wieder aufgerichtet und in befehlendem Tone gesprochen, ohne zu berücksichtigen, wen sie vor sich hatte. Dann aber fuhr sie in demüthig bittendem Tone fort:
»Verzeihung, Majestät! Die gegenwärtigen Augenblicke sind solche, daß meine Lage mich vielleicht entschuldigt. Ich befinde mich in einer Erregung, welche es mir unmöglich macht, der hohen Gnade Ihrer Anwesenheit die richtige Würdigung entgegen zu bringen. Ich fühle mich darüber so unglücklich, aber ich kann nicht – – –«
»Pst! Still!« unterbrach er sie in mildem Tone. »Ich trage den Umständen volle Rechnung. Ich bin als Privatmann hier und nicht als Monarch. Ich wünsche überhaupt, daß zunächst kein Mensch erfährt, wer heut bei Ihnen war, Ihr Sohn natürlich ausgenommen. Es kann mir nicht einfallen, von einer Patientin mit Kratzfüßen verehrt zu werden. Ich heiße hier einfach Herr Ludwig. Unterlassen Sie also alle Redensarten und Entschuldigungen und theilen Sie mir statt dessen lieber mit, in wiefern Ihr Verdacht auf jenen Baron von Alberg fallen konnte.«
»Er hatte mir einen Antrag gemacht und war von mir zurückgewiesen worden. Er hatte dann sich meinem Manne öfters in feindseliger Absicht zu nähern gesucht, war aber von demselben mit stolzer Ignoration abgewiesen worden. Als sodann mein Mann sich unschuldiger Weise im Gefängnisse befand, hungerte ich bei trockenem Brode, um einen Privatpolizisten zu bezahlen, der den Baron beobachten mußte. Auch das war resultatlos.«
»Sie erfuhren gar nichts?«
»Gar nichts als nur das, daß der Baron einige Male von dem Compagnieschreiber vergebens aufgesucht worden war.«
»Hm! Das war freilich zu wenig, um diese Beiden fassen zu können. Und doch hatte Keilberg den Baron aufgesucht, um sich den Sündenlohn auszahlen zu lassen.«
»So ist mein Verdacht also gerechtfertigt gewesen?«
»Vollständig! Diese Beiden waren die Thäter. Keilberg hat die secreten Papiere entwendet. Das Uebrige übernahm Alberg.«
»Ich dachte es, ich dachte es! Auch mein armer, unglücklicher Mann war überzeugt davon. Mein Gott, was haben wir gelitten, innerlich und äußerlich!«
»Das glaube ich Ihnen. Aber Ihre Ehre soll vollständig hergestellt werden!«
»Nun mein Mann längst todt ist! Wer macht ihn mir wieder lebend? Wer macht all das Herzeleid ungeschehen, welches mit Bergeslast auf uns gelegen hat?«
»Das ist leider nicht möglich; aber so viel gesühnt werden kann, soll gesühnt werden. Und Ihre Leiden sollen der Boden sein, aus welchem Ihrem Sohne eine schöne Zukunft erwächst. Das mag der Trost sein, welcher Sie mit der Vergangenheit aussöhnt.«
»Mein Mutterherz hat den heißen Wünsch, daß Eurer Majestät. Prophezeiung in Erfüllung gehen möge. Aber sollen diese Beiden, die Schuldigen, ihrer Strafe entgehen?«
»Es ist leider die gesetzliche Verjährung eingetreten. Den Paragraphen des geschriebenen Gesetzes brauchen sie nicht mehr zu fürchten. Aber es giebt ein anderes, höheres, unerbittliches Gesetz, welchem sie verfallen sind, und es giebt einen Mann, der sie im Nacken packen wird, obgleich sie glauben, daß keine Strafe sie treffen kann. Dieser Mann bin ich. Ich werde mich dieses Keilberg versichern. Er entkommt mir nicht. Und sodann werde ich erfahren, wo der Baron Alberg zu finden ist.«
»In Wien, Majestät.«
»Das vermuthete auch ich.«
»Er war sogar vor Kurzem ganz in der Nähe von hier.«
»Wo?«
»In Steinegg. Er hat das dortige Schloß gekauft, und noch jetzt befindet sich seine Tochter Milda dort, um – – – Gott, an sie habe ich gar nicht gedacht! Welch ein Herzeleid und Unglück für sie, wenn sie erfährt, was ihr Vater auf seinem Gewissen trägt! Majestät, um ihretwillen möchte ich ihrem Vater verzeihen!«
»Kennen Sie sie?«
»Ja. Mein Sohn ist heut bei ihr.«
»Ah! Sonderbar! Was will er dort?«
»Sie hat ihm den Ausbau des Schlosses übertragen.«
»Wie! Ihm! Kennt sie ihn denn so genau? Weiß sie, daß er der Mann ist, ein so schwieriges und verantwortungsreiches Werk durchzuführen?«
»Sie scheint davon überzeugt zu sein. Rudolf freilich ist nicht sofort auf ihre Offerte eingegangen. Er hat sich Bedenkzeit erbeten. Er behauptet noch heut, daß er eine große Kühnheit begehe, wenn er das Werk übernehme. Aber wir sind arm; wir müssen und wollen leben. Das Anerbieten der Baronesse befreit uns nicht nur von Nahrungssorgen, sondern stellt ihm auch die Mittel reichlich in Aussicht, an seiner Ausbildung fort zu arbeiten. Darum ist er heut zu ihr, um ihr mitzutheilen, daß er gesonnen sei, zu acceptiren.«
»Hm! Weiß sie, wer er eigentlich ist?«
»Keine Sylbe!«
»Von wem ist er ihr vorgestellt worden?«
»Von Niemandem. Sie sind einander ganz zufällig begegnet, mitten im Walde, während eines Gewitters; da hat sich die Bekanntschaft angeknüpft.«
Ueber Ludwigs Gesicht glitt ein undefinirbares Lächeln. Er sagte:
»Hm! Sie müssen während dieses Gewitters sehr viel über Architectur gesprochen haben, da die Dame so schnell die Ueberzeugung gewonnen hat, in ihm den Künstler gefunden zu haben, dem sie die Lösung einer solchen Aufgabe anvertrauen kann. Hegen Sie irgendwelche außergeschäftliche Theilnahme für sie?«
»Sogar eine ganz außergewöhnliche und innige. Sie ist ein Engel. Sie ist sogar hier bei mir gewesen, um mir Trost in meiner Krankheit zu bringen.«
»Wie weit liegt Steinegg von hier?«
»Man kann es in drei Viertelstunden erreichen. Der Weg führt durch den Wald hinab auf die Hohenwalder Straße, welcher man nach rechts zu folgen hat.«
»Ah, ists so! Wart, Bursche, jetzt habe ich Dich!«
Die Frau blickte ihn fragend an. Darum erklärte er ihr:
»Ich bin nämlich jetzt überzeugt, daß dieser Hermann Arthur Willibold Keilberg hinab nach Schloß Steinegg ist. Er ließ sich verlauten, daß er den Baron von Alberg aufsuchen wolle, jedenfalls um ihm eine Summe Geldes zu erpressen. Er wird nicht wissen, daß der Baron bereits wieder abgereist ist. Nun wird er sich an dessen Tochter wenden – – –«
»Das darf er nicht; das darf er nicht!« rief Frau von Sandau. »Das liebe, herzige Kind darf nicht erfahren, welch einen Vater es hat. Man muß sofort einen Boten nach Schloß Steinegg senden, welcher es verhindert, daß dieser Mensch zu ihr kann!«
»Ich glaube, Sie haben diese Baronesse lieb gewonnen?«
»Von ganzem Herzen. Aber, wen kann man zu ihr senden?«
»Niemand. Man müßte sich dem Boten anvertrauen, und das geht nicht. Darum ist es gerathen, man macht sich selbst auf den Weg.«
Er erhob sich von seinem Stuhle.
»Wie?« fragte sie, beinahe erschrocken. »Majestät wollten – – –?«
»Selbst nach Steinegg gehen? Ja.«
»Das ist ja unmöglich!«
»Warum?«
»Erstens ist es beinahe Nacht, und zweitens kann ich mir ganz unmöglich denken, daß Euer Majestät sich persönlich mit dieser Angelegenheit befassen und sich in derselben einer solchen Mühe unterziehen werden.«
Er lächelte ihr gütig entgegen und antwortete:
»Ich habe Ihnen bereits gesagt, daß ich heut Privatmann bin. Als solcher bin ich Herr meiner Zeit und kann thun, was mir behagt und Vergnügen macht. Ich fühle ein sehr lebhaftes Interesse für Ihre Person und Ihre Schicksale, und so werden Sie mir wohl erlauben müssen, meinen heutigen Spaziergang bis Schloß Steinegg auszudehnen. Vielleicht ist Ihr Sohn noch dort anwesend oder er begegnet mir unterwegs. Jedenfalls aber werde ich dafür sorgen, daß Sie von dem Erfolge, den ich habe, benachrichtigt werden.«
»Ich kann Majestät nicht hinderlich sein. Sind Sie aber wirklich entschlossen, nach Steinegg zu gehen, so gestatte ich mir die unterthänigste Bitte, dort nicht merken zu lassen, daß ich eigentlich von Adel bin.«
»Gern. Ihr Sohn aber ist von diesem Umstände unterrichtet?«
»Auch erst seit kürzester Zeit. Er hat stets die Ueberzeugung gehabt, von bürgerlichen Eltern zu stammen.«
Es versteht sich ganz von selbst, daß damit die Unterredung noch nicht vollständig beendet war. Es gab noch Fragen und Antworten, Bemerkungen und Erkundigungen. Daran schlossen sich die Danksagungen der glücklichen Frau, und so kam es, daß es bereits dunkel war, als der König Eichenfeld verließ, um nach Schloß Steinegg zu gehen.
Die Folge wird zeigen, wie leicht verhängnißvoll ihm das werden konnte.
Rudolf Sandau begegnete ihm nicht. Dieser hatte durch die Nachricht, daß er die Renovirung des Schlosses übernehmen wolle, Milda von Alberg herzlich erfreut. Er war eine Weile bei ihr geblieben und hatte sich dann verabschiedet, um nach Hohenwald zu gehen und seinen Freund, den Lehrer Walther, aufzusuchen.
Milda war eine Strecke weit mit ihm gegangen und kehrte dann nach dem Schlosse zurück. Kurz vor demselben sah sie einen Kerl stehen, der die Gebäude forschend betrachtete und auch sie einer eingehenden Okularinspection unterwarf.
Es war Keilberg. Er schritt langsam hinter ihr her und kam einige Minuten später als sie unter dem Portale an. Dort stand der Hausmeister, jener Beamte, mit welchem der Wurzelsepp ein Intermezzo erlebt hatte.
»Ist das hier Schloß Steinegg?« fragte ihn Keilberg.
»Ja,« antwortete der Hausmeister, ihn mit stolzem Blicke begutachtend.
»Gehört es dem Herrn Baron von Alberg?«
»Ist der Herr zu sprechen?«
»Nein.«
»Warum nicht?«
»Geht Ihm das was an?«
»Ja.«
»Inwiefern?«
»Weil ich mit ihm zu reden habe.«
»Was?«
Der verachtungsvolle Ton, in welchem der Hausmeister zu ihm sprach, ärgerte Keilberg. Er antwortete:
»Ist Er etwa der Herr Baron?«
»Nein.«
»So braucht Er also auch nicht zu wissen, was ich mit diesem zu sprechen habe. Melde Er mich also nur an.«
»So! Er scheint das Befehlen gewohnt zu sein!«
»Grad so, wie Er das Gehorchen.«
»Rede Er keinen Unsinn! Was Er mit dem gnädigen Herrn zu reden hat, das kann man sich denken.«
»Ach! Ist Er wirklich so gescheidt? Das sieht man Ihm gar nicht an. Nun, was habe ich denn mit ihm zu reden?«
»Er will ihn anbetteln.«
»So! Da ist Er freilich mit seinem Scharfsinne nicht weit gekommen. Ich brauche keinen Menschen anzubetteln. Ich bin vielmehr gekommen, dem Herrn Baron einen Gefallen zu thun. Ich bringe ihm eine Nachricht, auf welche er jedenfalls seit Langem gewartet hat.«
»Er sieht aber nicht darnach aus, als ob Er ein von dem gnädigen Herrn so sehnlichst erwarteter Bote sei!«
»Es giebt der Boten verschiedene. Er weiß wohl, daß Sein Herr Diplomat ist. Nicht jeder Mensch ist das, was er zu sein scheint. Verstanden! Also melde Er mich, sonst kann Er sich von Seinem Herrn eine Nase zuziehen, die zehnmal weiter reicht als Sein kurzer Verstand.«
Dieses rücksichtslose, selbstbewußte Auftreten brachte die beabsichtigte Wirkung hervor. Der Hausmeister wußte aus langjähriger Erfahrung, daß der Baron zuweilen auch heimlich mit Leuten verkehrte, mit denen öffentlich sich sehen zu lassen, er sich gehütet haben würde. Vielleicht war das so ein Mann. Darum sagte er in einem weniger unhöflichen Tone:
»Ich habe Ihnen bereits mitgetheilt, daß der gnädige Herr nicht zu sprechen ist.«
»Und ich habe bereits gefragt, warum er nicht zu sprechen ist.«
»Weil er sich nicht mehr hier befindet.«
»Wo denn?«
»In Wien.«
»Das ist nicht wahr!«
»Oho! Wollen Sie mich Lügen strafen?«
»Das nicht, aber nach ganz sorgfältig eingegangenen Erkundigungen habe ich die Gewißheit erhalten, daß er sich auf Schloß Steinegg befindet.«
»Man hat Ihnen die Wahrheit gesagt, doch ist er indessen wieder abgereist.«
»Sie sagen die Wahrheit?«
»Erkundigen Sie sich weiter.«
»Verdammt! Das ist höchst unangenehm und kann auch für den Herrn Baron verhängnißvoll werden.«
»Wieso?«
»Da Sie der Herr Baron nicht sind, kann ich Ihnen diese Frage nicht beantworten. Es handelt sich um ein Geheimniß, eine für den gnädigen Herrn hochwichtige Angelegenheit, welche keinen Aufschub verträgt.«
Er sagte das, weil er noch immer glaubte, daß der Baron doch wohl anwesend sei. Der Hausmeister aber würde durch diese Worte in Besorgniß um seine Herrschaft versetzt. Er fragte:
»Ist es denn wirklich so wichtig?«
»Mehr als Sie denken. Es liegt Gefahr im Verzuge.«
»Dann ist es vielleicht gerathen, sich an das gnädige Fräulein zu wenden.«
»Seine Tochter, also die Baronesse?«
»Ist das vielleicht die Dame, welche vor einer Minute durch das Portal ging?«
»Ja.«
»Hm! Ich weiß nicht, ob ich von solchen Dingen zu ihr sprechen kann. Lieber wäre es mir auf alle Fälle, er wäre selbst da.«
»Da dies aber nicht der Fall ist, so haben Sie die Wahl, nach Wien zu reisen, um mit ihm zu sprechen, oder der Baronesse Ihre Mittheilungen zu machen.«
Keilberg dachte einige Augenblicke nach, dann entschied er sich:
»Ich sehe ein, daß es besser ist, mich an die Dame zu wenden. Melden Sie mich also!«
»Welchen Namen soll ich nennen?«
»Privatsekretär Keilberg.«
»Kommen Sie.«
Er führte ihn eine Treppe empor, hieß ihm im Vorzimmer warten und entfernte sich. Als er wiederkam, brachte er die Nachricht, daß die Dame ihn empfangen wolle, und führte ihn in ihr Zimmer.
Als Keilberg dort eintrat, stand Milda am Tisch, die Rechte auf die Platte desselben stützend. Sie überflog seine schäbige Gestalt mit kaltem, stolzem Blicke und fragte:
»Was wollen Sie?«
Einem Manne gegenüber wäre er wohl grob geworden. Die hohe, reine Weiblichkeit der Baronesse aber imponirte ihm. Er wurde verlegen und antwortete beinahe stotternd:
»Ich – ich wollte eigentlich zum – zum gnädigen Herrn Baron.«
»Es ist Ihnen bereits angedeutet worden, daß Sie ihn in Wien finden werden.«
»So weit kann ich nicht gehen.«
»So fahren Sie.«
»Dazu fehlen mir die Mittel.«
»Ach! Sie kommen, sich dieselben bei mir auszahlen zu lassen?«
»Nein. Sie würden mir doch nichts geben, denn Sie kennen mich nicht!«
»Ich würde sie Ihnen doch vielleicht geben, wenn Sie sich legitimirt hätten.«
»In welcher Weise müßte das geschehen?«
»In der Weise, daß Sie mir beweisen, daß Sie wirklich etwas so Wichtiges mit dem Baron zu sprechen haben.«
»Das habe ich.«
»Was?«
»Ich glaube nicht, daß ich es Ihnen mittheilen darf.«
»So sind wir fertig und Sie können gehen.«
Sie drehte ihm den Rücken zu und ging nach dem Fenster.
Seine Verlegenheit wuchs. Aber er überwand sie. Geld brauchte er, Geld. Er konnte das Schloß nicht ohne Geld verlassen: darum sagte er, allerdings mit unsicherer Stimme:
»Gnädiges Fräulein, ich will Ihnen den Beweis bringen.«
Sie wendete sich ihm wieder zu.
»Wie Sie wollen. Können Sie sich aber überhaupt zunächst als denjenigen legitimiren, für den Sie sich ausgeben, Privatsekretär Keilberg?«
»Ja.«
»So thun Sie es!«
Sie streckte ihm die Hand entgegen, um die Legitimation in Empfang zu nehmen. Er zog sie nur langsam und zögernd aus der Tasche. Es war ihm dieser Dame gegenüber doch nicht ganz gleichgiltig, von ihr als ein Zuchthäusler erkannt zu werden. Er streckte ihr das Papier hin.
Sie trat für einen Augenblick zurück, zog Handschuhe an und griff erst nun nach der Legitimation. Das ärgerte ihn. War er denn ein räudiger Hund, daß sie sich scheute, etwas anzugreifen, was er in der Hand gehabt hatte! Er erhielt mit einem Male seine ganze freche Sicherheit zurück und hielt seinen Blick fest und herausfordernd auf sie gerichtet, als sie die wenigen Zeilen las. Sie legte dieselben sodann, statt sie ihm wieder zu geben, auf den Tisch, zuckte die Achseln und sagte:
»Aus dem Zuchthause! Direct zum Baron von Alberg! Was wollen Sie von ihm?«
»Bitte, mein Fräulein, es giebt auch brave Leute im Zuchthause –«
»Schön! Weiter!«
»Und Spitzbuben unter den freien Leuten! Mancher gehört hinein, der auf die Gefangenen schimpft und sie verachtet!«
»Mir gleichgiltig. Kommen Sie zur Sache!«
»Ich bin bei der Sache, die Ihnen nicht so sehr gleichgiltig sein kann. Ich meine nämlich, daß Ihr Vater in das Zuchthaus gehört.«
Sie erschrak nicht, sie erröthete und erbleichte auch nicht. Aber ihre schlanke Gestalt richtete sich höher auf, und die Züge ihres schönen Antlitzes nahmen einen starren, unberührbaren Ausdruck an.
»Weiter!« befahl sie.
»Er hatte erwartet, daß sie ihn einen frechen Menschen nennen, vom Hinauswerfen reden, überhaupt in heftigen Zorn gerochen werde. Daß nichts von alledem geschah, brachte ihn aus dem Concepte. Er blickte sie betroffen, beinahe ängstlich an; dann antwortete er:
»Sie glauben es natürlich nicht. Aber es kommt nur auf mich an. Wenn ich aus der Schule plaudere, so ist es aus mit ihm!«
»Weiter!« erklang es wieder wie vorher.
»Soll ich es Ihnen erzählen?«
Sie nickte nur.
»Da stattete er ihr denselben Bericht ab, den er bereits vorher dem Könige gegeben hatte. Sie hörte ihm ruhig bis zum Schlusse zu, unbeweglich. Wäre nicht der Blick ihres Auges gewesen, so hätte man sie für eine leblose Statue halten können. Diesem Verhalten gegenüber war ihm der Schweiß auf die Stirn getreten. Als er geendet hatte, fragte sie kalt und in ruhigem Tone:
»Warum sind Sie gekommen, dies hier zu erzählen?«
»Weil – weil – weil ich mich in Noth befinde.«
»Sie brauchen Geld?«
»Ja.«
»Wieviel?«
»So viel er mir damals versprochen hat. Für weniger verkauf ich mein Schweigen nicht. Ich will meinen Lohn haben.«
»Sie sollen ihn haben. Doch paßt es mir erst morgen Vormittags.«
»Das schadet nichts, wenn ich nur einstweilen so viel bekomme, daß ich im Gasthofe logiren kann.«
»Das ist nicht nöthig. Sie werden hier im Schlosse ein Zimmer und alles Nöthige erhalten. Ist Ihnen das recht?«
»Vollkommen, vollkommen!« rief er erfreut.
Sie klingelte und befahl dem eintretenen Diener das Nöthige. Dieser nahm Keilberg mit sich fort; auf ein abermaliges Klingeln erschien ein anderer Diener, dem sie befahl den Fremden als Gefangenen zu betrachten und ihn so zu bewachen, daß er das Schloß ohne ihre Erlaubniß nicht verlassen könne.
Dann blieb sie lange, lange Zeit einsam in ihrem Zimmer. Sie klingelte nicht nach Licht, sie befahl nicht, zum Abendmahls zu decken. Die Dienerschaft wurde besorgt um die von allen geliebte Herrin.
Es war dieser fremde Kerl gekommen. Er hatte gegen alle Voraussicht ein Zimmer angewiesen erhalten, und das gnädige Fräulein hatte den Befehl ertheilt, ihn wie einen Gefangenen zu bewachen. Das war eine Außerordentlichkeit, welche sich Niemand erklären konnte.
Der Hausmeister erzählte, was er mit diesem Fremden gesprochen hatte. Das Auftreten desselben war ein so selbstbewußtes, ja sogar drohendes gewesen. Was hatte er gewollt? Was war geschehen oder was sollte noch geschehen? Die Herrin ließ sich nicht sehen. Man bekam Angst, und es wurde beschlossen, daß die Zofe es wagen solle, ungerufen bei dem gnädigen Fräulein einzutreten.
Sie klopfte an deren Thür, aber es erfolgte von innen keine Antwort. Da trat sie ein.
Es war dunkel in dem Zimmer. Nur der Schein der draußen vor dem Schlosse brennenden Laternen warf einen leisen, Ungewissen Schimmer herein.
»Gnädiges Fräulein!« sagte sie in bittendem Tone.
Sie erhielt keine Antwort.
»Mein liebes, gnädiges Fräulein!«
Da erklang es leise aus der Gegend, in welcher das Sopha stand:
»Was willst Du?«
»Ich wollte fragen, ob Sie nichts zu befehlen haben.«
»Nein.«
»Wollen Sie nicht speisen? Die Zeit ist ja längst vorüber.«
»Ich danke!«
»Oder soll ich Licht bringen?«
»Nein. Das Dunkel thut mir wohl. Laß mich jetzt so hier bleiben.«
Das klang wie aus gewaltsam unterdrücktem Schluchzen heraus. Die Zofe entfernte sich wieder. Draußen standen die Andern und fragten, wie sie die Gnädige gefunden habe.«
»Sie weint. Sie will ungestört sein. Sie muß etwas sehr Schlimmes gehört haben. Wer weiß, was für eine Botschaft dieser Mensch gebracht hat. Jedenfalls betrifft dieselbe ihren Vater. O dieser Baron, dieser Baron!«
Die Dienerschaft ging aus einander. Die Leute verhielten sich ruhig und traten ganz leise auf, um die liebe Herrin nicht zu stören. Aber so ganz allein bleiben sollte diese Letztere doch nicht, denn nach einiger Zeit kam die Frau Bürgermeisterin Holberg, die Mutter des Lehrers Walther in Hohenwald. Es war um diese Stunde ihre gewöhnliche Besuchszeit.
Es wurde ihr gar nicht gesagt, daß das Fräulein allein zu sein wünsche. Bei der vertrauten herzlichen Art und Weise, in welcher beide mit einander verkehrten, verstand es sich ganz von selbst, daß sie angemeldet wurde, und bei dieser Gelegenheit trug die Zofe die Lampe in das Gemach des Fräuleins.
Frau Holberg wurde auch empfangen. Als Sie eintrat erhob Milda sich vom Sopha. Ihr Gesicht war bleich und zeigte die Spuren vergossener Thränen.
Frau Holberg bemerkte dies und erschrak. Das ihr entgegengestreckte Händchen ergreifend, fragte sie besorgt:
»Liebes Kind, Du hast geweint, wie ich sehe! Darf ich erfahren, was Dein Herz in dieser Weise betrübt?«
Milda schlang die Arme um sie und brach in neue Thränen aus. Sie konnte vor Schluchzen keine Antwort geben.
»Um Gotteswillen, was ist geschehen! – Es muß etwas sehr Trauriges sein.«
»Unendlich traurig! So traurig, daß es kaum zu ertragen ist.«
»Laß michs erfahren! Oeffne mir Dein Herz! Mittheilung erleichtert ja immer die beschwerte Seele. Wer trägt die Schuld, mein Kind?«
»Er immer nur er!«
»Wer? Etwa Dein Vater?«
»Ja. Wer sollte es sonst sein! Er allein ist es, von welchem mir alles Herzeleid kommt, er ganz allein.«
»Er, nur immer er! Welch ein Mann! Was er früher gethan hat, das mag immerhin vergessen sein; aber daß er heut noch derselbe ist wie früher, das kann ihm nicht vergeben werden. Komm, meine Milda, setze Dich und erzähle mir.«
Sie zog sie ans das Sopha nieder und setzte sich neben sie. Die Anwesenheit der mütterlichen Freundin verfehlte ihre Wirkung auf das tiefbetrübte Mädchen nicht. Milda fand die Kraft ihren schweren Kummer niederzukämpfen. Sie sagte:
»Von heut und gestern ist das freilich nicht, was mich so traurig gemacht hat. Es ist das vielmehr aus derselben Zeit, in welcher er Dich kennen gelernt hat. Vielleicht stammte es sogar noch von früher her. Die Veranlassung ist auch eine Damenbekanntschaft, eine Liebe, welche von der Betreffenden zurückgewiesen wurde. Dies hat ihn zu einem Verbrechen getrieben, für welches mir jede Bezeichnung entgeht. Ich finde kein passendes Wort, meinen Abscheu auszudrücken.«
»Ein Verbrechen? Ist es ein schlimmes?«
»Es kann kein verabscheuungswürdigeres geben. Es ist schlimmer als ein Mord.«
»Kind, Du erschreckst mich sehr.«
»O, wie bin ich erst erschrocken, als ich es vorhin erfuhr! Er hat eine brave Familie unglücklich gemacht, indem er ihr ihre Ehre raubte. Der Mörder schlägt sein Opfer todt; dasselbe kann dann nichts mehr fühlen. Hier aber ist eine Familie moralisch todt gemacht worden; sie hat äußerlich fortgelebt und also allen Jammer empfinden müssen. Ihr ist gewesen wie bei der Vivisection einem Hunde, welchen man lebendig auf das Bret spannt und ihm das Maul verschließt, damit er nicht heulen und seine entsetzlichen Schmerzen laut werden lassen kann.«
»Wie ist das zugegangen?«
»Mit einem teuflischen Raffinement. Höre mich an. Du bist mir eine liebe, traute Mutter geworden. Dir kann ich alles mittheilen.«
Sie erzählte, was sie von Keilberg erfahren hatte. Auch Frau Holberg war entsetzt über das, was sie hörte; aber sie nahm es auch mit dem kritisirenden Verstande auf. Sie fragte:
»Glaubst Du, daß er das gethan hat?«
»Gewiß.«
»Du hältst ihn also einer solchen That fähig?«
»Leider ja. Es ist traurig, wenn ein Kind ein solches Urtheil über seinen Vater fällen muß; aber ich kann mir nicht helfen; ich muß es thun. Er hat gegen mich gezeigt, daß er aller Ehre und alles Gefühls bar sei. Ich traue ihm nun auch diese That zu.«
»Aber dieser Vagabund kann Dich betrogen haben.«
»Das nehme ich nicht an.«
»Um Dich zu einer Geldzahlung zu bestimmen.«
»Geld will er allerdings haben; das ist ja seine offen ausgesprochene Absicht; aber belogen hat er mich nicht. Er hat nicht mit mir, sondern mit dem Vater reden wollen, von welchem er glaubte, daß er sich hier auf Schloß Steinegg befinde. Ihm hat er ganz dasselbe sagen wollen. Es ist keine Erfindung, was ich habe anhören müssen. Freilich hat er sich in mir getäuscht. Er erhält nichts, keinen Pfennig.«
»So wird er die Sache ausplaudern.«
»Mag er! Ich fürchte ihn nicht.«
»Aber die Rücksicht auf Deinen Vater –«
»Auf ihn? Er geht mich nichts an. Er ist mein Vater nicht mehr. Nicht auf ihn, sondern auf jenen bedauernswerthen von Sandau und dessen Familie habe ich Rücksicht zu nehmen. Ihre Ehre muß wieder hergestellt werden.«
»Das kann aber nur dadurch geschehen, daß Dein Vater an den Pranger gestellt wird!«
»Ich kann ihm nicht helfen. Es giebt für mich gar keinen Zweifel, wie ich zu handeln habe. Wäre mein Verhältniß zu meinem Vater ein kindlich innigeres, so würde ich nicht schweigen. Ich würde mich tief unglücklich fühlen, ihn aber doch veranlassen, die böse That nach Kräften zu sühnen. Nun er aber meine Liebe getödtet und die Achtung und Ehrerbietung, welche das Kind den Eltern zollt, mir aus dem Herzen gerissen hat, werde ich nicht ihn bitten, sondern ihn gradezu zwingen, seine Pflicht zu thun.«
»Er wird sich nicht zwingen lassen.«
»O doch! Meinst Du, daß ich ihn etwa aufsuche, um mit ihm zu reden?«
»Willst Du das nicht?«
»Nein. Von mir würde er sich doch nicht zu der gebotenen Handlung bestimmen lassen. Nein, ich zwinge ihn durch die Polizei.«
»Milda!« rief Frau Holberg erschrocken.
»Ja,« wiederholte das Mädchen, »durch die Polizei!«
»So willst Du die Anzeige machen?«
»Ja. Ich lasse diesen Keilberg arretiren.«
»Ach! Darum hast Du ihn hier behalten?«
»Ja.«
»Warum hast Du da nicht bereits nach der Polizei gesandt?«
»Weil ich erwarte, daß Max heute noch kommt. Er ist mein Bruder, und ich will ihn um Rath fragen. Ich möchte in dieser Angelegenheit nichts ohne ihn thun.«
»Vielleicht wird er Dir abreden.«
»Das glaube ich nicht.«
»Es ist ja möglich, daß der Polizei die Macht über diesen Keilberg entgangen ist. Ich verstehe mich auf die Gesetze nicht; aber es ist seit jener That eine solche Zeit vergangen, daß ich annehmen möchte die Sache sei verjährt.«
»Mag sein, daß er nicht bestraft werden kann, aber seine Person ist unbedingt nöthig zum Beweise gegen meinen Vater. Und da er ein Zuchthäusler und wahrscheinlicher Landstreicher ist, so wird es auf alle Fälle gerathen sein, ihn festzunehmen und auch festzuhalten.
Sie sagte das mit solcher Energie, daß Frau Holberg sie mit fast erstauntem Blicke ansah und dann in mildem Tone sagte:
»Du scheinst wirklich fest entschlossen, keinerlei Rücksicht gegen Deinen Vater walten zu lassen.«
»Ja, das bin ich. Eine jede That verpflichtet zur Tragung der Folgen, welche aus ihr entspringen. Wer den Muth besitzt zu sündigen, muß auch den Muth haben, die Strafe auf sich zu nehmen. Ich bin keineswegs gewillt, der Mitschuldige dessen zu werden, welcher sich zwar mein Vater nennt, aber niemals väterliche Gefühle für mich besessen hat. Wie oft habe ich bedauert, meine Mutter verloren zu haben. Heut aber preise ich Gott, daß er sie zu sich genommen hat. Ihr ist dadurch großes Herzeleid erspart worden. Nun bin ich es allein, die die schwere Last zu tragen hat, im Vater einen gewissenlosen Verbrecher erkennen zu müssen. O, Mutter, Mutter, meine liebe, gute Mutter!«
Sie faltete die Hände über die Brust und brach in Thränen aus. Mehr um sie von ihrem Herzeleid abzubringen als aus wirklicher Neugierde, sagte Frau Holberg:
»Ich möchte sie wohl gekannt haben.«
»Sie ist eine schöne Frau gewesen. Ihr Aeußeres hat aber unter dem fortwährenden stillen Kummer, den sie zu tragen hatte, nothwendiger und begreiflicher Weise sehr gelitten. Ihr Miniaturbild hast Du ja wohl gesehen?«
»Du hast es mir gezeigt.«
»Aber das größere noch nicht. Komm in mein Bureau, Du sollst es sehen.«
Sie nahm die Lampe und schritt voran, nach einem größeren Zimmer, welches in demselben Corridor lag. Dort traten sie ein und zogen die Thüre hinter sich zu.
Milda hatte zwar den Befehl gegeben, Keilberg ein Zimmer anzuweisen, doch war es ihr nicht als nöthig erschienen, ein gewisses Zimmer zu bezeichnen. Er sollte bewacht werden. Aus diesem Grunde hatte ihn der Hausmeister in ein einfenstriges, kleines Zimmer geführt, welches auch in dem Corridor lag. Hier war die Dienerschaft stets vorhanden, und darum konnte er leichter und unauffälliger beobachtet werden.
Zufälliger Weise nun stieß dieser sein gegenwärtiger Aufenthalt an das Bureau, in welches die Beiden traten.
Er hatte ein Abendmahl erhalten. Eben saß er beim Essen, als er drüben die Thür gehen hörte. Er vernahm die Schritte der Zwei ganz deutlich, obgleich ein großer weicher Teppich dieselben dämpfte, und Damen gewöhnlich leiser auftreten als Männer. Der Grund davon war, daß es eine Verbindungsthür zwischen den beiden Räumen gab.
Sein Blick richtete sich unwillkürlich auf diese Thür und er sah, daß der Schlüssel an seiner Seite steckte. Er trat rasch und leise hinzu, zog unhörbar den Schlüssel ab und blickte durch das Schlüsselloch.
Er sah die Schloßherrin, welche die Lampe auf einen Tisch setzte. Neben derselben stand eine ältere Dame. Sie sprachen miteinander. Er hörte deutlich jedes Wort.
»Ich habe das Bild noch nicht aufgehängt,« sagte Milda. »Ich war im Zweifel darüber, welchen Platz ich demselben geben müsse. Nun liegt es noch da im Depositenschranke. Den Schlüssel habe ich einstecken.«
Sie zog denselben aus der Tasche und trat zu dem erwähnten Schranke.
Er war ganz aus starkem Eisenblech gearbeitet, nach Art der feuerfesten Geldschränke, aber noch einmal so breit als einer derselben. Er stand grade gegenüber der Thür, an welcher Keilberg lauschte. So klein das Schlüsselloch war, der Mensch konnte deutlich sehen, was drüben vorging.
Milda öffnete den Schrank. Es dauerte eine längere Weile, bevor sie den Schlüssel ansteckte. Sie griff mit der linken Hand am Schlosse herum. Jedenfalls war dort ein sogenannter Vexir- oder Sicherheitsapparat angebracht, welcher es einem Fremden, selbst wenn dieser den richtigen Schlüssel besaß, unmöglich machte, den Schrank zu öffnen.
Als die beiden Thüren des Letzteren offen waren, nahm Milda das sorgsam eingeschlagene Porträt ihrer Mutter heraus, entkleidete es der Umhüllung und stellte es so, daß der Schein des Lichtes voll auf dasselbe fiel.
»Das ist sie, das?« sagte Frau Holberg. »Ja, hier ist sie deutlicher und sprechender als auf dem kleinen Elfenbeingemälde. Du siehst ihr außerordentlich ähnlich.«
»Wirklich?«
»Ja, nur daß Deine Züge etwas mehr eigenen Willen und Energie verrathen.«
»Möglich. Leider hatte sie niemals einen eigenen Willen gehabt. Sie war ein weiches, liebebedürftiges, anschlußsuchendes Gemüth. Sie konnte für und in Jemand ganz und gar aufgehen. Das ist ihr Unglück gewesen. Hätte sie mehr Selbstständigkeit besessen, so wäre sie dem Vater wohl öfters entgegengetreten, und der Kummer hätte sie nicht so schnell aufreiben können.«
Sie kniete vor dem Stuhle nieder, auf welchen Sie das Porträt gestellt hatte, drückte dasselbe mit beiden Armen an ihre Brust, grad so als ob sie die Mutter lebend vor sich habe und dieselbe umarmen wollte, und sagte dann in tiefster Betrübniß:
»Meine Mutter! Was würdest Du jammern und klagen, wenn Du heut noch lebtest und das Fürchterliche erfahren hättest. Nun aber weilst Du droben bei Gott unter den Seligen, und kein irdisches Leid kann Dich noch anfechten. Blicke auf mich herab, und bitte den Allgütigen, daß er mir Kraft verleihen möge, diesen Seelenjammer zu ertragen und zu überwinden!«
Da legte Frau Holberg die Hand zärtlich auf ihre Schulter und sprach:
»Ja, sie ist bei den Seligen; aber hier unten hast Du eine Andere, welche Dich mit innigster Mutterliebe empfängt und Dir gern helfen wird, den Gram zu besiegen.«
»Ja, ich habe ja Dich!«
Sie erhob sich und schlang ihre Arme um die Frau, welche durch denselben Mann so unglücklich geworden war. Beide weinten vereint Thränen des Schmerzes und – der Liebe.
Als Milda dann das Bild wieder in den Schrank zurücklegte, fiel ihr Blick auf einige andere in demselben befindliche Gegenstände.
»Das ist mein Kassenschrank,« sagte sie. »Grade jetzt befinden sich ganz bedeutende Summen darin, welcher ich zum Ausbau und zur Einrichtung des Schlosses bedarf. Aber außerdem verbirgt er noch Kostbarkeiten, welche von weit höherem Werths sind. Hier in diesem Kasten liegen zum Beispiel die Brautjuwelen meiner Mutter. Es ist ihr letzter Wille gewesen, daß ich den Schmuck bei meiner Vermählung zum ersten Male trage.«
»Wann wird das sein?« fragte Frau Holberg lächelnd.
»Wohl nimmer.«
»Willst Du ledig bleiben oder in das Kloster gehen?«
»Das Letztere wäre gar nicht so unmöglich, wie Du vielleicht denken magst. Wenn ein Vater in dieser Weise sündigt, so hat seine Tochter gar wohl Veranlassung, eine Braut des Himmels zu wenden, um bei Gott für ihn um Gnade und Nachsicht zu bitten.«
»Kind, das ist doch nicht Dein Ernst?« fragte die Bürgermeisterin fast erschrocken.
»Erschrick nicht! Ich habe noch nicht daran gedacht. Nur Deine Frage brachte mich zu dieser Antwort. Aber ob ich jemals die Braut eines Mannes werde, das möchte ich bezweifeln.«
»Warum?«
»Weil ich mir die Eigenschaften nicht zutraue, welche nothwendig sind, einen Mann glücklich zu machen.«
»Du? Du solltest diese Eigenschaften nicht besitzen!«
»Wohl kaum.«
»Ich bin im Gegentheile überzeugt, daß sie im höchsten Grade Dein Eigen sind.«
»Mein liebes, neues Mütterchen, da möchtest Du Dich wohl täuschen!«
»Wohl kaum!«
»O doch! Eben weil Du mein neues Mütterchen bist, mein neues, kennst Du mich noch viel zu wenig. Lerne mich nur erst richtig kennen, so wirst Du mir Recht geben.«
»Und ob ich Dich kenne. Weißt Du, wer die größte Lehrmeisterin in Beziehung der Menschenkenntniß ist?«
»Wohl Du?«
»O nein. Die Liebe ists. Und weil ich Dich so herzlich liebe, kenne ich Dich genau. Ich denke und fühle mit Dir. Deine Gedanken und Regungen sind mir so offenbar, als ob sie die meinigen wären. Nein, Du täuschest Dich in Dir selbst. Wenn Eine die Eigenschaften besitzt, welche dazu gehören, einen Mann glücklich zu machen, so bist Du das!«
»Ja, ich höre, daß Du mich lieb hast, denn Du beurtheilst mich mit der Nachsicht einer Mutter. Ich aber kenne mich besser. Ich habe meine Jugend in Einsamkeit verbracht, weil, weil –«
Sie hielt erröthend inne.
»Weil –? Nun, warum?«
»Das möchte ich lieber nicht sagen.«
»Sage es nicht; ich weiß es doch.«
»Du kannst es nicht wissen. Ich habe ja davon zu Dir gar nicht gesprochen.«
»Und dennoch weiß ich es.«
»Willst Du allwissend sein?«
»Nein, aber ich kenne Deinen Vater und in Folge dessen ist es mir leicht, es zu errathen. Du bist schön und –«
»Schweig!« bat Milda verschämt, indem sie ihr die Hand auf den Mund legte.
»Warum soll ich darüber schweigen? Du bildest Dir nichts auf die Schönheit ein, die doch nur eine unverdiente Gnadengabe Gottes ist. Ja, Du bist schön, schöner als tausend Andere. Du bist reich und in sehr schlauer Berechnung hat Dein Vater sehr viel auf die Bildung Deines Geistes verwendet. Das Gemüth hat er dabei ganz außer Acht gelassen. Hättest Du nicht dasjenige Deiner Mutter geerbt, so würdest Du jetzt ein ganz herzloses, prahlerisches Dämchen sein. Ich wollte eben sagen, daß Dein Vater einer Berechnung gefolgt ist, bei welcher er eben einen sehr wichtigen Factor außer Acht gelassen hat, nämlich Dein gutes, reines Herz. Er hat Dich in tiefster Einsamkeit gehalten, um dann, wenn er Dich ins große Leben einführt, mit Dir desto größere Furore zu machen. Ists nicht so?«
»Jawohl, und vielleicht gar noch schlimmer. Er hatte Pläne entworfen, zu deren Erfüllung ich ihm die Hand bieten sollte. Aber das hat den Bruch zwischen ihm und mir herbeigeführt. Ich hasse den eitlen Glanz, die Hohlheit und Leerheit des Lebens in der sogenannten großen Welt. Mein Leben soll besseren, würdigeren Zwecken gewidmet sein. Niemals könnte ich einen Mann glücklich machen, welcher seine Aufgabe darin sucht, in jenen Kreisen zu brilliren. Und soll ich mir einen Mann in tieferen Sphären suchen? Vielleicht würde ich ihn finden. Aber darf ein Mädchen überhaupt suchen? Sie muß gesucht werden und ein Mann, der seiner äußeren Stellung nach tief unter mir steht, wird es nicht wagen, seine Hand nach mir auszustrecken. Darum und eben denke ich, daß ich ledig bleiben werde und daß dieser Brautschmuck – o lassen wir das. Ich will ihn Dir lieber einmal zeigen.«
Keilberg zitterte förmlich auf seinem Lauscherposten. In diesem Schranke befanden sich große Summen, ein noch höherer Werth an Juwelen. Ah, wer da einen schnellen, kühnen Griff thun könnte!
Er sah durch das Schlüsselloch, daß Milda ein ziemlich großes Ebenholzkästchen aus dem Schranke nahm und dasselbe öffnete. Es enthielt mehrere Etuis, in denen die einzelnen Gegenstände des Schmuckes auf dunkelsammetner Unterlage ruhten. Das schöne Mädchen zeigte der mütterlichen Freundin Alles, das Brautdiadem, das prächtige Collier, die Armbänder, Ringe, Brochen und Diamantgehänge. Das funkelte und glitzerte im Lampenschein, daß dem Lauscher die Augen übergingen.
Dann legte sie Alles in das Kästchen zurück und stellte dasselbe in den Schrank.
»Und hier habe ich das größte Kleinod, welches Mutter mir hinterlassen hat, nämlich das Tagebuch, welches sie in den letzten Jahren vor ihrer Vermählung geführt hat. Es ist darin zu lesen, auf welche Weise sie ihren Mann, meinen Vater, kennen gelernt hat. Möchtest Du das nicht gern wissen?«
»Es müßte freilich sehr interessant sein, es zu erfahren.«
»So nehmen wir es jetzt mit auf mein Zimmer. Ich lese es Dir vor. Du hast doch Zeit dazu?«
»O, sehr gern, mein liebes Kind. Ich kann versichern, daß –«
Sie wurde unterbrochen. Die Zofe trat ein und meldete, daß ein Bote vom Herrn Lehrer Max Walther gekommen sei, der Etwas abzugeben habe.
»Das muß sehr nothwendig sein,« sagte Milda. »Er kommt nicht selbst und sendet einen Boten. Ich komme gleich.«
Sie ging mit der Zofe hinaus. Es verging eine kurze Weile, dann öffnete sie von Außen die Thür und rief in erregtem Tone hinein:
»Komm schnell herüber in mein Zimmer. Es ist wirklich etwas höchst, höchst Wichtiges.«
»Willst Du nicht erst hier abschließen?« bemerkte die vorsichtige Frau.
»Komm nur, komm. Es ist sehr wichtig. Ich schließe nachher ab. Unter meinen Leuten giebt es keinen Dieb.«
Frau Holberg folgte ihr. Der Bote war wieder fort, aber das Couvert, welches er gebracht hatte, lag auf dem Tische. Milda hielt den Inhalt desselben in ihrer Hand. Ihr Gesicht war noch bleicher als vorher und in ihren Augen lag ein geisterhafter Glanz. Man hätte sich vor ihr fürchten können.
Frau Holberg sah das und erschrak.
»Kind, was hast Du? Was ist mit Dir? Was machst Du für ein Gesicht?«
Milda befand sich allerdings in einem ganz ungewöhnlichen Seelenzustande. Ihre Stimme, als sie jetzt antwortete, klang förmlich rauh, als ob die Silben nur mit aller Anstrengung über die Lippen gebrächt werden könnten.
»Ich – ich – ich habe auch – – auch alle Veranlassung dazu,« sagte sie.
»So theile Dich mir mit! Schnell, schnell! Dann wirst Du die Last los!«
»Eine Last? O, es ist mehr, weit mehr als eine Last. Mutter, jetzt kannst Du beweisen, daß Du wirklich meine Mutter sein willst!«
»Daran ist ja gar kein Zweifel. Sprich nur! So rede doch!«
»Hast Du vielleicht in Deiner Wohnung ein kleines Zimmerchen übrig, ein ganz kleines Zimmerchen?«
»Wozu?«
»Für ein armes, blutarmes Mädchen, welches zu Dir ziehen und bei Dir wohnen möchte!«
»Das könnte ich wohl beschaffen. Aber wer ist dieses Mädchen? Vielleicht wohl ein Schützling von Dir?«
»Nein. Ich – ich – ich bin es selbst.«
»Du?! Kind, was fällt Dir ein! Was redest Du für Zeug.«
»Es ist so; es ist in Wirklichkeit so. Du nanntest mich vorhin ein reiches Mädchen. O Gott, wenn Du wüßtest, wie reich, wie unendlich reich ich bin.«
Sie sprach das in qualvollster Selbstironie aus. Frau Holberg schüttelte den Kopf und sagte:
»Ich verstehe kein Wort. Bitte, erkläre Dich deutlicher!«
»Kann ich es deutlicher sagen. Ich bin arm, ärmer als die Aermste auf Gottes Erde!«
»Du, die Besitzerin dieser reichen Herrschaft, dieses Schlosses, der Geldsummen und Juwelen, welche wir uns soeben erst betrachtet haben.«
»Das gehört Alles nicht mir.«
»Wem denn? Deinem Vater?«
»Nein. Er hat es gestohlen.«
»Gott! Redest Du vielleicht irre?«
»Nein, es ist so.«
»Beweise es, beweise es.«
»Hier ist der Beweis.«
Sie deutete auf die Papiere, welche sie in der Hand hielt.
»Es kann nicht wahr sein. Du mußt und mußt Dich irren.«
»Nein, es ist wahr. Mutter selbst schreibt es mir.«
»Es ist eine Täuschung, anders nicht.«
»Nein, es ist gar kein Zweifel möglich?«
»Aber wem soll das Alles gehören?«
»Jener Familie – mein Gott, was haben wir an dieser Familie Alles gut zu machen! Jener Familie Sandau gehört Alles.«
»Wieder und wieder diese Sandaus!«
»Ja. Du weißt doch, daß ich ein erst kürzlich aufgefundenes Schreiben meiner Mutter nicht vollständig lesen konnte, weil die Schrift verblaßt war?«
»Ja. Du hast es Max mitgegeben.«
»Er hat die Schrift chemisch aufgefrischt und schickt es mir jetzt zu. Dabei schreibt er mir jetzt Folgendes:«
Sie nahm einen kleinen Briefbogen, welcher mit im Couverte gesteckt hatte, und las:
»Mein liebes Schwesterchen!
Soeben zeigt sich die Wirkung des Verfahrens, welchem ich die Schrift Deiner seligen Mutter unterworfen habe. Es ist mir gelungen, die Züge so aufzufrischen, daß sie so gut zu lesen sind, als ob sie erst gestern geschrieben worden wären. Freilich bin ich über den Inhalt ebenso erschrocken, wie auch Du erschrecken wirst. Aber ich habe einen Trost. Ich kenne Dein starkes, tapferes Herz und bin überzeugt, daß Du aus dem inneren Kampfe siegreich hervorgehen wirst.
Ich wollte Dir heute die Zeilen selbst bringen, um bei Dir sein zu können mit meinem brüderlichen Rathe. Leider aber haben wir grad heute Abend eine sehr nothwendige Besprechung in Beziehung des Processes gegen den Silberbauer und so kann ich nicht kommen. Da mir aber der Inhalt des Schreibens so sehr wichtig erscheint, darf ich Dir denselben keinen Augenblick vorenthalten und so sende ich Dir das Vermächtniß Deiner guten Mutter durch einen Boten.
Es ist anzunehmen, daß meine Mutter sich bei Dir befindet, wenn Du meine Zeilen erhältst. Das tröstet mich, denn ihr Beistand wird Dich aufrichten und Dir die Beruhigung geben, welche ich Dir durch meine Gegenwart doch wohl nicht in dieser Weise bringen könnte. Morgen komme ich ganz gewiß. Bis dahin wirst Du zu einem Entschlusse gekommen sein, den zu vernehmen sehr wißbegierig ist
Dein Bruder Max Walther.«
Sie hatte gelesen und legte den Brief auf den Tisch. Ihr Auge war dunkel und mit einem unbeschreiblichen Blicke auf Frau Holberg gerichtet. Diese sagte:
»Das, das schreibt Max! Kind, das klingt freilich Unglück verheißend!«
»Und doch ist das, was er meint, noch viel schlimmer, als man ahnen möchte.«
»Was ists? Sage es; laß es mich wissen. Komm her aufs Sopha! Setzen wir uns nieder. Bitte, bitte, Milda!«
Das Mädchen ließ sich von ihr auf das Sopha ziehen und faltete dann das Schreiben ihrer Mutter auseinander.
»Den Inhalt, so weit er zu lesen war, kennst Du bereits. Nun aber kommt das Weitere, welches erst jetzt zu enträthseln ist.«
»Lies es vor! Schnell! Ich kann es kaum erwarten!«
»So höre!«
Ihre Lippen waren vollständig blutleer, und ihr Gesicht besaß nicht die mindeste Spur von Farbe. Sie las langsam und mit tonloser Stimme:
»Ich bin Theilhaberin an einem großen Verbrechen geworden und kann nicht von hinnen gehen, bevor ich es von meiner Seele gewälzt habe.
Leider ist meine Liebe zu Dir so groß, daß ich nicht den Muth finde, es sofort zu sühnen. Ich kann den Gedanken nicht ertragen, daß Du, wenn ich von Dir geschieden bin, in Armuth und Hunger und Elend versinken sollst. Darum sollst Du es erst später erfahren. Wenn dann diese Zeilen in Deine Hände gerathen, dann bist Du wohl erwachsen und auch stark genug, das Unvermeidliche zu tragen. Wenn dadurch Anderen ein verlängertes Unrecht geschieht, so wird Gott, der Allgütige, mir verzeihen. Ich kann nicht anders. Ich will wenigstens dafür sorgen, daß Deine Jugend ungetrübt von den ordinären Sorgen des Lebens sei und Dir die Mittel zur Verfügung stehen, Dir diejenige Bildung und die Kenntnisse anzueignen, mit deren Hilfe Du Dir einen Weg zu bahnen vermagst, wenn Du erfährst, daß Du eigentlich ein armes Mädchen bist.
Wie Du weißt, wurde ich mit meiner Cousine Emilie von Sendingen bei einer alten steinreichen Tante erzogen. Sie hatte uns Beide gleich lieb und beabsichtigte in Folge dessen, uns an ihrer einstigen Hinterlassenschaft zu gleichen Theilen theilnehmen zu lassen.
Da wurde uns der Baron von Alberg vorgestellt. Die Tante konnte ihn nicht leiden. Sie hegte kein Vertrauen zu seinem Character. Er machte Emilien den Hof. Sie aber wies ihn ab und vermählte sich später mit dem Herrn von Sandau, welcher zunächst ganz glücklich mit ihr lebte, dann aber das Vertrauen seiner Vorgesetzten in wirklich schmachvoller Weise täuschte und demnach auf das Strengste bestraft wurde.
Auf mich dagegen hatte das glatte, gewandte Wesen Albergs einen solchen Eindruck gemacht, daß ich beschloß, selbst gegen den Willen der Tante seine Frau zu werden. Sie rieth mir ab; ich aber hatte keine Ohren für ihre Vorstellungen und blieb fest in den Banden des Mannes, welcher es verstanden hatte, mich so für sich zu gewinnen, daß ich bereit war, ihm Alles zu opfern.
Noch am letzten Tage sagte mir die Tante, daß sie dafür sorgen müsse, daß ihr Vermögen nicht in die Hände dieses Mannes gerathe. Sie enterbte mich und setzte ihr Testament in meiner Gegenwart auf. Die Zeugen, welche sie geladen hatte, unterschrieben es, und sie verwahrte es in der eisernen Schatulle, in welcher sie ihre Kostbarkeiten aufzuheben pflegte.
Natürlich erzählte ich dies Alberg. Er lachte darüber und tröstete mich mit der Versicherung, daß er mich um meiner selbst willen liebe und nicht um des Vermögens willen heirathe. Emilie von Sendingen wurde zur Universalerbin erklärt; ich war enterbt und wurde Albergs Frau.
Wie sehr ich mich in ihm getäuscht hatte, das sollte ich sehr bald bemerken. Er hatte von großen Gütern gesprochen, welche sein Eigenthum seien, von einer glänzenden Carriere, welche er machen werde – es war Alles erlogen. Er besaß nichts und war nichts als nur – ein routinirter, professioneller Spieler. Er lebte davon, Anderen im Hazard das Geld abzunehmen.
Was ich da gelitten und ausgestanden habe, das kann ich Dir unmöglich beschreiben. Glücklicher Weise oder vielmehr leider sollte sich wenigstens unsere pecuniäre Lage bald in eine bessere, ja sogar glänzende verwandeln. Die Tante starb. Ihr Testament wurde gefunden und eröffnet. Sie hatte – mich zur Universalerbin eingesetzt. Denke Dir mein freudiges Erstaunen!
Herr von Sandau, welcher damals noch Officier war, focht das Testament an. Er wußte ganz genau, daß die Tante seine Frau und nicht mich hatte zur Erbin einsetzen wollen. Er brachte Zeugen vor, zu denen sie noch kurz vor ihrem Tode gesagt hatte, daß ich enterbt worden sei – es half ihm nichts. Emilie erhielt keinen Pfennig. Ich wollte ihr freiwillig eine Summe auszahlen lassen, aber das gab mein Mann nicht zu.
Das Testament war unanfechtbar gewesen. Es hatte alle Eigenschaften, welche zur Rechtskraft erforderlich sind, und die sämmtlichen Verwandten der drei Zeugen, von denen es unterschrieben worden war, erklärten und beschworen, daß die Unterschriften echt seien.
Die drei Zeugen waren nämlich merkwürdiger Weise gestorben. Der Eine starb am Typhus, also eines natürlichen Todes; die beiden Andern aber waren, der Erste im Duell und der Zweite in der Schweiz gestorben, wo er auf einer Fußtour verunglückte.
Erst nach längerer Zeit fand ich einmal den Schreibtisch meines Mannes offen. Ich blickte in das Fach und fand – das echte Testament der Tante, in welchem ich enterbt worden war. Denke Dir das Entsetzen, welches sich meiner bemächtigte!
Es gab eine fürchterliche, unbeschreibliche Scene zwischen mir und ihm. Er hat es mir nicht gestanden, aber ich ersah es aus seinem Verhalten und seinem höhnischen Wesen, daß er den einen Zeugen im unehrlichen Zweikampfe erschossen und dem Andern in der Schweiz aufgelauert hatte, um ihn vom Felsen zu stürzen. Wie und auf welche Weise es ihm dann gelungen ist, das echte Testament in seine Hände zu bringen und ein gefälschtes an dessen Stelle zu thun, das ist mir unbegreiflich. Er hat es mir natürlich nicht mitgetheilt.
Was sollte ich thun? Ihn anzeigen und in Armuth und Elend versinken? Ich trug damals Dich unter dem Herzen. Und zu eben derselben Zeit wurde Herr von Sandau infam cassirt. Sollte er, der Verbrecher, das Vermögen erhalten?
Ich habe gekämpft und gerungen, aber nicht gesiegt, denn ich habe geschwiegen, während ich reden sollte. Später sandte ich Sandau, als er entlassen war und ich erfuhr, daß er seine Schande gern in Amerika vergraben wolle aber keine Mittel zur Ueberfahrt habe, tausend Thaler, mit deren Hilfe es ihm möglich war, seinen Vorsatz auszuführen. Ich hörte, daß Emilie ihm einen Knaben geboren habe.
Wie ich nun gelebt und mich mit meinem Gewissen abgefunden habe, das will und kann ich nicht beschreiben. Nun stehe ich vor dem nahen Tode. Was soll ich thun? Soll ich als Mitwisserin jener Verbrechen sterben oder Dich dem Elende preisgeben? Das Letztere kann ich nicht. Du sollst reich sein, bis Du alt genug bist, Dir Deinen eigenen Weg zu bahnen. Dann aber sollst Du das Vermögen den Sandaus zurückgeben. Jetzt gehört es mir. Ich vererbe es an Dich. Zwar wäre Dein Vater der natürliche Verwalter desselben. Er hat die Nutznießung davon zu beanspruchen. Aber ich weiß, wenn er das Geld in die Hände bekommt, so wird er bald ein Bettler sein und Du mit ihm.
Darum treffe ich in meinem Testamente die Bestimmung, daß dieses Vermögen von einem Notar verwaltet und Dir übergeben werde, so bald Du das zwanzigste Jahr erreicht hast. Das hat Dein Vater unterschreiben müssen, denn ich drohte ihm, das echte Testament, welches ich damals an mich genommen und ihm nie wiedergegeben habe, dem Strafrichter auszuhändigen.
»Ich habe es so versteckt, daß er es nicht finden kann. Du aber sollst es haben. Nimm mein in blauen Sammet gebundenes Gebetbuch und schneide den hinteren Deckel ab. Er besteht aus zwei dünnen Pappen, zwischen denen das Testament eingepreßt ist. Du wirst denjenigen Gebrauch davon machen, welcher mir die ewige Ruhe und Dir die Ruhe Deiner jungen Seele sichert.
»Und nun lebe wohl, mein süßes, süßes Herzenskind! Indem ich unter bitteren Thränen dieses schreibe, liegst Du mit blühenden Wangen im Bettchen und schläfst den Schlaf der Engel. Deine Mutter aber fühlt den Tod mit kalten Knochenhänden nach ihrem Herzen greifen. Meine Sünden sind Unterlassungssünden. Ich habe sie um Deinetwillen auf meine Seele genommen. Gott wird mir ein barmherziger Richter sein. Er hat mir die Mutterliebe in mein Herz gepflanzt und wird mir vergeben, was ich aus Liebe that.
»Du aber, auch Du, mein Kind, gehe nicht zu streng ins Gericht mit Deiner Mutter. Vergieb nur, damit ich auch droben Vergebung finde. Denke, daß ich immer bei Dir weile und daß mein Geist Dir immer und immer die Bitte zuflüstert: ›Behalte mich trotzdem lieb, und bete für mich. Ich konnte nicht anders, denn ich hatte Dich ja so unendlich lieb!‹
»Noch einen Kuß auf Deinen kleinen, süßen Mund, dann lege ich mich nieder, um wohl nimmer wieder aufzustehen. Meine Hände zittern vor Schwäche, und meine Augen fließen über vor Thränen. Die leidende Brust schmerzt mir vom Schreiben, und es geht eine eisige Kälte durch meinen Leib. Ist das die Kälte des Todes?
»O mein Gott, wie schwer wird es einer Mutter, von einem geliebten Kinde zu gehen – auf Nimmerwiederkehr! Die Lampe will verlöschen, und der Wind heult draußen um die Ecken. Es klingt wie die Posaunen des ewigen Gerichtes.
»Herr, mein Heiland, meine Seele schreit auf zu Dir um Erbarmen. Ich glaube an Dich, und ich halte Dich fest. Ich lasse Dich nicht, Du segnest mich denn. Der Du zu dem armen Schächer sagtest ›Wahrlich, wahrlich, heut noch wirst Du mit mir im Paradiese sein‹ und von der Sünderin ›Ihr wird viel vergeben, denn sie hat viel geliebt‹, Du wirst mir Deine Barmherzigkeit nicht entziehen. Du bist auch für mich gestorben; auch um meiner Sünden willen hast Du gelitten. Ich schrei auf zu Dir. Breite Deine Flügel über mir, und halte mich bei der Hand, wenn der Richterspruch des Ewigen über mich ergehen soll. Du bist der treue Hirte. Weide auch mein Lämmlein, welches ich zurücklassen muß. Gieb Deinen Engeln Befehl, daß sie über ihm wachen und es vor Sünde und Fehl bewahren. Laß sein Leben ein helles und freundliches sein, wie das meinige ein dunkles und trauriges war.
»Milda, Milda, Deine Mutter stirbt. Schlaf wohl, Du Liebling meines armen Lebens. Mein Auge wird dunkel; mein Herz bricht. Ich kann nicht mehr. Leb wohl, leb wohl, leb wohl!« – – –
Nur unter heftigem Schluchzen und strömenden Thränen war es der Tochter möglich gewesen, die Zeilen der sterbenden Mutter zu Ende zu lesen. Jetzt warf sie den Brief auf den Tisch, barg das Gesicht in die Hände und brach in ein krampfhaftes Jammern aus.
Frau Holberg weinte ebenso. Sie nahm Milda in ihre Arme, zog das kleine, schöne Köpfchen an ihre Brust, strich ihr mit der Hand liebkosend über das reiche, seidenweiche Haar und sagte:
»Fassung, Fassung, mein liebes Kind! Deine gute Mutter ist bei den Seligen des Himmels. Sie hat nicht gesündigt. Selbst das irdische Gesetz würde sie freisprechen, denn die Frau braucht den Mann nicht anzuklagen.«
»Um meinetwillen – um meinetwillen hat sie es gethan!« stöhnte Milda.
»Eben darum ist es keine Sünde! Oder willst Du sie verdammen?«
Da blickte sie unter Thränen erschrocken auf und antwortete:
»Ich, sie verdammen, die nur um meinetwillen diese Schuld auf sich genommen hat? Nein! Wenn es möglich wäre, daß meine Liebe sich steigern könnte, so würde ich sie doppelt lieb haben dafür. O, könnte meine Liebe bis gen Himmel reichen. Ich wollte mit warmen Kindesarmen hinauflangen und sie umfassen, um ihr Dank zu bringen aus dem tiefsten Grunde meiner Seele!«
»So ists recht, Milda. Du kannst die Liebe einer Mutter nicht begreifen. Nur wer selbst Mutter gewesen ist, der weiß, welche Opfer sie zu bringen vermag.«
»Und welch ein größeres Opfer giebt es, als eine solche Schuld für das Kind auf sich zu nehmen, ja mit hinüber in den Tod zu nehmen. Ich möchte in Thränen zerfließen vor Herzeleid, daß sie es gethan hat. Hätte sie mich doch arm werden lassen, so stände sie jetzt rein vor Gottes Thron, und der Vater im Himmel hätte sich meiner wohl erbarmt und mich durch das Leben mit seiner Gotteshand geleitet.«
»Denke nicht daran, liebes Kind. Es ist nun nicht zu ändern.«
»Ja, das ist der gewöhnliche triviale Trost, nach welchem der schwache Mensch greift wie der Ertrinkende nach dem Strohhalm. Wer hätte das denken können, wer, wer, daß der Vater sogar ein Mörder sei!«
»Noch ists ja nicht erwiesen.«
»Es ist erwiesen.«
»Nein.«
»Und doch. Der untrüglichste Richter hat ihn verurtheilt, derjenige Richter, der sich niemals irren kann.«
»Welchen meinst Du?«
»Meine Mutter und – mich.«
»Ach, Du glaubst es?«
»Ja. Wenn die Frau den Mann und das Kind den Vater eines solchen Verbrechers für fähig halten, wenn Beide es ihm zutrauen, so hat er es auch begangen. Das liebende Herz ist ja gern bereit, das Beste zu denken. Wenn es dann aber gezwungen ist, Schlimmes zu denken, so ist dieses Schlimme auch wirklich geschehen. Wäre er noch da, so würde ich ihn zwingen, es mir zu gestehen.«
»Er würde es nicht thun.«
»Er müßte! Und, ich werde zu ihm gehen. Er muß mir Alles, Alles sagen.«
»Milda! Zu ihm? Das thu nicht.«
»Ich muß ja.«
»Wer zwingt Dich dazu?«
»Die Mutter. Ich muß mir das Buch holen. Es ist nicht hier. Es befindet sich noch in Wien in unserer Wohnung, und ich habe keine Ruhe, als bis ich das Testament in meinen Händen habe.«
»Hole es, ja hole es meinetwegen; aber sprich zu Deinem Vater nicht davon.«
»Warum soll ich nicht sprechen?«
»Es wird eine entsetzliche Scene geben.«
»Die soll es geben, und ich selbst werde es sein, der sie herauf beschwört. Ich habe die heilige Verpflichtung, ihm ein Geständniß abzuzwingen. Legt er es ab, bereut er, was er gethan hat, nun so wird sich die Angelegenheit wohl in milderer Art und Weise erledigen lassen. Leugnet er aber, so soll ihn die volle Strafe treffen, und ich selbst, seine Tochter, werde es sein, welche diese Gerechtigkeit vom Richter begehrt.«
»Schrecklich! Ist das nicht gegen alles menschliche Gefühl?«
»Eigentlich wohl; aber ist nicht auch jedes Verbrechen, sind nicht grad diejenigen Verbrechen, deren sich mein Vater schuldig gemacht hat, gegen das menschliche Gefühl?«
»Du sprichst von einem milderen Wege. Ich glaube nicht, daß ein solcher eingeschlagen werden kann.«
»Welchen Grund hast Du zu dieser Meinung?«
»Du willst doch diesen Keilberg arretiren lassen. Damit geht die Angelegenheit in die Hände der Staatsanwaltschaft über, und wenn es einmal so weit ist, dann hat das Gesetz zu entscheiden und es kann keine Wahl zwischen einer milderen oder strengeren Form getroffen werden. Das magst Du gar wohl bedenken, ehe Du zur Arretur schreitest.«
»Ich habe mich nur einstweilen der Person dieses Mannes versichert. Was ich gegen ihn vornehmen werde, das wird sich entscheiden, wenn ich mit Max darüber spreche.«
»Aber der kommt vielleicht morgen spät.«
»Nein, er kommt zeitig in der Frühe. Ich habe es ihm durch den Boten, welcher mir jetzt seinen Brief brachte, sagen lassen, daß ich ganz bei Zeiten nothwendig mit ihm zu sprechen habe. Vielleicht kommt auch Herr Sandau. Er hat mir versprochen, die ihm angebotene Arbeit zu übernehmen und wollte morgen früh zu einer darauf bezüglichen Besprechung wieder da sein.«
»Sandau. Ein eigentümlicher Zufall.«
»Ja, wäre er von Adel, so gehörte er vielleicht zur Verwandtschaft jener Familie, der ich so viel schuldig bin. Das beklemmt mich ja am Allermeisten, daß Alles, was mein Vater begangen hat, grad nur gegen sie gerichtet ist.« »Du willst nach ihr forschen?«
»Ja, gewiß.«
»Das wird langwierig sein. Wie willst Du diese Leute in Amerika finden?«
»Durch die Consuls, durch die Blätter, in denen ich annoncire, durch – o, ich werde alle Mittel ergreifen und alle Minen springen lassen!«
»Um Dein Vermögen hinzugeben.«
»Mein Vermögen? Es ist nicht das meinige. Ich habe von Rechtswegen den ganzen Betrag der Erbschaft auszuzahlen mit allen Zinsen von dem Tage an, an welchem sie von meiner Mutter angetreten worden ist.«
»Ein Advocat würde vielleicht ganz anders urtheilen.«
»Ich brauche keinen Anwalt. Mein Herz ist mein Advocat, dessen Rath ich unbedingt befolgen werde. Ich kann das Vermögen zurückzahlen, nicht aber die Zinsen. Die hat mein Vater zum größten Theile verlebt, und der kleinere Theil ist für mich verbraucht worden. Ich werde also ein ewiger Schuldner der Sandau's bleiben.«
»Und Sandau der Deinige!«
»Wieso?«
»Meinst Du, daß alle Menschen so hochherzig handeln würden wie Du?«
»Ich darf nicht nach Anderen fragen.«
»Wenn Du Sandau findest und ihm sein Eigenthum zurückgiebst, kann er es gar nicht annehmen, wenigstens nicht ganz. Er muß Dir einen Theil desselben lassen.«
»Ich behalte keinen Pfennig.«
»Aber, Milda! Was willst Du dann beginnen?«
»Irgend Etwas. Ich werde Lehrerin, Erzieherin, Gesellschafterin, Vorleserin oder sonst Etwas.«
»Du stellst Dir das zu leicht vor.«
»Gewiß nicht. Es wird mir schwer werden, aus dem gewohnten Ueberflusse herauszutreten; aber es muß vollbracht werden?«
»Und wenn Du keine solche Stellung findest?«
»So weiß ich einen Ort, an welchem ich zu jeder Zeit einen Unterschlupf finde.«
»Wo?«
»Bei einer gewissen Frau Bürgermeisterin Holberg hier in Steinegg. Oder meinst Du vielleicht, daß ich mich darin täusche?«
»Wie kannst Du nur so fragen. Ja, bei mir hast Du Deine Heimath und sollst da keine Noth leiden. Ich bin nicht reich aber für Dich und Max, meinen Sohn, reicht es allemal zu.«
»Ich danke Dir, meine liebe Mutter. Jetzt kommt mir diese Angelegenheit nicht mehr gar so trostlos vor wie vorhin. Wenn man nur erst einen herzhaften Entschluß gefaßt hat, dann werden die Augen hell und der Verstand klar. Das Herz beruhigt sich und es ist dann viel leichter, ein Held zu sein, als man vorher gedacht und geahnt hat.«
Da trat die Zofe ein und meldete:
»Es ist ein Herr draußen, welcher das gnädige Fräulein zu sprechen wünscht.«
»Wer ist es.«
»Ich – ich weiß es nicht,« antwortete sie in sichtlicher Verlegenheit.
»Wie? Du weißt es nicht? Hast Du nicht gefragt?«
»Nein.«
»Warum nicht? Das ist das erste Mal, daß dies geschieht. Ich muß natürlich wissen, wer zu mir will. Ich bin nicht für einen Jeden anwesend.«
»Er – er – – ich – – ich – – –«
»Na, so sprich doch!«
»Er – er sah so vornehm aus und gukte mich mit solchen Augen an, daß ich gar nicht gewagt habe, ihn zu fragen.«
»So!« lächelte Milda. »Du bist doch sonst nicht so furchtsam. Er muß ein sehr, sehr vornehmes Aussehen haben, daß Du Dich durch dasselbe so in Verlegenheit bringen lässest. Nun hast Du jetzt das Vergnügen, Deinen Muth zu zeigen.«
»Oh – oh – ich soll ihn fragen?«
»Ja. Nach seiner Karte oder seinen Namen.«
»Was wird er für Augen machen.«
»Frage doch lieber nach meinen Augen. Es ist jetzt nicht die Zeit, in welcher ein Fremder mich sprechen kann. Wenn er zu mir will, so muß er etwas sehr Nothwendiges beabsichtigen. Also geh!«
Die Zofe zog sich verlegen zurück und kehrte dann bald wieder.
»Er läßt sagen, daß es allerdings so nothwendig sei, daß gnädiges Fräulein die Störung wohl verzeihen würden.«
»Und sein Name?«
»Herr Ludwig.«
»Kenne ich nicht. Woher?«
»Vorübergehend in Hohenwald.«
Da fuhr Frau Holberg vom Sopha auf.
»Mein Gott, der Kö – – –!«
Sie unterbrach sich, indem sie noch zur rechten Zeit daran dachte, daß sie das Inkognito des Herrschers vor dem Mädchen nicht verrathen dürfe. Darum fügte sie, zu Milda gewendet, in ziemlicher Erregung hinzu:
»Weißt Du, jener Herr Ludwig, von welchem ich Dir erzählt habe. Er wohnt in der Mühle.«
Jetzt nun wußte Milda, welch hohen Herrn sie bei sich empfangen solle.
»Gott, in dieser Toilette!« war ihr erster Gedanke. »Ich muß fort – – –«
Sie wollte nach der Thür; aber Frau Holberg ergriff sie am Arme.
»Halt! Er blickt nicht auf die Toilette. Dürfen wir ihn übrigens warten lassen, nachdem er bereits zweimal angemeldet wurde?«
»Keinen Augenblick!«
»Also der Herr wird ersucht, sich zu uns zu bemühen.«
Das Mädchen ging und ließ den König herein.
Dieser hatte wenige Augenblicke vorher eine sehr wichtige Beobachtung gemacht.
Nämlich nachdem die beiden Damen das Bureau verlassen hatten, trat Keilberg von der Thür, seinen Lauscherposten zurück.
»Donnerwetter!« flüsterte er. »Geld und Juwelen! Das wäre ein Fang, wenn man nur diese Thür – – –«
Er ergriff die Klinke und drückte. Die Thür ging nicht auf. Nun drehte er den Schlüssel um – sie öffnete sich.
Es war ihm zu Muthe, als ob er betrunken sei. Einige Augenblicke lang drehte sich das Zimmer im Kreise um ihn. Aber er beherrschte sich. Da stand der offene Schrank vor ihm. Ein Griff – –! Sollte er ihn thun?
Er antwortete weder mit Ja noch mit Nein. Er handelte. Er eilte zu seiner Thür und schob den Riegel vor; dann that er dasselbe mit der Eingangsthür des Bureaus. Jetzt konnte er nicht ertappt werden. Kam ja der Diener, um das Speisegeschirr abzuholen, so gab es hundert Erklärungen für den Umstand, daß er die Thür für einen Augenblick geschlossen hatte.
Und das gnädige Fräulein kam gewiß nicht sogleich zurück. Sie hatte ganz so gethan, als ob es sich um etwas sehr Nothwendiges handele, was in kurzer Zeit nicht abgemacht sein konnte.
Nun trat er zum Schranke und öffnete das Ebenholzkästchen, entnahm ihm die sechs darin befindlichen Juwelenetuis und machte es wieder zu. Ein Schubfach ausziehend, um zu sehen, was sich darin befinde, sah er eine Menge Geldrollen, welche jedenfalls Gold enthielten, denn mehrere davon waren aufgebrochen, und die darin gewesenen Goldstücke lagen zerstreut umher.
Rasch steckte er sich fünf, sechs, sieben, acht dieser Rollen in die Tasche, schob das Fach wieder zu, eilte zur Thür, um den Riegel zurückzuschieben, huschte in sein Zimmer, schloß die Verbindungsthür zu, riegelte auch die Eingangsthür auf und schob die Etuis alle unter das Bett zur einstweiligen Aufbewahrung.
Nun stand er in dem Zimmer, hielt sich den Kopf, in welchem er die Pulse fühlte, mit beiden Händen und flüsterte:
»Millionär, Millionär bin ich.«
Er rannte einige Male auf und ab, blieb wieder stehen und sagte:
»Dummheit! So schlimm ist es nicht. Es sind nicht einmal hunderttausend. Aber wenn es nur fünfzigtausend, nur zwanzigtausend sind, so ist mir schon geholfen. Und zwanzigtausend sind es gewiß, sind es wenigstens. Diamanten und Smaragden und Rubinen. Aber was fang ich mit ihnen an? Wie bringe ich sie nur in Sicherheit?«
Er ging sinnend hin und her und setzte sich dann an den Tisch.
»Essen muß ich, vor allen Dingen essen, sonst merkt der Diener, daß ich andere Dinge getrieben habe.«
Er verschlang die Speisen förmlich. Kaum war er fertig, so trat der Diener ein.
»Nun, haben Sie gegessen?« fragte er in nicht eben freundlichem Tone.
»Ja.«
»Wie hat es geschmeckt?«
»Ausgezeichnet.«
»Das glaube ich. Solche Leute, wie Sie sind, pflegen nicht aus solchen Küchen zu speisen. Also kann ich abräumen?«
»Ja.«
»Auf ein Trinkgeld habe ich aber wohl nicht zu rechnen?«
»Kann man nicht wissen!«
»Pah! Wird nicht hoch werden! Was machen Sie nun?«
»Ich gehe zu Bette. Ich bin müd und will schlafen.«
»Das ist freilich das Allerbeste, was Sie thun können.«
»Darf man hier die Thür verriegeln?«
»Warum nicht? Gestohlen wird Ihnen freilich nichts, falls Sie offen lassen. Hier giebt es keine Diebe, und Sie werden auch nicht viel haben, was des Mitnehmens werth sein könnte.«
»Kann man abermals nicht wissen. Ich bin aber einmal gewohnt, nur bei verschlossenen Thüren zu schlafen.«
»Glaube es!« lachte der Lakai. »Aber wie waren sie denn verschlossen?« Von innen oder von außen?«
»Donnerwetter! Wollen Sie mich etwa beleidigen?«
»Gar nicht. Na, verschließen Sie!, Uns kann es nur recht und lieb sein. Brauchen Sie noch Etwas?«
»Nein.«
»Dann geruhsame Nacht, gnädiger Herr.«
»Hole Sie der Teufel!«
Der Lakai ging und Keilberg verriegelte die Thür laut hinter ihm.
»So!« sagte er zu sich selbst, tief Athem holend. »Den bin ich los, und nun bin ich mein eigener Herr. Was thue ich mit dem Raube? Fort muß er. Vielleicht wird die Geschichte heut Abend noch entdeckt. Da darf man bei mir nichts finden. Ich muß mich der Sachen entledigen. Aber wie? Wenn das Zimmer im Parterre lag.«
Er öffnete das Fenster und blickte hinaus. Die vor der Front brennenden Laternen beleuchteten Alles. Er sah, daß an seinem Fenster der nach alter Weise aus starkem Eisen bestehende Blitzableiter herniederlief.
»Herrlich!« dachte er. »An dem klettere ich hinab, verstecke unten das Zeug und klettere wieder herauf. Dann mögen sie kommen und suchen.«
Er nahm die Etuis unter dem Bette hervor und steckte sie sich in die Taschen.
»Aber,« brummte er nachdenklich, »wäre es nicht besser, ich machte mich gleich mit den Sachen auf und davon? Da wäre ich in Sicherheit. – – In Sicherheit? O nein! Das Frauenzimmer hat ja meine Legitimationspapiere. Man kennt mich und würde sofort hinter mir her sein. Nein! Ich muß für unschuldig gelten. Außerdem hat sie versprochen, mir morgen das Geld zu geben. Das müßte ich im Stiche lassen. Welch eine Dummheit wäre das!«
Er trat wieder an das offene Fenster und blickte hinaus. Kein Mensch war zu sehen. Er schwang sich hinaus, ergriff den Blitzableiter und rutschte an demselben hinab. Dann huschte er hinüber in den Schatten.
Er war vollständig überzeugt, von Niemandem gesehen worden zu sein. Und doch befand sich ein Lauscher in der Nähe – der König.
Dieser war eben erst in der Nähe des Schlosses angekommen. Ehe er eintrat, um zu der Baronesse zu gehen, blieb er stehen, um sich die Fronte zu betrachten. Es gab mehrere erleuchtete Fenster, eins beinahe an der Ecke. Dieses wurde soeben geöffnet und es schaute Jemand heraus.
»Keilberg!« flüsterte der König, welcher den Mann sofort erkannte. »Also ist er wirklich schon da. Und sogar einquartirt. Er lauscht nach beiden Seiten. Er muß Etwas vorhaben.«
Keilberg verschwand wieder, kehrte aber bald an das Fenster zurück und kletterte herab. Der König stand im tiefen Dunkel, da, wo unter der Schloßstraße eine Schleuße durchlief, um dem Regenwasser Abfluß zu gewähren.
Grad auf diese Stelle kam Keilberg zu. Er blieb da stehen, blickte sich um und lauschte eine Weile. Der König drückte sich nahe an die mit Gras bewachsene Straßenböschung. Keilberg stand zwischen ihm und dem Schlosse. Er konnte ihn, obgleich es hier dunkel war, gegen den fernen Laternenschein ganz deutlich erkennen.
Jetzt bückte sich der Zuchthäusler nieder und kroch in die ziemlich weite Schleuße. Dort verblieb er einige Minuten, kam dann wieder hervor, lauschte abermals eine Weile und huschte von dannen. Dann sah der König ihn ganz deutlich am Blitzableiter wieder emporklettern und im Fenster, welches er sodann verschloß, verschwinden.
»Was hat er gethan?« fragte sich Ludwig. »Natürlich Etwas gestohlen, was er hier versteckte, um bei einer etwaigen Visitation für unschuldig zu gelten. Wollen einmal sehen.«
Er ging zur Schleuße und bückte sich nieder. Mit den Händen tastend, fühlte er eine ziemlich tiefe Schicht sehr groben, schweren Sandes, welchen das Wasser hier zusammengeschwemmt hatte. Er untersuchte denselben und traf bald an eine Stelle, wo er fühlte, daß hier gewühlt worden sei. Er wühlte nach und fand die Etuis und auch die Geldrollen. Er öffnete das größte der Etuis, nahm den Inhalt heraus und hielt den Gegenstand so, daß das Licht der Laternen sich daran brach.
»Ah!« sagte er erstaunt zu sich selbst, »ein Diadem in Brillanten! Dieser Mensch hat den Schmuck der Baronesse gestohlen. Warte, Bursche, jetzt bist Du mir sicher, und an eine Begnadigung soll nicht wieder zu denken sein!«
Er legte die gestohlenen Gegenstände an ihren Ort zurück und deckte Sand darüber, so wie er es gefunden hatte. Dann schritt er nach dem Schlosse zu. Am Portale war Niemand zu sehen. Oben an der Treppe standen einige Diener, welche den späten Gast verwundert betrachteten. Er wurde nach dem Corridore an die Zofe gewiesen. Auch sie blickte ihn befremdet an, senkte aber vor dem stillen, mächtigen Blick seiner Augen ihre Wimpern.
»Melden Sie mich der Baronesse von Alberg!« sagte er in befehlendem Tone.
Sie blickte kurz auf und trat dann in ein nahes Zimmer. Erst nach einer Weile kam sie zurück.
»Entschuldigung! Darf ich fragen, ob Ihre Angelegenheit eine wichtige ist?«
»So wichtig, daß die Baronesse die Störung gewiß entschuldigen wird.«
»Und darf ich um Ihre Karte oder Ihren Namen bitten?«
»Ich heiße Ludwig und wohne vorübergehend in Hohenwald.«
Jetzt ging sie, das zu melden und öffnete ihm dann die Thür. Als er bereits unter derselben stand, drehte er sich noch einmal zu ihr um und fragte:
»Giebt es nur einen oder mehrere Polizisten hier in Steinegg?«
»Mehrere.«
»Schicken Sie sofort einen der Diener nach der Stadt, um zwei oder drei dieser Herren zu holen!«
Daun zog er die Thür hinter sich zu, machte den Damen eine höfliche Verneigung und sagte:
»Verzeihung! Ich befinde mich in der Lage, zu so ungewöhnlicher Stunde bei Ihnen vorzusprechen, Fräulein von Alberg. Ich bin jedoch überzeugt, daß ich gerechtfertigt vor Ihnen stehen werde, sobald ich Ihnen den Grund meiner Anwesenheit vorgetragen habe.«
Und sich zu Frau Holberg wendend, fuhr er freundlich fort:
»Sie da, Frau Bürgermeisterin? Das freut mich. Ich habe da die Hoffnung, auf Ihre gütige Fürsprache rechnen zu dürfen.«
Die beiden Damen hatten seine Verbeugung mit tiefen, respektvollen Verneigungen erwidert. Die Angeredete antwortete ihm:
»Es bedarf wohl keiner Fürsprache, wenn Euer Majestät – – –«
»Pst!« unterbrach er sie. »Nicht dieses Wort! Weiß Fräulein von Alberg, wer ich eigentlich bin?«
»Gewiß. Wir sind so innig befreundet, daß ich ihr von Herrn Ludwig erzählt habe.«
»Schön! Aber ich bin eben nur dieser Herr Ludwig und will so genannt und auch nur als solcher behandelt werden. Also keine übermäßigen Höflichkeiten.«
»Die einzige Höflichkeit, welche ich mir noch gestatten darf, besteht in der Bitte, mich empfehlen zu können.«
Sie machte abermals eine Verbeugung, aber nicht so tief wie die vorige und wendete sich nach der Thür.
»Bitte, bleiben Sie!« sagte er. »Sie gehen, um uns nicht zu stören; aber Sie brauchen nicht zu fürchten, indiscret zu sein. Was ich zu sagen habe, können Sie hören. Also setzen Sie sich nur nieder.«
Milda bot ihm einen Stuhl, und er nahm auch Platz. Er betrachtete das schöne, heut Abend so bleiche Mädchen mit einem wohlwollenden, befriedigten Blicke, vor welchem sie die Augen senkte, und sagte dann:
»Ich will aufrichtig sagen, daß ich mich, als ich zu Ihnen aufbrach, mich gefreut habe, Sie kennen zu lernen. Es ist in meiner Gegenwart von Ihnen gesprochen worden, und was ich da hörte, gab mir den Stoff zu einem Bilde von Ihnen, welches ich jetzt mehr als vollständig bestätigt finde.«
»Maj – – – Herr Ludwig!« stammelte sie.
»Bitte, keine Verlegenheit! Sie haben Freunde, welche auch die meinigen sind. Wir stehen uns also näher, als es den Anschein hat. Wäre dies nicht der Fall, so würde ich mich nicht jetzt hier bei Ihnen befinden. Ich komme nämlich des Besuches wegen, den Sie heut erhalten haben.«
»Besuch?« fragte sie. »Frau Bürgermeister hier ist mein Besuch.«
»Haben Sie nicht noch einen andern?« fragte er lächelnd.
»Nein.«
»Einen Herrn, einen etwas ältlichen Herrn?«
»Gewiß nicht.«
»Von sehr zweifelhaftem Character?«
Jetzt nun kam sie auf den richtigen Gedanken:
»Ah, diesen Menschen! Bitte, wenn das ein Besuch wäre, so müßte ich – – –«
»Weiß es, weiß es. Der Mann hat Ihnen seinen Namen, genannt?«
»Er heißt Keilberg. Seine Papiere liegen noch hier auf dem Tische.«
»Ah! Sie haben sie ihm abgenommen?«
»Ja. Und ich gab den Befehl, ihn zu bewachen.«
»Das war sehr vorsichtig. Doch bezweifle ich, ob man diesem Ihren Befehle nachgekommen ist.«
»Gewiß.«
»Nein. Ich werde es Ihnen beweisen. Zunächst aber sehe ich Ihnen die Verwunderung darüber an, daß ich diesen Mann kenne. Ich traf ihn unterwegs auf der Straße, und er hing sich so an mich, daß ich nicht frei von ihm kommen konnte. Er war betrunken und begann, von Dingen zu plaudern, welche er im nüchternen Zustande wohl verschwiegen hätte. Ich hatte die Ehre, von ihm für einen Rechtsanwalt gehalten zu werden, in Folge dessen er mich in einem Falle, welcher Sie sehr nahe berührt, um Auskunft ersuchte.«
Milda wurde noch bleicher als vorher.
»Mein Gott!« rief sie. »Er hat Ihnen erzählt – – –«
»Alles.«
Sofort stürzten ihr die Thränen aus den Augen. Sie wußte vor Schreck und Verlegenheit weder aus noch ein.
»Beruhigen Sie sich, liebes Fräulein! Was ich gehört habe, ändert an dem Bilde, welches ich mir von Ihnen machte, nicht das Geringste. Mein Wohlwollen für Sie trieb mich sogar, den Weg von Oberdorf bis hierher zurückzulegen, um vielleicht noch verhüten zu können, daß der Mann Ihnen mit seiner Botschaft Schmerz bereite. Es ist mir das leider nicht gelungen. Ich komme zu spät, aber vielleicht liegt es in meiner Macht, das Leid zu mildern, welches Ihnen widerfahren ist.«
Sie schüttelte unter fließenden Thränen den Kopf und antwortete:
»Dieses. Leid ist nicht zu mildern!«
»O doch, wenigstens hoffe ich dies. Freilich weiß ich jetzt noch nicht, wie ich das zu beginnen hätte. Dieser Keilberg hat Ihnen also die beabsichtigten Mittheilungen wirklich gemacht?«
»Ja.«
»Halten Sie seine Darstellung für wahr?«
»Ja, vollständig.«
»So trauen Sie also Ihrem Vater jene – jene Fehler zu?«
»Fehler? Verbrechen sind es, Verbrechen!«
»Doch Fräulein, er ist Ihr Vater.«
»Darf eine strafbare That mir minder strafbar erscheinen, nur weil sie von einem meiner Verwandten begangen worden ist?«
»Gewiß nicht.«
»Ich verabscheue das Verbrechen in jedem Falle – – ich habe keinen Vater mehr.«
Sie saß mit gefalteten Händen vor ihm, ein Bild tiefstem Herzeleides. Sein Auge ruhte mit innigster Theilnahme auf ihr.
»Eine Waise sind Sie oder vielmehr, wollen Sie sein? Noch während Ihr Vater lebt? Natürlich in Folge dessen, was Sie heut von ihm hörten?«
»Nein. Wir sind schon vorher für immer von einander geschieden. Ich bin jetzt eine arme Waise. Mein größtes Glück ist, daß ich hier in Frau Holberg eine liebe Mutter gefunden habe, welche sich meiner annehmen wird, wenn Alle, Alle mich verlassen.«
»Sprechen Sie nicht so muthlos! Sie werden nicht verlassen sein. Ihr Vater hat strafwürdige Thaten begangen, Sie aber sind an denselben unschuldig. Diese Angelegenheit wird sich vielleicht arrangiren lassen, ohne daß das öffentliche Aufsehen erregt wird. Dann ist ja Alles gut. Sie haben in Folge Ihrer Stellung und Ihres Vermögens Ansprüche an das Leben zu machen, und kein Mensch wird Ihnen hinderlich sein, diese Ansprüche zu erheben.«
»Ich verzichte auf sie.«
»Wie? Wollen Sie nicht Ihre Füße auf diejenige Stufe stellen, auf welche Sie gehören?«
»Nein. Herr Ludwig haben von meinem Reichthume gesprochen. Ich aber bin arm, fast eine Bettlerin.«
»Unmöglich!«
»Arm an Gut und noch ärmer an Glück und Herzensfrieden.«
»Das bitte ich, mir zu erklären!«
Noch lag der letzte Brief ihrer Mutter auf dem Tische. Sie warf einen fragenden Blick auf die Bürgermeisterin.
»Soll ich?«
»Ja, Kind, Herr Ludwig wird es Dir erlauben, ihm diesen Brief vorzulegen.«
»Es ist,« erklärte Milda, »der letzte Brief, das Vermächtniß meiner armen, unglücklichen Mutter. Sie ist viel, viel unglücklicher gewesen, als ich habe ahnen können. Wenn Sie diese Zeilen gelesen haben, werden Sie wissen, daß ich arm, arm, o wie so arm bin!«
Er nahm das Schreiben aus ihrer Hand und begann zu lesen. Sein Angesicht nahm nach und nach einen gespannteren Ausdruck an. Als er dann fertig war und die Zeilen von sich legte, glänzten seine Augen feucht.
Doch sagte er noch nichts, sondern er stand von seinem Stuhle auf, trat zum Fenster und blickte eine Weile still hinaus. Dann kam er langsam zurück, setzte sich wieder nieder und sagte in sehr ernstem Tone:
»Das ist allerdings etwas gradezu Fürchterliches, Entsetzliches für Sie. Das muß Sie ja wie ein Keulenschlag getroffen haben!«
»Ich kann nicht beschreiben, wie unglücklich ich bin!«
»Das glaube ich Ihnen gern. Aber haben Sie denn keinen Zweifel? Können Sie sich nicht denken, daß hier seitens Ihrer Mutter ein Irrthum vorliege?«
»Das denke ich nicht.«
»So sprechen Sie Ihrem Vater ein Urtheil, wie der Richter es nicht strenger und unpartheiischer fällen könnte. Ich bewundere Sie. Ich möchte Sie hassen ob Ihrer Gesinnung Ihrem Vater gegenüber, und doch fühle ich, daß Sie so und nicht anders denken und empfinden können. Was aber gedenken Sie zu thun?«
»Meine Pflicht.«
»Und die ist?«
»Herrn von Sandau zu ermitteln und ihm Alles zurückzugeben.«
»Doch nicht, ohne vorher seine Ansprüche ganz genau untersuchen zu lassen!«
»Ich verzichte auf diese Untersuchung.«
»Sie könnte aber doch zu Tage fördern, daß Sie wenigstens Rechte auf einen Theil Ihres jetzigen Vermögens haben.«
»Die habe ich nicht.«
»Oder bieten Sie Sandau einen Vergleich an! Er wird froh sein, die Hälfte der Erbschaft ausgezahlt zu erhalten.«
»Dazu kann ich mich auf keinen Fall entschließen. Ich bin nicht im Stande, ihm die Zinsen des Capitales, welches ich unrechtmäßiger Weise benutzt habe, zu erstatten. Wie aber vermöchte ich es, ihm die vielen Jahre zurückzugeben, welche er unschuldig in Schande und Noth verbringen mußte! Seine Ehre muß hergestellt werden. Das ist das Erste. Das muß ihm noch viel wichtiger sein, als die Erlangung des Vermögens.«
»Wie aber wollen Sie das vollbringen? Seine Ehre kann nicht anders restituirt werden als dadurch, daß Ihr Vater die seinige verliert.«
»Das ist allerdings der einzige Weg.«
»Und Sie wollen ihn beschreiten?«
»Ja, unbedingt.«
»Fräulein von Alberg, Sie sind eine Heldin! Sie schneiden sich das eigene Fleisch ab, unter gräßlichen Schmerzen, um es Andern zur Nahrung zu geben!«
»Weil sie gehungert haben, da ich ihnen die gehörige Nahrung entzog. Ich schwelgte im Wohlleben, während sie darbten. Ich werde zunächst zu meinem Vater nach Wien reisen, um mir das Testament zu holen und mit ihm zu sprechen. Wehe ihm, wenn er leugnet! Er wird keine Gnade finden!«
»Und dann?«
»Suche ich Herrn von Sandau oder, wenn er nicht mehr existiren sollte, seine Familie, und gebe ihm Alles zurück.«
»Das ist ebenso hochherzig wie gerecht. Aber wissen Sie, was es heißt, nach so langen Jahren drüben in Amerika einen Mann zu suchen, der Ursache hat, verschollen zu sein, weil ein solcher Schandfleck auf seinem Namen ruht?«
»Ich kann es mir denken: aber ich werde nichts unversucht lassen, zu meinem Ziele zu gelangen. Von heut an betrachte ich mich als die Verwalterin von Sandau's Vermögen, und ich hoffe, daß ich eine treue Haushälterin sein werde.«
»Recht so, liebes Fräulein! Was aber das Aufsuchen Sandau's betrifft, so besitzen Sie die dazu nöthigen Erfahrungen wohl schwerlich – –«
»Ich wende mich an einen Rechtsgelehrten.«
»Da werden Sie viele und bedeutende Ausgaben haben, welche Sie sich ersparen können. Darf ich mich Ihnen als Beistand anbieten?«
»Herr – – Ludwig!«
»Bitte, bitte! Ich bin nur ein einfacher Privatmann, ein unbekannter Herr Ludwig, aber dennoch hoffe ich, wenn Herr von Sandau noch vorhanden ist, so werde ich ihn vielleicht noch eher finden, als jeder Andere. Glauben Sie das?«
»O gewiß! Aber ich darf es nicht wagen – –«
»Pst! Schweigen wir! Mir macht es keine Mühe, das versichere ich Ihnen. Und ich hoffe, Ihnen recht bald die gewünschte Nachricht geben zu können. Wie aber steht es mit diesem Keilberg? Wie lange wollen Sie ihn bei sich behalten?«
»Bis morgen. Ich wollte mit meinem Bruder, mit Max Walther sprechen.«
»Meinen Sie, daß er Ihnen einen guten Rath ertheilen könne?«
»Ich denke es.«
»Hm! Vielleicht kann ich Ihnen einen eben solchen geben.«
»Ich bin überzeugt davon, wage es aber nicht, mir ihn zu erbitten.«
»Ich spreche ihn aus, auch ohne gebeten worden zu sein. Zunächst muß ich Ihnen sagen, daß die Strafverfolgung, verjährt ist. Sie können Keilberg nicht festnehmen lassen. Ja, wollten Sie ihn mit Gewalt hier festhalten, so würden Sie strafbar sein.«
»Aber was ist da zu thun? Er ist vollständig unentbehrlich, wenn es sich darum handelt, die Unschuld des Herrn von Sandau zu beweisen.«
»Nun, so muß man ihn festhalten, sonst läuft er davon. Man muß ihn arretiren.«
»Aber – Verzeihung! Soeben hörte ich, daß dies nicht möglich sei.«
»Ja, wegen seines früheren Verbrechens ist das nicht möglich; aber vielleicht hat er in neuerer Zeit Etwas begangen, was ihn mit dem Strafgericht in Conflict bringt.«
»Das müßte man wissen.«
»Ja. Er würde dann wegen dieses neuen Verbrechens bestraft, und man wäre sicher, ihn stets für Sandau zur Verfügung zu haben. Wollen einmal sehen, was sich thun läßt.«
Er griff zur Glocke und schellte. Die Zofe trat ein.
»Sind die Polizisten da?«
»Ja.«
»Sie mögen sich jetzt nicht sehen lassen. Holen Sie den fremden Menschen herbei. Sagen Sie ihm nichts, daß ich hier bin, sondern sagen Sie ihm daß das gnädige Fräulein ihn zu sprechen verlangt. Wenn er hier eingetreten ist, so mögen die Polizisten sich draußen vor die Thür postiren und hereinkommen, sobald ich klingele.«
Das Mädchen ging. Sie schickte den Diener zu Keilberg. Er lag schon im Bette, folgte aber der Aufforderung mit größtem Vergnügen, denn er dachte, daß er jetzt, also noch heut Abend, das Geld bekommen werde. Da konnte er sich gleich aus dem Staube machen und seinen Raub mitnehmen.
Da er sich aber erst anzuziehen hatte, verging wohl eine Viertelstunde, während welcher Ludwig Milda Gelegenheit gab, ihm ihr Herz vollständig auszuschütten. Sie erzählte ihm von ihrem Vater; sie legte ihm alle ihre Verhältnisse vor, und so war die Viertelstunde noch nicht vergangen, als der König in alle ihre Verhältnisse eingeweiht war und die Gewißheit erlangt hatte, welch ein kostbarer Schatz in dem Herzen und dem Gemüthe dieses Mädchens verborgen liege.
Endlich meldete die Zofe den Herrn Keilberg. Er kam herein und machte große Augen.
»Donnerwetter!« sagte er. »Das ist doch der Herr Rechtsanwalt!«
»Ja, und Sie sind der Herr Hermann Arthur Willibold Keilberg. Sie gingen von mir fort, ohne gehörig Abschied zu nehmen.«
»O doch! Ich habe Ihnen ein Lebewohl zugerufen.«
»Das genügt mir nicht. Ich hatte noch Einiges mit Ihnen zu sprechen, und darum bin ich nach hier gekommen.«
»Donnerwetter! Woher haben Sie denn gewußt, daß ich hierher gehen wollte?«
»Sie selbst haben es mir gesagt.«
»Ist mir nicht eingefallen!«
»O doch! Ihre Mittheilung war freilich keine directe: aber Sie wissen ja; wir Advocaten reimen uns Alles zusammen.«
»Woraus nichts Gescheidtes wird, ja.«
»Vielleicht doch. Sie haben hier Geld verlangt?«
»Viel nicht!«
»Wissen Sie, daß man das Erpressung nennt?«
»Wollen Sie mich etwa anzeigen?«
»Nein. Die Angelegenheit, in welcher Sie mit Fräulein von Alberg verhandelt haben, interessirt mich nicht. Ich komme aus einer anderen Veranlassung. Sie sagten heut zu mir, daß Sie keine Lust hätten, in das Zuchthaus zurückzuspazieren. Nun aber sehe ich, daß Sie sich sehr bald wieder drin befinden werden.«
»Ich»?« lachte Keilberg. »Das bilden Sie sich nur ja nicht ein. Ich möchte den Kerl sehen, der mich wieder hineinbringen wollte!«
»So sehen Sie mich an!«
»Sie? Hm! Wollen Sie mir eine Anweisung auf das Zuchthaus geben?«
Er blickte die drei anwesenden Personen frech an und lachte höhnisch auf.
»Ja, das will ich,« antwortete Ludwig ruhig.
»Da müßten Sie aber sehr bei Zeiten aufstehen!«
»Das habe ich gethan.«
»Und Dinge sehen, die es gar nicht giebt.«
»Vielleicht sind sie doch vorhanden. Ich habe nämlich große Lust, Sie arretiren zu lassen.«
»Pah! Wegen dem was ich Ihnen erzählt habe, kann ich nicht arretit werden.«
»Davon ist auch gar keine Rede.«
»Nun, weshalb denn?«
»Wegen Ihres allerneuesten Verbrechens.«
»So?«
»Was sollte denn das sein?«
»Ein schwerer Diebstahl, vielleicht gar ein Einbruch.«
»Das ist lächerlich. Davon müßte ich Etwas wissen.«
»Sie brauchen gar nicht weit zurück zu denken. Besinnen Sie sich!«
»Ich weiß nichts. Soll ich denn etwa nach meiner Entlassung bereits wieder gestohlen haben?«
»Ja.«
»Das ist eine ganz verrückte Behauptung.«
Er antwortete in dieser frechen Weise, weil er sich vollständig sicher wußte, denn daß sein heutiges Verbrechen entdeckt worden sei, erschien ihm ganz unmöglich. Es war ja gar kein Mensch wieder in das Bureau gekommen. Er hätte das gewahr werden müssen. Und welch ein Lärm, wenn man bemerkt hätte, daß die Juwelen fehlten! Dieser Scandal hätte ihm doch nicht entgehen können.
»Antworten Sie höflicher!« warnte der König. »Sie haben es nicht mit Ihresgleichen zu thun!«
»So? Da soll ich es mir wohl gefallen lassen, daß ich unschuldig zum Spitzbuben gemacht werde! Das paßt mir schlecht! Solche Späße muß ich mir verbitten!«
»Es ist kein Spaß, sondern Ernst. Das will ich Ihnen gleich beweisen.«
Er klingelte, und sofort traten die drei Polizisten ein. Keilberg erschrak, faßte sich aber schnell wieder. Man konnte ihm doch nichts Unmögliches beweisen. Er hatte bis heut nicht gestohlen, und die heutige That war ja noch nicht entdeckt.
»Was sollen denn diese hier?« fragte er, auf die Polizisten deutend.
»Sie sollen dafür sorgen, daß Sie uns nicht davon laufen, so wie Sie mir heut entsprungen sind!«
»Na, von denen werde ich mich auch nicht halten lassen. Ich habe nichts gethan.«
»So, Sie haben heut Abend nicht gestohlen?«
»Heut Abend? Wo denn?«
»Hier im Schlosse.«
»Fällt Niemandem ein!«
»So! Fräulein von Alberg, haben Sie noch nicht bemerkt, daß Sie bestohlen worden sind?«
»Ich? Bestohlen? Ich habe keine Ahnung davon,« antwortete sie.
»Wo heben Sie Ihre Schmucksachen auf?«
»Im Bureau.«
»Und Ihre Gelder?«
»Eben da.«
»Bitte, wollen Sie einmal nachsehen, ob Ihnen dergleichen Gegenstände fehlen!«
Milda war ganz bestürzt vor Erstaunen. Die Bürgermeisterin aber sagte:
»Siehst Du! Ich bat Dich, den Schrank zu verschließen!«
»Das kann doch unmöglich – – in dieser kurzen Zeit!«
»O bitte!« sagte Ludwig. »Nehmen wir Licht, um nachzusehen. Der Gefangene mag mitkommen.«
»Gefangen? Ich?« lachte Keilberg. »Das ist spaßhaft. Na, ich kann ruhig mitgehen, denn ich weiß von nichts.«
Als man im Bureau ankam, stellte es sich heraus, daß das Ebenholzkästchen leer war. Milda erschrak auf das Heftigste.
»Und Ihr Geld?« fragte Ludwig.
»Das Geld befindet sich hier in diesem Schubfache.«
»Wollen Sie öffnen?«
Sie that es. Es lag ein Zettel darin, welcher angab, wieviel vorhanden sei. Es stellte sich heraus, daß acht Rollen Gold fehlten.
»Nun, Keilberg, was sagen Sie dazu?« fragte der König.
»Ich? Nichts. Das geht mich gar nichts an.«
»So? Wo haben Sie denn logirt?«
»Ich weiß nicht genau, wo meine Thüre ist. Sie können ja nachsuchen. Da, hier stehe ich. Suchen Sie mich doch aus. Und suchen Sie in meinem Zimmer!«
»Da ist allerdings nichts zu finden.«
»Na, also! Sie scheinen überhaupt allwissend zu sein, weil Sie wissen, daß da nichts zu finden ist.«
»Ja. So weiß ich zum Beispiel, daß neben Ihrem Fenster der Blitzableiter heruntergeht.«
»Donnerwetter!«
Jetzt war er erschrocken. Die Sache begann unheimlich zu werden.
»Können Sie klettern?«
»Nein.«
»Oder kriechen?«
»Kriechen? Hm! Eigenthümliche Frage!«
»Zum Beispiel in eine Schleuße hinein?«
»Alle Teufel! Was meinen Sie?«
Es war ihm alle Farbe aus dem Gesicht gewichen.
»Was ich meine? Ich meine, daß es am Gerathensten für Sie ist, wenn Sie alles eingestehen.«
»Was soll ich eingestehen? Ich habe nichts begangen.«
»Lügen Sie nicht!«
»Ich lüge nicht!« behauptete er.
Da trat Ludwig hart an ihn heran und donnerte ihn an:
»Und doch lügt Er, Er frecher Bube! Hat er die fehlenden Sachen gestohlen oder nicht?«
»Nein.«
»Hat er sie zum Fenster hinabgeschafft?«
»Nein.«
»Hat Er sie nicht in der Schleuße versteckt?«
»Nein. Ich weiß nichts.«
»Ich habe es aber selbst gesehen. Ich habe Ihn aus dem Fenster und auch wieder hineinsteigen sehen!«
»Wenn Sie wirklich so Etwas gesehen haben, da bin ich es nicht gewesen. Da haben Sie mich total verkannt!«
»Ich habe nur vier Ellen entfernt von Ihm gestanden, als Er in die Schleuße kroch. Und dann habe ich nachgeschaut, was Er da unter dem Sande vergraben hat.«
»Das ist aber doch jedenfalls ein ganz Anderer gewesen!«
»Will Er mich zum Lügner machen! Das laß er nur bleiben! Werden gleich sehen, daß es kein Anderer gewesen sein kann.«
Diese Worte wurden Keilberg so entgegengedonnert, daß er ganz erschrocken zusammenfuhr und den Kopf einzog.
Ludwig blickte sich forschend um. Die Verbindungsthür, die einzige, welche es außer dem Eingange gab, entging ihm nicht.
»Dieser Mensch kam aus dem dritten Fenster gestiegen, von der Ecke her gezählt. Wo liegt das betreffende Zimmer?« fragte er.
»Hier nebenan,« antwortete Milda. »Aber man wird ihn doch nicht da einquartirt haben! Das ist gar kein Fremdenzimmer!«
Der Hausmeister, welcher sich natürlich auch mit eingefunden hatte, erklärte, aus welchem Grunde er diesem Menschen grad dieses Zimmer angewiesen habe. Ludwig untersuchte die Thür. Sie war jenseits verschlossen. Er begab sich dort hinüber und öffnete die Thür. Es war sonnenklar, daß Keilberg der Dieb gewesen war. Er hatte aus seinem Zimmer ganz leicht in das Bureau gekonnt, und es gab weiter kein solches Nebenzimmer. Der König hatte ihn gesehen, beobachtet und ganz genau erkannt. Er konnte gar nicht leugnen und leugnete doch. Darum wurde er nun streng gefesselt und nach der Schleuße geführt, aus welcher beim Scheine mehrerer Laternen die gestohlenen Gegenstände hervorgeholt wurden.
Selbst jetzt, obgleich er vollständig überführt war, gestand er die That nicht ein. Er wurde nach dem Gefängnisse abgeführt, und Ludwig gab die Weisung, ihn ja auf das Beste zu beaufsichtigen, da er des Fluchtversuches außerordentlich verdächtig sei.
Milda war herzlich froh, die geraubten Geschmeidesachen sofort wieder zu erhalten. Eigentlich hätten sie zu den Acten genommen werden müssen. Bei der Schloßherrin aber wurde eine Ausnahme gemacht.
Ludwig ging gar nicht wieder mit in das Schloß zurück. Er sagte, daß man bald von ihm hören werde. Milda wollte ihm ihre Kutsche zur Verfügung stellen; er aber wies dieses Anerbieten zurück. Der Abend war nicht mehr ganz dunkel, da der Mond ins Viertel getreten war. Er wollte lieber gehen. Da konnte er den Gedanken über die heutigen Erlebnisse ganz anders Audienz geben, als wenn er im Wagen gesessen hätte.
Die Bürgermeisterin beschrieb ihm ganz genau den Weg und fügte noch hinzu:
»Hinter der dritten Krümmung der Straße geht ein Richtweg ab, auf welchem man eine Viertelstunde eher an das Ziel kommt. Er ist zwar breit genug, daß man ihn auch des Abends gehen kann, aber wer nicht ganz vertraut mit ihm ist, der thut besser, auf der Straße zu bleiben. Er geht zunächst bergan, dann jenseits wieder hinab nach Hohenwald.«
Als nun Abschied genommen und die herzlichsten Danksagungen abgestattet worden waren, machte sich Ludwig auf den Weg. Langsam und gedankenvoll folgte er der Straße, so gedankenvoll, daß er die Krümmungen gar nicht zählte.
Er war längst bei der dritten, ja schon an der vierten vorüber, da ging ein Weg rechts ab. Er war ziemlich breit und führte zwischen hochstämmigen Bäumen dahin, welche weit auseinander standen. Ohne sich lange zu besinnen, folgte er diesem Pfade, welchen er für den erwähnten Richtsteig hielt.
Leider aber führte derselbe hinauf in die Berge und zwar nach dem Felsenklamm, welcher für heut zum Rendez-vous der Pascher dienen sollte.
Eine Viertelstunde und noch eine verging. Der Weg führte bergan und immer weiter bergan und schien sich gar nicht wieder thalabwärts neigen zu wollen. Der König achtete auch jetzt noch nicht darauf. Seine Gedanken waren ganz anderswo als auf dem Wege. Als er aber nun drei volle Viertelstunden bergan gestiegen war, kam ihm die Sache doch etwas abenteuerlich vor.
Der Weg war schmäler geworden und führte nun auch durch dichteren Wald, so daß er kaum mehr zu erkennen war. Ludwig sah ein, daß er sich wahrscheinlich verirrt habe. Aber sollte er die weite Strecke wieder zurückkehren? Nein. Der Weg mußte doch an irgend ein Ziel führen.
So folgte er ihm weiter und immer weiter. Bald hörte der Wald auf, und es gab nun ein Terrain von wild zerklüfteten Felsen. Der Viertelmond gab so viel Licht, daß der Weg von dem Gestein zu unterscheiden war.
Jetzt lief von rechts her ein anderer Pfad mit ihm zusammen, und beide mündeten in eine Felsenöffnung, welche kaum so breit war, daß zwei nebeneinander gehen konnten. Die Steinwände stiegen senkrecht und hoch empor, rechts und links, so daß das Licht des Mondes nicht vermochte herein zu dringen.
Es gab keine Wahl; Ludwig betrat die Spalte und folgte derselben. Das war der berüchtigte Felsenklamm.
Sich mit den Händen rechts und links weitertastend, schritt Ludwig langsam weiter. Der Klamm war wohl eine Viertelstunde lang. Er mochte die Hälfte desselben zurückgelegt haben, so schrak er heftig zusammen, denn nur wenige Schritte vor ihm hatte eine Stimme ein lautes, kurzes, rauhes Werda gerufen. Selbst der furchtloseste Mensch erschrickt, wenn er in finsterer Nacht in tiefster Einsamkeit aus nächster Nähe unerwartet angerufen wird.
»Gut Freund,« antwortete Ludwig.
»Was da, gut Freund! Die Parole wollen wir hören!«
Parole! Jetzt wußte der König, daß er Pascher vor sich habe. Sollte er zurück? Das war nicht nach seinem Geschmack. Vor solchen Leuten fliehen? Nein!
»Ich kenne Eure Parole nicht,« antwortete er.
»Donnerwetter! Ein Fremder! Den sehen wir uns an.«
Er war stehen geblieben. Jetzt blitzte vor ihm das Licht einer Blendlaterne auf, welches ihn vollständig beleuchtete und dann rasch wieder verschwand.
»Wahrhaftig ein Fremder!« bestätigte dieselbe Stimme. »Was willst Du hier oben?«
»Ich habe mich verlaufen.«
»Mach keine Lügen! Wo willst Du hin?«
»Nach Hohenwald.«
»Wo kommst Du her?«
»Aus Steinegg.«
»Wer bist Du?«
Dieses Ausfragen belästigte ihn. Sollte er sich von diesen Leuten ausfragen lassen, von Leuten, welche die von ihm gegebenen Gesetze übertraten? Zudem waren es der Sprache nach nicht einmal Bayern sondern Böhmen. Nein. Er war kein Handwerksbursche, welcher vom Gensdarm verhört wird.
»Wer seid denn Ihr?« entgegnete der Gefragte.
»Oho! Der Kerl fragt uns!« lachte eine zweite Stimme. »Gieb ihm eins auf die Platte.
Und die erste sagte:
»Hast Du es gehört. Fremder? Bei uns da geht es anders als Du denkst. Also sag, wer Du bist und zwar schnell!«
»Und bei mir geht es auch anders, als Ihr denkt!« antwortete er. »Wer seid Ihr?«
»Hölle und Teufel! Mach uns den Kopf nicht warm! Bist Du allein?«
»Ja.«
»Lüge nicht!«
»Ich lüge nicht. Laßt mich vorbei!«
»Daß Du es drüben melden kannst, was Du gesehen hast! Nein, so dumm sind wir nicht.«
»Gut! So gehe ich wieder zurück.«
»Oho! Das dulden wir auch nicht. Wenn wir Dich zurücklassen, so meldest Du uns unten. Du bleibst hier bei uns!«
»Fällt mir nicht ein!«
»Wird Dir schon einfallen! Gieb Dein Hände her! Wir binden Dich! Da bleibst Du dann liegen, bis morgen am Tag Jemand kommt, der Dich frei macht. Also her damit!«
Er wurde beim Arm gepackt.
»Laßt mich! rief er. »Mich binden lassen, fällt mir gar nicht ein!«
»Nicht, so wird Ernst gemacht. Greif zu!«
Vier Arme schlangen sich um ihn, die ihn niederringen wollten. Er im Vollgefühle seiner riesigen Körperkraft leistete wackern Widerstand. Sie brachten ihn nicht nieder.
»Mach kein langes Gesumms mit ihm!« keuchte der Eine. »Nimms Messer! Wenn er kalt ist, so ist er kalt!«
Im nächsten Augenblicke sah Ludwig trotz der Dunkelheit ein blitzschnelles mattes Blinken vor seinen Augen. Der Pascher hatte wirklich zum Messer gegriffen. Ludwig griff schnell zu, und es gelang ihm, den Arm zu erfassen.
»Er hält mich!« sagte der Eine. »Stich Du ihn!«
»Schön! Gleich!«
Da plötzlich rief eine dritte Stimme laut:
»Stechen! Ihr Hunde, was fallt Euch ein! Das sollt Ihr verfluchten Mördern doch nimmer fertig bringen. Hier hasts!«
Ludwig hörte einen kräftigten Schlag und der Kerl welcher ihn jetzt, hatte stechen wollen, stürzte zu Boden.
»Fremder, wie viele sinds halt?« fragte die dritte Stimme. »Doch nur zwei?«
»Ja.«
»Na, da wollen wir denen Andern auch noch ins Bett legen!«
Ein zweiter Hieb war zu hören, dann stürzte der Andere zu Boden.
»So!« sagte die Stimme. »Auch dieser ist fertig. Bist wohl verwundet?«
»Gott sei Dank, nein.«
»So ists gut. Es war grad die richtige Zeit, daß ich mich dazwischen machen that, sonst hättst ein Messern zwischen die Rippen bekommen.«
»Wie kommst Du hierher?«
»Grad so wie Du, auf denen Beinen.«
»Höre, Deine Stimme kommt mir bekannt vor.«
»Mir die Deinige Sprachen auch.«
»Wer bist Du denn?«
»Ich? Ich bin der Ludwig Held aus dem Oberndorf.«
»Habe es mir gedacht. Ich erkannte Dich an der Stimme.«
»Und wer bist denn Du?«
»Errathest Du es nicht?«
»Gar gut nicht. Hört hab ich Deine Stimm bereits schon; ich weiß auch, wer dieselbige hat; aberst der kannst nicht sein.«
»Warum nicht?«
»Dera liegt jetzund da unten in Hohenwald im Bett und schläft.«
»In welchem Haus?«
»In dera Mühlen. Ich mein halt den Herrn Ludwigen. Grad so eine Stimm hast Du.«
»So! Na, Deine Ohren sind scharf. Du hast ganz richtig gerathen.«
»Was? Himmelsakra! Du bist – Du wärst – – dera Herr Ludwigen?«
»Ja.«
»Aberst was thust heroben?«
»Ich habe mich verlaufen.«
»Das hast bereits denen Zweien sagt.«
»Hasts gehört?«
»Ja. Ich steck halt schon seit zwei Stunden hier, um auf diese Zwei zu warten. Sie sind kommen und da hab ich sie belauscht. Nachhero kamst auch Du. Hast von Glück zu sagen, daßt nicht stochen worden bist.«
»Wie kommst aber Du dazu, hier oben auf diese Pascher zu lauern?«
»Weil ich sie hab fangen wollt.«
»Was? Du allein?«
»Nein. Es wollen noch Grenzer kommen; aberst die sind noch nicht da. Paschern sind viel eher aufstiegen, als sie halt selbst wollt haben.«
»Da liegen sie nun am Boden. Sie werden wohl besinnungslos sein.«
»Ja, aberst ganz todt sind sie halt nicht. Ich hab ihnen einen kleinen Klapps auf denen Kopf geben. Wart, da am Stein habens ihra Latern stehen. Wollens halt mal anleuchten.«
Nebenan stand die Blendlaterne. Er hob sie auf und öffnete sie. Er ließ ihr Licht zunächst auf den König fallen.
»Sakra!« rief er. »Bists wirklich, Herr Ludwig! Na, das ist mir eine große Freuden, daß ich dazwischen kommen bin.«
»Und ich weiß es Dir großen Dank. Du hast mir heut zum zweiten Male das Leben gerettet.«
»Das brauchst nicht zu danken!«
»O doch. Sie hatten die Messer gezogen.«
»Ja, aberst von einem Stiche stirbt man nicht so gleich. Der muß tief gehen, wann er ins Leben dringen will.«
»Ich denke! Drei Zoll ist genug. Leuchte sie einmal an! Vielleicht, kennst Du sie. Es scheinen Böhmen zu sein.«
»Ja, das sind sie. Und kennen thu ich sie auch.«
»So! Wer ists?«
»Die Osecs von jenseits dera Grenz, Vater und Sohn. Der Kerl hat mir mein Dirndl nehmen wollt; nun hab ich mir ihn selbst auch nommen.«
»Ach! Ich verstehe.«
»Verstehsts halt? Ja, bei solchen Sachen ist immer ein Dirndl und auch die Lieb dabei.«
Er leuchtete die beiden am Boden liegenden Männer an. Sie hatten sich die Gesichter mit Ruß geschwärzt, doch erkannte er sie sehr leicht.
»Sie sinds,« sagte er. »Sie werden sich freuen, wanns aufmachen. Damits aberst nicht davonlaufen, werd ich ihnen die Händen und Beinen zusammenknüpfen.«
»Hast Du Stricke mit?«
»Stricken nicht aberst gute Riemen, die reißen sie mir nimmer entzwei.«
»Du scheinst Dich doch recht sorgsam vorbereitet zu haben.«
»Natürlich! Ich habs einmal aus sie absehen habt. Ich hab sie fangen wollt, und da hab ich mir die Riemen mitnommen.«
Er kauerte sich nieder und fesselte die Beiden. Sie wachten darüber auf.
»Alle Teufel! Gefangen!« rief der alte Osec.
»Ja, fangen bist, fangen wie die Flieg im Spinnennetz.«
»Was hast Du mit uns vor? Du bist doch kein Grenzer.«
»Merkst das auch bereits?«
»Ja. Du hast ja keine Uniform.«
»Ein Bauernknecht trägt keine Uniform.«
»Ein Knecht bist Du? Wohl ein armer?«
»Reich bin ich nicht. Das ist wahr.«
»Kerl, und dann nimmst Du uns gefangen und bindest uns sogar?«
»Ein Armer darf das wohl nicht?«
»Wirsts doch nicht mit den Grenzern halten! Sind welche da?«
»Nein.«
»So laßt uns doch frei!«
»Das fallt mir gar nicht eini!«
»Wir bezahlen Dich gut.«
»So! Wie viel gebt Ihr denn?«
»Fünfzig Gulden.«
»Dank schön! Da bleibt liebern liegen.«
»Fünfzig, nicht für uns Zwei sondern pro Mann. Macht also hundert.«
»Mach nicht mit!«
»So geben wir hundertfünfzig.«
»Nein.«
»Mensch, bedenke, welch ein Geld für Dich, für einen Bauernknecht.«
Ludwig, der Knecht, nahm nämlich eine solche Stellung ein, daß sein Gesicht im Dunkeln blieb. Auch suchte er seine Stimme zu verstellen. Aus diesen beiden Ursachen erkannten sie ihn nicht.
»Für einen Knecht sehr viel,« sagte er, »das ist wahr.«
»Und wir sind doch keine Verbrecher, sondern nur arme Pascher.«
»Mach keine Lügen!«
»Es ist wahr!«
»Paschern wärt Ihr nur? Nein, Mördern seid Ihr!«
»Nein.«
»Habt Ihr nicht meinen Kameraden derstechen wollt?«
»Das war nur Scherz.«
»Ja, sagt das nur jetzt. Dort liegen die Messern noch. Die Klingen sind zehn Zoll lang. Das geht durch und durch. Und das soll ein Gespaß gewest sein!«
»Nimm Verstand an! Wie viel willst Du haben?«
»Nix will ich.«
»Unsinn! Wir geben Dir zweihundert Gulden!«
»Nicht für zweitausend!«
»Die könnten mir gar nicht geben, denn wir sind arme Schlucker.«
»Ja, das weiß ich schon! Arme Schluckern seid Ihr, und des Kerybauers Gisela habts heirathen wollt. Da müßt Ihr freilich sehr arme Leutln sein!«
»Donnerwetter! Was fällt Dir ein! Du verkennst uns.«
»Ja. Dera Osec bist halt nicht. Ich hab Euch verkannt.«
»Bist Du toll! Ich der Osec!«
»Nein, der bist nicht. Der Osec hat keine schwarze Haut wie Du, sondern nur ein schwarzes Herz. Kennst ihn wohl auch?«
»Nein.«
»Jammerschad, daßt ihn nicht kennst! Der ist ein Feiner! Der trägt seine Packeterln zuvor zum Felsberger Pfarrern in die Scheun, um sie dort zu verstecken, damit er heut bei Zeiten in dem Felsenklamm sein kann.«
Die beiden Osecs erschraken. Sie erkannten, daß sie verrathen seien. Sie hatten es jedenfalls nicht mit einem unbefangenen, gewöhnlichen Knecht zu thun.
»Wer bist denn Du?« fragte der Alte.
»Wißt Ihr das nicht?«
»Nein. Wir kennen Dich nicht.«
»Nun, so braucht Ihr mich doch nicht erst noch kennen zu lernen. Es kann mir und Euch nix nützen. Ins Spinnhaus kommt Ihr doch.«
»Du bist des Teufels!«
»Oder Ihr!«
»Laß uns los! Wir zahlen Dir fünfhundert Gulden.«
»Nein. Euch trau ich nicht. Ihr könntet mir auch solche Sachen machen, wie dem Kery. Wartet noch ein Wengerl, sodann kommen die Grenzer. Die führen Euch heim.«
»Donnerwetter, treibt den Spaß nicht zu weit! Was hast Du denn, wenn Du uns den Grenzern übergiebst?«
»Das Prisengeld.«
»Das zahlen wir Dir auch.«
»Für Euer Geld dank ich schön. Ihr müßt ins Zuchthaus. Dahin, wo ich den Usko und den Zerno auch schon schickt hab.«
»Du?«
»Ja.«
»Mensch, wir zahlen Dir noch mehr!«
»Bietet was Ihr wollt! Ich geb Euch nimmer frei.«
»Wir geben Dir die beiden Packete!«
»Danke sehr! Wann ich sie nehmen wollt, so thät ich Euch gar nicht erst fragen. Sie liegen hier, und ich könnt mit ihnen gehen. Ihr kennt mich ja nicht.«
»So sage, was Du haben willst!«
»Nix. Ihr kommt nicht frei.«
»Hartkopf! Ach, wenn Du uns nicht gebunden hättest!«
»So! Was würde da sein?«
»Da machten wir Dir den Kopf weicher.«
»Ihr? Ja, grad so weich, wie der Eure war, als wir Euch in Slowitz ins Wasser tunkt haben.«
»Was? Warst Du dabei?«
»Ja.«
»Kerl, so sag doch nur, wer Du bist!«
»Ich bin dem Kerybauern sein Schwiegersohn.«
»Das ist nicht wahr. Der hat keinen.«
»Oho! Hier steh ich da! Ich bins.«
Er trat nun so, daß der Lampenschein auf ihn fiel.
»Der Ludwig!« schrie der Osec auf.
»Ja, dera Ludwigen,« lachte der Knecht: »Wie ists Euch denn nun? Nicht wahr, jetzund wißt Ihr ganz genau, daß Ihr nicht wieder frei kommt?«
Sie schwiegen.
»Todt habt Ihr mich machen wollt. Meinem Bauer habt Ihr das Gut abnehmen wollt! Doch Ihr habt nicht an den Ludwigen dacht. Der hat Alles gut macht.«
»Ja, das wissen wir!« knirschte Osec. »Du bists, dem wir Alles, was letzthin geschehen ist, zu danken haben.«
»Natürlich! Und daran seid Ihr selberst schuld. Ihr ganz allein. Verhaltet Euch so, daß die Leutln Eure Freunden sind anstatt Eure Feinden.«
»Du hast uns die Wechseln gestohlen aus der Brusttasche!«
»Meinst? Kannsts beweisen?«
»Eben nicht, sonst sollte es Dir schlecht ergehen. Du hast uns beschlichen und belauscht, um uns zu verderben. Das sehen wir jetzt.«
»So! Ich muß doch ein gescheidter Kerlen sein!«
»Nein, das bist Du nicht. Gieb uns frei!«
»Da könnt Ihr warten.«
»Höre, Du sollst die Packete haben und alles Geld, welches wir bei uns tragen.«
»Dank schöni!«
»Ferner entsagen wir allen Ansprüchen auf den Keryhof und auf die Gisela.«
»Habt Ihr solche Ansprüchen?«
»Ja.«
»Beweist sie uns!«
»Das werden wir später.«
»Schön! Das kann mich gefreun. Wann Ihr aus denen Zuchthausen herauskommt, so ist die Gisela längst meine Frau. Nachhero möcht ich die Ansprüchen sehen, die Ihr machen wollt.«
»Mensch, bedenke doch, daß Dir auch einmal ein Unglück geschehen kann.«
»Ich bin kein Pascher.«
»Wir meinen, ein anderes.«
»So werde ichs ertragen und nicht so betteln wie Ihr. Schämt Euch!«
Sie schwiegen jetzt. Sie zerrten an ihren Riemen, jedoch vergeblich. Es war unmöglich, sie zu zerreißen. Ihre Wuth war eine grenzenlose. Sie, die beiden Osecs, beim Paschen ertappt, gefesselt am Boden liegend, nachher mehrere Jahre in das Zuchthaus! Das war ja entsetzlich! Und zwar besiegt und überlistet von diesem Bauernknecht, den auf die Seite zu schieben ihnen ein so sehr Leichtes gedünkt hatte! Gab es denn gar keine Hilfe, keine Rettung?
Sie flüsterten leise mit einander, bis sich nahende Schritte vernehmen ließen. Sie waren in dem Felsenklamm, der das Echo in vielfach verstärktem Maße weiter trug, schon aus ziemlicher Entfernung zu vernehmen.
»Jetzt kommen die Grenzer,« sagte Ludwig. »Nun nimmt die Sach ein End.«
Da wurde den Osecs himmelangst.
»Ludwig!« bat der Alte.
»Was hast?«
»Laß uns frei.«
»Wann Ihr das Zuchthaus absessen habt, eher aber nicht.«
»Bist Du denn kein Mensch, sondern ein Teufel.«
»Die seid Ihr.«
»Ich bezahle Dich fürstlich!«
»Du kannst gar nix zahlen!«
»Ich bin reich.«
»Gar nix hast. Warts nur mal erst ab, was Dir übrig bleibt, wannst Alles ans Gericht zahlen mußt.«
»Mensch, hast Du denn gar kein Herz?«
»Eben weil ich ein Herz hab, muß ich Euch aus dem Weg schaffen, daßt Ihr denen guten Leutln nix mehr schaden könnt. Nun mögt Ihr auf die Brautschau und auf den Verspruch gehen.«
»Hole Dich der Teufel!«
»Euch hat er schon. Da mag er keinen Andern, denn an Euch hat er genug. Da sind sie.«
Die Osecs stießen noch einige grimmige Flüche aus, dann waren sie still, denn die Grenzer kamen, den Officier an der Spitze.
Ludwig ergriff die Laterne und trat ihnen entgegen.
»Da bist Du schon!« sagte der Officier. »Wir kommen zur richtigen Zeit. Aber mach die Laterne zu, sonst sehen die Kerls, wenn sie grad jetzt kommen sollten, das Licht schon von Weitem.«
»Sie habens schon sehen.«
»Wieso!«
»Es ist nicht meine Latern, sondern die ihrige.«
»Was? Teufel, Du hast sie uns doch nicht etwa verjagt?«
»Nein, sondern gefangt hab ich sie.«
»Ists wahr?«
»Schaut sie Euch an!«
»Wo sind sie?«
»Da liegens halt fröhlich beisammen und habens uns Alle so lieb.«
Er leuchtete die Gefangenen an. Der Officier bückte sich zu denselben nieder und fragte:
»Das sind wirklich die Osecs?«
»Ja. Da haben wir zwei feine Spitzbuben derwischt. Ich habs ihnen noch gestern sagt, daß ich sie in's Zuchthaus schicken werd, sie aberst habens nicht glaubt, sondern mich auslacht. Nun liegens da!«
»Und wie ists mit den Packeten?«
»Die habens da hinten ablegt.«
Der Officier untersuchte die Packete und sagte befriedigt zu Ludwig:
»Kannst Dir gratuliren. Das ist die feinste Waare. Du wirst eine tüchtige Prämie bekommen.«
»Darnach hab ich weniger trachtet. Ich wollt diese Nattern unschädlich machen. Aber wanns was Gutes abwirft, dann wirds eben auch mitnommen.«
Jetzt bemerkte der Officier die Messer.
»Ah!« sagte er, »da scheint es ja lebensgefährlich hergegangen zu sein!«
Der König hatte bisher an dem Felsen angelehnt gestanden und war nicht beachtet worden, jetzt aber trat er hervor und sagte:
»Ja, wenn dieser brave Ludwig nicht gewesen wäre, so wäre ich jetzt todt.«
Der Officier nahm dem Knecht die Laterne aus der Hand und leuchtete dem Redner in das Gesicht.
»Wer sind Sie? Ah – – – Pardon! Mit Messern auf Seine Maje – –«
»Still!« gebot der König. »Incognito! Ludwig Held hatte mir das Leben gerettet. Ich hatte mich verirrt und gelangte hierher, stieß auf diese beiden Schmuggler und sollte von ihnen getödtet werden. Es ist mein Wunsch, daß die ganze Strenge des Gesetzes gegen sie angewendet werde.«
»Das wird gewiß geschehen. Darf ich einige meiner Leute abcommandiren, um – um Ihnen den Weg nach der Mühle zu zeigen.
»Danke. Ludwig wird mich führen.«
»Ja,« sagte dieser, »das werd ich halt gar gern thun. Ich weiß einen schönen Pfad, da können wir vom Berg herab gleich bei dera Mühlen in den Schornstein hineinsteigen. Aberst solls denn gleich fortgehen?«
»Ja.«
»Wollen wir nicht die anderen Paschern fangen, die nun, bald kommen werden, um die Packete der Osecs zu holen und ihnen neue dafür zu bringen?«
»Das lassen wir hier den Beamten über. Du als Privatmann hast genug gethan. Komm! Wie lange gehen wir bis zur Mühle?«
»Eine halbe Stunden.«
»So habe ich einen großen Umweg gemacht.«
»Wir gehen jetzund wieder um ihn herum. Dann kommen wir richtig an.«
»Gute Nacht, meine Herren!«
Die Grenzer dankten in tiefster Ehrerbietung; dann entfernte sich der König mit Ludwig, welcher voranschritt. Als sie eine Strecke weit gekommen waren, sagte der Erstere:
»Ludwig, wie soll ich Dir danken! Das ist das zweite Mal, daß Du mich gerettet hast.«
»Machens kein solch Gered um die Sachen! Was hab ich than? Gar nix! Eine Kopfnuß hab ich ihnen geben. Das ist gar nicht des Redens werth.«
»Weil Du ein braver Mensch bist. Aber es wird die Zeit kommen, in welcher ich Dir danken kann.«
»Wanns mir einen Gefallen erweisen wollen, so redens nicht von Dank, Herr Ludwig, sonst muß ich mich da grad vor mir selber schämen. Was ich hab thun könnt, das macht mich glücklich. Das ist der schönste Lohn, den ich empfangen kann. Wann ich mal meinen Kindern verzählen kann, wie leutselig und lieb mein guter König mit mir sprochen hat, so werdens mich glücklich preisen, und noch die Urenkel werden stolz sein auf denen Urgroßvatern. Und in denen Büchern wird man lesen von dem Herrn Ludwigen, der sein Bayernland und das Bayernvolk so von ganzem Herzen lieb habt hat.«
Es trat eine Pause ein, dann fragte der König:
»Wann kommst Du heut nach Hause?«
»Noch in dera Nacht. Zuvor aber muß ich mit hinein ins Hohenwald, um den Herrn Lehrern zu wecken. Ich hab eine Botschaften an ihn.«
»Von dem Fräulein auf dem Steinegger Schloß. Er soll sehr früh zu ihr kommen, weil sie ihm etwas sehr Notwendiges zu verzählen hat.«
»Ah, so bist Du der Bote, welcher heute Abend von ihm den Brief gebracht hat?«
»Ja. Nachhero, wann ich bei ihm gewest bin, dann geh ich heim zu meiner Muttern, die gar nicht wissen wird, warum ich mich nicht sehen lassen hab.«
»So grüße sie von mir.«
»Darf ich das?«
»Ja.«
»Von dem Herrn Ludwigen?«
»Nein, sondern von dem Könige.«
»Sakra! So hat das Incognitogeheimnissen jetzt ein End?«
»Noch nicht. Deine Mutter aber soll wissen, daß sie mit ihrem Könige gesprochen hat.«
»Mit – ah, mit wem?« fragte Ludwig ganz erstaunt.
»Mit ihrem Könige, mit mir.«
»So habens halt mit ihr sprochen?«
»Ja.«
»O Jerum! Heut etwan?«
»Heut am Nachmittage. Und Hanna, Deiner Schwester, kannst Du sagen, daß ich die Fee gewesen bin. Als sie mit ihrem Stephan droben auf dem Felsen war, habe ich über ihnen gesessen und Alles gehört, was sie gesprochen haben. Da habe ich die Worte, welche sie hörten, von oben herab zu ihnen hinuntergerufen.«
»Das kann ich halt nicht verstehen.«
»Ich brauche es Dir nicht zu erklären. Wenn Du nach Hause kommst, wirst Du Alles hören.«
Und so war es auch. Sie erreichten nach kaum einer halben Stunde Hohenwald. Der König ging nach der Mühle und Ludwig zu dem Lehrer, welchen er aufweckte, um ihm Mildas Botschaft auszurichten. Sodann aber eilte er mit schnellen Schritten heim, um zu erfahren, was, es mit dem Besuche des Königs für eine Bewandtniß gehabt habe.
Zu seinem Erstaunen bemerkte er von Weitem, daß in der Hütte noch Licht brannte. Als er eintrat, waren Mutter und Schwester noch auf, und bei ihnen saßen der Stephan und sein Vater, der alte Höhlgutbauer. Das war ein großes Wunder.
»Da kommt er doch noch!« sagte Hanna, indem sie ihm die Hand entgegenstreckte. »Komm herbei, Ludwig, wir haben auf Dich wartet, und deshalb ist dera Stephan mit seinem Vatern nicht heimgangen.«
Ihr Gesicht glänzte vor Glück und Freude. Er reichte Allen die Hand und antwortete:
»Ja, Ihr Leutln, was hats denn bei Euch geben? Ihr macht ja Gesichtern grad wie dera heilige Christ. Und riechen thuts auch so gut, als ob Ihr was Absonderliches backen oder braten hättet.«
»Das haben wir auch.«
»Was denn?«
»O, wir haben heut fein lebt, fein und nobel, grad wie die großen Herrschaften. Wir haben gessen Kartoffeln mit Heringen, aberst die Heringen haben wir braten in Mehl einwickelt, worein das Fett so schön zogen ist und braun sinds worden. Wir haben fünf Stück habt, für jede Person einen ganzen, für Dich auch einen. Kannst ihn bekommen.«
Er schlug in heller Verwunderung die Hände zusammen und fragte:
»Was hat denn da ein einzelner kostet?«
»Acht Pfennigen.«
»O Jerum Je! Das sind für fünf Stück grad vierzig Pfennigen! Seid Ihr denn toll worden allesammt mit nander, daß Ihr einen solchen Luxurium treibt! Nachhero könnt Ihr wiederum ein ganzes Vierteljahr Fasten treiben.«
»O, damit ists aus!«
»Wieso?«
»Wann wir jetzund Fasten haben, so speisen wir Fisch, Karpfen in einer polnischen Brühen und Hecht mit dera feinsten Buttern, die sich halt auftreiben läßt.«
»So ist wohl ein Sack voller Geld vom Himmel fallen und Euch grad auf die Nasen?«
»Grad so ists gewest, fast grad so. Weißt, wir haben über sechstausend Mark!«
»Bist sechstausend Mal überschnappt!«
»Oho! Und alle Jahre bekommen wir sechshundert Mark; das ist dera Muttern ihre Pensionen.«
»Pension? Von wem?«
»Vom König.«
»Vom König? Aha, aha!«
Er nickte nachdenklich vor sich nieder, setzte sich zu ihnen, blickte Eins nach dem Andern an, ganz erbaut von ihren freudestrahlenden Gesichtern, und fragte:
»So ist er wohl hier gwest?«
»Wer denn?« gegenfragte Hanna.
»Nun, der König.«
»Nein, der nicht, aber Einer, der immer bei ihm ist und mit ihm über Alles reden kann. Du, das war ein Feiner! Viel feiner noch als wohl Dein Herr Ludwig. Und doch war er auch so mild und gut mit uns. Er hat Brod gessen und Milch trunken und nachhero die ganze Pensionen auf den Tisch zählt.«
»So, so!«
»Ja, und vorher hat uns die Fee weissagt, daß wir nander heut noch bekommen werden.«
»Ah, die Fee! Hm! Kannsts mir doch mal verzählen. Nicht?«
»Ja, gern.«
Und nun berichtete das glückselige Mädchen von Anfang bis zu Ende die Ereignisse des heutigen Nachmittags. Als sie geendet hatte und in Ludwigs still und überlegen lächelndes Gesicht schaute, fragte sie:
»Willsts wohl nicht glauben?«
»O ganz gern.«
»Aber was machst für ein Gesichten?«
»Ich wundere mich über Dich.«
»Warum?«
»Wie hieß denn dera Herr?«
»Das weiß ich nicht.«
»Da hasts! Sonsten bist gleich stets bei dera Hand, um Alles zu derfahren, und heut hast nicht fragt.«
»Ich hab wohl daran denkt, es aber nicht wagt. Er sah so ganz besonders vornehm aus, fast wie ein Ministern.«
»So! Du weißt also, wie so ein Ministern ausschaut?«
»Nein, aberst ich kanns mir denken.«
»Und feiner ist er gewesen als mein Herr Ludwigen?«
»Ganz gewiß.«
»So? Wanns aberst nun grad dera Herr Ludwigen gewest wär?«
»Der? Warum meinst das?«
»Weil ers mir sagt hat.«
»Was! Der ists gewest? Ist das wahr?«
»Ja. Er hat mir vorhin noch sagt, daß ich Euch grüßen soll. Es hat ihm bei Euch so gut gefallen.«
Da zeigten sie Alle das größte Erstaunen und Hanna rief:
»Dera Ludwigen! Also ist der beim König?«
»Ich hab Euch doch sagt, daß er ein gar vornehmer Herr ist. Und das mit dera Fee habt Ihr auch richtig vernommen?«
»Ja, ganz richtig.«
»Und eine Fee ist ein Weibsbild?«
»Ja.«
»Was hatte denn die Eurige für eine Stimme? Etwan einen Discanten?«
»Nein, sondern einen Baßtenoren.«
»So! Also ists kein Weibsbild gewest.«
»Nein.«
»Keine Fee, sondern auch dera Herr Ludwigen!«
»Was sagst! Der soll es gewest sein?«
»Ha. Er hat mir anbefohlen, daß ich es Euch sagen soll. Als Ihr auf dem Berg gewest seid, hat er Alles hört, was Ihr sprochen habt. Darauf hat er Euch die Worten hinabrufen.«
Da schlug das Mädchen in heller Verwunderung die Hände zusammen.
»Der, der ists gewest? Warum hat er das nachhero nicht sagt?«
»Weil Ihrs Euch denken könnt, daß es ein Mensch, ein Mann gewest ist. Eine Fee hats nie geben und giebts auch heut nicht. Es hat so gar schön paßt, daß Ihr Euch das wünscht habt und er hats derfüllen können mit dera Pensionen, die er bereits in denen Taschen stecken hatte.
»O weh!« sagte Stephan, indem er sich hinter den Ohren kratzte, »so hat er also Alles gehört!«
»Ja.«
»Und auch Alles sehen?«
»Auch!«
»Sappermenten! Die Busserln auch?«
»Davon hab ich nix von ihm hört.«
»Grad die Letzten beim Abschied haben gar gewaltig schnalzt. Da ist Kraft und Saft drinnen gewest. Wann er das hört hat, so hat er ganz gewiß einen gar gewaltigen Respecten bekommen vor unserer Kunst und Fertigkeiten.«
»Stephan!« mahnte Hanna.
»Brauchst Dich nicht zu schämen. Ich machs mit meiner Gisela ganz ebenso. Das leise, heimliche Busserln ist ganz schön, aberst es muß auch mal so klingen, als ob eine Seiten auf dera Baßgeigen springt oder gar so, wie wenn eine Fensterscheiben zerspringt. Das giebt nachhero was ganz Apartes!«
»Hör aufi, sonst hau ich Dir eine Schelle eini!« zürnte das Mädchen.
»Sei still! Euch Dirndln kennt man schon! Ihr thut immer, als könnts nicht bis Drei zählen, und wanns zum Treffen kommt, so zählt Ihr gleich bis zur Millionen. Aberst könnt ich denn nun auch mal die Hauptsach sehen, nämlich das viele Geldl?«
»Die Muttern hats.«
»Wo?«
»Dort in dera Truhen.«
»So nehmts herausi.«
»Ja, da müssen wir erst die Kneipzangen suchen, um die Nageln herauszuziehen.«
»Habt Ihr denn die Truhe zunagelt?«
»Freilich.«
»Ah, und auch mit Stricken zubunden, wie ich sehen thu und dann gar noch mit Siegellacken verklebt. Herrgottle, giebts denn gar so große Spitzbuben hier?«
»Man kanns nicht wissen. Es ist allemal besser, wann man vorsichtig ist. Willsts also sehen?«
»Nein, nun nicht. Wanns Euch solche Mühen macht, so will ich lieber verzichten.«
»Alles freilich haben wir nicht einischlossen, sondern ein Zwanzigmarkstuckerl haben wir aufbehalten. Morgen gehts nach dera Stadt, wo wir uns neue Busentücherl kaufen und eine neue Schürzen, denn wir müssen zum Herrn Ludewigen gehen.«
»So! Was wollt Ihr bei ihm?«
»Uns natürlich bedanken.«
»Das ist recht; das wird ihn gefreun. Macht mir aberst nur keinen Fehlern.«
»Was sollten wir für einen welchen machen können?«
»Ihr dürft ihn nicht falsch nennen.«
»Das ist ja gar nicht möglich. Wir wissen ja, wie er heißt. Wir nennen ihn den Herrn Ludwigen.«
»Grad das ist falsch.«
»Warum?«
»Ludwig ist nur sein Vorname.«
»So! Wie wird er denn genannt?«
»Majestät.«
»Machst wohl Dummheiten!«
»Nein.«
Die Vier saßen da und blickten ihn starr an. Da stand er auf, nahm das Königsbild von der Wand, hielt es ihnen vor die Augen und rief:
»Seid Ihr denn blind gewest! Dieses Conterfeium taugt zwar nicht viel, aberst zu sehen ists doch, was für ein Gesichten er hat. Und da hat er bei Euch sessen, und Ihr habts wirklich nicht sehen, daß es dera König gewest ist! Sollt man das für möglich halten!«
Jetzt nun gingen den beiden Frauen und auch den Andern die Augen auf. Ja, es konnte gar kein Anderer als der König gewesen sein. Das war klar. Ein jeder Andere hätte ein Schreiben mit der allerhöchsten Unterschrift mitbringen müssen.
Aber nun das Halloh, die Aufregung, das Fragen und Antworten, welches es jetzt gab; es wollte kein Ende nehmen.
Ludwig hatte nur zu erzählen und zu berichten. Und als er das heutige Pascherabenteuer erzählte, erreichte die Verwunderung den höchsten Grad.
Abermals dem Könige das Leben gerettet! Die vier einfachen Leute blickten den Knecht mit staunender Ehrerbietung an. Er schien ihnen ein ganz anderes Wesen als bisher zu sein.
So kam es, daß der Tag bereits durch die kleinen Fenster lugte, als die beiden Höhlenbauers Abschied nahmen. Aber ehe sie gingen, nahm Ludwig Allen das heilige Versprechen ab, ja noch nicht zu verrathen, wer dieser Herr »Ludwigen« eigentlich sei.
Eine ähnliche Scene, nur ruhiger, spielte sich in dem Städtchen Eichenfeld ab, als Rudolf Sandau am späten Abende von Hohenwald nach Hause kam.
Er traute seinen Augen nicht, als er die Mutter außerhalb des Bettes sitzen sah. Sie war feiertäglich angezogen und hatte eine leichte Handarbeit vorgenommen.
»Mutter!« rief er ganz erstaunt, indem er unter der offenen Thür stehen blieb.
»Rudolf, lieber Rudolf!«
Sie kam ihm entgegen, zwar nicht so schnell wie in gesunden Tagen, aber doch mit sicheren Schritten, und zog ihn an ihr Herz.
»Du – kannst – gehen!« stotterte er, außer sich vor glücklicher Ueberraschung.
»Wie Du siehst.«
»Das ist ein Wunder, ein wirkliches Wunder.«
»Ja. Aber es war auch ein ganz ungewöhnlicher Arzt da. Er hat mir geholfen.«
»Welcher Arzt?«
»Das erräthst Du nicht.«
»So sage es.«
»Der – König.«
»Ists – auch – wahr?«
»Ja. Er war erst beim Herrn Pfarrer und sodann sehr lange Zeit bei mir. Er gab mir eine Arznei, durch welche ich sofort den Gebrauch der Glieder wieder erhielt.«
»Sprichst Du im Ernst oder im Scherz? Er, eine Arznei!«
»Ja, ich kann sie Dir noch zeigen.«
Sie öffnete den Tischkasten und gab ihm ein zusammengefaltetes Papier in die Hand. Er schlug es auseinander und rief, nein, schrie fast überlaut:
»Ein Tausendmarkschein! Herrgott, wem gehört der?«
»Dir!« antwortete sie, indem sie ihn aus freudetrunkenem Gesichte mit mütterlich stolzem Blicke betrachtete.
»Mir?« fragte er. »Wieso mir? Wer hat ihn gebracht? Der König?«
»Ja.«
»Ah! Ein Almosen.«
Sein Gesicht nahm den Ausdruck der Enttäuschung an.
»Nein, nein, kein Almosen,« sagte sie. »Du hast dieses Geld verdient.«
»Aber ohne daß ich es weiß.«
»Es ist der erste Preis, welchen Du mit Deiner Kirchenbauzeichnung errungen hast.«
Er starrte sie an, wurde abwechselnd bleich und roth und sagte mit bebender Stimme, leise, als ob er sich fürchte, seine eigenen Worte zu hören:
»Ich – hab – den – ersten – Preis?«
»Ja, Du, Du, Du!« antwortete sie in beinahe jauchzendem Tone.
»O Gott!«
Er sagte diese zwei Silben; dann sank er auf den Stuhl und faltete die Hände.
»Rudolf, Rudolf! Was ist Dir?«
Sie trat besorgt zu ihm hin. Er aber hob den Kopf empor, blickte sie mit verklärtem Gesicht an und sagte:
»Mutter, bei meiner Jugend, den ersten Preis. Wir haben gewonnen. Nun werden wir nicht Noth leiden.«
»Nein, nein, denn es kommt noch eine Nachricht, die fast ebenso freudig ist wie die erstere: Du bekommst die Kirche zu bauen.«
»Ich – ich – ich?« stammelte er.
»Ja. Du sollst die Oberleitung übernehmen. Und weißt Du, welche Kirche es ist?«
»Nein. Es war nur angegeben, daß ungefähr sechzigtausend Mark zur Verfügung ständen, sodann noch einige nebensächliche Bemerkungen gemacht. An welchem Orte sie erbaut werden soll, weiß ich aber nicht.«
»So rathe einmal.«
»Wer könnte das.«
»Nun, wo giebt es denn eine Gemeinde, welche wünscht, eine neue Kirche erbauen zu können, weil die alte einzustürzen droht?«
»Freilich hier bei uns. Leider aber fehlt das Geld dazu.«
»Der König giebt ja die sechzigtausend Mark aus seiner Privatschatulle.«
Da sprang er wieder von seinem Stuhle auf.
»Was?« fragte er. »Wärs hier bei uns?«
»Ja. Die hiesige Kirche bekommst Du zu bauen, ganz nach Deinem Entwurfe. Denke Dir das Glück, die Ehre, das Aufsehen in der ganzen Gegend, ja im ganzen Lande, wenn ein junger Mensch von Deinem Alter so ausgezeichnet wird.«
»Mutter, Mutter! Welch eine Seligkeit! Ich bin ganz außer mir. Ich muß gleich morgen zum Könige, um ihm fußfällig zu danken.«
»Er sagte, daß er sich ins Einvernehmen mit Dir setzen werde.«
»Mein Glück ist gemacht! Welch ein Tag! Er ist der schönste und seligste meines Lebens.«
Nun saßen die Beiden in stiller Wonne noch lange beisammen und schwelgten in dem Gedanken an eine heitere, sorgenfreie Zukunft. Erst spät suchten sie die Ruhe; aber bei Rudolf wollte der Schlaf nicht kommen. Er stand auf, zog sich an und ging fort, hinaus in den Wald.
In solchen Tagen des Glückes ist der Geist des Menschen doppelt productiv. In Rudolfs Kopfe jagten sich Gedanken, Pläne und Entwürfe, und doch arbeitete nicht der Kopf allein, sondern das Herz auch mit, aber still und heimlich, ohne daß er es merkte: Er lenkte seine Schritte weiter und weiter, bald langsamer und bald schneller, bis er zu seinem Erstaunen an der nach Schloß Steinegg führenden Straße stand.
Er blickte nach seiner Uhr. Zwar hatte er der schönen Schloßherrin versprochen, sie des Vormittags aufzusuchen, aber jetzt war es erst so früh am Tage, daß er unmöglich schon nach Steinegg gehen konnte.
Indem er überlegte, wohin er sich am besten wenden werde, hörte er eilige Schritte. Er blickte nach links, in der Richtung nach Hohenwald, und sah seinen Freund Max Walther um eine Ecke des Gehölzes biegen. Auch dieser erblickte ihn und rief erfreut:
»Rudolf, Du hier? So früh? Willkommen! Hast mir doch gestern Abend gar nichts von der Absicht mitgetheilt, so zeitig eine Morgenpromenade zu machen.«
»Ich wußte selbst nichts davon. Ich konnte nicht schlafen; da stand ich auf und lief im Walde herum, in mich selbst verloren, bis ich mich zu meinem Erstaunen hier wiederfand.«
»Hier auf dem Wege nach Steinegg! Ja, der Magnet, der Magnet!«
Rudolf erröthete.
»Schweig! Du thust mir wehe! Ich überlegte eben, nach welcher Richtung ich weiter spazieren solle; da kamst Du.«
»So habe ich Dich also gestört, und Du weißt noch immer nicht, wohin?«
»So ists.«
»Nun, so wach aus Deinen Träumen und folge mir nach Steinegg.«
»Unmöglich.«
»Wohl wegen der zu frühen Stunde? Pah! Milda nimmt es Dir nicht übel.«
»Sie schläft auf alle Fälle noch.«
»Nein. Sie hat noch am Spätabend zu mir geschickt, daß ich zu einer Besprechung ganz zeitig zu ihr kommen soll. Sie ist jedenfalls wach.«
»Ists etwas so Nothwendiges?«
»Ja, komm. Es ist sogar möglich, daß sie gar nicht geschlafen hat.«
»Grad so wie ich!«
»Ja, was ist es denn gewesen, was Dir die Ruhe geraubt hat, edler Freund und lieber Jüngling?«
»Eine große Freudenbotschaft. Das Entzücken hat mich wieder aus dem Bett getrieben.«
»So ist Dein Entzücken sehr unruhiger Natur. Der Mensch hat um seiner selbst willen die Verpflichtung, des süßen Schlafes täglich nach allen Kräften zu pflegen, denn der Schlaf ist derjenige Zustand des Menschen, in welchem er in keine Versuchung fallen und auch keine Dummheiten begehen kann.«
»Richtig!« lachte Rudolf. »Heut bin ich sehr wach und fühle die Befähigung in mir, vor Glück einige Dummheiten auf mein Conto zu nehmen.« »So spricht kein Weiser dieser Erdenwelt. Theile mir lieber mit, welche Freudenbotschaft es ist, die Dich so sehr aus der Einbanddecke herausgerissen hat.«
Rudolf erzählte ihm sein Glück. Max drückte ihm die Hand und sagte:
»Machen wir nicht unnöthige Worte. Du weißt, welch aufrichtigen Antheil ich nehme. Laß Dir gratuliren. Dein Weg ist gemacht. Er geht aufwärts, wenn Du Dich dessen würdig machst. Wollte Gott, der Grund, wegen dessen ich danke, daß Milda nicht geschlafen hat, wäre ein ebenso erfreulicher.«
»Ist er etwa das Gegentheil?«
»Leider. Milda hat gestern von mir eine Nachricht erhalten, welche so betrübend ist, daß es eine traurigere für sie gar nicht geben kann.«
»Um Gotteswillen! Ist etwas Schlimmes geschehen?«
»Ja, allerdings nicht jetzt, sondern bereits vor vielen Jahren. Es ist aber erst jetzt an den Tag gekommen. Die ganze Existenz meiner Schwester steht auf dem Spiele.«
»Ist das die Möglichkeit!« rief Rudolf. »Die ganze Existenz? Ich glaube. Du scherzest.«
»Es wäre mehr als trivial, wollte ich so Etwas im Scherze sagen. Nein, ich spreche leider im bittersten Ernste.«
»Aber ich kann mir darüber gar keine Vorstellung machen. Die Existenz des Fräuleins von Alberg kann doch unter keinem Umstände auf dem Spiele stehen. Sie ist von altem Adel, sehr reich und – – –«
»Reich?« fiel Max ihm in die Rede. »Leider ist das nicht der Fall, ganz und gar nicht.«
»Wieso? Sie muß ja Millionen besitzen, und so viel ich gehört habe, hat sie sogar die alleinige Bestimmung über ihr Vermögen. Nicht einmal von ihrem Vater ist sie abhängig.«
»Das ist wahr; aber das, was Du ihr Vermögen nennst und was sie allerdings bisher als dasselbe betrachtet hat, gehört ihr nicht.«
»Wem denn?«
»Einer Namensmuhme von Dir, nur daß dieselbe von Adel ist, während Du bürgerlich bist.«
»Also einer von Sandau?«
»Ja, Frau von Sandau, geborene von Sendingen.«
Rudolf war für einen Augenblick lang kreideweiß geworden, doch beherrschte er sich. Er fragte in möglichst gleichgiltigem Tone:
»Wie ist denn das gekommen?«
»Eigentlich sollte ich das als Familiengeheimniß betrachten, denn – –«
»So entschuldige. Wenn es ein solches ist, so will ich keineswegs in dasselbe eindringen.«
»O bitte. Wir sind Freunde, und bei der Theilnahme, welche wir Beide meiner Schwester zollen, glaube ich, keinen Fehler zu begehen, wenn ich über diese Angelegenheit mit Dir spreche. Ich bin sogar überzeugt, daß Milda auch Dir Alles mittheilen würde.«
»Meinst Du?« fragte Rudolf erröthend.
»Gewiß. Ich weiß genau, was und wie sie von Dir denkt. Erröthest Du? Ah! Und vorhin wurdest Du bleich vor Schreck. Schau, Du mußt doch eine ganz ungewöhnliche Sympathie für sie empfinden! Oder nicht?«
»Dir gegenüber leugne ich es nicht.«
»Aber ihr gegenüber verheimlichst Du es.«
»Sprechen wir nicht darüber.«
»Ja, so oft wir auf dieses Thema kommen, soll ich schweigen, und Du mußt doch zugeben, daß es für uns Beide ein hochinteressantes ist.«
»Für mich nicht.«
»Ah! Was denn für eins?«
»Ein sehr peinliches.«
»So! Du verkennst Milda.«
»Nein, ich kenne sie.«
»Du irrst Dich. Wenn sie einmal liebt, so wird sie nicht nach Rang und Vermögen oder gar nach Reichthum fragen.«
»Mag sein; aber als Ehrenmann darf ich mich keiner Dame, welcher ich nicht vollständig ebenbürtig bin, in der Weise nähern, daß sie gewisse Gefühle oder gar Wünsche voraussetzen kann. Ja, wäre sie das, wofür sie sich im Scherz damals ausgab – – –«
»Eine alte Tante!« lachte Max.
»Ja,« stimmte Rudolf heiter ein. »So sollte mich weder ihr urgraues Alter noch die ganze Menge von Cousins und Cousinen, deren Tante sie wäre, abhalten, ihr zu zeigen, wie lieb ich sie habe.«
»Das darfst Du ihr ebenso deutlich auch jetzt zeigen.«
»Nein.«
»Sie ist arm. Du stehest ihr in dieser und auch jeder andern Beziehung gleich.«
»Denk an ihre Abstammung.«
»Pah! Auf diese bildet sie sich wahrlich nichts ein. Ihr Vater ist ein Schurke.«
»Max!«
»Ja, ich wiederhole es. Grad das neue Herzeleid, welches so plötzlich über sie gekommen ist, hat auch er verschuldet.«
»Wieso?«
»Ich werde es Dir erzählen. Komm!«
Sie hatten bis jetzt die Stelle nicht verlassen, an welcher sie zusammengetroffen waren. Jetzt ergriff Max den Freund beim Arme und zog ihn mit sich fort, in der Richtung nach Steinegg zu. Er begann zu erzählen, und Rudolf hörte seinen Bericht mit geradezu unbeschreiblichen Gefühlen an. Sein Athem stockte und seine Pulse flogen. Was er jetzt hörte, war ja ganz geeignet, seinem Leben eine ganz andere Richtung zu geben.
Und die Hauptsache war, daß die Ehre seines Vaters wieder hergestellt werden konnte. Er hatte oft unter grimmigen Gefühlen gewünscht, den wirklich Schuldigen zu entdecken. Er hatte es sich innerlich ausgemalt, wie unnachsichtlich er die Strafe über ihn hereinbrechen lassen werde. Zermalmen, vernichten hatte er ihn wollen.
Und nun? Jetzt kannte er ihn. Jetzt konnte er ihn packen. Er konnte ihm und seiner Tochter sogar den Reichthum, das ganze Vermögen abnehmen. Und doch – – empfand er weder Freude noch Genugthuung bei diesem Gedanken. Die Liebe – die Liebe!
Rudolf ging, als Max geendet hatte, neben dem Letzteren her. Er sagte kein Wort. Den Blick zu Boden gerichtet, rang er mit sich selbst. Er kämpfte einen harten Kampf. Es wurde ihm schwer, seine Aufregung zu verbergen. Aber das war das Wenigste. Schwieriger war es, zu entscheiden, was er zu thun habe. Er war es dem Andenken seines Vaters, er war es seiner Mutter schuldig, hier Gerechtigkeit walten zu lassen. Doch, konnte, durfte er die heimlich Geliebte verderben? Er schüttelte den Kopf und warf ihn nach hinten, als ob er einen Feind abzuschütteln habe. Er konnte nicht entscheiden, ohne vorher mit der Mutter gesprochen zu haben.
»Was hast Du?« fragte Max, welcher ihn heimlich beobachtete.
»Was soll ich haben?«
»Du schweigst, während ich denke, daß Du vor Erbitterung überfließen sollst?«
»Ich? Die ganze Sache geht mich doch gar nichts an!«
»Eigentlich, ja; aber bei Deiner Verehrung für Milda kannst Du doch nicht gleichgiltig bleiben.«
»Meinst Du, daß ich es bin?«
»Ja. Du sagst kein Wort.«
»Weil ich überlege. Ich halte die Sache noch gar nicht für so unumstößlich wahr wie Du.«
»Es ist kein Zweifel.«
»Hast Du bereits mit Milda darüber gesprochen?«
»Nein.«
»Nun, so warte, bis Du ihre Meinung hörst.«
»O, die kenne ich bereits.«
»Du kannst Dich irren.«
»In Milda niemals. Ich weiß sogar bereits, was sie thun wird.«
»Ah! Was denn?«
»Sie wird das Vermögen hergeben.«
»Das darfst Du nicht dulden.«
»Hältst Du mich für einen Schwindler!«
»Pah! Du weißt ganz genau, daß das nicht der Fall ist.«
»Nun, wenn ich sie aufmunterte, ihre Pflicht nicht zu thun, so würde ich mich zum Mitschuldigen ihres Vaters machen. Das kann mir nicht einfallen.«
»Ich habe aber doch die Meinung, daß die Sache ganz anders stehen kann, als Du denkst.«
»Nein. Ich habe bereits in meiner gestrigen Zuschrift an sie eine Aeußerung gethan, aus welcher sie ersehen kann, was ich von ihr erwarte. Sie mag arm aber ehrlich sein.«
»Max!«
»Ja, das verlange ich von ihr. Uebrigens sollst Du Dich gleich überzeugen, daß sie grad so gesinnt ist wie ich. Du gehst natürlich mit zu ihr.«
Sie waren ganz nahe bei dem Schlosse angekommen. Man konnte Beide von den Fenstern des Letzteren aus sehen.
»Das thue ich nicht,« sagte Rudolf.
»Warum nicht?«
»Es ist zu zeitig, wie ich bereits gesagt habe.«
»Pah! Wenn sie mich empfängt, kannst Du auch mitkommen.«
»Du bist der Bruder.«
»Und Du mein Freund.«
»Dich hat sie zu sich bestellt, mich aber nicht.«
»Komm nur mit. Ich verantworte es.«
»Du kannst es nicht verantworten. In einer solchen Lage, wie diejenige ist, in welcher sich Fräulein von Alberg befindet, ist man nicht in der Stimmung, früh sechs Uhr gleichgiltige Leute zu empfangen.«
»Gleichgiltig! Donnerwetter! Ich muß wirklich fluchen.«
»Ich störe sie. Später werde ich vorsprechen.«
Er wendete sich ab. Max hielt ihn am Arme zurück. Dabei fiel sein Blick auf die Fenster des Zimmers, welches die Wohnung Milda's war. Sie standen offen. An dem einen war Milda zu sehen. Sie winkte.
»Rudolf auch mit?« rief Max.
Sie nickte.
»Na, da hast Du es. Also komm!«
»Ich möchte es doch lieber nicht wagen. Sie hat nur aus Höflichkeit beigestimmt.«
»Unsinn! Oder willst Du mich zwingen, Gewalt anzuwenden und mich mit Dir zu balgen.«
»Mensch!« lachte Rudolf gezwungen. »Du hast das beste Talent, ein Werber oder Seelenverkäufer zu werden. Zum Matrosenpressen bist Du wie geschaffen.«
»Nun, so laß Dich pressen.«
Er zog ihn mit sich fort.
Als sie bei Milda ankamen, stand dieselbe bleich und übernächtig in der Mitte ihres Zimmers. Sie hatte ein graues Reisekleid an, und an der Wand stand ein bereits halb gefüllter Bahnkoffer.
Sie gab Beiden mild lächelnd die Hände.
»Ich danke Dir, lieber Max, daß Du mir die Nachricht bereits gestern sendest,« sagte sie. »Eine jede Minute wäre ja eine Versündigung gewesen.«
Er hielt ihre Hand in der seinigen fest.
»Hast Du einen Entschluß gefaßt?« fragte er.
Sie zeigte auf ihr Reisekleid und den Koffer und antwortete:
»Du siehst es ja.«
»Du willst verreisen?«
»Vorher mich mit Dir verständigen.«
»Wohin?«
»Nach Wien natürlich.«
»Zu Deinem Vater?«
»Ja. Ich muß das Testament holen.«
»Brav! Das habe ich gewußt. Du bist meine gute, tapfere Schwester.«
»O, es ist keine besondere Tapferkeit. Daß ich meine Pflicht thue, hat mich gar keine Ueberwindung gekostet. Tapferkeit brauchte ich nur, um die fürchterliche Nachricht überhaupt zu ertragen und das Entsetzen zu überwinden, welches sich meiner bemächtigen wollte. Weiß Herr Sandau, was mir geschehen ist?«
»Ich habe es ihm gesagt. Ich setzte da freilich voraus, daß Du mir dazu Deine Erlaubniß nachträglich geben würdest.«
»Du hast sie ganz gern. Aber Herr Sandau hat den Brief meiner Mutter nicht gesehen. Er soll ihn lesen. Hier ist er.«
Sie nahm ihn vom Tische weg und gab ihn Sandau. Dieser trat damit an das Fenster. Er mußte sich so stellen, daß sie nicht sehen konnten, daß das Papier in seinen Händen zitterte.
Endlich, endlich hatte er den Beweis, daß sein armer Vater unschuldig verurtheilt worden war. Es war ihm, als ob er laut aufjauchzen solle, und doch hätte er auch ebenso laut aufweinen mögen.
Die Wörter tanzten vor seinen Augen. Er kam nur langsam vorwärts, so daß Max Walther bemerkte:
»Nun, kannst Du nicht buchstabiren? Oder bist Du Rechtsanwalt geworden, und es gehen Dir nun alle Paragraphen des Erbrechtes und Strafgesetzbuches im Kopf herum?«
Da wendete Rudolf sich den Beiden wieder zu. Er gab Milda den Brief zurück und fragte:
»Gnädiges Fräulein, wissen Sie genau, daß Ihre verstorbene Frau Mutter die Verfasserin dieses Briefes ist?«
»Es kann kein Zweifel daran sein.«
»Will man Sie nicht etwa mystificiren?«
»O, davon kann keine Rede sein.«
»Und dennoch möchte ich bitten, nur mit der äußersten Vorsicht zu handeln.«
»Natürlich werde ich nicht leichtsinnig vorgehen. Ich spreche mit dem Vater. Diese Unterredung wird mir Gewißheit verschaffen. Uebrigens habe ich außer diesem Briefe noch einen lebenden Zeugen.«
»Ah! Einen Menschen?«
»Ja. Dieser Mann weiß zwar von der Unterschiebung des gefälschten Testamentes nichts, aber er kann beeiden, daß mein Vater jenen Herrn von Sandau unschuldig in Strafe gebracht hat.«
»Was? Wie? Dazu lebt ein Zeuge, ein wirklicher Zeuge?«
»Ja.«
»Wie heißt er? Wo ist er? Was ist er?«
Das wurde mit solcher Hast gefragt, daß Milda ihn befremdet anblickte. Er sah ein, daß er sich nicht genug beherrscht habe und bat:
»Verzeihung, gnädiges Fräulein! Ich will keineswegs indiscret sein; aber bei der Hochachtung, welche ich so aufrichtiger Weise für Sie empfinde, muß mich diese Angelegenheit ganz außerordentlich interessiren. Ich möchte Alles hören und wissen, nur um beweisen zu können, daß Sie nicht so unglücklich sein dürfen, wie Sie selbst sich machen wollen.«
Sie reichte ihm die Hand.
»Ich danke Ihnen. Ja, ich weiß, daß Sie nicht aus müßiger Neugierde fragen, und darum will ich Ihnen ja gern Rede und Antwort stehen. Ich kenne nämlich den Mann, welcher jene Documente entwendet hat, welche Herr von Sandau der fremden Regierung zum Verkaufe angeboten haben soll.«
»Mein Gott! Unmöglich!«
»Ja. Er war damals Kompagnieschreiber und bei Herrn von Sandau mit schriftlichen Arbeiten beschäftigt. Dort hat er die Sachen gestohlen und an meinen Vater verkauft.«
»Ist das erwiesen?«
»Ja, denn er hat es mir erzählt.«
»Er wird doch nicht etwa lügen!«
»O nein! Es kann ihm doch nicht einfallen, ein Verbrechen einzugestehen, welches er nicht begangen hat.«
»Wird er es beeiden?«
»Er muß.«
»Haben Sie sich seiner Person versichert?«
»Ja, der König hat ihn gestern Abend hier in diesem Zimmer arretiren lassen.«
»Der König? Ah! In Wahrheit?«
»Der König war bei Dir?« fragte auch Max überrascht.
»Ja. Ich muß es erzählen.«
Sie berichtete das gestrige Vorkommniß. Rudolf las ihr die Worte förmlich von den Lippen ab. Als sie geendet hatte, fügte sie mit entsagungsvollem Lächeln hinzu:
»Sie sehen also, Herr Sandau, daß eine Täuschung gar nicht vorliegen kann.«
»Wenn es so ist, so – so – – –«
Er wußte vor Erregung gar nicht, was er sagen sollte.
»So bin ich ein recht bedauernswerthes Kind. Nicht wahr?« vollendete sie seinen angefangenen Satz.
»Ja, insofern Sie erfahren, daß Sie die Tochter eines solchen Vaters sind. Was aber das Uebrige betrifft, so bitte ich Sie, ja nicht überschnell zu handeln.«
»Ich werde meine Pflicht thun.«
»Und nach Sandau forschen?«
»Ja.«
»Wenn Sie ihn nun nicht finden? Was dann?«
»Dann thue ich trotzdem meine Pflicht. Ich beweise, daß der Verschollene ein Ehrenmann war.«
»Aber das Erbtheil behalten Sie natürlich!«
»Nein.«
»Aber bitte! Wem anders als Ihnen kann es gehören, wenn Sandau verschollen ist?«
»Seinen Verwandten.«
»Er hat keine.«
»Woher wissen Sie das?«
»Ich denke es mir.«
»Sie sagten das in einem Tone, als ob Sie vollständig überzeugt davon seien.«
»O nein. Hätte er Verwandte, so hätten sich diese jedenfalls damals seiner angenommen, denke ich mir.«
»Das mag sein. Ihm hat ja überhaupt die Erbschaft nicht gehören sollen, sondern seiner Frau, jener Emilie von Sendingen. Und ich denke mir, daß sich Verwandte derselben finden lassen werden, denen ich das unrechte Gut ausantworten kann.«
»Das heißt, die Gewissenhaftigkeit zu weit treiben!«
Sie blickte ihm ernst, beinahe vorwurfsvoll in's Gesicht.
»Herr Sandau! Ich habe Sie für einen ehrlichen Menschen gehalten!«
»Ich denke auch, daß ich es bin,« antwortete er erröthend.
»Aber mir muthen Sie zu, wie eine Diebin zu handeln!«
Er befand sich in großer Verlegenheit.
»Gnädiges Fräulein, bitte deuten Sie meine Worte nicht in dieser Weise!«
»Gut! Ich denke, Ihre Theilnahme für mich reißt Sie ein Wenig zu weit fort. Ich will gern arm sein, wenn ich nur meine Ehre und mein gutes Gewissen rein erhalte. Freilich, Sie werden auch mit darunter leiden.«
»Ich?« fragte er erstaunt.
»Gewiß. Haben Sie noch nicht daran gedacht?«
»So wenig, daß ich mir nicht erklären kann, was Sie meinen.«
»Nun, es kann jetzt aus unserm Baue nichts werden. Das Schloß ist nicht mehr mein Eigenthum. Ich bin jetzt nur die Verwalterin eines fremden Vermögens und muß mich da der allergrößten Sparsamkeit befleißigen.«
»Ah, ists das?«
»Ja. Sie erschrecken?«
»Gewiß nicht.«
»Aber es stirbt Ihnen damit doch eine liebe Hoffnung. Sie sind arm – wenn auch nicht ganz so arm wie ich. Ich hatte es gut gemeint. Aber verlieren Sie den Muth nicht. Gott wird Ihnen ja helfen, wie ich hoffe und überzeugt bin, daß er auch mir helfen werde.«
Das war so herzlich und mit solcher Ergebung gesprochen, daß ihm fast die Thränen in die Augen traten.
»Ja, er wird Ihnen helfen, so wie er bereits mir geholfen hat,« sagte er im Tone innigster Ueberzeugung.
»Hat er bereits? Wieso?« fragte sie erfreut.
»Ich habe mich an einer Preisaufgabe betheiligt. Der König hat gestern meiner Mutter allerhöchst eigenhändig den ersten Preis von tausend Mark ausgezahlt, und ich habe den Auftrag bekommen, die neue Kirche von Eichenfeld zu bauen.«
»Wirklich, wirklich?« rief sie aus.
»Ja. Mutter schwimmt in Wonne.«
»Die Gute! Das glaube ich.«
»Und dieses Glück hat eine ganz unerwartete Wirkung auf ihre gelähmten Glieder hervorgebracht. Denken Sie sich, gnädiges Fräulein, als ich gestern von Ihnen nach Hause kam, befand sie sich außerhalb des Bettes!«
»Wie unvorsichtig!«
»O nein! Sie kam mir entgegen! Sie konnte gehen. Ihre Lähmung war geheilt.«
Sein Gesicht strahlte vor Wonne, als er das erzählte. Sie schlug die kleinen, schönen weißen Händchen zusammen, blickte ihm in aufrichtigem Entzücken in das erregte Angesicht und rief:
»Welch ein Wunder! Welch ein Wunder! So hat also die Freude das geheilt, was der Schreck hervorgebracht hat! Das freut mich außerordentlich. Wie gern würde ich sofort zu ihr gehen, um ihr zu sagen, wie entzückt ich bin, leider aber habe ich keine Zeit dazu. Aber sobald ich von Wien zurückkehre, werde ich ihr sofort meinen Besuch machen. Bitte, sagen Sie ihr das!«
»Wirst Du lange dort bleiben?« fragte Walther.
»Hoffentlich nur einen Tag.«
»Und allein willst Du reisen?«
»Nein. Deine Mutter fährt mit. Wir haben das noch gestern Abend, bevor wir uns trennten, besprochen. Natürlich setzten wir da Deine Einwilligung voraus.«
»Nach dieser darfst Du gar nicht fragen. Ich habe Dir nichts zu befehlen.«
»Aber als mein Bruder darfst Du verlangen, daß ich in Allem Deinen Rath höre.«
»Nun, der wird bei jeder Gelegenheit gleich lauten, nämlich daß Du thun sollst, was Dein Herz Dir gebietet, denn dieses ist Dein bester und sicherster Rathgeber.«
»So bist Du also einverstanden?«
»Gewiß.«
»Dann reise ich beruhigt ab. Natürlich aber bitte ich Dich um Verzeihung, daß Du meinetwegen den heutigen Weg hast unternehmen müssen.«
»O bitte. Hast Du irgend noch einen Wunsch an mich?«
»Für jetzt noch nicht.«
»So ersuche ich Dich, mich zu entlassen. Ich werde dann wohl noch zu der Zeit eintreffen, wenn der Schulunterricht zu beginnen hat.«
»Ja. Daran habe ich nicht gedacht. Du sollst Deine Pflicht nicht versäumen.«
»Nun,« lächelte er. »Ich habe ja am Längsten geschulmeistert.«
»Ists bestimmt?«
»Ja. Ich gehe mit dem Sohne des Finkenheiner nach dem Orient, wie Du weißt. Meine gegenwärtige Stelle ist bereits wieder ausgeschrieben. Sobald der neue Lehrer ankommt, schüttle ich den Staub von den Füßen.«
»Wird sich einer melden?«
»Hm! Ich möchte es hoffen. Also grüß mir die Mutter! Baldiges Wiedersehen!«
Rudolf Sandau wollte natürlich mit ihm fort. Er bot Milda bereits die Hand; da aber fügte Max hinzu:
»Leb wohl, Rudolf! Ich habe keine Zeit. Die Kinder dürfen nicht sagen, daß ihr Lehrer weniger pünktlich sei als sie.«
Damit war er zur Thür hinaus.
»Na,« meinte Sandau verwundert, »gar so eilig ists doch nicht! Jetzt wird er beinahe rücksichtslos.«
»O nein,« antwortete Milda. »Ich glaube vielmehr, daß er es gut meint. Er will mir wohl Gelegenheit geben, mich noch einmal bei Ihnen zu entschuldigen. Nicht wahr, Sie verzeihen mir?«
Sie streckte ihm das Händchen entgegen und blickte ihm mit milder Bitte in die Augen. Er ergriff ihre Hand. Er antwortete nicht sogleich. Sein Auge wurde dunkler. Es war ihm anzusehen, daß er mit einer tiefen, tiefen Bewegung kämpfte.
»Gnädiges Fräulein,« sagte er endlich. »Sie handeln, wie Ihr Gewissen es Ihnen gebietet. Das ist wahr. Aber grad darum denke ich, daß es nicht ganz so schlimm werden soll, wie Sie jetzt denken. Sie haben vorhin gesagt, Gott werde helfen, und ich bin überzeugt, daß er helfen wird.«
»Ja, er hilft stets, freilich oft auf eine ganz andere Weise, als wir es wünschen.«
»Haben Sie bereits einen Plan für die Zukunft entworfen.«
»Nein. Ich überstürze mich nicht. Ich habe das ja nicht nöthig. Die Forschungen nach Sandau können ja Monate, vielleicht Jahre in Anspruch nehmen. Brot- und obdachlos werde ich also nicht so schnell werden.«
»Gott sei Dank! Es ist mir wirklich beinahe angst geworden.«
»Sie, Guter! Freilich ist es möglich, daß der Gesuchte auch recht rasch gefunden wird, denn es giebt Einen, welcher suchen will. Und grad dieser hat die Macht, welche zum schnellen Finden gehört.«
»Wer ist das?«
»Der König.«
»O weh!«
Er dachte daran, daß der König ja ganz genau wußte, wo die Gesuchten sich befanden.
»Bedauern Sie das?« fragte sie.
»Ja und nein. Ich habe zweierlei Standpunkte und weiß wirklich nicht genau, auf welchen ich mich stellen soll.«
»Natürlich auf den der Ehrlichkeit.«
»Das versteht sich von selbst. Hat Ihnen der König nicht gerathen, sich an einen Rechtsgelehrten zu wenden? Vielleicht könnten Sie das Vermögen oder doch einen Theil desselben retten.«
»Danke! Hier giebt es nichts zu retten. Was mir nicht gehört, das mag ich unter keinem Umstande behalten.«
»Sie haben jedenfalls Recht. Wenn es möglich wäre, daß meine Ehrerbietung für Sie sich steigern könnte, so würde ich Sie mit größerer Hochachtung verlassen als ich mitgebracht habe. Möge Ihr Weg sich wie immer gestalten, mich werden Sie nicht brauchen; aber ich bitte Sie dennoch, zuweilen daran zu denken, wie sehr ich Ihnen ergeben bin.«
»Das werde ich thun, mein guter Herr Sandau. Und daß ich Ihrer nicht bedürfen werde, das steht noch gar nicht so fest, wie Sie meinen. Wer so arm ist, wie ich sein werde, der kann der Freunde gar nicht genug besitzen. Ich spreche da nicht etwa von der pecuniären Armuth, sondern von einer ganz anderen, von der inneren. Und aufrichtig will ich Ihnen gestehen, daß ich grad über Ihre Ergebenheit mich recht herzlich freue.«
»Wenn ich das glauben dürfte!«
»Sie dürfen es.«
»So danke ich Ihnen aus vollem Herzen!«
»Und ich hege auch keineswegs die Absicht, auf Sie und Ihre gute Mutter zu verzichten. Ich werde die Letztere sehr oft besuchen.«
»Um hoch willkommen zu sein!«
»Hoffentlich! Jetzt haben Sie zu mir fast wie zu einem höheren Wesen aufgeschaut. Dann aber, wenn ich ebenso arm bin wie Sie, dann können wir in herzlicherer Weise mit einander verkehren. Darauf freue ich mich, und das ist eine der sicheren Tröstungen, welche ich von der Zukunft erwarten darf.«
Das Herz schwoll ihm. Wie gern hätte er gesagt, was er für sie fühlte.
Aber durfte er? Schon holte er tief Athem, um das Wort auszusprechen. Sie mochte ahnen, was in ihm vorging. Sie entzog ihm die Hand und fügte hinzu:
»Und nun lassen Sie uns scheiden. Ich darf Ihre Zeit nicht länger in Anspruch nehmen und sehe auch bereits meine liebe Frau Holberg kommen. Auf Wiedersehen!«
Man konnte durch das Fenster sehen, daß die Genannte von der Straße her nach dem Schlosse einbog. Er verbeugte sich, stammelte noch einige Worte und ging.
Draußen begegnete er Frau Holberg. Er grüßte höflich und eilte weiter.
Sie hatte gesagt, daß der König ihr helfen werde. Wie leicht konnte der Monarch glauben, große Freude anzurichten, indem er sagte, wo der Aufenthalt der Familie von Sandau sei. Darum ging Rudolf nicht nach Eichenfeld zurück, sondern er schritt, anstatt links abzubiegen, graden Weges auf Hohenwald zu.
Er hoffte, den König zu treffen und wollte ihn bitten, sein Geheimniß nicht zu verrathen. Als er ungefähr die Hälfte des Weges zurückgelegt hatte, nur mit sich selbst beschäftigt, und gar nicht auf die Umgebung achtend, rief eine Stimme aus den Büschen heraus:
»Guten Morgen, Herr Sandau! Grüß halt Gott!«
Er blieb stehen und schaute sich um; aber er sah Niemand.
»Ja, wanns mich sehen wollen, so müssens halt ein Wengerl näher treten.«
Er trat zwischen die Büsche hinein. Da saß der Wurzelsepp, den Stock und Rucksack neben sich und den alten Hut, welcher jetzt voller Erdbeeren war, zwischen den Beinen.
»Ah, Sepp, Du bists! Grüß Dich Gott!«
»Schönen Dank! Wollens mit thun?«
»Danke!«
»Na, na! Danken thut man erst, wann man gessen hat. Schauns her, was für Beeren das sind! Die richtigen feinen und guten. Die haben den echten Duft. Die sind ganz anderst als die anderen, welche in deren Gärten zogen und derbaut werden. Da, legens Ihr Schnupftücherl unter, damits sich nicht die Hosen schmutzig sitzen, und setzens sich herbei. Dera Hut ist voll, und so reichts für uns Beide aus.«
»Ich danke wirklich. Ich habe keine Zeit!«
»So! Sinds etwan Schnelläufer worden?«
»Nein. Aber können Sie mir sagen, wo sich der König befindet?«
»Welcher? Der grüne oder eichelne?«
»Unsinn! Unserer!«
»Ach so! Dera wird wohl im Bayern sein.«
»Alter, mach mir keine Dummheiten! Ich habe nothwendig mit ihm zu sprechen.«
»So? Was denn?«
»Das ist ein Geheimniß.«
»So? Na, dann dürfens ihm das Geheimniß doch auch nicht verrathen.«
»Ihm, ja dem kann ich's sagen.«
»So! Aberst mir wohl nicht?«
»Nein.«
Da zog der Alte ein Gesicht, wie der Fuchs es ziehen würde, wenn der Hase zu ihm sagte, daß er ein guter Braten sei. Er steckte eine ganze Hand voll Erdbeeren in das gewaltige, mit prachtvollen Zähnen eingefaßte Loch, welches sich unter seinem Schnurrbarte öffnete, zerkaute sie, schluckte sie hinab und meinte dann lachend:
»Ja, dera Sepp braucht nix zu wissen. Der plaudert Alles aus!«
»Das habe ich nicht gesagt.«
»Sagt nicht, aberst so than habens! Wissens was? Was dera König wissen darf, das kann ich auch derfahren.«
»Hm!«
»Hier giebt es gar nix zu Hm! So einen alten, guten Freunden, wie ich Ihnen bin und auch Ihrer Frau Muttern, dem darf man schon mal ein Vertrauen schenken.«
»Gern! Mein Vertrauen besitzest Du. Das weißt Du ja.«
»Aberst sagen thuns mir nix. Da dank ich halt für das Vertrauen.«
»Sepp, das Geheimniß gehört ja nicht mir allein.«
»So! Wem denn noch?«
»Einigen anderen Personen.«
Der Sepp lachte laut auf.
»Das ist schön! Das kann mir gefallen! Ein Geheimnissen gehört auch noch einigen anderen Personen! Als obs nachhero noch ein Geheimnissen sei! Wann einmal dera Hahn seinen Hühnern sagt hat, daßt er keine Eiern legen kann, nachhero habens die Gäns und Enten auch sehr bald derfahren. Thuns halt nur nicht so groß und fett mit ihren Geheimnissen. Was dahintern steckt, das weiß dera Wurzelsepp schon auch!«
»Du? Da irrst Du Dich wohl.«
»Ich? Glaubs nicht.«
»Nun, um was handelt es sich denn?«
»Doch wohl um den Herrn Hermann Arthuren Keilbergen, dens gestern Abend dort in Schloß Steineggen einiwickelt haben!«
»Was? Du weißt davon?«
»Himmelsakra! Ich möcht wissen, was dera Sepp nicht wissen thät!«
»Wer hat es Dir denn gesagt?«
»Der da.«
Er streckte seinen kleinen Finger empor und fuhr fort:
»Der ist nämlich viel gescheidter als Ihr alle mitnander. Nun will die Milda Ihr ganzes Geldl hergeben und – – –«
»Auch das weißt Du?« fiel der junge Mann in die Rede.
»Schwatz nicht so dumm, Buberl! Ich weiß Alles und noch mehr als Du! Aber verzeihens, mein verehrter Herr Sandauen, daß ich mal grob worden bin! Wann man kein Vertrauen zu mir hat, nachhero bin ich wie ein Löwe, welcher reitzt worden ist; ich freß die ganze Menagerie auf. Also die Milda will das ganze Geldl hergeben. Dera Sandau aberst will nix haben. Darum rennt er nun zum König, damit dieser nicht verrathen soll, wo jetzunder eigentlich die richtige Erbin stecken thut.«
»Mensch, kannst Du Gedanken errathen?«
»Zuweilen. Wann Einer so ein dummes Gesicht machen thut, wie soeben das Deinige ist, so kann man sehr leicht derrathen, was er im Schilde führt. Na, nix für ungut! Sagens mal, ob ich Recht hab!«
»Ja.«
»Schauns! Habs mir denkt.«
»Aber wie kommst Du auf diesen Gedanken?«
»Grad so, wie Sie. Er ist mir in denen Kopf kommen grad wie Ihnen auch. Oder habens vielleichten die Ihrigen Gedanken ganz wo anderst als im Kopf?«
»Nein. Aber, Sepp, eine schlechte Laune hast Du heut!«
»Ists ein Wunder, wann man seine Erdbeeren allein essen muß und nachhero auch nix von dem derfahren soll, was man bereits schon weiß.«
»Wer hat es Dir denn gesagt?«
»Das ist nun mein Geheimnissen, was ich auch nicht verrathen thu.«
»O, ich weiß es! Vom König hast Du es.«
»Von dem? Der wird mit dem Wurzelsepp sprechen!«
»Schweig! Wir wissen, wie Du mit ihm stehest. Hat er Dir vielleicht in dieser Angelegenheit einen Auftrag gegeben?«
Der Sepp hatte, während er sprach, immer gegessen. Jetzt legte er den Kopf weit nach hinten, sperrte den Mund auf und schüttete sich den letzten Rest der Beeren aus dem Hute hinein. Dann antwortete er kauend:
»So? Nun wollens was von mir wissen, nachdems mir nix haben sagen wollt. Das ist sehr gut. So ein Diplomaten aber wie Sie, der bin ich auch noch. Von mir könnens nix derfahren.«
Er stand auf, stülpte sich den Hut auf den grauen Kopf, warf den Rucksack über und griff nach dem Alpenstock.
»Aber, Sepp, so nimm mir die Kleinigkeit doch nicht so übel!«
»Hörens, das sind keine Kleinigkeiten!«
»Ich dachte, Du wüßtest noch nichts.«
»Ach so, das meinens! Na, übel nommen hab ichs nicht. Ich bin nur heut in dera Früh mal falsch aufistanden, nämlich aus dem Heu anstatt aus dein Bett, und da muß ich meine Wuth an Jemand auslassen. Gehens immer nach Hohenwald. Dera Herr Ludwig ist daheim in dera Mühlen; da werdens ihn finden.«
»Schön! Und nun will ich Dir eine freudige Nachricht mittheilen. Meine Mutter kann wieder stehen und gehen.«
»Was? Wie ist das kommen?«
»Vor Freude über eine glückliche Botschaft, welche uns gestern geworden ist.«
»So! Was für eine Botschaft ist das wohl gewest?«
»Das errathest Du nicht!«
»So! Na, daß Sie tausend Markerln als ersten Preis bekommen haben, das kann dera Wurzelsepp schon noch derrathen!«
»Alle Teufel! Er weiß es wirklich.«
»Und daß Sie die neuen Kirchen bauen müssen, davon hat mir auch träumt.«
»Der König hat Dirs gesagt?«
»Der sagt mir nix! Der hat auch immer solche Geheimnissen wie Sie; aber ich derrathe sie alle mitsammen. Ich hab einmal so eine Nasen, die man in jeden Senf stecken muß. Ist denn dera Herr Lehrern auch schon fort aus Steineggen?«
»Hast auch das gewußt, daß er dort war?«
»Er hats mir gestern selber sagt, daßt er hingehen will. Nun will ich auch hin.«
»Wirst das Fräulein nicht mehr antreffen.«
»So? Warum?«
»Sie ist nach Wien.«
»Sappermenten! Wohl zu ihrem Vätern?«
»Ja.«
»Na, das wird eine große Freude sein, wanns sich mal wiedersehen. Muß aber trotzdem nach Steineggen; denn wo dera Sepp nicht ist, da gehts drunter und drüber. Und grad weil die Herrin fehlt, muß ich hin, um zu schauen, obs auch Ordnung halten. Grüß Gott, Herr von Sandauen.«
Er ging.
»Sepp!«
»Was willst noch?«
»Sag nichts, daß ich von Adel bin!«
»Gut! Nachhero darfst aberst auch nix sagen, daß ich nicht von Adel bin. Was dem Einen recht ist, das ist dem Andern billig. Also behüt Gott, Herr Sandauen!«
Er schritt tiefer in den Wald hinein. Er glaubte, Milda vielleicht noch anzutreffen. Die Straße hatte mehrere Krümmungen, welche er dadurch abschnitt, daß er in grader Richtung auf das Schloß zuhielt.
Er erreichte es von der hintern Seite. Als er den Park durchschritten hatte und den Zaun erreichte, welcher den Letzteren von dem Blumengarten trennte, schritt er längs des Stacketes hin. Seine Schritte waren nicht zu hören, da das kurze, dichte Gras den Schall derselben dämpfte.
Da hörte er ein lautes Lachen.
»Prosit!« sagte eine Stimme.
Er erkannte sie als diejenige des Hausmeisters, den er gar nicht leiden konnte. Er blieb stehen. Gläser klangen.
»Prosit!« antwortete eine Frauenstimme.
»Warum sollen wir uns nicht auch mal eine Güte thun. Ich hatte mir den Kellerschlüssel weggesteckt, und da die Gnädige fort ist, so können wir fein frühstücken.«
Der Sepp schlich sich näher. Eine Laube stieß mit ihrer Hinterwand an den Zaun. Sie war sehr dicht mit sogenanntem Pfeifenholz bewachsen. Die sehr großen Blätter desselben machten ein Durchblicken unmöglich, ließen aber dafür Alles hören.
Der Alte setzte sich hart an dem Zaune ins Gras nieder. Er hatte, wie früher erwähnt, mit dem Hausmeister einige nicht sehr freundschaftliche Scenen gehabt. Vielleicht war es möglich jetzt irgend Etwas zu erlauschen, was dazu dienen konnte, diesem Manne einen Streich zu spielen. Daß da drin in der Laube ein gestohlener Wein getrunken wurde, das war ja nun bereits verrathen.
Sepp hörte das appetitliche Schlürfen. Er ballte die Faust und drohte damit nach innen.
»Ah!« machte es der Hausmeister. »Der ist echt.«
»Wohl aus Frankreich?« fragte die weibliche Stimme.
»Natürlich. Aus der Champagne. Ich möchte wetten, von dieser Sorte kostet die Flasche zehn Gulden, wenn nicht mehr.«
»Und da haben Sie vier Flaschen beseitigt! Das macht vierzig Gulden!«
»Pah! Unsereiner will sich auch einmal eine Güte thun. Für das Andere, was zum Frühstück gehört, haben Sie gesorgt. Uns soll es schmecken.«
»Das war nicht schwer. Die Gnädige hat gestern Abend nichts gegessen. Es kam Alles wieder nach der Küche retour.«
»Und heut wohl auch nicht?«
»Keinen Bissen.«
»Hm! So essen wir es.«
»Möchte nur wissen, was es gegeben hat!«
»Das kümmert uns jetzt nicht. Geben Sie mir von dem Schinken herüber.«
»Da! Bitte! Aber wissen möchte ich es doch gern, was passirt ist.«
Es erfolgte keine Antwort. Der Hausmeister schien zu kauen. Sepp fuhr mit seinem Stock vorsichtig zwischen die Blätter und bildete sich eine kleine, von innen unbemerkbare Lücke, durch welche er blickte. Die Laube war nicht groß. Es stand ein Tisch mit zwei Stühlen darin. Auf einem der Letzteren saß der Hausmeister, mit vollen Backen kauend, und auf dem andern die dicke Köchin, welche der Sepp auch bereits schon einmal gesehen hatte.
Sie mochte ungefähr dreißig Jahre alt sein, während ihr gegenwärtiger Tischgenosse jedenfalls über fünfzig zählte.
Auf dem Tische stand neben allerlei geraubten Eßwaaren eine geöffnete Flasche Champagner; drei andere Flaschen standen als Reserve unten auf der Erde.
»Haben Sie denn nicht erfahren können, was es war?« fragte die Köchin.
»Hm!« antwortete er, weiter kauend.
»Sie waren doch mit oben!«
»Allerdings.«
»Was haben Sie da gesehen?«
»Hm!«
»Schweigen Sie mit Ihrem Gebrumm! Wenn Sie nichts wissen, so lassen Sie mich nicht so unnöthig fragen!«
»Ich, nichts wissen! Pah!«
»So? Da reden Sie also!«
»Ein treuer Diener muß verschwiegen sein.«
»Aber Champagner darf er mausen?«
»Das ist etwas Anderes.«
»Na, ganz wie Sie wollen! Da packe ich wieder ein und gehe fort.«
Sie stand auf.
»Halt! Milka, bleiben Sie doch!«
»Fällt mir nicht ein!«
»Unsinn! Sie wissen ja, wie gern ich Sie habe!«
»Das ist nicht wahr.«
»Donnerwetter! Ich dachte, Sie könnten mir das glauben.«
»Ich habe gar keinen Grund dazu.«
»So! Weiß schon! Sie haben es auf den Jäger abgesehen. Ich bin Ihnen zu alt.«
»Der Jüngste sind Sie freilich nicht. Und Unsereins ist doch – – na!«
»Was denn?«
»Schauen Sie mich doch an! Was soll ich, wenn ich heirathe, mit einem alten Manne machen? Ihn etwa todtpflegen, wenn er die Auszehrung bekommt!«
Sie pflanzte sich mit ihrer fetten, breiten, mehr als üppigen Gestalt nahe vor ihn hin. Seine Augen verschlangen die Einzelnheiten ihrer kolossalen weiblichen, überreifen Schönheit.
»Sehe ich aus wie Auszehrung?« fragte er.
»Jetzt noch nicht.«
»Aber Sie meinen, daß ich sie noch bekommen könnte?«
»Vielleicht.«
»Alle Teufel! Jeder Andre kann sie ebenso gut bekommen. Setzen Sie sich nieder, Milka. Heut paßt es wie noch nie. Heut wollen wir uns verständigen.«
Sie setzte sich, brummte aber widerwillig vor sich hin:
»Das müßten Sie anders anfangen.«
»Wie denn?«
»Sie reden mir immer von Ihrer großen Liebe und vom Heirathen vor. Aber ist das Liebe, wenn Sie mir nicht einmal eine Frage beantworten!«
»Fremden theile ich mich nicht mit.«
»Bin ich denn eine Fremde?«
»Gewiß. Wenn Sie meine Braut sein wollten, so brauchte ich kein Geheimniß vor Ihnen zu haben.«
»Sie würden auch nichts sagen.«
»Alles, Alles!«
»Ist das denn so viel?«
»Mehr als Sie denken. O, ich kenne Geheimnisse – Geheimnisse!«
»Thun Sie doch nicht so wichtig!«
Und trotz dieser Worte waren ihre Augen mit einem wirklich gierigen Ausdrucke auf ihn gerichtet. Sie gehörte zu denjenigen zarten Wesen, deren größtes Vergnügen im Klatschen besteht und welche davon fett zu werden scheinen.
»Ich kann wohl wichtig thun. O, wenn ich wollte!«
»Was wäre da? Was?«
»Vielerlei, was ich jetzt nicht sagen kann. Sie halten es ja mit dem Jäger.«
»Das ist nur aus Spaß und zum Zeitvertreib.«
»So! Warum machen Sie da nicht mit mir auch solchen Spaß?«
»Weil Sie zu alt und zu ernst dazu sind.«
»So! Zu alt bin ich noch nicht. Ich befinde mich in den besten Mannesjahren, und jede Frau wird mit mir zufrieden sein. Ihr Jäger bekommt nicht halb so viel Gehalt wie ich, und wenn ich will, so muß mich der Baron so ausstatten, daß ich im Leben gar nichts mehr zu machen brauche.«
»Schneiden Sie nicht auf!«
»Es ist Wahrheit.«
»Der Baron, der Geizhals! Ihnen so viel geben!«
»Ganz gewiß.«
»Warum denn?«
»Weil ich ihn zwingen kann.«
»Aber womit?«
»Ich werde mich hüten, es Ihnen zu sagen!«
»Es erfährts ja Niemand von mir!«
»Trotzdem! Das sind Sachen, die man höchstens seiner Frau mittheilen darf.«
»So! Das müssen sehr wichtige Sachen sein.«
»Gewiß. Wollen Sie denn wirklich den Jäger heirathen?«
»Das kann mir gar nicht einfallen.«
»Es hat aber ganz das Aussehen.«
»Unsinn. Er ist fünfundzwanzig und ich einunddreißig. Das wäre eine schöne Ehe. Und bei seiner Gage müßte man ja verhungern.«
»Oder wollen Sie gar nicht heirathen?«
»Ich will es nicht verreden. Ich habe den Dienst satt. Ich will auch einmal meine eigene Wirthschaft haben!«
»Nun, warum greifen Sie da nicht zu! Die können Sie bei mir sofort haben.«
»Wenns wahr ist!«
»Der Teufel soll mich holen, wenn ich lüge!«
Da rückte sie ihren Stuhl näher zu dem seinigen heran, goß ihm sein Glas voll, stieß mit ihm an und sagte:
»Wenn man Ihnen trauen könnte!«
»Warum sollten Sie nicht?«
»Ich habe mir immer gedacht, daß Sie mir nur was weiß machen wollen. Ein Hausmeister hat etwas zu bedeuten. So einen Posten bekommt nicht Jeder. Sie sind mir natürlich viel lieber als der Jäger; aber ehrlich müssen Sie es meinen.«
»Sagen Sie jetzt die Wahrheit?«
»Ja.«
Da ergriff er sie bei den fetten Armen, zog sie näher an sich und sagte:
»Milka, ich habe Dich ungeheuer lieb. Ich sage Dir, daß ich ganz vernarrt in Dich bin. Willst Du mir auch gut sein?«
»Ja, aber heirathen!«
»Natürlich!«
»Und bald!«
»Versteht sich! Also sags, willst Du mich lieb haben?«
»Wenns so steht, ja.«
»So gieb mir einen Kuß!«
Es klatschte wie mit einer Schlittenpeitsche. Dann klangen die Gläser wieder zusammen. Schlürfende Laute ließen sich hören, und sodann sagte die Dicke:
»Also sind wir nun Bräutigam und Braut?«
»Ja.«
»Und was hast Du vorhin gesagt?«
»Nun, was denn?«
»Wenn ich Deine Braut wäre, könntest Du mir Alles sagen.«
»Das ist richtig. Aber so schnell geht das nicht.«
»Wie! Warum nicht?«
»Ich habe ja noch gar keinen Beweis, daß Du es auch wirklich ehrlich meinst.«
»Ich versichere es!«
»Wer kann das glauben! Du kannst auch nur so thun, und nachher gukst Du mich gar nicht mehr an.«
»Sei nicht so dumm! Jetzt werde ich mich von Dir küssen lassen, wenn ich Dich nicht wirklich heirathen will.«
»Der Jäger hat Dich doch auch geküßt!«
»Nicht ein einziges Mal!«
»Oho!«
»Er wollte. Der Kerl hatte immer Appetit.«
»Das glaube ich wohl, denn Du bist ein gar appetitlicher Bissen.«
Er zog sie liebevoll an sich. Sie ließ es geschehen. Er schlang beide Arme um sie; aber es gelang ihm freilich nicht ihre Taille zu umfassen. Der alte Kerl hatte wohl noch niemals eine solche ›fette‹ Umarmung gekostet. Er wurde ganz liebesblind, und als sie dann seinen Kopf hüben und drüben anfaßte und ihm einige schallende Küsse gab, da sagte er:
»Ach Gott, wenn das Wahrheit wäre!«
»Es ist ja welche!«
»Milka! So meinst Du es wirklich ehrlich?«
»Donnerwetter, ja! So glaubs doch nur!«
»Und Du trittst nicht zurück?«
»Nein, außer Du hast mich belogen.«
»Womit soll ich Dich belogen haben?«
»Mit den Geheimnissen und mit dem Gelde, was der Baron Dir geben muß.«
»Das ist Wahrheit.«
»So halte ich auch mein Wort. Weißt Du, wenn ich heirathe und soll mich nachher auch noch so schinden wie jetzt, dann lasse ich es lieber bleiben. Ich will auch die Madame spielen. Ich habe das Geschick dazu und auch die Gestalt. Einen Mann nehmen, bei dem die Armethei zu Hause ist, das fällt mir gar nicht ein.«
»Das hast Du bei mir nicht zu fürchten.«
»Kannst Du mirs beweisen?«
»Ja. Sofort, wenn Du Lust hast.«
»Gut! Also beweise es!«
»Na, gar so hitzig brauchst Du nicht zu sein. Den Beweis kann ich Dir nur in meinem Zimmer liefern. Jetzt aber wollen wir hier erst essen und trinken.«
»Gut! Aber nachher gleich.«
»Ja. Ich halte Wort. Ich werde Dir Etwas zeigen, worüber Du Mund und Augen aufsperren mußt.«
»Was ists denn?«
»Ein Revers.«
»Was ist das für ein Ding?«
»Eine Bescheinigung.«
»Ach so! Von wem?«
»Von unserm Herrn, dem Baron.«
»Und das soll der Beweis sein, den Du mir geben willst?«
»Ja. Jetzt wirst Du das nicht begreifen. Nachher aber wirst es einsehen.«
»Gut. So wollen wir rasch essen.«
Sie begann, zu hantieren, daß die Geschirre klirrten.
»Nimm Dir nur Zeit,« bat er. »Wir haben heut nichts zu thun. Wir können in aller Ruhe essen und es uns hier schön und gemüthlich machen.«
»Wenn Niemand kommt.«
»Wollts Keinem rathen, mich zu stören. Ich bin der Hausmeister. Wer mit mir reden will, hat von Weitem stehen zu bleiben. Wir wollen die Zweite aufmachen.«
Der Pfropfen knallte, und der Champagner perlte in den Gläsern. Die Beiden aßen und tranken, herzten und küßten sich dabei und hatten keine Ahnung, daß hinter ihnen Einer saß, der Alles hörte.
»Aber wenigstens das kannst Du mir jetzt sagen, was gestern Abend geschehen ist,« mahnte sie ihn.
»Das weißt Du doch schon.«
»Nicht ganz.«
»Warst Du nicht dabei?«
»Leider nicht. Weißt Du, ich muß früh um neun Uhr, Mittags und gegen Abend mein Schläfchen haben. Nach dem Abendessen auch. Meine Constitution verlangt das. Darum saß ich gestern Abend in der Küchenecke und schlummerte ein Bischen, als die Geschichte geschah. Nachher habe ich gehört, daß ein Einbrecher arretirt worden ist, welcher den Schmuck der Gnädigen gestohlen hat.«
»Das stimmt.«
»Aber ich habe so meine Gedanken darüber. Ein Einbrecher kann er nicht blos sein. Es muß auch noch einen andern Haken haben.«
»Warum?«
»Weil die Gnädige ihm ein Zimmer hat anweisen lassen.«
»Das ist freilich höchst auffällig.«
»Sie hat auch Befehl ertheilt, daß er bewacht werden soll. Es muß also schon vorher irgend eine Bewandtniß mit ihm gehabt haben.«
»Natürlich.«
»Weißt Du es?«
»Ja.«
»Das heißt, Du hast gelauscht?«
»Gelauscht habe ich nicht, aber doch genug gesehen und gehört, um wissen zu können, woran ich bin.«
»Nun, also weiter.«
»Trink nur!«
»Nachher! Erst muß ich wissen, was es gestern gegeben hat. Es ist ein wahres Elend, bei einer Herrschaft zu dienen, deren Geheimnisse man nicht kennt.«
»Das sage ich auch. Aber man braucht nur die Augen und Ohren aufmachen, dann erfährt man genug.«
»Das geht wohl bei Dir aber nicht bei mir. Ich stecke den ganzen Tag in der Küche. Was soll ich da sehen oder hören? Grad darum habe ich mich zuweilen mit dem Jäger unterhalten. Er brachte mir die Neuigkeiten.«
»Und was bekam er dafür?«
»Manchmal etwas zu essen, was übrig geblieben war.«
»Weiter nichts?«
»Nein.«
»Wirklich keinen Kuß?«
»Nicht einen.«
»Oder eine Umarmung?«
»Auch nicht.«
»Aber gesteh es doch endlich ein!«
»Sakkerment, red nicht so dumm. Ich werde ihn nicht umärmeln, und mich kann er nicht umarmen. Wo soll da die Umarmung herkommen, wenn ich zu dicke bin!«
»Hm! Na, von heut an werde ich selbst Dir die Neuigkeiten bringen.«
»Schön!«
»Aber nicht umsonst!«
»Wird sich finden.«
»Werde mir schon nehmen, was ich haben will!«
»Umsonst kriegst Du nichts. Also rede! Wer war der Kerl gestern?«
»Eigentlich ein alter Bekannter von mir.«
»Was! So ein Spitzbube?«
»Na, brauchst nicht zu erschrecken. Gesehen habe ich ihn, aber mit ihm abgegeben habe ich mich nicht; denn er verkehrte nur mit dem Baron.«
»Was? Der gnädige Herr hat sich mit so einem Menschen abgegeben?«
»Ja. Damals freilich sah der Kerl ganz anders aus. Er war Unteroffizier und Compagnieschreiber, ein schmucker Kerl, aber leichtsinnig.«
»Wie Ihr Männer alle!«
»Das glaubst Du ja selber nicht!«
»Eine Jede glaubt das. Aber was wollte denn der Baron mit ihm?«
»Sag lieber von ihm! Ich war auch neugierig. Ich war damals erst seit ganz kurzer Zeit im Dienste des Barons; aber er hatte doch schon bemerkt, daß ich ein anstelliges Kerlchen war. Ich bemerkte, daß der Unteroffizier dem Herrn einige Schreiben brachte, die hatte er seinem Herrn, welcher von Sandau hieß, gestohlen.«
»Wohl im Auftrage unsers Barons?«
»Ja. Damals hatte ich mich auf einen eigenthümlichen Sport gelegt. Ich trieb nämlich das Autographensammeln.«
»Was ist das?«
»Autograph heißt Handschrift. Jeder meiner Bekannten mußte mir einige Zeilen und seinen Namen ins Stammbuch schreiben. Dann machte es mir Spaß, in müßigen Stunden das nachzumalen. Ich freute mich königlich, wenn ich die Handschrift so genau nachgemacht hatte, daß sie nicht vom Originale zu unterscheiden war.«
»Das ist eine Kunst. Das brächte ich nicht fertig. Kannst Du das auch heut noch?«
»Freilich.«
»So bist Du eigentlich ein gefährlicher Mensch.«
»Warum?«
»Na warum! Einer, der fremder Leuts Handschriften nachmacht, kann doch Andern sehr leicht gefährlich werden.«
»Mag sein. Hast Du mich etwa nun weniger lieb?«
»Unsinn! Wenn es nur Etwas einbringt.«
»Das hat es auch.«
»Und man ist so vorsichtig dabei, daß man nicht erwischt wird.«
»Da brauchst Du gar keine Sorge zu haben, Milka.«
»Schöne Gesellschaft!« dachte Sepp hinter der Laube.
Er ahnte, was der Hausmeister nun erzählen werde. Er hatte sich auch nicht geirrt, denn der Genannte fuhr fort:
»Der Baron brachte mir einige Handschriftproben, und ich mußte versuchen, sie nachzumachen. Es gelang ganz vortrefflich. Nun setzte er mir einen Brief auf, den ich in dieser Handschrift abschreiben mußte. Jetzt wußte ich es, daß es die Handschrift jenes Herrn von Sandau war, bei welchem der Compagnieschreiber in Arbeit stand.«
»Weshalb mußtest Du es machen?«
»Mein Herr wollte dem Sandau einen Streich spielen.«
»Ist es gelungen?«
»Ja, denn Sandau wurde abgesetzt und kam ins Gefängniß.«
»Schade! War er ein guter Kerl?«
»Im Gegentheile ein sehr schlechter.«
»So ists ihm zu gönnen.«
»Nun denke Dir, in dem Kerl, welcher gestern hier war, habe ich jenen Compagnieschreiber wieder erkannt. Zwar nicht gleich, endlich aber besann ich mich doch. Er war gekommen, dem Herrn oder der Gnädigen Geld abzuschwindeln.«
»Da ist ihm ganz recht geschehen, daß sie ihn eingesteckt haben.«
»Er hätte vielleicht welches bekommen, wenn er nicht auf den Gedanken gekommen wäre, die Gnädige zu bestehlen.«
»Kann er Dir Schaden bereiten?«
»Nein. Die Sache ist längst verjährt.«
»Weißt Du das genau?«
»Ja. Der Baron hat es auch gesagt.«
»So ist es gut. Aber was hat das damalige Nachschreiben der Handschrift denn mit dem Beweis zu thun, den Du mir liefern willst?«
»Sehr viel. Du wirst es bald begreifen. Ich habe noch zu keinem Menschen davon gesprochen; Dir aber sage ich es, weil Du meine Frau werden willst. Da kannst Du Alles wissen. Auch muß ich es Dir erzählen, um Dir zu beweisen, daß ich den Baron im Sacke hab und daß er mir Geld geben muß, wenn ich schweigen soll.«
»So ist das! Du machst mich neugierig. Aber warum wollte er diesem Sandau Etwas auswischen.«
»Das hatte einen sehr gewichtigen Grund. Dieser Sandau hatte eine Frau, welche mit unserer Gnädigen, nämlich nicht der Jetzigen, sondern ihrer Mutter, bei einer alten Tante erzogen worden war. Die Gnädige hatte unsern Baron nicht heirathen sollen und war deshalb enterbt worden; Sandaus Frau aber sollte Alles erben. Darum mußte Sandau ins Gefängniß gebracht werden.«
»Wie schlau!«
»Ja, der Baron hat stets gewußt, was er thut. Aber die Tante hatte das Testament bereits gemacht. Es war von drei Zeugen unterschrieben worden. Diese Zeugen mußten fort. Der Eine starb am Typhus. Nun waren noch zwei zu beseitigen.«
»Zu ermorden? Das meinst Du doch nicht?«
»Bewahre!« lachte der Hausmeister auf. »Sie hießen Herr von Schöne und Herr von Selbmann. Beide waren Edelleute. Der Herr von Schöne mußte sich selbst umbringen.«
»Mußte?«
»Ja.«
»Wer konnte ihn denn zwingen?«
»Mein Herr, der Baron.«
»Ach geh! Kein Mensch kann den Andern zwingen, sich zu tödten.«
»O, doch!«
»Wodurch?«
»Durch ein amerikanisches Duell.«
»Was ist das?«
»Bei einem gewöhnlichen Duell kämpfen die Beiden mit einander, beim amerikanischen aber wird nicht gekämpft, sondern das Loos gezogen. Wer das Todesloos zieht, muß sich nach einer ganz bestimmten Zeit tödten.«
»Das ist doch schrecklich. Wenn er sich aber nicht umbringt?«
»So gilt er für ehrlos. Er wird überall ausgestoßen, und kein Mensch mag Etwas von ihm wissen. Dadurch wird er in eine solche Verzweiflung versetzt, daß er sich schließlich doch noch das Leben nimmt.«
»Diese vornehmen Herren sind doch ganz und gar dumm! Mich möchten sie immer anschaun, wie sie wollten, ich brächte mich doch nicht um; ich lachte sie nur aus.«
»Ja, Du bist grad so gescheidt wie ich. Mich brächte auch kein Mensch zum Selbstmord.«
»Dieser Herr von Schöne hat also das Todesloos gezogen?«
»Ja.«
»Aber Dein Herr konnte es doch auch ziehen!«
»Nein. Dafür hatte ich gesorgt.«
»Du?«
»Ja. Die Sache war schon längst abgekartet. Es wurden zwei Loose gemacht, ein schwarzes und ein weißes; aber ein drittes, welches auch schwarz war, hatte ich in der Hand. Ich mußte den Hut meines Herrn halten, in welchen das schwarze und das weiße Loos geworfen werden sollten. Während ich schüttelte, verwechselte ich das weiße mit meinem schwarzen, so daß sich nun zwei schwarze darin befanden. Herr von Schöne zog zuerst, und folglich war das seinige schwarz. Während alle Anwesenden nach ihm sahen, als er das Loos öffnete, nahm ich das zweite schwarze heraus und legte das weiße hinein; dieses zog mein Herr.«
»So war es! Jetzt begreife ich es. Und jener Herr von Schöne hat sich entleibt?«
»Ja. Er hat sein Testament gemacht und darin mit gesagt, daß er in Folge eines amerikanischen Duelles sterbe. Ist da mein Herr der Mörder gewesen?«
»Nein.«
»So ähnlich war es auch mit dem andern Zeugen, dem Herrn von Selbmann. Der war ein leidenschaftlicher Bergfex.«
»Was ist das?«
»Einer, der alle Jahre in die Alpen läuft und dort die Berge ersteigt.«
»Ist das gefährlich?«
»Ja. Man kann sehr leicht den Hals brechen. Mein Herr reiste ihm nach, ich natürlich mit. Nach einigen Wochen trafen wir ihn endlich in einem Hotel. Er erwähnte, daß er morgen einen Gletscher besteigen werde. Das war nicht gefährlich. Am frühen Morgen stiegen wir voran. An einer Stelle, wo man auf Stufen niedersteigen mußte, welche in das Eis gehauen waren, mußte ich vier dieser Stufen mit dem kleinen Handbeile, welches wir mitgenommen hatten, so unterhöhlen, daß Derjenige, welcher sie betrat, in die Tiefe stürzen mußte, well sie unter ihm zusammenbrachen.«
»Und er stürzte?«
»Ja.«
»Und war todt?«
»Augenblicklich. Wer ist da der Mörder?«
»Niemand. Er hätte die Stufen untersuchen sollen.«
»Natürlich. Der Kerl war ein Esel.«
»Aber es konnte auch eine andere Person kommen und an seiner Stelle verunglücken!«
»Nein. Wir hatten uns vorgesehen. Wir versteckten uns in der Nähe und paßten auf, wer kommen werde. Wäre es ein Anderer gewesen, so hätten wir ihn gewarnt. Da er es aber war, so ließen wir ihn ruhig weiter laufen.«
»So waren also die Zeugen nun fort?«
»Ja. Jetzt galt es nur, das Testament, in welchem die Frau Baronin enterbt war, umzutauschen.«
»Wie konnte das geschehen?«
»Sehr einfach. Ich holte es.«
»Du bist eingebrochen?«
»Gott bewahre! So Etwas fällt mir gar nicht ein. Einbrechen! Wie gemein! Ich vermiethete mich zu der alten Tante. Ich hatte sehr gute Zeugnisse mit, die aber natürlich auf einen ganz andern Namen lauteten. Sie hatte mich noch nie gesehen, und so konnte sie also auch nicht wissen, bei wem ich eigentlich diente.«
»Höre, Du bist wirklich ein höchst schlauer Patron.«
»Denkst Du?«
»Ja. Ich habe immer einen gewissen Respect vor Dir gehabt; aber daß Du gar so ein Durchtriebener bist, das habe ich doch nicht denken können.«
»Ja. Man sieht es den Leuten oft gar nicht an.«
»Du kannst so solid und ehrwürdig thun.«
»Das ist ja die Hauptsache. Gerade darum hatte ich mir das Vertrauen der alten Tante so schnell und so vollständig erworben, daß sie mich ganz allein in ihr Cabinet gehen ließ, in welches selbst ihre Leibzofe nur dann treten durfte, wenn die gnädige Frau dort war.«
»Dort befand sich wohl das Testament?«
»Ja, und zwar in einer eisernen Schatulle. Den Schlüssel hatte die Gnädige stets einstecken. Eines schönen Tages aber hatte sie ihn doch stecken lassen, und augenblicklich befand sich das Testament in meinen Händen. Des Nachts wurde es abgeschrieben, natürlich aber verändert, und dann auch gleich wieder in die Schatulle zurückgesteckt.«
»Wie war das möglich?«
»Ich hatte für Morphium gesorgt, welches die Alte in den Abendtrunk erhielt. Sie schlief wie eine Ratte. So wurde das Testament umgetauscht, ohne daß sie es ahnen konnte. Dann zog ich natürlich ab.«
»Ging das?«
»Ja. Ich wurde krank. Da mußte sie mich entlassen.«
»Wieder schlau!«
»Als Beweis, daß ich meine Aufgabe erfüllt hatte, brachte ich dem Baron das echte Testament mit.«
»Natürlich erhieltst Du ein gutes Geschenk?«
»Nicht sofort. Aber ich wartete. Er war ja arm und konnte nichts geben, doch hatte ich ihn nun in den Händen, und als die Alte starb und seine Frau das viele Geld erbte, da hat er viel zahlen müssen.«
»Wieviel?«
»Tausende.«
»Wirklich?«
»Ja, freilich nicht auf einmal; aber ich that, als ob ich immer Geld brauche. Er mußte es schaffen.«
»Wurde er nicht ungeduldig?«
»Zuweilen. Endlich ging ihm die Geduld ganz aus. Er wollte mich fortjagen. Da aber kam er an den Richtigen. Ich zwang ihn, schriftlich zu bekennen, was ich für ihn und er mit mir gethan hatte. Er mußte sich unterschreiben. Das ist der Revers, welchen ich noch heute von ihm in den Händen habe. Ich kann ihn damit ruiniren.«
»Und er muß Dir Geld bezahlen, so oft Du willst?«
»Natürlich.«
»Du bist weiß Gott ein Hauptkerl! Komm her! Ich muß Dir noch einen Kuß geben.«
Sie küßte ihn wiederholt.
»Soll Euch gut bekommen!« brummte der alte Sepp leise vor sich hin.
»Aber,« fragte sie dann, »hat der Baron nie Versuche gemacht, Dich los zu werden?«
»Sogar mehrmals. Sie nutzten ihm freilich nichts.«
»Das fürchtete ich auch. Darum sagte ich, ein Verwandter von mir besäße den Revers und würde ihn, sobald ich im Dienste des Barons stürbe, der Polizei übergeben.«
»Aber Du hast das Papier natürlich in Deiner Verwahrung?«
»Freilich.«
»Ist es gut aufgehoben?«
»Das versteht sich ganz von selbst. Es steckt im Dreimaster.«
»Dreimaster? Das ist doch ein Schiff.«
»Ja. Aber auch die alten Filzhüte, welche früher getragen wurden, werden so genannt. Es giebt noch heute Herrschaften, deren Dienerschaft in solchen Hüten geht. Damals war ich Leibjäger des Barons und trug auch einen mit einem grünen Federstutz. Den habe ich mir aufgehoben. Er liegt auf dem Boden meines Kleiderschrankes, und unter dem Futter steckt das Papier.«
»Darf ich es sehen?«
»Ja. Ich zeige es Dir nachher. Du sollst sehen, was der Baron bei unserer Hochzeit zu zahlen hat.«
»Fordere nur genug!«
»Natürlich.«
»Und das Papier ist doch so verwahrt, daß Niemand es Dir nehmen kann?«
»Das versteht sich!«
»Den Schrank verschließest Du?«
»Nein.«
»Was! Welch eine Unvorsichtigkeit!«
»Pah! Das ist grad im Gegentheile eine Schlauheit.«
»Wieso?«
»Hielt ich den Schrank stets verschlossen, so würde sehr bald der Verdacht entstehen, daß ich Heimlichkeiten darinnen versteckt habe. Steht er aber immer offen, so kommt Niemand auf diese Idee.«
»Mag sein. So ist er also auch jetzt offen?«
»Ja.«
»Aber wenn nun Jemand hineingeht in Dein Zimmer und sich für den alten Hut interessirt!«
»Pah! Fällt Keinem ein. Da brauchst Du keine Sorge zu haben. Der Hut steckt seit langen Jahren darin, und es hat sich noch kein Mensch um ihn bekümmert. Komm, trink lieber, als daß Du Dir solche unnöthige Sorgen machst.«
Die Gläser klangen wieder. Die dritte Flasche wurde geöffnet. Die Beiden sprachen noch mancherlei, was aber den Wurzelsepp nicht interessirte. Sie tauschten Liebkosungen aus, welche der Art waren, daß er vorzog, sich zu entfernen. Er erhob sich deshalb leise und schlich sich davon.
»Himmelsakra!« sagte er zu sich leise. »Das war gut, daß ich auf denen Gedanken kommen bin, grad durch den Wald zu laufen. Was ich da hört hab, das soll wohl Nutzen bringen. Aberst merken darfs Niemand, daß ich von da hinten kommen bin. Ich werd einen Umwegen machen, damit ich wiederum auf die Straße gelangen thu.«
Er führte diesen Vorsatz aus und kam dann von der Vorderseite an das Schloß. Es war kein Mensch zu sehen, weder unter dem Portale, noch auf der Treppe. Die Herrschaft war verreist; da gab es lockere Disciplin. Eben wollte der Sepp die Treppe emporsteigen, da fiel sein Auge auf eine Thür des Flures, auf welcher das Wort »Hausmeister« zu lesen war.
»Potz Blitz!« sagte er sich. »Da drinnen wohnt dera Kerl. Ob ich mal gleich nach dem Dreimaster schau? Hm! Besser ist besser! Die dicke Köchin könnt halt gar den Einfall haben, ihm zu rathen, das Ding wo anderst zu verstecken.«
Er klopfte an, aus Vorsicht. Niemand antwortete. Er trat also ein.
Jetzt befand er sich in der Hausmeisterloge, welche recht wohnlich eingerichtet war. Einen Kleiderschrank gab es da nicht. Darum trat er durch eine zweite Thür. Hier gab es ein Schlafzimmer mit einem Bette. Ein großer, doppelthüriger Schrank stand da. Er öffnete ihn.
Das Möbel hing voller Kleider. Unten auf dem Boden lag – der gesuchte Dreimaster. Sepp nahm ihn auf und betrachtete sich ihn genau. Er hatte ein dickes, schwarzwollenes Futter; welches durch eine Schnur zusammengezogen war. Er zog diese Schnur auf, und da steckte wirklich ein Papier.
Er faltete es auseinander und überflog den Inhalt. Es war der gesuchte sogenannte Revers, unterzeichnet und mit seinem Siegel versehen von dem Baron Friedrich von Alberg.
»Weg damit!« meinte Sepp, indem er es in seine Tasche steckte.
Er legte den Hut zurück und machte den Schrank wieder zu. Schon wollte er in das vordere Zimmer treten, da hörte er die Außenthür gehen. Stimmen ließen sich hören. Er lauschte einen Augenblick.
»Himmelsakra! Da kommt dera Hausmeistern mit seiner dicken Köchinnen! Wohin steck ich mich doch nur?«
Er blickte sich um.
»Da unters Betten. Schnell hinein!!«
Er schob erst den Alpenstock, dann den Rucksack und endlich auch sich selbst unter das Bett. Das ging freilich sehr mühsam, da dasselbe sehr niedrig war.
Der Hausmeister war unverheirathet. Kein Wunder, daß es bei ihm nicht diejenige Ordnung und Reinlichkeit gab, wie in einer Wohnung, welche von der sorgsamen Hand einer Frau geordnet wird.
In den Winkeln gab es Staub, und unter dem Bette war wohl seit Wochen nicht ausgekehrt worden, der Staub lag hier bedeutend dick.
»Na, eine schöne Geschichten!« knurrte der Alte. »Wann mir dera Dreck in die Nasen kommt und ich muß niesen, so kanns mich gefreun. Oder wann gar recht schöne Flöhen hier umherspringen und gerathen mir auf meine Haut, so daßt ich kratzen muß, nachhero ists aus mit meinem Anonym. Schön behaglich ists bei dem Kerlen nicht! Ah, jetzt kommens! Sepp, sei still!«
Die Thür wurde geöffnet. Die Beiden traten ein.
»Das ist mein Schlafzimmer,« erklärte er.
»O weh!« antwortete sie.
»Was?«
»Junggesellenwirthschaft!«
»Thut nichts. Das wirst Du ändern.«
»Hier etwa?«
»Gewiß! Hier wohnt sichs ja ganz schön.«
»Nein. Hier können wir nicht wohnen. Wenn wir verheirathet sind, so haben wir keinen Platz.«
»Meinst Du? Hm!«
»Da giebts kein Hm! Der Baron muß ein anderes Logis schaffen. Für Dich allein genügt es. Aber dann – denke nur daran, daß wir auch Kinder haben werden!«
»Hoffentlich!« lachte er. »Komm, Schatz! Dafür muß ich Dir einen Schmatz geben.«
Sepp hörte an dem Geräusch, daß sie nicht nur einen, sondern mehrere erhielt. Dann sagte sie:
»Nur nicht so ungestüm! Auch in der Liebe muß man Maaß und Ziel halten. Wollen uns setzen.«
»Aber wohin?«
»Leider giebt es nur einen Stuhl. Also hier auf das Bett.«
Der Dicken war der Weg vom Garten nach dem Schlosse zurück so schwer geworden, daß sie sich bereits wieder ermüdet fühlte. Sie ließ sich mit einem tiefen Seufzer auf das Bett nieder. Dieses Letztere war ein altes, ziemlich morsches Möbel und einer solchen Last nicht gewachsen. Es stöhnte in allen Fugen.
»Du!« rief der Hausmeister besorgt. »Nimm Dich in Acht. Es bricht zusammen.«
»Also auch neue Bettstellen,« meinte sie. »Nun, das geht uns nichts an. Der Baron mag sie bezahlen. Ueberhaupt wirst Du klug thun, die ganze Ausstattung von ihm zu verlangen.«
»Eigentlich ist die Ausstattung Deine Sache,« wagte er zu bemerken.
»Warum die meinige?« fragte sie.
»Weil es überall so gebräuchlich ist, daß die Braut eine Ausstattung mitbringt.«
»Ach, geh mir mit Gebräuchen, von denen ich keine Freundin bin! Sie taugen nichts. Warum soll denn grad das Mädchen den Hausrath besitzen, und der Bursche nicht?«
»Weil dieser für alles Andere zu sorgen hat.«
»So mag er überhaupt für Alles sorgen. Wer sich eine Frau nehmen will, muß sie auch versorgen können!«
»Und wer sich einen Mann nehmen will, muß auch Etwas besitzen.«
»Willst Du Dich mit mir zanken, nachdem wir uns kaum erst die Liebeserklärung gemacht haben?«
»Nein. Aber Du sagtest doch, daß Du Dir mehrere hundert Gulden gespart hast!«
»Das ist sehr richtig; aber die gebe ich nicht her; die hebe ich auf.«
»Warum?«
»Du bist fünfundzwanzig Jahre älter als ich. Wie lange werde ich Dich denn haben, so bin ich Wittwe.«
»Oho! Na, na!«
»Ja. Und dann kann ich meine paar Nothpfennige gebrauchen.«
»Du thust ja, als ob Du recht bald Wittwe werden wolltest!«
»O nein; aber wenn ichs werde, so kann ich mir den Kopf auch nicht wegreißen. Ich kann überhaupt die Aufregung nicht vertragen. Ich würde mich in mein Schicksal fügen und Dich ehrlich begraben lassen.«
»Natürlich ehrlich!« lachte er in halbem Zorne auf. »Ich hoffe, daß mich der Scharfrichter nicht hinausschleppt.«
»Davon ist keine Rede. Ich werde schon dafür sorgen, daß Du in anständiger Weise zur Ruhe kommst.«
»Schön! Dafür muß ich Dir schon bei Lebzeiten dankbar sein.«
»Natürlich! Nun thu mir aber den Gefallen, mir den Revers zu zeigen.«
»Sogleich!«
Er trat zum Schranke und öffnete ihn.
Sie war so müde, daß sie sich in die Kissen legte und laut und herzlich gähnte.
Unter ihr ließ sich auch Etwas hören. Der Sepp war schon vorher auf's Tiefste erschrocken, als sie sich in das Bett gesetzt hatte. Er dachte, dasselbe würde in Stücke zerknacken. Er lag mit dem Gesichte in dem hohen, feinen Staube. Er athmete denselben ein. Kein Wunder, daß ihm das Bedürfniß zum Niesen ankam. Er gab sich alle Mühe, dasselbe zu unterdrücken, aber es ging nicht länger. Als die Dicke so laut gähnte, benutzte er die gute Gelegenheit.
»Ahhhh – – haaaaa!« machte sie es.
»Ab – – – ziehhh!« begleitete er sie unter dem Bette.
Sie richtete sich ein wenig auf und blickte ihren Bräutigam an. Dieser hingegen sah zu ihr herüber.
»Hast Du gegähnt oder geniest?« fragte er.
»Gegähnt natürlich! Ich niese nie. Das regt den Körper zu sehr auf. Aber Du hast geniest.«
»Ich? Ist mir nicht eingefallen!«
»Ich habs doch gehört!«
»Ich auch, aber von Dir.«
»Unsinn! Ich werde doch wissen, was Gähnen oder niesen ist.«
»Na, ich ebenso.«
»Streite nicht! Nimm lieber den Hut heraus!«
Er wendete sich wieder nach dem Schranke. Der Luftzug beim Niesen des Sepp hatte den Staub aufgeblasen, welcher dem Alten in Mund, Nase und Augen flog. Er mußte abermals niesen und voraussichtlich viel heftiger als vorher. Er drückte die Zähne und Lippen zusammen; er preßte den Bauch fest auf die Diele; er zog die fürchterlichsten Grimassen – es half nichts; er mußte losbrechen.
»Wenn sie nur um Gotteswillen noch einmal gähnte!« dachte er in seiner Angst.
Und das Schicksal war ihm günstig. Der kleine Wortwechsel hatte sie angestrengt.
»Uuuuuü – aaahhh!« gähnte sie überlaut, indem sie sich wieder hintenüber legte.
»Az – – zieh – zieh – zizizizizieh!« ging es wie aus einer Mitrailleuse unter dem Bette.
Sie fuhr wieder empor, und der Hausmeister drehte sich rasch wieder nach ihr um.
»Siehst Du!« sagte er triumphirend.
»Ja, siehst Du!« antwortete sie ihm, ihm hochbefriedigt zunickend.
»Daß Du niesest!«
»Nein, daß Du niesest!«
»Ist mir nicht eingefallen!«
»Geh! Leugne es doch nicht!«
»Kind, ich begreife Dich nicht. Ich habe es deutlich gehört.«
»Ich auch!«
»Du hast eine ganz eigenthümliche Art und Weise. Erst denkt man. Du gähnst, und nachher wird der allerschönste Nieserich daraus.«
»Schatz, laß Dich doch nicht auslachen! Der Nieserich bist Du doch selbst.«
»Milka, ich begreife Dich nicht!«
»Nein, ich begreife Dich nicht! Es ist doch keine Schande, zu niesen!«
»Nein, allerdings.«
»Nun, warum leugnest Du es da! Oder hast Du vielleicht eine böse Krankheit in der Nase? Einen Polypen etwa?«
»Höre, jetzt wirds zu bunt! Dieser Spaß –«
»Sei still!« unterbrach sie ihn. »Von dieser Nase reden wir noch ein Wörtchen. Aber in aller Ruhe. Einen Polypen mag ich mir nicht anheirathen. Wenn der ansteckend ist, so könnte ich mich nachher vor Polypen gar nicht retten, weil bei mir Alles gleich ins Fette, Dicke und Großartige geht.«
Das war ihm zu viel. Er stampfte mit dem Fuße und rief:
»Ich einen Nasenpolypen! Da muß doch gleich ein Himmelkreuzdonner – –«
»Still, still!« schrie sie auf. »Schrei nicht so. Wir Frauen haben ein so zartes Gehirn. Mein Kopf brummt von Deinem Gebrüll wie eine Pauke. Wenn wir wirklich gute Freunde bleiben wollen, so hältst Du nun das Maul und holst den Revers!«
Er besann sich noch, doch hielt er es schließlich für das Beste, jetzt nachzugeben. War sie erst einmal seine Frau, so wollte er ihr schon sein Uebergewicht fühlbar machen. Er nahm also den Hut aus dem Schranke und kam damit an das Bette.
»Hier ist er. Da drinnen steckt unser junges Eheglück.«
»Zeig her!«
Sie streckte die Hand aus; er aber wich zurück. Sie lag so verführerisch vor ihm in den Kissen, daß sein Herz vor Zärtlichkeit überwallte…
»Jetzt noch nicht!« sagte er.
»Warum denn nicht?«
»Du mußt es Dir verdienen.«
»Womit?«
»Mit einem richtigen, süßen, herzhaften, langen Kuß.«
Sie gähnte.
»Geh doch nur! Dieses ewige Küssen. Was hast Du davon?«
»Das fragst Du mich?«
»Natürlich! Das Küssen ist die reine Kinderei. Man schiebt die beiden Mäuler zusammen, so daß man sich die Nasen fast wund reibt. Schmecken thuts nach gar nichts. Warum thut man es also. Eine eingemachte welsche Nuß oder Marunka ist mir zehnmal lieber als so ein Schmatz, der weder Sinn, noch Zweck hat.«
»Alle Teufel! Das ist wirklich Deine Ansicht?«
»Ja. Man verliert seinen schönen Athem dabei. Man muß den Kopf schief halten, damit die Nasen sich nicht im Wege sind. Es ist so schrecklich unbequem, daß ich den Menschen, der das erfunden hat, gar nicht begreifen kann. Meinen Geschmack hat er dabei nicht getroffen.«
»Aber den meinen. Wenn ich keinen Kuß bekomme, so bekommst Du den Revers nicht zu sehen.«
»Welch ein Mann!« seufzte sie tief auf. Wie kann man an einer solchen Anstrengung ein Vergnügen haben. Na, komm her!«
»Aber einen ordentlichen.«
»Einen unordentlichen oder liederlichen nicht. Ich wüßte überhaupt nicht, wie ein solcher – – Herjesses! Du drückst mir ja das ganze Leben aus dem Leibe! Sei doch manierlicher. Geh, geh! Du hast nun einen, und so will ich auch den Revers sehen.«
»Wenn ich dann noch einen bekomme!«
»Noch einen! In diesem Fach scheinst Du der reine Vielfraß zu sein.«
»Also? Ja oder nein?«
»Na, wenn Du einmal darauf bestehst, so muß ich mich drein ergeben. Aber es ist dann für heut der allerletzte. Merke es Dir. Es bleibt dabei!«
»Einverstanden! Also schau her! Jetzt sollst Du ihn sehen.«
Er hielt ihr den Hut hin und machte dabei das, was er sagte:
»Hier ist der Tressenhut – ich wende ihn um – da ist das Futter, mit einer Schnur zusammengezogen – ich ziehe sie auf – ich schlage das Futter zurück – und dahinter – – –«
Er hielt inne und schaute in den leeren Hut. Sein Gesicht wurde lang, länger und immer länger.
»Nun – was ist dahinter?« fragte sie, immer noch bequem im Bette sitzend.
»Nichts.«
Er machte dabei ein so dummes, ein so wahres Schafsgesicht, daß sie in ein Lachen ausbrach.
»Und da lachst Du noch!« rief er.
»Bei dem Gesicht, welches Du da machst, kann Niemand weinen.«
»Weg – weg ist das Papier!«
»Unsinn! Wo soll es hin sein! Schau nur richtig nach!«
»Da giebts ja gar nichts weiter nachzuschaun. Da ist der Hut, und leer, ganz leer!«
»Zeig mal her!«
Sie nahm ihm den Dreimaster aus der Hand und untersuchte ihn sorgfältig.
»Nichts ist drin,« seufzte sie.
»Nichts, nichts, nichts ist drin! Fort ist er, fort!«
»Wohin aber?«
»Das weiß der Teufel!«
»Es muß ein Irrthum sein. Hast Du etwa zwei solche Hüte?«
»Nein.«
»Also eine Verwechslung ist ausgeschlossen. Weißt Du genau, daß das Papier drin gewesen ist?«
»Natürlich.«
»Vielleicht hast Du es einmal heraus genommen und dann in Gedanken wo andershin versteckt. Denke nach!«
»Da giebts gar nichts nachzudenken. Ich versteckte es an keinem andern Ort.«
»Es kann aber doch nicht davon gelaufen sein!«
»Freilich nicht. Es ist – ist mir jedenfalls gestohlen worden!«
»Unsinn!«
»Ja, ja, gestohlen!« rief er aus.
»Siehst Du, daß ich Recht hatte! Es war nicht gut genug versteckt. Du hättest einen ganz andern Ort dazu wählen sollen.«
Er starrte noch immer ganz fassungslos in den leeren Hut.
»Wer – wer mag es haben?«
»Hm! Du mußt versuchen, den Dieb zu entdecken.«
»Natürlich! Das Ding kann ja nicht nur dem Baron, sondern auch mir gefährlich werden! Wenn es in falsche Hände geräth, so – –«
»Falsche Hände? Fällt keinem Menschen ein! Ich weiß, wer es hat. Es befindet sich in den richtigen Händen.«
»Wer solls haben?«
»Der Baron natürlich.«
»Wieso?«
»Denke einmal nach! Wann hast Du zum letzten Male darnach gesehen?«
»Gestern vor einer Woche.«
»Da war es noch vorhanden?«
»Ja.«
»Und seitdem ist der Baron hier gewesen.«
»Hm! Das giebt zu denken.«
»Ja. Er allein weiß, daß Du es hast?«
»Weiter Niemand.«
»So kann auch weiter Niemand darnach suchen. Er muß es gewesen sein.«
»Ah, da fällt mir Etwas ein!«
»Was?«
»Er hatte zwei Briefe geschrieben, welche mit dem nächsten Zuge fort sollten. Ich mußte sie darum nach dem Bahnhofsbriefkasten tragen.«
»Das erfordert wohl an die dreiviertel Stunden Zeit. Hattest Du hier zugeschlossen?«
»Nein.«
»Welch eine colossale Unvorsichtigkeit. Es ist ganz gewiß, daß er Dich bestohlen hat.«
»Donnerwetter! Das soll ihm schlecht bekommen!«
»Was willst Du machen! Aus unserer Ehe kann nun nichts werden.«
Sie stand von ihrem Sitze auf. Er erschrak über ihre Worte noch mehr als vorher über den Anblick des leeren Hutes.
»Nichts werden?« fragte er. »Warum?«
»Darum!«
»So sags doch!«
»Weil Du kein Geld bekommst.«
»Ah! So nimmst Du mich dieses Geldes wegen? Du liebst mich nicht?«
»Unsinn! Sei nicht dumm! Ich liebe Dich unsäglich, und ich weiß nicht, ob ich ohne Dich leben können werde; aber ich muß gar zu sehr auf meine Gesundheit halten. Deine stürmischen Umarmungen, Liebkosungen und Küsse bringen mich außer Athem. Ist das schon jetzt, wie soll es erst dann in der Ehe werden – –!«
»Donnerwetter! Stürmische Liebkosungen! Ich habe Dich zweimal geküßt. Was ist das weiter! Ein Anderer hätte fünfzig Küsse in ganz derselben Zeit verlangt!«
»Hilf Himmel! Mir wird ganz schwach schon, wenn ichs höre.«
»Und stürmisch! Ich habe gar nicht einmal gemerkt, daß so ein großer Orkan dabei geweht hätte. Ich bin sogar ganz zart und sanft verfahren.«
»Na, dann möchte ich wissen, wie es ist, wenn Du einmal nicht so sanft bist. Ich kann das nicht vertragen. Die Umarmungen sind mir einmal nicht angeboren; das muß doch schon meine Taille beweisen. Wenn ich einen Mann nehme, der mich immer so drückt und quetscht, so muß er wenigstens Geld genug haben, daß ich bequem leben und mich von solchen Zärtlichkeiten erholen kann.«
»Aber – Milka, nimm doch nur Verstand an! Zwei Küsse ist doch rein gar nichts! Wie können die so anstrengen! Uebrigens ists ja noch gar nicht gesagt, daß ich vom Baron kein Geld bekommen werde.«
»Der Revers ist doch fort.«
»Das schadet im Grunde genommen gar nichts, wenn er nur nicht in schlechte Hände gerathen ist.«
»Wieso?«
»Eigentlich war es ja Unsinn, daß ich den Baron zwang, mir seine Unterschrift zu geben. Ich verstand es damals noch nicht so wie heute. Wenn ich ihm Schaden machen will, so bedarf es dieses Reverses gar nicht. Ich zeige ihn eben an und beschwöre meine Aussagen.«
»Aber das Geld!«
»Wird er mir ganz gewiß geben, wenn ich ihm mit der Anzeige drohe.«
»Wirklich?«
»Ja. Auch den Revers giebt er wieder heraus. Das weiß ich ganz gewiß.«
»Du könntest Dich aber auch irren.«
»Nein. Siehst Du denn nicht ein, daß er uns lieber eine Ausstattung geben als sich von uns anzeigen lassen wird?«
»Hm! Ja. Recht kannst Du freilich haben!«
»Vollständig Recht.«
»Gut! So können wir uns also doch noch heirathen. Ich setze mich also wieder nieder.«
Sie setzte sich wieder so gewichtig auf das Bett, daß dieses noch ärger stöhnte als vorher.
»Du, nimm Dich in Acht!« warnte er abermals. »Wenn Du ruhig sitzest, so hält es Dich schon aus. Rankerst Du aber, so kann es einbrechen. Weißt Du, was ich machen werde?«
»Nun, was?«
»Ich fahre nach Wien.«
»Zum Baron?«
»Natürlich! Ich muß wissen, woran ich bin. Er muß mir Alles gestehen und den Revers herausgeben.«
»Das ist ein kluger Einfall. Ja, fahre nach Wien, und laß Dir gleich das Geld auszahlen. Nicht?«
»Ja. Wenn ich einmal dort bin, mache ich auch gleich reine Arbeit.«
»Wieviel wirst Du verlangen?«
»Das weiß ich noch nicht. Wieviel denkst Du, liebe Milka?«
»Zwanzigtausend Gulden.«
»Bist Du gescheidt! Das ist ja viel zu viel!«
»Na, es ist besser, man verlangt mehr als weniger. Herunter gehen kann man allemal. Verlange so viel, wie Du denkst. Aber es muß genug sein für uns. Ich will auch einmal als Dame leben. Ich bin eigentlich dazu geboren. Schon meine zarte Constitution weißt mich auf ein feines Leben hin, und sodann auch mein Name – Milka! Die Baronesse heißt Milda, und ich heiße Milka – –«
»Eigentlich Emilka, das ist Emilie.«
»Unsinn! Red nicht so dumm! Milka heiße ich, damit pasta. Das beweist, daß ich eigentlich ganz gleiche Ansprüche an das Leben stellen kann wie die Baronesse. Darum müssen wir uns auch in Beziehung auf unsere Verlobung nach den Regeln der besseren Gesellschaft richten. Du mußt Dir, da Du einmal nach Wien gehst, dort Verlobungskarten anfertigen lassen.«
»Wozu?«
»Dumme Frage! Zum Versenden.«
»An wen?«
»Mein Gott! Muß man denn Alles in dieser Weise deutlich machen. An die Verwandten und Bekannten.«
»Hm! Hast Du Verwandte?«
»Nein. Ich bin ein armes Waisenkind.«
»Ich auch. Hast Du Bekannte?«
»Die Dienerschaft hier.«
»Und denen willst Du die Karten schicken!«
»Natürlich! Auch muß es in die Zeitung kommen, grad so, wie es auf den Karten steht. Das fordre ich von Dir. Lieber heirathe ich sonst nicht!«
»Na, wenn Du in dieser Weise darauf bestehst, so soll es gemacht werden.«
»Gut! Wie lassen wir auf die Karten drucken?«
»Bestimme Du es.«
»Gut. Unsereins hat dafür mehr Zartgefühl. Ich denke, wir lassen drucken
Milka Radovec
und
– wie war gleich Dein Vorname?«
»Gottfried.«
»Pfui Teufel! Einen Gottfried mag ich nicht. Der greift meine Nerven zu sehr an. Das muß poetischer klingen. Sagen wir anstatt Gottfried lieber Fridi. Das ist derselbe Name, nur in verschönerter Form. Fridi klingt so zart, so duftig. Eigentlich müßte man sich unter Fridi einen ganz andern Kerl vorstellen als Dich; aber die Stunde des Schicksals hat uns vereint, und so will ich weder über den Gottfried, noch über Dich murren, und auf unsern Karten und im Blatte soll es heißen:
Milka Radovec
und
Fridi Hollaniz
sind als ewig Verlobte selig vereint.
Bist Du damit einverstanden?«
»Ists nicht zu – zu – zu – ich meine, ob die Leute nicht darüber lachen werden?«
»Unsinn! Red nicht so dumm! Besseren Ausdruck kann unser Glück gar nicht finden. Und damit Du siehst, daß diese Karten die Wahrheit sagen, so will ich ganz gegen meine Constitution und gegen meine zarten Nerven Dir zeigen, daß ich mich auch als Verlobte benehmen kann. Komm an mein Herz, süßer Fridi!«
Sie öffnete die Arme und that einen Schritt auf ihn zu. Er war einen Augenblick lang so erstaunt über dieses zärtliche Entgegenkommen, daß er zögerte, sich in ihre Arme zu werfen. Dann aber that er einen desto hastigeren Sprung auf sie zu.
Sie aber nahm ihm dieses, wenn auch noch so kurzes Zögern übel. Sie ließ die Arme sinken und trat zurück, zur Seite. Er verfehlte also sein Ziel, machte aber eine energische Schwankung und warf sich mit solcher Innigkeit auf sie, daß sie die Balance verlor.
»Um des Himmelswillen, bist Du toll!«
Sie wollte sich an ihm festhalten und er sich an ihr. Ihre corpulente Gestalt fand, wenn sie einmal aus dem Gleichgewichte gerathen war, dasselbe nicht sofort wieder. Der süße Fridi wollte sie fassen und fest halten, gab ihr aber im Gegentheil einen solchen Stoß, daß sie zum Fallen kam.
Im Falle klammerte sie sich an ihn. Er suchte, um sich nicht niederreißen zu lassen, mit der Hand nach einem Stützpunkte und ergriff. – das Rohr eines kleinen Windofens, welcher neben dem Bette stand. Dasselbe war sehr lang und war erst hoch oben unter der Decke durch die Mauer geführt Natürlich war es zu schwach, ihn und die dreifach schwere Milka zu halten – ein Krach, ein Klirren, zwei Schreie und Milka, Fridi und das ganz voll Ruß steckende Ofenrohr stürzten in das Bett. Eine schwarze Wolke erfüllte die Stube.
Diesem Attentate gegen seine Leistungsfähigkeit vermochte das Bett nicht zu widerstehen. Es krachte auseinander.
Der alte Sepp hatte, um besser athmen zu können, sich ganz bis hinüber an die Wand geschoben, von welcher das Bett etwa eine Viertelelle abstand. Daher kam es, daß er von dem gewaltsamen Zusammenbruche seines Betthimmels nicht so sehr betroffen wurde, als man hätte denken sollen. Während die beiden Andern sich schreiend und schimpfend zwischen den Trümmern der Lagerstatt herumwälzten und sich vergeblich bemühten, auf die Füße zu kommen, schleuderte er Alles, was auf ihm lag, von sich und auf sie, sprang auf und warf einen Blick auf die Scene.
Einer augenblicklichen Eingebung folgend und ohne einen Laut von sich zu geben, ergriff er den Windofen, hob ihn auf, und legte ihn auf den obersten Punkt des eingebrochenen Bettes. Der Ofen rollte tiefer über die Beiden hinweg und entledigte sich dabei seines ganzen Inhaltes an Ruß und Asche.
Das ging natürlich nicht ohne Stöße und Quetschungen ab. Der Hausmeister fluchte wie ein Landsknecht, und Milka schrie, zeterte und kreischte, als ob sie gepfählt worden sei. Beide konnten, da das Zimmer ganz mit Ruß- und Aschenwolken erfüllt war, den alten Sepp nicht sehen. Ihr Geschrei wurde gehört. Schritte nahten. Die Thür wurde aufgerissen. Die ganze Dienerschaft kam herbei. Die Leute blieben vor der offenen Thür stehen.
»Um Himmelswillen, was ist hier los?« fragte die Zofe, und die Andern riefen ähnliche Fragen durcheinander.
»Was soll los sein!« antwortete Sepp mit lauter Stimme. »
Milka Radovec und Fridi Hollaniz sind hier als ewig Verlobte selig vereint!«
Diese Worte bewirkten, was alle Anstrengung bisher nicht zu Stande gebracht hatten: Der süße Fridi kam auf die Beine. Er turnte sich aus dem Wirrwarr heraus und rief:
»Wer war das? Wer hat da gesprochen?«
Durch die offene Thür hatte sich ein Theil der Rußwolke verzogen. Man konnte nun doch die einzelnen Gestalten erkennen.
»Ich bins, der da sprochen hat,« antwortete der Sepp.
»Wer? Der muß gelauscht haben. Den Kerl muß ich mir betrachten.«
Er wollte näher kommen, stürzte über ein Bettbrett, verwickelte sich dabei in die Gewichtsschnuren der alten Wanduhr, welche in der Schlafstube hing, riß diese so herab, daß sie seiner Milka an den Kopf flog, raffte sich aber doch glücklich auf.
Milka heulte förmlich wie eine Wölfin oder vielmehr wie ein verbissenes Klappenhorn. Fridi brüllte vor Wuth, die Andern lachten, schrieen und jubelten aus vollen Kehlen, als sie nun erst sahen, um welche Personen es sich hier handele.
Der Hausmeister ergriff den Sepp beim Kragen und schrie:
»Du bists, Du! Der Wurzelsepp! Was hast Du hier zu suchen!«
»Ganz dasselbige, was die Dicke da allhier zu suchen hat. Warum zerrst denn die Uhr herab? Kannsts wohl sonst nicht derkennen, wieviel es schlagen hat?«
»Ich kann es schon erkennen, und auch Du wirst gleich sehen, wieviel es schlügt. Da, Eins – Zwei – Dr – – –!«
Er holte aus und schlug auf den Alten ein, hatte sich aber in ihm verrechnet. Beim zweiten Hiebe schon hatte Sepp ihn am Halse gefaßt und gab ihm Maulschellen.
»Drei – vier – sechs – acht – zwölf! So viel hats schlagend Und wanns noch mehr schlagen soll, so kannsts auch haben, Du Hallodrio! Da, setz Dich wiederum eini in den Sallaten, dent Dir einbrockt hast! Wünsch feine Mahlzeiten.«
Er gab ihm einen Stoß, daß er wieder auf die Matratze zu sitzen kam.
»So!« rief er weiter. »Das habt Ihr von Eurem vielen Schmatzen! Da wird man vor Liebe dumm und vor Zärtlichkeit blind und geht endlich gar noch mit dem Windofen zu Bett. Nein, so was hab ich auch noch nicht derlebt! Und das will ein Hausmeistern sein!«
»Hund!« schrie der Genannte, sich wieder erhebend. »Ich frage, wann Du hereingekommen bist!«
»Viel eher noch als Du!«
»Ach! Welche Frechheit! Weshalb – – –?«
Er hielt inne. Er bemerkte jetzt den Hut, den Stock und den Rucksack des Alten, welche noch unter den Trümmern lagen.
»Er – hat – –« fuhr er fort – »hier unter dem Bette gesteckt!«
Da kreischte die Köchin vor Scham laut auf, that trotz ihrer Korpulenz einige Sprünge nach der Thür zu, warf die ihr im Wege Stehenden rechts und links zur Seite und entfloh.
Es ist nicht zu beschreiben, welch einen Anblick sie bot. Nicht besser sah der Hausmeister aus, und auch der Sepp sah einem Essenkehrer ähnlicher als einem Zuckerbäcker. Beide standen sich drohend gegenüber. Der Hausmeister schenkte jetzt dem Zustande seines Schlafzimmers und den andern Anwesenden keine Aufmerksamkeit. Er hatte es zunächst mit dem Sepp zu thun.
»Also unter meinem Bette hast Du gesteckt!« rief er keuchend. »Gestehst Du das ein?«
»Warum nicht?«
»Was hast Du darunter zu suchen?«
»Ich ging darunter, um Euch aufzulesen, wann Ihr zusammenstürzen thätet. Ich habs halt gar gut mit Euch meint.«
»Und vergriffen hast Du Dich an mir, an dem Bewohner dieses Zimmers. Das muß bestraft werden. Du hast bereits eingestanden, daß Du Dich vor mir hier einschlichen hast. Weshalb, he?«
»Ich hab halt mit Dir sprechen wollt.«
»Unterm Bette?«
»Auch da, wanns Dir dort passen thut!«
»Hört Ihrs, Ihr Leute! Dieser Kerl hat sich in meine Wohnung eingeschlichen während meiner Abwesenheit und sich da unter das Bette gesteckt. In welcher Absicht hat er das gethan? Stehlen hat er wollen, der Lump! Er hat das ganze Unheil angerichtet. Er muß sofort ausgesucht werden, damit wir erfahren, was er gestohlen hat. Laßt ihn nicht entkommen!«
Um dieser letzteren Aufforderung den gehörigen Nachdruck zu geben, stellte er sich selbst an die Thür, damit der alte Sepp sich ja nicht entfernen könne. Dieser aber lachte laut auf und sagte:
»Was soll ich sein? Ein Spitzbub soll ich sein? Stohlen soll ich haben? Was wirds hier bei Dir zu stehlen geben? Höchstens ein Paar zerrissene Strümpfen, ein altwaschenes blaues Schnupftucherl für zehn Kreuzern und ein Paar Körbe voll Aschen und Ofenruß. Wer sich dadran bereichern wollt, der müßt grad so ein dummer Kerlen sein wie Du selberst bist!«
»Hört Ihr es, wie er mich noch dazu beleidigt!« rief der Hausmeister. »Nazi, jetzt läufst Du so schnell wie möglich hinunter in die Stadt und holst die Polizei herbei! Er muß arretirt werden.«
Diese letzten Worte galten dem Pferdejungen, welcher sich mit unter den herbeigeeilten Neugierigen befand. Er gehorchte dem Befehle des Hausmeisters, welcher ja sein Vorgesetzter war, und eilte schnell davon.
»Jetzt springt er nach dera Polizeien!« lachte Sepp. »Na, das wird eine gar schöne Geschichten werden, wanns mich nachhero verarretiren. Da werd ich ein paar Jahren brummen dürfen bei Wasser und Brod, weil ich hier einibrochen bin und beim Diebstahl derwischt worden.«
»Lach nur!« antwortete der Hausmeister. »Später wird Dir die Lustigkeit schon vergehen. Ich bin vollkommen überzeugt, daß Du hier gestohlen hast und daß Du sogar mit dem gestrigen Spitzbuben verbündet bist.«
»So! Mit dem Herrn Hermann Arthur Willibold Keilberg? Das ist sehr gut! Das kann mich gefreun, daßt so ein gar kluger und gescheidter Criminalisten bist. Wann es so fort geht, werd ich bald gar noch ein berühmter Räuberhauptmann sein.«
»Das ist Alles möglich. Als Stromer und Landstreicher bist Du ja bereits bekannt.«
Da aber machte der Sepp ein sehr ernsthaftes Gesicht, trat einen Schritt auf ihn zu und sagte.
»Hör mal, Hausmeistern, mich zu verschimpfiren, ohne daßt auch dazu die Beweisen hast, das duld ich nicht. Wannst noch so ein Wörtle sagst, da lang ich Dir eine Ohrfeigen ins Gesicht, daßt denken sollst, Du hast drei Schock Igel verschluckt! Wann Einer selberst ein Spitzbub ist, so soll er sich wohl hüten, einen ehrlichen Kerlen zu beleidigen.«
»So! Wer ist denn ein Spitzbube? Etwa ich?«
»Ja, Du!«
»Ah! Kannst Du das beweisen?«
»Sehr leicht und sehr gut. Ich brauch dazu nur den Mund aufzumachen.«
»Nun, so thue es doch!«
»Jetzund fallt mir das gar nicht ein. Alles hat seine Zeit. Wart nur, bis die Polizeien kommt. Der werd ich den Verweis geben, aberst nicht Dir. Dann wird es sich auch finden, wer von uns Beiden Derjenige ist, welcher verarretirt werden muß.«
»Du wirst es sein. Du und kein Anderer. Ueberhaupt habe ich mit Dir nicht Brüderschaft gemacht. Ich verbitte mir also das Du! Verstanden!«
»So, das verbittest Dir also! Aber mich willst doch Du nennen? Schau, das gefallt mir gar sehr von Dir. Dera Mensch muß stolz sein auf Das, was er ist. Aber kannst mir vielleichten sagen, auf wast stolz sein willst?«
»Ich bin Hausmeister.«
»Hausmeister! Das ist freilich was gar sehr Großes. Ich werd Dich wohl beinahe Excellenzen nennen sollen. Hier in Deiner Kammer siehts auch ganz genau so aus wie bei einer Excellenzen. Da möcht man schon gar gleich die Pestillenz bekommen. Wanns nur die Leutln, welche da stehen, wüßten, wie das Alles zugangen ist. Es ist gar fein gewest. Ich werds ihnen verzählen.«
»Nichts hast Du zu erzählen! Das Maul hast Du zu halten! Du bist jetzt mein Gefangener und hast zu schweigen.«
»Ach so! Dein Gefangener bin ich! Nun möcht ich nur wissen, inwiefern. Wann ich nicht freiwillig hier bleiben will, so gehe ich fort, und ich will Denjenigen sehen, der mich festhalten wollt.«
»Ich, ich halte Dich!«
Er nahm eine drohende Stellung an. Der alte Sepp aber trat furchtlos auf ihn zu und sagte:
»Wirst Du mir gleich Platz machen, Du Leimpinsel Du, oder soll ich Dir da den Ofen um den Kopf schlagen, daßt denkst, es giebt ein Erdbeben in den Wolken! Kannsts sogleich bekommen.«
Er ergriff den kleinen, eisernen Windofen, welcher noch immer auf dem zusammengebrochenen Bette lag, hob ihn mit beiden Händen empor und that so, als ob er ihn dem Hausmeister an den Kopf werfen wolle. Der Genannte aber duckte sich sofort ängstlich nieder und huschte zur Seite, um nicht getroffen zu werden.
»Da sieht man den Muth!« höhnte der Sepp. »Kaum sagt man ein Wort, so verkriecht er sich. Und Dem sein Gefangener soll ich sein! Ich werd gleich mal außi spazieren. Paßt auf, Leutln, ob er mich festhalten mag!«
Er warf den Ofen in die Ecke, daß es krachte, und ging zur Thür hinaus.
»Haltet ihn doch auf!« schrie der Hausmeister.
Aber je lauter er schrie, desto weniger getraute er sich doch selbst an den alten, kampfeslustigen Mann. Und auch die Andern waren zur Seite getreten, um dem Sepp Platz zu machen.
Dieser blieb draußen stehen, lachte lustig auf und sagte:
»So, da habt Ihrs, was dera Kerl für ein gar großer Held ist. Aberst Ihr braucht halt gar keine Sorg zu haben. Ich thu Euch und ihm nicht ausreißen. Jetzund werd ich meinen Hut, meinen Stock und gar auch noch den Schnappsack hier im Stich lassen, um zu fliehen, wo mir doch kein Mensch was anhaben kann. Das fallt mir schon gar nicht ein. Aber reine machen muß ich mir den Sack und mich auch. Ich werd ihn ausschütteln und hernacherst in die Küchen gehen, um mir den Ruß und die Asch aus dem Gesicht zu waschen.«
Er holte sich die drei genannten Gegenstände und ging vor das Portal, um den Sack, den Hut und seine alte Lodenjacke auszuschütteln. Sodann begab er sich nach der Küche, indessen die Andern sich das Begebniß von dem Hansmeister erzählen ließen.
Er that dies natürlich nach seiner Weise, so daß er nicht blamirt war. Mit der Wahrheit wurde es dabei natürlich ganz und gar nicht genau genommen.
Der Sepp hatte die Küche leer gefunden. Er goß sich Wasser in ein Waschbecken, suchte sich ein Stück Seife und begann sodann, sich das Gesicht gehörig abzurumpeln.
Er war noch bei dieser Beschäftigung, als die dicke Köchin zurückkam. Sic hatte sich in ihrer Kammer von den Spuren des Schiffbruches gereinigt. Als sie den Sepp erblickte, fuhr sie zornig auf ihn zu und schrie ihn an:
»Was machst Du denn da! Gehörst Du etwa hierher in die Küche!«
»Und gehörst Du etwa in die Schlafstuben des Hausmeisters?« antwortete er ihr. »Ein Jeder geht mal dorthin, wo er nicht hin gehört. Darum kannst mich hier lassen. Ich will mir nur den Ruß ein Wengerl herabwaschen.«
»Das kannst Du auch wo anders thun. In der Küche ist mein Platz, aber nicht der Deinige. Hinaus mit Dir!«
In ihrem Zorne wagte sie es, ihn am Arme anzufassen. Da aber kam sie an den Richtigen. Er ergriff das Waschbecken, und schleuderte ihr das ganze in demselben befindliche Wasser ins Gesicht.
Sie schrie und kreischte laut auf.
»Herrjesies!« rief er in sehr gut gespielter Bestürzung. »Was ist denn das? Hier hats wahrhaftig einen ganz richtigen Wolkenbruch geben. Reiß aus, Dicke, sonst kommt gleich noch einer!«
Er ergriff eine volle Wasserkanne und schwenkte sie gegen die Köchin. Diese aber wartete den zweiten Guß nicht ab, sondern fuhr wie aus einer Pistole geschossen zur Thür hinaus.
Draußen rannte sie an den Kammerdiener. Man hatte ihren Schrei gehört, und Alle kamen herbei geeilt, um nach der Ursache desselben zu sehen. Da sie mit aller Gewalt an den Kammerdiener stieß, so wurde dieser gegen die Zofe geschleudert. Diese rannte rückwärts an den Hausmeister, welchen sie umriß. Beide fuhren dabei an den Lakai. Dieser machte einen gewaltigen Satz zur Seite und sprang an den Stallburschen, welcher soeben mit zwei Polizisten kam und sehr schnell die Freitreppe heraufgesprungen war. So rannte Eines das Andere über den Haufen. Alle schrieen und zeterten, fluchten und kreischten so laut wie möglich. Und der Sepp stand unter der Küchenthür, mit der Wasserkanne in der Hand, triefenden Haares und das Gesicht noch vom Waschen her voller Seifenschaum und lachte, wie er in seinem ganzen Leben noch nicht gelacht hatte.
Die Polizisten wußten nicht, woran sie waren. Sie eilten die Stufen herauf, und Einer fragte:
»Um Gotteswillen, was ist denn hier los? Was geht hier vor?«
»Kegelschieben giebts hier,« antwortete Sepp. »Da liegen sie halt, alle Neun. Dera Herr Hausmeister Excellenzen als König mitten unter ihnen.«
»Wer hat das angerichtet?«
»Die dicke Muschel da, welche am meisten schreit. Sie hat Alle über den Haufen rannt. O Jerum Je, ist das ein Gaudium und eine Passion! Ich könnt vor Vergnügen und Pläsir gleich Seiltänzer werden. Steht doch aufi, Ihr Hallodrians! Was sollen denn die Herren Schandarmen von Euch denken. In einer solchen Stellung darf man sich doch nicht von dera Polizeien sehen lassen!«
Jetzt wickelte sich der Knäuel auseinander. Der Hausmeister und die Köchin konnten sich vor Zorn nicht beherrschen. Die Andern nahmen die Sache von der lustigen Seite und lachten mit.
»Gut, daß Sie kommen!« rief der Erstere. »Dem Kerl muß das Handwerk gründlich gelegt werden!«
»Welchem Kerl?« fragte der Polizist.
»Dem da,« antwortete er, auf den Sepp zeigend. Wegen ihm habe ich Sie holen lassen.«
»Das sagte Ihr Stallbursche. Aber das ist ja der Wurzelsepp. Was soll der denn gethan haben?«
»Gestohlen hat er!«
»Was? Gestohlen? Der? Das glaube ich auf keinen Fall.«
»Und doch! Eingebrochen ist er bei mir.«
»So! Ist das wahr, Sepp?«
»Nein, ist es eine Lügen,« antwortete der Alte. »Einbrochen soll ich sein? Nein, sondern er selbst ist einbrochen mit dera Dicken hier, im Bett, daß Alles kracht hat und zerbrochen ist. Er ists gewest, nicht ich.«
»Hallunke! Willst Du Dich etwa noch über uns lustig machen!« schrie der Hausmeister.
»Jetzund ist die Polizeien da. Da hat er Muth bekommen. Aberst ich werd ihm dennoch den Ofen ins Gesicht werfen, wann er mich nochmal einen Hallunken nennt. Das brauch ich mir nicht von ihm gefallen zu lassen.«
»Bitte, Sepp,« meinte der Polizist in begütigendem Tone. »Mit Oefens wollen wir doch nicht hier herumwerfen. Also, Herr Hausmeister, sagen Sie zunächst, was hier geschehen ist.«
»Das sollen Sie gleich erfahren. Kommen Sie nur mit nach meiner Loge. Da werden Sie Ihr blaues Wunder sehen.«
»Na, blau ists nicht, sondern schwarz vom Ruß und grau von dera Aschen,« fiel der Sepp ein. »Ja, gehens nur mit. Die Erklärung wird dann folgen. Was dera Eine nicht weiß, das weiß dera Andere.«
Sie gingen nach der Hausmeisterloge hinüber. Die Köchin wollte aus naheliegenden Gründen sich unsichtbar machen; aber der Sepp ergriff sie beim Kleide und sagte:
»Halt, Muschel! Du gehst auch mit. Grad Deine Aussag ist von großer Wichtigkeit dabei.«
Er zog sie mit sich fort, und als sie sich losreißen wollte, faßte er sie von hinten und schob sie kräftig vor sich her.
Die Polizisten wunderten sich nicht wenig, als sie die Zerstörung bemerkten, welche im Schlafzimmer vor sich gegangen war. Der Eine von ihnen, welcher das Wort führte, sagte kopfschüttelnd:
»Das sieht ja grad so aus, als ob hier ein Erdbeben stattgefunden hätte. Wie ist denn das geschehen?«
»Ja, gebebt hat es,« meinte der Sepp. »Dera Herr excellenzige Hausmeistern wird es Ihnen verzählen.«
»Schön! Also sprechen Sie!«
Diese Aufforderung erging an den Hausmeister, und dieser kam ihr folgendermaßen nach:
»Ich war draußen im Garten, um nach den Blumen zu sehen. Das gnädige Fräulein ist verreist, und ich wollte dafür sorgen, daß sie einen Strauß erhält, wenn sie heute Abend zurückkehrt. Sie liebt das sehr. Als ich wieder herein kam, traf ich die Köchin, und da ich in Beziehung auf ein Küchenarrangement mit ihr zu sprechen hatte, so forderte ich sie auf, mit in meine Loge zu kommen. Ich hatte ein Papier da aus dieser Stube zu holen. Sie trat mit herein. Da bemerkten wir, daß ein Kerl sich unter das Bett versteckt hatte. Ich befahl ihm, heraus zu kommen, und da er nicht gehorchte, zog ich ihn mit Gewalt hervor. Dabei entstand, da er sich aus Leibeskräften wehrte, ein sehr ernsthaftes Ringen. Der Kerl warf mir sogar den Ofen um. Ich bewältigte ihn schließlich, indem es mir gelang, ihn auf das Bett zu werfen. Dabei riß er aber mich und auch die Köchin, welche vor Schreck ganz starr war, so daß sie das Fliehen vergaß, mit sich nieder. Das Bett war alt. Es konnte der Last nicht widerstehen und brach zusammen. Dabei entstand natürlich ein Lärm, welcher fast alle Bewohner des Schlosses herbei rief.«
»So! Und wer war denn dieser Kerl?«
»Hier, der sogenannte Wurzelsepp.«
»Was! Wirklich?«
»Ja. Er kann es gar nicht leugnen. Sämmtliche Leute haben ihn hier mit erwischt.«
»Sepp ist das wahr?«
»Ja,« nickte der Alte sehr ernsthaft. »Derwischt bin ich worden.«
»Du hast wirklich unter dem Bette gesteckt?«
»Ja. Schöner freilich wärs gewest, wann das Bett unter mir gelegen hätte.«
»So hast Du Dich hier eingeschlichen?«
»Ja, ganz heimlich.«
»Sepp, Sepp! Wer hätte Dir so Etwas zugetraut! Du bist doch allüberall als ein höchst grundehrlicher Kerl bekannt.«
»Ja, fast hätt ichs mir selber auch nicht zugetraut. Da habens schon Recht.«
»Weshalb hast Du Dich denn eigentlich hier hereingeschlichen?«
»Natürlich nur, um zu stehlen!« fiel der Hausmeister ein.
»Das kann ich nicht glauben,« meinte der Polizeibeamte.
»Ich bitte sie, ihn auszusuchen!«
»Das ist nicht nöthig!« sagte der Alte. »Ich gestehe die Wahrheit ganz freiwillig.«
»Nun, also, wenn das ist, Sepp, so sage uns, was Du hier beabsichtigt hast!«
»Dera Excellenzen Herr Hausmeistern hat ganz Recht. Mausen hab ich wollt.«
»Donnerwetter, Sepp, ich werde ganz an Dir irre!«
»Ich auch selberst.«
»Was hast Du denn stehlen wollen?«
»Das sag ich freilich nicht.«
»So muß ich Dich aussuchen.«
»Das laß ich mir nicht gefallen.«
»Willst Du Dich etwa wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt bestrafen lassen?«
»Nein, bestrafen lasse ich mich nicht. Da wehre ich mich meiner Haut.«
»Mann, Du wirst mir wirklich ganz und gar unbegreiflich. Du hast versucht, zu stehlen! Wer hätte das gedacht!«
»Versucht? O nein. Ich habs nicht blos versucht, sondern ich habs auch wirklich than.«
»Was! Es ist nicht nur beim Versuch geblieben? Du hast die That auch wirklich ausgeführt?«
»Ja.«
»Und Dich dabei ergreifen lassen!«
»Es ging halt nicht anderst. Eben als ich fertig war, da kam dera Excellenzen hier mit dera dicken Muschel, und ich hatt grad noch Zeit, unters Bett zu kriechen.«
»Und was hast Du denn gestohlen?«
»Ich habs bereits sagt, daß ich das jetzunder noch nicht sagen werd.«
»So muß ich Dich arretiren.«
»Das duld ich nicht.«
»Im Gefängnisse wird man Dich aussuchen und das Object des Diebstahls, das Corpus delicti bei Dir finden.«
»Ich hab kein Object und auch keinen Korbus infecti. Ich zeig nix her und laß mich auch nicht verarretiren.«
»So wenden wir Gewalt an. Wir fesseln Dich, und Deine Strafe wird wegen Deines Widerstandes eine härtere.«
»Ich laß mich aberst nicht fesseln und leiste auch keinen Widerstand.«
»Der Polizist sah dem Alten ganz erstaunt in das Gesicht. Er sagte: –
»Sepp, Du weißt doch jedenfalls gar nicht, was Du sprichst?«
»O, ich weiß es ganz genau.«
»Du willst keinen Widerstand leisten und Dich auch nicht fesseln lassen. Das ist doch der offenbare Widerspruch.«
»Nein, es ist kein Widerspruch. Kommens doch mal mitnander her zum Fenstera. Da will ich Ihnen mal was zeigen, was die Andern nicht zu sehen brauchen!«
Er trat zum Fenster, und die Polizisten folgten ihm. Er stellte sich so, daß nur sie sehen konnten, was er that. Er zog einen runden, blinkenden Gegenstand aus der Westentasche und zeigte ihnen denselben.
Beide machten ganz erstaunte Gesichter. Der Eine flüsterte ihm zu:
»Sepp, ists möglich? Eine Legitimationsmedaille. Bist Du Geheimpolizist?«
»Auch!«
»Oder bist Du durch Zufall zu dieser Marke gekommen? Hast Du sie vielleicht irgendwo gefunden?«
»Fallt mir nicht eini! Da hätt ich sie doch abgeben mußt.«
»Aber weißt Du, wir sind nicht gehalten, es Dir zu glauben.«
»Das weiß ich freilich gar wohl. Es ist mir auch bereits passirt, daß man es mir nicht hat glauben wollt. Aberst da hab ich noch was ganz Anderes als Legitimation!«
Er zog seine alte Brieftasche hervor und gab ein zusammengebrochenes Document hin, welches die kurzen Worte enthielt:
»Inhaber dieses, der Handelsmann Josef Brendel, genannt der Wurzelsepp, befindet sich rechtmäßiger Weise im Besitze der von ihm gelegentlich vorgezeigten Detective-Medaille, und find alle Behörden des In- und Auslandes hiermit, gebeten, ihm in seinen amtlichen Bemühungen den gewünschten Vorschub zu leisten.«
Unter diesen Zeilen folgte das Datum und die Unterschrift nebst Stempel einer so hohen Behörde, daß die beiden Polizisten Augen machten, wie sie solche wohl nur äußerst selten gezeigt hatten.
»Nun?« lachte der Sepp. »Glaubt Ihr es mir jetzunder?«
»Ja, nun sind wir freilich in völligster Gewißheit.«
»Schauts, daß ich keine Angst zu haben braucht hab! Wollt Ihr mich auch jetzt noch verarretiren?«
»Nein. Davon kann keine Rede mehr sein.«
»Oder mich fesseln?«
»Vollends gar nicht.«
»Nun, so werdet Ihr mich wenigstens doch durchsuchen wollen?«
»Das ist uns auch verboten.«
»Nun, weil Ihr jetzunder einen so großen Verstand zeigen thut, so will auch ich Euch eine Gefälligkeiten derweisen. Ihr seid halt kommen, um Einen zu verarretiren. Mich bekommt Ihr nicht; aberst damit Ihr Euch den Weg nicht umsonst macht habt, so sollt Ihr einen Andern ins Gefängniß schaffen. Nehmt Euch also Den da mit!«
Er zeigte auf den Hausmeister. Der letzte Theil der Unterhaltung war wieder laut geführt worden, so daß die Andern Alles gehört hatten.
Der Hausmeister stieß einen Ruf des Zornes aus und sagte:
»Was? Ich soll arretirt werden? Ich, der ich jedenfalls der Bestohlene bin!«
»Ja, Du!« antwortete der Sepp. »Du bist dera Bestohlene aberst auch dera Spitzbub.«
»Beweise das, Kerl!«
»Höre, wannst mich noch einmal einen Kerlen nennst, so streichle ich Dir die Backen, daßt denken sollst. Du bist zwischen ein paar Windmühlenflügel gerathen. Du hast gemaust, so lange Du lebst. Und erst heut wieder hast stohlen.«
»Was denn, he?«
»Das wird sich finden. Aberst Du bist nicht nur ein Dieb, sondern ein Fälscher und ein Mörder.«
»Himmeldonnerwetter! Wer kann so eine Schlechtigkeit behaupten?«
»Ich, dera Wurzelsepp.«
»Beweise es.«
»Nun, hast etwa nicht die Handschrift des Herrn von Sandau nachgemacht?«
Der Hausmeister erschrak so, daß er für den Augenblick keine Antwort fand. Der Sepp fuhr fort:
»Hast nicht auch das Testament gefälscht und das richtige dera alten Tante stohlen, he?«
Jetzt stieß der Angeschuldigte in erkünsteltem Zorne hervor:
»Alle Teufel! Ich glaube, Du bist verrückt geworden!«
Aber der Sepp blieb unbeirrt. Er fragte weiter:
»Hast nicht auch die Loose gefälscht, so daß dera Herr von Schöne sich hat wegen des amerikanischen Duelles tödten müssen?«
»Ich weiß kein Wort davon!«
»So! Und hast nicht auch mit dem Beile die Stufen halb weggehauen, so daß dera Herr von Selbmann vom Fels herabstürzt ist in den Abgrund?«
»Ich verstehe Dich ja gar nicht.«
»So! Da kennst wohl auch dieses Papier nicht, welches Du einen Revers nannt hast?«
Er zog das betreffende Schreiben des Barones hervor und zeigte es ihm, aber nur von Weitem. Der Hausmeister that einen schnellen Sprung vorwärts, um es ihm zu entreißen; aber der schlaue Alte war vorsichtig. Er wich zurück und gab ihm mit der freien Hand einen Stoß, daß er an die Wand taumelte.
»Nun, was sagst jetzt dazu?« fragte er.
»Daß Du ein Dieb bist. Du hast mir dieses Papier gestohlen!«
»Ja, ich habs stohlen, und zwar aus dem Bonapartenhut. Willsts wieder haben?«
»Ja. Ich muß es wieder bekommen, und zwar augenblicklich. Es ist mein Eigenthum!«
»Jetzunder ists das meinige Eigenthum, mein lieber Excellenz! Da mag dera Richter mal hineini blicken, um zu sehen, wast für ein sauberer Patron bist.«
»Wer soll es sehen? Der Richter? Niemand darf es sehen. Es ist mein Privateigenthum. Also her damit!«
Er trat wieder auf Sepp zu und streckte die Hand aus, um es ihm zu entreißen. Der Alte aber steckte es schnell in die Tasche und sagte :
»Weißt, so ein Eigenthum kann zuweilen dem Besitzer gefährlich werden. Du wolltest den Baron damit in Schaden bringen. Nun aber richtet sich das Messer, welches Du bereits scharf schliffen hattest, gegen Dich selberst.«
»Wer sagt, daß ich ihn habe in Schaden bringen wollen?«
»Ich sag es, und was ich sag, das weiß ich auch.«
»Das ist eine Lüge!«
»Hör mal, wannst von Lügen redest, so fang nur bei Dir selberst an! Du bists, der die Unwahrheit sagt hat. Deine ganze Verzählung vorhin war falsch. Du hast denen Herren Polizisten vorhin eine ganze Reihe von Lügen hersagt.«
»Oho! Ich habe die Wahrheit gesprochen.«
»So! Bist also wirklich im Garten gewest, um Blumen zu holen?«
»Ja.«
»Wo hast sie denn? Zeigs doch mal her!«
Der Gefragte schwieg: darum fuhr der alte Sepp fort:
»Und woher willst denn wissen, daß das gnädige Fräulein heut Abend wieder zurückkommt?«
»Sie selbst hat es gesagt.«
»Ach so! Sie kann aberst doch gar nicht wieder da sein heut Abend, da sie erst ganz spät am Nachmittage hinkommt. Das weiß sie ganz genau. Du hast also Lügen macht. Und auch daß ist nicht wahr, daßt die dicke Köchin troffen haben willst, als Du aus dem Garten zurückkommen bist.«
»O ja! Das ist wahr!«
»So! Hast sie nicht bereits draußen im Garten troffen?«
»Nein.«
»Hast nicht mit ihr in dera Lauben sessen und sie schmatzt und umärmelt?«
»Nein.«
»Auch nicht mit nander gessen habt Ihr draußen im Garten?«
»Ist uns nicht eingefallen.«
Der Hausmeister konnte trotz dieser Versicherung seine Verlegenheit nicht verbergen.
»Und auch nicht Schampagner habt Ihr da trunken?«
»Nein.«
»Vier volle Flaschen?«
»Wo sollen wir den Champagner her haben?«
»Gemaust hast ihn aus dem Keller!«
»Ich kann ja gar nicht in den Keller!«
»Hasts aber doch dera Köchin sagt, daßt ihn stohlen hast und daßt den Schlüssel wegsteckt hast!«
»Das ist eine Lüge!«
»So! Werden gleich mal sehen.«
Und sich an die Köchin wendend, sagte er in strengstem Tone:
»Höre, als Ihr in dera Lauben sessen habt und von Eurer Hochzeit sprochen, hab ich hinter derselbigen im Grase sessen und Alles sehen und hört, was Ihr macht habt. Wannst Lügen machst, so laß ich Dich sofort verarretiren. Wannsts aber einstehest, so kannst noch gut wegkommen. Also sag, habt Ihr Schampagner trunken?«
»Nein.«
»Gut! So wirst mit einisteckt, und da könnt Ihr Eure Hochzeit im Gefängniß halten. Du bist selberst schuld daran. Und nun sag mal, Herr Hausmeister Excellenzen, was Ihr da draußen mit nander sprochen habt? Ists nicht von dem Revers gewest, den ich einistecken Hab?«
»Nein.«
»Und von dem, was früher geschehen ist? Daßt gar so schöne Schriften nachmalen kannst?«
»Auch nicht.«
»Nun, wannst jetzt nichts sagst, so wollen wir Dich später schon zum Geständniß bringen. Vorhin hast mich visitiren lassen wollt. Jetzt nun laß ich Dich aussuchen. Die Herren Polizisten mögen mal in Deine Taschen greifen, ob darinnen dera Kellerschlüssel steckt.«
Der Hausmeister wollte sich das nicht gefallen lassen; aber er wurde gezwungen. Er hatte den Schlüssel einstecken. Dann wurde in der Laube nachgesucht. Die vier leeren Weinflaschen standen noch draußen unter der Bank. Er konnte nicht mehr leugnen.
»So, jetzt werdet Ihr verarretirt,« sagte der Sepp.
»Oho!« rief der Weindieb. »Hast Du etwa darüber zu bestimmen?«
»Jawohl!«
»Ich habe Champagner getrunken, ja; aber er gehörte mir!«
»Das wirst im Gericht nachweisen müssen. Vielleicht bekommst dort auch die zwanzigtausend Gulden, welche Deine dicke Braut zur Hochzeit haben wollt. Sie will die Madame spielen, weil sie den schönen Namen und auch die Gestalt dazu hat. Ja! Aberst das Geschick fehlt ihr dazu. Sie weiß ja nicht mal, was es zu bedeuten hat, wann ein Nieserich unter ihrem Bette losgelassen wird. Schafft die Beiden fort!«
Diese Aufforderung war an die Polizisten gerichtet, welche dann auch wenig Federlesens machten und die Brautleute bedeuteten, ihnen sofort zu folgen.
Beide erkannten nun, daß ihr eigener Spieß gegen sie selbst gerichtet worden war. Die Köchin begann zu heulen und machte dem Hausmeister die bittersten Vorwürfe.
»Das hab ich davon, daß ich Dir getraut habe!« sagte sie. »Jetzt soll ich Deinetwegen arretirt werden. Du wärst ein Mann für mich! Ich sage mich von Dir los!«
Er starrte finster vor sich hin und richtete sich dann an die Polizisten:
»Ich verlange, ehe ich mitgehe, das Papier heraus, welches der Sepp mir gestohlen hat.«
»Stohlen ists nicht worden, sondern nur confiscirt,« antwortete ihm der Sepp. »Du wirst später schon wieder zu sehen bekommen.«
»Es kann mir nichts schaden. Die Sache ist längst verjährt!«
»Das mag untersucht werden.«
»Aber ich brauche mich wegen einer verjährten Angelegenheit nicht arretiren zu lassen!«
»Der Champagner ist noch nicht verjährt. Wegen dem werdet Ihr einisteckt, und das Uebrige wird sich finden. Also schafft diese Beiden fort. Ich werde selberst auf das Gericht kommen und sagen, was ich zu sagen habe. Einstweilen werden sie wegen des gestohlenen Weines gefangen gehalten.«
Die Beiden mochten sich sträuben, wie sie wollten, sie wurden abgeführt. Sie fanden kein Mitleid bei der übrigen Dienerschaft. Besonders der Hausmeister hatte sich keiner Beliebtheit zu erfreuen gehabt.
Der alte Sepp war durch dieses Vorkommniß plötzlich sehr in der Achtung der Leute gestiegen. Er benutzte dies, indem er sie in strengem Tone bedeutete:
»Jetzund nun ist keine Herrschaft da, und Ihr seid allein. Morgen wird wohl die gnädige Baronessen zurückkehren. Sorgt dafür, daß bis dahin Alles in guter Ordnung bleibt, sonst drehe ich Euch Allen die Hälse um, Ihr Himmelsakkermenter!«
Er stülpte den Hut auf, warf den Rucksack über, ergriff den Stock und ging. Sie lachten ihm ein freundliches Lebewohl zu, denn sie wußten recht gut, daß seine Drohung nicht so gemeint sei, wie sie geklungen hatte.
Sepp wußte recht gut, was er zu thun hatte. Er ging direct vom Schlosse weg zu dem Advocaten des Städtchens, welcher zugleich Notar war. Dort wurde er bedeutet, daß jetzt noch keine Sprechstunde sei.
»Geht mich nix an!« sagte er. »Ich komm nicht in die Sprechstunde, sondern zum Herrn Advocaten.«
»Der ist noch in seiner Privatwohnung.«
»So! Wo ist denn die?«
»Drüben im andern Zimmer.«
»Na, das ist doch nicht in Amerika! Da kann man ja nübergehen.«
Er wollte fort; aber der Expedient, welcher ihn nicht kannte und in Folge seiner Kleidung für einen halben Lumpen hielt, faßte ihn am Arme und sagte:
»Halt, mein Guter! So schnell geht das nicht. Wer mit dem Herrn Notar sprechen will, der muß angemeldet werden.«
»Das weiß ich auch, und darum will ich mich gleich selberst anmelden.«
»Ists denn gar so nothwendig?«
»Sehr.«
»Sie sehen mir aber gar nicht so aus, als ob es sich um etwas so Wichtiges handle!«
»Ja, und Du schaust auch nicht darnach aus, als ob man mit Dir was Wichtiges bereden könnt. Jetzt gehst also gleich hinüber zum Herrn Notar und sagst demselbigen, daß dera Wurzelsepp da sei, um mit ihm zu sprechen. Sag aber auch, daß ich keine Zeit Hab. Und nun lauf schnell, sonst mach ich Dir Dampf in die Beine, daßt pfeifst und puffst wie eine Locomotiven!«
Das war in einem solchen Tone gesprochen, daß der Expedient sich wirklich beeilte. Er ging zu seinem Prinzipale, welcher eben beim Kaffee saß und meldete:
»Herr Notar, es ist ein Kerl drüben, welcher sich nicht fortweisen läßt. Er sieht wie ein Vagabund aus und sagt, er habe ganz nothwendig mit Ihnen zu sprechen.«
»Wie nennt er sich?«
»Wurzelsepp.«
»Du, der ist kein Vagabund. Für den bin ich zu jeder Zeit, sogar des Nachts zu sprechen. Schicke ihn herüber; ich bin hier allein.«
Jetzt betrachtete der Mann sich den Alten mit ganz andern Augen. Er sagte ihm, daß der Herr ihn erwarte. Als der Sepp dort eintrat, zeigte der Advocat auf einen Stuhl und sagte: »Setze Dich, Sepp! Was bringst Du?«
»Fast hab ich zum Setzen keine Zeit. Ich muß schnell verreisen. Ziehens sich also schleunigst an, Herr Advocaten, denn Sie müssen halt mit.«
»Wohin?«
»Nach Wien.«
»Bist Du des Teufels!«
»Nein, sondern aber Eile hab ich. In drei Viertelstunden geht dera Zug ab.«
»Ich habe aber keine Zeit. Ich bin ungeheuer beschäftigt!«
»Ich auch. Darum passen wir zusammen. Lassen Sie hier Alles liegen. Sie sollen mit nach Wien um als Notar ein Geständniß eines Mörders aufzunehmen, damit es vor Gericht seine Giltigkeit habe.«
»Redest Du im Ernste?«
»Freilich.«
»Kannst Du Dich denn nicht an einen dortigen Notar wenden.«
»Ja, aberst das möcht ich nicht gern, weil es sich um die gnädige Baronesse handelt. Ihr Vater ist nämlich der Mörder.«
Da sprang der Advocat vom Stuhle auf und blickte ihm ungläubig ins Gesicht.
»Ja ja!« nickte Sepp. »Sie ist vorhin fort, um ihm die Strafpredigt zu halten, und ich muß aber auch dabei sein. Darum muß ich gleich mit dem nächsten Zuge fort. Die Baronessen hats sich nicht überlegt, daß sie mit ihrem Zuge erst nach Prag muß, und nachhero geht er über Brünn nach Wien. Der nächste Zug aber geht über Pilsen direct nach Wien, und so werden wir noch eher dort sein als sie.«
»Aber, Sepp, ich begreife das nicht. Willst Du mir denn nicht erst die nöthigen Mittheilungen machen?«
»Dazu hab ich halt jetzt keine Zeit, oder vielmehr Sie haben keine. Ziehens sich nur rasch an, damit wir den Zug nicht versäumen. Ich lauf indessen nach dem Bahnhofen und lös die Billeten.«
»Gut! Aber zweiter Classe!«
»Weil ich keinen Frack anhab? Nein, ich nehm erster Classe. Wann ich mit so einem Herrn fahr, wie Sie sind, so laß ich schon gern ein Geldl springen.«
»Weißt Du, wann wir zurückkehren werden? Ich muß mich darnach einrichten.«
»Schon morgen, wie ich hoffe. Nehmens aber Ihren Notariatsstempel mit und was Alles zu einem Protocollen gehört, damit nix versäumt wird. Unterwegs werd ich Ihnen so viel derzählen, daß Sie wissen, um was es sich handelt.«
Er ging fort, um die Billets zu besorgen. Der Rechtsanwalt traf zur rechten Zeit ein, und nun dampften sie ab nach Wien. Der Sepp hatte durch ein gutes Trinkgeld an den Schaffner dafür gesorgt, daß sie das Coupee allein behielten und also ungestört mit einander verhandeln konnten.
Der Notar erstaunte nicht wenig über das, was er hörte. Als der Sepp mit seinem Berichte zu Ende war, fragte er:
»So! Nun wissens halt Alles, was Sie wissen müssen. Was sagens dazu?«
»Zunächst muß ich sagen, daß ich Dir sehr dankbar bin, daß Du Dich in dieser Angelegenheit an mich gewendet hast. Sie wird mir voraussichtlich von großem Nutzen sein.«
»Das hab ich wußt. Warum sollt ich zu einem Andern gehen? Ich weiß nicht mal, ob ich in Wien Zeit hab, einen Notar zu suchen und zu unterrichten. Und mit Ihnen hab ich bereits zu viel zu thun habt und kenne Sie so genau, daß es am Besten war, mich an Sie zu wenden. Nun sagens aberst auch, was Sie rathen!«
»Hm! Ehe ich einen Rath ertheilen kann, muß ich erst wissen, was die Baronesse eigentlich beabsichtigt.«
»Ja, das weiß ich auch nicht genau. Ich hab mit ihr nicht sprechen konnt, bevor sie abreist ist.«
»Wenigstens müßte man wissen, wie sie über ihren Vater denkt.«
»Sie wird Gerechtigkeit von ihm verlangen.«
»Aber ihn doch schonen.«
»So weit es geht, ohne Andern zu schaden, ja. Meinens, daß dera Baron noch bestraft werden kann?«
»Nein, denn die Verjährung ist eingetreten.«
»Aberst in Haft kann er nommen werden?«
»Ja. Er kann so lange inhaftirt werden, bis die nöthigen Schritte gethan sind, die Unschuld jenes Herrn von Sandau zu beweisen. Dann freilich wird man ihn wieder entlassen müssen.«
»Und worin wird dieser Beweis bestehen?«
»Er wird criminaliter vorgenommen und verhört. Es wird ihm ein Geständniß abgezwungen.«
»Aber wann er nicht gesteht?«
»O, es sind ja zwei Zeugen da, der Hausmeister und jener Keilberg.«
»Vielleicht leugnet er dennoch.«
»So wird das Urtheil aus Indicien gefolgert. Wie die Sachen stehen, muß er unbedingt überführt werden.«
»Hm! Und sodann muß man ihn wieder frei lassen. Ich habe mir denkt, daß es viel besser sei, man nimmt ihn gar nicht gefangen und bringt ihn dazu, freiwillig ein Geständniß abzulegen.«
»Wie wolltest Du das anfangen?«
»Das wird dera Wurzelsepp schon fertig bringen. Da habens nur keine Angst. Sie haben nur dafür zu sorgen, daß Sie gleich da sind, um das Geständniß zu Protocoll zu nehmen und die Wahrheit desselben als Notar zu bescheinigen.«
»Es sollte mich aber wundern, wenn er sich zu einem Geständnisse bewegen ließe.«
»So! Warum?«
»Selbst wenn er nicht gerichtlich eingezogen wird, muß doch unbedingt Sandau's Unschuld klar gestellt und rehabilitirt werden. Das hat öffentlich zu geschehen. Dadurch aber wird der Baron moralisch und gesellschaftlich todt gemacht.«
»Das hat er verdient und außerdem noch viel mehr. Seine Tochter wird wohl sein Leben schonen wollen, sonst aberst wird sie in vollem Umfange ihre Pflicht thun, ohne darnach zu fragen, ob und daß er ihr Vater ist. Wann wir mit ihr zusammentreffen, werden wir ja hören, was sie beschlossen hat.«
Der alte Wurzelhändler hätte sich doch geirrt, als er gemeint hatte, daß die Baronesse über Prag und Brünn fahren werde. Es war gleich nach ihrer Ankunft in Prag ein Zug der Franz-Josefs-Bahn abgegangen, welchen sie benutzt hatte. Dieser Zug aber traf mit dem Pilsener in Gmund zusammen.
Sepp schaute ganz zufälliger Weise zum Fenster hinaus und sah sie mit der Frau Bürgermeisterin aussteigen. Sofort war er zum Coupee hinaus und eilte auf die Beiden zu.
»Suchens sich halt ein Coupee?« fragte er. »Ich hab bereits eins für Sie.«
»Sepp, Du!« sagte sie staunend. »Was thust Du hier in Gmund?«
»Ich wart auf Sie.«
»Weshalb?«
»Weil ich mit Ihnen zu Ihrem Vatern muß.«
»Du! Wieso?«
»Das werd ich Ihnen sagen. Kommens nur herein in den Wagen, sonst versäumens den Zug. Er geht gleich ab. Sie werden auch noch Einen finden, der mitfahren thut.«
Die beiden Frauen waren über die Anwesenheit des Advocaten ebenso erstaunt wie vorher über diejenige des Sepp. Als der Zug sich wieder in Bewegung gesetzt hatte, erzählte der Alte, was sich nach Milda's Abreise ereignet hatte, und nun erklärte die Letztere, daß sie ihren Vater nicht schonen könne und nicht schonen wolle. Das Einzige, was sie ihm gewähren könne, sei seine persönliche Freiheit.
Es wurde beschlossen, ohne lange Einleitungen zu handeln und sich vom Bahnhofe weg sogleich zu ihm zu begeben.
Gegen Abend kamen sie in Wien an. Sie nahmen einen Fiaker und fuhren nach der Wohnung des Barons. Die Leute, denen sie begegneten, machten erstaunte Gesichter, als sie den alten Sepp mit zwei seinen Damen und dem sehr anständig gekleideten Advocaten zusammensitzen sahen. Er bemerkte das mit großem Vergnügen. Den alten Hut im Nacken, den Rucksack auf dem Schooße und den Bergstock wie eine Kosakenlanze grad empor haltend, blickte er lustig die Begegnenden an und schnitt ihnen ironische Gesichter.
Als sie den Palast erreichten, zeigte sich der Portier nicht wenig erstaunt, als er das gnädige Fräulein erkannte.
»Ist mein Vater daheim?« fragte sie.
»Nein.«
»Wo ist er?«
»Ausgeritten.«
»So kehrt er bald zurück?«
»Ja. Vielleicht in einer halben Stunde.«
»Sie schweigen in jedem Falle über unsere Ankunft. Wir wollen ihn überraschen.«
Denselben Befehl ertheilte sie auch den übrigen dienstbaren Geistern. Dann ließ sie sich ihr Zimmer aufschließen, um dort die Rückkehr ihres Vaters zu erwarten. Sie benutzte die Zwischenzeit, das ihr von ihrer Mutter bezeichnete Gesang- und Gebetbuch zu holen und zu untersuchen. Das Testament wurde gefunden. Sie zeigte es dem Notar, ebenso auch den Brief, welchen ihre Mutter an sie noch vor ihrem Tode geschrieben hatte.
Zu derselben Zeit hörte man unten Pferdegetrappel.
»Bitte, gehen Sie schnell in das Nebenzimmer,« bat sie. »Mein Vater soll mich zunächst ganz allein treffen. Lehnen Sie aber die Thür nur an, damit Sie hören, was ich mit ihm verhandle.«
Die Drei entfernten sich. Milda stellte sich wartend an den Eingang. Als sie die sporenklirrenden Schritte des Barons, welcher vorübergehen wollte, hörte, machte sie die Thür auf.
Er prallte bei ihrem Anblicke förmlich zurück.
»Milda. Du hier!« rief er aus.
»Ja, ich hier!«
»Alle Teufel! Warum, wozu?«
»Bitte, einzutreten!«
Er kam herein. Sie machte hinter ihm die Thür zu und schob sogar den Riegel vor. Er bemerkte das.
»Was soll das? Warum riegelst Du uns ein?« fragte er.
»Weil ich nicht überrascht sein will. Wir haben höchst Wichtiges zu besprechen.«
»Ach so! Ich errathe.«
Ein triumphirendes Lächeln flog über sein Gesicht.
»Schwerlich!« antwortete Milda.
»O doch! Du hast doch eingesehen, daß es besser ist, Hand in Hand mit mir zu handeln, und bist gekommen, mir das zu sagen und mich um Verzeihung zu bitten. Freilich hast Du mich in der Weise beleidigt und Dich gegen den mir schuldigen Gehorsam vergangen, daß es mir jedenfalls große Mühe machen wird. Dir zu verzeihen.«
»Vielleicht finde ich diese Verzeihung nicht einmal.«
»Das ist sehr leicht möglich.«
Er setzte sich auf einen Stuhl, legte die Beine über einander, klopfte sich die Stiefel mit der Reitgerte und fuhr in leichtem Tone fort:
»Du hast nicht nur mich, sondern auch Andere beleidigt. Das verschlimmert das Uebel.«
»Wen soll ich beleidigt haben?«
»Asta natürlich, die doch Deine beste Freundin war, und den Sänger, die Du Beide ja geradezu aus Steinegg fortgejagt hast. Wenn ich Dir verzeihen soll, so verlange ich vor allen Dingen, daß Du diese Beiden um Entschuldigung bittest.«
»Das werde ich freilich nicht thun.«
Er blickte schnell auf zu ihr.
»Dann kann auch keine Rede davon sein, daß ich Dir verzeihe.«
»Wer sagt denn, daß ich gekommen bin, um Verzeihung zu suchen!«
Sie hatte sich nicht gesetzt. Sie lehnte am Tische, auf dessen Platte sie sich mit der Hand stützte. Erst jetzt blickte er ihr genauer und forschend in das Gesicht. Ja, das war freilich nicht die Miene einer Büßerin, die ihm da kalt, streng entgegenblickte. Es begann ihm einigermaßen unheimlich zu werden.
»Warum sollst Du denn sonst gekommen sein?« fragte er.
»Um einige Arrangements mit Ihnen zu treffen.«
Er stieß ein kurzes, ärgerliches Lachen aus.
»Ihnen, Ihnen! Mache Dich doch nicht lächerlich! Es ist doch die reine Hanswurstiade, den Vater Sie zu nennen.«
»Das ist richtig; aber ich erkenne Sie, wie ich Ihnen bereits sagte, nicht als meinen Vater an. Sie sind mein Erzeuger, aber nicht mein Vater. Sie sind mir fremder, als der fremdeste Mensch. Darum habe ich weder das Recht noch die Lust, Ihnen das trauliche Du zu ertheilen, welches nur zwischen Verwandten und Freunden am Platze ist.«
Er schielte sie von der Seite an, machte eine ungeduldige Achselbewegung und sagte:
»Ganz wie Du willst! Es kann mir nicht einfallen, mit Dir über Dummheiten zu rechten, welche sonst nur Kinder oder Idioten zu begehen pflegen. Also machen wir die Sache kurz. Weshalb bist Du nach Wien gekommen?«
»Zunächst in einer rein geschäftlichen Angelegenheit.«
»Ah, schön! Ich hoffe. Du hast eingesehen, daß ein Vater mehr Rechte auf das Vermögen seiner Tochter besitzt, als Du mir bisher eingeräumt hast.«
»Davon ist keine Rede. Ich wollte Sie vielmehr bitten, mir behilflich zu sein, mich mit einem sehr bedeutenden Gläubiger zu ordnen, den wir zu befriedigen haben.«
»Gläubiger? Wir?«
»Ja.«
»Giebt es keinen.«
»O doch!«
»Nein. Du sagst doch »wir«. Da giebt es keinen. Ich habe Gläubiger, das will ich ja gestehen; aber »wir« haben keinen einzigen.«
»Wir haben einen, einen einzigen. Und dessen Forderung ist so bedeutend, daß es uns unmöglich sein wird, ihn zu befriedigen.«
»Was fällt Dir ein!«
»Von einem Einfalle ist keine Rede.«
»Einen solchen Gläubiger müßte ich doch unbedingt auch kennen.«
»Natürlich kennen Sie ihn.«
»Wer soll es denn sein?«
»Die Familie von Sandau.«
Er machte eine Bewegung, von seinem Stuhle aufzuspringen, beherrschte sich aber und meinte lachend:
»Das ist doch jedenfalls das Ergebniß eines albernen Traumes, den Du heute Nacht gehabt hast.«
»Nein, sondern es ist das Ergebniß unumstößlicher Beweise, welche vorliegen.«
»So! Kannst Du diese Beweise vielleicht führen?«
»Ja.«
»Schön! Thue es. Ich bin wirklich begierig, wie Du das anfangen wirst.«
»Zunächst habe ich hier das echte Testament der Tante Sendingen. Sie werden es wohl kennen.«
Sie hielt ihm das Schriftstück entgegen. Er wollte darnach greifen; sie aber zog es zurück und versteckte es schnell in ihrem Busen.
»Zeig her!« rief er.
»Sie bekommen es nicht in die Hand.«
»Oho! Wollen sehen. Woher hast Du den Wisch, der jedenfalls eine Fälschung ist.«
»Mutter hat ihn mir aufgehoben.«
»Wo?«
»Unter dem Einbande dieses Buches hier.«
»Woher hast Du das gewußt?«
»Sie schreibt es mir.«
»Ah! Wie geht das zu?«
Jetzt war er von seinem Sitze aufgestanden.
»Sie sind nicht werth, die letzten Worte meiner guten, sterbenden Mutter zu hören; aber dennoch will ich sie Ihnen vorlesen, damit Sie erkennen sollen, welch ein erbärmlicher Mensch Sie sind, und daß es mir für alle Zeiten eine Unmöglichkeit sein muß, an Sie wie an einen Vater zu denken.«
»Milda!« fuhr er zornig auf.
»Was?« fragte sie, ihn fest anblickend.
»Solche Beleidigungen verbitte ich mir.«
»Für Sie ist keine Beleidigung möglich. Sie sind ehrlos.«
»Mädchen! Vergiß nicht, daß ich Dein Vater bin!«
»Sie sind es nie gewesen.«
»Ich habe das Recht, Dich zu züchtigen!«
»Ich bin für mündig erklärt und habe auch meine Vorbereitungen so getroffen, daß ich ganz gut im Stande bin, mich gegen einen etwaigen brutalen Angriff zu vertheidigen.«
Sie that, als ob sie mit der Hand nach der Tasche fahren wollte. Sie hatte keine Waffe mit. Ihr Schutz stand draußen im Nebenzimmer. Sie machte aber diese Handbewegung, um ihn irre zu führen.
»Hast Du etwa einen Dolch bei Dir?« fragte er in höhnischem Tone. »Oder einen Revolver? Vielleicht gar eine Dynamitpatrone! Das wäre freilich das beste Mittel, sich dem strafenden Arme des Vaters zu entziehen.«
»Wie ich mich vertheidigen werde, das ist jetzt gleichgiltig; es genügt, daß ich mich zu schützen vermag. Einem solchen Manne gegenüber ist es gerathen, alle möglichen Vorsichtsmaßregeln zu ergreifen.«
»Das klingt ja grad, als ob ich ein wirklicher Rinalto Rinaltini sei!« lachte er auf.
»Viel weniger sind Sie nicht, wie ich Ihnen beweisen werde.«
»Himmeldonnerwetter! Mädchen, laß die Beleidigungen sein!«
»Und Sie die Drohungen. Hören Sie lieber zu!«
Sie zog den Brief ihrer Mutter vor und las ihn laut. Er hörte ruhig zu. Als sie zu Ende war, setzte er sich nieder, zog die Spitzen seines Bartes aus und sagte:
»Das soll Deine Mutter geschrieben haben?«
»Ja.«
»Und darauf hin hast Du das Testament hier in diesem Buche gesucht?«
»Ja.«
»Hm! Ich könnte das Alles in Abrede stellen; aber ich bin mir keiner Schuld bewußt und will also zugeben, daß dieses Testament von jener alten Tante verfaßt worden ist. Glücklicher Weise aber hat sie sich anders besonnen und dann ihre Marotte aufgegeben. Sie hat ein anderes Testament machen lassen und in demselben Deine Mutter als Universalerbin eingesetzt.«
»Wie kommt es da, daß sie das alte Testament nicht vernichtet hat?«
»Sie hat das ja gethan.«
»Wieso? Hier habe ich es ja!«
»Sie hat noch mehr gethan, als es nur zu vernichten – sie hat es mir gegeben. Es verstand sich ganz von selbst, daß es da am Besten aufgehoben war.«
»Eine sehr gute Ausrede!«
»Keine Ausrede, sondern die Wahrheit.«
»Eine Lüge, eine ganz freche Lüge ist es! Ich kann das beweisen. Denn dieses Testament, von welchem Sie behaupten, es von der Tante empfangen zu haben, ist ihr gestohlen worden.«
»Ah! Das ist romantisch!« lachte er.
»Mehr als das. Es ist höchst tragisch. Es war in ihrer Schatulle verschlossen.«
»Wer soll es gestohlen haben?«
»Ein Mensch, der zu diesem ganz bestimmten Zwecke in ihre Dienste trat.«
»So! Sonderbar!«
»Der aber eigentlich in Ihren Diensten stand, Herr Baron.«
»Milda, was fällt Dir ein!«
»Ich habe Ihnen bereits gesagt, daß ich nicht nach Wien gekommen bin, um mit Ihnen über Einfälle zu sprechen. Es handelt sich um Thatsachen.«
»Wenn das mit jenem Diener wirklich eine Thatsache sein soll, so müßte ich ihn doch kennen. Ich habe aber niemals einen Menschen bei mir gehabt, welcher später in den Dienst der Tante getreten wäre.«
»O doch! Einer war es.«
»Wie hieß er denn?«
»Es ist der gegenwärtige Hausmeister.«
»Sapperment! Das ist eine Lüge.«
»Leugnen Sie immerhin! Die Wahrheit wird Ihnen bewiesen werden. Dieser Mensch hat das richtige Testament gestohlen und das falsche an dieselbe Stelle gelegt.«
»Ach so! Woher soll er denn das falsche gehabt haben?«
»Er verfertigte es selbst.«
»So! Dazu gehört sehr viel.«
»O, er war Autographensammler und hatte eine große Fertigkeit in der Nachahmung fremder Handschriften. Er hat ja auch jenen Brief geschrieben, in welchem Sandau den Verkauf geheimer Aktenstücke angeboten haben soll.«
Jetzt wurde der Baron leichenblaß.
»Mädchen!« stieß er mit gepreßter Stimme hervor. »Höre ich denn recht?«
»Ja, ganz recht.«
»Woher willst Du das wissen?«
»Von ihm selbst.«
»Hat er es denn gesagt?«
»Ja. Er hat es sogar der Köchin erzählt. Er will sie heirathen und hat mit ihr ausgemacht, Sie zu zwingen, ihnen eine Ausstattung zu geben.«
»Den Teufel sollen sie haben!«
»So werden sie Alles verrathen.«
»Kein Mensch wird auf ihre Hirngespinnste Etwas geben.«
»So! Auch auf die Bescheinigung nicht, welche der Hausmeister von Ihnen in den Händen hat?.«
»Donnerwet – – –!«
Er taumelte förmlich zurück.
»Sehen Sie, wie die Schuld Ihnen auf dem Gesicht geschrieben steht!« rief sie aus.
»Schuld, Schuld!« knirrschte er. »Von einer Schuld ist keine Rede. Es ist Alles Lug und Trug. Die Bescheinigung ist nachgemacht, ist gefälscht. Du hast ja selbst gesagt, daß dieser Kerl, der Hausmeister, die Handschriften Anderer nachzumachen verstehe.«
»Diesesmal aber ist es keine Fälschung, denn die Aussage eines gewissen Hermann Arthur Willibald Keilberg stimmen ganz genau damit überein.«
»Keilberg! Wer – wer – wer – – –?«
Er griff sich mit der Hand an den Kopf. Der Schreck schien ihm das Gedächtniß zu rauben.
»Wer er ist? Wollen Sie fragen? Besinnen Sie sich nur!«
»Ich kann mich nicht besinnen. Ich habe niemals einen Menschen dieses Namens gekannt.«
»Denken Sie an jenen Unteroffizier, welcher in Sandau's Bureau beschäftigt war!«
»Kenne ich nicht.«
»Er stahl Sandau die Actenstücke, welche Sie dann zum Verderben des Ersteren benutzten.«
»Alle Teufel! Mir wird ganz schlimm zu Muthe! Ich weiß ja von alledem kein Wort!«
»Auch nicht davon, wie Herr von Schöne gezwungen wurde, sich zu erschießen?«
»Nein.«
»Und wie kam es, daß Herr von Selbmann in der Schweiz verunglückte?«
»Wie soll ich davon wissen?«
»Sie standen doch in der Nähe.«
»Ich? Sapperment! Wer behauptet das!«
»Ich weiß es, ich weiß Alles!«
»Nichts, gar nichts weißt Du. Der Hausmeister hat sich eine Lüge ausgesonnen und Dir aus irgend einem Grunde aufgebunden! Glaubst Du es, so ist es Deine Schuld.«
»Ich glaube es allerdings.«
»Meinetwegen! Was geht es mich an!«
»Ungeheuer viel, denn es wird Ihnen natürlich an den Kragen gehen.«
»Mir? Das ist lächerlich!«
Er lachte laut und höhnisch auf.
»Wollte Gott, es wäre lächerlich!« antwortete sie in furchtbarem Ernste. »Ich möchte mein Leben hergeben, wenn es mir damit möglich würde, zu beweisen, daß alle diese Anschuldigungen Lügen seien. Eben das, daß es die Wahrheit, die reine, unumstößliche Wahrheit ist, das macht mich so namenlos unglücklich. Mein Vater ein Dieb, ein Fälscher, ein Mörder, ein – – o Gott, es giebt kein Wort, auszusagen, was für ein fürchterlicher, entsetzlicher Jammer das ist.«
Sie rang die Hände. Anstatt von ihrem Schmerze gerührt zu werden, verstockte ihn derselbe noch mehr. Die Worte, welche sie aussprach, erregten seinen Grimm. Er zog die Stirn in düstere Falten und sagte:
»Mädchen, halte ein! Keine Tochter würde das von ihrem Vater glauben! Eine jede würde ihn vertheidigen. Nur Du, Du allein bist so herz- und gewissenlos, mich zu verdammen, ohne Dich vorher überzeugt zu haben.«
»Ich habe mich überzeugt.«
»Sol Wirklich?«
Es war ein höhnischer, stechender Blick, den er auf sie warf.
»Ja, es giebt keinen Zweifel mehr. Sie sind ein Verbrecher, wie ich noch keinen gesehen habe. Nicht einmal gelesen habe ich von einem Sünder, der mit Ihnen zu vergleichen wäre.«
Er holte tief Athem, und fast zischend erklang seine Frage:
»So bin ich also ein ganz und gar entsetzlicher Mensch?«
»Ja. Ihre Reulosigkeit ist das Allerschlimmste an Ihnen. Sie macht Sie zu einem geradezu diabolischen Menschen.
Da leuchtete sein Blick in wildem Hasse auf. Er sagte:
»Diabolisch, also teuflisch bin ich? Nun gut, Du sollst sehen, daß ich auch ein Geständniß ablegen kann. Deine Mutter war eine Thränendrüse, eine Heulmeierin, mit der ich die miserabelste Ehe führte. Sie entzog mir die Disposition über Dein Vermögen. Ich habe bis heut in voller Abhängigkeit von Dir leben müssen, und Du hast mich diese Abhängigkeit bitter empfinden lassen.«
»Wäre ich nicht sparsam gewesen, so wäre ich heut bankerott,« fiel sie ein.
»Darüber streite ich nicht. Ich bin wie Dein Sclave gewesen. Du bist das Ebenbild Deiner Mutter, und ich hasse Dich ebenso, wie ich diese gehaßt habe. Du hast alle Absichten, welche ich mit Dir hegte, vereitelt. Du nennst mich nicht mehr Deinen Vater. Nun wohl; ich habe gar nichts dagegen. Ich sage Dir aufrichtig, daß ich Dich nie geliebt habe. Und weil Du eine gar so fromme Tugendheilige bist, kann ich Dich am Besten dadurch strafen, daß ich Dir aufrichtig gestehe, was ich gethan habe. Du kannst dann in das Kloster gehen und für mein Seelenheil beten und Dich kasteien.«
Sie richtete sich hoch auf. Sie fühlte, daß ein Zittern durch ihre ganze Gestalt ging. Sie wollte ihm diese Schwäche nicht merken lassen. Er sah aber doch, daß ihr Gesicht noch bleicher wurde, als vorher. Er lachte schadenfroh auf und fuhr fort:
»Nicht wahr, das hast Du nicht gedacht, daß ich ein Geständniß ablegen werde?«
»Nein, Das hielt ich allerdings für unmöglich,« antwortete sie ihm, jetzt wieder beruhigt.
»So sehr hast Du Dich also in mir geirrt!«
»So sehr doch nicht, denn Sie gestehen nicht aus Reue, sondern um mich noch tiefer zu betrüben, als es bisher geschehen ist.«
»Natürlich, natürlich! Je mehr Du Dich ärgerst und kränkst, desto größer ist das Gaudium, welches ich darüber empfinde.«
»So lassen Sie erst sehen, ob Ihr sogenanntes Geständniß auch wirklich ein solches ist!«
»Versuche es doch!«
»Gut! Sie geben also zu, Herrn von Sandau unschuldig in das Elend gebracht zu haben?«
»Ja, ich rühme mich dessen sogar. Es war ein Geniestreich von mir.«
»Natürlich mit Hilfe des Hausmeisters und Keilbergs ausgeführt?«
»Ja.«
»Das Testament hatte der Hausmeister auch gestohlen und ein gefälschtes untergeschoben?«
»Ja.«
»Und die beiden Zeugen des Testamentes?«
»Es waren drei. Einer starb glücklicher Weise am Typhus. Bei den beiden anderen mußte nachgeholfen werden. So! Da sind meine Geständnisse. Bist Du nun zufrieden?«
»Ich glaube Ihnen nicht.«
»Hast auch ein Recht dazu, denn ich habe Dich sehr oft täuschen müssen. Jetzt aber spreche ich die Wahrheit. Ich kann mit Gott und gutem Gewissen beschwören, daß ich Alles begangen habe, wessen Du mich vorhin beschuldigt hast. Nun weißt Du Alles. Dein Vater ist Das, was Du ihn vorhin nanntest, ein Dieb, ein Fälscher, ein Mörder. Nun gehe in dem Bewußtsein, die Tochter eines solchen Mannes zu sein, hin und spiele die seine Baronesse!«
»Was ich thun werde, darum handelt es sich zunächst noch nicht. Aber was werden Sie thun?«
»Ich? Was soll ich thun?«
»Das frage ich Sie eben.«
»Ich thue Das, was ich bisher gethan habe. Ich lebe von der Summe, welche Du jährlich für mich ausgesetzt hast. Langt das nicht zu, so mache ich Schulden, und Du wirst eines Tages das Vergnügen haben, sie zu bezahlen.«
»Wenn Sie Schulden gemacht haben, so thun mir die Leute leid, welche Ihnen ihr Vertrauen schenkten. Ich bezahle keinen Kreuzer, keinen Pfennig.«
»Oho! Es giebt noch Mittel, Dich zu zwingen.«
»Ich weiß kein einziges.«
»Wenn ich mit dem Selbstmorde drohe, wirst Du sicherlich zahlen.«
»Nein. Selbst wenn ich Geld hätte, würde diese kindische Drohung mir keinen Gulden abpressen. Ich bin aber arm. Was ich jetzt besessen habe, gehört der Familie von Sandau.«
»Unsinn!«
»Ich werde nach den Angehörigen derselben forschen und ihnen Alles retourzahlen.«
»Das wirst Du freilich bleiben lassen!«
»Nein; ich werde es thun.«
»Das wäre ja die größte Verrücktheit, welche es nur geben kann!«
»Es ist meine Pflicht, weiter nichts.«
Er sah ihr starr und erschrocken in das Gesicht. Er erkannte, daß sie wirklich im Ernst gesprochen habe.
»Mädchen, was fällt Dir ein?« rief er aus.
»Ich habe keine Wahl. Ich muß thun, was mein Gewissen mir gebietet.«
»Aber, bedenke, dann kannst Du mir doch mein Jahrgeld nicht zahlen.«
Er sagte das in geradezu ängstlichem Tone. Sie zuckte die Achsel und antwortete ruhig:
»Das fällt allerdings aus. Ich zahle Ihnen von jetzt an nichts mehr.«
»Donnerwetter! So bin ich ja ein Bettler!«
»Und ich eine Bettlerin. Aber ich werde arbeiten. Das können Sie auch.«
»Danke, danke sehr! Aber es ist das nur so eine Marotte, die Du Dir in den Kopf gesetzt hast. Kein Mensch ist so verrückt, ein Vermögen von mehreren Millionen freiwillig herzugeben.«
»Ich bin so verrückt.«
»Aber bedenke doch, daß ich dann Alles ganz umsonst gethan hätte! Wozu hätte ich so gehandelt, wenn Du jetzt dieses Geld, auf die Straße werfen willst!«
»Das ist ja eben die größte Bestrafung des Verbrechens, daß man einsehen muß, die Schuld ganz ohne Erfolg auf sich genommen zu haben.«
»Aber wer zwingt Dich denn dazu? Kein Mensch, kein einziger!«
»Es stände schlimm um mich, wenn ich meine Pflicht nur dann thun wollte, wenn ich dazu gezwungen werde.«
»Kein Mensch weiß Etwas davon!«
»Keiner? Wirklich keiner?«
»Keiner als nur der Hausmeister. Und der wird schweigen.«
»Er hat nicht geschwiegen.«
»Nun, so hat er zur Köchin davon geredet, weil er sie heirathen will, und diese hat es dann Dir wieder geplaudert. Das ist vollständig ungefährlich. Sie werden Beide still sein in Zukunft.«
»Da irren Sie sich. Die Schrift, welche Sie dem Hausmeister gegeben haben, befindet sich bereits, in fremden Händen.«
»Donnerwetter! Wer hätte sie?«
»Grad Der, welcher Ihnen am allergefährlichsten werden kann, weil er Ihr unparteiischester Gegner ist.«
»Nun, wer ist das?«
»Der Wurzelsepp.«
»Der Wur –«
Das Wort blieb ihm im Munde stecken. Er griff sich an die Stirn. Er ging einige Male hin und her, blieb dann vor Milda stehen und fragte:
»Hat er es wirklich?«
»Ja.«
»Wie ist es in seine Hand gekommen?«
»Er hat den Hausmeister belauscht, als dieser sein Geheimniß der Köchin mittheilte. Dann ist er in das Versteck gegangen und hat sich die Bescheinigung geholt.«
»Dieser Hund! Dieser Lauscher und Horcher! Ah, hätte ich ihn da!«
Er rieb seine Fäuste an einander, als ob er Etwas zwischen ihnen zermalmen wolle.
»Von Dem habe ich freilich keine Nachsicht zu erwarten!« knirschte er.
»Gewiß nicht. Ich weiß bereits, daß er in dieser Angelegenheit zu einem Rechtsanwalt gegangen ist.«
»Hole Beide der Teufel!«
»Auch hat er heute den Hausmeister und die Köchin arretiren lassen.«
»Donner und Teufel! Unmöglich!«
Er schrie das förmlich heraus.
»Es ist wahr.«
»So will er mir an den Kragen?«
»Gewiß. Auch Keilberg ist arretirt.«
Das war ein neuer Schlag für den Baron. Er wich langsam von ihr zurück, starrte sie an und sagte:
»Auch Der! Auch Der! Wo steckt er?«
»Im Gefängnisse zu Steinegg.«
»Und die beiden Anderen auch?«
»Ja. Die belastenden Beweise sind alle vorhanden. Ich glaube, man ist bereits unterwegs, sich Ihrer Person zu versichern.«
»Oho! Mich soll Niemand bekommen! Soll es über mich hereinbrechen, so wehre ich mich meiner Haut. Ehe ich ohne Gegenwehr mir meine Existenz zerstören lasse, nehme ich lieber noch ein weiteres Verbrechen auf mich!«
Er trat zu ihr und schlug bei den letzten Worten mit beiden Fäusten drohend auf den Tisch. Sie blieb ruhig stehen, ohne die mindeste Spur von Furcht zu zeigen. Sie blickte ihm voll und groß in die tückisch blitzenden Augen und fragte:
»Was für ein Verbrechen würde das sein?«
»Mir ganz gleich, welches. Die Leute, welche gegen mich vorgehen wollen, werden unschädlich gemacht.«
»So! Wer ist das?«
»Vor allen Dingen der Wurzelsepp und – Du.«
»Das dürfte Dir nicht gelingen.«
»Oho!«
»Der Sepp ist Ihnen zu schlau, so klug Sie sonst im Bösen sein mögen.«
»Der? Pah! Ein Wurzelhändler!«
»Der Sie aber bereits einige Male derb überlistet hat.«
»Weil ich nicht darauf vorbereitet war. Jetzt aber wird es ihm nicht wieder gelingen. Ich weiß, daß er im Besitze meiner Bescheinigung ist. Er wird sie nicht lange mehr in seinen schmutzigen Händen haben.«
»O, ich glaube nicht, daß er sie hergiebt.«
»Er muß, denn es wird heißen: das Papier oder das Leben!«
»So wollen Sie ihn ermorden?«
»Wenn er mich zwingt, ja! Um mich selbst zu retten, ist mir nichts zu viel und nichts zu gefährlich.«
»Versuchen Sie es!«
»Das werde ich thun. Uebrigens fürchte ich den alten Narren nicht im Mindesten. Und Dich, Dich fürchte ich ebenso wenig. Du befindest Dich jetzt in meiner Gewalt.«
»Schwerlich!« lächelte sie.
Er trat nun nahe vor sie hin und sagte lachend zu ihr:
»Du meinst, daß Du eine Waffe hast! Ehe Du dieselbe aus der Tasche ziehst, habe ich Dich mit einem Fausthiebe niedergeschlagen.«
Er ballte dabei beide Fäuste.
Sie erschrak. Es war doch gefährlicher, als sie gedacht hatte, mit ihm allein zu sein. Aber sie beruhigte sich sofort wieder, denn sie sah, daß die bisher nur angelehnt gewesene Thür zum Nebenzimmer leise ganz aufgemacht wurde. Der Sepp trat herein. Er hatte seinen Alpenstock in der Hand. Der Baron konnte ihn nicht sehen, weil er seinen Rücken dieser Thür zukehrte.
Milda lächelte ihren Vater stolz und überlegen an und sagte:
»Es dürfte Ihnen doch nicht viel Nutzen bringen, wenn Sie mich niederschlügen!«
»Und Dir noch weniger Nutzen, wenn Du mir ungehorsam sein wolltest. Zunächst giebst Du den Brief Deiner Mutter und das Testament heraus!«
»Nie!«
»Ich verlange Beides!«
»Und ich behalte Beides!«
»Ich befehle es!«
»Ich rufe die Dienerschaft um Hilfe!«
»Pah! Du hast Dir diese Hilfe selbst geraubt, indem Du die Thür verriegelt hast. Also gieb die beiden Schriftstücke heraus!«
»Ich gebe sie nicht her, und sollte ich mit Ihnen stundenlang ringen müssen!«
»Dummkopf! Ein Mädchen mit einem Manne ringen! Hat man bereits so Etwas gehört! Es fällt mir gar nicht ein. Dir lange Vorstellungen zu machen. Du hast Dir selbst die Folgen zuzuschreiben. Ich sage kein Wort weiter. Also heraus damit! Eins – zwei – und –«
»Drei!« erklang es hinter ihm.
Der Sepp stieß ihm den Bergstock so kräftig in die Seite, daß er um mehrere Schritte fortflog und dann zu Boden stürzte. Er raffte sich augenblicklich wieder auf, drehte sich um und – blieb da ganz unbeweglich stehen. Das Erscheinen des Alten ließ ihn vor Ueberraschung verstummen.
»Na,« lachte der Alte. »Was stehst denn nun da und sperrst das Maul aufi, als obst einen ganzen Luftbatallion verschlingen wolltest! Du hast doch das gnädige Fräulein schlagen wollt! So hau doch zu!«
»Der Sepp, der Sepp!« stieß er hervor.
»Ja, dera Sepp! Der wird Dir grad gelegen kommen. Du hast ihn doch dermorden wollt. So schlag ihn doch todt!«
»Hund!«
»Na, wann ich dera Hund bin, so bist Du halt die Katz, denn grad so wie diese Beiden haben wir uns vertragen, seit wir uns kennen lernt haben. Jetzund können wir schauen, wer von Beiden die Oberhand gewinnt.«
»Verrätherin!« rief der Baron seiner Tochter zu. »Armselige Hinterlist.«
»O,« antwortete sie, »Ihnen gegenüber kann man nicht vorsichtig genug sein; das ist eben jetzt wieder erwiesen worden.«
»Vielleicht hast Du noch andere Zeugen da draußen.«
Er trat schnell in das Nebenzimmer, fuhr aber ebenso schnell wieder zurück.
»Bertha!« schrie er auf.
»Und auch ich, Herr Baron!« sagte der Notar, indem er hervortrat. »Nach dem, was hier gesprochen worden und überhaupt geschehen ist, bleibt Ihnen nichts Anderes übrig, als sich auf Gnade oder Ungnade zu ergeben.«
»Fällt mir nicht ein!«
»Meinen Sie, daß für Ihre Festung noch eine ehrenvolle Capitulation möglich sei? Da irren Sie sich.«
»Den Teufel werde ich, aber nicht mich ergeben!«
»Was wollen Sie sonst thun?«
»Das sollen Sie gleich sehen!«
Er wollte nach der Thür springen, stürzte aber zu Boden, da der Wurzelsepp ihm in gewöhnter Geistesgegenwart den Bergstock zwischen die Beine schob.
»Schon wieder liegt er da!« lachte der Alte. »Möcht nur wissen, was er immer da auf dera Stubendielen zu suchen hat! Werde mich aberst an die Thür stellen. Er soll uns nicht so leicht davon laufen.«
Er postirte sich an die Thür, noch bevor der Baron wieder aufgestanden war. Dieser Letztere wußte nicht, was er thun sollte. Er befand sich zu gleicher Zeit in einer großen Wuth und in noch einer größeren Verlegenheit. Es war eine Art von Scham, welche ihn überkam, und wie die Sage vom Vogel Strauß erzählt, daß er sich in Gefahr für sicher halte, wenn er die Gefahr nicht sehe und deshalb seinen Kopf in den Sand stecke, so trat der Baron jetzt an das Fenster und schaute hinaus. Er konnte nichts sagen und mochte auch keine der anwesenden Personen anblicken.
»Herr von Alberg,« sagte der Notar, »wir sind Zeugen Ihrer Geständnisse gewesen, die Sie nun nicht wieder zurücknehmen können. In meiner Eigenschaft als vereidigter Notar brauche ich nur zu sagen, was ich gehört habe, so gilt das als vollwichtiger Beweis gegen Sie. Was haben Sie dazu zu bemerken?«
Der Angeredete antwortete nicht. Der Notar wollte abermals zu ihm sprechen, aber Milda fiel ihm in die Rede:
»Bitte, Herr Rechtsanwalt, verschwenden Sie keine unnützen Worte. Ich bin in einer ganz bestimmten Absicht hergekommen und nichts soll mich hindern, dieselbe in Ausführung zu bringen. Dabei ist es ganz vortrefflich, daß der brave Sepp auf den Gedanken gekommen ist, Sie mitzubringen. Ich bedarf Ihrer Hilfe.«
»Sie steht Ihnen gern und voll zur Verfügung, gnädiges Fräulein Was, soll ich thun?«
»Ein Protocoll verfassen, welches der Baron unterschreiben wird.«
»Welchen Inhaltes?«
»Sagen Sie mir vorher, ob Sie in dem jetzigen Falle in Ihrer Eigenschaft als Notar auch polizeiliche Verpflichtungen haben?«
»Die habe ich nicht.«
»Sie sind nicht verpflichtet, zur sofortigen Arretur zu schreiten?«
»Berechtigt aber nicht verpflichtet.«
»So bin ich über diesen Punkt beruhigt. Der Baron war mein Vater. Seine Thaten schreien zum Himmel, aber ich, die ich seine Tochter gewesen bin, habe zwar diese Thaten möglichst zu sühnen, nicht aber zu richten. Ich möchte nicht, daß er dem Strafrichter in die Hände fällt. Die Verjährung ist zwar eingetreten, aber man würde sich doch unbedingt seiner Person versichern müssen, um vergangene Irrthümer richtig zu stellen. Alle Zeitungen werden voll des Namens Alberg sein. Der Baron wird verachtet und vogelfrei sein wie kein Anderer. Ich will nicht haben, daß dieses Unglück ihn persönlich überfällt. Ich will ihm Zeit und Raum geben, dem Allen zu entfliehen. Aber ich stelle meine Bedingung, von welcher ich mir kein Jota abhandeln lasse.«
Der Jurist verbeugte sich, zum Zeichen, daß er einverstanden sei, und sie fuhr fort:
»Sie haben die Güte, in einem Protocolle ein ausführliches Geständniß des Barons niederzulegen, so daß die Mitschuld der Mitschuldigen und die Unschuld der Unschuldigen völlig erwiesen ist. Dieses Geständnis muß vor allen Dingen beweisen, daß Herr von Sandau unschuldig war und daß dessen Frau, nicht aber meine Mutter, im wirklichen Testamente als Universalerbin vorgesehen worden war. Der Baron unterzeichnet dieses Protocoll und fügt dazu die eigenhändige Bemerkung, daß jedes Wort die reine Wahrheit enthält. Wir Anderen unterschreiben als Zeugen. Will der Baron das thun, so zahle ich ihm fünftausend Gulden, mit deren Hilfe er in Amerika verschwinden kann. Thut er es aber nicht, so überliefere ich ihn augenblicklich der Polizei. Er hat dann keine Hoffnung, fernerhin auch nur einen Pfennig von nur zu erhalten. Ich habe kein Wort hinzuzufügen. Das Uebrige überlasse ich Ihnen, bemerke aber, daß der Baron sich binnen fünf Minuten entschieden haben muß.«
Es trat eine längere Stille ein. Keins sprach ein Wort. Jedes hatte mit den eigenen Gedanken und Gefühlen zu thun.
Da stand die Tochter, die soeben ihren Vater zur ewigen Verbannung verurtheilt hatte. Dort die Bürgermeisterin, die Augen traurig auf den Mann gerichtet, der sie um ihr Jugendglück betrogen hatte.
Der Sepp lehnte an der Thür. Er hätte am Liebsten weinen mögen, denn mit seinem scharfen Blicke erkannte er, daß es Milda's ganzer Kräfte bedurfte, um kalt und ruhig zu erscheinen und nicht in bitterem Schmerz zusammenzubrechen.
Der Advocat unterbrach zuerst das Schweigen:
»Herr Baron, es sind bereits zwei Minuten vergangen. Bitte, mir zu sagen, was Sie wählen – jahrelange Untersuchungshaft oder Freiheit – immerwährende Armuth oder fünftausend Gulden?«
Der Gefragte brachte mit vor Aufregung heiserer Stimme hervor: »Ich muß wenigstens einen Tag Bedenkzeit haben!«
»Kann ich nicht gewähren. Sie haben meine Instruirung mit angehört. Fünf Minuten, mehr nicht.«
»Nun dann zum Teufel! Hungern mag ich nicht und betteln auch nicht. Ich nehme also die Fünftausend.«
»Sie werden Alles unterschreiben?«
»Ja. Aber wann bekomme ich das Geld? Doch sofort?«
Seine Tochter, welche sich von ihm abgewendet hatte antwortete:
»Ich weiß, daß der Baron stets im Besitze eines Auslandspasses ist. Er kann also sofort abreisen. Ich gebe ihm eine Anweisung auf fünftausend Gulden mit, auf keinen Anderen übertragbar und zahlbar bei Wilson u. Light in New-York.«
Da stieß der Baron ein höhnisches Lachen aus und sagte:
»Welch eine Vorsicht! Ich soll ja nicht dableiben können! Nun, ich werde mich beeilen, in den Besitz des Geldes zu kommen und also noch heute abreisen. Setzt nur das Protocoll auf, damit die Faxe zu Ende kommt! Bin ich dann drüben Millionär geworden, so werde ich mit Vergnügen an meine liebe Tochter denken, welche ihres albernen Gewissens halber ihr Vermögen verschenkt und ihren Vater in die Verbannung schickt. Macht schnell! Ich habe es eilig, von solchen Menschen fortzukommen!«
Karl May


Neuntes Capitel  Der Samiel

Das Betglöcklein der Bergcapelle wurde gezogen, zum Zeichen, daß in einer Viertelstunde der Gottesdienst beginnen solle. Der helle, silberne Ton klang jenseits tief ins Thal hinab und diesseits in das Dörfchen hinein, welches vielleicht gerade dieser Capelle wegen vor alten Zeiten den Namen Capellendorf erhalten hatte.
Das Dorf war Filiale. Sonntags des Nachmittags kam der Pfarrer von Eichenfeld oder, wenn dieser nicht Zeit hatte, derjenige von Oberdorf aushilfsweise durch den dichten, dunklen Wald gegangen, um das religiöse Bedürfniß der Einwohnerschaft zu befriedigen.
Das größte und schönste Bauerngut des Dorfes lag ein Wenig abseits desselben auf einer Art von Halde. Das Vordergebäude trug als Zierde über jedem Giebel eine hölzerne, künstlich geschnitzte Krone, weshalb das Gut der Kronenhof, der jeweilige Bewirthschafter desselben aber der Kronenbauer genannt wurde.
Dieser Letztere saß auf einer Bank unter der mächtigen Tanne, welche vor dem Gute stand und sich hoch über die Firste desselben erhob. Er war von langer, überhagerer Gestalt, zählte wohl mehr als sechzig Jahre und war blind.
Er lauschte den Klängen des Glöckchens, und doch schien er auch zurück nach der Hausthür zu horchen, von welcher her sich Schritte vernehmen ließen.
Ein junger, schlanker, aber doch kräftig gebauter Bursche trat aus der Thür. Er hatte seinen Sonntagsstaat an, Schuhe, Kniestrümpfe, kurze Lederhose, Weste, Jacke, einen breiten Gurt um die Hüften und das Hütchen, welches mit einer Spielhahnfeder geschmückt war, saß ihm keck auf dem Lockenkopfe. Er hatte ein Gesangbuch oder Gebetbuch in der Hand. Jedenfalls wollte er hinauf in die Capelle, um dem Gottesdienste beizuwohnen.
Der Bursche war Fritz Hiller, der Knecht im Kronenhofe. Neben ihm gab es noch einen zweiten Knecht, den Bastian, der in der Umgegend als ziemlich geistesbeschränkt und einfältig bekannt war.
Der Bauer hatte doch mit scharfen Ohren das Geräusch vernommen, welches Fritz unter der Thür hervorgebracht hatte.
»Kätherl, bists halt Du?« fragte er.
Er meinte damit die Kronenbäuerin, seine Frau.
»Nein, Bauer, ich bin es,« antwortete der Bursche.
Ueber das Gesicht des Blinden zuckte ein heller Schein.
»Du, Fritz? Kannst mal herbeikommen?«
»Gern, wannst mich haben magst.«
»Dich hab ich alleweil gern; das weißt ja schon.«
Der Knecht kam näher und blieb bei seinem Herrn stehen. Es war ein Blick aufrichtigen Mitleides, den er auf ihn warf. Wenn ein Menschenkenner, sich in der Nähe befunden hätte, so würde er bemerkt haben, daß Beide sich trotz der Verschiedenheit des Alters ähnlich sahen.
»Bist wohl fertig mit dera Arbeit?« fragte der Bauer.
»Schon bald lang.«
»Und hasts Sonntagsgewandl an?«
»Alleweil ja.«
»So willst wohl außi gehn zum Schatz?«
»Damit ists gefehlt. Ich hab halt keinen.«
»Mußt Dich umschaun!«
»Damit hat es Zeit. Ein Waisenbub, wie ich bin, kann warten, bis er sich erst was spart hat.«
»Da hast freilich recht. Aberst wo willst denn sonst hin, wannst nicht außi willst?«
»Hinauf in die Capellen.«
»Ja, da hasts gut. Kannst dem Herrgott lobsingen und den Segen mit heimnehmen. Das kann ich nicht mehr.«
»Könntsts doch nochmal versuchen?«
»Es geht nicht. Meine Lungen haben keine Luft mehr. Aus dem Haus hierher nach dem Baume, das ist dera weitest Weg, den ich noch machen kann, weitern gehts halt nicht.«
»Ja, wanns einen Weg, worauf man fahren könnt, hinauf zur Capellen geht. Da wollt ich Dich schon mal hinauf bringen.«
»Da ists schon schwer zu steigen, viel weniger zum Fahren.«
»Aber Du möchtest doch mal gern mit in dera Kirchen sein?«
»Gar zu gern.«
»Weißt, so werd ich Dich aufitragen.«
Es war nicht nur Freude, sondern es war fast wie ein seliges Glück, welches die eingefallenen Wangen des Alten rasch, aber nur auf einen Augenblick erleuchtete.
»Thätst das wirklich?« fragte er, indem er mit seiner Hand nach derjenigen des Burschen suchte, um sie ihm zu drücken.
»Warum nicht?«
»Ich bin so schwer.«
»Und ich bin kräftig.«
»Die Leutln thäten uns Beid auslachen, wannst mich huckepack tragen brächtst.«
»Möchtens immer lachen. Was mach ich mir draus? Wann Du mit mir zufrieden bist, nachhero ist mir das Gered der Anderen gleich.«
»Ja, Du bist Derjenige, auf den ich mich noch verlassen kann – der Einzige!« fügte er leise hinzu.
»Es giebt auch noch Andere, welche ein Stuckerl auf Dich halten, Kronenbauer.«
»Ich merk nix davon. Wo ist meine Frau?«
»Sie ist in ihrer Stuben und wird sich auch fertig machen, in die Capell zu gehen.«
»Ja, das laßt sie sich nicht nehmen. In die Kirchen gehts allzeit. Keinen einzigen Tag wirds verfehlt. Sie ist eine gar Fromme und Brave!«
Er hielt bei diesen Worten seine glanzlosen Augen starr geradeaus gerichtet. Ebenso starr war sein Gesicht. Es war ihm nicht anzusehen, ob er aus Ueberzeugung oder ironisch sprach. Dann fügte er aber leiser hinzu:
»Und hübsch ist sie wohl auch noch?«
»Ja, Bauer,« antwortete der Knecht und zwar ebenso leise.
»Mußts richtig sagen!«
»Ich sag die Wahrheit. Sie ist die Allerschönst ringsum unter den Frauen und Dirndln.«
»Das denkst wohl nur!«
»Nein, alle Leutln sagen es.«
»Hat sie noch die rothen Wangen wie vorher, als – als – als ich hab sehen konnt?«
Es war, als ob er die letzten Worte nur mühsam, mit großer Anstrengung hervorbringen könnte.
»Sie sind gar noch ein Wengerl röther worden,« antwortete der Knecht.
»Und die weiße Haut, weißt, am Hals und wo mans schaut, ist auch noch da?«
»Ja. Sie hat eine Haut wie Alabaster, sagen die Leutln.«
»Und der Leib, weißt, Du bist kein Kind mehr; da kanns man sagen, die Brust mein ich, den Busen. Hats den noch nicht verloren?«
Trotzdem der Bauer es nicht sehen konnte, überflog ein tiefes Roth das Gesicht des Burschen.
»Das ist Alles noch da,« antwortete er.
»Und die Zähnen, der Mund?«
»Ja, das soll ich Dir Alles beschreiben. Meinst denn, daß ich die Bäuerin so daraufhin anschauen thu?«
»Du siehst sie ja alle Tage und am ganzen Tag!«
»Ja, aber so schau ich sie nicht an.«
»Aber Andere schauen sie wohl an?«
»Ich weiß nicht. Ich hab noch nimmer aufipaßt.«
»Fritz, bist auch ehrlich mit mir?«
»Ja freilich.«
»Nun, wann wir mal allein mit nander sind, so werd ich Dir was sagen.«
»Was Heimliches?«
»Ja.«
»Vielleicht ists besser, wannst mir lieber nix davon sagst.«
»O nein. Ich muß eine Seel haben, mit der ich darüber sprechen kann. Und Du bist dera einzige Mensch, dem ich mich anvertrauen darf. Ja, wannst jetzt nicht zur Kirche müßtest!«
»Meinst, ich soll dableiben?«
»Lieb wär es mir. Aberst ich möcht Dich nicht um die Frömmigkeit bringen.«
»O, mich bringst nicht darum. Der Herrgott wird mirs nicht als Sünd anrechnen, wann ich bei meinem Bauern bleib, weil der blind ist und sich nicht behelfen kann.«
»Ja. Und ein Buch hast wohl mit?«
»Das hab ich in dera Hand.«
»So kannst mir ja vorlesen, wann es beginnt, zu läuten. Das ist dann auch wie Gottesdienst. Weißt, es giebt ein Liedl, das beginnt mit denen Worten: »Jesu hilf siegen«. Das paßt ganz so auf mich, als obs auf mich dichtet worden wär. Wannst das im Buch finden thätst!«
»Ich werds suchen.«
»So setz Dich herbei zu mir.«
Der Bursche setzte sich an die Seite seines Herrn und suchte im Register nach dem Liede. Er fand es.
»Hier ists,« sagte er. »Wann ich beginnen soll, brauchsts nur zu sagen.«
Da erklang der Ton des Glöckleins abermals, und im Dorfe öffneten sich die Thüren, aus denen die Frommen traten, um empor zur Kapelle zu steigen.
»Jetzund läutets,« sagte der Bauer. »Dera Herrgott ruft. Kannst beginnen.«
Er lehnte sich an den Baum und faltete die Hände. Da fiel ihm noch die Hauptsache ein:
»Aberst lies fein hübsch langsam, daß man mit den Gedanken nachkommen kann!«
»Weiß schon, wie Du es gern haben willst, Kronenbauer.«
Und er las mit halblauter Stimme, langsam und nachdrucksvoll:
»Jesu, hilf siegen, Du Fürst des Lebens.
Sieh, wie die Finsternis dringet herein,
Wie sie ihr höllisches Heer nicht vergebens
Mächtig aufführet, mir schädlich zu sein.
Satan, der sinnet auf allerhand Ränke,
Wie er mich höhne, verstöre und kränke.
Jesu, hilf siegen, und laß mich nicht sinken,
Wenn sich die Kräfte der Lügen aufblähn
Und mit dem Scheine der Wahrheit sich schminken,
Laß doch viel heller mich Deine Kraft sehn!
Steh mir zur Rechten, o König und Meister,
Lehre mich kämpfen und prüfen die Geister!«
Trotz der Stimme des Lesenden hatte der Blinde Schritte gehört, welche aus dem Hause kamen. Er wendete sich aber nicht um. Fritz, der Knecht, hatte mit dem Lesen inne gehalten.
»Weiter, weiter!« sagte der Bauer.
»Es ist die Bäuerin,« entschuldigte sich der Knecht.
»Kommt sie herbei?«
»Ja.«
Das Gesicht des Bauern wurde starrer als vorher. Es war, als ob er jedem Lufthauche und jedem Lichtstrahle verbieten wolle, sein Gesicht zu treffen.
Jetzt war die Bäuerin da.
Wahrlich, Diejenigen, welche sie ein schönes Weib nannten, hatten sehr Recht! Vielleicht war sie eine der schönsten Frauen Bayerns, und das will was sagen, wie Jedermann weiß.
Eigentümlich war es, daß sie ganz wie ein unverheirathetes Mädchen gekleidet war, ganz gegen die strenge Sitte der Gegend, welche es nicht duldet, daß eine unverheirathete Frau die Freiheiten des ledigen Standes erlaubt.
Die kurzen, dunkelblauen Röcke, unten an der Kante mit Silberborte besetzt, gingen ihr nur bis halb auf die kräftigen Waden. Das Füßchen war der Fuß eines Kindes. Die runden, vollen Hüften trugen eine Taille, welche fast zum Handumspannen war. Umso mehr traten die vollen Arme, der schlanke und doch fleischige Hals und besonders der herrlich gebildete Busen hervor, über welchem silberne Spangen besorgt zu sein schienen, das Platzen des Mieders zu verhüten. Um den Hals hing eine schwere Silberkette; eine ebensolche war auch um das Hütchen gewunden.
Das. Gesicht war von schneeweißer Farbe und tief rosig angehaucht – wie Milch und Blut. Die großen, dunklen Augen hatten einen Ausdruck selbstbewußter Güte. Um die frischen, vollen Lippen spielte ein mildes Lächeln – kurz und gut, die Kronenbäuerin hatte das Aussehen eines jungen Mädchens von achtzehn bis zwanzig Jahren, und doch wußte Jedermann, daß sie die Dreißig bereits hinter sich habe.
Als sie so da stand und die Beiden betrachtete, war es, als ob eine gütige Fee zweien Sterblichen erschienen sei, um sie zu beglücken.
»Gehst mit zur Kirche, Fritz?« fragte sie den Knecht.
Ihre Stimme war ungemein wohlklingend, kräftig und sanft zu gleicher Zeit.
»Nein,« antwortete er.
»Warum? Wolltest doch vorhin gehen.«
»Der Bauer hat mich beten, ihm vorzulesen.«
»Ach so! Und das thust Du wohl gern?«
Es schoß wie ein Blitz des Hasses aus ihren Augen auf ihren Mann. Im nächsten Augenblicke aber traf dieser Blick den Knecht mit ruhiger, wohlthuender Wärme. Es gehörte ein scharfer Beobachter dazu, diesen gedankenschnellen Wechsel zu bemerken. Dieses schöne, verführerische Weib war ein Vulkan, auf dessen Gelände Trauben reifen, Orangen glänzen und Rosen duften, in denen Innern aber eruptive Gewalten ihr unheimliches, beängstigendes Wesen treiben. Wehe dann, wenn der Krater seine verheerende Lava speit. Dann ist es aus mit Blüthe, Duft und Blumenpracht.
»Warum sollt ich es nicht gern thun!« sagte Fritz. »Wanns dera Bauer gern hat, daß ich ihm was aus dem frommen Buch vorlesen thu, so wirds mir dera Herrgott verzeihen, daß ich nicht aufi zur Kapellen geh.«
»Ja, dera Herrgott ist halt barmherzig und gnädig und von großer Langmuth und Güte!«
Dabei schlug sie die Augen fromm zum Himmel auf, daß ein Maler ihr Gesicht zum Vorbilde eines Madonnengemäldes hätte nehmen können. Dann senkte sie den Blick wie in tiefer, verhaltener Seelengluth wieder nieder in die Augen des Knechtes und fuhr fort:
»Aberst man darf seine Langmuth nicht allzusehr mißbrauchen. Darum kannst nachhero, wann das Glöckle zum Paternoster und Ave schlägt, aufikommen. Wir werden dann mitsammen abisteigen und ich kann Dir sagen, was dera geistliche Herr uns predigt hat.«
Er wagte keinen Widerspruch. Auch der Bauer sagte nichts. Sie schoß noch einen blitzartigen, stechenden Blick in das Gesicht ihres Mannes, welche; jenen wachsartigen Schein hatten, den man bei Blinden so oft beobachtet, und ging dann davon.
Es war, als ob sie sich förmliche Mühe gebe, ihren Gang so redend wie möglich zu machen und dabei ihre üppigen Formen möglichst zur Geltung zu bringen. Sie schaute auch einmal zurück, ob der Knecht ihr nachblicke, bemerkte aber zu ihrem Aerger, daß der bildhübsche Bursche in das Buch und nicht nach ihr sah.
Ein trotzig entschlossener Zug legte sich um ihre Lippen. Sie ballte beide Fäuste um das Gebetbuch, welches sie in den Händen hatte, und flüsterte für sich hin:
»Dich kaufe ich doch noch! Er ist der schönste Kerl rundum, und ich bin die Allerhübscheste weit und breit. Das giebt ein sauberes Paar, auf welches sie Alle voller Neid blicken müssen. Durfte er nicht Kronenbauer werden, weil ich es nicht wollte, so wird er es doch noch werden, weil ich es nun – – doch noch will!«
Die Beiden unter dem Baume saßen eine Zeit lang still neben einander, Jeder in seine heimlichen Gedanken versunken. Endlich schüttelte der Knecht dieselben von sich ab und las weiter, ohne dazu aufgefordert worden zu sein:
»Jesu, hilf siegen; wer mag sonst bestehen
Wider den listigen, gleißenden Feind?
Wer mag doch seiner Versuchung entgehen,
Wenn er so schön und berückend erscheint.
Herr, wenn Du weichest, so muß ich ja irren.
Wenn mich der Schlangen List sucht zu verwirren.
Jesu, hilf siegen, im Wachen und Beten!
Hüter, Du schläfest und schlummerst nicht ein.
Laß Dein Gebet mich unendlich vertreten,
Der Du versprochen, mein – – – –«
»Halt!« unterbrach ihn da plötzlich der Bauer. »Schweig still! Mir ists ganz anderst worden. Ich mags nicht weiter hören.«
Seine Stimme klang rauh und gepreßt, ganz so, als ob er etwas Schweres, Innerliches zu überwinden habe.
»Warum?« fragte Fritz.
»Hm! Warum hast Du die Versen nicht nach dera richtigen Reihenfolg lesen?«
»Hab ich das denn?«
»Ja.«
»Das hab ich gar nicht.«
»Aber ich habs ganz gut merkt.«
Der Knecht war roth geworden. Gut, daß sein Herr das nicht bemerken konnte.
»Vielleicht ists, weil ich im Vorlesen stört worden bin,« entschuldigte er sich.
»Ja, das ist möglich. Aberst warum hast denn nachhero gleich den Vers nommen, der von dera Schlangen redet?«
»Das war nur ein Zufall.«
»Wirklich?«
»Ja. Was solls denn sein?«
»Hast Dir nix dabei dacht?«
»Gar nix.«
Der Bauer wartete eine Weile, dann sagte er in einem anderen, freieren Tone:
»Schau, Fritz, ich hab immer viel auf Dich gehalten. Das hast Du doch wohl merkt?«
»Ja. Und ich danks Dir auch gar gern.«
»Das weiß ich wohl. Ich freu mich, daß ich an Dir einen Herzlichen und Aufrichtigen hab. Darum thuts mir desto weher, wannt mir einmal die Wahrheit verschweigst.«
»Hab ich das denn than?«
»Ja.«
»Ich weiß nix davon. Das wär doch am End eine Schlechtigkeiten gegen Dich.«
»O nein. Es soll wohl vielmehr grad eine Gutheiten sein. Du willst mir was nicht sagen, wann Du meinst, daß es mir wehe thun könnt.«
»Was wäre das denn?«
»Verschiedenes! Besonderst wann es meine Frau betrifft.«
»Du Himmel! Was denkst da von mir!«
»Nix Arges, am allerwenigsten Das, wast vielleicht jetzt meint hast. Aberst ich kann nicht so schnell darüber wegkommen, daßt, als meine Frau nun fortging, gleich den Vers bracht hast von dem listigen, gleißenden Feind, der so schön und berückend erscheint. Hast da wirklich an Niemand dacht?«
»Nein.«
»An meine Frau gar nicht.«
»Wie sollte ich!«
»So! Wann sie noch so ist, wie sie damals war, dann ist sie wirklich schön, berückend und gleißend. Mich hat sie berückt, und das ist die Sünd, die ich begangen hab und für welche dera Herrgott mich mit Blindheit schlagen hat. Mit dem Aug hab ich sündigt, als ich es von meiner ersten Frau wegwendet und auf die jetzige worfen hab, und durch das Auge bin ich dafür straft worden. Das ist Gottes Gerechtigkeit. Meine erste Frau ist von der Eifersuchten umbracht worden und von noch was Anderem, und meine jetzige bringt nun dafür mich durch die Eifersucht um, die ich wegen ihr empfinden muß. Das ist schrecklich.«
Er schwieg. Der Knecht sagte nach einer kleinen Weile:
»Eifersucht solls gewest sein bei Deiner Ersten? Ich denk, es ist der Gram gewest.«
»Ja, über mich. Denke Dir, ich sags nur Dir und keinem Andern, und ich hab auch den richtigen Grund dazu, daß ich grad zu Dir davon sprechen thu: Meine Jetzige war damals nur erst fünfzehn Jahre alt, als ich meint hab, sie könnt die zweite Kronenbäuerin werden. Aberst sie war so groß und stark und schön bereits wie eine Zwanzigjährige. Wie prächtig mag sie nun jetzund sein!«
»Ich hab immer denkt, daß Deine Erste storben ist aus Gram darüber, daß die Zigeunern Euch Euer Kind davonschleppt haben?«
»Das ist auch mit ein Grund gewest! Herrgott, war das eine Zeit! Du weißt gar nicht, was einem Vatern und einer Muttern Alles passiren kann.«
»Da hast Recht. Ich hab meine Eltern ja gar nicht kannt.«
»Kannst Dich denn auf gar nix besinnen?«
»Nein, absolutemang auf gar nix. Meine Eltern sind wohl keine armen Leut gewest.«
»Wegen dera Eisenbahn, worinnen Du funden worden bist?«
»Ja. Das war drüben weit in Böhmen. Da hat, als dera Zug von Pardubitz nach Chrudim kommen ist, ein kleiner, eingewickelter Bub im Coupée zweiter Claß gelegen. Die Eltern aberst sind verschwunden gewest und auch niemals entdeckt worden. Ich hab gar ein schönes Gewandl anhabt. Ein Wagenschieber hat mich pflegt. Nachhero bin ich groß worden, bis Du mal zufällig nach Chrudim auf den Handel kommen bist und mich als Knecht gemiethet hast. Das ist halt Alles, was ich weiß.«
»Hast denn gar keine Sehnsucht, mal zu derfahren, wer Dein Vatern ist.«
»Nein.«
»So! Das ist nicht gut.«
»Aberst auch nicht bös. Meine Eltern haben mich böswillig verlassen. Im Bahnwagen verliert man kein Kind. Hättens mich wiederhaben wollt, so könntens leicht erfragen, wo ich bin. Sie wollten mich los sein, und nun mag ich nix von ihnen wissen. Dera Herrgott wird auch ohne sie für mich sorgen, wenn ich brav bleib.«
»Ja, das wird er!«
Er sagte das in einem beinahe feierlichen Tone, als ob er ein Versprechen geben, ein Gelübde thun wolle. Der Knecht fuhr fort:
»Und bei Dir hab ichs doch ganz gut funden. Ich leide keine Noth, Hab einen guten Dienst, kann mir was sparen, und wir sind mit nander zufrieden. Nicht?«
»Jawohl! So lang ich noch leb, sollst nicht vom Kronenhof fortkommen. Willst so lang da bleiben, Fritz?«
»Ja, gern.«
»Versprich es mir fest, und gieb mir die Hand darauf!«
»Hier ist die Hand. Ich bleib bei Dir, so lange Du mich behalten willst.«
»Nun, so ists halt gut. Ich behalt Dich immer!«
Er hielt die Hand des Knechtes in der Hand. Er streichelte sie so leise und zärtlich, wie man die Hand eines geliebten Angehörigen streicht. Fritz wunderte sich darüber, ließ es aber ruhig geschehen, ohne Etwas zu sagen oder ihm die Hand zu entziehen. Er war es gewöhnt, diese eigenthümliche Zärtlichkeit des Bauers zu bemerken, der aber, wenn plötzlich die Bäuerin dazu kam, es zu bereuen schien.
So verging abermals eine Weile, ohne daß gesprochen wurde. Da sagte Fritz plötzlich:
»Dort kommt ein Besuch, ein ganz und gar unerwarteter.«
»Wer ists?«
»Dera Wurzelsepp, wann ich mich nicht irren thu.«
»Der! Das ist schön! Den sehe ich gar gern kommen, denn, wann Der da ist, da giebts doch immer was Neues zu hören.«
»Ja, er erzählt gar gern, und ebenso gern hört er, was mittlerweile geschehen ist. Auch ich kann ihn gar gut leiden.«
»Er ist einer von den Wenigen, denen man ein Vertrauen schenken kann. Er ist ganz so, wie es in dera heiligen Schrift von Nathanael heißt: Es ist kein Falsch in ihm. Ist er es denn auch wirklich?«
»Ja. Er kommt vom Wald herüber. Er ist nun bereits so nahe, daß man ihn deutlich erkennen kann.«
»Wann er Blümerln am Hut hat und einen alten Rucksack und einen Bergstock, dann ist er es auch.«
»Das stimmt. Er hat Alles, wast da sagt hast. Horch! Da singt er auch schon.«
Der Sepp sah die Beiden sitzen. Er blieb stehen, warf den Hut hoch in die Luft, fing ihn wieder auf und sang:
»Hallo, hallo, der Sep kommt heut;
Das giebt im Haus gar große Freud.
Juhu, Juho, Juhi!«
»Antwort ihm gleich!« sagte der Bauer.
Fritz erhob sich vom Sitze und sang mit einer schönen, volltönenden Baritonstimme:
»Sepp, grüß Dich Gott! Komm nur heran!
Bist immer ein willkommner Mann.
Juhu, Juho, Juhi!«
Und der Sepp that einen Freudensprung und sang:
»Hol schnell ein Bier, ein Käs und Brod!
Ich leid gar große Hungersnoth.
Juhu, Juho, Juhi!«
Der Knecht antwortete:
»Wannst Hunger hast, komm schnell herbei;
Es giebt für Dich noch Allerlei.
Juhu, Juho, Juhi.«
Mittlerweile hatte sich der Sepp weiter genähert. Er rief noch von Weitem:
»Ja, im Kronenhof, da kann man immer was für den Mund bekommen. Da giebts halt Leutln, die reich sind und mildthätig dazu. Da geht man alleweile gern hin. Grüß Gott, Kronenbauer. Grüß Gott, Fritz!«
Er war jetzt unter dem Baume und reichte Beiden die Hand.
»Das ist recht, daßt kommst,« sagte der Bauer. »Hast lange nix von Dir hören lassen. Wo bist denn immer gewest?«
»Droben im Lappland bin ich gewest,« lachte der Alte. »Kennst das?«
»Nein, das kenn ich nicht. Wo liegt es denn eigentlich?«
»Das liegt da, wo das Europa alle ist und wo das Eismeer beginnt.«
»O weh! Und da bist gewest.«
»Jawohl.«
»Warum da oben, so weit?«
»Das ist eine feine Geschichten. Kennst vielleicht einen Heinrich Heine?«
»Nein. Der ist mir noch nicht vorgekommen. Wohnt er hier in dera Nähe?«
»Nein, der wohnt gar nicht mehr. Der ist schon lang storben.«
»Drum kenn ich ihn nicht.«
»Könntst ihn aber kennen. Er ist ein gar berühmter Mann, ein Dichter sogar.«
»O weh! Ich hab denkt, er ist ein Bauer.«
»Nein. Er hat allerlei schöne Lieder macht. Weißt, auch das: Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, daß ich so traurig bin; ich lauf zu allen Zeiten vergebens zum Dirndl hin.«
»Das lautet doch anderst.«
»Für mich nicht. Ich bin immer vergebens laufen. Der hat nun auch ein Gedicht macht über verschiedene Länder und über die Leute, die darinnen wohnen. In diesem Gedicht heißt es unter Anderem:
In Lappland giebts garstige Leute,
Großmäulig, schiefbucklig und klein,
Die sitzen ums Feuer und backen
Sich Fische und quaken und schrein.«
»Das klingt gut. Die müssen gar schön sein, diese Lappländer!«
»Das hab ich mir auch denkt. Darum bin ich, als ich das Gedicht lesen hab, sogleich hingelaufen, um mir dorten eine Frau zu heirathen.«
Er hatte bisher ganz ernsthaft gesprochen, so daß der Bauer ihm auch ernst geantwortet hatte. Jetzt aber meinte der Blinde:
»Bist doch immer noch der alle Hallodri! Da denk ich wunder, wast hast mit dem Dichter und dem Lappland, und nun hast mich nur an dera Nasen zogen. Da kannst nur gleich wieder gehen!«
»Gehen? Das fallt mir gar nicht ein. Ich hab Euch sagt, daß ich hungrig bin, und dera Fritz hat mir eine Eierspeisen versprochen mit Schinken und ein Bier oder einen Wein dazu.«
»Davon hab ich nix hört.«
»Er hat sagt, daß es Allerlei giebt. Und darunter versteh ich nix Anderes als so was Gutes. Also bringst mich auch nicht fort. Ich setz mich halt zu Euch herbei.«
Er legte den Rucksack auf die Erde, den Stock dazu, schob den Hut auf den Hinterkopf und setzte sich neben den Bauer. Dieser sagte:
»Wanns so steht, so kannst schon was haben. Fritz, geh und hol ein Bier herbei und sag dera Magd, daß sie eine Eierspeisen machen soll mit Schinken und Rauchwurst hinein schnitten!«
Der Knecht ging.
»Hast wirklich denkt, daß ich Ernst mach mit dem Essen?« sagte der Sepp. »Es ist halt doch nur mein Spas gewest.«
»Das weiß ich schon; aberst essen wirsts doch.«
»Ja, wann ichs bekomm, so wirds auch gessen. Man darf das liebe Gut doch nicht verachten. Ist die Bäurin daheim.«
»Nein. Die ist in dera Kapellen.«
»Hab mirs denkt. Ich habs läuten hört, als ich noch im Wald war, und da hab ich gleich wußt, daß die Kronenbäurin nicht zu Haus sein wird. Sie ist ja eine gar Fromme. Nicht?«
Sein Auge ruhte dabei mit einem forschenden Blicke auf dem Gesichte des Blinden.
»Ja, fromm ist sie,« antwortete dieser kurz.
»Und nicht nur fromm, sondern auch schön.«
»Das nutzt mir nix. Ich kanns nicht sehen.«
»Leider. Aberst auch eine Fleißige und Zusammennehmerische, ist sie. Das sieht man am Kronenhofe. Er wächst zusehens. Hast doch wieder ein neues Gebäude angesetzt, seit ich zum letzten Male da war.«
»Ja, dera Herrgott hat einen ganz absonderlichen Segen auf den Hof gelegt. Die Ernten sind nicht gar sehr glanzvoll gewest, aberst was meine Frau anfaßt, das nimmt einen guten Lauf.«
»So wirst immer reicher. Schade, daßt keine Kinder hast.«
»Das ists, was mir fehlt, das Augenlicht und ein Bub.«
»Ja. Ich glaub, Du thätst gar viel darum geben, wannst wieder sehen könntst.«
»Alles, Alles gäb ich drum!«
Er faltete die Hände und holte tief, tief Athem.
»Ja,« meinte der Sepp, »das Augenlicht ist eine herrliche Gottesgab. Bist denn nicht mal bei einem Doctor gewest und hast nachsehen lassen, obs keine Hilf mehr giebt?«
»Bei mehreren.«
»Und was haben sie sagt?«
»Das es nimmer zu ändern ist. Das Pulver ist mir ins Aug drungen und hat Alles zerstört.«
»So! Das ist schlimm. Ich weiß noch gar nicht so genau, wie es damals geschehen ist, daßt blind worden bist.«
»Hab ichs Dir noch nicht sagt?«
»Nein. Ich hab Dich nicht fragen wollt, weil ich denkt hab, daßt nicht gern davon sprichst. Aberst von denen Leutle hab ich hört, daß es dera Samiel wesen ist, der auf Dich schossen hat.«
»Ja, der war es. Es ist in dera ersten Zeit gewest, als er hier in dieser Gegend zu hausen begann. Er hatte nur erst bei wenigen Leutln einbrochen, und auch beim Wilddiebstahl war er erst nur einige Male sehen worden. Ich bin eins der ersten Opfer, die ihm zufallen sind.«
»Ich hab hört, daß er jetzund sein Wesen noch viel ärger treibt als jemals?«
»Das ist richtig. Und grad immer unsere Gegend ists nur, die er unsicher macht. Es kommt jetzt häufig vor, daß die Leutle seinetwegen von hier fortziehen. Und Niemand zieht herbei. Ein Gut oder Haus ist nur schwer zu verkaufen, und das nur um seinetwillen.«
»Da sollte doch die Polizei kräftiger einschreiten.«
»Das thut sie doch auch.«
»Aberst nicht genugsam!«
»O, es liegen jetzunder sogar Soldaten da und in denen Dörfern umher. Sie streifen bei Tage und bei Nacht durch die Orte und durch den Wald, doch vergebens. Bei mir, drüben im neuen Gebäud, wohnt dera Offizier von ihnen. Er ist steinreich und von hohem, altem Adel. Er ist ein gar grimmiger Herr und hat einen schweren Schwur than, daß er den Samiel fangen will oder sterben. Er trägt außer dem Degen immer zwei oder drei Revolver bei sich, womit er den Samiel mit seiner ganzen Bande derschießen will, wann er auf sie trifft.«
»So ist er ein gar großer Held. Aberst ich denke mir, daß dera Samiel eher durch List als durch Gewalt zu fassen ist. Meinst nicht auch, Kronenbauer?«
»Kannst Recht haben. Es sollte mich gefreun, wann er derwischt würde, denn nur ihm ganz allein hab ich mein Elend zu verdanken, meine Blindheit und Alles, Alles, was mir auf dem Herzen liegt.«
Der Sepp nickte zustimmend vor sich hin. Sein altes, gutes Gesicht nahm den Ausdruck tiefsten Bedauerns an. Er wollte Etwas sagen, doch hielt er es zurück. Er wußte, daß darauf eine Erörterung folgen werde, welche besser zu vermeiden war. Darum blieb er bei der Hauptperson, von welcher das Gespräch handelte, nämlich beim Samiel, und sagte:
»Das glaub ich gar wohl, daßt Dich freuen würdest, wenn er seinen Lohn bekäme. Er hats nur ganz allein an Dir verdient. Mir ists ganz unbegreiflich, daß er Dich damals nicht verschossen hat.«
»Auch noch verschossen! Das fehlt noch grad!«
»Mußt mich richtig verstehen, Kronenbauer. Dera Samiel ist ein Wilddieb, Spitzbub und Räuberhauptmann. Wann so Einer auf Raub ausgeht und sich nicht derwischen lassen will, so trägt er doch Waffen bei sich, um Diejenigen, die ihn fassen wollen, niederzuschießen – – –«
»Das thut er doch!«
»Jawohl thut er das. Aberst grad in dem Fall bei Dir hat er es nicht than.«
»Oho! Er hat mich doch schossen!«
»Mit Pulver nur hat er schossen, nicht aber mit einer Kugel. Er hat keine Kugel laden habt. Warum nicht? Darüber hab ich schon zuweilen nachdenken mußt. Ein Gewehr ohne Kugel kann ihm doch nix nutzen! Warum hat er grad bei Dir keine in dera Pistolen habt?«
»Weil er mich nicht hat dermorden, sondern nur so schießen wollen, daß ich blind werden mußt.«
»So ists, so hab ichs mir auch denkt. Aberst ich hab mich doch fragt, warum er das than hat. Er hat doch Andere derschossen, wann er von ihnen angriffen worden ist. Er muß also bei Dir eine ganz besondere Ausnahme macht haben, die einen Grund haben muß. Wann man diesen Grund wissen thät, sodann – – –«
Er hielt inne und schüttelte nachdenklich den Kopf.
»Was wäre sodann?« fragte der Bauer.
»Sodann könnte man vielleicht derrathen, wer er eigentlich ist.«
»Meinst?«
»Ja. Kennt man den Grund, warum er Dich hat blind haben wollt, so kann man nachhero auch weiter denken. Er hat es grad auf Deine Personen abgesehen habt, also muß er ein Bekannter von Dir sein und einen Profit davon haben, daßt nun erblindet bist.«
Bei dieser Erklärung nahm das Gesicht des Bauers einen ganz eigenthümlichen Ausdruck an. Er hob den Kopf empor. Seine Nasenlöcher erweiterten sich und sogen die Luft ein, als ob er einen Feind erwittern wollte. Es war, als ob er alle seine Gedanken und Sinne anstrenge, demselben aus die Spur zu kommen.
»Hast Recht,« sagte er, »hast Recht! Er muß aus meiner Blindheit Nutzen ziehen. Aber wer könnte das sein, wer?«
»Denk mal drüber nach. Hast nicht einen Feind, einen gar großen, unversöhnlichen und gottlosen? Denn die allergrößt Gottlosigkeiten gehört dazu, Einem das Licht aus den Augen zu schießen.«
»Ich kenne keinen solchen.«
»Ja, ich weiß, daß alle Leut Dir freundlich gesinnt waren allezeit. Du bist zwar der Reichst und Vornehmst von ihnen gewest, aberst einen Stolz hat es bei Dir nicht geben, und Wohlthun war immer Deine Freud. Woher sollst da einen solchen Feind haben! Und dennoch muß es einen Menschen geben, der so gewaltig gegen Dich ist. Wannst den nur derrathen könntst. Der ist der Samiel, der und kein Anderer nicht.«
Die Züge des Blinden waren in reger Bewegung. Er gab sich die größte Mühe, sich einen so feindseligen Menschen zu denken. Seine Augen rollten in ihren Höhlen. In dem Weißen derselben konnte man kleine, blauschwarze Pünktchen sehen – die Pulverkörner, welche der Samiel ihm hineingeschossen hatte. Der ganze obere Theil des Gesichtes trug ähnliche Spuren, nur daß sie hier besser als in der Hornhaut des Auges verwachsen waren.
»Ich kann absolutemang Keinen finden, dem ichs zutrauen möcht,« sagte er. »Da führt all mein Sinnen und Denken zu keinem Ziel.«
»So überlaß es dem lieben Gott. Der bringts gewiß noch an den Tag.«
»Das ist mein Trost. Ich weiß es ganz genau, daß es noch an den Tag kommen wird. Ich weiß es so genau, daß ich darauf schwören könnt.«
»So? Wiefern?«
»Ich habs träumt.«
»Ah! Träumen sind Schäumen.«
»Nicht alle. Es giebt Träumen, denen mans gleich anmerkt, daß sie in Erfüllung gehen, daß sie eine Offenbarung sind. Und derjenige, den ich träumt hab, das war so einer.«
»Nun, was hast denn träumt?«
»Es hat mir träumt, daß ein fremder Herr kam und griff mir an die Augen. Es war noch ein Anderer bei ihm, der gar vornehm ausschaut hat, der hat mir den Ersteren herbeibracht. Als dieser mir an die Augen griffen hat, da hab ich gleich wieder sehen könnt. O Du mein Herrgottle, war das eine Wonne! Ich hab die Beiden anschaut, so scharf, daß ich heut noch genau weiß, wie ihre Gesichtern gewest sind. Ich werd sie auch niemals vergessen. Als sie fort waren, hab ich in meiner Kammer sessen und geweint vor Freuden. Da ist die Thür aufigangen, und die Soldaten sind kommen und haben mir den Samiel bracht, dens fangen hatten. Er hat ganz so ausschaut, wie man ihn immer sehen hat, schwarzen Anzug, eine schwarze Masken vor dem Gesicht und einen Hut mit sehr breiter Krämpen darüber. Ueber die Joppe ist ihm das Blut laufen, weil er verwundet gewest ist, denn er hat sich gewehrt habt wie ein Teufel. Da hab ich die Hand ausstreckt, um ihm die Maske vom Gesicht zu nehmen. Zugleich aberst ist dera Knecht, der Fritz da gewest, hat meinen Arm ergriffen und mir zugeschrieen, daß ich den Samiel nicht ansehen sollt, weil ich sonst vor Schreck gleich sterben thät. Darüber bin ich so verschrocken, daß ich gleich aufiwacht bin vom Schlafe.«
»Und hast auch nicht wieder anfangt, zu träumen?«
»Nein. Ich hab gar nicht wieder einschlafen könnt.«
»Wie schade, daßt aufiwacht bist! Wannst den Traum hättst richtig austräumen könnt, so wüßtest nun, wer dera Samiel ist.«
»Ja, jetzunder wüßte ichs; davon bin ich überzeugt, ganz und gar überzeugt.«
»Aber schau, sagt Dir dieser Traum nicht ganz Dasselbige, was ich Dir bereits sagt hab? Nämlich daß dera Samiel ein Bekannter von Dir sein muß? Sonst hat dera Fritz nicht meint, daßt zum Tod derschrecken wirst.«
»Ja, es ist sehr besonderbar. Ich hab mir fast den Kopf zerbrochen, wer es sein mag, doch vergebens. Selbst seine Schrift ist mir ganz unbekannt gewest.«
»Seine Schrift? Hast denn die mal sehen?«
»Ja, aber sagt hab ich nix davon. Du aberst bist ein verschweigsamer Mann. Mit Dir kann ich schon davon sprechen.«
»Natürlich hast die Schrift auch nur im Traume sehen?«
»Nein, sondern in Wirklichkeit.«
»Wie ist das möglich? Bist ja blind!«
»Damals hab ich noch sehen könnt.«
»Sappermenten! So lange ists her?«
»Ja.«
»So hat er wohl gar einen Briefen an Dich schrieben?«
»An mich selber,« nickte der Bauer. »Ich hab ihn noch.«
»Warum hast ihn denn dera Polizeien nicht zeigt?«
»Weil – weil – weil darinnen von dera Kathrin' die Red gewest ist.«
»Von Deiner Frauen?«
»Ja.«
»Höre, Kronenbauer, das ist eine hochwichtige Sachen. Du mußts am Besten wissen, obsts mit Recht hast verschweigen konnt.«
»Ich hab nicht davon reden mögen, weil Manches darinnen stand, was Niemand zu wissen braucht.«
»Auch ich nicht?«
Der Sepp rückte dem Blinden näher. Er befand sich in außerordentlicher Spannung.
»Vielleicht auch Du nicht,« antwortete der Bauer.
»So! Also hast kein Vertrauen zu mir!«
»Das hab ich schon. Und, wann ichs mir überleg, daßt so ein schlauer und kluger Kerlen bist, dem schon so Vieles gelungen ist, was Andere nicht fertig bracht haben, so möcht ich Dir doch den Briefen zeigen.«
»Wannst gescheidt bist, so zeigst ihn mir.«
»Ja, sollst ihn sehen; aberst Du mußt mir vorher versprechen, daßt nicht bös von mir denken willst.«
»Wie könnt ich das!«
»Du weißt, daß ich niemals kein Krakehler gewest bin, sondern ein stiller, bedenksamer Mann. Aus den Briefen könntst gar leicht das Gegentheil meinen. Darum ists wohl besser, ich erzähl Dir Alles, was voraus gangen ist.«
»Verzähl es nur! Es wird auf einen verschwiegenen Boden fallen.«
»Das muß ich mir freilich ausbedingen. Hast meine erste Frauen kannt?«
»Natürlich.«
»Und was hast von ihr denkt? Sags mir nur aufrichtig und ehrlich, Sepp!«
»Sie ist keine Gute gewest. Sie war häßlich und zänkisch, überfleißig und doch dabei eine Schlampampe, die selbst im besten Sonntagsstaat nach gar nix ausschaut hat.«
»Ja, so, so ist sie gewest. Weißt, ich hab sie heirathen mußt, weil sie reich war und keine Verwandtschaft mehr hatte. Ihr Vermögen mußt auf alle Fälle mein werden. Ich hab mich lange dagegen gewehrt, doch vergeblich. Nachhero hats ein Leben geben wie zwischen Katz und Hund. Sie hat den ganzen Tag zankt und keift, und ich war still und hab den Grimm in mich einifressen. Sie ist eine richtige, wirkliche böse Sieben gewest, obgleich ich zu stolz war, dies denen Leutln merken zu lassen. Dennoch haben wir einen Buben bekommen. Das hätt mich mit Allem aussöhnen könnt, wann nicht ein Anderes geschehen wär.«
»Da kam wohl Deine Jetzige dazwischen?«
»Ja. Sie war die Tochter eines Bekannten. Der starb und hat mich zu ihrem Vormund macht. Ich hab denkt, meine Pflicht thun zu müssen und hab sie zu mir auf den Hof nommen. Kannst Dir leicht denken, daß meine Frau sehr dagegen war und ganz entsetzlich schimpfiret hat; aber dieses Mal hab ich doch meinen Willen durchgesetzt. Und sonderbar ist es gewest: Als das Kätherl kaum eine Wochen bei uns gewest ist, da hat meine Frauen sich zufrieden geben. Das Dirndl hat stets so was an sich habt, was selbst den ärgsten Feind zu ihr bekehren muß. Meine Frauen hat sich nach und nach gradezu in sie verliebt gehabt!«
»Und Du auch!«
»Kannsts mir übel nehmen? Wannst so ein Schüreisen heirathet hast, ohne alle Liebe, sondern nur mit Zwang und Haß, und sie giebt sich auch keine Mühe, Deine Liebe zu erringen, sondern sie thut Alles, was Deine Abneigung nur vergrößern kann, nachhero machst auch die Augen auf, wannst eine Andre siehst, die schön ist und fein und jung und sich bereits am frühesten Morgen sauber und appetitlich zeigt, gleich so zum Anbeißen.«
»Ja,« meinte der Sepp, »so Eine ist gar gefährlich; so Eine war auch die Meine, die nachhero einen Andern nahm; so Einer ist nie recht zu trauen. Sie schnurren und schmeicheln wie die Katzen, und wanns nachhero zu langweilig wird, so laufens auf und davon.«
»Magst Recht haben. Kurz und gut, das Kätherl hatt mirs anthan.«
»Obgleichs so jung war? Erst fünfzehn Jahre!«
»Sie war groß und stark wie Eine von zwanzig, und an Klugheit gabs halt Keiner was nach. Ich habs gar bald merkt, daß sie mir gut gewest ist – –«
»Oder auch nicht,« fiel der Sepp ihm in die Rede.
»Meinst?«
»Ja. Manche zeigt Liebe, aberst anstatt dera Liebe ists nur Berechnung.«
»Hm, ja! Vielleichten ists auch mit dera Kathrin so gewest.«
»Wie alt warst denn damals?«
»Fünfunddreißig.«
»Nun, da kanns noch gehen.«
»Ja. Mancher nimmt sich erst viel später eine Frau. Ich hab übrigens ausschaut wie ein viel Jüngerer, und häßlich bin ich niemals gewest. Ein Mirakel wär es also nicht, wanns mich wirklich lieb habt hätt. Sie hat so traulich than, ist immer rund um mich gangen und hat sich die größt Müh geben, mir Alles am Aug abzuschauen.«
»Auch in Deiner Frauen ihrer Gegenwart?«
»Nein. Da war sie vorsichtig. Aberst wann wir allein waren, da ists die reine Zärtlichkeiten gewest, und einmal des Abends im Garten, da hat sie an meinem Hals gehangen, mich leidenschaftlich küßt und drückt und ich sie auch, ich hab gar nicht wußt, wie so schnell das hat kommen können.«
»Meinst etwan, daß die Liebe nach Minuten rechnet? Sie rechnet überhaupt niemals. Sie thut, was sie will, und je mehr und größere Hindernissen ihr in den Weg stellt werden, desto schneller und höher springt sie über dieselbigen hinweg. Ja, die Liebe kann Sprünge machen, Sprünge, wie sie kein Bajazzo und kein Hanswurst fertig bringt.«
»Nun, solche Sprüngen haben wir nicht machen konnt, um dera Leut willen und besonders wegen meiner Frauen. Wir haben natürlich Niemand nix merken lassen dürfen; aberst je heimlicher wir haben sein müssen, desto stärker und mächtiger ist die Liebe worden, bis – – –«
Er unterbrach sich, senkte den Kopf und seufzte tief, tief auf. Der Sepp sagte nichts. Er wartete geduldig, bis der Bauer aus eigenem Antriebe fortfahren werde, was denn nach einer kleinen Weile auch geschah:
»Dann kam eine Zeit, in welcher Dinge geschehen sind, von denen ich nicht sprechen will. Meine Frau starb, und ein Jahr nach ihrem Tode hab ich das Kätherl heirathet.«
»Da konntet Ihr nun auch öffentlich schön mit nander thun.«
»Ja. Es war das wahre Zuckerlecken. Aberst dera Zucker zerläuft gar bald im Wasser, und so war es auch bei uns. Die Zärtlichkeit ist geringer und immer geringer worden, und als sie endlich ganz aufhören that, war das Kätherl kalt wie Eis. Sie hat sagt, das müßt mal aufihören. Ich sollt zufrieden und stolz sein, daß ich eine so schöne Frauen hab, und bei dera Zärtlichkeiten geht die Schönheit verloren.«
»Na,« lachte der Sepp, »so weiß ich nun, warum ich noch heut ein so bildsauberer Jungbursch bin. Meine Schönheit ist mir nicht durch großes und übermäßiges Herzen und Drücken verdorben worden.«
»Hast auch das Augenlicht nicht dabei und dadurch verloren.«
»Du auch nicht.«
»Meinst? Hör nur weiter! Nach und nach war das Kätherl nicht nur kalt gegen mich, sondern es hat ganz so ausgeschaut, als ob ich ihr gradezu zuwider wär. Sie hat mich gemieden. Selbst wann wir zur Kirch gangen sind, hats stets dafür sorgt, daß wir nicht allein gewest sind.«
»Aberst wann ihr doch mal allein waret?«
»Da hab ich sie nicht angreifen dürft. Sie hat sagt, das sei ihr zum Ueberdruß und Ekel worden.«
»Sapperloten! Wann einem eine Speis anekelt, so hat man zur anderen desto größeren Appetiten.«
»Das hab ich mir auch denkt. Ich bin mißtrauisch worden. Ich hab Achtung geben, bis ich sie mal derwischt hab.«
»Was! Derwischt hast sie gar?«
»Ja, mit dem Knecht. Sie hatten einander beim Kopf und küßten sich, daß es knallte.«
»Na, da hätts dann bei mir auch knallt!«
»Das hats auch. Ich hab den Knecht die Trepp nunter schmissen, daß er das Bein brochen hat, und sodann ist das Kätherl auch dran kommen.«
»Hasts prügelt?«
»Ja. Ich weiß, daß das nicht fein ist, aberst ich hab mich vor Grimm nicht beherrschen konnt. Sie hat nachhero lange Zeit im Bett liegen mußt. Das hat sie benutzt, sich aus dera Schlafstuben auszuquartiren, und seit dieser Zeit schläfts ganz allein, und ich darf ihr nicht mal des Tages ihre Stuben betreten.«
»So bist ein Waschlappen gewest, ohne allen Willen und Festigkeit.«
»Hast Recht. Die Lieb ist eben ein ganz niederträchtig albernes Ding. Ich war verliebt in die Kathrin' wie selten ein Anderer verliebt sein kann.«
»Und bists auch heut noch!«
Der Bauer antwortete nicht.
»Hab ich Recht?«
»Ich weiß nicht. Manchmal möchts mich übermannen, daß ich sie in die Arme nehm und sie gar nimmer wieder loslassen thu, und sodann kommt wiederum ein Haß und Zorn über mich, daß ich sie gleich dermorden könnt.«
»Das ist die Eifersucht.«
»Ja, die ists. Eifersüchtig bin ich trotz der fünfundfünfzig Jahren, die ich auf dem Rücken Hab. Aberst ich bin ja blind und kann nicht sehen, was sie thut. Sepp, wannst wüßtest, was für eine Qual das ist!«
»Danke sehr dafür! Erzähl nur weiter!«
»Kannst Dich noch besinnen, daß ich den Knecht, den Fritz, mal als kleinen Jungen mit heim bracht hab?«
»Ja. Alle Welt hat sich über die Gutthat freut und besonders auch darüber, daß Deine Frauen sich gleich so liebreich seiner angenommen hat.«
»Liebreich? O, wanns die Leutln nur wußt hätten! Dera Bub war ihr ein Dorn im Aug gleich vom ersten Augenblick an. Ja, vor denen Menschen hats schön und lieb mit ihm than, aberst wanns ihn allein habt hat, o dann, dann!«
»Warum konnts ihn denn nicht leiden? Er war doch ein lieber Bub und ist ein so braver und sauberer Bursch worden.«
»Sie hat ihn haßt und haßt ihn noch heut, weil – weil – na, das kann ich nicht sagen; das gehört auch gar nicht zu meiner Verzählungen. Ich will nur sagen, daß sie im Stillen eine Tyrannin gegen ihn gewest ist, und daß wir deshalb noch weiter als vorher ausnander kommen sind. Ich hab mich oft seiner derbarmen mußt, bis ichs endlich so weit bracht hab, daß sie sich gar nimmer um ihn kümmert hat.«
»Da war nun endlich Ruh im Haus!«
»Nein, sondern da hat dera Krieg erst recht begonnen. Sie hat sich nicht mehr um ihn bekümmert, aber auch um mich nicht. Sie hat sagt, daß sie zwar die Bäurin sei aber nicht mehr meine Frau sein wollt. Von dera Zeit an hat mir die Magd das Essen kochen müssen, und ich bin ein Wittwer worden, trotzdem ich eine junge und schöne Frauen hab.«
»Kronenbauer, Du bist zu schwach gegen sie!«
»Meinst? Was hätt ich thun sollt? Sie wollt nicht, und dabei ists blieben. Hätt ich sie etwan todtschlagen sollt?«
»Nein, das nicht; aber zuweilen so eine kleine Backpfeifen hätt nix schaden konnt.«
»Die hat sie auch bekommen, und zwar mehr als eine, aberst nicht deswegen, sondern aus einem ganz anderen Grunde – sie ist mir abermals untreu worden.«
»Sapperment! Hast sie etwan nochmals derwischt mit einem Andern.«
»Ja, mit dem Jägerburschen. Das war grad zur Zeit, als dera Samiel zum ersten Male hat von sich reden macht. Das Kätherl hat sich immer weniger um die Wirtschaft kümmert; aberst desto fleißiger ist sie in die Kirch gangen und in den Wald spazieren. Dera Förster, welches dera frühere war, ist ein braver Mann gewest und hat mir sagt, daß sie im Wald mit seinem Burschen zusammentrifft. Ich hab ihnen aufilauert und dann den Kerl prügelt, daß er nicht mehr wußt hat, wie er heißt. Ihren Theil hat sie dann auch bekommen, und zwar daheim. Aberst meinst, daß das holfen hat?«
»Nicht?«
»Nein. Ich hab sie einschlossen, wann ich vom Haus fort mußt – vergebens. Dera Förster hat den Burschen fortjagt. Da hat sie bald einen andern Geliebten habt. Ich Hab sie oft auf solchen Wegen troffen, doch nie so, daß ich einen Grund funden hätt, mich von ihr scheiden zu lassen. Sie ist spazieren gangen bei Tag und bei Nacht; ich habs endlich nicht mehr hindern können, denn als ich hab denkt, noch strenger sein zu müssen, da hab ich den Briefen erhalten, von welchem ich vorhin sprochen hab.«
»Von Samiel?«
»Ja.«
»Donnerwetter! Hat sie ihn denn kannt?«
»Weiß ich es?«
»Nun, wann er Dir von ihr schreibt, so muß er sie doch kennen!«
»Aberst nicht sie ihn.«
»Das hat sie sagt?«
»Ja. Und nun ich Dir das Alles verzählt hab, kann ich Dir auch den Briefen zeigen. Sie ist nicht da und kann also nicht sehen, wo ich ihn versteckt hab. Sie hat ihn tausendmal von mir verlangt, ich hab ihr ihn nicht geben. Hier ist er.«
Er zog zwischen dem Leder und dem Futter seines Gurtes das Schreiben hervor. Es war nur ein kleiner Zettel, zergriffen und zerknillt. Der Inhalt der von sehr ungeübter Hand geschriebenen Zeilen lautete:
»Ann dem Krohnenpauer hier.
»Wenn du deunne Vrau niecht inn Rue läst, soh sorch iech davier, das sie Rue erhällt. Iech kanns!
Der Saamiehl.«
Der Sepp las das Blatt einmal, zwei und drei Male. Er betrachtete sich jeden Buchstaben genau.
»Was sagst dazu?« fragte der Bauer.
»Die Hand ist verstellt.«
»So? Wirklich?«
»Ja. Und auch die orthographischen Fehler sind mit Fleiß gemacht. So dumm schreibt der albernste Bauernbub nicht, und dexa Samiel ist doch sicher ein gescheidter Kerlen. Weißt, was daraus folgt?«
»Nun?«
»Er hat besorgt, Du möchtest seine Schrift erkennen. Also ists Einer, dem seine Schreibereien Du bereits schon sehen hast.«
»Das leuchtet mir freilich ein, und doch kann ich mir keinen solchen denken.«
»So meinst, daß von allen Denen, deren Schrift Du kennst, keiner dera Samiel sein kann?«
»Ja, das ist meine Ansicht. Ich trau es Keinem zu. Keiner hat die Schlechtigkeit und auch die Durchtriebenheit, welche dazu gehört. Einen Einzigen gäb es, der, wenn auch nicht so schlecht und gottlos, aber doch so verwegen sein könnt wie der Samiel.«
»Wer denn?«
»Das wär mein Schwiegervatern.«
»Welcher? Hast doch zweie habt.«
»Ich mein' den Vätern von meiner jetzigen Frau. Der war als Wilderer bekannt und hat denen Förstern gar viel zu schaffen macht. Er ist niemals derpischt worden, so schlau war er. Sonst aberst war er ein ganz guter und braver Kerl. Es hat Leute geben, die behaupteten, daß seine Tochter, meine Jetzige, ihm beim Wildern hat helfen müssen.«
Der Sepp horchte auf. Er war schon daran, einen Laut der Ueberraschung hören zu lassen, beherrschte sich aber und sagte in ruhigem Tone:
»Hältst Du das für wahr?«
»Nein. Ein Mädchen von fünfzehn Jahren taugt niemals nix zum Wildern.«
»Sie müßt schießen können.«
»Das kann meine Frauen nicht.«
»Das glaub ich wohl. Man hätt doch davon hört. Aber willst nicht weiter verzählen? Wie war es mit dem Brief? Hast ihn Deiner Frau zeigt?«
»Nein. Erst nachher, als ich blind war, hab ich ihr davon sagt. Sie wollt ihn haben, doch hab ich ihr ihn nicht geben. Ich hab ihr weiß macht, daß ich ihn verbrannt hätt, und damit mußt sie sich halt zufrieden geben.«
»Hasts denn glaubt, daß dera Samiel seine Drohung wahr machen wird?«
»Ich hab nicht wußt, was ich davon halten soll, und nachhero hab ich denkt, daß sich ein Anderer einen dummen Spaß macht hat. Aberst es ist Ernst gewest, wie ich nachhero hab derfahren müssen, denn bereits einige Tage nachdem ich den Briefen erhielt, ist die That geschehen, die mich um mein Augenlicht bracht hat.«
»Und wie ist das gewest?«
»Das Kätherl war wiederum in den Wald gangen und ich schlich ihr nach, ohne daß sie es merkt hat. Ich Hab sie auch entdeckt. Schon von Weitem hab ich ihre Stimme hört, wie sie lacht hat, und auch eine Männerstimme war dabei. Da hab ich in meiner Wuth vergessen, daß es besser war, heimlich und vorsichtig zu thun. Ich bin durch die Büsche drungen, daß es laut gerauscht und geraschelt hat. Das habens natürlich hören müssen, und darum sah ich nur, als ich bei ihr ankam, noch den Rücken des Kerls, der bei ihr gewest war. Er sprang durch die Sträucher davon. Ich wollt ihm nach, aberst sie hat mich anfaßt und fest halten, mit einer Kraft, die ich ihr niemals zutraut hätt. Ich hab sie fragt, wer der Mensch gewest sei; sie hat mich auslacht und es mir nicht sagt. Da bin ich noch wüthiger geworden und hab ihr ein paar Schellen geben, daß sie hinstürzt ist. Da hat sie sich schnell wieder aufirafft und mir ein Gesicht macht, welches ich niemals vergessen nxri». All ihre Schönheit und Lieblichkeit war verschwunden. Sie hat ausschaut wie ein Teufel und hat mich anzischt wie eine Natter. Indem sie die Fäust ballt hat, rief sie mir zu: ›Du sollst fortan Deine verdammten Augen nicht mehr da haben, wo sie nicht hingehören! Merk Dirs!‹ Dann ist sie auch davon sprungen.«
»Herrgottle!« sagte der Sepp. »Da möcht man doch beinahe denken, daß sie – na, ich will nix sagen. Fahr nur weiter fort!«
Er hätte beinahe den Gedanken verrathen, welcher sich ihm während dieser Unterhaltung bereits mehrere Male aufgedrängt hatte. Er hielt es aber für gerathen, ihn zu verschweigen. Der Blinde erzählte weiter:
»Am andern Tag bereits ist dera Postbote kommen und hat mir abermals einen Briefen bracht. Darinnen hat standen, daß ich des Abends soll in den Garten – nun, ich brauch es ja nicht zu sagen, weil Du es ja auch lesen kannst.«
»Hast diesen Brief auch aufbewahrt?«
»Ja. Die beiden Schreiben stecken immer beisammen. Hier ist er.«
Er zog den Brief aus dem Gürtel, gab ihn dann Sepp und dieser las:
»Ann dem Krohnenpauer hier.
»Dein Weip ißt Dier unträu. Wen Du sie errwieschen wiellst, so geh heit Awand grat umm Mietternacht inn dem Garrten. Inn der hindren Lauwe wierd sie miet ihm sizzen. Sie hawen sich dort hinn beställt. Iech weis eß ganz genau.
Dein gutter Fräund.«
Der Sepp prüfte jedes Wort dieses orthographisch so fehlerhaft geschriebenen Briefes. Er schüttelte den Kopf und fragte:
»Bist doch nicht etwan nach dem Garten und nach dera Lauben gangen?«
»Warum sollt ich nicht?«
»Weils dera Samiel gewest ist, der dieses Schreiben macht hat.«
»Das ist doch nicht wahr!«
»Freilich ists wahr. Das hättst doch sofort sehen müssen. Es ist ganz die gleiche Schrift.«
»Wirklich? Ist sie es?«
»Ja, ganz genau.«
»Das hab ich mir nicht denkt. In meinem Aerger hab ich den Briefen gen nicht richtig anschaut.«
»O wehe! Es find auch ganz dieselbigen Fehler drin. Und die Überschrift ›Ann dem Krohnenpauer‹ ist ganz genau so, wie hier in dem ersten Briefe.«
»Himmel! Das hätt ich wissen sollt!«
»So wärst heut vielleichten nicht blind!«
»Ja, ja! Wie dumm, wie dumm bin ich gewest! Dera Samiel hat mir eine Fallen stellt und ich bin ganz hübsch und ohne alle Ahnungen hinein laufen!«
»So ists, so ists! Armer Teuxel! Jetzunder kann ich Dich nun erst recht bedauern. Es muß schrecklich gewest sein.«
»Ja. Ich hab natürlich wie im Fieber auf die Mitternacht wartet. Als die Zeit da war, bin ich erst nach der Stuben gangen, wo meine Frauen schlafen that. Ich hab mich vorher überzeugen wollt, ob sie auch da ist oder nicht. In der Stub brannte Licht. Als ich anklopft, hat sie nicht antwortet. Ich hab mehrere Male klopft, aberst vergebens. Dann hab ich durch das Schlüsselloch schaut. Es ist leer gewest, weil dera Schlüssel nicht steckt hat, und ich könnt in die Schlafstuben schauen. Sie hat den Schlüssel stets von innen ansteckt. Weil er nicht da war, könnt ich mir schon darum denken, daß auch das Kätherl fort sei. Dazu hab ich schaut, daß das Bett noch ganz unberührt stand. Auch das Kanapee und die Stühlen waren leer. Kein Mensch war drinnen. Ich hab zittert vor Aufregung und bin hinab in den Garten. Erst leise und heimlich, aberst je näher ich dera Lauben kommen bin, desto größer ist meine Wuth worden. Nachhero, als ich so nahe war, daß ich sie hab sehen könnt, bin ich wie ein Wüthender darauf lossprungen und hinein.«
Er sprach jetzt schnell, hastig. Er befand sich auch jetzt wieder in großer Aufregung, da er sich die kurzen Minuten vergegenwärtigte, während denen das Unglück über ihn hereingebrochen war. Der Sepp war außerordentlich gespannt auf das, was nun folgen werde.
»Saßens drin?« fragte er.
»Nein.«
»Ah! Gott sei Dank!«
»Sei still! Sag keinen Dank! Die Laube war die Falle, in die man mich lockt hatte. Es war Vollmond. Er schien so licht hinein, daß ich fast jedes einzelne Blatt schauen und unterscheiden konnte. Sie war leer, leer. Ich hab tief, tief Athem holt und das Herz ist mir leicht worden, weil ich nun denkt hab, daß man mich belogen hat und daß mir die Kätherl nicht untreu ist, wenigstens heut nicht. Ich hab wieder gehen wollt und mich umdreht. Aberst als ich aus dera Lauben trat, da – da stand er vor mir.«
»Wer? Red doch schnell!«
»Dera Samiel.«
»Sapperment! Hasts denn auch wirklich sehen, daß er es ist?«
»Natürlich! Er stand so da vor mir, wie er beschrieben worden ist und wie er noch heut beschrieben wird, wann mal Einer das Unglück hat, ihn zu schauen.«
»Hast Dir ihn auch richtig merkt?«
»Ja. Es ist, als ob er noch jetzunder vor mir ständ, so genau weiß ich es noch. Er war ganz schwarz gekleidet. Schwarze Hosen, schwarze, kurze Jacke, einen schwarzen, breitkrämpigen Hut und eine schwarze Larve vor dem Gesicht.«
»Ja, das ist er, das ist er! Weiter! Hat er zu Dir sprachen? Hat er was sagt?«
»Ja.«
»Wie war seine Stimme, tief oder hoch?«
»Tief, sehr tief.«
Bei dieser Antwort wich die Spannung, mit welcher der Sepp diese Fragen ausgesprochen hatte. Auf seinem Gesichte nahm der Ausdruck der Täuschung Platz. Er sagte in gesenktem Tone:
»Tief, sehr tief! Ich hab mir denkt, daß die Stimme hoch gewest sein muß.«
»Wie ein Tenor?«
»Sogar wie ein Alt oder Discant.«
»So sprechen doch nur Kinder und Frauen; dera Samiel aberst ist ein Mann. Auch kannst Dir denken, daß seine Stimm tief gewest sein muß, weil er die Larv vor dem Mund habt hat.«
»Ja, ja,« stimmte Sepp schnell ein. »Er hat wohl seine Stimm verstellt. und tiefer sprachen wie gewöhnlich, und durch die Larv hats noch tiefer klungen.«
»Warum meinst, daß er die Stimm verstellt haben soll?«
»Damit Du ihn nicht an derselbigen erkennst.«
»So denkst also noch immer, daß er ein Bekannter von mir ist.«
»Nach Allem, wast bisher verzählt hast, muß er ein solcher sein.«
»Und ich kann das nicht glauben. Ich kanns nicht für möglich halten.«
»Wollen uns nicht darüber streiten. Sag lieber, wie es nachhero weiter gangen ist. Also er hat vor Dir standen und – warte noch, Kronenbauer! Weißt auch seine Gestalt noch? Hast sie Dir merkt?«
»Ja.«
»Wie war sie? Klein oder groß?«
»Er war klein, fast so klein, daß ichs gar nicht glauben möcht, daß er solche Thaten begehen kann.«
»War er dürr?«
»O nein, aber er war auch kein gar Dicker.«
»So, so! Hm, hm!«
Der Sepp brummte diese Silben so langsam und nachdenklich, daß es dem Bauer auffiel. Darum fragte dieser:
»Was hast? Denkst Dir vielleichten was bei dieser Gestalt?«
»Ja.«
»Was denn?«
»Was ich denk, das ist mir selberst noch nicht ganz klar. Ich muß zurath gehen mit der Meinung, die ich mir bilden will. Nachhero wann ich denk, daß ich das Richtige troffen hab, werd ichs Dir sagen. Also, was hat er sprochen?«
»Er hat fragt: ›Was willst hier, Kronenbauer?‹«
»Und was hast ihm antwortet?«
»Nix, kein Wort. Ich bin so starr und verschrocken gewest, daß ich gar nicht hab reden könnt. Es ist gewest, als ob mir die Kehl zugeschnürt worden sei.«
»Das war gefehlt; das war sehr gefehlt. Ich hätt das ganz anderst macht an Deiner Stell.«
»So! Was hättst denn, macht?«
»Ich hätt mich schnell auf ihn stürzt, ihn zu Boden warfen und da entweder so würgt, daß ihm der Athem vergangen wär, oder laut um Hilf gerufen. Auf keinen Fall hätt ich ihn entkommen lassen.
»So sagst jetzt. Aber wannst an meiner Stell gewest wärst, so wär Dirs ganz ebenso ergangen wie mir. Wer am warmen Ofen sitzt, der kann nicht frieren, wanns draußen schneit. Und wann er sagt, daß er sich draußen nicht verkälten würde, so mag er nur hinaus gehen in den Sturm und Schnee und es versuchen.«
»Vielleicht hast Recht, vielleicht auch nicht. Ich bin schon in Lagen gewest, die ganz ähnlich waren wie die Deinige; aberst so verschrocken bin ich nicht wie Du. Reden hab ich allemal konnt und zuschlagen auch. Hat er nicht über Dich lacht, daßt so steif und starr vor Angst warst?«
»Nein. Er hat weiter fragt: ›Suchst etwan Deine Frau?‹ Und darauf hab ich mit ›Ja‹ antwortet, grad wie ein Schulbub, wann dera Lehrern ihn examinirt. Magst immer über mich spotten, Sepp. Ich bin kein Furchtsamer und kein Hasenherz gewest all mein Lebtage nicht, aberst an demselbigen Abende hab ich keine Macht über mich habt.«
»Ich verspott Dich nicht, denn begreifen laßt sichs schon. Red weiter.«
»Auf mein Ja hat er kurz und höhnisch auflacht und dann sagt: ›Kannst sie immer suchen; aberst sehen sollst sie niemals wieder. Dafür werd ich sorgen.‹ Und in demselbigen Augenblick hob er den rechten Arm empor. Ich hatt gar nicht sehen, daß er eine Pistolen in dera Hand habt hat. Er hielt sie mir blitzschnell entgegen, grad ins Gesicht und bevor ich nur Zeit fand, mich schnell abzuwenden, that es einen Krach; es blitzte mir vor denen Augen auf, als ob die ganze Welt in Flammen ständ. Es war mir, als ob ein Feuerstrom mich niederfegte; dann war es dunkel und ich fiel zu Boden. Seitdem ist es dunkel blieben und nie wieder hell worden.«
»O mein Gott! So also ists kommen, so!« sagte der Sepp. »Dera Samiel hat sich das Alles vorher überlegt, grad wie ein Teufel, wie ein richtiger Satanas. Bist nachhero wohl ohnmächtig west?«
»Ja. Ich hab die Besinnung verloren habt. Als ich aufwachen that, konnt ich nix sehen; aberst an den Stimmen und Fragen und Worten hab ich hört, daß das Gesind bei mir war. Die Leut hatten den Schuß hört und den fürchterlichen Schrei, den ich ausstoßen hat, ohne es zu wissen. Sie waren aus denen Betten sprungen und nach dem Garten eilt, denn aus dem war der Schrei kommen. Dort hattens mich funden, wie ein Todter vor dera Lauben liegend. Nun schafftens mich fort ins Bett und fragten, was schehen sei. Ich Hab vor Schmerz wimmert wie ein kleines Kind und kaum verzählen konnt, daß ich vom Samiel ins Aug schossen worden bin. Das Pistol ist nur mit Pulver laden gewest. Also sterben hab ich nicht sollen, sondern nur blind sein. Es wär viel besser gewest, wann er mich gleich derschossen hätt.«
»Weißt, Kronenbauer, grab das giebt mir halt viel zu denken.«
»Mir nicht.«
»Er muß doch einen Grund haben. Dich nicht zu tödten. Es muß für ihn besser und vortheilhafter sein, daßt leben bleibst.«
»Wohl nicht. Er hat sein Gewissen nicht mit einem Mord beladen wollen. Das ist ja Grund genug und eine ganz hinreichende Erklärung.«
»Mag sein; aberst ich werd mal tiefer nachdenken über die Sach. Vielleichten komm ich auf einen nützlichen Gedanken.«
»Denk immer nach. Wirsts auch nicht weiter bringen als ich mit all meinem Sinnen und Grübeln, was gar nix gefruchtet hat.«
»Wollen sehen. Hättst mir schon längst Alles so verzählt wie heut, vielleichten hätten wir da bereits den Samiel fangen.«
»Oho! Hältst Dich wohl wirklich für den Mann, der das vollbringt, was die ganze Polizeien bisher vergeblich versucht hat?«
»Kann schon sein, daß grad ich dieser Mann bin. Weißt, es giebt eben Dinge, die ein einziger leichter fertig bringt als Mehrere oder Viele. Wann zehntausend Männer sich ans Ufer stellen, um einen Fisch zu fangen, so machens einen Lärmen und eine Unruhen, daß dera Fisch sich sicherlich nicht derblicken läßt, sondern davonschwimmt. Aberst wann ein Einziger sich heimlich ans Ufer setzt und die Angel fein sacht ins Wasser läßt, so beißt dera Fisch viel leichter an. So ein Fisch, so ein Hecht und Räuberfisch ist dera Samiel. Ich bin eben jetzunder im Begriff, mir eine Angelruthen zu schneiden. Nachhero werd ich mich an sein Wasser schleichen, und wann er sich noch so sehr in Acht nimmt, anzubeißen, so werd ich doch durch Geduld und guten Köter ihn endlich noch überlisten.«
»Das sagst mit solcher Ueberzeugung, als obst ganz sicher wärst, ihn zu fangen!«
»Ja, diese Ueberzeugung hab ich jetzt.«
»Sepp, sprichst im Ernst?«
»Ja. Hast mich mal als einen Maulhelden kennen lernt?«
»Nein. Du hast immer stets wußt, wast reden thust.«
»Schau, so ists auch heut.«
»Wannst so sprichst, da wird mir ganz wohl zu Muth. Denn ich weiß, daßt einen heimlichen Grund haben mußt, zu glauben, daß dera Hecht an die Angel gehen wird.«
»Ja, den hab ich freilich.«
»Darf ich ihn nicht derfahren?«
»Heut noch nicht. Wann ichs Dir gleich mittheil, könntst mir Schaden machen und Dir auch. Doch sobald ich einsehen thu, daß es gerathen ist, es Dir zu sagen, wirst es hören. Und versprechen mußt mir auch, es Niemandem wissen zu lassen, worüber wir heut sprochen haben.«
»Das Versprechen brauch ich Dir gar nicht zu geben. Es versteht sich ganz von selbst, daß ich es Niemandem sagen thu. Oder meinst, daß es mir Vergnügen macht, von diesen traurigen Angelegenheiten zu reden?«
»Nun, ich mein' freilich, daß man über solche Herzeleiden am Liebsten schweigen thut.«
»Freilich. Du bist dera Erste und Einzige, dem ich Alles so ausführlich anvertraut hab.«
»Vielleichten wärs besser gewest, wannst dem Gericht Alles sagt hättest. So ein Juristikus hat eine ganz andere Schneid als Unsereiner. Dem braucht man nur den Anfang des Fadens zu geben, so wickelt er den ganzen Knäuel ausnander. Hast denn kein Vertrauen habt?«
»Nein.«
»Aberst wannst diese beiden Briefen vorzeigt hättst, so wär das wohl dera Faden gewest, dens abwickelt hätten.«
»Da hätt ich mein häusliches Elend verrathen müssen. Im Stillen kann man es schon tragen. Wenn es nachhero mit Kanonen in alle Welt hineinschossen wird, dann ists nicht mehr zum Aushalten. Lieber möcht ich nachhero sterben.«
»Ja, bist immer Einer gewest, der gern auf seine Ehr und Reputationen sehen hat. Vielleicht ists die Kätherl gar nicht werth, daßts wegen ihr verschwiegen hast.«
»O doch!«
»Sooooo?«
Er sprach dieses Wörtchen sehr langgedehnt aus und hielt dabei den gespannten Blick prüfend auf das Gesicht des Bauers gerichtet.
»Ja,« antwortete dieser. »Sie hat sich ändert.«
»Wirklich? Ist sie anders worden?«
»Gar sehr viel. Gleich von jenem Augenblicke an, wo ich erblindet bin, hats einen ganz anderen Ton angeschlagen.«
»Das sollt mich gefreuen. Aberst wo hats denn steckt, als Du im Garten schossen worden bist?«
»Doch in ihrer Kammer.«
»Hast sie aberst doch nicht darinnen sehen!«
»Das hab ich ihr auch vorgehalten, doch hat sie mir sagt, daß sie in dera Ecken vor ihrer Truhen kniet hat, um in dera Wäsch zu suchen. Da konnt ich durch das Schlüsselloch sie freilich nicht sehen.«
»Warum hat sie nicht antwortet, alst anklopft hast?«
»Aus Uneinigkeiten, weil ich sie am vorherigen Tag schlagen hab.«
»Ach so! Dieser Grund kann freilich gelten. War sie auch mit im Garten?«
»Nein. Sie hat schlafen. Sie mußt erst aufiweckt werden.«
»Da hat sie einen sehr festen Schlaf habt. In so einer stillen Gegend, wo, besonders noch dazu in dera Nacht, eine solche Ruhe herrscht wie hier, da muß man durch einen Schuß selbst aus dem festesten Schlafe aufiweckt werden. Meinst nicht auch?«
»Man sollts wohl denken; doch hat sie stets einen gesunden und gar festen Schlaf habt.«
»Hm! Denk mal zuruck! Wie viel Zeit ist wohl vergangen gewest von da an, wo Du an ihrer Thüren standest, bis dahin, wo dera Schuß fallen ist?«
»Kaum fünf Minuten.«
»So! Alst an dera Thüren warst, da hat sie noch in dera Wäschen kramt, und nach fünf Minuterln hats bereits so fest schlafen, daß sie selbst von dem Schuß nicht aufiweckt worden ist!«
»Meinst, daß man nicht in fünf Minuten einschlafen kann?«
»O doch. Besonders wann man jung ist und vielleicht gar noch ermüdet dazu, nachhero ist man weg in einer einzigen oder auch zwei Minuten. Aberst Deine Frauen legt sich doch nicht in denen Kleidern und Schuhen und Strümpfen ins Bett?«
»Das fallt ihr gar nicht ein.«
»So rechne mal, wie viel Zeit ein Frauenzimmer bedarf, um sich zum Schlafen auszukleiden. Die bringt wohl noch mal so lang zu wie Unsereiner.«
Diese Fragen und Bemerkungen erregten doch die Aufmerksamkeit des Bauers. Er wendete dem Sepp rasch sein Gesicht zu und fragte:
»Warum sagst mir das? Hats etwan was zu bedeuten?«
»Nein, gar nix. Ich hab nur gern wissen wollt, ob die Frauen wirklich nicht im Garten gewest ist und ob also in dem zweiten Brief eine Lügen standen hat.«
»Eine Lügen ists gewest; das weiß ich freilich. Als man mich ins Bett legt hat, ist die Magd gleich zum Kätherl laufen, um sie zu holen. Da hat sie lange Zeit pochen mußt, bevor die Bäurin erwacht ist, so fest hats schlafen. Nachhero aberst ists ganz erschrocken sprungen kommen und hat sich wehklagend über mich worfen, mich ihren lieben Mann nannt und sich vor Weh nicht lassen können.«
»So! Also hats Dich gar so sehr lieb habt!«
Diese Worte wurden in einem so hörbar ironischen Tone gesprochen, daß der Bauer schnell antwortete:
»Ja, lieb hats mich wohl trotz Alledem habt, und ich bin vielleichten selbst mit schuld west an dem traurigen Zerwürfniß. Sie hat Tag und Nacht an meinem Bett sessen wie eine Mutter bei ihrem Kind, es mir an nix fehlen lassen und mich ganz zärtlich pflegt, bis ich wiederum aufi konnt hab.«
»So hats ihre Pflicht than.«
»Ja, und vollkommen. Die Schmerzen hats mir freilich nicht nehmen konnt, und das Augenlicht konnts mir auch nicht erhalten. Die Augen sind hoch anschwollen gewest, und ich kann Dir nicht beschreiben, was ich da ausstanden Hab. Es waren Qualen, wie sie im Fegefeuer oder in dera Höll nicht größer sein können. Da hats das Kätherl bei mir aushalten und mich tröstet und mir alle guten Worten geben. Sie hat mir den Mundbissen vorgeschnitten und mich lehrt, mit blindem Aug zu essen. Sodann, als ich die Stub verlassen durft, hats mich in den Garten führt und auch weiter fort, bis ich lernt hab, mich allein zurecht zu finden. Wir haben uns niemals wiederum so sehr stritten und ärgert wie früher. Kleine Zwistereien sind wohl vorkommen, aberst solche Sachen wie vorher niemals wieder. Sie ist anderst worden. Meine Blindheit hat sie von ihrem Leichtsinn heilt.«
»Ich möchts halt glauben, Dir zu Lieb.«
»Kannsts glauben. Freilich getrennt sind wir blieben wie vorher. Sie wohnt und schläft ganz allein in ihrer Stuben. Mir kann das recht sein. Ein alter, blinder Mann würde sich nur lächerlich machen, wenn er begehrlich und zärtlich thun wollt. So bin ich also wenigstens in dieser Beziehung zufrieden. Meine Ehe ist eine stille worden. Wir leben in Frieden neben einander und vermeiden Alles, was uns uneinig machen könnt.«
»Hasts ihr aber doch sagt von dem zweiten Brief, dent erhalten hast?«
»Ja, ich hab es ihr verzählt.«
»Da bin ich neugierig, was sie darauf zu Dir antwortet hat.«
»Sie hat die einzige Antwort geben, die ihr möglich war. Sie hat gar nix davon wußt. Derjenige, der den Briefen schrieben hat, muß einen Haß auf sie worfen haben und hat ihr schaden wollt bei mir.«
»Also dera Samiel?«
»Der? So meinst also wirklich, daß der den Briefen verfaßt hat?«
»Ja.«
»So hätt er doch auch den ersten schrieben, da beide von derselbigen Hand stammen.«
»Natürlich! Er hat sich doch sogar mit seinem Namen unterzeichnet.«
»Da möcht ich fast sagen, daßt Dir selbsten widersprichst, Sepp.«
»Wieso?«
»Nun, im ersten Briefen wird mir droht. Da steht, daß ich meine Frauen besser behandeln soll. Und im zweiten Schreiben will dera Verfasser ihr schaden. Wie reimt sich das zusammen?«
»O, das paßt ganz gut zusammen, wann man sich nur den richtigen Vers daraufi macht.«
»So mach ihn mir doch!«
»Mir hab ich ihn bereits macht; Dir aberst darf ich ihn noch nicht vorsingen. Wart nur die Zeit ruhig ab. Und jetzund wollen wir schweigen. Dera Fritz kommt mit dera Eierspeisen.«
Der Knecht brachte zwei Flaschen Bier nebst den Gläsern und einen großen Teller voll Rührei mit Schinken und Wurst.
»Hast lang warten mußt, Sepp,« sagte er. »Ich wollt Dich selberst bedienen, anstatt dera Magd. Darum bin ich gleich drinnen blieben, bis das Essen fertig war.«
»Hat nix schadet.«
»Ihr werdet Euch wohl indessen gut unterhalten haben, so daßt keine Zeit habt hast, an den großen Hungern zu denken.«
»Gar so überaus groß ist er gar nicht gewest.«
»Nun, so wirds zureichen. Da!«
Er setzte die Sachen auf den Tisch, welcher vor der Bank unter der Tanne stand. Es hätten zwei Esser genug gehabt. Der Sepp aber meinte:
»Konnts die Magd nicht was größer machen? Wann ich nicht nur einen kleinen Appetiten, sondern einen wirklichen Hungern hätt, so wärs viel zu klein.«
»Was, zu klein? Sepp, daran könnt doch fast ein Elephant genug haben!«
»So! Hast mal sehen einen Elephanten Rührei essen? Mir ist das noch nicht widerfahren.«
»Aber mir.«
»So! Und wann war das?«
»Eben jetzt.«
»Donnerwetter! Also dera Elephanten soll ich wohl sein?«
»Ja. Wenigstens thust ganz so, als obst so einen großen Magen hättst wie derselbige.«
»So paß auf, wie schnell es alle wird! Für wen hast das Bier mitbracht?«
»Für Dich und den Bauer.«
»So schenk auch eini! Was nützts uns, daßts für uns mitbringst, wann wir es nicht bekommen.«
»Höre, bei dera schlechten Launen, die Du heut hast, gefallt mirs nicht bei Dir. Da möcht ich mich lieber davon machen. Jetzunder klingt soeben das Glöckerl zum Paternoster und zum Ave Maria.«
Die Drei entblößten ihre Häupter und beteten still. Dann sagte der Bauer:
»Nun kannst aufisteigen, Fritz. Die Zeit ist da.«
»Hm!« meinte der Knecht. »Lieber wäre mirs halt, wenn ich dableiben dürft.«
»Warum?«
Der junge Mann erröthete. Er wurde sichtlich verlegen und fand keine Antwort. Dann aber erklärte er:
»Weil dera Sepp da ist.«
»Kannst auch später noch genug mit ihm reden. Bleibst doch heut da bei uns, Sepp?«
»Ja. Aberst warum soll denn dera Fritz fort und nicht dableiben?«
»Die Bäurin hat ihn bestellt.«
»Ich denk, sie ist in dera Kirchen?«
»Freilich. Er soll sie abholen.«
»Ach so! Da muß er natürlich gehen. Ein Knecht muß gehorsam sein.«
Er hatte Fritzens Erröthen gar wohl bemerkt, that aber nicht so. Dem scharfen Auge des Alten konnte eben nicht so leicht Etwas entgehen, was geeignet war, seinen Plänen zu dienen. Der Knecht gehorchte und ging, sich dem Steige zuwendend, der zur Höhe führte, auf welcher die Capelle stand. Ihre Lage war ganz so, als ob der Dichter sie im Auge gehabt habe, als er die Verse schrieb:
»Was schimmert dort auf dem Berge so schön,
Wenn die Sternlein hoch am Himmel aufgehn?
Das ist die Capelle still und klein;
Sie ladet den Pilger zum Beten ein.
Was tönet in der Capelle zur Nacht
So feierlich ernst, in ruhiger Pracht?
Das ist der Brüder geweihter Chor;
Die Andacht hebt sie zum Herrn empor.
Was hallt und klinget so wunderbar
Vom Berge herab, so tief und klar?
Es ist das Glöcklein, das in die Gruft
Am frühen Morgen den Pilger ruft.«
Auch Fritz dachte an diese Worte des Gedichtes, als er jetzt mit ausgiebigem Schritte bergan stieg. Er war sehr ernst gestimmt. Er war überhaupt eine tiefe, stille, ernste Natur, und das mochte seinen Grund wohl zunächst in der natürlichen Veranlagung haben. Jedenfalls aber trug auch der Umstand, daß er ein Waise war, viel dazu bei, ihn von den ausgelassenen Vergnügungen der Jungburschen fern zu halten.
Er hatte weder Vater noch Mutter gekannt. Zwar war ihm im Kronenhofe eine Heimath geboten worden, aber er galt dort doch nur als Knecht, obgleich der blinde Bauer ihn mehr wie einen Sohn behandelte. Er hatte eine außerordentliche Zuneigung zu dem Blinden. Gegen die Bäuerin aber fühlte er eine unbezwingliche Abneigung.
Sie hatte ihn, als er noch Knabe war, sehr schlecht behandelt, sich aber später so gleichgiltig gegen ihn verhalten, als ob er für sie gar nicht existire. Seit einiger Zeit hatte sich das verändert. Sie war freundlicher gegen ihn geworden.
Er hatte zuweilen bemerkt, daß ihr Auge heimlich mit einem Ausdrucke auf ihm ruhte, der ihm Unruhe bereitete. Es lag eine stille Gluth, ein heißes Verlangen in diesen Blicken. Auch in ihrem Tone, wenn sie mit ihm sprach und Niemand dabei zugegen war, lebte ein Etwas, welches er mehr und mehr zu fürchten begann. Er war keineswegs blind gegen ihre Schönheit. Er betrachtete sie, wenn er sich unbeachtet wußte, ebenso genau wie jeder Andere; aber er betrachtete sie so, wie man ein Gemälde betrachtet, welches eine schöne, üppige, reizende Judith vorstellt, welche das blutige Haupt des Holofernes in der Hand hält. Es graute ihm vor ihr, trotz ihrer Schönheit.
Ihm waren die Blicke nicht entgangen, welche sie vorhin auf ihn geworfen hatte. Noch nie hatte sie ihn aufgefordert, sie abzuholen oder sie zu begleiten. Heute hatte sie das zum ersten Male gethan. Warum? Was wollte sie von ihm? Ihm sagen, was der Pfarrer gepredigt hatte? Nur das?
Er wurde aus diesem Sinnen gestört und zwar auf eine angenehme Weise, auf die angenehmste, die es für ihn nur geben konnte.
Der Pfad war zu beiden Seiten von Gras und Gebüsch eingefaßt. Als Fritz jetzt eine Krümmung desselben hinter sich hatte und um einen Haselbusch bog, sah er ein junges Mädchen, welches im Grase gesessen hatte und sich beim Geräusche seiner Schritte nicht rasch genug hatte erheben können.
Als er nun plötzlich vor ihr stand, erglühte sie vor Verlegenheit, indem sie sich die Falten aus dem kurzen Röckchen strich.
Sie mochte achtzehn Jahre zählen, war von mittlerer Statur und hübschen Formen. Ihr Gesichtchen, von hellem Haargelock umrahmt, wurde von einem kleinen Hütchen beschattet, dessen einziger Schmuck eine Rose war. Eine eben solche stak auch an ihrem Busen, den ein schwarz sammetnes Mieder eng umschloß. Das allerliebste Gesichtchen hatte den Ausdruck von Herzensgüte. Sie war jedenfalls ein mildes Wesen, ganz geeignet, sich an einen kräftigen Charakter zu schließen, der ihr zur Stütze dienen konnte.
»Martha!« sagte er. »Du bist es? Grüß Gott!«
Er streckte ihr die Hand entgegen. Sie legte ihr kleines Händchen leicht hinein.
»Grüß Gott auch, Fritz!« antwortete sie, freundlich zu ihm aufblickend. »Fast wär ich vor Dir verschrocken!«
»Warum?«
»Ich hab denkt, es sei ein Anderer.«
»So! Aberst wannst wüßt hättest, daß ich es bin, hättst Dich nicht fürchtet?«
»Nein, vor Dir nicht.«
»Ich denke mir aber, daß eine Försterstochter, die mitten im Walde lebt, vor gar Keinem derschrecken soll.«
»Försterstochter? Dera Förster ist ja nur mein Oheim.«
»Aberst Du bist halt doch grad wie das Kind, wie die Tochter bei ihm.«
»Das denken die Leut. Ich bin eigentlich nur die Magd.«
»Davon hab ich nix wußt. Ich hab immer hört, daß er sehr gut mit Dir sei.«
»Früher ja, doch jetzunder nicht mehr.«
»Warum?«
»Wegen der – wegen Deiner – – wegen was, das weiß ich selberst nicht.«
Sie hatte sich zweimal unterbrochen. Sie befand sich sichtlich in Verlegenheit. Sie hatte beinahe einen Namen genannt, welchen sie ihm nicht sagen konnte.
Er blickte ihr freundlich forschend in das Gesicht und sagte:
»Das weißt selberst nicht? Du weißt es gar wohl, doch willst Du es mir nicht sagen: das schau ich Dir an!«
»Kannst Dich doch irren!«
»In Dir? Niemals!«
»So! Kennst mich denn gar so genau?«
»Dich braucht man gar nicht zu kennen. Deine Seel und Dein Herz sind Dir so gar deutlich ins Gesichterl schrieben, daß ein jedes Kind dran ablesen kann, wie gut Du bist.«
»Hör, Fritz, so darfst nicht sprechen!«
»Warum nicht?«
»Weil ich das nicht gern hör.«
»Wie? Du magsts nicht haben, daß man Dir sagt, wie brav Du bist?«
»Weil es doch weiter nix als eine Schmeicheleien ist.«
»So! Meinst, daß ich so ein Hallodri bin, der denen Dirndeln schöne Worten sagt, wann er es selbst nicht glaubt?«
Sie blickte ihm wieder freundlich in das ernste Angesicht und antwortete:
»Nein, so Einer bist nicht. Du bist vielleichten dera Einziger hier, der der Aufrichtige ist. Aberst doch darfst mir nicht das sagen, wast mir sagt hast.«
»So! Warum nicht, frag ich Dich? Wer ists denn, der sich des Abends aus dem Forsthause fortstiehlt, um einem armen oder kranken Leutl Essen zu bringen oder eine andere Wohlthaten, weils am Tag nicht geschehen kann, da dera Förster ein Geiziger und Rauher ist?«
»Das weißt?« fragte sie erröthend.
»Jawohl! Ich hab Dich gesehen.«
»Wo denn?«
»Am Montag am Spätabend. Da bin ich spazieren gangen zum Dorf hinaus. Weißt, ich hab manchmal Gedanken, mit denen man am Liebsten allein ist. Darum geh ich gern hinaus ins Freie, wann die Sternlein so still niederschauen, daß es Einem auch still wird und ruhig im Herzen. Da hab ich Dich sehen. Ich hab Dich kommen hört und trat zur Seite, um nicht sehen zu werden. Du kamst aus dem Wald heraus und gingst drüben wieder hinein, hinab nach dem Erlengrund.«
»Woher weißt, daß ich nach dem Erlengrund bin?«
»Ich – ich bin Dir nachgangen.«
Jetzt erröthete er; aber es wäre ihm unmöglich gewesen, ihr eine Unwahrheit zu sagen. Sie zog ihre Hand aus der seinigen, denn er hatte sie bis jetzt festgehalten, und sagte in vorwurfsvollem Tone:
»So! Hinter mir her bist? Fast eine Viertelstunden lang?«
»So lang ists gewest, ja.«
»Wann ich das wußt hätt, so wär ich gleich wieder umikehrt.«
»Warum, Martha?«
»Meinst, daß es Einem lieb ist, wenn Einem ein Bub hinterher schleicht?«
Er lächelte ihr vertraulich zu und meinte:
»Und ich bin nicht nur bis zum Erlengrund mit hinab, sondern auch wieder mit zurück bis zum Försterhaus.«
Sie war sehr ernst geworden.
»Aberst warum?« fragte sie. »Ich hab mir nicht denkt, daßt so Einer bist wie – wie – wie – –«
»Nun, wie denn?«
»Wie – wie Andere.«
»Da weiß ich noch immer nicht, wast meinst. Wie sind denn die Anderen?«
»So, daß sich ein braves Dirndl vor ihnen fürchten muß.«
»Ach so! Und nun fürchtest Dich auch vor mir, Martha?«
»Ja, denn ich muß doch, wannst in dera Nacht heimlich hinter mir herlaufst.«
»Und ich habs doch grad deshalb than, daßt Dich nicht fürchten sollst.«
»Wieso?«
»Als ich Dich an mir vorübergehen sah, da hab ich an den Samiel denkt. Wann der dazu käm und Du wärst so gar allein im Wald! So bin ich also heimlich hinter Dir her, grad wie ein Hund, der seine Herrin beschützen will, wann sie in Gefahr kommt. Weil aberst nix passirt ist, habe ichs nicht merken lassen, daß ich bei Dir war.«
Jetzt erhob sie die großen, ehrlichen Augen mit dankbarem Blicke zu ihm empor.
»Deshalb ists gewest?« sagte sie. »Da muß ich mich freilich gar schön bei Dir bedanken.«
Sie streckte ihm das soerst entzogene Händchen wieder hin. Er nahm es in seine beiden Hände.
»So bist mir also nicht bös?«
»O nein. Wie könnt ich das, wannst mich hast beschützen wollen. Aberst wannst da hinter einer Jeden gehen wolltst, so hättst gar viel zu thun.«
»Hinter einer Jeden? Das thät mir gar nie einfallen. Hinter keiner Anderen. Du bist die Einzige, bei der ich es thun kann.«
»Jetzund sagst wohl wiederum eine Unwahrheiten.«
»Nein, gewiß nicht.«
»Es wird schon auch Andere geben, die Du gern beschützen thätst.«
»Ich weiß Keine. Es giebt ja überhaupten Keine, die um Mitternacht fast eine halbe Stunde weit durch den Wald läuft, um einer kranken Frauen Hilf zu bringen.«
»Ich habs gar gern than. Die da unten im Erlengrund, in der alten Mooshütten, worein dera Regen lauft, haben jetzund gar sehr zu leiden. Er, der Holzknecht, ist krank, und sie hat zu denen fünf kleinen Kindern das sechste bekommen. Da giebts große Noth und kleine Bissen. Dera Förster ist ein Geizhals, der giebt keinen Pfennig und kein Krumerl Brod. Und da muß ich, damit er es nicht bemerkt, des Nachts zu dera armen Frauen, wann ich sie besuchen will.«
»Und nimmst ihr das Essen mit, wovon Du satt werden sollst.«
»Es reicht schon aus,« antwortete sie, indem sie den Blick zu Boden senkte.
»Nein, es reicht nicht aus. Dera Förster ist bekannt allüberall. Er läßt sich wegen eines Pfennigs ein Loch in's Knie bohren. Du hast ihm die ganze Wirthschaft zu führen und bekommst nicht satt zu essen und auch keinen Lohn, weil er Dein Oheim ist.«
»Wie? So sprechen die Leutln?«
»Ja. Habens etwan nicht Recht?«
»So schlimm ists nicht, wie Du es machst.«
»Grad so schlimm ists, und vielleichten noch schlimmer. Du aber bist die Sanfte und Gute, die es verbirgt und es nicht wissen lassen will.«
»Und doch reicht es aus, daß ich auch mal was verschenken kann.«
»Ja, weilst in dera Nacht an der Stickerei sitzest und nachhero die Arbeit zur Stadt bringst, um Dir ein paar Groscherln zu verdienen.«
»Auch das weißt Du?«
»Ich weiß Alles.«
»Von wem?«
»Von – von Niemand.«
»Es muß Dirs doch Jemand sagt haben!«
»Niemand hats mir sagt. Weißt, wann man Jemand gern hat, so braucht man von Anderen gar nix zu hören, man weiß es doch. Da hört das Ohr doppelt scharf und das Auge sieht dreimal besser als sonsten.«
Sie entzog ihm die Hand von Neuem.
»Geh fort! Bist doch ein Hallodri! Wast da sagst, das gilt nix, gar nix!«
»So! Magsts also nicht leiden, daß ich Dich gern hab?«
»Es ist doch gar nicht wahr!«
»Willsts nicht glauben? Ja, zum Glauben kann man Niemand zwingen. Aber als Du vorhin von dera armen Frauen sprachst, da hab ich denkt, daß ich der auch wohl was geben könnt.«
»Was denn?«
»Ein Brod und noch was dazu und auch wohl ein Markerl, daß sie sich einen Kaffee dazu machen kann.«
Da glänzten ihre Augen freudig ihm entgegen.
»Das willst ihr geben, wirklich?«
»Ja, gern.«
»Aberst Du hast selbst nix dazu? Bist ja nur dera Knecht. Geld hast wohl, das weiß ich, denn Du bist ein gar Sparsamer. Aber das Brod und das Andre kannst doch nicht daheim entwenden?«
»Ein Dieb bin ich nicht, nein; aberst ich weiß es schon auch ehrlich zu bekommen. Nur die Hauptsach weiß ich nicht.«
»Was denn?«
»Wie es die arme Frauen von mir erhalten soll.«
»Ja, da ists gefehlt. Du kannst doch nicht zu ihr.«
»Einen Rath wüßt ich wohl; aberst ich hab gar nicht das Herz, davon zu reden.«
»Kannst immer sprechen.«
»Nein. Ich muß doch schweigen.«
»Warum denn?«
»Weilsts mir übel nehmen könntst.«
»Dir? Nein, Fritz, auf Dich kann ich nicht bös werden, gewiß nicht.«
»So, dann sag mir mal, wannst wiederum hinunter in den Erlengrund gehest.«
»Ich wollt heut hinab.«
»Wieder so spät?«
»Ja; ich kann nicht eher, als bis dera Oheim schlafen gangen ist.«
»Wann ich Dir da meine Sachen bringen könnt, daßt sie dera Frau mitnehmen magst.«
Sie bemerkte gar nicht, daß er nur bezweckte, ihr eine freundliche Schlinge zu legen. Sie antwortete vielmehr, schnell bereit:
»Warum solltest das nicht können?«
»Weil ich Dich doch damit nicht belästigen darf. Oder doch?«
»Jawohl, darfst mich belästigen. Ists denn überhaupt eine Last, wann man einer Kranken Hilf bringen kann? Nein, ein Vergnügen ists, das größest Vergnügen, was es nur geben kann.«
»Also willigst ein?«
»Ja, sehr gern.«
»Wann soll ich es da bringen und wohin?«
»Das müssen wir berathen.«
»Zum Forsthaus?«
»Nein, dorthin nicht. Wanns dera Oheim merkt, so könnt er gar denken, daß wir – –«
Sie hielt inne. Es wäre ihr beinahe ein Wörtchen entschlüpft, über welches sie später hätte erröthen müssen. Der Knecht begriff das gar wohl; er ging schnell darüber hinweg, indem er zustimmte:
»Ganz richtig! Dera Förster darf nix davon ahnen. Darum ists besser, ich bring Dir die Sachen, wannst bereits unterwegs bist.«
»Ist das nicht zu spät für Dich?«
»Warum sollts zu spät sein?«
»Weilst schlafen mußt, denn früh beginnt Deine Arbeit mit dem Tag.«
»Die Deinige auch, und dennoch bist um Mitternacht noch wach zum guten Werke.«
»So weiß ich, was wir thun. Da, wo Du mich sehen hast, wo ich rechts aus dem Walde muß und links wiederum hinein, da wartest auf mich. Um zwölf Uhr werd ich kommen. Da giebst mir, wast mitbracht hast, und ich nehms der armen Frauen mit.«
»Ja,« sagte er, innerlich ganz glücklich, seinen Zweck erreicht zu haben, »so wirds gemacht; so ists am Allerbesten. Aber weißt, das darf Niemand derfahren.«
»Kein Mensch!«
»Es muß unser Geheimnissen bleiben. Willst mir die Hand daraufi geben?«
»Ja, gern. Hier hast sie.«
»So, topp! Es muß so hübsch sein, ein Geheimnissen mit Dir zu haben. Ich stell mir das gar prächtig vor. Also, ich komm ganz sicher heut Abend; aberst Du darfst auch Wort halten!«
»Hab keine Sorg! Ich brech mein Versprechen nicht. Aberst hier müssen wir nun scheiden, Fritz. Die Kirchleut werden gleich kommen. Die brauchen uns nicht beisammen zu sehen.«
»Das ist wahr; ob wir aberst derowegen schon aus nander gehen müssen, das glaub ich nicht. Gehst wohl abi ins Dorf?«
»Nein; ich muß wiederum aufi zur Capellen. Ich hol den Oheim ab und muß mit ihm nach Haus.«
»Der ist beim Gottesdienst?«
»Ja.«
»Warum Du nicht auch? Warum bist hier außen im Freien?«
»O, ich war erst drin in dera Capellen. Da kam aber Deine Bäuerin und hat sich neben mich setzt. Das hab ich nicht aushalten können und bin gangen.«
»Kannst sie nicht leiden?«
»Nein, gar nicht.«
»Warum nicht?«
»Weils so stolz thut. Ich thät mir nix aus ihr machen und in dera Kirchen erst recht nicht, da muß man an den Herrgott denken und nicht an die Menschenleut. Aberst sie hat sich so neben mich setzt, daß sie mir den Rücken zukehrt hat, und nachhero hat sie ruckt und ruckt, daß ich keinen Platz mehr habt habe und fortgehen mußt. Es war ihr zu gering, daß ich neben ihr saß.«
»Ja, es ist eine Aufgeblasene; das ist gar richtig.«
»Nun will ich warten, bis dera Oheim kommt, und mit ihm nach Haus. Was aber thust Du hier oben?«
»Das wirst wohl nicht derrathen können.«
»Ich glaub es wohl.«
»Ich soll die Bäuerin abholen.«
»Du? Die abholen?« fragte sie fast erschrocken. »Weshalb?«
»Weiß ich es?«
»Hat sie es Dir nicht sagt?«
»Sie hat sagt, daß ich sie heim begleiten soll, und sie will mir dabei sagen, was dera geistliche Herr predigt hat.«
Es glänzte fast wie Angst aus dem Auge des hübschen Mädchens.
»Komm,« sagte sie. »Man soll uns doch nicht hier sehen. Wir gehen seitab und steigen dann zwischen denen Büschen empor.«
Sie zog ihn mit sich fort. Erst nach einer Weile, als sie vom Pfade aus nicht gesehen werden konnten, blieb sie stehen. Sie blickte ihm besorgt in das Gesicht und fragte:
»Ists wirklich wahr, daßt die Kronenbäurin abholen sollst, oder hast nur einen Scherz machen wollen?«
»Es ist wahr.«
»Hat sie es Dir heimlich sagt?«
»Ja.«
»Herrgott! Fritz, Fritz!«
Sie faltete die Hände vor Schreck. Da erschrak er auch, und zwar über sie.
»Was hast, was ists mit Dir, Martha?« fragte er sie.
»Das hätt ich nicht denkt, daßt dera Bub bist von ihr!«
»Ihr Bub? Wie meinst das?«
»Ihr – ihr Liebster.«
»Martha, was fallt Dir ein!«
»Nun, wannst schon so öffentlich mit ihr gehen mußt, ohne daß dera Bauer Etwas davon derfahren darf!«
»Kind, Dirndl, sei klug! Wanns so wär, so thät ers doch derfahren. Die Leutln sehen uns ja und würden schon dafür sorgen, daß er es bald weiß. Das ist ja denen ihre allergrößte Freud. Aberst ich hab nur einen Scherz macht. Ich hab sehen wollt, wast dazu sagst. Dera Bauer weiß es, daß ich da bin, um sie abzuholen.«
»Wirklich, wirklich? Sagst die Wahrheit?«
»Ganz gewiß! Ich habs nicht gern than; aber er selberst hat mich dann heraufischickt, nachdem sie mir vorher in seiner Gegenwart geboten hat, sie abzuholen.«
»So ists, so also? Ich kann jedoch gar nicht begreifen, was sie dabei beabsichtigt.«
»Ich auch nicht.«
»Vielleichten ist sie Dir gut.«
»Das mag sie nur bleiben lassen. Hältst sie denn überhaupten für so Eine, die ihre Pflicht vergessen könnt?«
»Ja.«
»Warum? Hast was hört?«
»Hört und sehen.«
»Sapperment! Was denn? Sag es mir!«
»Nein, später vielleicht. Jetzund haben wir keine Zeit.«
»Mußts mir aberst versprechen, daßt mirs wirklich sagen willst!« bat er in dringlichem Tone.
»Hast das so nothwendig?«
»Kannsts Dir doch denken, daß mich das sehr verinteressiren muß.«
»Wohl weilst eifersüchtig bist auf sie?«
»Auf die? Das könnt mir grad passiren! Wann ich eifersüchtig sein wollt, so wärs nicht auf die, sondern auf – – auf eine ganz Andere.«
»Auf wen?«
»Auf – Dich, Martha.«
»Geh fort! Willst über mich lachen?«
»Nein, Martha, ich kann Dir sagen – aber horch! Ich höre da Leut gehen. Dera Gottesdienst ist aus. Wir müssen schnell machen, daß wir hinaufi kommen, ich zur Bäuerin und Du zu Deinem Oheim.«
Er nahm sie bei der Hand, um sie beim schnellen Steigen zu unterstützen, und sie folgte ihm, so schnell sie es vermochte. Kurz vor der Capelle hörte das Gebüsch auf. Rings um das Gotteshäuschen gab es einen freien Rasenplatz, welchen man mit einigen Blumen und blühenden Strauchgruppen verschönert hatte. Fritz hielt an und sagte:
»Hier ist dera Busch alle. Man darf uns nicht sehen. Tritt Du da hier heraus, und ich gehe noch ein Wengerl nach rechts. Und nun leb wohl, meine liebe Martha!«
»Behüt Dich Gott, Fritz!«
»Denkst heut mal an mich?«
»Ja, gern.«
»Und auch oft?«
»Will schauen, ob ich Zeit dazu hab. Du verlangst gleich gar zu viel. Wann man –«
Sie wurde unterbrochen. Es rauschte vor ihnen. Die Zweige wurden auseinander geschoben und – die Kronenbäuerin stand vor ihnen in aller Pracht ihrer Frauenschönheit, aber mit zorngerötheten Wangen und haßblitzenden Augen, deren Blick wie ein vernichtender Strahl an dem erschrockenen Mädchen herniederfuhr.
So standen sie sich einige Sekunden lang gegenüber, das Kätherl als das Bild voller, üppiger, anspruchsvoller Schönheit, Martha aber als ein treues Abbild zarter, stiller, reizender Jungfräulichkeit.
Endlich zischte die Bäuerin dem Mädchen zu:
»Was willst hier, Dirn?«
Martha vergaß vor Verlegenheit, ihr zu antworten.
»Willst Dir wohl den Fritz erschnappen? Von dem laß nur ab! Den bekommst nicht!«
Der verachtungsvolle Ton, in welchem diese Worte gesprochen worden waren, gab Martha ihr ganzes Selbstgefühl wieder zurück.
»Von Dir möcht ich ihn auch nicht!« antwortete sie. »Die Kronenbäuerin wär die Allerletzte, von der ich mir einen Bub geben ließ. Weißt wohl, warum!«
Sie wendete sich ab und verschwand zwischen den Büschen. Die Bäurin wendete sich nun langsam zu dem Knecht.
Dieser hatte kein Wort gesagt; aber nicht etwa vor Schreck oder aus Angst vor der Bäuerin. Nein. Er hatte aus einem ganz anderen Grunde vergessen, zu sprechen.
Als die Beiden einander gegenüberstanden, war es ihm mit aller Deutlichkeit in die Augen gefallen, wie schön eigentlich Martha war. Das war eine fromme, keusche, unberührte Mädchenblüthe, tausendmal mehr werth und tausendmal schöner noch als die üppige, pflichtvergessene Kronenbäuerin.
Diese Erkenntniß hatte ihn wie mit einem electrischen Schlage durchzuckt. Er hatte der lieblichen Nichte des grimmigen Försters stets eine große Sympathie gewidmet, ohne es ihr bemerken zu lassen. Auch heut, vorhin, als er sich so rasch entschloß, der armen Holzknechtfamilie auch Etwas zu schenken, hatte er nur die Absicht gehabt, einen traulichen Gang mit dem hübschen Mädchen durch den mondscheinüberflutheten Wald zu machen. Das sollte eine, so zu sagen, poetische Unterbrechung des alltäglichen Einerlei sein. Er hatte gar nicht etwa wirkliche Liebesgedanken und zärtliche Absichten dabei. Und als sie ihm so schnell zugesagt hatte, war ihm zwar eine Art Glücksgefühl überkommen, aber jenes selige Entzücken, welches die Liebe empfindet, wenn sie Erhörung findet, war es nicht gewesen.
Jetzt nun aber, als sich die beiden Frauen gegenüberstanden, die Kronenbäuerin trotz ihrer Schönheit doch abstoßend wirkend, und Martha hell und mild, wie der freundliche, silberne Mondesstrahl im Vergleich zu dem glühenden, ermüdenden, ja, verzehrenden Brande der Sonne, da war es auf einmal, in einem einzigen Augenblicke, licht in ihm geworden, und er fühlte, daß es nicht ein gewöhnliches, freundschaftliches Interesse sei, welches ihn so viel an Martha hatte denken lassen und zu ihr gezogen hatte. Nein, die Liebe war es gewesen, die schlummernde, sich selbst nicht kennende Liebe, die nun aber rasch erwacht war zu einem so hellen und mächtigen Bewußtsein, daß er, in dem hellen, blitzenden Lichte dieses Bewußtseins wie geblendet dastehend, gar keine Zeit fand, auf die Worte zu hören, welche zwischen der Kronenbäuerin und Martha gewechselt wurden. Erst als die Letztere sich entfernt hatte, und die Erstere nun zu ihm trat, sah er ein, daß er doch auch ein Wort hätte sagen sollen.
»So also,« sprach sie in höhnischem Tone. »Das war Deine Geliebte!«
Er blickte ihr ruhig in das Gesicht und antwortete:
»Hättst vielleichten was dagegen, wann sie es wirklich wär?«
»Ja, sehr viel.«
»Und was denn?«
»Daß Du ohne unsere Einwilligung Dir kein Dirndl anschaffen darfst.«
»Was hast denn für ein Recht, das zu verlangen?«
»Das Recht dera Mutter.«
»Ach so! So bist also meine Muttern?«
»Ja.«
»Davon hab ich noch nix wußt und noch viel weniger merkt.«
»Das zu sagen, ist der größeste und schwärzeste Undank von Dir!«
»Das glaub ich nicht. Was hab ich Dir zu danken?«
»Alles. Wir haben Dich als Waisenkind zu uns genommen –«
»Damit ich tüchtig arbeiten sollt!«
»Dich gekleidet –«
»Daß ich barfuß und halb nackt hab laufen müssen!«
»Und ernährt –«
»Daß michs vom Morgen bis zum Abend hungert hat und vom Abend bis Morgen wieder, daß ich nicht hab schlafen konnt!«
»Und Dich erzogen!«
»Mit dem Stock, so daß ich die Schwielen davon wochenlang gefühlt habe.«
»Das darfst Du nicht sagen.«
»Ists verboten, die Wahrheit zu sagen?«
»Es ist ja nicht die Wahrheit!«
»O doch! Ich bin manches Mal als Bub hinaus gangen aufs Feld oder im Winter krochen in den Keller, um mir ein Runkelrüben zu holen, die ich fraß wie ein Rind, weilst mir nix zu essen geben hattest.«
»Das waren ja Ausnahmefälle. Es geschah, um Dich zu strafen, wenn Du einen Bubenstreich begangen hattest.«
»Ach so, darum! Ja, darum hatt ich so viel zu hungern, weil ich so viele Streich begangen hab, denn Du haßtest mich, und darum konnt ich Dir nix richtig machen.«
»Ich habe Dich nicht gehaßt. Ich habe mich im Gegentheil ganz wenig um Dich bekümmert.«
»Das war dann nachhero, als dera Bauer Dir mal selbst mit dem Stock bedeutet hat, daß ich auch ein Mensch bin und nicht ein Hund, den man nur so mit den Füßen von sich schleudert.«
Ihre Augen blitzten zornig auf.
»Erinnere mich nicht daran, sonst –!«
Sie erhob drohend die Hand.
»Sonst? Was ist sonst?«
»Sonst – –! Ah, nichts ist!«
Er hatte sich hoch und stolz vor ihr aufgerichtet. Seine Augen blitzten und seine gesunden Wangen rötheten sich noch tiefer. Das gab einen Anblick männlicher Kraft und männlichen Selbstbewußtseins, bei welchem sie sich erinnerte, daß sie ihn sich doch nicht zum Feinde machen dürfe, weil sie ihn ja liebe.
»Nichts? Das hab ich mir denkt,« sagte er. »Und wannst sagst, daßt Dich nicht um mich kümmert hättest, so brauchst auch nicht zu meinen, daßt meine Muttern seist. Eine Muttern bekümmert sich um ihr Kind. Eher könnt ich behaupten, daß dera Bauer mein Vatern sei, denn er ist stets freundlich und gerecht gegen mich gewest.«
»Kannst Dich jetzt über mich beklagen?«
»Nein, jetzt nicht mehr. Du bist – sehr freundlich gegen mich.«
Fast hätte er gesagt – zu freundlich, anstatt sehr freundlich.
»Nun, wann Du das erkennst, warum machst Du mir da Vorwürfe wegen Vorkommnissen, welche längst vorüber sind?«
»Ich mache keine Vorwürfen, sondern ich hab nur beantwortet, wast gegen die Wahrheit behauptet hast. Hättest nicht sagt, daß ich kein Recht hab, mir nach meinem eigenen Geschmack und Willen ein Dirndl anzuschaffen, so wär dera ganze Streit unterblieben.«
»Geschmack? Geschmack hast Du keinen!«
»So? Das ist freilich schlimm für mich.«
»Ja. Wer sich in die Martha verliebt, der hat keinen Geschmack.«
»Ist sie denn gar so häßlich?«
»Nein. Sie hat eben eine Larv wie jede Andere auch. Kannst Schönere haben und Reichere dazu.«
»Wo denn?«
»Brauchst nur die Augen aufzumachen.«
»Nenn mir doch Eine!«
»Das ist gar nicht nothwendig. Schau Dich nur in Deiner nächsten Nähe um.«
»O Jerum! Wen giebts in meiner Nähe? Dem Wendlers Michel die Seinige? Das ist die nächste Nachbarin. Die hat Sommerflecken im Gesicht, so groß, daß man gleich einen Reitsattel hat, wann man so einen Sommerfleck aufs Pferd legt. Und faul und schmutzig ist sie halt auch.«
»Die mein' ich nicht.«
»Die Nächste ist die Körners Walburgi. Soll ich mich in die verlieben? Die hat ein schiefes Bein und dazu das böse Wesen.«
»Wer redet denn von der!« sagte sie ungeduldig.
»Nun, darnach kommt dem Rankenmüller seine Franzi. Die kann mir gar stohlen werden. Einen Schnurrbarten hats unter dera Nasen wie ein Artilleriefeldwebel; dabei stets die Schwindsucht und hustet so lieblich, daß man denkt, eine Lokomotive kommt aus dem Geleise.«
»Fritz, ärgere mich nicht! Ich meine doch keine von diesen. Ich habe sagt, daßt Dich in Deiner nächsten Nähe umschauen sollst.«
»Das wars doch auch. Ich hab doch nur von denen nächsten drei Nachbarn sprochen.«
»Wohnt dera Nachbar in dera nächsten Nähe oder nicht?«
»Nein, sondern nur nebenan. Die nächste Nähe ist nicht so weit.«
»Ach so, dann meinst gar unsern eigenen Hof, den Kronenhof?«
»Ja. Giebts denn da keine Hübsche, der Du gut sein könntest?«
»Nein.«
»Besinne Dich!«
Sie legte ihm vertraulich die Hand auf die Achsel und schaute ihm mit warmem, verführerischem Blicke in die Augen. Er that, als ob er dies gar nicht bemerke und antwortete lachend:
»Ja, Eine weiß ich gar wohl.«
»Nun, wer ist sie? Ist sie hübsch?«
Sie dachte, er würde jetzt sich den Muth nehmen, ihren eigenen Namen zu nennen. Er aber sagte:
»Hübsch ist sie wohl, sehr hübsch. Wann sie barfuß läuft, so sehen die Füßen so schwarz, daß man meint, sie hat die langen Wasserstiefeln an. Ein Schnupftuchen brauchts nicht, weils Alles gleich mit denen Fingern besorgt. Elf Zähne hats und daneben einundzwanzig Zahnlücken, und mit dem rechten Aug schauts zum linken Ohr hinüber. Das ist die Großmagd, die Vinzenza.«
»Mein Himmel! Sei doch nicht so albern! Wie kann ich denn an diese denken. Ich werd sie überhaupt wegen ihrer Unreinlichkeit fortjagen. Suche Dir eine Andere! Es giebt eine viel, viel Hübschere da!«
»So? Hm! Das ist auch eine Geschmackssache. Da ist nachhero die zweite Magd. Die reicht mir grad bis an die Westentaschen und hat eine Taille wie eine Allgäuer Kuh. Die Nasen blickt zum Himmel und die Ohrenlappen kann man gut benutzen, um einen Zentner Kartoffeln darinnen fort zu schaffen. Wenn – –«
Er kam nicht weiter, denn es raschelte abermals in den Büschen. Sie wurden mit Gewalt auseinander geschoben, und vor den Beiden stand der Oheim Martha's, der Förster Wildach.
Er war von hoher, stattlicher Figur und war ganz gewiß ein hübscher, ansehnlicher Bursche gewesen. Jetzt aber hatte er wohl die Fünfzig erreicht. Tiefe Falten durchfurchten ihm Stirn und Wangen, ein sicheres Zeichen, daß seine Vergangenheit eine sehr unruhige und von stürmischen Leidenschaften bewegte gewesen sei. Seine Nase war scharf und spitz, wie man sie bei ausgesprochenen Geizhälsen so oft findet, und sein Blick so unangenehm stechend, wie seine Stimme klanglos und schneidend war. Man ging ihm am Liebsten aus dem Wege, und es war allgemein bekannt, daß er selbst jetzt noch, in diesem Alter, zweien Leidenschaften rücksichtslos fröhnte, der Liebe und dem Gelde. Für Geld konnte er Vieles thun, wenn nicht Alles, und wenn ein Mädchen ein hübsches Gesicht und eine passable Gestalt hatte, so mußte sie sich sehr hüten, ihm aus dem Wege zu gehen. Sein Geiz war geradezu schmutzig, und in der Liebe kannte er keine Rücksicht und kein Bedenken.
Er war, wie bereits von Martha erwähnt worden war, mit seiner Nichte gekommen, scheinbar um dem Gottesdienste beizuwohnen, eigentlich aber aus einem anderen Grunde – er wollte mit der Kronenbäuerin zusammentreffen.
Als er jenseits mit seiner Nichte den Berg heraufgestiegen war – er kam nämlich von der dem Dorfe entgegengesetzten Seite – blieb er stehen und that, als ob das Bergsteigen ihn so angegriffen habe, daß ihm der Athem ausgegangen sei.
»Geh hinein!« sagte er. »Es wird sogleich beginnen. Ich aberst muß mich vorher noch ein Wenig verschnaufen.«
Sie gehorchte ohne Widerrede. Der Oheim duldete überhaupt keinen Widerspruch. Er war es gewöhnt, daß jeder seiner Befehle sofort und unbedenklich vollzogen werde.
Kaum war sie in der Capelle verschwunden, so eilte er mit schnellen Schritten über den Grasplatz hinüber und blickte nach dem Dorfe hinab. Er sah die Kronenbäuerin unten am Berge gehen.
Sie Beide, nämlich er und die Bäuerin, hatten ihre ganz bestimmte Minute verabredet. Kam Eins von Beiden früher oder später zur Kirche, so war dies ein stilles aber sicheres Zeichen, daß eine heimliche Unterredung heute nicht stattfinden solle.
Heute war die Bäuerin gerade so wie er zur richtigen Zeit unterwegs und er wußte nun, daß sie nicht abgeneigt sei, mit ihm zu reden. Er stieg also ein Stück den Berg hinab, ihr entgegen, und trat sodann seitwärts zwischen die Büsche, um von den anderen Kirchengängern nicht gesehen zu werden.
Den Ort, an welchem er stand, kannte die Kronenbäuerin. Sie trafen sich stets nur an demselben. Darum überraschte es ihn auch nicht, als sie nach kurzer Zeit vor ihm stand.
»Da bist ja,« sagte er, ihre reizende Gestalt mit gierigem Blicke überfliegend. »Grüß Dich Gott, Kätherl!«
»Grüß Gott, Förster,« antwortete sie, ihre Hand in die seinige legend, welche er ihr entgegengestreckt hatte.
»Hast Dich heut sehr fein macht, feiner, als ich Dich jemals sehen hab.«
Er wollte sie an sich ziehen. Sie aber entzog ihm schnell ihre Hand und trat um einen Schritt zurück.
»Was hast?« fragte er.
»Es muß nicht immer gleich geherzt und geküßt sein!«
»Einen einzigen nur zum Beginn!«
Er strich sich in Erwartung des gewünschten Genusses den struppigen Schnurrbart empor.
»Da kannst warten!« antwortete sie ziemlich schnippisch.
»So! Bist heut wohl bei schlechter Laune?«
»Auch nicht anderst als immer.«
»O doch! Hast Dich doch sonst nicht weigert, wann ich Dir zum Gruß ein Busserl hab geben wollt. Warum also heut?«
»Weil ich bereits satt davon bin.«
»Was? Bist küßt worden?«
»Gar sehr.«
»Donnerwetter! Von wem?«
»Vom Bauer.«
»Von Deinem Manne? Das machst mir schon gar nicht weiß. Bevor Du Dich von dem küssen lässest, da fallt eher noch dera Himmel ein.«
»Das scheinst sehr genau zu wissen.«
»Ganz so genau wie Du.«
»Woher?«
»Hasts mir doch selber sagt.«
»Das war Scherz. Eine Frauen kann doch dem Manne die Liebe nicht verweigern. Er hat das Recht, sie zu verlangen.«
»Darnach fragst Du längst nicht mehr. Nein, von dem bist nicht küßt worden. Viel eher von einem Anderen. Und wer das ist, das kann ich mir denken.«
»So? Wen meinst denn?«
»Den Officieren, der bei Dir wohnt.«
Ueber ihr Gesicht ging ein verächtliches Zucken, als sie antwortete:
»Ja, der ist ein ganz besonders Feiner und Sauberer!«
»Von Adel und so steinreich, daß er Dir für ein jedes Busserl zehn Mark zahlen kann.«
»Ich gebs ihm umsonst.«
»Kreuzmilionen! Willst mich ärgern?«
»Fallt mir nicht ein! Aber meinst etwan, weil ich meinen Bauer nicht mehr ausstehen kann, so bists nur Du allein, von dem ich mich küssen lassen darf?«
»Ja, grad das meine ich.«
»Da bist weit vom Ziele. Du hast kein größeres Recht, als ein jeder Andere, nämlich gar keins.«
»Hast mirs doch versprochen!«
»Papperlapapp! Was verspricht man nicht in einem Augenblicke, wo man grad mal ausnahmsweise liebevoll ist!«
Er zog die Stirn in zornige Falten, biß sich auf den Schnauzbart und sagte:
»Kätherl, bedenk, daßt keinen Schulbuben vor Dir hast! Bist sonst allemalen freundlich zu mir gewest. Warum heut nicht? Heut hast noch keine freundliche Miene macht. Was hast gegen mich?«
»Gar viel!«
»So sag es!«
»Das hab ich halt nicht nöthig.«
»Oho! Wir sind einig worden, daß wir uns heirathen, sobald Dein Mann stirbt; also sind wir grad wie verlobte Brautleuten. Da muß man offen gegen nander sein.«
»Zur Verlobung gehört mehr, alst aufzeigen kannst!«
Sie hatte ihm wirklich noch keinen einzigen freundlichen Blick gegönnt. Ihr Gesicht war kalt und starr, wie das einer Bildsäule. Es war klar, daß sie seine Leidenschaft zu stacheln beabsichtigte.
»Meinst wirklich?« lachte er auf. »Ich denk im Gegentheil, daß wir uns so innig verlobt haben, daß wir gar nie wieder aus nander können.«
»Niemand hält mich und Niemand Dich. Wir haben unseren freien Willen. Erst mit dera Heirath ist man bunden.«
Jetzt trat er hart an sie heran, ergriff ihren Arm und fragte streng:
»Sprichst etwan das Alles im Ernst?«
»Schau ich grad wie eine Gespaßige aus?«
»Nein. Du bist im Gegentheil heut grad wie Eine, die mich fressen will.«
»Da brauchst keine Angst zu haben. Fressen thu ich Dich nicht. Wann ich mir das vornehmen sollt, so müßtest wohl weit appetitlicher sein als jetzt.«
Sie machte eine wegwerfende Handbewegung, welche ihn noch mehr erbitterte.
»Kätherl, bring mich nicht auf!« drohte er.
»Schrei nicht so!« antwortete sie ruhig. »Man kann Dich doch bereits unten im Dorf hören! Oder kommen wir hier etwan zusammen, um zu prüfen, wer am lautesten rufen und reden kann?«
»Alle Teufel, hast Du heut eine Laune! Die ist dick wie ein Gewitterregen. Wer in solcher Zeit Dein Mann ist, der muß sich in Acht nehmen, daß es nicht bei ihm einschlägt!«
»Das könntest mal empfinden!«
»Davor fürcht ich mich nicht. Ich bin kein Windbeutel, den die Frau anblasen kann, wie es ihr gefällt. Jeder hat dasselbige Recht, und wann meine Frauen donnert, so blitze ich.«
»So! Das ist gar schön, daßt mir das sagst. Wann ich mal Wittwe sein werde, so hab ich also nix Eiligeres zu thun, als Deine Frauen zu werden.«
»Geh! Du weißts schon, wie ichs meine. Ich bin ein Rauher und Kräftiger; aberst eine Frauen versteh ich schon noch glücklich zu machen.«
»Deine erste wars wohl auch?«
»Allerwegen.«
»Und doch sagen die Leutln, daßt sie prügelt hast und sie zu Tod geärgert!«
»Die Leute, welche das sagen, mögen nur zu mir kommen. Ich werde sie mit der Hundepeitsche eines Besseren belehren. Nach solchen Hallunken brauchst Du Dich nicht zu richten.«
»Das thu ich auch nicht. Ich hör auf Niemand. Ich bin alt genug, um selberst zu wissen, was ich zu thun hab.«
»Nun, so sag, was thust, sobald dera Kronenbauer begraben ist!«
»Ich – leg Trauer an.«
»Das meine ich nicht. Antwort mir doch gescheidter! Mußt doch wissen, wast mir als ganz gewiß versprochen hast!«
»Deine Frau zu werden? Ja, wannst es darnach treibst, kannst nachher mein Mann sein.«
»Na, das wollt ich nur hören! Leider aberst schauts ganz so aus, als ob ich auf den Nimmermehrstag warten sollt.«
»Hast keine Geduld?«
»Dera Teuxel hole die Geduld, wann sie anfangt, langweilig zu werden. Dein Bauer ist wie dera ewige Jude: Er kann nicht sterben.«
»Sei still! Er hustet bereits.«
»Er wird noch in fünfzig Jahren husten. Er kann so alt werden wie Methusalem.«
»So was passirt jetzund nicht mehr.«
»Wanns auch nicht gar so groß mehr ist, das Alter, so ists dennoch eine verteufelte Geschichten, daß man auf den Tod eines Menschen warten soll, der ein Leben hat, wie eine Katz.«
»Mir währt es selbst auch schon zu lange.«
»Bist selberst schuld.«
»Meinst? Was kann ich Anderes thun, als warten und nur warten?«
»So? Weißt nix, gar nix, wast da thun könntest?«
»Gar nix.«
»So bist freilich bei Weitem nicht so klug, wie ich denkt hab.«
»Vielleichten gehts mir ebenso mit Dir.«
»Oho! Wann ich einen Zweck verfolg, so weiß ich auch, was für Mittel zu demselben führen.«
»Hier giebts kein Mittel.«
»Viele, sogar sehr viele.«
»Kein einziges, als eben nur dera Tod.«
»Nein, denn der Tod ist eben dera Zweck, aberst nicht das Mittel. Wann ich einen Rehbock haben will, so ist der Rehbock dera Zweck und die Büchs ist das Mittel.«
»Das klingt gut. Meinst etwan, daß ich meinen Mann derschießen soll?«
»Derschießen! Das macht zu viel Lärm. Da giebts ruhigere Wege.«
»Weißt welche?«
»Ja. Willst einen wissen?«
»Sag einen!«
»Chloroform.«
»Was ist das?«
»Das ist das Zeug, welches man einathmen muß, wann Einem die Aerzte die Besinnung nehmen wollen, damit man operirt werden kann.«
»Da wacht man doch wieder aufi!«
»Nein, wann man genug bekommt. Und wer daran storben ist, dem schauts Keiner an. Die Aerzten denken dann, der Schlag hat ihn troffen.«
»Das Zeug kann man aberst wohl nicht zu kaufen bekommen?«
»Nur schwer; aberst ich wollt Dirs schon verschaffen.«
»Ich mag es nicht. Wann man mit Etwas hanthiren will, muß man auch verstehen, mit demselbigen umzugehen.«
»So giebts noch Anderes, zum Beispiel den Arsenic.«
»Den kenn ich auch nicht.«
»Das ist Rattengift.«
»Das ist mir schon bekannt. Meinst, daß ich den Bauern vergiften soll?«
»Fürchtest Dich davor?«
»Nein; ich fürcht mich überhaupt nicht, doch hab ich oft hört, daß so eine Vergiftung sofort entdeckt wird.«
»Nicht immer.«
»Nicht immer! Ist das etwan ein Trost?««
»Ich hab ja nicht sagt, daßt ihm gleich ein ganzes Pfund Arsenic ins Essen thun sollst. Das muß subtil macht werden. Alle Tagen ein ganz, ganz klein Bisserl. Das wirkt, ohne daß es Jemand merkt. Dera Kranke geht dabei langsam ein. Man hat es dabei sogar ganz in dera Macht, ihn sterben zu lassen zu einer beliebigen Zeit und Stund.«
»Danke! Eine Giftmischerin mag ich doch nicht sein. Ich mag nicht morden.««
»Bist so furchtsam?«
»Ja, ich fürchte Gott.««
»Mach keinen Scherz! Dir fällt es gar nicht ein, Dich um die zehn Geboten zu bekümmern. Du bist die Richtige dazu! Ja, aberst wannst nix thun willst, so mußt eben warten!«
»Das will ich auch.«
»Donnerwetter, aberst mir paßt das nicht!«
»So heirath schnell eine Andere!«
»Das sagst auch nur, um mich zornwuthig zu machen. Du weißt ganz genau, daß ich keine Andere mag als nur Dich. Um Deinetwillen wär ich im Stand, das zu thun, wofür Du Dich fürchtest.«
»Was?«
»Frag nicht auch noch! Bei solchen Dingen ists besser, man thut sie still, aber man spricht sie nicht aus. Wann ich wüßt, wann ich nur genau wüßt, ob –«
Er blickte sie scharf forschend an.
»Was willst wissen?« fragte sie.
»Obst mich wirklich magst.«
»Was wäre da, wann ich Dich möcht?«
»Hochzeit wäre da, und zwar bald!««
»Das glaub ich nicht.«
»Kannsts glauben! Kätherl, wannst mir jetzund fest zuschwörst, daß ich nach dem Tode des Bauers Dein Mann werd, so – so – so sollst auf seinen Tod gar nicht mehr lang zu warten haben.«
Sie zeigte keinerlei Abscheu gegen das, was er ihr sagte; aber sie gab ihm auch nicht die gewünschte Auskunft.
»Es ist bester, mir warten doch,« sagte sie.
»Das ist nicht nach meinem Geschmack!««
»Nach dem meinigen auch nicht, und doch kann es mir nicht einfallen, mich durch ein solches Versprechen, wie Du es von mir forderst, für immer an Dich zu binden. Das wäre die größte Unvorsichtigkeit.«
»So! Hast vielleichten auch noch andere Aussichten?«
»Du weißt gar wohl, daß ich sie haben könnt, wann ich sie wollt; aberst ich denk nicht daran.«
»Warum sprichst da von einer so großen Unvorsichtigkeiten?«
»Weil man sich kennen muß, ganz, ganz genau kennen, wann man sich heirathen will.«
»Und kennst mich etwan nicht?«
»Nein.«
»So! Da schlag doch dera Teuxel drein! Jetzunder will sie mich nicht kennen, und wir sind doch schon seit Jahren bekannt und hundertmal wie Mann und Frau bei nander sessen.«
»Das ist wahr, aber ich kenne Dich trotzdem nicht. Und daran bist Du selbst schuld.«
»Ich? In wiefern?«
»Weil Du nicht aufrichtig mit mir bist. Du spielst Versteckens mit mir. Ich kann Dir weder Glauben noch Vertrauen schenken.«
Er blickte sie ganz erstaunt an.
»Was sagst da? Keinen Glauben und kein Vertrauen kannst mir schenken? Da möcht ich doch gleich wissen, warum.«
»Weilst mich belügst.«
»Ich? Dich? Millionenhagelwetter! Bring mich nicht in Harnisch, Kronenbäuerin! Wannst behauptest, daß ich Dich belogen hätt, so hast grad Du eine Lügen macht.«
»O nein. Ich kanns Dir beweisen.«
»Beweis es doch mal!«
»Das soll mir nicht schwer fallen. Willst mir mal ehrlich Antwort geben?«
»Ja.«
»Was hast gestern Abend macht, als ich von Dir fort war?«
»Ich ging –«
Er hielt inne. Es war ihm deutlich anzusehen, daß er das, was er hatte sagen wollen, zu ihr nicht sagen dürfe. Darum verbesserte er sich schleunigst:
»Ich ging zu Bett.«
»Gleich dort im Wald?«
»Natürlich nicht. Ich bin heim gangen und hab mich niederlegt.«
»Ists wahr?«
»Ja. Ich habs Dir ja bereits gestern sagt, daß ich nix Anderes thun werd, als zu Bett gehen und ausschlafen.«
»Schau, wie prächtig Du lügen kannst!«
Sie machte jetzt ein zorniges Gesicht.
»Ich lüge nicht,« behauptete er.
»Du hast aberst nicht schlafen!«
»Was denn?«
»Du bist im Wald standen während dera ganzen Nacht.«
»Sappermenten! Was soll ich im Walde stehen die ganze Nacht hindurch?«
»Um den Samiel zu fangen. Es ist von denen Soldaten, Polizisten, Schandarmen und Forstleuten jeder Weg besetzt gewest.«
Er erschrak und erstaunte zu gleicher Zeit.
»Das weißt Du? Das?« fragte er.
»Ja, das weiß ich.«
»Aberst es war ja ein tiefes Geheimniß!«
»Du siehst, daß ich es dennoch derfahren hab.«
»Von wem?«
»Das ist nun mein Geheimniß. Wann Du welche vor mir hast, so darf ich auch eins vor Dir haben.«
»Das war ein Dienstgeheimniß. Verstanden? Davon darf man gegen Niemand was ausplaudern.«
»So denkst halt Du, weilst ein Dummkopf bist und mich nicht lieb hast!«
»Oho! Einen Dummkopfen hab ich mich noch nicht von Jemand nennen lassen. Das darfst nur Du allein wagen!«
»Und doch bist einer. Es giebt viel gescheidtere Leut als Du. Mir hast kein Vertrauen schenkt und machst nun die alberne Ausred vom Dienstgeheimniß. Warum find ich denn bei Anderen Vertrauen, bei denen es grad so Dienstgeheimniß ist wie bei Dir? Dienstgeheimniß ist eben nur eine Vertrauenssache. Vertrauen erweckt Liebe. Das kannst Dir merken. Wo das nicht vorhanden ist, da soll man auch nicht von dera Liebe oder gar von dera Hochzeiten reden, so wie Du vorhin.«
»Himmelsakra, das ist eine Predigt, die ich da anhören muß!«
»Hast sie verdient!«
»Weil ich meine Pflicht than hab? Da hab ich nur Lob verdient.«
»Ich lob Keinen, der mich anlügt!«
Sie waren Beide zornig auf einander. Sie hatten sich von einander abgewendet. Er bohrte mit seinem Stocke, den er in der Hand hielt, eifrig in das Erdreich ein, und sie –? Sie lächelte, da er es nicht merkte, still und siegreich vor sich hin. Sie wußte, daß sie die gegenwärtige Schlacht gewinnen werde.
Nach einer Weile hatte er sich besonnen, was das Beste sein werde. Er nahm sich vor, zu leugnen und beim Leugnen zu verharren. Er drehte sich ihr also langsam zu und sagte:
»Ich weiß übrigens gar nicht, warum Du Dich mit mir zankst. Ich habe Dir nicht die geringste Veranlassung dazu gegeben.«
Sie blieb so, den Rücken gegen ihn gekehrt, und antwortete nicht. Darum fügte er hinzu:
»Ich hab Dich doch gar nicht belogen!«
Da fuhr sie schnell herum zu ihm, blitzte ihn mit zornigen Augen an und sagte:
»Nicht belogen? Was?«
»Nein.«
»Bist nicht mit auf Posten gewest?«
»Nein. Ich hab schlafen.«
»Aberst ich weiß doch das Gegentheil!«
»So ist Derjenige dera Lügner, von dem Du es derfahren haben willst.«
»Schön. Ganz wie Du willst. Ihm glaube ich mehr als Dir. Leb wohl!«
Sie wendete sich von ihm und ging. Aber im nächsten Augenblicke stand er ihr zur Seite und hielt sie fest.
»Kathrin'!«
Sie gab sich scheinbar Mühe, ihm ihren Arm zu entringen.
»Kätherl!« wiederholte er in bittendem und beinahe demüthigem Tone.
»Was willst?«
»Geh noch nicht fort!«
»Was soll ich hier? Mich fort und fort anlügen lassen? Das fallt mir doch nicht im Traume ein!«
»Aberst wo soll ich denn als Posten standen haben?«
»Das wirst wohl wissen.«
»Ich weiß nix. Ich hab ja schlafen.«
Da heuchelte sie möglichst großen Zorn und entgegnete:
»Nicht schlafen hast! Ich weiß, wo Du gewest bist. Ich weiß es ganz genau.«
»Nun, wo denn?«
»Im Amselbusch.«
»Donnerwetter!«
»Schau, wiet jetzund verschrickst!«
»Das ist kein Schreck, sondern nur das Verstaunen, daß ich da im Amselbusch gewest sein soll, während ich doch im Bette legen hab.«
»Welch eine Hartnäckigkeit! Bist also wirklich nicht dort gewest?«
»Nein und abermals nein!«
»Hast also auch nix dort verloren?«
»Nein.«
Er sagte das in zuversichtlichem Tone, war aber dennoch verlegen.
»Auch das nicht?«
Sie griff in die Tasche und zog einen ziemlich leeren Tabaksbeutel hervor. Er griff hastig nach demselben.
»Mein Beutel! Wie kommst zu demselben?«
»Das brauchst nicht zu wissen. Sagst mir ja auch nix. Den hast gestern im Amselbusch verloren.«
»Wo hast ihn denn funden?«
Sie hatte ihn nicht gefunden. Sie selbst hatte ihn dem Förster aus der Außentasche seiner Joppe gezogen. Er hatte auf Posten gestanden oder vielmehr im Wald gelegen. Der Samiel sollte gefangen werden, und dieser, der Samiel, nämlich die Kronenbäuerin, war so verwegen gewesen, grad die umstellte Gegend zu betreten. Sie hatte den Förster bemerkt, war leise zu ihm hin gekrochen und hatte ihm den Beutel aus der Tasche genommen, um ein Beweisstück zu haben, daß sie von ihm belogen worden war.
Jetzt wußte er nicht, wie er sich gegen sie benehmen solle. Sie antwortete:
»Im Amselbusch hab ich ihn funden.«
»So hab ich ihn früher dort liegen lassen.«
»Nein. Noch gestern Abend, bevor mir ausnander gingen, hab ich Dir selbst die Pfeif aus demselbigen stopft und ihn Dir in die Taschen steckt.«
»Das ist nicht möglich. Du wirst ihn wohl gleich behalten haben.«
Da fuhr sie auf:
»Donnerwetter! Hältst Du mich für ein Kind, daßt mir so was sagen kannst!«
»So sag, wannst ihn willst funden haben!«
»Heut früh.«
»Was hast da im Amselbusch zu suchen?«
»Thee hab ich holt für meinen Mann. Da lag Dein Beutel. Also bist dort gewest!«
»Das beweißt noch nix!«
»Ich hab mich zum Ueberfluß weiter erkundigt, um ganz sicher zu gehen.«
»Bei wem?«
»Da fragst mich zu viel. Ich hab gern derfahren, daßt wirklich dort gewest bist.«
»Das könnt Dir nur dera Officier sagt haben!«
»Ich verrath denjenigen nicht.«
»Dem sei Gott gnädig! Wann er mit Dir so vertraulich ist, daß er Dir solche Dienstgeheimnissen ausplaudert, so mußt schon sehr gut mit ihm stehen.«
»Das kann Dir sehr egal sein. Das wird Dich auch gar nicht kränken, denn Liebe hast doch nicht zu mir, da Dir so alles Vertrauen zu mir fehlt. Wannsts wenigstens noch ehrlich eingeständst! Aberst Du machst Lüg auf Lüg, und dadurch wird Alles schlimmer. Ich mag von Dir gar nix mehr wissen.«
Sie wendete sich wieder von ihm ab. Er hielt sie abermals zurück. Er nahm sich jetzt vor, von seinem Leugnen abzusehen.
»Bleib, Kätherl,« bat er. »Ich wills Dir sagen.«
»Brauchsts gar nicht einzugestehen! Ich weiß es doch!«
»Wirsts mir verzeihen?«
»Nein.«
»So sag doch nur, warumst grad darauf so brennst, zu derfahren, wo die Posten stehen!«
»Das hätt ich derfahren wollt? Ist mir gar nicht einfallen. Ich hab mich nur ärgert, daßt mich belogen hast. Mir ists ganz egal, ob Posten draußen sind oder nicht. Aberst wannst sagst, daßt nach Haus gehst, und ich hör hernachens, daß es nicht wahr gewest ist, so kanns mich kränken. Wannst mich wirklich lieb hättst, so thätst so etwas nicht. Das ist die Sach! Verstanden?«
»Nun gut, wanns weiter keinen Zweck hast, so kannst nun zufrieden sein. Ich gesteh mein Unrecht ein und bitt Dirs ab. Willsts mir verzeihen?«
»Wannst mir Besserung versprichst!«
»Ja. Ich sag nichts Unwahres mehr.«
»Auch wanns ein Dienstgeheimnissen gilt?«
»Auch dann.«
»Aberst ich werd Dich auf die Proben stellen!«
»Das kannst ja thun. Ich weiß, daß ich sie bestehen werd. Giebst mir nun zur Versöhnung Deine Hand?«
»Hier ist sie.«
Ihr Gesicht war wieder freundlich. Die Wolke war verschwunden. Sie gab ihm die Hand.
»Und einen Kuß?«
»Zwei und auch drei, weilst gute Besserung gelobt hast. Da, komm.«
Sie hielt ihm den Mund entgegen und er machte von der erhaltenen Erlaubniß einen sehr ausgiebigen Gebrauch.
Ein moralisch nur halbwegs veranlagter Beobachter hätte sich von dem Anblicke, welchen diese beiden Personen boten, abgewendet, denn es war ein gradezu widerlicher. Abgesehen auch von dem Unterschiede in dem Aeußeren der Zwei war die Zärtlichkeit des Försters eine so ungemein sinnliche, daß sie unbedingt abstoßen mußte. Und die Bäuerin nahm die Liebkosungen desselben so kalt und passiv entgegen, daß es ihr anzusehen war, sie gewähre ihm die Berührung ihrer Person nur allein aus einer allem inneren Gefühles baren Berechnung.
Endlich aber wurde es ihr denn doch zu viel. Sie stieß ihn von sich ab und sagte:
»Nun ists gut. Du derdrückst mich ja und machst mir mein ganzes Habit zu schanden. Wer mich so anschaut, was muß der denken! Du siehst, daß ich Deine Bewerbung annommen habe; nun mußt auch Wort halten und kein Geheimnissen mehr vor mir haben.«
»Nein. Nun hab ich keine mehr. Kannst auf mich rechnen?«
»Ja.« »Aberst darfst auch nicht mehr so zuwider und zurückhaltend sein wie in dera letzten Zeit. Wann man eine Frauen lieb hat, soll sie Einen auch als ihren Mann betrachten und sich darnach verhalten. Ich hab Dich in dera Zeit bisher oft bestellt, und Du bist nicht kommen. Gestern warst zwar da, aberst ich hab Dich gar nicht anrühren durft. Das kann mir nicht gefallen. Es ist ganz so gewest, als obst einen Anderen hättst. Wann werden wir wiederum ein Stelldichein haben?«
»Wannst willst.«
»Schön! Kannst heut kommen?«
»Wohin?«
»Ja, das ist nun eine böse Geschichten. Wir werden wiederum die Wege der ganzen Umgegend so besetzen, daß dera Samiel uns nicht entgehen kann, falls er in dieser Nacht nicht zu Haus bleibt, sondern abermals wildern oder stehlen geht.«
»Ihr gebt Euch doch gar gewaltige Mühe, ihn zu fangen!«
»Einmal wird er uns doch in die Hand laufen, wann wir nur lang genug aushalten und uns so heimlich verhalten, daß er es gar nicht merkt, wie schlau wir auf ihn warten.«
»Ja, schlau fangt Ihrs jetzunder an!« sagte sie in ironischem Tone. »Jedermann weiß, daß allüberall das Militär einquartirt worden ist, und nur dera Samiel allein soll es nicht wissen!«
»Mag er es wissen! Er weiß doch nicht, warum. Das Militär ist da, um Felddienstübungen abzuhalten. Daß aberst der eigentliche Zweck darinnen liegt, den Samiel zu fangen, das ist ein Geheimniß, welches er nicht eher derfahren wird, als bis man ihn dergriffen hat. Eine Anstrengungen ists freilich für Unsereinen. Man hat seinen gewöhnlichen Forstdienst zu thun und außerdem während dera ganzen Nacht auf Posten zu stehen. Woher nimmt man da die Zeit zum Schlaf! Lange darf das nicht währen, sonst rackert man sich ab und geht zu Grund. Bei diesem Leben ists eben nur die Liebe allein, die es erträglich machen kann. Und darum freut es mich, daßt wiederum gut sein willst. Heut Abend ist mein Platz unten im Amselbusch. Das ist nicht weit. Kannst dahin kommen?«
»Wann?«
»Ich tret um zehn Uhr an.«
»Da kann ich noch nicht fort. Ich muß warten, bis bei mir Alles im Schlafe liegt.«
»So komm später! Ich hab diesen Posten von dem Officier nur aus Rücksicht anwiesen bekommen, weils nicht gar weit von meiner Förstereien ist.«
»Und wo treff ich Dich da? Dera Amselbusch ist lang.«
»Kennst ihn vielleichten?«
»Ja. Ich bin einige Male dort spazieren gewest.«
»Hast da vielleichten auch die beiden Eichen sehen, welche eng neben einander stehen? Es ist eine Steinbank davor baut und weiches Moos darüber.«
»Die hab ich nicht nur sehen, sondern auch darauf sessen.«
»So wirst sie finden?«
»Ja. Es ist ja Mondschein heut, wann das Wetter sich nicht ändern thut.«
»Heut bleibts schön. Es ist sehr gut, daßt nicht Eine bist, die sich fürchten thut. Eine Andere wird nicht des Nachts durch den Wald gehen.«
»Das schreibt sich noch von meiner Jugend her; da war ich gar viel im Walde.«
»Habs hört.«
»So? Was hat man denn sagt?«
»Daß Dein Vatern ein Wilderer west ist und Du hättst ihm holfen. Er ist niemals derwischt worden.«
Sie lachte auf.
»Er konnt nicht derwischt werden, weil es nicht wahr ist, daß er wildert hat.«
»Nicht? Es giebt doch so sehr viele Stückerln, die man sich von ihm derzählt.«
»Das ist Alles nur erdacht, was sich die Leut verzählen.«
»Du sagst doch selbst, daßt viel im Wald gewest seist!«
»Aber nicht um zu wildern. Wir waren arm und sind hinaus gangen um Beeren und Schwammerln zu suchen. Auch Holz haben wir eintragen für den Winter. Da lernt man den Wald kennen. Da bricht oft dabei dera Abend und die Nacht herein, und so kommt es, daß man sich selbst in dera Dunkelheit nicht im Walde fürchtet. Vielleichten ist dera Samiel auch ein armer Bub gewest, der sich im Wald hat abmühen müssen; nun kennt er ihn und fürchtet sich nicht.«
»Wir werden ihm schon bald das Handwerk legen. Er wirds nicht mehr lange treiben, vielleichten nur noch eine ganz kurze Zeit.«
»Das glaub ich nicht. Nach Allem, was man von ihm hört, ist er ein schlauer Patron, der jetzund wohl so klug sein wird, zu Haus zu bleiben.«
»Wollen ihn schon heraus locken!«
»Womit?«
»Mit einem Köder, an welchen er ganz sicher beißen wird.«
»Wirst Dich verrechnen.«
»Ich möcht wetten, daß es uns gelingt.«
»Für einen Solchen giebts wohl keinen Köder.«
»Meinst? Es giebt im Gegentheil einen gar sehr guten, der sich bewähren wird.«
»Da möcht ich doch fast wissen, worinnen diese Lockspeis bestehen soll.«
»Das ist Dienstgeheimniß.«
»Schon wiederum eins?«
»Ja. Und ich hab die große Ehr, mir das ausdenkt zu haben. Ich hab den Plan dem Officier vorlegt. Er hat ihn für gut und schlau befunden und die Bestimmung troffen, daß er ausführt werden soll.«
»So bist ja ein Kerl, vor welchem man vor lauter Hochachtungen gleich den Hut abnehmen muß.«
»Ja, alleweile bin ich das. Und ich werd stolz sein, wann das gelingt. Nachhero komm ich wohl zur Belohnung endlich in königlichen Dienst. Das Privatforstwesen hab ich satt.«
»Königlicher Förster? Ich denk, Du willst Kronenbauer werden!«
»Ja, wann diese Zeit da sein wird, so leg ich den Dienst nieder, er mag heißen, wie er will.«
»Also, worinnen besteht denn die Lockspeisen, von der Du sprochen hast?«
Er zuckte verlegen die Achsel und sagte:
»Ja, liebes Kätherl, das darf ich Dir nicht sagen.«
»So!« fuhr sie auf. »Hast mir nicht so eben versprochen, kein Geheimnissen vor mir mehr haben zu wollen?«
»Von heut an!«
»Und nun hast doch gleich heut wieder eins!«
»Das ist kein heutiges. Das wurde bereits gestern besprochen, und was gestern war, das geht dem heutigen Tag nix an.«
»Wer hat denn sagt, daß es sich nur um die Geheimnisse von heut an handelt?«
»Das versteht sich doch von selberst.«
»Nein. Alle sind gemeint. Du sollst offen und ehrlich sein in Allem gegen mich, auch in Beziehung auf vergangene Dinge.«
»Meinswegen! Aber dieses Eine, davon darf ich nicht reden. Da hab ich mein ganz besonderes Ehrenwort drauf geben.«
»So muß es gar sehr wichtig sein.«
»Ja, außerordentlich. Nur zwei Personen wissen davon, nämlich ich und dera Officier, der Lieutenant. Keinem Förster und keinem Polizeier darf jetzt was davon sagt werden, nicht mal dem Feldwebel und denen Unterofficieren, welche in dera Umgegend stehen. Daraus magst ersehen, wie schlau und heimlich wir handeln. Darum eben bin ich überzeugt, daß dera Samiel auf den Leim gehen wird.«
»Mag der drauf gehen, ich aber nicht. Ade, Förster!«
Sie drehte sich um, zum dritten Male nun; aber ebenso schnell wie die beiden andern Male hatte er sie am Arme.
»Was läufst wiederum davon?« fragte er.
»Weil eben auf Dich kein Verlaß ist. Du hältst nicht Wort. Jetzund hast abermals ein Geheimnissen!«
»Sappermenten! Das selbige kann Dir doch ganz gleichgiltig sein!«
»Das ists mir auch. Was geht mich dera Samiel an und Alles, was Ihr thut, um ihn zu fangen! Aber es muß mich wurmen, daß Du nicht Wort halten kannst. Behalt also Dein Geheimnissen für Dich!«
Sie sagte das in zornigem, grobem Tone.
»Dazu bin ich doch verpflichtet!«
»So bin aber ich nicht verpflichtet, mich länger mit Dir abzugeben. So ein Mensch, welcher nur von Liebe spricht und vom Heirathen und daß ich zu ihm so sein soll wie eine Frauen zu ihrem Manne und der doch dabei nix weiter hat als Geheimnissen und immer wieder Geheimnissen, der kann mir stohlen werden. Ich brauch mich nicht wegzuwerfen; ich mag keinen Heimlichthuer. Ich brauch nur die Arme auszustrecken, so hängt gleich an jedem Finger ein Anderer, mit dem Du Dich nicht messen kannst. So einen Quackelhanns, wie Du bist, bekomme ich zu jeder Zeit.«
»Oho! Brauchst nicht so grob zu werden! Ich red auch vernünftig mit Dir!«
»Ja, diese Vernunft kenne ich. Ich dank dafür! Leb wohl!«
Er hielt sie noch am Arme fest; sie aber riß sich los und eilte davon. Er wollte ihr nach; da aber hörte er nahende Stimmen, welche Leuten angehörten, die wohl auch noch zur Capelle wollten; darum blieb er stehen. Er wollte sich doch nicht sehen lassen und den Leuten Veranlassung zu dem Schauspiele geben, daß er der Kronenbäuerin nachlaufe.
»Verdammt!« brummte er. »Da rennt sie mir also doch noch davon! Nun kommt sie heut gewiß auch nicht nach dem Amselbusch. Wie schön sie ist! Ein Bissen für einen König oder Kaiser! Und der Kronenhof dazu! Wann ich den bekäme! Da käme ein Geld und Vermögen zusammen! Aber ich darf doch nix ausplaudern im Dienst. Das geht nicht. Was thu ich nur!«
Er stieg zwischen den Büschen langsam zur Capelle hinauf. Es war vor derselben Niemand zu sehen. Drinnen erscholl die Melodie eines Kirchenliedes.
Er trat ein, so heimlich wie möglich, damit man nicht allgemein bemerken solle, daß er so spät komme. Sein Erscheinen und dasjenige der Kronenbäuerin kurz vorher hätte zu Redereien oder wenigstens Vermuthungen Veranlassung geben können. Er hatte sich so gestellt, daß er sie sehen konnte. Sie saß neben seiner Nichte und hatte derselben in so auffälliger Weise den Rücken zugekehrt, daß man überzeugt sein mußte, sie beabsichtige, das Mädchen zu beleidigen. Nach einiger Zeit erhob sich in Folge dessen Martha und ging hinaus. Es war für sie kein übriger Platz vorhanden.
Der Förster drehte grimmig an den Spitzen seines Schnurrbartes. Er wußte, daß diese Beleidigung seiner Nichte eigentlich an ihn adressirt sei.
Aber wenn er den Blick auf die Bäuerin heftete, so wollte sein Grimm nicht Stich halten. Sie saß so schön, so entzückend da, die Augen fromm zum Buche niedergeschlagen. Und dann, als der Pfarrer zu sprechen begann, hob sie den Blick zu ihm empor. Sie sah so fromm, so mild und lieb aus wie ein Engel, dessen Seele und Gestalt nie ein Hauch getrübt hat und auch nicht trüben kann. Sie schien so ganz in der Andacht für die Predigt aufzugehen.
Dem Förster wurde es ganz wunderbar zu Muthe. Dieser Engel, diese Heilige hatte an seinem Herzen gelegen. Er hatte die prächtigen Lippen küssen dürfen, welche jetzt halb offen, so daß die Perlenzähne dazwischen hervorschimmerten, den Inhalt der frommen Rede einzuathmen schienen. Dieses herrliche Wesen wollte auch fernerhin die Seinige sein, ihm für das ganze Leben angehören, nur solle er offen und rückhaltslos aufrichtig mit ihr sein. Hatte sie denn nicht ein Recht, dies von ihm zu fordern? Ganz gewiß, denn er verlangte ja auch von ihr die Wahrheit.
Er war von Haus aus nicht zur strengsten Gewissenhaftigkeit angelegt; er nahm sich vor, ihr den Willen zu thun. Was konnte es schaden, wenn er ihr sagte, welcher Plan gegen den Samiel ausgeführt werden solle. Sie würde es gewiß nicht ausplaudern. Was hätte sie davon gehabt?
So erwartete er mit Ungeduld das Ende des Gottesdienstes. Er wollte es so einrichten, daß er noch einmal mit der Kronenbäuerin zu sprechen kam. Darum war er der Erste, welcher am Schlusse die Capelle verließ. Draußen stellte er sich an die Stelle, wo der Weg von dem Vorplatze des Gotteshäuschens nach dem Dorfe abwärts führte. Auf diese Weise mußte sie an ihm vorüber.
Er war in der ganzen Umgebung nicht beliebt. Darum wurde er nur wenig gegrüßt. Niemand blieb bei ihm stehen, um etwa ein Gespräch zu beginnen, während dessen die Bäuerin vielleicht Gelegenheit gesucht und gefunden hätte, an ihm vorüber zu kommen, ohne von ihm angehalten worden zu sein. So war er also sicher, daß sie ihm nicht entgehen konnte.
Die Bäuerin ihrerseits hatte mit guter Ueberlegung gehandelt. Sie wußte, daß er sie ablauern werde. Sie hegte auch keineswegs die Absicht, sich ihm vollständig zu entziehen. Sie wollte, ja sie mußte mit ihm sprechen, aber es sollte nicht den Anschein haben, als ob sie dies wünsche. Sie wollte ihn besonders dadurch ärgern, daß sie sich in der Begleitung des Knechtes befand, welchen sie ja bestellt hatte. Sie wollte mit diesem recht freundlich thun, um die Eifersucht des Försters aufzustacheln. Darum schloß sie sich nicht dem Zuge der sogleich abwärts Steigenden an, sondern sie blieb an der Capelle stehen, um nach Fritz auszuschauen.
Sie sah ihn nicht. Er konnte sich hinter der Capelle befinden. Darum umschritt sie dieselbe – vergebens. Fritz war nicht zu sehen; dort aber am Wege stand der Förster, sichtlich sie erwartend. Sie ließ sich absichtlich von ihm sehen und wendete sich dann zurück, um nochmals hinter dem Gotteshäuschen zu verschwinden. Am Rande des Buschwerkes hingehend, vernahm sie Stimmen. Sie blieb stehen und lauschte. Ja, das war Fritzens Stimme. Sie hörte deutlich, was er sagte, und daß ihm eine weibliche Stimme antwortete. Er war es, dem ihre eigentliche und zwar glühende Liebe gehörte. Eine ebenso plötzliche wie mächtige Eifersucht bemächtigte sich ihrer. Sie fuhr wie eine Furie zwischen die Sträucher hinein, grad als der Förster, welcher seinen Posten verlassen hatte und ihr gefolgt war, hinter der Capelle hervortrat. Er sah sie verschwinden.
Er fragte sich, ob er ihr folgen solle. Er glaubte natürlich, daß sie, weil er am Wege gestanden habe, den ungebahnten Berg hinabsteigen wolle, nur um ihm zu entgehen. Ja, er wollte ihr nach. Wenn er sie jetzt entkommen ließ, so machte sie wohl jedenfalls alle Gelegenheit für ihn, sie allein zu treffen, zu nichte.
Eben wollte er auch in die Sträucher eindringen, als er zu seinen Erstaunen seine Nichte daraus hervortreten sah.
»Was machst da drin?« fragte er sie.
»Ich bin spazieren west.«
»Weilst aus dera Capellen fort mußt hast. Daran war die Kronenbäuerin schuld. Hast sie nicht soeben hier sehen?«
»Ja. Da drinnen steht sie.«
Sie deutete zurück.
»Sie steht? Sie läuft nicht abwärts?«
»Nein.«
Jetzt hörte er Fritzens Stimme.
»Donnerwetter!« sagte er. »Sie ist nicht allein. Wer ist bei ihr?«
»Dera Fritz, ihr Knecht.«
»Der! Wie kommt der hier herauf?«
»Sie hat ihn bestellt, damit er sie nach Haus begleiten soll.«
»Ists wahr?«
»Jawohl.«
Seine Augen begannen zu funkeln.
»Woher weißt das?« fragte er sie.
»Er selberst hat es mir sagt. Wir sind ganz zufällig mit nander zusammentroffen und haben mit nander sprachen, als jetzund die Bäurin dazu kam.«
Er glaubte, die Situation zu durchschauen. Er lächelte grimmig vor sich hin und fragte:
»Hast ihn wirklich nur ganz zufällig troffen?«
»Wie sonst?«
»Ihr habt Euch nicht bestellt?«
»Nein. Wann mir uns bestellt hätten, hätt ich mich doch nicht in die Capellen setzt. Und Du wirst wohl selberst wissen, daß mich nur die Kronenbäuerin daraus vertrieben hat.«
»Ja, das hab ich sehen. Also, sag aufrichtig: Er ist nicht etwan Dein heimlicher Geliebter?«
»Was denkst von ihm! Alle Welt weiß, daß er kein Dirndl hat.«
Aber mit jener weiblichen, angeborenen Schlauheit, welche selbst das unverdorbenste Mädchen besitzt, fügte sie hinzu, indem sie lustig auflachte:
»Das, wast jetzund sagt hast, das hat auch die Kronenbäuerin denkt. Sie hat glaubt, daß ich sein Dirndl bin.«
»So! Ist sie mißtrauisch gewest? Da hat sie sich wohl sehr darüber freut, daß sie Dich bei ihm sehen hat?«
Er hielt das Auge so scharf auf sie gerichtet, als ob er von ihrem Gesichte die Antwort ablesen, noch ehe dieselbige ausgesprochen worden war.
»Darüber freut? Das hab ich halt nicht bemerkt. Sie hat sehr zornig than.«
»Ach so! Sie hat ihm doch gar nix zu befehlen und zu gebieten.«
»Das mein ich wohl auch, aber dennerst ists grad wie eine Furie gewest, so daß ich gleich fort gangen bin; aberst vorher hab ich ihr sagt, was ich von ihr denk.«
»Was denn? Was hast sagt?«
»Sie hat wohl meint, daß er kein Dirndl nehmen darf, ohne daß er sie zuerst um die Verlaubnissen darum bittet. Da hab ich ihr aberst gleich sagt, daß ich von ihr keinen Buben nehmen möcht, grad aus der ihrigen Hand erst recht nicht.«
Sie legte auf diese letzten Worte einen ganz besonderen Nachdruck. Das fiel ihm auf. Er zog die Brauen erwartungsvoll empor und fragte:
»Warum denn das nicht?«
»Weil sie nicht diejenige ist, aus deren Hand ein Dirndl den Buben so erlangen kann, wie er sein muß.«
»Ach so! Und wie soll er denn sein?«
»Gut und brav. Er darf nicht zuvor mit einer Anderen schamerirt haben, besonders nicht mit einer verheiratheten Frauen.«
»Wie meinst denn das? Redest da etwan von dera Bäuerin?«
»Natürlich! Von einer Anderen doch nicht.«
»Könnt man vielleicht aus ihrer Hand keinen braven Buben erhalten?«
»Nein, denn sie hätt ihn vorher verdorben.«
»Schau, wast da sagst! Davon hab ich noch gar nix wußt. Kennst denn die Bäuerin gar so genau?«
»O, die kenn ich schon!«
»Woher?«
»Vom Walde her.«
»Hast sie im Wald sehen?«
»Oft.«
»Ich noch nicht. Was thut sie da?«
Sie warf ihm einen lächelnden Blick zu und antwortete:
»Solltst sie wirklich noch nicht dort sehen haben? Das thät mich gar sehr wundern.«
»Warum?«
»Nun, weilst doch dera Förster bist, der stets im Wald sein muß. Da kannst sie doch viel eher treffen als ich.«
»Ich hab sie aberst noch nicht troffen.«
»So hast sie wohl sehen, sie aberst wohl nur nicht erkannt.«
»Die Kronenbäuerin werd ich doch wohl kennen!«
»Des Nachts sind alle Kühe schwarz. Da ists möglich, daß man selbst seinen allerbesten Freund oder die beste Freundin für eine andere Person hält.«
»Des Nachts? Meinst etwan, daß die Bäurin des Nachts in den Wald geht?«
»Ja.«
»Da wird sie sich hüten.«
»O nein. Sie ists gewest. Ich hab sie ganz genau erkannt.«
»Wirst Dich irren. Hast ja selberst jetzunder sagt, daß man da selbst den allerbesten Freund verkennen kann.«
»Ja, ich hab sie aber reden hört und ganz genau ihre Stimme erkannt.«
»Reden hört? So ist Jemand bei ihr gewest?«
»Ja.«
»Wer mag das gewesen sein?«
»Das – das konnt ich freilich nicht genau wegbekommen. Es war gar zu dunkel.«
»Wars auch ein Frauenzimmer?«
»Nein, sondern eine Mannspersonen.«
»Sapperment! So laufts also mit Mannsbildern des Nachts im Wald herum! Hast den Kerlen denn nicht auch an dera Stimmen erkannt?«
»Nein. Er hat nicht so laut sprochen wie sie. Ich hab denkt, daß ich seine Stimm kennen muß. Ich hab sehr darüber nachsonnen, konnts aberst doch nicht finden.«
»Hm!«
»Sag mal, Oheim, ob das nicht ganz sehr sonderbar ist!«
»Freilich! Aberst es ist noch was Anderes dabei, was ebenso sonderbar ist.«
»Was denn?«
»Daß Du sie sehen hast. Du mußt also auch mit im Wald gewest sein.«
»Daran ist doch nix Sonderbares! Ich wohn ja im Wald. Das Forsthaus steht mitten darinnen.«
»Aber dennoch wüßt ich nicht, wast für eine Veranlassungen hättest, das Forsthaus in dera Finsternissen zu verlassen und im Wald herum zu laufen.«
»Dazu hab ich freilich keinen Grund, und ich hab es auch gar nicht than.«
»Und hast doch die Bäuerin sehen?«
»Ja. Aberst nicht im Wald, sondern in unserm Garten.«
»In – unserm – Garten?«
Er sagte das langsam und indem er die einzelnen Worte weit aus einander zog. Er machte große Augen, betrachtete ihr ihm still und überlegen entgegen lächelndes Gesicht und fuhr dann fort:
»Dort, in unserm Garten wäre sie gewest, die Kronenbäuerin?«
»Ja.«
»Des Nachts? Das ist doch ganz und gar unmöglich!«
»Es ist wahr. Ich kann mich gar nicht irren.«
»Was will sie dort?«
»Sie hat einen – – einen Liebhaber bei sich habt.«
»Bist etwan verhext?«
»Nein. Es ist die Wahrheit.«
»Wer ist denn derjenige Liebhaber gewest?«
»Ich hab Dir doch bereits sagt, daß ich ihn nicht derkannt hab.«
Er aber sah es ihrem Lächeln an, daß sie den Betreffenden gar wohl erkannt habe. Und dieser Betreffende war jedenfalls er selber, der Förster gewesen.
»Wie ist denn das kommen?« fragte er.
»Das ist sehr einfach gewest. Ich hab halt nicht schlafen konnt und bin noch ein Wengerl in den Garten gangen und hab mich in die Lauben setzt. Nachhero, als ich gehen wollt und bereits aus dera Lauben treten bin, hab ich Schritte kommen hört. Ich hab mich wundert, wer da noch herumilaufen mag, und weil ich mich nicht gern sehen lassen wollt, hab ich mich neben die Lauben an den Zaun drückt.«
»Ah! Warum bist nicht wiederum in die Lauben zurück?«
»Weil ich mir denkt hab, daß Derjenige, der da kommt, wohl auch hineingehen werde. Und sehen hat er mich doch nicht sollen.«
»Ach so! Nun, weiter!«
»Als die Person an mir vorüber ging, hab ich sehen, daß es ein Weibsbild war.«
»Donnerwetter! Es wird die Magd gewest sein.«
»Nein. Die war schlafen gangen.«
»Sie kann wieder aufistanden sein, grad so wie Du.«
»Nein. Die alte Magd ist lang und hager und geht krumm und gebeugt. Dasjenige Frauenzimmern aberst ist nicht lang gewest. Sie blieb einige Augenblicke vor dera Lauben stehen, hat hineinschaut und leise fragt: ›Bist schon da?‹ Aberst es hat ihr Niemand antwortet, eben weil gar Niemand da gewest ist.«
»So, so! Weiter!«
»Sie hat sich hinein setzt. Und bald darauf ist Der kommen, dens sucht hat.«
»Also ein Mann?«
»Ja.«
»Hast ihn Dir anschaut?«
»Nein. Er ist gar zu schnell an mir vorübergangen und in der Lauben verschwunden. Nachhero habens mit nander sprochen und ich hab sie an dero Stimmen erkannt.«
»Und ich denk halt, daßt Dich ganz sicher irrt hast.«
»Das ist gar nicht möglich, denn er hat sie mehrere Male beim Namen nannt.«
»Wie denn?«
»Kathrin hat er sagt. Nachhero, als er zärtlich war, nannt er sie ›liebes Katherl‹. Und sodann, als sie sich zankten und er zornig gewest ist, hat er sie nicht mehr Kätherl, sondern Kronenbäuerin nannt.«
»Donnerwetter! Das hast Alles hört?«
»Ja.«
»Auch was sprochen worden ist?«
»Alles.«
»Nun, was habens denn sprochen?«
»Daß er sie heirathen will, wann dera Kronenbauer storben ist. Auch vom Samiel habens sprochen und von noch anderen Dingen.«
»Sags, von was.«
»Werd mich hüten!«
»Warum?«
»Man kann, wann man ein junges Mäderl ist, nicht Alles wiedersagen, was solche Liebesleut mit nander reden und thun.«
»Verdammt! Also hast ihn nicht derkannt?«
»Nein.«
»Ists einer der beiden Jägerburschen west?«
»Nein. Das weiß ich ganz genau.«
»So möcht ich nur wissen, wer dera Kerl hat sein konnt!«
»Denk mal drüber nach!«
»Das kann nix helfen.«
»Vielleichten doch.«
»War er alt?«
»Sie hats ihm sagt, daß er kein Junger mehr ist. Darauf hat er sein Alter nannt.«
»Nun, wie alt war er?«
»Grad so alt wie Du.«
»Kreuzmillionen! Da möcht ich wohl wissen, wers gewest ist!«
»Ich auch!«
»Wer kann das für möglich halten, daß fremde Leutle sich des Nachts in unsern Garten schleichen, um dort ihre Liebesgeschichten abzumachen!«
»Ja, ich möcht wohl wissen, wie sie hineinkommen konnten. Die Gartenthür ist doch stets verschlossen.«
»Werden am End gar über den Zaun stiegen sein.«
»Eine Frau? Ueber den Zaun? Wohl nicht.«
»Oder war die Thür offen, weil Du drin gewest bist.«
»Nein. Ich bin durch das Haus hinaus, durch die Giebelthür, welche gleich in den Garten geht. Nachhero hab ich mich heimlich fortschlichen und nach dera Außenthür schaut. Sie war offen. Es konnt sie nur Einer geöffnet haben, der den Schlüssel dazu hat.«
»Sapperment! Das ist wirklich gar sehr besonderbar!«
»Ja. Es giebt doch nur zwei Schlüssel zum Garten. Einen hab ich, und den andern hast Du.«
»Eben darum kann ich es nicht begreifen, daß die Thür offen standen hat!«
»Ich hab sie nicht offen lassen.«
»Ich auch nicht.«
»Wirsts doch vielleicht selberst gewest sein, Oheim!«
»Gewiß nicht.«
»Und doch! Denn ich geh nie zu dera Thür herein oder heraus. Ich benutze stets die Giebelthür.«
»Ich werd diese Sach mal untersuchen. Wie ists denn nachhero worden?«
»Ich hab an dera Thür wartet, bis sie gangen sind. Ich hatt mich hinter den Rosenstrauch niedersetzt, der neben dera Thüren ist. Da konntens mich nicht sehen.«
»Aberst Du hast sie sehen konnt?«
»Ja.«
»Nun, so mußt doch wegbekommen haben, wer dera Mann gewest ist.«
Sie antwortete nicht und blickte vor sich nieder.
»Martha!« sagte er in strengem Tone, »wirsts sagen oder nicht?«
»Kanns Dir denn lieb sein, wann ich es sagen thu?«
»Darnach hast nix zu fragen. Ich will es wissen!«
»Nun, so brauche ichs dennoch nicht zu sagen, denn Du weißt es bereits.«
»Ich?! Unsinn!«
»Besser als ich weißt Du es! Wirst doch Dich selberst kennen!«
»Mich – selberst – kennen? Wie meinst Du denn das?«
»Nun, Du selbst bists gewest.«
»Ich? Bist nicht gescheidt im Kopf?«
»Ich hab mich nie rühmt, daß ich sonderlich gescheidt sei; aberst meine Augen und Ohren hab ich doch, und ich werd doch den Oheim kennen, bei dem ich wohnen thu.«
»Donnerwetter! Dirndl, mach mich nicht zornig! Ich soll dera Liebhaber von dera Kronenbäuerin sein!«
»Willst behaupten, daß Du es nicht bist?«
»Ja, das thu ich behaupten.«
»So weiß ich freilich nicht, wo ich meine Augen und Ohren habt habe.«
»Wirst die ganze Geschichten wohl nur träumt haben!«
»O nein! Wach bin ich gewest, sehr wach. Du kannst Dir denken, daß ich auch nachhero nicht habe schlafen konnt.«
»Konntst ruhig schlafen. Ich werd diese Sach gleich mal untersuchen. Die Bäuerin steht ja noch da im Busch. Ich werd sie gleich zur Verantwortung ziehen.«
Er machte Miene, in das Gesträuch einzudringen.
»Soll ich mit dabei sein?« fragte Martha.
»Nein. Ich thu es allein.«
»Aberst ich bin dabei doch wohl ganz nöthig, als Zeugin!«
»Ich brauch keine Zeugin. Ich denk mir, daßt Dich ganz und gar irrt hast, und da will ich Dich vor dera Kronenbäuerin nicht blamiren.«
»Daraus thät ich mir gar nix machen. Ich bin im Gegentheil ganz überzeugt, daß sie vor mir blamirt sein thät. Denn sie ist es ganz gewiß gewest.«
»Und auch ich wohl?«
»Ja.«
»Dirndl, ich sag Dir, daß ich es nicht war. Du hast Dich da gewaltig geirrt. Ich werd die Sach heraus bekommen, und dann, wann ichs Dir sag, wer und wie es gewest ist, dann wirst einsehen, daßt Dich auf einer ganz falschen Spur befunden hast.«
»Da bin ich freilich neugierig, wast für eine Verklärungen bringen wirst.«
»Eine richtige. Jetzund aberst gehst zu Haus.«
Sie gehorchte ihm und ging fort, langsam aber und zögernd. Er blickte ihr nach, bis sie hinter der Capelle verschwunden war; dann murmelte er zornig:
»Verflucht! Sie hat uns Beide erkannt. Sie weiß Alles. Sie hat jedes Wort gehört, was von uns geredet wurde, und – – da schlag doch gleich der Teuxel drein! So ist es, wann man so ein erbarmungsvolles, mildthätiges Herz hat und ein Waisendirndl zu sich nimmt. Das ist dera Dank dafür! Und die Bäuerin hats auf den Knecht absehen! Das weiß ich nun genau. Aberst ich werd ihr das verbieten! Wart nur, Kätherl!«
Er trat nahe an den Busch heran und horchte. Er hörte die Bäuerin soeben sagen:
»Suche Dir eine Andere! Es giebt eine viel, viel Hübschere da!«
Dann antwortete Fritz das, was er über die zweite Magd zu sagen hatte. Der Förster ahnte, was die Bäuerin beabsichtigte. Sie wollte den Knecht mit List dazu bringen, ihr eine Liebeserklärung zu machen. Dazu durfte es nicht kommen. Darum drang er jetzt in die Büsche ein und stand im nächsten Augenblick vor den Beiden.
Seine Augen funkelten zornig. Er ließ den Blick von der einen Person auf die Andere schweifen, und wollte sodann losbrechen. Aber die Bäurin, welche von seinem plötzlichen Erscheinen keineswegs erschreckt worden war, warf ihm einen so drohenden Blick zu, daß er sich besann und nur sagte:
»Grüß Gott, Ihr Leutln da!«
»Grüß Gott, Förster!« antwortete der Knecht ruhig.
»Dank schön!« sagte die Bäuerin. »Was willst da, Förster?«
»Nix.«
»So kannst wieder gehen.«
»O nein. Wirst mirs wohl derlauben, ein Wengerl dazubleiben.«
»Wir brauchen Dich nicht.«
»Das glaub ich schon. Aberst es gefallt mir hier.«
»Mir nicht. Darum will ich gehen,« sagte der Fritz und drehte sich um.
»Bleib!« gebot ihm die Bäuerin.
»Wirst mich wohl gehen lassen. Es giebt halt Leutln, deren Gesicht Einem zuwider ist. Da ists besser, man geht.«
Er ging. Sie aber rief ihm noch zu:
»Wart an dera Capellen. Ich komm gleich nach. Wir gehen mitsammen!«
Nun standen die Beiden, sie und der Förster, abermals bei einander.
»Hast wohl gar horcht?« fragte sie ihn.
»Nein, aber Du.«
»Ich? Wo denn?«
»Hier.«
»So! Und wann denn?«
»Vorhin, als meine Nichte mit dem Knecht sprochen hat.«
»Ja, da hab ich horcht. Ich kam ganz zufällig dazu, als sie bei nander waren.«
»Und was hast da hört?«
»Daß sie Liebesleut sind!«
»Das ist nicht wahr.«
»Meinst? Ich weiß es besser.«
»So! Ich glaub nicht, daß die Martha mich belogen hat. Sie hat mir sagt, daß sie nicht sein Dirndl ist.«
»So hat sie Dich eben belogen. Ich weiß, was ich weiß.«
»Nun, so ists auch kein Unglück.«
»Ach? Hättst wohl nix dagegen?«
»Gar nix.«
»Dera Fritz wär Dir wohl eben recht?«
»Gar sehr,« nickte er höhnisch.
»Das glaub ich wohl!«
»Bist etwan eifersüchtig?«
»Ich? Auf wen sollt ich es sein?«
»Auf meine Martha.«
»Auf die? Weshalb?«
»Weil sie Den bekommen soll, den Du selberst haben willst.«
»Was fallt Dir ein! Ich, den Knecht! Das ist halt ein Gedank, wie er gar nicht dümmer und alberner sein kann.«
»Ich halt ihn für einen sehr klugen.«
»So? Ich weiß gar nicht, obst dera Mann bist, der mal einen klugen Gedanken haben kann.«
»Das ist ja eine große Ehr für mich. Warum aberst machst Bestellung mit dem Knecht?«
»Bestellung? Davon weiß ich gar nix, kein einzig Wörtle.«
»Ists keine Bestellung, wannst ihm sagst, daß er heraufkommen soll zur Capellen, damit er Dich abholen soll?«
»Nein, das ist keine Bestellung, sondern ein Befehl, den ich ihm geben hab.«
»Das ist ganz dasselbige. Schämst Dich nicht, Dich vom Knecht abholen zu lassen!«
»Schweig!« fuhr sie ihn an. »Wer hat da vom Abholen zu sprechen! Ich will hinaus aufs Feld gehen, um nachzuschauen, was es für die jetzige Woch für Arbeit geben wird. Da muß er dabei sein.«
»So! Warum willst grad heut aufs Feld?«
»Hast etwa Du was darnach zu fragen?«
»Nein.«
»So halt auch das Maul!«
»Bekümmerst Dich ja sonst nicht um die Felder, sondern lässest dem Fritz das Alles über. Warum also heut?«
»Weil es mir so gefallt.«
»Ja, und warum es Dir grad heut so gefallt, das weiß ich auch.«
»So bist ein gar Gescheidter!«
»Man braucht nicht sehr klug zu sein, um das zu derrathen. Bist nicht mehr mit mir zufrieden, und nun soll er an meine Stelle treten.«
»Und wanns so wär, hättst vielleichten was dagegen?«
»Gar viel!«
»Das kann mir gleichgiltig sein. Mit uns Beiden ists aus, und nun kann ein Jedes thun, was ihm beliebt.«
»Schau, wie schnell das Alles geht. Meinst denn wirklich, daß ich Dich so schnell freigeben thu?«
»Wirst nix dagegen machen können!«
»So ist Dir dera Fritz wohl lieber als ich?«
»Das brauchst gar nicht zu fragen. Schau ihn an und Dich. Da kann man doch gar nicht im Zweifel sein, welcher dera Bessere ist.«
»Dera Fritz natürlich!«
»Alleweil stets!«
»Dera Lumpenhund! Laß Dich nur mal von ihm angreifen! Ich schieß ihn sofort über den Haufen!«
»Gut, daß ich das weiß; da kann ich dann gleich sagen, wer dera Mörder ist.«
Sie sagte das Alles in aller Ruhe, lächelnd und ohne Erregung. Er hingegen befand sich in einem hohen Zorne.
»Kathrin, mach mich nicht noch wilder, als ich so bereits bin,« sagte er. »Wir gehören zusammen und können nicht wiederum ausnander, nie wieder!«
»Das machst Dir nur selber weiß. Wer sollt uns zwingen, beisammen zu bleiben, wann wir nicht wollen?«
»Wollen wir denn nicht?«
»Ja.«
»Aber ich will! Ich geb Dich nicht frei; ich geb Dich nicht wieder her. Ich hab von dera Speis bereits zu viel gekostet und geschmeckt, als daß ich nun für immer auf sie verzichten sollt.«
»Ach so!« lachte sie. »Es hat wohl immer sehr gut schmeckt?«
»Ausgezeichnet!«
Bei dem Lächeln, mit welchem sie ihn jetzt so übermüthig und doch dabei verheißungsvoll anblickte, schwand sein Zorn dahin wie der Schnee vor dem Sonnenstrahle.
»So gönne doch den Anderen auch mal so was Gutes!« sagte sie.
»Das thu ich auch!«
»Nein, sondern Du willst Alles nur für Dich selberst haben.«
»Daran denk ich nicht; das fallt mir gar nicht ein. Ich kann nicht Alles haben; das weiß ich nur gar zu wohl. Ich will nur, daß sich ein Jeder suchen soll, was zu ihm paßt und was noch nicht versprochen ist. Es giebt Millionen Weibern und Dirndln in dera Welt; ein Jeder kann Eine bekommen, sogar Mehrere. Man soll mir nicht grad diejenige holen wollen, welche zu mir gehört.«
»Das sagst Du, daß ich zu Dir gehöre, und daßt mich nicht wieder loslassen willst. Doch sag das mal Anderen! Du würdest wohl sehr auslacht werden.«
»Warum?«
»Weil Niemand es glauben würd, daß ich Deine – Kebsfrauen bin.«
»O, man würde es schon glauben!«
»Niemand hält es für möglich!«
»Das denkst zwar, aberst Du irrst Dich gar sehr. Meinst etwan, daß es noch gar Niemand weiß?«
»Pah! Wer sollt es wissen?«
»Viele!«
»Keiner, kein Einziger!«
Er ließ ein kurzes, höhnisches Lachen hören und antwortete:
»Soll ich Dir etwan Einen sagen, der es weiß?«
»Ja, nenne ihn!«
»Dera Fritz weiß es.«
Sie fuhr auf, als ob Jemand sie mit einer Nadel gestochen hätte.
»Dera Fritz? Bist wohl toll!«
»Ich bin halt bei ganz gutem Verstand.«
»Wie sollt der es wissen können? Wie sollt der es derfahren haben?«
»Von dera Martha.«
»Von der! Weiß die es denn?«
»Ja.«
»So hasts ihr wohl verrathen?«
»Fallt mir nicht ein! Sie hat uns belauscht, als wir in meinem Garten in dera Lauben sessen haben.«
Jetzt war es der Bäuerin anzusehen, daß sie erschreckte. Die Röthe wich aus ihren Wangen.
»Willst mich wohl nur beängstigen?« fragte sie.
»Nein. Was hätt ich davon!«
»So hat sie uns wirklich sehen?«
»Sehen und auch hört. Sie hat neben dera Lauben steckt. Da bist erst Du kommen und nachhero auch ich. Da weiß sie also Alles.«
»Donnerwetter! Daran bist Du schuld!«
»Ich? Wie so?«
»Warum bestellst mich dahin, wo wir nicht sicher sind?«
»Kann ich es wissen, daß das Wettermaderl grad an demjenigen Abende nicht schlafen kann und darum im Garten herumläuft?«
»So hättst dafür sorgen sollen, daß ich es derfuhr, daß sie darinnen war.«
»Ich habs doch selberst gar nicht wußt!«
»Das geht mich nix an. Du hättest wachen sollen, bevor ich kam; da hättst Dir nicht entgehen könnt, daß eine Lauscherin vorhanden war. Und warum verzählst es mir erst jetzt?«
»Weil ichs nicht eher derfahren hab. Sie hat es mir erst jetzt verzählt.«
»Der Teufel soll dieses Weibsbild holen!«
Sie befand sich jetzt freilich in einer ganz anderen Stimmung als vorher. Ausdrücke wie ›Donnerwetter‹ und ›der Teufel soll dieses Weibsbild holen‹ klingen aus dem Munde einer schönen, jungen Frau keineswegs angenehm. Daß sie sich solcher Ausdrücke bediente, war ein Beweis, daß sie sich in Erregung befand. Sonst pflegte sie sehr auf sich zu achten.
»Was hast denn zu ihr sagt?« fragte sie.
»Ich habs leugnet.«
»So! Glaubt sie es?«
»Nein. Sie sagt, daß sie es ganz genau weiß, was sie sehen und hört hat.«
»So weiß sie auch unser Gespräch?«
»Ja.«
»Und – – und – –?«
»Alles, Alles weiß sie.«
Die Bäuerin stampfte mit dem Fuße, ballte die Hände und sagte:
»Ich derwürge sie, wann ich sie da zwischen meine Fingern bekomme! Was hat sie uns zu belauschen!«
»Sie hats ohne Absicht than.«
»Das ist mir ganz egal. Es darf kein Mensch wissen, daß ich es gewest bin. Du hast also Alles leugnet?«
»Natürlich!«
»Das war falsch, ganz falsch.«
»So? Warum denn?««
»Weil sie es doch nicht glaubt. Du hättst wenigstens mich in Schutz nehmen konnt. Du konntst sagen, daß es eine Andre gewest sei.«
»So! Wer denn? Wen hätt ich nennen sollt?«
»Irgend Eine.«
»Ich weiß Keine.«
»Es giebt ihrer ja genug. Oder konntst Eine nennen, die es gar nicht giebt. Das wär noch viel besser gewest.«
»Das glaub ich wohl. Ich hätts auch than, aberst es ging nicht an, weil sie Dich sehen hat, und weil sie Alles hört hat, was wir sprochen haben. Sie hat also ganz genau gewußt, daß Du es sein mußt.«
»Hm! Das ist richtig. Wir haben von meinem Mann sprochen und Von vielem Anderen, wovon nur ich allein reden kann. Die Martha kann nicht irre macht werden. Das ist wahr. Ich könnt mich fast schämen, mich vor ihr sehen zu lassen.«
»Das hast nicht nöthig!«
»Oho! Wann Du Dich nicht schämst, so ist das was Anderes. Ich aberst bin halt eine Frau. Und dera Fritz, dem sie es sagt hat! Was soll der denken!«
»Daßt eine junge, schöne Frauen bist und einen alten, blinden Mann hast. Damit ist Alles derklärt. Da giebts gar nix zum Verwundern.«
»Weißt denn genau, daß sie es ihm sagt hat?«
»Sie hat es mir nicht mitgetheilt; aberst es läßt sich doch denken, daß sie es ihm nicht verschweigt.«
»Vielleicht hat sie dennoch schwiegen.«
»Gegen ihn? Wann er wirklich ihr Geliebter ist, so hat sie es ihm sagt.«
»Hm! Das ist so eine ganz verdammte Geschichten!«
»Vielleichten ist er selberst auch dabei gewest!«
»Was denkst denn eigentlich!« rief sie erschrocken.
»Nun, wann er ihr Bub ist, besucht er sie des Abends. Da ists doch ganz leicht möglich, daß er grad an jenem Abende mit ihr im Garten steckt hat, und da hat er natürlich auch Alles bemerkt.«
»Wann das wär! Ich ärgerte mich zu Tode!«
»Es wird schon so sein. Ja, wann er nicht so ganz sicher ihr Bub wär, so könnt man sich denken, daß er noch nix weiß. Du aberst hast sagt, daß sie wirklich Liebesleut sind. Da ists natürlich sicher, daß – – – hm!«
Er hatte es darauf abgesehen, sie zu ärgern. Er weidete sich im Stillen an der Verlegenheit, in welcher sie sich befand.
»Nein, das hab ich nicht so gemeint,« sagte sie. »Ich hab nicht grad zu behauptet, daß sie sein Dirndl ist.«
»Aberst Du hasts doch sagt!«
»Dacht hab ichs mir!«
»Ach so!«
»Ich traf sie hier beisammen. Natürlich mußt ich da gleich denken, daß sie sich bestellt haben.«
»Davon ist keine Red. Ich hab dera Martha gar nix wissen lassen, daß sie mit zu dera Capellen gehen soll. Sie hats erst ganz kurz vorher derfahren.«
»So ists auch mit dem Fritz. Er hat vorher nicht wissen konnt, daßt er hier heraufi gehen muß.«
»So habens sich also zufällig troffen.«
»Da wird mir das Herz wiederum leicht. Es ist anzunehmen, daß er nicht ihr Bub ist, und daß er also noch nix weiß. Nun aberst mußt dafür sorgen, daß er auch nix derfahren kann.«
»So! Warum hast denn so große Angst vor ihm? Warum soll grad er nix wissen?«
»Keiner soll was wissen!«
»Aberst er am Allerwenigsten! Das kommt daher, weilst ihm gut bist und es auf ihn absehen hast.«
»Sei nicht albern! Es soll kein Mensch wissen, daß wir Beid, ich und Du, uns so nahe kennen. Es ist nicht nur auf den Knecht absehen. Nun hast Deine Pflicht zu thun, daß die Martha nicht plaudern kann.«
»Sie sagt nix.«
»Das möcht ich nicht beschwören.«
»Ich kenn sie als ein sehr verschwiegenes Dirndl.«
»Mag sein! Aberst es ist Keiner ganz zu trauen, keiner Einzigen. Darum mußt die richtige Maßregel dergreifen.«
»Welche wäre das?«
»Wann sie nicht mehr da ist, kann sie auch nicht reden und plaudern.«
»So meinst also, daß ichs fortschicken soll?«
»Ja.«
»Das kann ich nicht.«
»Du mußt! Es giebt nix Anderes.«
»Ich brauch sie ja!«
»Da bekommst gar leicht eine Andre.«
»Ja, eine Fremde, die ich bezahlen muß und die kaum halb so arbeitet wie die Martha.«
»Mußt Dir nur eine Sorgfältige herauswählen.«
»Ist denen Weibsbildern denn die Sorgfalten auf die Nasenspitzen schrieben? Ich bin dera Vormund, der Vaterstell vertreten muß. Ich darf sie nicht fortschicken.«
»Ich aber verlange es!«
Er freute sich im Stillen. Er hatte einen Vortheil über sie errungen. Er hätte sich dafür bei Martha bedanken mögen.
»Du verlangst es?« sagte er. »Das sprichst grad so aus, als obst die Herrin seist und ich dera Knecht!«
»Das bin ich nicht. Bei dem Verhältniß aber, in welchem wir Beid zu nander stehen, erfordert es Dein eigenes Interesse, mir diesen Willen zu thun.«
»Nein, sondern mein Interesse erfordert, daß ich das Maderl behalt. Ich bekomm kein solches wieder. Ich werd ihr sagen, daß sie nix verrathen soll, und darnach wird sie ganz gewiß schweigen.«
»Jetzt einstweilen, später aber nicht.«
»Warum?«
»Das weiß ich nicht. Man kann ja nicht wissen, was später passirt. Vielleicht kommt mal die Zeit, in welcher sie es verrathen thut, um sich zu rächen.«
»Das glaub ich nicht. Die Martha ist keine Rachsüchtige. Und für was sollte sie sich rächen? Hast vielleicht was vor gegen sie? Weißt vielleicht jetzt einen Grund bereits wegen dessen sie Deine Feindin sein wird?«
»Welcher Grund könnt das sein?«
»Vielleicht derjenige, daßt ihr den Fritz wegschnappen willst.«
»Das redest eben auch nur allein aus Eifersucht. Ich will mich gar nicht länger mit Dir streiten. Mach, wast willst und denkst. Aberst das sag ich Dir: Ich werd niemals zugeben, daß ich mit Dir im Garten gewest bin. Wir gehen aus nander und haben nix mehr mit nander zu thun. Was geschehen ist, das ist vorüber, und für uns muß es sein, als ob es gar nicht geschehen war. Leb wohl also!«
Sie reichte ihm die Hand. Es schien, als ob sie in allem Ernste beabsichtige, sich von ihm zu verabschieden, aber sie konnte doch einen kleinen Zug der Spannung nicht verbergen. Sie spielte jetzt einen Trumpf aus. Würde er einen größeren bringen und ihre Karte stechen?
Er ergriff ihre Hand und gab sie nicht wieder frei.
»Mach keinen dummen Witz!« sagte er. »Wer zwingt uns denn, ausnander zu gehen?«
»Du selbst.«
»Ja, das ist wiederum Deine alte Red mit dera Aufrichtigkeiten.«
»Nun, habe ich da nicht Recht?«
»Darüber läßt sich streiten.«
»Ich aber habe keine Lust, mich zu streiten. Also ists am Besten, wir reden gar nicht mehr von diesem Gegenstande.«
»Aberst von was Anderem?«
»Nein, sondern von gar nix mehr.«
»Das soll heißen, wir reden überhaupt nicht mehr mit nander?«
»Ja.«
»Kathrin, treibs nicht zum Aeußersten! Du weißt, wie lieb ich Dich hab!«
»Und Du weißt, daß ich Dir auch gut bin. Aberst wann Zwei sich lieb haben, so darf nix zwischen sie treten und auch ebenso nix zwischen ihnen fehlen.«
»Wast für einen starren Sinn hast!«
»Ich hab keinen Starrsinn, sondern was ich hab, das ist nur dera Charakter. Auch eine Frau muß ihre Grundsätzen haben, gegen die sie niemals handelt, selbst wann ihr Herz ihr sagt, daß sie vielleicht zu streng auftritt.«
Er hatte noch immer ihre Hand gefaßt. Er fühlte einen warmen Druck derselben. Das elektrisirte ihn. Sofort war er bedeutend weicher gestimmt.
»Kätherl, sagt Dein Herz Dir dasselbige?« fragte er.
»Vielleicht, ja.«
»So folge ihm doch und nicht diesem albernen Charakter!«
»Das geht halt nicht. Wannst nicht aufrichtig sein kannst, so ists besser, wir überwinden und vergraben unsere Lieb und gehen ausnander.«
»Das fallt mir nicht ein! Vielleichten ists wirklich dumm von mir, daß ich mir Bedenken mach, die keinen Grund haben.«
»Da hast recht, denn Du hast wirklich keinen. Mußt doch anschauen, wie wir mit nander stehen. Wann man Einen lieb hat, so macht man sich Sorg um ihn. Das kannst doch glauben und einsehen.«
Ihre Stimme war herzlicher geworden, und ihre Augen ruhten mit einem innigen Ausdrucke auf ihm.
»Sorg machst Dir um mir?« fragte er entzückt.
»Ja, das kann ich Dir wohl sagen.«
»Aberst warum denn?«
»Wegen dem Samiel. Wannst immer wachen mußt und im Wald stehen, um ihn zu fangen, so kann Dir leicht was geschehen. Ich sitz und lieg daheim und Hab die Angst. Ich leg mich von einer Seit auf die andere und kann nicht schlafen.«
»Ists wahr? Ists wahr? So lieb hast mich?«
Er schlang den Arm um sie, und sie duldete das.
»Kann es denn anderst sein?« fragte sie.
Er zog sie enger an sich, gab ihr einen Kuß und sagte:
»So hab ich es mir freilich nicht denkt. Ich hab immer angenommen, daß es Dir ganz gleichgiltig ist, was mit mir geschieht.«
»Ja, so seid Ihr Männer. Ihr thut nur was Ihr wollt, weil Ihr die Frauen nicht versteht.«
»So werd ich Dich von jetzt an richtig verstehen. Ich werd mir Mühe geben.«
»Das erbitt ich mir von Dir. Schau, wann ich weiß, wast machst und was geschieht, so kann ich ruhig sein und brauch keine solche Angst zu haben. Aber wann man in dera Ungewißheiten steckt, so ist man ganz wie auf die Folter gespannt. Darum und aus keinem andern Grunde verlange ich, daßt aufrichtig bist mit mir.«
»Und ich hab denkt, es sei blos nur so eine Neugierden!«
»Da bist auf dem falschen Weg gewest. Du hast sagt, daßt den Samiel nun fangen wirst; aberst Du verschweigst mir, wie das geschehen soll. Muß ich da nicht eine große Angst ausstehen?«
»Hm, ja! Jetzunder sehe ich das ein.«
»Und wann ichs wüßt, wannsts mir sagen thätst, so wär ich nicht nur ruhig, sondern ich thät auch mit nachdenken über die Sach und könnt Dir vielleichten gar beistehen oder wenigstens einen guten Rath ertheilen. Ihr sagt doch immer, daß wir Frauen die Schlauen sind. Hasts noch nicht hört, daß Weiberlist über Alles ist?«
»Gar wohl.«
»Und meinst etwan, daß grab nur ich allein keine List hab.«
»O, grad Dir trau ich sie zu.«
»Nun, warum willst sie da denn nicht benutzen?«
»Weil ich sie in dieser Sach nicht nöthig hab. Es ist Alles bereits besprochen und so vereinbart, daß wir keines Rathes mehr dabei bedürfen.«
»Gehts denn gar so leicht und einfach her?«
»Ganz leicht.«
»So. Da muß die Lockspeisen, von welcher Du sprochen hast, eine gar angenehme sein für den Samiel.«
»Das ist sie freilich,« lachte er vergnügt. »Dieser Vogel wird ganz sicherlich auf den Leim gehen.«
»Und woraus bestehts?«
»Das kannst doch leicht derrathen. Was ist für so einen Dieb und Räuber denn die beste Lockspeisen?«
»Meinst wohl Geld.«
»Ja.«
»Und viel aberst müßts sein.«
»Das ists auch.«
»Und grad in den Weg müßts ihm legt werden.«
»Es liegt so, daß er es ganz leicht finden und wegnehmen kann.«
»So! Aberst dann müßt Ihr es so eingerichtet haben, daß die Falle zuschnappt, sobald er nach dem Geldl greift.«
»Das haben wir; das haben wir auch. Das kannst Dir doch denken!«
»So! Darf ichs derfahren?«
»Es ist mir verboten, ein Wort zu sagen. Aberst weilsts mir derklärt hast, daß Du Dich um mich sorgst und ängstigst, so will ich mein Versprechen brechen. Schau mal her, was ich Dir zeig!«
Er zog zwei Zettels aus der Tasche und reichte ihr den einen hin. Sie nahm ihn mit heimlicher Spannung entgegen und las ihn. Er lautete:
»Dreißigtausend Mark sind gegen vier Procent sofort zu verborgen und liegen zur sofortigen Auszahlung bereit beim Förster Wildach in Kapellendorf.«
Sie war scharfsinnig genug, sich gleich denken zu können, welcher Absicht diese Annonce dienen sollte. Sie ließ sich das aber nicht merken und fragte:
»Das soll die Lockspeisen sein?«
»Ja.«
»Aberst ich sehe nicht ein, wo sich da eine Falle befinden soll.«
»Und da hast von Weiberlist sprochen?«
»Soll dera Samiel sich etwa das Geldl bei Dir borgen?«
»Nein.«
»Ah, jetzt fallts mir ein! Er soll es sich nicht borgen, sondern stehlen?«
»Ja, da hasts derrathen.«
»Darum hast die Annonce so abfaßt, daß man daraus ersieht, daß dieses. Geldl bei Dir liegt, bei Dir im Kasten.«
»So ists, so!«
»Aberst da hast eine ganz andere Ansicht von dem Samiel als ich.«
»Was für eine ist denn die Deinige?«
»Er wird auf diesen Leim nicht gehen.«
»Warum denn nicht, Kätherl?«
»Eben weil es nur Leim ist, aberst kein baares Geld.«
»Oho! Es ist baar!«
»Das glaubt Dir kein Schangdarm!«
»Denkst wohl, daß dera Samiel mir nicht zutraut, so viel Geld zbesitzen?«
»Ja, das denk ich.«
»So hältst mich für einen armen Teuxel?«
»Nein. Ich weiß, daßt ein Sparer bist, und daßt auch ganz genau weißt, wie ein Förster es anzufangen hat, sich hinter dem Rücken des Forstbesitzers ein Geldl zu machen. In dieser Beziehung bist ein gar Gescheidter und Schlauer.«
»Wannsts derrathen hast!« lachte er. »Ich hab mir schon was zusammenspart!«
»Aberst dreißigtausend Markerln! Das glaubt dera Samiel nicht.«
»Er wirds schon glauben.«
»Nein. Besonders derowegen nicht, weilst so thust, als obst sie baar da liegen hast. Wann, man sein Geldl weiter verborgen will, wenn man dem früheren Schuldner kündigt hat, so trägt man es nicht heim. Das wird ganz anderst macht.«
»Ja, so redest eben, weilst noch nicht Alles weißt. Du hast denkt, daß dera Kronenbauer ein sehr Reicher ist. Oho! Ich weiß nicht, ob ich mit ihm tauschen thät, wann er mit mir tauschen wollt.«
»Hast wohl einen Schatz hoben?«
»Nein. Das giebts nicht.«
»Oder fabricirst vielleicht falsches Geld?«
»Kommt mir nicht im Traume bei,« lachte er vergnügt.
»Oder hast in dera Lotterie gewonnen?«
»Das ists, das! Jetzunder hasts derrathen!«
»Wanns so ist, da will ich gratuliren!«
»Danke sehr. Hast noch nicht die neueste Zeitung lesen?«
»Nein.«
»Im kleinen Stadtblatt, welches schon früh erscheint, stehts halt noch nicht; aberst in dera großen Zeitungen, welche am Sonntag erst Nachmittags hierher kommt, da ists zu lesen. Dera Herr Officier hat es in die Redaction sandt. Da ists gedruckt grad so, wie es hier auf diesem Zettel geschrieben stehet. Hier hast ihn!«
Dieser zweite Zettel hatte folgenden Inhalt:
»Der Hauptgewinn der Arnsberger Kirchen- und Schulbaulotterie im Betrage zu 30,000 Mark ist gestern gezogen worden und auf die Loosnummer 12,739 gefallen. Der glückliche Gewinner ist der Förster Herr Wildach in Kapellendorf, welcher, wie wir zufällig erfahren, die Summe heut bereits erhoben hat. Eine alte Erfahrung lautet: Wo Geld liegt, da kommt Geld hin. Dieses Sprichwort bewahrheitet sich in diesem Falle wieder.«
Die Bäuerin gab ihm den Zettel zurück, lächelte ironisch und fragte:
»Das soll dera Samiel glauben?«
»Natürlich!«
»Daran ist nicht zu denken.«
»Aberst es ist ja wahr!«
»Wie? Du hättest diesen Gewinn in Wirklichkeit gemacht?«
»Ja, natürlich!«
Da veränderte sich nun freilich ihr Gesicht. Es zeigte den Ausdruck größten Erstaunens. Darum lachte der Förster:
»Ja, nun machst freilich ein gar schönes Gesichten. Glaubsts wohl noch immer nicht?«
»Nein. Das wäre ja ein riesiges Glück!«
»Ich habs, ich habs, dieses Glück.«
»Mensch! Wäre es möglich! Dreißigtausend Gulden!«
»Ja, volle dreißigtausend! Bisher hast immer denkt, daß mir mal eine große Wurst in den Magen fällt, wann ich Dich heirathen thu und Kronenbauer werd. Nun aberst sind wir uns wohl ziemlich gleich!«
Sie schüttelte stolz den Kopf.
»Mit dreißig Tausend kaufst uns noch lange nicht aus!«
»Ich hab noch viel mehr. Das hab ich doch nur erst jetzt gewonnen. Was ich bereits vorher besessen hab, das kommt noch dazu.«
»Und dennoch reichst noch lange nicht an den Kronenbauer. Der hat an die Hunderttausend!«
»Ist Euer Geldsack gar so groß?«
»Ja, und er wird alle Jahren größer.«
»Desto besser! Aberst nun wirsts wohl glauben, daß dera Samiel in diese Fallen geht?«
»Hm! Vielleicht!«
»Nein, sondern ganz gewiß. Es kommt hier in dera Gegend nur äußerst selten vor, daß Einer so eine Summe baar liegen hat. Vielleicht ists gar noch niemals da gewesen. Eine solche Gelegenheit wird dera Samiel natürlich benützen.«
»Fast sollte man es meinen,« nickte sie.
In ihren Augen glänzte ein Etwas, was für den aufmerksamen Beobachter ein Beweis dafür gewesen wäre, daß der Samiel diese Gelegenheit wirklich benützen werde.
»Und zwar wird er sich sputen!«
»Ja. Er wird sich natürlich sagen, daß in Folge dieser Annonce viele Leute zu Dir kommen werden, um sich Geld zu borgen. Da kann es bald fort sein.«
»Ja, darum denk ich eben, daß er gleich kommen wird.«
»Hasts denn auch wirklich da liegen?«
»Ja,« nickte er vergnügt. »Es steckt in meinem Gewehrschrank, aberst blos heut noch, denn bereits morgen trag ich es fort, um ganz sicher zu sein. Wann dera Samiel kommt, darf er es nicht finden.«
»Aberst wann es Dir bereits heut Jemand nimmt!«
»Heut? So schnell kommt er nicht. Wer weiß, ob er die Annonce bereits heut schon lesen thut.«
»Es kann ja auch ein Anderer sein als er! Eine solche Summe ist verführerisch, selbst für einen sonst ganz ehrlichen Menschen. Wie leicht kann einer von Deinen beiden Jägerburschen auf den Gedanken kommen, sich das Geld zu nehmen!«
»Diesen Gedanken wollt ich ihm schon austreiben!«
»Wann er mit dem Geldl fort ist, was wolltst mit ihm machen!«
»Er kann ja nicht hinein in den Schrank!«
»So?«
»Ja. Und sodann weiß es kein Mensch, daß ich das Geldl bei denen Gewehren hab. Wer es stehlen will, der wirds wo ganz anderst suchen.«
»Da hast freilich Recht.«
»Die Thür zu meiner Stuben ist fest verschlossen, wann ich nicht daheim bin. Den Schlüssel hab ich hier in meiner Taschen. Die Hausthür ist des Nachts auch zu und im Haus wachen die drei Hunde. Kein Fremder kann hinein, sie thäten ihn zerreißen. Und zum Ueberfluß ist dera Gewehrschrank auch verschlossen. Den kleinen Schlüssel dazu trag ich stets hier an meiner Uhrketten. Mit denen Gewehren kann man nicht vorsichtig genug sein. Sie sind bei mir stets wohl verwahrt.«
Er zeigte ihr den Schlüssel. Er war klein und hing vermittelst eines Carabiners an der Kette. Diese sogenannten Carabiner bestehen aus einer Vorrichtung, mit deren Hilfe die Uhr oder jeder andere Gegenstand vollständig fest an der Kette hängt, aber doch mit einem nur ganz leichten Fingerdrucke abgemacht werden kann.
Die Kronenbäuerin ergriff die Kette, betrachtete sich den Schlüssel wie aus reiner, einfacher Neugierde und sagte:
»Das kleine Dingerl also ists, an dessen Besitz dreißigtausend Markerln kleben. Man siehts ihm gar nicht an.«
»Ja. Der kommt nicht von meiner Kette herunter. Wer will also das Geld holen?«
»Du scheinst ganz sicher zu sein!«
»Ja, denn ich bin auch vorsichtig. Heut Abend, wann ich in den Wald gehe, werd ich noch dazu den Hund in meine Stuben thun. Das ist dera kleine Dachsel. So einer ist noch viel besser als ein großer. So einer kann von dem Dieb nicht ergriffen werden, weil er einen großen Lärm vollführt und in die Winkeln kriecht dabei. Nun will ich schauen, wer das Geld holen kann.«
»Ja, wann es so ist, so brauchst freilich keine Sorg zu haben. Uebrigens sind doch auch die beiden Burschen daheim.«
»Nein, die nicht. Aberst das weiß doch Niemand. Sie müssen natürlich auch mit Posten stehen. Ich hab sie zu inspiciren. Aberst von morgen an bleiben wir daheim, um den Samiel zu erwarten. Das ganze Haus wird voller Soldaten sein. Er wird herein gelassen, aber nicht wieder hinaus.«
»Das wird einen gefährlichen Kampf geben, denn er wird sich natürlich wehren.«
»O, wir sind ihm ja weit, weit überlegen. Wir werden so schnell und so zahlreich über ihn herfallen, daß er gar keine Zeit findet, zur Waffe zu greifen.«
»Oft kommt es ganz anderst, als man denkt. Weißt, ich bitt Dich gar schön, daßt nicht gar zu viel wagen thust.«
»Ist Dir so sehr daran gelegen?«
»Das kannst Dir denken. Wann Dir ein Unglück widerfährt, was soll da aus mir werden! Ich weinte mir die Augen aus.«
Sie führte jetzt bereits die Schürze an ihre Augen. Das machte ihn glücklich. Er zog sie an sich und fragte im zärtlichsten Tone, der ihm möglich war:
»So sehr lieb hast mich, Kätherl?«
»Ja. Ich kanns gar nicht sagen.«
»Das gefreut mich unendlich. Aberst mach Dir keine trüben Gedanken. Ich werd mich schon in Acht nehmen.«
»Wann es zum Kampf kommt, brauchst doch nicht grad dera Vorderste zu sein!«
»Nein. Dazu sind die Soldaten da. Die werd ich vorschieben. Wann so Einer derschossen wird, ists nicht sehr schad drum. Den Gefallen will ich Dir wohl thun, obgleich ich sonst ein gar Tapferer bin.«
»Das weiß ich wohl, und eben darum hab ich solche Angst.«
»Die brauchst nicht zu haben, ich nehme mich in Acht. Also nun sind wir wohl wieder einig worden, Kätherl?«
»Du bist mir nicht mehr bös?«
»Nein, nicht mehr.«
»Und heut Abend kommst nach dem Stelldichein?«
»Ja, ich komme. Sobald daheim Alles schläft, geh ich fort. Mußt mir aber entgegenkommen.«
»Natürlich, denn es könnt sonst sein, daß ein Posten Dich anhalten thät. Der thät Dich natürlich fragen, wast da im Walde willst. Bin aberst ich dabei, so führe ich Dich so, daß Dich Keiner sieht. Nun sind wir fertig. Die Martha ist vorangangen und wartet auf mich. Ich muß fort.«
»Ich auch.«
»Ja, weil dera Fritz auf Dich wartet!«
Er machte dabei eine ziemlich unzufriedene Miene.
»Bist noch eifersüchtig?« fragte sie.
»Beinahe.«
»Auf einen Knecht! Laß Dich doch nicht auslachen. Ein Förster, der dreißigtausend Mark gewonnen hat, wird mir doch lieber sein als ein Knecht, der gar nix im Sacke hat. Kannst das nicht begreifen?«
»Begreifen kann ichs schon, denn eigentlich ists ganz selbstverständlich. Ob es aberst bei Dir wirklich dera Fall ist, das fragt sich noch.«
»Geh! Vorhin sagst, daß wir wiederum versöhnt sind, und nun fangst bereits schon wieder an! Willst mich wohl wiederum zornig machen?«
Sie zeigte bei diesen Worten ein so ernstes Gesicht, daß er sich beeilte, zu antworten:
»Nein, nein, Kätherl, das will ich nicht, sonst könnt es Dir gar einfallen, heut Abend nicht zu kommen!«
»Ganz natürlich käm ich nicht.«
»So sei nicht bös! Ich hab ja doch nicht zanken wollt! Bist mir gut?«
Er schlang den Arm um ihren Nacken und legte die andere Hand unter ihr Kinn, um ihr Gesicht kußgerecht emporzuheben.
»Frag nicht erst,« sagte sie. »Wer viel fragt, dera geht viel irre.«
»Hast Recht, hast Recht! Darum will ich nicht fragen, sondern mir gleich das nehmen, was ich haben will.«
Er küßte sie wiederholt. Sie duldete es eine ganze Weile. Dann schob sie ihn von sich ab und sagte:
»Nun ists genug. Wann wir so fortmachen, bleibt für heut Abend nix übrig und wir werden am End noch gar derwischt. Mach nun, daßt fortkommst!«
»Wannst so commandirst, muß ich schon gleich gehorchen.«
»Gut, so leb also wohl!«
»Leb wohl, Kätherl, und vergiß ja nicht, zu kommen!«
Er ging.
Als er auf den freien Platz trat, sah er Fritz, welcher mit verschränkten Armen an der Mauer der Capelle lehnte und geduldig auf seine Herrin wartete.
Er wollte nicht an ihm vorübergehen, ohne ihn zu ärgern. Darum blieb er vor ihm stehen und fragte:
»Die Zeit ist Dir wohl lang worden?«
»Vielleichten kürzer als Dir.«
»Das glaub ich nicht. Ich hab mich ganz famos amüsirt.«
»Ich auch.«
»So allein? Das machst mir nicht weiß.«
»Ich war in meiner eigenen Gesellschaft, und das ist eine brave.«
»So meinst, daß diejenige, in welcher ich mich befunden hab, keine brave sei?«
»Nimm es, wie es Dir beliebt!«
»Das werd ich dera Bäuerin sagen!«
»Hab nix dagegen!«
»Sie wird Dich fortjagen!«
»Nicht eher als Dich!«
»Donnerwetter! Was bildest Dir ein! Es wird die Zeit schon noch kommen, in der Du ganz anderst mit mir reden wirst.«
»Wohl wannst Kronenbauer bist?«
»Hast etwan horcht?«
»Nein. Aberst diese Frag sagt mir, daß ich recht gerathen hab. Wannst wirklich gedenkst, diesen guten Bissen zu verschlucken, so hab ich nix dagegen und wünsch Dir eine gesegnete Mahlzeiten. Erstick nur nicht daran, Förster!«
Der Förster ärgerte sich, daß sein Angriff an dem kalten Wesen des Knechtes zurückprallte. Darum ließ er sich zu der Unvorsichtigkeit hinreißen, zu fragen:
»Selberst hättst ihn wohl gern verschlucken wollt?«
»O nein! Danke sehr!«
»Das mußt jetzt so sagen. Dir gehts wohl auch wie dem Fuchs in dera Fabel: Weil ihm die Trauben zu hoch hängen, so daß er sie nicht derlangen kann, so sagt er halt, sie seien ihm zu sauer.«
»Diese Traube ist auch sauer; darauf kannst Dich verlassen. Jetzunder nippst nur erst daran und davon wirst schon genügsames Bauchgrimmen haben. Wie groß wird das Leibschneiden erst dann sein, wannst sie ganz und wirklich hast. Es kann gar eine Cholera daraus werden. Und weil ich so eine Krankheiten nicht haben mag, kannst diese Traube immerhin aufessen. Sie ist Dir gern gegönnt.«
»Dera Aerger spricht aus Dir. Hast vorhin mit meiner Nichte sprochen. Was hast mit der zu thun?«
»Nix.«
»Schweig! Wann man mit einem Dirndl im Busche steckt, so hat man auch seine Absichten dabei.«
»Und wann man mit einer Ehefrau fast eine geschlagene Stund zwischen denen Sträuchern steht, so giebts wohl keine Absichten? Fragst Du den Kronenbauer nicht, so darfst auch nicht denken, daß ich Dich um die Erlaubnissen frag, mich von dem reinen Zufall mal mit dera Martha zusammenführen zu lassen.«
»Willst uns wohl verrathen?«
»Ich bin keiner Frau zum Hüter setzt worden. Was Andre treiben, das geht mich nix an, wanns mich dabei in Ruhe lassen.«
»Das hast schön sagt, sehr schön und auch deutlich. Also werd ich Dich in Ruhe lassen. Leb wohl und bleib nicht hier an dera Mauer kleben.«
Er ging. Fritz warf ihm keinen Blick nach. Er hatte bereits gesehen, daß die Bäuerin mitten auf dem abwärts führenden Pfade stand, und that so, als ob er sie gar nicht bemerke.
Sie war nicht mit dem Förster aus dem Gebüsch getreten, sondern sie hatte sich durch dasselbe nach dem Wege hingearbeitet, damit es den Anschein haben möge, als ob sie nicht bis zu diesem Augenblicke mit dem Förster zusammen gewesen sei.
Als er nun gar nicht nach ihr hinblickte, trat sie näher.
»Fritz,« rief sie. »Träumst wohl?«
Jetzt kehrte er ihr das Gesicht zu, that, als ob er sie nun erst bemerke, und kam langsam herbei.
»Ich wart schon eine halbe Stund auf Dich,« sagte sie.
»Hab Dich nicht sehen.«
»Ich bin ein ganzes Stück den Weg hinab, weil ich denkt hab, Du bist voran gangen.«
»So bist nun wiederum zurück und heraufi wegen meiner? Das ist mir ja eine sehr große Ehren!«
»Ich wollte eben mit Dir gehen und hab nicht denkt, daßt Dich hier an die Mauer stellen thust. Was eine Freundschaftlichkeiten ist, das brauchst nicht als eine Ehren zu betrachten. Komm mit!«
Sie wendete sich abwärts und er folgte ihr. Es ärgerte sie, daß der Pfad so schmal war, daß sie nicht neben einander gehen konnten. Sie hätte dann viel mehr Gelegenheit zu Traulichkeiten gehabt.
»Dera Förster hat noch mit Dir sprochen?« fragte sie.
»Das hast sehen?«
»Ja. Was hatte er mit Dir?«
»Nix Wichtiges.«
»Hat er was von mir sagt?«
»Er hat von dera Martha begonnen und darüber zankt, daß ich mit derselbigen sprochen hab.«
»Ja, er denkt, daß sie Dein Dirndl ist.«
»Ich hab nix dagegen, wann er es denkt. Mit der kann man mich immerhin zusammen nennen. Sie ist ein braves und ehrliches Dirndl.«
»So magst sie wohl haben?«
»Wozu brauch ich ein Weib!«
»Da hast Recht und so mußt immer denken. So ein Bursch, wie Du bist, kann wählen unter Vielen. Wannst Deine Zeit abwartest, so wirst schon Eine bekommen, die eine volle Truhen hat und mit dert auch Staat machen kannst.«
»So bin ich neugierig, wo die jetzunder stecken mag.«
»Wie ich Dir schon sagt hab: In Deiner nächsten Nähe.«
»Also doch die zweite Magd meinst?«
»Geh! Red nicht solches Zeug! Ich hab Dir bereits derklärt, was ich unter dera nächsten Nähe verstehe.«
»Den Kronenhof.«
»Ja.«
»Aberst da hab ich bereits Alle gerathen, und Du sagst, es sei falsch.«
»Alle? Nein, nicht Alle.«
»Es ist doch weiter Keine da, die noch zu haben wär!«
»In jetziger Zeit. Aberst was man jetzund nicht haben kann, das kann man später wohl bekommen.«
»Ach so! Jetzunder verstehe ich Dich. Und nun weiß ich freilich auch, daßt nur einen guten Witz macht hast.«
»Witz? In wiefern?«
»Auf dem Kronenhof ist nur noch die Tagelohnersfrau. Der ihr Mann ist ein Trunkenbold und wird sich noch zu Tode schnapsen. Du meinst, ich soll warten, bis ihn dera Branntwein umbracht hat und mir sodann die seinige Frau nehmen.«
Da schlug sie halb belustigt, halb zornig die Hände zusammen und rief:
»Nein, wast für Einer bist! Das hab ich doch nicht denkt! Daß man sich an Einem gar so irren kann.«
»An mir?«
»Ja. Du bist doch sonst nicht so schwer mit denen Begriffen.«
»Meinst?«
»Ja. Schon als Schulbub bist immer dera Erster voran gewest; sodann im Dienst ganz ebenso. Aberst ich weiß es schon: Das viele Lesen hat Dich ganz verdreht macht.«
»Meinst, daß ich darum les, um ein verdrehter Bub zu werden?«
»Warum Du liesest, das weiß ich schon. Du willst was lernen. Da kaufst Dir für Deinen sauer verdienten Lohn lauter Büchern und Schriften und setzest Dich damit Nächte lang in die Kammer. Ein Bier trinkst nicht, eine Cigarren oder Pfeifen rauchst nicht, ein Dirndl magst nicht, von Liebe willst nix und auf den Tanz gehst auch nicht. Nicht mal ein Kegelschieben machst mit. Ists da ein Wundern, daßt da ein hölzerner Bub bleibst, der sich nicht bewegen kann? Mit denen Büchern pfropfst Dir den Kopf so voll, daß für was Anderes und Besseres gar kein Raum übrig bleibt, und so kommt es, daßt ganz einfache Sachen nicht begreifen kannst, wie zum Beispiel das, wovon wir vorhin sprachen.«
»Das ist ja eine richtige Litaneien, die Du mir da vorbetest!«
»Ja, doch sie ist gut gemeint.«
»So muß ich mich gar schön bedanken dafür.«
»Laß Deinen Dank darinnen bestehen, daßt in Zukunft besser begreifst!«
»Ich will mir Mühe geben. Aberst ich hab freilich mal lesen, daß es Dinge giebt, die selbst Einer, der den besten Kopf hat, niemals begreifen kann.«
»Ja, das sind gelehrte Sachen. Das ist die Philisiphi und die Asternomerie, und solche Dingen, mit denen man sich nicht abgeben darf, wann Einem der Kopf nicht zerplatzen soll. Ich hab auch schon davon hört und es hat Leutln geben, die sich daran ins Irrenhaus studirt haben. Davor kannst Dich nur in Acht nehmen. Aberst wir haben doch vom Heirathen sprochen und von dera Liebe. Das ist nix Schwieriges.«
»Und doch hab ich hört, daß es Leutln geben hat, die grad wegen dera Liebe oder wegen einer bösen Ehefrau auch in das Irrenhaus kommen sind.«
»Ja, wegen einer unglücklichen Liebe, wann die Liebe keine Erwiderungen findet. Das ist aberst doch bei Dir nicht dera Fall. Wie Du bist, so kanns für Dich keine geben, die Dir so leicht einen Korb ertheilt.«
»Das klingt sehr schön!«
»Ja. Du siehst, daß ich ganz offen mit Dir sprechen thu. Und Diejenige, die eigentlich gemeint ist, wird Dich am Allerwenigsten zurückweisen.«
»So! Ist sie schön?«
»Die Schönste rundum!«
»Jung?«
»Für Dich jung genug.«
»Reich?«
»Die Reichste in dera ganzen Umgebung.«
»Auch gut und brav?«
»Nicht weniger als jede Andere auch.«
»Sappermenten! So hat sie ja alle möglichen guten Eigenschaften, wie sie sonst niemals beisammen zu finden sind.«
»Ja. Brauchst nur die Augen aufzumachen. Schau Dich nur in Deiner nächsten Nähe um, wie ich Dir sagt hab.«
»Das hab ich than, aberst Du sagst immer, daß ich falsch gerathen hab.« »Weilst nicht nahe genug schaust.«
»Näher als im Kronenhof giebts ja gar Keine.«
»So sind wir jetzunder nicht im Kronenhofe. Schau Dich jetzund mal um, in Deiner nächsten Nähe, in Deiner allernächsten. Siehst da Keine?«
Sie war stehen geblieben und hatte sich rückwärts zu ihm gewendet, so daß er nun auch gezwungen war, stehen zu bleiben. Ihre Augen waren groß, voll und mit glückverheißender Zärtlichkeit auf ihn gerichtet. Er sah das wohl, aber er that, als ob er es gar nicht bemerke.
»Wo denn?« fragte er, sich ganz ernsthaft einmal um sich selbst drehend und dabei die allernächste Umgebung scharf betrachtend. »Ich sehe Keine.«
»So! Ist denn Keine da?«
»Nein.«
»Wirklich Keine, keine Einzige? Siehst denn gar kein Weibsbild, welches hier bei Dir ist?«
»Ach so! Ja, Eine ist da; die aberst bist doch Du.«
»Nun, endlich schaut er mich! Man sollte meinen, daßt ganz und gar blind bist. Bin ich nicht reich?«
»Ja,« nickte er unbefangen. »Das bist.«
»Und hübsch genug?«
»Die Leutln sagen sogar, daßt die Allerschönste seist rundum.«
»Bin ich alt?«
»Wohl nicht.«
»Und hältst Du mich für gut und brav oder nicht?«
»Ich bin doch Dein Knecht, und das Gesind ist stets verpflichtet, die Herrschaft für gut und brav zu halten.«
Sie fühlte wohl, daß er sich scheute, eine directe Antwort zu geben. Sie war aber nicht penibel genug, auf eine solche zu dringen. Sie begnügte sich also mit dem, was er gesagt hatte; es klang doch auch so leidlich wie ein Ja, und fuhr dann fort:
»Hasts wirklich nicht merkt, daß ich nur von mir sprochen hab?«
»Nein. Ich hab keine Ahnung habt.«
»So bist eben blind. Und nun sag mir mal, wast davon denkst, Fritz?«
Sie ergriff seine Hand, wollte den Arm um ihn legen und sich innig an ihn schmiegen. Er aber trat rasch zurück, entzog ihr die Hand und antwortete:
»Jetzunder denk ich halt gar nix. Das ist eine Sach, über welche man gar nicht denken kann.«
»Da hast Recht. Bei dera Liebe soll man nicht denken, sondern nur fühlen. Also was fühlst jetzund?«
»Daß es mir innerlich ein Wengerl zu sehr warm wird.«
»Schau,« lachte sie, »so ists ganz recht. Warm muß und soll es Dir werden. Das ist ja eben die Liebe. Die ist stets warm, ja sogar heiß, wenn es die richtige ist. Also sag, willst mich haben, Fritz?«
Sie stand vor ihm und fixirte ihn mit einem Blicke, welchem gar nicht auszuweichen war.
»Sapperment,« sagte er, »Du commandirst mich doch, als obst mein Feldwebel wärst!«
»Der will ich jetzt auch wirklich sein. Und darum hast Du mir zu antworten. Willst Du mich oder nicht?«
Er blickte ihr mit einem kindlich treuherzigen Lächeln in die Augen und antwortete:
»Nein.«
Sie trat schnell einen Schritt zurück.
»Was! Du sagst Nein! Ist das etwan Dein wirklicher Ernst?«
»Natürlich!«
»So sag, warumst mich nicht magst!«
»Weil ich Dich doch nicht bekommen kann.«
»Ach so! So ists gemeint!«
Sie holte tief Athem. Sie hatte wohl eine andere, vielleicht eine grobe, beleidigende Antwort erwartet. Diejenige, die ihr geworden war, war freilich so mild, daß sie sie gar nicht verdiente. Ihr Gesicht hatte einen beinahe drohenden Ausdruck angenommen gehabt. Nun aber ließ sich wieder ein Lächeln auf demselben sehen.
»Also deshalb, deshalb willst mich nicht. So ist's, so! Aber denkst denn nicht daran, daßt mich später einmal bekommen kannst? Mein Mann ist schwach und krank. Er wird nicht mehr lange leben.«
»Ich halt es für eine große Sünd, auf den Tod eines Menschen zu speculiren, besonders eines so braven Mannes, wie dera Kronenbauer ist.«
»So! Da will ich nit streiten. Aber ich denk, daß man sich doch sieht, daß man sich kennt und sich ein Wenig lieb haben darf.«
»Nein. Das ist verboten.«
»Die Liebe fragt nach keinem Verbot. Je mehr sie Hindernisse findet, desto stärker und glühender wird sie. Warum sollen wir Beide nicht daran denken dürfen, daß wir einmal Mann und Frau sein können?«
»Weil dieser Gedank eine große Sünden ist. Wann Dein Mann todt wäre, ja dann dürft man schauen, ob man zusammenpaßt. Jetzt aberst, bei seinem Leben, da gehörst ihm an und kein Anderer hat ein Recht an Dir.«
»Und wenn ich ihm nun dieses Recht ertheile?«
»Das kannst nicht, und das darfst nicht. Du hast kein Recht, über Dich zu verfügen.«
»Geh, Fritz, und laß Dich nicht auslachen. Dir hangen noch die Sprüchen an, die Du in dera Schul hast auswendig lernen mußt. Streif sie doch ab, diese alten Regeln!«
»Meinst Du wirklich, daß dies nur bloße Regeln sind? Der Herrgott hat dem Moses im Donner und Blitz die heiligen zehn Gebote gegeben. Das sechste davon lautet: Du sollst nicht ehebrechen, und die Drohung am Schluß dera Gebote lautet, daß der Herrgott die Sünden der Väter straft bis in das dritte und vierte Glied der Nachkommenschaft. Soll ich den meinigen Kindern, wann ich mal welche haben sollt, einen solchen Fluch vererben?«
»Fritz, bist denn gar so fromm?« lachte sie.
»Ob ich fromm bin, das weiß ich nicht; aberst mit voller Absicht und Ueberlegung werd ich niemals ein Gebot Gottes übertreten.«
»Der Moses hat diese Gebote niederschrieben. Er war ein Jude, wir aberst sind Christen. Uns gehen sie nix an. Hast denn nicht vernommen, daß Christus zu der Ehebrecherin sagt: Wer von Euch nicht gesündigt hat, der werfe den ersten Stein auf sie! Und sodann sagt er auch: Ihr wird viel vergeben, denn sie hat viel geliebt. Wie kannst Dich also so fürchten, eine Frau lieb zu haben?«
»Diejenige, von der er so sagte, hat ihre Sünden bitter bereut. Wer aber sündigt, weil er meint, der Herrgott werde ihm die Sünd wohl schon vergeben, der wird sicher keine Verzeihung finden.«
»Das geht mich nix an. Das sagst Du, weils Deine eigene Meinung ist. Ich aber halte mich an die Worte, welche Jesus sagt hat. Die gelten bei mir.«
»Nun, weißt auch, was er in dera Bergpredigt sagt hat?«
»Nun was?«
»Wer ein Weib anschaut, um sie zu begehren, der hat die Ehe mit ihr gebrochen in seinem Herzen. Nun kannst auch sagen, daß dies für Dich gilt.«
»Du redest ja grad so wie ein christlicher Herr. Willst etwan ins Kloster gehen?«
»Dazu hab ich kein Geschick und also auch keine Lust. Ich will schaffen und arbeiten mit meinen Händen. Wann ich da was fertig bring, so ist mirs wohl im Herzen und ich freu mich dera Arbeit und daß ich am Leben bin.«
»So hast eben noch niemals die richtige Liebe gefühlt. Die fragt und deutelt nicht. Die genießt und ist glücklich dabei.«
»Ja, das wird wohl sein, wie bei Einem, welcher trinken thut. Das schmeckt und schmeckt, bis er betrunken ist. Am andern Tag nachher kommt dera Katzenjammer und das Gefühl dazu, daß man ein ganz nichtswürdiger Bub ist. Davor soll mich Gott behüten. Komm, wollen gehen. Wir sind fast schon zu lange auf dem Berg gewest. Dera Wurzelsepp ist kommen und sitzt beim Bauer unterm Baum.«
»Der! Wann kam er denn?«
»Gleich alst fort warst. Er weiß es, daß ich Dich abholen soll. Was wird er denken darüber, daß wir so lang allein mit nander gewest sind!«
»Was ich bereits sagt hab: Ich hab Dir die Predigt verzählt.«
»Das ist eine Lüg. Die mach ich nicht.«
»Bist gar so sorgsam in Deiner Seele?«
»Man kann nicht sorgsam genug sein.«
»So werd ich Dir noch unterwegs sagen, wovon dera Pfarrer predigt hat. Dann ists keine Lüg, wannsts sagst.«
»Ich dank gar schön! Nach dem, was wir jetzund mit nander sprachen haben, wäre es eine Sünd, wann wir von so heiligen Dingen sprechen wollten.«
»Fritz, Du bist wirklich ganz unleidlich. So, wie Du jetzt bist, habe ich Dich ja noch gar nicht gekannt.«
»Ich will Dir aufrichtig sagen, daßt mir eins wahre Aengsten bereitet hast. Wann Dein Mann derführ, wast mir sagt hast, was sollt er thun und denken!«
»Pah! Was mache ich mir aus ihm! Oder willst Du es ihm sagen?«
»Vielleicht war es meine Pflicht, es ihm mitzutheilen.«
Er sagte das so ernst, daß ihr doch ein Wenig bange wurde.
»Fritz, was fallt Dir ein!« rief sie. »Wirst mich doch nicht verrathen?«
»Hab keine Sorg. Ich will nix sagen.«
»Auch gegen keinen Andern?«
»Nein.«
»Gut! So wollen wir ganz so thun, als ob gar nix sprochen worden wäre. Es wird die Zeit schon kommen, zu welcher es Dir nicht verboten ist, mit mir zu reden.«
Sie setzten den unterbrochenen Rückweg fort, schweigend und in Gedanken versunken.
Die Bäurin hatte eigentlich Lust, dem Knecht zu zürnen. Sie hatte eine Liebeserklärung gemacht und war mit derselben abgewiesen worden. Welches Mädchen oder gar Weib kann dies so leicht verschmerzen. Aber einmal war die Abweisung so schonend wie möglich ertheilt worden, und das andere Mal lag es ja klar, daß sie nicht erfolgt war aus ausgesprochener Abneigung, sondern nur aus der kindlichen Furcht und Scheu vor den Geboten Gottes. Sie zürnte ihm also nicht und war im Stillen überzeugt, daß es ihr auf andere Weise gelingen werde, den ehrlichen Menschen zu umgarnen und an sich zu ketten.
Was in ihm vorging, das ließ er sich nicht merken. Er pfiff sogar eine muntere Melodie für sich hin. Eigentlich aber war ihm gar traurig zu Muthe, Diejenige, welche seine Erzieherin, seine Mutter hätte sein sollen, hatte ihn zum Ehebruch verleiten wollen, zur größten Versündigung gegen den Mann, dem er so sehr viel zu verdanken hatte!
Hatte er sich bisher vor sie gescheut, so überkam es ihn wie ein Ekel vor ihr, wie ein Grauen vor ihrer Berührung. Ja, sie war jene schillernde Schlange, jene gleißende Viper, von welcher der Vers des Kirchenliedes sprach, den er dem Bauer vorgelesen hatte.
Als das Gebüsch aufhörte, sahen sie den Kronenhof nahe vor sich liegen. Der Bauer saß noch immer mit dem Sepp unter der Tanne. Sie schienen einander ganz gleichgiltige Dinge zu erzählen.
Die Bäurin liebte den Sepp nicht, aber sie war ihm auch nicht feindlich gesinnt. Es überkam sie, wenn er bei ihr war, immer das Gefühl, als ob sie sich vor ihm in Acht zu nehmen habe; aber sein heiteres, offenes Wesen brachte stets eine freundlichere Stimmung in ihr hervor.
So auch jetzt, als er sie kommen sah, stand er von seinem Sitze auf, schwenkte den Hut und sang:
»Schaut da kommt sie, da kommt sie,
Das prächtige Weib
Mit den klunkrigen Beinen
Und dem bucklichen Leib!«
An Stelle der Bäuerin antwortete der Knecht sogleich schlagfertig:
»Schaut, dort steht er, dort steht er,
Dera wackliche Kauz
Mit der riesigen Nas und
Dera quabblichen Schnauz!«
»Ja,« lachte der Sepp lustig auf, »dera Fritz verstehts halt schon, Einen heimzuleuchten. Dem darf man nicht kommen, besonderst, wenn er mit dera schönsten Bäurin herumi in denen Bergen geht. Grüß Gott, Bäurin! Weiß dera Teuxel, daßt halt immer hübscher wirst!«
»Und Du immer ausgelassener,« antwortete sie. »Grüß Gott! Na was hast denn hier auf dem Tisch stehen?«
»Das ist nix. Nur ein Schmortiegel oder ein Kasserolen, wie es andere Leutln zuweilen nennen.«
»Und da ist freilich was drin gewest!«
»Ganz und gar nix!«
»Oho! Man sieht und riecht es ja!«
»Da siehst und riechst eben falsch.«
»So denk ich wohl auch falsch, wann ich mein', daßt Dir gleich ein Essen bestellt hast, bevor Du Dich noch niedersetzt hattst?«
»Nein, da hast freilich Recht. Ich bin halt Derjenige, ders denen Leutln lieber gleich sagt, was er will, sonst zerbrechen sie sich die Köpf vergebens und bringen nachhero was, was ihnen viel Geld kostet und viel Mühen macht und mir aberst doch nicht schmecken thut.«
»Was hattst Dir denn bestellt?«
»Ein Ei, weiter nix.«
»So! Wars groß genug?«
»Nicht ganz. Dera Fritz hats mir auf dem Teller bracht. Dann bin ich in die Kücherl gangen und hab nachschaut, ob noch was übrig ist. Ich hab mir den Tiegel holt; er war leer; aberst ich hab ihn dennoch auskratzt und ausleckt. Dera Mensch muß reinlich sein. Und nun braucht die Magd ihn nicht abzuwaschen.«
»Ja, Du bist ein besonders Reinlicher. Das weiß man schon. Und gut ausdrücken kannst Dich auch. Da redest von einem Tiegel oder von einem Kasserolen, und wann mans anschaut, so ists halt eine große Pfannen, die drei Drescher nicht ausessen können. Du aberst hast sie leer macht.«
»Soll ich etwan nicht?«
»O doch! Wanns nur schmeckt hat.«
»Da brauchst keine Sorg zu haben. Wozu hat man alle zweiunddreißig Zähnen noch und einen Magen, der Flintenkugeln verdauen kann. Und wannst etwan meinst, daß ich zu viel gessen hab, so werd ichs Dir gleich zahlen.«
»Du erhältst es gern. Behalt nur Dein Geld.«
»Himmelsakra, Geld. Meinst, daß ichs Dir mit einem Geldl bezahlt hätt?«
»Womit sonst?«
»Mit einem Busserl. Und das ist ein nobles Bezahlen. Drinnen im München hab ich letzter Tagen eine Gräfin küßt, die hat sich das Maul abwischt und sagt, ein Busserl von mir sei zwanzig Markerln werth!«
»Oho!«
»Ja. Ich kanns Dir schriftlich bringen. Wann ich Dir also für Dein Ei eine Mark zahlen thu, so ist das sehr nobel. Ich geb Dir einen Schmatz, und die übrigen neunzehn Mark giebst mir heraus.«
»Damit wollen wir ja noch warten. Kannst Dein Großgeld noch behalten. Zum Wechseln hab ich keine Lust.«
»Ganz wie Du denkst. Aberst ich werd Dir das Essen doch bezahlen, nicht mit Geld, sondern mit einem guten Geschäft, wast machen sollst.«
»So! Willst mir Eiern abkaufen oder Milch oder Heu oder Stroh?«
»Nein. Das Heu laß ich in denen Leuten ihren Köpfen. Ich brauch es nicht. Es ist was Anderes. Kannst keinen Gast gebrauchen?«
»Einen Gast? Was für einen?«
»Einen feinen. Nicht einen, der nur da wohnt und ißt und trinkt und nachhero fortgeht, ohne fast hab Dank zu sagen, sondern einen, der fein zahlen thut.«
»Was will er denn da?«
»In die Sommerfrische.«
»Sag ihm, er soll im Winter kommen. Da ist's noch viel frischer.«
»Das kann er ebenso auch in München haben.«
»Ach, aus München ist er, aus dera Haupt- und Residenzstadt?«
Ihr Gesicht hatte vorher ganz deutlich gesagt, daß ihr an einem Gaste wohl wenig liege. Jetzt aber heiterte sich ihre Miene schnell auf.
»Ja, was hast denn denkt?« fragte der Sepp. »Woher soll er denn sein?«
»Ich hab denkt, aus einem Dorf oder einer kleinen Stadt.«
»Da kennst den Sepp freilich schlecht. Der wird dera Kronenbäurin so einen Menschen bringen. Für was hast mich denn halten. So eine noble Frau muß einen Gast bekommen, wie ihn noch Niemand hier in dera Gegend habt hat.«
»So! Ists denn so gar was Feines?«
»Nicht nur fein, sondern auch vornehm.«
»Das klingt gut. Einen vornehmen Gast hat man gern. Da läßt man auch was draufgehen.«
»Das hast nicht nöthig.«
»Wie heißt er denn?«
»Ludwig. Er wird nicht anderst als nur Herr Ludwig nannt.«
»Das klingt nicht gar vornehm.«
»Wannst nach dem Namen gehst, so kannst Dich oftmals täuschen.«
»Das ist freilich wahr. Es kann ein Lump einen feinen Namen haben. Aberst was ist er denn, dera Herr?«
»Ein Künstler ist er und dazu sogar noch ein Gelehrter.«
»So! Malt er auch?«
»Er malt Alles, was er sieht, nämlich wann er Lust dazu hat. Fürs Geld thut er es nicht. Dazu ist er viel zu reich.«
Die Augen der Bäuerin leuchteten auf.
»Ist er alt?« fragte sie.
»Nein. Er ist noch nicht ganz so alt wie ich.«
»Na, so danke ich. Wann er nicht ganz so alt ist wie Du, so kann er doch schon an die Siebzig zählen.«
»So schlimm ist es nicht. Er hat Etwas über dreißig, so bis hin zu dera Vierzig.«
»Das will ich mir eher gefallen lassen. Ich will einen Jungen und Schönen haben.«
Sie lachte dazu, als ob es ihr nur darum zu thun sei, einen Scherz zu machen; im Grunde aber war es ihr sehr ernst damit. Ein feiner, reicher, junger und auch noch hübscher Herr aus der Residenz, dazu Künstler und Gelehrter! Und sie die schönste Frau der Gegend! Was gab das für eine Aussicht! Malen konnte er. Vielleicht, wenn sie liebenswürdig zu ihm war, malte er sogar ihr Bild. Sie sah sich schon in seinen Armen.
»Schön ist er auch,« antwortete der Sepp. »Ich kann sagen, daß ich noch keinen prächtigeren Mann sehen hab.«
»Wie sieht er denn aus?«
»Er ist hoch, stark und voll, mit mächtigen dunklen Augen, vor denen man sich fürchten möcht, wann sie nicht auch so mild, lieb und gut blicken thäten.«
»Das ist grad so mein Geschmack!«
»Du, Bäuerin, einen Scherz kannst machen, wannst so sagst. Du hast Dich nur nach dem Geschmack des Bauern zu richten.«
»Das weiß ich wohl.«
»Diesem Herrn dürftst überhaupt gar nichts merken lassen, daß er Dir gefällt.«
»Nimmt er es etwan übel, wann man Wohlgefallen an ihm hat?«
»Nein; aberst merken lassen darf man es ihm nicht. Das duldet er nicht.«
»Was thut er denn da?«
»Er geht gleich fort.«
»O wehe! Da werd ich ihn gar nicht anschauen.«
»Daran thust sehr recht.«
»Kennst ihn denn genau?«
»Ja. Wann ich ihn nicht kennen thät, so würd ich ihn Dir gar nicht empfehlen.«
»Hat er eine große Familie? Kommt er mit derselbigen?«
»Nein. Er ist unverheirathet und kommt allein. Er wird überhaupt wohl niemals eine Frau nehmen.«
»Warum?«
»Weil er die Weiber haßt, denk ich mir. Er hat mal Eine – na, na, das gehört nicht hierher.«
Aber grad das wollte die Bäuerin nun erst recht wissen. Er hat mal Eine – – vielleicht eine unglückliche Liebe! Und nun haßte er die Frauen. Wenn man ihn so weit bringen könnte, eine zu lieben, eine Einzige natürlich – nämlich die Kronenbäuerin.
»Halt, Sepp,« sagte diese. »Das gehört wohl hierher. Wann man einen Gast bekommt, so muß man Alles von ihm wissen.«
»Alles, was man derfahren kann, ja. Das aberst kannst nicht derfahren, weil ich es selbst nicht weiß.«
»Wolltsts aber doch gleich sagen!«
»Ja, und da fiel es mir ein, daß ich es ja auch noch nicht weiß.«
»Bist ein Hinterlistiger!«
»O nein. Vielleichten erzählt er es Dir selbst, wannst ihn darum bittest.«
Es glitt bei diesen Worten ein undefinirbarer Zug über sein Gesicht. Ein Ausdruck schlaukindlicher Einfalt, der seinem alten Gesichte so ausgezeichnet gut stand. Er dachte sich nämlich, daß sie es gar nicht wagen werde, diesen Herrn Ludwig nach solchen Dingen zu fragen. Der gewaltige Eindruck seiner Persönlichkeit mußte sie in angemessener Ferne von ihm halten.
»Schon gut!« sagte sie. »Ich hab nur eben fragen wollt. Eigentlich bin ich gar nicht so neugierig.«
»Also sag mir die Antwort! Willst ihn hernehmen oder nicht?«
»Bevor ich antworten kann, muß ich noch Einiges wissen.«
»Was?«
»Wann will er kommen?«
»Morgen Mittag.«
»Schon! Du mußt es ihm doch erst zu wissen thun, ob ich will oder nicht.«
»O, der fragt nicht darnach, obt willst oder nicht. Er kommt eben. Er hat mir den Befehl geben, ihm hier eine Stuben zu miethen; morgen zum Mittag wird er da sein. Ich bin zunächst zu Dir kommen, weilst die nobelste Frauen bist und den größten und schönsten Bauernhof hast. Nimmst ihn nicht her, so such ich ihm einen anderen Ort.«
»Wie lange wird er bleiben?«
»Nicht gar lang. Einige Tag oder eine Woche.«
»Da möchts gehen. Für das ganze Jahr könnt ich nix vermiethen. Aberst nun wird er essen wollen wie in einem feinen Hotel im München.«
»Nein, sondern er ißt, was Ihr habt. Aberst reinlich und sauber muß Alles sein!«
»Das versteht sich ganz von selberst. Anderst ist man es ja gar nicht gewöhnt. Hast denn mit meinem Mann bereits davon gesprochen Sepp?«
»Nein. Ich hab ihm noch nix sagt. In solchen Angelegenheiten muß man dera Frau das erste Wörtle gönnen.«
Das schmeichelte ihr. Sie nickte ihm freundlich zustimmend zu und wendete sich dann an den Bauer:
»Was sagst Du dazu, Juli?«
Er hieß Julius, welchen Namen sie abkürzte. Es waren viele Monate vergangen, seit sie es zum letzten Male gethan hatte. Es kam ihm fast fremd vor, ihn jetzt zu hören.
Uebrigens that sie es nur der Form wegen, daß sie ihn frug. Sie war doch gewöhnt, zu machen, was ihr beliebte. Er antwortete:
»Ich kann da gar nix sagen. Mach also, wast willst.«
»Nein, sondern ich will auch Deinen Ausspruch hören.«
Ihr Blick streifte dabei das Gesicht des Knechtes, welcher sich neben den Sepp gesetzt hatte. Es lag eine gewisse verwunderte Zufriedenheit darauf. Das hatte sie beabsichtigt. Er sollte denken, daß sie von jetzt an ihren Mann mehr berücksichtigen wolle.
»Ich bin ja blind. Was kann ich thun und bestimmen? Nix, gar nix,« meinte der Bauer. »Sepp, was rathest Du?«
»Ich kann Euch nur mit gutem Gewissen rathen, den Herrn herzunehmen.«
»Nun, Kätherl, so nimm ihn!«
»Ja,« sagte sie, »auf eine so gewichtige Empfehlungen hin kann man sich doch nicht weigern. Doch hat die Sach einen großen Haken.«
»Welchen?«
»Wo thu ich ihn hin, wann er gar so vornehm ist?«
»Hast doch Stuben im neuen Gebäud.«
»Da hat dera Offizier die besten. Der that so vornehm, daß ich ihm eine andere gar nicht anzubieten wagt hab.«
Der Sepp meinte:
»Nun, Herr Ludwigen ist zufrieden mit dem, was Ihr ihm gebt. Vielleichten tritt dera Offizier ihm eine ab.«
»Der? Der auf keinen Fall!«
»So? Ist er gar so breit von Spur?«
»Ja. Er ist ein gar stolzer. Uns sieht er gar nicht. Nur am Nachmittag, da trinkt er seinen Wein hier unter dem Baum. Und wann wir dabei sitzen, da spricht er mit uns! Sonst aber nicht.«
»Nun, wie viele Zimmer hat er?«
»Drei.«
»Er tritt sie vielleicht alle drei dem Herrn Ludwigen ab, wann dieser ihn darum bittet.«
»Nicht eins giebt er ihm. Sie liegen so gar bequem.«
»Trag keine Sorge um meinen Herrn Ludwigen. Der hat eine gar eigene Art, zu bitten.«
»Er nimmt sichs wohl gleich?«
»O nein. Aberst er bittet so, dag man es für eine Ehre hält, wann er es von Einem nimmt.«
»Da machst mich wirklich begierig, ihn kennen zu lernen.«
»Wirst zufrieden sein. Also, abgemacht. Schlag ein!«
Er hielt ihr die Hand über den Tisch hinüber, wo sie sich niedergesetzt hatte, entgegen. Sie schlug aber noch nicht ein.
»Halt,« sagte sie. »Wir sind noch gar nicht fertig.«
»Was giebts denn noch?«
»Das Miethgeld.«
»Das ist Nebensach.«
»O nein, sondern das ist grad die Hauptsach.«
»Bist auf einmal so geldhungrig worden.«
»Nein, im Gegentheil. Ich thät lieber gar nix nehmen; aberst er wird gar nicht darauf eingehen, da er so vornehm ist. Nun weiß ich nicht, wie viel ich verlangen soll.«
»Nimmst halt, was die Sach werth ist.«
»Wer kann das schätzen? Verlang ich zu wenig, so kanns ihn beleidigen, weil er nix schenkt haben will. Verlang ich aberst zu viel, so kann es ihn ebenso beleidigen, weil er meint, daß ich ihn prellen will.«
»So nimmst ganz einfach, wie viel er Dir giebt.«
»Geht er denn darauf mit ein?«
»Allemal.«
»So bin ich aus dera Sorg heraus, und wir wollen einschlagen.«
»Ja, also topp! Es wird ihm hier in dera Gegend gefallen.«
»Er kommt direct aus München?«
»Nein. Er war einige Zeit unten in Hohenwald. Und nun will er sich eine Abwechslungen machen. Schaut, wer kommt da gefahren?«
Vom Dorfe her kam ein Einspänner. Der Wagen war ein sogenanntes Berner Wägelchen. Ein einzelner Mann saß darin, welcher die Zügel führte.
»Das ist dera Baumeister,« sagte der Knecht.
Bei diesen Worten streifte sein Blick unwillkürlich das Gesicht der Bäuerin. Diese erröthete leicht und senkte die Augen, obgleich sie sich sonst sehr in der Gewalt zu haben pflegte. Sie zog die Stirn in Falten, denn sie ahnte gar wohl, warum der Blick des Knechtes sie gestreift hatte.
Auch das Gesicht des Bauers hatte einen unfreundlicheren Ausdruck angenommen.
»Ein Baumeister?« fragte der Sepp. »Den kenn ich noch nicht, obgleich ich sonst überall bekannt bin.«
»Er ist ein Norddeutscher,« erklärte Fritz, »und erst seit einigen Monaten hier. Er hat das neue Seitengebäude errichtet.«
»Ach so! Da ists ja ein alter Bekannter von Euch. Na, ich werd ihm Platz machen.«
Er wollte aufstehen.
»Bleib sitzen!« gebot ihm die Frau. »Dera Baumeister findet schon auch seinen Platz». Er wird nicht lange hier bleiben.«
Jetzt kam der Wagen heran. Der Insasse knallte einige Male und rief dann bereits bevor et angehalten hatte:
»Guten Tag, meine Herrschaften! So traulich beisammen? Das lobe ich mir! Brrrr, eeeh!«
Er lenkte den Wagen auf eine Weise herbei, daß man merkte, er sei kein Gewohnheits-, sondern nur ein Sonntagsfahrer. Dann sprang er vom Wagen.
»Nun, kannst Du nicht helfen?« fuhr er den Knecht an, indem er ihm die Zügel hinwarf. »Paß doch auf!«
Fritz rührte keine Hand. Er ließ die Zügel ruhig an sich niedergleiten, so daß sie zur Erde fielen. Er bewegte sich nicht.
»Hast Du mich verstanden?« fragte der Baumeister.
Da wendete Fritz ihm das Gesicht zu.
»Redest mit mir?«
»Ja; aber ich bitte sehr, mich Sie zu nennen. Ich bin kein Bauernknecht!.«
»Und mich nennst auch Sie; denn ich bin kein Baumeister. Weißt wohl gar nicht, wot jetzunder bist?«
»Welch eine Frechheit! Natürlich bin ich auf dem Kronenhofe.«
»Das ist richtig. Verhalt Dich auch darnach. Bist vor keinem Wirthshaus, wo es einen Hausknecht giebt, welcher herbeispringen muß, wann Einer Mit einem Fünfzehnmark-Gaul angefahren kommt!«
Der Baumeister blickte ganz erstaunt von einer Person auf die andere.
»Was ist denn das?« fragte er. »Bin ich denn hier unter gebildeten Menschen oder nicht?«
Da antwortete ihm die Bäuerin:
»Wann Sie uns meinen, so sind Sie halt unter gebildeten Menschen. Wanns aberst sich selberst mit meinen, so mags noch unentschieden sein.«
Sein dickes, grobzügiges Gesicht wurde blutroth.
»Das sagen Sie! Sie, Frau Kronenbäuerin! Wie komme ich dazu, von Ihnen solche Grobheiten zu hören zu bekommen?«
»Weils erst selbst grob west sind. Ein Fremder, der einen Dienst verlangt, kann höflich um denselbigen bitten.«
»Ach so! Nun, das kann ich ja thun!«
Und sich zu Fritz herumdrehend, sagte er, sich höhnisch verbeugend:
»Verehrtester Herr, haben Sie die Güte, mein Pferd auszuspannen und in den Stall zu führen.«
Fritz ignorirte die Ironie und antwortete ruhig:
»Hier giebts halt keine Ausspannung. Gehens hinab in die Schänke!«
»Aber ich habe doch allemal hier ausgespannt und bin bis zum späten Abende hier Gast gewesen!«
»Das braucht aberst nicht für das ganze Leben zu sein,« sagte jetzt der Bauer sehr ernst, welcher überhaupt noch gar nicht gesprochen hatte.
»So! Also bin ich unwillkommen?«
»Ja, so ists!«
»Schön! Gut, daß ich das weiß. Ich kam, um das Innere des Gebäudes noch einmal in Augenschein zu nehmen.«
»Ist das nöthig?«
»Ja. Es sind neue baupolizeiliche Bestimmungen getroffen worden, welche ich beim Beginne des Baues noch nicht kannte. Die Frau Kronenbäuerin ist vielleicht so freundlich, mich zu begleiten.«
Ueber das Gesicht des Bauers zuckte ein zorniger Blitz.
»Willst mit ihm gehen, Kätherl?« fragte er.
»Ja,« antwortete sie.
Ihr Ton war ein eigenthümlich energischer; er schien den Bauer zu beruhigen. Der Baumeister warf die Bemerkung hin:
»Bis wir wiederkommen, wird der Knecht wohl mein Pferd halten!«
»Das Pferd? Dieses?« fragte Fritz. »Lächerlich! Das ist froh, wann es nicht zu laufen braucht.«
»Gut! Wenn Du zu stolz dazu bist, so mag dort der Bettler es thun. Ich werde ihm ein Trinkgeld geben.«
Er nickte dabei zu Sepp hinüber.
»Was bin ich? Ein Bettler?« fragte dieser. »Du Grasaff, Du! Ich, dera Bettler, thät mich schämen, einen solchen Ziegenbocksgaul in denen Bergen herum zu schinden. Dem stechen ja die Knochen durch die Haut. Und was hast für einen Wagen? Das ist ein Jammerkasten, wie ich noch niemals eins sehen hab. Hier hast fünfzig Pfennige! Kauf Dir ein Schnupftuchen und bind Dir damit die Augen zu, daßt Dich nicht zu schämen brauchst. Ich, ein Bettlern! Was bist denn eigentlich für ein Fruzzifrazzi, daßt so was zu sagen wagst?«
Er war aufgestanden und vor den Baumeister hingetreten. Dieser war zunächst so erstaunt, daß er die Strafrede ganz ruhig über sich ergehen ließ. Dann aber brach auch er los.
»Wer ich bin?« rief er. »Das sollst Du erfahren, altes Kameel! Aber nicht sagen werde ich es Dir, sondern es Dir lieber gleich hinter die Ohren schreiben, damit Du es Dir besser merken kannst. Hier hast Du es!«
Er holte aus, um ihm eine Ohrfeige zu geben, flog aber in demselben Augenblicke drei oder vier Schritte entfernt von dem Punkte, auf welchem er gestanden hatte, zur Erde nieder. Der alte, kräftige Sepp hatte ihm einen Jagdhieb mit der Faust in die Magengrube gegeben und stand nun lachend da:
»Schreiben willsts mir hinter die Ohren? So! Ich kann auch schreiben. Und meine Schrift ist vielleichten noch was deutlicher zu lesen als die Deinige. Nennt mich dera Esel ein Kameelen! Komm nur heran, Du Heiducke, Du! Ich werd Dir das Leder gerben, daßt denkst, Du bist in Saffian einwickelt!«
Er nahm eine kampfbereite Haltung an. Der Baumeister raffte sich langsam empor. Er wollte sich wüthend auf den Sepp stürzen, blieb aber stehen. Der Fall hatte ihm so wehe gethan, daß es ihm schwer wurde, sich zu bewegen. Er konnte also sein Vorhaben nicht ausführen. Desto lauter aber schimpfte und wetterte er.
»Halts Maul!« lachte der Sepp. »Wirst mir wohl keine Maulschelle mehr anbieten. Du bist curirt. Wannst wieder mal einen Mann triffst, denst für einen Bettler hältst, so sag Dir nur im Stillen, daß er dennoch ein feinerer Kerl ist, als Du bist. Ein Haus kann Jeder bauen. Aberst Ohrfeigen anbieten und dann selberst hinfliegen auf die Erd, das bringt nicht ein Jeder fertig!«
Der Baumeister wollte antworten, wurde jedoch durch die Bäuerin daran verhindert. Sie nahm ihn beim Arme und zog ihn mit sich fort. Sie verschwanden mit einander in der Hausflur.
Der Knecht ging auch fort in das Haus. Der Sepp setzte sich wieder zu dem Bauer nieder. Dieser hatte nicht sehen können, was vorgefallen war, aber was gesprochen worden war, das hatte er gehört. Darum fragte er:
»Bist wohl handgreiflich mit ihm worden?«
»Ja. Er hat mir Ohrfeigen geben wollt; dafür aber hab ich ihm Eins auf den Magen geben, daßt er zur Erde flogen ist. Mit solchen Leutln darf man nicht gar zu fein sein!«
»Hasts recht macht. Es ist ihm zu gönnen.«
»Bist ihm also auch nicht gar zu wohl gesinnt?«
»Nein.«
»Was hat er Dir denn than?«
»Erst ist er kommen, weil er hört hat, daß wir bauen wollen, hat uns lange Reden halten und mit meiner Frauen schön than, damit er den Bau bekommen sollt. Nachhero, als er Hahn im Korbe war, hat er zeigt, was er kann. Es ist Alles viel theurer worden, als es veranschlagt war, und sodann, als uns das nicht recht gewest ist, hat er uns schlecht macht.«
»Donnerwetter! Wer kann denn Dich schlecht machen, Kronenbauer?«
»Mich? Wohl Keiner.«
»Und doch hat er es wagt?«
»Es hat nicht mich, sondern meine Frauen betroffen.«
»Ach so! Was hat er denn von dieser sagt?«
»Das, was man nicht gern ausspricht.«
»Sappermenten! Sie soll wohl hübsch mit ihm gewest sein?«
»Freilich.«
»Den Kerlen soll dera Teuxel reiten! Vorhin, wann ich es wußt hatt, da wär es ihm traurig ergangen. Darauf kannst Dich verlassen. Auf die Kronenbäurin laß ich nix kommen!«
Doch war es ihm anzusehen, daß diese Versicherung nicht sehr ernst gemeint war.
»Sepp!« meinte der Bauer.
»Was willst Du?«
»Willst etwann mich täuschen?«
»Fallt mir nicht ein!«
»So einen alten, guten Freund und Bekannten wie ich von Dir bin!«
»Ja, das bist, Juli.«
»Also sag mir mal aufrichtig. Lässest Du wirklich auf die Kronenbäuerin nix kommen?«
»Nein. So was nicht.«
»Ich denke, das sagst Du nur.«
»Nein; ich mein' es aufrichtig.«
»Nun, ich traue ihr die früheren Ausschreitungen auch nicht mehr zu; aber sie ist jung, und da ist leicht eine kleine Unvorsichtigkeiten begangen, welche an und für sich nix zu bedeuten hat, aber von übelwollenden Personen ungut ausgedeutet werden kann.«
»So wirds wohl sein, so! Freundlich wird sie gewest sein, zu ihm. Was Unrechtes ist nicht passirt; da möcht ich wetten. Aber dieser Kerl, dem man den Maulhelden auf zehn Meilen Entfernung ansieht, hat nun aufschnitten und Sachen sagt, die nicht wahr sind.«
»Das ist auch meine Ansicht.«
»Hasts ihm nicht sagt?«
»O doch! Er hats leugnet.«
»Dera Schuft!«
»Und darauf hat er im Wirthshaus erst recht anfangt und schimpft. Und was mich dabei am Meisten ärgert, daß dera Fritz mit dort gewest ist. Er geht nur alle Jubeljahren mal ins Wirthshaus und muß nun grad an dem Tag dort ein Bier trinken, an welchem dieser Kerl von meiner Frauen solche Sachen verzählt.«
»Hat ers Dir sagt?«
»Der? Was denkst von dem! Kein Wort, kein einziges. Der hätt sich lieberst die Zung abbissen als daß er mir so was sagt, was mich kränken kann.«
»Woher weißts aber denn?«
»Von Anderen.«
»Kann mirs denken. Es giebt viele solche gute Freunde, welche Einem nur Dinge verzählen, über die man sich zu ärgern hat. Sie thun, als ob sie es Einem aus lauter Liebe und Freundschaft berichten, und freuen sich dann im Stillen, daß es ihnen gelungen ist, Einem eine solche Kränkung zu bereiten.«
»Ja, so sind sie, grad so, wiest sie beschrieben hast. Ich ärger mich allemal heimlich, wann so ein guter Freund kommt und zu reden beginnt. Da ist ein jedes Wort ein Stachel, der mit Honig bestrichen ist. Den Honig leckt man, und dann bleibt dera Stachel in dera Zungen stecken. Da ist dera Fritz ein Anderer. Er hat mir kein Wort sagt; aberst die Bäuerin hat er vertheidigt.«
»Das ist brav! Er hat es nicht gar gut bei ihr habt; desto mehr ists ihm anzurechnen, daß er es ihr nicht nachträgt. Was hat er denn zu dem Kerl sagt?«
»Sagt? Nix, gar nix. Sagen, das ist nicht dem Fritz seine Art und Weis, wann es so was giebt. Als dera Baumeister so recht im Sprechen ist, da kommt dera Fritz zu ihm, sagt kein Wort und pfeift ihm aberst eine solche Maulschellen in das Gesicht, daß er sich mit dem Stuhl uminummi dreht hat und dann auf die Diele flogen ist.«
»Schön! Das kann mich gefreun. Nun ist eine richtige Raufereien daraus worden, und dera Fritz wird sein Ding macht haben.«
»Raufereien? Nein. Dera Fritz rauft nie. Er hat sich ganz still wieder auf seinen Platz niedersetzt und dem Baumeistern, der sich nicht an ihn wagt hat, schimpfen lassen von Rohheit, Raufsucht und ähnlichen Dingen. Aberst als dera Kerlen wiederum von meiner Frauen begonnen hat, da steht dera Fritz auch gleich schon wieder bei ihm, sagt abermals kein Wort und steckt ihm wieder eine, daß die Funken flogen sind. Nachhero hats noch eine dritte geben. Dem Baumeister seine Wange ist aufischwollen wie ein Pfannkuchen. Da hat er genug gehabt und ist still davon gangen.«
»Das ist recht so! Nachhero, wann er wieder heraus kommt, werd ich ihm auch noch eine geben, so daß er sich die Rosinen im Gras zusammensuchen muß.«
»Thu es nicht! Er hat genug!«
»Dera Kerl ist so groß und stark und dick; aberst er hat keine Schneid! Sich drei Backpfeifen geben zu lassen, ohne sich zu verdefentiren! Dem kann man ja die Knöpf von denen Hosen schneiden, ohne daß er was dagegen sagt! Das sollt mal Einer mir machen! Himmelsakra! Ich thät ihn in die Luft werfen, daßt die Leutln denken sollten, es sei ein neuer Kommet derschienen. Was aber will Deine Frauen jetzt mit ihm?«
»Hasts ja hört. Das Gebäude zeigen muß sie ihm.«
»Und das derlaubst Du?«
»Warum nicht? Meinst, daß sie Dummheiten mit ihm macht?«
»Ganz sicher nicht. Ich habs ihr anschaut, daß sie einen gewaltigen Zorn auf ihn hat. Der kann sich gefaßt machen. Die wird ihm die Wahrheit geigen. Aberst es wäre besser gewest, wenn ein Anderer mit ihm gangen wär.«
»So! Wer denn? Ich?«
»Nein. Was willst ihm zeigen? Bist ja leider blind.«
»Oder dera Fritz?«
»Das könnt nix Gutes geben. Und weiter giebts halt Keinen.«
»Dera andere Knecht? Nicht?«
»Dera Bastian? Der ist viel zu dumm dazu. Da ist die rothscheckete Kuh gescheidter als der. Wann man dem Was sagt, so steht er da und sperrt das Maul auf, als ob die Sperlinge hinein hecken sollten.«
»Ist der denn wirklich so dumm?«
»Hageldumm. Bei dem hats die Hebamme versehen. Ich glaub, sie hat ihm beim ersten Bad das Gehirn ins Wasser laufen lassen.«
»Hm, hm!«
»Was hmst Du denn, Sepp? Glaubsts wohl nicht?«
»Nein.«
»So kennst ihn schlecht.«
»Ich hab ihn schon einige Male beobachtet. Wann er denkt, daß man ihn nicht sieht, so macht er ein ganz anderes Gesichten als gewöhnlich.«
»Das kann ich freilich nicht sehen.«
»Ich halt ihn für einen Vexirbeutel. Er thut dumm und hat dabei die Klugheiten hinter denen Ohren, grad wie die Ziegen den Speck. Wann ich nicht nur so kurze Zeit da wäre, allemale wann ich komm, so thät ich ihn einmal genau beobachten.«
»So bleib doch da! Es würde mich gar sehr gefreuen. Ich kenne keinen besseren Gesellschafter für mich als den Wurzelsepp.«
»Meinst? Ja, dann könnt ich mich als gar großer Faullenzer zu Dir setzen und die Zeit verplaudern.«
»Schadet nix.«
»Oho! Das schadet schon. Ich hab auch noch andere Leutln, die mich sehen wollen.«
»Ja, das weiß ich freilich. Bist ein Allerweltsfreund und Schwager von Jedermann. Ich möcht wissen, wast so eigentlich machst bei denen vielen Leutln.«
»Gar Vieles und Verschiedenes. Später, wann ich mal todt sein werd, wirds erst an den Tag kommen, was für ein nothwendiger Kerl ich gewest bin. Jetzunder zum Beispiel wär ich vielleichten nothwendig bei dem Herrn Baumeister.«
»Warum?«
»Er bleibt mir zu lange weg. Wer weiß, wie sehr Deine Frauen sich mit ihm zu ärgern hat.«
»Die ist Manns genug. Die braucht keine Hilfe. Da kenn ich sie.«
Er hatte Recht. Dem Baumeister gegenüber brauchte sie keine Unterstützung, obgleich der Auftritt, welchen sie mit einander hatten, kein gewöhnlicher genannt werden konnte.
Als sie den Hausflur erreicht hatten und von Niemand gesehen wurden, blieb er stehen und sagte:
»Kätherl, was ist denn das?«
»Was?«
»Diese Behandlung!«
»Sie ist verdient.«
»Der Bettler hat mich hingeworfen!«
»Er ist kein Bettler.«
»Was denn?«
»Das zu derklären, dazu haben wir keine Zeit. Wir gehen auf meine Stube.«
Sie stieg voran, die Treppe empor, und er folgte ihr. Oben schloß sie ihre Stube auf und riegelte dieselbe, als sie mit einander eingetreten waren, von innen wieder zu. Sodann führte sie ihn noch eine Thüre weiter – in die Schlafstube.
»Ah, hierher! Das habe ich erwartet,« sagte er, indem seine Miene sich erheiterte.
»Erwartet? Warum?«
»Nun, weißts ja, von früher her.«
»Ach so! Sie haben sich da geirrt, Herr Baumeister.«
»Das sollte mir leid thun.«
»Wenn ich Sie heut hier herein führe, so geschieht es nur deshalb, weil wir hier von Niemandem gehört werden.«
»Sie und wieder Sie! Warum nennst Du mich heut Sie? Wollen wir es denn nicht bei dem traulichen Du lassen?«
Er wollte die Arme um sie legen. Sie aber schob ihn kräftig von sich ab.
»Damit ists aus. Ich habe eingesehen, daß ich meine Freundlichkeit einem Unwürdigen geschenkt habe.«
»Donnerwetter! Wieso?«
»Sie haben so Vieles über mich erzählt, daß Sie eigentlich eine viel andere und größere Strafe verdient haben, als Ihnen geworden ist.«
»Das ist die reine Verleumdung.«
»Natürlich! Eine Verleumdung meiner Person.«
»Nein, der meinigen habe ich sagen wollen. Ich habe über Dich und von Dir auch nicht das geringste unrechte Wort gesagt.«
»Bitte, nicht Du, sondern Sie. Wir sind zwei vollständig fremde Menschen.«
Sie blitzte ihn mit ihren Augen so drohend an, daß er augenblicklich antwortete:
»Gut, gut! Also Sie! Ich habe mich riesig zu beschweren. Ihr Knecht hat mich geschlagen, sogar in der Kneipe, öffentlich!«
»Sie haben es vollauf verdient.«
»Oho! Was er erzählt hat, ist jedenfalls erlogen gewesen.«
»Er hat kein Wort erzählt. Andre haben die Neuigkeit meinem Manne zugetragen.«
»Nun, so haben diese gelogen.«
»Nein. Es stimmt ja Alles. Sie haben Sachen erzählt, welche nur wir Beide wissen. Wenn Andere es auch wissen, so müssen Sie es erzählt haben. Wollen Sie leugnen?«
»Ja.«
»So sind Sie ein niederträchtiger Feigling. Schlechtigkeiten können Sie erzählen; aber eingestehen, daß Sie dieselben erzählt haben, das können und wollen Sie nicht; dazu fehlt Ihnen der Muth. Schämen Sie sich!«
Jetzt hatte er es nur mit einer Frau zu thun. Da fürchtete er sich nicht so sehr.
»Oho!« antwortete er. »Wer hat sich bei dieser ganzen Angelegenheit zu schämen? Ich oder Sie?«
»Sie!«
»Nein, sondern Sie. Wenn ich erzählt habe, was geschehen ist, so bin ich nicht der Blamirte. Sie sind es.«
»Nein. Sie blamiren nur sich selbst. Denn nur ein ganz und gar ehrloser Mensch kann eine verheirathete Frau, von der er Freundlichkeiten und Bereitwilligkeiten genossen hat, in dieser Weise an den Pranger stellen.«
»Handeln Sie nicht so, daß Sie an den Pranger gestellt werden!«
»Meinen Sie, daß es eine Ehre ist, der zu sein, der Jemand an diesen Pranger stellt? Jeder Henker ist ehrlos, besonders wenn er die Mitschuld trägt. Sie haben viel mehr erzählt, als was wahr ist. Und selbst wenn Alles wahr wäre, was Sie gesagt haben, so ist es eben eine bodenlose Schlechtigkeit, solche Sachen auszuplaudern.«
»Nun, wollen doch einmal sehen, was ich gesagt habe. Ich kann Alles vertreten.«
»Das meinen Sie. Aber ich kann Sie so schlagen, daß Ihnen die Augen übergehen.«
»Das sollte Ihnen sehr schwer fallen.«
»Sehr leicht, im Gegentheile.«
»Wollen sehen. Ich habe zum Beispiele erzählt, daß Sie mich geküßt haben.«
»Ich Sie!«
»Oder ich Sie; das ist doch ganz egal.«
»Nein, das ist zweierlei. Wenn ich Ihnen begegnet bin und Sie haben so plötzlich, daß ich vor Ueberraschung starr war, mich umarmt und geküßt, so haben Sie kein Recht, von freiwilligen Vertraulichkeiten zu sprechen.«
»Na, Kronenbäuerin, Sie wissen doch am Allerbesten, ob ich Ihnen Ihre Küsse abgezwungen habe oder nicht.«
»Ich behaupte, daß Sie mich stets so überraschten, daß meine Gegenwehr zu spät kam.«
»So! Wie steht es denn da mit den Anderen? Wissen Sie, die Nacht, welche ich hier bei Ihnen blieb?«
Sie lachte laut auf.
»Ich besinne mich. Sie drängten mich so mit Ihren Bitten, daß ich denselben scheinbar nachgab, aber nur, um mir einen heimlichen Spaß zu machen.«
»Einen Spaß? Ja, der war es, und zwar ein ganz famoser!«
»Allerdings! Famoser noch als Sie denken. Besinnen Sie sich noch, daß Sie kein Wort reden durften?«
»Ja.«
»Und auch ich sprach nicht?«
»Ja. Weil Ihr Mann daneben schlief.«
»Nun, ich werde Ihnen die Situation sogleich erklären.«
Sie öffnete das Fenster und blickte hinaus. Eine Magd hanthierte an der Miststelle herum. Sie winkte derselben und machte dann das Fenster wieder zu.
»Wen rufen Sie?« fragte er.
»Sie werden die Person gleich sehen.«
»Wer ists denn? Doch nicht etwa – –?«
Er machte ein höchst ängstliches Gesicht.
»Wen meinen Sie?« fragte sie.
»Den Knecht oder jenen verdammten Bettler unten.«
»Was soll ich mit denen?«
»Mich abermals – – durchprügeln lassen.«
Sie lachte laut und höhnisch auf.
»Welch ein Feigling! Und das will ein Mann sein! Haben Sie keine Angst! Wenn Sie hier oben bei mir Prügeln bekommen sollten, so haue ich Sie selbst durch. Sie würden nicht wagen, sich zu wehren.«
Und wie sie so blitzenden Auges und mit erhobener Hand vor ihm stand, war wohl zu denken, daß sie sich weniger vor ihm fürchten würde als er sich vor ihr.
Da klopfte es draußen an der vorderen Thür. Sie öffnete, und die Magd trat ein.
Sie war barfuß, jedenfalls Diejenige, deren schmutzigen Füße Fritz beschrieben hatte. Sie mußte dieselben sammt den Beinen wohl seit Monaten nicht gewaschen haben. Der Rock, der einzige, den sie an hatte, ließ deutlich erkennen, daß die Füße und so weiter fast bis an das Knie mit einer schmutzigen Kruste förmlich überzogen waren. Die aufgesprungenen Hände boten einen ebenso unappetitlichen Anblick. Die Haare waren nicht gekämmt. Kurz und gut, das Mädchen bot einen Anblick, daß ein reinlicher Mann sich gescheut hätte, ihr die Hand zu reichen.
Dazu hatte sie ein ganz idiotisches Aussehen. Ihr Gesicht war nichtssagend, und Ihr Auge inhaltslosen Blickes. Sonst aber war sie gar nicht schlecht, sogar üppig gebaut. Bei größerer Reinlichkeit und anderer Kleidung hätte sie gar keine üble Figur gespielt.
»Christel,« fragte die Bäuerin. »Kennst Du diesen Herrn hier?«
Die Magd klotzte den Genannten an, zog ein breites Gesicht, machte ein freundliches Grinsen und nickte.
»So gehe hinaus vor die Thür und warte, bis ich Dich rufe!«
Die Magd ging wieder hinaus. Als nun die Beiden abermals allein waren, fragte der Baumeister:
»Was solls denn mit diesem Frauenzimmer sein?«
»Das werden Sie bald erfahren. Gefällt sie Ihnen?«
»Pfui Teufel.«
Er spuckte aus und machte eine Geberde des Abscheus.
»Nun, so hören Sie!«
Sie stützte sich mit der Hand auf den Tisch und begann, indem sie ihn aus einer höhnischen Miene mit verächtlichem, siegessicherm Blicke musterte:
»Als ich Sie engagirte, unsern Neubau auszuführen, theilte ich Ihnen einen gewissen Wunsch mit, dessen Erfüllung Niemand erfahren sollte – –«
»Die heimlichen Thüren!« fiel er ein.
»Ja. Die Thüren und das schmale, fensterlose Cabinet hier nebenan. Sie wollten nicht darauf eingehen, und nur durch eine erzwungene Freundlichkeit brachte ich Sie so weit, diese Sachen anzubringen, ohne daß es Jemand bemerkt hat.«
»Das müssen wir nun ändern,« sagte er, indem er ein schadenfrohes Lächeln auf seinem breiten Gesicht zeigte.
»Warum?«
»Es ist verboten.«
»Durch wen?«
»Baupolizeilich.«
»Ist das erst jetzt verboten worden?«
»Nein. Es war schon damals verboten und ist niemals erlaubt gewesen. Ich ließ mich bestimmen, vom Gesetz abzugehen, weil – weil – weil – Sie mir versprachen, meine Liebe zu erhören.«
»Und nun soll das plötzlich geändert werden?«
»Ja.«
»Auf wessen Veranlassung?«
»Auf die meinige. Ich habe mir die Sache überlegt. Wenn es entdeckt wird, so werde ich unbedingt bestraft. Ich habe gegen die Verordnung der Behörde gebaut.«
»Schön! Was werden Sie thun, wenn ich nicht in diese Aenderung willige?«
»Ich zwinge Sie.«
»Ach so! Wodurch?«
»Dadurch, daß ich Anzeige mache.«
»Gut! Thun Sie das, Herr Baumeister. Mein Haus bleibt so, wie es ist. Ich lasse nichts ändern.«
»So muß ich also Anzeige machen!«
»Ich bitte Sie darum! Sie werden bestraft. Mir aber kann nichts geschehen.«
»Sie werden natürlich ebenso bestraft!«
»Nein. Ich bin nicht ein einziges Mal auf dem Bauamte gewesen. Sie haben das Alles geordnet, und die Verantwortung liegt ganz auf Ihnen.«
»Verdammt!«
»Ja. so ist es. Sie sind für Ihre Arbeit anständig bezahlt worden. Dennoch verlangten Sie von mir gewisse Zärtlichkeiten als Extrabelohnung –«
»Ich habe sie auch erhalten!«
»Von mir nicht!«
»Oho!«
»Nein!«
»Wollen Sie es leugnen?«
»Ja.«
»So lügen Sie. Was ich im Wirthshaus erzählt habe, das ist wahr.«
»Nein, es ist eine Unwahrheit. Ich wollte und mußte aus gewissen Gründen das Cabinet und die heimlichen Thüren haben. Sie wollten nicht so bauen, außer ich ging auf Ihre Wünsche ein. Nun gut; ich that, als ob ich Ihnen den Willen thue, und lud Sie in meine Schlafstube ein.«
»Sie thaten nur so?«
»Ja.«
»Ah, das ist stark!«
»Allerdings. Es ist sogar stärker als Sie denken. Passen Sie auf. Ich werde es Ihnen zeigen. Christel!«
Sie rief das laut, und die Magd trat ein. Die Bäuerin zeigte auf den Baumeister und sagte:
»Also Du kennst diesen Mann. Wer ist er?«
»Dera Maurer, der unser neues Haus baut hat.«
Sie antwortete gedehnt und tonlos, wie Blöde zu sprechen pflegen.
»Schön. Kannst Du Etwas von ihm erzählen?«
Das Mädchen lachte breit und vergnügt und antwortete:
»Viel.«
»Was denn?«
»Als mich die Bäuerin da hier in dera Stuben hat schlafen lassen, da ist er zu mir kommen.«
»Hast Du mit ihm sprochen?«
»Nein. Die Bäuerin hat mirs verboten habt.«
»Hat er sprochen?«
»Auch nicht.«
»Was hat er denn than?«
»Er hat mich angreifen wollt.«
»Und Du?«
»Ich habs nicht litten, sondern ihm eine tüchtige Schellen geben. Nachhero hat er gehen wollt, aberst nicht hinaus konnt, weil die Bäuerin zuschlossen hat. So hat er in dera Stuben sessen auf dera Dielen und wartet bis früh, wo die Bäuerin wiederum aufschlossen hat.«
»Gut! Kannst gehen.«
Die Magd ging und warf dem Baumeister noch einen freudegrinsenden Blick zu, als ob sie sagen wolle:
»Siehst Du, daß ich zehnmal gescheidter gewesen bin als Du!«
Nun wendete sich die Bäuerin wieder zu ihm.
»Nun, Herr Baumeister, was sagen Sie dazu?«
Er stand ganz starr da und schaute nach der Thür, hinter welcher die Magd verschwunden war. Die Bäuerin konnte sich nicht halten. Sie brach bei dem Anblicke seiner perplexen Miene in ein lautes Gelächter aus.
»Die, Die ists gewesen?« stieß er endlich hervor.
»Ja, Die!«
»Und ich hab – ich hab sie mit aller Gewalt geküßt, obgleich sie sich auch dagegen wehrte!«
»Wie hats geschmeckt?«
»Und die Ohrfeige! Ja, so eine Pfote, wie die hat, da war es gar kein Wunder, daß mir die Funken aus den Augen sprangen!«
»Aber trotz dieser Funken haben Sie nicht gesehen, daß Sie eine Falsche vor sich hatten. Anstatt der Erfüllung Ihrer Wünsche haben Sie Ohrfeigen erhalten, und trotzdem erzählen Sie im Wirthshause Dinge, welche gar nicht geschehen sind! Ich verlange von Ihnen, daß Sie dort erklären, daß Sie im Rausche die Unwahrheit gesagt haben. Ich gebe Ihnen blos noch heute Zeit dazu. Fahren Sie jetzt hin, und thun Sie es, sonst lasse ich überall erzählen, bei wem Sie sich befunden haben. Ihre Frau wird sich sehr darüber freuen.«
»Eine ganz verdammte Geschichte!«
»An welcher Sie selbst die Schuld tragen. Und vor allen Dingen, wenn Sie sich jetzt von meinem Manne verabschieden, so geben Sie ihm die Erklärung, daß das, was Sie über mich erzählt haben, die Unwahrheit ist. Das verlange ich.«
»Donnerwetter! Das ist zu viel!«
»Ich gehe nicht davon ab!«
»Aber wenn ich es nicht thue?«
»So lasse ich die Magd kommen. Die mag ihm Alles erzählen.«
»Dann bin ich aber blamirt!«
»Und wie!«
»Verdammt!«
»Wählen Sie das kleinere von den zwei Uebeln. Wenn Sie die Erklärung freiwillig abgeben, können Sie dieselbe in Worte fassen, unter denen Sie so wenig wie möglich leiden.«
»Hm! Ich begreife Sie nicht!«
Er blickte sie kopfschüttelnd an.
»In wiefern?«
»Ich habe Sie schlecht gemacht. Sie drohen mir mit der Magd, und doch geben Sie mir guten Rath.«
»Das ist doch sehr leicht zu erklären. Es soll Niemand von dem Cabinet Etwas wissen, und ich müßte davon sprechen, wenn ich gezwungen würde, Alles zu erklären. Daher begnüge ich mich mit einer einfachen, kurzen Ehrenerklärung, welche Sie mir geben.«
Er ließ seinen Blick an ihrer schönen Gestalt auf und niedersteigen und sagte triumphirend:
»Aber geküßt habe ich Sie doch!«
»Pah! Das konnte ich nicht verhüten, wenn ich Sie nicht auch ohrfeigen wollte.«
»O, Sie hätten sich doch besser wehren können, wenn Sie gewollt hätten.«
»Schweigen wir am Allerliebsten darüber. Kommen Sie jetzt wieder mit hinab, thun Sie Ihre Schuldigkeit, und betragen Sie sich nicht wieder so, daß Sie Ohrfeigen bekommen!«
Er kratzte sich hinter die Ohren und murmelte:
»Das kommt so, wenn man für eine schöne Frau heimliche Thüren und Cabinette baut! So etwas soll mir in meinem ganzen Leben nicht wieder vorkommen!«
Er ging, und die Bäuerin folgte ihm. Sie schloß ihre Thüre sehr sorgfältig wieder zu, denn es durfte niemals Jemand während ihrer Abwesenheit ihre Wohnung betreten.
Als die Beiden unten aus dem Hause traten, machte der Sepp ein ganz erstauntes Gesicht.
»Du,« sagte er zum Bauer, »da kommens wiederum herbei.«
»Mit nander?«
»Ja.«
»Wie schauens aus?«
»Die Deinige blickt drein wie eine Siegerin. Dera Kerl aberst macht ein Gesicht, als ob ihm das Karnikel den Geldbeutel fressen hätt.«
»So hat sie ihn tüchtig dran nommen.«
»Ja, so schauts aus, ganz so. Wollen sehen, was er nun thun wird.«
Die Beiden kamen herbei, und die Bäuerin setzte sich neben ihren Mann. Sie legte ihm die Hand auf die Achsel und lehnte sich an ihn, was eine ganze Reihe von Jahren nicht vorgekommen war.
Es durchzuckte ihn eine selige Freude. Der Sepp aber zog die Brauen zusammen. Er mußte, daß dies bei ihr nicht aus dem Herzen kam.
»Nun, wie stehts?« fragte der Bauer. »Ist das Gebäude fehlerlos?«
»Ja,« antwortete der Baumeister. »Ich habe mich überzeugt und bin beruhigt.«
»Schön! Das ist mir lieb. Aenderungen sind immer unbequem und kosten neues Geld. Hast die Rechnungen alle bezahlt, Kätherl?«
»Ja. Aberst dera Baumeister hat noch eine zu berichtigen.«
»Was für eine?«
»Wirsts gleich hören.«
Sie blickte den Baumeister erwartungsvoll an. Dieser begann abermals, sich zu kratzen.
»Ja – ja – eine Rechnung ists,« nickte er.
Weiter aber kam er nicht.
»Nur heraus damit!« gebot sie.
»Das ist leicht gesagt. Es ist aber viel schwerer, als man denkt.«
»Soll ich etwa nachhelfen?«
»Ja.«
»Gut, so rufe ich die Magd.«
»Um Himmelswillen!« rief er aus. »Nur das nicht!«
Er hatte sein Ja ganz anders gemeint und unter dem Nachhelfen ein freundliches Einhelfen verstanden.
»Dann reden Sie aber auch!«
»Was soll er denn reden?« fragte der Sepp.
»Das geht Sie nichts an!« antwortete der Baumeister. »Sie haben in diese Angelegenheit kein Wort zu sprechen.«
»Gut, so schweige ich.«
»Das ist das Beste, was Sie thun können. Wer eines schnellen Wortes wegen die Leute gleich zu Boden wirft, der gehört nicht dahin, wo – –«
Er hörte erschrocken auf, denn der Sepp nahm seinen Bergstock, welcher am Stamme der Tanne lehnte, in die Hand, erhob sich von seinem Platze und fragte:
»Wohin gehöre ich nicht?«
»Himmelsakkerment! Bleiben Sie doch sitzen! Ich habe Ihnen nichts gethan!« rief der Baumeister.
»Wann ich den Stock liegen lassen soll, so zankens nicht wiederum auf mich, sonst beginnt er zu tanzen.«
»Ja,« fiel die Bäuerin ein, »Sie haben hier Anderes zu thun, als sich mit dem Sepp zu zanken. Thun Sie, was ich Ihnen geboten habe. Dann sind Sie fertig und können den Hof verlassen.«
»Hm, ja! Jawohl!« stotterte er. »Nämlich, Herr Kronenbauer, ich habe Ihnen mitzutheilen, daß ich damals – – –«
»Nun, was denn?«
»Daß ich damals nicht ganz – – Himmelsapperment! Es geht so schwer heraus! Frau Kronenbäuerin, bitte, erlassen Sie es mir doch!«
»Nein, auf keinen Fall!« antwortete sie.
»Ich sage es später?«
»Nein heut!«
»Ich komme ja wieder!«
»Das ist nicht nöthig!«
»Könnte ich es nicht brieflich abmachen?«
»Auch nicht.«
»Das ist wirklich zu streng.«
»Es darf Sie gar nicht befremden, daß ich es verlange. Reden Sie; dann ists herunter, und wir sind mit einander für immer fertig.«
»So Etwas aber fällt so schwer!«
»So rufe ich die Magd!«
»Was hast nur mit dera Magd?« fragte ihr Mann. »Welche meinst denn?«
»Die Christel.«
»So! Wo ists denn?«
»Hinten im Hofe.«
»So wird sie ruft.«
Er rief den Namen der Magd mit lauter, weithin schallender Stimme. Daß der Bauer einmal einen Dienstboten in solcher Weise zu sich beorderte, das war eine außerordentliche Seltenheit. Daher kam das Mädchen schleunigst herbei gelaufen.
Als der Bauer den Namen Christel rief, fuhr der Schreck dem Baumeister in die Glieder.
»Halt, halt!« rief er. »Was soll sie denn da! Ich sags ja selber.«
»So machen Sie schnell!« ermunterte ihn die Bäuerin.
»Gut, gut! Nämlich, Kronenbauer, als Sie erfahren haben, daß ich Ihre Frau Gemahlin schlecht gemacht haben soll, da – – –«
Er stockte.
»Nun, was war denn da?« fragte der Bauer.
Auch Fritz hatte den lauten Ruf gehört. Zwar galt er nicht ihm; aber als er den Baumeister wieder an dem Baume bei den Andern sah, kam er schnell herbei, um nöthiger Weise bei der Hand zu sein.
»Da – da – da war ein Irrthum vorhanden.«
»Nun, welcher?«
»Dieser Irr – Irr – Irr – Himmeldonnerwetter! Da ist sie schon.«
Ja, die Christel war jetzt da. Sie zog ihr breites Gesicht, grinste Einen nach dem Andern an und sagte:
»Dera Bauer hat mich ruft. Was soll ich?«
»Ja, das weiß ich selbst nicht. Meine Frauen hat von Dir sprochen. Ich glaub, es ist wegen dem Baumeister hier.«
»Das glaub ich wohl!« lachte sie.
»So? Also weißt Du was?«
»Viel!« antwortete sie stolz.
»Was denn?«
»Daß ich ihm eine Maulschellen geben hab.«
»Warum denn?«
»Er hat mich angreifen wollt. Er hat dacht, die Bäuerin wär es, und derweilen war doch ich es, dera Holdrio!«
Sie warf einen siegesfunkelnden Blick auf den Baumeister. Dieser lehnte sich wie gebrochen an seinen Wagen. Die Anderen sahen sich wechselseitig an, und dann brach der Sepp in ein lautes Gelächter aus.
»Also, so ists, so! Darüber könnt man vor lauter Freud gleich den Ofen einschmeißen. Komm mal her, Christel! Sag mal: Dera Baumeistern ist Dir wohl sehr gut gewest?«
»Sehr!« nickte sie.
»Hat er Dich heirathen wollen?«
»Davon hat er nix sagt.«
»Was hat er denn wollt?«
»Schmatzt hat er mich, immer und immer, obgleich ich mich so wehrt hab. Aberst sie sind nicht alle aufs Maul kommen, sondern viele auch daneben.«
»Schön, sehr schön!«
»Dann hat er eine Ohrwatschen erhalten, daß er sich gleich niedersetzt hat. Da hat er mich in Ruhe lassen.«
»Und er hat geglaubt, die Bäuerin sei es?«
»Ja. Er hat ihr guten Worten geben und immer zu ihr wollt. Da hat sie mich in ihre Stuben than, und als er dann kommen ist, da hat ers nicht sehen, daß es eine Andere ist, denn Licht ist nicht da gewest, und redet hab ich auch kein Wort. Nachhero am Morgen haben wir ihn wieder aufilassen.«
»Also so, so ist das! Das ist herrlich; das kann mich gefreun, das – – halt Baumeister, wohin?«
Der Baumeister hatte es nicht länger ausgehalten. Er hatte die Zügel und die Peitsche ergriffen, war in den Wagen gestiegen und schlug nun auf sein altes Thier los, um es schleunigst von der Stelle zu bringen. Der Gaul zog aber nicht an.
»Fort,« antwortete der Gefragte.
»Bleib doch da!« rief der Sepp. »Jetzt, wie die Sach stehen thut, kannst getrost da bleiben. Es geschieht Dir nix.«
»Danke, danke! Hüh, hott, hüh!«
Der Gaul wendete sich nach rechts und links, kam aber nicht vorwärts.
»Steig nur wieder heraus. Bist jetzund Allen willkommen.«
»Bitte, bitte! Hier ist die Gegend, wo es Maulschellen schneit. Also, Kronenbauer, jetzt sitz ich im Wagen, und da läßt sich leichter reden. Deine Frau war es nicht, sondern diese verteufelte Christel ists gewesen. Mag sie der Kukuk holen.«
Ein allgemeines, schallendes Gelächter war die Antwort. Selbst der Blinde lachte mit. Das Herz war ihm ja nun erleichtert. Der Sepp aber brüllte förmlich vor Lachen.
»Die Christel, die Christel!« schrie er, indem er vor Vergnügen mit beiden Händen sich auf die nackten Knie trommelte.
»Die Christel mit dera Bäuerin zu verwechseln.«
Dem Baumeister, welcher sich noch immer vergeblich bemühte, sein Pferd von der Stelle zu bringen, gab die Geschichte jetzt selbst Spaß.
»Ja,« lachte er. »Ich kann es auch nicht begreifen.«
»Hast denn keine Nas mit habt?«
»Die hat ich freilich mit.«
»So mußts doch rochen haben!«
»Unsinn! Wer verliebt ist, der riecht nichts mehr.«
»So! Auch das ist gut. Na, mir sollt die Christel nicht kommen, ich thäts schon gleich wittern. Schau, wast für ein armer Teuxel bist! Da hast nun die Ohrfeigen um Nix erhalten.«
»Leider. Drum hoffe ich, daß der Bauer mir verzeihen wird.«
»Ja,« rief der Genannte, »steig aus dem Wagen und gieb mir die Hand. Kannst da bleiben. Wir trinken ein Bier.«
»Danke, danke! Bei Euch ist das Wetter zu veränderlich. Später komme ich vielleicht einmal wieder.«
»Wann ich wieder was zu bauen hab!«
»Ja, da läßt Du es mich wissen. Also Adjeh jetzt. Hüh, hott, hüh! Donnerwetter, was hat nur das Vieh.«
»Das Vieh hat nix,« erklärte Fritz; »aberst Du hast die Zügel falsch.«
»Falsch? Wieso denn?«
»Hast sie ja übers Kreuz nommen, den rechten links und den linken rechts. Schaust es denn nicht?«
»Ich denk, das muß so sein!«
»Unsinn.«
»Warum heißt es denn Kreuzzügel?«
»Bei zweien Pferden. Da ists ein Anderes. So, wannst rechts ziehst, läufts doch nach links, und wannst nach links willst, so gehts nach rechts.«
»Ach so! Es will Alles gelernt sein, sogar das Fahren.«
»Und doch gehts dabei wie bei dera Liebe, man fahrt zuweilen schief.«
»Ja, das habe ich an mir gemerkt. Na also, nichts für ungut! Lebt wohl.«
Ein allgemeines fröhliches Lebewohl wurde ihm nachgerufen, als er jetzt mit seinem Klepper davon fuhr.
»Dera Kerl ist nicht so schlimm, wie ich dachte,« lachte der Sepp. »Aber ein Hasenfuß ohne Gleichen – bei seiner Größe und Stärke. Aberst heut gehts hier grad wie bei einem Bienenstock. Kaum ist Einer fort, so kommt dafür ein Anderer. Wer kommt denn dort geritten?«
»Das ist dera Herr Offizier, welcher bei uns wohnt,« erklärte der Knecht.
»Welchen Rang hat er?«
»Oberlieutenant.«
»Und wie heißt er?«
»Graf von Münzer.«
»Ah, hm, hm, hm!« nickte der Alte. »Da werd ich nun endlich Platz machen.«
»Kannst sitzen bleiben,« bedeutete ihm der Bauer.
»So kommt er nicht her?«
»Er wird her kommen; aber er hat Platz. Sein Diener bringt stets einen weichen Lehnstuhl getragen.«
»Aberst ich bin ihm nicht vornehm genug.«
»Wannst ihm nicht passest, so mag er fortbleiben. Du bist mir lieber als der Graf. Nicht wahr, Kätherl?«
»Ja,« antwortete sie.
Sie konnte nämlich den Oberlieutenant nicht leiden. Warum? Er bekümmerte sich nicht um sie. Ihre Schönheit war ihm etwas so ganz und gar Gleichgiltiges, daß sie sich ärgerte, so oft sie ihn erblickte.
Als er herankam, hielt er sein Pferd an, bevor er in den Hof einritt, und musterte die Gesellschaft.
Er war eine lang aufgeschossene, hagere Gestalt mit spitzer Nase, breitem, lippenlosem Munde. Sein Haar war hinten in einem scharfen Strich abgetheilt. Die Spitzen seines langen, aber dünnen Schnurrbartes standen steif empor. Ein Monocle war in das rechte Auge geklemmt.
Er hatte ein höchst kriegerisches Aussehen. Er trug den Degen, in dessen Koppel zwei Revolver steckten. Am Sattel war außerdem ein Doppelgewehr befestigt.
Stolz, Ahnenstolz war der ausgeprägteste Zug seines Characters. Das war ihm leicht anzusehen. Es war auch in Folge dessen eine unendliche Herablassung, welche aus seiner Stimme klang, als er jetzt die Anwesenden grüßte:
»
Bon jour, bon jour! Familie beisammen? Aeh, äh! Auch Gast da, neuer Gast?«
Er fuchtelte dabei mit der Reitpeitsche nach dem Wurzelsepp hinüber.
»
Bon jour, bon jour!« antwortete dieser. »So neu bin ich halt nicht hier.«
Der Offizier machte ein sehr betretenes Gesicht, daß der Alte so frei war, diese französischen Worte zu wiederholen.
»So! Wer ist man denn? Aeh, äh!«
»Ich bin ein Handelsmann.«
»Aeh, äh! Und womit handelt man?«
»Zum Beispiel? Vielleicht kann man bei mir Etwas los werden. Sollt mich freuen, denn heut handle ich gerad mit Flöhen.«
Dabei kratzte er sich auf dem Buckel.
»
Mille tonorres! Spricht dieser Mensch vom Ungeziefer zu mir. Scheint ein feiner Schwiemel zu sein.«
»O nein! Schwiemeln thu ich schon; aberst fein bin ich nicht.«
»Sehe es und höre es. Kann Er nicht anders antworten – äh – äh – wenn ein gebildeter Mann mit ihm spricht?«
»O ja!«
»Weiß er, wer ich bin?«
»Sehr gut. Sie sind dera Herr Oberlieutenant Graf Arthur Wipprecht von Münzer, Hochgeboren.«
Da fuhr der Graf noch höher, als er so schon war, in seinem Sattel auf.
»Arthur – Wipprecht – äh – äh – stimmt auffällig. Wer hat Ihm meinen vollständigen Namen gesagt?«
»Niemand hier.«
»Niemand? Aeh, äh! Woher kennt Er ihn denn?«
»Die gnädige Comtesse, Fräulein Schwester, hat ihn mir nannt.«
»Was! Er kennt meine Schwester?«
»Sehr gut.«
»Woher denn eigentlich?«
»O, ich hab ihr gar manch ein Schnadahüpfl auf dera Zither vorspielt.« »Er? Meiner Schwester? Der Comtesse?«
»Jawohl!«
»Wer ist Er denn eigentlich, äh, äh? Wie ist Sein Name.«
»Ich heiße Josef Brendel. Gewöhnlich aberst werd ich dera Wurzelsepp nannt.«
»Wurzelsepp! Verdammt wurzlicher und knolliger Name. Aber freut mich, freut mich. Kenne Dich bereits, alter Schwede! Aeh, äh!«
»Sie mich? Woher wollens mich kennen?«
»Eben von meiner Schwester. Sie hat mir von Dir erzählt. Hat viel Wohlgefallen an Dir gefunden. Sollst ein sonderbarer Kauz sein. Ists wahr? Aeh, äh!«
Dieses Aeh, äh war jenes langgezogene, eigenthümliche Räuspern, welches manchen Offizieren eigen ist. Bei Angehörigen anderen Standes pflegt man es wohl kaum zu finden.
»Ich, ein sonderbarer Kauz? Hm! Wenn alle Leutln so sonderbare Kauzen wären wie ich, so thät dera Herrgott vielleicht mehr Freud an denen Menschenkindern derleben als bisher.«
»So! Scheinst viel von Dir zu halten!«
»Das ist wahr. Man soll auf dera Welt möglichst viel von sich selberst und möglichst wenig von Anderen halten.«
»Hast Recht, hast Recht! Was hältst Du da von mir?«
»Bis jetzund noch gar nix.«
»Donnerwetter! Dein Ruf sagt nicht zu viel von Dir. Kerl, Du gefällst mir. Bleib hier sitzen. Ich komme auch gleich wieder. Kannst ein Glas Wein mit mir trinken.«
»Liegt mir nicht viel daran!«
»So! Wein trinken mit einem Grafen.«
»Hab ihn schon noch mit anderen Kerlen trunken. Ein Topf Buttermilch mit einem Tagelöhner schmeckt auch gut.«
»Famos, famos! Bist ein tüchtiger Kerl. Warte nur; ich komme gleich wieder.«
Er ritt sein Pferd in den Hof und ging dann nach seiner Wohnung, um abzulegen.
»Sepp,« sagte der Bauer. »Darfst nicht gar so grob sein. Solche feine Herren wollen anders angesprochen werden.«
»Meinst? Oho! Ich weiß mit solchen Leutln umzuspringen. Das lernt mir Keiner erst. Die wollen grad recht grob behandelt sein. Fein haben sie es immer. Das bekommen sie zum Ueberdruß. Wann ich hätt immer fein sein wollen, so wär ich jetzund gar nicht dera berühmte Kerl, der ich worden bin. Hasts doch hört.«
»Ja, hört haben wir es wieder mal, daßt allüberall bekannt bist. Aberst das brauchen wir gar nicht zu hören, sondern das wissen wir so bereits. Es scheint, daß dera Graf sein Wohlgefallen an Dir funden hat.«
»Meinst?«
»Ja. So hat er noch nicht sprochen, so lange er hier bei uns wohnt. Nimms in Acht, Sepp! Wer weiß, was so ein hoher Herr Dir für einen Nutzen bringen kann.«
»Ich ihm vielleicht mehr als er mir.«
»Schneidst wiederum mal aufi!«
»Nein. Es ist mir schon oft begegnet, daß ein armer Teuxel einem Vornehmen mehr Nutzen bracht hat, als dieser ihm.«
Dabei blieb er. Das war nun einmal seine Ansicht, von welcher er sich nicht abbringen ließ.
Nach einiger Zeit kam der Offizier. Sein Bursche trug ihm eine Flasche mit zwei Gläsern nach. Auch einen Polsterstuhl hatte er, den feinsten, welchen die Bäuerin hatte auftreiben können.
Er setzte sich mit an den Tisch, schenkte zwei Gläser voll, schob dem Sepp eins hin und sagte:
»Hier, altes Haus, trink mit, und denk meinswegen, es sei Buttermilch.«
»Na, verachten grad thu ich ihn nicht. Nur müssens mir sagen, auf wessen Wohl wir trinken wollen.«
»Da mach ich nicht mit, sonst sauf ich so viel auf mein Wohl, daß ich schließlich ganz und gar unwohl werd.«
»So trink auf dasjenige Deiner Herzallerliebsten! Hast keine mehr?«
»O, ich hab eine. Wanns mir da einen Gefallen thun wollen, Herr Oberlieutenant, so trinkens auch mit.«
»Schön! Wie heißt sie?«
»Leni.«
»Schön, mein Sohn! Also Deine Leni soll leben!«
»Ja sie soll leben, tausendmal hoch!«
Sie stießen an, und der Sepp trank sein Glas leer.
»Tausendmal! Uebertreib es nicht. Sie hat sonst zu viel zu steigen.«
»Das thut nix. Das Steigen ist sie ja gewohnt. Sie war halt eine Sennerin.«
»Sie war eine. Aber jetzt ist sie keine mehr.«
»Das läßt sich denken, in den Jahren!«
»Was? Jahren? Wie alt soll sie denn da sein?«
»Nun, wenn sie Deine Leni ist, so läßt sie sich bis auf Siebzig taxiren. Wieviel Urenkel hat sie bereits?«
»Ja Urenkel! Da hats nicht einschnappt. Die ist noch gar nicht mal verheirathet.«
»Was! Ein Mädchen?«
»Ja.«
»Aber ein altes.«
»Nein. Die Leni ist das allerschönst Dirndl weit und breit. Auf denen bayrischen Bergen hats noch niemals so eine Sennerin geben.«
»Großartig, wenn es wahr ist.«
»Es ist wahr!«
»So möchte ich sie doch einmal sehen.«
»Vielleicht habens sie schon sehen. Wann auch nicht in Person, sondern in dera Photographie. Sie wird bereits allüberall verkauft.«
»Deine Leni? Eine Sennerin?«
»Ja.«
»Wie ist denn ihr eigentlicher Name?«
»Magdalene Berghuber. Daheim hieß sie die Muren Leni, nun aber hat sie daraus Mureni macht.«
Da fuhr der Offizier vom Stuhle empor.
»Mureni! Die Sängerin?«
»Ja.«
»Alle Teufel! Wegen der bin ich doch – – Die kennst Du also?«
Wenn er seinen Satz hätte aussprechen wollen, so hätte er sagen müssen:
»Wegen der bin ich doch hierher geschickt worden. Ich habe ihretwegen einem Kameraden ein Wenig Blut abgezapft. Das ist zwar glücklich vertuscht worden; aber man rieth mir, für einige Zeit auf's Land zu gehen. Und damit ich nicht aus der dienstlichen Uebung komme, hat man mich nach diesem liebenswürdigen Erdenwinkel geschickt, damit ich den noch viel liebenswürdigeren Samiel fangen soll.«
»Und ob ich sie kenne,« antwortete der Sepp. »Ich bin doch ihr Pathe und auch ihr Pflegevatern.«
»Ach so! Ists möglich!«
Er betrachtete den Sepp mit Augen, in denen deutlich zu lesen war, daß ihm die Pflegetochter noch viel interessanter vorkomme als der Pflegevater.
»Freilich ists möglich. Wollens wohl nicht glauben?«
»
Oui, ich glaube es. Ich hab gehört, daß sie von niedrigster Geburt sein soll. Aeh, äh. Ists wahr?«
»Nein, sondern sie ist von allerhöchster Geburt.«
»Ah! Wie ist das möglich?«
»Weils droben in denen Alpen zur Welt kommen ist. Ist Ihnen das hoch genug?«
»
Oui! An diese Art von Höhe habe ich freilich nicht gedacht. Wenn es darnach ginge, wie hoch über dem Meeresspiegel man das Licht der Welt erblickt, so würden alle Mütter auf den Chimporasso steigen, um dort das hübsche Fest ihrer Entbindung zu feiern. Was war denn ihr Vater?«
»Ein Bayer.«
»Unsinn, Alter! Ich meine, welches Gewerbe er trieb.«
»Es war halt ein armer Handwerksmann, wie es im lieben Bayernland gar so viele giebt. Als er starb und die Mutter auch, hab ich mich des Dirndls angenommen.«
»Und sie zur Sängerin ausbilden lassen? Aeh – äh!«
»Dazu reichts bei mir nicht aus.«
»Ja. Ich hab gehört, daß sich höchste Herrschaften für sie interessirt haben?«
»Wui! Dera König selberst hat ihr das Singen lehren lassen.«
»Sapperment! Wie ist sie zum König gekommen?«
»Sie zu ihm? Nein; er kam zu ihr.«
»Querkopf! Also hat der König sie ganz zufällig getroffen?«
»Ja.«
»Verdammt! Wenn ich es gewesen wäre, der sie zum ersten Male traf! Ich hätte dafür gesorgt, daß sie von keinem Zweiten gefunden wurde.«
»Wie hättens das anfangt?«
»Ich hätte sie entführt und versteckt.«
»Ja, die Leni, die ist die Richtige zum Verführen. Wanns davon zu ihr sprochen hätten, so hättens für Maulschellen nicht zu sorgen braucht.«
»Sapperment! Ist sie giftig?«
»Nein. Sie ist eine Seele von einem Dirndl; aberst thun darf man ihr nix.«
»Hat sie, als sie noch Dirndl war, auch einen Buben gehabt?«
»Ja.«
»O weh! Was war er?«
»Wildschütz.«
»Alle Teufel! Die Geschichte wird weiß Gott immer interessanter. Jetzt mag sie wohl nichts mehr von ihm wissen?«
»Nein, sondern er mag nix von ihr hören.«
»Mensch! Halbgott! Affe! Bist Du des Teufels!«
»Teufel! Mensch! Bist etwan ein Affe! Wozu brauchen denn Sie das Alles zu wissen?«
»Weil ich mich riesig für sie interessire.«
»So! Weiter nix?«
»Was verlangst Du weiter, zürnender Zeus?«
»Haltens den Schnabel mit diesen fremden Worten. Sie sind zu nix nütze. Redens deutsch, daß man sich nicht mit Ihnen zu schämen braucht.«
Der Graf wußte nicht, wie er diese Lection aufnehmen solle. War sie ein Ausfluß eines kindlich unbefangenen, derben Biedersinnes, oder sprach aus dem Alten nur eine berechnende Unverschämtheit?
Aber der Sepp hatte ein so ernstes, eifriges Gesicht gemacht, daß der Offizier gar nicht dazu kam, ihm bös zu werden. Er erklärte ihm:
»Ich kenne nämlich die Mureni.«
»So! Habens mit ihr sprochen?«
»Ja. Auf einer Soiree wurde ich ihr vorgestellt.«
»Ja, diesen Schnickschnack muß sie jetzunder besuchen; aberst gern thut sie es nicht etwan. Wann ich mal einige Tagen bei ihr bin, so kommts gar nicht aus dem Haus.«
»So! Was thut sie da?«
»Was solls thun? Sie zieht ihren kurzen Alpenrock an, setzt ihr kleines Sennerhüterl aufi und dann sind wir beisammen, und ich muß verzählen von Allem, was ich inzwischen derlebt und derfahren habe.«
»Kurios!«
»Das ist gar nicht kurios! Verstehens! Ich wollts dera Leni gar nicht rathen, wanns mir stolz werden wollt und die Alpe vergessen und ihre frühere Armuth und vielleichten gar auch noch den alten Wurzelsepp.«
»Hm! Aber wenn Du sie besuchst, stören darfst Du sie trotzdem nicht?«
»Stören? Wie könnt dera Sepp sie stören! Nein, uns darf Niemand stören. Sie schließt Alles zu, daß Niemand herein kann.«
»Aber wann nun vornehmer Besuch kommt!«
»Vornehm? Was ist vornehm?«
»Nun, zum Beispiel ein Graf?«
»Den thut sie einfach zur Treppe hinunterschmeißen lassen. Wann ich einmal da bin, so will sie nur mich haben. Höchstens noch diejenigen Personen, die ich mitbringen thu.«
»Sapristi! Sepp, was verlangst Du von mir, wenn Du mich einmal mitnimmst?«
»Verlangen? Was soll ich verlangen?«
»Nun, Geld. Du willst doch auch Etwas verdienen. Ich zahle gut.«
»Hörens, ich auch. Ich zahl vielleichten noch besser als Sie, aberst in einer ganz anderen Münz. Die Ihrige klingt, und die meinige klatscht.«
»Klatscht? Aeh, äh! Du drückst Dich wirklich ein Wenig zu unpoetisch aus.«
»Aberst desto verständlicher. Meinens etwan, daß ich mich durch Geld veranlassen lasse, der Leni einen Menschen zu bringen, der nix werth ist? O nein, da kennens mich und sie gar schlecht.«
»Nun, ich hoffe doch nicht, daß ich nichts werth bin.«
»Viel aber auch nicht.«
Jetzt lachte der Oberlieutenant aus vollem Halse. So eine Aufrichtigkeit war ihm doch noch nicht vorgekommen. Darum wuchs seine gute Laune schnell an.
»Sepp,« sagte er. »Ich will Dir eine Bitte vortragen.«
»Nun tragens her und legens da auf den Tisch.«
»Also, ich hab die Mureni gesehen.«
»So! Das weiß ich bereits.«
»Sogar auch gesprochen.«
»Sehr schön!«
»Sie sehen und lieben war natürlich Eins.«
»Eins? Dazu gehört dreierlei.«
»Was?«
»Sehen, Lieben und zur Treppe nunter worfen werden.«
»Sei kein Barbar! Ich will Dir aufrichtig gestehen, daß ich mir die Mühe gegeben habe, bei ihr vorzukommen.«
»Das ist schwerer als wieder hinauszukommen.«
»Ja, leider. Meine Bemühungen waren vergebens.«
»Freut mich!«
»Was! Das freut Dich?«
»Natürlich! Sie ist ein braves Dirndl.«
»Das ist Schadenfreude. Und da trinkst Du meinen Wein mit aus.«
»Hier habens Ihr Gläserl wieder. Ich brauch den Fusel nicht.«
»Sepp, bleib doch bei Verstand!«
»Und kommens zu Verstand!«
»Ich bin dabei. Ich sage Dir, daß ich zum Juwelier gegangen bin und Geschmeide gekauft habe, um es ihr zu schicken.«
»Hat sie es behalten?«
»Gar nicht angenommen.«
»Ja, sie ist ein Blitzmadel.«
»Ein Blitzmadel stelle ich mir anders vor.«
»Wie denn?«
»Die theilt keine Ohrfeigen aus, hat alle Tage einen Anderen und – – –«
»Und wird dafür auch von Allen sitzen lassen. Ich danke schön für so eine Art von Blitzmadel. Das könnt mein Geschmack sein! Pfui Teuxel!«
»Ueber die verschiedenen Richtungen des Geschmackes läßt sich ja nicht streiten. Also höre: Es ist alles vergeblich gewesen, mich der Mureni zu nähern. Jetzt nun will ich das Allerletzte versuchen.«
»Was ist das?«
»Du bist es.«
»Ich? Ich bin das Allerletzte. Das ist sehr gut. Das kann mich gefreun.«
»Siehst Du! Mich gefreuts auch. Also ich werde mich hinter Dich stecken. Du machst den Schleppdampfer und bugsirst mich glücklich in den Hafen Deiner Pflegetochter.«
»Schön! Aberst wollens mir vorher sagen, was Sie dort wollen?«
»Wollen? Aeh, äh! Was denn wollen?«
»Na, zum Donnerwetter! Sie müssen doch dort was wollen! Wozu gehens denn hin?«
»Komische Frage! Um mich zu amüsiren.«
»So! Weiter nix?«
»Nein.«
»Wollens sie etwan heirathen?«
»Das wäre die Liebe doch etwas zu materiell genommen.«
»So! Dann bleibens lieber weg, sonst werdens noch viel materieller genommen. Die Mureni ist keine Person, die für einen Jeden da ist.«
»Aber, Sepp, bedenke: Ein Graf!«
»Was ist denn das weiter, ein Graf! Er ist ganz dasselbige Menschenkind wie ein jeder Andere.«
»Bitte, bitte! Blaues Blut!«
»Ja, blaues Blut und rothe Hanswurstnase. Beweisens mir doch, daß ein Graf was Anderes ist als ein anderer Mensch. Wann ihn dera Stiefel drückt, bekommt er Hühneraugen. Wann er Kirschen, Sauerkraut, Bier, Kuchen und unreifen Kürbisbrei unter nanter ißt, so gehts ihm darnach wie jeden Anderen auch. Kämmt er sich nicht, so bekommt er Ungeziefer! und lauft er nackend im Winter, so derfriert er die Vorder- und Hinterfüßen. Er ist also gar nix anderes. Und da soll die Mureni denken, einen Grafen müßt sie zu sich lassen? Nein. Die vornehmen Herren sind oft die größten Lumpen.«
»Sepp!«
»Was?«
»Vergiß Dich nicht!«
»Das thu ich nie.«
»Es scheint aber so.«
»Ja, wanns mich in den Harnisch bringen und nicht aufhören mit diesen Sachen, so könnens von mir was zu hören bekommen.«
»So wird es besser sein, wir brechen ab.«
»Das ist mir sehr recht.«
»Wir können ja später wieder einmal davon sprechen.«
»Lieber gar nicht wieder. Die Leni hat nicht die mindest Lust, die Moden dera Sängerinnen mitzumachen, welche nix lernen und sich von den Herren, mit denens schameriren, ernähren lassen. Sie hat was lernt und lebt nur für ihre Kunst. Wann da Einer käm, ders heirathen wollt, der müßt schon Haaren auf den Zähnen haben. Und wann gar Einer käm, der sich nur eine Pläsiren mit ihr machen wollt, der müßt vorher seine Knochen zu Haus lassen, damit sie ihm nicht zerschlagen werden. Wann er zur Hausthür herauskäm, müßten die Leutln denken, er sei in einer Knochenmühlen gewest.«
»Ist das denn gar so schlimm?«
»Schlimm? Nein, gut ists. Also gebens sich keine Mühen mit dera Leni. Gebens sich lieberst die rechte Mühen, den Samiel zu fangen. Da tragens viel mehr Ehren davon. Das kann ich Ihnen rathen!«
Der Graf machte bei der Eröffnung, die ihm hier wurde, ein sehr zweifelhaftes Gesicht. Er wäre vielleicht gegen den derben Alten losgebrochen. Zum Glücke aber erwähnte derselbe den Samiel, und sofort erheiterten sich die Züge des Offiziers. Es war ja der Gedanke, den Samiel zu fangen, von ihm mit einer wahren Leidenschaft ergriffen und verfolgt worden.
»Der!« sagte er. »Der wird nicht mehr lange hier herumlaufen.«
»Meinens wirklich?«
»Ja, ich bin nicht umsonst hierher gekommen. Ich muß ihn haben.«
»Das klingt wohl gut. Wenn Sie es aberst nur auch fertig bringen!«
»Fertig bringen? Daran ist gar kein Zweifel zu legen.«
»Oho! Schwer genug ist es.«
»Für mich nicht. Ich kann ja gar nicht anders. Ich kann nicht zurück, denn ich habe die Schiffe hinter mir verbrannt.«
»Was! Schiffe habens verbrannt?«
»Ja.«
»Habens Ihnen gehört?«
»Nein.«
»Und das sagens so ruhig? Ein Mordbrenner sinds? Donnerwetter! Wenn das die Polizeien derfährt! Vielleichten wird dera Brandstifter schon sucht. Sie wollen den Samiel fangen und sind nun selbst so ein Bösewicht.«
Der sonst so stolze Graf lachte, daß ihm die Thränen in die Augen traten.
»Und da lachens auch noch!« rief der alte Sepp zornig. »Das Lachen wird Ihnen schon vergehen! Denkens, weils ein Graf sind, daß Sie Schiffe verbrennen dürfen? Wer weiß, wie viele arme Menschenwürmer dabei umkommen sind!«
»Aber Sepp, so schweig doch!« sagte der viel belesene Fritz, welcher sehr wohl wußte, was die vom Grafen angezogene Redensart zu bedeuten hatte.
»Was, auch noch schweigen soll ich!«
»Es ist ja nur eine Redensart.«
»Desto schlimmer, wenn man wegen einer Redensart die Schiffe vermordbrennern thut!«
»Du regst Dich ganz vergeblich auf – – –«
»Vergeblich?« fiel der Alte ein. »Wirsts schon derfahren, obs vergeblich ist oder nicht. Es kann mich aberst von Dir wundern, daßt den Verbrecher mit vertheidigen willst. Das hab ich nicht denkt von Dir, dert sonsten so ein braver Kerlen bist.«
»Hör mal, ich muß es Dir verzählen. Es war mal ein Feldherr – – –«
»Laß mich aus mit Deinem Feldherr! Hier ist die Red von einer Brandstiftereien auf der See!«
»Hör doch nur weiter!«
»Hab keine Lust dazu!«
»Ich wills Dir doch verklären.«
»Dauerts lang?«
»Nein.«
»So magst meinetwegen reden. Aberst mich kriegst nicht herum! Anzeige werd ich machen auf alle Fälle!«
»Wirsts schon unterbleiben lassen.«
Da schlug der Sepp mit der Faust auf den Tisch und rief:
»Nein. Ich laß es nicht unterbleiben! Dera Kerl muß bestraft werden. Dein Feldherr mag heißen, wie er will!«
»Wie er heißen hat, das weiß ich nicht mehr. Er fuhr mit Schiffen in ein ander Land, um es zu erobern. Er wurde von einer übermächtigen Anzahl der Feinde zu einer Schlacht gezwungen. Am Abend vor der Schlacht hörte er, daß seine Krieger sich vor der Uebermacht der Feinde fürchteten. Sie wollten auf die Schiffe fliehen und mit diesen ausreißen – –«
»Das waren feige Hallunken! Einen Feldherrn darf man nicht so ehrlos im Stiche lassen! Wußt er, das sie das thun wollten?«
»Er erfuhr es noch zur rechten Zeit.«
»Das wahr gut. Was hat er than?«
»Er ließ sofort alle Schiffe verbrennen.«
»Sappermenten.«
»Nun konnten die Seinigen nicht fliehen. Sie mußten siegen oder sterben, und weil bei ihnen Alles, Alles am Siege hing, so kämpften sie wie Verzweifelte und schlugen den übermächtigen Feind auf das Haupt.«
»Herrlich! Ja dera Feldherr ist ein gar tüchtiger Kerl gewest. Ich hätts auch nicht anders macht.«
»So! Seit jener Zeit ist das nun zum Sprichwort worden. Wann Einer was unternimmt, wobei er nicht mehr rückwärts kann, so sagt er als Vergleich: Ich habe meine Schiffe hinter mir verbrannt – wie jener Feldherr, meint er natürlich. – So hat es auch dera Herr Graf meint.«
Der Sepp machte ein Gesicht wie ein Schulbube, der Prügeln bekommen hat. Dann aber lachte er hell auf.
»So hat dera Herr Grafen gar keine wirklichen Schiffe verbrannt?« fragte er.
»Nein.«
»Himmelsakra! Was bin ich da für ein Dummkopf gewest!«
»Wirst ihn nun anzeigen?«
»Fallt mir nicht ein! Werd mich so riesig blamiren. Wollens mir verzeihen, Herr Oberlieutenant?«
Er hielt ihm die Hand hin. Der Graf ergriff sie zwar nicht, aber er nickte ihm freundlich zu und antwortete:
»Natürlich. Es handelt sich hierbei ja nur um ein Mißverständniß. Ich wollte sagen, daß ich moralisch gezwungen bin, den Samiel zu fangen. Wenn ich mich nicht riesig blamiren will, muß ich ihn entdecken und ergreifen.«
»So machens nur die Augen auf!«
»O, die sind offen.«
»Habens ihn schon sehen?«
»Leider nein. Dann hätt ich ihn auch. Sobald er sich nur sehen läßt vor mir, ist er verloren.«
»Nehmens sich aberst in Acht, daß Sie nicht etwan dera Verlorene sind!«
»Pah! Keine Rede davon! Ich bin Graf und Offizier. Verstanden! Was wird der Samiel sein? Ein Bauer, ein Bürger, ein Handwerker, weiter nichts. Wie will der sich mit Unsereinem messen?«
Da warnte der Blinde:
»Lieber Herr, nehmens ihn nicht so gering! Ich habs mit meinem Augenlicht büßen müssen, daß ich nicht auf seine Warnung hört hab.«
»Pah! Mir soll er nicht in die Augen schießen. Ich habe den gespannten Revolver stets in der Hand. Sobald ich den Kerl erblicke, ist er verloren. Ehe er seine Flinte erhebt, habe ich ihm sechs Kugeln in den Leib gejagt.«
»Wollens wünschen. Ich würd gleich vor Freuden den Armen ein großes Geschenk geben, wann er derwischt würde.«
»So machen Sie das Geld flott! Sie können es bereits in den nächsten Tagen auszahlen.«
»Sinds so gewiß?«
»Ja. Die Schlinge ist ihm bereits gelegt.«
»Aberst ob er den Kopf hinein steckt?«
»Vielleicht steckt er schon darin. Sie braucht nur noch zugezogen zu werden. Ich bin bereit, mit Jedem eine Wette einzugehen, daß ich im Laufe dieser Woche den Kerl fangen werde.«
Er sagte das in einem so auffordernden Tone, daß die Bäuerin sich nicht mehr halten konnte. Sie hatte bisher ruhig zugehört. Jetzt aber sträubte sich ihr Inneres empor.
»Ich möcht fast mit wetten,« sagte sie.
Der Graf schien erst jetzt von ihr Notiz zu nehmen. Er heftete sein Monocle über das Auge, betrachtete sich die Frau genau und antwortete:
»Es ist sonst nicht meine Passion, mit Weibern mich einzulassen; aber eine Wette, die ich ausgeboten habe, nehme ich niemals zurück. Wenn Sie gegen mich setzen wollen, so halte ich Part.«
»Ich bin überzeugt, daß Sie den Samiel gar nicht fangen, viel weniger bereits in dieser Woche!«
Das klang förmlich schroff, fast beleidigend, geringschätzig.
»Donnerwetter!« fuhr der Graf auf. »Halten Sie mich für einen Knaben?«
»Ich habe kein Urtheil über Sie, denn ich kenne Sie nicht. Ueber den Samiel aber haben wir so viel gehört, daß wir ihn beurtheilen können. Er wird sich von Ihnen nicht fangen lassen.«
»Superfein! Das sagt mir eine Frau!«
»Ja, das sage ich. Sie sprechen von einer Schlinge, die Sie ihm gelegt haben. Ich denke, der Samiel ist ein Wild, welches Schlinge sammt Lockung wittert. Er wird sich hüten, den Kopf hineinzustecken.«
»O, meine Falle ist so construirt, daß selbst das schlaueste Wild nichts von ihr merken kann.«
»Das sagen Sie, weil Sie kein Jäger, sondern ein Laie sind.«
Der Graf erhob sich langsam von seinem Sitze. Er fixirte die Bäuerin mit großen Augen und räusperte sich:
»Aeh, äh! Hm! Ich ein Laie?«
»Ja!«
»Wie meinen Sie das? Das ist eine wirkliche Beleidigung!«
»Nein. Sie sind natürlich Soldat?«
»Versteht sich!«
»Aber ein Soldat ist kein Polizist. Der berühmteste Feldherr kann sich vergeblich Mühe geben, einen Einbrecher zu fangen.«
»Hm! Nicht übel! Der berühmteste Feldherr! Könnte mich fast versöhnen mit Ihnen. Aeh, äh! Also ich bin kein Polizist und werde darum den Samiel nicht fangen!«
»Das ist meine Meinung. Ich möchte Ihnen sogar rathen, sich in Acht zu nehmen.«
»Auch noch?«
»Ja. Sie treten zu offen gegen ihn auf. Sie erzählen überall, daß Sie ihn fangen werden. Sie reizen ihn also.«
»Schön! So mag er kommen!«
»Vielleicht wird er das thun, denn Ihr Verhalten ist herausfordernd. Ein Polizist, welcher Erfahrung hat, würde ganz verkleidet hierher kommen und nach ihm forschen, ohne daß Jemand es bemerkt. Sie aber treten so offen auf, als ob es sich nur darum handele, einen Apfel vom Baume zu pflücken.«
»Ich bin Soldat. Ich kämpfe ehrlich!«
»Dann ist er Ihnen eben überlegen. Er kennt seinen Feind und weiß ihn jeder Zeit zu finden. Sie aber suchen vergeblich nach ihm.«
Der Graf fühlte, daß Sie Recht hatte; aber sein Selbstgefühl gab es nicht zu, daß er dies bekannte. Er meinte in wegwerfendem Tone:
»Die Ansichten einer Bauersfrau können natürlich nicht die meinigen sein. Ich werde den Kerl fangen; dabei bleibt es.«
»Und ich behaupte, er fangt Sie eher als Sie ihn.«
»Donnerwetter! Wenn Sie keine Frau wären, würde ich Sie zwingen, mit mir zu wetten.«
»Sie brauchen mich nicht zu zwingen. Ich thue es ungezwungen.«
»Schön! Wie hoch?«
»So hoch Sie wollen.«
Er trat ganz erstaunt vom Tisch zurück. Eine Bauersfrau wagte es, bei gleicher Kasse zu sein wie er. Die mußte er natürlich niederschmettern.
»Um fünftausend Mark?« sagte er.
»Gut; ich stimme bei.«
»Sapperment!« fuhr er auf.
»Kätherl, was thust?« warnte der Bauer. »Wann ichs mir überleg, geb ich Dir Recht. Aberst wer kann wissen, was geschieht! Und so viel! Fünftausend Mark? Wanns noch fünfhundert wären!«
»Nun, Sie sind Ehemann,« sagte der Officier in ironischem Tone. »Sie können Ihrer Frau natürlich verbieten, zu wetten. In diesem Falle erlaube ich ihr großmüthig, zurück zu treten. Es ist für Sie keine Kleinigkeit, fünftausend Mark zu verlieren, während ich mir aus fünf Tausendmarkscheinen einen Fidibus mache, um die Cigarrette anzubrennen.«
Wenn er mit diesen Worten die Absicht verfolgte, den Bauer zu veranlassen, seiner Frau die Wette zu erlauben, so war diese Absicht sofort erreicht. Der Bauer war kein stolzer Mann, aber es gab Punkte, die man bei ihm nicht berühren durfte.
»Wie?« fragte er. »Großmüthig wollens sein? Das ist nicht nöthig. Wann ich auch kein Graf und Offizier bin und wann ich auch den Werth des Geldes so gut kennen thu, daß es mir gar nicht einfallt, einen Fidibus daraus zu machen, so kann ich an eine solche Wette doch recht gut fünftausend Markln riskiren. Wann Sies gewinnen, werden wir sehen, ob Sie wirklich sich damit die Cigarr anzünden. Kätherl, wett also mit!«
»Vortrefflich! Aeh, äh!« hustete der Graf. »Also wetten wir. Aber wie formuliren wir die Bedingung?«
»Sie haben von dieser Woch sprochen,« sagte die Bäuerin.
»Ja, und ich bleib dabei.«
»So ists ja ganz einfach. Fangt dera Samiel Sie, so gewinn ich; fangen Sie ihn, so gewinnen Sie. Das muß aberst in dieser Woch geschehen, von heut ab bis zum Sonnabend.«
»Einverstanden!«
»Und das Geldl wird sogleich hinterlegt!«
Der Graf machte ein verlegenes Gesicht!
»Halten Sie das für nöthig?« fragte er.
»Ja. Bei uns wirds stets so macht, wann man wettet. Ich werd also meine fünftausend Mark herabholen.«
»Hm! Verdammt! Aeh, äh! Man kann natürlich nicht verlangen, daß ich fünftausend Mark baar mit mir herumschleppe!«
Der Bäuerin gab das Spaß.
»So darf man auch nicht wetten,« sagte sie.
»Wie? Was? Mein Wort ist so viel wie Geld.«
»Das versteht sich,« meinte der Sepp. »Aberst weils hier in dieser Gegend so Sitte ist, daß man das Geldl gleich legt, so müssens sich freilich an dieselbige halten.«
»Aber ich habe kaum tausend Mark bei mir.«
»Schadet nix. So paar lumpige Markln kann ich Ihnen schon einstweilen geben.«
Der Graf machte ein Gesicht, wie er es wohl in seinem ganzen Leben noch nicht gemacht hatte.
»Duuuu?« fragte er.
»Ja. Wollens das Geldl von mir annehmen?«
»Ists denn Dein Eigenthum?«
»Freilich! Habs mir zusammenspart und trags stets mit mir umher.«
»Gut! Noth bricht Eisen. Ich werde aber sofort meinen Burschen fortschicken, um zu telegraphiren. Morgen bekommst Du es wieder.«
»Das eilt nicht so sehr. Das hat Zeit.«
»Und einen Schuldschein sollst Du natürlich auch haben.«
»Thuns mich halt nicht beleidigen. Ihr Wort ist mir so viel werth wie dera Schein und das baare Geld. Wollen mal zählen.«
Er öffnete den Rucksack und nahm eine alte Holzschachtel aus demselben. Als er sie öffnete, sahen die Andern, daß sie voller lauter hochwerthiger Banknoten war.
»Sepp!« rief der Graf. »Das ist Alles Dein, Alles?«
»Ja,« nickte der Alte einfach. »So ein kleines Wengerl kann man schon mit sich herumtragen. Das Andere hab ich freilich besser aufhoben.«
Und nun nahm er einen Schein nach dem andern heraus und zählte fünftausend Mark auf den Tisch.
Die Bäuerin nahm sich keine Zeit, sich über den ungeahnten Reichthum des Sepp zu wundern. Sie entfernte sich und kehrte in kurzer Zeit mit der gleichen Summe zurück, welche sie auf den Tisch zählte.
»So, Zehntausend!« sagte der Graf. »Aber wer bekommt das Geld zur Aufbewahrung? Ein Unparteiischer natürlich.«
»Das ist eben nur dera Sepp,« sagte die Bäuerin. »Sinds einverstanden damit, Herr Graf?«
»Ja.«
»Habs mirs denkt!« sagte Sepp und legte die Zehntausend in seine Schachtel, die er dann wieder in den Rucksack steckte.
»Nimms in Acht!« warnte der Graf. »So eine Summe darf nicht verloren gehen. Du müßtest sie ersetzen.«
»Habens nur keine Bangigkeiten! Mir nimmt Niemand einen Pfennig, selbst dera Samiel nicht.«
»Oho!« lachte die Bäuerin.
»Selbst der nicht,« meinte der Alte. »Der sollt sich hüten, mit dem Wurzelseppen anzubinden! Wann er mirs abnehmen will, mag er nur kommen.«
»Komm mit herauf zu mir,« sagte der Graf. »Ich will Dir den Schuldschein ausfertigen.«
»Lassens mich in Ruh von wegen dem Schein! Ich mag keinen!«
»Aber Sicherheit mußt Du doch haben!«
»Ich brauch keine!«
»Und meine Ehre erfordert, daß ich Dir welche gebe. Was thu ich nur? Ach, da habe ich es. Das wird genügen.«
Er zog einen Ring von seinem Finger.
»Hier, nimm diesen Ring. Er ist ein altes kostbares Familienerbstück. Ein Brillant mit Smaragden und Saphiren. Jeder Juwelier giebt Dir sofort zehntausend Mark dafür.«
Der Sepp blickte in diesem Augenblicke nicht auf den Ring sondern auf die Kronenbäuerin. Sie erbleichte und ihre Augen funkelten gierig auf. Aber sofort nahm sie eine gleichgiltige Miene an.
Der Sepp sagte kopfschüttelnd:
»Ich mag auch den Ring nicht. Wenn Sie ausgehen so lassens ihn daheim, sonst wird er Ihnen von dem Samiel geraubt.«
»Wie kannst Du das wissen!«
»Denken kann ichs mir.«
»So willst Du ihn also wirklich nicht?«
»Nein.«
»Hartkopf!« meinte der Graf, indem er den Ring wieder ansteckte.
»Ich thät ihn nicht anstecken in dieser Woch,« meinte der Alte. »Es ist gar so sehr gefährlich.«
»So denkst auch Du, daß ich die Wette verliere?«
»Kann sein.«
»Und ich bin so überzeugt, daß ich sie gewinne, daß ich mir noch eine Flasche Wein kommen lasse, um sie mit Dir auszustechen, alter Sepp. Dann schlafe ich ein Wenig. Um neun Uhr muß ich bereits wieder fort.«
Er pfiff seinem Burschen, welcher im Stalle beschäftigt war, das Pferd zu putzen. Dieser mußte den Wein holen.
Die Bäuerin entfernte sich. Sie ging nach dem Hofe und dann in den Pferdestall. Auf der Streu lag eine menschliche Gestalt, in eine alte Decke gewickelt.
»Bastian!« sagte sie leise.
Obgleich sie den Namen nur ganz leise ausgesprochen hatte, schnellte sich der Bursche von der Streu auf und stand augenblicklich neben ihr.
»Schnell hinauf!«
Der Knecht verschwand aus dem Stalle. Sie ging auch hinaus, langsam, mit der Miene einer Bauersfrau, welche nachsieht, ob sich Alles in Ordnung befindet. So schlenderte sie über den Hof hinüber, trat in das Haus und stieg die Treppe hinauf. Vor ihrer Thür stand bereits der Knecht.
»Bist sehen worden?« fragte sie.
Er schüttelte den Kopf.
Sie öffnete und verschloß die Thür dann wieder, als sie eingetreten waren.
»Was macht der Offiziersbursche jetzt?« fragte sie.
»Er wurde rufen.«
»Vorher?«
»Striegelt er den Gaul.«
»Wie lange wird er noch zubringen?«
»Eine halbe Stunden.«
Der Knecht gab so richtige und deutliche Antworten und stand doch mit der vollständigen Miene und Haltung eines Blödsinnigen vor ihr.
Er war selten zu einer Antwort zu bringen, und wenn er sie gab, so war sie unverständlich, daß man das Meiste errathen mußte. Er galt für ganz und gar geistesschwach, besaß aber wahrhaft riesige Körperkräfte.
Seine hervorragendste Eigenschaft war Häßlichkeit. Selbst wenn er im Besitze seiner Geisteskräfte gewesen wäre, hätte seine Häßlichkeit dadurch nur wenig verbessert werden können.
Kurze Beine und lange Arme wie ein Affe, zurücktretende Stirn und ein überweit vorgeschobenes Gebiß; große Ohren, rothstruppiges Haar, eine kleine, häßliche Stumpfnase und tiefliegende, triefige Schweinsaugen. So war der Kerl beschaffen. Und dazu paßte sein Anzug, welcher aus lauter zusammengeflickten Fetzen bestand.
Es war zum Erbarmen, diesen Menschen zu sehen. Und doch – –!
»Nimm den Krätzer! Wir müssen dem Grafen die vollen Patronen aus den Revolvern nehmen und taube dafür hineinstecken.«
Da gewannen seine Züge Leben und Bewegung. Er öffnete einen an der Mitte der Wand stehenden Schrank, welcher voller Kleider hing, kroch hinein und verschwand.
Die Bäuerin folgte ihm. Der Schrank hatte keine Rückwand. Aus ihm trat man in einen fensterlosen, dunkeln Raum, jedenfalls das »Kabinet«, von welchem der Baumeister gesprochen hatten Ein leises Klirren ließ sich hören.
»Hast ihn?« fragte sie leise.
»Ja. Alles!«
Nun trat sie an die Gegenwand. Dort gab es zahlreiche, kleine Löcherchen, welche jenseits durch das Muster der Tapeten maskirt waren. Die Bäuerin blickte hindurch.
»Es ist Niemand in dera Schlafstuben. Mach aufi!« flüsterte sie.
Ein leises, fast unhörbares Rauschen ließ sich hören. Es wurde hell. Jenseits im Schlafzimmer des Grafen stand ein Ofen an der Wand. Dieser Ofen trat zurück, auf Gummirädern rollend, die man drüben nicht bemerken konnte, da der Sockel des Ofens stehen blieb.
Jetzt traten die Beiden in die Schlafstube. Der Knecht huschte mit der Schnelligkeit und Behendigkeit einer Katze nach der anderen Thür, welche zum Wohnzimmer führte, trat hinein und kam wieder zurück, die zwei geladenen Revolver des Grafen in der Hand.
»Sind wir sicher?« fragte sie.
»Ja.«
»Hast genau nachsehen?«
»Von da drin aus sieht man Alles. Der Graf sitzt unter dem Baum und trinkt, und der Bursche ist wieder im Stall.«
Es war wunderbar, wie der Ausdruck seines Gesichtes sich verändert hatte. Aus seinen Augen leuchtete das klarste Verständniß. Seine Wangen rötheten sich. Es war, als ob der Blick der Bäuerin, ihr Wille allein ihn aus einem niederen Wesen in ein höheres verwandeln könne.
Und wie schnell hatte er die Arbeit vollendet. Nicht eine Minute hatte er gebraucht. Dann legte er die kleinen Waffen wieder hinaus auf den Tisch.
Sie kehrten auf demselben Wege, auf welchem sie gekommen waren, wieder nach dem Schlafzimmer der Bäuerin zurück. Der Ofen rückte wieder an seine Stelle. Niemand konnte bemerken, daß Jemand dagewesen sei.
Die Bäuerin setzte sich auf einen Lehnstuhl, welcher unweit des Fensters stand. Der Knecht schob ein Fußbänkchen hin, aber nicht, damit sie die Füße darauf stützen solle, sondern er setzte sich darauf, legte den Ellbogen in den Schooß der schönen Frau und stemmte seinen Kopf auf die Hand.
So saßen sie ganz in derselben Stellung, wie ein Kind sich zu den Füßen einer geliebten Mutter niederläßt.
Die Augen des Blödsinnigen strahlten jetzt förmlich vor Liebe und Wonne. Er blickte erwartungsvoll zu ihr auf.
»Bastian,« sagte sie in leisem Tone, »kannst Du den Grafen leiden?«
Er schüttelte den Kopf.
»Warum nicht?«
»Er will Dich fangen.«
»Ja. Wird er mich bekommen?«
»Nein. Lieber sterbe ich!«
Sie legte ihm die Hand auf das wirre, rothe Haar. Ein wonniges Zittern durchlief seinen Körper. Er holte tief und laut Athem, fast schnurrend, wie eine gestreichelte Katze.
»Ich habe mit ihm gewettet,« sagte sie.
»Was?«
»Er will mich in dieser Woche fangen.«
»So fangen wir ihn!«
Das kam im verächtlichsten Tone hervor.
»Das will ich auch.«
»Wann soll dies geschehen?«
»Heute noch.«
»Ich freue mich darauf.«
»Um neun Uhr geht er fort, nach der Försterei zu. Du kannst die Anzüge besorgen.«
»Machen wir ihn todt?«
»Nein. Er soll leben bleiben.«
»Aber einen Hieb auf den Kopf?«
»Ja. Er muß besinnungslos werden.«
»So nehmen wir den Todtschläger mit. Wie hoch ist die Wette?«
»Fünftausend Mark.«
Die Höhe dieser Summe machte nicht den mindesten Eindruck auf ihn. Sein Gesicht veränderte sich ebenso wenig als ob sie gesagt hätte einen Pfennig.
»Du bekommst auch Etwas davon,« sagte sie.
»Ich mag nichts.«
»Wenigstens hundert Mark.«
»Ich mag aber nichts!«
Das klang beinahe zornig.
»Aber Du mußt doch auch einmal ein Geldl haben!«
»Ich mag nichts, gar nichts als nur Dich! Komm her!«
Er griff mit den langen Armen nach ihr empor, zog ihren Kopf abwärts und küßte sie. In der Stellung, welche ihr Oberkörper dabei einnahm, kam ihr voller Busen in seine Nähe. Er fühlte die Wärme desselben. Seine Augen schlossen sich. Dann blinzelten sie unter den halb offenen Lidern hervor auf die Schönheit die ihn entzückte. Er schnellte auf, riß auch die Bäuerin mit riesiger Kraft vom Stuhle empor, warf die Arme um sie und preßte sie an sich, daß sie hätte um Hilfe schreien mögen.
Das ganz Thierische, Sinnliche seines Wesens war erwacht. Er gab ihr Kuß um Kuß. Mit einem Arme hielt er sie umschlungen und mit der andern Hand war er bemüht, in ihre Geheimnisse einzudringen. Sie wehrte ihm nicht. Sie wußte, daß sie durch die Gegenwehr ihn wie wahnsinnig machen würde. So hing dieses abscheuliche, häßliche, in diesem Augenblicke vollständig viehische Wesen an der schönen Frau. Die Bäuerin wußte den Blödsinnigen zu behandeln. Als er ihr zu lästig, wurde, sagte sie:
»Den Förster besuchen wir auch.«
Er ließ augenblicklich von ihr ab, starrte sie wie abwesend an und antwortete nicht. Seine Augen waren mit Blut unterlaufen. Seine Augen waren ausdruckslos.
»Hörst mich nicht?« fragte sie.
Er antwortete nicht.
»Bastian!«
Ein leises, heißeres Knurren ließ er hören, sonst nichts.
Da führte sie ihn nach dem Fußbänkchen zurück, setzte ihn nieder, nahm wieder auf dem Stuhle Platz und begann seinen Kopf zu streicheln.
Er vergrub sein Gesicht wie ein Kind in ihrem Schooße.
»Bastian, hörst mich?« fragte sie nach einer Weile.
»Ja,« antwortete er jetzt, aber ohne den Kopf zu erheben.
»Schau mich an!«
Jetzt blickte er langsam zu ihr empor.
»Hast mich lieb?« fragte sie.
Er fletschte die Zahne wie ein Raubthier, knirrschte sie aneinander, ballte die Fäuste und antwortete:
»So sehr, so sehr! Wer Dich nicht lieb hat, der muß sterben.«
»Hast Du auch den Förster lieb?«
»Ja.«
»Warum?«
»Weil er Dir gut ist.«
»Aber er will mich zur Frau.«
Sofort nahm sein Gesicht einen drohenden Ausdruck an.
»Du, seine Frau? Du mußt die meinige werden. Soll ich ihn erschlagen?«
»Nein.«
»Warum nicht? Bist Du ihm etwa gut?«
»Fällt mir nicht ein.«
»So kannst Du mir auch erlauben, ihn zu tödten.«
»Später. Jetzt noch nicht.«
»Wie Du willst.«
»Aber heut strafen wir ihn.«
»So! Das freut mich.«
»Wir nehmen ihm viel, viel Geld.«
»Bin ich dabei?«
»Ja. Du mußt von zwei Uhr an unter den jungen Fichten liegen, welche grad gegenüber vom Forsthaus stehen.«
»Was bringe ich mit?«
»Die Anzüge und die Leiter.«
»Weiter nichts?«
»Wir brauchen nichts weiter.«
Er blickte vor sich hin. Es war ihm anzusehen, daß er die erhaltenen Befehle im Stillen wiederholte und sich die Bedeutung derselben klar zu machen suchte. Dann sagte er:
»Nun weiß ich Alles.«
»Wirst Du keinen Fehler machen?«
»Nein. Ich thue Alles! Aber ich muß auch wissen, daß Du meine Frau werden willst.«
»Ich habs Dir ja versprochen.«
»Wirst Du es halten?«
»Ja.«
»Dann kaufe ich mir Sammethosen und einen neuen Hut und geh mit Dir spazieren. Und wer uns ein schlecht Gesicht macht, den bringen wir des Nachts um!«
Es war klar. All sein Sinnen und Denken war auf Zweierlei gerichtet – auf die Liebe zur Bäuerin und auf die verbrecherischen Thaten des Samiel.
Wer hätte denken können, daß der Samiel, von dem man als gewiß annahm, daß er eine ganze Bande befehlige, ein Weib sei, welches nur unter der Mithilfe eines neun Zehntel blödsinnigen Menschen ihre Thaten ausführte!
Nach einiger Zeit ließ sie den Knecht wieder herab. Er schlich sich ungesehen in den Stall. Sie ging in die Küche und trat dann hinaus vor die Thür. Ihr Mann saß noch immer auf demselben Ort, aber allein.
Sie ging zu ihm und setzte sich nieder, aber nicht neben ihm wie vorher, sondern ihm gegenüber.
»Wo ist dera Fritz?« fragte sie.
»Er ist mit dem Sepp ins Wirthshaus. Sie wollen dort von dera Wette erzählen. Ich wollts ihnen verbieten.«
»Warum?«
»Weils nix nützen kann, wann es so publik wird.«
»Aberst schaden kanns auch nix.«
»Meinswegen. Vielleichten gewinnst.«
»Auf jeden Fall!«
»Da hast freilich eine gute Hoffnung. Es ist fast, als obst den Samiel kennen thätst. Wann man Dir zuhört, so ists ganz so.«
Sie erschrak. Sie hatte doch vielleicht einen Fehler begangen, auf die Wette mit einzugehen.
»Ja,« lachte sie. »Wann ich den kennen thät! Was thät da mit ihm geschehen!«
»Nun, was?«
»Er bekäme einen Lohn, wie er ihn verdient hat.«
»Thätst ihn anzeigen?«
»Das könnt mir nicht einfallen.«
»Nicht? Du müßtest doch!«
»Nein, ich thät nicht müssen, denn wann ich ihn entdecken thät, so würde ich es keinem Menschen sagen.«
»Du ließest ihn also fort wirthschaften?«
»Was denkst von mir. Ich thät mit ihm ins Gericht gehen. Und wie!«
»Man darf der Obrigkeit nicht vorgreifen!«
»Wie kannst nur Dieses sagen! Welche Straf thät er bekommen, wann man ihn fangen thät?«
»Den Tod oder lebenslang Zuchthaus.«
»Ist das genug?«
»Ich möchts meinen.«
»Leidet er da, was Du litten hast?«
»Nein. Wird er hinrichtet, so ist er schnell weg und ohne Schmerzen. Kommt er ins Zuchthaus, so hat er seine Wohnung, Kleidung und Nahrung, seine Arbeit und Ordnung ganz wie ein Anderer und vielleicht noch besser als ein ehrlicher Mann. Das ist keine Straf.«
»Also siehsts selber ein, daß es besser ist, sich selbst zu rächen. Wann ich es heraus bekam, wer dera Samiel ist, so müßt er zunächst blind werden.«
»Kätherl!« rief der Bauer aus.
»Ja, gewiß! Ich thät ihm ebenso das Pulver in die Augen schießen, wie er es bei Dir macht hat.«
»Um Gotteswillen. Das darf und kann ich nicht hören!«
»O, er müßt grad das ausstehen, was Du ausstanden hast und – ich dazu.«
Er seufzte, schwieg aber.
»Was holst Athem?« fragte sie. »Meinst wohl, daß ichs immer nur so gut habt hab grad wie im Himmel?«
»Besser hasts habt als ich.«
»Ja, ein Wengerl. Daß ich das Augenlicht hab; das ist Alles. Du hasts mit Deiner Blindheit auch fast gut.«
»Na, ich dank gar schön! Da soll die Blindheiten auf einmal gut sein!«
»Nun, ists nicht wahr?«
»Nein.«
»Brauchst nicht zu arbeiten.«
»Soll das ein Glück sein? O, wann ich arbeiten könnt wie vorher, ich wollt dem Herrgott stündlich dafür auf denen Knieen danken.«
»Für wen wolltst Dich schinden?«
»Das kannst Dir denken!«
»Ja, für den Deinigen, nicht aberst für die Frau!«
»Auch für die Frau, denn sie ist doch die Mutter.«
»Es wäre damals vielleicht besser gewest, ich hätt den Buben nicht in das Eisenbahncoupée than.«
»Was denn?«
»Besser wärs, wann er todt gewest wär.«
»Kätherl! Herrgott! Willst gar eine Mörderin sein!«
»Das hab ich nicht sagt. Ich hab nur meint, daß er ein kränklicher Bub war, der gar leicht sterben konnt.«
»Dann hätten wir jetzunder keinen.«
»Nun, ich weiß nicht, ob es ein Glück ist, daßt ihn haßt. Für mich ists keins.«
»Das merk ich wohl.«
»Es giebt gar vielen Aerger dabei. Besonders wannst so Hand in Hand mit ihm da sitzest und ihm die Händen streichelst. Was soll er davon denken! Es wäre besser west, wannst ihn in Chrudim lassen hättest beim Wagenschieber, wo sie ihn erzogen haben. Was thun wir mit ihm?«
»Was wir müssen!«
»Das ist unmöglich.«
»O, doch nicht!«
»Doch! Unser Kind kann und darf er niemals sein. Um beweisen zu können, daß er es ist, müßten wir verzählen, daß wir ihn nach Böhmen schafft haben um ihn los zu werden. Nachhero hasts bereut und ihn als Knecht wieder heimholt.«
»Reden wir lieber nicht darüber.«
»Ja, hast Recht. Es ist ein jeder Knoten zu öffnen, warum nicht auch dieser! Wir wollen uns nur gedulden und die richtige Zeit derwarten.«
Unter dieser richtigen Zeit verstand sie den Todestag ihres Mannes, welcher jetzt vor ihr saß, herzlich befriedigt davon, daß seine Frau endlich einmal mit ihm sprach. Sie hatte, ohne es zu ahnen, sich selbst das Urtheil gefällt, als sie sagte, daß sie den Samiel blind schießen werde.
Der Sepp war, wie bereits erwähnt, mit Fritz in das Wirthshaus gegangen. Er hatte es dem Alten zu Gefallen gethan, um ihm eine Freude zu machen.
Als sie dort anlangten, sahen sie, daß der Rollwagen des Baumeisters noch dastand.
»So ist er wahrhaftig hier einkehrt,« sagte der Sepp. »Nun möcht ich wissen, ob er es denen Leutln sagt hat, daß die Bäuerin die Unschuldige ist.«
»Das werden wir sehr bald derfahren. Horch, da hör ich schon seins Stimm. Er hält bereits wiederum eine Red.«
Er klinkte die Thüre auf und blickte durch die Lücke hinein. Die Stube war ziemlich gefüllt, weil es Sonntag war. An dem großen, runden Tische saßen die Wohlhabendsten des Dorfes, bei ihnen der Baumeister. Er schien bereits einen kleinen Rausch zu haben und befand sich mitten in einer Erzählung.
»Schön ist sie; das muß man zugeben, schön wie eine griechische Göttin, besonders wenn sie sich entkleidet hat,« sagte er.
»Hast sie denn so sehen?« fragte Einer.
»Natürlich! Viele Male. Wenn das der alte, blinde Kronenbauer wüßte, daß ich seine Stelle bei seiner Frau vertreten – – –«
Er kam nicht weiter. Fritz hatte genug gehört. Er öffnete die Thür weit, war mit einigen raschen Schritten bei dem Verleumder und gab demselben eine Ohrfeige, daß er vom Stuhle flog.
»Ah, dera Fritz, und dera Wurzelsepp,« rief es allüberall. »Willkommen Fritz! Willkommen Sepp! Läßt Dich auch mal sehen!«
»Still!« rief der Knecht. »Ihr könnt den Sepp nachhero auch begrüßen. Erst muß – – – sakra, wo ist denn dieser Herr Baumeistern hin? Hinaus kann er doch noch nicht sein.«
»Da neben dem Kanapee hat er sich hinter die Seitenlehne niedersteckt,« lachte Einer, indem er nach dem Kanapee zeigte.
Fritz ging hin. Da kauerte der Baumeister, zitternd vor Angst.
»Komm mal vor, Du Lodrian!« sagte der Knecht, indem er ihn nach dem runden Tische zerrte. »Was hast hier verzählt?«
»Was soll ich erzählt haben,« sagte er.
»Wir haben von der Politik gesprochen.«
»Das ist eine Lüge,« fiel ein Gast ein. »Er hat nur immer von der Kronenbäuerin erzählt.«
»Was?«
»Daß er vorhin wieder auf dem Hof gewesen ist.«
»Das ist wahr.«
»Daß er da mit ihr nach ihrer Schlafstube ist.«
»Auch das kann wahr sein, denn sie hat ihn im ganzen Gebäud herumführen mußt.«
»Und daß – daß – na, das Andere kannst dazu denken. Wanns wahr ist, was er sagt, so ist die Bäurin ein Weib, welches man anspucken muß.«
»Obs wahr ist, das sollt Ihr gleich hören und sehen. Gebt mal einen Stuhl herbei.«
Der Stuhl wurde gebracht. Der Baumeister hatte seine Peitsche mit herein in die Schänkstube gebracht und da an die Wand gehängt. Fritz sah sie und nahm sie herunter. Dann sagte er zu dem wie ein Verbrecher sein Urtheil erwartenden Menschen:
»Steig aufi auf den Stuhl!«
Der Aufgeforderte zögerte, zu gehorchen.
»Steig aufi, sag ich Dir, sonst helf ich mit dera Peitschen nach!«
Jetzt stieg er auf den Stuhl. Es herrschte tiefe Stille in der Stube.
»Jetzunder antwortest mir auf jede Frage der Wahrheit gemäß! Wannst keine Antwort giebst oder eine falsche, bekommst die Peitsche!«
»Laß mich doch lieber herunter! Laß mich fort!« bat der Geängstigte.
»Ja, fort kannst, aberst erst dann, wannst beichtet hast.«
Und sich zu dem Publikum wendend, erklärte er:
»Nämlich Alles, was er sagt, ist Lüg. Er hat erst vorhin bei uns um Verzeihung bitten mußt. Er hat uns auch versprechen mußt, hier die Wahrheit zu verzählen, damit die Bäuerin gerechtfertigt sei. Statt dessen, macht er sie hier abermals schlecht. Da helfen weder gute Worten noch Ohrfeigen. Da hilfts nur, daß er an den Pranger stellt wird, damit eine jede Frau derfährt, daß sie sich vor ihm zu hüten hat. Also, Baumeister, antwort! Hast vorhin bei uns abbeten mußt?«
Er antwortete nicht, erhielt aber sofort einen Hieb, daß er mit beiden Beinen in die Luft sprang und rief:
»Au! Verflucht! Ja, ich habe abgebeten.«
»Hast zugestanden, daß es Lügen sind?«
»Ja.«
»Hast die Bäurin mal so sehen, wie Du vorhin sagtest?«
»Wie denn?«
»Nun, wie eine Göttin?«
»Hm!«
Da pfiff die Peitsche durch die Luft.
»Donnerwetter! Nein, ich habe sie nicht so gesehen.«
»Bist in ihrer Kammer gewest des Nachts?«
»Ja.«
»War ein Frauenzimmer drin?«
»Ja.«
»Wer war es?«
»Die – die – die – –«
»Na, heraus damit! Sonst kommt die Peitsch!«
»Die – die Christel.«
Ein allgemeines, unbeschreibliches Hallo brach los. Als dann Fritz das Uebrige erklärt hatte, wurde der Baumeister hinausgeworfen und erhielt den Rath, sich niemals wieder sehen zu lassen.
Nun trat wieder Ruhe ein. Der alte Sepp, welcher Allen willkommen war, mußte erzählen. So verging die Zeit, und es war nahe zur Dämmerung, als die Beiden heimkehrten.
Aber sie gingen nicht direct nach Hause. Als sie die Stelle erreichten, wo sich der Steig empor nach der Capelle wendet, lenkte der Sepp nach demselben ein.
»Wo willst hin?« fragte Fritz.
»Nicht weit fort. Nur bis ans Gebüsch, um uns dort niederzusetzen.«
»Warum das?«
»Weil ich gern ein Wengerl mit Dir plaudern möcht.«
»Können wir das nicht auch daheim?«
»Nicht so gut wie hier. Hier werden wir nicht gestört und auch nicht belauscht.«
Der Knecht wußte, daß der Sepp niemals Etwas ohne Absicht that; darum folgte er ihm, ziemlich gespannt auf das, was er jetzt hören werde.
Sie setzten sich da, wo sie den Kronenhof vor den Augen hatten, auf einen Grummetschober nieder. Dann sagte der Sepp:
»Fritz, ich kenne Dich nun bereits seit einer sehr langen Zeit, viel länger, alst denkst. Als ich Dich zum ersten Male schaut, da warst ein Huschibuschi mit dem Zulpen im Maul. Von da an hab ich Dich nie wieder aus den Augen lassen.«
»Wie ist das möglich? Du mußt Dich irren!«
»Nein.«
»Wie kannst mich kannt haben, als ich so klein war? Ich bin doch als großer Bub nach Kapellendorf kommen.«
»Vorher hab ich Dich sehen.«
»Wo?«
»In Chrudim.«
»Da hättst mich auch bereits sehen?«
»O, sogar noch früher.«
»Wast sagst!«
»Bei Deinem Vater und Deiner Mutter.«
Der Knecht sprang aus dem Grummet auf.
»Sepp, meine Eltern kennst?« rief er.
»Schrei nicht so!« warnte der Sepp. »Wir brauchen keinen Lauscher. Setz Dich niedern und bleib ruhig!«
»Da soll man ruhig bleiben!«
»Ich bin doch auch ruhig!«
»Ja, Du.«
»Oho! Ich, ich könnt nun auch bald mal aus dera Haut fahren. Ich hab in letzter Zeit nix Anderes zu thun habt, als Eltern ihre Kinder und Kindern ihre Eltern oder Geschwistern ihre Geschwister zurückzubringen. Das halt dera Teuxel aus. Der Allerletzt, zu dem ich komme, der bist halt Du.«
»Sepp, ich bitt Dich, mach keine lange Red! Lebt mein Vätern noch?«
»Ja.«
»Meine Mutter?«
»Nein.«
»Gott sei Dank!«
»Was, Gott sei Dank?«
»Ich hab keine Lust, sie kennen zu lernen.«
»Da bist ja ein sauberer Bub!«
»Hab auch saubere Eltern habt! Sie haben mich hinausworfen in die Welt und sich nimmer um mich kümmert.«
»Meinst? Da irrst Dich gewaltig. Deine Mutter hat sich um Dich zu Tode härmt. Sie ist storben aus Liebe zu Dir.«
»Was? Ists wahr?«
»Ja, das werd ich Dir verzählen.«
»So mach schnell!«
»Und Dein Vater hat sich um Dich kümmert und nach Dir schaut, so lange er Augen habt hat, und noch darüber hinaus.«
»Sepp, Du kommst mir so plötzlich. Du hast mich kannt von Kindesbeinen an und hast doch nie was sagt. Warum beginnst jetzt, grad heut?«
»Weil ich denk, daß die Zeit da ist, in der ich reden muß.«
»Weiß es mein Vatern?«
»Nein. Dera weiß gar nicht, daß ich Dich kennen thu.«
»So ist wohl plötzlich was geschehen?«
»Ja, heut.«
»Was Böses?«
»Was Gutes nicht.«
»Um Gotteswillen! Was ists?«
»Für Dich ists ein sehr Böses; für Andere aberst ein sehr Gutes. Ich habe nämlich heut – –« er blickte sich vorsichtig um und fuhr dann fort: »den Samiel entdeckt.«
»Bist nicht gescheidt!«
»Ich bin grad gescheidt, sonst hätt ich ihn nicht entdeckt.«
»Und hat das was mit mir zu thun?«
»Ja, sehr viel.«
»Erkläre Dich! Du machst mir Angst!«
»Kannst dennoch ruhig sein. Eigentlich ists doch auch ein Glück. Freilich ists stets eine traurige Sachen, wann ein so reich begnadetes Menschenleben dera Sünd anheimfällt und an ihr zu Grunde geht. Wann ich Dich jetzt frag, wast nicht gleich verstehst, so wirsts dann bald begreifen. Vor allen Dingen aberst muß ich Dich bitten, aufrichtig mit mir zu sein. Willst, Fritz?«
»Ja.«
»Grad so, als ob ich Dein Vatern wär?«
»Ja, grad so.«
»So sag mir vor allen Dingen mal, obst die Kronenbäuerin für schön hältst.«
»Ja. Sie ist wohl sehr schön.«
»Das ist wahr. Könntest ihr so gut sein, wie man einem Dirndl gut ist, welches man heirathen will?«
»Nein.«
»Gewiß und wirklich nicht?«
»Nein.«
»Gott sei Dank! Das ist meine Angst gewest.«
»Daß ich mich in sie verlieben könnt?«
»Ja.«
»Das kann mir nicht einfallen. Sie hat mir trotz ihrer Schönheit immer eine Furcht und Scheu einflößt.«
»Das hat dera Herrgott than. Nun aber sag auch, ob sie nicht vielleicht wünscht hat, daßt ihr Liebster sein sollst!«
»Ja, das hat sie.«
»Hab mirs doch denkt! Sie hat da einen Plan, der ein wahrhaft gottloser, ein haarsträubend gottloser ist. Wann hat sie das than?«
»Heut zum ersten Male.«
»So! Droben bei dera Capellen?«
»Ja.«
»Hab es mir denkt, als sie Dich hinauf befohlen hat. Ist die Red nur von Liebe gewest oder auch vom Heirathen?«
»Vom Heirathen.«
»Ganz richtig. Erst hat sie Dich haßt, und nun liebt sie Dich so sehr, daß sie Dich zum Mann haben will. Ich bin froh, daß sie Dir da nicht schon längst gefährlich worden ist.«
»Die? Könnt mir gar niemals gefährlich werden.«
»Hast wohl eine Andere?«
Fritz erröthete, antwortete aber aufrichtig:
»Lieb hab ich eine; aberst ob sie auch mich liebt, das ist noch eine Frag!«
»Wer ists? Darf ichs wissen?«
»Die Martha beim Förster!«
»Du, da geb ich Dir meinen Segen dazu. Die ist nicht nur das allerschönst Dirndl rundum, sondern auch eine gar Brave. Da halt Dich dazu. Da es so steht, wird mir das Herz immer leichter. Soll ich mal den Freiwerber machen?«
»Nein, Sepp. Ich muß mit ihr sprechen. Und – eine Frau nehmen kann ich doch jetzt noch lange nicht.«
»Warum nicht?«
»Weil ich ein armer Kerlen bin. Ich hab mir zwar was spart, aber bis es langt, um was zu pachten, da müssen noch sechs, acht Jahren vorüber.«
»Wanns das ist, da red in Gottes Namen mit dera Martha. Du bist ein reicher Bub.«
»Ich? Machst doch nur Spaß?«
»Nein. Dein Vatern ist ein steinreicher Mann.«
»Ists möglich!«
»Freilich! Ich kenn ihn ganz genau.«
»Wo wohnt er? Dort drüben im Böhmen?«
»O nein, sondern hierüben.«
»Weit?«
»Nicht gar sehr weit von hier.«
»Aberst, wann er so reich ist, warum hat er mich fortgeben?«
»Das hat er nicht than.«
»O ja! Die Eltern müssen mich fortthan haben. In der Eisenbahn laßt kein Vatern oder Muttern ein Kind nur aus Versehen liegen.«
»Das ist wahr. Ich werd es Dir verzählen. Weißt, ich war sehr oft bei den Deinigen Eltern. Ich war ihnen stets willkommen, denn so bald ich kam, war dera Frieden im Haus.«
»Sonst nicht?«
»Nein. Deine Eltern lebten sehr bös mit nander, mehr als wie Hund und Katz. Sie waren gezwungen west, sich zu heirathen, obgleich sie sich haßten. Dein Vatern war ein braver Mann, aberst er wollt gern eine schöne Frauen haben. Deine Muttern war eine Sibylle und Xantippe, die schmutziger als die niedrigste Magd im Haus herumlief und sich keine Mühe gab, ihrem Manne zu Gefallen zu sein. Ists ein Wunder, daß sie ihm jetzunder nun ganz und gar zum Ekel ward?«
»Nein, gewiß nicht.«
»So wirst ihn auch nachhero milder beurtheilen. Du warst ihr einziges Kind, und ich hab Dich auch damals schon auf meinen Armen habt. Du warst und bist nach dem Vatern gerathen. Von dera Muttern aberst hast nix an Dir. Um dieselbige Zeit kam eine Verwandte ins Haus, ein gar junges Ding, aberst eitel, bildsauber, gefallsüchtig, ohne Gewissen und blutarm. So jung sie war, hat sie doch schon rechnen konnt und es auf einen reichen Mann absehen habt. Ich hab sie dort kannt und beobachtet, und sie hat mir niemals gefallen. Darauf bin ich lange Zeit nicht hinkommen; aberst bald, als ich zum letzten Male da gewest war, lief ich drüben im Böhmen herum und kam auch nach Pardubitz. Wen fand ich da im Bahnhofe? Die Verwandte.«
»Sie kannte Dich?«
»Natürlich. Ich bin sogleich zu ihr gangen. Sie hatte ein Kind bei sich, aberst fest verwickelt, so daß man das Gesichten nicht sehen konnt.«
»Ich errathe es. Das bin ich gewest.«
»Ja, Du warst es. Ich hab mir ein paar Worte mit ihr sprochen und bin dann gangen. Zufälliger Weise hats mir sagt, daß sie nach Chrudim fahren will.«
»Hast sie denn nicht fragt, was für ein Kind sie hat?«
»Ja. Das ihrige könnts freilich nicht sein. Sie hat sagt, daß es einer Base gehört, der sie es bringen muß. Nachhero, nach einer abermaligen Zeit, komm ich zu den Deinigen Eltern und hör, daßt raubt worden seist.«
»Raubt und von wem?«
»Von Zigeunern.«
»Grad wie dem Kronenbauern sein Sohn!«
»Ja, fast grad so. Es waren Zigeunern da gewest, und als sie fort waren, warst auch Du fort. In einigen Dörfern, wo Nachfrag halten wurde, hatten manche Leutln Dich sehen. Das ist aberst nicht wahr gewest.«
»Du meinst, daß die Verwandte mich heimlich fortschafft hat?«
»Ja.«
»Das hast Dir gleich damals denkt?«
»O nein. Wie hätt ich das denken konnt? Ich hab nicht wußt, daßt verschwunden warst grad zu derjenigen Zeit, an welcher ich sie mit dem Kinde troffen hatte. Auch konnt ich ihr eine solche Schlechtigkeiten gar nicht zutrauen.«
»Was haben meine Eltern sagt?«
»Die kränkten sich gar sehr. Deine Muttern, die immer kränklich war, hats sich so zu Herzen nommen, daß sie nachhero storben ist.«
»Und der Vatern?«
»Der hat viel und lange nach Dir suchen lassen und sich nachhero die zweite Frau nommen.«
»Wohl die Verwandte?«
»Ja.«
»Beinahe grad wie bei meinem Kronenbauern, nur daß diese zweite Frauen die Mündel gewest ist.«
»So ists!« nickte der Sepp.
»Habens denn glücklich lebt?«
»Erst ja, dann aberst bald nicht mehr. Da bin ich wieder mal im Böhmen gewest und nach Chrudim kommen. Ich hab ein Bier trunken mit Einem, der an dera Bahn anstellt war. Bei dem war sein kleiner Bub. Dieser ist mir auffallen, denn er hat grad so eine Narben an dera Stirn habt wie Du.«
»Hat ich eine?«
»Ja. Du warst mal von einer unvorsichtigen Magd tragen worden und hattst Dich an einen Nagel stoßen. Das gab eine tiefe Wunde, die nur schwer vernarben wollt. Also dieser kleine Bub hat auch so eine Narbe an ganz derselbigen Stelle, nur wars fast ganz verheilt. Ich fragt den Mann, wie der Bub dazu kommen sei, aberst er hats nicht wußt, weil dera Bub ein Findelkind sei, und er war nur dera Pflegevatern.«
»Ach, so war ich dera Bub?«
»Ja.«
»Aberst ich kann mich nicht besinnen, daß ich Dich in Chrudim sehen hab.«
»Das war nur eine Viertelstunden lang, und Du warst noch sehr klein. Dera Pflegevatern hat mir verzählt, wie Du im Bahnwagen funden worden bist. Das Bettchen ist noch da gewest, und als ich es mir ansehen hab, da hab ich sogleich schaut, daß es ganz dasselbige sei, was damals die junge Verwandte in denen Armen trug.«
»Das ist ein großer Zufall!«
»Ja. Auch zufälliger Weis hab ich noch ganz genau wußt, an welchem Datum ich sie in Pardubitz troffen hab. Auf dera Bahn in Chrudim hat man sich auch den Tag aufschrieben, und das hat so Alles ganz genau zusammenstimmt.«
»Was hast da than?«
»Was sollt ich thun? Gings mich eigentlich was an?«
»Natürlich!«
»Oho! Diejenige, welche Dich im Bahnwagen verlassen hatte, war die zweite Frau Deines Vaters worden. Konnt ich da nicht denken, daß er einverstanden gewest sei?«
»Vielleicht. Aberst auch dann hättest ihn zwingen sollt, mich zu sich zu nehmen!«
»Nun, ich hab nicht Sturm laufen wollt. Zunächst hab ich mich derkundigt, ob er Freud haben werd, wann er sein verlorenes Kind wiederfinden thät. Er hat sagt, daß er ganz glücklich sein thät. Dann hab ich ihm sagt, daß ich es weiß. Und endlich hat er Alles derfahren.«
»Ah! Was hat er than. Warum hat er mich nicht sofort holen lassen?«
»War das möglich?«
»Natürlich! Warum sollt es nicht?«
»Weil es herauskommen wär, daß Deine Stiefmutter die Kindesräuberin war. Sie wär wohl aufs Zuchthaus kommen.«
»Also sie war die Zigeunerin!«
»Ja. Was nun zwischen Deinem Vatern und Deiner Stiefmuttern vorkommen ist, das weiß ich nicht; aberst denken kann ich es mir, daß er sie sehr lieb habt hat, weils sie sehr schön war, und daß er sie nicht hat unglücklich machen wollt. Darum hat er Dich einstweilen noch in Chrudim lassen und Alles für Dich zahlt.«
»So hat er sich wegen dera Stiefmuttern schwer an mir versündigt. Sind denn weitere Kinder vorhanden?«
»Nein.«
»Ich das einzige! Vielleicht hätt das nicht werden könnt! Wann er meine Stiefmuttern schonen wollt, so braucht er mich doch nur an Kindesstatt anzunehmen.«
»Das hat er doch than!«
»Wie?«
»Ich sag, daß er es than hat.«
»Mich hat aberst doch dera Kronenbauer annommen.«
»Ja freilich, der. Weißt Deine Stiefmuttern war nicht eine Verwandte sondern eine Mündel von ihm.«
»Herr Jesus! So ist – –«
Er fuhr abermals aus dem Grummetschober empor, blieb starr vor dem Sepp stehen und fuhr dann fort:
»So ist dera Kronenbauer mein Vatern?«
»Ja.«
»Herr, mein Gott, wie dank ich Dir dafür. Dera Kronenbauer, dera Kronenbauer mein Vater. So hat mein Vater mich also nicht verlassen. Wie mich das glücklich macht. Darum hab ich ihn so lieb, und darum ist er stets so zärtlich gegen mich west, was ich hab gar nicht begreifen konnt.«
»Aberst die Bäuerin desto böser mit Dir!«
»Ja. Aberst es soll ihr vergeben sein. Ich bin so glücklich, so unendlich glücklich, daß ich Niemandem zürnen mag. Ich gehe jetzt nach Haus und –«
Er wollte fortstürmen, aber der Sepp rief:
»Fritz, bleib! Wir sind noch nicht fertig.«
»Noch nicht? O, für jetzt bin ich fertig. Ich brauch weiter nix!«
»Aber ich brauch noch was!«
»Was denn?«
»Dich. Lauf ja nicht fort, denn das Alterwichtigste kommt erst noch.«
»Was kann wichtiger sein, als das, daß ich der richtige Sohn des Kronenbauers bin. Etwas für mich Wichtigeres kann es gar nicht geben.«
»Oho! Bald wirst einsehen, daß es noch viel wichtigere Dingen giebt.«
»Das glaub ich nicht.«
»Hör mir nur zu! Setz Dich wieder her.«
»Noch nicht, noch nicht. Erst muß ich mich austhun, sonst ists mir unmöglich, sitzen zu bleiben.«
Er rannte hin und her, schlug mit den Armen um sich, machte die possirlichsten Sprünge und wollte gar laute Jodler ausstoßen. Da aber kam der Sepp ihm in die Quere:
»Höre, Bub, wannst auch noch das ganze Dorf herbeirufen willst, so kann ich ja gehen. Von mir aber derfährst kein Wörtle mehr!«
»Gut, gut, Sepp! Ich werde gehorchen. Ich setz mich wieder zu Dir. Hier bin ich!«
»Schön! Nun wollen wir weiter reden. Also Dein Vatern hat Deine Stiefmuttern zwungen, Dich wieder herzunehmen. Sie hat Dich damals fortschafft, um kein Stiefkind zu haben, als sie ihn heirathen that. Verstehst mich wohl. Sie weiß, daßt das Kind ihres Mannes bist, ihr Stiefsohn. Und dennoch macht sie Dir den Antrag, sie zu heirathen, wann dera Bauer storben ist. Was sagst nun dazu, Fritz?«
»Das ist schrecklich! Das wird jawohl eine Todsünde sein!«
»Das denk ich auch. Aberst Du darfst nicht meinen, daßt der Einzige bist, den sie lieb hat. Dera Förster ist auch ein Liebhaber von ihr. Mit ihm kommt sie zusammen wie Mann und Frau.«
»Herrgott! Ists wahr?«
»Ja.«
»Weißts gewiß?«
»Ich habs sehen, und damit ists gut. Sie ist eine Ehebrecherin, wie ich keine Zweite kennen lernt hab und wie es keine Zweite giebt viele Meilen in dera Runde, und sie ist noch mehr als das, noch viel, viel mehr!«
»Was denn?«
»Wirsts nachhero hören. Wie sie sich wegwirft, um ihren Lüsten zu fröhnen oder auch, wie ich noch eher glaub, aus noch viel entsetzlicheren Gründen, das kannst Dir denken, wann ich Dir noch Einen sag, der ihr Kebsmann ist.«
»Noch Einen! Wer ist das?«
»Dera Bastian.«
»Der Blödsinnige?«
»Ja.«
»Das zu denken ist doch dera reine Wahnsinn! Wer das glaubt, der muß gradezu auch blödsinnig und verrückt sein!«
»Ich denk mirs nicht, sondern ich habs sehen, mit diesen meinen Augen.«
»Unmöglich!«
»Ja. Es war ganz entsetzlich, so was anzuschauen.«
»Wann und wo ists denn gewest?«
»Als ich das letzte Mal da war, draußen im Garten, im Grasgarten. Könntst mir die Beschreibung erlassen.«
»Nein. Ich muß es wissen. Ich muß es hören und derfahren.«
»Nun, das war so. Es war ein warmer Abend, und ich sollt in dera Kammer schlafen; aberst da war mir die Luft zu schwül, und so ging ich in den Garten, wo an demselbigen Tag gemäht worden war. Ich legt mich hin. Eben war ich am Einschlafen, da hört ich Schritte. Aufstehen that ich nicht, weil man mich sonst hätt sehen können, sondern ich wälzte mich hinüber an den Rand, ganz an den Zaun hinan. Da kam die Bäuerin und hinterher dera Bastian. Das Andre kannst Dir denken. Ich hab Alles geschaut und auch hört. Dera Blödsinnige war gradezu wahnsinnig vor Liebe und – nein es ist nicht zu beschreiben. Sie haben dabei auch sprochen. Und das, was ich da von denen Beiden hört hab, das hat mich zuerst auf den entsetzlichen Gedanken bracht, daß die Kronenbäuerin – dera Samiel ist.«
Fritz stieß einen lauten Angstschrei aus.
»Sepp! Sepp! Sepp!«
Der Alte ergriff ihn beim Arme und gebot ihm:
»Schweig! Wast hören wirst, das ist freilich fürchterlich; aberst Du bist ein Mann und mußt Dich beherrschen!«
»Dera Samiel!«
»Ja. Sie ists, sie.«
»Was habens denn mit nander sprochen?«
»So einige Ausdrücke und Worte hab ich verstanden, nicht genug, um es genau zu wissen, aberst hinlänglich, um es für gewiß zu denken. Erst heut hab ich die richtige Sicherheit erhalten.«
»Sepp, Sepp, Du mußt Dich irren!«
»Nein, nein! Jetzund ist kein Irrthum mehr möglich. Die Beweise sind da.«
»Der Samiel kann doch keine Frau sein!«
»Warum nicht?«
»Eine Frau, eine Frau, eine so schöne Frau!«
»Wirsts schon glauben müssen!«
»Ich kann diesen Gedanken nicht fassen. Es ist mir zu ungeheuerlich!«
»Mir war er es auch. Jetzunder aber bin ich so vertraut mit ihm, daß ich in aller Ruhe meine Nachstellungen machen werd. Und dabei sollst mir helfen. Deshalb werd ich Dir Alles sagen, und deshalb hab ich Dir bereits schon so viel sagt.«
»Wanns wahr wäre! Diese Schand! Mein armer, armer Vater!«
»Jammere nicht um ihn. Er wird von einem Scheusal befreit. Es ist zu seinem Glück. Und vielleicht steht ihm auch ein noch viel größeres bevor. Weißt, dera Herr Ludwigen, der bei Euch wohnen soll, hat einen Herrn bei sich, der ein gar berühmter Arzt ist. Er heilt ganz besonders gern Blinde und hat schon Manchem, der auf das Augenlicht ganz und für immer verzichtet hat, dasselbige zurückgeben. Ihm hab ich verzählt, wie Dein Vatern blind worden ist, und er hat sagt, daß da vielleicht noch Hilfe möglich ist.«
»Kommt er mit?«
»Ja, morgen schon.«
»Mein Gott! Wann dera Vatern wiederum sehen lernen könnt. Dann thät er das Andere wohl ruhiger ertragen.«
»Das ist auch die meinige Meinung.«
»Hast ihm schon was sagt von dem Arzte?«
»Kein Wort. Man soll nicht eine Hoffnung erwecken, von der man nicht weiß, daß sie in Erfüllung gehen kann. Er darf gar nicht wissen, daß dieser Herr ein Arzt ist, nicht eher, als bis derselbige die Augen anschaut hat.«
»Weiß denn übrigens dera Vater, daß Du mir erzählt hast, wer ich bin?«
»Nein.«
»Darf ers erfahren?«
»Nein, heut noch nicht. Ich werds Dir schon sagen, wann die richtige Zeit dazu gekommen ist.«.
»Werd ichs aberst auch vermögen, gegen ihn ruhig zu sein?«
»Du mußt. Du weißt gar nicht, wie heimlich er damit zu jeder Zeit than hat. Es ist, als ob sein Gedächtnissen ihn verlassen hätt. Ich bin es gewest, der Dich aufifunden hat und doch thut er gegen mich, als ob ich gar nix davon wissen thät.«
»Redet er mit Dir davon?«
»Seit damals nie wieder. Aberst vorhin hat er es mit erwähnt, freilich auch so, als ob ich ein ganz Fremder sei, der gar nix weiß.«
»Das wird sich Alles aufklären. Nun aberst wollen wir zu dem Schlimmen schreiten. Was hast für Beweisen dafür, daß die Bäuerin dera Samiel ist?«
»Das sollst hören. Wir werden da von vorn anfangen, als Dein Vatern blind worden ist.«
»Herrgott, das fallt mir nun erst ein!«
»Was?«
»Wann meine Stiefmuttern wirklich dera Samiel ist, so ist sie es doch west, die ihn blind macht hat!«
»Freilich ist sie es!«
»Hilf Himmel! Welch ein Abgrund thut sich da auf! Weshalb soll sie es denn than haben?«
»Damit er sie nicht beobachten kann, wanns mit anderen Männern ihr Wesen treibt.«
»Darum! Darum also!«
»Ja, das ist der Grund.«
»Und mein Vatern, hat er eine Ahnung?«
»Nicht die Spur davon. Er hat mir am Nachmittag, alst in dera Küchen warst, Alles verzählt und mir auch die Briefen anvertraut, welche er damals erhalten hat.«
»Briefe? Davon weiß ich nix.«
»Er hats heimlich behalten. Ich werd es Dir berichten.«
Er erzählte dem Knecht Alles, was der Bauer ihm mitgetheilt hatte. Fritz hörte ihm mit einer Spannung zu, welche ganz unbeschreiblich war. Er las ihm förmlich die Worte vom Munde und sagte, als der Alte geendet hatte:
»Die Briefe, die hast erhalten?«
»Ja. Ich hab dem Bauer versprochen, zu forschen; darum hat er sie mir anvertraut.«
»Zeig her, zeig her!«
»Hier sind sie. Lies!«
Es war noch hell genug, die Zeilen zu lesen. Fritz las sie mehrere Male.
»Kennst die Schrift?« fragte Sepp.
»Nein. Ich hab sie noch nie sehen.«
»Ich auch nicht und Dein Vatern ebenso nicht. Ich könnt wohl ahnen, wer dera Schreiber wär.«
»Wer?«
»Der Bastian.«
»Der kann nicht schreiben!«
»Du, sei still! Der Kerl ist ein Doppelmensch. Den werd ich ganz genau beobachten. Wie alt ist er jetzt?«
»Der ist nicht mehr jung. Er kann fast an die Dreißig sein.«
»Diente er damals schon bei Euch, als Dein Vatern blind wurde? Ich kann mich nicht mehr genau besinnen.«
»Ja, er war bereits da.«
»Schön! So möcht ich daraufi schwören, daß er dera Schreiber ist.«
»Ich kanns nicht denken.«
»Er ist das willenlose Werkzeug dera Bäuerin, die ihn durch Liebe blind macht hat. Er stellt sich blödsinnig, damit er nicht in Verdacht kommen mag, Verbrechen begangen zu haben, welche nur Einer thun kann, der geistig gesund und kräftig ist. Aberst ich werd ihm hinter die Coulissen schauen! Für mich ists ganz sicher, daß er dera Schreiber ist. Da ist die Bäuerin am Sichersten. Bei ihm wird nicht nach einer Schrift forscht. Mir aber soll er schon was schreiben. Wie oft, wann dera Samiel was begangen hat, liegt nicht ein Zettel dabei, auf dem schrieben steht, daß dera Samiel es gewest ist. Ich glaub, diese Zettels alle schreibt dera Bastian.«
»So glaubst als sicher, daß meine Stiefmutter der Samiel ist?«
»Ja. Geht das nicht deutlich aus denen Briefen hervor?«
»Fast.«
»Denk weiter! Fünf Minuten, bevor Dein Vater schossen worden ist, will sie noch bei dera Wäsch gewest sein. Dann hat sie schon so schlafen, daß sie den Schuß nicht hört haben will. Glaubst das?«
»Nein.«
»Bedenk auch die Gestalt des Samiels!«
»Es ist die ihrige; das ist wahr. Aberst die Kleider!«
»Die liegen jedenfalls irgendwo versteckt und werden vorgezogen, wanns braucht werden.«
»Gut! Ich will mal denken, daß diese Briefen damals von dera Bäuerin stammen. Hast noch andere Beweise?«
»Ja.«
»Nun, so sag einen!«
»Die Wette heut.«
»Alle Teufel, ja!«
»Thät sie fünftausend Markln riskiren, wann sie nicht selberst dera Samiel war?«
»Hast Recht.«
»Warum wird dera Samiel nicht derwischt? Weil derselbige Officier bei ihm wohnt, der ihn fangen will, und weil dera Förster dera Liebhaber ist vom Samiel.«
»Herrgott! Wie leuchtet mir das Alles ein! Es wird ganz licht um mich!«
»Siehst! Ja, so ists mir auch gangen. Hättst nur den Blick sehen sollt, den sie auf den Diamantring werfen that. Den nimmt sie ihm ganz gewiß ab.«
»Aberst wo thut sie den ganzen Raub hin?«
»Dazu braucht sie gar nicht viel Platz. Dera Samiel raubt niemals Sachen, die einen großen Raum beanspruchen.«
»Sagtst Du nicht, daß ihr Vater ein Wildschütz gewest sei?«
»Ja.«
»Und als Wilddieb hat dera Samiel anfangen.«
»Ja, und ist immer weiter kommen bis zum Einbrecher. Ich denk, daßt nun auch überzeugt bist, wer er ist?«
»Ja, ja, vollständig! Nun denk ich an Dinge, welche ich früher gar nicht beachtet oder verstanden hab, und Alles steht in einem anderen Lichte.«
»So haben wir also ganz dieselbige Meinung und wollen mit nander handeln.«
»Ja. Was gedenkst zu thun?«
»Ich glaub, es ist am Gerathensten, die Bäuerin und den Bastian gar nicht aus dem Aug zu lassen.«
»Freilich wohl. Aber wer kann sich hinstellen Tag und Nacht und Wach halten!«
»Das ist nicht nöthig. Bei Tag unternehmen sie gewißlich nix. Und des Abends, wann es dunkel ist, da ist es leichter, Jemand zu beobachten.«
»Aber ich werd so oft braucht.«
»Ich gar nicht. Wir lösen einander ab, so gut wir können.«
»Wollens wir noch Jemand anvertrauen?«
»Keinem Menschen, keinem einzigen. Je weniger außer uns davon wissen, desto sicherer können wir handeln.«
»So wollen wir nun heim gehen. Es ist jetzt Essenszeit.«
Sie kehrten nach dem Gute zurück, wo das Abendessen fast vorüber war. Man hatte heute etwas eher gegessen, warum, daß wußte Niemand, als nur die Bäuerin und ihr Gehilfe. Es war fast neun Uhr und da brach der Officier auf.
Es war mittlerweile Abend geworden. Der Bastian ging in den Stall zu den Pferden, um nochmals nachzusehen, ob Alles in Ordnung sei. Dann war er plötzlich verschwunden.
Die Bäuerin saß ganz allein unter der Tanne. Sie hielt die Augen scharf nach den zur Wohnung des Officiers gehörigen Fenstern gerichtet.
Da verlöschte dort das Licht. Sie stand auf und ging am Zaune des Gartens langsam dahin. Der Mond war noch nicht aufgegangen.
Da kam ihr Jemand vom Hause her entgegen. Sie hatte sich nämlich wieder zurück gewandt. Der Graf war es. Er erkannte sie.
»Nun, Bäurin, wollen Sie mit?« fragte er.
»Danke sehr!«
»Heute kann der Samiel mich fangen. Ich geh ganz allein erst nach der Försterei und dann nach der Kupferhöhle.«
»Spottens nicht! Was man an die Wand malt, das kann leicht kommen.«
»Nun, ich wollte, der Samiel käme. Ich habe mir sogar eine Blendlaterne mit genommen, um ihn anleuchten zu können, wenn er mir begegnet.«
Er hielt ihr die kleine Laterne nahe an das Gesicht, damit sie dieselbe kennen könne.
»Vielleicht leuchtet er Sie an, anstatt Sie ihn!« sagte sie.
»Wollen es abwarten.«
»Was hilft Ihnen die Laterne, wann kein Licht darinnen ist!«
»Das wird später schon noch angezündet werden. Oder meinen Sie, daß der Samiel sich so nahe am Dorfe umhertreiben werde?«
»Das kann man nicht wissen.«
»In diesem Falle wäre er längst in unsere Hände gefallen. Also gehen Sie heut nicht so zeitig schlafen. Vielleicht bringe ich Ihnen den Kerl.«
»So wünsche ich Ihnen viel Glück!«
»Donnerwetter! Kennen Sie den alten Aberglauben? Einem Jäger darf man niemals Gutes wünschen, sonst widerfährt ihm Böses. Gute Nacht!«
Er ging.
Nur zwei Secunden lang blieb die Bäuerin lauschend stehend, dann huschte sie über den Weg hinüber, wo ein Rain zwischen zwei hochhalmigen Roggenfeldern nach dem Walde führte. Als sie den Rain erreicht hatte, ließ sie den einzigen Rock, welchen sie jetzt anhatte, fallen. Es kam eine Männerhose zum Vorscheine. Sie raffte den Rock auf, rollte ihn zusammen und sodann ging es beinahe im Galopp dem Raine entlang, dann über eine kahl geschoorene Wiese hinüber, zwischen Ginsterbüschen hin – ein Dauerlauf von über fünf Minuten.
Auf diese Weise war sie dem Officier voran gekommen. Sie blieb hinter einem Baume stehen.
»Pst!« hörte sie es.
»Bastian?«
»Ja.«
»Schnell her damit!«
Er hatte ein Päckchen in der Hand. Er trug hohe Stiefel, breitkrempigen Hut, schwarze Maske, kurz, ganz so, wie man den Samiel zu beschreiben pflegte. Ganz dieselben Stücke hatte er auch für die Bäuerin da.
Sie zog ihre Frauenjacke aus und dafür eine Männerjacke an. Es waren seit ihrer Ankunft noch nicht zwei Minuten vorüber, so hatte sie sich in den Samiel umgewandelt.
»Kennst Deine Rolle?« fragte sie den Bastian.
»Ja.«
»Den Todtschläger nehm ich. Nun mach Deine Sach gut. Ich geh auf die andere Seiten.«
Sie huschte über den Weg hinüber, welcher hier auf der einen Seite mit lichten Bäumen und auf der anderen mit dichtem Besenginster eingefaßt war. Dort kauerte sie sich erwartungsvoll nieder, den Todtschläger in der rechten Hand.
Der Oberlieutenant war den gewöhnlichen Weg gegangen, welcher viele Windungen machte. Daher kam er um so viel später als die Bäuerin.
Jetzt erklangen seine langsamen Schritte. Er schien sich Zeit zu nehmen. Er kam heran. Da ertönte zu seiner linken Hand:
»Grüß Gott, Graf Münzer! Sie wünschen, mich fest zu nehmen?«
Da, wo die dumpfe Stimme erklungen war, trat der Samiel aus dem Dunkel der Bäume heraus – Bastian.
»Alle Teufel!« entfuhr es dem Officier.
»Nun, greifens zu!«
»Das werde ich thun!«
Der Graf war wirklich keine Memme. Den Revolver in der Linken schußfertig, faßte er den Samiel an der Brust.
»Ergieb Dich!« gebot er. »Widerstand würde vergeblich sein.«
»Graf und Wurm! Ich mich Dir ergeben! Komm her!«
Der Samiel faßte ihn mit riesiger Kraft hüben und drüben an den Hüften und hob ihn empor, um ihn zur Erde zu schmettern.
Diese Situation benutzte der Graf, den Lauf des Revolvers nach dem Kopfe seines Feindes zu richten. Er gab Feuer – ohne Wirkung; kein Schuß ging los.
»Ah, willst mich derschießen!« klang es dumpf unter der Maske hervor. »So schieß. Ich hab nix dagegen!«
Der Samiel setzte den Grafen behutsam wieder auf die Erde nieder. Sofort riß der Letztere den anderen Revolver hervor und drückte ab – mit demselben Mißerfolge. Er schäumte vor Wuth.
»Verdammte Patronen!« schrie er. »Aber hier ist ein Anderes. Ergiebst Du Dich oder nicht?«
Er trug ja stets den Degen bei sich und zog jetzt blank.
»Fallt mir nicht ein! Stich zu!« antwortete der Samiel.
»So fahre zum Teu–«
Er konnte nicht aussprechen. Die Bäuerin hatte sich ganz an ihn geschlichen, von hinten natürlich, und ihm mit dem Todtschläger einen Hieb versetzt, der ihn sofort betäubte. Er fiel zur Erde nieder.
»Jetzt schnell, die Stricke heraus!« flüsterte sie dem Knechte zu.
Sie selbst aber kniete neben dem Grafen nieder, nahm ihm die Uhr, den Geldbeutel, die Brieftasche und zog ihm sodann sämmtliche Ringe von den Fingern. Das Alles steckte sie ein. Die Taschen der Hosen waren wahre Säcke. Es ging da viel hinein.
Nun wurde er hart am Wege an einem Baume aufgerichtet und aufrecht dort angefesselt. Die Laterne wurde angebrannt und ihm in eins der Knopflöcher befestigt.
»Hast einen Zettel schrieben?« fragte die Bäuerin.
»Zwei. Wir brauchen ja heut Abend noch einen.«
»So steck ihn an.«
Der Graf erhielt ein viereckiges Stück Papier mittelst einer Nadel angeheftet. Darauf stand in ungelenker, unorthographischer Schrift:
»Der Samiehl ießts gewäsen.«
»Jetzt fort!« gebot die Bäuerin.
Sie huschten nach dem Orte, an welchem sie sich umgezogen hatten. Dort legte die kühne, verbrecherische Frau die männliche Kleidung ab, welche Bastian zu verstecken hatte, und kehrte nun spornstreichs auf demselben Wege, den sie gekommen war, wieder zurück.
Als sie wieder unter der Tanne vor dem Kronenhofe anlangte, war seit ihrer Entfernung von dort gar nicht viel über eine Viertelstunde vergangen. Sie setzte sich grad so wieder hin, wie sie vorher dort gesessen hatte.
Von ihrem Platze aus konnte man das Licht des brennenden Laternchens ganz deutlich sehen. Die Luftlinie von hier bis dort war keine beträchtliche.
Sepp und Fritz hatten, weil sie später zum Essen gekommen waren, auch später aufgehört. Dann waren sie recognosciren gegangen. Sie hatten weder die Bäuerin noch den Bastian gesehen.
Als sie dann abermals in den Stall kamen, lag er auf der Streu.
»Wo warst Du?« fragte der Fritz.
»Garten,« war nach der lakonischen Art und Weise der Geistesschwachen seine Antwort.
»Was hast dort macht?«
»Birnen sucht.«
»So! Liegen welche?«
»Nein.«
Sie traten aus dem Stalle.
»Komm in den Garten,« meinte der Sepp.
»Wozu?«
»Wenn Birnen liegen, so war er nicht hier und hat uns belogen.«
Es lag Fallobst genug am Boden, als sie hinaus kamen. Der Bastian hatte also gelogen und war irgend wo anders gewesen. Aber wo?
»Laß uns weiter nach der Bäuerin suchen,« meinte der Sepp.
Sie fanden sie nun auf der Bank unter der Tanne.
»Setzt Euch nieder,« sagte sie freundlich. »Es ist so schön im Freien heut Abend.«
»Da hast Recht,« antwortete der Sepp. »Bist wohl bereits lange hier?«
Die Bäuerin glaubte, die Beiden seien erst jetzt aus der Stube gekommen, und darum, antwortete sie unbesorgt:
»Schon seit dem Abendessen.«
Das war nicht wahr. Sie hatte also mit dem Bastian ein Geheimniß gehabt. Aber war für eins war das?
Der Sepp hatte sich dicht neben sie gesetzt. Da für den Augenblick Niemand sprach, war es sehr still rund umher. Da hörte er das leise, unterdrückte Dicken einer Uhr.
Das Geräusch schien von unten zu kommen. Das mußte er untersuchen. Er nahm also seinen kurzen Tabaksstummel heraus, that, als ob er ihn stopfen wolle und ließ ihn fallen. Es war finster unten, darum fand er den Stummel nicht sogleich, als er sich niederkauerte, um ihn zu suchen.
Bei dieser Gelegenheit hielt er sein Ohr ganz nahe an diejenige Stelle, wo unter dem Rocke der Bäuerin das Geräusch zu hören war. Ja, richtig! Es tickte eine Uhr!
Er setzte sich wieder hin und stopfte sich die Pfeife.
»Wie hoch an dera Zeit wird es sein?« fragte er.
Dabei gab er dem neben ihm sitzenden Fritz einen Stoß, daß dieser ja nicht antworten solle. Da er schwieg, so meinte die Bäuerin:
»Zwischen neun und zehn.«
»Weißts nicht genau?«
»Nein.«
»Könntst doch mal an die Uhr schauen. Ich will die meinige stellen.«
»Das kannst doch auch.«
»An Deine Uhr sehen?«
»Ich meine die drinnen in dera Stuben.«
»Uno ich meine die Taschenuhr, die Du einstecken hast.«
»Ich hab keine.«
»Freilich! Ich hör sie ja ganz deutlich schlagen.«
Er bückte sich nieder, um sein Ohr an die betreffende Stelle zu bringen. Sie stand sofort erschrocken auf, sagte aber geistesgegenwärtig genug:
»Das ist dera Käfer hier im Holz, dens halt die Todtenuhr nennen. Wann der da drinnen ist, so bleib ich nicht hier sitzen. Ich gehe fort.«
Sie ging in das Haus.
»Was hattst denn mit dera Uhren?« fragte Fritz.
»Sie hat eine einstecken.«
»Das glaub ich nicht, denn sie trägt keine Uhr. Sie kann das nicht leiden.«
»Ich habs aber deutlich hört!«
»Wirst Dich täuschen. Es wird die Todtenuhren gewest sein.«
»Nein. Sie hat eine Uhren einstecken. Ich hab extra meine Tabakspfeifen fallen lassen, um mich bücken zu müssen, damit ich horchen konnt.«
»Sapperment! Sie ist fort gewesen! Hat eine Uhr einstecken! In welcher Gegend erklang sie denn?«
»Da, wo bei denen Mannsbildern die Hosentaschen sind.«
»Sollte sie Männerhosen anhaben!«
»Als Samiel? Warum nicht?«
»Wann wir dies derfahren könnten.«
»Das ist gar nicht nothwendig. Ich kann mir bereits auch ohne nähere Untersuchung denken, daß sie Männerhosen unterm Rocke hat, wanns beabsichtigt, auszugehen. Aberst komm, schnell, schnell!«
»Wohin?«
»Komm nur! Reden können wir nachhero auch.«
Sie eilten nach dem Hofe. Dort stand ein hohes Fuder Grummet, welches noch nicht abgeladen war, weil es heut Sonntag war.
»Da hinauf.«
Mit diesen Worten ergriff der alte Sepp das Seil und turnte sich hinauf. Fritz folgte ihm sofort.
»Leg Dich platt nieder,« flüsterte der Alte.
Fritz that es und fragte:
»Warum kletterst aberst hieraufi?«
»Weil ich die Bäuerin belauschen will.«
»Wie denn?«
»Von hier aus. Dera Wagen steht hart an dera Mauer. Schau, wir haben bis zu ihrem Fenster kaum zwei Ellen.«
»Denkst, daß sie heraufkommen wird?«
»Ganz gewiß.«
»Warum?«
»Das ist doch sehr einfach. Sie ist verschrocken, daß ich die fremde Uhr merkt hab, und wird dieselbige schnell verstecken.«
»Das kann sie auch unten thun.«
»Wird sich hüten!«
»Wollte sie es überhaupt hier oben thun, so wäre sie bereits herauf gekommen.«
»Schau, wie so klug Du bist!«
»Denkst nicht so?«
»Nein. Die ist gar vorsichtig. Wann sie wegen dera Uhr vor mir ausreißt und sogleich nach ihrer Stuben rennt, so muß mir das auffallen. Also wird sie noch ein Weilchen unten warten.«
»Kannst Recht haben. Bist kein alberner Kerlen!«
»Meinst! Hm!«
»Aberst wanns nun auch heraufi kommt und aberst kein Licht mit hat.«
»O Du talketer Bub! Was denkst von ihr! Ich bin überzeugt, daß sie diese Uhr erst jetzt irgendwo holt hat. Du nicht?«
»Ich auch. Sie ist mit dem Bastian fort gewest.«
»Nun, so ist sie ein Weib. Sie kann die Uhr nicht verstecken, ohne sie erst genau betrachtet zu haben.«
»Das ist möglich.«
»Hab nur Geduld. Wir warten.«
»Aberst wann sie nun aus dem Fenster schaut!«
»Das müssen wir uns gefallen lassen. Kriech nur weiter eini ins Grummet, daß man Dich nicht sehen kann. Ich steck so weit drin, daß ich nur noch mit dera Nasen herausschau.«
Sie hatten nur noch eine ganz kleine Weile zu warten, da sahen sie Licht erscheinen, erst in der vorderen Stube und dann in der Schlafstube der Bäuerin. Sie konnten ganz deutlich sehen, was sie that.
»Paß auf,« flüsterte der Sepp. »Erst schaut sie aus dem Fenster.«
Er hatte ganz richtig gerathen. Sie öffnete einen Fensterflügel, athmete hörbar laut den Duft des Grummets ein und schaute sich dann nach rechts und links um. Der Wagen schien ihr gar keine Bedenklichkeiten zu verursachen. Vielleicht hielt sie ihn ganz im Gegentheile für einen ganz praktischen Fensterschirm, welcher die Leute verhinderte, in ihre Stube zu blicken.
Sie machte das Fenster wieder zu.
»Nun wirds wohl den Vorhang herunter lassen,« meinte Fritz.
»Nein. Das glaub ich nicht. Das ruhige Gesicht, was sie machen that, war ein sicheres Zeichen, daß sie kein Mißtrauen hegt. Schau!«
»Sapperment!«
»Sie hat Hosen!«
»Männerhosen! Wahrhaftig!«
Die Zwei hatten ihre Köpfe, wie bereits gesagt, kaum zwei Ellen weit von dem Fenster entfernt. Sie hätten selbst kleinere Gegenstände ganz deutlich erkennen können.
Die Bäuerin schlug ihren Rock zurück, und da kamen nun freilich zwei schwarze Hosenbeine zum Vorscheine.
Die Beiden lauschten mit angestrengten Sinnen.
»Du, Fritz, schau! Jetzund greift sie in die Tasche. Paß aufi, was sie heraus bringt.«
»Eine Uhr.«
»Ja, das ist sie.«
»Einen Geldsack!«
»Und was für einen! Dera Bügel muß gar von Silber sein. Sie schaut hinein.«
»Sie zählt. Weiter! Eine Brieftaschen. Die macht sie auch auf. Sapperment! Da sind wohl gar große Geldscheine drin!«
»Ja, man sieht sie. Und jetzt?«
»Ringe! Siehsts?«
»Ja. Schau, jetzt hat sie einen, einen großen. Sie steckt ihn an; sie läßt ihn funkeln. Was sagst dazu?«
»Daß es dem Grafen seiner ist.«
»Ja. Sie haben ihn angefallen. Wo mag er sein!«
»Irgendwo. Todt macht habens ihn nicht. Schau, jetzunder packts zusammen. Nun bin ich begierig, zu derfahren, wohin sie den Raub stecken wird.«
»Ich auch. Paß auf!«
»Ah, in den Schrank.«
»Himmelsakkerment! Hast sehen?«
»Natürlich! Du doch auch?«
»Ja. Wo ist sie?«
»Das weiß dera Teuxel.«
Die Bäuerin war nämlich durch den bereits erwähnten Schrank in das geheime Cabinet gestiegen. Darum war es nun in der Schlafstube finster. Das Cabinet hatte bekanntlich kein Fenster.
»Du,« sagte der Sepp, indem er die Mauer forschend betrachtete, »ich weiß, woran ich bin.«
»Woran denn?«
»Dieser Schrank ist dera Eingang zu einer verborgenen Stuben.«
»Meinst?«
»Ja. Das neue Gebäud ist an den Giebel des alten gebaut, wo dera Frau ihre beiden Stuben liegen. So war es leicht, sich vom Baumeister, ohne daß wer was derfuhr, die Mauer durchbrechen und ein Stück vom neuen Gebäude dazugeben zu lassen.«
»Ja, nur so kann es sein.«
»Schau Dir nur die Fenster an! Da neben dera Schlafstuben ist ein fast zu großer fensterloser Raum. Gott sei Dank! Wir sind dem Versteck des Samiel auf dera Spur!« .
»Nicht nur auf der Spur, sondern wir haben es bereits.«
»Noch nicht. Wir müssen wissen, wie geöffnet wird.«
»Das werden wir schon bald merken. Schau, jetzt kommt sie bereits wieder, mit dem Licht in dera Hand. Wie sie lächelt! Sie scheint gar zufrieden zu sein mit dem Fang, dens macht hat.«
»Ja. Das ist ein guter gewest! Ein Ring von über zehntausend Markln! Na, sie wird Alles wieder hergeben müssen!«
»Komm! Wollen auch wieder hinab. Man darf uns nicht hier sehen.« Sie stiegen wieder hinab, säuberten sich von den anhängenden Grummetfäden und kehrten unter die hohe Tanne zurück.
Kaum hatten sie sich niedergesetzt, so hörten sie einen eigentümlichen, lauten, getragenen Ton.
»Was ist das?« fragte Fritz.
»Horch nur erst!«
Sie lauschten.
»Du, das ist ein Hilferuf!« sagte der Sepp.
»Denkst wirklich?«
»Ja. Es ist heut nicht das erste mal, daß ich um Hilfe rufen hör.«.
»Wo ists? Wo kommt es her?«
»Es scheint mir, dort vom Walde, wo – – siehst das kleine Licht?«
»Ja.«
»Das muß eine Laternen sein.«
»Aberst sie bewegt sich nicht.«
»So ist sie aufgehängt irgendwo.«
»Horch, horch! Ja, dorther kommts. Wir müssen hin. Wollen gleich noch die Tagelöhnern mitnehmen. Wann ein Unglück geschehen ist, so ist es gut, daß die Hilfe so schnell und zahlreich wie möglich erfolgt.«
Sie eilten hinein in die Stube und meldeten, daß man drüben am Waldesrande um Hilfe rufe. Diese Nachricht brachte die Wirkung hervor, daß sämmtliche Tagearbeiter aufsprangen und sich bereit erklärten, hinzueilen.
Sepp warf einen beobachtenden Blick auf die Bäuerin. Sie betheiligte sich mit an der allgemeinen Aufregung, gab guten Rath und wollte schließlich selber mit.
»Bleib nur da!« sagte der Sepp. »Kannst uns doch nix nützen. Es ist dera Graf.«
Sie sah ihn groß an.
»Der? Warum meinst das?«
»Weilst hast Deine Wette gewinnen wollen.«
»Ich versteh Dich nicht.«
»Nun, dera Samiel wird ihn haben fangen nommen.«
»Sepp, wie kannst Du das wissen?«
Er machte seine unbefangenste Miene und antwortete:
»Wissen kann ich es nicht, aberst errathen möcht ich es. Wer Unglück haben will, der muß mit einem Frauenzimmern wetten. Da verliert er sicherlich.«
Er schloß sich den Davoneilenden an. Die Bäuerin aber stand an der Hausthür und blickte und horchte ihnen nach.
»Was war das?« fragte sie sich. »Ists wirklich nur eine blose Vermuthung, oder – oder beginnt der alte Schlaukopf, mir in die Karten zu schauen? Ich muß ihn mehr beobachten als bisher, wenn er da ist.«
Die Retter liefen natürlich so schnell wie möglich. Je näher sie der Stelle kamen, desto deutlicher wurde das Rufen.
»Wir kommen; wir kommen!« antwortete Sepp. »Nur still!«
Alle waren höchst gespannt, zu erfahren, wer es sei und was ihm widerfahren sei. Wie erstaunten sie, als sie in den an den Baum Gefesselten den Grafen erkannten. Sepp las den Zettel, der ihm angeheftet war.
»Himmelsakkerment!« sagte er. »Das ist doppeltes Pech! Herr Oberlieutenant, wie sinds denn eigentlich da an den Baum kommen?«
»Davon später!« knirrschte der vor Wuth und Aufregung bebende Officier.
»Wars wirklich dera Samiel?«
»Ja.«
»Warum habens nicht schossen?«
»Ich hab geschossen; aber nichts ging los. Ich kann das nicht begreifen.«
»Nun ist auch die Wette verloren!«
»Und Alles fort. Alles, Ringe, die Uhr, die Brieftasche! Ich bin vollständig ausgeraubt. Das ist eine schöne Bescheerung. Doch zum Erzählen ist keine Zeit. Ich habe einen Hieb auf den Kopf bekommen. Ich weiß nicht ob ich heut dienstfähig bleiben werde. Will mich Jemand nach dem Forsthause führen? Da ist das Rencontre. Es mus; sofort eine großartige Suche durch den Wald veranstaltet werden. Die Einwohnerschaft sämmtlicher umher liegender Dörfer hat sich daran zu betheiligen. Alle Hunde sind mitzubringen und –«
»Und alle Katzen und Affen auch!« lachte der Sepp.
»Was? Wollen Sie sich über mich lustig machen?« rief der Officier.
»Nein. Aberst Sie müssen doch Zweierlei wissen: Erstens, daß dera Samiel nun längst über alle Berge ist und sich nicht hersetzen wird, bis die Manns- und Weibsleutln dera ganzen Umgegend bis morgen Abend hier versammelt sein werden. Und zweitens müssens wissen, was für ein Beamter das Recht hat, ein solches Aufgebot zusammenzubringen. Sie können den Wald noch Jahre lang mit Ihrem Militär besetzen, den Samiel fangens doch nicht. Das will anderst anfangt sein.«
Der Graf wußte nicht, was er sagen solle. Er fühlte, daß der Alte Recht habe, wollte aber doch auf seiner Autorität bestehen und antwortete deshalb:
»Wer in dieser Beziehung zu befehlen hat, ich oder ein Anderer, das kann ich jedenfalls auch entscheiden. Dazu brauche ich keines guten Rathes.«
»Nun,« meinte der Alte, »einen guten Rath hab ich Ihnen auch gar nicht geben wollen. Es war mehr als ein guter Rath. Es war eine Warnungen. Es ist jedenfalls nicht angenehm für den Herrn Grafen, wann er ein Aufgebot ergehen läßt an alle Dörfer dera Umgegend, und kein Einziger kommt. Nachhero wird man höchstens nur auslacht.«
»Oho! Ich möchte Den sehen, der es wagen wollte, mich auszulachen!«
»Nun, das könnens Keinem verbieten. Freilich ins Gesichten hinein wird Ihnen sogleich Niemand lachen, sondern ohne daß Sie es zu sehen bekommen, nämlich hinter dem Rücken. Und das ist viel schlimmer als wann man es bemerkt und sieht. Nehmens meine Worten auf ganz nach dem Ihrigen Wohlgefallen. Mir kann, es ja ganz egal sein, was Sie denken und was Sie thun.«
»Was ich zu thun habe, das weiß ich genau. Ich werde zunächst mit dem Förster sprechen, Dann wird sich das Andere finden. Also mag mich Einer von Euch hinführen.«
Einer der Tagelöhner erklärte sich bereit dazu. Mit ihm entfernte er sich, fluchend und grollend über den Streich, der ihm gespielt worden war. Er hatte sich denselben selbst zuzuschreiben.
Das war auch das Thema, welches unter den Männern verhandelt wurde, welche nun wieder nach Kapellendorf heimkehrten. Der Graf handelte als Soldat aber nicht als Polizist. Ein Räuber und Dieb ist nicht zu fangen, indem man aller Welt und also auch ihm wissen läßt, welche Maßregeln man ergreift, um ihn zu fangen.
Die Bäuerin stand unter der Tanne, um die Rückkehr ihrer Leute zu erwarten. Sie that natürlich, als ob sie gar nicht wisse, was geschehen sei, doch große Neugierde fühlte sie, es zu erfahren.
»Nun?« fragte sie bereits aus der Ferne, »wer war es denn?«
»Ganz so wie ichs mir denkt hab, nämlich dera Graf,« antwortete der Sepp.
»Der Graf! Und warum hat er um Hilfe gerufen?«
»Weil er fangen worden ist, fangen und an einen Baum bunden.«
»Das ist doch gar nicht möglich! Von wem denn?«
»Vom Samiel. Du hast also Deine Wette gewonnen, Kronenbäuerin.«
»Das glaub ich halt nicht.«
»Frag diese Leutln hier!«
»Ists denn auch wahr?« wendete sie sich an dieselben.
»Ja freilich,« antwortete ein Tagelöhner. »Dera Sepp hat die Wahrheiten sagt.«
»Das ist doch gar nicht zu begreifen! So zeitig am Abende! Da wird der Samiel also immer frecher.«
»Ja. Es wird bald Zeit, daß ihm das Handwerk legt wird. Er treibts halt von Tag zu Tag ärger.«
»Vielleicht gelingt es, ihn heut zu ergreifen.«
»Heut nicht, aberst bald.«
»Denkst? Hast vielleicht einen Grund zu dieser Vermuthungen?«
»Ja. Daß er heut nicht derwischt wird, das versteht sich ganz von selberst. Er wird sich natürlich aus dem Staub macht haben, denn er hat heut einen solchen Raub macht, daß er vorläufig genug haben kann.«
»Und warum denkst, daß er bald ergriffen werden mag?«
»Hm! Ich selbst werd ihn fangen.«
»Du? Bist etwa auch Einer von dera Polizeien? Vielleicht so ein Heimlicher?«
»Ja.«
Er sagte das in einem Tone, daß man diese Antwort leicht für einen Scherz nehmen konnte. Das that auch die Bäuerin, denn sie antwortete:
»Ja, das hab ich mir immer denkt. Du hast ganz das Aussehen von einem Gerichtsamtmann oder gar von einem Polizeiministern.«
»Das glaub ich schon, denn womit man halt umigeht, das hängt Einem an.«
»So hast wohl den Samiel entdeckt?«
»Freilich.«
»Wann hast ihn denn entdeckt?«
»Schon vor längerer Zeit.«
»Und da nimmst ihn nicht fangen, sondern lassest ihn weiter machen?«
»Ja. Das ist aberst nur so eine feine und kluge Polizeifinessen von mir. Ich will ihn sogleich auf frischer That ertappen. Bis mir dieses gelingt, muß ich natürlich warten.«
»Ach so! Ja, Du bist wirklich ein Schlauer. Sogar dera Samiel hat sich vor Dir in Acht zu nehmen. Vielleicht fängst da auch gleich seine ganze Bande mit!«
»Natürlich! Das will ich ja.«
»Du mußt aberst nachforschen, wer dazu gehören thut, Sepp!«
»Das hab ich freilich allbereits than.«
»Alle, Alle mit nander!« rief die Bäuerin, vor ironischer Verwunderung die Hände zusammenschlagend. Und in kaum unterdrücktem Hohne fuhr sie fort:
»Da kannst gar noch ein berühmter Mann werden. Vielleicht erhältst einen Orden und eine hohe Belohnungen vom König!«
»Einen Orden mag ich nicht, und ein Geldl brauch ich nicht. Wann ich den Samielen fang, so hab ichs halt nur than, um mir selbst eine Freuden zu machen. Aberst mit dem König, da hast wirklich Recht. Er wird wohl vielleichten gar mit dabei sein, wann ich den Samiel dergreifen thu.«
»Dera König! Meinst wohl Einen, welcher König heißt?«
»Nein, sondern den richtigen, welcher König ist.«
»Unsern Herrn Ludwigen?«
»Ja.«
»Sepp, Sepp! Was bist für ein berühmter Kerlen, daßt Dir gar auch den König kommen lassen kannst, wannst ihn brauchst!«
»Das ist weiter nix. Ich und dera König, wir sind zwei so gute Bekannten, daß er gern kommt, wann ichs ihm wissen laß, daß ich ihn bei mir haben will.«
»So kann ichs mir allbereits denken, was es für ein Aufsehen im Land erregen wird, wann es heißen thut: Dera Wurzelsepp und unser König Ludwigen, diese Beiden haben mit nander den Samiel fangen.«
»Ja, so wird es heißen, ganz genau so. Wann dera König Zeit habt hätt, so hätt ich den Samiel bereits schon ergriffen.«
»Und seine Bande auch mit. Er muß gar viele Leut haben. Nicht?«
»Ja.«
»Hast sie zählt?«
»Schon längst.«
»Wie viele sinds?«
»Grad hundert.«
»Himmelsakra! Gar so viele?«
»Freilich!«
»Das ist kaum zu glauben.«
»O, ich werd Dir schon noch beweisen, daß ich Recht hab. Du sollst diese Hundert zu sehen bekommen.«
»Wirst sie mir zeigen?«
»Ich werd es so einrichten, daßt sie zu sehen bekommst, und dann wirst staunen, wie genau ich Alles wußt hab.«
»Aber hundert! Das kann man sich kaum denken.«
»O doch! Die beiden Nullen haben doch nix dabei zu bedeuten.«
»Wie meinst das?«
»Wannst mich jetzunder nicht verstehst, so wirsts nachhero begreifen.«
»Und wo wohnt denn dera Samiel? Das mußt doch auch wissen!«
»Natürlich weiß ich es, und zwar ganz genau. Er wohnt in Kronsdorf.«
»Kronsdorf? Das kenn ich doch gar nicht.«
»Bist noch nicht dort west? Sollt mich gar sehr wundern. Es ist ein allbekannter Ort.«
»Ich hab noch nix davon hört. Was ist er denn, dera Samiel?«
»Räuber ist er.«
»Geh, Sepp! Das weiß man ja. Aberst er muß ja einen Stand haben; er muß einen Beruf treiben.«
»Das thut er schon; aberst Du fragst mich zu viel. Du kannst Dir natürlich denken, daß ich nicht alle meine Geheimnissen so ausplaudern darf.«
»Da hast Recht. So ein Mann wie Du, der es gar mit dem Samielen aufnehmen will, der muß fein verschwiegen sein.«
»Freilich. So, wie dera Graf darf man es nicht machen. Der sagt ganz öffentlich, was er vorhat. Wann man das thut, muß man gewärtig sein, daß dera Samiel mit dabei sitzt und Alles hört. Nachhero ists auch kein Wunder, wann der Graf fangen wird, anstatt dera Samiel.«
»Dieser Ansicht bin ich auch west, und darum hab ich die Wette mit macht.«
»Und nun hast sie schon gewonnen. Du bist ein Glückskind, Bäuerin. Ich möcht nicht an Deiner Stellen sein.«
»Nicht? Warum nicht?«
»Weil es mir immer unheimlich wird, wann Einer gar ein zu großes Glück hat. Gewöhnlich brichts dann mal ganz plötzlich zusammen.«
»Was sollt bei dera Kronenbäuerin zusammenbrechen!«
»Hast Recht. Dera Kronenhof ist ein gar festes Gebäuden, den kann Dir Niemand einreißen. Nimm Dich nur in Acht, daß Dir dera Samiel nicht mal hinein geräth.«
»Da brauchst keine Sorg zu haben. Der soll mir nicht kommen.«
»Meinst nicht? Er kann mal im Kronenhof sein, bevor mans denkt.«
»Das fallt ihm sicherlich gar nicht ein. Mußt doch bedenken, daß dera Offizier bei uns wohnen thut!«
»Vor dem fürchtet er sich nicht, das hat er bereits bewiesen. Ein Glück für den Grafen ists, daß dera Samiel so ein gutes Gemüth hat. Er hat ihm nur einen kleinen Klapps geben auf den Kopf. Wie leicht hätte er ihn tödten konnt!«
»Dera Samiel und – ein gutes Gemüth! Ein Räuber! Sepp, mach Dich doch da nicht lächerlich!«
»Das ist nicht lächerlich. Wenn dera Samiel denjenigen, der sein ärgster Feind ist und ihn fangen will, so schonen thut, so ist das ein Beweis, daß er ein gutes Herz hat. So ein Gemüth findet man sonst nur bei einem Frauenzimmer. Man könnt da ganz irr an ihm werden. Ich werd ihm das vergelten.«
»Du? Wieso?«
»Ich werd, wann ich ihn fang, ihn grad so behandeln, als ob er ein Frauenzimmer war. Aber jetzund wollen wir unsere schöne Zeit nicht verschwatzen. Ich bin müd und möcht schlafen gehen. Erlaubst, doch, Bäuerin, daß ich auf dem Kronenhof bleib?«
»Freilich! Bist den ganzen Nachmittag da gewest, kannst auch hier schlafen.«
»Aber wo?«
»Wie es Dir gefallt. Im Bett oder auch auf dem Heu.«
Da meinte Fritz, der Knecht:
»Kannst auch bei mir bleiben, Sepp. Dera Bastian schlaft stets im Stall. Da ist sein Bett immer frei, welches mit in meiner Kammer steht.«
»Gut, das ist mir recht. Kann ich da gleich schlafen gehen?«
»Sehr gern. Ich geh auch mit. Oder hast noch einen Befehl für mich, Bäuerin?«
»Nein.«
»So schlaf wohl! Morgen ist Montagen. Da muß man zeitig aufi aus dem Schlaf. Darum leg ich mich jetzt bald aufs Ohr.«
Er ging mit dem Sepp fort, über den Hof hinüber, wo eine Treppe hoch seine Kammer lag. Vorher aber traten die Beiden in den Stall. Dort brannte eine Laterne, bei deren Schein sie den Blödsinnigen auf der Streu liegen sahen. Er that als ob er schlief.
»Bastian, schläfst bereits?« fragte Fritz.
Der Knecht antwortete nicht.
»Bastian!«
Er stieß ihn leise an, doch regte sich der Gestoßene nicht.
»Laß ihn,« meinte der Sepp. »Was willst den armen Kerl aus dem Schlafe aufiwecken?«
»Er soll die Latern auslöschen.«
»Das kannst ja an seiner Stell auch thun.«
»Ja; aberst dann merkt er es nicht und läßt sie ein anderes Mal wieder über die Nacht brennen. Wie bald ist da ein Unglücken schehen.«
»Ja, besonders bei so Einem, der nicht richtig im Kopfe ist.«
»Das ists ja eben, weshalb ich mich sorgen thu. Wann die Bäuerin sehen thut, daß noch Licht im Stall ist und er schläft dabei, so könnts ihm schlecht ergehen.«
»Ist sie so streng?«
»Ja, besonders mit dem Bastian hier.«
»Mit dem? Warum?«
»Das weiß ich nicht. Sie kann ihn wohl gar nicht leiden.«
»Der arme Teuxel!«
»Ja, auch mich hat er immer dauert, wann sie zornwuthig mit ihm gewest ist. Mit einem Menschen, welcher seine fünf Sinnen nicht beisammen hat, muß man wohl ein Wenig nachsichtiger sein können. Na, ich will das Licht auslöschen und ihm den Schlaf gern gönnen.«
Er blies das in der Laterne befindliche Lämpchen aus, und dann gingen sie.
Gleich neben dem Stalle führte die Treppe zu seiner Kammer empor. Auf derselben angekommen, wollte er sprechen; aber der Sepp gab ihm einen Rippenstoß und flüsterte ihm zu:
»Schweig jetzt! Dera Kerl könnt uns nachschleichen und Etwas hören.«
So verhielten sie sich ruhig, bis sie in die Kammer gelangt waren, und auch dann sprachen sie so leise, daß ein etwaiger Lauscher draußen nichts hören konnte.
»Hast nicht ein Licht da?« fragte der Sepp.
»Ja, ein Talglicht sieht auf dem Tisch.«
»So brenn es an!«
»Warum? Wir müssen doch im Dunklen sein, damit man nicht sieht, was wir thun.«
»Nein, wir müssen Licht haben. Ich denk mir halt, daß die Bäuerin unten steht und uns heimlich beobachtet. Sie muß sehen, daß wir uns ausziehen.«
»Ach so! Willst also wirklich ins Bett?«
»Das fallt mir gar nicht ein. Ich will sie beobachten. Aberst grad darum muß sie denken, daß ich mich niederlegt hab und Du auch mit. Wir ziehen die Westen aus, damit sie das Hemden derblickt. Da denkts ganz sicher, daß wir nachhero schlafen.«
So geschah es. Sie brannten das Licht an und zogen ihre Jacken und Westen aus. Dann traten sie einige Male so nahe an das Fenster, daß man sie von dem Hofe und dein Hauptgebäude aus deutlich sehen konnte, und nun löschten sie das Licht wieder aus. So hatte es ganz den Anschein, als ob sie sich nun niedergelegt hätten.
Nun saßen sie neben einander auf Fritzens Bette und flüsterten mit einander.
»Denkst wohl, daß sie heut noch Etwas beginnt?« fragte der Knecht.
»Wissen thu ichs freilich nicht; aberst ich ahne es. Es liegt mir halt ganz so in denen Gliedern, als ob wir noch was derfahren müßten.«
»Und ich hab die Ansicht, daß sie das bleiben lassen wird.«
»Warum?«
»Aus zweierlei Gründen. Erstens kann sie sehr zufrieden sein mit dem, was sie heut gestohlen hat. Und zweitens bist Du so unvorsichtig gewest. Sie wird ahnen, daßt sie für den Samiel hältst und also nix unternehmen, so lang Du Dich hier bei uns befindest.«
»Meinst wirklich, daß dera Wurzelsepp ein Unvorsichtiger ist?«
»Ja. Hast ihr heut Verschiedenes merken lassen, wast für Dich hättest behalten sollen.«
»So! Was denn?«
»Nun zum Beispiel, daß sie die Uhr in dera Taschen habt hat. Dadurch muß sie doch mißtrauisch worden sein.«
»Hm! Bist wirklich ein Kluger, der das Gras wachsen hört. Grad das hab ich doch wollt, daß sie mißtrauisch werden soll.«
»Warum aber denn?«
»Damit sie die Uhr schnell verstecken soll.«
»Das hat sie freilich sofort than. Was aber kann Dir das nützen?«
»Sehr viel. Das hast doch auch sehen. Ich hab wissen wollt, wo sie ihr Versteck hat. Indem ich sie mißtrauisch macht hab, ist sie gleich in ihre Kammer gangen. Wir haben sie beobachtet und wissen nun, wo dera Raub zu suchen ist.«
»Sapperment! Ja, wannst das so beabsichtigt hast, so bist freilich ein kluger Kopf.«
»Ja, den Wurzelsepp kannst Dir nicht für ein paar Pfennige kaufen. Da mußt schon mehr zahlen, wannst ihn bekommen willst!«
»Aberst nachhero hast Reden fallen lassen, aus denen sie merken muß, in welch einem Verdacht Du sie hast.«
»Was schadet das?«
»Sehr viel. Sie wird sich nun so sehr in Acht nehmen, daßt nun gar nix mehr derfahren wirst.«
»Das darfst freilich dem Sepp nicht sagen. Zunächst wissen wir bereits so viel, daß wir sie bereits schon jetzt fangen können –«
»Wann sie nun nix mehr thut! Wo willst sie dann fangen?«
»Wir brauchen nur in ihrem Versteck aussuchen zu lassen. Da wird genug funden werden, um ihr zu beweisen, daß sie dera Samiel ist. Und sodann mußt auch noch an die Hauptsach denken. Mit dem, was ich ihr sagt hab, hab ich sie ängstlich machen wollt. Wann Einer ängstlich wird, so verliert er die kalte Ueberlegungen und begeht viel leichter eine Unvorsichtigkeiten!«
»Das mag wohl sein; aberst ich denk, daß sie keine Unüberlegtheit thun wird, sondern sie wird von nun an lieber gar nix thun. Als sie Dich fragt, wo dera Samiel wohnt, hast sagt in Kronsdorf. Da muß sie doch gleich wissen, daßt den Kronenhof meinst.«
»Jetzunder bist in diesem Augenblick mal gescheidter als sie. Ich habs ihrer Stimme und Antwort angehört, daß sie das nicht denkt hat.«
»Und nachhero das von den Hundert, die zu ihrer Bande gehören. Da hast sagt, daß auf die beiden Nullen gar nix ankommt. Wann man diese von dera Hundert wegstreicht, so bleibt nur noch Eins übrig, also besteht ihre Bande nur aus einem einzigen Menschen, nämlich dem Bastian.«
»So hab ichs freilich meint.«
»Und sodann hast von dem guten Gemüth sprochen, woraus man fast meinen könnt, daß er ein Frauenzimmer sei. Ist das nicht deutlich genug?«
»Jawohl.«
»Sie muß also wissen, daßt sie für den Samiel hältst.«
»Sie kann es ahnen, und das will ich ja. Das wird sie verwirren, und dann ertapp ich sie viel leichter auf dera That.«
»Nun, wannst meinst, daßt Recht hast, so will ich nix dagegen sagen. Nun aber sprich mal, ob ich unten im Stall bei dem Bastian nicht klug gewest bin?«
»Ja, das war gut, daßt sagt hast, die Bäuerin sei nicht schön mit ihm. Da wird er nicht denken können, daß wir ihn für ihren Verbündeten halten.«
»Und was willst heut Abend noch beginnen?«
»Ich steig wieder auf den Wagen in das Grummet. Da will ich sie beobachten.«
»Wirst nix zu sehen bekommen.«
»Vielleicht doch. Machst auch mit?«
»Ich? Ich muß fort.«
»Wohin?«
»Zu dera Martha.«
»Ach so, ja! Wann willst sie treffen?«
»Zur Mitternacht.«
»Nun, bis dahin kannst mit bei mir sein. Jetzt aberst wollen wir an das Fenstern gehen. Vielleichten ist was zu sehen.«
»Ich glaub halt nicht, daßt da viel entdecken wirst.«
»Das kann mich nicht abhalten, Alles zu thun, was ich für nothwendig halt.«
Sie standen auf und stellten sich an das Fenster, und da zeigte es sich sofort, daß der Sepp Recht gehabt hatte, denn kaum hatten sie diesen Standort angenommen, so sahen sie die Bäuerin schnell über den Hof herüberhuschen, nach dem Stalle zu.
Es war so heller Mondschein, daß man sie ganz deutlich erkannte. Es gab auf dieser Seite des Hofes keine schattige Stelle, welche sie benutzen konnte, um unbemerkt den Stall zu erreichen. Drüben aber, am Hauptgebäude, zog sich ein breiter Schattenstreifen hin, in welchem auch der Grummetwagen stand.
»Schau, da kommt sie!« sagte der Sepp. »Hab ich Recht habt oder nicht?«
»Da hasts freilich richtig errathen.«
»Sie muß was vorhaben.«
»Das brauchst deshalb nicht zu denken.«
»Nun, warum geht sie zum Bastian?«
»Vielleicht wills ihm einen Befehl geben, was morgen früh geschehen soll.«
»Das hätts Dir auch sagen konnt. Und warum gehts nicht langsam über den Hof? Warum huschts so scheu und vorsichtig herüber?«
»Das fallt mir freilich auf.«
»Ich will mit wetten, daß dera Samiel heut noch was vor hat. Wollen schauen, was sie thut, wanns beim Bastian gewest ist.«
Sie warteten eine ziemliche Zeit, um zu sehen, wohin sie sich wenden werde. Da plötzlich knarrte es draußen.
»Pst!« flüsterte der Sepp. »Hasts hört?«
»Ja.«
»Das war auf dera Treppen.«
»Es ist da ein Stuf, welche knarren thut. Wer mag es sein?«
»Hat Jemand hier oben was zu suchen?«
»Nein.«
»So ists dera Bastian, welcher sehen soll, ob wir schlafen. Hast die Thür verschlossen?«
»Nein, noch nicht.«
»Dann schnell hinein ins Bett!«
»Er wird doch nicht hereinkommen?«
»Es ist ihm schon zuzutrauen.«
Sie krochen behend in die beiden Betten und deckten sich so zu, daß nicht zu sehen war, daß sie nur die Jacken und Westen ausgezogen hatten.
Es blieb eine Weile ruhig. Dann war es ihnen, als ob ein leiser Luftzug zu fühlen sei. Der Mond schien zu dem kleinen Fenster herein, aber blos bis zur Thüre der Kammer, so daß die Thür im Dunkeln lag. Da erklang Bastians leise Stimme:
»Fritz!«
Der Gerufene antwortete natürlich nicht.
»Fritz! Sepp!« ertönte es lauter.
Nun, als auch jetzt keine Antwort erfolgte, blieb es still. Bastian hatte sich überzeugt, daß die Beiden eingeschlafen seien. Ein leises, kaum vernehmliches Knacken verrieth, daß er hinausgeschlichen war und die Thüre hinter sich zugemacht hatte. Dann knarrte die betreffende Treppenstufe wieder.
»Jetzt ist er fort,« sagte der Sepp. »Wir können wiederum heraus.«
Sie stiegen aus den Betten, und der Knecht meinte:
»Das ist freilich stark! Sich bis in die Kammer zu uns herein zu wagen!«
»Das ist kein Wagniß.«
»Wann wir nun noch wach gewest waren und ihn derwischt hätten!«
»So hätte er irgend einen Befehl an Dich auszurichten habt. Die Beiden haben dies gar schön besprochen. Er wirds dera Bäuerin sagen, daß wir schlafen. Schau, er hat es schon than, denn da geht sie wieder über den Hof hinüber. Sie nimmt sich auch gar nicht so in Acht wie vorher. Sie glaubt also, vor uns sicher zu sein. Die Beiden haben irgend etwas vor. Was das ist, das müssen wir derfahren.«
»Aber wie?«
»Wir steigen auf den Wagen und schauen in die Kammer dera Bäuerin.«
»Das geht jetzunder noch nicht. Sie würden uns sehen, weils zu hell ist.«
»Das ist freilich wahr. Wann wir über den Hof hinüber gehen, so müssen sie uns ganz deutlich sehen. Ja, wann, wann es einen andern Weg geben thät.«
»Hm! Ich wüßt wohl einen.«
»Welchen?«
»Gleich unter dera Treppen hier ist dera Holzstall. Von da geht ein Laden hinaus in den Garten. Wann wir da hinaus steigen, können wir uns hinter dera Scheun herumschleichen bis hinüber zum Haus, wo wir in den Schatten kommen.«
»So thun wirs gleich!«
»Ja, gut. Aberst dera Bastian könnt im Stall doch die Stufe hören, welche an dera Trepp knarren thut. Es ist die dritte von oben herab. Steig über dieselbige hinweg. Was machen wir aber mit unsera Kammerthür?«
»Die wird verschlossen. Wir müssen gewärtig sein, er kommt nochmals aufi und sieht da, daß wir nicht drinnen sind.«
»Aberst wanns nun auf einmal verschlossen ist, wirds ihm auch auffallen.«
»Wir haben später daran denkt, daß sie auf ist und haben nachhero zumacht. Komm!«
Sie kleideten sich an und verließen die Kammer. Nachdem Fritz dieselbe verschlossen hatte, steckte er den Schlüssel zu sich. Sie gelangten in den Holzstall und von da durch den Boden in den Garten. Der Sepp schritt voran und Fritz folgte. Sie befanden sich im Schatten. Rechts um die Ecke biegend, gelangten sie hinter die Scheune, welche eine Seite des viereckigen Hofes bildete. Sie schritten an derselben entlang. Sie war durch einen offenen Gang in zwei Hälften getheilt, der Tenne und dem sogenannten Pansen. Durch diesen Gang gelangte man aus dem Hof in den Garten. Hier mußten die Beiden durch.
Sepp, als der Voranschreitende, trat zuerst in den Gang. Er hatte aber noch nicht drei Schritte gethan, so drehte er sich schnell um, ergriff Fritz am Arme und riß ihn zurück, aus dem Gang hinaus.
»Was hast?« fragte der Knecht.
»Dera Bastian! Schnell hinter den Busch an dera Scheunenwand.«
An der Hinterwand der Scheune wucherte ein dichter Hollunder, hinter welchem die Beiden sich schleunigst niederduckten.
»Hast ihn genau sehen?« flüsterte Fritz.
»Ja. Er kam über den Hof herüber und grad auf den Gang zu.«
»So muß er auch Dich erblickt haben.«
»Nein. Er befand sich im lichten Mondscheine, wir aberst waren im dunkeln Gange. Horch!«
Sie hörten Schritte. Dann sahen sie den Blödsinnigen aus dem Gange in den Garten treten. Er blieb stehen und blickte sich um, kaum vier oder fünf Schritte von den Beiden entfernt.
»Schau, was hat er in dera Hand?« raunte der Knecht dem Sepp zu.
»Einen Stock.«
»Nein. Das ist länger und stärker als ein Spazierstock. Das ist fast wie ein langer Schaufelstiel.«
»Ein Schaufelstiel ist gebogen, dieser Stock aber ist gerade. Vielleichten ists gar eine Stockflinten.«
»Das ist möglich: Wann er nur nicht nach dieser Seiten kommt, wo wir kauern. Er müßt uns sehen.«
»Ja. Doch, da läuft er nach dem Gartenzaun. Er steigt hinauf und springt hinaus auf den Weg. Schnell hin! Ich muß wissen, wohin er geht.«
Sie eilten nach dem Zaune und kamen noch zur rechten Zeit, um zu sehen, daß der Bastian quer über den Weg ging und dann in den Rain einbog, welchen vorhin die Bäuerin benutzt hatte, um dem Grafen zuvor zu kommen.
»Wollen wir ihm nach?« fragte Fritz.
»Nein.«
»Man sollt aberst doch wissen, wohin er sich wendet.«
»Dazu haben wir keine Zeit. Wir müssen auf die Bäuerin aufpassen. Sie ist ja die Hauptpersonen. Komm!«
Jetzt kehrten sie zu dem Scheunengang zurück. Im Hofe angekommen, huschten sie nach links an die hintere Seite des Hauptgebäudes hinüber, wo sie sich nun wieder im Schatten befanden. Von da schlichen sie sich zum Wagen hin. Der Sepp begnügte sich nicht damit. Er ging auch nach der Hinterthür, um diese zu probiren. Sie war verriegelt, wie immer des Nachts.
Nun kletterten sie, alles Geräusch vermeidend, auf den Wagen und krochen wieder so weit in das Grummet hinein, daß nur ihre Gesichter aus demselben hervorschauten.
In der Stube und dem Schlafraume der Bäuerin war es dunkel. Dann aber wurde es plötzlich in dem letzteren licht, so plötzlich, daß dieses Licht bereits vorhanden gewesen sein mußte und nicht erst angebrannt wurde.
»Schau, sie hat doch Licht und ist hier oben,« flüsterte der Sepp. »Siehsts, wo sie war?«
»Ja, im Versteck. Sie kommt aus dem Schrank heraus.«
Die Bäuerin stellte, als sie aus dem Schrank getreten war, das Licht auf den Tisch und beschäftigte sich mit einem kleinen Gegenstande, welchen sie in der anderen Hand gehabt hatte.
»Siehsts, was sie hat?« flüsterte der Sepp.
»Ja, einen Revolver.«
»Sie ladet ihn. Sappermenten, da hat sie wohl schlimme Absichten!«
»Vielleicht brauchts ihn nur, um sich zu vertheidigen, wann man sie fangen will.«
»Möglich. Wollen weiter sehen.«
Aber sie bekamen zunächst nichts zu sehen, denn die Bäuerin blies das Licht aus.
»Sollts schlafen gehen,« meinte Fritz.
»Nein. Da hätts sich vorher entkleidet. Dera Bastian ist fort, ihr voran. Sie wird ihm folgen.«
»Wollen wir ihr nach?«
»Das weiß ich noch nicht!«
»Wann wir ihr folgen wollen, dann müssen wir jetzund vom Wagen herab, denn sie wird zu dera Hinterthüren herauskommen. Da sind wir nachhero gleich hinter ihr her.«
»Gut, wollen also – – halt! Wieder schnell hinein!«
Sie hatten sich bereits mit dem Oberkörper aus dem Grummet erhoben, fuhren aber augenblicklich wieder tief hinein, denn die Bäuerin öffnete ihr Fenster und blickte heraus.
Sie verharrte wohl fünf Minuten lang in ihrer lauschenden Stellung. Dann öffnete sie auch den anderen Fensterflügel. Sie ließ etwas zur Erde nieder und trat dann wieder zurück.
»Was hats herunterworfen?« meinte Fritz.
»Weiß es nicht. Dera Schatten läßts einem nicht genau sehen. Pst! Da ist sie wieder!«
Jetzt sahen sie zu ihrem Erstaunen, daß die Bäuerin aus dem Fenster stieg. Schnell und gewandt wie ein geübter Turner. Als sie sich außerhalb befand, zog sie die beiden Fensterflügel heran und glitt zur Erde nieder. Ein Rauschen wie von einem Stricke, welcher sich an einem Balken reibt, war zu hören; die Fensterflügel öffneten sich ein Wenig wieder, als ob Etwas zwischen ihnen hindurchgezogen werde, und dann glitt die Bäuerin fort, am Hause hin, in den Scheunengang hinein und hinaus in den Garten.
Das war so schnell geschehen, daß es kaum so schnell erzählt werden kann.
»Sapperment! Wie ist sie denn da herabkommen?« meinte der Fritz.
»An einem Strick, wie es scheint.«
»So muß es sein. Aberst ich denk, wir wollen ihr nach?«
»Das ist noch unbestimmt. Wenigstens muß ich sehen, wohin sie ist.«
Er glitt blitzschnell vom Wagen herab, und Fritz folgte ihm. Sie eilten nach der Scheune und durch den Gang hinaus in den Garten. Da sahen sie eben die Bäuerin über den Zaun springen. Als sie an denselben gelangten und durch die Latten blickten, bog sie nach oben demselben Raine ein, welchem vorhin der Bastian gefolgt war.
»Hab mirs denkt,« sagte der Sepp. »Sie macht ihm nach.«
»Aber wohin?«
»Wer kann das wissen!«
»Wär es nicht gut, wann wir es zu derfahren suchten?«
»Ja, das wär schon gut; aberst wir werdens nicht derfahren.«
»Warum nicht? Wir brauchen ihr ja nur zu folgen.«
Der Sepp schaute nachdenklich durch die Latten hinaus, lachte leise vor sich hin und antwortete:
»Da hast freilich Recht. Also lauf ihr nach! Versuchs doch mal!«
»Du nicht mit?«
»Nein. So dumm bin ich nicht. Siehst denn nicht den Mondschein, daß es fast tageshell ist? Wannst ihr nachlaufst, so brauchts sich nur mal umzuschauen, so sieht sie Dich sofort. Dann ists gefehlt.«
»Man muß sich nur fern genug von ihr halten.«
»Du wirst sie bald aus dem Aug verlieren, besonders wann sie an den Wald gelangt ist. Nachhero stehst bei denen Bäumen, sperrst das Maul aufi und weißt nicht, wohinst gehen sollst, ob rechts, ob links oder grad aus.«
»Hm! Das ist dumm! Aber Du hast Recht.«
»Es ist also am Besten, wir bleiben hier.«
»Ich muß doch fort.«
»Schon! Ist die Zeit bereits da?«
»Es wird bald Mitternacht sein.«
»So nimm Dir wenigstens noch die Zeit, nochmals mit zurück zu kommen. Wir müssen sehen, wie sie aus dem Fenster zur Erde gelangt ist.«
Sie kehrten zu dem Wagen zurück und traten grad unter dem Fenster an die Mauer. Es war nichts zu sehen.
»Sappermenten! Ich hab fast glaubt, daß hier ein Seil herabhangen werd.«
»Ein Seil nicht, aberst eine Schnur,« antwortete Fritz, welcher mit der Hand an der Wand hingestrichen und dabei die Schnur zwischen die Finger bekommen hatte.
»Zeig her!«
Der Knecht gab sie dem Sepp in die Hand. Dieser prüfte sie und sagte erstaunt:
»An diesem Bindfanden kann sie doch nicht herabstiegen sein! Der ist viel zu dünn. Meinst nicht auch?«
»Ja. Der wär ganz sicher zerrissen.«
»Natürlich. Man braucht ja nur zu versuchen, mal daran zu ziehen, so sieht man sogleich – – – Himmelsakra!«
Er sprang zurück und drehte sich schnell um. Er glaubte, von irgend Jemand einen Hieb auf den Kopf erhalten zu haben. Sein Hut war ihm herunter geschlagen worden. Aber zu seinem Erstaunen erblickte er keinen Menschen.
»Da schlag dera Teuxel hinein!« sagte er: »Es ist Niemand hier!«
»Wer soll denn da sein?«
»Der natürlich, der mich über den Kopf haut hat. Dera Kerl muß sich hinter den Wagen steckt haben.«
Er wollte fort, um dort nachzuschauen, doch Fritz hielt ihn zurück.
»Bleib! Hast denn nicht merkt, wers gewesen ist?«
»Nein.«
»Schau her. Hier hängts.«
Er deutete nach der Mauer. Da, wo vorhin nur die Schnur sich befunden hatte, hing jetzt eine Strickleiter herab.
»Sappermenten! So war diese es, die mir auf den Kopf fallen ist?«
»Ja.«
»Na, so ists gut! Besser konnts ja gar nicht kommen. Da können wir also nun aufi und die Geschichten recht genau betrachten. Gehst natürlich mit?«
»Ja. Aberst eine dumme Geschichten ist es doch, Sepp.«
»Warum?«
»Wann die Bäuerin zurückkommt und die Strickleiter hangen sieht, so wird sie gleich wissen, daß wer dagewest ist.«
Der Alte kratzte sich.
»Verdammt! Ja, da hast freilich Recht. Wie ist die Leiter wieder hinauf zu bringen!«
»Möglich muß es sein.«
»Vielleicht.«
»Sogar sehr leicht.«
»Wieso?«
»Weils die Bäurin auch hinaufbracht hat. Und das ist schnell gangen; nur einen Augenblick hats dauert.«
»Hm! Vielleichten mit dera Schnuren. Wo ist sie denn?«
Er suchte nach ihr; sie war nicht mehr da; aber an ihrer Stelle gab es eine zweite, welche, wie der Sepp merkte, durch Oesen an der Strickleiter emporlief.
»Da ist ein anderer Bindfaden,« sagte er. »Wills mal versuchen.«
Er zog. Der Erfolg war ein augenblicklicher. Nämlich die Schnur wurde ihm aus der Hand gerissen, die Strickleiter fuhr empor, und an ihrer Stelle kam der Bindfaden wieder herab, welcher zuvor herabgehangen hatte.
»Sapperment!« kicherte der Alte erfreut. »Da haben wirs. Das ist ja eine ganz richtige Maschinerie. Zieht man an diesem Faden, so kommt die Leiter abi, und zieht man an dem anderen, so geht sie wiederum aufi. Das hat die Bäurin sich sehr gut aussonnen.«
»Aberst warum!« meinte Fritz. »Warum steigt sie zum Fenster heraus?«
»Warum? Dumme Frag! Kann sie denn durch die Mauer heraus?«
»Nein; aberst zur Hinterthüren.«
»Ja, das ist schon wahr. Aberst das ist zu gefährlich für sie. Wie leicht könnte sie da mal entdeckt werden. Sie kann die Thür doch nicht von außen wieder zumachen. Sie müßt sie also auflassen, und das thät natürlich auffallen.«
»Hm! Da hast Recht. Und wann Jemanden bemerken thät, daß die Thür auf ist, so thät er sie natürlich zumachen. Dann könnt die Bäuerin nicht wieder herein, wann sie zurückkäm. Dann wär Alles verrathen.«
»Siehst also, wie schlau sie ist! Jetzt aberst wollen wir aufisteigen.«
»Probir erst mal, obs Dich hält.«
»Jedenfalls. Es geht.«
Er hing sich an die Leiter, und da sie nicht zerriß, so vertraute er sich ihr an und stieg hinauf und zum Fenster hinein.
»Komm nach! Es geht halt prächtig,« flüsterte er herab.
Bald stand auch Fritz in der Schlafstube.
»Nun suchen wir das Licht,« meinte der Sepp. »Als sie es verlöschte, stand es da auf dem Tisch.«
»Ists nicht gefährlich, das Licht anzubrennen?«
»Nein.«
»Wann man uns sieht!«
»Wer soll uns sehen. Alle schlafen hier auf dieser Seit, und dera Bastian ist mit dera Bäuerin fort. Es ist ja gar Niemand da, der uns sehen könnt.«
»Wann sie nun indessen zurückkehrt!«
»So ists auch kein Unglück. Sie hätte da alle Ursach, zu verschrecken, nicht aber wir.«
»Na, ganz wie Du denkst. Da ist das Licht auf dem Tisch, auch Streichhölzern dazu.«
»Brenn an! Wir müssen sogleich die Strickleitern empornehmen, damit Niemand zu uns aufi kann.«
Als nun das Licht brannte, sahen sie, daß die Strickleiter mit den beiden erwähnten Schnuren über eine Doppelrolle lief, welche an das eine Bein des Bettes befestigt war. Die Vorrichtung war eine ganz einfache. Durch die eine Schnur wurden die Rollen auf- und durch die andere abgedreht; so kam es, daß die Strickleiter ganz leicht auf- und abbewegt werden konnte. Der Sepp nahm sie herein.
»So!« sagte er. »Und nun schaun wir uns das Versteck an.«
Er trat zu dem Schranke und fand zu seiner Freude, daß der Schlüssel steckte.
»Das ist sehr gut! Das kann mich gefreun!« lachte er. »Die Bäuerin ist doch nicht so klug, wie ich dacht hab! Laßt uns da den Schlüssel stecken! Das ist doch eine große, große Unvorsichtigkeiten!«
»Sie hat doch nicht denken konnt, daß Jemand einsteigt bei ihr!«
»Wann sie klug wär, thät sie auch an diesen Fall denken. Man sollt ihr doch gleich eine tüchtige Maulschellen geben. So ein Frauenzimmern hat doch niemals die Gedanken richtig beisammen!«
»Was räsonnirst denn! Für uns ist das doch sehr vortheilhaft!«
»Magst Recht haben, und doch kann ich mich über eine solche Unvorsichtigkeiten so erbosen, daß ich gleich mit denen Füßen dreinspringen möcht. Na, wir wollen uns mal Platz machen.«
Der jetzt offene Schrank hing voller Kleidungsstücke. Sepp gab Fritz das Licht zum Halten und schob die Kleider zurück und auseinander.
»Sapperment! Da ists ja zu!« sagte er.
Jetzt war nämlich eine Hinterwand vorhanden.
»Hast denn denkt, daß es aufi ist?« fragte Fritz.
»Natürlich! Die Bäuerin ist ja da hindurchgangen. Nun ist aberst gar eine Rückwand am Schranke.«
»Sie wird sich öffnen lassen.«
»Ja, ganz gewiß! Laß schauen! Leucht mal her. Es muß ein Schloß da sein, ein Riegel oder sonst was.«
Er suchte, aber vergebens. Die Hinterwand schloß sich fest an den Boden, die Decke und die Seitentheile. Es war keine Spur irgend einer Vorrichtung zu sehen, durch welche sie geöffnet werden konnte.
»Donnerwetter! Das ist mir unbegreiflich!« fluchte der Sepp. »Hindurch kann man, das ist gewiß. Dahinter ists hohl. Horch!«
Er klopfte, und es war allerdings dem Tone anzumerken, daß der Schrank nicht an einer Mauer stand.
»Wer soll das begreifen! Da steht mir doch dera Verstand still!« brummte Sepp.
»Ich weiß auch keinen Rath!«
»Das glaub ich wohl. Aberst wollens doch mal versuchen. Schau Du mal nach. Vielleicht findest durch Zufall, was ich nicht funden hab.«
Nun untersuchte der Knecht den Schrank, aber auch vergeblich.
»Weißt,« sagte er, »wollens heut lassen!«
»Das fallt mir nicht ein.«
»Wir haben für heut bereits genug derfahren. Wollen zufrieden sein.«
»Aberst ich bin einmal darauf versessen, das Versteck zu finden!«
»Laß es sein! Du weißt, wo es liegt. Damit kannst Dich einstweilen begnügen. Später, wann wir wieder hier sind, werden wir entdecken, wie die Wand aufzumachen ist.«
»Ich möchts aberst heut derfahren!«
»Dann bemerkt die Bäuerin, daß Jemand hier gewest ist.«
»O, die kommt nicht sogleich zurück. Die ist hinaus in den Wald.« »Aberst wir verbrennen ihr hier das Licht. Wann sie heim kommt und das sieht, so schöpft sie Verdacht.«
»Hm! Das ist freilich wahr. Also müssen wir die Geschicht lassen bis ein anderes Mal, wo wir Licht mit haben.«
Er schloß den Schrank wieder zu und begann, in der Schlafstube und dem vordern Zimmer sich genau umzuschauen. Es war nicht das Mindeste zu entdecken, was darauf hätte weisen können, daß hier der Samiel wohne.
»Vorsichtig ist sie doch,« sagte er. »Wann wir nur durch den Schrank könnten. Da liegen sicherlich die Beweise, welche wir suchen.«
»Natürlich! Hier aber findet man nix, als höchstens das Eine – hier das Bett.«
Fritz deutete auf das Bett, welches aufgeschlagen war. Decke, Betttuch und Unterbette waren zur Seite geschlagen.
»Was ists denn?« fragte Sepp.
»Das siehst nicht?«
»Daß Niemand drin im Bett liegt, das seh ich schon!«
»Ja, das sieht auch ein Blinder. Aberst schau mal da her! Da ist eine Spannfedernmatratze, und darauf liegt eine Strohmatratze. Zwischen denen Beiden ist diese Stelle hier eingedrückt. Warum?«
»Ah, ja! Jetzunder weiß ich, wast meinst. Hier zwischen denen beiden Matratzen versteckts die Strickleiter am Tag, wanns sie nicht brauchen thut.«
»Ganz recht. Das ist doch wenigstens Etwas, was wir entdeckt haben.«
»Kann uns aberst nicht viel helfen. Doch wart nur, wann ich wiederkomme! Da werd ich mir Licht genug mitbringen. Für heut muß man es lassen.«
Er blies das Licht aus und setzte es an die gehörige Stelle. Dann ließ er die Strickleiter hinab. Fritz mußte zuerst hinuntersteigen, und dann folgte der Alte. Draußen zog er die beiden Fensterflügel zusammen, ganz so, wie die Bäuerin es gemacht hatte. Da er nun die Mechanik der Leiter kannte, war es ihm, als er unten angekommen war, leicht, sie emporzuschaffen, so daß die Bäuerin bei ihrer Rückkehr Alles genau so fand, wie sie es verlassen hatte.
»Nun muß ich aberst fort,« sagte Fritz. »Was thust Du indessen?«
»Ich bleib natürlich hier. Ich versteck mich wiederum auf den Wagen ins Grummet hinein und wart, bis dera Samiel wiederkommt. Vielleichten giebt er mir eine Gelegenheiten, etwas Neues zu schauen oder zu derfahren. Es kann auch sein, wann ich genau aufipaß, daß ich dann seh, wie dera Schrank hinten geöffnet wird.«
»Wollen es hoffen. Mach nur die Augen aufi!«
»Das brauchst mir gar nicht zu sagen, denn das thu ich schon ganz von selberst. Und Du, wann wirst zurückkommen?«
»Ich werd nicht lange bleiben. Wir gehen zum Holzknecht, dessen Weib krank ist.«
»Willst ihr was bringen?«
»Ja. Ich hab ein Brod und Wurst und Anderes im Dorf kaufen wollen, um es ihr zu geben, aberst da ich keine Zeit dazu funden hab, weil am Nachmittag gar so viel passiren that, so will ich ihr dafür ein kleines Geldl geben.«
»Ja, ein kleines,« lachte der Sepp. »Ein großes wirst wohl nicht zusammenbringen.«
»Weil ich meinen Lohn stets auf die Sparkassen tragen hab, so hab ich nicht viel im Beutel. Da hast Recht.«
»Wie viel willst ihr denn geben?«
»Vielleichten drei Mark oder fünf. Mehr kann ich nicht abthun.«
»Damit ist denen Leutln auch nicht viel geholfen, denn auch er ist krank.«
»Wie? Du kennst sie?«
»Ja. Es ist ein braves und armes Völkle. Weißt, ich werd Dir auch was dazu geben.«
»Das wollt ich wohl mit Dank besorgen.«
»So komm her und mach die Hand aufi.«
Er zog seinen alten Beutel, suchte drei Geldstücke hervor und gab sie dem Knecht. Dieser befühlte das Geld mit den Fingern, um zu erfahren, wie viel es sei. Da er aber nicht recht klug werden konnte, so trat er aus dem Schatten in den Mondenschein und sah es sich an.
»Du, Sepp,« sagte er, »Du hast Dich ganz gewiß vergriffen.«
»Wieso?«
»So viel hast nicht geben wollt.«
»Meinst?«
»Ja. Es sind zwei Zwanzigmarkerln und ein Zehnmarkstückerl.«
»Grad so viel wollt ich geben.«
»Aberst Du – fünfzig Mark!«
»Halts Maul! Hast heut ja sehen, daß ich ein Geldl verborgen und auch verschenken kann. Nimms nur hin!«
»So vergelts Gott, lieber Sepp! Die Leutle werden eine Himmelsfreud haben, wanns das empfangen.«
»Und ich freu mich mit. Aberst sag ja nix, daß es von mir ist!«
»Ich muß es doch sagen!«
»Nein, kein Wort!«
»Sonst denkens doch, es sei von mir!«
»Das mögens denken!«
»Mit fremden Federn mag ich mich nicht schmücken.«
»So sag, wast willst, aberst mich laß aus dem Spiel. Wannst ihnen meinen Namen nennst, so bist mein Freund gewest. Das kannst Dir merken.«
»Bist ein besonderbarer Kerlen! Doch will ich Dir den Willen thun.«
»So mach, daßt nun fortkommst!«
»Gut! Das laß ich mir nicht mehrere Male sagen. Also, wann ich wiederkomm, da treff ich Dich auf dem Wagen?«
»Ja, doch nimm Dich in Acht, damit nicht gesehen wirst und auch mich nicht verrathen thust dabei. Die Beiden könnten schon vor Dir wiederkommen sein.«
»Ich werd mich schon so an den Wagen schleichen, daß mich Niemand bemerken kann.«
»So mag es sein. Grüß mir auch die Martha, und sag ihr, daß ich den Brautherrn machen möcht. Sie soll sich also beeilen und Dir das Jaworten geben.«
Er stieg auf den Wagen, und Fritz ging fort, durch den Scheunengang. Er stieg grad da, wo vorher der Bastian und die Bäuerin über den Zaun gesprungen waren, auch über denselben und ging dann quer über einige Wiesen, um an den von Martha bestimmten Ort zu gelangen, ohne von irgend Wen gesehen zu werden.
Als er denselben erreichte, war sie noch nicht da. Er setzte sich unter einen Baum und wartete, im Dunkel des Schattens verborgen. Der Weg führte da vorüber, rechts nach dem Dorfe und links nach dem Forsthause.
Er hatte noch nicht fünf Minuten da gesessen, so hörte er von rechts her ein leises Geräusch. Er horchte aufmerksam hin. Es schien sich nicht zu nähern, aber auch nicht zu entfernen, und doch klang es, als seien es langsame, leise Schritte.
Um seiner eigenen Sicherheit willen mußte er nachsehen, was es sei. Er stand also auf und schlich sich auf das Vorsichtigste hin, etwas tiefer in den Wald hinein und sodann parallel mit dem Wege fort.
Er kam näher und näher. Dann blieb er halten und legte sich auf den Boden nieder. Er kroch auf Händen und Füßen weiter und konnte nun gegen den lichten, vom Monde beschienenen Streifen, welchen der Weg bildete, eine weibliche Gestalt erkennen, welche neben diesem Wege unter den Bäumen auf und niederschritt.
Schon wollte er aufspringen und hervortreten, denn er dachte, daß Martha es sei, da hustete die Gestalt zu seinem Glücke, und gleich darauf hörte er in gedämpftem Tone die ungeduldigen Worte:
»Himmeldonnerwetter! Der Kerl kommt weiß Gott noch immer nicht! Ich könnte ihn zerreißen.«
Er sah, daß das Frauenzimmer dabei die Erde mit dem Fuße stampfte, ganz in der ihm bekannten Art und Weise, in welcher die Kronenbäuerin dies that, wenn sie sich in Zorn befand.
Auch ihre Stimme war es gewesen. War die Bäuerin wirklich da, oder täuschte er sich? Er mußte Gewißheit haben. Darum kroch er noch näher, fast zu nahe für seine eigene Sicherheit.
Sie ging jetzt kaum vier Fuß entfernt an ihm vorüber. Ein Mondesstrahl drang durch die Wipfel und fiel auf ihr Gesicht. Sie war es!
Was wollte sie da? Auf wen wartete sie? Wen hatte sie bestellt? Etwa den Förster, mit welchem sie heut ja so lange gesprochen hatte?
Er sollte sofort Antwort erhalten auf diese Fragen, denn von links her kamen jetzt eilige Schritte. Sie hielten mitten auf dem Wege, grad da, wo die Bäuerin daneben unter den Bäumen stand.
»Kätherl?« ertönte es halblaut.
»Ja,« antwortete sie.
»Wo bist?«
»Hier, links.«
»Komm heraus!«
»Daß man uns sieht! Komm lieber herein unter die Bäumen!«
Er trat zu ihr herein. Fritz erkannte an der Kleidung sogleich den Förster.
»Gott sei Dank! Endlich!« sagte dieser.
»Ja, endlich!« zürnte sie. »Wannst nun nicht kommen wärst, hätt ich keinen Augenblick länger wartet. Denkst denn, ich bin eine Einlegpuppen, daßt mit mir machen kannst, wast willst! Wannst nicht Wort halten kannst, so brauchst mich nicht zu bestellen.«
»Sei ruhig, Kätherl! Ich kann ja gar nix dafür!«
»Und Du sei still! Das ist eine Ausreden, die bei mir nix gelten thut. Bei so was kann man wohl dafür.«
»Nein, gar nix. Ich bin unschuldig.«
»So! Und wer trägt da denn die Schuld?«
»Dera Oberlieutenant.«
»Der? Warum?«
»Du weißt doch, was mit ihm schehen ist? Deine Leut haben ihn ja funden.«
»Ja, sie haben es mir verzählt.«
»Ists nicht schauderhaft von dem Samiel?«
»Ein großmächtiges Wagnissen ists von ihm. Das ist wahr.«
»Am Wege, mitten zwischen dem Dorf und meiner Förstereien den Grafen anzufallen, auszurauben und auch noch dazu an den Baum zu binden!«
»Ja, es ist erstaunlich! Aberst was hat das damit zu thun, daßt mich hier warten lassest?«
»Sehr viel. Dera Graf hat vom Samiel einen Hieb auf den Kopf erhalten. Dein Tagelöhner bracht ihn zu mir und ging darauf wiederum fort. Der Offizier hat glaubt, daß dieser Hieb ihm nix schaden werde; bald aberst ists ihm ganz schlimm und übel worden; es ist ein Schwindel kommen, und er hat sich niederlegen müssen.«
»Was!« erklang es in einem Tone, als sei sie darüber erschrocken.
»Brauchst nicht zu verschrecken. Es ist nicht lebensgefährlich. Wann er diese Nacht hübsch ruhig schläft, ists morgen wieder gut.«
»Das gefreut mich sehr. Wo liegt er denn also?«
»Bei mir, in meiner Stuben.«
»Wo Du selberst schläfst?«
»Ja.«
»Sappermenten!«
Das klang so, als ob sie es zwischen den Zähnen hindurchstoße.
»Was hast denn? Aergerst Dich?«
»Freilich!«
»Warum denn?«
Sie antwortete nicht sogleich. Sie durfte es sich doch nicht merken lassen, welch einen Strich durch ihre Rechnung es ihr machte, daß nun der Graf in der Stube schlief, aus welcher sie das Geld hatte holen wollen. Doch fand sie eine passende Antwort:
»Ich muß mich gar wohl ärgern, denn ich hatte mich gar sehr auf diese Stuben gefreut.«
»Auf die Stuben? Aus was für einem Grunde denn?«
»Weil ich denkt hab, ich könnt mit Dir ein Wenig hinaufi gehen, wann nachher Dein Dienst zu Ende ist.«
»Das hast wollt, wirklich?« fragte er im Tone der Freude.
»Ja. Du hörsts ja, daß ich es sage.«
»Das hab ich mir freilich nicht denkt.«
»Ich aberst habs mir so aussonnen habt. Wir hatten uns heut zankt und waren dann wieder einig worden. Hätten wir sodann, wann Dein Nachtdienst beendet war, ein Wenig hinaufi in Deine Stuben schleichen könnt, s o hätten wir die Versöhnung viel besser feiern können als wann wir so im Wald herumilaufen.«
»Kätherl, liebes Kätherl! Was bist doch für ein prächtig Weib! Komm her! Ich muß Dich umarmen.«
Sie umschlangen sich, und Fritz vernahm das Geräusch kräftiger Küsse.
Es schüttelte ihn. Dieses Weib, seine eigene Stiefmutter, hatte ihm einen Liebes- und Heirathsantrag gemacht.
»Laß gut sein!« mahnte sie nach einer Weile. »Hat denn dera Graf Dir gar so viele Arbeiten macht, daßt erst so spät fortkommen konntest?«
»Ich bin schon längst fort. Weil er im Bett liegt, muß ich seine Stell vertreten und die Posten revidiren. Ich bin gerannt wie ein gehetztes Wild, um wenigstens jetzt hier einzutreffen. Ich hoffe, daß Du mir verzeihen wirst.«
»Wanns so ist, kann ich Dir freilich nicht zürnen. Wer ist denn nun bei dem Grafen, der ihn pflegt?«
»Die Martha schaut nach ihm und die alte Magd wird sie dabei unterstützen.«
»Da werdens sehr zu thun haben!«
»O nein. Er wird wohl fest schlafen. Wann Einer einen Hieb gegen den Kopf erhält, so wird er dumm und taub im Gehirn und schläft gar fest. Ich hab auf seinem Befehl sogar die Hunde aus dem Hause schaffen mußt, damit sie ihn nicht stören. Sie sind im Stall einischlossen worden.«
»Da ist die Förstereien ja ohne allen Schutz in dieser Nacht!«
»So schlimm ists schon nicht. Es ist Alles zugeschlossen, und kein Dieb weiß es, daß man durch den kleinen Kuhlstall hinein in den Hausflur gelangen kann.«
»Das ist auch eine Unvorsichtigkeiten von Dir. Kann man denn von Außen in den Stall gelangen?«
»Ja. Es ist innen ein Holzriegel und daneben ein Loch, durch welches man von Außen hineingreift und ihn zurückschieben kann.«
»Und sodann, wann man sich nun im Stall befindet, kann man in das Haus?«
»Ja. Man braucht nur die andere Thür zu öffnen, welche aus dem Stalle in den Hausflur führt.«
»Geht die denn aufi?«
»Es ist nur eine Klinke dran, gar kein Schloß, zu welchem ein Schlüssel gehört.«
»Förster, das mußt ändern lassen! So eine Unvorsichtigkeiten dürft mir in meinem Haus nicht vorkommen.«
»Hast Recht, Kätherl. Ich werd mir morgen, wann ich mein Geld in die Stadt trag, ein gutes Schloß mitbringen und es an die Außenthüre schlagen. Also nun, mein liebes Kätherl, bleiben wir jetzunder beisammen?«
»Ja; dazu bin ich doch wohl kommen. Oder willst etwan nicht?«
»Warum werd ich nicht wollen! Es ist doch mein allergrößtes Glück, Dich bei mir zu haben. Komm mit fort von hier.«
»Nach Deinem Posten, von demt gestern sprochen hast?«
»Noch nicht. Da kommen wir erst später hin. Vorher muß ich hinaufi nach dem Dachsberg, wo zwei Posten zu revidiren sind.«
»Da kann ich aberst doch nicht mit!«
»Warum nicht? Ists Dir zu weit?«
»O nein. An Deiner Seit ist mir kein Weg zu weit. Aberst die Posten werden mich doch sehen, und das dürfens doch nicht.«
»Meinst, daß ich Dich sehen laß! Fallt mir gar nicht ein. Wann ich mit ihnen sprech, bleibst einstweilen hinter dem Busch stehen.«
»Gut! So komm also.«
Sie gingen.
Der Förster ahnte nicht, daß er der Bäuerin förmlich den Weg in sein Haus gebahnt hatte. Erst, als sie hörte, daß der Graf heut Nacht in der Försterei bleiben und sogar in demselben Zimmer schlafen werde, in welchem sich der Gewehrschrank mit dem Gelde befand, hatte sie geglaubt, auf ihr heutiges Vorhaben verzichten zu müssen. In diesem Falle war ihr die hohe Summe verloren, indem der Förster das Geld nur bis morgen bei sich behalten wollte.
Nun aber, da sie hörte, daß der Graf fest schlafen werde, daß keine Hunde in dem Hause seien und daß es einen sicheren Weg in das Innere desselben gebe, war sie entschlossen, nicht auf die Ausführung ihres Planes zu verzichten. Welch eine Wonne für sie, wenn es morgen heißen werde, daß der Samiel dreißigtausend Mark aus einer Stube geholt habe, in welcher der Graf schlief und wo sich sogar die Waffen der Försterei befanden.
Fritz hatte ein jedes Wort vernommen. Es kam ihm Manches unheimlich vor. Warum erkundigte die Bäuerin sich so genau nach dem Eingang in das Haus? Der Förster hatte von Geld gesprochen, welches er nach der Stadt tragen wolle. Hatte sie es vielleicht auf dasselbe abgesehen?
Wohl nicht, denn sie befand sich jetzt doch bei ihm. Wie konnte sie da in seine Wohnung eindringen um zu stehlen?
Eins war ihm unlieb. Nämlich daß Martha den Grafen zu pflegen hatte. Vielleicht war sie nun abgehalten, heut zu kommen.
Dennoch kehrte er nach der Stelle zurück, an welcher sie ihn erwarten wollte. Diese war nur wenige Schritte entfernt. Wie groß war da die Gefahr gewesen, vom Förster oder der Bäuerin bemerkt zu werden.
Er hatte nicht vergebens gehofft. Bereits nach kurzer Zeit vernahm er schnelle, leichte und leise Schritte. Er befand sich natürlich nicht mitten auf dem lichten Waldwege, sondern er hatte unter den Bäumen gewartet. Er erkannte die Geliebte, welche stehen blieb und sich umschaute. Er trat hervor. Sie erschrak zunächst bei seinem Anblicke; aber als sie ihn erkannte, verwandelte sich ihre Bestürzung in Freude.
»Bist noch da!« sagte sie.
»Wo soll ich sein, wannst mich herbestellt hast, Martha?«
»Ich hab denkt, daßt davon gangen bist, weil ich so spät kommen thu.«
»O nein. Ich hätt wartet bis morgen früh. Ich weiß, daßt gern Dein Wort hältst.«
»Ja, wann ich kann, dann allemalen. Heut aberst wär es beinahe nicht gangen. Ich muß Dir sagen, warum, damitst mir nicht bös bist.«
»Ich bin Dir nicht bös, denn ich weiß es schon.«
»Nein, das kannst nicht wissen.«
»Sogar ganz gut. Meinst doch den Graf?«
»Ja. Ich hab hört daßt mit dabei gewest bist als er funden worden ist; Du weißt also, was ihm geschehen ist. Das Weitere aberst kannst nicht wissen.«
»Und dennoch weiß ich es.«
»Nun, was?«
»Daß dera Oberlieutenant bei Euch schläft und daßt ihn pflegen mußt.«
»Wahrhaftig, er weiß es schon!« sagte sie, erstaunt die Hände zusammenschlagend. »Von wem weißt es denn?«
»Von Deinem Oheim.«
»Hättst mit ihm sprochen?«
»Nein. Ich hab ihn belauscht, als er es seiner Liebsten verzählte.«
»Seiner Liebsten? Wen meinst?«
»Weißts nicht?«
»Nein – – nein,« antwortete sie zögernd.
»Martha, Du weißts aber doch. Du willsts mir aber nicht sagen.«
»Weißt denn Du so was?«
»Ja.«
»Nun, so sag mal, wer Diejenige ist, die Du meinst!«
»Meine Bäuerin.«
»Himmel! Er weiß es auch!«
»Ja, das weiß ich, und auch noch Andere wissen es.«
»Welche Schand!«
»Ja, es ist gar nicht auszusagen! Einen armen, blinden Mann zu betrügen!«
»Und die Beiden haben heut Abend mit nander sprochen?«
»Ja. Sie hatten sich bestellt und zwar gleich hier, zwanzig oder dreißig Schritte vorwärts von uns.«
»Herrgottle! Da hättens uns ja ganz leicht derwischen konnt!«
»Freilich! Es ist ein Glück, daßt so spät kommen bist. Auch dera Förster kam so spät. Die Bäuerin war ganz zornig auf ihn deshalb.«
»So sinds wohl im Zorn ausnander gangen?«
»O nein, Sie hat ihm verziehen, als sie hörte, weshalb er nicht kommen konnt.«
»Und wohin sind sie nun?«
»Hinaufi zum Dachsberg, wo er nach den Posten zu schauen hat. Da geht sie mit?«
»Das ist ja eine Todsünden!«
»O, es ist eine noch viel größere Sünden, alst Dir denken kannst. Es ist noch viel mehr dabei, alst ahnen magst.«
»Was denn? Du machst mir beinahe eine große Angst.«
»Brauchst keine zu haben!«
»So sags mir, wast meinst!«
»Später, Martha, später! Jetzt ist die Sach noch nicht so reif, daß man von derselbigen zu denen Leutln reden könnt.«
»Du meinst, zu denen fremden Leutln?«
»Ja.«
»Da mußt freilich schweigsam sein. Mir aber kannsts doch sagen?«
»Warum grad Dir?«
»Weil – weil – weil ich doch nicht eine Fremde für Dich bin.«
»Nicht? Was bist denn?«
Sie schwieg.
»Martha, bitte, sag, wast mir bist!«
»Eine – eine – eine Freundin.«
»So! Das glaub ich nicht.«
»O, das kannst glauben.«
»Hasts etwan schon bewiesen?«
»Nein. Aberst gieb mir nur die Gelegenheit, es Dir zu beweisen.«
»Das wird wohl fehlschlagen. Schau, wann man Freund und Freundin ist, so sagt man doch wenigstens einen Gruß und reicht sich die Hand. Hast das than vorhin?«
»Hast Recht, Fritz. Ich hätt grüßen sollt. Aberst alst so da aus denen Bäumen tratst, war ich ganz verschrocken, und nachhero hab ich mich so freut darüber, daß es kein Anderer war. Darum hab ichs ganz vergessen, einen Gruß zu sagen. Nun aber will ich es gleich nachholen. Hier hast meine Hand. Grüß Dich Gott, Fritz!«
»So ists recht, Martha! Grüß Dich Gott! Hast Dich also freut, als ich es war?«
»Ja. Nun aberst stehen wir bereits so lange hier. Wollen doch gehen.«
»Jawohl. Aberst ich hab da ein Bedenken. Auf allen Wegen stehen Posten. Wann Einer uns derblickt, muß er uns anhalten. Dann erfährts Dein Oheim, daßt mit mir gangen bist.«
»Er wirds nicht erfahren.«
»Denkst wohl, sie sagen es ihm nicht?«
»Sie werden uns gar nicht sehen. Die Posten sind bei uns ausgeben worden, und ich war dabei. Ich weiß also, wo sie stehen und wie man gehen muß, wann man keinen treffen will. Kannst also getrost mit mir kommen.«
»O, für mich hab ich keim Sorge, sondern nur für Dich.«
Sie setzten sich in Bewegung; da aber sagte Martha, welche sah, daß er sich ihr mit leeren Händen anschloß:
»Wo hast die Sachen, die Du mitbringen wolltest? Ich hab denkt, Du hast sie hier wohl bei Dir liegen.«
»Ich wollt Einiges mitbringen, doch gab es am Nachmittag so viel zu thun, daß ich gar keine Zeit funden hab, mir was zu besorgen.«
»Das ist schade! Ich hab mich so freut über die Wonne, welche die armen Leutln habt hätten, wannst ihnen auch was hättest geben konnt.«
»Ich werde ihnen was geben und zwar ein Geldl.«
»Das ist auch gut, sehr gut. Das ist ihnen wohl lieber als alles Andere. Zu essen habens bis morgen. Das bring ich ihnen hier im Korbe mit. Von dem Geldl aberst könnens sich kaufen, was sonst nachhero nöthig ist. Wie viel willst geben?«
»Ich hab nicht mehr als fünf Mark heut.«
»O, das ist viel und genug!«
»Denkst wirklich?«
»Ja. Du glaubst gar nicht, welch ein Kapital fünf Mark für solche bluthungerarme Leut sind. Was die sich dafür kaufen, das sollt man gar nicht meinen.«
»Das gefreut mich sehr. Und da hab ich eine noch viel größere Freuden für Dich und für sie.«
»Welche?«
»Das sag ich Dir erst dann, wannst mir auch eine große Freuden machst.«
»Ja, wann ich könnt!«
»Du kannst.«
»So sag es mir.«
»Ich möcht gern haben, daßt Deinen Arm in den meinigen legst.«
»Geh fort!«
»Martha! Willst nicht?«
»Wozu sollt es sein, Fritz?«
»Hier durch den Wald ists besser man führt sich am Arm. Du kennst den Weg besser als ich. Darum möcht ich gern Deinen Arm in den meinigen haben.«
Sie gab ihm den Arm und er nahm ihn in den seinigen, ergriff dabei ihr Händchen, hielt dasselbe fest, damit sie es ihm nicht entziehen könne und sagte:
»So! Ich dank Dir gar schön, daßt mir die Bitt erfüllt hast. Doch ist es auch noch ein anderer Grund, wegen dem ich Deinen Arm gern haben wollt.«
»Welcher wäre das?«
»Ich hab immer hört, daß es gar so herrlich sein soll, wann man mit einem guten, braven Dirndl so Arm in Arm neben nander geht.«
Da wollte sie ihm den ihrigen wieder entziehen; er aber hielt ihn fest.
»Bitte, laß mich los, Fritz!« sagte sie.
»Warum, Martha?«
»Ich hab mich anderst besonnen.«
»So plötzlich!«
»Ja. Es wird doch wohl besser sein, wann wir einzeln gehen.«
»So! Wer hat den vorhin sagt, daß sie meine Freundin sei?«
Sie antwortete nicht.
»Nun, weißt nicht mehr, wer das gewesen ist, Martha.«
»Ich,« sagte sie halb laut.
»Meine Freundin! Und jetzt willst mir nicht mal den Arm lassen!«
»Ich thät ihn Dir so gern lassen; aber wannst so redest, so – – –«
»Nun, wie denn?«
»So – so – ganz wie andere Buben, die ich gar nicht leiden mag.«
»Ists das? Wie soll ich denn reden, damitst mich leiden kannst.«
»So recht verständig und gesetzt und ehrwürdig.«
»Ja, grad wie ein heiliger Eremit! Nicht wahr, so meinst?«
Er lachte dazu. Sie stimmte leise in sein Lachen ein und antwortete:
»Nein. Ganz und grad so doch nicht. Ich kanns Dir nicht gut sagen, wie ich es gern sagen möcht.«
»Darum ists eben besser, Du sagsts gar nicht. Sag mir lieber, wiests noch hast möglich machen konnt, zu kommen.«
»Das war gar nicht schwer. Dera Oheim und die Jägerburschen sind fort und werden vor dem Morgen nicht wieder kommen. Die merken also nix.«
»Aber die Magd!«
»Die ist auf meiner Seiten.«
»Die weiß es also?«
»Ja. Sie hat mir holfen den Korb einpacken.«
»So weiß sie also auch, wohinst gehst?«
»Ja.«
»Weiß sie auch, daß ich heut bei Dir bin?«
»Nein. Das werd ich ihr doch nicht sagen.«
»Warum nicht?«
»Weil – weil – – weil – – –«
Sie stockte. Wäre es am Tage gewesen, so hätte er sehen können, daß eine glühende Röthe ihr schönes Gesichtchen überfluthete.
»Weil – weil – – ich weiß, was hast sagen wollen.«
»Nun was denn?«
»Weilst Dich schämst, mit mir zu gehen.«
Sie blieb sofort stehen, ganz als ob sie sehr erschrocken wäre.
»Fritz, das darfst mir nicht anthun. Thät ich jetzt mit Dir gehen, wann ich mich dafür schämen müßt?«
»Es ist ja Nacht, da siehts Niemand.«
»Grad daß ich in dieser Nacht mit Dir geh und mitten im Wald, daß muß Dir ein Beweis sein, daß ich mich nicht Deiner schäm. Und warum sollt ich mich denn schämen?«
»Weil ich ein armer Knecht bin.«
»So! Und was bin denn ich?«
»Die Nichte und Erbin des reichen Försters von Kapellendorf.«
»Nein, seine Magd, weiter nix, seine Magd.«
»Dera Arbeit nach, das mag wohl sein, aber seine Verwandte bist doch und also auch seine Erbin.«
»Das werd ich niemals werden.«
»Warum? Hat ers zu Dir sagt?«
»Zu mir nicht, aberst zu dera Kronenbäuerin.«
»Du hast die Beiden wohl mal belauscht?«
»Ja, und zwar in finsterer Nacht in unserm Garten.«
»Hm, ja; das trau ich ihnen wohl zu. Und da habens von dera Erbschaft sprochen?«
»Ja. Sie haben sagt, daß sie sich heirathen wollen, wann dera Kronenbauer storben ist, daß sie dann Kindern haben werden, welche die reichsten in dera ganzen Umgegend sein werden. Und die Bäuerin hat verlangt, daß er mich fortjagen soll.«
»Das ist ihr zuzutrauen. Wohin thätst dann gehen?«
»Wohin sollt ich gehen? Ich hab auf dera Welt außer dem Oheim keine Menschenseel', die sich meiner annehmen möcht. Ich thät mir einen Dienst suchen.«
»Und ich mir auch.«
»Warum Du?«
»Nun, wann dera Förster die Kronenbäurin heirathen thät, so müßt ich auch fort. Das kannst Dir denken.«
»Ja. Er scheint auf Dich eifersüchtig zu sein.«
»Dann thät ich mir auch einen anderen Dienst suchen. Und weißt, bei wem?«
»Nun, wo?«
»Da, wo Du wärst. Du die Magd und ich dera Knecht, wir Beid in einem Hause und unter einem Dache, das müßt herrlich sein. Nicht?«
Er drückte ihren Arm fester an sich; sie antwortete nicht. Es war ein wehmüthiger Ernst über sie gekommen.
»Du schweigst, Martha? Wärs Dir nicht lieb, wann wir so bei nander wären?«
»Ja, es war mir freilich lieb. Aberst so weit kommts schon nicht.«
»Warum?«
»Weilst nicht dahin gehen würdest, wo ich bin.«
»Da irrst Dich schon gar sehr.«
»Und soweit ists auch noch gar nicht, daß dera Förster an die Stelle des Kronenbauern kommt, wann dieser storben ist.«
»Warum denkst das?«
»Ich kanns nicht glauben, daß die Bäurin meinen Oheim wirklich lieb hat.«
»Sie geht doch heimlich mit ihm zusammen!«
»Wer weiß, was für einen Grund dies haben mag.«
»Da hast Recht. Jedenfalls hat es einen Grund. Lieben thuts ihn nicht. Weißt, Du bist ehrlich mit mir gewest, und so will ich auch mit Dir aufrichtig sein. Die Bäurin hat mir auch einen Heirathsantrag macht.«
Martha erschrak so heftig, daß sie ihm ihren Arm nicht entzog, sondern förmlich entriß.
»Ists wahr?« rief sie.
»Ja, ich sag Dir natürlich keine Lüge.«
»Wann?«
»Heut, als wir von dera Kapellen mit nander nach Haus gingen.«
»Habs mir denkt!«
»Was, Du hasts Dir denkt?«
»Ich habs ihr ansehen, daß sie Dich lieb hat, sehr lieb.«
»O, das hat doch ganz anders ausschaut, gar nicht nach Liebe. Sie hat ein Gesicht macht wie eine Furie, grad als obs mich fressen wollt.«
»Nein, mich, Dich nicht. Ich bin keine Kluge und Witzige; aberst das ist gleich zu sehen, ob Eine einen Buben lieb hat oder nicht. Wann Sie Dich nicht lieb hätt, könnts ihr doch ganz gleichgiltig sein, wannst bei mir stehst.«
»Das möcht ich beinahe zugeben. Also war sie auf Dich eifersüchtig gewest?«
»Ja.«
»So muß sie Dich also für ein Dirndl halten, der ich gut sein kann.«
Eine solche Dialectik hatte Martha nicht vermuthet.
»Geh,« sagte sie., »Bist auch ein Spitzfindiger!«
»Nein. Aberst ich geb der Bäurin Recht. Selbst wann Einer sie lieb hätt, könntst ihr gefährlich werden. Um wie viel mehr aberst bei Einem, der sie hassen und verachten muß.«
»Das thust wohl?«
»Ja. Sie ist eine Schlimme, so schlimm und gottlos, wiest gar nicht denken kannst. Du wirsts aber schon noch derfahren. Du bist wenigstens ebenso schön wie sie, aberst viel, viel besser, so lieb und so gut, so brav und – – –«
»Schweig,« fiel sie ihm in die Rede. »Das kann ich nicht erhören.«
»Klingts schlecht?«
»Es ist eine Schmeicheleien und die kann ich nicht hören.«
»Wer sagt Dir denn, daß es eine Schmeicheleien sei?«
»Ich hörs denen Worten an. Bitte, sprich nicht davon, sondern lieber von dera Kronenbäuerin! Was hat sie Dir sagt?«
»Daß ich sie heirathen soll, wenn dera Mann todt ist.«
»Herrgott! Dera richtige Heirathsantrag bei Lebzeiten ihres Mannes! Da muß sie doch auch sagt haben, daß sie Dich lieb hat?«
»Ja.«
»Und daß Ihr jetzund bereits schon mit nander gut und – und zärtlich sein wollt?«
»So hat sie sagt.«
»Und was hast Ihr da antwortet?«
»Mit dera heiligen Schrift und den heiligen zehn Geboten. Da ist sie nachhero still gewest.«
»So eine Schlimme und Schlechte!«
»Ja, sie ist so schlimm, daßt mir ihretwegen gleich Deinen Arm entzogen hast.«
»Ich war so ganz verschrocken.«
»Das habe ich merkt. Willst ihn mir nicht wiedergeben, Martha?«
»Nein. Hast auch nicht Wort halten.«
»Wiefern denn?«
»Hast sagt, daßt mir eine Freuden machen willst und denen armen Holzknechtsleutln, wann ich Dir ihn geb.«
»Ach so, das hab ich freilich ganz vergessen. Wannst mir ihn wieder giebst, sollsts erfahren, Martha.«
»Kannsts mir nicht auch so sagen?«
»Ja, das könnt ich schon. Aberst es ist so schön, wenn ich Dich am Arme hab. Magst mir denn nicht den Gefallen thun?«
»Vielleichten nachhero. Erst aberst mußts mir sagen.«
»Gut, ich will nicht hinterrückig sein. Weißt, ich hab einen guten Freund, dem hab ichs sagt, daß ich heute Abend mit Dir nach dem –«
»Herrgottle! Was haßt denn than?«
»Ists was Schlimmes?«
»Ja. Was müssen die Leutln von mir denken? Von einem Dirndl, welches mit einem Buben nach Mitternacht im Wald umherläuft?«
»Die Leutln? Die wissen gar nix.«
»Die werdens aberst von ihm derfahren!«
»Nein. Er ist ein gar Verschweigsamer.«
»Das denkst nur! Ich kenn hier keinen Menschen, keinen einzigen, dem ich so was anvertrauen möcht!«
»Hier? Ja, hier! Da hast Recht. Er ist aber gar nicht von hier; auch hat er ein gutes, liebes Herz und auch einen offenen Beutel. Er hat mir für die armen Leutln ein Geschenk mitgeben.«
»So! Wohl ein Geldl?«
»Ja.«
»Das ist sehr gut. Wie viel?«
»Fünfzig Mark hat er mir geben.«
Da setzte sie das kleine Handkörbchen auf den weichen Waldboden, blieb stehen, ergriff seinen Arm und fragte beinahe athemlos:
»Machst Scherz oder Ernst?«
»Ernst!«
»Hast wirklich fünfzig Markerln mit für die guten Leutln?«
»Fünfzig Markerln, drei Goldstuckerln!«
»O heilige Madonna, welch eine Freuden wird das sein! Fritz, da geb ich Dir gern meinen Arm. Behalt ihn, behalt ihn! Ich nehm ihn Dir nicht wieder. Aberst komm, komm schnell!«
Sie schob ihren Arm in den seinigen und wollte ihn fortziehen. Er widerstrebte:
»Nur sachte, sachte, Martha!«
»Nein, schnell, nur schnell! Komm Fritz!«
Sie riß ihn wirklich eine kurze Strecke mit sich fort.
»Dirndl, Dirndl! Bist ja ganz und gar aus dera Contenance!«
»Ja, wanns fünfzig Markerln sind, so kanns nicht schnell genug gehen, also vorwärts, Bub, vorwärts!«
Sie zog abermals aus Leibeskräften.
»Aberst Dirndl, sollen die Leutln denn diese fünfzig und sodann auch meine fünf Markerln bekommen?«
»Auch das Brod und Andres, was ich ihnen mitbringe. Komm!«
»So! Wo hasts denn, wast ihnen geben willst? Hast ja gar nicht merkt, daßt vor lauter Eifer Deinen Korb hast stehen lassen!«
»Ja, ja! Hast Recht! Was bin ich doch für ein unköpfiges Dirndl! Gleich werd ich ihn holen.«
Sie holte den Korb, schob dann abermals den Arm in denjenigen des Knechtes und zog ihn, der nun unweigerlich folgte, schnell mit sich fort.
Sie konnten es nicht erwarten, die glücklichen Gesichter zu sehen. Gut war es, daß sie sich beinahe am Ziele ihrer nächtlichen Wanderung befanden. Sie gelangten nach kurzer Zeit in ein waldiges Thal, auf dessen Sohle sich ein munteres Bächlein murmelnd hinschlängelte. Da stand, vom Monde hell beschienen, eine niedrige Hütte, halb aus rohen Steinen, halb aus unbehauenem Holz errichtet und mit Moos verstopft. Zwei Oeffnungen, anderthalb Fuß hoch und eine Hand breit, bildeten die Fenster. Die Thür war niedrig und so rissig, daß man ohne große Mühe durch sie das ganze Innere überschauen konnte.
Die Beiden schlichen sich leise hinan und guckten hindurch.
Das Innere wurde durch einen brennenden Kienspan erleuchtet. Einen Ofen gab es nicht. Eine auf mehreren Feldsteinen ruhende Platte bildete den Heerd. Der Rauch konnte sich, da es keinen Schornstein gab, den Ausweg ganz beliebig suchen. An Möbeln war ein Schemel, ein alter Tisch und ein Bret, auf welchem die wenigen vorhandenen Koch- und Tischgefäße standen, vorhanden. Auch von Bettstellen war keine Rede. Die eine Hälfte des Raumes war fußhoch mit trockenem Wassermoos und Laub bedeckt. Das war das Lager, auf welchem die Glieder der Familie in allen möglichen Stellungen Platz genommen hatten.
Dort, wo der Kienspan brannte, saß auf einem Baumklotze, welcher den Stuhl bildete, eine abgezehrte, bleiche Frau, welche sich Mühe gab, ihrem vor Hunger schreienden Säuglinge die Nahrung zu geben, welche in der hageren kranken Brust nicht mehr vorhanden war.
Martha wendete sich erröthend von diesem Anblicke ab, und doch standen bereits Thränen des Mitleides in ihren Augen.
»Klopf an, Fritz,« bat sie leise.
»Gehst doch allein hinein?«
»Nein. Du mußt doch auch mit!«
»Ich?« meinte er verlegen. »Ich thu es nicht gern.«
»Warum?«
»Weil – weil – weil mir das Herz brechen thät, wenn ich so ein Elend anschauen müßt.«
»Wirst dann auch gleich eine desto größere Freuden schauen.«
»Wenn auch! Ich bleib lieber hier außen.«
»So geh auch ich nicht hinein!«
»Martha! Bist so eigensinnig? Das hätt ich nicht dacht.«
»Nein, eigensinnig bin ich nicht. Ich will Dir es auch gönnen und zeigen, was für eine Seligkeiten es ist, wenn man so einem Elende Linderung bringen kann.«
»Das glaub ich wohl. Aberst muß man dann dabei sein?«
»Nein; das ist wahr.«
»Also geb ich Dir das Geldl. Du nimmsts mit hinein, und ich thu hier warten.«
»Nein. Ich versteh Dich wohl. Du bist halt ein gar guter und edler Bub. Du willsts nicht haben, daß diese Leutln sich bei Dir bedanken müssen. Hab ich Recht oder nicht, Fritz?«
Er zögerte mit der Antwort.
»Nun, sag mirs doch!«
»Ja, Martha, ich thät wohl ein gar albernes Gesicht dabei machen, wanns sich bei mir bedanken müßten.«
»Hab ich es mir doch gleich denkt, daß es so ist, aberst da kommst bei mir nicht gut an. Wer Böses thut, soll auch die Straf erleiden, und wer seinen Mitmenschen Gutes erweist, der darf sich nicht ihrem Dank entziehen.«
»Aberst dazu fehlt mir das Geschick!«
»Das wird sich schon einfinden. Weißt, lieber Fritz, wenn diese Leutln sich nicht bedanken dürfen, so thut es ihnen wehe. Sie sind keine Bettlern, sondern nur durch die Krankheit so arm worden. Ihr Dank ist das Einzige, was sie geben können und den gebens doch gar so gern. Wer den Dank abschlägt, der wirft eine Last auf die Seele dessen, der empfängt. Die Gabe ist dann nix werth, ja, sie ist ein Wehe, welches man den Leutln zufügt. Also gehst mit hinein! Nicht wahr?«
»Lieber Fritz!« hatte sie sagt. Wie wohl diese zwei kleinen Worte aus diesem geliebten Munde seinem Herzen thaten. Er hätte ihr jetzt viel, viel zu Gefallen thun, ihr in der Ueberfülle seines Herzens große und schwere Opfer bringen können, und dennoch zögerte er, ihr diese kleine Bitte zu erfüllen. Sein bescheidener Sinn, sein Charakter sträubte sich gegen den Dank, den er voraussichtlich hier empfangen mußte.
»Also, bitte, bitte, Fritz!« wiederholte sie, indem sie ihn bei der Hand nahm.
Er vergaß dieses kleine, liebe Händchen zu drücken und antwortete stockend:
»Martha, thu mir den einzigen Gefallen und laß mich hier außen. Ich werd Dich hier erwarten.«
»Nein. Du mußt mit hinein.«
»Ich kann nicht. Ich reiß aus!«
»Ich werd schon dafür sorgen, daßt mir nicht entkommst!«
Sie faßte ihn fest beim Aermel und klopfte an.
Drin wurde es still. Sogar der Säugling schwieg auf einige Augenblicke. Die sorgenvollen Gesichter erheiterten sich, und die hungernden Kinder richteten sich von ihrem Lager auf.
Sie hatten heute vergeblich auf ihre reizende Wohlthäterin gewartet. Da es klopfte, hofften sie, daß diese es sein werde.
»Herein!« bat die Frau, die Augen mit hoffnungsvollem Blicke nach der Thür gerichtet.
»Martha, laß los! Es wird mir ganz dumm im Kopf, wenn ich mich so anschauen lassen soll!«
»Ach was! Schau sie nicht an! Drehe ihnen den Rücken zu!« antwortete sie.
Während sie ihn mit der einen Hand fest hielt, öffnete sie mit der anderen die Thüre.
»Bücke Dich, Bub, sonst stößt Dir der Kopf eini!« lachte sie.
Dabei faßte sie ihn beim Kragen, zog seine Schultern in eine gebeugte Stellung nieder und schob ihn mit einem kräftigen Stoße zur Thüre hinein.
»Himmelsakra!« rief er aus. »Die duldet keinen Widerspruch! Mit so einer ist schlecht Kirschen essen. Die wirft Einem die Kernen alle an den Kopf!«
»Ja, das thu ich auch, wannst nicht parirst,« lachte sie, indem sie eintrat und die Thür hinter sich zumachte. »Grüß Gott, liebe Leutln! Heut komm ich spät. Es ging nicht anderst. Seht Ihr auch, wem ich Euch da mitbringen thu?«
Die Frau hatte gleich als Martha klopfte, ihre Brust mit einem Fetzen oedeckt, von welchem man nicht genau sagen konnte, ob er das Hemde oder die Jacke sei. Sie hatte den Knecht mit einigem Erstaunen betrachtet und antwortete nun:
»Das ist ja dera Fritz aus dem Kronenhofe. Ein braver Bub. Der ist wohl Dein Bräutgam, Martha?«
Fritz lehnte in größter Verlegenheit an der Wand. Martha wußte nicht sogleich, was sie sagen sollte, wurde aber glücklicher Weise der Antwort überhoben, denn der kranke Holzknecht machte auf seinem Lager eine für seine geschwächten Kräfte sehr rasche Bewegung und sagte mit matter Stimme:
»Dera Fritz? Ja, er ists! Das ist ja ein guter Besuch! Willkommen, Fritz!«
»Grüß Gott!« antwortete der Knecht, froh, daß er einen Laut von sich geben durfte, ohne seine Verlegenheit merken lassen zu müssen. »Grüß Gott, Leutln! Ich hab hört, daß es Euch nicht gut ergeht.«
»Leider ists schlimm genug,« antwortete die Frau. »Seit mein Mann krank worden ist, da hat es uns stets – –«
Das, was sie weiter sagte, wurde durch das Geschrei des Säuglings übertäubt, welcher jetzt seine Stimme wieder erhob, und zwar kräftiger als vorher.
»Herjesses, Herjesses!« rief Martha, halb erschrocken und halb scherzend. »Hat das eine Stimmen! Aberst ich weiß schon, was ihm fehlt. Er schreit noch dera Milchen. Die ist sein Lieblingstrank. Ich hab sie ihm mitbracht, und er soll sie sogleich haben.«
Sie bückte sich zu ihrem Korbe nieder, welchen sie auf den Boden niedergesetzt hatte.
Erst jetzt fiel Fritzen auf, wie eigenthümlich das Mädchen gekleidet war. Sie trug ungewöhnlich lange Röcke, und zwar war sie unten so dick, daß man hätte meinen mögen, sie habe eine Krinoline oder ein ganzes Dutzend Röcke an. Darüber war eine große Jacke zu sehen, unter welcher sie ein breites, langes, wollenes Tuch um den Oberleib geschlungen hatte. Sie war in Folge dessen fast noch einmal so dick als sonst.
Sie brachte eine Rolle aus dem Korbe und fuhr erklärend fort:
»Gleich bevor ich fortging, hab ich noch die schwarzschecketen Kuh molken und die Milch in eine Flasche than. Sie war ganz lebenswarm, und da hab ich sie in Strickwolle einischlagen, daß sie unterwegs nicht kalt werden soll. Da ist sie, die Milch für das kleine Büberl und das Strickgarnen für Dich, daßt Dir ein Paar Strümpfen stricken kannst.«
Sie gab Beides der Frau, welche die Milch noch warm genug fand, sofort einen Sauger auf die Flasche setzte und sich dabei in regen Dankesworten erging.
»Schweig!« wurde sie von Martha unterbrochen. »Schau lieber mal her zu mir! Wie gefall ich Dir heut?«
Dabei drehte sie sich lustig einige Male rundum, um sich von allen Seiten ansehen zu lassen. Die Frau antwortete, indem sie dem jetzt schweigenden Säugling zu trinken gab:
»Ja, wie schaust denn aus, Martha? Hast wohl gleich den ganzen Kleiderschranken angezogen?«
»Der Kleiderschranken nicht, aberst meine Truhen, in welcher ich die Kleider aufbewahr, die noch von meiner Muttern stammen. Ich hab denkt, daß sie Dir passen werden und Dir das Beste davon mitbracht. Willsts haben?«
»Herrgottle, Martha! Bist ja selberst ein armes Waisendirndl! Wie kannst so was verschenken wollen?«
»Hab keine Sorg um mich! Ich nehm mir mal einen steinreichen Mann, der mir andere Sachen kauft. Ich hab keinen Packt machen wollen, den ich tragen muß darum hab ich die Sachen gleich anzogen. Vorerst aberst wollen wir erst den Hunger stillen, den die Kinder haben werden!«
Sie theilte den Inhalt des Korbes, welcher aus gestrichenen Butterbroden bestand, an Eltern und Kinder aus. Das wurde mit wahrer Gier verschlungen. Dann meinte sie:
»Und nun will ich meine Kleidertruhen von mir legen. Wollen schauen, was Alles dazu gehören thut. Paßt mal aufi!«
Sie putzte die riesige Schnuppe von dem brennenden Kienspan, so daß die Flamme heller zu leuchten begann, und stellte sich sodann in den Schein derselben, damit die Anwesenden deutlicher sehen konnten, was sie thun werde.
Dann knöpfte sie die große Jacke auf, zog sie aus und warf sie von sich, auf einen freien Theil des Moos- und Blätterlagers.
»Das ist dera eine Spenzer,« sagte sie. »Wart nur; es kommen noch einer und – – noch einer.«
Bei diesen Worten warf sie nach einander zwei Jacken ab, welche sie über einander gezogen hatte, dazu das bereits erwähnte Tuch. Nun erst zeigte sich das Mieder, welches sie heut am Nachmittag getragen hatte.
»Und jetzund nun kommen die Rück und die Schürzen daran. Paß mal aufi!«
Bei diesen Worten knüpfte sie drei Schürzen und drei Röcke los, welche sie zur Erde fallen ließ und stand nun ganz so da, wie sie an der Kapelle gewesen war. Sie legte die Sachen zu den andern auf das Lager und sagte, lustig die Hände zusammenschlagend:
»So, da hab ich mich halt ausgeschält und bin nun nicht mehr die dicke Schlampampen mit dera Riesentaljen wie vorher. Frau, wie gefallt Dir das?«
Der Säugling hatte getrunken und war nun ruhig. Die Frau legte ihn von sich und antwortete:
»Martha, wast da thust, ist doch wohl nur ein Scherzen?«
»O nein. Diese Sachen sollen Dir gehören. Komm her, und thu sie mal an, damit ich schau, wie sie Dir auch passen.«
»Das kann ich doch gar nicht glauben.«
»Wannsts nicht glaubst, so kannst mich grad beleidigen. Willst das etwan thun?«
»Nein, kränken will ich Dich nicht. Das war ja gar eine Sünden bei so einer extra braven Personen, wie Du bist. Aber so ein armes Schacherl, wiest selberst bist, darf doch nicht so große Geschenken machen. Ich darf mich nicht an den Deinigen Sachen vergreifen. Denk nur mal daran, daßts selber brauchen thust!«
»O nein. Sie passen mir gar nicht. Was will ich mit ihnen thun?«
»Kannst sie ändern lassen, damit sie Dir nachhero auf den Leib passen.«
»Ach geh! Da wird auch nix Gescheidtes draus.«
»Aberst so viel, so gar viel!«
»Ich geb halt grad so viel, wie ich hab. Und wannsts nicht nehmen willst, so trag ichs wieder fort und gebs nachhero einer Anderen, mit welcher ich mich nicht so zu ärgern brauch. Aberst ins Haus komm ich Dir dann nicht wieder. Darauf kannst Dich nur verlassen.«
»Also ists wirklich Dein Ernst?«
»Mein völliger!«
»Nun gut, so muß ichs schon nehmen, um nur an Dir nicht eine gar so schlimme Feindin zu bekommen.«
»So schau es an, aberst schnell! Ich kann es halt gar nicht derwarten, zu sehen, ob es Dir auch passen wird.«
Nun wurden die Sachen angeprobt. Die arme Frau schwamm in einem Meere von Wonne, da sie sah, daß sie die Kleidungsstücke anziehen und tragen könne. Sie richtete ihren schwerkranken Mann in sitzende Stellung empor, damit auch er sie richtig betrachten könne. Selbst die Kinder machte sie auf jedes einzelne Kleidungsstück aufmerksam, welches sie anlegte. Es war eine Freude und ein Jubel, wie er in diesem ärmlichen Räume selten stattgefunden haben mochte.
Und Martha war die Allerglücklichste unter ihnen. Sie half die Kleider anlegen. Sie war ganz Wonne. Ihr Gesichtchen strahlte förmlich im Glücke des Wohlthuns. Ihre Bewegungen waren so gewandt und schnell; ihre Stimme klang wie ein silbernes Glöcklein. Fritz wurde gar nicht müde ihr zuzusehen und vermochte es kaum, den Blick einmal für einen Augenblick von ihr abzuwenden.
»So,« sagte sie endlich, als Alles anprobirt worden war. »Jetzunder sind wir fertig. Nun hab ich sehen, daß Alles paßt, und ich freu mich königlich, daßt die Kleidern so schön tragen kannst.«
»Ja,« nickte die glückliche Frau. »Nun darf ich auch mal in die Kirch gehen, denn ich kann einen Staat machen, wie die reichste Bauerfrauen ihn nicht besser hat. Jetzund, wenn ich noch ein Geldl hätt für ein Paar Schuhen und eine Hauben, nachhero war ich das feinste Weib in der ganzen Gegend rings umher.«
»Das kannst,« antwortete die Martha. »Ein Paar Schuhen sollen werden.«
»Das möcht ich aberst wissen, woher.«
»Vom Fritz dahier.«
Die Frau wandte sich zu dem Knecht und sagte lachend:
»Ja, will mir denn dera Fritz etwan ein Paar alte Schuhen von sich schenken? Da würde ich bald probiren, obs mir an den Fuß passen thun.«
Jetzt war es an ihm, ein Wort zu sagen, aber er brachte nichts hervor.
»Na, Fritz, so red doch auch mal!« forderte Martha ihn auf.
Er fuhr sich mit der Hand in die Haare und brummte dann Etwas, was Niemand verstehen konnte.
»Red lauter! Man weiß ja gar nicht, wast sagen willst.«
»Ja, das weiß ich selberst auch nicht,« gestand er aufrichtig.
»Na, das wirst doch wissen.«
»Wahrhaftig nicht. Ich hab Dir gleich sagt, daßt mich hier nur in die Verlegenheiten bringen thust. Hättst mich gar nicht mit herein nehmen sollen!«
»Schau, wiest reden kannst, wannst mir einen Vorwürfen machen willst! Jetzt sagst gleich, wast eigentlich hier wollt hast.«
»Sappermenten! Jetzunder zerrts mich gar beim Zügel. Da muß ich gehorchen.«
»Ja, das verlang ich auch von Dir! Also sag, was hast hier wollt?«
»Was ich wollt hab? Hm, ich glaub, ich hab was mitbringen wollt.«
»Was denn?«
»Ein kleines Geldl ists gewest.«
»Gewest? Es ist ja noch.«
»Na freilich ists noch.«
»So thu es doch herausi!«
»Ja, nachdem Du gar so viel herschenkt hast, getrau ich mich gar nicht hervor mit denen paar Groschen, die ich geben wollt.«
»Bist ein talketer Bub! Hier wird Alles angenommen. Heraus damit!«
»Giebs lieber selberst.«
Er zog sein Fünfmarkstück aus der Westentasche und gab es Martha; diese hielt es der Frau hin und sagte:
»Da hast! Das ist vom Fritz. Es sind nur fünf Markerln, aberst er hat nicht mehr abthun konnt. Er ist ein armer Knecht und kann keinen Hunderter geben.«
Die Frau hielt das Geldstück in das Licht des Kienspanes, betrachtete es mit freudeglänzenden Augen und rief:
»Fünf Markerln, fünf volle Markerln! Wahrhaftig, es sind fünf. Und das willst uns schenken, Fritz?«
»Ja, wannsts nehmen willst,« nickte er.
»Es ist ja zu viel!«
»Nein. Ich hatts grad übrig.«
»Aberst ich sag dennoch, daß es zu viel ist.«
Das gab ihm den Muth, zu reden. Er antwortete:
»Es ist nicht zu viel. Mußt bedenken, daß mancher Knecht so viel und auch noch mehr auf dem Saal vertrinken und vertanzen thut. Und weil ich nicht auf den Tanz geh, so kann ich mal fünf Markerln verschenken. Also nimms getrost. Machst mir eine große Freuden damit.«
»Ists Dir wirklich eine Freuden?«
»Ja, kannsts glauben. Wann man es vertanzt oder gar verspielt hat, so thuts halt keinen Nutzen. Hier aberst werd ich gar lang daran denken, daßt Dir was Notwendiges davon hast kaufen können.«
»Wann es so ist, so nehme ichs freilich gern. Hier hast meine Hand dafür, Fritz, ich dank Dir gar schön. Und mein Mann will sich auch bedanken. Schau, er reicht Dir bereits die Hand entgegen.«
»Ich auch – ich auch – ich auch!« riefen die Kinder und streckten dem Knechte die Hände hin. Er drückte sie alle. Die Leute weinten vor Freude, und die Frau sagte schluchzend:
»Nun kann ich meinem Mann mal ein Fleisch kaufen. Dera Doctor hat sagt, daß ihm keine Medizinen hilft. Er soll fleißig Bullerong trinken von Rindfleisch, und Hühnerfleisch soll er essen und gar noch einen Wein trinken. Dann thät er schnell wieder gesund werden. Aberst woher soll ich den Wein nehmen und die Hühnern? Wenigstens kann ich nun vom Kuhfleisch ihm eine Bullerong kochen. Das wird ihm gut thun.«
»Wart, sollst auch Hühnern kaufen können,« sagte Martha.
»Ich? Was denkst! Woher soll ich das Geldl nehmen, wann eine Henne zwei Markln kostet und noch mehr.«
»Woher? Hm! Das wüßt ich schon.«
»So? Du? Willst mir vielleichten ein Lotterielos schenken, was gewinnen thut?«
»Nein. Brauchst doch nur junge Hähnderl zu kaufen. Da kannst eins schon für fünfzig Pfennige erhalten. Hier auf dem Dorf sinds ja billiger als in dera Stadt.«
»Hast Recht. Aberst fünfzig Pfennigen, das sind auch bereits eine halbe Mark. Von denen fünf Markerln könnt ich da freilich zehn Hähnderln kaufen; aberst es giebt noch andera Dingen, die auch nothwendig sind und bezahlt werden müssen.«
»Geh weg!« lachte das schöne, glückliche Mädchen. »Ich weiß Einen, der kann Dir so viel geben, daßt Dir gleich ein ganzes Hundert Hähnderln kaufen kannst.«
»Hundert? Herjesses!« rief die Frau, die Hände zusammenschlagend.
»Glaubsts etwan nicht?«
»Nein.«
»Es ist aberst wahr!«
»Nein; das kann nicht wahr sein.«
»Warum nicht?«
»Hundert Hähnderln zu fünfzig Pfennigen eins; das wären ja gar fünfzig ganze Markerln.«
»Ja, fünfzig!« nickte Martha.
»Und die wollt mir Einer geben?«
»Ja.«
»Aber wer denn?«
»Auch dera Fritz.«
»Dieser Fritz dahier?« fragte die Frau ungläubig, indem sie auf den Knecht deutete.
»Ja, ganz derselbige.«
»Da machst nun freilich ein Gespaß!«
»Nein. Frag ihn nur selberst.«
»Da brauch ich halt gar nicht zu fragen. Fünfzig Markerln kann nur Einer verschenken, der eine Millionen im Beutel hat.«
»Vielleichten hat derjenige so viel, ders ihm für Dich geben hat.«
»Was? Es hats ihm Einer geben?«
»Ja.«
»Wer ist denn der reiche Gute?«
»Das hab ich ihn auch schon fragt; aberst er sagts halt nicht.«
»So! Also wär es wirklich – – doch nein, es kann nicht sein!«
»Freilich, es ist so! Fritz, ists wahr oder nicht?«
»Ja,« stimmte der Knecht bei. »Es ist ganz gewiß wahr.«
»So thue es doch herausi!«
Erst jetzt zog Fritz den Beutel, nahm die drei Goldstücke heraus und gab sie der schönen Förstersnichte. Er hätte sie ja gleich der Frau direct geben können, aber es war ihm, als sei es viel besser und schöner, wenn das Geld durch die Hand der Geliebten gehe.
Diese ließ die Stücke einzeln im Lichte des Kienspanes funkeln und sagte:
»Schau her, was ist das?«
Die Frau trat näher und rief:
»Herjesses! Das sind ja Goldstuckerln!«
»Freilich! Wie viele?«
»Drei.«
»Und was gelten sie?«
»Das weiß ich freilich nicht.«
»Nicht? Wirsts doch wissen!«
»O nein. Wir haben noch niemals so ein Goldstuckerl besessen; auch nicht mal in denen Händen hab ich eins habt. Wie kann ich es da wissen, wie viel es gelten thut.«
»So werd ich es Dir zeigen. Mach gleich mal die Hand auf, und halt sie her. So! Paß auf!«
Sie hielt mit der Linken die Hand der Frau und zählte mit der Rechten die Goldstücke einzeln hinein. Dazu sagte sie:
»Schau, das sind zwanzig Markerln. Wie viel? Sag es nach!«
»Zwanzig.«
»Und hier wieder ein Zwanzigmarkerl. Wie viel nun zusammen?«
»Vierzig.«
»Schön! Und dieses kleine ist ein Zehnmarkerl. Da hasts! Wie viel ists nun zusammen?«
»Fünfzig.«
»Nun also! Glaubsts jetzt endlich?«
»Ja; aberst das Geldl ist nicht mein.«
»Nicht? Hasts doch in dera Hand.«
»Er wirds natürlich gleich wieder haben wollen.«
»Daran denkt er gar nicht. Fritz, sag, willsts etwan wieder?«
»Nein,« antwortete der Gefragte, indem er sehr nachdrücklich mit dem Kopfe schüttelte.
Die Frau blickte erst ihn und sodann Martha an, machte ein ganz verblüfftes Gesicht und sagte:
»Wann er es nicht will, so ists also doch Dein. Da nimms, Martha!«
»Fallt mir gar nicht eini. Schau, ich hab den Fritz heut troffen und ihm sagt, daß ich zu Euch will. Er hat meint, daß es wegen dem Samiel zu gefährlich für mich ist, allein zu gehen. Darum hat er mich beten, mitkommen zu dürfen, und ich habs ihm derlaubt, weiter ein gar so Braver ist.«
»Ja, das ist er. Das wissen alle Leutln. Darauf kann man schwören.«
»Und nachhero hat er Einen troffen und ihm von Eurer Noth verzählt. Dem ist das Herz aufigangen, und er hat dem Fritz diese fünfzig Markerln für Euch mitgeben. Nun sind sie also Euer.«
Da kam hinten aus der Ecke ein ganz unbeschreiblicher Ton hervor. Die Drei blickten hin. Da lehnte der arme Holzknecht an der Wand und weinte grad aus vor Freude. Weil ihm aber seine kranke Brust dabei unendlich schmerzte, wollte er das Schluchzen unterdrücken, und so gab es einen Ton, den man mit gar nichts vergleichen konnte.
»Mann, mein lieber, lieber Mann! Sei still. Thu Dir nur keinen Schaden!« rief die Frau voller Sorge, eilte hin, kniete zu ihm nieder und nahm seinen Kopf an ihre Brust.
»Ich kann – – ja nicht – anders. Ich muß – – weinen!« schluchzte er.
»Ja, ich kann mich auch nicht halten!« rief sie, indem sie einstimmte.
Die Kinder weinten natürlich auch mit.
Martha ergriff die Hand Fritzens und blickte mit feucht schimmernden Augen zu ihm auf. Er machte ein ganz unbeschreiblich grimmiges Gesicht, drückte die Lippen zusammen, knirschte mit den Zähnen; hatte aber doch nicht die volle Kraft, sich zu beherrschen und brach dann plötzlich in ein lautes Schluchzen aus.
»Fritz!« bat Martha.
»Ja, zum Sapperloten!« schluchzte er. »Daran bist nun schuld. Nun steh ich da und heul wie eine Kinderammen. Wannst mich nicht mit hereini nommen hättst, stand ich nun draußen in dera Sicherheiten und braucht mich nicht auslachen zu lassen!«
»Wer lacht Dich denn aus?«
»Doch Du!«
»Ich! Schau mich doch an, ob ich so ausschau, als ob ich über Dich lachen könnt!«
Er blickte sie durch Thränen an und sah allerdings, daß sie auch weinte.
»Ja, nun flennst und grinsest auch!« sagte er. »Das hat man davon, wann man denen Dirndln folgt. Aberst es soll mich – – –«
Er kam nicht weiter, denn die Frau war wieder aufgestanden und herbei gekommen. Sie ergriff seine Hand und fragte:
»Fritz, ists so wahr, wie die Martha sagt hat?«
»Freilich ists so.«
»Das Geldl ist also nicht von Dir?«
»Nein.«
»Sonst könnt und dürft ichs nicht nehmen, weilst selberst ein armer Teuxel bist. Aberst mußt mir auch ganz die Wahrheit sagen. Ists wirklich von einem Anderen?«
»Himmelsakra! So glaubs doch nur.«
»Wer ists denn?«
»Er hats mir verboten, es zu sagen.«
»Kannsts mir dennoch sagen.«
»Nein. Mein Wort muß ich halten.«
»Aberst ein hiesiger ists?«
»Nein. Es ist ein Fremder.«
»Den ich nicht kennen thu?«
»Sehen hast ihn wohl schon einmal. Aberst nun frag nicht weiter; ich weiß sonst gar nicht, was ich antworten soll. Behalts Geldl, und kauf Dir davon, wast brauchen thust.«
»Also behalten kann ichs, wirklich, wirklich?«
»Ja doch! Es ist Dein. Hasts ja längst schon paarmal hört.«
»Mann, hasts hört? Hasts verstanden? Es ist unser! Wir dürfens behalten! O Du lieber Herrgott im Himmel droben, und Du heilige Mutter Gottes! Was für eine Freud und Wonnen das ist. Hier, Mann, nimm das viele Geld doch mal in die Hand. Und giebs auch denen Kindern. Sie sollen auch sehen, wie es ist, wann man so gar sehr reich ist.«
Sie gab die drei Goldstücke dem Manne in die Hand und legte sie auch jedem Kinde auf einige Augenblicke hinein. Dabei rief sie immer:
»Fünfzig Markerln, fünfzig ganze Markerln. Welch ein Geldl! So reich sind mir im ganzen Leben noch nicht west. Martha, ich kanns mir gar nicht ausrechnen. Sags doch mal denen Kindern, wie viele Groschen das sind!«
»Fünfhundert.«
»Und wie viele Pfennige?«
»Fünftausend.«
»Mein grundgütiger Himmel! Fünftausend Pfennigen! Hasts hört Mann?«
»Ja, fünftausend!« schluchzte er.
»Was man sich dafür kaufen kann. Fünftausend Pfennige können doch gar nimmer alle werden! Steht aufi, Ihr Kinder, und bedankt Euch bei denen Beiden. Sie sind zu uns kommen, wie die wahren Engel vom Himmel abi. Bedankt Euch gleich!«
Jetzt kamen nun allerlei Gestalten unter den Lumpen, welche als Decke dienten, hervor. Es gab ein Händedrücken, welches kein Ende nehmen wollte, bis Fritz sagte:
»Martha, komm, wollen gehen. Wanns so fort währt, so weiß ich halt gar nicht mehr, wie viele Händen die meinigen sind.«
»Nein, bleibt nur – bleibt!« bat der Kranke. »Ich muß – mich doch auch – – bei Euch bedanken!«
Er streckte ihnen seine beiden hageren Hände hin. Da er nicht aufstehen konnte, mußten sie zu ihm hin. Die ungewöhnliche Gemüthsbewegung strengte ihn an. Er begann zu husten, und zwar so, daß es den Beiden Angst und Bange wurde.
»Das hat man davon!« sagte Fritz. »Nun wird dera Aermste wiederum krank. Wann ich draußen blieben wäre – – –«
»So hätt er jetzt auch husten,« fiel Martha ihm in die Rede. »Das bringt einmal die seinige Krankheit mit sich.«
»Ja, was hat er denn für eine?«
»Weißts noch nicht?«
»Ich habs hört. Es soll gar die Schwindsuchtsverzehrungen sein. Das ist eine gar böse Krankheiten, und er mag sich nur fein dagegen stemmen, daß sie ihn nicht gar umreißt.«
»Nein, die Schwindsuchten ists nicht,« berichtigte die Frau. »Es ist was ganz Anderes. Es ist nämlich – – –«
»Weib!« fiel ihr Mann ihr in die Rede.
»Was willst?«
»Sei still!«
»Warum? Wohl weil wir Niemand was sagen sollen?«
»Ja. Du weißt – daß er – es uns verboten hat.«
»Ja, das weiß ich gar wohl.«
»Also schweig! Es ist zu gefährlich.«
»O, diesen beiden guten Leutln werd ichs dennoch sagen. Ich fürcht mich nicht.«
»Es ist auch nicht blos wegen uns.«
»Meinst wohl auch wegen ihnen?«
»Ja. Wann er – es merkt, daß – – sie es wissen, so – – gehts ihnen schlecht.«
Er stieß diese Worte nur hustend hervor.
»O, die werden schweigen; die werden es Niemandem sagen. Nicht wahr, Martha?«
»Wir werden nix ausplaudern,« antwortete sie.
»Und grad Ihr habts doch verdient, daß wir keine Lügen machen, sondern Euch die Wahrheiten sagen. Mein Mann hat nicht die Schwindsuchten und auch nicht die Auszehrungen, sondern er ist schossen worden.«
»Schossen? Herrgottle! Von wem?«
»Von – von – – kannsts nicht rathen?«
»Nein.«
»Und doch ists so leicht.«
Da meinte Fritz:
»Etwan vom Samielen?«
»Ja.«
»Donnerwetter! Wann?«
»O, bereits seit langer, langer Zeit.«
»So ist er troffen worden?«
»Ja, durch die Brust.«
»Himmel! Ist die Kugeln herausi?«
»Ja. Sie ist vorn hinein und hinten wieder herausi.«
»Und wie steht es denn mit dera Wunden? Ist sie zuheilt?«
»Nein. Sie ist hinten und vorn offen. Sie eitert nach denen beiden Seiten hin.«
»Was sagt dera Arzt dazu?«
»Mein Mann soll recht viel Bullerong und Wein trinken.«
»Dera Kerl ist verrückt.«
»O nein. Er hat ja meinen Mann noch gar nicht sehen.«
»Wie? Was? Noch gar nicht sehen? Das ist doch gar nicht möglich!«
»O doch. Ich hab ihn gar nicht zu uns bestellt. Ich hab ihm auch nicht sagt, daß mein Mann schossen worden ist. Ich bin zu ihm in die Stadt gangen und hab ihm sagt, daß mein Mann krank und schwach ist und viel husten thut. Darauf hat er mir einen Thee geben – – –«
»Weilst eine andera Arzneien nicht bezahlen kannst?«
»Ja.«
»Und herauskommen ist er auch nicht, weilst kein Geldl hast, die Rechnung zu zahlen.«
»So hat er dacht. Nachhero als dera Thee nix holfen hat, hat er uns eben Huhnerspeis rathen und Wein und Bullerong. Da wird mein Mann wieder gesund werden.«
»Nein. Kränker wird er werden, und sterben muß er!«
»Herrgott! Denkst das wirklich?«
»Jawohl.«
»So machst mir himmelangst und bange!«
»Du mußts doch dem Arzt sagen, was dem Patient geschehen ist.«
»Das darf ich doch nicht.«
»Warum?«
»Dera Samiel hats doch verboten.«
»Auch das noch! Erst schießt er ihn, und nachhero verbietet er Euch, es zu sagen.«
»So ists leider gewest.«
»Verzähl mirs doch einmal.«
»Weib!« warnte der Mann. »Nimm Dich in Acht!«
»Ach geh!« antwortete sie. »Diesen beiden guten Leutln muß ich es sagen.«
»Ja, sags,« bat Fritz. »Vielleicht giebts einen guten Rath und dann noch Rettung hinterdrein. Also, wie ists gewest?«
»Mein Mann war im Wald um Holz zu fällen. Er hat des Abends bei denen Baumstämmen gelegen, um da zu schlafen. Er hat kein Glied bewegt. Da auf einmal ist ein Schuß fallen, so hart neben ihm, daß er aus dem Schlaf aufwacht und aufsprungen ist. Dera Mond hat scheint. Drüben am Waldessaum ist ein Hirschen hinstürzt, und hüben, gar nicht weit von meinem Manne hat dera Schütz standen.«
»Dera Samiel?«
»Ja, schwarz angezogen mit einem breiten Hut und einer schwarzen Larven vor dem Gesicht.«
»Das ist er; ja, das ist er. Weiter!«
»Kaum hat dera Samiel meinen Mann sehen, so hat er den zweiten Lauf auf ihn abschossen, so daß mein Mann sofort hinstürzt ist und die Besinnungen verloren hat.«
»Kreuzhimmelsakra!« rief Fritz, alle Vorsicht vergessend. »Wart, das werd ich Dir anstreichen.«
»Wem?« fragte die Frau.
»Dem Samiel.«
»Kennst ihn denn?«
Erst jetzt erkannte der Bursche, daß er sich zu weit hatte hinreißen lassen. Er antwortete:
»Nein. Woher sollt ich ihn kennen?«
»Weilst sagst, daßts ihm anstreichen willst.«
»Weil ich denk, daß ich ihm schon mal begegnen werd. Dann aberst werd ichs ihm mit Fäusten gedenken.«
»Nimm Dich in Acht!«
»O, den Kerlen fürcht ich nicht.«
»Er ist aberst fürchterlich!«
»Für mich nicht. Verzähl weiter.«
»Als mein Mann wiederum zu sich kommen ist, sind zwei Samiels vor ihm standen anstatt nur einer. Denk Dir nur!«
»Kanns mir schon denken!«
»Wie? Das kannst Dir denken?«
»Ja, weil alle seine Leutln sich grad so anzogen haben wie er selbst.«
»Das ist die Möglichkeit. Also sie haben bei ihm standen und daneben hat dera Hirschen legen. Sie haben meinen Mann auszogen habt und ihn verbunden. Der Eine hat ihm verboten, von der Sach zu erzählen. Wann ein Wort sagt, so soll er und seine ganze Familie dermordet werden und der Andre auch, dem er es verzählt hat.«
»Himmelsakra! Das ist teuflisch!«
»Nun weißts, warum ichs dem Arzt nicht sag, daß mein Mann eine Wunden hat.«
»Solltsts ihm dennoch sagen.«
»Das darf ich nicht.«
»O doch! Mußts ihm dann sagen, von wem dera Schuß ist?«
»Wie soll ich denn sagen?«
»Daß er des Nachts schossen worden ist, und Den, der es gewest ist, den hat er gar nicht sehen konnt.«
»Da hast Recht! Daran hab ich gar nicht denkt.«
»So sags ihm noch jetzt.«
»Da wird er sich gleich verkundigen, warum ich es ihm nicht gleich sagt hab. Was werd ich ihm dann antworten?«
»Das ist eine schlimme Geschicht. Eine gute Ausreden wirds da wohl gar nicht geben.«
»Das denk ich auch, und darum ists viel besser, ich schweig.«
»Nein! Wannst ihn retten willst, so mußt reden.«
»Dann dermordet uns dera Samiel.«
»Vielleicht sagt dera Doctor Niemandem was. Mußt ihn nur darum bitten.«
»Da kommst schön an. Grad dera Doctor ist dera Richtige! Wann der was derfährt, so kann bald ein jedes Kind davon reden. Er ist dera richtige Dorfkalender.«
»So schweig meinswegen. Ich werd mir diese Sach mal überlegen. Vielleichten find ich ein Mittel, welches Euch Hilfe bringt.«
»Das wär gar schön!«
»Ja. Weißt, dera Mann, welcher mir die fünfzig Markerln für Euch geben hat, der ist ein gar Gescheidter. Den werd ich mal um Rath fragen.«
»So mußts ihm verzählen?«
»Ja. Aberst hab keine Sorg! Er ist ein gar Verschwiegener. Auf den kannst Dich sehr gut verlassen. Er hat schon gar Manches glatt macht, was andere, kluge Menschen nicht glatt brachten. Vielleichten komm ich schon morgen wieder her und bring Euch seine Antworten.«
»So sag ihm nur vor allen Dingen unsern Dank, Fritz. Sag ihm daß wir für ihn beten werden alle Tag, so lang uns dera Herrgott unser Leben läßt.«
»Ich werds ihm sagen. Nun aberst müssen wir fort. Es ist gar spät worden, und wann meine Bäuerin derfährt, daß ich um diese Zeit noch nicht daheim bin, so giebt es eine Reprimanden und einen Verweis, den ich halt gern vermeiden möcht.«
Es versteht sich ganz von selbst, daß die Beiden, ehe sie gingen, noch mit Zeichen des herzlichsten Dankes förmlich überschüttet wurden. Als sie sodann draußen waren und die Hütte hinter sich hatten, sagte Fritz:
»Gott sei Dank, daß dies vorüber ist! Ich will lieberst einen großen Acker mit zwei wilden Stieren umpflügen als einen solchen Dankessturm aushalten. Das kostet Wasser, nämlich Schweiß und auch – Thränen. Man weint dabei grad wie ein Schulbub. Ich hab denkt, daß ich gar nicht mehr weinen kann.«
»Du und nicht weinen!« antwortete Martha. »Du hast ein Gemüth, das ist wie Butter. Wann die Sonn drauf scheint, so läufts ganz ausnander.«
»Ja, und wannst Dein Mehl dazu giebst, so kannst gleich Kuchen backen.«
»Bist auch ein Scherzhafter! Mir aberst ist gar ernst zu Muthe, aberst nicht etwan trüb und unglücklich, sondern gar wohl und selig. Weißt, Fritz, es ist doch nix so schön, als wann man einem Menschen Gutes erweisen kann. Meinst nicht auch?«
»Ja. Wann mans nur recht können thät. Man müßt einen recht braven Geldsack haben, der nimmer leer wird. Aberst grad denjenigen Leutln, welche das allerbeste Herz dazu hätten, denen fehlt das Geldl. Und wo dera Reichthum steckt, da sitzt der alte Geizmichel drüber und laßt keinen Pfennig ausschlupfen. Es ist halt eine gar verkehrte Welt alleweile.«
»Bist ja ein recht tiefsinniger Kenner von dera Welt!« lachte das Mädchen. »Thust ja, als obst allbereits neunzig Jahre lang in ihr lebt hättest!«
»Neunzig Jahren? Das braucht man nicht. Dera Mensch kann in einer einzigen Stund so viel durchmachen, daß er innerlich ein hoher Greis wird, während Andere ein graues Alter erreichen und im Innern doch so bleiben, wie sie in dera Jugend gewest sind.«
»Hast auch eine solche Stund derlebt?«
»Jawohl und gar erst heut.«
»Darf man derfahren, was es gewest ist?«
»Heut nicht, wirsts aberst schon bald hören. Es ist eine Sach, die bald allgemein bekannt sein wird.«
»Etwas Ungutes für Dich?«
»Etwas Schlimmes sogar.«
»So solltsts mir doch sagen, Fritz!«
»Was kanns nützen?«
»Wanns auch nix nützt, so hast Dir doch das Herz leicht macht und mir zeigt, daßt ein Vertrauen hast zu mir.«
»Das hab ich wohl, und zwar ein gar sehr großes, sonst thät ich mich hüten, es überhaupt zu erwähnen. Wollen lieber jetzund nicht davon reden. Später sollst Alles derfahren, und dann wirst Dich nicht nur weidlich darüber verwundern, sondern auch einsehen, daß ich nicht davon hab reden dürfen.«
»Wanns so ist, so lassen wir es sein; aberst das kannst mir glauben, daß es mir wehe thät, wann Dich ein Unglücken troffen hätt.«
»So machst mir eine große Freuden mit diesen Worten, grad so, wie Du auch die armen Leutln da drin heut glücklich macht hast.«
Er ergriff ihre Hand. Sie ließ ihm dieselbe, und so gingen sie vertraulich Hand in Hand neben einander her.
Der Mond schien hell, aber die vor demselben liegende Höhe warf doch einen Schatten, welcher das Licht dämpfte. Das magische Dreivierteldunkel äußerte seinen Einfluß auf die Stimmung der beiden nächtlichen Spaziergänger.
Wie der Physiker nachgewiesen hat, daß der Körper des Mondes einen unverkennbaren und sogar bedeutenden Einfluß auf die Erde ausübt, daß er eine hohe Fluthwelle des Weltmeeres emporhebt, hinter sich her zieht und in Folge dessen die Gezeiten, nämlich Ebbe und Fluth hervorbringt, daß sein Einfluß sogar mit den Erdbeben in Beziehung zu bringen ist, so kann auch der Psycholog nicht leugnen, daß der Mond auf Geist und Gemüth den Menschen eine ganz unverkennbare Wirkung äußert.
Der Dichter besingt die sittig lächelnde Luna, der Bildhauer stellt sie dar in keuscher Gewandung, mild freundlichen Angesichtes. Der silberne Strahl des Mondes dringt durch das Auge in das Gemüth und zieht die Oberfläche desselben in sanft fluthenden Wellen zu poetisch gehobener Stimmung empor. Die Gegensätze werden ausgeglichen. Das Harte, Schroffe sinkt und verschwindet, und milde, versöhnliche Stimmungen und Regungen tauchen selbst aus der Tiefe eines verbitterten Herzens empor; der Haß flieht, und wo vorher eine stille, noch verborgene Neigung vorhanden war, da tritt sie in das Bewußtsein und treibt mit aller Macht, aus der Verborgenheit hinaus zu gelangen und ausgesprochen zu werden.
So auch hier bei diesen Beiden. Als sie so Hand in Hand dahin gingen, fühlte Fritz noch deutlicher als am Nachmittage, wie tief er eigentlich das schöne Mädchen in sein Herz geschlossen habe – ganz ohne es zu wissen. Und ihr war es so wohl und selig im Herzen; es war ihr gar nicht so, als ob sie heut zum ersten Male mit dem braven Burschen beisammen sei. Sie hatte im Gegentheile die Empfindung, als seien sie schon lange, lange beisammen, als gehörten sie überhaupt für immer zu einander und dürften sich nie, nie wieder verlassen.
Da flog eine Sternschnuppe über den Himmel hin.
»Hast sie gesehen?« fragte Martha, nach den Sternen deutend.
»Ja. Dort ist sie hinab. Da ist ein Mensch storben.«
»Wer hat das sagt?«
»Hasts noch niemals hört?«
»Nein.«
»Ich hatt eine Großmuttern, die war gar fromm. Sie hat mich erzogen bis ich aus dera Schulen kommen bin; darnach starb sie, und der Oheim nahm mich zu sich. Sie hat ein gar tiefsinnig Gemüth habt und mir Mancherlei verzählt von denen Menschen auf dera Erd, denen Geistern in dera Luft und denen Engeln und Seligen im Himmel droben. Auch von denen Sternschnuppen hats wußt, was sie zu bedeuten haben.«
»So ist sie eine gar kluge Frauen gewest.«
»Ja, das war sie, denn die größte Klugheit besteht nur darinnen, daß man fromm ist, an den lieben Herrgott glaubt, denen Menschenkindern brav Gutes erweist und sich fleißig in Acht nimmt, eine Sünd zu begehen.«
»Da hast sehr recht; das ist ja auch ganz die meinige Meinung. Wie aberst ists denn mit denen Sternschnuppen gewest?«
»Das ist folgendermaßen: Wann ein böser Mensch stirbt, so fährt seine Seel still, heimlich und im Dunkel von dannen, von dera Erd hinweg, damit ja Keiner es merken und ein Gebet für sie sprechen soll. Aberst wann ein guter Mensch seine irdische Wallfahrt beschließen thut, so kleidet dera Engel des Todes seine Seel in ein Gewand von lauter Strahlenglanz, und darum leuchtet sie, wann sie zum Himmel geht, grad wie ein Sternenmeteor so licht und hell. Wers nicht weiß, der nennts halt eine Sternschnuppe; aberst wer es weiß, dem ist es offenbar, daß es eine Seele ist, die zur Seligkeiten eilt, und wer sie derblickt, der soll die Worten beten:
Herr, gieb auch mir die Seligkeit,
Die Diesem Du gegeben,
Und leite mich nach dieser Zeit
Empor zum ew'gen Leben.
Aus Todesnacht
Zur Sternenpracht
Trag mich ein Seraphim empor,
Zu preisen Dich im höhern Chor.«
Sie sagte das so einfach und innig, im Tone innerster Ueberzeugung, daß er tiefer davon ergriffen wurde, als wenn er eine langathmige Predigt vernommen hätte. Was er schon geglaubt hatte, das wurde ihm nun zur Sicherheit, nämlich daß dieses Mädchen ein Schatz sei, dessen Besitz das höchste irdische Glück zur Folge haben müsse.
Unter dem Eindrucke dieser Regung legte er, vielleicht ohne sich dessen selbst bewußt zu werden, im Gehen den Arm leise um ihren Leib. Sie schien diese Berührung gar nicht zu fühlen, denn sie sträubte sich nicht gegen dieselbe. Die Sympathie, welche ihre Herzen zu einander zog, war eine fromme und von der Sünde ungetrübt.
So schritten sie still und in Gedanken versunken oder vielmehr ihren Gefühlen hingegeben neben einander her, bis links vom Wege eine dunkle Baumgruppe sichtbar wurde. Es waren die Eichen, zu denen der Förster die Bäuerin heut bestellt hatte.
Die dicht belaubten Bäume breiteten ihre mächtigen Kronen über einen weiten Umkreis aus. Zwischen ihnen stand die Bank, welche vom Förster erwähnt worden war, und hart hinter derselben hatte sich im Schutze der Bäume ein ziemlich dichtes Hasel- und blätterreiches Acazienbuschwerk gebildet.
Ganz unwillkürlich lenkte Fritz seitwärts nach der Bank ein.
»Was willst dort?« fragte Martha.
»Magst Dich nicht ein Wengerl mit niedersetzen?«
»Warum setzen?«
»Weils so gar schön ist heut Abend hier im Thale. Meinst das nicht auch?«
»Ja, schön ists gar wohl; aberst hast nicht erst vorhin sagt, daß die Bäuerin zanken thät, wannst nicht nach Haus kommst?«
»Vielleicht merkt sie es nicht. Auch sagt ich es nur, um von denen Leutln fort zu kommen, denn vor dera Bäuerin hab ich keine Angst.«
»Ich denk, sie ist eine gar Gestrenge?«
»Das ist sie, doch mach ich mir nix daraus.«
»So fürchtest sie nicht?«
»Nein. Ich mein vielmehr, daß sie sich vor mir zu fürchten hat.«
»Sie vor Dir? Bist gar ein so furchtbarer und schrecklicher Kerlen?«
»O nein. Ich mag keinen Wurm zertreten; aberst es giebt halt doch Sachen, die selbst den Stillsten und Ruhigsten in den Harnisch bringen können. Nachhero, wann dera Zorn da ist, geht die Freundlichkeit von hinnen. Komm, thu mir den Gefallen, und setz Dich halt einen Augenblicken mit her!«
»Wannsts so gern willst, so darf ichs Dir doch nicht abschlagen. Also komm!«
Er ließ den Arm, welchen er bisher um ihre Taille gehalten hatte, sinken und setzte sich mit ihr auf die Bank.
Er hatte ganz nahe an ihr Platz nehmen wollen; sie aber rückte wie in einer sie plötzlich überkommenden Schüchternheit ein Stückchen von ihm weg.
»Wanns mein Oheim wüßt, daß ich mit Dir so allein hier im Walde sitz!« sagte sie.
»Hätt er was dagegen?«
»Ich glaube, ja.«
»So! Hasts vielleicht bemerkt, daß er mir feindlich gesinnt ist?«
»Ja.«
»Warum wohl?«
»Weil er jedenfalls denkt, daß – daß – – daßt Deiner Bäuerin gut bist.«
»Da kann er ruhig sein! Wann er sie haben will, so steh nicht ich ihm im Wege, sondern ein Anderer.«
»Wer?«
»Dera Bauer natürlich. Noch ist er nicht todt, und ich will hoffen, daß er auch nicht so bald sterben wird, wie sie wohl denken mag. Er soll vielmehr noch recht lange leben bleiben. Was ich dazu thun kann, das soll sehr gern und aus allen Kräften geschehen. Wann ich Einer gut sein soll, so muß sie ganz anderst sein als die Bäuerin.«
»Wie müßt sie denn sein?«
»Nun, zunächst müßt sie unverheirathet sein. Ich bin nicht so gottlos, daß ich einem Manne sein Weib stehlen möcht, und wann dasselbige noch so schön wäre.«
»Also ein Mädchen müßt sie sein?«
»Ja.«
»Nicht eine Wittfrau, vielleichten eine recht junge, hübsche und reiche?«
»Nein. Sie darf noch keinen Mann habt haben.«
»Und weiter! Reich müßt sie wohl sein? Nicht wahr, Fritz?«
»Nein; das verlang ich nicht. Es ist zwar gar schön, wann man reich ist. Man kann zwar dabei ganz rechtschaffen arbeiten, aberst man hat doch keine Sorg, und es ist Einem möglich, denen Menschen Gutes zu thun. Doch ists nicht dera Reichthum, welcher glücklich macht. Wann zwei junge Leutln, welche sich lieb haben, sparsam und fleißig sind, so giebt die Liebe ihnen doppelte Lust und Kraft zum Schaffen, und sodann müßts gar mit dem Teuxel zugehen, wann sie nix vor sich bringen thäten.«
»Wanns gesund bleiben, ja. Mußt aberst weiter reden. Nicht wahr, hübsch müßt sie auf alle Fällen sein?«
»Ja, eine gar Häßliche möcht ich freilich nicht haben. Appetitlich müßt sie sein, weißt, grad wie eine Kirschen oder ein rothwangigter Apfel, in den man so gern hineinbeißen möcht.«
»Geh fort! Bist denn so ein Beißiger?«
»Wann ich es haben kann, ja.«
»Das hast wohl bereits schon ausprobirt?«
»O nein. Ich hab bisher noch niemals ein Dirndl habt.«
»Oeffentlich nicht, aberst heimlich wohl!«
»Auch das nicht.«
»Und wie müßt sie nachhero noch sein?«
»Fein häuslich und wirtschaftlich; aberst nicht so eine, welche nur viel Rumor macht den ganzen Tag, damit man sie als fleißige Schafferin loben soll, und wann dera Abend kommt, so ists nix gewest, sie hat nix fertig bracht und Alles falsch macht. Sie müßt so eine Stille und Bedächtige sein, der mans gar nicht anmerken thut, was sie Alles fertig bringt. Weißt, so eine Hummel, die draußen auf dera Wiesen und dem Feld herum brummt und summt und einen ewigen Lärmen macht, die hat, wann man in ihr Nest schaut, gar wenig Honig. Die richtige Bienen aberst, die man kaum fliegen hört, die ist einträglich und hat so viel Honig, daß sie ihn gar noch verschenken kann. So ists auch mit denen Frauen.«
»Bist ein großer Frauenkenner und hast gar gelehrte philosophische Gedanken!«
»Da ist nix Sonderbares dabei. Wann man die Augen aufthut, so kann man sehen. Ich hab solche Hummeln kennen lernt, welche treppaufi und treppabi steigen, aus dera Küch in den Keller, aus dera Stuben in den Stall, aus dem Garten auf das Feld rennen und dabei Alles umistürzen. Das schaut so aus, als ob so Eine für Zehn schaffen und arbeiten thät. Aberst wann man sich die Sach genauer betrachten thut, so bekommts ein gar anderes Gesicht: Schneidet man den Käs an, den sie macht hat, so findet man den Haarkamm darinnen; in dera Buttern steckt dera Rasierpinsel; im Reisbrei findet man eine Zündholzschachtel; in die Milchen hat sie das Petroleum verschüttet; ans Hemd, woran ein neuer Aermel soll, flickts ein Hosenbein hinan; die Kindern wäschts anstatt mit Seifen mit dera Stiefelwichsen ab; im Stall wird sie vom Stier geschlagen, weil sie ihn anstatt dera Kuh hat melken wollen; wanns in die Kirchen gehen will, so setzts das Schnupftuch aufi und nimmt die Hauben in die Hand; da giebts im ganzen Haus kein blankes Fenster und keinen reinlichen Tisch; das Geschirr hat Risse und Löchern; dera Ofen raucht; die Wasch sieht schwarz; das Vieh wird krank; das Feld verarmt; die Wies' verdorrt; der Mann flucht; die Frauen zankt; die Kinder heulen; das Gesind schimpft, und das Alles nur deshalb, weil sie eine gar so Fleißige, Unermüdliche und Haushälterische ist. Dann ist dera Himmel auf dera Erden, aberst was für ein Himmel, o Jerum!«
Er hatte diese kräftige Beschreibung mehr ernst als scherzhaft gemeint. Martha lachte laut auf und sagte:
»Das wär freilich Eine, vor der ein Mann sich hüten müßt. Mit so Einer zusammen zu wohnen, das muß ja schrecklich sein!«
»Ja freilich. Ich möcht sie nicht. Und außerdem müßt die meinige Frauen nicht dumm sein, sondern sich leicht in Alles schicken und finden können. Besonders ein gutes Herz müßts haben, denn wann eine Frau sich nicht über das Wohl anderer Menschen freut und ihnen behilflich ist, glücklich zu sein, so ist sie im Innern gleichgiltig oder gar neidisch und hart und wird auch für den Mann und die Kinder nicht das richtige Gemüth besitzen.«
»Du, Fritz, wannst so Eine willst, so kannst weit suchen!«
»Meinst, daß es keine solche giebt?«
»Vielleichten, aberst selten. Du machst gar zu große Ansprüchen.«
»Ja, die mach ich freilich. Meine Ansprüchen sind sogar so groß, daß ich Keine nehmen thät, die nicht grad denjenigen Namen hat, mit welchem ich sie nennen will und der mir dera liebste ist.«
»Da wird Deine Bescheidenheit ja immer geringer! Welches ist denn dera Name, den sie haben muß?«
»Martha muß sie heißen; eine Andere mag ich nicht.«
»Martha! Warum grad so?«
»Weil Eine so heißt, der ich so recht von ganzem Herzen gut bin.«
»Ach so! Und vorhin hast sagt, daßt kein Dirndl lieb hättst!«
»Das hab ich nicht behauptet, sondern ich hab sagt, daß ich noch kein Dirndl habt habe. Lieb hab ich freilich eins, und wann dasselbige nicht meine Frauen werden will, so bleib ich halt für immer ledig.«
»Ist Deine Lieben denn gar eine so große und mächtige?«
»Sie hat keinen Umfang, keine Grenz und kein End.«
»Da möcht man fast fragen, wo dieses Dirndl zu suchen sei.«
»Das darf ich nicht verrathen.«
»Warum nicht?«
»Wanns hört, daß ichs lieb hab, so wirds halt bös und zornig auf mich.«
»Geh! Kein gescheidts Dirndl wird zornig darüber, daß Einer es lieb hat!«
»Die aberst doch!«
»Nein. Es giebt tausend Dirndln, die sogar stolz damit thun, daß sie nicht nur von einem, sondern von mehreren Buben begehrt werden.«
»Zu diesem gehört sie nicht. Ihr liegt gar nix daran, von Einem geliebt zu werden, welchem sie nicht gut sein kann.«
»Meinst, daß sie Dir nicht gut ist?«
»Ja, das denk ich eben.«
»Kannst mir ihren Namen dennoch nennen, denn ich werds ihr nicht verrathen, daßts mir sagt hast.«
»So! Also wirst wirklich schweigen?«
»Ja, gewiß. Also wo ist sie zu finden?«
»Weilst mir so fest versprichst, daß sie nix davon derfahren soll, so will ich es Dir anvertrauen. Sie ist zu finden grad da, wo ich bin.«
»Wo ist denn das?«
»Hier auf dera Bank.«
»Das ist nicht wahr, denn da sitz doch ich ganz allein bei Dir.«
»Und doch ists wahr. Nun verraths aberst ja nicht, Martha!«
»Werde mich hüten, denn Diejenige, die Du meinst, thät mich nur darüber auslachen.«
»Auslachen? Warum?«
»Weil sie wissen thät, daßt mir nur was weiß macht hast.«
»Oho! Gegen Dich bin ich aufrichtig. Was ich Dir sag, das gilt so fest, als obs im Gebetbuch stehen thät.«
»So thäts aberst doch nicht glauben.«
»Wannst das so genau weißt, so mußt sie doch kennen!«
»Ja, ich kenn sie freilich.«
»Das gefreut mich sehr. Da kann ich Dich doch gleich mal nach ihr fragen. Weißt nicht, ob sie bereits einen Buben hat?«
»Nein, sie hat keinen; sie hat überhaupt noch niemals einen habt.«
»Und will wohl auch niemals einen haben?«
»Vielleicht, wann ein recht braver käm, dens lieb haben könnt, da thät sie ihn wohl nicht fort weisen.«
»Wie müßt er denn sein? Kannst ihn mir nicht beschreiben?«
»Nein. Ich hab sie noch nicht darüber fragt, und ich glaub auch nicht, daß sie bereits einmal darüber nachdenkt hat.«
»Das kann mir nicht gefallen. Ich hätt gar zu gern wußt, was für einen Geschmack sie hat.«
»Da wirds am Besten sein, wannst sie selberst mal fragst.«
»Sie wird mir gar keine Antwort geben. Vielleicht läßts mich gar gleich sitzen und geht hinweg von mir!«
»Ist sie denn eine so Rasche und Resolute?«
»Eigentlich nicht, sondern sie ist mild und freundlich, weißt, grad wie dera Mond droben am Himmel, den auch alle Menschenkindern lieb haben.«
»Und da denkst, daß sie gegen Dich allein hart und unfreundlich sein könnt?«
»Ja, denn sie hat sagt, daß sie mich nicht haben möcht.«
»Was! Das hätt sie sagt?«
»Davon weiß ich nix.«
»Sie hat sagt, daß sie sich nur einen steinreichen Mann nehmen thät, und ich bin doch ein armer Bub, ein Knecht, der gar nix hat.«
»Wann solls denn das sagt haben?«
»Gleich vorhin, dort in dera Holzknechtshütten, als sie dera Frau die Kleider gab und diese sie nicht nehmen wollt. Da hats sagt, sie könne das ganz leicht geben, denn sie thät sich mal einen steinreichen Mann nehmen, der ihr das Alles wieder kaufen thät.«
»Das hats wohl nur sagt, damit die Frau die Sachen nehmen soll, ohne eine große Red darum zu machen. Weißt, Fritz, wollen uns darüber den Kopf nicht zerbrechen. Es ist gar spät worden, und da ists besser, wann wir nach Haus gehen.«
Sie stand auf. Er aber ergriff schnell ihre Hand und zog sie auf die Bank zurück. Dadurch kam sie ihm ganz nahe zu sitzen, und er behielt auch ihre Hand in der seinigen. Sie machte zwar eine kurze, mädchenhafte Anstrengung, sie ihm zu entziehen, gab aber diesen Widerstand bald auf.
»Mußt denn sogleich nach Haus?« fragte er. »Dera Förster ist doch wohl die ganze Nacht im Walde?«
»Er kehrt erst am Morgen wieder heim; das ist wahr, aberst dann muß ich auch bereits ausschlafen haben.«
»Einige Minuten kannst schon noch bleiben. Ich mag nicht eher von hier fort, als bis ich ganz genau weiß, ob Diejenige, von der wir sprochen haben, mich lieb haben kann oder nicht.«
»Fritz, bist doch ein gar Stürmischer. Solche Sachen muß man ruhig abwarten.«
»O nein. Kein Mensch kann sein Glück zeitig genug erfahren. Weißt, wer da glücklich sein kann und warten will, bis das Glück sich ihm ganz zufällig in den Schoß setzen thut, der ist eben gar nicht werth, glücklich zu sein, denn er verscherzt die Zeit, in welcher er es erreichen könnt. Martha, sag, nicht wahr, Du weißt, wen ich meint hab?«
Sie zögerte mit der Antwort.
»Bitte, sags mir doch!«
Sie neigte das Köpfchen zur Seite und antwortete verschämt:
»Fritz, daßt von mir sprochen hast, das weiß ich wohl; aberst ich denk halt, daßt nur so eine Red macht hast, weißt, wie die Buben immer thun, wann sie sich mal mit einem Dirndl eine Unterhaltungen machen wollen. Heut sagens, daß sie dem Dirndl gut sind, und morgen sehens es nicht wieder an.«
»So! Das sind Lotterbuben! Hältst mich also auch für so einen?«
»Du bist immer änderst gewest als solche.«
»Nun, wannst das meinst, warum denkst denn, daß ich es nicht aufrichtig meine? Schau, Martha, ich hab viel an Dich denkt und mich allemalen sehr gefreut, wann ich Dich mal sehen hab, aberst denkt hab ich mir dabei nix weiter. Ich hab mir nur sagt, daßt ein gutes, seines Dirndl bist wie keine Zweit im ganzen Kreis herum. Aberst heut, als die Kronenbäuerin so zornig vor Dir standen ist, da gings wie ein Blitz durch meine Seel, daß ich Dich lieb hab, gar so lieb. Die Bäuerin gilt für die schönste Frauen, aberst als Du so vor ihr standest, so ohne alle Schuld und Unreinigkeiten in dera Seelen, da kamst mir tausend Mal schöner vor als sie; da hätt ich sie niederschlagen konnt, obgleichs nur ein Weib ist und ich eine Mannspersonen. Ich wollt Dich in Schutz nehmen gegen sie; aberst Du warst gar zu schnell fort. Dann mußt ich mit ihr gehen, und sie macht mir die Liebeserklärungen und den Heirathsantrag. Da hab ich einen Ekel gegen sie empfunden, grad so, als ob ich eine Unk und Kröten angreifen sollt. Da hab ich an Dich denkt und wieder an Dich und immer wieder nur an Dich, und da hab ich mich auszankt in meinem Innern, daß ich Dir noch nicht sagt hab, wie gut ich Dir bin. Da ist eine Angsten über mich kommen, daß ein Andrer kommen und Dich mir wegnehmen könnt. Da hab ich kaum die Zeit derwarten könnt, in welcher wir uns bestellt hatten. Und nun, da Du bei mir bist, soll und muß es von meinem Herzen herab, daßt mir das Liebste bist auf dera Welt und daß ich keine Andere lieben kann als nur Dich allein. Was ich Dir jetzt sag, das kommt aus aufrichtigem Herzen. Und nun bitt ich Dich gar schön, Martha, sag mir, ob ich Dir recht bin oder obst lieber auf einen Andern warten willst. Jetzt hast mein Glück in den Deinigen Händen. Thu damit, wast für richtig hältst!«
Er schwieg und erwartete ihre Antwort. Sie war auch stille. Er neigte sich wieder zu ihr und sah, daß ihr die Thränen still über die Wangen rannen.
»Martha! Du weinst! Hab ich Dir vielleicht Wehe than?«
Sie schüttelte den Kopf.
»Was ist denn? Was thut Dir wehe?«
»Nix, gar nix!«
»Da thätst doch nicht weinen!«
Da lehnte sie leise ihr Köpfchen an ihn und antwortete:
»Es ist ja vor Glück!«
»Vor Glück? Vor Glück weinst? Herrgottle, ists wahr? Bist mir gut?«
»Fritz ich hab Dich ja längst schon lieb gehabt, so sehr lieb.«
Da sagte er nichts, aber er legte beide Arme um sie und zog sie innig an sein Herz. Sie lagen an einander, und ihre Seelen verschmolzen in ein Dankgebet, welches zwar nicht in Worten auf zum Himmel stieg aber desto tiefer im Herzen empfunden wurde. Erst nach einer Weile unterbrach Fritz die eingetretene Stille:
»Aberst Martha, nun bekommst freilich keinen steinreichen Mann, der Dir so viele schöne Kleider kaufen kann!«
»Fritz, ich bin grad darüber froh, daßt so arm bist. Wir wollen brav schaffen und sparen, nachhero wird Gottes Segen bei uns sein.«
»Ja, der soll nicht bei uns fehlen, und – – vielleichten werden wir viel ehern reich, alst denkst.«
»Wieso?«
»Weißt doch, daß ich keine Eltern hab?«
»Ja, bist ein Findling gewest.«
»Nun denk, mir hat träumt, daß dera meinige Vatern ein reicher Bauern sei.«
»Das war nur Traum.«
»Ja. Der Vatern kam und gab mir Alles, was ihm gehört.«
»Ja, wann so ein Traum zur Wahrheit werden thät, so wärs schon mitzunehmen. Ich hab sagen hören, daß es dem Menschen meist träumt von dem letzten Gedanken, den er hat, bevor er einischläft. Da hast wohl auch denkt, wie gut es sei, wann Dein Vatern ein reicher Bauern wär, und sodann hat dera Traum diesen Gedanken weiter sonnen.«
»Vielleicht ists so, vielleicht auch geht dera Traum in Erfüllung. Es giebt Träumen, denen man es gleich anmerkt, daß sie keine Schäume sind, und so einer war derjenige auch.«
»Wann er in Erfüllung ging, thätst da auch noch an mich denken?«
»Aber Martha, was fallt Dir eini? Ich denk an Dich zu aller Zeit, weißt, wie es in dem schönen Ständchen heißt:
»Ich denke Dein in Lust und Leid;
Ich denke Dein zu aller Zeit,
Zur Morgenstund, zur Abendstund,
So recht aus treuem Herzensgrund
Und grüße Dich Liebchen, mein Liebchen.«
»Das ist ein gar schönes Lied. Das lautet grad so, wie ich es gern haben möcht.«
»Es geht noch weiter, nämlich:
»Wenn ich im Felde wandern geh,
Die goldnen Aehren wallen seh,
Da denk ich an Deiner Locken Quell,
Der Dir ums Haupt fließt golden hell,
Und grüße Dich, Liebchen, mein Liebchen.
Und wenn die stille Nacht erscheint
Und Thau der liebe Himmel weint,
Dann denk ich an das Rosenlicht,
Das glühend aus Deiner Seele bricht,
Und grüße Dich, Liebchen, mein Liebchen.«
Und so ists ja wirklich mit mir, Martha. Ich denk an Dich immerfort, wie könnt ich Dich da vergessen, wann ich wohlhabend werden thät? Erst recht würd ich mich darüber grad um Deinetwillen freuen, weil ich Dir dann dasjenige – – Himmel, schau dort, da kommt Jemand!«
Er deutete nach links. Von daher kamen zwei eng aneinander geschmiegte Gestalten, eine männliche und eine weibliche, langsam auf die Bank zu.
»Das ist ein Liebespaar,« sagte Martha.
»Ja, aberst wer?«
»Wer kann das wissen! Wer geht jetzund so spät des Nachts mit seinem Dirndl im Wald spazieren, wo dera Samiel – – –«
»Du,« fiel Fritz ein, »sollts vielleichten gar Dein Oheim sein mit meiner Bäuerin.«
»Das wär ein Unglücken! Laß schauen!«
Sie beugte sich vor und strengte ihre Augen an, nicht vergebens, denn sie sagte ganz erschrocken:
»Ja, dera Oheim ists! Fort, schnell fort!«
Sie wollte in unüberlegter Schnelligkeit forteilen, Fritz aber hielt sie fest.
»Nicht fort, nicht fort!« warnte er.
»O ja! Sonst derwischt er mich!«
»Nein. Hier ists dunkel. Wannt hinaus fliehst in den Mondesschein, da erkennt er Dich sogleich. Hier mußt bleiben, hier im Schatten; da sieht er uns nicht. Jedenfalls gehens schnell hier vorüber.«
»So komm! Mach rasch, sonst wird es zu spät. Sie sind ja schon da!«
Die beiden Nahenden waren ungefähr noch fünfzehn Schritte entfernt. Die beiden jungen Leute konnten es nicht wagen, tief in das hinter der Bank stehende Gebüsch einzudringen, denn das Rascheln desselben hätte sie verrathen. Darum setzten sie sich gleich unter die ersten Akazienzweige nieder. Sie befanden sich so nahe, daß Fritz die Bank mit der Hand erreichen konnte, aber doch so im tiefen Schatten, daß es fast unmöglich war, sie zu bemerken, zumal sie Beide nach dortiger Sitte ganz dunkel gekleidet waren.
Der Förster kam mit der Bäuerin herbei. Sie gingen nicht vorüber sondern blieben bei der Bank stehen.
»Hier ist mein eigentlicher Posten,« sagte er. »Hier hab ich die ganze Nacht zu bleiben.«
»Himmelsakra! Was wird da mit uns!« flüsterte Fritz seinem Mädchen zu.
»Außer wannst revidiren gehst,« sagte die Bäuerin.
»Ja. Jetzund aberst wollen wir uns mal setzen. Das Steigen über Stock und Stein im dunkeln Wald strengt an.«
»Kennst sie, wers ist?« fragte Fritz Martha, flüsternd.
»Ja, Deine Bäuerin.«
»Da werden wir was zu hören bekommen!«
»Wann wir nur fort könnten.«
»Er will die Posten revidiren. Wann er das thut und fort ist, können wir unbemerkt entkommen. Bis dahin mußt Dich gedulden. Wannst unbequem sitzen thust, so lege Dich nur an mich!«
Während die Beiden sich diese Bemerkungen zuflüsterten, hatten sich der Förster und die Bäuerin auf die Bank gesetzt. Der Erstere nahm seinen Hut ab, legte ihn neben sich, strich sich mit der Hand durch das spärliche Haar und sagte:
»Jetzunder möcht ich, dera Samiel käm grad daher gelaufen.«
»Warum jetzunder?«
»Weilst bei mir bist. Wir sitzen hier im Schatten und er kann uns nicht sehen. Wir aber thäten ihn ganz deutlich derkennen, weil er im Mondscheine wär. Ich wollt ihm zeigen, wer ich bin!«
»So! Was thätst denn machen?«
»Hier mit dieser Büchsflint thät ich ihm einen guten Abend sagen.«
»Thätst ihn derschießen?«
»Das thät mir nicht einfallen! Lebendig will ich ihn haben. Ich thät ihn nur lahm schießen, so daß er nicht laufen könnt. Er müßt gleich niederbrechen, und die Flucht wär für ihn eine Unmöglichkeiten.«
»Meiner Ansicht nach kannst sicher sein, daß er nicht kommt.«
»Warum?«
»Selbst wann er in diese Gegend käm, würd er doch nicht so dumm sein, diesen von dem Mond so hellbeschienenen Pfad zu betreten; er würde sich vielmehr da hinter oder da vor uns am Thalrande durch das Gebüsch schleichen.«
»Um daran zu denken, müßt er sehr klug sein.«
»Hältst ihn für dumm?«
»Das grad freilich nicht.«
»Oder mich für ganz besonders gescheidt, da ich den Gedanken hab, dent dem Samiel nicht zutraust?«
»Sappermenten, welch eine Frag! Natürlich bist eine Gescheidte, die Gescheidtste, die ich kennen thu unter Allen. Aberst was noch viel angenehmer ist: Du bist auch die Allerschönste von Allen!«
»Schmeichler!«
»Ich schmeichle nicht, sondern das sagen ja alle Leutln, wann von Dir die Red ist.«
»Ists wahr?« fragte sie in wohlgefälligem Flötentone.
»Ja. So sagen sie, und sie haben Recht. Die Lieb zu Dir könnt Einem gerade ganz verrückt machen!«
»Das verlang ich gar nicht.«
»Aberst es ist so. Wann ich daran denk, daß Dich Dein Mann umarmt und küßt und – –«
Sie unterbrach ihn mit einem lauten Lachen.
»Pst! Still doch!« warnte er. Es darf ja Niemand hören, daß Jemand hier ist.«
»Ja, wannst so lächerlich redest, da kann ich doch nicht weinen! Dera Kronenbauer mich umarmen und küssen! Dera kalte Eiszapfen thät in meiner Gluth zerschmelzen, so daß er ganz aus einander tropfen thät. Was denkst von mir? So ein altes, dürres und blindes Gestell soll mich umschlingen? Lieber thät ich mich doch gleich vom Tod umarmen lassen!«
Fritz machte eine zornige Bewegung, als ob er aufspringen wolle. Martha flüsterte, indem sie schnell die Arme um ihn schlang, ihm erschrocken zu:
»Bleib um Gotteswillen. Willst uns etwan gar verrathen!«
»Hast Recht,« antwortete er leise. »Sie wird ihren Lohn gewiß erhalten, auch wann ich ihr ihn nicht sofort gebe. Du bist bei mir. Wann das nicht wäre, so ständ ich jetzt schon vor ihr und sagt ihr, wer meinen guten Va – – –«
Er hielt inne. Beinahe hätte er sein Geheimniß ausgeplaudert.
»Was wolltest sagen?« fragte sie.
»Später. Horch jetzund, wovon sie reden.«
Der Förster antwortete der Bäuerin:
»Also auf ihn brauch ich gar nicht eifersüchtig zu sein?«
»Wannst das wärst, so wärst entweder verrückt oder dera allergrößte Schafskopf, dens nur geben kann auf dera Welt.«
»Aberst desto mehr muß ich einen Andern ins Auge fassen.«
»Wen?«
»Den Knecht, den Fritz.«
»Das ist auch ein ganz dummer Gedanke.«
»Nein, dem Fritz bist gut, das weiß ich genau.«
»So. Ich bin dreißig Jahre alt und er erst kaum über die Zwanzig. Es ist fast noch ein Schulbub, und da soll ich mich in ihn verlieben. Laß Dich auslachen.«
»O, Du weißt genau, daß er dera sauberste Bursch ist im ganzen Dorf und auch noch weit darüber hinaus.«
»Darauf hin hab ich ihn noch gar nicht ansehen. Da Du mich darauf aufmerksam machst, muß ich ihn mir schnell anschauen.«
»Um ihn Dir anzuschaffen.«
»Warum nicht, wann er mir gefallt,« lachte sie auf.
»Leise, leise! Lach nicht so! Wir befinden uns doch auf Posten.«
»Du, aberst nicht ich. Ich werde also lachen, so oft Du was Lächerliches bringst, um mich zu ärgern.«
»So lächerlich ist das nicht.«
»Freilich ists lächerlich, wannsts für möglich hältst, daß ich mich in meinen Pflegesohn verlieben könnt, zumal er doch bereits sein Dirndl hat.«
»Welches denn?«
»Das Deinige, die Martha.«
»Das hast bereits schon sagt; aberst ich glaubs halt nicht.«
»Und doch ists so. Ich weiß es zwar noch nicht gewiß, aberst als ich die Beiden so bei einander stehen sah, da leuchtete die Liebe ihnen aus den Augen, und wenn sie es einander auch noch nicht sagt haben, so wirds doch gar nicht lange währen, so sind sie einig worden.«
»Hörsts, wie Recht sie hat?« flüsterte Fritz, indem er die Geliebte an sich drückte.
»Das könnt mir fehlen!« zürnte der Förster! »Dera Fritz mag sich nur keine Rechnung auf mein Dirndl machen.«
»Warum? Hast was gegen ihn.«
»Sonst nicht, aberst ich hasse ihn.«
»Thätst sie ihm also nicht geben?«
»Nein.«
»Eigentlich hatt ich dacht, daß es Dir ganz willkommen wär, wann er Dich um ihre Hand bitten thät!«
»Willkommen? Dazu könnt ich keinen Grund finden, auch nicht einen einzigen.«
»Und ich weiß einen sehr großen.«
»So magst ihn mir sagen. Ich bin sehr neugierig daraufi.«
»Wannst ihn nicht selberst findest, so bist halt dumm genug. Ich hab die Eifersucht meint.«
»Wie denn so die Eifersucht?«
»Nun, Du denkst, ich bin ihm gut. So gieb ihm doch die Martha. Dann hat er eine Frau und wird mich nicht mehr anschaun.«
Er schwieg eine ganze Weile. Man konnte sein Gesicht nicht sehen; aber er hatte die Hände wie zur Abwehr erhoben; und seiner ganzen Haltung war anzusehen, daß er sich in einer Ueberraschung befand.
»Nun, was sagst dazu?« fragte sie.
»Dazu möcht ich halt gar nix sagen.«
»So? Mußt aberst doch eine Meinung haben!«
»Ja, die hab ich auch, und gut und richtig wird sie sein.«
»Darf ich sie derfahren?«
»Warum nicht? Da macht ich erst recht nicht mit, dem Fritz aus lauter Eifersuchten meine Martha zu geben.«
»Warum nicht?«
»Das wäre eine schöne Geschichten! Du wärst meine Frauen und meine Nichte die seinige. Da wäre er doch mein Verwandter!«
»Natürlich!«
»Als mein Verwandter könnt er mich besuchen, wann und wie oft es ihm gefallen thät, und da hätt ich mir freilich gar den Geisbock als Gärtner für den Sallat bestellt. Er thät ihn mir wegfressen anstatt ihn mir zu bewahren.«
»Das versteh ich nicht.«
»Soll ichs Dir etwan noch deutlicher sagen?«
»Ja freilich. Ich will doch wissen, wast eigentlich meinst.«
»Nun, so lang er Knecht ist auf dem Kronenhof und Dein Mann ist todt und ich bin dera Bauer worden, kann ich den Fritz fortjagen, wann es mir nur gefallt. Wann er aberst die Martha hat, kann ich ihm die Thür nicht zeigen. Er kann mich besuchen, oder vielmehr Dich, und Ihr könnt nachhero hinter meinem Rücken machen, was Euch beliebt.«
»So meinst, daß er nachhero mein Kebsmann ist?«
»Ja.«
»Donnerwetter, bist aber Du aufrichtig!«
»Das muß man sein, wann man sich heirathen will.«
»So hältst mich also für Eine, welche neben ihrem Manne noch einen zweiten haben möcht?«
»Ja.«
»Himmelsakkerment! Das ist noch viel aufrichtiger!«
»Hab ich etwan nicht Recht?«
»Nein.«
»So! Hast etwan jetzt keinen Mann?«
»Leider.«
»Und doch mich dabei!«
»Das ist etwas ganz Anderes. Meinen jetzigen kann ich nicht leiden. Wann ich den nur derblick, so überlauft mich schon eine Gänsehaut. Wann ich aberst sodann Dich hab, so brauch ich doch keinen Andern.«
»Wann es so wär, dann wär es gut.«
Sie wendete sich in erkünsteltem Zorne von ihm und sagte:
»Wannst mir schon jetzt nicht traust, wie soll es dann später werden. Da ist es doch viel besser, wir sehen von einander ab.«
»Na, so war es nicht gemeint.«
»Das ist keine Ausred und keine Entschuldigung. Ich nehm ein jedes Wort, wie es sagt worden ist und nach dem Sinn, welchen es hat. Wannst gewohnt bist, Dich anderst auszudrücken, als Du es meinen thust, so können wir nicht mit nander verkommen. Also denk ich, daß es besser sei, wir gehen aus nander, und zwar jetzt gleich.«
Sie stand auf. Er aber griff schnell mit beiden Händen nach ihr und zog sie wieder zu sich nieder.
»Sei doch nicht so schnell. So eilig ists doch mit dem Auseinadergehen nicht. Wann Dich das Wort beleidigt hat, so nehm ich es halt wieder zuruck, und Du kannsts vergeben. Willst Kätherl?«
»Was hilfts, wann ich will und es kommt doch wieder vor?«
»Nein, es kommt nicht wieder vor. Das kann ich Dir versprechen.«
»Ich kann auch gar nicht begreifen, wast hast. Das ich Dir gut bin, das weißt doch nun, und da ist es die größte Dummheiten von Dir, eifersüchtig zu sein, besonders gegen den Fritz, aus dem ich mir gar nix machen thu.«
»Aberst die Martha willst ihm doch geben!«
»Ich? Wer hat das sagt?«
»Ich denks. Deine Red hat ganz so klungen.«
»Laß Dich doch nicht auslachen. Mir fallts gar nicht ein; ihm mein Jawort zu geben, wann er die Martha haben will.«
»So! Warum?«
»Weil sie nicht für ihn paßt.«
»Ich denk, daß ein Jeder mit ihr verkommen kann.«
»Das mag sein; aberst Schuster, bleib bei dem Leisten! Sie paßt nicht für ihn. Sie ist ein armes Ding, und er ist dera Pflegesohn vom reichen Kronenbauer. Das ist ein Unterschied.«
»Du, Kätherl, mit dem Unterschied wirds nicht weit her sein. Ich hab nicht merkt, daß er als Sohn gehalten wird. Er ist dera Knecht und arbeitet als Knecht. Meine Nichte aberst ist ein Förstermadel. Das ist schon was Anderes als eine Bauernmagd.«
»Sie ist Deine Magd, nix weiter.«
»Oho!«
»Ja. Hältst sie etwan als Tochter?«
»Ja.«
»Natürlich. Aberst blos deshalb, weilst einer Tochter keinen Lohn zu geben brauchst. Dera Fritz aberst erhält von uns seinen Lohn. Und giebst ihr etwan was mit, wann sie mal heirathen thut?«
»Das wird sich finden.«
»Und machst sie zu Deiner Erbin?«
»Das fallt mir nicht ein. Erben sollst ja Du mal Alles, wann ich sterbe und wir haben keine Kindern. Ebenso könnt ich auch fragen, ob dera Fritz Euer Erbe ist.«
»Der mag sich den Mund waschen. Bekommen thut er nix.«
»So stehen die Beiden also gleich.«
»Nein, noch lange nicht. Dera Fritz gehört in einen großen Bauernhof, und wann er heirathen will, soll er eine Reiche bringen, sonst bekommt er unsere Einwilligungen nicht. Er soll uns keine Schande machen.«
»Dera Findling? Willst etwan aus Stolz über ihn gar noch platzen?«
»Nein. Ich sprach auch nur von dem Fall, daß er heirathen will, bevor Du mein Mann bist. Später, wenn dera Kronenhof Dir gehört, mag er machen, was er will. Er geht uns sodann nix mehr an, und Du wirst ihn bald genug fortgejagt haben.«
»Ja; wann ich einziehe in den Hof, so muß er in demselbigen Augenblick hinaus. Ich mag keine Stund mit ihm beisammen sein und will hoffen, daß es Dir recht ist.«
»Wann ich nur Dich bekomm, so ist mir Alles recht.«
»Ists wahr, Kätherl?«
»Ja.«
»So gar lieb hast mich wirklich?«
»Willsts immer noch nicht glauben?«
»O ja; aberst es klingt so schön, wannsts mir sagst; darum frag ich Dich immer und immer wieder.«
»So will ich Dir jetzund zum tausendsten Male sagen, daß ich Dich von ganzem Herzen lieb habe. Komm her; ich muß Dir einen tüchtigen Kuß geben!«
»So laß ich mirs gefallen! So bist grad, wie ich Dich gern hab. Küsse sollst gern bekommen, wievielst nur haben willst.«
Er schlang die Arme um sie, drückte sie an sich und küßte sie so gierig, daß sie es sich wohl nicht gefallen lassen hätte, wenn es nicht grad jetzt ihre Absicht gewesen wäre, ihm zu einer so langen und innigen Umarmung Gelegenheit zu geben.
Nämlich sie hatte sich bereits daheim unter alten, nicht mehr gebrauchten kleinen Schlüsseln einen ausgewählt, welcher genau die Gestalt und Größe hatte wie derjenige des Försters, welcher dessen Gewehrschrank schloß. Sie hatte ihn mitgebracht, ihn während der Unterhaltung aus der Tasche genommen und in der Hand gehalten.
Es kam ihr darauf an, dem Förster seinen Schlüssel zu nehmen, ohne daß er es bemerkte und den anderen an die Stelle desselben zu hängen. Darum hatte sie ihn sich heut bei der Capelle so genau angesehen. Hätte sie ihn einfach weggenommen von der Kette, so war es sehr leicht möglich, daß er das Fehlen desselben bemerkte, hing sie aber einstweilen einen anderen an dessen Stelle, so konnte der Förster jetzt, bei Nacht, seine Uhrkette zehnmal in die Hand nehmen, ohne zu bemerken, daß der Gewehrschrankschlüssel fehle.
Als er sie nun so innig umarmte und fest an sich drückte, umschlang sie ihn nicht, sondern hielt ihre Arme an sich, so daß sie zwischen ihrem und seinen Leib zu liegen kamen. Das hatte ganz den Anschein, als ob sie die allzu feste Umarmung von sich abwehren wolle. Indem er sie nun mit fast thierischem Ungestüm preßte und küßte, schaffte sie sich mit dem linken Arme für die rechte Hand den nöthigen Raum, um seine Uhrkette zu erwischen.
Sie fühlte dieselbe. Ein Druck an den Carabiner, an welchem der Schlüssel hing, und er öffnete sich. Der Schlüssel befand sich in ihrer Hand. Ebenso leicht gelang es ihr auch, den falschen Schlüssel an den Carabiner zu befestigen.
Jetzt, da sie ihren Zweck erreicht hatte, entzog sie sich seiner mehr als stürmischen Liebkosung. Sie schob ihn von sich ab und sagte, nach Luft schnappend:
»Herrjesses, Du drückst mir ja die Seel aus dem Leib! Deine Lieb ist so gewaltig, daß mans gar nicht aushalten kann! Hörst nicht, daß ich gar keinen Athem mehr hab?«
»Mag sein; aberst so muß man es machen bei dera richtigen Lieb. Einen Genuß muß man davon haben.«
»Aber keinen, an welchem der Andere versticken kann.«
»So schnell geht dem Menschen die Lebensluft nicht aus. Komm her! Wollens noch mal versuchen!«
»Das hat noch Zeit. Laß mich nur erst erholen.«
»Bist doch sonst nicht so zart. Bist wohl in dera letzten Zeit schwach worden?«
»Nein, aberst Alles hat sein Maaß und Ziel, auch die Liebe.«
»Da dank ich für das Maaß, mit welchem Du heut messen willst! Ich hab Dich gar so wenig, und wann ich Dich mal bekommen will, so müssen wir uns heimlich fortstehlen und uns in denen Winkeln umherdrücken. Das ist nix Willkommenes. Es kann mich nicht gefreuen.«
»Mich auch nicht. Es geht aberst leider jetzt nicht anderst.«
»Ja, später wirds besser, wann ich erst Dein Mann bin. Da wohnen wir bei nander, und kein Mensch hat uns nix zu sagen. Nachhero aberst werd ich meine schöne Frau genießen. Da kannst Dich nur darauf gefaßt machen!«
»O Jegerl, das wird gefährlich!«
»Gefährlich nicht, aberst herrlich. – Donnerwettern! Die Zeit ist längst schon vorüber, in welcher ich revidiren muß. Was ist da zu thun?«
Er hatte seine Uhr gezogen und gegen einen Mondesstrahl gehalten, welcher durch die Zweige fiel. Die Bäuerin war darüber erschrocken, fühlte sich aber vollständig beruhigt, als er die Uhr wieder einsteckte, ahnungslos, daß dei Schlüssel, welchen er ja auch mit in der Hand gehabt hatte, ein falscher sei.
»Was zu thun ist,« sagte sie, »das mußt selberst wissen.«
»Fort muß ich mal!«
»So geh!«
»Ich kann Dich doch nicht hier lassen?«
»Warum nicht?«
»Weil ich Dich gern so lang wie möglich bei mir haben will. Also gehst mit?«
»Daran liegt mir nix.«
»Warum denn? Bist müd?«
»Ja, ich bin müd worden von dem Weg, den wir macht haben, und sodann ists ja auch möglich, daß ich sehen werd, wann ich mit Dir geh.«
»O nein! Bevor ich zum Posten geh, um mit ihm zu reden, bleibst hinter denen Büschen stehen.«
»Steht dera Posten auf einer Stell?«
»Nein. Er geht in seinem Bereich hin und her.«
»So kann er leicht auf uns treffen, ehe wir bemerken, daß er kommt. Und was soll er dann denken, wann er mich bei Dir sieht?«
»Da hast freilich Recht.«
»Ich geh also nach Haus.«
Das war keineswegs ihre Absicht. Sie mußte ihm ja den Schlüssel wieder heimlich zustecken. Sie sagte aber so, um von ihm selbst zum Bleiben aufgefordert zu werden. Sie hatte sich auch nicht verrechnet, denn er sagte sofort:
»Schon heim willst? Das geht nicht!«
»Ich möcht halt wissen, warum!«
»In dera Nacht allein heimgehen?«
»Was ists weiter? Dera Mond scheint doch, und ich kenne den Weg.«
»Und wann dera Samiel Dir begegnet?«
»Der wird einer Frau nix thun. Bei mir ist nix zu holen.«
»Aberst eben weilst eine Frau bist, und noch dazu eine schöne Frau.«
»Meinst, daß er sich in mich verliebt?«
»Er wird kein Esel sein. Wann so ein Räuber des Nachts im Wald einer schönen, jungen Frau begegnet, so kann man sich gar leicht denken, was passiren wird.«
»Oho! Ich thät mich wehren.«
»Gegen den Samiel? Damit würdest nicht sehr weit kommen!«
»Ich bin ganz überzeugt, daß es ihm gar nicht einfallt, sich daher in den Wald zu setzen. Nachdem er an dem Oberlieutenant so ein gutes Geschäft macht hat, wird er heimgangen sein und sich aufs Ohr ins Bett legt haben.«
»Und wannst Recht hättest, so kannst doch einem von unsern Posten in den Weg laufen, und diese sollen Dich nicht sehen.«
»Auch das geschieht nicht.«
»Gar leicht.«
»Nein. Du hast mir doch sagt, wo die Posten sich befinden. Da kann ich ihnen nun leicht aus dem Weg gehen.«
»Du hast ja hört, daß sie nicht auf einer und derselben Stell stehen bleiben. Du kannst wirklich gar leicht derwischt werden. Es ist am Allerbesten, Du bleibst hier und wartest, bis ich wiederkomm.«
»Meinst?«
»Ja. Nachhero führ ich Dich durch den Wald, bis er zu Ende ist.«
»Darfst denn von hier fort?«
»Eigentlich nicht; aberst Dir zu Lieb wag ich es gern, gegen die Instructionen zu handeln.«
»Hast ja auch eine Ausred.«
»Welche meinst denn?«
»Wannst derwischt wirst wo anderst als auf Deinem Platz, kannst ja sagen, daßt revidiren gewest bist.«
»Daran hab ich auch schon denkt. Uebrigens werd ich um eine Ausred gar nicht sehr verlegen sein. Also, willst hier warten oder nicht?«
»Wannst denkst, so bleib ich hier.«
»Ja. Ich werd mich sehr beeilen.«
»Wie lange wird es dauern, bis Du wiederkommst?«
»Das ist freilich lang. Die Zeit wird Dir nicht kurz werden. Eine halbe Stund hab ich bis zu dem einen Posten und eine Viertelstund bis zum andern, zuruck also ebenso weit, das thät in Summa anderthalbe Stund machen. Aberst wann ich recht rasch geh, kann ich in einer Stund wohl wiederum da sein.«
»Brauchst Dich nicht gar zu sehr anzustrengen; ich werd gern warten.«
»Aberst die Langeweile, welche Du dabei haben wirst.«
»Die wird nicht arg sein, denn ich werd mich auf die Bank legen und versuchen, ob ich schlafen kann. In dieser Nacht versäum ich meinen Schlaf, da kann ichs sehr gut gebrauchen, wann ich ein Stündchen schlafen thu.«
»Hast Recht. Aberst so allein im tiefen Wald zu schlafen, das ist für eine Frauen nix Gewöhnliches. Wirst Dich fürchten.«
»O nein. Vor wem denn?«
»Vor denen Geistern und Gespenstern.«
»Da laß mich aus! Es giebt ja keine.«
»Denkst das wirklich?«
»Ja. Ich hab niemals an solche Dummheiten glaubt. Geh also in Gottes Namen; um mich braucht Dir nicht bang zu sein.«
»Na, wanns so ist, dann bin ich freilich beruhigt. Ich werd also gehen. Vorher aberst giebst noch einen Kuß!«
»Hast schon wieder Appetit!«
»Zu so was Delicatem jede Minut!«
»Da hast ihn! Und nun mach, daßt fort kommst, damit ich schlafen kann. Je eher Du gehst, desto eher kannst wiederum da sein.«
»Gut. Aberst man kann nicht wissen, was passiren thut. Es kann doch Jemand kommen, vielleicht gar der Samiel. Schlaf nicht zu fest, und wann Jemand kommt, so versteckst Dich sogleich hier hinter dera Bank in die Büschen, bis ich zurückkehren werd.«
»Schön! Ich hab meine Instructionen und werd sie befolgen,« lachte sie.
»Das mußt auch thun. Also leb wohl auf Wiedersehen, Kätherl!«
»Adje, lieber Schatz!«
Er war bereits mehrere Schritte fort. Da blieb er stehen und sagte:
»Adje, lieber Schatz? Donnerwetter! Wannst so zärtlich und liebenswürdig zu mir redest, da muß ich Dir gleich noch aus reiner Dankbarkeit einen recht derben Schmatz geben.«
Er kam wieder zu ihr zurück und wollte sie abermals umarmen; sie aber wehrte sich dagegen und sagte:
»Wannst so unersättlich bist, werd ich andere Saiten aufziehen müssen. Ich werds mir merken, daß ich nicht liebenswürdig mit Dir sein darf.«
»Geh her, Kätherl! Nur noch einen, einen einzigen!« bat er.
»Na, da hast ihn, daßt nur endlich fortkommst! Aberst aus dera Ferne; nicht so nahe. Angreifen darfst mich nicht dabei, sonst druckst mich abermals so, daß ich es nicht aushalten kann.«
Er mußte gehorchen und ihr den Kuß aus der Distance geben. Dann ging er.
Sie blickte ihm nach, bis er aus dem hell beschienenen Thale in den dunklen Wald getreten war. Dann stampfte sie mit dem Fuße und knirrschte so laut, daß die beiden Lauscher es hörten:
»Endlich! Dera verdammte Kerl war ja gar nicht fortzubringen! Nun kann ich aberst schnell machen! Vorwärts also!«
Sie nahm den Rock hoch empor, so daß die nun mit den Männerhosen bekleideten Beine nicht am schnellen Laufe gehindert waren, und sprang längs des Weges hin und bog dann rechts ab in der Richtung nach dem Forsthause zu.
Sie hatte, wenn sie langsam wäre, eine Viertelstunde zu gehen, bei der Eile aber, mit welcher sie vorwärts strebte, konnte sie in der Hälfte dieser Zeit dort sein.
Sie hielt nun keineswegs den gebahnten Weg inne, denn sie wußte, daß sie sonst auf einen der ausgestellten Posten gestoßen wäre. Sie wendete sich vielmehr unter die weit auseinander stehenden hochstämmigen Bäume. Zwar war es da ziemlich dunkel, und sie hatte hier und da rechts oder links um die Bäume zu beugen; aber es war besser, etwas langsamer weiter zu kommen, als von Jemand bemerkt zu werden.
Sie kannte den Wald und besonders diese Parthie desselben so genau, daß ein Irren gar nicht möglich war. Aus diesem Grunde gelangte sie nachher, als sie die Gegend des Forsthauses erreichte und wieder nach rechts bog, um auf den freien Platz, auf welchem es stand, zu kommen, ganz genau an die Stelle, an welche sie ihren Knecht Bastian bestellt hatte.
Er hatte sich dort unter die Zweige des jungen Nadelholzes verstecken sollen. Trotz der Eile, mit welcher sie gelaufen war, waren ihre Schritte im weichen Moose doch so leicht und leise gewesen, daß Bastian sie gar nicht gehört hatte.
»Pst!« machte sie leise, indem sie stehen blieb und nun auf Antwort horchte.
Erst jetzt bemerkte er, daß Jemand da sei. Er steckte den dicken Kopf unter den Zweigen hervor, lugte heraus und sah sie an.
»Hier!« antwortete er.
Mit einigen Schritten kam sie hin zu ihm.
»Hast Alles mit?« fragte sie.
»Natürlich!«
»Auch die Latern und das Blatt?«
»Ja. Kannst hereinkommen.«
»Hilf mir! Es muß rasch gehen!«
Er kam heraus zu ihr, ergriff ihre Hand und zog sie hinein in das Dickicht. Dort hatte er ein zwischen Bäumen liegendes, kleines Plätzchen ausfindig gemacht, welches Raum genug dazu bot, die Samielskleidung anzulegen.
Die dazu nöthigen Stücke lagen da am Boden. Auch das Dings, welches Sepp und Fritz für eine Stockflinte oder so etwas Aehnliches gehalten hatten. Bastian zeigte auf dasselbe und sagte:
»Hier ist auch die Leiter.«
»Gut! Aber wir werden sie nicht brauchen, Bastian.«
»Das wäre gut, denn klettern thu ich nicht gerne.«
»Wir können in das Haus. Erst dachte ich, wir müßten zum Fenster hineinsteigen.«
Während sie sprach, natürlich sehr leise, kleidete sie sich an.
Der Bastian hatte die Samielstracht bereits vorher angelegt. Während er seiner Herrin half, die ihrige anzulegen, fragte er:
»Also Geld willst holen und wie groß ist die Summen?«
Sie sagte es ihm nicht gern; er hätte lieber nicht wissen sollen, welch einen bedeutenden Fang sie machen wolle. Morgen aber wurde jedenfalls allüberall davon gesprochen, und da mußte er es doch erfahren. Darum antwortete sie der Wahrheit gemäß:
»Dreißigtausend Markln.«
»Kreuzdonnerwetter!«
»Was fluchst?«
»Weils so viel ist.«
»Das ist noch lange keine Million!«
»Aberst beinahe.«
»Unsinn! Du hast keine Ahnung, was zu einer Million gehört.«
»Wohl viel mehr?«
»Freilich, noch tausendmal mehr.«
»Sakkerment! Doch sag, giebst mir auch was von denen dreißigtausend?«
»Ja. Wie viel willst haben?«
»Dieses Mal werd ich viel verlangen.«
»Nur nicht allzu viel. Also sags!«
»Giebst mir hundert Markln!«
»Du, werde nicht unverschämt!«
»So sags selbst, wast geben willst.«
»Fünfzig.«
»So, also fünfzig! Weißt, ich weiß noch was viel Besseres!«
»Was denn?«
»Wannst mir einen Willen thust, brauchst mir gar nix zu geben.«
»Nun, was willst Du denn?«
»Ich will – will – Dein Mann sein.«
»Natürlich wirst Du der; aber das geht doch nicht so schnell, wie Du denkst?«
»Wohl weil dera jetzige noch lebt?«
»Ja.«
»Ach, wann der auch noch lebt, so kann ich es doch auch mit sein.«
»Ich will es mir überlegen.«
»So überleg es bald, sonst nehm ich die fünfzig Markln.«
»Jetzt giebt es zum Ueberlegen keine Zeit, Bastian. Wir müssen schnell machen, denn ich muß rasch wieder fort, sonst ists verrathen, daß wir Beide es sind, die den Samiel spielen. Das Geld ist nämlich in dem Förster seiner Stube, im Gewehrschrank.«
»Sapperment! Der wird wohl verschlossen sein?«
»Ja, doch hab ich den Schlüssel.«
»Das ist sehr gut, sehr schön und fein.«
»Aber es ist ein dummes Ding dabei. Nämlich der Graf bleibt heut Nacht im Forsthause und schläft grad in diesem Zimmer.«
»Den soll dera Teuxel holen! Kann er nicht wo änderst schlafen?«
»Diesen Gefallen wird er uns freilich nicht thun.«
»Können wir denn in seine Stuben?«
»Jedenfalls. Hoffentlich schläft er!«
»Und wann er nicht schläft, so wird er Lärm machen.«
»Das müssen wir zu verhüten suchen.«
»Aber wie? Ich weiß ein Mittel. Es ist das beste, was es giebt.«
»Dieses Mittel kenne ich. Du hältst es bei jeder Gelegenheit für das beste.«
»So? Was hab ich denn meint?«
»Du willst ihn todtschlagen. Nicht?«
»Natürlich!«
»Und ich will es nicht!«
»So bist dumm genug. Wann er Lärm macht, sind wir caput.«
»O nein. Er wird sich nicht groß wehren, und außer ihm sind nur noch die Martha und die alte Magd daheim.«
»Wanns so ist, so hab ich keine Sorg. Mit denen Dreien werden wir schon fertig.«
»Das Geld will und muß ich haben, auf alle, alle Fälle. Darum werde ich, wenn man mich zwingt, zum äußersten Mittel greifen, das heißt, ich werde die Person niederschießen, die mich in eine wirkliche Gefahr bringt.«
»Kanns sein, wer will?«
»Ja.«
»Schön! Darauf freu ich mich gar sehr!«
»Red nicht solches Zeug! Man soll nicht aus reiner Wollust morden. Aber wenn es sich um meine Person handelt, so wehre ich mich natürlich auf das Aeußerste. Ich bin jetzt fertig. Komm!«
Sie schlüpfte aus dem Unterholz hinaus, und Bastian folgte ihr.
Draußen schien natürlich der Mond, aber rund um die Lichtung lag ein breiter Schattenstreifen. Im Schutze desselben schlüpften sie bis an den hintern Gartenzaun der Försterei. Ueber diesen sprangen sie hinweg und befanden sich nun im Garten, aus welchem sie ganz ohne alle Mühe in den Hof gelangten.
»Wo sind die Hunde?« flüsterte Bastian.
»Sie sind eingeschlossen, damit sie den Grafen nicht stören sollen.«
»Das haben die dummen Kerls sehr gescheidt macht. Nun können wir weiter.«
Die Bäuerin war bereits oft hier gewesen. Sie kannte die Lage des Kuhstalles. Als sie ihn erreichte, fand sie an der Thüre desselben das Loch, von welchem der Förster gesprochen hatte. Sie langte hinein und fühlte den Holzriegel, den sie aufschob.
Auf diese Weise gelangten sie ohne, alle Mühe in den Stall. Sie machten natürlich die Thüre hinter sich wieder zu, und sodann brannte Bastian die kleine Blendlaterne an, welche er mitgebracht hatte.
Als dieselbe brannte, leuchtete er im Stalle umher.
»Niemand hier,« war das Resultat seiner Nachforschung.
Die beiden Kühe lagen auf der Streu und kauten wieder.
»Jetzt nun beginnt das Gefährliche,« sagte die Bäuerin. »Wir müssen hinaus in den Hausflur. Ich will erst mal nachschauen, ob Jemand draußen ist.«
Sie nahm dem Knecht die Laterne aus der Hand und steckte sie zunächst vorsorglich in die Tasche. Sodann trat sie an die zweite Thüre des Stalles und öffnete dieselbe leise, um hinaus in den Hausflur zu blicken.
Es war finster draußen und kein Lüftchen regte sich.
»Komm!« flüsterte sie.
Bastian folgte ihr, die Thüre hinter sich zumachend.
Nun befanden sie sich im Flur. Sie horchten. Das Schnurren eines Spinnrades ertönte aus der Wohnstube.
»Sie sind da drin,« raunte die Bäuerin dem Knecht zu. »Da weiß man, wie es geht: die Eine spinnt, und die Andere liest oder schläft. Sie sind ungefährlich. Wir können also die Trepp hinaufi steigen. Nimm Dich nur in Acht, daß sie nicht knarren thut. Ich werd dazu leuchten.«
Sie nahm die Taschenlaterne wieder heraus und leuchtete. Die Treppe war gut gebaut und bestand aus ganz vortrefflichem Holze. Sie knarrte nicht. Als sie aber den Vorplatz erreichten, hielt die Bäuerin erst Umschau. Da gab es über den hier befindlichen Thüren Geweihe aller Art. Alte Jagdutensilien hingen an den Wänden; dabei auch eine Anzahl fester Koppelriemen für die Jagdhunde.
»Das paßt!« flüsterte sie. »Die können wir gebrauchen.«
»Wozu?« fragte Bastian.
»Um den Grafen zu fesseln. Paß nur recht auf, was ich mach. Da mußt allemalen gleich schnell mit helfen.«
Sie nahm die Riemen zu sich und schlich sich nun an die ihr bekannte Thüre, welche zur Stube des Försters führte. Sie horchte und glaubte ein ziemlich lautes, regelmäßiges Schnarchen zu vernehmen.
»Er scheint zu schlafen,« flüsterte sie. »Ich werd mal aufimachen. Tret ich hinein, so kommst auch und riegelst die Thür hinter Dir zu, damit wir nicht von außen überrascht werden.«
Sie klinkte langsam auf, langsam und vorsichtig, so daß dabei nicht das geringste Geräusch verursacht wurde. Sodann zog sie die Stubenthüre ein wenig auf und blickte hinein.
Der Graf lag ausgezogen in dem weiß und neu überzogenen Bette. Er hatte den Mund auf und schlief schnarchend. Der Hieb, welchen er auf den Kopf erhalten hatte, schien doch nicht ganz ohne nachtheilige Folgen für ihn gewesen zu sein.
»Komm schnell!«
Bei diesen Worten schlüpfte sie lautlos hinein, und der Knecht folgte ihr, ebenso unhörbar wie sie. Dann verschloß er die Thür. Sie steckte die Laterne in die Tasche und huschte hin an das Bette, neben welchem auf dem Tische eine Lampe brannte. Bastian folgte ihr auch dorthin.
»Das paßt, daß er den Mund aufi hat,« raunte sie ihm zu. »Da können wir ihm einen Knebel hineinstecken, ohne daß es uns eine große Mühen macht.«
»Wovon bereiten wir denselben?«
»Von seinem Schnupftuchen, welches da auf dem Stuhle liegt. Aberst paß aufi! Sobald ich ihm dem Knebel in den Mund schiebe, wird er aufwachen und sich bewegen. In ganz demselbigen Augenblick mußt ihm sofort ganz schnell einen Riemen um die Arme binden, so daß sie an den Leib gepreßt sind, sonst kann er sich mehren und den Knebel aus dem Mund entfernen. Dann binden wir ihm auch die Beinen zusammen, daß er sich gar nicht regen kann.«
Sie drückte das weiße Taschentuch des Officiers fest zusammen und trat zu Häupten des Bettes. Bastian ergriff einen der Riemen und hielt denselben, an der Seite des Bettes stehend, bereit.
Jetzt schob die Bäuerin das Taschentuch dem Grafen in den Mund. Sie stopfte es mit dem Finger so tief wie möglich hinein. Natürlich erwachte der Graf, da er keinen Athem mehr durch den Mund bekam. Er fuhr vor Schreck in die sitzende Stellung empor.
Das war für den Bastian außerordentlich bequem. Im Nu hatte er ihm den Riemen um die Arme geschlungen und zog denselben so zusammen, daß die Ersteren fest an den Leib gepreßt wurden. Ein zweiter Riemen vollendete das Werk.
Jetzt kam der Graf eigentlich erst zum richtigen Erwachen. Er hätte sich bisher noch halb im Schlaf und instinctiv bewegt. Er riß die Augen weit auf und sah den Bastian vor sich stehen. Die Bäuerin konnte er nicht sehen, da diese hinter ihm am Haupte des Bettes stand. Ein ungeheurer Schreck bemächtigte sich seiner. Aber er überwand denselben augenblicklich und machte eine Bewegung, aus dem Bette heraus zu kommen. Aber da er nur die Beine frei hatte, so war es für Bastian leicht, dies zu verhindern. Er band ihm auch die Beine, trotzdem der Graf sich strampelnd dagegen mehrte. Der Letztere sank erschöpft und fast erstickt mit dem aufgerichteten Oberkörper wieder nieder, und augenblicklich legte ihm die Bäuerin ein Kopfkissen auf das Gesicht, damit er nicht sehen könne.
»Jetzt geh wieder hinaus, und halt die Wach vor dera Thür,« gebot sie dem Bastian leise. »Wann Jemand aufikommen sollt, so schlüpfest gleich wieder herein und machst den Riegel wieder vor!«
Er entfernte sich gehorsam. Er wußte, daß die Bäuerin nicht gern bemerken lassen wollte, daß der Samiel eigentlich aus zwei Personen bestehe. Bei allen ihren Raubanfällen und Wildereien hatte sie es stets so eingerichtet, daß nur Eins von ihnen Beiden bemerkt werden konnte.
An der Wand hingen verschiedene Jagdtrophäen. Unter Anderen auch ein scharfer, spitziger Nickfänger. Den nahm sie herab und hielt ihn in der rechten Hand. Dann nahm sie das Kissen wieder von dem Gesichte des Grafen, so daß er sie sehen konnte. Sie beugte sich über ihn und sagte mit unter der Maske dumpf hervorklingender Stimme:
»Kennst mich, Graf?«
Er konnte nicht antworten, wie sich ja ganz von selbst verstand.
»Hast wohl nicht denkt, daßt mich heut Abend noch mal sehen wirst?«
Ueber sein Gesicht ging ein krampfhaftes Zucken. Er schien sich Mühe zu, geben, den Knebel aus dem Munde zu stoßen. Die Kraft der Zunge aber reichte dazu nicht aus.
»Weißt was, Graf,« fuhr sie fort, »damitst mir antworten kannst, werd ich den Knebel entfernen. Aberst das sag ich Dir: Wannst einen Laut von Dir giebst, oder gar um Hilfe rufst, so stoß ich Dir gleich dieses Jagdmessern in das Herz. Darauf kannst Dich nur verlassen. Also sag, willst nur ganz leise sprechen?«
Er nickte. Es war ihm natürlich nur darum zu thun, den Knebel, welcher ihn fast erstickte, los zu werden.
»Gut! Aberst kein lautes Wort! Das befehl ich Dir!«
Sie machte ihm das Hemd vorn auf und setzte ihm mit der Rechten die Spitze des Nickfängers auf die nackte Brust. Sodann zog sie ihm mit der Linken das Taschentuch aus dem Munde.
Er holte tief, tief Athem. Sein von der Athemnoth dunkelroth gefärbtes Gesicht nahm wieder eine natürliche Farbe an. Er sagte sich im Stillen, daß Widerstand ganz vergeblich sei. Dem Samiel jetzt nicht zu gehorchen, das hätte sich nur ein Wahnsinniger unterfangen; es bedurfte ja nur eines kleine« Stoßes mit dem Messer, um den Wehrlosen zum todten Mann zu machen.
Aber wenn er sich auch äußerlich in sein Schicksal ergeben mußte, so bäumte sich doch innerlich sein reges Ehrgefühl, sein ganzer Officiersstolz gegen seine jetzige Machtlosigkeit auf. Doch behielt er genug Besinnung, sich zu sagen, daß Klugheit jetzt das Allerbeste sei. Der Samiel wollte mit ihm sprechen. Vielleicht war, wenn man es schlau anfing, es möglich, aus dem Gespräche gewisse Anhaltepunkte darüber zu erlangen, wer und was der Samiel eigentlich sei, wo er wohne, und so weiter. Darum beschloß der Oberlieutenant, nicht den geringsten Widerstand zu leisten, sondern in ganz passiver Weise auf seinen Vortheil bedacht zu sein.
Eins freilich machte ihm Bedenken. Was wollte der Samiel hier bei ihm? Ausgeraubt hatte er ihn schon. In dieser Beziehung war also nichts zu holen. Wollte er ihn etwa tödten aus Rache dafür, daß es die Aufgabe des Grafen war, den Räuber zu fangen? Das mußte nun freilich in möglichster Kaltblütigkeit abgewartet werden.
Der Samiel hatte durch die beiden in die schwarze Maske geschnittenen Augenlöcher den Grafen scharf fixirt. Er hielt das Messer zum Stoße bereit und sagte:
»Jetzunder werd ich ein Verhören mit Dir anstellen. Wirst mir alle meine Fragen richtig beantworten?«
»Ja,« antwortete der Gefragte leise, »ja, nämlich wenn ich kann.«
»Du wirst können. Aberst mach mir ja keine Dummheiten, denn sonst bin ich ein strenger Richter über Dich!«
Es kam eine Art von Galgenhumor über den Grafen, in Folge dessen er die Antwort gab:
»Ich bitte, es gnädig mit mir zu machen, hoher Herr Gerichtshof!«
»Schweig! Spaßen darfst nicht mit mir treiben. Das kann ich nicht vertragen. Warum bist eigentlich kommen, um mich zu fangen?«
»Weil ich muß!«
»Kannst Dich doch dagegen wehren!«
»Beim Militär giebts keine Gegenwehr den Vorgesetzten gegenüber.«
»So! Also hast wirklich nicht anders konnt?«
»Nein.«
»Nu. wann das ist, will ichs Dir nicht nachtragen.«
Dem Grafen gab das trotz seiner Lage gewissen Spaß. Er wußte jetzt nur so viel, daß der Samiel kein Verständniß für militärische Verhältnisse hatte.
Das war doch wenigstens schon Etwas. Vielleicht ließ sich bei sorgfältiger Verlängerung des Gespräches auch noch Wichtigeres erfahren.
Vor allen Dingen war der Graf bemüht, an dem Aeußeren des Samiels irgend etwas Auffälliges, irgend ein Merkmal zu entdecken, woran man ihn vielleicht dann erkennen konnte.
Er betrachtete ihn also mit scharfen, forschenden Blicken, doch vergeblich.
In Folge der Larve klang die Stimme dumpf und tief. An die Larve schloß sich ein Fortsatz von Tuch an, welcher auch den ganzen Hinterkopf bedeckte; darum und weil der Samiel auch den breitkrämpigen Hut tief in das Gesicht gezogen hatte, war nicht einmal die Farbe des Haares zu erkennen.
Auch vom Halse war nichts zu sehen. Es war ein schwarzes Tuch um denselben geschlungen.
Die Gestalt des Räubers war klein, aber voll. An den Händen trug er Handschuhe, ein Beweis, daß seine Hände derart beschaffen seien, daß er sie nicht sehen lassen durfte. Sie waren klein wie Frauenhände.
Das war Alles, was der Graf im Verlaufe des Gespräches an dem Samiel entdecken konnte; mehr leider nicht.
Dieser Letztere fügte seinen bereits erwähnten Worten zu:
»Es ist mir überhaupten lieb, daßt kommen bist. Wann ein Anderer kommen wäre, so hätts für mich viel mehr Gefahr geben. Dera Andere wär wohl viel gescheidter gewest als Du. Du aberst bist so dumm, daß ich mich vor Dir gar nicht in Acht zu nehmen brauch.«
»Besten Dank für dieses Compliment!« lächelte der Graf grimmig.
»Bitt gar schön! Weißt, warum ich kommen bin?«
»Habe nicht das Vergnügen.«
»Nun, dera Förster hat dreißigtausend Markln dort in dem Schrank. Die will ich mir holen.«
»Donnerwetter!«
»Ja, Das hast wohl nicht denkt.«
»Hol Dich der Teufel!«
»Dazu hat er noch lange nicht Zeit. Bist ein gar kluger Mann! Hasts mit dem Förster besprochen, daß Ihr mir eine Schlingen stellen wollt mit denen Dreißigtausend. Ihr habt denkt, ich werd nun bald kommen, sie mir zu holen.«
»Heiliges Kreuz! Das weißt Du?«
»Ja.«
»Woher weißt Du das?«
»Ich hab Euch belauscht.«
»Da schlage das Wetter drein!«
»Drum bin ich eher kommen. Ich werd mir das Geldl holen. Fangen könnt Ihr Euch, wen Ihr wollt, aberst mich bekommt Ihr nicht. Paß mal aufi!«
Er trat an den Gewehrschrank, zog den Schlüssel aus der Tasche und schloß auf. Eine Brieftasche lag da. Der Samiel öffnete sie und sah, daß sie voller Banknoten war. Er trat damit an das Bett zurück und sagte:
»Schau, das schöne Geldl! Das wird mir eine große Freud bereiten. Noch viel größer aberst ist die Freud darüber, daß ichs aus dera Stuben holt hab, in welcher dera Herr Graf, der mich fangen will, sich befindet. Das wird eine große Ehre für Dich sein, und die Leutln werden es sich verzählen und darüber lachen.«
Ein Zähneknirschen des Grafen war die einzige Antwort, welche er von demselben erhielt. Er schob die Brieftasche in die Innentasche seiner Jacke und fuhr fort:
»Nun. kannst den Herrn Förstern von mir grüßen. Auch er wird sich freuen. Einer wird eine so lange Nasen haben wie dera Andere. So kommts, wann man sich für klüger hält als man ist. Wie ist Dir denn dera Hieb bekommen, dent vorhin von mir erhalten hast?«
»Hole Dich der Satan!«
»Ich hab Dir bereits sagt, daß der keine Zeit dazu hat. Schau, ich hätt Dir gar nix than, denn Du bist ein altes gutes Loderle, welches mir gar nit schaden kann; aberst Du hast mit dera Kronenbäuerin wettet –«
»Verdammt!« stieß der Graf hervor.
»Daßt mich in dieser Woche fangen willst!«
»Woher weißt Du das?«
»Ich habs erlauscht.«
»Das ist nicht wahr!«
»So glaubs halt nicht!«
»Als wir wetteten, war Niemand dabei, der es verrathen konnte.«
»Aberst dera Sepp und dera Fritz habens im Wirthshaus verzählt, und da ist mir halt wiedersagt worden. Darum hab ich mir denkt, wannst Dich für gar so klug hältst, so werd ich Dir einen Denkzettel geben. Also hab ich Dich ablauert und Dir Alles abgenommen. Das hast davon!«
»Du bist wirklich ein Satan!«
»Und Du ein Esel! Die schöne Uhren mit dera goldenen Kett und dera Ring mit denen Diamanten sind mir sehr angenehm gewest. Ich werd ein gutes Geldl dafür erhalten.«
Da durchzuckte den Grafen ein Gedanke. Hier gab es eine vortreffliche Gelegenheit, den Samiel in eine Falle zu locken, aus welcher er sicherlich nicht entkommen konnte. Kaum hatte der Graf den Gedanken gefaßt, so führte er ihn auch aus, indem er sagte:
»Du willst die Sachen verkaufen?«
»Ja. Was soll ich sonst damit thun?«
»Man wird Dir nicht viel dafür geben, denk ich mir.«
»Billig verkauf ichs nicht!«
»Du mußt Dich an einen Hehler wenden, welcher Dir nicht den zwanzigsten Theil des Werthes giebt.«
»An einen Hehler? Jeder Juwelierer kauft mir so einen Ring ab.«
»Da täuschest Du Dich freilich außerordentlich. Ich werde natürlich öffentlich in den Blättern bekannt machen, was Du mir geraubt hast, und die einzelnen Gegenstände so genau beschreiben, daß Niemand Dir einen Pfennig dafür bieten würde. Sobald Du zu einem Goldarbeiter oder Juwelier kämst, würde er die Sachen gleich erkennen und Dich festnehmen lassen.«
»Wann ich selberst komm! Dafür aberst werde ich mich hüten!«
»So sendest Du also einen Boten, den man arretirt, und die Sachen werden confiscirt und mir zurückgegeben. Du erhältst also nicht einen Pfennig dafür.«
»Das machst mir nur weiß.«
»Du wärst ein schlechter Spitzbube, wenn Du nicht einsähest, daß ich Recht habe. Es bleibt Dir nichts Anderes übrig, als zu einem Hehler zu gehen, und von einem solchen bekommst Du natürlich nur einen Lumpenpreis ausgezahlt.«
»So muß ich auch zufrieden sein!«
»Wenn Du so denkst, so bist Du freilich nicht auf Deinen Vortheil bedacht. Du könntest leicht mehr bekommen, mehr noch, als ein Juwelier Dir bieten würde, falls er den Handel für ehrlich hielt.«
»So! Inwiefern denn?«
»Indem Du auf einen Vorschlag eingehst, den ich Dir machen will.«
»So laß denselbigen hören!«
»Ich will die Sache ganz objectiv betrachten. Wenn es Dir gelingt, die Sachen zu verkaufen, ganz gleichgiltig, wieviel Du dafür bekommst, so erhalte ich mein Eigenthum, niemals wieder. Abgesehen von dem Gelde, welches dabei war und welches ich verschmerzen will, liegt mir viel daran, die Uhr und besonders den Ring wieder zu bekommen. Er ist ein altes Erbstück, und ich mag nicht auf ihn verzichten.«
»Ja, wie willst ihn denn wieder erhalten?«
»Dadurch, daß ich Dir Uhr und Ring abkaufe.«
»Sapperment!«
»Nicht wahr, das überrascht Dich?«
»Freilich.«
»Du siehst, daß ich sehr verständig sein will, und ich hoffe darum, daß Du auf meinen Vorschlag eingehst.«
»Das kann ich schon thun, wann wir einig werden.«
»Ich hoffe es. Wieviel willst Du für die Uhr haben?«
»Wieviel ist sie werth?«
»Fünfhundert Mark mit Kette.«
»Giebst mir so viel?«
»Nein. Der Hehler würde Dir nicht mehr als fünfzig Mark bieten.«
»So bekommt er sie nicht.«
»Dann kannst Du sie nutzlos liegen lassen, und schließlich wird sie gar noch einmal zur Verrätherin an Dir. Ein Mann wie Du muß streng nach dem Grundsätze handeln, die geraubten Sachen schleunigst von sich zu geben, um sie zu verwerthen, und besonders aus dem Grunde, daß sie nicht bei ihm gefunden werden und ihn dann in Strafe bringen.«
»Das ist auch schön.! Erst willst mich fangen, und nun giebst mir einen guten Rath, wie ich es machen soll, um nicht entdeckt zu werden.«
»Ich spreche jetzt nicht als Beamter, sondern als Privatmann, als Besitzer der geraubten Sachen zu Dir, die ich gern wiederhaben möchte.«
»So sag nur erst, wast geben willst!«
»Für die Uhr zweihundert Mark. Ich kann sie entbehren und gebe also keinen Pfennig mehr.«
»Hm!«
»Gehst Du darauf ein?«
»Da prositirst dreihundert.«
»Und Du hundertfünfzig, gegen den Preis, welchen der Hehler Dir zahlen würde. Das mußt Du berechnen.«
»Nun gut, sollst sie haben für die zweihundert Markln.«
»Und wieviel verlangst Du für den Ring?«
»Sag erst, was er werth ist?«
»Rund tausend Mark.«
»Das ist nicht wahr.«
»Wenn Du ihn für werthvoller hältst, so bist Du ein schlechter Kenner.«
»Ich kenn es schon. Dera Ring ist unter Brüdern zehntausend Mark werth.« »Oho!«
»Ja, so ists!«
»Da täuschest Du Dich gewaltig.«
»Nein, denn sonst hättst Du selberst Dich auch täuscht.«
»Wieso?«
»Weilst sagt hast, ein jeder Juwelierer thät gleich gern zehntausend Markln dafür geben.«
»Wie? Das hätte ich gesagt? Wann und zu wem?«
»Im Kronenhof heut, alst die Wetten macht hast mit dera Bäuerin.«
»Donnerwetter!«
»Ja, nun fluchst! O, ich weiß Alles.«
»Wie kannst Du denn wissen, daß ich das gesagt habe?«
»Weil es auch im Wirthshaus verzählt worden ist.«
»So bist Du dort gewesen?«
»Werde mich hüten! Ich bin gar nicht von hier aus dera Gegend. Ich hab einen Gehilfen, welcher dabei gewest ist.«
»So! Dann hat er falsch verstanden oder Dich falsch berichtet.«
»Nein. Dieser Mann sagt ein jedes Wort genau. Er weiß, was darauf folgen thät, wann er mir was Falsches sagt.«
»So mag er meinetwegen richtig gehört haben. Aber Diejenigen, welche es erzählt haben, die haben sich geirrt.«
»Auch nicht. Es sind Zwei gewest, dera Sepp und dera Fritz, und Zwei werden Dich doch nicht zugleich falsch verstanden haben. Diese Beiden haben gute Ohren.«
»So, kennst Du sie?«
»Wer sollt diese nicht kennen?«
»Nun, angenommen, daß ich in Wirklichkeit so gesagt hätte, so wäre es doch nur meine Absicht gewesen, mit dem Ringe ein Bischen aufzuschneiden.«
»Ach so! So bist also ein Großmaul!«
»Deshalb nicht. So einen Scherz erlaubt sich ein Jeder einmal.«
»Aberst kein Graf. Wann so Einer gegen einfache Bauersleut größer thut als er ist, so ists eine Schand für ihn.«
»Nimm das, wie Du willst. Der Ring ist bei Weitem nicht so viel werth, wie ich ihn taxirt haben soll.«
»Aberst doch mehr als tausend Markln!«
»Dann trüge es nur eine Wenigkeit aus.«
»Das glaub ich nicht. Wir wollen uns nicht streiten. Ich will zugeben, daßt Dein Maul mit denen Zehntausend mal zu voll genommen hast, aberst wann ich ihn taxiren soll, so gehe ich unter Fünftausend nicht herab. Darauf kannst Dich verlassen. Betrügen läßt dera Samiel sich nicht.«
»Ich will darauf eingehen, daß wir uns nicht streiten. Nehmen wir also an, der Ring sei fünftausend Mark werth. Wieviel würde der Hehler bieten?«
»Tausend.«
»Nein, sondern höchstens fünfhundert.«
»So behalt ich ihn.«
»Und wirst ihn also nicht los. Tragen kannst Du ihn auch nicht, wozu hast Du ihn mir also genommen?«
»Ich will ihn schon los werden!«
»Schwerlich!«
»Ganz leicht. Ich brech die Edelsteinen heraus und verkauf sie einzeln. Da werd ich schon ein schönes Geldl dafür erhalten.«
Der Graf sagte sich, daß der Spitzbube damit sehr Recht habe. Das brachte ihn in Verlegenheit. Er wollte natürlich seinen Ring wieder haben, und zugleich bei dieser Gelegenheit sich des Räubers bemächtigen. Es gab keinen andern Ausweg, als einen guten Preis zu bieten. Darum erklärte er:
»Das wird gar nicht viel sein. Ich gebe Dir auf alle Falle mehr.«
»Nun, wieviel?«
»Giebst zweitausend Markln?«
»Nein.«
»Ich gebe tausend oder im höchsten Falle fünfzehnhundert.«
»Da mach ich nicht mit. Die Uhren war fünfhundert werth und dera Ring kostet fünftausend. Wannst für die Uhren zweihundert giebst, so kannst also für den Ring zweitausend zahlen. Das ist sodann ganz dasselbige Verhältnissen.«
»Hm! Wenn Du so rechnest, so hast Du freilich Recht.«
»Also, was sagst dazu?«
»Um diese unangenehme Geschichte abzukürzen, will ich Ja sagen.«
»Gut! Also zusammen zweitausendundzweihundert Markln?«
»Ja.«
»Hast Geld mit?«
»Hast Du die Gegenstände mit?«
»Nein. Die liegen daheim.«
Die Augen des Grafen leuchteten bei diesen Worten auf.
»Daheim bei Dir selbst?« fragte er.
»Ja.«
»So! Also hast Du mich belogen, als Du sagtest, Du seiest nicht aus dieser Gegend. Wenn Du von der Zeit an, in welcher Du mich beraubtest, bis jetzt bereits zu Hause gewesen und nun schon wieder hier bist, so kannst Du gar nicht weit von Kappellendorf wohnen.«
Der Samiel erkannte, welch einen Bock er geschossen habe, doch war er resolut und antwortete sogleich:
»Hab ich sagt, daß ich daheim gewest bin?«
»Ja.«
»Nein. Ich hab nur sagt, daß ich die Sachen daheim liegen. Dabei gehts Dich gar nix an, ob ich dieselbigen durch einen Kameraden hab heimschaffen lassen oder nicht.«
»Hm!« brummte der Graf zweifelnd.
»Ja. Aberst hast denn überhaupt das Geldl, mich zu bezahlen?«
»Natürlich.«
»Hier in Kapellendorf? In Deiner Wohnungen beim Kronenbauer?«
»Nein. Ich hatte Alles einstecken, und Du hast es mir abgenommen.«
»So bist also blitzeblank vom Geldl und willst mir doch eine solche Summen geben?«
»Warum nicht? Ich brauch ja nur meinem Bankier einen Brief zu schreiben, so sendet er mir, was ich brauche. Oder, um die Sache zu vereinfachen, geb ich Dir lieber einen Wechsel.«
»Dafür dank ich gar schön! Von einem solchen mag ich nix wissen.«
»Nun gut, dann machen wir baare Zahlung.«
»Wann?«
»Bestimme die Zeit!«
»Das kommt darauf an, wannst das Geldl erhalten wirst.«
»Früh schreibe ich gleich; übermorgen also ist es da.«
»Schön! So kannst mir also übermorgen das Geldl geben, und Du empfängst die Uhr und den Ring dafür.«
»Wo aber?«
»Hm! Das ist eine gar schwierige Sachen. Meinst nicht auch?«
»Gar nicht. Wir treffen uns an einem bestimmten Orte und zu einer verabredeten Minute und tauschen Geld und Sachen mit einander aus. Dann sind wir fertig. Die Sache ist sehr einfach.«
»Nein, die Sach ist gar nicht so einfach, und auch nicht fertig sind wir sodann.«
»Was sollte denn noch kommen?«
»Meine Gefangennahme.«
»Ah! Wieso?«
»Denkst etwan, ich weiß nicht, wast willst und welche Absichten Du hast?«
Der Graf machte ein so ehrlich erstauntes Gesicht wie nur möglich. Er antwortete:
»Meine Sachen will ich wieder haben. Das beabsichtige ich, weiter nichts.«
»Oho! Die Sachen willst wieder haben und mich dabei ergreifen lassen!«
»Das kommt mir nicht in den Sinn!«
»O doch! Ich möcht darauf schwören, daßt nit Anderes willst!«
»So würdest Du falsch schwören.«
»O nein! So klug und weise wie ein Grafen oder ein Offizieren bin ich auch noch, vielleichten noch viel gescheidter und vorsichtiger.«
Der Graf nahm diese beleidigende Pille ruhig hin und sagte:
»Wann Du das denkst, so kannst Du doch Deine Maßregeln darnach treffen.«
»Meinst? Dagegen giebts gar keine.«
»Auf jeden Fall!«
»So sag mir doch mal, welche!«
»Dies auszusinnen, ist Deine Sache.«
»Schön! Da brauch ich mir gar nix auszusinnen. Auf denen Leim, dent mir stellen willst, geh ich nicht. Mich fängst auf keinen Fall. Wannsts ehrlich meinst, bekommst Deine Sachen wieder, und ich erhalte das Geld dafür.«
»Aber wie?«
»Das laß mir allein über. Ich werds schon so einzurichten wissen, daß Alles klappt. Schreib nur dem Bankier. Ich werds sofort wissen, wannst das Geld erhalten hast. Nachhero wird der Umtausch stattfinden auf eine Art, die Alles in Ordnung bringt, ohne daß ich in Gefahr dabei komme.«
»Davon muß ich doch vorher wissen!«
»Nein, vorher nicht, aberst zur richtigen Zeit wirsts derfahren.«
»Darf ich also annehmen, daß unser Geschäft als abgeschlossen zu betrachten ist?«
»Ja.«
»So verlasse ich mich fest darauf!«
»Kannsts als sicher nehmen. Nun sind wir fertig, und ich werd gehen.«
»Aber das Geld nimmst Du doch nicht mit!«
»Nicht? Was fallt Dir ein!«
»Es gehört dem Förster!«
»Es hat ihm gehört, jetzunder ists nun das meinige Eigenthum.«
»Mann, wage nicht zu viel!«
»Pah! Was giebts da zu wagen?«
»Wannst Du es zu arg treibst, geht es Dir dann desto schlechter.«
»Das behalt für Dich. Meinst, daß ich gekommen bin, mir das Geldl nur anzuschauen und es dann recht brav und ehrlich wieder hinein in den Schrank zu legen? Das wäre eine Verrücktheiten, die ganz ohne Gleichen sein würde.«
»Bemitleidest Du denn den armen Förster gar nicht?«
»Den bemitleiden! Er ist ein alberner Kerl, dem nix Anderes gehört. Er hat es gewonnen und kanns also gar leicht verschmerzen.«
»Thu es wieder hinein, dann will ich nichts gegen Dich unternehmen.«
»Ah! Was wolltest denn unternehmen?«
»Um Hilfe rufen.«
Der Samiel hatte nämlich das Messer im Laufe der Unterredung fortgelegt. Jetzt aber ergriff er es sofort wieder, zückte es gegen die Brust des Grafen und antwortete:
»Beim ersten lauten Ruf wärst Du eine Leiche. Und selbst wann das nicht wäre, so könnt Dir dera Hilfeschrei gar nix einbringen.«
»Da irrst Du Dich. Der Förster würde sogleich mit seinen Burschen gesprungen kommen.«
»Schau, wast alles sagst! Ist er denn zu Haus?«
»Ja.«
»So! Da hast Dich sehr im Samiel geirrt. Dera Förster ist draußen im Wald mit seinen Burschen, mit dera Polizei und denen Soldaten.«
»Davon weiß ich nichts.«
»Lüge nicht. Ich weiß Alles. Sie wollen mich fangen, und indessen hole ich dem heutigen Anführer, der die Andern sogar revidiren muß, damit ich ihnen ja nicht entgehen kann, das Geldl aus dem Schranke. Ist das nicht lustig?«
»Du bist ein verdammter Kerl!«
»Und Du ein altes, gutes, dummes Loderl. Mach nun das Maul wiederum aufi. Ich muß Dir den Knebel hineinstecken.«
Der Graf erschrak und bat:
»Das wirst Du doch nicht thun!«
»O doch. Es ist gar nothwendig.«
»Ganz und gar nicht. Ich bin ja gefesselt. Wozu soll ich auch noch geknebelt werden?«
»Damitst nicht rufen kannst.«
»Was schadet das, wann Du fort bist?«
»Sehr viel. Du beginnst gleich zu schreien, wann ich noch im Haus bin.«
»Das wäre dumm. Die alte Magd kann mir nicht helfen und die Martha auch nicht.«
»Hm! Kannst Recht haben.«
»Und bedenke, daß ich leicht ersticken kann, wenn ich so daliegen muß, bis der Förster zurückkehrt. Der kommt ja erst, wenn die Nacht vorüber ist.«
»Schau, wie genau Du nun auf einmal weißt, daß er draußen im Walde ist! Ja, Du bist ein gar Kluger, grad so klug, daß es für Dich ausreichen thut. Nun, ich will ein Einsehen haben und Dich nicht wieder knebeln, wannst mir versprichst, nicht eher zu rufen, als bis eine Viertelstunden vergangen ist.«
»Das verspreche ich,« antwortete der Graf, dem dieses Zugeständniß das Herz erleichterte.
»Auf Ehrenwort?«
»Auf Eh – – –«
Er hielt inne. Sollte er dem Räuber wirklich sein Ehrenwort geben, welches zu halten er dann doch gezwungen war? Man konnte ja nicht wissen, was geschah. Innerhalb einer Viertelstunde kann sich Vieles ereignen.
»Nun?« fragte der Samiel.
»Genügt Dir mein Versprechen nicht?«
»Nein. Mach auf das Maul.«
Er ergriff das Taschentuch.
»Was willst Du thun, wenn ich den Mund nicht aufmache? Du mußt es Dir gefallen lassen.«
Der Samiel zückte das Messer und antwortete:
»Was willst dagegen thun, wann ich Dir das Maul hier mit dem Messer aufimachen thu? Du mußt es Dir doch gefallen lassen. Paß aufi!«
Er ergriff den Grafen mit der Linken beim Kopf und näherte die Messerklinge dem Munde des Gefesselten.
»Halt!« rief der Letztere. »Ich verspreche, nicht zu schreien.«
»Auf Ehrenwort?«
»Ja, auf Ehrenwort.«
»Schön! So kannst liegen bleiben, wie Du jetzunder bist. Nach einer Viertelstunden darfst meinetwegen schreien, daß dera Himmel einistürzt.«
Er zog ein Papier aus der Tasche, welches ihm der Bastian gegeben hatte, bevor sie im die Stube traten. Es standen ganz dieselben von Bastians Hand geschriebenen Worte darauf wie auf dem Papiere, welches vorher dem Grafen draußen im Walde angehängt worden war.
»Schau,« sagte er, »da will ich einen Zettel in den Schrank legen, worauf schrieben steht, daß ich es bin, der das Geld nommen hat.«
»Das ist gar nicht nöthig!«
»O doch! Man könnt gar leicht Dich für den Spitzbuben halten, weilst hier in dera Stuben gewest bist.«
»Kerl!«
»Sei still, und brauße nicht aufi! Ein Graf kann auch mausen. Eure Ahnen sind doch fast alle Raubrittern und Spitzbuben gewest, und Ihr seid doch stolz daraufi, daß deren Blut noch heut in Euern Adern lauft.«
Er legte den Zettel hinein und schloß den Schrank zu. Den Schlüssel steckte er natürlich wieder ein.
»Na, die Freuden,« lachte er dumpf unter der Larve hervor, »die große Freuden, welche dera Förster haben wird, wann er hineinschaut und sein Geldl nicht mehr findet. Ich möcht das Gesicht sehen, welches er dabei machen wird.«
»Das wird nicht schlimmer sein als dasjenige, welches Du einst machen wirst, wenn Du zum Galgen geführt wirst,« antwortete der Graf.
»O, damit hats alleweil noch gute Zeit. Den Samiel fangt Ihr doch nicht. Der ist viel zu klug für Euch.«
»Ein verflucht gescheidter Kerl bist Du; das muß ich freilich zugeben. Woher hast Du denn den Schlüssel zu diesem Gewehrschrank bekommen?«
»Das brauchst nicht zu fragen. Ich hab Schlüssel, welche alle Schlösser schließen. Gute Nacht! Leb wohl, und laß Dir die Zeit nicht lang werden.«
Er huschte mit unhörbaren Schritten aus der Stube. Die Thür verschloß er hinter sich, wie der Graf hörte.
Dieser Letztere befand sich in einem Zustande höchsten Ingrimms. Es hatte all seiner Kraft bedurft, denselben zu bemeistern, was ganz nothwendig war, um den Samiel nicht zu erzürnen. Sein Blick glitt nach Hilfe suchend durch das Zimmer. Neben dem Bette, hart an dasselbe stoßend, stand ein Tisch und darauf lag ein Messer, eine Gabel und ein Löffel.
Wenn es ihm gelang, das Messer zu erwischen, so konnte er sich befreien.
Er hatte bisher absichtlich ganz steif im Bette gelegen, um dem Samiel glauben zu machen, daß er sich gar nicht bewegen könne. Die Arme waren ihm an den Leib gebunden, so daß die Hände unten am Bauche zusammenlagen. Die Beine waren auch gefesselt, aber nicht gar zu fest, denn er hatte, als ihm von Bastian der Riemen um dieselben geschlungen worden war, sie nicht fest aneinander gedrückt, so daß ihm nun ein Spielraum von wenn auch nur einem Zolle blieb, um die Füße zu bewegen.
Das Hüftgelenk aber war frei. Er gab sich mit dem Oberkörper einen Schwung nach oben und kam so zum Sitzen. Indem er sich nun herumdrehte und die Beine aus dem Bette streckte, erreichte er mit den Füßen den Fußboden und richtete sich aufrecht empor. Nun beugte er sich in den Hüften so weit nieder, daß sein Gesicht auf den Tisch zu liegen kam und er mit den Lippen und Zähnen das Messer erreichen konnte.
Er schob es bis an die Tischkante, richtete sich wieder auf und vermochte nun, das Messer mit der Hand zu erfassen. Er hielt es fest am Griffe, schob die Klinge unter den um seinen Leib gebundenen Riemen und begann, so weit er die Hand bewegen konnte, an den Riemen zu sägen.
Dies Alles geschah in fieberhafter Hast und schneller, als man es zu erzählen vermag. Bereits nach wenigen Augenblicken war der Riemen durchschnitten und der Graf hatte seine Hände frei. Keine Secunde später hatte er auch den Riemen an seinen Beinen gelöst.
»Ah! Frei!« seufzte er erleichtert auf. »Und nun dem Kerl nach. Vielleicht ist er noch im Hause! In diesem Falle soll er mir nicht entgehen. Ich habe mein Ehrenwort gegeben, nicht zu schreien; aber daß ich auch nichts Anderes thun werde, daß habe ich nicht versprochen. Ihm also nach!«
Er riß einen Hirschfänger von der Wand und – – – bemerkte nun erst, daß er nicht angekleidet war. In fieberhafter Hast zog er nur Hose, Weste und die Stiefeln an und eilte dann nach der Thür – vergebens! Sie war ja verschlossen.
Seit dem Augenblicke, an welchem der Samiel die Stube verlassen hatte, waren nicht drei Minuten vergangen. Er konnte noch im Hause sein.
Der Graf suchte nach einem anderen Ausgange, und dieser war vorhanden.
Eine Thür führte in eine kleine Nebenstube. Der Graf stieß sie auf. Von da ging eine Thür hinaus nach dem Vorplatz zur Treppe. Eben als der Graf auch diese öffnete, ertönte unten eine weibliche Stimme:
»Herrgott! Dera Samiel!«
Den Hirschfänger mit den Fingern fest umklammernd, sprang der Graf zur Treppe hinab. Er hörte verworrene Stimmen und dann einen Schuß. Es war ihm gewesen, als ob der Ruf aus dem Munde Marthas erklungen sei.
Diese Vermuthung war die richtige. Es war Martha, die ihn ausgestoßen hatte. –
Sie hatte mit Fritz, als die Kronenbäuerin auf eine so seltsame Weise von dem Orte des Stelldicheins fortgeeilt war, noch einige Augenblicke lautlos gewartet, ob die Bäuerin nicht wiederkommen werde. Dann war Fritz aufgestanden, hatte ihre Hand ergriffen und sie fortgezogen.
»Komm!« sagte er. »Wir dürfen nicht länger hier bleiben.«
»Wohin?« fragte sie.
»Nach Haus natürlich.«
Sie eilten schnell über den vom Monde beschienenen Raum weg und blieben sodann, als sie den Schatten erreichten, verschnaufend stehen.
»Hasts hört, was sie sagte, als sie fortgangen ist?« fragte Martha.
»Ja.«
»Was mag sie vorhaben?«
»Wer kann das wissen.«
»Und wohin kann sie sein?«
»Auch das weiß ich nicht. Mir scheint, daß sie Etwas thun will, was Deinem Oheim schädlich ist.«
»Das hab ich mir auch denkt, aberst das kann doch nicht sein.«
»Warum nicht?«
»Weil sie ihn so sehr lieb hat.«
»Martha, glaubst das wirklich?«
»Ja. Sie hats ja selberst sagt!«
»Sie hat ihn belogen.«
»O nein! So lügen kann doch unmöglich eine Frauen.«
»Meinst Du?«
»Ja. So – so – so gar zärtlich mit ihm sein, sich so – so – solche Liebe gefallen lassen und ihm doch nicht gut sein, das ist doch in dera ganzen Welt gar nicht möglich.«
»Bei der Bäuerin aber doch!«
»Herrgott! Ich thät vor Scham sterben, wann Einer, den ich nicht lieb hab, so mit mir thät, wie dera Oheim mit ihr than hat.«
»So! Aber von Einem, den Du lieb hast, ließest Du es Dir gefallen?«
»Auch nicht, so nicht!«
»Wie aber denn?«
Er legte die Hand um sie und zog sie sanft an sich.
»Wie? Das weiß ich nicht,« antwortete sie leise.
»Das weißt nicht? Wohl weilst noch keinen Buben habt hast?«
»Ja.«
»Hat denn noch Keiner den Arm so um Dich legt, wie ichs jetzund thu?«
»Nein.«
»Aberst einen Kuß hast doch schon bereits mal erhalten?«
»Nie, nie! Es hat Keinen geben, dem ich so was hätt derlauben mögen.«
»Und es giebt wohl auch Keinen? Keinen Einzigen?«
Er beugte sich zärtlich zu ihr nieder. Seine Stimme hatte jenen unbeschreiblichen Ton, den nur die Liebe der menschlichen Kehle zu verleihen vermag.
Sie antwortete nicht. Sie wußte nicht, was sie sagen sollte. Ja wollte sie nicht sagen, um ihn nicht zu betrüben, und Nein konnte sie nicht hervorbringen. Ihr reines, jungfräuliches Gefühl sträubte sich dagegen.
»Martha, magst mir nicht antworten? Giebts Einen, dem Du es erlauben würdest, Dich zu küssen?«
»Ja,« hauchte sie, »aberst nur ein Einziger, ein Allereinziger ists.«
»Wer?«
»Das weißt nicht?«
»Ich kanns mir denken.«
»Nun, wen denkst Dir denn?«
»Ich denk, daß ich es bin. Hab ich da Recht?«
»Ja.«
Er drückte sie noch inniger an sich.
»Schau, Martha, das ists, was mich so gar sehr glücklich macht, daß ich der Erste und Einzige bin, der Dich anrühren darf. Wann ein Weib noch so schön ist, und es hat bereits einem Anderen gehört, nachhero möcht ichs gar nicht haben.«
»Du bist doch auch so. Du hast auch noch kein Dirndl lieb habt, Fritz.«
»Ja, und darum passen wir so gar sehr gut zu einander, meine herzliebe Martha. Uns soll nix trennen. Kein Mensch, kein Unglück und keine Gewalt soll uns aus nander bringen können. Das wollen wir uns hier versprechen. Nicht wahr, mein gutes Maderl?«
»Ja, Fritz.«
»Giebst mir die Hand daraufi?«
»So gern! Hier hast sie!«
Sie schlugen ein, und Fritz sagte mit vor Wonne bebender Stimme:
»So bist nun mein, ganz mein, und ich darf Dich an mein Herz nehmen. Dort soll Dein Platz sein, so lange ein Athem in meiner Brust ist und ein Gedank in meiner Seelen. Komm her, mein süßes, liebes Martherl!«
Er zog sie innig an sich, hob ihr Gesichtchen empor und küßte sie herzlich.
So standen sie bei einander in seligem Entzücken. Sie liebten sich; sie hatten sich; sie gehörten einander unzertrennlich und für das ganze Leben an. In diesem Bewußtsein dachten sie nur an sich, nur an ihr Glück, nur an den gegenwärtigen Moment. Sie vergaßen, wo sie waren und was sich ereignet hatte. Der Förster, die Kronenbäuerin, der Samiel, sie waren vergessen. So verging Minute um Minute, bis Martha doch endlich den Geliebten erinnerte:
»Fritz, wollen wir nicht weiter gehen?«
»Weiter? Mir ists, als ob hier das herrlichste Plätzchen sei auf dera ganzen Welt, als ob wir hier bleiben müßten fürs ganze Leben. Diese Stelle ist mir heilig und wird mir ein Gedächtniß bleiben, so lange als ich nur denken kann.«
»Auch ich werd mir sie merken. Aberst nun möcht ich doch nach Haus. Schau, dera Mond ist schon bereits weit hinüber. Mußt nicht auch nach Haus?«
»Ja freilich. Hast Recht, wir wollen gehen. Wir werden einander ja doch fleißig wiedersehen. Meinst nicht auch?«
»Ja, fleißig und bald.«
»Sehr bald. Wann denn?«
»Willst wohl morgen bereits wieder zu mir kommen?«
»Von ganzem Herzen gern.«
»So komm! Ich freu mich schon heut darauf.«
»Und wo treffen wir uns?«
»Grad da, wo wir uns heut troffen haben.«
»Und wann?«
»Ja, wann denkst denn eigentlich?«
»So spät nicht wieder wie heut.«
»Nein, sondern eher. Aberst die Zeit, wann ich fortkommen kann, weiß ich heut noch nicht genau.«
»So werd ich, wann wir gessen haben, mal herauslaufen nach dem Forsthaus. Außen am Zaun werd ich stehen, weißt, hinter dera Lauben, in welcher Du den Förster mit meiner Bäuerin mal sehen hast. Da brauchst nur in die Lauben zu treten, um mit mir durch den Zaun sprechen zu können, und da kannst mir sagen, wannst Zeit hast, zu kommen.«
»Ja, so wollen wir es machen. Komm!«
Sie umschlangen sich und schritten langsam weiter.
Freilich hatten sie es nun in ihrer glückseligen, weltvergessenen Stimmung nicht gar sehr eilig. Sie gingen den Schritt aller Liebenden – langsam, in süßem, flüsterndem Gekose und die Blicke tief in einander gesenkt. Sie ahnten ja nicht, was während derselben Zeit im Forsthause geschah.
Als sie dieses endlich erreichten, wollte er sie nach der Hausthüre führen; sie aber sagte:
»Nicht vorn, sondern hinten hinein werd ich gehen.«
»Hast den Schlüssel nicht mit?«
»Nein. Ich bin durch den Stall heraus und werd auch durch denselbigen wiederum hineingehen. Den Gartenschlüssel aberst hab ich mit.«
Sie umschritten die Försterei und gelangten an den hinter derselben gelegenen Garten. Martha öffnete die Thür desselben.
»Hier wollen wir Abschied nehmen,« sagte sie.
»Kann ich nicht mit bis zum Stall gehen?«
»Warum?«
»Weil ich wissen muß, daßt auch sicher heim gelangst.«
»Ich bin doch bereits daheim!«
»O nein. Jetzund bist immer noch im Freien, und da kann Dir sehr leicht noch was begegnen.«
»Hier nun nicht mehr. Dera Samiel wird sich nicht in das Forsthaus wagen.«
»Vielleicht doch! Nein, ich geh mit bis an den Stall. Wannst da drin bist, nachhero kann ich ruhig sein.«
»Aberst ich muß doch hier die Gartenthür verschließen!«
»Was thut das? Nix.«
»Dann kannst ja nicht wieder herausi!«
»O doch. Ich steig über den Zaun.«
»Wannst Dir solche Mühen machen willst, so hab ich nix dagegen. Komm also mit!«
Sie verschloß die Thür, und nun gingen sie mit einander aus dem Garten in den Hof und über denselben hinweg nach der Stallthüre zu. Dort blieben sie noch einige Augenblicke lang stehen.
Das war grad zu derselben Zeit, in welcher der Samiel den Grafen verließ.
Der Mond schien so hell hernieder, dahin, wo sie standen. Sie konnten sich so in die Gesichter sehen, als ob es am hellen Tage sei. Er zog das liebe, schöne Mädchen noch einmal recht innig an sich und fragte:
»Martha, solls Dein Oheim wissen, daß wir einander lieb haben?«
»Ganz wie Du willst.«
»So wollen wir es ihm noch für kurze Zeit verschweigen.«
»Hast einen Grund dazu?«
»Ja. Ich werd ihm erst mal zeigen, daß ich der Einwilligung der Bäuerin nicht bedarf, wann ich mir eine Frau nehmen will.«
»Das war eine Dummheiten, die sie sagt hat. Sie hat doch kein Recht und keine Vormundschaft über Dich!«
»Nein, gar keine, und – – Pst! Hast nicht was hört?«
»Ja.«
»Was war es?«
»Es war wie wenn man eine Thüren aufklinken thut.«
»So ists auch mir vorkommen.«
»Und zwar drin im Stall. Ich kenne diesen Ton genau.«
»Sollt Jemand drinnen sein?«
»Wir werden uns täuscht haben.«
»Nein. Ich habs ganz deutlich hört, denn es war – – Schau! Himmelsakra!«
Er deutete nach dem kleinen Fensterchen des Stalles, welches in diesem Augenblicke durch den Schein eines Lichtes erleuchtet wurde.
»So ist doch wer drin!« flüsterte Martha.
»Aberst wer!«
»Nur die Magd kann es sein. Die Rothschecketne hat heut nicht fressen wollt, und da wird die Magd nachschauen wollen, was die Kuh macht und ob sie vielleichten gar krank ist.«
»Wanns so ist, so soll es mich gefreuen. Wanns aberst anders ist, so – schau! Alle Teufeln! Da geht die Thüren aufi!«
Sie standen grad der Thür gegenüber. Diese wurde geöffnet, und der Bastian trat heraus, ohne die Beiden im ersten Augenblicke zu bemerken, denn er hatte das Gesicht nach dem Innern des Stalles zugewendet.
Martha erblickte die dunkle Gestalt in der oft beschriebenen, gefürchteten Tracht. Der Schreck darüber entlockte ihr den lauten Schrei.
»Herrgott! Dera Samiel!«
Da fuhr der Bastian blitzschnell herum. Er erblickte die Beiden und erkannte sie auf der Stelle.
»Die Martha!« rief er aus, indem er rasch einige Schritte auf die Beiden zutrat.
Die Bäuerin, anstatt zurückzuweichen und sich einen anderen Ausweg zu suchen, trat sofort auch aus dem Stalle heraus.
»Noch einer!« schrie Martha auf.
»Dera Fritz!« entfuhr es der Bäuerin. »Also doch!«
Damit hatte sie sich verrathen; aber Fritz wußte auch ohnedies, daß er seine Herrin und seinen Mitknecht vor sich hatte. Martha umschlang ihn in ihrer Angst und legte den Kopf an seine Brust.
»Hilf mir, Fritz, hilf mir!« stammelte sie.
»Hab keine Angst!« antwortete er. »Bei mir bist sicher.«
Der Bastian lachte höhnisch auf. Er konnte Fritz nicht leiden, wie ja die Tugend stets von der Sünde gehaßt wird. Jetzt hatte er Gelegenheit, ihm Eins auszuwischen.
»Sicher beim Fritz, bei dem Lausbub!« rief er aus. »Dirndl, Du mußt mein werden.«
Er sprang herbei und griff nach ihr.
»Zurück!« donnerte Fritz ihm entgegen.
»Hund, was hast mir zu befehlen!« entgegnete Bastian.
Er riß den Todtschläger unter der Jacke hervor und holte zu einem fürchterlichen Schlage aus. Hätte dieser Hieb getroffen, so wäre Fritz sofort eine Leiche gewesen.
Der wackere Bursche aber war schneller als sein Feind. Er schlug diesem mit blitzartiger Geschwindigkeit die Faust mit solcher Gewalt in das Gesicht oder vielmehr an die vor das Gesicht befestigte Larve, daß Bastian mit einem lauten Wehschrei zusammenbrach.
Das brachte die Bäuerin zur augenblicklichen Energie. Sie hatte Fritz hier bei Martha getroffen; er war für sie verloren, denn er liebte dieses Mädchen. Warum sollte sie ihn schonen? Es galt, sich des niedergeschmetterten Bastians anzunehmen.
»Verdammter Kerl!« kreischte sie auf, so daß man aus ihrer Stimme leicht errathen konnte, daß der Samiel ein Frauenzimmer sei. »Das sollst mir sehr büßen.«
Sie drang mit beiden Fäusten auf Fritz ein, während Bastian sich langsam vom Boden erhob. Fritz lachte laut auf und rief:
»Seit wann kämpfen den Katzen gegen den Bären. Weig fort, sonst zerbrech ich Dir die Krallen!«
Er schleuderte sie von sich. Anstatt aber zur Besinnung zu kommen und zu bedenken, daß sie aus einem Kampfe mit ihm unmöglich als Siegerin hervorgehen könne, wendete sie sich wieder zurück. Sie fuhr mit der Hand in die Tasche. Der Lauf ihres Revolvers glänzte im Mondesstrahl – –
»Das hast für die Katz, Du Hundekerl!« rief sie.
Der Schuß krachte.
Sobald Martha die Waffe erblickte, ergriff sie den Geliebten am Arme und schrie voller Angst:
»Weig aus! Er schießt.«
Sie riß ihn an sich. Er zuckte zusammen und wankte.
»Herrgott! Er ist troffen!« zeterte Martha und warf ihre beiden Arme um ihn, ihn fest umschlingend.
Die Bäuerin hatte nach diesem Schusse sofort die Flucht ergriffen. Sie rannte nach dem Zaune und kletterte mit der Schnelligkeit einer Katze hinüber. Der Bastian hatte sich von dem erhaltenen Hiebe wieder erholt; er sah ein, daß Flucht das Gerathenste sei und folgte seiner Herrin mit derselben Schnelligkeit.
»Laß mich! Laß mich los!« rief Fritz. »Ich will ihnen nach; ich will sie haben.«
»Nein, nein!« antwortete Martha, ihn nur noch fester umschlingend. »Sie schießen auf Dich; sie dermorden Dich; Du darfst nicht fort.«
»Nix, gar nix könnens mir thun. Laß mich nur fort.«
»Nein, Du bleibst, Du bleibst!«
»So zwingst mich, Gewalt zu brauchen!«
Er wollte sie von sich abschieben, aber er konnte es nicht, außer wenn er ihr hätte sehr wehe thun wollen. Sie hing sich so an ihn, daß er gezwungen war, nachzugeben.
»Herrgottle! Warum lässest mich nicht fort!« seufzte er auf. »Nun sinds entkommen.«
»Laß sie!« bat sie zitternd. »Sie mögen immer entkommen, wann sie nur Dir nix anhaben können. Hörst, was ist das?«
Sie hörten jetzt, daß heftig an der hintern Thür gerüttelt wurde.
»Wer will herausi?« fragte Martha.
»Ich, der Graf!«
»Ach so! Sagens dera Magd.«
»Die ist nicht zu finden.«
Dabei trat er mit den Beinen abwechselnd gegen die Thür.
»Da ist zu; da könnens nicht ausi. Gehens durch den Kuhstallen. Dann sinds sogleich im Hof.«
Jetzt hörten die Beiden eine Thür aufreißen; dann erscholl ein zorniger Schrei im Stall:
»Himmelelement! Wer liegt denn da?«
Das Mädchen trat an die Thür und fragte hinein:
»Was fluchens denn?«
»Ich bin über einen Kerl gestürzt.«
»Das ist kein Kerl, sondern unsere rothschecketne Kuh.«
»Alle Teufel! Was will die denn da?«
»Na, das ist doch ihr Stall! Oder meinens, daß ich die Kuh in den Glasschrank stellen soll?«
»Ach so! Der Stall! Das ist ja richtig. Aber wo ist meine Waffe?«
»Suchens nur!«
Es vergingen einige Augenblicke, während deren er suchte; dann hörte man seine Stimme:
Hier fühle ich sie. Ja, das ist der Hirschfänger.
»Nun, da bin ich. Wo ist der Hallunke?«
Er erschien unter der Thür, den Hirschfänger in der Faust, und blickte sich um. Als er Fritzen sah, sprang er auf ihn zu und rief:
»Da ist er! Da haben wir ihn! Hund ergieb Dich sofort!«
»Was?« lachte Fritz. »Ich soll mich ergeben?«
Der Graf sprach nicht weiter. Er erinnerte sich jetzt daran, daß der Samiel eine ganz andere Tracht gehabt hatte. Er erkannte zugleich auch des Knechtes vom Monde erleuchtetes Gesicht.
»Sapperment!« sagte er. »Ein Irrthum. Ich dachte der Samiel wäre es.«
»O nein. Der bin ich nicht.«
»Das weiß ich. Aber er war doch hier!«
»Freilich!«
»Wo ist er?«
»Fort, entkommen.«
»Alle Teufel! Warum habt Ihr ihn nicht festgehalten?«
»Warum habens ihn nicht selberst festhalten, Herr Grafen?«
»Weil – brrr! Wische mir den Hirschfänger mal gehörig ab.«
Er hielt ihm die Waffe hin. Fritz aber trat zurück und antwortete lachend:
»Dank schön, Herr Oberlieutenant.«
»Was geht mich der an! Gar nix. Werfens ihn weg, so sinds ihn los.«
»Hm! Ja, hast Recht.« Er warf ihn fort und sagte dann weiter: »Also Ihr habt den Samiel gesehen?«
»Ja, alle Beide,« antwortete Fritz.
»Beide – – –?«
»Sapperment! Droben bei mir – – –«
Er sprach nicht weiter, denn in diesem Augenblicke, wo er von seinem Abenteuer erzählen wollte, erkannte er erst, wie wenig ruhmvoll dasselbe für ihn sei. Ließ sich das nicht vertuschen? Vielleicht doch! Niemand wußte, daß der Samiel bei ihm gewesen sei, und der Samiel würde doch nicht sich selbst verrathen.
»Was wolltens sagen?« fragte Fritz.
»Ich meinte, droben bei mir hörte ich den Schrei, daß der Samiel hier sei. Darum zog ich schnell das Allernothwendigste an, riß den Hirschfänger vom Nagel und eilte herab. Leider war die Hausthür verschlossen. Ich ging in die Stube, mir öffnen zu lassen; aber es war Niemand da. Endlich erhielt ich den guten Rath, durch den Stall zu eilen, und darum komme ich zu spät. Sapperment! Da es zwei gewesen sind, so hat der Eine Wache gestanden, während der Andere mich – – na, jammerschade, jammerschade, daß ich nicht zur rechten Zeit gekommen bin. Warum hast Du sie denn entkommen lassen!«
»Ich konnt sie nicht halten.«
»Oho! So ein junger Kerl wie Du! Du brauchtest ja nur zuzugreifen.«
»Sie auch. Und sie habens doch nicht than.«
»Ich? Wieso?«
»Am Abend draußen im Wald, wo Sie festbunden worden sind vom Samiel. Warum habens ihn da nicht auch festhalten?«
»Das ist was ganz Anderes.«
»Nein. Sie waren bewaffnet und ich nicht. Sie wurden nicht abgehalten, sich zu wehren, ich aberst, als ich sie festhalten wollte, konnte ich nicht, weil die Martha hier mir die Hände halten hat. Wer hat also den Vorwurf verdient? Sie oder ich?«
»Raisonnire nicht!«
»Ich zank ja nicht, sondern ich antworte ganz ruhig und höflich.«
»Wo kamen die Kerls denn her?«
»Da aus dem Stall.«
»Ah! Und wo gingens hin?«
»Dort über den Zaun.«
»So! Hm! Wer hat denn geschossen? Ich hörte einen Schuß.«
»Dera eine Samiel schoß auf mich, als ich den zweiten niederworfen hatte.«
»Wurdest Du getroffen?«
»Ja.«
»Wo?«
»Ich weiß noch nicht genau, aberst ich glaub halt, an dera Brust, denn da thut mirs weh, und es lauft mir auch das warme Blut herab. Das thu ich deutlich fühlen.«
Martha schrie vor Schreck laut auf:
»Herr, mein Heiland! Verwundet bist?«
»Hab keine Sorg! Es kann nicht gefährlich sein.«
»Wer kanns wissen! Mein Himmel! Wannt Dich verbluten thust. Ich habs wohl merkt, daß es Dir einen Zuck und Ruck geben hat, als dera Samiel auf Dich schießen that. Komm schnell eini in die Stuben. Wir müssen sofort nachschauen.«
Sie ergriff ihn am Arme und zog ihn mit sich fort. Der Offizier folgte still. Ihm war gar nicht wohl zu Muthe. Er hätte gern losgedonnert und losgewettert, aber die Furcht vor der ungeheueren Blamage lag ihm in den Gliedern. Natürlich verrammelten sie nun jetzt, da es zu spät war, die Stallthüre so fest, daß es keinem Samiel wieder gelingen konnte, einzudringen.
Als sie in die Stube gelangten, war es in derselben finster.
»Wo ist denn die Magd mit dera Lampen?« fragte Martha.
»Es war schon vorhin dunkel, als ich hereinkam, um mir öffnen zu lassen.«
»Sie kann aberst doch nicht fort sein! Zu Bett ist sie nicht, denn sie muß auf mich warten. Dorothea, Dorothea?«
Sie rief diesen Namen mit laut schreiender Stimme, denn die alte Magd war sehr taub. Als sie nun still horchten, hörten sie einen Seufzer.
Dieser Seufzer klang so angstvoll und hohl, als ob er aus der Tiefe des Erdinnern herauskäme.
»Dorothea, wo steckst denn? So sag es uns doch nur.«
Da erklang es ebenso dumpf und hohl wie vorher:
»O sichrer Mensch, bekehre Dich!
Du lebst ja hier nicht ewiglich.
Zu seiner Zeit mußt Du davon,
Und dann erhältst Du Deinen Lohn,
Nachdem Du hast in dieser Welt
Viel schlimme Dinge angestellt!«
»Was ist denn das?« fragte der Graf. »Das klingt ja höllisch schauerlich.«
»Das ist das einzige Lied, welches die Alte im Kopf hat. Das betet sie bei jeder Gelegenheit, wann sie Angst oder Freude hat, zur Kirmeßzeit und auch zum Allerseelentag. Dorothea, so komm doch nur! Wo hast denn die Lampen hinthan? Wir wollen Licht machen!«
Als Antwort erklang es schauerlich:
»O schlag, Du sichres Menschenkind,
Die Warnung ja nicht in den Wind!
Laß ab von Deiner Missethat;
Noch ist es Zeit, noch ist es Rath.
Was Du versäumst in dieser Zeit,
Das reut Dich in der Ewigkeit!«
Da stampfte Martha ungeduldig mit dem Füßchen und klagte:
»Wann wir noch lang so stehen müssen, da kann dera Fritz sich fast verbluten. Hat Keiner ein Streichholz?«
»Ich hab welche,« antwortete Fritz.
»Brenn schnell eins an.«
Der Bursche that das, und nun sah man beim Scheine des Hölzchens einen wirren Haufen in der Stubenecke liegen.
»Was ist denn dort?« fragte Fritz.
»Das sind die Kartoffelsäcke, welche die Dorothea heut Abend hat ausbessern müssen.«
»Von dorther kam auch die Stimm, welche sprochen hat. Sie wird doch nicht darunter stecken!«
»Warum sollt sie das thun?«
»Wer weiß es! Aus Furcht, ich werds doch mal untersuchen.«
Er ging in die Ecke und bückte sich nieder. Ja wirklich, da lag die Alte unter ihnen, zusammengerollt fast wie ein Igel. Als er sie berührte, schrie sie laut auf:
»Gnade, Gnade! Mich nicht, mich nicht!«
»Was fallt Dir ein! Steh doch aufi!«
»Nicht mich, nicht mich!« wimmerte sie. »Schlagt eine Andere todt.«
Er faßte sie an und hob sie empor. Dann hielt er die Zitternde fest, brachte seinen Mund nahe an ihr Ohr und schrie:
»Wo ist die Lampe.«
»Ich hab sie in die Ofenröhre versteckt. Thut mir aber nix. Ich bin eine alte Frauen und hab weder Geld noch Kind noch Kegel.«
Jetzt holte Martha die Lampe aus dem Ofen und Fritz brannte sie an. Als die Alte nun beim Licht die Anwesenden erkannte, schlug sie die Hände zusammen und rief:
»Was, Ihr seids? Ich hab denkt, die Samielen sinds.«
»Was weißt Du denn von denen?« rief Fritz ihr in das Ohr.
»Ich hab sie sehen. Ich wollt mal hinausgehen, und als ich die Thür aufimachen that, da warens grad an derselbigen vorüber und stiegen die Treppe empor. Da hab ich die Thüren wieder leise zumacht, die Lampe auslöscht und in den Ofen stellt und mich unter die Kartoffelsäcken verkrochen. Wo sinds hin?«
»Fort.«
»Habens was stohlen, raubt oder gar dermordet?«
»Wollen erst sehen.«
»Du mein Herrgottle, welch ein Schreck! Wann ich nicht mein Lied habt hätt, was ich immer hersagt hab, so wär ich vor Angst vergangen. Ich wills nur gleich noch einmal hersagen.«
Sie kauerte sich in die Ecke auf ihre Säcke nieder und begann das Lied von Neuem zu beten.
Martha hatte große Lust, sie auszuzanken, aber der Gedanke an den verwundeten Geliebten ließ sie nicht dazukommen.
Fritz mußte die Jacke, die Weste ausziehen. Das Hemd war ganz blutig. Es wurde an der linken Seite aufgeschnitten. Da zeigte es sich, daß er einen Streifschuß erhalten hatte, grad in der Höhe des Herzens. Wenn Martha ihn nicht im Augenblicke des Schusses an sich gerissen hätte, wäre ihm die Kugel durch das Herz gegangen.
Als er das sah, biß er die Zähne zusammen und sagte:
»Also todtschossen sollt ich werden! Ah! Nun hab auch ich kein Derbarmen!«
»Mit wem?« fragte der Offizier.
»Mit dem Samiel.«
»Kennst Du ihn denn? Hast Du denn bisher Erbarmen mit ihm gehabt?«
Fritz sah ein, daß er unvorsichtig gewesen war. Er antwortete:
»Ich hab meint, daß ich kein Derbarmen haben werd, wann er mir nochmals so wie am heutigen Abend in die Hände läuft.«
»Ach so! Na, dieses Mal bist Du noch gut weggekommen. Es wird zwar sehr schmerzen; die Kugel hat ein tüchtiges Stück Fleisch aufgerissen, aber lebensgefährlich ists nicht, obgleich Du ein tüchtiges Wundfieber bekommen wirst.«
»Daraus mach ich mir nix. Dera Samiel wird mir das Fieber und auch die Schmerzen aus seinem eigenen Beutel bezahlen. Nun möcht ich aberst wissen, was er wollt hat.«
»Wer weiß es!« antwortete der Graf ausweichend. »Ich kann mich Ihrer Ansicht nicht anschließen.«
Fritz beachtete die Zweifel des Grafen nicht. Er sann einige Minuten nach, dann gab er seinen Gedanken Ausdruck.
»Also zur Treppe empor sinds gangen. Wohin aberst?«
»Mein Gott!« rief Martha, welche eifrig beschäftigt war, den Geliebten zu verbinden, »da fallt mir ein, daß dera Oheim ein gar großes Geldl aus der Stadt bracht hat. Das werdens doch nicht holt haben?«
»Wo liegts?« fragte Fritz.
»Im Oheimen seiner Stuben oben, im Gewehrschrank. Da wo dera Herr Graf schlief.«
Der Bursche blickte den Offizier forschend an und fragte:
»Sinds heut Abend stets daheim gewest?«
»Ja.«
»Und dera Samiel ist nicht zu Ihnen hinein kommen?«
»Nein.«
»Das wissens bestimmt?«
»Ganz bestimmt. Erst als ich Martha unten rufen hörte, habe ich das Zimmer zum ersten Male verlassen.«
»Hm! Man möcht sich beinahe mal den Gewehrschrank anschauen!« bemerkte Fritz auf die Erklärung des Grafen.
»Das können Sie thun. Gehen Sie, wenn der Verband angelegt ist, mit hinauf.«
Als Förstersnichte war Martha mit der Behandlung einer Wunde so ziemlich vertraut. Bald war der Verband angelegt, und dann begab sich Fritz mit Martha hinauf in die Stube. Es zeigte sich hier nicht die geringste Spur, daß Einbrecher hier gewesen seien, und auch das Schloß des Gewehrschrankes ließ keine Gewaltthätigkeit vermuthen. Der Graf blieb bei seiner Behauptung, daß er von gar nichts wisse.
Fritz drang darauf, daß sofort alle Räume untersucht würden. Auch das war vergebens. Es fehlte nicht das Mindeste, und so konnte man nur annehmen, daß die beiden Samiels zwar eingedrungen seien, um irgend eine Unthat zu verüben, aber durch ein Hinderniß davon abgehalten worden waren, ohne in das Zimmer eingedrungen zu sein.
Mit diesem Resultate, welches ihn aber keineswegs befriedigte, begab Fritz sich auf den Heimweg. Er dachte über Alles nach, was er heut Abend erlebt und über jedes Wort, welches er gehört hatte, und kam zu der Ueberzeugung, daß der Samiel dennoch irgend Etwas gegen den Förster ausgeführt habe. Die Worte des Zornes, welche die Bäuerin ausgesprochen hatte, als sie sich von der Bank unter den Eichen entfernte, ließen das vermuthen.
Er traute dem Grafen nicht. Das Wachen desselben war ihm so gedrückt und heimlich vorgekommen. War doch mit dem Etwas geschehen? Jedenfalls war das unerfahren.
Diesen Gedanken hing Fritz während des Heimweges nach, doch ganz vergeblich. Er vermochte es nicht, sich diese Fragen zu beantworten.
Er kehrte natürlich auf demselben Wege nach dem Kronenhofe zurück, auf welchem er diesen verlassen hatte, über den Zaun und durch den Durchgang der Scheune nach dem Hofe. Der Mond hatte sich nach Westen gesenkt und stand nun so hinter dem Stallgebäude, daß dieses einen tiefen Schatten über den Hof warf. Es war da also so dunkel, daß es für Fritz, selbst wenn ein Lauscher vorhanden gewesen wäre, keiner großen Vorsichtsmaßregeln bedurfte, um unbemerkt an den Wagen zu kommen, auf welchem der Wurzelsepp seiner wartete.
Als er den Wagen erreichte, blieb er einige Augenblicke horchend stehen. Kein Lüftchen bewegte sich.
»Fritz!« flüsterte Sepp von oben herab.
»Ja, ich bin es,« antwortete er.
»Komm herauf, aber leise.«
»Kann es Jemand hören?«
»Ja, der Bastian.«
»Ist er denn da?«
»Schon seit einiger Zeit. Er kam halt freilich sehr leis geschlichen; aberst ich habe ihn dennoch hört. Er ist in dem Stall, und ich weiß nicht, ob er sich niederlegt hat, oder ob er wartet und irgendwo steckt, bis die Bäuerin kommt.«
Fritz stieg langsam auf den Wagen und hütete sich, ein vernehmbares Geräusch hervorzubringen. Das Heu raschelte freilich ein Wenig, aber nur so viel, daß, wer es von fern hörte, annehmen konnte, daß es von einem kleinen Thiere hervorgebracht worden sei.
Und es war allerdings gehört worden; denn kaum hatte sich Fritz möglichst tief in das Heu eingegraben, so hörten die Beiden in der Nähe des Wagens schleichende Schritte, und dann fragte eine halblaute Stimme:
»Ist Jemand da?«
Sie schwiegen natürlich.
»So red doch!«
Als sie auch darauf keine Antwort gaben, blieb es eine sehr kurze Zeit still, und dann brummte es:
»Ich habs ganz deutlich hört. Es war hier beim Wagen. Sollte Jemand hinaufstiegen sein? Ich werd gleich mal nachschauen.«
»Es ist der Bastian,« flüsterte der Sepp.
»Was thun wir, wann er halt aufi kommt?«
»Still sind wir. Das Weitere kannst dann mir überlassen.«
»Was willst thun?«
»Wart es ab!«
Der Knecht kam wirklich an dem Seile, durch welches der über der Ladung liegende Wiesbaum festgehalten wurde, heraufgeklettert, aber glücklicher Weise nicht ganz. Als er so hoch war, daß er mit dem Kopfe über das Heu emporragte, hielt er an. Er konnte die Beiden nicht sehen, da sie sich tief eingewühlt hatten.
»Nix! Niemand!« brummte er. »So ists halt eine Maus gewest oder eine Ratten oder auch gar wohl eine Fledermaus.«
Er stieg wieder ab, begab sich aber nicht nach dem Pferdestalle, sondern setzte sich unweit des Wagens auf die Schwelle der Hinterthüre nieder.
»Das ist dumm!« flüsterte der Sepp. »Jetzund, wann uns ein Halm vom Heu in die Nasen kommt, so daß wir niesen müssen, sind wir verrathen.«
»So müssen mir uns in Acht nehmen. Sei nur still und beweg Dich nicht; er thät es hören.«
Sie mußten weit über eine Stunde in dieser unangenehmen Lage ausharren. Dann aber, als diese Zeit vergangen war, hörten sie von der Scheune her leise Schritte nahen.
»Das ist die Bäuerin,« lispelte der alte Sepp seinem jungen Kameraden zu.
Er hatte Recht. Der Knecht Bastian hatte ihr Kommen auch bemerkt und empfing sie mit den halblauten Worten:
»Endlich! Ich hab halt eine große Sorgen um Dich habt. Warum kommst denn so spät?«
»Ich konnte nicht eher. Aber sprich leiser!«
Der Knecht dämpfte zwar seine Stimme noch mehr; aber die beiden auf dem Wagen Befindlichen konnten dennoch hören, was gesprochen wurde, denn die Sprechenden befanden sich neben dem Wagen.
»Bist also glücklich davonkommen?« fragte Bastian.
»Ja. Und Du?«
»Auch. Nur der verdammte Schmiß auf die Nasen wird mir zu schaffen machen.«
»Ist er schlimm?«
»So schlimm, daß man ihn sehen wird.«
»So mußt halt eine Ausred machen.«
»Ja, ich werd mir eine aussinnen. Dieser verdammte Kerl, der Fritz! Was hat er in dera Förstereien zu thun!«
»Ich werd ihn strenger halten. Ich duld halt keine Liebschaften bei einem Knecht.«
»Auch bei mir nicht?«
»Nein.«
»Aberst doch die Liebschaft mit Dir?«
»Sei still! Ich hab setzt Notwendigeres zu thun als mit Dir von solchen Dummheiten zu reden. Ist hier Alles in Ordnung?«
»Ja. Nur einmal hats ein Geräusch geben, das ist aberst wohl nur eine Katz gewest.«
»So geh nun schlafen.«
»Gleich. Doch sag, was wirds mit dem Geldl, wast mir für heut Abend versprochen hast?«
»Willsts etwan gleich haben?«
»Nein. Wanns mir nur sicher ist.«
»Ich werd Dich nicht darum betrügen. Zwar hast zu mir sagt, wann ich Dir nur immer gut bleib, so möchtest gar kein Geld nicht haben, aber ich werds Dir dennoch geben. Jetzt geh!«
Er gehorchte ihr und entfernte sich.
Sie wartete, bis seine leisen Schritte nicht mehr zu vernehmen waren, dann zog sie an der herabhängenden Schnur. Die Leiter bewegte sich aus dem Fenster herab. Die Bäuerin stieg hinauf; dann zog sie die Strickleiter hinauf und machte das Fenster zu.
»Gott sei Dank!« seufzte Fritz. »Ich bin froh, daß das vorüber ist. Wir konnten gar leicht entdeckt werden.«
»Auch ich hatte große Angst und freu mich, daß es vorüber ist. Schau, was sie thut!«
Die Bäuerin setzte sich auf das Bett und zog die Brieftasche des Försters hervor. Sie öffnete dieselbe und begann, die gestohlenen Kassenscheine zu zählen. Als sie damit fertig war, stand sie wieder auf und trat zum Kleiderschranke.
Es versteht sich von selbst, daß sie, bevor sie das Geld zu zählen begonnen, ein Licht angebrannt hatte. Mit diesem verschwand sie in dem Schranke.
»Nun versteckt sie halt das Geldl,« meinte der Sepp. »Bevor sie wiederkehrt, kannst mir sagen, wie es draußen gangen ist.«
»Sehr gut und auch sehr bös, wie man es halt nimmt. Ich freilich bin sehr zufrieden mit dem, was ich sehen, hört und derfahren hab.«
Er erzählte ihm in kurzen Zügen das erlebte Abenteuer. Er war grad fertig mit seinem Berichte, als die Bäuerin wieder aus dem Schrank gekrochen kam.
»Jetzt hat sie ihr Tagewerk vollbracht und wird nun schlafen gehen,« sagte der Alte. »Wie so ein Weib schlafen kann, das begreif ich nicht.«
»Ich begreif es gar wohl. Sie ist gottlos und hat kein Gewissen; da wird sie durch nix im Schlaf gestört. Sie fühlt sich halt so sicher, daß sie nicht mal den Vorhang am Fenster niedermacht hat.«
»Weil sie halt eben nur ein Weib ist. Und wann ein Frauenzimmern noch so klug ist, so hat sie doch lange Haar und kurzen Verstand. Einen Fehlern macht sie stets. Ein Mann thät den Vorhang nicht oben lassen. Schau, nun wir sie belauscht haben, läßt sie ihn hernieder, weil sie sich auskleiden will. Das soll Keiner sehen. Aberst daß sie dera Samiel ist, das halt haben wir erschauen können.«
»So ists jetzt gut. Wir wollen gehen.«
»Noch nicht. Sie könnt das Rascheln im Heu doch hören. Wir müssen noch warten. Sag mir nun, wast zu thun gedenkst!«
»Das möcht ich von Dir hören.«
»So! Mich geht diese Sach eigentlich viel weniger an als Dich. Red also Du zuerst!«
»Ich möcht am liebsten Anzeig machen.«
»Natürlich werden wir das!«
»Aberst so bald wie möglich! Morgen!«
»So schnell brauchts nicht zu sein.«
»O doch! Jetzund ist Alles beisammen. Wann wir ihr Zeit lassen, kann sie die Beweise vernichten.«
»Das fallt ihr gar nicht ein. Was meinst denn für Beweise?«
»Alles was sie geraubt und versteckt hat.«
»Was das betrifft, so brauchst schon gar keine Sorg zu haben. Sie wird meinen, daß ihr Versteck das Beste ist, was es giebt. Nein, die Beweise, die wir haben, die gehen uns nicht verloren. Warten wir also noch!«
»Aber, wozu warten!«
»Weil ich meine Gründe dazu hab.«
»Welche denn? Kann man sie derfahren?«
»Nicht jetzt sogleich. Ich sag sie Dir aber bald. Dann wirst mir ganz gewiß Recht geben.«
Sie warteten noch eine Weile; dann stiegen sie leise herab und schlichen sich nach Fritzens Kammer, wo sie sich niederlegten.
Sepp schlief sehr gut. Fritz aber wälzte sich auf seinem Lager ruhelos von einer Seite auf die andere. Der vergangene Tag war ein unendlich wichtiger für ihn gewesen. Er hatte ihm Aufklärungen zu verdanken, welche sein Sinnen und Denken so in Anspruch nahmen und seine Seele so erregten, daß vom Schlafe keine Rede war. Kaum graute der Tag, so erhob er sich leise, um den Sepp nicht zu wecken und ging an seine Arbeit.
Als er dabei nach einiger Zeit in den Stall kam, lag der Bastian schlafend in einer Ecke auf dem Stroh. Fritz fütterte die zwei Pferde, welche seiner Obhut anvertraut waren. Die beiden andern hatte Bastian über.
Dieser Letztere wachte bei dem Geräusch, welches Fritz verursachte, auf, wendete diesem das Gesicht zu und sagte in mürrischem Tone:
»Hats denn schon fünf geschlagen, daßt hier schon zu rumoren beginnst?«
»Nein,« antwortete der Gefragte einsilbig.
»So gieb auch Ruhe! Ich will schlafen.«
»Wegen dera Viertelstund, die noch fehlt, geh ich nicht wieder fort.«
»Willst Dich wohl bei dera Herrschaft einschmeicheln, daß es heißt, Du seist so ein gar Fleißiger?«
»Fallt mir nicht ein. Ich hab ausschlafen und brauch doch nicht zu faullenzen. Bist wohl sehr spät schlafen gangen, daßt über mich zankst?«
»Nein.«
»So kannst auch den Mund halten. Gähnst freilich ganz so, als obst Dich gleich erst herlegt hättst.«
Bastian glaubte, das nicht auf sich sitzen lassen zu dürfen. Er wollte nicht wissen lassen, daß er wegen Mangel an Schlaf noch müde sei. Darum raffte er sich brummend von seinem Strohlager auf und begann seine Pferde zu füttern.
Fritz that, als ob er ihn gar nicht beachte; dann aber schaute er ihn einmal wie ganz zufällig an, schlug die Hände erstaunt zusammen und fragte im Tone des Schreckes:
»Ja, was ist denn heut mit Dir, Bastian?«
»Mit mir, was soll da sein?«
»Wie schaust aus? Was hast im Gesicht?«
»Im Gesicht? Was soll ich da haben? Die Augen, das Maul und die Nasen, kurzum Alles, was ich sonst auch darinnen hab.«
»Die Nasen? Nein. Eine Nasen hast nicht mehr, sondern das ist was ganz Anderes.«
»Was soll es denn sein?«
»Das schaut aus wie eine große Birne oder so was. Aberst blau ists und grün und gelb.«
Bastian that, als ob er von seiner fürchterlich geschwollenen Nase noch gar nichts wisse. Er befühlte sie und sagte:
»Donnerwetter! Was ist denn das? Die ist ja ganz geschwollen!«
»Freilich! Schaust gar schön aus! Woher ist das denn kommen?«
»Das muß von dem Schimmel sein.«
»Wieso denn?«
»Er hatte sich in dera Nacht losgerissen und lief im Stall hin und her. Ich hab ihn im Finstern einfangen müssen und wiederum anbunden. Dabei bin ich gestürzt und von dem Pferd stoßen worden. Die Nasen hat mir gleich wehe than, weil ich grad auf sie fallen bin; aberst daß es gar so schlimm ist, das hab ich freilich nicht dacht.«
»Dera Schimmel ist doch sonst so ruhig!«
»Er hat doch mal seinen Koller habt.«
Damit schien die Sache abgemacht zu sein. Fritz that, als ob er der Erklärung Glauben schenke; Bastian aber verwünschte ihn im Stillen und dachte wie er sich freuen wollte, wenn einmal die Gelegenheit käme, sich zu rächen.
Nachdem die Pferde versorgt waren, begaben Beide sich in die Stube, um ihre Morgensuppe zu essen. Die Bäuerin schlief noch, der Bauer ebenso. Die älteste Magd hatte die Pflicht, täglich diese Suppe zu kochen.
Als das vorüber war, hatte Bastian im Garten zu thun. Er arbeitete mit Verdruß, und dieser Verdruß wuchs, als er den Wurzelsepp sah, welcher in den Garten geschlendert kam.
Als der Letztere den Knecht bemerkte, rief er in einem Tone, als ob er sich darüber freue:
»Du bists, Bastian? Ah, das kann mich sehr gefreun. Das ist mir unendlich lieb!«
Der Knecht fuhr in seiner Arbeit fort und antwortete mürrisch, ohne den Alten anzusehen:
»Möcht wissen, warum es Dich gefreun sollte!«
»Soll ichs Dir sagen?«
»Brauchs nicht zu wissen!«
»Ah! Wannsts nur wüßtest, so würdest mich gar weiter fragen.«
»Das denk ich nicht.«
»So glaubst halt nicht an Träume?«
Damit hatte der Alte ein Thema berührt, für welches der Bastian sich außerordentlich interessirte. Er war, wie die meisten Menschen seines Schlages, ungeheuer abergläubisch. Ahnungen und Träume hatten nach seiner Ansicht viel zu bedeuten. Er glaubte, daß jeder Traum in Erfüllung gehe. Darum war er neugierig, zu erfahren, was Sepp eigentlich meine. Er antwortete:
»An Träume glaub ich schon. Was gehts aber Dich an? Ich hab heut nicht träumt.«
»Ich desto mehr und gar schön!«
»Das geht mich nix an!«
»Sehr viel! Wannst wüßtest, was mir träumt hat, so thätst vor Freud gleich einen Purzelbaum schlagen.«
»Es ist mir nicht so zu Muthe.«
»Denk Dir! Mir hat zunächst träumt, dera Bauer war storben!«
»Und das nennst einen schönen Traum!«
»Das nicht. Aber das ist ja erst der Anfang: das Schöne kommt nun erst, denn wann dera Bauer stirbt, so ist die Bäuerin doch eine Wittfrauen worden.«
Da legte der Bastian die Schaufel, mit welcher er gearbeitet hatte, weg, sah den Sepp fragend an und erkundigte sich:
»So hast Du träumt, daß sie Wittfrau worden ist?«
»Ja, und daß sie wieder heirathet hat.«
»Was sagst da? Wen denn?«
»Das würdest nie derrathen!«
»Das glaub ich wohl.«
Der kluge Alte hatte den Aberglauben und – die Liebe des Knechtes zu der Bäuerin in seine Berechnung gezogen. Er hatte die Absicht, sich eine Schriftprobe des Bastians zu verschaffen, um aus der Vergleichung ersehen zu können, ob er es sei, der die mit ›der Samiel‹ unterzeichneten Zetteln schreibe. Da aber der Bastian nicht dumm war und stets geleugnet hatte, schreiben zu können, so mußte die Sache klug angefangen werden. Er mußte bei seinen Schwächen und Leidenschaften gepackt werden.
»Das glaubst, daßts nicht derrathen kannst?« fuhr der Alte fort. »Und doch bists grad Du, der es am Leichtesten rathen könnt.«
»Warum?«
»Weilsts selber bist, den sie heirathet hat.«
»Ich? Mich hat sie zum Mann nommen?«
Sein häßliches Gesicht klärte sich auf. Es breitete sich der Ausdruck froher Ueberraschung auf dasselbe.
»Ja, Du bist dera Kronenbauer worden. Das hat mir träumt, und zwar so genau und lebendig, als obs nicht ein Traum, sondern die Wirklichkeit war. Ich bin mit auf dera Hochzeiten gewest. Als ich aufwachen that, da hab ich mich gar nicht dreinfinden konnt, daß es nicht die Wahrheit sein sollt. Aberst ich hab gleich denkt, was nicht ist, das kann noch werden, denn Träume sind keine Schäume, und so ein lebendiger Traum, der geht ganz gewiß in Erfüllung. Was aberst hast denn an dera Nasen?«
»Gefallen bin ich im Stall, weil das Pferd sich losreißen that. Es ist nix und wird bald wiederum heil werden. Aberst wast da sagst von wegen dem Traum, das kann nicht in Erfüllung gehen.«
»So! Warum nicht?«
»Die Bäuerin würde mich nicht mögen.«
»Dich nicht mögen? Warum denn nicht?«
»Ich bin ja nur ein Knecht!«
»Hats etwa noch niemals eine Frau geben, die ihren Knecht heirathet hat?«
»Da weiß ich freilich gleich einige.«
»So schau! Warum soll es bei Dir nicht sein?«
»Weil ich nicht hübsch bin.«
»Geh! So hübsch wie ein Andrer bist allemal.«
»Und dumm!«
»Du sollst dumm sein? Geh, Bastian, da kenn ich Dich besser! Wer Dich für dumm kaufen will, der ist selberst nicht klug. Du bist einer der Klügsten, aberst Du lassest Dir es halt nicht merken.«
»Meinst?«
»Ja. Ich hab Dich auskennen lernt.«
Das Gesicht des Knechtes glänzte vor Wonne. Für nicht häßlich und nicht dumm gehalten zu werden, das war ihm noch nicht widerfahren. Er selbst glaubte natürlich, hübsch und gescheidt zu sein, doch meinte er bescheiden:
»Jetzt machst ein Gespaß mit mir. Aberst wanns auch die Wahrheit wär, wann ich klug wär und auch nicht häßlich, so thät die Bäuerin mich doch nicht heirathen. Die thät nur einen Steinreichen nehmen.«
»Nun, bist das etwa nicht?«
»Ich reich?«
»Ja, steinreich sogar!«
»Was fallt Dir ein!«
»Es ist die Wahrheit. Zweimalhundertundfünfzigtausend Mark hast ja!«
Der Bastian machte ein ganz und gar unbeschreibliches Gesicht. So ein Vermögen sollte er haben?
»Bist wohl verruckt?« fragte er.
»Nein. Ich sag die Wahrheit. So ein Geldl hast, grad so viel wie ich.«
»Woher soll ichs denn haben?«
»Nun, Du hasts doch in dera – – Sappermenten!« fuhr er fort, sich an die Stirn schlagend, »was hab ich denn nur dacht! Wie hab ichs denn vergessen konnt, daß ich es nur träumt hab! Es ist mir wirklich ganz so gewest, als obs die reine Wahrheiten sei.«
»Träumt hasts, daß ich so reich bin? So sag doch auch, woher ich das Geldl hab!«
»Aus dera Lotterie.«
»Hab ichs gewonnen?«
»Ja.«
»Donnerwetter! Da muß ich spielen!«
»Dieser Gedank ist gar nicht schlecht.«
»Nein, es ist das Allerbest, was man nur denken kann. Wanns Einem träumt, daß man in dera Lotterien gewinnt, so soll man schleunigst spielen. Meinst nicht auch?«
»Ja freilich.«
»Ich hab mich schon oft nach so einem Traume sehnt; aberst es ist mir keiner kommen.«
»Und mir hats schon oft so träumt.«
»Und hast nicht spielt?«
»Nein.«
»Was bist da für ein dummer Kerl, Wurzelsepp. Hast etwa nicht das Geldl dazu?«
»Das hätt ich schon; aberst ich bin halt wohl ein Wengerl zu leichtsinnig gewest. Ich hab die schöne Zeit vorübergehen lassen, ohne sie zu benutzen.«
»Das fiel mir freilich nicht ein. Ich greif gleich zu. Drum sag, was Dir da eigentlich träumt hat!«
»Es hat mir träumt, daß wir in dera Hamburger Lotterien spielt haben.«
»Wer? Wir Beide?«
»Ja, Du und ich.«
»Die Hamburger kenn ich gar nicht.«
»Aberst ich kenne sie. Man kann da gleich auf einmal fünfmalhunderttausend Mark gewinnen.«
»O Jerum!«
»Denk Dir! Das ist eine halbe Million!«
»Sepp, ists wahr?«
»Ja. Wir haben das ganze Loos spielt und die halbe Million gewonnen.«
»Du, Sepp, das müssen wir machen!«
»Hm! Ich hab keine rechte Schneid dazu.«
»Warum?«
»Wann wir nix gewinnen, so ist unser schönes Geldl zum Teuxel.«
»Wo denkst hin! Wanns Dir wirklich träumt hat, so geht es auch in Erfüllung.«
»Ja, wann man das genau wissen thät!«
»Ich weiß es, ich weiß es! Und nachhero kommt gleich noch Eins dazu, an das ich denken muß. Es ist mir nämlich weissagt worden, daß ich durch die Lotterieen mal ein sehr reicher Mann sein werd.«
»Von wem?«
»Drin in dera Stadt von einer klugen Frau, die mir die Karten auslegt hat.«
»Du, Bastian, wanns so ist, so ists vielleichten doch wahr!«
»Natürlich ists wahr. So ein Traum, wann er so deutlich ist, der täuscht nie. Ja, wir müssen spielen, wir Beid, denn Einer allein thäts nicht gewinnen. Machst mit?«
Er war ganz Feuer und Flamme geworden und hielt dem Sepp die Hand hin. Dieser that als ob er zögere, und sagte:
»Weißt, ich möchts da lieber allein versuchen.«
»Warum?«
»Dann hätt ich ganz allein die halbe Million und braucht Dir nicht die Hälfte zu geben.«
»Wirst doch nicht so schlecht sein!«
»Das ist nicht schlecht. Nicht Dir hat es träumt, sondern mir. Der Traum gehört mir, also sollt auch dera ganze Gewinn mein sein.«
»Hats Dir denn träumt, daß ich mit spielt hab?«
»Freilich.«
»So mußt mich auch mit lassen, sonst gewinnst nix. Es muß genau so macht werden, wie dera Traum es sagt hat.«
»So muß ich auch schon reden hört.«
»Also darfst mich nicht zurückweisen. Wir spielen zusammen. Schlag ein.«
»Na, wannst denkst – – –?«
»Ja, ich denks.«
»So solls geschehen, weilst Du es bist.«
Er schlug kräftig in die dargereichte Hand und fuhr dann fort:
»Nun wirsts auch glauben, daß die Bäuerin Dich im Traume heirathet hat. Wer die Hälfte von einer halben Million Mark in dera Lotterie gewonnen hat, der darf sich das schönste Weib auswählen.«
»So denk ich auch. Wann nur dera Bauer nicht leben thät!«
»Mir hat ja träumt, daß er stirbt.«
»Ja, dann ists richtig. Das muß in Erfüllung gehen. Und bei dera Hochzeit bist gewest?«
»Ja. Ich hab mit gessen, trunken und tanzt.«
»Sappermenten! So ein Traum! Na, es wird spielt, und zwar sogleich. Wer aberst zieht die Nummer? Du oder ich?«
»Die wird gar nicht zogen.«
»So? Warum nicht?«
»Da bekäm ich doch die richtige nicht.«
»Ja, weißt denn, welches die richtige ist?«
»Natürlich! Ich hab sie mir merkt.«
»Sepp, Sepp! Sogar die Nummer hat Dir träumt? Ists wahr?«
»Ja. Als ich aufwacht bin, hab ich sie wußt, und so hab ich sie mir ganz genau merkt.«
»Mensch! Mann! Sepp, was bist für ein Glückskind. Da brauchen wir freilich nicht zu ziehen, sondern wir verlangen diese Nummer. Wie heißt sie denn?«
»Es waren drei Vierer und drei Sechser, nämlich 444666; darum hab ich sie mir so leicht merken konnt.«
Der Alte hatte eine Zahlenstelle zu viel gesagt. So viele Loose giebt es in gar keiner Lotterie. Er war in seinem Eifer nicht aufmerksam genug gewesen. Bastian aber dachte gar nicht daran; mißtrauisch zu werden. Er befand sich geradezu in Begeisterung für die Sache. Er sollte reich werden und die Bäuerin heirathen. Das verwirrte ihm beinahe die Sinne.
»Gut, daß es so eine leicht merksame Nummern ist,« sagte er, »sonst hättst sie vielleicht doch vergessen. Also die nehmen wir.«
»Aber woher denn?«
»Vom Collecteur natürlich.«
»Da giebts hier keinen. Von dera Hamburger Lotterie giebts nur in Hamburg Collecteure.«
»Von ihnen bekommt man die Loose?«
»Ja. Man muß an einen Collecteur schreiben.«
»So thue es!«
»Das kannst leicht sagen. Es geht nicht.«
»Warum?«
»Meinst etwan, daß ich schreiben kann.«
»Nicht?«
»Nein. Zu dera Zeit, in welcher ich noch ein kleiner Bub war, da hat es nicht die Schulen geben, wie sie heut sind.«
»Ich glaub aberst doch, daß ich Dich irgend mal hab schreiben sehen.«
»Nein. Da hab ich mir wohl nur eine Bemerkungen macht. Weißt, so zwei oder drei Krakerln kann ich aufs Papieren malen, weiter nix. Einen richtigen Briefen bring ich nicht fertig.«
»So mußt einem Andern den Auftrag geben.«
Der Sepp lachte laut auf.
»Wie meinst denn das? Ich soll mir den Briefen von einem Andern schreiben lassen?«
»Ja.«
»Das könnt mir einfallen!«
»So! Warum denn nicht.«
»Aus mehreren Gründen. Erstens ist es verboten in dera Hamburger zu spielen – – –«
»Was geht das uns an?«
»Sehr viel.«
»Nein, gar nix. Mögen sie es verbieten, ich spiel doch! Ich kann mein Geld hinthun, wohin es mir beliebt.«
»Aberst wann es heraus kommt, so wird Derjenige bestraft, der den Brief schrieben hat.«
»Das thut nix. Wir bezahlen ihn gut.«
»Wannst so denkst, so mag es sein; aberst es geht dennoch nicht an; nein, nein, gar nicht.«
»Warum denn nicht? Hast noch einen Grund?«
»Ja, und einen sehr richtigen. Wann ich mir den Brief von einem Andern schreiben laß, so muß ich gewärtig sein, daß er diese Glücksnummer für sich kommen läßt.«
»Sapperment!«
»Verstehst mich nun? Ich muß ihm die Nummer doch sagen!«
»Du hast Recht.«
»Nachhero sitzen wir da. Er gewinnt das große Geldl und lacht uns aus.«
»Dem Kerl thät ich den Hals brechen!«
»Besser ists, wir brauchen keinen Andern.«
»Hm! Das scheint mir auch so.«
»Ich seh überhaupt gar nicht ein, warum ich mir da Sorge mach. Ich alter Kerl kann nicht schreiben. Du aberst hast eine gute Schule habt und wirsts wohl können.«
»Meinst, daß ich den Brief schreiben soll?«
»Ja doch.«
Der Bastian blickte den Alten forschend an. Es kam ihm für einen Augenblick der Gedanke, daß es doch vielleicht beabsichtigt sei, ihn auf das Eis zu führen; aber der Sepp machte ein so grundehrliches Gesicht, und der Traum war ein so sehr glückverheißender, daß der Knecht sich schnell wieder beruhigt fühlte. Er erklärte:
»Weißt, von dera Schul hab ich keinen großen Nutzen habt; aberst einen Briefen werd ich schon fertig bringen. Natürlich aberst mußt mir da einen Gefallen erweisen.«
»Gern. Welchen denn?«
»Daßt keinem Menschen von diesem Schreiben ein Wort sagst. Verstanden?«
»Das versieht sich ja ganz von selberst. Es darf ja gar Niemand wissen, was wir mit nander vorhaben. Der Brief wird zur Post tragen, und geht fort, ohne daß ihn ein anderes Aug als das unserige derblickt hat.«
»So will ich es gelten lassen. Aber wann soll er schrieben werden? Wohl bald?«
»Natürlich! Sonst müssen wir gewärtig sein, daß unsera Glücksnummer nicht mehr vorhanden ist.«
»Das thät grad noch fehlen! Lauf gleich zum Krämer und hol ein Papieren! Tint und Feder treib ich wohl selberst auf. Nachhero geh ich wohin, wo ich nicht sehen werden kann, und Du kannst mir den Brief dictiren! Das verstehest doch?«
»Ja, dictiren kann ich Dir, wast nur immer willst, aber schreiben nicht. Ich lauf schnell nach dem Papiere.«
Froh, seine Absicht so vollständig erreicht zu haben, beeilte er sich sehr, damit der Knecht sich nicht etwa anders besinne. Er holte Briefpapier beim Dorfkrämer, und sodann wurde auf der Häkselschneidemaschiene der Brief, welchen der alte Sepp dictirte, von dem Knechte geschrieben. Als er in das Couvert gesteckt und adressirt worden war, schob Sepp ihn befriedigt in die Tasche und sagte:
»So, das ist gemacht. Nun werd ich gleich nach dera Stadt laufen und ihn auf die Post geben, damit er schnell vorwärts geht.«
»Hast da nicht gleich das Geld zu zahlen?«
»Nein. Wir wissen doch nicht, ob wir das Loos bekommen können. Der Collecteur wird es so machen, daß wir das Geld an den Briefträger geben müssen, wann er uns die Nummer bringen thut.«
Er ging.
Als er aus dem Thore trat, sah er den Kronenbauer und dessen Frau unter der Tanne sitzen. Sie tranken ihren Kaffe. Er wollte grüßend vorübergehen, doch hielt ihn die Frau an, indem sie ihn fragte:
»Nun, lieber Sepp, hast diese Nacht gut bei uns schlafen?«
»Lieber Sepp!« So hatte sie noch niemals zu ihm gesagt. Sie machte ein überaus freundliches Gesicht, ganz anders als gewöhnlich. Er wußte, was für eine Absicht sie dabei hatte, und antwortete ebenso freundlich:
»Natürlich! Bei dera Kronenbäuerin ist Alles so ordentlich und sauber, daß man sich allemalen freut, wann man einmal bei ihr im Hof sein kann.«
»Und hast auch schon die Suppen gessen?«
»Nein. Ich bin soeben erst aus denen Federn heraus.«
»So setz Dich herbei und trink den Kaffee mit!«
In dieser Aufforderung lag eine große Ehre für ihn. Das war eine höchst ungewöhnliche Herablassung. Er wußte, daß sie ihn sondiren und für sich einnehmen wolle und ging darauf ein. Er hatte ja Zeit, denn es war ihm ganz selbstverständlich gar nicht eingefallen, den Brief wirklich auf die Post zu geben. Er trat nahe heran, lächelte ihr dankbar und fast unterthänig zu und sagte:
»Wannsts derlaubst und dera Bauer auch, so kann ich es mir schon gefallen lassen. Ein Kaffee ist für so einen gar Alten, wie ich bin, besser als eine Suppen. Darum mit gütigem Verlaub!«
»Ja, setz Dich nur!« stimmte der Bauer bei. »Wannst bei mir bist, so kannst allemalen denken, daßt daheim bei Dir seist.«
»O weh! Wo bin ich daheim! Dera alte Wurzelsepp hat weder Heimath noch Heerd.«
»Wo Du hinkommst, da ist Deine Heimath, denn Du bist halt überall gern gesehen. Aber horcht! Da hör ich einen Wagen rollen. Der kommt aus dera Stadt. Wer mag das sein, so morgens in dera Früh?«
Er hatte richtig gehört. Es kam ein Wagen in scharfem Trabe herbei, in welchem so viele Personen, und zwar lauter männliche, saßen, daß sie kaum Platz hatten.
Der Sepp beschattete seine Augen mit der Hand gegen die Sonne, welche eben über dem Horizonte erschien, und blickte scharf nach dem Wagen. Als er die darin Sitzenden erkannte, warf er einen schnellen verstohlenen Blick auf die Bäuerin und bemerkte, daß sie die Farbe wechselte. Sie erbleichte.
»Was ist denn das?« sagte er im Tone der Ueberraschung. »Im Wagen sitzt dera Wildachförster. Weshalb mag der schon so früh in dera Stadt gewest sein? Ich glaub gar, daß er eine Amtsgeschichten hat.«
»Heut früh?« meinte der Bauer. »Das ist gar nicht möglich. Warum denkst denn das?«
»Weil drei Schandarmen bei ihm sitzen und auch zwei Herren vom Gericht.«
»Wirklich? Obs den Samiel betrifft?«
»Das werden wir gleich sehen.«
Der Kutscher wollte vorüber; da aber sagte der Förster zu einem der Gerichtsbeamten, welcher der Staatsanwalt war, einige Worte, worauf dieser Letztere halten und die im Wagen sitzenden alle aussteigen ließ. Er grüßte höflich und sagte:
»Hier wohnt der Kronenbauer, wie ich höre?«
»Ja, der bin ich,« antwortete der Blinde.
Es war der Bäuerin anzusehen, daß sie gewaltig erschrak. Daß direct nach ihrem Manne gefragt wurde, ließ sie befürchten, daß der Staatsanwalt mit ihm oder auch mit – – ihr zu thun habe. Doch fühlte sie sich sofort wieder beruhigt, als er weiter fragte:
»Sie haben einen Knecht, welcher Friedrich Hiller heißt?«
»Ja.«
»Ist er daheim?«
»Er muß im Hofe sein.«
»Ich habe mit ihm zu sprechen. Bitte, lassen sie ihn einmal kommen!«
Der Sepp eilte fort, um Fritz zu holen. Als er ihn brachte, fixirte der Anwalt den hübschen, jungen Mann und sagte:
»Der Herr Förster ist heut sehr früh gekommen, um anzuzeigen, daß er während der vergangenen Nacht von dem Samiel bestohlen worden ist. Wissen Sie Etwas davon?«
»Ja, ich weiß es.«
»Wollen Sie mir den Vorgang erzählen?«
»Das werd ich gar gern thun.«
Er berichtete Alles. Er sagte auch, weshalb er überhaupt in den Wald gegangen sei, nämlich um die armen Leute zu besuchen. Der Beamte fragte ihn sehr eingehend aus, und die Bäuerin vernahm ein jedes Wort, welches er sagte. Sie war natürlich außerordentlich gespannt, ob er sagen werde, daß er eine der beiden vermummten Persönlichkeiten erkannt habe. Zu ihrer großen Beruhigung antwortete er:
»Das ist mir ganz unmöglich gewest.«
»Kam ihnen denn nicht die Gestalt bekannt vor?«
»Nein.«
»Auch nicht die Stimme?«
»Auch nicht.«
»Sie werden sich jetzt mit uns an den Ort der That begeben müssen, damit ich mich ganz genau zu orientiren vermag. Uebrigens sind Sie bereits vorher Zeuge einer andern That des sogenannten Samiel gewesen.«
»Zeuge nicht. Wir kamen zu spät.«
»Aber Sie haben den Herrn Oberlieutenant befreit. Der Sepp war auch dabei und einige Tagelöhner. Diese Leute mögen herbei kommen, wenn sie da sind, und mich an die betreffende Stelle begleiten, damit ich dort ihre Aussagen hören kann.«
Der Bauer war außerordentlich erstaunt, daß der Graf gestern von dem Samiel beraubt und angebunden worden war, hatte er bereits noch am Abende gehört; aber daß der freche Wilderer und Dieb dann beim Förster eingebrochen sei, davon hatte er keine Ahnung.
Auch seine Frau heuchelte einen großen Schreck.
»Da ist man ja seines Lebens gar nicht mehr sicher!« klagte sie. »Dera Kronenhof liegt so einsam vor dem Dorfe. Da ists gar leicht möglich, daß dieser Spitzbub uns auch mal so einen Besuch macht. Ich werd Gewehre kaufen lassen, damit man ihn gleich niederschießen kann, wann er es wagen sollt, bei uns einzubrechen.«
Der Beamte beachtete diese Auslassung nicht. Er ließ den Wagen leer nach der Försterei fahren und begab sich mit den Leuten zu Fuß nach der Stelle, an welcher gestern Abend der Oberlieutenant angefallen worden war.
Als die beiden Eheleute sich dann allein befanden, ergingen sie sich in Auslassungen über die Unsicherheit der Gegend.
»Wann ich sehen könnt,« sagte der Bauer, »so wär dera Samiel schon längst gefangen und im Zuchthaus. Vielleicht wär er gar bereits am Galgen storben.«
»Wolltest Du ihn fangen?«
Das klang wie versteckter Hohn.
»Ja, ich, denn ich bin derjenige, der ein gar ernstes Wort mit ihm zu sprechen hat. Er ists gewest, dem ich all mein Elend zu verdanken hab. Vielleichten giebt mir dera Herrgott die Gnad, bald zu hören, daß dera Kerl ergriffen worden ist.«
»So wirsts aber Du nicht sein, der ihn ergreift!«
»Das kann man nicht wissen.«
»Wie sollt ein Blinder ihn fangen können!«
»O, der liebe Gott macht seine Sach oft gar wunderbar. Man kann nie wissen, was geschieht. Wann dera Samiel zum Beispiel mal auf unsern Hof käm, um uns zu bestehlen, so würd ich ihn empfangen, obgleich ich ein Blinder bin.«
»Ah! Wie wolltst das thun?«
»Meinst, daß ich ihn nicht hören thät? Ich kann nicht schlafen, und es entgeht mir kein Geräusch des Nachts. Er mag sich vor mir hüten!«
Es war ein unendlich höhnischer Blick, den sie auf ihn warf; dann begab sie sich in das Haus, um nach dem Gange der wirthschaftlichen Arbeiten zu sehen. Als sie dann nach längerer Zeit bemerkte, daß der Wurzelsepp mit den Tagelöhnern zurück kam und sich zu dem Bauer setzte, ging sie sofort wieder hinaus unter den Baum. Es lag ihr natürlich daran, von seiner Erzählung nicht das Geringste zu versäumen.
»Da bist ja schon wieder,« sagte sie. »Ich hab dacht, daßt mit nach dera Förstereien hast gehen müssen.«
»Nein, dort hab ich nix zu thun. Ich bin ja heut in dera Nacht gar nicht dort gewest.«
»Und was hast für eine Aussagen macht?«
»Nix Anderes als wast Dir auch selber denken kannst. Du weißts ja von gestern Abend, wie es zugangen ist. Dera Herr Staatsanwalt hat sich den Ort ansehen und ihn sogar auf ein Papier abzeichnet. Er hat auch den Erdboden angeschaut, um nach Spuren zu suchen; da ist aber gar nix zu sehen gewest.«
»So wird ihm dera Samiel wohl wieder entgehen!«
»Das hab ich ihm auch gleich sagt. Dera Samiel ist viel zu gescheidt für solche Leut.«
Sie warf ihm einen verstohlen forschenden Blick zu, um zu errathen, wie er diese Worte meine. Er machte ein sehr unbefangenes, aufrichtiges Gesicht.
»Das meinst doch nicht,« sagte sie. »Die Herren vom Gericht haben doch studirt, dera Samiel aber nicht.«
»So? Woher weißt denn das?«
»Das kann man sich doch denken. Ein studirter Herr wird nicht den Räuberhäuptling machen.«
»Das darf man nicht behaupten. Es hat bereits auch studirte Spitzbuben geben.«
»So denkst also, daß man ihn gar niemals derwischen wird?«
»O doch. Eine jede Gans wird mal gessen, früher oder später. Der Samiel wird auch noch seinen Mann finden.«
»Wohl nicht?« lachte sie.
»Warum nicht?«
»Geh, Sepp! Laß Dich nicht auslachen!«
»O, was ich sag, das mag lächerlich klingen; aber es ist gar nicht so zum Lachen. Mir gehts halt grad wie Dir. Ich möcht gleich eine Wetten mit machen.«
»Wie so?«
»Grad wie Du gestern wußt hast, daß dera Graf die seinige verlieren wird, also bin ich auch sicher, daß ich die meinige gewinnen thät, obgleich ich kein studirter Herr bin.«
»So! Mit wem möchtst dann wetten?«
»Eben mit dem Samiel.«
»Bist nicht recht klug?«
»Was fragst grad so? Wann ich ihn heut treffen thät, so wird ich ihm eine Weit anbieten, daß ich ihn von heut an in zwei Wochen gefangen hab.«
»Sepp! Was bist für ein Gescheidter!«
»O, es scheint mir, daß eine gar sehr große Gescheitheiten gar nicht dazu gehört. Man braucht halt nur die Augen zu öffnen.«
»Hast sie denn schon aufi macht?«
»Nein, denn was meines Amtes nicht ist, davon laß ich meine Hand. Ich weiß von dem Samiel nicht mehr als ein jeder Andere. Aberst wann ich mit ihm gewettet hätt, dann thät ich mir freilich Mühe geben.«
»So ists jammerschad, daßt mit ihm nicht diese Wetten machen kannst, eben weilst ihn nicht treffen wirst.«
»Leider! Und ich hätt doch so gern gewettet.«
Er sagte das in einem Tone solchen Bedauerns, daß sie sich innerlich beleidigt fühlte. Ihr Auge leuchtete in verstecktem Zorne auf. Sie sagte:
»Nun, wannst so gern wettest, so kannsts auch thun ohne ihn.«
»Ich wüßte nicht, wie.«
»Wett mal mit mir!«
»Mit Dir? Bist etwan dera Samiel?«
Sie lachte laut auf.
»Ich dera Samiel! Da hast einen sehr guten Witz gemacht. Eine Frau?«
»Oho! Es hat bereits mehrere Male solche berüchtigte Spitzbuben geben, welche dann, als sie ergriffen worden sind, sich als Frauen entpuppt haben. Du freilich bist reich. Du hasts nicht nöthig, den Räuber zu spielen.«
»Ja. Und zu meinem Reichthum hab ich auch gar noch die gestrige Wett gewonnen. Das Geldl werd ich bekommen müssen.«
»Natürlich. Du sollsts erhalten, wann dera Lieutenant dabei gegenwärtig ist.«
»Schön! Da ich es aber so leicht gewonnen hab, so kann ich es auch leicht wieder wagen. Ich hab sehen, daßt ein schönes Geldl bei Dir hast. Willst die gleiche Summe dagegen setzen?«
»Hm! Ists Dein Ernst?«
»Ja.«
»Das geht mir an den Kragen!«
»Schau, daßt bereits schon Angst bekommst!«
»Ich hab vorhin nur so einen halben Spaß macht; aberst wann ich gezwungen werd, so mach ich einen Ernst daraus.«
»Nun gut, machen mir Ernst! Wettest Du mit?«
Ihr Gesicht hatte sich geröthet. Es ärgerte sie, daß der Alte sich angemaßt hatte, sie fangen zu wollen. Das benahm ihr die Vorsicht. Sie hielt dem Sepp die Hand entgegen.
»Wie soll denn die Wetten sein?« fragte er.
»So, wie Du sagt hast. Du willst in zwei Wochen den Samiel fangen.«
»Schön!«
»Wannsts fertig bringst, zahl ich, aber wanns Dir nicht gelingt, zahlst Du!«
»Hm! Ich bin wohl ein Wengerl zu vorwitzig gewest; aberst was ich sag, das nehm ich niemalen wieder zurück. Ich mach also mit.«
»Wirklich?«
»Ja. Die Wett gilt bis heut über vierzehn Tag, wannsts so zufrieden bist.«
»Ich stimme bei.«
»So hast meine Hand. Hier!«
Sie schlugen ein, sie, indem sie ein Lachen hören ließ, aus welchem Hohn und Aerger klangen, und er in seiner treuherzigen Weise, ohne sich in Miene oder Ton eine heimlich bewußte Ueberlegenheit merken zu lassen.
»Ihr seid wie die Kinder,« bemerkte der Bauer. »Macht kein so dummes Gespaß.«
»Meinst, daß es ein Scherz ist?« fragte, seine Frau pikirt.
»Was denn anders?«
»Ernst ists, unser völliger Ernst!«
»Den möcht ich mir schon verbitten!«
»Was? Verbitten willsts Dir? Du thust grad so, als ob ich gar nicht mehr machen dürft, was ich will!«
»Wer hier zu befehlen hat, Du oder ich, darüber wollen wir uns nicht streiten. Ich will Dich nur aufmerksam machen, daßt Dich in eine Gefahr begiebst, wannst solche Wetten machst.«
»Welche wäre das?«
»Man könnt da sehr leicht denken, daßt den Samiel kennen und mit ihm in Verbindung stehen thätst. Das darf ich nicht dulden.«
»Ich glaub, Du hast den Verstand verloren! Ich, die Kronenbäuerin, soll den Samiel kennen!«
Sie brach in ein lautes Gelächter aus, welches aber nicht so herzlich klang, wie es von ihr beabsichtigt worden war. Der Bauer wollte darüber auffahren, aber der Sepp begütigte ihn durch die warnende Bemerkung:
»Laßts gut sein! Da kommt wieder Einer vom Dorfe her. Vielleicht will er zu Euch.«
»Wer ists denn?« fragte der Blinde.
»Das kann man nicht so genau sehen. Ach, er geht so hoch und grad wie Einer, der beim Militär standen hat, und wann ich mich nicht irren thu, so kenne ich ihn auch. Es ist dera Ludwig Held aus Oberdorf, der beim reichen Kerybauer dient hat drüben im Böhmischen.«
»Ja, der ists,« stimmte die Bäuerin bei. »Ich kenne ihn. Er wird von Daheim kommen.«
Ludwig kam mit schnellen, kräftigen Schritten die Straße daher wie Einer, der sein Ziel gern schnell erreichen will. Als er den Sepp erblickte, blieb er stehen und rief:
»Was Teuxel, ists denn wahr? Dera Sepp ist hier vorhanden! Bist doch wirklich allgegenwärtig. Was machst hier in Kapellendorf, alter Schwede?«
»Ich halt hier mein Seebad ab, weißt, wie die vornehmen Leutla es alle thun.«
»Wo hast denn da die See?«
»Hinterm Haus im Wassertrog.«
»So nimm Dich nur in Acht, daß es nicht einmal einen Seesturm giebt, sonst könntst gar leicht mit Mann und Maus zu Grunde gehen!«
»Mach Dir keine Sorg! Ich schwimm schnell ans Land; das ist hier gar nicht weit vom Wasser. Willst nicht ein Wengerl herkommen?«
»Ich habs eilig.«
»Eine Viertelstunden kannst schon ausruhen.«
»Dessen bedarf es nicht. Ich komm von dera Muttern, und die wohnt ja nur eine kleine Stund von hier. Müd bin ich also nicht; aberst weil Du es bist, so möcht ich mich schon eine Minuten mit herbei setzen, wann ich wüßt, daß die anderen Herrschaften nix dagegen haben.«
»Bist willkommen,« sagte die Bäuerin, indem sie den hübschen kräftigen Burschen mit wohlgefälligem Blicke betrachtete. Sie hatte ja überhaupt einen guten Blick für dergleichen männliche Gestalten.
Ludwig gab den Dreien die Hand und setzte sich neben den Sepp, welcher sich sogleich erkundigte:
»Ich hab hört, daßt jetzt bei Deiner Muttern bist. Wo willst hin?«
»Hinunter nach Slowitz zu meinem Bauer.«
»Ich denk, Ihr seid uneinig mit nander?«
»Nicht mehr. Wir haben uns versöhnt, und er hat schickt, daß ich kommen soll.«
»So trittst wiederum bei ihm in Dienst?«
»Ja. Ich habs voraus wußt, daß es so kommen wird.«
»Ich habs mir auch denkt, denn so Einen, wie Du bist, bekommt er sonst nicht wieder. Auch hast ihm einen gar großen Dienst erwiesen, daßt ihn von den beiden Osec befreit hast. Die sitzen nun im Loch und werden nicht gleich wieder herauskommen. Nun kann der Sohn die Gisela heirathen!«
»Die hätt er auch sonst nicht bekommen.«
»Weil sie Dich haben will!«
»Wer hat das sagt?«
»Geh! Willsts nicht eingestehen! Bist auch so ein Heimlicher, der immer schwarz thut, und wann man ihn bei Licht beschaut, so ist er weiß. Wie gehts denn Deiner alten Muttern und dera Schwester?«
»Ich danke! Sehr gut.«
»Ja, das hab ich hört. Die sind nun über alle Sorg hinaus. Nein, so ein Geld zu bekommen! Wer hätt das denkt!«
»Was für ein Geld?« fragte die Bäuerin schnell.
»Hasts noch nicht gehört?«
»Nein.«
»Dera König hat an dem Ludwig seinen todten Vatern denkt, welcher so lange Invalid gewest ist, ohne eine Pensionen zu bekommen. Nun hat er diese Pensionen dera Wittfrau nachzahlen lassen für die vielen Jahre und ihr auch noch selbst ein Gehalt ausgesetzt.«
»Welch ein Glück!« rief die Kronenbäuerin. »Ja, unser guter König! Aber auf so viele Jahre, das muß doch eine große Summe sein!«
»Ja, es sind ein hübsch paar Tausend.«
»Baar?«
»Natürlich!«
»Das gefreut mich, denn sie ist eine gar brave Frau, und es ist ihr gern zu gönnen. Aber was thut sie denn mit dem vielen Gelde?«
Das war die Frage, deren Beantwortung sie wünschte. Hier gab es vielleicht wieder einen Fang zu machen. In ihrem Eifer übersah sie es, daß der alte, kluge Sepp sein Auge scharf auf sie gerichtet hielt.
»Das wird meiner Schwester zu Gute kommen,« antwortete Ludwig. »Nun kann sie heirathen. Bishero hat das Nöthigste dazu gefehlt. In einigen Wochen wird sie die Hochzeit halten.«
»So! Da wird das Geld wohl schnell ausfliegen, grad wie die Tauben, wann gutes Wettern ist.«
»O nein. So treiben wir es nicht. Es wird nur eine Wenigkeit davon weggenommen, und das Andere legen wir auf Zinsen einstweilen an. Wir haben es bis dahin dem hochwürdigen Herrn aufzuheben geben.«
»Dem Pfarrer?«
»Ja.«
»Warum dem?«
»Weil es bei ihm jedenfalls sicherer liegt als in dera kleinen Hütten bei dera Mutter.«
»Das glaub ich nicht. Es kann einem Pfarrer ebenso stohlen werden, wie Deiner Muttern. Denk an den Samiel!«
»O, der ist nicht zu fürchten.«
»Er derfährt Alles.«
»Aber das nicht. Wir haben es noch Niemand sagt. Selbst wann er es wüßt, daß der Herr Pfarrer das Geldl hat, würd er es doch nicht finden, wann er es sich auch holen wollt.«
»Warum?«
»Weil dera Pfarrer es sehr gut versteckt hat, nämlich in seiner Studierstuben in das alte, große Bibelbuch, welches ganz oben über den anderen Büchern steht.«
Die Bäuerin verschlang ein jedes Wort, welches Ludwig sprach. Sie holte tief Athem; sie war hoch befriedigt von dem, was sie erfahren hatte.
Ebenso befriedigt war der alte Sepp, der den Blick nicht von ihr gelassen hatte. Er ahnte, was in ihr vorging; ihre Gedanken waren ihr zu deutlich auf das Gesicht geschrieben. Sie zwang sich förmlich, in gleichgiltigem Tone zu sagen:
»Da ists freilich sehr gut aufgehoben. Da wird es Niemand suchen, und da könnt Ihr es liegen lassen.«
»Na, gar lange wird es wohl nicht liegen. Bereits morgen wird dera geistliche Herr nach der Stadt gehen, um mit dem Manne zu sprechen, welcher die Bank besitzt. Vielleicht giebt er es diesem. Da bekommen wir einen Schein, der ist so gut wie baares Geld, und die Zinsen können wir uns holen, wann es uns beliebt.«
»Daran thut Ihr klug. Man muß sein Geld so anlegen, daß es Einem keine Sorge bereitet. Ich werd' Dir einen Kirschengeist holen. Wer den trinkt, der läuft gleich noch mal so schnell.«
Sie entfernte sich eigentlich nur, um die Freude nicht bemerken zu lassen, welche sie fühlte. Als sie in die Stube trat, stand der Knecht Bastian drin, und zwar am Fenster, durch welches er hinausgesehen und die Sprechenden beobachtet hatte.
»Das ist ja dera Oberndorfer Ludwig,« sagte er. »Was will er?«
»Er hat sich nur im Vorübergehen niedersetzt. Von ihm hab ich was derfahren?«
»Was Gutes?«
»Ja. Hast heut Abend wieder Lust?«
»Wannst willst, allemal, wohin?«
»Nach Oberdorf hinüber, zum Pfarrer dort.«
»Zu dem armen Teuxel? Was soll es dort geben? Der kann bei seinem armseligen Gehalt verhungern. Dort ist nix zu finden.«
»Ich werd aber doch bei ihm Geld finden.«
»Das ist schwer zu glauben.«
»Es gehört nicht ihm. Er hat es nur in Aufbewahrung erhalten.«
»Dann ist es leichter denkbar. Ich mache mit.«
»Ich werde Dich natürlich gut bezahlen.«
»Das ist nicht nöthig.«
»Warum?«
»Ich thue es umsonst. Ich brauche kein Geld. Ich mag auch für gestern gar nichts haben.«
Sie blickte ihn verwundert an.
»Wie kommst mir vor? Es braucht doch ja der Mann ein Geldl, und von meiner Lieb allein kannst doch nicht leben.«
»Wann ich nur Deine Lieb hab, so ists schon gut. Dein Geld brauch ich nicht. Ich hab schon selber welches.«
»Du? Woher denn?«
»Das ist ein Geheimnissen.«
»Geh!« lachte sie. »Thu nicht so wichtig, als obst gar große Geheimnissen hättest!«
»O, es ist groß genug, größer alst denkst.«
»Wie lautet es denn?«
»Das kann ich nicht sagen.«
»Wohl gar niemals?«
»Später.«
»So! Willst wohl gar den Samiel ohne mich spielen? Willst Dir ein Geldl irgendwo allein verschaffen?«
»Nein; ich bekomme es ehrlich.«
»So kannst mir auch sagen.«
»Nein; das geht nicht. Wenn dieses Geheimnissen mir allein gehören thät, so könnt ich davon reden; es gehört aber einem Andern mit.«
»Wem denn?«
»Auch davon darf ich nicht sprechen.«
»Du, das gefallt mir nicht. Wirst doch nicht etwan eine Dummheiten machen!«
»O nein. Es ist grad im Gegentheile eine sehr große Gescheidtheiten.«
»Mir ahnt was ganz Anderes. Wannst Dich mit einem Andern außer mir abgiebst, so kann es sehr leicht fehl gehen. Wannsts nicht verrathen darfst, so sag mir wenigstens, wer es ist, mit dem Du anfangen hast.«
»Nun, das darf ich Dir vielleicht mittheilen. Es ist halt dera Sepp.«
»Der Wurzelsepp?« rief sie erschrocken. »Der ist grad der Allergefährlichste für uns. Vor ihm müssen wir uns am Meisten in Acht nehmen.«
»Das weiß ich auch!«
»Du machst mir angst. Weißt, der ist unter Umständen schlauer als wir alle Beid. Jetzt sagst sogleich, wast mit ihm hast!«
»Ich darf ja nicht.«
»Gut! So ists aus mit uns Beiden! Wannst ihm mehr Vertrauen schenkst als mir, so mag ich nix mehr von Dir wissen.«
»Das ist nicht Dein Ernst!«
»Mein völliger sogar. Grad dera Sepp ist es, der uns Beid ins Unglück bringen will.«
»Mir aber will er Glück bringen.«
»Auf welche Weise? Gleich sagst es mir!«
Sie sagte das in einem so strengen Tone, daß er ängstlich wurde. Er antwortete:
»Es ist ja nur ein Traum.«
»So? Was für einer?«
»Er hat ein Lotterieloos träumt, welches wir mit nander spielen.«
»Das glaub ich nicht.«
»Es ist wahr. Er hat sich sogar die Nummer merkt. Er hat träumt, daß der Bauer stirbt und daß ich dann Dein Mann werd, weil ich ein so großes Geldl in dera Lotterie gewinn.«
Sie blickte ihm nachdenklich in das Gesicht.
»Das will er träumt haben? Ob es auch wahr ist? Oder hat er es sich nur ausgesonnen?«
»Wozu denn?«
»Ja, das kann ich auch nicht begreifen. Er ist ein gar Schlauer. Er müßt doch eine Absicht dabei haben. Aber ich kann nachdenken wie ich will, so kann ich dieselbige nicht errathen.«
»Er hat nur die Absicht dabei, die Hälfte mit zu gewinnen.«
»So spielst also wirklich mit ihm?«
»Ja.«
»Warum aber hat er grad Dich dazu erwählt?«
»Weil ihm träumt hat, daß ich mit ihm spiel. Wann er einen Andern dazu nahm oder wann er allein spielen thät, so würd doch dera Traum nicht in Erfüllung gehen.«
»Das ist wahr, und das will mich beruhigen. Nur das Andere, was er träumt hat, daß mein Mann sterben soll und daß dann Du dera Bauer wirst, das macht mir Sorg. Es kommt mir ganz so vor, als ob er sich das nur so ausdenkt hat. Paß auf auf ihn, und nimm Dich sehr in Acht. Wann Der Dich einmal in dera Taschen hat, so kommst nicht wieder heraus. Also mach Dich fertig für heut Abend. Wann Alle zu Bett sind, gehen wir fort. Vorher aber, gleich nach dem Essen, gehst in den Wald, um die Anzüg zu holen.«
Sie nahm die Flasche mit dem Kirschbranntwein und ging hinaus. Die Traumgeschichte gab ihr zu denken. Sepp bemerkte bald, daß sie einsylbiger geworden war und ihn heimlich beobachtete. Er ahnte, da sie so lange Zeit gebraucht hatte, den Schnaps zu holen, daß sie mit dem Knechte gesprochen hatte, und gab sich nun so heiter und unbefangen wie möglich, um ihre Besorgniß zu zerstreuen.
Ein verstohlener Blick nach den Fenstern der Stube überzeugte ihn, daß er jedenfalls nicht falsch gerathen habe, denn er sah das Gesicht Bastians hinter den Scheiben.
Als Ludwig sein Glas ausgetrunken hatte, erhob er sich, um zu gehen; er wollte bereits der Bäuerin seine Hand zum Abschiede reichen, da zog er sie schnell wieder zurück und blickte überrascht den Weg entlang, welcher nach dem Walde führte.
»Sakra! Wer ist denn das!« sagte er.
»Wo?« fragte der Sepp.
»Dort auf dem Wege. Das ist ja gar der …«
Er hielt inne, denn der Sepp trat ihm schnell auf den Fuß. Er verstand den Wink und verbesserte sich:
»Das ist ja dera Herr Ludwig aus der Hohenwalder Mühle!«
»Ja, das ist er,« antwortete Sepp. »Und dera Herr Arzt ist bei ihm. Bäuerin, das ist der Herr, der bei Dir wohnen will. Du wirsts ihm gleich anschauen, daß er ein nobler Herr ist, und ich denk, daßt ihn gut empfangen wirst. Ich empfehle ihn Dir.«
Die Frau war aufgestanden und betrachtete sich die Nahenden. Die Gestalt und Haltung des Königs machte einen imponirenden Eindruck auf sie. Ohne es eigentlich zu wollen, ging sie ihm einige Schritte entgegen.
Sepp und Ludwig zogen ihre Hüte. Der König nickte ihnen mildfreundlich zu. Die Bäuerin machte einen tiefen Knix und sagte:
»Dera Wurzelsepp hat mir sagt, daßt kommen willst, Herr Ludewig. Ich will Dich auch gern bei mir aufnehmen, aberst ich denk, daß es Dir bei mir nicht sehr gefallen wird.«
»Warum nicht?«
»Weil wir keine vornehmen Leutla sind.«
»Das verlange ich auch nicht. Sauberkeit ist die Hauptsache, und die hoffe ich doch hier zu finden.«
»Ja, was das anbelangt, sauber können wir schon sein,« antwortete sie, die Augen kokett niederschlagend und mit den Händen die Schürze glättend.
»Der Sepp hat natürlich Alles vorbereitet, sodaß wir unsere Zimmer bereit finden?«
»Nein, Herr, so weit ists halt noch nicht. Er wollte die besten Stuben für Dich haben; die hat aberst schon ein Anderer.«
»Wer ist das?«
»Der ist gar ein Graf und Oberlieutenant. Sein Name lautet Arthur Wipprecht von Münzer. Er ist hier, um den Samiel zu fangen.«
Ueber das ernste Gesicht des Königs flog bei den Worten »gar ein Graf« ein flüchtiges Lächeln. Er antwortete:
»Was für Stuben giebt es noch?«
»Nur zwei. Jede hat ein Bett.«
»So werde ich die Wohnung des Grafen nehmen.«
Die Bäuerin blickte ihn erstaunt an.
»Das wird er nicht zugeben.«
»Glauben Sie?«
»Ja. Ein Graf!«
»Er wird mir seine Wohnung freiwillig abtreten und irgendwohin ziehen, vielleicht in den Gasthof.«
»So könnt er doch die beiden anderen Stuben nehmen?«
»Die wird hier dieser Herr bewohnen, welcher ein Arzt ist.«
»So möcht ich aberst doch vorher erst mit dem Herrn Grafen reden.« »Das ist nicht nöthig. Ich kenne ihn und versichere, daß er sich sehr gern nach einem anderen Aufenthalte umsehen wird.«
»Wanns so ist, so solls mir recht sein.«
»Zeigen Sie mir also die Wohnung!«
»Da mußt – mußt – da müssens halt doch erst ein Wengerl warten. Ich muß vorerst nachschauen, ob Alles in Ordnung ist. Wann so ein Junggesell in dera Stuben wohnt, so ists den ganzen Tag so, als ob ein Sturmwind gangen wär. Ich will hoffen, daß Du – – daß Sie ein Ordentlicher sind.«
Sie brachte es doch nicht fertig, das Du länger beizubehalten. Die ganze Erscheinung des Königs war so ehrfurchtgebietend, daß ihr das höflichere Sie in den Mund kam.
Sie eilte in die Küche, um eine Magd zu holen, welche ihr behilflich sein sollte, in der Wohnung des Grafen Ordnung zu schaffen.
»Mach schnell!« munterte sie das Mädchen auf. »Es ist ein neuer Gast da. Und der schaut mit solchen Karfunkelaugen drein, daß man gleich ganz still sein muß, wenn er Einen anschaut.«
Die Wohnung wurde im Fluge hergerichtet, und dann begab sich die Bäuerin erst noch nach ihrer Stube, um sich noch ein Wenig »schöner« zu machen. Sie hing eine Kette an, steckte einige goldene Nadeln in ihr Haar und band die schwerseidene Feiertagsschürze vor. Nun erst ging sie wieder hinunter unter den Baum.
»Jetzt, wanns kommen wollen, könnens sich das Logement anschauen,« sagte sie.
Während ihrer Abwesenheit hatte sich der Ludwig verabschiedet, von dem Bauer und dem Sepp mit einem herzlichen Händedruck und von dem König und dem Geheimen Medizinalrath mit einer respectvollen Verneigung. Dieser Letztere hatte sich dann mit dem Bauer unterhalten und dabei seinen forschenden Blick auf die Augen des Blinden gerichtet gehalten. Der König hatte still dabei gesessen und sich begnügt, die frische, erquickende Luft des nahen Hochwaldes einzuathmen.
Jetzt folgte er der Aufforderung der Bäuerin, und der Arzt schloß sich den Beiden an. Sepp blieb bei dem Bauer zurück.
»Du, Sepp,« sagte dieser in einem ganz eigenthümlichen tiefen, schweren Tone, »mir ist so ganz fremd zu Muthe.«
»Warum denn?«
»Diese Stimme, diese Stimme!«
»Welche denn? Welche meinst?«
»Dem Herrn Ludwigen seine.«
»Was ists denn mit ihr?«
»Die hab ich schon mal hört; ja, ich hab sie hört. Ich hab lange nachdenkt, als er so still da saß, wo ich sie hört hab, und dann hab ich mich darauf besonnen.«
»Das thu ich bezweifeln. Ich glaub es halt nicht, daßt sie hört hast. Er ist aus dem München. Dort bist sicherlich nicht mit ihm zusammenkommen.«
»Nein, sondern hier.«
»Auch da nicht. Er ist noch nie hier gewesen.«
»O doch!«
»Nein. Ich weiß das genau.«
»Und ich weiß es ebenso genau. Freilich in dera Wirklichkeit ists nicht gewest sondern nur im Traume.«
»Ach so! Hast von ihm träumt?«
»Ja, kannst Dich nicht auf den Traum besinnen, von dem ich Dir gestern verzählt hab?«
»Ja, das fallt mir ein.«
»Von dem Herrn, der zu uns kommen ist, und von dem Doctor, der bei ihm war und mir das Augenlicht wiedergeben hat!«
»Meinst, daß sie es sind?«
»Ja, es sind ihre Stimmen, ganz genau von demselbigen Klang, wie sie im Traume sprochen haben. Da im Traume hab ich dann auch ihre Gesichter sehen und ihre Gestalten. Wann ich nicht blind wär, so würd auch dieses stimmen; ich fühl es; ich weiß es und könnt gleich um Alles wetten.«
Er hatte das schnell, fast athemlos gesagt, er befand sich in einer innerlichen Aufregung, welche sich auch seinem Aeußeren mittheilte.
»Bring Dich nicht auf!« warnte der Sepp. »Man soll nicht an Träume glauben.«
»Das weiß ich, und ich bin ja sonst gar kein Leichtgläubiger. Dieser Traum aberst war so licht, so hell, so deutlich, als ob dera liebe Herrgott ihn mir geschickt hätte. An ihn möcht ich glauben.«
»Wann er was zu bedeuten hätt, so sollt es mich gefreuen. Aberst Du mußt Dich in Acht nehmen. Wer zu viel hofft, der ist nachhero, wann die Hoffnung zu schanden wird, doppelt unglücklich.«
»Auch das weiß ich; aberst ich hab ein Gefühl, welches ich gar nicht beschreiben kann, ein Gefühl, als ob was recht Großes und Gutes mit mir vorgehen müßt. Ich kann nicht dafür. Ich will auch nicht, daß es mich überwältigen soll; aberst ich kann es nicht beherrschen. Ich möcht; ich möcht – – – ja, was möcht, ich denn gleich? Beten, beten, beten!«
Er lehnte sich an den Stamm des Baumes und faltete die Hände. Der Sepp schwieg. Er wollte den Unglücklichen in seiner Andacht nicht stören.
So saßen Beide, bis die Bäuerin kam und strahlenden Auges bemerkte:
»Sie sind Beid mit ihren Stuben zufrieden, der Eine grad so wie der Andere. Dieser Herr Ludwigen muß aber doch ein gar vornehmer Herr sein.«
»Warum?« fragte der Sepp.
»Er schaut ganz so aus. Und wenn er Etwas sagt, so klingt es ganz so, daß man gar nichts dagegen sagen kann.«
»Ja, er ist halt das Befehlen gewöhnt.«
»Was ist er denn?«
»Er ist Einer – Einer – hm, Einer aus demjenigen Haus in München, in welchem regiert wird.«
»So was hab ich mir denkt. Er wird ein Rath von den Commerzien oder wohl auch von dera Philosophie sein.«
»Ja, so was ist er.«
»Und reich, reich muß er sein!«
»Hasts gemerkt?«
»Ja. Was er für Ringen anstecken hat! Das blitzt nur so von Diamanten! Und die Knöpf im Hemd! Und die Uhr. Als er sie herausnommen hat, um nach dera Zeit zu schauen, bin ich fast verschrocken über die Edelsteinen, welche daran gewest sind!«
Ihre Augen funkelten förmlich gierig, als sie dieses sagte. Der Sepp bemerkte das sehr wohl. Er sagte:
»Ja, arm ist er nicht; das ist wahr.«
»Und Dir soll ich sagen, daßt gleich mal zu ihm kommen sollst.«
»So! Und das sagst erst jetzt! Daß er so lange hat auf mich warten mußt! Kronenbäuerin, Du bist auch Eine! Merks Dir, daß dieser Herr Ludwigen nicht Einer ist, den man warten lassen darf. Wannst ihn versäumst, so zieht er gleich wieder fort.«
Er entfernte sich eilig.
Als er nach einem discreten Anklopfen eintreten durfte, saßen der König und der Arzt mit einander am Tisch.
»Sepp,« sagte der Erstere. »Du hast mir dieses Haus empfohlen und ich hoffe, daß ich mich hier wohl befinden werde.«
Der Alte kratzte sich hinter dem Ohre und antwortete ziemlich verlegen:
»O weh! Damit ists gefehlt!«
»Was? Warum hast Du mich hierher gebracht? Unten in der Mühle konnte ich nicht gut länger bleiben, weil mein Incognito in Gefahr stand, verrathen zu werden. Deshalb suchte ich mir einen anderen Aufenthalt. Ich verließ mich auf Dich, folgte Deinem Rathe, der sich ja schon so oft bewährt hat, und nun ich da bin und die Zimmer bezogen habe, kratzest Du Dir den Kopf!«
»Ja, Maje– wollte sagen, Herr Ludwig, wann ich wüßt hätt, was ich heut weiß, so hätt ich mich vorher kratzt.«
»Nun, was weißt Du denn?«
»Daß es hier nicht mehr so steht wie vorher. Die Bäuerin ist eine ganz andere.«
»Ist sie Dir nicht mehr Freund?«
»Nein.«
»Warum?«
»Weil ich sie fangen will.«
»Du sprichst in Räthseln. Erkläre Dich!«
»Habens schon mal von dem Samiel hört?«
»Leider mehr als genug.«
»Nun – hm! Wie bring ich es nur gleich heraus! Ich weiß gar nicht, wie!«
»Rede deutlich!«
»Nun, die Bäuerin und dera Samiel, das ist das – Himmelsakra, sie ist er, oder meinswegen auch er ist sie.«
Der König schüttelte leise den Kopf und sagte:
»Sepp, was faselst Du?«
»Ja, wann ich faseln thät, so wollt ich wohl gar froh sein!«
»Wenn ich Dich recht verstanden habe, so hast Du sagen wollen, daß die Kronenbäuerin der Samiel sei?«
»Ja, grad dasselbige hab ich sagen wollt.«
»Du träumest wohl?«
»Nein. Ich schlaf halt nicht, sondern ich bin sogar ganz munter.«
Der König erhob sich von seinem Stuhle, trat auf ihn zu und fragte:
»Soll etwa der Herr Geheimrath untersuchen, wie viele Schläge Dein Puls macht?«
»Dagegen hab ich nix. Da ist er!«
Er hielt dem Arzte die Hand hin; da dieser aber sich nicht bewegte, fuhr er fort:
»Es möcht Einem wahrlich ganz dumm im Kopfe werden. Dera Samiel ein Weibsbild! Ich thäts halt selberst nicht glauben, wann ich es nicht selberst entdeckt hätt.«
»Mensch, so ists wirklich Dein Ernst?«
»Ja, mein völliger.«
»Du bist erst gestern angekommen. Gestern wußtest Du noch nichts von Samiel. Es muß also Etwas geschehen sein.«
»Viel, sehr viel ist geschehen.«
»So erzähle es!«
»Das werd ich thun, wanns derlauben. Aberst da muß ich auch van alten Zeiten sprechen, von dem Fritz und anderen Dingen, damit Alles seine richtige Verklärung findet.«
»Wir haben Zeit. Fang an!«
»So schnell geht das nicht. Erst muß ich mal schaun, ob wir nicht etwan belauscht werden.«
Der König hatte drei Räume. Eine Art Vorstube, ferner das Wohnzimmer, in welchem sie sich jetzt befanden, und endlich die Schlafstube, wo der bereits erwähnte Ofen stand, welcher bewegt werden konnte.
Da hinaus trat der Sepp. Er sah sich um, kam dann wieder herein, zog die Thüre hinter sich zu und sagte leise:
»Da drinnen dürfens halt nicht schlafen!«
»Warum?« fragte Ludwig erstaunt.
»Weils sonsten sehr leicht umibracht und massakrirt werden können.«
»Sepp!!!«
Das klang in einem sehr strengen Tone. Der Alte aber sagte, ohne sich irre machen zu lassen:
»Ich weiß halt, was ich sag, denn ich hab ihre Augen sehen, als sie von Ihren Diamanten und Edelsteinen sprach.«
»Die Kronenbäuerin?«
»Ja, freilich.«
»So soll sie also wirklich der Samiel sein?«
»Auf alle Fälle.«
»Aber sie kann ja gar nicht, selbst angenommen, daß Du mit Deiner ungeheuerlichen Behauptung Recht hast, in dieses Schlafzimmer kommen!«
»Sehr leicht sogar.«
»Ich verschließe Thür und Fenster.«
»So kommt sie durch die Wand.«
»Giebt es etwa da eine geheime Thür?«
»Ja.«
»Zeige sie mir!«
»Ja, ich weiß sie nicht.«
»So wird Deine Vermuthung eine überhaupt falsche sein.«
»Nein, gewiß nicht. Ich hab keine heimliche Thür sehen, aberst ich denk, daß es eine giebt. Von drüben her hab ich mich in ihre Schlafstuben schlichen, die an dieses neue Gebäuden stößt, aberst die Thür nicht entdecken können. Wanns mirs derlauben, so werd ich auch von hüben suchen. Vielleichten find ich sie hier besser.«
»Wenn es so ist, so werden wir natürlich gemeinschaftlich suchen. Jetzt erzähle! Ich erlaube es Dir, Dich dazu zu setzen.«
Der Sepp machte von dieser Erlaubniß keinen Gebrauch. Er erzählte mit halblauter Stimme Alles, was er heute nun wußte. Nur von der Vermuthung, daß die Bäuerin auch heute Abend nach Oberndorf gehen werde, um den Pfarrer zu bestehlen, sagte er nichts. Während seines Berichtes öffnete er einige Male leise die Thür zur Schlafstube, um nachzusehen, ob man dort vielleicht heimlich eingedrungen sei, um zu lauschen. Es war aber Niemand dort.
Der König sowohl wie auch der Geheimrath hatten ihm zugehört, ohne ihn ein einziges Mal zu unterbrechen. Jetzt blickten sie einander schweigend an. Keiner sagte ein Wort. Dann erhob Ludwig sich von seinem Sitze und schritt mehrere Male im Zimmer auf und ab. Endlich blieb er vor dem Alten stehen, legte ihm die Hand auf die Achsel und sagte:
»Sepp, es ist wahr. Du hast nicht geträumt. Es ist entsetzlich, wirklich entsetzlich, Deinen Worten glauben zu müssen, aber es ist auch unmöglich, daran zu zweifeln.«
Und wieder ging er hin und her. Seine Stirn lag in Falten und die Augen hielt er finster zu Boden gerichtet.
»Ist es möglich, ist es denn wirklich möglich, daß es solche Menschen geben kann?« sagte er.
»Ein Weib –« antwortete der Geheimrath. »Damit ist Alles gesagt.«
Der König blieb vor ihm stehen.
»Ein Weib!« wiederholte er. »Und welch herrliche Anschauungen verbindet man mit dem Worte Weib! Ein Weib ist das Herrlichste, das Reinste, das Erhabenste, Zarteste und Empfindlichste, was es geben kann und –«
Er hielt inne; der Arzt fügte hinzu:
»Und doch ist ein gesunkenes Weib häßlicher und abscheulicher als ein gesunkener Mann. Ein Mann kann in den tiefsten Schlamm der Sünde, des Verbrechens sinken, er kann sich ebenso gut wieder erheben. Ein Weib aber, welches einmal gesunken ist, erhebt sich niemals wieder.«
Ludwig setzte seinen Gang durch das Zimmer fort; dann wendete er sich an Sepp:
»Geh hinab zu diesem armen, beklagenswerthen Mann und warte, bis ich Dir vom Fenster aus winken werde. Dann bringst Du ihn herauf. Es soll untersucht werden, ob der Zustand seiner Augen ein hoffnungsloser ist.«
Der Sepp wendete sich zum Gehen. Noch aber hatte er die Thür nicht erreicht, so drehte er sich wieder um und sagte:
»Wegen dem Bauer hätt ich eigentlich eine gar schöne Bitt, wanns mir nicht übel nähmen.«
»Welche?«
»Wann Hoffnung vorhanden war, so sollens ihm das nicht sagen.«
»Warum?«
»Sein Weib darfs nicht derfahren.«
»Denkst Du, daß sie im Stande wär, noch einmal Etwas zu thun, was – ah!«
Er strich sich mit der Hand über die Stirn, wie Einer, der an etwas ganz und gar Unbegreifliches glauben muß.
»Nein,« antwortete der Alte. »Das meine ich nicht. Man thät schon dafür Sorge tragen, daß sie ihm nix mehr thun kann; aberst sie muß überrascht werden. Wann ihr Mann so ganz unerwartet vor sie hintritt und sie hell anschaut grad dann, wann sie bei einem neuen Verbrechen ist, dann muß sie vor Schreck zusammensinken. Das ist eine Straf, die sie verdient hat, und die muß sie erhalten.«
»Ahnst Du ein neues Verbrechen?«
»O, die hört nicht aufi. Ich werd sehr gut lauschen und es gewiß heraus bekommen, wann sie wieder was vor hat. Dann werde ich es melden.«
»Gut. Wir müssen es uns überhaupt überlegen, ob wir sie bereits jetzt festnehmen oder später auf der That ergreifen wollen. Gehe jetzt! Ich winke später.«
Es war eine lange, lange Unterredung, welche Ludwig mit dem Medicinalrathe hatte. Der Sepp behielt die Fenster des Zimmers im Auge und als er endlich den König an demselben erscheinen und ihm winken sah, nahm er den Bauer bei der Hand, um ihn hinauf zu führen. Dabei begegneten sie der Bäuerin.
»Wohin?« fragte sie.
»Zum Doctor hinaufi,« antwortete Sepp.
»Wohl wegen der Augen?«
»Ja.«
»Da wünsche ich viel Glück!«
Sie sagte das in einem Tone, welcher theilnehmend sein sollte, aber die Beiden hörten doch einen nicht ganz zu unterdrückenden Hohn hindurchklingen.
Als sie in das Zimmer Ludwigs traten, welches deshalb zu der Untersuchung gewählt worden war, weil es mehr Helligkeit als jedes andere besaß, hatte der Arzt seine Instrumente auf dem Tisch ausgebreitet.
»Kronenbauer,« sagte er, »ich möchte einmal Ihre Augen untersuchen. Wollen Sie mir das erlauben?«
Der Gefragte dachte an seinen Traum. Er lauschte mit angehaltenem Athem dem Klange dieser Stimme und antwortete in vibrirendem Tone:
»Herrgott! Wie gern!«
»So kommen Sie her; setzen Sie sich!«
Er nahm ihn bei der Hand und führte ihn zum Stuhle. Als er nun den Kopf des Blinden in die richtige Lage gebracht hatte, begann er die Untersuchung. Er ging bei derselben ungemein sicher zu Werke und bediente sich dabei nach einander des Refractions-Ophthalmeskop von Coccius, Meierstein und Giraud-Teulon.
Es dauerte eine geraume Zeit, ehe er fertig war; dann nickte er befriedigt lächelnd dem Könige zu. Dieser winkte ihn ein Stück ab und fragte leise:
»Wie steht es?«
»Viel besser, als ich nach der Betrachtung mit dem blosen Auge denken konnte. Die Pistole ist nicht mit Vogeldunst geladen gewesen. Was in das Auge eindrang, das waren nur un- oder halbverbrannte Pulverkörner.«
»So ist kein edler Theil verletzt?«
»Doch, aber nicht so, daß es keine Hilfe gebe. Die Hornhaut steckt voller schwarzer Pulverpünktchen, welche sogar theilweise in die vordere Augenkammer eingedrungen sind; aber die Linse ist unverletzt, und das ist die Hauptsache.«
»So ist Hilfe möglich?«
»Sogar sehr leicht. Ich habe das Pulver zu entfernen, jedes Pünktchen einzeln, wozu nichts erforderlich ist, als eine feste, sichere Hand.«
»Aber die Schmerzen!«
»Es giebt keine. Ich kann hier unsere allerneueste Entdeckung anwenden, indem ich die örtlichen Empfindungsnerven während der Operation außer Thätigkeit setze. Der Patient fühlt nichts, gar nichts. Er wird gar nicht merken, daß ich mit der Pincette in seinem Auge arbeite.«
»Und wie lange wird es dauern?«
»Sicherlich über zwei Stunden.«
»So beginnen Sie. Sagen Sie ihm aber nichts!«
Der alte Sepp hatte in der Nähe gestanden und jedes Wort gehört. Sein Herz hüpfte vor Freude über diesen außerordentlich günstigen ärztlichen Ausspruch. Er hätte am Liebsten den Geheimrath laut jubelnd umarmen mögen.
Dieser Letztere trat wieder zu dem Blinden zurück.
»Nicht wahr, es steht schlimm?« fragte dieser.
Er hatte die Herren flüstern hören und glaubte, wenn sie etwas Gutes zu sagen gehabt hätten, so wäre es laut geschehen.
»Das möchte ich doch nicht sagen,« antwortete der Arzt freundlich. »Ich habe mich bisher nur über das Allgemeinbefinden der Augen überzeugen können. Der Nerv ist noch in Thätigkeit; das Pigment ist empfänglich. Aber das Pulver, das Pulver! Es hat vielleicht alles Andere zerstört. Um darüber urtheilen zu können, muß ich Sie einer noch eingehenderen Untersuchung unterwerfen, und ich glaube nicht, daß Sie die dazu nöthige Geduld haben werden.«
»Lieber Herr, wann Einer blind ist, so hat er wohl lernen müssen, geduldig zu sein.«
»Es wird vielleicht über zwei Stunden dauern, Kronenbauer.«
»Herrgott! Ich halt gern zwei Jahre her, um nur zu derfahren, ob noch eine kleine Hoffnung vorhanden ist oder nicht.«
»Nun, so wollen wir es versuchen. Der Sepp hat eine stille Hand, er mag Ihren Kopf mit halten.«
Der Blinde wurde in die richtige Lage gebracht. Sepp unterstützte ihn. Später gab selbst der König seine Hand dazu her. Dann nahm der Arzt ein kleines Pinselchen in die Hand, tauchte es in eine Flüssigkeit, welche sich in einer Phiole befand, und sagte dann:
»So wollen wir mit Gottes Hilfe beginnen!«
Der Blinde hatte aus diesen Worten errathen können, daß man im Begriff stehe, eine Operation vorzunehmen; aber er dachte das nicht. Er dachte überhaupt gar nichts, und wenn er ja an Etwas dachte, so war es nur daran, recht still zu halten.
Der Arzt ließ einen Tropfen dieser Flüssigkeit vermittelst des Pinsels auf den Augapfel fallen, wodurch derselbe das Gefühl für die Pincettenstiche verlor. Dann begann die eigentliche Arbeit.
Sie war minutiös und mühevoll. Dem Geheimrath gingen sehr oft die Augen über, so daß er sie eine Zeit lang ausruhen lassen mußte; endlich aber, endlich war er fertig.
»Gelungen!« hätte er jubeln mögen.
Aber er rief dieses Wort nicht aus; er nickte es nur den Beiden heimlich zu. Wenn die Haut nicht durch die Stiche gereizt worden wäre und in Folge dessen sich in geschwollenem Zustande befunden hätte, so hätte der Bauer bereits jetzt wieder sehen können.
Er bekam eine kühlende Flüssigkeit eingeträufelt und dann wurden ihm beide Augen mit einer Binde, welche der Arzt zu diesem Zwecke mitgebracht hatte, dicht verbunden.
»Wozu das?« fragte der Bauer. »Ach hab doch jetzt auch keine Binde habt!«
»Jetzt ist sie für kurze Zeit nöthig, da ich mit meinen Instrumenten Ihr Auge zu sehr angegriffen habe.«
»So! Wie stehts denn nun? Nicht wahr, ich muß blind bleiben?«
»Das behaupte ich keineswegs. Noch aber kann ich kein Urtheil fällen. Ihre Augen müssen sich erst beruhigen; dann sehe ich sie mir nochmals an.«
Da stand der Kronenbauer langsam vom Stuhle auf, drehte sich zu dem Sprechenden um und sagte langsam und gewichtig:
»Herr Doctor, wissens halt, was nachhero kommt, wann man das Augenlicht verloren hat?«
»Nun, was?«
»Dann wird alles Andere desto schärfer.«
»Das weiß ich wohl.«
»Das Gehör, das Gefühl, der Geruch und der Geschmack. Mein Gehör ist, seit ich blind bin, so scharf worden, daß ich auch Alles hör, was ich nicht hören soll. Ich erkenn an dera Stimm des Menschen, was er denkt, und so hab ichs auch dera Ihrigen anhört, wie es mit mir steht.«
»Das bezweifle ich,« lächelte der Arzt.
»O, ich weiß es ganz genau!«
»Nun, so sagen Sie es!«
»Ja, ja, ich will es sagen!«
Und in wirklich jubelndem Tone fuhr er fort:
»Sepp, Sepp, hab ichs nicht sagt, daß es die Stimmen der beiden Herren sind, von denen ich träumt hab? Ich irr mich nicht; es ist ganz gewiss mein Traum geht in Erfüllung. Ich werd wieder sehen können!«
Er wartete, was man dazu sagen werde, und da Niemand antwortete, so fragte er:
»Herr Doctor, habens etwan das Herz, Nein zu sagen?«
»Nein, das habe ich nicht; aber ich kann auch noch nicht Ja sagen.«
»O, Sie könnens, Sie könnens, wanns nur wollen! Herrgott, warum soll mir so eine Freuden verschwiegen werden? Warum soll ich in so einem entsetzlichen Zweifel bleiben! Wann die Herren Menschen sind und ein Gefühl im Herzen haben, so werden sie mir die Wahrheit sagen.«
Da konnte der König es nicht über das Herz bringen; er legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte mild:
»Kronenbauer, beruhigen Sie sich!«
»Die Stimm, die Stimm!« flüsterte dieser wie abwesend.
»Was meinen Sie mit meiner Stimme?«
»Sie ists, sie ists!«
Da erklärte Sepp die Sache. Er erzählte, was der Bauer geträumt hatte.
»Ja,« bestätigte dieser am Schlusse. »Das ist mir im Traum vorgekommen und den hat mir der liebe Herrgott gesandt. Jetzt, wanns den Muth dazu haben, da sagens mir, daß ich blind bleiben muß!«
»Nein,« sagte der König. »Diesen Ausspruch werden wir nicht thun. Können Sie schweigen? Können Sie sich bezwingen?«
»O, so sehr, wie Sie nur wollen.«
»Auch gegen Ihre Frau?«
»Erst recht!«
»So will ich Ihnen sagen, daß Sie sehr bald wieder, sehen werden.«
Der Blinde lauschte. Es war, als ob er ein jedes Wort einathmen wolle.
»Sehen werden!« flüsterte er, indem ein unbeschreiblich seliges Lächeln über sein eingesunkenes Gesicht flog.
»Vielleicht schon morgen,« fügte der Medicinalrath hinzu.
»Morgen – morgen schon!«
»Das heißt, wenn es Abend geworden ist. Dann werde ich Ihre Binde öffnen und Sie können sich beim milden Sternenlichte, welches Ihren Augen nichts schadet, überzeugen, daß Ihnen das Glück des Gesichtes wieder zurückgegeben worden ist.«
Da sank der Bauer auf die Knie nieder, hob die gefalteten Hände empor und rief:
»Mein Jesus und mein Heiland! So ists nun also vorüber mit dieser schweren Noth! Ich – ich – ich –«
Er wollte weiter sprechen, aber er brachte vor Schluchzen nichts mehr hervor.
»Beruhigen Sie sich!« bat der Arzt, ihn emporhebend. »Sie dürfen sich nicht aufregen und am allerwenigsten weinen. Jede Thräne kann meine Operation erfolglos machen. Nehmen Sie sich in Acht.«
»Wanns so ist, so werd ich nix sagen und nix thun, als bis Sie mirs derlauben. Aber das sag ich, daß ich Ihnen die Operation, denn eine solche ists gewest, das merk ich nun, daß ich Ihnen die Operation danken will, so gut ich kann. Machens mir Ihre Rechnung! Verlangens zehntausend Mark, zwanzigtausend oder auch noch mehr! Ich werds von Herzen gern bezahlen!«
»Davon ist jetzt keine Rede. Denken Sie nicht an solche unnütze Sachen, sondern sorgen Sie dafür, daß sowohl Ihr Körper als auch Ihr Gemüth die nöthige Ruhe habe.«
»Bekomme ich auch eine Medicinen?«
»Nein.«
»Ich muß doch einen Thee trinken oder sonst was aus dera Apotheken!«
»In diesem Falle nicht, mein Lieber.«
»Aber mich ins Bett legen?«
»Auch nicht. Setzen Sie sich getrost wieder unter den Baum, da, wo Sie vorher gesessen haben. Das schadet Ihnen nichts; ja, es ist nur gut für Sie. Hüten Sie sich nur vor Erkältung. Das ist das einzige.«
Der Bauer konnte nicht begreifen, daß er nicht als schwerer Patient behandelt werden sollte. Er wollte sich abermals in Dankesversicherungen ergehen, da aber erhielt der Sepp einen Wink, ergriff ihn beim Arme und führte ihn hinab und unter den Baum.
Als die Beiden dort anlangten, saß die Bäuerin dort, Gemüse putzend. Als sie die Augenbinde sah, lachte sie laut auf und fragte:
»Jetzund wird wohl eine Maskerade trieben?«
Der Bauer antwortete nicht.
»Ja,« sagte der Sepp.
»Nicht wahr, das hab ich 'mir denkt! Einem Blinden auch noch die Augen verbinden, das ist grad so, als wann man einem Tauben die Ohren verstopfen wollt. Was hat dera Herr Doctor denn sagt?«
»Er hat ihm in denen Augen herumstochen und nachhero meint, daß er noch nit sagen kann.«
»So! Das ist Alles?«
»Alles!« nickte der Sepp.
»So ists ja kommen, wie ich mir denkt hab. In denen Augen herumstochen! Auch noch! Da hat er ihm blos das, was noch gut gewest ist, vollends zerstochen. So eine Sach ist immer nutzlos. Wer blind ist, der mag blind bleiben. Er ists einmal gewohnt und merkts halt gar nicht mehr.«
»Würdst auch so sagen, wann Du es wärst, die blind ist?«
»Ja. Ich thät mich zufrieden geben.«
»Sündige nicht!«
»Ist das eine Sünd, wann ich sag, daß ich mich in mein Schicksal ergeben thät? Es ist im Gegentheil eine Sünd, mit demselben unzufrieden zu sein. Was hat mein Mann zu klagen? Er hat Alles, was sein Herz begehrt, tausendmal mehr als andere Menschen. Daß er nicht sehen kann, das muß er eben ertragen!«
Das war dem Bauer doch zu herzlos. Er sagte langsam und in feierlichem Tone:
»Du sollst fortan Deine Augen nicht mehr da haben, wo sie nicht hingehören. Merke Dirs!«
Sie erbleichte. Das waren ganz dieselben Worte, welche der Samiel an jenem Abende an der Laube zu ihm gesagt hatte, als er ihm die Pistole vor die Augen gehalten hatte. Sie stand auf, um sich zu entfernen. Da fiel ihr Auge auf den Waldweg und sofort setzte sie sich wieder nieder. Sie hatte Fritz gesehen, welcher von der Försterei kam.
Er mußte sich natürlich sofort zu den Dreien setzen.
»Sags schnell, wie es gangen ist!« forderte die Bäuerin ihn auf, noch bevor ein Anderer ein Wort gesagt hatte.
Es war ihr anzusehen, daß sie brannte, das Resultat des Verhöres zu erfahren. Sie hatte bisher ja nur Ruhe geheuchelt.
»Wie es gangen ist?« antwortete Fritz in gleichgiltigem Tone, indem er ihr von der Seite einen Blick zuwarf. »Langsam.«
»Das hab ich merkt, talketer Kerl! Wann ich so eine Antworten hätt haben wollt, so braucht ich Dich gar nicht zu fragen. Was hast aussagen müssen?«
»Alles, was ich wußt hab.«
»Und die Martha?«
»Ganz dasselbige.«
»Ist denn was entdeckt?«
»Das darf ich nicht sagen.«
»Wer hats verboten?«
»Der Staatsanwalt.«
»Was! So darfsts uns nicht mal sagen?«
»Nein.«
»Das ist ganz unnütz! Was verhandelt wird, das muß das Volk wissen. Wozu geben wir unsere Steuern und Gelder!«
»Was das Volk wissen will, das wird es zu seiner Zeit derfahren. Ich kann nur soviel sagen, daß dera Samiel sich in Acht nehmen mag.«
»Es soll ihm wohl traurig ergehen?«
»Ja. So was wie heut Nacht gelingt ihm doch nicht wieder.«
»Geh doch hin und sags ihm selber!«
»Hab keine Lust dazu. Seine eigene Haut ists, die er zu Markte tragen wird.«
»Und was sagt dera Förster?«
»Der ist freilich ganz außer sich. Er schlägt ein über das andere Mal die Händ über den Kopf zusammen und redet von nix als von seinem Geld. Er ist fast wahnsinnig. Das kannst daraus schon ersehen, daß er nicht mal grüßen läßt.«
Sie blickte schnell von ihrer Arbeit auf und ihm in das Gesicht. Sie wollte sehen, wie er diese Worte gemeint habe. Er aber sah ganz gleichmüthig zu ihr herüber. Das machte sie irre.
»Warum sollte er mich grüßen lassen?« fragte sie pikirt.
»Hat er es denn noch nicht than?«
»Er hats nicht nöthig.«
»So! Ich habs mir anders denkt!«
»Wie denn?«
»Zärtlicher.«
Da legte sie die Arbeit weg, blickte ihn drohend an und fragte: »Wie meinst das? Jetzt sagsts gleich!«
Er zuckte die Achseln und schwieg.
»Willst reden oder nicht! Was ists mit mir und mit dem Förster?«
»Das wirst wissen!«
»Nein, ich weiß es nicht, ich will es aber derfahren. Heraus damit!«
»Nun, wannsts hören willst, so will ich es Dir sagen, obgleich Dein Mann dabei sitzen thut.«
»Der kann hier sitzen. Ich hab nie was than, was er nicht wissen könnt. Willst mir wohl was nachsagen?«
»Ja.«
»Ah! Du! Mir! Weißt, wer ich bin?«
»Die Kronenbäuerin.«
»Und wer Du bist?«
»Dera Knecht.«
»Schön! So wirst auch wissen, daß ich Dich fortjagen kann.«
»Du nicht, aber dera Bauer.«
»Mensch! Wenn Du so zu mir kommst, so kannst sogleich hinausfliegen!«
Sie hatte sich erhoben und stand wie eine Furie vor Fritz. Dieser antwortete ruhig:
»Das wirst bleiben lassen! Denn sonst könnts sein, daßt vorher selber hinausflögest!«
»Ich? Ah! Mann! Hörst Du es!«
Der Bauer saß ganz still da. Es war seinem Gesicht nicht anzusehen. was er dachte und fühlte.
»Obsts hörst, hab ich fragt!«
»Freilich!« nickte er.
»Und Du duldest so was!«
»Was will ich thun? Dera Fritz hat stets wußt, was er sagt.«
»Ah! Steht es so! Gut, so muß der Kerl fort. Ich werd ihm gleich seinen Lohn zahlen.«
Sie machte eine Bewegung, als ob sie in das Haus eilen wolle. Fritz aber hielt sie mit der Bemerkung zurück:
»Von Dir nehm ich keinen Lohn. Ich bleib!«
»So schick ich nach dera Polizeien!«
»Was soll dieselbige thun?«
»Dich hinauswerfen.«
»Das thut sie nicht. Ich aber würd dera Polizeien Etwas verzählen, was ich heut dem Staatsanwalt hätt sagen können.«
»So! Warum hasts ihm nicht sagt?«
»Weil mir dera Bauer leid thut.«
»Und was ists denn eigentlich?«
»Die schöne Scene im Wald. Weißt wohl nix davon?«
»Was soll ich wissen?«
»Nun, da drüben stand Eine und wartete auf den Förster. Mit dem ist sie im Wald spazieren gangen und hat sich nachhero mit ihm unter die Eichen auf die Bank setzt. Weißt vielleichten, wer das gewest ist?«
Sie schwieg. Sie wollte antworten, aber sie fand keine Luft. Ihre Brust arbeitete heftig. Der Knecht fuhr fort:
»Soll ich weiter verzählen? Was hat nachhero Diejenige macht, als dera Förster fort war? Wohin ist sie gangen?«
»Fri– Fri– Fritz!« stammelte sie.
Ihre Augen schienen aus den Höhlen treten zu wollen. Ihr Gesicht hatte eine kupferrothe Farbe und schien geschwollen zu sein. Sie stand einem Schlaganfalle nahe. Der Sepp bemerkte das und sagte:
»Schweig, Fritz! Wozu das unnütze Gered! Dazu ist hier nicht dera rechte Ort!«
Das gab der Bäuerin ihre Selbstbeherrschung wieder. Sie kniff den Mund zusammen, knirschte mit den Zähnen, ballte die Fäuste und stieß einen Fluch aus. Damit aber hatte sie sich Luft gemacht, und nun sagte sie in einem verächtlichen Tone:
»Märchenfritz! Glaubst, daß irgend Wer Lust hat, anzuhören, wast Dir aussonnen hast? Mit Dir werde ich schon bald fertig sein!«
Sie ergriff die Gemüseschüssel und ging in das Haus. Fritz wendete sich an den Bauer:
»Verzeih, wann ich Dir wehe than hab! Es hat gar so gewaltig druckt in mir und wollt heraus.«
»Laß es drucken!« sagte der Bauer in einem so ruhigen Tone, daß Fritz ihn ganz erstaunt anblickte.
»Wie! Du bist mir nicht bös?«
»Nein.«
»Was sagst aber zur Bäuerin?«
»Nix.«
»Ich begreif Dich nicht! So was thät mir die Gall aus dem Leibe reißen.«
»Mir nicht.«
»Aber warum nicht?«
»Weil – weil ich einen ruhigen Körper und ein ruhiges Gemüth haben soll. Und nun laß mich aus! Laß mich in Ruhe! Ich mag solchen Quatsch nicht hören. Ich will nicht wieder blind werden!«
»Bravo! Er mag Dich in Ruhe lassen! Fritz, komm! Ich hab mit Dir zu reden!«
Der Knecht war aufgesprungen. Er starrte den Bauer an. Erst jetzt fiel ihm auf, daß dieser eine Binde um die Augen trug. Er wollte fragen, aber der Sepp zog ihn mit sich fort, hinter das Haus und hinaus auf das nahe Feld, wo sie von Niemandem gehört und gesehen werden konnten. Erst hier ließ er ihn zu Worte kommen.
»So! Hier nun kannst reden. Hier ist Keiner, demst Schaden machen kannst. Was fallt Dir denn ein, in dieser Art und Weisen mit dera Bäuerin zu reden!«
»Weil ich bös bin auf sie!«
»Ich auch! aberst dennoch bleib ich ruhig. Mit solchem Geschwätz verdirbst uns Alles. Und den Bauer hast so grimmig geärgert, jetzt, wo er sich doch nicht ärgern soll!«
»Warum jetzt grad nicht? Was hat er meint, als er sagt, daß er nicht wiederum blind werden will?«
»Das sollt ich Dir auch nicht sagen, aber ich bin Dein Freund, und so sollsts wissen. Der Bauer ist operirt worden.«
Er erzählte Fritz von der Ankunft der beiden vornehmen Männer und was dann geschehen war, und fügte am Ende hinzu:
»Und weils jetzunder so gefährlich ist, hier zu wohnen und wir also die Beiden schützen müssen, so will ich Dir sagen, wer sie sind. Der eine ist ein Geheimer Medicinalrath und dera Andere ist gar unser guter König Ludwig selberst.«
Fritz hatte bereits den ersteren Theil dieser Mittheilung mit größtem Erstaunen angehört, der Inhalt des letzteren Theiles aber, daß der König in eigener Person sich hier befinden solle, brachte ihn aus aller Fassung und raubte ihm fast die Sprache.
»Wie – wa – wo – wer?« stotterte er.
»Der König.«
»Sepp! Mach keine Lügen!«
»Donnerwetter! Hab ich Dich bereits einmal belogen? Wann ich halt sag, daß es dera König Ludwigen ist, so ist er es auch.«
»Was könnte er denn hier bei uns wollen?«
»Nun, Euretwegen ist er freilich nicht da. Er will das haben, was die Aerzte eine Sommerfrische nennen. Eine Cur will er machen. Darum ist ja auch ein Doctor bei ihm. Der ist ein gar gescheidter Kerlen und hat den Bauer geheilt.«
»Wanns so ist, so muß ich gleich zum Bauer. Er ist mein Vater und es drängt mich, ihm –«
Er wollte schnell fort. Der Sepp aber hielt ihn fest und sagte:
»Da bleibst! Dera Bauer darf keine Aufregung haben. Das hat ihm dera Arzt verboten. Und ich hab halt Notwendigeres mit Dir zu reden.«
Fritz griff sich mit beiden Händen nach dem Kopfe.
»Nothwendiges? Mein Gott! Mir wird ganz schwindelig zu Muthe. Was ich seit wenigen Stunden, seit gestern derfahren und derlebt hab, das ist allzu viel für einen Menschen. Das macht mir den Kopf ganz wirr. Und nun kommst auch noch Du und sagst, daßt Nothwendiges hast. Was ists denn?«
»Etwas von dera Bäuerin.«
»Ich mag jetzt nichts mehr von ihr wissen!«
»Das mußt aber wissen, denn Du sollst mir helfen.«
»Auch noch! Laß mich in Ruh!«
»Na, wann Dir dera Kopf halt so brummt, so will ich Dich nicht belästigen; aberst ich hab denkt, daßt so einen alten, guten Freund, wie ich bin, nicht im Stich lassen wirst.«
»So! Wannst mich bei dieser Seit angreifst, so muß ich es schon gelten lassen, alter Sepp.«
»Also machst mit?«
»Ja, wann ich kann.«
»Du kannst. Die Bäuerin will wieder einbrechen.«
»Schon wieder! Wann denn?«
»Am heutigen Abend.«
»Das wäre ja toll. Sie nimmt sich doch nicht mal die Zeit, richtig auszuschlafen!«
»Ja, sie treibt es freilich arg; aberst sie nimmt halt mit, was sie mitnehmen kann.«
»Wo denn?«
»In Oberdorf beim Pfarrer.«
»Was wollt sie da holen? Der ist ja blutarm!«
»Er hat jetzt ein schönes Geldl daliegen.«
»Das kann nicht sein Eigenthum sein.«
»Nein. Es ist ihm zum Aufheben geben worden.«
Er erzählte nun, daß Ludwig Held dagewesen sei und was er von diesem erfahren hatte.
»Aber wie willst da wissen, daß sich dera Samiel das Geld holen will?« fragte Fritz.
»Ich habs dera Bäuerin angesehen.«
»So! Ja, ein Schlauer bist, kannst Gedanken derrathen. Das hab ich bei Dir schon oft merkt.«
»Und daß sie heut gehen wird, weiß ich auch.«
»Woher?«
»Weil dera König Ludwig sagt hat, daß das Geldl schon morgen in die Stadt getragen werden soll.«
»Dann glaub ich freilich auch, daß sie es sich schon heut holen wird.«
»Ja, und sodann hat sie bereits mit dem Bastian davon sprachen.«
»Das weißt auch schon?«
»Ja. Sie hat in dera Stub mit ihm steckt; da kann man derrathen, was sie mit nander habt haben. Sie gehen heut Abend sicher.«
»Und was willst da thun?«
»Die Sach vereiteln, natürlich.«
»Ja, aberst wie?«
»Das weiß ich noch nicht genau.«
»Willst sie festnehmen?«
»Wohl noch nicht.«
»Warum nicht? Es wird das Allerbeste sein, wann wir sie schon heut unschädlich machen.«
»Daß sie nix weiter thun kann? Ja, da hast eigentlich wohl Recht; aberst da wird sie einisteckt und sieht es nicht, daß dera Bauer sein Augenlicht wiederhat.«
»Das wird sie beim Verhör schon sehen, denn er wird im Amt auch mit ihr zusammen kommen.«
»Das ist schon gewiß; aberst ich möcht haben, daß sie hier daheim damit überrascht wird. Dabei muß ich sein. Es muß einen gewaltigen Schreck auf sie ausüben.«
»Mach, wast willst. Ich thu halt mit. Es hat nur den einzigen Haken, daß es mir heut Abend nicht gut paßt.«
»So! Ich wüßt nicht, wast zu thun hättest!«
»Ich hab dera Martha versprochen, zu kommen.«
»Sie mag bis morgen warten.«
»Ich hab sie in den Wald bestellt, wo mir uns treffen wollen. Da kann ich sie doch nicht so stundenlang stehen lassen.«
»So läßts ihr sagen, daßt keine Zeit hast.«
»Durch wen? Wem soll ich mich anvertrauen?«
»Mir. Du selbst kannst nicht hin, weilst hier zu thun hast. Ich aber hab den ganzen Tag frei. Da werd ich zu ihr gehen.«
»Wanns so ist, laß ich es mir gefallen. Da kannst also heut Abend auf mich rechnen.«
»Schön! Ich glaub, die Bäuerin wird nicht eher aufbrechen, als bis Alle zu Bett sind.«
»Das versteht sich ganz von selbst. Und wann gehen wir?«
»Wann sie fort ist.«
»Da kommen wir zu spät.«
»O nein. Sie kann doch nicht die gerade Straße gehen, weil sie da gesehen wird. Sie muß die Schleichwege benutzen. Wann wir uns da auf dera Straßen halten, so kommen wir viel eher hin als sie.«
»Hast Dir vielleicht auch schon überlegt, wie wir uns dort verhalten werden?«
»Nein. Das muß dera Augenblick bringen. Nun aber wollen wir ausnandergehen, damit Niemand uns sieht und denkt, daß wir was Heimliches haben. Ich mach mich hinaus nach dera Förstereien und Du kannst an Deine Arbeit gehen.«
Der Alte trollte sich von dannen. Fritz blieb noch einige Zeit im Garten. Er mußte das, was er gehört hatte, innerlich verarbeiten.
Es erfüllte ihn mit einer seligen Freude, daß sein Vater wieder sehen lernen solle. Er hätte in die Kniee sinken mögen, um Gott für diese Gnade zu danken. Aber zu dieser Freude gesellten sich Regungen ganz entgegengesetzter Natur. Es wurde ihm nicht leicht, sein inneres Gleichgewicht herzustellen.
Die Kunde von dem nächtlichen Einbruch im Forsthause hatte sich schnell in der ganzen Umgegend verbreitet und wer Zeit hatte, der lief in den Wald, um irgend einen Bewohner der Försterei zu treffen und ihn nach diesem Ereignisse zu fragen. Der Förster ließ sich von keinem Menschen sehen. Es hieß, er renne wie verrückt im Walde herum und brülle laute Flüche vor sich hin.
Der Oberlieutenant wurde allgemein ausgelacht. Er war gekommen, den Samiel zu fangen, und mußte es nun erleben, daß dieser ihn nicht nur selbst ausraubte und an einen Baum band, sondern sogar in seiner Gegenwart den Förster bestahl. Er war schrecklich blamirt, und als seine Sachen im Laufe des Nachmittages aus dem Kronenhofe in das Dorfwirthshaus geschafft wurden, hieß es allgemein, daß er da wohl nicht lange wohnen werde. Es stand zu erwarten, daß seine Vorgesetzten ihn sehr bald abberufen würden.
So verging der Tag. Der König war am Nachmittage mit dem Geheimrathe spazieren gegangen und setzte sich dann, als die Dämmerung hereinbrach, zu dem Bauer unter dem Baume nieder.
Die Bäuerin hatte sich wo möglich noch ›schöner‹ gemacht als am Vormittage und kam auch heraus. Sie spielte die Liebenswürdige, zog sich aber bald vor Aerger wieder zurück, denn der vornehme Gast hatte gar nicht gethan, als ob sie vorhanden sei. Und wenn sie sich mit irgend einer Frage direct an ihn gewendet hatte, so war ihr anstatt von ihm die Antwort von dem Arzt geworden, und zwar in einem Tone, aus dem sie entnehmen konnte, daß den beiden Herren gar nichts daran liege, mit ihr zu reden.
Das verdroß sie natürlich gewaltig. Sie war die reichste, die angesehenste und auch – die schönste Frau der Umgegend. Alle Männer, die sie bisher kennen gelernt hatte, hatten dies durch ihr Verhalten anerkannt, und nun wurde sie mit einer solchen Verachtung behandelt!
Wie alle Frauen dieser Art, fühlte sie nun gegen die beiden Verächter einen Haß, der den Gedanken der Rache in ihr erweckte.
»Ich werd sie dafür auszahlen,« zürnte sie im Stillen. »Er soll seine Diamanten nicht lange behalten. Eine Gefahr ist nicht dabei, im Gegentheile ists sehr gut, wann dera Samiel einmal auch im Kronenhof einbricht. Dann kann man gar nimmer auf den Gedanken kommen, daß ich es selber bin.«
Als dann der König sich in seine Gemächer zurückziehen wollte, stand der Sepp, seiner wartend, unter der Thür.
»Was willst Du?« fragte Ludwig, welcher es dem Alten ansah, daß er einen Wunsch hatte.
»Darf ich nicht mal mit hinaufi gehen in Ihre Stuben, Herr Ludewigen? Ich möcht halt das Bett wegstellen.«
»Ach so! Wegen der geheimen Thür?«
»Ja, damit nix passirt.«
»Wohin willst Du es stellen?«
»Herein in die Wohnstuben. Die Thür schließen wir zu. Da kann Niemand herein.«
»Gut! Aber das kannst Du nicht allein machen!«
»Ich hole den Fritz dazu.«
»Den Knecht, welcher zugleich der Sohn ist? Weiß der denn auch, wer die Bäuerin ist?«
»Er weiß Alles.«
»Wohl auch, wer ich bin?«
»Ja.«
»Hat er mich erkannt, oder hast Du es ihm gesagt?«
»Ich habs ihm halt sagt.«
»Plaudertasche!«
»O, bitt gar schön! Das ist nicht geplaudert. Wann sich dera Herr Ludwigen in einer Gefahr befindet, brauch ich den Fritz, damit er mit wachen muß.«
»Hm! Ich will es gelten lassen. Also hole ihn! Aber Niemand darf wissen, daß ich mich ausquartiere. Morgen früh muß das Bett wieder in die Schlafstube zurückgeschafft werden.«
Dann später kam das Abendessen. Das Gesinde hielt sich, als dasselbe vorüber war, noch einige Zeit wach und ging dann schlafen. Es wurde still im Hofe.
Der Sepp hatte gethan, als ob er wieder bei Fritz schlafen werde. Sie hatten sich bisher fern von einander gehalten und sogar so gethan, als ob sie sich ein Wenig gezankt und veruneinigt hatten. Erst in Fritzen's Kammer trafen sie wieder mit einander zusammen.
»Warst noch im Stall?« fragte Sepp.
»Ja, soeben.«
»Hast den Bastian drin gesehen?«
»Nein.«
»Habs mir denkt. Er ist fort.«
»So! Wohin? Schon nach Oberdorf etwa?«
»Das glaub ich nicht. Er muß doch gewärtig sein, daß man nach ihm schaut. Beide können gar nicht eher fort, als bis sie ganz genau wissen, daß ihre Abwesenheit nicht mehr bemerkt werden kann.«
»Das meine ich auch. Wohin also mag er sein?«
»Ich hab so meine Gedanken darüber und denk, daß ich es wohl richtig derrathen werd.«
»Auch ich kann mir was denken. Ich glaub, daß die Beiden die Kleider des Samiel im Wald versteckt haben. Meinst nicht auch?«
»Ja, das ist gewiß.«
»Wann sie nun einen Gang machen wollen, müssen sie diese Kleider haben.«
»Ah, ich merk, daßt ganz dasselbige denkst wie ich. Dera Bastian ist fort, um die Kleider zu holen. Hab ichs derrathen?«
»Ja. Der Ort, wo sie versteckt sind, liegt jedenfalls in ganz entgegengesetzter Richtung als nach Oberdorf zu. Da muß der Bastian sie herbei holen, damit sie nachhero, wann sie aufbrechen wollen; Alles beisammen haben.«
»Ja, er bringt sie vielleicht in den Garten.«
»Hast ihn gehen sehen?«
»Nein. Er ist heimlich fort.«
»Noch vor einer halben Stunde war er im Stall.«
»So ist er also noch gar nicht lange fort und wir könnten in den Garten gehen und aufipassen, wann er kommt.«
»Das hab ich mir denkt. Jedenfalls steigt er über den Zaun herein, weil die Hausthür zu ist und das Hofthor auch.«
»Und grad ganz an derselbigen Stell, an welcher er gestern übergestiegen ist. Wollen wir gehen?«
»Ja, komm!«
Sie schlichen sich in den Garten und legten sich unter die Sträucher, welche am Zaune standen. Ihre Berechnung war eine ganz richtige, denn sie hatten noch gar nicht lange da gelegen, so kam der Bastian von außen her an den Zaun. Er blieb eine kleine Weile stehen, um zu horchen, ob wohl ein verdächtiges Geräusch zu hören sei. Als er dann überzeugt war, daß er sicher sei, warf er ein dunkles Packet über die Stacketen und stieg dann selbst auch herüber. Er hob den Pack wieder auf und trug ihn fort.
Die beiden Lauscher folgten ihm, indem sie ihm auf allen Vieren nachkrochen. Er ging langsam und leise quer durch den Garten, nach einem Beete, auf welchem sich Bohnen an hohen Stangen emporzogen. Zwischen diese Stangen steckte er das Packet hinein. Es konnte trotz des Mondscheines nicht gesehen werden.
Die im Garten stehenden Obstbäume gaben überhaupt so viel Schatten, daß auch Fritz und Sepp nicht bemerkt wurden.
Dann ging Bastian nach der Scheune, um durch den bereits beschriebenen Gang in den Hof zu kommen.
»Wollen wir nachschauen, was es ist?« fragte der Sepp.
»Ja. Wir gehen hin.«
Sie zogen das Packet hervor. Es bestand aus den zwei Samielanzügen. Auch die zwei breitkrämpigen Hüte und die schwarzen Masken waren dabei.
»Jetzt kannsts wissen, daß sie wirklich nach Oberdorf wollen,« meinte der Sepp. »Wir könnten nun, da wir das genau wissen, sogleich aufbrechen.«
»Das geht nicht. Wir haben unsere Kammerthür nicht zugemacht. Die müßten wir erst verschließen.«
»So wollen wir es thun. Komm!«
»O, da ist Einer genug. Geh Du!«
»Ja. Stell Dich bis dahin wieder in den Schatten zurück. Man kann nicht wissen, wozu es gut ist.«
Der Sepp befolgte diese Weisung. Er setzte sich unter einen Baum und lehnte sich an den Stamm, so daß er nicht gesehen werden konnte. Fritz begab sich nach seiner Kammer und schloß die Thür zu. Als er dann sich zur Treppe hinabgeschlichen hatte und eben auf den vom Monde erhellten Hof treten wollte, fuhr er erschrocken zurück, denn gerade in diesem Augenblicke wurde gegenüber von ihm die Hinterthür des Hauptgebäudes geöffnet und er sah den Bastian aus derselben treten. Die Bäuerin war dabei, aber nicht um mit in den Hof zu kommen, sondern nur, um die Thür hinter dem Knechte wieder zuzumachen.
Dieser ging nicht nach dem Stalle, sondern er schlug wieder die Richtung nach dem Garten ein. Fritz eilte lautlos hinter ihm her. Es war ihm darum zu thun, schnell in den Schatten zu kommen.
Der Bastian ging wieder nach dem Bohnenbeete, wo er sich zu schaffen machte; dadurch gewann Fritz Zeit, sich zu Sepp zu schleichen und bei diesem niederzulassen. Sie sahen, daß der Knecht nun sich wieder nach dem Hof zurück begab, und als Fritz ihm von Weitem folgte, bemerkte er, daß der Erstere seinen Weg nun nach dem Stalle einschlug und hinter der Thür desselben verschwand. Jetzt stand nicht zu befürchten, daß er sobald wiederkommen werde, und Fritz ging wieder zu Sepp zurück, um ihm das mitzutheilen.
»Da wird er nun noch einige Zeit warten,« meinte der Alte, »und dann brechen sie mit einander auf. Wir wollen auch gehen.«
»Ja; da kommen wir ganz gewiß vor ihnen auf der Pfarre an. Aber vorher möcht ich wissen, was er noch gewollt hat.«
»Er wird noch was hintragen haben.«
»Aber was, was er von dera Bäuerin holt hat. Was mag es sein.«
»Das können wir leicht sehen. Komm!«
Sie begaben sich abermals nach dem Beete und untersuchten das Packet. Es zeigte sich, daß in die eine Jacke zwei Doppelpistolen gesteckt worden waren.
»Sappermenten! Sie wollen schießen!« sagte Sepp.
»Doch nur, wenn sie sich zu vertheidigen haben.«
»Ja, aberst schießen wollen sie unter Umständen also doch. Schau mal nach, ob die Dinger auch wirklich geladen sind.«
»Ja,« antwortete Fritz, als er die Pistolen untersucht hatte. »Sie sind scharf geladen.«
»Man weiß nicht, was passiren kann. Das kann auch für uns bös werden, wanns fehl gehen sollt.«
»Da müssen wir was dagegen thun.«
»Ja, aber was?«
»Wegnehmen können wir die Waffen nicht, sonst merken sie, daß Jemand hier dabei gewest ist.«
»Wollen die Zündhütchen abnehmen.«
»Das ist auch leicht zu bemerken.«
»Hm! Ist der Krätzer daran?«
»Ja. Haken und Schraube ist gleich an dem eisernen Ladestöckchen angebracht, was am Laufe steckt.«
»Schön! So ziehen wir die Kugeln heraus!«
»Das könnt eher angehen. Das Pulver können wir ja drin lassen und den Pfropfen, der es festhalten thut. Aberst, hm, auch das geht nicht.«
»Warum denn nicht?«
»Sie könnten doch mal mit dem Ladestock versuchen, und da thäten sie sofort, bemerken, daß dera Lauf nicht mehr so voll ist als vorher.«
»Nun, auch dagegen giebt's ein Mittel. Wir pfropfen Etwas hinein. Ich hab ein altes Papier einstecken.«
»Gieb es her! Ich wills machen!«
Fritz zog die Kugeln mit dem Krätzer heraus und stopfte dafür Papier hinein. Jetzt, wenn abgedrückt wurde, ging der Schuß zwar los, weil sich das Pulver noch im Laufe befand, aber er konnte nichts schaden, weil die Kugeln entfernt worden waren. Dann wurden die Pistolen wieder in die Jacke zurück gesteckt.
»So!« sagte der Sepp in zufriedenem Tone. »Nun sind wir sicher, daß wir nicht derschossen werden können, und wollen aufbrechen.«
»Ueber den Zaun?«
»Ja. Was Andres können wir nicht thun.«
Sie stiegen über die hintere Umfassung des Gartens und gingen um das nahe Dorf herum, damit Niemand sie sehen sollte. Auf der Straße angekommen, folgten sie derselben in raschen Schritten in der Richtung nach Oberdorf.«
Dort angekommen, bemerkten sie, daß die Bewohner des Ortes sich zur Ruhe begeben hatten. Nur durch die Läden des Pfarrhauses schimmerte ein verstohlener Lichtstrahl. Sie guckten durch eine Ladenritze und sahen den alten geistlichen Herrn ganz allein am Tische sitzen. Er las in einem Buche.
Sie klopften an, aber nur so laut, daß kein Anderer als der Pfarrer es hören konnte. Sie sahen, daß er aufhorchte. Als der Sepp zum zweiten Male klopfte, kam der alte Herr an das Fenster, öffnete es und fragte durch den Laden:
»Ist Jemand da?«
»Ja, Hochwürden. Wir haben mit Ihnen zu reden.«
»Wer ists denn?«
»Dera Wurzelsepp und noch Einer.«
»Du, Sepp! So spät noch! Ich mache gleich auf.«
Er machte das Fenster zu und kam nach wenigen Augenblicken, um die Thür zu öffnen.
»Grüß Gott, Herr Pfarrer,« sagte der Alte. »Nehmens es nur nicht übel, daß wir so spät kommen!«
»O nein! Bringst einen Freund mit?«
»Ja, einen sehr guten.«
»Ihr braucht ein Nachtlager? Ich werde die Köchin gleich wecken. Kommt aber nur herein!«
»Lassens nur die Köchin schlafen! Wir brauchen sie nicht. Es ist uns viel lieber, wann sie liegen bleibt und gar nix derfährt von dem, was wir wollen.«
»Was Ihr wollt? Nicht übernachten?«
»Nein. Mein Freund dahier ist kein reisender Handwerksbursch und auch nicht so ein alter Herumlaufer wie ich. Wir brauchen kein Nachtlager aus Barmherzigkeit, sondern wir haben Ihnen, was sehr Wichtiges mitzutheilen.«
»So kommt herein! Ihr seid willkommen.«
Er führte sie in die Stube und sah nun erst das Gesicht Fritzens deutlich.
»Ah! Das ist ja der Fritz vom Kronenhofe in Capellendorf! Nicht?«
»Ja,« antwortete der junge Mann, »ich bins.«
»So glaube ich gern, daß Ihr nicht gekommen seid, für heut eine Beherbergung bei mir zu suchen.«
»Der Sepp wird Ihnen gleich mittheilen, weshalb wir heut noch so spät zu Ihnen gekommen sind.«
»Ja, das werde ich,« sagte der Alte. »Vorher aber wollen wir die Vorhäng herunter lassen.«
Er trat an die Fenster, um das zu thun.
»Warum sollen die Rouleaux herab?« fragte der Pfarrer, dem das verwunderlich erschien.
»Weil uns Niemand sehen und hören soll. Sie aber haben halt Ritzen in denen Fensterläden. Auch sprechen müssen wir ganz leise, damit wir nicht von draußen hört werden können.«
»Ist denn der Grund Eures Kommens ein gar so geheimnißvoller?«
»Ja. Das ist er.«
Als er die Vorhänge herabgelassen hatte, setzte er sich mit Fritz zu dem Pfarrer, welcher nun wartete, was sie ihm sagen würden.
»Nicht wahr,« begann der Alte, »Sie haben ein schönes, großes Stück Geld hier in Ihrem Haus?«
Der Pfarrer machte ein verwundertes Gesicht.
»Wie kommst Du zu dieser Frage?«
»O, ich habe Grund dazu!«
»Wenn ich nicht wüßte, daß Ihr zwei so ehrliche Personen seid, so würde ich glauben, Ihr kämt in einer schlimmen Absicht zu mir altem Manne.«
»O, unsere Absicht ist sehr gut. Aberst nicht wahr, es ist so, wie ich sagte? Sie haben viel Geld hier?«
»Ja. Woher aber wißt Ihr es?«
»Dera Ludwig hats mir herzählt.«
»Welche Unvorsichtigkeit!«
»Nicht wahr? Zwar mir kann er es immer sagen, denn bei mir ist so was gut aufgehoben. Aberst es könnens doch auch Andere hören!«
»Sehr richtig! Und ich hab die Leute noch extra gebeten, es keinem Menschen wissen zu lassen.«
»Die Freud über das Geldl hat ihnen die Zung gelöst. Sie können nicht an sich halten. Sie denken, ein Jeder, dem sie es sagen, ist ihr Freund.«
»Da täuschen sie sich. Man muß vorsichtig sein.«
»Ja, zumalen jetzund. Man erzählt es einem guten Freund, und grad kann dieser der Samiel sein!«
»Sepp! Du erschreckst mich!«
»Nun, hab ich nicht Recht?«
»Ja, wir kennen ja den Samiel nicht. Unser bester Nachbar kann es sein. Es ist nicht zu trauen.«
»Richtig! Und grad darum kommen wir zu Ihnen.«
»Wegen dem Samiel?«
»Ich verstehe Euch nicht!«
»Wir wollen Sie beschützen.«
»Mein Gott! Was meint Ihr denn?«
»Dera Samiel will bei Ihnen einbrechen.«
Der Pfarrer wurde leichenbloß.
»Bei – mir – einbrechen?« fragte er.
»Ja.«
»Und das wißt Ihr?«
»Ja. Ganz genau.«
»Wann will er denn kommen?«
»Heut Nacht. Er ist vielleicht schon unterwegs.«
»Sepp! Das sagst Du in so einem ruhigen Tone!«
»Soll ich es in alle Welt hineinschreien?«
»Nein; aber wenn Du es wirkliche genau weißt, so müssen wir schnell, alle Nachbarn wecken.«
Er stand auf, um fort zu eilen.
»Wartens nur,« bat Sepp. »Das ist gar nicht nothwendig, denn wir Beid sind ja da.«
»O, das ist viel zu wenig!«
»Nein, sondern wir sind Manns genug.«
Er ergriff ihn am Arme und führte ihn auf seinen Sitz zurück. Der Pfarrer zitterte.
»Aber, Leute, wie habt Ihr denn erfahren, daß dieser Dieb zu mir kommen will?« fragte er.
Fritz war neugierig, was Sepp auf diese Frage antworten werde, denn es war anzunehmen, daß er die Wahrheit verschweigen werde.
»Das kann ich Ihnen sagen,« erklärte der Alte. »Ich ging mit dem Fritz nach dem Abendessen noch ein Wengerl hinaus in den Mondenschein. Wir redeten von dem Samiel, der – ah, Sie wissens halt doch, daß er heut Nacht bei dem Förster von Capellendorf stohlen hat?«
»Ja. Jedermann weiß es bereits.«
»Nun gut. Davon redeten wir. Am Waldesrand setzten wir uns nieder. Wir waren noch nicht lange da, da kamen zwei Kerls auf uns zu. Sie sahen Beid so aus, wie dera Samiel beschrieben wird. Darum eilten wir gleich ein Stück in den Wald hinein, damit sie uns nicht sehen sollten. Und da war es ein Glück für Sie, daß sie ganz nahe bei uns stehen blieben. Es war dera Samiel mit noch Einem. Sie redeten davon, daß sie zu Ihnen wollten, um das Geld zu holen.«
»Kinder! Ist das möglich!«
»Ja. Wir habens hört.«
»Woher mag er es wissen von dem Geld!«
»Wer weiß das!«
»Und da ist er bereits unterwegs?«
»Ja.«
»So muß ich nach Hilfe eilen!«
Er wollte abermals fort.
»Nein, bleibens da! Sie dürfen nicht hinaus. Das ist zu gefährlich!«
»Wollt Ihr vielleicht Leute holen?«
»Fallt uns auch nicht ein!«
»Aber ich muß doch Hilfe haben!«
»Die habens, denn wir sind da.«
»Das ist aber zu wenig.«
»Nein, es ist genug. Zwei gegen Zwei fürchten wir uns gar nicht. Ueberhaupt ists am Besten, man rettet das Geld, ohne daß ein Kampf entsteht.«
»Das ist ja doch nicht möglich!«
»Es ist sogar sehr leicht.«
»Wie denn?«
»Man muß eine List anwenden. Nicht wahr, Sie haben das Geld in dera Bibel?«
»Auch das wißt Ihr?«
»Ja. Dera Samiel hat es sagt.«
»Heilige Maria! Wie kann er es wissen?«
»Wer weiß, wie er es derfahren hat. Ich will Ihnen mal einen recht guten Rath geben.«
»Sprich, sprich, mein lieber Sepp!«
»Schauns, hinaus können wir nicht, um Hilf zu holen. Dera Samiel könnt bereits draußen verborgen sein und uns niederstechen, ohne daß man einen Mux thun könnt.«
»Das ist wahr! Wir bleiben hier! Ihr sollt Euer Leben nicht auf das Spiel setzen. Das geb ich nicht zu!«
»Wir haben auch gar keine Lust dazu.«
»Wir werden warten, bis er kommt. Dann werde ich ihm sagen, daß das Geld einer armen Wittwe gehört. Ich werde versuchen, sein hartes Herz mit Gottes Wort zu erweichen, und –«
»Und er wird Sie auslachen und das Geld doch nehmen; das ist sicher!«
»Aber was soll ich thun?«
»Sagens mir, ob das Geld gleich so in den Blättern des Bibelbuches stecken thut.«
»Nein. Es ist eingeschlagen.«
»In Papier?«
»In ein Couvert.«
»Steht was auf dem Couvert?«
»Ja. Die Summe, welche es enthält.«
»Sehr schön! Habens noch so ein Couvert?«
»Viele.«
»So ists ja gemacht. Sie nehmen so ein Couvert und stecken Papier hinein; auch müssens die Summe von dem Geld darauf schreiben. Das steckens in die Bibel und nehmen dafür das Couvert heraus, in dem sich das Geld befindet.«
Das Angesicht des Pfarrers heiterte sich ein Wenig auf. Er sagte erfreut:
»Sepp, diesen Gedanken hat Dir Gott eingegeben!«
»Meinens? Nun, das kann ich nicht bestreiten. Ich hab freilich denkt, das; er aus dem meinigen Kopfe herauskommen ist. Aberst auf diese Weis werden wir den Samiel betrügen.«
»Ob es aber gelingt?«
»Sicher!«
»Wenn er das Couvert aufmacht!«
»Das fallt ihm nicht ein!«
»Er kann es aber doch thun!«
»Nein. Er wird erfreut sein, wann er es findet und die große Ziffer darauf. Er wird schleunigst machen, daß er fortkommt.«
»Ich wollte. Du hättest Recht!«
»Ich hab Recht. Meinst nicht auch, Fritz?«
Der Gefragte antwortete bejahend. Dann fiel dem Pastor erst die Hauptsache ein. Er sagte:
»Aber auf diese Weise kommt er mir doch herein in das Haus!«
»Ja, das ist nicht zu ändern.«
»Wenn er mich tödtet!«
»Fallt ihm nicht ein! Er will nur das Geldl. Findet er das Couvert, so denkt er gar nicht an Sie. Darauf möcht ich schwören.«
»Man kann nichts vorher wissen!«
»Nun gut! So sind wir Beide da.«
»Ihr wollt also wirklich bei mir bleiben?«
»Natürlich!«
»Ihr guten, braven Menschen! Wie bin ich Euch zu Dank verpflichtet!«
Er reichte Beiden die Hände. Sepp trieb ihn an:
»Nun machens aber rasch! Gehens aufi nach dera Stuben, wo das Geldl ist und holens es herab, auch Papier und Couvert. Nachhero gebens mir ein Papier und Tint und Feder.
»Wozu?«
»Ich muß was aufschreiben. Gehens also! Aberst nehmens kein Licht mit. Dera Samiel könnt bereits da sein und es merken, daß wir ihm ein X für ein U machen wollen.«
»So muß ich in die Oberstube! Mein Herr und Gott! Wann er sich bereits im Haus befände!«
»Das glaub ich nicht. Er kommt sicherlich nicht eher herein, als bis Alles finster ist.«
»Er kann doch kommen und mich überfallen wollen!«
»Nein. Uebrigens wollen wir mit hinaus in den Flur gehen, damit Sie sich sicher fühlen.«
»Ja, kommt mit, sonst getraue ich mich nicht fort!«
Der alte, ehrwürdige Mann, welcher ein tüchtiger und treuer Streiter Gottes, aber kein Held im weltlichen Sinne war, wankte mehr hinaus als er ging. Die Beiden folgten und nahmen unten an der Treppe Posto, welche er mit zitternden Füßen emporstieg.
Nach einer Weile kam er wieder herab.
»Ich hab Alles!« sagte er.
»So kommens wieder herein.«
Als sie sich wieder in der Stube befanden, legte er das Couvert, in welchem sich die Geldscheine befanden, auf den Tisch, ein zweites dazu und mehrere unbeschriebene Papierblätter, welche zusammengenommen, wenn sie im Couvert steckten, dasselbe Volumen wie die Scheine hatten. Auch Tinte und Feder hatte er mitgebracht.
»Es befand sich Alles oben in meiner Studirstube,« erklärte er.
»Und wo schlafen Sie?« fragte Sepp.
»Daneben.«
»Und die Köchin?«
»Auf der andern Seite des Hauses.«
»Das ist gut, denn da wird sie jedenfalls von dera ganzen Angelegenheiten gar nix merken. Also dieses Couvertl mit dem Geld steckens nur getrost in Ihre Taschen; das soll dera Kerl nicht bekommen. Morgen aberst schaffen Sie es sofort aus dem Haus, daß die Versuchung für die Spitzbuben nicht mehr vorhanden ist.«
»Gleich in der Frühe kommt es fort! Gebe nur Gott, daß es gelingt, es zu retten!«
»Darum hab ich gar keine Angst. Nun aber schreibens hier auf das andere Couvertl die Ziffer, wie viele Tausend darinnen stecken sollen!«
Das that der Pfarrer. Dann aber nahm der Sepp die Feder und schrieb auf eines der weißen Blätter zwei Zeilen. Auf der oberen stand nur ein Wort, auf der unteren aber zwei Worte; das sah sowohl der Pfarrer als auch Flip.
»Was hast denn schrieben?« fragte der Letztere.
»Willsts wohl wissen?«
»Ja.«
»Eigentlich ists ein Geheimnissen.«
»So behalts für Dich!«
»Oho! Brauchst nicht gleich so wichtig zu thun. Ich kann es Euch ja zeigen. Da, schaut mal her!«
Er zeigte ihnen das Blatt hin. Es stand darauf:
»Pah!!!
Der Wurzelsepp.«
»Warum hast das schrieben?«, fragte Fritz.
»Das kannst Dir nicht denken?«
»O ja. Aberst es ist ja unnütz!«
»Großen Nutzen hat es nicht; aberst ich will den Samiel ärgern. Er soll halt wissen, wem er diesen Streich zu verdanken hat. Verstanden?«
Er blinzelte dabei Fritz listig von der Seite an.
»Ja, ich verstehe Dich halt schon,« antwortete dieser. »Aergern wird sich freilich gewaltig.«
»Aber, Sepp, Du bringst Dich dadurch jedenfalls in große Gefahr,« bemerkte der Pfarrer.
»Daraus mach ich mir nix.«
»Das darfst Du nicht sagen.«
»O doch! Ich fürcht mich nicht vor dem Samiel.«
»Er wird, sich rächen!«
»Wie denn? Was kann er einem so armen, alten Kerl thun, wie dera Wurzelsepp ist?«
Dabei blieb es. Er wollte einmal, daß der Samiel sich über ihn ärgern sollte. Fritz verstand ihn natürlich sehr gut. Wie mußte die Bäuerin ergrimmt sein, wenn sie das Couvert öffnete und, anstatt Geld zu finden, die Worte des Alten las und das leere Papier sah!
Der Sepp legte die weißen Blätter zusammen und legte sie in das neu beschriebene Couvert, so, daß seine Worte, wenn man es öffnete, sofort in die Augen fallen mußten.
»So,« sagte er. »Nun machens noch fünf schöne Siegeln drauf, und drückens Ihr Petschaften darüber. Dann schauts ganz genau so aus. als ob das Geldl darinnen sei.«
Auch das geschah. Der Pfarrer steckte das eigentliche Werthcouvert zu sich und fragte:
»Jetzt habe ich Deinen Rath befolgt. Was thun wir nun. Ich werde mich ganz auf Euch verlassen.«
»Das könnens getrost. Sagens uns erst, wie ein Einbrecher am Besten ins Haus kommen kann!«
»O, er braucht nur über die niedrige Mauer in den Hof zu steigen.«
»Ist kein Hund da, welcher Lärm machen kann?«
»Nein. Ich habe, da ich kein reicher Mann bin, alle Sicherheitsmaßregeln für überflüssig gehalten.«
»Ganz recht. Und die Leutln, welche hier wohnen, sind ehrlich. Ihren Pfarrer bestehlen sie nicht.«
»Ich hoffe zu Gott, daß der Samilie kein Glied meiner armen, ehrlichen Gemeinde sei.«
»Nein. Der steckt wo ganz anders.«
»Ahnst Du das?«
»Ja, Herr Pfarrer!«
»Hast Du einen Grund dazu?«
»Ja. Weil wir den Samiel heut Abend drüben bei Kapellendorf getroffen haben und er wollt doch hier einsteigen, so ists halt sehr leicht zu denken, daß er nicht von hier sein kann.«
»Da hast Du Recht. Das erleichtert mein Herz!«
»Aberst wie kommt er denn auf dem Hof, wenn er über die Mauer stiegen ist, in's Haus hinein?«
»Ganz einfach durch die Hinterthür.«
»Hat die kein Schloß von innen?«
»Nein, nur einen Drücker, welcher auch von außen bewegt werden kann. Man ist eben hier nicht auf Diebe eingerichtet.«
»So braucht er dann nur in aller Gemüthlichkeiten die Treppe emporzusteigen?«
»Ja. Die Thür meiner Studierstube habe ich nie verschlossen. Heut aber werde ich es thun.«
»Warum?«
»Nun, damit er nicht hinein kann.«
»Das ist falsch.«
»Ich denke grad, daß er da vielleicht umkehrt.«
»O nein. Der geht gewiß nicht eher wieder fort, als bis er meint, das Geldl zu haben.«
»So soll ich die Studirstube auflassen?«
»Ja. Ich denk nämlich, es ist besser, wann man ihm die Sach so leicht wie möglich macht.«
»Das meine ich auch,« stimmte Fritz bei. »Macht man es ihm schwer, so zwingt man ihn, Gewalt anzuwenden, und dann kann es freilich leicht kommen, daß er auch seine Waffen gebraucht.«
»Mein Gott!« seufzte der Pfarrer. »Nur keine Waffen! Lieber will ich Alles auflassen!«
»So ists richtig, hochwürdiger Herr! Ich bin dera Wurzelsepp und werd Ihnen keinen schlechten Rath geben. Jetzt gehen wir zu Bett.«
Er stand von seinem Stuhle auf.
»Wie?« fragte der Pastor ganz betreten. »Du willst Dich wirklich zur Ruhe legen?«
»Fallt mir gar nicht ein! Ich hab nur meint, daß wir nun hinauf in Ihre Schlafstub gehen.«
»Ach so! Ihr bleibt natürlich bei mir!«
»Ja.«
»Und die aus der Studir- nach der Schlafstube führende Thür schließen wir natürlich zu?«
»Ich möcht das lieber nicht!«
»Warum?«
»Ich möcht die beiden Kerls gern beobachten.«
»Das kannst Du ohnedies. Neben der Thür ist ein kleines Fensterchen, an welchem ein durchsichtiger Tüllvorhang ist. Durch denselben kann man sehr leicht sehen.«
»Schön! So schließen wir zu! Gehen die Thüren leicht auf?«
»Ein kleines Geräusch macht jede.«
»Das ist gut. Da hören wir die Kerls vielleichten kommen. Gehen wir also! Aber vorsichtig! Ich wette, die Beiden stehen schon draußen und lauern. Sie werden denken: Jetzund geht der geistliche Herr zu Bett. Wir lassen ihn einischlafen, und sodann holen wir uns das Geldl. Prosit die Mahlzeit.«
Er griff nach der Lampe.
»Wollen wir die denn mitnehmen?« fragte der Pfarrer.
»Ja. Damit sie sehen, daß Sie zu Bett gehen.«
»Die Lampe machts zu hell. Ich habe Kerzen, von denen wir lieber eine nehmen wollen.«
»Gut, das ist besser. Wir Beiden, nämlich dera Fritz und ich, müssen uns überhaupt in Acht nehmen, damit wir nicht von unten sehen werden.«
Die Lampe wurde ausgelöscht und das Licht angebrannt. Dann gingen die Drei nach der Studierstube hinauf. Dort hielten sich die Beiden so, daß weder ihre Gestalten, noch ihre Schatten von unten gesehen werden konnten. Der Pfarrer legte das Vexircouvert in die Bibel, und dann traten alle Drei in das nebenan liegende Schlafzimmer.
»Setzens das Licht auf den Tisch,« sagte der Sepp, »und machens sich was am Fenster zu schaffen!«
»Daß ich von unten gesehen werde?«
»Ja. Dann ziehens den Rock aus und tretens in Hemdärmeln noch mal hin, damit die Kerls merken, daß Sie sich auskleiden.«
Dieser Rath wurde befolgt; dann schloß der Pfarrer die Thür zu und verlöschte das Licht.
Bis hierher waren die Vorbereitungen getroffen. Nun handelte es sich darum, ob sich dieselben bewähren würden.
Der Pfarrer sank auf das Kanapee, welches dem Bette gegenüber stand. Er seufzte:
»Mir klopft das Herz, als ob ich Fieber hätte.«
»Das meinige ist ganz ruhig,« meinte der Sepp.
»Ja, Du bist aus einem ganz anderen Stoff gemacht als Unsereiner!«
»Mein Stoff ist nur Haut und Knochen. Daran zittert nix vor Angst. Komm her, Fritz. Wollen am Fenster schauen, ob wir was sehen.«
Die Beiden blickten hinunter in die ziemlich helle Mondscheinnacht. Sie selbst konnten, da die Fenster im Schatten lagen, nicht gesehen werden. Es verging eine Weile, welche dem Pfarrer wie eine Ewigkeit vorkam. Dann sagte Sepp:
»Du, Fritz, siehsts, da drüben am Zaun?«
»Nein.«
»Es hat sich was bewegt. Da drüben habens steckt und das Haus beobachtet. Paß auf, nun wird es bald losgehen. Schau!«
»Ja. Jetzt sehe ich es auch!«
»Es sind zwei Punkte, die sich bewegen. Sie schleichen sich nach hinten herum. Jetzt verschwindens hinter dera Ecke. Nun können wir noch innen horchen. Wollen uns Stühle her an das Fenster setzen, damit wir nachhero in aller Bequemlichkeiten zuschauen können, was drinnen in dera Studierstuben vorgeht.«
Sie zogen sich zwei Stühle an das Verbindungsfenster und setzten sich darauf. Ein leises Flüstern sagte ihnen, daß der Pfarrer in seiner Herzensangst Stoßgebete sprach.
»Betens noch leiser!« bat Sepp. »Man hört es noch viel zu deutlich!«
Der Pfarrer war nun ganz still. Er zitterte am ganzen Körper vor Angst.
Nun verging fast eine volle halbe Stunde. Dann gab es draußen in der Studirstube ein Geräusch, als ob eine Thür mit größter Vorsicht geöffnet werde. Dann war wieder lange nichts zu hören.
Jetzt zuckte ein Lichtschein draußen durch die Studierstube, verschwand aber sofort wieder.
»Sie sind da,« wisperte Fritz.
»Sie werden horchen, ob dera Pfarrer schläft,« antwortete der Sepp ebenso leise. Wart, ich werd was hören lassen.«
Er holte tief, laut und regelmäßig Athem wie Einer, den man schlafen hört, ohne das er wirklich schnarcht. Er erreichte seine Absicht, denn sofort wurde draußen die Studirstube hell.
»Schausts!« meinte er.
»Ja!«
»Alle Beid sind da.«
»Sie suchen nach dera Bibel.«
Bei dem Scheine der Blendlaterne, welche die Diebe mitgebracht hatten, konnte man ihre Gestalten deutlich erkennen. Sie standen mit einander am Büchergestell. Der Eine griff hoch hinauf, nahm die Bibel herab und öffnete sie. Er sah das fünffach versiegelte Couvert, nahm es mit einer Bewegung der Befriedigung heraus und steckte es ein. Dann stellte er die Bibel wieder an ihren Platz.
Wenige Augenblicke später war das Knirrschen der Thüre wieder zu hören.
»Jetzt sinds wieder fort!« sagte der Sepp.
»Ists gewiß?« fragte der Pfarrer.
»Ja!«
»Ich glaube es kaum.«
»Warum nicht?«
»So schnell kann es nicht gehen!«
»O, solche Spitzbuben haben ihr Geschäft gelernt. Und nach dem großen Bibelbuche braucht man nicht monatelang zu suchen!«
»Mir hat das Herz gebebt vor Angst!«
»Mir auch. Aberst vor Freude.«
»Wenn sie bemerkt hätten, daß wir sie betrogen haben!«
»Betrogen? Hm! Machens sich etwan gar noch ein Gewissen daraus?«
»Nein; aber welche Gefahr! Sie hätten hier die Thüre aufgesprengt!«
»Und uns gefunden! Da wärens davon gelaufen wie sechs Dutzend Schneider. Komm Fritz! Sie müssen widerum da unten vorüber!«
Dieses Mal trat auch der Pfarrer wieder ans Fenster. Nach wenigen Secunden sahen sie die beiden Gestalten, welche unten am Zaune vorsichtig hinhuschten.
»Schauen Sie die Kerls, Hochwürden?«
»Ja,« antwortete der Pfarrer, tief aufathmend.
»So ists also vorbei.«
»Dem Herrn sei Lob und Preis!«
»Und wir gehen auch.«
»Wie? Ihr wollt mich verlassen?«
»Ja. Wir müssen fort.«
»Um Gotteswillen nicht! Bleibt hier!«
»Wozu denn?«
»Ihr müßt mich weiter schützen!«
»Vor wem? Die Gefahr ist vorüber.«
»Noch lange nicht. Der Samiel kann wiederkommen!«
»Das kommt ihm gar nicht in den Sinn!«
»Er wird merken, daß er das Geld nicht hat.«
»Selbst wann er das merkt, kommt er nicht wieder. Uebrigens könnens ja auch ein paar hiesige Leutln wecken lassen, die her kommen.«
»Das ist wahr. Ihr aber wäret mir die Allerliebsten. Ihr habt mir bewiesen, daß Ihr so voller Muth und Vertrauen seid.«
»O, das sind Andere auch. Dort kommt Jemand. Wer mag das sein?«
»Das ist der Nachtwächter,« erklärte der Pfarrer, nachdem er die nahende Gestalt betrachtet hatte.
»Nun, den könnens ja gleich rufen.«
»Das werde ich thun. Also Ihr bleibt wirklich nicht bei mir?«
»Nein. Wir können nicht. Wir müssen heim.«
»So weiß ich gar nicht, wie ich danken soll!«
»Sie haben uns gar nix zu danken, Hochwürden. Rufen Sie den Wächter.«
Der Pfarrer öffnete das Fenster und rief den Beschirmer des Ortes. Das Licht wurde wieder angebrannt, und die drei gingen hinab. Der geistliche Herr wußte vor lauter Dankbarkeit nicht, was er angeben sollte. Der Sepp und Fritz wiesen Alles ab und brachen auf. Zehn Minuten später war das ganze Oertchen wach, und alle Einwohner desselben wußten, was geschehen war.
Die beiden Beschützer des geistlichen Herrn eilten die Straße entlang, Kapellendorf zu. Sie wollten eher dort eintreffen als die zwei Samiels.
Das gelang ihnen auch, denn die Bäuerin hatte mit dem Bastian ebenso wie vorher einen Umweg zu machen. Sie sprachen unterwegs nicht mit einander, waren aber Beide sehr zufrieden, daß es ihnen geglückt war, den Diebstahl zu verhindern und dem Samiel einen solchen Streich zu spielen.
Als sie dann am Ziele angekommen und über den Zaun gestiegen waren, fragte Fritz:
»Warten wir hier, bis sie kommen?«
»Wozu?«
»Ich wüßte auch keinen besonderen Grund.«
»Wir haben nichts mehr zu thun. Nur beobachten möcht ich die Bäuerin wann sie das Couvert aufimacht.«
»Das ist leider nicht möglich. Zwar liegt unser Fenster dem ihrigen gegenüber, aber es ist zu weit um deutlich sehen zu können.«
Sie begaben sich nach Fritzens Kammer und entledigten sich ihrer Oberkleider. Sie setzten sich an das geöffnete Fenster und behielten dann den Hof scharf im Auge.
Es dauerte sehr lange ehe sie die Kommenden bemerkten, länger als es zu erwarten gewesen war. Jedenfalls war der Grund derjenige, daß Beide ihre Kleidung nach dem Verstecke gebracht hatten.
Endlich kamen sie, Beide zu gleicher Zeit. Die Bäuerin stieg drüben zur Strickleiter empor und dann ging der Bastian in den Stall. Eine kurze Zeit später würde in der Schlafstube der Bäuerin Licht gemacht.
»Du,« kicherte der Sepp, »jetzunder macht sie den Geldbrief auf. Nicht?«
»Jedenfalls!«
»Das Gesicht möcht ich sehen! Gleich hundert Mark thät ich geben, wann ich es sehen könnt!«
Beide blickten über den Hof hinüber nach den erleuchteten Fenstern. Plötzlich war das Licht weg.
»Sollt sie sich bereits niederlegen?« fragte Sepp.
»Nein. Sie wird in das verborgene Cabinet gegangen sein.«
»Das glaub ich auch, denn – Du, da ist sie ja! Sie kommt mit dera Latern!«
Die Hinterthür des Wohnhauses wurde aufgemacht, und zwar keineswegs leise, und man sah die Bäuerin erscheinen, mit einer Laterne in der Hand.
»Was hat sie vor?« fragte Fritz.
»Ich weiß!« antwortete Sepp. »Schnell ins Bett hinein!«
Er sah, daß die Bäuerin wie eine Furie über den Hof herübergefegt kam.
Die Beiden fuhren in das Bett und deckten sich zu.
»Meinst, daß sie zu uns kommt?« flüsterte Fritz.
»Ja.«
»Ach! Das wäre toll!«
»Sie ist jetzt im Stand, noch viel Tolleres zu thun. Hast doch die Kammerthür nicht richtig zuschlossen?«
»Nein.«
»So kann sie herein. Sie will sehen, ob ich da bin. Thu so, als obst schläfst!«
Die Beiden machten die Augen zu. Der Sepp fing sogar an, zu schnarchen. Da knirrschten die Stufen der Treppe unter den Tritten der Bäuerin. Sie kam rasch an die Thür und riß sie auf. Die Laterne hoch emporhebend, trat sie an das Bett.
Sie hatte dabei ein solches Geräusch verursacht, daß die Beiden sich nicht schlafend stellen konnten. Der tiefste Schläfer wäre aufgeweckt worden. Darum that der listige Alte so, als ob er aufwache, reckte und dehnte sich, sah die Bäuerin erstaunt an, fuhr schnell auf und sagte:
»Die Bäuerin? Donnerwettern! Was solls sein? Was ist denn los? Brennts wo?«
Er sprang aus dem Bette, Fritz ebenso. Sie erschraken beinahe über das Gesicht der Frau. Von Schönheit war da keine Rede. Sie hatte das Aussehen einer Furie. Die Wangen waren todesbleich; die Augen leuchteten; die Lippen waren geöffnet und ließen die grimmig auf einander gebissenen Zähne sehen.
»Schweig!« herrschte sie den Alten an.
»Was soll ich?« fragte er. »Was willst hier? Was hats denn geben?«
»Wann bist zu Bett gangen?« schrie sie ihn an.
»Warum fragst?«
»Wannst zu Bett gangen bist!« wiederholte sie, mit den Füßen aufstampfend.
»Sappermenten! Heut bist aberst eine Ungestüme!«
»Wannst schlafen gangen bist, will ich wissen!«
Sie schrie diese Worte förmlich. Die Laterne schwang in ihrer vor Wuth zitternden Hand hin und her.
»Herrjesses! Vor Dir derschrickt man ja! Gleich nach dem Essen bin ich schlafen gangen.«
»Ists wahr, Fritz?«
»Ja.«
»Sags richtig, Fritz! Ist dera Sepp wirklich gleich nach dem Abendessen hier gewest?«
»Ja. Er war sogar noch eher hier als ich.«
»Und hat er sich da gleich niedergelegt?«
»Ich glaub, ja.«
»Du hast gar nix zu glauben! Du hast zu sagen, wie es gewest ist. Das kann ich halt von Dir verlangen.«
»Ich habe ja schlafen.«
»So! Weißt also auch nicht, ob er unterdessen mal fortgangen ist?«
»Nein.«
»So! Und das soll ich glauben?«
»Glaubs oder nicht. Mir ists egal!«
Sie sah ihn mit einem finsteren, durchdringenden Blicke an. Er erwiderte denselben festen Auges.
»Willst etwan Revolution gegen mich machen?«
»Gegen Dich? Das ist gar nicht möglich.«
»Wieso?«
»Weilst nicht mein Herr bist. Das ist dera Bauer.«
»So! Ich bin die Herrin!«
»Das magst denen Mägden sagen, mir aber nicht.«
Da fragte sie fast zischend:
»So meinst, daß ich nur den Mägden zu gebieten habe?«
»Ja.«
»Oho! Da bist in einem gewaltigen Irrthum befangen. Mein Wort gilt bei den Knechten und Mägden.«
»Und wanns so wär, so gilts doch bei mir nicht.«
»So jage ich Dich zum Teufel!«
»Dann würde geschehen, was ich Dir schon sagt hab: Du würdest selberst zum Teufel gehen müssen!«
Da trat sie hart an ihn heran, setzte die Laterne nieder, ballte beide Fäuste und knirrschte:
»Etwa vor Dir?«
»Ja,« antwortete er fest.
Da konnte sie sich vor Wuth nicht mehr halten. Sie holte aus, ihn zu schlagen. Er aber ergriff ihre Hand.
»Bäuerin!« rief er, sie festhaltend. »Willst Du den Erben des Kronenhofes schlagen?«
Da wurde sie leichenblaß. Sie ließ, als er ihre Hand frei gab, den Arm sinken.
»Was sagst – was?« stöhnte sie.
»Wast gehört hast!«
»Wen meinst denn mit dem Erben?«
»Mich!«
»Ah! Bist verrückt!«
»Nein. Ich bin dera Sohn des Bauern.«
»Der hat keinen!«
»Weil er ihm geraubt worden ist!«
»Ja, von Zigeunern!«
»Nein, von Dir!«
»Mensch!«
»Schweig! Wer hat mich nach Chrudim bracht? Du wohl nicht? Antworte mir doch einmal!«
Sie sank auf die Truhe nieder, welche neben dem Bette stand, schlug die Hände zusammen und rief:
»Herrgott! Was muß man sich gefallen lassen!«
»Wann mans verbrochen hat! Ja, hast Recht!«
»Wer hat Dir denn solch Zeug weiß macht?«
»Niemand. Eine Wahrheit kann Einem Niemand weiß machen. Warum hat mich dera Bauer holt?«
Sie schwieg.
»Sags doch mal! Warum ist er nach Chrudim kommen, um mich nach dem Kronenhof zu holen?«
»Aus Mitleid, weilst ein Findelkind warst!«
»Dafür dank ich gar schön! Ich weiß, woran ich bin. Ich werd Dir die Beweise zu bringen wissen!«
»So sag doch nur, von wemst das Alles hast?«
»Das geht Dich nix an! Vom Bauern aberst nicht, denn dem hasts verboten, mir zu sagen, daß er mein Vater ist. Aberst die Zeit, in der er nur Dir allein gehorcht hat, ist bald vorüber!«
»Willst etwan gegen mich klagen?«
»Fallt mir wiederum nicht ein! Es giebt noch andere Leut, welche Dich anfassen werden.«
»So ist's gut! Mit Dir bin ich fertig. Ich werd Dir schon noch die richtige Antwort geben. Jetzt hab ich mit dem Sepp zu reden. Laß uns allein!«
»Diesem Befehl brauch ich nicht zu gehorchen; aberst weilst mir zuwider bist, will ich gehen.«
Er zog seine Jacke an und ging zur Thür hinaus, ohne sie nur eines Blickes zu würdigen. Als er an die Treppe kam, lehnte der Bastian da.
»Was willst hier?« fragte er ihn.
»Nix!« antwortete der Knecht erschrocken.
»Horchen willst. Da hast den Lohn!«
Er holte aus und gab ihm eine schallende Ohrfeige. Da fuhr Bastian auf ihn los und rief:
»Hallunk, wie kannst mich schlagen!«
»Bursch, sei zufrieden mit der einen, sonst bekommst noch mehrere! Komm! Fort mit Dir in den Stall!«
Er warf ihn die Treppe hinab, faßte ihn unten beim Genick und packte ihn in den Stall, dessen Thür er von außen verriegelte.
Wohin sollte er gehen? Wo warten, bis die Bäuerin mit Sepp fertig war? Sein suchendes Auge fiel auf die noch offen stehende Hinterthür.
»Ah!« lachte er in sich hinein! »Das paßt mir gut! Sie wird ihre Stubenthür offen haben. Ich weiß, was ich thu; mag kommen, was da will.«
Er ging in das Wohnhaus und da leise die Treppe empor. Als er an der Thür der Bäuerin probirte, ging diese auf. Er trat ein und kroch unter das altväterische Kanapee, welches lang genug für ihn war. Die herunterhängende Decke verbarg ihn vollständig.
Die Bäuerin hatte ihm einen wüthenden Blick nachgeworfen. Zwar hörte sie, daß er draußen einen Wortwechsel mit dem Bastian hatte; aber sie achtete gar nicht darauf. Sie wendete sich zu Sepp, und zwar mit einem Blicke, in welchem die grimmigste Feindschaft lag.
»Nun hab ich Dich allein, alter Gleisner und Heuchler! sagte sie. »Jetzt stehst mir Rede!«
»Wann ich will!« antwortete er.
Dabei griff er nach seiner Jacke, zog seine alte Pfeife und den Tabaksbeutel hervor und begann, sich gemächlich die Pfeife zu stopfen. Das erhöhte ihre Wuth.
»Hier wird nicht geraucht!« rief sie.
»Rauch ich denn?«
»Du willst ja!«
»Bis jetzt stopf ich nur.«
»Wannst mich ärgern willst, schmeiß ich Dich hinaus!«
»Das müßt schön ausschaun. Das war ein Gaudium! Wollens doch mal versuchen, Bäuerin!«
»Ich kann schon Ernst machen. Vorher aberst sagst mir, wo Du heut Abend gewest bist!«
»Hm! Im Kronenhof.«
»Sonst nirgends?«
»Nein.«
»Nicht in Oberdorf?«
»Was sollt ich dort?«
»Das wirst wissen!«
Jetzt aber blickte er sie an, fest und lange Zeit. Sie senkte den Blick vor dem seinigen. Dann sagte er:
»Schau, Bäuerin, Du könntest denken, dera Sepp fürchtet sich vor Dir, und das darf nicht sein. Darum will ich Dir keine Unwahrheiten sagen. Gieb mal her!«
Er nahm ihr die Laterne aus der Hand, öffnete sie und brannte sich seine Pfeife an.
»Sollst nicht rauchen! Thu die Pfeif weg!«
Er machte die Laterne wieder zu, setzte sie auf die Diele nieder, that einige kräftige Züge und antwortete:
»Höre, ich will Dir mal was sagen: Dera Wurzelsepp hat grad jetzt Lust, seine Pfeif zu rauchen. Wannst ihm das verbieten willst, so versuchs! Dann kannst sehen, was geschieht.«
»Nun, was soll geschehen?«
»Ich werf Dich hinaus.«
»Du – mich –«
»Ja. Mit Dir wird nicht gefackelt! Was hast Dich um mich zu kümmern? Warum kommst bei nachtschlafender Zeit und störst mich in dera Ruhe?«
»Weil ich wissen will, wast heut getrieben hast.«
»Das kannst derfahren.«
»Nun?«
»Frag nur! Ich werd antworten.«
»Gut. Hast wirklich schlafen?«
»Nein.«
»So warst fort?«
»Ja.«
»Wohin?«
»Nach Oberdorf.«
»Ah! Zu wem?«
»Zum Pfarrer.«
»Donnerwetter! Was hast dort gewollt?«
»Meine Wette gewinnen.«
»Ach so! Welche?«
»Die ich mit Dir macht hab.«
»Den Samiel fangen?«
»Ja.«
»Nun, die gewinnst halt nicht.«
»Oho! Ich hab sie schon gewonnen!«
»So zeigs einmal!«
»Ich hab den Samiel!«
»Wo denn?«
»Hier. Da steht er.«
Er deutete auf sie.
»Ich?« lachte sie. Aber dieses Lachen klang gellend und angstvoll.
»Ja, Du! Willsts leugnen?«
»Sepp, ich bin überzeugt, Du mußt ins Irrenhaus!«
»Und Du ins Zuchthaus!«
»Du bist wirklich überschnappt!«
»Nein. Weißt, wir wollen keine unnütze Reden machen. Mit Dir ists halt aus. Ich habs dem Fritz verzählt, daß er dera Sohn ist. Er weiß Alles. Er hat Dich gestern als Samiel erkannt. Er ist auch vorhin mit in Oberdorf gewest. Dera Pfarrer hat das Geldl in die Taschen steckt und Dir das Couvertl mit meiner Schrift hinlegt. Wir wissen Alles, Alles! Für Dich giebts keine Rettung mehr!«
Sie blickte ihm starr in das Angesicht. Sie hatte das Gesicht einer Leiche.
»Schau, wiest derschrickst!« sagte er. »Die Straf kommt bereits jetzt. Wie wirds erst dann später sein. Es wird Alles über Dich zusammenbrechen. Dera Bauer thut mir leid. Ich bin sein ältester Freund und möcht ihm gern die fürchterliche Schand dersparen. Darum will ich Dir einen guten Rath geben.«
Er sah sie an, ob sie antworten werde. Sie machte ein Gesicht wie eine Wahnsinnige, ob vor Wuth oder Schreck, das war nicht zu entscheiden. Mit sichtbarer Mühe stieß sie hervor:
»Sag den Rath!«
»Es ist nur ein kleines Wörtle. Das lautet: Stirb!«
Da stand sie langsam auf.
»Sterben soll ich?«
»Ja, und zwar noch heut!«
»Ah! Das sagst mir, mir, mir!«
»Ja, Dir sage ich es. Ich will Dir auch noch Zeit geben, Deine Sach in Ordnung zu bringen. Du sollst noch einen Tag und eine Nacht leben können. Mach da so viel wie möglich gut. Wannst aber dann am Morgen noch nicht todt bist, so – – –«
»So – – nun, was soll dann geschehen?«
»So laß ich Dich arretiren!«
»Das klingt gar wunderbar! Die Kronenbäuerin soll arretirt werden!«
Sie schlug ein schrilles Gelächter auf.
»Immer lach! Es ist das letzte Mal!«
»Die Kronenbäuerin! Weil ein alter Landstreicher so verrückt ist, sie für den Samiel zu halten!«
»So bists wohl nicht?«
»Nein, und tausendmal nein!«
»Ich beweise es!«
»Womit?«
»Das ist meine Sach!«
»Ja, so sagst, weilst gar nix weißt!«
»Ich werd mich hüten, Dir Alles zu sagen. Ich wiederhols Dir nochmals: Stirb, dann kann man die Sach vielleicht vertuschen, und Du erhältst ein ehrliches Begräbniß. Willst das nicht, nun, so kommst in das Gericht und in die öffentlichen Verhandlungen. Dann kannst stolz darauf gewest sein, daßt Du Kronenbäuerin gewest bist.«
»Schön! Hast mir noch was zu sagen?«
»Nein, kannst gehen!«
»Du – Du willst mich hinausweisen?«
»O nein! Aberst es ist für Dich besser, wannst gehst. Ueberleg Dir meinen Vorschlag genau.«
Er wendete sich von ihr ab, dem Fenster zu. Sie stand da, lange Zeit, ohne ein Wort zu sagen. Dann trat sie herbei, legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte in einem höhnisch freundlichen Tone:
»Lieber Sepp, bist mir bös?«
»O nein! Du dauerst mich nur!«
»So! Dann bin ich zufrieden. Ich hab Dich immer so sehr lieb gehabt. Es thät mir die Seel zerschneiden, wannst mir bös wärst. Thätst wir eine Bitt erfüllen?«
»Kann ich denn?«
»Ja.«
»So sag sie mir!«
»Gehst mit mir zu Grabe, wenn ich todt bin?«
»Ja.«
»Und nachhero, wann dera Bauer sich wieder eine Frau nimmt, bist auf der Hochzeit mit?«
»Auch!«
»Schön! So ist dann auch mein Mann versorgt. Du thätst mir einen großen Gefallen, wannst gleich auf dem Kronenhof wohnen bliebst!«
»Diese Bitt kann ich Dir leider nicht erfüllen. Ich hab zu viele Leutln, die ich dann und wann besuchen muß.«
Er gab diese Antworten in seiner treuherzigen Weise, obgleich er ganz genau wußte, wie sie ihre Worte meinte.
»Ja,« höhnte sie, »die Menschheit hält gar so große Stuckeln auf Dich, darum sollst eben mit mir zu Grab gehen, oder – – wannst vielleichten eher sterben sollst als ich, so geh ich mit dem Deinigen Sarg!«
»Kann auch sein. Sind wir nun fertig?«
»Ich mit Dir, ja.«
»Und ich mit Dir auch. Gute Nacht!«
»Schlaf wohl, mein guter Sepp! Also noch einen Tag und eine Nacht?«
»Ja, keine Stunde länger. Merks gut.«
Sie nahm ihre Laterne und verließ unter einem höhnischen Gelächter die Kammer. Als sie unten an der Treppe ankam, hörte sie ein Klopfen von innen an der Stallthür. Sie öffnete und sah, das Bastian der Klopfer war.
»Was giebts? Wer hat Dich einschlossen?«
»Dera Fritz, der Hallunke.«
»Wie ist das kommen?«
»Weil – weil er meint, daß ich horcht hab.«
»Und das hast wohl auch than?«
»Ja. Ich wollt wissen, was es da oben für einen Lärmen gab.«
»So! Wohin ist dera Fritz gangen?«
»Ich weiß es nicht.«
Da trat sie nahe an ihn heran und flüsterte ihm zu:
»Schleich Dich hinter mir her! Kommst mit auf meine Stuben. Ich hab Dir was zu sagen!«
Sie ging mit der Laterne weiter und löschte sie an der Hinterthür aus. Dort wartete sie, bis der Bastian kam und verriegelte sie dann, worauf die Beiden leise nach der Schlafstube der Bäuerin gingen.
Sie trat zum Fenster, machte den Vorhang nieder und verhüllte es außerdem noch extra. Dann brannte sie ein Licht an. Als sie das auf den Tisch gestellt hatte, sank sie müd und schwer auf das Kanapee nieder, unter welchem Fritz verstohlen lag.
Der Bastian stand vor ihr und betrachtete sie aufmerksam. Sie blieb lange, lange sitzen, ohne ein Wort zu sagen.
»Kätherl,« begann er, »was ist mit Dir?«
Sie holte tief Athem. Dann antwortete sie.
»Bastian, Du hast mir oft sagt, daßt mich lieb hast. Ist das auch gewiß wahr?«
»Lieber als mein Leben!«
»Ich kanns Dir glauben?«
»Sag, wie ichs Dir beweisen soll!«
»Du kannsts beweisen. Was könntest wohl alles für mich thun, lieber Bastian?«
»Eben Alles!«
»So! Stehlen zum Beispiel. Das hast schon than. Ob aber auch noch mehr? Sags doch mal!«
»Noch viel mehr!«
»Was denn zum Beispiel?«
»Todtschlagen.«
»Das thätest für mich?«
»Ja.«
»Wann ich Dich nun auf diese Probe stellen thät?«
»Probire es!«
»Das sagst mit solchem Tone? Es ist kein Spaß, einen Menschen um das Leben bringen!«
»Wann ich es für Dich thun kann, so ists für mich ein Spaß. Sags nur, wer sterben soll!«
»Komm, setz Dich her zu mir!«
Er setzte sich neben sie. Sie legte den Arm um ihn, drückte ihn an sich und flüsterte ihm zu:
»Bastian, Du bist dera einzige Mensch, den ich lieb habe. Die Andern sind Alle meine und auch Deine Feinde. Siehst das nicht ein?«
»Das hab ich längst wußt.«
»Und weißt, wer unser größter Feind ist?«
»Ja, dera Fritz.«
»Weil er Dich jetzt einschlossen hat?«
»Nicht derowegen. Er ist stets unser Feind gewest und denkt noch heut an unser Unglück.«
»Da hast freilich Recht. Es wär viel besser, wann er gar nicht hier wär.«
»Soll ich ihn fortschaffen?«
»Willst denn?«
»Darfsts nur befehlen.«
»Nein, befehlen thu ich Dir nichts. Dazu bist mir viel zu lieb. Aberst ich bitt Dich gar schön darum!«
»Ich werds thun.«
»Wirklich?«
»Ja, ganz gewiß. Gieb mir aber einen Kuß!«
Sie erfüllte seine Bitte. Dann fragte er:
»Wann denkst denn, daß ichs machen soll?«
»Bald. Es hat keine Zeit.«
»Heut noch?«
»Heut paßts nicht mehr. Aberst in nächster Nacht?«
»Ja, gern. Ich will froh sein, wann er weg ist. Du thust mir den größten Gefallen damit, daß er sterben soll. Ich hab den Kerl niemals dersehen konnt. Aber woran soll er sterben?«
»Das weiß ich noch nicht.«
»Soll ich ihn erschießen?«
»Vielleicht. Aber ein Messer macht weniger Lärm.«
»Gut! So will ich ihn lieber derstechen!«
»Es handelt sich aber nicht nur um ihn, sondern noch um einen Andern.«
»Wer ist das?«
»Der Sepp.«
»Ah der? Den soll ich auch todt machen?«
»Ja, unbedingt.«
»Das geht nicht.«
»Warum nicht?«
»Weil ich mit ihm in dera Lotterien spiel.«
»Ah, schweig von dieser Lotterie!«
»Oho! Es handelt sich um eine halbe Million!«
»Keinen Pfennig gewinnst!«
»Wir bekommen den großen Gewinnst. Er hat es träumt, und so triffts auch ein.«
»Du bist doch ein Dummkopf!«
»So darfst mich nicht nennen, Bäuerin! Das kann ich nicht vertragen. Dumm bin ich nicht!«
»Na, schweig! So schlimm war es nicht gemeint. Ich hab halt nur sagen wollt, daßt einen Aberglauben hast; denn mit den Träumen ist es nix. Und wer weiß, ob er Dir die Wahrheit sagt hat.«
»Er hat mir nix weiß macht!«
»Und ich denk grad, daß er Dich belogen hat.«
»So möcht ich wissen, warum.«
»Ja, auch ich hab, seits mir sagt hast, darüber nachdenkt, aberst vergeblich. Ich kann den Grund noch immer nicht entdecken. Er ist Derjenige, welcher am Meisten bestrebt ist, den Samiel zu fangen.«
»Er? Donnerwetter! Das mag er bleiben lassen! Er ist ja kein Polizist. Wann er sich in diese Sachen mischen sollt, die ihm gar nix angeht, so hat er es halt mit mir zu thun!«
Das sagte er in drohendem Tone. Das war der Bäuerin willkommen, und darum fuhr sie fort:
»Er hat sogar gestern mit mir gewettet, daß er den Samiel binnen vierzehn Tagen fangen will.«
»So! Das hat er than! Ich werd ihm auf die Finger sehen und tüchtig darauf klopfen!«
»Und nun paßt er aufi, Tag und Nacht, mehr als er bereits früher than hat. Er hat auch einen Erfolg gehabt, denn er ist in Oberdorf gewest.«
»Etwa heut?«
»Ja, heut Abend, beim Pfarrer.«
»Alle Teufel! Als wir dort gewest sind.«
»Ja. Er ist schon eher dort gewest als wir.«
»So hat er gar nicht schlafen?«
»Nein. Er hat dem Pfarrer sagt, daß, dera Samiel kommen wird, um das Geld zu holen.«
»Das kann nicht sein, denn wenn das wäre, so hätten wir das Geldl ja gar nicht bekommen.«
»Haben wir es denn?«
»Ja doch.«
»Nein, wir haben nix, gar nix.«
»Ich hab doch den Geldbriefen selber ganz genau angesehen. Es waren sogar fünf Siegel darauf.«
»Das ist Betrug gewest. Weißt, was ich funden hab, als ich den Brief aufbrechen that?«
»Nun, was?«
»Das da.«
Sie stand vom Kanapee auf und ging zu der Kommode, auf welcher das Couvert und der Inhalt desselben lag. Sie gab ihm Alles in die Hand.
Er starrte das leere Papier und die Schrift eine ganze Weile sprachlos an und sagte dann:
»Das ist drin gewest, das?«
»Weiter nix.«
»Ein gewöhnlich Papier! Und was steht darauf?«
Er las laut und langsam vor:
»Pah!!!
Der Wurzelsepp.«
Die Bäuerin nahm ihm die Papiere aus der Hand, ballte sie zornig zusammen, warf sie auf die Diele, trat darauf und sagte:
»Nun siehsts mit eigenen Augen, wie er uns betrogen hat. Gefoppt find wir worden, gefoppt!«
»Himmeldonnerwettern! Das soll er entgelten!«
»Das denk ich auch!«
»Wie aber hat er denn wissen konnt, daß wir zu dem Pfarrer gehen werden, und grad heut?«
»Weiß ich es?«
»Aus sich heraus kann er es doch nicht haben!«
»Nein. Es giebt nur eine einzige Erklärung. Er war dabei, als dera Ludwig uns von dem Geldl verzählte, und da hat er es sich denkt.«
»So! Dann müßt er es doch ganz genau wissen, daß Du dera Samiel bist.«
»Er weiß es. Er hat das auch dem Fritz sagt, und dieser ist mit in Oberdorf gewest.«
»Auch dieser! O, dieser Heuchler!«
»Ja! Ich bin so zornig gewest, als ich diese seine Schrift lesen hab, daß ich gleich hinüber gerannt bin, um zu sehen, ob er vielleicht noch nicht daheim sei. Sie haben aberst mit nander bereits im Bette gelegen, doch nur zum Schein, denn sie hatten nur die Jacken auszogen und sogar noch die Halstüchern umibunden. Dann hab ich den Sepp ins Gebet genommen und ihn gezwungen, Alles zu gestehen.«
»Hat ers gestanden?«
»Ja. Und dann hat er mir eine Zeit von einem Tag geben; da soll ich mich ums Leben bringen. Wann ich das nicht thu, will er Anzeig machen.«
»Kätherl!« fuhr der Knecht erschrocken auf. »Das wirst doch nicht thun, Dich selbst dermorden!«
Er ergriff sie an beiden Händen und zog sie zärtlich an sich. Sie küßte ihn und antwortete:
»Nein. Schon Deinetwegen nicht, weil ich Dich gar so lieb hab. Ich werd mich gegen ihn wehren.«
»Dabei helf ich Dir. Ich helfe Dir!«
»Gut! Das hab ich von Dir erwartet. Aber weißt auch, worinnen die einzige Hilf besteht?«
»Nun?«
»In dem Tode. Niemand hat eine Ahnung, daß ich dera Samiel bin, Niemand als nur dera Sepp und dera Fritz. Wann Beide sterben, so sind wir sicher. Sie können dann nix ausplaudern. Oder weißt vielleicht einen andern Weg?«
»Nein. Ja, sie müssen sterben. Ich werd sie Beide tödten! Aber die Lotterie, die Lotterie!«
»Laß Dichs nicht dauern!«
»Das gar so schöne Geldl!«
»Es ist Schwindel. Kannsts mir glauben. Wir werden schon noch derfahren, was er dabei bezweckt hat.«
»Ich wär ein steinreicher Mann worden, und dann hättest Du mich ganz gewiß geheirathet.«
»Das thu ich auch ohne der Lotterie.«
»Ists wahr?«
»Ja, ich schwöre es Dir zu!«
»Heb dabei die Fingern empor!«
Er hatte die Ansicht, daß ein Schwur nur bei Beobachtung dieser Formalität Giltigkeit habe.
»Hier siehst sie! Also ich schwöre Dir zu, daßt mein Mann werden wirst, wann dera Bauer erst todt ist. Geld haben wir genug. Die Lotterie brauchen wir nicht dazu.«
Sie hatte wirklich die rechte Hand erhoben und streckte die drei Finger des Schwures empor.
»Gut! Jetzt glaub ich Dir. Aberst besser wär es doch, wann ich den Gewinnst hätte.«
»Nun, den kannst doch bekommen. Du kennst doch die Nummer.«
»Aber er muß mitspielen!«
»Das thut er auch. Er lebt ja noch! Ihr braucht nur das Loos zu bestellen. Wenn er es bestellt, so spielt er mit. Ob er dann nach der Bestellung stirbt, das thut ja nix.«
»Bestellt ist das Loos.«
»Auf welche Weis denn?«
»Durch einen Briefen, den er zur Stadt tragen hat und – – – Himmelsakkermenten! Da fallt mir was ein!«
Er sagte das, als ob er über den Gedanken, den er meinte, erschrocken sei.
»Was ists?« fragte sie.
»Er wollte den Brief gleich sofort in die Stadt tragen. Aber als ich dann in die Stube kam, sah ich ihn bei Dir und dem Ludwig unter dem Baum sitzen. Und auch nachhero ist er nicht in dera Stadt gewest.«
»Weißt das gewiß?«
»Ja. Er hat beim Abendessen doch selbst davon gesprochen, daß er am ganzen Nachmittag in dera Förstereien war. Er hat also den Brief gar nicht fortgetragen.«
»Schau, schau! Das ist kein gutes Zeichen. Was hat denn eigentlich in diesem Briefen standen?«
»Er war an den Collecteur in Hamburg richtet; die Nummer stand dabei und daß er sie schnell senden soll.«
»An wen? An den Sepp?«
»Nein, an mich.«
»So muß doch Deine Adressen bezeichnet sein?«
»Das war sie; mein Name und Wohnort.«
»So!« Hat dera Sepp das verlangt.«
»Ja, er hats so dictirt.«
Die Bäuerin fuhr erschrocken zurück.
»Dictirt! Er hat dictirt. Wer hat denn schrieben?«
»Ich.«
»Was! Bastian, Du hast den Briefen schrieben?«
»Ja, denn dera Sepp kann nicht schreiben.«
»O, o, jetzund wird mir Alles klar, Alles. Was hast für eine große Dummheiten macht!«
»Was für eine Dummheiten soll das sein?«
»Die allergrößte, die es nur geben kann! Dera Sepp kann schreiben, viel besser als Du!«
»Ists wahr?«
»Ja. Ich Hab ihn nicht nur einmal schreiben sehen.«
»Warum sollt er mich da belogen haben?«
»Um Deine Handschrift zu bekommen.«
Sie sagte das in erhobenem Tone. Nun erschrak auch der Knecht. Auch er durchschaute jetzt die Absicht des alten, schlauen Wurzelhändlers.
»Dieser Teufel!« stieß er hervor.
»Ja, er ist ein Teufel, ein Verführer und Versucher. Er hat Dich überlistet, der schlaue Fuchs!«
»Meine Handschrift, meine Handschrift hat er haben wollt! O, ich Esel, ich hundertfacher Esel!«
Er schlug sich mit der Faust an die Stirn.
»Ja, ein Esel bist gewest, mehr noch als ein Esel. Weißt denn, was er mit Deiner Schrift will?«
»Ja, vergleichen will er.«
»Mit der Schrift des Samiel. Und wer hat diese Zettel alle, die Du schrieben hast, in der Hand?«
»Das Gericht.«
»Ja, er will also mit dieser Schrift auf das Gericht gehen. Nun weißt genau, woran Du bist mit Deiner albernen Lotterien!«
Der Knecht setzte sich wieder auf das Kanapee und schwieg. Die Bäuerin ging hin und her, ohne zu sprechen. Erst nach einer Weile sagte Bastian:
»Kätherl, Du hast Recht. Du bist wiederum die Gescheidte und ich war der Dumme!«
»Diese Einsicht kommt leider zu spät.«
»Nein, nicht zu spät. Noch ist es Zeit.«
»Aber die allerhöchste Zeit.«
»Ja; sie soll aber nicht unbenutzt vorübergehen.«
»Willst also thun, was ich Dir sagte?«
»Ja. Auch dera Sepp muß sterben.«
»Versprich es mir mit dera Hand!«
»Hier hast sie! Dieser Kerlen soll es büßen, daß er mich betrogen hat. Ich erstech ihn noch heut!«
Der Schreck war bei ihm vorüber und hatte einem bedeutenden Zorne Platz gemacht.
»Heut nicht,« sagte die Bäuerin. Das geht nicht.«
»Warum nicht?«
»Es ist schon zu spät dazu. So Etwas darf nicht im Zorn geschehen, sondern muß sehr gut überlegt werden. Dera kleinste Fehler kann verderblich sein.«
»Ich werd keinen Fehler begehen.«
»Das kannst jetzt nicht wissen. Der Fritz und der Sepp sind heut vorsichtig. Beide sind aufgeregt. Wer weiß, wann sie einschlafen. Nein, nein! Heut darf es nicht vorgenommen werden.«
»Aber ists denn morgen nicht zu spät?«
»Nein, denn dera Sepp hat mir ja bis zum frühen Morgen Zeit geben. Du schleichst Dich in dera Nacht hinein und machst sie stumm!«
»Aber was sollen die Leut denken, wann dera Mord geschehen ist?«
»Daß dera Samiel es war. Du legst einen Zettel hin, wie gewöhnlich. Und während Du das thust, hol ich mir dem Fremden seine Sachen. Er hat viel Juwelen bei sich. Auch ihm leg ich den Zettel hin. Dazu müssen wir Beid die Kleider des Samiel anhaben. Dann, wann derselbige bei uns einbricht und bei uns einen doppelten Mord vollbringt, kann kein Mensch ahnen, daß wir Beiden es sind.«
»Kätherl, was bist Du für ein schlaues Weibsbild! Ich komm noch lange nicht an Dich heran!«
»Also mußt immer nur das thun, was ich Dir sag. Merk Dir das gut für alle Zeiten!«
»Aber wie willst zu den Herrn Ludwig kommen?«
»Ganz leicht, durch den Ofen. Wann ich diesen zur Seite schieb, bin ich gleich in seiner Schlafstuben.«
»Das weiß ich wohl, daßt da hineinkannst. Aber es ist möglich, daß dadurch dera geheime Eingang entdeckt wird.«
»Ich werd vorsichtig sein. Auf eine andere Weis kann ich nicht hinein; denn es ist wohl gewiß, daß er seine Thür zuschließen wird. Aber wanns vorüber ist, geh ich zur Thür hinaus, die ich ja öffnen kann.«
»Machsts heimlich?«
»Wanns geht, ja.«
»Besser wär es, wann er Dich sehen thät, denn da wüßt er, daß es dera Samiel ist.«
»Hast Recht. Ich werd ihn also wecken.«
»So kann er sich aber auf Dich werfen. Er ist lang und breit und scheint sehr stark zu sein.«
»Ich müßt sehr dumm sein, wann ich mich von ihm anfassen lassen wollte. Erst raub ich ihn aus; dann mach ich mir recht leise alle Thüren auf und geh nachhero an sein Bett zurück, um ihn zu wecken. Ich sag ihm, daß ich dera Samiel bin und eil aber sogleich hinaus. Die Thür verschließ ich hinter mir, so daß er mir nicht nachfolgen kann.«
»Ja, das ist gut. Aber er wird Lärm machen!«
»Was thut das? Ich lauf schnell in den Garten, wo Du auf mich warten mußt, denn wir richten es so ein, daß Du eher fertig bist als ich. Da geb ich Dir rasch die Kleider, welche Du fortschaffst, und ich eil in das Haus zurück. Wann er um Hilfe schreit, so wird eine große Verwirrung entstehen, bei welcher es Niemandem einfallen kann, grad besonders auf mich zu achten.«
»Das ist freilich wahr.«
»Dann komm ich ganz erschrocken auch herbei, nur halb angezogen, und Jedermann wird da denken, daß ich schlafen hab.«
»Wollen hoffen, daß Alles grad so ablaufen thut, wie Du jetzund sagt hast.«
»Es wird und muß gelingen. Mach Du nur Deine Sach richtig, und hab nicht etwan Mitleid mit den beiden Kerls!«
»Das fallt mir gar nicht ein. Ueber mich sollst nicht zu klagen haben. Sei Du nur auch klug!«
»Ich werd mich vorsehen.«
»Man kann nicht in die Zukunft schauen. Wie nun, wann dera Herr Ludwigen aufi wacht, ehe Du es denkst und Dich ergreift?«
»So nehm ich die Pistolen mit und schieß ihn gleich über den Haufen. Sie sind noch scharf geladen, denn wir haben sie heut nicht braucht.«
»Ja, nimm sie mit. Bester ist besser. Und auch ich werd vorsichtig sein. Ich werd die Beiden nicht derstechen, sondern derschlagen, und zwar mit einem fremden Beil.«
»Woher willsts nehmen?«
»O, ein Beil ist gar leicht zu bekommen, ein Rasiermesser aber nicht. Weißt, es soll mir ein wahres Gaudium sein, wann ich die Kerls todt vor mir liegen seh! Am Allerliebsten möcht ich sie gleich heut noch umbringen.«
»Das geht ja nicht. Du weißt nicht mal, ob dera Fritz wieder in seiner Kammer ist.«
»Warum ging er fort?«
»Weil ich es ihm befohlen hab. Ich wollt mit dem Sepp allein sein, denn ich hab nicht denkt, daß auch dera Fritz schon Alles weiß. Dieser lauft nun vielleicht im Garten oder Feld herum, und wann er heimkehrt, muß Alles in Ordnung sein. Er darf nicht bemerken, daßt bei mir gewest bist. Darum kannst jetzt nicht länger hier bleiben und mußt in den Stall. Wir haben ja nun gar nix mehr zu besprechen.«
»Hast Recht. Ich wär zwar gern noch eine Stund bei Dir blieben; aber wir müssen klug und vorsichtig sein. Weißt, am Besten ists, daß Du mich wiederum einriegelst in den Stall. Wann dann dera Fritz zurückkehrt, so sieht er, daß dera Riegel noch vorgeschoben ist, und wird nicht ahnen, daß ich indessen bei Dir war.«
»Du hast freilich sehr Recht. Auf diesen Gedanken wär ich freilich nicht kommen. Also komm mit hinab, wollen gehen.«
Sie schlichen sich leise hinaus, die Treppe hinab und zur Hinterthür hinaus. Nichts konnte dem lauschenden Fritz willkommener sein, denn auf diese Weise konnte er sich auch unbemerkt entfernen. Er kroch unter dem Kanapee hervor und huschte hinter ihnen her, und zwar so schnell, daß er bereits auf der Treppe stand, als sie die Hinterthür öffneten.
Während sie nun über den Hof nach dem Stalle gingen, trat auch er hinaus und schlich sich schnell an der Mauer hin, bis er sich in sicherer Entfernung befand. Er sah die Bäuerin zurückkehren und hörte, daß sie die Thür verriegelte. Er wartete noch eine Weile und ging dann mit lauten Schritten über den Hof. An der Stallthür blieb er stehen, öffnete den Riegel und trat hinein, als ob er sehen wolle, wo der Bastian sei. Dann ging er fort, ohne den Riegel wieder vorzuschieben. Der Knecht mußte denken, daß er erst jetzt zurückgekommen sei. Jedenfalls sagte er das am Morgen der Bäuerin, und so konnten Beide nicht ahnen, daß er sie belauscht hatte.
Der Sepp saß noch am Fenster. Er hatte sich noch nicht wieder niedergelegt.
»Kommst endlich!« sagte er. »Wo hast denn eigentlich steckt in dera langen Zeit?«
»Bei der Bäuerin in ihrer Schlafstuben.«
»Pah! Ich Hab Dich doch von dem Garten herbeikommen sehen.«
»Das war Schein. Sepp, was hab ich hört!«
»Was denn?«
»Wir sollen dermordet werden.«
»Das weiß ich schon.«
»Von wem?«
»Von dera Bäuerin.«
»Hat sie Dir droht?«
»Direct nicht; aberst aus ihren Reden könnt ich leicht merken, was sie sich dabei dacht hat.«
»Was hat sie denn noch bei Dir wollt?«
»Mich ausfragen, weiter nix. Hör zu!«
Der Sepp erzählte ihm seine Unterredung mit der Bäuerin, und sodann berichtete Fritz, was er unter dem Kanapee erlauscht hatte. Der Alte hörte ihm schweigend zu und sagte, selbst als der Bericht beendet war, kein Wort. Erst nach einer ganzen Weile meinte er:
»Mein lieber Herrgott! Also so stehts! So weit ists mit dera Kathrin' kommen! Da war es freilich eine Sünd, sie nur noch eine Stund zu schonen. Nicht nur wir Zwei befinden uns in größter Gefahr, sondern dera König auch. Ich werd ihm gleich früh Alles verzählen.«
»Ja, das mußt, damit er sich darnach zu richten hat.«
»Wir werden die Beiden auf frischer That ertappen. Meinst nicht?«
»Ja.«
»Und das mit dem Ofen wollen wir uns gut merken. Nun weiß man wenigstens, wie sie hereinkommen kann in die Schlafstuben des Königs. Wer hätt das noch gestern, als ich hier ankam, denken können, daß solche Sachen geschehen. Ich hab die Bäuerin immer für eine leichtsinnige Frau gehalten, für den Samiel und für so eine Gottlose aber nicht.«
Die Beiden saßen bei einander, bis der Tag anbrach. Es war ihnen unmöglich, zu schlafen. Sie verließen aber die Kammer erst dann, als das andere Gesinde auch bereits munter war. Dann begab Fritz sich an seine tägliche Arbeit.
Sein Mitknecht gönnte ihm keinen Blick, desto größere Aufmerksamkeit aber widmete Fritz ihm. Er wollte aufpassen, was der Bastian in Betreff des Beiles thun werde.
Der Sepp begab sich zum Könige, sobald er bemerkte, daß dieser aufgestanden sei. Er war fast eine ganze Stunde bei ihm und kam dann zur Bäuerin, um zu fragen, ob der Herr Ludwig nicht einen Wagen bekommen könne, um nach der Stadt zu fahren. Sie gab den Befehl, daß der Staatswagen angespannt werden solle. Fritz solle kutschiren. Nach einiger Zeit fuhr der König ab und kam erst gegen Mittag wieder.
Als Fritz dann die Pferde ausschirrte und sich bei ihnen im Stall befand, kam Sepp zu ihm.
»Hat dera König mit Dir sprochen?« fragte er.
»Ja, und so lieb und freundlich. Ich hab ihm meinen ganzen Lebenslauf verzählen müssen.«
»Und von heut Abend hat er Dir sagt, was Alles geschehen soll?«
»Ja.«
»Du hast einen schlimmen Posten.«
»O, ich denk nicht, daß eine Gefahr dabei ist.«
»Nein, wannst Dich still verhältst, nicht. Du hast grad solches Haar und fast einen solchen Bart wie der hohe Herr. Ein Licht wird nicht brennen, und wannst Dich dann ins Bett legst und ihr nicht grad das ganze Gesicht hinhältst, so wird sie glauben, daß Du wirklich dera Herr Ludwigen bist.«
»Was wird sie verschrecken, wann sie Alles sieht und erkennt!«
»Darauf freu ich mich königlich!«
»Und dem Bastian wirds in unsera Kammern ebenso ergehen wie ihr. Hast aufipaßt, ob er heimlich mal fortgewest ist?«
»Er ist nicht einen Augenblick aus dem Hof wegkommen. Ich kann mir ungefähr denken, wo er sich das Beil holen wird.«
»Wohl aus dera Schmiede?«
»Ja. Die Werkstatt ist offen bei Tag und Nacht. Warum auch nicht? Kein Mensch wird den Ambos forttragen. Und ich weiß ganz genau, daß hinten in dera Eck unter dem Blasebalg allerlei altes Eisenwerk liegt. Da ist sicher auch ein Beil dabei. Jetzt will ich gehen, damit man uns nicht bei einander findet.«
In den ersten Stunden des Nachmittages kam der Förster. Er wollte wegen des bei ihm verübten Einbruches in die Stadt und kehrte unter dem Baume ein.
Er saß einige Zeit bei dem Bauer und der Bäuerin. Seinen erregten Mienen und Gesticulationen war leicht anzusehen, in welch einer grimmigen Verfassung er sich befand.
Grad als er gehen wollte, kam ein Gensdarm vorüber. Es war nicht der in dieser Gegend stationirte Beamte, sondern einer, den man hier noch nicht gesehen hatte. Den Abzeichen nach, welche er trug, bekleidete er einen höheren Rang.
Die drei unter dem Baume sitzenden Personen wurden nicht gewahr, mit welchem Interesse er bereits von Weiten den Bauerhof heimlich betrachtete. Als er die Bäuerin erblickte, murmelte er leise:
»Diese Frau ist schön, steht in der Mitte der Dreißiger – es stimmt. Sie muß es sein. Ich thu, als ob ich vorübergehen wolle. Der Kleidung nach ists der Förster, der mit da sitzt.«
Er schritt, ohne nach den Dreien zu blicken, seines Weges fürbaß. Da rief der Förster ihm zu:
»Herr Schangdarm, wohin?«
»Nach dem Forsthause,« antwortete der Gefragte. »Das ist hier doch der richtige Weg.«
»Ja. Wollens etwa zum Förster?«
»Zu ihm, ja. Ich habe mit ihm zu reden.«
»So könnens herbeikommen. Ich bin dera Förster und kann Ihnen den Weg ersparen.«
»Das freut mich. Ich bin so sehr beschäftigt, daß diese Ersparniß mir sehr lieb ist.«
Er kam herbei und wurde aufgefordert, sich zu setzen. Der Förster sagte:
»Ich will jetzt eben nach dera Stadt, um mich zu erkundigen, wie es steht.«
»So brauchens nicht weiter zu gehen. Ich bin zu Ihnen gesandt worden, Sie zu benachrichtigen.«
»Das ist mir lieb. Aber ich kenne Sie gar nicht. Ich habe Sie hier noch nie gesehen!«
»Ich bin allerdings nicht hier stationirt, sondern drüben in Heinigsfeld. Ein Dienstweg führt mich her.«
»Wegen dem Samiel?«
»Ja.«
»Hats was Neues geben? Ist was entdeckt?«
»Glücklicher Weise, ja. Haben Sie bereits gehört, daß er in letzter Nacht wieder eingebrochen ist?«
»Nein, kein Wort. Wo denn?«
»In Oberdorf beim Pfarrer; aber das ist ihm nicht geglückt, denn der Pfarrer ist gewarnt worden.«
»Von wem?«
»Das weiß man nicht. Der geistliche Herr will es nicht verrathen, weil er meint, daß sich der Samiel dann an dem Warner rächen werde.«
»Das steht freilich zu erwarten.«
»Nun nicht mehr, denn der Samiel ist unschädlich gemacht worden.«
»Alle Teufel! Hat man ihn fangt?«
»Ja.«
»Ists wahr, ists möglich?«
»Ich kann es Ihnen versichern, denn ich selbst war es, der ihn arretirt hat.«
»Sie selbst! Gott sei Dank! Wann denn?«
»Heut am Vormittage.«
Das Gesicht, welches die Bäuerin machte, war gar nicht zu beschreiben. Schon vorher, als der Gensdarm sagte, daß der Pfarrer den Warner nicht verrathen wolle, war es wie eine stille Befriedigung über ihr Gesicht gegangen. Jetzt, aber, da sie vernahm, daß der Samiel gefangen worden sein solle, kam und ging das Blut in ihren Wangen. Sie wurde bald roth und bald blaß, beugte sich weit vor und las dem Gensdarm die Worte förmlich von den Lippen.
Dieser beobachtete sie scharf, aber so, daß sie es gar nicht beachtete.
»Wer ists denn, wer?« fragte der Förster.
»Der Viehhändler Thierbach.«
»Der! Ah, den kenne ich! Ein reicher Kerlen, aberst ein Trinker und Krawaller wie kein Zweiter. Nun weiß man ja, woher sein Reichthum stammt. Hat er es gestanden?«
»Nein. Der Mensch war äußerst renitent und hat sich seiner Verhaftung in einer Weise widersetzt, daß wir ihn fesseln mußten. Seine Bestrafung wird dadurch wohl nicht eine mildere werden.«
»Dera Kerl muß hingerichtet werden.«
»Wenn auch vielleicht das nicht; aber lebenslängliches Zuchthaus ist ihm gewiß.«
»Wie hat er sich denn verrathen?«
»Durch das von Ihnen gestohlene Geld.«
»Hurjesses! Mein Geld! Ists da!«
»Ja.«
»Und ich bekomms wieder?«
»Natürlich. Ich selbst habe es gezählt und mit dem Gefangenen dem Gericht überliefert. Es war genau so viel, wie Ihnen gestohlen worden ist. Die Scheine steckten auch in einer Brieftasche, genau wie die beschriebene.«
»Das ist gut, das ist gut! Das kann mich gefreun! Ah, das ist schön!«
Der Förster war ganz außer sich vor Entzücken. Der Gensdarm nickte ihm befriedigt zu und fuhr fort:
»Ich bin von Seiten des Gerichts sofort beauftragt worden, mich zu Ihnen zu begeben, um Ihnen den Sachverhalt zu melden.«
»Schön, schön! Das sollens nicht umsonst than haben. Ein solcher Weg muß bezahlt werden. Wann man dreißigtausend Mark rettet, kann man nobel sein. Hier habens ein Geschenk!«
Er zog den Beutel und legte dem Beamten eine Mark und einen Fünfzigpfenniger hin. Dieser aber schob ihm das Geld lächelnd wieder zu und sagte:
»Behalten Sie es nur, Herr Förster!«
»Warum denn?«
»Erstens ist es mir verboten, ein Geschenk anzunehmen, und zweitens steht die Höhe dieser Gratifikation nicht im Verhältniß zu der Summe, die ich Ihnen gerettet habe.«
»Wie meinens das? Ists zu wenig?«
»O nein, sondern im Gegentheile zu viel. Mit fünfzig Pfennigen hätten Sie ganz gut Ihre Schuldigkeit gethan.«
»Das will ich nicht; ich bin gern nobel. Nehmens nur die Kleinigkeit!«
Er schob ihm das Geld wieder zu; da aber gab ihm die Bäuerin einen Fußtritt und rief:
»Dummkopf! Merkst denn nicht, daßt nur auslacht wirst!«
»Auslacht? Von wem?«
»Von mir und auch vom Schangdarm. Für dreißigtausend Mark giebt man nicht fünfzehn Groschen. Verstanden, alter Knauserig!«
»So? Wieviel denn?«
»Ein paar hundert Mark!«
»Bist grün im Kopf!« rief er erschrocken.
»Du aber hinter den Ohren. Wann man einem Kellner im München für ein Bier, welches zwanzig Pfennige kostet, oft fünf Pfennige Trinkgeld giebt, wie ich hört hab, daß manche noble Herren es so machen, so kannst Dir ausrechnen, was das bei dreißigtausend Mark betragen thät.«
»Hier handelt es sichs nicht um ein Bier. Ich gab keinem Kellner einen Pfennig, und ich hab auch für mein Geld nix zu zahlen. Ich muß es ganz umsonst bekommen. Wann ich also anderthalb Mark freiwillig gab, so ist das sehr angenehm und nobel!«
»Da haben Sie sehr recht,« bestätigte der Gensd'arm, »da ich aber nichts annehmen kann, so muß ich das Geld zurückweisen. Geben Sie es der Ortsarmenkasse!«
Da griff der Förster schnell zu, steckte das Geld ein und sagte:
»Das kommt mir gar nicht in den Sinn! Meine Ortsarmenkasse ist hier meine Tasche. Ich bin kein Rothschild und kann mein Geld schon selberst brauchen. Nun aber sagens doch, wie Sie auf diesen Viehhändler kommen sind.«
»Sehr einfach. Sie hatten das Geld bei einer Lotterie gewonnen, und die Polizei telegraphirte sofort an die betreffende Stelle nach den Nummern der Kassenscheine, welche Ihnen ausgezahlt worden waren.«
»Hat man denn die Nummern wußt?«
»Ja. Solche Leute notiren sich die Nummer jedes Werthpapieres, welches durch ihre Hände geht.«
»Das ist sehr praktisch, und ich will es mir merken. Unsereiner kann das ja auch machen.«
»Wenn jeder Privatmann diese Vorsicht anwendete, so hätten wir Polizisten sehr oft viel leichteres Arbeiten. – Also wir bekamen die Nummern geschickt und merkten sie uns. Sie wurden allen Geld-, und Kaufleuten mitgetheilt. Gestern Abend nun meldete mir ein Kaufmann, daß der Viehhändler einen der bezeichneten Scheine bei ihm habe wechseln lassen. Ich überzeugte mich, daß es wirklich einer der Ihnen gestohlenen sei, und machte mich sofort mit mehreren Kameraden auf den Weg, den Viehhändler zu vernehmen.«
»Zu arretiren!«
»Nein. Er konnte das Geld doch auch von einem Anderen erhalten haben. Wir kamen sehr spät hin und fanden ihn nicht zu Hause, doch besetzten wir heimlich seine Wohnung.«
»Ich kann mir denken, wo er steckt hat,« bemerkte die Bäuerin, welche jetzt zum ersten Male das Wort nahm.
»So? Nun, wo?«
»Er ist während dieser Zeit beim Pfarrer in Oberdorf gewest, um einzubrechen.«
»Sie haben es errathen, obgleich er das leugnete.«
»Er wird sich hüten, Etwas einzugestehen, wobei man ihn nicht ertappt hat!«
»Ich hoffe, daß es dem Richter gelingen werde, ihn zu überführen. Als er nach Hause kam, war es fast heller Tag. Wir nahmen ihn fest und fanden eine Summe von dreißigtausend Mark bei ihm. Nur der eine Schein fehlte, welchen er ausgegeben hatte. Natürlich wurde er nun strenger gefragt. Er konnte sich über den rechtlichen Erwerb dieses Geldes nicht ausweisen, und bei einer Durchsuchung seiner Wohnung fanden wir nicht nur allerlei fremdes Gut, was jedenfalls von früheren Einbrüchen herrührt, sondern auch einen dunkeln, breitkrämpigen Hut, wie der Samiel ihn zu tragen pflegt, und endlich auch eine schwarze Sammetmaske. Damit war es natürlich erwiesen, daß er der Samiel ist.«
»Ganz recht, ganz recht! O, wie mich das gefreut, wie mich das gefreut!« rief die Bäuerin.
Sie befand sich fast in Extase. Der Ausdruck ihrer Freude war ein so lauter und auffälliger, daß der Gensdarm sie verwundert anblickte. Sie bemerkte das und erröthete verlegen. Sie erröthete verlegen. Sie erkannte, daß sie irgend Etwas zur Entschuldigung ihres Verhaltens sagen müsse. Darum fragte sie:
»Wunderns sich etwa über meine Freude?«
»Ein Wenig, ja, wie ich offen gestehe.«
»Nun, es muß sich doch Jedermann freuen, daß dieser Kerl endlich ergriffen worden ist!«
»Allerdings; aber selten wird diese Freude sich in so stürmischer Weise Luft machen.«
»Je größer die Sorge vorher, desto größer die Freud nachher.«
»Das gebe ich auch zu. Aber Sie glühen ja förmlich vor Entzücken!«
»Das liegt nun einmal in meiner Naturen. Ich bin ein Wenig feurig in Allem. Sie müssen nur bedenken, in welcher Aengsten grad wir hier in dieser Gegend schwebt haben. Unser Hof ist als dera größte und reichste bekannt. Wie leicht könnt da dera Samiel auf den Gedanken gerathen, grad uns mal einen Besuch abzustatten, zumal –«
Sie hielt inne.
»Sprechen Sie weiter!« forderte er sie auf.
Sie fügte in gesenktem Tone hinzu:
»Zumal er schon mal bei uns gewest ist.«
»Ah! Davon weiß ich gar nichts.«
»Es ist bereits lange her. Er hat nix wegtragen könnt, denn mein Mann hat ihn derwischt.«
»Das ist mir interessant! Da ist es wohl gar zu einem Kampfe gekommen?«
»Ja. Er hat meinen Mann in die Augen schossen, daß dieser seit dera Zeit blind ist.«
»Wie schrecklich! Das wird nun natürlich auch mit zur Sprache kommen. Da hat er also sich damals ohne Raub zurückziehen müssen?«
»Er hat gar nix mitnehmen konnt, weil durch den Schuß die Leut herbeirufen worden sind. Er hat wußt, daß wir damals ein hübsches Geld liegen hatten und sich dasselbige holen wollen.«
»So wäre es freilich zu wünschen gewesen, dieser Diebstahl wäre ihm gelungen, anstatt daß er, um sich zu vertheidigen, Ihren Mann blind gemacht hat. Das Geld läßt sich weit eher verschmerzen, als das Augenlicht.«
Der Bauer hustete leicht und bemerkte mit zitternder Stimme:
»Die Sach hat damals doch was anders legen.«
»Wie denn?«
»Er mag wohl nicht wegen dem Geld kommen sein, sondern aus einem andern Grund.«
»Dürfte ich diesen erfahren?«
»Es ist eine Familiengeschicht, und ich red nicht wieder davon. Was ich zu tragen hab, das will ich tragen; dera Herrgott wird der Richter sein.«
Dieser Ausgang ihrer Bemerkung war der Bäuerin keineswegs lieb. Sie sah, daß der Gensdarm sie forschend anblickte. Darum sagte sie in energischem Tone:
»Kommst wieder mal auf die alte Geschichte zurück! Um Familiensachen hat es sich damals nicht gehandelt.«
»Um was denn sonst? Um das Geld auch nicht.«
»O ja! Wenn sichs um die Familie gehandelt hätt, so wär doch nur allein ich gemeint, denn sie besteht ja nur aus mir und Dir!«
»Freilich wohl!«
Bei diesen in ruhigem, ergebungsvollem Tone gesprochenen Worten lehnte der Bauer den Kopf nach hinten an den Baum und machte mit der Hand eine Bewegung, welche bedeuten sollte:
»Ich weiß doch, was ich weiß; aber ich halte es für das Beste, kein Wort darüber zu verlieren.«
Das ergrimmte seine Frau. Sie fühlte sich als still Angeklagte und sagte in betheuerndem Tone:
»Gott ist mein Zeuge, daß Deine Erblindung mir ebenso viel Leid bracht hat wie Dir. Wann es eine ewige Gerechtigkeiten giebt, so muß dera Samiel grad so wie Du das Licht seiner Augen verlieren!«
»Kathrin'!« rief der Bauer erschrocken.
»Ja, das ist meine Meinung!«
»Weißt auch, wast sagst?«
»Ganz genau!«
Der Bauer faltete die Hände und wiederholte langsam und mit Nachdruck ihre Worte:
»Wann es eine ewige Gerechtigkeit giebt, so muß dera Samiel grad so wie Du das Licht seiner Augen verlieren!«
Die Art und Weise, wie er diese inhaltsschweren Worte, diese freche Herausforderung Gottes, wiederholte, machte einen tiefen Eindruck auf die Anwesenden. Auch die Bäuerin überlief es eiskalt, aber sie ließ es sich nicht merken und begehrte nur desto strenger auf:
»Und das wär nicht mal genug für ihn!«
»Was denn noch?«
»Er müßt auch meine und Deine Seelenqual empfinden, welche endlos gewest ist in dieser langen Zeit.«
Der Bauer streckte wie warnend und beschwörend den Arm gegen sie aus.
»Weib! Bedenk in Deiner Seel, wem Du das Alles anwünschest!«
»Dem Samiel!«
»Und wer ist er?«
»Weiß ich es? Mag er sein, wer er will. Ihm ist die Höll schon hier auf Erden zu gönnen, und mein einzigs Gebet ist gewest, daß ihn die Straf ereilen mag!«
»Mein Gott, mein Gott!« stöhnte der Bauer.
»Thäts Dir etwa leid um ihn?« höhnte sie.
»Lästre nicht!«
»Ich kann Dich nicht verstehen und begreifen! Das klingt doch grad, als obst in Deinen Schutz nehmen möchtest. Kennst ihn vielleicht?«
»Nein.«
»Es hat fast so klungen!«
Der Gensdarm war diesen Auslassungen zwischen Mann und Frau mit größter Aufmerksamkeit gefolgt. Jetzt sagte er:
»Ich muß allerdings auch bemerken; daß Ihre Aeußerungen, Kronenbauer, sehr leicht vermuthen lassen, daß Sie gewußt haben, wer der Samiel ist. Wollen Sie sich nicht darüber aussprechen?«
»Nein.«
»Ich bitte Sie in meiner amtlichen Eigenschaft darum. Ich bin verpflichtet zu dieser Bitte.«
»Das geht mich nix an.«
»Wissen Sie, daß ich Sie zwingen lassen kann?«
»Mich, einen alten, blinden Mann!«
»Darauf darf in solchen Angelegenheiten keine Rücksicht genommen werden.«
»So wird dera Herr Staatsanwalt auch weiter nix derfahren als Sie!«
»Sie scheinen einen harten Kopf zu haben!«
»Nein. Es scheint nur so. Wissens, Herr Schangdarm, ich hab einen Verdacht in mir habt in letzter Zeit, einen gräßlichen Verdacht. Ich hab denkt, dera Samiel ist eine Person, welche mir nahe steht. Nun es sich aberst herausstellt hat, daß dera Viehhändler es ist, so bin ich von dieser Last befreit.«
»Ach so! Nur ein Verdacht! Das ist etwas ganz Anderes. Einen Verdacht mir mitzutheilen, kann ich keinen Menschen zwingen. Sie, Herr Förster, brauchen also nicht nach der Stadt zu gehen. Ich habe Ihnen den Trost gebracht, daß Sie Ihr Geld wiederbekommen werden, und kann nun gehen!«
Er erhob sich und streckte die Hand aus, als ob er sich bei dem Förster verabschieden wolle, zog sie aber wieder zurück, that, als ob er sich besinne, und sagte dann:
»Da ich mich auf dem Kronenhof befinde, fällt mir Etwas ein. Zufälliger Weise kenne ich den Baumeister, welcher Ihr neues Nebengebäude errichtet hat. Stehen Sie auf freundschaftlichem Fuße mit ihm?«
»Nicht sehr,« antwortete die Bäuerin, welche über diese Wendung des Gespräches erschrak.
»Aus welchem Grunde wohl?«
»Er verleumdet uns.«
»Hm! Das ist mir auch so vorgekommen.«
»Hat er etwa was zu Ihnen sagt?«
»Positives nicht. Er hat nur so verblümt bemerkt, daß Sie sehr gegen die Gesetze gebaut hätten und ihm nicht erlaubten, die gebotenen Veränderungen vorzunehmen.«
»Der Schuft!«
»Er scheint es darauf abgesehen zu haben, Ihnen schaden zu wollen.«
»Das ist richtig. Er hat nur die Absicht dabei, sich ein Geldgeschenk zu erpressen.«
»Lassen Sie ihn bestrafen!«
»Kann ich das?«
»Natürlich! Sobald Sie nachweisen können, daß er Sie nur verleumdet, können Sie ihn zur Anzeige bringen.«
»Das sollt mir lieb sein. Ich werd mal mit dem Advocaten reden.«
»Das ist gar nicht nöthig. Wissen Sie, ich bin Jahre lang bei der Baupolizei angestellt gewesen und verstehe mich auf dieses Fach. Wenn Sie mir erlaubten, mich einmal in dem Neubau umzusehen, so könnte ich Ihre Sache bei der Behörde vertreten.«
»Was wollens denn ansehen?«
»Ich hab nur zu beachten, ob die Räume sich in einem Zustande befinden, welcher der Gesundheit nicht nachtheilig ist. Das ist das Einzige, um was es sich handelt.«
Die Bäuerin fühlte sich erleichtert, als sie das hörte. Also war von geheimen Thüren und Räumen doch nicht die Rede gewesen.
»Da könnens nachschauen,« sagte sie. »Wanns mal paßt, so kommens wieder her!«
»Heut bin ich einmal da. Paßt es Ihnen?«
»Mir wohl; aberst ich hab halt zwei Herren da wohnen, von denen ich nicht weiß, ob Sie ihnen willkommen sein werden.«
»O, ich werde mich zu entschuldigen wissen.«
»So will ich Sie führen!«
Sie begab sich mit ihm in das neue Gebäude. Das Vorbringen der baupolizeilichen Angelegenheit war nur ein Vorwand gewesen. Die wirkliche Absicht des Polizisten war, die Wohnung des Königs sehen zu können, ohne daß die Bäuerin den eigentlichen Grund ahnte. Er hatte dieselbe heut Abend zu besetzen und wollte sich orientiren. Von dem Zerwürfniß zwischen dem Baumeister und der Bäuerin hatte er im Gasthofe erfahren und sich das zum Nutzen gemacht.
Natürlich hatte weder der Medizinalrath noch der König Etwas dagegen, daß ein Polizist ihre Wohnungen in Augenschein nahm. Da sich die Bäuerin dabei befand, konnten die Herren nicht sprechen, aber auf einen verstohlen fragenden Blick des Königs verneigte sich der Gensdarm leicht und bejahend. Dann entfernte er sich. Wieder unten angekommen, fragte ihn die Bäuerin nach dem Resultate seiner Besichtigung.
»Ich begreife diesen Baumeister nicht,« antwortete er. »Es ist ja Alles in der besten Ordnung!«
»Nicht wahr! Das hab ich wußt.«
»Sie können ihn also zur Strafe ziehen.«
»Das werd ich thun, wann er nicht aufhört.«
Sie griff in die Tasche, um ihm ein Geldgeschenk zu machen; er aber wies es zurück und entfernte sich.
Auch der Förster ging, um den Seinigen mitzutheilen, daß sein Geld glücklich gerettet sei.
Von da an verlief der Tag in der altgewohnten, ruhigen Weise. Die beiden einlogirten Herren gingen spazieren. Fritz versorgte seine Arbeit, und der Sepp war nicht zu sehen. Er lag hinter einem Busch auf der halben Bergeshöhe, von wo aus er den Kronenhof übersehen konnte. Er hatte sich vorgenommen, genau aufzupassen, ob der Bastian denselben verlassen werde.
Dabei gab er sich einer eigenthümlichen Beschäftigung hin. Er hatte nämlich zwei Kürbisse, welche er eifrig mit dem Messer bearbeitete, um sie in eine kopfähnliche Form zu bringen. Dieser Versuch schien ihm auch wirklich recht gut zu gelingen.
So wurde es Abend. Das Tagewerk war vollbracht und auf dem Kronenhofe saßen Herrschaft und Dienstboten beim Nachtmahle. Nur der Sepp fehlte. Das fiel aber Niemand auf, auch der Bäuerin nicht, da er sich selten an die Ordnung des Hauses, in welchem er sich zufälligerweise aufhielt, gebunden fühlte.
Er stand allein zwischen Dorf und Hof an der Straße und lauschte nach der Richtung des Dorfes hin. Da hörte er Schritte. Mehrere Leute kamen. Das war zu hören. Als sie nahe waren, erkannte er Uniformen und trat ihnen entgegen.
»Gut, daß Sie pünktlich kommen!« sagte er. »Drin im Hof wird gessen. Ich werd Sie führen.«
Es waren zehn Gensdarmen. Sie wurden von Demjenigen angeführt, welcher heut am Nachmittage hier gewesen war.
»Weißt Du auch gewiß, daß wir nicht bemerkt werden, Sepp?« fragte er.
»Ganz sicher! Soeben erst hab ich wieder nachschaut und will auch nochmal voranlaufen. Kommens langsam nach!«
Er eilte fort. Als sie am Hofe anlangten, stand er wartend da und meldete:
»Sie sind noch Alle beisammen. Nicht wahr, Sie theilen sich?«
»Ja. Fünf werden die Bäuerin fassen, dabei bin ich, und die anderen Fünf sollen sich so verstecken, daß sie den Bastian bei offener That fassen können.«
»Habens Laternen mit? Ich kann hier keine verschaffen, ohne daß es auffallen thät.«
»Wir haben alles Nöthige mit.«
»So gehen Sie mit Ihren vier Leuten nur getrost in das neue Gebäude. Wanns die Treppe hinaufkommen und anklopfen, wird dera Herr Ludwigen aufimachen; er wartet schon. Und die anderen Fünf werd ich durch das Thor führen.«
»Aber daß ihnen kein Mensch begegnet!«
»Das ist nicht möglich. Kommens nur, Ihr Herren!«
Er ging ihnen voran in den Hof, am Stalle vorüber und die Treppe hinauf, welche nach Fritzens Kammer führte. Wenn man an der Thür der Letzteren vorüber ging, so gelangte man in eine alte Rumpelkammer, in welche fast während des ganzen Jahres kein Mensch kam. Dorthin versteckten sich die Polizisten in der Dunkelheit.
»Wartens, ich werd aufschließen,« sagte er. »Ich hab mir den Schlüssel vom Fritz geben lassen und auch das Schloß eingeölt, damit es nicht schreit. Da machens von innen zu, damit kein Mensch hinein und Sie sehen kann. Nachhero werd ich schon kommen und Ihnen sagen, wanns losgehen wird und wann Sie ihre Laternen anbrennen können. Verhaltens sich nur still!«
»Der Kerl wird Ihnen doch keinen Schaden thun können?« fragte Einer.
»O nein! Wir bleiben gar nicht in dera Kammer.«
»Ach so! Aber da findet er Sie doch nicht.«
»Er findet uns schon, wenigstens wird er es denken. Wir machen zwei Puppen mit Kürbisköpfen; die legen wir hinein. Licht hat er sicherlich nicht mit, und der Mond läßt nur so viel Helligkeiten durch das Fenster, daß dera Bastian die Puppen für uns halten wird. Sobald er in die Kammer ist, schleichens hin, und wann er die Kürbissen dermordet hat, da nehmens ihn fest. Dann hat er keine Ausred, und es ist bewiesen, daß er wirklich hat morden wollt.«
Nun ging er und stellte sich wieder auf die Lauer. Nach kurzer Zeit sah er den Bastian aus dem noch offenen Thore kommen und verstohlen nach dem Dorfe gehen. Er zog seine schweren Schuhe aus und folgte ihm. Da konnte er sich sehr bald überzeugen, daß er sich nicht geirrt hatte. Der Knecht stahl sich in die offene Schmiede.
Nun kehrte der Sepp zurück und wartete wieder in der Nähe des Gutes, bis der Bastian zurückkehrte. Er hatte sich in den Straßengraben gelegt und sah, daß der hart an ihm Vorübergehende ein Beil in der Hand trug. Ihm wieder folgend, überzeugte er sich, daß der Knecht das Mordwerkzeug in die Bohnen versteckte und dann über den Zaun ins Freie sprang. Jedenfalls wollte er nun die beiden Samielsanzüge herbeiholen.
Jetzt begab sich der Alte nach der Kammer Fritzens. Dieser saß seiner wartend da.
»Nun, wie ists gangen?« fragte der Letztere.
»Alles in Ordnung. Er ist eben fort, um die Anzüg zu holen. Wo befindet sich die Bäuerin?«
»Die hat sagt, sie hätt Kopfschmerzen und ist zu Bett gangen.«
»Heuchlerin! Der Bastian hat aus dera Schmiede das Beil holt und im Bohnenbeet versteckt, damit will er uns kalt machen.«
»Wollen wir die Puppen schon hineinlegen?«
»Noch nicht. Erst legen wir uns hinein.«
»Was? Wozu?«
»Nun, heut kannst versichert sein, daß dera Bastian vorher kommen wird, um nachzuschauen, ob wir auch wirklich zu Bett sind. Also komm!«
Sie legten sich gleich in den Kleidern nieder und ließen die Thür unverschlossen. Es verging über eine halbe Stunde, da stellte es sich heraus, daß der Alte ganz richtig vermuthet habe. Ein lauter Schritt kam zur Treppe herauf und dann klopfte es draußen an die Thür.
»Sepp!« rief es.
Sie erkannten die Stimme des Bastian.
»Was?« fragte der Alte.
Da machte der Knecht die Thür ein Stück auf, natürlich um sich zu überzeugen, ob sie verschlossen sei oder nicht.
»Ist dera Fritz auch da?«
»Ja.«
»Schläft er?«
»Nein. Was willst?« antwortete Fritz.
»Die Bäuerin schickt mich noch. Sie will in der Früh nach dera Kreisstadt fahren, und Du sollst anspannen.«
»Welche Zeit?«
»Vier Uhr.«
»Sapperment! So zeitig! Da kann ich nur schnell schlafen. Ich hab noch nicht ausschlafen von gestern.«
»Glaubs!« bemerkte der Bastian höhnisch.
»Am End verschlaf ichs gar!«
»Soll ich Dich etwa wecken?«
»Ja, wannst aufiwachst.«
»So riegel aber nicht zu, damit ich herein kann, um Dich aus dem Bett zu ziehen, wannst etwan schlaftrunken bist.«
»Gut! Die Thür bleibt auf.«
»So schlaf wohl!«
»Gute Nacht! Bist ja heut recht höflich!«
»Weil man bei den jetzigen Zeitläuften gar nicht wissen kann, wie oft man noch eine gute Nacht wünschen darf.«
Er ging.
»Verfluchter Kerl!« flüsterte Fritz. »Welch ein Hohn auch noch!«
Der Sepp sagte gar nichts. Er sprang aus dem Bett und huschte barfuß hinaus und zur Treppe hinab. Es dauerte eine ziemliche Weile, ehe er wiederkam. Da meldete er:
»Jetzt ist der Bastian bei dera Bäuerin.«
»Durch die Thür?«
»Nein, durchs Fenster. Sie hat ihm die Strickleiter herunter lassen.«
»Sie werden sich besprechen.«
»Ja. Und er hat ihr den Anzug mit heraufibracht. Nun wollen wir die Puppen hereinlegen. Komm!«
Die aus Stroh gedrehten Figuren lagen unter dem Bette. Sie wurden in dasselbe gelegt und die Köpfe daran befestigt. Dann deckte der Sepp sie recht hübsch zu.
»So!« lachte er. »Die haben am Längsten gelebt. Das schaut wirklich ganz so aus, als ob wir Beid recht hübsch mit nander schlafen thäten.«
»Ja. Der eine Kürbis hat noch die dunkle Schale auf dem Kopfe; das bin ich, weil ich schwarzes Haar hab. Den anderen hast abgeschält; das bist Du mit dem grauen Kopf. Aberst wann er nun herfühlen thut, da merkt er sofort die Täuschung.«
»Er wird sich hüten, uns erst so gemüthlich zu betasten, bevor er uns derschlägt. Nein. Der kommt herein, schaut die beiden Köpfe an, hält sie für die unserigen und haut zu. So wird es sein. Nun komm! Du mußt den Bauer holen. Aberst nimm Dich in Acht, daß sie es nicht bemerkt!«
Sie gingen. Bevor sie aber die Treppe hinabstiegen, ging der Sepp nach der Rumpelkammer, klopfte an und nannte seinen Namen. Die Gensdarmen machten auf.
»Jetzt gehn wir fort,« sagte er. »Habt Ihrs hört, was dera Kerl vorhin wollte?«
»Ja, der Fritz soll anspannen.«
»O, das war nur zum Schein. Er wollt sehen, ob wir da sind und sich auch versichern, daß wir die Thür offen lassen. Also jetzt gehen wir fort. Wer nun kommt, der ist dera Mörder; den nehmt fest. Es kann zwar wohl noch ein Stündchen dauern oder auch noch länger; aberst es ist besser, daß Ihr schon jetzt die Laternen anbrennt, damit Ihr sie bereit habt. Aber laßt das Licht nicht zu früh sehen.«
Er ging zu Fritz, welcher unten an der Treppe stand. Dort schieden sie für wenige Minuten von einander. Der Sepp ging zum König, und Fritz suchte den Bauer auf, zu welchem Zwecke er sich ein Küchenfenster fürsorglicher Weise von innen aufgewirbelt hatte, um einsteigen und so in das Haus kommen zu können.
Wie der Sepp ganz richtig gesehen hatte, war der Bastian zur Bäuerin gegangen. Sie hatte ihm die Strickleiter herunter gelassen, und er stieg hinauf, um ihr den Anzug zu bringen.
»Darf ich nicht mit hinein?« fragte er, außen am Fenster hangend.
»Komm und mach rasch! Aber stoß nicht an das Fenster, sonst klirrt es!«
Er sprang hinein. Es war dunkel drin, und er drückte sie mit beiden Armen fast übermäßig fest an sich.
»Kätherl!« flüsterte er. »Heut leben unsere Feinde noch; morgen aberst sind sie todt. Dann muß nur noch dera Bauer sterben; nachhero bist mein.«
»Ja, dann bin ich Dein; aber zerdrück mich nur nicht. Wir haben noch Zeit. Es ist noch nicht Mitternacht. Zwischen Zwölf und Eins schläft man am Festesten. Hast Alles besorgt?«
»Ja, es fehlt an nix. Auch das Beil ist da.«
»Woher?«
»Aus dera Schmiede.«
»Das hast klug macht. Ueberhaupt haben wir unsere Sach so geschickt eingerichtet, daß sie gut gelingen muß. Wir haben seit Mittag kein Wörtle mit nander sprochen, darum weißt auch noch nicht, was dera Schangdarm wollt hat.«
»Als ich ihn sah, hab ich fast Angst bekommen.«
»Ich auch; aberst wir können uns im Gegentheil freuen über das, was er wollt hat. Das könntest niemals errathen, Bastian?«
»So? Was ists denn?«
»Denk Dir nur! Sie haben heut Vormittags den Samiel arretirt.«
»Wa–a–a–as! Wen denn?«
»Einen Thierhändler.«
»O, das ist herrlich! Das ist gut für uns! Dem werden sie Alles aufiladen.«
»Hm! Nur bis morgen; denn wann es morgen heißt, daß dera Samiel bei uns einstiegen ist und den Herrn Ludwigen beraubt und die beiden Andern dermordet hat, so kommts ja heraus, daß sie den Falschen arretirt haben.«
»Wie kommts denn, daß er einsteckt worden ist? Er ist unschuldig!«
Sie erzählte es ihm, und längere Zeit hatten sie ihren Spaß darüber. Dann aber trat ihr gegenwärtiges Vorhaben mit seinen ernsten Forderungen an sie heran. Sie besprachen Alles noch einmal genau, besonders, daß Bastian eher anfangen und auch eher fertig sein müsse als sie, weil er ja im Garten zu warten hatte, um ihren Anzug in Empfang zu nehmen. Dann trennten sie sich, nachdem sie nochmals sehr zärtlich mit ihm gewesen war, um ihm Muth zur Ausführung seines Vorhabens zu machen.
Sie kroch durch den Schrank, um sich in dem geheimen Cabinette anzuziehen. Sie steckte auch die beiden Doppelpistolen zu sich. Vier Schüsse! Damit konnte sie sich jedenfalls Luft schaffen, wenn Etwas schief gehen sollte.
Nun wartete sie noch eine Weile und trat dann in die Ecke, in welcher der Ofen stand.
Man konnte von dieser Seite eine Kachel fortnehmen und durch die so entstandene Oeffnung in die Schlafstube des Herrn Ludwig sehen. Sie entfernte die Kachel vorsichtig, so daß kein Geräusch entstand, und sah, daß kein Licht brannte. Als sie horchte, hörte sie die regelmäßigen, tiefen Athemzüge eines Schlafenden.
Um zu probiren, wie tief sein Schlaf sei, hustete sie halblaut. Selbst wenn er es hörte, war das nicht gefährlich. Sie konnte ja weder gesehen noch irgendwie anders entdeckt werden, wenn sie die Kachel wieder an ihre Stelle brachte.
Nicht das mindeste Geräusch antwortete auf ihr Husten. Der Schläfer athmete ruhig weiter. Sein Schlaf war also sehr gesund und tief. Sie hatte nichts zu befürchten. Darum griff sie nach der Mechanik und schob den Ofen in das Schlafzimmer hinein. Durch die so entstandene Oeffnung trat sie ein und schob dann den Ofen wieder zurück.
Jetzt blieb sie abermals lauschend stehen. Dann, als Nichts sich regte, huschte sie an das Bett. Sie beugte sich über den Schlafenden. Sie konnte seinen Kopf ziemlich deutlich erkennen. Er lag mit dem Gesicht gegen die Wand gerichtet.
Vor dem Bette stand der Schlaftisch. Auf demselben tikte die kostbare Uhr. Die abgezogenen Ringe und andere Kostbarkeiten lagen da. Sie steckte das Alles schnell zu sich. Dann nahm sie sogar die Hose vom Stuhle, um zu untersuchen, was sich in den Taschen derselben befinde. Sie fand ein gut gefülltes Portemonnaie und steckte es auch ein.
Jetzt war sie hier fertig. Nun mußte sie den Schläfer wecken, um sich ihm zu zeigen, damit er morgen sagen könne, daß der Samiel ihn beraubt habe.
Da aber zu erwarten war, daß er sofort Lärm machen werde, mußte sie auf eine schleunige, ungehinderte Flucht bedacht sein. Dazu war es nöthig, daß sie sich vorher alle Thüren öffnete, um sie während der Flucht schnell hinter sich zu verschließen. Das wollte sie jetzt thun.
Sie wendete sich also zur Thür, welche aus dem Schlaf- in das Wohnzimmer führte und öffnete dieselbe, nicht langsam, sondern schnell und energisch, indem man sie dabei fest in die Angeln drückt, so geht selbst eine schlecht geölte Thür leise auf.
Also das that sie. Sie zog die Thür mit einem kräftigen Rucke auf und – – stieß einen lauten Schrei aus. Das Zimmer war erleuchtet. In Mitten desselben, auf einem Polsterstuhle, saß eine einzige Person – ihr Mann, der Bauer, die jetzt unverbundenen, scheinbar lichtlosen Augen starr auf sie gerichtet.
Warum hatte sie geschrieen? Der Blinde konnte ihr doch nichts schaden, da er sie nicht zu sehen vermochte. Sie brauchte sich nur an ihm vorüber zu schleichen. Also gefährlich war er ihr gar nicht. Ganz einfach nur die Ueberraschung hatte ihr den Schrei entrissen. Was hatte ihr Mann hier zu suchen, während der Bewohner des Gemaches schlafend im Bette lag? Das konnte sie sich nicht erklären.
Sie nahm an, daß ihr Mann sie nicht gesehen habe; aber gehört hatte er sie, denn er erhob sich langsam vom Stuhle, hielt den Blick noch starr auf sie gerichtet und fragte ernst:
»Was willst dahier?«
Sie fragte sich, ob es bester sei, sich von dem Schläfer auch noch sehen Ka lassen oder lieber gleich flüchtig an ihrem Manne vorüber zu huschen. Sie wählte das Letztere, denn es war besser, der Gefahr schnell zu entgehen, als dieselbe herauszufordern.
Sie antwortete also gar nicht auf die an sie gerichtete Frage und ging leisen Schrittes nach der Thür, welche nach dem Vorzimmer führte. Dabei blickte sie nicht von ihrem Manne weg, und, eigenthümlich, auch er drehte sich so, wie sie ging, und wendete den Blick nicht von ihr, grad, als ob er sie sehen könne.
Jetzt hatte sie die Thür erreicht und wollte sie aufmachen.
»Gieb Dir keine Mühe, Samiel!« sagte der Bauer. »Die Thür ist von außen verschlossen. Du kannst nicht hinaus.«
Sie erschrak. Was war zu thun? Sprechen durfte sie trotz der Maske nicht, denn ihre Stimme konnte erkannt werden. Der einzige Weg zur Rettung war jetzt der durch den Ofen zurück. Verrathen war da doch nichts, denn der Blinde konnte ja nicht sehen. Sie eilte also nach der Schlafstubenthür zurück und – erstarrte fast vor Schreck, denn da trat Fritz, der Knecht unter die Thür.
»Wo willst hin, Samiel?« fragte er. »Hier kannst auch nicht durch!«
Das Entsetzen raubte ihr die Sprache. Also Fritz, welchen sie jetzt schon todt meinte, stand vor ihr! Grad Derjenige, welcher Alles wußte.
Aber wenn Alles fehlschlug, so war er der Sohn ihres Mannes. Selbst wenn ihr die Flucht nicht gelang, konnte er sie nicht dem Strafgericht übergeben. Und vorher hatte sie ja ihre Pistolen.
Dieser letztere Gedanke gab ihr die Fassung zurück. Sie riß die eine Pistole aus der Tasche und rief mit dumpfer, verstellter Stimme:
»Zurück, Unglücklicher!«
Es war ihr Ernst, ihn niederzuschießen. Wenn er todt war, konnte er nichts verrathen, und ihr Mann war ja blind. Aber Fritz war schneller als sie. Er entriß ihr die Waffe, warf sie fort und sagte:
»Unsinn! Ein Weibsbild hat kein Geschick zum Schießen! Mach Dich nicht lächerlich!«
Da zog sie die zweite Pistole, aber dieser erging es nicht anders als der ersteren, auch sie wurde fortgeschleudert.
Und da legte sich eine Hand auf ihre Achsel. Ihr Mann war hinter ihr herangekommen und erklärte drohend:
»Samiel, Du bist unser Gefangener!«
Sie wendete sich um zu ihm. Seine Augen glühten ihr voller Haß entgegen. Waren das blinde Augen? Konnten diese Augen nichts mehr sehen?
Da ging es wie ein Blitz durch ihr Hirn. Der Arzt hatte ihn operirt; die Operation war gelungen, er konnte sehen. Das überwältigte sie so, daß sie fast zusammensank. Aber sie raffte sich zusammen, zeigte nach der vorderen Thür und gebot, noch immer mit verstellter Stimme:
»Macht auf! Ich will fort!«
»Nachdem Du mich bestohlen hast?« lachte Fritz. »Du hältst mich für einen sehr dummen Kerl!«
»Dich!« rief sie.
»Ja, ich wars, der im Bette lag. Dera Herr Ludwig hat keine Lust habt, sich von Dir besuchen zu lassen. Thu nur die Larve herab. Wir kennen Dich längst!«
Er faßte sie mit der linken Hand ohne alle Rücksicht kräftig bei der Gurgel, schlug ihr mit der Rechten den Hut herab und riß ihr dann die Maske vom Gesicht. Sie mußte erfahren, daß selbst das kräftigste Weib einem Manne nicht gewachsen ist.
Als nun ihr Gesicht nicht mehr verhüllt war, hätte man denken sollen, daß eine große Scham sie überkommen müsse; aber dem war nicht so. Sie ballte vielmehr die Fäuste, drang auf Fritz ein, faßte ihn bei der Brust und schrie:
»Hund! Verräther! Was hast hier zu thun. Fort mit Dir ins Bett. Was ich in meinem Haus mach, das geht Dich nix und gar nix an!«
»In Deinem Hause?« fragte da der Bauer. »Welcher Stein dieses Hauses gehört Dir? Du bist als Bettlerin zu mir gekommen und wirst noch viel ärmer von mir gehen. Die Liebe hat Dich bei mir aufgenommen, aber die Rache wird Dich von mir entfernen. Die Schande, welche Du auf mein Haupt geladen hast, werden mir die Menschen vergeben, denn ich habe sie im Voraus abgebüßt. Dein Schicksal aber wird sein – –«
»Was wird mein Schicksal sein?« rief sie, ihn unterbrechend. »Nehmt erst Euer Schicksal hin – den Tod!«
Sie schnellte sich zwischen den Beiden hindurch, riß die eine der Pistolen von der Diele auf, spannte blitzschnell die beiden Hähne und drückte erst auf ihren Mann und dann auch auf Fritz ab.
Die beiden Schüsse krachten.
Sie hatte ganz genau nach den Köpfen gezielt. Die beiden Männer standen ihr so nahe, daß sie treffen mußte. Sie erwartete, daß sie umsinken würden. Statt dessen aber lachte Fritz:
»Spiel nicht mit dera Schlüsselbüchsen, Bäuerin. Dazu bist zu dumm und kannst nur Dir selbst schaden.«
Ohne zu bemerken, daß die beiden Männer sich gar keine Mühe gaben, sie daran zu hindern, hob sie auch die zweite Pistole auf und spannte die Hähne.
»Schieß nicht!« sagte Fritz. »Es hilft Dir doch nix. Da schau mal hin!«
Er deutete nach der Thür.
Unterdessen hatte auch der Bastian sich an die Lösung seiner schrecklichen Aufgabe gemacht. Er war in den Garten gegangen, hatte dort den Anzug angelegt und die Maske vorgebunden, dann das Beil ergriffen und sich nach der zu Fritzens Kammer führenden Treppe geschlichen.
Er stieg sie möglichst leise hinauf; aber eine der hölzernen Stufen knarrte doch.
»Hört Ihr es?« flüsterte droben einer der Gensdarmen. »Es knarrte eine Stufe. Ich glaube, er kommt.«
Die Beamten lauschten. Sie hörten deutlich, daß Jemand leise geschlichen kam. Dann kreischte die Kammerthür kaum hörbar.
»Sepp!« wurde halblaut gerufen.
»Ah! Der Kerl geht sicher. Er will sich zuvor überzeugen, daß sie fest schlafen.«
»Fritz!« rief er wieder.
Natürlich kam keine Antwort. Darum trat er ein, die Thür hinter sich weit offen lassend.
»Kommt!« commandirte der Gensdarm. »Zwei leuchten und Drei werfen sich auf ihn!«
Der Bastian huschte, das Beil in der Hand, an das Bett. Dort bückte er sich nieder. Er sah die Köpfe, einen scheinbar mit weißen und den anderen mit schwarzen Haaren. Der Letztere, Fritz war es, den er am Meisten haßte.
»Den nehme ich eher!« flüsterte er.
Er erhob das Beil, holte aus und der Hieb sauste nieder. Er hörte und fühlte, daß der Kopf zerschmettert sei. Sofort führte er den zweiten, ebenso kräftigen Hieb gegen den anderen Kopf. Auch dieser war vollständig zerschmettert.
»Gott sei Dank! Die sind dahin!« sagte er laut. »Nun könnens uns anzeigen! Das Beil laß ich hier!«
»Nein, das nimmst Du hübsch!« erklang es hinter ihm.
Er fuhr herum. Er sah nichts; aber dann wurde es plötzlich Licht um ihn her. Er sah Uniformknöpfe schimmern. Starke Arme erfaßten ihn, und ehe er nur Widerstand zu leisten vermochte, war er mit eisernen Schellen und Ketten gefesselt.
Jetzt erst kam ihm die Sprache.
»Was – was – was –« fragte er lallend, wie Einer, den der Schlag getroffen hat, wobei die Sprachwerkzeuge in Mitleidenschaft gezogen sind.
»Was meinst Du, Kerl?« fuhr ihn einer der Polizisten an.
»Was – was – was wollt Ihr von mir?«
»Das fragst Du auch noch?«
»Was – was – was –«
Er brachte nichts Anderes hervor und starrte ganz wirr und fassungslos um sich.
»Schön, schön!« meinte lachend der Beamte. »Ich verstehe Dich! Du bist ein verflucht geistesgegenwärtiger Kerl. Du hast augenblicklich eingesehen, daß es nur eine einzige Rettung für Dich giebt, nämlich die, daß Du den Blödsinnigen spielst. Versuche es immerhin! Du wirst bald merken, daß man Dir in die Karten guckt. Vorwärts mit Dir! Diese Kammer wird verschlossen und so gelassen, wie sie ist.«
Er wurde abgeführt, hinüber in das neue Nebengebäude. Der Flur desselben war erleuchtet, die Treppe ebenso. Oben mit dem Gefangenen angekommen, klopften sie an und traten in die Vorstube.
Dort standen ihre fünf Collegen lauschend an der nach der Wohnstube führenden Thür. Der alte Sepp befand sich bei ihnen.
Der Anführer kam herbei, ließ sich flüsternd einen kurzen Bericht erstatten und winkte dann, den Gefangenen in die Nähe der Thür zu stellen.
Das Gesicht desselben war ganz dasjenige eines vollständig Blöd- und Stumpfsinnigen. Aber wenn man genauer hingesehen hätte, so wäre zu erkennen gewesen, daß er mit wahrer Herzensangst nach der Thür horchte, hinter welcher man laute Stimmen hörte.
Er wußte das Weib, das er über Alles liebte, dort, um welcher willen er Verbrecher geworden war. Hier sah er die Gensdarmen, und nun war es ihm fast gewiß, daß man auch sie gefangen nehmen werde.
Da erdröhnten drinnen die zwei Schüsse.
»Vorwärts, hinein!« gebot der Anführer.
Die Polizisten schlossen schnell auf und drangen in das Zimmer, ihren Gefangenen mit sich hineinzerrend. Die Schüsse hatten zwar Pulverdampf verursacht, aber man konnte trotzdem Alles deutlich erkennen. Soeben deutete Fritz mit der Hand nach der Thür und rief der Bäuerin entgegen:
»Da, schau mal hier!«
Sie ließ die Hand mit der bereits zum Schusse erhobenen Pistole sinken und starrte die zehn Polizisten an. Sie war steif und unbeweglich, wie eine Statue. Der Anführer trat zu ihr und sagte:
»Kronenbäuerin, Sie sind meine Gefangene!«
»Weshalb?« fragte sie, jedenfalls nur ganz mechanisch, ohne alle bedachte Absicht.
»Weil Sie der Samiel sind?«
Da ging ein plötzliches Zucken durch ihren Körper.
»Dera Samiel?« rief sie. »Den wollt Ihr arretiren? Nein, den bekommt Ihr noch lange nicht. Lebendig läßt er sich von Euch nicht anrühren!«
Sie erhob, ehe man sie zu hindern vermochte, die Hand mit der Pistole, hielt sich die Mündung vor den Kopf und schoß beide Läufe zugleich auf sich ab.
Alles eilte herbei – sie war nicht umgestürzt. Die Pistole fallen lassend, schlug sie mit den Armen um sich und stieß einen schrillen, entsetzlichen Schrei aus. Dann schlug sie die Hände vor das Gesicht und sank stöhnend zu Boden.
»Herrgott!« rief der Bauer. »Was hat sie than! Sie hat sich nicht tödtet, denn dera Fritz hat die Kugeln herausmacht gehabt, sondern sie hat sich nur die Augen zerschossen!«
Sie hörte das. Den Kopf erhebend, fragte sie:
»Was ists? Was sagst? Leb ich, oder bin ich todt? Hab ich nicht zwei Kugeln im Kopf?«
»Nein,« antwortete ihr Mann. »Der Fritz hat die Kugeln heimlich mit dem Krätzer entfernt.«
»Wann?«
»Gestern Nachts, als die Pistolen draußen auf dem Beet im Garten lagen.«
»Das ist nicht wahr. Ich bin todt. Es ist ja finster um mich her; ich sehe nix!«
»Weilst Dir das Pulver in die Augen schossen hast!«
»Das – Pulver – in – die Augen – schossen –« wiederholte sie wie mechanisch, als ob sie sich jedes Wort einzeln überlegen müsse, was es zu bedeuten habe.
Der Anführer der Gensdarmen bückte sich zu ihr nieder und sah ihr Gesicht an.
»Ja,« erklärte er, »es ist so. Wir brauchen sie nicht zu fesseln; sie wird uns willig folgen müssen.«
Da erklang ein Geheul, wie von einem wilden Thiere. Der Bastian stieß es aus. Er riß sich von Denen, die ihn hielten, mit aller Kraft los und stürzte sich zu den Füßen seiner Herrin nieder.
»Kätherl, mein Kätherl!« schrie er. »Lebst oder lebst nicht? Wach aufi! Ich bin da, dera Bastian, denst so lieb hast. Wach auf, denn ich mag ohne Dich auch nicht leben. Ich will sterben mit Dir!« .
Er mußte mit Gewalt von dem Weibe gerissen und in das Vorstübchen geschafft werden. Er schrie und heulte aber immer in einem Athem fort und hörte auch nicht auf, als der König mit dem Geheimrath kam und an ihm vorüberschritt.
Der hohe Herr hatte sich, als sich die Katastrophe vorzubereiten begann, in die Zimmer des Arztes zurückgezogen, um den Ausgang zu erwarten. Als erst die zwei Schüsse fielen und dann die nächsten zwei, welche aber wie einer klangen, konnten sich die Beiden sagen, daß die Entscheidung, die überhaupt gar nicht zweifelhaft sein konnte, jetzt erfolgt sei. Sie begaben sich darum hinüber an den Ort der Arretur. Dort standen alle im Kreise um den weiblichen Samiel. Die Bäuerin war vor Schreck darüber, daß sie nicht todt, sondern blind sei, in Ohnmacht gefallen.
Der Geheimrath übersah mit einem einzigen Blicke das Geschehene; einige Worte reichten hin, ihn zu informiren. Er kniete nieder und untersuchte das Gesicht der Ohnmächtigen. Als er sich erhob, erklärte er:
»Jedenfalls für immer blind!«
Dieses Wort wirkte wie ein Gerichtswort. Es trat eine tiefe Stille ein. Dann sagte der Gensdarmerieführer ergriffen:
»Gott läßt sich nicht spotten. Sie hats gewollt!«
Der Bauer aber faltete die Hände und stöhnte:
»Wanns eine göttliche Gerechtigkeit gäb, so müßt dera Samiel so blind werden wie Du! So hat sie sagt! O mein Herr und mein Gott, sei gnädig und barmherzig mit ihr, so wie ich ihr auch vergeb!«

Zehntes Capitel  Herzenskrämpfe

Die in Wien so wohlbekannte Equipage des Grafen Senftenberg rollte, von zwei prachtvollen Goldfüchsen gezogen, über den Kolowrat-Ring am Stadtpark vorüber, durch den Stubenring über die Aspernbrücke, bog dann links in die untere Donaustraße und lenkte rechts in die große Mohrengasse ein, wo sie vor einem sehr ansehnlichen Hause hielt, welchem es anzusehen war, daß es nur von feinen, wohlsituirten Leuten bewohnt werde.
In dem Wagen saßen drei junge Herren, welche sich während der Fahrt in einer mehr als lebhaften Unterhaltung befunden hatten. Obgleich es noch nicht die Zeit des Diners war, schienen sie sich doch bereits in eine sehr animirte Stimmung getrunken zu haben. Sie lachten überlaut und machten sich ganz und gar nichts aus dem Lächeln, mit welchem die Passanten ihnen nachblickten.
Nur der Eine von ihnen, der Graf selbst, verrieth die glückliche Gabe, trotz des kleinen Rausches, den er besaß, die Würde seines Standes leidlich zu bewahren. Die beiden Anderen aber waren so ausgelassen, daß er sie öfters durch ein wohlgemeintes »Na, na, pst, pst« in engere Schranken verweisen mußte.
Sie kamen aus einem jener Frühstückslocale, in denen die gut situirte Jugend ihre Guldennoten anlegt, um dafür im Alter ein mehr oder weniger ausgiebiges Podagra einzuheimsen. Dort hatten sie einige Dutzend Austern verzehrt, mehrere Flaschen Sect dazu ausgestochen, dann ein kleines Spielchen gemacht, zu welchem natürlich nur ein schwerer aber ›süffiger‹ Burgunder getrunken werden konnte, und dann hatte es sich herausgestellt, daß Champagner und Burgunder eigentlich nicht gut harmoniren. Die beiden so verschiedenen Gaben des Bachus waren in den Köpfen der Zecher mit einander in Conflict gerathen und darüber war den Letzteren der sowohl jungen als auch alten Leuten so wohlstehende Ernst verloren gegangen.
Jetzt nun hielt die Equipage vor jenem Hause der Mohrengasse. Der Diener sprang von dem hinteren Tritte herab und öffnete den Wagenschlag. Er ließ dabei jenes ergeben pfiffige Gesicht sehen, welches vertraute Domestiken zu zeigen pflegen, wenn sie die Ehre haben, Zeugen einer kleinen, liebenswürdigen Schwachheit ihrer Herren zu sein.
»Hier scheiden wir also, meine Herren,« sagte der Graf. »Steigen Sie mit aus, Baron, oder fahre ich Sie auch nach Ihrer Wohnung?«
Derjenige der beiden Anderen, an welchen die Frage gerichtet war, trug einen sehr eleganten, ja ›feschen‹ Wiener Anzug nach dem allerneuesten Schnitt und Muster. Die Linke war behandschuht, die Rechte nicht. An den Fingern dieser Letzteren glänzten mehrere Ringe, deren Steine nur ein ganz besonderer Kenner für werthlose Nachbildungen hätte erklären können. Er war, das sah man auf den ersten Blick, ein ausgesprochener Dandy und hatte, wenn auch jetzt, doch gewöhnlich die nachlässige, gelangweilte Haltung jener Flaneurs, welche sich in ihren müssigen Stunden – und jede Stunde ist bei ihnen müssig – auf den eleganteren Straßen herumtreiben und dem Leben keinen besonderen Reiz mehr abgewinnen können, weil sie die liebenswürdigen Seiten desselben bereits im Uebermaße kennen gelernt und genossen haben.
Sein Gesicht war glatt rasirt und stark gepudert, vielleicht um gewisse Spuren, welche eine ausverkaufte Jugend zurückzulassen pflegt, weniger bemerkbar zu machen. Seine Brauen und Wimpern waren schwarz gefärbt, um dem Blicke des matten Auges mehr Intensivität zu ertheilen. Die perlenweißen Zähne waren viel zu schön, als daß man sie für echt hätte halten können, und der Mund schien durch Anwendung einer Lippenpomade künstlich aufgefrischt worden zu sein. Dies Alles gab dem Gesicht etwas Unechtes, Wachsfiguren-Aehnliches und verdeckte trotzdem nicht den Ausdruck scheuer Unsicherheit, welcher über diesem Gesichte ausgebreitet lag und sich in dem ganzen Wesen und Gebahren des jungen Mannes aussprach. Wenn man überhaupt die Erlaubniß hat, einen Menschen mit irgend einem Thiere zu vergleichen, so glich der Baron einer schön gezeichneten und wohlgenährten Katze, welche jeden Augenblick bereit ist, irgend einem ihr feindseligen Wesen zu entwischen.
»Danke, Graf,« antwortete er. »Ich werde mir die Ehre geben, unseren Künstler zunächst in sein Heim zu geleiten, denn –«
Ein bezeichnender Blick sagte das, was auszusprechen er unterlassen hatte. Der dritte der jungen Herren, von kräftiger Gestalt, dessen kühn geschnittenes Gesicht etwas verlebt aussah, hatte sich jedenfalls den bedeutendsten Rausch angetrunken. Seine Lider waren müd auf die Augen gesenkt; dennoch bemerkte er den Blick des Barons und sagte lachend:
»Lieber Freund, denke nicht, daß Du das nöthig hast. Ich erreiche meine Bude auch ohne fremde Hilfe.«
»Darüber giebt es ja gar keinen Zweifel, mein Bester. Du wohnst ja im Parterre, aber ohne ein kleines Straucheln wird es nicht abgehen. Darum ist es besser, ich begleite Dich. Komm!«
Der Künstler stieg mit Hilfe des Dieners aus dem Wagen. Seine Bewegungen waren schwer und unsicher. Der Baron nickte dem Diener vertraulich zu, ergriff den Künstler beim Arme und wendete sich zum Grafen:
»Sehen wir uns heut Abend wieder?«
»Schwerlich. Ich bin engagirt.«
»Ah! In interessanter Weise?«
»Nicht so, wie Sie denken, mein lieber Baron. Ich bin zum Commerzienrath Hamberger geladen.«
»Puh! Und da gehen Sie?«
»Warum nicht?«
»Zu einem Juden und Parvenu!«
»Pah! Man sieht dort feine Leute; ihretwegen gehe ich hin, nicht seinetwegen.«
»Dann viel Vergnügen! Und morgen natürlich wieder zum Frühstück?«
»Werde eintreffen! Vorwärts, Jean!«
Der Diener war wieder hinten aufgestiegen und die Equipage rollte auf dem hart gefrorenen Boden weiter.
Der Baron geleitete den Künstler die Stufen zum Parterre empor. Ein Livréediener, der Beide hatte kommen sehen, öffnete eine Thüre, an welcher schwarz auf weißem Porzellan zu lesen war: »Guiseppe Criquolini«. Die Beiden traten ein und begaben sich durch das Vorzimmer nach einem kleinen, sehr hübsch ausgestatteten Herrensalon.
Dort fiel der Besitzer des Logis auf die Ottomane, streckte sich lang auf dieselbe aus, die Stiefel ungenirt auf das seidene Sophakissen legend, und sagte:
»Habe doch des Guten zu viel gethan! Der Burgunder war vom Teufel gekeltert.«
»Und der Sect vom Erzengel Michael. Darum wirbelt Einem nun Höllisches und Himmlisches im Kopfe herum und es ist kein Wunder, wenn der schwache Mensch in diesem Kampfe unterliegen muß. Auch mir geht es so ziemlich wie Dir. Soll ich vielleicht nach einem Selters klingeln?«
»Thue es! Aber ich mag jetzt vom Wasser nichts wissen. Ersäufe Dich also allein darin. Ich werde, wenn Du fort bist, ein Schläfchen machen.«
»Vielleicht thue ich das zu Hause auch.«
Er drückte an der silbernen Glocke, welche auf dem Tische stand. Der Livréediener erschien und erhielt den Befehl, eine Flasche Selters zu bringen. Er trat, die Thür gleich offen lassen, in das Vorzimmer zurück und brachte das Verlangte herein. Dabei lächelte er auf eine Weise, als ob er sagen wollte:
»Habe sie bereit gehalten, denn ich ahnte, was den Herren dienlich sein werde.«
Als er hinaus war, lachte der Baron:
»Hast einen vortrefflichen dienstbaren Geist. Er scheint ein guter Gedankenleser zu sein.«
»Ist kein Wunder! Die drei Wochen, seit denen er bei mir ist, bin ich täglich frühstücken gegangen und ebenso täglich so heiter nach Hause gekommen. Da hat er gelernt, das Selters- oder Sodawasser bereit zu halten. Ich muß offen gestehen, daß man hier in Wien zu leben versteht.«
»Besonders wenn man sich an Cavaliere, wie Graf Senftenberg ist, anschließen darf.«
»Ja. Ein vortrefflicher Kerl! Nicht?«
»Ausgezeichnet! Ich kenne keinen Zweiten.«
»Er muß ungeheuer reich sein!«
»Das hört man allgemein. Er soll bedeutende Besitzungen in Ungarn und Siebenbürgen haben und außerdem auch noch in Preußen und Bayern begütert sein. Er fährt mit den besten Pferden, führt ein brillantes Haus, obgleich er unverheirathet ist, hat die besten Weine und verzieht keine Miene, wenn er einen Tausendguldenschein im Spiele verliert.«
»Wie heut wieder! Mensch, Du bist ein Glückskind! Gestern gewonnen, heute gewonnen, alle Tage gewonnen! Du hast mir seit einer Woche sicher dreitausend Gulden abgenommen.«
»Das Spiel ist wetterwendisch. Du wirst wohl bald Revanche nehmen.«
»Pah! Ich gehe nicht darauf aus. Ich will mich amusiren. Wird dieser Wunsch mir erfüllt, so zähle ich den Mammon nicht.«
»Hasts auch nicht nöthig. Deine Kehle bringt Dir genug ein. Heut zu Tage fragt ein Sänger Deiner Distinction nicht nach einer Hand voll Goldstücken.«
»Ja, die Zeiten haben sich geändert. Während Mozart für seine ganze Don Juan-Oper lumpige dreißig Ducaten bekam, verlange ich, um in dieser Oper einmal aufzutreten, das Dreifache. Meine Reise durch die Vereinigten Staaten hat mir ein schönes Sümmchen eingebracht.«
»Das glaube ich! Wenn Du so fortfährst, wirst Du bald Millionen zählen.«
»So schnell geht das freilich nicht. Mit unserem Grafen Senftenberg werde ich mich in dieser Beziehung niemals messen können. Uebrigens, unter uns gesagt, giebt es bei all seiner Liebenswürdigkeit doch Einiges, was mir nicht von ihm gefällt.«
»Ist er Dir unsympathisch?«
»Das nicht, o nein. Aber er ist und bleibt doch stets Aristokrat.«
»Ja, er ist Vollblut!«
»Ich hätte gar nichts dagegen, wenn er das besser zu maskiren verstände.«
»Ich habe noch nicht die Erfahrung gemacht, daß er es uns merken läßt. Oder Du vielleicht?«
»Hm. Er ist freundlich, zuvorkommend und liebenswürdig, wie man es gar nicht besser verlangen kann; aber doch giebt es zuweilen ein Wort, eine Bewegung, kurz, ein undefinirbares Etwas, durch welches er absichtlich oder unabsichtlich auf die Schranke deutet, über welche wir nicht zu ihm kommen können.«
»Wir?«
Der Baron betonte dieses Wort in eigenartiger Weise und warf dabei dem Sänger einen schnellen, lauernden Blick zu.
»Pardon!« antwortete dieser. »Du bist Baron, also auch vom Adel, also mag das Dir nicht so gelten wie mir. Aber hast Du denn noch nicht bemerkt, daß er trotzdem gegen Dich zurückhaltender ist als gegen mich?«
»Nein, niemals.«
»So sei einmal aufmerksamer! Es giebt Momente, in denen er Dich, ohne daß Du es siehst, scharf betrachtet. Erst vorhin, als fünfhundert Gulden auf einer einzigen Karte standen, sah er Dir so scharf auf die Finger, als ob er den colossalen Gedanken hegte, daß Du ein Falschspieler seist.«
»Donnerwetter!« brauste der Baron auf. »Das will ich mir verbitten!«
»Ich nehme an, daß Du mir diese freundschaftliche Bemerkung nicht übel nimmst. Oder doch?«
»Nein, obgleich ich sie auch verstehen würde, wenn es Dir beliebte, sie in weniger beleidigte Ausdrücke zu kleiden.«
»Unsinn! Ich bin aufrichtig und nenne das Ding beim richtigen Namen. Gestern Abend kam im Casino die Rede auf Dich. Du warst nicht da. Dein Name Stubbenau sollte, nach der Meinung einiger Herren, nicht im Adelskalender zu finden sein –«
»O bitte!« fiel der Baron eifrig ein. »Die Herren von der Stubbenau bilden ein sehr altes Geschlecht. Unsere Ahnen stammen aus Liefland. Später gingen sie nach Rußland, und zwar bereits vor Peter dem Großen. Darum wird unser Name nicht im Gothaer Adelskalender zu finden sein, wohl aber in den Cavalierregistern Rußlands. In diese mögen die Herren blicken, welche es wagen, an der Aechtheit meines Adelsbriefes zu zweifeln. Uebrigens bin ich in jedem Augenblicke bereit, ihnen meinen Stammbaum mit dem Degen ins Gesicht zu zeichnen. Wer waren denn die Betreffenden?«
Der Sänger hatte die Auslassung des Barons ruhig angehört, indem er dabei mechanisch einen seiner Ringe am Finger auf und ab drehte. Er antwortete gleichmüthig:
»Das habe ich mir freilich nicht gemerkt. Weißt Du, das Gespräch war ein sehr lebhaftes. Da kann man nicht im Gedächtnisse behalten, wer der Autor gewisser, bestimmter Worte ist.«
»Aber Du sprachst ja vom Grafen!«
»Den habe ich nicht gemeint.«
»Er verhielt sich still?«
»Ja. Nur als die Rede auf Deine Güter kam, da machte er eine kleine Bemerkung.«
»Welche?»
»Kann mich auch nicht genau besinnen.«
»Das thut mir leid. Es wäre mir wirklich sehr lieb, wenn Du Dich genau erinnern könntest.«
»So! Hm! Wie war es doch nur? Ich glaube, daß er meinte, daß – ah, mein Ring!«
Der Ring, mit welchem er gespielt hatte, war seiner Hand entfallen und herunter auf den Boden gerollt. Der Baron stand dienstfertig von seinem Stuhle auf. Er sah den Ring liegen, that aber so, als ob er ihn vergeblich suche.
Der Sänger blieb ruhig auf der Ottomane liegen. Der Wein hatte ihn schwerfällig gemacht.
»Laß ihn!« sagte er. »Er muß sich ja finden.«
»Ist er kostbar?«
»Ja. Ein Diamant von fünfzehn Karat.«
»So darf man nicht so sorglos sein.«
»Pah! Er liegt in meiner Stube. Er kann also nicht verschwinden.«
»Dennoch wollen wir nachsehen, ob er vielleicht unter den Divan gerollt ist.«
Er bückte sich, um unter das erwähnte Möbel zu blicken, und legte dabei seine Hand genau auf die Stelle, an welcher der Ring lag. Er ergriff ihn, ohne daß der Sänger es bemerkte, hielt ihn zwischen den Fingern fest, erhob sich nach kurzer Zeit wieder und sagte:
»Ich sehe ihn wirklich nicht.«
»So laß doch nur! Mein Diener muß ihn ja finden. Du bist doch nicht etwa da, um ihm Handlangerdienste zu leisten.«
Der Baron begab sich auf seinen Stuhl zurück und ließ dann gelegentlich den Ring heimlich in seiner Tasche verschwinden.
»Nun also, besinnst Du Dich?« fragte er, das unterbrochene Gespräch wieder aufnehmend.
»Will sehen. Wenn ich es mir recht überlege, so war die Rede davon, daß Du behauptet hast, bedeutende Güter in der Ukraine zu besitzen.«
»Hat man etwa daran gezweifelt?«
»Hm! Man schien allerdings Zweifel zu hegen.«
»Donnerwetter! Man mag das mich ja nicht etwa hören lassen!«
Er that sehr zornig, doch hätte der Sänger, wenn er aufmerksamer gewesen wäre, bemerken müssen, daß dieser Zorn mit einem guten Theile von Verlegenheit gemischt war.
»Nun, mir ist es ja ganz gleich, wo Deine Güter liegen. Aber Graf Senftenberg bemerkte, daß in der Ukraine der Name Stubbenau vollständig, unbekannt sei.«
»Wie kann er das wissen?«
»Weil er auch dort ebenso wie in der Krim begütert ist.«
»Davon weiß ich nichts.«
»Aber ich weiß es genau.«
»Kann er nicht ebenso gut flunkern, wie ich geflunkert haben soll?«
»O nein. Ich war bei ihm, als er eben mit einem der dortigen Inspectoren verhandelte, und habe Alles mit angehört. Er muß wirklich steinreich sein.«
»So mag er sich um seine Liegenschaften bekümmern, aber ja nicht um die meinigen!«
»Wenn seine Bemerkung Dich beleidigt, so will ich ihm sagen, daß Du wünschest, er solle sie zurücknehmen.«
»Wie meinst Du das?«
»Nun, Du hast ja vorhin von Deinem Degen gesprochen, wenn ich mich recht erinnere.«
»Du sprichst, wie es scheint, von einem Duell?«
»Natürlich!«
»Fällt mir nicht ein!«
»So! Dann hast Du kälteres Blut als ich. Wenn ich gesagt hätte, daß ich Besitzungen in der Ukraine hätte, und irgend einer behauptete, daß mein Name dort nicht bekannt sei, den wollte ich coramiren!«
»Ich bin ein Edelmann, aber kein Raufbold. Uebrigens bin ich kein Anhänger der Lehre von der absoluten Nothwendigkeit des Zweikampfes. Ich kann beleidigt worden sein und dann sogar auch noch in dem Duell den Kürzeren ziehen. Ich bin also doppelt bestraft, muß mich auch noch zu längerer Festungshaft verurtheilen lasten und – was habe ich davon?«
»Du denkst sehr praktisch!«
»Ja. Uebrigens will ich annehmen, daß der Graf seine Worte nicht so scharf gemeint hat, wie es den Anschein hat haben können. Er ist ein famoser Gesellschafter, und ich will mich nicht mit ihm verfeinden.«
Daß er sich nicht mit ihm verfeinden wolle, um die Gelegenheit, ihm im Spiele auch fernerhin durch falsche Karten das Geld abzunehmen, das verschwieg natürlich.
»Ganz wie Du willst,« nickte der Sänger.
»Uebrigens habe ich auch auf Dich Rücksicht zu nehmen, lieber Criquolini!«
»Auf mich? Nicht das ich wüßte.«
»Ist es Dir so gleichgiltig, ob der Graf es erfährt oder nicht, daß Du mir seine Aeußerung mitgetheilt hast?«
»Das ist mir wirklich sehr egal.«
»So liegt Dir an seiner Freundschaft nichts?«
»O doch! Aber ich denke, daß er vertreten soll, was er sagt; darum halte ich es keineswegs für eine Indiscretion, daß ich Dir gesagt habe, was er geäußert hat. Uebrigens ist er wohl nicht der Mann, welcher aus Feigheit einem Duelle aus dem Wege gehen würde.«
»Lassen wir das! Ich weiß nun, woran ich bin, und im übrigen ist mir die ganze Geschichte lächerlich! Wie weit bist Du mit Deiner Tänzerin?«
»Mit Valeska?«
»Ja. Oder interessirst Du Dich für mehrere Tänzerinnen? Es wäre Dir zuzutrauen.«
»Da irrst Du. Ich kenne nur diese Eine.«
»Allerdings auch die Interessanteste!«
»Das ist sie. Sie ist ein Engel.«
»Das sagt ein Jeder von seiner Angebeteten.«
»Sapperment! Bist Du anderer Meinung?«
Der Sänger setzte sich aufrecht. Er hatte seine Frage in einem beinahe drohenden Tone ausgesprochen und blickte dem Andern herausfordernd entgegen.
»Bringe mich nicht gleich um!« lachte dieser. »Ich glaube, Du könntest für dieses Mädchen irgend eine große Dummheit begehen!«
»Welche meinst Du?«
»Dich mit mir verfeinden.«
»Das könnte ich allerdings. Ich könnte mich ihretwegen sogar sofort mit aller Welt verfeinden. Ich liebe sie! Hörst Du es, ich liebe sie!«
Der Baron ließ ein kurzes Lachen hören und antwortete, leicht mit dem Kopfe nickend:
»Gut! Ich glaube es Dir! Man liebt. Das heißt, man liebt die Eine, nachdem man die Vorige geliebt hat und wird, wenn man ihrer überdrüssig ist, die Nächste lieben.«
»Da täuschest Du Dich in mir. Ich liebe sie wirklich. Ich werde sie heirathen!«
»Criquolini!«
»Was? Hast Du Etwas dagegen?«
»Mensch, blitze mich nicht mit solchen Augen an! Ich habe es ja gar nicht bös gemeint. Ich bin aber nur der Ueberzeugung, daß man recht herzhaft lieben kann, ohne grad an das Heirathen zu denken. Es ist nicht nothwendig, daß aus jedem Liebhaber schleunigst ein Ehemann und Familienvater wird.«
»Das habe ich auch gar nicht behaupten wollen. Auch ich habe das Leben genossen und wohl Manche kennen gelernt, welche mir gefiel. Wenn aber dann die richtige Liebe eintritt, dann, dann – nun dann heirathet man eben.«
»Eine Tänzerin?«
»Warum nicht? Ist eine Tänzerin ein verächtliches Geschöpf? Muß sie etwa weniger werth sein als jede Andere?«
»Das behaupte ich nicht. Aber sie gehört einem Stande, sagen wir, einem Handwerke an, dessen Genossen nicht in dem frömmsten Rufe stehen.
»Das mag sein. Aber es giebt Ausnahmen, und meine Valeska ist eine solche!«
»Ich wünsche, daß Du Dich nicht irrest.«
»Ich weiß es gewiß und bin bereit, eine jede Wette mit einzugehen.«
»Nun, bei mir findest Du keine Gelegenheit, diese Wette anzubringen. Ich will es Dir gern gönnen, wenn Du glücklich mit ihr wirst.«
»Das hoffe ich. Uebrigens gehöre ich nicht zu den Dummköpfen, welche sich in ein hübsches Gesicht vergaffen und sich dann mit aller Gewalt ins Elend stürzen. Ich prüfe.«
»Und sie hat die Prüfung bestanden?«
»Bisher, ja!«
»Aber weiter?«
»Die Hauptprüfung soll noch erfolgen.«
Da legte der Baron die Beine bequem über einander, nahm jene Haltung an, in welcher man eine interessante Mittheilung gern entgegenzunehmen pflegt, und sagte:
»Da bin ich doch begierig, zu erfahren, worin diese Hauptprüfung bestehen soll.«
»Dir gegenüber brauche ich wohl kein Geheimniß daraus zu machen.«
»Gewiß nicht. Meiner Discretion kannst Du auf alle Fälle versichert sein.«
»Das setz' ich voraus. Du kennst zwar meine Angebetete nicht, aber – – –«
Der Baron machte bei diesen Worten des Sängers, ein Gesicht, welches dem Letzteren so auffiel, daß er, sich unterbrechend, fragte:
»Oder solltest Du sie doch kennen?«
»Natürlich!« antwortete der Gefragte, sein Gesicht schnell in bessere Beherrschung nehmend.
»Genau?«
»Ich habe sie im Theater tanzen sehen.«
»Ach so! Also eine nähere Bekanntschaft ist es nicht?«
»Nein!«
»Ich glaubte, aus Deiner Miene entnehmen zu sollen, daß – – na, gut! Also die Damen vom Balette sind Titeln und Geschenken zugänglich. Valeska soll einen Grafen kennen lernen, welcher sie mit Geschenken reich bedenkt. Zieht sie mich trotzdem ihm vor, nun, so hat sie die Probe bestanden.«
»Gar nicht übel, falls sich nämlich so ein Graf bereit finden läßt, die Probe vorzunehmen.«
»Habe schon einen.«
»Ach! Doch nicht Senftenberg?«
»Was fällt Dir ein! Diesem würde es nie einfallen, sich zu so einer Komödie herzugeben. Schon der blose Antrag, den ich ihm da machte, würde ihn so beleidigen, daß er blutige Genugthuung forderte.«
»Also einen andern!«
»Ja.«
»Der sich nicht beleidigt fühlt von Deinem Wunsche, daß er Dir hier dienen möge.«
»Freundchen,« lachte der Sänger, »verstehe mich wohl! Ein wirklicher Graf würde sich nicht dazu hergeben.«
»Ach! Also ein falscher?«
»Ja, ein Talmigraf. Ich kenne einen Schauspieler, einen sehr hübschen und gewandten Kerl, der mit ihr anknüpfen soll.«
»Und ihr große Geschenke machen?«
»Was hast Du?«
»Ein Schauspieler, der sich zu so einer Maskarade hergiebt, hat sicherlich nicht die Mittel, solche Geschenke zu machen.«
»Ist gar nicht nöthig, denn ich habe sie ja.«
»Ach, jetzt verstehe ich Dich!«
»Ich bezahle ihn.«
»So wird der Handel für Dich nicht sehr vortheilhaft sein!«
»Wieso?«
»Aus einem sehr einfachen Grunde. Giebt er sich wirklich Mühe, sie Dir abspenstig zu machen, und es gelingt ihm, so hat er von Dir kein großes Honorar zu erwarten. Darum wird er sich nicht allzusehr anstrengen, und sie wird Dir treu bleiben können. Eine solche Probe hat keinen Werth!«
»Du kennst mich schlecht, ich habe mit ihm ausgemacht, daß er gar nichts bekommt, wenn sie mir treu bleibt. Gelingt es ihm aber, sie binnen einer Woche zu erobern, so erhält er fünfzehnhundert Gulden. Für mich ist diese Summe eine Kleinigkeit, für ihn aber ein Kapital.«
»Wann wird er beginnen?«
»Vielleicht bereits heut.«
»Darf ich erfahren, wie dieser unternehmende Mann heißt?«
»Ich habe ihm versprechen müssen, das zu verschweigen.«
»Auch welchen Grafennamen er tragen wird?«
»Auch das. Uebrigens geht mich das gar nichts an. Er mag einen Namen wählen, welchen er will. Ich bin aber überzeugt, daß ich gezwungen sein werde, ihm die Fünfzehnhundert auszuzahlen.«
»So sicher bist Du also der Baletteuse! Ihr habt Euch also, sozusagen, bereits heimlich verlobt?«
»O nein. Es ist bis jetzt noch nicht einmal zu einem perfecten Liebesgeständniß gekommen; aber wir stehen in einem stillen aber so festem Einverständnisse daß ich gar keine Sorge zu haben brauche.«
»Männchen, Du scheinst Dich für einen sehr guten Menschenkenner zu halten!«
»Was die Frauen anbelangt, ja. Ich habe zwar erst seit zwei Jahren mir da eine Abwechslung gegönnt; diese ist aber eine so reichhaltige gewesen, daß ich mir wohl schmeicheln darf, ein Kenner zu sein.«
»Jedenfalls hast Du auf Deiner amerikanischen Tournee interessante Bekanntschaften gemacht?«
»Natürlich! Vorher wäre ich beinahe in das Netz einer Sirene gerathen, welche alle neunundneunzig Teufel im Leibe hatte. Ich befand mich so fest in ihrer Angel, daß sie mich hinziehen konnte, wohin es ihr beliebte. Es hat Mühe gekostet, wieder frei zu werden. Sie war eine wirkliche Liebeskünstlerin!«
»Also wohl eine Schauspielerin?«
»Nein, sondern ganz im Gegentheile eine Dame der Aristokratie. Hast Du nicht einmal den Namen Asta, Baronesse von Zella gehört?«
»Ach! Meinst Du die junge, außerordentlich interessante Dame, welche damals so viel im Hause des Barons von Alberg verkehrte?«
»Ganz dieselbe.«
»Die habe ich sogar genau gekannt, vielleicht genauer, als Du ahnen wirst!«
»Ach! Ists möglich? War sie eine Liaison von Dir?«
»Beinahe wäre ich in ihre Netze gegangen.«
»Wirklich nur beinahe?«
»Ja, in Wahrheit. Ich interessire mich allerdings außerordentlich für sie, denn sie war wirklich begehrenswerth, wenn man sie nicht näher kannte. Als ich aber die Bemerkung machte, daß sie sich nicht schwer erobern ließ, erkundigte ich mich nach ihr und erfuhr, daß sie sich der Herrenwelt gegenüber sehr entgegenkommend zeige. Da ließ ich sie natürlich fallen.«
»Ganz so wie ich. Auch ich machte die Erfahrung, daß ich nicht der Einzige war, der sie liebte.«
»Man hat nichts mehr von ihr gehört. Sie soll mit dem Baron von Alberg nach Amerika gegangen sein.«
»Wirklich? Ich entsinne mich nicht genau. Sagte man nicht, daß er aus gewissen Gründen zu dieser Reise gezwungen worden sei?«
»Ja. Seine eigene Tochter, die Schloßherrin auf Steinegg, soll ihn gezwungen haben. Drüben ist er bald gestorben. Sein Todtenschein wurde herübergeschickt. Baronesse Asta ist seitdem verschollen.«
Da trat der Diener herein und brachte auf einem Teller einen Brief, welcher soeben vom Briefträger abgegeben worden war.
»Gieb ihn dem Herrn Baron,« befahl der Sänger. Er mag ihn öffnen!«
Der Diener that dies und entfernte sich dann wieder. Der Baron hatte den Brief genommen, drehte ihn in den Händen hin und her und fragte verwundert:
»Wie kommt es, daß Du mir das Amt Deines Privatsekretärs übergiebst?«
»Aus dem sehr einfachen Grunde, daß ich jetzt nicht lesen kann. Dieser verteufelte Burgunder treibt mir das Blut so nach dem Kopfe, daß es mir vor den Augen in allen Farben schillert. Die Buchstaben würden vor meinem Blicke tanzen. Ich kann nicht lesen. Bitte, unterziehe Dich der kleinen Mühe!«
»Es könnte aber etwas Discretes sein.«
»Vor Dir habe ich kein Geheimniß.«
»Vielleicht eine Rechnung?«
»Die dürftest Du erst recht lesen. Aber ich bin ja erst drei Wochen hier, in Wien habe ich nichts dergleichen zu erwarten. Wie ist die Adresse?«
»Herrn Guiseppe Criquolini, Sänger. Auch die Straße und Hausnummer ist ganz richtig angegeben.«
»So! Und die Handschrift?«
»Eine sehr geübte Männerhand.«
»Dann bin ich wirklich neugierig – ah, welch ein Poststempel?«
»Salzburg.«
»Wüßte wirklich nicht, wer mir von dort her zu schreiben hätte! Brich aus und sei so gut, ihn mir vorzulesen!«
Der Baron folgte dieser Aufforderung. Er nahm den Bogen aus dem Couvert und las, ohne die Zeilen vorher zu überfliegen:
»Elsbethen, den 20. März 18 …
Lieber Sohn! – – –«
»Halt!« rief da der Sänger. »Ich glaube gar, der Brief ist – ist – ist – –«
Er sprach den Satz nicht aus, und erst als der Baron ihn fragend anblickte, fuhr er fort:
»Von meinen Eltern.«
»Du hast Deine Eltern noch?«
»Ja.«
»Aber davon hast Du mir ja noch gar nichts gesagt!«
Der Sänger wurde verlegen. Er antwortete:
»Weil wir zufälliger Weise noch nicht von meinen Familienverhältnissen gesprochen haben.«
»So! Nun, wenn der Brief von Deinen Eltern ist, was sich allerdings aus der Anrede als ganz gewiß ergiebt, so mußt Du ihn selbst lesen. Hier ist er.«
Er reichte ihm den Brief hin. Der Sänger streckte bereits die Hand nach dem Schreiben aus, zog sie aber wieder zurück und sagte:
»Lies immerhin! Was die alten Leute mir zu schreiben haben, das sind ganz gewiß keine Staatsgeheimnisse.«
»Ganz wie Du willst!«
Er begann abermals:
»Lieber Sohn!
»Weil wir nicht schreiben können, haben wir den Herrn Pfarrer gebeten, diesen Brief an Dich zu verfassen. Wir haben gehört, daß Du in Amerika gewesen bist und da viel Geld verdient hast. Indessen ist es uns traurig ergangen. Du warst fort, und wir waren zum Arbeiten zu alt. Da hat uns die Gemeinde ernähren müssen.
»Dann kam einmal die Muhren-Leni zu uns, die eine Sängerin geworden ist. Sie sah unsere Noth und hat viel mit uns geweint. Von dieser Zeit an haben wir alle Wochen fünfzehn Mark von ihr erhalten, wovon wir leben und uns sogar noch Etwas sparen können. Gestern erfuhren wir, daß Du wieder aus Amerika zurück bist und in Wien auf der Mohrengasse wohnst. Da haben wir es für unsere Pflicht gehalten, Dir zu schreiben.
»Der Vater ist immer krank gewesen, und der Mutter geht es nicht gut mit ihren Augen. Sie kann beinahe gar nichts mehr sehen. Wenn es so bleibt, wie es jetzt ist, so wird sie Dich wohl nicht mehr erblicken. Denn wenn es die Kunst einmal erlauben wird, an uns alte Leute zu denken, und zu uns zu kommen, dann wird sie entweder blind sein oder auch bereits lange nicht mehr leben.
»Der liebe Herrgott mag Dir Glück und Segen geben. Wir sind zufrieden, wenn er uns bald ein ruhiges und seliges Ende bescheert.
Deine
alten, alten Eltern.«
Als der Baron den Brief vorgelesen hatte, legte er ihn aus der Hand und blickte Criquolini fragend und erwartungsvoll an.
»Verdammte Geschichte!« brummte dieser. »Hm! Es ist eben so gekommen.«
»Was?«
»Daß ich mich nicht habe um meine Eltern kümmern können. Ich habe sie ganz vergessen!«
»Wie ist das möglich?«
»Nimm es mir nicht übel! Aber diese Frage ist fast überflüssig. Wenn Du meine früheren Verhältnisse – – pah! Schweigen wir lieber! Es kommt nichts heraus dabei.«
»Ganz wie Du willst. Aber hast Du Ihnen denn nicht einmal Etwas geschickt?«
»Nein. Ich sagte Dir ja bereits, daß ich mich auf sie ganz vergessen hatte!«
»Nach dem, was ich gelesen habe, müssen sie sehr arm sein?«
»Freilich sind sie das. Aber zu hungern haben sie doch nicht gebraucht. Du hast es ja gelesen, daß die Gemeinde sich ihrer angenommen hat. Und nun werden sie von der Muhren-Leni unterstützt. Sie leiden also keine Noth.«
»Wer ist dieses Frauenzimmer, welches eine Sängerin geworden ist und Deinen Eltern wöchentlich fünfzehn Mark giebt?«
»Das ist – das ist – meine erste Geliebte.«
»Deine erste Geliebte? Mann, welch ein Glück hast Du!«
»Wieso?«
»Eine Geliebte, die Du also verlassen hast und die trotzdem Deine Eltern ernährt! Sapperment! Das ist aller Ehren werth! So wohl wird es nicht gleich einem Andern!«
»Grad ein Glück ists nicht für mich. Wenn ich daran gedacht hätte, hätte ich meinen Alten selbst was schicken können. Sie hat sich eigentlich gar nicht in unsere Angelegenheit zu mengen. Sie mag für sich selbst sorgen. Sie will mich damit nur ärgern. Was gehen sie meine Eltern an? Nichts, gar nichts. Ich bekümmere mich doch auch nicht um ihre Angelegenheiten!«
»Aber, lieber Freund, wenn Deine Eltern sich in Verhältnissen befunden haben, welche die Unterstützung seitens der Armenbehörde nothwendig machten, so müssen sie doch sehr arm gewesen sein.«
»Nun freilich, Millionen hatten sie nicht besessen.«
»Was ist denn Dein Vater?«
Der Sänger blickte eine Weile still vor sich hin. Seine Brauen zogen sich zusammen. Seine Mienen drückten den Widerwillen, sich über dieses Thema zu äußern, deutlich aus, er antwortete:
»Du kannst Dir denken, daß ich über diese Verhältnisse nicht gern spreche.«
»Warum nicht? Nach Deinem Auftreten muß man denken, daß Du aus einem guten Hause stammst. Du hast Dir in Amerika ein Vermögen ersungen Du bist also ein Kavalier, und es kränkt Dich nicht, ansehnliche Summen im Spiele zu verlieren. Deine Tänzerin kostet Dich viel Geld. Du hast als Künstler Zutritt in ausgewählte Kreise erlangt, und doch sind Deine Eltern auf die Unterstützung ihrer Gemeinde angewiesen. Ich begreife das nicht!«
Es war keineswegs die sittliche Entrüstung, welche dem Baron diese Worte dictirte. Er sprach so, weil er sich rächen wollte. Er hatte anhören müssen, daß man an seinem Adel, an seinen Besitzthümern zweifele, daß man sogar ihn für einen Falschspieler halte. Das Alles hatte der Sänger ihm mit der größten Gemüthlichkeit in das Gesicht gesagt. Nun fand er Gelegenheit, ihm den Hieb zurückzugeben. Es fiel ihm gar nicht ein, das zu versäumen. Es war ihm natürlich ganz und gar egal, ob die Eltern seines Freundes ein gutes Auskommen hatten oder ob sie hungern und darben mußten, aber er fühlte sich davon befriedigt, eine Art gelinder, moralischer Entrüstung zeigen zu können. Er hatte seine Worte in freundlich ernstem, eindringlichem Tone gesprochen, so wie ein verständiger, älterer zu seinem leichtsinnigen, jüngeren Bruder sprechen würde.
»Ist es Dir vielleicht unlieb, zu erfahren, daß ich weder dem Geburts- noch dem Geldadel entstamme?« fragte der Sänger.
»Nein. So Etwas kommt mir nicht bei. Du bist Künstler; das berechtigt Dich, Dich als uns ebenbürtig zu betrachten. Die Verhältnisse Deiner Eltern kommen dabei natürlich nicht in Betracht. Es ist sogar, streng genommen, eine Ehre für Dich, Dich aus dürftigen Verhältnissen so emporgearbeitet zu haben.«
»Das denke ich auch. Es ist mir nicht etwa leicht geworden, den Schmutz der Vergangenheit abzuschütteln, und Du wirst es sehr begreiflich finden, daß ich mich so viel wie möglich dem Gedanken an die Heimath zu entziehen suche. Der Brief, welchen Du mir da vorgelesen hast, ist nichts weiter als ein Bettelbrief. Ich werde den alten Leuten einige Gulden schicken. Dann haben sie ihren Zweck erreicht und sollen mich nicht weiter belästigen. Ich werde dies ihnen sehr scharf empfehlen.«
»Hm! Wenn ich mir die Fassung des Briefes vergegenwärtige, so kann er mich rühren.«
»Mich nicht!«
»Sie machen Dir nicht den geringsten Vorwurf, daß Du nicht an Sie denkst und ein üppiges Leben führst, während sie nicht das Nothwendigste haben. Sie wünschen Dir Glück und Segen und hoffen auf ein baldiges seliges Ende. Das ist wirklich rührend.«
»Redensarten! Meine Eltern haben keine Bedürfnisse. Sie sind bei trockenem Brode glücklich gewesen und können mit Wenigem zufrieden sein. Sie haben gar keine Veranlassung, jetzt auf einmal höhere Ansprüche zu erheben.«
»Aber das thun sie ja auch nicht!«
»Nun, so mögen sie mich überhaupt in Ruhe lassen! Ich habe Anderes zu thun, als mich mit den dortigen Verhältnissen zu beschäftigen. Mein Sinn steht nach Glanz, Ruhm und Ehre. Ich mag keinerlei Berührung mit dem Schmutze meiner Heimath haben. Die Eltern haben alle Zeit ihre Steuern und Abgaben entrichten müssen; sie haben jederzeit gegen den Staat und die Gemeinde ihre Schuldigkeit gethan, und darum haben Staat und Gemeinde nun auch die Verpflichtung, für sie zu sorgen.
»Das ist sehr kalt gesprochen; aber mich geht es gar nichts an. Ich bin Dein Beichtvater nicht und habe nicht die Pflicht, Dir eine erbauliche Rede zu halten. Es war mir nur interessant, zu erfahren, daß die Wurzel Deines Glücksbaumes in so armem Boden ruht. Nun begreife ich freilich, welche Anstrengungen es Dich gekostet haben muß, Dich emporzuarbeiten. Dein Vater ist jedenfalls ein armer Handwerker gewesen?«
Der Ton, welchen der Baron jetzt anschlug, machte den Sänger williger zur Antwort.
»Noch weniger! Er war Handarbeiter. Ein Stück Brod und ein Schluck Ziegenmilch dazu, das ist fast der ganze Inhalt unserer Speisekarte gewesen. Natürlich wurde ich zu ganz demselben Berufe erzogen.«
Er lachte dabei höhnisch auf.
»So bist Du also ›entdeckt‹ worden?«
»Ja. Ein hiesiger Professor der Musik hörte zufällig meine Stimme und nahm mich mit sich. Er bildete mich aus, soweit seine Kräfte reichten. Dann ging ich für einige Monate nach Paris, wo ich wieder ›entdeckt‹ wurde, nämlich von dem amerikanischen Unternehmer, mit welchem ich dann unter Begleitung anderer Künstler durch die Vereinigten Staaten zog, von woher ich vor drei Wochen hier angekommen bin. Diese amerikanische Reise hat meinen Ruf begründet. Ich singe jetzt nur noch für goldenes Honorar und denke dabei natürlich nicht gern an die Zeiten zurück, in denen ich als Tabuletkrämer den Staub der Landstraßen aufwirbelte.«
»Tabuletkrämer? Donnerwetter, das ist famos; das ist romantisch!«
»O, es giebt noch viel romantischere Punkte in meiner Vergangenheit. Was würdest Du zum Beispiel dazu sagen, daß ich einer der gefürchtetsten Wildschützen gewesen bin?«
»Du? Zuzutrauen wäre es Dir!«
»Ich war es in Wirklichkeit. Keine Gemse verstieg sich zu hoch für mich, und kein Abgrund war mir zu gefährlich. In der Dunkelheit der Nacht und auf Wegen, bei denen mir jeder Fehltritt den Tod bringen mußte, stieg ich auf, und manch ein Mal bin ich, die schwere Beute auf dem Rücken, an Wänden abgestiegen, an denen kaum eine Fliege Halt finden konnte. Wenn ich daran denke, so möcht ich gleich nach dem Stutzen greifen und hinauf in die Berge, denn
Aan Gamsl an der Wand
Und aan Punkt in der Scheiben,
Und ann Schatzerl an der Hand
Das ist mein Thun und mein Treiben.
Halloi droi droi dri!«
Er war von dem Divan aufgesprungen, stützte sich mit der Hand auf den Tisch und sang den Jodler mit einer Stimme und einer Verve, welche ihm das Lob des anspruchsvollsten Gesangskenners eingebracht hätte.
Aber der Burgunder wirkte noch immer, so daß der Sänger wankte und sich wieder niedersetzen mußte.
»Verdammt!« zürnte er. »Der Wein hat mich bei den Nerven gepackt. Das hätte mir früher nicht geschehen können. Damals hatte ich Eisendrähte anstatt der Nerven im Leibe. Dem Krickelanton that es Keiner gleich, kein Einziger in allen Alpen.«
»Krickelanton? So hießest Du?«
»So wurde ich gerufen. Wer ein Gemskrickel haben wollte, konnte es von mir bekommen, wenn kein Anderer die Schneid hatte, es ihm zu schaffen. Darum wurde ich nur der Krickelanton genannt und darum habe ich diesen Rufnamen in den Künstlernamen Criquolini umgewandelt. Eigentlich heiße ich Anton Warschauer.«
»Es ist mir, als ob ich früher öfters etwas von dem Krickelanton hätte erzählen hören. Es hieß, die Polizei verfolge ihn auf Schritt und Tritt, sie könne aber seiner nicht habhaft werden.«
»Das ist wahr. Sie war mir stets hinter den Fersen, hat mich aber nicht bekommen, selbst damals nicht, als ich bei der Leni erwischt wurde. Ah, dieser Fluchtweg des Nachts über den Felsengrat! Das war ein kolossales Wagniß, und ich glaube nicht, daß ich es heut wieder unternehmen würde. Man hielt mich für todt und hat lange, lange Zeit im Abgrunde nach mir gesucht.«
»Du machst mich wirklich begierig, dieses Abenteuer zu erfahren.«
»Wenn es Dir Spaß macht, will ich es Dir erzählen. Ich befinde mich in der richtigen Stimmung dazu.«
»So thue es, bitte!«
»Nimm Dir erst eine Cigarre dort, und bringe mir auch eine! Meine Beine sind obstinat geworden; sie haben mir den Gehorsam gekündigt, und ich muß nachher wirklich ein Schläfchen machen, um mich wieder in Ordnung zu bringen.«
Die Cigarren wurden angesteckt, und dann begann der Krickelanton zu erzählen.
Aber er erzählte nicht nur von jener Nacht, in welcher er rettende Zuflucht in der Wohnung der dicken Dichterin gefunden hatte, sondern er berichtete auch das Weitere, sein Verhältniß zur Muhrenleni und seinen Bruch mit ihr, als sie gegen seinen Willen Sängerin geworden war.
Der Baron unterhielt sich sehr gut dabei, denn er erhielt dadurch den Stoff zur Ausführung gewisser Absichten, von denen er freilich nicht reden konnte. Was er hörte, diente leider nicht dazu, seine Achtung für den Sänger zu erhöhen.
Der Krickelanton war ein Anderer geworden, und doch war der eigentlichste Kern seines Wesens, seiner Individualität ganz derselbe geblieben. Kühnheit, Ausdauer, Rücksichtslosigkeit, Selbstsucht, das waren seine Grundeigenschaften gewesen. Die Leni hätte aus ihm einen braven Mann machen können, und sie war auf dem besten Wege dazu gewesen, als er sich gewaltsam wieder von ihr losgerissen hatte. Das Glück war ihm freundlich entgegengetreten und hatte ihm äußerliche Erfolge gebracht, innerlich aber hatte er Schaden genommen. Sein Herz hatte sich verhärtet und sein Gefühl für das Bessere sich abgestumpft. Nur sich und sein eigenes Wohl im Auge behaltend, hatte er nicht nur die Geliebte, sondern sogar seine Eltern vergessen. Die gewaltigen Eindrücke seiner amerikanischen Reise, die dort errungenen Erfolge hatten ihm den Sinn für die schlichten Verhältnisse des Lebens getödtet. Er hatte kein Verständniß mehr für die Heiligkeit natürlicher und moralischer Verpflichtungen und war nur noch Einflüssen zugänglich, welche mit ungewöhnlicher Stärke auf ihn wirkten.
Darum war die Liebe zu der braven Leni längst in seinem Herzen erstorben, und an deren Stelle loderte nun eine wilde Leidenschaft für die Tänzerin, deren gleißende Erscheinung die glühendsten Wünsche in ihm erweckt hatte. Das ›Glück‹ hatte seine besseren Eigenschaften erstickt und die schlechteren zur vollen Entwickelung gebracht. Dabei aber ist unter Glück nur der äußere Erfolg gemeint, denn das wahre Glück ist etwas ganz Anderes, tief Innerliches.
»So!« sagte er zuletzt. »Jetzt kennst Du die interessanteste Episode meines Lebens, und damit mag diese Vergangenheit für mich abgeschlossen sein. Der Teufel soll mich holen, wenn ich wieder an diese Dummheiten denke. Die Zukunft gehört mir. Ich will leben und genießen; ich habe den Willen, die Kraft und auch – – das Geld dazu.«
Er legte sich auf den Divan zurück, als ob er von der ganzen Angelegenheit nichts mehr wissen wolle.
»Du könntest wirklich der Hauptheld eines Romanes sein,« sagte der Baron. »Schade nur, daß Du mit der Heldin desselben zerfallen bist.«
»Es gehört ihr nicht mehr!«
»War diese Leni denn wirklich hübsch?«
Nach meiner damaligen Ansicht, ja. Sie hatte eine prächtige Taille, einen vollen Busen, starke Waden, blitzende Zähne, kleine Hände, also mehr, als ein Wilddieb von seinem Mädchen vernünftiger Weise verlangen konnte; jetzt aber besitze ich freilich einen ganz anderen, einen geläuterten Geschmack. Ein Weibsbild, welches nach Heu, Käse und Kühen duftet, würde mir jetzt Krampfanfälle zuziehen. Unter ›schön‹ verstehe ich jetzt etwas ganz Anderes, als damals.
»Sie interessirt mich dennoch. Wo mag sie sich befinden?«
»Ich weiß es nicht. Sie wird verschollen sein.«
»Schwerlich!«
»O doch. Sie nannte sich als Sängerin Mureni. Weißt Du jetzt Etwas von einer Sängerin dieses Namens?«
»Freilich nicht.«
»Also! Meine Vorhersagung wird eingetroffen sein. Sie ist an ihrem Trotzkopfe zu Grunde gegangen. Ich möchte darauf schwören, daß ihre vollen Formen ihr Unglück geworden sind. Ihre Stimme war nicht übel; aber ihre geistigen Anlagen reichten zwar aus für eine Sennerin, keineswegs jedoch für die schwierige Ausbildung zur Künstlerin.«
»Die Deinigen haben aber ausgereicht, obgleich Du nicht mehr Bildung besaßest als diese Leni.«
Diese Frage wurde in freundschaftlichem Tone gesprochen, hatten aber trotzdem den Zweck, dem Krickelanton einen Stich zu versetzen. Er fühlte denselben auch, denn er fragte schnell:
»Willst Du mich beleidigen!«
»Fällt mir nicht ein! Ich weiß ja, daß es ein Mann unter den ganz gleichen Vorbedingungen bedeutend weiter bringt als ein Weib. Es mag also sein, daß sie auf der untersten Stufe der Gesangeskunst sitzen geblieben ist.«
»Und moralisch ist sie jedenfalls tiefer und tiefer gesunken. Als ich sie in jenem Concerte zum ersten Male mit offenem Busen und nackten Armen sah, wußte ich sofort, daß sie damit den ersten Schritt zur Schande gethan hatte. Von jenem Abende an war sie unrettbar, verloren.«
»Hm!« fragte der Baron lächelnd. »Du konntest also eine solche Entblößung nicht ersehen?«
»Nein. Auch heut noch nicht. Ein Weib, welches ihre intimsten Reize in dieser Weise freigiebt und veröffentlicht,, flößt mir gradezu Ekel ein.«
»Und – Valeska, Deine Tänzerin?«
Der Sänger erröthete. Er suchte nach einer Antwort, fand aber keine passende.
»Ich möchte annehmen, daß die Leni sich dem Publikum bei Weitem nicht so gezeigt hat, wie die Tänzerin es thut!«
»Das ist etwas ganz Anderes,« antwortete Criquolini. »Der Tanz hat den Zweck, durch charakteristische, harmonische Bewegungen irgend einen Gedanken aus dem Reiche des Schönen zur Anschauung zu bringen. Da ist es ganz selbstverständlich, daß die Formen der Tänzerin mit herbeigezogen werden müssen. Die Entblößung der betreffenden Körpertheile hat also ihre völlige Berechtigung. Nicht so liegt es aber bei einer Sängerin. Die drallen Wade und fetten Arme eines Weibes haben mit der Kunst und dem Zwecke des Gesanges gar nichts zu thun. Oder sage mir, ob zum Beispiel das Lied mit dem bekannten Schlußrefrain ›Ihm hat ein goldner Stern gestrahlt‹ an Schönheit gewinnt, wenn die vortragende Sängerin dabei eine Taille trägt, welche bis zur Frechheit tief ausgeschnitten ist!«
»Das Lied bleibt freilich ganz dasselbe; aber wenn Du offen sein willst, so wirst Du es mir gestehen, daß Du lieber eine Sängerin hörst, welche zeigt, daß sie nebenbei auch reizend ist, als eine, welche sich wie eine frierende Nonne verhüllt.«
»Ganz richtig! Aber bei meiner Geliebten muß ich mir das verbitten. Wenn dagegen die Tänzerin Tricots anlegt, so kann ich als Künstler nichts dagegen haben, folglich als Mann auch nicht. Mögen Andre sehen, wie schön sie ist, wenn nur diese Schönheit mein alleiniges Eigenthum bleibt.«
»Du magst ja Recht haben, obgleich ich der Ansicht bin, daß Du gegen die Tänzerin weit nachsichtiger bist als gegen diese Leni. Nach Allem, was Du mir von der Letzteren erzählt hast, interessire ich mich für dieselbe so sehr, daß ich wissen möchte, was aus ihr geworden ist und wo sie sich befindet.«
»Willst Du sie aufsuchen?« fragte der Krickelanton lachend. »Dann gut Glück dazu!«
»Vom Aufsuchen ist keine Rede. Ich habe anderes zu thun als mich um eine untergeordnete Sängerin zu bekümmern; aber wenn ich sie zufällig träfe und ihr meine Theilnahme merken ließe, so fragt es sich, ob ich nicht doch Deine Eifersucht erregen würde.«
»Eifersucht? Papperlapapp!«
»Oho! Alte Liebe rostet nicht!«
»Diese ist aber gerostet. Und wenn die Leni mir als eine der bedeutendsten Künstlerinnen begegnete, so würde ich ihr doch nur zeigen, wie sehr ich sie verachte. Von einem Aufflammen der alten Liebe oder gar von Eifersucht könnte gar keine Rede sein.«
»Weißt Du denn wirklich, daß sie verschollen ist?«
»Ja, ganz genau. Im vorjährigen Album ist ihr Name noch zu finden. ›Signora Mureni, München,‹ ist da zu lesen. Im gegenwärtigen Jahrgange steht sie nicht mehr. Ich habe mich gleich nach meiner Ankunft in Wien an ihre Münchener Adresse gewendet, um – – –«
»Also doch – –!« lachte der Baron.
»Pah! Nicht aus Herzensinteressen, sondern nur, um überhaupt zu wissen, woran ich bin. Ich habe die Antwort erhalten, daß sie von dort spurlos verschwunden sei und Niemand wisse, wohin; kein Mensch habe seitdem wieder Etwas von ihr gehört.«
»Aber dennoch muß sie existiren, und zwar nicht unter ganz schlechten Verhältnissen.«
»Woraus vermuthest Du das?«
»Haben Dir nicht Deine Eltern soeben geschrieben, daß sie wöchentlich fünfzehn Mark von ihr erhalten?«
»Ah, daran dachte ich nicht. Sie lebt also noch, aber unter welchen Verhältnissen? Als Sängerin existirt sie ganz gewiß nicht mehr; wahrscheinlich verdient sie sich das Geld durch ihre Schönheit, welche nun wohl einem abgegriffenen Prachtbande gleichen wird. Da ist es eigentlich eine großartige Beleidigung für mich, daß sie das auf diese Weise verdiente Geld meinen Eltern schickt. Das thut sie aus Rache. Ich werde mich also doch wohl nach dem Orte erkundigen, von welchem aus diese Unterstützung den Meinen zufließt. Sie dürfen es nicht annehmen!«
»Willst Du sie ihnen nehmen? Dann müßtest Du sie natürlich entschädigen, lieber Freund.«
»Das ginge dann aus meinem Beutel? Hm! Ich werde mir die Sache denn doch überlegen müssen.«
Der Sohn, welcher hier in Wien wie ein Graf lebte, wollte es sich überlegen, ob er seinen armen, alten, halbblinden Eltern eine für ihre mehr als einfachen Bedürfnisse hinreichende Unterstützung senden solle! So weit war es mit dem Herzen dieses Mannes gekommen! Sogar der Baron, welcher keineswegs ein großer, moralischer Held, sondern vielleicht ein sittlicher Lump war, schüttelte den Kopf und sagte:
»Eigentlich ist das Deine Pflicht. Nicht?«
»Möglich. Aber der Mensch besitzt eben glücklicher Weise die Freiheit, zu wählen, ob er seine Pflicht erfüllen will oder nicht. Es giebt Pflichten, die Einem höchst lästig werden können. Uebrigens bin ich jetzt gar nicht disponirt, über so unangenehme Sachen nachzudenken. Mir brummt der Kopf, und ich muß schlafen, um später wieder bei guter Laune zu sein.«
»Das ist natürlich für mich ein Fingerzeig, Dich gütigst allein zu lassen. Nicht wahr?«
»Nimm es so.«
»Nun gut! Natürlich sehen wir uns heut wieder?«
»Ich hoffe es – Was giebt es denn wieder?«
Diese Frage war an den Diener gerichtet, welcher abermals einen Brief hereinbrachte:
»Entschuldigung!« sagte derselbe. »Ist soeben von einem Lakaien für Sie abgegeben worden.«
»Nimm Du ihn!« bat der Sänger den Baron, sich ärgerlich auf den Divan ausstreckend.
Dieser Letztere nahm dem Diener, welcher sich dann entfernte, den Brief ab und betrachtete das Couvert.
»Ein adeliges Wappen!« sagte er.
»Ah! Welches?«
»Das sollte ich kennen. Wenn ich mich nicht irre, so ist es dasjenige des Commerzienrathes von Hamberger.«
»Kenne ihn nicht. Wüßte nicht, was er mir zu schreiben hätte. Es ist doch derjenige, zu welchem Graf Senftenberg heut Abend geladen ist?«
»Ja.«
»Bitte, öffne ihn, und lies ihn mir vor!«
Der Baron öffnete und las:
»Sehr geehrter Herr.
Würden Sie sich, falls dieser Brief Sie persönlich antrifft, sich sofort nach dem Empfange desselben zu mir bemühen? Ich habe eine Frage an Sie zu stellen.
Ergebenst
Hesekiel von Hamberger.«
»Sonderbar!« brummte der Sänger unwillig. Er hat zu mir ebenso weit wie ich zu ihm.«
»Willst Du etwa seiner Einladung nicht Folge leisten?«
»Ich habe wirklich keine Lust dazu. Was kann der Mann von mir wollen?«
»Wer weiß es? Es ist jedenfalls anzunehmen, daß er Dich nicht eines Nichts wegen zu sich entbietet.«
»Zu sich entbietet! Das ist der richtige Ausdruck. Er befiehlt mich ja förmlich zu sich, wie ein Vorgesetzter seinen Untergebenen.«
»Das mußt Du ihm zu Gute halten. Diese Herren haben sich an den kurzen Ton des Comptoirs gewöhnt.«
»Aber ich bin nicht sein Comptoirist. Er fragt mich, ob ich mich sofort, hörst Du, sofort nach Empfang dieser Zeilen zu ihm begeben will. Kann er diese Frage nicht in die Form einer höflichen Einladung, ich will nicht sagen einer Bitte kleiden? Muß er mich denn persönlich incommodiren? Kann er mir das, was er mich fragen will, nicht gleich mitschreiben und es sodann mir überlassen, ob ich ihm die Antwort persönlich oder schriftlich geben will. Wer und was ist dieser Mann denn eigentlich?«
»Ein Millionär.«
»Trotzdem kann er ein großer Dummkopf sein.«
»Sehr verdient um die Industrie des Landes.«
»Ist mir gleich. Ich bin weder Eisenarbeiter noch Cigarrenmacher. Mich geht das nichts an.«
»Er sieht feine Gesellschaften bei sich.«
»Das ist eher Etwas.«
»Verwendet viel Geld an die Kunst.«
»Das söhnt mich beinahe mit seinem Briefe aus.«
»Sodann mußt Du beherzigen, daß Graf Senftenberg bei ihm verkehrt. Vielleicht hat dieser Dich ihm empfohlen, und Du würdest ihn blamiren, wenn Du nicht gingst.«
»Hm! Aber ich bin jetzt keineswegs in der Verfassung, mich so einem Herrn vorzustellen.«
»Trinke ein Selters!«
»Höre, Du wirst mir langweilig. Du hast für jeden meiner Einwände eine Entgegnung.«
»Das sollte Dich überzeugen, daß es nur gut ist, der an Dich ergangenen Einladung zu folgen.«
»Wenn Du in dieser Weise den Fürsprecher machst, so werde ich am Ende doch gehen.«
»Thue es! Ich begleite Dich eine Strecke.«
»Gut. Das macht mich williger.«
Er stand auf und begann, seine auf dem Divan Etwas in Unordnung gerathene Toilette zu restauriren. Der Lakai mußte wirklich ein Selters bringen. Bei dieser Gelegenheit befahl er diesem, nach dem heruntergefallenen Ring zu suchen.
Der Diener gab sich alle Mühe, fand ihn aber natürlich nicht.
»So laß es jetzt,« sagte sein Herr. »Such, wenn wir fort sind, weiter!«
Der Lakai zog sich in das Vorzimmer zurück, und bald war der Sänger zum Gehen bereit. Das Selters schien ihm wohlgethan zu haben. Er wankte nicht mehr, und sein Körper erhielt nach und nach die verlorene Spannkraft zurück.
Er betrachtete sich noch einmal wohlgefällig im Spiegel und erklärte sich dann zum Gehen bereit. Schon wendete sich der Baron nach der Thür; da aber drehte er sich noch einmal zu dem Sänger, welcher ihm folgen wollte, zurück und sagte:
»Da fällt mir ein: Könntest Du mir nicht einen kleinen Dienst erweisen?«
»Gern, wenn es mir möglich ist.«
»Es ist eine Geldangelegenheit.«
Der Baron beobachtete dabei die Miene seines Freundes mit gespanntem Blicke. Dieser verbarg seine Ueberraschung nicht, sondern sprach:
»Aber, mein Bester, Du hast doch in letzter Zeit ganz bedeutende Summen von uns gewonnen!«
»Das ist sehr richtig.«
»Du mußt also doch bei Kasse sein. Du lebst zu splendid. Du mußt Dich mehr einschränken. Meine Gelder kann ich nicht angreifen. Vielleicht hilft Dir der Graf aus der Verlegenheit.«
Ueber das lauernde Gesicht des Barons ging ein höhnisches und doch auch befriedigtes Lächeln, welches er aber schnell wieder unterdrückte.
»Wer sagt Dir denn, daß ich mich in einer Verlegenheit befinde?«
»Nun, Du!«
»Ich? Ich weiß kein Wort davon.«
»Du sprachst doch von einer Geldangelegenheit!«
»Das ist richtig; aber meinst Du vielleicht, daß Angelegenheit mit Verlegenheit gleichbedeutend sei?«
»Ah! So hast Du es anders gemeint? Das ist mir sehr lieb. Ich dachte, Du wolltest borgen.«
»Und Du hättest mir nichts geliehen?«
»Gern, wenn ich könnte; aber ich sagte Dir bereits, daß ich über meine Gelder verfügt habe.«
»Nun, so beruhige Dich. Ich stehe mich nicht so, daß ich meine Freunde in Anspruch nehmen müßte. Meine Güter bringen mir so viel ein, daß ich glänzend leben kann.«
»Trotzdem kann man einmal in augenblickliche Verlegenheit gerathen.«
»Das wäre für mich sehr schlimm, da ich soeben die Erfahrung mache, daß sogar mein bester Freund mir in diesem Falle seine Hilfe versagt.«
»Pardon! Es giebt Zeiten, in denen man nicht kann, wie man will. Aber was hast Du denn eigentlich mit dieser Geldangelegenheit gemeint?«
»Ich will tausend Gulden fortschicken, nicht per Postmandat, sondern per Couvert. Ich brauche dazu Papiergeld und habe augenblicklich nur Gold. Darum wollte ich Dich fragen, ob ich nicht bei Dir das Geld in Papier umwechseln könnte.«
»Wenn es weiter nichts ist! Das können wir schon thun.«
Der Baron nahm seine Börse heraus und zählte die Goldstücke auf den Tisch. Dabei aber beobachtete er die Bewegungen des Sängers genau. Dieser zog ein kleines Schubfach, welches im Sockel der Stutzuhr angebracht war, auf und nahm einen darin befindlichen, kleinen Schlüssel heraus. Mit diesem öffnete er ein Fach des Schreibtisches, welches ganz mit Geld angefüllt zu sein schien, und zwar mit Staatsanweisungen. Er nahm eine Note zu tausend Gulden heraus, legte sie dem Barone hin, nahm das Gold dafür, schloß dieses zu dem Papiergelde ein und hob dann den Schlüssel wieder in dem Uhrenkästchen auf.
Das Alles hatte der Baron gesehen, und sein Gesicht leuchtete vor Befriedigung. Seine Absicht, zu erfahren, wie zu dem Gelde des Sängers zu gelangen sei, war befriedigt worden.
Nun gingen sie.
Als sie in den Hausflur traten, kam ein junges, schönes Mädchen die Treppe herab. Sie war ihrem Anzuge nach ein besseres Dienst-, vielleicht ein Stuben- oder Zimmermädchen. Der Sänger sah sie und blieb stehen. Wenn sie das Haus verlassen wollte, mußte sie an ihm vorüber. Sie zauderte, weiter zu gehen, war dann aber entschlossen, ihren Weg fortzusetzen.
»Martha,« sagte er, indem er sich ihr in den Weg stellte. »Haben Sie sich das, was ich Ihnen sagte, überlegt?«
Ihr Auge flammte zornig auf. Sie wollte sich an ihm vorüberdrängen und antwortete dabei:
»Lassen Sie mich! Ich habe mit Ihnen nichts zu schaffen!«
Er aber ergriff sie beim Arme, hielt sie fest und rief lachend:
»Liebes Kind, ein Dienstmädchen darf nicht so zurückweisend sein. Es giebt ja Leute, welche einen Händedruck mit einem Gulden bezahlen.«
»Behalten Sie Ihre Gulden, und lassen Sie mich los, sonst rufe ich Hilfe herbei.«
»Das wirst Du nicht thun. Komm, ich muß Dich küssen!«
Er wollte sie an sich ziehen und umarmen; da aber schlug sie ihm mit der geballten Hand in das Gesicht, daß er zurückprallte.
»Donnerwetter!« fluchte er, ihren Arm noch immer festhaltend. »Du bist giftig. Nun aber wirst Du erst recht geküßt.«
Er riß sie jetzt mit aller Kraft an sich, um seine Drohung wahr zu machen. Sie war nicht schwach gebaut; aber ein Mann ist stets stärker als eine weibliche Person. Ihre Kraft reichte nicht aus, sich von ihm zu befreien.
»Hilfe, Hilfe!« rief sie laut.
Er ließ sie trotzdem nicht los, und sie rangen mit einander. Der Baron stand dabei, ohne ein Wort zu sagen oder eine Hand zum Schutze des Mädchens zu rühren. Die Letztere wiederholte ihren Hilferuf.
Der Diener des Sängers trat eiligst heraus, fuhr aber schnell wieder zurück, als er sah, daß sein Herr es war, gegen welchen um Hilfe gerufen wurde.
Aus der Wohnung, welche auf der anderen Seite des Parterres lag, kam Niemand. Es schien Niemand zu Hause zu sein. Aber oben auf dem Vorplatz zur ersten Etage ging eine Thür auf. Zwei weibliche Gestalten zeigten sich oberhalb der Treppe, eine ältere und eine jüngere. Diese Letztere zog, als sie die unter ihr liegende Scene überschaute, das Taschentuch hervor und hielt es so vor das Gesicht, daß es nicht zu erkennen war. Die Aeltere eilte die Treppe herab, faßte den Sänger von hinten und rief zornig:
»Was ist das für eine Unverschämtheit! Wollen Sie gleich mein Mädchen gehen lassen! Sofort, sofort, sonst rufe ich die Polizei herbei.«
Jetzt ließ er los. Das Mädchen entfloh; er aber wendete sich an die Dame:
»Was haben Sie hier darein zu reden! Sie haben hier unten gar nichts zu sagen!«
Die Dame, deren behäbiges Aussehen auf gute Verhältnisse und einen liebenswürdigen Charakter schließen ließ, antwortete zornig:
»Das sagen Sie mir? Der Wirthin dieses Hauses und der Herrin des Mädchens? Ich will Ihnen darauf nur die Antwort geben, daß ich in meinem Hause Flegelhaftigkeiten nicht dulde. Sie ziehen aus! Sehen Sie sich schleunigst nach einer anderen Wohnung um!«
»Oho! Flegelhaftigkeiten?«
»Ja, das ist es. Ihr Betragen ist rüd und zuchtlos. Seit Sie bei mir wohnen, haben Sie uns nur bemerken lassen, wie ein junger, anständiger Herr nicht leben soll. Ich kann Sie nicht länger bei mir dulden. Ich wiederhole also meine Aufforderung, sich heut noch nach einem anderen Logis umzusehen!«
»Das ist brillant!« lachte er. »So eine alte Schachtel, welche froh sein sollte, einen gutzahlenden Miether zu haben, will mich fortjagen! Meinen Sie, daß dies so schnell geht? Sie haben mir zu kündigen. Verstanden!«
Die Dame wollte noch zorniger auffahren: sie beherrschte sich aber und entgegnete in ruhigerem, reservirtem Tone:
»Ich bedarf keiner Belehrung. Ob ich die Kündigung einhalte, kommt ganz auf die Verhältnisse an. Ich will nicht von den Orgien sprechen, welche Sie bis tief in die Nacht hinein in Ihrer Wohnung feiern, auch nicht von den zweifelhaften Frauenzimmern, die sich daran betheiligen; aber Sie haben nun bereits mit jedem hier im Hause engagirten Dienstmädchen angebunden, und heut vergreifen Sie sich sogar thätlich an dem meinigen. Das beweist, daß Sie ein gemeingefährlicher Mensch sind, welchen ich keinen Augenblick länger zu dulden brauche. Auf mein wohlberechtigtes Einschreiten hin beleidigen Sie mich mit schamlosen Schimpfworten. Ich könnte sofort zur Polizei senden, aber ich will jetzt noch darauf verzichten und Ihnen eine Frist stellen. Wenn Sie bis morgen Abend sechs Uhr meine Wohnung noch nicht verlassen haben, lasse ich Sie polizeilich entfernen und auch noch wegen des beschimpfenden Ausdruckes bestrafen, dessen Sie sich bedient haben. Richten Sie sich darnach!«
Sie wendete sich um und stieg wieder die Treppe empor. Er sah die andre Dame oben stehen und fühlte sich riesig blamirt. Das brachte ihn aber keineswegs zur besseren Einsicht, sondern es erregte nur seinen Zorn:
»Ein Glück für Sie, daß Sie sich fort machen,« rief er der Dame nach. »Wenn Sie sich nicht augenblicklich getrollt hätten, wären Sie mit den wohlverdienten Ohrfeigen bedacht worden!«
»Ah, Ohrfeigen?« antwortete sie, stehen bleibend. »Das ist mir noch nie gesagt worden! Dieser Mensch ist noch viel gemeiner, als ich gedacht habe.«
Er sprang auf die Treppe zu und drohte:
»Nun aber schnell verschwinden, sonst – –! Morgen ziehe ich aus. Mit so einer alten Xantippe mag ich nicht zusammen wohnen!«
Der Baron mochte befürchten, daß diese Scene sich noch mehr verschärfen könne. Darum trat er herbei, faßte ihn am Arme und bat:
»Komm! Erniedrige Dich nicht! So ein Weib darf für Unsereinen gar nicht existiren.«
»Hast Recht! Aber sagen muß ich es ihr.«
Sie gingen. Ihr Weg führte sie, da des Commerzienrathes Palais auf der Asperngasse stand, an dem Eingange der Praterstraße vorüber nach der Ferdinandsstraße, in welche die Erstere mündet.
Der Sänger war voller Aerger, nicht sowohl über den Zank mit der Wirthin als vielmehr deshalb, daß ihm sein Angriff auf das schöne Mädchen nicht so gelungen war, wie er es beabsichtigt hatte.
»Verdammte alte Hexe!« brummte er. »Wenn sie nicht dazugekommen wäre, hätte ich mir ein Paar Küsse geholt.«
»Was hättest Du davon gehabt?«
»Das fragst Du mich!«
»Natürlich. Für solche Küsse danke ich! Wenn ich sie nicht freiwillig und aus Liebe erhalte, so verzichte ich lieber darauf.«
»Aber hast Du Dir denn das Mädchen gar nicht angesehen?«
»Sogar sehr genau.«
»Nun? Was sagst Du zu ihr?«
»Sie ist allerdings verdammt hübsch.«
»Nicht nur hübsch, sondern sie ist eine Schönheit, keine Mondschönheit, weißt Du, sondern eine mit strotzenden Formen. Man möchte gleich hineinbeißen in diese süße, schwellende Frucht. Aber sie ist ein fester Charakter. Ich habe ihr alle möglichen Vorschläge gemacht, doch vergebens.«
»Ich kann Dich nicht begreifen!«
»So! Bist etwa Du ein Heiliger?«
»Gar nicht. Aber vorsichtig bin ich.«
»Pah, Vorsicht! Genuß, Genuß, das ist die Hauptsache!«
»Hast Du nicht Deine Tänzerin?«
»Ja, aber ein richtiger Jäger nimmt, wenn er Hochwild erlegt hat, auch noch einen Hasen mit, wenn er ihm in den Weg kommt.«
»Und die Blamage rechnest Du nicht?«
»Nein. So ein Weib kann mich gar nicht blamiren. Sie soll sich einen andern Miether suchen.«
»Wie? Du willst wirklich ausziehen?«
Das Gesicht des Barons nahm bei dieser Erkundigung den Ausdruck der Enttäuschung an.
»Ja, ich ziehe aus.«
»Das ist dumm!« entfuhr es ihm.
»Warum?«
»Weil – – weil das Logis nicht übel ist.«
»Es giebt tausend ähnliche und noch bessere. Ich wohne möblirt, kann also jeden Augenblick fort. Ich bin übrigens überzeugt, daß der alte, grimmige Drache wirklich seine Drohung erfüllt, wenn ich nicht bis morgen ausgezogen bin.«
»Ich an Deiner Stelle würde das abwarten.«
»Fällt mir nicht ein! Wer Ehrgefühl besitzt, mag mit solchen Personen nichts zu thun haben. Sprechen wir von etwas Anderem! Du verkehrst also nicht bei dem Commerzienrath?«
Als der Sänger von seinem Ehrgefühle sprach, glitt ein mitleidiges Lächeln über das Gesicht des Barons, welcher jetzt antwortete:
»Nein. Ich bin ihm noch nicht vorgestellt.«
»Willst Du seine Bekanntschaft machen, so werde ich Dich bei ihm einführen.«
»Die Bekanntschaft eines solchen Mannes ist immerhin erwünscht. Aber wie willst Du mich bei ihm einführen? Du verkehrst ja selbst noch nicht bei ihm.«
»Werde aber Hausfreund werden; an meinen jetzigen Besuch wird sich natürlich ein intimerer Verkehr knüpfen. Es wäre mir sehr lieb, wenn Du mir einen Wink in Beziehung auf den Charakter dieses Krösus geben könntest.«
In diesem Augenblicke kam eine Equipage heran gerollt. Eine einzelne Dame saß darin.
»Schau!« meinte der Baron, »da hast Du gleich die Commerzienräthin, seine Frau.«
Der Sänger sah sich die Dame an und sagte dann, als sie vorüber war, im Weitergehen:
»Nicht übel! Zwar etwas aufgedonnert, hat aber das Aussehen eines liebenswürdigen Characters.«
»Den hat sie auch. Man erzählt sich sehr viel von ihren Wohlthaten. Sie ist Jüdin.«
»Das sieht man ihrem orientalischen Gesichtsschnitte an. Er ist natürlich auch Israelit, wie sein Name Hesekiel beweist?«
»Ja. Man sagt sich, daß er früher mit alten Kleidern gehandelt habe. Eine Geistesgröße ist er nicht, sondern ein Geldprotz.«
»So harmonire ich nicht mit ihm.«
»Er wird sich nicht darüber grämen.«
»Ich glaube, daß ich mich nicht viel bei ihm einstellen werde. Bei solchen Menschen ist es ja nicht möglich, sich zu amüsiren.«
»O, was das betrifft, so sind grad die Salons dieses Commerzienrathes sehr beliebt. Er zieht wirklich nur feine Leute herbei und ist auch in eigener Person ein Gegenstand der Unterhaltung; nur darf man sich das nicht merken lassen, wenn man ihm willkommen sein will.«
»Wieso?«
»Nun, er hat weder Bildung noch Kenntnisse, hält sich aber für ungeheuer klug und belesen. Bei einem Gespräche über Kunst und Wissenschaft fühlt er sich in seinem Elemente und schießt dabei solche Böcke, daß man platzen möchte, da man ihm natürlich nicht in das Gesicht hinein lachen darf, sondern nicht nur ernsthaft bleiben, sondern ihm sogar Recht geben muß. Das vergrößert natürlich sein Selbstbewußtsein, und so kommt es, daß er sich für einen Mann hält, dessen Urtheil gewichtig in die Wagschale fällt. Du wirst es gleich jetzt erfahren, wenn Du zum ersten Male bei ihm bist. Laß Dich durch seine Reden nicht verblüffen, und lache ihn um aller Welt willen nicht aus, sonst läßt er Dich hinauswerfen.«
»Kommt man denn bei ihm in gar so große Gefahr, in ein Gelächter auszubrechen?«
»Zuweilen, ja. Da ist die Asperngasse. Wir trennen uns. Wollen wir uns heut wiedersehen, so weißt Du mich zu finden.«
»Vielleicht komme ich. Leb wohl!«
Sie reichten einander die Hand. Der Sänger ging in die erwähnte Gasse; der Baron aber schlenderte zurück, nach der Ferdinandsbrücke zu.
Er machte keineswegs ein vergnügtes Gesicht.
»Verdammt!« brummte er für sich hin. »Ich hatte es so schlau angefangen, zu erfahren, wie man zu seinem Gelde kommen kann. Es ist so leicht, es sich zu holen, und nun muß der Einfaltspinsel die Dummheit mit dem Mädchen begehen, so daß er nun gezwungen ist, sich ein anderes Logis zu suchen. Wer weiß, ob es in demselben ebenso klappt wie hier!«
Er warf den Stummel seiner Cigarre ärgerlich fort, blickte sich vorsichtig um, ob er beobachtet werde, und fuhr fort:
»Heut ist der letzte Tag, welchen er bleiben kann. Eigentlich sollte ich diesen zum Einbruch benützen; aber es paßt nicht; ich muß also warten. Einstweilen habe ich den Ring. Er ist ächt. Ich werde ihn gut verkaufen. Man sieht mir bereits auf die Finger. Man glaubt nicht, daß ich adelig bin und große Besitzungen habe. Ich werde also bald verschwinden, vorher aber noch einen tüchtigen Treffer machen. Valeska, die Tänzerin, muß mir dabei helfen.«
Der Gedanke an sie schien seinen Mißmuth zu verscheuchen, denn er lachte lustig auf.
»Das ist eigentlich brillant! Sie ist meine Koncubine, und er ahnt es nicht. Er will sie sogar heirathen! Meinetwegen! Er mag es thun. Ich wünsche Beiden Glück dazu, denn ich werde meine Rechnung dabei machen.«
Er zog den Ring aus der Tasche, steckte ihn an und ließ im Weitergehen den Stein in der Sonne funkeln.
Als der Graf vorhin die beiden Herren aus seiner Equipage entlassen hatte, war er durch einige der Nebenstraßen einen Bogen gefahren, um über die Aspernbrücke zurückzukehren. Seine Wohnung lag am Kärnthnerring. Dabei kam er auch durch die Asperngasse und an dem Palais des Commerzienrathes vorüber. Er blickte nach den Fenstern empor, um zu grüßen, falls er dort Jemand sehen sollte. Er sah die Dame des Hauses, welche auf dem Balkon stand, und zog den Hut. Sie erkannte ihn und winkte. Er ließ halten und stieg aus, um sich zu ihr zu begeben. Sie kam ihm bis zum Vorsaale entgegen.
»Wie gut, daß Sie vorüberfahren, mein Verehrtester,« sagte sie. »Ich freute mich, als ich Sie sah, denn ich möchte Ihre Hilfe in Anspruch nehmen.«
Er küßte ihr galant die Hand und versicherte:
»Es gewährt mir ein großes Vergnügen, Ihnen meine Dienste widmen zu können.«
»Kommen Sie herein. Mein Mann sitzt beim zweiten Frühstücke. Wir sprechen über einen Gegenstand, in Beziehung dessen ich Sie um Ihren Rath ersuchen möchte.«
Als sie in das Balkonzimmer kamen, saß der Commerzienrath an einem Seitentische. Er hatte eine Serviette unter die Kehle gebunden, eine zweite auf dem Schooße liegen; eine dritte lag ihm zur Hand auf dem Tische. Er schien ein Freund der Sauberkeit zu sein.
Der Tisch war mit all denjenigen Feinheiten bedeckt, welche ein Gourmand auf seiner Tafel zu lieben pflegt. Eben schob der Commerzienrath ein großes Stück geräucherten Lachs in den mit großen, gelben Zähnen bewaffneten Mund, als seine Frau den Grafen brachte. Ohne sich zu erheben, sagte er kauend:
»Ah! Sie, bester Graf! Willkommen! Setzen Sie sich her, und nehmen Sie theil!«
»Danke! Habe bereits gefrühstückt.«
»Thut nichts. Wein getrunken?«
»Ja. Burgunder und Champagner.«
»Das macht Kopfweh. Setzen Sie sich nur, und essen Sie wenigstens einen Rollmops. Der stellt das Gleichgewicht wieder her.«
Er nahm die Serviette von der Kehle, wischte seine vom Lachs gefetteten Finger daran und hielt sie dann dem Grafen hin.
»Danke wirklich!« lächelte dieser. »Die Gnädige hatte die Güte, mich zu rufen. Es handelt sich, wie ich höre, um eine Angelegenheit, in welcher ich mir Verdienste erwerben kann.«
Der Bankier schob ein Stück Chesterkäse in den Mund und nickte:
»Ja, schön! Vortrefflich, daß Sie kommen. Setzen Sie sich! Sie haben doch unsere Einladung erhalten?«
»Ja, bereits gestern.«
»Und werden kommen?«
»Natürlich!«
»Schön! Es soll nicht etwa ein brillanter Gesellschaftsabend sein, nein gar nicht, sondern nur ein Vergnügen unter uns, das heißt unter den Nobelsten unserer Bekanntschaft. Da sind Sie natürlich der Erste, an den die Einladung ergangen ist – – –«
Der Graf, welcher sich gesetzt hatte, verbeugte sich unter einem verbindlichen Lächeln. Der Bankier fuhr fort:
»Sie wissen, ich bin Kunst- besonders Musikfreund, sogar einer der bedeutendsten Kenner dieses Faches. Ich spiele zwar nicht Clavier, weil meine Finger zu dick dazu sind. Ich habe das Unglück, daß jeder derselben gleich drei Tasten zugleich niederdrückt. Ich würde also nicht einmal einen guten Triller fertig bringen; aber wenn ich auch nicht selbst spiele oder blase, so höre ich es doch sehr gern, und so darf auch heut die Musik nicht fehlen. Ich habe auch bereits eine kleine Kapelle engagirt; da erfahre ich, daß seit einiger Zeit ein Sänger hier wohnt, welcher keine üble Stimme haben soll. Die Wiener Sänger haben alle bereits bei mir gesungen; nun möchte ich meinen Gästen auch diesen Fremden vorführen. Was meinen Sie dazu?«
»Brillante Idee!«
»Nicht wahr! Wollen Sie nicht wenigstens eine Caviarsemmel nehmen?«
Er spießte die Semmel mit der Gabel an und hielt sie dem Grafen hin.
»Danke! Ich hatte heut schon Caviar.«
»Schade! Ich habe mir sagen lassen, daß der Caviar ein sehr gutes Präservativ gegen den Schnupfen und die Reizung sämmtlicher Schleimhäute sein soll. Leiden Sie oft an Schnupfen?«
»Selten!« antwortete der Graf sehr ernsthaft.
»Sie Glücklicher! Ich brauche alle Wochen zwei Dutzend Taschentücher. Also Sie meinen, daß ich den Sänger engagiren soll?«
»Ja.«
»Leider weiß ich nicht, wo er wohnt; aber ich erfuhr, daß Sie ihn kennen.«
»Wie heißt er?«
»Criquolini.«
»Ja, den kenne ich. Soeben erst habe ich ihn an seiner Wohnung abgesetzt.«
»Leistet er Etwas?«
»Hoffentlich.«
»Wie? Haben Sie ihn noch nicht gehört?«
»Ich war dabei, als er irgend ein Liedchen trällerte. Andere Leistungen vernahm ich noch nicht von ihm. Aber er soll in Amerika gute Erfolge gehabt haben.«
»So! Na, ich werde ihn benachrichtigen.«
»Thun Sie das bald, da Sie ihn bereits für heut Abend wünschen; er könnte sich sonst anderweit versagen.«
»Schön, schön! Dort liegt Papier und alles Nöthige. Ich bin noch nicht fertig mit dem Frühstücke und habe fettige Hände. Wollen Sie dem Manne nicht einige Zeilen in meinem Namen schreiben?«
»Gern!«
Der Graf setzte sich an den Schreibtisch und verfaßte jene wenigen Zeilen, welche der Sänger dann erhielt. Er lächelte still vor sich hin. Er kannte den Commerzienrath, und er kannte Criquolini. Er gedachte, ihnen einen kleinen Streich zu spielen. Beide hatten harte Köpfe und besaßen sehr viel Eigenliebe. Einer wie der Andere war für Beleidigungen sehr empfindlich. Indem der Graf dem Bankier verheimlichte, daß Criquolini ein Sänger von Ruf sei, und indem er die Zeilen, welche er schrieb, so abfaßte, daß ihre Kürze den Sänger fast beleidigen mußte, sorgte er dafür, daß es zu einer kleinen Scene zwischen den Beiden kommen mußte.
Ein Sänger von dem Rufe des einstigen Wildschützen durfte natürlich nicht engagirt und wie ein gewöhnlicher Musiker bezahlt werden. Man mußte ihn laden und mit den andern Gästen gleichstellen.
Der Graf war Criquolini keineswegs sehr zugethan. Er war überzeugt, daß dieser ein innerlich verwahrloster Mensch, ein fast gemeiner Character sei. Da aber der Sänger im Club eingeführt worden war, verkehrte der Graf um der anderen Mitglieder willen gelegentlich mit ihm. Er hatte ihn heute nach Hause gebracht, nicht etwa aus besonderer Zuneigung, sondern aus Rücksicht darauf, daß er selbst mit ihm gefrühstückt hatte. Mußte der zu drei Viertheilen betrunkene Tonkünstler seine Wohnung zu Fuße aufsuchen, so konnte er bei seinem Character unterwegs sehr leicht mit der Polizei in Conflict gerathen. Das hatte der Graf vermeiden wollen.
Auch den Baron hatte er längst durchschaut und als einen Schwindler erkannt. Er verachtete ihn und zeigte ihm nur äußerlich diejenige Freundlichkeit, welche ein Gebot der guten Sitte ist.
Als er die Zeilen vollendet und die Adresse geschrieben hatte, gab er Beides dem Banquier zu lesen.
»Vortrefflich!« nickte dieser. »Ein Diener mag das Billet sofort besorgen.«
Der gefällige Graf klingelte und gab den Brief ab. Er glaubte die Angelegenheit nun erledigt; aber der Jude sagte, immer kauend:
»Nun noch Eins, lieber Freund; die Hauptsache. Ist Ihnen der Name Ubertinka bekannt?«
»Allerdings. So heißt ja jene Sängerin, welche in Mailand, Venedig, Rom und Neapel ein so großes Aufsehen erregte.«
»Die meine ich. Halten Sie diese für gut?«
»Wozu?«
»Bei mir zu singen.«
»Ah! Etwa heut Abend?«
»Gewiß.«
»So müßte sie ja hier sein.«
»Bitte, bemühen Sie sich nochmals an den Schreibtisch. Dort liegt die Liste der bei der Polizei neu angemeldeten Fremden. Suchen Sie da nach dem Hotel de l'Europe, Asperngasse Nummer zwei, also gar nicht weit von mir.«
Der Graf fand die bezeichnete Stelle. ›Signora Ubertinka, Sängerin‹ war da zu lesen.
Der Graf war ein großer Freund des Theaters, besonders der Oper, des Gesanges. Er interessirte sich sehr für alles neu auf diesem Gebiete Erscheinende. Eine neue Erscheinung am Himmel der Kunst konnte ihn in Extase versetzen.
Aber er war nicht einer jener Theaterhabitués, welche die Kunst lieben nur der Künstlerinnen wegen. Er besaß einen wahrhaft edlen Character und eine Geistes- und Herzensbildung, deren Höhe der Höhe seines Standes und seiner gesellschaftlichen Stellung gleichkam. Als er den berühmten Namen las, rötheten sich seine Wangen.
»Was!« fragte er. »Die Ubertinka ist hier, ist in Wien? Gestern angekommen? Das ist freilich geradezu ein Ereigniß.«
»Wirklich?« fragte der Banquier.
»Mein Gott, da fragen Sie auch noch! Diese Sängerin ist ja eine phänomenale Erscheinung!«
»Also schön?«
»Bitte, das meine ich nicht. Ich spreche von ihren künstlerischen Leistungen, von denen Sie doch wohl gehört haben?«
»Ja; aber ich gestehe offen, ich entsinne mich, von ihr gelesen zu haben, habe aber das Nähere längst wieder vergessen. Sie wissen ja, Unsereiner, der eine Autorität ist, wird so allgemein in Anspruch genommen, daß man sich das Besondere, das Einzelne gar nicht merken kann. Darum eben ist es mir lieb, daß meine Frau Sie citirt hat. Ich pflege täglich die Fremdenliste durchzugehen, der Geschäftsleute wegen, welche ankommen. Da fand ich vorhin den Namen Ubertinka. Ich sann und sann, bis mir einfiel, daß vor einiger Zeit in sehr vielen Journalen von ihr geschrieben wurde. Sie ist also wirklich berühmt?«
»Hm! Der Ausdruck berühmt ist hier wohl nicht anzuwenden.«
»So! Also taugt sie doch nicht viel?«
»Bitte, bitte! So ists nicht gemeint –«
»Nach meiner Meinung kann eine Sängerin, welche nicht berühmt ist, nicht viel taugen.«
»O doch! Ist zum Beispiel die Venus berühmt?«
»Die Venus? Ja. Sie ist die Göttin der Liebe. Sie war die Gemahlin des buckeligen Vulkan und ist diesem untreu geworden, weil ihr der Kriegsgott Mars viel besser gefiel, von dem sie drei Kinder bekommen hat. So habe ich gelesen.«
Die Commerzienräthin machte eine Handbewegung der Abwehr.
»Aber, Hesekiel!«
»Was?« fragte er verwundert. »Ah, ich soll nicht von solchen Ehebruchsgeschichten reden? Warum denn nicht, liebes Kind? Das ist täglich vorgekommen und kommt noch heut täglich vor, früher unter Göttern und jetzt unter Menschen. Diese Letzteren scheinen es von den Ersteren gelernt zu haben. Du brauchst Dich gar nicht darüber zu entsetzen, denn ich bin kein Mars und bleibe Dir treu.«
Der Graf ließ ein kurzes, lustiges Lachen hören und bemerkte:
»Lieber Baron, als ich von der Venus sprach, meinte ich nicht die Göttin der Liebe, welche allerdings ein leichtes Leben geführt zu haben scheint, sondern den Planet, welcher diesen Namen führt.«
»Ach so! Kenne ich, kenne ich auch! Venus, Erde, Mars, Jupiter, Uranus, Saturn, kenne sie alle, alle! Treibe des Nachts zuweilen Astronomie. Was ist also mit diesem Planeten Venus?«
»Ich frug Sie, ob er berühmt sei.«
»Berühmt? Nein. Nicht daß ich wüßte! Was ists denn weiter, ein Planet zu sein? Gar nichts, gar nichts! Man läuft einfach rund um die Sonne herum und leuchtet ein Bischen während der Nacht.«
»Sehr richtig! Aber setzen wir den Fall, es trete plötzlich ein Komet auf, ein Komet, den kein Astronom vorher berechnet hat. Er kommt ungeahnt, ist da und überfluthet den ganzen Himmel mit Glorienschein. Wie steht es da mit der Berühmtheit?«
»Die ist da, sicherlich da! Ein Komet macht viel eher Carrière als ein Planet. Von ihm erzählt man sich noch nach Jahrhunderten.«
»Da haben Sie nun den Vergleich, welchen ich bringen wollte. Die glänzenden Sterne unserer Opernwelt sind Planeten, welche ihren ruhigen, vorgeschriebenen Lauf gehen und weder rechts noch links abweichen. Tritt aber an diesem Himmel ein Komet auf, so hat ihn vorher kein Mensch gekannt; er ist also nicht berühmt, überstrahlt aber dennoch die Planeten alle.«
»Sapperment, lieber Graf, meinen Sie etwa, daß diese Uebertinka ein solcher Komet sei?«
»Ja, das ist sie. Sie leistet Unglaubliches, ohne berühmt zu sein, wird es aber in Kurzem werden.«
»Wissen Sie Näheres von ihr?«
»Nur das, was man hier und da zu lesen bekam.«
»Hier in Wien hat sie noch nicht gesungen?«
»Nein.«
Da warf der Banquier auch noch die andere Serviette fort, sprang auf, rieb sich vergnügt die Hände, lief im Zimmer auf und ab und rief:
»Herrlich! Prächtig! Köstlich! Ah! O! Auf so einen Gedanken kann nur eben ich kommen, ich, der Herr Baron Hesekiel von Hamberger!«
Seine Frau war solche Auslassungen gewöhnt. Ihr fielen sie nicht mehr auf. Der Graf war rücksichtsvoll genug, ein Lächeln zu unterdrücken.
Der Banquier blieb endlich vor ihm stehen und fragte:
»Was meinen Sie, bester Graf, würde es nicht Aufsehen erregen, wenn ich, ich, ich –« er deutete dabei mit dem Zeigefinger seiner rechten Hand auf seine fette, breite Brust, »wenn ich diesen Kometen in die Wiener aristokratische Welt einführte?«
»Ungeheures Aufsehen!«
»Würde ich mir nicht große Verdienste um die Kunst erwerben, bedeutende Verdienste?«
»Unbedingt!«
»Und welch eine Genugthuung für mich, wenn ich allen Anderen zuvorkomme, allen Fürstlichkeiten und hohen Herrschaften!«
»Ja, das wäre ein Erfolg, um den Sie Jedermann beneiden würde.«
»Sie wohl auch?«
»O nein. Ich lebe einsam nur meinen Studien und der complicirten Verwaltung meiner Besitzungen und sehe keine Gesellschaften bei mir. Wie also sollte ich Sie beneiden? Im Gegentheile würde es mich, als den Gast Ihres Hauses, freuen, wenn Sie das Glück hätten, diese Künstlerin für heute Abend zu gewinnen.«
»Das Glück? Warum sollte ich es nicht haben?«
Der Graf wiegte, ohne eine Antwort zu geben, den Kopf bedenklich hin und her.
»Nun, so antworten Sie doch! Sprechen Sie! Warum sollte sie nicht kommen wollen, zu mir, dem reichen Banquier und Baron Hesekiel.«
»Weil sie nicht so ist wie Andere.«
»So! Wie ist sie denn?«
»Sie scheint nur ihrer Kunst zu leben. Vom öffentlichen Leben aber zieht sie sich zurück.«
»Das wissen Sie?«
»Es wurde darüber geschrieben. In den vorhin genannten Städten haben die reichsten und angesehensten Familien sich Mühe gegeben, sie anzuziehen, vergeblich. Sie hat stets abgelehnt. Sie hat als Grund angegeben, daß sie lernen müsse und keine Zeit für Anderes übrig habe.«
»Dann ist sie allerdings eine große Ausnahme. Aber dennoch werde ich mein Glück bei ihr versuchen. Ich werde Alles thun, was ich kann. Ich werde zu ihr fahren in meinem besten Wagen und ihr bieten hundert Gulden, fünfhundert Gulden und auch noch mehr, wenn sie kommen will, um ein Lied zu singen.«
»Um Gotteswillen, das nicht!«
»Kein Lied?«
»Nein, kein Geld, meine ich. So eine Dame fühlt sich natürlich hoch beleidigt, wenn man ihr eine Bezahlung anbietet.«
»Aber ich kann und will doch nicht verlangen, daß sie es umsonst macht. Ich will nobel sein!«
»Das können Sie auch ohne Bezahlung.«
»Aber wie denn?«
»Indem Sie ihr zum Beispiel am nächsten Morgen ein feines Bouquet senden, welches von einer goldenen Kette oder einem Braçelet zusammengehalten wird.«
»Schön! Dieser Gedanke ist prachtvoll. Die Kette und das Braçelet werden das Bouquet zusammenhalten. Ich werde ihr gleich einige Zeilen in das Hotel senden.«
»Da kommt sie nicht.«
»Nicht? Warum?«
»Sie ist eben keine Lohnsängerin. Man muß sie persönlich einladen.«
»So fahre ich gleich zu ihr!«
»Auch davon möchte ich abrathen. Es handelt sich hier nicht um einen Sänger, sondern eine Sängerin, darum würde ich rathen, daß Frau von Hamberger sich zu ihr bemühe. Einer Dame wird es durch liebenswürdiges Benehmen am Besten gelingen, die Sängerin zur Zusage zu bewegen.«
Der Banquier wendete sich schnell an seine Frau:
»Judith, lauf, eile, fahre sogleich! Sei liebenswürdig, höchst liebenswürdig! Mache Dich angenehm! Lächle freundlich und streichle ihr die Wangen. Das haben die jungen Damen gern; das weiß ich ganz genau, denn ich habe –«
Er hielt erschrocken inne und verbesserte sich:
»Das weiß ich ganz genau, denn ich habe es oft gehört, obgleich ich niemals solche Wangen streichle. Judith, es ist die Zeit, in welcher Du auszufahren pflegst. Fahre nach dem Hotel, gleich, gleich. Ich bitte Dich!«
Am Liebsten hätte er die Sängerin gleich jetzt schon hier gehabt, um ihrer sicher zu sein. Der Gedanke, in Wien der Erste zu sein, bei dem sie sich hören ließ, machte ihn fast betrunken.
Der Graf erhob sich von seinem Sitze und fragte:
»Haben Sie sonst noch eine Frage, mit deren Beantwortung ich Ihnen dienen kann?«
»Für jetzt nicht mehr,« antwortete die Frau des Hauses. »Wir dürfen Sie ja nicht noch mehr belästigen, als es bereits geschehen ist.«
»O, ich stehe Ihnen stets und gern mit allen meinen Kräften zur Verfügung. Wenn Sie es genehmigen, so möchte ich Ihnen gern noch einen Rath ertheilen.«
»Seien Sie überzeugt, daß er uns sehr willkommen sein wird.«
»Sprechen Sie, wenn Sie zu der Sängerin kommen, nicht davon, daß sie singen soll. Das würde doch wie ein Engagement klingen. Laden Sie sie einfach ein; sie wird Sie verstehen und Ihnen für diese Zartheit dankbar sein. Singt sie dann heute nicht, nun, so wird sie ein anderes Mal singen. Sie haben dann wenigstens die Genugthuung, die erste Dame zu sein, bei welcher die Künstlerin eingeführt worden ist.«
Das leuchtete dem Banquier ein. Er war gar so gern nobel und zart; aber er hatte kein Geschick dazu. Kam es dann einmal vor, so wie jetzt, daß er durch Andere in die Möglichkeit gesetzt wurde, zart zu sein, so trieb er die Zartheit dann allerdings auch bis auf die äußerste Grenze.
»Hörst Du es, Judith!« rief er. »Sei zart! Du kannst es ja, denn das ist uns Beiden angeboren. Wir sind von zartester Constitution und sind auch so unendlich zart verheirathet worden. Sage ihr nicht, daß sie singen soll. Verbiete es ihr! Sage ihr, daß ich es nicht dulde, auf keinen Fall dulde. Sie soll nur essen und trinken. Sie braucht kein Wort zu singen oder zu sprechen. Also, sei zart, Judithchen! Fasse sie leise und lieblich an mit den Fingerspitzen, so wie man eine Spinne ergreift, wenn man sie zum Fenster hinauswerfen will.«
Der Graf gab sich Mühe, bei diesem ›zarten‹ Vergleiche ernst zu bleiben. Er verabschiedete sich in verbindlichster Weise und ganz kurze Zeit später fuhr die Baronin nach dem Hotel.
Dort erfuhr sie zu ihrem anfänglichen Leidwesen, daß die Sängerin das Hotel bereits verlassen und sich eine Privatwohnung gemiethet habe. Dann, als sie erfuhr, wo diese Wohnung sich befand, freute sie sich doppelt darüber, denn die Frau Salzmann, zu welcher die Sängerin gezogen war, war ja eine liebe Freundin von ihr. Sie war die sehr wohlhabende Wittwe eines Regierungsbeamten und besaß in der Asperngasse ein Haus, dessen möblirte Wohnungen sie an anständige Personen vermiethete. Dabei hatte sie die Gewohnheit, sich als Mutter ihrer Abmiether zu betrachten und ihnen in jeder Beziehung mit Rath und That zur Seite zu stehen.
Zu ihr fuhr die Baronin, welche ihres Erfolges nun ganz sicher zu sein glaubte, da Frau Salzmann voraussichtlich ihre Bitte unterstützen würde. Die Letztere war ja auch bereits für heute Abend geladen.
Unterwegs begegneten der Baron und Criquolini ihrem Wagen, ohne daß sie den beiden Männern die geringste Aufmerksamkeit schenkte. Sie hatte den Sänger einmal flüchtig in dem Flur des Salzmann'schen Hauses gesehen und dann von der Wirthin gehört, daß er ein wüster Patron sei, den in ihr Haus genommen zu haben, sie lebhaft bedauere. Den Namen hatte sie sich nicht gemerkt, und so ahnte sie nicht, daß der Sänger, an welchen ihr Mann durch die Hand des Grafen geschrieben hatte, dieser ›wüste Patron‹ sei. –
Frau Salzmann saß am Morgen in der Küche und war mit ihren beiden Dienstmädchen mit der Vorbereitung des zum Mittagsmahle nothwendigen Gemüses beschäftigt. Sie war auch diesen Mädchen wie eine Mutter. Sie griff selbst mit zu, nahm Theil an Allem, was sie betraf, und behandelte sie mehr als Kinder denn als Gesindepersonen.
Da klingelte es. Die hübscher Gekleidete von den beiden Mädchen ging, um nachzusehen. Sie ließ dabei die Küchenthür halb offen und so hörte Frau Salzmann eine wohlklingende, sonore Frauenstimme fragen:
»Entschuldigen Sie, würde Frau Salzmann für einen Augenblick zu sprechen sein?«
»Wen darf ich melden?«
»Hier meine Karte.«
Das Zimmermädchen führte die Fremde in den Salon und brachte dann die Karte in die Küche. Frau Salzmann las auf derselben den Namen Lena Ubertinka.«
»Sonderbarer Name!« sagte sie. »Vielleicht ist sie eine Ausländerin. Wie sah sie aus, liebe Martha?«
»Einfach, aber sehr anständig.«
»Was mag sie wollen? Na, ich will sehen.«
Sie strich die glänzend weiße Küchenschürze glatt und begab sich hinüber nach dem Salon.
Die Fremde stand, sie erwartend, da. Sie war in ein einfaches Reisegrau gekleidet und trug nicht den mindesten Schmuck an sich. Der Hut war ein einfacher Strohhut mit grauseidenem Bande. Die Gestalt war hoch und voll, das Gesicht bleich, aber nicht kränklich blaß. Die großen, schwarzen, ernst blickenden Augen konnten es Einem anthun. Sie war eine Schönheit, aber eine jener ernsten Schönheiten, denen man nur in lauterer Absicht zu nahen wagen darf.
Frau Salzmann war eine Menschenkennerin. Sie sagte sich sogleich im Stillen:
»Das ist eine Brave, der kann man vertrauen; die könntest Du recht lieb haben.«
Laut aber bat sie:
»Warum haben Sie sich nicht gesetzt? Bitte, nehmen Sie Platz!«
»Dann vielleicht, wenn Sie meine Frage vernommen haben. Ich brauche eine Wohnung. Da ich hier gänzlich unbekannt bin und den Annoncen kein Vertrauen entgegenbringen kann, wendete ich mich an die Wirthin des Hotels de l'Europe, wo ich logirte. Sie hat mir Ihren Namen genannt und mir versichert, daß Sie eine Wohnung frei hätten und daß ich mich getrost unter Ihren Schutz begeben könnte.«
Die Wirthin fühlte sich von der Stimme und den Worten der Fremden angenehm berührt. Sie antwortete:
»Aus ganz dem Grunde, welchen Sie nennen, annoncire ich nie. Daß die Wirthin Sie an mich gewiesen hat, ist eine Empfehlung für Sie an mich. Ja, ich habe eine Wohnung frei; aber ich fürchte, daß sie Ihnen zu groß sein wird. Bis vor Kurzem gehörte sie einer Wittwe, welche mit zwei Töchtern den Tod ihres Mannes betrauerte. Es ist die halbe erste Etage, vier Zimmer groß also für eine einzelne Person zu viel.«
»Für mich nicht. Gerade diese Räume habe ich mir gewünscht.«
Die Wirthin ließ einen freundlich-prüfenden Blick über die Gestalt der Fremden gleiten.
»Bedenken Sie auch, wie theuer eine solche fein möblirte Wohnung hier in Wien ist?«
Eine leise Röthe verschönte das Gesicht der Fremden. Sie antwortete lächelnd:
»Ich besitze die Mittel dazu und bin keine säumige Zahlerin.«
»Dann werde ich Sie ersuchen, die Räume sich einmal anzusehen.«
Sie wollte sich zum Gehen wenden, aber die Fremde legte ihr, sie zurückhaltend, das kleine Händchen leise auf den Arm.
»Bitte, ehe ich Sie bemühe, möchte ich erst gewiß sein, ob Sie mir das Logis auch überlassen würden, wenn es mir gefällt.«
»Was sollte mich daran hindern?«
»Mein – Stand.«
»So! Nun, welchem Stande gehören Sie an?«
»Ich bin Sängerin.«
Die Wirthin fuhr unwillkürlich um einen Schritt zurück und rief ganz absichtslos ein halblautes:
»O wehe!«
»Sehen Sie!« sagte die Fremde. »Sie erschrecken.«
Das gute Herz machte der Wirthin Vorwürfe. Sie antwortete schnell:
»Verzeihung! Das ist mir nur so entwischt. Ihr Stand besitzt allerdings Angehörige, denen man am Liebsten fern bleibt.«
»Leider weiß ich das!«
»Aber das sollte keineswegs Ihnen gelten. Sie sehen mir nicht wie eine Wiener Sängerin aus, die keine Note kennt und Gott weiß wovon lebt.«
»Nein, das bin ich nicht. Ich habe die Ueberzeugung, daß Sie sich niemals über mich beklagen würden.«
»Das traue ich Ihnen gern zu. Sie heißen Lena Uebertinka. Sind Sie eine Ausländerin?«
»Nein. Ich habe meinem deutschen Namen einen fremdländischen Klang gegeben.«
»Kindchen, das liebe ich nicht.«
»Auch ich bin eigentlich gegen solche Pseudonymen; aber ich habe eine persönliche Veranlassung, mich so zu nennen. Ich bin eine Bayerin, heiße eigentlich Magdalena Berghuber und wurde, weil ich in der Nähe einer sogenannten Muhre erzogen wurde, nur stets die Muhren-Leni genannt. Ich war eine Sennerin, ein dummes, stilles Ding. Da kam der gute König von Bayern, hörte mich jodeln und nahm mich von der Alpe weg. Ich mußte Sängerin werden; er hat Alles bezahlt und bezahlt auch jetzt noch Alles.«
»Der König von Bayern? Ah, das ist ja etwas ganz Anderes! Aber warum sind Sie nach Wien gekommen?«
»Es giebt hier einen gar berühmten Gesangslehrer, bei dem ich noch für einen oder zwei Monate Unterricht nehmen möchte.«
»Das läßt sich hören. Haben Sie vielleicht Familie?«
»Nein, ich bin ein Waisendirndl.«
»Aber anderen Anhang? Einen – Schatz?«
»Auch nicht. Ich wünsche weiter nichts, als bei Ihnen wohnen und auch essen zu dürfen. Ich gehe täglich auf eine Stunde zum Professor in den Unterricht und die übrige Zeit möcht ich so gern, daß Sie sich meiner mit annehmen, da ich so gar Niemanden hier in der großen Stadt hab.«
Das klang so rührend, daß Frau Salzmann das Herz überlief.
»Kind,« sagte sie fast zärtlich, »wenn Ihnen mein Logis gefällt, sollen Sie es haben, und ich will für Sie sorgen, als ob ich Ihre Mutter wäre. Sie dürfen mir meine Bedenken, welche ich vorhin äußerte, nicht übel nehmen. Ich habe die Unvorsichtigkeit begangen, das halbe Parterre an einen Sänger zu vermiethen, an welchem ich leider sehr schlimme Erfahrungen mache.«
»Ist er ein hiesiger?«
»Nein. Er stammt aus Bayern.«
»Und wie heißt er?«
»Criquolini. Er nennt sich so, obgleich er jedenfalls einen guten bayrischen Namen hat. Der ist ein richtiger Lüdrian. Lassen Sie sich ja nicht, falls er Sie kennen lernt, von ihm vertraulich als Collegin behandeln! Das wäre keine Ehre, sondern eine Schande für Sie.«
Leni fuhr sich mit der Hand nach dem Herzen. Sie fühlte einen tiefen, schmerzlichen Stich in demselben. Also so weit war es mit dem Krikelanton gekommen. Die Kunst wurde ihm ebenso verhängnißvoll wie früher der Jagdstutzen. Um ihre Betrübniß nicht merken zu lassen, bat sie:
»Bitte, dürfte ich vielleicht nun die Zimmer ansehen?«
»Ja, kommen Sie!«
Die Halbetage war wirklich höchst wohnlich eingerichtet. Indem sie aus einem Raum in den anderen gingen, hörten sie, daß ein Wagen unten hielt. Die Wirthin trat an das Fenster und blickte hinab.
»Da, kommen Sie her, liebes Kind,« sagte sie. »Sehen Sie diese Equipage. Sie gehört dem Grafen von Senftenberg, einem sehr reichen und feinen Cavalier. Der Eine, welcher bei ihm sitzt, nennt sich Baron Egon von Stubbenau und behauptet, große Güter zu besitzen. Der Andere ist der Sänger, von welchem ich sprach, der Criquolini. Sehen Sie sich ihn einmal an. Ist er nicht bereits am Vormittage betrunken?«
Leni schaute hinab. Es wurde ihr, als sie den einstigen Geliebten erblickte, unendlich weh zu Muthe. Sie liebte ihn ja noch immer, obgleich sie. es sich selbst nicht eingestand. Um nur Etwas zu sagen, fragte sie:
»Ist denn der Baron ein braver Mann?«
»Ich bin von dem Gegentheile überzeugt. Wenigstens glaubt ihm Keiner, was er sagt.«
»Aber warum verkehrt da der Graf, da Sie ihn einen so feinen Cavalier nennen, mit diesen Beiden?«
Dabei war ihr Auge forschend auf die männlich schönen, vornehmen Züge des Grafen gerichtet.
»Das fragen Sie, weil Sie die Sitten und Gewohnheiten der höheren Kreise nicht kennen. Dort giebt es oft Rücksicht zu nehmen, wenn man lieber dreinschlagen möchte. Der Sänger wird, weil man ihn zu den Künstlern zählt, mit zugelassen. Ihm sieht man Vieles nach, denn Künstler sind leichtlebige Leute, welche man entschuldigt, während man Andere verdammen würde. Der Baron ist eben so lange Baron, bis man ihm beweisen kann, daß er es nicht ist. Er ist dem Grafen vorgestellt worden und muß freundlich mit ihm sein, um nicht Den zu beleidigen, welcher ihm den Baron vorgestellt hat. Sie sehen ja auch seiner Miene an, daß er nur von oben auf die Anderen schaut, obgleich er freundlich mit ihnen ist. Er hat den Sänger in den Wagen genommen, weil derselbe vor Betrunkenheit nicht laufen kann. Im Herzen verachtet er ihn. Bitte, gehen wir weiter.«
Als sie alle Räume betrachtet hatten, erklärte Leni, dieselben miethen zu wollen, und bezahlte den Preis pränumerando. Die beiden Damen unterhielten sich noch eine Weile in herzlichster Weise, und dann sagte Leni, daß sie nun nach dem Hotel gehen wolle, um ihre Effecten herbeischaffen zu lassen.
»Nein, Kind,« antwortete die Wirthin. »Sie brauchen sich gar nicht zu bemühen. Haben Sie dort zu zahlen?«
»Ja. Die Rechnung ist noch unberichtigt.«
»Trotzdem ist Ihre Gegenwart nicht nöthig. Ich werde meine Martha senden. Die Wirthin kennt mich und nimmt es Ihnen nicht übel, wenn Sie nicht selbst kommen. Sie sind doch ganz allein hier?«
»Ich habe Niemand bei mir.«
»Sie wollen mir verzeihen. Ich dachte daran, daß alleinstehende Künstlerinnen gewöhnlich eine sogenannte Duenna, eine Ehrendame, bei sich haben.«
»Auch ich habe eine, eine sehr liebe Frau. Sie ist bei mir gewesen, seit der König mich ihr anvertraut hat. Aber sie ist so stark geworden, daß sie nicht mehr laufen kann. Dennoch wollte sie bei mir bleiben. Sie sagte, sie gräme sich zu Tode, wenn ich eine Andere engagire. Da bin ich, um sie nicht zu betrüben, allein nach Wien gegangen, und habe sie, trotzdem die Saison noch nicht da ist, nach Karlsbad in die Kur geschickt.«
Das war die dicke Gesangslehrerin Madame Qualeche, welche damals den Bewohnern der Thalmühle so viel zu schaffen gemacht hatte.
Nachdem sie sich noch eine geraume Weile unterhalten hatte, erhielt das Stubenmädchen den Auftrag, nach dem Hotel zu gehen. Sie war kaum zur Vorsaalthür hinaus, so hörte man sie um Hilfe rufen. Die Wirthin eilte hinaus. Leni mit ihr.
Beide sahen die Gruppe unten im Hausflur. Martha rang mit dem Sänger. Die Wirthin eilte ihr zu Hilfe. Leni aber versteckte ihr Gesicht hinter dem Taschentuche, damit er, wenn er heraufblickte, sie nicht erkennen solle. Ihr Herz bebte; ihr Busen arbeitete heftig.
»O Gott!« stöhnte sie leise. »So Einer ist er geworden. Nun ist Alles, Alles aus.«
Sie ging still hinein in ihre Wohnung und setzte sich auf das Sopha. Es war ihr so unendlich traurig im Herzen, daß sie hätte laut aufschreien mögen. Aber sie bezwang sich. Sie durfte der Wirthin nicht gleich im ersten Augenblicke Thränen zeigen.
Nach einiger Zeit klopfte es draußen an. Frau Salzmann trat ein und brachte die Baronin von Hamberger mit.
»Fräulein, Verzeihen Sie,« sagte sie. »Hier ist meine Freundin, die Frau Baronin von Hamberger. Sie hat mich heut zu sich geladen, und da ich ihr von Ihnen erzählte und ihr sagte, daß Sie so ganz allein sind, bat sie mich, Sie für den Abend mitzubringen. Jetzt möchte sie Ihnen selbst diese Bitte wiederholen.«
Leni hatte sich erhoben. Das Auge der jüdischen Baronin ruhte forschend auf ihr. Die Dame hatte sich diese Sängerin ganz anders gedacht. Diese zwar schöne, ja herrliche Figur, nur in ein so unscheinbares Gewand gekleidet, sollte ein Komet sein.
»Sie, Sie sind die Sängerin Ubertinka?« fragte sie.
Leni verneigte sich bejahend. Keine Fürstin hätte eine elegantere Verbeugung zeigen können.
»Bitte, nehmen gnädige Frau Platz!«
Sie schob Beiden Fauteuils hin, blieb aber selbst stehen. Jetzt hatte sie ganz die Haltung einer vornehmen Dame, welche zwei Bittende vor sich sieht. Die Baronin begann in verbindlichem Tone:
»Meine liebe Frau Salzmann hat Ihnen gesagt, welche Bitte mich zu Ihnen führt. Darf ich auf die Erfüllung derselben zählen?«
Leni richtete einen durchdringenden Blick auf das Gesicht der Sprecherin und fragte:
»Wußten Sie, bevor Sie mit Frau Salzmann sprachen, daß ich hier zu finden sei?«
»Ja.«
»Von wem?«
»Die Besitzerin des Hotel de l'Europe sagte es mir.«
»So haben Sie mich dort gesucht?«
»Ja.«
»Woher wußten Sie, daß ich dort logire?«
»Ihr Name stand in der Fremdenliste.«
Leni's Blick übte eine solche Macht auf die Baronin aus, daß sie offen sagte, was sie hatte verschweigen wollen.
»Ich verstehe,« lächelte die Sängerin. »Ihre heutige Soiree ist eine musikalische?«
»Es werden einige Künstler sich hören lassen.«
»Und ich soll auch singen?«
»Nein, wirklich nicht, Fräulein. Das muthen wir Ihnen nicht zu. Graf Senftenberg hat Sie einen glänzenden Kometen genannt. Wir halten es für eine große Ehre, wenn Sie nur kommen. Singen sollen Sie nicht.«
Es glitt ein feines Lächeln über Lenis Gesicht.
»So sagt man uns allemal, im Stillen aber erwartet man natürlich, daß wir singen. Ich habe nie darnach gestrebt, Gesellschaften zu sehen, und ich habe auch jetzt keine Veranlassung, meine Grundsätze zu ändern. Ich muß Sie also bitten, es mir zu verzeihen, wenn ich, besonders da ich noch von der Reise ermüdet bin, auf die Ehre, heut bei Ihnen sein zu dürfen, verzichte.«
Die Baronin erschrak. Sie bat:
»Nehmen Sie dieses Wort zurück, Fräulein. Sie finden bei mir eine Gesellschaft, welche allen Ansprüchen genügen wird. Ich darf wirklich ohne Ihre Zusage nicht nach Hause kommen. Bitte, liebe Freundin, stehen Sie mir doch bei!«
Diese Bitte war an Frau Salzmann gerichtet, welche sich nun so eifrig für ihre Freundin verwendete, daß Leni endlich sagte:
»Nun, um nicht gleich in der ersten Stunde meines Hierseins unhöflich zu sein, werde ich – kommen und Ihnen auch ein Liedchen singen. Haben Sie eine gute Kraft zur Begleitung?«
»Nach dieser Ehre wird der Graf von Senftenberg eifrig trachten.«
»Sie haben diesen Namen nun zum zweiten Male genannt –«
»Er gehört zu den geehrtesten und willkommensten unserer Hausfreunde. Also ich darf meinen Mann mit Ihrer gewissen Zusage beglücken, Fräulein?«
»Ja. Ich. werde zwei Nummern singen und die Noten für die Begleitung dazu mitbringen, aber das thue ich außerhalb des Programmes. Ich komme nicht als Sängerin zu Ihnen.«
»Nein, sondern als eine junge Freundin, welche mir von jetzt an zu jeder Zeit und Stunde willkommen sein wird.«
Sie reichte ihr die Hand und entfernte sich mit der Wirthin. Bevor sie sich von der Letzteren verabschiedete, fragte diese:
»Nun, was sagen Sie von meiner neuen Mietherin, liebe Frau Baronin?«
»Ein Prachtkind!«
»Meinen Sie das wirklich?«
»Ja. Beim ersten Anblick machte sie auf mich gar keinen Eindruck. Dann aber hat sie mir geradezu imponirt. Diese Augen, deren Blick man unmöglich zu widerstehen vermag. Diese Sicherheit des Ausdruckes und der Haltung. Diese Eleganz der Bewegungen. Sie hat mich ja gradezu ins Examen genommen!«
»Ja, ich glaube, daß wir uns ihrer nicht zu schämen brauchen.«
»Welche Erscheinung, wenn sie erst Salontoilette angelegt hat. Die Herren werden sofort für sie schwärmen.«
»Sie aber hat mir gar nicht das Wesen, als ob sie sich gern anbeten lasse. Ich habe sie bereits jetzt herzlich lieb und wünsche sehr, daß wir Alle gegenseitig von einander befriedigt werden.« –
Unterdessen hatte sich der einstige Gemswilderer bei dem Banquier melden lassen. Dieser saß, als der Sänger bei ihm eintrat, eine Cigarre rauchend am Fenster und las in der Zeitung. Anton grüßte und verbeugte sich. Der Banquier las weiter, ohne ihn zu beachten. Erst als Anton sich ärgerlich räusperte, legte er die Zeitung bei Seite, stand auf, schob den Klemmer fest auf die Nase, betrachtete Anton vom Kopfe bis zu den Füßen herab und fragte:
»Signor Criquolini?«
»Wie Sie auf meiner Karte ersehen!«
»Sänger? Bin Kenner, Autorität, Kunstgröße. Was singen Sie?«
Er nahm die Haltung, die Miene und den Ton eines Mannes an, der im nächsten Augenblick über Leben und Tod zu entscheiden hat.
»Alles!« antwortete Anton, welcher auf so eine dumme Frage allerdings keine gescheidtere Antwort geben konnte.
»Schön! Ist mir lieb. Habe heut Soiree. Wollen Sie da singen?«
»Wer ist geladen?«
»Grafen, Barone, Freiherren und so weiter.«
»Welche Künstler sind geladen?«
»Die Bedeutendsten. Hoffe sogar, daß die Ubertinka kommen wird.«
»Die Ubertinka! Ist die denn in Wien?«
»Ja. Meine Frau ist soeben zu ihr, um sie einzuladen.«
»Dann sage ich unbedingt zu. Die Ubertinka muß ich hören.«
»Kennen Sie sie?«
»
Par renommée. Sie ist ein Phänomen, natürlich eine Polin, wie der Name errathen läßt. Man sagt von ihr, sie soll die Vorzüge der Henriette Sonntag, Schröder-Devrient, Nielson und Patti in sich vereinigen. Was soll ich singen?«
»Was Ihnen beliebt. Für einen tüchtigen Begleiter werde ich sorgen. Am Liebsten hört man natürlich Liebeslieder.«
»Diesem Geschmacke werde ich Rechnung tragen.«
»Gut, und Ihre Rechnung zahle ich dann sofort.«
Der Sänger blickte den Banquier erstaunt an. Dieser sah das und fragte:
»Was gucken Sie? Richten Sie sich so ein, daß Sie punkt acht Uhr hier sind – Frack, Weste, Schlips und Handschuhe weiß – Lackstiefeletten. Bis dahin adieu, empfehle mich!«
Er drehte sich um und verließ das Zimmer. Anton blickte ganz erstaunt nach der Thür, hinter welcher der Mann verschwunden war. Was sollte er von ihm denken? Sollte er lachen oder sich ärgern? Sollte er auf heut Abend verzichten oder doch kommen?
»Pah!« meinte er zu sich. »Ich komme doch. Der Kerl ist ein Parvenue und weiß sich nicht zu benehmen. Jedenfalls aber ist die Tafel sein – exquisite Weine und vor allen Dingen die Ubertinka. Sie ist ein Räthsel für Alle; ich werde es lösen. Ob sie wohl schön ist? Jedenfalls nicht so schön wie die Tänzerin. Pah, werden sehen!«
Er ging, um sofort den Baron aufzusuchen und ihm mitzutheilen, daß die berühmte Sängerin in Wien sei und heut Abend mit ihm singen werde.
Die Beiden speisten nach ungarischer Karte bei Tökes in der Habsburger Gasse und beschlossen sodann, zur besseren Verdauung einen Spaziergang zu machen. Sie wendeten sich nach Norden, dem Augarten zu, ahnungslos, wer und was ihnen dort begegnen werde. –
Martha, das Stubenmädchen, hatte ihren Auftrag besorgt und stellte sich, als die Gepäckträger die Effecten Leni's gebracht hatten, dieser beim Auspacken zur Verfügung.
Was thut ein weibliches Wesen wohl lieber, als aus- und einpacken. Diese Arbeit regt sowohl die Phantasie als auch die Sprachwerkzeuge trefflich an. Darum war es kein Wunder, daß Leni und Martha sich während dieser Beschäftigung so viel zu sagen, zu fragen und mitzutheilen hatten, daß sie bald ein lebhaftes Interesse für einander empfanden. Jede hatte sich im Stillen gesagt, daß die Andere ein heimliches Herzeleid, vielleicht eine unglückliche Liebe haben müsse. Das erweckt die Theilnahme eines jeden Frauengemüthes.
Als eine Pause eingetreten war, benutzte Leni dieselbe zu der Bemerkung:
»Martha, ich höre, daß Sie nicht den Wiener sondern den bayrischen Dialect sprechen. Ich bin eine Bayerin. Sollten wir vielleicht Landsmänninnen sein?«
»Aane Bayrische sinds? Wirklich? O, wie mich das gefreut. Gar Aane aus dem lieben, schönen Bayernland, die nun allhier bei uns wohnen wird. Da bitt ich halt gar schön, daß wir mit nander so reden wie daheim, wann es Ihnen recht ist. Nicht wahr?«
»O, mir ists halt nicht nur recht, sondern sogar lieb. Ich hab meine Heimathssprach so lang nicht vernommen, denn in dem Italien hab ich immer italienisch reden mußt, und wenn man mal einen Deutschen treffen that, nachhero mußt man mit ihm stets nur Hochdeutsch plauschen. Das ist freilich auch gar schön, aberst so, wie man im Bayern spricht, das ist noch viel schöner. Gebens mir halt Ihre Hand. Wir wollen als Landsmänninnen recht gut zusammenhalten.«
Martha zögerte, dieser freundlichen Aufforderung nachzukommen.
»Nun, warum schlagens nicht eini?« fragte Leni.
»Das darf ich halt doch nicht wagen.«
»So? Warum denn nicht?«
»Weil ich eine arme, geringe Dienstboten bin, während Sie eine so berühmte Künstlerin sind.«
»Ach was, Künstlerin. Da könnens mich fast bös machen. In dera Fremd freut man sich allemalen, wann man Jemand aus dera Heimathen trifft. Und eine so große Künstlerin bin ich gar nicht, und berühmt auch nicht. Gebens also nur Ihre kleine Patschen her!«
»Na, wanns das so extra verlangen, so muß ich es halt schon thun. Grad daraus kann ich ersehen, daß Sie eine echte Bayerin sind, weils keinen Stolz und Hochmuthen besitzen.«
Sie legten die Hände in einander.
»Ich möcht wissen,« sagte Leni dabei, »woher bei mir dera Stolz kommen sollt und auf was ich hochmüthig sein könnt. Ich weiß nix davon!«
»Schauns nur andera Künstlerinnen an!«
»Gehens mit denen! Das wären mir die Richtigen. Wanns einen Triller machen können und zwei Arien singen, nachhero denkens, daß sie Künstlerinnen sind. O, zu einer solchen gehört gar sehr viel. Ich weiß das. Was hab ich mir für Mühe geben müssen über zwei Jahren lang, und noch immer bin ich lange nicht fertig. Ich bin ja eben hier, um beim Professoren noch in die Schul zu gehen. Also auf meine Kunst kann ich nicht stolz sein, und auf was Anderes auch nicht.«
»O freilich doch!«
»So? Worauf denn?«
»Darauf daß – daß – daß Sie eine gar so Hübsche sind.«
Dabei glitt ihr Auge mit einem bewundernden, neidlosen Blick an Leni's Gestalt herab.
»Meinens das wirklich?« lächelte diese.
»Ja, Sie sind wohl gar eine große Schönheiten.«
»Nun, was das betrifft, so kann ich mir daraufi gar nix einbilden. Das Gesichterl und die Gestalt hat mir dera Herrgott geben. Ich selbst hab gar nix dazu than; wie sollt ich also stolz sein? Und wissens, daß die Schönheit gar manches Mal ein Unglück ist? Das hab ich auch bereits erfahren. Eine Sängerin, wann sie hübsch ist, muß sich doppelt in Acht nehmen, überhaupt jedes Dirndl, wanns schön ist. Und da brauchens mich halt nicht zu beneiden, denn Sie sind wenigstens ebenso hübsch wie ich.«
»Das sagens nur aus Freundlichkeiten!«
»O nein, daß auch Sie sich auf diese Gottesgab nix einbilden, das seh ich wohl. Sie haben so eine stille Wehmuth im Gesicht, als obs schon viel Trübes erlebt hätten.«
»Da habens gar richtig gerathen. Und auch Sie schauen gar nicht so aus, als obs das Leben sehr gut mit Ihnen gemeint hätt.«
»Mach ich so ein Gesicht? Nun, es hat halt ein Jeder und eine Jede die Last zu tragen, die der Herrgott sendet, damit Keiner übermüthig werden soll. Ich hab gar viel derlebt, Gutes und auch Böses, und das Letztere ist halt schuld, daß nicht immer heller Sonnenschein auf meinem Gesicht zu sehen ist. Wissens, was ich früher gewest bin? Rathens mal!«
»Ich denk mir halt, daß Ihre Eltern gar vornehme Leutln gewest sein müssen.«
»Warum?«
»Weil Sie so was an sich haben, so was Appartes, wegen dem man sich nicht leicht an Sie wagen mag.«
»Das ist nicht eine Folge der Geburt, sondern eine Folge der bösen Erfahrungen. Ich hab halt keine Eltern mehr. Ich war eine ganz arme Sennderin, bevor man entdeckte, daß ich eine gute Stimme habe.«
»Was? Eine Sennderin, also eine gewöhnliche Dienstbotin wärens gewest.«
»Ja, weiter nix.«
»Wo denn?«
»Gar nicht weit von dera Grenz, über welche man in das Salzburgische kommt. Ach, Herrgottle, damals war ich ein gar glückliches Dingerl. Wann ich mein Käs und Brod hatt, so wars gut. Weiter hab ich nix braucht, und alle Tagen waren Sonnenschein. Ich denk oft, daß es viel besser wär, wann ich auf meiner Alm hätt bleiben konnt. Aberst da schwatz ich nur allein von mir und denk gar nicht an Sie. Wo sind denn Sie daheim?«
»In einem kleinen Dörfle droben in denen Bergen, nicht allzuweit von Böhmen herein.«
»Wie heißt es denn mit Namen?«
»Hohenwald.«
»Was Hohenwald! Ists möglich!«
»Kennens den Ort?«
»Dort gewest bin ich freilich nicht, aberst hört hab ich gar viel davon. Also von dorther sinds? Da habens wohl auch den Silberbauern kannt?«
»Ja,« antwortete Martha, indem ihr Gesicht noch bleicher wurde.
»Und das, was mit ihm geschehen ist, das wissens wohl auch?«
»Alles weiß ich, Alles!«
»So sinds wohl damals noch dort gewest?«
»Grad mitten in denjenigen Ereignissen bin ich fort von Hohenwald. Ich habs dort nicht länger mehr anschauen konnt.«
»Ja, es soll schrecklich hergangen sein. Dera Silberbauer ist grad ganz und gar ein Bösewicht gewest und sein Sohn ebenso. Jetzund habens ihren Lohn. Der Alte ist doch noch an seinen Wunden und an dem Fieber storben, nachdem er vorhero Alles einstanden hat. Und dera Junge sitzt noch heut im Spinnhaus. Beiden ist gar recht geschehen! Nachhero die Tochter, die ist eine gar Stolze und Barsche gewest. Sie hat einen Hochmuthen im Kopf gehabt, so groß wie ein Kirchthurm. Die ist, als Alles zusammenbrechen that, vom Dorfe fort. Man hat sie lange suchen müssen, bevor man sie fand, denn sie hat doch auch verhört werden mußt vom Gericht. Da hats sichs aberst herausgestellt, daß sie ganz unschuldig ist, und darum hat sie wieder gehen konnt. Sie soll ganz anderst ausschaut haben, die Stolze. Man hat sie nur die Silbermartha nannt, weil ihr Name Martha gewest ist und – –«
Sie hatte das Alles in ihrem Eifer schnell erzählt, ohne auf die so unerwartet gefundene Landsmännin zu achten. Diese war in kleinen, langsamen Schritten von ihr zurückgewichen, sank dann auf einen Stuhl nieder, schlug die Hände vor das Gesicht und brach in ein herzerschüttertes Weinen aus.
Leni erschrak natürlich. Sie hielt inne, trat näher und fragte:
»Sie weinen? Warum denn? Sinds vielleicht bei dera Geschichten auch mit betheiligt gewest?«
»Leider ja,« nickte Martha.
»Wie denn? Mein Herrgottle! Welch eine Unvorsichtigkeiten, daß ich davon sprochen hab. Sagens schnell, warum Sie weinen?«
Unter strömenden Thränen antwortete das Stubenmädchen:
»Wissens denn meinen Namen nicht? Habens nicht hört, wie Frau Salzmann mich ruft?«
»O ja. Martha werdens von ihr genannt.«
»Und soeben habens doch von dera Silbermartha sprochen!«
Da schlug die Leni die Hände zusammen, sank nun ihrerseits in einen Stuhl und rief:
»Mein grundgütiger Himmel, was bin ich doch für ein talketes Dirndl gewest! Was hab ich da gesprochen und geredet, ohne zu wissen, zu wem ich es sag. So eine unselige Dummheiten hab ich in meinem ganzen Leben noch nicht begangen. Das könnens mir ja nimmermehr verzeihen.«
»Warum nicht? Sie haben ja die volle, richtige Wahrheit sagt. Ich kann Ihnen darüber gar nicht bös sein.«
»O doch, o doch! Ich könnt mir selberst gleich die Ohrfeigen geben, die ich verdient hab. Ich bin halt gar nicht Diejenige, die ohne Gedanken in den hellen Tag hinein schwatzen thut. Ich bin im Gegentheil mehr als vorsichtig in Allem, was ich thu und was ich sprech. Und grad heut, grad jetzt, wo ich vor Freud darüber, daß ich eine Landsmännin funden hab, dem Zungerl mal freies Spiel lassen thu, da muß so ein Unglück geschehen. Also die Silbermartha sinds, die Silbermartha selber?«
»Ja, ich bin es,« antwortete die Gefragte schluchzend.
»O Jegerl, wie müssens sich da über mich kränken! Das kann ich mir halt nicht verzeihen. Wie sollen da Sie es mir vergeben können! Daran ist ja gar nicht zu denken!«
»Ich habe Ihnen nichts zu vergeben. Machen Sie sich ja keine Vorwürfe. Hier, nehmen Sie meine Hand als Beweis, daß ich Ihnen wirklich nicht zürne. Aber wann Sie wüßten, was ich seit jener Zeit mich gehärmt und grämt hab, so würdens mir glauben, daß ich nicht mehr das hochmüthige Ding bin, das ich früher war.«
»Das sehe ich, das sehe ich ja. Ich will Ihre Hand nehmen. Verzeihen Sie mir. Wir wollen nicht nur Landsmänninnen sondern Freundinnen sein. Machens mit? Ich bitt gar schön und herzlich darum!«
Sie trat zu Martha, legte ihr den Arm um den Nacken und sah ihr bittend in das Gesicht. Die Weinende trocknete sich die Thränen ab und antwortete:
»Mit dera Silbermartha wollens Freundin sein? Das ist wirklich Ihr Ernst?«
»Freilich ists mein Ernst. Ich hab vorhin nicht ausreden konnt. Wanns nicht geweint sondern mir Zeit gelassen hätten, weiter zu sprechen, so hättens hören konnt, daß ich viel besser von Ihnen denk, als es den Anschein hat.«
»Wie ist das möglich? Ein Jeder, der mich kannt hat, muß mich verurtheilen.«
»Das dürfens nicht sagen!«
»O doch. Wann ich anders gewest wär, so hätt vielleicht Manches nicht geschehen können.«
»Nein. Da habens Unrecht; da klagens sich selbst falsch an. Ihr Vater war ein Mann, der nicht auf Ihre Warnung hört hätt, und Ihr Bruder auch. Beide waren gewaltthätige, rücksichtslose Leute, welche kein Mensch hätt ändern und bessern konnt. Darauf könnens sich verlassen. Sie dürfens mir nicht übel nehmen, daß ich in dieser Weis von denen Ihrigen sprechen thu. Ich muß es aber, um den Vorwurf, den Sie sich selberst machen, von Ihnen zu nehmen. Und freisprechen muß ich Sie noch viel weiter. Sie haben gar nicht anderst sein können als wie Sie gewest sind. Sie haben ja keine Muttern gehabt und sind stets nur dem Einflusse dieses Vaters ausgesetzt gewest. Da wars natürlich ganz richtig, daß Sie keine heilige Veronica sein konnten.«
»Auch ich habe mir zuweilen ganz dasselbe gesagt; aber es giebt trotzdem noch Punkte, über welche ich mir selbst nicht hinweghelfen kann.«
»So nennens mir diese Punkte. Ich werd Ihnen gleich hinüberhelfen.«
»Das können Sie nicht.«
»O, ich kann es, ich kann es!«
»Sie müßten meine früheren Verhältnisse sehr genau kennen.«
»Das ist ja auch der Fall.«
»Und doch stammen Sie aus einer Gegend, welche so entfernt von meiner Heimath ist.«
»Das thut nix. Ich hab einen guten Bekannten, der mir Alles verzählt hat. Es sollte mich wundern, wann Sie ihn auch nicht kennen thäten.«
»Wer ist es?«
»Dera Wurzelsepp. Kennen Sie ihn?«
»Ob ich ihn kenne, den Wurzelsepp! O, nur zu gut! Ich hab ihn kannt, als ich noch ein kleins Dirndl war. Er ist oft bei uns einikehrt, und zuletzt, da ist ers ja gewest, der meinen Vater vor das Gericht bracht hat, er und – und ein Anderer noch!«
Das Letztere sagte sie leise und stockend. Sie senkte den Kopf und blickte trostlos vor sich nieder. Leni schlang die Arme um sie, zog sie von dem Stuhle fort auf das Sopha, setzte sich neben sie und sagte:
»Jetzt kommens mal her zu mir! Ich sehe, was für ein großes Unglück und Herzeleiden Sie zu tragen haben. Da muß ich schon den Doctoren machen und Ihnen Hilfe bringen.«
»Hilfe? Dafür giebts keine Hilfe!« antwortete Martha, den Kopf schüttelnd.
»Es wird schon eine geben, wann sie auch nicht sogleich vom Himmel herabfällt. Dera Wurzelsepp hat mir Alles, Alles verzählt, so daß ich die Sach grad so genau weiß, als ob ich damals mit in Hohenwald gewohnt hätt. Dera alte Sepp hat immer nur gut von Ihnen sprochen, und daßt siehst, daß ich auch gut von Dir denk, so will ich Dich bitten, Du zu mir zu sagen. Willst, Martha?«
Sie zog sie freundlich an sich. Martha sah mit einem unbeschreiblichen Blick zu ihr auf. Schmerz, Hoffnung, Dankbarkeit sprachen sich zugleich in demselben aus.
»Wolltest Das wirklich wagen?« fragte sie. »Ich bin doch die Tochter eines Mörders und die Schwester eines Zuchthäuslers!«
»Was geht mich das an?«
»So sagen Andre nicht!«
»Was Andre denken und sagen, das nehm ich mir nicht zur Richtschnur. Du bist brav, und Du bist an Allem unschuldig gewest. Als Du ahnt hast, daß der Deinige Vater ein schlechter Kerlen sei, da bist auf- und davongangen und hast nix mit ihm zu thun haben wollen. Das ist Deine Rechtfertigung. Mehr kann man nicht von Dir verlangen. Und wie hast leiden und dulden müssen in dera Fremd! Hast keine Menschenseel', der Du Dich anvertrauen kannst, keine einzige wohl, nicht wahr?«
»Ja,« antwortete Martha, indem sie wieder in Thränen ausbrach. »Ich kann ja mit Niemand darüber reden. Ich darf nicht mal sagen, daß ich so eine reiche Bauerstochter gewest bin, sonst würd ich sogleich gefragt, wie es kommen ist, daß ich nun die Dienstbotin machen muß. Und weil ich nicht von Alledem reden darf, so kann ich auch nix aus dera Heimath derfahren. Und doch möcht ich so gern wissen, was später noch geschehen ist und wie sich die Bekannten befinden.«
»Ich denk daß ich Dir da die richtige Auskunft ertheilen kann.«
»Du? Du bist ja jetzt in Italien gewest!«
»Dennoch hab ich Alles derfahren. Ja, ich hab sogar mit Personen sprochen, welche aus Hohenwald nach Italien kommen sind.«
»Da könnte ich mir Keinen denken. Was hat ein Dortiger in Italien zu suchen?«
»Das wirst schon noch glauben, wann ichs Dir sag. Also frag mich nur nach Allem, wast gern wissen willst. Ich werd Dir antworten.«
»So sag mir zunächst, wer auf dem Silberhof wohnen thut.«
»Dera Feuerbalzer. Dein Vater hat ihm sein Gut wegbrannt, und so hat dera Balzer entschädigt werden müssen. Seine Frauen ist wieder gesund, und seine Muttern kann wieder eine seidene Schürzen vorbinden, wanns in die Kirchen geht!«
»Das gönn ich ihnen. Sie habens verdient, daß es ihnen jetzund wohl geht. Was ist denn mit dem Finkenheiner worden?«
»Der wohnt bei Scheibenbad in dera Thalmühlen. Weißt, dera Thalmüller war doch der Verbündete von Deinem Vatern. Er sitzt fürs Leben lang im Zuchthaus, und dera Finkenheiner ist Müller worden. Seine Tochter aber hat den Müllerhelm heirathet.«
»Und wo ist sein Sohn, dens nur den Elephantenhans nannt haben, weil er gern die fremden Thiere zeichnen that?«
»Du, der wird ein gar großer Künstler. Den hab ich in Rom sehen.«
»Wast sagst! Dera Elephantenhans in Rom! Wie ist das möglich?«
»Das weißt nicht?«
»Gar nix weiß ich davon.«
»Dera König hat ihm das Geld geben, daß er nach dem Süden gehen kann, um gesund zu werden. Er ist nach Egypten, nach dera Hauptstadt Kairo, wo eine so gute Luft sein soll, daß Jedermann, der auf dera Brust leidet, schnell gesund werden kann. Unterwegs blieb er einige Tag in Rom. Da hab ich mit ihm sprochen und auch mit Dem, den dera König ihm zum Schutz mitgeben hat.«
»Wer ist das?«
»Max Walther, der frühere Schulmeistern von Hohenwald.«
Eine tiefe Röthe glitt über Marthas bleiche Wangen. Sie fragte schnell:
»Auch der ist mit nach Egypten? Was soll er denn dort?«
»Er soll für sich Studien machen und dabei den Elephantenhans beaufsichtigen und unterrichten. Dera Herr Walther wird mal ein berühmter Dichter werden.«
»Das hab ich ahnt.«
Die Leni beobachtete verstohlen die Freundin. Sie wollte derselben Trost geben.
»Ahnt hasts?« fragte sie. »Hast denn wußt, daß er dichten thut?«
»Ja.«
»Von wem denn? Er hat es doch immer so geheim gehalten.«
»Ich hab es ganz zufällig derfahren.«
»So! Ich hab beinahe denkt, daß er Dirs selbst sagt hat. Aberst Du bist ja gar nicht mit ihm bekannt gewest.«
»Wir haben einige Male mit nander sprochen. Das ist Alles.«
Sie sagte das mit gepreßter Stimme. Sie wollte es sich nicht merken lassen, wie sehr sie sich grad für diesen Gesprächsgegenstand interessirte.
»So weißt wohl auch nix von Dem, was weiter mit ihm schehen ist?«
»Nein.«
»Daß er dera Sohn eines Barones ist?«
»Davon hab ich keine Ahnung habt.«
»Ja, ein Baron ist sein Vater. Aber er mag den Namen desselben nicht annehmen. Er will Walther heißen, so wie er bisher gehießen hat. Nun war er in Egypten und hat dort zwei Bücher schrieben, welche druckt worden sind. Man sagt, daß er ein berühmter Mann sein wird.«
»Das ist ihm zu gönnen. Er war ein gar braver junger Mann.«
»Wie? So sagst Du? Hältst ihn wirklich für einen Braven?«
»Freilich!«
»Und grad er ists doch gewest, der Alles von Deinen Vatern ans Licht bracht hat!«
»Das kann ich ihm nicht verdenken. Ein jeder Andre hätt das ebenso than. Und mein Vater und mein Bruder hatten ihn beleidigt. Er mußt sich gegen sie wehren. Wann ich ihn verurtheilen wollt, so müßt ich die Verbrechen des Vaters gutheißen, und das kann ich doch nicht.«
»Wann er das wüßt! Er hat denkt, daßt ihm grausam bös sein wirst.«
»Zu wem hat er das sagt?«
»Zu mir. Ich hab in Rom natürlich auch mit ihm sprochen.«
»So hat er von mir redet?«
»Ja.«
»Aber schlecht!«
»O nein. Was Schlechtes soll er von Dir sagen?«
»Gar viel. Du weißts nur nicht.«
Da ergriff Leni ihre Hand und sagte:
»Martha, ich weiß es; ich weiß Alles!«
»Nein, nein! Nix kannst wissen!« antwortete Martha beinahe erschrocken.
»O doch! Alles, Alles! Dera Wurzelsepp hat es mir erzählt.«
»Was denn? Was kann er erzählt haben?«
»Daßt Herrn Walther in Regensburg kennen lernt hast und daß er um Deinetwillen die dortige gute Stell gegen die schlechte in Hohenwald umitauscht hat. Ist das wahr oder nicht?«
Martha legte sich in das Sophakissen zurück, verhüllte ihr Gesicht mit den Händen und antwortete:
»Ja, es ist wahr.«
»Und nachhero hast ihn zurückstoßen?«
»Auch das ist richtig.«
»Kind, warum hast das than? Er hat Dich gar so sehr lieb habt.«
»Ich bin hart und stolz gewest, und er hat seinen Wohlgefallen an meiner Gestalt funden; aberst eine wahre und innige Liebe hat er gegen mich nicht fühlen könnt.«
»Du irrst. Er hat Dich wirklich geliebt.«
»Nein. Ich hab ihn auf die Probe stellt, und er hat sie nicht bestanden.«
Ihr Busen wogte heftig auf und nieder. Der so lange Zeit niedergehaltene Schmerz bäumte sich in ihr auf.
»Und ich sage Dir abermals, Du irrst, Martha,« sprach Leni in mildem Tone. »Du hast ihn falsch behandelt.«
»Ja, das ist wahr; aber dennoch weiß ich ganz genau, daß er mich nicht wirklich lieb gehabt hat. Er wär sonst nicht so von mir gegangen und hätt mich in meinem Gram und Schmerz allein gelassen.«
»Hast Du ihm denn zeigt, daß Du Gram und Kummer fühltest?«
»Nein. Dazu war ich zu stolz.«
»Also hat er gar nicht wußt, daßt Dich so kränkst. Er hat zu keinem Menschen was sagt; aber aus Allem, was ich hört hab, hat er Dich für herz- und gefühllos halten müssen. Du hast ihn nach Hohenwald gelockt, und als er deshalb seine gute Anstellung aufgab, hast ihm sagt, daßt niemals einen Schulmeister nehmen würdest. Was hat er da denken müssen? Dazu ist die Feindschaft Deines Vaters und Bruders kommen. Du hast nix than, um seine Achtung zu erwerben, hast Dich auf Dein Geld und Deine Schönheit verlassen. Da willst Dich nun wundern, daß er sich zornig von Dir abgewendet hat? Er hat ganz richtig gehandelt. Wann er das nicht than hätt, so wär er ja gezwungen gewesen, sich selbst zu verachten. Nimm es mir nicht übel, Martha, wann ich so zu Dir sprech. Meine Worte klingen hart, aber sie sind es nicht. Das Weib soll stets sanft und mild sein, lieb und versöhnlich, freundlich und nachgebend. Dera Mann aber muß stolz und fest sein, selbst wann er ein Wenig hart ist, so vergiebt man ihm das, wann man ihn nur achten kann. Aber Du hast wollt, daß es grad umikehrt sein soll. Du hast ihn beherrschen wollen, und da hat er freilich nicht mitgemacht.«
»Ja, ich weiß, daß ich darinnen gefehlt habe. Aber ihm ist das Scheiden so leicht worden, daß er mich unmöglich recht geliebt haben kann.«
»Weißts gewiß, daß es ihm so leicht worden ist?«
»Ja. Ich hab es ja gesehen.«
»So! Bist wohl wirklich Eine von denen, welche denen Menschen in das Herz schauen können?«
Martha schwieg.
»Schau, wast Dir einbildet hast, das hast für allein richtig halten. Du hast gar nicht denkt, daßt Dich da irren kannst. Wer weiß, wie finster es ihm im Herzen worden ist, als er hat von Dir gehen müssen. Und wer weiß, ob es in seinem Herzen jemals wiederum licht werden kann.«
»O, darum hab ich mich nicht zu sorgen.«
»Warum?«
»Selbst wann ich mich damals im Irrthum befunden hätt, wann seine Liebe wahr gewesen wär, so wär doch nun Alles aus. Er ist nicht mehr der arme Lehrer, sondern er wird, wie Du selber sagst, ein berühmter Mann. Was aber bin ich? Ich hab ja niemals diejenige Bildung und Kenntnisse besessen, welche so ein Mann von seiner Frau verlangen kann. Nun bin ich auch nicht mehr reich, sondern nur ein armes Dienstmädchen, welches froh sein muß, wann die Herrin mit ihm zufrieden ist. Eine Zukunft hab ich nimmermehr. Die Schand ruht auf mir und meinem Namen – – ich hab nix mehr zu hoffen.«
»So! Da hab ich mich freilich in Dir sehr geirrt. Ich hab glaubt, Du seist ein Mädchen, welches es mit dera ganzen Welt aufnimmt. Und nun sinkst zusammen wie ein Luftballon, bei welchem das Gas auskommen ist. Das thut mir leid um Dich.«
»Kann ich anders?«
»Ja. Kein Mensch darf auf die Hoffnung einer bessern Zukunft verzichten.«
»Meine Zukunft ist trüb und traurig!«
»Da könnt ich mich beinahe mit Dir zanken. Wannst den Lehrer wirklich lieb gehabt hättest, würdest nicht so reden.«
»Ich hab ihn so lieb gehabt, so sehr lieb. Ich hab es selber nicht wußt, wie sehr meine Seele an ihm hängt. Erst später hab ich es an mir merkt, daß es ohne ihn kein Glück für mich giebt. Da aber war es zu spät. Er ist fort, in ein fernes, weites Land. Dort scheint die Sonn heller als bei uns. Er wird den kleinen Gram, den ich ihm bereitet hab, schnell vergessen haben, und sein Herz gehört nun längst einer Anderen.«
»Das glaub ich nicht. Er hat gar nicht so ausschaut wie Einer, der so schnell vergessen kann.«
»Hast Dir ihn darauf hin angesehen?«
»Ja. Er war so ernst, so – – –«
»Das war er stets.«
»Aber auch so trüb. Man hat, sobald man nur fünf Minuten mit ihm sprochen hat, sogleich merken müssen, daß er ein stilles Leiden mit sich trägt. Und ich hab ja auch die Rede auf die Lieb und auf das Heirathen bracht. Da hat er den Kopf schüttelt und dabei sagt, daß er wohl einsam seinen Weg durchs Leben gehen werde.«
»Das war wohl nur Redensart.«
»Nein, denn er hat, als mal die Gelegenheit dazu war, es als seine Ueberzeugung ausgesprochen, daß man nur ein einziges Mal lieben könne. Und was Der sagt, das hat ein Gewicht. Er ist Keiner, der viel überflüssige Worte macht.«
Martha wollte antworten; aber draußen hatte es geklingelt. Man hörte die Wirthin sprechen, und eine männliche Stimme antwortete. Dann klopfte die Erstere an, gab eine Karte ab und fragte, ob der Herr eintreten dürfe.
Leni las den Namen »Hugo Goldmann«. Eine Bezeichnung stand nicht dabei. Eigentlich befand sie sich nicht in der Stimmung, den Besuch eines Fremden anzunehmen, zumal sie noch mit dem Auspacken ihrer Effecten beschäftigt war. Aber grad daß ein ihr völlig Unbekannter sie so kurz nach ihrer Ankunft in Wien zu finden wußte, das interessirte sie. Darum bestimmte sie, daß er eintreten solle. Martha zog sich natürlich mit der Wirthin zurück.
Der Eintretende war ein wohlbeleibter älterer Herr, nach der neuesten Mode gekleidet, einen goldenen Klemmer auf der Nase und die Uhrketten voller Perloquen hängend. Er machte den Eindruck eines Lebemannes, der aber auch ein Geschäft richtig zu poussiren weiß.
Als er die Leni erblickte, zog er die Augenwinkel ein Wenig zusammen, als ob er sich enttäuscht fühle. Er blickte im Zimmer umher, als ob er erwarte, noch eine zweite Person zu finden, welche der Vorstellung, die er sich von der Sängerin gemacht hatte, entsprechender sei. Dann sagte er, indem er sich nicht zu tief verbeugte:
»Ich hoffte, Signora Ubertincka zu sehen.«
»Dieser Wunsch ist Ihnen erfüllt,« antwortete Leni lächelnd.
Er schob den Klemmer fester auf die Nase und fragte verwundert:
»Wirklich! Sie selbst sind die Signora?«
»Ja.«
»Ah so! Dann Verzeihung, daß ich mich mit meiner Hochachtung etwas verspäte!«
Er trat auf sie zu, um ihre Hand zu ergreifen und einen Kuß auf dieselbe zu drücken. Leni aber wich zurück, so daß er die erwähnte Hochachtung nur durch eine tiefe Verneigung bezeugen konnte.
»Nehmen Sie Platz!«
Diese Worte waren in einem fast befehlenden Tone ausgesprochen. Er schien das nicht gewohnt zu sein und nicht erwartet zu haben, denn er warf ihr einen fragenden Blick zu, bevor er ihrer Aufforderung nachkam. Als er dann saß, sagte er, auf einen zweiten Sessel deutend:
»Bitte, meine Gnädige, wollen Sie nicht auch Platz nehmen?«
»Danke. Ich spreche am Liebsten im Stehen und habe auch keine Veranlassung, zu glauben, daß unsere Unterredung eine ermüdend lange sein werde.«
»Je nachdem; sie kann kurz oder lang werden, ganz wie Sie wollen. Ich komme mit einem Wunsche und werde nicht eher gehen, als bis Sie mir denselben erfüllt haben. Je schneller Sie ihn erfüllen, desto eher werde ich gehen.«
Er sagte das in einem Tone, als ob es ganz selbstverständlich sei, daß sie, wenn auch gleich oder später, auf diesen Wunsch eingehen werde.
Leni lehnte sich ihm gegenüber leicht an ein Möbel. Sie antwortete nicht und sah ihm nur lächelnd in das Gesicht. Das schien ihn gar nicht irre zu machen.
»Kennen Sie meinen Namen?« fragte er.
»Nein. Das heißt, den Namen Goldmann habe ich oft gehört; Herrn Goldmann aber, welcher sich gegenwärtig bei mir befindet, kenne ich nicht.«
»Ich bin Theateragent.«
»Ah! Hm!« nickte sie. »Da sind Sie mir allerdings per Renommee bekannt.«
»Freut mich. Und welcher Art ist dieses Renommee, wenn ich fragen darf?«
»Ein sehr gutes.«
»Freut mich, freut mich! Ich darf da hoffen, daß Sie mir nicht viel Mühe machen werden.«
»Auch ich glaube, daß wir uns unsere Ansichten in möglichster Kürze mittheilen können.«
Sie lächelte ihm immer noch in einer Weise entgegen, welche er erst jetzt zu beachten begann. Er wußte nicht, welche Deutung er diesem Lächeln geben solle. Es war so höflich, so freundlich, aber auch so selbstbewußt und dabei wohl auch ein klein Wenig niederträchtig.
Leni gab sein sichres Auftreten Spaß. Er gab sich als einen Mann, dessen Absicht unbedingt in Erfüllung gehen müsse. Das bestimmte sie, ihm nun erst recht nicht zu Diensten zu sein.
»Haben Sie Engagement?« fragte er.
»Nein.«
»Also sind Sie contractfrei?«
»Ja.«
»Nun wohl! Ich werde Sie engagiren.«
Er war allerdings einer der bedeutendsten Agenten. Hunderte von Künstlern wären ganz glücklich gewesen, von ihm die Worte »Ich werde Sie engagiren« zu hören. Das wußte er. Darum war es ein lächelnder, siegessicherer Blick, den er auf sie warf. Sie aber zuckte nur die Achsel, ohne direct zu antworten.
»Nun, was sagen Sie dazu?« fragte er.
»Ist das die Absicht Ihres Besuches, mich zu engagiren?«
»Ja.«
»So werden Sie dieselbe nicht erreichen.«
»Ah! Unmöglich!«
»Ganz gewiß.«
»Aber, Signora, warum denn nicht!«
»Aus verschiedenen Gründen, welche Ihnen mitzutheilen, ich mich nicht berufen fühle.«
»Ich ersuche Sie aber grad recht dringend, mir diese Gründe zu wissen zu thun!«
»Das könnte an meinem Entschlusse doch nichts ändern.«
»Ich wüßte dann aber, woran ich bin.«
»Gut! So sollen Sie meine Gründe hören. Einige sind sachlicher, der allererste aber ist persönlicher Natur. Sie kamen in der festen Ueberzeugung zu mir, daß ich auf ein Engagement mit Ihnen eingehen würde?«
»Allerdings.«
»Weil es, so zu sagen, eine Ehre ist, von Ihnen mit einer Offerte bedacht zu werden.«
»Hm! Ich will nicht unbescheiden sein.«
»Und ich will offen sein. Ihre Sicherheit vermag nicht, mir zu imponiren; sie beleidigt mich vielmehr doppelt, nämlich sowohl als Dame als auch als Künstlerin. Ein Agent, welcher glaubt, mir einen großen Dienst oder gar eine Gnade zu erweisen, indem er mir seinen Besuch macht, wird niemals einen Gulden an mir verdienen.«
»Ah!«
Er fuhr halb von seinem Stuhle empor.
»Ja, mein Herr. Die Quintessenz Ihrer Absicht ist doch, sich Prozente zu verdienen. Also ists der Egoismus, welcher Sie zu mir führt, nicht die Rücksicht auf mein eigenes Wohl.«
»Das könnte ich bestreiten, unterlasse es aber lieber. Doch bitte ich, gütigst zu bedenken, daß es einer Künstlerin gerathen ist, sich das Wohlwollen wenigstens der bedeutenderen unter den Agenten zu erwerben. Wie die Verhältnisse jetzt liegen, brauchen Sie uns unbedingt.«
»Nein.«
»O doch!«
»Ich habe nicht die Absicht, ein Engagement einzugehen. Und selbst wenn dies meine Absicht wäre, würde ich mich ohne die Hilfe eines Agenten zu plaziren wissen.«
»Entschuldigung, gnädiges Fräulein! Ich bin nie gern unhöflich. Darum will ich nicht Ihnen eine Unkenntniß der Verhältnisse vorwerfen; aber die Bemerkung muß ich machen, daß Sie in Zukunft doch wohl noch Erfahrungen zu machen haben.«
»Das bestreite ich nicht.«
»Rein geschäftliche, trockene Erfahrungen, deren Kenntniß eine Dame eben am Besten ihrem Agenten überläßt.«
»Um ihn bezahlen zu dürfen! Ich werde irgendwelche Engagements nur direct eingehen. Meinetwegen braucht kein Agent zu existiren. Darum berührt es mich nicht angenehm, daß Sie eine so große Siegesgewißheit zeigen. Das war, wie bereits erwähnt, der eine Grund. Die anderen Gründe sind mehr sachlicher Natur.«
»Darf ich sie kennen lernen?«
»Gern. Ich habe noch keine Lust, mich an irgend eine Bühne zu binden.«
»Keine Lust? Sie müssen doch leben!«
»Ich lebe auch ohnedies. Ferner sind meine Studien noch nicht beendet.«
»Soll ich das glauben?«
»Ich bitte darum!«
»Dann hätte Ihr Ruf zu viel gesagt!«
»Jedenfalls. Ich habe sogar noch rein technische Schwierigkeiten zu überwinden. Ich kann unmöglich ein Engagement eingehen.«
»Aber, Signora, Sie können sich doch ausbilden, trotzdem Sie feste Stellung haben!«
»Ich sehe davon ab. Wer mich engagirt, soll keine Mängel an mir finden.«
»Sapperment! Da stehen Sie allerdings mit solchen ehrenwerthen Ansichten einzig unter den Künstlerinnen da!« –
»Ich kenne meine Pflicht und werde sie jederzeit erfüllen. Sie sehen also, daß Ihr heutiger Besuch kein erfolgreicher ist.«
»O, ich verzweifle dennoch nicht.«
Er hatte sich erhoben und sagte das lächelnd, indem er, ihre Gestalt mit wohlgefälligem Blicke musternd, hinzufügte:
»Man ist es ja gewohnt, nicht sofort Beifall zu finden; aber die Damen sind gewöhnlich so liebenswürdig, ihren Widerstand bald aufzugeben.«
»Von Widerstand ist bei mir keine Rede. Ihre Offerte ist doch keine Attaque, welche ich abzuschlagen hätte.«
»Vielleicht doch!«
»Nun, so würde ich die Abwehr wohl anderen Personen überlassen.«
»Wie meinen Sie das?«
»Ich würde das Zimmer verlassen und Ihnen das Dienstmädchen schicken.«
»Signora!« fuhr er auf.
»Herr Goldmann!«
»So Etwas ist mir noch nicht gesagt worden!«
»Und in solcher Weise hat mir noch kein Mensch ein Engagement angetragen!«
Er war wirklich erzürnt. Doch konnte ihm als erfahrenen Agenten es nicht entgehen, welch eine Acquisition dieses wunderschöne Mädchen für ihn sei. Wenn ihr Ruf, in Beziehung ihrer Gesangsleistungen, nicht allzusehr übertrieben hatte, so war diese Ubertinka allerdings eine Person, an und mit welcher ganz bedeutende Summen verdient werden konnten. Diese Betrachtungen söhnten ihn mit ihrem schroffen Auftreten aus. Er zuckte lächelnd die Achsel und meinte:
»Regen wir uns nicht auf! Jeder Mensch hat seine Eigenheiten. Verzeihen Sie mir die meinigen. Wenn Sie mich auch mit meiner Offerte abweisen, so lassen Sie mich doch einmal Ihre Stimme hören. Bitte, kommen Sie!«
Er trat zum Pianino, öffnete es und setzte sich an dasselbe.
»Bitte, singen Sie mir einmal das Stabat mater! Ich möchte es grad von Ihnen einmal hören.«
Er war es gewöhnt, daß Sänger und Sängerinnen sofort auf solche Wünsche eingingen. Er war auch jetzt überzeugt, daß Leni seiner Aufforderung nachkommen werde. Darum machte er es sich auf dem Musikstuhle bequem, griff in die Tasten und begann das Vorspiel. Als dann nach zwei Takten die Singstimme einzufallen hatte, drehte er sich zu Leni um und sagte:
»Nun bitte, jetzt – – –!«
Er sprach nicht weiter und hörte auch mit Spielen auf. Leni war, mit dem Rücken nach ihm gewendet, sich vor ihrem offenen Koffer niederkniet und kramte in dem Inhalte desselben herum. Sie that gar nicht, als ob er vorhanden sei.
Er schritt auf sie zu.
»Aber, Signora, was thun Sie da?«
»Sie sehen es ja! Ich packe aus.«
»Ich denke, Sie wollen singen!«
»Wer hat das gesagt? Etwa ich?«
Sie blieb knieen und blickte zu ihm auf.
»Hm! Sie allerdings nicht. Aber da ich Sie bat, so verstand es sich doch ganz von selbst, daß Sie – – –«
Da aber fuhr sie, ihn unterbrechend, aus ihrer knieenden Stellung empor und fiel blitzenden Auges ein:
»Was verstand sich ganz von selbst? Daß ich singen mußte? Weshalb? Weil Sie es wünschten? Wer sind Sie? Ein Fremder, den ich nicht gerufen habe. Daß Sie nebenbei Agent sind, ist mir gleichgiltig. Ich bedarf keines Agenten. Wollte ich jedem Fremden, der zu mir kommt, das Stabat mater, die Gnadenarie oder sonst was vorsingen, so könnte ich mich am Liebsten gleich in dem Würstlprater hören lassen. Sie haben nicht das mindeste Recht, zu erwarten, daß ich Ihnen eher als Anderen Etwas vortrage. Das merken Sie sich!«
So Etwas war ihm noch nicht gesagt worden, und in diesem Tone erst recht nicht. Er war vor ihr zurückgewichen, Schritt um Schritt, und sie ihm aber ebenso Schritt um Schritt nachgefolgt. Jetzt antwortete er erschrocken:
»Signorina! Bitte, bitte! Sie machen mich ja zum Fürchten!«
»Gut! So fürchten Sie sich!«
»So war es ja nicht gemeint!«
»Meinen Sie es, wie Sie wollen; ich aber nehme es, wie ich es will!«
»Wenn Sie wüßten, wegen welchen Engagements ich zu Ihnen komme, würden Sie freundlicher sein.«
»Ich brauche keins!«
»Sie sollen ja gar nicht an ein Theater!«
»Wohin denn? Etwa an eine Windmühle oder an ein Caroussel?«
»Mein Gott, besänftigen Sie Ihren Zorn! Es handelt sich um eine Musteraufführung – – –«
»Zu welcher ein Musteragent die Engagements trifft! Ich danke!«
»Jetzt beleidigen Sie mich persönlich. Es ist eine neue Oper, welche aufgeführt werden soll.«
»So führen Sie dieselbe doch in Gottes Namen auf! Meinetwegen ganz allein!«
»Das geht nicht. Das Werk ist betitelt »Götterliebe«. Ein herrlicher Titel!«
»Meinetwegen Affenliebe!«
»Gnädiges Fräulein! Hören Sie doch! Der Text stammt aus Egypten!«
»Ich hätte auch nicht das Mindeste dagegen, wenn er aus China stammte!«
»Der Komponist ist ein Baron!«
»Das schadet ihm nichts.«
»Kaum zwanzig Jahre alt!«
»Später wird er älter sein.«
»Sie sollen die Rolle der Juno singen.«
»So! Wer die anderen?«
»Die Venus wird eine junge, unbekannte Collegin übernehmen. Sie heißt Mureni.«
»Ah! Wo befindet sie sich?«
»Das weiß ich nicht. Der Componist hat es übernommen, sie zu engagiren.«
Leni machte jetzt plötzlich ein ganz anderes Gesicht. Die Mureni war ja sie selbst. Das war der Künstlername, den sie früher getragen und dann abgelegt hatte, um nicht von den Nachforschungen des Krikelantons belästigt zu werden. Der Componist wollte sie suchen? Er mußte also wissen, wo sie sich befand!
»Wie heißt er denn?« fragte sie.
»Curty von Gulijan.«
»Ein fremder Name, den ich noch niemals gehört habe.«
»Er ist ein sehr interessanter, junger Herr.«
»So wünsche ich ihm, daß seine junge Oper ebenso interessant sein möge!«
»Er ist steinreich und hat bedeutende Besitzungen an der unteren Donau.«
»Ich gönne sie ihm, habe aber mit ihm und seiner Oper nichts zu schaffen.«
Sie wußte freilich nicht, daß dieser Curty von Gulijan ihr Freund, der einstige Fex, war, sonst hätte sie sich jedenfalls ganz anders verhalten.
»So wollen Sie mir wirklich eine Absage ertheilen?«
»Ja.«
»Ich gestehe aufrichtig, daß ich mit großen Hoffnungen zu Ihnen gekommen bin!«
»Es ist eine Eigenschaft der Hoffnungen, daß sie unerfüllt bleiben können.«
»Erlauben Sie mir wenigstens, nochmals bei Ihnen vorzusprechen?«
»Zu welchem Zweck?«
»Um anzufragen, ob Sie Ihren Entschluß denn doch nicht vielleicht geändert haben.«
»Das wäre nutzlos. Ich pflege meine Entschlüsse nicht zu ändern.«
»So darf ich also nicht kommen?«
»Nein.«
»Dann will ich Ihnen wenigstens meine Karte da lassen, damit Sie wissen, wo ich wohne, wenn Sie vielleicht einmal Veranlassung finden sollten, mich aufzusuchen.«
»Diese Veranlassung wird wohl vergeblich aus sich warten lassen. Doch habe ich nichts dagegen, Ihre Karte zu behalten.«
Er gab sie ab und ging, von ihr nicht einmal bis zur Thür begleitet. Er wollte sich darüber ärgern, brachte dies aber nicht fertig. Die Sängerin hatte auf ihn einen tiefen Eindruck gemacht. Das war keine jener eingebildeten, hochnäsigen Damen, welche trotz ihres Hochmuthes an jedem Augenblicke bereit sind, einen geschäftlichen Vortheil durch Verleihung persönlicher Liebenswürdigkeiten und Begünstigungen zu erkaufen.
Das Küchenmädchen öffnete ihm die Vorsaalthür und schritt, da sie einen Weg zu gehen hatte, hinter ihm die Treppe hinab. Er bemerkte dies und benutzte diesen Umstand, vielleicht noch Etwas über die hochinteressante Sängerin zu erfahren. Er zog ein größeres Silberstück aus der Tasche, schenkte es ihr und fragte:
»Nicht wahr, Signora Ubertinka wohnt erst seit Kurzem hier?«
»Seit einer Stunde, gnädiger Herr.«
»Ich erfuhr es im Hotel. Auf wie lange Zeit hat sie eingemiethet?«
»Auf unbestimmt.«
»Hat sie bereits Besuche gemacht oder empfangen?«
»Einen empfangen.«
»Ah, schon! Wer war das?«
»Frau Commerzienrath von Hamburger, bei welcher die Signora heut zur Soirée sein wird.«
»Wird sie singen?«
»Das weiß ich nicht.«
»Hm! Vielleicht sehen wir uns wieder, mein hübsches Kind. Ich interessire mich für die Sängerin. Darum würde ich Ihnen jede Auskunft, die Sie mir über dieselbe geben könnten, gut belohnen. Aber lassen Sie ihr nichts wissen.«
Er ging, aber nicht in der Richtung, in welcher seine Wohnung lag, sondern er wendete sich nach der Asperngasse, wo der Commerzienrath wohnte. Er war mit diesem so leidlich bekannt, wollte ihm einen Besuch machen und dabei wo möglich eine Einladung für den heutigen Abend zu erhalten suchen. –
Jetzt fand sich Martha wieder bei Leni ein, um ihr beim Auspacken zu helfen. Dann kam die Zeit des Mittagsessens, und später äußerte die Sängerin den Wunsch, einen Spaziergang zu machen. Frau Salzmann erklärte, daß sie sie recht gern begleiten würde, aber durch einen zu erwartenden Besuch abgehalten werde; da sie aber sehe, daß sie mit Martha Landsmannschaft geschlossen habe, so könne diese mit ihr ausgehen.
Das war der Leni sehr willkommen und der Martha nicht minder. Die Erstere zog, um von der Letzteren nicht abzustoßen, ihr einfachstes Kleid an. Dann spazirten Beide nach dem Augarten hinaus, welcher von ihrer Wohnung aus in kurzer Zeit zu erreichen war.
Natürlich gab es zwischen den Beiden außerordentlich viel zu erzählen. Die Zeit verging ihnen wie im Fluge.
Da, eben als sie an einer Kreuzung des Weges angekommen waren, traten ihnen um die Ecke eines Gebüsches zwei Herren entgegen. Leni erblickte sie zuerst und zog schnell ihren schwarzen Doppelschleier herab, so daß ihre Gesichtszüge nicht deutlich zu erkennen waren.
Die beiden waren nämlich der Krickelanton und der sogenannte Baron von Stubbenau.
Jetzt sah auch Martha, wen sie vor sich hatte.
»Um Gott!« sagte sie erschrocken. »Da sind die Beiden schon wieder! Laß uns fliehen.«
Sie waren Arm in Arm gegangen. Martha wollte den ihrigen aus demjenigen der Sängerin ziehen. Die Letztere aber hielt sie fest und antwortete:
»Keine Flucht! Wir würden uns nur blamiren, ohne daß sie uns Etwas hilfe. Wollen diese Beiden die Scene von heut Vormittag fortsetzen, so würden sie uns doch nacheilen. Sie haben uns bereits gesehen und Dich erkannt, wie es scheint.«
»Aber wir sind wehrlos!«
»Nicht ganz.«
»Kein Mensch ist in der Nähe. Nur ganz da draußen sind zwei Reiter zu erblicken. Ehe diese herankommen – – –«
Sie konnte ihre Rede nicht vollenden, denn die beiden Herren waren jetzt herangekommen und blieben stehen. Sie zogen ihre Hüte, und der Sänger rief, die volle Gestalt Marthas mit lüsternem Blicke überfliegend:
»Ah, welch ein Glück! Fräulein Martha! Sind Sie gekommen, mir hier den Kuß zu geben, den Sie mir heut verweigerten? Das ist ja außerordentlich liebenswürdig von Ihnen und wird dankbar anerkannt werden. Bitte, geben Sie mir ihren Arm!«
Er ergriff ihren Arm.
»Unverschämter!« rief sie, ihn zurückstoßend. »Gehen Sie!«
»Nein, Liebchen, ich gehe nicht. Ich habe es auf Dich abgesehen, und da ich Dich so scheu gefunden habe, bin ich nicht so dumm, diese prächtige Gelegenheit vorübergehen zu lassen. Also, Ihren Arm!«
»Lassen Sie mich! Ich rufe um Hilfe.«
»Wen denn? Es ist kein Mensch da. Baron, nimm Du die Andere!«
Er hielt wirklich Marthas Arm so fest, daß sie sich ihm nicht zu entwinden vermochte. Der Baron hatte die Sängerin gemustert. Ihre Züge konnte er nicht deutlich erkennen, aber ihre Gestalt war voll und verführerisch.
»Hast Recht,« sagte er auf Antons Aufforderung. »Also bitte, Fräulein, Ihren Arm!«
Er griff nach Leni.
»Was wollen Sie?« fragte diese sehr ruhig. »Den Arm oder die Hand.«
»Beides, Beides natürlich!«
»Schön! Sehen Sie, wie das thut!«
Sie stieß, ehe er sich dessen versah, ihm die geballte Faust mit aller Kraft so unter die Nase, daß sein Kopf nach hinten kippte und der Hut herabfiel und eine Strecke im Staube fortrollte.
»Donnerwetter!« schrie er, sich mit beiden Händen nach der Nase greifend. »Verfluchte Hexe! Du haust ja!«
»Ja, die scheint Gift zu haben,« lachte Anton, noch immer mit Martha ringend, welche ihm ihren Arm entziehen wollte.
»Das Gift werde ich ihr bald nehmen!« antwortete der Baron.
Er holte seinen Hut, setzte ihn, um keine Zeit zu versäumen, schmutzig auf und griff wieder nach Lenis Arm.
»Lassen Sie die Hand von mir!« rief diese, ihre Stimme so verstellend, daß sie nicht von Anton erkannt werden konnte.
»Nein, das thue ich nicht. So ein wildes Geschöpf muß man zahm machen.«
Er schlang die Arme um ihren Leib, und Leni hütete sich wohl, dagegen zu wehren. Sie war klug genug, den geeigneten Augenblick abzupassen. Sah sie doch, daß sich zwei Reiter schnell näherten.
»Einen Kuß!« rief der Baron, durch ihr passives Verhalten irre gemacht.
Er bog den Kopf zu ihr nieder. Da aber ballte sie die beiden Fäuste und stieß sie ihm mit aller Macht blitzschnell unter das Kinn.
Er ließ sie fahren, stieß einen unartikulirten Schrei aus und stürzte auf den staubigen obgleich hart gefrorenen Boden nieder.
»Kerl!« lachte der Krickelanton. »Was fällt Dir ein! Dich von einem Weibsbilde werfen zu lassen! Da, schau her, wie ich die meinige küsse.«
Er wollte diesen Worten die That folgen lassen; aber Martha war durch Lenis tapferes Verhalten ermuthigt worden. Sie wehrte sich nach Kräften und rief laut um Hilfe.
Der Baron war wieder aufgesprungen und gab sich nun alle Mühe, Leni wieder an sich zu ziehen; diese aber wehrte sich mit dem Muthe und der Kraft eines Mannes.
Die beiden Reiter mußten jetzt erkennen, daß es sich hier um einen Angriff auf die Damen handele. Sie spornten ihre Pferde und kamen schnell herbeigeflogen, der Herr voran, der Bediente in Livree hinter ihm.
Es war der Graf von Senftenberg mit seinem Reitknechte.
»Hollah, was ist hier los!« rief er, indem er sein Pferd zügelte.
»Alle Wetter, der Graf!« lachte Anton. »Den haben wir freilich nicht zu fürchten. Ein Abenteuerchen, ein interessantes Abenteuerchen, weiter nichts!«
Er rang weiter mit Martha.
Leni rief, indem sie durch kräftige Stöße den Baron von sich abzuhalten suchte:
»Herr Graf, wir sind überfallen worden, wir sind nur arme Dienstboten, aber Sie sind ein Ehrenmann und werden uns in Ihren Schutz nehmen.«
»Natürlich, natürlich!« antwortete er. »Bitte, Baron, bitte, Signor Criquolini, geben Sie die Damen frei!«
»Unsinn!« rief der Sänger.
»Ich verlange es!«
»Pah!«
»Gut, so befehle ich es!«
Das rief er mit erhobener Stimme.
»Befehlen?« entgegnete Anton, Martha noch immer festhaltend.
»Ja, ich befehle es!«
»Das fehlt noch! Wer hat uns zu befehlen, wer?« fragte der Baron höhnisch.
»Diese hier, nämlich die Peitsche!«
Bei diesen Worten spornte der Graf, daß sein Pferd einen Satz that bis hart an den Baron heran, holte aus und gab diesem einen Peitschenhieb quer über das Gesicht herüber.
Der Getroffene brüllte auf vor Schmerz und schlug beide Hände vor das Gesicht.
»Nun, Criquolini, wollen auch Sie geschlagen sein?«
Indem der Graf diese Frage aussprach, wendete er sein Pferd gegen den Sänger.
»Wagen Sie es!« drohte dieser.
Mit der Linken Martha festhaltend, hielt er dem Grafen die geballte Rechte entgegen.
»Kerl, drohst Du meinem Herrn!« rief der Reitknecht. »Da ist der Lohn!«
Er schlug mit dem Stiele der Reitpeitsche so kräftig auf den erhobenen Arm, daß der Sänger denselben sofort sinken ließ. Der Getroffene brüllte weniger vor Schmerz als vielmehr vor Wuth laut auf. Seine Aelplernatur erwachte. Er that einen Sprung auf den Reitknecht zu. Dieser aber, ein altgedienter, gewandter Kavallerist, nahm sein Pferd vorn hoch, daß es mit den Hufen ausschlug und Anton schnell zurückweichen mußte.
»Graf Senftenberg,« knirrschte er. »Das werde ich Ihnen gedenken!«
»Immerhin!« antwortete dieser ruhig. »Nur weiß ich nicht, wie Sie das anfangen wollen.«
»Sie werden mir Genugthuung geben!«
»Ja, Genugthuung!« brüllte der Baron, mit der einen Hand die Schwiele bedeckend, welche sich quer über sein Gesicht zu ziehen begann. »Wir werden Sie fordern und Ihnen unsere Zeugen schicken!«
»Mich fordern? Was fällt Ihnen ein! Ein Graf Senftenberg schlägt sich mit Falschspielern und Menschen, welche brave Mädchen auf der Straße überfallen, nicht. Solche Strolche sind nicht satisfactionsfähig. Man haut sie nur mit der Peitsche durch!«
Der Baron war feige. Er hatte für diese verächtlichen Worte keine Entgegnung. Der Krickelanton aber ballte beide Fäuste, zog die Ellbogen an sich, duckte sich wie zum Sprunge nieder und rief:
»Nehmen Sie diese Worte augenblicklich zurück oder –?«
»Nein!«
»So sollen Sie sogleich erfahren, daß – –«
Er holte bereits zum Sprunge aus. Er war der Mann, dem man es zutrauen konnte, daß er sich zu dem Grafen auf das Pferd schwingen werde. Da aber trat Leni schnell vor ihn hin.
»Halt, Landstreicher!« rief sie ihm zu. »Willst Dich an einem Ehrenmann vergreifen! Dazu bist dera Kerl noch lange nicht. Schäm Dich in Deine Seele hinein, daßt so ein Lodrian worden bist. Deine Eltern werden sich vor Herzeleid ins Grab legen wollen, wanns hören, wie weit es bereits mit Dir kommen ist. Troll Dich von dannen und laß brave Leut in Ruh!«
Er starrte sie an, ohne sich zu rühren.
»Was – –!« fragte er. »Wie – wo – wer bist, daßts wagen kannst, mir solche Worte ins Gesicht zu schleudern?«
»Wer ich bin? Da schau her! Ich kann Dir mein Gesicht zeigen, ohne mich schämen zu müssen.«
Sie nahm den Schleier weg. Er trat um einen Schritt zurück und rief erstaunt:
»Die Leni, die Muhrenleni! Ah, Du bists. Du machst mir die Predigt! Und dabei gehst mit Dienstboten auf den Raub aus, um Männer zu fangen! Schau, was aus Dir geworden ist! Da ist wohl auch Dein Wurzelsepp bei Dir und macht den Kassirer? Komm, Baron, da sind wir schön angeflogen! Wann ich wußt hätt, daß es zwei solche Vögel sind, so hätt ich mir doch lieber die Hand abhaut als daß es mir einifallen wär, sie anzugreifen. Komm! Wir wollen sie dem Grafen lassen. Der hats verdient, daß wir sie ihm schenken.«
Er ergriff den Baron beim Arme und verschwand mit ihm hinter der Buschecke, hinter welcher sie vorher hervorgetreten waren.
Bei seinen frechen Worten war Leni glühend roth geworden. Wie in instinctiver Abwehr wendete sie sich an den Grafen:
»Glaubens das dem Menschen nicht, gnädiger Herr! Wir sind Beide arme Dirndln, aberst was Böses nachsagen, das kann uns kein Mensch als nur dieser Lodrian.
»Ich glaube Ihnen das sehr gern,« antwortete der Graf freundlich, indem er vom Pferde stieg. »Gesichtszüge, wie Sie haben, können nicht lügen. Daß Sie brav sind, das brauchen Sie gar nicht erst zu versichern. Bitte, wo wohnen Sie?«
»Auf dera Mohrengasse.«
»Werden Sie mir gestatten, Sie wenigstens so weit zu begleiten, bis Sie in eine belebtere Gegend kommen?«
»Ja, bitt schön, kommens mit! Denn wir müssen halt gewärtig sein, daß sonst die beiden Strauchritter uns abermals belästigen.«
Der Graf warf seinem Reitknechte den Zügel zu und schloß sich den beiden Mädchen an.
Er in der Mitte, gingen die Drei den Weg zurück, den die Ersteren gekommen waren, zunächst ohne zu sprechen. Der Graf betrachtete sich dabei verstohlen Lenis Gesichtszüge.
Das waren nicht die Züge eines Dienstmädchens; ihnen hatte die geistige Arbeit ihren Stempel, ihr Gepräge aufgedrückt. Dieses Gesicht war von einer eigenartigen, ausgesprochenen Schönheit, mild und doch kräftig, zart und doch frisch trotz der Blässe der Wangen. Diese dunklen Augen besaßen die Gewalt des Blitzes, und doch schauten sie jetzt so mild in den kalten Nachwinterstag hinein. Welch einen seltenen Wohllaut hatte ihre Stimme! Er konnte fast den Blick nicht von diesem Mädchen wenden.
Und nun ihr Verhalten gegen ihn selbst! Er konnte darüber gar nicht klar werden. Tausend Andere hätten, als er seine Begleitung anbot, dieselbe mit fulminanten Danksagungen zurückgewiesen; sie aber hatte sie als ganz selbstverständlich angenommen. War das der Mangel an Bildung, der bei einem Dienstmädchen freilich nicht auffallen konnte? Oder war es etwas Anderes – Räthselhaftes, zu dessen Lösung ihm leider die Zeit fehlte.
Er stand vor ihr wie vor einem Geheimnisse, von welchem man weiß, daß sich, wenn der Vorhang hinweggezogen wird, etwas wahrhaft Schönes zeigen muß – – aber eben ist dieser Vorhang leider unberührbar.
Ganz wider alles Erwarten war Martha die Erste, welche das Wort ergriff. Sie wendete sich an den Grafen:
»Nun werdens gar viel Aerger und wohl auch noch Schlimmeres haben dafür, daß Sie sich unserer so gut angenommen haben. Es thut mir so leid, daß wir Ihnen halt nur danken können.«
Sie bediente sich des bayrischen Dialectes, weil Leni vorher dasselbe gethan hatte.
»Bitte, haben Sie keine Sorge um mich,« antwortete der Graf. »Diese Herren sind nicht im Stande, mir den geringsten Schaden zuzufügen.«
»Aber sie haben doch gar vom Duell sprochen!«
»Gesprochen, ja. Aber kein anständiger Mann wird sich mit solchen Leuten schlagen. Sie scheinen alte Bekannte zu sein?«
Diese letztere Frage war an Leni gerichtet. Sie blickte ihm voll und offen in das männlich schöne Gesicht und antwortete:
»Ja, wir haben uns kannt. Er ist mein Bräutigam gewest. Seit er aber ein so berühmter Sängern worden ist, hat er mich vergessen habt.«
Es war ein Blick unendlichen Erstaunens, welchen der Graf auf die Sprecherin warf.
»Ihr Bräutigam! Wunderbar! Wer von Beiden hat denn das Verhältnis gelöst?«
»Er. Ich bin ihm treu blieben bis heut, ohne ihn jahrelang zu derblicken. Nun ich aberst sehen hab, auf was für eine Stufen er herunterstiegen ist, so ists schad um jeden guten Gedank, den ich noch für ihn haben könnt.«
»Hatten Sie sich mit Absicht hier getroffen?«
»Das hätt mir nicht einfallen konnt. Wir haben keine Ahnung habt, daß er uns begegnen wird. Schön aber ists, daß er eine so gute Lehr erhalten hat. Und dera Baron noch besser. Erst hab ich ihm die Nasen überstülpt hier mit meinen Fäusten, und nachhero habens ihm, gnädiger Herr, mit dera Peitschen einen Gedankenstrich übers Gesichten macht, an dem er gar lange Zeiten zu kuriren haben wird. Grad so und nicht anders muß es solchen Leutla ergehen!«
Sie lachte befriedigt auf, so glockenhell und rein. Dabei betrachtete sie ihre beiden »Fäusten«, mit denen sie sich so kräftig gewehrt hatte.
Der Graf schüttelte leise den Kopf. Was sollte er denken? Was war das Richtige? So wie sie jetzt, konnte nur eine gewöhnliche Aelplerin sprechen. Und doch lag grad in ihrer Ausdrucksweise, ihrem Tone, ihrem Blicke, ihrem Mienenspiele ein Etwas, was es ihm ganz unmöglich machte, sie für ein gewöhnliches Mädchen zu halten.
»Ja,« sagte er. »Gewehrt haben Sie sich auf das Tapferste. Ich glaube sogar, Sie wären mit den Beiden auch ohne meiner Hilfe fertig geworden.«
Er hatte vielleicht erwartet, daß sie verneinend antworten und seine That mit großem Lobe hervorheben werde; sie aber sagte ganz im Gegentheile:
»Natürlich! Ich hätt dem Criquolini nur mein Gesichten zu zeigen braucht, so wär er fortgelaufen. Das wollt ich aber doch nicht gern. Darum hab ich halt wartet, daß Sie herankommen möchten.
»Und ich bildete mir ein, daß Sie sich in großer Bedrängniß befänden!« lachte er ein Wenig pikirt.
»Damit war es nix. Aberst gut ists doch gewest, daß Sie grad zugegen waren, und darum danken wir Ihnen auch gar schön. Und daß Sie nachher gar vom Pferde stiegen sind, um bis hierher mit uns zu gehen, das ist so brav und ritterlich von Ihnen, daß ich Ihnen gar gleich eine Hand dafür geb. Hier ist sie!«
Er, der Aristokrat, welcher mit den höchsten Herrschaften zu verkehren verstand und niemals in eine Verlegenheit zu bringen gewesen war, er fühlte sich von ihren Worten und ihrem Verhalten beinahe verblüfft.
Sie, das Dienstmädchen, wagte es, ihm die Hand zu bieten! Sie nannte sein Benehmen brav und ritterlich! Sie sagte: »um bis hierher mit uns zu gehen,« und deutete ihm damit an, daß er wieder umkehren möge! Was sollte er da denken? Er fand nicht sofort eine Antwort, und darum war es gut, daß Martha beistimmte:
»Ja, dera gnädige Herr ist schon allzuweit mit uns gangen. Wir dürfen seine Güt nicht länger mißbrauchen.«
»Wie Sie wollen,« antwortete er. »Aber darf ich, bevor wir scheiden, erfahren, bei wem Sie in der Mohrengasse dienen?«
Diese Frage war ihm halb unabsichtlich entfahren. Es war eigentlich gar nicht »gentlemanlik« von ihm als Grafen, sich nach der Hausnummer von zwei Dienstmädchen zu erkundigen; aber es trieb ihn, zu wissen, wo Leni wohne.
»In demselbigen Hause, wo dera Criquolini im Parterre wohnt,« antwortete Martha. »Er muß bis morgen ausziehen. Wir wohnen in dera ersten Etagen.«
Die Drei waren mit einander stehen geblieben. Der Graf erhob spaßhaft drohend den Finger und sagte zu Leni:
»Also in demselben Hause! Ei, ei! Und da haben Sie nicht gewußt, daß er nach dem Augarten spazieren gegangen ist!«
»Nein,« antwortete sie ohne alle Verlegenheit. »Ich bin erst gestern in Wien ankommen und hab mit keinem Wörtle ahnt, daß er grad in demselbigen Hause wohnt. Aber, was thuts auch, obs glaubt wird oder nicht. Wir sagen schönen Dank, Herr Graf, und nun Adieu!«
Sie reichte ihm abermals die Hand hin. Er ergriff dieselbe und fragte:
»Werden wir uns vielleicht im Leben noch einmal begegnen?«
Diese Frage eines Grafen an ein Dienstmädchen! Wie kam es nur, daß sie ihm entfahren war?
»Ganz gewiß,« antwortete Leni.
»So! Sie thun, als wüßten Sie das so ganz genau?«
»Das ist gar kein Wunder.«
»Wieso?«
»Wien ist doch nicht so groß, daß zwei Menschenkinder, wie wir Beid sind, so ganz und gar für nander verschwinden müßten. Ich denk, daß wir nander sogar recht bald begegnen werden.«
»Wenn Sie so gut wahrzusagen verstehen, so wissen Sie vielleicht auch wann und wo?«
»Ja, das weiß ich freilich genau.«
»Nun, wann?«
»Wohl gar schon heute noch.«
»Ah! Und wo?«
»Beim Abendregen.«
»Wo ist das?«
»Das ist ein Ort und eine Zeit, die ich jetzund noch nicht sagen kann. Wissens, eine jede Weissagung hat auch ihre Dunkelheiten, wohinter man sich verstecken kann. Aberst das sag ich, daß Alles ganz genau zutrifft, wann ich einmal die Zukunft vorhersagt hab. Und nun nochmals großen Dank, gnädiger Herr! Großen Dank und – auf Wiedersehen!«
Sie machte einen Knix, so wie eine Aelpnerin ihn vor einem vornehmen Herrn zu machen pflegt, und zog die Martha mit sich fort.
Er blieb stehen und blickte ihnen nach, fast wieder so verblüfft wie vorher. »Großen Dank und – auf Wiedersehen,« hatte sie ihm gesagt. Wußte sie denn wirklich, daß er sie wiedersehen werde? Was hatte das Wort »Abendregen« zu bedeuten?
Er rieb sich vergeblich die Stirn. Er sah ihren elastisch-kräftigen Gang. Die kleinen Füße wurden zuweilen unter dem Saume des Kleides sichtbar. Er hatte ihre Hand in der seinigen gehabt; sie war so klein, so weich, so rundlich gewesen – eine schöne Damenhand!
Und doch sprach sie diesen Bauerdialect! Doch bewegte sie sich in der ganz vulgären Ausdrucksweise! Und dennoch, dennoch hatte es zuweilen ein Wort gegeben, welches errathen ließ, daß sie scharf zu denken und fein zu fühlen verstehe!
Ja, dieses Dienstmädchen war eine ganz ungewöhnliche Erscheinung, ein gradezu fascinirendes Wesen. Nach den Reden des Sängers hätte man sie zu den verlorenen Dirnen zu zählen gehabt. Sollte das möglich sein? Es sprach Manches dafür – ihre Anwesenheit in der Wohnung des einstigen Geliebten, ihr einsamer Spaziergang hier und Anderes. Aber der Graf wies diesen Gedanken mit ebenso stiller wie energischer Entrüstung zurück.
Er wäre wohl noch eine ganze Weile tief in Gedanken versunken, hier stehen geblieben, wenn ihn nicht der Hufschlag seiner Pferde darauf aufmerksam gemacht hätte, daß sein Reitknecht, welcher den Dreien langsam nachgeritten war, bei ihm angekommen sei.
Er stieg wieder in den Sattel und ritt, ganz von dem Eindrucke dieses kleinen Abenteuers erfüllt, nach Hause. Und dort angekommen, gab er sich nicht seinen gewöhnlichen Beschäftigungen hin. Er konnte das lieblich-ernste Gesicht der schönen Aelpnerin nicht los werden und ging, in den Gedanken an sie versunken, ruhelos in seinem Zimmer auf und ab.
Endlich strich er sich mit der Hand über die Stirn, lachte leise und verwundert auf und sagte zu sich selbst:
»Graf Horst von Senftenberg, was ist mit Dir! Denke doch an Deinen Stammbaum, an die lange Reihe Deiner Ahnen, an Deine hohen Verbindungen und gesellschaftlichen Verpflichtungen, nicht aber an dieses Bauermädchen, welches ja gar nicht für Dich existiren darf!«
Er setzte sich an den Schreibtisch und begann zu rechnen. Er hatte von den Verwaltern verschiedener seiner Güter Rechenschaftsberichte vorliegen, welche zu prüfen waren; aber er kam nicht vorwärts. Zwischen den trockenen Zahlenreihen blickte ihm immer und immer wieder das Gesichtchen mit den tiefen, unergründlich tiefen Augen entgegen. Er machte Fehler auf Fehler und warf endlich mißmuthig die Feder weg.
»Es geht nicht!« gestand er. »Dieses Mädchen hat es mir angethan, mir, den noch keine einzige Dame ein tieferes Interesse einzuflößen vermochte. Das ist so schnell gegangen. Ich habe sie nur dieses eine Mal gesehen und kenne ihre Züge und den Tonfall ihrer Stimme bereits so gut, als ob ich sie Jahre lang studirt hätte. Ich halte es hier nicht länger aus; ich gehe! Aber wohin?«
Er blickte nach der Uhr.
»Es ist noch nicht Zeit, beim Commerzienrath vorzufahren. Ich werde nach dem Kaffee gehen und ein Glas Wein trinken. Dort giebt es Zeitungen und zahlreiche Gesichter, bei deren Betrachtung andere Gedanken kommen werden.«
Er kleidete sich, da er nicht zurückzukommen beabsichtigte, zur Soirée an und begab sich dann nach einer der berühmten Wein- und Kaffeestuben, welche in der Nähe lag.
Dort angekommen, bemerkte er zu seinem Leidwesen, daß das Lokal gefüllt war. An denjenigen Tischen, an welchen noch ein Platz zu finden war, saßen Personen, die ihm nicht behagten. Er suchte ein kleines, ihm bekanntes Cabinet auf, in welchem nur ein einziges Tischchen mit vier Stühlen stand. Dieser Raum pflegte stets für exclusive Stammgäste reservirt zu sein. Dort war er gewiß, nur anständige Leute zu finden. Selbst wenn die vier Stühle besetzt waren, konnte er sich einen fünften herbeibringen lassen.
Dieses Cabinet war durch eine Portière von dem Hauptraume getrennt. Wenn man dieselbe aus einander zog, konnte man alle draußen Befindlichen beobachten, ohne von ihnen gesehen zu werden.
Dort hatte der Graf oft gesessen und sich im Stillen dadurch unterhalten, daß er an den so verschiedenartigen Gesichtern der Gäste psychologische Studien machte.
Als er jetzt hinter die Portière trat, war nur ein einziger Stuhl besetzt, und Derjenige, welcher ihn inne hatte, war ein ihm vollständig Fremder.
Dieser Mann war schon hoch bei Jahren und hatte sehr scharf und kühn gezeichnete aber angenehme und Vertrauen erweckende Züge. Sein Gesicht war außerordentlich sonnenbraun. Von dieser tiefen Färbung stachen die dichten, grauen Haare und der gewaltige, schneeweiße Schnurrbart effektvoll ab. Sein Anzug war elegant, aus feinstem, graubraunen Winterstoff nach dem neuesten Schnitte gefertigt. Am Nagel hing ein Gehpelz, mit theurem Biberrücken gefüttert. An den Händen trug er einen einzigen Ring, dessen schmaler, einfacher Reif aber einen so werthvollen Diamanten trug, daß man den Besitzer für einen sehr wohlhabenden Mann halten mußte. Dieser Letztere hielt eine der bedeutenderen Zeitungen, in welcher er gelesen hatte, in der Rechten.
Das Alles hatte der Graf mit einem Blicke übersehen. Er war überzeugt, bei diesem Herrn Platz nehmen zu können, ohne die Würde seines Standes zu beleidigen. Darum verbeugte er sich, höflich grüßend.
»Würden Sie mir einen Platz erlauben, mein Herr?«
Der Fremde erhob sich, erwiderte die Verbeugung in militärischer Haltung und antwortete:
»Gern. Nehmen Sie ungenirt Platz!«
Ein herbeigekommener Kellner nahm dem Grafen Hut und Ueberrock ab und erhielt die erwarteten Befehle. Dann zog der Letztere seine Karte hervor und überreichte sie, indem er sich niederließ, dem Gaste.
»Horst Arnim Graf von Senftenberg« stand unter der Grafenkrone.
Der Andre stellte sich dann durch die seinige vor, auf welcher zu lesen war »Josef von Brendel, Königl. Bayr. Hauptmann a. D.«
So Etwas hatte der Graf erwartet. Der Unbekannte war nach seinem ganzen Habitus ein alter Offizier.
Die Unterhaltung, welche nun zwischen Beiden geführt wurde, befriedigte den Grafen außerordentlich. Das Auftreten des Hauptmannes war beinahe originell. Er bewegte sich in kräftigen, scharf bezeichnenden Ausdrücken, ohne aber im Geringsten gegen die Umgangsformen der feineren Gesellschaft zu verstoßen. Er zeigte gesunde Lebensansichten, entwickelte reiche Erfahrungen und schien in allen Schichten der Bevölkerung eingehende Studien gemacht zu haben.
Der Graf hatte die angenehme Empfindung, daß er diesen Mann recht bald lieb gewinnen könne. Derselbe war jedenfalls ein Character, an welchem kein Falsch zu finden war.
Zwar zeigte er sich zurückhaltend, wenn der Graf eine inhaltsvolle künstlerische oder wissenschaftliche Bemerkung machte, zu deren weiterer Ausführung tiefe Fachkenntnisse gehörten, aber von so einem alten, wackern Haudegen war doch unmöglich zu verlangen, daß er sich auch mit eingehenden philosophischen und ästhetischen Studien befaßt habe.
So folgte eine Minute nach der andern wie im Fluge, und der Graf fand keine Zeit, an die schöne Aelpnerin zu denken. Da wurde die Portière abermals geöffnet, und in derselben erschien – der Commerzienrath.
»Ah, Graf Senftenberg!« rief er erfreut. »Das ist eine angenehme Ueberraschung.«
»Sie, Herr Baron?« erwiderte der Graf. »Sie konnte ich am allerwenigsten hier erwarten. Ich mußte natürlich glauben, daß Sie mit den Vorbereitungen zu Ihrer Soirée beschäftigt seien. Bitte, Platz zu nehmen!«
»Was giebt es da vorzubereiten? Nichts. Ich hatte einem Geschäftsfreunde eine eilige Angelegenheit vorzutragen und war meine Kehle während des vielen Sprechens so trocken geworden, daß ich den Schritt hierher lenkte, um der Stimme ihre frühere Elasticität wieder zu geben. Ich sehe, daß Sie sich bereits im Gesellschaftshabitus befinden, also können wir nachher gleich zusammen zu mir gehen.«
»Sehr gern! Gestatten die Herren, sie einander vorzustellen! Herr Commerzienrath Baron von Hamberger – Herr Hauptmann von Brendel, Bayern.«
Die beiden Genannten verbeugten sich gegeneinander. Dabei war dem Commerzienrathe anzusehen, daß der Name des Fremden ihn frappirte.
»Hauptmann von Brendel?« fragte er. »Ihr Vorname ist Josef, Herr Hauptmann?«
»Ja.«
»Sie kommen aus München?«
»Allerdings, Herr Commerzienrath.«
»Hatten Sie nicht die Absicht, hier in Wien unter Anderen auch mich mit Ihrem Besuche zu beehren?«
»Gewiß. Ich hatte mir vorgenommen, mich am morgenden Vormittage bei Ihnen vorzustellen.«
»So freue ich mich, Sie bereits heut zu sehen. Ihre Ankunft ist mir von dem befreundeten Münchener Bankhause gemeldet worden.«
»Dann verstößt es wohl nicht gegen die geschäftliche Höflichkeit, Ihnen bereits heut Einsicht in diese wenigen Zeilen zu geben. Der Herr Graf werden das wohl freundlichst entschuldigen.«
Er zog einen fünffach versiegelten Brief aus einem eleganten Portefeuille und reichte ihn dem Commerzienrath hin.
Dieser prüfte nach geschäftsmännischer Gewohnheit genau die Aufschrift, welche seine eigene Adresse enthielt und die Siegel, welche zweifellos diejenigen des betreffenden Bankhauses waren. Dann öffnete er und las:
»Herrn Commerzienrath
Baron Hesekiel von Hamberger
Wien.
Sie wollen dem Vorzeiger dieses, den Königlich Bayrischen Hauptmann a. D. Herrn Josef von Brendel auf unsere Rechnung und Gefahr einen so hohen Credit, als wir selbst bei Ihnen genießen, unbeschränkt eröffnen und uns die von ihm bei Ihnen erhobenen Summen zu monatlicher Sicht auf Wechsel stellen.«
Unterzeichnet war diese seltene Anweisung von einer der bedeutendsten Bankfirmen der Hauptstadt Bayerns.
Beim Lesen derselben stiegen die Brauen des Commerzienrathes höher und immer höher. Seine Augen prüften dann mit doppelt scharfem Blicke die Unterschrift auf ihre Aechtheit, und als er erkennen mußte, daß an derselben gar nicht zu zweifeln sei, nahm sein Gesicht den Ausdruck einer unendlichen Hochachtung an. Seine Schultern zogen sich demüthig nach vorn, und seine Unterlippe senkte sich herab. Er erhob sich, machte eine tiefe, respectvolle, ceremonielle Verbeugung und sagte:
»Herr Hauptmann, ich bin Ihr allerunterthänigster Diener und stelle mich mit meinem ganzen Vermögen und Credite Ihnen zur geneigten Verfügung.«
Der Alte erwiederte die Verbeugung mit einem einfachen Nicken und antwortete lächelnd:
»Danke! Was ich brauche, ist gar nicht der Rede werth, vielleicht einige hundert Gulden, wahrscheinlich aber gar nichts.«
Da machte der Baron ein hocherstauntes Gesicht.
»Aber, mein Herr, wissen Sie denn nicht, wie viel Sie bei mir entnehmen können?«
»O doch! So viel, wie ich brauche.«
»Aber das kann eine Million sein, noch mehr, mehrere Millionen. Ich gebe sie Ihnen!«
»Danke! Ich bin ein sparsamer Mann, habe bereits einiges Geld zu mir gesteckt, so viel ich nämlich voraussichtlich brauchen werde, und versah mich nur deshalb mit dieser Anweisung an Sie, weil man doch einmal sein Portemonnaie vergessen oder verlieren kann. Ich bin auch bereits einmal in die Verlegenheit gekommen, eine Zeche von sechzehn Groschen nicht bezahlen zu können. Habe dem Kellner meine Uhr als Pfand zurücklassen müssen.«
»Sie! Sie? Für sechzehn Groschen! Ein Mann, dem ich Millionen geben würde!«
»Der Mann kannte mich ja nicht. Hier in Wien bin ich noch weniger bekannt. Wenn sich so ein Fall hier ergeben würde, so kann ich den Kellner an Sie weisen.«
Der Commerzienrath fand vor Erstaunen gar keine Worte. Endlich fragte er:
»Bei der Eröffnung eines solchen Credites muß ich selbstverständlich annehmen, daß Sie voraussichtlich hier ganz bedeutende Ausgaben zu machen beabsichtigen.«
»Gar nicht. Ich will Wien kennen lernen und mich einige Tage amusiren. Dann reise ich weiter.«
»Bitte, wohin?«
»Nach Triest vielleicht.«
»Besitzen Sie bereits Creditbriefe an dortige Bankhäuser? Wo nicht, so stelle ich mich gern zur Verfügung.«
»Danke! Bin auch für dort versehen.«
Der Bankier begann fast zu schwitzen. Es wurde ihm beinahe unheimlich vor lauter Hochachtung. Für Wien so ein ungeheurer Credit, und für Triest, für weitere Orte wohl auch noch! Der alte Hauptmann mußte doch ein ungeheuer reicher Kerl sein.
Natürlich hatte der Bankier gerade so wie jeder Besitzer einer Bank die Gepflogenheit, jedem Interessenten, welcher mit einer oder vielmehr über eine gewisse Summe bei ihm accredirt wurde, sein Haus zu öffnen und ihn zu sich einzuladen. Darauf besann er sich. Mit diesem bayrischen Hauptmanne konnte ja geradezu Staat gemacht werden.
Jeder Andere wurde nur zur Tafel geladen, in diesem ganz außerordentlichen Falle aber konnte nur von Vortheil sein, eine noch bedeutendere Gastfreundschaft zu entwickeln. Darum erkundigte sich der Bankier:
»Darf ich fragen, Herr Hauptmann, wo Sie abgestiegen sind?«
»Im ›Kronprinzen von Oesterreich‹, Asperngasse.«
»Aber dort werden Sie doch nicht wohnen bleiben?«
»Warum nicht?«
»Bei den Ansprüchen, welche Sie machen können!«
»Ich könnte, ja, aber ich mache keine. Je einfacher man lebt, desto freier ist man.«
»Das ist zwar sehr richtig, aber man verzichtet doch selbst in der Fremde nicht gern auf Gewohntes, Bequemes. Ich offerire Ihnen eine Wohnung in meinem Hause und würde mich sehr geehrt fühlen, wenn Sie die Güte hätten, mir die Erfüllung dieses Wunsches zu gewähren.«
»Danke, Herr Baron! Sie sagen selbst, daß man auf Gewohntes nicht verzichten solle, und meine Gewohnheit ist es eben, auf Reisen Niemanden zu incommodiren und zugleich meine Selbstständigkeit dadurch zu wahren, daß ich nur in Hotels wohne. Darum hoffe ich, Sie werden verzeihen, wenn ich auch hier nach dieser Regel handle.«
»Nur ungern! Aber Ihr Wunsch ist mir natürlich Befehl. Doch hoffe ich, daß Sie mir dann eine andere, ebenso dringende Bitte gewähren.«
»Welche?«
»Haben Sie die Güte, mich in den Stand zu setzen, Sie noch heute Abend meiner Gemahlin und unseren Gästen vorzustellen. Der Herr Graf von Senftenberg erwähnten bereits die heutige Soirée. Ich weiß nicht, ob Sie ein Musikfreund sind, aber ich denke – –«
»O, ein großer Musikfreund sogar!«
»Nun, dann schmeichle ich mir, daß Sie sich bei mir gut unterhalten würden. Sie hören ganz hervorragende künstlerische Kräfte. Die Vortragenden sind sowohl in Beziehung der Instrumental-, als auch in der Vocalmusik Namen ersten Ranges. Der Herr Graf werden vielleicht die Güte haben, meine an Sie gerichtete Bitte zu unterstützen.«
Der Genannte hatte an dem Gespräche der Beiden nicht mit theilgenommen. Auch er war einigermaßen erstaunt über die Gleichgiltigkeit, mit welcher der Hauptmann die außerordentliche Creditangelegenheit behandelte. Jetzt nun ging er auf die Aufforderung des Bankiers ein, indem er sich an den alten Offizier wendete:
»Ich kann Ihnen allerdings den Salon des Herrn Barons warm empfehlen. Sie werden sich da nur in guter Gesellschaft befinden.«
»Davon bin ich fest überzeugt, da auch Sie dort anwesend sein werden,« antwortete der Hauptmann höflich.
»Sie werden zum Beispiel einen sehr namhaften Sänger hören,« fiel der Baron ein. »Vielleicht haben Sie bereits von ihm gehört. Er heißt Criquolini.«
»Ach! Criquolini singt bei Ihnen? Den möchte ich freilich einmal hören. Ich kenne ihn sehr genau, genauer als Sie denken.«
»Wohl gar persönlich?«
»Ja.«
»Das ist mir höchst interessant.«
»Leider muß ich sagen, daß seine Anwesenheit eigentlich für mich keine Veranlassung sein kann, Ihrer Einladung Folge zu leisten. Criquolini mag ein guter Sänger sein, ein guter Mensch aber ist er nicht.«
»Das ist bedauerlich. Aber wir werden es ja nicht mit dem Menschen, sondern mit dem Sänger zu thun haben.«
»Ganz richtig; aber wenn ich mich ja noch entschließen sollte, Theil zu nehmen, so bitte ich, ihn mir ja nicht vorzustellen.«
»Ganz gewiß nicht. Es wird ja dazu gar keine Gelegenheit geben. Er wird sich nicht unter den Gästen, sondern bei den Musici befinden, denen ein apartes Nebenzimmer angewiesen ist.«
»Das ist mir lieb. Ich habe nicht Lust, mit ihm persönlich in Berührung zu kommen. Er ist ein schlechter Character. Ich kenne zufällig seine ganze Vergangenheit und also auch seine Familienverhältnisse. Seine Eltern sind blutarme, brave Leute, welche kaum das trockene Brod zu essen haben, und er giebt ihnen keinen Pfennig, obgleich ich genau weiß, daß er von seiner amerikanischen Tournee ein Vermögen mitgebracht hat. Er ist ein rüder Mensch geworden, den man nicht achten kann. Betrachten, wir ihn also als für uns abgethan! Wen werden wir noch hören?«
»Eine der berühmtesten Sängerinnen, die Ubertinka nämlich.«
»Also sie hat zugesagt? Sie hat sich doch erbitten lassen?« fragte der Graf erfreut.
»Ja, allerdings nur auf ganz besonderes Zureden ihrer Wirthin.«
»Sie meinen die Hotelwirthin?«
»Nein. Die Sängerin war im Hotel bereits nicht mehr zu finden. Sie hatte sich bei Frau Salzmann einlogirt, gar nicht weit von hier, in der Mohrenstraße.«
»Ah! Ist das nicht ganz dieselbe Dame, bei welcher auch Criquolini wohnt?«
»Ja.«
»Sonderbar.«
Er machte ein sehr nachdenkliches Gesicht, kam aber natürlich nicht auf die Vermuthung, daß die berühmte Sängerin und seine schöne Aelplerin eine und dieselbe Person sei.
Als der Name derselben genannt worden war, hatte es sich wie heller Sonnenschein auf das Gesicht des alten Hauptmannes gelegt. Er fragte jetzt erstaunt:
»Die Ubertinka ist hier in Wien? Davon weiß ich ja gar nichts. Das muß ganz plötzlich gekommen sein, sonst hätte sie mich benachrichtigt. Vielleicht hat mich ihr Brief noch nicht treffen können, weil sie nicht vermocht hat, eine genaue Adresse anzugeben.
Jetzt war die Reihe, zu erstaunen, an den beiden Andern. Der Graf fragte schnell:
»Wie, Herr Hauptmann? Sie kennen diese berühmte und geheimnisvolle Sängerin? Sie haben sogar das Glück, Briefe von ihr zu erhalten?«
»Ja,« antwortete der Gefragte. »Ich habe von dem Prachtmädchen sogar noch andere Dinge erhalten als nur allein Briefe. Sie hat mir zum Beispiel so manchen kräftigen Kuß gegeben.«
Dabei strich er sich, behaglich schmunzelnd, seinen martialischen Schnurrwichs.
»Sie scherzen!« rief der Graf.
»O nein. Warum soll sie mich nicht küssen? Ich bin ja ihr Pathe und Pflegevater.«
»Wirklich? Wirklich? Das ist ja im höchsten Grade interessant!. Das ist eine freudige Ueberraschung für uns und jedenfalls auch für die Sängerin. Sie weiß, wie es scheint, gar nicht, daß auch Sie sich hier in Wien befinden?«
»Sie hat gar keine Ahnung. Ich freu mich königlich auf das Gesicht, welches Sie machen wird, wenn sie mich erblickt. Herr Baron, jetzt können Sie ganz sicher sein, daß ich mit Ihnen gehe. Das wird ein Abend werd –«
Er wurde unterbrochen. Die Portière öffnete sich abermals, und unter derselben erschien der Baron von Stubbenau. Auch dieser kannte dieses behagliche, kleine Cabinet. Als er den Grafen erblickte, mit dem er das unliebsame Rencontre gehabt hatte, vergaß er zu grüßen, starrte ihn einige Secunden lang verlegen an und drehte sich dann um, die Portière wieder zufallen lassend.
Sein Erscheinen hatte auf die drei Anwesenden einen dreifach verschiedenen Eindruck gemacht. Der Graf hatte sich verächtlich zur Seite gewendet. Der Banquier machte ein ganz verwundertes Gesicht, denn der Baron hatte einen langen Streifen hautfarbiges Heftpflaster quer über das Gesicht kleben. Der Hauptmann aber hatte sich langsam von seinem Sitze erhoben und das Gesicht des Barons mit einem überrascht forschenden Blicke gemustert. Dann war er an die Portière getreten und hatte die beiden Theile derselben ein wenig auseinander gezogen, um sehen zu können, wohin der neue Gast sich draußen setzen werde.
»Was ist mit dem geschehen?« fragte der Banquier. »Ob er sich mit Jemand geschlagen hat?«
»Nein. Er ist geschlagen worden,« antwortete der Graf, indem er das letzte Wort stark betonte.
»Geschlagen worden? Von wem?«
»Von mir, und zwar mit der Reitpeitsche. Ich traf ihn am Nachmittage im Augarten, wo er mit Criquolini zwei Mädchen anfiel, um sich Zärtlichkeiten zu erzwingen. Meine Reitpeitsche ist dabei mit seinem Gesichte in nahe Berührung gekommen, während diejenige meines Reitknechtes sich für den Sänger interessirte. Beide wollten mich fordern, doch sind sie ja nicht Personen, denen man Genugthuung zu geben hat.«
Als der Hauptmann das hörte, wendete er sich rasch von der Portière zurück und fragte:
»Sie kennen diesen Herrn? Wer ist er?«
»Er nennt sich Baron Egon von Stubbenau und behauptet, irgendwo große Güter zu besitzen.«
»Wie lebt er hier?«
»Auf gutem Fuße; doch sind die Quellen seiner Mittel jedenfalls nicht lauter. Ich halte ihn für einen Schwindler, der sich durch falsches Spiel und andere Gaunereien ernährt.«
»Und mit diesem Manne verkehrt Criquolini! Hm, hm!«
Der Alte machte ein so ganz eigenthümliches Gesicht, daß der Graf sich erkundigte:
»Kennen Sie diesen sogenannten Baron?«
»Nein; aber ich interessire mich für sein Gesicht. Ich muß es bereits irgendwo gesehen haben.«
Er entfernte sich auf eine kurze Zeit. Draußen im Hofe zog er seine Brieftasche hervor und entnahm derselben eine Photographie, welche er genau betrachtete. Sie war genau das Bild des Barons von Stubbenau, nur daß die Photographie Haar und Bart blond erscheinen ließ, während Beides bei ihm tiefdunkel war.
»Er ists, ja er ists,« murmelte der Hauptmann. »Hab mirs gar nicht denken konnt, daß ich den Hallunken so schnell finden thu. Wart, Bursch! Ich hab ein Wörtle mit Dir zu reden, welches Dir wohl gar nicht sehr gefallen wird. Aberst fein sauber muß ich diese Sach angreifen. Auf dera That muß ich ihn ertappen. Die Gelegenheit dazu muß sich finden, wann auch nicht hier, so doch nachhero in Triest.«
Er hatte das in bayrischer Mundart gesagt. Als er durch das Gastzimmer nach dem Cabinet zurückkehrte, warf er einen scharfen Blick auf den Baron. Er überzeugte sich, daß der Letztere wirklich das Original der Photographie sei.
Nun wurde aufgebrochen, denn die Zeit, in welcher der Salon des Commerzienrathes zu öffnen pflegte, war da. Er kam gerade noch zur rechten Zeit, um seine Gemahlin aus der Verlegenheit, die geladenen Gäste allein empfangen zu müssen, zu befreien, und stellte ihr den Hauptmann in einer Weise vor, aus welcher sie erkannte, daß der alte Herr eine geschäftlich bedeutende Persönlichkeit sein müsse. Darum hieß sie ihn in auszeichnender Weise willkommen.
Nach und nach stellten sich die erwarteten Herren und Damen ein, und der Hauptmann erkannte da allerdings, daß diese Gesellschaft eine wirklich vornehme sei.
Man war allgemein auf das Erscheinen der Sängerin gespannt. Jeder hatte Etwas von ihr gehört, ohne aber etwas Bestimmtes über sie erfahren zu haben. Der Banquier theilte den einzelnen Personen heimlich mit, daß der Hauptmann von Brendel der Pathe und Pflegevater der Ubertinka sei und daß derselbe ein horrendes Vermögen besitzen müsse, da er Veranlassung erhalten habe, ihm einen unbeschränkten Credit zu eröffnen, ein Fall, der ihm in seiner langen Geschäftspraxis noch nie vorgekommen sei.
Durch diese vertrauliche Mittheilung wurde der Alte mit einem Male der Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit; er bemerkte das sehr wohl, that aber, als ob er es gar nicht beachte.
Es war zu Ende der Wintersaison, in welcher Gesellschaften, Bälle und Maskeraden an der Regel sind. Bei solchen Gelegenheiten entfaltet die Wiener Welt eine außerordentliche Toilettenpracht. Auch die anwesenden Damen zeichneten sich sämmtlich durch einen ungemeinen Reichthum der äußeren Erscheinung aus. Sammet und Seide, Diamanten und Perlen rauschten und flimmerten um die Wette, und die Freiheit des Kleiderschnittes, welche die Wienerin so sehr liebt, ließ die Schönheit der Formen und die sonst so sorgsam behüteten Reize zur vollen, offenen Geltung kommen.
Auch der Agent Goldmann war da. Er hatte zu seiner Genugthuung seinen Zweck, eine Einladung zu erhalten, erreicht. Kaum vernahm er, in welch intimen Verhältnissen der Hauptmann zu der Sängerin stehe, so ließ er sich ihm vorstellen. Er gab sich alle Mühe, einen vortheilhaften Eindruck auf ihn zu machen und etwas Näheres über die hochinteressante Dame zu erfahren, war jedoch nicht glücklich dabei, denn der alte Herr ließ sich nicht ausfragen.
Der einstige Krickelanton kam noch eher als seine vormalige Geliebte. Er war ganz in der Meinung, zu den Geladenen zu gehören. Er gab in der Garderobe seinen Hut und Ueberrock ab, betrachtete sich noch einmal im Spiegel, ob seine Frisur in Ordnung sei und schritt dann dem weit offenen Eingange des Saales zu. Dort stand ein Diener, um jeden Eintretenden zu melden. Er kannte den Sänger nicht.
»Bitte, Ihren Namen!« sagte er darum.
»Criquolini, Signor Criquolini.«
»Ach so! Bitte, treten Sie hier herein!«
Er schritt ihm längs des Corridores voran und öffnete dort eine Thür. Der Sänger schaute hinein. Da saßen drei Violinisten, ein Vierter mit einem Cello und noch zwei weitere Personen mit Flöte und Clarinette. Abseits von diesen standen zwei Herren, deren ganzer Habitus verrieth, daß sie Künstler seien. Der Eine war Pianist- und der Andere Violinvirtuos. Sein Instrument lag in einem eleganten Kasten in seiner Nähe.
»Was ist das? Hier herein soll ich?« fragte der Sänger.
»Ja, bitte!« antwortete der Lakai. »Meine Herren, hier ist Signor Criquolini, welchen Sie erwartet haben.«
Die Anwesenden verbeugten sich, er aber erwiderte diesen Gruß nicht sofort, sondern sagte in zornigem Tone zum Lakaien:
»Das ist doch wohl nicht der Salon?«
»O nein, Signor.«
»Nun, ich gehöre doch wohl in den Salon?«
»Verzeihung! Der Herr Baron haben mir befohlen, Sie hierher zu führen. Hier pflegen die Herren Musici sich aufzuhalten.«
»Donnerwetter! Bin ich ein Musikus?«
»Ich glaube, daß der Gesang auch Musik ist.«
»Aber ein Sänger ist kein Bierfiedler!«
»O, diese Herren sind auch keine Bierfiedler.«
»Mensch, werden Sie nicht impertinent! Ich habe gehört, daß Signora Ubertinka auch geladen ist?«
»Ja, sie ist geladen.«
»Bringen Sie diese Dame auch hierher?«
»Nein, denn sie ist, wie eben erwähnt, geladen; Sie aber sind engagirt. Hier auf dieser Tafel ist Ihr Souper aufgetragen. Wein ist da. Wenn Sie einen Wunsch haben, so brauchen Sie nur die Glocke zu ziehen. Und dort die Thür führt nach dem Musiksalon. Wenn man Sie dort braucht, wird man es Ihnen sagen.«
Er ging.
Criquolini stand noch an der Thür, unentschlossen, ob er bleiben oder lieber gleich wieder gehen solle. Sein Künstlerstolz war auf das Gröbste beleidigt worden. Er sah das Lächeln, mit welchem die Anwesenden auf ihn blickten. Das erhöhte seinen Zorn.
»Meine Herren,« sagte er, »lassen Sie sich denn so Etwas gefallen.«
Der Violinvirtuos zuckte die Achseln und antwortete:
»Was sollen wir anders thun? Man bezahlt uns ja; darum rechnet man uns nicht zu den Gästen.«
»Ach! Man bezahlt uns! Ich habe geglaubt, mich gratis hören lassen zu sollen. Nun erst verstehe ich diesen baronisirten Juden. Man bezahlt uns also! Gut, so soll man auch sehr brav zahlen. Sind Sie gegen ein bestimmtes Honorar engagirt?«
»Ja. Wir sind während der Saison sehr oft hier und wissen, was wir für den Abend erhalten.«
»So hat der famose Herr Commerzienrath die Dummheit begangen, mich nicht nach der Höhe des Honorars zu fragen. Da er uns zu den »Musikanten« zählt, werde ich ein echt amerikanisches Honorar verlangen.«
»Wieviel?«
»Das ist noch unbestimmt. Ich kam in der Absicht, eine ganze Reihe von Liedern vorzutragen; nun aber werde ich nur zwei singen. Wer hat mich zu begleiten?«
»Ich,« antwortete der Pianist.
»So werde ich Ihnen die Noten holen, welche in meinem Ueberrocke stecken. Es ist ein Trinklied, gedichtet von Emil Ritterhaus, und was ich dann noch für eins wählen werde, weiß ich noch nicht.«
Er kehrte zur Herrengarderobe zurück. Wäre er nur einige Augenblicke früher gekommen, so hätte er die Ubertinka an der Seite der Frau Salzmann in den Salon treten sehen.
Hatten die Anwesenden erwartet, die Sängerin in großer Gesellschaftstoilette zu sehen, so waren sie im Irrthum gewesen. Sie trug ein einfaches, schwarzseidenes Kleid, und eine rothe Rose in dem prachtvollen, dunklen Haar war ihr einziger Schmuck. Während alle anwesenden Damen tief ausgeschnitten gingen und auch die Arme ganz entblößt trugen, schloß ihr Kleid sich eng um den Hals und die Aermel desselben reichten bis über den Ellbogen. Der Vorderarm stak in Handschuhen.
So stach sie außerordentlich gegen die strahlende Umgebung ab. Aber Jeder und Jede sagte sich sofort beim ersten Blicke, daß dieses Mädchen eine seltene, ausgezeichnete Schönheit sei.
Die Commerzienräthin eilte ihr entgegen und stellte sie den Anwesenden vor. Binnen wenigen Augenblicken hatte sich ein Kreis um die reizende Künstlerin gebildet. Vieler Augen suchten nach dem Hauptmanne, um sich an seiner Ueberraschung, sie hier unerwartet zu sehen, zu weiden. Er war nicht im Salon, sondern er befand sich mit dem Grafen von Senftenberg im Rauchzimmer.
Der Commerzienrath suchte sie auf, um sie zu benachrichtigen. Beide kamen herbei, voran der Hauptmann, der Graf hinter ihm.
»Signora,« sagte die Commerzienräthin zu Leni, »ich habe Ihnen noch zwei Herren vorzustellen, die bisher nicht anwesend waren. Bitte!«
Der Kreis öffnete sich. Leni's Auge fiel auf den Hauptmann. Eine außerordentliche Ueberraschung malte sich in ihren Zügen. Sie war für einige Augenblicke bewegungslos.
»Ists möglich! Ists wahr?« rief sie, ganz vergessend, daß sie nicht allein war. »Ists dera Sepp oder ist ers nicht.«
»Ja freilich bin ichs,« antwortete er. »Oder willst mich nicht mehr kennen, Dirndl?«
»Ja, ja, das ist er! Sepp, mein alter, lieber, guter Sepp! Was ist das für eine Freuden, Dich hier zu sehen! Komm her, ich muß Dir gleich ein Busserl geben!«
Sie flog auf ihn zu, schlang die Arme um ihn und küßte ihn herzhaft auf den Mund. Er drückte sie in tiefer Rührung an sich und flüsterte ihr dabei zu:
»Dirndl, mach kein dumm Geschwätz! Ich bin hier dera Hauptmann Josef von Brendel aus Bayern. Verstanden?«
»Warum?« fragte sie verwundert.
»Darum! Mehr brauchst nicht zu wissen. Jetzt schau Dir auch meinen jungen Freund an, den ich kennen lernt hab, den Grafen Senftenberg. Da ist er.«
Der Graf war, als er Leni erblickte, vor Erstaunen unter der Thür stehen geblieben. Das war ja die schöne Aelplerin! Sie und die berühmte Sängerin eine Person! Welch eine Ueberraschung! Da war ja mit einem Male das Räthsel gelöst!
Jetzt brachte der Hauptmann sie ihm zugeführt. Sie lächelte ihm neckisch entgegen, reichte ihm die Hand und sagte:
»Ersparen wir uns die Verbeugungen, gnädiger Herr! Meinem Beschützer muß ich die Hand geben. Sie haben es verdient.«
Er zog die Hand an seine Lippen und antwortete, indem seine Augen glücklich strahlten:
»Darum also! Darum sprachen Sie davon, daß wir uns bereits heute sehen würden. Wußten Sie, daß ich geladen war?«
»Die Frau Commerzienräthin hatte es mir mitgetheilt.«
»Und dann das Andere? Was war mit dem Abendregen gemeint?«
»Das hier. Ich hörte, daß Sie das Piano lieben. Würden Sie mich zu zwei Liedern begleiten, gnädiger Herr?«
Sie zog zwei kleine, zusammengefaltete Notenblätter aus der Tasche.
»Mit Stolz und Vergnügen,« antwortete er, ganz beseligt durch diese Bevorzugung.
Er schlug die Blätter auseinander und fuhr fort, Noten und Text betrachtend:
»Zwei Gedichte von Gerock, »Behüt Dich Gott« und »Abendregen«. Jetzt begreife ich auch das Andere. Also dies ist der Abendregen, bei welchem wir uns wieder sehen. Ich sollte Ihnen eigentlich über Ihr Incognito zürnen. Denken Sie sich, lieber Hauptmann, die Signora gab sich für ein Dienstmädchen aus!«
»So? Das sieht ihr ähnlich. Aber ich bin ganz erstaunt, zu erfahren, daß Sie sich kennen.«
»Wir sahen uns heut. Die Signora war eine der beiden Damen, denen ich im Augarten den erwähnten kleinen Dienst leisten durfte.«
»Was? Leni, Du warst es, die der Criquolini angefallen hat? Hat er Dich erkannt?«
»Nein, denn ich war verschleiert; dann aber habe ich ihm freilich gezeigt, wer ich bin.«
»Da ist er erschrocken? Nicht?«
»Nein, gar nicht. Er hat vielmehr – aber schweigen wir lieber davon!«
»Ganz recht,« stimmte der Graf bei. »Fort mit dieser unangenehmen Erinnerung. Ich sehe, daß mir die Herrschaften zürnen, daß ich Sie ihnen entziehe. Wir dürfen uns nicht isoliren. Kommen Sie!«
Er nahm ihren Arm und führte sie in den Kreis zurück, welcher sich sofort um sie schloß.
Ihr Verhalten zu dem alten Hauptmanne hatte allgemein sympathisch berührt. Zwar war es aufgefallen, daß sie ihn Sepp genannt hatte, doch war dies durch die derbe, kernbayrische Art leicht zu erklären. Sie bildete bereits in Kurzem den Mittelpunkt der Gesellschaft. Selbst die jüngeren, sonst auf ihre Vorzüge so eifersüchtigen Damen erkannten ihre Schönheit neidlos an. Ihr einfaches, bescheidenes und doch so sicheres Wesen ließ keine Mißgunst aufkommen.
Der Graf stand allein am Fenster und beobachtete sie. Er konnte den Blick fast nicht von ihr wenden. Jetzt, hier, sah er erst, wie schön sie war. Und sie war keine Sängerin, sondern Jungfrau – so rein, keusch und züchtig. Dem Zahn der Sünde war es nicht gelungen, dieses Mädchen zu verwunden. Das sah man ihr an.
Zuweilen schien es, als ob ihr Auge ihn suche. Das erfüllte ihn mit einem Gefühle süßer Befriedigung, wie er es noch niemals empfunden hatte.
Dann öffnete sich die Thür zum Musiksalon, und die kleine Capelle trug eine Introduction vor. Alle wendeten sich dieser Richtung zu. Das benutzte der Graf. Er eilte zu Leni, nahm ihren Arm in den seinen und bat:
»Lassen Sie mich Ihr Führer sein, Fräulein. Ich sah, daß Sie eine Tanzkarte erhielten. Haben Sie bereits über alle Tänze verfügt?«
»Noch über keinen,« antwortete sie lächelnd.
»Ah! Wie kommt das? Da ist es mir ganz unmöglich, die Herren zu begreifen, welche sich die Gelegenheit entgehen lassen, der Königin dieses Abends ihre Huldigung darzubringen.«
»O bitte, ich kann mich nicht über Mangel an Aufmerksamkeit in dieser Beziehung beklagen. Es ständen auf meiner Karte wohl die Namen aller Herren bereits verzeichnet, wenn ich nicht erklärt hätte, daß ich nicht tanze.«
»Wie? Ists möglich! Sie tanzen nicht?«
»Nein. Grundsätzlich nicht.«
»Warum?«
»Meine Ansichten über dieses Vergnügen sind vielleicht zu streng, aber ich möchte sie doch nicht ändern.«
Sein Blick leuchtete auf.
»Eine Sängerin, die zugleich den Tanz verwirft. Wahrlich, das ist eine Seltenheit, ja, das ist vielleicht noch gar nicht vorgekommen. Hegten Sie auch früher diese strengen Ansichten?«
»Hätte ich sie gehegt, sie wären doch nicht zur Geltung und Anwendung gekommen. Ich habe nur ein einziges Mal getanzt. Ich war eine arme Sennerin, befand mich die größte Zeit des Jahres auf einsamer Alm und habe auch während der übrigen Zeit das Leben nur von der ernsten Seite betrachtet.«
Er drückte unwillkürlich ihren Arm fester an sich.
»So wird also auch mein Verlangen nach einem Tanze ein unerfülltes sein.«
»Leider. Ich bitte um Verzeihung!«
»Da ist nichts zu verzeihen. Vielmehr habe ich Ihre Nachsicht in Anspruch zu nehmen, wenn ich Sie dringend ersuche, Sie nachher zur Tafel führen zu dürfen.«
»Sollte nicht bereits unsere Wirthin bereits andere Verfügungen getroffen haben?«
»Möglich, denn von den anwesenden Herren wird wohl ein Jeder wünschen, an Ihrer Seite zu sitzen; aber wenn Sie es mir gestatten, so werde ich der Frau Commerzienräthin einen Wink ertheilen.«
Sie antwortete nicht sogleich. Das Verhalten des Grafen berührte sie in einer Weise, über welche sie sich keine Rechenschaft zu geben vermochte. Es war nicht sein Stand, wegen dessen es sie mit großer Genugthuung erfüllte, daß er sich ihr in so auffälliger Weise widmete. Seine Persönlichkeit war es, seine Persönlichkeit ganz allein. Er trat so einfach, so bescheiden auf. Sein Wesen zeigte eine Offenheit, eine Wahrheit, welche man an dergleichen Cavalieren nicht zu beobachten pflegt. Leni fühlte, daß er kein gewöhnlicher Salonmensch sei und ihr nicht Höflichkeiten sagte, weil er es gewöhnt war, Damen zu schmeicheln. Was er sagte, kam ihm wirklich aus dem Herzen.
Sie waren in den Musiksalon getreten. Der Graf wollte sie nach einem Stuhle führen, sie aber bedankte sich und ging zu dem alten Hauptmanne, welcher abseits von der Gesellschaft stand, um sich ein Gemälde zu betrachten.
»Sepp, jetzund mußt mir mal Red und Antwort stehen,« sagte sie. »Willst es thun?«
»Wann ich kann, ja!«
»Was willst eigentlich hier in Wien?«
»Marinerirte Heringe fangen in dera Donauen. So, jetzt weißts.«
»Geh! Bist doch stets ein Grundböser. Kannst denn niemalen aufrichtig sein?«
»Bin ich jemals verschlossen gegen Dich gewest?«
»Oft!«
»Dann hab ichs halt nöthig gehabt. Und so ists auch grad jetzt. Was ich hier such, das darf ich Dir halt nicht sagen.«
»Warum aber spielst den vornehmen Herrn?«
»Weils für das, was ich will, wichtig ist.«
»So! Ich hätt gar niemals glaubt, daßt so gut einen Offizieren machen kannst.«
»Du, da hast Dich täuscht. Dera Wurzelsepp ist halt Einer, der Alles kann, was er will. Das magst Du Dir nur merken.«
»Ja, ich glaub es fast. Und wie sich das so schön ereignet hat, daß wir uns gleich treffen müssen. Auch den Anton haben wir gleich auf dera Stell gefunden.«
»Du, daran liegt mir nix.«
»Warum?«
»Weil er mich nicht sehen darf. Er könnts sonst verrathen, daß ich nicht ein Offizier bin, sondern dera Wurzelsepp.«
»So mußt halt hinaus gehen, wann er singen thut.«
»Ja. Und Du? Soll er Dich sehen?«
»Hm! Er hat keine Ahnung, daß ich die Ubertinka bin, obgleich er, wenn er gescheidt wäre, es errathen könnte, daß dieser Name eigentlich von der zweiten Hälfte meines Geburtsnamens Berghuber herkommt. Wann ich es vermeiden kann, so soll er mich nicht erblicken.«
»So wollen wir uns erkundigen, wann er auftreten wird.«
Die Capelle hatte indessen einen Walzer gespielt, und nun traten der Pianist und der Violinvirtuos herein, um sich Beide hören zu lassen. Nach ihnen sollte Criquolini auftreten.
Bevor er erschien, traten der Sepp und die Leni wieder zusammen und gingen, wie in ein angelegentliches Gespräch vertieft, hinaus in den Empfangssalon, was keinem der Anwesenden auffiel.
Sie konnten von dort aus den Krikelanton beobachten, ohne von ihm bemerkt zu werden. Er schritt in stolzer, selbstbewußter Haltung nach dem Piano. Dort verbeugte er sich, aber so leicht und kurz, als sei er ein Fürst, der auf eine ihm erwiesene Ovation gnädig danke. Dann durchflog sein Blick den Saal.
Er suchte die Ubertinka. Welche von den anwesenden Damen mochte die Sängerin sein? Es gab kein Anzeichen, mit dessen Hilfe er sich diese Frage hätte beantworten können.
Der Pianist verkündete laut, daß Signor Criquolini ein Trinklied vortragen werde. Der Sänger lehnte sich nachlässig mit dem Arme auf das Piano, wartete, bis das Vorspiel zu Ende war und begann dann die »Rheingauer Glocken« von Emil Ritterhaus:
»Wo's guten Wein im Rheingau giebt,
Läßt man den Mund nicht trocken.
Drum, wer ein schönes Tröpfchen liebt,
Beacht den Klang der Glocken!
Merk, ob Du hörst den vollen Baß
Ob dünn und schwach der Ton summ'.
Wo edle Sorten ruhn im Faß,
Da klingt es: Vinum bonum!
Vinum bonum, vinum bonum!«
Er hatte halblaut begonnen, sichtlich nachlässig, als ob ihm an dem Beifalle der Anwesenden ganz und gar nichts liege. Von Wort zu Wort aber färbte sich die Stimme energischer. Er richtete sich höher auf. Sein prachtvoller, kräftiger Tenor begann, den Saal zu füllen, und als er dann »vinum bonum«, den Klang der Glocken nachahmte, da klang es wirklich wie Glockengeläut, so metallisch, so tief und brausend, als ob es vom hohen Thurme hin über den Rheingau schalle.
Dann kam die zweite Strophe:
»Doch wo die Rebe schlecht gedeiht,
Muß man die Aepfel pressen;
Da wird gar klein die Seligkeit
Dem Zecher zugemessen.
Der Trank ist matt, das Geld ist rar;
Man spart an Glock und Klöppel –
Und von dem Thurm hört immerdar
Man Eins nur: Aeppelpäppel!
Aeppelpäppel, Aeppelpäppel!«
Man hätte meinen sollen, daß bei diesen humoristischen Zeilen sich die Pracht seiner Stimme nicht documentiren könne, aber grad das Geläute »Aeppelpäppel wurde in einer solchen Tonhöhe vorgetragen und klang doch so glockenrein aus tiefster Brust, es war eine so prachtvolle Nachahmung, daß man glaubte, in Wirklichkeit drei kleine Glöcklein eines armen Dorfes läuten zu hören. Als er diese Strophe geendet hatte, wurde er mit einem rauschenden Beifalle belohnt. Er zuckte, anstatt sich dankend zu verbeugen, leicht die Achsel, als ob er sagen wolle: Hört nur erst weiter, bevor Ihr applaudirt. Dann trat er einen Schritt vor und fuhr fort:
»Mein Sohn, wo Du den Ton vernimmst.
Da kann Dein Herz nicht lachen,
Da rath ich, daß Du weiter schwimmst
In dem bekränzten Nachen.
Doch wo das Baßgeläut erscholl,
Da kehre nicht, mein Sohn, um,
Da labe Dich, der Andacht voll,
Und singe: Vinum, bonum,
Vinum, bonum, vinum, bonum!«
Die Aufgabe, welche dieses Lied an den Sänger stellte, war die Nachahmung des Glockengeläutes. Jetzt ließ Anton ein tiefes, melodisches Läuten erschallen, daß man meinte, die Glocken schwingen sehen zu müssen. Die Nachahmung war eine wirklich meisterhafte, und es wurde ihm dafür ein ungeheurer Applaus zu theil. Man rief in stürmischer Weise Dacapo. Der Pianist begann auch bereits die Einleitung, da er glaubte, daß der Sänger diesen Beifall doch sicher belohnen werde. Anton aber gab ihm mit der Hand ein verneinendes, unwilliges Zeichen, nickte den Zuhörern leicht zu und schritt zum Saale hinaus. Der Pianist brach natürlich ab und folgte ihm verlegen.
Dieses hochmüthige Verhalten ließ sofort die noch anhaltenden Zeichen des Beifalles verstummen. Draußen im Musikantenzimmer fragte der Pianist den Sänger, warum er nicht noch eine Strophe gesungen habe.
»Weil das Lied nur diese drei hat,« antwortete Anton kurz.
»In diesem Falle pflegt man die letzte zu wiederholen.«
»Was Andere thun und pflegen, geht mich nichts an. Ich singe ein jedes Lied zu Ende; über das Ende hinaus giebts nichts.«
»Aber, Herr, dieser Beifall!«
»Den habe ich verdient; darum brauch ich ihn nicht extra zu belohnen. Kein Mensch wird etwas Wohlverdientes auch noch extra bezahlen. Kennen Sie die Ubertinka?«
»Nein.«
»Sie muß sich doch drin im Saal befinden?«
»Selbstverständlich.«
»Hm! Welche mag es sein. Haben Sie bereits Noten von ihr erhalten?«
»Noch nicht. Sie wird jedenfalls der richtigen Ansicht sein, daß ich die Begleitung vom Blatte zu spielen vermag.«
Jetzt folgte ein Mozartsches Quartett, von der kleinen Capelle executirt, und dann kam der Diener, um den Herren »Künstlern« zu melden, daß jetzt die Signora singen werde.
»Da muß ich doch hinaus, sie zu begleiten!« sagte der Pianist.
»Ist nicht nöthig. Graf Senftenberg hat die Begleitung übernommen.«
»Ah, vornehm, sehr vornehm!« knirschte Anton. »Auch ich sollte dem Herrn Grafen meine Noten schicken. Wenigstens bekommen wir jetzt endlich diese »größte« Künstlerin zu hören und hoffentlich auch zu sehen.«
Er trat an die Thür, welche in den Musiksalon führte. Er wollte dieselbe um eine kleine Lücke öffnen, fand aber zu seiner Ueberraschung, daß man von innen – den Schlüssel umgedreht hatte.
»Donnerwetter, es ist verschlossen!« fluchte er. »Das ist doch toll, das ist unverschämt! Ich werde mir das nicht wieder gefallen lassen.«
Er warf sich in einen Sessel, aber er blieb nicht lange sitzen, denn drinnen im Saale erklang jetzt eine Stimme, eine so wunderbare Stimme, daß es ihn vom Sessel emporriß.
Leni hatte, ohne dazu aufgefordert zu sein, dem Grafen gesagt, daß sie jetzt bereit sei, das erste der beiden Lieder vorzutragen, und er hatte die Wirthin darüber verständigt.
Als diese Letztere es weiter meldete, ging eine Bewegung durch den Saal. Jeder und Jede suchte den verlassenen Platz wieder auf und machte es sich auf demselben so bequem, wie möglich, um ja dann während des Vortrages kein Geräusch zu verursachen.
Der Sepp schlängelte sich langsam an der Wand hin bis zu der Thür, welche in die Musikantenstube führte. Er ahnte, daß man von dorther neugierig sein werde, und drehte, ohne daß es von Jemand bemerkt wurde, den Schlüssel um.
Darum konnte Anton dann nicht öffnen.
Nun nahm der Graf Leni's Arm und führte sie nach dem Piano. Dort verkündete er den Vortrag des Liedes »Behüt Dich Gott«, Abschied der Mutter von ihrem scheidenden Kinde.
Als er sich dann selbst an das Instrument setzte, vernahm man jenes leise Rauschen und Wehen, welches durch eine Versammlung geht, wenn sich vor den Augen derselben etwas Ungewöhnliches ereignet.
Daß der Graf die Sängerin begleitete, war eine Auszeichnung, welche diese Beiden einander ertheilten. Man wußte, daß der Graf es bei einer Anderen nicht gethan haben würde; man war aber auch von Leni überzeugt, daß sie nicht einem Jeden diese Erlaubnis gegeben hätte. Und als es sich nun blitzschnell herumflüsterte, daß Graf Senftenberg heut am Nachmittage die Künstlerin gegen eine Frechheit Criquolini's in Schutz genommen habe, war das sympathische Verhalten der Beiden gegen einander erklärt, und man hielt es für ganz begründet, daß ein Mensch wie Criquolini nicht geladen worden sei, sondern ganz einfach als Musikus behandelt werde.
Es waren leise, lieblich melodirte As-dur-Klänge, welche unter den Fingern des Grafen entstanden; ebenso leise und mildtönig begann Leni:
»Behüt Dich Gott, geliebtes Kind,
In Deinen Locken spielt der Wind;
Das Hündlein wedelt, springt und bellt,
Dein Muth ist frisch und schön die Welt.
Behüt Dich Gott!«
Die Stimme der Sängerin hatte sich erhoben. Sie hatte einen Klang, einen Klang, der gar nicht zu beschreiben war. Bereits diese wenigen Takte rissen das Publikum hin: doch wagte man es nicht, einen Laut, ein Geräusch hören zu lassen. Nur Blicke flogen von Aug zu Aug, als das »Behüt Dich Gott« verklungen war, und diese Blicke waren für die Sängerin eine wenigstens ebenso große Ehre, wie ein lauter Beifall es gewesen sein würde.
Das schöne Lied Carl Geroks klang weiter:
»Behüt Dich Gott, mein Herz ist schwer.
Ich kann Dich hüten nimmermehr.
Doch send ich Dir als Engelswach
Geflügelte Gebete nach:
Behüt Dich Gott!
Behüt Dich Gott an Leib und Seel
Vor Sünd und Schand, vor Fall und Fehl,
Dein kindlich Herz, vom Argen rein,
O hüt es wohl wie Edelstein;
Behüt Dich Gott!«
War das wirklich Gesang; den man hörte? Ja, ein herrlicher, herrlicher Gesang! Und doch war es keiner, sondern es war die Sprache eines von Liebe und Sorge überfließenden Mutterherzens zu dem scheidenden Kinde. Da gab es keine gekünstelte Melodie, mit Cadenzen, Läufern und Trillern; ja, das schien gar keine Melodie zu sein. Es waren Seelenworte, nicht gesungen, sondern gesprochen, obgleich Text, Begleitung und Stimme eine einzige, ergreifende Harmonie bildeten.
Dann kam der Trost für jeden Scheidenden:
»Behüt Dich Gott, ein starker Hort,
Sein Scepter reicht von Ort zu Ort;
Sein Arm gebeut, sein Auge schaut
So weit der liebe Himmel blaut.
Behüt Dich Gott!
Behüt Dich Gott – und nun zum Schluß
Von Mund zu Mund den letzten Kuß,
Von Herz zu Herz das letzte Wort:
Auf Wiedersehn hier oder dort!
Behüt Dich Gott!«
Leni hatte geendet. Kein einziger Laut des Beifalles erscholl; keine leise Bewegung ließ sich hören, nicht das Rauschen einer Falte oder das Geräusch einer Fußspitze. Eine wirkliche Grabesstille herrschte für einige Augenblicke. Dann aber erhoben sich sämmtliche Personen wie auf ein Commando von ihren Stühlen und eilten auf die Sängerin zu.
Jeder genirte sich, die gewöhnlichen Beifallsworte wie »herrlich, prächtig, o wie schön u.s.w.« hören zu lassen. In den Gesichtern strahlte der Applaus in glänzenden Zügen; an den Wimpern hing er in schweren Tropfen. Zehn, zwanzig, noch mehr Hände streckten sich Leni entgegen, und der Graf, welcher sich langsam vom Musiksessel erhoben hatte, stand dabei wie ein Träumender. Sein Blick hing wie gebannt an dem schönen, tiefernsten Angesichte der Sängerin. Er fuhr sich mit der Hand über die hohe, weiße Stirn und erinnerte sich fast zu spät daran, daß er sie ja wieder vom Piano zurückzuführen habe.
Als er ihr den Arm dazu bot, war es noch still im Saale. Man flüsterte nur leise, da Alle noch unter dem Eindrucke des herrlichen Liedes, der unbeschreiblichen Stimme und des meisterhaften Vortrages standen.
»Signora,« fragte er mit leiser Stimme, welche hörbar vibrirte, »bitte, sagen Sie mir, ob ich richtig gespielt habe!«
»Gewiß. Sie haben mich sogar unübertrefflich begleitet.«
»Das ist ja gar nicht möglich!«
»In wiefern? Sie spielen ja meisterhaft.«
»Aber ich gestehe Ihnen aufrichtig, daß ich wirklich nicht weiß, was ich gespielt habe. Ich habe nicht auf die Noten gesehen. Mein Auge hat nur Sie erblickt und mein Ohr nur Ihre Stimme gehört. Ich möchte mich wirklich fragen, ob ich überhaupt zu Ihrem Gesange gespielt habe.«
Sie antwortete nicht. Sie senkte den Blick und über ihr Gesicht glitt ein Lächeln, ein unbeschreiblich glückliches Lächeln. Konnte es eine herrlichere Anerkennung geben, als Diejenige, welche in seinen Worten lag? Gewiß nicht.
»Sie lächeln?« flüsterte er. »Ja, ich mag Ihnen ganz gewiß recht lächerlich vorkommen; aber ich sage Ihnen, daß ich jetzt nicht mehr ich bin. Ich kenne mich gar nicht mehr. Sie sind eine Zauberin, aber nicht eine böse, sondern eine gottbegnadete Fee, welche nur Glück und Heil bringen kann.«
Er hatte sie zu ihrem Platze geführt und zog sich zurück. Er konnte das, was er empfand, unmöglich durch eine gewöhnliche Unterhaltung entweihen.
Der Sepp hatte heimlich den Schlüssel jetzt wieder umgedreht. Dann entfernte er sich von der Thür, so daß die Capelle, welche jetzt wieder zum Vortrage kam, den Eingang für sich offen fand.
Dann spielte der Pianovirtuos ein Stück. Ihm folgte der Violinist, und sodann war ein Lied von Criquolini angekündigt. Der Sepp zog sich mit Leni abermals unbemerkt zurück.
Criquolini zeigte jetzt womöglich eine noch stolzere Haltung als vorher. Es war nicht eine Verbeugung, welche er dem Publikum machte, sondern eine herablassende Verneigung, ganz so, als ob er hoch über den Anwesenden stehe. Er sang eines der bekannten Fannylieder:
»Ich liebe die trauten Wellen,
Ich liebe das wilde Meer.
Wie Liebesgedanken schwellen
Die Wasser dahin, daher.
Wie Blicke der Liebe steigen
Glühfünkleln in die Höh;
Wie Grüße der Liebe neigen
Die Lilien sich im See.
Wie Worte der Liebe klingen
Seltsame Töne hervor.
Die Seejungfräulein singen
Und tauchen lustig empor.
Ich liebe die trauten Wellen.
Ich liebe das wilde Meer
Wie Liebesgedanken schwellen
Die Wasser dahin, daher.«
Hatte er dieses Lied des Textes oder der eigenartigen, in wallenden Triolen sich bewegenden Composition wegen gewählt? Mochte es sein, wie es wollte, die Wahl war eine vortreffliche.
Dieses Lied war wie für ihn gedichtet und componirt. Auch er »liebte die trauten Wellen, und er liebte das wilde Meer«. Er war ein zu Leidenschaftlichkeiten geneigter Charakter, unberechenbar wie die Fluth, welche jetzt im Sonnenglanze lacht und im nächsten Augenblicke ihre brüllenden, todesdunklen Wogen erhebt. Auch ihm hatten »Meerfräulein« zugewinkt, und er war ihnen in die blinkenden, verführerischen aber kalten Arme gesunken. Er hatte zwischen den feilen, bleichen »Seeblumen« moralischen Schiffbruch erlitten.
Kein Lied hätte besser für ihn gepaßt, und er sang es allerdings auch mit einer wahrhaft berauschenden Meisterschaft.
Die Triolen, welche bald wie glitzernde, gold- und silberschimmernde Wellen, bald aber wie dunkle, gischtspritzende und schaumspeiende Wogen hier leicht und bethörend, dort schwer und zähe auf- und niederstiegen, bildeten ein Tongewoge, welches von seiner außerordentlichen Technik vollständig beherrscht wurde. Es versagte ihm nicht eine einzige Note, und selbst da, wo der Componist das Auftauchen der Seejungfern durch ungeheuer schwierige Sertolen, welche abwechselnd in der Quinte und der kleinen None gipfelten, beschrieb, kam dieses gradezu halsbrecherische Tongemälde zu einem gradezu diabolisch fehlerfreien Vortrag, daß es den Hörern hätte schwindeln mögen.
Und dazu seine Stimme! Sie stieg voll bis ins große C herab und schwang sich klar und verwegen bis zum letzten Ton der zweigestrichenen Octave hinauf. Das waren keine Töne, das waren Tropfen, Schaumflecken und Perlen, welche aus der Tiefe des Sees emporstiegen und über den Wassern funkelten und schillerten, um dann auf die schimmernden Leiber der Seejungfern niederzuträufeln.
Der Sänger war den Zuschauern unsympathisch geworden, theils durch sein hochmüthiges Benehmen, theils weil man gehört hatte, was heut zwischen ihm und Leni vorgekommen war. Als Mensch verdiente er keine Achtung, und mancher der Anwesenden hatte sich vielleicht im Stillen vorgenommen, zu seinem Vortrage sich völlig gleichgiltig zu verhalten. Aber dieser staunenerregenden Leistung gegenüber verloren solche Vorsätze alle ihre Kraft. Der Beifall, welcher losbrach, glich einem Sturme, welcher sich nicht legen zu können schien.
»Was sagst zu ihm, Leni?« fragte der alte Sepp draußen im Empfangssalon seine Pathin.
»Dazu möcht ich wohl gar nix sagen,« antwortete sie.
»Warum?«
»Weil ich nicht reden möcht, sondern lieber laut aufweinen. Es ist traurig, o so sehr traurig, lieber Sepp!«
»Hast Recht. Wer so eine Stimm hat, der sollt dem Herrgott auf den Knieen danken, und sich alle Müh geben, ein guter Mensch zu sein.«
»O, es ist nicht nur die Stimm allein; es ist auch die unvergleichliche Begabung für die Technik des Gesanges. Tausend Andere, wanns auch diese Stimm hätten, würden es im ganzen Leben nicht so weit bringen, dieses Fannylied richtig zu singen. Unser Herrgott hat dem Anton Alles in den Schooß worfen, was er zum Meister braucht. Ich kann Dir aufrichtig sagen, daß meine Stimm wohl noch schöner ist als die seinige, so weit man einen Sopranen mit einem Tenoren vergleichen darf; aberst das Andre besitz ich nicht in solchem Grade. Er braucht nur zu wollen, so kommts bei ihm geflogen; das hört man ihm an. Ich aberst hab manchen Tag und manche Nacht über einer einzigen, schweren Stelle üben müssen. Und darum hat auch das, was ich erreich, einen so großen Werth für mich. Er hats umsonst; darum wirft ers weg. Ich muß es mit theurer Müh bezahlen; darum halt ichs fest und heilig. Das ist dera Unterschied zwischen mir und ihm. Sein Talent macht ihn hochmüthig; mich aber macht das meinige streng gegen mich selbst. Wollen sehen, wer glücklicher sein wird, er oder ich.«
»Du, mein gutes, braves Herzerl, Du!« sagte der Sepp gerührt, indem er sie mit väterlicher Zärtlichkeit an sich drückte.
Diese beiden, braven Menschen verstanden sich so gut, weil sie ohne Falsch und ohne Flecken waren. Ihre Blicke leuchteten sich so warm und innig entgegen, daß – – – daß der Graf hätte eifersüchtig werden können. Er hatte sich nach Leni umsehen wollen und stand nun unter der Thür. Da war er absichtslos Zeuge der Umarmung.
Es gab ihm einen Stich durch das Herz. Dieses herrliche Mädchen lag so vertrauensvoll in den Armen des Alten. Aber, wunderbar! Dieser Stich verursachte ihm keine Schmerzen. Er gönnte dem Hauptmanne dieses Glück, denn er hatte ihn lieb gewonnen. Aber doch stieg es in seinem Herzen wie eine Art von Eifersucht auf, und es trat ihm plötzlich hell und klar die Gewißheit vor seine Seele, daß die Sängerin das einzige, das allereinzige Wesen sei, welches er mit seinen Armen, seinem ganzen Herzen und Leben umschlingen könne.
Da erblickte ihn Leni. Sie wand sich erglühend aus Sepps Armen. Dieser aber trat auf den Grafen zu, reichte ihm die Hand und sagte:
»Verzeihen Sie, daß wir hier in der Fremde uns vielleicht allzusehr an unsere heimathlichen Verhältnisse erinnern. Wenn dieselben Ihnen bekannt wären, so würden sie es begreifen, daß wir Beide so gern und fest zusammenhalten.«
Der Graf drückte die ihm dargebotene Hand.
»Bitte, es bedarf keiner Entschuldigung. Sie hatten sich lange Zeit nicht gesehen; Sie trafen sich hier unerwartet; die Rechte der Herzen sind heilig. Ich klage mich schwer an, Sie gestört zu haben.«
Sie kehrten nach dem Musiksaale zurück, welchen Anton längst wieder verlassen hatte. Die Kapelle begann eben einen neuen Vortrag. Die Angehörigen derselben wußten auch nicht, welche der anwesenden Damen eigentlich die Ubertinka sei, denn sie hatten sich auch nach jedem Vortrage wiederum das Musikantenzimmer zurückzuziehen.
Nach ihnen traten, da die bisherige Reihenfolge beigehalten wurde, der Pianist und Violinist wieder auf, und sodann richteten sich die Blicke erwartungsvoll verstohlen wieder auf Leni.
»Man scheint zu wünschen – –« wollte der Graf sagen, welcher bei ihr stand.
»Ich bin an der Reihe,« lächelte sie »und darf keine Unordnung aufkommen lassen.«
»Also wollen Sie?«
»Freilich.«
»Den Abendregen?«
Er sagte das Wort mit besonderer Betonung, als Nachklang ihrer Unterhaltung draußen im Augarten. Sie nickte zustimmend, und er geleitete sie an das Instrument.
Schon der Einleitung war anzuhören, daß man jetzt ein ganz eigenartiges Musikstück zu hören bekommen werde. Die Töne perlten leise, leise und heimlich, wie Regentropfen, welche an das Fenster klingen und eigenthümlich melodisch auf die Schiefer und Ziegeln des Daches schlagen.
Ebenso heimlich, melodiös tröpfelnd erklangen die Töne von Leni's Lippen:
»Horch, was klopft aus Busch und Baum?
Fenster auf, zu lauschen!
Hör ich durch den Gartenraum
Engelsflügel rauschen?
Nein, aus dunkler Wolke fließt
Leiser, linder Segen;
Sieh, wie sanft es niedergießt!
Sei uns tausendmal gegrüßt,
Süßer Abendregen!«
Es war für den Componisten eine sehr schwierige Aufgabe gewesen, dieses herrliche Lied Geroks in Musik zu setzen. Die Begleitung hatte den niedertröpfelnden, leisen Abendregen zu malen. Aber die Lösung war ihm auf das Beste gelungen. Die innig mit einander verbundenen Töne glichen harmonischen Tropfen, welche vom Himmel thauen, wenn nach einem heißen, sengenden Tage die Sonne hinter Wolken verglüht ist und dann der gütige Abend der Erde das erquickende Naß spendet, welches der verbrannten Flur das Leben wiedergiebt.
Dann tritt der fromme Landmann an das Fenster, lauscht der linden Melodie des tropfenden Segens und faltet die Hände, um aus dankerfülltem Herzen ein Gebet emporzusenden.
So fromm und gut klangen auch die weichen, herzlichen Töne der Sängerin:
»Linde legt sich schon der Staub,
Balsamduft umwittert;
Stille hält das durstge Laub,
Das vor Wonne zittert.
Trunken schlägt die Nachtigall
In Jasmingehegen,
Und vermischt mit Flötenhall
Deiner Tropfen leisen Fall.
Linder Abendregen!
O, wie wehn so feucht und weich
Die verkühlten Lüfte!
O, wie wogen würzereich
Nachtviolendüfte!
Was der Dürre sich verschloß,
Oeffnet sich dem Segen;
Mach aus meines Herzens Schooß
Auch des Dankes Düfte los,
Holder Abendregen!«
Jetzt modulirte die Begleitung in ein sanftes, klagendes Moll über, denn es giebt auch im Seelenleben des Menschen Tage der Dürre, wo nur ein Thränenregen die Qual lösen, den Schmerz besiegen und das Herz wieder mit Hoffnung erfüllen kann:
»Sag, was kommt so mildiglich
Gleich wie Du geflossen?
Thränen sind es, die in sich
Lang ein Mensch verschlossen.
Aber endlich fühlt sein Herz
Inniges Bewegen;
Thränen fließen niederwärts.
Lösen den verjährten Schmerz
Wie ein Abendregen.
Rausche, rausche immerfort
In der Abendstille;
Bricht auch schon ein Sternlein dort
Aus der Wolkenhülle,
Und indeß wir uns zur Ruh
Leichten Herzens legen,
Säußle vor dem Fenster Du.
Sing ein Schlummerlied uns zu,
Milder Abendregen!«
Diese letzte Strophe war in belebterem Tempo gehalten. Es glänzten ja hier und da wieder Sterne am bisher verhüllten Firmament, und der Abendregen hatte, nachdem die lechzende Erde erquickt war, nur noch die beruhigten Müden in Schlaf zu singen. Die runden, perlenden, zauberhaften Töne der Sängerin schwebten auf den Klängen des Piano wie schwimmende Sterne durch den Raum und verklangen nach und nach so lieb, so mild wie goldene Himmelsaugen, welche sich leise zum Horizonte senken, um hinter demselben zur Ruhe zu gehen.
Das war ein Lied gewesen, wie man noch keines gehört hatte. Es lag etwas so Geheimnißvolles, Räthselhaftes, Unirdisches in dieser Composition, und grad so unbegreiflich hatte auch Leni's Stimme geklungen, gar nicht, als ob sie aus einer Menschenbrust komme, sondern einem unsichtbaren Wesen entstamme, welches himmlische Melodien athmet.
Die Zuhörer waren weder zu Thränen gerührt noch zu lautem Frohlocken begeistert: nein, der Eindruck dieses Gesanges war ein ganz, ganz anderer, ein unendlich tieferer. Es war, als sei eine himmlische Daseinsform herabgeschwebt, dem Auge nicht erkennbar und mit keinem Sinne als nur mit dem Gehöre zu begreifen. Wenn es wahr ist, was die Gelehrten sagen, daß es eine Musik der Sphären giebt, so mußte das, was man jetzt gehört hatte, jenen unendlichen Räumen entstammen, in denen Sonnen ertönen und Sterne singen.
Es waren Worte, welche gesungen worden waren, aber man hatte nicht auf diese Worte gehört, sondern auf den unendlich süßen, in ein stilles Entzücken versetzenden Klang der Stimme, für welchen es in der Sprache keine treffende Bezeichnung gab. Es war den Anwesenden, als ob sie im Traume Engelsstimmen vernommen hatten. Sie nahten sich in stiller, wortloser Bewunderung der Sängerin. Man drückte und küßte ihr die Hände und bereitete ihr einen Triumph, welcher zwar wortlos aber aufrichtig und ergreifend war.
Auch der Graf sagte nichts. Er sah das herrliche Mädchen umringt von den Anderen und schritt vom Piano fort auf den alten Sepp zu, welcher an der erwähnten Thür stand und mit derselben das bereits beschriebene Experiment vorgenommen hatte. Er ergriff dessen Hand und schüttelte sie herzlich.
»Sie Glücklicher!« sagte er zu ihm. »Wie sind Sie zu beneiden!«
»Ich? Weshalb, Graf?«
»Daß Sie eine solche Pflegetochter besitzen.«
»Ach, deshalb! Ja, sie ist stets meine größte Freude gewesen und hat mich niemals betrübt.«
»Wie ist sie denn aus der verborgenen Sennerin eine solche Sängerin geworden?«
»Der König Ludwig hat sie entdeckt und dann auf seine Kosten ausbilden lassen.«
»Er selbst! Ich könnte diesem Monarchen herzlich zürnen, daß nicht ich an seiner Stelle gewesen bin. Ich befinde mich in einer gradezu unbegreiflichen Stimmung. Nicht sie, sondern ihre Seele hat gesungen. Und diese Seele muß so fromm und so rein sein, wie die Klänge dieses Liedes waren. Sie erscheint mir wie ein Engel, dessen lichte, fleckenlose Gewandung niemals mit dem Schmutze des Irdischen in Berührung gekommen ist oder kommen kann.«
»Da haben Sie freilich Recht!« stimmte der Sepp mit einem frohen Seufzer bei. »Wenn sie auch kein Engel ist, so darf ich doch sagen, daß ich noch niemals ein Mädchen gefunden habe, welches meiner braven Leni gleicht.«
»Leni, also Leni ist ihr Taufname,« flüsterte der Graf, indem sein Auge wonnig erglänzte. »Glücklich Derjenige, welcher das Recht besitzt, sie mit diesem Worte zu nennen!«
Da ging hinter ihnen die Thür auf, und der Lakai, welcher die Musici zu bedienen hatte, trat ein. Er ging zu dem Commerzienrath und meldete ihm, daß der Sänger Criquolini mit ihm sprechen wolle.
»Der? Was hätte er mir mitzutheilen?« fragte der Hausherr.
»Er hat gegen mich nichts geäußert. Er schien über irgend Etwas erzürnt zu sein.«
»Hast vielleicht Du es an Aufmerksamkeit gegen ihn fehlen lassen?«
»O nein. Die Herren haben Alles, was ihr Herz begehrt, und ich habe alle ihre Wünsche erfüllt.«
»Hm! Will sehen!«
Er begab sich nach dem Musikantenzimmer. Der Sepp ahnte, was sich dort ereignen werde. Er ging zur Leni und suchte sich mit ihr so zu placiren, daß der Krickelanton, wenn er ja durch die Thür hineinschauen sollte, die Beiden nicht erblicken konnte.
Als der Commerzienrath eintrat, schritt der Sänger zornig im Zimmer auf und ab. Die Augen der Anderen waren gespannt auf ihn gerichtet.
»Sie haben mich zu sprechen gewünscht?« fragte der Commerzienrath.
Anton wendete sich mit einem raschen Rucke ihm zu, fixirte ihn mit einem beinahe verächtlichen Blick und antwortete:
»Ja, Herr Baron. Ich wollte Sie nur fragen, ob Sie wissen, was Kunst ist!«
»Ich glaube allerdings das zu wissen,« antwortete der Commerzienrath, erstaunt über diese Frage.
»Und welche großartige Bedeutung die Kunst für das Menschengeschlecht und dessen Entwickelung hat?«
»Auch das weiß ich.«
»Nun, so werden Sie auch wissen, welches Quantum von Ehre man dem Künstler zu erweisen hat!«
»Ich hoffe es.«
»Schön, Herr Baron. Halten Sie uns, die wir hier vor Ihnen stehen, für Künstler oder für Stümper und Dilettanten?«
»Welche Frage, Signor!«
»Bitte, antworten Sie! Und berücksichtigen Sie bei Ihrer Antwort ganz besonders mich!«
»Ich weiß zwar nicht, weshalb Sie meine Meinung von mir fordern, aber ich will Ihnen mittheilen, daß ich Sie allerdings für einen Künstler halte.«
»Warum behandeln Sie mich nicht als solchen?«
»Hätte ich das unterlassen? Es ist mir nichts bewußt davon.«
»So! Ich bin stets der Ueberzeugung gewesen, daß die Kunst ihren Jünger adelt und daß der Letztere berechtigt ist, als Kavalier betrachtet zu werden!«
»Gewiß!«
»Nun, warum pferchen Sie uns hier ein wie in einen Stall? Warum bedenken Sie uns nicht ebenso mit einer Einladung wie die Signora Ubertinka, welche doch nichts Anderes ist, als wir sind?«
»Einpferchen? Mein Herr, Sie bedienen sich da ganz eigenthümlicher Ausdrücke!«
»Ich bin sehr berechtigt dazu, denn wir sind sogar, während Keiner von uns sich zu produciren hatte, hier eingeschlossen worden.«
»Unmöglich! Davon weiß ich nichts.«
»So ist das ohne Ihren Befehl geschehen, ändert aber nichts an der Sache selbst. Wir haben die Sängerin sehen wollen, aber während ihres zweimaligen Auftretens diese Thür von innen verschlossen gefunden.«
»Das muß ein Irrthum sein!«
»Es ist keiner. Diese Herren können es mir bezeugen. Sollte es wirklich wahr sein, daß Sie nichts davon wissen, was ich allerdings noch bezweifeln möchte, so – – –«
Er sprach in erhobenem Tone, ganz so, als ob er der Vorgesetzte des Barons sei. Dieser hatte ihm bisher ruhig und höflich geantwortet, jetzt aber brauste er auf, ihn unterbrechend:
»Halt! Wollen Sie erklären, daß ich ein Lügner sei? Das verbitte ich mir!«
»Pah! Sie sind verantwortlich für die Angelegenheiten, welche in Ihrem Hause geschehen, mögen Sie nun Etwas davon wissen oder nicht!«
»Herr, Sie werden frech! Mag die Thür verschlossen worden sein von Diesem oder Jenem, mir ist das gleich. Sie haben sich darüber nicht zu beschweren. Daß Sie die Sängerin sehen wollen, geht mich nichts an; ich habe dieselbe für mich eingeladen, nicht aber für Sie. Das gebe ich Ihnen zu bedenken!«
»Dagegen kann ich nichts haben. Aber warum bin ich nicht auch geladen worden?«
»Sie sind nicht geladen, sondern nur engagirt. Dazu habe ich meine Gründe.«
»Besitzen Sie denn da auch den Muth, mir dieselben mitzutheilen?« fragte er höhnisch.
»Allerdings! Es gehört kein Muth dazu. Oder Meinen Sie etwa, daß ich mich vor Ihnen zu fürchten habe?«
»Pah! Für einen großen Helden halte ich Sie nicht. Also bitte, die Gründe!«
»Der Grund ist, daß ich Sie für das halte, was ich Ihnen nicht zu sein scheine, nämlich für einen Helden.«
»Ah! Wie meinen Sie das?«
»Sie sind ein Held, aber von einer sehr zweifelhaften Sorte. Sie fallen im Augarten brave Mädchen an und werden dafür von Reitknechten gepeitscht. Und da verlangen Sie, daß ich Ihnen eine Einladung ertheile? Ich bin ein aufrichtiger Bewunderer der Kunst und ein Freund der Künstler; aber ich weiß sehr wohl, den Künstler vom Menschen zu unterscheiden. Als Künstler haben Sie für Ihre beiden Lieder unsern Beifall erhalten; als Mensch aber verdienen Sie nicht Applaus, sondern – –«
Er sprach nicht weiter.
»Fahren Sie fort!« gebot Anton, einen Schritt näher tretend. Was verdiene ich als Mensch? Ich will es wissen!«
»Unsere – Verachtung. Da haben Sie es!«
Der Sänger fuhr zusammen, richtete sich dann hoch auf, ballte die Faust und rief:
»Was? Wie war das? Bitte, sagen Sie mir das gefälligst noch einmal!«
Er ballte drohend die Hand. Der Baron aber antwortete furchtlos:
»Unsere Verachtung! Nun werden Sie es sich wohl merken können, da ich es Ihnen wiederholt habe.«
»Mensch – – – Kerl – –! Diese Frech – – –!«
»Schweigen Sie!« donnerte ihn der Baron an. »Noch ein einziges, beleidigendes Wort, so lasse ich Sie hinauswerfen. Machen Sie sich davon! Ich dulde ein Subject, wie Sie sind, keinen Augenblick länger in meinem Hause!«
Der Sänger machte Miene, ihn anzufassen, konnte diese Absicht aber nicht ausführen. Die Unterredung war so laut geführt worden, daß man die zornigen Stimmen der Beiden auch in den Salons und dem Corridore hörte. Mehrere Diener waren herbei geeilt und drängten Anton von ihrem Herrn ab.
»Hinauswerfen wollen Sie mich!« knirschte der Sänger. »Ah, das soll ganz Wien erfahren. Ich werde dafür sorgen, daß Sie bei sämmtlichen Künstlern der Hauptstadt in Verruf gerathen. Kein Einziger derselben soll mehr Ihre Schwelle überschreiten!«
»Darüber würde ich mich gar nicht wundern, da Sie hier gewesen sind. Man kann von achtbaren Künstlern freilich nicht verlangen, daß sie da verkehren, wo sich ein rüder Mädchenjäger aufgehalten hat. Uebrigens kann es mir nur zur Ehre gereichen, von Ihnen in Verruf erklärt zu werden. Und nun sind wir mit einander fertig. Gehen Sie!«
Anton lachte laut auf.
»Ja, ich gehe,« antwortete er, »sonst muß ich gewärtig sein, von Ihnen engagirt und nachher wegen Hausfriedensbruch angeklagt zu werden. Aber bevor ich mich entferne, haben wir noch etwas Nöthiges abzumachen.«
»Ich wüßte nicht, was das sein könnte!«
»Etwas rein Geschäftliches allerdings, nämlich meine kleine Rechnung.«
»Ah, schön!« sagte der Baron verächtlich.
»Sie sind ja Miethling und müssen natürlich bezahlt werden. Also bitte, wie hoch beläuft sich Ihr Honorar?«
»Sie zahlen natürlich den mir geläufigen Preis, fünfhundert Gulden pro Lied; das macht also tausend Gulden.«
»Tau – send – Gul – den?« fragte der Baron, dem der Mund offen stehen bleiben wollte. »Sind Sie toll, mein Herr!«
»Nein, gar nicht. Dieses Honorar ist sogar sehr civil bemessen, da Sie ja eingestandenermaßen genau wissen, was ein Künstler zu bedeuten hat.«
»So meinen Sie wirklich, daß Ihre beiden Vorträge diese Summe werth sind?«
»Gewiß! Ich kann Ihnen nachweisen, daß ich in Amerika ganz so bezahlt worden bin. Und heut am Vormittage haben Sie mir gesagt, daß meine Rechnung beglichen werden soll. Hätten Sie mich geladen und nicht ›gemiethet‹, wie Sie sich auszudrücken beliebten so hätte ich gratis gesungen, und Ihnen wären tausend Gulden erspart geblieben. Oder wünschen Sie, daß ich diese Honorarforderung einklage?«
Er sagte das in wahrhaft giftiger Weise. Der Commerzienrath antwortete sogleich:
»Nein. Ein Baron von Hamberger läßt sich von einem Criquolini nicht verklagen. Verfügen Sie sich morgen früh in mein Geschäfts-Comptoir. Ich werde meinen Kassirer beauftragen, Ihnen diese Summe auszuzahlen. In welcher Geldsorte wünschen Sie dieselbe?«
»In derjenigen, die Ihnen beliebt.«
»Schön, Signor. Hoffen wir, daß nicht Ihnen selbst die Summe zu bedeutend wird.«
Er verbeugte sich ironisch und der Sänger entfernte sich.
Der Baron aber schrieb einige Worte auf eine Visitenkarte und befahl dem Lakai, dieselbe sofort nach der Wohnung des Hauptcassierers zu tragen. Sie enthielt den Befehl:
»Wo möglich noch heute Abend für tausend Gulden Kupfermünzen besorgen. Morgen früh Criquolini aushändigen.«
Darauf kehrte er in den Salon zurück und erzählte halb zornig, halb belustigt, über welchen Gegenstand er sich mit dem Sänger habe unterhalten müssen.
Dieses Vorkommniß vermochte nicht, eine Störung herbeizuführen, besonders da nach kurzer Zeit die Tafel eröffnet wurde und jeder Herr seine Dame zu Tische führte.
Der Graf hatte erreicht, daß er Leni neben sich bekam. Er bediente sie mit einer Aufmerksamkeit, als ob sie eine regierende Fürstin sei.
Natürlich war das Tischgespräch meist auf Musik gerichtet. Leni lobte mit einigen anerkennenden Worten die Fertigkeit, welche der Graf auf dem Clavier gezeigt hatte, und fragte ihn, ob er auch singe.
»Nur unter zwei Augen,« antwortete er.
»Das ist sehr wahr,« bestätigte die Commerzienräthin, welche seine Worte gehört hatte. »So oft ich Gäste bei mir gesehen habe, ist nach den Künstlervorträgen dann von uns noch privatim ein Wenig musicirt und gesungen worden. Der Graf hat sich da nie geweigert, zu spielen; alle unsere Bitten aber, ein Gesangsstück vorzutragen, sind vergeblich gewesen. Wir sind darüber sogar zuweilen in wirklichen Zorn gerathen!«
»Wüßte ich nicht,« antwortete der Graf, »daß Sie nur scherzen, so würde mich Ihr Zorn auf das Tiefste betrüben, gnädige Frau. Ich habe mich zu singen geweigert, weil ich verhüten wollte, eben diesen Ihren Zorn zu erwecken. Ich befinde mich nämlich in dem unglücklichen Besitze einer Stimme, welche ich unmöglich hören lassen kann.«
»Wer glaubt Ihnen das? Niemand! Man hat mir sogar im Vertrauen mitgetheilt, daß Sie einen prachtvollen Bariton haben sollen. Wollen Sie das leugnen?«
»Einen Bariton habe ich, aber was für einen! Wollte ich mich bei Ihnen hören lasten, so würden Ihre gerühmten Salons vollständig in Mißcredit gerathen.«
»Darauf möchte ich es ankommen lassen. Haben Sie Muth, Graf?«
»Nein. Als Sänger bin ich entsetzlich schüchtern.«
»Man wird Sie so gut begleiten, daß Sie nicht umschütten können.«
»O, in dieser Beziehung habe ich gar keine Sorge, meine Gnädige. Aber meine Stimme klingt gerade so – hm, womit soll ich sie vergleichen? – gerade so, wie ein ungeöltes Wagenrad.«
»Das wäre höchst interessant. Graf Senftenberg, welcher nur lauter Vorzüge und gar keine Schwächen besitzt, hat eine Stimme, welche er nicht hören lassen kann! Aber nun wollen wir sie gerade hören! Und wenn Sie nicht wollen, so wird man Sie zu zwingen wissen!«
Sie sagte das in komisch drohendem Tone.
»Kennen Sie ein solches Zwangsmittel?« fragte er belustigt.
»Ja, gewiß.«
»Warum haben Sie es da nicht bereits schon in Anwendung gebracht?«
»Weil ich erst heut Abend in den Besitz desselben gekommen bin. Es heißt – Signora Ubertinka. Bitte, Signora, unterstützen Sie meine Aufforderung. Er wird ganz gewiß nicht den Muth besitzen, Sie zu erzürnen, indem er Ihre Befürwortung nicht beachtet.«
Aller Augen richteten sich natürlich auf Leni. Sie erröthete verlegen: und antwortete:
»Ich muß die Ehre der Fürsprecherin ablehnen, denn ich habe keine Berechtigung, anzunehmen, daß ich die Entschließungen des Herrn Grafen auch nur im Geringsten beeinflussen könne.«
Dabei blieb sie trotz mehrfacher Aufforderungen von auch anderer Seite, ein Verhalten, von welchem der Graf sich sehr befriedigt fühlte, denn er ersah daraus, welch einen feinen Tact, welch Zartgefühl und welche Bescheidenheit Leni besaß.
Nachdem das Souper eingenommen worden war, wurde allerdings zwischen den einzelnen Tänzen privatim musicirt. Einige Damen und auch Herren ließen sich hören. Die Stimmung wurde so animirt, daß sogar der Sepp Leni fragte, ob sie nicht Lust habe, mit ihm einen echten, bayrischen Jodler zu singen.
»Willsts wirklich wagen?« fragte sie ihn unter einem pfiffigen Lächeln.
»Warum nicht?«
»Als Sepp hast jodeln durft; obsts aber auch als Hauptmann darfst, das ist ungewiß.«
»O, ich thät jodeln, auch wann ich ein Feldmarschalllieutenanten wär. Meine Stimm ist noch gar nicht schlecht, und ich denk, daß wir nicht auslacht werden.«
»Gut, so wollen wirs versuchen.«
»Aberst mir fehlt die Zithern, und ein Pianoforten kann ich nicht spielen.«
»So werd ich selbst begleiten. So viel Clavier hab ich halt im München lernt.«
Es erregte allgemeine Sensation, als bekannt wurde, daß die Beiden einen Jodler vortragen wollten. Der alte Sepp machte seine Sache recht gut und reicher Beifall war der Erfolg.
Dadurch aber wurde die Person des Hauptmannes für die Anwesenden noch mysteriöser, als sie bereits schon war. Ein Officier, welchem Millionen zur Verfügung standen, der trotz seiner hohen Jahre wie ein echter Gebirgsbub jodelte, das war doch eigentlich etwas Ungewöhnliches.
Und auch Leni zeigte sich in einem ganz anderen Lichte, als sie die frohen, heimischen Weisen erschallen ließ. Das waren nicht die früheren Himmelstöne, sondern das war das heitere, jubelvolle Trillern der Lerche, welches die Zuhörer hinriß.
Der Graf war ganz begeistert von dieser neuen Leistung.
»So froh, so heiter können Sie sein?« sagte er. »Da wird mir das Herz wieder leicht.«
»Ists Ihnen schwer gewesen?« fragte sie.
»Ja. Die Bewunderung, welche bisher mein Herz erfüllte, drückte mich beinahe nieder. Es war mir, als ob ich aus der Tiefe zu Ihnen aufschauen müsse, als ob Sie in einer unerreichbaren Höhe über mir thronten. Nun aber sehe ich, daß Sie doch neben mir stehen, daß ich Sie mit meinen Augen, mit meinen Händen erreichen kann. Das nimmt die Beängstigung von mir und macht mich froh.«
Sie erglühte. In seinen Worten lag ja ein Geständniß, welches sie nicht verstehen durfte. Darum entgegnete sie:
»Ich bin ganz im Gegentheile überzeugt, daß Sie hoch über mir stehen. Ich bin die kleine Lerche, welche trillern darf, so oft sie das Schnäbelchen aufthun will. Sie aber sind – sind –«
Sie zögerte, fortzufahren.
»Bitte, was bin ich?« drängte er sie, sich zu ihr niederneigend.
»Sie sind – – der vornehme, stolze Graf, welcher nicht – nicht singen will.«
»Stolz? Nein, diese Eigenschaft kenne ich nicht an mir. Und daß ich nicht singe, ist keine Ueberhebung.«
»Haben Sie denn wirklich so eine häßliche Stimme?«
»O nein. Ihnen will ich gestehen, daß mein Bariton sich recht wohl hören lassen kann.«
»Nun, warum lassen Sie sich da so vergeblich bitten?«
»Es ist wirklich nichts als eine gewisse Schüchternheit.«
»So fassen Sie Muth!«
»Heißt das, daß ich singen soll?«
»Ja.«
»Aber, warum befürworteten Sie vorhin nicht die Bitte der Commerzienräthin?«
»Weil – bitte, erlassen Sie mir diese Antwort!«
»Und doch möchte ich sie so gern hören. Bitte, bitte, Signora!«
Er hatte das Gesicht so zu ihr niedergesenkt, daß sie seinen Athem fühlte. Seine Stimme klang so mild, so innig. Es durchzitterte sie ein unendlich seliges Gefühl.
»Sie hätten mir zürnen müssen,« antwortete sie leise.
»Warum zürnen?«
»Weil Niemand ein Recht hat, am allerwenigsten aber ich, sich eine Gewalt über Sie anzumaßen.«
»Was das betrifft so giebt es freilich eine Person, aber auch nur eine einzige, für deren Wunsch ich kein Widerstreben hätte. War es Ihr Wunsch, mich singen zu hören?«
Sie blickte ihm ernst, fast vorwurfsvoll in die Augen, antwortete aber heiter, als ob sie den Sinn seiner Worte nicht verstanden habe:
»Ich hätte es gern gehabt, um der anderen Herrschaften willen, denen dadurch gewiß eine Freude bereitet würde.«
»Gut, so will ich singen, aber nur unter einer kleinen Bedingung. Werden Sie mir dieselbe erfüllen?«
»Ja, wenn ich kann.«
»Sie können es. Es kostet Sie gar nichts, gar nichts. Ihr Wunsch soll erfüllt werden, wenn Sie mir gestatten, Sie nur einmal, nur ein allereinziges Mal bei Ihrem Vornamen zu nennen.«
Jetzt war das Roth, welches ihre Wangen überflog, von intensivster Tiefe.
»Signora, antworten Sie mir! Darf ich?« flüsterte er fragend.
Sie nickte.
»Ich danke herzlich, herzlich!« klang es aus der Tiefe seiner Brust. »Sie dürfen freilich nicht eine großartige Kunstpiece von mir erwarten. Ein Lied, ein einfaches Lied nur ists, was ich singen kann. Bitte, wählen Sie, welches!«
Es lag eine solche Herzinnigkeit in seinem Tone und aus seinen ernsten Augen strahlte so wahr und aufrichtig das Gefühl, welches seine ganze Seele erfüllte, daß Leni, was ihr wohl noch nie passirt war, sich wirklich tief verlegen fühlte. Sie antwortete mit leise vibrirender Stimme:
»Ich weiß ja nicht, welche Sie singen.«
»Nun, die bekannten Compositionen unserer beliebten Liedercomponisten, Schubert, Mendelssohn, Kücken, Abt und Andere.«
»Haben Sie darunter ein Lieblingslied?«
»Warum fragen Sie so?«
»Weil ich dieses hören möchte.«
»Leider giebt es kein besonderes, welches ich bevorzuge. Aber – ich kenne eins, welches ich am Liebsten wählen würde, weil – weil – weil ich es heut, jetzt, so recht aus vollem Herzen singen könnte.«
»So wählen Sie es, bitte.«
»Wohl, ich werde es wählen. Aber ich singe es nicht um der Anderen willen, sondern ich singe es nur für Sie, für Sie allein. Ihnen gelten die Worte, und Sie sollen mir dann sagen, ob Sie meinen einfachen Vortrag mit einem milden Urtheile belegen werden.«
Gerade jetzt war ein Tanz zu Ende gegangen. Der Graf begab sich zu dem Pianisten, nannte ihm das Lied und erfuhr von ihm, daß er es ohne Noten begleiten könne. Als dann Beide an das Instrument traten, ging ein allgemeines »Ah!« des Erstaunens durch den Saal.
»Der Graf will singen, der Graf!« hieß es. »Er hat sich soeben längere Zeit mit der Signora unterhalten. Sie hat ihn also doch so weit gebracht. Die Glückliche!«
Man nahm erwartungsvoll Platz. Leni blieb stehen, wo sie sich befand. Ihr Herz klopfte heftig. Er wollte nur für sie singen! Ihr sollten die Worte des Liedes gelten! Welches würde es sein?
Sie griff unwillkürlich mit beiden Händen nach ihrer Brust, als er am Schlusse des Vorspieles begann:
»Ich sah Dich nur ein einzig Mal,
Da war's um mich geschehen.
Ich fühlte Deines Auges Strahl
Durch meine Seele gehen.
Ich fühlte Deiner Stimme Laut
Mich wunderbar durchdringen.
Dein Blick so süß. Dein Wort so traut
Erweckten neu mein Singen.«
Der Graf hatte leise begonnen. Seine Stimme zitterte ein Wenig, man hörte es. Er hatte noch nie in solcher Gesellschaft gesungen und war in Wirklichkeit schüchtern. Aber nach und nach wurde seine Stimme fester und sicherer. Sie erhob sich zu ihrer vollen Stärke, und nun hörte man allerdings, daß er einen prächtigen, auch recht gut geschulten Bariton besaß. Das klang so voll und frisch und dabei doch so zart und schmelzend, und in tiefster Innigkeit ertönte die zweite Strophe:
»Mit dem Gebet: ›O wärst Du mein
Mir, wie ich Dir, ergeben!‹
Senkt ich in Deines Auges Schein
Mein ganzes Sein und Leben.
Ich lauschte Deines Wortes Klang,
Und die mich floh'n, die Lieder,
Sie kehrten, wie mit holdem Sang
Im Lenz die Lerchen, wieder.«
Ja, so war es! Die Liebe zu Leni hatte ihn zum Singen gebracht, diese Liebe ganz allein. Sie fühlte, daß dieses Geständnis an sie gerichtet war. Sie hatte bemerkt, daß es von seinen Augen gesehen worden war, als sie mit den Händen nach dem Herzen griff. Sie wurde bald blaß und bald roth. Ihn aber erfüllte es mit Jubel und laut erklang die letzte Strophe:
»Dein Blick so süß, Dein Wort so traut
Erweckten neu mein Singen.
Ich fühlte Deiner Stimme Laut
Mich wunderbar durchdringen.
Ich fühlte Deines Auges Strahl
Durch meine Seele gehen;
Ich sah Dich nur ein einzig Mal,
Da war's um mich geschehen!«
Man hatte gewußt, daß der Graf singen könne, aber er hatte alle Erwartungen weit übertroffen. Man überschüttete ihn mit Glückwünschungen über das Gelingen seines Debuts. Er nahm das ziemlich gleichgiltig hin. Von den Herren und Damen umringt, suchte er mit sehnendem Blicke die Sängerin. Sie befand sich nicht mehr im Saale.
Sie war in den Empfangssalon geschlüpft und stand dort hinter den Gardinen am Fenster. Ihr Busen wogte, ihr Herz klopfte so stürmisch. Was war mit ihr geschehen?
Hatte sie nicht bisher den Krikelanton geliebt? Hatte sie sich nicht elend gefühlt, da er für sie verloren war? Und heute hatte sie erkennen müssen, daß er ihrer Liebe nicht werth sei und daß ihre Lebenswege sich in Zukunft niemals wieder berühren könnten?
Hätte sie durch diese Erkenntniß nicht eigentlich niedergeschmettert werden müssen? Hätte sie nicht darüber weinen müssen, weinen immerfort? Gewiß!
Und nun? Weinte sie? Nein. Fühlte sie sich unglücklich? Abermals nein. Es war im Gegentheile in ihr die Empfindung erwacht, als ob sie neugeboren sei, als ob sie erst heute zu leben beginne. Die ganze schwere, trübe Vergangenheit war versunken und vor ihr flammte eine Helle auf, in welche sie nicht zu blicken wagte. Sie fürchtete, geblendet zu werden.
Sie wußte, daß der Graf jetzt kommen werde, um sein Urtheil zu empfangen. Sie zitterte bei diesem Gedanken. Aller Augen mußten es bemerken, wie auffällig er sie bevorzuge. Wenn er doch nicht käme! Und doch sehnte sie sich, ihn zu sehen, ihn zu hören und ihm zu sagen, daß –
Was denn? Was wollte sie ihm sagen? Sie wußte es und wußte es doch nicht.
»Herrgott, führe es zum guten Ende!« flüsterte sie. »Gieb mir die Kraft, mich dagegen zu wehren! Wie darf ich so Etwas nur denken!«
Drin im Saal begann die Tanzmusik wieder. Die Gäste waren also mit sich selbst beschäftigt, und das benutzte der Graf jedenfalls, Leni unauffällig aufzusuchen. Es bemächtigte sich ihrer ein Gefühl, welches sie Angst hätte nennen mögen. Und da war er auch schon. Sie hörte seinen Schritt. Er suchte sie. Er sah sie und trat zum Fenster.
»Signora!«
Sie that, als ob sie es nicht gehört habe. Sie glich dem Strauße, welcher vergebens seinen Kopf versteckt, um sich zu retten. Er wird ja doch vom Jäger gesehen und – erlegt.
»Signora! So gedankenvoll?«
Jetzt konnte sie nicht anders. Sie mußte sich ihm zudrehen. Ihr Gesicht war leichenblaß und ihre dunklen Augen schauten fast angstvoll auf ihn. Er sah es und trat einen Schritt zurück.
»Sie zürnen mir?« fragte er.
Sie antwortete nicht. Sie hätte jetzt keinen Laut hören lassen können.
»Bitte, sagen Sie mir aufrichtig, daß Sie mir zürnen. Soll ich gehen? Soll ich Sie verlassen?«
Sie konnte nicht reden. Sie wollte Ja sagen, und da sie nicht einmal dieses Wörtchen hervorbrachte, wollte sie nicken, daß er gehen solle. Aber – wie kam es doch nur, daß sie nicht nickte, sondern schüttelte?
»Ich darf bleiben? Gott sei Dank!« sagte er, tief und erleichtert aufathmend. »Sie haben mein Lied gehört und verstanden?«
Jetzt nickte sie.
»Und verurtheilen mich nicht, daß ich gerade dieses und kein anderes gewählt habe?«
»Nein,« hauchte sie.
»Dann will ich auch meine Bedingung erfüllt haben. Ich wage es.«
Er ergriff ihre Hand, zog dieselbe an seine Lippen und flüsterte dann, seinen Blick tief in ihre Augen senkend:
»Leni, Leni, ich habe nicht geahnt, welcher Seligkeiten das Menschenherz fähig ist. Ich sah Dich nur ein einzig Mal, da wars um mich geschehen. Weiter kann, will und darf ich heute nichts sagen. Der Allgütige möge es nach seinem Wohlgefallen lenken!«
Da trat der Sepp herein. Als er die Beiden Hand in Hand dastehen sah, zuckte es vergnügt über sein altes, gutes Gesicht, doch that er, als ob er nichts gesehen hätte. Der Graf trat schnell von Leni zurück.
»Ich muß doch auch kommen, um mich bei Ihnen zu bedanken,« sagte der Sepp zu ihm. »Sie haben mir mit dem Liede eine sehr große Freude bereitet. Wie sind Sie denn gerade auf dieses gekommen?«
»Es ist – mein Lieblingslied,« antwortete der Graf, einen lächelnden Blick auf Leni werfend.
»So! Das ist sehr schön, denn gerade dieses Lied habe ich mir gar wohl gemerkt und werde es auch niemals vergessen.«
»Ist es einmal für Sie von Bedeutung gewesen?«
»Allerdings. Es ist das erste Lied gewesen, welche da meine Leni öffentlich gesungen hat, und der König war dabei.«
»Ach, Signora, so war es Ihnen also bekannt?«
»Ja,« antwortete sie. »Ich werde jenes Abends stets gedenken. Er hat über meine Zukunft entschieden.«
»Wirklich? Für immer?«
»Für immer,« nickte sie.
Ein Schatten flog über sein Gesicht und seine Stimme klang bittend und ernst:
»Man glaubt zuweilen, daß ein Ereigniß bestimmend für das ganze Leben sei, das ist wahr; aber es treten dann später noch andere Ereignisse ein, durch welche diese erstere Wirkung aufgehoben wird. Kann das nicht auch bei Ihnen der Fall sein?«
»Ich glaube nicht. Jener Abend hat entschieden, daß ich Sängerin sein werde. Mein König hat es gewünscht und ich habe ihm gehorcht, obgleich ich damals lieber noch die Frau eines armen Wildschützen geworden wäre, den ich zu lieben glaubte. Ich werde dem Könige mein Wort halten.«
Diese Antwort fiel wie kaltes Wasser in die Gluth seines Herzens. Aber die Worte ›den ich zu lieben glaubte‹ berührten ihn wunderbar freudig. Er, der Graf, ein Nachfolger eines Wildschützen bei einer früheren Sennerin! Dieser Gedanke hätte eigentlich erkältend wirken sollen, aber der Graf kam gar nicht dazu, sich mit demselben zu beschäftigen. Er bezwang sich, eine gleichgiltige und höfliche Miene zu zeigen und warf einige allgemeine Bemerkungen hin, an welche sich schnell ein kurzes Gespräch knüpfte; dann war der Tanz zu Ende und Andere kamen herbei.
Sepp aber ließ jetzt seine Leni nicht los. Er blieb bei ihr, bis er wieder allein mit ihr war, strich ihr zärtlich mit der Hand über das volle, weiche Haar und sagte:
»Dirndl, denkst halt noch daran?«
»Woran denn, Sepp?«
»Damals, am Morgen, nachdem dera Krikelanton entflohen war! Da bist zum König gangen, der beim Pfarrer gewest ist, und ich hab mich gar sehr mit Dir stritten, so, daß wir fast zornig aus nander gangen sind. Weißt noch, was ich damals sagt hab?«
»Vielleicht hab ichs vergessen.«
Sie hatte es aber nicht vergessen. Sie wußte es gar wohl.
»Da hast an dem Wildschützen festhalten wollt und ich hab sagt, daßt Dein Glück machen und einen Baron oder gar einen Grafen heirathen könntest. Dann fahr ich in dera Ekkipaschen aus und est Flaustern und Kavuar dazu. Kannst Dich nicht besinnen?«
»Doch. Jetzt fallt mirs eini.«
»Recht so! Und nun, was denkst? Hat dera Sepp nicht immer Recht?«
»Zuweilen.«
»O nein, nicht zuweilen, sondern immer, und so auch heut. Oder ist nicht Alles ganz so eingetroffen?«
»Wieso denn?«
»Nun, dera Graf ist da.«
»Sepp!«
»Was willst?«
»Mach keinen dummen Scherz!«
»Ein Scherz ists nicht, und ein dummer vollends gar nicht. Du mußts doch mit allen Augen schauen, daß er Dich lieb hat!«
»Schweig, Sepp! Ich mag das nicht hören!«
»Bist wieder mal die Zuwiderwurzen?«
»Nein. Wie könnt er mich lieb haben! Ein Graf! Wo denkst hin!«
»Donnerwettern! Mach mich nicht wild! Ist meine Leni etwan nicht werth, daß ein Graf sie heirathet? Antwort mal!«
»Ich heirath gar nicht!«
»Das wollen wir schon sehen! Heirathen mußt! Und wannst keinen Anderen nimmst, so wirst zwungen, mich zu nehmen. Dich werd ich da gar nicht fragen! So ein Dirndl wie Du; grad und wohl gewachsen, mit Augen, wie eine Kohle und den Mund wie eine Kirschen, mit einer Stimm, wie ein Engel und einem Herzen wie, wie, wie, Sappermenten, wie was denn gleich? Und nicht heirathen willst? Da soll doch gleich dera Teuxel dreinspringen. Der Graf hat Dich lieb, von ganzer Seele lieb, und seine Frau wirst, sonst kannst nur gleich zusammenpacken und davon laufen. Ich mag nix mehr von Dir wissen, gar nix!«
Er that, als ob er zornig geworden sei. Sie wußte gar wohl, daß er nicht so meine; darum lachte sie zu seiner Drohung:
»Thu nicht so grausig, Sepp! Ich glaubs Dir doch nicht. Und heirathen thät ich grad Dich lieber als jeden Andern, denn bei Dir wüßt ich doch, was für Einen ich bekommen thät.«
»So! Was denn für Einen?«
»Einen recht Stürmischen und Krakehler, der aber im Herzen so weich ist wie ein Pflaumenmus. Und wie kannst nur denken, daß dera Graf mich lieb hat! Er hat mich ja heut zum ersten Male sehen!«
»Schweig, Gelbschnabel! Was kannst Du von dera Lieb verstehen! So ein Alter, wie ich bin, weiß ganz anders davon zu sprechen!«
»Du? Oho!«
Sie lachte ihn aus.
»Lach nur. Du Sakrifiz! Ich weiß dennoch, was ich weiß. Die Lieb ist schnell da, ganz plötzlich und unerwartet, wie ein junger Sperling, welcher noch nicht ganz flügge ist. Dir aus dem Nest herab auf die Nasen fällt. Dann krabbelt und zappelt er unten herum, piept und ziepst vor lauter Angst, und Du brauchst nur zuzugreifen, so hast ihn fest. Verstanden?«
»Ja, aberst ein Graf fallt Einem nicht so gleich auf die Nasen?«
»Wer denn sonst? Willst wohl gar einen König oder Kaiser haben? Es ist schon dafür gesorgt, daß die Bäum nicht in den Himmel wachsen. Einen Grafen bekommst, keinen Andern, und wannst mit ihm nicht zufrieden bist, so kauf Dir auf dem Jahrmarkt einen Zappelhanswursten. Ich aber schau Dich dann nimmer an! Jetzt nun kommst wieder herein! Da stehst am Fenster, schaust hinausi und zählst die Straßenlaternen. Marsch fort! Hier hab ich zu befehlen, und was dera Path sagt, das gilt! Ab! Pasta! Sela!«
Er nahm ihren Arm in den seinigen und schritt mit ihr stolz nach dem Saale. Jetzt war er ganz wieder der alte Hauptmann. Kein Mensch hätte ihm angesehen, daß er da draußen im Salon nur der alte Wurzelsepp gewesen war.
Die Soirée währte gerade bis Mitternacht; dann begann man, sich zu verabschieden. Der Graf kam zu Leni.
»Signora,« sagte er, »meine Equipage steht unten, um mich abzuholen. Geben Sie mir die Erlaubniß, Sie nach Ihrer Wohnung fahren zu lassen!«
»Sehr gern, wenn ich nicht meinem Pathen bereits versprochen hätte, mich von ihm begleiten zu lassen.«
»Er wird vielleicht verzichten, wenn ich ihn darum bitte.«
»Das möchte ich doch nicht gern. Wir haben uns so lange Zeit nicht gesehen und müssen uns so viel erzählen.«
»Das begreife ich; aber wäre dazu nicht auch morgen Zeit?«
»Er hat mich so lieb; ich mag ihn nicht betrüben.«
Da neigte er sich ihr zu und sagte leise, aber mit Betonung:
»Signora, fürchten Sie mich nicht! Ich steige nicht mit ein. Sie sollen allein fahren.«
Da schaute sie ihm groß und offen in sein ernstes Gesicht, auf welchem jetzt ein trübes Lächeln lag, und antwortete:
»Das ist es nicht, was mich abhält, Ihren Wunsch zu erfüllen. Ich fürchte mich gar nicht vor Ihnen; ich würde mich Ihnen im Gegentheile zu jeder Zeit gern anvertrauen. Aber bitte, lassen Sie mich dennoch mit dem Hauptmanne gehen!«
»Wenn Sie das so herzlich wünschen, muß ich freilich verzichten. Aber ich darf wohl annehmen, daß Sie mir nicht zürnen?«
»Mit keinem Gedanken.«
»Und darf ich Ihnen vielleicht morgen die schuldige Aufwartung machen?«
Es that ihr wirklich leid, auch hier gegen seinen Wunsch antworten zu müssen:
»Ich möchte mich nicht in diese Fesseln der Déhors schlagen lassen und habe auch die Gewohnheit, niemals Herrenbesuch zu sehen.«
»Das muß ich achten. Aber wenn wir uns am anderen Orte begegnen, so darf ich Sie begrüßen?«
»Gern. Es soll mich freuen, Sie wiederzusehen. Und heute nehme ich eine angenehme Erinnerung mit nach Hause.«
»Ist das wahr? Darf ich das glauben?«
»Glauben Sie es!«
»Und wem gilt diese Erinnerung?«
»Einem Liede, welches wir nicht zu hören bekommen hätten, wenn, wenn – –«
Sie hielt doch inne. Er aber vervollständigte sie schnell, indem er herzlich sagte:
»Wenn es nicht mein heißer Wunsch gewesen wäre, Sie einmal »Leni« zu nennen. Gute Nacht, Le – – Signora!«
Er küßte ihr die Hand und verabschiedete sich dann auch von dem alten Sepp.
Dieser sowohl wie auch Leni wurden von dem Commerzienrathe und dessen Frau auf das Dringendste aufgefordert, so bald wie möglich, und zwar ganz zur beliebigen Zeit, wieder zu kommen. Dann gingen sie.
Der alte Wurzelhändler spielte den Cavalier ausgezeichnet. Er schritt hoch aufgerichtet, die Sängerin am Arme, deren Wohnung zu.
»Könntest eigentlich bei uns wohnen,« sagte Leni. »Ich glaub, Frau Salzmann hätt auch für Dich ein Logis.«
Die Wirthin war nämlich eher nach Hause gegangen, da sie auf Leni nicht zu warten brauchte, weil der Pathe diese begleiten wollte.
»Das kann ich nicht,« antwortete er. »Weißt, ich hab hier was zu thun, wobei ich am Liebsten im Gasthof bleib. Da schaut Niemand auf mich, und ich kann kommen und gehen, ganz wie es mir beliebt.«
»Das könntest bei uns auch.«
»Nein, das ist – –«
Er hielt inne und blieb stehen.
Auf der andern Seite der Straße lag ein bekanntes Tanz-Etablissement. Alle Fenster desselben waren erleuchtet; das Thor stand weit offen, und die costumirten Gestalten, welche den Flur belebten, ließen errathen, daß hier eine Maskerade, vielleicht ein Volksmaskenball abgehalten werde.
»Siehst die Beiden?« fragte der Sepp.
»Ja, dera Krickelankon und dera Baron von Stubbenau. Sie sind eben hinein.«
»Das trifft sich gut. Denen muß ich nach?«
»Warum?«
»Wegen dem Baron bin ich auch mit hier. Ich muß wissen, was er thut.«
»So willst da hinein?«
»Ja. Darfsts mir nicht übel nehmen, wannst jetzt nun allein heim mußt.«
»Das thu ich nicht. Ich bleib bei Dir.«
»Dirndl! Was fallt Dir ein!«
»Nix. Ich will schauen, was dera Anton thut.«
»Geht Der Dich denn noch was an?«
»Nein. Aberst ich will es ihm ins Gesicht sagen können, was für ein Kerl er ist.«
»So komm!«
»Wart noch! Wir sind doch noch ganz ohne Maskerade und Anzug.«
»Vielleichten kann man das drin erhalten.«
Der Sepp sah die beiden Genannten auf der Treppe verschwinden. Er trat mit Leni in den Flur und wendete sich an einen müssig dastehenden Herrn in Civil, dem es ziemlich leicht anzusehen war, daß er sich in amtlicher Eigenschaft hier befand.
»Herr, sind Sie vielleicht ein Sicherheitswachmann?«
»Ja. Warum?« antwortete der Gefragte.
Sepp zog eine Medaille aus der Tasche, zeigte sie ihm und erkundigte sich:
»Haben Sie die beiden Herren bemerkt, welche zuletzt hier eintraten?«
»Ja. Interessiren Sie sich für dieselben?«
»Ja. Ist Maskengarderobe hier zu bekommen?«
»In der ersten Etage. Auch die beiden Herren, nach denen Sie fragen, werden sich welche da nehmen.«
»Bitte, gehen Sie hinauf und melden Sie mir, was für Anzüge sie tragen, damit ich sie dann erkenne. Ich warte auf der Straße.«
Der Wachmann begab sich hinauf, und Sepp ging mit seiner Begleiterin wieder hinaus. Nach ungefähr zehn Minuten kam der Polizist und meldete daß die Beiden Türkenanzüge angelegt hätten. Er beschrieb die Letzteren so genau, daß eine Verwechselung gar nicht möglich war.
»Befinden sie sich noch in der Garderobe?«
»Nein. Soeben begaben sie sich in den Saal.«
»So kommen auch wir hinauf, ohne von ihnen bemerkt zu werden.«
Es war ein ganz bedeutender Vorrath von Maskenanzügen vorhanden. Sepp sowohl wie auch Leni nahmen Domino's. Die Letztere band eine Halbmaske vor das Gesicht. Der Alte aber mußte wegen seines großen, charakteristischen Schnurrbartes, um von Anton nicht erkannt zu werden, eine vollständige Larve vorlegen.
Dann begaben sie sich in den Saal.
Sie erblickten die beiden Türken sofort. Diese standen noch in der Nähe der Thür und schienen Jemand zu suchen. Anton war von dem Baron durch seine kräftigere Gestalt leicht zu unterscheiden. Er drehte sich zufällig nach der Thür um und erblickte Leni. Ihr frischer, üppiger Mund und die volle Gestalt, deren Formen selbst unter dem Domino zu erkennen waren, reizten ihn. Er trat herbei und fragte, auf die lange Gestalt des Sepp deutend:
»Schöne Maske, ist das Dein Geliebter?«
»Nein,« antwortete sie mit der bei Maskeraden gebräuchlichen Fistelstimme, so daß er sie nicht erkennen konnte.
»So geht er Dich nichts an?«
»Gar nichts.«
»Dann biete ich Dir meinen Schutz an.«
»Taugt der Etwas?«
»Das will ich meinen!«
»Ich traue den Türken nicht.«
»Ich auch sonst nicht. Heut aber sind sie ganz brave Kerls. Gieb mir Deinen Arm! Komm!«
Er legte ihren Arm in den seinigen und zog sie fort. Sie folgte ihm willig, und als Sepp das sah, unterließ er es natürlich, Einsprache zu erheben.
Der sogenannte Baron folgte seinem Freunde nicht. Er blieb stehen und musterte den Sepp.
»Armer Teufel!« lachte er. »Jetzt bist Du Wittwer. Die Hexe hat doch gelogen. Sie kam mit Dir und gehört also zu Dir. Den Eintritt hast Du bezahlt; weiter wollte sie nichts. Nun läßt sie Dich sitzen oder vielmehr stehen. Ists nicht so?«
»Donnerwetter, ja!« antwortete Sepp mit natürlicher Stimme, welche der Baron ja nicht kannte. »Bezahlt hab ich, und nun ist sie futsch. Der Teufel hole sie!«
»Warum hast Du sie so ruhig fortgelassen?«
»Weil es Andre giebt.«
»Brav so! Auch ich will mir Eine holen. Wollen wir miteinander suchen?«
»Wenn Du mir die Schönste lässest, ja.«
»Sehr gern. Der Geschmack ist ja verschieden. Komm also mit und trink vorher Eins mit mir!«
Er zog ihn nach dem Büffet. Der alte Sepp hatte seinen Zweck leichter erreicht, als er erwarten konnte. Sie stachen eine Flasche Wein aus und trollten dann durch den Saal, in lustiger Weise mit jeder Maske anbindend.
Da blieb der Baron vor einer stehen, einem Blumenmädchen, welche auch nur Halbmaske trug, so daß der untere Theil ihres Gesichtes von der Nase an zu sehen war.
Sie war üppig gebaut. Das kurze, rothe Röckchen reichte ihr kaum zwei Zoll über das Knie, und das schwarzsammetne Mieder war auf das Tiefste ausgeschnitten. Sie trug alle ihre Reize zur Schau, schien aber bisher keinerlei Vertraulichkeit geduldet zu haben.
»Schöne Maske, ich kenne Dich,« sagte er.
»Häßlicher Kerl, Du irrst Dich,« antwortete sie.
»Komm her, und laß Dich küssen; so wird Dir mein Mund gleich bekannt vorkommen.«
Er wollte sie umarmen und an sich ziehen; sie aber stieß ihn kräftig von sich und rief:
»Zurück, Muselmann! Küß Deine Haremsnegerin, aber mich nicht! Du riechst nach Moschus und Bosporus!«
»Alle Teufel, bist Du giftig! Du bist doch sonst nicht so gegen mich, schöne Balletkönigin.«
Sofort wurde sie freundlicher.
»Du kennst mich wirklich?«
»Natürlich! Wer Dich einmal küßte, der kann Deinen Mund nicht vergessen.«
»Oho! Hättest Du mich geküßt?«
»Tausendmal!«
»Beweise es!«
»Ich brauche Dir nur meinen Namen zu sagen – Egon.«
»Ah – endlich seid Ihr da. Ich hoffe doch, daß der – der Andre auch mit gekommen ist!«
»Natürlich. Wie hätte ich ohne ihn vor Dir Gnade finden können,« lachte er.
»Wo befindet er sich?«
»An der Angel.«
»Das sollte ihm übel bekommen!«
»Sei gnädig mit ihm! Er ist nur ein kleines Intermezzo. Siehst Du den Türken mit dem Domino drüben am zweiten Pfeiler?«
»Ja. Ist er es?«
»Es ist Dein zukünftiger Herr und Gebieter. Sobald er Dich erkennt, wird er den Domino zum Teufel jagen. Geh zu ihm!«
»Noch nicht. Ich will erst beobachten, ob er dort vielleicht Feuer fängt. In diesem Falle würde ich dann löschen. Verrathe mich ihm nicht?«
Sie entfernte sich, um ihre Schritte langsam nach dem erwähnten Pfeiler zu lenken.
Dort gab sich Anton alle Mühe, von Leni heraus zu bekommen, wer und was sie sei. Er wollte sich die bekannten Maskenfreiheiten erlauben; sie oder duldete nicht die geringste Vertraulichkeit.
»Mädchen,« sagte er endlich unwillig, »Du bist ja das reine Eis! Hast Du denn gar kein Blut im Herzen?«
»Nur für treue Liebe.«
»Ich bin treu.«
»Beweise es!«
»Wie soll ich es beweisen?«
»Indem Du bei mir bleibst und mit keiner andern Maske sprichst.«
»Alle Teufel! Du verlangst viel! Ja, Du forderst das Unmögliche!«
»So trolle Dich fort!«
»So schnell nicht. Erst sollst Du mit mir eine Flasche Sect ausstechen! Willst Du?«
»Ja. Komm also ans Büffet!«
»Danke! Dort trinkt man keinen Champagner mit einer schönen Maske. Dazu sind andere Orte da. Schau, die Logen da oben! Für lumpige zwei Gulden bekommt man eine. Man schließt sich darin ein und ist ungestört. Dort werden wir uns demaskiren und können trinken und küssen, so viel uns beliebt. Komm!«
»Danke für die Loge! Ich stimme weder für das Küssen, noch für das Demaskiren.«
»Auch später nicht?«
»Nein.«
»So bist Du eine Nonne!«
»Und Du ein Faun. Wir passen nicht zusammen. Lauf fort, so weit es Dir beliebt!«
Aber er ging nicht. Gerade ihr Widerstand reizte ihn. Er legte den Arm um sie, wurde aber von ihr zurückgestoßen. Das sah das Blumenmädchen, welches indessen herangekommen war.
»Ist sie spröde, schöner Türke?« höhnte sie.
Er betrachtete sie scharf und antwortete dann:
»Mag sie spröde sein und zum Teufe! gehen. Ich hänge mich an Dich!«
Dabei ergriff er ihren Ann.
»Oho! Ob ich will!« rief sie, ihn zum Scheine von sich abwehrend.
»Du willst gern! Oder sollte ich Dich vergebens gesucht haben?«
»Mich gesucht? Türke, Du irrst.«
»Fällt mir nicht ein. Anton erkennt seine Valeska auf den ersten Blick.«
Das Blumenmädchen war die Ballettänzerin Valeska, seine Geliebte.
»Wahrhaftig, auch er erkennt mich sofort!« sagte die Letztere. »Aber woran?«
»Woran erkennt man den Diamant? Kannst Du es sagen? Man erkennt ihn, und damit ist es gut. Komm, Liebchen, Loge Nummer fünf. Ich habe bereits den Schlüssel.«
Sie entfernten sich, gar nicht mehr auf Leni achtend, welche Wort für Wort diese Unterhaltung angehört hatte und ihnen unbemerkt nachfolgte.
In einer Ecke des Saales führte eine schmale Treppe hinauf nach den Logen, in denen lüsterne Herren mit käuflichen Dirnen ungestört sich aufhalten konnten. Nachdem der Türke mit seinem Blumenmädchen einige Zeit verschwunden war, stieg auch Leni diese Treppe empor.
Oben gab es einen schmalen Gang, auf welchem die Thüren der kleinen Logen führten. Ueber diesen Thüren waren die Nummern angebracht. An einem kleinen Tischchen saß die Schließerin.
Um sicher zu gehen, fragte Leni dieselbe:
»Ist Nummer fünf noch frei?«
»Nein. Nummer vier ist noch zu haben. Zwei Gulden. Trinkgeld nach Belieben. Wollen Sie?«
»Ja. Hier sind drei Gulden. Der dritte für Sie. Sind die Logenwände dünn oder dick?«
»Dünne Bretter. Du mußt Dich also in Acht nehmen, meine schöne Maske, wenn nachher Dein Anbeter kommt. Wenn man nicht ganz leise spricht, wird jedes Wort nebenan gehört, sobald nämlich die Musik schweigt. Hier ist der Schlüssel.«
Leni nahm den Schlüssel und begab sich nach der Thür ihrer Nummer. Da soeben ein rauschender Galopp getanzt wurde, so waren ihre Schritte nicht zu hören, und auch das Oeffnen ihrer Thür verklang unter den Accorden der Blechmusik.
Die Loge war klein, für zwei Personen eingerichtet. Ein Sopha, ein Tischchen, zwei Stühle und ein Spiegel, das war das Möblement. Am Fenster, welches zum Saale schaute, waren Gardinen angebracht, welche geschlossen werden konnten. Leni zog die ihrigen sofort zu.
Dann untersuchte sie die Seitenwand nach der Nummer Fünf hin. Die Bretter waren mit Tapeten überklebt, und es gab keine Lücke oder Ritze, durch welche man hätte hinüberschauen können.
Sie hoffte aber, da nichts zu sehen war, wenigstens Etwas zu hören. Darum zog sie den einen Stuhl hart an die Seitenwand und setzte sich darauf.
Als der Galopp verklungen war, zeigte es sich, daß ihre Erwartung nicht getäuscht werden sollte. Wenn sich das Ohr einmal an das allgemeine Stimmengewirr des Saales gewöhnt hatte, konnte man ganz leicht hören, was nebenan gesprochen wurde. Soeben jetzt erklang die Stimme des Blumenmädchens:
»Es wird doch Niemand nebenan sein!«
»Nein. Ich fragte ja die Schließerin. Kommt später Jemand, so hören wir es. In Nummer Sechs sitzen Zwei; das ist aber auf der andern Seite; die hören es.«
»Pah! Und wenn sie uns auch hörten! Wir thun ja nichts Anderes als sie. Komm, Schatz, küsse mich!«
Küsse schallten; dann hörte Leni Anton fragen:
»Valeska, willst Du einmal wirklich und ganz aufrichtig sein?«
»Das bin ich doch stets mit Dir,« antwortete sie mit Sirenenton.
»Ich hoffe es. Bin ich wirklich der Einzige, den Du liebst?«
»Zweifelst Du etwa?«
»Ich kann mir gar nicht denken, daß eine solche Schönheit wie Du keine Anbeter haben soll.«
»Keine haben soll? Wer hat das gesagt? Es sind ihrer genug vorhanden; aber was mache ich mir aus ihnen? Ich will nur Dich, Dich, Dich! Hörst Du?«
»Schwöre mir das!«
»Schwören? Du nimmst das sehr dramatisch, mein Lieber!«
»Weil ich weiß, daß ich ohne Dich nicht leben kann!«
Sie lachte lustig auf.
»Wie viele Andere giebt es noch, ohne die Du auch nicht leben kannst?«
»Keine!«
»Lügner!«
»Wirklich keine!«
»Standest Du denn vorhin nicht im Begriff, dem schönen Domino zu sagen, daß Du ohne sie nicht existiren könntest?«
»Unsinn! Ich unterhielt mich aus reiner Langeweile mit diesem blödsinnigen Frauenzimmer. Willst Du mir das übel nehmen?«
»Nein; es ist ja Maskenball. Aber wie steht es mit früheren Zeiten? Du sprachst einmal von einer Sennerin, die beinahe Deine Braut geworden wäre. Lebt die noch?«
»Das weiß ich nicht.«
»Man scheint Personen, die man hat heirathen wollen, gewöhnlich nicht so leicht wie Du aus den Augen zu verlieren.«
»Ich habe mich nicht mehr um sie bekümmert. Sie hatte sich meiner Liebe unwerth gemacht.«
»Wieso?«
»Sie bestahl mich.«
»Was! Ein Mädchen bestiehlt den Geliebten? Das ist unbegreiflich!«
»Ich habe es begreifen müssen. Sogar bei den Besuchen, welche sie meinen Eltern machte, hat sie dieselben bestohlen.«
»Die hätte ich angezeigt!«
»Ich wollte es nicht thun; aber als ich sie einstmals mit einem Andern zusammentraf, und zwar in der innigsten Umarmung, die man sich denken kann, da riß mir die Geduld. Ich zeigte sie an und brachte die Beweise. Sie kam in das Gefängniß, und dann habe ich mich natürlich nicht weiter um sie gekümmert. Später einmal habe ich erfahren, daß die Muhrenleni das Stehlen doch nicht hat lassen können. Sie ist wiederholt bestraft worden und wird jetzt wahrscheinlich im Zuchthause stecken.«
»Da wäre ihr ganz recht geschehen. War sie denn hübsch?«
»Das kannst Du Dir denken. Oder meinst Du, daß ich mich in eine Häßliche verlieben könnte? Dazu bin ich viel zu sehr Künstler. Auch liebenswürdig war sie. Du bist ja ebenso wie sie, und darum kann ich Dir sagen, daß ich mit ihr bereits wie Mann und Frau zusammengelebt habe. Darum – – was ist das?«
Es wurde still drüben.
»Hast Du nichts da nebenan gehört,« fragte dann Anton.
»Nein.«
»Es war mir, als ob man da einen Stuhl gerückt habe. Ich muß mich getäuscht haben, denn die Loge ist ja leer.«
Er hatte sich aber nicht getäuscht. Leni fühlte sich außer Stande, das Weitere mit anzuhören. Sie war aufgestanden und hatte dabei den Stuhl zur Seite geschoben.
Jetzt begann die Musik eine Polonaise. Da konnte Leni sich ungehört entfernen. Sie ging und übergab der Schließerin den Schlüssel mit der Bemerkung, daß sie die Loge weiter vergeben könne. Die Frau war ganz glücklich darüber, auf diese Weise drei Gulden erhalten zu haben.
Karl May
Der Weg zum Glück. Sechster Band
Roman aus dem Leben Ludwig des Zweiten
In den Saal zurückgekehrt, suchte die Leni den Sepp auf. Sie fand ihn, mit dem einen Türken, nämlich dem Baron, und zwei weiblichen Masken an einem Tische sitzend, und er bemerkte sie.
Sie gab ihm durch ein Zeichen zu verstehen, daß sie gehen wolle. Er machte Miene, sich zu erheben; sie aber winkte ihm energisch, sitzen zu bleiben, da sie ahnte, daß er sich den Baron doch nicht gern entgehen lassen werde, und dann begab sie sich nach der Garderobe zurück, um Maske und Domino abzuliefern.
Auf der Straße angekommen, athmete sie tief auf. Es war ihr ganz unbeschreiblich zu Muthe. Sie fühlte ein inneres Wehe, welches eigentlich doch kein Weh zu nennen war. Es giebt, mag es auch noch so unwahrscheinlich klingen, ein dem Weh ähnliches Gefühl, welches ganz entgegengesetzt seiner Benennung, keine Schmerzen bereitet, sondern ganz im Gegentheile sogar zu beseligen mag.
So fühlte auch Leni. Sie hatte das Bewußtsein, frei zu sein, aller Verpflichtungen gegen Anton enthoben, ohne sich Vorwürfe darüber machen zu müssen. Und diese Freiheit eröffnete ihr für ihre Zukunft eine Perspective, in deren Angelpunkte ihrer ein unendliches Glück zu harren schien.
Als sie ihre Wohnung erreichte, glitt sie leise in das Haus und die Treppe empor. Frau Salzmann war bereits schlafen gegangen; es brannte nur in Lenis Stube ein Licht, welches man für sie hingestellt hatte, damit sie sich in ihrer neuen Wohnung orientiren könne.
Aber sie ging noch nicht schlafen. Sie hätte doch keine Ruhe finden können; das fühlte sie. Ihr Herz war zu bewegt, nicht etwa stürmisch wie aufregende Scenen dieses mit sich bringen, sondern es fluthete ein unbeschreibliches Etwas durch ihr inneres, leise und leicht, erwärmend und befriedigend. Sie legte die Toilette ab und ein Négligé an. Dann löschte sie das Licht aus und setzte sich an das Fenster, um hinauszublicken auf die Straße, über deren Häuserreihen der Mond sein silbernes, ruhiges Licht ergoß.
So lind und magisch war auch das Licht in ihr selbst aufgegangen. Sie sann und sann und wußte doch nicht, woran sie dachte. So ungefähr muß es im Himmel sein, wo die Seelen der Abgeschiedenen von einer Seligkeit erfüllt sind, welche zu beschreiben es gar keine Worte giebt.
Die Zeit verging. Viertelstunde um Viertelstunde verraun, und Leni dachte noch immer nicht daran, das Lager zu suchen.
Da drang ein Mißton durch die Stille der Nacht. Stolpernde Schritte kamen die Straße herauf; zwei Stimmen waren zu vernehmen; aber sie klangen gar nicht so, als ob sie aus menschlichen Kehlen kamen.
»Ver – – dammt! Ah – oh! Ich glaube gar, ich bin – bin – – be – besoffen!« gurgelte der Eine der Nahenden.
»Natürlich bist Du besoffen, und wie!« lachte der Andere in jenen Fisteltönen, welche anzeigen, daß der Sprechende die Herrschaft über seine Stimme verloren hat.
»Und Du – Du – doch auch!«
»Ja – aa! Ich hab auch ein – einen rie – riesigen Spitz. Dieser Cham – Cham – pagner taugte nichts. Der Wirth hat – hat gedacht, daß der Stoff für – für solche Mädels gut – gut genug sei.«
»Halts Maul! Du belei – leidigst mich!«
»Unsinn!«
»Ja. Ist denn mei – meine Tänzerin ein Mädel?«
»Was denn? Sie ist doch – doch kein Mannsbild!«
»Nein, aber eine Kün – kün – künstlerin!«
»Schön! Aber sau – saufen kann sie dennoch wie ein Lo – lo loch. Sie hat me – me – mehr getrunken als wir Beide.«
»Weiß der Teu – Teu – Teufel! Der – der – bekommts. Famoses Dirndl! Nicht?«
»Ja, famos. Na, da sind wir. Halt!«
Sie blieben unten stehen, mitten auf der Straße. Der Mond beleuchtete sie. Leni erkannte Anton und den Baron. Sie hielten sich an einander fest, um nicht zu stürzen. Beide waren gleich sehr betrunken.
Und dabei sprachen sie so laut, daß man es über die ganze Straße weg hören konnte. Sie hatten im Rausche alle Rücksicht verloren.
»Nun müssen wir Ab – Abschied nehmen,« sagte der Baron. »Du bist da – da – daheim.«
»Schön! Also gute – gute – Donnerwetter, es geht nicht!«
Anton hatte sich von dem Andern losgemacht und wollte allein nach der Thür gehen. Er brachte es nicht fertig und taumelte haltlos, bis er – sich auf die Straße setzte.
»Du – Du – Du!« lachte der Baron überlaut auf. »Du bist ja gar gefa – fa – fallen! Ich bin da viel mehr – – heiliger Bimbam – da si – si – sitze ich wahrhaftig a – a – auch!«
Es ging ihm grad so, wie seinem Gefährten. Er konnte ohne Stütze auch nicht stehen und plumpste neben Anton nieder.
»Bi – bi – bist Du a – a – auch da?« lachte dieser. »Da – da – daß ist schön! Nun sie – sie – sitzen wir da und können im Mo – Mo – Mondschein Sech – sech – sechsundsechzig spielen. Ha ha – hast Du eine Ka – ka – karte mit?«
»Schweig! Hi – hi – hilf mir lieber auf! Ko – ko – komm! Wir wollen es versu – su – suchen.«
Sie faßten sich gegenseitig an und würgten sich empor, durften sich aber nicht fahren lassen, sonst wären sie wieder gestürzt.
»Ko – ko – komm an die Mauer, Mi mi – mir wirds ganz schlecht,« ächzte Anton. »Ich glaub, ich mu – mu – muß mich brechen.«
Sie taumelten nach der Mauer und lehnten sich mit den Händen gegen dieselbe. Bald hörte Leni Töne, aus denen sie deutlich entnehmen konnte, daß Antons Befürchtung eingetroffen sei. Die übermäßig genossenen Getränke erzwangen sich einen unnatürlichen Ausweg, und das schallte so durch die nächtlich stille Straße, daß Leni einen unendlichen Ekel empfand. Wie hatte sie doch diesen Menschen lieben können!
Der Diener des Sängers war durch den Lärm welchen die Beiden verursachten, aufgeweckt worden. Er kam heraus und begann mit ihnen zu verhandeln.
Der Baron wollte nicht weiter, und Anton erklärte sich bereit, ihn bei sich zu behalten. Der Lakai schaffte Beide hinein, und nun hörte Leni unter sich einen Scandal, ein Lachen, Stöhnen, Brüllen und Johlen, wie es nur von ganz gemeinen Menschen verursacht werden konnte.
»Aus!« seufzte sie. »Ja, es ist aus! Er war es nicht werth, daß die arme Sennerin ihn anblickte. Wie thut es mir doch so herzlich leid um seine armen, braven Eltern!«
Sie legte sich zur Ruhe und hörte, noch bevor sie die noch nicht müden Augen schloß, daß der Lakai das Trottoir reinigte. Jetzt hätte sie dem einstigen Geliebten nicht mehr nur mit der Hand berühren mögen. Sie war für ihn unwiederbringlich verloren.
Als am anderen Morgen der Diener leise die Schlafstubenthür öffnete, lag sein Herr noch schlafend im Bette, der Baron auf dem Sopha. Beide waren angekleidet. Der Lakai hatte nicht einmal vermocht, sie ihrer Stiefel zu entledigen.
Er zog sich wieder zurück und hörte erst später an einem Geräusch, daß die Herren erwacht seien. Dann ertönte die Klingel, und als er bei ihnen eintrat, blickten sie ihn mit hohlen Augen aus leichenblassen Gesichtern an.
»Hering, viel Hering!« gebot der Sänger: »Es ist mir ganz höllenjämmerlich zu Muthe.
Das Verlangte wurde geschafft und in rohem Zustande verzehrt. Dann mußte der Diener einen doppelt starken Kaffee kochen und die Morgenzeitungen bringen.
Sie saßen ungewaschen und unfrisirt am Tisch und stierten in die Blätter, ohne eigentlich zu lesen. Beide waren noch ziemlich unvermögend, zusammenhängend zu denken.
Da aber fiel doch ein fett gedrucktes Wort, ein Name in die Augen des Barons.
»Sapperment, was ist das?« sagte er. »Sollte bereits Etwas von ihr dastehen?«
»Von wem?«
»Von der Ubertinka.«
»Ist von ihr zu lesen?«
»Ja, ziemlich viel. Und darunter stehen die beiden Buchstaben H und G.«
»Dann ists Goldmann, der Theateragent. Wenn ich mich nicht irre, ist Hugo sein Name.«
»War er gestern mit bei Commerzienraths?«
»Ja.«
»So ist er es allerdings, denn es ist erzählt, daß sie sich dort hat hören lassen.«
»Also ein Bericht! Steht auch über mich Etwas dabei?«
»Weiß es noch nicht. Will es erst lesen.«
»So ließ es laut, denn ich bin jetzt noch nicht im Stande, zu lesen. Es funkelt und flimmert mir vorn Augen.«
Der Baron kam der Aufforderung nach. Aber er las auch nur langsam und mit Unterbrechungen:
»Gestern Abend war den glücklichen Gästen des kunstsinnigen Herrn Commerzienrathes Baron von Hamberger ein außerordentlicher und ungeahnter Genuß bereitet.
Die berühmte Ubertinka trat einmal aus dem Geheimnisse heraus, welches sie wie ein von Sternen getragener Nimbus umgeben hat. Auf den Flügeln eines von Anderen kaum erreichten Ruhmes ist sie nach unserer Kaiserstadt gelangt, ohne das vorher Jemand eine Ahnung davon haben konnte. Und kaum war sie hier angekommen, so hatte der Herr Commerzienrath, wohl in Folge des wohl verdienten Rufes, in welchem seine Salons stehen, das Glück, seine Einladung von ihr angenommen zu sehen.
Natürlich blickten alle Anwesenden ihrem Erscheinen mit unbeschreiblicher Erwartung entgegen. Und als sie dann eintrat, vom Glorienscheine der Schönheit und Jugend umwebt, da begann man zu ahnen, daß das Gerücht nicht zu viel von ihr erzählt habe.
Und wenn schon ihre äußere Erscheinung zur Bewunderung hinriß, wie erst ihr Gesang! Denn obgleich man es natürlich nicht gewagt hatte, eine diesbezügliche Bitte an sie zu richten, so errieth sie doch den glühenden Wunsch der anwesenden Herrschaften und war so freundlich, sich dreimal hören zu lassen.
Sie sang zwei ernste, tief innige Lieder von Karl Gerock und dann in Gemeinschaft mit einem Gaste, dem vortrefflichen Herrn Hauptmann von Brendel – – –«
»Sapperment!« unterbrach sich der Vorleser. »Hauptmann von Brendel! Das ist er ja!«
»Wer?« fragte Anton.
»Mein Cumpan, allerdings ein ganz und gar vortrefflicher Kerl!«
»Hauptmann von Brendel? Ein Cumpan von Dir? Und mir unbekannt!«
»Habe ihn erst gestern kennen gelernt.«
»Wo?«
»Auf der Maskerade.«
»Doch nicht der lange Domino, von welchem Du so unzertrennlich warst?«
»Ganz derselbe. Weißt Du, er kam mit dem weiblichen Domino, von welchem Du allerdings sehr zertrennlich warst.«
»Pah! Ein langweiliges Geschöpf. Also ein Hauptmann war der Lange? Hm! Alt?«
»Ja. Beim Demaskiren sah ich, daß er weit in die Siebzig sein muß. Ich wollte ihn Dir natürlich vorstellen, aber es mußte ihn wohl irgendeine Maske in Beschlag genommen haben, denn er war ganz plötzlich weg und ließ sich auch nicht wieder sehen.«
»Scheint ein alter Lebemann zu sein?«
»Das ist er.«
»Gourmand, und doch kein Kostverachter.«
»Wie so?«
»Nun, an so einen Ort kommen doch nur Herren, welche sich eine Grisette holen wollen. Wenn also so ein alter Haudegen sich in den Domino steckt, so hat er die Absicht, liebenswürdig zu sein. Hat er Geld?«
»Massenhaft! Wir haben Freundschaft geschlossen.«
»So! Da werde ich ihn jedenfalls kennen lernen.«
»Wenn Du willst, so kannst Du es haben.«
»Natürlich! Wo wohnt er?«
»Im Hotel – Hotel – Donnerwetter! Jetzt hab ich das Hotel vergessen! Daran ist der alberne Rausch schuld, den ich hatte.«
»Er muß Dir doch seine Karte gegeben haben?«
»Natürlich! Ich habe sie irgendwo stecken.«
Er suchte sie überall, bis er sie endlich neben dem Taschentuche im Schooße seines Rockes fand. Er gab sie dem Sänger. Dieser las: »Josef von Brendel, Königlicher Bayrischer Hauptmann a. D.«
»Hm, eine Adresse ist allerdings nicht dabei,« sagte er.
»Weil er erst gestern hier in Wien angekommen ist.«
»Und ein Bauer ist er, also ein Landsmann von mir. Das freut mich. Hoffentlich wird er sich finden lassen!«
»Sicher! Er wird mich besuchen, denn ich habe ihn eingeladen, und er versprach es, zu kommen. Er spielt gern, sagte er.«
»Ah, da paßt er zu uns. War er ein angenehmer Gesellschafter?«
»Außerordentlich! Er war so liebenswürdig, daß mir in der Weinseligkeit das Herz aufgegangen ist. Ich befürchte, daß ich ihn da mehr zu meinem Vertrauten gemacht habe, als ich eigentlich beabsichtigen konnte. Uebrigens hatte ich ihn bereits vorher gesehen, im Café, wo er mit dem Commerzienrath von Hamberger und dem Grafen von Senftenberg an einem Tische saß.«
»Was! Hat er auch diese bereits kennen gelernt?«
»Ja. Er ist ja gestern mit auf der Soirée gewesen. Du mußt ihn gesehen haben.«
»So? Wie ist sein Aeußeres?«
Der Baron beschrieb den Sepp.
»So einen Herrn habe ich freilich nicht gesehen. Du mußt Dich also irren.«
»Er hat es mir selbst gesagt, und als ich ihn nach Dir fragte und ihm sagte, daß Du mein Special seist, sprach er sich sehr anerkennend über Deine Leistung aus.«
»So! Er muß an einem Orte gestanden haben, an welchem ich ihn nicht sehen konnte. Na, wenn er Dir versprochen hat, Dich zu besuchen, so werde ich ihn ja noch zu sehen bekommen. Bitte, lies jetzt weiter!«
Der Baron nahm das Blatt wieder zur Hand und fuhr fort:
»Also:
– – in Gemeinschaft mit dem vortrefflichen Hauptmann von Brendel – na, hörst Du? Da siehst Du ja genau, daß er da gewesen ist – – – einen lustigen Gebirgsjodler, welcher herzerfrischend erklang.
Was sollen wir über ihre Stimme, über ihren Vortrag sagen? Nichts! Denn wir sind überzeugt, daß wir keine treffenden Worte finden können. Diese Sängerin ist ein wirkliches Phänomen, nicht ein Stern, sondern geradezu eine Sonne am Himmel der Kunst, und Wien sollte sich alle Mühe geben, dieses Wunder für immer zu fesseln.
Wir sind sofort nach dem Schluß der Soirée förmlich nach der Redaktion dieses Blattes geeilt, um die Leser desselben von dieser überraschenden Neuigkeit zu unterrichten und ihre Aufmerksamkeit auf die gottbegnadete Beherrscherin der Töne zu lenken. H. G.«
»Das ist also der Bericht, dessen Verfasser vermuthlich der Theateragent ist. Darunter aber folgt noch weiter:
»Zu diesen Zeilen unseres verehrten Berichterstatters beeilt sich die Redaction, zu bemerken, daß es allerdings für unsere Kaiserstadt geradezu eine Pflicht ist, die Ubertinka zu fesseln.
Der in Rom erscheinende Diritto erzählt von dieser außerordentlichen Dame, daß ein englischer Lord sie zur Frau begehrte und, obgleich von ihr abgewiesen, doch von ihren Reizen so bezaubert war, daß er sie geradezu zwang, einen Schmuck von fast königlichem Werthe von ihm zum Andenken zu nehmen. Man sagt, daß sie ihn nie trage.
Und der Secolo, das verbreitetste Blatt Mailands, erzählt, daß ein alter Marchese, der keine Familie hat, ihr, als er in Gesellschaft einige Lieder aus ihrer Kehle hörte, den Antrag machte, sie zu adoptiren. Sie lehnte ab, und als er kurze Zeit darauf unerwartet starb, stellte es sich heraus, daß er sie zur Universalerbin eingesetzt habe. Sein Vermögen wurde ihr von Mailand nach Neapel, wohin sie inzwischen gegangen war, nachgesandt. Es befanden sich auch sämmtliche Familiendiamanten dabei.
Diese beiden kleinen Episoden mögen beweisen, welch ein reizendes Weib die Künstlerin auch schon in rein persönlicher Beziehung ist, und so wiederholen wir die Aufforderung, daß betreffenden Ortes sich durch ein Engagement der Signora der Dank der Hauptstadt zu verdienen wäre. Die Redaction.«
»Himmeldonnerwetter!« fluchte Anton. »Sie muß doch ein Wunder von Schönheit sein!«
»Und Diamanten mag sie haben! Oh!«
Seine Augen leuchteten begierig. Die Diamanten waren ihm am Meisten in die Ohren gefallen.
»Pah!« sagte der Sänger wegwerfend. »Was thue ich mit Diamanten. Sie selbst, sie selbst will ich haben! Eine solche Schönheit! Sie muß mein werden!«
Er war aufgesprungen.
»Ich denke, Du liebst die Tänzerin!« bemerkte der Baron in einem fast scharfen Tone.
»Allerdings. Ich heirathe sie. Aber die Ubertinka will ich auch kennen lernen.«
»Verbrenne Dir die Finger nicht!«
»Schwerlich! Sängerinnen pflegen nicht allzu spröde zu sein!«
»Diese aber doch, so viel man über sie erfahren hat.«
»Will sie schon kirre machen!«
»Dazu hättest Du gestern Abend die allerbeste Gelegenheit gehabt.«
»Alle Teufel! Das ist wahr. Jetzt könnte ich diesen Kerl, den Commerzienrath, zerreißen, daß er mich in der Musikantenstube kampiren ließ! Wo mag sie abgestiegen sein?«
»Im Hotel de l'Europe; das habe ich von dem alten Hauptmanne.«
»So werde ich hin zu ihr. Ich muß sie besuchen. Als College kann ich nicht von ihr abgewiesen werden.«
»Du findest sie nicht mehr dort. Sie hat sich bereits eine Privatwohnung genommen. Aber wo diese sich befindet, das wußte er nicht.«
Der Lakai hatte diese letzten Bemerkungen gehört, da er hereingekommen war, um die ausgetrunkenen Kaffeetassen wieder zu füllen. Er fragte mit einem sehr befriedigten Lächeln:
»Meinen die Herren etwa die Ubertinka?«
»Ja.«
»So kann ich mit deren Adresse dienen.«
»Soll das heißen, daß Du ihre Wohnung weißt?«
»Ja.«
»Das wäre ein sehr glücklicher Zufall. Wo befindet sie sich?«
»Der Zufall ist noch viel glücklicher, als der Herr denken können. Sie brauchen sich nur eine Treppe höher zu bemühen.«
»Eine Treppe höher? Wo denn?«
»Hier im Hause.«
»Was? Kerl, ists wahr?«
»Gewiß, gnädiger Herr.«
»Eine Treppe hoch? Also wohnt sie bei dieser Frau Salzmann?«
»Bei dieser. Sie hat die Zimmer, welche hier über dieser Wohnung liegen.«
»Verdammt! Du, Baron, wenn Sie uns gehört hat, als wir heimkamen!«
»Glaube es nicht. Die hat geschlafen.«
»Wer weiß es! Und nun kann ich mich freilich riesig darüber ärgern, daß ich mich mit der Wirthin verfeindet habe.«
»Leider! Denn heraus mußt Du. Aber, Jean, woher wissen Sie denn, daß die Sängerin hier wohnt?«
»Vom Küchenmädchen oben. Uebrigens hat die Signora heut früh bereits ihre Karte an die Thür befestigt.«
Der Diener ging jetzt hinaus, und die Beiden konnten nun vertraulicher weiter sprechen. Sie waren allerdings nicht diejenigen, welche sich allzugroße Mühe gaben, bei ihm in Respect zu stehen. Dennoch machte Anton dem Baron Vorwürfe über seine Aeußerung in Gegenwart des Lakaien, daß er doch fortmüsse.«
»Pah!« lachte der Gerügte. »Der Kerl hat gestern doch Alles gehört und weiß, woran er ist. Wenn ich Dir einen guten Rath geben soll, so ist es der, Dich schnell nach einer anderen Wohnung umzusehen.«
»Das hat keine Eile.«
»Willst Du haben, daß diese famose Frau Salzmann wirklich die Polizei zu Hilfe nimmt?«
»Ich glaube nicht, daß sie es thun wird. Und zu dem befindet sich jetzt die Ubertinka hier; da möchte ich gern wohnen bleiben.«
»Grad deshalb nicht. Du wirst sie viel leichter erobern können, wenn Du nicht hier wohnst. Hier würde die Wirthin merken, daß Du mit ihr verkehrst und sie vor Dir warnen.«
»Hm, das ist freilich einleuchtend. Aber ich befinde mich in einem so katerhaften Zustande, daß es mir augenblicklich unmöglich ist, mich nach einer Wohnung umzusehen.«
»So will ich es für Dich thun.«
»Du?« fragte Anton erstaunt. »Ich denke, Dich widert so Etwas an!«
»Wenn ich Dir einen Gefallen damit thun kann, so will ich gern in einigen Häusern umherkriechen.«
»Meinetwegen! Aber schau zu, daß dann die neue Wohnung nicht allzuweit von der jetzigen liegt.«
Der Baron nickte zustimmend, und über sein Gesicht flog dabei ein sehr befriedigtes Lächeln.
»Ganz recht. Du willst die Sängerin gern im Auge behalten. Wie wäre es, wenn Du auf der rückwärts liegenden Straße wohntest?«
»Das wäre die Circusgasse? Warum?«
»Sehr einfach deshalb, weil die Höfe oder Gärten beider Straßen aneinander stoßen. Ist die Wohnung der Sängerin oben grad so eingerichtet wie die Deinige, so schläft sie nach hinten hinaus. Du könntest sie dann von rückwärts herüber sehr gut mit dem Opernglase beobachten.«
»Du,« meinte Anton wie electrisirt, »das ist ein prachtvoller Gedanke. Ich bitte Dich, lauf hinüber nach der Circusgasse, und siehe zu, ob sich etwas Passendes findet!«
»Sogleich. Nur muß ich erst ein Wenig Toilette machen.«
Er gab sich Mühe, sein Aeußeres möglichst so weit zu restauriren, daß man ihm die Folgen des gestrigen Rausches nicht leicht anmerken könne, und begab sich dann auf die Suche.
Aus der großen Mohrengasse bog er in die Praterstraße ein, um dann aus der Letzteren links in die Circusstraße zu kommen. Dabei murmelte er still für sich hin:
»Prächtig, daß er meinen Vorschlag angenommen hat! Eigentlich hätte ich ihm heut in der Nacht die Kasse ausräumen können; aber mein Rausch war zu groß, und ich hätte sofort fliehen müssen, da der Verdacht natürlich auf mich gefallen wäre. Die Herren von der Polizei scheinen mich bereits im Auge zu haben. Aber ich kann noch nicht fort. Erst muß ich die Ankunft dieses sogenannten Fex erwarten, der sich jetzt Baron Curty von Gulijan nennt. Wenn ich seine Papiere erwischen kann, muß er den Prozeß verlieren und bleibt der Fex, der er gewesen ist. Und diese Sängerin besitzt solche Brillanten! Jedenfalls hat sie auch eine Masse Geld bei sich, da der dumme Marchese sie zur Erbin eingesetzt hat. Wenn ich das Glück habe, jetzt eine Wohnung zu finden, aus deren Hof ich heimlich in den Hof dieser Frau Salzmann gelangen kann, so ist es ja leicht, der Ubertinka einen nächtlichen Besuch abzustatten und sie um Geld und Diamanten zu erleichtern. Ah!«
Er blieb freudig überrascht stehen, denn er erblickte den alten Hauptmann, welcher soeben um die Ecke der Ferdinandstraße gebogen kam.
»Sie, Baron!« rief Sepp. »Gehen Sie auch bereits spazieren.«
»Geschäftsgang. Ist mir außerordentlich lieb, Sie zu treffen. Der Champagner war nicht echt und hat mein Gedächtniß angegriffen. Ich habe ganz vergessen, in welchem Hotel Sie wohnen.«
»Kronprinz von Oesterreich, Asperngasse Nummer Vier.«
»Danke! Werde Sie dort umstürzen, erwarte aber, daß Sie vorher mich besuchen. Meine Adresse haben Sie doch?«
»Gewiß. Sie gaben mir ja Ihre Karte.«
»Schön! Wo waren Sie denn so plötzlich hin?«
Sepp machte ein pfiffiges Gesicht.
»Sie dürfen mir mein Verschwinden nicht übel nehmen. Ich wurde fort gelockt. Sie wissen ja: Halb zog sie ihn, halb sank er hin – –«
»Da wars um ihn geschehen! Verstehe! Na, alter Freund, Discretion! War mir übrigens gar nicht lieb. Ich hatte meinem Freunde Criquolini versprochen, Sie mit einander bekannt zu machen. Heut hab ich bei ihm geschlafen, denn die Beine waren mir wirklich wie Blei. Ich habe ihn getröstet, daß ich ihn Ihnen schon noch zuführen werde. Sie erlauben es doch!«
»Natürlich! Es würde mich freuen, ihn näher kennen zu lernen.«
»Dazu wäre gleich jetzt die beste Gelegenheit. Ich suche, da er seine Wohnung plötzlich zu verlassen gedenkt, hier in der Circusgasse eine andere für ihn. Wenn Sie sich den Spaß machen wollten, sich mir auf dieser interessanten Jagd, welche wohl nicht lange dauern wird, anzuschließen, so könnten Sie dann gleich mit zu ihm kommen. Dann frühstücken wir miteinander und – machen ein kleines Spielchen.«
Er sagte das Letztere mit einem feinen, pfiffigen Lächeln. Der Alte antwortete aber:
»Wollen Sie mir so großen Appetit machen? Thut mir leid, da ich für jetzt versprochen bin, stehe Ihnen aber sonst stets zur Verfügung.«
Sie trennten sich. Der Sepp schritt langsam weiter und beobachtete, daß der Baron wirklich in die Circusstraße einbog.
»Fehlte noch, den Criquolini kennen zu lernen, brummte er. »Kenne ihn bereits genug. Dieser Krickelanton darf mich hier ja gar nicht sehen. Er würde mich sofort erkennen und mir die ganze Geschichte verderben.«
Er wandte sich der Asperngasse zu. Da fuhr die Pferdebahn grad an ihm vorüber.
»Sepp, Sepp!« hörte er sich vom Wagen herab anrufen.
Er blickte verwundert auf. Wer konnte ihn hier bei diesem Namen erkennen? Ein junger, sehr elegant gekleideter Herr sprang im Fahren ab und kam auf ihn zugeeilt, ihm beide Hände zum Gruße entgegenstreckend.
»Ists möglich. Du hier, alter Sepp! Und in so vornehmer Toilette! Was hast Du hier zu thun? Gewiß Heimlichkeiten, weil Du incognito gehst.«
»Himmelsappermenten, dera Fex, dera richtige und wirkliche Fex!« antwortete Sepp. »Bursch, in Wien bist auch? Das ist ja eine Freud und Ueberraschungen, die ich gar nicht derwartet hab!«
»Mir geht es ebenso. Wie konnte ich ahnen, daß Du Dich hier befindest! Ich bin ganz perplex vor Entzücken.«
»Na, mit dem Entzücken wirst Du – – –«
Er unterbrach sich, kratzte sich hinter dem Ohre und fuhr dann fort:
»Sappermenten, was mach ich da für eine Dummheiten! So was ist doch nun verboten?«
»Was denn?«
»Dera Herr sind ja ein Baronen worden, und ich sag immer noch Du zu ihm!«
»Das will ich mir auch ausgebeten haben! Für Dich bin ich der Fex, und es bleibt bei dem Du. Verstanden? Uebrigens ist es mit dem Baron noch nicht ganz sicher. Die Erben meiner Eltern sitzen zu fest und wollen nicht weichen und mich nicht anerkennen. Ich glaube aber, daß in Kurzem die für mich günstige Entscheidung fallen wird. Hätte nicht unser guter König Ludwig die Sache selbst in die Hand genommen, so könnte ich prozessiren bis an mein sanftseliges Ende.«
»Bist wohl in dieser Angelegenheit hier?«
»Nein. Ich such die Muhrenleni.«
»Die? Wozu?«
»Ich will sie für meine Oper engagiren.«
»Hast gar eine Opern compernirt? Sappermenten! Willst so hoch hinaus?«
»So hoch wie möglich,« lachte der Fex.
»Na, dann Glück zu! Weißt denn, daß die Leni hier in Wien ist?«
»Ja. Wir sind stets im Briefwechsel geblieben.«
»Und wo sie wohnt und wie sie heißt?«
»Ubertinka nennt sie sich und im Hotel de l'Europa ist sie gestern abgestiegen. Das hat sie mir telegraphirt.«
»Im Hotel findest sie nicht mehr. Sie hat sich da hinten in dera Mohrengassen ein Logement gemiethet.«
»So komm gleich! Führe mich zu ihr!«
»Wart noch ein Weilchen! Das geht nicht so schnell, denn ich darf mich dort nicht sehen lassen.«
»Nicht? Bist doch nicht etwa mit ihr zerfallen?«
»Zerfallen? Was denkst von uns! Der Sepp und seine Leni können niemals mitsammen uneinig werden. Nein, es ist was Anderes. Dera Krickelanton wohnt nämlich mit ihr in demselbigen Haus.«
»Dieser? Daß er da ist, weiß ich. Aber daß er bei ihr in demselben Hause wohnt, ist wieder ein seltener Zufall. Aber warum soll er Dich nicht sehen?«
»Weil ers dem Baron von Stubbenau verrathen thät, daß ich nicht Hauptmann bin.«
Der Fex machte ein erstauntes Gesicht.
»Hauptmann? Du? Giebst Du Dich hier etwa für einen Offizier aus?«
»Siehst mir das nicht an? Schau ich nicht aus, grad wie ein pensionirter Hauptmann?«
»Ja, grad so,« antwortete der Fex, ihn lächelnd musternd. »Aber was ist das für ein Baron, von welchem Du sprichst?«
»Das werd ich Dir sagen, wannst jetzt mit in mein Hotelzimmer gehst. Oder hast keine Zeit? Woher kommst, und wohin willst?«
»Ich komme direct vom Bahnhofe, habe mein Gepäck dort stehen lassen, um es später abholen zu lassen und wollte mit der Pferdebahn nach dem Hotel de l'Europa zur Leni.«
»Ich wohn gleich nebenbei im Kronprinzen von Oesterreichen. Komm mit. Es ist gar nicht weit von hier.«
In seinem Zimmer angekommen, bestellte der Sepp ein Frühstück und erklärte dann seinem jungen Freunde:
»Weshalb ich eigentlich hier bin, das brauchst nicht zu wissen. Es ist eine Sach, die den König betrifft. Er hat mir einen Auftrag geben, den ich ausführen soll. Nebenbei aberst bin ich auch Deinetwegen mit da.«
»Wirklich? In wiefern?«
»Ich such einen Kerl, welcher Dir wohl Etwas am Zeug flicken will.«
»Wer könnte das sein?«
»Eben dieser Baron von Stubbenau.«
»Ich kenne ihn nicht, habe ihn also nie beleidigt und kann daher nicht einsehen, was er gegen mich hat.«
»Gegen Dich selbst, gegen Deine Person wohl nix. Aberst Dein Prozeß scheint ihm im Kopf zu liegen. Weißt, dera Mensch hat sich einige Wochen in Scheibenbad und Hohenwald umhertrieben und sich da ganz auffällig nach Dir, dem Thalmüller und dem Silberbauer erkundigt. Er ist dann überall gewest, wo Du Dich befunden hattest. Es war klar, daß er Dich suchte. Das hab ich hört und mir einen Vers draus macht. Von da an hab ich ihn aufs Korn nommen und ihn nicht wieder aus denen Augen lassen, bis ich ihm nach Wien nachgereist bin. Ueberall hat er einen andern Namen. Die hiesige Polizei hat ihn auch bereits im Gesicht. Gestern nun hab ich als bayrischer Hauptmann Josef von Brendel, was doch mein eigentlicher Name ist, seine persönliche Bekanntschaft macht, um ihn auszuhorchen. Als er hörte, daß ich aus Bayern sei, hat er von Dir anfangt, und da ich sagte, daß ich Dich kenne, hat er mich ausfragt, wie man einen Schwamm ausquetscht. Ich aberst hab ihm natürlich keine Auskünften geben. Er weiß, daß Du nach Wien kommen willst, und studirt nun die Fremdenlisten, um zu sehen, wo Du wohnst.«
»Das ist freilich außerordentlich auffällig.«
»Nicht wahr!«
»Von wem aber kann er erfahren haben, daß ich nach Wien will?«
»Er hat mir natürlich nix sagt.«
»Es wissen ja nur drei Personen davon, nämlich ich, die Leni und mein Advocat, der meinen Prozeß führt.«
»So! Wirklich weiter Niemand?«
»Keine Seele!«
»Na, Du hasts nicht verrathen und die Leni auch nicht; also ists der Advocaten gewest. Nimm Dich in Acht! Trau ihm nicht! Vielleichten hängt er auf Deinen Gegnern ihrer Seit, und dann ist dera Prozeß freilich verloren.«
»Weißt Du nicht, ob der Baron mich kennt?«
»Gesehen hat er Dich noch nicht.«
»So werde ich ihn mir einmal betrachten, ohne daß er es weiß, wer ich bin.«
»Ja, er hat Vertrauen zu mir gefaßt, und ich denk, daß es mir gelingen wird, aus ihm heraus zu bekommen, was er eigentlich gegen Dich im Schilde führt. Da kommt das Frühstück. Laß uns zugreifen!«
Als der servirende Kellner sich wieder entfernt hatte, setzten sie ihre Unterredung fort. Sie erzählten sich, was sie seit ihrer Trennung erlebt hatten.
Sepp hatte nicht viel zu berichten, der Fex auch nicht mehr. Er hatte fleißig Musik studirt, praktisch und theoretisch, und dabei die nöthigen, amtlichen Schritte gethan, als der Sohn des todten Barons von Gulijan anerkannt zu werden. Da er als Knabe verschwunden war und längst für todt galt, hatten entfernte Verwandte das reiche Erbe angetreten. Diese bestritten seine Identität, und so wurde ein Prozeß anhängig gemacht, welcher nach und nach alle Instanzen durchlief und nur durch das unmittelbare Eingreifen des Königs eine Beschleunigung erhielt. Der Fex hatte bisher gesiegt und war überzeugt, auch in letzter Instanz den Prozeß zu gewinnen. Die Entscheidung sollte bereits in kurzer Zeit gefällt werden.
Nach Dem, was der Sepp jetzt erzählte, konnte man leicht auf eine heimliche Agitation schließen, und darum beschloß der Fex, sich noch heut zu seinem Wiener Advocaten zu begeben.
»Und eine Opern hast also macht?« fragte der Sepp endlich. »Was hast ihr denn für einen Titel geben?«
»Götterliebe.«
»Das klingt recht vornehm. Weißt denn auch, wie die Göttern einander lieb haben?«
»Grad so wie die Menschen.«
»Dann hätten sie ja gar nix vor uns voraus!«
»Du darfst nicht vergessen, daß die Götter der Griechen und Römer nichts waren, als die Personification der menschlichen Verhältnisse und Gefühle. Sie hatten Leidenschaften und Fehler grad so wie die Menschen. Weißt Du, wer den Text gedichtet hat?«
»Nix weiß ich.«
»Max Walther, der einstige Lehrer von Hohenwald. Und der früher so kranke und elende Elephantenhanns hat die Decorationen gemacht.«
»Wie kommst zu ihnen? Die waren doch vorher in Egypten, damit dera Hanns gesund werden soll, und hernach sinds bis jetzt und heut in Italien.«
»Wir haben uns stets geschrieben.«
»Aberst so eine Decorationen kostet doch ein großes Geldl!«
»Der Hanns hats umsonst gemacht. Uebrigens bin ich jetzt sehr gut bei Geld. Ich habe einen Bankier, der mir seine Kasse zur Verfügung gestellt hat da er überzeugt ist, daß ich meinen Prozeß gewinnen werde. Die Oper soll baldigst in Herrenhörmsee aufgeführt werden.«
»Wills dera König? Davon hab ich doch gar nix derfahren!«
»Er weiß selbst noch gar nichts davon. Es soll eine Ueberraschung für ihn werden. Er soll dabei alle unsere Bekannten sehen, welche er glücklich gemacht hat. Rudolf von Sandau, Hem er den Preis für den Kirchenbau von Eichenfeld zugesprochen hat, soll das Theater bauen.«
»Alle Teufel! Ein extra Theater soll baut werden! Da unternimmst zu viel.«
»Nein. Es wird ein Bretterbau, zu nur einer einzigen Vorstellung berechnet. Die Leni soll die Venus singen und der Krickelanton den Mars. Das ist das Liebespaar.«
»Du, das laß sein. Die Leni mag von dem Anton nix mehr wissen.«
»Werden sehen. Es ist jetzt Alles nur im Entwurf. Es ist ein Plan, der noch gar mancherlei Aenderungen erfahren kann. Ich werde vor Allem mit der Leni reden. Meinst Du, daß sie jetzt zu sprechen ist?«
»Wahrscheinlich. Aberst nimm Dich in Acht, daß dera Anton Dich nicht derblickt!«
»Ich werde aus derjenigen Straßenrichtung kommen, nach welcher die Wohnung Antons nicht liegt. Welche ist das?«
»Von rechts.«
»Gut. Du gehst nicht mit?«
»Nein. Kommst nachher wieder her. Gehst von hier aus die Ferdinandstraß hinab; dann kommst gleich in die Mohrengassen.«
Nachdem der Fex sich noch nach der Hausnummer erkundigt hatte, brach er auf. Leider aber hatte er den Alten nicht richtig verstanden. Er ging ganz im Gegentheile so, daß er von Antons Fenstern aus gesehen werden konnte.
Bei diesem Letzteren war indessen der Baron wieder eingetroffen und hatte ihm mitgetheilt, daß er eine sehr passende Wohnung gefunden und auch sogleich gemiethet habe. Diese Wohnung lag mit ihrer hinteren Front der hinteren Fronte des Salzmannschen Hauses so grad gegenüber, daß es leicht war, mit einem guten Glase der Sängerin in die Fenster zu blicken. Der Baron führte Anton an das Fenster seines Schlafzimmers und zeigte ihm die in der ersten Etage des betreffenden Hauses gelegenen Fenster des neuen Logis.
»Das ist ja ganz vortrefflich!« sagte Anton.
»Und für mich paßt es noch vortrefflicher,« dachte der falsche Baron. Laut aber fügte er hinzu: »Nun rathe ich Dir, sofort auszuziehen, vorher aber der Wirthin Deinen Abschiedsbesuch in einer möglichst verächtlichen und beleidigenden Weise zu machen.«
»Pah! Ich möchte sie am Liebsten gar nicht ansehen.«
»Meinetwegen. Du könntest ihr das auch durch den Lakayen sagen lassen; aber vielleicht bekämst Du dabei die Sängerin zu sehen.«
»Da hast Du recht,« stimmte Anton sofort bei.
»Ich gehe hinauf und werde gleich Toilette machen.«
Er trat an den am Fensterpfeiler befestigten Spiegel. Dabei fiel sein Blick auf die Straße.
»Was! Wer ist das?« rief er aus. »Das ist ja der Fex!«
Als der Baron diesen Namen hörte, trat er sofort an das Fenster. Aber er sah Niemanden.
»Der Fex?« fragte er. »Welch ein sonderbarer Name. Wer ist das?«
»Gleich, gleich! Er muß in unser Haus getreten sein. Ich muß das wissen. Ein Bekannter von mir. Entschuldige einen Augenblick!«
Er eilte hinaus, durch das Vorzimmer und öffnete die nach dem Hausflur gehende Thür. Es befand sich Niemand da. Droben aber klingelte es. Er hörte eine fragende Männer- und eine antwortende Frauenstimme und dann ging die Vorsaalthür zu.
Jetzt kehrte er zu dem Baron zurück.
»Er war es,« sagte er. »Er ist oben hinein, bei der Wirthin. Was mag er dort wollen?«
Der Baron war auf das Freudigste überrascht, den Namen Dessen zu hören, den er hier in Wien suchte, dessen Ankunft er bisher vergeblich erwartet hatte. Aber er durfte sich das nicht merken lassen. Darum fragte er im ruhigsten Tone:
»Wer ist denn eigentlich das Subject, welches Du Fex nennst? Wohl ein Original, wie der Name andeutet?«
»Nein, aber doch ein höchst sonderbarer Mann. Er war Fährmann, galt für blödsinnig, war es aber nicht, sondern hatte sich nur so gestellt. Jetzt ist er Baron.«
»Wie ist das möglich?«
»Er war das abhanden gekommene Kind sehr reicher Eltern.«
»Kennst Du den Namen derselben?«
»Gulijan. Das Stammschloß der Familie liegt, glaube ich, in der Nähe irgend eines mir unbekannten Nestes, welches Slatina heißt.«
Jetzt wußte der Baron, daß er den Richtigen entdeckt hatte. Er fragte weiter und ließ sich von Anton, welcher dabei ununterbrochen an seiner Toilette arbeitete, Alles erzählen, was er wußte.
»Wunderbare Schicksale, die dieser junge Mann gehabt hat!« sagte er dann. »Ich möchte ihn wohl kennen lernen.«
»Nichts ist leichter als das. Wir sind sehr gute Bekannte, fast möchte ich sagen, Freunde. Ich werde Dir ihn vorstellen.«
»Prächtig! Aber wann?«
»Heut natürlich noch, jetzt, wenn Du es wünschest. Ich werde ihn oben bei der Wirthin sprechen.«
»So beeile Dich!«
Als der Sänger dann noch die Hilfe seines Dieners in Anspruch genommen hatte, um sich salonfähig zu machen, begab er sich nach oben und fragte Martha, welche öffnete, ob Frau Salzmann zu sprechen sei. Er wurde in den Salon geführt, erblickte aber den Fex nicht, da dieser sich in Leni's Zimmer befand. Frau Salzmann war auch dort und wurde durch Martha von der Anwesenheit ihres Miethers benachrichtigt. Sie begab sich zu ihm.
Er machte eine mehr höhnische als höfliche Verbeugung und sagte:
»Störe ich etwa?«
»Ja,« antwortete sie aufrichtig.
»Sie werden es sich gefallen lassen müssen, denn es sind zwei Gründe, welche meine Anwesenheit hier nöthig machen.«
Sie schwieg und blickte ihn erwartungsvoll an.
»Ich theile Ihnen nämlich mit, daß ich jetzt ausziehen werde.«
»Das erfreut mich ungemein!«
»Auch ich bin froh, bei anderen und höflicheren, gebildeteren Leuten wohnen zu können!«
»Ich gratulire – aber nicht Ihnen, sondern diesen Leuten. Wenn Sie sich bei denselben in der ersten Nacht so einführen, wie Sie sich in der letzten Nacht hier verabschiedet haben, so werden sie bald wissen, was für einen gebildeten Miether sie haben.«
»Frau Salzmann!« rief er zornig.
»Schon gut! Sie haben mir jetzt den einen Grund mitgetheilt. Darf ich auch den anderen erfahren?«
»Natürlich. Es ist ein Herr bei Ihnen?«
»Nein.«
»Ich sah ihn eintreten und hörte ihn auch hier oben klingeln.«
»So haben Sie gehorcht? Eine neue, sehr empfehlende Eigenschaft, welche ich an Ihnen entdecke. Bei mir ist Niemand.«
»Da lügen Sie!«
»Herr! Ich lüge niemals! Dieser Herr ist bei meiner neuen Mietherin, der Signora Ubertinka.«
»Ich habe ihn zu sprechen. Bitte, melden Sie mich!«
»Thut mir leid! Erstens bin ich kein Dienstbote, dem man Befehle ertheilt, und sodann sind die Herrschaften jetzt nicht zu sprechen.«
»Für mich ist dieser Herr stets zu sprechen!«
»Jetzt nicht. Er befindet sich bei der Signora, und diese hat Befehl ertheilt, daß ganz besonders Sie von ihrer Wohnung fern zu halten seien.«
»Ah! Sie beleidigen mich!«
»Das hat nicht viel auf sich. Wer keine Ehre hat, der ist nicht zu kränken.«
»Mir das! Wenn Sie nicht eine Frau wären, so würde ich Sie jetzt maulschelliren wie einen Packträger. Ich habe übrigens mit Ihnen nichts mehr zu thun und werde mich selbst anmelden. Machen Sie Platz!«
Er schob sie von der Thür hinweg und trat auf den Vorsaal. Sie aber eilte ihm nach und ergriff ihn grad noch an der zu Leni's Zimmer führenden Thür am Arme.
»Halt!« rief sie im höchsten Zorne. »Sie gehen zurück! Sie verlassen mein Lokal, sonst mache ich das wahr, was Sie gestern sagten – ich lasse Sie wegen Hausfriedensbruch bestrafen.«
»In diesem Falle ist von einem Hausfriedensbruch keine Rede. Ich werde – – –«
In diesem Augenblicke wurde von innen die Thür geöffnet und ihm mit solcher Gewalt in den Rücken gestoßen, daß er weit zurückflog. Der Fex erschien unter derselben.
»Welch ein Skandal!« sagte er. »Was geht hier vor? Bedürfen Sie meiner Hilfe, meine werthe Frau Salzmann?«
»Ja. Dieser freche Mensch will bei der Signora eindringen.«
»Das wollen wir uns natürlich verbitten!«
»Unsinn!« rief Anton. »Ich darf hinein. Fex, kennst Du mich denn nicht mehr! Ich bin es ja, ich.«
Er trat näher heran. Der Fex hatte bisher gethan, als ob er ihn nicht erkenne, jetzt aber antwortete er:
»Du, der Krikelanton! So, so! Nun, laß mich einmal fragen.«
Er wendete sich in das Zimmer zurück:
»Signora, gestatten Sie, daß der Herr eintreten darf?«
Der Anton wendete den Kopf nach rechts und nach links, um an dem Fex vorüber und die Sängerin sehen zu können. Sie aber hatte sich natürlich so gestellt, daß er sie nicht erblicken konnte, und antwortete:
»Nein; ich danke sehr!«
»Aber er ist ein alter Bekannter von mir!«
»Dann thut es mir leid um Sie, denn es ist keine Ehre, solche Personen zu kennen. Bitte, kommen Sie, und schließen Sie die Thür!«
»Donnerwetter!« fluchte der Anton. »Die muß ich mir doch ansehen. Mach Platz, Fex!«
Er wollte hinein. Der Fex aber behielt die Thür in der Hand, blieb fest stehen und sagte in ernstem Tone:
»Anton, mach keine Dummheit! Die Dame will nichts von Dir wissen!«
»Warum? Warum, frage ich?«
»Das wird sie selbst wissen; meine Sache ist das nicht. Du aber wirst einsehen, daß es meine Pflicht ist, die Dame zu unterstützen. Es sollte mir leid thun, mich mit Dir veruneinigen zu müssen. Sei also so gut, und zieh Dich zurück!«
Diese bittenden Worte verfehlten ihren Eindruck nicht.
»Mag sein, daß Du den Beschützer spielen mußt,« antwortete der Sänger. »Wir wollen uns nicht prügeln deshalb. Aber dann, wenn Du gehst, so komm einmal zu mir. Ich wohne im Parterre. Ich bitte Dich, komme aber bestimmt. Willst Du?«
»Ja.«
»So bin ich befriedigt. Auf Wiedersehen.«
Er ging.
Der Fex machte die Thür wieder zu und wendete sich an seine Freundin. Frau Salzmann kam jetzt nicht wieder herein. Leni sagte:
»Jetzt wirst Du mir glauben, was Du vorhin für unmöglich hieltest. Er ist ein roher Mensch geworden.«
»Arme, arme Leni!«
Er ergriff ihre Hand und drückte dieselbe theilnehmend. Sie schüttelte abweisend den Kopf.
»Bedaure mich nicht, guter Fex. Ich fühle mich keineswegs unglücklich, sondern vielmehr sehr glücklich darüber, daß ich gegen ihn zu nichts mehr verpflichtet bin. Ich hätte als sein Weib die Hölle an seiner Seite gehabt.«
»So gratulire ich Dir allerdings von ganzem Herzen. Er hat niemals meine besondere Zuneigung besessen, denn er hatte stets etwas Gewaltsames, Rücksichtsloses an sich. Für so einen Bräutigam findest Du allemal Ersatz.«
Sie erröthete.
»Ich denke nicht daran. Was Gott thut, das ist wohlgethan. Ich ergebe mich in seinen Willen und habe nichts dagegen, wenn es mein Schicksal ist, ledig zu bleiben. Laß uns lieber von Deiner Liebe sprechen. Sie ist glücklicher als die meinige.«
Die Züge des Fex veränderten sich plötzlich. Er wurde bleich, und seine Augen bekamen einen feuchten Schimmer.
»Glücklicher?« fragte er. »Wieso?«
»Nun, Deiner Paula kannst Du sicher sein.«
»Meinst Du? Ah!«
Er strich sich mit der Hand über die Stirn und wandte sich ab.
»Fex, Fex, was ist mit Dir?« fragte sie erschrocken. »Hats auch mit der Paula Etwas gegeben?«
Er nickte, sich ihr wieder zuwendend.
»Was denn, was?«
»Das hast noch nicht gehört?«
»Nein, kein Wort.«
»Auch dera Sepp hat Dir nix sagt?«
»Nein, gar nix.«
Sie fielen Beide in ihrer Herzenserregung in den heimischen Dialekt.
»Das wundert mich. Er weiß doch Alles.«
»Ich hab ihn ja erst gestern Abend – nach so langer Zeit zum ersten Male wiedergesehen. Und da hatten wir keine Zeit zu langen heimathlichen Berichten.«
»Aber er hätte es Dir schreiben können.«
»Der? Der schreibt nicht gern. Und wenn er muß, so setzt er sicher nur das Allernothwendigste auf das Papier. Aber Du, Du hättest es mir schreiben sollen. Wir haben doch so viele Briefe wechselt.«
»Wer schreibt gern über sein Elend!«
»Ists gar so schlimm?«
»Leider, leider.«
»Was ist geschehen?«
»Ja, wenn ich das eben wissen thät!«
»Du weißt selber nix? Das ist doch unbegreiflich. Du mußt doch wissen, warum Du unglücklich bist. Ist sie Dir untreu worden?«
»O nein, gewiß nicht.«
»Was dann?«
»Fort ist sie.«
»Wohin?«
»Kein Mensch weiß es.«
»Herrgott, da muß ich gar erschrecken! Die Paula ist fort, das gute, liebe Dirndl! Wie ist denn das kommen?«
»Was mit ihrem Vatern geschehen ist, das hast doch erfahren?«
»Ja. Er ist fürs ganze Leben in das Zuchthaus kommen.«
»Ja, und sein ganz Hab und Gut ist verloren. Jetzund ist dera Finkenheiner Herr in dera Thalmühlen. Er hat sich der Paula annehmen wollen und sie behandeln wollen wie sein Kind. Ich hab das mit ihm besprochen gehabt und war nach Paris, um dort den Unterricht eines berühmten Geigers zu empfangen. Da erhielt ich von dera Paula, die meine Adreß gewußt hat, einen Brief. Als ich das Couvert aufmacht hab, hat es eine Haarlocke und einen kleinen Zettel enthalten. Darauf stand geschrieben – – ich habs hier; ich kanns Dir ja zeigen.«
Er knöpfte seine Weste auf und zog unter derselben ein Medaillon hervor, welches er öffnete. Es enthielt eine Locke von Paula's schönem, braunem Haar und den zusammengelegten Zettel. Leni öffnete ihn und las:
»Mein einziger Fex!
Jetzt ist es aus. Die Schande ist zu groß. Ich kann sie nicht ertragen. Die Thränen verzehren mich, denn die Tochter des Zuchthäuslers darf Dir niemals wieder unter die Augen treten. Ich hab nur Dich geliebt. O Gott, wie ist das Scheiden so schwer, das Scheiden von Dir und dem Leben. Der liebe Gott laß Dich recht glücklich werden. Denk dann zuweilen an Dein unglückliches
Eichkatzerl!«
Während Leni das las, hatte der Fex sich auf den Stuhl gesetzt. Er legte das Gesicht in seine beiden Hände und weinte bitterlich.
Leni sah das und brach auch sofort in lautes Schluchzen aus.
»Herrgott, welch ein Herzeleid das ist!« rief sie aus. »Warum hat die Paula das than!«
»Ja, warum hat sie mir das anthun müssen!«
»Sie hats nicht aushalten konnt!«
»Und daran bin ich allein schuld.«
»Du? Warum?«
»Ich hätt sie gar nicht dort in dera Heimath lassen sollen. Ich hätt sie fortnehmen müssen, wo anders hin, wo sie nix sehen und hören konnt von Allem, was geschehen war. Ich aber hab sie daheimgelassen. Das ist dera Vorwurf, der an meiner Seele sticht und schneidet. Aber ich war ja auch arm und konnt nicht so, wie ich wollt. Ich hatt nur das, was dera König mir gab. Aber wann ichs ihm richtig verzählt hätt, so wär er ganz sicher bereit gewest, dera Paula fort zu helfen. Und das hab ich versäumt!«
»Was hast denn than, alst den Brief erhielst?«
»Nach Haus bin ich sogleich.«
»Durch Frankreich nach Bayern?«
»Ja, gleich mit dem nächsten Zuge. Mein Geldl hat grad zu dieser Reise gereicht. Dann hab ich zum Glück den Sepp troffen, der hat mir neues geben. Ich bins ihm heut noch schuldig, denn der Alte will niemals was wieder zurücknehmen.«
»Und dann hast nach dera Paula sucht?«
»Ja, ich und der Sepp und viele Andere und die Polizei; aber kein Mensch hat eine Spur finden konnt. Sie ist todt.«
»Das ist nicht so gewiß, alst denkst!«
»O doch. Wann sie noch leben thät, so hätten wir sie längst entdeckt.«
»Und ich denk grad das Gegentheil. Wann sie todt wär, so wär ihre Leich ganz sicher funden worden.«
»O nein. Es kommt darauf an, wo sie den Tod sucht hat. Wanns sich in einen Abgrund stürzt hat oben im Gebirg oder in einen tiefen Alpensee, dann ist ihre Leich nicht zu finden. Und das wird sie gemacht haben. Es ist im ganzen Land sucht worden, denn nachhero, als es freilich zu spät war, hab ich mich an den König gewendet, und der hat den Befehl geben, die Nachforschung mit aller Anstrengung und allen Mitteln zu betreiben; aberst es ist vergeblich gewest.«
Leni legte ihren Arm um seine Schulter.
»Und nun hast wohl keine Hoffnung mehr, lieber Fex?« fragte sie.
»Keine!«
»Das ist doch gar so traurig!«
»Ja, es ist nicht auszusagen. Wann ich nur wenigstens ihr Leich funden hätt! Da wüßt ich doch, wohin ich denken müßt, wann ich an sie denken will. Dera liebe Herrgott wird ihr gnädig sein in seiner Allbarmherzigkeit. Sie hats eben nicht überleben können. Sie ist so ganz änderst gewest als ihr Vater. Die Schand hat ihr das Herz abdruckt. Und ich – nun, ob ich das so weiter tragen kann, das weiß ich nicht.«
»Fex, versündige Dich nicht auch!«
»Was willst? Hab keine Sorg! Ich werd mir nix zu Leide thun. Aberst fressen und nagen und zehren thuts an mir. Wann das so fort geht, nachhero wird dera Mensch schnell alle.«
»Du mußt Dich aufraffen!«
»Das hab ich versucht.«
»Aberst nicht richtig!«
»O doch! Ich hab mich in die Arbeit worfen, die doch das beste Mittel gegen das Herzeleid ist – nix hats geholfen. Ich bin auf Reisen gangen – mein Leid ging mit. Ich bins nicht los geworden und kann es überhaupt nicht los werden. Soll ich mich etwa, um es zu vergessen, dem Laster in die Arme werfen, dem Trunk und Spiel?«
»Da sei Gott vor!«
»Das fallt mir auch gar nicht ein. Und so reibt es mich auf, langsam aber sicher.«
»So darf aber ein Mann nicht sagen! Du bist noch so jung, erst ein Jüngling. Wer kann da am Leben und am Herrgott verzweifeln!«
»Ja, das ist freilich ein Trost, der einzige, den es giebt. Wer weiß, wozu der Herrgott mir diese Trübsal schickt hat, vielleicht damit ich nicht zu stolz werden soll. Ich werde reich sein und ein Baron dazu; auch werde ich, wie es den Anschein hat, als Virtuos und Komponist mir einen Namen machen. Das ist so viel des Glückes, daß man gar leicht übermüthig werden kann.«
Da öffnete die Wirthin die Thür.
»Darf ich stören?« fragte sie.
»Kommen Sie herein!« antwortete die Leni.
»Ich werde gleich wieder gehen; aber da Sie vorhin davon sprachen, daß Sie einige Zeit hier in Wien zu bleiben gedenken und sich da eine Privatwohnung suchen wollen, so glaubte ich, Ihnen sagen zu sollen, daß der Sänger unten noch vor Mittag seine Wohnung verlassen wird. Vielleicht wohnen Sie gern mit Signora Ubertinka in einem Hause.«
Diese Worte waren an den Fex gerichtet.
»Das ist mir freilich außerordentlich lieb,« antwortete dieser. »Leni, stört es Dich, wenn ich unten einmiethe?«
»Gar nicht. Ich werde mich im Gegentheil sehr freuen. Dich an Stelle dieses Menschen unter mir zu haben.«
»Gut! Dann miethe ich und ziehe ein.«
»Wollen Sie sich das Logis nicht zuvor ansehen?« fragte die Wirthin.
»Ist nicht nöthig.«
»Sie könnten das ja gleich thun, wenn Sie den Sänger besuchen, wie Sie ihm versprochen haben.«
»Ja, das ist wahr. Und damit ich mich schnell entscheide, werde ich gleich hinabgehen. Da ich dann hier wohne, können wir alles Nöthige ja bis später aufschieben. Wir haben Zeit.«
Er ging hinab und war nicht wenig verwundert, als ein Lakai ihm öffnete. Der Krikelanton mußte es weit gebracht haben. Der Fex wurde mit einem Effect angemeldet, als ob er zu einem adeligen Herrn zur Audienz befohlen sei. Er glaubte, den Anton allein zu treffen, fand aber den Baron bei ihm. Dieser verschlang ihn fast mit seinem Blicke.
»Lieber Freund, das ist der Fex, von dem ich Dir jetzt sagte,« stellte Anton vor. – – »Der Herr Baron von Stubbenau!«
Der Baron lächelte gnädig von oben herab. Ueber das Gesicht des Fex aber zuckte ein belustigtes Lächeln.
»Du hast heut wohl gar unters Bett guckt, alst aufistanden bist?« fragte er.
»Warum?« erkundigte sich Anton, über diese Frage verwundert.
»Weilst Alles verkehrt machst.«
»Verkehrt? Wieso?«
»Den Baron nennst einen Fex und den Fex einen Baron.«
»Ich verstehe Dich nicht.«
»Und mich stellst Diesem zuerst vor anstatt ihn mir. Hast einen Lakaien draußen stehen. Hättest also von ihm lernen könnt, wie man sich zu verhalten hat, wenn man den Vornehmen spielen will.«
»Aber Fex! Ich hoffe doch nicht, daß Du mich beleidigen willst«
»Nein, aber Du hast mich beleidigt. Hab ich Dich etwan als Krikelanton begrüßt? Warum nennst mich bei meinem Schimpfnamen Fex? Ich bin ein Baron; das kann ich beweisen. Dieser aber ist keiner; das kann ich auch beweisen. Wie kannsts also wagen, mich ihm vorzustellen, noch dazu mit meinem Schimpfnamen! Wannst denkst, daß das eine Höflichkeiten und Freundschaften ist, so kannst Dich malen lassen. Ich würd sogleich wieder gehen; aberst da ich diese Wohnung miethen will, so will ich sie mir mal anschauen; darum bleib ich da.«
Beide, der Sänger wie der Baron waren gleich sehr betroffen von dieser Zurechtweisung. Der Letztere fand zuerst eine Entgegnung.
»Herr!« rief er. »Wie können Sie es wagen, in dieser Weise zu einem Baron von Stubbenau zu sprechen! Ich werde – – –«
»Maul halten!« donnerte der Fex ihn an, indem er jetzt auf seinen bayrischen Dialect verzichtete. »Sie können sich vielleicht mit Recht einen Herrn von Stubbenau nennen, denn die Ihnen gehörigen Auen werden wohl im Winkel irgend einer alten Stube liegen. Mir machen Sie nichts weiß. Ein Mensch, welcher sich unter den verschiedensten Namen hinter mir her schlängelt und sich in solchen Absichten, wie Sie hegen, um meine Angelegenheiten bekümmert, für den habe ich nicht einmal Ohrfeigen, wenn er es wagt, den Mund aufzureißen. Wenn Sie sich nicht sofort entfernen, lasse ich Sie arretiren! Reif sind Sie dazu!«
Das war in einem solchen Tone gesprochen, daß der sogenannte Baron mit offenem Munde dastand und ganz vergaß, eine Antwort zu geben.
»Zeige mir Dein Logis!« wendete sich der Fex in fast befehlendem Tone an den Sänger.
Dieser wußte nicht, was er denken sollte. Wen sollte er in Schutz nehmen, den Fex oder den Baron? Da riß ihn der Letztere, indem er nach seinem Hute griff, aus der Verlegenheit:
»Lieber Freund, um Dich aus diesem Dilemma zu erlösen, entferne ich mich. Alles Uebrige werde ich mir natürlich vorbehalten. Ah! An mich?«
Der Diener war in diesem Augenblicke eingetreten und überreichte ihm ein verschlossenes Billet, indem er erklärte:
»Ein Stadtträger brachte es. Er war in der Wohnung des Herrn Barons gewesen und hatte dort gehört, daß er den gnädigen Herrn vielleicht hier finden werde.«
Der Baron öffnete das Billet. Es enthielt die wenigen Worte:
»Der Fex ist angekommen. Stellen Sie sich sofort an dem bewußten Ort ein!« Ein befriedigtes, höhnisches Lächeln glitt über sein Gesicht. Er wendete sich nochmals an den Sänger:
»Was hier gesagt wurde bleibt natürlich nicht unbeantwortet. Eine Anleitung zur Beantwortung einer solchen Frechheit habe ich soeben erhalten. Auf Wiedersehen!«
Er eilte hinaus, denn er mochte besorgen, von dem Fex in noch kräftigerer Weise zurechtgewiesen zu werden.
»Was habt Ihr denn mit einander?« fragte Anton den Letzteren.
»Nichts, was Dich interessiren könnte.«
»Du kennst ihn doch?«
»Ich sehe ihn zum ersten Male.«
»Und beleidigest ihn in solcher Weise!«
»Er ist ein Schwindler. Nimm Dich vor ihm in Acht. Uebrigens bitte ich Dich, mir seine Adresse zu notiren, damit ich ihn finden kann, wenn ich ihn bei den Ohren nehmen will.«
»Fex, was ist das für eine Sprache?«
»Die meinige. Jedenfalls weiß ich besser zu reden wie Du. Weißt Du, daß ich ein geborener Baron von Gulijan bin?«
»Ja.«
»Warum nennst Du mich da Fex, wenn Andere gegenwärtig sind! Das ist eine Flegelhaftigkeit, welche sich nicht wiederholen darf!«
»Du, laß solche Ausdrücke! Ich bin kein Freund davon,« antwortete Anton, nun auch zornig.
»Pah! Wenn Du Dich unverschämt benimmst, kannst Du keine Höflichkeiten erwarten. Wir befinden uns heut nicht mehr in denselben Verhältnissen wie vor zwei Jahren. Wenn wir uns trotzdem noch Du nennen, so ist das kein Grund, auch noch dazu ungezogen zu sein.«
»Oho! Bildest Du Dir auf den Baron – – –«
»Still!« unterbrach ihn der Fex. »Ich bilde mir gar nichts ein, weder auf meine Geburt noch auf etwas Anderes; aber ich verlange, daß auch Andere dann mir gegenüber sich nichts einbilden. Damit mag diese Angelegenheit abgethan sein. Ich will mir die Zimmer besehen – –«
Ein wunderbares Ungefähr waltete über dem heutigen Tage. Ein so überraschendes Zusammentreffen der Umstände wird von dem Zweifler Zufalls genannt, der gläubige Christ aber nennt es die Fügung Gottes.
Der Graf von Senftenberg war gestern mit einem Himmel im Herzen zur Ruhe gegangen. Süße Träume umgaukelten ihn während der Nacht, und als er am Morgen sich von seinem Lager erhob, erinnerte er sich noch in stiller Seligkeit, die herrliche Sängerin während des Traumes in seinen Armen gehalten und von ihr das süße, verschämte Geständniß der Gegenliebe empfangen zu haben.
Nach dem Frühstücke besuchte er Commerzienraths, natürlich nur, um dieselben von Leni sprechen zu hören. Dann, am späten Nachmittage, machte er einen Spazierritt. Und wohin? Selbstverständlich wieder nach dem Augarten. Er mußte die Stelle sehen, an welcher er die Holde gestern getroffen hatte. Da stieg er ab und schickte den Reitknecht mit den Pferden heim. Er wollte den Spaziergang zu Fuß fortsetzen. Es ließ sich da viel besser träumen und sinnen, als wenn man auf das Thier Achtung zu geben hatte.
Er vertiefte sich in eine entlegene Parthie der jetzt fast einsamen Anlagen und gelangte da zu einer kleinen Borkenhütte, eine Art Pavillon, welcher von zwei Seiten offen war und einen Blick auf die Gruppen der Bäume und Sträucher gewährte. Der andere Theil des Häuschens war zu. Auch der da angebrachte Laden war verschlossen.
Als der Graf eintrat, bemerkte er, daß der offene Theil mit Bänken versehen war. Ganz ohne eigentliche Absicht rüttelte der Graf an der Thür. Das rostige Schloß oder vielmehr das morsche Holz, in welchem der Riegel steckte, gab nach. Die Thür ging auf.
Bei dem Lichte, welches durch die jetzt offene Thür und mehrere Wandritzen eindrang, sah der Graf, daß dieser Ort den Arbeitern des Augartens zur Aufbewahrung verschiedener Gerätschaften diente. Es lagen da Hacken, Harken, Spaten, Schaufeln und auch zwei alte Handkarren.
Die Thür wieder hinter sich zuziehend, kehrte er in den offenen Raum zurück und setzte sich auf eine der Bänke. Er hatte keineswegs die Absicht, auszuruhen, denn er war gar nicht ermüdet. Er that es, wie man eben Etwas thut, weil Einem grad nichts Besseres einfällt.
Als er einige Zeit so still und in seinen Gedanken versunken, gesessen hatte, blickte er hinaus und gewahrte einen Herrn, welcher auf dem schmalen Wege grad auf die Hütte zukam. Er stand auf und zog sich in den Hintergrund zurück.
Der Mann kam ihm verdächtig vor, denn er blieb öfters lauschend stehen, blickte sich scheu um und hatte überhaupt das Gebahren eines Menschen, dem viel daran liegt, nicht gesehen zu werden.
Auch das Gesicht kam ihm desto bekannter vor, je weiter der Mann sich näherte. Es war von einem dunklen Vollbarte umrahmt.
»Wer ist dieser Mensch?« fragte er sich im Stillen. Ich habe ihn bereits einmal gesehen, und zwar jedenfalls unter merkwürdigen, für ihn nicht vorteilhaften Umständen. Der Bart, der Bart! Er muß früher keinen getragen haben. Ein guter Mensch ist er nicht. Er kommt hierher. Was will er? Soll ich mich sehen lassen oder mich verbergen?«
Noch ehe er die Frage recht ausgedacht hatte, that er das Letztere. Er trat in den verschlossen gewesenen Raum und lehnte sich so fest gegen die Thür, daß dieselbe nicht aufgestoßen werden konnte.
Dann hörte er, daß der Betreffende eintrat. Er schien sich umzusehen, dann kam er an die Thür und hantierte an derselben herum, um zu probiren, ob dieselbe offen sei oder nicht. Nun setzte er sich nieder, und es ward still da draußen.
Nichts regte sich. Es war dunkel und schmutzig in dem Versteck, und ein fauliger, moderiger Geruch berührte die Nerven des Grafen auf das Unangenehmste. Er wünschte jetzt, sich nicht verborgen zu haben. Da es aber einmal geschehen war, so galt es, auszuharren, bis der Mann sich wieder entfernt hatte.
Da stieß der Letztere einen halblauten Pfiff aus und rief sodann:
»Salek, hier!«
Bald vernahm der Graf den Schritt eines Zweiten. Dieser sagte, indem, er eintrat:
»Ah, Herr Baron, schon hier! Soeben erhielt ich Ihre Zeilen und eilte sofort her.«
Diese Stimme kam dem Grafen sehr bekannt vor. Sie wurde aber in dem Raume so eigenthümlich gebrochen, daß sie nicht ihre natürliche Färbung hatte.
»Ist mir lieb, daß ich nicht lange zu warten brauche. Ich theilte Ihnen mit, daß er endlich hier ist. Ich erfuhr es telegraphisch, als er aus Pest abfuhr und eilte ihm mit dem nächsten Zuge nach. Nun müssen wir zu erfahren suchen, wo er abgestiegen ist.«
»Ich weiß es bereits.«
»Ah! Das wäre wunderbar. Sie kennen ihn ja gar nicht.«
»Der Zufall hat ihn mir verrathen.«
»So! In welchem Hotel wohnt er?«
»Er hat sich soeben Privatlogis genommen.«
»Wo? Oder« – setzte er schnell hinzu – »sagen Sie mir es lieber nicht. Es ist besser, daß ich diese Sachen gar nicht weiß, damit ich gegebenen Falls außer Spiel komme. Sie wissen, was ich von Ihnen fordere?«
»Ja, die Papiere.«
»Richtig. Er hat nämlich nur die Abschriften derselben zu den Acten gegeben, und ich weiß ganz genau, daß er die Originale stets bei sich führt. Er vertraute sie Niemandem an. Ein Schreiber seines Advocaten, den ich bestochen habe, hat es mir verrathen. Nun aber ist die Frage, auf welche Weise man sie ihm abnehmen kann.«
»Ja, das ist schwer.«
»Ich kann und mag mir den Kopf nicht darüber zerbrechen. Ich bin kein Einbrecher wie Sie. Das ist vielmehr ihre Sache. Ich bezahle Sie, und Sie führen es aus. Wie, das geht mich nichts an. Werden Sie dabei erwischt, so ists Ihr Schaden allein. Ich weiß von nichts, und Sie können nicht den geringsten Beweis bringen, daß ich Ihr Auftraggeber bin.«
»Sie handeln da sehr schlau. Da in Folge dessen die ganze Last aus mich fällt, können Sie sich denken, daß ich mein Honorar darnach bemesse.«
»Honorar!« lachte der Baron. »Sehr gut! Ein Einbrecher wird honorirt! Sagen Sie das in späteren Fällen einmal dem Untersuchungsrichter! Aber ich denke nicht unbillig. Sie sollen gut bezahlt werden. Das besprechen wir nachher noch. Jetzt aber sagen Sie mir, wie Sie die Sache ausführen wollen!«
»Hm, hm! Ich habe bereits einen vortrefflichen Gedanken – aber, find Sie sicher, daß wir hier nicht belauscht werden?«
»Es ist Niemand hier.«
»Dort ist eine Thür!«
Sie ist verschlossen. Es liegt jedenfalls eine alte Rumpelkammer dahinter. Wer sollte sich da verstecken! Es wußte ja Niemand, daß es hier Etwas zu erlauschen giebt.«
»Ich werde mich doch selbst überzeugen.«
Er ging zur Thür und versuchte, dieselbe aufzusprengen; dies gelang ihm aber nicht, da der Graf sich mit aller Gewalt dagegen stemmte.
»Ja, wir sind allein,« meinte er beruhigt, indem er zu dem Andern zurückkehrte.
»Ich will Ihnen nämlich so viel sagen,« sprach der Baron, »daß der Hof seiner Wohnung an den Hof und Garten der Wohnung eines Sängers stößt, welcher mein Freund ist. Ich werde diesen Freund besuchen und ihn spät Abends so betrunken machen, daß er die Besinnung verliert. Er liebt den Champagner sehr. Dann habe ich freies Spiel, steige von einem Hof in den anderen und – na, das Uebrige ist ja meine Sache. Sie wollen nichts davon hören.«
»Aber wie kommen Sie in seine Wohnung?«
»Sie liegt parterr, und er schläft in dem Zimmer, welches nach dem Hofe liegt. Da kann es mir also gar nicht bange sein, hinein zu kommen. Man versteht ja sein Fach. Es giebt recht hübsche Mittel, eine Fensterscheibe einzudrücken.«
»Wird er das nicht hören?«
»Unmöglich. So Etwas verursacht nicht das kleinste Geräusch, nämlich wenn man es richtig macht. Grad das macht mir die allerwenigste Sorge. Wenn es nur nicht einen anderen Punkt gebe, der mir gar nicht behagen will!«
»Welcher wäre das?«
»Ich komme jetzt von dem Sänger, meinem Freunde, und bin da mit diesem Fex zusammengetroffen. Er wollte sich das Logis ansehen, und bei dieser Gelegenheit gerieth ich in Conflict mit ihm.«
»Welch eine Unvorsichtigkeit!«
»Nicht ich war schuld daran. Ich sprach gar nicht mit ihm. Mein Freund aber beging einen Fehler; er stellte ihn mir vor und nannte ihn dabei Fex anstatt Baron. Das ärgerte ihn, und er äußerte, daß nicht er mir, sondern ich ihm vorgestellt werden müsse, denn er sei Baron, ich aber nicht. Natürlich war ich da zu einer scharfen Entgegnung gezwungen, auf welche er mir mit der Polizei drohte.«
»Donnerwetter! Weiß er denn Etwas?«
»Es scheint.«
»Das wäre dumm, sehr dumm!«
»Er warf mir vor, daß ich mich in seine Angelegenheit mische und in seinen Spuren laufe. Woher weiß er das?«
»Von mir natürlich nicht.«
»Von mir ebenso wenig. Es versteht sich ja ganz von selbst, daß ich zu keinem Menschen Etwas sage.«
»Wenn Sie wirklich gewiß sind, nicht geplaudert zu haben, so ist nur anzunehmen, daß Ihr Suchen nach ihm irgend Wem aufgefallen ist, der ihn davon benachrichtigt hat.«
»Wer könnte das sein? Diese Benachrichtigung müßte von Lügnern aus erfolgt sein, und der Betreffende müßte auch meinen falschen und meinen richtigen Namen kennen.«
»Anders ist es gar nicht möglich. Das ist ein sehr bedenklicher Punkt. Nehmen Sie sich in Acht! Wenn es so steht, so müssen wir gewärtig sein, daß man die Polizei bereits auf Sie aufmerksam gemacht hat. Haben Sie in dieser Beziehung noch nichts bemerkt?«
»Leider ja, aber nicht erst seit heute, sondern bereits früher. Ihre Aufmerksamkeit muß also andere Gründe haben. Jedenfalls werde ich die äußerste Vorsicht anwenden. Erwischen lassen, das giebt es bei mir nicht.«
»Ich will es hoffen. Natürlich bin ich da zu doppelter Vorsicht angeregt. Ich werde mich mit Ihnen gar nicht sehen lassen. Gut ist es da, daß ich einen andern Namen angenommen habe.«
»Haben Sie sich im Hotel bereits eingetragen?«
»Nein. Ich bin über die Wahl desselben noch unentschlossen. Ich trage mich als Baron von Wellmer in das Fremdenbuch ein. Es ist gar nicht nöthig, daß Sie erfahren, wo ich wohne, denn Sie dürfen mich nicht aufsuchen, ebenso wenig wie ich in Ihre Wohnung komme. Es darf uns eben kein Mensch beisammen sehen.«
»So schreiben wir uns? Vielleicht poste restante?«
»Auch das ist zu gefährlich.«
»Aber wir müssen doch mit einander verkehren! Wie sollen Sie sonst die Papiere erhalten, wenn es mir gelungen ist, sie zu bekommen?«
»Hier! Ich werde alle Morgen punkt neun Uhr hier im Pavillon sein. Ist Ihnen während der Nacht der Einbruch gelungen, so bringen Sie mir den Raub hierher. Ich werde stets genau eine Stunde hier auf Sie warten.«
»Schön! Und meine Belohnung?«
»Erhalten Sie sofort, wenn ich mich überzeugt habe, daß Sie mir wirklich das Gewünschte gebracht haben.«
»Das ist mir lieb. Auf diese Weise werden alle Weitläufigkeiten, welche gefährlich werden können, vermieden. Wieviel aber zahlen Sie?«
»Fordern Sie!«
»Das ist zu schwierig. Lieber höre ich Ihr Gebot.«
»Ein Angebot zu thun ist für mich ebenso schwierig. Sie müssen doch wissen, wieviel Sie für einen solchen Einbruch verlangen.«
»Meinen Sie, daß wir Einbrecher eine bestimmte Preisliste haben? Mein Honorar muß nach dem Werthe, welchen die Papiere für Sie haben, berechnet werden.«
»Ah!« machte der Baron gedehnt. »Das klingt ja, als ob – –«
»Nun was? Wie klingt es?«
»Als ob Ihre Forderung eine sehr hohe sein werde.«
»Damit geben Sie zu, daß der Werth der Papiere ein sehr hoher für Sie ist.«
»Doch nicht ganz.«
»Leugnen Sie nicht. Es handelt sich um das ganze, reiche Erbe, welches Sie an den Fex abzutreten haben.«
»Das ist doch nicht so gewiß, wie Sie anzunehmen scheinen. Ich kann den Proceß noch in letzter Instanz gewinnen.«
Daran haben Sie noch vorhin erst gezweifelt. Sie gaben zu, daß Sie den Besitz nur dadurch für sich sichern könnten, wenn die Papiere in Ihre Hände gelangen. Nun kenne ich den Werth Ihrer Erbschaft sehr genau. Es war ein bedeutendes Baarvermögen vorhanden, und auch ohne demselben repräsentiren die liegenden Güter und Besitzungen einen Werth von Millionen. Da kann ich natürlich meine Freiheit nicht für einen Pappenstiel auf das Spiel setzen.«
»Lassen wir alle Auseinandersetzungen. Ich möchte mich in den Besitz der Documente setzen, habe aber keine Lust, mir Daumenschrauben anlegen zu lassen. Sagen Sie einfach, wieviel Sie verlangen!«
»Gut! Fünfzigtausend Gulden.«
Eine kurze Pause entstand; dann rief der Baron:
»Sind Sie bei Sinnen?«
»Ist es Ihnen etwa zu viel?«
»Natürlich! Fünfzigtausend Gulden! Das ist ja ein Vermögen, von welchem Sie dann ganz anständig leben könnten.«
»Pah! Das würde zu vier Procent zweitausend Gulden ergeben. Meinen Sie, daß man von so einer Lappalie leben kann? Und noch dazu anständig? Ich habe zu wenig gefordert.«
»Auch noch! Zu wenig!«
»Zahlen Sie diese Summe?«
»Nein.«
»Nun wohl, so haben Sie die Güte, sich die Documente selbst zu stehlen!«
Der Graf hörte, daß Salek einige Schritte that, um sich zu entfernen.
»Das habe ich nicht nöthig,« lachte der Baron. »Wenn Sie zu viel verlangen, so habe ich Andere, welche billiger sind.«
»Aber die Geschichte nicht fertig bringen!«
»Doch wohl! Ich glaube, Sie haben Collegen, welche ebenso gewandt sind wie Sie.«
»Mag sein. In dem vorliegenden Falle aber bin ich jedem Andern voraus. Ich habe mir den Weg zum Fex bereits geebnet.«
»Das wird jeder Andere auch thun!«
»Versuchen wird er es, ja; aber an dem Gelingen wird es fehlen; das weiß ich ganz gewiß.«
Seine Stimme klang scharf, fast drohend.
»Wie meinen Sie das?« fragte der Baron, nun seinerseits auch in einem weniger freundlichen Tone.
»Das heißt, daß Sie mir diesen Auftrag ertheilt haben und ich wochenlang bereits für Sie thätig gewesen bin. Ich will das nicht umsonst gethan haben, und lasse mir von keinem Andern in diese Angelegenheit pfuschen.«
»So! Das klingt ja wirklich drohend!«
»Nehmen Sie es, wie Sie wollen!«
»Ich nehme es einfach so, daß mir Ihr Preis viel zu hoch ist, und ich mich darum an einen Andern wenden werde.«
»Das kann ich nicht erlauben!«
»Donnerwetter! Wollen Sie mir Vorschriften machen, Salek?«
»Allerdings!«
»Das lassen Sie sich ja nicht einfallen!«
»Warum nicht? Sie scheinen die Angelegenheit noch nicht recht überdacht zu haben. Ich habe Ihnen schon oft gedient, auch in anderen Dingen, und Sie sind stets mit mir zufrieden gewesen. Weniger zufrieden war ich mit Ihnen, da Sie nur spärlich zahlten. Sie vertrösteten mich immer auf den gegenwärtigen Coup und versicherten mir, daß derselbe mir desto mehr einbringen werde. Nun ich an das Werk gehen will, beabsichtigen Sie, sich an einen Andern zu wenden. Sie müssen natürlich einsehen, daß mir das nicht behagen kann!«
»So fordern Sie weniger!«
»Daß ich dumm wäre!«
»Nun, so gehe ich eben weiter!«
»Und ich wiederhole, daß ich Ihnen das nicht erlaube.«
Es entstand jetzt eine neue Pause, während welcher sich der Baron wohl Mühe gab, seinen Zorn zu beherrschen. Dann antwortete er:
»Mit dieser Drohung dürfen Sie mir nicht kommen. Ich lache einfach über Sie. Ich bin keineswegs abhängig von Ihnen.«
»Vielleicht doch. Jedenfalls aber hängt das Gelingen Ihres Planes von mir ab.«
»Schwerlich!«
»Das wollen Sie nicht einsehen? Baron, ich habe Sie für klüger gehalten! Meinen Sie, daß ein Einbrecher ein sittlicher Held sein und den Uebernoblen spielen werde? Jeder ist sich selbst der Nächste. Sobald Sie mir den Auftrag entziehen, sorge ich dafür, daß der Streich nicht gelingen kann.«
»Alle Teufel! Was wollen Sie thun?«
»Den Fex benachrichtigen, ihn warnen.«
»Das werden Sie natürlich bleiben lassen!«
»Warum?«
»Weil Sie sich dabei selbst im Lichte stehen würden.«
»Keineswegs.«
»Jedenfalls. Sie müßten ihm doch sagen, woher Sie wissen, was ich vor habe.«
»Ich würde die Sache natürlich anders darstellen, als sie ist. Ich würde vielleicht sagen, daß ich Sie belauscht habe, als Sie einem Unbekannten den Auftrag gaben, die Papiere zu stehlen. Ich würde vielleicht sogar die Polizei benachrichtigen.«
»Diese würde jedenfalls sofort errathen, daß Sie selbst jener Unbekannte gewesen sind«
»Möglich. Aber beweisen könnte es mir Keiner. Und nun überlegen Sie sich einmal, welch ein Licht das auf Ihren Proceß werfen müßte!«
»Ein schlimmes nicht, denn man würde Ihnen einfach keinen Glauben schenken, weil man Sie kennt.«
»Man müßte mir glauben, denn ich würde beweisen, daß Sie sich unter einem fremden Namen hier aufhalten. Das thut natürlich nur Jemand, der das Licht zu scheuen hat.«
»Auch dagegen kann ich mich verwahren, indem ich sofort abreise.«
»In diesem Falle würden Sie Ihre Angelegenheit im Stiche lassen, und ich hätte also meinen Zweck erreicht. Das genügt.«
»Salek, Sie sind ein Schuft!«
»Und Sie auch kein Engel.«
»Sie handeln schurkisch an mir!«
»Und Sie lumpig gegen mich. Uebrigens würde es mir sehr leicht werden, zu beweisen, daß Sie in Wien waren und hier in diesem Pavillon eine Unterredung mit einem Unbekannten gehabt haben.«
»Das machen Sie mir nicht weiß!«
»O doch! Ich hätte da weiter nichts zu thun, als mich nicht von Ihnen zu trennen. Wenn ich von diesem Augenblicke an an Ihrer Seite bleibe, können Sie mir nicht entweichen, und ich brauche Sie nur dem ersten besten Sicherheitswachmann zu zeigen. Dieser nimmt Sie mit, und Sie werden gezwungen, Ihre Personalien festzustellen. Dann wird man mir glauben.«
»Elender!«
»Ich wiederhole, daß Sie von einem Einbrecher nicht verlangen können, daß er ein Tugendheld sei. Es giebt ja sogar Leute, welche niemals eingebrochen haben, aber Andere dazu verleiten. Wer ist da der größte Schurke?«
»Mensch! Sie werden frech! Das kann ich mir nicht bieten lassen. Ich sehe also von der ganzen Angelegenheit ab. Ich mag die Papiere nun gar nicht haben!«
»Das glaube ich Ihnen nicht. Sie wollen und müssen sie haben, gegen mich thun Sie, als ob Sie ganz verzichten, und sobald wir uns getrennt haben, suchen Sie einen Andern auf.«
»Denken Sie, was Sie wollen. Mit Ihnen bin ich fertig. Ich gehe!«
Der Graf hörte, daß der Sprecher einige Schritte that; aber der Andere folgte ihm sofort und erklärte in sehr bestimmtem, höhnischem Tone:
»Allein gehen lasse ich Sie nicht. Ich gehe mit!«
»Sie bleiben!« erklang es gebieterisch.
»Pah! Ich kann gehen, wohin ich will!«
»Aber nicht mit mir.«
»Ereifern Sie sich nicht. Ich gehe nicht mit Ihnen, sondern hinter Ihnen. Ich werde mich so lange an Ihre Fersen heften, bis Sie polizeilich feststellen müssen, wer und was Sie eigentlich sind.«
»Salek! Ich hätte nie gedacht, welch ein ungeheurer Schurke Sie sind!«
»Nicht? Dann sind Sie kein Menschenkenner. Ich bin mir über Sie sofort klar gewesen. Sie wissen ganz genau, daß Sie sich im Unrecht befinden und daß der Fex wirklich Ihr Verwandter ist. Sie selbst haben mir das gestanden. Dennoch wollen Sie ihm nicht nur sein väterliches und mütterliches Erbtheil rauben, sondern ihn auch in das Dunkel zurückschleudern, aus welchem er aufgetaucht. Ueberlegen Sie sich, ob ich da viel besser von Ihnen denken kann als Sie von mir!«
»Ich verbitte mir solche Vergleiche!«
»So legen Sie mir dieselben nicht erst nahe!«
»Das habe ich nicht gethan!«
»Natürlich haben Sie es gethan! Indem Sie sich erlauben, sich über meine Moralität auszusprechen, fordern Sie mich indirect auf, auch die Ihrige zu beleuchten. Sie handeln überhaupt nicht als ein kluger Mann. Wer Millionen gewinnen will, der kann leicht fünfzigtausend Gulden zahlen. Diese Summe repräsentirt die Zinsen von nur einer Million. In einem Jahre ist das abgemacht. Ich gestehe, daß es mir geradezu unmöglich ist, Sie zu begreifen.«
»Von Ihrem Standpunkte aus mögen Sie Recht haben, aber von dem meinigen nicht. Ich habe den Proceß noch nicht gewonnen und soll Ihnen bereits eine so hohe Summe zahlen. Meinen Sie, daß ich mich nur zu bücken brauche, um dieses horrende Geld von der Straße aufzuheben?«
»Nun, was diesen Punkt betrifft, so werde ich mit mir sprechen lassen. Wir können uns ja einigen und ein Abkommen treffen, welches sowohl mich, als auch Sie befriedigt.«
»So machen Sie mir Ihre Vorschläge!«
»Zahlen Sie einen Theil jetzt und den andern Theil dann, wenn Sie den Proceß gewonnen haben.«
»Wieviel?«
»Die Hälfte.«
»Hm!«
»Damit können Sie zufrieden sein. Ich gebe Ihnen mein Wort, daß dies die einzige und letzte Concession in, welche ich Ihnen mache.«
Der Baron ging nicht sofort auf die Forderung ein. Beide stritten sich noch längere Zeit hin und her. Da aber Salek nicht nachgab und bei der Drohung, die Sache zu verrathen, blieb, so stimmte er endlich gezwungenermaßen bei. Er mußte dem Einbrecher Wort und Handschlag geben. Wenn er aber gemeint hatte, daß die Sache nun geordnet sei. und er vielleicht gar irgend welche Hintergedanken hegen könne, so hatte er sich geirrt. Der Spitzbube war ein schlauer, geriebener und erfahrener Patron. Er bemerkte in einem höchst freundlichen, aber dabei ironischen Tone:
»Jetzt fühlen Sie sich befriedigt. Nicht wahr?«
»Gezwungener Maßen, ja. Sie thun es ja nicht anders.«
»Also, wenn ich die Papiere bringe, erhalte ich die Hälfte sofort in guter, gangbarer Münze?«
»Ja.«
»Und die andere Hälfte sobald Sie den Proceß gewonnen haben?«
»Natürlich! So ist es ausgemacht. Wir haben das besprochen, und es ist nichts mehr darüber zu bemerken.«
»O doch!«
»Ich wüßte nicht, was!«
»Desto besser weiß ich es. Sie machen mir nämlich plötzlich ein so schlaues, zufriedenes Gesicht, daß ich glaube, sehr vorsichtig sein zu müssen.«
»Von diesem Gesichte habe ich keine Ahnung!«
»Ich aber sehe es und weiß, was es zu bedeuten hat. Sie haben jedenfalls die Absicht, mich zu betrügen.«
»Welch ein Gedanke! So Etwas ist ja nicht möglich!«
»Sehr leicht sogar.«
»Wie denn, Sie fataler Mensch?«
»Sie brauchen mir nur die zweite Zahlung zu verweigern; dann kann ich gar nichts dagegen thun.«
»Fällt mir nicht ein!«
»Kann Ihnen aber später leicht einfallen. Darum muß ich als kluger Mann meine Vorkehrungen treffen.«
»Ist Alles unnöthig!«
»Ich meinerseits halte es für sehr nöthig und werde also meine Forderung an Sie stellen.«
»Kommen Sie mir ja nicht mit weiteren Forderungen! Ich gehe ganz bestimmt auf nichts mehr ein.«
»Keine Angst, Baron! Ich fordere kein Geld. Es ist nur eine Bedingung, welche ich machen will.«
»Hole der Teufel Ihre Bedingung!«
»Sehr freundlich! Ich werde sie aber dennoch machen. Sobald ich Ihnen hier an diesem Orte die Papiere übergebe, zahlen Sie mir fünfundzwanzigtausend Gulden und geben mir dazu einige Zeilen mit Ihrer Unterschrift, daß Sie mir für die Dokumente noch die gleiche Summe zu geben haben.«
»Fällt mir nicht ein!«
»Warum nicht?«
»Mein Wort gilt! Ich habe keine Lust, mich in eine solche Gefahr zu begeben.«
»Gefahr?, Davon kann ja keine Rede sein.«
»Denken Sie, was erfolgen muß, wenn meine Unterschrift, in falsche Hände gerathen sollte!«
»Das ist unmöglich. Ich würde sie natürlich so verwahren, daß kein Mensch sie zu finden vermag.«
»Trau, schau, wem! Bei Ihnen ist so Etwas am allerunsichersten aufgehoben. Sie können sehr leicht einmal mit der Polizei zu thun bekommen.«
»Selbst in diesem Falle wird nichts gefunden.«
»Das glaube ich nicht.«
»Wenn ich versichere, daß ich ein Versteck habe, welches die absoluteste Sicherheit bietet, so können Sie es glauben. Ich gebe die Documente nicht anders her. Das ist mein fester Entschluß und Wille.«
Abermals begann ein längeres Hin- und Herreden; dann endlich willigte der Baron ein. Die Beiden reichten sich die Hände; dann ging der Einbrecher.
Der Baron blieb noch zurück, um nicht mit ihm gesehen zu werden. Der Graf hörte ihn murmeln:
»Verfluchter Hallunke! Ihm ist nicht beizukommen! Ich hätte ihm wirklich nur die eine Hälfte bezahlt. Aber er ist zu schlau.«
Als ungefähr zehn Minuten vergangen waren, entfernte auch er sich. Der Graf durfte trotzdem noch nicht vollständig aus seinem Verstecke treten, weil er von dem Baron gesehen worden wäre, im Falle dieser sich umgedreht hätte. Er öffnete die Thür nur ein wenig und blickte dem sich Entfernenden nach
»Wenn ich mich nur besinnen könnte!« sagte er zu sich. »Ich habe diesen Baron gesehen, und auch seine Stimme kenne ich. Hoffentlich fällt es mir noch ein. Ich muß ihm nach und lasse ihn nicht aus den Augen.«
Als der Genannte hinter dem Gesträuch verschwunden war, eilte der Graf hinter ihm her. Später konnte er sich ja sehen lassen, ohne den Verdacht zu erregen, daß er gelauscht habe.
Er blieb dem Baron so nahe, daß dieser ihm nicht entgehen kannte. Nur bei Krümmungen des Weges verlor er ihn für kurze Momente aus den Augen.
So gingen Beide durch verschiedene Anlagen und gelangten dann auf einen breiteren Weg. Der Graf hatte die feste Absicht, den Baron einzuholen, und ihn in ein Gespräch zu verwickeln, leider aber kam er nicht dazu.
Zwei Damen kamen ihnen entgegen. Der Baron ging an ihnen vorüber, und als sie näher kamen, erkannte der Graf – Frau Salzmann und die schöne Sängerin.
Da verstand es sich ganz von selbst, daß er die Verfolgung aufgab.
»Ich kenne doch den Namen Wellmer, den er sich beilegen will,« dachte er. »Morgen wird derselbe in den Fremdenlisten zu lesen sein.«
Leni erröthete, als sie ihn erkannte. Sie war ganz in derselben Absicht wie er hierhergekommen. Es trieb sie an den Ort, an welchem sie ihn gesehen hatte, und es war ihr, als ob er ihr dies ansehen müsse. Daher ihre Verlegenheit.
Ob er es ahnte? Seine Augen leuchteten freudig auf, und ein glückliches Lächeln breitete sich über sein männlich schönes Angesicht. Natürlich blieben die Drei stehen, um sich zu begrüßen. Aber bereits nach den ersten wenigen Worten sagte er im Tone der Bitte:
»Entschuldigen die Damen, wenn ich eine Frage ausspreche, welche mit meiner Freude, Sie hier zu sehen, gar nicht in Verbindung steht. Kennen Sie vielleicht den Herrn, der soeben an Ihnen vorüberging?«
Beide verneinten.
»Ich traf ihn zufällig und habe Veranlassung, zu erfahren, wer er ist.«
»So eilen Sie ihm nach!« antwortete Frau Salzmann. »Wir bitten Sie darum!«
»O nein. Einer so unverzeihlichen Unhöflichkeit darf ich mich nicht schuldig machen.«
»Es ist keine Unhöflichkeit. Wir können Sie nicht für den Verlust entschädigen, den Sie erleiden werden.«
»Es handelt sich nicht um einen Verlust, und selbst im Gegenfalle würde ich durch die Erlaubniß, mich Ihnen für wenige Minuten anschließen zu dürfen, überreich entschädigt sein.«
So setzte er nun im Verein mit ihnen den Spaziergang fort, und begleitete sie, als der Rückweg angetreten wurde, so weit, wie die Höflichkeit es erforderte und gestattete.
Das Gespräch bewegte sich um ernste Gegenstände, und da fand es sich, daß die Sängerin in Vielem, ja in Allem mit ihm harmonirte. Ihre Lebensanschauungen waren ganz die seinigen, und es herrschte zwischen ihnen eine Gesinnungsgleichheit, welche ihn entzückte.
Dann begab er sich nach dem ›Kronprinzen von Oesterreich‹, um dem alten Hauptmanne seinen Besuch abzustatten. Er fand ihn nicht daheim und ließ seine Karte zurück, auf welcher er ihm mittheilte, daß er ihn am Abende abholen wolle, um ihn in das Casino einzuführen. Dann begab er sich nach Hause.
Dort erst bekam er Muse, über seine Erlebnisse im Pavillon nachzudenken. Es handelte sich um einen Einbruch, um den Raub von Papieren, welche entscheidend auf den Verlauf eines Erbschaftsprocesses wirken mußten. War es nicht seine Pflicht, den ganzen Vorgang und Alles, was er gehört hatte, der Polizei zu melden?
Sicher!
Aber indem er weiter darüber nachdachte, kam er zu dem Entschlüsse, noch bis morgen zu warten, um aus der Fremdenliste zu erfahren, in welchem Gasthofe der angebliche Baron von Wellmer wohne. Nach dem ganzen Verlaufe des Gespräches zwischen diesem und dem Einbrecher war es nicht sehr wahrscheinlich, daß die That bereits heute vorgenommen werden würde.
Damit war diese Angelegenheit für jetzt abgethan, und der Graf lenkte seine Gedanken auf einen viel schöneren Gegenstand – sein Zusammentreffen mit Leni, aus welchem es ihm vielleicht erlaubt war, zu schließen, daß sie sich gern an ihre erste, gestrige Begegnung erinnere.
In diesem beglückenden Gedanken verbrachte er den übrigen Theil des Tages und ging dann am Abende, um Sepp abzuholen.
Gerade um dieselbe Zeit ging der Baron von Stubbenau nach der Lilienbrunngasse, wo die Tänzerin Valeska wohnte.
Sie war keineswegs die Domina des Corps de Ballet, und das Salair, welches sie bezog, war für ihre Bedürfnisse ein außerordentlich bescheidenes zu nennen. Dennoch hatte sie sich in einem ersten Stockwerke der genannten Straße eine prächtig möblirte Wohnung gemiethet, welche sie von ihrem Gehalte unmöglich bestreiten konnte, zumal sie sehr splendid lebte.
Man vermuthete daher, daß sie ihre Schönheit als Quelle einer besseren Einnahme benutze, doch zeigte sie in nichts, daß diese Vermuthung die richtige sei.
Es verkehrten keine Herren bei ihr, und die Summen, welche sie ausgab, mußten einer sehr geheimnißvollen Quelle entstammen.
Nur der Baron von Stubbenau besuchte sie oft, und seit einiger Zeit hatte man den Sänger Criquolini zu ihr gehen sehen.
Als der Erstere von der Zofe angemeldet worden war, trat er in das Boudoir der Tänzerin. Es war ausgestattet wie das Gemach einer Millionärin.
Valeska lag auf dem Sopha, in einen leichten Schlafrock gehüllt, durch dessen Stoff ihre üppigen Formen schimmerten. Sie breitete ihre Arme aus, und er ließ sich mit vieler Wärme von ihr umfangen.
»Dich hätte ich nicht erwartet,« sagte sie, ihn küssend. »Ich glaubte Dich bereits bei Criquolini.«
»So weißt Du also, daß ich zu ihm geladen bin?«
»Ja. Er war hier.«
»Und hat auch Dich geladen?«
»Natürlich. Ich freue mich darauf. Er versicherte, daß ich die Tafel und die Weine ganz vorzüglich finden werde. Es wird das ein allerliebstes Gelage sein, und ich habe sehr große Lust, diesen Anbeter unter den Tisch zu trinken.«
»Das ist auch meine Absicht.«
»So?«
Sie blickte ihn forschend an. Als sie das bedeutungsvolle Lächeln bemerkte, welches um seine Lippen zuckte, fragte sie:
»Hast Du einen besonderen Grund dazu?«
»Einen sehr besondern und wichtigen. Ich habe heut Gulijan getroffen. Er zahlt fünfzigtausend Gulden, die Hälfte sofort nach Empfang der Papiere. Ich hole sie mir heut.«
»Bravo!«
»Und noch mehr hole ich mir heut. Wenn Du mir nur helfen könntest.«
»Warum nicht? Bin ich doch stets Deine Verbündete. Oder ists heut zu gefährlich für mich?«
»Ich glaube nicht. Es ist von mir Alles so vorbereitet worden, daß es gar nicht mißlingen kann. Criquolini hat Dir gesagt, daß er ausgezogen ist?«
»Ja. Warum that er das?«
»Seine Wirthin zwang ihn dazu, weil er zudringlich gegen ihr Dienstmädchen wurde.«
»Der Affe! Er hat ja mich!«
Sie sagte das gar nicht etwa im Tone der Eifersucht, sondern sie lachte sogar dazu.
»Da hat er allerdings eigentlich genug,« antwortete der Baron. »Aber er ist wirklich unersättlich. Er hat es nebenbei auch auf die Ubertinka abgesehen.«
»Alle Teufel! Das ist dumm, denn diese kann mir leicht gefährlich werden!«
»Sie soll freilich verdammt schön sein. Du hast Dich also in Acht zu nehmen.«
»Der Kukuk hole sie! Könnte ich ihr doch einen Possen bereiten!«
»Das kannst Du. Ich will mir heut ihre Diamanten holen.«
»Sapperment! Hat sie welche?«
»Und was für welche! Willst Du helfen?«
»Allemal.«
»So sollst Du meinen Angriffsplan erfahren.«
Er setzte sich zu ihr auf das Sopha, zog sie in seine Arme und theilte ihr seine Absichten mit. Als er geendet hatte, stimmte sie ihm bei und sagte lachend:
»Wenn die liebe Wiener Polizei wüßte, daß einer der gefürchtetsten Einbrecher hier eine – – Tänzerin ist! Ich habe bei Dir eine gute Schule genossen. Aber, Egon, Eins sage ich Dir: ich ahne, daß Du auch gegen Criquolini gewisse Absichten hegest!«
Er lächelte schlau und fragte:
»Hättest Du Etwas dagegen?«
»Natürlich!«
»Ich sehe keinen Grund!«
»Ich will ihn heirathen. Wenn Du ihn bestiehlst, bestiehlst Du mich.«
»Du erhältst ja die Hälfte! Wir theilen.«
»In diesem Falle will ich nicht die Hälfte, sondern das Ganze.«
»Er verdient ungeheures Geld. Du kannst Dich also später entschädigen!«
»Sprechen wir nicht darüber! Ich verbiete Dir, ihm auch nur einen Pfennig zu nehmen. Ich werde seine Frau sein. Das ist der Grund.«
»Das ist dumm! Ich hatte mir bereits Alles so schön zurecht gelegt.«
»Geht mich nichts an! Ich heirathe ihn nicht aus Liebe, denn er ist ein Dummkopf, ein ungebildeter, aber eingebildeter Mensch. Aber er wird berühmt sein und viel Geld verdienen. Ich gebe gern viel Geld aus, und so passen wir zu einander. Als seine Frau kann ich mein gewohntes Leben fortsetzen, ohne mir die Mittel dazu durch Einbruch verschaffen zu müssen.«
»Dann ist es also leider mit unserer Kameradschaft aus.«
»Ja. Dafür aber kannst Du dann Alles für Dich allein behalten. Wenn Du so vor- und umsichtig weiter arbeitest wie jetzt, wirst Du sehr bald ein steinreicher Mann sein. Der gute Krikelanton ahnt doch nicht etwa, in welchem Verhältnisse Du zu mir stehst?«
»Fällt ihm nicht ein!«
»Er ist ein Esel! Er müßte es merken.«
»O, er hält Dich für das Muster einer Tänzerin.«
»Und doch habe ich zwei Kinder!«
»Deren Vater zu sein ich die Ehre habe,« lachte der Baron. »Na, wir sind wenigstens so klug, die Liebe von der richtigen Seite zu betrachten: Sie ist ein Vergnügen, welches man einem Jeden gönnen muß; darum sind wir nicht eifersüchtig. Du willst bei dem Anton Dein Glück versuchen? Gut, ich habe nichts dagegen, denn meine Geliebte wirst Du trotzdem bleiben.«
»Und ich werde Dir auch nicht hinderlich sein, wenn Dich einmal die Lust befällt, eine Andere anzubeten. Das Geschäft ist die Hauptsache. Habe ich dieses mit Criquolini gemacht, so lauf ich ihm davon oder lasse mich scheiden.«
»Wenn er es wüßte!«
»Jetzt braucht er es nicht zu wissen; zu seiner Zeit wird er es schon erfahren. Dann werden ihm die Augen auf- und auch übergehen! Hast Du für heut Alles vorbereitet?«
»Natürlich! Was ich brauche, das habe ich mit. Du ziehst Männerkleidung an.«
»Das wird Criquolini auffallen.«
»O nein. Es wird ihn im Gegentheile sehr belustigen.«
»Wie aber wollen wir es ihm plausibel machen?«
»Dadurch, daß Du nicht wissen lassen willst, daß Du ihn des Abends besuchst. Das würde Deinem Rufe schaden. Darum hast Du Männerkleidung angelegt. Auf diese Weise spielst Du die Tugendhafte und hast also doppelten Vortheil davon.«
»Gut, Ich will mich umkleiden. Dann gehen wir.«
Sie genirte sich nicht vor ihm. Er durfte beim Wechseln der Anzüge zugegen sein. Nach kurzer Zeit brachen sie auf. Der Zofe fiel es gar nicht auf, daß ihre Herrin in dieser Kleidung ausging, denn das geschah sehr oft. Die Tänzerin hatte ihr als Grund dafür angegeben, daß es bei der Art ihrer Theatertoilette vortheilhafter sei, wenn sie sich in Männertracht in die Proben und das Theater begebe.
Der Krikelanton lachte wirklich herzlich, als er die Geliebte als Mann erblickte; doch war ihm das ganz recht, da diese Kleidung ihre Formen mehr hervortreten ließ als die gewöhnliche Damentoilette.
Die Drei waren allein. Anton hatte weiter Niemand geladen.
Die Tänzerin entwickelte im Trinken eine Uebung und Ausdauer, welche Anton in das größte Erstaunen versetzte. Sein Staunen währte aber gar nicht lange, denn er wollte es ihr und dem Baron gleich thun und trank so schnell und viel, daß er bald betrunken war.
Er bemerkte nicht, daß die beiden Andern von jetzt an nur noch nippten, während er sein Glas stets ganz leeren mußte. Und ebenso wenig bemerkte er, daß ihm bei Gelegenheit der Baron einige Tropfen aus einer kleinen Phiole in das Glas schüttete.
Es war wenig nach Mitternacht, als er die Besinnung so vollständig verloren hatte, daß er vom Stuhle fiel und nicht einmal mehr zu lallen vermochte. Er schloß die Augen und war wie todt.
»Das ist der Schlaftrunk,« lachte der Baron. »Er kann uns nun nicht beobachten.«
»Was thun wir mit ihm?« fragte Valeska. »Lassen wir ihn so liegen?«
»Nein. Wir ziehen ihn aus und legen ihn in das Bett. Da mag er schlafen.«
Die Tänzerin half, den Sänger zu entkleiden.
Als sie ihn in das Bett geschafft hatten, entfernten sie die Lampe aus dem Schlafzimmer, um im Dunkeln zu sein und also nicht gesehen oder gar beobachtet zu werden. Die Schlafstube lag nach dem Hof hinaus. Sie konnten über diesen und den angrenzenden hinweg blicken und die hintere Seite des Hauses der Mohrengasse sehen, in welcher Anton bis heute gewohnt hatte.
Da sahen sie Licht, sowohl in dem betreffenden Schlafzimmer des Parterres, als auch in demjenigen des ersten Stockes.
»Sie gehen Beide schlafen, zu gleicher Zeit, der Fex sowohl, als auch die Sängerin,« sagte Valeska. »Wir werden nicht lange warten müssen.«
»Eine Stunde immerhin. Wir müssen zu unserer Sicherheit annehmen, daß sie nicht so schnell einschlafen.«
»Aber wie nun, wenn sie Nachtlicht brennen?«
»Der Fex wohl schwerlich. Als armer Fährmann und Hungerleider ist er einen solchen Luxus nicht gewöhnt.«
»Aber die Ubertinka.«
»Die vielleicht eher. Aber wenn ich nach der Helligkeit der beiden Fenster schließe, so haben sie große Lampen brennen. Komm wieder heraus! Ich habe keine Lust, mich hierher zu stellen. Wir können ja von Zeit zu Zeit nachsehen und wollen noch ein Glas Wein trinken.«
Sie kehrten in das Wohnzimmer zurück. Dort setzten sie sich mit einander auf den Divan. Wäre der Krikelanton nicht so sinnlos betrunken gewesen, und hätte er die Beiden jetzt überrascht, so hätte er sehen können, daß er nicht der einzige Geliebte der Tänzerin sei.
Auch hier stand ein Schreibtisch. Der Sänger hatte vergessen, den Schlüssel abzuziehen. Das bemerkte der Baron. Er stand auf und schloß alle Fächer des Schreibtisches auf. Es gab da keinen extra zu verschließenden Kasten, und so kam es, daß der Suchende bald die Kasse Antons fand.
»Schau!« sagte er. »Hier steckt sein ganzes Vermögen. Sapperment! Wer es doch hätte!«
Valeska kam herbei und begann zu zählen. Ihre Augen funkelten vor Begier.
»Das wird mein sein,« sagte sie. »Ich werde dafür sorgen, daß er mehr dazu verdient, und wenn ich dann genug zusammengerafft habe, so laß ich ihn sitzen. Schließ zu!«
Nur ungern wendeten die Beiden ihre Blicke von dem Schatze ab. Nach einiger Zeit begab sich der Baron wieder in die Schlafstube und meldete, als er zurückkehrte:
»Die Beiden schlafen. Die Fenster sind dunkel!«
»Das ist vortheilhaft. Aber nun fragt es sich, ob die Schlüssel passen. Schließen wir hier zu?«
»Natürlich nein. Wir müssen unserer eigenen Sicherheit wegen hier offen lassen, um uns schnell hier herein retten zu können, wenn der Streich mißglücken sollte. In diesem Falle würden wir verfolgt. Hast Du Deinen Dolch?«
»Ja. Du auch?«
»Das versteht sich. So ein Dolchmesser ist viel besser als ein Revolver. Es macht keinen Lärm und trifft das Herz viel leichter als eine Kugel. Hoffentlich schließt, wie das ja überall gebräuchlich ist, der Hausschlüssel auch die Hinterthür. Ich werde Alles herbeiholen.«
Er zog aus der Tasche seines Ueberrockes einige eingewickelte Gegenstände, welche er von ihren Hüllen befreite und dann zu sich steckte.
Die Beiden konnten das Alles in solcher Gemüthlichkeit vorbereiten, weil sie dafür gesorgt hatten, nicht gestört oder beobachtet zu werden. Um bei dein beabsichtigten Gelage allein zu sein, hatte der Sänger seinen Lakaien zu Bette geschickt, und da die Schlafstube des Letzteren im obersten Stocke lag und ihm überhaupt verboten worden war, vor Morgen herbeizukommen, so, war eine Ueberraschung durch ihn gar nicht zu befürchten.
Als die Stunde vorüber war, brannte der Baron eine kleine Blendlaterne an und steckte sie dann wieder ein. Nun verließen sie das Local. Die Thür desselben machten sie hinter sich zu, aber ohne sie zu verschließen.
Zu ihrer Freude schloß der Hausschlüssel, den sie aus der Tasche des Sängers genommen hatten, die Hinterthür. So gelangten sie sehr leicht in den Hof. Dieser war durch eine nicht hohe Mauer von dem Hofe der Frau Salzmann getrennt. Sie überstiegen dieselbe.
Beide entwickelten dabei eine Gewandtheit, aus welcher zu schließen war, daß sie solche Uebungen schon oft unternommen hatten. Sie verursachten nicht das geringste Geräusch.
Jetzt nun begann ihre eigentliche Aufgabe.
»Warte!« flüsterte der Baron. »Ich will recognosciren.«
Er schlich sich an das Fenster, hinter welchem der Fex schlief. Nach kaum einer Minute kehrte er zurück und sagte:
»Das geht ja ganz vortrefflich! Er scheint es von früher her zu lieben, auch des Nachts frische Luft zu haben. Er schläft bei offenem Fenster.«
»Das ist ja fein. Aber nimm Dich in Acht! Hast Du das Chloroform?«
»Wie sollte ich das vergessen! Es ist ja die Hauptsache bei einem solche Unternehmen. Also, jetzt!«
Er kehrte mit ihr nach dem Fenster zurück. Nachdem er einige Zeit gelauscht hatte, flüsterte er:
»Er schläft sehr ruhig und wahrscheinlich auch sehr fest. Man hört sogar hier außen seine regelmäßigen Athemzüge. Also vorwärts! Es wird ja wohl gelingen.«
Er stieg hinein, mit der Sicherheit einer Katze, welche einen schlummernden Vogel beschleichen will und dabei die Krallen einzieht, damit ja kein Laut gehört werden könne.
Dann verging einige Zeit, beinahe eine Viertelstunde. Nachher erschien der Baron am Fenster.
»Komm!« flüsterte er herab.
»Ists gelungen?«
»Ja, vortrefflich.«
Er half ihr hinein. Sie bemerkte jenen Geruch, welcher eine Folge des Chloroformes ist. Er zog seine Blendlaterne heraus und ließ deren Schein auf das Bett fallen. Der Zipfel des Betttuches war heraufgeschlagen und bedeckte das Gesicht des Fex. Dieser war betäubt.
»Nun wollen wir suchen. Glücklicher Weise ist mir das ganze Möblement bekannt.«
Die Durchsuchung begann mit den Kleidern des Fex. Da fand sich ein recht gefülltes Portemonnaie. Der Baron steckte den Inhalt desselben zu sich, das Portemonnaie aber wieder in die Tasche des Bestohlenen zurück.
Nun begaben sie sich in die Wohnstube und traten sofort an den wohlbekannten Schreibtisch. Der Schlüssel steckte.
»Wie dumm der Kerl ist!« flüsterte der Baron. »Als ob es keine Diebe gäbe! Ich denke mir, daß er die Papiere hier aufbewahrt haben wird, und werde wohl nicht lange zu suchen brauchen.«
Er hatte sich nicht geirrt. Er fand auch das geheime Fach, in welchem der Fex sein Geld aufbewahrt hatte, unverschlossen. Drin lag eine Brieftasche. Als er sie öffnete und den Inhalt erblickte, leuchtete sein Blick triumphirend auf.
»Sie sinds, die Documente, alle, alle!« sagte er, ein Papier nach dem andern betrachtend. »Die Fünfzigtausend sind verdient.«
Er steckte die Brieftasche ein und dazu eine bedeutende Summe, welche daneben lag.
»Hier sind wir fertig,« meinte er dann. »Nun nach oben zu der Ubertinka.«
»Das wird uns bedeutend schwieriger werden.«
»Pah! Wir haben ja Uebung.«
»Auch durch das Fenster?«
»Nein. Wir brauchten dazu eine Leiter.«
»Also durch die Vorsaalthür! Hast Du denn einen passenden Dietrich mit?«
»Versteht sich. Nichts ist leichter zu öffnen als ein Vorsaal. Das weißt Du ja so gut wie ich.«
»Wenn aber eine Sicherheitskette vorhanden ist, was dann?«
»Die wird einfach abgeschraubt. Komm!«
Sie schlichen sich leise nach der ersten Etage.
Dort angelangt, zog der Baron seine Nachschlüssel hervor. Valeska mußte leuchten, und er versuchte, zu öffnen. Es gelang ihm über alles Erwarten schnell. Eine Sicherheitskette war nicht vorhanden. Sie huschten hinein und klinkten die Thür hinter sich leise ein.
»Halb gewonnen! raunte der Baron seiner Gefährtin zu. Komm nach rechts!«
Er zog sie nach der Thür, hinter welcher seiner Vermuthung nach die Zimmer der Sängerin liegen mußten. Diese Thür war nicht verschlossen. Sie wurde ohne Geräusch geöffnet und wieder zugemacht. Die Beiden befanden sich in Leni's kleinem Salon.
Der Baron ließ einen Blitz seiner Laterne leuchten. Er sah, daß die weiter führende Nebenthür zu war. Darum konnte er sich der Laterne mit mehr Sicherheit bedienen. Er beleuchtete das Zimmer. Auf einem Pfeilertischchen stand ein Kästchen. Es war mit einem stark vergoldeten Griff versehen, und der kleine, sonderbar geformte Schlüssel steckte an.
»Sollte dies die Diamantenchatulle sein?« fragte er. »Laß sehen.«
Er öffnete das Kästchen. Fast wäre ihm ein Schrei des Entzückens entfahren, denn die köstlichsten Steine blitzten ihm in herrlichster Fassung entgegen.
»Gefunden, gefunden!« sagte er. »Leichter konnte es uns nicht gemacht werden!«
Seine Hände zitterten vor Aufregung. Die Tänzerin riß, noch mehr entzückt als er, ein kostbares Armband an sich, ließ es im Lichte der Laterne funkeln und sagte beinahe laut:
»Das wird mein, Egon, mein, mein! Nicht?«
»Ja doch, ja! Aber schrei doch nicht so! Wir haben genug. Das ist ein Raub, wie wir noch keinen gehabt haben. Wollen uns beeilen, ihn in Sicherheit zu bringen. Komm schnell!«
»Halt, die Schatulle trage ich!«
Sie riß das Kästchen an sich. Er ließ es zu, da er seine Hände anderweit brauchte.
Nun begaben sie sich auf demselben Wege, den sie gekommen waren, wieder nach der unteren Wohnung. Dabei ließen sie oben die Vorsaalthür offen. Sie mit dem Dietrich von außen zu verschließen, hätte vielleicht Lärm verursachen können. Und jetzt war es ja ganz gleich, ob diese Thür offen gelassen wurde oder nicht.
Auch unten verschlossen sie die nach dem Flur führende Thür nicht wieder. Sie wollten sich keinen Augenblick länger als nöthig hier aufhalten. Sie schlüpften durch die Schlafstube des Fex und stiegen in den Hof. Nach kurzer Zeit befanden sie sich wieder in der Wohnung des Krickelanton.
»Das wäre gelungen, gelungen!« jauchzte der Baron.
»Leise, leise!« warnte die Tänzerin.
»Pah. Wer soll uns hören? Der Kerl schläft ja fester wie eine Ratte. Laß uns das Geld zählen und die Diamanten betrachten!«
Es waren an die tausend Gulden, welche sie dem Fex gestohlen hatten. Die Schmuckgegenstände der Leni repräsentirten ein Vermögen. Die beiden Diebe befanden sich in einem wahren Freudentaumel. Valeska besonders war wie betrunken.
»Das Armband giebst Du mir gleich jetzt,« bat sie.
»Gern würde ich es thun; aber es geht nicht.«
»Warum?«
»Weil wir vorsichtig sein müssen. Euch Weibern ist nie zu trauen, besonders wenn es sich um Diamanten handelt.«
»Aber mir doch!«
»Auch nicht. Du könntest leicht einmal auf den dummen Gedanken kommen, das Armband anzulegen, und wenn es auch nur von Deiner Zofe zufällig gesehen würde, wäre Alles verrathen!«
»Auch diese bekommt es nicht zu sehen!«
»Wenn auch! Die Steine müssen ausgebrochen werden und eine neue Fassung erhalten. Und selbst dann darf man sie hier in Wien nicht tragen. Du sollst das Armband haben, aber nicht heut.«
»Und wer hebt die Diamanten auf?«
»Ich.«
»Warum nicht ich?«
Sie war fast zornig; das sah er ihr an.
»Valeska, mach keine Dummheit!« sagte er. »Wir haben so lange gute Freundschaft und Compagnie gehalten, daß es albern wäre, uns heut zu veruneinigen. Ich bin es stets gewesen, bei dem die Beute aufbewahrt worden ist. Warum soll es dieses Mal anders sein?«
»Weil Du die Diamanten ohne mich verkaufen könntest.«
»Es ist doch wahr! Wenn es sich um Edelsteine handelt, so werdet Ihr Weiber alle schwach!«
»Schwach?« meinte sie trotzig. »Das sollst Du mir nicht sagen. Behalte sie!«
Sie wendete sich von ihm ab. Er aber that, als ob gar nichts vorgefallen wäre, und begab sich nach dem Schlafzimmer des Sängers. Dieser lag noch immer ohne alle Besinnung da.
»Er wird erst morgen früh aufwachen,« sagte er dann, zurückkehrend. »Wir sind hier fertig. Laß uns gehen!«
Sie zogen ihre Ueberkleider an, löschten des Licht aus und verließen die Wohnung.
»Sollten wir nicht zuschließen?« fragte die Tänzerin.
»Nein. Dann müßten wir ja die Schlüssel zu uns nehmen und Anton könnte nicht heraus, wenn er erwacht.«
»Aber die Hausthür müssen wir zuschließen.«
»Auch nicht. Ich trage, wenn ich sie geöffnet habe, den Schlüssel wieder hinein. Wir sind nicht berechtigt, fremde Schlüssel mitzunehmen. Es könnte uns das leicht Unannehmlichkeiten bereiten.«
Sie fügte sich. Als sie dann das Haus verließen, sagte sie:
»Thu mir wenigstens den Gefallen und laß mich die Schatulle tragen!«
»Sonderbares Mädchen! Nun, da sie das Armband nicht sogleich bekommt, will sie es wenigstens tragen. Ihr Frauen seid wirklich ganz und gar unberechenbar!«
»Auch nicht mehr als Ihr. Am allerunberechenbarsten aber sind diese Diaman – – –«
»Pst! Still!« raunte er ihr erschrocken zu.
Valeska hatte nämlich, da die Straße völlig unbelebt war, nicht ganz leise gesprochen. Sie wollten eben um die Ecke derselben biegen; da kamen zwei Männer von der andern Seite. Die vier Personen stießen beinahe zusammen.
Die beiden ihnen Begegnenden waren der Graf von Senftenberg und der Sepp. Der Erstere wollte den Letzteren nach Hause begleiten. Sie kamen aus dem Casino.
Grad an dieser Ecke brannte eine Gasflamme. Nur einen einzigen Moment hatten die beiden Letztgenannten den Baron und die Sängerin erblickt. Der Erstere hatte vorsichtiger Weise den Rockkragen emporgeschlagen und den Hut tief ins Gesicht gezogen. Aber dennoch rief der alte Sepp:
»Baron, Sie! Woher kommen Sie noch so spät?«
Aber der Genannte schritt mit seiner Begleiterin eiligst weiter, ohne auf diese Anrede zu achten.
»Sapperment!« meinte der Alte. »Er wars doch!«
»Welcher Baron?« fragte der Graf.
»Von Stubbenau. Meinen Sie nicht?«
»Auch mir schien es so. Seine Gestalt war es. Aber ich denke, daß er Ihnen geantwortet hätte, wenn er es gewesen wäre.«
»Hm!« brummte der Alte, indem er sich den Bart bedenklich strich und den beiden Dahinschreitenden nachblickte. »Er könnte dreierlei Gründe haben, sich nicht zu erkennen zu geben.«
»Dreierlei? Wie Sie das gleich so genau wissen! Welche Gründe wären das?«
»Erstens weil Sie bei mir sind. Er ist doch mit Ihnen zerfallen; also muß es ihm unlieb sein, von mir angesprochen zu werden.«
»Mag sein.«
»Zweitens könnte er von irgend einem Streiche kommen und nicht beabsichtigen, erkannt zu werden. Ich traue ihm nicht.«
»Ich noch viel weniger.«
»Und Drittens könnte es sich um ein galantes Abenteuer handeln.«
»Meinen Sie? Warum denken Sie das?«
»Die Beiden sprachen mit einander. Haben Sie die letzten Worte gehört?«
»Ja. – Sprach der Andre nicht von Diamanten?«
»Ja, aber es war wohl kein ›Der Andere‹.«
»Sie sprechen in Räthseln.«
»Es kommt mir viel eher vor, daß es eine ›Die Andere‹ gewesen ist.«
»Ah! Ein Frauenzimmer?«
»Ja. Ich lasse mich fressen, wenn das nicht eine Frauenstimme war.«
»Ich habe freilich nicht auf diesen Umstand geachtet, besinne mich aber doch, daß es eine sehr hohe Stimmlage war.«
»Ja, Diskant.«
»Es giebt auch Männer, deren Stimme sehr hoch liegt.«
»Aber es klingt dennoch männlich. Ich habe es ganz deutlich gesehen, daß diese Person einen Zopf hatte, ein Schwalbennest auf dem Hinterkopfe.«
»Da haben Sie sehr scharfe Augen.«
»Die habe ich allerdings, trotz meines Alters. Und die Gestalt! Das war eine verkappte Frau oder ein Mädchen.«
»Nun, wenn Sie Recht hätten, so wäre es doch nichts Auffälliges, grad jetzt zur Zeit der Karnevalsscherze.«
»Das ist richtig. Aber weil er keine Antwort gab und so eilig davon stieg, scheint mir die Sache nicht in Ordnung zu sein. Doch, lassen wir sie laufen; sie gehen uns ja nichts an!«
Sie bogen um die Ecke und gingen weiter, eine kurze Strecke wortlos; dann sagte der Graf, indem er den Schritt einzog:
»Sonderbar! Da Sie von dem Barone sprechen, kommt mir ein Gedanke. Ich habe heut nämlich ein Gespräch belauscht, ohne aber den einen Sprechenden sehen zu können. Seine Stimme klang mir bekannt, doch gab es an dem betreffenden Orte eine so eigene Resonnanz, daß die Töne undeutlich wurden. Jetzt nun möchte ich behaupten, daß der Baron es gewesen sei.«
»So. Wann war das?«
»Es kann wohl gegen drei Uhr gewesen sein.«
»Ah, Sapperment! Wo?«
»Im Augarten.«
»Das stimmt, stimmt.«
»Wieso? Was stimmt?«
»Der Baron ist im Augarten gewesen.«
»Wirklich? Woher wissen Sie das?«
»Er hat es mir selbst gesagt.«
»So! Dann ist er es nicht gewesen, den ich meine, denn da hätte er es Ihnen nicht eingestanden, dort gewesen zu sein.«
»Eingestanden? Er konnte ja gar nicht anders. Ich traf ihn ja in der Kaiser-Josef-Straße und mußte also sehen, daß er aus dem Augarten kam. Ich hatte meine Leni und ihre Wirthin dorthin begleitet.«
»Diese traf ich dann. Ah! Also ist er es gewesen, er!«
»Ja. Aber Sie sagen das in einem so eigenthümlichen Tone! Ists etwas Besonderes?«
»Ja. Es handelt sich um ein Verbrechen.«
»Donnerwetter!«
»Ja, um einen Einbruch. Es sollen Papiere gestohlen werden.«
Da fragte der Sepp sehr rasch:
»Handelt es sich etwa um eine Erbschaft?«
»Ja. Wie aber kommen Sie auf diese Frage?«
»Weil ich weiß, daß der Baron so Etwas vor hat.«
»Woher wissen Sie es?«
»Hm! Ich habe den Kerl schon längst beobachtet und warte längst auf die Gelegenheit, ihm auf die Hände klopfen zu können.«
»Sonderbares Zusammentreffen! Es muß sich um bayrische Verhältnisse oder Personen handeln; daher ist es wohl möglich, daß Sie zufälliger Weis? – – doch nein, wie sollten Sie mit einem Fex – – –«
»Fex!« rief der Alte. »Was ist mit ihm?«
»Es handelt sich um eine Person, welche nicht anders als Fex genannt wurde.«
»Himmelsakkerment! Jetzt haben wir den Sack offen. Was will man mit ihm?«
»Ihm gewisse Papiere stehlen, die er immer bei sich trägt. Die Abschriften davon liegen bei gewissen Acten.«
»Das stimmt, das stimmt. Graf, wir sind da im Begriffe, einem Verbrechen auf die Spur zu kommen, welches mich mehr angeht als Sie denken.«
»Sie? Wieso, Herr Hauptmann?«
»Der Fex ist ein sehr guter Freund oder vielmehr ein Schützling von mir.«
»Wirklich? So freut es mich von ganzem Herzen, Ihnen eine so wichtige Mittheilung machen zu können.«
»Er befindet sich sogar jetzt hier in Wien und wohnt in dem Logis, welches der Criquolini bisher inne hatte.«
»Also unter Signora Ubertinka?«
Sie standen noch immer auf derselben Stelle, an welcher sie diese Unterredung begonnen hatten. Das Gespräch wurde sehr lebhaft geführt. Fragen und Antworten folgten sich in aller Eile.
»Wissen Sie, wohin der Criquolini gezogen ist?« fragte der Graf mit Spannung.
»Ja. In die Circusgasse, in welcher wir uns eben jetzt befinden.«
»Alle Teufel! So ist er schon geschehen!«
»Wer?«
»Der Einbruch!«
»Nicht möglich!«
»Ja. Haben Sie nicht gesehen, daß der Begleiter oder die Begleiterin des Barons Etwas in der Hand trug?«
»Ein Kästchen.«
»Bewahrt Ihr Freund, den Sie Fex nennen, etwa die betreffenden Papiere in einem solchen Kästchen auf?«
»Nein. Er hat gar keine solche Schatulle.«
»Dann fühle ich mich in Etwas beruhigt, aber doch nicht ganz und vollständig. Wir sind diesen ganzen Abend beisammen gewesen und haben uns so gut unterhalten, daß ich gar nicht an Anderes gedacht habe. Wäre mir das belauschte Gespräch eingefallen, so hätte ich es vielleicht Ihnen gegenüber erwähnt. Und es wäre noch Zeit gewesen, die That zu verhüten.«
»Hoffentlich ist sie noch gar nicht geschehen!«
»Das sollte mich freuen. Der Einbruch soll nämlich von der Wohnung eines Sängers aus stattfinden.«
»Das wäre Criquolini?«
»Ja. Derjenige, welcher diesen Plan entwickelte, nannte einen Sänger seinen Freund, welcher gegen den Fex so wohnt, daß die Höhe der beiden betreffenden Häuser an einander stoßen und man also leicht aus dem einen Hause in das andere kommen kann.«
»Alle Wetter! Das könnte auch stimmen!«
»Der Sänger soll so betrunken gemacht werden, daß er den Verstand verliert. Dann kann der Einbrecher von seiner Wohnung aus ungehindert operiren.«
»Ists so, ists so? Dann schnell, Graf, wollen wir nachschauen. Der Criquolini, dieser Sänger, wohnt hier in der Straße, aus welcher zwei verdächtige Kerls kommen, deren einer höchst wahrscheinlich der Baron von Stubbenau ist. Das ist freilich verdächtig. Der Baron wollte mich dem Sänger vorstellen. Er hat mir seine neue Wohnung genannt. Ich weiß die Nummer ganz genau. Lassen Sie uns nachsehen.«
Sie eilten die Straße hinab, bis sie an die betreffende Hausnummer gelangten. Da blieb der Alte stehen, maß die Länge der Gasse und den Punkt derselben, den das Haus einnahm, mit dem Auge ab und sagte:
»Es ist mir wahrscheinlich, daß der Hof der Frau Salzmann mit diesem Hause und dessen Hof zusammenstößt. Ich habe große Lust, Lärm zu machen!«
»Vielleicht unnöthiger Weise. Die Bewohner schlafen alle, denn sämmtliche Fenster sind dunkel. Wo wohnt Criquolini?«
»Erste Etage links. Wenn man nur einmal – – ah, es ist ja offen!«
Er hatte, während er sprach, die Hand an den Drücker der Hausthür gelegt. Dieser gab nach, und die Thür ging auf. Beide waren über diesen Umstand hoch erfreut.
»Prächtig!« meinte der Sepp. »Kein Mensch konnte erwarten, daß die Thür unverschlossen sei. Was meinen Sie? Gehen wir hinein?«
»Natürlich! Wir müssen unbedingt nachsehen, was geschehen ist.«
Sie traten in den Flur und machten hinter sich die Thüre wieder zu. Sepp zog Zündhölzer hervor und brannte einige derselben an, um sich besser orientiren zu können. Er sah die beiden Thüren, welche rechts und links in die betreffenden Wohnungen führten, und klinkte an der letzteren. Sie ging auf, und er blickte in einen dunkeln Raum.
»Diese Wohnung ist offen,« flüsterte er. »Es riecht nach Wein und Tabak. Wir befinden uns wohl an der richtigen Stelle. Treten wir ein!«
Sie gingen hinein und machten natürlich auch diese Thür hinter sich zu. Beim Scheine eines Hölzchens sahen sie die Lampe auf dem Tische stehen. Der Sepp brannte sie an, und nun blickten sie sich in dem Logis um.
Die zur Schlafstube führende Thür stand offen. Ein tiefes, stöhnendes Schnarchen ließ sich hören. – Sie gingen hinaus und leuchteten den Schläfer an.
»Criquolini!« sagte der Graf. »Jetzt ist es sicher, daß meine Ahnung richtig war. Er ist der Sänger, von dessen Wohnung aus die That unternommen werden sollte. Beeilen wir uns, uns Gewißheit zu verschaffen!«
»Wecken wir ihn!«
Sie riefen den Sänger beim Namen, doch vergebens. Sepp faßte ihn am Arme und rüttelte ihn, dieses hatte aber nur den Erfolg, daß Anton ein tiefes Stöhnen hören ließ.
»Er ist sinnlos betrunken,« sagte der Graf. »Lassen wir ihn. Er kann uns nichts nützen. Wir müssen in den Hof und von da aus in den andern hinüber.«
»So sind wir gezwungen, hier zum Fenster hinaus zu steigen.«
»Vielleicht nicht. Es steht zu erwarten, daß die Diebe auch die Hofthüre offen gelassen haben. Uebrigens habe ich einen Schlüssel auf dem Tische liegen gesehen, wahrscheinlich ists der Hausschlüssel, welcher auch die Hinterthür schließen wird.«
Auf dem Nachttische stand ein Leuchter mit einer Kerze. Sepp nahm die Letztere an sich, um nötigenfalls ein Licht zu haben. Dann begaben sie sich hinaus in den Hof und stiegen über die Mauer desselben in denjenigen des anstoßenden Grundstückes.
»Wir sind hier richtig,« meinte der Alte, nachdem er einen forschenden Blick um sich geworfen hatte. Das ist wirklich das Haus der Frau Salzmann. Und, schauen Sie, da steht das Fenster offen. Wir müssen hinein.«
Er trat an das Fenster heran und rief einige Male hinein, doch ohne eine Antwort zu erhalten.
»Da drin wohnt der Fex,« sagte der Sepp. »Er antwortet nicht. Entweder ist er gar nicht daheim oder es ist ihm Etwas geschehen.«
»Um Gottes willen! Man wird ihn doch nicht gar ermordet haben!«
»Auch mir ist es angst.«
Sie stiegen durch das Fenster ein und lauschten. Es war nichts zu hören, auch nicht das Geräusch eines leisen Athmens. Aber der Geruch des Chloroforms war deutlich vernehmbar.
»Riechen Sie Etwas?« fragte der Graf.
»Ja; es ist Etwas, was ich nicht kenne.«
»Aber ich kenne es. So riecht nur Chloroform. Man hat ihn wohl betäubt. Brennen Sie doch schnell die Kerze an!«
Das geschah, und nun sahen sie den Fex regungslos im Bette liegen. Sie untersuchten ihn und fanden zu ihrer Beruhigung weder eine Wunde noch sonst ein Zeichen, daß irgend eine Gewaltthätigkeit mit ihm vorgenommen worden sei. Das Herz bewegte sich.
»Gott sei Dank!« sagte der Sepp tief aufathmend. »Er lebt. Er ist nur betäubt worden. Wollen schauen, ob wir ihn aufwecken können.«
Diese Bemühung war vergebens. Er erwachte nicht. Aber als der Alte ihn einige Male beim Namen rief, antwortete er wie im Traume, indem er unverständliche Laute ausstieß.
»Lassen wir ihn,« sagte der Graf. »Wenn die Narkose vorüber ist, erwacht er ganz von selbst. Sehen wir lieber nach, ob wir Spuren des Einbruches bemerken.«
Sie traten in das Wohnzimmer und brannten die auf dem Tische stehende Petroleumlampe an. Es war keine Unordnung in der Wohnung zu erkennen. Der Schlüssel des Schreibtisches steckte. Sie zogen den Kasten auf und untersuchten auch die übrigen Fächer. Auch hier war keine Spur von Unordnung zu bemerken. Sie wußten nicht, was sich in den Behältnissen befunden hatte, und konnten also auch nicht sagen, ob Etwas fehle oder nicht.
Da kam dem Sepp der Gedanke, die Kleidertaschen des Fex zu untersuchen. Sie fanden in denselben nicht Papiere wie diejenigen, auf welche der Dieb es abgesehen hatte. Das Geldtäschchen, welches in der Hose steckte, war leer.
»Ah,« meinte der Sepp, »das ist ausgeräumt worden. Der Fex steckt kein leeres Portemonnaie ein. Das ist gewiß.«
»Die Hauptsache ist, zu erfahren, ob die Diebe die betreffenden Papiere gefunden haben.«
»Das können wir nur von Dem da erfahren. Und weil er bewußtlos ist, müssen wir also warten, bis er wieder zu sich kommt.«
»Wäre es nicht gerathen, die Wirthin zu wecken?«
»Ja, das müssen wir thun. Gehen wir hinauf!«
Sie fanden zu ihrer Verwunderung die aus dem Vorzimmer nach dem Flur führende Thür unverschlossen; geradezu betroffen aber fühlten sie sich, als sie die zur Wohnung der Wirthin führende Vorsaalthür auch offen stehen sahen. –
»Da ist auch hier Etwas nicht richtig,« sagte der Sepp. »Kein Mensch läßt des Nachts die Thür offen. Das kommt mir verdächtig vor.«
»Mir auch. Sollten sie auch hier oben gewesen sein?«
»Das ist möglich und sogar wahrscheinlich. Wir wollen klingeln.«
Sie hatten natürlich die Lampe mit heraufgenommen. Als die Glocke ertönte, regte es sich in verschiedenen Zimmern. Mitten in der Nacht Jemand an der Vorsaalthür, das war natürlich etwas ganz Ungewöhnliches. Nach wenigen Augenblicken erschien das Dienstmädchen, welches beim Anblicke zweier fremder Männer, die sich nicht vor der Thür, sondern hier im Vorsaale befanden, vor Schreck laut aufschrie.
»Fürchten Sie sich nicht,« sagte der Graf. »Wir kommen in guter Absicht. Ihre Vorsaalthür stand offen. Haben Sie dieselbe vor dem Schlafengehen nicht verschlossen?«
»Ich habe sie verschlossen; das weiß ich gewiß.«
»So ist sie von Personen geöffnet worden, welche kein Recht dazu haben. Wecken Sie Frau Salzmann. Wir haben mit ihr zu reden.«
»Ich komme gleich!« ertönte es hinter einer nahen Thür.
Das war die Stimme der Wirthin, welche die Worte gehört hatte. Sie kam nach kurzer Zeit heraus, voller Besorgniß, was dieser späte Besuch zu bedeuten habe.
»Sie, Graf, und Sie, Herr Hauptmann?« rief sie aus, als sie die Beiden erblickte. »Gott sei Dank! Da Sie es sind, haben wir nichts zu befürchten. Ich dachte fast – – –«
»Sie würden von Räubern überfallen?« fiel der Graf lächelnd ein. »Nein, das sind wir nicht. Aber eine unangenehme Nachricht bringen wir Ihnen doch.«
»Was ist geschehen? Wie sind Sie denn in das Haus gekommen?«
»Wir sind durch das Fenster eingestiegen.«
»Eingestiegen? Mein Gott! Ists wahr?«
»Ja. Erschrecken Sie nicht! Sie haben jetzt nichts mehr zu befürchten. Es sind Diebe in Ihrem Hause gewesen.«
Sie erschrak trotz seiner Warnung.
»Diebe!« rief sie aus. »Hilf Himmel! Sind sie etwa noch hier?«
»Nein, sie sind fort. Wir haben es ganz zufälliger Weise entdeckt und sind durch dasselbe Fenster wie diese eingestiegen, um Sie zu wecken.«
»Wo sind sie denn gewesen? Hier bei mir?«
»Zunächst unten im Parterre bei Ihrem neuen Miethsmanne. Und da wir hier Ihre Vorsaalthür offen fanden, so steht zu vermuthen, daß sie auch bei Ihnen gewesen sind.«
»Die Thür war offen? Ich habe mich selbst überzeugt, daß sie verschlossen war.«
»So ist sie mit einem Nachschlüssel geöffnet worden. Bitte, nachzusehen, ob Ihnen Etwas fehlt!«
»Gleich, gleich! Treten Sie doch ein!«
Sie führte die Beiden in den Salon und entfernte sich, um Nachforschung zu halten. Sie fand, daß ihr nicht das Mindeste fehle, und brachte, als sie zurückkehrte, die Leni mit.
Diese war natürlich ebenso, wie die Andern, durch die Klingel aufgeweckt worden. Sie hatte ein leichtes Negligé übergeworfen und sah in demselben entzückend aus.
Sie war natürlich ebenso erschreckt und betroffen wie die Wirthin. Sie begrüßte den Sepp, der sie hier noch nicht besucht hatte, und reichte auch dem Grafen die Hand. Dieser fragte sie:
»Haben auch Sie nachgesehen, ob Ihnen vielleicht Etwas fehlt, mein Fräulein?«
»Noch nicht. Ich bin so sehr überrascht, daß ich versäumt habe, es zu thun.«
»So bitte, holen Sie es nach! Hoffentlich haben Sie etwaige Werthsachen gut aufgehoben.«
»Meine Diamanten befinden sich drin im Wohnzimmer.«
»Doch verschlossen?«
»Nein. Das Kästchen steht auf dem Tische.«
»Wie unvorsichtig! Ein Kästchen also? Hm! Der eine der Kerls trug so Etwas in der Hand. Beeilen Sie sich! Sehen Sie augenblicklich nach!«
Sie begaben sich alle nach Leni's Wohnstube. Als der Blick der Sängerin dahin fiel, wo das Kästchen gestanden hatte, stieß sie einen Schrei des Schreckens aus.
»Fort, fort!« rief sie. »Sie sind verschwunden!«
»Donnerwetter!« fluchte der Sepp. »Wo hast sie denn stehen habt?«
»Dort,« antwortete sie, mit der Hand nach der betreffenden Stelle deutend.
»Alle tausend Donnerwetter! Die Hallunken soll gleich dera Deixel holen! Meiner Leni die Diamanten zu stehlen.«
Er vergaß in seinem Zorne ganz die Rolle, welche er als Hauptmann zu spielen hatte, und fiel in seinen heimathlichen Dialect zurück.
»Herrgott im Himmel!« rief die Wirthin. »Ihr Schmuck ist gestohlen! Daß so Etwas in meinem Hause geschehen muß. Wir müssen augenblicklich nach der Polizei schicken!«
»Halt, nicht so schnell!« meinte der Sepp. »Damit hats glücklicher Weise noch Zeit.«
»Nein, nein! Das muß gleich geschehen!«
»Wartens nur! Wir kennen ja den Dieb. Er wird uns nicht entgehen. Dera Schmuck wird ganz sicher wiederschafft.«
»Wie? Sie kennen den Dieb? Wer ists denn?«
»Kein Anderer als dera Herr Baronen von Stubbenau.«
»Der so oft den Sänger Criquolini besuchte?«
»Ja, ganz derselbige.«
»Der, also der! Ich habe ihn doch stets für einen bösen Menschen gehalten.«
»Da habens sich nicht täuscht, und er ist – – –«
Er hielt mitten in der Rede inne. Die Thür war aufgegangen und das Stubenmädchen trat ein. Sein Blick fiel auf sie.
»Was – was – was – wer ist denn das!« rief er aus.
Martha war ebenso erstaunt wie er.
»Sepp, Sepp, der Wurzelsepp!« sagte sie, vor Verwunderung die Hände zusammenschlagend.
»Die Martha, die Silbermartha!« antwortete er. »Wer hat das denken konnt! Nein, wie mich das gefreut! Was treibst denn da hier?«
»In Dienst steh ich hier bei dera Frau Salzmann.«
»In Dienst! Die Silbermartha steht in Dienst! Das ist rechtschaffen, brav von Dir. Da muß ich Dir sogleich meine Hand geben.«
Er ergriff ihre Hand und schüttelte dieselbe mit aufrichtiger Herzlichkeit.
Der Graf machte ein sehr erstauntes Gesicht. Sein Auge ruhte mit dem Ausdrucke der größten Ueberraschung auf dem Alten.
»Was höre ich da für einen Namen!« sagte er. »Sie wurden soeben der Wurzelsepp genannt?«
»Ja!« antwortete der Alte, indem er sich verdrießlich hinter dem Ohre kratzte. »Da hat das Dirndl nun den ganzen Kram verrathen!«
»Der Wurzelsepp sind Sie, der Wurzelsepp!«
»Kennens denn diesen Namen?«
»Sehr gut sogar. Ich habe viel von Ihnen gehört. Also sind Sie gar nicht Offizier?«
»Offizier? Das fallt keinem Menschen ein! Jetzt könnt ich nun gleich dem Mond eine Maulschellen geben, daß mein Incognitero zum Deixel ist. Ich hab den Hauptmann gar so gut spielt, daß es wirklich jammerschade um denselbigen ist.«
»Ah, ich errathe!« nickte der Graf.
»So? Was derrathens denn?«
»Sie befinden sich in irgend einer geheimen Mission hier in Wien. Nicht wahr?«
»Wie meinens? In einer geheimen Mission? Ist denn dera Wurzelsepp ein Kerlen, den man zu so was gebrauchen kann?«
»Jawohl. Ich habe genug von Ihnen gehört, um zu wissen, daß Sie der Mann dazu sind.«
»Schön! Das gefreut mich sehr. Das ist mir lieb, daß Sie so eine gute Meinungen von mir haben. Darum hoffe ich auch, daß Sie mich jetzunder noch ein kleines Weilchen als Hauptmann gelten lassen. Ich bin mit Dem, was ich hier zu thun hab, noch nicht ganz fertig.«
Der Graf nickte, gab ihm die Hand und antwortete:
»Das versteht sich ganz von selbst, mein lieber Hauptmann. Ich werde wohl der Allerletzte sein, der Ihnen irgend welches Hinderniß bereiten möchte. Für mich sind Sie Der, als der Sie mir vorgestellt worden sind. Und dabei bleibt es so lange, bis Sie selbst eine Aenderung herbeiführen werden.«
»Gut! Das beruhigt mich. Und auch die Anderen mögen mich einstweilen noch Hauptmann nennen. Daß ich die Martha hier troffen hab, das ist mir außerordentlich lieb. Warum bist denn eigentlich von Daheim ausgerissen?«
»Konnte ich denn anders?« fragte das Mädchen, an welches diese Frage gerichtet war.
»Ja, hättst gar wohl anders konnt.«
»Nein. Wenn ich geblieben wäre, hätte ich entweder als die Feindin meines Vaters und Bruders auftreten oder ihre Mitschuldige werden müssen. Eine andere Wahl wäre mir ja gar nicht geblieben.«
»O doch! Hättest Dich an mich wenden können. Da wäre Dir sogleich die Weisung worden, wie Du Dich verhalten solltest. Du hättest dann nicht in Dienst zu gehen braucht.«
»O, daß ich das than hab, das schadet nix, gar nix. Meine liebe Frau Salzmann ist so gut mit mir, daß ich es gar nicht fühle, daß ich ein Dienstboten bin.«
»Das ist sehr gut; aber Du mußt auch daran denken, daß es Personen giebt, denen Du mit Deinem Verschwinden wehe than hast.«
»Solche Leut giebts wohl nicht!«
»Meinst? Denkst etwan, daß ich nicht mehr ein guter Freund von Dir bin?«
»Ja Du! Aber Du bist auch der Einzige.«
»Nein. Da hast ganz Denjenigen vergessen, der die Hauptperson dabei ist. Oder solltest Du Dich nicht gern an den Schulmeister erinnern?«
»An den? Geh weg! Der hat halt nix mehr von mir wissen wollen.«
»Da kannst Dich irren. Grad Derjenige ist durch Dein plötzliches Verschwinden am allermeisten troffen worden.«
»Das denkst halt nur!«
»Nein, sondern ich weiß es genau.«
»Hat er es sagt?«
»Nein. Dazu ist er zu stolz. Er ist ganz still gewest.«
»Nun, da hasts! Wir sind in Unfrieden aus nander gangen.«
»So? Wer war denn schuld daran?«
»Ich selbst. Ich bin die Stolze und die Hochmüthige gewest, und nun hab ich die Folgen zu tragen. Mir geschieht mein Recht!«
»Wannst so sehr in Dich gangen bist, so kannst noch mal glücklich werden. Ich denk, daßt nicht für immer hier in Wien bleiben willst.«
»Ich bleibe hier,« antwortete sie in traurigem Tone. »In die Heimath kann ich nie zurück.«
»Das darfst nicht meinen. Du bist brav gewest und hast Dir niemals nix zu schulden kommen lassen. Was die Deinigen than haben, das geht doch Dich nix an; dafür kannst nicht verantwortlich macht werden. Und übrigens ists auch kein Muß, daßt grad in die Heimath gehst, wannst hier nicht bleiben willst. Man kann auch anderswo glücklich werden. Davon aber wollen wir jetzt nicht sprechen. Wir haben noch Anderes zu thun, was für den Augenblick wichtiger ist. Wir müssen wieder hinuntersehen nach dem Fex, ob er nun die Besinnung wieder erlangt hat.«
»Was ist mit dem Fex?« fragte die Leni erschrocken.
»Nun, ihm hat eigentlich der Einbruch gegolten. Bei ihm sind die Diebe einstiegen und haben ihm Chloroform zu riechen geben.«
»Herrgott! Da müssen wir hinab, schnell, schnell!«
Sie griff zur Lampe und eilte fort. Die Andern folgten. Die Frauen befanden sich natürlich in großer Aufregung. Leni vergaß ihre gestohlenen Schmucksachen. Die Besorgniß um den Freund war in diesem Augenblick größer als die Angst um das ihr geraubte Gut.
Als sie in seine Wohnung kamen, sahen sie ihn auf dem Rande seines Bettes sitzen. Er hatte sich mühsam angezogen und hielt den Kopf in den beiden Händen. Er sah verwundert auf. Sein Blick war ganz verstört.
»Sepp, Du!« sagte er. »Was machst in dera Nacht hier in dem fremden Haus?«
»Dich will ich besuchen,« antwortete der Alte.
»Du hast eine sonderbare Zeit gewählt.«
»O, es hat noch Andre geben, die trotz der ungelegenen Zeit bei Dir gewest sind.«
»Bei mir? Wer soll das sein?«
»So hast noch nix bemerkt?«
»Gar nix. Was soll ich bemerkt haben? Ich bin aus dem Schlaf erwacht. Mein Kopf ist mir noch schwerer als ein Zentner, und es ist mir so übel, als ob ich sterben sollt. Da bin ich aufstanden und hab mich ankleidet. Ich wollt in dera Stuben umhergehen, aber die Glieder sind mir wie zerschlagen. Fast möcht ich denken, daß Etwas mit mir geschehen ist.«
»Da hast freilich ganz den richtigen Gedanken. Du bist chloroformirt worden.«
»Chloro – – –«
Er verschluckte vor Verwunderung das Ende des Wortes und blickte fragend zu dem Alten auf. Sein Kopf war ihm so eingenommen, daß ihm das Denken schwer wurde. Er sah zwar die anderen Personen, welche mit dem Sepp gekommen waren, aber er hatte sich noch nicht gefragt, was die Anwesenheit derselben zu bedeuten habe.
Jetzt aber begann er zu ahnen, daß Etwas geschehen sein müsse. Er fügte hinzu:
»Chloroformirt? Ich? Wieso? Von wem?«
»Von denen Dieben, die hier bei Dir einstiegen sind. Hast denn wirklich ganz und gar nichts davon merkt.«
»Nein, gar nix,« antwortete er, noch immer wie im Traume. »Diebe sollen hier gewesen sein?«
»Ja, bestohlen bist worden.«
»Ich – ich – ich bestohlen worden? Was könnten Diebe bei mir suchen wollen?«
»Dein Geld natürlich und wohl auch die Schriften, die Du im Prozesse brauchst. Hast Du sie hier bei Dir?«
Der Fex starrte den Sprecher noch einige Augenblicke verständnißlos an; dann aber wurde ihm klar, was dieser meinte. Er fuhr von dem Rande des Bettes auf und eilte in die Wohnstube. Dort schloß er den Schreibtisch auf und sah in das betreffende Fach.
»Fort!« rief er erschrocken.
»Also wirklich!« sagte der Sepp. »Was ist's denn, was sie mitgenommen haben?«
»Mein ganzes Geld und auch die Schriften.«
»Habs mir denkt! Sie haben einen sehr guten Fang gemacht. Die Schriften, das Geldl und auch dera Leni ihren Schmuck!«
»Aber, um Gotteswillen, Sepp, sage mir, wie das geschehen ist!«
Auf diese Frage antwortete der Graf. Er erzählte, was er in jenem Parkhäuschen erlauscht hatte, und wie dann Alles nach einander gekommen war. Was er noch nicht wußte, das wurde jetzt ergänzt, so daß am Schlusse seines Berichtes die Zuhörer sich vollständig im Klaren befanden.
Auf den Fex machte die Erzählung den Eindruck, daß er die Folgen des Chloroformes gar nicht mehr verspürte. Sein Kopf war plötzlich frei geworden und das Gehirn trat wieder in die gewöhnlichen Functionen.
»Also auf meine Papiere war es abgesehen,« sagte er. »Und dabei haben sich die Spitzbuben noch außerdem bereichert! Wir müssen den sogenannten Baron von Stubbenau natürlich sofort verhaften lassen.«
»Davon möchte ich abrathen,« meinte der Graf.
»Warum?«
»Um Ihres Prozesses willen. Es ist besser, dafür zu sorgen, dem Baron von Gulijan beweisen zu können, daß er der Anstifter des Einbruches sei. Wir dürfen also dem Diebe nichts in den Weg legen, bis er die Papiere dem Baron übergeben und dafür das Geld empfangen hat.«
»Inzwischen aber kann Manches passiren, was außer unserer Berechnung liegt!«
»O, Ihre Papiere sind Ihnen sicher und gewiß. Ebenso bin ich überzeugt, daß der Schmuck und das geraubte Geld unverloren ist. Wir werden die Sache allerdings sofort anzeigen, aber von einer Verhaftung sehen wir einstweilen ab. Es genügt, wenn wir den Dieb bis früh beobachten lassen, so, daß er nichts von dem Raube zu veräußern vermag.«
Diese Ansicht erhielt die Zustimmung der Anderen, und nach einigem Hin- und Herreden wurde beschlossen, daß der Graf, der Sepp und der Fex nach der Polizei gehen sollten, um die Anzeige zu erstatten.
»Aber hier muß Alles bleiben, wie es ist,« meinte der Graf. »Die Polizei hat natürlich aufzunehmen, in welcher Weise der Einbruch ausgeführt worden ist.«
Eigentlich war die Wirthin mit der Entfernung der drei Männer nicht einverstanden. Sie fürchtete sich. Erst als sie erfuhr, daß in kurzer Zeit die Polizei hier sein werde, gab sie sich zufrieden.
Nachdem Leni den Zusammenhang von Allem erfahren hatte, befand sie sich nicht mehr in Sorge um ihren Schmuck; sie war überzeugt, daß sie denselben wieder zurückerhalten werde.
Die Drei begaben sich nach der nächsten Polizeistation. Als der Wachthabende dort erfuhr, um was es sich handele, hielt er sich nicht für befugt, die Verantwortung allein auf sich zu nehmen. Er telegraphirte der Polizeidirection am Schottenring, und es dauerte auch wirklich nur wenige Minuten, bis ein Oberbeamter angefahren kam, der sich Alles erzählen ließ.
Sein Gesicht wurde desto gespannter, je weiter der Bericht vorschritt. Er nickte mehrere Male still vor sich hin. Als die Erzählung beendet war, fragte er den Grafen:
»Also Sie sind wirklich überzeugt, daß jener Baron von Stubbenau der Dieb ist?«
»Vollständig!«
»Und daß es aber zwei gewesen sind?«
»Ja.«
»Haben Sie keine Ahnung, wer der Zweite war?«
»Nein. Die Gestalt schien mir aber keine männliche zu sein.«
»Hm! Und von der Wohnung des Sängers aus ist der Einbruch geschehen? Ihn hat man so betrunken gemacht, daß er besinnungslos geworden ist? Sonderbar! Es kommt mir da ein Gedanke. Hat vielleicht einer der Herren von einer Geliebten gehört, welche der Sänger Criquolini hat?«
»Ja,« antwortete der Sepp. »Der sogenannte Baron von Stubbenau hat mir mitgetheilt, daß Criquolini eine Tänzerin liebt.«
»Kennen Sie vielleicht den Namen derselben?«
»Gehört habe ich ihn, mir denselben aber leider nicht gemerkt.«
»War es ein deutscher Namen?«
»Nein.«
»Also ein fremder. Sie soll doch nicht etwa Valeska heißen?«
»Valeska! Ja, ja, so war es, so heißt sie. Jetzt fällt es mir ein.«
»Ah, meine Ahnung! Diese Valeska ist nämlich die Geliebte des Herrn von Stubbenau. Ich kenne diesen Herrn so leidlich. Er ist meiner besonderen und persönlichen Aufsicht unterstellt, natürlich aber ohne Etwas davon zu ahnen. Aus diesem Grunde habe ich mich sehr eingehend mit ihm beschäftigt. Er ist ein falscher Spieler und treibt wohl auch noch Schlimmeres, ohne daß ich ihn aber zu atrappiren vermochte. Er ist ein ungemein schlauer Kerl und ich habe immer geahnt, daß er die hübsche und zügellose Tänzerin als Lockvogel benutzt. Sollte etwa gar sie es gewesen sein, welche bei ihm war?«
Weder der Sepp noch der Graf konnten diese Frage beantworten. Darum sagte der Polizist:
»Jedenfalls werde ich von Criquolini erfahren, wer bei ihm gewesen ist.«
»Aber bitte, da vorsichtig zu sein!« sagte der Graf. »Der Sänger könnte den Dieb darauf aufmerksam machen, daß man sich mit der Sache bereits beschäftigt.«
»O bitte,« lächelte der Beamte. »Unsereiner weiß das anzufassen. Haben Sie die Thüren bei Criquolini wieder verschlossen?«
»Nur zugemacht, verschlossen nicht.«
»So kann ich also hinein?«
»Ja. Uebrigens habe ich den Hausschlüssel noch einstecken. Ich nahm ihn zu mir, um das Hofthor aufzuschließen, falls dies nöthig sei. Darf ich ihn an Sie abgeben?«
Er hielt den Schlüssel hin, und der Beamte steckte denselben zu sich, indem er meinte:
»Sie werden die Güte haben, mich nach der Wohnung des Betrunkenen zu begleiten, wenn es auch nicht gerathen ist, daß Sie dieselbe betreten. Falls es sich herausstellt, daß die Tänzerin bei ihm war, werde ich einen Wächter an ihre Wohnung stellen. Hoffentlich bekommen wir nun endlich einmal Klarheit über diesen Stubbenau. Wir kennen nämlich seinen eigentlichen Namen noch gar nicht, und alles Forschen nach demselben ist bisher vergeblich gewesen.«
Da griff sich der Graf mit der Hand nach der Stirn, indem er sagte:
»Sein Name! Ist mir doch, als ob ich denselben gehört hätte!«
»Wann denn?«
»Im Laufe seiner Unterredung mit dem Baron von Gulijan.«
»Wie? Hat dieser ihn nicht Stubbenau geheißen sondern ihn etwa anders genannt?«
»Ja, ganz anders.«
»Ah! Besinnen Sie sich, besinnen Sie sich ja! Es ist mir von der allergrößten Wichtigkeit, den Namen kennen zu lernen.«
»Warten Sie, warten Sie! Geben Sie mir Zeit!«
Während der Graf dies sagte, schritt er nachdenkend im Bureau auf und ab. Dann blieb er stehen und erklärte:
»Es war auch kein deutscher Name, wenn ich mich richtig besinne, sondern ein fremder.«
»Aus welcher Sprache?«
»Ja, wenn ich dies wüßte! Es ist mir, als ob es ein arabisches Wort gewesen sei.«
»Hm! Also kein adeliger Name?«
»Nein, ein bürgerlicher. Saadi ist wohl ein arabischer Name?«
»Ja, das ist er.«
»So ähnlich war es. Saadi oder Sadek oder ziemlich gleichklingend.«
Da fragte der Polizist mit sicht- und auch hörbarer Hast:
»Aehnlich wie Sadeck? Etwa Salek?«
»Ja, ja, so war es.«
»Salek, Salek! Ah! Hat der Baron von Gulijan ihn wirklich so genannt?«
»Sogar einige Male.«
»Er kennt also diesen Namen! Welch eine Entdeckung das ist, welch eine wichtige!«
Er zeigte, daß dieser Name ihn in eine Art von Begeisterung versetzt hatte.
»Ist er auch Ihnen bekannt?« fragte der Graf.
»Natürlich, natürlich! Dieser Salek ist ein berüchtigter Verbrecher, nach welchem wir schon lange Zeit vergeblich forschen. Sie werden noch Wunder hören. Also jetzt haben wir ihn, jetzt haben wir ihn!«
Er ging einige Male auf und ab und rieb sich hochvergnügt die Hände. Dann trat er zu einem kleinen Schränkchen, welches eine Hilfsapotheke enthielt, wie sie an Polizeistationen geboten sind. Er suchte ein Fläschchen mit Salmiakgeist hervor, welches er zu sich steckte. Dann ging er in den Nebenraum und kam kurze Zeit später in der Dienstkleidung eines Nachtwächters zurück.
»Kommen Sie,« sagte er. »Jetzt wollen wir nach der Circusstraße zu Criquolini.«
Sie gingen.
Vor dem Hause angekommen, in welchem die genannte Wohnung lag, bat er seine Begleitung, zu warten. Er selbst trat ein.
Er gelangte leicht in das Zimmer, in welchem er das kleine Wächterlaternchen anzündete. Den Schlüssel legte er auf den Tisch, so wie der Graf und der Sepp denselben gefunden hatten.
Als er dann in das Schlafzimmer trat, lag der Sänger schnarchend im Bette. Der Polizist rief und rüttelte ihn vergebens. Dann hielt er ihm den Salmiakgeist an die Nase. Criquolini athmete ihn ein und begann zu gleicher Zeit zu nießen und zu husten. Er erwachte und riß die Augen auf.
»Was – wa – wa – –« stotterte er.
Weiter kam er aber nicht, denn der Rausch bemächtigte sich seiner sofort wieder.
Der Polizist hielt ihm den Geist wieder an die Nase, und das hatte jetzt die Wirkung, daß der Betrunkene in sitzende Stellung emporfuhr. Er starrte den Andern verwundert an und fragte:
»Wer – wer sind Sie denn?«
»Der Nachtwächter, wie Sie sehen.«
»Was – was – wollen Sie?«
»Ich habe revidirt und Ihre Wohnung offen gefunden. Das darf nicht sein.«
»Offen? Es war doch zu!«
»Nein. Sowohl die Haus- als auch die Stubenthür war unverschlossen.«
»So – so – sind sie fort!«
Er blickte wie suchend um sich.
»Wer denn?« fragte der Polizist.
»Meine Gäste.«
»Sie haben Gäste und liegen im Bette!«
»Ja – ja – wissen Sie, der Wein, der Wein!«
»Ich verstehe! Sie hatten sich ein kleines Räuschchen angetrunken. Nicht wahr?«
»Ja, so ists.«
»Da wurden Sie schlafen gelegt, und die Gäste gingen. Da sie Ihnen den Schlüssel hier lassen mußten, konnten sie nicht verschließen.«
»Ganz so muß es gewesen sein.«
»Das soll aber nicht vorkommen. Wen hatten Sie denn zu Gaste?«
»Den Baron von Stubbenau.«
»Und – – –?«
»Und eine Dame, meine – meine – – ah, das thut doch vielleicht nichts zur Sache.«
»O doch! Ich muß Sie bitten, mir den Namen der betreffenden Dame zu sagen.«
»Es war die Tänzerin Valeska. Sie wollen doch nicht etwa wegen dieser kleinen Unregelmäßigkeit Anzeige machen?«
»Eigentlich sollte ich wohl; aber ich will davon absehen, obgleich ich glaube, daß Sie mir nicht ganz die Wahrheit gesagt haben.«
»Nicht? Wieso?«
»Weil Sie gar keine Dame bei sich gehabt haben.«
»Wer behauptet das?«
»Ich. Als Ihre Gäste Sie verließen, habe ich nur zwei Herren bemerkt. Den Einen erkannte ich allerdings als den Herrn Baron von Stubbenau. Eine Dame war nicht dabei.«
»Gewiß,« lächelte Criquolini verlegen. »Die Tänzerin hatte Herrenkleidung angelegt, wissen Sie, so eine kleine, augenblickliche Marotte.«
»Ach so! Das ist etwas Anderes. Jetzt aber bitte ich, die Thüren zu verschließen.«
»O wehe! Da müßte ich ja aufstehen!«
»Freilich!«
»Hm! Sind Sie hier auf der Straße stationirt?«
»Ja.«
»Da thun Sie mir doch den Gefallen, zuzuschließen und den Schlüssel später abzugeben. Es soll mir auf ein Trinkgeld nicht ankommen. Wollen Sie?«
»Wenn Sie es wünschen, ja.«
»Gut! Thun Sie es! Gute Nacht!«
Er fiel in die Kissen zurück und schnarchte bereits im nächsten Augenblick wie vorher.
Der Beamte aber wußte nun genug. Er verschloß die Wohnung und begab sich dann mit den drei auf ihn wartenden Herren nach dem Hause der Frau Salzmann, um dort den Thatbestand aufzunehmen.
Später ordnete er sowohl vor die Wohnung Stubbenau's als auch der Tänzerin je einen verkleideten Polizisten. Diese beiden Männer erhielten die Aufgabe, die zwei Genannten ja nicht aus dem Auge zu lassen.
Ganz ebenso wäre auch Gulijan beobachtet worden, wenn seine Wohnung bekannt gewesen wäre. Er war aber von Seiten seines Hotelwirthes noch nicht angemeldet, und man konnte die betreffende Meldung noch am Morgen erwarten.
In Beziehung auf ihn war es genug, daß man wußte, er gebe sich für einen Herrn von Wellmer aus. Und zudem wußte der Graf ja, daß dieser Mann täglich früh von neun bis zehn Uhr auf den Einbrecher warten wolle.
Am andern Morgen hatte es soeben acht Uhr geschlagen, als es sich in der Nähe des Parkhäuschens zu regen begann. Es gab da mehrere Spaziergänger, welche scheinbar unbefangen sich in der frischen Morgenluft ergingen. Wer sie aber schärfer beobachtet hätte, dem wäre es sicher nicht entgangen, daß sie die Umgebung recognoscirten und dann hinter Bäumen und Sträuchern verschwanden.
Der Graf von Senftenberg glaubte, seine Schuldigkeit gethan zu haben; er wollte sich mit dieser Angelegenheit, welche nun lediglich Criminalsache geworden war, persönlich nicht mehr beschäftigen. Der Sepp aber und der Fex waren entschlossen, sich am Fange der Verbrecher zu betheiligen.
Der Letztere hatte sich mit dem Polizeibeamten, der während der Nacht die Sache in die Hand genommen hatte, in das Häuschen versteckt, ganz so, wie gestern der Graf. Die Beiden befanden sich draußen in dem dunklen Werkzeugraume und sorgten dafür, daß die Thür für fest verschlossen gelten mußte.
Jetzt hielten sie dieselbe aber noch geöffnet, um fleißig Ausguk halten zu können.
Ungefähr eine Viertelstunde vor Neun sahen sie den Baron Stubbenau kommen. Sie zogen sich in das Versteck zurück. Er trat in das Häuschen und tastete an der Thür, um sich zu überzeugen, daß sie zu sei.
Er schien fest zu glauben, daß er sich ganz allein hier befinde. Zunächst setzte er sich auf die Bank; doch ließ ihm die Erwartung keine Ruhe. Er stand sehr bald wieder auf und begann, hin und her zu schreiten.
Nach einer Weile hörten die beiden Lauscher, daß er einen leisen, befriedigenden Ruf ausstieß. Der Baron von Gulijan schien zu kommen.
Sie vernahmen die Schritte desselben. Er hatte den Dieb stehen sehen und sagte, als er in das Häuschen trat:
»Sapperment, Salek, Sie sind hier! Das hatte ich nicht erwartet, daß es so schnell gehen werde.«
»So! Wissen Sie denn, daß es geglückt ist?«
»Ja, denn sonst wären Sie nicht hier.«
»Hm! Sie sind ein scharfsinniger Mann.«
»Pah! Haben Sie sich überzeugt, daß wir allein sind?«
»Ja. Sie haben doch auch Niemanden gesehen?«
»Nein. Also, reden Sie! Wie steht es?«
»Sehr gut. Ich habe die Papiere.«
»Prächtig! Zeigen Sie her!«
Das klang hastig und erwartungsvoll.
»Halt!« antwortete Salek. »So schnell geht das nicht. Haben Sie auch das Geld mit?«
»Ja.«
»Die volle Hälfte von fünfundzwanzigtausend Gulden?«
»Natürlich. Wollen Sie es etwa gleich haben?«
»Das versteht sich!«
»Erst muß ich mich überzeugen, ob es auch wirklich die betreffenden Papiere sind.«
»Sie sind es. Sehen Sie es sich an.«
Man hörte Papier knistern und rauschen. Sodann erklang Gulijans Stimme:
»Ja, sie sind es. Gott sei Dank! Ich stecke sie gleich ein.«
»Aber bitte, mein Geld!«
»Ich zähle es Ihnen hier auf die Bank.«
Die Lauscher hörten, daß er die Summe aufzählte. Salek steckte sie ein und sagte dann:
»Soweit sind wir fertig. Nun noch Ihre Unterschrift für die zweite Hälfte des Geldes!«
»Ist das wirklich nöthig?«
»Ja.«
»Ich halte es für sehr überflüssig.«
»Ich aber nicht. Sie sind gestern auf diesen Punkt eingegangen, und ich fordere, daß Sie Ihr Wort nun halten.«
»Und wenn ich mich nun weigere!«
»So geben Sie die Papiere wieder her!«
»Fällt mir nicht ein!«
»Hm! Sie verursachen sich Unbequemlichkeiten. Sie geben entweder Ihre Unterschrift oder liefern mir die Papiere zurück. Oder wollen Sie es auf eine Gewaltthätigkeit ankommen lassen? Ich bin bewaffnet.«
Er schien ein Messer aus der Tasche zu ziehen, denn der Baron von Gulijan rief:
»Sind Sie des Teufels! Gar ein Dolch!«
»Wie sie sehen!«
»Wollen Sie mich etwa ermorden?«
»Ich bin entschlossen, mir zu meinem Eigenthume zu verhelfen. In welcher Weise ich das thun muß, das kommt auf Ihr Verhalten an.«
»Sie sind ein niederträchtiger Kerl!«
»O nein. Ich liebe es nur nicht, mich betrügen zu lassen. Also, entscheiden Sie sich!«
Jedenfalls hatte er eine sehr drohende Haltung angenommen, denn Gulijan meinte kleinlaut:
»Was soll ich denn unterschreiben?«
»Folgendes. Hören Sie!«
Er las:
»Ich, Terzky, Baron von Gulijan, bekenne hiermit, daß der Inhaber dieser Zeilen dem wirklichen Baron Curty von Gulijan, genannt Fex, die unten verzeichneten Papiere auf meine Aufforderung hin gestohlen und mir für fünfzigtausend Gulden verkauft hat. Die Hälfte dieser Summe hat er sofort erhalten; die andere Hälfte bezahle ich ihm, wenn ich den bezüglichen Erbschaftsprozeß gewonnen habe, so daß sämmtliche Besitztümer der Familie Gulijan in meine Hand übergehen.«
Hierauf folgte das Datum und die Aufzählung der Papiere, welche Salek gestohlen hatte.
»Und das, das soll ich unterschreiben!« rief der Baron.
»Sie haben es versprochen.«
»Diese Zeilen sind für mich gefährlich.«
»Für mich auch.«
»Können Sie ihnen nicht eine andere Fassung geben?«
»Nein. Ich habe sie bereits mild genug gehalten. Machen wir es kurz. Wollen Sie, oder wollen Sie nicht?«
»Ich möchte nicht.«
»Dann heraus mit den Papieren!«
»Mensch! Sie sind ja der reine Räuberhauptmann!«
»Sie sind nichts Besseres!«
»Es giebt ja hier nicht einmal Tinte!«
»Da irren Sie sich. Ich habe nicht nur Feder und Tinte mit, sondern auch Streichhölzer und Siegellack, damit Sie Ihr Wappen drunter setzen können.«
»Hole Sie der Teufel! Meinen Sie denn, ich schleppe mein Petschaft überall mit in der Welt herum?«
»Ja. Sie haben einen Siegelring.«
Darauf wollte Gulijan nicht eingehen. Salek aber ging nicht von seiner Bedingung ab, und so sah der Erstere sich gezwungen, zu unterzeichnen und auch zu untersiegeln, da er es auf eine regelrechte Rauferei nicht ankommen lassen wollte. Doch meinte er dann zornig:
»Aber ich verlange, daß Sie mit diesem Revers keinerlei Mißbrauch treiben!«
»O nein,« antwortete Salek. »Es liegt ja in meinem eigenen Interesse, daß ich ihn sehr sicher aufbewahre. Sie können also – – –«
Er wurde unterbrochen, denn Gulijan stieß einen unterdrückten Ruf des Aergers aus und sagte, indem er hinaus auf den Weg deutete:
»Verdammt! So werden wir also doch mit einander gesehen und überrascht.«
Salek drehte sich um und erblickte den alten Sepp, welcher langsam und scheinbar tief in Gedanken versunken, auf das Häuschen zugeschritten kam.
»Ah, der!« sagte der Einbrecher. »Von dem haben wir nichts zu befürchten.«
»So? Kennen Sie ihn?«
»Ja. Er ist ein Freund von mir, ein alter, bayrischer Hauptmann. Ein wenig dumm und ein wenig gut, ein alter, ehrlicher Schafskopf, der ganz zufälliger Weise hier spazieren geht.«
»Wirklich zufällig?«
»Gewiß. Uebrigens scheint er es auf das Häuschen abgesehen zu haben. Als wen soll ich Sie vorstellen?«
»Als Wellmer. Mein wirklicher Name darf nicht genannt werden.«
»Schön. Da ist er schon.«
Der Alte hatte das Häuschen erreicht, hielt an und betrachtete es sich wie Einer, welcher soeben aus tiefen Gedanken erwacht. Dann stieg er langsam die wenigen Stufen herauf.
Salek trat ihm entgegen.
»Erschrecken Sie nicht, lieber Hauptmann,« sagte er. »Sie haben jedenfalls hier Niemand erwartet.«
Der Sepp fuhr allerdings zurück, als ob er erschrocken sei, lachte aber heiter auf, als er den Sprecher erkannte.
»Sie hier, Baron! Das ist nun freilich eine frohe Ueberraschung. Ich war ganz in Gedanken versunken.«
»Jedenfalls in glückliche?«
»O nein, sondern im Gegentheile. Aber wollen Sie mich nicht diesem Herrn vorstellen?«
»Herr Hauptmann von Brendel, Herr Baron von Wellmer,« stellte Salek sie einander vor.
Die Beiden verbeugten sich, und dann nahm Salek das Thema wieder auf:
»Es waren keine wohlthätigen Gedanken? Sie haben doch nicht Aergerlichkeiten gehabt?«
»Ich selbst nicht, aber eine mir nahestehende Person. Sie wissen doch bereits, daß ich der Pathe der Ubertinka bin?«
»Ja. Ich erfuhr es.«
»Meine Pathe und Mündel hat heut Nacht einen schweren Verlust gehabt.«
»Was Sie sagen?«
»Ihre Juwelen sind ihr gestohlen worden.«
»Unmöglich!«
»Leider ist es nur zu wahr. Sie wohnt erst seit einem Tage in dem Logis und wird doch schon bestohlen! Und ein anderer Bekannter von mir ist erst später eingezogen und doch hat man ihm auch bereits die Kasse ganz geleert.«
»Sie sehen mich voller Schreck und Theilnahme,« sagte Salek, indem er ein sehr teilnahmsvolles Gesicht zeigte.
Auch Gulijan sagte einige condolirende Worte und sprach die Hoffnung aus, daß man die Diebe entdecken werde. Daran schloß er die Erkundigung:
»Handelt es sich denn um zwei verschiedene Diebstähle oder nur um einen einzigen?«
»Von Diebstahl ist keine Rede, sondern von einem regelrechten Einbruch. Die Diebe sind aus dem Hofe erst in das Parterre eingestiegen, wo sie die Kasse meines jungen Freundes leerten, und dann waren sie sogar so verwegen, in die Etage zu gehen, wo sie die Diamanten stahlen.«
»Das ist freilich frech! Hat sich denn nicht eine Spur gefunden?«
»Allerdings, doch ist sehr fraglich, ob sie zum Ziele führen wird. Leider handelt es sich nicht um leicht ersetzliche Gegenstände, sondern um werthvolle Papiere, auf welche es von vornherein abgesehen war. Mein junger Freund Curty, Baron von Gulijan, steht mit einem Verwandten im Prozeß, welchen er nur mit Hilfe derjenigen Papiere gewinnen kann, die ihm nun gestohlen sind.«
»Höchst bedauerlich! Hoffentlich bekommt er sie wieder.«
»Ich hoffe es auch, zumal wir eben, wie bereits gesagt, eine Spur haben.«
»Wirklich? Darf man sich nach dieser interessanten Angelegenheit erkundigen?«
Salek und Gulijan waren natürlich auf das Außerordentlichste gespannt. Der Letztere war außerdem innerlich ergrimmt über den Ersteren, daß er sich nicht mit den Papieren begnügt, sondern noch Weiteres gestohlen hatte. Dadurch konnte die Angelegenheit leicht eine unerwartete und gefährliche Wendung erhalten.
»Warum nicht?« antwortete der Sepp. »Der Herr Baron von Stubbenau ist mein Freund, und ich bin seiner Theilnahme diese Aufrichtigkeit schuldig. Setzen wir uns einen Augenblick!«
Er nahm zwischen ihnen auf der Bank Platz und fuhr dann weiter fort:
»Die betreffenden Papiere sind an sich ganz werthlos und haben nur für den genannten Verwandten Werth. Daraus läßt sich vermuthen, daß er die Hand dabei im Spiele hat.«
»Das wäre ja überraschend!«
»O nein. Um den Prozeß zu gewinnen, dingt er einen Einbrecher, der ihm die Papiere stehlen muß. Das ist doch sehr einfach.«
»Aber ein Gulijan!«
»Kennen Sie den Namen und die Familie?«
»Ich habe den Namen nennen hören. Aber bitte, sprechen Sie doch weiter!«
»Also ich habe diesen Verwandten in Verdacht. Er soll in letzterer Zeit hier gesehen worden sein.«
»Ah! Ists wahr?«
»Ja, und zwar soll er mit einem notorischen Einbrecher verkehrt haben, mit einem gewissen Salek, den man bereits seit Langem sucht.«
Die beiden Zuhörer wurden leichenblaß. Sie hatten sich erst einmal getroffen, gestern hier im Häuschen! Und das wußte man bereits? Dann mußte man ja Gulijan erkannt haben!
Diesem Letzteren wollte es die Kehle zuschnüren. Er gab sich die größte Mühe, ruhig zu erscheinen und fragte:
»So hat man Beide zusammen gesehen?«
»Das weiß ich nicht. Die Polizei liebt es nicht, gesprächiger zu sein als es in ihrem Interesse liegt. Man hat nun nach diesem Salek geforscht und erfahren, daß er mit einer Tänzerin verkehrt, welche seine Gehilfin ist.«
»Beim Einbrechen?«
»Ja.«
»Unmöglich! Eine Tänzerin als Einbrecherin!«
Salek mußte alle seine Selbstbeherrschung aufbieten, um ruhig fragen zu können:
»Kennt man denn bereits den Namen der betreffenden Tänzerin?«
»Das weiß ich auch nicht. Ich sagte schon, daß die Polizei nicht übermäßig mittheilsam ist. Aber erfahren habe ich doch, daß Salek und die Tänzerin es wirklich sind, die den Einbruch ausgeführt haben. Das Mädchen ist dabei als Herr verkleidet gewesen.«
Die beiden Andern wurden von ihrem Entsetzen so absorbirt, daß sie gar nicht bemerkten, daß an der Hinteren Seite des Häuschens sich mehrere Männer herbeischlichen und so Posto faßten, daß sie augenblicklich zur Hand sein konnten. Auch aus weiterer Entfernung huschten verborgen gewesene Polizisten so weit heran, daß sie nun hinter den nächsten Bäumen und Büschen standen.
Der alte Sepp spielte seine Rolle ganz vortrefflich. Er zeigte eine zwar besorgte, sonst aber sehr unbefangene Miene. Darum glaubten die Beiden wohl, daß man ihnen auf der Spur sei, aber sie waren noch weit davon entfernt, zu ahnen, daß er sie bereits als die Betreffenden kannte.
Sie wechselten einen schnellen, besorgten Blick mit einander; dann sagte Gulijan:
»Es freut mich, daß die Nachforschungen bisher schon so weit gediehen sind. Wann ist denn der Einbruch bemerkt worden?«
»Sofort nach der Ausführung.«
»Das ist sehr gut. Und von wem?«
»Von mir und dem Grafen von Senftenberg. Die beiden Einbrecher gingen an uns vorüber. Ich muß sagen, daß der Eine von ihnen eine ganz frappante Ähnlichkeit mit unserm Baron von Stubbenau hatte.«
Der Genannte zuckte zusammen, beherrschte sich aber und meinte lachend:
»Sie erweisen mir da wirklich eine Ehre, auf welche ich nicht sehr stolz sein kann!«
»Pah! Sie werden das natürlich nicht übel nehmen. Ich bin ja nicht schuld an dieser Ähnlichkeit.«
»War sie denn wirklich so bedeutend?«
»Sie war so groß, daß ich mich täuschen ließ und den Menschen sogar angeredet habe.«
»Antwortete er?«
»Nein. Er machte sich schleunigst aus dem Staube.«
»Hätten Sie ihn doch festgehalten!«
»Aus welchem Grunde?«
»Nun, weil er eingebrochen hatte.«
»Davon wußte ich noch nichts. Er trug ein Kästchen, eine kleine Schatulle. Hätte ich gewußt, daß sich in derselben die geraubten Brillanten meiner Mündel befanden, so wäre er mir nicht entkommen.«
»Wie aber sind Sie dann dennoch zu der Ueberzeugung gelangt, daß Sie es mit Dieben zu thun gehabt hatten?«
»Durch eine Gedankencombination. Graf Senftenberg wußte nämlich, daß ein Einbruch hatte stattfinden sollen.«
»Sind Sie des Teufels!«
»O nein. Es ist wirklich so. Er wußte es.«
»So konnte er ihn verhüten.«
»Das beabsichtigte er natürlich auch; aber er hatte nicht gedacht, daß die That so schnell geschehen werde.«
Gulijan strich sich verlegen den Bart. Es begann ihm unheimlich zu werden, und es war ein rascher Blick zornigen Vorwurfes, den er auf den Einbrecher warf. Dann erkundigte er sich:
»Das ist eine höchst sonderbare Geschichte. Der Graf soll bereits in Voraus von dem Einbruche unterrichtet gewesen sein. Wie ist das möglich?«
»Dadurch, daß er zwei Kerls belauscht hat, welche davon gesprochen haben.«
»Alle Teufel! Wann denn?«
Er fuhr von der Bank auf. Die Spitzen seines Schnurrbartes bebten verrätherisch.
»Gestern,« antwortete der Sepp gleichmüthig.
»Und wo?«
»Hier im Parke, ich glaube sogar hier, an derselben Stelle, an welcher wir uns befinden.«
»Himmeldonnerwetter!« fluchte Salek, indem er auch aufsprang.
Sepp blieb sitzen, blickte die beiden höchst verwundert an und fragte:
»Was haben Sie denn? Was ist mit Ihnen?«
»Mit uns? Nichts. Was soll mit uns sein?«
»Sie thun ja so aufgeregt, förmlich ängstlich!«
»Aengstlich? Wir?« lachte Gulijan gepreßt. »Was denken Sie da! Woher sollte für uns die Veranlassung zur Angst kommen! Wir nehmen sehr regen Antheil an Dem, was Sie erzählen. Das ist Alles.«
»Ach so! Ich bin Ihnen herzlich dankbar für diesen Antheil oder, um mich richtiger auszudrücken, für diese Theilnahme. Ich denke, daß es uns doch gelingen wird, die Kerls zu erwischen.«
»Das wünsche ich Ihnen von ganzem Herzen. Es ist wirklich ein sehr glücklicher Umstand, daß der Graf dieses Gespräch belauscht hat. Hoffentlich kennt er die betreffenden Menschen?«
»Leider, nein. Er hat so gestanden, daß er nur den Einen sehen konnte. Das Aeußere desselben hat er sich genau gemerkt. Die Stimme des Anderen ist ihm sehr bekannt vorgekommen, aber er hat ihn, wie gesagt, nicht sehen können.«
»Desto besser wird er gehört haben, was sie sprachen. Nicht?«
»Ja, es ist ihm kein Wort entgangen.«
»Sapperment! Was haben die Kerls denn mit einander ausgemacht?«
»Den Einbruch natürlich. Der Eine hat den Anderen dazu beredet und ihm fünfzigtausend Gulden dafür versprochen. Es handelte sich um die bereits erwähnten Papiere.«
»Haben sie sich denn bei ihren Namen genannt?«
»Wohl nicht. Kurz und gut, der Graf hat auf diese Weise erfahren, daß ein Diebstahl stattfinden sollte; aber er hat nicht geglaubt, annehmen zu müssen, daß derselbe bereits in der nächsten Nacht ausgeführt werde. Darum hat er die Anzeige unterlassen.«
»Das war sehr unüberlegt von ihm!«
»Freilich. Aber diese Unterlassungssünde kann vielleicht noch gut gemacht werden, wenn Sie mich dabei unterstützen wollen.«
»Wir? Sie unterstützen? Wie meinen Sie das?«
»Die beiden Kerls haben nämlich verabredet, früh zwischen neun und zehn Uhr hier zusammenzutreffen. Darauf hat sich der Graf glücklicher Weise noch besonnen. Der Dieb soll die Papiere hierher in dieses Häuschen bringen und der Andere will ihn hier erwarten, um ihn zu bezahlen und einen Revers zu unterschreiben.«
»Teufel noch einmal! Auch das hat der Graf erlauscht!« rief der Baron von Gulijan.
»O, noch weit mehr, was aber jetzt nur von nebensächlicher Bedeutung ist. Ich habe natürlich angenommen, daß diese beiden Menschen wohl schon heute hier zusammentreffen, und bin gekommen, sie der Polizei zu überliefern.«
»Sapperment! Sie allein?«
»Meinen Sie, daß ich dazu noch mehrerer Personen bedarf?«
»Gewiß!«
»Pah! Ich bin Offizier!«
Ueber das Gesicht des Barons zuckte ein triumphirendes Lächeln; er zwinkerte Salek heimlich mit den Augen zu und meinte zu Sepp:
»Ich hege natürlich keinen Zweifel an Ihrer persönlichen Tapferkeit, aber ich halte es für meine Pflicht, Sie zu warnen. Sie haben es höchst wahrscheinlich mit zwei gewaltthätigen Menschen zu thun.«
»O, Diebe sind immer feig!«
»Aber selbst ein sonst wenig muthiger Mann wehrt sich seiner Haut, wenn er ergriffen werden soll!«
»Nun, das auch zugegeben, so habe ich doch noch nicht gesagt, daß ich beabsichtige, mich mit den Spitzbuben herumzubalgen. Ich möchte sie belauschen und ihnen nachschleichen, um zu erfahren, wer sie sind. Dann zeige ich sie an.«
»Ach so! Das ist freilich weniger gefährlich.«
»Ja, und übrigens freut es mich, Sie hier getroffen zu haben. Ich bin überzeugt, daß Sie mir nötigenfalls Ihre Hilfe nicht versagen werden.«
»Gewiß nicht. Nur weiß ich nicht, ob meine Zeit mir erlaubt, länger hier zu bleiben. Ich muß mit der Bahn fort und darf den Zug nicht versäumen.«
Der Sepp zog seine Uhr heraus, blickte auf dieselbe und antwortete in bittendem Tone:
»Es ist bereits halb Zehn. Bis zehn Uhr wollten sie sich treffen. Es ist also nur noch eine kleine halbe Stunde zu warten und so lange Zeit werden Sie wohl übrig haben.«
»Schwerlich,« sagte Gulijan, indem er ein bedenkliches Gesicht machte.
Salek aber mochte denken, daß es besser sei, scheinbar auf die Absicht des alten Hauptmannes einzugehen; darum sagte er:
»Herr Baron, Ihr Zug geht ja erst um Mittag ab. Sie haben also noch Zeit.«
»Meinen Sie? Hm!«
»Ja. Freilich scheint der Herr Hauptmann nicht ganz zum Polizisten geboren zu sein. Hier wird es uns nicht gelingen, die Kerls zu fangen.«
»Warum nicht?« fragte der Sepp.
»Weil sie uns sehen können. Sie werden natürlich umkehren, sobald sie uns bemerken.«
»Ja, wenn Sie sich so groß und breit herstellen wie jetzt! Setzen Sie sich doch!«
»Auch das ist noch nicht ausreichend. Wir dürfen gar nicht hier bleiben.«
»Warum denn nicht?«
»Eben weil sie uns gar nicht sehen sollen. Wir müssen das Häuschen verlassen und uns draußen hinter die Bäume stellen. Da vertheilen wir uns so, daß sie uns auf keinen Fall entgehen können.«
Der Alte durchschaute Salek's Absicht. Den Beiden war es natürlich nur darum zu thun, ihm auf gute Weise aus den Augen zu kommen. Darum antwortete er kopfschüttelnd:
»Nein, ich weiß etwas noch viel Besseres. Wenn wir uns da draußen hinstellen, können wir sie doch nicht belauschen. Wir hören gar nicht, was sie reden, und gerade das ist's ja, was ich wissen möchte.«
»Nun,« lachte Salek, »wenn wir hier sitzen bleiben, ist von einem Belauschen auch keine Rede.«
»Sehr richtig. Aber wer sagt denn, daß wir sitzen bleiben wollen? Ich doch nicht!«
»Wohin wollen Sie denn?«
»Wissen Sie, wir stecken uns dahin, wo gestern der Graf gesteckt hat. Da ist Alles zu hören.«
»Wo wäre das?«
»Da hinein.«
Er deutete auf die Thür.
Das ging den Beiden über die Selbstbeherrschung. Sie standen offenen Mundes da und starrten ihn an.
»Ja,« lachte er. »Das Versteck ist ausgezeichnet.«
»Da, da drin ist der Graf gewesen?« stammelte Salek.
»Ja,« nickte Sepp.
»Es ist doch zu!«
»O nein. Der Graf ist so klug gewesen, die Thür von innen zuzuhalten, so daß die Spitzbuben denken mußten, daß sie verschlossen sei.«
»Himmeldonnerwetter!« fluchte Salek.
»Da schlag der Teufel drein!« stieß Gulijan hervor.
»Nicht wahr, das ist prächtig?« fuhr der Alte fröhlich fort. »Da können uns die Kerls nicht sehen, wenn sie kommen, und wir hören jedes Wort.«
»Meinetwegen!« rief der Baron jetzt grob. »Ich habe keine Lust, mich wegen eines Spitzbuben zu verkriechen. Machen Sie Ihre Sache allein ab!«
Salek folgte sofort diesem unfreundlichen Beispiele, indem auch er erklärte:
»Der Herr Baron hat Recht. Uns geht diese Sache ja gar nichts an. Entschuldigen Sie, Herr Hauptmann!«
Er drehte sich zum Gehen um, aber der Alte trat ihm in den Weg und sagte, noch immer freundlich:
»Wie meinen Sie? Die Sache geht Sie nichts an?«
»So meine ich allerdings.«
»Aber da irren Sie sich gewaltig!«
»In wiefern?«
»Es liegt ganz außerordentlich in Ihrem eigenen Interesse, daß die wirklichen Thäter entdeckt werden.«
»O bitte! Unser Interesse hat wohl ganz und gar nichts mit dieser Angelegenheit zu thun!«
»Ich behaupte das Gegentheil und werde es Ihnen beweisen.«
»So gestehe ich Ihnen, daß ich auf diesen Beweis außerordentlich neugierig bin.«
»Sie sollen ihn sofort haben, indem ich Ihnen, natürlich unter allem Vorbehalte, mittheile, daß der Verdacht auf Sie gefallen ist.«
Das Gesicht Salek's wurde starr und leichenblaß.
»Auf mich?« stotterte er.
»Jawohl, auf Sie Beide.«
»Was, auch auf mich?« rief der Baron. »Sind Sie vielleicht verrückt?«
»O nein. Zunächst hat mir der Graf den einen Spitzbuben so genau beschrieben, daß ich mich gar nicht irren kann. Es passen alle, selbst die kleinsten Angaben, ganz genau auf Sie.«
»Alle Teufel! Mir das! Dem Baron von Wellmer! Ich werde Sie zur Rechenschaft ziehen!«
»Sehr wohl. Ich bin bereit, Ihnen Satisfaction zu geben, falls Sie wirklich Derjenige sind, für den Sie sich ausgeben.«
»Wer sollte ich sonst sein?«
»Graf Senftenberg behauptet, daß Sie nicht Wellmer, sondern Gulijan heißen.«
»Der weiß den Teufel!«
Der Baron gab sich den Anschein eines zornigen Stolzes, innerlich aber war ihm keineswegs sehr wohl zu Muthe.
»O, er weiß sogar noch viel mehr. Er hat zum Beispiele gesagt, daß die Stimme des Diebes, den er nicht sehen konnte, die Stimme des Herrn Barons von Stubbenau gewesen sei.«
Der Letztgenannte nahm sich so zusammen, daß er lachend ausrufen konnte:
»Der Graf scheint zuweilen an Hallucinationen zu leiden!«
»Meinen Sie? Wie könnte er wohl durch eine Sinnestäuschung erfahren, daß Sie nicht Stubbenau, sondern Salek heißen?«
Salek fuhr zurück.
»Und daß Sie den Einbruch mit Hilfe der Tänzerin Valeska von der Wohnung des Sängers Criquolini aus verübt haben?«
Der Beschuldigte stand noch immer sprach- und bewegungslos; aber die Blässe seines Gesichtes begann zu weichen, es röthete sich und seine Augen funkelten. Man sah es ihm an, daß er die Ueberzeugung hegte, entlarvt zu sein, und vor keiner Gewaltthätigkeit zurückscheuen werde, um sich der Gefangennahme zu entziehen.
Sepp erkannte das sehr wohl, fuhr aber trotzdem furchtlos fort:
»Sie haben jetzt fünfundzwanzigtausend Gulden und einen Revers einstecken und der Herr Baron von Gulijan trägt die gestohlenen Papiere in der Tasche!«
Da endlich antwortete Salek:
»Meinen Sie? Hm! Wenn Sie nun Recht hätten?«
»Das habe ich!«
»Was dann weiter?«
»Ich verlange den Raub zurück!«
»Pah! Die Comödie mag zu Ende sein. Ja, ich bin Salek. Ich bin nicht feig genug, es zu leugnen; aber Sie sind ein alter, unvorsichtiger Mann, der seine Unachtsamkeit theuer bezahlen wird.«
Er griff, während er das sagte, in die Tasche.
»Womit sollte ich es bezahlen!« lachte der Alte verächtlich.
»Mit dem Leben!«
»Pah! Ein Offizier kann sich schon vertheidigen!«
»Sie sind der Einzige, der uns beweisen kann, was wir gethan haben. Einen solchen Zeugen können wir nicht dulden. Er muß aus der Welt geschafft werden, und zwar sofort!«
Sepp hatte nicht die mindeste Bewegung gemacht, welche als Vorbereitung zur Gegenwehr dienen konnte. Er war seiner Sache gewiß. Salek stand mit dem Rücken gegen die Thür und diese war um eine so breite Lücke geöffnet worden, daß Sepp den Polizeibeamten erblicken konnte.
Salek hatte während seiner letzten Worte das Messer aus der Tasche gezogen.
»Also stirb!« rief er aus.
Er wollte sich mit einem Sprunge auf den Sepp werfen, kam aber nur dazu, den Fuß zu erheben, denn in demselben Augenblicke stand der Polizist hinter ihm und ergriff ihn mit beiden Händen bei der Kehle, die er so fest zusammenpreßte, daß dem Einbrecher die erhobenen Arme herabsanken und er sofort in die Kniee brach.
»Herbei!« commandirte der Beamte.
Im Augenblicke zeigte es sich, daß das Häuschen wohl von zwanzig Polizisten umringt war, und bevor Salek nur zu einem freien Athemzuge gekommen war, hatte man ihm das Messer entrissen und seine Hände in eiserne Schellen gelegt.
Der Baron von Gulijan war so entsetzt, daß es schien, als ob er kein Glied zu bewegen vermöge. Sein Blick hing voller Schreck an dem Fex, der hinter dem Polizeibeamten aus dem Verstecke getreten war. Der junge Mann verbeugte sich ironisch vor seinem Verwandten und begrüßte ihn:
»Willkommen im Augarten, mein lieber Herr Vetter! Hoffentlich freuen Sie sich unseres so unerwarteten Zusammentreffens ebenso sehr wie ich.«
»Cur – Cur – Curty!« stammelte der Angeredete.
»Curty? Sie nennen mich bei dem mir gehörigen Namen, welchen mir zu geben Sie sich bisher weigerten? Wie kommt das? Woher diese plötzliche Bereitwilligkeit?«
»Ich bin – bin – bin –«
Er hielt inne. Er wußte nicht, was er sagen sollte. Er konnte doch kein wirklich rechtfertigendes Wort finden, fuhr aber doch fort:
»Bin in die Hände eines Schurken gerathen.«
»So? Wer ist das?«
»Salek hier. Nur er ist schuld, daß es geschehen ist.«
Der Einbrecher hatte, als der Beamte ihn nicht mehr bei der Gurgel hielt, mit Aufbietung aller Kräfte versucht, die Handschellen zu zersprengen. Es war ihm natürlich nicht gelungen. Er schäumte vor Wuth. Jetzt, als er die Worte des Barons vernahm, verdoppelte sich sein Grimm. Er antwortete laut brüllend:
»Hund, Du lügst! Du selbst hast mir den Antrag gestellt!«
»Das ist nicht wahr!« behauptete der Baron.
»Schweigt!« gebot der Polizeibeamte. »Die Untersuchung wird zeigen, in wie weit Jeder schuldig ist. Baron von Gulijan, haben Sie die gestohlenen Papiere empfangen?«
»Ja,« gestand dieser, da er es doch nicht zu leugnen vermochte.
Sie wurden ihm abgenommen und ebenso wurden die Taschen des Einbrechers geleert.
Der Baron bat, ihn frei zu lassen, und versprach, keinen Fluchtversuch zu unternehmen. Der Fex besaß Edelmuth genug, für ihn zu sprechen; aber der Beamte erklärte, daß er nicht darauf eingehen könne. Die That sei eine derartige und zeuge von so niedriger und gemeiner Gesinnung, daß auf die Geburt und den Stand des Schuldigen keine Rücksicht genommen werden könne.
Das Einzige, was Gulijan erreichte, war, daß er nicht so wie Salek gefesselt wurde.
Als diese Beiden abgeführt worden waren, sagte der Beamte zu dem alten Sepp:
»Sie haben Ihre Sache sehr gut gemacht. Nun gilt es, die Wohnungen der beiden Gefangenen zu untersuchen. In dem Hotelzimmer des Barons, von dem ich bald erfahren werde, wo er abgestiegen ist, wird nichts Bedeutendes zu finden sein. Dahin will ich Sie nicht belästigen. Aber die Wohnung des Einbrechers müssen wir durchsuchen. Dort finden wir ganz gewiß Verschiedenes, was uns wichtig sein wird. Sie gehen doch mit?«
»Natürlich! Und mein junger Freund wird uns jedenfalls begleiten.«
Der Fex, dem diese Worte galten, erklärte sich sehr gern bereit dazu. Er hatte zwar seine Papiere nicht, aber das ihm gestohlene Geld zurück. Salek hatte nur eine unbedeutende Summe einstecken gehabt, und so war zu vermuthen, daß er die bedeutende Summe in seiner Wohnung verborgen habe.
Als sie in die Nähe derselben gelangten, war der Beamte so vorsichtig, einen Schlosser zu requiriren, um etwaige Verschlüsse gleich öffnen lassen zu können.
Die Wirthsleute wunderten sich freilich, als sie erfuhren, was für einen Miether sie gehabt hatten. Sie waren der Ueberzeugung gewesen, daß derselbe ein feiner, angesehener Edelmann sei.
Die Meubles, welche ihnen gehörten, waren leicht zu öffnen; aber in dem Schlafzimmer standen einige Koffer, welche der Schlosser nur mit großer Mühe aufschließen konnte. Hier nun fand sich Alles und noch viel mehr, als was der Polizist da suchte.
Leni's Schmuck war vorhanden und ebenso gab es bedeutende Summen Geldes. Unter den größeren Banknoten vermochte der Fex mehrere als die ihm gestohlenen zu bezeichnen, da er die Gepflogenheit hatte, sich die Nummern zu notiren.
Außerdem gab es eine ganze Menge von Werth-, Gold- und Juwelensachen, welche gestohlen waren, und ein ganzes Arsenal von Diebes- und Einbrecherwerkzeugen.
Salek war sogar so kühn gewesen, über sein verbrecherisches Thun förmlich Buch zu führen. Aus diesen Aufzeichnungen ging die Schuld der Tänzerin auf das Klarste hervor. Unter anderen Scripturen, von denen der Beamte erklärte, daß sie ein ganz vortreffliches und vollkommenes Belastungsmaterial enthielten, befand sich eine Liste ausschließlich weiblicher Namen, hinter denen stets ein Ortsname verzeichnet war.
Was das zu bedeuten hatte, darüber war der Polizist im Unklaren. Er stand einige Zeit mit dieser Liste in der Hand, überflog die Namen und schüttelte den Kopf dazu.
Hinter ihm stand der Fex, dessen Absicht es nicht war, Einsicht in die Liste zu nehmen; aber da es nichts für ihn zu thun gab, ließ er seinen Blick ganz unwillkürlich von Weitem über diese Liste gleiten. Sein Auge blieb auf einem der Namen haften.
»Herrgott!« rief er aus. »Was steht da? Ists wahr? Bitte, zeigen Sie einmal her!«
Er griff so schnell und hastig nach der Liste, daß der Polizist ihn verwundert anschaute und ihn fragte:
»Was ists? Was sahen Sie?«
»Einen bekannten Namen.«
»Schön, schön! Vielleicht bietet mir dieser Zufall Aufklärung über die Bedeutung dieser Namen. Welcher war es?«
»Der da, der.«
Er deutete auf eine gewisse Stelle. Dort stand zu lesen: ›Paula Kellermann, Müllerstochter aus Scheibenbad‹.
Der Fex war ganz außer sich. Der Name der verschwundenen Geliebten hier auf dieser Liste, welche jedenfalls von Salek, einem notorischen Verbrecher und Hochstapler, angefertigt worden war! Das hatte nichts Gutes zu bedeuten.
»Wer ist das Mädchen?« fragte der Polizist.
»Eine Bekannte von mir,« wiederholte der junge, aufgeregte Mann.
»Was für eine Person? Vielleicht liederlich?«
»O nein, sondern im Gegentheil ein braves, herrliches Mädchen, welches vor einiger Zeit spurlos verschwunden ist.«
»Ah! Hm! Sonderbar! Wo liegt denn eigentlich dieses Scheibenbad? Ich kenne es nicht.«
»Drüben in Bayern, nach den Salzburger Bergen zu.«
»Können Sie mir sagen, unter welchen Umständen die Betreffende verschwunden ist?«
»Ihr Vater war mit den Gesetzen in Conflict gerathen. Er wurde bestraft. Das hat sich die Tochter so zu Herzen genommen, daß sie nicht in der Heimath zu bleiben vermochte.«
»So, so! Sie verschwand also plötzlich?«
»Ganz plötzlich.«
»Ohne Jemand zu benachrichtigen, wohin zu gehen sie beabsichtige?«
»Sie hat keine Spur zurückgelassen, gar keine, als einen Brief, den sie an mich schrieb.«
»Ah! Wenn Sie den noch hätten!«
»Ich habe ihn. Ich trage ihn bei mir.«
»Dürfte ich ihn einmal lesen?«
»Ich gebe ihn nicht in die Hand eines Fremden; Sie aber sollen ihn haben.«
Er zog ihn hervor. Der Beamte las das rührende Schreiben durch und fragte dann höflich:
»Es scheint, sie war Ihre Braut?«
»Meine Geliebte. Der Vater war dagegen.«
»Danke! Hier ist der Brief zurück. Er bietet leider keinerlei Anhalt.«
»Aber Paula muß sich also in Wien befunden haben.«
»Das ist fraglich.«
»Würde sie sonst hier auf der Liste stehen?«
»Diese Liste kann auch anderswo angefertigt worden sein.«
»Wie lange hält Salek sich hier auf?«
»Seit einem Vierteljahre.«
»Paula ist seit viel länger verschwunden.«
»Sehen Sie, daß diese Liste also noch kein Beweis dafür ist, daß dieses Mädchen sich hier befunden hat.«
»Kann man denn nicht erfahren, wer dieselbe angefertigt hat?«
»Jedenfalls Salek selbst. Es ist seine Hand. Und wenn ich die Schwärze der Tinte daraufhin betrachte, so scheint es mir, daß die Liste doch noch nicht alt sein kann. Unsereiner hat für so Etwas sehr scharfe Augen.«
»Ich bitte Sie dringend, den Menschen zu fragen, wozu diese Liste dient.«
»Natürlich werde ich ihn fragen, und diese Erkundigung wird zu den ersten gehören, die ich an ihn richte.«
Der Sepp war natürlich ebenso betroffen wie der Fex, den Namen der schönen Thalmüllerstochter hier verzeichnet zu finden. Er bemerkte einen Streifen Papier, welcher aus der Liste gefallen zu sein schien und nun auf dem Boden lag. Er hob denselben auf, betrachtete ihn und rief:
»Hier steht der Name noch einmal und auch noch Etwas dazu.«
Der Polizist griff nach dem Streifen. Dieser enthielt die Notiz:
»Bis Paula Kellermann hat Gärtner bezahlt. 24 Mädchen macht 480 Gulden.«
Auch der Fex überflog diese zwei Zeilen. Er fragte:
»Was wird das zu bedeuten haben?«
Der Beamte sann und sann und zuckte wortlos die Achsel.
»Vielleicht eine Dienstvermittelung?« meinte der Sepp.
»O nein. Zwanzig Gulden erhält kein Dienstvermittler ausgezahlt,« antwortete der Beamte. »Es handelt sich hier um etwas ganz Anderes.«
Da er bei diesen Worten ein sehr bedenkliches Gesicht zeigte, fragte der Fex erschrocken:
»Was meinen Sie? Was denken Sie?«
»Nichts, nichts. Ich werde mich erkundigen.«
»Nein, nein! Sie haben einen ganz bestimmten Gedanken. Sie müssen mir sagen, was Sie denken.«
»Lieber Herr, man denkt zuweilen falsch!«
»Ich bitte Sie dennoch, aufrichtig mit mir zu sein.«
»Ich könnte Sie kränken.«
»Gewiß nicht! Was könnte ich Ihnen übel nehmen!«
»Mir allerdings nichts, denn ich kann nicht dafür?«
»Also reden Sie doch!«
Er bat so dringlich, daß der Andere doch meinte:
»Hm! Vielleicht ist es besser, ich sage Ihnen, was ich vermuthe. Wie alt war die Dame?«
»Noch nicht zwanzig.«
»Hübsch?«
»Sehr hübsch.«
»Und wirklich brav?«
»Die Bravste, die ich kenne.«
»So sollte es mir leid thun, wenn sie in schlechte Hände gerathen wäre.«
»Herrgott! In schlechte Hände! Was meinen Sie?«
»Seelenverkäufer.«
Dieses eine Wort reichte hin, den jungen Mann vor Schreck sprachlos zu machen. Aber der Sepp rief aus:
»Donnerwetter! Der sollt mir kommen!«
»O, der kommt Ihnen nicht!«
»Ein Menschenhändler? Den würde ich unter meinen Füßen zu Brei zertreten!«
»Erst ihn haben! Diese Menschen sind schlau.«
»Mein lieber Gott,« stöhnte der Fex. »Wenn diese Vermuthung wahr wäre!«
»Bitte, sich nicht aufzuregen! Ich habe noch keineswegs gesagt, daß ich es für eine Gewißheit halte. Es ist sogar sehr wahrscheinlich, daß ich mich täusche. Ich als Polizist bin gewöhnt, die Verhältnisse mit kühler Objectivität zu betrachten. Diese Liste enthält keinen einzigen Fingerzeig; aber sie enthielt die Namen von über fünfzig Mädchen. Das giebt mir zu denken. Und der Zettel sagt, daß für jede Person zwanzig Gulden gezahlt worden sind. Das ist ungefähr der Preis, zu welchem gewisse Agenten sich dazu hergeben, zu gewissen Zwecken hübsche, junge Mädchen zu verschaffen.«
Auf der Stirn des Fex standen helle Schweißtropfen. Er schritt erregt im Zimmer auf und ab und rief dabei:
»Welch ein Unglück! Paula, meine Paula! Ich hole Dich! Ich suche Dich! Ich muß Dich haben!«
»Regen Sie sich doch nicht so unnöthig auf!« bat der Polizist. »Ich habe eine Vermuthung ausgesprochen, die sich hoffentlich nicht bestätigen wird. Ich werde Salek scharf vernehmen. Wir müssen unbedingt erfahren, wer dieser ›Gärtner‹ ist und wo wir denselben finden können.«
»Thun Sie das; ja, thun Sie das, aber schnell, schnell!«
»Nur Geduld!« lächelte der Beamte. »Ueberstürzt darf hier nichts werden. Ich werde meine Pflicht thun, und zwar so schnell wie möglich. Mehr dürfen Sie nicht verlangen.«
»Sie müssen sofort mit dieser Liste in das Gefängniß, um Salek auszuforschen!«
»Und dadurch würde ich Alles verderben. Glauben Sie, daß es ihm einfallen kann, Etwas zu gestehen, was wir ihm nicht zu beweisen vermögen? Denn diese Liste ist kein Beweis. Er muß überrascht, überrumpelt werden, und das kann nicht in solcher Hast und Ueberstürzung geschehen. Damit mag diese Angelegenheit einstweilen abgethan sein.«
Dagegen war nun freilich nichts zu machen. Beide, der Sepp sowohl, als auch der Fex mußten sich in Geduld fügen; aber es kostete ihnen eine große Ueberwindung, ruhig zu erscheinen, während so ängstliche Befürchtungen in ihnen wohnten.
Der Beamte ließ einige Polizisten kommen, welche sämmtliche confiscirte Gegenstände zu transportiren hatten. Dann brach er auf, um die Tänzerin zu arretiren.
»Sie gehen doch mit?« fragte er den Alten.
»Versteht sich! Es soll mir eine Freude sein, dieses Frauenzimmer als Gefangene zu sehen.«
Der Fex aber lehnte ab. Er erklärte, daß er jetzt von gar nichts wissen und hören möge, da Paula sich in Gefahr befinde. Er sagte, daß er nach einiger Zeit bei dem Polizisten vorsprechen werde, und ließ die Beiden allein gehen.
Der einstige Krikelanton war heute erst sehr spät erwacht. Sein Kopf schien zehnmal schwerer als stets zu sein, und das Denken ging gar nicht sehr leicht von statten. Er erfuhr vom Wirthe, daß ein Nachtwächter den Hausschlüssel abgegeben habe, und besann sich nun erst darauf, daß ein solcher bei ihm gewesen sei und mit ihm gesprochen habe.
Vor allen Dingen wollte er erfahren, wie er sich in seiner Betrunkenheit benommen habe. Darum begab er sich nach der Wohnung seines Freundes Stubbenau, wo er erfuhr, daß derselbe nicht zu Hause sei. Darum ging er zu der Tänzerin. Wäre er nur wenige Minuten geblieben, so hätte er Zeuge von der Haussuchung sein können, welche bei Stubbenau alias Salek vorgenommen wurde.
Valeska litt auch noch an den Folgen der gestrigen Schwelgerei. Sie war noch matt, hatte einen sehr eingenommenen Kopf und sah gar nicht so reizend wie gewöhnlich aus. Dieses Letztere lag auch mit daran, daß sie heut noch nicht dazu gekommen war, ihre Schönheit durch die gewöhnlichen Toilettenkünste zu unterstützen.
Beide betrachteten sich einige Augenblicke und brachen dann in ein Gelächter aus.
»Anton, Du siehst ja aus wie eine Leiche!« sagte sie. »Hat der Wein denn gar solche Macht über Dich?«
»Meinst Du, daß Du sehr frisch aussiehst?«
»Ich war auch länger bei der Sache.«
»Ja. Ich habe gar nicht bemerkt, wann Ihr fortgegangen seid. War Stubbenau bei Dir?«
»Nein. Er vermeidet es jetzt, mich zu besuchen. Er will Dich wohl nicht eifersüchtig machen.«
»Das ist lächerlich! Wie könnte ich eifersüchtig auf ihn sein? Er ist ja mein bester Freund.«
»Da hast Du sehr Recht. Keiner von allen Deinen Bekannten meint es so gut und treu mit Dir wie er.«
»Auch Du nicht?«
»Bin ich Dir nur eine Bekannte?«
»Nein. Du bist mir schon etwas mehr und wirst später noch mehr sein. Oder willst Du nicht?«
Sie nahm ihn anstatt der Antwort beim Kopfe und küßte ihn.
Bald erschien die Zofe und meldete, daß zwei Herren draußen seien, welche die Tänzerin Valeska zu sprechen wünschten.
»Wer sind sie denn?« fragte die Genannte.
»Sie haben mir ihre Namen nicht sagen wollen.«
»So schicke sie fort!«
»Das geht nicht, denn sie sagten, daß sie zur Behörde gehörten.«
»Das ist mir gleich. Wer zu mir will, hat sich ordnungsmäßig anzumelden. Sage ihnen, daß ich nicht für sie zu sprechen sei, weil ich Besuch bei mir habe.«
Das Mädchen war gezwungen, diese Botschaft auszurichten. Der Beamte fragte, wer dieser Besuch sei, und so nannte die Zofe den Namen des Sängers. Als der Sepp denselben hörte, sagte er, sofort in seinen bayrischen Dialect fallend:
»Da gehns nur nochmal hinein und sagens, daß dera Wurzelsepp es ist, der hinein will.«
»Meinen Sie denn, daß Sie da empfangen werden?«
»Ja. Ich bin ein Bekannter von Criquolini, und Ihre Herrin wird mich nicht fortweisen.«
Das Mädchen versuchte die Meldung zum zweiten Male.
»Bitte, bleiben Sie hier im Vorzimmer,« sagte der Alte. »Ich will diese Beiden erst einmal als Verlobte sehen.«
Die Zofe kehrte zurück und meldete, daß der Wurzelsepp eintreten könne. Der Beamte blieb zurück.
Der Krikelanton hatte keine Ahnung, daß sich sein einstiger guter Freund, mit dem er jetzt allerdings zerfallen war, in Wien befinde. Darum war er sehr überrascht, daß der Wurzelsepp mit der Tänzerin sprechen wolle.
Er stand hoch und stolz inmitten des Zimmers und empfing den Alten mit einem keineswegs freundlichen Gesicht.
»Du hier?« fragte er. »Was willst Du in Wien?«
»Was soll ich da wollen? Anschauen will ich mirs.«
»Ja, Du hast Dich auch ganz als Tourist angekleidet. Der schmutzige Sepp ist gar nicht zu erkennen.«
»Kleider machen halt Leute; dera innerliche Schmutz aberst ist nicht wegzubringen.«
»Keine Anzüglichkeiten!«
»Ist mir auch keine eingefallen.«
»So! Was willst Du denn hier bei Fräulein Valeska?«
»Dich hab ich hier sucht.«
»Wer hat Dir denn gesagt, daß ich hier sei?«
»Ich hab hört, wannst nicht zu Haus seist, so kann man Dich hier treffen oder wenigstens derfragen.«
»Ach so! Und da lassest Du Dich als Einen von der Behörde anmelden?«
»Ich? Das fallt mir nicht ein. Das war halt dera Andere, welcher nach mir hereini will.«
»Er mag bleiben. Wir haben keine Zeit. Uebrigens hoffe ich, daß es etwas sehr Nothwendiges ist, was Dich zu mir führt. Nur so etwas kann es entschuldigen, daß Du diese Dame mit Deiner Gegenwart belästigest.«
»Nothwendig wirds schon sein,« nickte der Alte.
»Nun, was ist es denn?«
»Ein Gruß von dera Muhrenleni.«
»Und das soll nothwendig sein! Da packe Dich nur augenblicklich wieder fort!«
»Das werd ich schon gern thun, wannst mir vorher eine Antworten mitgeben willst.«
Der alte Sepp sprach in ruhigem, ja freundlichem Tone. Anton aber stand da wie ein Fürst, welcher Audienz ertheilt. Die Tänzerin machte ein höchst indignirtes Gesicht. Der Katzenjammer, welcher die Folge des vorigen Abends war, nahm ihr die Laune und die Lust, sich mit einem solchen Störenfried abzugeben.
»Einer Antwort bedarf es nicht,« erklärte der Sänger. »Du hättest den Gruß unterlassen sollen. Mich geht diese Leni gar nichts mehr an. Sie ist eine Gefallene, mit der ich nichts zu thun haben mag.«
»Eine Gefallene? Was meinst damit?«
»Das brauche ich Dir wohl nicht erst zu erklären.«
»Freilich mußts derklären. Ich weiß halt doch kein Wort davon, daß sie gefallen ist.«
»Sie treibt sich mit andern liederlichen Frauenzimmern im Augarten herum.«
»Ach so! Das also nennst gefallen, das! Wannst nur Du Dich nicht noch viel schlimmer herumtreibst! Grad Du brauchst über dieselbe die Nase nicht zu rümpfen.«
»Schweig!« fuhr Anton ihn an. »Denkst Du, ich kenne Deine Absicht nicht?«
»Du kennst sie? Was hab ich denn für eine?«
»Du bist wohl nur deshalb nach Wien gekommen, um den Kuppler für die Leni zu machen. Sie hat mich im Augarten gesehen: sie weiß also, daß ich hier bin. Da machst Du nun ihren Spion und hast mich ausgekundschaftet, damit Du mich wieder für sie angeln kannst. So ist es!«
Er hatte das in einer ungemein höhnischen Weise gesagt. Der Alte antwortete gar nicht; er machte ein sehr betrübtes Gesicht, als ob er bei irgend einer unrechten That ertappt worden sei. Darum fuhr Anton fort:
»Man sieht es Dir deutlich an, wie Recht ich habe. Du machst ein Gesicht wie ein Spitzbube, welcher auf frischer That ertappt worden ist. Aber bei mir hast Du Dich verrechnet. Ich habe es Dir und Deiner schönen Leni sofort gesagt, daß sie zu Grunde gehen wird; aber anstatt in sich zu gehen und mir für die Warnung dankbar zu sein, ist sie ihre eigenen, schlimmen Wege gegangen. Jetzt nun ist sie so tief gesunken, daß sie niemals wieder emporkommen kann. Und nicht nur leichtsinnig ist sie, sondern sogar schlecht, und Du bist ebenso schlecht wie sie, ja noch viel, viel schlechter. Du bist ihr eigentlicher Verführer. Anstatt meine Warnungen zu unterstützen und mir Recht zu geben, hast Du sie in ihrem Leichtsinne bestärkt. Und daß Du mich nicht nur in meiner Wohnung, sondern sogar hier bei meiner Braut aufsuchst, das ist gradezu eine Niederträchtigkeit, die ihres Gleichen gar nicht findet.«
Sepp machte noch immer eine zerknirschte Miene. Er fragte mit gesunkener Stimme:
»Eine Niederträchtigkeiten? Nein, so schlimm bin ich doch nicht. Du darfst mich nicht gar so schlecht machen.«
»O ja, eine Niederträchtigkeit ist es. Du hast erfahren, daß ich eine Braut habe und bist nun in der Absicht hierher gekommen, mich vor ihr zu blamiren. Du hast gemeint, sie weiß es noch nicht, daß ich schon eine Geliebte gehabt habe. Darum bringst Du mir einen Gruß von Deiner hübschen Leni, damit Valeska eifersüchtig werden und mir den Abschied geben soll.«
»Nein, das hab ich wirklich nicht beabsichtigt!«
»Jedenfalls!«
»Wirklich nicht. Anton, ich will Dir aufrichtig sagen, wie sehr ich mich freu, daßt so eine Braut funden hast. Ihr paßt mit nander so gut zusammen, daß es eine Sünd und eine Schand sein thät, Euch uneins zu machen. Was aber sagt denn dera Herr von Stubbenau dazu?«
»Der?« fragte Anton. »Was hat der mit dieser Angelegenheit zu schaffen?«
»Sehr viel.«
»Unsinn!«
»O, weit mehr, alst denkst. Er ist doch ihr Geliebter.«
»Schweig!« donnerte der Sänger. »Wenn Du meine Braut beleidigen willst, so werfe ich Dich hinaus. Da Deine Schlechtigkeit bei ihr nicht verfängt, willst Du nun mich gegen sie eifersüchtig machen. Aber das soll Dir nicht gelingen.«
Da trat der Sepp auf ihn zu, legte ihm die Hand auf die Achsel und sagte nun endlich in einem ganz anderen Tone:
»Anton, der Wurzelsepp wird hier nicht hinausgeworfen. Ich kenne den Stubbenau und Deine schöne Braut viel besser als Du. Es kann mir gar nimmer einfallen, Euch von nander zu bringen, denn Ihr seid einander werth, und die Leni ist ganz glücklich, daß sie nix mehr von Dir zu wissen braucht. Ich bin in einer ganz anderen Absicht kommen, als Du denkst. Wannsts wissen thätst, so gingst sofort hier weg und schautst die Valeska gar nie wieder an.«
Da fuhr die Tänzerin vom Sopha empor und rief im zornigen Tone:
»Anton, soll ich solche Beleidigungen hier in meiner eigenen Wohnung anhören? Ich hoffe, daß Du mich schützen wirst!«
Auch der Sänger war jetzt wirklich zornig geworden. Er wollte dem Alten kräftig entgegentreten, besann sich aber eines Andern. Er legte seinen Arm um die Tänzerin und erklärte im verächtlichsten Tone, der ihm möglich war:
»Es kann mir, der ich ein berühmter Künstler bin, gar nicht einfallen, mich wegen einer Courtisane mit einem Wurzelsucher zu zanken, der ihren Zubringer macht. Meine Antwort die ich ihm ertheile, ist sehr einfach folgende:«
Er zog Valeska noch näher an sich, trat mit ihr auf den alten Sepp zu und erklärte in gehobenem Tone:
»Ich wiederhole Dir: Das ist meine Braut, von der mich kein Mensch abbringen kann. Du aber am allerwenigsten. Sage das Deiner schönen Leni! Sie soll alle Hoffnung auf mich fahren lassen. Es wäre gradezu eine Schande für mich, wenn ich noch an sie denken wollte. Und nun ists gut. Wenn Ihr mich nicht in Ruhe laßt, werde ich den Beistand der Polizei zu Hilfe nehmen!«
»So!« meinte der Sepp. »Also sie ist wirklich Deine Braut?«
»Ja.«
»Und Du lässest nicht von ihr?«
»Auf keinen Fall. Wir gehören einander für das ganze Leben an. Jetzt mach Dich von dannen!«
»Wart nur noch einen kleinen Augenblick. Ich habe Dich so lange und so gut kannt, daß ich wohl so höflich sein muß, Dir zu der Verlobung und zu dieser Braut Glück zu wünschen. Es ist nicht meine Absicht gewest, Euch zu trennen. Die Leni weiß es gar nicht, daß ich hier bin. Wegen ihr bin ich auch nicht kommen, sondern wegen einer ganz andern Sache, die auch Dich sehr interessiren wird. Was die Leni betrifft, so irrst Du Dich außerordentlich in ihr. Sie ist nicht gefallen, sondern brav geblieben, braver als Du. Sie treibt sich nicht im Augarten herum. Daß sie mal dahin spazieren gangen ist, das wird ihr wohl derlaubt sein. Dich wird sie am Allerwenigsten fragen, was sie zu thun und zu lassen hat. Dir hat sie damals die Maulschellen geben, und ich denk, das ist deutlich genug gewest, daß sie nix, aber auch gar nix von Dir wissen will. Du könntst vor ihr auf denen Knieen liegen und sie um Liebe und Gnade bitten, sie würde Dich doch nur auslachen. Wer und was sie ist, was für eine große, berühmte und gefeierte Künstlerin, das wirst schon noch merken, wannst so dumm gewest bist, es noch nicht zu merken. Jetzt sind wir fertig, Du mit mir und ich mit Dir. Von einem Menschen, der sich ein solches Geldl verdient wie Du und dennoch seine armen Elternleut hungern läßt, von so einem mag ich nix wissen. Die Leni hat sie ernährt und wird auch fernerhin für sie sorgen. Du bist ein Lump worden, und es ist gar nicht zu verwundern, daßt Dir eine Braut anschafft hast, die auch nix Besseres ist als Du!«
»Anton, wirf ihn hinaus!« rief die Tänzerin.
Der Sänger ballte die Fäuste und trat drohend auf den Sepp zu. Dieser aber sagte lachend:
»Rühr mich doch mal an! Vor Dir fürcht ich mich noch lange nicht. Das weißt ganz genau. Meine Knochen und Nerven sind besser als die Deinigen, die Du Dir durch das liederliche Leben verdorben hast.«
»Ah, mir das, mir!« zischte Anton. »Wenn ich will, so schlage ich Dich zu Brei. Aber ich will meine Hände gar nicht mit Dir verunreinigen. Wenn Du nicht augenblicklich gehst, so schicke ich nach Polizei!«
»Schick doch nach ihr!« antwortete Sepp.
Da eilte Anton nach der Vorzimmerthür, öffnete dieselbe und rief der sich draußen befindlichen Zofe zu:
»Eilen Sie, einen Schutzwachmann zu holen! Er soll hier diesen Menschen arretiren!«
Der Beamte befand sich noch draußen. Er trat sofort herein, zog die Thür hinter sich zu und sagte:
»Da kann ich dienen. Ich bin Polizist.«
»Sie?« fragte der Sänger. »Das ist ein sehr günstiger Zufall. Was führt Sie herbei?«
»Eine kleine Angelegenheit, welche ich mit Fräulein Valeska zu ordnen habe. Das kann aber noch warten, da Sie vorher um meinen Schutz gebeten haben.«
»Ja, ich ersuche Sie, diesen alten Mann sofort zu arretiren.«
»Warum?«
»Er hat uns beleidigt.«
»Wodurch?«
»Er nannte mich einen Lump und sagte, daß Fräulein Valeska auch nichts Anderes sei. Ich bin der Sänger Criquolini – wenn Sie mich noch nicht kennen.«
Der Polizist ließ ein vertrauliches Lächeln sehen und antwortete:
»Was diesen alten, braven Herrn betrifft, so wird es sich gleich aufklären, ob er die Wahrheit gesagt hat oder nicht. Wer Sie sind, das weiß ich. Auch Sie werden mich wohl kennen.«
»Habe nicht das Vergnügen.«
»Nicht? Besinnen Sie sich! Wir haben uns doch bereits mit einander unterhalten.«
»Wann denn?«
»In letzter Nacht.«
»Sie scherzen!«
»O nein. Ich war in Ihrer Wohnung, um Ihnen zu sagen, daß dieselbe nicht verschlossen sei.«
»Das war ja ein Nachtwächter!«
»Ich war es, allerdings als Nachtwächter verkleidet. Sie hatten sich, wie es scheint, ein kleines Räuschchen angetrunken?«
»Möglich!«
»Hatten Sie Gesellschaft bei sich gehabt?«
»Ja.«
»Wen?«
Dem Sänger kam es sonderbar vor, so ausgefragt zu werden. Er nahm sofort einen zurückhaltenden Ton an und erkundigte sich:
»Warum wollen Sie das wissen?«
»Weil ich ein Interesse daran habe.«
»Ein persönliches?«
»Nein, sondern ein amtliches. Ich muß wissen, wer bei Ihnen sich befunden hat.«
»Sie müssen? Donnerwetter! Und wenn ich mich nun weigere, Ihre Fragen zu beantworten?«
»So zwingen Sie mich, Sie zu arretiren. In der Zelle werden Sie sich dann eines Besseren besinnen.«
Anton fuhr mehr zornig als erschrocken zurück.
»Herr, Sie sprechen mit einem Künstler!« rief er aus.
»Das weiß ich; aber auch die Herren Künstler stehen unter dem Gesetze. Ich muß Sie allen Ernstes ersuchen, mir zu antworten.«
»Alle Teufel! Beweisen Sie mir erst, daß Sie in Wirklichkeit ein Polizeibeamter sind!«
»Sehr gern. Hier haben Sie den Beweis. Und außerdem ist auch dieser Herr im Stande, mich zu legitimiren.«
Er deutete bei diesen Worten auf den Sepp und zeigte zu gleicher Zeit die Polizeimedaille vor.
»Es stimmt,« sagte Anton. »Aber warum fragen Sie mich aus? Ist Etwas passirt?«
»Ja.«
»Was denn?«
»Davon später! Also jetzt hoffe ich, daß Sie sich nicht länger weigern werden, mir zu antworten. Wer waren gestern Abend Ihre Gäste?«
»Herr von Stubbenau und – –«
»Anton!« rief die Tänzerin, ihn unterbrechend.
Es ging eine Ahnung in ihr auf, daß die Anwesenheit des Polizisten zu dem verübten Einbruche in Beziehung stehe. Sie sank auf das Sopha und war blasser geworden als vorher.
»Was willst Du?« fragte er.
»Ist nicht Herr von Stubbenau ganz allein bei Dir gewesen? Besinne Dich doch!«
Er blickte sie verwundert an. Der Polizist wendete sich zu ihr und sagte warnend:
»Bitte, zu schweigen! Sie haben nur dann zu reden, wenn ich Sie frage. Wenn Sie mich noch einmal unterbrechen, mögen Sie die Folgen tragen.«
»Aber was giebt es denn?« rief Anton jetzt bestürzt. »Was ist denn geschehen?«
»Wer außer dem Herrn von Stubbenau bei Ihnen war, will ich endlich wissen.«
»Hier Fräulein Valeska.«
»In welcher Toilette befand sich die Dame?«
»In – – –«
»Anton!« schrie sie auf.
»Schweigen Sie! Ich warne Sie zum letzten Male!« gebot ihr der Beamte. »Also, Signor Criquolini, welche Toilette hat sie getragen?«
Valeska verhüllte mit beiden Händen ihr Gesicht.
»Pah!« lachte Anton gezwungen. »Weshalb sollte es partout verschwiegen werden. Sie ist meine Braut und darf als Tänzerin sich so eine kleine Extravaganz gar wohl erlauben. Künstler sind eben, wenn sie sich in vertraulichem Kreise befinden, zu Scherzen sehr geneigt.«
»Also?«
»Sie trug Herrenkleidung.«
»In welcher Absicht?«
»Aus Scherz natürlich! Das sehen Sie doch wohl ein. Wir leben ja am Schlusse des Carnevals.«
»Hm! Vielleicht war ein ganz anderer Zweck damit verbunden. Sind Ihre Gäste gegangen, bevor Sie sich zur Ruhe legten?«
»Nein. Ich war müde und mag wohl etwas zu schnell und zu viel getrunken haben. Ich ging schlafen, während sie noch sitzen blieben.«
»War das nicht unvorsichtig von Ihnen?«
»Keineswegs. Diese Dame ist meine Braut, und Herr von Stubbenau gehört zu meinen besten, intimsten Freunden. Ihnen Beiden kann ich mein Logis unbedingt anvertrauen. Keins von ihnen wird mich bestehlen.«
Er sagte die letzteren Worte in einem sarkastischen Tone, wohl um dem Beamten einen indirecten Verweis zu ertheilen. Dieser aber that, als ob er dies gar nicht bemerke, und fuhr fort:
»Auf Sie war es auch gar nicht abgesehen.«
»So? Etwa auf einen Andern?«
»Ja.«
»Alle Teufel! Wie meinen Sie das?«
»Es ist in vergangener Nacht ein höchst frecher und raffinirter Diebstahl ausgeführt worden – –«
»Wo denn, wo?« unterbrach ihn der Sänger.
»Von Ihrer Wohnung aus. Es ist in dem der Frau Salzmann gehörigen Hause eingebrochen worden. Man hat einem im Parterre, in Ihren früheren Zimmern wohnenden Herrn wichtige Papiere und eine bedeutende Summe Geldes gestohlen. Sodann haben sich die Einbrecher nach der ersten Etage geschlichen und dort sämmtliche Juwelen der Sängerin Fräulein Ubertinka geraubt.«
Anton öffnete den Mund weit und machte ein sehr dummes Gesicht.
»Dem Herrn in meiner früheren Wohnung?« fragte er. »Das wäre ja der Fex!«
»So wurde der Herr früher genannt.«
»Und der Ubertinka die Juwelen! Alle Teufel!«
»So ist es. Und der Einbruch ist von Ihrer jetzigen Wohnung aus unternommen worden.«
»Wieso denn?«
»Man hat Sie betrunken gemacht. Dann, als Sie besinnungslos im Bette lagen, haben die beiden Personen sich in Ihren Hof begeben, um über die Mauer desselben in den Hof der Frau Salzmann zu gelangen. Dort sind sie durch das Parterrefenster eingestiegen. Auf ganz demselben Wege haben sie dann den Ort wieder verlassen.«
Anton blickte den Polizisten, den Sepp und die Tänzerin nach einander an. Er fragte:
»Und das soll wirklich wahr sein?«
»Natürlich ists wahr.«
»Aber da müßten doch wohl meine Gäste Etwas gemerkt haben. Oder seid Ihr da schon fort gewesen?«
Diese Frage war an Valeska gerichtet. Sie saß zusammengekauert auf dem Sopha. Es war ihr himmelangst. Sollte man sie im Verdacht haben? Antons Frage gab ihr Veranlassung, einen Ausweg zu finden. Sie antwortete:
»Wir haben nichts bemerkt, gar nichts. Wir sind, nachdem Du Dich niedergelegt hattest, sofort gegangen.«
»Sollten Sie sich da nicht irren?« lächelte der Polizist.
»Nein. Herr von Stubbenau wird es mir bezeugen. Wenn wirklich ein solcher Einbruch geschehen ist, so muß er erst nach unserer Entfernung unternommen worden sein.«
»O nein. Sie waren noch da.«
»Gewiß nicht!«
»Sie waren sogar dabei!«
»Herr! Ich – – –?« schrie sie auf.
»Ja. Wollen Sie leugnen?«
»Ich begreife Sie nicht. Höre ich denn nicht recht?«
»Sie hören sehr gut. Besinnen Sie sich doch einmal! Sie sind doch mit Herrn von Stubbenau nach Hause gegangen?«
»Allerdings. Ich nahm seine Begleitung an, weil es so spät geworden war.«
»Sie begegneten an der Ecke der Circusstraße zwei Herren?«
»Ja.«
»Sie wurden von einem derselben angesprochen?«
»Nein.«
»Sie widersprechen sich. Erst gestehen Sie, und dann leugnen Sie. Kannten Sie diese Herren?«
»Nein.«
»Aber Herr von Stubbenau kannte sie?«
»Das weiß ich nicht.«
»Er wurde sogar bei seinem Namen angesprochen. Warum hörte er nicht darauf?«
»Das weiß ich nicht.«
»Ach so! Was hatte er denn in der Hand?«
»Nichts.«
»Keine Schatulle, kein Köfferchen?«
»Nein, gar nichts.«
»Sonderbar, höchst sonderbar!«
Da ermannte sie sich. Sie stand von dem Sopha auf, gab sich eine strenge Miene und fragte im Tone tiefster Entrüstung:
»Herr, was wollen Sie eigentlich mit diesen Fragen? Daß ein Einbruch geschehen ist, geht doch mich nichts an. Das ist Ihre Sache!«
»Allerdings! Und eben weil es meine Sache ist, komme ich zu Ihnen.«
Da trat Anton hart an ihn heran und sagte:
»Hören Sie, Sie beleidigen meine Braut. Sie behandeln sie ja grad so, als ob sie sich an dem Verbrechen betheiligt hätte!«
»Schweigen Sie, Herr Criquolini! Ich muß wissen, was ich zu thun habe. Ihre sogenannte Braut ist eine notorische Einbrecherin!«
»Wa – wa – – was – –«
»Ja, eine ganz gefährliche Einbrecherin, welche in Verbindung mit dem Baron von Stubbenau dieses Geschäft bereits seit langer Zeit getrieben hat.«
»Sind – sind – sind Sie – –?«
Er sprach nicht weiter. Er zitterte am ganzen Körper und stützte sich auf eine Stuhllehne.
»Hörsts nun, Anton, wast für eine Braut hast?« fragte der Sepp.
»Va – les – ka, ists – ists wahr?« stammelte der Sänger, sie angstvoll anblickend.
»Nein, nein!« antwortete sie.
»Sag die Wahrheit!«
»Ich sage Dir, daß ich nichts, gar nichts weiß!«
Da raffte er sich zusammen und sagte, die Augenbrauen finster zusammenziehend:
»So werde ich auch nicht dulden, daß man Dich beleidigt. Die beiden Herren werden sofort gehen, sonst requirire ich Hilfe!«
»O bitte,« lachte der Polizist, »die Hilfe bin ich selbst. Sie scheinen Ihre Braut nicht zu kennen, ebenso wenig Ihren guten Freund von Stubbenau.«
»Ich kenne Beide!«
»O nein. Stubbenau trägt einen falschen Namen. Er heißt Salek und ist ein Gauner und Hochstapler ersten Ranges. Dieses Mädchen hier ist seine Verbündete, seine Geliebte. Sie hat ihm bereits mehrere außereheliche Kinder geboren und hätte Sie geheirathet, um Ihnen dann mit Ihrem Gelde durchzugehen und es ihm zu bringen.«
Das hatte Valeska nicht erwartet. Sie stieß einen Schrei des Entsetzens aus.
»Valeska!« rief Anton. »Was sagst Du dazu? Ist es wahr, oder ist es unwahr?«
»Lüge ists, eine Lüge!« zeterte sie.
Da erklärte ihr der Beamte:
»Ich könnte strenger mit Ihnen verfahren. Ich habe es nicht nöthig, mich von Ihnen einen Lügner schimpfen zu lassen. Aber Sie sind ein Mädchen, und da will ich nicht zu der mir gebotenen Strenge greifen. Ich will Ihnen nur mittheilen, daß Stubbenau arretirt ist.«
»Herrgott!« fuhr sie auf.
»Wir haben den Schmuck, überhaupt den ganzen Raub bei ihm gefunden.«
Sie starrte ihn wie geistesabwesend an.
»Seine Schuld ist erwiesen und die Ihrige auch.«
»Das ist Täuschung, Täuschung!« jammerte sie.
»O nein. Dieser Stubbenau oder vielmehr Salek hat ja förmlich Buch geführt über Ihre gemeinschaftlichen Einbrüche. Er hat ganz genau verzeichnet, was auf Ihren Antheil gekommen ist.«
»Ich weiß nichts davon, gar nichts.«
»Sie haben ihm Karten und Briefe geschrieben, die er sich unvorsichtiger Weise aufgehoben hat. Diese Scripturen enthalten Bestellungen, Auskünfte, Anfragen und dergleichen, welche sich auf lauter Einbrüche beziehen. Sie können ja gar nicht leugnen!«
»Ich weiß von nichts. Wenn er solche Karten und Briefe besitzt, so sind sie gefälscht!«
»Die Untersuchung wird beweisen, daß Sie lügen. Kleiden Sie sich an!«
»Wozu?«
»Sie werden mir folgen.«
»Mein Himmel! Wohin?«
»Nach dem Gefängnisse, welches Sie leicht nicht so bald verlassen werden. Ich weissage Ihnen zwanzig Jahre schweren Kerker, wenn Sie fortfahren, so hartnäckig zu leugnen. Ein offenes Geständniß aber würde die Richter veranlassen, diese Strafe bedeutend zu mildern.«
»Ich kann nichts gestehen!«
»Gut! Ganz wie Sie wollen! Oeffnen Sie mir zunächst einmal alle Ihre Behältnisse!«
»Was? Wollen Sie etwa bei mir aussuchen?«
»Natürlich! Ich bin überzeugt, daß ich da ein ganzes Nest geraubter Gegenstände ausnehmen werde.«
Da brach sie zusammen. Sie weinte nicht. Sie ließ keinen Laut hören, aber sie war unfähig, ferner noch Widerstand zu leisten.
Anton war auf einen Stuhl gesunken. Er stemmte die Ellbogen auf die Kniee und legte den Kopf in die Hände. Niemand konnte sehen, was in ihm vorging.
»Nun,« fragte der Beamte die Tänzerin. »Wollen Sie immer noch leugnen?«
Da erhob sie den Kopf. Ihre Augen waren während dieser wenigen Secunden tief in die Höhlen zurückgetreten. Ihr Gesicht hatte die Farbe weiß-grauen Löschpapiers, und ihre Stimme klang heiser, als sie antwortete:
»Sie werden doch Alles finden. Ich werde nicht länger leugnen. Aber gehen Sie mit mir in die andere Stube. Dieser Herr soll nicht hören, was ich zu sagen habe.«
Sie meinte Anton.
»Also wirklich, wirklich ist es wahr?« fuhr dieser von seinem Stuhle auf.
»Ja,« antwortete sie. »Es ist aus mit mir; das weiß ich nun. Darum sollst Du erfahren, daß ich Dich gar nicht lieben mochte und lieben konnte.«
»Valeska!«
»Dein Geld wollte ich haben, weiter nichts.«
»Mir das, mir das!« rief er.
Da glühten ihre Augen auf; es trat ein Zug unheimlichen Hohnes auf ihr Gesicht. Sie sagte ihm:
»Warum grad Dir das nicht? Du bist ein eingebildeter, rücksichtsloser Mensch, ein dummer Laffe, der gar nichts Anderes verdiente. Grad Dich hätte ich mit dem größten Vergnügen betrogen. Leider ist es mir nicht gelungen. – Kommen Sie!«
Sie trat mit dem Beamten in die Nebenstube.
»Nun, heirathst sie noch?« fragte der Sepp.
Anton holte mit der Faust aus, als ob er schlagen wolle, ließ sie aber wieder sinken.
»Hund!« rief er grimmig. »Du, Du bist an Allem schuld! Du ganz allein!«
»Laß Dir nix weiß machen. Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied. Das Deinige ist nix werth!«
»Sei still, Du Lump! Ich werde Dir und Deiner Leni beweisen, was für ein Glück ich mir verschaffen kann. Während mein Stern am Himmel der Kunst leuchtet, wird sie längst verkommen und verdorben sein – – und Du mit ihr!«
Er eilte fort. Der Alte aber blickte ihm ruhig und überlegen lächelnd nach.


Elftes Capitel
In Miramare

Obgleich der Frühling noch längst nicht angebrochen war, lag das herrliche Triest in seiner immergrünen Umgebung wie eine weiß glänzende Perle zwischen schimmernden Smaragden.
Vom Süden her wehte eine milde Luft, und heller Sonnenschein drang selbst in die engen und sonst dunklen Gäßchen der ehemaligen Judenstadt, welche unweit des alten Kastells auf dem Schloßberge gelegen ist.
In einem dieser engen Gäßchen lagen zwei kleine, einstöckige Häuser neben einander, mit Fenstern, so klein, daß kaum ein Menschenkopf herausblicken konnte, und so niedrigen Thüren, daß selbst eine nicht zu lange Person sich bücken mußte, um ein- oder auszutreten.
In dem einen dieser Häuschen wohnte ein Grieche, deren es in Triest vierzehnhundert giebt. Der Bewohner des anderen war einer der fünftausend Juden, die in Triest ihre verschiedenartigen Geschäfte treiben. Der Grieche hieß Kolema und der Jude Baruch Abraham.
Alle Welt wußte, daß diese Beiden die besten Freunde waren. Sie handelten mit alten Sachen, doch munkelte man davon, daß sie außerdem noch heimliche Geschäftsbeziehungen unterhielten, in welche sie Niemanden blicken ließen. Leute, welche scharfe Augen und eine sichere Urtheilskraft besaßen, sagten, daß die beiden Freunde bedeutend reicher seien, als sie sich merken ließen.
Es gab sogar Personen, welche behaupteten, daß sowohl der Jude, als auch der Grieche mit bedeutenden hiesigen und ausländischen Firmen Verbindungen eingegangen seien, von welchen Niemand reden dürfe, die aber allem Anscheine nach ein bedeutendes Geld einbringen müßten. Ob das wirklich richtig sei, konnte nicht bewiesen werden.
Heute kamen zwei junge Männer die Gasse herauf. Sie blickten nach rechts und links wie Leute, welche hier fremd waren und die Stadt auch hier in dem unschönen, aber ethnographisch interessanten Viertel kennen lernen wollten.
Der Aeltere von ihnen mochte vierundzwanzig Jahre zählen; der Andere war um einige Jahre jünger. Beider Züge waren tief gebräunt. Sie kamen jedenfalls aus dem Süden. Die Gestalt des Ersteren war stark und kräftig. Seine Augen hatten den ruhigen, sicheren Blick eines Menschen, welcher weiß, was er will, und trotz seiner Jugend bereits viel zu seinem Vortheile erfahren hat.
Der Jüngere war schmächtiger. Seine blauen Augen hatten ein milderes Licht: er schien ein mehr anschmiegender als ein befehlender Character zu sein und machte den Eindruck eines Jünglings, welcher sich erst vor nicht sehr langer Zeit von einem körperlichen und vielleicht auch geistigen Leiden erholt hat.
Beide schienen dem Künstlerstande anzugehören, wenigstens ließ ihre Kleidung dies errathen. Sie trugen sich ganz gleich: blausammetne Schnurenröcke und sehr breitkrämpige Künstlerhüte.
Diese Beiden waren der einstige Lehrer von Hohenwald, Max Walther, und sein jüngerer Freund Johannes Weise, welcher daheim der Elephantenhans genannt worden war. Sie kehrten aus Egypten zurück, wo Beide auf Kosten König Ludwigs gewesen waren, hatten gestern das Schiff verlassen und beabsichtigten, für einige Tage in Triest und Umgebung herumzustreifen, und besonders sich das berühmte Schloß Miramare anzusehen, den Lieblingsaufenthalt des so unglücklich geendeten Kaisers Max von Mexiko.
Sie gingen schweigend neben einander her, die lebenden Bilder studirend, welche die schmutzige Gasse ihnen bot.
Da kamen sie an das Häuschen des Juden. In den kleinen, gewiß seit Jahren nicht geputzten Fenstern lagen allerlei getragene Gegenstände, wie sie sich in dem Lagerraume eines Althändlers anzuhäufen pflegen. Auch Bücher, Karten und alte Bilder waren zu sehen.
Der Elephantenhans, von Max Walther natürlich bei seinem wirklichen Vornamen Johannes genannt, blieb stehen und betrachtete sich das alte Firmenschild, welches über der Hausthür angebracht war. Die Inschrift war kaum mehr zu lesen. Sie war italienisch und deutsch und lautete in letzterer Sprache: »K. k. privilegirtes Antiquariat und Gemälde-Verkauf von Baruch Abraham.«
»Ein Antiquariat mit Gemälde-Verkauf,« lachte Johannes. »Da wird nicht viel zu finden sein!«
»Da kannst Du Dich doch vielleicht irren,« antwortete Max. »Solchen alten Buden sieht man es gar nicht an, was sie zuweilen beherbergen.«
»Meinst Du? Wollen wir einmal hinein?«
»Ich bin dabei. Du als Maler interessirst Dich natürlich für Gemälde, während ich als sogenannter Dichter und zugleich angehender Gelehrter mich nach Büchern, Landkarten und dergleichen umsehen werde. Komm!«
Sie waren bemerkt worden. Welcher Althändler sieht auch Käufer vor seinem Laden stehen, ohne sie zum Eintritt aufzufordern. Baruch Abraham trat heraus.
Er war eine lange, hagere Gestalt mit einer Habichtsnase, deren Kante dem Rücken eines Messers glich. Sein Kaftan, den er trug, war uralt und vielfach zerrissen, und an den beiden Ohren hingen ihm lange, graue Korkzieherlocken herab.
Die Verbeugung, welche er machte, war so tief, als ob er ein paar Prinzen vor sich habe. Dabei musterte er sie mit scharfen Augen und zog dann ein sehr zufriedengestelltes Gesicht. Er schien zu glauben, daß mit so jungen Leuten wohl ein gutes Geschäft zu machen sein werde.
Trotz ihrer jetzt so tief gebräunten Gesichtsfarbe sah er ihnen sogleich an, daß der Norden ihre Heimath sei, denn er redete sie nicht italienisch, sondern in deutscher Sprache an:
»Kommen Sie, meine Herrschaften! Treten Sie in mein Haus! Sie finden da Alles, was Ihr Herz nur begehren kann.«
»So?« lachte Max. »Wissen Sie denn ungefähr, was unser Herz begehrt?«
Er zeigte ein listiges Lächeln, zwinkerte mit den Augen und antwortete:
»Wie soll ich nicht errathen, was Ihre Seele zu begehren wünscht! Sehe ich es den hohen Herren doch an, daß sie sind große Künstler, welche besitzen genug Berühmtheit, um zu verstehen, welche Schätze sich befinden in dem Laden des alten Baruch Abraham.«
»Sie irren sich. Wir sind keine Berühmtheiten.«
»So befinden Sie sich auf dem graden Wege, es zu werden. Dem Genie sieht man es ja gleich am Gesicht an, ob es Talent besitzt oder nicht.«
Ueber diese so logische Ausdrucksweise mußte sogar der sonst so ernste Johannes lachen. Das vermehrte die gute Laune des Händlers um ein Bedeutendes. Leute, welche lustig sind, kaufen lieber als solche, die sich in schlechter Stimmung befinden. Er machte also auch gar nicht viele Umstände, sondern er faßte sie bei den Armen und schob sie in das Häuschen hinein.
Grad als sie sich in dem sehr engen und sehr dunklen Flur befanden, klopfte es an die Hinterthür.
»Was ist denn, wer klopft denn?« fragte er in einem strengen Tone, dessen Härte außerordentlich gegen seine bisherige Höflichkeit abstach.
»Wasser, bitte, Wasser!« antwortete eine sehr wohlklingende, milde Frauenstimme.
»Wasser, schon wieder Wasser,« sagte er halblaut für sich. »Werde es Ihnen sofort geben.«
Er eilte nach der Hinterthür, nahm dort Etwas, was die beiden Jünglinge wegen der Dunkelheit nicht deutlich erkennen konnten, von der Wand und riegelte die Thür auf.
Jetzt, da die Letztere geöffnet war, konnte man in einen kleinen, kahlen Hof blicken, welcher rings von nackten Mauern umgeben zu sein schien.
Draußen, hart vor der Thür, stand ein junges Mädchen. Sie trug nur ein einziges kurzes und schäbiges Röckchen, keine Schürze darüber. Außer demselben waren ein kurzes Mieder und ein schmutziges Hemd ihre einzigen Kleidungsstücke.
Aber trotz dieses ärmlichen Habites leuchtete die jugendliche Schönheit und Lieblichkeit aus allen ihren Formen hervor. Die kleinen Füßchen waren nackt, und das reiche, dunkle Haar hing in langen, dicken Zöpfen von dem schön gezeichneten Kopfe hernieder.
Jetzt sahen die beiden jungen Männer auch den Gegenstand deutlich, welchen der Jude in der Hand hatte. Es war eine starke, kurzgestielte und aus Riemen geflochtene Peitsche.
Er holte blitzschnell, ehe das Mädchen dies vermuthen konnte, aus und versetzte demselben einige so kräftige Hiebe über die halb entblößten vollen Schultern, daß die Getroffene mit einem lauten Weherufe zurückfuhr.
»Da ist Wasser!« schrie er zornig dazu. »Trinkt es und badet Euch darin! Wenn Ihr mehr haben wollt, braucht Ihr es nur zu sagen.«
Damit warf er die Thür zu, schob den Riegel vor und hing die Peitsche wieder an die Wand.
Das war so schnell geschehen, daß weder Max noch Johannes Zeit gefunden hatten, ihn an der Ausführung dieser Rohheit zu verhindern.
»Aber, Baruch Abraham, was thust Du da!« sagte der Erstere. »Wer wird ein so hübsches Mädchen schlagen!«
»Eben weil sie ist hübsch, muß sie werden geschlagen,« antwortete der Jude. »Sind doch die Hübschesten stets die Allerschlimmsten, was die hohen Herren wohl auch noch erfahren werden.«
»Was hat sie denn gethan?«
»Wasser hat sie verlangt!«
»Ist das denn etwas Schlimmes?«
»Ja. Wenn ich soll geben des Tages wohl fünfzig oder sechzig Mal Wasser, wie soll ich da Zeit finden zu arbeiten im Geschäft, wenn seine Leute kommen, sich anzusehen meine Sachen.«
»Kann das Mädchen denn sich nicht selbst das Wasser holen, welches sie braucht?«
»Nein. Das ist verboten.«
»Warum?«
»Warum? Weil ich es nicht darf dulden, wenn mein Geschäft nicht soll gehen ganz zu Grunde. Aber warum wollen wir reden von dem Mädchen, da wir doch haben besseres zu thun. Die Herren mögen eintreten.«
Er öffnete eine Seitenthür, welche in einen niederen Raum führte, der so vollgepfropft mit allerhand Sachen war, daß man kaum Platz zum Stehen fand. Durch die hintere Mauer des Gewölbes führte eine schmale Thür hinaus in den Hof.
Nun begann er, seine Herrlichkeiten vorzuzeigen. Max fand verschiedene Bücher, welche sein Interesse erregten, und stellte sich mehrere davon zur Seite, indem er immer weiter suchte. Johannes betrachtete sich die Bilder, welche an den Wänden hingen.
Da wurde die Eingangsthür geöffnet, und unter derselben erschien ein altes, häßliches Weib, jedenfalls die Frau des Juden.
»Ich gehe in die Stadt,« sagte sie. »Hast Du vielleicht Etwas zu besorgen, Baruch?«
»Ja, Sarahleben!« antwortete er. »Kannst mit zur Post gehen und nach Briefen fragen.«
Die Alte hatte mit jener lauten Stimme gesprochen, welche Schwerhörigen eigenthümlich ist. Als ihr der Mann jetzt antwortete, hielt sie die Hand an das Ohr und fragte:
»Was hast Du gesagt?«
Da trat er näher und wiederholte:
»Du sollst fragen, ob Briefe angekommen sind!«
»Ach so! Briefe. An wen?«
»An mich. Fragst nach Herrn Gärtner mit dem Zeichen Nummer Hundert. Verstanden?«
»Ja. Briefe an Herrn Gärtner Nummer Hundert. Aber woher denn?«
»Aus Wien natürlich, von dem Herrn Baron von Stubbenau.«
»Ja, ich weiß es, von dem Herrn Baron von Stubbenau, er, dem ich vor vierzehn Tagen vierhundertachtzig Gulden eingezahlt habe. Giebst es sonst noch Etwas?«
»Nein. Mach daste kommst fort!«
Er sagte das Letztere in beinahe zornigem Tone. Es schien ihm unlieb zu sein, daß die beiden Fremden Zeugen des Gesprächs geworden waren.
Diese zwei Genannten hatten natürlich Alles gehört, ohne aber etwas Auffälliges darin zu finden, daß der Jude sich unter einer anderen Adresse postlagernd Briefe schicken ließ. So Etwas kann ja bei einem jeden Geschäftsmann vorkommen.
Aber die kurze Verhandlung zwischen Mann und Frau hatte doch etwas so Eigenartiges, wohl gar Geheimnißvolles, daß die genannten Worte, nämlich der Name Gärtner und das Zeichen Nummer Hundert in dem Gedächtnisse der zwei jungen Männer haften blieben.
Die Alte ging, machte aber nach wenigen Augenblicken die Thür abermals auf und rief herein:
»Paß mit auf die Mädchens auf, damit sie nicht etwa machen Dummheiten!«
»Das werde ich schon thun!«
»Siehe besonders auf die Anita; die ist eine Italienerin; ihr ist nicht zu trauen.«
Da stampfte er zornig mit dem Fuße, fuhr auf sie zu und schrie sie erbost an:
»Willste endlich lassen das Geschwätz! Weißte nicht, dasste nicht sollst reden von solchen Sachen!«
Sie fuhr erschrocken zurück und warf die Thüre zu. Er konnte sich in seinem Zorn nicht enthalten, grimmig vor sich hin zu rufen:
»Kein Weib kann halten das Maul! Da ist die Eine grad so wie die Andere. Gott sei's geklagt.«
Nun wendete er sich dem jungen Maler zu:
»Schauen Sie sich nur die Bilder und Zeichnungen an. Ich habe ganze Mappen voll daliegen. Es sind auch alte Meister darunter, Raphael und Murillo.«
»Oho!« lachte Johannes ungläubig.
»Ja, sie sind da!« bestand er auf seiner Behauptung. »Raphael, Murillo, Caravagglio, David, Kaulbach, Rembrandt und viele Andere.«
»Die möchte ich sehen!«
»Da hängen sie ja.«
Er deutete auf die alten Schmöker an der Wand.
»Diese? Die sollen von solchen Meistern sein?«
»Ja. Sie haben mich gekostet ein schweres Geld; aber ich kann ja nicht behalten alle diese Herrlichkeiten. Ich gönne auch andern Leuten eine solche Wonne und werde sie verkaufen so billig, wie ich vermag. Schauen Sie sie sich nur an!«
Johannes war überzeugt, daß der Alte log; aber er wußte, daß es vorgekommen war, daß der Inhaber einer solchen Rumpelkammer ganz ohne sein Wissen ein werthvolles Bild beherbergte. Und da er jetzt nichts zu thun hatte, nahm er sich vor, diese alten Farbeklexereien einer gründlichen Besichtigung zu unterwerfen.
Aber das war nicht leicht. Der Raum war so niedrig, und die ohnehin zu kleinen Fenster lagen so voller unnützer Gegenstände, daß das nöthige Licht nicht hereindringen konnte.
»Anschauen soll ich mir die Bilder,« meinte darum Johannes; »aber wie soll ich das ermöglichen? Es ist zu dunkel hier.«
»Zu dunkel? Es ist hell, sehr hell! Sehe doch ich Alles, der ich bin ein alter Mann. Sie aber sind ein junger Künstler, der scharfe Augen hat.«
»Wenn Sie mit Gemälden handeln, so müssen Sie doch wissen, daß zur Beurtheilung derselben Licht, viel Licht gehört. Man muß eine Malerei, um sie richtig taxiren zu können, unbedingt in das richtige Licht bringen.«
»Das ist ja hier!«
Er schien gewisse Gründe zu haben, seinen Laden für genügend hell zu halten. Dabei fiel sein Blick, wie die beiden Freunde bemerkten, mit einer gewissen Besorgniß zum Hoffenster hinaus. Der Jude begann, ihnen verdächtig zu werden.
Max gab Johannes ein heimliches Zeichen und deutete nach dem Hofe. Der Maler verstand ihn und behauptete in Folge dessen hartnäckig:
»Sie mögen sagen was Sie wollen, hier ist es zu finster. Wenn Sie wirklich Bilder so berühmter Meister haben, so muß Ihnen daran liegen, dieselben in die richtige Beleuchtung zu bringen. Hier in diesem Gewölbe kann ich nichts kaufen.«
Der Alte zog ein unmuthiges Gesicht, sann eine kleine Weile nach und fragte dann:
»Werden die Herren denn wirklich kaufen?«
»Ja. Wenn wir etwas Preiswerthes finden.«
»Und werden Sie können auch sogleich bezahlen?«
»Sofort!«
»So möchte ich Ihnen geben das richtige Licht; aber wo soll ich es nehmen her?«
»Nun, Ihr Hof ist ja hell genug.«
»Mein Hof? Au wai! Wie soll ich lassen die Käufer hinausgehen in meinen Hof!«
»Warum denn nicht? Haben Sie etwa Heimlichkeiten draußen? Müssen Sie sich vor dem Gesetze fürchten?«
Da hob der Alte erschrocken die Hände empor und rief in betheuerndem Tone:
»Gott Abrahams! Was führt der Herr für Reden. Baruch Abraham ist ein ehrlicher Mann und ein Freund der Gesetze. Wie kann er handeln gegen dieselben?«
»Nun, so haben Sie sich auch nicht zu fürchten, wenn ich mir die Bilder draußen betrachte.«
»Zu fürchten habe ich mich gar nicht, aber zu – zu – zu schämen!«
Er brachte dieses letztere Wort erst nach einigem Nachsinnen heraus; es war ihm nicht gleich eine passende Ausrede eingefallen.
Die Freunde waren überzeugt, daß er gar zu gern ein Geschäft gemacht hätte; aber hinaus in den Hof sollte keiner von ihnen. Es mußte doch draußen Etwas geben, was das Tageslicht zu scheuen hatte.
»Zu schämen?« fragte Johannes. »Vor uns brauchen Sie sich nicht zu schämen.«
»O doch! Mein Haus ist alt, und ich bin mit meiner Sarah allein. Wir sind zu betagt und zu schwach um es zu halten in Reinlichkeit und Ordnung. Wenn ein vornehmer, fremder Herr kommt hinaus in den Hof, wird er nicht wollen bleiben in demselben.«
»O, so lange ich mir die Bilder betrachte, so lange wird es wohl auszuhalten sein. Also schaffen Sie Licht, oder wir gehen!«
Er kratzte sich hinter den Korkzieherlocken. Um ihm Muth zu machen, bemerkte Max:
»Wir wollen ja nicht alle Beide hinaus. Nur mein Freund braucht Licht zu den Gemälden. Ich kaufe mir Bücher; dazu ist es hier hell genug.«
Das schien zu wirken, denn der Alte sagte:
»Da die Herren wirklich kaufen wollen und auch gleich bezahlen werden, will ich es erlauben, daß die Bilder dürfen betrachtet werden im Hofe. Aber ich muß erst hinaus, um zu machen ein Wenig ordentliche Sauberkeit. Ich werde kommen schnell wieder zurück.«
Er schob den Riegel von der Thür zurück, welche aus dem Verkaufsgewölbe nach dem Hofe führte, trat hinaus und zog aber die Thür hinter sich wieder in das Schloß. Die Beiden hörten an seinen Schritten, daß er sich entfernte.
Im nächsten Augenblicke standen sie an dem Fenster, welches mit Spinnweben umzogen und voller Schmutz war, aber doch einen Durchblick gestattete.
Der Hof war leer, vollständig leer. In der einen Ecke erhob sich ein Düngerhaufen. Es war nichts zu sehen als nur die Schatten einiger weiblicher Personen, welche von einer Seite nach der andern huschten.
»Vom Fenster zurück!« flüsterte Max. »Er darf uns nicht überraschen!«
Er trat zu seinen Büchern, in welche er sich scheinbar vertiefte, während Johannes sich ebenso angelegentlich mit den Bildern zu beschäftigen schien. Dabei fragte der Letztere leise:
»Was sagst Du dazu?«
»Der Kerl kommt mir verdächtig vor.«
»Mir auch. Was mag das für ein Mädchen gewesen sein?«
»Es waren mehrere draußen, und doch behauptete er, daß er mit seiner Sarah das Haus allein bewohne.«
»Er hat gelogen. Es giebt hier Etwas, was das Licht zu scheuen hat.«
»Und das bejaht sich auf diese Mädchens. Jetzt erst fällt es mir auf, daß er Briefe unter anderem Namen empfängt.«
»Unter dem Namen Gärtner und Nummer Hundert.«
»Das habe ich mir auch gemerkt. Wollen wir versuchen, in sein Geheimniß einzudringen?«
»Ja.«
»Auch ich habe große Lust dazu. Das Mädchen war so schön und hatte ein so trauriges Gesicht.«
»Wie aber fangen wir es an?«
»Sehr einfach. Du gehst mit den einzelnen Bildern in den Hof und thust, als ob Du sie genau betrachtest –«
»Er wird sich mit hinstellen!«
»Das schadet nichts. Ich werde ihn schon auch beschäftigen. Ich rufe ihn herein, um ihn nach den Büchern zu fragen. Indessen hältst Du heimliche aber genaue Umschau. Das Weitere wird sich schon selbst finden. Wenn die Mädchens hier wirklich ein Leiden zu tragen haben, werden sie es zu ermöglichen suchen, Dir einen Wink zu geben. Also paß genau auf.«
»Kaufen wir denn wirklich Etwas?«
»Einige Bücher werde ich behalten. Ob Du ein kleines Sümmchen für irgend ein Gemälde giebst, das wird davon abhängen, ob Deine Beobachtungen von Erfolg sind oder nicht. Durch des Königs Güte haben wir ja so viel Geld, daß wir uns auch einmal eine überflüssige Ausgabe gestatten können.«
»Gut! Giebt es für uns irgend einen Grund zum Wiederkommen, so werde ich kaufen.«
Das leise Gespräch konnte nicht fortgesetzt werden, denn die schlürfenden Schritte des Juden ließen sich vernehmen. Als er eintrat, fand er die Beiden in großer Entfernung von einander stehend und in ihre Bücher und Zeichnungen vertieft.
»So!« sagte er. »Jetzt kann sich der Herr die Bilder mit in den Hof nehmen, und ich werde ihm dabei behilflich sein.«
Es wurden nun mehrere Bilder hinausgetragen und an die Mauer gelehnt. Johannes betrachtete eins nach dem andern und that so, als ob er Hier gar nichts weiter im Auge habe. Dennoch aber hielt er heimliche Umschau.
Das Häuschen bestand nur nach der Straße zu aus dem Parterre. Auf der Hofseite war ein Stockwerk aufgesetzt worden, und da zog sich an demselben eine Art Söller hin, welcher von einer bretternen Brüstung geschützt wurde.
Die beiden Seiten des Hofes wurden von den Gebäuden der Nachbarhäuser begrenzt, während hinten sich eine hohe Mauer erhob, durch welche ein kleines Pförtchen führte.
Der Alte beobachtete schweigend, welchen Eindruck die Bilder auf den Maler machen würden. Dieser verhielt sich sehr schweigsam.
Da ertönte drin im Gewölbe Maxens Stimme. Der Jude trat hinein und Johannes befand sich nun allein im Hofe. Er schaute sich scharf um. konnte aber nichts Auffälliges bemerken. Nur ein leises, leises Geräusch vernahm er über sich. Es kam vom Söller her.
»Pst!« machte er leise. »Ist Jemand da?«
»Du scampara mi!« antwortete es ebenso leise.
Diese italienischen Worte heißen zu Deutsch: Rette mich! Johannes war dieser Sprache nicht so weit mächtig, als nothwendig war, in solcher Lage ein heimliches Gespräch zu führen, bei welchem es auf das richtige Verständniß jedes einzelnen Wortes ankam. Darum fragte er:
»Redest Du auch Deutsch?«
»O ja. Ich dachte, Sie seien Italiener.«
»Ich bin ein Deutscher. Also retten soll ich Sie?«
»Ja, ja, ich bitte Sie um Gotteswillen!«
»Still! Der Jude kommt!«
Der Alte kehrte zurück und brachte wieder Bilder mit. Doch sorgte der schlaue Max dafür, daß er bald wieder in das Gewölbe zurück mußte. Johannes hatte sich so gestellt, daß er grad unter der Stelle stand, an welcher von oben herab gesprochen worden war. Er fragte:
»Sind Sie noch da?«
»Ja.«
»Wer sind Sie?«
»Eine Gefangene.«
»Ach, ich werde Sie befreien. Ich gehe zur Polizei.«
»Um Gotteswillen nicht. Das würde mir nichts helfen, sondern nur schaden.«
»Warum?«
»Er hat meinen Contract.«
»Was für einen Contract?«
»Ich habe mich ihm vermiethet, zu ehrlicher Arbeit. Er aber hat böse Absichten.«
»Sapperment! Das soll er bleiben lassen!«
»Ich kann ihm aber nichts beweisen. Darum dürfen Sie nicht zur Polizei. Es muß durch List geschehen. Wenn ich nur erst aus dem Hause wäre.«
Der Alte kehrte zurück, so daß das Gespräch abermals verstummen mußte. Dies geschah noch mehrere Male; aber Max hatte sich so oft nach dem Inhalte oder dem Preise der Bücher zu erkundigen, daß Johannes Zeit fand, sich wenigstens nothdürftig mit der Sprecherin zu verständigen. Er erkundigte sich:
»Sind Sie Diejenige, welche vorhin von dem Alten geschlagen wurde?«
»Der Schuft!«
»Er thut das sehr oft. Er will uns durch Hunger und Durst nachgiebig machen.«
»Sind noch mehrere Mädchen da?«
»Ja, noch vier.«
»Und die wollen auch frei sein?«
»O, die fühlen keine Schande. Sie wollen Alles thun, was er will. Mit ihnen ist er gut. Nur gegen mich ist er grausam. Sie wohnen auch beisammen, während ich allein eingesperrt werde. Ach, könnte ich fort!«
»Kommen Sie herab! Ich nehme Sie mit.«
»Sogleich?«
»Ja.«
»Das geht nicht. Er würde es nicht dulden.«
»Ich fürchte mich nicht vor ihm, und ich habe einen Freund mit, welcher noch viel muthiger ist als ich es bin.«
»Das ändert nichts. Er hat einen Contract, und ich kann ihm nichts beweisen. Er würde mich durch die Polizei ergreifen lassen.«
»Hm! Eine böse Sache! So müssen Sie also heimlich fort.«
»Anders geht es nicht.«
»Aber wie?«
»Nur des Nachts ist es möglich. Könnten Sie nicht hierher in den Hof kommen?«
»Gern, wenn es zu bewerkstelligen wäre. Aber ich weiß nicht, wie ich hereinkommen soll.«
»Ueber die Mauer dort. Es geht ein schmales Gäßchen vorbei.«
»Aber dieselbe ist so hoch, daß ich eine Leiter brauchen würde. Das könnte auffallen, hier inmitten der Stadt.«
»Könnten Sie nicht das Pförtchen öffnen?«
»Dazu gehört ein Schlüssel.«
»Oder es aufsprengen?«
»Das macht Lärm, selbst wenn wir das dazu gehörige Handwerkszeug hätten.«
»
Dio mio! So giebt es keine Hilfe!«
»Verzweifeln Sie nicht! Ich werde nachdenken. Giebt es hier einen Hund?« »Nein. Um so ein Thier zu füttern, dazu ist der Alte viel zu geizig.«
»Das ist gut. Aber wo befinden Sie sich des Nachts? Kann man zu Ihnen?«
»Ja, aber ich kann nicht heraus. Ich bin fest angehängt.«
»Alle Teufel! Einen Menschen anhängen! Wo ist der Ort?«
»Diese Hofseite hat drei Fenster und eine Thür, welche hier vom Söller in's Innere führt. Rechts von der Thür sind zwei Fenster; da schlafen die Anderen. Links ist nur eins; da befinde ich mich. Ich bin angehängt und noch dazu extra eingeschlossen.«
»Durch einen Schlüssel?«
»Nein, sondern einen Riegel.«
»Und wo schläft der Jude?«
»Er schläft mit seinem Weibe vorn über dem Laden.«
»Geht er des Nachts revidiren?«
»Ja, mehrere Male.«
»Hm! Das mahnt zur Vorsicht!«
»Mein Gott! Wenn Sie doch den Muth hätten!«
»Pah, den habe ich.«
»Und wenn Sie wüßten, wie ich in die Hände dieses Mannes gekommen bin, würden Sie Mitleid mit mir haben.«
»Ich werde es erfahren, aber nicht jetzt; da ist nicht Zeit dazu.«
»Sie haben so ein liebes, gutes Gesicht, ganz so, als ob ich mich Ihnen anvertrauen könne.«
»Sehen Sie mich denn?«
»Ja, durch die Ritzen des Fußbodens. Haben Sie auch mich gesehen?«
»Wir erblickten Sie in dem Augenblicke, als er Sie schlug. Das hat uns erzürnt und wehe gethan. Ich werde mit meinem Freunde sprechen und hoffe ganz bestimmt, daß er meinen Entschluß billigen wird.«
»Welchen Entschluß? Bitte, bitte!«
»Sie zu befreien.«
»Gott sei Dank! Mein Leben würde ich Ihnen dafür geben! Aber es müßt heut geschehen, denn morgen bin ich nicht mehr da.«
»Wo sollen Sie hin?«
»Nach der Höhle.«
»Nach welcher? Kennen Sie dieselbe?«
»Nein. Ich weiß nur, daß wir in nächster Nacht nach einer Höhle geschafft werden sollen.«
»Hat Ihnen das der Jude gesagt?«
»Nein. Ich habe es erlauscht, als er mit den Anderen davon redete.«
»Wissen Sie, was Sie in der Höhle sollen?«
»Nein. Ich habe nur vernommen, daß sich noch mehrere junge Mädchen dort befinden.«
»Sie Aermste! Ich beginne zu ahnen, um was es sich handelt.«
»Ist's etwas sehr Böses?«
»So sehr, daß es für ein junges, braves Mädchen gar nichts Schlimmeres geben kann.«
»Mein Herr und Gott! Wie soll das enden!«
»Mit Ihrer Rettung. Wir kommen heut.«
»Wirklich, wirklich?«
»Ja, gewiß.«
»O, nehmen Sie meinen heißesten Dank! Aber wird es Ihnen auch gelingen?«
»Es muß gelingen, und wenn wir die Mauer einreißen sollen. Verlassen Sie sich darauf.«
»Und wann kommen Sie, zu welcher Zeit?«
»Wenn Alles schläft und ruhig ist, vielleicht eine Stunde nach Mitternacht.«
»So werde ich Sie mit Ungeduld, mit heißer Sehnsucht erwarten.«
»Und ich brenne bereits vor Ungeduld, das Abenteuer zu unternehmen.«
»Ich darf mich also darauf verlassen?«
»Ganz gewiß, gewiß!«
»So werde ich bis dahin zur heiligen Mutter Gottes bitten, daß es gelingen möge.«
»Thun Sie das. Jetzt aber wollen wir abbrechen. Der Jude könnte ungeduldig werden und Verdacht schöpfen. Mein Freund hat ihn schon fünfmal hineingerufen, damit ich Zeit finden soll, mit Ihnen zu reden!«
»Weiß denn Ihr Freund, daß ich hier bin?«
»Nein, aber er ahnt, daß ich mit Ihnen spreche.«
»Sagen Sie auch ihm meinen Dank, meinen innigsten Dank!«
»Gern. Und nun leben Sie wohl!«
»Noch nicht. Erst muß ich wissen, wie Ihr Name ist; ohne dies gehe ich nicht von hier fort.«
»Mein Name ist Johannes, und mein Freund heißt Max. Und Ihr Name?«
»Anita.«
»Ach, so sind Sie die Italienerin, welcher die beiden Alten nicht trauen!«
»Haben sie das gesagt?«
»Die Jüdin sagte es.«
»Weil ich ihnen nicht gehorche, sondern mich gegen das Schicksal wehre, für welches sie mich bestimmt haben. Die Alte ist fortgegangen. Das ist Gottes Schickung; denn wäre sie hier geblieben, so wäre es mir unmöglich gewesen, mit Ihnen zu sprechen.«
»Haben Sie denn bereits mit Anderen gesprochen?«
»Nein, mit Keinem.«
»Warum nicht?«
»Ich traute ihnen nicht.«
»Aber mir haben Sie getraut?«
»Sofort. Ich sah Sie im Hausflur stehen, als die Alte die Hinterthür öffnete, um mir anstatt des Wassers die Peitsche zu geben! Es war nur ein blitzschneller Moment, daß ich Ihre Augen sah, aber ich sagte mir, daß ich zu Ihnen Vertrauen haben könne.«
»Ich danke Ihnen. Ihre Worte thun mir wohl. Wie aber ist es Ihnen möglich geworden, auf den Söller zu kommen?«
»Durch die Eilfertigkeit des Juden. Er nahm sich nicht Zeit, mich ganz bis in meine Kammer zu bringen und dort einzuriegeln. Er schickte mich nur hinauf und befahl mir, in der Kammer zu bleiben, bis er mir erlauben werde, dieselbe zu verlassen. Da habe ich mich herausgeschlichen und auf dem Boden des Söllers niedergelegt, durch dessen Ritzen ich Sie sehen kann.«
»So ahnten Sie wohl, daß ich kommen werde?«
»Mein Herz sagte es mir.«
Das klang so rührend, so aufrichtig. Ihr Ton war dabei so herzlich und doch so mädchenhaft zagend. Er wußte selbst nicht, wie ihm geschah. Es ging in seinem Innern Etwas vor, wofür er keine Worte fand.
»Ihr Herz soll Sie nicht getäuscht haben,« sagte er. »Sie sollen frei sein. Nun aber müssen wir scheiden. Leben Sie wohl, Anita!«
»Leben Sie wohl, Johannes,« erklang es von oben. »Auf Wiedersehen, mein Retter!«
Das Gespräch war beendet, so daß der Maler seine Aufmerksamkeit nun ungetheilt auf das Gemälde richten konnte. Er war kein Meister, sondern erst ein angehender Schüler der Kunst, aber wenn er auch noch keine kritische Schärfe des Blickes besaß, so hatte er doch genug künstlerischen Instinct, zu sehen, daß er nur alte, werthlose Schmierereien vor sich sah.
Eine Landschaft war das einzige, für welche er Etwas bieten zu dürfen glaubte. Er fragte nach dem Preise.
»Das ist ein Murillo!« erklärte der Jude. »Der ist freilich theuer.«
»Ein Murillo?« lachte Johannes. »Sie sind wohl nicht bei Troste!«
»Ich? O, Baruch Abraham ist stets bei Troste. Er ist der erste Kunstkenner, den es giebt!«
»So! Also Murillo hat eine norwegische Schneelandschaft gemalt!«
»Mehrere sogar!«
»Wie kommt denn Murillo zu Schneelandschaften?«
»Er war ja in Norwegen, ja, er wohnt sogar noch jetzt in diesem Lande.«
»Ah! Murillo ein Norweger! Das ist gut, das ist einzig! Wissen Sie, Murillo war ein Spanier!«
Aber Baruch Abraham war nicht aus der Fassung zu bringen; er hatte seilst in der allerschlimmsten Klemme eine Ausrede.
»Zuweilen war er ein Spanier, nur zuweilen,« antwortete er. »Spanien und Norwegen liegen bekanntlich als Nachbarländer neben einander. Murillo ist bald hüben und bald drüben gewesen, darum war er heut ein Norweger und morgen ein Spanier.«
»Auch gut! Darüber wollen wir nicht streiten.«
»Der Streit würde den gnädigen Herrn auch zu nichts führen. Ich bin ein ebenso guter Geograph wie Kunstkenner; was ich weiß, das weiß ich sehr genau. Also, wollen Sie das Bild kaufen?«
»Als einen Murillo nicht.«
»So kaufen Sie es als etwas Anderes!«
»Nennen Sie den Preis!«
»Dreihundert Gulden.«
Johannes antwortete nicht. Er schaute dem Alten still lächelnd in das runzelige Gesicht. Dieser glaubte, er sei nicht verstanden worden und wiederholte:
»Dreihundert Gulden.«
»Ich habe es gehört. Ich schaute Sie nur an, um zu sehen, ob Sie nicht vielleicht dreihundert Mal verrückt sind.«
»Verrückt? Baruch Abraham verrückt! Gott der Gerechte, und noch dazu dreihundert Mal!«
Er schlug die Hände über den Kopf zusammen.
»Ja, so denke ich,« nickte Johannes. »Wer für diese Schmiererei dreihundert Gulden verlangen kann, bei dem rappelt es im Kopfe.«
»Rappeln, rappeln! O Ihr Erzväter und heiligen Propheten! In meinem Kopfe soll es rappeln. Hat man schon so etwas gehört!«
Da trat Max herbei, warf einen Blick auf das Bild und meinte:
»Sprechen wir dann darüber. Jetzt möchte ich wissen, was Sie für die Bücher verlangen, die ich mir ausgesucht habe.«
»Sogleich, sogleich. Ich werde nachschauen, was ich gegeben habe dafür und wieviel ich muß fordern, wenn ich sie will verkaufen gegen fünf Prozent Verlust, was ich aber nur thue, weil sie mir werden bezahlt mit baarem Gelde.«
Der alte, schlaue Fuchs und Lügner suchte ein altes Geschäftsbuch hervor und verglich die Bemerkungen, mit denen jedes antiquarische Werk versehen war, mit den dortigen Aufzeichnungen.
Das dauerte ziemlich lange. Während dem standen Johannes und Max entfernt von ihm bei einander, und der Erstere erzählte dein Letzteren in der Eile Alles, was er gesehen, gehört und dem Mädchen versprochen hatte.
»Hab ich es recht gemacht?« fragte er dann.
»Ja.«
»Du entführst sie mit?«
»Versteht sich. Das giebt doch einmal eine kleine Abwechslung in das Reiseleben, welches Einen durch seine Einförmigkeit endlich ermüden muß. Man wird nach und nach blasirt.«
»Max!«
»Ja, ja. Du glaubst es gar nicht. Ich bin es herzlich müde und sehne mich aufrichtig nach der Heimath zurück.«
»Um vielleicht doch noch eine Spur von der Silbermartha zu finden!«
»Still, wenn Du mich nicht erzürnen willst! Bleiben wir bei der Sache. Ich bin ein Wenig älter und vielleicht auch ein Wenig erfahrener als Du. Ueberlaß es mir, den Juden zu behandeln. Wir müssen es so einrichten, daß wir wiederkommen können, ohne seinen Verdacht zu erwecken.«
Baruch Abraham war mit seiner Berechnung zu Ende und that die Forderung. Max bot ihm schlank weg halb so viel. Der Jude schrie zwar, daß er keinen Kreuzer ablassen könne, erklärte sich aber doch endlich einverstanden mit dem Gebote und packte die Bücher zusammen.
Nun sollte von Neuem über das Bild gehandelt werden, aber Max erklärte, daß sein Freund es nicht kaufen werde, weil der Preis ganz und gar nicht im Verhältniß zu dem Werthe stehe.
»So mag er doch bieten!« meinte Baruch.
»Auch das thun wir nicht. Sie haben so viel vorgeschlagen, daß es geradezu lächerlich wäre, zu sagen, wie viel wir geben wollen.«
»Was sagt der Herr? Zu viel vorgeschlagen soll ich haben? Ist zweihundert Gulden zu viel vorgeschlagen?«
»Dreihundert verlangten Sie!«
»Da haben mich die Herren falsch verstanden. Ich hab gesprochen nur von zweihundert.«
»Auch das ist uns viel, viel zu theuer. Wir wollen es uns überlegen. Meine Bücher trage ich natürlich nicht selbst fort. Ich werde sie abholen lassen. Hier ist das Geld.«
Er bezahlte den Betrag. Als dann die Freunde Ernst machten, sich zu entfernen, gerieth der Jude förmlich in Ekstase. Er schwor hoch und theuer, daß er selbst volle zweihundert Gulden für das Bild bezahlt habe, ging aber doch endlich auf hundert und gar auf fünfzig herab.
Max blieb fest. Er schüttelte den Kopf und meinte:
»Ich will Ihnen etwas sagen. Wir werden wiederkommen. Wir gehen jetzt hinauf auf das Kastell und werden uns während dieser Promenade überlegen, wie viel wir bieten. Auf dem Rückwege kommen wir wieder her.«
»Ist das wahr?«
»Ich halte Wort.«
»So mögen die Herren sich überlegen den Stand des Handels, und ich werd indessen nachsuchen, ob ich noch kann herablassen eine Kleinigkeit vom Preise. Und damit die Herren nicht brauchen zu machen einen großen Umweg hinauf zum Kastel, werde ich ihnen öffnen die Thür meiner Hofmauer und ihnen zeigen, wie sie haben zu gehen, um recht schnell wieder können zurückkommen zu mir.«
Ihm war es darum zu thun, das alte Bild zu verkaufen. Die Habsucht trieb ihn, etwas zu thun, was er sonst wohl nicht gethan hätte. Er hatte noch nie einen unbekannten Menschen durch die Mauerpforte ein- oder austreten lassen.
Er trat an die Thür, welche aus dem Lagerraum in den Hof führte. Dort hing an einem Nagel ein Schlüssel, welchen er herabnahm. Max nickte dem Freunde bedeutungsvoll zu, als ob er ihm sagen wollte:
»Paß' auf! Das ist der Ort, an welchem der Pfortenschlüssel hängt, den wir vielleicht brauchen werden!«
Dann führte der Alte sie über den Hof hinüber nach dem Pförtchen. Während er sich bückte, um den Schlüssel in das Schloß zu stecken, drehte sich Johannes schnell um, um noch einen Blick nach dem Söller zu werfen, dort oben stand Anita, hoch aufgerichtet und ihm wenig zulächelnd.
Das Hemd war ihr von der einen Schulter geglitten, und das schöne, lebenswarme Colorit derselben bildete in Verein mit dem vollen, schön modellirten Arme einen Anblick, der einem auch sonst kaltblütigen Manne das Herz höher schlagen lassen konnte.
Aber Johannes sah das nicht. Er sah nur das schöne, lieblich erglühende Gesichtchen und die Hand, welche sie an den Mund legte, um ihm einen keuschen Kuß zuzuwerfen.
Dann plötzlich senkte sie sich nieder. Der Alte hatte die Thür aufgeschlagen und drehte sich um. Er durfte sie natürlich nicht sehen.
»Also die jungen Herren werden kommen recht bald wieder?« fragte er.
»Ja, wir haben es versprochen und halten Wort. Aber die Zeit können wir nicht genau bestimmen,« antwortete Max. »Wie lange haben Sie den Laden geöffnet?«
»Bis acht Uhr. Und wenn die Herren wirklich wollen kommen, so werde ich auch warten bis um neun Uhr.«
»Schön! Wir kommen gewiß, und wenn Sie den Preis mäßig machen, so daß wir handelseinig werden, trinken wir dann eine gute Flasche Wein zusammen und rauchen dazu eine Cigarre, welche nicht oft den Weg über Ihre Schwelle finden wird.«
Für einen Maler oder Physiognomiker war es höchst interessant, das Gesicht zu sehen, welches der Alte machte. Es sprach sich auf demselben das maßloseste Erstaunen über eine so unerhörte Freigiebigkeit oder gar Verschwendung aus. Dann aber verwandelte sich dieser Ausdruck des Erstaunens in denjenigen der Enttäuschung.
»Was machen Sie für ein Gesicht?« fragte Max lachend. »Ist Jemand gestorben?«
»O nein. Das wolle Gott verhüten, denn wer da ist gewesen so dumm, zu sterben, der kann nicht wieder kommen zurück und retour. Aber nun weiß ich ganz gewiß, daß die Herren nicht wieder werden kommen zu mir.«
»Warum nicht?«
»Weil Sie mir haben versprochen guten Wein und dazu feine Cigarren.«
»Und das glauben Sie nicht?«
»Wie soll ich das können glauben?«
»Ist Ihnen das noch nie passirt?«
»Noch nie in meinem ganzen Leben. Sind die Herren denn gar so grausam reich, daß sie können verschenken eine solche Summe?«
»Nein, reich sind wir nicht, aber nobel. Den Wein und die Cigarren werden wir übrigens nur dann geben, wenn wir mit Ihrem Preise zufrieden sind. Jetzt ade!«
»Ja, ade sagen wir; aber ich werde hoffen auf Ihr Kommen, bis es ist geworden neun Uhr.«
Er schloß hinter ihnen zu.
Sie gingen eine Weile schweigend neben einander hin. Dann sagte Johannes:
»Wollen wir wirklich hinauf nach dem Kastell?«
»Nein. Ich sagte das nur, um den Kerl später bitten zu können, daß er uns zum Hof hinauslasse. Glücklicher Weise kam er selbst auf diesen Gedanken.«
»So war also schon das Berechnung von Dir?«
»Ja. Komm, ich habe Lust, etwas Gutes zu essen. Da ist die Villa Ferdinandeo der richtige Ort dazu. Dort hat sich das Restaurant zum Jäger etablirt, wo man ebenso gut wie billig speist.«
»Wie Du das Alles weißt!«
»Ich erkundigte mich. Der Mensch soll für seinen Geist sorgen, indem er den Leib nicht verderben läßt, sonst wird aus dem Leibe eine Leiche, aus dem Geiste ein Gespenst, und alle Glückseligkeit ist vorüber. Das habe ich den armen, frommen italienischen Klosterbrüdern abgesehen, welche sich so fleißig kasteien und doch so wohlgenährt sind.«
Sie kamen durch die hübschen Anlagen des Boschetto (Eisenhügels) hinauf nach dem genannten Restaurant und setzten sich da unter den Bäumen nieder.
Wie auf Verabredung sprach von den Beiden Keiner ein Wort über das Erlebniß und das noch zu erwartende Abenteuer, bis sie gegessen hatten. Dann aber sagte Johannes, der seine Ungeduld nicht länger zu bemeistern vermochte:
»Du redest doch gar nichts, Max. Hast Du Dich vielleicht anders besonnen?«
»Ja,« antwortete der Gefragte in ernstem Tone.
Johannes erschrack.
»O weh!« rief er aus. »Arme Anita!«
»Ach was Anita! Was geht uns dieses fremde Mädchen an!«
»Sie ist unglücklich, sehr unglücklich!«
Max steckte sich eine Virginia an, that einige Züge und sagte dann bedächtig:
»Freund, der Mensch muß Philosoph sein. Dazu gehört vor allen Dingen, daß man sich so wenig Arbeit wie möglich macht.«
»Seit wann hast Du solche Grundsätze?«
»Schon seit einiger Zeit. Ich erkenne, daß es die bequemsten Grundsätze sind, die man haben kann.«
»Ja, bequem, aber nicht ehrenhaft.«
»Du, das mit der Ehre ist auch ein sehr streitiger Punkt. Was ist die Ehre. Die Summa von verschiedenen unbequemen Rücksichten, welche man auf sich und Andere zu nehmen hat.«
»Das mißbilligest Du?«
»Jawohl.«
»Max!«
»Schweig! Du bist noch so ein blutiger Mensch, daß Du erfahrenere Leute, wie ich ja bin, reden lassen mußt.«
»Also Deine Philosophie ist sowohl dem Mitleide als auch der Ehre abhold?«
»Gewiß! Denke Dir, wir haben ein Mädchen gesehen, welches dem Juden echappiren will. Gut, dagegen habe ich gar nichts. Sie mag es thun. Uns aber soll sie dabei in Ruhe lassen. Denn was haben wir davon? Arbeit, Plage, Aerger, Geldausgaben und Anderes, lauter nicht sehr wünschenswerthe Dinge.«
»Ich begreife Dich nicht. Ich kenne Dich gar nicht wieder. Du bist mir fremd geworden.«
Sein Gesicht hatte sich vor Unmuth geröthet. Max aber meinte in gelassenem Tone:
»Mein Sohn, so mußt Du mich von Neuem kennen lernen. Weiter bleibt Dir gar nichts übrig.«
Johannes hielt noch immer zurück. Sein sanftes Naturell sträubte sich gegen jeden Krafterguß.
»Also Du willst wirklich nicht?« fragte er.
»Nein.«
»So werde ich es allein unternehmen.«
»Unsinn!«
»Ja, ich habe es ihr versprochen, und ich halte Wort. Weißt Du? Ich halte Wort!«
»Gefällt sie Dir denn gar so sehr?«
Johannes erröthete bis hinter die Ohren. Dennoch antwortete er in seiner aufrichtigen Weise:
»Ja, sie hat mir außerordentlich gefallen. Sie ist ein gutes Mädchen, und ich hole sie heraus!«
»Wenn Du Dich jedem Mädchen widmen willst, welches Du für gut hältst, so hast Du bald für Dich selbst keine Zeit mehr übrig.«
»Davon ist keine Rede. Sie hat geweint. Sie wird geschlagen. Das muß aufhören!«
Max lachte. Das erboste Johannes so sehr, daß er auf den Tisch schlug und ausrief:
»Ja, aufhören muß es! Ich will es, ich!«
»Du bist ja der reine Bayard!«
»Spotte nur! Zu Bayards Zeit zogen die Ritter aus, um Frauen zu schützen. Die Zeiten sind anders geworden. Jetzt ziehen die Ritter aus, um Frauen zu verführen. Die echte Ritterlichkeit findet ihr Heim nur noch in den Künstlerkreisen. Und wie ich leider an Dir sehe, soll sie auch diese ihre letzte Heimath verlieren. Wo wendet sie sich dann hin? Sie hüllt ihr trauerndes Haupt in Flor und stirbt.«
»In Krepp, lieber Johannes, nicht in Flor. Krepp ist jetzt nobel, nicht mehr Flor. Merke Dir das, wenn Du wieder einmal zu einer ähnlichen Redewendung greifst!«
»Du bist unausstehlich!«
»Aber dennoch ein guter Kerl. Liegt Dir denn wirklich so viel an der kleinen Anita?«
»Außerordentlich viel. Ich gestehe es Dir offen. Es war mir, als ob ich meine gute Schwester Liesbeth leiden sehe.«
»Das ist etwas Anderes. Wenn Du es Dir so zu Herzen nimmst, so müssen wir auf ein gut Gelingen anstoßen.«
Er goß die Gläser voll, erhob das seinige und sagte:
»Also Anita frei, sei heute die Parole!«
»Wie? Verstehe ich Dich recht? Du wolltest dennoch?« fragte Johannes, sein Glas nun auch erhebend.
»Mensch, Maler, Freund, Bruderherz, konntest Du wirklich denken, daß ich Dich im Stiche lassen würde? Kennst Du den Max Walther gar so wenig?«
»Gott sei Dank! Jetzt bin ich vom Alp erlöst! Ja, komm, laß uns zusammenstoßen. Anita sei frei.«
»Pst! Schrei nicht so! Was wir da vorhaben, ist nur für unsere Ohren. Das darf kein anderer Mensch hören.«
»Ach,« antwortete Johannes, »ich möchte es in alle Welt hinausschreien, daß Du mir doch noch behilflich sein willst. Das ist so lieb und so gut von Dir!«
»Und erst konntest Du Dich nicht in mich finden. So bist Du nun, der reine Gefühlsmensch.«
»Aber wie fangen wir es an?«
»Beim ersten Flecke. Wir gehen durch die kleine Mauerpforte.«
»Da fehlt der Schlüssel. Der hängt ja an dem betreffenden Nagel an der Thür.«
»Ach, was geht mich das an! Wir stehlen ihn.«
»Stehlen?« fragte Johannes erschrocken.
»Natürlich!«
»Sollen wir zu Dieben werden?«
»Ja, sehr gern sogar.«
»Können wir das denn nicht umgehen?«
»Nein. Du willst es ja partout.«
»Ich?«
»Ja doch. Du willst dem Juden das Mädchen stehlen. Oder hältst Du das für keinen Diebstahl?«
»Hm! Stehlen, das klingt so gemein!«
»Ist es auch. Aber wenn es Dir keine Schmerzen macht, ihm das Mädchen zu nehmen, warum nimmst Du es Dir denn so zu Herzen, daß Du ihm nebenbei auch noch den Schlüssel entwenden sollst?«
»Recht hast Du.«
»Uebrigens stehlen mir den Schlüssel nicht, sondern wir hängen ihn wieder hin.«
»Das geht ja nicht!«
»Ganz prächtig sogar.«
»Auch wegnehmen können wir ihn nicht.«
»O, Du fromme Seele! Durch Diebstahl könntest Du Dich wohl niemals ernähren. Deshalb habe ich ja gesagt, daß wir wiederkommen werden. Während ich dann mit ihm schachere und seine Aufmerksamkeit ganz auf mich ziehe, mausest Du den Schlüssel.«
»Ich?« fragte Johannes erschrocken.
»Ja. Wer sonst?«
»Doch Du!«
»Wie Du denkst! Auch das will ich thun. Auch diese Sünde will ich auf mein Gewissen nehmen. Aber wie steht es dann mit Dir? Hast Du das nöthige Geschick, die Aufmerksamkeit des Alten von mir abzulenken?«
»Ich werde es versuchen.«
»O weh! Wenn Du das in einem solchen Tone sagst, so weiß ich schon im Voraus, daß ich erwischt werde. Ich werde wohl Beides auf mich nehmen müssen, die Ablenkung der jüdischen Aufmerksamkeit und auch den Diebstahl. Das Leben wird Einem schon bereits in der Jugend sauer gemacht.«
»Aber wenn er den Schlüssel zufällig braucht und ihn dann nicht findet!«
»Er darf ihn eben nicht brauchen. Dafür haben wir zu sorgen.«
»Wie denn?«
»Wir nehmen ihn gleich mit fort. Ueberhaupt läßt sich nicht jedes Einzelne genau vorher bestimmen. Das kommt von selbst. Es giebt da eine viel wichtigere Frage, mit welcher wir uns beschäftigen müssen.«
»Welche?«
»Was thun wir mit dem Mädchen?«
»Hm! Das weiß ich auch nicht.«
»Das ist die geistreichste Antwort, welche Du nur geben kannst. Will ein Mädchen entführen und weiß nicht, wohin mit ihr!«
»Ich glaube, Du weißt es selbst nicht.«
»Nein, ist auch nicht nöthig. Du bist der eigentliche Hahn im Korbe, während ich nur die aushelfende Kraft bin. Also hast Du nachzudenken, nicht aber ich.«
»Ja, ja, wohin.«
»Willst Du sie am nächsten Morgen dem Juden wiederbringen?«
»Um keinen Preis.«
»Nun, so giebt es nur zwei Fragen: Willst Du sie laufen lassen, oder willst Du sie – heirathen?«
Johannes erglühte über und über.
»Max!« rief er aus.
»Pfui! Ich glaube gar, Du willst Dich schämen! Dafür könnte ich Dir meinen Knotenstock verehren, aber nur für kurze Pausen, und zwar über den Rücken! Wie alt bist Du?«
»Zwanzig.«
»Und schämst Dich, wenn vom Heirathen die Rede ist?«
»Max, hast Du zu dieser Zeit daran gedacht?«
»Ich habe schon viel früher davon gesprochen.«
»Unmöglich!«
»Ich habe schon als Schulbube gelesen: Und er ging in ein anderes Land und nahm sich ein Weib. Ist das nicht geheirathet?«
»Du wirst frivol!«
»Vielleicht! Wird aber kein großer Fehler sein. Also entscheide Dich! Willst Du sie heirathen?«
Es war ein eigenthümlicher Zug, welcher jetzt über Johannes' Gesicht glitt. Trotz, Scham und Entschlossenheit stritten mit einander um die Oberhand. Aber er antwortete nicht.
»Freundchen,« meinte Max, »ich will Dir Etwas mittheilen, etwas ganz Nagelneues.«
»Das wird nicht viel Kluges sein.«
»O doch. Willst Du es hören?«
»Ja. Wenn ich mich weigere, bekomme ich es dennoch zu hören. Ich kenne Dich ja.«
»Schön! Neige Dein Ohr zu mir. Ich will es Dir leise sagen. Es ist Geheimniß.«
Johannes hielt ihm in seiner Treuherzigkeit das Ohr hin, und Max rief ihm hinein:
»Du bist – – verliebt!«
»Max!«
»Was Du nur mit meinem Namen hast! Stets, wenn Du nichts Anderes zu sagen weißt, muß er herhalten. Weißt Du nichts Besseres.«
»Du – Du bist – bist – –«
»Stottere nicht, alter Schwede! Ich habe Dir die reine Wahrheit gesagt. Du bist dieser Anita herzlich gut. Sie hat es Dir angethan.«
»Störe nicht in dieses Heiligthum!«
»Ah, ein Heiligthum ist es sogar! Schön, das ist ein offeneres Geständniß, als ich erwarten konnte. Also steht es nun fest, daß Du sie heirathest.«
»Max, laß das! Wenn Du so fortfährst, so stehe ich auf und gehe fort!«
»Du bleibst ganz ruhig sitzen. Du wirst Dich hüten, fortzugehen und mich allein zu lassen. Wer würde Dir dann helfen, Dein ›Heiligthum‹ aus dem Hause des Juden herauszuschleppen!«
»Ja, Du hast mich leider fest wie immer. Ich bin ein unbeholfener Mensch, der noch immer einen Beschützer nöthig hat.«
»Edle Selbsterkenntnis! Darum breite ich stets meine Flügel über Dir und lasse Deinen Schnabel nicht unter meinem Schirme hervorpiepen. Und das will ich auch heute Abend thun. Weißt Du, wir wollen uns die Köpfe nicht zerbrechen darüber, was mit unserm schönen Schützling geschehen soll. Die Stunde wird es lehren. Noch wissen mir ja gar nicht, welche Pläne und Absichten Anita selbst hat. Wir müssen also vor allen Dingen mit ihr reden.«
»Aber zunächst müssen wir doch ein sofortiges Obdach für sie haben, wohin wir sie aus dem Hause ihres Peinigers führen.«
»Natürlich. Könnten wir sie denn nicht für die eine Nacht mit nach unserm Gasthofe nehmen?«
»Das ginge an.«
»Ich träte ihr mein Zimmer ab, und wir Beide, Du und ich, schliefen zusammen.«
»Ganz recht. Aber am Morgen würde die Bedienung den Braten riechen.«
»So reisen wir ab.«
»Und nehmen sie mit?«
»Wenn es nothwendig ist, ja.«
»Hm! Bist Du noch gut bei Kasse?«
»Ausgezeichnet. Ich habe noch über tausend Franken.«
»Ich ebenso viel. Weißt Du, wir sind sehr sparsam gewesen. Wenn Anita Niemanden hat, auf den sie sich verlassen kann, so nehmen wir sie als Waisentochter an und handeln als brave Eltern an ihr. Nicht?«
»Scherz bei Seite! Ich mache mit.«
»Ich auch. Eine kleine Ausgabe können wir uns erlauben. In Wien liegt neues Geld für uns. Was wollen wir mehr. Du, schau Dir doch einmal die beiden Kerls an! Sind das nicht die reinen Banditen?«
Es waren nämlich zwei männliche Gäste in den Garten getreten, welche sich in demselben umschauten. Auch sie trugen den Künstlerhabitus, Sammetröcke und ungeheuer breitkrämpige Calabreserhüte. Aber ihre Wäsche war unsauber, und sie sahen überhaupt nicht salonfähig aus.
Der Eine war alt, eine lange, hagere Gestalt mit abgelebtem Gesichte, eingefallenen Wangen und entsetzlicher Habichtsnase.
Der Andere war ebenso lang und womöglich noch dürrer. Aus seinem breiten, schmutzigen Hemdenkragen stieg ein himmelhoher Hals empor, auf welchem der Kopf schaukelte wie eine brandige Aehre auf ihrem Halme. Er schielte ein Wenig. Man wußte nur nicht, wohin. Er hatte die beiden Daumen im Knopfloche stecken, und die andern herabhängenden acht Finger waren in beständiger zuckender Bewegung, als ob sie Harfe spielten.
Da es noch im Frühjahr war und es noch keinen eigentlich warmen Tag gegeben hatte, standen außer demjenigen, an welchem die beiden Freunde saßen, noch keine Tische im Garten.
Die Ankömmlinge schienen es aber auf den Letzteren abgesehen zu haben, und so kamen sie langsam näher geschlängelt, bis sie vor den Beiden standen.
Der Alte lüftete den Hut und fragte:
»Wohl Collegen?«
Er sprach das Deutsche wie ein Italiener aus.
»Was sind Sie denn?« erkundigte sich Max.
»Maler von der Kunst.«
»So sind wir allerdings Collegen.«
»Ist es erlaubt?«
Er deutete dabei auf die beiden leeren Stühle, welche noch am Tische standen.
»Sehr gern,« antwortete Max.
Der Alte setzte sich nieder.
Der Junge hatte still da gestanden, die beiden Freunde mit offenem Munde anstierend und dabei mit acht Fingern spielend. Es konnte kein dümmeres und doch verschlageneres, tückischeres Gesicht geben als das seinige. Er hatte auch nicht gegrüßt.
Jetzt, als der Alte sich setzte, drehte der Junge sich herum, Max seinen Rücken zudrehend; er wollte sich setzen, ohne den Stuhl berühren zu müssen. Jedenfalls war es ihm unerträglich, die Daumen aus dem Kopfloche nehmen zu müssen.
Das war so im höchsten Grade rücksichtslos und beleidigend, daß Max die Lehne des betreffenden Stuhles an sich zog, als ob er sich stützen wolle. Der Harfespielende sah das nicht, weil er sich umgedreht hatte. Er glaubte, daß der Stuhl noch in seiner vorigen Lage sei, setzte sich und – – plumpste natürlich mit aller Gewalt auf die Erde nieder.
Der Alte sprang zornig auf und ballte die Fäuste.
»Signor,« rief er, »was haben Sie gethan! Welch eine Beleidigung für Petro, meinen Lieblingsschüler, den begabtesten Jüngling von ganz Italien.«
Dieser begabteste Jüngling von ganz Italien hatte sich wieder aufgerafft. Er setzte den verlorenen Hut auf, steckte die Daumen wieder in das Knopfloch und starrte Max tückisch an.
Der Letztere antwortete dem zornigen Maler in ruhigem Erstaunen:
»Mein Herr, was fällt Ihnen ein! Inwiefern soll ich denn Jemand beleidigt haben.«
»Sie haben dem Signor den Stuhl weggezogen!«
»Den Stuhl habe ich an mich genommen, um es mir bequem zu machen; daß ich ihn aber Jemandem weggezogen haben soll, das bestreite ich entschieden.«
»Wie, Sie bestreiten das?«
»Allerdings.«
»Ich aber behaupte es.«
»So begreife ich Sie nicht. Ich habe keinen Menschen gesehen, der Etwas gethan hätte, was mich hätte vermuthen lassen, daß er hier Platz nehmen wolle.«
»So behaupten Sie, Signor Petro nicht gesehen zu haben?«
»Einen jungen Menschen habe ich allerdings gesehen; ich sehe ihn sogar noch; ob er Petro heißt, das weiß ich nicht. Aber daß er sich hat zu uns setzen wollen, davon habe ich keine Ahnung. Er hat nicht gegrüßt, er hat seinen Hut nicht berührt, er hat kein Wort gesprochen, sondern die Hände in dem Knopfloche behalten. Wie soll ich ahnen, daß er sich uns anschließen will. Man pflegt doch wenigstens zu grüßen, wenn man anständigen Leuten Gesellschaft leisten will.«
»Signor Petro braucht Niemanden zu grüßen, denn er ist mein Lieblingsschüler.«
»Ach so! Und wer sind Sie denn?«
»Ich bin Signoro Antonio Ventevaglio, der berühmte Maler von Latisana.«
»So, so! Ich kenne Sie nicht. Was malen Sie denn?«
»Alles!«
»Nun, so malen Sie Ihrem Lieblingsschüler gefälligst etwas Verstand in das Gesicht; der fehlt ihm außerordentlich.«
»Signor, wollen Sie nun auch mich beleidigen!«
»Nein; aber ich will Ihnen sagen, daß ich Sie nicht hergerufen habe und daß ich keineswegs die Absicht besitze, mir meine gute Laune verderben zu lassen. Scheeren Sie sich ganz gefälligst fort, sonst werfe ich Ihnen Ihren Lieblingsschüler an den Kopf, daß Euch Beiden Sehen und Hören vergeht.«
Zunächst war der berühmte Maler fassungslos. Dann aber sprang er auf, um eine Strafrede loszulassen; da aber stand auch Max auf, trat hart an ihn heran und donnerte ihm zu:
»Herrrrr! Wollen Sie vielleicht schweigen!«
Der Alte fuhr zurück. Er bekam einen Schreck und stammelte:
»Ja, Signor!«
»Das will ich Ihnen auch gerathen haben. Und wenn dieses Urbild eines Dummkopfes sich noch länger hier verweilen will, so mag er seinen Hut abnehmen, wie es sich für so einen Esel geziemt.«
Er schlug dem Lieblingsschüler den Hut vom Kopfe.
Der Alte war kurirt. Er setzte sich still wieder auf den Stuhl nieder. Der Junge hatte keine Miene gemacht, seinen Hut wieder aufzuheben. Er starrte Max noch immer wie ein Wunderthier an.
»Setz Dich endlich, Rhinozeros!« schrie Max ihm ins Gesicht.
Sofort fuhr er auf den Sessel nieder.
Da konnte Max sich nicht länger halten. Er schlug eine helle Lache auf, und Johannes stimmte herzhaft ein. Der große Kunstmaler sah die Beiden betroffen an, was diese zu erneutem Lachen reizte, welches so ansteckend wurde, daß der Alte nach und nach mit einstimmte. Endlich verzog auch Signor Petro sein Gesicht und zeigte ein vergnügtes Grinsen.
Die von Max erhaltene Lehre schien Beiden ein großes Vergnügen bereitet zu haben.
»Hören Sie, College, Sie sind ein sonderbarer Kauz,« rief Max, noch immer lachend. »Kommen Sie öfters herüber nach Triest?«
»Nein. Ich bin zum ersten Male da.«
»Und wohnen in solcher Nähe!«
»Nennen Sie das nahe? Latisana liegt drüben im Italienischen am Wasser des Tagliamento. Das ist doch weit!«
»Für Künstler nicht; die haben stets lange Beine, wie auch die Eurigen beweisen.«
»Ich danke! Ich liebe mein Vaterland. Ich hasse Oesterreich und komme nie über die Grenze.«
»Aber jetzt sind Sie doch da.«
»Weil ich muß.«
»In Geschäften?«
»Nein. In Familienangelegenheiten.«
»Ah! Wollen Sie sich verheirathen?« scherzte Max.
»Um Gotteswillen! Nicht ich, sondern dieser Signor Petro will heirathen.«
Als jetzt die beiden Deutschen den ›Lieblingsschüler‹ daraufhin ansahen, daß er heirathen wollte, brachen sie von Neuem in ein lautes Gelächter aus.
»Was lachen Sie?« fragte Signor Antonio.
»Aus Freude darüber, daß Signor Petro sich eine Frau nehmen will.«
»Ganz recht! Freuen Sie sich immerhin, denn sie ist das schönste Mädchen von ganz Italien.«
»Ah! So passen sie zusammen. Das schönste Mädchen und der begabteste Jüngling von ganz Italien.«
»Richtig. Sie sind für einander geschaffen.«
»Wann wird die Hochzeit sein?«
»Sobald wir sie haben.«
»Wen?«
»Die Braut.«
»Ah, Sie haben die Braut noch gar nicht?«
»Wir hatten sie, aber sie ist wieder fort.«
»Etwa entflohen?«
»Ja, mir, ihrem Oheim und Vormund! Ist das nicht schändlich?«
»Hm, da kann ich nicht urtheilen.«
»Sie sollen sofort urtheilen können, Signor. Ich bin der Kunstmaler Signoro Antonio Ventevaglio aus Latisana. Mein Bruder war der Goldschmied Carlo Ventevaglio. Er starb und bald darauf seine Frau. Sie hinterließen eine kleine Tochter und ein noch kleineres Vermögen. Wir nahmen das Kind zu uns, nämlich meine Gattin und ich, und erzogen es. Es wuchs heran, aber das Vermögen nahm ab.«
»Weshalb nahm es ab?«
»Weil es Gottes Wille war. Später kam mein Lieblingsschüler hier in mein Haus. Er wuchs mit Anita heran und gewann sie lieb. Sie sollten ein Paar werden; aber Anita wollte nicht. Wir versuchten in elterlicher Liebe, ihre Hartnäckigkeit erst durch gute Worte, dann durch ernste Ermahnungen, endlich aber durch Hunger, Durst, Kälte und Schläge zu besiegen, vergeblich. Vor einiger Zeit ist sie uns entflohen, und wir haben sie bisher vergeblich gesucht.«
»Ach!« rief Johannes. »Wie hieß sie?«
»Anita!«
»Ist sie blond, braun oder schwarz?«
»Schwarz.«
»So, so!«
»Habt Ihr sie denn gesehen, Signor?«
»Ist sie hier in Triest, daß Sie fragen können, ob wir sie gesehen haben.«
»Ihre Spur, welche wir weit verfolgt haben, führte uns endlich hierher.«
»Und nun sucht Ihr hier?«
»Ja, bereits mehrere Tage.«
»Habt Ihr Etwas gefunden?«
»Nichts, gar nichts.«
»Und wie lange wollt Ihr noch suchen?«
»Bis wir sie haben.«
»Dazu gehört Zeit und Geld.«
»Wir haben Beides. Der Rest von Anita's Vermögen wird dazu ausreichen.«
»Und denkt Ihr dann, daß Ihr sie finden werdet?«
»Ja. Wir halten ja nicht eher auf, als bis wir sie gefunden haben.«
»Vielleicht müßt Ihr da weit reisen. Habt Ihr Legitimationen?«
»Ja.«
»Könnt Ihr denn auch, wenn Ihr Anita findet, beweisen, daß sie es ist?«
»Ja. Wir haben alle ihre Papiere mit, ihren Geburtsschein, Taufschein und alles Andere.«
»Das möchte ich einmal sehen.«
»Nichts ist leichter als das.«
Er zog ein rothes Schnupftuch aus der Tasche, in welches alle diese Documente eingeschlagen waren und zeigte sie ihnen. Die Papiere von Anita Ventevaglio stimmten.
Max und Johannes blickten sich an. Sie hatten Beide ganz denselben Gedanken.
»Was werdet Ihr dann mit ihr thun, wenn Ihr sie wiederfindet?« fragte der Erstere.
»Zunächst wird sie ihre Strafe erhalten, und dann wird sie die Frau dieses meines Lieblingsschülers, dessen Modell sie bisher immer war.«
»Donnerwetter!« fuhr Max empor. »Sie hat diesem Menschen Modell sitzen müssen?«
»Warum nicht?«
»So ein Engel einem solchen Pavian!«
»Signor, wollt Ihr uns abermals beleidigen!«
»Unsinn! Habe ich denn Sie einen Pavian genannt?«
»Nein, aber Signoro Petro.«
»Der ist auch einer! Worin wird denn die Strafe bestehen, wenn Ihr sie findet?«
»In Hunger und Schlägen.«
»Gott sei es geklagt! Meint Ihr denn nicht, daß dies eine Sünde ist?« »Eine Sünde? Ganz das Gegentheil. Die Eltern haben ihre Kinder zu erziehen in der Furcht zum Herrn.«
»Wo wohnt Ihr denn hier in Triest?«
Der Alte nannte eine obscure Herberge. Dann aber hielten es die beiden Deutschen nicht länger aus. Sie gingen. So dumm diese beiden Menschen waren, so schlecht und feige waren sie auch. Es ekelte ihnen förmlich, bei denselben zu bleiben.
»Ob das vielleicht dieselbe Anita ist?« meinte Johannes zaghaft.
»Vermuthest Du es?«
»Ja.«
»Ich auch. Sie ist diesen Peinigern entflohen und als unerfahrenes Wesen in die Hände eines noch viel größeren Schurken gerathen.«
»Wenn sie es ist, nehmen wir sie mit uns.«
»Wolltest Du wirklich?«
»Gewiß!«
»Ich habe nichts dagegen. Dazu müßten wir aber ihre Papiere haben.«
»Wären die nicht zu bekommen?«
»Sehr leicht.«
»Aber wie?«
»Wir stehlen sie.«
»Max!«
»Was denn?«
»Schon wieder stehlen!«
»Wenn es nicht anders geht! Uebrigens ist dies ja gar kein Diebstahl zu nennen.«
»O doch! Auf jeden Fall!«
»Wenn Du damit ein Menschenkind aus so tiefer Noth errettest, ist von einem Diebstahl keine Rede. Uebrigens gehören die Papiere Anita und nicht diesem Tölpel von Farbenklekser. Streiten wir uns aber nicht, mein lieber Johannes. Wir wollen still spazieren gehen, bis es Abend ist, und dabei warten, ob uns ein guter Gedanke kommt. Gehen wir ein wenig hinab nach der Piazza Caserma und dem Bahnhofe. Andere Gesichter, andere Gedanken!«
Sie schlugen die angegebene Richtung ein.
Es pflegt im Leben eines jeden Menschen eine thatenlose Zeit auf eine thatenreiche zu folgen. Es giebt ganze Monate, welche keinen Inhalt zu haben scheinen, während dann gleich an einem Tage so viel auf einmal geschieht, daß man damit für längere Zeit ausreichen könnte. So auch heute mit den beiden Freunden.
Kaum waren sie auf dem Bahnhofe angekommen, so dampfte ein Zug herein, welchem eine große Menschenmenge entquoll.
Sie standen da und ließen dieselbe an sich vorüberfluthen. Unter den sich Herbeidrängenden befand sich auch ein alter, hoher Herr von martialischem Gesichtsschnitte. Er trug einen seinen dunklen Reiseanzug, einen grauen Cylinderhut und einen goldenen Klemmer auf der Nase. Den Ueberrock am Arme und einen feinen Elfenbeinstock in der Hand, kam er langsam daher, mehr sich schieben lassend als selbst schiebend. Er war jedenfalls auch ausgestiegen und schien sein Gepäck irgend einem dienstbaren Geist anvertraut zu haben.
Der starke, graue Schnurrbart verrieth einen Militär, wie überhaupt seine ganze Haltung etwas Strammes, Disciplinirtes zeigte.
Indem er so daherkam, fiel sein Auge ganz zufällig auf die beiden Freunde. Es zuckte wie frohe Ueberraschung über sein Gesicht, dann glitt ein Zug von Schalkheit über dasselbe, und er trat langsam an sie heran.
Den Hut höflich lüftend, fragte er:
»Entschuldigung, auf welcher Seite stehen hier die Fiaker?«
Beide blickten zu ihm auf, und keiner antwortete, so geradezu verblüfft waren sie.
»Bitte,« wiederholte er, »können Sie mir sagen, auf welcher Seite die Fiaker sich befinden?«
Da zog auch Max den Hut, antwortete aber lachend:
»So eine Maskerade! Sepp, meinst halt etwan, man erkennt Dich nicht mehr?«
Da warf der noble, offiziersmäßig ausgestattete Herr seinen Cylinderhut vor Freude in die Luft, fing ihn wieder auf und rief, unbekümmert um die Menschenmenge, welche ihn staunend betrachtete:
»Weiß Gott, dera Schulmeistern derkennt mich sofort! Nein; wie mich das gefreut! Meine Visagen muß doch eine wunderbar gute und jungbleibige sein. Grüß Gott auch, Elephantenhans! Was thut Ihr denn hier in Triest?«
»Wir kommen aus Egypten.«
»Das trifft sich fein! Wie lang bleibt Ihr hier?«
»So lange es uns gefällt.«
»Ich auch für einige Tagen. Das ist schön! Das ist fein! Habt Ihr denn hier auch schon was trunken??«
»Und ob!«
»So seid Ihr allbereits bekannt. Zeigt mir doch gleich mal, wo ein Bier zu finden ist, aber nicht so ein wässeriges österreichisches, sondern ein kerniges aus dem lieben Bayernlandl daheim. Mir ists, seit ich daheim fortbin, als ob ich lauter Hausschwamm im Magen hätt. Das echte Bierl hat mir fehlt.«
»Da komm nur mit,« meinte Johannes. »Gar nicht weit von hier haben wir gestern eins trunken; das ist gar brav gewest.«
»Ja, kommt! Jetzund wirds dem Sepp erst wieder wohl in dera noblen Hofmontur!«
Nun, da sie den Menschenstrom hinter sich hatten, konnten sie den Alten erst recht betrachten.
»Donnerwetter!« sagte Max. »Fein siehst aus! Grad wie ein Kammerherr oder Ceremonienmeistern.«
»Bin auch so was!«
»Wirklich?«
»Ja. Ich solls nicht verrathen, und kein Mensch darf es wissen. Aberst Ihr thätet ihn doch sogleich derkennen, und darum will ich es Euch gern sagen.«
Und in gedämpfterem Tone fügte er hinzu:
»Unser König kommt.«
»Was!« riefen Beide. »Der König!«
»Haltet die Mäulern, Ihr Brüllaffen! Es kann ja ein Jedes vernehmen, was Ihr da schreit. Freilich kommt er.«
»Was will er denn hier?«
»Was Gutes.«
»Ja, was denn?«
»Das geht Euch gar nix an. Verstanden!«
»Oho! Wir werdens doch derfahren.«
»Von ihm selbst wohl?«
»Nein, sondern von Dir.«
»Fallt mir gar nicht eini!«
»O, Dir thäts das Herz abdrucken, wannsts Deinen guten Freunden nicht anvertrauen dürftest. Dich kennt man schon!«
»So! Kennt Ihr mich?«
»Ja, schon sehr gut. Aber, Sepp, wie gehts denn grad jetzt daheim?«
»Das sollt Ihr hören, aberst nicht eher, als bis ich einen Schluck than hab, von dem der Inn sammt dera ganzen Isar leer wird. Herrgottsakra, hab ich heut einen Durst. Macht schnell!«
»Hast gar nimmer weit zu gehen. Dort um die Eck; dann steht es da.«
»Wanns nur nicht indessen fortlaufen thut. Das könnt mich sehr gereun. Wo wohnt Ihr denn hier?«
»In der Locanda grande.«
»Ein italienischer Name. Ists da gut?«
»Wir sind zufrieden. Willst mit?«
»Nein; ich darf nicht. Ich muß im Hotel Europa wohnen, da an der Piazza Caserma, weil dort dera Herr Ludwigen abisteigen will. Da hab ich die Zimmern zu bestellen. Na, hier ist die Eck. Und nun wird wohl auch bald die Bierschänk zu sehen sein.«
Sie traten, hocherfreut über dieses unerwartete Zusammentreffen und in bester Laune in die Restauration.
Dort gab es zur größten Freude des Sepp ein wirklich echtes und gutes bayrisches Bier, wovon der durstige Alte gleich zwei Gläser austrank. Erst als er das dritte erhielt, begann er, langsam und gemächlich zu trinken.
Das Local war groß, und die Tische standen so weit auseinander, daß man sich ganz ungenirt unterhalten konnte, ohne befürchten zu müssen, an anderen Plätzen gehört zu werden.
»So!« meinte der Sepp, indem er das Glas wohlgefällig absetzte. »Das war doch wieder mal ein guter Trunk. Nun wird mirs besser im Leib und auch in dera Seelen. Nun geht das Plaudern gut, und wir können uns verzählen, was wir inzwischen verlebt haben.«
»Da wirst Du wohl beginnen müssen,« antwortete Max. »Für uns ist es natürlich interessanter, zu erfahren, was in dera Heimath geschehen ist, als für Dich, zu wissen, was wir draußen gethan haben.«
»Ja, da giebts halt so viel zu berichten, daß ich fast gar nicht weiß, wo ich beginnen soll. Am Besten ists, Du sagst mir, was Du wissen willst.«
»Nun, zunächst möcht ich hören, wie es denen guten Freunden ergeht, vor allen Dingen dem Fex.«
»Du, dem ergeht es halt sehr gut; ich glaub, der ist schon jetztund fast ein gemachter Mann.«
»Wann hast mit ihm zum letzten Male sprochen?«
»Vorgestern, bevor ich von Wien abgereist bin.«
»So warst also in dera Kaiserstadt?«
»Ja. Ich hab dort Einiges thun müssen, was ich wohl später verzählen werd und mußt dort auch auf den König warten.«
»Und was hat dera Fex dort than?«
»Verschiedenes. Er war von wegen seiner Erbschaft dort und auch aus Anlaß seiner Oper, die er componirt hat.«
»Die Oper Götterliebe? Weißt, daß ich das Libretto dazu dichtet hab, Sepp?«
»Den Text? Ja. Und die Dekorationen dazu hat dera Hans hier gemalt. Ihr Beid seid doch recht berühmte Kerls worden!«
»Noch nicht; aber wir möchtens gern noch werden. Nun verzähl aberst nur weiter!«
Der Sepp gab einen Bericht über alle Bekannten der beiden jungen Männer; nur von der Silbermartha erwähnte er nichts, obgleich er recht wohl wußte, daß Max gerade am Liebsten von dieser Etwas gehört hätte. Da gab es denn sowohl Gutes als auch Trübes zu hören. Das Gute bezog sich meist auf die Anverwandten des Elephantenhannes. Seine Mutter hatte ihn bis nach Egypten begleitet gehabt, um ihn dort zu pflegen, war aber, als diese Pflege sich als nicht mehr nöthig herausgestellt hatte, wieder in die Heimath zurückgekehrt. Da lebte sie bei ihrem Manne, dem Heiner, welcher jetzt die Thalmühle besaß und sich in recht guten Verhältnissen befand.
Johannes' Schwester Lisbeth war längst mit dem Müllerhelm verheirathet. Sie bewirthschafteten die beiden Hohenwalder Mühlen, welche vorher dem Silberbauer gehört hatten, und lebten ungemein glücklich mit einander.
Der Feuerbalzer war Besitzer des Silberhofes geworden. Seine Heilung hatte sich als eine so vollständige erwiesen, daß der Wahnsinn als für immer beseitigt zu betrachten war.
Als sodann Max sich nach den Verhältnissen von Schloß Steinegg erkundigte, erfuhr er, daß die Besitzerin Milda von Alberg dasselbe noch immer allein bewohne. Sie hatte Frau Bertha Holberg, die Mutter Maxens, bei sich, welche sehnlichst die Rückkehr ihres Sohnes erwartete.
Rudolph von Sandau, der sie liebte, und dessen Liebe sie so innig erwiderte, hatte noch immer keine ernstliche Anfrage an sie gerichtet. Er wollte dem Vermögen der Geliebten nichts zu verdanken haben und lieber beweisen, daß er die Kraft besitze, sich aus eigener Anstrengung eine gesicherte Existenz zu erwerben. Das war ihm Ehrensache. Er war durch den Bau der Eichenfelder Kirche berühmt geworden und hatte in Folge dessen so viele, so ehrenvolle und lukrative Aufträge erhalten, daß er jetzt nun seine Zukunft ais gesichert betrachten konnte.
Der einstige arme Dienstknecht Ludwig Held aus Oberdorf hatte Gisela, die Tochter seines Brodherrn Kery in Slowitz geheirathet, und seine Schwester Hanna war die Frau von Höhlenbauers Stephan geworden. Beide Paare lebten, wie der alte Sepp sich ausdrückte, wie die Tauben zusammen.
Das war das Gute, was der Alte mittheilen konnte. Nicht so schön klang das, was er über die anderen Bekannten erzählte.
Das Schicksal, welches den Silberbauer und den Thalmüller erreicht hatte, war ein wohlverdientes, aber es war um der Töchter dieser Beiden willen doch zu beklagen. Diese zwei braven Mädchen waren verschwunden, und es schien, als ob man keine Spur von ihnen entdeckt habe, denn der Sepp sagte nichts davon, daß er die Silbermartha in Wien gefunden habe. Er hegte die Absicht, Max Walther durch ein plötzliches Wiedersehen zu überraschen.
Vielleicht glaubte er, daß der einstige Lehrer und Dichter sich nach Martha erkundigen werde. War dies der Fall, so hatte er sich geirrt, denn Max verhielt sich schweigsam und sagte kein Wort über sie. Aber sein ernstes, trübsinniges Gesicht verrieth, daß er die frühere Geliebte noch nicht vergessen habe und wohl auch niemals vergessen werde.
Nun hatte Sepp seine Schuldigkeit gethan und die an ihn gerichteten Fragen so gut wie möglich beantwortet. Jetzt verlangte er seinerseits, zu erfahren, wie es den beiden Freunden bisher gegangen sei.
»Das wirst wohl bereits gehört haben,« antwortete Max. »Oder hast die Briefen nicht gelesen, welche wir heimgeschrieben haben?«
»Ja, so oft ich Einen troffen hab, an den Ihr einen Briefen schickt hattet, hab ich denselbigen zu lesen bekommen. Aberst Ihr habt doch wohl noch viel mehr derlebt, als in denen Briefen stand. Das will ich wissen. Ihr müßt da ein Wenig schnell machen, denn ich hab nicht viel Zeit übrig, weil ich nach dem Hotel Europa muß, um die Zimmern für den König zu bestellen.«
»So wird es besser sein, wir schieben den Bericht auf, bis Du damit fertig bist. Dann hast ja mehr Zeit für uns. Für jetzt möcht ich Dir was sagen, was viel notwendiger ist. Wir könnens halt nicht aufschieben. Es ist ein Glück, daß wir Dich troffen haben. Vielleicht kannst uns mit Rath und That beistehen.«
»So! Was ist das denn?«
Max blickte Johannes fragend an. Dieser sagte in nicht zustimmendem Tone:
»Ueberlegs halt erst, obsts ihm sagen darfst!«
»Warum?«
»Vielleicht ist er dagegen.«
»So können wir trotzdem thun, was wir wollen.«
»Dann nicht mehr. Er wird uns hindern.«
»Nein. So ist dera Sepp nicht. Wenn er auch nicht mit thut, so wird er doch nicht so feindselig sein, uns was in den Weg zu legen.«
»Meinst? So sag es ihm! Seinen Rath werden mir doch wohl gut brauchen können.«
Sepp hatte während dieser kurzen Zwiesprache die Beiden verwundert angeschaut. Jetzt sagte er in halb verdrießlichem Tone:
»Ja, was ist denn das? Das klingt ja grad so, als ob Ihr gar kein Vertrauen zu mir hättet und als ob ich ein Kerlen sei, der seinen besten Freunden Schaden macht!«
»Nein, das hat dera Johannes nicht gemeint,« antwortete Max.
»Aberst es hat ganz so klungen.«
»Das mag sein, doch kannst Dir denken, das wir grad zu Dir ein Vertrauen haben wie zu keinem Andern.«
»So! Also ists was, wozu ein großes Vertrauen gehört?«
»Ja, es ist was, was nicht oft vorkommen thut und was man eigentlich nicht machen darf.«
»Also etwas Verbotenes?«
»Freilich, Sepp.«
»So laßt es lieber sein!«
»Das geht nicht. Wir müssen es thun, denn wir haben es uns und auch ihr versprochen.«
»Ihr habt es »ihr« versprochen? Wer ist denn diese »Ihr« oder diese »Sie«? Ein Frauenzimmer?«
»Ja, ein junges Mädchen.«
Der Sepp zog ein langes, lustiges Gesicht und meinte:
»Ah, ein junges Mädchen! Das ist ja sehr interessant. Ihr habt hier also bereits so eine Bekanntschaften macht?«
»Zufällig.«
»Weiß schon! Denn solche Bekanntschaften macht man ja nur zufällig. Ist sie denn hübsch?«
Bevor Max antworten konnte, fiel Johannes ein:
»Sehr hübsch, Sepp, sehr!«
Er sagte das in einem so begeisterten Tone, daß der Alte lachend ausrief:
»So! Also Du bists, dem sie gefallen hat, Du? Schaust Dich auch allbereits nach Weibern um?«
»So ist's nicht gemeint. Sie bedarf unserer Hilfe und wir haben ihr dieselbige zugesagt.«
»Eurer Hilfe? Jetzund wird die Sach erst richtig hübsch. Seid Ihr denn gar so tüchtige Kerlen, daß die jungen Madeln bereits Eure Hilf erbitten?«
»Sepp, es ist ja nicht so was, wie Du denkst!«
»So! Was denk ich denn?«
Johannes erröthete und antwortete in ungewissem Tone:
»Vielleicht meinst, daß es eine Liebschaft ist.«
»Ja, das mein' ich allerdings.«
»So irrst Dich gewaltig.«
»Wirklich? Aberst Du machst gar nicht so ein Gesicht, als ob ich mich irren thät.«
»Was für ein Gesicht mach ich denn?«
»So eins, wie ein Verliebter macht, der bei seinem Dirndl im Heimgarten derwischt worden ist.«
»Schweig, Sepp! Das mag ich nicht hören!«
»Ja, wann man Einem die Wahrheit sagt, so will er sie nicht hören, das weiß ich schon.«
»Wir werden Dir verzählen, wie die Sach ist.«
»Ja, laßts doch mal hören!«
Er nahm einen gewaltigen Schluck Bier und setzte sich zurecht, als ob er im Begriffe stehe, eine sehr wichtige Kunde zu vernehmen.
Johannes machte erst ein Gesicht, als ob er reden wolle, schluckte aber den Anfang wieder hinab und blickte Max hilfesuchend an. Dieser erklärte:
»Weißt, Sepp, von einer Liebschaften kann gar keine Reden sein, weil wir sie erst einmal sehen haben.«
»Das ist genug,« meinte der Alte. »Zuweilen ist die Lieb gleich beim ersten Male da.«
»Hier aber nicht, denn wir haben sie nicht mal richtig sehen können, nur einen halben Augenblick.«
»Auch das genügt, denn die Lieb braucht nicht mal einen halben Augenblick. Also Ihr habt sie mir so einen Moment sehen und wißt doch bereits, daß sie Eurer Hilf bedarf? Hm!«
»Sie hat's dem Johannes heimlich sagt, daß sie entfliehen will.«
»Sapperment! Entfliehen!«
»Ja, sie kann es nicht aushalten!«
»Und dabei sollt Ihr ihr helfen?«
»Sie hat uns drum gebeten.«
»Ist sie denn eine Gefangene?«
»Nicht ganz.«
»Wie soll ich das verstehen? Wann sie keine Gefangene ist, braucht sie doch nicht auszureißen.«
»Sie wird gefangen gehalten, aberst nicht von dera Behörden, sondern von einem Juden.«
»Das darf er doch nicht!«
»Er muß doch ein gewisses Recht dazu haben.«
»So? Ein Recht? Hat sie das etwa sagt?«
»Sie hat sagt, daß er ihre Unterschrift in denen Händen hab; also muß ers wohl dürfen.«
Der Alte sah erst den Einen, dann den Anderen erstaunt an, schüttelte den Kopf und meinte:
»Das könnt nur in einem einzigen Fall gelten.«
»In welchem?«
»Um das Euch zu sagen, dazu seid Ihr noch zu jung.«
»So! Leute, die bereits in Egypten gewesen sind, die sind gewiß für nix mehr zu jung.«
»Für solche Sachen doch. Ich glaub, Ihr seid an eine Dirn gerathen, die keine Ehr im Leibe hat.«
»Oho! Grad weil sie eine Ehr hat, will sie fort.«
»So! Verzählt mir doch mal die ganze Geschicht!«
»Ja, ich will es Dir beweisen, Sepp. Das wird wohl das Allerbeste sein.«
»Natürlich. Ich muß Alles wissen, wann ich Euch gut rathen soll. Also darfst nix auslassen. Verstanden?«
Max begann nun zu erzählen, und zwar that er das auf das Ausführlichste. Er berichtete auch von dem Zusammentreffen mit den beiden Malern.
Sepp hörte sehr aufmerksam zu und sagte nichts, selbst dann, als Max geendet hatte. Er zeigte ein sehr nachdenkliches Gesicht. Erst nach einer Weile brummte er:
»Das ist eine fatale Geschichten. Besser wärs, sie wär gar nimmer passirt. Das ist meine Meinung.«
»Aber Du meinst doch auch, daß wir Wort halten müssen?« fragte Johannes angelegentlich.
»Hm! Vielleicht, und vielleichten auch nicht. Ihr könnt dabei in gar große Unannehmlichkeiten gerathen.«
»Das wissen wir auch. Aber wir werden uns natürlich so viel wie möglich in Acht nehmen.«
»Laßt es lieber ganz sein!«
»Nein, das geht nicht! Ich halte mein Wort.«
»Das hast Du wohl zu leichtsinnig gegeben.«
»O nein, lieber Sepp. Wie ich Dich kenne, hättest Du es ihr auch gegeben; das ist gewiß und sicher.«
»Ich glaub es nicht.«
»Aber ich bin es überzeugt. Sie hat so lieb und gut ausgeschaut, und es hat mich so derbarmt.«
»Und daraus kann werden, daß Du mich derbarmst. Ihr junges Volk seid mit Eurem Mitgefühl allsogleich bei der Hand.«
»Schau sie Dir nur an, so wirst mir Recht geben.«
»Ja, das kannst wohl gut sagen. Aber wann soll ich sie mir denn eigentlich anschauen?«
»Hast Recht. Das geht ja nicht.«
»Heut wollt Ihr sie wohl schon befreien, und bis dahin kann ich sie doch nicht zu sehen bekommen.«
»Allerdings nicht; aberst wannst sie dann später siehst, wirst sagen, daß ich mich nicht in ihr irre.«
»Hm! Bist halt so ein Menschenkenner worden?«
»Nein, aber frag da den Max!«
»Nun, das ist unnöthig, denn ich weiß im Voraus, daß er Dir wohl beistimmen wird.«
»Ja, das thu ich auch, denn ich glaub nicht, daß wir uns irren, wenn wir sie für ein braves Mädchen halten. Du sollst Dich ja gar nicht mit der Sache befassen. Wir haben es Dir erzählt, weil wir glaubten, Du könntest uns einen guten Rath geben. Es war ja möglich, daß Du Dir einen besseren Plan aussinnen könntest als den unserigen. Ist das nicht der Fall, so fällt es uns ja gar nicht ein, Dir beschwerlich zu fallen.«
Der Sepp blickte eine Weile still vor sich hin. Sodann antwortete er, indem er auf den Tisch schlug:
»Himmelsakkermenten! Kennt Ihr denn Euern alten Wurzelsepp nicht mehr?«
»Nun, kennen thun wir Dich schon noch.«
»So dürft Ihr doch auch nicht denken, daß ich Euch im Stiche lassen werd!«
»Aber es hat ganz den Anschein dazu.«
»Nein. Nur bin ich nimmer so heißblütig, wie Ihr es seid. Unsereiner will sich die Sach überlegen, bevor er Ja sagt!«
»So! Und was hast überlegt?«
»Ich seh halt ein, daß Ihr doch nicht davon abzubringen seid, und da ist es halt besser, ich mach auch mit, als daß ich Euch sitzen laß.«
»Bravo! Hier hast meine Hand!«
»Die meinige auch!« sagte Johannes.
Beide reichten ihm die Hände hin, die er ergriff und herzlich schüttelte.
»Ja, so ists,« sagte er dabei. »Wir sind halt alte, gute Kameraden, wann Ihr auch um einige Monate jünger seid als ich, und da müssen wir zusammenhalten. Wann ich es mir richtig überleg, so ist das Maderl – wie heißts gleich?«
»Anita.«
»Schön! So ist diese Anita ein braves Dirndl. Also Ihr glaubt, daß dera Maler ihr Verwandter ist?«
»Wie es scheint.«
»Und den Lieblingsschüler hats heirathen sollen? Das hats nicht wollt. Dafür hats hungern und leiden müssen und Schläg bekommen, und da ists halt von dannen gangen. Sie ist nach Triest kommen und dem Juden in die Hände fallen, ohne zu wissen, was für ein Kerlen er ist.«
»So ists, ganz genau so!« stimmte Johannes ein.
»Ja. Da hast Du sie nun heut sehen und allsogleich den Narren an ihr gefressen.«
»Nein, das nicht.«
»Was sonst?«
»Es ist das reine Mitgefühl.«
»Ja, und grad das allerreinste Mitgefühl, das wird im gewöhnlichen Leben Liebe genannt.«
»Wie kannst Du so Etwas sagen!« rief Johannes, indem er im ganzen Gesicht erglühte.
»Schweig! Ich hab halt auch mal so ein reines Mitgefühl empfunden. Also herausholen wollt Ihr sie. Wie? Das wollen wir jetzund noch nicht fragen. Zuvor müßt Ihr mir sagen, was Ihr mit ihr vorzunehmen gedenkt.«
»Das wissen wir noch nicht.«
»Das ist freilich schlimm. Wollt Ihr sie etwan dem alten Maler zurückgeben?«
»Auf keinen Fall.«
»Schön! Wann Ihr das thätet, so ginge ja ihr Leiden grad von vorn wieder los. Wollt Ihr sie hier in Triest lassen?«
»Auch nicht.«
»Warum nicht?«
»Der Maler könnte sie finden oder auch der Jude.«
»So soll sie also fort von hier. Aberst wohin?«
»Vielleicht weißt Du einen Ort.«
Der Alte zog ein außerordentlich pfiffiges Gesicht, nickte Johannes zu und antwortete:
»Am Liebsten nähmst sie wohl mit?«
»Ja, das war das Allerbeste.«
»Da bist wenigstens aufrichtig. Nun, ich hab ja nix dagegen, wann sie will.«
»Ob sie will, das wissen wir nicht.«
»So müssen wir sie fragen. Jedenfalls will sie nicht zu dem Maler zurück. Hier wird sie auch nicht bleiben wollen, und so denk ich, daß sie sich gern entschließen wird, mit Euch zu gehen.«
»Das wäre schön! Das wäre prächtig!«
»Meinst? Aber es geht doch nicht an.«
»Nicht? Warum nicht?«
»Weil so ein hübsches, junges Maderl doch nicht mit fremden Jungburschen reisen darf. Verstanden! Was würden die Leut dazu sagen!«
»Was die sagen, das ist mir gleich!«
»Das glaub ich wohl, aberst dem Dirndl darfs nicht auch so gleichgiltig sein wie Dir.«
»So soll sie wohl allein reisen?«
»Warum nicht?«
Der Alte machte bei dieser Frage wieder sein pfiffiges Gesicht. Johannes antwortete ihm:
»Man weiß ja gar nicht, was so einem unerfahrenen Dirndl unterwegs passiren kann.«
»O, das fährt mit der Eisenbahn, und heut zu Tag giebts halt keine Raubrittern mehr. Wißt Ihr denn, ob sie Geld zum Reisen hat?«
»Jedenfalls hat sie keins; aber desto mehr haben wir.«
»Ach so! Bist so reich, kleiner Hans?«
»Ich hab fast tausend Gulden.«
»Hm! Und die willst hergeben? Hast Dir denn auch überlegt, wohin sie fahren soll?«
»Nach Wien. Dahin reisen wir nach und dort wird es sich dann finden, was weiter geschieht.«
»Ja, Du handelst mit großem Gottvertrauen. Aberst ich weiß vielleicht was viel Besseres.«
»So sage es!«
»Wie nun, wann sie mit mir fahren thät?«
»Mit Dir? Das wäre ja prächtig, wannst Du Dich ihrer annehmen wolltest!«
»Nun, wannst mir ein gutes Wörtle giebst, so entschließ ich mich vielleicht dazu.«
»Thu es, thu es!«
Er reichte ihm bittend die Hände hin. Sepp schlug ein und lachte:
»Ja, so ists, dem alten Sepp wird eben Alles auf den Rücken gebunden. Aberst er ist das Schleppen gewöhnt, und so mag es halt sein.«
»Wir danken Dir, lieber Sepp! Nun ist doch schon die wichtigste Frage erledigt.«
»O, die anderen sind halt ebenso wichtig. Wie wollt Ihr sie denn herausbekommen?«
»Wir gehen wegen dem Bild noch einmal hin und nehmen heimlich den Schlüssel weg. Das haben wir Dir ja bereits gesagt.«
»Ja, ich besinne mich darauf. Meint Ihr denn, daß Ihr den Schlüssel so leicht bekommt?«
»Wir müssen ihn haben, also werden wir ihn auch bekommen.«
»Schön! Und dann wollt Ihr den Juden betrunken machen? Das habt Ihr Euch gar nicht übel ausdacht, Ihr Sakkermenter! Aberst wohin dann mit dem Dirndl, wann es Euch wirklich gelungen ist, sie herauszubringen?«
»An irgend einen verborgenen Ort.«
»Das kannst bald sagen, aberst Du mußt ihn natürlich vorher wissen.«
»Leider sind wir zu wenig bekannt hier.«
»Und ich noch viel weniger. Und dennoch weiß ich bereits so einen passenden Ort.«
»Ah? Welcher ists?«
»Kein verborgener, sondern ein sehr öffentlicher.«
»Da sieht man sie doch!«
»Schadet nix. Man wird sie da allerdings sehen, aber nicht erkennen. Dafür sorge ich.«
»So sag, welchen Ort Du meinst!«
»Meinen Gasthof.«
»Hotel Europa, wo Du mit dem Könige wohnen willst.«
»Ja.«
»Du, das ist zu gefährlich!«
»O nein, sondern es ist sicherer als alles Andere. Es ist sehr gut, daß ich noch nicht dort gewest bin. Jetzund kann ich mich darnach verhalten. Ich hab Zimmer in dera ersten Etagen für Herrn Ludwigen zu bestellen. Für mich wollte ich eins in dera zweiten Etagen nehmen. Nun aberst werde ich zwei Stuben nehmen, eine für mich und eine für die Anita. Ich werd gleich, wann ich sie bestell, sagen, daß meine Tochter mit dem letzten Zug ankommen wird.«
»Könntest denn noch so eine junge Tochter haben?«
»Warum nicht? Und wannst meinst, daß es besser sei, so werd ich sie für meine Enkelin ausgeben.«
»Das ist jedenfalls besser. Aberst denk daran, wie sie gekleidet ist!«
»Das macht mir halt keine Schmerzen. Diesem Fehler kann leicht abgeholfen werden. Wir kaufen ihr, was sie braucht.«
»Das müßte aber vorher geschehen.«
»Versteht sich ganz von selbst. Ihr könnt bis neun Uhr zu dem Juden kommen. Bis dahin haben wir genug Zeit, einen Anzug zu kaufen.«
»Nicht nur einen Anzug, sondern auch Wäsche!«
»Bist ja recht fürsorglich, Hans!«
»Ich bin Derjenige, an den sie sich gewendet hat, und so bin auch ich es, der für sie sorgen will. Später soll sie bei meinen Eltern in dera Thalmühlen wohnen.«
»Du, dieser Gedank ist nicht ganz übel. Das könnt das Allerbeste für sie sein.«
»Ich denk dasselbige auch. Also wir müssen ihr Alles kaufen, auch einen Schirm und Handschuh und einen Hut nebst Schleier, den sie übernehmen muß, wann sie in das Hotel kommt, damit ihr Gesicht nicht gesehen wird.«
»Ja, das ist schon Alles gut. Aberst wer giebt mir denn das viele Geldl dazu her?«
»Ich.«
»Schön! Und ich werds derweilen auslegen.«
»Das ist nicht nöthig. Ich hab Geld.«
»Schweig, Hans! Du mit Deinen paar Kröten brauchst nicht so dick zu thun. Da bin ich ein noch ganz anderer Kerlen. Du hast noch für Dich zu sorgen; ich aber kann eher ein Geldl für Andere ausgeben. Es fragt sich nur, ob ihr das, was wir kaufen, auch passen wird.«
»Warum nicht? Ich kenne ja ihre Gestalt.«
»Ist sie groß?«
»Nein. Du mußt grad so thun, als obst die Sachen für meine Schwester kaufen wolltest, weißt, für das Lisbetherl.«
»Hat sie denn die ihrige Gestalt?«
»Ganz genau.«
»So mags gehen. Wann wir nur einen Ort finden, an welchem sie sich ungestört umziehen kann, bevor ich sie mit in das Hotel nehme.«
»Das ist gar nicht nöthig,« meinte Max. »Sie braucht ja gar nicht den ganzen Anzug anzuziehen. Wann sie einstweilen einen Regenmantel übernimmt, Stiefeletten, Handschuh, den Hut und Schleier dazu, so ists genug.«
»Richtig. Das Uebrige kann sie in dem Hotel anlegen. Da hast Recht. Ich möcht das Gesicht sehen, welches dera Jud machen wird, wann er am nächsten Morgen bemerkt, daß sie fort ist.«
»Es ist ihm zu gönnen.«
»So hältst ihn also wirklich für einen schlechten Kerlen?«
»Natürlich! Wer so ein bravs Dirndl unglücklich machen will, der ist jedenfalls schlecht. Wer weiß, was für andere Sachen er außerdem noch macht, denn er correspondirt unter einem falschen Namen.«
»So? Mit wem denn?«
»Das weiß ich nicht. Die Brief kommen aus Wien.«
»Das weißt auch schon?«
»Ja. Er sprach mit seiner Frau davon. Sie sollt nachsehen, ob ein Brief poste restante da wär an Herrn Gärtner.«
Der Sepp fuhr von seinem Stuhle auf und rief:
»Was sagst da?«
»Hasts nicht verstanden?«
»Wie war dera Name?«
»Herr Gärtner.«
»Das hast richtig hört?«
»Ganz genau und dera Johannes ebenso.«
»Sappermenten! Wanns wahr wär!«
»Was denn?«
»Einen Herrn Gärtner such ich mir.«
»Wo? Hier etwa?«
»Wo er zu finden ist, das hab ich nicht wußt. Aberst es scheint, daß er hier wohnt. Verzähl mir doch mal ganz genau, was der Jud mit seiner Frauen sprochen hat!«
Max wiederholte die Worte, welche das Ehepaar mit einander gewechselt hatte. Da schlug der Sepp mit der Faust auf den Tisch, daß die Biergläser wackelten und sagte, aber leise, denn er bemerkte, daß die anderen Gäste auf sein Gebahren aufmerksam geworden waren:
»Hols dera Teuxel, es ist so! Ich bin auf der ganz richtigen Spur. Ich hab den Kerl!«
»Wen meinst denn?«
»Den Juden. Wie heißt er gleich?«
»Baruch Abraham!«
»Schön! Diesen Namen werd ich mir sehr genau merken, denn es ist dera Nam von einem Kerlen, mit dem ich ein Wort zu reden hab.«
»Was ist denn mit ihm?«
»Er handelt mit Dirndln.«
»Wie so handeln?«
»Könnt Ihr Euch das nicht denken? Es giebt in Wien einen Menschen der schickt ihm schöne Dirndln zu. Er bezahlt für eine Jede zwanzig Gulden, und was er dann mit ihnen macht, das kann man sich ja denken. Er verkauft sie in die Schand und das Elend hinein.«
»Ists wahr?« fragte Johannes. »Herrgott, da müssen wir uns beeilen, damit es der Anita nicht ebenso dergeht!«
Er wollte aufspringen. Sepp hielt ihn zurück und sagte lachend:
»Nur sacht! Du wirst die Welt auch nicht sogleich in zwei Minuten einreißen können. Was willst jetzt sogleich anfangen? Gar nix.«
»Aber so bedenke doch die Gefahr, in welcher sich Anita befindet! Bedenke dieselbe!«
»Kannst Du sie etwa gleich jetzt befreien?«
»Nein, aber –«
»Aber – was denn? Gar nix! Was soll Dir Deine Ungeduld helfen, he? Bleib sitzen und trink Dein Bier!«
»Herrgott, das soll ich aushalten?«
»Du mußts aushalten. Andere stecken noch in viel größerer Gefahr, als die Anita.«
»Aberst die gehen mich nix an!«
»So? Was geht Dich denn die Anita an?«
»Die kenne ich.«
»Von dem einen Male anschauen? Pah! Es giebt eine alte, gute Bekannte von mir, die steckt in noch viel schlimmerer Gefahr als die Deinige.«
»Aber nicht hier, nicht in einer solchen!«
»Grad hier und grad in der ganz selbigen.«
»Wer wäre das?«
»Die Paula von dera Thalmühlen.«
»Bist des Teuxels!«
»Nein. Sie ist auch verkauft worden an denselbigen Herrn Gärtner.«
»Sepp, ist das wahr?«
»Ja. ich weiß es ganz genau.«
»Das kann ich nicht glauben.«
»Wirst schon glauben müssen, wann ich es Dir verzähle. Wir haben in Wien einen Kerl arretirt, welcher solche Dirndl an sich gelockt und verkauft hat. Er hat eine Liste darüber angelegt, und auf derselben hat auch standen »Paula Kellermann, Müllerstochter aus Scheibenbad.« Nun, ist das der richtige Name?«
»Der ists allerdings.«
»So brauchst auch nicht zu zweifeln. Die Paula ist verschollen. Kein Mensch kennt ihren Aufenthalt.«
»Derjenige muß ihn doch kennen, der sie verkauft hat!«
»Der hat aberst gar nix einstanden!«
»So muß man ihn zwingen.«
»Womit?«
»Mit Prügeln, wanns nicht anderst ist.«
»Das ist verboten. Man hat nix weiter derfahren, als daß diese Madels alle an einen Herrn Gärtner verkauft sind, der sie bezahlt hat.«
»Die Frau des Juden sagte doch, daß er Geld nach Wien schickt habe.«
»So stimmt es ganz genau. Dera Jude ists.«
»So hat er am End auch die Paula bei sich?«
»Kann sein. Vielleicht ist sie in seinem Haus.«
»O nein. Die Anita hat sagt, daß die Anderen schlecht seien, mit ihrem Schicksal ganz zufrieden. Das kann bei dera Paula nicht der Fall sein.«
»Nein. Eher befindet sie sich in dera Höhlen, von welcher die Anita erzählt hat.«
»Das ist möglich. Aberst wo mag diese Höhlen sein?«
»Hat sie es nicht sagt?«
»Sie hat es nicht wußt.«
»Das ist schlimm. Wir müssen es erfahren.«
»Von wem?«
»Von dem Juden.«
»Aber wie? Er wird sich hüten, sein Geheimniß zu verrathen. Das thut er nicht.«
»Vielleichten doch, wann man es klug anfängt.«
»Wie willsts denn anfangen?«
»Das weiß ich noch nicht. Ich muß es mir vorher überlegen. Wann dera richtige Augenblick da ist, wird sich schon auch dera gute Gedanke einstellen.«
»Magst nicht die Polizei zu Hilf nehmen?«
»Danke sehr!«
»Es ist aberst wohl das Beste.«
»Das Allerdümmste. Es dauert mir viel zu lang, und die Herren bringen doch nix heraus. Selber ist der Mann. Laßt mich nur gehen!«
Er that einen tiefen Zug und dachte schweigend nach. Nach einer Weile schnippste er mit den Fingern und sagte:
»Ich habs, ich habs! Ja, dera Wurzelsepp weiß schon, wo man den Floh anfassen muß, wenn man ihn fangen will!«
»Nun, was willst thun?« fragte Max.
»Ich werd mit nach dera Restauration gehen, in welcher Ihr den Wein trinken wollt.«
»Mit uns?«
»Nein, allein.«
»Was willst denn dort?«
»Mit dem Juden reden.«
»Ihn etwan ausfragen?«
»Ja.«
»Da wird er nicht mitthun.«
»Oho! Er wird gern mitthun. Darauf könnt Ihr Euch gern und gut verlassen.«
»Wie willst das anfangen?«
»Das laßt nur meine Sach sein. Die Frag ist nur, welche Restaurationen es sein wird.«
»Das können wir ja vorher bestimmen.«
»O nein, denn Ihr wißt ja gar nicht, ob dera Jud auch mit in diejenige gehen wird, die Ihr Euch ausgewählt habt.«
»Warum nicht?«
»Weil sie ihm nicht paßt. Solche Leutln, wie er einer ist, gehen halt nicht überall mit hin. Nein, Ihr müßt ihm die Wahl lassen.«
»So weißt Du aberst nicht, wo es ist.«
»Ich werds derfahren. Ich geh hinter Euch her, wann Ihr zu ihm geht, und bleib von fern so lang stehen, bis Ihr herausi kommt. Dann lauf ich Euch wieder nach. Auf diese Weis derfahr ich, wo Ihr seid.«
»Das kann angehen. Was aber dann?«
»Nun, ich wart ein Weilchen und tret dann auch mit eini. Ich setz mich zu Euch; aberst Ihr dürft mich nicht kennen. Das Uebrige wird sich nachhero finden.«
»Wannst mit ihm allein reden willst, dürfen wir doch nicht dabei sein.«
»Ich werd mit ihm allein sein, wann Ihr das Dirndl holt. Das ist genug. Ihr könnt mir ja ein Zeichen geben, ob Ihr den Schlüssel habt oder nicht.«
»Wir bekommen ihn auf alle Fälle. Schwerer aber ist es, ihn wieder hinein an den Nagel zu bringen.«
»Nix ist leichter als das.«
»Wieso?«
»Ich häng ihn hin.«
»Du? Wie willst das anfangen?«
»Auf das Allereinfachste. Wann Ihr das Dirndl habt, geht Ihr mit demselbigen an einen Ort, wo es sich einstweilen verstecken muß, und dann kommt Ihr wieder in die Restaurationen. Das könnt Ihr Alles so schnell macht haben, daß dera Jud denkt, Ihr seid nur mal draußen im Hof gewest. Ihr gebt mir heimlich den Schlüssel, und ich geh mit dem Juden nach seiner Wohnung.«
»Was willst dort?«
»Eben den Schlüssel hin hängen,« lachte der Alte. »Frag mich nicht so viel, sonst wirst ganz irr. Es kann ja Alles ganz anderst kommen, als wir es hier ausmachen. Darum ists viel klüger, wir besprechen nicht Alles auf das Eingehendste. Jetzund ists sieben Uhr. Wir wollen aufbrechen. Ich geh nach dem Hotel Europa und bestell meine Zimmer. Ihr wartet vor dem Hause auf mich.«
»Wollen wir nicht lieber gleich die Sachen für Anita einkaufen? Die kannst gleich mitnehmen.«
»Hast auch Recht.«
Sie bezahlten ihre Zeche und gingen. Die kleinen Einkäufe waren bald besorgt. Was Anita gleich anlegen sollte, wurde in ein separates Packet gethan, welches Johannes trug. Das Andere nahm der Alte mit sich in das Hotel, vor welchem die beiden Freunde auf ihn warteten.
Als er zurückkehrte, führten sie ihn zunächst nach der Hofseite der Judenwohnung und zeigten ihm das Mauerpförtchen. Dann wurde ein Platz gesucht, an welchem sich Anita für kurze Zeit allein verbergen konnte. Es fand sich sehr bald ein solcher.
Ganz in der Nähe lag ein verwilderter Garten, der von einer trüben Straßenlaterne nur so spärlich erleuchtet wurde, daß der größte Theil desselben ganz im Dunkeln lag. Einige Zaunlatten waren abgebrochen, so daß ein nicht zu starker Mensch sehr leicht hineinkriechen konnte. Hier konnte Anita, wenn sie sich da in die Sträucher verbarg, von Niemandem gefunden werden.
Nun promenirten die Drei noch so lange, bis es neun Uhr schlug. Dann begaben sie sich nach dem Gäßchen, in welchem der Jude wohnte, Max und Johannes voran und der Alte eine Strecke hinter ihnen.
Baruch Abraham hatte gewartet. Er stand unter der Thür. Er bemerkte nicht, daß den Beiden noch ein Dritter folgte.
»Da kommen wirklich die hohen Herren,« sagte er. »Fast habe ich gedacht, daß sie nicht Wort halten würden.«
»Ich habe ja gesagt, daß wir unser Wort niemals brechen,« sagte Max.
»Aber es hat bereits neun geschlagen.«
»Vor kaum einer Minute. Ist das Bild noch da?«
»Ja. Wo sollte es sein hin?«
»Sie könnten es einstweilen verkauft haben.«
»O nein. Es war Einer da, welcher es wollte kaufen zu einem guten Preise, aber ich habe ihm gesagt, daß –«
»Still, Jude! Uns machst Du das nicht weiß!«
»Gott der Gerechte! Warum sollt ich weiß machen Ihnen eine Lüge, wenn diese Lüge ist die vollste, reinste Wahrheit!«
»Schweig! Diese Sachen kennen wir. Führe uns hinein!«
Er brachte sie in dasselbe schmutzige Gewölbe, in welchem sie sich bereits einmal befunden hatten. Es brannte ein kleines Lämpchen da, welches kaum den vierten Theil des Raumes erleuchten konnte.
Johannes trat sofort zu dem Bilde und begann, es nochmals zu betrachten. Max that so, als ob er sich einstweilen noch nicht dafür interessire. Er sah sich verschiedene Kleinigkeiten an und fragte nach dem Preise derselben. Dabei entfernte er sich mehr und mehr von den Beiden und gelangte so zu der Hofthür. Es war da zu dunkel, als daß er den Schlüssel deutlich hätte sehen können. Er warf einen Blick nach dem Juden; dieser kehrte ihm gerade jetzt den Rücken zu. Ein schneller, leiser Griff – der Schlüssel hing da und befand sich im nächsten Augenblicke in Maxens Tasche.
Dieser kehrte wieder zu den beiden Andern zurück und betheiligte sich nun in der Weise an dem Handel, daß Max das Bild für fünfundzwanzig Gulden erhielt.
»Ich thue einen Schwur bei dem Gott Abrahams Isaaks und Jakobs,« sagte der Jude, »daß ich so ein Bild noch nie so billig verkauft habe. Aber ich bin gewesen nobel, weil ich denk, daß die hohen Herren nun werden auch sein nobel.«
»Natürlich sind wir das: Wir werden den Preis sofort bezahlen.«
»Das versteht sich ganz von selbst. Das ist es auch gar nicht, was ich meine.«
»Was denn?«
»Ich meine das Versprechen, welches mir haben die Herren –«
»Welches Versprechen?«
»Das von dem Wein und den Cigarren.«
»Ach so! Das war ja Scherz.«
Er that nur so, daß der Jude nicht denken solle, es liege ihnen viel daran, ihn zu entfernen.
»Gott der Gerechte! Wer wird sprechen von einem Scherz, wenn es ist gewesen Ernst.«
»Vom Ernst ist keine Rede.«
»So hätten Sie geben müssen für das Bild wenigstens fünfzehn Gulden mehr.«
»Reden Sie nicht, Alter! Wir haben es wirklich theuer genug bezahlt.«
»Wenn die Herren sprechen und handeln in dieser Weise, so sind sie freilich nicht so nobel wie der arme Baruch Abraham, welcher ihnen hat geschenkt den halben Preis des Bildes, weil er hat geglaubt, daß sie werden halten das gegebene Wort.«
»Nun, das wollen wir freilich nicht von uns sagen lassen. Giebt es denn hier in der Nähe eine passende Restauration?«
»Warum sollte es nicht geben hier eine solche. Trinken wir nicht auch gern ein Weinchen von guten Eigenschaften? Und muß nicht liegen die Weinstube ganz in der Nähe, weil wir nicht haben Zeit zu laufen weit weg von daheim?«
»Wo ist es denn?«
»Nur drei Häuser von hier, wo da geht das Seitengäßchen ab nach rechts. Dort giebt es einen koscheren Wein, auch Knoblauch und Zwiebeln, sogar Cognac mit Sardellen und Austern. Die Herren werden finden Alles, was ihr Herz begehrt.«
Die Lage der Weinstube war den Beiden höchst angenehm. Mit Hilfe des erwähnten Seitengäßchens konnten sie in einer Minute hinter den Hof des Juden gelangen. Auf diese Weise hofften sie bei der Entführung nur wenig Zeit verbringen zu müssen, so daß ihre Entfernung gar nicht auffallen konnte. Darum antwortete Max:
»Gut, so gehen wir mit, natürlich vorausgesetzt, daß das Local ein anständiges ist.«
»Anständig? Warum soll es nicht sein anständig? Verkehren doch da lauter feine Leute!«
»Oho!«
»Ja. Und speist man da die größten Delicatessen per Karte und auch per Menu, wie man hat die Zeit, die Lust und das Geld.«
»Schön! Wollen sehen.«
»Nehmen die Herren die Bilder und Bücher gleich mit?«
»Nein. Wir lassen die Sachen durch den Packträger holen, morgen Vormittage gleich.«
»So können wir gehen. Ich muß aber erst sehen, ob Alles ist in Ordnung im Hause und im Hofe.«
Das war gefährlich. Er konnte ja leicht auf den Gedanken kommen, den Schlüssel dabei gebrauchen zu müssen. Darum entgegnete Max:
»Halt, Baruch Abraham, das paßt uns nicht. Es fällt uns nicht ein, so lange auf Sie zu warten.«
»So gehen Sie voran!«
»Auch das fällt uns nicht ein. Wer mit uns trinken will, kann auch mit uns gehen.«
»So will ich sagen Sarah, meiner lieben Frau Gemahlin, wohin ich gehe!«
»So lange warten wir allenfalls.«
»Dann bitt ich die Herren, zu warten draußen vor der Hausthür auf mich.«
Also nicht im Gewölbe, nicht einmal im Hausflur ließ er sie warten. Wie leicht hätten sie auf die Idee kommen können, Etwas von seinem alten Rummel zu stehlen!
Sie thaten ihm den Willen und gingen vor das Haus, während er das Gewölbe zuschloß und dann zu seiner Frau hinaufging.
Als sie sich draußen umblickten, sahen sie Sepp an einer dunklen Hausthür lehnen.
»Pst, Sepp!« machte Max.
Der Alte kam schnell herbeigehuscht. Es befand sich auf der Gasse ja kein Mensch, der das hätte beobachten können.
»Was giebts denn?«
»Willst Du etwa nachher so thun, als ob Du mit ihm hast reden wollen?«
»Jawohl.«
»Er ist eben bei seiner Frau, um ihr zu sagen, wohin er geht.«
»Schön! So werde ich zum Schein bei ihr fragen. Gut, daß Du mir das sagst.«
»Wir gehen nur drei Häuser weit bis an das Gäßchen dort.«
»Das ist sehr gut. Da es so steht, komme ich erst gegen zwölf Uhr nach. Laßt ihn nicht eher fort. Und gieb mir das Kleiderpacket, Max.«
Er nahm das Päckchen aus Maxens Hand und huschte fort, in das Gäßchen hinein bis hinter den Hof des Juden. Dort ging er weiter bis an den Garten, in welchen sich Anita verstecken sollte. Dort lauschte er eine Weile, und als er sich überzeugt hatte, daß kein Beobachter zugegen sei, kroch er durch die Lücke der abgebrochenen Latten in den Garten.
Hier recognoscirte er genau. Er fand eine ganz dunkle Hinterecke, welche zwischen Strauchwerk mit dichtem, hohem Gras bewachsen war. Dahinein steckte er das Packet und kehrte sodann durch den Zaun nach dem Weg zurück.
Er suchte eine entfernter liegende Restauration auf, in welcher er bis halb Zwölf wartete. Dann ging er nach dem Gäßchen und nach dem Hause des Juden zurück.
Alle Fenster waren dunkel. Die Laternen waren verlöscht. Man schien nicht der Mühe Werth zu halten, hier in diesem Quartier den kostbaren Brennstoff zu vergeuden. Er tappte an der Thür und rechts und links von derselben herum und fühlte einen Klingelzug.
Als er an demselben zog, hörte er die Klingel leise erschallen. Sie befand sich nicht im Hausflur, sondern wohl in der Schlafstube des Besitzers.
Es dauerte sehr lange, ehe er ein antwortendes Lebenszeichen verspürte. Endlich vernahm er schlürfende Pantoffelschritte, und durch die Ritzen der Thür war ein Lichtschein zu erkennen. Eine schnarrende, alte Stimme fragte von innen:
»Wer ist draußen?«
»Ein Bote,« antwortete der Sepp. Ist Baruch Abraham daheim?«
»Nein.«
»Wo ist er denn?«
»Was wollen Sie denn?«
»Das werde ich ihm sagen.«
»Wer sind Sie denn?«
»Auch das wird nur er erfahren.«
»Woher kommen Sie denn?«
»Nun, ich bin aus Wien und komme geraden Wegs von dort.«
»Aus Wien. Gott der Gerechte! Sie sagen, Sie seien ein Bote. Wer sendet Sie denn?«
»Der Baron von Stubbenau.«
»Der Baron! Ach, gleich!«
Er hörte einen Riegel zurückschieben und einen Schlüssel in das Schloß stecken, welches sich nur langsam öffnen ließ. Dabei hatte er Zeit zu dem Gedanken:
»Wie ist mir denn? Max und Hans sagten, die Alte höre schwer, und hier hört sie doch Alles so genau, obgleich wir nur halblaut sprechen. Dieses alte Laster weiß sich gut zu verstellen!«
Da ging die Thür auf; die Alte öffnete, aber nicht völlig, und winkte ihn hinein. Er trat ein, und sie beleuchtete ihn. Als sie sein martialisches, soldatisches Aeußere erblickte, machte sie einen ergebenen Knix und sagte:
»Willkommen, Herr! Also Sie kommen wirklich von dem Baron von Stubbenau?«
»Ja.«
»Und wissen auch, in welcher Angelegenheit?«
»Natürlich!«
»Haben Sie ein Schreiben mit?«
»Nein.«
»Warum nicht?«
»Weil die Sache der Art ist, daß man sie nicht gern dem Papier anvertraut.«
»Schön! Diese Vorsicht ist gut. Aber wenn Sie nichts Schriftliches haben, muß er Ihnen wenigstens das Erkennungswort gesagt haben.«
Jetzt befand sich Sepp in großer Verlegenheit; aber er antwortete wacker drauf los:
»Wir wurden gestört. Er sagte es mir zwar, aber ich achtete nicht darauf.«
»Das ist schlimm, denn da wird mein Mann Ihnen keinen Glauben schenken.«
»Das wäre sehr unangenehm. Stubbenau rief es mir noch nach, aber ich weiß nicht, ob ich es richtig verstanden habe.«
»Nun, wie haben Sie denn verstanden?«
»Es war ein Hauptwort.«
»Allerdings.«
»Ein Name.«
»Ja, sein eigener, eigentlicher Name, den nur die Eingeweihten kennen.«
Jetzt wurde dem Alten das Herz leicht. Diesen Namen kannte er ja. Er antwortete:
»Sie mögen selbst beurtheilen, ob ich richtig verstanden habe. Er rief mir das Wort ›Salek‹ nach und bat, ich solle es nicht vergessen.«
»Das ist richtig. Sie haben nicht falsch verstanden. Sie sind legitimirt und mein Mann wird Ihnen nun Glauben schenken.«
»Wo ist er?«
»In einer nahen Restauration, das dritte Haus rechts von hier. Die Thür steht die ganze Nacht hindurch offen. Gehen Sie aber nicht in die vordere Stube, wo nur Schnaps getrunken wird, sondern gleich in die hintere, in welcher nur die feinen Gäste sitzen. Dort werden Sie ihn mit zwei jungen Herren sehen.«
»Schön! Ich danke Ihnen!«
»Bitte! Sagen Sie ihm, er solle nicht lange fortbleiben. Ich schlief schon, als sie klingelten, und werde mich sogleich wieder schlafen legen. Da ist es sehr gut, wenn der Mann daheim ist. Wie geht es dem Herrn Baron?«
»Danke! Nach Verhältniß leidlich.«
»Wird er uns bald wieder Mädels senden?«
»Ja.«
»Und Anderes? Juwelen?«
»Auch.«
»Prächtig! Ich ahne, daß Sie so Etwas bringen?«
»Ich darf natürlich noch nichts verrathen.«
»Ganz recht. Also schlafen Sie wohl!«
»Gute Nacht!«
Sie machte abermals einen Knix, ließ ihn hinaus und verschloß und verriegelte die Thür.
»Alle Teuxel, war das ein Glück!« murmelte er. »Da habe ich das richtige ›Sesam, Sesam, thue dich auf‹ – entdeckt! Also ›Salek‹ ist das Wort, das Erkennungszeichen. Das ist ja sehr gut!«
Er schlenderte nun nach der Kneipe.
Diese sah gar nicht so aus, als ob sie anständige Leute zu beherbergen vermöge. Sie war ein niedriges, hölzernes Gebäude, dessen Thürinschrift jetzt in der Dunkelheit nicht zu lesen war. Im offenstehenden Flur brannte ein Lämpchen, welches in einer Glasglocke hing.
Er schritt an der Thür vorüber, welche nach der vorderen Gaststube führte. Als er die zweite öffnete, strömte ihm eine dicke, von Rauch und allerlei penetranten Gerüchen geschwängerte Luft entgegen, die ihn beinahe zurückwarf.
Dennoch trat er ein.
Die Stube war klein. Von den vier da befindlichen Tischen waren nur zwei besetzt. An dem einen, dem hintersten, saßen Max, Johannes und der Jude. Sie hatten bereits ein halbes Dutzend leere Flaschen neben ihrem Tische stehen. Der Jude dampfte aus seiner Cigarre wie ein Stadtsoldat; es kostete ihm ja nichts.
Sepp setzte sich an den dritten Tisch und bestellte sich eine Flasche Wein. Den an dem zweiten Tische sitzenden Männern schenkte er zunächst keine Aufmerksamkeit.
Das Local hatte das Aussehen einer Gaunerkneipe, und auch der Wirth, welcher schläfrig hinter dem Ofen hockte, machte diese Ansicht keineswegs zu schanden.
Es war dem Juden deutlich anzusehen, daß der Wein bei ihm bereits seine Wirkung gethan hatte. Er blickte ziemlich stier vor sich hin, und dann, wenn einer seiner beiden jungen Gesellschafter auf ihn sprach, raffte er sich mit Gewalt zu einer Antwort auf. Dann wurde er für einige Augenblicke lebhaft, schwatzte schnell und viel durch einander und versank dann wieder in stumpfes Schweigen.
Als Sepp Max einen fragenden Blick zuwarf, nickte ihm dieser zu und machte, so daß es weiter Niemand sah, mit der rechten Hand die Bewegung des Thüraufschließens. Das sollte das Zeichen sein, daß er den betreffenden Schlüssel besitze.
Sepp wartete noch eine Weile und stand dann bereits im Begriffe, zu dem Juden hinzugehen, als er Grund bekam, dies zu unterlassen.
Es trat nämlich ein Kerl ein, welcher sich schnell umsah. Als er den Juden erblickte, glitt ein Zug der Befriedigung über sein Gesicht und er setzte sich an den vierten Tisch, welcher, wie bereits erwähnt, noch leer stand.
Aus seiner Miene war zu bemerken gewesen, daß er den Juden suche. Darum blieb Sepp noch sitzen, zumal sein Tisch ganz in der Nähe des vierten stand.
Er nahm eine der ausliegenden, schmutzigen Zeitungen in die Hand und that so, als ob er sich ganz in dieselbe vertiefen wolle.
»Was trinken Sie?« fragte der Wirth von seinem Stuhle aus den neuen Gast.
»Ein Glas Salek,« antwortete dieser, indem er das letztere Wort scharf und laut betonte.
»Dieses Getränk kenne ich gar nicht.«
»So geben Sie ein Glas sicilianer Weißen!«
Der Wirth brachte das Bestellte.
Baruch Abraham hatte den Eintretenden gar nicht bemerkt. Als er aber das scharf hervorgehobene Wort Salek hörte, blickte er auf. Ein Zug des Erkennens glitt über sein altes Gesicht. Er wartete, bis der Mann sein Glas erhalten und der Wirth sich wieder gesetzt hatte; dann stand er auf und trat schwankenden Schrittes auf den Mann zu.
»Petruccio, Du?« fragte er. »Kommst Du aus Zufall hierher?«
»Nein,« antwortete der Gefragte. »Setze Dich!«
Er hatte einen italienischen Namen und auch seine Züge bestätigten, daß er ein Italiener sei, jedenfalls der niedrigsten Classe.
Der Jude setzte sich und fragte:
»Wußtest Du, daß ich hier bin?«
»Ja.«
»Von wem?«
»Von Deiner Frau.«
»War sie denn noch wach?«
»Nein. Ich habe sie herausgeklingelt. Sie hatte schlechte Laune, denn sie war bereits einmal geweckt worden, wie sie sagte.«
»Von wem?«
»Das weiß ich nicht, ich habe sie nicht gefragt.«
»Bist Du in Geschäften hier, oder kommst Du direct zu mir?«
»Direct. Der Steuermann war gegen Abend bei mir; er hat warten müssen, weil ich nicht daheim war. Drum komme ich so spät.«
»Der Steuermann? Was wollte er?«
»Er erkundigte sich, ob wir bereit seien. Der Capitän könne nicht warten. Er lichte morgen Abend die Anker.«
Beide hatten sichtlich die Absicht, so zu sprechen, daß Niemand es hören solle. Aber der Jude sprach in Folge seiner Trunkenheit lauter, als es gerathen war, und der Italiener verhielt sich ganz unwillkürlich ebenso. Sie steckten die Köpfe zusammen. Sepp hörte aber trotzdem jedes Wort.
»Morgen Abend schon?« meinte der Jude. »Das ist mir freilich nicht lieb.«
»Warum?«
»Ich dachte, es solle noch eine Sendung kommen. Ich laure schon seit acht Tagen auf sie. Der Baron hat sie mir versprochen.«
»Ja, und der Capitän lauert ebenso, aber nun kann er nicht länger warten. Er hat vom Rheder eine Depesche bekommen, daß er sofort in See gehen soll.«
»Verflucht! Er hat doch noch nicht volle Fracht!«
»Thut nichts. Er nimmt andere.«
»So müssen wir uns eben fügen.«
»Schön. Kommst Du heraus?«
»Natürlich! Ich muß ihm das Volk doch übergeben. Ich muß unbedingt dabei sein, wenn er bezahlt.«
»Ich könnte das Geld auch übernehmen.«
»Nein, mein Junge, das wollen wir unterlassen.«
»Mißtraust Du mir? Denkst Du etwa, daß ich Dich betrüge?«
»O nein. Aber diesem Capitän Marmel traue ich nicht. Er ist ein Franzose.«
»Hat er Dich bereits betrogen?«
»Versucht hat er es, aber es ist ihm nicht gelungen. Wann kommt er?«
»Kurz nach Mitternacht will er an der Insel beidrehen und die Boote aussenden.«
»So bin ich kurz vorher bei Dir.«
»Wie steht es? Hast Du nichts nachzusenden?«
»O ja, Einige. Wir müssen sie also noch in dieser Nacht fortschaffen.«
»Gut. Ich nehme sie mit. Sie werden mir doch keine Scheerereien machen?«
»Nein. Nur Einer traue ich nicht. Es ist eine Italienerin. Sie heißt Anita und will sich nicht in ihr Schicksal finden.«
»Ist sie hübsch?«
»Sehr!«
»So muß sie. Je hübscher sie ist, desto mehr bekommen wir bezahlt. Und wenn sie nicht will, so wird sie gezwungen.«
»Aber kein Aufsehen erregen, kein Aufsehen! Hörst Du, Petruccio?«
»Natürlich! Sie wird gefesselt und wir verbinden ihr den Mund. Dann trage ich sie. Ich kenne ja die Schliche, so daß wir Niemandem begegnen.«
»Wirst Du denn allein fertig?«
»Ich habe meinen Bruder mit.«
»Das ist gut. Zu Zweien geht es besser.«
»Wann soll ich kommen?«
»Hm! Hast Du noch Zeit?«
»Warum fragst Du? Paßt es Dir jetzt nicht?«
»Nein. Erstens ist es noch zu zeitig. Es würden Euch Leute begegnen. Und zweitens befinde ich mich in angenehmer Gesellschaft.«
»Die beiden Knaben dort?«
»Knaben? Es sind feine Herren, Künstler.«
»Hm!« brummte der Italiener, indem er Max und Hanns mit verächtlichem Blicke musterte.
»Ich sage Dir, sie sind fein,« wiederholte der Jude mit der Beharrlichkeit eines Betrunkenen. »Sie bezahlen meine Zeche.«
»Ja, wer das thut, der ist bei Dir fein.«
»Freilich sind sie nicht die Klügsten. Sie haben mir für fünfundzwanzig Gulden eine alte Klexerei abgekauft, für welche ich nur zwei Gulden gegeben habe, und ich hoffe, ihnen auch noch mehr aufzuhängen.«
»Gratulire. Aber wegen Deiner freien Zeche kann ich doch nicht bis früh warten.«
»Sollst Du das etwa? Die richtige Zeit ist zwei Uhr nach Mitternacht. Da sind selbst die Nachtschwärmer zu Bett.«
»So komme ich also um diese Zeit. Soll ich vorn klingeln, oder meinst Du, daß –«
»Nein, nein,« fiel der Jude rasch ein. »Vorn dürft Ihr Euch nicht blicken lassen. Kommt an die Hofthür!«
»Dann darfst Du uns aber nicht warten lassen.«
»Nein. Punkt zwei Uhr bin ich an der Pforte.«
»Hm! Baruch Abraham, könntest Du heute wirklich so pünktlich sein? Ich zweifle daran.«
»Warum?«
»Weil Du betrunken bist.«
»Betrunken? Ich? Herr meiner Väter! Baruch Abraham soll betrunken sein!«
»Ja, Du bist es. Du kannst nicht gerade stehen.«
»Ich nicht gerade stehen! Wer behauptet das? Das ist nicht wahr, das ist eine Lüge, ich werde es Dir gleich beweisen.«
Er wollte aufstehen, um den Beweis zu liefern; aber der Italiener hielt ihn am Arme nieder.
»Bleib sitzen, Alter, und rede leiser! Du machst ja die Leute aufmerksam auf uns!«
»Pah! Es schaut Niemand her.«
»Aber der Alte da neben uns könnte uns hören.«
»Der guckt in seine Zeitung, und übrigens sprechen wir ja leise. Wie geht es denn in der Höhle?«
»Nicht zum Besten. Ich habe noch selten solche Noth und Mühe mit den Hexen gehabt.«
»So weißt Du ja, was zu thun ist!«
»Meinst Du Prügeln?«
»Ja. Hunger und Hiebe!«
»Schon gut, aber ich unterlasse es doch lieber, denn darunter leidet das Aussehen der Waare, und dann wird weniger gezahlt. Diese verdammte, bayrische Fratze macht mir viel zu schaffen.«
»Bayrisch?« fragte der Jude, indem er den Finger an die Stirn legte, zum Zeichen, daß er nachdenke. »Haben wir eine Bayerin?«
»Natürlich! Die Schmuckste von Allen.«
»Ah, ich besinne mich! Sie ist eine Müllerstochter?«
»Ja. Sie läßt sich Paula nennen anstatt Pauline. Sie hat mir eine förmliche Verschwörung angezettelt, welche gestern zum Ausbruch kommen sollte. Zum Glück waren Andere so gescheidt, nicht mitzumachen und es mir zu verrathen. Sie wollten nicht frei sein; sie sehnen sich nach Kalifornien, nach dem Goldlande, wo sie steinreiche Männer bekommen, diese albernen Weibsen.«
Er lachte cynisch vor sich hin. Der Jude aber sagte in warnendem Tone:
»Laß ihnen diese Gedanken! Mache sie ja nicht kopfscheu. Sie werden ja später erfahren, was mit ihnen geschieht.«
»Natürlich, natürlich! So klug bin ich selber schon. Aber glaubst Du denn, daß es mir an das Leben gehen sollte?«
»Unmöglich!«
»Ja, an das Leben. Die Mädchens wollten ausbrechen, mit Gewalt, allerdings möglichst ohne Blutvergießen, aber wenn wir Beide, ich und mein Bruder, uns widersetzten, sollten wir erschlagen werden.«
»Sollte man das glauben!«
»Von solchen Mädels! Aber die Bayerin hatte es angestiftet und gesagt, daß sie selbst mich unbedingt erschlagen werde, wenn ich Widerstand leiste.«
»Du hast sie natürlich unschädlich gemacht?«
»Donnerwetter! Das ist ja ein couragirtes Frauenzimmer! Sie ist doch keine Riesin!«
»Die Bayerinnen sollen alle so sein.«
»So ist es gut, daß wir selten welche haben. Aber wenn ihnen auch der Plan geglückt wäre, wie hätten sie von der Insel kommen wollen?«
»Auf unserm Segelboot.«
»Wissen sie denn den Versteck desselben?«
»Nein; das ist eben das Gute. Sie haben geglaubt, wir binden es am Landungsplatze an.«
»Da hätten sie allerdings rathlos dagestanden. Du hast aber doch wenigstens dieser Müllerstochter die Peitsche gegeben?«
»Mein Bruder wollte, ich aber war dagegen. Was konnte es uns nützen? Ich habe sie gefesselt und abseits gesteckt. Aber als vorhin der Steuermann kam, erzählte ich es ihm. Er lachte in seiner grimmigen Weise und versprach mir, daß sie auf dem Schiffe die neunschwänzige Katze bekommen solle. Bis sie nach Amerika kommt, sind dann die Narben geheilt, so daß es keinen Schaden macht.«
»Das mag besser sein. Hast Du noch Etwas zu sagen?«
»Nein.«
»So gehe jetzt! Man weiß nicht, wer kommt, und es ist gut, man sieht uns nicht beisammen.«
»Also um Zwei?«
»Ja.«
»Und vor der Einschiffung bekomme ich mein Geld?«
»Natürlich! Ich gebe die Mädels ohne Bezahlung nicht her. Stück für Stück hundert Gulden, für die Schönheiten aber noch mehr.«
»So will ich gehen. Aber sei vorsichtig!«
»In welcher Beziehung?«
»Du bist betrunken. Rede dort mit den beiden Kerls nicht etwa von Dingen, die – – –«
»Unsinn! Hältst Du Baruch Abraham für einen Dummkopf, für eine Plaudertasche?«
»Nein; aber der Wein macht redselig.«
»Mich nicht. Je mehr ich trinke, desto verschwiegener werde ich. Bei Euch Italienern ist es freilich anders.«
»Oho! Bei den beiden Brüdern Petruccio ist nichts herauszulocken, nicht einmal durch Champagner; das wissen alle Leute in Barcola.«
»Wollen es hoffen. Also gute Nacht bis auf zwei Uhr Morgens.«
»Gute Nacht!«
Der Jude taumelte nach seinem Platze zurück, und nach kurzer Zeit entfernte sich der Italiener.
Die Uhr zeigte jetzt ein Wenig über zwölf Uhr. Der Sepp zog einen kleinen Zettel aus der Tasche und schrieb mit Bleistift darauf:
»Die Kleider für Anita liegen in dem Garten, hinterste Ecke links unter den Büschen. Sie mag sie anlegen, während sie dort wartet.«
Diesen Zettel steckte er in die Tasche, so daß er ihn leicht zur Hand hatte. Dann stand er auf und schritt langsam an den Tisch, an welchem der Jude saß.
»Verzeihung,« sagte er, »ich suche Herrn Baruch Abraham hier.«
»Der bin ich,« antwortete der Genannte, indem er höflich aufstand.
»Bitte, bleiben Sie sitzen, und erlauben Sie mir lieber, bei Ihnen Platz zu nehmen!«
Der Jude schaute ihn verwundert an; Max und Hanns aber rückten schnell zu, so daß der alte Sepp neben dem Juden Platz fand. Dabei zog er den Zettel heraus und gab denselben Max, ohne daß Baruch Abraham es bemerkte.
»Sie suchen mich hier?« fragte der Letztere. »So haben Sie gewußt, daß ich hier bin?«
»Ja.«
»Von wem?«
»Von Ihrer Frau. Ich klingelte.«
»Ah, so sind Sie Derjenige gewesen, der vor Petruccio da war.«
Wäre er nicht betrunken gewesen, so hätte er sich gehütet, diesen Namen zu nennen.
»Petruccio? Wer ist das?«
Durch diese Frage wollte Sepp in dem alten Menschenhändler die Ueberzeugung erwecken, daß er wirklich in die Zeitung vertieft gewesen sei und auf das Gespräch nicht geachtet habe.
»Ein Bekannter,« antwortete der Jude. »Sie waren so spät bei mir. Warum?«
»Geschäfte.«
»Mein Laden ist nur bis acht Uhr auf.«
»Für mich vielleicht auch später.«
Der Jude fixirte ihn mit neugierigem und mißtrauischem Blicke und meinte dann:
»Für Niemanden eigentlich, wenn nicht etwas ganz Notwendiges vorkommt.«
»Es ist nothwendig.«
»So! Wollen Sie etwas kaufen oder verkaufen?«
»Verkaufen.«
»Was?«
»Ein Gemälde, ein Seestück von der kalifornischen Küste.«
Der Jude wurde aufmerksam.
»Von welchem Maler?« fragte er.
»Von dem bekannten Künstler, welcher zufälliger Weise grad so heißt wie der Wein, den der Gast vorhin vergeblich verlangte – Salek.«
Da erhob Baruch Abraham sich halb vom Stuhle, starrte den Sepp erstaunt an und sagte:
»Ich kenne Sie ja gar nicht!«
»Ist es nothwendig, daß Sie mich kennen?«
»Hm! Allerdings nicht.«
»Oder kaufen Sie von Salek nicht gern?«
»O doch. Seine Gemälde gehen stets.«
»Das weiß ich. Ihr Name wurde mir von einem Kenner genannt. Ich habe das Bild mit hier, und da ich nicht weiß, ob ich morgen da bleibe, erlaubte ich mir, Sie so spät noch aufzusuchen.«
»Schön, schön! Vielleicht machen wir einen Handel, wenn Sie wirklich die Absicht – – –«
Er hielt inne, denn grad jetzt stand Max auf, dem er Platz zu machen hatte. Derselbe hatte den Zettel unbemerkt gelesen und erhob sich mit der Miene eines Mannes, welcher aus Höflichkeit einmal hinausgeht, um den Andern Gelegenheit zu geben, ihre Angelegenheit ohne Zeugen abzumachen.
»Nimm mich mit!« sagte Johannes, indem er dem Freunde folgte.
Draußen theilte Max dem Maler den Inhalt des Zettels mit. Dann schlichen sie sich zur Hausthür hinaus und huschten schnell durch das bereits erwähnte Gäßchen.
»Der Sepp ist doch ein Sappermenter,« meinte im Gehen Max. »Hast Du genau gehört, was er sagte?«
»Ja.«
»Das Bild von der kalifornischen Küste, und der Name Salek. Beides muß irgend eine Bedeutung haben, die nur er kennt. Der Kerl ist grad wie allwissend.«
»Wir erfahren jedenfalls, was es für eine Bewandtnis damit hat.«
»Natürlich! Jetzt aber müssen wir uns beeilen. Wir dürfen nicht lange abwesend sein, sonst fällt später der Verdacht auf uns.«
Hinter der Mauer war es vollständig finster. Sie lauschten eine kurze Zeit am Pförtchen. Als sich weder vor noch rückwärts auf dem Wege und auch im Hofe des Juden kein Geräusch hören ließ, zog Max den Schlüssel heraus.
Er befeuchtete ihn mit Speichel, damit kein Geräusch entstehen solle, und schloß auf. Glücklicher Weise öffnete sich die Thüre leise.
Sie traten ein und zogen sie hinter sich an. Nachdem sie wieder einige Augenblicke gelauscht hatten, huschten sie über den Hof hinüber bis unter den Söller.
»Sie ist eingeschlossen. Sie kann nicht heraus,« sagte Johannes leise.
»Nur eingeriegelt. Wie aber kommen wir hinauf?«
»Dort in der Ecke geht die Außentreppe zum Söller empor. Ich habe es gesehen.«
»Gut! So steigen wir hinauf.«
»Beide?«
»Ja. Warum nicht?«
»Zwei Personen machen mehr Geräusch als eine.«
»Das ist richtig. Also geh Du allein.«
»Warum ich?«
»Weil Anita in Dir den Retter ehren soll, nicht aber in mir. Knarren Deine Stiefeln?«
»Vielleicht. Ich ziehe sie aus.«
»Besser ist es. Also einen Hund giebt es nicht?«
»Nein. Anita sagte es. Hoffentlich werden wir auch anderweit nicht gehindert.«
»Schwerlich. Ich glaube, die alte Jüdin befindet sich ganz allein im Hause.«
»Wenn die nun kommt! Was dann?«
»Pah! Du giebst ihr mit der Faust Eins auf den Kopf, daß sie ohnmächtig wird.«
»Du, das bringe ich nicht fertig. Ich bin kein Rinaldini oder Schinderhans.«
»Ich auch nicht; aber so einen Hieb brächte ich dennoch fertig.«
»So geh lieber Du!«
»Nein. Ich will die Ehre Dir überlassen. Wirst Du ja gestört, so verhältst Du Dich ganz still und lassest mich sprechen. Also mach!«
Sie standen jetzt an der schmalen, hölzernen Treppe, welche mehr einer Leiter ähnelte. Johannes stieg hinauf, dabei möglichst jedes Geräusch vermeidend.
»Nimm mehrere Stufen auf einmal!« flüsterte Max ihm zu. »Das giebt weniger Schritte.«
Hanns befolgte diesen Rath und machte auch oben auf dem Söller die Schritte so langsam und so weit wie möglich.
Das alte Holz knarrte zwar einige Male, aber so leise, daß es kaum zu bemerken war. So gelangte er also glücklich an den Eingang nach dem Innern des Hauses.
Dieser war nicht mit einer Thür versehen, sondern offen. Hanns hatte von Anita gehört, daß sie links eingeriegelt sei, während die andern Mädchen sich auf der rechten Seite befanden.
Er tastete nach hüben und drüben, indem er hineintrat. Schon nach drei oder vier Schritten fühlte er die beiden einander gegenüber liegenden Thüren. Diejenige links war die richtige. Sie war von außen verriegelt, und es galt nun, den Riegel ohne Geräusch zurückzuschieben. Hanns machte sehr, sehr langsam, und es gelang. Die Thür knarrte freilich ein Wenig, aber doch nicht allzusehr, als er sie öffnete.
»Anita!« flüsterte er.
»Mein Retter!« antwortete es ebenso leise. »Gott sei Dank!«
»Sie haben auf mich gewartet?«
»Mit Schmerzen!«
»Ich komme aber doch nicht später, als ich sagte.«
»Und doch war es eine Ewigkeit für mich.«
»So kommen Sie schnell!«
»Ich kann nicht. Ich bin angebunden.«
»Ah, dieser grausame Jude!«
»Er traut mir eben nicht.«
»Ich werde Sie losschneiden. Wo sind Sie?«
»Kommen Sie nach rechts. Hier unten in der Ecke.«
Hanns schlich hinein. Er bückte sich und tastete. Er fühlte einen Strohsack, auf welchem das Mädchen lag.
»Die linke Hand ist an der Mauer und die rechte an der Diele festgebunden,« erklärte das gefesselte Mädchen.
Er griff nach diesen Richtungen und fühlte zwei eiserne Ringe, je einen in der Mauer und der Holzdiele, an welche Anita mit Stricken angebunden war. Auf diese Weise wurden ihre Hände so auseinander gehalten, daß sie nicht die eine durch die andere befreien konnte.
»Armes Kind!« klagte Hanns. »War das alle Abende so wie heut?«
»Seit ich mich widerspänstig zeigte, ja.«
»Da konntest Du ja nicht schlafen!«
»Nein. Es war eine Qual.«
»Du sollst gleich frei sein. Deinen Peiniger aber werden wir exemplarisch bestrafen lassen.«
Er zog sein Messer heraus und schnitt sie los. Sie schnellte empor. Er richtete sich auch auf und fühlte, daß sie nach ihm tastete.
»Anita!« erklang es mitleidig und doch froh.
»Johannes!« antwortete sie.
»Du hast Dir meinen Namen gemerkt?«
»O, den werde ich nie, niemals vergessen, salvatore mio, angelo mio, mein Retter, mein Engel!«
Er fühlte die weichen Arme, welche sie um ihn schlang, und das Köpfchen, welches sie innig an seine Brust drückte.
Ein nie gekanntes, ungeahntes Gefühl durchfluthete ihn. Er konnte nicht anders, er mußte auch seine Arme um sie legen und sie an sich drücken. Er beugte sein Gesicht nieder. War es Zufall, daß auch sie das ihrige empor hielt? Ihre Lippen fanden sich zu einem langen, langen aber engelsreinen, keuschen Kusse.
»Johannes!« flüsterte sie abermals.
»Anita! Welch eine Seligkeit, Dich frei zu wissen!«
»Durch Dich, durch Dich!«
»O, nicht durch mich allein!«
»Ist Dein Freund mit und wo befindet er sich?«
»Unten im Hofe.«
»Er ist ebenso edel wie Du?«
»Noch viel besser und edler als ich.«
»Das ist unmöglich!«
»Du kennst mich ja gar nicht!«
»O, ich kenne Dich, ich kenne Dich, als sei ich stets bei Dir gewesen.«
Das that ihm so unbeschreiblich wohl. Er hätte lebenslang so stehen mögen, das schöne Mädchen in seinem Arme; aber er gedachte der augenblicklichen Lage und sagte:
»Wir müssen fort. Komm!«
»Noch nicht, noch einen Augenblick.«
»Warum?«
»Wohin willst Du mich führen?«
»Giebt es einen Ort, wohin Du wünschest?«
»Ich kenne keinen.«
»So gehst Du mit mir?«
»Mit Dir, wohin Du mich auch führen magst.«
»So werde ich Dich zunächst zu einem Freunde bringen, zu einem alten, lieben Herrn, bei welchem Du vor allen Nachforschungen sicher bist.«
»Wo befindet er sich?«
»Er wohnt im Hotel Europa. Kennst Du es?«
»Nein. Aber in ein Hotel kann ich nicht.«
»Warum?«
»Hast Du nicht gesehen, wie ich gekleidet bin? Ich bin sogar barfuß.«
Er erinnerte sich, daß sie nur ein einziges Röckchen angehabt hatte. Darum verstand er ihre Einwendung gar wohl.
»Du kannst getrost mit,« antwortete er. »Es sind Kleider für Dich vorhanden.«
»Auch Schuhe?«
»Ja, Alles, was Du brauchst. Komm nur mit!«
Er zog sie hinaus vor die Thür und riegelte dieselbe vorsichtiger Weise wieder zu, damit man ihre Flucht nicht sogleich bemerken möge. Dann huschten sie mit einander über den Söller hin und die Treppe hinab.
»Gelungen?« fragte Max, als er sie kommen hörte.
»Ja.«
»Gott sei Dank! Es hat lange gedauert.«
»Es ging nicht schneller. Jetzt will ich meine Stiefel anziehen, und dann rasch fort!«
Während Johannes sich mit seiner Fußbekleidung beschäftigte, ergriff Anita Maxens Hände und sagte mit bewegter Stimme:
»Auch Sie halfen mir, Herr. Wie soll ich Ihnen danken!«
»Dadurch, daß Sie glücklicher werden, als Sie bisher waren.«
»O, ich bin glücklich, weil ich frei bin.«
»Was müssen Sie glitten haben, Sie armes, armes Kind! Aber kommen Sie nun! Wir dürfen uns nicht länger verweilen.«
Er schritt voran. Johannes nahm das Mädchen bei der Hand und folgte ihm.
Sie gelangten aus dem Hofe hinaus. Max verschloß die Thür und steckte den Schlüssel zu sich. Nachdem sie sich überzeugt hatten, daß sie nicht belauscht wurden, eilten sie nach dem mehrfach erwähnten Garten.
»Hier herein!« sagte Max, indem er voran kroch und dann die beiden Anderen, die ihm schweigend folgten, nach der von Sepp beschriebenen Ecke führte, wo er das Kleiderpacket liegen fand.
»Hier sind Sie einstweilen sicher, Signorina,« sagte er. »Wir müssen uns für kurze Zeit entfernen.«
»Mein Gott, Sie wollen mich verlassen!«
»Nur auf wenige Minuten.«
»Mir ist so angst!«
»Sie brauchen nichts zu fürchten. Wir holen nur den Freund herbei, der Sie in seinen Schutz nehmen will.«
»Kann ich nicht mit gehen?«
»Nein. Der Jude würde Sie sehen.«
»Wo ist er? Schläft er nicht?«
»Er ist noch wach. Wir haben ihn mit in ein Weinhaus genommen und betrunken gemacht. Der Freund sitzt bei ihm und hält ihn fest, damit er uns nicht stören konnte.«
»O, das war klug gehandelt!«
»Nicht wahr? Ebenso erfordert es die Klugheit und Ihre Sicherheit, daß wir Sie jetzt allein lassen. Wir müssen den Freund benachrichtigen, daß Ihre Flucht gelungen ist; dann kommen wir sofort wieder.«
»Aber Sie verlassen mich nicht? Sie kommen gewiß zurück, ganz gewiß?«
»Ganz gewiß. In fünf oder höchstens zehn Minuten sind wir wieder da. Indessen nehmen Sie hier das Bündel. Es enthält einige Kleidungsstücke, die Sie gleich hier anlegen müssen, damit Sie nach dem Hotel können. Legen Sie auch den Schleier an, daß man Ihr Gesicht nicht deutlich sieht. Also nun gehen wir. Aber wir kommen gleich wieder. Besorgen Sie nichts!«
Ihre Angst war noch nicht beschwichtigt. Sie ergriff Hannsens Hand und sagte:
»Wenn man mich nun hier sucht und findet?«
»O, es kommt kein Mensch hierher.«
»Das kann man doch nicht wissen.«
»Ich bin vollständig überzeugt, daß Sie hier ganz sicher sind. Wir sind schnell, sehr schnell wieder da. Bis dahin können Sie auf alle Fälle diesen Platz behaupten.«
Sie sah, daß sie sich trotz ihrer Bangigkeit fügen mußte, und ergab sich drein. Die Beiden aber eilten nach der Restauration zurück.
Dort hatte indessen Sepp sich mit dem Juden unterhalten. Trotz seiner Betrunkenheit verhielt der Letztere sich so vorsichtig wie möglich. Wer heimlich gegen die Gesetze handelt, der hat alle Veranlassung, vorsichtig zu sein. Als Max und Johannes sich entfernt hatten, fragte er den Alten:
»Jetzt sind wir allein. Wer sind Sie?«
»Müssen Sie das wissen?«
»Ja.«
»Lieber ist mirs, wenn ich es Ihnen nicht zu sagen brauche. Solche Geschäfte macht man gern incognito.«
»So ist Ihre Mühe vergebens. Ich verkehre nicht mit Ihnen. Sie kennen mich, und so muß auch ich Sie kennen.«
»Ist das Ihr fester Grundsatz?«
»Geschäftsprincip!«
»So! Nun, da will ich Ihnen sagen, daß ich pensionirter Officier bin, Hauptmann.«
»Wo?«
»Ich diente in Bayern, befand mich aber in letzter Zeit in Wien.«
»Können Sie mir das beweisen?«
»Donnerwetter! Glauben Sie mir nicht?«
»Ich glaube Ihnen. Aber was thue ich mit dem Glauben? Bei dieser Art Geschäft muß man haben eine vollständige Sicherheit.«
»Nun, die kann ich Ihnen bieten. Hier!«
Er zog seine Legitimation hervor und gab sie ihm. Der Jude las sie aufmerksam durch, gab sie ihm zurück und sagte:
»Jetzt habe ich den Beweis, daß Sie mir die Wahrheit gesagt haben. Nun können wir vom Geschäft sprechen. Was bringen Sie mir?«
»Ich möchte von diesen Sachen grad hier lieber nicht reden, Baruch Abraham.«
»Warum nicht?«
»Es ist hier Restauration.«
»Was thut das?«
»Sehr viel. Es ist ein öffentlicher Ort.«
»Aber es hört uns Niemand.«
»Das denken Sie. Wie leicht aber kann es anders sein. Gegen meine Person waren Sie so vorsichtig, und gegen Andere hegen Sie keine Befürchtungen. Nein, hier nicht.«
»Wo denn?«
»Bei Ihnen.«
»Ah, Sie wollen gehen mit mir in mein Haus?«
»Ja. Ist das nicht möglich?«
»Möglich ist es, und vielleicht ists das Beste, was wir thun können. Aber ich kann jetzt nicht fort.«
»Warum?«
»Weil die beiden Herren sind hinausgegangen. Ich habe gemacht mit ihnen einen sehr guten Handel; sie bezahlen die Zeche für mich, und ich bin ihr Gast.«
»Sie wollen nicht gehen, ohne sich von ihnen zu verabschieden?«
»Ja.«
»Nun, das können Sie ja thun. Wir warten, bis sie wieder hereinkommen.«
»Auch habe ich noch auszutrinken meine Flasche.«
»Das können Sie bereits jetzt besorgen, damit wir gleich gehen können, wenn sie kommen. Ich habe keine Zeit, so lange zu warten, bis Sie die Flasche langsam geleert haben.«
Er setzte sich durch seinen entschiedenen Ton so in Respect, daß der Jude sein Glas schleunigst füllte und wieder leerte. Dabei erkundigte er sich:
»Wo logiren Sie?«
»Noch gar nicht. Ich kam mit dem letzten Zuge und habe Sie sofort aufgesucht. Haben Sie vielleicht einen Platz für mich bei sich?«
Der Jude streckte ihm beide Arme entgegen, spreizte alle zehn Finger aus und rief:
»Au weih! Wie kann ich haben Platz für fremde Leute! Habe ich doch ein Ein- und Verkaufsgeschäft für alte Sachen aber nicht eine Herberge!«
»Nun gut, so muß ich mir einen anderen Ort suchen. Erschrecken Sie nicht!«
»Warum sollt ich nicht erschrecken? Weiß ich doch noch gar nicht, ob ich werde machen ein gutes Geschäft mit Ihnen.«
»Sie werden es machen.«
»Wie so?«
»Ich bringe etwas zu verkaufen und will auch etwas abkaufen. Und bei Beidem werden Sie verdienen.«
»So sagen Sie, was Sie wollen kaufen!«
»Hier nicht, sondern später. Reden wir jetzt lieber von anderen Dingen.«
Er gab sich nun Mühe, den Juden über das erste beste gewöhnliche Thema so gut wie möglich zu unterhalten, so daß diesem die Zeit nicht zu lang wurde. Dies gelang ihm auch so gut, daß es Baruch Abraham gar nicht auffiel, wie lange Hanns und Max abwesend waren.
Als die Beiden dann zurückkehrten, sagte der Sepp zu ihnen:
»Meine Herren, ich muß um Verzeihung bitten, daß ich Ihnen diesen Herrn entführe. Ich habe noch Geschäfte mit ihm.«
»Ja,« fügte der Jude hinzu, »so gern ich noch länger blieb, ich muß doch gehen fort mit ihm. Er will mir noch zeigen ein schönes Gemälde. Sie haben sich betragen sehr nobel gegen mich, und ich sage meinen Dank dafür.«
Indem Max schnell Sepps Hut herbei holte, scheinbar aus bloßer Höflichkeit, gab er ihm mit demselben zugleich den Pfortenschlüssel heimlich in die Hand.
»Gelungen?« fragte der Alte dabei leise.
»Ja. Sei nicht lange!«
Sepp entfernte sich mit dem Juden.
Als dieser auf die Gasse trat und die kühle Nachtluft einathmete, wurde ihm der Kopf schwer. Der Rausch kam zur Geltung.
»Gott Abrahams,« sagte er, »was ist denn das? Wo bin ich denn hingerathen?«
»Das sehen Sie doch!«
»Ich kenne doch gar nicht mehr die Gegend. Alle Häuser tanzen Polka rundum!«
»Das thut der Wein. Es wird bald nachlassen.«
»Führen Sie mich! Ich kann nicht mehr stehen auf meinen eigenen Beinen!«
»Auf fremden würde es Ihnen wohl noch viel schwerer werden. Geben Sie mir Ihren Arm!«
Er faßte ihn unter und führte ihn nach seinem Hause. Dort dauerte es eine halbe Ewigkeit, bevor Baruch Abraham den Hausschlüssel hervor brachte, und sodann konnte er das Loch nicht treffen.
»Wir sind an einer falschen Thür,« behauptete er.
»O nein. Es ist die richtige.«
»Es ist die falsche. Die meinige hat ein Schlüsselloch, diese aber keins.«
»Zeigen Sie den Schlüssel her! Ich will versuchen, ob mir das Oeffnen gelingt.«
Es gelang.
»Wo nehmen wir nun Licht her?« fragte er, als sie sich dann im Flur befanden.
»Da in der Wand ist eine Nische, in welcher sich die Lampe befindet.«
Sepp fühlte die Nische und auch die Lampe, welche er mittelst der dabei liegenden Zündhölzer anbrannte.
Dann fand der Jude den Schlüssel zu dem Gewölbe nicht. Sepp suchte ihn auch und fand ihn endlich. Er schloß auf und schleppte den Menschen hinein. Dort setzte sich Baruch Abraham auf einen Stoß Makulaturpapier nieder und ließ den Kopf sinken.
»Wo bin ich, wo?« fragte er.
»Daheim.«
»Nein. Das ist eine Höhle. Das ist, das ist – –«
Er sprach nicht weiter. Er schloß die Augen. Die Müdigkeit wollte ihn übermannen.
Diesen Augenblick benutzte der kluge Sepp. Im Nu war er an der Hofthür. Er gewahrte beim Scheine der Lampe, welche er in der Hand hatte, den Nagel und hing den Schlüssel daran. Im nächsten Moment stand er wieder bei dem Juden.
»Baruch Abraham,« sagte er. »Schlafen Sie?«
Der Gefragte machte eine Armbewegung und brummte etwas Unverstehbares.
»Wir wollen doch von Geschäften reden!«
»Geschäft, Geschäft,« nickte er, aber ohne die Augen zu öffnen.
Das Wort Geschäft übte doch einige Wirkung auf ihn aus. Der Sepp fuhr fort:
»Erwachen Sie doch! Seien Sie munter!«
»Munter – oh – – ah!«
»Wenn Sie so sitzen bleiben, kann ich Ihnen ja den ganzen Laden ausstehlen!«
»Stehlen!«
Sofort stand der Jude hoch aufgerichtet da. Das einzige Wort stehlen hatte alle seine Müdigkeit verscheucht.
»Stehlen!« rief er. »Stehlen wollen Sie?«
»Nein, bewahre!«
»Sie sagten es doch!«
»Ich sagte nur, daß man Sie leicht bestehlen könnte, wenn Sie da sitzen bleiben.«
»Nein, nein. Bestehlen läßt sich Baruch Abraham nicht. Der Wein, der Wein! Aber es giebt ein Mittel. Dort steht Essig.«
Auf dem Fenster stand eine dickbäuchige, staubige Flasche. Der Jude that einige tüchtige Schlucke daraus, zog ein schreckliches Gesicht, hustete darauf und wusch sich dann auch das Gesicht damit. Mit dem langen Schooße seines Rockes trocknete er sich ab.
»So,« sagte er, »so! Jetzt ists besser. Bestehlen lasse ich mich eben nicht!«
»Ich beabsichtige das ja auch nicht.«
»Nicht? Hm! Man kann es nicht wissen.«
»Ich habe Sie ja grad im Gegentheile gewarnt.«
»Gewarnt? So? Ich will es glauben. Also jetzt bin ich geworden wieder gesund, und meine Augen sind hell. Nun wollen wir reden vom Geschäft.«
Er setzte sich wieder auf den Papierstoß und lud Sepp ein, neben ihm Platz zu nehmen. Dieser aber lehnte ab und sagte, stehen bleibend:
»Ist denn die Wirkung des Weines so weit gehoben, daß wir von wichtigen Dingen reden können?«
»Sie ist weg, ganz weg.«
Er blinzelte mit den Augen. Es wurde ihm doch schwer, sie ganz zu öffnen.
»Gut,« meinte Sepp. »So können wir also beginnen. Ueberwinden Sie die noch zurückgebliebene Müdigkeit!«
»Ich bin nicht müde. Ich bin munter. Ich kann reden. Ich will nun wissen, wer Sie sind.«
»Das haben Sie ja schon gehört.«
»Gehört? So?«
»Und auch gesehen. Ich habe Ihnen ja doch meine Legitimation gezeigt.«
»Ah, ja, Legitimation! Es ist wahr, sehr wahr. Sie sind pensionirter Hauptmann. Nicht?«
»Ja. Josef von Brendel.«
»Brendel, so war es. Sie kommen von Wien?«
»Das sagte ich Ihnen bereits.«
»Schön! Und von wem haben Sie denn eigentlich das Wort Salek erfahren?«
»Von ihm selber.«
»Wer ist das?«
»Der Baron von Stubbenau.«
»Stimmt, stimmt. Ist denn er es, der Sie zu mir gesendet hat?«
»Ja, er selbst.«
»Warum kommt oder schreibt er nicht? Er soll mir keinen Fremden schicken.«
»Er kann weder kommen noch schreiben.«
»So? Hat er keine Zeit? Zu so einem Briefe muß er haben zu jeder Minute Zeit.«
»Zeit hätte er; aber er darf nicht.«
»Darf – – – ah, wer hindert ihn?«
»Die Behörde.«
»Die Behörde? Was sagen Sie? Die Behörde?«
Seine Augen öffneten sich jetzt weit.
»Ja, das Gericht – wenn das deutlicher ist.«
»Das Gericht? Wieso?«
»Er ist gefangen.«
»Gef – – –«
Er brachte das Wort nicht ganz hervor; aber es übte eine ungemeine Wirkung auf ihn aus. Er fuhr empor und starrte Sepp mit erschrockenen Augen an. In diesem Momente war keine Spur des Rausches mehr an ihm zu bemerken.
»Wa – wa – was sagten Sie?« stotterte er.
»Daß der Baron gefangen ist.«
»Ist das wa – wa – wahr?«
»Ja.«
»Das glaube ich nicht.«
»Ich versichere es Ihnen.«
»Aber ich glaube es nicht!«
»Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort.«
»Und dennoch kann ich es nicht glauben, denn so ein gewandter, kluger, vorsichtiger und kühner Mensch läßt sich nicht erwischen.«
»So muß ich es Ihnen beweisen.«
»Ich bitte darum.«
»Können Sie lesen?«
»Gott der Gerechte, was für eine Frage! Wird Baruch Abraham doch können lesen!«
»Ich meine nur, ob der Wein Ihnen nicht noch in den Augen liegt.«
»Der Wein ist herb, weg, ganz weg! Das Wort, daß der Baron von Stubbenau soll sein gefangen, hat den Rausch besiegt.«
Das war auch wirklich so. Der Jude sah aus, als ob in seinem ganzen Leben kein Tropfen Wein über seine Lippen gekommen sei.
»So sehen Sie her, und lesen Sie.«
Sepp zog ein Blatt einer Wiener Zeitung aus der Tasche, gab es ihm und deutete auf die betreffende Stelle. Der Jude las und ließ dann das Blatt und die beiden Arme sinken.
Er starrte dem Sepp mit einem Blicke unendlichen Schreckes in das Gesicht.
»Nun, glauben Sie es?« fragte dieser.
»Ob ich es glaube? Fast doch nicht!«
»Es steht ja gedruckt, schwarz auf weiß!«
»Ja, ja, schwarz auf weiß. Das ist wahr. Aber oft ist grad das Schwarze auf dem Weißen die größte Lüge.«
»Pah! Sie sind unverständig!«
»Ich kann und kann und kann es nicht glauben. Es wäre zu schrecklich für mich.«
»Ah! Also gab er mir noch im letzten Augenblicke den Auftrag, nach Triest zu eilen, um Sie zu warnen.«
»That er das? Hat er es wirklich gethan?«
»Ja.«
»Der Gute, der Brave! Ja, er hat viel, sehr viel auf mich gehalten; aber er hat auch bei mir verdient ein schweres Geld.«
»Drum war er dankbar.«
»Also wegen Einbruch wurde er verhaftet?«
»Ja, wegen Einbruch.«
»Wird man ihn nicht geben müssen frei? Kann man ihm beweisen den Einbruch?«
»Er ist während desselben gesehen worden, und man hat auch den ganzen Raub bei ihm gefunden.«
»Gefunden! Den ganzen Raub! Gott meiner Väter! Wie kann passiren diese Dummheit so einem gewandten Einbrecher!«
»Er ist eben nach und nach zu sicher geworden.«
»Ja, er hat es fehlen lassen an der nöthigen Vorsichtigkeit. Was hatte er denn geraubt?«
»Eine große Summe baaren Geldes und dann den großen Diamantenschatz einer berühmten Sängerin.«
»Dia – Dia – Abraham, Isaak und Jacob! Diamanten sind es gewesen, Dia – Dia – –!«
Er schlug die Hände über dem Kopfe zusammen, rannte einige Male zwischen seinem Gerümpel auf und ab, blieb dann vor Sepp stehen und jammerte:
»Diamanten! Den ganzen Schatz?«
»Den ganzen!«
»Einer berühmten Sängerin! O weih, weih! Was werden da zusammen gewesen sein für Brillanten, Rubinen, Smaragden!«
»Fast für eine Million!« log der Sepp mit dem ernsthaftesten Gesichte.
»Eine Million! Herr Zebaoth! Und wissen Sie, wer bekommen hätte diesen Schatz?«
»Nun, wer?«
»Ich!«
»Ja, richtig.«
Sepp sagte das, obgleich er keine Ahnung hatte, wie weit die geschäftliche Verbindung zwischen dem Einbrecher und dem Juden gehe.
»Ja, ich, Baruch Abraham! Ich habe ihm stets abgekauft alle Brillanten, ich, ich!«
»Das weiß ich.«
»Von wem?«
»Er selbst hat es mir gesagt.«
»Welch eine Unvorsichtigkeit!«
»Das war kein Mangel an Vorsicht. Er wußte, daß er es mir anvertrauen konnte.«
»War er denn Ihr Freund?«
»Mein bester.«
»Haben Sie sich betheiligt an, an, an – – Sie wissen wohl, was ich will sagen?«
»Ich verstehe Sie und will Ihnen aufrichtig sagen, daß ich mich betheiligt habe.«
»Direct beim Einbruch? Ein alter Offizier?«
»Nicht direct. Und was meinen Sie mit dem Offizier? Ich kann von meiner Pension nicht leben und nicht sterben. Aber ich bewege mich in feinen Kreisen. Ich sehe, wo die Leute ihre Reichthümer aufbewahren. Verstehen Sie?«
»Ja, ja. Sie haben gemacht den stillen Kundschafter für den Baron von Stubbenau.«
»So ist es.«
»Daraus erkenne ich, daß ich kann haben Vertrauen zu Ihnen.«
»Das können Sie. Deshalb sendet er mich. Er scheint Ursache zu haben, zu glauben, daß man erfährt, daß Sie sein Hehler sind.«
Der Jude machte vor Schreck einen Luftsprung.
»Donnerwetter, das soll man nicht!« schrie er.
»Ist wohl nicht zu verhüten!«
»Warum? Wieso? Hat der Baron denn etwa verrathen meinen Namen?«
»Nein. Aber man hat seine Papiere confiscirt, in welcher Ihr Name zu finden ist.«
»O weih, o weih! Muß er denn schreiben meinen Namen auf solche Papiere!«
»Und außerdem ist er gegen seine Tänzerin zu vertrauensvoll gewesen.«
»Auch das wissen Sie? Auch die kennen Sie? Sie wissen, wie sie heißt?«
»Valeska.«
»Ja, Sie wissen es!«
»Natürlich! Ich bin fast täglich mit ihm bei ihr gewesen. Sie brach mit ein.«
»Auch das haben Sie erfahren? Ja, ja, Sie sind Einer von den Unserigen. Ich kann haben Vertrauen zu Ihnen.«
»Natürlich! Leider nun ist diese Valeska auch mit arretirt worden.«
»Auch mit! Davon steht ja nichts da im Blatte!«
»Man verschweigt es mit Absicht, damit die Complicen nicht gewarnt werden.«
»Alle Teufel! Das ist schlimm!«
»Freilich. Man hat bei der Valeska außerordentlich viel Gravirendes gefunden, und es steht zu erwarten, daß sie ein ganz umfassendes Geständniß ablegt.«
Dem Juden stand der Schweiß auf der Stirn. Fast schien es, als ob die Zähne ihm zusammen klapperten. Fast wimmernd rief er:
»O Unglück, o Elend! Was soll daraus werden! Was soll ich beginnen!«
»Das ist Ihre Sache.«
»Ja, meine Sache! Ich kann mir schießen sogleich eine Kugel in den Kopf!«
»Das lassen Sie bleiben!«
»Bleiben lassen? Soll ich warten, bis man nimmt meinen Hals, legt darum rund herum einen Strick und hängt diesen Strick an einen Galgen?«
»Ja, so lange würde ich an Ihrer Stelle freilich nicht warten. Das ist wahr.«
»So muß ich also nehmen Pulver und es stecken in eine Pistole und ein Zündhütchen auf den Hahn und mich erschießen in der Blüthe meiner Jahre!«
»Jedenfalls steht es doch nicht so schlimm.«
»O doch, doch, doch! Wenn der Baron ist gewesen vertraut mit Ihnen, wird er haben gesagt Ihnen Alles von unseren Geschäften.«
»Das hat er allerdings. Ich weiß, daß er Ihnen die Mädchen zusandte – – –«
»Viele, viele! Ich habe sie ihm abgenommen und bezahlt ein schweres Geld für sie.«
»Jawohl, zwanzig Gulden für die Person.«
»Auch das wissen Sie!«
»Alles weiß ich. Auch daß er Ihnen alle die geraubten Kostbarkeiten verkauft hat.«
»Auch dafür hab ich ihm gegeben ein unzähliges Geld. Hätte ich nur wenigstens immer wieder verkauft diese Sachen!«
Der Sepp mußte mit allen Winden laviren. Er wußte gar nichts und durfte es sich doch nicht merken lassen. Er mußte vielmehr so thun, als ob ihm Alles, Alles bekannt sei. Darum nickte er auch jetzt:
»Leider! Sie haben das Alles noch.«
»Was? Sie wissen das?«
»Natürlich. Sie hatten den Gedanken, Ihre ganzen Ersparnisse in den Kostbarkeiten anzulegen.«
»Das ist wahr; das ist richtig. Kann man anlegen sein Geld besser als in einem Diamanten, für den man hat gegeben fünfzig Gulden, während er doch ist werth ein ganzes Tausend?«
»Ich würde ganz so gehandelt haben wie Sie! Jetzt aber droht Ihnen eine außerordentliche Gefahr.«
»Wie denn? Welche?«
»Man wird Ihnen die Kostbarkeiten abnehmen.«
»Mir? Das wäre entsetzlich!«
»Aber es ist beinahe unausbleiblich!«
»Nein, nein. Das lasse ich nicht geschehen!«
»Was wollen Sie dagegen thun?«
»Man würde nichts finden.«
»Wirklich nicht? Weiß Niemand, wo Sie diese Sachen alle versteckt haben?«
»Nur ich weiß es und meine Frau.«
»Weiter Niemand?«
»Nein.«
Dieses Nein aber kam in einem so unsicheren Tone heraus, daß Sepp annahm, es müsse noch irgend Jemand um das Versteck wissen. Wer aber mochte das sein? Vielleicht der Baron von Stubbenau? Er war der Lieferant und konnte also in das Vertrauen gezogen sein.
»War der Baron von Stubbenau nicht öfters bei Ihnen?« fragte darum der Alte.
»Sehr oft. Er hat mir ja diese Sachen stets persönlich gebracht.«
»Der wird doch Ihr Versteck nicht verrathen!«
Der Jude machte ein sehr bestürztes Gesicht, daß Sepp vermuthete, er habe das Richtige getroffen.
»Der Baron? Wieso der?«
»Er kennt es doch.«
»Gott Abrahams! Woher denn?«
»Sie selbst haben es ihm gezeigt.«
»Ich? Wer sagt das?«
»Er.«
»Und wem hat er es gesagt?«
»Mir und seiner Tänzerin.«
Der Jude that abermals vor Angst einen Luftsprung und schrie:
»Solch eine Dummheit! Welch eine Schlechtigkeit! Meine schönsten Geheimnisse auszuplaudern!«
»Sie sehen, daß man selbst seinen besten Freunden nicht mehr trauen darf.«
»Hat er es Ihnen wirklich gesagt?«
»Mir und der Valeska.«
»Und es Ihnen auch beschrieben?«
»Mir nicht, aber ihr.«
»Ihr, ihr! Dieser Tänzerin hat er Alles mitgetheilt. Alles! Welch ein schlechter Kerl!«
»Sie sehen also, wie nahe Ihnen der Verrath steht. Jeden Augenblick kann die Polizei kommen und Ihnen die Kostbarkeiten abnehmen.«
»Gott, Gott! Was ist zu thun? Was ist zu thun?«
Er rannte wie besessen hin und her.
»Werd ich müssen mir suchen ein ander Versteck!« rief er endlich aus.
»Haben Sie denn ein anderes?«
»Nein. Weiß ich doch gar nicht, wo ich sicher verbergen kann die Sachen.«
»Ich will Ihnen einen guten Rath geben.«
»Welchen denn?«
»Verkaufen Sie die Sachen.«
»Verkaufen? Das geht nicht.«
»Warum nicht?«
»Weil ich nur würde verkaufen für guten Preis und gegen baares Geld.«
»Natürlich!«
»Und da find ich nicht einen Käufer. Wer hat so viel baares Geld, daß er kann bezahlen die so großen Kostbarkeiten!«
Aus diesen Worten war zu schließen, daß der nach und nach zusammengehäufte Raub ein ganz bedeutender sein müsse.
»Vielleicht findet sich doch ein solcher Mann.«
»So schnell nicht. Ich müßte ja verkaufen sofort, sofort! Und es giebt ja in ganz Triest keinen passenden Käufer.«
»Muß es denn ein Triester sein?«
»Weil es kein Fremder sein kann. Ehe ein solcher kommen könnte, hätte man mir Alles genommen.«
»Wenn nun so ein Fremder bereits hier wäre?«
»Wo denn?«
»Im Hotel.«
Da stellte sich der Jude breit vor Sepp hin und sagte:
»Herr Sie haben einen Gedanken, eine Absicht!«
»Allerdings.«
»Welche denn?«
»Ich habe einen guten Käufer mitgebracht.«
»Sie? Einen Käufer? Ists möglich?«
»Es ist sogar wirklich.«
»Wie sind Sie gekommen auf diese Idee?«
»Weil der Baron von Stubbenau mir von den Kostbarkeiten erzählte und ich nachher als ganz sicher annahm, daß Sie verrathen würden, glaubte ich, Sie würden mir eine kleine Provision zahlen, wenn ich Ihnen dieses Vermögen rette.«
»Provision! O weih! Wer wird zahlen heut zu Tage noch eine Provision.«
»Also nicht?«
»Nein.«
»Gut! So lassen Sie sich die Sachen von der Polizei confisciren!«
Er wendete sich ab. Der Jude aber ergriff ihn am Arme und fragte voller Angst:
»Sie hätten wirklich einen Käufer?«
»Ja.«
»Wo logirt er?«
»Das werden Sie später erfahren.«
»Wie heißt er?«
»Auch das sage ich Ihnen dann?«
»Ich muß es aber doch wissen!«
»Jetzt noch nicht.«
»O doch!«
»Nein. Ich durchschaue Sie. Sie wollen mit ihm verhandeln ohne mich, damit Sie keine Provision zu zahlen brauchen.«
»Gott der Gerechte! Was denken Sie!«
»Ich denke das Richtige. Aber ich will nicht umsonst nach Triest gereist sein.«
»Was ist denn der Mann?«
»Juwelier.«
»Und reich?«
»Er hat so viel baares Geld bei sich, daß er Sie zehnmal auskaufen kann.«
»Da müßte er haben Millionen.«
»Sein Credit ist ungeheuer.«
»Und ist er sicher? Kann ich gewiß sein, daß er mich nicht wird verrathen.«
»Er ist die Verschwiegenheit selbst und hat schon oft ähnliche Geschäfte gemacht.«
»So sagen Sie, wie hoch ist die Provision, welche Sie wollen haben von mir?«
»Wieviel geben Sie?«
»Werd ich geben ein Zehntel Procent.«
»Sie sind verrückt!«
»Ists nicht genug?«
»Nein.«
»Gott meiner Väter! Wollen Sie mir setzen die Daumschrauben an meine alten Finger!«
»Sie haben selbst gesagt, daß Sie fünfzig Gulden zahlen für einen Stein, welcher tausend kostet. Das sind zweitausend Procent Verdienst für Sie. Und mir bieten Sie ein lumpiges Zehntel? Schämen Sie sich!«
»So sagen Sie selbst, was Sie wollen haben!«
»Ich könnte fünf oder gar zehn Procent fordern, aber ich thue es nicht. Ich begnüge mich an einem bescheidenen Antheil – ein Prozent.«
»Ein ganzes Procent!« schrie der Jude.
»Ja.«
»Sind Sie bei Sinnen?«
»Schweigen Sie! Sie sind ja ein ganz jammervoller Kerl! Sind Sie denn gar so dumm?«
»Dumm? Wie soll ich sein dumm?«
»Sagen Sie sich denn nicht, daß Sie mir gar keine Provision zu geben brauchen?«
»Wer wird sie geben als nur ich?«
»Der Käufer. Sie schlagen sie zum Preise.«
»Ich weiß wohl, daß man das macht. Aber der Käufer wird auch nicht mehr geben, als wie er ohne Provision geben würde.«
»Da lassen Sie mir mich sorgen!«
»Sie wollen stehen auf meiner Seite?«
»Ja.«
»Gut! In diesem Falle werde ich geben das ganze Procent. Schlagen Sie ein.«
»Hier ist meine Hand.«
Sie schüttelten einander die Hände und dann fragte Baruch Abraham:
»Wann werden Sie mir bringen den Mann?«
»Wann Sie wollen.«
»So bringen Sie ihn – ja, wann paßt es denn?«
»Je schneller, desto besser. Vielleicht kann er noch heute Nacht kommen?«
»Nein. Nicht in der Nacht, aber gleich wenn es Morgen geworden ist.«
»Soll geschehen.«
»Schön, so ist die Sache also abgemacht?«
»Nein, noch nicht.«
»Noch nicht? Wieso?«
»Ich weiß doch noch gar nicht, ob ich ihm Ihre Diamanten empfehlen kann.«
»Das können Sie.«
»So sagt ein jeder Verkäufer.«
»Aber es ist wahr.«
»Möglich! Aber wenn ich wirklich für Sie eintreten soll, muß ich Gewißheit haben.«
»Mein Wort ist genug!«
»O nein.«
»Sie trauen mir nicht?«
»Ich traue Ihnen. Aber habe ich mich nicht auch Ihnen gegenüber legitimiren müssen?«
»Das war etwas Anderes.«
»Gar nichts Anderes. Noch weiß ich gar nicht gewiß, ob Sie auch Diamanten besitzen.«
»Ich sage es ja!«
»Das gilt nichts.«
»Der Baron hat es Ihnen erzählt!«
»Auch das gilt nichts. Sie können sie indessen verkauft haben. Und wenn Sie wirklich welche haben, so weiß Gott, welch Zeug es ist.«
»Es sind prachtvolle Steine.«
»Sehen müßte ich sie.«
»Sehen?« rief der Jude erschrocken.
»Natürlich!«
»Das geht nicht an.«
»Warum nicht?«
»Weil – weil – ich kann sie nicht zeigen.«
»Sie müssen sie doch dem Käufer zeigen!«
»Das ist etwas ganz Anderes!«
»Nein. Ich soll den Unterhändler machen; also muß ich auch sehen, was ich empfehle.«
»Nein. Sie können nicht verlangen, daß ich Ihnen meine großen Schätze zeige!«
»Nun gut! So sehen wir von dem ganzen Geschäft lieber ab. Gute Nacht!«
Er griff wieder zu seinem Hute.
»Halt! Nehmen Sie Verstand an!«
»Den habe ich bereits. Wollen Sie?«
»Es ist unmöglich.«
»So verkaufen Sie Ihre Sachen an die Polizei! Da brauchen Sie keinen Unterhändler.«
Er schritt nach der Thür.
»Gott der Gerechte! So warten Sie doch!«
»Wozu?«
»Sind Sie ein schlimmer Mensch! Ich kann Ihnen doch nicht zeigen mein Versteck!«
»Das will ich ja gar nicht sehen.«
»Und doch!«
»Nein, nicht das Versteck, sondern die Diamanten.«
»Das Eine können Sie doch nicht sehen ohne das Andere.«
»Warum nicht? Nehmen Sie sie heraus!«
»Sie stehen doch dabei.«
»So thun Sie mich einstweilen fort!«
Das leuchtete dem Juden ein.
»Hm!« brummte er. »Wenn ich nur wirklich wüßte, ob der Mann wird kaufen!«
»Wenn Sie preiswerthe Sachen haben, kauft er ganz gewiß.«
»Hm! Hm! Und Sie werden nie Etwas verrathen?«
»Im ganzen Leben nicht.«
»Gut, so werde ich Ihnen zeigen die Sachen.«
»Endlich! So bereitwillig konnten Sie gleich erst sein; dann hätten wir nicht so viel Zeit eingebüßt.«
»Wir haben auch jetzt noch Zeit. Aber wie mache ich diese Sache? Hm, hm! Fürchten Sie sich?«
»Vor wem denn?«
»Des Nachts, wenn wir im Finstern sind?«
»Fällt mir nicht ein!«
»So werden Sie haben die Güte, einstweilen zu gehen hinaus in den Hof.«
»Sehr gern.«
»Ich werde Ihnen geben einen Stuhl, damit Sie können sich bequem setzen.«
»Sehr freundlich!«
»Sie werden aber sich verhalten sehr ruhig!«
»Ja. Ich werde weder singen noch pfeifen.«
»So kommen Sie!«
Er nahm denselbigen Schlüssel vom Nagel, den der Sepp vorher hingehängt hatte, und öffnete die Thür. Dann warf er eine Menge altes Zeug von einem Stuhle herab, trug denselben hinaus in den Hof und sagte:
»Hier können Sie sitzen, bis ich Sie werd lassen wieder herein zu mir.«
Der Sepp setzte sich willig nieder. Der Jude kehrte in die Niederlage zurück und schloß die Thür hinter sich zu, um ja nicht von ihm überrascht werden zu können.
Im Nu war der Alte beim Laden. Er bemerkte eine Stelle, durch welche das Licht fiel. Es war ein Astloch.
»Sakkerment!« brummte er vergnügt. »Da kann ich das ganze Loch überblicken. Wie dumm so ein Jud doch ist! Nun mag er sein Versteck aufmachen!«
Er konnte wirklich durch das Loch den ganzen Raum übersehen. Er paßte also auf.
Baruch Abraham ergriff eine alte Holzstellage, welche voller verkäuflicher Kleider hing und dicht an der Wand stand, und schob sie fort. Hinter ihr kam die nackte Mauer zum Vorscheine.
»Sollte dort eine Thür sein?« fragte sich Sepp.
Aber es war keine Spur von einer solchen zu sehen. Das Einzige, was man erblickte, war ein großer, eiserner Haken, zum Aufhängen von Gegenständen in die Wand geschlagen, wie es schien.
Aber er hatte doch einen andern Zweck, wie sich sogleich zeigte. Der Jude ergriff den gebogenen Haken und drehte. Sofort öffnete sich die Mauer. Es kam eine Thür zum Vorscheine.
Dieselbe bestand jenenfalls aus Holz und war so mit Lehm und Kalk bestrichen, daß man sie von ihrer Umgebung gar nicht unterscheiden konnte.
Nun brachte der Jude aus dem hinter dieser Thür befindlichen Raume allerhand Gegenstände zum Vorschein – Kisten, Schachteln und ähnliche Behältnisse, welche er in die Mitte des Gewölbes stellte. Dann machte er die Thür wieder zu und schob die Kleiderstellage an ihren Ort zurück.
»Jetzund wird er mich holen,« dachte Sepp.
Aber er irrte sich abermals. Der Jude setzte sich auf den bereits erwähnten Papierballen und blieb da eine ganze Weile ruhig sitzen.
»Ah, jetzt weiß ich schon, warum!« brummte Sepp. »Ich soll denken, er hat die Sachen weit her geholt. Ich soll nicht auf den Gedanken kommen, daß sie so nah gewest sind. Na, meinswegen!«
Er kehrte auf seinen Stuhl zurück und wartete. Erst nach einiger Zeit öffnete der Jude die Thür.
»Kommen Sie herein!« sagte er.
»Es hat sehr lange gedauert.«
»Ich mußte die Sachen erst vom Boden herabholen.«
»Das hab ich mir gedacht.«
»Nun sollen Sie Alles sehen.«
Er öffnete die sämmtlichen Behältnisse, und der erstaunte Alte erblickte nun einen wahren Reichthum von goldenen und silbernen Gefäßen und kostbaren Schmucksachen. Er war wie geblendet.
»Nun?« fragte der Jude, dessen Augen glühten wie die Diamanten vor ihm.
»Herrlich!«
»Nicht wahr? Können Sie das empfehlen?«
»Versteht sich, versteht sich!«
»Und Sie sind gestellt zufrieden?«
»Vollständig. Wie viele Diebe haben das zusammengestohlen?«
»Nur einer.«
»Der Baron?«
»Ja.«
»Donnerwetter! Daß er gar so ein Hauptkerl sei, habe ich doch nicht gedacht.«
»O, er ist Millionen werth. Warum soll ich mich da noch mit Andern abgeben!«
»Freilich. Je mehr Diebe, desto gefährlicher ist es für den Hehler.«
»Da haben Sie Recht. Darum hab ich stets nur auf den Baron gehalten.«
»Wollen Sie nur die Geschmeidestücke verkaufen oder Alles?«
»Alles natürlich.«
»Für wieviel?«
»Taxiren Sie?«
»Fünfzigtausend Gulden.«
Da lachte der Jude laut auf, zog ein Armband aus einem Etui, ließ die Diamanten im Lichte der Lampe spielen und sagte:
»So viel ist dies allein werth.«
»Ja, für den Kenner!«
»Der Herr wird wohl Kenner sein!«
»Gewiß. Aber dem Hehler zahlt man nicht so viel.«
»Das weiß ich. Man pflegt ihm den dritten Theil des Werthes zu geben.«
»Also siebzehntausend?«
»Ja.«
»Und wieviel haben Sie gegeben!«
»Zehntausend.«
»Lügner!«
»Bei Gott!« betheuerte der Jude.
»Zehntausend. Lächerlich! Wenn Sie fünfhundert Gulden gegeben haben, ist es viel.«
»Glauben Sie es oder nicht, das ist egal. Was ich gegeben habe, das kommt nicht in Betracht. Hier handelt es sich nur darum, was ich verlange.«
»Nun gut, so will ich nach der Gesammtsumme nicht fragen. Das ist Sache des Käufers.«
»Gewiß. Bringen Sie ihn, und sagen Sie ihm aber, daß ich nur gegen bares Geld verkaufe.«
»Ganz recht.«
»So sind wir also fertig?«
»Mit dieser Angelegenheit, ja.«
»Giebt es noch eine andere?«
»Ja, wie ich Ihnen bereits sagte. Brauchen Sie wieder Mädchens?« »Ja. Wie viel haben Sie?«
»Gegen vierzig.«
»Ah! Wenn sie hier wären!«
»Sie können ja schnell kommen.«
»Sie kommen doch zu spät.«
»Warum?«
»Weil das Schiff fort ist.«
Sepp wußte gar wohl, daß dies eine Lüge war. Er ersah aus dieser Antwort, daß der Jude ihm doch nicht recht traute.
»Das ist schade!«
»Ja. Jetzt kann ich sie also nicht gebrauchen.«
»Aber Sie haben sie bestellt!«
»Das ist wahr, doch sind sie nicht gekommen. Hier kann ich sie nicht aufheben. Sie müssen in Wien bleiben.«
»Das geht nicht an.«
»Warum nicht?«
»Es ist zu gefährlich. Wo bewahrt man vierzig Mädchen auf, ohne daß die Wiener Polizei sie entdeckt?«
»So geben Sie sie frei.«
»Dann verrathen sie Alles und das schöne Geld ist verloren.«
»Das ist freilich wahr; aber ich kann Ihnen leider nicht helfen.«
»O, Sie könnten helfen.«
»Unmöglich!«
»Wenn Sie nur wollten!«
»Nein, beim besten Willen nicht.«
»Sie könnten sie hier eher unterbringen als wie in dem gefährlichen Wien.«
»Wo denn?«
»In der Höhle.«
»Donnerwetter! Was wissen Sie von der Höhle?«
»Der Baron sprach davon.«
»Hat er sie Ihnen beschrieben?«
»Nein.«
»Das könnte ich ihm auch nicht vergeben.«
»Oho! Halten Sie mich für einen Verräther?«
»Nein; aber es giebt Sachen, von welchen, man nur zu sich selbst spricht.«
»Ich sehe, daß wir nicht zusammenpassen.«
»O doch! Wir müssen uns nur erst länger kennen.«
»Hole Sie der Teufel! Haben Sie die Absicht, den Mädchenhandel fortzuführen?«
»Wenn ich jetzt gut davonkomme, ja.«
»Aber der Baron kann Ihnen keine mehr liefern.«
»Ich finde andere Lieferanten.«
»Zum Beispiel mich!«
»Schön!«
»Sind Sie bereit, zu mir in eine solche Beziehung zu treten?«
»Ganz gern.«
»So müssen Sie auch Vertrauen fassen!«
»Das werde ich.«
»Warum wollen Sie mir also verschweigen, wo die Höhle ist?«
»Bringen Sie mir erst eine Ladung junger Mädchens; dann sollen Sie sie sehen.«
»Diese Ladung steht ja bereit.«
»Jetzt brauche ich sie nicht.«
»Sakkerment! Haben Sie einen harten Kopf. Ich könnte mich darüber ärgern.«
»Das ist kein Grund zum Aerger.«
»Ganz gewiß ist's einer. Aber ich will mich beruhigen. Sind wirklich die zuletzt angekommenen Mädchens bereits auf der See?«
»Ja.«
»Schade, jammerschade!«
»Warum?«
»Weil ich eins dieser Mädchen gern zurückhaben wollte.«
»Es wird niemals Eine zurückgegeben.«
»Auch wenn sie gut bezahlt wird?«
»Ja, dann vielleicht.«
»Nun, ich hätte gut bezahlt.«
»So! Welche war es denn?«
»Ich weiß nicht, ob Sie sich der Namen besinnen können.«
»Ich kenne jeden Namen.«
»Ist Ihnen der Name Kellermann bekannt?«
»Ja.«
»Auch das Mädchen?«
»Sogar sehr genau. Ihr Vorname war Paula.«
»Das stimmt.«
»Sie war eine Müllerstochter?«
»Auch das ist richtig.«
»Was ist mit ihr?«
»Ihre Anverwandten trauern um sie.«
»Das geht mich nichts an.«
»Sie würden gern zweihundert Gulden zahlen.«
»Und wenn Sie Tausend bieten, so ist's vergeblich. Sie ist fort.«
»O weh! So war auch das umsonst. Aber ich will dennoch als Freund an Ihnen handeln und Sie warnen.«
»Vor wem?«
»Vor der Polizei.«
»Das thaten Sie schon.«
»Aber aus einem anderen Grunde.«
»So? Giebt's noch einen andern?«
»Gewiß. Es ist ein Maler hier, ein gewisser – gewisser – hm, Ventevaglio.«
»Donnerwetter!« rief der Jude.
»Kennen Sie ihn?«
»Nein.«
»Sie erschraken doch!«
»O gewiß nicht.«
»So täuschte ich mich. Dieser Maler hat Petro, seinen Lieblingsschüler mit.«
»Was gehen mich diese Kerls an! Ich kenne sie ja gar nicht.«
»Sie suchen ein Mädchen. Namens Anita.«
»Mögen Sie sie finden!«
»Sie wollen sie finden und zwar hier bei Ihnen.«
»Hole sie der Teufel!«
»Sie umschleichen Ihr Haus.«
»Woher wissen Sie das?«
»Ich erfuhr es.«
»Von wem denn?«
»Von ihnen. Ich traf sie in der Restauration.«
»Und haben mit Ihnen gesprochen?«
»Ja. Sie erzählten mir, daß diese Anita ihnen entflohen sei.«
»Was geht das mich an?«
»Sie sollen das Mädchen bei sich haben.«
»Das ist eine Lüge.«
»Hm! Man sagt es aber und darum wollten die beiden Maler morgen bei Ihnen aussuchen lassen.«
»Man mag kommen.«
»So ist diese Anita also auch schon auf der See?«
»Nein. Ich kenne sie gar nicht.«
»Sakkerment, ist Ihr Kopf hart! Man hat sie doch bei Ihnen im Hofe gesehen!«
»Das ist nicht wahr. Die Mauer ist hoch.«
»Aber das Schlüsselloch in der Pforte ist tief.«
»Gerechter Abraham! Kann man denn da hindurchblicken?«
»Natürlich!«
»Und wer hat hindurchgeschaut?«
»Die beiden Maler. Sie haben das Mädchen auf dem Söller stehen sehen.«
»Unmöglich!«
»Pah! Ich sage es Ihnen ja.«
»Sie haben sich geirrt!«
»Der Maler wird doch seine Nichte kennen!«
»Es ist aber doch nicht wahr!«
»O, sie wissen sogar, daß sie Prügel bekommt, weil sie Ihnen widerstrebt.« »Das ist eine gewaltige Lüge!«
»Gut für Sie, wenn es so ist. Das Mädchen soll da oben stecken, links vom Söllereingang.«
Der Jude begann zu husten.
»Ich sage Ihnen, Herr, daß dies ein Roman ist, den man sich hat ausgesonnen.«
»Das will ich wünschen um Ihretwillen. Halten Sie das Mädchen fest, wenn sie bei Ihnen ist. Man will sie haben. Und nun sind wir endlich fertig.«
»Gute Nacht, Herr!«
Sie gaben sich die Hand und dann ließ der Jude den Sepp hinaus auf die Gasse.
»Dich hab' ich halt fest, alter Spitzbub!« sagte der Sepp für sich hin, als er in das Seitengäßchen einbog. »Dir werd' ich die Diamanten abkaufen!«
An dem betreffenden Gartenzaune angekommen, ließ er ein halblautes »Pst!« hören und sogleich kamen die beiden jungen Freunde mit Anita herbei.
»Bist lange gewesen, sehr lange!« sagte Max.
»Hab' nicht dafür könnt. Es ist nicht möglich gewest, eher fertig zu werden. Wie steht's denn mit dem guten Dirndl? Hat's die Kleidern an'than?«
»Ja. Treten Sie näher, Fräulein! Hier ist unser lieber Freund, welcher uns bei Ihrer Befreiung unterstützt hat und Sie nun unter seinem Schutz halten will!«
Sie hielt dem Sepp ihre Hand entgegen und wollte in einen Dankeserguß ausbrechen. Der Alte aber fiel ihr, indem er ihr die Hand herzlich schüttelte, in die Rede:
»Seien's still, liebes Kind. Sie haben für gar nix zu danken. Wann's ein klein Wenig freundlich zu mir sind, so bin ich belohnt genug. Kennen's denn auch bereits meinen Namen?«
»Wir haben noch nicht von ihm gesprochen.«
»Das ist gut. Ich bin nämlich dera Hauptmann Josef von Brendel aus München in Bayern und Sie sind meine Enkeltöchtern, wann Jemand Sie fragen sollt.«
»Herr Hauptmann, Sie sind –«
»Pst! Nicht so! Sie haben nur Großvater zu mir zu sagen und wann's gar nobel sein wollen, so sagen's Großpapa, auch wann wir allein mit n'ander sind. Wollen's?«
»Wie gern!«
»Und auch Du mußt' mich nennen, nicht Sie. Wollen's doch gleich 'mal versuchen. Sag' mal, Anita, willst' mich alten Kerlen ein Bisle lieb haben?«
»Ich habe Dich schon jetzt lieb, Großpapa!«
»Herrlich! So hat dera alte Knaxer auf einmal gar eine lieb' gute Enkelin erhalten. Sollst's gut haben bei mir. Jetzt gieb mir Dein Patscherl! Ich werd Dich führen. Die Buben mögen hinterher kommen.«
Er ergriff ihre Hand und führte sie fort. Als sie eine größere Straße erreichten, in welcher Lampen brannten, überflog er ihre Gestalt mit prüfendem Blicke.
»Die Kleider passen gut,« sagte er befriedigt. »Jetzund werden's im Hotel keine Ahnung haben, daß meine Enkelin einem Juden ausgerissen ist. Aberst so dürfen wir nicht kommen, sondern wir müssen's vornehmer machen.«
Er schritt auf einen an der Ecke haltenden Fiaker zu und stieg ein, mit ihm natürlich die andern Drei.
Als sie dann am Hotel vorfuhren, waren die Fenster desselben erleuchtet. Der Portier kam herbeigesprungen, um beim Aussteigen behilflich zu sein.
Die vier Leute begaben sich nach Sepps Zimmer, an welches dasjenige Anita's stieß. An beide stießen Schlafkabinets. Er zeigte dem Mädchen die auf dem Tische noch eingepackt liegenden Kleidungs- und Wäschestücke und erklärte:
»Da hast' noch, wast' weiter brauchst. Wann ich jetzt wieder fort bin, kannst' Dich anziehen. Aberst' nun möcht' ich auch gern 'mal Dein Gesichtle sehen. Willst's Deinem Großvater zeigen?«
Sie nahm den Schleier ab. Er sah ihr schönes, vor Verlegenheit erglühendes Gesicht und sagte:
»Sapperment, hab' ich eine hübsche Enkelin! Da kann ich. sein stolz sein. Na, grüß Dich Gott, lieb's Dirndl. Wollen gute Freundschaft halten. Nicht wahr?«
»Ja,« hauchte sie, indem er sie leise an sich zog und sie auf die Stirn küßte.
Sie fühlte, daß sie den alten Mann schon jetzt so lieb habe, als ob er wirklich ihr Verwandter sei.
Da er vom Fortgehen gesprochen hatte, fragte Max:
»Du sagst, daß't nicht dableiben willst. Ist's wahr?«
»Ja. Und Du sollst mit.«
»Wohin?«
»Auf eine Entdeckungsreise. Ich werd's Dir unterwegs erzählen.«
»Also soll Anita allein hier sein?«
»Nein, Johannes bleibt bei ihr, bis wir wiederkommen. Ich denk', da wird ihnen die Zeit nicht lang werden. Wann Anita den Regenmantel ablegt und das Kleid an'zogen hat, mag er ein Nachtmahl für sich und sie herauf in's Zimmer bestellen. Um welche Zeit wir wiederkommen, daß weiß ich nicht, aber vor Morgens jedenfalls.«
»Und so lange soll ich hier warten?« fragte Hanns.
»Ja. Thust's etwan nicht gern?«
»Zu gern,« antwortete er, indem seine Augen glücklich aufleuchteten.
»Kann mir's denken. Aber weißt, was für ein Vertrauen es ist, daß ich Dich mit meinem Töchterle so allein laß', in dera Stuben und bei Nacht! Ich hoff', daßt ein braver Kavalier sein wirst!«
»Sepp!«
»Schon gut. Ich thät gern noch ein Wengerl dableiben, aberst es giebt keine Zeit dazu. Gehabt Euch also wohl!«
Er verabschiedete sich ebenso wie der ihn begleitende Max mit freundlichen Händedrücken von den beiden jungen Leuten. Unten im Flur trat er in die Loge des Portiers.
»Können Sie mir sofort eine Depesche besorgen?« fragte er.
»Augenblicklich, Herr Hauptmann.«
Der Portier legte ihm ein Formular vor und der Sepp füllte es aus. Es war an den Fex nach Wien, im Hause der Frau Salzmann, adressirt und lautete:
»Komm schleunigst mit dem Eilzuge 3 Uhr 30 Minuten nach Triest, Hotel Europa. Mußt unbedingt die Silbermartha mitbringen. Erwarte Euch ganz gewiß!
Hauptmann Josef von Brendel.«
Nachdem er diese Depesche zur schleunigen Besorgung übergeben hatte, entfernte er sich mit Max, welcher von dem Inhalte des Telegramms keine Ahnung hatte.
Droben aber standen Johannes und Anita einander gegenüber und blickten sich in die Augen.
»Jetzt nun erst können wir sagen, daß es gelungen ist,« meinte er. »Sie sind in Sicherheit, liebe Anita.«
»Ist das wahr?«
»Ja.«
»Aber Baruch Abraham wird nach mir forschen lassen. Wenn ich nun hier entdeckt werde.«
»Niemand wird Sie entdecken, und selbst wenn dies der Fall wäre, genügt der Schutz unseres alten Freundes vollständig.«
»Er ist ein lieber, guter Herr.«
»Ja, das ist er, ganz gewiß.«
»Aber es ist doch eigenthümlich, daß Sie ihn Sepp nennen und daß er so –«
»Lassen wir das jetzt,« fiel er ihr in die Rede. »Sie werden sich bald klar darüber werden. Jetzt ist die Hauptsache, daß Sie sich einkleiden. Sehen Sie sich die Sachen an!«
Er öffnete das Packet. Anita war ganz entzückt von dem Inhalte desselben.
»Aber das kostet doch viel, viel Geld!« sagte sie, die Händchen zusammenschlagend. »Wer hat das bezahlt?«
»Der Hauptmann.«
»Wie soll ich ihm das wieder erstatten?«
»Darüber sprechen wir später. Gehen Sie jetzt damit in Ihr Zimmer und legen sie das Notwendige an. Sie können nicht im Regenmantel da sein, wenn der Kellner zum Serviren kommt. Ich gehe, das Nachtmahl für uns zu bestellen.«
»Aber ich habe keinen Hunger!« lächelte sie.
»Ich auch nicht,« stimmte er lustig ein. »Aber der Hauptmann will es einmal so und da müssen wir ihm gehorchen. Er duldet keinen Ungehorsam.«
Er verließ das Zimmer. Als er es dann wieder betrat, war es leer; aber er hörte, daß Anita sich in dem ihrigen befand.
Nach einiger Zeit öffnete sie ihre Thür ein Wenig und fragte:
»Darf ich kommen?«
»Ja, bitte!«
Als sie nun langsam hereintrat, glich ihr Gesicht demjenigen eines glücklichen Kindes, welches zu Weihnachten der Gespielin die empfangenen Gaben zeigt. Sie hatte noch niemals eine gute Kleidung getragen und kam sich als ein ganz anderes, viel höheres Wesen vor.
Sie blickte Johannes verlegen in die Augen, um zu sehen, was für ein Urtheil er über sie fälle.
»Anita,« sagte er, die Hände zusammenschlagend. »Es ist ja eine förmliche und wirkliche Dame aus Ihnen geworden!«
»Ist's wahr?«
»Ja. Sie sehen vornehm aus, sehr vornehm und elegant.«
Sie machte einige kleine Schwenkungen vor dem Spiegel und sagte dann:
»Aber vornehm will ich nicht aussehen.«
»Warum nicht?«
»Weil ich nicht weiß, ob Ihnen das gefällt. Lieber möchte ich – möchte ich –«
Sie hielt erröthend inne.
»Was möchten Sie? Sagen Sie es.«
»Ich kann nicht.«
»O, ich weiß es. Sie möchten viel lieber hübsch sein als vornehm. Nicht?«
Sie nickte ihm mit strahlendem Gesichte zu.
»Nun, da haben Sie keine Sorge. Sie sind hübsch, außerordentlich hübsch.«
»Also gefalle ich Ihnen?«
»Und wie sehr!«
»Das ist die Hauptsache. Da bin ich befriedigt. Darf ich mich setzen?«
»Natürlich.«
»Wohin? Ich bin noch niemals in so einem feinen Zimmer gewesen.«
»Auf das Sopha natürlich. Der Dame gehört stets der allerbeste Platz.«
Es war nun wirklich nett, zu sehen, wie sie sich bemühte, sich beim Niedersetzen den Anstrich einer vornehmen Dame zu geben. Hanns bemerkte es mit heimlichem Entzücken. Dieses Mädchen besaß eine natürliche Anmuth und eine geistige Begabung, welche für die Zukunft die besten Aussichten ließ.
»So! Sitze ich recht?« fragte sie.
»Vortrefflich. Wenn der Kellner kommt, wird er meinen, Sie seien in einer feinen Pension erzogen worden.«
»Mein Gott! Meine Pension bestand in einem leeren Ziegenstalle, in welchem ich schlafen mußte, in trockenem Brode und in Schlägen, welche ich so oft bekam.«
»Arme Anita!«
»Ja, arm war ich, sehr arm.«
»Ihr Vater war todt und die Mutter lebte wohl auch nicht mehr?«
»Sie war bereits bei meiner Geburt gestorben. Mein Vater hatte kein Auge für mich. Er liebte nur die Kunst. Der Oheim sollte mich erziehen, aber diese Erziehung bestand nur in Grausamkeit und Schlägen. Und als Vater dann auch starb, wurde es noch viel trauriger.«
»War Ihr Vater sehr arm?«
»Er verdiente viel Geld, aber er lebte so, als ob er gar nichts besitze.«
»Und wo ist sein Geld hingekommen?«
»Der Oheim hat es genommen.«
»Er soll es wieder herausgeben.«
»Kann man ihn dazu zwingen?«
»Gewiß.«
»Er wird nicht viel mehr haben und was er noch davon besitzt, sollte Petro bekommen, wenn ich seine Frau würde.«
»Ein schöner Plan! Diesen Lieblingsschüler Petro sollten Sie lieben können? Unmöglich!«
»Lieblingsschüler?« fragte sie erstaunt. »Ist er Ihnen denn bekannt?«
»Ja, wir haben heut mit ihm gesprochen.«
»Heut? Etwa hier in Triest.«
»Ja. Die Beiden sind da, um Sie zu suchen.«
»Heilige Madonna! Welch ein Schreck!«
»Sie brauchen nicht zu erschrecken.«
»O doch! Wenn sie nun hierher kommen!«
»Das fällt ihnen gar nicht ein. In so ein feines Hotel getrauen sie sich gar nicht.«
»Aber wenn sie dennoch kämen!«
»So würde der Hauptmann ihnen schön heimleuchten. Darauf können Sie sich verlassen.«
»Es ist mir entsetzlich angst!«
»Beruhigen Sie sich! Es wird Ihnen kein Mensch ein Haar krümmen dürfen.«
»Verlassen Sie mich nicht, Johannes! Gehen Sie ja nicht fort von mir!«
»Ich bleibe bei Ihnen. Sie werden mit uns reisen und später bei meinen Eltern wohnen.«
»Wirklich, wirklich? Ists wahr?«
»Gewiß. Ich verspreche es Ihnen, und ich halte mein Wort.«
»Ihre Eltern wohnen in Deutschland?«
»Ja, in Bayern. Sie haben eine Mühle und sind gar liebe und brave Leute.«
»Das glaube ich so gern, so gern. Und Sie sind also ein Künstler?« »Ein Maler wie Ihr Vater.«
»Wie schön das ist! Und Ihr Freund?«
»Der ist gar ein Dichter. Sie sehen also, daß Sie sich bei passablen Leuten befinden. Es darf Ihnen um Ihre Zukunft gar nicht bange sein.«
»O, wenn ich nur nicht zu dem Juden oder zum Oheim zurück muß, so bin ich zufrieden. Und wenn ich gar mit Ihnen nach Deutschland darf, so ist mein Glück gar vollständig.«
»Vielleicht suche ich Ihren Oheim auf.«
»O nein! Thun Sie das nicht!«
»Warum nicht?«
»Er würde mich zurückverlangen.«
»Wir würden ihn auslachen. Er hat alle Ihre Papiere, deren Sie später bedürfen. Er muß sie herausgeben. Aber ich will Sie nicht beängstigen. Der Hauptmann soll bestimmen, was wir thun werden.«
Jetzt kam der Kellner, um zu decken. Anita verhielt sich schweigsam dabei. Sie war bemüht, keinen Fehler zu machen.
Da Hanns sich allein mit ihr befand, so fragte er in richtigem Taktgefühle:
»Wie lange ist des Nachts Ihr Thor geöffnet? Mein Onkel, der Hauptmann, wird wohl spät zurückkehren.«
»Wir haben die ganze Nacht hindurch offen, da immerfort Züge kommen.«
Jetzt mußte der Kellner denken, daß die Beiden nahe verwandt seien. Ihrem Beisammensein war also jede üble Deutung genommen.
Dann saßen sie einander gegenüber, um zu essen. Anita beobachtete jede Bewegung ihres Freundes, um es ihm gleich zu thun und ja keinen Verstoß zu begehen.
Und nach Tische, als abgeräumt worden war, gab es so sehr viel zu erzählen, daß ihnen die Zeit wie im Fluge entschwand.
Dabei war keineswegs die Rede von Liebe oder Aehnlichen. Diese zwei jungen Seelen waren so rein und unbefangen, daß sie gar nicht an die Ausdrücke ihrer Empfindungen dachten.
Daß sie sich lieb hatten, das wußten sie, das sahen sie. Die leuchtenden Augen verriethen es. Es zu sagen, das war unnöthig.
So verging die Zeit, ohne daß es ihnen einfiel, sich nach der Rückkehr des Sepp zu sehnen.
Dieser hatte mit Max die Richtung nach der Gegend eingeschlagen, in welcher der Jude wohnte.
»Wem hast denn eigentlich depeschirt?« fragte Max, um die Stille zu unterbrechen.
»Einer guten Freundin von Dir.«
»Wohl in dera Heimath?«
»Ja, in Hohenwald.«
»Wer könnt das sein?«
»Erräthst es nicht?«
»Nein.«
»So will ichs Dir sagen. Die Depesche geht zur alten Barbara beim Müllerhelm.«
»Was hast denn der zu telegraphiren?«
»Kannst Dich noch an den alten Esel erinnern, der in dera Mühlen war?«
»Ja; er hieß Peter.«
»Richtig! Da hab ich der Barbara telegraphirt, sie soll den Peter fragen, wie seine erste Frau geheißen hat.«
»Sepp, Dich frag ich nicht wieder!«
»Daran thust halt sehr klug. Man soll sich nicht um Dinge bekümmern, welche Einem nix angehen.«
»Ich hab denkt, es betrifft den Juden.«
»Da hast nicht schlecht gerathen. Erfahren wirsts morgen auch zeitig genug!«
»Und wo führst Du mich jetzt hin?«
»Auch zum Juden.«
»Was willst denn dort?«
»Das werd ich Dir schon sagen. Hast Dir den Kerl anschaut, zu dem sich dera Jud in der Weinstub setzen that?«
»Ja.«
»Wie gefällt er Dir?«
»Er sah aus wie ein Strolch.«
»Das ist er auch. Er ist dera Verbündete von Baruch Abraham.«
»Hab mir so was denkt.«
»Er kommt jetzt um zwei Uhr mit seinem Bruder, um die Dirndler abzuholen und nach dera Höhlen zu bringen, von welcher Anita zu Hanns geredet hat.«
Er erzählte nun das Gespräch, welches er belauscht hatte. Als er damit fertig war, erkundigte sich Max:
»Und da willst die Brüder Petruccio hier ablauern?«
»Ja.«
»Warum denn?«
»Weil ich wissen muß, wo die Höhlen liegt.«
»Das geht Dich doch gar nix an.«
»Oho!«
»Dich? Was hast denn für eine Interessen bei dieser Angelegenheit?«
»Eine sehr große. Auch wenn alle die Dirndln, welche nach Amerika verkauft werden sollen, mir fremd wären, so würde es doch meine Pflicht sein, sie zu retten und den Juden und seine Helfershelfer bestrafen zu lassen. Meinst nicht?«
»Ja. Zumal der Capitän ein Franzose ist. Dem muß man einen Strich durch die Rechnung machen.«
»Einen sehr dicken Strich sogar!«
»Aber wie es scheint hast auch noch einen besonderen Grund, Dich um die Sach zu kümmern?«
»Ja. Es ist natürlich ein Dirndl dabei, welches ich kennen thu.«
»Eine Deutsche?«
»Eine Bayerin sogar.«
»Wirklich? Kenn ich sie etwa auch?«
»Sehr gut, sehr gut.«
»Herrgottle! Wer ists denn?«
»Eine Verschollene aus Scheibenbad.«
»Etwa dem Fex seine Geliebte?«
»Ja.«
»Die Paula, die Paula!«
»Ganz diejenige ists!«
»Welch ein Zufall! Weißts denn gewiß?«
»Ich habs schon in Wien wußt, daß sie verkauft worden ist, aber wohin, das konnt ich nicht derfahren. Hier nun hört ich den Juden mit Petruccio von ihr reden.«
»So ist sie wohl mit auf dera Insel?«
»Freilich.«
»Mein Himmel! Und morgen sollen alle diese Mädchens auf das Schiff! So weit dürfen wir es nicht kommen lassen!«
»Nein. Darum muß ich unbedingt derfahren, wo sich die Insel befindet.«
»Jetzt verstehe ich Dich. Die beiden Italiener kommen jetzt zum Juden, um Anita und die Anderen abzuholen. Sie sollen dieselben nach dera Insel bringen. Wir schleichen ihnen nach.«
»Aber bis zur Insel können wir nicht mit!«
»So sehen wir wenigstens, wo sie in das Boot steigen und können uns denken, daß sie in dera Nähe liegt. Dann rudern wir am Morgen hin und untersuchen sie.«
»Richtig, richtig! Wenn dera Fex wüßt, in welcher Gefahr sich seine Paula befindet.«
»Er ahnt nix; aber er soll uns doch helfen, sie zu retten.«
»Er ist doch nicht da!«
»Aber er kommt.«
»Du hast doch sagt, er sei in Wien, und wir würden ihn dort treffen!«
»Hast meine Depesch vergessen?«
»Ah – die war an ihn?«
»Ja. Er wird sie grad noch zur richtigen Zeit erhalten, um mit dem Eilzuge abfahren zu können.«
»Der kommt um zehn Uhr hier an. Das ist herrlich! Ich hol ihn am Bahnhofe ab.«
»Das magst thun, wannst Zeit dazu hast.«
»Sollt ich keine haben?«
»Vielleicht hast wegen dera Insel mehr zu thun. Aber wannst ihn abholen kannst, so verschweig ihm nur, daß es sich um die Paula handelt. Er soll überrascht werden.«
»Schön! Ich werds also verschweigen.«
Er ahnte nicht, daß es auch ihm gegenüber in Beziehung auf die Depesche ein Geheimniß gab, daß diese ihm die verlorene Geliebte herbeiführen solle.
Jetzt waren sie in das enge Gäßchen gelangt, an welches die Hofmauer des Juden stieß.
»Wo aber uns verstecken?« fragte Max.
»Zunächst müssen wir schauen, ob bereits Jemand da ist.«
»Es ist noch nicht zwei Uhr.«
»Wenn auch. Sodann wissen wir nicht, von welcher Seit die Italiener kommen und nach welcher sie gehen. Und doch müssen wir das genau derfahren. Das ist schwer.«
»Da giebts halt nur Eins, was wir thun können.«
»Was denn?«
»Wir steigen auf die Mauer gegenüber.«
»Das wär schon sehr gut; aberst sie ist zu hoch.«
»O, da giebts ein Mittel. Weißt, als wir die Anita in den Garten brachten, da hab ich mich in demselbigen umgeschaut und bemerkt, daß eine Leiter an dem Baum lehnte. Die holen wir. Es ist ja gleich daneben.«
»Schön! Geh Du nach dem Garten, und ich werd schauen, ob die Luft rein ist.«
Sie trennten sich; aber schon bald kam Sepp und meldete, daß der Weg noch frei sei.
Das Gäßchen war sehr eng. Der Hofmauer des Juden, durch welche die Pforte mündete, lag eine zweite Mauer gegenüber, welche noch höher als die erstere war. Da hinauf wollten Sepp und Max steigen.
Sie schafften die Leiter herbei, lehnten sie an und stiegen hinauf. Dann zogen sie diese empor und ließen sie jenseits so nieder, daß sie selbige erlangen konnten. In dem Gäßchen durfte die Leiter natürlich nicht angelehnt bleiben, weil sie sonst bemerkt worden wäre.
Jetzt also befanden sie sich da oben. Sie saßen mit den Gesichtern einander zugekehrt.
»Du,« meinte der Sepp, »dieser Platz ist ausgezeichnet. Wann es nicht so finster wär, so könnt man den Hof des Juden ganz überschauen.«
»Vielleicht wird nachher eine Latern angebrannt.«
»Das war gut. Da könnten wir Alles genau beobachten.«
»Aberst auch wir können gesehen werden.«
»Wann Jemand da unten an der Pforte des Juden steht und gegen den Himmel schaut, so muß er uns trotz dera Dunkelheit bemerken.«
»Da hast Recht. Daran hab ich gar nicht denkt. Wir dürfen nicht sitzen, sondern wir müssen uns legen.«
»Lang ausgestreckt und mit den Köpfen gegen einander, damit wir reden können.«
»Ja, mach also!«
Sie streckten sich lang auf der Mauer aus und warteten nun still ab, was da kommen werde. Max ließ seine Uhr repetiren. Sie gab drei Viertel an.
Nach einer Weile stieß der Sepp seinen Kameraden an und flüsterte:
»Schau! Da kommt eine Latern!«
Die Thür, hinter welcher heut Anita gestanden hatte, als der Jude sie schlug, wurde geöffnet, und es erschien eine Gestalt im Hofe, welche eine Laterne trug.
»Kannsts sehen, wer es ist?« fragte Sepp.
»Nein. Aber ein Weibsbild ists. Das sieht man am Rock, dens anhat.«
»So ists die alte Sarah.«
Die beiden Lauscher sahen, daß die Jüdin die Söllertreppe emporstieg, auf dem Söller hinging und dann in dem Eingange verschwand, in welchen die beiden Kammern mündeten, deren eine Anita bewohnt hatte.
»Jetzt wirds die Dirndl holen wollen, da bemerkts nun, daß die Anita fort ist.«
Er hatte ganz richtig vermuthet, denn keine Minute später erschien die Jüdin wieder außen auf dem Söller, beugte sich über die Brüstung desselben herab und rief:
»Baruch! Baruch! Komm, komm schnell!«
Eine dumpfe Antwort erklang aus dem Innern des Hauses. Der Jude befand sich wohl in seinem Verkaufsgewölbe.
»Baruch, Baruch! Mach doch!«
»Gleich, gleich!« ertönte es.
Dann kam er unten aus der Thür.
»Was hast Du denn zu rufen, und zu lärmen, und aufwecken die Leute des Nachts?« fragte er.
»Soll ich nicht rufen und schreien, wenn Anita ist fort, fort über alle Berge!«
»Die war doch eingeschlossen und angebunden.«
»Die Stricke sind zerschnitten.«
»Gott der Gerechte! Ists wahr?«
»Komm herauf, Dich zu überzeugen!«
»Gleich, gleich. Ich werd mir erst anbrennen ein Licht, eine Laterne, ein Windlicht, eine ganze Fackel!«
Er fuhr in das Haus zurück und kam sehr bald mit einer zweiten Laterne zum Vorschein.
»Mach schnell!« rief Sarah von oben.
»Ich komme schon, ich komme!«
Er stürzte völlig die Treppe hinauf und über den Söller hin, um in Anita's Kammer zu verschwinden. Nach Kurzem kam er wieder heraus und eilte nach unten.
»Wo willst Du denn hin, Baruch? Bleib doch da!« rief seine Frau.
»Ich will sehen nach der Pforte.«
»Warum denn?«
»Ob sie ist offen, ob man hat sie aufgebrochen. Das Mädchen ist worden entführt.«
»Von wem denn?«
»Von ihrem Oheim und Geliebten.«
»Wie kannst Du sagen so Etwas?«
»Ich habs von dem Hauptmann gehört.«
Er eilte zur Pforte, um dieselbe zu untersuchen. Als er fand, daß sie unversehrt war, sagte er, erleichtert aufathmend:
»Dem Gott Abrahams sei Dank! Es ist noch verschlossen. Hier ist sie nicht hinaus.«
»Ist denn die Hausthür offen?« fragte seine Frau von oben herab.
»Nein, sie ist verschlossen und extra noch verriegelt. Da hinaus hat sie nicht gekonnt.«
»Und doch ist sie fort!«
»Sie wird stecken noch im Hause.«
»Wie aber hat sie gekonnt heraus aus ihrer Kammer, da sie war angebunden und die Thür verriegelt?«
»Weiß ichs? Haben ihr aufgemacht vielleicht die andern Mädels?«
»Nein, die hatte ich schon eher eingeschlossen als die Anita.«
»Und sind sie eingeschlossen noch jetzt?«
»Ja.«
»So ist gewesen ein fremder Mensch in meinem Hause und hat herausgelassen das Mädchen.«
»Wer soll das aber sein?«
»Der Onkel.«
»Und wie soll er gekommen sein herein?«
»Auf einer Leiter über die Mauer. Anders ist es nicht möglich.«
»Vielleicht sind sie noch da!«
»Dann wäre da auch noch die Leiter. Aber vielleicht hat er gehabt einen Nachschlüssel, einen Dietrich und hält sich noch versteckt mit ihr im Hause. Laß schnell heraus die andern Mädels! Sie mögen mit suchen, und ich will einstweilen anbrennen Lampen für sie!«
Er ging in das Innere zurück.
Dieser Wortwechsel war in höchster Eile und Erregung geschehen, nicht überlaut, so daß er im Innern der Nachbarhäuser zu hören gewesen wäre, aber doch so deutlich, daß Sepp und Max jedes Wort verstanden.
Diese beiden Letzteren sahen wenige Augenblicke später die betreffenden Mädchen zum Vorscheine kommen. Der Jude kehrte mit Lichtern zurück. Ausrufe des Staunens, der Verwunderung wurden laut. Man durchsuchte Alles, auch den Hof.
Die Lauscher sahen an den nach einander hell werdenden und sich wieder verdunkelnden Fenstern, daß alle Räume durchsucht wurden, selbst der Dachboden.
Da schlug es zwei Uhr, und die beiden Italiener kamen. Sie blieben an dem Hofpförtchen stehen und lauschten. Da sie hörten, daß Jemand, nämlich der Jude selbst war es, im Hofe sei, klopften sie. Baruch Abraham öffnete.
»Da kommt Ihr,« sagte er. »Es ist geschehen ein großes Unglück, welches mir bringen kann viel Herzeleid.«
»Was denn für ein Unglück?«
»Die Anita ist fort.«
»Entflohen?«
»Ja, entflohen, verschwunden, ohne mir zu lassen zurück eine Spur als ihre Stricke.«
»Wie ist das möglich?«
»Wer ist klug genug, um dies sagen zu können? Ich nicht, ich nicht.«
»Habt Ihr denn nicht nachgeforscht?«
»Wir haben durchsucht Alles, Alles, Alles!«
»Und nichts gefunden?«
»Nichts, gar nichts! Keine Ratte, keine Maus und keine Anita. Sie ist fort!«
»Hattet Ihr sie denn nicht gut verwahrt?«
»Und wie gut, wie gut!«
»Donnerwetter! Da kann sie doch nicht fort sein; da ists doch unmöglich!«
»Sie ist herausgeholt worden, mit einer Leiter. Nur so kann man es erklären.«
»Haben Sie denn Grund zu dieser Annahme?«
»Sehr guten Grund. Ich bin worden gewarnt. Ihr Oheim und ihr Schatz sind da. Sie haben gesagt, daß sie sie entführen wollen.«
»Wenn haben Sie das erfahren?«
»Vor Mitternacht.«
»Da war sie noch da?«
»Ja, denn ich bin gegangen hinauf zu ihr und hab sie liegen sehen in der Kammer.«
»Haben Sie wieder zugeriegelt?«
»Natürlich!«
»So sind Sie selbst schuld. Wenn Sie gewarnt worden waren, so mußten Sie bessere Maßregeln treffen.«
»Ich hab es nicht geglaubt.«
»Dummheit! Auch wenn man so Etwas nicht glaubt, muß es Einen vorsichtig machen.«
»Ja, ich bin gewesen zu nachlässig. Ich hätte sperren sollen das Mädchen in den Keller.«
»Und nun befinden Sie sich in großer Gefahr, und wir mit Ihnen. Wie nun, wenn das Mädchen Anzeige macht!«
»Gott meiner Väter! Sie wird doch nicht!«
»Sie wird! Das läßt sich denken.«
»Was ist da zu thun?«
»Alle Spuren verwischen, die Stricke und Ringe entfernen, den Strohsack fortschaffen und die ganze Kammer umändern.«
»Das werde ich thun, gleich, sofort!«
Er wollte fort; aber der eine Italiener sagte:
»Vorher aber müssen auch die andern Mädchens weg. Die Polizei kann jeden Augenblick kommen und uns erwischen. Schaff sie her!«
»Gut, gut! Sie haben sich nur noch zu waschen und anzuziehen.«
»Sind sie gutwillig?«
»Ja, sie werden mitgehen gern und freiwillig.«
»So hole sie!«
»Ihr müßt mit kommen herein, denn ich muß haben Eure Unterschrift, daß ich sie Euch habe übergeben.«
»So mach schnell! Wir müssen mit ihnen durch Carcola, und da stehen die Leute sehr zeitig auf, um Milch und Gebäck zur Stadt zu bringen.«
Sie traten in den Hof. Der Jude schloß die Thür zu und führte sie in das Haus.
»Hast Alles hört?« fragte der Sepp.
»Ja, nun werden sie bald kommen.«
»Weißt, die werden rasch laufen, und es ist finster. Bevor wir dann die Leiter wieder nach der Gassen zu angelegt haben und hinunterstiegen sind, werden sie verschwunden sein.«
»Das ist wahr. Wollen wir nicht lieber schon jetzt hinab?«
»Ich möcht gar wohl; aber wir wissen ja nicht die Richtung, welche sie einschlagen.«
»Ich weiß sie. Ich war gestern mit Hanns in Barkola. Es liegt eine Viertelstunde vor der Stadt nach Miramare zu. Sie werden sich also von hier aus nach rechts wenden.«
»Wannst das so genau weißt, so wollen wir halt abisteigen. Komm!«
Sie zogen die Leiter an der innern Seite der Mauer wieder empor, legten sie von außen an und stiegen hinab. Dann trugen sie dieselbe in den Garten zurück, wo sie sich hinter dem Zaune niederduckten, denn die Italiener mußten hier vorüber.
Es dauerte ungefähr zehn Minuten, so kamen sie mit den Mädchen, welche leise mit einander kicherten. Diese Geschöpfe machten sich nichts aus der Schande, welcher sie entgegengingen.
Als sie vorüber waren, krochen Sepp und Max zwischen den Zaunlatten, welche zerbrochen waren, hervor und folgten ihnen vorsichtig.
Trotzdem jetzt die Straßen menschenleer waren, schlugen die Italiener mit ihrer lebendigen Waare eine Richtung ein, in welcher sie gar keine Begegnung zu erwarten hatten.
Sie gingen hinter der Stadt weg nach der Straße, welche nach Gretta und Terstice führt, schnitten dann den Weg nach Prosecco ein, kletterten über den Eisenbahndamm und gelangten so auf die Straße, welche längs des Meeres über Barcola nach Miramare führt.
Barcola ist eigentlich ein kleiner, unbedeutender Vorort von Triest, meist von Schiffern, Fischern und Händlern bewohnt. Er lag jetzt noch still und finster da.
Die Italiener schritten durch den Ort und dann in derselben Richtung weiter fort.
Das berühmte Schloß Miramare, welches jetzt dem Kaiser von Oesterreich gehört, früher aber Eigenthum des unglücklichen Kaisers Max von Mexiko war, liegt ungefähr fünf Kilometer von Triest entfernt.
Auf der halben Strecke des Weges blieben die Italiener stehen. Auch Sepp und Max hielten an. Sie befanden sich ungefähr fünfzig Schritte von den Andern.
»Was werden sie thun?« fragte Max.
»Vielleicht habens hier das Boot am Ufer, mit dems nach der Insel fahren.«
»Das ist wahrscheinlich.«
»Sie reden mit nander. Wollen uns mal näher heranschleichen. Vielleichten bekommen wir was zu hören.«
Sie legten sich auf den Boden nieder und krochen so weit wie thunlich hinzu. Da sahen sie allerdings ein an das Ufer befestigtes Fahrzeug, in welchem bereits der eine Italiener stand, während der Andere sich anschickte, den Mädchen das Einsteigen zu erleichtern.
»Wie lang fahren wir denn?« fragte eins der Mädchen.
»Mit dem Segel heut nur zehn Minuten. Der Wind steht gut.«
»Und wie heißt die Insel? Baruch Abraham wollte es uns nicht sagen.«
»Daran hat er sehr wohl gethan. Nun Ihr aber bereits hier seid, könnt Ihr es in Gottes Namen erfahren. Das kleine Inselchen heißt Isola piccola. Das ist italienisch und heißt zu deutsch die kleine Insel.«
»Und dort ist die Höhle?«
»Ja.«
»Ist sie schaurig?«
»O nein. Uebrigens kommt Ihr ja bereits heut Abend auf das Schiff. Ahoi, stoß ab!«
Die Mädchens hatten sich gesetzt; das Boot stieß vom Lande, und das Segel wurde emporgenommen. In kurzer Zeit war das Fahrzeug im Dunkel der Nacht verschwunden.
»Das war gut,« sagte Sepp. »Jetzt wissen wir den Namen und auch die Lage. Wenn sie mit diesem Winde in zehn Minuten dort sein können, so muß diese Isola piccola in der Nähe von Miramare liegen.«
»Das vermuthe ich auch. Was thun wir jetzt?«
»Jetzt kehren wir heim.«
»Und was hast für Absichten mit der Insel?«
»Wir suchen sie am Vormittage auf.«
»Da gehe ich mit.«
»Natürlich! Wenn ich nur wißt, ob dera Jud seine Sach mit dem Seekapitain bereits fertig macht hat.«
»Warum möchtest das wissen?«
»Weil ich Baruch Abraham verarretiren lassen möcht. Thu ich aber das, und dera Kapitän kommt zu ihm und findet das Haus leer, so kann er leicht Argwohn hegen.«
»So setz Jemand hinein in das Haus.«
»Du, da hast Recht! So werd ichs auch machen. Und mit dera Anita weiß ich auch, was ich thu.«
»Was denn?«
»Du wirst ihren Oheim aufsuchen und ihm sagen, daß Du sie funden hast. Du bringst ihn zu mir, und da werd ich ein Wörtle mit ihm reden.«
»Wenn soll das geschehen?«
»Das ist früh gleich das Erste. Komm!«
Da zunächst nichts mehr zu besprechen war, gingen sie schweigsam mit einander der Stadt zu.
Im Hotel angekommen, fanden sie Hanns und Anita noch in einem sehr lebhaften Gespräch begriffen. Da sie noch nicht Abend gegessen hatten, bestellte Sepp, trotzdem es mitten in der Nacht war, für sich und Max ein kaltes Essen.
Nach demselben instruirte er die beiden Freunde, und dann schieden diese, um sich nach ihrer Locanda grande zu begeben, um wenigstens einige Stunden zu schlafen.
Um acht Uhr waren sie bereits wieder munter. Sie tranken Kaffee und begaben sich dann nach der armseligen Kneipe, in welcher der berühmte Maler Ventevaglio mit seinem Lieblingsschüler logirte. Sie fanden die Beiden eben zum Ausgehen bereit, um ihre Nachforschungen fortzusetzen.
»Ach, Signori, Ihr!« sagte der Maler. »Kommt Ihr zufällig hierher?«
»Nein,« antwortete Max. »Wir suchen Sie.«
»Wollen Sie ein Glas Wein mit mir trinken? Das wäre mir sehr angenehm.«
»Danke! Wir bringen Ihnen eine wichtige Botschaft.«
»Ach! Vielleicht wegen Anita?«
»Ja.«
»Haben Sie sie etwa entdeckt.«
»Ich weiß es nicht genau. Aber wir haben ein Mädchen gesehen, welches ganz zu Ihrer Beschreibung paßt.«
»Wo?«
»Im Hotel Europa.«
»Da ist sie nicht. Das ist zu nobel.«
»O bitte! Sie ist nicht allein dort, sondern mit einem Herrn.«
»Sakkerment! Als seine Geliebte?«
»Das weiß ich auch nicht, glaube es aber nicht. Er ist schon bei Jahren.«
»Und zu ihm soll ich gehen?«
»Das ist Ihre Sache.«
»Ja, wenn ich wüßte, ob sie es ist!«
»Nun, sie heißt Anita Ventevaglio und hat erzählt, daß sie ihren Verwandten davongelaufen sei, weil sie einen gewissen Petro nicht hat heirathen wollen!«
»Das stimmt.«
»Ihr Vater ist Maler gewesen, jetzt aber längst todt.«
»Auch das stimmt. Sie ist es!«
»Das habe ich auch gedacht.«
»Ich werde hingehen. Gehst Du mit, Petro?«
Der Lieblingsschüler nickte als Antwort. Er hatte auch gestern kein Wort gesprochen.
»Da müssen Sie aber bald aufbrechen,« meinte Max. »Der Mann will abreisen.«
»So gehen wir sofort, sofort!«
»Aber nehmen Sie alle Ihre Papiere mit, damit Sie sich legitimiren können!«
»Natürlich, natürlich! Meine Herren, wir sind Ihnen außerordentlich verbunden!«
»O bitte, bitte!«
»Wenn Ihnen einmal eine Nichte und Braut ausreißt, und wir können sie Ihnen verschaffen, so werden wir es gern thun!«
»Das bin ich überzeugt und empfehle mich Ihnen!«
Max und Hanns beeilten sich, nach dem Hotel zu kommen. Dort mußten sie sich zu Anita in deren Zimmer begeben, während Sepp allein in dem seinigen zurückblieb. Max hatte dem langen Maler natürlich den Namen des Alten genannt.
Bald meldete ein Kellner, daß zwei Herren den Herrn Hauptmann sprechen wollten.
»Wer sind Sie?« fragte Sepp.
»Sie wollten ihre Namen nicht nennen.«
»Und was sind sie?«
»Es scheinen Künstler zu sein.«
»Hm! Lassen Sie sie herein.«
Der Kellner ging und bald traten die beiden Maler ein.
Der Sepp erhob sich vom Stuhle. Wie er jetzt so hoch aufgerichtet da stand, war er eine strenge, ehrfurchtgebietende Erscheinung.
»Wer sind Sie?« fuhr er sie an.
Der Maler machte eine tiefe Verbeugung und antwortete ziemlich höflich:
»Mein Name ist Ventevaglio. Jedenfalls haben Sie denselben bereits gehört!«
»Nein.«
»Ich bin einer der berühmtesten Maler Italiens, und dieser Herr da ist Petro, mein Lieblingsschüler.«
»So! Was malen Sie denn?«
»Alles!«
»Jedenfalls auch Kaffee?«
Der Maler machte ein sehr stupides Gesicht. Sein Lieblingsschüler hatte zwar den Hut abgenommen, aber nicht gegrüßt. Den Hut unter dem Arme und die beiden Daumen im Knopfloche, stand er da, mit den anderen acht Fingern trommelnd. Der Sepp trat auf ihn zu und sagte:
»Sie heißen also Petro?«
Der Mensch nickte.
»Sind Sie der Lieblingsschüler Ihres Meisters?«
Abermaliges Nicken.
»Können Sie nicht reden?«
»O ja!«
Dabei aber machte er ein Gesicht, als ob er ein ganzes Faß saurer Gurken im Munde habe.
»Und können Sie grüßen?«
Ein abermaliges Nicken.
»Zum Donnerwetter! Reden Sie doch!«
»Ja,« brachte er hervor.
»Und grüßen Sie! Sofort, sonst schmeiße ich Sie hinaus!«
Der Lieblingsschüler machte eine Verneigung.
»Und nehmen Sie die Daumen aus dem Knopfloche heraus! Was ist das für eine Manier, Sie Dummkopf! Können Sie nicht eine höfliche Haltung annehmen!«
Das war so abgedonnert, daß der Mensch den Hut fallen und die Hände sinken ließ.
»So! Und wenn Sie wieder mit ihren ewigen und unzähligen Fingern anfangen Klavier zu spielen, so schlage ich den Tact dazu. Merken Sie sich das!«
Der berühmte Maler Italiens wagte es nicht, ein Wort zur Verteidigung seines Jüngers zu sagen. Zu ihm wendete sich Sepp jetzt zurück:
»So, nun weiß ich, wer Sie sind. Aber was wollen Sie denn bei mir?«
»Ich suche meine Nichte.«
»Ihre Nichte? Bei mir?«
»Ja.«
»Wie kommen Sie auf diese Idee?«
»Ich habe erfahren, daß sie da ist.«
»Ach so! Wer hat es Ihnen denn gesagt?«
»Zwei gute Freunde.«
»Wie soll denn Ihre Nichte zu mir gekommen sein?«
»Das wollte ich eben von Ihnen erfahren.«
»Ach so! Wenn ich nun sage, daß sie sich gar nicht bei mir befindet?«
»Das glauben wir nicht!«
»Haben Sie sich denn so genau erkundigt?«
»Der Kellner sagte zwar, die Dame, die sich bei Ihnen befindet, sei Ihre Enkelin, aber das müßten Sie uns erst beweisen.«
»Mensch, was fällt Ihnen ein! Ihnen habe ich gar nichts zu beweisen! Sie wären mir der Kerl dazu.«
Jetzt glaubte der Maler, auch ein Wort sagen zu müssen. Er nahm eine drohende Haltung an:
»Signor, bitte, vergessen Sie nicht, wen Sie vor sich haben! Ich bin einer der hervorragendsten Künstler der Halbinsel!«
»Das machen Sie mir nicht weiß! Was für ein Kerl Sie sind, das sieht man da an Ihrem Lieblingsschüler. Das ist ja der reine einmarinirte Storchschnabel! Und Sie haben eine Gestalt und ein Gesicht, als hätte Ihre Frau Mutter Ihnen in den ersten Lebensjahren Quark in die Windeln gelegt. Und Sie nennen sich einen berühmten Maler und hervorragenden Künstler!«
»Der bin ich allerdings!«
»Halten Sie sich dafür! Meinetwegen! Aber ich bin überzeugt, daß Sie keinen Floh mit grüner Oelfarbe anlakiren können! Und Ihre Nichte suchen Sie bei mir? Was wollen Sie denn machen, wenn ich sie wirklich dahabe?«
»Sie muß mit.«
»Ach so! Warum ist sie denn fort?«
»Aus Liebe.«
»Aus Liebe? Wie meinen Sie das?«
»Sie wollte nicht lieben.«
»Sie wollte nicht lieben! Und das nennen Sie aus Liebe! Nun, ich will mich mit Ihnen nicht lange herumstreiten, denn es wird mir ganz schlimm zu Muthe, wenn ich in ihr Künstlergesicht blicke. Ich habe allerdings eine Dame bei mir, welche ich mit mir nehmen will. Wollen Sie sich dieselbe ansehen?«
»Ja.«
»So will ich Sie Ihnen zeigen.«
Er machte die Thüre zum Nebenzimmer auf. Auf seinen Wunsch kam Anita herein.
»Das ist sie!« rief der Maler.
»Ja –!« rief auch der Lieblingsschüler.
Es war dies das erste freiwillige Wort, welches er hören ließ.
Sepp hatte sich alle Mühe gegeben, Anita über diesen Besuch zu beruhigen; aber sie hatte dennoch Angst. Die Grausamkeiten, die sie hatte erdulden müssen, standen noch hell in ihrem Andenken.
Ihr Oheim trat auf sie zu und sagte in strengem Tone:
»Du bist uns entflohen. Du wirst sofort wieder mit uns gehen.«
Er streckte die Hand nach ihr aus. Sepp aber schob ihn kräftig zurück und sagte:
»Nur langsam! Diese Dame nennt sich allerdings Anita Ventevaglio. Sie geben sich denselben Familiennamen, aber ich weiß nicht, ob Sie das Recht dazu haben.«
»Warum sollte ich nicht?«
»Sie können ja den Namen nur angenommen haben. Es ist nicht der Ihrige!«
»Es ist der meinige!«
»Beweisen Sie es!«
»Anita kann es mir bezeugen!«
»Die will ich nicht dazu auffordern.«
»So habe ich meinen Paß.«
»Heraus damit!«
Der Maler brachte eine dick mit Papieren gefüllte Brieftasche hervor und zog seinen Paß aus derselben.
Sepp las ihn und sagte achselzuckend:
»Da steht allerdings Ihr Name, Ihr Wohnort und Ihr Signalement. Das genügt aber nicht.«
»Es muß genügen!«
»Wenn ich Ihnen sage, daß es mir nicht genügt, so haben Sie zu schweigen! Verstanden?
»Sie mögen derjenige sein, für den Sie sich ausgeben, ob Sie aber der Onkel der Dame sind, das steht nicht in dem Passe.«
»Anita wird es bestätigen!«
»Ich habe Ihnen bereits gesagt, daß ich sie nicht fragen werde. Wenn Sie keinen andern Beweis bringen können, so sieht es mit Ihrer Angelegenheit sehr lustig aus.«
»Nun, am Ende könnte ich es beweisen.«
»Womit?«
»Ich habe Anita's sämmtliche Papiere mit.«
»Welche?«
»Den Geburtsschein, das Taufzeugniß, den Firmbrief und auch noch andere.«
»Zeigen Sie!«
Er brachte die genannten Papiere hervor. Sepp las sie, behielt sie in der Hand und sagte:
»Diese Papiere reichen zwar aus zur Personalbeurkundung dieser Dame; eine Legitimation für Sie sind sie aber nicht.«
»So habe ich noch das Testament meines verstorbenen Bruders, der der Vater Anita's war.«
»Geben Sie her!«
Sepp erhielt auch dieses und las es durch. Seine Brauen zogen sich finster zusammen. Als er fertig war, fragte er:
»Und dieses Testament zeigen Sie vor, um zu beweisen, daß Sie der Vormund von Anita sind und die väterliche Gewalt über sie besitzen?«
»Ja.«
»Das ist sehr dumm von Ihnen.«
»Wieso?«
Er machte ein sehr betroffenes Gesicht. Grad die Präsentation des Testamentes hatte er für den entscheidendsten Schachzug gehalten.
»Weil Sie damit nur einen Beweis gegen sich selbst führen.«
»Da irren Sie sich!«
»Sagen Sie mir nicht noch einmal eine solche Grobheit, sonst lasse ich Sie hinauswerfen! Ich irre mich nie, und in Ihnen am Allerwenigsten!«
»Aber im Testamente steht es doch deutlich, daß ich der Vormund bin.«
»Allerdings.«
»Daß ich väterliche Gewalt besitze!«
»Auch das.«
»Und daß sie mir zu gehorchen hat!«
»So lange Sie die väterliche Gewalt nicht mißbrauchen, ja.«
»Habe ich sie etwa mißbraucht?«
»Allerdings.«
»Wieso denn?«
»Sie haben sie geschlagen.«
»Das Recht der Züchtigung habe ich.«
»Sie haben sie eingesperrt und hungern lassen.«
»Das ist auch Züchtigung.«
»Sie haben sie zwingen wollen, dort diese Krautscheuche zu heirathen.«
»Das kann ich.«
»Nein, das können Sie nicht! Verstanden?«
»Ein Vater und Vormund kann es!«
»Nein. Das werde ich Ihnen gerichtlich durch die Obervormundschaft beweisen lassen! Und wie steht es denn mit den anderen Sachen. Hier ist Alles aufgezählt, was Anita geerbt hat, zunächst achtzehn Gemälde.«
»Die sind nicht mehr da.«
»Wo sind sie denn?«
»Verkauft.«
»Wer hat Ihnen die Erlaubniß dazu gegeben?«
»Die habe ich als Vormund.«
»Hier steht nichts davon. Sie mußten die Obervormundschaft fragen. Ich werde derselben die betreffende Meldung machen lassen. Ferner hat Anita das Haus- und Gartengrundstück ihres Vaters geerbt.«
»Das ist da.«
»Wer bewohnt es?«
»Ich.«
»Wer hat seit jener Zeit die Nutznießung des Feldes und Gartens gehabt?«
»Ich natürlich.«
»Was haben Sie dafür bezahlt?«
»Ich werde doch nicht auch dafür zahlen!«
»Sie haben zu zahlen und Rechnung abzulegen. Ferner hat Anita ein baares Vermögen von acht Tausend Lire geerbt. Wer hat diese aufbewahrt?«
»Ich.«
»Wie viel Zinsen hat dieses Capital gebracht?«
»Zinsen?«
Er war ganz consternirt. So wie Sepp die Sache betrachtete, hatte er sie nicht betrachtet.
»Natürlich! Sie haben das Vermögen Ihrer Mündel nutzbringend anzulegen, also auf Zinsen.«
»Davon weiß ich kein Wort.«
»Also haben Sie es nur so aufgehoben?«
»Ja.«
»Und es ist noch vollständig da?«
»Nein.«
»Nicht? Donnerwetter! Wie viel ist denn eigentlich noch vorhanden?«
»Dreizehnhundert.«
»Können Sie das beweisen?«
»Ja.«
»Das ist ein Glück für Sie. Aber wie wollen Sie denn den Beweis führen?«
»Ich habe das Geld bei mir.«
»Ach so! Zählen Sie mal auf!«
Der Maler machte ein Gesicht, welches ganz unbeschreiblich war.
»Aufzählen?« fragte er.
»Ja.«
»Fällt mir nicht ein!«
»Ich verlange es.«
»Mit welchem Rechte?«
»Mit diesem hier. Kennen Sie das?«
Er zeigte seine Polizeimünze hervor, die er bereit gehalten hatte.
»Teufel!« rief der Maler. »Sie sind ein Polizist? Ich dachte Hauptmann!«
»Nehmen Sie an, ich sei Polizeihauptmann!«
»Wer hätte das gedacht!«
»Wenn Sie meiner Aufforderung nicht Folge leisten, lasse ich Sie auf der Stelle arretiren! Also aufgezählt!«
»Bekomme ich es denn wieder?«
»Aufzählen!«
Der Mann trat an den Tisch und zählte die genannte Summe in Münzen und Papier auf. Es war sein einziges Geld, was er hatte. Aber der schlaue Sepp zeigte sich noch nicht zufrieden. Er durchschaute seine Leute und fragte:
»Hat Ihr Lieblingsschüler auch Reisegeld?«
»Ja.«
»Von wem?«
»Von mir!«
»Sie nahmen es auch von der Erbsumme?«
»Ja.«
»Er mag es vorzählen!«
Durch Androhung der Arretur brachte er es so weit, daß der Schüler auch noch gegen zweihundert Lire auf den Tisch legte.
»So,« sagte er. »Jetzt wissen wir, woran wir sind. Gehen Sie mal da vom Tische fort, und treten Sie an die Thür.«
Die Beiden gehorchten, und Sepp fuhr dann fort, indem er dem Maler seinen Paß gab:
»Hier haben Sie Ihre Legitimationen. Die anderen Papiere behalte ich.«
»Das geht nicht. Sie gehören mir!«
»Sie gehören Anita, deren Eigenthum Ihnen zwar anvertraut, keineswegs aber geschenkt worden ist. Da Sie sich als ein unehrlicher Verwalter erwiesen haben, wird man Sie absetzen und zur Verantwortung ziehen. Ich werde diese Angelegenheit dem Gerichte übergeben und Sie zur Anzeige bringen. Ich verklage Sie zur Zahlung von Zins und Zinseszins vom Kapitale und vom Grundstücke. Ich zeige Sie ferner an der Veruntreuung und Unterschlagung. Und ferner lasse ich Sie bestrafen wegen gewaltthätiger Behandlung Ihrer Mündel. Es wird Ihnen das Alles nicht sehr gut bekommen. Seien Sie froh, daß sie sich auf österreichischem und nicht auf italienischem Gebiete befinden. Ich würde Sie sofort arretiren lassen und Sie kämen in Jahren nicht wieder frei. Machen Sie, daß Sie fortkommen! Wenn Sie sich heut Mittag noch hier befinden, lasse ich Sie dennoch durch den Consul in das Gefängniß stecken!«
Der Maler stand da, als hätte ihn der Schlag gerührt. Er starrte den Alten wie geistesabwesend an. Sein Gesicht zeigte den Ausdruck der allerdümmsten Verblüffung.
»Aber – aber –« stotterte er, »das – das dürfen Sie ja gar nicht, das können Sie gar nicht!«
»So? Warum?«
»Was geht Sie denn die Anita an?«
»Jetzt mehr als Sie. Anita hat sich unter meinen Schutz begeben, ich habe ihr denselben versprochen und werde mein Wort halten.«
»Sie ist Ihnen aber fremd.«
»Jetzt nicht mehr. Und obgleich sie nicht meine Verwandte ist, werde ich doch besser für sie sorgen, als Sie es gethan haben.«
»Ich – ich protestire aber gegen das Alles.«
»Versuchen Sie es!«
»Ich verlange meine Nichte, mein Mündel! Die Papiere und das Geld!«
»Beides gehört Ihnen nicht.«
»Ihnen aber auch nicht.«
»Nein. Es gehört Anita, und da sie mich dazu beauftragt hat, werde ich es für sie in Verwahrung nehmen.«
»Ich protestire dagegen!«
»Bringen Sie mir nicht abermals diese alberne Rede! Sie können Ihren Protest nur beim Gerichte einlegen, und grad dieses haben Sie zu scheuen.«
Da warf sich der Maler in die Brust und antwortete:
»Was fällt Ihnen ein! Ich brauche mich vor dem Gericht nicht zu fürchten. Ich bin unschuldig.«
»Ach so! Nun gut! Wir werden gleich einmal sehen, ob Sie sich nicht fürchten. Ich werde dem Kellner klingeln und nach der Polizei schicken lassen!«
Er that als ob er nach dem Klingelzuge gehen wolle. Da aber trat ihm der Maler schnell in den Weg.
»Was hat die Polizei mit dieser Sache zu thun? Wir sprechen nur vom Gerichte.«
»Allerdings. Ich will Sie aber durch die Polizei dem Gerichte übergeben lassen.«
»Nein nein, ich gehe selbst hin.«
»Das machen Sie mir nicht weiß.«
»O doch! Geben Sie mir nur die Sachen heraus! Ich werde sie auf das Gericht tragen und dort deponiren. Es mag dann darüber entscheiden.«
»Das werde ich selbst viel besser besorgen als Sie. Glauben Sie denn, daß ich so dumm bin, Ihnen zu glauben? Das kann mir ja gar nicht einfallen!«
»Sie können mir vertrauen.«
Er legte die Hand aufs Herz und gab sich alle Mühe, ein möglichst aufrichtiges Gesicht zu machen.
»Schweigen Sie!« schnauzte der Sepp ihn an. »Jedes Wort von Ihnen ist eine Beleidigung. Ich habe gar keine Lust, meine Zeit noch länger mit Ihnen zu verlieren. Packen Sie sich fort!«
Der Lieblingsschüler zupfte seinen Meister von hinten am Aermel, daß er gehen solle. Es wurde ihm angst. Der Maler aber hatte keinen Pfennig Geld einstecken. Wie sollte er nach seiner Heimath zurück. Er hatte Hoffnung, daß er vielleicht doch noch durchkommen könne, wenn er recht barsch auftrete. Darum rief er jetzt mit erhobener Stimme:
»So dürfen Sie mir nicht kommen! Sie selbst sind es, der sich vor der Polizei zu fürchten hat. Sie wollen mich bestehlen!«
Da aber kam er an den Unrechten. Kaum hatte er das letzte Wort gesagt, so klatschte eine gewaltige Ohrfeige, die ihm der Sepp applicirte auf seiner Wange.
»Mensch, da hast Du die Antwort!« rief der Alte. »Willst Du mehr? Du kannst sie bekommen!«
Der Maler hielt sich das Gesicht mit der Hand. Es flimmerte ihm vor den Augen.
»Wa – wa – was!« stotterte er. »Da – da – das war ja ei – ei – eine Ohrfeige!«
»Ja, das war eine, nämlich die erste. Ich habe mehr solches Zeug in Vorrathe, wenn Du mir in dieser Weise kommst, Du Hallunke!«
»Wa – wa – was! Auch Du nennen Sie mich!«
»Soll ich etwa Einen, dem ich Ohrfeigen gebe, Seine Excellenz nennen? Mach Dich fort, Urian! Sonst klingle ich wirklich!«
Jetzt sah der große Künstler ein, daß er auf die letzte Weise keinen Erfolg haben werde. Der Muth entsank ihm. Er sagte in weinerlichem Tone:
»Ich kann doch nicht.«
»Warum nicht?«
»Weil ich kein Geld habe.«
»Arbeite! Dann verdienst Du welches!«
»Ich muß doch heim!«
»So lauf schnell!«
»Aber ohne Geld?«
»Bettle Dich durch, Urian.«
»Ich? Einer der größten Maler Italiens?«
»Mensch, höre auf. Wenn Du ein Maler bist, so ist das Kameel der größte Tanzmeister. So ein Kerl wie Du bist, nimmt, wenn er betteln geht, seiner Ehre gar nichts weg.«
»
Dio mio! Soll ich hungern!«
»Du hast Anita auch hungern lassen.«
»In dieser Gegend bekommen die Bettler nichts. Man jagt sie fort. Man prügelt sie!«
»Sehr gut. Du hast Anita auch geschlagen.«
»Da hatte sie es verdient.«
»Lüge, schändliche Lüge! Du aber hast es verdient, daß man Dich überall hinaushaut. Und grad weil Du selbst jetzt noch behauptest, daß sie es verdient habe, weil Du selbst jetzt Deine Schändlichkeit nicht bereust, bist Du doppelte Strafe werth. Ich wiederhole es. Wenn Du am Nachmittage Dich noch hier befindest, so lasse ich Dich arretiren.«
Der Schüler zupfte den Lehrer abermals heimlich.
»Laß mich!« sagte ihm dieser. »Wie wollen wir ohne Geld nach Hause kommen!«
Das erbarmte Anita. Sie trat zu Sepp, legte ihm die Hand auf den Arm und bat:
»Gieb ihm Etwas!«
»So?« antwortete der Alte zornig. »Also Du bittest auch noch für Deinen Peiniger?«
»Es thut mir leid.«
»Das ist Unsinn.«
»Er ist doch mein Oheim. Bedenke das!«
»Hm, ja. Dein Oheim ist er freilich. Die Bande des Blutes sind heilig, wenn sie auch von dem Kerl entweiht worden sind. Und daß Du für den Hallunken bittest, das ist ein Beweis, daß Du ein herzensbraves Mädchen bist. Das werde ich Dir nie vergessen.«
Und sich zu dem Maler wendend, fragte er:
»Hast Du gehört? Du hast sie turbirt aus alle mögliche Art und Weise. Sie aber hat Mitleid mit Dir. Thut Dir das nicht in der Seele weh?«
Der Gefragte antwortete nicht.
»Wie viel brauchst Du denn?«
Jetzt war er sehr schnell mit der Antwort da:
»Tausend Lire.«
»Du bist tausend Mal toll! Willst Du etwa wie ein Fürst oder Graf reisen?«
»Wir sind ja zu Zweien!«
»Der Andere geht uns nichts an.«
»Er ist ihr Bräutigam!«
»Halte das Maul. Der Kerl hätte das Geschick ein Bräutigam zu sein! Er macht ja ein Gesicht wie ein Frosch, der Schweizerpillen gefressen hat. Der hätte das Geschick dazu. Für diesen Menschen soll Anita, die Du schon bestohlen hast, auch noch mit bezahlen? Das kann uns nicht einfallen. Ich werde einmal nachschauen.«
Er nahm das Eisenbahnkursbuch zur Hand und begann zu rechnen. Dann sagte er:
»Ich will Dir das Herzeleid nicht anthun, Dich von Deinem Lieblingsaffen zu trennen; also soll auch für ihn mit bezahlt werden. Ihr Beide könnt ganz gut mit fünfzig Lire nach Hause kommen. Ich will aber nobel sein und Euch Hundert geben.«
»Hundert!« rief der Maler.
»Ja. Ist's zu viel? Nicht wahr?«
»Viel, viel zu wenig. Ihr habt uns ja beinahe fünfzehnhundert genommen.«
»Von nehmen ist keine Rede. Das Geld gehört Euch nicht. Entscheide Dich schnell! Ich frage nur dieses eine Mal, dann aber nicht wieder. Willst Du die Hundert? Wenn Du nicht sofort Ja sagst, erhaltet Ihr gar nichts.«
»Ja,« antworte der Maler schnell.
Da er aber dabei bereits die Hand ausstreckte und auf den Tisch zutrat, schlug ihn der Sepp auf dieselbe und sagte:
»So schnell geht das freilich nicht. Ganz umsonst kannst Du das Geld nicht erhalten.«
»Was soll ich denn dafür geben?«
»Deine Unterschrift.«
»Wozu?«
»Das Du auf die Vormundschaft verzichtest und überhaupt nichts dagegen hast, daß Anita mit mir nach Deutschland geht.«
»Daß thue ich nicht.«
»Nun gut, so hebe Dich von dannen.«
»Nein, nein, das kann ich nicht unterschreiben!«
»Das hast Du bereits gesagt und wir sind also fertig. Packe Dich, sonst klingle ich.«
Er griff nach dem Klingelzug. Da rief der Maler:
»Halt! Ich unterschreibe.«
»Gut. Kannst Du deutsch schreiben?«
»Ja. Wir wohnen doch an der Grenze.«
»Gut, so setze Dich. Ich werde Dir dictiren.«
Er gab ihm einen Bogen Papier nebst Tinte und Feder hin und dictirte:
»Ich bescheinige hiermit, daß ich meiner bisherigen Mündel Anita erlaube, mit ihrem gegenwärtigen Beschützer nach Deutschland zu reisen, und trete ihm alle meine vormundschaftlichen Rechte ab.«
Nachdem er sich unterzeichnet hatte, las der Sepp die Zeilen durch und sagte dann lachend:
»So ists gut. Hier hast Du das Geld.«
Er schob ihm hundert Lire hin.
Der Maler steckte sie ein, verbeugte sich mit Grandezza und meinte in stolzem Tone:
»Ich habe aus reiner Coulanz verzichtet und bin froh, daß ich mit dem Mädchen nichts mehr zu thun habe. Adio!«
»Adio! Lauf schnell, daß Du fortkommst, sonst helfe ich nach!«
Und weil der Lieblingsschüler wartete, um seinen Meister vorangehen zu lassen, erhielt er von Sepp einen Tritt, daß Beide mit unendlichem Schwung hinaus auf den Corridor flogen.
»So,« lachte der Alte, indem er die Thür zumachte. »Damit sind wir fertig. Hast noch Angst vor denen Beiden?«
»O nein,« antwortete Anita. »Ich dachte, es werde ganz anders kommen.«
»Wie sollte es kommen? Der Kerl wird wirklich noch angezeigt. Er ist ein Dieb.«
»Wollen wir das nicht lieber lassen?«
»Nein. Du hast achttausend Lire zu bekommen. Es fehlen sechs und ein halbes Tausend.«
»Ich schenke es ihm.«
»Kind, Du weißt nicht, was das Geld zu bedeuten hat. Du kannst nichts verschenken.«
»O, ich bin froh, daß ich frei bin!«
»Hm! Bist halt ein gutes, braves Ding! Nun, jetzund ist auch von einer Anzeig noch gar keine Red, und wer weiß, wie es später wird. Vor allen Dingen haben wir, was wir brauchen, nämlich Deine Papieren und auch noch ein hübsches Geldl dazu! Das ist vor der Hand genug. An das Spätere wollen wir noch nicht denken.«
Max und Hanns hatten im Nebenzimmer Alles gehört. Beide kamen jetzt herein und gaben Anita Recht, daß sie trotz der Schlechtigkeit ihres Oheims ihn doch nicht ohne Geld hatte fortgehen lassen.
»Sie ist viel zu gut für ihn gewest,« erklärte der Sepp. »Nun aberst möcht ich halt wissen, wie sie zu dem Juden kommen ist.«
»Durch einen Dienstvermittler,« antwortete sie.
»Bei dem hast eine Stelle haben wollen?«
»Ja. Ich ging, als ich hier ankam, sofort zu diesem Manne, und er brachte mich zu Baruch Abraham, der mich als Dienstmädchen miethete.«
»So! Also stehst bei ihm in Dienst?«
»So dachte ich. Aber ich durfte gar nicht antreten. Ich kam gegen Abend zu ihm und war hungrig und müde. Er gab mir zu essen und befahl mir dann, schlafen zu gehen. Als ich am andern Morgen erwachte, hatte er mir alle meine Kleider weggenommen und mir nur den einen Rock gelassen, damit ich nicht fort konnte.«
»Der Schuft!«
»Er that mich dann zu den andern Mädchens, welche mir sagten, daß ich es sehr gut haben und reich werden könne, wenn ich dem Juden folge.«
»Und worinnen sollt denn dieser Gehorsam eigentlich bestehen?«
»Ich sollt – sollt – –«
Sie stockte. Ihr Gesichtchen war wie mit Blut übergossen.
»Weiß nun schon!« nickte Sepp. »Brauchst es mir gar nicht zu sagen. Thätest Dich vielleicht fürchten, wannst jetzt mit Baruch Abraham reden müßtest?«
»Ohne Dich allerdings.«
»So zieh Dich an! Wir gehen aus.«
»Wohin?«
»Zur Polizei.«
»Mein Gott! Ists wahr?«
»Ja. Ich will den Juden anzeigen.«
»Thue es lieber nicht!«
»Ich muß es thun. Es handelt sich nicht nur um Dich, sondern auch noch um andere Personen und Dinge.«
»Gehen Max und Hanns auch mit?«
»Freilich, sie haben Dich gerettet und sind Zeugen, daß Baruch Abraham Dich geschlagen hat.«
»Es wäre viel besser, wenn ich nicht mitgehen müßte.«
»Sei klug, Anita! Vor dera Polizeien brauchst Dich gar nicht zu fürchten. Die meint es nur gut mit Dir.«
Sie weigerte sich noch ein kleines Weilchen; aber sie mußte sich doch in den Willen des Alten fügen. Nach kurzer Zeit brachen die Vier auf.
Was auf der Polizei verhandelt wurde, nahm eine ziemliche Zeit in Anspruch. Dabei verwunderte sich Max und Hanns, mit welchem Respect der Sepp behandelt wurde. Die Herren thaten ganz so, als ob sie einen Vorgesetzten vor sich hätten.
Sie traten zu einer Berathung in ein Nebenzimmer. Nur der Alte durfte sie begleiten. Als sie dann zurückkehrten, wurde den Dreien bedeutet, daß Sepp jetzt gehen werde, ihnen aber müsse man jetzt einige Instructionen ertheilen.
Nach kurzer Zeit kam ein sehr vornehm aussehender Herr herein, welcher den Alten bat, mit ihm zu kommen. Die Beiden entfernten sich.
Sie begaben sich zum Juden, welcher sie mit großer Höflichkeit empfing.
»Ich habe bereits gewartet,« sagte er. »Fast habe ich nicht geglaubt, daß wiederkommen werde der Herr Hauptmann.«
»Ich halte stets Wort,« erklärte der Alte.
»Und ist der andere Herr Derjenige – – –?«
Er ließ eine Fragepause eintreten.
»Ja, er ist Derjenige!«
»Welcher kaufen will Schmucksachen?«
»Ja,« erklärte der verkleidete Polizist. »Ich habe gehört, daß Sie sehr viele und sehr schöne Pretiosen besitzen.«
»O nein! Es sind nicht viele und auch nicht schöne!« meinte der Hehler in seiner vorsichtigen Weise.
»Dieser Herr hat es mir doch gesagt!«
»So hat der Herr Hauptmann gemacht einen kleinen Scherz. Ich bin ein armer Jud und kann nur kaufen, was kostet ein weniges Geld.«
»Machen Sie keine alberne Labberei!« sagte der Sepp. »Wir haben keine Zeit, uns erst eine lange Einleitung vormachen zu lassen.«
»Aber muß nicht sein eine Einleitung bei jedem Buch und bei jeder Sache?«
»Meinetwegen! Aber unsere Einleitung ist bereits gestern gemacht. Sie ist vorüber.«
»O nein! Da hat der Herr Hauptmann einen Begriff von Baruch Abraham, welcher ist sehr falsch. Wer da handelt mit alten Sachen, der muß sein sehr vorsichtig.«
»Andere Leute sind es ebenso. Sie wollen mir doch nicht etwa gar mißtrauen?«
»Wie könnt ich mißtrauen dem Herrn Hauptmann? Hat er mir doch bewiesen, daß er ist der Vertraute meiner Freunde, und hat mir auch gezeigt seinen Paß.«
»Nun also! Mach also keine Dummheiten!«
»Soll ich nicht vorher lernen kennen auch den andern Herrn?«
Er fixirte den Polizisten scharf. Es war klar, daß er diesem nicht traute.
»Dieser Herr ist der Herr Bankier Wendelmann aus Wien,« erklärte der Sepp. »Er besitzt zu gleicher Zeit ein Juwelengeschäft.«
Baruch Abraham ließ kein Auge von dem Polizisten. Er nahm eine alte Dose aus seiner Tasche, schnupfte langsam und bedächtig und sagte dann:
»Ist es mir doch, als ob ich hätte gesehen diesen Herrn schon hier in Triest!«
»Sehr möglich, denn ich bin nicht selten hier,« erklärte der Beamte.
»Aber es ist mir, als hätte der Herr da getragen ganz andere Kleider.«
»Schwerlich!«
»Eine Uniform.«
»Ich bin nicht Offizier.«
»Es war keine Militair- sondern eine Polizeiuniform mit großen Epauletten.«
»Sie irren sich!«
Der Jude spreizte die Arme aus, legte den Kopf auf die Seite und sagte:
»Ob ich mich irre oder ob ich mich nicht irre, das ist mir sehr gleichgiltig. Ich mach gern ein Geschäft mit Jedem, auch mit einem Herrn von der Polizei.«
Es war klar, daß er den Beamten erkannte. Dieser versuchte dennoch, ihn irre zu führen.
»Was reden Sie nur von der Polizei! Ich kann es Ihnen beweisen, daß ich Der bin, für den mich der Herr Hauptmann ausgegeben hat.«
»Wie wollen Sie führen den Beweis?«
»Durch meinen Paß.«
»Dieser ists ja, was ich hab sehen wollen.«
»So schauen Sie her!«
Er zog eine Brieftasche hervor, aus welcher er den Paß nahm, den er dem Juden in die Hand gab. Dieser betrachtete ihn genau, roch sogar daran und sagte dann:
»Dieser Paß ist ausgestellt worden bereits vor zwei Wochen?«
»Ja. Das Datum lehrt es ja.«
»Wie kommt es da, daß er gar so sehr riecht noch nach frischem Siegellack?«
»Das habe ich nicht bemerkt.«
»Weil Ihre Nase nicht ist so fein wie die Nase von Baruch Abraham. Er riecht es einem jeden Siegel an, ob es ist nur einen Tag alt oder nicht.«
»Dieses Mal hat sich Ihre Nase aber ganz gehörig getäuscht.«
»Sie kann vielleicht sich täuschen, nicht aber mich selbst. Dieses Siegel ist geworden gemacht vor noch nicht einer Stunde.«
»Aber, Mann, so sehen Sie doch auf die Unterschrift und auf das Datum!«
Der Jude machte ein unendlich pfiffiges Gesicht.
»Ich sehe das Datum,« lächelte er. »Ich weiß auch, wie ausschaut und riecht die Tinte, wenn sie ist frisch oder wenn sie ist alt. Dieser Paß ist geworden geschrieben auch vor höchstens einer Stunde.«
»Mann, ich begreife Sie nicht.«
»Aber Baruch Abraham begreift desto besser Sie. Wenn ein Polizist will fangen einen Menschen, so macht er sich einen falschen Paß.«
»Aber dieser Paß ist echt!«
»Weil die Polizei in Triest hat den Stempel und auch das Petschaft in der Stadt Wien. Wenn ich das Beides hätt und thät machen einen solchen Paß, so würde ich bestraft. Wenn aber ein Polizist ihn macht, so ist er kein Fälscher. Er darf es thun.«
Der Beamte verlor die Geduld. Er bezwang sich aber noch einmal und sagte ruhig:
»Wenn Sie mich, wie es scheint, für einen Polizisten halten, so bedaure ich allerdings sehr, Ihretwegen die weite Reise von Wien bis hierher gemacht zu haben.«
»So! Soll ich mich einmal erkundigen in Wien, ob es dort giebt einen Banquier Wendelmann?«
»Jawohl.«
»So werde ich es thun.«
»Aber bis die Antwort kommt, kann ich nicht in Triest warten; ich habe keine Zeit.«
»O, die Antwort wird sein gleich da.«
»Wollen Sie telegraphiren?«
»Nein.«
»Also schreiben?«
»Auch nicht, sondern lesen. Baruch Abraham braucht nämlich nicht lange Zeit, um zu kommen von Wien nach Triest, oder von Triest nach Wien, denn Wien liegt da auf dem Tisch.«
Er nahm ein großes Buch vom Tische. Es war das diesjährige Adreßbuch der Haupt- und Residenzstadt Wien. Er schlug es auf und suchte.
Der Polizist zuckte, indem er den Sepp anblickte, die Achsel, als ob er sagen wolle: Es hilft ihm doch nichts.
»Da haben wir es!« sagte Baruch Abraham nach einer Weile. »Es giebt in ganz Wien keinen Juwelier oder Banquier Wendelmann.«
»Im Adreßbuch noch nicht, das ist wahr.«
»Sie müßten drin stehen!«
»Nein, denn ich bin erst seit Februar in Wien.«
»Wo waren Sie vorher?«
»In Budapest.«
»So müssen Sie stehen dort im Buche.«
Der alte Gauner war nicht zu täuschen. Er besaß auch ein Adreßbuch von Budapest und schlug es auf. Auch dort fand er den Namen nicht. Er war überzeugt, daß der sogenannte Banquier ein Polizist sei, folglich mußte der alte Hauptmann auch einer sein. Sein Herz bebte vor Angst, aber er besaß die Kraft, sich so zu beherrschen, daß man nichts davon bemerkte.
»Wie gut, daß der alte Verräther das Versteck nicht kennt!« dachte er im Stillen.
Er ahnte nicht, daß er heute Nacht von ihm beobachtet worden war. Er hatte dann, nachdem der Sepp von ihm gegangen war, Alles wieder in das Versteck gebracht und den Kleiderständer wieder an die Wand geschoben. Jetzt klappte er das Buch wieder zu und sagte:
»Auch da steht kein Banquier dieses Namens. Meine Nase hat mich also wohl nicht getäuscht.«
Jetzt ließ der Polizist den Schleier fallen.
»Nein, sie hat Sie nicht getäuscht. Ich bin Criminalcommissar und befinde mich hier, um mir die Geschmeide und Metallsachen zeigen zu lassen, welche heute Nacht der Herr Hauptmann gesehen hat.«
»Dachte es mir! Aber daß der Herr Hauptmann gesehen hat solche Sachen, davon weiß ich nichts!«
»Verstellen Sie sich nicht.«
»Warum sollte ich mich verstellen? Braucht man sich zu verstellen, wenn man sagt die Wahrheit?«
»Von Wahrheit ist keine Rede. Sie haben eine ganze Menge Kostbarkeiten hergezeigt.«
»Und doch ists wahr, wenn ich sag, daß ich weiß kein Wort davon. Bin ich gewesen mit dem Herrn Hauptmann in der Weinstube und hab getrunken einen schweren Wein. Wird er mir geben das Zeugniß, daß ich bin gewesen so betrunken, daß er mich hat führen müssen nach Hause.«
»Das hat er freilich gesagt.«
»Wenn ich also bin gewesen betrunken, wie kann ich wissen, was ich ihm habe gezeigt.«
»Desto genauer weiß er es!«
»Er? Gott der Gerechte! Hat er nicht getrunken ganz denselben Wein wie ich?«
»Wahrscheinlich.«
»So wird er auch gewesen sein so betrunken wie ich und nicht wissen, was ich ihm habe gezeigt.«
»Er hat Sie nach Hause geführt; also ist er jedenfalls nicht so betrunken gewesen wie Sie.«
»Wir haben geführt Einer den Anderen. Er wird haben geglaubt im Rausche, zu sehen Diamanten, und wer weiß, was es ist gewesen.«
»Mit so ganz albernen Ausflüchten entkommen Sie uns nicht. Sie haben den Herrn Hauptmann doch nur zu dem Zwecke mit hierher genommen, um ihm diese Sachen zu zeigen.«
»Kein Wort weiß ich davon.«
»Sie haben ihm gestanden, daß es gestohlene Gegenstände sind!«
»Das hat er gedacht im Rausche.«
»Sie haben ihm sogar gesagt, wer sie gestohlen hat.«
»Ganz gewiß nicht!«
»Kennen Sie einen gewissen Baron von Stubbenau?«
»Nein.«
»Auch nicht eine Tänzerin Valeska in Wien?«
»Auch nicht?«
»Haben Sie nicht postlagernde Briefe unter dem Namen Gärtner hier abgeholt?«
»Davon weiß ich nichts.«
»Nun, auf dem Postamte wird es zu erfahren sein, wer sie abgeholt hat.«
Der Jude erschrak. Er wußte ja ganz genau, daß man dort seinen Namen nennen würde. Darum sagte er:
»Ist es verboten, Briefe postlagernd unter einer Chiffer oder irgend einem Namen zu empfangen?«
»O nein; aber gefährlich ist es, wenn diese Briefe von einem Verbrecher abgesandt worden sind. Sie kennen wohl Herrn Salek?«
»Auch dieser ist mir unbekannt. Warum fragt der Herr Commissar mich nur nach fremden Namen?«
»Weil ich geglaubt habe, daß sie Ihnen bekannt seien. Aber lassen wir die Namen. Ich möchte die Geschmeidesachen sehen.«
Der Jude wußte sehr wohl, daß es ihm jetzt an den Kragen gehen solle; aber er war längst auf so einen Fall vorbereitet. Darum legte er nachdenklich die Hand an das Kinn und meinte:
»Ich weiß wirklich nicht mehr, was ich habe gezeigt dem Herrn Hauptmann. Ich bin gewesen consternirt von dem Weine. Wo sind denn gewesen diese Sachen?«
Er wendete sich mit dieser Frage direct an den alten Sepp, welcher achselzuckend antwortete:
»Das weiß ich leider nicht.«
»Sie wissen es nicht. Nun, so ist also die Sache auch nicht wahr. Vielleicht haben Sie es nur geträumt, nachdem Sie gekommen sind nach Hause.«
»O nein! Sie hatten sie versteckt.«
»Wo denn?«
»Das ließen Sie nicht sehen. Ich mußte hinausgehen und als ich wieder hereinkam, befanden sich die Sachen hier im Laden.«
»Gott Abrahams! Jetzt kommt mir der richtige Gedanke. Lagen sie etwa in Kisten?«
»Ja.«
»Woher hatte ich diese geholt?«
»Ich glaube, vom Boden herab.«
»O nein. Das habe ich nur gesagt, um Sie zu führen ein wenig irre. Jeder Handelsmann hat so seine Art und Weise. Das Versteck ist hier im Laden.«
»Wirklich?« fragte der Polizist verwundert.
»Jawohl.«
»Wollen Sie es uns zeigen?«
»Sehr gern.«
»Und befinden sich die Sachen noch drin?«
»Natürlich, denn ich habe sie doch sogleich wieder hinein gelegt, als der Herr Hauptmann ist gewesen fort.«
»So zeigen Sie.«
»Der Herr Commissar mag mir erst sagen, ob er die Sachen will sehen, um sie zu kaufen, oder ob er hier ist als Polizist, um auszusuchen!«
»Ich frage als Polizist.«
»So werde ich mich beeilen, zu zeigen mein Versteck.«
Der Polizist warf einen heimlichen, verwunderten Blick auf den Sepp. Sollte der Jude wirklich sein Versteck zeigen? Dann hatte er jedenfalls dafür gesorgt, daß sich die Werthsachen nicht mehr in demselben befanden.
Aber Baruch Abraham bewies sogleich, welch ein schlauer, raffinirter Hehler er war. Er hatte sich auf den Fall vorbereitet, daß einmal Einer, dem er die Gegenstände zeigte, ihn verrathen könne.
Er räumte allerlei altes Schuhwerk aus einet Ecke fort und da kam eine Fallthüre zum Vorschein, welche er öffnete.
»Hier können die Herren sehen mein Versteck!« sagte er in hörbar höhnischem Tone.
Dem Polizisten wurde das Herz leicht. Er durchschaute den Juden sofort. Als ob er ganz begierig darauf sei, sagte er:
»Schön! Nun schnell die Kisten heraus!«
»Da muß ich steigen hinab.«
Der Hehler stieg einige Stufen hinab und begann in dort befindlichem altem Zeuge zu kramen.
»Er wird Kisten bringen,« flüsterte der Polizist dem Sepp leise zu.
»Aber nichts darin.«
»O doch! Imitirte, werthlose Waaren. Er ist vollständig vorbereitet.«
»Wird ihm aber nichts helfen.«
»Gewiß nicht. Er hat keine Ahnung, daß wir das richtige Versteck bereits kennen.«
Jetzt hob der Jude einige Kisten und Kästen aus dem Loche und öffnete dieselben sehr bereitwillig.
»Jetzt mögen die Herren blicken herein, um zu sehen die Diamanten und Juwelen,« sagte er.
Seine Augen glänzten vor Vergnügen. Er war überzeugt, die Beiden ganz gewaltig auf den Leim springen zu sehen.
Er zog den Inhalt der Kisten hervor. Es waren zinnerne Gefäße und allerlei Theaterschmuckgegenstände von glänzendem Blech, mit Glassteinen besetzt.
»Dummes Zeug!« rief der Polizist, indem er that, als ob er ganz enttäuscht sei.
»Ja, dummes Zeug ist es!« nickte Baruch Abraham lachend. »Nur zehn Gulden werth!«
»Und das haben Sie dem Herrn Hauptmann gezeigt, als er sich hier befand?«
»Ja, das!«
»Er sprach doch von Gold- und Silbersachen!«
»Es ist gewesen Zinn und Kupferblech.«
»Sollte man es denken!«
»Habe ich es nicht gesagt vorher, daß der Herr Hauptmann ist gewesen auch so betrunken wie ich? Er hat das Zinn angesehen für Silber.«
»Und das Glas für Edelsteine?« lachte der Polizist. »Ei, ei, Herr Hauptmann! Ich habe geglaubt, hier einen kostbaren Fund zu machen, und nun finde ich solches Gerümpel!«
Sepp griff sich an die Stirn, kratzte sich hinter dem Ohre und sagte ganz verdrießlich:
»Das ist freilich eine verdammte Geschichte!«
»Ein großer Irrthum von Ihnen!«
»Ich muß mir doch einen gehörigen Kater angetrunken gehabt haben!«
»Ganz gewiß. Mein Besuch ist hier also vergebens. Ich muß Sie um Entschuldigung bitten, Herr Abraham. Sie sehen aber, daß ich es nicht zu verantworten habe.«
Der Jude holte tief Athem. Er glaubte, daß die Gefahr nun glücklich vorübergegangen sei, und antwortete darum im freundlichsten Tone:
»Ich habe nichts zu entschuldigen. Wenn die Herren von der Polizei thun ihre Pflicht, so ist es gut für alle ehrlichen Leute.«
»Ja, und Sie sind ehrlich. Das sehe ich jetzt. Wir wollen also gehen, Herr Hauptmann. Adieu!«
»Leben die Herren wohl!« rief der Jude entzückt. »Und wenn Sie wieder mal was brauchen, so werden Sie willkommen sein dem ehrlichen und gefälligen Baruch Abraham!«
Er machte eine Verbeugung über die andere und in seinem Tone klang ein solcher Spott, daß er schließlich selbst darüber erschrak und, um das wieder gut zu machen, den Beiden höflich bis zur Thüre nachfolgte.
Sie befanden sich bereits im Flur. Der Kommissar hatte schon den Drücker in der Hand, da drehte er sich noch einmal um, als ob er Etwas vergessen habe, und fragte:
»Ach, was mir da noch einfällt, Herr Abraham, haben Sie ein Dienstmädchen?«
»Nein, Herr Commissar.«
»Ich glaube aber doch gehört zu haben, daß Sie vor einigen Tagen ein Mädchen mietheten.«
»Das wird sein ein Irrthum.«
»Hm! Sonderbar! Der Dienstvermittler Helling soll sie Ihnen verschafft haben?«
»Das ist nicht wahr.«
»So, so! Entschuldigen Sie!«
Er that, als ob er nun wirklich gehen wolle. Er öffnete die Hausthür und trat halb auf die Straße hinaus. Das war das Zeichen für seine draußen postirten Leute. Er kam, wie unter einem neuen Gedanken, wieder herein, machte die Thür zu und sagte:
»Da fällt mir auch der Name ein. Anita Ventevaglio soll das Mädchen geheißen haben.«
»Ich kenne sie wirklich nicht.«
»Das wundert mich. Uebrigens – kommen Sie doch noch einmal herein in die Stube! Die Sache ist zwar ganz und gar nicht wichtig, aber sehr, sehr interessant.«
Er schob den Juden in die Stube zurück und auch der Sepp trat wieder ein.
»Sie haben wirklich kein Mädchen?« fragte der Polizist abermals, aber im freundlichsten Tone.
»Nein. Ich habe niemals gehabt ein Dienstmädchen, weil Sarah, meine Frau, ist ein fleißiges Weib und macht Alles allein.«
»Aber der Vermittler hat Ihnen doch in letzter Zeit mehrere besorgt.«
»Ach so! Hat er gesprochen davon?«
»Ja.«
»Nun, ich hab einen Geschäftsfreund auswärts, welcher mir hat gegeben den Auftrag, ihm zu versorgen ein gutes Mädchen.«
»Und das haben Sie gethan?«
»Ja.«
»Hat er Eine behalten?«
»Wie kann ich das wissen? Ich habe ihm geschickt die Mädchens. Ob er behalten hat Eine, das hat er mir nicht geschrieben.«
»Haben Sie ihm auch die Anita geschickt?«
»Jedenfalls, wenn sie gewesen ist hier bei mir. Den Namen habe ich mir nicht gemerkt.«
»Wann haben Sie ihm die Letzte geschickt?«
»Vor einer Woche.«
»Und dann später ist kein Mädchen wieder bei Ihnen gewesen?«
»Nein.«
»So hat man sich abermals in Ihnen geirrt.«
»Geirrt? Hat man gesagt Etwas von mir?«
»Ja, gewiß.«
»Darf ich es erfahren?«
»Eigentlich nicht. Es ist Amtsgeheimniß; aber da ich mich überzeugt habe, daß es nur eine leere Rederei war, so will ich es Ihnen sagen. Man hat nämlich behauptet, daß Sie mit Mädchens handeln.«
Der Jude machte die Geberde des Erschreckens.
»Gott der Gerechte! Wie kann man handeln mit Mädchens? Sind Menschen eine Waare?«
»Zuweilen, ja.«
»Das kann ich nicht verstehen.«
»Nun, man verkauft sie in böse Häuser.«
»Davon weiß ich nichts.«
»Oder man verschachert sie nach Amerika. Man macht ihnen weiß, daß sie dort sofort reiche Männer bekommen, und verschweigt ihnen, wozu sie dort eigentlich dienen sollen.«
»Von so einem Geschäft habe ich keine Ahnung. Wie kann man bringen Mädchens nach Amerika?«
»Nun, zum Beispiel durch den Capitän Marmel.«
Das war ganz ohne alle Betonung, nur so wie nebenbei gesagt; aber der Jude wußte sogleich, daß die Beiden mit ihm spielten, wie die Katze mit der Maus. Der Name seines Capitäns war ihnen ja bereits bekannt! Dennoch sagte er kopfschüttelnd:
»Sollte man denken, was in der Welt Alles vor sich geht! Unsereiner weiß nichts.«
»Es scheint freilich so, als ob Sie nichts wüßten. Dieses Geschäft florirt gerade hier in Triest gewaltig. Da sind zum Beispiel zwei Fischer, welche sich sehr damit befassen.«
»Wer ist das, Herr Commissar?«
Sein Blick hing angstvoll an den Lippen des Polizisten, welcher der Wahrheit gemäß antwortete:
»Die Gebrüder Petruccio.«
»Die kenne ich nicht.«
»Auch diese nicht? Sie haben sehr Recht. Ich nenne Ihnen lauter unbekannte Namen. Aber Sie haben doch gestern in der Weinstube mit dem einen der Brüder gesprochen!«
»Ich?«
»Ja, der Herr Hauptmann hat es gesehen.«
»So habe ich ihn nicht gekannt.«
»Aber dann sind doch alle Beide bei Ihnen gewesen.«
»Das ist nicht wahr!«
»Also wieder ein Irrthum von –«
Er hielt inne, denn er wurde gestört. Die Thür ging auf und Max und Johannes traten ein. Sie kamen dem Juden höchst willkommen. Er eilte auf sie zu und rief:
»Da kommen die noblen Herren selbst. Hab ich doch geglaubt, daß Sie wollen abholen lassen Ihre Sachen.«
»Das werden wir auch,« antwortete Max. »Selbst forttragen werden wir die Einkäufe doch nicht. Aber wir wollten uns Ihre Bilder noch einmal ansehen. Es ist möglich, daß wir uns noch eins kaufen.«
»Schön, schön! Ich werde sie Ihnen gleich zeigen. Warten Sie nur einen Augenblick.«
Er glaubte, daß sich nun die Polizisten zurückziehen würden. Max blickte sich suchend um und sagte:
»Wissen Sie, Baruch Abraham, den Frauenkopf möchten wir noch einmal sehen, der hier an der Wand hing.«
»Ein Frauenkopf? Da war keiner da.«
Er sagte die Wahrheit. Max hatte nur den Kopf erwähnt, um Folgendes zu bringen:
»Keiner? Da irre ich mich freilich. Mein Freund ist ein Porträter und kauft gern Köpfe. Er sucht sich überhaupt – ah, Baruch Abraham, kann man hier Modells bekommen?«
»Lebendige?«
»Natürlich.«
»Das weiß ich nicht. Ich bin nicht Maler und Künstler und habe mich nie um solche Dinge bekümmert. Annonciren Sie doch einmal. Vielleicht meldet sich Jemand.«
»Möglich,« sagte Max. »Aber gewöhnlich passen Diejenigen Einem nicht, welche sich melden, während interessante Köpfe – da fällt mir ein, ich habe einen außerordentlich feinen und interessanten Frauenkopf gesehen. Wenn diese Dame mir sitzen wollte!«
»So müssen Sie sie fragen.«
»Das kann ich nur mit Ihrer Hilfe.«
»Mit der meinigen? O weih! Wenn der alte Baruch Abraham Ihnen soll verhelfen zu einer Dame, so werden Sie bekommen niemals eine.«
»In diesem Falle ist es doch anders. Ich kenne sie gar nicht; Sie aber kennen sie.«
»Sagen Sie mir den Namen.«
»Sie heißt Anita Ventevaglio.«
»Anita Ven – – ist es bereits doch das zweite Mal, daß dieser Name mir wird genannt, ohne daß er mir ist bekannt.«
»Was?« fragte Hanns im Tone des Erstaunens. »Er wäre ihnen unbekannt?«
»Ganz und gar.«
»Die Dame wohnt doch bei Ihnen.«
»Bei mir? Das ist nicht wahr.«
»Gewiß ist es wahr.«
»Wer sagt denn das?«
»Ich.«
»Sie? Wie können Sie sagen so Etwas?«
»Ich habe sie gesehen und mein Freund auch.«
»Wenn denn und wo denn?«
»Gestern Nachmittag, da vor der Thür.«
»Das müßt ich doch auch wissen.«
»Besinnen Sie sich. Sie wollte Wasser und statt dessen gaben Sie ihr die Peitsche.«
»Die Peitsche? Ach, das ist gewesen nur so ein kleiner Scherz, den man sich macht mit einer lieben Verwandten.«
»Anita ist mit Ihnen verwandt?«
»Anita nicht. In meiner ganzen Freundschaft giebt es keine Dame, welche trägt den Namen.«
»Aber Sie sagten doch soeben, daß Sie sich diesen Scherz mit einer Verwandten gemacht hätten!«
»So ist es auch. Die kleine Rahel ist die Tochter meines Mutterbruders.« »So ist das Mädchen eine gewisse Rahel gewesen?«
»Ja.«
»Ich denke, es war Anita?«
»O nein – nein!«
»Hm! Das klingt mir sehr unwahrscheinlich. Die Tochter Ihres – wie war das?«
»Meines Mutterbruders.«
»Wie alt sind Sie?«
»Zweiundsiebenzig.«
»Da könnte Ihre Mutter jetzt hundert sein und ihr Bruder ebenso. Und die Tochter dieses Bruders soll so jung sein wie gestern dieses Mädchen? Baruch Abraham, jetzt haben Sie eine große Dummheit begangen!«
Der Jude sah das auch ein, daher verbesserte er sich rasch und in dringlichem Tone:
»Die Enkelin ist sie, die Enkelin, nicht die Tochter!«
»Das könnte ich eher glauben, wenn es überhaupt geglaubt werden könnte.«
»Warum soll es nicht werden können geglaubt?«
»Weil es eine Lüge ist.«
»Herr! Wollen Sie schimpfen mich einen Lügner?«
»Ja.«
»So sagen Sie eine Beleidigung, welche Sie sicher jammervoll werden bereuen.«
»Das glaube ich nicht!«
»Sie werden es erfahren. Wenn Sie nicht sofort nehmen zurück diese Beleidigung, werde ich Ihnen senden meinen Sekundanten.«
Alle lachten. Da rief er zornig:
»Was giebt es da zu lachen, wenn Baruch Abraham redet im heiligsten Ernste.«
»Da sollen wir nicht lachen?« fragte Max. »Sie wollen meinen Freund fordern?«
»Ja, wenn er mich nicht bittet um Verzeihung.«
»So ein alter Mann einen so jugendlichen Menschen? Bedenken Sie doch nur!«
»Das ist mir egal! Wenn ich werde beleidigt, so bin ich ein wüthender oder brüllender Löwe!«
»Aber es liegt ja gar keine Beleidigung vor. Er hat Sie nur einen Lügner genannt!«
»Nun, ist das keine Kränkung meiner Ehre?«
»Nein, denn er hat die Wahrheit gesagt. Das Mädchen hieß Anita.«
»Das ist aber nicht wahr!«
»Es ist wahr. Wir wissen es aus einem ganz sichern Munde.«
»Welcher Mund ist das?«
»Der ihrige selbst.«
»Sie – sie selbst soll es gesagt haben?« fragte der Jude erschrocken. »Ja, Anita selbst.«
»Wenn denn?«
»Gestern. Wissen Sie, als mein Freund draußen im Hofe die Bilder ansah.«
»Da war ich doch bei ihm und müßte von dem Gespräche Etwas gehört haben.«
»Ich habe Sie mit Absicht herein zu mir gerufen, und zwar mehrere Male.«
Der Jude starrte den Sprecher entsetzt an.
»Er – er – hat mit – Anita geredet?« fragte er fast stammelnd.
»Ja.«
»Wa – wa – was denn?«
»Er hat sie retten sollen.«
»Gott – der – der Gerechte!«
Er ließ die Arme sinken und blickte ganz rathlos um sich.
»Nun, gestehen Sie es ein?«
Das Wort gestehen brachte ihn schnell wieder zu sich. Er fuhr empor und rief:
»Gestehen? Was soll ich gestehen?«
»Daß es Anita war.«
»Wie kann ich gestehen das? Ich weiß von keiner Anita Etwas, kein Wort!«
»Und doch war sie bei Ihnen?«
»So muß sie sich haben geschlichen herein ohne meinen Willen und Erlaubniß.«
»Ach so! Warum haben Sie sie denn aber eingesperrt?«
»Eingesperrt?« stieß er hervor.
»Ja, eingeriegelt!«
»Wer sagt das?«
»Und sogar mit Stricken angebunden!«
»Wo denn?«
»Oben in der Kammer da über uns.«
»Herr Zebaoth! Höre ich denn recht? Man sagt da Sachen, von denen ich kein Wort verstehe!«
»Lügen Sie nicht! Wir sind dann gekommen und haben sie geholt.«
»Sie – Sie – Sie sind das gewesen!«
»Ah, jetzt verplappern Sie sich!«
»Nein, nein! Ich weiß von nichts!«
»So! Es war ungefähr um Zwölf, als wir sie holten. Um Zwei kamen die beiden Petruccio, um die Mädchens überhaupt abzuholen. Da vermißten Sie Anita und haben sie mit Lichtern und Laternen im ganzen Hause gesucht. Und jetzt sagen Sie, daß Sie von Nichts wissen?«
Der Jude sank auf den bereits erwähnten Papierstoß nieder und vergrub das Gesicht in die beiden Hände.
Da trat der Kommissar zu ihm, legte ihm die Hand auf die Achsel und fragte:
»Abraham, wollen Sie noch leugnen?«
Bei dieser Berührung sprang der Gefragte schnell wieder auf und schrie:
»Ja, ich leugne, ich leugne!«
»Aber es nützt Ihnen nichts!«
»Es nützt, es nützt, es muß nützen. Man macht nur Lügen, um mich zu verderben!«
»Lügen? Schauen Sie sich Die da an!«
Er öffnete die Thür. Anita trat ein. Da taumelte Baruch Abraham zurück.
»Das – das ist sie!« stotterte er.
»Ja, das ist sie. Wollen Sie auch jetzt noch behaupten, daß Sie keine Anita kennen?«
Da schlug der Verbrecher mit den langen Armen durch die Luft, als ob er böse Geister abzuwehren habe, und zeterte:
»Ja, das behaupte ich, das sage ich! Wer anders spricht, ist ein Lügner!«
»So sind die Anwesenden lauter Lügner, und nur Sie allein reden die Wahrheit?«
»Ja, ja, und dreimal ja!«
»Hm! Das würde doch sehr sonderbar sein. Ich bin vom Gegentheile überzeugt. Sie haben keinen einzigen der Namen gekannt, die ich Ihnen genannt habe, und doch stellt es sich heraus, daß Sie diese Personen alle kennen.«
»Nein. Wer das sagt, dem geht es wie dem Herrn Hauptmann da, der auch das Zinn für Silber, das Kupfer für Gold gehalten hat!«
»Sie wählen da einen sehr unglücklichen Vergleich. Der Herr Hauptmann hat sich nicht geirrt.«
»Sie haben es doch vorhin selbst gesehen?«
»Und Sie denken wirklich, daß Sie uns getäuscht haben? Da irren Sie sich in uns.«
»Hab ich Sie etwa täuschen wollen?«
»Natürlich!«
»Ist mir nicht eingefallen!«
»Nun, ich werde es Ihnen beweisen, daß Sie uns hinter das Licht führen wollten. Bitte, Herr Hauptmann!«
Auf diese Worte hin trat der Sepp zu der Kleiderstellage und zog sie von der Wand weg.
»Was ist das? Was wollen Sie da?« fragte der Jude, indem er auf ihn zusprang.
»Die Schmucksachen holen.«
»Die find doch nicht da, sondern dort!«
»O, ich weiß schon, wo sie sind.«
Der Sepp griff nach dem Eisenhaken und drehte. Die Wand öffnete sich. Da aber packte der Jude den Alten und schrie:
»Was haben Sie hier zu suchen? Fort, fort mit Ihnen! Ich dulde das nicht!«
Da zog der Polizist ein paar Handschellen aus der Tasche, zeigte sie ihm und sagte:
»Verhalten Sie sich ruhig! Sobald Sie Einen von uns wieder anrühren, fessele ich Sie!«
»Wie – wa – fesseln?«
»Ja, auf der Stelle!«
»Bin ich denn ein Verbrecher!«
»Und was für einer!«
»Gott der Gerechte! Wie werden verkannt die frömmsten Kinder von Israel!«
»Ja, fromm! Das wäre eine Frömmigkeit! Bitte, Herr Hauptmann, nehmen Sie die Sachen heraus!«
»Nein, nein!« schrie der Jude, den der Gedanke, daß er seine Schätze hergeben müsse, halb wahnsinnig machte.
»Schweigen Sie!« gebot der Commissar.
»Schweigen, ich? Nein, ich schweige nicht. Ich werde laut werden! Und wenn ich nicht mit dem Munde reden soll, so spreche ich anders. Wehe Demjenigen, welcher dort Etwas anrührt!«
Er trat an die Wand und riß ein Terzerol herab. Wahrscheinlich war es geladen. Aber der Sepp war schnell bei ihm und riß es ihm aus der Hand.
»Gieb her!« sagte er. »So ein Kerl wie Du versteht nichts von solchen Dingen!«
Da warf sich der Jude wie ein Tiger auf ihn. Ein lauter Pfiff des Commissars, und es kamen wohl sechs oder acht Polizisten herein, welche draußen im Flur gewartet hatten. In wenigen Augenblicken war der Jude gebändigt.
Aber er schrie in toller Wuth aus vollem Halse, so daß seine Frau es hörte. Sie kam zur Treppe herab und in den Laden gerannt.
»Was, was ist – – –?«
Sie wollte fragen, was hier los sei, aber die Frage blieb ihr im Munde stecken, als sie die Anwesenden bemerkte. Die Uniformen der Polizisten erfüllten sie mit Schreck.
»Was es ist?« rief der Jude. »Berauben wollen sie uns, bestehlen! Diese Schurken sind gekommen, um – – –«
»Knebeln! Und führt ihn ab sammt seinem Weibe!« befahl der Commissar.
Es wurde ganz kurzer Prozeß gemacht. Die Beiden wurden gefesselt und mit Hilfe des vorhandenen Mauerpfortenschlüssels hinten hinaus geführt. An der nächsten breiteren Gasse hielt ein Fiaker, in welchen zwei Polizisten mit dem sauberen Ehepaare stiegen.
So kam es, daß in dem Judengäßchen kein Mensch die Arretur der Beiden sah.
Indessen wurde die ganze Wohnung durchsucht. Da fanden sich denn unwiderlegbare Beweise, daß das Geschäft Abrahams ein geradezu ungeheures gewesen war. In diesem baufälligen Hause waren die Fäden aus allen Gegenden des Reiches zusammengelaufen.
»Da nehmen wir ein Nest aus,« sagte der Commissar zu dem alten Sepp. »Und das haben wir Ihnen zu verdanken.«
»Nicht mir sondern meinen beiden jungen Freunden da.«
»Allen Dreien. Es handelt sich hier um Verbrechen, welche lange Jahr«? hindurch verübt wurden. Auf die Entdeckung vieler von ihnen ist eine bedeutende Prämie gesetzt. Sie werden wohl viel Geld erhalten.«
»O, darnach trachten wir nicht. Eins wäre uns viel, viel lieber.«
»Was?«
»Wenn wir die Höhle hätten.«
»Hm! Ich sagte Ihnen bereits, daß es auf der Isola piccola keine Höhle giebt.«
»Es muß doch eine dort sein.«
»Nein.«
»Die Petruccio's sagten es doch!«
»Sie haben die Mädchens täuschen wollen. Die Insel liegt oberhalb des Schlosses von Miramare ganz hart an der Küste, von welcher sie nur durch einen sehr schmalen Wasserarm verbunden ist. Ich war sehr oft dort.«
»Ist sie, groß?«
»Eine Viertelstunde lang und halb so breit.«
»Ist sie bergig?«
»Ganz eben. Nur einige einzeln verstreute Felsenbrocken giebt es.«
»Womit ist sie bewachsen?«
»Mit Gras. Es giebt keinen Baum dort und auch fast kein Gesträuch Die Petruccio's sind allerdings oft dort, um vom Ufer aus zu fischen.«
»Giebt es ein Haus dort?«
»Eine armselige Hütte zum Unterschlupf, wenn ein Wetter die beiden Fischer überrascht.«
»Hm! Und doch ist es mir, als ob die Höhle dort zu suchen sei. Man muß vorsichtig sein.«
»Ich werde sofort den Juden und seine Frau verhören. Vielleicht gesteht Eins von ihnen, wo die Höhle zu finden ist.«
»Dann benachrichtigen Sie mich sofort!«
»Natürlich. Ich sende einige Zeilen in das Hotel, wenn ich nicht selbst kommen kann.«
»Und wenn sie nichts gestehen?«
»So arretiren wir die Petruccio's.«
»Wäre das nicht ein Fehler?«
»Wieso?«
»Diese beiden Italiener sind doch die Hüter der Mädchens.«
»Allerdings.«
»Diese Mädchens sind jedenfalls in der Höhle eingeschlossen; sie können nicht heraus.«
»Das läßt sich denken.«
»Sie erhalten Speise und Trank von den Petruccio's. Nehmen wir diese gefangen, so verschmachten die armen Geschöpfe.«
»Ich denke, die beiden Kerls werden ein Geständniß ablegen.«
»Das glaube ich nicht. Ich halte sie für hartgesottene Sünder, die lieber sämmtliche Mädchens verhungern und verdürsten lassen, damit nur ihnen nichts bewiesen werden kann.«
»Hm! Fatal!«
»Höchst fatal! Wenn sie nicht gestehen, haben wir verloren. Wir finden nichts.«
»Sie vergessen das Schiff, welches nächste Nacht dort anlegen will, um die Fracht einzunehmen.«
»Es wird umsonst anlegen.«
»Wieso?«
»Wenn weder der Jude noch die beiden Italiener da sind, können die Mädchens doch nicht abgeliefert werden.«
»Sollte der Capitän die Höhle nicht kennen?«
»Schwerlich. Und wenn sie ihm bekannt wäre, würde er es keinesfalls verrathen. Was wollen Sie mit ihm machen, wenn Sie keinen Beweis gegen ihn haben?«
»Er legt doch dort an!«
»Darf er das nicht?«
»O doch, aber es ist verdächtig.«
»Daraus macht er sich nichts. Wenn wir ihn fangen wollen, müssen wir die Mädchens haben. Und um diese zu bekommen, müssen wir die Höhle finden.«
»Ganz richtig! Aber wie?«
»Indem mir die Petruccio's nicht arretiren, sondern sie freilassen. Sie dürfen gar nicht ahnen, daß der Jude gefangen ist. Wir beobachten sie, und da müßte es mit dem Teufel zugehen, wenn wir nicht wenigstens eine Spur fänden.«
»Gut, ich will Ihnen folgen. Ich werde sie also streng beobachten lassen.«
»O bitte, nein! Lassen Sie lieber uns das über.«
»Meinen Sie, daß Sie bessern Erfolg haben werden als wir?«
»Nein; aber ich thu so Etwas sehr gern.«
»Nun schön. Wir sind Ihnen zu größtem Dank verpflichtet und wollen Ihre Wünsche gern berücksichtigen.«
»So sorgen Sie vor allen Dingen dafür, daß kein Verbündeter des Juden erfährt, daß er arretirt ist.«
»Meinen Sie, daß ich das Haus verschließe?«
»Nein. Das würde auffallen.«
»Man könnte denken, er sei verreist.«
»Dann wäre seine Frau daheim.«
»Können, nicht alle Beide verreist sein?«
»In diesem Falle würden sie einer Vertrauensperson das Geschäft übergeben. Baruch Abraham scheint mir zu geizig zu sein, als daß er sich den kleinsten Verdienst entgehen ließe, was doch der Fall sein würde, wenn er während seiner Abwesenheit keinen Verkäufer in den Laden stellte.«
»So stellen wir einen!«
»Dieser Gedanke ist nicht übel.«
»Nicht wahr?«
»Ja. Haben Sie eine passende Persönlichkeit?«
»Einen jungen Collegen, welcher erst seit zwei Tagen aus Graz gekommen ist. Es kennt ihn Niemand, und er ist ein Jude.«
»Aber sicher?«
»Ueber allen Zweifel erhaben.«
»So paßt er ausgezeichnet. Er kann sich für einen Verwandten Abrahams ausgeben und sagen, daß dieser mit seiner Frau für einen Tag oder einige Tage verreist sei. Auf diese Weise können wir leicht noch Wichtiges erfahren.«
»Ich werde sofort nach ihm senden und ihn dann gehörig instruiren.«
»So bedürfen Sie meiner nicht mehr?«
»Jetzt nicht. Später vielleicht.«
»Ich habe jetzt Wichtigeres zu thun.«
»So gehen Sie in Gottes Namen.«
Sepp hatte nach der Uhr gesehen. Es war bereits eine halbe Stunde über zehn Uhr, um welche Zeit er den Fex mit der Silbermartha erwartete.
Er hätte sich ganz gut eher entfernen können; aber dann wäre ja Max mit ihm gegangen, welcher Martha nicht sogleich sehen sollte. Darum hatte er die zehn Uhr ruhig verstreichen lassen.
Jetzt nun entfernte er sich mit den Seinen, nachdem Anita ihnen die Orte gezeigt hatte, an denen sie hier gequält worden war.
Sie unterhielten sich unterwegs so lebhaft über das Vorkommnis im Hause des Juden, daß Max und Hanns gar nicht daran dachten, daß der Fex ja kommen wolle.
Sie begaben sich, im Hotel angekommen, stracks nach Sepps Zimmer. Der Alte aber blieb leise zurück und fragte den Portier:
»Ist der Herr angekommen, welchem ich depeschirte?«
»Ja, punkt zehn Uhr. Er fragte nach dem Herrn Hauptmanne.«
»Kam er allein?«
»Er hatte eine junge Dame mit.«
»Wo logirt er.«
»Beide befinden sich einstweilen in Nummer Zwölf, zwei Treppen.«
Der Sepp stieg sogleich diese zwei Treppen hinauf und klopfte an. Die Stimme, welche »Herein« rief, kannte er. Sie gehörte dem Fex.
Als er eintrat, wurde er von diesem und Martha auf das Lebhafteste begrüßt.
»Aber, Sepp, was fällt Dir ein!« rief der Fex. »Uns mitten in der Nacht aus dem Schlafe zu stören und nach Triest zu rufen.«
»Das ist ja weiter nix.«
»So! Nächstens schaffst Du uns wohl nach Amerika?«
»Das ist leicht möglich. Grad wegen Amerika hab ich Dich rufen lassen.«
»Ists Spaß?«
»Nein, Ernst.«
»Oho! Was hab ich mit Amerika zu thun?«
»Du nicht, aber die Paula.«
Dieser Name wirkte wie electrisirend auf den Fex. Er rief erstaunt:
»Die Paula? Was ists mit ihr?«
»Sie will nach Amerika.«
»Herrgott! Weißt das wirklich?«
»Ja doch.«
»So hat sie es Dir sagt?«
»Nein, sie nicht.«
Er schlug die Hände zusammen und that einen Freudensprung, der einem Circuskünstler alle Ehre gemacht hätte. Dann ergriff er die Hand des Alten und fragte
»Sepp, ists denn wirklich, wirklich Dein Ernst?«
»Natürlich.«
»Hast eine Spur von meiner Paula funden?«
»Ja doch.«
»Aber selbst hast sie nicht sehen?«
»Leider nicht. Ich such sie noch.«
»Ich such sie mit, ich such sie mit!«
»Deshalb habe ich Dich kommen lassen.«
»So ist sie hier?«
»Sie soll sich hier befinden.«
»Wo, wo?«
»Gefangen.«
Der Fex erbleichte.
»Gefangen?« fragte er. »Hat sie vielleicht in ihrem Herzeleid eine Unvorsichtigkeit begangen?«
»O nein, nein, nein! Das thut die Paula nicht.«
»Das denk ich auch. Eher geht sie zu Grund, als daß sie was Böses thut. O mein Gott, meine Paula! Endlich ich nur mal wieder was von ihr hören thu!«
»Mußt Dich aberst darauf gefaßt machen, daß es nicht gar viel Gutes ist.«
»Gehts ihr schlimm?«
»Ja, leider.«
»So solls gleich anderst werden, gleich auf der Stell!«
»Ja, wann man nur die Stelle hätt!«
»Wie meinst das?«
»Bevor ichs Dir sag, mußt mir versprechen, daßt nicht verschrecken willst.«
»Himmel! Ists so was Schlimmes?«
»Nun, zu ertragen ists halt noch.«
»So sags!«
»Sie ist in schlimme Händ gerathen.«
»In welche denn?«
»Sie wird mit Gewalt fortgehalten und soll auf ein Schiff schleppt werden, worauf man sie nach Amerika bringen will.«
»Du, das will ich mir verbitten!«
»Ich mir auch!«
»Wo ist das Schiff?«
»Hier im Hafen.«
»So lauf ich sofort zum Capitän und schlag ihn nieder. Kannst derweilen hier warten!«
Er riß seinen Hut von der Wand und eilte nach der Thür.
»Halt!« rief der Sepp. »Weißt denn auch, wie dera Capitän heißt?«
»Nein«
»Und den Namen des Schiffes?«
»Auch nicht. Sags schnell, damit ich fort kann! Ich hab halt keine Zeit!«
»Ich hab auch keine Zeit, bis Du fortgehst und dann wiederkommst.«
»So geh halt gleich mit!«
»Werds bleiben lassen! Wann ich so schön zur Thür hinaus spazieren kann, schieß ich nicht mit dem Kopf zur Wand hindurch!«
»Was schwatzest da! Dera Capitän will sie nach Amerika schleppen. Das duld ich nicht!«
»Er hat sie noch gar nicht!«
»Ach so! Wer hat sie denn?«
»Das weiß ich noch nicht genau. Ich such den Kerl. Ein Jude wird es wohl sein.«
»Ein Jude? Den hau ich so lang, bis ein Türke aus ihm wird, und zwar ein blauer!«
Er rannte abermals nach der Thür, besann sich aber, blieb stehen und fragte:
»Wie heißt er denn?«
»Baruch Abraham.«
»Und wo wohnt er?«
»Im Gefängniß.«
»Im Gef– – Donnerwetter! Treibst wohl Dein, Spiel mit mir, alter Sepp?«
»Das fällt mir gar nicht ein. Aber lässest Du mich denn zu Worte kommen?«.
Er hatte ganz Recht mit dieser Frage. Es war blitzschnell Wort auf Wort gefallen. Der Fex war vor Entzücken, von der so lange vermißten Geliebten Etwas zu hören, ganz aus dem Häuschen gerathen. Jetzt zürnte er:
»Wer ist denn daran schuld?«
»Du doch!«
»Nein, Du! Du giebst mir den Trank nur tropfenweise ein, und ich will doch gleich Alles wissen.«
»Wann ich Dir Alles in Kürze sag, so zerplatzest ganz gewiß in tausend Stücke.«
»Versuchs einmal!«
»Also will ichs kurz machen: Es hält sie Einer gefangen, um sie nach Kalifornien unter die Goldgräber zu verkaufen.
Einen Augenblick lang starrte der Fex den Alten an, dann sprang er auf ihn zu, packte ihn bei der Gurgel und schrie:
»Du, sag das noch mal! Da erwürg ich Dich!«
Der Sepp mußte alle seine Kraft aufbieten, den jungen, starken Menschen von sich abzubringen. Dann rief er halb lachend und halb zürnend:
»Hab ichs nicht sagt, daßt gleich in tausend Stücke springen wirst. Du Haderlump Du!«
»Was sagst, Haderlump?«
»Ja! Willst etwa nicht Deinen besten Freund derwürgen? Mich, den alten Wurzelsepp?«
»Ja, Dich hab ich doch gar nicht meint!«
»So? Wen denn?«
»Den, der sie verkaufen will.«
»Warum packst ihn denn da an meiner Gurgel? Pack mich doch an dera seinigen!«
»Wo steckt er denn?«
»Werd ihn Dir schon zeigen.«
»So komm!«
Er ging wieder nach der Thür.
»Bleibst gleich da!« rief der Alte. »Wie viele Male willst denn eigentlich fort?«
»Das fragst auch noch? Herrgottle, Sepp, siehst denn nicht ein, daß ich vor Ungeduld vergeh?«
»So nimm Dich zusammen und beherrsche Dich! Damit kommst nicht weiter. Geh her! Setz Dich zu mir! Ich will Dir Alles verzählen.«
»Gut; aberst schnell!«
Martha hatte den Sepp begrüßt und seitdem keine Gelegenheit gefunden, nur ein einziges Wort zu sagen. Jetzt nahm sie den Fex bei der Hand, zog ihn auf das Sopha und bat:
»Fex, ich bitt Dich gar schön: hör ihn an!«
»Das will ich wohl,« antwortete er. »Aber in fünf Minuten muß er fertig sein.«
»Sei kein Talk!«
»Wie? Wannst nun Du verkauft werden solltest, und Dein Max thät sich hinsetzen – –«
»Fex!« rief sie bittend.
»Ach so! Ja, das hatt ich vergessen, daß man zu Dir von dem nicht reden darf. Na, Sepp, ich will mir Mühe geben, still zu sein. Da sitz ich, und nun fang an zu verzählen.«
»So? Bist wirklich still?«
»Das ist sehr gut. Da werd ich nun grad nicht verzählen.«
Er stand auf. Der Fex sprang zornig auf ihn zu, ergriff ihn am Arme und rief:
»Du, Alter, wannst noch einen Funken ins Pulver wirfst, da platzt es halt!«
»So werf ich keinen. Weißt, hier ist nicht dera Ort dazu. Komm mit hinunter in meine Stuben. Da ist noch Einer, der Dir Alles viel besser verzählen kann, als ich.«
»Wer?«
»Wirsts sehen. Komm!«
»Soll ich auch mitgehen?« fragte Martha.
»Nein. Bleib nur. Ich schick Dir was herauf.«
»O, ich brauch nix.«
»Das, was ich Dir senden werd, kannst schon gut gebrauchen. Paß' mal aufi!«
Er nahm den Fex bei der Hand und zog ihn fort.
»Du,« sagte er unterwegs, »rath mal, wenst bei mir treffen wirst?«
»Ich weiß es nicht.«
»Den Elefantenhanns und – –«
»Und den Max?« fragte der junge Mann schnell.
»Wie kommst Du auf den?«
»Wo dera Hanns ist, da ist dera Max auch.«
»Da hast Recht. Sie sind da, auf meinem Zimmer.«
Als die Beiden unten eintraten, hatte noch immer Niemand an ihn gedacht. Max, Hanns und Anita hatten sich über den Juden unterhalten und waren so ganz bei der Sache gewesen, daß sie gar keine Zeit gefunden hatten, sich auf den Zehnuhrzug zu besinnen und auf den, der mit demselben kommen sollte.
Desto herzlicher war jetzt die Begrüßung. Anita hatte sich bei seinem Eintritte sogleich in ihr Zimmer zurückgezogen. Ihr natürliches Zartgefühl sagte ihr, daß die ersten Augenblicke den Freunden gehören mußten.
Natürlich kam die Rede sofort auf die Paula. Der Fex verlangte Auskunft über sie. Max wollte ihm antworten, aber der Sepp unterbrach ihn:
»Sei Du still, Max! Ich werds ihm verzählen, und dera Hanns mag mir helfen. Du hast Nothwendigeres zu thun.«
»So? Was denn?«
»Es ist Eins von dera Polizeien da, was mit Dir reden will.«
»Wo denn?«
»Noch eine Treppe höher, in Nummer Zwölf. Sollst aber gleich kommen.«
»Was ists denn für einer?«
»Ein Feiner und Prächtiger. Sei recht höflich mit ihm und mach ihm ja ein schön Complimenten!«
Das Gesicht, welches der Alte dabei machte, fiel ihm auf. Darum fragte er:
»Willst mich wohl nur in den April senden?«
»O nein. Es ist wahr. Frag den Fex.«
»Ja,« meinte dieser. »Geh rasch hinaufi. Es hat keine Zeit. Du mußt rasch machen.«
Jetzt stieg Max empor und klopfte an. Es ertönte keine Antwort. Erst als er zum zweiten Male klopfte, hörte er von innen einen Ton.
»Das klingt ja, als obs ein Weibsbild wär,« dachte er. »Sind denn hier auch Weiber bei dera Polizeien?«
Daß der Fex den Namen Maxens erwähnt hatte, das hatte das alte Leid im Herzen Martha's wieder aufgeweckt. Als sie sich allein sah, trat sie zum Fenster, legte die Stirn an die Scheibe und blickte trüb auf den Platz hinab.
Wie glücklich konnte sie jetzt sein, wenn sie früher gewollt hätte. Sie war selbst schuld daran. Ihr Stolz, ihre Herzlosigkeit! O, wenn diese nicht gewesen wären!
Aber, wäre sie jetzt wirklich glücklich? Hätte sie, die Tochter des Verbrechers, das Dasein des Geliebten an das ihrige ketten dürfen? Nein, nein und tausendmal nein. Sie war zur Verdammung und Verbannung verurtheilt und mußte dieses Schicksal tragen.
Leider war die Last gar so schwer!
Unten rasselten die Wagen. Der Platz vor dem Hotel war so sehr geräuschvoll. Darum hörte sie das erste Klopfen nicht.
Und als sie das zweite doch vernahm, sagte sie zwar Herein, aber sie wendete sich nicht um. Sie meinte, daß es ein Zimmermädchen sei und sie wollte die Thräne nicht sehen lassen, die in ihrem Auge stand.
Als aber kein Wort gesprochen wurde und auch keine Bewegung im Zimmer zu hören war, drehte sie sich um.
Was war das! Sie fuhr sich vor Schreck mit beiden Händen nach dem Herzen. Reden konnte sie nicht. War es freudiger Schreck?
Sie hätte diese Frage selbst nicht zu beantworten vermocht. Alles Blut wich aus ihrem Gesicht. Sie hatte wirklich das Aussehen einer Leiche.
Und dort unter der geöffneten Thür stand er ebenso blaß wie sie. Seine Lippe lag zwischen den Zähnen, und seine Augen leuchteten zu ihr herüber. Leuchteten sie vor Zorn oder vor Freude?
Da trat er herein und zog die Thür hinter sich zu. Dort aber blieb er stehen.
»Martha!« sagte er mit zitternder Stimme.
Sie antwortete nicht.
»Martha!«
Ihre Hände sanken von der wogenden Brust herab, aber sie redete nicht.
»Hast Du kein Wort für mich?«
Was sollte sie sagen, was sollte sie thun?
»Martha!«
Ein tiefer, tiefer Seufzer entfloh hörbar ihren Lippen; dann blieb es aber still.
»Leb' also wohl!« erklang es kurz aus seinem Munde.
Er drehte sich um und ging.
Schon hatte er die Thür hinter sich zugemacht. Er war fort. Sie hörte seine sich entfernenden Schritte. Da kam eine unbeschreibliche Angst über sie. Sie sprang nach der Thür, riß sie auf und trat halb auf den Corridor hinaus. Er hatte schon die Treppe erreicht.
»Max!« rief sie.
Er drehte sich um, sagte aber nichts.
»Max!«
»Was soll ich?«
»Komm!«
»Warum sagst Du das erst jetzt? Adieu!«
Er wendete sich wieder zum Gehen.
»Max, Max!« erklang es hinter ihm.
Dieser Ton war so voller Angst und Qual, daß er sich doch umwendete und langsam zu ihr zurückkehrte.
Sie trat in das Zimmer zurück und er folgte ihr. In ihrem Gesicht war kein Tropfen Blut zu sehen. Und nun, da sie ihm so nahe stand, sah er deutlich, welche Veränderung mit ihr vorgegangen war.
Sie war schöner, viel schöner noch als früher. Aber ihre Schönheit war eine mehr geistige geworden. Das Leid hatte ihren üppigen Formen einen Adel aufgedrückt, der ihnen vorher gefehlt hatte. Das Gesicht war schmaler geworden. Ihre Augen standen jetzt, in diesem Augenblicke voll dicker Thränen.
»Martha, warum ließest Du mich gehen?«
Sie antwortete abermals nicht.
Nur an das Leid denkend, welches sie ihm früher bereitet hatte, fuhr er halb zornig fort:
»Mein Gott! Kannst Du denn wirklich nicht reden?«
Sie preßte die Lippen zusammen; sie schluckte und schluckte, um den überlauten Aufschrei ihres Herzens hinab zu bannen. Unter dieser geistigen und körperlichen Anstrengung erbebte ihre Gestalt.
Er war schon früher ein schöner, junger Mann gewesen; aber jetzt, nachdem er eine so lange Zeit im Süden zugebracht hatte, waren seine Vorzüge weiter entwickelt worden. Und welch eine Zukunft lag vor ihm! Sie hatte davon gehört.
Dieses Bewußtsein war es, was sie jetzt erzittern machte. Das Glück, welches sie hätte besitzen können, stand vor ihr; sie aber hatte es von sich gestoßen.
Das war es, was ihre ganze Seele in eine Aufregung brachte, die sie nur unter Anstrengung all ihrer Kräfte noch für einige Augenblicke zu bemeistern vermochte. Sie hätte gern geantwortet, gar so gern; aber sie konnte ja nicht. Sie fühlte, daß sie laut aufschreien werde, wenn sie den Mund öffne.
»Nun,« sagte er kalt, »wenn Du nicht antworten kannst, so brauchtest Du mich auch nicht zu rufen. Der armselige Schulmeister bin ich glücklicher Weise nicht mehr!«
Er drehte sich zum Gehen und öffnete die Thür. Schon stand er draußen, da ertönte hinter ihm im Zimmer ein Schrei – aber was für ein Schrei!
Als er den Blick zurückwarf, sah er Martha, auf dem Boden knieen, mit dem Gesicht auf den Sitz des Stuhles gebeugt. Ein jämmerliches Schluchzen entquoll ihrer Brust.
Da kehrte er langsam zurück und machte die Thüre wieder zu. Die Hände über die Brust verschlungen, stand er da und blickte sie finster an.
Er wartete, daß sie aufblicken und mit ihm sprechen werde – sie that es nicht. Da wollte sich ein grimmiger Zorn seiner bemächtigen, er sagte in hartem Tone:
»Martha, bist Du fertig?«
Als Antwort verstärkte sich ihr Weinen.
»Gott, ach Gott! Was soll das Schluchzen helfen! Das Jammern machts nicht anders.«
Da hob sie langsam den Kopf und sah ihn an. Es war wie der Blick einer Sterbenden. Und erst jetzt kam ihm die Erkenntniß, daß sie unmöglich hatte reden können, daß er hart, gefühllos, grausam mit ihr gewesen sei.
Im Nu kniete er neben ihr, schlang die Arme um sie und zog ihren Kopf auf seine Achsel. Er fühlte ihren Körper an sich beben; er fühlte, welch eine Revolution sie jetzt durchschüttelte. Er hob sie auf, ließ sie auf das Sopha gleiten, setzte sich neben sie und hielt sie innig an sich gepreßt.
So lag sie nun an seinem Herzen, weinend aus allertiefstem Herzensgrunde. Sie hatte den einen Arm um ihn gelegt, aber so leicht, so leise, daß er ihn kaum fühlte. Er wußte, weshalb. Sie hielt sich nicht für werth, von ihm umschlungen zu sein.
Da nun kam abermals ein zorniger Grimm über ihn, aber jetzt nicht über sie, sondern über sich selbst. Wie wehe hatte er ihr gethan. Er hatte sie nicht verstanden und ihr im Gegentheile so unendlich wehe gethan! Er hätte sich selbst beohrfeigen mögen!
So verging eine längere Zeit. Da wurde ihr Weinen schwächer und schwächer, bis es ganz aufhörte. Ihr Kopf lag still und ruhig auf seiner Achsel, das Gesicht nach unten gekehrt, so daß er es nicht sehen konnte.
Aber ihre eine Hand hatte er; sie konnte er sehen. Sie war so fein und alabasterweiß.
Dieses Händchen erzählte die ganze Geschichte des armen Mädchens, welches von der Höhe herabgeschleudert worden war in eine Tiefe, aus welcher man nicht leicht wieder hoffnungsvoll emporblicken kann.
Früher hatten Ringe an diesen weißen Fingern geglänzt, Ringe, mehrere neben einander, als Zeichen eines grund- und haltlosen Bauernstolzes. Und jetzt? Ein einziger Reif umschloß den kleinen Finger. Aber er war nicht von Gold und auch nicht von Silber. Es war ein sehr, sehr dünnes Haargeflecht, kunstlos, als hätte sie es selbst gemacht, und die Enden des Haares waren in einer schwarzen Perle vereinigt, nicht in einer echten, sondern in einer ganz gemeinen Glasperle, zwanzig und noch mehr Stück für einen Pfennig.
Und da dachte er an den letzten Tag in Regensburg, damals, als er sie auf dem Maskenball des Gesangvereines als »Königin der Nacht« kennen gelernt hatte.
Damals hatte er halb im Ernst und halb scherzend gesagt, daß er ganz glücklich sein würde, wenn er ein kleines, kleines Löckchen oder Strähnchen ihres Haares besitzen könnte. Sie hatte es ihm verweigert, weil er sich wohl auch hüten werde, sich für sie eines Löckchens seines dunklen Krauskopfes zu berauben.
Um ihr das Gegentheil zu beweisen, hatte er das Federmesser herausgezogen und sich eine ganze Locke abgeschnitten, sie in ein Papier gewickelt und sie ihr gegeben. Sie aber hatte dieses Papier lachend fortgeworfen, und natürlich auch die Haare mit. Oder vielleicht doch nicht?
Jetzt bewegte sie leise den Kopf. Vielleicht wollte sie ihn erheben.
»Martha,« flüsterte er ihr zu. »Kannst Du mir vergeben?«
Sie schwieg auch dieses Mal.
»Bitte, bitte, antworte mir doch, wenn auch nur mit einem kleinen, einzigen Worte!«
Sie antwortete, aber nicht mit einem Worte, sondern sie legte auch noch den zweiten Arm um ihn und drückte beide nun fest um seinen Leib.
Da ergriff er ihren Kopf und hob ihn halb empor. Ihre noch immer nassen Augen blickten ihn mit unendlich traurigem Ausdrucke an.
»Dir ist so weh im Herzen, meine Martha, nicht wahr?« fragte er.
Und in überquellendem Mitgefühle füllten auch seine Augen sich mit Thränen.
Sie nickte ihm wie trostlos zu.
»Dies soll das letzte Mal sein, daß Du um die Vergangenheit weinst.«
»O nein,« antwortete sie leise. »Ich werde noch oft, so oft zu weinen haben.«
»Nein. Dein Leid ist zu Ende. Du hast mehr als genug geduldet.«
»Aber nicht gebüßt.«
Er wußte gar wohl, was sie meinte, und doch fragte er, als ob er sie nicht verstehe:
»Gebüßt? Wofür?«
»Für meinen Stolz, für meine frühere Gefühllosigkeit, für – – die Silbermartha. O mein Gott, dieses unglückliche, unglückliche. Silber!«
»Es ist vorüber!«
»Ja, für Dich, aber nicht für mich!«
»Auch für Dich. Glaube es mir.«
»Ich glaube es nicht, ich kann es nicht glauben, denn ich weiß das Gegentheil.«
»Kind, das ist ja eine ganz erschreckende Trostlosigkeit!«
»Nein, Max, trostlos ist es nicht. Es ist ein Trost, daß Du nicht mit in unseren Fall gerissen worden bist.«
»Martha, ich verstehe Dich nicht.«
»O, Du verstehst mich gut, willst es aber nicht zugeben. Jetzt segne ich zuweilen den Stolz, der nichts von dem Schulmeister wissen wollte. Du begreifst das; aber Du gestehst es nicht, um mich nicht zu kränken.«
»So hältst Du mich wohl gar für so unendlich zart und rücksichtsvoll?«
»Ja, das bist Du!«
»Herrgott! Du weißt nicht, welche Strafe für mich in diesen Worten liegt. Wie rücksichtslos bin ich vorhin gegen Dich gewesen!«
»Nur, weil Du mich nicht verstandest.«
»Aber warum verstand ich Dich nicht? Eben weil ich nicht zart war. Ich verlangte, daß Du reden solltest.«
»Ich konnte nicht, konnte unmöglich.«
»Das weiß ich jetzt. Vergieb es mir. Willst Du, Martha?«
Sie nickte ihm zu und ihr Gesicht erhellte sich. Er bog sich herab, um sie zu küssen; sie aber wich ihm aus.
»Martha!« sagte er vorwurfsvoll. »Ich habe doch geglaubt, daß Du mich lieb hättest.«
»Ja,« erklang es mit tiefem Athemzuge. »Wie lieb, wie lieb ich Dich hatte, das habe ich erst später gespürt.«
»Und hast Du mich auch jetzt noch lieb?«
»Unendlich!« flüsterte sie, indem sie über und über erröthete.
»O, so ist ja Alles, Alles gut!«
Er machte abermals den Versuch, sie zu küssen, und wieder entzog sie ihm ihre Lippen.
»Martha, warum wendest Du Dich ab?«
»Ich muß ja doch.«
»Nein, nein!«
»Ich darf nicht, Max.«
»Warum nicht?«
»Weil ich Dich nur lieben darf, aber weiter nichts. Die Liebe darf mir Niemand aus dem Herzen reißen.«
»So bedarf es ja weiter nichts. Unsere Liebe ist geläutert aus der Trübsal hervorgegangen, und nun muß sie auch zu ihrem Recht gelangen.«
»Was verstehst Du unter diesem Rechte?«
»Daß wir uns gehören werden.«
»Niemals!«
»Warum niemals!«
»Aus vielen Gründen.«
»Willst Du sie mir nicht sagen?«
»Du kennst sie ja auch.«
»Ich kenne nichts, was uns trennen könnte, nun wir uns wiedergefunden haben.«
Sie schüttelte leise aber bestimmt den Kopf.
»Das sagst Du aus reiner Herzensgüte.«
»Nein, sondern aus vollster Ueberzeugung.«
»So täuschest Du Dich, Max. Denke an die Vergangenheit zurück. Ich will den heutigen Tag als eine Gnade Gottes betrachten und noch einmal, das letzte Mal im Leben bei Dir sein.«
»Martha!« rief er erschrocken.
»Fürchte nichts!« antwortete sie, bitter lächelnd. »Ich meine nicht das, was Du denkst. Ich kann das Leben tragen; ich werfe es nicht von mir. Aber es gehört nicht mehr mir und meinem Glücke, sondern es ist dem Dienste der Demuth und Arbeit gewidmet.«
»Und dabei wirst Du grad am Allerglücklichsten sein.«
»Ohne Dich nie!«
»Wer fordert denn von Dir, daß Du ohne mich leben sollst, Martha?«
»Die Gerechtigkeit.«
»Liebes Kind, ich glaube, Du hast Dich in eine ganz falsche Anschauung hineingelebt.«
»Nein. Ich habe viel gelitten und viel gerungen, ehe ich zur Klarheit gelangt bin. Ich werde einsam durch das Leben gehen, nicht abgeschieden zwar von Andern, nicht im Kloster; Arbeit ist auch ein Gebet, und ich werde arbeiten, um – – zu vergessen.«
»Das wirst Du nie können!«
Sie senkte den Kopf. Sie gab ihm Recht.
Da ergriff er ihre Hand, hob dieselbe empor, deutete auf den Haarring und fragte:
»Wer hat das geflochten?«
»Ich selbst,« antwortete sie leise.
Sie erglühte dabei im ganzen Gesichte.
»Mit dieser Perle.«
»O, die ist kostbar.«
»Wieso?«
»Ehe ich heimlich aus der Heimath fortging, besuchte ich die Feuerbalzern. Sie besserte sich eine alte Haube aus, und einige Perlen fielen herab. Ich bat sie, mir eine zu schenken: Sie gab mir diese hier.«
Er verstand sie. Seine Augen füllten sich von Neuem. Von der Frau, die sie so oft durch ihren Stolz gekränkt hatte, hatte sie sich eine armselige Perle erbettelt. Das war Demuth, das war Beugung des früheren Stolzes. Sie hatte in die weite Welt gehen wollen, um sich zu verbergen, und als Andenken an die Heimath eine werthlose Perle von ihrer Feindin erbettelt!
»Wie mag sich die Feuerbalzern gewundert haben, was Du mit der Perle willst!« sagte er.
Sie antwortete nicht. Ihre Fingerchen aber zuckten wie hektisch gegen einander.
»Und das Haar, von wem ist es?«
»Kennst Du, es nicht?«
»Nein.«
Aber er ahnte, daß es von ihm sei.
»Es ist von der Locke, die Du Dir in Regensburg abschnittest,« erklärte sie.
»Die hast Du doch fortgeworfen!«
»Nein.«
»Ich sah es!«
»Ich warf nur das Papier fort. Du solltest nicht denken, daß ich Dich gar so lieb hätte. Das gab mein Stolz nicht zu. Aber das Haar hätte ich um keinen Preis mit weggeworfen.«
»Du Gute!«
Er zog sie inniger an sich.
»O, wie wenig gut war ich!« seufzte sie.
»Du warst doch immer gut; aber die Güte durfte nicht gesehen werden. Daran warst nicht Du schuld, sondern die Erziehung. Jetzt aber hat das harte Leben den Edelstein in Schliff gehabt, und nun glänzt er so hell und so rein, daß ich ihn festhalten werde, weil ich ihn keinem Andern gönne.«
»Wirklich?«
»Ja, um keinen Preis!«
»Es wird ihn auch kein Anderer haben, diesen Edelstein, der ganz und gar nicht echt ist.«
»Martha!«
»Er wird Niemandem gehören. Er ist herabgefallen auf die Erde, und da mag er liegen bleiben. Einem Stein thut es doch nicht weh!«
Ihr Köpfchen neigte sich fast bis auf die Brust herab, und er sah, daß eine Thräne aus ihrem Auge in den Schooß fiel.
»Martha, wirf diese Verzagtheit fort!« bat er in dringendem Tone.
»Es ist keine Verzagtheit. Es ist die kalte Beurtheilung der Verhältnisse.«
»Nein. Es ist Verzagtheit. Hat denn die Silbermartha allen Muth verloren?«
»Max, nicht diesen Namen, ja nicht! Es thut mir so wehe, wenn ich ihn höre. Nein, den Muth habe ich nicht verloren.
»Es scheint aber so!«
»Grad zum Entsagen gehört der größte Muth.«
»Aber wenn man Etwas aufgiebt, welches man erlangen kann, so ist das feig.«
»Wenn man es erlangen kann, ohne daß es Andern, schadet, ja.«
»Nun, wem schadet es, wenn wir uns lieben und uns dann auch gehören?«
»Dir.«
»Mir? O nein!«
»O doch! Wie kann die Tochter des Zuchthäuslers Dir gehören. Dir, dem Reinen, dem – –«
»Martha, nicht so!« bat er, indem er aufsprang und einige Male im Zimmer auf und ab ging. »Wenn wir uns deshalb nicht gehören können, weißt Du, wer allein die Schuld daran trägt?«
»Nun?«
»Ich.«
»Du? Das ist ja gar nicht möglich.«
»O, es ist wirklich so.«
»Das könntest Du wohl nicht beweisen.«
»Es ist eben so traurig, daß ich es so sehr leicht beweisen kann. Ich bin es ja, der Deinen Vater auf das Zuchthaus gebracht hat.«
»Du?«
»Ja. Hast Du denn nicht bemerkt, oder erfahren, daß ich es war, der Alles entdeckte. Eins nach dem Andern?«
»Ja, das weiß ich.«
»Nun, ich hatte, seit ich Deinen Bruder und Deinen Vater zum ersten Male traf und von ihnen beleidigt wurde, mir vorgenommen, sie zu bestrafen. Ich bin ihnen nachgegangen auf Schritt und Tritt. Ich habe Wort gehalten und Dich aber unendlich unglücklich gemacht.«
»Ja, sehr, sehr unglücklich,« seufzte sie.
»Das wirst Du mir nie vergeben können!«
Sie blickte ernst und ohne den mindesten Vorwurf im Auge zu ihm auf und antwortete:
»Ich habe Dir nichts zu vergeben.«
»O, viel, viel!«
»Gar nichts. Du hast die Welt von Verbrechern befreit. Das ist ein Verdienst von Dir. Daß diese Leute meine Verwandten waren, dafür konntest weder Du noch ich.«
»Hegst Du wirklich, wirklich diese Ansicht?«
»Ja.«
»Und machst mir keinen Vorwurf?«
»Max, ich schwöre Dir beim Herrgott zu, daß mir niemals der Gedanke gekommen ist, Dir auch nur den leisesten Vorwurf zu machen. Ich selbst bin ja heimlich fort, weil ich den Vater hätte anzeigen müssen, wenn ich geblieben wäre.«
»Gott sei Dank! Da nimmst Du mir eine große, große Last von der Seele.«
»Wenn Dich das bekümmert hat, so wirf es von Dir. Ich zürne Dir nicht.«
»Aber Dir selbst zürnst Du desto mehr.«
»Mir selbst? Wie so?«
»Nun, meinst Du nicht, daß Vorwürfe auf Dir liegen?«
»Nein. Ich habe nichts Unrechtes gethan.«
»Und doch willst Du dem Glücke entsagen?«
»Weil ich muß.«
»Kind, das ist ein trauriger Gedanke, den wir tödten müssen, wenn er nicht uns selbst tödten soll. Komm einmal her, meine gute, liebe Martha, uns schau mir in das Gesicht! So!«
Er setzte sich nieder zu ihr, nahm ihren Kopf in beide Hände und hob ihn so empor, daß sie ihm grad in das Gesicht sehen mußte. Dann fuhr er fort:
»Du hast mich wirklich lieb?«
»Lieber als mein Leben, Max!« hauchte sie.
»Und meinst Du, daß ich Dich weniger lieb habe als Du mich?«
»Ists auch wahr?«
»Ja, meine Martha. Du bist mir niemals, niemals aus dem Sinn gekommen. Gott, wie so unglücklich bin ich gewesen! Wie habe ich nach Dir gefragt und geforscht, stets vergebens, und ach, ich hätte beinahe zu Grunde gehen können!«
Er nahm seine Hände von ihr weg und blickte trüb vor sich hin.
»Wieso denn?« fragte sie ängstlich.
»Du fehltest mir. Die Sorge um Dich quälte mich. Ich machte mir Vorwürfe. Ich sagte, ich sei zu hart gegen Dich gewesen. Und das war auch wahr. Nicht?«
Sie wollte den Kopf schütteln, brachte es aber doch nicht fertig.
»Ja, ja,« nickte er. »Ich verstand Dich eben nicht. Weißt Du noch, als ich zum ersten Male bei Euch im Silberhofe war, um mich bei Deinem Vater anzumelden?«
»Ich weiß es, ja.«
»Da gingen wir in Unfrieden auseinander.«
»Und ich – ich – ich lag dann auf dem Pulte und weinte bitterlich.«
»Und ich glaubte, Du hättest kein Herz. Ich bildete mir etwas auf meinen psychologischen Scharfblick ein. Ich, ich war der Stolze und warf Dir vor, stolz zu sein. Da siehst Du es, wer die Schuld trägt, Martha.«
»Du nicht!«
»Du auch nicht!«
»O doch!«
»Nun, so wollen wir sie Beide auf uns nehmen und sie vereint tragen. Nicht?«
»Nein, Max. Es wäre eine Sünde.«
»Von uns Beiden?«
»Von mir.«
Da legte er den Arm um ihren Hals, zog ihren Kopf nahe an sich heran, blickte ihr tief in die Augen und sagte:
»Mit solchen Ansichten kommen wir nicht weiter. Schau mich an, Martha, wenn ich Dich nicht haben soll, so brauche ich überhaupt gar nichts. Wenn Du auf dem Gedanken beharrst, daß Du mein nicht werth bist, so laufe ich auf und davon, in alle, alle Welt hinein!«
»Max!«
»Ja, das thue ich gewiß!«
»Das darfst Du nicht!«
»Auch Du darfst mich nicht von Dir stoßen und thust es aber doch!«
»Max, die Leute würden auf uns zeigen und sagen, daß Deine Frau die Tochter des Silberbauers ist.«
»Laß sie reden. Du bist mit dem Fex gekommen. Hat er seine Paula lieb?«
»O, er sucht sie Tag und Nacht.«
»Und wenn er sie findet, glaubst Du, daß er mit ihr glücklich sein wird?«
»Ganz gewiß.«
»Und sie ist die Tochter des Thalmüllers. Jetzt hast Du Dich selbst geschlagen.«
»Nein, Max. Ich habe doch Recht. Meine Liebe treibt mich, gegen die Stimme des Verstandes zu handeln; aber ich weiß nur zu gut, daß später, die Zeit kommen würde, in welcher ich es bereuen müßte.«
»Und bist Du wirklich von diesem Gedanken nicht abzubringen?«
»Nein.«
»Sage das nicht; sag es nicht! Ueberlege es Dir lieber noch einmal!«
»Es ist beschlossen, Max.«
Sie hatte die Hände gefaltet und blickte ihn traurig aber bestimmt an.
Da stand er von ihr auf und durchmaß die Stube einige Male mit langsamen Schritten. Dann blieb er stehen und sagte:
»Du hast Recht Martha; wir wollen scheiden.«
»Nicht wahr?«
»Ja. Ich hatte nicht geahnt, daß ich Dich hier sehen würde. Aber mein Herz sagte es mir, daß ich Dich wiedersehen müsse. Und dieses Wiedersehen hatte ich mir so entzückend ausgemalt. Es sollte uns dann nichts, nichts mehr trennen können. Es ist anders gekommen, weil es uns anders beschieden ist, und so magst Du Deinen Willen haben. Gieb mir noch einmal Deine Hand, dann will ich gehen.
Er gab sich Mühe, dies in ruhigem Tone zu sagen; aber sie hörte seine Stimme zittern; sie sah seine Lippen beben. Sie bemerkte das Flackern seines Blickes. Er kämpfte mit den Thränen, welche hervorbrechen wollten.
Jetzt erst erkannte sie, wie schwer es sei, ihren Vorsatz auszuführen. Sie ließ ihm ihre Hand, die er ergriffen hatte, aber sie sagte nichts.
»Hast Du vielleicht noch einen Wunsch, Martha?« sagte er, um nur noch etwas zu sagen.
»Nein,« antwortete sie leise.
»Dann leb wohl!«
Er ließ ihre Hand los und wendete sich zum Gehen. So hatte sie sich den Abschied freilich nicht gedacht. Sollten sie so kalt aus einander gehen wie Leute, welche sich hassen?
Nein, nein! Sie sprang auf.
»Max, nicht so!« rief sie, ihm die Arme nachstreckend.
»Wie denn?« fragte er.
»Anders, anders!«
Er schüttelte ernst den Kopf.
»Wozu die Zärtlichkeit, wenn sie nicht echt ist. Gehen wir so aus einander.«
»Nicht echt?« rief sie.
»Ja.«
»Meinst Du, daß ich Dich nicht liebe?«
»Ja, Martha, das meine ich. Du glaubst mich zu lieben, aber Du täuschest Dich.«
»Mein Gott! Und doch werde ich eingehen und sterben ohne Dich!«
Er schüttelte bitter lächelnd den Kopf.
»Das denkst Du jetzt. Ich bin der Erste, den Du geliebt hast, und es ist Dir kein Anderer begegnet, dem Du Dein Herz noch lieber als mir hättest schenken mögen. Darum hältst Du Deine Liebe zu einem Andern für unmöglich. Aber sie ist es nicht. Sind wir einmal bestimmt und für immer von einander geschieden, so wird Dein Herz sehr bald zur Ruhe kommen und wohl auch später die Erkenntnis erlangen, daß es einem Andern angehören kann. Leb wohl, Martha!«
Jetzt war es sein Ernst. Sie sah es. Im Augenblicke stand sie bei ihm und schlang beide Arme um ihn.
»Max, Max, bleib da bei mir!« bat sie.
»Wozu? Wozu?« fragte er, indem er leise versuchte, sich von ihrer Umarmung zu befreien.
»Glaub an mich! Ich bitte Dich!«
»Das kann ich nicht.«
»Warum? Warum?«
»Das weißt Du nun.«
»Weil ich Dir so leicht entsagen kann?«
»Ja.«
»Glaubst Du denn wirklich, daß es mir so sehr leicht fällt, mein lieber Max?«
»Ich glaub« es nicht nur, sondern ich behaupte es. Ich sehe es ja.« »Mein Gott! Er denkt, ich liebe ihn nicht.«
»Du liebst mich, Martha, aber ganz anders, als man denjenigen liebt, von dem man nicht lassen kann.«
Der Gedanke, so verkannt zu werden, war ihr schrecklich.
»Was thue ich, was thue ich!« rief sie aus.
»Gieb mir die Hand und sag Adieu!«
»Nein, nein, das kann ich nicht!«
»So mußt Du mich behalten!«
»Auch das kann ich nicht.«
Sie waren so ganz und gar mit sich selbst beschäftigt, daß sie gar nicht bemerkten, daß die Thür ganz leise, leise geöffnet wurde. Der Sepp steckte den Kopf herein. Er that so heimlich, um das Liebespaar zu überraschen. Jetzt aber wurde er laut:
»Was kannst auch nicht?« fragte er, indem er hineintrat.
Sie stieß einen Schreckensruf aus und wollte sich Maxens Armen entziehen. Dieser aber hielt sie fest.
»Hasts gehört?« fragte der Sepp. »Was kannst auch nicht?«
»Ihn behalten,« antwortete sie, eigentlich ohne ihm antworten zu wollen.
»So bist wohl ganz irr im Kopf?«
»Wieso denn?«
»Fortlassen kannst ihn nicht, und heirathen kannst ihn auch nicht. Das ist confuses Zeug. Was soll denn sonst geschehen? Willst ihn etwa als Kronleuchtern in Deiner Stub aufhängen? Dann thu ihm nur den Strick nicht um den Hals, sondern unter den Armen hindurch. Ihr Dirndls werdet doch Euer Lebtage nicht gescheid. Seid doch froh, wann Einer kommt, der Euch nehmen will! Angeführt ist er doch auf alle Fälle. Gleich giebst ihm die Hand und einen Schmatz! Sonst komme ich und nehm ihn für mich. Na, wirds bald?«
Max bog sich lächelnd zu ihr nieder. Folgte sie jetzt wirklich der Stimme ihrer Liebe, oder war es die Angst vor Sepp, welcher sehr ernsthaft geredet hatte – sie duldete es, daß Max ihr einen – zwei, sogar drei Küsse gab.
»Schön!« rief der Alte, indem er drohenden Blickes näher trat. »Und nun sagst, obst ihn heirathen willst oder nicht.«
Sie sah ihm in die blitzenden Augen uns fragte zaghaft:
»Wird das denn kein Unglück geben?«
»Unsinn! Eine Hochzeiten wird es geben, weiter nix. Na, vorwärts also! Klatsch ihm in die Hand, und schlag eini!«
Max hielt ihr die Hand entgegen und fragte lächelnd:
»Nun, willst Du?«
Da blickte sie von Einem zum Andern, mußte dann plötzlich laut auflachen, schlug herzhaft ein und antwortete:
»Wenn Du die Verantwortung auf Dich nimmst, dann in Gottes Namen.«
»Wie gern, wie gern will ich es verantworten! Gott sei Dank, endlich ist Alles, Alles gut.«
Er zog sie innig an sich.
»Ja,« nickte der Sepp. »Und wer hats eben wieder gut macht? Dera Wurzelsepp, der alte Schwerenöther. Wann der nicht kommen wär, da wärt Ihr aus nander gangen und hättet Euch niemals wieder zusammenfunden. Nun aberst bin ich als Zeuge da standen, und Keins kann wieder zurück. Jetzund macht das Uebrige noch schnell ab, und kommt sodann herunter. Ich kann Euch nur zehn Minuten Brautzeit geben; dann müssen wir fort.«
Er ging.
»Wo müßt Ihr hin?« fragte Martha in besorgtem Tone.
»Zu nix Schlimmen. Wir suchen halt die Paula.«
»Und das kann grad gefährlich werden.«
»O nein.«
»Was ist denn mit ihr geschehen?«
»Bitte, sprechen wir jetzt nicht von ihr. Wir stehen uns näher als ihr. Anita wird Dir dann, wenn wir fort find. Alles erzählen.«
»Wer ist Anita?«
»Ach ja. Du kennst sie noch gar nicht. Es ist eine Italienerin, welche wir aus den Händen eines Schurken befreit haben, ein gutes, liebes Mädchen, welche wohl die Braut des Elefantenhanns werden wird. Doch davon später. Jetzt möchte ich wissen, wo Du während all dieser Zeit gewesen bist.«
»In Wien, bei einer Wittwe als Stubenmädchen.«
»Stubenmädchen! Martha, Martha, da machst Du mir wirklich eine große Freude.«
»Wieso?«
»Die – – na, ich soll den Namen nicht mehr nennen – die steinreiche Bauerstochter als Stubenmädchen! Das ist ein Beweis, welch ein braves Herz Du hast.«
»O, es hat mich gar keine Ueberwindung gekostet.«
»Wirklich nicht?«
»Nein. Ich hatte es wie ihr Kind bei ihr.«
»Nun aber gehst Du nicht wieder zu ihr zurück.«
»Denkst Du?«
»Ja«
Sie schüttelte leise den Kopf, wie sie es jetzt gewohnt war, und sagte:
»Soll denn das Wort wirklich gelten, welches wir uns vor dem Sepp gegeben haben?«
»Natürlich!«
»Er hat uns überrascht.«
»Willst Du es zurücknehmen?«
Es war ein Blick voll innigster Liebe, den sie auf ihn warf. Dann antwortete sie:
»Nein, Max. Ich glaube jetzt, der liebe Gott will es so, daß wir nicht von einander gehen.«
»Ja, das will er, sonst hätte er uns nicht so zusammengeführt.«
»Aber zu meiner guten Frau Salzmann lässest Du mich einstweilen wieder!«
»Ist sie denn gar so gut?«
»Gewiß.«
»Du wirst mir von ihr erzählen. Dann wollen wir entscheiden.«
»Wo soll ich sonst hin? Und die Muhrenleni wohnt auch bei ihr.«
»Die? Da ist sie freilich eine brave Frau, denn die Leni hat einen scharfen Blick. Wir haben uns so viel zu sagen; aber wir wollen die Erzählungen verschieben. Wir sind schon allzu egoistisch gewesen. Ich werde unten gebraucht.«
Als sie hinabkamen, wurde Martha natürlich von Allen herzlichst willkommen geheißen. Am Meisten erfreute sie Anita mit ihrer Anwesenheit. Diese befand sich nun doch nicht mehr allein.
Und jetzt kam auch der Polizeikommissar. Er hatte den Juden und dann auch dessen Frau verhört, aber weder von ihm noch von ihr irgend ein Geständniß erlangt. Nach dieser Meldung entfernte er sich wieder, da er von seinem Berufe in Anspruch genommen wurde.
»Und was thun nun wir?« fragte der Fex. »Wollen wir etwa warten, bis irgend Jemand Etwas gesteht?«
»Nein,« antwortete der Alte. »Jetzt suchen wir die Insel auf.«
»Schön! Wir werden sie untersuchen.«
»Der Commissarius meint, daß wir nix finden werden.«
»Wenn Etwas zu finden ist, so finden wir es; das ist gewiß. Meine Paula muß ich wieder haben, und wenn ich ganz Italien umwühlen soll. Aber welchen Weg schlagen wir ein?«
»Wir gehen nach Barcola und nehmen dort ein Boot.«
»Gut. Aber was sagen wir, was wir auf dieser Isola piccola wollen?«
»Hm! Vielleicht angeln.«
»Darf man das?«
»Hoffentlich.«
»So wollen wir aufbrechen.«
»Nur nicht allzu schnell. Wir müssen an Mehreres denken. Ich muß zwar wieder nach Triest. Ihr aber könnt möglicher Weise bis zum Abend draußen bleiben müssen. Darum mögt Ihr Euch Proviant mitnehmen.«
»Das ist richtig,« stimmte Max bei. »Und da wir eine Höhle suchen und wohl auch untersuchen wollen, so werden wir auch für Licht sorgen müssen.«
In dieser Weise wurde noch Verschiedenes besprochen und Verschiedenes dann angeschafft. Nachher brachen die Männer auf.
Martha blieb natürlich mit Anita daheim. Es stand nicht zu befürchten, daß ihnen die Zeit sehr langsam vergehen werde.
Vom Hotel Europa ists gar nicht weit bis Bancola. Da es dort viele Schiffer und Fischer giebt, sind dort auch alle möglichen in diese Fächer einschlagenden Requisiten zu kaufen. Die Vier versorgten sich mit drei Angelruthen und begaben sich dann an den Strand.
Mehrere Schiffer eilten herbei, um ihnen ihre Boote anzubieten. Sie wählten das schmuckste und stiegen ein.
»Wohin?« fragte der Lotse.
»Nach Isola piccola.«
Da war es, als ob der Mann erschrak.
»Nach Isola piccola?« fragte er, als ob er meine, nicht richtig gehört zu haben.
»Ja.«
Er warf einen verlegenen Blick im Kreis umher und fragte dann:
»Die Herren sind hier wohl fremd?«
»Ja,« antwortete der Sepp.
»Haben Sie auf Isola piccola irgend etwas Besonderes zu schaffen?«
»Nein.«
»So könnten Sie auch überall anders wohin fahren?«
»Wenn es uns beliebte, ja.«
»Dann rathe ich von der Insel ab.«
»Warum?«
»Es ist zu gefährlich dort.«
»Gefährlich? Giebt es Räuber dort?«
»Nein.«
»Oder feuerspeiende Berge?«
»Dazu ist sie zu klein.«
»Nun, was denn sonst?«
»Eigentlich giebt es gar nichts dort. Aber es giebt zwei Brüder, welche dort den Graswuchs gepachtet haben. Die sehen es nicht gern, wenn andere Leute kommen.«
»Pah! Wir werden ihnen keinen Schaden machen.«
»Darnach fragen sie weniger. Sie dulden überhaupt Niemand.«
»Haben sie das Recht dazu?«
»Nein.«
»Kann man uns verbieten, dort zu angeln?«
»Auch nicht.«
»So fahren Sie uns hin!«
»Aber ich habe Sie gewarnt!«
»Schon gut!«
»Und ich kann nicht dort bleiben, um zu warten, bis Sie wieder zurückfahren.«
»Sapperment! Warum nicht?«
»Weil die beiden Italiener nicht dulden, daß ein Boot länger als einen Augenblick an der Insel anlegt.«
»Haben sie denn das Recht, Euch zu vertreiben?«
»Gar nicht. Aber sie sind gewaltthätig.«
»So werden wir uns arrangiren müssen.«
»Sie brauchen mir nur zu sagen, wann Sie zurückwollen, so hole ich Sie ab.«
»Gut. Also vorwärts.«
Da es Fluthzeit war und die Wogen in die Bucht hereingetrieben wurden, so legte das Boot die Strecke bis Miramare sehr schnell zurück. Es ging in einiger Entfernung von dem Schlosse vorbei und näherte sich dann der Küste.
»Da lag die kleine Insel, ganz so, wie der Kommissionär sie beschrieben hatte – eine Viertelstunde lang, halb so schmal, ganz eben, mit einigen Felsenstücken und Sträuchern. Das war Alles.
Grad auf dem Mittelpunkte der Insel stand eine kleine, aus Erdwänden und einem Bretterdache bestehende Hütte. Kein Mensch war zu sehen. Aber als das Boot dem Ufer nahe war, traten zwei Bursche aus der Hütte.
»Das sind die Petruccio's,« sagte der Schiffer. »Besinnen Sie sich lieber noch, ob Sie wirklich aussteigen wollen!«
»Natürlich!« sagte Sepp. »Sie sind Zwei und wir Vier.«
»Das thut nichts. Sie sind hinterlistig.«
»Und wir sind hinten und auch vorn listig, ihnen also überlegen.«
»So steigen Sie schnell aus, sonst lassen sie Sie nicht an das Land. Ich muß aber gleich wieder fort. Wann soll ich wiederkommen?«
»Ich muß Punkt drei Uhr auf dem Bahnhofe sein.«
»So bin ich halb drei Uhr hier.«
Er ließ das Segel fallen. Das Boot schoß in einer kleinen, schmalen Bucht an den Strand. Die vier Männer stiegen aus. Da aber kamen die zwei Brüder unter lautem Geschrei herbei gerannt.
»Fort, fort!« brüllten sie. »Was wollt Ihr hier! Fort, fort mit Euch!«
Als der Schiffer schnell wieder vom Lande abstieß und seine Fahrgäste dort zurückließ, warfen sie mit Steinen nach ihm und riefen ihm schreckliche Drohungen nach. Da dies vergeblich war, kamen sie herbei und musterten die Vier mit zornigen Blicken.
»Wer seid Ihr?« fragte der Eine.
Da antwortete der Sepp:
»Zunächst wollen wir wissen, wer Ihr seid.«
»Oho! Uns gehört die Insel!«
»Das ist nicht wahr.«
Da legte der Mensch die Hand an das Messer, welches er im Hasenbunde trug und sagte:
»Wer mich einen Lügner nennt, den steche ich nieder!«
»Versuche das ja nicht, denn auch wir haben Messer.«
»Was wollt Ihr denn hier?«
»Angeln.«
»Das leiden wir nicht.«
»Pah!«
»Es ist verboten, hier zu angeln.«
»Wer hat es verboten?«
»Wir.«
»Ihr habt gar nichts zu gebieten oder zu verbieten.«
»Donnerwetter!« Und das!«
Er griff abermals nach dem Messer.
»Laß es stecken, Bursche! Ich warne Dich!« drohte der Sepp.
Bei diesen Worten machte er Miene, die Stelle zu verlassen. Da aber stellten sich ihm die Zwei in den Weg.
»Halt! Ihr dürft nicht weiter! Ihr bleibt an der Stelle, an welcher Ihr ausgestiegen seid, und wartet da, bis Ihr wieder abgeholt werdet.
Der Sprecher hatte das Messer herausgezogen. Aber er kannte seinen Mann nicht. Im nächsten Augenblick hatte ihn der Alte gepackt und schleuderte ihn über seinen Kopf weg in das Wasser.
»Da, kühl Deinen Zorn ab, wannst gar so hitzig bist!« rief er ihm nach.
»
Corpo dit bacco« schrie der andere Bruder. »Das sollst Du büßen!«
Er drang auf den Sepp ein, wurde aber von dem riesenstarken Fex gepackt und seinem Bruder nachgeschickt.
Die Beiden waren sehr gewandte Schwimmer; sie waren schnell wieder aus dem Wasser heraus und machten Miene, aufs Neue gegen die Vier einzudringen. Da aber schwang der Fex das Griffstück seiner Angelruthe und rief:
»Zurück! Wenn Ihr uns den Weg nicht frei gebt, werden wir uns ihn frei machen.«
»Alle Teufel! Sind wir hier die Herren oder Ihr?«
»Weder wir noch Ihr. Euch gehört das Gras, weiter nichts.«
»Aber Ihr tretet es nieder!«
»Hier giebt es keins. Und was wir ja beschädigen sollten, das werden wir Euch vergüten. Nun trollt Euch von dannen, wenn Ihr keine Hiebe haben wollt!«
Die beiden Kerls sahen ein, daß sie gegen diese Uebermacht und das ganz besonders energische Auftreten dieser Leute nichts auszurichten vermochten, und zogen sich zurück. Indem sie langsam der Hütte zugingen, brummte der Eine:
»Verdammte Kerls! Was haben sie hier zu suchen? Hier bei uns zu angeln?«
»Und das muß man sich gefallen lassen!« stimmte der Andere bei. »Wer mögen sie wohl sein?«
»Ob sie etwa einen heimlichen Zweck haben?«
»Hier spioniren wollen?«
»Das sollte ihnen schlecht bekommen!«
»Den Alten habe ich schon geschehen?«
»Wo?«
»Gestern Abend in der Weinstube. Da saß er und las die Zeitung. Es war ihm nicht anzusehen, daß er so auftreten könne wie heut.«
»Was hat er in der Weinstube gewollt?«
»Weiß ich es?«
»War er auch so angezogen wie heut?«
»Ganz genau so.«
»Da paßt er doch nicht in diese Bude!«
»Das fiel auch mir auf. Uebrigens kommen mir zwei von den Jüngern auch bekannt vor.«
»Du meinst, daß Du sie gesehen hast?«
»Ja.«
»Aber wo?«
»Das weiß der Teufel. Wer merkt sich denn die grünen Gesichter solcher Burschen.«
»Hast Recht. Und von solchem Volke muß man sich auch noch ins Wasser werfen lassen!«
»Wären es nur nicht Vier! Dieser alte Baruch Abraham, dem ich gestern sagte – – – ah!«
Er stieß einen leisen Pfiff aus, ganz wie Einer, der sich auf Etwas besinnt.
»Was ists?« fragte der Andere.
»Jetzt fällt mir ein, wo ich die Kerls gesehen habe, nämlich auch in der Weinstube.«
»Saßen sie mit dem Alten beisammen?«
»Nein. Sie saßen beim Juden.«
»So sind es wohl Bekannte von ihm?«
»Nein. Sie sind fremd. Er sagte mir, daß sie ihm ein Bild oder so Etwas abgekauft hätten und nun seinen Wein bezahlten.«
»Da macht er mit, der Geizhals. Man muß befürchten, daß er geplaudert hat, wenn sie ihn etwa betrunken gemacht haben.«
»Hast Du denn, als wir die Mädels holten, bemerkt, daß er betrunken war?«
»Nein.«
»Nun, so hat er auch nicht geplaudert.«
»Aber auffällig ists doch, daß sie nun mit dem Alten beisammen sind.«
»Vielleicht haben sie sich eben gestern Abend noch kennen gelernt. Das ist doch leicht möglich.«
»Mag sein. Aber daß sie nun mit einander hierherkommen, auf unsere Insel!«
»Das gefällt auch mir nicht, grad heut, wo das Geschäft vor sich gehen soll.«
»Und wo gestern diese Anita entflohen ist.«
»Verdammt! Ich beginne gewiß zu glauben, daß sie Etwas gegen uns vor haben.«
»Da sollte sie der Teufel holen. Was mache ich mir daraus, wenn ich ein paar solcher Kerls niederschieße, wenn sie mir gefährlich werden wollen.«
»Ja, auf der Hut müssen wir sein. Und nun, was thun wir? Es muß doch Einer von uns nach der Stadt?«
»Zum Juden?«
»Ja. Wir müssen unbedingt erfahren, ob sich wegen der Anita Etwas ereignet hat.«
»Eine verdammte Geschichte. Das Boot können wir nicht sehen lassen.«
»Nein, sonst merken sie, daß wir es versteckt halten, und schöpfen Verdacht.«
»So müssen wir durch den Gang in den Park.«
»Aber das ist so gefährlich.«
»Freilich. Wie leicht ist Jemand in der Eremitage oder doch in der Nähe.«
»Und doch muß es gewagt werden.«
»Na, jetzt noch nicht gleich. Wir wollen erst abwarten, wie lange diese Hallunken hier bleiben. Schau, es ist wirklich, als ob sie uns von allen Seiten hier einschließen wollten. Der Eine angelt auf der oberen, der Andere auf der unteren Spitze und der Dritte grad in der Mitte, und der Alte geht längs der Küste spazieren, nachdem er sie angestellt hat.«
»Ja, es ist ganz so, als ob er recognosciren gehe. Er begafft sich Alles zu genau.«
»Was thun wir, wenn er herkommt?«
»Wir behandeln ihn so, daß ihm das Reden sogleich vergehen muß. Nicht?«
»Ja. Aber weißt Du, da uns diese Kerls so verdächtig vorkommen, wäre es doch wohl am Allerbesten, gleich jetzt in die Stadt zu gehen und dem Juden die Sache zu melden. Er kennt sie jedenfalls und kann uns sagen, wie wir uns zu verhalten haben.«
»Richtig ist das.«
»Bist Du einverstanden?«
»Ja, besser ists.«
»Gut! Wer also geht?«
»Gehe Du! Ich bleibe hier.«
»Schön! Ein Glück, daß wir noch Hose und Jacke in der Hütte haben, sonst könnte ich mich mit meinen nassen Kleidern nicht in der Stadt sehen lassen. Ich gehe also.«
Er wollte in der Hütte verschwinden. Vorher wurde er von seinem Bruder noch ermahnt:
»Sei in der Eremitage vorsichtig!«
»Das versteht sich ganz von selbst. Und laß hier diesen Kerls nichts merken, daß ich fort bin!«
»Denkst Du, daß ich es ihnen ausplaudere?«
»Das ist gar nicht nöthig. Wenn sie in die Hütte kommen und da blos Einen sehen, so müssen sie Verdacht schöpfen. Sie haben doch den Andern nicht fortrudern sehen. Es ist ja überhaupt gar kein Boot vorhanden.«
»Ich lasse sie natürlich gar nicht herein.«
»Aber wenn sie es erzwingen wollen!«
»So wehre ich mich. Wenn ich mein Hausrecht gebrauche, so kann ich stechen und schießen, wie es mir beliebt. Beeile Dich nur möglichst.«
»Keine Sorge! Ich laufe, so schnell ich kann.«
Er verschwand im Innern der Hütte, und einige Minuten später ließ sich ein eigenthümliches Knarren und Knirschen von dorther vernehmen, genau so, wie wenn harte Steine einander streichen.
Der Andere hatte sich auf einen Stein gesetzt, welcher neben dem Eingange lag. Er zog einen kurzen Pfeifenstummel hervor, stopfte ihn und setzte dann den Tabak in Brand.
Er rauchte behaglich und that ganz so, als ob er sich um gar nichts bekümmere, dennoch aber gab er auf Alles genau Acht.
Vorhin, als der alte Sepp die beiden Italiener abgewiesen hatte und sie sich entfernen sah, warf er einen forschenden Blick rundum.
»Möcht wissen, ob die Höhle hier ist,« sagte er. »Man möcht es fast verneinen.«
»Ja,« antworte Max. »Zu einer Höhle, in welcher so viel Personen versteckt werden können, gehört eigentlich ein anderes Terrain. Wir sind wohl am falschen Orte.«
»Nein, wir sind richtig,« sagte der Fex.
»Warum denkst Du das?«
»Ich sehe es diesen beiden Kerls an.«
»Das täuscht. Sie können sich über die Störung ärgern, ohne daß die Höhle sich grad hier befindet.«
»Und dennoch möchte ich mit wetten, daß ich Recht habe! Ich ahne es.«
»Hm!« meinte der Sepp. »Auf solche Ahnungen geb ich was. Es liegt so in dera Luft.«
»Nicht wahr? Was haben die Kerls hier zu thun? Nichts, gar nichts. Sie sind also da, um die Mädchen zu bewachen.«
»Aber wo stecken diese? Wo ist die Höhle?«
»Der Eingang kann nur an drei Orten sein. Entweder von außen her im hohen Ufer oder – –«
»Nein, da nicht. Das würden auch Andre sehen.«
»Wohl wahr; also fällt das weg. Zweitens kann sie sich nur dort rechts öffnen, wo die paar Felsen beisammen liegen.«
»Und drittens?«
»Im Innern der Hütte kann der Eingang sein.«
»Das Letztere wäre das Wahrscheinlichste.«
»Ich werde einmal diese Hütte untersuchen,« sagte der Sepp.
»Wenn sie Dich hinein lassen!«
»Sie werden doch!«
»Schwerlich.«
»Dadurch würden sie sich verdächtig machen, und das müssen sie vermeiden.«
»Hm! Es giebt ganz gute Gründe, den Eintritt in diese Bude zu verweigern.«
»Werden sehen! Und zu allernächst müssen wir schauen, wo sie ihr Boot haben. Hier sieht man es nicht. Ich werde es suchen.«
»Wie willst Du das anfangen, ohne daß es auffällt?«
»So, daß ich spazieren geh. Aus diesem Grunde hab ich mir kein Angelzeug mitgenommen. Der Fex mag da oben an dera Spitze angeln, der Max ganz unten, und der Hanns bleibt hier in dera Mitte. Weil ich Euch nun doch besuchen muß, kanns gar nicht auffallen, wann ich so an dem Ufer hinlauf.«
Die Drei nahmen ihr Angelzeug und begaben sich an die angewiesenen Plätze.
Der Alte aber begann, immer am Ufer hin zu promeniren, langsamen Schrittes, als ob er in Gedanken versunken sei.
Dabei aber sah er in jede Einbuchtung des Ufers und stampfte auch sehr oft fest mit den Stiefeln auf, um zu hören, ob vielleicht irgend eine Stelle hohl klinge!
So kam er im Verlaufe von einer Stunde zweimal rund um die Insel herum. Dann blieb er beim Fex stehen.
»Hast Du das Boot gesehen?« fragte dieser.
»Nein.«
»So ists nicht da?«
»Es wird schon da sein. Herüber geschwommen sind sie nicht, obgleich die Insel kaum zwanzig Ellen vom Ufer entfernt ist. Das Wasser ist hier zu reißend.«
»So haben sie es versteckt.«
»Jedenfalls.«
»Du, das ist auffällig.«
»Ja. Wo ein heimlicher Platz für das Boot ist, da kann auch die Höhle sein.«
»Ich habe es gleich gedacht. Sie ist hier.«
»Nun giebts aber am Ufer nix mehr zu forschen. Ich werd also mal nach dera Hütten gehen.«
»Fangs nur klug an!«
»Meinst, daß dera Sepp ein Schafskopf ist? Da kannst Dich sehr irren.«
»Und mach möglichst schnell.«
»Hexen läßt sich nix.«
»Aber bedenk, wie mir zu Muthe ist! Ich brenne vor Ungeduld, Paula zu finden, und muß hier stehen und das thun, wozu im ganzen Leben die meiste Geduld erforderlich ist – angeln!«
»Mit Geduld kommt man weiter als mit Ungestüm. Merk Dir das gut!«
Der Alte ging weiter und lenkte dann nach der Hütte ein. Selbst als er derselben ganz und gar nahe war, that der Italiener so, als ob er ihn gar nicht bemerke.
Jetzt stand er vor ihm. Der Kerl aber blickte beharrlich an ihm vorüber.
»Es scheint, hier beißen die Fische nicht gut an,« begann der Sepp das Gespräch.
Der Italiener warf ihm einen finsteren Blick zu und antwortete:
»Ist auch gut so.«
»Hm! Sie gönnen Fremden nichts?«
»Weil sie hier nichts zu suchen haben.«
»Die Welt steht ja Allen offen!«
»Aber diese Insel nicht!«
»Freund, warum sind Sie doch so grob?«
»Und warum sind Sie so zudringlich!«
»Himmeldonnerwetter! Ich dächt, Sie könnten sich freuen, wenn einmal Jemand in Ihre Einsamkeit kommt!«
»Grad weil ich einsam sein und Niemand sehen will, gehe ich hierher.«
»Das ist auch ein Geschmack.«
»Jedenfalls ein guter.«
»Nun, bequem kann es sich in dieser Hütte doch nicht wohnen.«
»Gut genug für uns.«
»Haben Sie nicht mal Wasser zu trinken?«
»Nein.«
Er hatte geglaubt, der Mann werde eintreten, und er könne dann bei dieser Gelegenheit auch mit hinein.
»Oder ein Bier?«
»Gar nichts.«
»Da leben Sie hier sparsam, nicht mal Wasser. Wie aber kommen Sie auf die Insel? Es ist doch kein Boot da?«
»Ich falle aus den Wolken.«
»Auch gut! Hören Sie, Sie gefallen mir. Wollen Sie eine gute Cigarre mit mir rauchen?«
»Nein.«
»Warum denn nicht.«
»Weil ich nicht mag.«
»Aber Sie sind doch Raucher!«
Da stand der Italiener auf, trat hart an den Alten heran und rief erbost:
»Lassen Sie mich in Ruhe! Sie sehen ja, daß ich nichts mit Ihnen zu schaffen haben will!«
»Donnerwetter!« lachte der Sepp. »Das sehe ich freilich; aber Sie sehen doch, daß ich desto mehr mit Ihnen schaffen möchte.«
»Was denn?«
»Eine Unterhaltung.«
»Gehen Sie zu Ihren Leuten dort. Bei mir kommen Sie aber nicht an.«
»Na, na! So ein Mensch ist mir in meinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen!«
»Wie Sie mir auch noch nicht.«
»Vielleicht wären Sie froh, daß ich mit Ihnen rede, wenn Sie wüßten, wer ich bin!«
»Ich mag es nicht wissen! Und nun bleiben Sie mir vom Leibe, sonst kann Etwas passiren.«
»Was denn?«
»Ich schaffe Sie fort!«
»Das würde Ihnen nicht leicht werden.«
»Oho!«
Dem Sepp fiel es auf, daß der andere Bruder nicht herauskam. Sollte sich dieser in der Höhle befinden und also den Wortwechsel nicht hören? Um sich davon zu überzeugen, beschloß der Sepp, den Mann möglichst in Zorn zu bringen. Darum sagte er lachend:
»Nun, wenn Sie meinen, daß wir uns fürchten, so haben wir Ihnen bereits das Gegentheil bewiesen. Wir haben Sie alle Beide in das Wasser geworfen.«
»Uebermacht!«
»Aber jetzt bin ich allein, Ihnen allein gegenüber. Und wenn Sie nicht höflicher werden, so werde ich Ihnen gute Sitte lehren.«
Da ballte der Italiener die Fäuste.
»Hund, das mir!« brüllte er.
»Ja, Dir!«
»Da hast Du das dafür!«
Er sprang auf den Sepp ein und faßte ihn bei der Gurgel. Dieser aber gab ihm einen so gewaltigen Stoß vor die Brust, daß er zurücktaumelte und an die Wand flog.
Dennoch aber warf er sich wieder auf den Alten. Sepp aber holte weit aus und versetzte ihm einen Hieb auf den Kopf, daß der Mann zusammenbrach. Er war besinnungslos.
Sepp trat sofort ein.
Das Innere der Hütte bildete nur einen einigen Raum. Der Boden war erdig; es stand da nichts. An den Wänden hingen einige Gegenstände, auch zwei Pistolen.
Schnell zog Sepp den Krätzer heraus und entlud die Waffen, steckte aber den Pfropfen wieder auf.
Dann that er einige kräftige, feste Tritte. An einer der Stellen klang der Boden hohl.
Jetzt bewegte sich draußen der Mann. Sepp trat sofort wieder hinaus. Der Italiener öffnete langsam die Augen und blickte um sich, als ob er aus dem Schlafe erwache.
»Nun, war die Lehre gut?« fragte Sepp.
Da kam dein Andern die Besinnung vollständig wieder. Er sprang in die Hütte und kehrte mit der Pistole wieder. Sepp hielt die Hand in die Tasche.
»Hund.« schrie Petruccio, »soll ich Dich niederschießen wie ein Aas!«
Da zog Sepp die Hand aus der Tasche. Er hatte einen Revolver in derselben.
»Versuche es einmal!« lachte er.
Der Italiener ließ die Waffe sinken.
»Verflucht!« zischte er. »Seid Ihr denn Räuber, daß Ihr mit Revolvern zu uns kommt?«
»Na, Deinetwegen habe ich ihn nicht eingesteckt. Vor Dir braucht man sich ja nicht zu fürchten. Pah!«
Er machte eine sehr geringschätzende Handbewegung und ging. Der Andere schaute ihm flammenden Blickes nach.
Der Alte begann seinen Rundgang von Neuem, so ruhig, als ob gar nichts geschehen sei. Als er beim Fex anlangte, sagte dieser:
»Du hattest doch gar Keilerei!«
»Mit Fleiß und Absicht.«
»Warum?«
»Ich wollt schauen, ob dera andere Bruder herausikommen werde.«
»Und er kam nicht!«
»Nein; er konnt ja gar nicht.«
»Er ist ja drinnen in der Hütte.«
»Nein; er war nicht drin.«
»Was! Nicht drin?«
»Nein.«
»Alle Teufel! Das ist auffällig!«
»Nicht wahr! Hast ihn etwan fortgehen sehen?«
»Nein. Er ist nicht aus der Hütte herausgekommen.«
»Und doch ist er nicht drin. Was folgt daraus?«
»Daß die Hütte einen verborgenen Ausgang hat.«
»Und dieser Ausgang ist zugleich dera Eingang in die Höhle.«
»So haben wir sie! Wir haben sie! O, nun ist ja Alles gut. Jetzt müssen wir gleich hinein!«
»Nicht so schnell! Wir müssen noch warten.«
»Warum?«
»Wir wissen nicht, was der Andre in dera Höhlen thut. Wir könnten Alles verderben.«
»Das ist wahr.«
»Darum müssen wir warten, bis der Andre auch wieder da ist. Dann nehmen wir sie Beide fest. Angle nur fort!«
»Gott, noch länger angeln!«
»Es muß sein!«
Mit diesem Troste ging er weiter.
Der Italiener hatte sich wieder auf den Stein gesetzt. Er lauschte in das Innere der Hütte hinein. Es war seit dem Fortgange seines Bruders so viel Zeit verschwunden, daß dieser bald wiederkommen mußte.
Und wirklich, jetzt erscholl jenes Rasseln und Knirrschen abermals.
»Ist Etwas passirt?« fragte es drinnen.
»Nein. Bleib drin! Laß Dich nicht sehen.«
»Warum?«
»Geschehen ist grab nichts, außer daß ich mich mit dem Alten gebalgt
habe – –«
»Donnerwetter!«
»Und daß ich die Entdeckung machte, daß er einen Revolver bei sich hat.«
»Ah! Das ist verdächtig!«
»Und weiter! Ich packte ihn bei der Gurgel. Da sah ich etwas Gelbes in seiner äußern Rocktasche blinken. Rathe, was es war!«
»Wie kann ich das wissen!«
»Ja, Du kannst es nicht errathen. Ich konnte zwar nur die obere Haube sehen, aber ein Irrthum ist nicht möglich. Er hat eine Blendlaterne in der Tasche.
»Alle Teufel! Wozu?«
»Das beantworte Dir selbst!«
»Blendlaterne, Revolver!«
»Er wollte in die Hütte. Darum kamen wir ins Handgemenge mit einander.«
»Das ist stark! Du, ich habe Verdacht.«
»Ich auch.«
»Die Kerls wollen uns an den Kragen.«
»Jedenfalls.«
»Was thun wir da?«
»Wir müssen erst wissen, wie es in der Stadt steht.«
»Sehr gut. Es steht sogar so gut, daß Baruch Abraham verreist ist.«
»Heut? Wirklich?«
»Ja. Er hat sogar seine Frau mitgenommen.«
»Das glaube ich nicht.«
»Warum nicht?«
»Heut, wo die Mädchens abgeliefert werden und er ein solches Geld ausgezahlt erhält, fällt es ihm ganz gewiß nicht ein, zu verreisen.«
»Grad des Geldes wegen ist er fort.«
»Wieso?«
»Er hat drüben in der italienischen Tombola gewonnen, wohl an die dreißigtausend Lire.«
»Maria, Josef! Ists wahr?«
»Ja. Sein Vetter hat es mir gesagt.«
»Welcher Vetter? Derselbe, der ihm die Nachricht gebracht hat. Er vertritt ihn heut im Geschäft.«
»Ein Glückspilz!«
»Ja. Er ist zu beneiden.«
»Was aber thun wir hier?«
»Er läßt uns sagen, daß er nicht wisse, ob er bis zur richtigen Zeit da sein werde. Wenn er nicht komme, sollen wir die Angelegenheit ohne ihn abwickeln.«
»Wird das gehen?«
»Warum nicht? Wir sind so viele Male dabei gewesen. Wir wissen ja Alles.«
»Das ist wahr. Und wir können uns einige hundert Gulden in die Tasche machen.«
»Natürlich! Nun aber kommen grad diese Kerls hier drein. Ich könnte sie ermorden!«
»Gewiß haben sie Absicht!«
»Natürlich! Sie haben ja Alles bei sich, was nothwendig ist, um hinter unser Geheimniß zu kommen. Ich bin überzeugt, daß sie einen Angriff gegen uns vorhaben.«
»Doch nicht.«
»Ganz gewiß!«
»So wehren wir uns!«
»Gegen eine solche Uebermacht?«
»Ja.«
»Das ist sehr leicht gesagt. Sie sind Vier gegen uns Zwei. Sie können ganz unvorbereitet über uns herfallen.«
»Hm! Das müssen wir verhüten.«
»Natürlich!«
»Ich möchte nur wissen, wer sie sind und wie sie uns auf die Spur gekommen sind.«
»Ob es von der Anita herkommt?«
»Du, das ist sehr wahrscheinlich. Sie wird von der Höhle wissen.«
»Donnerwetter! Was thun wir da?«
»Ich laufe wieder fort.«
»Wohin?«
»Ich hole Hilfe.«
»Werden die Andern frei sein?«
»Ich hoffe es.«
»Gut, so lauf und hole sie! Es wird mir wirklich angst und bange.«
Im Innern knarrte es abermals.
Es verging eine Zeit, da wiederholte sich dieses Knarren, und drin rief es heftig:
»Luizi, bist Du da?«
»Komm schnell herein!«
»Was giebts!«
»Ich bin gesehen worden.«
»Alle Teufel!«
»Ja, grad als ich in die Eremitage trat.«
»Grad an der schlimmsten Stelle. Nun ists verrathen!«
»Nein, denn ich habe den Kerl.«
»Was? Du hast ihn?«
»Ja, ich habe ihn. Er war so dumm, in den Gang zu treten. Nun Ist er gefangen.«
»So mag es gehen. War nur dieser Eine da?«
»Ja.«
»Kannt er Dich?«
»Nein. Er ist ein Fremder.«
»Steckt er in der Grube?«
»Ja.«
»Nun, so brauchst Du ja nur an den Stricken zu ziehen, so ist er gefesselt.«
»Ich habe es nicht fertig gebracht.«
»Was! Nicht fertig? Ist der Kerl denn gar so stark?«
»Stark wie ein Bär.«
»So muß ich freilich mit.«
»Komm schnell!«
Der Andere trat nun auch in die Hütte. Jetzt fehlte der vierte Theil des Bodens derselben. Er hing wie eine Thür nach unten, und man sah eine Leiter, welche in ein tiefes Loch führte.
Triest liegt am Karst, einem Gebirge, welches durch seine außerordentlich vielen Höhlungen berühmt ist. Die Insel war der Ausgang einer solchen, und das war von früheren Besitzern derselben geschickt benutzt worden.
Als die Beiden auf der Leiter standen, hoben sie den Bodentheil wieder empor und schoben einen Riegel vor. Die Fallthür bestand aus Holz, auf welches mittelst eines haltbaren Bindemittels Erde zwei Fuß hoch befestigt war.
Die Beiden stiegen weit hinab. Dann kamen sie in einen engen, niedrigen, wagerechten Gang. Als sie denselben im Dunkel verfolgten, war über ihnen ein eigenthümliches Rauschen zu vernehmen.
Das war das Meer, das Wasser des Seearmes, welcher die Insel von dem Ufer trennte. Der Gang führte unter demselben hin.
Nach einiger Zeit wurde es hell vor ihnen. Der Gang erweiterte sich zu einem hohen Felsenspalt, welcher durch eine Lampe erleuchtet war.
Hier gab es mehrere Thüren, welche durch starke, eiserne Riegel verschlossen waren. Man hörte hinter ihnen laute, lachende Mädchenstimmen erschallen.
Die Beiden eilten weiter. Es wurde wieder finster. Bald führten Stufen empor, dann ging es wieder oben fort. Jetzt blieb der Vordere stehen und flüsterte:
»Hörst Du ihn?«
Es war ein seufzendes Stöhnen zu vernehmen, wie wenn ein Mensch sich an einer großen Anstrengung vergeblich abquält.
»Ja,« antwortete der Andere. »Er will sich von den Stricken losmachen.«
»Was thun wir?«
»Hm! Machen wir ihn kalt?«
»Eigentlich wäre es wohl das Beste.«
»Aber wir wissen nicht, wer er ist.«
»Wie war er gekleidet?«
»Sehr fein.«
»Vielleicht ließ sich ein Lösegeld herausschlagen. Meinst Du nicht auch?«
»Vielleicht. Aber es ist besser, er wird stumm gemacht. Wenn wir ihn gegen ein Lösegeld frei lassen, kann er unser Geheimniß verrathen.«
»Er muß schwören, zu schweigen.«
»Weißt Du nicht, daß so ein Schwur nichts gilt? Er ist erzwungen.«
»Hm! Wollen es uns wenigstens überlegen.«
»Aber wohin stecken wir ihn? Es giebt ja keinen Platz. Es ist Alles besetzt«
»Das ist wahr. Wir müßten ihn zu der bayrischen Müllerstochter thun, welche in Fesseln liegt.«
»Das möchte ich nicht riskiren?«
»Warum denn nicht?«
»Sie reden doch mit einander.«
»Was schadet das?«
»Dadurch kann ja Alles verrathen werden.«
»Pah! Das Mädchen kommt heut auf das Schiff. Drüben mag sie reden. Niemand wird es ihr glauben.«
»Das mag sein. Also wollen ihn zu ihr stecken. Wenn dann heut Nacht das Mädchen fort ist, so machen wir uns über ihn her.«
Sie gingen noch einige Schritte weiter. Das angestrengte Athmen und Schnaufen wurde deutlicher. Der eine Petruccio sagte laut:
»Streng Dich nicht an! Diese Stricke zerreißest Du doch nicht.«
Es wurde still.
»Wer bist Du denn eigentlich?« fuhr er fort.
Er erhielt keine Antwort.
»Wer Du bist, habe ich gefragt!«
»Abermaliges Schweigen.«
»Du, er wird doch nicht etwa erwürgt sein!« meinte der andere Bruder.
»So wär es auch weiter nichts.«
»Ziehen wir ihn heraus!«
»Ja, komm!«
Da, wo sie standen, hatte der Gang eine Seitennische, in welcher eine Art Göpelwerk stand. Allerdings konnte man es in dieser Dunkelheit nicht sehen. Die Beiden drehten an demselben, und bald lag ein langer Gegenstand vor ihnen.
Der Eine betastete denselben.
»Lebt er?« fragte der Andre.
»Ja.«
»Warum redet er nicht?«
»Entweder ist er zu stolz oder zu dumm dazu. Eins von diesen Beiden ists.«
Der Sprecher gab dem vor ihm liegenden Körper einen Stoß und gebot:
»Kerl, wenn Du noch lebst, so rede!«
Es erfolgte keine Antwort.
»Der Hallunke will nicht reden! Na, er hat es ja auch gar nicht nothwendig. Wir brauchen seine süße Stimme nicht zu hören. Aber sehen wollen wir, ob er laufen kann. Ich werde ihm den Strick von den Beinen nehmen. Dann brauchen wir ihn nicht zu tragen.«
Er knotete den Strick auf und sagte dann:
»Steh auf, sonst helfe ich nach.«
Die Gestalt richtete sich auf. Sie war bedeutend länger als der Italiener. Dieser fühlte es, da er die Stricke gepackt hielt, welche dem Verunglückten um Leib, Arme und Oberbeine geschlungen waren.
»Nun lauf!« gebot er und stieß ihn fort. Der Mann konnte nur sehr kleine Schritte machen, da nur seine Unterschenkel beweglich waren. Es dauerte einige Minuten, bis der Italiener anhielt. Einige schwere Riegel klirrten; eine Thür wurde geöffnet. Der Mann empfing einen Stoß und stürzte in ein finsteres Gelaß, auf dumpfiges Stroh. Hinter ihm wurde die Thür wieder verriegelt.
Draußen verklangen die Schritte. Dann war es still ringsum. Doch nein!
Der Mann lauschte. Es war ihm, als ob er regelmäßige Athemzüge höre.
»Ist Jemand hier?« fragte er.
Seine Stimme war sonor und klangvoll.
»Ja,« antwortete eine weibliche Kehle.
»Ah, eine Dame. Sind Sie Frau oder Mädchen?«
»Ich bin ein Dirndl.«
»Ein Dirndl! Sind Sie allein hier?«
»Ganz allein.«
»Wohl etwa auch gefesselt?«
»Ja, an die Wand gebunden.«
»Wissen Sie, wo Sie sich befinden?«
»Nein.«
»Und wer Sie gefangen hält?«
»Auch nicht.«
»Wie find Sie denn hereingekommen?«
»Ich hab mich halt in Wien nach Triest vermiethet. Wir waren mehrere Dirndls aus allen Gegenden und kamen mit dem Zug hier an. Dann wurden wir aus der Stadt geführt und in Boote geladen. Wir bekamen Etwas zu trinken, wovon ich die Besinnung verlor. Als ich erwachte, war ich in einer unterirdischen Stube.«
»Das klingt wie aus der Zeit des Mittelalters.«
»Aberst es ist halt wahr.«
»Gewiß! Das sehe oder vielmehr das fühle ich an mir! Es ist wie ein Traum. Sind noch mehrere solcher Zellen hier?«
»Ja. Das sind Straflöchern. Sonst aberst sind die Dirndls in größern Stuben einquartirt.«
»Auch unterirdisch?«
»Ja.«
»Was sind denn das für Dirndls, von denen Sie da sprechen?«
»Lauter Dienstboten. Wir sollen halt nach Amerika, nach Californien schafft werden.«
»Ah! Entsetzlich! Jetzt weiß ich, mit welchen Leuten ich es zu thun habe.«
»Wie sind denn Sie hereinikommen?«
»Ich habe ganz zufällig den verborgenen Eingang zu diesen unterirdischen Gemächern gefunden. Ich trat hinein und ahnte nicht, daß eine Sicherheitsvorrichtung vorhanden sei. Nach wenigen Schritten wich der Fußboden unter mir und Stricke schlangen sich ganz von selbst um meinen Leib und meine Glieder. Dann wurde ich aus der Vertiefung gezogen und hier herein geworfen.«
»Herrgottle! So gehörens also gar nicht herein?«
»Ebenso wenig wie Sie.«
Dann nehmens sich in Acht! Wanns ohne Erlaubniß kommen sind, kanns leicht um Ihr Leben gehen.«
»Das befürchte ich doch nicht.«
»O, die Menschen, mit denen wir's hier zu thun haben, die kennen halt keine Gnad und kein Derbarmen.«
»Warum hat man Sie in diese Strafzelle gethan?«
»Weil ich nicht gehorchen will.«
»Ah! Man will Ihren Willen brechen.«
»Ja. Ich hab' halt schon bereits einige Tag nix zu essen und zu trinken bekommen.«
»Mein Gott! So müssen Sie doch fast verschmachtet sein.«
»Es wird halt nicht mehr lange dauern, so ist's aus mit dem Reden. Die Zung klebt mir schon am Gaumen.«
»So kann ich Sie vielleicht erquicken.«
»Habens was zu trinken mit?«
»Einige Schlucke Wein in der kleinen Feldflasche. Aber ich kann nicht dazu, denn mir sind die Arme gefesselt.«
»Ja, wanns herkommen könnten, dann wär's vielleicht möglich, daß ich Ihnen die Stricken aufknüpfen könnt.«
»Was? Ich denke, Sie sind auch gefesselt.«
»Ja, aberst nicht so wie Sie. Ich kann die Arme lang bewegen.«
»Dann ist es freilich möglich, daß Sie mir die Stricke lösen können. Daran haben diese Menschen nicht gedacht.«
»Aberst ob's auch herkommen können?«
»Es wird gehen. Laufen kann ich freilich nicht; aber ich komme schon noch hin.«
Nach einiger Anstrengung saß er neben dem Mädchen auf dem Stroh und ihre Hände beschäftigten sich mit seinen Stricken. Er fühlte, da sie ja seine Hände berühren mußte, ihre Finger heiß glühen. Ihre Gestalt zitterte. Sie hatte das Fieber des Durstes.
»Nehmen Sie sich Zeit,« sagte er. »Ich denke nicht, daß wir gestört werden.«
»Das kann man halt nicht wissen.«
»Gelingt es Ihnen, mich von den Fesseln zu befreien, so bin ich gerettet und Sie sind es mit mir.«
»Meinens? Mich kann Niemand retten.«
»Warum?«
»Weil wir alle schon heut Abend auf das Schiff kommen.«
»Heut? Ich erschrecke!«
»Ja, das ist mein letzter Tag in dera Welt.«
»Gott behüte!« sagte er erschrocken.
»Ja. Mich bringens nicht auf's Schiff, sondern ich stürz mich in's Wassern. Ich mag die Schand nicht derleben, die mir da drüben bevorstehen thut.«
»Mein Kind, Gott ist allmächtig! Den Tod darf man sich nicht geben.«
»So soll ich die Schand überleben? Das könnens mir unmöglich rathen.«
Er schwieg. Was hätte er sagen sollen? Erst nach einer Weile wiederholte er:
»Machen Sie mich von den Fesseln frei, so rette ich auch Sie.«
»Das könnens nicht. Mein Schicksal ist besiegelt. Aber wanns frei kommen, so könnens mir einen großen Gefallen derweisen.«
»Gern, sehr gern.«
»Wanns nicht bös von mir denken, so will ich's sagen, was ich gern haben möcht.«
»Sagen Sie es getrost!«
»Ich hab einen sehr guten, lieben, alten Freunden, der weiß nimmer, wo ich bin und hat mich doch stets so lieb habt. Ich bin von zu Haus verschwunden wie ein Tröpfle, was vom Baume fällt. Kein Mensch weiß, wo ich bin. Ich weiß, daß heut mein letzter Tag ist. Morgen bin ich todt. Da sollens meinem Freund einen Gruß von mir schicken.«
Sie sagte das halblaut, langsam und unter Thränen. Ihre ganze Gestalt fieberte.
»Sie werden gerettet werden,« tröstete er:
»O nein, o nein!«
»Nun, auch das Schlimmste angenommen, so soll Ihr Freund den Gruß erhalten.«
»Ist's wahr?«
»Ja, gewiß. Wer ist er denn?«
»Kommens vielleicht mal in's Bayern hinein?«
»Ja,« antwortete er. »Sie sind eine Bayerin, wie ich an Ihrer Sprache höre?«
»Ja, ich bin ein Landskind von unserm guten König Ludwig. Wann's mal dahin kommen, so werden's auch von meinem Freund hören. Er ist überall bekannt.«
»Wie heißt er denn? Uebrigens ist es mir, als ob ich Ihre Stimme schon einmal gehört hätte.«
»Da werdens sich wohl täuschen. Also dieser Freund wird allüberall dera Wurzelsepp genannt –«
»Wie! Den kennen Sie, den?«
»Ja. Habens ihn auch schon mal sehen?«
»Ja, sehr oft.«
»Das ist schön. Da wird auch mein Gruß ausgerichtet werden. Sagens ihm – sagens ihm –«
Sie hielt inne. Der Schmerz übermannte sie. Da nahm sie sich zusammen und fuhr fort, aber stockend und unter Schluchzen:
»Sagens ihm, daß ich von daheim fortgangen bin, weil ich meinem Vatern seine Schand' nicht mit hab' ansehen könnt, daß Sie mich hier – hier troffen haben und daß ich heut – heut sterben werd', weil ich auch meine Schand nicht – nicht sehen will.«
»Kind, Kind, verzweifeln Sie nicht! Der Herrgott lebt ja noch!«
»Ja, der lebt. Ich hab' zu ihm betet Tag und Nacht, aber er hat mir keine Hilfe geben. Es ist sein Will', daß ich sterben soll und es ist wohl auch am Besten so.«
»Wie alt sind Sie denn?«
»Grad zwanzig Jahre.«
»Und in dieser Jugend haben Sie schon solche Erfahrungen gemacht, steht Ihnen ein solches Verhängniß bevor!«
»Ich mag nicht klagen.«
»Wo sind Sie her und wie heißen Sie?«
»Seiens mir nicht bös, wann ich das lieber nicht sagen möcht. Dera Sepp wird schon wissen, von wem der Gruß kommt. Und nachhera wird er auch zu ihm gehen, zu ihm – Herrgottle, ja zu ihm, und wird ihm sagen, daß ich ihn so lieb 'habt hab', so gar sehr lieb – daß ich ihm treu blieben bin bis – bis – bis zum Tod im Wasser drin. Er ist so gern im Wasser gewest und wird wohl nicht dacht haben, daß ich mal darin sterben muß.«
Es trat eine Pause ein, während welcher das bitterliche Weinen des Mädchens zu hören war. Dann fragte er:
»Von wem sprechen Sie denn?«
»Den kennens wohl nicht. Er ist ein armer Zigeunerbub gewest, aber der gute König Ludwig hat sich seiner angenommen und was Tüchtiges aus ihm macht. Dera Sepp weiß schon, wen ich meine.«
»Mein Himmel! Meinen Sie den Fex?«
Einen Moment war sie wie erstarrt. Dann erklang es jubelnd:
»Der Fex, der Fex! Kennens auch ihn?«
»Sehr gut. Und er war Ihr Geliebter?«
»Ja. Ich aber bin fort von daheim, weil er mich nicht mehr anschauen soll.«
»So find Sie Paula Kellermann, die Tochter des Thalmüllers in Scheibenbad?«
»Was! Auch mich kennens, auch mich?«
»Natürlich, natürlich kenne ich auch Sie!«
»Woher denn eigentlich? Wo habens mich sehen?«
»Bei sich selbst, in der Mühle, in –«
Er hielt inne und fuhr nachher fort:
»Können Sie sich des Concertes erinnern, welches der Fex mit der Leni im Theater gab?«
»Natürlich weiß ich's noch!«
»Sie waren auch da und da hab' ich Sie gesehen.«
»Herrgott, was das für eine Freud noch ist an diesem letzten Tag! Sie kennen den Sepp, den Fex und auch mich. Sogar die Leni!«
»Ja, ich kenne Euch alle so gut, daß – daß ich Sie bitte, jetzt ja Alles anzuwenden, um mich von meinen Fesseln zu befreien.«
»Das will ich: das will ich!«
Sie machte sich mit doppeltem Eifer darüber her. Dabei sagte er:
»Ich will Ihnen noch etwas Froheres mittheilen, Paula. Nämlich der Sepp ist hier in Triest.«
»Was? Wie? Der Sepp?«
»Ja, er und noch Mehrere, die Sie kennen, der Elephantenhanns, die Silbermartha, der Lehrer Walther aus Hohenwald.«
»Die – die – die Alle? O, wann die es wüßten, wo ich mich befinden thu'.«
»Und sodann ist auch noch – erschrecken Sie nicht – der Fex da, Ihr guter Fex.«
»Der – der – der Fex – –« stammelte sie wie ein Kind, welches lautiren lernt.
»Ja, er ist auch hier.«
»Wissens das sehr genau?«
»Ja. Ich bin mit ihm gefahren; er hat mich aber nicht gesehen, da ich ein Coupe allein hatte. Man erwartet mich erst Nachmittags drei Uhr.«
»Der – der – der Fex ist da!« wiederholte sie und dann fügte sie wie im Traume hinzu:
»Da wollt ich, das Wasser thät meine Leich' an's Ufer schwemmen und er käm vorbei und thät mich sehen. Dann thät er wohl bei mir niederknien und ein Vaterunser beten. Wie schön, wann es so kommen könnt!«
»Paula, schweigen Sie! Das kann ich nicht mit anhören. Nun ich weih, wer Sie sind, verspreche ich Ihnen, daß Sie frei sein werden.«
»Das könnens nicht versprechen.«
»O ja, gewiß.«
»Nein,, nein!«
»Ich gebe Ihnen mein Wort und das habe ich noch nie gebrochen. Nur erst die Stricke los!«
»Ich arbeit immer; aberst meine Fingern sind so schwach und zitternd worden. Da, da ist ein Knoten aufi, und nun habens die rechte Hand frei.« Jetzt könnens selbst mit helfen.«
Das geschah und nach wenigen Minuten war er seine Fesseln los.
»Jetzt werde ich Sie losschneiden,« sagte er.
»Habens denn ein Messern?«
»Ja. Man hat mir nichts abgenommen, wie ich Ihnen bereitgesagt habe.«
Er zog das Messer hervor und schnitt die Stricke entzwei, ohne sich vorher die Mühe zu geben, sie aufzuknüpfen.
»So, jetzt sind Sie frei, Paula,« sagte er in mildem, wohlwollendem Tone. »Und nun sollen Sie auch trinken. Ich habe mir Schloß Miramare und Umgebung angesehen und nahm mir die Feldflasche voll Wein mit, weil ich nicht Gast sein wollte. Er wird Sie erquicken.«
Er gab ihr die Flasche hin und sie führte sie mit zitternden Händen an ihre Lippen. Sie trank nur zwei kleine Schlucke, aber sie fühlte sofort neue Kraft und neues Leben durch ihre Adern rollen.
»Hat es wohlgethan?« fragte er.
»Ja,« gestand sie. »Ich bin wie neugeboren.«
»Nun, das soll auch ein Tag der Neugeburt Ihres Glückes werden. Ich hoffe zuversichtlich, daß Sie den Fex heut noch sehen werden.«
»O nein, nein! Das darf nicht sein!« wehrte sie ab.
»Warum?«
»Er und ich, wir müssen uns meiden.«
»Dazu giebt's doch gar keinen Grund.«
»O, einen großen.«
»Welchen denn?«
»Wir passen nimmer zusammen. Er wird ein berühmter Mann sein und ich bin die Tochter eines – eines – – Sie wissen es vielleicht.«
»Ja, ich weiß es. Aber es ist ein hartes Wort, daß Gott die Sünden der Väter heimsuche an den Kindern bis in das dritte und vierte Glied. Gott ist die Liebe und die Barmherzigkeit. Er wird Ihnen nicht die Last Ihres Vaters aufbürden.«
»Und dennoch, ich darf den Fex nicht sehen. Aber den Sepp möcht ich mal schauen.«
»Wenn es zu ermöglichen ist, sollen Sie ihn sehen.«
Der Wein hatte neuen Lebensmuth, in ihr angefacht. Darum wagte sie die Frage:
»Und Sie meinen in Wirklichkeit, daß ich noch gerettet werden kann?«
»Sie und alle anderen Mädchen.«
»Wer aber sollt uns retten?«
»Ich. Ich werde mit diesen Verbrechern ein ernstes Wort reden, wenn sie nämlich noch zur rechten Zeit zu mir kommen.«
»O, das hilft nix. Sie hören auf Niemand.«
»Auf mich aber jedenfalls.«
»So sind's wohl ein Polizist oder so ein ähnlicher Herr vom Gericht?«
»Ja, ich gehöre zu diesen Beamten.«
»So mags dera Herrgott geben, daß es gelingen thut.«
»Ich denke, daß sie sich nicht mehr an uns vergreifen werden. Auf keinen Fall aber werde ich mich wieder fesseln lasten.«
»So werdens halt kämpfen müssen.«
»Hoffentlich entgehe ich der Schande, mit solchen Geschöpfen wieder in körperliche Berührung zu kommen.«
Die Zelle war nicht allzuklein. Sie erlaubte einen Gang von einigen Schritten zu machen. Er benutzte das, indem er langsam hin und her ging. Paula saß in ihrer Ecke, nippte zuweilen von dem Weine und beantwortete die Fragen, welche er an sie richtete.
So verging die Zeit. Er ließ seine Uhr repetiren – denn auch diese hatte man ihm gelassen. Sie zeigte fünf Uhr an.
Da waren draußen Schritte zu vernehmen. Es schienen dieses Mal mehr als zwei Personen draußen zu sein. Der Riegel wurde weggeschoben und die Thür geöffnet. Derjenige, welcher vorn stand, hielt eine Blendlaterne so, daß das Licht derselben nur in die Zelle fiel; er selbst und Diejenigen, welche hinter ihm standen, befanden sich im Dunkel.
Die hohe Gestalt des Gefangenen wurde vom Kopf bis zum Fuße hell beleuchtet. Aller Augen fielen auf ihn.
»Kennt Ihr mich?« fragte er, einen Schritt vortretend.
»Donnerwetter! Er hat sich frei gemacht!« fluchte der Laternenträger.
»Ob Ihr mich kennt?« wiederholte der Gefangene.
»Alle Teufel – alle Wetter – Kreuzhimmel –!« so ertönten die Flüche durch einander.
»Die Thür zu!« brüllte eine Stimme.
Zu gleicher Zeit warf Derjenige, welcher das gesprochen hatte, die Thür in's Schloß.
»Kennt Ihr ihn? Habt Ihr ihn gesehen? Ist er es auch wirklich?« gingen die Fragen hin und her.
»Zurück! Geht hier fort! Er hört drin, was außen gesprochen wird. Wir müssen berathen.«
Sie zogen sich zu einer kurzen Konferenz zurück, von welcher jedenfalls das Leben des Gefangenen abhing. –
Gegen halb drei Uhr war der Bootsmann seinem Versprechen gemäß gekommen und hatte den Sepp abgeholt. Dieser sagte, daß er den König empfangen und in das Hotel begleiten werde, um dessen Befehle entgegen zu nehmen. Dann werde er wiederkommen.
Als das Boot verschwunden war, befanden sich nur noch die drei Jünglinge auf der Insel. Sie hatten nicht die Geduld des alten Sepp. Besonders brannte der Fex vor Begierde, die Geliebte frei zu sehen.
Sie konnten unmöglich die ganze Zeit bis zu des Alten Rückkehr thatenlos verbringen. Der Fex war der Erste, der seinen Angelplatz verließ. Er hatte nichts, gar nichts gefangen und ging zu Hanns. Max wurde herbei gewinkt.
»Hört,« sagte der Fex. »Was habt Ihr für Meinung? Wollen wir wirklich warten, bis der Sepp zurückkehrt?«
»Ich dächte.« antwortete Max.
»Ja, Du kannst gut denken. Du hast Deine Braut nicht in der Höhle!«
»Man darf nicht unvorsichtig sein!«
»Eine sehr weise Regel. Aber mit Regeln bringe ich Paula nicht frei. Wann meint Ihr wohl, daß der Sepp zurückkehren wird?«
»Er wird sich sicher sputen.«
»Ja. Das heißt, der König kommt drei Uhr und ist halb vier Uhr im Hotel. Bis vier Uhr muß der Sepp berichten; dann geht's vielleicht spaziere; es giebt unvorhergesehene Störungen und wir können heut Abend zehn Uhr grad noch so dastehen wie jetzt.«
»Hm! Möglich ist's. Man weiß ja gar nicht, was der König hier will. Vielleicht kann Sepp gar nicht wieder fort von ihm.«
»Mit dieser Eventualität müssen wir rechnen. Ich werde nicht warten, bis es dunkel ist, wo man nichts mehr sehen kann. Ich erkläre Euch, daß ich höchstens bis halb fünf Uhr warten werde. Helft Ihr mir dann nicht, so handle ich allein.«
Die beiden Andern erklärten, daß sie dann thun würden, was er für gut halte. Dann kehrte Jeder an seinen Angelplatz zurück.
Der Fex beobachtete den Italiener genau. Es saß nur immer einer vor der Thür der Hütte. Der Andre war ja in der Stadt, um Hilfe zu holen. Der Fex veränderte seinen Platz nach und nach so, daß er von dem Manne nicht gesehen werden konnte. Dann rannte er schnell nach der hintern Seite der Hütte zu und stellte sich dort auf.
Er hatte grad die richtige Zeit getroffen.
Die Wand war aus roher Erde aufgestampft und hatte verschiedene Risse und Sprünge. Da, wo Fex stand, konnte er durch einen dieser Risse in das Innere sehen.
Da hörte er ein eigenthümliches Knarren und Knirrschen. Er brachte das Auge an die Lücke und schaute hinein. Da sah er, das in der einen Ecke sich der Boden zu bewegen begann. Dabei schob sich ein eiserner Ring, welcher zu irgend einem Zwecke unten an der Mauer angebracht zu sein schien, mit vorwärts.
Die Fallthür öffnete sich. Der Kopf des zweiten Italieners blickte hervor. »Luigi, hörst Du mich?« fragte er.
»Ja.«
»Komm schnell herab!«
»Wozu?«
»Die Leute sind da. Wir wollen uns den Gefangenen ansehen. Er muß doch Etwas bei sich haben. Vorhin hätten wir es in der Dunkelheit nicht sehen können.«
»Gleich! Was er hat, wird getheilt.«
Er trat herein und die zwei Brüder stiegen hinab, worauf sich die Fallthür wieder schloß.
Der Fex wartete noch ein Weilchen und winkte dann die Freunde herbei. Er erzählte ihnen, was er gesehen und gehört hatte.
Also ein Gefangener ist unten, der ausgeraubt und jedenfalls ermordet werden soll;« sagte er. »Wollen wir das geschehen lassen?«
»Nein, nein!« antworteten die Beiden.
»Also hinab?«
»Ja.«
»So kommt herein. Aber haltet die Waffen bereit!«
Es war wenige Minuten über fünf Uhr.
»Hier mit Hilfe dieses Ringes muß man öffnen können, wie es scheint,« sagte der Fex.
Er bückte sich nieder und zog an dem Ringe. Sofort ertönte das bereits beschriebene Geräusch und die Thür öffnete sich. Die Drei blickten in die Tiefe. Es war nichts zu sehen als ein dunkles Loch und oben der obere Theil der Leiter.
»Ich steige voran,« erklärte der Fex.
»Halt,« warnte Max. »Werden wir auch wieder herauskönnen?«
»Allemal!«
»Nein, das ist nicht so sicher. Wenn sich die Thür über uns schließt, wissen wir nicht, auf welche Weise der Mechanismus von innen geöffnet wird.«
»Jedenfalls ebenso durch einen Ring.«
»Das fragt sich sehr.«
»Nun, so haben wir unsere Laternen mit, um nachzusehen. Und sodann wissen wir nicht, ob sich die Thür überhaupt schließen wird.«
»Es ist anzunehmen.«
»Nun, wenn wir hinunter kommen, wird es wohl noch ganz andere Chancen und Auswege geben. Vielleicht schlagen und schießen wir Alles todt, was wir finden. Dann sind wir Hahn im Korbe und können ausfliegen, wo es uns beliebt.«
»Du bist sehr getrosten Muthes!«
»Das ist das Beste, bei solchen Sachen. Also kommt mir nach! Ich steige jetzt.«
Er verschwand in der Oeffnung wie ein Bergmann im Mundloche des Fahrschachtes verschwindet. Max folgte und diesem Hanns.
Sie erreichten glücklich, den Boden. Ueber ihnen war die Oeffnung wie ein handgroßes Loch zu sehen.
»Was nun?« fragte Fex. »Es giebt nur einen einzigen Gang, dem wir folgen müssen. Brennen wir an?«
»Nein,« antwortete Max. »Man könnte uns von Weitem sehen und dann wäre Alles verloren.«
»So tappen wir uns also nur fort.«
Der Fex gebrauchte Hände und Füße als vorsichtige Taster. Die beiden Andern hingen sich an ihn und so kamen sie nur ganz langsam vorwärts.
Nach langer Zeit gelangten sie dahin, wo die Lampe brannte und die eisernen Thüren beleuchtete.
»Gehen wir weiter?« fragte Hanns.
»Natürlich!« antwortete der Fex.
»Aber wenn da vorn Menschen sind, so können wir ja gesehen werden.«
»Horchen wir erst, ob wir Etwas hören.«
Sie lauschten eine Weile. Der Fex legte sich sogar auf den Boden und horchte.
»Hört,« sagte er leise, »da vorn sind Leute.«
»Wirklich?«
»Ja. Ich höre gehen und auch sprechen. So, ein Gang trägt den Schall sehr deutlich fort.«
»So müssen wir hier bleiben?«
Ehe der Fex noch antworten konnte, ertönte ein lauter Ruf wie Donnerrollen durch den Stollen.
»Ganzes Bataillon, Feuer! Hurrah, der Sepp ist da, der Sepp! Feuer, Feuer!«
Eine Anzahl Schüsse krachten. Es klang hier unten wie Kanonendonner. Auch die kommandirende Stimme wurde durch die Resonnanz des Ganges verzwanzigfacht, dennoch aber sagte der Fex sogleich:
»Das ist der Sepp, der Sepp! Er ist mit Leuten da. Er hat jedenfalls einen zweiten Eingang entdeckt. Er greift die Schufte an. Sie sind zwischen uns und ihm. Kommt zurück in's Dunkle. Schnell!«
Sie huschten einige Schritte zurück und warteten. Wieder erschallten Schüsse und brüllende Kommando's. Dann kamen plötzlich drei Männer herbeigeeilt, welche einen verwundeten Vierten trugen. Sie keuchten unter der Last.
»Halt!« ertönte die Stimme des Fex aus dem Dunkel ihnen entgegen. »Keinen Schritt weiter!«
Sie stutzten einen Augenblick. Einer der Italiener war dabei.
»Drauf!« schrie er.
Er riß sein Pistol aus der Tasche und schoß es gegen den Ort ab, wo der Fex stand. Aber der Schuß that nichts, denn die Kugel fehlte. Da kommandirte der Fex ganz genau so wie vorher der Sepp:
»Ganzes Bataillon, Feuer! Hurrah, der Fex ist da, der Fex! Feuer, Feuer!«
Die Drei schossen einige Kugeln ihrer Revolver auf die Vier. Die Schüsse donnerten durch den Gang. Die Vier, alle getroffen, stürzten zur Erde.
»Hurrah! Hier der Sepp!« erschallte es von dort.
»Hurrah, der Fex!« erschallte es hier.
Dann hörte man eilige Schritte und der alte Sepp kam herbeigestürmt. Die Drei traten ihm entgegen.
»D'rauf!« rief er. »Nicht tödten, aber binden!«
Die Kerls wehrten sich zwar möglichst, wurden aber leicht überwältigt, da sie verwundet waren.
Nun erst sahen die Vier einander lachend an. Der Fex fragte den Alten:
»Woher kommst denn Du?«
»Von dorther!« Er zeigte zurück. »Und Ihr?«
»Von da her?«
»Vom Häuschen herab?«
»Ja, aber wo hast Du denn Dein ganzes Bataillon?«
»Das bin ich selberst.«
»So bist allein?«
»Ja. Aber Lärm hab ich macht für Dreißig. Da vorn liegen noch Zwei Verwundete. Ich glaub halt. Einer ist todt und der Andere wird wohl noch leben. Ich hab halt keine Zeit habt, mich genau nach ihnen umzusehen. Sind vielleicht noch mehrere von diesen Kerls vorhanden?«
»Hier nicht, hinter uns ist Niemand.«
»Hinter mir auch nicht. So haben wir also keinen Angriff zu befürchten und können uns Diese hier mal anschauen.«
Die Kerls lagen so still und bewegungslos da, als ob sie todt wären. Daran war einestheils das Entsetzen schuld, welches sich ihrer bei dem so unerwarteten Ueberfalle bemächtigt hatte und anderntheils hofften sie wenigstens zunächst mit zudringlichen Fragen verschont zu werden, wenn sie sich leblos stellten.
Sie wurden untersucht und da stellte es sich heraus, daß sie zwar verwundet waren, aber noch lebten. Keiner bewegte sich.
»Wir sollen halt denken, daß sie ohne Besinnung sind,« sagte der Sepp. »Aberst ich werd gleich diesem Herrn Petruccio den Verstand zurückgeben.«
Er holte aus und gab ihm eine so gewaltige Ohrfeige, daß der Geschlagene sich schnell in sitzende Stellung aufrichtete, mit beiden Händen nach seinem Kopfe fuhr und erschrocken ausrief:
»Herrgott! Ich hatte ja gar nichts gethan!«
»Eben weil Du nix thun wolltest, hast diese Backpfeifen erhalten. Du sollst was thun, nämlich sprechen. Und da ich nun seh, daßt das kannst, so red' auch, wann ich Dich frag', sonst kannst noch mehr solche Maulschellen erhalten.«
»Verbindet uns doch zunächst! Ihr seht ja unser Blut laufen.«
»Erst habt Ihr auf uns schossen und nun sollen wir Euch verbinden! Das könnt uns eigentlich schwer einfallen. Aberst wir sind halt gute Menschen und wollen Euch besser behandeln, als Ihr es verdient. Aber wir haben doch nix da, womit wir Euch verbinden könnten.«
»Es ist Alles da. Oeffnet die nächste Thür, da ist die Auguste, unsere Wirthschafterin, welche Euch Alles geben wird.«
»Schön! So wollen wir zunächst Eure beiden guten Kameraden auch herbeibringen. Kommt!«
Er wollte mit dem Fex und Hanns fort; aber der Erstere sagte:
»Du, keine Unvorsichtigkeit! Diese Kerle könnten uns betrügen. Sie sind wohl gar nicht so schwer verwundet, wie es den Anschein hat.«
»Meinst, daß sie uns ausreißen thäten?«
»Ausreißen wohl nicht. Sie stiegen nach oben und machten zu: dann wären wir gefangen.«
»Du, da hast Recht. Wir werden sie also wohl binden müssen.«
»Dazu haben wir auch nichts. Wir schließen sie ein.«
»Wohin?«
»Eben zu dieser Auguste.«
»Wenn sie ihnen nun forthilft!«
»Sie ist doch eingeschlossen.«
»Aberst von da drinnen kann auch ein verborgener Gang hinaufführen.«
»Wollen sehen.«
Der Sepp trat zu der ersten Thür und untersuchte sie. Sie war mit starkem Eisen beschlagen und hatte kein Schloß, sondern zwei schwere Riegel.
»Sie kann nicht von innen geöffnet werden,« sagte er. »Ich glaub, daß die Kerls da drinnen sicher aufgehoben sind.«
Er schob die Riegel zurück und öffnete. Er sah ein kellerartiges Gemach, ganz in Felsen eingehauen. Von der Decke hing eine brennende Lampe. Zu der Mitte stand ein steinerner Tisch und der Boden war mit Stroh belegt, auf welchem eine Anzahl junger Mädchen saßen oder lagen. Andere standen an den Wänden gelehnt. Sie schauten alle mit angstvollen Blicken nach der Thür.
Schnell trat der Fex herbei und fragte:
»Ist Paula Kellermann da?«
Es war ein erdrückender Dunst in dem Gewölbe und die Lampe brannte so trüb, daß man die Gesichtszüge der entfernteren Mädchen nicht genau erkennen konnte.
Er erhielt keine Antwort und wiederholte seine Frage. Als auch da Alle schwiegen, sagte der Sepp:
»Das muß ein Taubstummeninstitut sein. Wann sie aberst hören werden, daß ich eine Peitsche holen werd', welche die Taubstummheit sogleich heilt, so werden sie wohl antworten. Ist Eine da, welche Auguste heißt?«
Seine Drohung wirkte. Es trat Eine langsam näher und antwortete
»Das bin ich.«
»So komm mal her, damit ich Dein Gesicht sehen kann!«
Sie gehorchte und er sah in ein freches, cynisches Frauengesicht. Dieses Mädchen war ganz gewiß nicht unzufrieden mit dem Schicksale, welches ihrer wartete.
»Kennst Du die Andern alle?« fragte er.
»Ja.«
»Ist Eine dabei, welche Paula Kellermann heißt?«
Sie stand so, daß sie an ihm vorüber nach der Thür blicken konnte. Da sah sie den Italiener liegen, welcher ihr ein Zeichen gab, das nur sie bemerkte.
»Nein,« antwortete sie.
»Du lügst!«
»Herr, ich sage die Wahrheit!«
»Wir wissen, daß sie da ist.«
»Ich weiß nichts von ihr.«
»Du bist die Wirthschafterin?«
»Ja.«
»Kennst Du diese unterirdische Wohnung?«
»Nicht genau.«
»Wie lange bist Du da?«
»Seit einer Woche. Der Herr hat mich ausgewählt zum Führen der Wirtschaft.«
»Eine schöne Wirtschaft. Wer ist aber denn der Herr, von welchem Du redest?«
Der Italiener gab ihr abermals ein Zeichen.
»Ich kenne ihn nicht,« antwortete sie.
»Ist's der Petruccio?«
»Nein.«
»Der Jude Baruch Abraham?«
»Das weiß ich nicht.«
»Hm! Hast Du alte Leinwand zum Verbinden?«
»Ja, sie ist draußen.«
»Hole sie.«
Sie kam heraus und trat zu einer kleinen, niedern Thür, welche auch nur verriegelt war. Als sie diese geöffnet hatte, sah man einen Raum, welcher zur Aufbewahrung von allerhand Vorräthen zu dienen schien. Sie trat hinein und kam bald mit einem Packet wieder heraus.
»Zeig her,« sagte der Sepp.
»Es sind alte Lappen!«
»Wollen sehen, ob's auch wahr ist. Vielleicht hast auch was Anderes mit.«
Er untersuchte das Bündel und sah allerdings, daß es nicht Verdächtiges einhielt.
»Da, hast's wieder. Hier liegen Verwundete, welche wir zu Euch hineinthun wollen. Ihr könnt sie verbinden.«
Er schaffte mit Hilfe der beiden Andern die Plessirten hinein und riegelte dann zu, um auch die beiden Uebrigen zu holen.
Die Mädchen traten alle herbei, um mit zu helfen. Hier in diesem Gewölbe befanden sich nur solche Dirnen, welche mit ihrem Schicksale sehr wohl zufrieden waren und sich sogar freuten, als verachtete Geschöpfe in Amerika ein üppiges aber sündhaftes Brod zu verdienen. Der Italiener wußte, daß er sich auf sie verlassen konnte.
»Habt Ihr die Schüsse gehört?« fragte er.
»Ja,« antwortete Auguste. »Und das Geschrei auch.«
»Diese verfluchten Kerls!«
»Wer sind sie denn?«
»Ich kenne sie nicht. Jedenfalls haben sie erfahren, daß Ihr hier seid, und sind nun gekommen, Euch heraus zu holen.«
»Das mögen sie bleiben lassen!«
»Ihr wollt nicht mit ihnen?«
»Fällt uns gar nicht ein!«
»Sie haben sogar auf uns geschossen!«
»Zeigt sie an, damit sie bestraft werden!«
»Das wäre die größte Dummheit, welche wir machen könnten. Unser Handwerk ist ja verboten.«
»Nein. Wir sind ja einverstanden.«
»Das gilt nichts. Uebrigens haben wir zuerst geschossen, nämlich auf den Alten. Daß noch Mehrere unten seien, konnten wir nicht wissen. Verbindet uns nur rasch. Hoffentlich hat es keine große Gefahr. Revolverkugeln machen selten Löcher in das Leben.«
Während nun einige der Mädchen den Männern die Röcke auszogen, um zu den Wunden gelangen und diese verbinden zu können, fuhr der Italiener fort:
»Wißt Ihr denn, was für ein Schicksal Eurer harrt?«
»Die Fremden werden uns befreien.«
»Nein. Sie werden Euch im Gegentheile Eurer Freiheit berauben.«
»Das können sie nicht!«
»Ganz gewiß können sie es.«
»Wir haben ja nichts begangen!«
»Ihr habt Euch als Freudenmädchen anwerben lassen und werdet nach Amerika verkauft. Das ist verboten.«
»Aber bestrafen können sie uns nicht dafür.«
Die Auguste schien ein auf diesem Gebiete erfahrenes Mädchen zu sein.
»Nein, bestraft könnt Ihr nicht werden,« antwortete er. »Aber man wird Euch in eine Besserungsanstalt stecken.«
»Das fehlte noch!«
»Ganz gewiß wird man es thun!«
»Ich danke! Ich kenne das. In so eine Anstalt kommt man nur auf unbestimmte Zeit.«
»Ja, man kann Euch so lange behalten, wie man will. Das ist sehr richtig.«
»Und wer da nicht den ganzen Tag arbeitet und betet, der kommt nie wieder heraus.«
»Hört Ihr es!« sagte der Italiener. »Ich denke nicht, daß Euch das gefallen wird.«
»Nein, nein! Fällt uns nicht ein! Das mögen wir nicht!« rief es rundum.
»Aber Ihr könnt es nicht umgehen, außer – hm! Es gäbe wohl ein Mittel.«
»Welches?«
»Wenn Ihr es Euch nicht gefallen laßt.«
»Wir können doch nichts dagegen thun!«
»O doch! Ihr müßt Euch wehren.«
»Wo denn? Dann später oder hier?«
»Natürlich hier. Wenn Ihr einmal oben seid, ist es zu spät.«
In diesem Augenblicke wurden die Andern gebracht. Einer derselben war todt. Der Sepp zog sich dann mit Hanns und Max wieder zurück.
Der Todte versetzte die Mädchen in Schreck. Sie fuhren von ihm zurück.
»Fürchtet Euch nicht,« sagte der Italiener. »Ihr werdet nicht lange mit ihm beisammen sein, wenn Ihr es richtig macht. Ich weise Euch eine andere Stube an, welche viel besser ist als diese hier.«
»Du? Wie kannst Du das? Du bist ja gefangen und hast hier nichts wehr zu sagen.«
»Das kommt blos auf Euch an.«
»Wieso?«
»Haut die Kerls nieder!«
Die Dirnen sahen sich unter einander an.
Diese Sorte Mädchens sind leicht zu Gewaltthätigkeiten geneigt. Man braucht unter ihnen gar nicht lange nach Megären zu suchen. Da keine von ihnen antwortete, fragte er:
»Oder fürchtet Ihr Euch etwa vor ihnen?«
Sie schwiegen auch jetzt noch. Der Gedanke war ihnen gar nicht etwa zuwider; aber es ist doch nicht leicht, sich mit Männern herumzuschlagen, welche noch dazu bewaffnet sind.
»Das ist nur der einzige Weg, Euch davon zu befreien, daß man Euch in eine Besserungsanstalt thut,« fuhr er fort.
»Hm! Ich hätte Lust!« rief Auguste.
»Da bist Du klug. Aber es müßte bald geschehen, noch bevor diese Kerls andere Leute herbei holen.«
»Etwa gar Polizei?«
»Ganz gewiß! Nach Polizei werden sie natürlich sofort laufen.«
»Wenn diese kommt, sind wir freilich verloren. Ich bin von hier. Die Polizei kennt mich.«
»Das ist schlimm für Dich und auch für die Andern. Uebrigens sollt Ihr auch nicht umsonst für Euch handeln. Ich bezahle es Euch.«
»Du willst uns Geld geben?«
»Ja.«
»Wie viel denn?«
»Wenn Ihr es so weit bringt, daß wir diese vier Halunken hier einschließen können, bekommt Jede von Euch fünfzig Gulden.«
»Baar?«
»Natürlich baar.«
»Und gleich? Nicht erst drüben in Amerika?«
»Nein, sofort hier.«
»Donnerwetter! Was sagt Ihr dazu?«
Sie wendete sich mit dieser Frage an ihre Kolleginnen. Unter diesen gab es einige Zaghafte. Die Meisten von ihnen aber waren muthig und auch von kräftiger Bauart.
»Wenn wir wüßten, daß wir das Geld wirklich bekämen, so könnte man es versuchen,« sagte Eine.
»Ja, ja, dann würden wir es thun,« stimmten die Andern bei.
»Recht so!« lachte der Italiener. »Ich schwöre Euch zu, daß Ihr das Geld bekommt. Hier könnt Ihr es zwar nicht verwenden; aber das Schiff legt ja unterwegs in Italien und Spanien an. Da könnt Ihr Euch Herrlichkeiten kaufen.«
Er sagte die Unwahrheit. Er wußte ganz wohl, daß es dem Kapitän nicht einfallen werde, in einen Hafen einzulaufen. Derselbe mußte überhaupt unterwegs einen ganz ungewöhnlichen Kurs einhalten, um keinem Kriegsschiffe zu begegnen. Auch gedachte der Italiener gar nicht, sein Versprechen zu halten und ihnen das Geld zu geben. Sie konnten ihn ja gar nicht dazu zwingen; sie befanden sich in seiner Gewalt.
»Nun?« fragte Auguste, »was wollt Ihr denn beschließen? Ich mache mit.«
»Ich auch, ich auch!« riefen die Muthigen.
»Wir sind gegen dreißig Personen und sie sind nur ihrer Vier.«
»Aber sie sind bewaffnet!«
»Das thut nichts, gar nichts,« beruhigte sie der Italiener. »Ihr müßt es nur so anfangen, daß sie ihre Waffen nicht gebrauchen können.«
»Ja, wie soll das geschehen?«
»Es kommen sieben von Euch auf einen von ihnen. Wenn Ihr Euch plötzlich auf sie werft, so werdet Ihr sie leicht überwältigen.«
»Aber sie werden sich wehren!«
»Unsinn! Ihr müßt sie nur gleich fest bei der Gurgel nehmen. Das ist das Beste.«
»Da erwürgen wir sie.«
»Thut nichts!«
»O doch! Tödten wollen wir sie nicht.«
»Ihr werdet keinen Mord begehen. Man erdrosselt nicht so leicht Jemanden.«
»Ja,« stimmte Auguste bei, die Unternehmendste von ihnen. »Wir machen sie nur besinnungslos.«
»Ja freilich. Dann binden wir sie.«
»Und dann?«
»Nun, das ist nachher meine Sache. Uebrigens werden wir Euch beistehen. Ich kann zwar nicht gut auf, denn ich bin am Beine verwundet, aber weine Kameraden hier sind besser daran als ich. Sie haben kräftige Hände Also entschließt Euch schnell. Wir haben keine Zeit zu verlieren.«
»Wenn sie nun gar nicht wiederkommen?« fragte eine von den Verzagteren.«
»Wir klopfen sie herbei.«
»Da bleiben sie draußen an der Thür stehen.«
»So locken wir sie herein.«
»Wie denn?«
»Wir Männer legen uns ganz hinter an die Wand und stöhnen. Ihr sagt, daß es ganz schlecht mit Einem oder Einigen von uns stehe, daß wir im Sterben liegen. Da kommen sie ganz sicher herein und ganz hinter zu uns.«
»Dann fallen wir über sie her!« meinte Auguste.
»Ja, aber so plötzlich und so kräftig, daß sie die Hände gar nicht frei bekommen können.«
»So und nicht anders wird und muß es gehen. Also stimmen wir ab! Wer macht mit?«
»Ich – ich – ich – ich!« rief Eine nach der Andern und als Zwei oder Drei doch schwiegen, fragte Auguste:
»Nun, Ihr etwa nicht? Wollt Ihr Euch denn lieber in das Besserungshaus sperren lassen?«
Da stimmten nun auch diese bei. Vor dem Besserungshause hatten eben Alle Furcht.
»So ist's recht!« rief Auguste. »Sie werden hereingelockt und überfallen. Dann lachen wir sie gehörig aus!«
Sie hatte das sehr laut gesprochen, wie die ganze Verhandlung überhaupt nicht etwa flüsternd geführt worden war. Darum sagte Petruccio:
»Schrei nicht so! Die Kerls sind im Stande, draußen zu horchen und Alles zu hören!«
Er hatte nicht so ganz Unrecht.
Als Sepp mit seinen jungen Freunden die beiden Letzten in das Gewölbe gebracht hatte, war er natürlich so vorsichtig gewesen, die Thür wieder zu verriegeln. Dann schaute er in den Vorrathsraum, aus welchem Auguste das Verbandzeug geholt hatte.
»Ah!« sagte er. »Hier ists gar nicht so übel. Schaut doch auch mal herein!«
Er nahm die Lampe; welche den Gang erleuchtete, und trat in das Gewölbe.
In der Mitte desselben stand ein Tisch mit mehreren Stühlen. Rundum waren Holzstellagen angebracht, auf welchen allerlei Lebensmittel lagen. Unten auf dem Boden standen volle Wein- und Bierflaschen, und auf einer der Stellagen sah man Gläser und sogar einige volle Cigarrenkistchen.
»Das paßt schön!« meinte der Alte. »Wir müssen uns doch sagen, wie wir da Herabkommen sind, und das können wir in Gemütlichkeiten thun Wir brennen uns eine Cigarren an und trinken einen Wein dazu.«
Er schaffte Cigarren, Gläser und Wein herbei und setzte sich behaglich an den Tisch. Die beiden Anderen folgten diesem Beispiele.
Der Wein erwies sich als nicht übel, und die Cigarren waren sogar noch besser.
»Schaut, was für ein Leben diese Schufte hier führen!« sagte der Alte. »Die lassens sich wohl sein wie dera Herrgott in Frankreich. So gut haben wirs halt nicht. Aberst von jetzt an soll es ihnen nicht wiederum so wohl werden. Wir wollen ihnen den Braten verderben. Aberst nun sagt doch mal, wie Ihr da herunter kommen seid!«
Max erzählte es. Er hatte eben seine Erzählung beende:, da ertönten laute Stimmen von drüben herüber.
»Die Dirndln scheinen lustig zu sein,« sagte der Sepp. »Wollen doch mal hören, wovon sie sprechen.«
Er trat hinaus und horchte. Dann kam er wieder zurück und meldete:
»Hört, das war gut, daß ich horcht hab!«
»Hast was erlauscht?« fragte Hanns.
»Freilich! Und wann ichs nicht hört hätt, so könnt es uns schlecht ergehen.«
»Sie haben doch nicht etwa etwas gegen uns vor?«
»Natürlich haben sie!«
»Was denn?«
»Sie wollen uns hineinlocken und dann drin überfallen. Ist das nicht köstlich?«
»Hasts denn auch richtig verstanden?«
»Ganz genau, Wort für Wort.«
»Wer hats denn sagt?«
»Die Auguste war es. Ich hab sie an dera Stimm erkannt. Sie sagte: ›Sie werden herein gelockt und überfallen. Dann lachen wir sie aus!‹ Und darauf meinte dera Italiener, sie solle nicht so schreien, weil wir horchen könnten.«
»Das ist stark!«
»Nicht wahr? Wir wollen sie retten, und sie überfallen uns dafür!«
»Eine solche Dankbarkeit hätte ich freilich nicht von diesen Mädchens erwartet.«
»O, das sind die Richtigen! Hasts denn dera Auguste nicht anschaut, was sie ist?«
»Ein gemeines Gesicht hatte sie freilich.«
»Ein freches Weibsbild ist sie. Und die bei ihr sind, werden nicht viel besser sein.«
»Und mit solchen Subjecten ist Paula zusammen gesperrt!« sagte der Fex. »Herrgott, Sepp, ich vergesse sie ja ganz!«
»Nein, sie wird nicht vergessen.«
»Wir müssen sie suchen, und zwar rasch!«
Er stand vom Stuhle auf.
»Bleib sitzen!« sagte der Alte.
»Nein, ich muß fort!«
»Eile mit Weile! Setz Dich nur wieder nieder! Zunächst wissen wir ja gar nicht, ob sie auch wirklich hier ist.«
»Sie ist hier!«
»Das hab ich auch denkt; aberst die Auguste hat doch grad das Gegentheil sagt.«
»Sie hat gelogen.«
»Aus welchem Grunde denn?«
»Das weiß ich nicht.«
»Warum sollte sie die Paula verleugnet haben? Sie weiß doch nicht, daß wir sie kennen.«
»Wir haben ihren Namen genannt; also müssen wir sie doch wohl kennen. Sepp, komm!«
»Nein, warte nur noch! Jetzund müssen wir erst überlegen, was zu thun ist. Das ist bald gesagt. Wir müssen die ganzen unterirdischen Löcher durchsuchen.«
»Ja, das müssen wir. Weißt, was ich denk?«
»Nun, was?«
»Daß es Gute und Schlechte hier unten giebt. Die Schlechten waren Die, die wir sehen haben. Denen liegt gar nix dran, daß wir sie heraus holen wollen. Die Guten aberst sind wo ganz änderst eingesperrt. Und bei denen wird sich die Paula befinden, wann sie wirklich da ist.«
»Du hasts doch selber sagt, daß sie hier ist, hast mich sogar deswegen kommen lassen.«
»Ich kann mich auch geirrt haben. Wir werden ja sehen. Ein Glück ists gewest, daß Ihr unten wart, als ich kam. Ich hätt mich in großer Gefahr befunden. Ich hab nicht schlecht lauscht, als ich Euch schießen hört und dazu rufen: Der Fex ist da!«
»Wir waren ebenso erstaunt, als wir den Deinigen Ruf vernahmen.«
»Ja, brüllt hab ich schrecklich und gleich dazu ein ganzes Bataillonen commandirt, damit sie Furcht bekommen sollten.«
»Wie aber bist denn hereini kommen?«
»Das war halt eine ganz eigentümliche Geschichten, die ich Euch verzählen muß.«
Er goß sein Glas voll, nahm einen tüchtigen Schluck und begann sodann
»Ich fuhr um halber Drei nach dera Stadt, weil um Drei dera König kommen wollt – –«
»Ist er kommen?«
»Nein. Er hat es für ganz gewiß sagt. Es muß ihm ein Hinderniß dazwischen treten sein. Ich hab den Zug kommen sehen und Jeden anschaut, welcher ausstiegen ist, aberst dera Herr Ludwigen war nicht dabei.«
»So kommt er vielleicht gar nicht.«
»Das ist auch möglich. Vielleicht hat er sich anderst besonnen. Weißt, er hat oft so ganz eigenartige Gedanken. Zuweilen will er gar nicht mehr König sein.«
»Herrgottle! Ists möglich?«
»Jawohl.«
»Das wär ja traurig!«
»Nachhero wieder will er blos nicht mehr in Bayern regieren. Er will sich einen andern Thron suchen.«
»Warum denn aber?«
»Weiß ich es! Man kann gar nicht begreifen, woher solche Gedanken kommen.«
»Ist er denn krank?«
»Wo soll er denn krank sein?«
»Hier oder hier.«
Max deutete nach seinem Kopfe und seinem Herzen. Der alte Sepp antwortete:
»Sein Kopf ist gut. Das möcht ich beschwören, wenn er auch so nach seiner eigenen Art handelt. Könige brauchen nicht wie andere Menschen zu sein. Aberst mit seinem Herzen, ja, da kann es leicht eine Bewandtnissen haben.«
»Kennst dieselbige wohl?«
»Ja.«
»Es ist ein Geheimnissen?«
»Nein. Er hat eine Prinzessinnen lieb habt und ist schon mit, ihr verlobt gewest. Das hat er wieder rückgängig machen müssen.«
»Warum?«
»Ich weiß es nicht. Aberst angriffen muß es ihn haben, denn es thät ja Unsereinen angreifen, und so ein Herr hat ja ein gar viel feineres, zarteres und vornehmeres Herz als Unsereiner.«
»Drum ist er oft so traurig.«
»Ja, er redet wenig und ist am Liebsten ganz allein. Ists da zu verwundern, wann allerlei Gedanken kommen?«
»Gewiß nicht. Weißt, mir sind, seid die Paula verschwunden ist, auch schon solche gekommen. Ich weiß davon zu reden.«
»Das glaub ich wohl. Jetzt nun hat er die Idee, Schloß Miramare zu kaufen.«
»Was will er damit? Er hat ja Schlösser!«
»Schlösser genug! Die schönsten und prächtigsten, welche es giebt in dera Welt! Aberst weil es dem guten, unglücklichen Kaiser Max sein Eigenthum gewest ist, will er es haben. Darum kommt er incognito her und will sichs heimlich anschauen.«
»Wem gehörte denn jetzt?«
»Dem Kaiser von Oesterreich.«
»Wills denn der verkaufen?«
»Das kann ich nicht wissen. Kurz und gut, dera König wills sich anschauen. Deshalb kommt er her. Ich sollt die Zimmern bestellen und ihn am Bahnhofe erwarten. Als er aberst nicht kam, nahm ich die Gelegenheit wahr, zum Juden zu gehen, um nachzuschauen, wie es dort steht.«
»Hat sich was ereignet?«
»Nein. Doch ist der Capitän Marmel da gewest, um mit Baruch Abraham zu reden.«
»Sapperlot! Das ist dumm!«
»Warum?«
»Da wird Alles verrathen.«
»Gar nix wird verrathen. Es ist ja dem Juden sein Verwandter da.«
»Der Polizist? Wanns der Capitän glaubt!«
»Er hats glaubt. Der Polizist hat sagt, sein Vetter hätt ihn beauftragt, zu sagen, daß Alles in Ordnung sei. Heut Abend wär er wiederum zurück, und dann könnt die Sach vor sich gehen.«
»Das ist gut. So fangen wir diesen Franzosen. Darauf freu ich mich.«
»Ich mich auch. Nachhero wollt ich natürlich wieder zu Euch her. Ich wollt nach dem Hafen, wo dera Bootsmann wartete. Da sah ich auf einmal den Petruccio laufen.«
»Wir haben glaubt, er sitzt in dera Hütten.«
»Nein; er war in dera Stadt.«
»Wie ist er da fortkommen?«
»Durch einen heimlichen Gang, denselbigen, durch den ich hereinikommen bin.«
»Was hat er in dera Stadt wollt?«
»Das hab ich mich auch fragt. Weißt, er hat so heimlich than und sich so still umischaut, daß ich gleich denkt hab, er muß was Böses vorhaben.«
»Bist ihm nicht nachgegangen?«
»Freilich bin ich. Er hat aber sein Werk schon bereits vollbracht habt, denn er ist aus dera Stadt fort und hat draußen wartet. Da sind die Kerls hinter ihm herkommen, die jetzt mit ihm einsperrt sind.«
»Er wird wohl denkt haben, daß wir uns nicht in einer freundlichen Absichten auf dera Insel befinden. Er hat Hilfe braucht und sie sich dann holt.«
»So ists, gewiß so. Bist hinter ihnen her?«
»Ja. Es war halt gar schwer, es so zu machen, daß sie mich nicht sehen konnten; aber es ist mir doch gelungen. Ich hab denkt, er werd mit ihnen in einem Boot nach dera Insel fahren; aber da hab ich mich irrt.«
»Sie sind laufen?«
»Ja, bis nach Miramare.«
»Du jetzt begreife ichs. In Miramare endet wohl dera heimliche Gang?«
»Ja. Vor dem Schlosse haben sie sich trennt. Weißt, daß es nicht so sehr auffallen soll. Er ist ganz allein gangen. Ich hab ihn nicht aus denen Augen lassen und bin immer hinter ihm her.«
»So haben Dich aber doch die Andern sehen!«
»Ich mußt allerdings an ihnen vorüber; aber sie kannten mich doch nicht und haben gar nicht wissen könnt, daß ich es auf ihn und auf sie abgesehen hatt.«
»Ja, das ist freilich richtig. Wie ist es denn nachhero kommen?«
Er ist in den Schloßpark hineinschlichen und ich immer hinter ihm her, aberst so, daß er mich nicht hat sehen könnt. So ists eine ganze Weile fort gangen. Er lief auf dem Weg, ich aber seitwärts hinter denen Sträuchern, hab ihn aber nicht aus denen Augen lassen. So sind wir ganz nach hinten kommen, wo die Felsensteine sind. Da steht ein kleines Häusle aus Stein. Es hat nur drei Wände, denn mit dera vierten Seit stößt es an die Felsen. Da ist er hinein.«
»Er hat wohl dort auf die Andern warten wollt.«
»Jedenfalls. Wenigstens hab ich mir sagt, wenn er sie aus dera Stadt holt hat, muß er ihrer doch bedürfen, und sie werden also auch zu ihm kommen.«
»Da hast nun wohl aufpaßt?«
»Ja.«
»Das war gefährlich. Sie konnten Dich ja leicht ertappen, da Du nicht wissen konntest, woher sie kamen.«
»Das hab ich mir auch sagt, und darum hab ich mir einen Ort sucht, an dem mich Niemand sehen könnt. Ich hab denkt, daß ich einen Ort wählen muß, an welchem ich sie vielleicht belauschen könnt. Und so einen gabs glücklicher Weise ganz in dera Nähe. Nämlich grad neben dem Dach des Häuschens war ein Felsstück, auf welches man sehr leicht steigen könnt. Sträuchern standen auch da, so daß man da ganz verborgen lag. So hab ich also einen kleinen Bogen, einen Umweg macht bis dorthin und bin hinaufi stiegen. Als ich dann oben lag, hab ich zu meiner Freud sehen, daß das Dach defect gewest ist. Es waren Löchern drin, durch welche man hat schauen können. Als ich nun da hinunter blickt', sah ich den Petruccio auf einer Steinbank sitzen. In dera Mitten stand ein Felsentisch und an der vierten Wand, weißt, wo dera Fels gewest ist, war ein Drachenkopf ausgehämmert, der ein großes Maul aufsperrt hat.«
»Das wird zum Wasser gewest sein.«
»Ja, denn darunter war ein steinernes Becken, in das er früher wohl ein Quellwasser speit hat. Jetzund aber war es trocken und dera Quell hat kein Wasser mehr gehabt. Das Häusln ist so ein Pavillon oder eine Eremitage gewest, wie es die vornehmen Leutln nennen.«
»Und er hat so still da gesessen?«
»Ja, er hat nix macht und nur immer ausischaut, ob die Andern bald kommen werden. Endlich kamen sie. Da hat er fragt:
»Hat Euch Jemand gesehen?«
»Nein,« war die Antwort.
»So ists gut! Wir wollen hinab; dreht Euch also um!«
»Warum denn?«
»Weil Ihr nicht zu sehen braucht, wie der heimliche Eingang geöffnet wird.«
»Was schadet es, wenn wir es sehen?«
»Viel. Es ist genug, daß ich es weiß.«
»Da drehten sie sich um, und ich hab aufpaßt, was er nun machen werd. Darauf kam es an.«
»Hasts denn sehen?«
»Sehr genau.«
»Das ist sehr gut. Wie hat ers denn gemacht?«
»Das hab ich nicht sehen können. Ich hab nur bemerkt, daß er dem steinernen Drachenkopf in den Rachen griff. Darauf hat sich ein Theil der Wand bewegt grad wie eine Thür. Sie ist aufgangen, und dann durften sich die Andern wieder herum wenden.«
»Dann gingen sie wohl hinein?«
»Ja, sie verschwanden, und die Thür ging wieder zu. Dabei hat es schnappt und klappt; wie wenn eine Feder einfallen thut.«
»So also ists gewest. Dann bist doch gleich nach?«
»Nicht sogleich. Ich hab mirs erst überlegt.«
»Was gab es da zu überlegen? So einem Geheimnissen muß man doch nachgehen.«
»Jawohl. Aberst es gab dabei Zweierlei oder gar noch mehr zu bedenken. Erstens mußt ich mir sagen, ob es nicht doch vielleicht besser sei, wann ich in einem Kahn zu Euch herüber fahren thät. Ich wußt nicht, wie es mit Euch stand.«
»O, da war Alles gut.«
»Ihr konntet mich aberst doch brauchen und vielleicht mit Schmerzen auf mich warten.«
»Wir haben gewartet; das ist wahr. Aber als Du nicht kamst, haben wir die Sach ohne Dich in die Hand genommen. Und es ist gelungen.«
»Es könnt auch sehr mißlingen.«
»O, wir waren unser Drei und hatten Waffen in denen Händen. Weiter!«
»Zweitens könnt ich nicht gleich hinter ihnen her, weil ich die Oertlichkeit nicht kannt. Es war möglich, daß ich ihnen in die Hände lief.«
»Ja, da mußtest Du freilich warten.«
»Wenigstens so lange, bis ich annehmen könnt, daß sie fort seien. Und drittens hab ich mich doch auch fragen mußt, ob ich wieder herauskönnen werd.«
»So mußten wir auch uns fragen.«
»Ja, Ihr wart eben Drei, ich aber blos Einer; ich hab wußt, wie viele unten sind, Ihr aber nicht. Ihr konntet es also leichter wagen, hinunter zu gehen als ich.«
»Hast aber endlich doch die Courage gehabt.«
»Ja, ich hab mir sagt: Sepp, Du steigst abi. Fressen werden sie Dich nicht. Bist ja doch nur Knochen und Haut. So bin ich also vom Felsen stiegen und in die Hütte treten.«
»Da hast in das Drachenmaul griffen?«
»Ja. Ich hab mir natürlich denkt, daß es da drin zu finden ist, wie man öffnet.«
»Und hasts funden?«
»Ja. Ganz hinten im Rachen war ein Griff, ein Drücker, so lang und stark wie mein kleiner Finger. Da hab ich drückt, und die Thür ist aufigangen.«
»Das ist leicht gewest. Wer aber hätt in dem Rachen das Schloß suchen könnt!«
»Ja, wann ichs vorhin nicht sehen hätt, daß er da hinein griff, hätt ichs all mein Lebtage nicht funden.«
»Und nun bist hinein?«
»Ja, aberst nicht gleich hinab.«
»Warum nicht?«
»Aus Vorsicht. Ich hab mich erst überzeugen wollt, ob ich auch wieder heraus kann.«
»Das ist freilich nöthig gewest.«
»Ich hab zunächst horcht, ob ich was hör. Es ist Alles still gewest, und da bin ich hinein. Es ist ein Gang zu sehen gewest, so hoch und schmal, daß ein Mann grad Platz hat. Ich hab mir nun die beiden Seiten neben der Thür anschaut, und da fand ich eine ganz einfache eiserne Klinke, welche einen Draht hatte, der hinauf in den Drachenkopf führte. Wann man in demselbigen drückte, sprang die Klinke auf. Von innen öffnete man, indem man dieselbige direct empor hob. Nun hab ich die Thür leise zu macht – –«
»Und bist in den Gang hinein?«
»Ja. Vorher aber hab ich meine Latern heraus nommen und sie anbrannt.«
»Du, das war dumm!«
»Warum?«
»Man könnt Dich von Weitem sehen!«
»Meinst, daß ich so dumm bin, mich sehen zu lassen?«
»Wann die Laterne brennt, muß man sie ja sehen!«
»Wann Niemand da ist, sieht man sie nicht.«
»Du konntest doch nicht wissen, wo sie waren. Wir haben unsere Laternen nicht anbrennt.«
»So seid froh, daß es so gut ablaufen ist. Wann ich die Latern nicht gehabt hätt, wärs mir traurig ergangen.«
»Wie so?«
»Zunächst hab ich natürlich das Licht nicht weit in den Gang hinein scheinen lassen. Ich hab die Hand so davor gehalten, daß es nur bis eine oder zwei Ellen vor mir den Boden erleuchtet hat. Ich bin sehr langsam vorwärts schritten und hab, als ich ungefähr zehn Schritte macht hab, still stehen müssen, weil ein tiefes Loch im Boden war. Ich hab hinab leuchtet und gesehen, daß es tiefer als ein Mann war.«
»Sapperment! In dasselbige wärst Du stürzt!«
»Ja. Am Rand lagen einige Stricke.«
»Wozu?«
»Sagen kann ich es nicht gewiß, aber denken kann ichs mir. Neben dem Loch stand der hölzerne Deckel für dasselbige an dera Mauer. Ich mein', daß man das Loch öffnet, damit Derjenige, welcher heimlich und unberufen in den Gang tritt, hineinstürzen soll. Dann wird er mit Stricken bunden und herauszogen.«
»Das wird sein.«
»Ich hab den Deckel darauf legt und bin darüber schritten. Gleich dahinter war eine Nische, in welcher die Kerls wohl warten, bis Derjenige in das Loch stürzt ist. Als ich nachhero weiter kam, hab ich eine Thür sehen zur linken Hand, die stand aufi.«
»Wer war drin?«
»Das weiß ich nicht. Es war kein Zimmer, sondern ein Gang, den sie verschloß. Nachhero bin ich weiter, bis ich hab sprechen hört. Da hab ich die Latern in die Taschen steckt und bin leise vorwärts gangen.«
»Ah, jetzt kommts!«
»Ja, jetzt kommts. Ich bin immer näher kommen und hab die Stimmen immer deutlicher gehört. Dann sah ich einen Lichtschein. Die Kerls standen beisammen und sprachen mit nander. Einer hielt das Licht.«
»Hasts hört, was sie sagten?«
»Ja. Sie wollten Einen morden.«
»Sapperment! Wen?«
»Das weiß ich nicht. Ich hab nur hört, daß derselbige heimlich hereinkommen und in das Loch fallen ist. Sie haben ihn mit Stricken bunden und in eine Zelle schafft. Nun wollten sie ihn dermorden.«
»Welche Hallunken!«
»Ja, Hallunken sind es, und was für welche! Derjenige, den sie haben tödten wollt, hat hinter dera Thür steckt, in deren Nähe sie standen. Einer von ihnen hat die Thür aufimacht und ein paar Worte hineinsprochen. Der Andre hat mit dem Licht leuchtet, so daß sie den Mann sehen konnten. Und hinter ihm hat Einer die Pistole emporgehoben, um zu schießen – – –« »Da hast ihn doch gleich derschossen?«
»Ja. Ich hab den Revolver herauszogen und ihm eine Kugel in den Kopf geben.«
»Schließ zu!« hat Einer geschrieen, worauf dera Andre die Thür schnell zumacht und den Riegel vorgeschoben hat. Als sie sich dann nach mir umdrehten, hab ich wieder schossen, zweimal hinter einander und dazu geruft:
»Feuer, ganzes Batallion Feuer! Hurrah, der Sepp ist da!«
Zwei sind stürzt. Die Andern haben den Einen, was dera Italiener gewest ist, aufgerafft und sind mit ihm ausgerissen. Ich ihnen nach, bis ich rufen hört:
»Ganzes Bataillon, Feuer, Feuer! Hurrah, der Fex ist da!«
»Da hast Dich wohl gefreut?«
»Natürlich. Zunächst hab ichs gar nicht glaubt.«
»Warum?«
»Weil ich mir nicht denken konnt, daß auch Ihr da unten seid. Und nachhero aber, als ich Eure Schüsse hört, hab ich mirs sagt, daß Ihr es doch sein müßt, denn wenn es Freunde von den Kerls gewest wären, so hätten sie doch nicht schossen.«
»Das ist richtig. Dann bist also weiter hinter ihnen her?«
»Ja, bis ich zu Euch kommen bin. Das Uebrige wißt Ihr. So ists gewest.«
»Ein Glück, daß wir sie so schön zwischen uns bekommen haben!«
»Ja, wir haben sie überrascht. Sie haben vor Schreck gar nicht zur Ueberlegung kommen können.«
»Wenn sie gewußt hätten, daß wir so Wenige sind!«
»Da wäre es uns schlimm ergangen!«
»Was aberst ist nun zu thun?«
»Wir suchen Alles aus.«
»Das Notwendigste wird wohl sein, daß wir zu Dem gehen, den sie erschießen wollten.«
»Ja, denn dieser Mann wird sich in dera größten Gefahr befunden haben. Kommt!«
Sie tranken aus und verließen den Vorrathsraum. Sepp hing die Lampe wieder an ihre vorige Stelle. Er hatte seine brennende Laterne noch in der Tasche, und die Andern brannten die ihrigen an.
»Wißt,« sagte der Alte, »bevor wir weiter gehen, wollen wir erst mal sehen, was die Weibsbilder vorhaben.«
»Das ist nicht nöthig.«
»Nein, aberst ich möcht gar zu gern wissen, ob sie wirklich den Muth haben, ihren Plan auszuführen. Horcht, sie klopfen.«
Es wurde von innen stark an die Thür gepocht.
»Sie scheinen doch Ernst machen zu wollen,« sagte der Sepp. »Laßt mal sehen.«
Er schob die Riegel weg und öffnete.
»Was giebts denn?« fragte er.
»Ach Gott, die Beiden sterben!« antwortete Auguste in ängstlichem Tone, indem sie nach der hinteren Mauer zeigte.
»Wer denn?«
»Petruccio und der Andre.«
»Laßt sie sterben! Es ist nicht schade um sie.«
»Nein, denn sie sind unsere Peiniger. Aber wir sind doch Christen und müssen Mitleid haben.«
»Das habe ich auch. Darum störe ich sie nicht. Sie mögen ruhig sterben.«
Die beiden Kerls wandten sich hin und her und stöhnten wirklich zum Erbarmen.
»Hört Ihrs denn nicht?« sagte das Mädchen.
»Ich hörs gar wohl. Das ist aber nicht anders. Wenn man stirbt, so ächzt man gewaltig, zumal wenn man ein böses Gewissen hat.«
»Sie baten uns, Euch zu klopfen.«
»Warum denn?«
»Sie wollen beichten.«
»Es ist kein geistlicher Herr da.«
»So wollen Sie Euch beichten.«
»Das geht nicht. Das dürfen wir nicht.«
»O doch! Wenn kein Geistlicher da ist, so kann es jeder Andre auch verrichten.«
»So verrichtet Ihr es. Ich habe keine Zeit.«
»Wir Frauenzimmer?«
»Ja.«
»Das ist unmöglich.«
»Warum denn?«
»Weil sie wohl Sachen zu beichten haben, die ein Frauenzimmer nicht hören darf.«
»Seid Ihr denn plötzlich so zart geworden? Es schien doch vorhin nicht so, als ob Ihr gar so ehrwürdig dächtet.«
Da ertönte aus dem Hintergrunde die leise, flehende Stimme des Italieners:
»Kommt doch, kommt! Thut es um Gottes willen! Ich muß mein Herz erleichtern.«
»Ists so schwer?«
»Ja. Ich kann doch nicht in meinen Sünden sterben!«
»O, Dir ists ganz recht, wenn Dir der Teufel die Krallen in die Seele schlägt.«
»Mein Himmel! Seid Ihr denn keine Menschen!«
»Thut es doch!« bat Auguste.
Jetzt nahm Sepp einen ganz anderen Ton an:
»Höre, Mädchen, uns täuschest Du nicht! Wir sollen hier hinter kommen, damit Ihr über uns herfallen könnt.«
»Herrgott! Was denkt Ihr denn!«
»Schweig! Du bist ein schönes Dirndl! Aus Dir kann noch was werden, nämlich ein Galgenfutter.«
»Ich weiß von gar nichts!«
»So? Und doch hasts selber gesagt.«
»Wenn denn?«
»Vorhin. Weißt, wenn Ihr wieder mal so einen Plan ausheckt, so redet leiser, daß man es nicht hier vor der Thür verstehen kann. So, nun weißts!«
»Ihr hättet etwas gehört?«
»Alles!«
»So täuscht Ihr Euch!«
»Unsere Ohren sind gut. Adieu!«
Er warf die Thür zu und schob die Riegel vor. Drin ertönte eine männliche Stimme.
»Himmeldonnerwetter! Da habt Ihr es! Mit Eurem Schreien habt Ihr Alles verdorben!«
»Das ist der Italiener,« meinte der Sepp.
»Wer hätte das gedacht!« sagte Auguste.
»Wer das gedacht hätte? Ich! Ich habe Euch das Schreien verboten. Nun ist Alles aus.«
»Vielleicht noch nicht.«
»Ganz gewiß. Nun sind sie auf ihrer Hut.«
»Am Ende gelingt es uns doch noch!«
»Nun nicht mehr. Jetzt könnt Ihr Euch in die Besserungsanstalt sperren lassen.«
»Ah!« lachte der Sepp. »Darauf war es angefangen! Sie fürchten sich vor der Anstalt. Brave Mädchens sind es also nicht. Nun, wir wollen dafür sorgen, daß sie in so eine Anstalt kommen. Jetzt gehen wir weiter.«
Sie schritten in den Gang hinein und gelangten an die Thür, an welcher Sepp den Kampf begonnen hatte. Es wurde von innen an dieselbe geklopft.
Wie Sepp erzählt hatte, waren die Kerls gewillt gewesen, den Gefangenen zu tödten. Sie hatten die Thür geöffnet und ihn, als er sich derselben näherte, angeleuchtet, damit er ein sicheres Ziel böte. Dann war der erste Schuß gefallen und man hatte die Thür wieder zugemacht.
»Was war das?« fragte der Gefangene. »Man richtete ein Pistol auf mich.«
»Gott! Man wollte Sie wohl tödten?« fragte Paula.
»Es schien ganz so. Horch.«
Der zweite und dritte Schuß erschallte, und gleich darauf ertönte der von den engen Wänden verdoppelte Kriegsruf des Alten.
»Himmel! Habens gehört?« rief Paula.
»Ja. Ists möglich!«
»Dera Sepp ist da!«
»Er schießt. Es war seine Stimme.«
»Ja, ich hab sie auch erkannt.«
»Wie kommt er hierher!«
»O, dera Wurzelsepp ist überall.«
»Aber hier, hier! Sollten wir uns doch verhört haben?«
»Das glaub ich nicht.«
»Dann hat er auch noch Andre mit. Er that, als ob er ein ganzes Bataillon commandire. Horch!«
In der Entfernung ertönten wieder Schüsse, und eine zweite Stimme erschallte.
»Wieder, der Sepp ist da!« sagte der König.
Da sprang Paula vom Boden auf, sprang an die Thür und rief:
»Nein, nein, nicht dera Sepp.«
»O doch. Es rief: Der Sepp ist da.«
»Nein, nein! Da habens falsch verstanden.«
»Ich habe es deutlich gehört.«
»Es hat ganz anderst ruft, ganz anderst!«
»Wie denn?«
»Dera Fex ist da.«
»Was? Der Fex?«
»Ja. Ich habs genau hört. Nicht vom Sepp, sondern vom Fex ist die Red gewest.«
»Sollte es wirklich – – –«
»Ja, ja!« fiel sie ihm in die Rede.
»Undenkbar?«
»Warum undenkbar? Sie haben doch selbst sagt, daß dera Fex nach hier kommen ist.«
»Hm, ja!«
»Und Sie glauben doch, daß dera Sepp hier unten ist, daß er schossen hat?«
»Ja, das ist ganz gewiß.«
»Nun, warum sollt denn da dera Fex nicht auch bei ihm sein! Wann Beide in Triest sind und der Sepp hat derfahren, was hier auf dera Insel vorgeht, so hat er es dem Fex ganz gewiß sagt, und dieser ist mit gangen.«
»Das läßt sich freilich annehmen. Aber wie soll der Sepp es erfahren haben?«
»Das weiß ich nicht, aberst erfahren hat er es, denn er ist hier. Also weiß es auch dera Fex und ist auch hier. Herrgott, der Fex, der Fex!«
Sie schlug die Hände zusammen und brach in Thränen aus, ob des Schmerzes oder der Freude?
Der Gefangene schwieg. Er selbst war tief, tief bewegt. Erst nach einer Weile fragte er:
»Du weinst. Warum?«
»Ich weiß es selbst nicht.«
»Doch vor Freude!«
»O nein.«
»Nicht? Du mußt doch voller Wonne sein, erlöst zu werden und den Geliebten zu finden!«
»Was wird er sagen, wann er mich hier sieht! Was soll er von mir denken!«
»Das Allerbeste.«
»O nein, sondern das Allerschlechteste!«
»Das darfst Du nicht sagen, Paula. Ich weiß ganz genau, was er von Dir denkt.«
»Aberst wann er mich unter solchen Dirndln findet – – –«
»So sagt er sich, daß Du unschuldig unter sie gekommen bist.«
»O, wenn das wäre!«
»Ganz gewiß. Schau, ich bin Dein Geliebter nicht; aber ich weiß ganz genau, daß Du Dich ohne Deine Schuld hier befindest.«
»So meinens, daß ich ihm getrost in die Augen schauen darf?«
»Getrost, ganz getrost.«
»Mein Herr und Gott! Das ist eine Wonne!«
»Er wird nicht ahnen, daß Du Dich hier befindest.«
»Grad darum wird er erschrecken und mich ganz falsch beurtheilen.«
»Erschrecken? Das denke ja nicht. Er wird ganz entzückt sein, ganz entzückt.«
»Meinens das wirklich?«
»Ja. Er wird ganz selig sein, erstens daß er Dich überhaupt wiederfindet, und zweitens daß es ihm vergönnt ist, Dich aus diesem Elende zu erretten.«
»Vielleicht aber kommt er nicht!«
»Warum sollte er nicht?«
»Es ist so still, so ruhig.«
»Sie werden erst Alles durchsuchen. Wer weiß auch, wie der Kampf abgelaufen ist.«
»Meinens, daß die Andern auch schossen haben?«
»Ja, ich hörte es ganz deutlich.«
»Heilige Mutter! Wanns den Fex derschossen hätten!«
»Das glaube ich nicht, denn dann wären sie bereits wieder hier, um mich zu tödten.«
»Warum habens denn Sie dermorden wollt?«
»Ihrer Sicherheit wegen. Sie denken, daß ich sie verrathen würde.«
»Schauens! Und Sie meinten, daß Sie ganz sicher seien, daß Sie sich nur zu zeigen brauchten, um frei zu kommen.«
»Ich habe mich da freilich geirrt. Ich habe mich in einer entsetzlichen Gefahr befunden. Wenn die Freunde nicht gekommen wären, so wäre ich jetzt eine Leiche. Ich darf gar nicht daran denken. Das ganze Land, ganz Deutschland, die ganze civilisirte Welt hätte – – –«
Er unterbrach sich und schwieg.
»Was wollens sagen?« fragte sie.
»Etwas sehr Unnützes. Aber ich werde diesen Freunden danken und sie belohnen, wie nur ein Kö – – – Pah! Lassen wir das!«
»Wir dürfen noch gar nicht von einer Belohnung reden,« sagte sie. »Wir wissen noch gar nicht, wie es ablaufen wird.«
»Sie kommen; sie kommen ganz gewiß.«
»Der liebe Herrgott mag es geben.«
»Wir müssen uns in Geduld fassen und ruhig warten. Setze Dich wieder!«
»Das kann ich nicht. Mir zittern alle Glieder an meinem Leib.«
Der Gefangene befand sich in derselben Aufregung. Er schritt unruhig auf und ab. Die Minuten schienen zu Ewigkeiten zu werden.
Endlich hörte man Schritte.
»Sie kommen!« sagte er.
»Aber wer es sein mag!« zweifelte sie. »Wer hat im Kampf gewonnen.«
»Horch!«
Sie lauschten eine kleine Weile; dann hörte man, daß die Schritte sich in derselben Richtung, aus welcher sie gekommen waren, wieder entfernten.
Das war, als der Sepp mit den Freunden den Todten und Verwundeten geholt hatte.
»Sehens,« sagte Paula. »Wir werden halt nicht gerettet.«
»Wer weiß, was sie hier zu thun hatten.«
»Wann sie nur gesprochen hätten!«
»Ja, denn da hätten wir gehört, wer es war.«
»Hätten wir nicht klopfen sollen?«
»Gewiß. Aber ich glaubte, sie wußten die Thür, an welcher die Schüsse gefallen sind.«
»Wanns dera Sepp und dera Fex gewest wär, so hättens bei uns aufimacht.«
Jetzt trat wieder eine Pause ein, eine sehr peinliche Pause, weil sie noch viel länger währte als die vorige. Dann endlich, endlich ließen sich wieder Schritte hören.
»Jetzt kommens wieder!« sagte Paula. »Nun aberst klopfen wir dieses Mal.«
»Ja. Horch!«
Draußen ertönte die bekannte Stimme des alten Wurzelhändlers:
»Da rechts war die Thür. Schaut, dort! Nun werden wir gleich schauen, wer es gewest ist, den sie haben tödten wollen.«
Der Gefangene klopfte.
»Gleich, gleich!« ertönte eine andere Stimme.
»Gott, Gott! Das ist dera Fex!« flüsterte Paula. »Ich werd mich verstecken.«
Es überkam sie doch wieder die Angst, was der Fex von ihr denken werde.
»Ja, bleib im Winkel!« stimmte ihr Gefährte bei. »Er braucht Dich nicht sogleich zu sehen. Und nun wirst Du auch gleich erfahren, wer ich bin.«
Die Riegel klirrten, und die Thür wurde geöffnet. Am Eingange stand der Sepp, hielt die Laterne hoch herein und sagte:
»Ist Jemand hier?«
»Ja,« antwortete der König, vortretend.
»So kommens herausi!«
»Gern! Erschrick nur nicht!«
»Erschrecken? Warum sollte ich denn erschrecken, wann – – – Kreuzmillion – – –!«
Die Laterne fiel ihm aus der Hand, so daß sie auf dem steinigen Boden in Scherben zerbrach. Es war gut, daß die Andern die Ihrigen mit hatten.
»Was giebts denn?« fragte Max, indem er näher trat.
»Was es giebt? Da – da – – da – – –!«
Er deutete auf den Gefangenen, welcher eben aus der Zelle trat, brachte aber vor Entsetzen kein weiteres Wort hervor.
Max leuchtete mit seiner Laterne höher und fuhr einige Schritte zurück.
»Herrgott! Ists wahr!« schrie er auf.
»Ja, es ist wahr; ich bin es.«
»Majestät – – –!«
»Pst! Nicht dieses Wort! So lange ich lebe, darf kein Mensch erfahren, was heut geschehen ist.«
»Herr, mein Gott! So – so – so ein –!«
»Beruhigen Sie sich! Es ist Alles sehr einfach zugegangen.«
»Aber welch ein Unglück wäre das gewesen, wenn dieser Mord – –!«
Der Fex und Hanns standen sprachlos dabei. Der Sepp hatte sich schnell beruhigt und sagte:
»Das war allerdings ein gewaltigs Unglück gewest. Also auf Sie hatten sie schießen wollt, auf Sie, Herr Ludewig?«
»Ja. Ich sollte ermordet werden.«
»Ich hab gar nicht wußt, daß Sie bereits hier in Triest ankommen sind.«
»Ich wollte heimlich da sein.«
»Und wie sinds unter die Insel gerathen? Hat man Sie mit Gewalt herabschleppt?«
»Nein; ich bin aus Neugierde hier, durch meine eigne Schuld. Doch davon später. Jetzt muß ich meine Retter grüßen. Grüß Gott, Fex! Grüß Gott, Hanns! Grüß Gott, Max! Ich nenne Euch beim Vornamen. Bei seinen Rettern darf man das schon thun.«
Er gab ihnen die Hand. Der Fex fragte:
»Maje – – ah, Herr Ludewig, sind Sie schon lange hier?«
»Nein, nur kurze Zeit.«
»Sind Sie in andere Zellen auch gekommen?«
»Nein. Ich habe mich nur in dieser einen befunden.«
»O schade! Da können Sie mir nicht sagen, ob sie hier ist.«
»Wer?«
»Die Paula.«
»Ah! Soll die denn hier sein, wer sagte denn das?«
»Der Sepp hat es in Wien entdeckt. Man hat das liebe, arme, unglückliche Kind betrogen. Man hat sie hierher gelockt.«
»Wissen Sie das genau?«
»Ja. Ich werde hier Alles umstürzen, bis ich sie finde. Ich bin deshalb hier.«
»Hm! Vielleicht ist sie aus eignem Willen hier!«
»Die? Was? Aus eignem Willen? Das ist eine Lästerung, die ich – ah Verzeihung! Von Ihnen weiß ich ja, daß Sie es nicht im Ernste meinen.«
»Gewiß nicht; aber man muß an alle Fälle, an alle Möglichkeiten denken.«
»Das aber ist keine Möglichkeit; das ist unmöglich, vollständig unmöglich!«
»Ist Ihr Vertrauen zu Ihrer Freundin denn so groß?«
»Herr, wenn ich diesem braven Mädchen kein Vertrauen schenken wollte, so wäre ich der schlechteste Mensch unter Gottes Sonne!«
»Daß Sie so denken, freut mich. Auch ich bin überzeugt, daß sie nur durch Betrug und Täuschung in diese Lage kommen konnte. Aber, ich hörte schießen. Ist Jemand von Ihnen verwundet?«
»Nein,« antwortete der Sepp. »Aber die Hallunken sind alle blessirt. Einer ist gar todt.«
»Wo befinden sie sich?«
»Wir haben sie eingesperrt.«
»Es droht doch nicht noch anderweite Gefahr?«
»Nein. Es sind alle Complicen in unsern Händen. Sie brauchen nicht bange zu sein.«
»Das bin ich auch nicht, wenn ich mich in dem Schutze so tapferer Leute befinde. Jetzt aber kommt! Ich muß mir dieses unterirdische Verließ einmal genauer ansehen.«
»Da wollen wir zunächst das Gefängniß betrachten, in welchem Sie selbst steckt haben.«
Er nahm dem Fex die Laterne aus der Hand und wollte hineinleuchten. Der König aber zog ihn zurück und sagte:
»Dabei muß es eine ganz bestimmte Reihenfolge geben. Der Fex mag es sich zuerst ansehen. Treten Sie hinein!«
Der Fex, an welchen diese letztere Forderung gerichtet war, begriff zwar nicht, warum grad er der Erste sein solle, doch gehorchte er der Weisung des Königs. Er trat in die Zelle.
»Weiter hinein!« gebot der König.
Der Fex that noch einen Schritt. Da warf der Monarch die Thür zu und schob einen der Riegel vor.
»Sapperment!« rief Sepp. »Warum das?«
»Still! Die Paula ist drin.«
»Die Pau – – –! Ah! Schön, schön! Da gehen wir ein Stuckerl fort und lassen sie auf eine Viertelstunden allein.«
Der Fex war natürlich überrascht, als die Thür hinter ihm zugeworfen wurde. Er nahm an, daß es ein kleiner Scherz sei und blieb ruhig stehen.
Da hörte er, daß die draußen Gebliebenen mit einander flüsterten und sich dann entfernten.
Was war das? Warum thaten sie das? Es war stockfinster um ihn her, da er keine Laterne hatte. Der Sepp hatte sie ihm ja abgenommen.
Er lauschte, bis die Schritte draußen verschallt waren.
»Hm!« sagte er halblaut. »Sonderbarer Scherz!«
Da war es ihm, als ob er ein leises Rascheln höre. Sollten sich Ratten hier befinden? Er strengte sein Gehör an, und wirklich, er vernahm Athemzüge.
»Ist Jemand da?« fragte er.
Das Herz Paula's hatte vor Wonne gezittert, als sie hörte, welches Vertrauen er zu ihr hatte. Also mit dem Könige war sie zusammen gewesen! Das gab den Worten, welche ihr Mitgefangener mit ihr gesprochen hatte, eine ganz besondere Bedeutung.
Sie wußte, weshalb er den Fex jetzt zu ihr eingeschlossen hatte. Es mußte Alles, Alles zur Sprache kommen, und das beklemmte ihr Herz so, daß sie jetzt nicht zu antworten vermochte.
»Es ist doch Jemand da! Ich höre es!« sagte er.
Sie schwieg auch jetzt.
Da zog er die Zündholzschachtel hervor, strich eins an und leuchtete. Er sah eine weibliche Gestalt in der Ecke stehen. Dann erlosch das Hölzchen.
»Ich habe Sie gesehen,« sagte er. »Warum reden Sie nicht?«
Ein tiefer, seufzender Athemzug erklang als Antwort.
»Sind Sie hier gefangen?« fragte er.
»Ja,« ertönte es leise.
»Sie Aermste! Wissen Sie, wer es war, der sich bei Ihnen befand?«
»Ich hab es nicht ahnt.«
»So hat er es Ihnen nicht gesagt?«
»Nein. Nun aber weiß ichs.«
»Ach! Sind Sie vielleicht gar aus Bayern?«
»Ja.«
»Aus welchem Orte?«
»Aus Scheibenbad.«
Sie hatte ihre Antworten kurz und mit gedämpfter Stimme gegeben, so daß er diese Letztere nicht erkennen konnte. Jetzt aber, da sie diesen Ortsnamen nannte, horchte er auf.
»Aus Scheibenbad!« rief er. »Da müssen Sie doch auch mich kennen.«
»Ich kenn Sie schon.«
»Nun, wer bin ich?«
»Der Fex.«
»Es sind also mehrere von dort hier?«
»Nein.«
»Was! Nur Eine? Nur Sie?«
»Ja.«
»Herrgott! Paula, bist Du es?«
Sie schwieg. Aber schon stand er bei ihr und griff nach ihr.
»Paula, Paula, antworte! Bist Du es?«
Ein convulsivisches Schluchzen antwortete ihm.
Da riß er sie an sich, schlang beide Arme um sie und rief:
»Gott sei Dank! Gott sei Dank! Jetzt bin ich diese furchtbare Angst los! Jetzt habe ich Dich! Bist Du es denn auch wirklich?«
»Ja, ich bin es,« antwortete sie unter lautem Weinen.
»Da ist nun Alles, Alles gut! Paula, was hast mir für Gram und Sorgen bereitet!«
Sie antwortete nicht; sie weinte.
»Ich verstehe es wohl, daßt jetzt nicht reden kannst. Komm, leg Dein Köpfle an mich, und wein Dich richtig aus.«
Er legte ihren Kopf an seine Brust. Sie stand, an ihn gelehnt, die Arme matt herunterhängend, und weinte bitterlich.
So verging einige Zeit, bis er hörte, daß ihre Thränen nicht mehr so flossen. Da erkundigte er sich:
»Wie bist denn hierher kommen? Nicht wahr, von Wien aus?«
»Ja.«
»Da bist gemiethet worden?«
»Ja. Ich hab denkt, daß ich einen guten, ehrlichen Dienst bekomme. Du darfst ja nicht bös von mir denken!«
»Paula! Wie kannst so was sagen! Also in Wien bist gewest. Dort hab ich allerdings nicht nach Dir sucht.«
»Ich bin mit Fleiß hin.«
»Warum?«
»Weil ich dacht hab, daßt mich in so einer großen Stadt nicht finden wirst.«
»Also hast nix mehr von mir wissen wollen?«
Sie antwortete nicht.
»Sags! Wolltst ganz weg sein von mir?«
»Ja.«
»Für immer?«
»Für allezeit.«
»Weilst mir nicht mehr gut sein kannst?«
»Fex! Hast meinen Brief nicht erhalten?«
»Ja, ich hab ihn erhalten und ihn stets auf meinem Herzen tragen. O, wenn Du wüßtest, wie er mich elend macht hat!«
»Ich hab dacht, daßt mich vergessen sollst.«
»Ich Dich vergessen? Das ist ja gar nicht möglich!«
»Das weiß ich schon. So hab ichs auch gar nicht meint. Ich hab sagen wollt, daßt an mich denken sollst wie an eine Bekannte, Verschollene, die Dich gar nix mehr angeht.«
»Und das hast für möglich gehalten?«
»Ja.«
»So hast den Fex nicht kannt. Wie könnt der seine Paula aufgeben! Niemals, nie!«
»Wirst aber doch müssen.«
»Nein, nein!«
»Das Schicksal will es so.«
»Das Schicksal? Was ist das für ein Ding? Bist vielleicht unter Leute gerathen, die dem Dinge, was sie Schicksal nennen, und dem Zufall Alles in die Schuhe schieben? Weißt nicht, daß dera Herrgott Alles lenkt?«
»O, das weiß ich schon! Den Glauben hab ich noch, und den laß ich auch nicht fahren.«
»Und da denkst, er will es, daß wir einander nix mehr angehen sollen?«
»Ja.«
»Wer hat Dir das gesagt?«
»Ich.«
»Du Dir selberst also. Wanns Dir dera Herrgott sagt hätt, so müßtest Du gehorchen. Was sich aber Dein Köpfle selbst aussinnt, das ist kein Gesetz für Dein Herz. Ich möcht den Grund wissen, der uns trennen könnt!«
»Du kennst ihn ja.«
»Hast mich also doch nicht mehr lieb.«
»Fex! Du weißt, daß ich Dich immer und ewig lieb haben werd.«
»Also ist auch Alles gut! Nur wannst mir nicht mehr gut wärst, dann müßten wir uns trennen. Einen andern Grund erkenne ich nicht an.«
»Denk an meinen Vatern!«
»Weißt, an den denk ich gar nicht mehr.«
»Er hat Dich so unglücklich macht!«
»Da mußt Du es sühnen und mich nun recht glücklich machen.«
»Du kannst doch keine Frau haben, welche das Kind eines solchen – solchen – solchen – –«
»Paula, thu mir den Gefallen und red nicht in dieser Weise. Das thut mir so wehe. Dein Vater hat gefehlt und trägt die Folgen seiner Thaten, an denen Du kein Theil hast. Du bist schon seit unserer Kindheit meine Beschützerin und mein Engel gewest und sollst mein Engel bleiben, so lange ich lebe. Willst?«
Sie zögerte zu antworten.
»Wannst nix mehr von mir wissen willst, so mag ich gar nimmer leben!« gestand er.
»Fex!«
»Ja, so ists!«
»Bist doch ein Baron worden!«
»Was ist das weiter!«
»Ein großer Herr von Adel! So reich! Und noch dazu ein berühmter Künstler!«
»Nix bin ich, gar nix ohne Dich! Kannst Dich noch besinnen, als mir damals des Nachts auf dem Heidengrab sessen haben?«
»Ja.«
»Da hab ich Dir sagt, wie so sehr, wie so unendlich lieb ich Dich hab – – –«
»Ja, das war damals!«
»Das war damals, und das ist auch noch jetzt. Wie lieb Du mir bist, das hab ich erst richtig erkannt, als Du verschwunden warst. Ich hab keine Ruh gehabt weder bei Tag noch bei Nacht; ich hab mich gesorgt, gekümmert und gehärmt, daß es zum Erbarmen war. Soll das so fortgehen?«
»Mein lieber, guter Fex!«
Jetzt hob sie zum ersten Male einen der niedergesunkenen Arme empor, um ihn um den Geliebten zu legen.
»Weißt, damals auf dem Zigeunergrab hab ich Dir sagt, daßt mein Engel, meine Seele und mein Leben bist. Das weißt doch noch?«
»Jedes Wort.«
»Und wann mal was Gutes aus mir wird, so bist Du schuld. Das hab ich auch sagt. Weißts?«
»Ja.«
»Und daßt nachhero an meinem Glück theilnehmen sollst, denn ohne Dich wär das Glück doch nur ein Unglück für mich.«
»Und doch darfs nicht sein.«
»Nur wegen Deinem Vatern?«
»Ja.«
»Ich bitt Dich gar schön, meine Paula, denk doch an Dich und an mich, nicht aber an ihn. Sein Andenken soll uns nicht stören.«
»Es wird stets zwischen uns stehen.«
»Nicht für eine Minute. Da denkst ganz unrecht. Andre denken viel richtiger.«
»Wer denn?«
»Nun, Du kennst doch die Silbermartha?«
»Natürlich.«
»Und ihren Geliebten?«
»Ja. Er war ja jetzt mit hier.«
»Und die Martha ist auch da.«
»Das weißt?«
»Dera König hats mir sagt.«
»So! Nun weißt Du doch, daß sie grad so wie Du davongangen ist, ihres Vaters wegen.«
»Das weiß ich wohl. Als ich hört, das sie es than hat, hab ich meint, daß es so richtig sei und daß ich es auch thun muß.«
»Ah! So ist sie also schuld. So hasts ihr nachmacht?«
»Ja.«
»Nun, so folg auch weiter ihrem Beispiele! Sie hat denkt, daß sie nicht werth sei, die Frau vom Max zu werden. Heut habens sich aber wieder gefunden, und sie ist bereit, ihn glücklich zu machen.«
»Ist das wahr?«
»Ja. Wirsts sehen.«
»Vielleicht sagt sie nur so.«
»Es ist ihr Ernst.«
»Und dennoch entfernt sie sich wohl wieder heimlich von ihm.«
»Das fällt ihr gar nicht ein! Sie hat erkannt, daß sie durch ihre Flucht nur sich selbst und auch ihn unglücklich macht hat.«
»Gott, ja! So ists ja auch bei mir gewest. Ich hab mich so gar elend gefühlt.«
»Schaust, daß ich Recht hab! Und nun soll dieses Elend auch noch fernerhin währen? Nein, nein; das darf nicht sein. Das wär eine Sünd gegen mich und gegen den lieben Gott. Das darfst nicht auf Dein Gewissen nehmen. Geh her! Leg auch den andern Arm um mich, und sag mir, daßt Dich nimmer sträuben willst, Daßt mein sein willst für lebelang!«
Sie gehorchte. Sie schlang auch den andern Arm um ihn und sagte in überquellendem Glücke:
»Meinsts denn wirklich ernst?«
»Paula! Wie könnt ich scherzen!«
»Und wann ichs thät?«
»So machst mich so sehr glücklich.«
»Und würdest mir wirklich das verzeihen, was mein Vater than hat?«
»Paula, sei doch still! Dein Vater geht mich gar nix mehr an. Ich hab ihn gar nicht kannt, ich weiß nicht, wer er ist und was er than hat. Ich kenne nur Dich und will weiter nix und Niemand kennen. So ists! Und nun thu Dein Herz auf, und laß nur es allein sprechen. Bitte, bitte, willst meine Paula sein?«
»Ja!« stimmte sie endlich bei.
»Und Dich nicht mehr sorgen und grämen?«
»O, nun nicht mehr, nie mehr!«
»Gott sei Dank! Jetzt hab ich Dich nicht blos wieder funden, sondern Dich mir auch zurückerobert. Nun geb ich Dich aber nimmer wieder her. Du sollst mein Augapfel sein, den ich hüten werd als meinen größten Schatz und mein köstlichstes Eigenthum.«
Er drückte sie an sich und küßte sie auf die Lippen.
In diesem süßen Genüsse wurden Beide so plötzlich gestört, daß sie aus einander fuhren. Es donnerte an die Thür.
»Das ist dera Sepp!« sagte der Fex. »Der hat sich herbei geschlichen und dabei dacht, daß er uns einen tüchtigen Schreck einjagen will. Der Sapperloter hats beim Max und dera Martha auch so gemacht. Er kommt stets dann, wann er unwillkommen ist.«
»O nein. Wie willkommen war er uns heut, als er draußen rief: Der Sepp ist da!«
»Der Andre, der auch so rief, der war Dir wohl nicht so sehr willkommen?«
»O, noch viel, viel mehr!«
Der Alte pochte immer noch. Jetzt rief er:
»Na, zum Sappermenten, macht doch endlich mal aufi!«
»Wir können doch nicht,« antwortete der Fex.
»Habts denn den Hausschlüssel verloren?«
»Nein. Wir hatten gar keinen.«
»So sagt Ihr nur. Da schließen sich die Jungburschen mit ihren Dirndln ein, damit wir Alten aber auch gar nix Hübsches mehr zu schauen bekommen sollen! Aberst ich werd Euch doch die Supp versalzen. Da bin ich! Wie ists inzwischen ergangen?«
Er hatte die Thür geöffnet und leuchtete mit der Laterne herein.
»Gut, Sepp, sehr gut!«
»So seid Ihr jetzund zufrieden mit nander?«
»Vollständig.«
»So haltets auch fernerhin so, und kommt nun herausi, damit ich Euch meinen Segen geben kann!«
Der Fex führte die wiedergefundene Geliebte heraus. Als nun der Schein der Laterne auf sie fiel, fuhr der Sepp zurück.
»Herrgott!« schrie er. »Das, das ist die Paula?«
»Natürlich!« antwortete der Fex, den Alten verwundert betrachtend.
»Das soll sie sein, das! Siehsts denn nicht? Schau sie Dir doch nur mal an!«
Erst jetzt blickte der Fex in das Gesicht der Geliebten. Er ließ sie vor Schreck los.
»Paula!« schrie er auf. »O heiliger Himmel! Bist krank?«
Sie nickte, indem Thränen ihren Augen entstürzten.
»Was hast? Was fehlt Dir denn?«
»Brod!«
»Brod! So hast Hunger, Hunger, Hunger?«
»Gar großen. Ich hatt noch größern Durst; aber der König gab mir Wein.«
»Hunger hat sie, Hunger!« rief der junge Mann, die Hände zusammenschlagend. »Hast denn nix zu essen bekommen?«
»Nein.«
»Warum nicht?«
»Weil ich nicht gehorchen konnt. Ich wollt mich nicht – mich nicht – nicht – –«
»Ach, weiß schon, weiß! Hast nix zu essen bekommen und nix zu trinken! Meine Paula hat nix zu essen gehabt! Sie hat dürsten müssen, weil sie ein braves Mädchen bleiben wollte. Das haben die Petruccio's than?«
»Ja,« nickte sie.
»Wart, wart! Sepp, da, halte mal die Paula! Halte sie!«
Er schob das Mädchen dem Alten in die Arme und eilte fort.
»Wo willst hin?« rief ihm der Sepp nach.
»Wirsts gleich hören!«
Er rannte so schnell, wie der dunkle Gang es gestattete, davon. Als er in die Nähe der Vorrathskammer gelangte, hatte er Lampenschein. In dem genannten Raum saß der König mit Max und Hanns am Tische. Der Fex stürzte herein und blickte sich um wie Einer, der die allergrößte Eile hat.
»Was suchst?« fragte Max.
»Einen – einen – –«
»Na, was denn, einen – –?«
»Einen – einen – ja, ja, hier diese Peitsche such ich.«
Eine Hundepeitsche hing am Nagel. Er riß sie herab. Sie hatte jedenfalls zur Züchtigung derjenigen bedauernswerthen Mädchen gedient, welche Gegenwehr geleistet hatten. Der Fex sprang hinaus, riß drüben beide Riegel zurück, stieß die Thür auf und trat ein.
Die Mädchens sahen ihn erschrocken an und machten ihm eiligst Platz, als sie den Ausdruck seines Gesichtes bemerkten. Er fuhr wie ein rasender Roland zwischen ihnen hindurch bis hinter, wo der Italiener lag.
»Da liegt er, da!« rief er wüthend. »Weißt, weshalb ich komm, Petruccio?«
Die in dem Räume Befindlichen hatten gewünscht, daß ihre Besieger hereinkommen möchten. Jetzt war Einer da, und zwar ganz hinten; aber es fiel ihnen gar nicht ein, sich auf ihn zu werfen.
Sein Aussehen rieth ihnen, dies zu unterlassen. Man sah es ihm an, daß er den Kampf mit der größten Uebermacht aufgenommen hätte.
»Nein, ich weiß es nicht,« antwortete der gefragte Italiener.
»So! Und Du auch nicht?«
Diese Frage richtete er an Auguste.
»Wie soll ich das wissen?« antwortete sie in ihrem frechen Tone.
»Ich habe Dich vorhin nach einem Mädchen gefragt, Namens Paula Kellermann.«
»Ich weiß nichts von ihr.«
»Und Du bist die Wirthschafterin?«
»Die bin ich.«
»Da hast wohl die Mädchen zu beköstigen?«
»Ja.«
»Und wenn Eine nichts erhält, so weißt Du es, so weißt Du davon?«
»Natürlich.«
»Gut! Schön! Wie nun, wenn ich diese Paula gefunden hab?«
Sie erschrak.
»Hier jedenfalls nicht.«
»Nein, hier nicht, das ist wahr. Aber in einem dunkeln Loche, wo sie vor Durst und Hunger fast verschmachtet ist. Warum hast Du ihr nichts zu essen gegeben.«
»Weil ich nicht durfte.«
»Wer hat es verboten?«
»Pertruccio.«
»Das ist nicht wahr!« rief der Genannte.
»Es ist wahr,« behauptete sie.
»Schon gut, schon gut!« knirrschte der Fex. »Ihr seid Beide schuld. Es ist Eins so schlecht wie das Andere. Für Eure Lügen aber sollt Ihr jetzt eine Abschlagszahlung erhalten. Hier, Du freche, unverschämte Dirn, nimm dies und dies und dies!«
Er holte aus und knallte ihr die Peitsche um den Rücken, daß sie laut aufbrüllte. Die Hiebe fielen hageldicht.
Ihr Geschrei rief den König und die Andern herbei.
»Fex, was machst Du denn?« rief der Sepp.
»Nix, gar nix!« antwortete dieser, indem er immerfort zuschlug. »Schau die Paula an, dann wirsts wissen.«
»Ja, dann ists recht und richtig. Giebs ihr nur derb!«
»Soll nicht fehlen! Und diesem auch!«
Er trat zum Italiener und kurbatschte diesen so durch, daß er sich wie ein Wurm wand und wie ein angespießter Eber schrie.
Der wüthende junge Mann hörte nicht eher auf, als bis er seinen Arm erlahmen fühlte. Dann verließ er das Gewölbe und riegelte die Insassen wieder ein.
Paula mußte sich in der Vorrathskammer niedersetzen und erhielt Speise und Trank.
Während der Fex sich mit ihr in der Zelle befunden hatte, war der König mit den Andern bemüht gewesen, diese unterirdischen Gelasse zu untersuchen. Sie hatten noch zwei Gewölbe gefunden, welche mit Mädchen angefüllt waren, mit den Letzteren aber zunächst noch kein Wort gesprochen.
Jetzt nun sahen sie mit Erbarmen, welchen Hunger Paula haben mußte. Sie gab sich alle Mühe, ihre Gier zu überwinden; aber es gelang ihr doch nicht ganz. Sie war noch nicht satt, als sie aufhielt. Sie machte nur vorsichtiger Weise eine Pause, um nicht etwa zu erkranken.
»Das sollen die Kerls büßen!« sagte der Fex. »Ich war erst zu Mitleid geneigt. Nun aber giebt es kein Erbarmen.«
»Das wär auch falsch angebracht,« antwortete der Sepp. »Haben sie doch unsern Herrn Ludwig ermorden wollen, von dem wir noch nicht mal wissen, wie er hier herunter gekommen ist.«
»Auf eine sehr einfache Weise,« antwortete der König. »Ich hatte mir das Schloß besehen und besuchte dann den Park. In der Eremitage ruhte ich aus. Da hörte ich plötzlich neben mir ein Geräusch. Die Felsenwand öffnete sich, und ein Mann trat heraus. Als er mich sah, fuhr er sofort zurück und verschwand. Die Thür aber blieb auf.«
»Ach! Da sinds halt eintreten?«
»Ja.«
»Hm! Ohne Licht. Das war gefährlich.«
»O, ich vermuthete natürlich nicht, daß ich es mit Verbrechern zu thun haben würde. Ein Ort wie Miramare ist doch gradezu heilig. Ich trat in den Gang und rief hinein. Ich glaubte, es mit einem Gartenangestellten oder Parkhüter zu thun zu haben. Es antwortete mir Jemand, und ich schritt weiter. Da plötzlich verlor ich den Boden unter den Füßen.«
»Ah, das war das Loch!«
»Ja. Ich stürzte hinab und fühlte mich bald von Stricken umschlungen. Man zog mich heraus und steckte mich in die Zelle, in welcher ich Paula fand. Wir befreiten einander von den Fesseln und – nun, das Uebrige wißt Ihr ja!«
Während dieses kurzen Berichtes war der Fex in eine Ecke getreten, in welcher die Weinflaschen standen. Er wollte eine derselben öffnen, um der Geliebten einen Labetrunk zu geben. Als er sie wegnahm, sah er, daß sich in der Mitte eines der Steine, mit denen der Fußboden gepflastert war, ein Ring befand. Jetzt nun theilte er diese Entdeckung den Anderen mit.
Es wurde nachgesehen, und der Sepp meinte:
»Vielleicht kann man den Stein herausholen. Wollen es doch mal versuchen!«
Es ging viel leichter, als man dachte. Der Stein war gar nicht schwer. Er bestand nur aus einer dünnen Platte. Als er entfernt worden war, sah man ein Loch, in welchem einige Bücher lagen. Der König erhielt sie und blätterte sie durch.
»Das ist ein kostbarer Fund,« sagte er. »Diese Bücher enthalten die ganze Buchführung des Juden, welche sich auf den Mädchenhandel bezieht. Er betreibt dieses Geschäft schon seit langen Jahren, und es scheint außerordentlich lohnend zu sein. Das ist ein Beweismaterial, welches wir an uns nehmen werden. Aber ich bemerke abermals, daß meine Person nicht dabei in's Spiel kommen darf. Von meiner Anwesenheit darf Niemand Etwas erfahren.«
Jetzt begaben sich der Sepp und Max in die zwei Gewölbe, in welchen sich die anderen Mädchen befanden. Bei ihrer Rückkehr meldeten sie, daß dieselben alle nach ihrer Freiheit verlangten.
»Lassen wir sie heraus?« fragte der Sepp.
»Nein,« antwortete Ludwig. »Habt Ihr es ihnen gesagt, daß Ihr sie befreien könnt?«
»Noch nicht.«
»Das ist gut. Wir holen Polizei herbei. Diese Leute müssen sich heut Abend verstecken, wenn die Franzosen kommen. Ihr selbst thut, als ob Ihr Beauftragte des Juden wäret und verhandelt ihnen die Mädchen alle. Erst wenn sie dieselben bezahlt haben, ist der Beweis vollständig gegen sie erbracht, und die Polizei mag eingreifen und ihre Pflicht thun. Das Schiff wird dann confiscirt. Dann ist Eure Pflicht gethan, und Ihr könnt nach der Heimath zurückkehren.«
»Ich auch?« fragte der Sepp.
»Ja. Nach dem, was mir hier begegnet ist, sehe ich davon ab, meine Absicht, welche mich hierher trieb, weiter zu verfolgen. Ich reise morgen früh zurück. Diesen traurigen Ort aber verlasse ich gleich jetzt. Wenn unser Fex seine Paula nicht länger hier lassen will, können Beide mich begleiten.«
»Ja, er mag sie zu Martha und Anita führen. Bei ihnen wird sie sich bald erholen.«
Nach Kurzem entfernten sich die Drei. Der Fex nahm die Bücher mit und erbot sich, die Polizei über die hier gemachten Entdeckungen zu verständigen. –
Was nun an diesem Abende geschah, braucht nicht ausführlich berichtet zu werden. Am anderen Morgen erfuhren die Bewohner der Stadt, daß das von dem Capitän Marmel geführte französische Schiff confiscirt worden sei, da es sich mit Menschenhandel befaßt habe. Erst die gerichtlichen Verhandlungen enthüllten das Nähere.
Der Jude kam mit seinem Weibe lebenslänglich auf das Zuchthaus, und seine Complicen wurden ebenso bestraft.
Als man dann in das Innere der Insel eindringen wollte, stand dasselbe voller Wasser. Die See hatte Zutritt gefunden und verbot alles Nachforschen über die Geheimnisse dieses Ortes, der vielleicht für Tausende verhängnißvoll gewesen war.

Zwölftes Capitel  Schluß

Der Frühling war eingezogen, und das schöne, heilige Pfingstfest stand vor der Thür. Selbst in den Schluchten der bayrischen Alpen war der Schnee weggeleckt worden, und der Sonnenschein lag mild und warm auf den grünen Matten.
Die wenigen, kleinen Hütten droben über Elsbethen, jenseits der Salzburger Grenze, erfreuten sich nach der Winterskälte dieses Sonnenlichtes, und ihre Bewohner nicht minder.
Vor einer dieser Hütten saßen zwei alte Leute, ein Mann und eine Frau, auf der alten Thürbank. Sie hatten beide wohl altersschwache Augen, denn dieselben waren durch Brillen geschützt. Sie trugen sich sehr ärmlich, dabei aber sauber und reinlich. Es waren die Eltern des Krikelanton.
Der alte Mann schnitt eine harte Brodrinde in eine braune, thönerne Schüssel, und sein Weib schälte einige Kartoffeln, welche ihr das Mitleid geschenkt hatte. Sie machten keine freudigen Gesichter zu dieser Arbeit.
Der Mann hielt inne, seufzte tief auf, legte Messer und Rinde in die Schüssel und sagte:
»Mutter, was werden wir morgen essen, wann wir uns heut diese Kartoffelsuppen machen?«
Sie sah nicht zu ihm auf, gab aber ihrer Stimme einen zuversichtlichen Ton, als sie antwortete:
»Gräm Dich nicht, Vater. Dera liebe Herrgott wird für uns sorgen.«
»Ja, er hat uns noch nicht ganz verhungern lassen, aberst hungert haben wir doch.«
»Es ist zu überstehen.«
»Weiß schon! Du willst nur nicht klagen, damit ich den Sohn, den Anton, nicht schimpfir. Aber das liebe Wasser steht Dir doch schon in denen Augen. Das seh ich doch, wann auch die meinigen schwach sind.«
»Vater, ich bitt Dich, sei still.«
»Ich möcht wohl. Aber dera Hunger ist ein lauter Gast. Er knurrt und murrt und hält nicht Ruh!«
»Tröst Dich doch! Die Nachbarn sind gute Leut. Vielleichten bekommen wir morgen wiederum ein Stuckerl Brod.«
»Vielleichten, ja! Und was ists dann, wann wir es erhalten? Almosener, Bettler sind wir doch!«
Die Frau fuhr sich mit dem Finger unter die Brille, um einen schweren Tropfen von dem Auge zu nehmen, und sagte:
»Es wird nicht lange mehr währen. Der Anton muß doch mal schreiben. Und wann er es so weit bracht hat, daß er was erübrigt, wird er schon einen Gulden senden oder zwei.«
»Einen Gulden oder zwei! Herrgottle, wann ich dran denken thu!«
»An was denn?«
»Es drückt mir das Herz ab. Ich habs Dir nicht sagen wollen, aberst ich kanns doch nicht länger für mich allein behalten.«
»So sags doch!«
»Es wird Dich kränken.«
»Bin ich nicht Dein Weib, welches Freud und Leid mit Dir zu tragen hat.«
»Freud und Leid! Ja, das Leid ist immer da und will nicht von uns weichen. Freud giebts blos dann einmal, wann die Leni an uns denkt. Das gute Herzerl muß aber auch uns vergessen haben. Es sind schon viele Wochen, daß sie nix schickt hat.«
»Wer weiß, was ihr hinderlich ist.«
»Ja, und sie hats auch gar nicht nöthig, an uns zu denken. Dera Anton hats nicht an ihr verdient.«
»Sag das nicht. Sie haben einmal nicht zu nander paßt.«
»Gut, sehr gut habens zusammenpaßt! Aberst der Anton ist ein zuwiderer Kerlen gewest. Er hat dieses goldige Herz von sich stoßen. Und jetzt – nein, ich muß Dirs doch sagen; ich kanns nicht mehr bei mir behalten!«
»Sags, Vater, sags!«
»Weißt noch, wie dera Viehhändler da gewest ist vor drei Wochen?«
»Nun, den merk ich mir. Hab ihm doch unsere Gais verkaufen mußt, des lieben Brodes wegen. Was ists mit ihm?«
»Nun, der hat mirs heimlich erzählt, daß er in Wien gewest ist und den Anton troffen hat.«
»In Wien? Ist er dort?«
»Freilich ist er dort. Er ist vorher in Amerika gewest und hat sich ein heidnisch Geld zusammengesungen.«
»Das glaub ich nicht. Da hätt er uns was schickt.«
»Es ist wahr. Beinahe hunderttausend Gulden sinds gewest.«
»Du, glaubs nicht, glaubs ja nicht.«
»Ich muß es glauben, denn es ist wahr. Und nun verlebt er dieses Geld. Er lauft mit Dirndln herum; er hat eine Tänzerin habt, die jetzt im Zuchthaus sitzt und hat sich sogar einen fremden Namen macht.«
»Herrgott, das ist nicht wahr!«
»Freilich ists wahr. Herr Criquolini läßt er sich nennen, und an einem Tage verspielt er zuweilen hundert Gulden. Dera Händler hat sogar sagt, tausend.«
Da ließ sie die Kartoffel zur Erde fallen und rief:
»Vater, wannst Alles glaubst, nur das nicht, nur das nicht! Der Anton ist unser Kind, das einzige, welches wir haben. Wann er ein solches Geld hätt, thät er uns nicht verlassen.«
»Er hat es, er hat es! Es ist vorgekommen, daß man ihm tausend Gulden zahlt, wann er einmal im Theatern singt.«
»Das muß ein Anderer sein!«
»Nein, das ist der unserige. Und wir, seine Eltern, leiden Hunger. Ich hab seit gestern Abend keinen Bissen – wer kommt dort?«
Eine Gestalt kraxelte sich den Berg herauf. Die Augen der beiden Alten waren so schwach, daß sie den Nahenden nicht eher erkennen konnten, bis er beinahe vor ihnen stand.
»Der Briefbote, der Briefbote!« rief sie. »Vielleichten kommt er zu uns!«
Sie sprang von der Bank auf.
»Grüß Gott!« sagte der Bergsteiger, indem er verschnaufte. »Heut bei dera Sonn wirds Einem schwer.«
»Bringst uns was?«
»Ja,« lächelte er. »Es ist für Euch.«
»Gewiß von unserm Anton aus Wien?«
»Aus Wien ists, aberst nicht vom Anton.«
Die Züge der Frau wurden wieder traurig wie vorher. Sie hatte sich abermals geirrt.
»So ists von dera Leni,« sagte ihr Mann. »Das Geldl, welches sie uns im März schickt hat, war aus Wien.«
»Nein, von der ists nicht. Der ihre Hand thät ich kennen.«
»So ists ein fremder Brief?«
»Ja wohl.«
»Herrgott! Er wird doch nix Böses enthalten!«
Der Briefträger that noch immer so, als ob er den Brief suche; er hatte ihn aber längst in der Hand. Sein Gesicht war ein sehr verheißungsvolles, was aber die alten Leute nicht sahen.
»Habt keine Angst. Ein schlimmer ists nicht. Er wird Euch Freude machen.«
»So, so? Warum?«
»Weil er fünf Siegeln hat. Hier ist er.«
»Fünf Siegeln! So ist wohl gar ein Geldl darinnen?«
Der Alte drehte den Brief in seinen zitternden Händen hin und her und gab ihn dann auch seiner Frau, die ihn neu- und begierig betrachtete.
»Ja, ein Geldl ist drinnen, und zwar was für eins!«
»Wirklich? Wirklich? Gott sei Dank! Da werden wir uns ein Brod kaufen können.«
»Nur eins?«
»Meinst etwan mehr?«
»O, von diesem Gelde könnt Ihr Euch hundert Brode kaufen, ja sogar tausend.«
»Tau – – was sagst?«
»Tausend Brode.«
»Das ist die Unmöglichkeit!«
»Kannst Dirs ja selberst ausrechnen, wannst nicht glaubst. Brauchst ja nur die Adreß zu lesen.«
»Wie lautet sie denn?«
»An Herrn Heinrich Warschauer, Elsbethen bei Salzburg. Stimmt das?«
»Ja, derjenige bin ich freilich.«
»Unten drunter steht »frei«, und oben drüber ist zu lesen: »Inliegend dreihundert Gulden in Scheinen.« Nun, wie gefallt Euch das?«
»Hast richtig gelesen?«
»Ja, natürlich.«
»Was soll drinnen sein? Wieviel?«
»Dreihundert Gulden.«
»Das ist nicht wahr!«
»Es steht ja da!«
»So hat sich Wer einen Spaß macht.«
»Kannst Dich ja überzeugen?«
»Wodurch denn?«
»Mach den Briefen auf!«
»Darf ich denn?«
»Jawohl. Er ist der Deinige; er ist ja an Dich adressirt. Die Adressen stimmt.«
»Herrgott, wie ist mir nur. Ich zittere gar so sehr. Mach Du ihn auf, Briefbote! Ich zittere gar so sehr. Hier ist das Messer.«
Er gab ihm Brief und Messer hin. Er zitterte vor Aufregung fast am ganzen Körper.
Der Postbote schnitt das Couvert auf und nahm den Inhalt heraus. Dieser bestand aus einem Briefe und drei Hundertguldennoten.
»Da, seht Ihr!« rief er aus. »Dreihundert Gulden. Hab ichs nicht sagt?«
»Drei – hun – dert – Gul – den!« rief er.
»Drei – hun – hun – hun – – Jesses, Maria und Josepp! Ist das die Möglichkeit?« rief sie.
»Ja, da liegt ja das Geldl. Nehmts doch nur in die Hand.«
Er drückte ihnen die Scheine in die Hände.
»Das ist ja der wirkliche Himmel!« sagte der alte Mann. »Von wem ists denn?«
»Das wird wohl im Brief stehen.«
»Da müssen wir ihn lesen.«
»Jawohl.«
»So lies Du ihn! Mir gehen die Augen über.«
Das war wohl wahr; doch war es überhaupt in Beziehung auf das Lesen schlecht mit ihm bestellt.
Der Postbote faltete den Brief aus einander und las:
»Meine herzlichen Leutln. Wie geht es Euch. Ist es mit Euren alten Augen noch nicht besser? Ich möcht gern haben, daß Ihr nächste Mittwoch nach Scheibenbad kommt, wo ich Euch sehen möcht. Ihr müßt mit dem ersten Zuge fahren, und ich werd zu Euch in die Thalmühle kommen, wo ich Logis für Euch bestellt hab. Damit Ihr das Geld zum Fahren habt und Euch auch ein gut Gewandl zu dieser Reise kaufen könnt, leg ich Euch hier das Geld bei. Kommt aber ja, denn ich verlaß mich darauf. Es grüßt Euch
Eure Leni.«
Die beiden Leute starrten einander an.
»Die Leni!« rief sie.
»Die Leni!« rief er. »Habs mir denken konnt! Dreihundert Gulden! Herrgott, muß die ein Geldl übrig haben.«
»Ja,« meinte der Briefträger mit wichtiger Miene. »Die Sängerinnen bekommen ein grausam Stuckerl Geld.«
»Die Sänger wohl auch?«
»Auch!«
»Unser Anton leider nicht!«
»Nicht?« fragte er mit Betonung.
»Nein.«
»Hm!«
»Was hast? Warum brummst so?«
»Weil ich hab munkeln hört.«
»Sags, was hast hört?«
»Daß er viel Geld verdient, sehr viel Geld, aberst Euch giebt er nix.«
»Das sagen die Leut?«
»Ja, das sagen sie.«
»Da thun sie ihm Unrecht.«
»Das weiß ich nicht. Ich habs sagen hört; wer aber Recht hat, das weiß ich nicht. Aber die Leni, die ist brav!«
»Ja, das ist freilich eine sehr brave.«
»Ihr geht ihr gar nix an, und dennoch sendet sie Euch ein solches Geldl!«
»Ja, das thut sie. Dera Herrgott wirds ihr lohnen. Wann sie nicht wär, so hätten wir schon oft mehr Hunger leiden mußt, als es so schon der Fall ist. Jetzund sendet sie gar dreihundert Gulden. Und dafür sollen wir nach Scheibenbad kommen. Sie ist dort? Was aber sollen wir eigentlich dort thun?«
»Wer weiß es! Vielleichten will sie Euch gern mal sehen. Sie hat eine Sehnsuchten nach Euch.«
»Das liebe, gute Geschöpfle!«
»Und weil sie nicht zu Euch kommen kann, sollt Ihr zu ihr. Das wirds sein.«
»Denkst? Das ist eine große Ehr für uns.«
»Ja, denn weißt, solche Sängerinnen sind gar vornehm und geehrt. Sie verkehren mit Fürsten und Grafen.«
»O, die Leni sogar mit dem König!«
»Desto größer ist die Ehr für Euch.«
»So eine Reise! Wir sind noch gar nie aus dem Oertle hier herauskommen. Wir wissen halt gar nicht, wie man so eine Reis' zu machen hat und wie man sich dabei benehmen muß.«
Der Briefträger nahm eine wichtige Miene an und erklärte den beiden Alten:
»Das verstehe ich schon besser, als Ihr. Man hat sich einen Bahnhofsbillettenzettel zu lösen und setzt sich auf die Bahn. Da muß man die Röcke und Kleider rechts und links hübsch zusammen schieben, damit man die anderen Passagieren nicht generirt, und wann man die Tabakspfeif ausklopft, muß man das zum Fenster hinaus thun, damit die Aschen und der Tabaksschmirgel denen Damen nicht auf die seidenen Kleiden kommt. Den Hut muß man höflich abnehmen; besoffen darf man nicht sein, und kein Fenster soll man mit dem Kopf einschlagen. Zum Schaffner muß man sagen: »Ich bitt schön, gnädiger Herr,« und überhaupt muß man nobel sein vom Kopf bis zum Fuß herab. Besonders soll man die Schuhe mit denen Füßen nicht den Anderen auf die Kniee legen, und wann man nießt oder ausspuckt, soll man das Schnupftuch hübsch vor den Mund nehmen.«
»O Jegerl! Was man sich da Alles zu merken hat! Das ist so grausam viel!«
»Es ist noch mehr, weit mehr! Wer es nicht weiß, der muß sich beim Locomotivenführer nach Allem derkundigen; der sagt es ihm, denn dazu ist er da.«
»Und gar nach Scheibenbad! Das kenn ich nicht.«
»Aberst ich kenn es. Weißt, wir obersten Beamten von dera Post müssen eine ganz besonders genaue Geographie studirt haben. Scheibenbad ist nur ein kleines Städle; aberst es ist ein Bad, wo im Sommer viele vornehmen Leutln beisammen sind. Letzthin hab ich davon im Blatt gelesen. Dera König hat dort ein neues Theatern bauen lassen, von einem ganz jungen Archivdirectoren, und das Gebäud soll ganz besonderbar prächtig sein. Es wird nächstens eingeweiht, sehr bald sogar, nämlich am – Himmelsakra! Da seid Ihr dort!«
»Wann?«
»Grad auf dera Mittwochen ist die Einverweihungen. Ich besinne mich ganz genau daraufi. Ein absonderlich schönes Stuckerl wird geben, worinnen lauter Göttern auftreten, die man sonst im Land niemals zu sehen bekommt. Lauter berühmte Sänger und Sängerinnen lassen sich da hören, und dera König kommt auch.«
»Singt er wohl auch mit?«
»Das weiß ich nicht. Aberst vielleicht hat auch die Leni einen Jodler mit zu singen.«
»Meinst, daß auch die Götter jodeln?«
»Warum nicht? Sie können doch auch mal lustig sein, wanns ein gutes Bierl trunken haben.«
»O, vielleicht sehn wir auch das Theatern oder gar das ganze Stuck!«
»Das kannst Dir derlauben. Hast ja volle dreihundert Gulden. Da mußt Dich aber zurecht machen. Dera Zug geht um fünf Uhr ab in dera Früh!«
»Schon! Und Mittwoch ists? Das ist so bald. Da giebts ja fast gar keine Zeit mehr, ein neu Gewandl anzuschaffen und Schuhen brauch ich auch.«
»So sputet Euch und kauft ja ein recht nobles, denn Ihr werdet dort von gar feinen Leutln angeschaut. Jetzund muß ich fort.«
»Bekommst auch was für das Geld?«
»Drei Kreuzern und ein Trinkgeldl für ein Bier. Für die Belehrung und Auskünften wegen der Reis', die ich Euch postamtlich geben hab, will ich nix rechnen, weil Ihr gar so arme Leutln seid. Unsereiner hat ein Herz im Leib, denn bei dera Post können nur gefühlvolle Personen ein höheres Amt erhalten.«
»Und wie hoch ist das Trinkgeldl?«
»Ganz nach Belieben. Kannst ein Sechskreuzerl geben; das macht grad ein Bier.«
»Ich hab aber keins. Ich hab seit langen Wochen kein Kreuzerl gehabt.«
»Das schadet nix. Wer dreihundert Gulden hat, dem geb ich gern Credit. Es ist ein gar schön und stolz Gefühl, wann man sich heimlich sagen kann, das man sein Geld bei denen Leutln stehen hat. Zinsen und Prozenten berechne ich nicht. Da brauchst keine Angst zu haben.«
»So hab einstweilen Dank! Das Geld bekommst gewiß.«
»Das weiß ich, das weiß ich, und darum will ich das Geldl auch nicht protestiren lassen beim Wechseladvocaten, denn so einen braven Mann wie Dich werd ich doch nicht auspfänden lassen. Also macht Eure Sach richtig, und behüts Gott, bis Ihr einzelnes Geldl habt!«
Er gab ihnen die Hand und ging.
Die beiden alten Leute blickten sich an und brachen dann in Freudenthränen aus. Dreihundert Gulden, und so unerwartet! Das war ja ein Vermögen für sie. Nun hatte ja alle, alle Noth ein Ende!
Sie gingen in ihr Häuschen und machten sich unter Lobeserhebungen für die Spenderin zum Ausgehen zurecht.
Als sie dann mit einander den Weg nach der nahen Grenze einschlugen, ergingen sie sich in beglückenden und doch so bescheidenen Plänen über die Anwendung dieses vielen Geldes.
Da drüben, im Dorfe, in welchem die Leni früher beim Cadellenbauer als Sennerin in Dienst gestanden hatte, gab es eine Nähterin und auch einen Schneider, welcher die schönsten Jacken machte weit und breit. Zu Beiden wollten sie.
»Weißt, das ist das Allernöthigste,« sagte er. »Und nachhero, weißt, wohin wir dann gehen?«
»Nun, wohin?«
»In den Gasthofen.«
Sie blieb erstaunt stehen.
»In den Gasthofen? Bist gescheidt, Mann?«
»Ja,« nickte er bestimmt. »Heut wird in den Gasthofen gangen und mal fein gespeist.«
»Du, da willst mal oben hinaus!«
»Das will ich auch. Heut ist ein Feiertag.«
»Aber das Geldl, was es kosten wird!«
»Das haben wir! Die Leut da drüben sollen auch mal schauen, was dera alte Warschauer vermag, wann er mit seinem Weiberl spazieren geht.«
»Ja, heut bist ein Großer!«
»Heut bin ich dick! Da hast Recht. Wir haben seit gestern nix gessen, nicht einen Bissen. Da wollen wir uns mal ausheilen. Ein Bier wird trunken oder gar zwei. Du eins und ich eins. Dann essen wir ein Wurst und Brod und ich rauch eine Cigarren darnach.«
»Alter! Du artest aus!«
»Nein. Aberst sehen will ich mich doch auch mal lassen. Ich kneif die Cigarren verächtlich in den rechten Mundwinkel und schau nach dera linken Seit so stolz hinüber, als ob ich der Rothschild sei. Weißt, ich brauch sie doch nicht grad anzubrennen, damit sie länger ausreicht.«
»Das will ich mir eher gefallen lassen. Da hast auf die andern Tag auch noch was.«
»So ists. Und wannsts berechnen thust, ists gar nicht so schlimm. Zweimal Bier macht sechzehn Pfennigen, die Cigarren kostet drei und zweimal Brod mit Wurst gilt vierzig. Das giebt zusammen neunundfünfzig. Wenn ich dann dera Magd, die es bringt, den Pfennig als Geschenkpräsent geb, so bin ich ein großer Mann, und wir haben uns für sechzig Pfennige ein Gaudium erwiesen.«
In dieser Art und Weise unterhielten sie sich, bis sie drüben ankamen.
Da ging sie zur Nähterin und er zum Schneider, wo sie ihre Bestellungen machten und sich das Maß nehmen ließen. In der Schänke trafen sie sich.
Da gab es einige Gäste, welche vor dem Hause saßen und sich verwunderten, daß diese blutarmen Leute sich auch einmal herbei wagten.
Diese bestellten das Erwähnte und ließen es sich dann wohl sein.
Während sie speisten, kam noch ein Gast, ein fremder, städtisch gekleideter und sehr vornehm aussehender Herr, welcher sich an einen einzeln stehenden Tisch setzte und auch ein Bier verlangte. Als die Magd ihm dasselbe brachte, erkundigte er sich:
»Sind Sie vielleicht aus diesem Orte?«
»Ja,« nickte sie.
»So kennen Sie die Leute hier alle?«
»Alle.«
»Auch die Muhrenleni?«
»O, die erst recht. Wir sind ja in einem Jahre geboren und haben in dera Schul gar nicht weit aus nander sessen.«
»Wissen Sie nicht, wo sie jetzt ist?«
»Nein. Sie hat seit so gar langer Zeit nix mehr von sich hören lassen.«
»Man sagte mir, daß sie jetzt hier auf Besuch sei.«
»Davon weiß ich nix.«
»Es soll ganz gewiß sein.«
»Da müßt ichs doch auch hört haben. Vielleichten ists doch so. Da kommt gleich Einer, der es sicher wissen thät.«
Sie zeigte auf einen Bauersmann, der soeben langsam und gemessenen Schrittes herbeigestiegen kam. Er war eine behäbige Gestalt und auf seinem Gesichte war ein gutmüthiges Selbstbewußtsein zu lesen.
»Wer ist er?« fragte der Fremde.
»Es ist dera Capellenbauer, bei dem die Leni als Sennerin gewest ist.«
»Hat er sich gut mit ihr verstanden?«
»Das will ich meinen. Er hat gar große Stücken auf sie gehalten und hält auch jetzt noch viel auf sie.«
»Aber sie ist doch nicht bei ihm geblieben.«
»Nicht aus Uneinigkeit, sondern weils dera König so wollt hat. Der Herr Pfarrer hat ihr auch zugeredet, und dem Bauer ists gar nahe gangen, als er sie fortlassen mußt. Jetzund hat er dem Sohn die Wirtschaft übergeben und kommt alle Tag um die jetzige Zeit. Da sitzt er hier am Tisch bis zum Abend und schaut gern hinauf nach seiner Alm.«
»Da oben, wo die Hütten steht, rechts dera Abgrund und links der Felsengrad, auf dem damals dera Krikelanton des Nachts hinüber ist.«
»So kennen Sie auch den?«
»Jawohl. Er war ein Unguter und gar nicht werth, daß die Leni an ihn denkt hat. Dera Bauer hats auch nicht gern sehen. Ich glaub, er hätt ihr am Liebsten seinen Sohn geben. Da hätt sie ein Glück gemacht.«
Ein leises Lächeln spielte um die Lippen des Fremden, als er darauf antwortete:
»Vielleicht macht sie nun ein anderes und viel besseres Glück!«
»Ich thät ihrs von Herzen gönnen, denn sie war gar brav. Aberst besser kann sie es gar nicht finden, als sie es beim Capellenbauer troffen hat. Er ist als ein tüchtiger Sänger und Jodler bekannt und hat oft, wann dera Abend kam und er hier vor dem Hause saß, ein Gesangl macht, was die Leni dann von oben herab beantworten that. Jetzund singt er gar nicht mehr, weil es keine Antwort giebt. Da ist er. Soll ich ihn fragen?«
»Ja, fragen Sie ihn!«
Der Bauer war inzwischen näher gekommen und blickte nach einem Platze, der ihm behagen möchte. Die Magd trat ihm einige Schritte entgegen und meldete:
»Capellenbauer, ist die Leni jetzund bei Dir gewest?«
»Die Leni? Nein,« antwortete er.
»Sie soll aberst hier sein.«
»Das ist nicht wahr, denn da wär ich halt gewiß der Allererst, dens besuchen thät.«
»Der Herr hier hats sagt.«
Sie zeigte auf den Fremden. Der Bauer betrachtete denselben mit einem forschenden Blicke; die Beobachtung schien befriedigend auszufallen, denn er trat zu ihm heran, lüpfte den Hut ein Wenig und sagte:
»Von dera Leni habens sprochen? Kennen Sie dieselbige denn?«
»Ja, ich kenne sie.«
»Habens dieselbige vor Kurzem sehen?«
»Ja.«
»Wo denn?«
»In Wien, vor vierzehn Tagen noch.«
»In Wien! Ja, da soll sie gewest sein. Sie sind wohl gar ein Bekannter von ihr?«
»Sogar ein sehr guter.«
»Wie habens dieselbige denn kennen lernt? Ich hoff, daß es eine Bekanntschaft in Ehren ist!«
Sein Blick war schnell mißtrauisch geworden.
»Das versteht sich ganz von selbst. Die Leni ist keine Person, mit welcher sich eine andere Freundschaft anknüpfen läßt.«
»Das freut mich sehr. Es liegt mir noch heut auf dera Seel, daß sie von mir fort ist.«
»Ich wurde durch den Wurzelsepp mit ihr bekannt. Er ist ihr Pathe und Vormund.«
»Durch den! O, da bin ich beruhigt. Da sind Sie ein wirklicher Freund von ihr. Und weil, mich das so freut, so möcht ich mich ein Bisle zu Ihnen setzen, wanns verlaubt ist.«
»Sehr gern! Kommen Sie!«
Indem sich der Bauer setzte, betrachtete er sich den Fremden nochmals genau. Er mochte zu der Ansicht kommen, daß er keinen gewöhnlichen Mann vor sich habe, denn er bemerkte mit besonderem Nachdrucke:
»Sie brauchen sich nicht zu geniren. Dera Capellenbauer ist ein braver Mann.«
»O, das weiß ich ja.«
»So? Von wem denn?«
»Von der Leni selbst.«
»Hat sie von mir sprochen?«
»Sie spricht sehr gern von der Heimath und hat mir viel auch von Ihnen erzählt.«
»Das gute, liebe Dirndl! Ja, die ist keine Zuwidere. Wanns ihr nur gut geht!«
»Da brauchen Sie keine Sorge zu haben!«
»So! Schön! Wann es ihr beim Gesang nicht mehr gefallt, ich thät sie gleich wieder zu mir nehmen. Um den Lohn braucht sie nicht zu sorgen.«
»Das freut mich. Sie hat überall Freunde.«
»Das ist auch leicht zu begreifen, weil sie ein gar so liebs Dirndl ist. Schauns, da oben ist meine Alm. Wanns Abend gewest ist, da hats oben anfangt zu jodeln und ich hab hier herunten antwortet. Alle haben lauscht auf ihre schöne Stimm. Das war eine Herrlichkeiten. Jetzund ists anderst. Ich sing halt gar nimmer.«
Er sagte das in fast traurigem Tone und wandte sich ab. Dabei fiel sein Auge auf die beiden alten Leute, welche er bisher wohl noch gar nicht bemerkt hatte.
»Was!« sagte er. »Wer ist denn das? Dera Warschauer mit seiner Ehelichsten! Das gefreut mich. Was treibt Ihr denn hier?«
Er hatte sein Gespräch nach hiesigem Gebrauch mit lauter Stimme geführt, so daß alle Anwesenden es hören konnten. Darum hatten auch die Beiden jedes Wort verstanden.
»In Geschäften sind wir da,« antwortete er, an seiner Wurst mit Behagen kauend.
»In Geschäften? Willst wohl einen Bauerhof kaufen?«
»Beinahe!«
»Schön! Und auch fein speisen thust! Hat die Leni Dir wieder mal was schickt?«
»Ja, heut!«
»Schau, das kann mir gefallen. Wann willst wiederum nach Haus hinüber?«
»Wann wir unser Bier austrunken haben.«
»Kannst länger bleiben, denn ich zahl Dir noch eins oder auch mehrere sehr gern. Auf wen die Leni so gut gesinnt ist, der ist auch mir lieb. Darum macht Euch dort weg und kommt ein Wengerl zu uns herüber! Da können wir von ihr reden.«
Eine solche Ehre wußten die alten, armen Leute sehr zu schätzen. Der Capellenbauer war ein sehr angesehener Mann. Und jetzt saß gar so ein vornehmer Fremder dabei!«
»Ists Dein Ernst?« fragte Warschauer vorsichtig.
»Natürlich! Du bist mir willkommen,« antwortete der Gefragte mit Gönnermiene.
»So werden wir es uns derlauben, wann der Herr nix dagegen haben thut.«
Als Antwort nickte der Fremde ihnen freundlich aufmunternd zu und rückte zwei Stühle zurecht.
Sie kamen mit ihren Gläsern und Tellern herbei. Die Alte machte einen Knix und meinte:
»Eigentlich thäten wirs nicht wagen, aber weils gar so schön von dera Leni reden, so thun wir es doch. Prosit Mahlzeit!«
Sie hielt diese Worte für einen feinen Gruß und warf, indem sie sich niedersetzte, einen Blick auf ihren Mann, als ob sie demselben sagen wolle:
»Hasts gehört, wie nobel ich mich benehmen kann? Mach es nur auch so!«
Nun begann ein sehr animirtes Gespräch, natürlich über die Leni. Der Bauer erkundigte sich, ob die Leni den beiden Leuten wirklich Geld geschickt habe. Warschauer nickte gewichtig und antwortete:
»Ja, das will ich meinen.«
»Was machst denn für ein Gesicht dazu? Du thust ja, als obs eine Million wär!«
»Es ist auch fast so. Viel fehlt nicht daran.«
»Dann möcht ich das Geldl sehen.«
»Kannsts wohl schauen.«
»So zeigs doch mal her!«
Der Alte zog das Couvert aus der Tasche, gab es ihm und sagte:
»Hier, nimm es heraus!«
Der Bauer betrachtete zunächst die Rück- und dann die Vorderseite. Er schüttelte den Kopf.
»Weißt gewiß, daß es von dera Leni ist?«
»Natürlich!«
»Dreihundert Gulden! Ein Heidengeld für Dich!«
»Ja, nun bin ich reich.«
»Aberst ich glaubs halt doch nicht, daß es von ihr ist.«
»Von wem sonsten sollt es sein?«
»Hm! Das ist ihre Handschriften gar nicht.«
»Kennst sie denn?«
»Sehr genau. Und die fünf Siegeln! Darauf ist gar ein Wappenschild, als wann sie vom Adel war.«
»Greif nur hinein!«
Der Bauer zog die Scheine und den Brief heraus. Er betrachtete zuerst die Ersteren genau; das ist bei einem Bauer die Hauptsache. Als er sie für echt befunden hatte, sah er sich auch den Brief an und erklärte:
»Auch diesen hat sie nicht schrieben.«
»So hat sie ihn sich schreiben lassen.«
»Vielleichten. Darf ichs lesen?«
»Ja, lies!«
Als er damit fertig war, warf er den Brief mit einer Bewegung des Erstaunens auf den Tisch vor sich hin und rief:
»Sappermenten! Also nach Scheibenbad sollt Ihr? Ich doch auch!«
»Du? Hat sie auch an Dich schrieben?«
»Ja, freilich Aberst ich glaubs halt nicht, daß sie es ist.«
»Warum nicht?«
»Weil es nicht ihre Handschrift ist. Es ist nämlich ganz dieselbige wie hier. Ich hab den Briefen einstecken und werde ihn vorlesen.«
Er zog den Brief hervor und las:
»Lieber Capellenbauer!
»Ich hab oft und gern an Dich gedacht, seit ich nicht mehr bei Dir bin. Vielleicht möchtest Du gern wissen, wie es mir geht. Da komm doch nächsten Mittwoch mit dem ersten Zug nach Scheibenbad. Ich werde Dich in der Thalmühle erwarten. Es kommen lauter gute Bekannte. Wenn Du noch Etwas auf mich hältst, so laß mich nicht vergeblich auf Dich warten. Es grüßt Dich dankbar
Deine Leni.«
»Richtig!« rief der alte Warschauer. »Auch Du sollst hin. Wirst gehen?«
»Ich möcht wohl. Aberst ich denk, es kann auch so eine Art von Finte sein.«
»Wieso?«
»Daß mich Einer foppen will.«
»Das glaub ich nicht.«
»Es wär doch eine ärgerliche Geschicht, wann ich hin kam und sie wär gar nicht da.«
»Das ist freilich wahr, aberst das hast nicht zu befürchten. Ich glaub nicht dran.«
»Ich denks aberst doch!«
»Dann wäre ja auch ich gefoppt!«
»Freilich!«
»Da mußt halt bedenken, daß mir nicht Einer, der mich zum, Narren halten will, dreihundert Gulden dazu sendet.«
»Da hast freilich Recht. Zumal ich doch nicht annehmen möcht, daß man auch unseren geistlichen Herrn ärgern will.«
»Wieso denn?«
»Weil auch er so einen Brief erhalten hat.«
»Auch dera Herr Pfarrer? Soll auch etwa er hinkommen?«
»Ja, auch er ist eingeladen.«
»Durch dieselbige Handschrift?«
»Ganz durch dieselbige.«
»Das ist doch sonderbar! Steht denn auch bei ihm ihr Name darunter?«
»Sogar der ganze, Magdalene Berghuber.«
»Hm! Und wird er gehen?«
»Ja. Er sagt, daß sie ihn nicht einladen thät, wann sie nicht einen Grund dazu hätt.«
»Da wird er wohl ganz richtig denken.«
»So gehst Du wirklich?«
»Natürlich! Ich nehm auch meine Frau mit.«
»Nun, so fahr auch ich. Ich hab dem geistlichen Herrn versprochen, ihn mit in meinen Wagen zu nehmen. Da könnt auch Ihr kommen und mit uns nach dera Bahn fahren. Da sind wir gleich beisammen. Vorher trinken wir den Kaffee bei mir, und jetzund laßt Euch die Krüge wieder füllen!«
Sie waren so in den Gegenstand ihres Gespräches vertieft gewesen, daß sie gar keine Zeit gehabt hatten, viel auf den Fremden zu achten. Wenn sie das nicht unterlassen hätten, wäre ihnen wohl das eigenartige Lächeln aufgefallen, welches um seine Lippen spielte.
Erst jetzt blickte der Bauer zu ihm hinüber. Es schien ihm ein Gedanke zu kommen. Er sagte:
»Da fallt mir ein, daß ja dieser Herr die Leni kennt. Vielleichten kann er uns einen Aufschluß geben.«
»Wenn ich kann, sehr gern.«
»Sie haben die Leni zum letzten Male in Wien gesehen. Wissen Sie, wo sie jetzt ist?«
»Ja, in Scheibenbad.«
»Also doch? Und was meinen Sie? Sollen wir hinfahren zu ihr oder nicht?«
»Auf jeden Fall. Die Briefe sind wirklich ganz ehrlich gemeint.«
»So denken Sie, daß sie von ihr kommen?«
Der Bauer hatte den Poststempel nicht angesehen, sonst hätte er merken müssen, daß die Briefe aus Wien gekommen waren. Der Fremde antwortete ausweichend:
»Wenn sie nicht selbst geschrieben hat, so ist dazu jedenfalls ein Grund vorhanden.«
»Ja, sie kann einen bösen Finger haben. Das ist freilich wahr. Also wir fahren. Und nun freu ich mich darauf!«
Es entstand eine kurze Pause, während welcher der alte Warschauer den Fremden in verlegener Weise musterte. Er schien Etwas auf dem Herzen zu haben. Endlich nahm er sich den Muth:
»Wann dera Herr in Wien ist, so hat er vielleicht auch von meinem Sohne hört?«
»Wer ist das?«
»Dera Krikelanton.«
»Den kenne ich nicht.«
»Hm! Er soll – soll – soll sich dort Herr Criquolini nennen lassen und ist Sänger.«
Es glitt schnell wie ein herzliches Mitleiden über das männlich schöne Gesicht des Gefragten. Er antwortete:
»Ja, den kenne ich.«
»Wirklich, wirklich?«
»Ja, ich habe sogar mit ihm gesprochen.«
»Ist das wahr? Herrgott! Mit ihm gesprochen! Wie sehr mich dagefreut!«
Und die alte Frau faltete die Hände, nickte dem Herrn zu und fragte:
»Nicht wahr, dera Anton ist brav?«
»Ich denke es wohl,« antwortete er.
»Er sendet uns nix, weil er selberst nix hat. Meinen Sie nicht auch?«
»Wenn er Ihnen nichts sendet, so scheint er allerdings nichts übrig zu haben. Das Leben in so einer Stadt ist sehr kostspielig.«
»Hörsts, Alter! Ja, er ist doch brav. Er hat nix und braucht doch viel. Meinst nicht, daß wir ihm von den dreihundert Gulden ein- oder zwei Hundert senden?«
»Bei Leibe nicht!« fiel der Fremde schnell ein. »Es scheint zwar, daß er für Sie nichts erübrigen kann, aber was er für sich braucht, das verdient er.«
»Ist das wahr, oder wollens uns nur trösten?«
»Es ist wahr. Ich kann Ihnen mein Wort geben. Uebrigens würde ihn Ihr Geld gar nicht treffen.«
»Warum?«
»Weil er nicht mehr in Wien ist.«
»Wo denn?«
»In Scheibenbad.«
»Herrgottle! Da, wohin wir wollen.«
»Ja. Vielleicht werden Sie ihn treffen.«
»Natürlich, natürlich werden wir ihn treffen, und wenn wir ihn von Haus zu Haus suchen sollten!«
»Ich werde mich erkundigen und Ihnen sagen, wo er wohnt.«
»Sind denn auch Sie dort?«
»Ja. Ich will der Einweihung des neuen Theaters beiwohnen. Deshalb bin ich dort.«
»Und weshalb ist denn unser Anton dort?«
»Ganz aus demselben Grunde, nur daß er dabei activ auftritt, während ich nur den Zuschauer mache.«
»Activ? Was heißt das?«
»Er hilft als Sänger bei der Einweihung. Er singt in dem Theaterstück.«
»Sapperloten!« rief der alte Warschauer. »Da macht er wohl einen Abgott?«
»Abgott? Wie kommen Sie zu dieser Frage?«
»Der Briefbote hat sagt, daß da lauter Göttern auftreten werden.«
»Ach so! Ja, einen solchen Gott hat er allerdings vorzustellen.«
»O, wenn wir das sehen könnten!«
»Sie sollen es sehen. Ich werde Ihnen ein Theaterbillet besorgen.«
»Zwei, zwei! Auch für meine Frauen eins. Sinds doch so gut! Nicht wahr?«
»Ja. Wir werden uns treffen, und dann geb ich sie Ihnen.«
»O, könntens mir nicht auch eins besorgen?« fragte der Bauer. »Ich zahls natürlich gern.«
»Auch Sie sollen eins haben.«
»Schön! Wie gut, daß wir uns hier troffen haben. Also Sie denken, daß wir die Leni sehen werden?«
»Ganz gewiß.«
»Wissens nicht, ob sie noch an den Anton denkt? Seine Eltern sitzen zwar da, aberst wir können dennoch davon reden.«
»So viel ich weiß, ist zwischen ihnen Alles aus. Sie passen nicht zu einander.«
»Das hab ich gleich erst sagt. Wollen uns gleich noch ein Bier geben lassen.«
»Ich nicht mehr,« sagte Warschauer.
»Warum nicht? Ich zahls ja!«
»Wir müssen heim. Die Sonn geht bereits unter, und unser Heimweg ist beschwerlich.
»Ach was heim! Heut ist ein guter Tag. Heut hat mich die Leni eingeladen. Das müssen wir feiern. Das thu ich nicht anderst.«
»Wann wir nicht so alt wären, brauchten wir uns nicht vor dem Weg zu fürchten.«
»Ihr dürft halt nicht vergessen, daß die Leni Euch so ein Geldl geschickt hat. Das ist eine Freud, die auch gefeiert werden muß.«
Er befand sich eben in einer Stimmung, in welcher ihm Alles einen Grund zur Freudenfeier geben mußte.
»Ja, da freuen, wir uns und stürzen dann unterwegs, wanns finster ist, in den Abgrund.«
»Wer sagt Euch denn, daß Ihr heimkehren sollt, wann es finster ist?«
»Nun, wann wir da bleiben, so wirds doch sehr bald dunkle Nacht sein.«
»Und darauf kommt der helle Morgen!«
»Ja, so lang kann man doch nicht bleiben!«
»Warum nicht? Ich freu mich heut, und Ihr sollt Euch auch freuen. Ihr seid meine Gäst und bleibt bei mir.«
»Auf dem Kapellenhof?«
»Ja. Ihr schlaft bei mir, und nicht etwa auf dem Heu und Stroh, sondern ihr sollt die Gaststub haben, die für vornehme Leut da ist.«
Die beiden Alten sahen sich erstaunt an. Eine solche Ehre war ihnen noch nie widerfahren.
»Ja, schaut Euch nur an!« lachte der Bauer.
»Meinsts denn ernstlich?« fragte der Alte.
»Freilich wohl!«
»Wir sollen bei Dir bleiben, wir Beiden?«
»Alle Beid. Oder habt Ihr was Anderes zu thun?«
»Das nicht.«
»Oder glaubt Ihr, daß die Diebe Eure Hütt in der Nacht forttragen, weil Ihr nicht da seid?«
»Das fallt Keinem ein. Die Hütt taugt nix, und es ist auch gar nix drin.«
»Nun, also könnt Ihr getrost da bleiben. Ihr macht mir eine Freud damit.«
Die Beiden blickten sich nochmals an.
»Was meinst, Frau?« fragte er.
»Was meinst Du, Mann?« fragte sie.
»Machs, wie Du willst!«
»Nein, sondern wie Du!«
»Red nicht! In solchen Sachen hat die Frau das Wort. Also sag Du, was geschehen soll!«
»Nun, wannst so meinst, so werd ich freilich wohl gehorchen müssen.«
Sie erhob sich vom Stuhle, machte dem Bauer einen tiefen Knix und sagte:
»Wanns dem Herrn Kapellenbauer so eine Freuden macht, so wollen wir da bleiben.«
»Schön! Sehr gut! Das kann mich gefreuen!« rief der Bauer. »Jetzund muß gleich noch ein Bier kommen. Wir trinken, bis nix mehr da ist.«
Der Fremde hatte dem Zwiegespräch mit sichtbarem Vergnügen zugehört. Jetzt sagte er, indem er fröhlich lachte!
»Das ist doch ein sehr gastfreundlicher Herr, der Kapellenbauer. Das sieht man gern.«
»Nicht wahr? Ja, wir im lieben Bayernland sind ganz andere Leuteln als Ihr da drüben in Oesterreich.«
»O bitte! Auch dort giebt es so gute Menschen. Wie es scheint, halten Sie mich für einen Oesterreicher?«
»Ja. Sie sind doch aus Wien?«
»Ich wohne zuweilen dort. Eigentlich aber stammt meine Familie aus Bayern. Ich hätte fast Lust, auch für mich Ihre Gastfreundschaft zu erbitten.«
»Sie wollen auch bei mir bleiben?«
»Ja.«
»Schön: Das gefreut mich! Das ist mir recht! So Etwas hab ich gern, wenn mir Jemand – –«
Er hielt inne, schob den Hut nach hinten und kratzte sich. Dann fuhr er fort:
»Hm! Da fallt mir ein – – Sappermenten! So was kann mich freilich ärgern.«
»Was denn?«
»Sie sind so ein feiner, vornehmer Herr – –«
»O, nicht allzu sehr!«
»Wanns bei mir bleiben wollen, müssen Sie es doch ein Wengerl hübsch und fein haben. Und nun hab ich da denen Beiden die Gaststub versprochen!«
»Das thut nix.«
»O doch! Wohin soll ich Sie weisen.«
»Wanns so ist,« sagte die Alte, »so verzichten wir auf die Gaststub. Das Heu ist auch weich.«
»Ja, dann könnts gehen,« meinte der Bauer.
»Und ich kann das nicht annehmen,« erklärte der Fremde.
»Warum nicht?«
»Weil es gegen meine Gewohnheiten verstößt.«
»Ach was! Die Warschauersleute sind gern mit einem anderen Lager zufrieden!«
»Geht mich nichts an! Es ist eine alte, ehrwürdige Frau dabei, und gegen Damen soll man stets höflich sein.«
Er sagte das, indem ein wirklich liebenswürdiges Lächeln über seine Züge glitt.
Die gute Alte gab ihrem Manne unter dem Tische einen Stoß und fragte aber laut:
»Hasts hört, Mann?«
»Was?«
»Dame hat er sagt, Dame.«
»Bild Dir nix drauf eini! Du bist die alte Warschauerin und wirsts auch bleiben.«
Der Bauer machte ein sehr eigenthümliches Gesicht. Er maß den Fremden mit erstauntem Blicke und sagte:
»Aber so ein Herr darf doch nicht zurücktreten!«
»Ich trete ja gar nicht zurück.«
»Freilich! Sie wollen ja nicht in die Stuben.«
»Daran habe ich gleich anfangs nicht gedacht.«
»So? An was denn?«
»Meinen Sie, daß ich mich selbst bei Ihnen einladen würde, in Ihr Haus, ich, als Fremder, den Sie gar nicht kennen?«
»Warum nicht?«
»Nein. Das wäre ja gegen alles Herkommen.«
»Was geht mich das Herkommen an!«
»Ich hatte gleich anfangs an eine ganz andere Schlafstelle gedacht.«
»So, an welche denn?«
»Ich wollte allerdings auf ihrer Besitzung schlafen, und darum mußte ich Sie fragen und mich zu Gaste bitten. Aber in Ihrem eigenen Heim kann ich Sie nicht belästigen.«
»Sappermenten, sind das Höflichkeiten! So sagens doch mal, wo Sie schlafen wollen?«
»Droben auf der Alm.«
»Ach, in dera Sennhütten?«
»Ja.«
»Donnerwetter! Da giebts nur Heu!«
»Das ist ja schön.«
»Aberst das paßt nicht für Sie!«
»Wer sagt das?«
»Ich, dera Kapellenbauer, der so was versteht.«
»Sie beurtheilen mich falsch. Ich kann ganz gut und mit Vergnügen im Heu schlafen.«
»Da machens sich Ihr ganzes Gewandl zu schanden. Das kann ich nicht zugeben!«
»O bitte! Ich habe noch einen ganz andern Grund dazu. Den kennen Sie nicht.«
»Darf ich ihn derfahren?«
»Gern will ich Ihnen denselben sagen. Die Leni hat mir nämlich so viel von Ihrer Alm und von der traulichen Hütte erzählt, so daß ich neugierig war, beide einmal zu sehen – –«
»Nun, so schauen Sie sich dieselben an. Da oben liegen sie. Man sieht sie beide.«
»O, mit dem Anschauen bin ich nicht zufrieden. Ich will hinauf. Ich will einmal einen Abend, eine Nacht da zubringen.«
»Ach, Sappermenten! In dera Hütten wollens also schlafen.«
»Ja, wenn Sie es erlauben.«
»Da giebts gar nix zu derlauben. Da kann ein Jeder einkehren, den die Sennerin duldet.«
»So ists ja schön. Ist denn eine Sennerin oben?«
»Ja, sogar zwei, wie es scheint. Da schauens doch mal hinaufi! Die meinige streut eben Salz für die Rinder, da oberhalb der Hütt. Und auf der Bank vor der Hütten sitzt noch eine. Das ist eine fremde. Ob vielleicht die Nachbar-Sennerin herüberkommen ist? Das kann sein. Sie gehen manchmal zu einander. Aberst es wär doch besser, wanns unten bei mir bleiben.«
»Nein, ich will hinauf!«
»Na, wanns nicht anderst wollen, so kann ich Sie nicht festhalten, zumal es zum Andenken meiner Leni ist. Den Stadtherren ist es ja ein Vergnügen, mal so zu schlafen. Das haben sie nicht immer.«
»O,« lächelte der Fremde. »Ich könnte es stets haben. Ich bin nicht eigentlich das, was man einen Stadtherrn nennt.«
»Was denn? Wohnens auch auf dem Lande?«
»Im Sommer fast stets. Ich besitze selbst mehrere Almen.«
»Was? Sie? Wo denn?«
»In Tyrol und auch in Siebenbürgen.«
»Sappermenten! So sind Sie freilich ein reicher Herr.«
»O, es ist nicht so schlimm.«
»Was sinds denn eigentlich?«
»Landwirth.«
»So schauens aber gar nicht aus.«
»Wie denn?«
»Wie ein Officier.«
»Das bin ich so nebenbei.«
»Und wo wohnens denn?«
»Bald in Oesterreich, bald in Bayern, bald in Rußland auf meinen Besitzungen.«
Jetzt machte der Bauer große Augen.
»Besitzungen habens? Was für welche?« fragte er.
»Almen, große Weiden, Rittergütter, Schlösser, einige Paläste in verschiedenen Residenzen und so weiter.«
Bei seinem bescheidenen Wesen hätte er das wohl nicht erwähnt, aber das Erstaunen des reichen Bauers schien ihm Spaß zu machen.
»Herrgottsakra! Da sinds aber doch ein ganz und gar steinreicher Herr!« rief dieser.
»O, es giebt reichere!«
»Darf man Ihren Namen derfahren?«
»Gern. Es ist bei uns Sitte, die Karte zu geben. Hier ist die meinige.«
Er gab sie ihm und der Bauer las:
»Horst Arnim Graf von Senftenberg.«
»Wie heißt das?« fragte er. »Aus Senftenberg sinds?«
»Nein.«
»Da steht es doch!«
»Nicht aus, sondern von Senftenberg.«
»Ach so! Und heißens Graf oder sinds einer?«
»Ich bin einer.«
»Donnerwetter!«
»Horst Arnim sind meine Vornamen. Von Senftenberg aber ist der Name meines Geschlechtes.«
Da schlug der Bauer mit der Faust auf den Tisch und rief mit lauter Stimme:
»Das laß ich mir gefallen! Ein Graf sinds also, eine Erlauchten gar?«
»Ja.«
»Und die Leni kennens?«
»Ich bin ihr Freund.«
»Hört Ihrs, Ihr Leuteln! Paßt auf! Die Muhrenleni hat einen Grafen zum Freunden und Erlauchten. Und in meiner Sennhütt wollens schlafen?«
»Gewiß.«
»Welch eine Ehr! Und dera Leni zu Lieb! Nein, das muß man sagen, das passirt nicht alle Tag! Trink aus, Warschauer! Es muß ein neuer Krug kommen. Und heut sollst drei Kopfkissen haben anstatt nur eins. Ein Graf in einer Sennhütt schlafen! Da muß ich wenigstens dera Sennerin einen Wink geben.«
Er stand auf, trat einige Schritte vor, so daß er von oben gesehen werden konnte, hielt die Hand seitlich an den Mund und jodelte:
»Holderoiho!«
Die Sennerin, welche an der Salzlecke stand, hörte es. Sie kannte das Zeichen ihres Brodherrn, blickte herab, sah ihn stehen und antwortete mit denselben Tönen.
Auf diese Antwort sang er:
»Machs in der Hütten fein und schön;
Du wirst bald einen Fremden sehn!
Juch juch!«
Sie hatte ihn verstanden, den sie sang zurück:
»Laß ihn nur immer aufi steigen;
Bald werd ich ihm das Stadel zeigen.
Juch, juch!«
»Die Sakradira!« lachte er. »In den Heustadel will sie ihn thun. Ja es giebt halt keinen andern Platz da oben. Aberst die Jetzige hat keine Schneid. Die Leni hätt da ganz anderst antwortet. Es war eine Lust, mit ihr zu stanzeln.«
Und sich wieder niedersetzend, fuhr er fort:
»Da hatt' ich mein Leiblied. Wann ich das unten begann, hat sie sofort oben eingesetzt. Seitdem hat mirs keine Andere so zu Dank sungen.«
»Welches Lied war es?« fragte der Graf.
»Es beginnt mit den Worten ›Allweil lustig, frisch und munter‹. Das war was für die Leni. Dera Triller kam dann grad wie eine lange, lange, prächtige Perlenschnur vom Himmel herab. Jetzund aber bei der Jetzigen, das klingt grad, als wann man – na, es ist nicht zu beschreiben!«
»Mußt sie nur in Uebung halten,« sagte Einer, der an einem andern Tische saß.
»Die Uebung thuts nicht.«
»O doch! Mußt sie öfters ansingen!«
»Wann ich nicht muß, fallts mir nicht ein.«
»Soll ichs mal probiren?«
»Kannsts machen. Hab nix dagegen.«
Der Andere trat vor wie vorhin der Bauer und sang hinauf:
»Du herzig schönes Dirndl
Du liegst mir im Sinn,
Du liegst mir im Herzen
Zehn Klaftern tief drin!«
Die Sennerin blickte zwar herab, schwenkte aber verneinend den Arm und antwortete nicht.
»Schaust!« lachte der Bauer. »Sie mag nicht.«
»Muß sie noch mal anreden.«
Er sang:
»Wann der Auerhahn pfalzt
Und der Kukuk laut schreit,
So ist halt gewiß
Mein Dirndl nit weit.«
Aber er erreichte seinen Zweck nicht. Die Sennerin blickte gar nicht einmal herab. Da aber stand die Andere von der Bank auf, hielt die Hand an den Mund und sang:
»Jetzt geh nur gleich eini
Du sakrischer Bu!
Deine Großmutter giebt Dir Zucker
Und ein Schmatzrl dazu.«
Das klang so mächtig und doch so zart, hell und klar. Der Bauer sprang auf, als sei er elektrisirt worden.
»Sapperment! Was ist das für eine Stimme!« rief er aus. »Auch in den Worten liegt gleich eine Schneid. Er soll seine Großmutter küssen, anstatt die Sennerin. So was konnt nur Leni früher machen. Wer mag das Dirndl sein!«
Er legte die Hände über die Augen und sah scharf hinauf. Den Kopf schüttelnd, meinte er:
»Ich brings halt nicht weg. Ob die Nachbarin so eine Stimm hat! Da hätt ichs aberst doch früher hört. Ich muß sie nur gleich mal ansingen!«
Er trat wieder vor und sang hinauf:
»Dein Lied ist nicht übel,
Dein Mäulchen, das beißt;
Drum sing halt nur weiter,
Und sag, wie Du heißt!«
»Nun, wanns eine richtige Dirn ist, muß sie antworten!« sagte er. »Und wir werden gleich hören, obs eine fesche ist oder nicht.«
Der Graf hatte den Vorgang mit großem Interesse beobachtet. Jetzt nahm er den Feldstecher her, den er als Tourist an einem Riemen über die Achsel hängen hatte. Er richtete ihn nach der Alm empor und blickte hindurch. Mit einem glücklichen, befriedigenden Lächeln ließ er das Glas wieder sinken.
Die Sennerin aber antwortete jetzt:
»Schau aufi, schau obi,
Und blick mir ins Gesicht,
Und bist Du ein Tolpatsch,
So erkennst Du mich nicht!«
Und darauf erfolgte ein Jodler, wie er hier in diesem Theile Welt noch niemals gehört worden war.
Früher hatte man die Muhrenleni für die beste Jodlerin, ja für eine Meisterin gehalten. Aber was war das gegen jetzt. Alle die unten Sitzenden sprangen auf und lauschten dem Gesange mit angehaltenem Athem, bis der letzte Triller verklungen war.
»Die Leni, die Leni!« rief der Kapellenbauer ganz entzückt.
»Ists wahr? Ists wahr?« fragte die alte Warschauerin.
»Gewiß! Es ist keine Andere. Nur die Muhrenleni kann so Etwas fertig bringen.«
»Wie kommt die denn da hinaufi?«
»Hinaufstiegen ists halt!«
»Das weiß ich auch!«
»Aberst daß sie mich nicht aufsucht hat!«
Da erklärte der Graf:
»Vielleicht hat sie ihre alte Alm vorher ganz ungestört aufsuchen wollen.«
»Ja, ja, so wirds halt sein, denn ein gutes und tiefes Gemüth hat das Dirndl. Ich muß sie nur wieder ansingen.«
Er sang und sie antwortete. Das war ein Brillantfeuerwerk, aus Tönen zusammengesetzt. Es verscholl durch das Thal, daß die Leute aus den Häusern traten und entzückt emporblickten.
Da trat die Sängerin ganz vor an den Felsenrand und winkte ihm Schweigen zu.
»Ich weiß, was sie will,« rief er. »Paßt aufi! Jetzt kommt mein Lieblingslied!«
Er hatte recht, denn wie der Klang einer gewaltigen Vex-Humana-Stimme der Orgel ertönte es von oben herab:
»Allweil lustig, frisch und munter.
Denn der Bayer laßt nit aus!
Geht die Welt gleich morgen unter,
Machen wir uns gar nix draus.
Jeder, der uns zuhört singen,
Sagt, das sind gar nette Leut,
Bei jedem Jodler möcht man springen;
Ja, im Bayern giebts halt Schneid.
Allweil lustig, frisch und munter,
Denn die Bayern gehn nit unter!«
Sie hielt auf, denn sie wußte von früher her, daß der Bauer nun seine Stimme hören lassen werde. Er sang:
»Auf den Bergen und den Almen
Geht es allweil lustig zu.
Bei den Kühen, bei den Kalben
Jauchzt so gern der Hirtenbu.
Wann der Jäger voller Schneid
Auf die Alma aufi steigt
Und die Senndrin voller Freud
Ihm die rothen Wangerln zeigt.
Allweil lustig, frisch und munter,
Denn die Bayern gehn nit unter!«
Und nun erschallte die letzte Strophe von oben herab:
»Auf die Nacht dann uma Neune
Läutets bei uns zum Gebet,
Wenn man dann so ganz alleine
Droben auf dem Berge steht.
O, wie hebt sich fromm das Herz,
Wenn das Klosterglöcklein klingt
Und die Nachtigall voll Schmerz
Ihre Klagelieder singt.
Allweil lustig, frisch und munter,
Denn wir Bayern gehn nit unter!«
Der Text dieses Liedes war ganz werthlos. Ein Dichter oder Kenner der edlen Dichtkunst hätte mitleidig die Achseln gezuckt. Aber die Melodie war für diese Leute die Hauptsache, und die war freilich herrlich, besonders da man sie aus einem solchen Munde hörte.
Als die Leni geendet hatte, trat sie zurück und ging in die Sennerhütte hinein.
»Sie will nicht mehr singen,« meinte der Bauer. »Das ist schad, jammerschad!«
»Ich verdenke es ihr nicht,« sagte der Graf. »Wissen Sie, wieviel sie in Wien ausgezahlt erhalten würde, wenn sie auf einem Concerte das sänge, was sie jetzt gesungen hat?«
»Nein. Wieviel?«
»Tausend Gulden.«
»Herrgott! Das ist nicht wahr!«
»Es ist wahr. Ich weiß es.«
»So wollt ich, ich hätt auch so eine Gurgel!«
»Das würde Ihnen nichts nützen,« lachte der Herr. »Man singt nicht mit der Gurgel.«
»Womit denn?«
»Mit der Kehle, dem Kehlkopfe.«
»Ich hab denkt, mit dera Gurgel!«
»Da schlingt man.«
»So hab ich halt Schlingen und Singen verwechselt. Aberst jetzt bin ich neugierig, was die Leni machen thut. Ob sie herabkommt.«
»Das glaube ich nicht.«
»Warum?«
»Sie wird die alte Erinnerung auffrischen und oben bleiben wollen.«
»Das geb ich nicht zu!«
»Wollen Sie es ihr verbieten, oben zu bleiben?«
»Nein; aberst ich werd sie bitten, herabzukommen. Ich steig sogleich aufi.«
»Sie werden umsonst steigen.«
»Meinen Sie?«
»Ja. Ich kenne sie. Es ist ihr jedenfalls ein Herzensbedürfniß, wieder einmal da droben allein zu sein. Da läßt sie sich nicht gern stören.«
»Ach was stören! Ich bin nicht gern allein, und Niemand ist gern allein. Sie muß herab!«
»Lassen Sie sie oben.«
»Nein, nein! Ich steig aufi!«
»So lassen Sie wenigstens mich an Ihrer Stelle gehen!«
»Meinens denn, daß sie auf Sie mehr hört, als auf mich?«
Das klang fast, als ob er sich in diesem Falle beleidigt fühlen würde.
»Das will ich nicht sagen; aber ich glaube, daß ich die Worte eher finden würde als Sie.«
»Ach so! Ja, jodeln kann ich schon, aberst schöne Worten machen, das bring ich halt nicht fertig. Die Leni muß herab. Die guten Warschauers sind auch da; mir und denen würd's eine gar große Freud bereiten.«
»So will ich hinauf, um es zu versuchen.«
»Ja. Oder halt! Nicht Sie allen, sondern ich steig mit. Ich will mir die Ehre nicht nehmen lassen, meine frühere Sennerin selbst willkommen zu heißen.«
»So kommen Sie!«
»Ja gleich! Aberst Ihr müßt hier sitzen bleiben! Daß Ihr ja nicht fort geht!«
Diese Worte waren an das alte Ehepaar gerichtet. Der Mann antwortete:
»Hab keine Angst, Bauer. Wann die Leni da ist, so reißen wir nicht aus.«
»Und wann ich noch so lang oben bleib, so bleibt Ihr hier sitzen. Trinkt nur weiter fort! Ich werd Alles zahlen.«
Er eilte dem Grafen nach, welcher rasch voraus ging. Diesem war jedenfalls der Gedanke, die Sennerin zu stören, nicht lieb. Noch unlieber aber war es ihm, daß er, da sie nun doch einmal geholt werden solle, nicht allein zu ihr gehen durfte.
Natürlich ließ er sich davon nichts merken. Er war mit dem Bauer so freundlich wie vorher, und bald zeigte es sich, daß ihm die Begleitung desselben nicht ganz nutzlos sei. Und zwar erstens in Beziehung des Weges, den er nicht kannte, und zweitens in Beziehung auf die einstige Sennerin, von welcher der einfache Mann dem Aristokraten ein Bild entwarf, welches gar nicht anmuthender und sympathischer sein konnte.
Das geschah während des Aufsteigens.
»Und nun möcht auch ich noch etwas wissen,« fuhr der Bauer im Gespräch fort. »Wann Sie die Leni kennen, so werden Sie es wissen – was ich meine, und das müssen Sie mir sagen: Hat die Leni einen Schatz?«
Diese Frage war so gradaus und kräftig, daß der Graf fast über dieselbe erschrak. Er wußte nicht sogleich zu antworten und gegenfragte also:
»Was verstehen Sie unter einem Schatz?«
»Das wissens nicht?«
»So genau nicht. Wir haben da wohl andere Ausdrücke, deren wir uns bedienen.«
»Ja, bei denen seinen Leutln heißt eben Alles anderst. Da heißt ein Wagen eine Chaise, ein Schreiber ein Actuar, und ein Spitzbub ist ein Politikus. Wir aber sagens, wie es ist. Einen Schatz nennen wir denjenigen Buben, der zu seinem Dirndl ans Fenster darf.«
»Wohl auch hinein?«
»Ja, wenn sie denken, daß sie von den Alten nicht derwischt werden, steigt er auch eini.«
»In diesem Sinne hat sie freilich keinen.«
»So! In welchem Sinne denn?«
»In gar keinem Sinne. Sie ist noch frei.«
»Das wundert mich. So ein bildsauberes Dirndl. Mag sie denn Keiner?«
»Sie scheinen anzunehmen, daß ein Mädchen unbedingt einen Anbeter haben muß, und daß es für sie eine Schande ist, wenn sie keinen hat?«
»Fast ists so. Bei uns hat fast Jede den ihrigen. Jetzunder sehens sich leider bereits als Schulbuben nach einem Dirndl um. Aberst einen Anbeter giebts bei uns freilich nicht. Anbetet wird Keine.«
»Das Wort ist hier auch nicht so im eigentlichen Sinne zu nehmen.«
»Ja, bei uns küßt man das Dirndl; man schwenkt sie im Saal herum, aberst anbeten thut man sie nicht. Also die Leni hat wirklich gar Keinen?«
»Nein.«
»Auch nicht Einen, der ihr zuweilen ein Busserl geben darf?«
»Auch einen solchen nicht. Aber wenn es zur Beruhigung Ihrer Seele dienen kann, so will ich Ihnen sagen, daß es Viele, Viele giebt, welche sehr, sehr glücklich sein würden, wenn die Leni ihnen ihre Hand reichen wollte.«
»Was meinens mit dem Hand reichen?«
»Hm! Heirathen natürlich.«
»Sappermenten! Also giebts doch Welche, die ein Aug auf sie werfen?«
»Viele!«
»Was sind es denn für Kerlen?«
»Leute der verschiedensten Stände.«
»So mag sie sich nur in Acht nehmen. Das werd ich ihr sagen. Diese Kerls taugen alle nix.«
»Wie? Was?«
»Alle, Alle nix! Ich kenne das.«
»Ich setze aber den Fall, daß – –«
»Sein Sie nur still! Hier wird gar kein Fall gesetzt als nur der eine, daß sie Alle nix taugen. Sie mag sich einen tüchtigen Bauer nehmen. Sie versteht die Milch- und Käsewirthschaft aus dem Fundament, und das ist das beste Brod, was es auf Erden giebt.«
»Ich habe bisher geglaubt, daß es auch andere Berufszweige gebe –«
»Still! Diese andern Berufszweige sind keine grünen Zweige. Geld bleibt Geld, und Bauer bleibt Bauer. Das ist dera beste Stand. Schauns mal mich an! Bin ich nicht ein bildsauberer Kerlen?«
Er blieb stehen und stellte sich vor den Grafen hin. Dieser antwortete lächelnd:
»Uebel sind Sie nicht. So ein echtes Bild urwüchsigen Volksthums.«
»Von diesem Urwuchs versteh ich nix. Bei Ihnen heißt und ist eben Alles anders, und darum muß die Leni einen Bauer heirathen, weil sie bei denen Kühen aufiwachsen ist. Doch wir sind nun oben. Noch um diese Ecke, dann steht die Sennhütten vor uns.«
»Gehen wir alle Beide zu ihr?«
»Wie denn sonst?«
»Ich dächte, daß Einer genügt?«
»So wollen wohl Sie hin?«
»Nein. Gehen Sie. Ich werde eine kleine Strecke emporsteigen, so hinter die Hütte. Sagen Sie aber nicht, daß ich mit hier bin.«
»So? Warum denn nicht?«
»Ich möcht sie überraschen.«
»Sapperment! Wollens ihr einen Schrecken in den Leib jagen? Das duld ich nicht.«
»Sie wird nicht über mich erschrecken. Ich möchte nämlich gern wissen, wie sie mich empfängt, wenn sie mich so unerwartet erblickt.«
Er wollte aus ihrem Verhalten erkennen, ob seine Anwesenheit ihr lieber sei als die Störung, welche sein Kommen ihr bereitete.
Der Bauer sah ihm scharf in das Auge, betrachtete ihn vom Kopf bis zu den Füßen, legte ihm die Hand auf die Achsel und fragte:
»Wollen Sie sie heirathen?«
Der Graf wurde natürlich durch diese Gradheit nicht blos unangenehm berührt, sondern geradezu verletzt.
»Mein Gott, welch eine Frage!« rief er aus.
»Diese Frage ist ganz am richtigen Platz. Die Leni ist fast so gut wie ein Kind. Ich will sie glücklich sehen und schlag einen Jeden nieder, ders nicht aufrichtig mit ihr meint. Verstehens mich?«
Diese Zuneigung zu der einstigen Magd rührte den Grafen doch. Er sah ein, daß er diesen Mann ganz anders beurtheilen müsse. Darum antwortete er lächelnd:
»Sie sprechen ja deutlich genug!«
»Ja, es giebt halt Leut, mit denen man nicht deutlich genug reden kann! Ich denk mir halt, daß Sie auch ein Aug auf sie geworfen haben?«
»Eigentlich ist die Leni vollständig selbstständig, und es hat Niemand mir eine solche Frage vorzulegen. Da Sie aber ein solcher Freund von ihr sind, will ich ohne Weigerung antworten, daß ich sie liebe.«
»Liebe? Was ist das? Ich frag abermals: Wollen Sie sie heirathen?«
»Ja.«
Das hatte der Bauer nicht erwartet. Er hatte geglaubt, den Grafen abwehren zu müssen, wie ein bissiger Kettenhund den Dieb verjagt.
»Sapperment!« rief er aus. »Wissens, was das heißt, heirathen? Wissens das?«
»Ich traue mir zu, daß ich es weiß.«
»Das heißt, zum Pfarrer gehen und auf das Standesamt! Das heißt, sich niemals wieder von ihr trennen können!«
»Gewiß!«
»Sie zur Herrin machen in Haus und Hof, in Wald und Feld, Alles mit ihr theilen, das Eigenthum, die Freud und das Leid!«
»Wollte Gott, ich dürfte das!«
»Wie? So haben Sie es im Sinn, wirklich so? Trauen wollen Sie sich lassen?«
»Was denn anders?«
»Oder machens ihr das nur weiß?«
»Herr, denken Sie nicht so schlecht von mir!«
»Schon gut, schon gut! Ich weiß nun fast, woran ich mit Ihnen bin. Wissens, grad die vornehmen Herren haben das gelernt, daß sie von ewiger Liebe und unendlicher Treue sprechen; aber die Treue ist gar nicht vorhanden, und die Liebe währt nur eine kurze Stunde. So einen Kerl, wann er mir die Leni anrühren wollt, schlüg ich alle seine Knochen entzwei!«
»Nun,« lachte der Graf, »so werden die meinigen ganz bleiben!«
»Das ist Ihr Glück. Aberst habens sich auch überlegt, was für eine Frau Sie bekommen?«
»Die beste, die es geben kann!«
»Das ist so sicher und gewiß wie das Amen im Vaterunser. Aber sie ist blutarm!«
»Es wird mich beglücken, sie reich machen zu dürfen!«
»Eine arme, bürgerliche Waise!«
»Desto größer wird meine Liebe sein!«
»Und sie hat nicht das Dings, was Sie Bildung nennen. Verstehen Sie?«
»O, was das betrifft, so besitzt sie einen Schatz von Herzensbildung, wie ich ihn noch bei keiner Anderen gefunden habe.«
»Sappermenten, das gefallt mir! Wanns nach Ihnen geht, so ist die Leni ein wahrer Engel.«
»Ich halte sie für kein überirdisches Wesen; aber unter den Irdischen, die ich kennen gelernt habe, ist sie die Würdigste, glücklich zu werden.«
»Schön! Also Sie sind ihr gut. Wissens denn, ob sie auch Ihnen gut ist?«
»Ich hoffe es.«
»Hörens, mit dera Hoffnung, da muß man vorsichtig sein! Da es Ihr heiliger Ernst ist, so seh ich ein, daß es ein unendliches Glück für die Leni ist, Sie kennen lernt zu haben, und ich bin nun Ihr Freund. Schauens, daß Sie Sicherheit erlangen! Lassens nicht hinhängen, bis ein Anderer kommt! Redens bald und schnell mit ihr!«
»Bitte, bitte, das läßt sich nicht überstürzen. Sie hat keine Ahnung, daß ich nach hier gekommen bin. Aus dem Empfang, den sie mir bietet, werde ich ersehen können, was ich zu erwarten habe.«
»Ja,« lachte der Bauer. »Wanns Ihnen entgegenspringt und an Ihren Hals fällt, dann ist's gut. Wanns Ihnen aberst eine tüchtige Ohrfeigen in das Gesichten haut, so ists ab. Nicht?«
»Nun, dieses Beides habe ich weder zu hoffen, noch zu befürchten, denke ich.«
»Weiß schon! Die Leni ist eine gar Bedächtige. Sie thut nix mit Eile; aberst was sie thut, das ist gut und überlegt.«
»Verstehen Sie nun, warum ich sie überraschen will?«
»Ja. Ich kanns mir schon denken. Ich bin zwar kein Graf, sondern nur ein Bauer, aberst in ein Menschengesicht hab ich auch schon schaut. Da kommts auf einen einzigen Blick, auf einen Mienenzug, auf einen kleinen Schritt oder eine Bewegung an. Und da hab ich gar nix dawider, daß Sie die Leni überraschen wollen.«
»Also gehen Sie allein?«
»Ja.«
»So steige ich einstweilen da hinauf.«
Der Bauer blickte sich um.
»Nein,« sagte er. »Da würde sie Sie sehen, wann ich noch dabei bin. Das darf nicht sein.«
»Wie? Sie wollten –?«
»Ja, ich will!« nickte er lächelnd. »O, wir haben halt auch unsere Bildung. Vielleichten geh ich gleich wieder und möcht Ihnen noch was sagen, wobei sie nicht ist. Bleibens also hier zurück. Setzens sich da auf den Stein, und wartens, bis ich wiederkomm.«
Er ging.
Der Graf erkannte, daß dieser scheinbar ungeleckte Bär doch ein Zartgefühl besaß, welches Einer, der ihn nur nach seinem Aeußeren beurtheilte, ihm sicher nicht zutraute.
Er setzte sich nieder und wartete.
Unter ihm lag das Thal mit dem Orte, aus welchem er emporgestiegen war. Dort stand die Kirche, in welcher sie während des Gottesdienstgesanges ihre Stimme hatte erklingen lassen, ohne zu ahnen, welch einen Schatz sie in derselben besaß.
Daneben stand ein weiß getünchtes Gebäude, kein Bauernhof und auch keine Häuslerswohnung. Das war jedenfalls die Schule, in welcher sie als Kind gesessen und gelernt hatte. Das A-b-c, für ihn ein unfaßbarer Gedanke. Dieses herrliche Wesen das A-b-c!
Und hier oben hatte sie dann geweilt, vom Frühjahr bis zum Herbste. Hier hatte sie Alles, was sie ihm so aufrichtig erzählt hatte, innerlich und äußerlich erlebt.
Er holte tief, tief Athem. Es wurde ihm so fromm, so heilig zu Muthe. Es war ihm, als ob er sich in einem Gotteshause befände.
Sein geistiges Auge richtete sich nach innen. Er sah nicht die Welt um sich her, in welcher die Dämmerung leise einzutreten begann. Er merkte auch nicht, wie die Minuten verrannen, und fuhr fast erschrocken auf, als er die Stimme des Kapellenbauers hörte:
»Nun, da sitzens ja noch. Ist Ihnen nicht lang worden bis jetzt?«
»Nein.«
»Da Habens gewiß an Diejenige dacht, welche nix von Ihnen wissen will.«
Der Graf erbleichte.
»Nichts?« fragte er stockend. »Haben Sie Etwas gesagt? Haben Sie gefragt?«
»Nein. Haben's keine Angst! Ich wollt auch mal so eine Probe machen auf dem Angesicht.«
»Mit mir?«
»Ja. Sie sind so erschrocken, daß ichs sehen hab, wie lieb sie ihnen ist. Gehens zu ihr!«
»Wo ist sie?«
»Drinnen in dera Hütten. Sie wollt mich ein Stuckerl begleiten; ich aberst habs nicht gelitten.«
»Da hätte sie mich hier gesehen.«
»Eben darum.«
»Geht sie hinunter?«
»Ja, sie kommt. Sie wär morgen früh kommen. Aberst weil die alten Warschauers hier sind und wegen ihr hier bleiben, will sie hinabkommen.«
»Warum ging sie nicht mit Ihnen gleich?«
»Sie hat sagt, sie wolle noch einmal da sitzen, wann der Abend auf die Alm herniedergeht. Sie will an die Vergangenheit denken.«
»Und da bin ich gekommen, sie zu stören!«
»Schadet nix. Bringen Sie sie dann hinab.«
»Schön! Aber ich wollte ja hier oben bleiben!«
»Daraus wird nun nix. Sie bleiben bei mir. Ich werd schon für einen guten Platz sorgen.«
Er ging fort, den Berg hinab.
Der Graf erhob sich langsam und trat an die Felsenecke. Das Häuschen lag vor ihm. Es hatte auf dieser Seite kein Fenster. Leni konnte ihn nicht kommen sehen. Die Sennerin war auf die Höhe gestiegen und trieb die Rinder und Ziegen herab. Von ihr war keine Störung zu befürchten.
Er schritt rasch auf die Sennhütte zu. Wollte er von vorn nach der Thüre gelangen, so mußte er an dem kleinen Fenster vorüber, welches sich neben der Thür befand. Darum ging er um das Gebäude hinten herum und kam nun von der entgegengesetzten Seite an die Thür.
Diese stand offen. Er war leise, sehr leise aufgetreten. Sie konnte ihn nicht kommen hören. Er streckte den Kopf vor. Der Raum schien leer zu sein.
Als er aber zwischen der offenen Thür und der Mauer hindurchblickte, sah er sie auf einem Holzschemel sitzen. Sie sah durch das Fenster.
Sie trug ihr altes Sennengewand mit dem kleinen Hütchen auf dem Kopfe. Ihr Gesicht war bleich, ihr Auge groß und ernst auf die Spitzen der Berge gerichtet. Ihre Lippen bewegten sich, und die Kugeln des Rosenkranzes glitten durch ihre jetzt so weißen Finger – sie betete.
So konnte er sie nicht stören. Er trat zurück. Er hatte das leise thun wollen, aber ein Steinchen knirschte unter seiner Sohle.
»Hast die Rinder da, Marie?« fragte sie. »Jetzt werd ich Dir helfen.«
Sie glaubte, die Sennerin habe das Geräusch verursacht, und stand auf. Als sie an die Thür trat, sah sie ihn stehen.
Ihre beiden Hände fuhren nach der Brust. Dann breitete sie die Arme aus.
»Armin – –!«
Es war, als ob sie sich auf ihn werfen wolle. Da aber sanken die Arme wieder herab, und eine glühende Röthe überzog ihr Gesicht.
»Graf, Sie!« hauchte sie.
»Ja, ich, Leni! Sie erschraken. Bin ich Ihnen unwillkommen?«
»Nein, nein. Ich dachte soeben an Sie.«
»An mich? Wirklich? Wie glücklich mich das macht.«
»Ja, ich dachte, daß Sie nun wohl in Scheibenbad angekommen sein würden.«
»Ich fuhr die Nacht und kam heut früh dort an. Da hörte ich, daß Sie mit dem ersten Zuge nach hier seien.«
»Wer sagte es Ihnen?«
»Frau Salzmann.«
»Ja, die allein wußte es.«
»Ich bin mit dem nächsten Zuge gefolgt. Es drängte mich, Sie zu begrüßen. Ich hatte sie so lange nicht gesehen.«
»Zwei Wochen lang. Welche Ewigkeit!« lächelte sie.
»Ja, eine Ewigkeit war es!« nickte er ernst. »Aber Sie haben mich noch gar nicht einmal willkommen geheißen.«
»Haben Sie mich begrüßt?« fragte sie.
»Ach, nein! Ich zeihe Sie eines Fehlers und habe denselben doch selbst begangen. Gott grüße Sie, Leni!«
Er reichte ihr die Hand. Sie schlug kräftig ein und antwortete heiter:
»Dank schön, und willkommen auch. Wollen Sie ein Milchen, ein Käs und Brod? Oder soll ich Ihnen lieber einen Schmarren backen?«
»Nichts von alledem! Danke!«
»Aber das ist so Sennerbrauch!«
»Der gilt nichts, denn Sie sind Talmisennerin.«
»Schauens, wie Sie das so sagen können! Ich bin im Stand, häng den Gesang an den Nagel und steig wieder auf den Berg. Sie glauben nicht, wie glücklich ich hier gewesen bin.«
»Und jetzt sind Sie es nicht mehr?«
»Vielleicht nicht, vielleicht doch! Ich kann es ja nicht sagen.«
»Nun, wenn Sie es nicht sind, so hoffe ich zu Gott, daß Sie es noch werden.«
Sie trat zurück und deutete nach innen.
»Wollen Sie eintreten oder bleiben wir lieber im Freien?«
»Wie Sie wollen.«
»Draußen ist es mir lieber.«
»So weilen wir hier. Kommen Sie!«
Sie trat hinaus, legte den einen Arm in den seinen, deutete mit dem andern rundum und sagte:
»Schauen Sie, das war mein Reich. Das gehörte mir. Jetzt ists mir genommen worden.«
»Ein herrliches Reich, aber eng und klein.«
»Wir Frauen sind ja im Kleinen so glücklich.«
»Und es gehörte Ihnen doch nicht!«
»Habe ich jetzt etwa ein Anderes?«
»Ja, das herrliche Reich der Kunst.«
»Das gehört nicht mir. Da bin ich eine Unterthanin wie jede Andere auch. Setzen wir uns auf diese Bank. Da habe ich so oft mit meinem alten Sepp gesessen, und zuletzt gar mit dem Könige.«
Sie setzten sich neben einander.
»Was fühlten Sie damals, als der König neben Ihnen saß?« fragte er. »Waren Sie beklommen?«
»Nein, gar nicht. Es war mir, als ob ein ganz gewöhnlicher Mann bei mir sei. Und doch war ich voller Ehrfurcht und Respect. Es war zu späterer Tageszeit als jetzt, und zuletzt mußte ich ihm ein Lied singen.«
»Das war wohl jener Abend, an welchem der Krickelanton ihn vom Tode rettete?«
»Ja. Der Bär war hinter dem Hause. Der Anton lief dann im Mondscheine über jenen Felsengrad hinüber.«
Der Graf wendete den Blick nach der bezeichneten Richtung.
»Da hinüber!« rief er schaudernd. »Wie ist das möglich. Das traue ich nicht einmal einem Seilkünstler zu.«
»O, Sie wissen nicht, was ein tüchtiger Sohn der Berge leistet. Und der Anton war berühmt.«
»Er wäre es auch jetzt, wenn – – –«
Er unterbrach sich. Sie blickte ihn lächelnd an und fragte:
»Warum sprechen Sie nicht weiter? Ich kenne gar wohl den Grund.«
»Schwerlich!«
»O, gewiß.«
»Nun, welcher ist es?«
»Sie schweigen aus Zartgefühl. Sie denken, ich fühle mich genirt, wenn von dieser Person die Rede ist. Habe ich Recht?«
Er nickte still.
»Sie irren sich, lieber Freund.«
»Wirklich?«
»Ja. Nur wenn ich mir irgend Etwas vorzuwerfen hätte, würde ich mich scheuen, von ihm zu hören.«
»Leni! Was sagen Sie! Diese Bemerkung ist ja ganz und gar überflüssig!«
»Sehen Sie! Ich habe geglaubt, ihn zu lieben. Aber was ich für Liebe hielt, war romantisches Mitleid. Er war gefürchtet und gehaßt. Das that mir weh. Da haben Sie Alles.«
»Und jetzt denken Sie nicht mehr an ihn?«
»Warum nicht?«
Sie richtete ihre Augen voll und ernst auf ihn. »Er thut mir leid.«
»Daran erkenne ich Sie, Leni. Wenn Sie mit ihm Mitleid fühlen, darf ich vielleicht hoffen, daß Sie auch mir verzeihen werden.«
»Was hätte ich Ihnen zu verzeihen?«
»Daß ich Sie heut hier überfalle.«
»Dafür sollte ich Ihnen allerdings zürnen!«
»Nicht wahr?«
»Ja. Ich wollte ganz allein mit mir und meinen Gedanken sein.«
»Und nun entreiße ich Sie Ihren Erinnerungen. Kann ich auf Gnade rechnen?«
»Ich bin Ihnen vielmehr dankbar, daß Sie meine Träumerei unterbrochen haben. Ich habe mit der Vergangenheit abgeschlossen und lebe nur für die Gegenwart und Zukunft. Also sollte ich mich nicht mehr mit solchen Reminiscenzen befassen. Zürnen kann ich Ihnen folglich darüber nicht; aber es giebt ein Anderes, was mir Grund giebt, Ihnen recht, recht bös zu sein.«
»Welches Verbrechen hätte ich denn da begangen?«
»Sie sind – – ein Fälscher.«
Er lächelte ihr unbefangen zu.
»Ein Fälscher? Ich? Wieso?« fragte er.
»Ich denke, meine Anklage soll Sie gradezu niederschmettern, und sehe Sie lächeln. Ich bin ganz fassungslos!«
»Ueber meine Gottlosigkeit?«
»Ja.«
»Ich scheine also ein sehr schlimmer Sünder zu sein. Meinen Sie nicht auch?«
»Ja. Von Reue giebt es keine Spur.«
»Leni, scherzen Sie, oder haben Sie wirklich Etwas gegen mich?«
»Wirklich!« nickte sie ernst.
»So sagen Sie mir schnell: Was!?«
»Ich sagte es Ihnen bereits. Sie sind ein Fälscher. Können Sie das ohne Zittern hören?«
»Ich fühle mich factisch nicht im Stande, den Grund dieser Anklage zu erkennen.«
»So muß ich deutlicher sein: Sie fälschen Briefe und Unterschriften. Es ist entsetzlich!«
Es wurde schnell dunkel, dennoch sah sie, daß er tief erröthete.
»Wollen Sie es leugnen?« fragte sie.
»Nein. Es ist leider an den Tag gekommen.«
»Und mich haben Sie in ein ganz falsches Licht gebracht durch diese Manipulationen.«
»Darf ich mich entschuldigen?«
»Ich glaube nicht, daß Sie das vermögen.«
»Vielleicht doch, Leni. Es kam mir nämlich ein Gedanke, welchen ich für einen köstlichen hielt. Sie werden voraussichtlich bei der Einweihungsvorstellung große Triumphe feiern und – – –«
»Bitte, bitte!« unterbrach sie ihn.
»O, ich schmeichle nicht, sondern ich spreche meine Ueberzeugung aus. Man hat Sie so lieb allüberall, wo Sie geweilt haben. Ihre alten, braven Freunde würden gewiß glücklich sein, wenn sie Zeugen dieser Triumphe sein könnten. Ihre ersten und ältesten Freunde haben Sie hier. Sie sind es am meisten Werth, daß man ihrer gedenkt, und da habe ich ihnen von Wien aus die Briefe geschrieben. Ich wollte Sie überraschen. Ich glaubte, Sie würden sich freuen, wenn Sie Ihren alten, ehrwürdigen Pfarrherrn, Ihren früheren Brodherrn und die guten Warschauers sehen würden. Und nun höre ich, daß ich mich getäuscht habe.«
Sie konnte sein Gesicht nicht mehr deutlich sehen, weil es immer mehr dunkelte; aber sie hörte es seiner Stimme an, daß er wirklich schmerzlich berührt war. Sie griff hinüber, nahm seine Hand, drückte sie leise und sagte:
»Nein, mein lieber Freund, Sie haben sich nicht getäuscht. Sie haben mich erfreut. Ich scherzte nur. Wie kann ich Ihnen zürnen, wenn Sie daran denken, mich zu erfreuen!«
»Das beruhigt mich außerordentlich. Sie glauben nicht, wie ich erschrak, als ich hörte, daß Sie hierher seien. Ich ahnte doch, daß Sie von dieser, wenn auch gut gemeinten Fälschung hören und mir zürnen würden. Darum eilte ich Ihnen so schnell nach.«
»Ah, deshalb also?«
»Ja.«
»Lieber Graf, Sie desavouriren sich selbst.«
»Wieso?«
»Vorhin sagten Sie, die Sehnsucht habe Sie hierher getrieben.«
»Das ist ebenso wahr.«
»Ich soll das glauben?«
»Ich bitte Sie herzlich darum! Ich habe mich wirklich gesehnt; aber trotz meiner Sehnsucht wäre ich in Scheibenbad geblieben, um dort Ihre Rückkehr zu erwarten. Ich mußte mir ja sagen, daß Sie nur darum nach der Heimath gegangen seien, um die Erinnerung zu genießen, und da muß man ja ungestört sein. Aber die Sorge, daß Sie von meinen Briefen hören würden, ließ mich diese Pflicht der Höflichkeit und Rücksicht vergessen und trieb mich Ihnen nach.«
»Sie verstehen, sich gut zu vertheidigen.«
»Weil ich nur die strenge Wahrheit sage.«
»Und den lieben Warschauers haben Sie nicht nur geschrieben, sondern ihnen auch Geld geschickt!«
»Das wissen Sie?«
»Vom Kapellenbauer.«
»Der also, der hat es verrathen!«
»Verrathen hat er es nicht. Er glaubte, ich sei die Urheberin des Briefes, den er erhalten hat, und sprach davon. Ich hatte natürlich keine Ahnung und ließ ihn mir zeigen.«
»Da erkannten Sie meine Handschrift?«
»Ja. Er sagte mir, daß ich auch an Warschauer geschrieben und ihm das Geld geschickt habe.«
»Sie sind doch nicht etwa so grausam gewesen, mich zu verrathen?«
»Eigentlich hätte ich Sie dadurch bestrafen sollen.«
»So grausam sind Sie nicht!«
»Meinen Sie? Nun ja, Sie können Recht haben. Ich habe Ihre Ehre gerettet und mich zu Ihren Sendungen bekannt.«
»Dank, herzlichen Dank, Leni!«
»Nicht so schnell! Ich habe im Stillen natürlich eine Bedingung daran geknüpft, daß ich Ihnen die dreihundert Gulden zurückzahlen darf. Sie haben das Geld ja nur ausgelegt.«
»Aber Leni!«
»Sie wollen nicht?«
»Nein.«
»So werde ich es sagen müssen, daß Sie der Spender waren. Oder wünschen Sie, daß ich mich mit fremden Federn schmücken soll?«
»Dieses Mal, ja, denn es sind die Meinigen.«
»Nun, darüber werden wir ja noch sprechen. Ich erfahre erst durch den Kapellenbauer, daß die armen Leute jetzt gehungert haben! Ich habe ihnen bei meinem Banquier ein für alle Mal einen kleinen Beitrag angewiesen, den er ihnen monatlich zu senden hat. Er muß diese Notiz übersehen haben, und ich bin Ihnen doppelt dankbar, daß Sie die Noth gelindert haben.«
»Ich wollte, Sie gäben mir die Erlaubniß, recht viel für Ihre Bekannten zu thun!«
»Dann müßte ich Sie zu meinem Banquier machen, und das kann ich einem Grafen von Senftenberg nicht zumuthen.«
»Thun Sie es, thun Sie es,« bat er, ihre Hand ergreifend und in der seinigen behaltend.
»Führen Sie mich nicht in Versuchung! Ich könnte ihr unterliegen.«
»Das wäre mein größtes Glück.«
»Uebrigens haben sich unsere Wünsche begegnet, der des Königs, der Ihrige und der meinige.«
»Welche Wünsche?«
»Daß meine Bekannten sich an meinen sogenannten Triumphen erfreuen sollen. Der König wünscht, daß bei der Festvorstellung alle diejenigen Personen zugegen sind, welche in der letzten Zeit mehr oder weniger seinem beglückenden Einflusse unterlegen haben.«
»Zum Beispiel?«
»Ich, um mich gleich zuerst zu nennen, der Fex, dann Max Walther, welche Beide überhaupt anwesend sein müßten, weil sie der Dichter und Komponist des Stückes sind, ferner der Elephantenhanns, welcher die prächtigen Decorationen gemalt und auch die herrlichen Wandgemälde geschaffen hat. Rudolph von Sandau ist als Baumeister natürlich eine Hauptperson. Sodann kommen Diejenigen, welche indirect betheiligt sind, wie der Sepp und Andere. Uebrigens ist dem alten Sepp das Allermeiste zu danken. Er ist so zu sagen unsere Vorsehung gewesen. Endlich kommen noch viele Andere, eine bunte Reihe von Personen, die Sie selbst dem Namen nach noch nicht kennen, die aber in irgend welcher Weise mit dem Könige und seinen Schützlingen in Berührung gekommen sind.«
»Wie Ihre liebe Frau Salzmann?«
»Ja. Auch Herr Commerzienrath Hesekiel Hamberger in Wien.«
»Warum der?«
»Weil er mich so zu sagen in Wien eingeführt hat. Ich sang ja zuerst bei ihm.«
»Ja. Bei ihm lernte ich Sie kennen!«
»Was Sie noch sehr bereuen werden.«
»Niemals, nie!«
»Wollen es abwarten.«
»Also alle diese Personen erhalten eine Einladung und von wem?«
»Hm! So unter der Hand.«
»Wird man auch einen gewissen Bewunderer von Ihnen, welcher Senftenberg heißt, mit einer Einladung bedenken?«
»Wie? Sie bewundern mich?«
»Zweifeln Sie daran?«
»Ich will das später untersuchen. Aber wenn Sie es wünschen, sollen Sie von mir eine Karte erhalten.«
»Für welche ich Ihnen im Voraus den herzlichsten Dank sage, beste Freundin.«
»Seien Sie zurückhaltender mit Ihrem Dank!«
»Warum?«
»Sie könnten die Zusendung der Karte wohl nicht als ein dankenswerthes Ereigniß empfinden.«
»Dieser Fall tritt nie ein.«
»Vielleicht doch! Nämlich die Geladenen haben eine gewisse Bedingung zu erfüllen.«
»Eine unangenehme?«
»Mir ist sie angenehm.«
»Dann mir auch.«
»Warten Sie! Nämlich nach der Vorstellung, wenn das Publikum sich entfernt hat, wird die Bühne nebst dem daran stoßenden Parquet in einen Saal umgewandelt, auf welchem tapfer getanzt werden soll.«
»Herrlich!«
»Hm! Es soll kein Rangunterschied gelten.«
»Das ist ja köstlich!«
»Meinen Sie? Wenn Sie nun bei der Damentour von der alten Barbara oder meiner dicken Frau Gualéche engagirt werden?«
»So tanze ich mit dem größten Vergnügen. Das können Sie mir glauben!«
»In diesem Falle ist eine Karte für Sie bereit. Uebrigens haben die betreffenden Personen keine Ahnung davon, was ihrer wartet. Sie dürfen nichts verrathen.«
»Ich schweige natürlich. Schauen Sie, wie unten die Lichter erwachen. Die hellen Laternen, das muß beim Gasthofe sein.«
»Ja, da sitzt der Kapellenbauer mit anderen und wartet, daß ich singen soll. Er hat mich darum gebeten.«
»Haben Sie es zugesagt?«
»Nein. Ich habe mir vorhin Genüge gethan, und nun soll man nicht denken, daß ich auch am Abende noch vom Berge herabsinge.«
Da kam ihm ein Gedanke. Würde sie auch ihm die Bitte abschlagen? Das war eine Probe ihrer Herzensgesinnung.
»Leni,« sagte er, »Sie haben hier oben auf den Wunsch des Königs gesungen. Wenn ich nun auch so eine Bitte ausspräche?«
Sie antwortete erst nach einer Weile:
»Liegt Ihnen Etwas daran?«
»Ja. Ich möchte Ihre unvergleichliche Stimme einmal durch eine stille Alpennacht dringen hören.«
»Da Sie es sind, sollen Sie sie hören.«
»Wirklich? Wirklich?« fragte er erfreut.
»Ja. Was soll ich singen?«
»Was Sie wollen. Aber ernst muß es sein, fromm und heilig, grad so, wie es mir jetzt zu Muthe ist.«
»Dann will ich Ihnen die neueste Composition unseres Fex vorsingen. Sie ist herrlich.«
Sie stand auf und entfernte sich ein Stück von der Hütte, nach dem Felsenrande zu, damit ihre Stimme besser zu Thale schallen möge. Er ging ihr nach. Sie standen eng neben einander, als sie begann:
»Schon fängt es an zu dämmern;
Der Mond als Hirt erwacht
Und singt den Wolkenlämmern
Ein Lied zur guten Nacht.
Und wie er singt so leise,
Da dringt vom Sternenkreise
Der Schall ins Ohr mir sacht:
Schlaf in Ruh, schlaf in Ruh!
Vorüber ist all
Der Tag und sein Schall.
Schlaf in Ruh, schlaf in Ruh,
Die Liebe Gottes deckt Euch zu!«
Es war unbeschreiblich, wie diese reine, posaunenartige und doch so milde Stimme durch die Nacht erschallte. Es klang, als ob sich der Himmel geöffnet habe und ein Engel des Herrn in Sphärentönen sein Nachtgebet zur Erde steigen lasse.
Unten im Dorf lauschten Alle. Der Graf war tief, tief ergriffen. Er wollte es wirklich nicht, aber eine innere, unwiderstehliche Macht zog seinen Arm empor und zu ihr hinüber. Er legte ihn um ihren Leib, und sie sträubte sich nicht dagegen.
Drüben an den Felsenwänden hatte das Echo die letzten, herrlichen Töne ergriffen und sandte sie wieder zurück. Es klang wie eine Antwort der müden Erde auf die Stimme des Himmels.
»Leni!« flüsterte der Graf. »So hörte ich noch nichts, so wunderbar!«
»Soll ich auch den nächsten Vers noch singen?« fragte sie. »Es giebt nur zwei.«
»Ja, bitte, singen Sie ihn! Ich wollte, dieses Lied hätte tausend Verse! Ich hörte eine ganze Ewigkeit lang zu.«
Er zog sie inniger an sich. Sie legte ihr Köpfchen an seine Schulter und fuhr fort:
»Und wie nun alle Kerzen
Erloschen durch die Nacht,
Da schweigen alle Schmerzen,
Die uns der Tag gebracht.
Lind säußeln die Cypressen;
Ein seliges Vergessen
Durchschwellt der Lüfte Pracht.
Schlaf in Ruh, schlaf in Ruh!
Vorüber ist all
Der Tag und sein Schall,
Schlaf in Ruh, schlaf in Ruh,
Die Liebe Gottes deckt Euch zu!«
Wieder antwortete das Echo. Der Graf lauschte. Er hielt die Sängerin umschlungen. Sie hatte geendet, aber sie nahm ihren Kopf nicht von seiner Achsel fort.
»Leni, meine herrliche, herrliche Leni!« flüsterte er. »Ich fühle, daß ich einen großen, großen Raub begehen will; aber ich kann, ich kann nicht anders; ich habe Dich zu lieb, o zu lieb. Ich flehe Dich aus vollster Seele an: Lebe nicht der Kunst allein, sondern gieb auch mir einen Theil Deines Herzens!«
Sie schwieg, doch nach einer Weile fragte sie mit leise bebender Stimme:
»Nur einen Theil?«
»Ja, nur einen Theil. Das ganze Herz, welches doch an der Kunst hängt, kann ich nicht von Dir fordern.«
»Weißt Du nicht, daß die größte und heiligste Kunst des Weibes ist, die Ihrigen glücklich zu machen!«
»Leni, ists möglich, ists möglich! Du wolltest dem Gesange ganz entsagen?«
»Nein. Der Herrgott hat ihn mir gegeben, und ich darf mich an seiner Gabe nicht versündigen. Aber wenn ich einem Manne angehöre, so will ich vor allen Dingen sein Eigenthum sein. Dann entsage ich dem Theater und singe nur noch in der Kirche und im Concerte.«
Es durchrieselte ihn fast wie kalt bei der Heiligkeit dieser Worte und der Größe des Opfers, zu welchem sie sich bereit zeigte.
»Darf dieser Mann das auch annehmen?« fragte er.
»Ja, er darf.«
»Mein Gott, welch ein Glück erwartet ihn! Und nun sage mir, wer dieser Mann ist!«
»Weißt Du es nicht?«
»Ich – – ahne es. O, diese Ahnung enthält schon eine ganze, ganze Seligkeit!«
»Du bist es, Arnim, Du, Du allein!«
Sie schlang beide Arme um ihn und drückte den Kopf weinend an seine Brust.
»Mein Leben, meine Seele, meine Wonne!« rief er aus. »So ein Glück hab ich stets für unmöglich gehalten.«
»Und doch habe ich Dich geliebt vom ersten Augenblicke an, an welchem ich Dich sah.«
»Und ließest doch nichts merken!«
»War ich denn nicht gut zu Dir?«
»Gut, ja, aber zurückhaltend.«
»Ich fürchtete mich.«
»Vor mir?«
»Nein. Wie könntest Du mir ein solches Gefühl einflößen. Nein! Es war Dein Stand, vor dem ich mich fürchtete.«
»Daß ich Graf bin?«
»Ja.«
»Ist denn das so fürchterlich?«
»Für mich, ja. O, wie würde ich mich freuen, wenn Du arm und gering wärst, wenn ich Das, was mir der Gesang einbringt. Dir geben und sagen dürfte: Hier, nimm, das gebe ich Dir. Ich lebe für Dich und ich – – singe auch für Dich!«
»Ja, so bist Du, so bist Du! Was habe ich Großes gethan, daß mir Gott ein solches Weib bescheert? Ich werde ohne Ende bemüht sein müssen, Deiner würdig zu sein.«
»Nicht so, Arnim, sprich nicht so! Das thut mir wehe. Aber um Eins bitte ich Dich!«
»Um was? Sei es noch so viel und noch so schwer, ich erfülle diese Deine Bitte.«
»Es ist so wenig und doch so viel. Es ist so leicht und doch so schwer!«
»Bitte, bitte, sage mirs!«
Da drückte sie sich innig, innig an ihn und bat in flehendem Tone:
»Nimm mirs im Leben niemals übel, daß ich nur so ein armes, geringes Dirndl war! Ich würde vor Schmerz eingehen, wenn ich das sehen müßte.«
»Leni, was sagst Du da! Ich schwöre – – –«
»Nein,« unterbrach sie ihn. »Keinen Schwur; das mag ich nicht erhören. Ich glaube an Dich. Ich liebe Dich, nicht weil Du reich bist und ein Graf, sondern weil Du so brav bist, so herzensbrav.«
»So mag mein Eid im Stillen gesprochen sein. Der Herrgott wird ihn hören, und er weiß es, daß ich ihn halten werde.«
Er legte seine Lippen auf ihren Mund, und sie erwiderte seinen Kuß ohne Sträuben.
»Da hab ich das Glück doch da gefunden, wo ich glaubte, es verloren zu haben, hier an der Hütte, wo damals der Anton von mir ging. Ich werde das jetzige fest halten, damit es mir nicht wieder enteile.«
»Dürfen wir schon davon sprechen, Leni?« fragte er.
»Nein, weil ich den Anton bestrafen will.«
»Ich will nicht darüber mit Dir rechten. Doch meine ich, daß er Deiner Beachtung gar nicht würdig sei.«
»Da geht er vollends zu Grunde; ich aber möchte ihn für seine armen Eltern retten.«
»So thue es! Ich weiß ja, was Du thust, das ist gut. Du wirst niemals Etwas thun, was später zu bereuen wäre.«
»Mit Absicht gewißlich nicht. Laß mir dieses Mal noch den Willen; später werde ich Dir gar gehorsam sein.«
»Gehorsam? Leni, nein! Wir haben Beide gleiche Rechte, und unser größtes Recht soll die Liebe sein. Aber darf ich es nicht wenigstens dem Kapellenbauer sagen?«
»Warum diesem?«
»Er weiß bereits davon.«
Er erzählte ihr, was er unterwegs mit dem Bauer gesprochen hatte.
»Da ist Dir das Herz davon gelaufen,« sagte sie munter. »Ein Graf vertraut einem Bauer seine Seele an! Aber grad, daß Du so bist, das macht mich eben glücklich. Dennoch bitte ich Dich, sage ihm noch nichts. Er kann es vielleicht nicht verschweigen, und dann erfahren es Antons Eltern, die es ihrem Sohne als größte Neuigkeit wieder sagen.«
»Ganz wie Du willst. Ich füge mich gern.«
»Und nun wollen wir abi steigen. Da unten warten sie auf uns.«
Und die Hand an den Mund haltend, sang sie mit schallender Stimme hinab:
»Jetzt klettr' i, jetzt steig i
In's Dörfli hinein,
Denn hier oben zu haxen,
Hier oben zu kraxen.
Das fallt mir nit ein.
Juivilla, juvalla!«
Das klang jetzt ganz anders als vorhin, so fesch, so keck, so übermüthig, als sei sie plötzlich eine ganz Andere geworden.
Und unten ertönte sofort die antwortende Stimme des Kapellenbauers:
»Steigt über, steigt unter,
Doch stolpert ja nicht!
Da oben im Dunkeln,
Da soll man nit munkeln;
Kommt runter zum Licht.
Juvilla, juvalla!«
»Schau das zielt auf das, was Du ihm anvertraut hast. Er spricht schon davon, ja er singt schon davon!« lachte Leni. »Ihm ist halt nicht zu trauen. Ich werde ihm gleich eine Lehre geben.«
Sie sang hinab:
»Du plaudrige Taschen.
Die schweigen nit will,
Denk, daß nur die Spatzen
Die ganze Woch schwatzen.
Und sei nun sein still.
Juvilla, juvalla!«
Es war als ob man das kräftige Lachen des Bauers von unten herauftönen höre. Dann stiegen die Beiden bergab, trotz der Dunkelheit mit sicheren Schritten, denn Leni kannte den Weg ganz genau und machte, innig an den Geliebten geschmiegt und den Arm um ihn haltend, die sorgsame Führerin.
Die Mittwoch war angebrochen, und in Scheibenbad hatten sich die Leute sehr früh vom Lager erhoben. Der Tag war ja ein außerordentlich festlicher. Die Einweihung eines neuen Theaters ist ja grad besonders für einen Badeort ein Ereigniß, zumal man auch anderwärts die Wiederkehr desselben kaum nach hundert Jahren erwarten kann.
Die Straßen waren festlich geschmückt. An den Häusern hingen Kränze und Guirlanden; über die Gasten zogen sich lange Kranz- und Blumenseile, und der Platz vor dem Theater bot einen herrlichen Anblick.
An der Fronte des in herrlicher Frührenaissance erbauten Kunsttempels ragten Masten empor, an denen die Flaggen des Landes im Winde flatterten. Die Facade verbarg sich fast ganz unter duftendem Schmuck, und grüne Waldbäume mußten den Platz in einen kleinen Park verwandeln.
In den Gassen tummelte sich schon vor der Ankunft des Zuges ein reges Leben. Die Herren des Festcommitées standen auf dem Bahnhofe, um – – den König zu empfangen.
Einer befand sich in ihrer Nähe, den sie Alle kannten, und über den sie im Stillen lachten, obgleich an seinem Aeußeren nichts zu finden war, was Anlaß zu diesem Lachen geboten hätte.
Er trug, von unten angefangen, glänzende, lacklederne Stiefeletten, schwarze enganliegende Tuchhosen, einen glänzenden Frack, nach neuester Mode gearbeitet weiße Weste, weiße Handschuhe, weiße Cravatte und einen Chapeau claque auf dem Kopfe.
Das war Alles elegant; aber der Träger dieses Anzuges war – – der Wurzelsepp.
Er bewegte sich in diesem Kostüm mit wirklicher Grazie, als ob er sein Lebtage in nichts anderem gesteckt hätte. Der feinste Salonmensch hätte ihm nicht das geringste Regelwidrige nachweise; können; aber er war eben der Wurzelsepp, und da erlustirte man sich über ihn.
Endlich kam der Zug. Den feineren Coupées entstiegen fremde Berichterstatter, Dichter, Componisten und Theateragenten, auch Theaterdirectoren, welche vielleicht hofften, hier eine Aquisition zu machen. Sie wurden von den Mitgliedern des Festausschusses begrüßt.
Der Sepp war zu den Wagen dritter Classe gegangen. Er sah einen grauen Köpf erscheinen. Schnell öffnete er das betreffende Coupée.
»Ach, guten Morgen, Herr Pfarrer!« rief er. »Guten Morgen, Kapellenbauer! Grüß Gott, Ihr Warschauersleutln! Steigt aus!«
Sie kamen heraus, und er reichte Jedem die Hand.
Der Pfarrer ging eben wie ein Landgeistlicher. Der Bauer hatte sich auf's Feinste ausstaffirt. Seine grellrothe Weste leuchtete über den ganzen Perron. Die Warschauerleute trugen ihre neuen Anzüge. Doch war ihnen auch heut die Armuth und das Gedrücktsein anzusehen.
Der Sepp winkte einen Burschen herbei.
»Da ist dera Kutscher, der Euch nach der Thalmühlen fahren wird,« sagte er. »Lauft mit ihm, wir sehen uns später wieder.«
Der Bursche führte die Vier fort.
In einem Coupée hörte man eine scheltende Frauenstimme:
»Gott, ich ersticke! Ich verbrenne vor Hitze! Ich kann nicht durch. Helft mir!«
Das war Madame Qualèche, die frühere Gesanglehrerin der Leni.
Diese war auch bei der Hand. Sie hatte sich seitwärts gehalten und ging so einfach gekleidet wie ein Dienstmädchen. Sie eilte herbei und brachte mit Hilfe des Sepp und dreier Schaffner die Dicke aus dem Coupée, von wo sie dieselbe sogleich auch nach einem Wagen geleitete.
Aber in derselben Wagenabtheilung hatte sich noch eine Dame befunden, welche jetzt ausstieg.
Sie trug ein enganliegendes, graues Reisekleid, einen sehr breitrandigen Amazonenhut mit Riesenfeder. An einem über die Achsel hängenden Riemen hing eine Mappe, und in der Hand hatte sie einen Regenschirm, dessen Knauf aus einem Tintenfasse bestand.
Diese Dame war Franza von Stauffen, die Dichterin, welche nach einem Sujet suchte. Als sie den Sepp erblickte, trat sie auf ihn zu.
»Mein Herr,« sagte sie. »Was ist denn eigentlich hier los? Wohl eine Festlichkeit?«
»Gewiß, gnädiges Fräulein,« antwortete er, sich verbeugend.
»Was wohl für eine?«
»Das wissen Sie nicht, nun, so kommen Sie heut wohl ganz zufällig nach Scheibenbad?«
»Ja.«
»Desto mehr werden Sie sich freuen, hier vielleicht Stoff für zehn oder zwanzig Romane zu finden.«
»Woher wissen Sie, daß ich solche Stoffe suche?« fragte sie erstaunt.
»Sie sind ja Schriftstellerin.«
»Sehen sie mir das an?«
»Ich würde es Ihnen ansehen, aber ich kenne Sie ja, Fräulein von Stauffen, wie auch Sie mich kennen.«
»Ich Sie? Kann mich nicht besinnen! Wollen Sie meinem Gedächtnisse nicht ein Wenig zu Hilfe kommen?«
»Sie kennen ganz gewiß meinen Namen. Man pflegt mich den Wurzelsepp zu nennen.«
Sie trat einen Schritt zurück und betrachtete ihn erstaunt.
»Wie? Sie wären der Wurzelsepp?«
»Gewiß!«
»Ja, ja, jetzt sehe ich es. Jetzt erkenne ich Sie. Aber in dieser Salonkleidung!«
»Ich bin avancirt.«
»Gratulire, aber was ist hier los?«
»Theaterweihe.«
»Ach! Mit Kunstgenuß?«
»Sehr!«
»Prächtig! Was wird gegeben?«
»Die Oper Götterliebe.«
»Wie? Herrlicher Titel! Ich möchte Sie küssen, Herr Sepp!«
»Bitte, später! Nicht gleich hier auf dem Perron!«
»Wer ist der Componist?«
»Der Fex.«
»Ists möglich? Jener famose Geiger von damals? Sie wissen ja wohl noch?«
»Derselbe.«
»Das ist ja ein Roman! Das ist ein Sujet. Das notire ich mir. Ist er Director?«
»Nein. Er hat das nicht nöthig.«
»Warum?«
»Weil er Baron ist und Besitzer einer sehr bedeutenden Herrschaft.«
»Dieser zerlumpte Bursche?«
»Ja.«
»Das soll man glauben?«
»O bitte! Er war ein geraubtes Kind!«
»Herrgott! Wieder ein Stoff! Den notire ich mir. Herr Sepp, Sie sind ein Prachtmensch. Ich möchte Sie wirklich küssen!«
»Das eilt nicht allzusehr, mein Fräulein!«
»Wer ist denn der Dichter des Textes?«
»Ein früherer Schulmeister.«
»Früher? Was ist er jetzt?«
»Eben Dichter. Er kam vor kurzer Zeit aus Egypten zurück.«
»Ein Schulmeister in Egypten?«
»Der König hatte ihn hinübergeschickt. Eigentlich ist er ein Sohn des Barons von Alberg.«
»Eigentlich? Warum nicht wirklich?«
»Weil er nicht will.«
»Himmel! Ein Schulmeister, welcher kein Sohn sein will! Welch ein Stoff! Das giebt zehn Novellen. Ich werde Sie trotzdem küssen!«
»Mit Muse, Fräulein. Jetzt würde es zu sehr eilen.«
»Kommen auch Herrschaften?«
»Versteht sich, sogar der König.«
»Ach! Da muß ich mir ein Billet nehmen!«
»Dann dürfen Sie nicht zögern. Es ist schon fast Alles vergriffen.«
»Da werde ich freilich springen müssen. Aber welche Kräfte sind denn engagirt?«
»Natürlich nur die hervorragendsten!«
»Wer singt die Hauptrollen?«
»Den Gott singt der Krikelanton.«
»Krik – – –? Derjenige, welcher damals in meine Schlafstube gestiegen war?«
»Ja.«
»Und dem ich dann hier allerlei Krimskrams abkaufte? Er war Tabuletkrämer?«
»Derselbe.«
»Der, der ist jetzt Sänger?«
»Erster Größe. Er nennt sich Criquolini.«
»Von dem habe ich gehört und gelesen. Das ist also jener entflohene Wilddieb? Herr Sepp, Sie sind ein ausgezeichneter Mensch.«
»O bitte!«
»Wäre ich eine Königin, so müßten Sie mein Strumpfband als Orden tragen!«
»Aber unter dem Beinkleide?«
»Nein, auf der Brust, auf der Brust! Sie geben mir ja eine ganze Bahnlowry voller Stoff! Gehen Sie her! Ich küsse sie factisch.«
Sie streckte wirklich die Arme nach ihm aus.
»Vorsicht!« warnte er. »Es ist Polizei hier!«
»Was kann die dagegen haben?«
»Sehr viel! Es ist hier an verschiedenen Ecken angeschlagen gewesen, daß das öffentliche Küssen verboten sei.«
»So lassen wir es. Wer hat die weibliche Hauptrolle?«
»Signora Mureni.«
»Ach! Das ist die Berühmteste von Allen.«
»Und doch ist sie eine arme Waise.«
»Ach!«
»Ja. Sie heirathet jetzt einen Grafen.«
»Himmel! Was war ihr Vater?«
»Tagelöhner.«
»Wo hat sie sich mit dem Grafen verlobt?«
»Auf der Alm, ganz nahe da, wo Sie wohnten, als der Krikelanton barfuß zu Ihnen kam.«
»Herr Sepp, Herr Sepp! Sie bringen mich um!«
»Wieso? Ist ja gar nicht meine Absicht!«
»Vor Freude über die Sujets, welche Sie mir so massenhaft bieten.«
»Wenn ich Ihnen wirklich diene, so ists mir eine große Ehre, gnädiges Fräulein!«
»Ja, Sie dienen mir. Sie sind mein Stern, mein – mein – mein – kommen Sie vom Perron hinweg! Gehen wir in ein sogenanntes Zimmer, wo es Niemand sieht! Ich muß Sie unbedingt küssen, unbedingt!«
»Das geht nicht.«
»Warum?«
»Aus Rücksichten für Sie!«
»Ach in dieser Beziehung verbitte ich mir alle Rücksicht.«
»Und dennoch muß ich verzichten. Es leidet Niemand gern an Zahnschmerzen.«
»Was haben die Zahnschmerzen damit zu thun?«
»Sehr viel. Ich habe heut welche. Zahnschmerzen bekommt man von Zahnpilzen und Zahnthierchen. Wenn Sie mich küssen, können Sie leicht so ein Thierchen von mir bekommen oder gar einen Pilz, einen Zahnfliegenschwamm. Dann haben auch Sie Schmerzen und können heut die Festvorstellung nicht mit Andacht genießen.«
»Da haben Sie Recht. Ihre Aufmerksamkeit ist sehr dankenswerth. Behalten Sie Ihre Thiere und Pilze! Aber sagen Sie –«
»Bitte, bitte!« unterbrach er sie. »Sie müssen sich ein Billet besorgen. Eilen Sie!«
»Schön! Könnten Sie es mir nicht besorgen?«
»Geht leider nicht.«
»So sagen Sie mir wenigstens, wo man hier Logis bekommen kann!«
»In keinem Gasthofe. Sie müssen bei Privatleuten nachfragen.«
»Ist nicht Etwas leer in der Villa, welche zur Mühle gehört? Sie wissen, wir wohnten damals dort.«
»Dort war bereits seit voriger Woche Alles bestellt. Leben Sie wohl!«
Er eilte fort, sonst hätte er noch stundenlang bei ihr stehen können.
Als Leni ihre frühere Lehrerin nach der Mühle geschafft und für sie gesorgt hatte, kehrte sie nach der Stadt zurück. Unterwegs begegnete ihr – der Krikelanton.
Er befand sich bereits seit zwei Wochen hier, um den Proben beizuwohnen. Er erkannte die frühere Geliebte sofort und blieb mitten im Wege stehen. Sie wollte still um ihn herum. Da sagte er:
»Sie schämen sich wohl vor mir, Fräulein Berghuber?«
»Warum sollte ich mich schämen?« fragte sie, nun ebenfalls stehen bleibend.
»Nun, ich dächte, Sie hätten Grund dazu.«
»Ich kenne keinen.«
»Eine verunglückte Sängerin!«
»Kann ich dafür?«
»Sie hatten sich überschätzt.«
»So waren Andere schuld.«
»Nun scheint es fast, als ob Sie nicht einmal als Dienstmädchen eine feste Stellung halten könnten. Aus Wien sind Sie ja fort, wie ich sehe.«
Sie blickte traurig zur Erde.
»Ja, so mußte es kommen,« fuhr er fort. »Ich habe es vorausgesehen. Bei wem dienen Sie hier?«
»Ich habe noch kein festes Engagement.«
»Also bummeln Sie? Das ist die vorletzte Stufe. Die letzte kennen Sie. Wissen Sie noch, daß ich Sie damals warnte, nicht so decolletirt zu gehen? Ich konnte es nicht ertragen. Sie haben meine Weissagung wahr gemacht. Sie sind gesunken und können niemals wieder emporkommen, während ich ein berühmter Künstler geworden bin. Pfui Teufel.«
Er spuckte vor ihr aus und ging dann weiter. Er war alle Tage nach der Mühle spaziert, um da zur Unterstützung seiner Stimme seine Morgenmilch zu trinken. Das hatte er auch heute vor.
Als er dort ankam, wunderte er sich über das rege Leben, welches dort herrschte. Eben wollte er eintreten, als ein Anderer herauskam, bei dessen Anblicke er zurückfuhr.
»Graf Senftenberg!« rief er aus.«
»Ach! Signor Criquolini!«
»Was thun Sie hier?«
»Sommerfrische mit meiner Braut.«
»Sind Sie denn verlobt?«
»Ja, doch erst seit einigen Tagen.«
»Mit wem? Aristokratin?«
»Ja, Aristokratin der Kunst.«
»Da warne ich Sie. Sein Sie vorsichtig!«
»Pah! Eine Tänzerin Valeska ist sie nicht. Die Meine maust nicht wie die Ihrige. Adieu!«
Der Graf trat wieder in das Haus zurück. Darum ging Anton nicht hinein, sondern er kehrte um und ging mißmuthig nach der Stadt zurück.
Später mußte er zur Generalprobe, bei welcher alle Theilhaber versammelt waren.
Eigenthümlicher Weise hatten die Sänger die Trägerin der Hauptrolle noch gar nicht gesehen. Sie war noch nicht da. Heut aber sollte sie kommen und während der Hauptprobe ihre Rolle singen. Diese Rolle war bisher von einer unbeschäftigten Sängerin stellvertretend übernommen worden, wofür dieselbe ein Honorar erhielt.
Alle, Alle waren begierig die berühmte Signora zu sehen, von der man wußte, daß ihr Ruf noch viel zu wenig sage. Aber sie kam nicht.
Der Fex dirigirte natürlich selbst. Wie wunderte man sich als er das Zeichen zum Anfange gab. Die Mureni war nicht da und die Stellvertreterin auch nicht.
Die Musik begann, und alles klappte. Als die Mureni einzusetzen hatte, erscholl ihre Stimme aus der Höhe des zweiten Ranges herab. Sie war also da, ließ sich aber nicht sehen.
Das frappirte Alle. Welchen Grund hatte sie? Stolz? Wohl nicht. Die Probe fiel glänzend aus. Als sie zu Ende war, eilten Alle zu dem Ausgange, um die Sängerin zu sehen. Sie war bereits fort – natürlich hinaus nach der Mühle, welche so voller Gäste steckte, daß kein Mensch mehr Platz zu finden vermochte.
Und wer waren diese Gäste? Alle diejenigen Personen, von denen Leni zu dem Grafen gesprochen hatte.
Auch Rudolf von Sandau, der Baumeister, wohnte mit seiner Mutter da. Er hatte mit dem Theater Ruhm geerntet, und seine Zukunft war nun mehr als gesichert. Diejenige, welche er liebte, Milda von Alberg, war bereits gestern Abend gekommen, aber nicht in der Mühle abgestiegen. Der Sepp hatte ihr ein Privatlogis besorgt, in welchem sie sehr einsam gewesen wäre, wenn nicht Max Walther, ihr Stiefbruder, den Morgen bei ihr verbracht hätte.
Sie saß am Fenster und blickte auf die Straße hinaus. Sie war bleicher geworden. Sie liebte und wußte sich wieder geliebt; aber Rudolf hatte sich einmal vorgenommen, nicht eher das entscheidende Wort zu sprechen, als bis er eine sichere Existenz vor sich habe.
Dazu kam noch Eins. Ihr Vermögen drückte sie. Sie wußte, daß es nicht das ihrige sei, daß es den Nachkommen jenes Herrn von Sandau gehörte, den ihr Vater so unglücklich gemacht hatte. Und diese waren trotz allen Fleißes nicht aufzufinden.
Auch jetzt dachte sie wieder daran. Ihr Bruder saß lesend am Tische, beobachtete sie aber dabei. Sie seufzte tief auf.
»Milda,« sagte er. »Wollen wir nicht einen Ausgang machen?«
»Wozu?«
»Ich denke, Du langweilst Dich.«
»Gewiß nicht. Ich amüsire mich am regen Leben der Straße.«
»Und denkst dabei an alte Geschichten!«
»Leider! Ich denke stets daran.«
»Schlage Dir es aus dem Sinne.«
»Das ist nicht möglich. Ich quäle und quäle mich ab, um einen Weg entdecken zu können, auf welchem wir jene Familie finden können.«
»Dieses Sorgen und Quälen führt zu gar nichts. Ueberlaß es doch dem lieben Gott! So eine Sache wird oft von dem sogenannten Zufalle am Besten besorgt. Denke lieber an heut Abend, an den Lorbeerkranz!«
»Wie ist denn eigentlich der König auf den Gedanken gekommen, daß ich, grad ich Rudolf den Kranz geben soll?«
»Weil er weiß, daß Ihr Euch liebt.«
»Wie?« fragte sie erröthend. »Das weiß er?«
»Ja.«
»Von wem?«
»Vom Sepp.«
»Dieser alte Schwatzmichel!«
»O, der thut nichts ohne Ueberlegung. Hast Du ihn heut schon einmal gesehen?«
»Nein.«
»Ich sah ihn vom Theater kommen. Er hat das Galageschirr angelegt und sieht aus wie ein Obersthofmeister.«
Da klopfte es an.
»Herein!«
Wer trat ein? Derjenige, von welchem soeben gesprochen worden war, der Sepp.
»Grüß Gott!« meinte er in seiner gewohnten Weise.
Ganz ungewohnt aber war es von ihm, daß er eine Verbeugung machte, wobei er den Spannfederhut unter den Arm schob.
»Du, Sepp?« sagte Max. »Bringst Du etwas?«
»Ja, und zwar bringe ich mich selbst.«
»Das ist nicht viel Gescheidtes. Hast Du weiter nichts, nichts Besseres?«
»Nein. Ich hab nur sehen wollt, ob auch Alles in Ordnung ist.«
»Es fehlt an nichts.«
»Den Prologen hast richtig auswendig lernt?«
»Ja.«
»Daßt nicht etwan aus dem Concept fällst!«
»Ich habe ihn selbst gedichtet. Da ist ein Umfallen gar nicht möglich. Mach Dir um mich keine Sorge. Hilf lieber meiner Schwester.«
»Was fehlt ihr denn?«
»Die Familie von Sandau.«
»Wo soll ich die hernehmen?«
»Schaff sie nur!« scherzte Max. »Du bist ja Derjenige, der Alles fertig bringt.«
Der Sepp setzte seinen Hut auf den Tisch, sich auf den Stuhl und sagte:
»Ja, so ists. Dera Sepp soll alle Wunden heilen, die Andere schlagen. Aberst diese hier? Hm! Hat sich denn noch keine Spur funden?«
»Nicht die Ahnung einer Spur,« antwortete Milda.
»Nun, wollen mal sehen. Ich gab freilich die Hoffnungen noch lange nicht aufi. Wo habt Ihr denn eigentlich sucht?«
»Ueberall in Amerika.«
»Und wo noch?«
»Nirgends natürlich.«
»Da hat man es! Wann man seinen Nachbar sucht, darf man doch nicht hinauf in den Mond steigen.«
»Wie meinst Du das?«
»Kann die Familie denn nicht auch in Deutschland wohnen?«
»Schwerlich. Sie sind damals hinüber. Das wissen wir ganz sicher.«
»Aber ebenso gut können sie wiederum herüber sein.«
»Denkst Du?«
»Ja,« nickte er, »das denk ich. Und dera Sepp wird wohl Recht haben.«
Er forschte in dem bleichen Gesichte der Baronesse. Sie sah ihn auch scharf an. Es hatte in seiner Stimme eine so eigenartige Betonung gelegen.
»Sepp,« sagte sie. »Du weißt etwas, denn Dein Ton war so eigenthümlich.«
»Das hat so seinen Grund.«
»Hast Du Dich geärgert?«
»Und wie sehr!«
»Worüber denn?«
»Ueber den heutigen Tag.«
»Geh! Mit Dir ist heut nicht zu reden.«
»Eben darum, weil ich mich über den heutigen Tag ärgere. Er wird mich um Alles bringen, was mich bisher erfreut hat.«
»Wie meinst Du das denn?«
»Ja schaut, das ist so: Heut kommen hier alle Bekannten zusammen. Wann man die anschaut, so sind sie Alle fertig. Es giebt weder für sie noch an ihnen mehr etwas zu thun. Und doch ists stets meine größte Freud gewest, wann ich mich hab mit denen Leutln beschäftigen konnt. Jetzt haben sich die Paare zusammenfunden und werden sich heut zeigen. Wie oft bin ich zum Vertrauten macht worden! Wie viele Geheimnissen hab ich bewahren mußt! Das ist nun aus. Ein einzigs Geheimniß hab ich noch; aber auch das muß heraus. Ich kann dera Fräulein Milda ihr Gesicht nicht mehr anschauen.«
»Betrifft dieses Geheimniß uns?« fragte sie rasch.
»Ja, es ist eben wegen jener Familie von Sandau.«
»Kennst Du sie etwa?«
»Ja.«
»Herrgott! Sage, wo befindet sie sich!«
»Das soll ich nicht sagen.«
»Aber Du weißt es?«
»Ja.«
»Von wem?«
»Von der Familie selberst.«
»Seit wenn?«
»Seit längerer Zeit.«
»Was? Und uns hast Du nichts gesagt!«
»Weil es mir verboten war.«
»Ist es Dir auch jetzt noch verboten?«
»Ja freilich.«
»Sepp, Sepp, kümmere Dich doch nicht um dieses dumme Verbot!«
»Wort soll man halten!«
»Aber in solchen Sachen nicht. Du siehst es ja, wie ich mich absorge und abquäle.«
Sie ergriff seine Hand. Er nahm ihre kleinen Händchen zwischen seine großen, streichelte sie zärtlich und antwortete:
»Meinst, daß ich wegen Dir mein Wort mal brechen soll?«
»Ja.«
»Schau, so sind die Frauenzimmern! Sie verführen Einen zu den größten Fehlern.«
»Aber, wenn Du weißt, wo sich die gesuchte Familie befindet, so sage es doch!«
»Eigentlich könntest Du es ebenso gut wissen.«
»Warum?«
»Weil Dir die Flieg auf dera Nasen sitzt. Es ist fast merkwürdig, wie man oft den Wald vor lauter Bäumen nicht derblickt! Als ich es erfuhr, hätt ich mir gleich selberst eine Ohrfeig geben könnt. Nämlich die Familie von Sandauen ist nicht mehr in Amerika. Sie ist längst wieder nach Deutschland zurück.«
»Aber wo ist sie jetzt?«
»Nach Bayern.«
»Herrgott! Sie befinden sich also hier in unserm engern Vaterlande?«
»Sogar im allerengsten.«
»Wo denn? Vielleicht gar nahe von hier?«
»Hier selbst.«
Milda war vor Erregung aufgesprungen, ebenso wie Max von seinem Sitze aufstand.
»Etwa als Badegäste?« fragte sie.
»Nein. Aberst da verrath ich bereits zu viel. Ich soll ja nicht davon reden.«
»Du mußt. Du mußt, lieber Sepp,« rief sie, seine Hände bittend ergreifend.
»Dann kanns mir schlimm ergehen.«
»O, ich nehme halt Alles auf mich. Alles.«
»Du kannst doch nicht die Vorwürf und Grobheiten auf Dich nehmen, die ich dann anhören muß.«
»Alle, alle!«
»Ich bekomme sie dennoch.«
»Sepp, ich bitte Dich inständig, sage mir, was Du weißt, und wo die Leute sich befinden!«
Der Alte that, als ob er sich die Sache überlege, und sagte dann in gutmüthigem Tone:
»Nun, ich kanns freilich nicht anhören, daßt mich so bittest. Also sollst derfahren. Aberst Du mußt mir vorher ein Versprechen geben.«
»Welches?«
»Daßt jetzt noch nix sagst.«
»Werde ich das vermögen?«
»Ja. Ich will sogar meine Bedingung noch besser machen. Du sagst gegen keinen Menschen was bis nach dera Theatervorstellung heut.«
»Dann kann ich reden?«
»Reden und auch handeln.«
»Gut, das ist nicht schwer. Ich verspreche es.«
»Und dera Max auch?«
»Ja, auch ich werde bis dahin schweigen,« erklärte der junge Dichter.
»So verlaß ich mich auf Euer Wort. Die Familie ist, wie ich bereits sagt hab, von Amerika wieder rüber kommen. Dera Vater ist drüben im Dienst als Polizist erschossen worden. Erst habens ihren Namen ganz ablegen wollen; aberst er ist ein ehrlicher gewest und das Makel, welches auf demselben haftete, war ein unverdientes. Darum habens ihn doch beibehalten.«
»Mein Gott!« klagte Milda. »An dem Allen ist mein Vater schuld! Ich habe viel zu sühnen!«
»Auf Dich fällt gar kein Vorwurf.«
»Aber ich bin die Tochter meines Vaters!«
»Dafür kannst ja nicht. Nun haben die Leutln hier sucht, die verlorene Ehre wieder herzustellen, doch vergeblich. Sie haben ja keine Beweisen habt. Sie waren arm und haben sich kümmerlich behelfen mußt. Jetzt aberst geht es besser.«
»Also sie nennen sich noch von Sandau?«
»Das von habens weggelassen. Der Namen ist jetzund ein bürgerlicher. Aberst er wird bald wieder zu Ehren kommen. Dera König will ihn rehabilitiren lassen. Er weiß Alles.«
»Herrgott! Er weiß es wirklich?«
»Ja, Alles.«
»Und er kennt auch die Unschuldigen?«
»Sehr genau.«
»Warum hat er da nicht schon längst eingegriffen?«
»Der Sohn hat es nicht wollt.«
»Warum nicht?«
»Deinetwegen.«
Sie sah ihm einige Secunden lang starr in die Augen. Dann schlug sie die Hände vor das Gesicht, drehte sich um und sank schluchzend in den Stuhl.
Max trat zu ihr, legte ihr die Hand beruhigend auf die Achsel und bat:
»Milda, weine nicht! Wenn es so steht, so ist ja Alles, Alles gut.«
»Er – er – er ists!« schluchzte sie.
»Ja. Aber er ist unser Freund.«
»Rudolf, Rudolf ist dieser Sohn! O Gott, o Gott! Er hat Alles gewußt und sich doch nicht genannt.«
»Das ist ein Beweis von seltenstem Edelmuth. Wir haben mit ihm darüber gesprochen. Er weiß, daß wir ihn suchen. Verkennen also kann er Dich nicht.«
»Er hat meinetwegen auf seine Rechte, auf sein Vermögen und auf die Ehre seines Namens verzichtet! Er hat hart gearbeitet, um sich eine Existenz zu erringen. Und doch hat er gewußt, daß mein ganzes Vermögen ihm gehört!«
»Milda, beruhige Dich! Ich begrüße es mit tausend Freuden, daß es so gekommen ist. Er wird es so einzurichten wissen, daß der Name Deines Vaters nicht geschändet wird.«
»Ja, ja, das sehe ich ein!« rief sie, wieder aufspringend. »Es ist ein unendliches Glück, daß er es ist und kein Fremder. Ich muß sofort zu ihm, sofort. Ich möchte ihm auf den Knieen danken für das Opfer, welches er uns brachte. Ist denn seine Mutter damit einverstanden gewesen, Sepp?«
»Sofort. Sie hat Dich ja so lieb.«
»Welch herrliche, herrliche Leute! Sie steckten in tiefster Armuth und haben doch nichts gesagt, um nur mich nicht zu kränken!«
»Ja, da kannst halt sehen, wie Werth Du ihnen bist,« meinte der Alte gerührt.
»Darum muß ich gleich zu ihnen, gleich!«
Sie griff nach ihrem Hute.
»Halt! Vergiß Dein Versprechen nicht!«
»Das kann ich nun nicht halten.«
»Was? Ein Versprechen nicht halten, welches man dem Sepp geben hat?«
»Es ist ja nun nicht möglich!«
»Das wäre eine schöne Geschichten! Ihr wartet bis heut Abend. Verstanden!«
»Wer soll das aushalten!«
»Du! Mach mir keine Dummheiten, sonst kannsts derfahren, daß dera Sepp Euch gar nimmer wieder anschaut im ganzen Leben. Wartet also bis zum Abend, und dann macht meinswegen, was Ihr wollt!«
Er ging, um keine Einsprüche mehr anhören zu müssen.
Er hatte so viel noch zu besorgen. So wenig man es merkte, es ruhte doch die größte Last des heutigen Tages auf seiner Schulter. Er war der Arrangeur der zu erwartenden abendlichen Festlichkeiten.
Die Mitglieder des Festausschusses standen bei jedem ankommenden Zuge auf dem Bahnhofe, um den König zu empfangen – vergeblich. Er kam nicht. Sie wußten nicht, daß er heimlich gekommen war. Er bewohnte einige Zimmer der Thalmühlen-Villa, ließ sich aber vorläufig nicht sehen.
So nahte der Abend, und die Thüren des Theaters wurden geöffnet. Das Publikum strömte förmlich hinein.
Jedermann war wie geblendet. Das war ein echter Tempel der Kunst!
Man begann zu ahnen, daß der junge Baumeister ein Meisterwerk geschaffen habe.
Und die herrlichen Freskogemälde am Plafond rissen zur Bewunderung hin. Der Maler war kaum zwanzig Jahre alt! Man wollte es nicht glauben. Auch der Vorhang war sein Werk. Er war vollendet zu nennen.
Die Plätze füllten sich bis oben an. Nur die vorderen Parketplätze waren leer geblieben. Für wen? Niemand wußte es.
Erst kurz vor Beginn der Ouverture erschienen diejenigen Personen, für welche sie reservirt waren, und diese zogen die Augen des Publikums auf sich.
Zuerst erschien der alte Sepp, jetzt nicht im Frack, sondern in seiner alten Gebirgskleidung. Viele der Badegäste erkannten ihn sofort als den Alten, der damals im alten Theater mit der Leni gejodelt hatte.
Sein Erscheinen erregte Aufsehen. Es ließ vermuthen, daß irgend eine Ueberraschung zu erwarten sei.
Dann kam der Kapellenbauer mit seinem Pfarrer und den Eltern des Krikelanton. Solche Leute in einer solchen Festvorstellung! Das war verwunderlich!
Nach diesen Drei stellte sich der Finkenheiner mit seiner Frau ein. Seine Tochter Liesbeth folgte mit ihrem Manne, dem Müllerhelm. Hinter ihnen schlich die alte Barbara aus der Mühle einher, prächtig aufgeputzt mit einer gelben, roth geblümten Saloppe und einer blauen Haube.
Jetzt erschienen zwei ausgesprochene Schönheiten, nämlich Paula Kellermann und die einstige Silbermartha, ganz einfach gekleidet, aber dennoch aller Blicke auf sich ziehend.
Von der anderen Seite stieg ein Ehepaar herein, der Feuerbalzer mit seiner Frau. Ihm folgte seine alte Mutter mit der Wirthin aus Hohenwald, welche dem jungen Lehrer damals so freundlich begegnet war.
Gleich darauf kam ein hoher, steifer Mann in böhmischer Tracht. Es war der Kerybauer aus Slowitz mit seiner braven Frau. Ihnen folgte ihre Tochter Gisela mit ihrem Manne, dem einstigen Knechte Ludwig Held. Dessen Mutter und seine Schwester Hanna mit ihrem jetzigen Manne, dem Höhlenbauers Stochen, schlossen sich ihnen an.
Nachdem eine kleine Weile vergangen war, kam Fritz Hiller, der jetzige Kronenbauer aus Kapellendorf mit seiner allerliebsten jungen Frau Martha, der Nichte des Försters Wildach.
Ein sehr stattliches Paar trat dann ein: Der Commerzienrath von Hamberger aus Wien, welcher die Frau Salzmann führte.
Zuletzt erschien die dicke Dame Qualéche, welche sich kaum in den Sitz zu drängen vermochte.
Zuletzt? Nein. Es kamen noch Drei, die drei Allerletzten, nämlich das gute Kleeblatt Clarinettenmenzel, Posaunenwenzel und Violenfrenzel.
In Anbetracht ihrer Gestalten und Gesichtsbildungen, so wie des Umstandes, daß sie genau dieselben Anzüge trugen wie daheim, war es gar nicht zu verwundern, daß bei ihrem Erscheinen das Geräusch des unterdrückten Lachens durch den Festraum ging.
Die anderen noch fehlenden Personen waren entweder bei der Vorstellung betheiligt oder befanden sich in den Prosceniums- und Fremdenlogen. Zu diesen Letzteren gehörten Milda von Alberg mit der Frau Bürgermeister Holberg, Max Walthers Mutter, ferner Rudolf von Sandau's Mutter und Anita, die Italienerin, welcher für heut auch eine kleine Aufgabe geworden war.
Jetzt war Alles vollzählig. Sämmtliche Mitglieder des Orchesters saßen auf ihren Plätzen. Der Musikdirector hatte die erste Violine übernehmen müssen. Er war nicht wenig stolz darauf, den jungen Mann entdeckt zu haben, unter dessen Direction er heute zu geigen hatte.
Da ging ein Flüstern durch den Raum. Der Fex war erschienen und an das Dirigentenpult getreten.
»Das ist er – der damalige Geiger – der so lumpenhaft erschien – jetzt ein Baron – reicher Mann – steinreich!« so flüsterte man sich zu.
Er hob den Taktstock. Die Glocke gab das Zeichen, und die Ouverture begann.
Es ist unnöthig ein künstlerisches Referat des Stückes und der Vorstellung zu geben.
Der Stoff war der nordischen Götterlehre entnommen, Freya, die schöne, herrliche Göttin der Liebe, wird von Od, ihrem Gemahle, schändlich verlassen. Sie fühlt sich namenlos unglücklich darüber und irrt an den Enden des Himmels umher, trauernd und klagend, bis ihr Heimdall, der Herrliche, erscheint und mit seiner Liebe ihr ein größeres Glück bringt, als sie vorher besessen hatte.
Sobald das Theater dem Publikum geöffnet wurde, waren alle Sänger und Sängerinnen versammelt, um sich in die Garderoben zu vertheilen. Nur die berühmte Ubertinka fehlte noch. Warum kam sie nicht. Sie hatte doch die Hauptrolle und mußte sich darauf vorbereiten!
Sie war aber bereits da. Durch eine kleine Hinterpforte war sie schon längst hereingeschlichen und hatte sich in ihre Garderobe eingeschlossen. Der Regisseur beruhigte die Collegen durch die Erklärung, daß die Künstlerin keinen Augenblick lang auf sich warten lassen werde.
Draußen begann die Ouverture und wurde glanzvoll zu Ende gespielt. Ein rauschender Beifall folgte. Der Fex war gezwungen, sich wiederholt zu verbeugen.
Und da gingen die Gardinen der Königsloge auseinander. Der Herrscher hatte, hinter denselben verborgen, dem herrlichen Musikstücke zugehört. Er wurde durch allseitiges Aufstehen von den Plätzen begrüßt.
Nun begann die Introduction, und der Vorhang stieg empor. Odyn, der Allesbeherrscher, saß auf seinem Throne. Vor ihm waren die Götter versammelt. Heimdall, der Lichte, forderte die Hand der Schönsten von ihm, die Hand Freya's. Odyn verweigerte sie ihm und erklärte, daß sie für Od bestimmt sei.
Od, dessen Rolle der Krickelanton sang, entgegnete, daß er Freya noch nie gesehen habe und erhielt zur Antwort, daß er sofort in Liebe zu ihr entbrennen werde, wenn sie erscheine. Heimdall pries die Unvergleichliche und sagte Od, daß er vor ihrer himmlischen Schönheit förmlich erschrecken werde.
In einem Recitativ gab Od zu verstehen, daß keine Schönheit ihn erschrecken könne und noch während er dies behauptete, fuhr er doch aufs Höchste erschrocken zurück, nicht etwa, weil das in seiner Rolle lag, sondern aus wirklichem Schreck.
Freya erschien nämlich, und er erkannte natürlich die Leni.
Ihr Auftreten rief, noch ehe sie die Lippen geöffnet hatte, eine rund um sich greifende Bewegung im Publikum hervor. Und mit vollem Rechte. Eine solche Erscheinung war wohl noch nie auf den Brettern gesehen worden.
Schön, lieblich und erhaben stolz zugleich, schritt sie, ohne Od eines Blickes zu würdigen, bis zur Mitte der Bühne vor und begann zu singen.
Sie trug das lang herabwallende, schneeweiße nordische Göttergewand, welches auf der einen Seite im Schlitz aufgerafft war, so daß man das herrliche, rechte Bein bis zum Knie herauf sah. Es war mit Sandalen bekleidet, von welcher aus sich goldene Spangen um die Wade emporschlangen. Auf den Schultern gerafft, gab es die schneeigen, vollen Arme blos, an welchen demantene Ketten und Ringe erglänzten. Um den prächtigen Busen legte sich ›Brisingamen‹, der göttliche Brustschmuck der nordischen Mythologie, blitzend von echten Brillanten, Rubinen, Sapphiren, Smaragden, Topasen und anderem Edelgestein. Auf dem Haupte saß der funkelnde Helm, unter welchem die dunkle Fluth des Haares, dieses echten Haares, hervorquoll und fast bis auf den Boden reichte.
Wie sie so dastand, war sie wirklich eine göttergleiche Erscheinung, deren Augen ebenso wie die Demanten durch den Raum blitzten, stolz, selbstbewußt und doch so freundlich mild.
Ein Sturm des Beifalles rauschte durch den Zuschauerraum. Selbst der König erhob sich für einen Augenblick, von ihrer packenden Schönheit überrascht.
Aus der Fremdenloge blickte Graf Senftenberg herab. Seine Gefühle waren unbeschreiblich. Dieses entzückende Wesen war sein, sein, sein! In diesem Worte lag eine ganze Welt von Seligkeit.
Und der Krickelanton? Der stand da, mit dem Oberkörper zurückgebeugt und sie wie eine überirdische Erscheinung anstarrend. Wenn er jetzt zu singen gehabt hätte, er hätte nicht einen einzigen Ton hervorgebracht. War denn das wirklich die Muhrenleni, vor der er heut noch ausgespuckt hatte? Konnte diese so schön, so unsagbar schön sein?
Aber fast noch mehr erschrak er über die Gewalt und den unbeschreiblichen Wohllaut ihrer Stimme, als sie jetzt die Arie begann:
»In tiefer, stiller Menschenbrust
Da lebt der Liebe süßes Walten.
Der Göttin ist sie unbewußt;
Ihr muß das heiße Herz erkalten.«
Als sie geendet hatte, war der Beifall gradezu phänomenal.
Indessen hatte Anton seine Selbstbeherrschung wieder erlangt und konnte das Terzett mit ihr und Odyn beginnen. Er wurde von dem Gotte mit ihr vermählt, und dann fiel der Vorhang.
Die Sängerin mußte fünfmal heraus. Das Publikum schien in seinem Beifalle gar kein Ende finden zu können.
Dann aber spielte sich hinter der Scene eine zwar kurze aber hitzige Scene ab.
Leni wollte sich nach ihrer Garderobe begeben. Da trat ihr Anton in den Weg.
»Leni, Leni!« rief er. »Du bist es – Du!«
»Mit wem sprechen Sie?« fragte sie, ihn strafend anblitzend.
»Mit Dir natürlich, mit Dir!«
»Ich kenne Sie nicht!«
»Du kennst mich. Du kennst mich. Du willst mich nur nicht kennen! Wer hätte gedacht, daß die Muhrenleni – – –«
»Es sich gefallen lassen muß, daß ein einstiger Wilddieb vor ihr ausspuckt!« fiel sie ihm in die Rede.
»Verzeihe es! Ich ahnte doch nicht – – –«
»Mögen Sie geahnt oder nichts geahnt haben, Ihr Verhalten war ein gemeines, ein niederträchtiges!«
»Nicht so, Leni, nicht so! Ich fühle, daß ich Dir Unrecht that. Aber ich fühle auch, daß ich Dich trotz Allem heut noch liebe, heiß und unsagbar liebe. Diese Liebe ist, als ich Dich vorhin sah, von Neuem erwacht und riesengroß wie ein Flammenbrand in mir emporgewachsen. Sie muß mich verzehren, wenn Du unversöhnlich bleibst.«
»Liebe? Was nennen Sie Liebe? Die Ihrige ist kein reines, keusches, läuterndes Feuer, sondern ein rußender, qualmender und erstickender Pechqualm, vor welchem man sich hüten muß. Wir haben unsere Rollen zu singen und zu spielen, sonst aber kennen wir uns nicht!«
»Leni, ich erkläre Dir, daß – – –«
Er wollte vor ihr niedersinken.
»Halt, keine Scene!« unterbrach sie ihn. »Sie können nie bei mir Erhörung finden, nie, nie nie! Merken Sie sich das, und denken Sie an den Carnevalsabend in Wien, an welchem Sie mit Ihrer Valeska in der verschlossenen Loge saßen und über mich spotteten! Sie Beide waren einander werth. Die Tänzerin sitzt im Zuchthause, die Tänzerin, die den Einbrecher liebte und Sie nur zum Narren hielt, und Ihre Zukunft, welche wird es sein, wenn Sie sich nicht ändern? Mir graut vor Ihnen und vor ihr!«
Sie wandte sich ab und verschwand in ihrer Garderobe. Er starrte nach der Thür derselben, ballte die Fäuste, drückte sich dieselben an die Stirn und murmelte zähneknirrschend:
»Anton, Anton, Du hast einen Himmel von Dir gestoßen! Aber noch ist nicht Alles verloren. Sie hat mich geliebt, und so eine Liebe stirbt nicht; das fühle ich jetzt deutlich in mir. Sie muß mich wieder lieben!«
Und unten in den zwei verborgensten Eckplätzen des Parkets saßen seine Eltern. Sie waren noch nie in ihrem Leben in einem Theater gewesen und fühlten sich vor Bewunderung starr und steif.
»Mutter,« flüsterte er ihr zu, »hast Du so was für möglich halten?«
»Nein, nie!«
»Ich bin ganz weg. Mir steht das Maul auf. Ich muß mir Mühen geben, daß ichs wiederum zubringen thu.«
»Und mir ists, als sei ich im Himmelreich.«
»Und doch warens lauter Götzen.«
»Nicht Götzen, sondern Göttern. Dera Herr Pfarrern hat es uns doch unterwegs derklärt.«
»Ja so! Ob das Alles so geschehen ist!«
»Ja, wer das wissen thät.«
»Dera geistliche Herr sagt, das wären die Gottheiten von Schweden und Norwegen und Deutschland gewest. O Sappermenten, muß das ein Himmel gewest sein.«
»Der gefallt Dir wohl?«
»Hast denn nicht die Göttin sehen und auch singen hört? Wie schön war die, wie schön!«
Er faltete die Hände.
»Die thätst wohl gleich heirathen?«
»Auf dera Stell, gleich vom Teller weg!«
»O Du alter, sakrischer Bub! Jetzund ist Dir wohl Deine Frauen nicht mehr schön und gut genug!«
»Ach, red nicht so! Das ist doch was ganz Anderes. An so eine Göttin dürft Unsereins nicht denken, selbst wann man noch mal jung und ledig wär!«
»Hast sie denn richtig anschaut?«
»Ja.«
»Und sie auch erkannt?«
»Sie hat ein Gesicht habt fast wie die Leni.«
»Die wars ja auch!«
»Was? Die Leni? Du, ist die denn wirklich gar so schön und fein?«
»Was fragst noch! Hasts ja sehen!«
»Wer hätt das denken könnt! Die Muhrenleni! Und welch eine Stimm!«
»Ja, so schön ist meine nicht!«
»Sei stark, Frau! Wirst doch nicht etwa gar eifersüchtig sein wollen!«
»Gar nicht! Du wärst der Richtige, der einer Andern den Kopf verdrehen thät!«
»Jetzund nicht mehr, aberst früher!«
»Schweig! Denk lieber an ein ruhig End als an solche Dingen! Hast auch den Gott sehen, der da links stand und so verschrocken that, als sie kam? Er ist ihr Mann worden?«
»Den hab ich wohl sehen.«
»Nun, wer wars?«
»Fast hat er Aehnlichkeit mit unserm Anton habt.«
»Er wars ja selberst!«
»Wie? Was? Der Anton wärs gewest?«
»Jawohl.«
»Das kann ich mir nicht denken!«
»Er ist ja Sänger und spielt im Theater!«
»So meinst wirklich, daß ers war?«
»Ganz gewiß!«
»Du, dann können wir mal stolz sein! Dera Anton ein Gott! Und was hat er für ein Gewandl habt!«
»Ja, er ist alleweil ein sauberer Bub.«
»Nun haben wir ihn sehen und wissen genau, daß er da ist. So werden wir wohl auch mit ihm reden dürfen.«
»Gar wohl. Wir wollens dem Grafen sagen, der ihn heut noch nicht funden hat.«
»Ist der auch hier?«
»Ja, da oben schaut er aus dera Kapellen heraus. Guck, er nickt uns zu!«
»Ja, er ist ein gar freundlicher Herr!«
– Schon begann die Introduction zum zweiten Acte. Derselbe spielte in Od's Felsenburg. Der Gang der Handlung war einfach. Od hatte seiner Gemahlin Freya die Treue gebrochen und eine Geliebte in seine Burg genommen. Diese umstrickte ihn so, daß er Freya verstieß.
Anton spielte seine Rolle meisterhaft. Liebe und Wuth, Entzücken und Reue tobten in ihm. Hatte er nicht auch Leni verstoßen? Hatte sie ihn nicht angefleht damals grad wie jetzt?
Und ganz ebenso gab Leni ihre Rolle geradezu hinreißend. Sie gedachte der Zeit, in welcher Anton von ihr gegangen war, in welcher der Schmerz um ihn in ihr genagt hatte. Der Rolle gemäß mußte sie vor dem Ungetreuen niederknieen, um ihn um Entfernung der Nebenbuhlerin zu bitten. Seine Antwort war, daß er sie verstieß und vor die Götterburg bringen ließ. Bereits am Thore derselben stehend, wandte sie sich noch einmal um, erhob verzweifelnd ihre Hände und sang:
»Stirb, meine Seele, brich, mein Herz!
Tor, wirf den Blitz mir an die Stirn!
In meinen Adern rast der Schmerz,
Und Wahnsinn tobt mir durch das Hirn!«
Dann wurde sie hinausgeschleift. Das war so überwältigend gegeben, daß die Zuschauer sich von tiefem Grauen gepackt fühlten.
»Du,« flüsterte der alte Warschauer seiner Frau zu. »Mit dem Anton bin ich gar nimmer zufrieden.«
»Warum?«
»Weil er sich an das andre Weibsbild hangen hat und die Leni verstößt. Eine Schönere und Bravere kann er doch gar nimmer bekommen!«
»Ja, ich weiß auch nicht, was er denkt.«
»Wir müssen ihm den Kopf zurecht setzen, wann wir mit ihm reden!«
»Das müssen wir freilich, und zwar richtig und gehörig. Er muß den Verstand verloren haben!«
»Das möcht man fast denken!«
»Er hat schon damals so schlimm an ihr handelt, und nun thut ers wieder, wo sie doch tausendmal schöner ist als früher!«
»Und sogar seine Frau!«
»Ist sie das?«
»Ja. Hasts denn nicht sehen und hört, daß dera alte oberste Gott mit dem langen Bart, dens Odyn nennen, sie mit nander zusammenthan hat?«
»Das war eine Trauung?«
»Freilich!«
»Was! So find sie nun richtig Mann und Frau worden?«
»Natürlich.«
»So könnens doch gar nie wieder von einander gehen, wanns so ist!«
»Nein. Geschieden werdens nicht, dazu werdens wohl keine Dispensionen bekommen. Und wenn er sie dennoch fortjagt, so wird ihn das Gericht zwingen, daß er ihr das Kostgeld bezahlt.«
»So begreif ich gar nicht, daß der talkete Bub sich das gar nicht überlegt!«
»Weißt, er ist noch zu jung und zu hitzig. Wann wir ein verständiges Wort mit ihm reden, wird er sie wieder zu sich nehmen. Das arme Schankerl kann mir leid thun, die Leni! So jung, so schön, so gut und brav und doch schon verstoßen!«
»Und dazu so rasch! Vor einer halben Stund ist sie seine Frau worden, und schon steckt er sie zur Thür hinaus!«
»Gräm Dich noch nicht! Wir werden schon derfahren, wohin sie ist. Nachhero suchen wir sie aufi und bringens ihm zurück. Und wann er nicht will, so geben wir ihr die zweihundert Gulden, die wir noch übrig haben.«
»Ja, da hast Recht. Sie hat sie uns doch erst schickt, und damit reicht sie schon eine Zeit lang aus.«
In dieser Weise betrachteten diese guten, einfachen Leute die Sache. Sie nahmen das Leben auf den Brettern für die reine Wirklichkeit.
Im dritten Acte sieht man Freya zwischen einsamen, wirren Felsenbrocken sitzen. In der Ferne wogt das Meer.
Sie klagt über ihr Unglück, und trostlos klingt es von ihren Lippen:
»Meine Hoffnung ist gestorben
Längst schon vor dem Abendroth,
Jede Blüthe mir verdorben,
Und mein Sein sinkt in den Tod.«
Da röthet sich über den Meeresfluthen der Himmel, ein Strahlenkranz beginnt zu leuchten, und aus demselben schwebt Heimdall, der lichte Gott hernieder.
Er sieht die Trauernde und wendet sich zu ihr. Als sie zu ihm aufschaut, erkennt er Freya, die er liebte und noch liebt und die ihm von Odyn versagt wurde.
Sie erzählt ihm, daß sie verstoßen worden sei, unschuldig verstoßen, um einer Unwürdigen willen. Da ergrimmt sein Herz, und er schwört, sie zu rächen.
Der Zwiegesang der Beiden war überreich an packenden Momenten. Der Componist hatte bewiesen, daß er eines solchen Dichters würdig sei. Kein Auge blieb ohne Thränen.
Da kamen auf segelblähendem Schiffe die Götter herbei. Sie stiegen an das Land und gewahrten diese Beiden. Od, der Ungetreue, war dabei. Odyn erkannte Freya und fragte, was sie hier am äußersten Ende suche. Heimdall antwortete an ihrer Stelle und erklärte, daß er geschworen habe, sie zu rächen. Er forderte Od zum Kampfe auf, und Odyn gab seine Erlaubniß dazu.
Die Götter und Göttinnen gruppirten sich im Halbkreise. Die beiden Feinde traten hervor. Heimdall erklärte, daß Freya der Preis sei, um den er kämpfe, und nun begann das Ringen der beiden göttlichen Recken.
Heimdall blieb Sieger. Od sank in die Kniee und wäre von seinem Gegner getödtet worden. Da aber schleuderte der Donnergott Tor seinen Hammer zwischen sie. Blitze zuckten rundum, und Odyn erklärte, daß ein Gott nicht sterben dürfe.
Freya hatte dem Kampfe zugeschaut, der ihre tiefste Seele erregte. Ihr Busen wogte, ihr Athem ging stockend; ihr Fuß zuckte vorwärts oder rückwärts, je nach dem Stande des Kampfes. Ihr Blick war nur gerichtet auf Heimdall, den Herrlichen. Plötzlich, plötzlich, blitzesschnell stieg es in ihr auf, daß sie nicht geliebt habe aber jetzt liebe, den Gott, der für sie und um sie kämpfte.
Sie wurde ihm zugesprochen und fiel in seine Arme. Voller Entzücken brach sie in Wonnetöne aus und endete mit den Worten:
»Nun wird es wieder licht um mich
Nach langer, grabesdunkler Nacht;
Die Liebe strahlt um mich und Dich,
Und tausend Sonnen sind erwacht!«
Aber bei den letzten Worten: »Die Liebe strahlt um mich und Dich«, blickte sie nicht, wie es ihre Rolle mit sich gebracht hätte, Heimdall an, in dessen Armen sie lag, sondern ihr Auge suchte den Geliebten, den Grafen Senftenberg.
Er sah es. Er sah ihren Blick voll unendlicher Innigkeit auf sich leuchten und preßte sich die Hände auf die Brust.
Er hätte am Liebsten zu ihr hinab auf die Bühne springen und sie an sein Herz reißen mögen vor allen Leuten.
Das Stück war aus und der Vorhang fiel. Der Beifall war fast beispiellos.
Die Künstler mußten wieder und immer wieder erscheinen, und die Leni wurde mit Blumen und Kränzen fast überschüttet. Sie konnte in ihnen förmlich waden.
Da rief eine Stimme:
»Der Componist heraus!«
Eine andere fügte hinzu:
»Der Dichter heraus!«
Sofort fielen alle Stimmen ein. Nur eine augenblicklich kurze Pause trat in diesen Ausrufen ein, da hörte man eine dritte Stimme:
»Der Baumeister hervor, und der Maler heraus!«
Jubelnd wurde das von Hunderten wiederholt. Mann schwieg nicht eher, als bis der Aufforderung Folge geleistet wurde.
Sie erschienen alle Vier zu gleicher Zeit: Der Fex, der einstige Lehrer Max Walther, Rudolf von Sandau und der Elephantenhanns.
»Bravo! Hoch, hoch, hoch!« erschallte es durch das ganze Haus.
Sie verbeugten sich und wollten abtreten. Da wurde gerufen:
»Da bleiben! Kränze her! Lorbeeren für die Künstler.«
»Lorbeeren, Kränze, Kränze!« stimmten Alle ein.
Da traten vier weißgekleidete, schöne Frauengestalten aus den Coulissen, die Geliebten der vier Künstler, welche Letztere die Kränze in Empfang nahmen, der Fex von seiner Paula, Max Walther von der Silbermartha, Baumeister Rudolf v. Sandau von Milda v. Alberg und der glückstrahlende Elephantenhanns von der schönen Italienerin Anita.
Von diesem Arrangement hatten die Empfänger nichts gewußt. Das gab einen Jubel auf der Bühne und im Publikum, der gar kein Ende nehmen wollte, bis der Maschinist sich weigerte, den Vorhang wieder zu heben.
Alle Welt war gesättigt und entzückt von diesem einzigen Kunstgenuß, und nur langsam leerte sich das Theater.
Die oben erwähnten Inhaber des Parketes hatten Weisung erhalten, nicht fort zu gehen, sondern sitzen zu bleiben. Sie folgten diesem Gebote ohne Grund desselben zu ahnen.
Als der Raum vollständig leer war, trat der Director vor die Gardine und meldete:
»Seine Königliche Majestät haben allergnädigst geruht zu befehlen, daß für die noch anwesenden Herrschaften ein kleiner, intimer Festball arrangirt werde.
Es ist dabei Wunsch Seiner Königlichen Majestät, daß die herkömmlichen Standesschranken fallen und ein herzliches, freundliches Einvernehmen zwischen allen Damen und Herren erzielt werde.
Ballkarten sind von der Logenschließerin in Empfang zu nehmen.
Für die anzurichtende Festtafel ist keine Bestimmung über die Reihenfolge der Plätze getroffen. Herr Joseph Brendel, genannt der Wurzelsepp, wird präsitiren. Die anderen Herrschaften können sich nach Wunsch plaziren. Toaste sind natürlich erbeten und gern gestattet. Weinkarten liegen auf, damit ein Jeder beliebige Wahl treffen könne und ist überhaupt gewünscht, daß Jedermann sich nach eigenem Gusto bewegen und vergnügen möge!«
Diese Bekanntmachung, von welcher nur Wenige vorher gewußt hatten, wurde sowohl im Parket als auch hinter dem Vorhange mit Jubel aufgenommen.
Das hatte dem heutigen Abende gefehlt. Man kannte sich ja, man liebte sich, und diejenigen, welche sich noch nicht gesehen hatten, konnten sich einander nähern.
Die drei zur berühmten »Wenzelei« gehörigen Musiker steckten die Köpfe zusammen.
»Hört,« fragte der Clarinettenmenzel, »habt Ihr's auch verstanden?«
»Es war ja deutlich genug,« antwortete der Posaunenwenzel.
»Ein Fressen solls geben mit Tanz und Wein,« nickte der Violenfrenzel.
»Ob wir auch mit gemeint sind?«
»Man sollts doch denken!«
»Ich denks ganz sicher. Es hat ja geheißen, alle Anwesenden, und wir sind ja anwesend.«
»Das ist freilich wahr, aberst es fragt sich, was wir dabei zu thun bekommen.«
»Natürlich essen und trinken.«
»Oder auch nicht. Vielleichten hat man uns nur kommen lassen, damit wir die Musiken zum Ball blasen sollen.«
»Da haben wir doch unsere Instrumenten nicht mit, und die hätten wir doch mitbringen müssen!«
»Das ist nicht nöthig, das ganze Orchester liegt ja voller Instrumenten.«
»Hm! Wenn mans nur genau wüßt!«
»Am Besten ists, wir fragen, damit wir keinen Fehlern machen.«
»Ja, und da kommt grad der Richtige, an den wir uns wenden können!«
Der Sepp trat nämlich vom Corridor herein. Der Clarinettenmenzel näherte sich ihm von der Seite und sagte:
»Mit Verlaub, Herr Sepp! Sie haben bei der Tafel den Vorsitz?«
»Ja.«
»Da wissen Sie auch, wer mit speisen darf.«
»Ei freilich!«
»Sind auch wir dabei, die Wenzelei?«
»Versteht sich!«
»Wir haben gedacht, daß wir zum Balle spielen sollen.«
»O nein,« lachte der Alte. »Dazu haben wir andere Kräfte, die Theaterkapelle.«
»Na, wir könnens auch,« erklärte Menzel, halb und halb beleidigt.
»Das wissen wir. Aber Sie sind Gäste. Wenn Sie uns bei der Tafel eine Probe Ihrer Kunst zum Besten geben wollen, so wird es uns freuen.«
»Das werden wir thun; ja ja, das thun wir, und Sie sollen staunen.«
Jetzt mußten die Gäste des Parketes zurück um Platz für die Verlängerung des Podiums zu machen. Dabei nahm der Sepp die alten Warschauers an sich und führte sie in ein entlegenes Stübchen, wo er sie bat, zu warten, bis er sie holen werde.
»Warum sollen wir nicht bei denen Uebrigen bleiben?« fragte der Alte.
»Weil Ihr den Anton sehen sollt.«
»Hier?«
»Nein. Ich bring Euch nachhero hin.«
»Das gefreut uns sehr! Aber sag doch mal: Er hat kämpft. Ist er verwundet?«
»Nein.«
»Aber die Leni hat man ihm nommen?«
»Freilich.«
»Die hat nun dera andere Gott?«
»Jetzt nicht mehr.«
»Aberst sie ist ihm doch zusprochen worden!«
»O, das ist ja Alles nur zum Schein. Das wird nur spielt, und wanns aus ist, geht ein Jeder seinen vorigen Weg.«
Er ließ die Alten kopfschüttelnd zurück.
Der Anton hatte während des Spieles seine Eltern nicht gesehen; er ahnte gar nicht, daß sie hier seien. Nach Erlaß der Bekanntmachung ließ er sich von einem der Logenschließer die Tanzkarte geben. Er ging eben die Tanzfolge durch, als die Leni kam, um sich auch eine Karte geben zu lassen. Als sie ihn erblickte, wollte sie umkehren. Schnell aber stand er bei ihr.
»Leni,« sagte er. »Du mußt mir einen Tanz geben!«
»Wie? Ich muß?«
»Ja. Wenn Du es nicht thust, störe ich das ganze Vergnügen. Dann ist mir Alles egal.«
»Sie wollen mich also zwingen!«
»Ja. Aus Rücksicht auf das Allgemeine müssen Sie meinen Wunsch erfüllen!«
Sie blitzte ihn mit zornigen Augen an und sagte, verächtlich die Achsel zuckend:
»Wenn Sie meinen, daß ich mich zwingen lasse, irren Sie sich sehr.«
»So tragen Sie die Schuld, wenn den Anderen das Vergnügen verdorben wird.«
»Nein, Sie tragen sie. Uebrigens können Sie versichert sein, daß Sie gar keine Störung bereiten werden. Der König ist noch da, und wenn Sie so frech sein sollten, gemein zu handeln, was ich Ihnen allerdings ganz gern zutraue, so wird der Director Sie einfach hinauswerfen lassen: Ich werde Sorge tragen, daß man sich sofort darauf vorbereitet. Polizisten sind ja stets zu haben.«
Sie wollte fort. Er aber ergriff sie am Aermel des Gewandes.
»Leni, hassest Du mich denn wirklich?«
»Nein, aber ich verachte und bemitleide Sie. Das ist bekanntlich schlimmer als Haß.«
»Leni, gieb mir einen Tanz!«
»Nein!«
»Thu es um meiner Eltern willen, auf die Du so viel hältst!«
»Und die Sie verhungern lassen!«
»Ich habe ihnen oft geschickt!«
»Das ist Lüge. Aber gut! Um Ihrer Eltern Willen will ich einen Tanz notiren, aber nur einen.«
»Welchen? Den ersten, die Polonaise?«
»Nein. Die gehört meinem Sepp.«
»Dann den zweiten, den Walzer!«
»Schön!«
Sie ließ sich eine Karte geben und schrieb neben den Tanz den Namen.
»Hier, sehen Sie!« sagte sie, ihm die Karte zur Ansicht zeigend.
Er laß: Walzer – Warschauer.
»Schön!« sagte er. »Ich werde mich einfinden.«
Sie hörte das bereits nicht mehr; sie eilte möglichst schnell fort.
»Welch ein Mädchen!« murmelte er. »Sie hat es drin gehabt, ohne daß ich es ahnte. Na, einen Tanz hab ich. Das ist ein Anfang. Und bei Tisch werde ich neben ihr sitzen. Ich werde es so einzurichten wissen.«
Er zog sich mürrisch in eine Ecke zurück.
Während die Bühne und das Parkete für den Tanz eingerichtet wurden, hatten sich die meisten Anwesenden nach dem Foyer begeben, wo Gratiserfrischungen bereit standen, da suchten und fanden sich die Paare.
Rudolf von Sandau hatte sich vorgenommen, heut bei Milda das entscheidende Wort zu sprechen. Er hatte schon vorher Geld verdient; der Theaterbau hatte ihm eine bedeutende Summe eingebracht, und sein Name war jetzt so bekannt, daß er eine sorgenlose Zukunft erwarten konnte.
Er sah Milda in einem Fauteuil sitzen. Max Walther, ihr Stiefbruder, stand bei ihr. Er ging auf sie zu. Als Max dies bemerkte, entfernte er sich, indem er that, als ob er den Freund nicht kommen sehe.
»Endlich finde ich Muse, der Spenderin meines Lorbeerkranzes den wohlverdienten Dank zu sagen. Das war eine höchst angenehme Ueberraschung.«
Er gab ihr die Hand, die sie nur leicht berührte.
»Ich war dazu befohlen,« bemerkte sie.
Das klang, so fremd, so kalt. Er sah sie genauer an, und nun fiel ihm die bleiche Farbe ihres Gesichtes und die müde Ungewißheit ihres Blickes auf.
»Milda, sind Sie unwohl?« fragte er.
»Nein, nur müd.«
»Sie sind dieses Angegriffensein nicht gewöhnt, welches bei einer solchen Festivität unvermeidlich ist. Also befohlen waren Sie? Von wem?«
»Von dem Könige.«
»Sie sind doch nicht seine Unterthanin.«
»Aber Königen gehorcht man stets.«
»Wenn Majestät es nicht gewünscht hätte, so wären Sie wohl nicht zu dieser Ehrendienstleistung bereit gewesen?«
»Wohl kaum.«
»Weshalb? Ach, ja! Die drei anderen Damen waren Ihnen nicht genehm.«
»Sie irren sich. Paula und Martha sind unschuldig an den Sünden ihrer Väter. Ihre Gesellschaft ist mir ganz angenehm.«
Er sah ihr tief in die Augen. Sie senkte den Blick. Er bemerkte, daß es schmerzlich um ihre Lippen zuckte.
»Milda, Sie sind wirklich krank,« sagte er. »Sie sind sehr unwohl. Nehmen Sie einen Mund voll frischer Luft. Bitte, lassen Sie mich Sie nach den Garten begleiten!«
Er bot ihr den Arm und sie widerstrebte nicht. Es war ja besser, sich so bald wie möglich auszusprechen.
Er führte sie nach dem Garten, nach demselben Garten, in welchem damals der italienische Geigenvirtuos, Concertmeister Rialti so viel Pech gehabt hatte. Da begannen sie, langsam auf und ab zu gehen.
»Darf ich vielleicht erfahren, was sie so krank gemacht hat?« fragte er.
»Sie dürfen nicht blos, sondern Sie müssen es erfahren,« antwortete sie.
»Nun bitte!«
»Sie wissen, was mein Vater gesündigt hat, und daß ich die Ehre und das Vermögen eines Anderen herzustellen habe.«
»Ist es diese unglückliche Angelegenheit?«
»Ja.«
»Ich würde sie ruhen lassen.«
»O nein.«
»Sie werden niemals ihren Zweck erreichen. Diese Familie ist verschollen.«
»Das habe ich bisher geglaubt.«
»Bisher? Sie glauben es also nicht mehr?«
»Nein.«
»Haben Sie einen Grund dazu?«
»Ich habe eine Spur.«
»Ach! Wohin führt sie?«
»Von Amerika herüber nach Bayern.«
»Was Sie sagen.«
»Jener Herr von Sandau ist gestorben, und seine Wittwe ging mit ihrem Knaben nach Bayern, wo sie ein mehr als kärgliches Brod verdiente.«
»Milda!« rief er ganz betroffen aus. »Woher wissen Sie das? Wer hat es Ihnen gesagt?«
»Davon später. Der Sohn wuchs heran und wurde ein braver, tüchtiger Mann. Er lernte mich kennen; er erfuhr, daß mein Vater den seinigen um seine Ehre, sein Vermögen und seine Freiheit gebracht hatte. Er konnte das Alles zurückfordern; er konnte mir Alles, Alles nehmen, auch die Ehre seines Namens. Er that es nicht, der Edle; er blieb arm; er behielt die Schande und schwieg. Was sagen Sie dazu?«
Rudolph antwortete nicht.
»Kennen Sie diesen jungen Mann?«
»Erst nach einigen Augenblicken sagte er:
»Milda, da hat mir Jemand einen recht, recht unangenehmen Strich durch meine Rechnung gemacht. Wer es auch sei, ich muß ihm zürnen und möchte es ihm nie vergeben.«
»Wollen Sie gegen ihn unedler sein als gegen mich?«
»Sie haben Recht. Aber eingestanden, daß ich nicht blos Sandau, sondern von Sandau heiße, ist denn das für Sie so ein großer Grund, sich unglücklich zu fühlen?«
»Ja, ein sehr großer.«
»Warum?«
»Darf ich ganz offen sein?«
»Ich bitte darum!«
»Auch wenn das, was ich sage, nicht ganz weiblich zurückhaltend klingen wird?«
»Sprechen Sie getrost. Ich werde Sie nicht mißverstehen, jetzt nicht und überhaupt nie.«
»Wäre ein Anderer der Betreffende, so würde ich ihm Alles geben, was ich besitze, und dann mich meiner Armuth freuen. Mein Herz wäre dabei unbetheiligt.«
»Und jetzt? Ist es anders?«
»O, wie anders! Rudolf, nicht wahr, wir lieben uns, lieben uns herzlich?«
»Herzlich und innig, meine Milda!«
»Und grad das ist's, was mich so unglücklich macht. Hätte ich einem Fremden Alles geben müssen, so wäre es mir doch erlaubt gewesen, Ihnen zu gehören. Der bürgerliche Baumeister hätte mich geliebt und über den Makel meines Namens weggesehen. Der Baron aber, der Sie sind, kann das nicht. Wir müssen unsere Liebe begraben, und ich kann nichts thun, als in Verborgenheit zu verschwinden. Jedenfalls finde ich eine Freistatt bei meinem Bruder Max. Ich werde Sie nie vergessen und wünsche Ihnen aus treuer, steter Liebe und für ihren beispiellosen Edelmuth des Himmels reichsten Segen. Morgen sollen Sie alle Papiere empfangen, mit Hilfe deren Sie die Ehre Ihres Namens leicht wieder herzustellen vermögen. Ein Inventarium all meines bisherigen ungerechten Besitzthums liegt dabei. Es gehört Alles Ihnen, und ich bitte nur, meine Kleider und die persönliche Wäsche behalten zu dürfen.«
Sie sagte das halblaut und mit unterdrücktem Schluchzen.
»Milda,« rief er aus. »Was denken Sie von mir! Sie sprechen von meinem beispiellosen Edelmuthe und trauen mir doch zu, gegen Sie, grad gegen Sie so beispiellos ohne alle und die mindeste Rücksichtsnahme zu handeln! Nein, nein! Ich habe an den Fall gedacht, daß Sie entdecken könnten, daß ich der Gesuchte bin, und mir reiflich überlegt, wie ich in diesem Falle zu handeln habe. Soll ich es Dir sagen?«
»Bitte, Rudolf!«
»Nämlich der König weiß Alles – «
»Wer hat es ihm gesagt?« fragte sie schnell.
»Der Sepp.«
»Ist der so eine unvorsichtige Plaudertasche?«
»O bitte! Ich glaube nicht, daß wir ihm mit Recht diesen Namen geben dürfen. Eine Unvorsichtigkeit ist es nicht von ihm.«
»Hat er es mit Deiner Einwilligung gethan?«
»Nein. Er hat dieselbe nicht nachgesucht, denn er wußte ganz genau, daß ich sie ihm verweigert hätte; aber meiner Mutter hat er Andeutungen gemacht und, da sie ihn nicht deutlich verstand, aus ihren Worten wohl die Ueberzeugung geschöpft, daß sie ihre Zustimmung gebe. Seine Absicht war jedenfalls eine sehr gute.«
»Davon bin ich gern überzeugt, denn ich kenne ihn. Eine böse oder schlimme Absicht kann der alte Sepp wohl überhaupt niemals verfolgen.«
»Auf keinen Fall. Er hat es wirklich und ernstlich gut gemeint. Wie die Sachen stehen, kann unsere Angelegenheit nicht ohne das Einschreiten der königlichen Huld so geordnet werden, daß für beide Theile eine Befriedigung erwächst.«
»Wie meinst Du das?«
»Die verlorene Ehre meines Vaters kann unmöglich auf gewöhnlichem Wege wieder hergestellt werden, ohne daß die Deinige darunter leidet.«
»Das ist freilich wahr.«
»Wenn ich diese Angelegenheit bei der Gerichtsbehörde anhängig machte, was doch der gesetzlich vorgeschriebene Weg ist, so würden die Untersuchungsacten hervorgesucht werden müssen, damit der Fall von Neuem verhandelt werde. Ich müßte die Beweise von der Unschuld meines Vaters, welche sich in Deiner Hand befinden –«
»Und welche ich Dir natürlich unbedingt und unweigerlich zur Verfügung stellen werde,« unterbrach sie ihn.
»Dessen bin ich überzeugt. Ich mußte diese Beweise dem Vertheidiger übergeben und sie also zur Kenntniß des Staatsanwaltes bringen. Die Folge davon wäre natürlich, daß die Unschuld meines Vaters und die Schuld des Deinigen erwiesen würde. Den Letzteren würde man in contumaciam verurtheilen, ja man würde vielleicht sogar nach seinem gegenwärtigen Aufenthalte forschen, um ihn persönlich herbei zu bringen, und auf alle Fälle würde sein Name der Ehre beraubt.«
»Das würde allerdings geschehen. Und darauf bin ich ja auch vorbereitet.«
»Warum aber soll das geschehen, wenn es einen Weg giebt, die Unschuld meines Vaters zu beweisen, ohne daß auf den Deinigen ein öffentlicher Makel fällt?«
»Du meinst, daß dies möglich sei?«
»Gewiß. Ich habe mich Dir bisher nicht zu erkennen gegeben, weil ich Dich liebe und weil mir die Ruhe Deines Herzens noch heiliger ist als die meinige. Aber ich sagte mir doch, der Fall könne eintreten. Du möchtest auf irgend eine Weise erfahren, daß ich der von Dir Gesuchte sei. Dann wollte ich auf das Betreten des gerichtlichen Weges verzichten. Ich wollte mir die Beweise von Dir erbitten und sie in die Hände des Königs legen. Der Monarch wird sich überzeugen, daß mein Vater unschuldig gewesen ist, und in seiner Hand steht die Macht, dies zu veröffentlichen und unsere Ehre zu restituiren, ohne daß die Deinige oder diejenige Deines Vaters angetastet wird. Der König hat sich bereit dazu gezeigt. Er hat dem Sepp erklärt, daß er um Deinetwillen die Schuld Deines Vaters unerwähnt lasten wolle. Auf diese Weise kann die Angelegenheit zur beiderseitigen Zufriedenheit geordnet werden. Das haben wir dem Sepp zu verdanken, und darum dürfen wir ihm nicht zürnen, daß er Schritte gethan hat, zu denen er sich nicht vorher die Erlaubniß von uns einholte.«
»Wenn Du die Sache so darstellst, habe ich ihn allerdings zu loben anstatt zu tadeln.«
»Ja, er weiß stets, was er thut.«
»Aber dennoch habe ich ein Bedenken.«
»Welches?«
»Wird man auch wirklich allgemein an die Unschuld Deines Vaters glauben, wenn dieselbe nicht durch Nennung des eigentlich Schuldigen erwiesen wird?«
»Warum nicht?«
»Man wird glauben, daß es sich nur um einen Act königlicher Gnade handle.«
»Daran ist nicht zu denken.«
»O gewiß!«
»Nein, nein! Bedenke, daß die That in Oesterreich geschehen ist. Der König hat also nicht die Gewalt, eigenmächtig zu verfahren. Die Unschuld meines Vaters muß nach österreichischen Gesetzen und vor einer österreichischen Untersuchungsbehörde erwiesen werden. Dies ist keineswegs zu verhindern. Aber der König kann durch seinen Einfluß, durch seine Vermittelung erreichen, daß nichts von den Einzelheiten dieser Untersuchung verlautet, und daß nur das Ergebniß derselben in die Oeffentlichkeit dringt. Meinst Du, daß man auch dann an der Wahrhaftigkeit des Ergebnisses zweifeln werde?«
»Nein, dann wohl nicht.«
»So mußt Du also erkennen, daß Du gar keinen Grund zur Bekümmerniß hast. Du kannst ganz ruhig sein. Dein Name bleibt vollständig unerwähnt.«
»Und doch ist das eine Zartheit von Dir, für welche ich Dir niemals werde danken können.«
»Ich habe keinen Dank verdient. Ich handle nur nach meiner Verpflichtung. Es wäre ja gradezu ein Verbrechen von mir, eine Unschuldige so unheilbar zu kränken. Du bist mir also zu gar nichts verpflichtet.«
»O doch, Rudolf! Unsere Lebenswege gehen zwar nun auseinander, aber ich werde stets, stets an Dich und Deine Großmuth denken – – – «
»Bitte, Milda, sprich nicht so! Es giebt keinen Grund dazu, daß wir scheiden sollen, nicht den geringsten.«
»Das sagst Du eben aus Großmuth.«
»Nein, nein; es giebt wirklich keinen.«
»Es giebt sogar zwei. Mag die Schuld meines Vaters verschwiegen werden, wir Beide kennen sie doch!«
»Nun, was ist da weiter?«
»Auch Deine Mutter kennt sie, ebenso der König, der Sepp und Bruder Max nebst seiner Mutter. Es sind also genug Leute vorhanden, denen sie kein Geheimniß ist.«
»Fürchtest Du vielleicht, daß eine dieser Personen Etwas verrathen werde?«
»Nein. Aber sie würden es mir schwer anrechnen, wenn ich es duldete, daß das Leben der Tochter des Schuldigen an das Leben des Sohnes des Unschuldigen gekettet werde.«
»Welche unnütze Befürchtung! Grad damit wir vereinigt werden können, sind alle diese Personen bemüht, die Sache so zu lösen, daß Dein Vater nicht dabei genannt werde. Ich bitte Dich von ganzem Herzen, laß dieses Bedenken fallen! Es ist völlig grundlos. Und ich hoffe, daß Dein zweiter Grund ebenso wenig stichhaltig ist.«
»Er ist wohl noch wesentlicher als der vorige.«
»Darf ich ihn erfahren?«
»Natürlich! Von diesem Augenblicke an bin ich arm. Dir gehört Alles, was ich bisher besessen habe.«
»Das ist noch fraglich.«
»Nein, es ist gewiß.«
»Wollen wir es auf eine gerichtliche Entscheidung ankommen lassen, Milda?«
»Um Gotteswillen, nein!«
»Das würde ich unbedingt thun. Und selbst wenn mir die Behörde Alles zuspräche, würde ich nicht den Werth auch nur einer Stecknadel von Dir annehmen.«
»Du müßtest doch!«
»Wer könnte mich zwingen?«
»Eben die Behörde, indem sie es Dir zuspricht.«
»Das möchte sie thun; aber mich wirklich zwingen, den Besitz auch factisch anzutreten, dazu hat kein Mensch und keine Behörde die Gewalt.«
»Was würdest Du denn thun?«
»Ich würde es Dir lassen.«
»Und wenn ich es nicht behielte?«
»So würde ich es verschenken.«
»Rudolf!« rief sie aus.
»Ja,« erklärte er eifrig, »ich würde es verschenken. Alles, Alles! Du hättest also Dein Eigenthum von Dir geworfen, ohne mir auch nur für einen Pfennig Nutzen zu schaffen.«
»Das wäre unrecht, höchst Unrecht von Dir!«
»Nein. Warum willst Du Dich partout von mir scheiden! Wenn ich Dich nicht haben soll, so verzichte ich auch auf alles Andere. Ich bin ja gern, gern bereit, Alles, Alles was Du hast, aus Deiner Hand zu nehmen, als ein Geschenk oder auch als mein rechtmäßiges Eigenthum – – –«
»So thue es doch!«
»Sehr gern, doch nur unter einer Bedingung, daß Du auch Dich mir schenkst.«
»Rudolf, das kann, das kann ich nicht.«
Da ergriff er ihr Köpfchen, drückte es an sich und sagte:
»Komm, lege Dein kleines, liebes, hartes Trotzköpfchen einmal an mein Herz und höre mich an. Ich habe Dir gesagt, wie Alles werden kann und werden soll. Meine Worte sind vergeblich. Du meinst, daß Ehre und Eigenthum zwischen uns stehen. Aber besteht denn nicht die beste und einzige, friedliche Lösung des ganzen Conflictes darin, daß wir Beides, Ehre und Eigenthum, mit einander besitzen? Ich habe bisher geglaubt, daß Du mich lieb habest, jetzt aber muß ich daran zweifeln.«
»Rudolf, das darfst Du nicht.«
»O gewiß, ich muß zweifeln. Was ist alles Andere gegen eine große, wahre, wirkliche Liebe. Sagt nicht die heilige Schrift, daß die Liebe Alles verträgt, Alles glaubt, Alles hofft. Alles duldet und auch Alles überwindet? Und die Deinige will nichts, gar nichts hoffen und überwinden.«
Sie blieb schweigend und an ihn gelehnt stehen. Nach einigen Augenblicken antwortete sie mit stockender Stimme:
»Rudolf, Du weißt, wie ich Dich liebe.«
»Bisher habe ich es geglaubt.«
»Glaube es, glaube es auch weiter! Meinst Du, daß es mir ein Leichtes ist, von Trennung zu sprechen? Grad dies muß Dir beweisen, daß ich Dich wahr und selbstlos liebe.«
»So ist meine Liebe nicht so selbstlos wie die Deinige. Sie ist egoistisch, Ich will glücklich sein, glücklich, glücklich; hörst Du wohl? Und das kann ich nur sein, wenn ich Dich habe. Du willst mir ein großes, schweres Opfer bringen, indem Du mir Alles giebst und nichts behältst. Ich kann es nicht annehmen. Dafür aber erbitte ich mir ein anderes Opfer. Gieb Dich mir! Du bist mir werther und lieber als Alles. Nur mit Dir nehme ich auch das Andere. Willst Du, meine Milda? Willst Du?«
Er beugte sich tief zu ihr nieder. Er hatte so innig und dringend gesprochen, daß sie die Arme um ihn schlang und leise antwortete:
»Würdest Du es nicht bereuen?«
»Nein, niemals!«
»Und was wird Deine Mutter dazu sagen?«
»Sie wird ganz glücklich sein, da Du ihr damit den innigsten und herzlichsten Wunsch erfüllst.«
»So bin ich ihr willkommen?«
»Hoch willkommen! Sie hat Dich lieb gehabt von dem Augenblicke an, an welchem Du zum ersten Male zu ihr nach Eichenfeld kamst. Drum sag, willst Du nun endlich mein sein?«
»Ja, Rudolf, ich will. Versuche es mit mir. Ich werde mir Mühe geben, Euch vergessen zu machen, was mein Vater Euch gethan hat.«
»Es ist vergeben und vergessen. Dadurch, daß sein Kind mein Eigen wird, ist Alles gesühnt.«
Er drückte sie fest, fest an sich und küßte sie. Sie hielt ihn innig umschlungen und weinte vor Freude und Rührung.
Sie achteten nur auf sich und bemerkten also nicht, daß eine hohe Gestalt langsam auf sie zukam.
Es war der König. Auch er war tief in Gedanken versunken. Er hatte den Garten aufgesucht, um dem Geräusche zu entfliehen, welches durch die im Theater vorzunehmenden Vorbereitungen verursacht wurde. Erst als er sich bereits in ihrer Nähe befand, bemerkte und erkannte er sie.
»Ah, Herr von Sandau,« sagte er, indem er das Wörtchen »von« betonte, »ist die Lösung des Conflictes erreicht?«
Milda machte in mädchenhafter Scham eine Bewegung, als ob sie entfliehen wolle. Rudolf aber hielt sie fest und antwortete, indem er sich tief verneigte:
»Ich habe gefunden, was ich suchte, Königliche Majestät, Glück und Erhörung.«
»So halten Sie es fest, dieses Glück. Ihr König wird das Seinige thun, es zu befestigen. Senden Sie mir seiner Zeit die betreffenden Unterlagen ein, und nehmen Sie jetzt meine aufrichtigen Glückwünsche!«
Er legte Milda leise die Hand auf das Haupt und schritt dann langsam weiter.
Rudolf zog die Geliebte an sich und sagte leise und gerührt.
»Seine Hand lag auf Ihrem Scheitel. Du besitzest den Segen unseres Königs; er ist die Gewähr, daß unser Glück kein Ende nehmen wird.«
Die Arme um einander geschlungen, schritten sie in entgegengesetzter Richtung davon, um den König nicht zu stören.
Als sie in das Innere des Theaters gelangten, trat ihnen Frau von Sandau entgegen. Dieselbe hatte beobachtet, daß sie sich vorhin entfernten, und nun ihre Rückkehr mit Sehnsucht erwartet. Als sie die Augen ihres Sohnes so hell und glücklich leuchten sah, rief sie freudig aus:
»Ist es Dir gelungen, ihre Bedenken zu besiegen, Rudolf?«
»Wohl noch nicht ganz. Aber sie will mein sein. Hier hast Du Deine Tochter, liebe Mutter.«
Milda eilte in die Arme der Frau, welche sich zärtlich um sie schlossen. Die warmen Worte, welche zwischen ihnen gewechselt wurden, waren nicht zu hören unter den Klängen des Orchesters, welches jetzt eine Einleitung zu spielen begann.
Dann erklangen die rauschenden Takte der Polonaise, welche auf den Karten als erster Tanz verzeichnet war.
Der alte Sepp stand hinter der Coulisse und schaute sich nach einer Tänzerin um. Da kam die Leni herbei.
»Sepp, tanzest die Polonaise?« fragte sie.
»Natürlich.«
»Mit wem?«
»Ich hab mir eben die alte Barbara sucht.«
»Nein. Diesen ersten Tanz bekommst von mir.«
Sein Auge leuchtete freudig auf.
»Was? Mit Dir soll ich sie tanzen?« rief er. »Weißt denn nicht, daßt halt die Königin vom Ballfest bist?«
»Kein Wort weiß ich davon. Hier ist ja die Eine grad so wie die Andere.«
»Nein. Du bist doch die Schönst und Best von Allen, und daßt grad zum alten Seppen kommst, das ist eine große Ehren für mich.«
»Also willst?«
»Ja freilich!«
»So mach und thu den Arm her, denn wir Beid müssen die Polonaise kommandiren.«
»Auch noch? Na, da schau, was ich für Dummheiten machen werd! Wann ich falsch lauf, so wink und pfeif nur laut, damit ichs hören thu!«
Trotz dieser Worte, welche nicht viel Sicherheit und Selbstbewußtsein verriethen, schritt er unendlich stolz neben seinem Lieblinge her, und da er gut aufmerkte, so brachte er es glücklich fertig, keinen Fehler zu begehen.
Kurz vor dem Schlusse der Polonaise erkundigte sich die Leni:
»Weißt, wo dera Anton ist?«
»Ja. Er sitzt in dera Fremdenlogen oben und schaut heimlich auf uns herab.«
»Er hat sich den nächsten Tanz bestellt.«
»Hast ihm denselben geben?«
»Er bekommt ihn nicht. Hol nur gleich jetzt seine Eltern, wann wir fertig sind.«
Die Polonaise ging zu Ende, und der Sepp begab sich nach dem Zimmerchen, in welches er die alten Warschauers geschafft hatte. Er unterhielt sich mit ihnen. Als aber die Musik anstimmte, führte er sie hinaus nach den Coulissen.
Auf der andern Seite stand die Leni. Wie sie erwartet hatte, kam Anton herbei geeilt. Er verbeugte sich und bot ihr den Arm.
»Was wünschen Sie?« fragte sie im Tone des Erstaunens.
»Diese Tour.«
»Sie – – –?!«
»Natürlich! Sie gehört mir ja!«
»Ihnen? Davon weiß ich kein Wort.«
Er trat einen Schritt zurück, maß sie mit zornigem Blicke und sagte:
»Willst Du mich beleidigen?«
»O nein. Wir stehen uns ja so fern, daß eine Beleidigung zwischen uns gradezu eine Unmöglichkeit ist.«
»Schön, so bitte ich also um Deinen Arm!«
»Ich sehe keine Veranlassung dazu.«
»Donnerwetter! Du hast meinen Namen ja auf Deine Tanzkarte notirt!«
»Ihren Namen? Da muß ich mich denn doch wohl überzeugen.«
Ihre kalte, strenge, ungläubige Miene brachte ihn in zornige Aufregung.
»Ja, da steht es!« rief er. »Zeig her!«
Er riß ihr die Karte aus der Hand.
»Herr, was fällt Ihnen ein!« zürnte sie. »Ich habe zwar stets daran gezweifelt, daß es Ihnen gelingen werde, sich einige, wenigstens äußerliche Bildung anzueignen; aber daß Sie einer Dame ihr Eigenthum entreißen, daß ist denn doch zu stark!«
Da trat er ganz nahe an sie heran und sagte in zischendem, halblautem Tone:
»Leni, rege mich nicht noch weiter auf, sonst geschieht Etwas, was Dir nicht lieb ist!«
»Oder vielmehr Etwas, was Ihnen nicht gefällt, mein Herr Criquolini.«
»Hier steht der Name. Der Tanz gehört mir!«
Er hielt ihr die Karte vor die Augen. Sie nahm ihm dieselbe, blickte darauf, that als ob sie sich besinne und sagte dann:
»Dieser Name ist freilich auch der Ihrige; aber ich habe einen andern Herrn gemeint.«
Bei diesen Worten gab sie dem in der gegenüberliegenden Coulisse stehenden Sepp einen heimlichen Wink, worauf dieser dem alten Warschauer sagte, da drüben stehe die Leni und wolle ihn sprechen.
»Einen anderen Tänzer?« sagte Anton. »Das dulde ich nicht!«
»Sie werden es sich doch gefallen lassen.«
»Nein. Ich mache schauderhaften Scandal!«
»Vielleicht doch nicht, wenn Sie den Herrn sehen, mit dem ich tanzen will.«
»Mag er sein, wer er will!«
»Das werden Sie gleich sehen. Da kommt er.«
Der Anton drehte sich um und erbleichte. Er fuhr erschrocken um einige Schritte zurück.
»Mein Vater!« rief er aus.
»Kennen Sie ihn überhaupt noch?« fragte die Leni. »Das ist ja gradezu ein Wunder.«
»Mein Vater!« wiederholte er.
Er war kalkweiß im Gesicht geworden.
»Wenn Sie mir erlauben, sende ich Ihnen noch Jemand,« sagte die Leni, indem sie sich entfernte.
Der alte Warschauer stand jetzt bei seinem Sohne.
»Anton, endlich, endlich!« rief er, ihm beide Hände entgegenstreckend.
Der Sohn erhob seine Hände nicht, um sie dem Vater zu geben. Der Schreck hielt ihn noch gefangen.
»Vater, Vater! Wie kommst hierher?« fragte er.
»Mit dem Herrn Pfarrern und dem Kapellenbauer.«
»Warum?«
»Um Dich zu schauen.«
»Wer hat Euch sagt, daß ich hier bin?«
»Die Leni. Sie hat uns einladen und uns dreihundert Gulden geben, damit wir was zu essen haben und Kleider kaufen können.«
»Sie also, sie und immer sie!«
»Ja, sie hat für uns sorgt. Du aber nicht.«
»Wie gehts dera Muttern?« erkundigte sich Anton, den schweren Vorwurf überhörend.
»Sie ist doch auch hier.«
»Wo denn, wo?«
»Dort! Da kommt sie!«
Er zeigte zurück, von woher jetzt die alte Frau herbei eilte.
»Anton, mein lieber Anton!« rief sie aus, vor Freude weinend. »Da hab ich Dich endlich!«
Sie schlang ihre Arme um ihn.
Er wußte nicht, was er sagen solle. Er wollte reden, brachte aber kein Wort heraus. Er hatte seiner armen, alten Eltern nicht gedacht, und doch waren sie so glücklich, ihn zu sehen. Er blickte in die abgehärmten Gesichter – – abgehärmt? O, wohl noch mehr abgehungert! – – – und schlug die Hände vor das Gesicht.
Dann drückte er sie an sich, die Mutter mit dem rechten und den Vater mit dem linken Arm.
»Mutter, Vater!« rief er aus. »Was habe ich than! Wie ungut bin ich gewest!«
»Sei still!« bat die Alte. »Wirst keine Zeit habt haben. Jetzt hat die Leni für uns sorgt. Nachhero später wirst vielleichten auch Du – –«
Sie hielt inne, denn ihr Sohn hatte den Arm von ihr gelassen und sah nach der Richtung, in welcher sie auf Leni zeigte.
»Ah!« sagte er. »Sie tanzt, und doch hat sie mir diese Tour versprochen!«
Er starrte auf sie und auf ihren Tänzer.
»Wer ist dera seine, noble Herr, den sie bei sich hat?« fragte sein Vater. »Ah, das ist doch dera Graf, der bei uns gewest ist!«
»Kennt Ihr ihn?« fragte Anton.
»Ja. Er war mit der Leni oben auf der Alm.«
»Mit ihr, mit ihr? Ganz allein?«
»Ja. Und nachhero sind wir mitsammen bei dem Kapellenbauern blieben.«
»Er mit ihr auf der Alm! Auf welcher?«
»Auf dem Kapellenbauern der seinigen.«
»Also auf der ihrigen, wo's früher gewest ist?«
»Ja.«
»Himmeldonnerwettern! Wartet einmal! Ich werd nachhero gleich wieder kommen.«
Er sprang fort und schlüpfte zwischen den Tanzenden hindurch bis vor Leni und den Grafen hin, welche soeben ihre Tour beendet hatten und, abseits stehend, mit einander sprachen.
»Da kommt er!« flüsterte sie ihm zu.
»Ich werde ihn streng empfangen!«
»Nein, nicht streng sondern nur ruhig! Bitte!«
Jetzt war der Anton da. Er richtete den flammenden Blick auf die Beiden und sagte zur Sängerin:
»Du tanzest, tanzest mit einem Andern? Und doch gehört diese Tour mir!«
»Sie gehörte Ihrem Vater,« antwortete Leni. »Und da derselbe keine Zeit hatte, konnte ich natürlich anderweit über sie verfügen.«
»Nein, sie gehörte mir!«
»Ich habe den Namen Warschauer aufgeschrieben und damit nicht Sie, sondern Ihren Vater gemeint!«
»Das geht mich nichts an. Nicht mein Vater hat um den Tanz gebeten, sondern ich habe Sie engagirt!«
Er befand sich in einer gewaltigen Aufregung. Es war ihm gar wohl zuzutrauen, daß er in derselben eine Gewalttätigkeit begehen werde. Darum nahm der Graf das Wort:
»Meiner Ansicht nach stehen beide Fälle sich gleich. Sie und Ihr Vater hatten sich zu begrüßen; dadurch wurde die Dame frei.«
»Aber warum für Sie?«
»Weil ich sie engagirte.«
»Gut! Jetzt aber bin ich nicht mehr verhindert. Ich will meine Tänzerin haben!«
Der Graf zuckte die Achsel.
»Thut mir leid! Jetzt nun ist das Engagement mein.«
»Dann eine Extratour.«
»Ich als Herr, der sie engagirte, habe das Recht, Ihnen diese Extratour zu verweigern.«
Da flammten Antons Augen auf, und seine Hände ballten sich.
»Herr! Wissen Sie, was Sie thun?«
»Sehr wohl!«
»Sie wagen viel!«
»O nein, sondern die Dame würde ein Wagniß begehen, wenn Sie mit Ihnen tanzte.«
»Wieso?«
»Sie würde sich der Gefahr aussetzen, daß ich mich von ihr von dem Augenblicke an fern hielte, an welchem sie sich von dem Geliebten der Tänzerin und Einbrecherin Valeska berühren ließ.«
Das war freilich eine Beleidigung! Der Anton machte ein Bewegung, als ob er sich auf den Grafen stürzen wolle.
»Herrrrrrr Criquolini!«
Das klang so stolz, so befehlend und zurückweisend, daß Anton einen Schritt zurückwich; aber er rief mit knirrschender Stimme:
»Graf, das ist eine todeswürdige Beleidigung!«
»Pah!« antwortete der Graf achselzuckend.
»Ich werde Sie fordern lassen!«
»Ich habe Ihnen bereits in Wien gesagt, daß ich Sie nicht für satisfactionsfähig halte.«
»Sie schlagen sich nicht mit mir?«
»Nein.«
»So werde ich Sie zwingen.«
»Das vermögen Sie nicht, denn schlüge ich mich mit Ihnen, so würde dann ich meine Satisfactionsfähigkeit einbüßen, und gegen etwaige Gewaltthätigkeiten giebt es Gesetze und polizeilichen Schutz.«
Anton zog die Arme ein und duckte seinen Oberkörper, als halte er sich sprungbereit.
»Sehen Sie dort!«
Bei diesen Worten deutete der Graf nach dem Eingange. Dort standen mehrere Polizisten. Sie waren für alle Fälle requirirt worden, und der alte Sepp, der Alles beobachtete, hatte sich dorthin postirt, als er sah, daß Anton zum Grafen und der Leni eilte.
»Alle tausend Teufel!« zischte der Sänger. »Sie haben also wirklich Polizei geholt.«
»Wie Sie sehen.«
»So fürchten Sie sich vor mir?« lachte er höhnisch.
»O nein. Aber es galt, auf alle Fälle meine Dame zu schützen. Gegen einen anständigen Gegner hätte ich ausgereicht.«
»Sie haben den Teufel zu schützen, nicht aber die Leni, welche mir gehört!«
»Ihnen? Davon weiß ich kein Wort!«
»Sie wissen, daß sie meine Geliebte ist!«
»Das ist mir unbekannt!«
»Daß sie es wenigstens war!«
»Daß Sie sich gekannt haben, weiß ich; aber von einem wirklich innigen Verhältnisse, von einem näheren Umgange war keine Rede.«
»Das war und ist nicht nöthig. Sie war, ist und bleibt meine Geliebte, mein Eigenthum!«
»Signor Criquolini, Sie befinden sich da in einem gewaltigen Irrthume. So viel ich weiß, ist Fräulein Leni allerdings verlobt, aber nicht mit Ihnen.«
»So? Mit wem denn?«
»Der Betreffende steht vor Ihnen.«
Er deutete dabei auf sich selbst.
»Was, was wollen Sie damit sagen?«
»Daß Signora Ubertinka seit Kurzem meine Verlobte, meine Braut ist.«
Es war, als ob Anton zu Stein erstarre. Er sah die Beiden nicht an, sondern hier war der vulgäre Ausdruck ganz am richtigen Platze: er klotzte sie an. Sein Blick war völlig ausdruckslos, und kein Zug seines Gesichtes bewegte sich.
»Ihre – Ver – lob – te!« stammelte er.
»Wie Sie hören!«
»Ih – – re – – Braut!« fuhr er mühsam fort. »Das – das – ist – nicht – möglich!«
»Ich sage es Ihnen und versichere, daß ich noch nie wissentlich die Unwahrheit gesagt habe.«
»Ists – – wahr – – Leni?«
»Ja,« antwortete sie, indem sie den Arm um den Grafen legte. »Ich bin so unendlich glücklich, die Braut Arnims zu sein.«
»Ar – nim! Arnim nennt sie ihn! Da ist es wahr; da ist es freilich wahr!«
Er legte die Hand vor die Augen, als ob ihn ein plötzliches, grelles Licht blende, und wendete sich von ihnen ab.
Wankenden Schrittes und unsicheren Ganges bewegte er sich über die Bühne, dahin, wo seine Eltern standen. Aber er beachtete dieselben nicht, er blickte sie gar nicht an, sondern er schritt an ihnen vorüber.
»Anton, hier sind wir!« sagte seine Mutter.
Er hörte es nicht.
»Anton, Anton! Siehst uns denn nicht?«
Er ging weiter, in den Gang hinein und trat in sein Garderobezimmer, dessen Thür er hinter sich verriegelte.
»Das hat ihn getroffen!« sagte der Graf.
»Sehr, sehr, wie ein Schlag!« nickte Leni.
»Ich wünsche, daß es nicht von kurzer Wirkung für ihn sei. Vielleicht bessert es ihn.«
»Ich möchte darum beten! Vielleicht wird er nun seinen Eltern ein braver Sohn.«
»Wenn er sich nur nicht noch mehr verhärtet!«
»Dagegen wollen wir sorgen. Wenn wir ihn jetzt allein lassen, so nimmt wohl der Zorn und die Verbitterung die Oberhand.«
»Willst etwa Du zu ihm?«
»Nein, o nein. Ich habe Deine Geduld bereits allzu sehr mit ihm in Anspruch genommen. Ich werde ihm eine Andere senden, welche, so Gott will, mehr Macht über ihn hat als ich.«
Sie trat zu Antons Eltern und wurde von dessen Mutter im ängstlichen Tone angesprochen:
»Was ists mit dem Anton? Was hat er mit Dir habt?«
»Er hat etwas erfahren, was er nicht für möglich gehalten hat.«
»Er sah so ganz verschrocken aus, so wie ich ihn im Leben noch gar nie sehen hab.«
»Es mag ihn allerdings angriffen haben.«
»Was hast ihm denn sagt, daß er darüber gar so ganz von sich kommen ist.«
»Daß ich verlobt bin.«
»Verlobt? Wie? Hast einen Bräutigam?«
»Ja.«
»Herrgott! Wer ists denn?«
»Graf Senftenberg.«
»Mit dem jetzt tanzt hast?«
»Ja.«
»Leni, was sagst! Der wird Dein Mann?«
»Ja, meine liebe Mutter Warschauer.«
»So wirst gar so reich und eine Gräfinnen?«
Die alte Frau schlug die Hände zusammen, daß es schallte, und ihr Mann machte ein Gesicht, auf welchem Freude und Enttäuschung mit einander kämpften.
»O, das ists nicht, was mich so glücklich macht. Ich würde ihn ebenso innig lieb haben, wenn er nicht so reich und kein Graf wäre.«
»Ja, ein gar braver Herr muß er sein; das haben wir freilich sehen.«
»Gönnsts doch dera Leni, daß sie so einen guten Mann bekommen thut?«
»Von ganzem Herzen! Aber Einer kann mir leid thun, dera Anton. Der ist ganz außer sich.«
»Er ist selber schuld.«
»Ja, heut konntst bereits längst seine Frauen sein. Er ist halt dumm gewest.«
»Wir waren nicht für einander bestimmt.«
»O doch! Dera Herrgott hats schon haben wollen, aberst dera Anton hat sein Glück mit denen Füßen von sich stoßen. Was mag er machen?«
»Willst nicht nach ihm sehen?«
»Ja. Weißt, wo er ist?«
»Er trat in den Gang. Wenn er nicht ganz fort ist, so befindet er sich in seiner Garderobe.«
»So bitt, zeig mir dieselbige!«
Leni führte die alte, besorgte Frau nach der Thür derselben. Als sie klinkte, fand sie diese verschlossen.
»Er ist drin,« sagte sie. »Klopf so lange, bis er öffnet, und laß nicht los. Es könnten ihm sonst dumme Gedanken kommen.«
Sie entfernte sich, und die Frau begann zu klopfen. Sie that dies lange vergeblich. Endlich hörte sie drinnen rufen:
»Wer ist draußen?«
Die Stimme klang so eigenthümlich, ganz anders als diejenige ihres Sohnes.
»Ich bins, Deine Muttern,« antwortete sie.
»Was soll ich?«
»Mach auf, und laß mich eini!«
»Ich kann Dich nicht brauchen.«
»Sei doch gut, und laß mich hinein! Ich möcht mit Dir reden, Anton.«
»Später!«
»Nein, jetzund.«
»Mutter, ich bitt, laß mich allein!«
»Nein, grad allein sollst nicht sein, und wannst mir nicht aufmachst, so hol ich alle Andern herbei und mach halt einen Spektakeln!«
Die Angst gab ihr diese Drohung ein, welche nicht ohne Erfolg blieb, denn er öffnete die Thür und sagte:
»So komm! Wirst Dich aberst nicht gar sehr an mir erlustiren.«
Er kehrte sogleich wieder auf den Stuhl zurück, auf welchem er gesessen hatte. Seine Mutter machte die Thüre zu und trat näher.
»Herrgottle, wie schaust aus!« rief sie erschrocken, als sie sein Gesicht erblickte.
Es war alle Farbe aus demselben gewichen. Er sah in diesem Augenblicke um dreißig Jahre älter aus, als er war.
»Gefall ich Dir nicht?« fragte er.
Es klang wie Selbstironie und wie ein tiefer, tiefer Schmerz aus seinem Tone. Seine Stimme war belegt; sie hatte eine Klangfarbe, die noch niemals an ihr wahrgenommen worden war. Er saß gebückt, die Ellbogen auf den Knieen und das Gesicht in die Hände gelegt. Sein Auge hatte einen fast irren Blick und einen fieberhaften Glanz.
»Nein,« antwortete sie. »So gefällst mir freilich nicht, gar nicht, Anton!«
»Ich sollt meinen, daß ich Dir und dem Vatern schon lange nicht gefallen hätt!«
»Warum?«
»Weil ich so ein Wüster und Unguter war.«
»Anton, sag das doch nicht!«
»Ich muß es sagen, weil es die Wahrheiten ist. Ich bin allezeit ein schlechter Bub gewest.«
»Kind, Kind! Willst mich zum Weinen bringen!«
»Nein, Mutter, weine nicht! Wirst gar oft schon über mich weint haben. Ich seh Dirs halt an. Hast vor Leid weint über mich und auch gar vor Hunger.«
»Nein, nein! Wir haben allzeit was zu essen habt. Da brauchst Dich nicht zu sorgen.«
»Nein, nix habt Ihr habt, gar nix, wann die Leni Euch kein Geld schickt hätt.«
»Aber sie hat doch immer welches schickt!«
»Und von dem Sohne habt Ihr keins erhalten?«
»Weil wir nachhero keins brauchten.«
Er schüttelte den Kopf, zeigte auf einen Stuhl, welcher ganz in seiner Nähe stand, und sagte:
»Setz Dich herbei, Mutter! Ich muß mit Dir reden.«
Sie befolgte diese Weisung und nahm Platz.
»Schau, Mutter,« fuhr er fort, »das ist heut ein Tag, wie ich noch keinen derlebt hab. Ich hab nicht denkt, daß so was möglich sein könnt. Ich hab immer denkt, daß ich Derjenige bin, der da Recht hat und nach dem sich alle Anderen richten müssen. Nun aberst ists kommen so plötzlich und so gewaltig wie der Schlag einer Keulen. Es hat mich beinahe niederworfen.«
»Darfsts Dir halt nicht so zu Herzen nehmen.«
»Weißt denn, was es ist?«
»Ja.«
»Von dera Leni?«
»Sie wird eine Gräfin.«
»Ja, das ists! Schau, ich hätt also eine Gräfin zur Frau haben könnt, wann ich anderst gewesen wär!«
»Mußt halt denken, daß es auch noch andere Dirndln giebt!«
»Aberst eine solche nicht.«
»Mußts nur suchen!«
»Nein. Eine Leni giebts halt nicht wieder. Das weiß ich schon ganz gewiß. Ich war gar nicht werth, daß sie mir gut gewest ist. Ich hab einen Edelstein in dera Händen habt, einen gar kostbaren Diamanten. Den hab ich verkannt und für ein Stuckerl schwarze, schmutzige Kohle gehalten.«
»Meinst die Leni?«
»Ja. Sie war dera Diamant, den ich wegworfen hab. Dann ist ein Anderer kommen, der besser war und klüger als ich; der hat ihn aufgehoben. Als ich das vorhin erfuhr, hab ich denkt, daß dera Edelstein wiederum mein werden muß. Aberst damit ist es halt aus. Ich hab mein Recht verloren, und ein Menschenkind ist doch auch keine Sach, die man wegwirft und sodann wiederum wegnehmen kann, ganz so, wie es Einem beliebt.«
Er hatte in scheinbar ruhigem Tone gesprochen; aber seine Stimme klang gepreßt, und er schluckte zwischen den einzelnen Worten und machte Pausen als ob ihm das Reden sehr schwer falle.
Die alte Frau fühlte, daß die Rede ihn quälte, daß er sich selbst wehe that.
»Anton,« bat sie, »sprich doch lieber nicht davon! Es ist nicht gut.«
»O, es ist schon gut. Wann die Wunde heilen soll, muß man das wilde Fleisch herausi schneiden. Und das will ich jetzt thun.«
»Aberst das thut weh!«
»Das ist recht so, denn ich habs verdient. Ich habs schon ganz allein an Euch verdient.«
»Das sollst doch nicht sagen!«
»Es ist ja wahr! Habt Ihr denn nicht wartet, auf mich, auf einen Briefen von mir oder auf ein Geldl, das ich Euch schicken sollt?«
»Das schon zuweilen.«
»Aberst es ist nix kommen! Habt Ihr da nicht zankt und raisonnirt?«
»Ich nicht,« gestand sie.
»Du nicht, aber dera Vatern?«
»Ja, der freilich. Ich hab zuweilen weinen mußt, und da hat dera Vatern sich auch die alten Augen wischt und nachhero schimpft.«
»Schau, sogar weint habt Ihr über mich!«
»Da sind die Leutln schuld gewest, die dem Vatern von Dir verzählt haben.«
»So! Habens verzählt?«
»Oft.«
»Wer denn?«
»Die in Wien gewest sind und denen sie es sagt haben.«
»Und was haben sie sagt?«
»Daß wir hungern müssen und daßt aber Du herrlich und in Freuden lebst.«
»Herrgott! Das, das habt Ihr derfahren?«
»Es ist doch nicht wahr gewest.«
Sie sagte das im entschiedensten, zuversichtlichsten Tone. Er aber war in der kurzen Zeit dieser wenigen Minuten ein ganz Anderer geworden. Er gestand aufrichtig:
»Es ist wahr, Muttern; es ist wirklich wahr!«
»So schlimm aberst doch nicht?«
»Noch schlimmer!«
»Nein, Anton, nein!«
»O doch! Das will ich Dir gleich zeigen.«
Er zog eine wohlgefüllte Brieftasche hervor, legte sie ihr in die Hand und sagte:
»Wiegs einmal in dera Hand!«
Sie hob und senkte prüfend die beschwerte Hand und fragte.
»Was ist drin? Wohl gar ein Geldl?«
»Ja. Rath mal, wie viel!«
»Das kann ich nicht derrathen.«
»Ja, da hast Recht. Das kannst nicht derrathen, denn es ist gar zu viel für Deine Gedanken.«
»Es sind wohl Kassenbilleterls?«
»Lauter Hundertmarkscheinen.«
»Herr; mein Gott! Soll ich das glauben!«
»Ja, und es sind auch noch größere Scheinen dabei. Es sind sechzigtausend Mark.«
Sie fuhr vom Stuhle auf.
»Glaubsts wohl nicht?« fragte er.
»Nein.«
»Ich war in Amerika, wo ich für meinen Gesang gar viel bekommen hab. Noch viel, viel mehr als das hier in dera Brieftaschen, aber ich hab viel verlebt und verspielt.«
»Anton!«
»Ja, so ein schlechter Kerlen bin ich gewest.«
Er legte nun seiner neben ihm sitzenden Mutter eine aufrichtige Beichte ab. Sie weinte vor Schmerz und doch auch vor Wonne, und das half auch ihm zu Thränen, die wie eine Erlösung auf sein Gemüth wirkten. Die Reue hatte ihn gepackt, und aller Haß, alle Rache, aller Zorn war verschwunden.
»Wirst mir vergeben können?« fragte er, als er geendet hatte.
Sie schlang die Arme um ihn und erklärte unter Schluchzen:
»Anton, Du weißt gar nimmer, was eine Muttern ihrem Kind vergeben kann. Schlecht bist doch nicht gewest, sondern nur leichtsinnig, und das wird halt besser werden.«
»Von heut an wirds anderst, von heut an!«
»Ja, Anton. Hier hast Dein Geldl. Wannst einmal ein paar Guldln übrig hast, wirst nun an uns denken.«
»Nein, ich nehms nicht wieder.«
»Ich kanns doch nicht behalten!«
»Behalten sollsts, behalten mußts. Du und dera Vatern. Es ist Euer.«
»Was!« rief sie fast bestürzt. »Unser soll es sein? So ein großes Geld!«
»Es ist Euer. Ihr sollt Euch das Häusle vorrichten. Das Uebrige thun wir auf Zinsen, von denen Ihr leben könnt.«
»Dann hast doch Du aber nix!«
»O, ich hab noch hier in dera Börs lauter Goldstuckerln, fast an die tausend Mark. Für die heutige Vorstellung erhalte ich auch ein fein Spielhonorar. Das kann ich ja gar nicht verbrauchen. Und nun nehm ich ein Engagement an einem großen Theatern, oder ich geb Concerten. Da sollst halt schauen, was für ein Geldl ich verdienen thu.«
»Und das darf dera Vatern wissen?«
»Natürlich muß er es wissen!«
»Herrgott, Herrgott! Was für ein Glück ist das, was für ein Glück!«
»Wo ist er denn?«
»Draußen wird er noch stehen, im Himmel, wo die Göttern wohnten.«
»So werd ich ihn gleich holen.«
»Nein, ich hol ihn, ich selbst!«
Sie eilte hinaus und kehrte nach wenigen Minuten mit ihrem Manne zurück.
Die nun folgende Scene läßt sich gar nicht beschreiben. Die beiden Elternherzen konnten die Wonne kaum fassen, und Anton lag entzückt bald an der Brust der Mutter und bald am Herzen des Vaters. Er war ja niemals ein wirklich böser, schlechter Mensch gewesen, und wenn seine Eltern seinen Leichtsinn verziehen, so durften Andere sich nicht unterfangen, ihn zu verdammen.
Er war ein armer Teufel gewesen, ungewohnt, mit dem Gelde umzugehen. Als ihm dann das Glück und seine Stimme so große Summen in den Schooß warfen, war es da zu verwundern, wenn er sich selbst für eine Zeit verlor?
Es ist ja ein ewig wahres Bibelwort: »Ich aber sage Euch, im Himmel wird mehr Freude sein über einen Sünder, der Buße thut als über neunundneunzig Gerechte!«
Als sie sich dann endlich ausgesprochen hatten, kehrten sie auf die Bühne zurück, wo die glücklichen Paare sich fleißig im Tanze drehten.
Leni sah sie kommen. Sie machte den Grafen auf die frohen Gesichter aufmerksam:
»Schau den Anton an, lieber Arnim! Was sagst Du zu seinem Gesichte?«
»Hm! Seine Augen strahlen vor innerer Fröhlichkeit. Ich glaube, meine Leni hat da wirklich etwas Gutes angestiftet.«
»Ich hab auch still zum Herrgott gebeten, daß er es gelingen lassen möge.«
Da kam Anton herbei. Er streckte dem Grafen die Hand entgegen und sagte:
»Ich komme, um mir Ihre Verzeihung zu erbitten. Werde ich sie erhalten?«
»Gern, Herr Warschauer.«
»Und bin ich so ein schlechter Kerl, daß Sie mir Ihre Hand nicht geben?«
»Nein. Sie sind ein Anderer, wie ich zu meiner großen Freude sehe. Hier ist die Hand. Hoffentlich darf ich Sie nun wieder zu den Ehrenmännern rechnen.«
»Fragen Sie meine armen, alten, guten Eltern! Die werden Ihnen sagen, unter welche Abtheilung von Menschen ich jetzt nun zu rechnen bin. Und nun erlauben Sie mir auch, ein Wort zu Ihrer Braut zu sagen!«
Als er jetzt das herrliche Mädchen mit ruhigem, leidenschaftslosem Blicke betrachtete, sah er erst voll und ganz, was er verloren hatte. Es überkam ihn unendlicher Schmerz. Seine Augen füllten sich mit Thränen, und seine Stimme klang zitternd, als er sagte:
»Ich bin nicht gut gegen Sie gewesen, Leni, aber ich erleide meine Strafe, und so möchte ich Sie bitten, mir nicht mehr so gram zu sein wie bisher. Wollen Sie?«
»Anton, ich war stets Ihre Freundin und bin es auch noch jetzt,« antwortete sie tief gerührt.
»Und wollen Sie es auch ferner bleiben, wenn natürlich auch nur aus der Ferne?«
»Gewiß. Sie sind brav. Sie sind für eine kurze Zeit am Herzen krank gewesen; aber jetzt sind Sie wieder gesund und werden es hoffentlich auch ferner bleiben.
»Ja, ich bleibe es. Ich war sehr, sehr krank. Mein Arzt aber sind Sie gewesen. Das werde ich Ihnen nicht vergessen. Es hat bitter wehe gethan, sehr, sehr wehe. Nun aber bin ich kurirt und gebe Ihnen eine Hand des Dankes. Werden Sie mir nicht mehr zürnen?«
Sie schüttelte ihm nach kräftiger Gebirglerweise die dargebotene Hand und antwortete:
»Ich zürne nicht mehr. Haben Sie schon eine Dame, mit der Sie zu Tische gehen?«
»Ja.«
»Wer ist es?«
»Natürlich meine Mutter. Ich bin stolz auf sie.«
»Das ist sehr schön! Anton, dafür muß ich Ihnen gut sein. Richten Sie es so ein, daß Sie neben mich zu sitzen kommen!«
»Ist das Ihr Ernst?«
»Ja. Und noch Eins!«
Sie sah auf ihre Tanzkarte und fuhr dann unter einem neckischen Lächeln fort:
»Ich habe da noch einen Walzer frei, den ich für Sie aufgehoben habe. Darf ich Ihren Namen dazu notiren?«
Sein Gesicht röthete sich.
»Leni,« fragte er, »haben Sie ihn mir wirklich aufgehoben, oder denken Sie erst jetzt daran, ihn mir zu geben?«
»Ich sage die Wahrheit, wenn ich gestehe, daß ich Ihnen denselben absichtlich reservirt habe.«
»So haben Sie es vorhin also doch nicht gar so schlimm gemeint, als wie es schien?«
»O doch! Aber ich hegte das feste Vertrauen zu Ihnen, daß Sie sich finden würden.«
»Nun gut, ich hatte mich verloren, besitze mich aber vollständig wieder und freue mich, nun auch den Walzer zu finden, den ich vorhin verloren geben mußte.«
So war Alles glatt und geebnet, vergeben und vergessen, und der Mißton, welcher sich in das heutige Vergnügen hatte einschleichen wollen, war verstummt.
Da, wo sich die königliche Loge befand, waren die Gasflammen verlöscht worden, doch war dieselbe so hell erleuchtet, daß man die Gestalt des Monarchen bemerkte, welcher sich in dem Hintergrunde niedergelassen hatte. Er betrachtete mit stillem Vergnügen die so verschiedenartigen Gestalten der Leute, die ihm mehr oder weniger ihr Glück zu verdanken hatten.
Nach einiger Zeit wurden die Tafeln plazirt. Der Pächter der Theaterrestauration begann, die Erzeugnisse seiner Kochkunst auftragen zu lassen.
Nun gab es bunte Reihe. Der Sepp hatte den Vorsitz, aber er war besorgt gewesen, neben sich zwei Damen zu haben, nämlich rechts die alte Barbara aus der Hohenwalder Mühle und links die alte Feuerbalzern.
Dann kamen sie Alle, wie sie sich zufällig zusammen fanden oder nach vorhergegangener Vereinbarung setzten:
Der Graf mit der Leni, neben dieser Letzteren der Anton mit seiner Mutter. Darauf folgte der früher blinde, jetzt aber sehr gut sehende Kronenbauer aus Kapellendorf mit der Mutter Ludwig Helds aus Oberdorf.
Da saßen Manche neben einander, welche sich vorher noch nie getroffen oder gesprochen hatten.
Einer der Stolzesten war der alte, brave Finkenheimer, welcher natürlich bei seiner Frau saß. Sein leuchtender Blick hing an seinen glücklichen Kindern, welche zu beiden Seiten der Eltern saßen, die Liesbetherl beim Müllerhelm und Anita, die Italienerin, bei dem Elephantenhanns, den sie mit Lorbeeren geschmückt hatte.
War das eine Freude und Herrlichkeit! Der alte Sepp betrachtete sich im Stillen als Mitschöpfer des Glückes aller Anwesenden. Er brachte den ersten Toast aus, natürlich auf den König. Alle erhoben sich und die Hochs wollten gar kein Ende nehmen.
Die braven, einfachen Leute waren wohl nicht für große Reden prädestinirt; aber bald riß ein wirkliches Toastfieber ein. Ein Jeder hielt eine Rede, natürlich auf irgend eine der anwesenden Damen.
Bald bekamen auch die Frauen und Mädchen Muth. Leni war die Erste, welche auf den Sepp toastete. Die Andern folgten. Es wäre ja eine wahre Schande gewesen, da zurück zu bleiben. Und als endlich gar der Champagner erschien, so öffneten die schaumig perlenden Tropfen auch der Muthlosesten den Mund.
Den letzten Toast hielt Einer, der sich mit seinen beiden Kameraden bisher schweigsam verhalten hatte.
»Du,« sagte der Frenzel leise zum Wenzel, »meinst Du nicht auch, daß wir was sagen müssen?«
»Natürlich! Wir können doch nicht so umsonst mit essen und trinken.«
»Die Wenzelei muß sich sehen lassen!«
»Freilich! Was sagst Du dazu, Menzel?«
»Ja, redet nur!« antwortete der Genannte.
»Wir? Nein Du mußt reden!«
»Warum ich?«
»Weil Du der Oberste bist.«
»Ach ja, ich bin doch dera Herr Musikdirektoren! Also muß ich die Red loslassen.«
»Thue es! Klopf ans Glas und steh auf!«
»Ja, das wird nicht leicht gehen.«
»Warum?«
»Ich fühls schon: Ich, komm nicht in die Höhe.«
»O, das thut nix. Wannst nur erst einmal aufi bist, nachher« werd ich schon dafür sorgen, daßt nicht wiederum zu schnell abi kommst.«
»Wie willst das anfangen?«
»Das ist meine Sach. Ich halte Dich.«
»So will ichs versuchen.«
Er wackelte und wankte empor und klopfte. Alles war still.
Er wollte beginnen. Aber als er alle Blicke auf sich gerichtet fühlte, wurde es ihm Angst. Er brachte kein Wort hervor. Da erbarmte sich der Violonfrenzel des Kollegen. Er rief mit lauter Stimme:
»Der Clarinettenmenzel, der unser Director ist, will eine Red halten.«
»Los, los, anfangen!« rief es rundum.
Der Herr Musikdirectoren öffnete die Lippen. Er machte einige Gestikulationen, aber der Anfang wollte nicht kommen.
Da erbarmte sich der Frenzel abermals seiner. Er wollte ihm einhelfen und sagte darum, aber so laut, daß Alle es hörten:
»Fang an! Sag, meine verehrten Herrschaften!«
Das war Rettung in der höchsten Noth. Der Herr Director begann:
»Meine verehrten Herrschaf – – – meine verkehrten Ferrkaf – – keine vermehrten – – seine verkehrten – Herr – Verr – Kerr – Scherr – – Kreuzhimmeldonnerwettern! Ich komm nit in die richtigen verehr – – vermehr – – versehr – – verheerten – – o Du Unglück und Sauerkraut! Jetzunder ist die Wenzelei blamerirt! Jetzunder ist die ganze Wenzeleien zum Teufel! Aberst ich werd schon noch unsere Ehre retten. Nehmts also die Gläsern in die Hand, und trinkt auf alle Gesundheiten, die hier versammelt sind. Stoßt an! Dreimal hoch!«
Natürlich war ein gradezu homerisches Gelächter ausgebrochen, welches nun überschallt wurde von dem dreimal wiederholten Tusche des Orchesters.
Der König hatte diesen Patenttoast nicht gehört. Er hatte sich entfernt.
Dann aber, als die Tafel wieder abgetragen worden war, begann der Ball von Neuem. Die Fröhlichkeit war eine reine und ungetrübte, und als das Fest zu Ende war, erklang es allgemein:
»So einen Tag des Glückes haben wir noch nicht erlebt. Wir haben ihn unserm König zu danken. Frömmigkeit, Fleiß, Liebe und Treue, Treue vor allen Dingen dem Heerde, der Familie, dem Vaterlande und dem Herrscher, das ist der einzige und wahre Weg zum Glück!« – –
Nach diesem fröhlichen Abende waren einige Jahre vergangen. Der Mai des Jahres 1886 hatte Berge und Thäler, Wälder und Felder mit frischem, jungem Grün geschmückt, und nun lag ein wunderschöner Junimorgen in jungfräulichem Glänze über dem Starnberger See und dessen Ufer ausgebreitet.
Wer einmal in Feldafing, dem Lieblingsaufenthalte der Kaiserin Elisabeth von Oesterreich gewesen ist, der weiß die Schönheiten dieses Sees, welcher auch Wärmsee genannt wird, zu rühmen.
Seit Kurzem hatte sich dort eine kleine Touristengesellschaft zusammengefunden, deren Glieder von Nord und Süd, von Ost und West herbeigekommen waren, sich an der erwähnten Schönheit zu ergötzen und die delikaten Renkenfische des Sees zu verspeisen.
Unter ihnen befand sich ein junges Ehepaar. Der Mann war Maler und hieß Johannes Weise. Ein Knecht des Wirthes, welcher von Außen her stammte, behauptete, dieser Künstler sei ganz armer Leute Kind, stamme aus dem Dorfe Hohenwald und sei dort nur der Elephantenhanns geheißen worden.
Sein wunderhübsches Weibchen hatte in ihren Zügen und ihrem ganzen Wesen einen südlichen Anstrich und hatte durch die Zärtlichkeit, mit welcher sie um ihren Mann besorgt war, und die einfache Natürlichkeit, mit welcher sie sich gab, die Zuneigung einer jungen, städtischen Dame gewonnen, welche aus dem fernen Hannover herbeigekommen war, um ihre Brust in der reinen Luft der Berge zu baden.
Die beiden Damen saßen jetzt bei ihrem Morgenkaffee, den sie sich auf einem vor der Thür stehenden Tischchen hatten serviren lassen, in einem jener Gespräche, wie sie von Damen während des Kaffees geführt zu werden pflegen.
»Also Sie sind wirklich keine Bayerin,« sagte die Norddeutsche. »Das habe ich Ihnen doch gleich angesehen.
»Nein. Ich bin eine Italienerin.«
»So haben Sie Ihren lieben Gemahl wohl während einer Kunstreise kennen gelernt, welche er nach Ihrer Heimath machte?«
»So ungefähr war es. Er war in Egypten gewesen und befand sich aus der Rückreise in Triest. Ich war dorthin gekommen, um trüben Verhältnissen zu entfliehen, welche mir in meiner Heimath aufgezwungen werden sollten. Er nahm sich meiner an, und so lernten wir uns kennen und lieben.«
»Sie Glückliche!«
Es glitt bei diesen Worten ein Zug der Schwermuth über das ernste, schöne Gesicht der Hannoveranerin. Es war kein Neid, der sich in ihnen aussprach, aber ein ungestilltes, trübes Sehnen nach dem gleichen Glücke.
Anita blickte sie für einen Moment lange forschend an und fragte dann:
»Sie sind nicht glücklich?«
»Wie kommen Sie zu dieser Ansicht?«
»Weil Sie stets so ernst sind. Man sieht Sie kaum einmal lächeln. Das hat mir immer wehe gethan.«
Jetzt lächelte die Andere doch gleich; aber es war nicht das Lächeln des unbefangenen Wohlbehagens, sondern mehr dasjenige erzwungener, Entsagung. Sie richtete ihr dunkles, großes Auge in die Ferne, wo man über den See hinweg die ganze bayrische Alpenkette von der Zugseite bis zum Watzmann und Untersberg erblicken konnte und antwortete in ihrem gewöhnlichen, so milden Tone:
»Was nennen Sie glücklich, mein liebes Kind? Unglücklich bin ich nicht; aber eines Glückes habe ich mich auch nicht zu rühmen.«
»Sie tragen ein Leid mit sich herum?«
»Ja. Doch hoffe ich, daß die Zeit es mildern werde. Die Eltern sind mir während des vergangenen Herbstes fast an einem und demselben Tage gestorben. Sie waren jährlich mit hier im schönen Bayernlande und nun bin ich allein.«
»Sie haben keine Verwandte?«
»Ich habe welche, aber sie sind stolze, auf ihr Vermögen eingebildete Leute, und das widerstrebt meinem Gefühle.«
Es war fast ein Blick des Mitleides, mit welchem die Malersfrau die Andere jetzt betrachtete.
»Aber Sie haben Freundinnen?« fragte sie.
»Auch nicht, wenigstens was ich Freundinnen nennen möchte. Man verkehrt in großen Städten jawohl mit Seinesgleichen, aber meist ohne einen Herzensanschluß zu finden.«
»Aber, da sind Sie doch gar sehr zu bedauern!«
»Vielleicht nicht so sehr. Es mag die Schuld mit an mir liegen. Es kann sein, daß ich nicht sehr anschlußfähig bin.«
»O, das dürfen Sie nicht denken. Wir sind erst so kurze Zeit hier beisammen und haben uns doch wohl schon ein Wenig lieb gewonnen. Oder nicht?«
»Ja, das ist wahr,« antwortete die Gefragte, dieses Mal mit einem wirklich herzlichen Lächeln. »Hier giebt es andere Leute. Hier tritt einem der Wunsch nahe, für immer da zu bleiben bei den Leuten, die sich so natürlich zu geben wissen.«
»Nun, so bleiben Sie doch da! Oder hält Etwas Sie davon ab?«
»Nein, ich bin Herrin aller meiner Handlungen und kann thun und lassen was ich will.«
»Nun, dann würde ich kurzen Prozeß machen und die Stadt hinter mir liegen lassen.«
»Ja, Sie sind ein kleines, liebes, resolutes Wesen. Sie haben der Heimath entsagen können, weil Sie der Liebe folgten. Diese ist stark und vermag wohl alle Bande zu zerreißen.«
»Haben Sie sie noch nicht kennen gelernt?«
Die Gefragte erröthete ein Wenig, antwortete aber doch:
»Nein; ich bin nicht so glücklich gewesen wie Sie.«
»So warten Sie nur! Sie wird schon noch kommen, Sie kommt einem jeden Menschen einmal.«
»Das wissen Sie so genau!«
»Ja. Mein Mann hat es gesagt, und da muß es wahr sein.«
Das klang so naiv zuversichtlich, daß die Andere ein leises Lachen hören ließ.
»Sie scheinen Ihren Mann für sehr competent zu halten?«
»Durchaus!« nickte Anita sehr bestimmt.
»In allen Sachen?«
»Ja. Eine Frau, welche ihren Mann wirklich lieb hat, muß ihn für einen Ausbund von Klugheit halten. Was der Meinige sagt, das gilt bei mir.«
»Dann ist er zu beneiden!«
»Meinen Sie, das sei eine Schwäche von mir? O nein. Ich habe, auch meinen Willen. Ich kann auch auftreten. Wir haben Beide ganz gleiche Rechte. Aber was die Welt und das Leben betrifft, so ist der Mann doch stets klüger und erfahrener als die Frau.«
Sie hatte das mit solchem Nachdrucke, so angelegentlich versichert, daß die Norddeutsche ihr die Hand entgegenstreckte und dabei sagte:
»Sie sind wirklich ein allerliebstes, herzensgutes Wesen. Wollen wir nicht Freundinnen sein?«
»O wie gern!«
»Wirklich?«
»Ja, ich habe es Ihnen schon anbieten wollen, mich aber gefürchtet.«
»Sehe ich so furchterweckend aus?«
»Nein, aber so vornehm.«
»Ach, das ist nicht weit her. Mein Vater war Bankier. Das ist doch weiter nichts.«
»Nun, das ist schon Etwas! Der Meinige war Maler.«
»Also Künstler? Da bin ich Ihnen also nicht einmal ebenbürtig.«
»Ach, gehen Sie! Wollen keine solche Entscheidungen treffen, sondern lieber dabei bleiben, daß wir uns lieb haben müssen. Nicht?
»Sehr gern.«
»So müssen wir es betrinken,« lachte sie lustig auf.
»Wohl in Champagner?«
»O nein, sondern in Kaffee, denn dieser ist ja der Frauensect. Stoßen wir an! Auf ewige, unerschütterliche Freundschaft!«
Die Tassen klirrten zusammen, was dem Vertrage einen etwas drolligen Anklang gab. Dann sagte die Hannoveranerin:
»So müssen wir aber von jetzt ab alle Titulationen fallen lassen!«
»Natürlich.«
»Uns nur beim Vornamen nennen.«
»Das versteht sich.«
»Wie darf ich also zu Ihnen sagen?«
»Ich heiße Anita. Der Familienname meines Mannes ist Weise. Und Sie?«
»Ich heiße Margarethe und wurde von den Eltern Marga, von Andern zuweilen auch Gretchen genannt.«
»Marga klingt mir hübscher.«
»Sie haben die Wahl.«
»So sage ich Marga.«
»Ist mir lieb. Mein Familienname ist Siebers. Nun ist die große persönliche Vorstellung beendet und wir können alle Steifheit fallen lassen.«
»Ja, das wollen wir. Ich freue mich so über unsere Freundschaft, daß ich gleich auf und davon laufen möchte.«
»Aus Angst vor mir?«
»O nein, sondern vor Entzücken, daß ich eine Freundin habe. Mein Mann sagt stets, daß ich keine Freundin bekommen werde.«
»Warum nicht?«
»Weil – weil – na, ich will es aufrichtig sagen – weil Niemand vor mir Respect haben könne. Ich sei zur Freundschaft noch viel, viel, viel zu jung.«
Das kam so neckisch schmollend, so gutmüthig zürnend zwischen den frischen Lippen und blinkenden Zähnen hervor, daß Marga dieses Mal laut und herzlich auflachen mußte.
Anita stimmte fröhlich ein und rief erfreut:
»Sehen Sie, daß ich eine gute, brauchbare Freundin sein kann! Sie fangen bereits an zu lachen. Warten Sie nur, je fester unsere Freundschaft wird, desto größere Dummheiten werde ich machen, damit wir Beide recht lustig sein können. Dann soll mir Johannes nochmals sagen, daß ich zur Freundin zu – zu – zu jung sei.«
Und sich zu Marga hinüberbeugend und die Hand geheimnißvoll an den Mund haltend, flüsterte sie weiter:
»Eigentlich hat er anders gesagt.«
»Wie denn?«
»Nicht zu jung, sondern zu – zu – ich bringe das Wort fast gar nicht heraus, denn es klingt fast gar zu schlecht.«
»Nun, mir können Sie es doch sagen.«
»Freilich, weil wir eben Freundinnen sind. Er meint nämlich, daß ich viel zu – zu – zu – quecksilbern sei.«
»Ah, zu unruhig?«
»Vielleicht. Was er eigentlich damit meint, das weiß ich gar nicht einmal genau. Ich werde ihn nächstens einmal ernsthaft darüber fragen.«
»Thun Sie das, liebe Anita, und theilen Sie mir dann seine Antwort mit!«
»Ich habe es eben mit »zu jung« übersetzt.«
»Nun, meinen Sie etwa, daß ich da eher die nöthigen Anlagen zu einem Freundschaftsbunde besitze?«
»Ja, sehr,« antwortete Anita ernsthaft.
Da lachte Marga abermals herzlich auf.
»Sie Gute, Aufrichtige!« sagte sie. »Wissen Sie denn, was für ein Urtheil Sie da über mich gefällt haben?«
»Nun?«
»Daß ich schon recht, recht sehr alt bin.«
»Herrgott, das habe ich doch gar nicht gemeint!«
»Aber es klang so. Wenn die Jugend ein Hinderniß der Freundschaft ist, und Sie sagen, daß ich die Talente zu einem Freundschaftsbunde besitze, so muß ich doch bereits fast steinalt sein.«
»Das habe ich mir gar nicht so überlegt. Mein Johannes hat wohl ganz recht; ich bin doch ein Wenig zu quecksilbern. Herrgott, Sie und steinalt! Wir werden einander gar nicht viel zu schenken haben.«
»Doch. Wie alt sind Sie?«
»Einundzwanzig.«
»Und ich vierundzwanzig.«
»Das sind drei Jahre, also noch lange kein Jahrhundert. Aber, wissen Sie, Sie sind so still, so ruhig und bedächtig und wenn man das ist, so kann man sehr leicht älter erscheinen als man ist.«
»Das ist sehr richtig. Beweglichkeit gehört zur Jugend; darum verjüngt sie.«
»Grad darum passen wir Beide so sehr gut zusammen und wir wollen auch gar treu zusammenhalten, wenn – wenn wir nur die Zeit dazu haben.«
»Warum sollten wir nicht?«
»Ich weiß ja gar nicht, wie lange Sie hier bleiben werden.«
»Ich habe mich noch gar nicht entschlossen. Nur so viel steht fest, daß ich bis zum Juli in Bayern sein wollte.«
»So bleiben Sie doch hier bei uns!«
»Wie lange verweilen Sie denn hier?«
»Bis mein Mann sein Bild beendet hat. Eigentlich wohnen wir in München. Ein hoher, steinreicher Herr hat eine Landschaft bei ihm bestellt und so sind wir schleunigst heraus nach dem Wärmsee, wo Johannes die passenden Dinger findet, die er Motive nennt. Was das eigentlich ist, das weiß ich nicht. Ich habe ihn gefragt, aber je länger er es mir erklärt, desto weniger verstehe ich es. Endlich laufe ich davon und dann sagt er wieder, daß ich das reine Quecksilber sei. Sie sollten sich hier eine kleine Privatwohnung nehmen, grad so, wie wir es auch machen werden.«
»Die Eltern thaten es stets. Ich habe auch bereits daran gedacht, leider aber erfahren, daß hier alle Privaträume bereits bestellt sind.«
»Hier, ja. Aber drüben am andern Ufer giebt es wohl noch welche. Wir haben da eine ganz allerliebste Wohnung gesehen, die wir gar gern genommen hätten, wenn sie nicht leider nur für eine Person berechnet wäre.«
»Wo?«
»Beim Tobias gradüber.«
»Wer ist das?«
»Der Gärtner, welcher fast täglich herüberkommt, um dem Wirthe das Junggemüse zu bringen.«
»Den kenne ich.«
»Gefällt er Ihnen?«
»Nun, er ist wohl ein Mann wie jeder Andere auch. Er scheint wenig zu sprechen aber ein sehr, braver Mann zu sein.«
»Ja, reden thut er wenig und wenn er geht, so schreitet er langsam und bedächtig Schritt für Schritt. Denken Sie, mein Johannes hat ihn mir bereits als Beispiel aufgestellt, an welchem ich mein Quecksilber üben solle! Also der Mann ist schlecht und recht; aber die Wohnung ist sehr, sehr hübsch, romantisch am Ufer gelegen, fein sauber, und der Besitzer ist interessant.«
»Dieser Tobias?«
»O nein. Der ist nur der Pächter.«
»Ach so. Wem gehört das Haus?«
»Einem berühmten Sänger.«
Ein aufmerksamer Beobachter hätte gesehen, daß es leise um den Mund Marga's zuckte.
»Ein berühmter Sänger hat hier ein Häuschen am See?« fragte sie. »Es ist wohl eine Villa?«
»O nein, sondern ein gewöhnliches Häuschen mit Garten und Feld dabei, aber Alles blitzsauber und nett.«
»Wie heißt der Sänger?«
»Eigentlich heißt er Anton Warschauer, aber er wird gewöhnlich Krickelanton genannt.«
»Sonderbarer Name. Steht das vielleicht im Zusammenhange mit den Gemskrickeln?«
»Ja. Er soll nämlich früher ein berühmter Wildschütz gewesen sein.«
»Das ist ja höchst romantisch!«
»Dann ist er mit der berühmten Mureni verlobt gewesen, sie aber hat die Verlobung wieder aufgehoben und lieber einen Grafen geheirathet, weil der Anton so lüderlich gewesen ist. Er hat ein Heidengeld verdient und doch seine Eltern fast verhungern lassen. Dann aber hat ihn das Gewissen geschlagen, und er ist ganz plötzlich ein anderer Mensch geworden. Er hat da drüben das Grundstück gekauft und das Haus darauf bauen lassen. Dann hat er es einem früheren Knecht aus seinem Heimathsdorfe, einem blutarmen Teufel, eben dem Tobias, zu einem Spottpreise verpachtet und seine Eltern kommen lassen, die nun darin wohnen, wie der Fink im Hanfsaamen. So oft er Zeit gewinnt, kommt er herbei, um die Eltern zu besuchen. Er soll jetzt ein wahres Muster geworden sein.«
»Das ist wirklich sehr interessant. Haben Sie das Logis gesehen?«
»Ja. Es ist ein Stübchen mit Kammer im Sonnengiebel, hübsch möblirt. Vom Pächter kann man Alles haben, Aufwartung und sogar auch Mittagstisch.«
»Sie machen mir wirklich Lust, es mir einmal anzusehen.«
»Das ist prächtig! O, wenn es Ihnen gefiele und Sie nähmen es, so könnten wir täglich zu einander über den See rudern und von früh bis Abend bei einander sein, abwechselnd Sie bei mir oder ich bei Ihnen.«
»Ja, das wäre freilich hübsch! Aber würde diese Zigeunerin Ihrem Herrn Gemahl gefallen?«
»O, der wird kaum gefragt. Was mir gefällt, das hat auch er gern.«
»Sie sind wirklich zu beneiden!«
»O, es ist nicht so schlimm. Man hat auch seinen heimlichen Aerger, besonders wegen des Quecksilbers. Also wollen wir einmal hinüber zum Tobias?«
»Ja, versuchen wir es.«
»Wann?«
»Vielleicht morgen?«
»O nein, sondern bereits heut!«
»So rasch?«
»Ja. Vielleicht bereits am Vormittage. Gleich jetzt. Da paßt es am besten. Sehen Sie, dort auf dem Wasser rudert Einer herbei. Das ist der Tobias. Der könnte uns gleich mitnehmen.«
»Sie haben es freilich sehr eilig,« lächelte Marga.
»Das ist eben das Quecksilber. Also, wollen Sie? Ja.«
»Gut, ich stimme bei.«
»So will ich nur gleich schnell laufen, um es meinem Johannes zu melden. Er ist droben auf der Höhe und zeichnet.«
Sie eilte fort, kehrte aber noch einmal um und sagte:
»Sie brauchen es dem Tobias nicht gleich von vorn herein zu sagen, daß wir wegen der Wohnung mit ihm wollen.«
Dann sprang sie von dannen.
Marga stand auf und trat in das Haus, um sich aus dem Gaststübchen, welches sie inne hatte, ein Tuch zu holen. Als sie dann wieder herabkam und am Tische Platz genommen hatte, legte Tobias am Ufer an, hob den Gemüsekorb aus dem Kahne auf die Achsel und trug ihn in das Haus.
Marga's Gesicht hatte jetzt einen ganz eigenen Ausdruck angenommen. Es war, als ob der Wiederschein eines hellen Tages, dem eine dunkle, stürmische Nacht folgte, über dasselbe gehe.
So saß sie in tiefem Sinnen versunken, bis Anita wiederkehrte und ihr bereits von Weitem zurief, daß sie die Erlaubniß erhalten habe, mitzufahren.
Eben jetzt kam der Pächter wieder aus dem Hause, um sich, den geleerten Korb in der Hand, nach seinem Boote zu begeben.
»Tobias, dürfen wir mit hinüber?« fragte Anita.
Er nickte ihr freundlich ernsthaft zu und antwortete:
»Wanns gleich mitkommen wollen, so mags halt gehen. Ich hab nit lange Zeit.«
»Wir sind schon fertig.«
»So kommens!«
Sie folgten ihm und nahmen neben einander auf dem vorderen Quersitze Platz. Tobias setzte sich hinten nieder und griff zu den Rudern. Das Boot stieß vom Lande.
Die erste Zeit verging im Schweigen. Dann aber fragte Anita:
»Tobias, wissen Sie nicht, ob es da drüben irgendwo eine kleine, hübsche Wohnung für eine anständige Dame giebt.«
»Giebts wohl,« antwortete er.
»Aber wo?«
»Hier und da.«
»Können Sie uns eine nennen?«
»Fragens nachhero meine Frauen!«
»Aber Sie können uns doch ebenso gut Auskunft ertheilen!«
»Das thu ich nit.«
»Warum nicht.«
»Ich thu es halt nit.«
»Sie müssen doch einen Grund dazu haben!«
»Hab ich schon auch.«
»Welchen denn?«
»Mag nix zu verantworten haben.«
»Wenn eine Wohnung nicht gefällt, die Sie vorher empfohlen haben, nicht wahr?«
»So ists!«
Er ruderte langsam und taktmäßig weiter. Während seiner Antworten hatte er keinen Blick auf Anita geworfen, mit welcher er doch sprach.
»Der, ist allerdings nicht quecksilbern,« flüsterte sie der Freundin zu.
»Nein, gar nicht,« lächelte diese.
»Soll ich ihn mir wirklich zum Muster nehmen?«
»Das möchte ich denn doch nicht rathen. Ein wenig Quecksilber ist auch angenehm.«
»Das tröstet mich.«
Da der See hier nicht breit war, legten sie nach Verlauf einer Viertelstunde drüben an. Als sie ausgestiegen waren, fragte Anita den Pächter: »Ist denn vielleicht die Wohnung in Ihrem Hause noch frei?«
»Mag sein.«
»Und sind Sie noch gewillt, sie zu vermiethen?«
»Geht mich nix an.«
»Wen denn?«
»Die Warschauersleut. Denen gehört das Haus.«
Er hing den Kahn an, nahm den leeren Korb auf und schritt davon, als ob gar Niemand zugegen sei.
»Warten Sie doch!« rief Anita ihm nach. »Wir müssen doch die Ueberfahrt bezahlen.«
»Kostet nix!« antwortete er, ohne sich umzudrehen.
»Ein Original!« lachte die junge Frau halb ärgerlich. »Der sollte mein Mann sein! Thut nix, macht nix, kostet nix, sonst nix, weiter nix! Dem wollte ich schon die Zunge lösen!«
Ein schmaler Pfad führte vom Ufer empor, wo auf halber Höhe ein schmuckes Häuschen stand, hinter welchem die Wirtschaftsgebäude versteckt lagen. Das Parterre war, wie man leicht bemerkte, für zwei Familien eingerichtet, rechts eine größere, links eine kleinere Wohnung. Im Stockwerke schienen die Kammern zu liegen.
Das Vorgärtchen war sehr gut gepflegt. Ueberhaupt machte Alles den Eindruck behaglicher Sorgfalt.
»Die alten Warschauers wohnen links, in der kleinen Hälfte des Parterres,« erklärte Anita. »Zu ihnen müssen wir.«
Sie traten in den Flur, wo blitzblank gescheuertes Milch- und anderes Geschirr stand, und klopften links an.
»Ja, herein!« erklang es von innen.
Als sie nun eintraten, sahen sie sich in einem behaglichen Räume, welcher vor Reinlichkeit erglänzte. Am Tische saß das alte Ehepaar. Sie stopfte an einem Strumpfe und er schnitzte an einem neuen Pfeifenkopfe herum. Jetzt sah es allerdings ganz anders bei ihnen aus, und sie selbst machten einen weit anderen Eindruck als damals, wo der Anton in Wien sein Geld vergeudete, ohne seiner armen Eltern zu gedenken.
»Guten morgen,« grüßte Anita munter. »Kennen Sie mich noch?«
»Grüß Gott!« nickte der Alte. »Werds schon noch kennen, Wissens, von dem Theaterabend her, wo dera Elephantenhanns, Ihr Mann, die Kulissen dazu malt hat. Nachhero sinds doch auch mal jetzt wiederum da gewest.«
»Wegen des Logis.«
»Es war für Sie zu klein.«
»Ist es noch frei?«
»Ja. Es sind Leut dagewest, die es haben wollten, aberst wir sehen uns die Personen an. Wir wollen nur Jemand haben, der uns halt gefallen thut.«
»Das ist begreiflich. Hier ist eine gute Freundin von mir, welche grad ein solches Logis sucht, wie Sie haben.«
Der Alte rückte sich seine Brille zurecht, betrachtete Marga, sah dann seine Frau an und fragte:
»Was meinst dazu. Alte?«
Die Frau knixte vor Marga und antwortete ihm dann:
»Wannst willst, mir ists ganz recht.«
»Ja, eine Saubere ists, und ein gutes Aug hats auch. Wann ihr die Stuben gefallt, so solls sie haben. Kannst sie mal emporführen.«
Mutter Warschauer führte die beiden Damen nach der Etage empor. Der Alte setzte sich wieder nieder und schnitzte weiter. Nach einiger Zeit kehrten die Drei zurück.
»Nun, wie ist's?« fragte er.
»Das Fräulein hat gemiethet.«
»Auch was dazu?«
»Alles, die ganze Pflege.«
»Und wann ziehts an?«
»Heut noch. Kannst mit nüber rudern nach Feldafing und ihre Sachen holen.«
»Wird gern geschehen.«
Er erhob sich, streckte Marga die Hand entgegen und fuhr fort:
»Hier habens meine Hand, und seins willkommen. Habens die Eltern noch?«
»Nein, ich bin eine Waise.«
»So könnens mir brav leid thun. Denkens halt, daß Sie hier bei denen Eltern sind. Und sagens, wie wir Sie nennen sollen.«
»Ich heiße Margarethe Siebers und bin aus Hannover, werde aber von Bekannten am liebsten Marga genannt.«
»Dürfen auch wir so sagen?«
»Ja, ich bitte darum.«
»So setzens sich halt ein Bisle nieder. Ich muß Ihnen einen Enzianschnaps eingießen.
Die Beiden kannten die Gepflogenheit dieser Naturmenschen. Sie weigerten sich nicht, von dem starken Branntwein zu nippen, und setzten sich nieder.
»Also aus dem Hannover sinds?« meinte der Alte. »Da hat der Anton auch paar Male sungen. Es hat ihm gar gut dort gefallen; aberst er mag, nicht wieder hin.«
»Warum nicht?« fragte Marga.
»Ja, das weiß ich nicht. Es muß ihm dort was nicht gefallen haben;, aber er redet nicht davon.«
»Ich habe vorhin gehört, daß er ein Sänger sei.«
»Ja, und ein berühmter!« nickte der Alte in väterlichem Stolze. »Habens ihn denn nicht dort singen hört?«
»Nein.«
»Das könnt mich fast wundern. Das Theatern ist stets zum Verdrücken voll gewest.«
»Ich besinne mich wirklich nicht auf einen Sänger Namens Warschauer.«
»Ja, wanns nach diesem Namen fragen, so werdens freilich schlecht berichtet. Er singt unter seinem Vornamen und nennt sich Antoni.«
Da färbte ein tiefes Purpurroth die Wangen Marga's.
»Ja, den, den kenne ich,« rief sie aus.
»Nicht wahr!«
»Ja. Ich war bei jeder Vorstellung im Theater und bin Zeugin seiner Erfolge gewesen.«
»So! Das gefreut mich sehr. Nun sinds mir noch vielmehr willkommen als vorher. Also gesehen habens den Anton?«
»Sogar mit ihm gesprochen.«
»Wo denn?«
»Auf einer Soiree, zu welcher auch er mit geladen war.«
»So, so! hat er nix von uns sagt?«
»Ja. Er hat mir von seinen guten Eltern erzählt, und ich freue mich außerordentlich, daß ich Sie kennen lerne und sogar bei Ihnen wohnen kann.«
»Na, wanns so ist, so werden wir halt nur Freud an einander derleben. Und da denk ich halt, mir wollen machen, daß wir Ihre Sachen herüber bekommen. Wir nehmen den Kahn. Ich bin ein alter Mann, aber Sie können sich mir ruhig anvertrauen. Ein Boot bring ich schon noch ganz gut über den See.«
Früher hätte er das nicht wagen dürfen. Jetzt aber hatte ihn das bessere, sorgenfreie Leben und die gute Kost gestärkt. Er war kräftiger geworden.
Marga war ganz einverstanden, daß er sofort aufbrechen wollte, sagte aber:
»Es ist wohl gar nicht nöthig, daß wir mitfahren?«
»Ja, werd ich denn Ihre Sachen bekommen?«
»Gewiß, denn ich gebe Ihnen einige Zeilen an den Wirth mit.«
»So mags halt sein.«
»Und meine Freundin bleibt auch da, um mir bei der Einrichtung zu helfen.«
»So fahr ich allein. Wanns indessen hier was brauchen, so sagens das nur getrost meiner Frauen. Was geschafft werden kann, das werdens halt bekommen.«
Er ging, und nun ließ es sich die alte, gute Frau nicht nehmen, den beiden Damen ihr Haus und besonders auch den Gras- und Baumgarten zu zeigen.
Dabei kamen sie auch in die drei Räume des Stockwerkes, welche der Krikelanton bewohnte, wenn er sich bei den Eltern befand. Das war das Heiligthum seiner Eltern.
»Das ist dem Anton,« sagte die Alte, auf sein Bild deutend, welches an der Wand hing.
Marga griff unwillkürlich mit der Hand nach dem Herzen.
Zwei Rosen, eine rothe und eine weiße, aber in ganz und gar vertrocknetem Zustande, waren unter dem Bilde angebracht. Sie waren durch eine kleine, jetzt unscheinbar gewordene, rothseidene Schleife verbunden gewesen.
»Woher stammen diese Rosen?« fragte Marga stockend.
»Er hat sie aus dem Hannover schickt. Sie lagen in einem Kästchen und dabei dera Zettel, daß wir sie hier unter sein Bild thun sollen.«
Marga wandte sich ab, um die Gluth nicht merken zu lassen, welche ihre Wangen röthete. Sie fand ihr ruhiges Wesen erst wieder, als sie dann in den Garten kamen.
Als sie die Besichtigung desselben beendet hatten und sich dem Hause wieder näherten, sahen sie einen alten Mann des Weges daherkommen. Er ging langsam, Schritt um Schritt, und stützte sich dabei auf einen langer Bergstock.
Sein Haar war grau, ebenso der mächtige Schnurrbart. Auf dem Kopfe trug er einen alten Hut, der mit verwelkten Frühlingsblumen besteckt war, und über dem Rücken hing ihm der Rucksack.
»Sollte ich diesen Mann nicht kennen?« fragte Anita.
Mutter Warschauer rückte ihre Brille zurecht und sah auch nach ihm.
»Ich kann sein Gesicht nicht derkennen,« sagte sie. »Dazu reichen meine Augen nicht mehr aus, aberst wann er aufrechter und schneller gehen thät, so dächt ich, es wär dera Wurzelsepp.«
»Ach ja, das ist der richtige Name,« stimmte Anita bei. »Es ist der Wurzelsepp.«
»Ich glaubs halt nit.«
»Er ists aber doch.«
»O, der geht ganz anderst!«
»Er ist verändert. Ich werde ihn rufen.«
Der Wanderer war stehen geblieben, um auszuruhen. Er blickte nach dem Häuschen.
»Sepp, Wurzelsepp!« rief Anita.
Er nickte und winkte müd mit der Hand.
»Kommst heraufi?« fragte sie in dem Dialecte der Gegend, den sie sich auch ein Wenig angeeignet hatte.
»Komm schon. Wart nur ein Wengerl!«
Und er kam, aber so, als ob ihm jeder Schritt die größten Anstrengungen bereite. Je näher er kam, und je deutlicher sie sein Gesicht erkennen konnten, desto mehr bemerkten sie, welche Veränderung in demselben vorgegangen war. Seine Augen lagen tief in den Höhlen; auf den faltigen Wangen glänzte es fiberhaft. Seine Brust athmete schwer und fliegend, und mit einem lauten, ächzenden Seufzer sank er auf die Holzbank, welche vor der Hausthür stand.
Er hatte gar nicht gegrüßt. Der Stock entfiel seiner Hand. Er nahm den Hut vom Kopfe; auch dieser fiel aus seinen Fingern.
»Herrgottle, Sepp, wie schaust aus!« rief die Warschauerin erschrocken. »Ich werd gleich einen Enzianen holen.«
Er schüttelte den Kopf.
»Warum nicht? Bist doch krank!«
»Wohl, wohl!« antwortete er mit heiserer Stimme.
»Wo fehlts Dir denn?«
»Hier und hier.«
Er deutete nach der Brust und dem Kopfe.
»Wo kommst denn her?«
»Von Schwanstein.«
»Wo dera König ist?«
»Ja.«
»Und wo willst hin?«
»Nach Berg.«
»Dem Schloß da unten?«
Er nickte.
»Was willst dort?«
»Sterben.«
»Bist nicht klug! Ich muß Dir wirklich gleich einen Schnaps holen.«
»Ich brauch keinen.«
»Aber Du mußt ihn nehmen!«
»Ich trink keinen mehr. Laß mich aus damit, Warschauerin!«
»Herrgottle, was soll man da machen!«
Der sonst so rüstige Sepp bot ein Bild inneren und äußeren Verfalles. Anita konnte nicht anders, sie kniete bei ihm nieder, nahm seine beiden fieberheißen Hände in die ihrige und fragte ihn:
»Sepp, lieber Sepp, kennst mich noch?«
Er nickte. Aber sein Auge brannte so fieberhaft, daß sie glaubte, er kenne sie doch nicht.«
»Sag, wer ich bin!« bat sie.
»Die Anita.«
»Ja, die bin ich. Bist sehr krank?«
»Zum Tode,« hauchte er.
»In der Brust wohl?«
»Ja, und auch im Herzen.«
»Warum denn? Was ist geschehen? Hast Dich etwan erkältet?«
»Vielleicht. Ich hab nicht drauf achtet.«
»Aber so sag doch, was passirt ist!«
»Was passirt ist? Die Welt geht unter! O Gott, o Gott!«
Er hatte an sich gehalten, jetzt brach er plötzlich in ein lautes, fast brüllendes Schluchzen aus, in welches sich die Stimme eines trockenen Hustens mischte.
»O Himmel, dera Sepp weint!« rief die Warschauerin erschrocken. »Was ist da zu thun? Was machen wir? Wann nur mein Mann daheim wär!«
»Dort kommt er schon,« sagte Marga, nach dem Wasser deutend. »Er wird gleich anlegen.«
»So muß ich ihn rufen!«
Und beide Hände au den Mund legend, schrie sie ihm zu:
»Warschauer, mach schnell, mach schnell! Es ist ein Unglück schehen!«
Der Alte verstand die Worte, verdoppelte die Schnelligkeit des Kahnes, legte an, band ihn fest und kam dann eiligen Laufes herbei.
»Ein Unglück?« fragte er bereits unterwegs. »Was denn?«
»Da schau den an!«
Jetzt fiel sein Blick auf den Sepp.
»Dera Wurzelsepp!« rief er erschrocken. »Mein Himmel, was ist mit dem? Sepp, Sepp, warum weinst? Was hast?«
Er schüttelte ihn an der Achsel. Da trocknete sich der Weinende die Augen mit dem Aermel der alten Jacke und zwang sich zur Antwort:
»Weißt denn noch nicht, was geschehen ist?«
»Nein. Mit wem denn?«
»Mit dem König.«
»Da weiß ich kein Wort. Was ists denn?«
»Nach Schloß Berg wird er schafft.«
»Warum?«
»Weil sie sagen, daß – daß – daß er den Verstand verloren hat. O mein Herrgott, o mein Herrgott!«
Wieder weinte er grad hinaus.
Die Andern standen dabei, ganz starr vor Schreck. Warschauer hielt den Sepp, sonst wäre derselbe von der Bank gefallen.
»Dera König wahnsinnig!« sagte er. »Das ist doch gar nicht möglich.«
»Vielleicht doch,« bemerkte Marga bescheiden. »Ich habe bereits davon sprechen hören.«
»Wirklich, wirklich?«
»Ja. Er soll bereits seit längerer Zeit krank sein.«
»Ich glaubs nicht. Sepp, glaubst Du es?«
Der Gefragte schüttelte verzweifelt den Kopf und antwortete,:
»Was weiß ich! Ich weiß nur das Eine, daß Alles, Alles aus ist. Dero König Ludwig stirbt und dera Sepp auch.«
»Das darfst nicht sagen,« gegenredete Warschauer. »Dera Herrgott lebt ja noch.«
»Das weiß ich. Aberst mein König ist krank. Es darf Niemand mehr zu ihm. Die Irrenärzte sind bei ihm. Ich mag nicht mehr leben, denn auch er überlebt das nicht. Laßt mich fort, laßt mich fort! Ich muß weiter mich Berg, wohins ihn schaffen wollen!«
Er wollte aufstehen, fiel aber wieder auf die Bank zurück.
»Wo denkst hin?« antwortete Warschauer. »Du kannst nicht weiter!«
»Ich muß, ich muß!«
»Du darfst aber nicht!«
»Ich muß. Ich geh fort!«
Er raffte sich mit Gewalt auf, gerieth aber sogleich ins Wanken und mußte gehalten werden.
»Sei verständig, lieber Sepp,« bat der Wirth. »Jetzt kannst unmöglich weiter. Du mußt Dich ausruhen. Komm herein in die Stuben. Ich werd Dich führen.«
Er nahm ihn unter dem Arme. Er ging nur sehr langsam. Sepps Beine zitterten sichtlich. Drin in der Stube angekommen, sank er sofort auf das Kanapee.
Vorher, unterwegs, hatte er sich noch aufrecht halten können; jetzt aber, wo die Schwäche sich nun einmal seiner bemächtigt hatte, kam er nicht wieder auf.
»Was hast denn aber macht?« fragte Warschauer. »Dera Schreck kann doch nicht allein gewest sein!«
»Nein, der nicht allein,« keuchte Sepp.
»Was denn?«
»Ich hab hört, daß mein König krank ist, und zu ihm wollt ich. Aberst man hat mich nicht zu ihm lassen. Da hab ich keine Ruhe habt bei Tag und Nacht und bin heraußen legen in Wind und Wetter, um zu erlauschen, wie es mit ihm steht. Dabei muß ich mich verkältet haben, und nun gehts mit mir zu End.«
»Mach mir keinen solchen Witz!«
»Glaubst, daß ich mit dem Tode Scherz treiben thu?«
»Nein, aberst man stirbt nicht so leicht.«
»Wanns aber einmal beginnt, dann gehts auch sehr schnell.«
Er konnte nicht zusammenhängend sprechen. Sein Athem ging keuchend. Seine Augen und Wangen glühten. Er hatte das Fieber.
»Wollen Sie nicht nach einem Arzt senden?« fragte Marga.
»Arzt? Ein Doctor?« rief Sepp. »Ich mag keinen. Ich brauch keinen!«
Er richtete sich aus seiner liegenden Stellung auf dem einen Ellbogen auf und blickte wild, stier und zornig um sich.
»Aber Sepp, Sepp, sei doch geduldig!« bat Warschauer. »Du bist krank. Du mußt doch einen Doctoren haben!«
»Ich will ihn nicht sehen. Er soll mir weit davon bleiben. Wer mir einen Doktoren bringt, den schlag ich todt!« schrie der Kranke.
Das Fieber hatte sich seiner bemächtigt.
Da knieete Marga vor dem Kanapee nieder, zog den Sepp auf dasselbe zurück, ergriff mit ihrer Rechten seine Hand, legte ihm die linke auf die Stirn und sagte in mildem Tone, welcher einen ganz eigenthümlichen, bezwingenden Wohlklang hatte:
»Sepp, lieber Sepp, höre mich an! Kennst Du mich noch?«
Sein Blick verlor die Starrheit. Sein Gesicht nahm den Ausdruck größerer Ruhe an. Er sah nicht nach der Sprecherin. Er schien zu horchen.
»Hast Du mich gehört?« fragte sie abermals.
Seine Brust athmete noch schwer, aber es ging ein Lächeln über seine alten, lieben Züge. Er richtete den Blick nach der Decke empor und antwortete:
»Ja, diese Stimme, die kenn' ich gar wohl, die muß ich hört haben.«
»Besinne Dich: wo!«
»Es fallt mir nicht ein. Sags selbst!«
»Es war auf dem Wege von Pöking nach Possenhofen im Sommer vorigen Jahres.«
»Ja, ja, jetzund besinn ich mich. Du trafst mich um Weg, und weil ich nicht vornehm aussah, hast mich für einen Bettler halten.«
»So war es.«
»Und mir einen Thalern schenkt.«
»Ich wollte Dich nicht beleidigen.«
»Nachhero sind wir mitnander gangen und haben nander Alles sagt und verzählt, was wir auf dem Herzen hatten.«
»Ja, Du weißt noch Alles.«
»Wir haben vom lieben Herrgott sprachen und vom König, von Allem, was uns im Leben druckt und quält hat, und zuletzt haben wir gar mitsammen geweint. Hasts vergessen?«
»Nein, lieber Sepp.«
»Und nachhero, als wir Abschied nahmen, da hast mir gar – weißts auch noch, wast da than hast?«
»Ja.«
»Sags!«
»Ich habe Dir die Hand geküßt.«
»Ja, das reiche, vornehme Fräulein hat dem armen Wurzelseppen die Hand küßt und dabei sagt: daß sie einen Respecten vor ihm hat wie vor einem König. Ist das wahr?«
»Ja, so war es.«
»Aus Hannover bist gewest und wiederkommen hast wollt. Nun bist wiederum da; aber der Sepp wird gehen weit fort, von woher er nimmer wiederkommen kann.«
»Nein, Du wirst noch nicht dorthin gehen. Du wirst wieder gesund werden.«
»Das ist nicht wahr. Ich weiß, daß dera Tod in mir steckt.«
»Glaube das nicht. Verliere die Hoffnung nicht. Du bist dem lieben Gott, Dir selbst und allen Denen, die Dich lieben, es schuldig, daß Du alles Mögliche thust. Dein Leben zu retten. Willst Du mir eine recht innige Bitte erfüllen?«
»Kann ich denn?«
»Ja.«
»So thue ich es gern. Sags!«
»Es ist zweierlei: Lass' Dich in ein Bett legen und erlaube mir, nach einen Arzt zu senden!«
Er antwortete nicht gleich. Sie streichelte ihm leise die Wangen. Unter dem Eindrucke dieser Berührung sagte er:
»Weilst gar so eine gute Stimme hast, sollst Deinen Willen haben. Holt einen Arzt und legt mich in das Bett! Ich bin gar müd, und will schlafen. Mein Kopf thut mir weh und nachhero wird mir wohl besser werden.«
Diese Wirkung des liebevollen Bemühens des schönen Mädchens war so rührend, daß Allen die Thränen in den Augen standen.
Tobias mußte herbei, nm mit Hilfe des Wirthes den Kranken hinauf zu tragen. Er sollte im Bette Anton's liegen. Als sie ihn anfaßten, streckte er die Hand nach Marga aus und sagte:
»Weißts, daß ich's nur Deinetwegen ihn, nur Dir zu gefallen?«
»Ja. Sepp.«
»So mußt auch mir wiederum einen thun.«
»Gern.«
»Bleib bei mir, daßt da bist, wenn ich ausschlafen hab.«
»Gut, ich werde bei Dir bleiben.« Sie ging mit hinauf und die alte Frau Warschauer auch. Der Sepp wurde ausgezogen und in das Bett gelegt. Er schlief auch sogleich ein. Marga setzte sich zu ihm.
Dann mußte Tobias fort, um den Arzt zu holen. Anita aber nahm sich Marga's Gepäck an und richtete deren neue Wohnung vor.
Wohl erst nach Verlauf einer Stunde kam der Arzt. Sepp war wieder aufgewacht und wollte sich nicht ausfragen lassen. Auf Marga's Bitten aber gab er ruhige Antworten. Dann schlief er wieder ein.
Natürlich wurde der Doctor gefragt, was er hoffe oder befürchte. Er zuckte die Achseln und antwortete:
»Außerordentliche Gemüthsaufregung und körperliche Anstrengung, dazu eine vernachlässigte Lungenentzündung, welche hochgradig auftritt. Ich hoffe sehr wenig. Es ist zwar möglich, daß seine ursprüngliche, kräftige Natur die Krisis übersteht, wahrscheinlich aber ist, daß er stirbt. Wenn der Patient Verwandte hat, so benachrichtigen Sie dieselben davon. Ich werde am Abende wiederkommen und auch in der Nacht einmal.«
Er ging, nachdem er seine Anordnungen getroffen hatte.
Nach einer kurzen Berathung wurde beschlossen, denen, die ihm nahe gestanden hatten, zu telegraphiren. Welche Personen das seien, das sollte dem Maler überlassen bleiben, der dies wohl am Besten kennen mußte.
Darum ließ Anita sich sofort überfahren und erzählte Johannes, was geschehen war. Er erschrak auf das Heftigste, denn auch er hatte dem Alten sehr viel zu verdanken.
»Glücklicher Weise habe ich alle Adressen,« sagte er. »Ich werde sofort telegraphiren.«
Er begab sich nach dem nächsten Telegraphenamte und gab dort einen und denselben Wortlaut:
›Sofort kommen. Der Sepp stirbt‹
an die Adressen von Leni, dem Fex, Max, Walther und Rudolph von Sandau auf. Sodann ließ er sich selbst überfahren, um nach dem Kranken zu sehen.
In den letzten Jahren waren der Sepp und der Krickelanton keine guten Freunde gewesen, aber als die Eltern des Letzteren hörten, daß telegraphirt worden sei, sandten auch sie eine Depesche an ihren Sohn ab.
Der Kranke verbrachte die Nacht in sehr großer Unruhe. Nur Marga's Hand war im Stande, ihn zu beruhigen und zum Nehmen der Medizin zu veranlassen. Gegen Morgen schlief er endlich ein und zwar dauerte der Schlaf mehrere Stunden lang.
Aber wer den Schläfer sah, der mußte alle Hoffnung verlieren, daß er sich wieder erholen werde. Seine Wangen fielen mehr und mehr ein; die Nase trat scharf, und spitz hervor – – das Leben zog sich mehr und mehr nach innen zurück.
Noch während er schlief, trafen die beiden Ersten ein: nämlich Leni mit ihrem Manne, dem Grafen von Senftenberg.
Sie weinte laut auf, als sie hörte, wie es mit ihrem alten, treuen Wohlthäter stand, der ihr mit der Ergebenheit eines Freundes zugethan gewesen war. Nur mit Mühe konnte sie sich so weit beherrschen, ruhig bei ihm eintreten zu können.
Aber als sie ihn liegen sah, mußte sie sich das Taschentuch vor den Mund halten, um still zu bleiben.
Marga hatte am Bette gesessen und war höflich aufgestanden. Sie kannte Leni nicht, aber bei dem tiefen Schmerze derselben sah sie, wie theuer ihr der Kranke sei. Darum legte sie den Arm um sie und flüsterte ihr leise tröstende Worte zu.
Da begann Sepp sich zu regen. Sofort trat Leni zurück, so daß er sie nicht zu sehen vermochte.
»Bitte, weinen Sie nicht laut; erschrecken Sie ihn nicht; suchen Sie sich zu fassen!« bat Marga.
Dann nahm sie wieder bei ihm Platz. Er schlug die Augen auf. Sein Blick siel auf sie. Er lächelte leise und streckte seine Hand nach ihr aus. Sie reichte ihm die Ihrige.
»Ists Tag nun gworden?« fragte er.
»Bist die ganze Nacht bei mir gewest?«
»Sehr gern, lieber Sepp.«
»Nun mußt aber auch schlafen gehen!«
»Ich bin nicht müd.«
»Wannst auch nicht müd bist. Die Jugend muß schlafen. Ist dera Doctor hier gewest wieder?«
»Ja.«
»Nicht wahr, er hat sagt, daß ich sterben muß?«
»O nein. Er giebt die beste Hoffnung.«
»Schau! Daßt auch so eine Unwahrheiten sagen kannst!«
»Es ist wahr!«
»O, ich weiß es schon: Du willst mich nur trösten. Aberst das brauchst nicht. Ich sterb gar gern. Was sie mit ihm machen wollen und was sie von ihm sagen, das kann mein König nicht überleben. Er wird ganz gewiß sterben, er muß sterben und darum mag ich auch nicht leben bleiben. Wann dera Tod kommt, so geh' ich gern mit ihm. Also sag' mir halt die Wahrheit! Was hat der Doctor sagt?«
»Daß Du an der Lungenentzündung leidest, daß er aber alle Hoffnung hat. Dich zu retten.«
»Und jetzt sagst mir die Wahrheit noch nicht. Wanns nicht zum Tod gefährlich wär, würde dera Arzt nicht auch die Nacht noch kommen sein. Aberst ich kann Dir halt nicht zürnen, wannst mir seine Red' verschweigst. Ich weiß, daßt es gar gut meinst. Doch will ich denken, daß es zu End geht mit mir und meine Vorkehrung darnach treffen. Dabei sollst mir helfen.«
»Verlange Alles von mir, Sepp!«
»Es ist gar nicht viel, wast machen sollst. Nur eine Depeschen sollst abgeben.«
»An wen?«
»An meinen einzigen Herzensliebling, der mir die Sonne gewest ist in meinem alten einsamen Leben. Weißt, wen ich meine?«
»Nein.«
»Kennst meine Leni nicht?«
»Die Sängerin? Die Gräfin von Senftenberg?«
»Ja. Gelesen und gehört habe ich viel von ihr.«
»Schade, daßt sie nicht kennst! Aber Du wirst sie kennen lernen, sie wird kommen und Ihr werdet gute Freundinnen werden. Weißt, sie ist ein gar herzig liebs Weiberl, ganz ohne Falsch. Ich kann ihr nicht vergelten, wie glücklich sie mich gemacht hat, aber droben beim lieben Herrgott werd ich eine Fürbitt einlegen, daß ich als ihr Schutzengel niedersteigen darf, um bei ihr zu bleiben, bis sie auch da hinaufikommt zum alten Sepp.«
Es läßt sich nicht sagen, welcher Beherrschung es bedurfte, daß Leni nicht gerade aufschrie vor Schmerz. Der Alte fuhr fort:
»Wannst nur ein Papier da hättest!«
»Ich habe eine Brieftafel.«
»Kannst da eine Depeschen aufschreiben?«
»Ja.«
»So will ich dictiren. Bist fertig?«
»Du kannst beginnen.«
»Also schreib: An die Gräfin Leni von Senftenberg. Mein herziges Lenerl. Wannst Deinen alten Sepp noch mal sehen willst, so komm aberst schnell herbei. Es geht mit ihm gar schnell auf die Neige und er möcht doch gern haben, dast ihm die müden Augen zumachst. Er denkt, daß er eher Gnade beim Herrgott findet, wann Du an seinem Sterbebette mit ihm betest. Also komm, ich bitt' gar schön! Dein sterbender, alter Pflegevater.«
Marga rannen beim Schreiben die Thränen auf das Papier. Selbst der Sepp weinte.
»Lieber Sepp,« sagte sie, »weißt Du auch, was Du thust? Die Gräfin wird kommen; aber Du wirst wohl zu schwach sein für die Aufregung, welche Dir dadurch bereitet wird.«
»Zu schwach?« lächelte er. »Aufregung? Nein, es wird keine Aufregung geben. Wann ich aufgeregt wäre, würde ihr Kommen mich beruhigen. So ist es. Weißt, die Leni hat ein Aug' und eine Hand grad so wie Du. Wann man ihr in's Aug' schaut, so wird Einem wohl. Darum send die Depesch nur fort und laß sie kommen.«
Da konnte Leni sich nicht länger halten. Unter strömenden Thränen, aber ohne einen Laut von sich zu geben, trat sie an das Kopfende des Bettes und legte ihm von oben her ihre beiden Hände an die Wangen.
»Ist noch Jemand da?« fragte er erstaunt. »Wer ist's? Wart, ich werds gleich wissen.«
Er schloß die Augen. Ein glückseliges Lächeln verklärte seine Züge mehr und mehr. Er ergriff die beiden Hände und sagte, ohne die Besitzerin derselben gesehen zu haben:
»So braucht also die Depeschen gar nicht fortgeschickt zu werden. Wie machst mich doch so glücklich, daßt kommen bist, meine Herzensleni. Komm' herbei und lass' mich in Deine Augen schauen!«
Jetzt trat sie an die Seite des Bettes. Sie wischte sich die Thränen aus den Augen und that sich den größten Zwang an, ruhig zu erscheinen.
Er schlang beide Arme um ihren Hals und zog sie zu sich herab. Er wollte sie auf die Stirne küssen; sie aber griff um seine Schultern, drückte ihn an sich und bedeckte Mund, Stirn, Wangen, kurz sein ganzes Gesicht mit ihren Küssen.
Er ließ es sich ruhig gefallen. Er zuckte und bewegte sich nicht, als ob er eine ganze Seligkeit über sich hereinbrechen fühle. Dann, als sie ihre Arme wieder von ihm genommen hatte, sagte er:
»Jetzund kann ich ruhig sterben; setzt bist Du bei mir. Ich weiß nicht, was über mich kommen kann. Ich muß Dir was zeigen und sagen, bevor ich die Besinnung verlier. Weißt, wo mein Rucksack liegt?«
»Da unter dem Bette,« antwortete Marga.
»Mach ihn mal aufi! Es ist eine Blechbüchsen drin, welche verlöthet ist. Die muß ich Dir zeigen.«
Leni folgte seiner Anweisung und gab ihm die Blechbüchse in die Hand.
»Schau, Leni, das ist mein Testament,« sagte er. »Es ist in aller Form Rechtens gemacht und kann nicht angefochten werden. Wer wollt es auch anfechten? Ich hab' ja keinen Verwandten auf dera Welt.«
Er holte tief Athem und fuhr dann fort:
»Ich bin nicht so arm, wie man denkt. Ich Hab' nicht nur Wurzeln graben, sondern ich hab' auch Dinge verrichtet, zu denen sonst ganz andere Kerlen genommen werden als der Wurzelsepp scheinbar ist. Das mag sein, wie es wolle, man mag sich den Kopf zerbrechen, wer und was ich eigentlich gewest bin. Ich könnt's sagen, doch das hätte keinen Zweck. Ich bin als dera Wurzelsepp bekannt und will auch als derselbige begraben sein. Du bist meine einzige Erbin. Ich hatte denkt. Du thätst ein armes Dirndl bleiben. Darum hatt' ich für Dich sorgt. Nun aberst bist Gräfin und sehr reich. Da hab ich Dir zwar all' mein Geld geben, aber ich hab dazu schrieben, zu welchen Wohlthaten Du es verwenden sollst. Dera Sepp hat in seinem Leben vielen Menschen holfen, ohne daß sie es ahnen; er will dies auch noch nach seinem Tode thun. Also mach, was darinnen steht, aber sage nicht, daß es von mir ist! Nun bin ich fertig. Willst also meine Erbin sein?«
»Ja, ja,« schluchzte sie. »Aber kein Pfennig davon soll für mich verwendet werden; das schwöre ich Dir!«
»Brauchst keinen Schwur. Ich kenn schon meine Leni gar zu gut. Hast Deinen Mann auch mitbracht?«
»Ja.«
»Das ist schön von ihm; das gefreut mich sehr, daß er den alten Sepp auch noch ein Wengerl achtet. Jetzt nun ruh' Dich aus von dera Reisen, und nachhero kannst den Grafen zu mir bringen.«
»Ich mag nicht ruhen. Ich will bei Dir sein.«
»So kann die Marga dafür ausruhen. Also bleib' da. Aberst jetzund kann ich weiter Niemand brauchen, denn dera Frost kommt wieder und das Fieber beginnt mich zu schütteln. Ich hab' mich mit dem Sprechen zu viel anstrengt. Nun will ich still und ruhig sein.«
Er schloß die Augen. Bald aber begannen seine Züge, seine Glieder, sein ganzer Körper zu zucken, und sein Mund murmelte halblaute, unverständliche Worte. Da kam der Arzt. Er stand lange am Bette und schüttelte den Kopf. Er mußte seinen gestrigen Ausspruch festhalten; der Zustand des Kranken hatte sich keineswegs gebessert.
Im Laufe des Vormittages kamen die Anderen, welche durch die Depesche des Malers herbeigerufen worden waren.
Nun waren wieder einmal die Freunde und Freundinnen beisammen, leider aber in Folge einer für sie Alle so hoch betrübenden Ursache. Der Schöpfer ihres Glückes lag im Sterben, denn daß sie es ihm zu verdanken hatten, mittelbar oder unmittelbar, darüber waren sie alle einig.
Der Krickelanton kam erst gegen Abend.
Er war am Weitesten entfernt gewesen und hatte die Depesche auch später empfangen. Er hatte unmöglich eher kommen können.
Marga wußte nichts, daß ihm telegraphirt worden sei und daß er also kommen werde.
Alle die Angekommenen hatten sich in der Nähe einquartirt. Im Krankenhause selbst durfte man keine Aufnahme suchen, weil der Kranke durch das dadurch unvermeidliche Geräusch beunruhigt worden wäre.
Als Anton ankam, war von den Gästen zufälliger Weise Niemand anwesend. Er fand die Eltern allein in ihrem Stübchen. Als er bei ihnen eintrat, eilten sie auf ihn zu, um ihn zu umarmen. Es herrschte jetzt ein wahrhaft rührendes Verhältniß zwischen ihnen und dem einst so rücksichtslosen Sohne. Er war wirklich ganz anders geworden, und seine Umkehr konnte eine gründliche genannt werden.
Er legte den Mantel ab und fragte:
»Ihr telegraphirt mir, daß der Sepp im Sterben liege, und ich solle kommen. Wo ist er denn eigentlich? Hier in der Nähe?«
»Bei uns.«
»Bei Euch?«
»Ja. Droben in der Stub liegt er.«
»Wie ist denn das gekommen?«
Sie erzählten es ihm. Da er ein sehr ernstes Gesicht dabei zeigte, fragte ihn der Vater:
»Bist wohl bös darüber, daß wir ihn aufgenommen haben?«
»Wie kommst Du auf diesen Gedanken?«
»Weilst mit ihm nicht zu aller Zeit gut Freund gewest bist.«
»Das ist jetzt anders. Seit jenem Abende im Theater bin ich ihm nicht mehr feindlich gesinnt. Ob er sich aber viel daraus machen wird, mich vor seinem Tode noch einmal zu sehen, das bezweifle ich.«
»So ists recht, daß wir ihm Dein Bett geben haben?«
»Natürlich. Unter solchen Umständen muß man den fremdesten Menschen aufnehmen, wie viel mehr nicht diesen braven Mann, dem wir Alle so viel zu verdanken haben. Ist er allein?«
»Nein. Die Leni ist bei ihm.«
»Wie? Die Leni ist auch schon da?«
»O, noch Mehrere.«
Sie nannten ihm die Namen.
»So finden wir uns ziemlich Alle wieder einmal beisammen, leider aus einer sehr traurigen Veranlassung. Ich werde jetzt einmal hinaufgehen.«
»Auch wann die Leni oben ist?«
»Ich brauche sie nicht mehr zu scheuen.«
Er stieg leise die Treppe empor und öffnete ebenso leise die Thür ein Wenig, um hinein zu blicken. Klopfen durfte er nicht, weil er sonst den Kranken hätte aus dem Schlafe wecken können.
Die Wohnstube war leer. Er schritt leise durch dieselbe und klinkte die Thür zur Schlafstube auf. Dort lag der Kranke, und bei ihm saß Leni, seine Hand in der ihrigen haltend. Er schien zu schlafen.
Da sie mit dem Gesichte nach der Thür gewendet saß, sah sie Anton. Ein freundliches Lächeln bewillkommete ihn. Sie winkte ihm, näher zu kommen und bot ihm, als er sich ihr auf den Zehen näherte, die andere Hand.
»Grüß Gott, Anton,« flüsterte sie ihm leise zu. »Woher weißt, daß unser alter Freund krank worden ist?«
»Die Eltern haben mir depeschirt.«
»Davon hab ich nix wußt. Es ist sehr schön und lieb von ihnen, und von Dir auch, daßt kommst.«
Welch ein Gefühl durchzog ihn, als dieses herrliche, von ihm einst verschmähte Wesen, jetzt eine Gräfin, ihn mit dem traulichen Du und im Dialecte anredete. Bis vor einiger Zeit hätte er sich gehütet, wieder unter vier Augen mit ihr zu sein. Nun aber war ihr Bild so ziemlich vor dem Glanze eines anderen erblichen. Sie war ihm nicht mehr so gefährlich.
»Es ist doch meine Herzenspflicht, zu kommen,« antwortete er. »Wie steht es? Ists gefährlich?«
»Er wird wohl sterben müssen. Schau ihn nur mal an!«
Ihre Augen hatten sich augenblicklich wieder mit Thränen gefüllt. Er sah es den Zügen des Kranken an, daß sie Recht hatte. Hier war keine Rettung mehr zu hoffen.
Trotzdem es schien, als ob er schlafe, bewegte der Sepp unaufhörlich den Mund. Er sprach immerfort leise mit den Lippen, und nur selten war ein Wort einmal zu verstehen.
»Was phantasirt er denn?« fragte Anton.
»Immer nur vom Könige und von dessen Wahnsinn und Tod.«
»So hat er es sich so zu Herzen genommen, daß er es nicht verwinden kann.«
»Leider. Horch nur!«
Grad setzt sprach der Kranke deutlicher:
»Sterben, sterben, nur nicht wahnsinnig sein, nur nicht für verrückt gelten. Todt, todt ist besser, ist viel besser!«
Und als er dies gesagt hatte, öffnete er plötzlich weit die Augen. Sein Blick fiel grad auf Anton, erst starr, dann immer mehr bewußter werdend.
»Anton, Du hier?« fragte er.
»Soeben bin ich gekommen,« antwortete der Sänger.
»Wegen meiner?«
»Ja, ich mußte Dich doch sehen.«
»Ich dank Dir auch! Es thut mir so wohl im Herzen, daßt auch gut auf mich gesinnt bist. Aberst sag doch, wo ist dera König?«
»In Schloß Berg.«
»Also schon hier?«
»Ja.«
»Seit wann?«
»Seit heut.«
»Ist er frei?«
»Scheinbar. Doctor von Gudden ist bei ihm.«
»Ein Irrenarzt?«
»Ja. Und heimlich wird er natürlich bewacht.«
»Was ist heut für ein Tag?«
»Der zwölfte Juni.«
»Ich weiß gar nicht, wie lang ich bereits hier bin. Mein Kopf ist ganz wüst, und das Denken fallt mir schwer. Ist denn Pfingsten schon vorüber?«
»Nein. Morgen ist der erste Feiertag. Heut haben wir also den heiligen Abend.«
»Das ist traurig. Grad am Vorabend des heiligen Festes, an welchem dera Geist herniederkommt, wird mein König als geisteskrank nach Berg schafft. Wer soll das aushalten! Wer soll das überleben! Mir wird ganz schwach. Die Stub dreht sich mit mir herum. Ich will wieder schlafen.«
Er drehte das Gesicht zur Seite und phantasirte weiter.
»So geht es immerfort,« sagte Leni leise. »Immerfort Phantasie und nur selten einmal ein freier Augenblick.«
»Und Du strengst Dich hier an und opferst Dich auf! Ich werde Dich ablösen.«
»Das ist nicht nöthig,« lächelte sie trübe. »Wir sind hier so viele Freundinnen beisammen, daß wir keiner männlichen Hilfe bedürfen. Am liebsten aber außer mir hat Sepp das Fräulein bei sich.«
»Welches Fräulein?«
»Die Sommerfrischlerin, welche bei Deinen Eltern wohnt.«
»Ich weiß nichts von ihr. Woher ist sie?«
»Ich habe sie nicht gefragt.«
»Und wie heißt sie?«
»Auch das weiß ich nicht. Erst jetzt besinne ich mich darauf, daß wir uns noch nicht einmal einander vorgestellt haben. Wir haben uns nur immer mit dem allgemeinen »Sie« begnügt.«
»Ist sie eine gute Pflegerin?«
»Eine ausgezeichnete sogar. Sie braucht ihm selbst in der wildesten Phantasie nur die Hand auf die Stirn zu legen, so ist er ruhig. Sie hat überhaupt so etwas Besänftigendes an sich. Ich glaube, sie könnte den wildesten Character zügeln.«
»So bin ich neugierig, sie zu sehen.«
»Das ist ein gefährlicher Wunsch,« lächelte sie trotz ihrer Traurigkeit.
»Warum?«
»Sie ist sehr schön.«
»Das thut bei mir nichts.«
»Bist Du jetzt so gefeit?«
»Ja.«
Da öffnete der Sepp die Augen und blickte abermals die Beiden an.
»Leni,« sagte er, »ich hab eben jetzt meine Gedenktafel sehen, wann sie in dera Kirchen hängt. Da hing auch meine alte Zithern dabei. Ich hab sie wollen lassen mit mir begraben, weils mir eine gar so treue Freundinnen gewest ist. Aber es wär doch jammerschad um sie, wann sie mit mir verfaulen sollt. Wirst mir eine Gedenktafeln machen lassen?«
»Ja, und ein Denkmal lasse ich Dir setzen. Aber das hat noch eine gar lange Weile.«
»Nein, ein Denkmal mag ich nicht haben. Dera Herrgott weiß schon, wo er mich bei dera Auferstehung zu suchen hat. So ein Denkmal ist immer eine Großthuerei, die ich nicht dulden mag. Aberst meine Zithern läßt mich hinhängen?«
»Ja.«
»Und einen Kranz von Veilchen um dieselbe? Es ist ja jetzt die Frühjahrszeit, wo dieselbigen wachsen.«
»Ich verspreche es Dir.«
»Ich danke Dir, Leni! Und weißt, ich möcht sie doch gar zu gern noch mal hören, meine Zithern. Aberst ich kann sie nicht selbst spielen, denn meine Fingern reichen heut nicht dazu aus. Giebts nicht Einen, ders hier kann?«
»Max Walther ist ja da; der ist Virtuos auf dera Zithern!«
»Laß ihn holen! Und noch was möcht ich zum letzten Male hören, bevor ich sterben thu, nämlich Deine liebe Stimm, meine Leni. Willst mir zur Zithern noch mal das Lied singen »Schlaf in Ruh«? Thu Deinem alten Sepp noch den Gefallen!«
»O, gern!« sagte sie, laut schluchzend.
»Weine nicht! Bald werd ich im Himmel die Psalmen der lieben Engel hören. Und nachhero thät ich mich freuen, wannst mit dem Anton hier ganz versöhnt wärst, so daß er das Lied mit Dir singen thät, zweistimmig, von zwei solchen Leuten. Das soll mein Abschied von der Musiken sein. Wollt Ihr?«
Leni konnte nur schluchzen, und auch Anton sprach nicht. Er nickte nur weinend.
»So ists recht,« fuhr der Kranke fort. »Und weil die Freunde hier sind, so sollen sie es auch mit hören. Ich will hier sein, ganz allein, und nur die Fremde soll sich bei mir befinden. Ihr Andern seid draußen in dera Stuben. Anton, geh hinab und laß sie holen. Meine Zithern steckt im Rucksack drin.«
Anton ging still fort.
Als er die Thür öffnete, um in die Wohnstube zu treten, blieb er erschrocken stehen. Da stand Marga Siebers vor seinem Bilde, unter welchem die beiden Rosen befestigt waren.
»Marga!« entfuhr es ihm.
»Anton!« antwortete sie erglühend. »Ich wußte nicht, daß Sie hier sind.«
»Und ich ahnte nicht, daß Sie die Pflegerin sind, die man mir so rühmt. Sie wohnen bei meinen Eltern?«
»Zufällig. Als ich heut miethete, hatte ich keine Ahnung davon, daß dieses Haus das Ihrige sei.«
»Der Kranke verlangt nach Ihnen.«
Er ging, und Marga trat in die Krankenstube. Leni hatte, da die Thür offen gestanden hatte, Alles sehen und hören können. Als Marga sich jetzt zu ihr setzte, fragte sie leise:.
»Sie kennen einander?«
»Ja.«
»Von woher?«
»Er trat in meiner Vaterstadt Hannover auf und wurde mir vorgestellt.«
»Er – – liebt Sie?«
»Ja,« antwortete Marga, ohne sich zu schämen.
»Aber unglücklich?«
»Nein. Unsere Neigung ist gegenseitig.«
»Das freut mich außerordentlich. Ich gönne ihm dieses Glück von Herzen.«
Marga schüttelte den Kopf.
»Er stößt es von sich?«
»Wieso?«
»Er sagt, daß er es nicht verdiene.«
»Warum nicht?«
»Wegen seiner Vergangenheit.«
»Ist er so ernst und streng gegen sich geworden?«
»Außerordentlich. Er hat mir Alles erzählt und mir freiwillig gebeichtet.«
»Auch von mir?«
»Ja. Sie sind ja die Hauptperson seiner Vergangenheit, und grad daß er Sie so mißachtet hat, das will er dadurch sühnen, daß er das Glück von sich weist.«
»Das ist zu streng. Ich werde mit ihm sprechen. Er malt sich schwärzer, als er war. Glauben Sie mir das. Er ist stets ein braver Mensch gewesen, und ich achte ihn von Herzen. Ich wünsche, daß er glücklich sei. Sehen wir, was ich thun kann!«
Sie bot Marga die Hand, welche diese warm und freundschaftlich drückte.
Sepp lag lange in Phantasien. Draußen füllte sich die Stube mit den herbeigerufenen Leuten, welche leise eintraten und ein tiefes Schweigen beobachteten.
Da kam Anton in das Krankenzimmer, um die Zither aus dem Rucksacke zu holen. Dabei erklangen die Saiten leise, ganz leise, aber sofort fuhr der Sepp, mit dem Kopfe herum.
»Was ist?« fragte er. »Das war meine Zithern?«
»Ja,« antwortete Leni.
»Sind die Leut alle da?«
»Ja.«
»So geh mit hinausi und sing. Die Freundin da mag mir ihre Hand reichen, während ich zuhören thu.«
Leni verfügte sich zu den Andern in die Wohnstube. Die Thür zu derselben wurde nur angelehnt. Es herrschte eine Stimmung, als ob man bereits vor dem offenen Grabe stehe.
Leni nahm sich vor, sich möglichst zu beherrschen. Weinen durfte sie während des Gesanges nicht. Es war das letzte Mal, daß der Sepp ihre Stimme hören sollte.
Marga hatte die Hand des Kranken ergriffen. Er schien es nicht erwarten zu können, denn er flüsterte:
»Warums nur nicht beginnen! Ah, jetzt stimmt dera Max Walther die Zithern. Nun wirds gleich losgehen.«
Walther war wirklich ein Virtuos. Die gegenwärtige Stimmung hatte sich seiner tief bemächtigt, und er gab ihr durch ein Vorspiel Ausdruck, welches ergreifend war. Dann fielen Leni und Anton ein, erst leise, dann ihre Stimmen anschwellen lassend, ohne ihnen aber zu erlauben, sich zur vollem Flüchtigkeit zu entfalten:
»Schon fängt es an zu dämmern,
Der Mond als Hirt erwacht
Und singt den Wolkenlämmern
Ein Lied zur guten Nacht.
Und wie er singt so leise,
Da dringt vom Sternenkreise
Der Schall ins Ohr mir sacht:
Schlaf in Ruh, schlaf in Ruh,
Vorüber der Tag und sein Schall.
Schlaf in Ruh, schlaf in Ruh,
Die Liebe Gottes deckt Euch zu!«
Hätten die Beiden diese Strophe in einem Concerte gesungen, sicherlich wäre sie ihnen nicht so meisterlich gelungen wie hier. Der Schmerz war der Dirigent, dem sie gehorchten, und darum waren Worte wie Töne von einem geradezu unbeschreiblichen Eindrucke. Dann begann der zweite Vers.
»Und wie nun alle Kerzen
Erloschen durch die Nacht,
Da schweigen auch die Schmerzen,
Die uns der Tag gebracht.
Lind säuseln die Cypressen;
Ein seliges Vergessen
Durchschwellt der Lüfte Pracht.
Schlaf in Ruh, schlaf in Ruh,
Vorüber der Tag und sein Schall.
Schlaf in Ruh, schlaf in Ruh,
Die Liebe Gottes deckt Euch zu!«
Jetzt war es zu Ende. Die Anwesenden verhielten sich schweigend. Sie bewegten sich nicht. Da trat Marga herein und meldete:
»Er schläft. Er ist über dem Gesange eingeschlafen.«
»So können wir gehen,« sagte Anton. »Er hat sein letztes Lied gehört. Wann werden wir das unsere hören?«
Die Augen Aller standen voller Thränen. Es war, als ob einem Jeden sein eigenes Sterbelied gesungen worden sei.
Leni trat zu Marga und flüsterte ihr zu:
»Bitte, bleiben Sie für kurze Zeit bei dem Kranken! Ich komme bald wieder.«
»Was wollen Sie? Wohin wollen Sie? Ich ahne – – –«
»Lassen Sie mich nur!«
»Nein, nein. Er könnte Sie mißverstehen.«
»O, ich pflege sehr deutlich zu sprechen.«
»Aber dennoch bitte ich Sie, doch lieber zu schweigen. Ich will lieber auf Alles verzichten, als den Glauben erwecken, daß ich in unweiblicher Weise – – –«
»Ich verstehe Sie sehr gut. Haben Sie ja keine Sorge. Nicht Sie sprechen zu ihm, sondern ich rede mit ihm. Sie werden jedenfalls gar nicht genannt.«
»Das beruhigt mich allerdings.«
Sie zog sich zu dem Kranken zurück, und Leni ging nach unten. Vor dem Hause standen die Freunde und Freundinnen in kleinen Gruppen beisammen. Anton hatte sich zu Niemandem gesellt. Er schritt langsam dem Ufer des Sees zu. Leni ging ihm nach.
Als sie ihn erreicht hatte, schob sie zutraulich ihren Arm in den seinigen.
»Du, Leni,« sagte er erstaunt. »Was sagt Dein Mann dazu?«
»Nichts. Mein Mann hat Vertrauen zu mir, denn er liebt mich wahrhaft.«
»Das ist ein Stich, der mir gilt.«
»Ja, das will ich Dir offen gestehen.«
»Du willst sagen, daß nur Einer, welcher nicht wahrhaft liebt, Mißtrauen hegen könne?«
»Ja.«
»Ich hegte einst welches gegen Dich – – –«
»Allerdings.«
»Folglich liebte ich Dich nicht wirklich?«
»Das ist der richtige, logische Schluß. Leuchtet Dir das nicht ein?«
»Früher nicht.«
»Aber jetzt?«
»Ja.«
»So scheinen Deine Ansichten sich geändert zu haben.«
»Die Ansichten mit dem Charakter. Ich hatte einen schlechten Charakter.«
»Wirklich?«
»Ja, ich war Egoist durch und durch. Ich, ich, ich und wieder ich, das war das einzige Wort, was es für mich gab. Was sich nicht damit in Einklang bringen ließ, das hielt ich für schlecht, oder wenigstens unnütz. Darum konnte ich Dich so peinigen.«
»Es ist vergeben.«
»Auch vergessen?«
»Ja, Anton. Ich trage Dir nichts nach.«
»So hast auch Du mich nicht wirklich geliebt.«
»Meinst Du?«
»Ja. Wer so leicht vergessen kann, der hat nicht wirklich geliebt.«
»Woher weißt Du, daß ich leicht vergessen habe?«
»Du sagst es ja.«
»Nein.«
»Du lassest es mich wenigstens errathen.«
»Auch das nicht. Ich gestehe Dir in aller Aufrichtigkeit, daß ich mich nur sehr schwer in den Gedanken der Entsagung finden konnte; als ich aber dann einmal entsagt hatte, war ein Wiederanknüpfen ganz unmöglich.«
»Ja, Du bist von jeher charakterfest gewesen. Ich aber hielt Starrheit für festen Willen. Nun, ich habe gebüßt und büße noch.«
»Ist das nothwendig?«
»Ja.«
»Schwerlich!«
»Jedenfalls. Jede Schuld erfordert eine Sühne.«
»Auch wenn sie vergeben worden ist?«
»Dann nicht. Aber ich selbst habe es mir noch nicht vergeben.«
»Du hast Dich weder anzuklagen noch Dir Etwas zu vergeben. Du bist nicht das Object Deines Irrthumes gewesen, sondern ich war es, und so können Anklage oder Verzeihung nur von mir kommen.«
»Du sprichst wie ein Prediger!«
»Spotte nicht. Ich fahre fort: Ich habe Dir vergeben, folglich ist Dir verziehen, und Du hast kein Recht, Dich selbst noch weiter zu quälen und zu kasteien.«
»Von Deinem Standpunkte aus; der meinige ist aber ein anderer. Ich habe nicht nur gegen Dich, sondern auch gegen mich gesündigt. Das Letztere ists, worüber ich mein eigener Richter sein darf, und da verzeihe ich mir nicht.«
»Anton, bedenke den Unsinn!«
»Das ist kein Unsinn!«
»O doch! Du hast Dich unglücklich gemacht, und dafür willst Du Dich dadurch bestrafen, daß Du Dich noch unglücklicher machst. Ist das richtig?«
»Ja.«
»Wie falsch. Du bist betrunken und bestrafst Dich dadurch, daß Du noch immer mehr trinkst. Das ist doch wirklich lächerlich! Die Strafe muß im Gegensatze zu dem Objecte der Sünde stehen. Fehler darf nicht mit Fehler bestraft werden. Uebrigens bin ich kein Jurist, kein Psycholog und Philosoph, sondern eine einfache Frau, welche mit ihrem Herzen urtheilt und richtet. Gott straft nicht ewig; warum soll der Mensch unversöhnlich sein, zumal mit sich selbst? Willst Du denn für immer dem Glücke entsagen, eine liebe Frau au Deiner Seite zu haben?«
»Ja.«
»So sage mir nur einen einzigen triftigen Grund dazu!«
»Ich bin eines solchen Glückes nicht werth.«
»Höre, Du hast Dich in eine krankhafte Selbsttyrannei verfitzt, aus der Du nicht wieder heraus zu kommen vermagst.«
»Das ist nichts Krankhaftes.«
»O doch! Oder ja. Du magst Recht haben, es ist nichts Krankhaftes, sondern etwas noch viel Schlimmeres, sogar etwas sehr Verwerfliches.«
»So?«
»Ja, gewiß, mein Lieber.«
»Nun, was ist es denn?«
»Der Hochmuth, die Selbstsucht, die Du soeben erst eingestanden hast. Du denkst, mit ihr gebrochen zu haben, aber das ist nicht wahr. Sie steckt noch heut in Dir und zeigt sich nur in einem anderem Gewande.«
»Das begreife ich nicht.«
»Ja, Dein Hochmuth gleicht jetzt dem Wolfe, der sich in das Schaffell versteckt, oder dem Heuchler, der eine Frömmigkeit und Demuth zur Schau trägt, welche er gar nicht besitzt. Du willst groß thun mit Deiner Buße, mit der Strenge gegen Dich selbst.«
»Fällt mir nicht ein! Ich spreche ja zu Niemandem davon.«
»Ist gar nicht nöthig. Du willst groß thun vor Dir selber. Du betrachtest Dich im Spiegel und hast Freude über Dich, Du hältst Dich für einen charaktervollen, tüchtigen Menschen. Du sagst zu Dir: Anton, Du hast gefehlt, darum bestrafst Du Dich mit unnachsichtlicher Strenge, und darum bist Du ein tüchtiger Kerl, vor dem Du selbst Respect haben mußt. Ist es so, oder ist es anders?«
Er schwieg. Er fühlte sich getroffen.
»Du antwortest nicht. Ich nehme also an, daß Du mir wenigstens so leidlich Recht giebst. Dein Hochmuth steckt noch in Dir, Du wirst ihn auch nie ganz los werden; Du wirst stets ein Wenig hochmüthig bleiben, denn das ist eben angeboren; aber bekämpfe diesen Hochmuth, dann bist Du lobenswerth. Kämpfe nicht mit Phantomen, die Du Dir selbst schaffst, sondern mit Deinen wirklichen Fehlern. Während Du Dich über Dich selbst zu freuen gedenkst, peinigst Du Dich nur und wirst auch ungerecht gegen Andere.«
»Wieso?«
»Nun, bleiben wir bei unserm Falle! Du willst Dich dadurch bestrafen, daß Du nicht heirathest. Aber haben Deine Eltern nicht das Recht, eine Schwiegertochter und liebe Enkel zu verlangen?«
Auch jetzt antwortete er nicht.
»Und ist Dein Beginnen nicht unmoralisch? Du entsagst der Ehe, aber wohl nicht auch der Liebe. Gott will, daß die Liebe durch die Ehe geregelt werde. Du aber fliegst von Blume zu Blume und vergeudest die Gaben des Gemüthes, mit welchen Du ein braves Mädchen glücklich machen könntest. Oder verursacht es Dir einen so hohen moralischen Stolz, von Mädchen zu Mädchen zu gehen, damit die späteren Gatten derselben sich mit dem zufrieden geben sollen, was Du verächtlich weggeworfen hast? Anton, Du warst früher ein ungerechter Mensch, jetzt bist Du gefährlich!«
Sie standen am Ufer des Sees. Er lehnte am Stamme einer Buche und sah vor sich nieder. Jetzt antwortete er:
»Leni, früher hättest Du mir so etwas nicht sagen dürfen –«
»Das weiß ich wohl!«
»Heut aber höre ich Dich ruhig an. Das ist doch wohl ein Beweis, daß es mit meinem Hochmuthe nicht gar so schlimm bestellt sein kann, und –«
»Halt! Soeben zeigst Du diesen Hochmuth wieder, indem Du Dich lobst und ihn verteidigst.«
Diese Einwendung frappirte ihn. Sie benützte das, indem sie fortfuhr:
»Ich wiederhole, daß Du Deinen Eltern die Erfüllung eines ganz natürlichen Herzenswunsches versagst. Und nun denke Dich einmal in die Möglichkeit, daß ein gutes, achtbares Mädchen Dich liebt und daß Du vielleicht gar ihre Liebe erwiderst. Hast Du das Recht, ihr das Glück zu versagen, weil Du es Dir versagst?«
»Vielleicht doch.«
»Wieso?«
»Weil sie mit mir überhaupt nicht glücklich sein würde.«
»Kannst Du das beweisen?«
»Nein.«
»So denke keine Dummheiten. Beschäftige Dich nur mit Voraussetzungen, aus denen Du einen richtigen Schluß folgern kannst. Der beste und allerlogischste Schluß ist aber der: Du liebst sie; sie liebt Dich, folglich werden wir mit einander glücklich. Wer das nicht glaubt, dem ist überhaupt niemals zu helfen und den lasse ich also hiermit stehen!«
Sie wendete sich von ihm ab und that, als ob sie fortgehen wolle. Da rief er ihr nach:
»Leni, halt!«
»Was noch?«
»Komme einmal her!«
Sie kehrte langsam zurück.
»Was soll ich?«
»Hast Du vorhin die Scene bemerkt, als ich Marga in meiner Wohnstube traf?«
»Ja.«
»Was schließest Du daraus?«
»Daß Ihr Euch vielleicht einmal flüchtig gesehen habt.«
»Flüchtig war das nicht.«
»Nun, also nicht flüchtig.«
»Wir haben uns sogar oft gesehen.«
»Ah! Also wohl eine solche – solche – solche Liaison von Dir?«
»Nein. Das wäre eine Beleidigung dieses braven Mädchens.«
»Ist sie wirklich brav?«
»Ja.«
»Das glaube ich nicht.«
»Leni!«
»Ich wiederhole es: Ich glaube es nicht.«
»Willst Du mich zornig machen?«
»Pah! Was mache ich mir aus Deinem Zorne. Hast Du sie geliebt?«
»Ja.«
»Und liebt sie Dich?«
»Ja.«
»So taugt Eins von Euch Beiden nichts. Und da Du jedenfalls die Schuld nicht auf Dich nehmen wirst, so muß ich natürlich annehmen, daß der Fehler auf der Seite dieser Marga liegt.«
»Alle Teufel, Leni! Du springst mit mir um wie mit einem Schulbuben.«
»Ja, wenn ich nur ein Lineal dabei hätte, um Dir die alten, eingerosteten Mucken auszutreiben. Was denkst Du denn eigentlich von Dir? Du meinst, Liebe einflößen und die Betreffende dann gar nicht beachten zu dürfen. Gehe doch in Dich! Du bist kein Gott und auch kein Halbgott. Du bist ein armer, sündhafter Mensch wie jeder Andere. Du strotzest vor Selbstsucht und Hochmuth. Sei doch froh und danke es dem lieben Himmel auf den Knieen, wenn Dich ein braves Mädchen lieb gewinnt! Du könntest alle Reiche der Welt besitzen und kilometertief in Gold und Diamanten stecken, ich möchte Dich doch nicht, denn der Kern, das da, ist jämmerlich!«
Sie tupfte ihm dabei mit dem Finger auf die Gegend des Herzens; dann wendete sie sich ab und schritt davon in der festen Absicht, nicht wieder umzukehren.
»Leni!« rief er.
»Laß mich aus!«
»Leni!« rief er lauter.
»Red', mit wem Du willst!«
Da sprang er ihr nach, faßte sie beim Arme und sagte:
»Ich laß Dich doch nicht fort. So ein kuraschirtes Weibsbild, wie Du bist, habe ich noch nie gefunden!«
»Wollte Gott, es wären Alle so!«
»Dann wär's freilich besser!«
»Das giebst Du zu?«
»Ja.«
»Ah!«
»Natürlich gebe ich es zu, denn Du hast ja Recht. Die characterlosen Frauenzimmer sind es ja, die uns verderben.«
»Nein. Wenn Ihr sie nicht anschaut, können sie gar keinen Einfluß auf Euch haben.«
»Hols der Teufel, Du hast Recht! Wenn mir eine Andere solche Sachen in das Gesicht sagte, ich spränge mit allen Beinen drein. Warum höre ich es denn grad von Dir so ruhig an?«
»Weil ich Dir überlegen bin; weil ich einen Character habe und Du hast keinen. Laß Dir einen wachsen!«
»Das ist schon wieder so eine Beleidigung! Was soll ich aber dagegen sagen? Weißt Du, ich habe Dich trotz alledem doch ganz entsetzlich lieb gehabt. Ich bin innerlich elend und marode gewesen, und darum hält es so schwer, mich wieder zusammenzuflicken, daß ein brauchbarer Kerl aus mir wird.«
»Wende Dich nur an den richtigen Doctor!«
»Wie heißt der?«
»Frau. Wirf Deine Albernheiten und Einbildungen von Dir. Werde einfach, wahr und ehrlich mit Dir selbst. Nimm Dir dann ein hübsches, junges Weibchen, welches Du wirklich lieb hast und dann wirst Du sehen, wie schnell aus einem Affen und Laffen ein achtbarer Mann werden kann.«
Er lachte halb lustig, halb grimmig auf.
»Leni, ich sollte Dir eigentlich in allem Ernste zürnen. Du treibst es zu toll. Aber ich kann mir nicht helfen. Du hast Recht. Ich habe mich noch niemals in einem Spiegel so deutlich gesehen wie jetzt. Gieb mir einmal Deine Hand. So!«
Er ergriff ihre beiden Hände, schüttelte dieselben herzhaft und fuhr fort:
»Für den heutigen Abend bin ich Dir einen Dank schuldig, den ich niemals abtragen kann. Heut hast Du mich klein gemacht. Ich will Dir gestehen: ich sehe es deutlich ein, daß ich ein jammervoller Wicht gewesen bin, früher und jetzt bis auf diesen Augenblick. Du hast Recht; ich bin Egoist durch und durch. Aber von jetzt an soll es anders werden. Daraus gebe ich Dir meine Hand. Das hast Du fertig gebracht und – die Liebe.«
»Also liebst Du wirklich?«
»Von ganzem Herzen!«
»Marga?«
»Ja.«
»Das ist doch nicht wieder eine Täuschung!«
»Nein. Es mag Dich beleidigen oder nicht, ich habe sie noch tausend, tausend Male lieber, als ich Dich hatte.«
»So! Das wollen wir doch gleich einmal probiren.«
»Wie denn?«
»Wen hältst Du denn für schöner und besser, sie oder mich?«
»Nimmst Du es mir übel, wenn ich Dir die Wahrheit sage?«
»Vielleicht.«
»Dennoch sage ich: Marga ist schöner als Du; das kannst Du gar nicht leugnen. Und besser? Ich traue ihr mehr Tugenden zu als Dir.«
Ein unpartheiischer Kenner weiblicher Schönheiten hätte Leni vor Marga den Preis gegeben; sie aber fühlte sich durch das Urtheil Antons gar nicht verletzt, sondern sie sagte ganz im Gegentheile:
»Da hast Du freilich die Probe gut bestanden. Wenn Du sie für schöner und besser hältst als mich, so hast Du sie auch lieber als mich. Ich will Deine Liebe also nicht für eine Selbsttäuschung halten. Wie steht es aber nun mit ihr?«
»Sie ist mir gut.«
»Das genügt nicht.«
»So will ich sagen, daß sie mich liebt.«
»Das läßt sich eher hören. Hast Du Beweise?«
»Ja. Würde sie zum Beispiel meine Eltern suchen und sich bei ihnen einmiethen, wenn sie mich nicht lieb hätte?«
»Anton, Du hast nicht recht! Ich habe kein Wort mit ihr darüber gesprochen, aber ich will mein Leben wetten, daß sie Deine Eltern gar nicht gekannt hat.«
»Das sagte sie allerdings.«
»So hast Du es ihr zu glauben. Sie ist ein wahres, offenes, ehrliches Gemüth, und wenn Du in dieser beleidigenden Weise von ihr denkst, so bist Du nicht werth, daß sie Dich nur anschaut, viel weniger aber Dich lieb hat. Grad dieser Argwohn beweist, daß Du doch ein ganz unsinniger Mensch bleibst, vor dem ich sie warnen muß. Das arme Kind kann mit Dir nur unglücklich werden.«
Jetzt entlief sie ihm so schnell, daß alles Rufen und Nachlaufen nutzlos gewesen wäre. Er blieb stehen, einen scharfen Stachel tief in der Brust. Sie aber lachte froh in sich hinein, denn sie war überzeugt, ihm in ihrer so deutlichen Weise den richtigen »Weg zum Glück« gezeigt zu haben.
Diese Genugthuung verschwand allerdings sofort, als sie, in die Krankenstube zurückkehrend, das Gesicht ihres lieben Sepp erblickte.
»Wie ist's gegangen?« fragte sie.
»Es ist ganz eigen,« antwortete Marga. »Seit gesungen worden ist, hat er ruhig geschlafen und sich nicht bewegt. Das Lied muß also einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht haben.«
»Vielleicht giebt Gott, daß es uns gelingt, ihn zu erhalten. Nun aber lassen Sie mir die Pflege für diese Nacht über. Sie bedürfen der Ruhe.«
»Ich möchte doch lieber hier bleiben.«
»Nein. Das darf ich nicht dulden.«
»Wollen denn Sie sich dieser Anstrengung unterwerfen?«
»Warum nicht?«
»Frau Gräfin –«
»Pah! Ich bin dem Sepp seine Leni, und er hat es an mir verdient, daß ich eine Nacht für ihn opfre, wenn er im Sterben liegt. Ich möchte den Vorwurf nicht auf mich nehmen, daß ich ihn fremden Händen überlassen habe.«
Marga mußte sich fügen und ging. An der Thür wendete sie sich aber noch einmal zurück:
»Darf ich fragen, ob –?«
Sie sprach ihre Erkundigung nicht aus. Leni verstand sie aber natürlich und antwortete:
»Ich habe mit ihm gesprochen, aber Ihr Name ist nicht genannt worden.«
»Ich danke Ihnen!«
Sie wollte nun fort, aber da stand Leni neben ihr und sagte:
»Lassen Sie den Menschen laufen!«
»Warum?«
»Er liebt Sie nicht.«
»Meinen Sie?«
Sie war im Gesichte todesbleich geworden. Leni aber that, als ob sie das gar nicht bemerke und fuhr unerbittlich fort:
»Er kann Sie gar nicht lieben; es ist gar nicht möglich, denn er hält Sie eines Verhaltens für fähig, welches ein höchst incorrectes sein würde.«
Da trat die Röthe wieder in Marga's Wangen zurück. Sie fragte:
»Welches Verhalten meinen Sie?«
»Er glaubt, Sie laufen ihm nach.«
»Herrgott!« rief sie aus, sich mit beiden Händen nach dem Herzen greifend.
»Sie haben seine Eltern ausgekundschaftet –«
»Ich hatte keine Ahnung von ihnen hier.«
»Und sich bei ihnen eingemiethet, um sich desto besser des Sohnes zu versichern.«
»Das wäre ja ordinär!«
»Er traut es Ihnen zu.«
»Sagte er es?«
»Sogar sehr offen und deutlich.«
»Dann – dann – dann muß ich augenblicklich dieses Haus verlassen.«
»Ganz richtig. Es bleibt Ihnen gar nichts Anderes übrig.«
»Welch' ein Verdacht, welch' ein Verdacht! Ich gehe, ja, ich gehe fort!«
Sie verließ jetzt die Stube. Leni sagte sich im Stillen:
»Jetzt ist es eingefädelt. Wenn sie sich nun nicht aussprechen, so werden sie im ganzen Leben kein Paar.«
Marga suchte ihr Zimmer auf, schrieb einige Zeilen auf ein Papier, welches sie auf den Tisch legte, nahm den Mantel um, setzte den Hut auf und ging hinab zu Tobias, um ihn zu bitten, sie überzufahren. Er war sofort bereit dazu, und sie ging mit ihm nach dem Ufer.
Anton war von Allem, was Leni ihm gesagt und vorgeworfen hatte, zu aufgeregt, als daß er hätte ruhig sein sollen. Er wanderte am See hin bis weit abwärts und kehrte dann um, in der Absicht, heut Abend Marga noch aufzusuchen. Als er an die Stelle kam, wo das Boot angekettet zu liegen pflegte, hörte er nahende Ruderschläge. Er blieb stehen. Wer kam da?
Er bemerkte, daß das zum Hause gehörige Boot fehlte und erkannte ihn dem Nahenden den Pächter Tobias.
»Du fährst am Abend noch spazieren?« fragte er ihn.
»Weit gefehlt!«
»Also Geschäft?«
»Auch nicht.«
»Was denn?«
»Ueberfahrt.«
»Wen?«
»Marga.«
»Wohin?«
»Feldafing.«
»Weshalb?«
»Weiß nicht.«
»Ist sie denn nicht mit zurückgekehrt?«
»Nein.«
»Aus welchem Grunde?«
»Brauch's nicht zu wissen.«
»Aber, zum Teufel, antwortete doch ordentlich! Was will sie denn um diese Stunde jetzt da drüben?«
»Geht mich nix an. Zettel liegt auf dem Tische.«
»Auf welchem?«
»Auf dem Ihrigen droben.«
Da sprang Anton in das Haus und eilte hinauf. Da lag der Zettel, auf welchem die Weisung geschrieben stand:
»Bitte meine Effecten nebst Rechnung mir morgen früh nach Feldafing zu senden.«
Nach zwei Minuten saß er im Boote und ruderte über dem See. Drüben angekommen, nahm er sich kaum Zeit, das Boot richtig anzubinden. Er eilte in den Gasthof und ließ fragen, ob Marga Siebers noch zu sprechen sei. Sie ließ verneinen. Er aber kehrte sich nicht daran, sondern stieg die Treppe empor und öffnete die unverschlossene Thüre ihres Gaststübchens. Sie saß am Tische, beschäftigt, einen Brief zu schreiben.
»Sie? Sie kommen zu mir trotz meiner Abweisung!« sagte sie in zornigem Tone und sich vom Stuhle erhebend.
»Es ist ein Fehler den ich begehe, ich weiß das. Aber Sie werden denselben verzeihen. Ich habe Ihren Zettel gelesen. Sie verlassen uns ohne Abschied. Sie müssen beleidigt worden sein.«
»Nein.«
»Gewiß!«
»Nein.«
»Aber einen Grund müssen Sie doch haben, so zu handeln?«
»Allerdings.«
»Darf ich denselben erfahren?«
»Ich kann ihn nicht sagen.«
»So ist Ihre Entfernung eine große Beleidigung für uns Alle. Wollen Sie das bedenken, Marga.«
»Ich will Niemand beleidigen. Ich will nur verhüten, daß –«
»Was? Was wollen Sie verhüten?«
»Daß – daß – nein, ich kann es ja doch nicht sagen.«
Sie standen einander gegenüber mit fast feindseligen Gesichtern.
»Marga, bedenken Sie, wie man Ihre plötzliche und unmotivirte Entfernung auslegen wird!« bat er.
»Es giebt nur eine einzig richtige Auslegung, welche Alles erklären wird.«
»Und wie lautet dieselbe?«
»Ich bin gewissen Mißdeutungen aus dem Wege gegangen.«
Da dämmerte eine Ahnung in ihm auf. Er fragte:
»Sie wissen, daß ich eine Unterhaltung mit Leni hatte?«
»Ja.«
»So verrathe ich Alles. Marga, ich habe die Worte, welche Sie beleidigten, nicht im Ernst gemeint. Leni hielt mir eine so empfindliche Strafpredigt, daß ich vor Aerger und Abscheu über mich selbst beinahe unzurechnungsfähig geworden bin. Ich habe mir eine Meinung aber keine Behauptung aufgestellt. Es ist eine Schlechtigkeit von Leni, Sie gegen mich aufzuhetzen und ich bitte Sie inständig, wieder mit zurückzukehren, um ihr zu zeigen, daß sie uns nicht entzweit, sondern ganz im Gegentheile mit einander vereinigt hat!«
In ihrem Gesichte kam und ging die Röthe.
»Ich verstehe Sie nicht,« sagte sie.
Da legte er den Arm um sie, zog sie an sich, küßte sie auf die Stirn und fragte:
»Verstehst Du mich jetzt, Marga?«
»Ja,« antwortete sie leise.
»Ich habe ein großes Unrecht an Dir begangen. Ich kannte Deine Liebe und wollte sie doch nicht beachten. Jetzt aber erkenne ich, daß ich ohne Dich arm und elend geworden wäre. Willst Du mir helfen, ein guter, fester und treuer Mann zu werden?«
Da stürzten ihr die Thränen des Glückes aus den Augen und sie flüsterte:
»O Gott, wie gern, wie gar so gern! Wer hat meinen Zettel gelesen?«
»Nur ich.«
»Weiter Niemand?«
»Kein Mensch.«
»Meinst Du, daß ich da wieder hinüber soll, Anton?«
»Ich bin ja gekommen. Dich zu holen. Wir werden dieser Leni, Gräfin von Senftenberg, ihren Triumph genießen lassen.«
»Welchen Triumph?«
»Uns vereinigt zu haben.«
»Hat sie das gewollt? Sie warnte mich doch vor Dir!«
»Aus purer, schlauer Berechnung. Die mußt Du erst kennen lernen. Sie meint es wirklich herzlich gut mit uns und wird sich freuen, daß ihre kleine Intrigue so gut gelungen ist.«
In kurzer Zeit schwamm das Boot mit den Beiden wieder hinüber.
Dabei kam es mehrere Male bedeutend aus dem richtigen Kurs.
Leider konnte man vom Ufer aus nicht beobachten, ob Anton nicht richtig zu rudern verstand oder ob er gar die Ruder zuweilen in den Kahn zog, jedenfalls nur, um auszuruhen.
Dann war das Fahrzeug allerdings der Wellen Spiel.
Die kommende Nacht war eine nicht leichte für Leni. Der Sepp war außerordentlich unruhig. Er fand keinen Athem und wurde von einer unbestimmten aber entsetzlichen Angst gequält.
Draußen läuteten am Morgen die Pfingstfestglocken und er lag im Bette, mit jener Angst kämpfend, ohne daß er sie zu besiegen vermochte. Der Arzt kam am Vor- und auch am Nachmittage und erklärte, daß jetzt keine Hoffnung mehr vorhanden sei.
Gegen Abend fand der Patient eine kurze Ruhe, wurde aber wie durch einen großen Schreck aus derselben gerissen, dann fuhr er ganz plötzlich empor, schaute mit glasigen Augen um sich und fragte:
»Wo – wo bin ich?«
»Hier bei mir, lieber Sepp,« ertönte Lenis' beruhigende Stimme.
»Und wo ist der König?«
»Hoch in Berg.«
»Wann er nur auch dort im Schloß ist und nicht anderswo! O, wann ich laufen könnt, wann ich laufen könnt!«
»Warum?«
»Ich rannt nach Berg, um zu sagen, daß sie den König nicht herauslassen sollen, ja nicht in das Wasser.«
»Welchen Grund hast Du?«
»Weil er versaufen wird, wann er in's Wasser kommt. Ich habs sehen.«
»Es hat Dir geträumt.«
»Nein, das war kein Traum. Ich hab nicht schlafen, sondern nur die Augen zu habt und so in mich hineinschaut. Da sah ich den König ins Wasser gehen, tief, tiefer und immer tiefer hinein, bis das Wasser über ihn zusammenschlug und er todt war. Es muß sogleich ein Bote fortgeschickt werden nach Schloß Berg, um den König und seine Leut zu warnen.«
Und als Leni nicht gleich antwortete, drängte er:
»Lauf doch, lauf hinab und send den Tobiassen! Er soll aber rennen, damit er nicht zu spät ankommt!«
Was war zu thun? Leni war natürlich überzeugt, daß es sich nur um einen Traum handle.
Einen Boten fortsenden, wäre Wahnsinn gewesen, doch um den Kranken zu beruhigen, sagte sie:
»Ich werde gleich den Tobias schicken. Hast Du sonst noch einen Gehorsam gegen den König?«
»Nein. Wann er nur weiß, daß er nicht ins Wassern soll; dann ist Alles gut.«
Sie ging hinaus und kam nach längerer Zeit wieder und berichtete, daß Tobias fort sei.
Aber der Patient beschäftigte sich doch unausgesetzt mit Schreckbildern. Er sah den König unaufhörlich in Gefahr und sorgte und ängstigte sich, daß ihm der Schweiß von der Stirne tropfte.
Es war draußen so mild und duftig, daß das Fenster aufstand. Da auf einmal erklang von der See her der laute Ruf:
»Warschauer, weißt das Neueste, Schreckliche?«
»Nein,« antwortete unten der Alte dem Vorüberfahrenden.
»Der König wird sucht; er ist fort nach dem Wasser zu, und Niemand kann ihn finden.«
Da fuhr der Sepp kerzengrad im Bett empor. Ein Bild des starren Schreckens lief er aus:
»Weg, weg ist er! Herrgott, er versäuft, er versäuft. Hilfe, Hilfe. Hilfe!«
Leni umschlang ihn und zog ihn auf das Lager nieder. Aber er sträubte sich dagegen.
Der Rest seiner Lebenskräfte war den ihren überlegen.
Er riß sich los, sprang an das Fenster, streckte den Arm aus und schrie mit der letzten Kraft seiner todteskranken Lunge, indem er auf das Wasser deutete:
»Hilfe, Hilfe, Hilfe! Dera König muß ertrinken! Dort geht er in das Wassern! Zieht ihn heraus, schnell, schnell!«
Dann brach er zusammen.
Leni vermochte nicht, ihn aufrecht zu halten.
Alle, die ihn gehört hatten, kamen herbei.
Er wurde nach dem Bette getragen und schien todt zu sein.
Aber er lebte noch. Er athmete und bewegte die Lippen.
Nach einer Weile öffnete er die Augen und sah sich mit hellem, klarem Blicke im Kreise um.
»Da seid Ihr ja Alle,« sagte er. »Wollt Ihr Abschied nehmen vom alten Wurzelsepp? Das ist recht. Mein König ist todt, und so bleib ich auch nicht hier. Sendet zum geistlichen Herrn, damit ich die heilige Wegzehrung erhalte und ihm meine Sünden beichten kann. Noch zwei Stunden sind mir vergönnt, dann steig ich zu meinem Herrgott auf.«
Seine Stimme klang klar und kräftig wie früher. Das Athmen machte ihm keine Noth mehr.
Alle schluchzten.
»Weint nicht,« sagte er. »Mir ist so wohl. Gebt mir Eure Händen, damit ich Euch Lebewohl sagen kann, wann dera geistliche Herr einmal da ist, dann will ich mich nur noch mit meiner Seel beschäftigen. Hasts Dir merkt vom Todtenbret, Leni?«
»Ja,« schluchzte sie.
»Und von dera Zithern und dem Veilchenkranz herum?«
»Ja – –!«
Ihre Stimme brach vor Schmerz.
Warschauer mußte herbei, um ihn in sitzender Stellung aufrecht zu halten, und nun nahten Alle, um Abschied von ihm zu nehmen.
Es waren zehn Minuten, welche unmöglich zu beschreiben sind. Leni zerfloß in Thränen.
Dann kam das Hochwürdigste.
*
Grad nach zwei Stunden, genau so, wie er es vorausgesagt hatte, starb er, ohne vorher erfahren zu haben, daß die Leiche des von ihm so über Alles geliebten Königs gefunden worden sei.
Nach seinem Willen ist geschehen.
Kein Denkmal steht auf seinem schlichten Grabe. In der Kirche aber hängt ein einfaches Gedenkbret mit seinem Namen, Geburts- und Todestag. Daneben sieht man die alte Zither, mit Trauerschleifen und dem von ihm angeordneten Veilchenkranze geschmückt.
Sein Leben war dem Glücke seiner Mitmenschen gewidmet. Sein Wirken dauert fort.
Sein Erbe ruht in der Hand der Gräfin von Senftenberg, welche es genau in seiner Weise und seinem Geiste verwendet.
Es ist eine verborgene Quelle der Wohlthaten.
Gar Manchem, der nicht weiß, woher die Hilfe aus schwerer Noth kommt, zeigt Sepp noch nach seinem Tode durch die Hand der mild- und wohlthätigen Leni den »Weg zum Glück.«
