Ardistan und Dschinnistan

1. Band

Erstes Kapitel

Eine Mission

Meine Erzählung beginnt in Sitara, dem in Europa fast gänzlich unbekannten »Land der Sternenblumen«, von dem ich im »Reiche des silbernen Löwen« erzählt habe. Die Sultanin dieses Reiches ist Marah Durimeh, die allen meinen Lesern wohlbekannte Herrscherin aus uraltem Königsgeschlecht. Zu Sitara gehört auch das in meinem Buch »Babel und Bibel« erwähnte, weit ausgestreckte Gebiet von Märdistan mit dem geheimnisvollen Wald von Kulub, in dessen tiefster Schlucht, wie man sich heimlich erzählt, die Geisterschmiede liegt, in der die Seelen durch Schmerz und Qual zu Stahl und Geist geschmiedet werden. Ein späterer, hochinteressanter Ritt wird uns Gelegenheit geben, diesen Wald und diese Schmiede kennenzulernen. Für heut verzichten wir auf diesen Ort der Marter und der Pein und wandeln durch die Gärten von Ikbal, um alles Leid der Erde zu vergessen.

Ikbal – die zweite Silbe des Namens wird betont – ist eine der schönsten Residenzen Marah Durimehs. Ihre fürstliche Wohnung, mehr einem Tempel als einem Schloß gleichend, hebt sich wie die aus weißem Marmor gedichtete Strophe eines salomonischen Psalmes hell, klar, rein und leuchtend von dem dunkeln Hintergrund der himmelanstrebenden Berge ab. Diese liegen im Norden. Nach Süden dehnt sich die blaue, von silbernen Fäden durchzogene See, leise atmend, wie ein schlafendes, glückliches Kind, welches im Traum lächelt. Und wie köstliche, schimmernde Perlen, die von einer reichen, kunstsinnigen Fee aus der Meerestiefe emporgeholt und am Ufer in grünende Gärten gebettet wurden, so haben sich die Häuser der Untergebenen dem Palast der geliebten Gebieterin zu Füßen hingestreckt. Die Seeluft mildert die Glut der strahlenden Sonne. Schattige Wege führen vom Tal zu Berge, vom Berg zu Tal. Goldige Früchte winken aus dunklem Laub. Jede Bewegung der Luft spendet süßen Blumenduft. Ed Din, der Fluß, tritt, unberührt von dem Schmutz des alltäglichen Lebens, wie eine Offenbarung aus höheren Welten aus dem Gebirge hervor, schließt Ikbal in zwei schwellende Arme ein und tritt dann in die See, um ihre Flut zu läutern und zu klären.

Der kleine Hafen von Ikbal ist mit der Außenwelt nur durch einen einzigen größeren Segler verbunden, welcher »Wilahde« heißt und immer segelfertig gerichtet ist. Dies Schiff gleicht einer Arche. Sein Bau ist uralt. Es hat die Formen und die Linien vergangener Jahrtausende. Sein Tau- und Segelwerk mag im ältesten Babylonien oder Ägypten erfunden worden sein. Aber man hat trotzdem keinen Grund, irgend etwas daran zu tadeln, denn alles, was man sieht, ist genau dem Zweck, dem es dienen soll, entsprechend eingerichtet. Wir werden diesem Fahrzeug in meinen späteren Erzählungen noch oft begegnen; darum verzichte ich jetzt darauf, es genau zu beschreiben. Ebenso wird es Sache meiner künftigen Berichte sein, das Land Sitara und die Stadt Ikbal eingehender zu schildern. Für heute habe ich sie beide nur kurz zu erwähnen, weil sie den Ausgangspunkt der vorliegenden Erzählung bilden.

Ich war mit meinem Hadschi Halef Omar, dem obersten Scheich der Haddedihn vom Stamm der Schammar, zu Marah Durimeh gekommen, um für einige Zeit ihr Gast zu sein und bei dieser Gelegenheit das »Land der Sternenblumen« noch besser kennenzulernen, als es mir bisher möglich gewesen war. Sie hatte mich in einer Weise aufgenommen, als ob ich ein naher Verwandter, ja, als ob ich ein Sohn von ihr sei. Wir wohnten nicht in der Stadt, sondern bei ihr im Palast, ich in demselben Stockwerk mit ihr, Halef aber im Erdgeschoß bei den dienenden Geistern. Sie liebte auch ihn. Sie war von seiner fast beispiellosen Liebe und Treue gerührt. Sie beglückwünschte mich, ihn gefunden und mir zum Begleiter erzogen zu haben. Aber sie tadelte an ihm, daß er sich keine Mühe gab, seine Seele in Geist umzusetzen, und sie hielt gerade das, was andere an ihm lobten, nämlich seine Liebenswürdigkeit, für seine größte Schwäche. Sie, die unvergleichliche Menschenkennerin, konnte keinen Menschen für entwickelt halten, der nicht die Kraft besaß, über die Forderungen seiner körperlichen Anima hinauszukommen.

Alle diejenigen, welche die vier Bände »Im Reiche des silbernen Löwen« gelesen haben, werden sich gerne an Schakara, die »Seele«, erinnern, welche Marah Durimeh damals zu uns sandte, um uns gegen unsere Feinde beizustehen. Diese Schakara, die mich vom beinahe sicheren Tode errettete, war ein besonderer Liebling ihrer Herrin, die sie nur dann verlassen durfte, wenn es sich um sehr wichtige Dinge handelte. Sie war auch jetzt bei ihr in Ikbal und sorgte für mich in genau derselben schwesterlich aufopfernden Weise wie damals, als ich krank am Boden lag.

Unsere Abreise war auf morgen festgesetzt. Am Nachmittag waren wir, nämlich Marah Durimeh, Schakara und ich, noch einmal durch die Stadt und ihre Umgebung gewandelt, um die mir liebgewordenen Plätze aufzusuchen. Dann gingen wir nach der hinter dem Palast liegenden, üppigen Weide, wo unsere beiden Pferde grasten, bei deren Namen sich jeder meiner Leser herzlich freuen wird, ihnen wieder zu begegnen. Es waren die beiden Rappen Assil Ben Rih und Syrr, der erstere für Halef und der letztere für mich. Wer diese beiden edelsten der Pferde, die es gegeben hat, noch nicht kennt, der wird sie im Verlauf unserer Erzählung kennenlernen. Sie hatten uns aus fernem Land bis hierher getragen und sollten uns auf demselben Weg wieder zurückbringen. So dachten wir. Aber es sollte anders kommen, als wir uns vorgenommen hatten.

Später, einige Zeit nach Sonnenuntergang, saßen wir drei auf dem hohen Söller beim Abendessen, welches nicht aus Fleisch, sondern nur aus Brot und Früchten bestand. Unter uns im Hof saß Halef bei einer Anzahl von Dienern und Dienerinnen. Er erzählte von seinen Abenteuern. Er tat das in seiner wohlbekannten, bombastischen, nach Beifall hungrigen Weise. Aber der Erfolg, den er an jedem anderen Ort einzuheimsen verstanden hatte, hier fiel er aus. Man hörte ihm ruhig zu; kein Lob erscholl; kein Beifall ließ sich hören. Ein nachsichtiges Kopfnicken oder gar ein ironisches Lächeln, weiter gab es keinen Dank. Da stand er von seinem Platz auf, warf die Arme verächtlich in die Luft, ließ die Zuhörer sitzen und ging zum Tor hinaus.

Wir achteten nicht auf ihn und diese seine wohlverdiente Niederlage. Wir hatten nur Augen, nur Sinne für die vor uns liegende, köstliche Gotteswelt, die im Glanz der untergehenden Sonne fast überirdisch leuchtete und glühte. Ganz draußen im äußersten Süden, da, wo das Meer sich mit dem Himmel einte, gab es einen kleinen, sich aber vergrößernden, weil immer näher kommenden Punkt, der bald wie ein Blitz aufzuckte, bald goldig schimmerte, bald silbern funkelte, bald in einer oder in mehreren der sieben Regenbogenfarben flackerte.

»Ein Bote kommt«, sagte Schakara, indem sie mit ausgestrecktem Arm nach diesem Punkt deutete.

Marah Durimeh richtete den Blick nach der bezeichneten Richtung, ließ ihn dort nur einen Augenblick lang ruhen und sagte dann, näher bestimmend:

»Ja, ein Bote, aber kein fremder, sondern der unserige.«

»Welcher?« fragte Schakara.

»Der mir die Antwort bringt vom Mir von Dschinnistan.«

Was für Augen hatte diese Frau, deren Alter so groß war, daß man es kaum mehr bestimmen konnte! So sehr ich die meinigen anstrengte, ich konnte doch nur ahnen, aber nicht deutlich bemerken, daß dieser in der Sonne schillernde Punkt eigentlich ein weißes Segel war. Sie aber sah das Boot und sah wohl auch den Mann, der es regierte! Und ebenso wie die Schärfe ihres Auges verblüffte auch der Name, den sie nannte. Der Mir von Dschinnistan! Welcher von meinen Lesern hat schon einmal von diesem berühmten Mann, von diesem Beherrscher eines großen, hochwichtigen Reiches gehört? Wohl keiner! Auch ich war ohne Ahnung von seiner Existenz, bis ich Marah Durimeh kennenlernte, und aus ihrem eigenen Mund nach und nach die Namen der zahlreichen Gebiete erfuhr, über welche sich ihr persönlicher Einfluß erstreckte. Der Mir von Dschinnistan stand unter ihrem ganz besonderen Schutz. Der Bote, der sich jetzt sehr schnell dem Hafen näherte, weil günstiger Wind ihn trieb, war bei ihm gewesen. Die Kunde, die sie von ihm erwartete, schien von großer Wichtigkeit für sie zu sein, denn sie stand von ihrem Sitz auf, beschattete mit der Hand ihre Augen, bog sich über die Brüstung des Söllers hinaus und verfolgte das schwimmende Boot wohl eine ganze Minute lang mit gespannter Aufmerksamkeit. Dann sagte sie:

»Ja, er ist es!« Und mit einem langen, tiefen Atemzug fügte sie hinzu: »Nun wird es sich entscheiden!«

Dann setzte sie sich wieder auf ihren Platz zurück, sah tief nachdenklich vor sich nieder, hob dann den Blick zu mir empor und fragte:

»Mußt du heim, Sihdi, oder mußt du nicht heim?«

»Ich muß nie«, antwortete ich.

»Das weiß ich«, nickte sie mir freundlich zu. »Vielleicht ist es gut, daß du noch bei uns bist, daß du uns noch nicht verlassen hast.«

»Gut? Für wen?« fragte ich.

»Für dich, für mich und besonders auch für den Mir von Dschinnistan.«

Da war ich es nun, der von seinem Sitz aufsprang und überrascht ausrief:

»Für uns und auch für ihn? Wieso? Das ist ein Rätsel. Ich bitte, es zu lösen!«

Sie richtete ihre Augen groß und voll auf mich, als ob sie mit diesem Blick mein ganzes, inneres Wesen durchdringe, und antwortete dann:

»Das größte aller Rätsel bist du selbst. Indem du dieses löst, löst du auch das des Mir von Dschinnistan. Setz dich! Und warte, bis ich mit dem Boten gesprochen habe!«

Das war so ihre Art, Problem mit Problem zu beantworten. Ihr größtes Glück bestand darin, menschheitsinnerliche Werte zu verschenken; aber sie warf sie nicht billig hin, sondern man hatte sie durch eigenes Nachdenken zu finden und sich anzueignen. Daß ich ein Rätsel bin, versteht sich ganz von selbst. Jeder Mensch ist eines. Wer das erkennt, hat schon mit der Lösung begonnen. Die Antwort auf die Menschheitsfrage suchen, heißt leben. Wer da stirbt, ohne gesucht zu haben, der hat nicht gelebt, sondern nur vegetiert und wird Kompost, weiter nichts!

Das, was zunächst ein Punkt gewesen war, hatte sich inzwischen vergrößert. Es erschien als weißes Segel. Dann sah man, daß es drei Segel waren. Später bemerkte ich, daß das Boot nicht einen, sondern zwei Masten hatte, an welche die Segel kreuzweise gezogen waren. Eine solche Stellung der Leinwand hatte ich noch nie gesehen; aber sie war außerordentlich praktisch. Das Vordersegel schraubte sich als Luftbohrer in die Ferne, und die beiden Hinterbootsegel standen wie ein Pflug mit scharfer Schneide nach vorn, nach hinten aber breit offen, so daß nicht der geringste Teil des Luftdruckes verloren gehen konnte. Bemannt war das Boot mit nur zwei Hilfspersonen, welche die Leinen und das Steuer führten; ihr Gebieter aber stand ganz vorn am äußersten Bug. Hochaufgerichtet, weiß gekleidet, den einen Arm stolz in die Hüfte gestemmt, mit nachflatterndem Turbantuch, glich er in der gegenwärtigen Beleuchtung weniger einem gewöhnlichen, irdischen Boten, sondern vielmehr einem jener überirdischen Wesen, von denen die uralte, orientalische Sage erzählt, daß sie mit ihren Fahrzeugen ganz plötzlich aus der Tiefe des Meeres auftauchen und an den Wohnorten der Menschen landen, um ihnen den Gruß der Ewigkeit und den Segen des Himmels zu bringen.

Und jetzt, da sich das Boot dem Hafen näherte, kam der Augenblick, an dem die Sonne versank. Durch all das Licht, welches auf den Meeresfluten lag, zuckte ein durchsichtiger, leicht violetter Schatten. Die Heiterkeit des goldenen Tages verwandelte sich mit einem Schlag in den Ernst des nahenden Abends. Von der nahen Moschee erscholl der Ruf des Muezzins:

»Hai alas sallah! Hai alal felah! Auf zum Gebet! Auf zum Heil! Die Sonne hat sich in das Meer getaucht! Die Zeit des Unterganges ist da, und mit ihr die Stunde des Gebetes. Gott ist groß! Gott ist groß! Gott ist groß!«

Von dem freien Platz herauf ertönte die Stimme des Vorbeters:

»Im Namen des allbarmherzigen Gottes! Lob und Preis sei Gott, dem Weltenherrn, dem Allerbarmer, der da herrschet am Tage des Gerichts! Dir wollen wir dienen, und zu dir wollen wir flehen, auf daß du uns führest den rechten Weg, den Weg derer, die deiner Gnade sich freuen …«

Weiter konnten wir hiervon nichts mehr hören, denn nun fielen die ehernen Stimmen der christlichen Glocken ein und zogen jeden anders schwingenden und anders klingenden Ton in ihr herrliches Abendgeläut. Da stand Marah Durimeh auf und wir mit ihr. Wir falteten die Hände. Sie aber deutete nach dem Turm, wo man läutete, und sprach:

»Dies ist der Ton, der durch das Weltall klingt,
Der einz'ge Ton, der Glück und Frieden bringt.
In ihm verschwindet aller Erdenstreit;
Gepriesen sei der Herr in Ewigkeit!«

In diesem Augenblick hatte das Boot den Hafen erreicht. Der Bote sah seine Herrin auf dem Söller stehen. Er grüßte mit beiden Armen zu ihr herauf. Dann kniete er da, wo er gestanden hatte, nieder und faltete die Hände, um ebenso, wie alle Welt, zu beten. Der Eindruck, den dies machte, läßt sich gar nicht beschreiben. Diese ganze, unvergleichliche, erdenferne Örtlichkeit! Diese am Himmel und über die Erde hinzuckenden, mehr und mehr ersterbenden Tinten! Die dunkle Mauer des hinter uns drohenden Gebirges! Die immer magischer und mystischer werdende Färbung der See! Dieses Glockengeläute, und zwar an einem Ort, den außer mir gewiß noch kein europäischer Christ betreten hatte! Vor allen Dingen aber die hochaufgerichtete Gestalt unserer Gebieterin! Diese Stirne, dieser Nacken, diese Augen! Wie oft hatte Hadschi Halef, wenn er ernstlich über sie nachdachte, zu mir gesagt: »Sie ist kein gewöhnliches Weib; sie ist auch keine Königin. Sie ist ein Dschinni, eine Seele, ein Geist. Ja noch mehr: sie ist nicht nur Seele oder Geist, sondern sie ist die Herrin und die Gebieterin aller Seelen und aller Geister, die es gibt. Allah segne sie!«

Er versuchte, sich in dieser ihm eigentümlichen Weise über sie klarzuwerden, und ich muß gestehen, daß ich ihm niemals widersprochen habe, so oft er es auch tat. Und gerade jetzt, in diesem Augenblick, überkam auch mich ein Etwas, was mehr als eine Ahnung war, daß in dieser unvergleichlichen Frau Gedanken, Gesinnungen und Kräfte lebten, die meine Schulpsychologie unmöglich zu fassen vermochte. Es war mir zumute wie einem unbefangenen, gläubigen Kind, welches zum erstenmal in seinem Leben in das Theater kommt und nicht im geringsten daran zweifelt, daß die Zauberwelt, die sich vor seinen Augen entrollt, in Wirklichkeit vorhanden ist. Die Menschheitsseele ist in jedem Menschen tätig, in vielen einzelnen sogar in ganz besonderer Weise, in Marah Durimeh aber so, wie sonst wohl niemals wieder. Und der Mann, der da unten an der Spitze seines Bootes im Gebet kniete, kam mir vor wie ein Abgesandter der Menschheit, die nach ihrer Seele sucht und nach Rettung aus Leibesgefahr.

Nun verstummten die Glocken. Das Gebet war vorüber; die Dämmerung stieg von den Bergen. Der betende Mann im Boot erhob sich und lenkte sein Fahrzeug an das Ufer. Dort stieg er aus und verschwand zwischen den Häusern, auf dem Weg, der zu uns führte. Nach kurzer Zeit wurde gemeldet, daß er da sei und darum bitte, die Herrin sprechen zu dürfen. Sie entfernte sich, um seinen Wunsch zu erfüllen. Ich blieb mit Schakara allein. Diese hatte in ihrer schwesterlich fürsorglichen Weise den Wunsch, mich vorzubereiten. Sie sagte:

»Vielleicht wäre es besser, du hättest uns schon verlassen. Ich befürchte, die Herrin gibt dir Schweres zu tun!«

»Wohl gar Unmögliches?« fragte ich lächelnd.

»Nein; das tut sie nicht.«

»So sorge dich nicht, o Schakara! Seit sie den Mir von Dschinnistan genannt hat, hoffe und wünsche ich sogar, daß ich noch nicht abzureisen brauche.«

»Reisen wirst du auf jeden Fall!«

»Aber wohin, wenn nicht heim?«

»Zum Mir.«

»Zu ihm?« fragte ich, ebensosehr erfreut wie erstaunt.

»Ja, zu ihm. Du warst noch nie in Dschinnistan. Aber du weißt, wo es liegt?«

»Ja.«

»Und wie außerordentlich unzugänglich es ist?«

»Auch das. Es gibt nur zwei Wege: entweder vom Madarisee aus, und der ist entsetzlich weit; oder man reitet durch das ganze Reich von Ardistan, und der ist wohl kürzer, aber gefährlicher.«

»Viel, viel gefährlicher! Kennst du den Mir von Ardistan?«

»Nein. Aber gehört habe ich von ihm.«

»Was?«

»Er ist ein Gewaltmensch, ein Tyrann …«

»Ein Freund des Krieges, ein Hasser des Friedens«, fiel sie lebhaft ein. »Jeder gesunde Mann seines Landes ist Soldat. Für die Werke des Friedens hat er nur Kranke und Krüppel übrig.«

»Das ist zwar traurig, aber was geht das mich an? Ich will doch nicht zu ihm, sondern zum Mir von Dschinnistan. Und selbst wenn ich zu ihm wollte, würden seine kriegerischen Neigungen doch wohl kein Grund für mich sein, auf die Reise zu ihm zu verzichten. Ich glaube sogar, daß sie mir eher Nutzen als Schaden brächten.«

»Unter gewöhnlichen Verhältnissen vielleicht. Aber auch da ist es für jeden Europäer in hohem Grade gefährlich, sein Land zu betreten. Er haßt alles, was aus dem Westen kommt; besonders aber haßt er die Menschen, die dort wohnen. Wenn er erführe, daß du ein Europäer bist, so …«

Sie konnte den angefangenen Satz nicht vollenden; sie wurde unterbrochen. Marah Durimeh kehrte zurück. Sie besaß eine beispiellose Selbstbeherrschung. Trotzdem aber bemerkte ich, als sie zu sprechen begann, an dem nicht ganz zu unterdrückenden Zittern ihrer Stimme, daß sie innerlich erregt war.

»Die Audienz ist nur für einstweilen unterbrochen«, sagte sie. »Der Bote hat mir noch viel zu berichten. Er wird wiederkommen. Für jetzt mußte ich vor allen Dingen zu euch zurück, um euch zu sagen, daß das entsetzliche Unglück, welches ich verhüten wollte, nicht abzuwenden ist.«

Da schlug Schakara erschrocken die Hände zusammen und fragte:

»Es gibt – Krieg?«

»Ja – Krieg!« nickte Marah Durimeh.

»Zwischen wem?« fragte ich.

»Zwischen Ardistan und Dschinnistan.«

»Ist er schon erklärt?«

»Erklärt? Welch ein Wort! Eine vorherige Erklärung gibt es nur zwischen zivilisierten Herrschern. Der Mir von Ardistan aber ist Barbar. Er schlägt los, sobald es ihm beliebt, ohne vorher zu fragen und ohne vorher etwas zu melden. Ich kann auf deine Frage also nur die Antwort erteilen, daß es Krieg geben wird, daß er aber noch nicht begonnen hat. Ich habe ihn verhüten wollen und der Mir von Dschinnistan ebenso; aber alle unsere Mühe ist vergeblich gewesen. Nun müssen wir schnell handeln, er und ich. Ich brauche einen Mann, auf den ich mich verlassen kann; ich brauche ihn sofort, sofort! Einen Mann, der nicht pfiffig, nicht hinterlistig, nicht verschlagen ist, sondern ehrlich klug, nur klug, aber so klug, daß ihn selbst der abgefeimteste Pfiffikus weder täuschen noch betören kann!«

Nach diesen Worten wendete sie sich mir zu und fragte:

»Kennst du einen solchen Mann, Sihdi?«

»Nein«, antwortete ich.

»Wirklich nicht?« lächelte sie.

»Wirklich nicht!« antwortete ich ernst und überzeugt.

Da fiel Schakara ein: »O doch, es gibt einen. Und der bist du selbst!«

»Du irrst, Liebling, du irrst!« wies ich sie zurück. »Einen Menschen, der so klug ist, daß ihn selbst der abgefeimteste Pfiffikus weder täuschen noch betören kann, habe ich noch nie gesehen, weder wohl auch niemals einen zu sehen bekommen. Aber es gibt einen, der sich Mühe geben will, so bedachtsam, so klug und so mutig wie möglich zu handeln, und der bin allerdings ich. Wenn du, o Herrin, in diesem Augenblick zufällig keinen Besseren hast, so bitte ich dich, mich zu schicken!«

Die letzteren Worte waren an Marah Durimeh gerichtet. Sie antwortete nicht sogleich. Sie trat an die Brüstung des Söllers und schaute hinaus über die See und hinauf zum sich dunkler färbenden Himmelsblau, an dem die ersten Sterne zu glänzen begannen. Schakara ergriff meine Hand, drückte sie leise und flüsterte mir zu:

»Ich danke dir! So war es recht. Nun ist sie gerührt und spricht, ohne daß du es ahnst, mit deiner Seele. Das nennen die Menschen Liebe.«

Nach einiger Zeit drehte sich die Gebieterin uns wieder zu und gab mir den Bescheid:

»Ja, du sollst gehen, Sihdi, du! Ich hoffte, daß du dich mir anbieten würdest, freiwillig, ohne von mir aufgefordert worden zu sein. Es ist geschehen. Das freut mich so, wie ich mich selten freue. Den Dank, den ich dir schulde, kann ich nicht geben, so von Hand zu Hand, wie ich es wohl wünschte. Du hast ihn daselbst zu holen, in Ardistan und Dschinnistan, wo er dir blühen wird auf allen Wegen, die du zu gehen hast. Aber doch eine Art von Dank soll es sein, daß ich dir heute schon sage, warum du es bist, dem ich diese meine Mission am liebsten anvertraue. Komm her zu mir!«

Ich trat zu ihr hin. Sie ergriff mit der Rechten meine Hand, deutete mit der Linken zum Himmel empor und fuhr fort:

»Als ich hier stand, ohne dir zu antworten, sprach ich mit den Sternen. Schau hinauf zum Firmament! Nicht deine heimischen Sterne leuchten, sondern die Sterne des Südens. Du siehst die Jungfrau, den Raben, den Becher und den Kelch. Hier das Herz, den Kompaß, das Schiff; dort Antares, den Wolf, den Zirkel und das Kreuz. Aber nicht diese Sterne waren es, mit denen ich sprach. Meine Astrologie ist eine andere. Ich schöpfe sie nicht aus dem sichtbaren Firmament, welches hier über uns flammt und glüht. Aber indem ich meinen irdischen Blick an die Gestirne, die ich dir nannte, hefte, mache ich mein inneres Auge für seelische und für geistige Firmamente frei, und da werden mir Sterne sichtbar, die andere nie erschauen. Auch den deinen habe ich gesehen, den deinen. Soll ich ihn dir zeigen?«

Es war ein sonderbarer, doch nein, ein wunderbarer Augenblick! Sie stand vor mir wie eine der berühmten Wahrsagerinnen aus der Zeit, in welcher die Menschen den Turm von Babel bauten. Ihre geisterhaften Züge waren wie aus leicht angedunkeltem Alabaster gemeißelt. Ihre Augen schienen im Glanz der Sterne von einer unergründlichen, nie auszuschöpfenden Tiefe zu sein. Die beiden langen, starken, silberweißen Zöpfe ihres Haares hingen rechts und links bis nahe zum Boden herab. Ihre Stimme klang wie nicht von dieser Welt. Und um ihre ganze Gestalt wehte ein leise duftender Hauch, eine ganz eigenartige, geheimnisvolle Atmosphäre, für welche in keiner der vielen Sprachen, die es gibt, das richtige, das bezeichnende Wort zu finden ist. Was sie sagte, das verstand ich nicht ganz, aber ich ahnte von ungefähr, wie sie es meinte. Darum bat ich: »Ja, zeige ihn mir!«

»Du sollst und wirst ihn sehen«, antwortete sie. »Aber nicht, indem ich mit dem Finger auf ihn deute und dir sage, ›da oben ist er, dort‹, sondern indem ich dir zeige, wo und wie er zu suchen ist. Denn nur derjenige Stern kann der deinige sein, den du selbst zu finden verstehst. Wenn Gott, der Herr, es will, wirst du ihn in Dschinnistan erblicken, sobald er dort über deinem Haupt steht. Du kennst dies Land noch nicht. Auch in Ardistan bist du noch nicht gewesen. Ich werde dich in die Bibliothek führen, um dir die Bücher, Karten und Pläne vorzulegen, aus denen du dich unterrichten kannst. Vorher aber habe ich dir ein unendlich Wichtiges zu sagen, was du unbedingt wissen mußt, wenn deine Sendung nach Dschinnistan gelingen soll. Setzen wir uns!«

Wir nahmen wieder Platz. Marah Durimeh begann:

»Im Abendland würde man über das, was ich dir sagen werde, höchstwahrscheinlich lachen. Mir ist es aber ernst, ja bitter ernst. Man würde höhnen: ›Ein altes Kurdenweib spricht über hohe Politik und über die Gesetze der Zivilisation!‹ Ich aber stehe auf dem von Gott gegebenen Standpunkt, von welchem aus auf dem Feld von Bethlehem die Weissagung der himmlischen Heerscharen erklang: ›Ehre sei Gott in der Höhe, und Friede auf Erden!‹ Daß man ihm, dem Weltenherrn, die Ehre zollt, die ihm gebührt, dafür sorgt er in seiner Allmacht und Weisheit am allerbesten selbst. Aber daß hier auf Erden Frieden werde, das ist zwar sein Gebot, muß aber unsere Sorge sein, der wir gehorchen müssen.«

»Wann wird er kommen, dieser Friede?« fragte Schakara. »Es scheint fast, nie!«

»Er kommt!« antwortete die Herrin mit schwerer Betonung. »Er muß kommen, denn Gort will es.«

»Es vergingen Tausende von Jahren, ohne daß er kam!«

»Aber es werden nicht mehr Tausende vergehen!«

»Im Abendland regt es sich bereits«, fiel ich ein. »Die edelsten der Männer und der Frauen vereinen sich, ihm freie Bahn zu brechen.«

»Freie Bahn?« fragte Marah Durimeh. »Im Abendland? Ich weiß, ich weiß! Aber was können die Vorschläge selbst der edelsten Menschen fruchten, wenn man die großen, die deutlichen, die riesenhaft in die Augen fallenden Winke nicht beachtet, welche das Leben selbst erteilt? Und wenn sich hundert Kaiserinnen und tausend Königinnen vereinen, um ihre Stimmen für den sogenannten ewigen Frieden zu erheben, was wäre der Chor dieser Stimmen gegen den fürchterlichen, ununterbrochenen Schrei des Blutes, welches von Anfang an bis heute vergossen worden ist, ohne daß auch nur ein einziges Jahr erschien, von dem man sagen könnte, daß es Friede auf Erden gab.«

»Die Herrscher und Fürsten beschickten Friedenskonferenzen«, sagte ich, »auf denen …«

»Auf denen man den Krieg, nicht aber den Frieden organisiert!« unterbrach mich Marah Durimeh.

»Man humanisiert den Krieg!«

»Das heißt, man tötet schneller und schmerzloser, aber – man tötet! Ich sage dir, mein Freund, der stolze Krieg steigt nie zum Frieden herab, um ihm die Hand zu reichen, sondern der Friede muß zu ihm empor, um ihn, der ewig widerstreben wird, herabzuschmettern. Hat der Krieg eine eiserne Hand, so habe der Friede eine stählerne Faust! Nur die Macht imponiert, die wirkliche Macht. Will der Friede imponieren, so suche er nach Macht, so sammle er Macht, so schaffe er sich Macht. Du siehst, daß der Friede niemals wirklich Friede sein kann. Er ist es nur so lange, als er die Macht besitzt, es zu sein. Er hat stets auf Vorposten zu stehen. Sobald er sich beschleichen und überfallen läßt, tritt der Feind an seine Stelle. Alle Rüstung der Erde und alle Rüstung ihrer Völker war bisher auf den Krieg gerichtet. Als ob es unmöglich wäre, in eben derselben und noch viel nachdrücklicherer Weise auf den Frieden zu rüsten! Begreifst du, was ich meine?«

»Ich verstehe dich«, antwortete ich. »Krieg oder Friede. Wer von beiden die größere Macht besitzt, der wird herrschen. Woher aber bezieht der Krieg seine Macht?«

»Das wirst du in Ardistan sehen.«

»Und woher der Frieden die seinige?«

»Das sollst du in Dschinnistan erfahren. Heute, in diesem Augenblick, ist nicht die Zeit, über diese Fragen viele Worte zu machen. Worte tun es überhaupt nicht, sondern Taten müssen geschehen. Ihr habt Kriegswissenschaften, theoretische und praktische. Und ihr habt Friedenswissenschaften, theoretische, aber keine praktischen. Wie man den Krieg führt, das weiß jedermann; wie man den Frieden führt, das weiß kein Mensch. Ihr habt stehende Heere für den Krieg, die jährlich viele Milliarden kosten. Wo habt ihr eure stehenden Heere für den Frieden, die keinen einzigen Para kosten, sondern Milliarden einbringen würden? Wo sind eure Friedensfestungen, eure Friedensmarschälle, eure Friedensstrategen, eure Friedensoffiziere? Mehr will ich jetzt nicht fragen. Denn alle, alle diese Fragen werden sich in Ardistan vor dir erheben, und die Antworten werden dir in Dschinnistan erscheinen, doch nur dann, wenn du die Augen offenhältst. Dein Ritt nach diesen beiden Ländern ist ein Studien- und ein Übungsritt, und was du dir da geistig aneignest, das betrachte als meinen Dank für die Bereitwilligkeit, mit der du meinen Auftrag übernimmst. Diese beiden Länder werden dir ein ziemlich treues Bild der Erde bieten, der Erde, ihrer Bewohner und aller möglichen Verhältnisse, in denen die Völker zueinander stehen. Und wenn dir da Rätsel begegnen, die du nicht lösen kannst, so denke an das Bild, welches ich dir jetzt entwerfe.«

Sie machte eine langsame, andeutende Armbewegung nach dem Osten und fuhr dann fort:

»Da hinten ist die gelbe Rasse aus einem langen, tiefen Schlaf erwacht. Sie regt nur erst die Glieder. Sie beginnt erst, frei zu atmen. Wehe, wenn sie, ihre Kräfte fühlend, vom Lager aufspringt, um zu zeigen, daß sie genau so wie andere berechtigt ist zu leben!«

Hierauf zeigt sie nach dem Westen und sprach weiter:

»Da drüben liegt Amerika, das ihr so falsch als ›Neue Welt‹ bezeichnet. Dort lebt der rote Mann, von dem ihr meint, daß er dem Untergang geweiht sei. Ihr irrt. Dieser rote Mann stirbt nicht. Kein Portugiese, kein Spanier, kein Englischmann, kein Yankee hat die Macht, ihn auszurotten. Und der Deutsche geht nicht hinüber, um des Indianers Feind zu sein. Sie haben beide das, was wohl kein anderer hat, nämlich Gemüt, und das wird sie vereinen. Der sogenannte ›sterbende‹ Indianer wird wieder aufstehen. Es gibt ein übermächtiges, weltgeschichtliches Gesetz, welches befiehlt, daß der mit dem Schwert Besiegte mit dem Spaten dann der Sieger sei. Der gegenwärtige Yankee wird verschwinden, damit sich an seiner Stelle ein neuer Mensch bilde, dessen Seele germanisch-indianisch ist. Diese neue amerikanische Rasse wird eine geistig und körperlich hochbegabte sein und ihren Einfluß nicht auf die westliche Erdhälfte allein beschränken. Sie wird sich aller geistigen Triebkräfte des Abendlandes bemächtigen, und wehe dem alten Europa, wenn es dem nichts anderes entgegenzusetzen hat, als nur die alten Vorurteile, die alte Selbstüberhebung, die alten Kultursünden und – die alten Kanonen! Denn auch der Orient beginnt schon, sich zu regen. Er streckt die Glieder; er prüft die Muskeln, die Gelenke. Er glaubt, was Japan konnte, das könne er auch! Der Riese Islam, dessen mächtige Gestalt auf europäischer, asiatischer und afrikanischer Erde ruht, fürchtet sich nicht vor der scheinbaren Übermacht des Abendlandes. Das Kismet, an welches er glaubt, ist unwiderstehlich im Angriff und von unendlicher Ausdauer. Es wiegt die Übermacht der europäischen Waffen auf. Gebt dem Morgenland gute Führer, so wird es siegen. Und siegt es nicht, so wird sein Untergang zugleich der eure sein. Die gelbe Rasse wird sich dann mit der germanisch-indianischen in die Herrschaft über die Erde teilen. Und warum? Weil das Abendland nicht groß, gerecht und edel genug war, seine angeblichen ›Interessensphären‹ einer humanen Nachprüfung zu unterwerfen und sich mit dem Morgenland auszusöhnen!«

»Sich mit dem Morgenland auszusöhnen?« fragte ich. »Das ist falsch. Es muß heißen, das Morgenland mit sich auszusöhnen, denn nicht das Abend- sondern das Morgenland ist der beleidigte, der schwer gekränkte, der unterdrückte Teil. Fast alles, was das Abendland besitzt, hat es vom Morgenland. Seine Religion, seine Kunst, seine Wissenschaft, seine ganze Bildung und Gesittung, seine Zerealien, seine Früchte. Den ganzen Grund und Boden seines äußeren und inneren Lebens. Und was es nicht unmittelbar von ihm hat, dazu ist doch wenigstens der Anstoß von ihm ausgegangen. Wie unendlich groß ist der Dank, den wir ihm schuldig sind! Und wie haben wir ihn gelohnt? Wie und womit?«

»Du fragst sehr richtig, sehr richtig!« antwortete Schakara. »Wie habt ihr uns gelohnt, und womit? Nachdem wir euch alles gaben, was wir besaßen, nur unsere Erde nicht, denn die gehört nicht uns, sondern Gott, kommt ihr mit allerlei Listen und Waffen, uns auch noch diese wegzunehmen! Hätte euch der Orient weiter nichts, weiter gar nichts, als nur das eine, einzige Wort gegeben, ›Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibet, der bleibet in Gott und Gott in ihm›, so könntet ihr ihm diese eine Gabe nicht mit allen Sonnen, Monden und Sternen belohnen, so viele ihrer auch am Himmel stehen. Ihr aber habt nicht nur hierfür, sondern überhaupt für alles, was ihr bekamt, keine einzige Tat des Dankes, sondern nur Blut und Krieg und Neid und Haß gegeben.«

»Wenn du das im Abendland sagtest, würde man darüber lachen, o Schakara«, warf ich ihr zu. »Man behauptet dort das gerade Gegenteil von dem, was du behauptest. Man glaubt, dem Morgenland Wohltat über Wohltat zu erweisen, indem man zu ihm geht, um …«

»… um ihm die Liebe aufzudringen, die es nicht mag, weil sie die falsche ist«, fiel Marah Durimeh ein. »Ich spreche nicht von der Mission, ich spreche von der Nächstenliebe der europäischen Politik. Man zeige mir ein Herz, welches durch sie gewonnen worden wäre! Es gibt keines, kein einziges! Und doch ist es die größte, die wichtigste, ja die heiligste Aufgabe des Abendlandes, das Herz des Orients zu gewinnen, wenn es zukünftige Kämpfe vermeiden will, aus denen es wohl kaum als Sieger hervorzugehen vermag. Und nicht nur nach der Liebe des Orients hat es zu trachten, sondern auch nach seiner Achtung, seinem Vertrauen!«

»Aber wie?« erkundigte ich mich.

»Das fragst du, der du doch schon längst auf dem rechten Weg bist, dir alles zu gewinnen? In allen Büchern, die du schreibst, lehrst du die Liebe zu dem Morgenland! Aus allen deinen Schriften lächelt die Seele des Orients – sehnsüchtig, wehmutsvoll! Es ist ein Lächeln durch Tränen! Wärst du das Abendland, du hättest den Orient wohl schnell gewonnen, denn du liebst ihn, und du kommst nicht, um ihn auszunützen. Aber du bist nur ein einzelner Mensch, und es müßten außer dir und denen, die dich lesen, noch viele, viele Tausende kommen, um in demselben Sinne zu wirken und zu leben. Man schicke, so wie du, die deutsche Kunst ins Morgenland! Da lernt man es am besten kennen und lieben! Man sende auch die Wissenschaft, doch nicht nur, um in Babylon nach alten Steinen zu graben, sondern um überhaupt nach dem ruhenden Geist des Orients zu suchen. Die Wege, welche vom Abendland zum Morgenland führen, sollen nicht mehr Wege des Krieges, sondern Pfade des Friedens sein! Laßt Waffen- und Soldatentransporte verschwinden! Der Handel blühe! Die Wohlfahrt eile freudig hin und her, um Zwiste auszugleichen, Schäden zu heilen und Segen zu verbreiten! Dann wird der Mensch des Menschen würdig sein. Und wenn die große, schwere Stunde kommt, in der im fernen Westen wie im fernen Osten die Schicksalsfrage, ob Krieg oder Friede, klingt, dann werden beide, der Orient und das Abendland, als unüberwindliche, weltgebietende Freunde beieinanderstehen und die Völker der Erde zwingen, ihre Schwerter verrosten zu lassen!«

»Wann wird dies sein?« fragte ich. »Wie bald, wie spät?«

»Geh nach Dschinnistan; dort wird die Stunde schlagen«, antwortete sie. »Jetzt bin ich mit der Vorrede zu Ende, und nun will ich dir meinen Auftrag geben, kurz und bündig, indem ich dir sage, daß wir Menschen den Frieden, der uns nur von oben gegeben werden kann, nicht unverdient geschenkt erhalten. Wir haben uns seiner würdig zu zeigen und ihm, wenn er sich dann zu uns herniederneigt, in treuer Sorge und fleißiger Arbeit entgegenzugehen, um ihn zu fassen und festzuhalten für immer. Und jetzt, in dem uns vorliegenden Fall, sollst du es sein, der ihm entgegengeht.«

»Dem Frieden? Entgegengehen? Ich? Du sprichst in Bildern?« fragte ich.

»O nein«, antwortete sie. »Es soll sich hier nicht um Bilder, sondern um Wirklichkeiten handeln. Es wurde beschlossen, daß der jetzt beginnende Krieg der letzte sei, der zwischen Ardistan und Dschinnistan zum Ausbruch kommen darf. Ich habe alles getan, ihn zu verhüten, es ist mir nicht gelungen. Dieser Mir von Ardistan setzt seinen Willen durch. So wappne ich nun auch den meinen! Zwingt er Dschinnistan zum Krieg, so zwingt er auch mich dazu; ich nehme die Fehde an. Aber meine Strategie und Taktik ist anders als die seine. Er will Blut vergießen, ich aber will es nicht. Ich werde diesem Mann trotz aller seiner Heere zeigen, daß wir ihn niederwerfen, ohne daß von unserer Seite ein einziger Schuß zu fallen braucht. Wäre es nicht Torheit, das Leben auch nur eines einzigen Edelmenschen gegen das Leben eines blutgierigen Gewaltmenschen einzusetzen? Soll ich die, welche mich lieben und die ich wiederliebe, gegen Tiger hetzen? Nein! Nie! Mein Feldzugsplan lautet: Raubtier gegen Raubtier, Panther gegen Panther. Ja, ich wiederhole es: Panther gegen Panther! Du kannst das jetzt nicht begreifen, wirst aber bald erfahren, was und wen ich dabei meine. Ich weiß, du kennst keine Furcht, Effendi. Dennoch frage ich dich in diesem Fall: Könnte dir auch der Mir von Ardistan nicht das Gefühl der Bangigkeit erwecken?«

»Nein«, antwortete ich.

»Würdest du den Mut haben, ihn als dein erklärter Gegner in seiner Hauptstadt Ard aufzusuchen, um mit ihm Auge in Auge zu verkehren?«

»Wenn meine Sache eine gerechte ist, gewiß!«

»Sie ist gerecht. Du sollst dort, in Ard, mit dem Mir von Dschinnistan zusammentreffen!«

»Mit ihm?« fragte ich erstaunt. »Wir beide als Gegner des Mir von Ardistan?«

»Ja.«

»In der Hauptstadt unsers Feindes?«

»Ja.«

»Wohl am Schluß des Krieges als Sieger?«

»Nein! Mitten im Krieg! Vollständig unbeschützt! Ohne alle Waffen, du nur mit Hadschi Halef und er mit nur zwei oder drei Begleitern! In der Höhle des Tigers, die zugleich auch die Höhle des Panthers ist, von dem ich soeben sprach.«

»Dein Wille trifft stets das Richtige und das Beste; ich bin bereit dazu.«

»Ich danke dir! Der Mir von Dschinnistan wird von seinen Bergen herniedersteigen, um Ardistan den Frieden zu bringen, indem er es ohne einen einzigen Schwertstreich besiegt. Und du sollst ihm von den tiefgelegenen Sümpfen der Ussul aus entgegensteigen, um Ardistan und seinen Herrscher auf ihn vorzubereiten. Erschrick nicht, mein Freund! Es wird nichts Unmögliches von dir verlangt. Ja, du sollst zwar Seltsames erfahren, sollst Seltsames sehen und sollst auch Seltsames tun; aber das Seltsame ist hier endlich einmal als das Natürliche erkannt, während das, was man bisher für natürlich gehalten hat, zur Seltsamkeit, zur Schrulle und zum Hirngespinst wird. Also du bist bereit, diesen Weg für mich zu tun, Effendi?«

»Von ganzem Herzen gern«, versicherte ich der Wahrheit gemäß und tief innerlich erfreut.

»So komm mit mir zur Bibliothek, um dort ausführlichere Anweisungen zu empfangen und die Bücher, Karten und Pläne zu sehen, aus denen du dir dann Vorbereitung holst.«

Ich folgte ihr vom Söller nach der Bücherei, wo sie mich über die Aufgabe, die ich lösen sollte, des Näheren instruierte und mir aus den vorhandenen Werken diejenigen heraussuchte, mit deren Hilfe ich mich über die geplante Reise instruieren konnte. Dann gab sie den Befehl, »Wilahde«, das Segelschiff, zu meiner Abreise für morgen klarzumachen. Hierauf brachte sie mir den heute von Dschinnistan zurückgekehrten Boten, mit dem es eine längere Besprechung gab, die mir für späterhin von großem Nutzen war. Dann, gegen Mitternacht, war ich allein und ging, wie ich es täglich tat, bevor ich mich niederlegte, noch einmal hinunter zu den Pferden. Sie waren das so gewohnt, daß sie gewiß nicht eingeschlafen wären, wenn ich es einmal vergessen hätte, ihnen diesen Besuch zu machen.

Sie waren nicht allein. Halef befand sich bei ihnen. Er saß im Gras. Ich grüßte ihn; er antwortete nicht. Ich grüßte abermals; er schwieg noch immer. Ich grüßte zum dritten Male; auch da war er still. Da sagte ich:

»Gute Nacht, Halef!« und tat, als wollte ich gehen. Das wirkte. Er rief sehr schnell:

»Gute Nacht, Sihdi! Aber denke ja nicht etwa, daß du mich hierdurch zum Sprechen bringst! Ich schweige!«

»Warum?«

»Weil ich schmolle.«

»Mit wem?«

»Mit dir! Oder meinst du mit den Pferden? Die besitzen mehr Bildung des Herzens und bessere Formen des persönlichen Umganges als du! Wärst du mein Weib, so würde ich dreimal zu dir sagen: ›Wir sind geschieden!‹ Dann müßtest du meinen Harem verlassen und könntest meinetwegen bei jedem anderen Mann unterkommen, aber ja nicht wieder bei mir!«

»So schlimm steht es?«

»Ja, sehr, sehr schlimm! Ich rede nicht mehr mit dir!«

»Aber ich höre doch, daß du sprichst!«

»Ich rede nicht für dich, sondern nur für mich, weil du sonst gleich wieder davonläufst und ich dann gar keinen Bescheid bekomme. Oder soll ich gar nichts wissen und gar nichts hören und gar nichts erfahren? Ganz und gar nichts mehr?«

Er sprang aus dem Gras auf, trat nahe an mich heran und fuhr fort:

»Sihdi, du weißt, wie ich dich liebe. Ich stelle dich dreimal, fünfmal, ja zehnmal höher als das schönste Reitkamel vom Stamm der Bischaren. Meine Achtung für dich reicht höher, als der allerlängste Pfahl meines Zeltes. Und meine Treue zu dir ist grenzenloser als ein Krug, der keinen Boden hat. Ich bin mit dir geritten, gelaufen und gefahren durch alle Länder, die auf Erden sind, nur einige wenige abgerechnet, die nicht in der Nähe lagen. Ich habe mit dir gehungert und gedürstet, gefroren und geschwitzt. Ich habe dich geärgert, und du hast mich geärgert. Dadurch sind unsere Seelen eng miteinander verbunden, fast noch enger als zwei Maultiere, denen man eine Sänfte aufgeladen hat. Und diesen schönen Bund des Herzen willst du zerreißen, willst du entzweien, willst du behandeln wie eine kurdische Hose, deren zwei Beine du vom Bauch bis zum Rücken mitten auseinanderschneidest! Was habe ich dir getan, daß du von unserer unendlichen Zusammengehörigkeit so plötzlich nichts mehr wissen willst? Ich fordere Antwort, sofortige Antwort. Du kannst sie mir nicht verweigern. Du hast keinen gewöhnlichen Mann vor dir. Ich bin Hadschi Halef Omar, der oberste Scheich der Haddedihn vom großen, berühmten Stamm der Schammar. Weißt du das?«

»Das weiß ich wohl. Aber warum du mir in so gar entsetzlicher Weise zürnst, das weiß ich nicht.«

»Nicht? Wirklich nicht? Sollte mir falsch berichtet worden sein? Sihdi, sei so gut und schau hinunter nach dem Hafen. Siehst du das Schiff im Schein des Mondes liegen?«

»Ja.«

»Und siehst du die Lichter, die sich auf dem Verdeck und im Innern bewegen?«

»Ja. Die Luken sind alle erleuchtet.«

»Das sind Menschen, Menschen, die das Fahrzeug vorzubereiten haben, den Hafen zu verlassen. Weißt du, wohin es fährt?«

»Nach Ardistan.«

»Und wer es ist, den es dorthin zu bringen hat?«

»Warum soll ich es nicht wissen, da du es auch schon weißt.«

Der kleine, leicht zornige Mann wollte mir die Leviten lesen. Er besaß ein großes, leicht erregbares Ehrgefühl. Er hatte erfahren, daß wir morgen nach Ardistan fahren würden, anstatt in die Heimat zurückzukehren, und daß ich nicht sofort und direkt zu ihm gelaufen war, um ihm dies mitzuteilen, das hatte ihn beleidigt. Daß ich gewiß noch nach den Pferden sehen würde, das wußte er bestimmt. Darum hatte er sich hierhergesetzt, um mir aufzulauern und mir die wohlverdiente Strafpredigt zu halten. Dergleichen Szenen waren nicht allzuselten. Sein Ärger war in allen solchen Fällen in hohem Grade ernst gemeint; ich aber pflegte der Sache so viel wie möglich eine humoristische oder für ihn überhaupt unerwartete Wendung zu geben, die ihn verblüffte. So auch hier.

»Ja, auch ich weiß es, auch ich weiß es«, rief er in seinem vorwurfsvollsten Ton. »Aber nicht von dir, sondern von fremden Menschen!«

»Genau so wie ich! Auch ich habe es von fremden Menschen erfahren, nicht aber von dir!«

Da stutzte er. Er ahnte, daß ich jetzt wieder einmal im Begriff stand, den gegen mich gerichteten Spieß herumzudrehen. Dann fuhr er fort:

»Um es von dir zu erfahren, mußte ich erst hierher zu den Pferden!«

»Ich ebenso! Und doch wäre es deine Pflicht gewesen, sofort zu mir zu kommen, sobald du es erfahren hattest. Aber anstatt dies zu tun, hast du mir zugemutet, dir nachzulaufen, bis ich dich hier traf! Das muß ich mir verbitten, hörst du, Halef, verbitten!«

Da trat er einige Schritte zurück und wiederholte in höchst erstauntem Ton den Gedankengang meiner Rede:

»Meine Pflicht –! Sofort zu dir –! Zugemutet –! Nachzulaufen –! Verbitten –! Effendi, ich bin starr! Ja, bitte, erlaube mir, starr zu sein, vollständig starr! Ich bin hierhergekommen, um dir die niederschmetternde Gewalt meiner Vorwürfe in das Gesicht zu schleudern, und der nun schleudert, der bin nicht ich, sondern der bist du! Und das schlimmste dabei ist, daß es mir so vorkommt, als hättest du ebenso recht wie ich.«

»Ebenso wie du? Was fällt dir ein! Wenn überhaupt nachgelaufen werden muß, wer ist es da, der nachzulaufen hat? Ich dir oder du mir?«

»Nicht du, sondern ich!« gestand er ehrlich ein.

»Und doch bist du nicht zu mir gekommen, sondern ich habe zu dir gemußt! Halef, Halef, das war früher nicht! Da warst du pflichtgetreu! Da wärst du mir rund um die Erde nachgelaufen, um mir mitzuteilen, daß etwas Wichtiges geschehen sei. Heut aber setzt du dich faul in das Gras und wartest, bis ich komme!«

Da trat er noch um einen Schritt weiter zurück, schlug die Hände erschrocken zusammen und stöhnte:

»Faul in das Gras! Faul, faul! Ist so etwas möglich! Das geht mir über alle meine Begriffe. Ich und faul! Aber ich bin wirklich hierhergelaufen, anstatt zu dir! Ich habe wirklich hier im Gras gesessen! Und ich habe wirklich gewartet, bis du kamst! Das ist nicht abzuleugnen, obwohl du vor mir stehst wie einer, der es darauf abgesehen hat, mich auf den Turban meiner Gedanken zu setzen, anstatt ihn mir auf den Kopf zu tun! Ich fühle mich ganz wirr hinter der Stirn und bitte dich, mir zu verzeihen, daß ich nichts von dir erfahren habe!«

Ich mußte mir Mühe geben, ernst zu bleiben, und fragte ihn:

»Wer war es, der es dir sagte?«

»Der Oberste des Schiffes, der an mir vorüberging, als er sich an Bord begab. Ich habe mit ihm gesprochen. Wir werden über drei Tage lang auf dem Wasser sein, ehe wir die Küste von Ardistan zu sehen bekommen. Weißt du, wie lange wir dort zu bleiben haben?«

»Nein. Es kann Monate dauern, aber auch Jahre.«

»Allah, Allah! Auch Jahre?«

»Ja. Ich weiß, du freust dich, die Heimat nun bald wiederzusehen …«

»Nicht nur die Heimat«, fiel er ein, »sondern auch Hanneh, mein Weib, die schönste und lieblichste Blume unter allen Blumen, die es auf Erden gibt. Und Kara Ben Halef, den Sohn meines Herzens, den ich erzogen habe zum klügsten und besten der Menschen, die unter der Sonne wohnen.«

»Und nun sollst du nicht heim, sondern mit nach Ardistan und Dschinnistan. Das tut mir leid!«

»Leid? Nein! Ich will dir zwar ehrlich gestehen, daß ich lieber zu Weib und Kind zurückgekehrt wäre; aber es gibt zwei Punkte, die wohl zu erwägen sind. Der eine Punkt bist du. Es ist mir unmöglich, dich zu verlassen. Ich reite mit dir, bis die Erde unter den Hufen unserer Pferde aufhört, und auch dann noch immer weiter und weiter! Und der zweite Punkt ist die Freude an der Gefahr. Und Gefahren wird es geben, mehr als du denkst und ahnst. Das sage ich dir im voraus!«

»Wirklich?«

»Ja. Ich war zwar noch niemals dort, und es gibt überhaupt nur sehr wenige Menschen, die einmal dort gewesen sind, aber man hat mir viel davon erzählt, und was ich da gehört und erfahren habe, das könnte mir nicht nur Furcht und Angst, sondern gar Schrecken und Entsetzen einjagen, wenn ich nicht Hadschi Halef Omar wäre, der oberste Scheich der Haddedihn vom großen und berühmten Stamm der Schammar. Du weißt, Effendi, daß es für einen Haddedihn unmöglich ist, sich zu fürchten. Auch du kennst keine Furcht. Darum kann ich dir erzählen, was ich über Ardistan und Dschinnistan erfahren habe. Einem anderen müßte ich es verschweigen, sonst zöge es ihm die Haut vom Rücken los. Darf ich?«

»Ja.«

»So höre!«

Unsere Pferde lagen vor uns, um die allabendliche Liebkosung zu erwarten. Wir setzten uns zu ihnen nieder, Halef zu Assil Ben Rih und ich zu Syrr, der mir die Hände zärtlich leckte und mich hierdurch bat, ihm Hals und Mähne zu krauen.

»Ardistan und Dschinnistan liegen nebeneinander«, begann Halef seinen Bericht, »oder vielmehr übereinander. Denn Ardistan liegt an der See und wird nur von einigen, nicht sehr bedeutenden Höhen durchzogen; Dschinnistan aber steigt bis zu den höchsten Bergen auf, die es auf Erden gibt. Die eigentliche Grenze zwischen den beiden Ländern kennt niemand; sie ist unbestimmt. In Ardistan herrscht ein Mir, und in Dschinnistan herrscht ein Mir. Dieses Wort ist die Abkürzung von Emir, was so viel wie Fürst bedeutet. Der Mir von Ardistan ist ein Teufel, und der Mir von Dschinnistan ist ein Engel.«

»Können Menschen Engel oder Teufel sein?« fragte ich.

»Jawohl«, antwortete er. »Denn Hanneh, mein Weib, die kostbarste Perle unter den Perlen des Meeres und der Flüsse, ist ein Engel. Das weiß ich, und das beschwöre ich. Und auf der anderen Seite weißt du ebensogut, daß es auch Frauen gibt, welche Teufel sind. Und was die Weiber können, das können wir Männer wohl auch. Wenn du der Wahrheit die Ehre geben willst, so mußt du sagen, daß ich ein Engel bin, und aus Dankbarkeit leiste ich dir dann denselben Dienst. Übrigens erzähle ich nur das, was ich gehört habe, und ob du es glaubst, das ist nicht meine Sache, sondern deine. Ich aber glaube es!«

»Und fürchtest dich nicht?«

»Fürchten? Vor wem? Etwa vor dem Mir von Dschinnistan? Der ist ja ein Engel, und vor Engeln hat man doch keine Angst! Oder vor dem Mir von Ardistan? Der ist ja ein Teufel, und ich habe, solange ich lebe, stets den Wunsch gehabt, den Satan kennenzulernen. Und nun, da mir dieser Herzenswunsch endlich, endlich in Erfüllung geht, soll ich mich vor ihm fürchten? Im Gegenteil, ich freue mich auf ihn! Übrigens, ob Engel oder Teufel ist ganz gleich; es kann uns weder der eine noch der andere etwas schaden, denn alles, was mit uns geschieht, ist im Buch des Lebens vorgezeichnet, und nur Allah allein kann etwas daran ändern; dem aber fällt es ganz und gar nicht ein, gerade deinet- oder meinetwegen eine Änderung vorzunehmen. Du hast von diesen beiden Gegenden wohl überhaupt noch nie etwas gehört und noch nie etwas gelesen?«

»Etwas Bestimmtes nicht. Doch vorhin gab mir Marah Durimeh Karten und Bücher, aus denen ich mich unterrichten kann. Ich nehme sie mit auf das Schiff, um sie während unserer mehrtägigen Fahrt zu studieren.«

»Und dann etwa mitzuschleppen?«

»O nein. Das wäre Torheit.«

»Ich gebe überhaupt auf solche Dinge nichts. Solche Karten sind doch nur mit Tinte gezeichnet, und die Tinte läuft bekanntlich, wohin sie will. Und mit den Büchern steht es noch schlimmer. Bücher zu schreiben ist eine saure Arbeit. Nur dumme Menschen können so töricht sein, solche Arbeit zu verrichten. Wer klug ist, der sagt, was er weiß, der gibt sich nicht die ungeheure Mühe, es erst niederzuschreiben, dann wieder abzudrucken und es schließlich vorzulesen. Darum dient mir jedes Buch, welches ich in die Hand bekomme, als sicherer Beweis, daß der, welcher es schrieb, ein Esel ist. Und mit den Produkten solcher armer, beklagenswerter Geschöpfe solltest du dich auch auf dem Schiff nicht schleppen! Ich bin sehr begierig auf die Narrheiten, die in diesen Büchern stehen werden. Wenn du klug bist, so hörst du nicht auf sie, sondern auf mich. Hast du denn schon hineingeschaut?«

»Ja.«

»Und auch gelesen?«

»Ja.«

»Stand etwas drin von fliegenden Menschen?«

»Nein.«

»Von Menschen mit Krokodilsköpfen?«

»Nein.«

»So taugen diese Bücher nichts! Es gibt in Ardistan Menschen, welche Krokodilstränen weinen. Hieraus folgt, daß sie Krokodilsköpfe haben müssen. Die Krokodilstränen sind Stück für Stück genau so groß wie ein Straußenei und werden …«

»… von Elefanten ausgebrütet, nicht wahr?« fiel ich laut lachend ein.

»Du lachst?« zürnte er. »Bei so ernsten Dingen? Effendi, Effendi, nimm dich in acht! Die Bücher haben schon manches menschliche Gehirn verschoben und verschroben. Wie ungeheuer schädlich sie sind, kannst du schon daraus ersehen, daß ein jeder, der in ein Buch vernarrt ist, sich auf das Sofa legt, um es zu lesen, und gerade das Sofa ist doch jedenfalls nur dazu da, daß man entweder nichts tue oder um einzuschlafen. Ich bitte dich nochmals, laß dich warnen! Vielleicht steht auch das nicht in den Büchern, daß Ardistan das Land der Flöhe, der Läuse, der Wanzen und der Soldaten ist?«

»Allerdings nicht.«

»So wirf sie weg, Effendi, wirf sie weg, denn Bücher über Ardistan, in denen nichts von diesen Dingen steht, haben keinen Wert. Nimm alle deine Gedanken in eine Hand zusammen, und merke auf, was ich dir sage! Ich werde dir nicht nur die beiden Länder beschreiben, sondern auch die Menschen, die Tiere, die Pflanzen und dazu auch noch alles andere, was du wissen mußt und doch jetzt noch nicht weißt. Höre mir zu! Du wirst hören, daß das, was ich in meinem Kopf habe, tausendmal mehr wert ist als alle Bücher, alle Karten und alle Pläne, die sich nicht darin befinden. Merke also auf!«

Halef begann nun einen Vortrag von so ungeheuerlichem Inhalt, als ob er alle Unmöglichkeiten der Geographie, Geschichte und Naturgeschichte extra für diese Mitternachtsstunde zusammengesucht habe, um mich um den Verstand zu bringen. Und das tat er mit einem Ernst und mit einer Überzeugung, als gälte es zum mindesten die Seligkeit oder irgend einen andern der höchsten Geistespunkte unseres Lebens. Ich habe viel Phantastisches gelesen und viel Phantastisches gehört, so etwas aber doch noch nicht. Darum verhielt ich mich zunächst ganz still, als er fertig war, denn ich fand nicht die rechten Worte, mein Erstaunen über den Unsinn auszudrücken, den er mich glauben machen wollte. Er aber legte diesem Schweigen ganz andere Gründe unter.

»Nicht wahr, du bist ganz weg, Sihdi?« fragte er. »Meine Kenntnisse haben dich übermannt! Die Schönheit meiner Sprache, die Erhabenheit meiner Bilder, die Unbesiegbarkeit der Wahrheiten, die ich dir vorgetragen habe! Ja, so etwas findest du in keinem Buch, mag es nun gedruckt oder mag es geschrieben sein! Aber ich bin müd geworden von diesem vielen und anhaltenden Sprechen. Du nicht auch?«

»Nein, denn ich war still.«

»So kannst du noch bleiben, ich aber muß schlafen gehen.«

»Allah sei Dank!«

Er hatte schon aufstehen wollen, ließ sich aber bei diesen meinen Worten wieder niederfallen und fragte:

»Wie meintest du das? Was wolltest du jetzt sagen?«

»Daß du dir die Ruhe verdient hast, welche der Schlaf zu bringen pflegt.«

»So! Das ist etwas anderes! Man weiß bei dir nicht immer gleich, wie du es meinst. Du hast zuweilen Ausdrücke, die etwas ganz anderes ausdrücken, als was durch sie ausgedrückt wird. So dachte ich auch hier; nun aber bin ich beruhigt. Leletak mubaraka – deine Nacht sei gesegnet!«

Nun stand er auf.

»Die deine auch«, antwortete ich.

Er ging drei oder vier Schritt fort, blieb überlegend stehen, wendete sich dann wieder nach mir um und sagte:

»Effendi, ich bin froh, daß es morgen fortgeht, daß wir nicht länger hierbleiben.«

»Warum?«

»Es gefällt mir nicht!«

»Höre, Halef, das ist undankbar! Eine Gastfreundschaft wie hier, haben wir noch nie gefunden!«

»Das ist wahr. Aber was nützt mir die Gastfreundschaft, wenn sie mir grad das nicht bietet, was mir das liebste ist.«

»Was meinst du da?«

»Den Ernst.«

»Den Ernst? Wieso? Ich meine doch, daß wir uns bei sehr ernsten Personen befinden!«

»Das dachte ich auch, aber es stellte sich sehr bald heraus, daß es ein Irrtum war. Es gibt hier keinen Ernst!«

»Wirklich?«

»Ja. Sie lachen alle, alle!«

Ah, jetzt wußte ich, was er meinte. Er ärgerte sich darüber, daß man seine Übertreibungen für das nahm, was sie waren, und sich auch gar keine Mühe gab, ihm dies zu verbergen.

»Sie lachen?« fragte ich. »Über was? Über wen? Doch nicht etwa über mich?«

»Über dich? Sihdi, das wollte ich ihnen nicht raten; da haute ich einfach zu! O nein, über mich lachen sie, über mich! Da solltest eigentlich du zuhauen!«

»Sehr gern, sehr gern, nämlich, wenn ich es sehe!«

»Das ist es eben, was mich ärgert. Du bekommst es gar nicht zu sehen, sondern nur ich. Vor dir haben sie Achtung; vor dir verbergen sie es; vor mir aber nicht! Je größer, je schöner und je wunderbarer die Sachen sind, die ich ihnen erzähle, um ihr Staunen zu erregen, desto deutlicher wird ihr Lachen und desto weniger glauben sie mir. Das ist beleidigend, das ist niederträchtig; das holt meinen Zorn aus mir heraus und steckt ihn doch immer wieder in mich hinein, weil es mir als Gast verboten ist, grob zu werden. Dieser ewig hin- und hergehetzte Zorn macht mich krank. Er verdirbt mir den Appetit. Ich verliere das Fleisch. Ich fühle mehr und mehr, daß ich nicht hierhergehöre und daß ich zu vornehm bin für die Personen, bei denen ich hier wohne. Warum wohne ich nicht auch, wie du, bei Marah Durimeh und Schakara? Die lachen nicht! So bin ich also froh, daß wir nicht länger bleiben; Leletak sa'ide – deine Nacht sei glücklich!«

Er ging.

»Die deine ebenso«, antwortete ich.

Da blieb er noch einmal stehen.

»Effendi, erlaubst du mir eine Frage?«

»Ja, aber nur unter der Bedingung, daß du dann wirklich gehst.«

»Ich gehe dann, gewiß!«

»So sprich!«

»Früher erlaubtest du mir, meine Nilpferdpeitsche in den Gürtel zu stecken. Das war eine Lust. Wenn niemand mehr Verstand haben wollte, meine Kurbatsch, die hatte ihn. Dann wurdest du plötzlich gebildet und human. Du verbotest mir die Peitsche. Das tat mir weh. Denn je weher man dem Feind tut, desto wohler tut man dem Freund. Seit ich die Kurbatsch wegstecken mußte, haben wir kein wirkliches, kein großes Abenteuer mehr erlebt. Hierzu kam, daß du auch auf den Gebrauch deiner Gewehre verzichtetest. Der schwere, sicher treffende Bärentöter, der fünfundzwanzigschüssige Henrystutzen, mit denen du uns aus so vielen Gefahren rettetest, sie wurden weggepackt. Du wolltest dich nicht mehr auf die Waffen, sondern auf die Liebe, auf die Humanität verlassen. Aber weißt du, was dann kam? Was die Folge war?«

»Ich weiß es wohl«, gestand ich ein.

»Nun, was?«

»Die Vorsicht trat an Stelle des Mutes. Wir erlebten nichts mehr.«

»Ja, so ist es! Die Humanität brachte uns um die Abenteuer. Wir erlebten nichts mehr. Und nun kommt meine Frage: Soll das in Ardistan und Dschinnistan auch so sein? Willst du auch dort den Waffen Schweigen gebieten?«

»Nein«, antwortete ich trotz der gegenteiligen Instruktion, die ich von Marah Durimeh erhalten hatte. Es gab Gründe, die mich hierzu veranlaßten.

Da kam er mit einem großen Freudensprung auf mich zu, faßte meine Hand und rief:

»Nicht, wirklich nicht, Effendi?«

»Ich sage nein.«

»Warum?«

»Weil es Wahnsinn wäre, in einem Land, wie Ardistan ist, auf sie zu verzichten. Ich bin überzeugt, es wäre unser sicherer Tod.«

»Hamdulillah, Hamdulillah! Es wird wieder geschossen! Es wird wieder gestochen! Und es wird wieder gehauen!«

Er drehte sich fünf-, sechsmal um sich selbst und machte dabei die Armbewegung, als ob er eine Peitsche in der Hand habe.

»Gehauen? Wieso?« fragte ich, indem ich mich stellte, als ob ich ihn nicht begreife.

Er antwortete:

»Du meinst doch, daß ich den Bärentöter, den Henrystutzen, das Jagdmesser und die Revolver wieder auspacken darf?«

»Allerdings.«

»Und meine alte, gute, arabische Flinte auch, und das Doppelgewehr, welches dein Geschenk ist, auch, und die beiden Pistolen auch?«

»Ja. Wir schleppen dann wieder ein ganzes Arsenal mit uns herum!«

»Und weißt du, was zu diesem Arsenal gehört, ganz unbedingt, ganz unbedingt zu ihm gehört?«

»Was?«

»Die Kurbatsch, die Peitsche, die Nilhautpeitsche!«

»Oho!«

»Ja, die Peitsche!« jubelte er. »Du weißt doch ebenso wie ich, was ich alles mit ihr erreicht habe! Sie macht den Ungehorsamen gehorsam, den Stolzen demütig, den Untreuen treu, den Zweifler gläubig, den Geizigen wohltätig, den Groben höflich, den Langsamen schnell, den Zornigen sanft und, wenn es sein muß, sogar den Toten lebendig! Sihdi, sag, darf ich sie mit auspacken?«

Er beugte sich zu mir nieder, strich mir mit der Hand liebkosend über die Wange und bat im liebevollsten seiner Töne:

»Sihdi, wenn du mich nur noch ein ganz, ganz klein wenig liebhast, so erlaube mir, daß ich die Peitsche wieder tragen darf! Ich bitte dich, ich bitte!«

Wer meinen kleinen, lieben Hadschi Halef kennt, der wundert sich gewiß nicht über diese seine Bitte; sie entsprang gewiß aus keiner schlechten Quelle und stützte sich auf die Eigenheiten der orientalischen Verhältnisse. Und wer mich kennt, der weiß, daß auch ich mich nur aus guten Gründen zu der Antwort entschloß, die ich ihm gab:

»So trag sie wieder, Halef; trage sie!«

»Ich darf?« fragte er in einem Ton, der vor Freude beinahe überschnappte.

»Du darfst. Doch stelle ich die Bedingung, daß du dich ihrer nur dann bedienen darfst, wenn ich es dir gestatte.«

»Sehr gern, sehr gern! Ich danke dir, Sihdi, ich danke dir! Wie mich das freut! Es ist die größte Freude, die ich mir hier denken kann, wo ich nichts erlebt habe als nur Ärger! Ich darf die Schurken niederhauen, die Schufte, die Spitzbuben, die Scheusale, die Auswürfe! Ich bin entzückt! Ich muß jubeln! Ich muß tanzen und springen! Und du, Effendi, du springst mit! Komm, komm!«

Er faßte mich und zog mich von meinem Sitz empor. Er wollte sich mit mir im Kreis drehen. Ich wehrte mich. Das gab Lärm. Die Pferde sprangen auf. Mein Syrr besah sich die Sache ohne Aufregung; Assil Ben Rih aber wieherte laut auf, als er seinen Herrn in einer so seltenen, freudigen Erregung sah. Das befreite mich von Halef. Er ließ mich los und wendete sich zu dem Rappen:

»Recht so, Assil, recht so! Wenn der Effendi nicht mit mir tanzen will, so tanze ich mit dir. Du hast mehr Verstand als er. Paß auf! Es geht los!«

Er schwang sich mit einem federkräftigen Satz auf den Rücken des Pferdes, jagte es einige Male im Kreis herum und galoppierte dann fort, hinaus in die mondhelle Nacht. Syrr legte sich wieder nieder. Ich verabschiedete mich von ihm und kehrte nach der Wohnung zurück. Ich bitte, nicht darüber zu lächeln, daß ich sage, ich habe mich von meinem Pferd verabschiedet. Ein so hochedles Roß wie Syrr ist ein ganz anderes Wesen als ein gewöhnlicher Gaul unseres heimischen Schlages, hat ganz andere Regungen, ganz andere Neigungen, und muß darum auch ganz anders behandelt werden. Wir werden auf dieses ganz eigenartige und hochinteressante Gebiet noch oft zu sprechen kommen.

Es war mir unmöglich, schlafen zu gehen. Der Gedanke, die beiden geheimnisvollsten Gegenden der Erde besuchen zu dürfen, wäre mir zu jeder Zeit von höchstem Interesse gewesen. Hier aber handelte es sich um mehr, als nur um einen gewöhnlichen, zwecklosen Besuch. Ich hatte einen hochwichtigen Auftrag auszuführen. Dieser Auftrag war von Marah Durimeh als eine Mission bezeichnet worden, und zwar mit vollem Recht. Das erweckte in mir das Gefühl einer ungewöhnlichen Verpflichtung, einer außerordentlichen Verantwortlichkeit, welches mich unruhig machte und nach der Bibliothek trieb, wo ich bis zum frühern Morgen über den Büchern und Karten saß, um mir später sagen zu können, daß ich nichts versäumt habe, was nötig gewesen sei, den an mich gestellten Anforderungen zu genügen.

Auch Marah Durimeh war schon früh munter, ebenso Schakara. Sie fanden mich in der Bibliothek. Von da gingen wir zum Frühstück auf den Söller. Dort erfuhr ich, daß die »Wilahde« genau mittags die Anker lichten werde. Schakara sollte mich über die See hinweg bis zur Stunde unserer Ausschiffung begleiten, um mir bis dahin auf meine Fragen alle ihr mögliche Auskunft zu erteilen. Dann hatte sie direkt nach Ikbal zurückzukehren.

Als unsere Utensilien für die Fahrt verpackt werden sollten, legte Marah Durimeh einige Gegenstände bei, von denen sie sich Nutzen für uns versprach. Es befand sich ein blank polierter Brustschild dabei, kein ganzer Panzer für den Oberleib, sondern nur ein Schild, leicht und dünn, der nur bestimmt war, das Herz und die Lunge zu schützen. Er war aus einem mir unbekannten Metall oder einer Metallegierung und so außerordentlich gefügig, daß man ihn unter einem ganz dünnen Gewandstoff tragen konnte, ohne daß er auffiel.

»Diesen Schutz legst du an, noch ehe du Ardistan betrittst«, sagte Marah Durimeh.

»Glaubst du, daß uns dort so große Gefahren drohen?« fragte ich.

»Gefahren wird es geben, nicht wenige und nicht leichte«, antwortete sie. »Aber ich habe keine Sorge um euch; ihr werdet sie bestehen. Zwar ist dieser Schild wohl auch zu deinem Schutz bestimmt, und er hat Achselriemen, um auf der Brust getragen zu werden; zugleich aber ist er auch ein Erkennungszeichen zwischen dir und gewissen Personen, denen du begegnen wirst.«

»Darf ich schon jetzt erfahren, wer sie sind?«

»Nein. Du sollst frei sein. Kein Name darf dich binden.«

»Aber wenn sie mich an dem Schild erkennen, woran erkenne ich sie?«

»An genau demselben Schild. Es ist der Schild der Schwarzgewappneten und der Lanzenreiter von Dschinnistan. Trage ihn, aber sprich nicht von ihm. Doch, triffst du auf jemand, der dir sagt, daß er einen solchen Schild besitze, so teile ihm mit, daß auch du einen bekommen habest, und zwar direkt von Marah Durimeh. Ihr könnt euch beide trauen, euch aufeinander verlassen in jeder Not und Gefahr.«

Als die Zeit der Abreise gekommen war, brachten wir unsere Pferde selbst an Bord, denn sie waren so wertvoll, daß wir sie keiner anderen Person anvertrauten. Auch Schakara war dabei, und Marah Durimeh begleitete uns, einfach, bescheiden, wie ein gewöhnliches Weib, von allen, die uns unterwegs sahen, mit Ehrerbietung und Liebe gegrüßt, doch unauffällig, in selbstverständlicher und ungekünstelter Weise. So war der Abschied auch. Sie stand am Ufer und grüßte mit der Hand, als das Schiff den Anker hob. Hierauf ging sie. Kurze Zeit später sahen wir sie auf dem Söller erscheinen. Da stand sie, bis wir sie nicht mehr sehen konnten. Dann verschwand auch der Palast, die Stadt, das dunkle Gebirge, das ganze, uns bekannt gewordene Sitara, und wir sahen nichts mehr, als nur die unendlich weite See, der wir auf Treu und Glauben überliefert worden waren.

Zu jeder andern Zeit hätte ich mich um das Schiff, seine Bemannung und seine Einrichtung gewiß sehr eingehend bekümmert; jetzt aber hatte ich keine Zeit dazu. Ich mußte jede Minute ausnutzen, um mich zu unterrichten. Die Bücher, welche ich mitgenommen hatte, mußten mit Schakara wieder zurückgehen. Ich hatte sie also bis dahin durchzunehmen und las und las und schrieb und schrieb, um alles, was ich für wichtig hielt, zu notieren. Schakara half mir dabei. Als drei Tage vorüber waren, hatte ich einen ganzen, dicken Stoß von Notizen, deren Wert gar nicht abzumessen war. Mit ihrer Hilfe war es mir möglich, mich in jeder Lage und an jedem Ort zu orientieren.

Es war uns während dieser drei Tage kein anderes Fahrzeug begegnet. Nun näherten wir uns dem Ziel unserer Fahrt. Wir durften erwarten, am Mittag des vierten Tages die Küste von Ardistan zu erreichen, aber auch da bekamen wir kein Schiff, nicht einmal einen Kahn, ein Boot zu sehen. Der Grund hiervon war, daß wir es vermieden, uns einem Hafen zu nähern. Unsere Landung mußte in der größten Heimlichkeit geschehen, und darum wählten wir einen ganz einsamen Teil der Küste, die da völlig unzugänglich zu sein schien, doch gab es eine Stelle, wo eine kleine, schmale Bucht zwar nicht erlaubte, den Anker zu werfen, aber doch Gelegenheit zum Ausbooten gab. Das Land fiel hier überall so schroff und so tief in die See hinab, daß kein Ankertau lang genug war, den Boden zu erreichen.

Kurz nach Mittag tauchte eine dunkle Linie vor uns auf, der wir uns bei gutem Wind näherten. Das war Ardistan, eine niedrige, aus Sumpf und Moor bestehende Küste.

Die Segel wurden so gestellt, daß sich die Schnelligkeit des Schiffes verminderte. Wir gingen bis auf eine halbe Seemeile an die Küste heran; dann wurde beigedreht, das heißt, die Segel bekamen eine solche Stellung, daß die Wirkung des Windes aufgehoben wurde. Wir lagen wie vor Anker. Nun ging das große Boot zu Wasser mit den beiden, darin angebundenen Pferden. Sie verhielten sich ruhig. Übrigens saßen auch die Ruderer bei ihnen. Dann wurde das Fallreep niedergelassen; da stiegen wir nach, Halef und ich, auch Schakara, die das Steuer führen wollte.

Es war kein leichtes Manöver, der Pferde wegen; aber es gelang. An der Bucht standen einzelne Bäume, ganz nahe am Ufer. Das gab uns die Möglichkeit, das Boot derart zu befestigen, daß die Pferde ganz bequem und ohne Gefahr gelandet werden konnten. Sie waren gesattelt. Wir brauchten nur aufzusteigen. Hadschi Halef verabschiedete sich mit großem Redeschwall von Schakara. Dann reichte ich ihr die Hand. Sie sagte nichts, aber ihre Lippen zitterten, und ihre Augen waren feucht. Dann gab sie das Zeichen, das Boot vom Land zu stoßen. Da legte sich nun das Wasser zwischen uns, die tiefe, die geheimnisvolle See! Als ob diese meine Gedanken auch die ihren seien, rief sie uns nun doch noch zu:

»Effendi, wenn dir eine Gefahr naht, welche dir unbezwinglich erscheint, oder wenn die Tränen des Erdenleidens über dir zusammenfluten, so verliere nicht den Mut, sondern glaube mir, daß Marah Durimeh und Schakara dir immer nahe sind. Auf Wiedersehn!«

»Auf Wiedersehn!« antwortete ich.

»Nasuf wussak – auf Wiedersehn!« rief auch Halef.

Dann schoß das Boot von der Küste ab, dem Schiff wieder zu. Wir beide standen am Land und schauten hinterdrein. Wir sahen das Boot anlegen; wir sahen, daß es aufgewunden wurde. Die »Wilahde« stellte die Segel wieder voll und drehte sich dann unter dem Druck des wieder festgenommenen Windes von uns ab. Ein weißer Wimpel stieg bis zur Spitze des Hauptmastes empor. Das war der letzte Gruß. Neben mir erklang ein nicht ganz unterdrücktes Schluchzen. Halef weinte.

»Lach mich nicht aus, Sihdi!« sagte er. »Ich mag von dem Land Sitara nichts wissen, weil man da über mich lacht, aber heulen muß ich doch. Wozu hat man die Tränen? Doch nicht etwa, um sie immer drin steckenzulassen? Die müssen heraus! Ich schelte zwar zuweilen auf die Bewohner dieses Landes, aber lieb sind sie mir doch! Besonders Marah Durimeh und Schakara! Da fährt das Schiff nun hin! Ich setze mich! Und ich sehe ihm nach, bis es verschwunden ist! Eher stehe ich nicht wieder auf!«

Er sprach diese Sätze sehr einzeln und sehr stoßweise aus, im weinerlichen Ton. Ich wußte gar wohl, wie tief er Schakara, unsere junge, edle Freundin, in sein Herz geschlossen hatte. Der Abschied von ihr ging ihm innerlich nahe. Er setzte sich wirklich auf den Boden nieder, obwohl dieser sehr feucht war, und schaute dem Schiff so lange nach, bis es am fernen Horizont verschwand. Da stand er wieder auf und sagte:

»Nun ist es vorüber! Der Abschied tut zwar weh, aber wir sind doch keine Kinder, sondern Männer. Und vor allen Dingen wissen wir, daß ein unbekanntes Land und ein Leben voll reicher Abenteuer vor uns liegt. Da müssen wir uns zusammennehmen und tapfer vorwärts schauen, anstatt zurück auf das, was hinter uns liegt. Hast du alle deine Sachen beisammen, Sihdi?«

»Ja«, antwortete ich.

»Nichts vergessen?«

»Nein.«

»Ja, allerdings, diese Erkundigung war im höchsten Grade überflüssig, denn vergeßlich bist du nie gewesen, niemals! Aber erlaube mir die Frage nach deinem Panzer! Du solltest ihn anlegen, noch ehe du hier dieses Land betrittst. Hast du das getan?«

»Ja.«

»Und die Abschriften von den Landkarten, Plänen und viel tausend Namen, die du angefertigt hast? Die hast du doch nicht etwas vergessen?«

»Nein.«

»Wo hast du sie?«

»Hier in der Brusttasche. Ich hatte mir den Panzer gerade auf die Brust gebunden und zog die Jacke über die Weste. Die Abschriften lagen neben mir. Ich steckte sie eben ein, als Schakara kam, und da – und – und – doch nein, ich irre mich! Ich steckte sie nicht ein, ich wollte sie einstecken; da kam Schakara und unterbrach mich. Ich ließ die Abschriften liegen, und …«

»… und da liegen sie noch?« fiel Halef schnell ein.

»Ja – nein – nein – ja – unmöglich! Es ist nicht denkbar! Sie sind zu wichtig, viel, viel zu wichtig! Ich kann und kann und kann sie nicht vergessen haben!«

Ich griff in die Brusttasche; da waren sie nicht. Ich suchte in allen anderen Taschen, vergeblich. Ich hatte sie liegenlassen, gewiß und wirklich liegenlassen! Diese Abschriften, die ich mir mit so großer Mühe gemacht hatte und die ich so unendlich notwendig brauchte! So etwas war mir noch nie im Leben passiert! Eine solche Gedankenlosigkeit hatte ich bisher für unmöglich gehalten! Mir wurde ganz schlimm. Ich setzte mich nun auch nieder, trotz der Feuchtigkeit des Bodens. Ohne diese Notizen war ich vielleicht ganz außerstande, mich in diesem fremden Land und seinen Verhältnissen selbständig zu bewegen! Jeder Zufall könnte mir zum Meister und Gebieter werden! Soeben hatte Halef uns »Männer« genannt; aber nun ich diese Aufzeichnungen nicht bei mir hatte, glichen wir Kindern, die nur Fehler begehen können, wenn es ihnen einmal einfallen sollte, einen eigenen Entschluß zu wagen! Ich war im höchsten Grade zornig auf mich selbst und zugleich auch so verstimmt, wie wohl noch nie in meinem ganzen Leben. Dazu stellte sich Halef mit weit auseinandergespreizten Beinen grad vor mich hin und sagte:

»So! Da sitzest du nun! Grad wie vorhin ich! Es fehlt nur noch, daß dir die Tropfen ebenso über die Backen laufen wie mir! Du hast sie also vergessen – doch vergessen?«

»Leider! Ja!« gestand ich ein.

»Das dachte ich mir!« fuhr er fort, »denn du bist stets vergeßlich gewesen! Fürchterlich vergeßlich, solange ich dich kenne!«

»Oho!« widersprach ich ihm.

»Ja, ja!« behauptete er. »Du hast zwar auch noch einige andere Fehler, mein lieber Sihdi, aber der größte unter ihnen war doch stets die Vegeßlichkeit; sie wird es wohl auch bleiben! Du weißt es ebensogut wie ich, daß ich mir alle Mühe gegeben habe, dich von dieser Gedankenlosigkeit zu befreien; aber einen Erfolg habe ich leider nicht gehabt. Dies ist zwar für einen so verständigen Mann, wie ich bin, kein Grund, dir zu zürnen oder dich etwa gar zu mißachten, denn Fehler, die angeboren sind, können nicht geheilt werden; aber betrübend ist es doch jedenfalls für mich, daß grad ich dazu berufen zu sein scheine, immer neue derartige Mängel an dir zu entdecken. Daß du diese Notizen auf dem Schiff liegenlassen konntest, ist für mich geradezu unbegreiflich. Ich suche nach den Gründen dieser deiner innerlichen Fehlerhaftigkeit. Du würdest sie wohl nicht finden; bei meinem bekannten Scharfsinn aber ist es für mich eine Kleinigkeit, sie schleunigst zu entdecken. Darf ich sie dir nennen, Effendi?«

»Ja«, antwortete ich.

Wer mich und meinen Hadschi Halef kennt, der weiß, warum ich zuweilen stillschweigend darauf einging, mir von ihm derartige Predigten halten zu lassen. Er liebte und verehrte mich aufrichtig und wahr; aber immerwährend und immerwährend nur Verehrung, das erschien ihm langweilig; er mußte zuweilen fünf Minuten haben, in denen er seine ganze Entrüstung über mich ausschütten konnte, das lag so in seiner Natur, und dann war er sofort wieder der liebe, treue, aufopfernde Mensch, von dem ich verlangen konnte, was mir beliebte, sogar den Tod. Übrigens hatte ich jetzt grad eine strenge Strafpredigt verdient, und darum ließ ich dem, was er sagte, freien Lauf.

»Es sind zwei«, fuhr er fort. »Ist es dir vielleicht möglich, sie zu erraten?«

»Nein.«

»So will ich sie dir nennen, ohne deinen Verstand unnötig zu belästigen. Es ist nämlich entweder die Dummheit oder die Altersschwäche. Begreifst du das?«

»Noch nicht.«

»So ist es nicht die Altersschwäche, sondern die Dummheit allein. Für alle Fehler, die der Mensch macht, gibt es nämlich nur einen von diesen beiden Gründen. Sie genügen für alles, was geschieht, nach noch anderen brauchen wir also nicht zu suchen. Du bist genauso alt wie ich. Darum weiß ich ganz genau, daß Altersschwäche bei dir ausgeschlossen ist. Also kann es sich, wenn ich nach dem Grund deiner Fehlerhaftigkeit forsche, nur um die Dummheit handeln. Und weil dir diese Fehler angeboren sind, muß dir auch die Dummheit angeboren sein. Hast du mich verstanden?«

»Ja.«

»Das wundert mich! Wer von Geburt dumm ist, der pflegt sonst nicht so schnell zu begreifen, wie du mich jetzt, in diesem Augenblick, begreifst. Aber ich freue mich darüber. Denn da darf ich hoffen, daß du auch das begreifen wirst, was ich dir noch weiter zu sagen habe.«

Er stellte den Kolben seiner Flinte auf die Erde, stützte sich mit den Händen auf den Lauf und fuhr dann fort:

»Du weißt, Effendi, daß wir nach Ardistan und Dschinnistan gesandt worden sind, um gewaltige Abenteuer zu erleben und jene Art von großen Taten zu verrichten, die keinem andern Geschöpf, als nur uns beiden möglich sind. Wenn du deine Pläne und Karten bei dir hättest, so würde es dir wohl nicht ganz unmöglich sein, das Vertrauen zu rechtfertigen, welches Marah Durimeh in dich setzt. Nun du sie aber vergessen hast, gibst du ganz gewiß ohne weiteres zu, daß du bei deinen angeborenen Mängeln unfähig bist zu tun, was sie von dir verlangt. Hieraus folgt mit unbestreitbarer Sicherheit, daß nun ich es bin, auf den ihr beide euch verlassen müßt. Die großen Taten habe ich auszuführen, nicht du! Und die berühmten Abenteuer habe ich zu erleben, nicht du! Früher warst du die Hauptsache, und ich, ich war die Nebensache. Jetzt aber ist es grad umgekehrt: Jetzt bin ich die Hauptperson, und die Nebenperson bist du! Gibst du das zu, Effendi?«

»Sehr gern«, antwortete ich.

»Sehr gern?« fragte er, indem er einen ungewissen Blick auf mich warf. »Der Ton, in dem du das sagst, gefällt mir nicht! Ich hoffe, du meinst es ehrlich!«

»Im höchsten Grade ehrlich!« versicherte ich. »Es ist mir geradezu eine Wonne, zu erfahren, daß du von jetzt an die Hauptperson bist.«

»Eine Wonne? Wieso?«

»Weil ich jetzt nichts mehr zu bedenken, zu überlegen und zu verantworten habe. Ich tue nur, was du befiehlst.«

»Hm!« brummte er. »Nicht mehr denken willst du? Gar nicht mehr?«

»Gar nicht mehr!« versicherte ich. »Bei meiner angeborenen Dummheit ist es mir sehr lieb, daß nun du an meiner Stelle denkst!«

»Und verantworten soll ich alles?«

»Natürlich. Ich bin nur Nebensache!«

»Hm! Wenn ich nur wüßte, wie du das meinst, ob ehrlich oder hinterlistig! Du bist nämlich in Beziehung auf die angeborene Dummheit ein höchst gefährlicher Mensch. Es ist möglich, daß du mich damit nur in Versuchung führst. Aber da es nicht abzuleugnen ist, daß du deine Karten und Pläne vergessen hast, so bleibt es bei dem, was ich gesagt habe: die Hauptperson bin ich! Ich werde also während dieser ganzen Reise befehlen, und du hast zu gehorchen. Nicht?«

»Ja.«

»So erhebe dich jetzt vom Boden, und steig aufs Pferd. Wir brechen auf!«

Ich stand auf. Wir hatten uns beide durch das Sitzen auf dem feuchten Boden beschmutzt. Das erzürnte Halef, der ungemein auf Sauberkeit hielt.

»Allah 'l Allah! Nun klebt der ganze Sumpf an unsern Kleidern!« rief er zornig aus. »Das ist Ardistan! Genau so, wie man es mir beschrieben hat! Bei uns daheim ist auch die Wüste so rein, daß sogar der Gläubige, bevor er betet, sich mit Sand anstatt mit Wasser wäscht, wenn ihm das letztere fehlt. Wer aber den Boden von Ardistan betritt, der versinkt in Schmutz schon gleich beim ersten Schritt und kann sich nicht eher von ihm befreien, als bis er die Grenze von Dschinnistan erreicht! Beeilen wir uns, diesem Dreck und Schlamm zu entweichen!«

Er stieg in den Sattel. Ich tat das auch. Nun wartete er, daß ich voranreiten werde. Ich aber machte eine abwehrende Handbewegung und forderte ihn auf:

»Zeig du den Weg; ich bin nur Nebensache!«

»Gut, das werde ich!« antwortete er in scheinbar zuversichtlichem Ton. Aber schon weniger zuversichtlich fügte er hinzu: »Du brauchst aber trotzdem nicht hinter mir zu reiten, sondern kannst dich getrost an meiner Seite halten. Du kennst mich doch. Du weißt, daß ich auch als Hauptperson sehr leutselig bin!«

Der kleine Schlaue wollte mich neben sich haben, um sich nach der Fühlung mit mir richten zu können. Ich ging aber nicht darauf ein, sondern blieb hinter ihm. Das brachte ihn in keine geringe Verlegenheit. Er wußte von meinen Absichten, wie man sich ländlich auszudrücken pflegt, weder Kix noch Kax und war also vollständig unfähig, auch nur die Richtung unseres Rittes zu bestimmen. Darum wendete er sich schon nach kurzer Zeit mit der Bitte an mich zurück:

»Effendi, sag mir doch wenigstens, ob ich so richtig reite!«

»Es ist richtig«, antwortete ich. »Immer geradeaus.«

»Wenn aber ein Sumpf kommt?«

»So biegen wir um ihn herum.«

»Es scheint hier überhaupt alles Sumpf zu sein. Ich finde das schrecklich. Die Pferde versinken bis in die Knie!«

»Um über die morastige Ebene zu kommen, brauchen wir drei Tage.

»Drei Tage? Allah erbarme sich! Was gibt es da für Menschen?«

»Keine. Auf menschliche Wesen treffen wir erst jenseits dieser Niederung.«

»Welchem Volk gehören sie an?«

»Dem Stamm der Ussul.«

»Der Ussul? Weißt du das genau?«

»Ja.«

»Ich denke, du hast deine Notizen vergessen? Da kannst du doch nichts wissen!«

»Warum nicht? Ich habe mir doch sehr viel von dem gemerkt, was ich in den Büchern von Marah Durimeh gelesen und nach ihren Karten mir ausgerechnet habe.«

»Gemerkt?« fragte er. »Sihdi, das ist nicht wahr; das glaube ich nicht!«

»Warum nicht?«

»Weil ich es besser weiß! Ich habe dir schon gesagt, daß ich Ardistan kenne, und zwar sehr genau. Darum bin ich ja die Hauptperson und reite jetzt voran. Ein jeder, der in diesem Land gewesen ist, der weiß, daß es das Land des Vergessens ist.«

»Wieso?«

»Wer es betritt, der vergißt alles, was und wo und wie und wer er vorher gewesen ist.«

»Wer hat dir das weisgemacht?«

»Weisgemacht? Ich bitte dich, mich nicht zu beleidigen! Ich habe mit sehr, sehr viel Leuten über Ardistan gesprochen. Der klügste von ihnen war ein alter, gelehrter und vielgereister Derwisch, der sich über zehn Jahre lang dort aufgehalten hatte und es also sehr genau kannte. Er sagte, daß es mit Ardistan ganz entschieden dieselbe Bewandtnis habe, wie mit dem Menschenleben überhaupt.«

»Wie meinst du das?« fragte ich ihn.

»Das will ich dir sofort erklären«, antwortete er. »Du gibst doch zu, daß wir beide nicht aus Ardistan stammen, obwohl wir uns jetzt hier befinden?«

»Ja.«

»Ebenso gibst du auch zu, daß wir nicht von der Erde stammen, obgleich wir uns auf ihr befinden?«

»Einverstanden!«

»Aber weißt du, wo du gewesen bist, bevor du hier geboren wurdest?«

»Nein.«

»Damals aber, wo du dich dort befandest, hast du es gewußt?«

»Höchstwahrscheinlich!«

»So hast du es also in dem Augenblick, an dem du geboren wurdest, vergessen. Der alte, kluge Derwisch behauptete, daß die Erde eine Strafanstalt für Geschöpfe sei, die Allah nicht gehorchen wollten. Sobald sie durch das Tor der Geburt in das diesseitige Leben treten, vergessen sie alles Frühere. Sie wissen nicht mehr, wer und was und wo sie gewesen sind, und können sich nur durch unbedingten Gehorsam und unerschütterlichen Glauben, durch treue, ehrliche Arbeit und gute Werke nach dort zurückfinden, woher sie gekommen sind. Glaubst du das, Effendi?«

»Die Ansicht dieses alten Derwisches ist interessant; man muß über sie nachdenken.«

»So denke nach! Er sagte, daß es im Leben eines jeden Menschen Augenblicke gebe, an denen ihm die Erinnerung an das vergangene Leben aufleuchte wie ein Blitz, der ebensoschnell verschwindet, wie er kommt.«

»Und so oder ähnlich ist es auch mit Ardistan?«

»Ja. Es ist ein Land des Vergessens, wie die Erde. Man behauptet sogar, daß das Leben in Ardistan ein ganz genaues Bild des Erdenlebens sei. Du lächelst, Effendi? Ist das, was ich sage, nicht wert, geglaubt zu werden?«

»Ob wert oder nicht, das kommt hier nicht in Betracht. Weißt du, wer du bist?«

»Ja. Wozu diese Frage?«

»Und weißt du, wo wir gestern waren?«

»Ja.«

»Und vorgestern und alle die Tage, Wochen und Monate vorher.«

»Ja.«

»Du hast es also nicht vergessen?«

»Nein.«

»Wie kann da Ardistan das Land des Vergessens sein?«

Da hielt er sein Pferd an, blickte nachdenklich vor sich hin und brummte:

»Ja! Deine Frage ist nicht dumm, auch nicht angeboren dumm. Vielleicht verwechsele ich das eine mit dem andern. Oder ich drücke mich nicht richtig aus. Oder die Vergeßlichkeit tritt nicht mit einem Male ein, sondern langsam, nach und nach. Bei dir ist sie ja schon da, denn du mußt doch zugeben, daß du deine Karten und Schreibereien liegengelassen hast. Streiten wir uns nicht, sondern warten wir es ab, ob uns das Gedächtnis schwindet oder nicht. Kommen wir lieber auf den Stamm der Ussul zurück, von dem wir sprachen. Kennst du ihn?«

»Nein«, antwortete ich, indem wir weiterritten.

»So sei froh, daß ich jetzt die Hauptperson bin! Ohne mich wärest du vollständig verloren, wenn du zu ihnen kommst. Ich weiß nämlich, woran ich mit ihnen bin. Ich habe von ihnen gehört. Nimm dich in acht, Effendi! Die Ussul sind nämlich ein Volk von lauter Riesen. Sie haben Beine wie die Elefanten. Ihre Arme sind so lang und so stark wie zwanzigjährige Baumstämme. Ihre Haare gleichen der Mähne eines Löwen. Ihre Augen glühen wie Laternen. Ihre Stimmen machen den Lärm des Donners, und wenn sie zornig sind, zittert die Erde, auf der sie stehen. Sie wohnen in starken Burgen, die sie nur in das Wasser bauen. Sie leben vom Mord und vom Raub. Sie glauben nicht an Allah und auch nicht an den Teufel, und wer mit ihnen in Streit gerät, ist unbedingt verloren!«

»Das klingt ja außerordentlich beruhigend! Von wem hast du das gehört? Wohl von demselben Derwisch?«

»Nein, sondern von anderen Personen, die aber nicht weniger glaubhaft und zuverlässig sind. Es ist ganz unmöglich, einen Mann vom Stamm der Ussul im Kampf zu besiegen. Darum besteht die Leibgarde des Mir von Ardistan nur aus solchen Kriegern, von denen es jeder gut und gern mit dreißig bis vierzig Feinden aufnehmen kann.«

»So ist es gut, daß wir nicht vierzig sind, sondern nur zwei!«

»Warum?«

»Weil sie es da gar nicht versuchen werden, es mit uns aufzunehmen!«

»Hohnlächle nicht, Sihdi! Was ich weiß, das weiß ich genau, und was ich erzähle, das ist wahr! Als Nebenperson steht es dir überhaupt nicht gut, über das zu lächeln, was die Hauptperson erzählt – was ist? Was gibt es?«

Diese beiden Fragen sprach er unwillkürlich aus, denn sein Pferd war plötzlich stehengeblieben und ließ ein warnendes Schnauben hören. Auch Syrr, mein Hengst, hielt die Schritte ein, doch ohne ein Zeichen von Angst; er stampfte vielmehr mit den beiden Vorderfüßen, als ob er die Absicht habe, einen Feind mit den Hufen zu zermalmen. Die Augen beider Pferde waren nach der linken Seite gerichtet. Wir sahen nicht gleich, um was es sich handelte. Es war ein sumpfiger Rhizophorenwald, durch den wir ritten, nicht so dicht, wie Mangrove- und Manglewälder gewöhnlich zu sein pflegen. Die Stämme, welche der Art Konjugata angehörten, standen ziemlich weit auseinander, schickten aber doch eine solche Menge von Luftwurzeln von oben herab, daß die Aussicht sehr behindert war. In die angegebene Richtung schauend, bemerkte ich erst nach ziemlich beträchtlicher Zeit, daß eine dieser Luftwurzeln sich ganz eigenartig bewegte. Halef sah es zu derselben Zeit. Er erschrak, streckte den Arm aus und rief:

»Eine Schlange! Eine Riesenschlange! Wenigstens zehn Meter lang! Siehst du sie, Effendi?«

»Ja«, antwortete ich. »Es ist eine Peddapoda – Tigerschlange –.«

»Ich werde sie sofort niederschießen, sonst verschlingt sie uns mitsamt den beiden Pferden!«

Er nahm sein Gewehr zur Hand, um seinen Entschluß auszuführen. Der gute Halef übertrieb auch hier, wie so oft. Man behauptet zwar, daß die Tigerschlange sechs Meter und noch länger werde, diese war aber ganz sicher noch nicht einmal vier Meter lang. Daß sie uns beide mitsamt den Pferden verschlingen werde, war eine jener Vergrößerungen, die der kleine Hadschi liebte. Die Riesenschlange hing mit dem Schwanz oben an einem Baum und bewegte mit nach unten gerichtetem Kopf den Körper in einer Weise, als ob sie irgend einen Gegenstand in der Luft zu fangen habe. Sie tat das jedenfalls in der Aufregung über unser Erscheinen. Wir konnten zwar nicht sehen, wohin ihr Auge blickte, aber daß sie uns bemerkt hatte, verstand sich ganz von selbst. Ich nahm den Henrystutzen vom Rücken, um nachzuhelfen, falls Halefs Kugel nicht treffen sollte. Es war kein leichtes Zielen, denn der Kopf der Peddapoda blieb keinen Augenblick an derselben Stelle. Darum ging der Schuß des Hadschis fehl, und auch ich traf erst beim zweiten Male. Die durch den Kopf geschossene Schlange schlug mit dem Vorderkörper einen konvulsivisch zuckenden Kreis, hing dann eine halbe Minute lang in gerader Linie vom Baum und fiel hierauf, indem die Ringel des Schwanzes sich lösten, von ihm zur Erde nieder. Wurmen hin und stiegen von den Pferden.

»Heil uns!« rief Halef. »Das erste Abenteuer im Lande Ardistan ist überstanden, ohne daß es uns das Leben gekostet hat! Das Ungetüm ist tot! Sein Leben ging dahin, sobald wir kamen! Es wollte uns fressen, nun aber wird es von uns gefressen! O Glück, o Heil, daß es keine Beine hat, sonst wäre es aus Angst vor unserer Tapferkeit im Galopp davongelaufen! Schau es dir an, Sihdi, dieses Ungeheuer, diesen Drachen, dieses Scheusal, dieses Ungetüm, diese Ausgeburt der Hölle, diesen Racker, diesen Hundesohn, diesen Abschaum, Schuft und Menschenfresser! Siehst du das Maul, und siehst du die Zähne? Weißt du, daß so eine Schlange einen Ochsen verschlingt …«

»Das wohl nicht, mein lieber Halef«, unterbrach ich lachend seine Rede.

»Wenn nicht einen Ochsen, so doch wenigstens eine Kuh!« behauptete er.

»Nein!«

»Ein Kalb!«

»Auch nicht!«

»Einen Hammel!«

»Selbst diesen nicht! Und an einen Menschen wagt sie sich höchstens aus Versehen.«

»Wirklich?«

»Ja.«

Da machte er ein sehr enttäuschtes Gesicht und klagte:

»Aber so ist es ja gar keine Heldentat, die wir ausgeführt haben!«

»Leider nicht.«

»Wie schade, jammerschade! Konnte das Vieh nicht zwanzigmal länger sein und zehnmal dicker, als es ist?! Dann würde auch unser Ruhm zwanzigmal länger und zehnmal dicker sein! Wozu haben wir sie nun erschossen? Kann man sie essen?«

»Ja. Die Neger essen Schlangen gern.«

»Allah behüte mich! Ich bin kein Neger!«

»So nehmen wir die Haut.«

»Wozu?«

»Man macht Schuhe und Taschen daraus, auch Satteldecken.«

»Satteldecken? Das ist mir recht! Bei uns daheim gibt es keine Riesenschlangen. Wenn ich da mit einer solchen Satteldecke komme, preisen mich alle Völker, und mein Lob erschallt über alle Länder der Erde. Das Fell will ich haben, das Fell!«

Wir zogen der Schlange mit Hilfe unserer Messer die rötlich braun gefleckte Haut vom Leibe und setzten dann den unterbrochenen Ritt fort. Die Haut hatte Halef an sich genommen; er betrachtete sie als seine Beute, obgleich die Schlange durch meine Kugel erlegt worden war. Ich hatte nichts dagegen. Das Zusammentreffen mit der Peddapoda hatte mir mehr gebracht als nur eine Schlangenhaut, nämlich die Freude über meinen Syrr, der beim Anblick des Reptils keine Spur von Angst gezeigt hatte, obgleich er einem solchen Tier noch nie begegnet war. Diese Furchtlosigkeit war für mich von hohem Wert.

Zweites Kapitel.

Der »Panther«

Es ist nicht der Zweck dieser Zeilen, eine zusammenhängende und lückenlose Beschreibung unseres Rittes zu geben. Ich habe lediglich das zu erzählen, was für den Grundgedanken, den ich verfolge, von Bedeutung ist, und kann daher nur sagen, daß wir volle drei Tage lang die Küstenniederung durchquerten, ohne daß etwas Wichtiges oder auch nur Erwähnenswertes geschah. Ich sorgte während dieser ganzen Zeit zwar dafür, daß wir die Richtung nach dem Binnenland einhielten, stellte mich dabei aber so, als ob Halef der Führer sei und ich ihm ohne eigenen Willen folge. Ich freute mich schon im voraus auf das Gesicht, welches er machen würde, sobald es sich herausstellte, daß er der gar nicht sei, für den er sich hielt.

Für Essen brauchten wir in diesen Tagen nicht zu sorgen; wir waren von Schakara mit Vorrat versehen worden. Geschlafen wurde an geeigneten Stellen des Waldes, wo es trockenen Boden und möglichst wenig Mücken gab, die überhaupt eine große Plage dieser tiefliegenden Gegend bildeten. Am Morgen des vierten Tages veränderte sich das Land. Es wurde trockener, und der Urwald bekam Bäume, welche die Nässe weniger lieben als der bisherige Mangrovewald. Es bildeten sich wiesenartige, freiliegende, grüne Flächen, die unsern Pferden gutes und wohlschmeckendes Futter boten. Wir kamen an lebendige Wasserläufe, die man getrost als Bäche bezeichnen konnte. An geeigneten Stellen bildeten sich von ihnen Teiche und Seen, an und in denen es ein außerordentlich reges Tierleben gab. Auch Menschen schienen hier zuweilen zu verkehren; wir fanden Spuren davon. Diese Spuren waren alt, schon fast ganz verwischt. An einer Stelle aber, wo sie durch hohes Gras führten und sich in demselben kreuzten, als ob hier sehr eifrig nach irgend etwas gesucht worden sei, schienen sie jüngeren Datums zu sein, so daß es angezeigt war, sie zu untersuchen. Ich hielt darum mein Pferd an.

»Warum nicht weiter?« fragte Halef.

»Siehst du nicht diese Spuren?« antwortete ich, indem ich auf sie deutete.

»Natürlich sehe ich sie! Sie scheinen von Hirschen oder wilden Sauen zu stammen.«

»Hirsche? Wilde Sauen? Halef, schäme dich!«

»So meinst du wohl, von Menschen?«

»Ganz selbstverständlich. Das sieht man doch gleich bei dem ersten Blick!«

»So müssen wir sie wohl prüfen?«

»Allerdings.«

»So bitte ich dich, abzusteigen.«

»Ich? Warum ich?«

»Sonderbare Frage! Das Prüfen der Spuren ist doch bisher immer deine ganz besondere Arbeit gewesen. Warum nun plötzlich jetzt nicht mehr?«

»Das Spurenlesen ist sehr schwer und außerordentlich verantwortungsvoll. Ein Irrtum kann da sehr leicht das Leben kosten. Darum wird das stets nur von den Hauptpersonen besorgt. Ich aber bin doch nur Nebenperson!«

Sein Gesicht wurde um einige Zentimeter länger.

»Hm!« brummte er verlegen. »Habe ich etwa behauptet, daß ich auch in Beziehung auf das Fährtenlesen die Hauptperson bin?«

»Eine solche Behauptung war gar nicht nötig. Zum Verständnis so verworrener Spuren, wie diese hier sind, gehört eine Klugheit, die kein Mensch besitzen kann, dem die Dummheit angeboren ist. Also bist du es, der abzusteigen hat. Vorwärts, Halef, vorwärts! Bedenke, wie gefährlich die Ussul sind, die du mir beschrieben hast! Wenn solche Riesen hier herumliefen! Oder gar, wenn wir ihnen begegneten! Also steig ab, steig ab! Wir müssen unbedingt erfahren, was für Menschen es sind, von denen diese Fußeindrücke stammen!«

Da schwang er sich aus dem Sattel und begann die Arbeit, die ihm eine verhaßte war, weil er es niemals so weit gebracht hatte, Schluß auf Schluß zu bauen. Diese Kunst aber wird von einem jeden verlangt, der sich anmaßt, Spuren und Fährten lesen zu können. Auch ich stieg ab, doch nicht, um mich an dieser Arbeit zu beteiligen, sondern um es mir im Gras bequem zu machen und ihm zuzusehen.

Es war spaßhaft, wie unbeholfen er sich anstellte. Er hatte oft gesehen, mit welcher Sorgfalt ich so eine Spur behandelte. Sie durfte nur betrachtet, nicht aber berührt oder gar vernichtet werden. – Er aber lief auf all diesen Eindrücken hin und her, trat sie nieder und löschte sie aus, ohne zu bedenken, daß dies ein unverzeihlicher Fehler war. Und als er damit fertig war, berichtete er:

»Sihdi, du hast unrecht, vollständig unrecht. Das sind keine Menschen gewesen!«

»Was sonst?«

»Elefanten! Oder Nashörner! Oder Nilpferde! Solche großen, mächtigen Tiere!«

»Warum das?«

»Wegen der großen Stapfen. Solche Füße kann nur ein Elefant oder Hippopotamus haben!«

»Wie viel Beine hat ein Elefant?«

»Natürlich vier.«

»So stimmt es nicht. Die Untiere, die hier herumgelaufen sind, haben nicht vier, sondern nur zwei Beine gehabt.«

»Das muß ich bezweifeln! Wie willst du das überhaupt wissen? Man sieht doch nicht die Tiere, sondern nur die Stapfen ihrer Füße; es ist also im höchsten Grade fraglich, ob zwei Stapfen oder ob vier Stapfen zu einem Exemplar gehören. Du stimmst für zwei, ich aber für vier, und es ist dir doch wohl bekannt, daß die Mehrzahl stets den Sieg behält. Es sind also Elefanten oder Nashörner, nicht aber Menschen!«

»Hast du die Spuren nicht vielleicht auch daraufhin betrachtet, ob Sporen an den Stiefeln waren?«

»Sporen? An den Stiefeln?« Er brach in ein sehr herzlich gemeintes Gelächter aus und fuhr, immer lachend, fort: »Seit wann tragen die Elefanten Stiefel? Und gar mit Sporen daran!«

»Seit sie auf deinen Nilpferden reiten«, antwortete ich, indem ich in das Lachen einstimmte. »Übrigens bist du ja noch gar nicht fertig mit deiner Arbeit. Bis jetzt hast du bestimmt, ob es Menschen oder ob es Tiere waren. Nun gilt es, noch zu erfahren, woher sie gekommen und wohin sie gegangen sind.«

»Und da soll ich nachsehen?«

»Ganz selbstverständlich!«

»Sihdi, wenn du mir doch dabei helfen wolltest!« bat er.

»Nein«, antwortete ich.

»Warum nicht?«

»Weil ich dadurch deine angeborene Klugheit beeinträchtigen würde. Also geh!«

Ich sagte das in etwas scharfem Ton. Darum drang er nicht weiter in mich, sondern bemerkte nur:

»So will ich wenigstens meine Gewehre ablegen, die mich in der Bewegung hindern, wenn ich suche.«

Er hatte seine lange, arabische, reich mit Elfenbein ausgelegte Flinte und das von mir geschenkt erhaltene europäische Doppelgewehr an Riemen über dem Rücken. Er nahm sie ab und schnallte sie quer über den Sattelknopf. Dann machte er sich von neuem auf die Suche. Um das nun Kommende zu verstehen, muß man sich ein Bild der Gegend machen können, in der wir uns befanden.

Von da aus, wo ich bei unseren Pferden im Gras saß, lag rechts und links ziemlich dichtes Gebüsch, an welches sich zu beiden Seiten der hohe Wald anschloß. Grad vor mir gab es die freie, grasige Lichtung, auf welcher Halef jetzt die Spuren untersuchte. Sie zog sich vielleicht zweihundert Schritt lang geradeaus, stieß dann an den Wald und ging nach links, wo sie hinter dem Gebüsch verschwand. Die Spuren kamen rechts von mir aus dem Gebüsch heraus, liefen, indem sie sich verschiedentlich durchkreuzten, über den ganzen Grasplatz hin und bogen dann mit ihm um die linke, hintere Ecke des Gebüsches. Es konnten drei bis vier Personen sein, die da gegangen waren. Das Durch- und Übereinanderlaufen der Fußeindrücke ließ mich vermuten, daß man hier nach Blumen, eßbaren Wurzeln oder sonst etwas dem Ähnliches gesucht habe. Die Stapfen sahen allerdings sehr groß aus, auch schon von weitem. Das lag zunächst an der Höhe des Grases, jedenfalls aber auch an der Art der Fußbekleidung, die man getragen hatte. Meine Frage nach Stiefel und Sporen war ganz selbstverständlich nicht ohne guten Grund gewesen. Es ist immer von großer Wichtigkeit, zu erfahren, ob Leute, die man vor sich hat, beritten sind oder nicht.

Halef hielt es für nötig, vor allen Dingen nachzuforschen, wohin die Spuren führten. Es war seine Ansicht, daß er dann wohl gar nicht zu wissen brauchte, woher sie gekommen waren. Er verfolgte sie jetzt also über die ganze Lichtung hin, soweit ich sie überblicken konnte, und verschwand sodann nach links, hinter der schon erwähnten Ecke des Gebüsches. Ich hielt es für gar kein Wagnis, ihn in dieser Weise sich selbst zu überlassen. Er besaß zwar nicht den weiten, fernschauenden Blick und die alles scharf zusammenfassende Kombinationsgabe, ohne die man eine Reise, wie die unserige war, nicht unternehmen kann, aber er war doch klug, er war sogar pfiffig, und ich nahm keineswegs an, daß er mit Eingeborenen zusammentreffen werde, denn die Fußeindrücke waren zwar noch jung, aber doch nicht mehr so neu, daß man die Anwesenheit der betreffenden Personen hier noch vermuten konnte. Ich war also ganz ohne alle Sorge um ihn, zumal es sich doch ganz von selbst verstand, daß er sich nicht allzuweit entfernen und sofort zu mir zurückkehren werde, sobald ihm etwas Verdächtiges in die Augen fallen sollte.

Halef war noch nicht lange verschwunden, als ich von Syrr, meinem Rappen, ein warnendes Zeichen bekam. Er stellte sich ganz nahe an mich heran, hob den kleinen, feinen Kopf, legte die Ohren vor und sog die Luft mit jenem leisen, sich stoßweise unterbrechenden Geräusch durch die roten Nüstern, welches ein Beweis des beginnenden Verdachtes ist. Assil Ben Rih, das Pferd Halefs, stutzte sofort auch. Beide Tiere schauten nach rechts, und zwar nach der Stelle, wo die Spuren aus dem Gebüsch traten. Sollten noch andere Leute desselben Weges kommen? Ich strengte mein Gehör an, vernahm aber nichts. Ich legte den Kopf auf die Erde und lauschte. Da spürte ich nun allerdings ein Geräusch, welches sich zu nähern schien, denn es war leise, wurde aber stärker. Es klang wie langsame, schwere Schritte, die ein Blätterrauschen begleitete. Ich richtete mich wieder in sitzende Stellung auf. Jetzt war das Geräusch zu vernehmen, auch ohne daß mein Ohr die schalleitende Erde berührte. Es näherte sich wirklich. Es wurde stärker und immer stärker, zuletzt so stark, daß ich allerdings an Halefs Elefanten, Nashörner und Nilpferde dachte. Das Gezweig rauschte und schlug klatschend zurück; Aste knackten; stampfende Schritte dröhnten. Aber diese Schritte waren wohl kaum die Schritte eines wilden Tieres. Sie klangen in genauen Intervallen, wie abgemessen, dabei behaglich, behäbig, als ob ein Riese in vortrefflicher Stimmung durch den Wald spazieren gehe und gar nicht darauf achte, daß er dabei die Büsche und den Boden zerknattert und zerstampft. Ich stand aber nun doch auf und griff nach meinen Gewehren.

Da teilte sich das Gesträuch weit auseinander, und die lebendige Ursache des Geräusches trat vor meine Augen. Man lächle nicht, wenn ich sage, daß ich bei dem Anblick, der sich mir da bot, ganz unwillkürlich an einen heimatlichen Künstler denken mußte, nämlich an Arnold Böcklin, den berühmten Maler der rätselnden Groteske. Seine Kentauren, sein Einhorn im »Schweigen im Walde« traten mir in die Erinnerung, als ich das Wesen, oder vielmehr das Doppelwesen, erblickte, welches mich ganz in derselben Weise anstaunte, wie es von mir angestaunt wurde. Oder waren es zwei verschiedene Wesen, von denen das eine auf dem anderen saß? Ja, richtig! Ein Reiter! Aber was für einer! Und das Tier, auf dem er saß, war das ein ausgeartetes Nilpferd, ein entarteter Tapir, ein vorweltlicher Riesenhirsch ohne Geweih oder ein überfüttertes Kamel mit Elefantenbeinen und weggefallenem Höcker? Es hatte von alledem etwas; aber bei näherer Betrachtung konnte ich die Idee nicht von mir weisen, daß diese zoologische Merkwürdigkeit den entfernten Zweck verfolgte, ein Pferd zu sein. Hufe hatte es, und zwar ganz richtige, wirkliche Pferdehufe, aber von einer Größe, die mir noch nie vor die Augen gekommen war. Der Kopf glich dem eines Riesenelkes, besonders in Beziehung auf das Maul, oder richtiger ausgedrückt, auf die Schnauze. Die Mähne war außerordentlich reich und lang, aber von so kräftiger Struktur, daß sie nicht aus Haaren, sondern aus Bindfaden zu bestehen schien. Ihre Farbe, wie überhaupt die Farbe des ganzen Tieres, war schwer zu bestimmen, denn sie war unter einem dicken, panzerartigen Schmutzüberzug vollständig verschwunden. Solche Schlammfutterale harte ich an den nordamerikanischen Büffeln gesehen, die sich in Schmutz zu wälzen pflegten, um den Insektenstichen zu entgehen. Ganz besonders erwähnenswert an dieser auffälligen Kreatur waren die Augen und der Schwanz. Ob der letztere lange Haare hatte oder nur eine Quaste an der Spitze, das konnte ich nicht sehen. Viel Haare aber waren es jedenfalls nicht, und das wenige, was man sah, war mit einer solchen Kruste von Schorf, Grind und Unrat überzogen, daß man viel eher an einen verunglückten Biberschwanz als an das edle Behänge eines Pferdes denken konnte. Und das erstaunlichste hierbei war, daß dieser Schwanz trotz seiner Festigkeit und Kompaktheit in einer unausgesetzten, nicht endenwollenden Bewegung war. Er hing nicht still, sondern regte und rührte sich immerfort, und zwar meist im Kreis. Es sah ganz so aus, als ob ein unsichtbarer Musikant das Pferd für einen Leierkasten und den Schwanz für den Drehung halte. Dieser Unsichtbare stand nun hinter dem Tier und drehte den Schwanz mit einer Begeisterung und einer Ausdauer, die geradezu ideal zu nennen war. Und eben weil man ihn nicht sah, sondern nur den immer in einer und derselben Richtung kreisenden Schwanz, machte diese Bewegung auf den Beschauer einen Eindruck, der ganz unmöglich zu beschreiben ist. Von ganz derselben Rastlosigkeit waren auch die beiden Augen. »Augen« ist eigentlich Übertreibung, es muß »Äuglein« heißen. Sie waren viel, viel zu klein für den Koloß, dessen Körper das Fleisch von zwei ausgewachsenen Ochsen in sich vereinigte. Diese Äuglein waren ganz unbegreiflich ruhelos. Es erschien fast als unmöglich, sagen zu können, wohin sie schauten. Nach rechts, nach links, nach oben, nach unten, nach hüben, nach drüben, überallhin schauten sie, und zwar, wie es schien, in demselben Augenblick. Man sah immerfort das Weiße des Augapfels. Das wirkte so außerordentlich ungewohnt, so pfiffig, ja fast beängstigend. Es sah aus, als ob in diesem dicken, plumpen, ungeschlachten Körper eine Seele wohne, die während ihres früheren Lebens irgendeinem Tausendkünstler oder Geheimpolizisten angehört habe. Gleich beim ersten Blick, den man auf diese überall allgegenwärtigen Äuglein warf, mußte man sich sagen: Mit dieser Bestie darf man nur in Liebe verkehren, über das Ohr hauen läßt sie sich nicht.

Doch nun zu dem anderen Wesen, welches als Reiter auf dem soeben beschriebenen Tier saß:

Das war ein Mensch, ja, aber was für einer! Wer ihn sah und die Bibel kannte, der mußte an Goliath, den Philister, denken, von dem die Heilige Schrift erzählt, daß er sechs Ellen und eine Hand breit hoch gewesen sei. »Und er hatte einen ehernen Helm auf seinem Haupt und war mit einem schuppichten Panzer angetan, und das Gewicht des Panzers war fünftausend Seckel Erz. Und er hatte eherne Schienen an seinen Beinen, und ein eherner Schild bedeckte seine Schultern. Und der Schaft seines Spießes war wie ein Weberbaum, und selbst das Eisen seines Spießes hielt sechshundert Seckel Eisen.«

Dieser Goliath war höchstwahrscheinlich nicht größer und auch nicht stärker gewesen als der Reiter, den ich jetzt vor mir sah und der um anderthalb Kopf länger war als ich, mit dementsprechender Schulterbreite und Muskulatur. Er trug zwar keinen ehernen Helm auf seinem Haupt und keinen erzenen Panzer um den Riesenleib, aber die Lanze in seiner rechten Faust glich auch einem Weberbaum, und das Messer, welches in seinem Gürtel steckte, hatte eine derartige Form und Schwere, daß es zugleich als Beil, wenn nicht gar als Axt gebraucht werden konnte. Auf dem Rücken hing ihm ein gewichtiger, aus Krokodilsrücken gefertigter Bogen und darunter ein für Wurfspeere und Pfeile undurchdringlicher Köcher aus Schildkrötenschale, der infolge seiner Größe auch als Schild zu verwenden war. Die Füße steckten bis herauf an das Knie in dicken, stiefelähnlichen Baströhren, die dadurch festeren Halt bekamen, daß man sie mit breiten Lederriemen umwunden hatte. Die Sohlen waren von einer solchen Länge und Breite, daß sie die Größe der Stapfen im Gras mehr als hinreichend erklärten. Die Oberschenkel steckten in sehr festen, ledernen Hohlzylindern, die man unter Zuhilfenahme der Phantasie als Hose bezeichnen könnte. Von Leder war auch die Bekleidung des Leibes, eine Art von Koller, welches vom sehr weit offenstand und eine vollständig und sehr dicht behaarte Brust sehen ließ. Man hatte bei diesem Anblick das Gefühl, daß auch der ganze übrige Körper in der gleichen Weise behaart sein müsse. Dementsprechend war der unbedeckte Kopf durch einen dunklen Haarwald geschützt, der wie eine Mähne bis halb über den Rücken herunterhing, und vom Gesicht waren nur einige kleine Stellen Haut zu sehen; das andere alles war Bart, der vorn fast noch weiter herniederreichte als hinten das Haar des Hauptes. Die Augen dieses Mannes konnten, genau wie diejenigen seines Pferdes, nur als »Äuglein« gelten; sie waren viel zu klein für diese Hünengestalt, für diesen Riesenkopf und für dieses breite Gesicht, über dessen Haarwald sich eine zwar niedrige, aber außerordentlich kräftige Stirn erhob. Einen Sattel gab es nicht, Steigbügel auch nicht, und das Zaumzeug bestand sehr einfach aus einem Riemen, der dem Pferd um das Maul geschlungen war, so daß der Reiter die beiden Enden in den Händen hatte. Das war sehr bequem für das Tier, nicht aber für den Reiter, dem in dieser Weise weiter nichts als nur der Schenkeldruck zur Verfügung stand, sich das Pferd gefügig zu machen.

Man denke ja nicht, daß es in der Absicht dieser Beschreibung hegt, Roß und Reiter lächerlich zu machen. Ich habe ganz im Gegenteil zu konstatieren, daß die ungewöhnlichen Formen beider mich zwar überraschten, doch keineswegs nach der heiteren, sondern nur nach der ernsten Seite hin. Die Doppelfigur, die vor mir stand, machte den Eindruck der aufrichtigen ungekünstelten Natürlichkeit, der ungeschmälerten Kraft, der unbedingten Furchtlosigkeit, der überstrotzenden Gesundheit und – last not least – jener geraden, unbekümmerten Gutmütigkeit, die allen ihrem Ursprung noch ziemlich nahestehenden Wesen eigen ist. »Ursprung«, ja, das war das richtige Wort für die Vorstellung, die man sich bei dem Anblick dieses Mannes und dieses Pferdes machte. Hätte ich ein Märchen zu schreiben, in welchem der Urmensch auf dem Urpferd zu erscheinen hat, so würde ich ganz unbedingt zu dem Bild greifen, welches ich hier vor Augen hatte.

Der Riese betrachtete mich ebenso still und forschend, wie ich ihn. Dann fragte er:

»Wo kommst du her?«

Ich deutete hinter mich und antwortete:

»Daher.«

»Vom Meer?«

»Ja.«

»Wo willst du hin?«

»Dorthin.«

Indem ich dies sagte, deutete ich vorwärts. Da forderte er mich auf:

»Drücke dich bestimmter aus! Daher und dorthin, das sind keine Antworten! Du scheinst mich nicht zu kennen?«

»Ich habe dich allerdings noch nicht gesehen.«

»So höre, was ich dir sage, und merke es dir! Ich bin Amihn, der oberste Scheich des unbesiegbaren Stammes der Ussul. Hast du das verstanden?«

»Ja.«

»So verhalte dich dementsprechend! Das ganze Land, von der Küste des Meeres an bis dort hinauf, wo hinter der Landenge El Chatar die Wüste der Tschoban beginnt, ist mein Eigentum. Alles, was in diesem Land wächst, wohnt und wandert, gehört mir. Also auch du! Hast du das verstanden?«

»Ja«, nickte ich.

»Wenn mir der Mann gehört, so versteht es sich ganz von selbst, daß mir auch alles gehört, was er besitzt. Gibst du das zu?

»Ja.«

»Das freut mich, Fremder. Du scheinst überhaupt nicht dumm zu sein! So schnell wie du, hat bisher noch keiner eingesehen, daß ich der rechtmäßige Inhaber seines Eigentumes bin. Ich werde dich einmal genau betrachten und deine Sachen dann auch.«

Er kam bis heran zu mir geritten und stieg von seinem Urpferd. Nun sah man erst, was dieser Mann für Füße, für Schenkel, für Arme hatte! Seine Hände waren fast noch einmal so groß als die meinigen. Diese Breite der Schultern! Ich stand fast wie ein Zwerg vor ihm! Er faßte mich hüben und drüben an den Oberarmen und drehte mich zweimal um mich selbst. Ich ließ mir dies ruhig gefallen, doch nicht etwa aus Angst, o nein! Hier stand der Körper dem Geist, die rohe, ungefügige Kraft der geschulten Überlegung, der Muskel dem Gehirn gegenüber, und wer da schließlich die Oberhand behalten mußte, das kam gar nicht erst in Frage. Diese meine scheinbare Gefügigkeit schien ihn für mich einzunehmen, denn er sagte:

»Du gefällst mir! Du bist von jetzt an mein Knecht, hast also bei mir zu bleiben. Ich weiß zwar nicht, wozu du mir dienen und welchen Nutzen du mix bringen sollst, aber es wird sich wohl schon etwas finden, wodurch du mir beweisen kannst, daß du wenigstens nicht ganz und gar wertlos bist. Zeig her, was du da hast!«

Um beide Hände frei zu bekommen, rannte er seinen Spieß in den Erdboden und griff nach meinen Gewehren, um sie zu betrachten. Den fünfundzwanzigschüssigen Henrystutzen behielt er nur einen Augenblick in der Hand, dann warf er ihn weg; er war ihm zu leicht.

»Ich kenne diese Dinger nicht, mag sie auch nicht«, sagte er in sehr verächtlichem Ton. »Spielzeug für Kinder!«

Die ungewöhnliche Schwere des Bärentöters aber imponierte ihm. Er wiegte ihn hin und her, nahm ihn dann bei den Läufen, schwang ihn durch die Luft, als ob er jemand mit dem Kolben erschlagen wolle, und ließ sich zu der lobenden Bemerkung herab:

»Diese Flinte ist besser! Die zerbricht nicht, wenn man sie einem Feind auf den Schädel schlägt!«

Für ihn schienen Gewehre wohl nur als Keulen, nicht aber zum Schießen vorhanden zu sein. Dennoch gefiel es ihm, das Schloß der Büchse einer näheren Betrachtung zu unterziehen, doch sah ich ihm an, daß er sich gar nicht viel Kluges dabei dachte. Während der Urmensch sich mit dieser meiner Waffe beschäftigte, beliebte nun auch dem Urgaul eine Annäherung an mich. Er schob mit der Schnauze seinen Herrn ganz einfach zur Seite, kam zu mir heran, kurbelte mit dem Schwanz, beäugelte und beschnüffelte mich und schien mich für einen ganz annehmbaren Kerl zu halten, denn er tat mir die Ehre an, seine nasse Schnauze an meinem Gesicht abzutrocknen. Da gab ich ihm eine Ohrfeige, und zwar was für eine! Das beleidigte ihn aber nicht. Im Gegenteil, es schien ihm zu gefallen, denn er hob den ungeschlachten Kopf hoch empor, schloß vor lauter Glückseligkeit die beiden Äuglein zu, riß das Maul sperrangelweit auf und – wieherte etwa? O nein! Das, was ich da zu hören bekam, das war kein Wiehern, das war kein Trompeten eines Elefanten, kein Brüllen eines Löwen, kein Nebelhorn eines Seedampfers und auch keine Hupe eines Automobils; aber es hatte etwas von alledem, und das klang so außerordentlich überraschend, daß ich am liebsten umgefallen wäre, nur weiß ich nicht, ob vor Schreck oder vor Lachen. Da drehte sich sein Herr zu ihm um und fuhr ihn in strafender Weise an:

»Bist du toll? So zu brüllen! Hier im freien Feld, wo man gar nicht weiß, ob nicht noch andere Fremde da sind, die nicht wissen dürfen, wo wir uns befinden! Schäme dich!«

Da fiel der Kopf des Gaules schnell wieder herab, noch tiefer, als er vorher gehangen hatte; der Schwanz unterbrach seinen Radumlauf; die Äuglein näherten sich einander, um beschämt an der Nase lang herabzublicken, und aus dem Herzen stieg ein so langer, schwerer, unendlich tiefer Seufzer auf, als ob das liebe Vieh im Begriff stehe, aus lauter Scham und Reue in die Erde zu versinken. Ich fühlte mich im Innern meiner Seele aufrichtig gerührt. Es gab gar keinen Zweifel darüber, daß dieses Urpferd zugleich auch ein Gemütspferd war!

»Er heißt Smihk – der Dicke –«, erklärte mir der Scheich, indem er auf den Leierkasten deutete, dessen erste Töne wir soeben zu hören bekommen hatten. »Er ist nicht der einzige, den wir haben; wir besitzen ihrer viele. Du wirst sie zu sehen bekommen.

»Wann?« fragte ich.

Er ahnte nicht, wie viele Erkundigungen in diesem kurzen, einsilbigen Worte steckten, und gab mir den Bescheid:

»Morgen oder übermorgen. Heut sind wir nicht daheim, sondern auf der Jagd.«

»Wo?«

»Da drüben im Wald.«

Er streckte den Arm nach der Richtung aus, in welcher Halef verschwunden war.

»Wie viel Jäger seid ihr?«

»Zwanzig, ohne die Frauen. Die Männer jagen; die Frauen graben nach Wurzeln, die zum Fleisch gegessen werden.«

Um nicht aufzufallen, fragte ich nicht weiter; ich wußte schon jetzt genug. Die Weiber hatten hier auf der grasigen Lichtung nach Wurzeln gesucht; daher die Spuren. Diese Spuren führten nach dem Lager, wo es zwanzig riesige Ussul gab, die, wenn sie ihrem Scheich glichen, zwar gutmütige, für uns aber dennoch gefährliche Menschen waren. Halef blieb zu lange aus. Er hatte sich zu weit entfernt. Es war sehr leicht möglich, daß man ihn gesehen und festgenommen hatte. Wenn bei den Ussul der Grundsatz herrschte, daß jeder Fremde, der ihr Gebiet betritt, ihnen gehört, und zwar mit allem, was er besitzt, so hatte man diesen Grundsatz auch an Halef geltend gemacht, und wie ich ihn kannte, mußte ich annehmen, daß ihm gar nicht eingefallen war, sich dies gefallen zu lassen. Er hatte sich dagegen gewehrt, war überwältigt worden und befand sich nun in Gefahr. Ich mußte ihm folgen, um ihm beizustehen. Da gab es für mich eine Waffe, die besser und erfolgreicher als jede andere war, nämlich den Scheich selbst, den ich festzunehmen hatte, damit er mir als Geisel dienen möge. Das erforderte voraussichtlich einen Kampf zwischen ihm und mir, vor dem mir aber gar nicht bange war. Die körperliche Überlegenheit dieses Gegners fürchtete ich nicht. Er war das, was man einen Simpel, einen Tolpatsch nennt, und es gehörte gar keine große, geistige Anstrengung dazu, die Chancen gleichzustellen.

Nachdem er mich in Augenschein genommen hatte, tat er dasselbe auch mit unsern Pferden. Da stellte es sich denn sofort heraus, daß er kein Kenner war. Sein Urgaul galt ihm mehr als unsere beiden Rappen zusammengenommen. Er meinte, sie seien viel zu leicht, um ihn tragen zu können, und für die hiesige Gegend habe man überhaupt auf sie zu verzichten, weil sie bei der Kleinheit ihrer Hufe bei jedem Schritt in den Sumpf einbrechen und mit ihrem Reiter ertrinken oder ersticken würden. Je größer und je breiter die Hufe, desto wertvoller sei das Pferd.

Als er mir das erklärte, schlich sich Smihk, der Dicke, von hinten an mich heran, um mich liebkosend in den Nacken zu beißen. Er bekam sofort eine zweite Ohrfeige, die noch weit kräftiger als die erste war. Er hielt aber auch sie nur für ein Zeichen meiner Gegenliebe, denn er hob ganz genau wie vorhin den Kopf hoch empor, machte die Äuglein zu und sperrte das Maul dafür um so weiter auf, um den fürchterlichen Grundton seines Wesens zum zweiten Male hören zu lassen. Da aber fiel ihm noch im letzten Augenblick ein, daß sein Herr ihn vorhin aufgefordert hatte, sich zu schämen; er schluckte das, was empor hatte klingen wollen, wieder hinunter, machte das Maul wieder zu, die Äuglein dagegen auf, senkte den Kopf und schielte uns beide schwanzdrehend an, ob wir uns wohl als fähig erweisen wurden, seine Selbstüberwindung zu bewundern. Das rührte mich. Das ging mir nahe und brach mir fast das Herz. Ich klopfte und klatschte ihm liebkosend den Hals. Das hatte aber grad den entgegengesetzten Erfolg. Er warf seine ganze Selbstüberwindung sofort über den Haufen, schwang den Kopf schnell wieder in die Höhe und fing an, zu brüllen, zu trompeten, zu hupen, zu wiehern, zu kreischen und zu tuten, daß mir hätte angst und bange werden mögen. Da zog der Scheich seinen Spieß aus der Erde, holte aus und schlug derart auf den Sänger ein, daß dieser sofort verstummte. Hieraus war wohl mit vollem Recht zu schließen, daß die Urpferde bei den Ussul in guter Zucht und Sitte standen. Ich aber machte diese Strenge seines Herrn bei Smihk sofort wieder gut, indem ich meine Liebkosung fortsetzte. Dabei sah ich, daß ihm die Augen- und Mundwinkel, die Nüstern, die Ohrlöcher und andere, empfindliche Körperstellen so voller Bremsen und Sumpffliegen steckten, daß er jedenfalls nicht geringe Qualen auszustehen hatte. Der gewöhnliche Orientale hat für solche Dinge weder Verständnis noch Abhilfe. Sieht man doch z. B. in Ägypten überall Mütter mit kleinen Kindern auf dem Arm, deren kranke Augen vollständig mit saugenden Fliegen bedeckt sind, ohne daß es einer solchen Mutter einfällt, diese quälenden Insekten zu entfernen. Daher die vielen blinden Menschen dort! Mich dauerte Smihk, der Dicke. Ich hob ein Hölzchen von der Erde auf und entfernte damit die Insekten, die an einigen Stellen förmliche Trauben bildeten. Das war dem Tier noch nie passiert. Es stand still, bis ich fertig war, stöhnte dann vor Erlösung und Dankbarkeit tief auf und versuchte, mir mit Hilfe aller möglichen Zärtlichkeiten zu zeigen, daß ich hierdurch sein ganzes Herz gewonnen habe. Ich leistete dem Dicken auch später diesen Dienst, so oft es nötig war, und er hat mir diese Aufmerksamkeit durch eine Liebe vergolten, die ich fast als Zärtlichkeit bezeichnen möchte.

Es war eine geradezu kindliche Naivität, mit welcher der Scheich alle Gegenstände, die ich bei mir hatte, betrachtete und sie sofort in Gedanken und Worten derart registrierte, als ob sie nun ganz zweifellos schon in seinen Besitz übergegangen seien. Meine Uhr gefiel ihm so, daß er sie mir gleich gar nicht wiedergab, sondern sie einfach zu sich steckte. Ich machte ihn darauf aufmerksam, daß sie in meine, nicht aber in seine Tasche gehöre. Da sah er mich fast ohne Verständnis an, schüttelte den Kopf und sagte:

»Ich begreife dich nicht! Ich habe dir doch gesagt, daß all diese Gegenstände mir gehören, und du hast dich damit vollständig einverstanden erklärt!«

»Du irrst!« widersprach ich ihm.

»Ich irre nicht!« behauptete er. »Ich will zu deiner Ehre annehmen, daß du ein schlechtes Gedächtnis besitzest. Wenn ich das nicht täte, müßte ich dich für einen Lügner halten, und du gibst doch wohl zu, daß dies das Allerschlimmste ist, was einem Menschen geschehen kann! Oder hast du etwa auch nicht zugegeben, daß jeder Mann mir gehört, der dieses mein Land betritt?«

»Nein, das habe ich allerdings nicht zugegeben.«

»Du hast aber doch ›Ja‹ gesagt!«

»Aber hierzu nicht! Du fragtest mich, ob ich verstanden habe, was du sagtest, hierauf sagte ich ›Ja‹. Und darauf sagtest du, wenn der Mann dein Eigentum sei, verstehe es sich ja ganz von selbst, daß dir auch alles gehöre, was er besitzt. Da habe ich allerdings zugestimmt. Aber bezieht sich denn das auf mich? Und wie willst du mir beweisen, daß ich dir gehöre, daß ich dein Diener, Knecht oder Sklave bin?«

»Ich habe es dir gesagt; das ist der Beweis. Eines andern bedarf es nicht!«

»Da irrst du eben!«

»Ich irre nie!« behauptete er. »Ich bin der oberste Scheich der Ussul, und was in meinem Stamm Recht und Sitte ist, das führe ich aus. Es ist Recht und Sitte, daß du mein Eigentum geworden bist; dabei bleibt es!«

Er sprach jetzt in sehr bestimmtem Ton.

»Und wenn ich nicht will? Wenn ich mich dagegen wehre?« fragte ich.

Er sah mich von oben herunter an, lachte belustigt auf und antwortete:

»Du dich wehren? Du Knirps! Schau nur hier meine Hände an! Sag noch ein Wort dagegen, so drücke ich dir mit diesen Fäusten den dummen Kopf zusammen, daß er mir als Brei an den Fingern klebt!«

Bei diesen Worten hielt er mir seine Gigantenhände drohend vor das Gesicht.

»Es würde dir keinen Segen bringen«, warnte ich ihn. »Ich bin nämlich nicht allein!«

»Nicht allein?« fragte er, indem er rund um sich schaute. »Ich sehe niemand!«

»Aber du siehst doch zwei Pferde! Hast du wirklich noch nicht daran gedacht, daß einer der beiden Reiter fehlt?«

»Er fehlt? So? Warum? Wo befindet er sich?«

Das war mehr als kindlich naiv! Er verstellte sich nicht; es war keine Finesse, keine Kriegslist von ihm. Er dachte wirklich genau so, wie er sagte. Er suchte mit den Augen nach dem Verschwundenen. Ich aber meinte es weniger ehrlich. Ich beabsichtigte, ihn auszuforschen, und richtete meine Antwort daraufhin ein, obgleich sie keine Lüge, sondern die volle Wahrheit enthielt:

»Wo er sich jetzt befindet, weiß ich leider nicht. Er bemerkte die Spuren hier im Gras und wollte sehen, von wem sie seien. Darum ging er hinter ihnen her und ist noch nicht wieder zurückgekommen.«

»Ging er hier geradeaus und dann links um die Ecke des Gebüsches?«

»Ja«

»So kommt er überhaupt nicht wieder.«

»Warum?«

»Er ist unser Gefangener.«

»Du meinst, daß deine Leute ihn gesehen haben?«

»Gesehen und festgenommen! Unbedingt. Von unserm Lagerplatz aus kann man grad bis an jene Ecke sehen.«

»So lagert ihr wohl da drüben, links, jenseits des Gebüsches, im Wald?«

»Nicht im Wald selbst, sondern am Rand desselben. Man hat deinen Kameraden sofort gesehen, als er um die Ecke gebogen war. Ist er ebenso klein wie du?«

»Noch kleiner.«

»Noch kleiner?« lächelte er. »So hat man sich wohl überhaupt gar keine Mühe mit ihm gegeben.«

»Und wenn er sich gewehrt hat …?«

Das war meine Hauptfrage. Ich war gespannt, was er hierauf sagen werde.

»So ist er tot«, antwortete er.

»Wirklich?«

»Gewiß! Wir dulden keine Gegenwehr. Wir verlangen Gehorsam. Und so ein Zwerg, der sogar noch kleiner ist als du, wenn der es wagt, uns widerstehen zu wollen, so machen wir es kurz, sehr kurz mit ihm. Die Erde braucht keine Zwerge. Sie sind unnütz. Alles, was zu klein ist und was krank ist, steht dem Großen, dem Gesunden im Wege. Es hat zu verschwinden. Also, wenn dein Genosse ungehorsam gewesen ist, so ist er tot. Aber das geht dich und mich doch gar nichts an! Ich habe nachzusehen, was du alles besitzest. Wenn das vorüber ist, reiten wir nach dem Lager. Dort wird das, was du bei dir hast, geteilt. Ich aber will schon jetzt sehen, was mir gefällt, damit ich es dann bekomme.«

Das war sehr aufrichtig, aber nicht auch sehr beruhigend! Daß ich allerdings das Lager betreten würde, aber nicht als Gefangener, das verstand sich ganz von selbst. Dazu gehörte zunächst die Überwältigung dieses Riesen. In welcher Weise sie zu bewerkstelligen sei, das war noch nicht bestimmt. Schuß- und Stichwaffen waren ausgeschlossen. Der Scheich war ein guter, lieber und zudem auch hochinteressanter Mensch, den ich weder verletzen noch gar töten durfte. Ich mußte im Gegenteil danach trachten, mir die Zuneigung der Ussul zu gewinnen. Dieser Stamm konnte mir als Stütz- und Ausgangspunkt für alles, was später zu geschehen hatte, dienen, und dazu war zunächst erforderlich, mich jeder nicht schonenden Behandlung ihres Anführers zu enthalten. Übrigens stellte es sich als gar nicht nötig heraus, mir den Kopf darüber zu zerbrechen, in welcher Weise ich ihn in meine Gewalt bringen könne. Er kam mir nämlich hierin ganz von selbst entgegen, und zwar in so bequemer Weise, daß ich weiter gar nichts zu tun hatte, als nur zuzugreifen.

Indem er mich und meine Sachen untersuchte, fragte er nach jedem einzelnen Gegenstand, um den Gebrauch und den Wert desselben kennenzulernen. Er wollte für die spätere Verteilung schon jetzt seine Auswahl treffen. Darum fragte er nach allem, was er sah, und ich erteilte die gewünschte Auskunft in so bereitwilliger Weise, als ob ich mich vollständig in das mir bestimmte Schicksal ergeben hätte. So kam er auch an den langen, höchst künstlich zusammengeflochtenen Fangriemen, der am Hals meines Syrr hing.

»Was ist das?« fragte er, indem er ihn betrachtete und betastete.

»Ein Lasso«, antwortete ich.

»Ein Lasso? – Noch nie hörte ich dieses Wort! Dieses Flechtwerk ist eine große Kunst. Auch wir flechten Riemen, aber kurz, nicht so lang. Und so fest, so gleichmäßig und so schön bringen wir es nicht fertig. Das heißt also ein Lasso! Wozu wird es gebraucht?«

»Zum Fangen der Menschen.«

Es lag natürlich nicht in meiner Absicht, ihm zu verraten, daß sich dieser Gebrauch weniger auf Menschen als vielmehr auf Tiere bezog.

»Menschen fangen mit diesem Riemen?« fragte er schnell und angelegentlich. »Also doch wohl Feinde?«

»Ja.«

»Während des Kampfes? Wenn sie entfliehen wollen?«

»Überhaupt bei jeder Gelegenheit, wenn man sie fangen will.«

»Bei jeder Gelegenheit? Die Feinde fangen? Das ist ja wichtig, im höchsten Grad wichtig! Und du weißt, wie man das macht?«

»Ja, natürlich.«

»Kannst du es mir zeigen?«

»Wenn du es wünschest, gern.«

»Gleich jetzt, hier? Nicht erst dann, wenn meine Leute dabei sind und es ebenso sehen wie ich?«

»Jetzt gleich«, nickte ich.

»So tue es; ja, tue es schnell! Seine Feinde fangen, mit so einem Riemen! Das ist ja herrlich! Schau, hier an meinem Gürtel hängt auch ein ganzer Pack von Riemen. Die sind aber nicht, um die Feinde zu fangen, sondern nur, um sie zu binden; da muß man sie aber vorher erst haben. Also zeig es mir!«

»Aber an wem soll ich es dir zeigen?« fragte ich, indem ich den Lasso vom Hals des Pferdes schlang. »Es ist ja kein Feind vorhanden, den ich fangen könnte!«

»Das schadet nichts«, meinte er. »Denke einmal, ich sei einer! Dauert es lang?«

»Nur wenige Augenblicke.«

»Und tut es weh?«

»Gar nicht.«

»So fang an! Mach los! Was habe ich dabei zu tun?«

»Setz dich auf dein Pferd, und versuch, mir auszureißen!«

»Schön! Gut! Wohin soll ich fliehen?«

Ich deutete in die Richtung zurück, aus der ich mit Halef gekommen war, denn die kannte ich. Es kam mir darauf an, den Scheich von hier zu entfernen, wo das Lager seiner Leute so verhältnismäßig nahe war. Ein Hilferuf von ihm, den sie hörten, konnte meinen ganzen Plan vereiteln. Und zu seiner Ausführung brauchte ich einen versteckt liegenden Baum, an den ich den Riesen binden konnte, ohne befürchten zu müssen, daß man ihn sobald entdecken werde.

»Flieh dorthin zu«, antwortete ich, »und zwar so schnell du kannst!«

»Willst du mich etwa einholen?« erkundigte er sich mit breitem Lachen.

»Ja.«

»Und dann mich fangen? – Zu Pferde?«

»Ja.«

»Mit diesen deinen kleinen Hunden, die gar keine Pferde sind? Hörst du, ich lache dich aus! Aber versuche es! Die Schande, die du erlebst, ist dann nicht mein, sondern dein!«

Er hatte keinen Steigbügel, sich bequem aufzuschwingen; so kletterte er mühsam auf den breiten First seines Urgaules. Dort angekommen, setzte er sich in der behaglichen Weise zurecht, wie man es sich nach Feierabend auf den Kissen eines alten lieben Kanapees bequem zu machen pflegt, nickte dann zufrieden von oben herunter und forderte seinen Untertanen, der mit ihm jetzt davonjagen sollte, auf:

»Jetzt fort von hier, Smihk! Aber schnell, sonst setzt es gewaltige Prügel!«

Das liebe Tier schien diese Worte weder zu verstehen noch auf sich zu beziehen. Es tat gar nicht, als ob es irgendwen auf dem Rücken habe, oder als ob außer ihm und mir noch irgend ein anderes Wesen vorhanden sei. Es richtete seine ganze Aufmerksamkeit auf mich allein. Seine Blicke bewegten sich ausschließlich immer nur auf meiner Person herum, und zwar mit einem so entschiedenen Ausdruck von Wohlwollen, daß seine Zuneigung zu mir, dem Fremden, gar nicht zu verkennen war. Anstatt den Willen seines Herrn zu tun, kam es wieder auf mich zu, rieb seine Schnauze an meinem Arm und streckte dann die lange fette Zunge heraus, um mit ihr einen liebevollen Spaziergang über mein Gesicht zu machen. Da aber riß der Scheich den Kopf des Pferdes mit Hilfe des Zügelriemens von mir weg und rief drohend aus:

»Was fällt dir ein? Wenn du nicht sofort galoppierst, werde ich mir Gehorsam verschaffen! Verstehst du mich?«

Er bückte sich bei diesen Worten zu dem Kopf des Pferdes nieder, um ihm seine drohende Faust zu zeigen. Das Tier schien ihn dieses Mal verstanden zu haben, denn es versuchte, ihm einen strafenden Blick nach hintenüber zuzuwerfen, stieß ein höchst unwilliges, antediluvianisches Getöse aus, was ich jedenfalls als Wiehern hinzunehmen hatte, trat rasch ganz an mich heran und machte mir mit der Zunge so schnell, daß es nicht zu verhindern war, einen Querstrich über das Gesicht.

»Er hat dich lieb; wahrhaftig, er hat dich lieb!« wunderte sich der Scheich. »Wie es nur kommen mag, daß grad du ihm so gefällst?«

Ich nahm diese Worte hin, ohne mich lange zu fragen, ob ich mich über sie freuen oder ärgern sollte. Doch schien das mit der Zunge auch mir eine Art von Liebeserklärung zu sein. Es fiel mir dabei ein kleines Ereignis aus meiner Jugendzeit ein, welches mir damals psychologisch hochinteressant gewesen war. Das geschah während meiner Schülerzeit. Ich ging während einer Ferienwanderung an einer langgestreckten Gebirgswiese hin, auf der das Gesinde des Besitzers »Heu machte«, wie man das da oben auszudrücken pflegt. Die Leute verrichteten ihre Arbeit sehr ernst und fleißig, einen einzigen Knecht ausgenommen, der mit der vor ihm postierten Großmagd in einem fort schäkerte. Sie war ein großes, starkes, ungeschlachtes Frauenzimmer. Eben als ich vorübergehen wollte, umfaßte er ihre riesenhafte Taille, hielt sie fest und gab der Magd einen Kuß. Dann warf er mir, dem Zeugen seiner Heldentat, einen triumphierenden Blick zu, der aber nicht von langer Dauer war, denn die Magd holte aus und gab ihm eine so gut gesalzene Ohrfeige, daß er das Gleichgewicht verlor und, so lang er war, in das Heu zu liegen kam. Ein allgemeines Gelächter erscholl, und nun war es die Magd, die mir, dem Zeugen ihrer Heldentat, einen triumphierenden Blick zuwarf. Ich kleines, gern auch einmal lustiges Männchen blieb stehen und lachte mit. Als er das sah, sprang er zornig auf und rief mir zu: »Was hast denn du zu lachen, du Knirps, du nichtsnutziger, du? Daß sie mir die Maulschelle 'geben hat, is doch der Beweis, daß sie mich gern hat! Wannst es net glaubst, so geh her und frag sie doch gleich selber!« Sie aber wartete es gar nicht ab, ob ich es tun werde, sondern sie stemmte die Arme in die Hüften, nickte mir sehr überlegen zu und belehrte mich: »Is richtig, alles richtig! Er is der Meinige. Einen andern hau ich net!« Meine damalige Menschenkenntnis reichte noch lange nicht an das Verständnis dieser eigenartigen Logik heran. Darum machte ich mich schleunigst auf den Weg, um im stillen darüber nachzudenken, welche Gründe man haben kann, nur immer »den Meinigen« zu hauen, aber keinen anderen. Daß dieses scheinbare psychologische Rätsel etwas psychologisch sehr leicht Begreifbares ist, das sah ich erst nach Jahren ein. Und jetzt, wo der Scheich sich über die Zuneigung seines Urpferdes wunderte, kehrte mir die Erinnerung an jenen Ferientag zurück. Sollte das Urpferd den Ohrfeigen, die ich ihm gegeben hatte, dieselbe Bedeutung beigelegt haben? Sollte es mich für »den Seinigen« halten? Der Scheich trieb es von neuem an zu laufen. Es blieb stehen und äugelte mit mir. Er stieß ihm die Fersen in die Weichen. Es blieb stehen und äugelte mit mir. Er schlug es mit der Faust auf den Schädel, daß ich glaubte, es müsse ein tiefes Loch entstehen. Es rührte sich nicht von der Stelle und äugelte mit mir. Da begann er, es mit dem schweren Spieß zu bearbeiten. Als auch das nichts half, rief er mir zornig zu:

»Siehst du denn nicht, daß es nicht will? Treib es doch an! Gib ihm eins hintendrauf!«

»Ich soll es antreiben, ich?« fragte ich. »Bin ich denn der Reiter?«

»Nein. Aber es scheint seinen Narren an dir gefressen zu haben. Es will nicht von dir fort. Da bist du doch verpflichtet, es von dir fortzujagen. Es ist doch nicht dein, sondern mein!«

Ich hatte Mühe, das Lachen zu unterdrücken und antwortete:

»Ist das vielleicht die Schande, die du mir vorausgesagt hast? Was soll das für ein Wettrennen werden, wenn dein Pferd überhaupt nicht von der Stelle will! Hast du es denn nicht in der Gewalt?«

»Natürlich habe ich es! Und wie! Wenn es vorwärts soll, drücke ich ihm meine Schenkel an den Leib.«

»Da geht es vorwärts?« fragte ich.

»Ja. Wenn es nach rechts soll, ziehe ich an der rechten Leine …«

»Da geht es nach rechts?«

»Ja. Wenn es nach links soll, ziehe ich an der linken Leine …«

»Da geht es nach links?«

»Ja. Wenn es stehen bleiben soll, ziehe ich an der rechten und an der linken Leine zugleich …«

»Da bleibt es stehen?«

»Ja.«

»Das glaube ich nicht. Beweise es mir! Du treibst es ja an; es geht aber nicht!«

»Weil ich die Einleitung vergessen habe. Ich wollte nicht wieder herabsteigen, um es nachzuholen. Darum bat ich dich um deine Hilfe. Aber, um dir zu beweisen, daß es gehorcht, muß ich dennoch wieder hinunter. Paß auf!«

Er arbeitete sich schwerfällig vom Pferd zur Erde nieder, drehte seinen Spieß um, hob ihn hoch empor und schrie dem Gaul zu:

»Ich weiß, was du willst! Du willst erst Prügel haben! Ich muß dir jedesmal, ehe ich aufsteige, zeigen, daß ich der Herr bin, nicht aber du; sonst glaubst du es nicht. Da hast du die Hiebe – da – da – da – da – und da!«

Er schlug mit aller Gewalt auf das Tier ein, daß es nur so klatschte und puffte. Das Pferd senkte den Kopf, es steckte ihn, damit er nicht getroffen werde, so weit wie möglich zwischen die Vorderbeine und nahm im übrigen die Hiebe wie etwas Alltägliches und Vertrautes hin, das einem gewohnt und lieb geworden ist. Als es sein Deputat aufgezählt bekommen hatte, turnte sich der Scheich wieder auf seinen Sitz hinauf und sagte:

»Nun paß auf, wie es laufen wird. Wenn es durchbrennen soll, muß ich vorher Feuer machen. Dann läuft es, und wie! Keine Möglichkeit, mich einzuholen! Komm!«

Sobald er oben war, zog der Gaul seinen Kopf zwischen den Vorderbeinen hervor, warf ihn hoch empor, ließ herausfordernd seine unbeschreibliche Stimme erschallen und schoß dann vorwärts, aus Leibeskräften und in einer Art und Weise, als ob er sich vorgenommen habe, mit dem Kopf durch alle Mauern von Ardistan zu rennen. »Komm! Hol mich ein!« rief der Scheich nochmals zurück. Dann war es aus mit dem Reden, denn er hatte sich alle Mühe zu geben, nicht herabgeschleudert zu werden. Das ebenso plötzliche wie eilige Vorwärtsschießen des unbeholfenen, massigen Pferdekörpers machte einen so unwiderstehlich heitern Eindruck, daß ich laut auflachen mußte. Mit der Verfolgung brauchte ich mich nicht zu übereilen. Halefs Ben Rih war mehr auf Lasso eingeübt als mein Syrr. Den ersteren habe ich jahrelang geritten, den letzteren aber nur erst kurze Zeit, und den starken, die Knochen sehr angreifenden Ruck, den der Lasso kurz nach dem Wurf gibt, wollte ich dem hochedeln Syrr ersparen. Ich sorgte also dafür, daß die Gewehre und alles, was an Riemen hing, nicht schleudern und schlagen konnte, band Syrrs Zügel am Sattelknopf fest, warf den Lasso in Schlingen und schwang mich auf Ben Rih. Der Lasso wurde im Sattelring eingehakt und dann ging es vorwärts. Rih folgte ganz von selbst, ohne alle Aufforderung. Die klugen Tiere begriffen, daß es sich darum handelte, den vor uns hinstürmenden Reiter einzuholen.

Der Urgaul leistete, was er leisten konnte. Als ich in den Sattel stieg, hatte er gewiß schon vierhundert Pferdelängen zurückgelegt; aber ihn einzuholen, erforderte für uns, selbst ohne daß ich meine Pferde anzutreiben brauchte, nur eine so kurze Zeit, daß es gar nicht nötig war, sie zu berechnen. »Kleine Hunde«, hatte der Scheich meine Pferde genannt, und wie Hunde, die ein Wild zu erjagen haben, flogen sie nun hinter ihm her, ohne daß es nötig gewesen war, sie vorher erst durch eine »Einleitung« mit dem Spieß zu begeistern.

Das Terrain war gar nicht ungeeignet zu einer solchen Jagd, rechts und links entweder Wald oder hoch aufstrebendes Gebüsch. Und nun schössen wir über ein Meer von Wohlgerüchen dahin, welches niedrigen Papilionaten entströmte, die einen schmalen, sich lang hinschlängelnden, baumlosen Strich ausfüllten. Es waren zwei Arten der orientalischen Genista – Ginster –, die eine hochgelb, die andere metallisch weiß blühend. Diese letztere wird auch in der Heiligen Schrift erwähnt. Die gelbe glänzte genau wie Gold, die weiße wie reines, schmelzendes Silber. Ob beiden oder nur einer von ihnen der herrliche Duft entströmte, das war bei der Eile, die ich hatte, nicht festzustellen.

Die goldig silberne Bahn, der ich folgte, lief nicht gerade, sondern in häufigen Biegungen. Darum verschwand der Scheich bei jeder dieser Krümmungen vor meinen Augen. So oft er dann wieder erschien, konnte ich deutlich ersehen, um wieviel ich ihm näher gekommen war. Das ging unbeschreiblich schnell. Es waren wohl kaum zwei Minuten vergangen, seit ich ihm folgte, so trennten mich nur noch acht oder neun Pferdelängen von ihm.

»Hier bin ich!« rief ich ihm zu. »Paß auf!«

Er drehte sich um. Als er sah, wie nahe ich ihm war, rief er aus:

»Das schadet nichts. Ich fange ja nun erst an zu galoppieren!«

Das war einfach lächerlich. Sein Pferd strengte sich ehrlich an, konnte aber schon fast nicht mehr. Es stöhnte bei jedem Sprung, den es tat; das hörte ich. Es war bereits außer Atem. Und nun trieb er es mit den Füßen, mit den Fäusten und mit dem Spieß derart an, daß ich schon aus Mitleid mit dem Tier der Sache ein Ende zu machen hatte.

»Halte dich fest!« warnte ich ihn. »Jetzt fasse ich dich!«

Er nahm sich gar nicht Zeit, sich wieder umzuschauen. Er rief die Antwort, die er mir gab, so vor sich hin, daß ich sie nicht verstand, schlug aber mit verdoppeltem Eifer auf sein Pferd ein. Da nahm ich die wohlgeordneten Schlingen des Lassos so leicht, daß sie schnell ablaufen konnten, in die offene, linke Hand, hob die Schleife über meinen Kopf empor, gab ihr den nötigen, genau berechneten Schwung und ließ sie fliegen. Der Augenblick hierzu war günstig gewählt, denn der Scheich harte gerade jetzt seine beiden Arme gesenkt. »Andak – halt an –!« rief ich meinen Pferden zu. Nur noch ein Sprung, da standen sie still. Die unzerreißbare, lederne Schleife schwebte grad über dem Kopf des Scheichs. Eine kleine Bewegung meiner Hand und dann ein kräftiger Ruck, so fiel sie nieder und legte sich ihm um die Oberarme. Im gleichen Moment bekam Ben Rih den schon erwähnten Ruck, den er aber sehr wohl kannte. Er stellte sich schief, um nicht umgerissen zu werden, und so wurde der Scheich von dem scharf angespannten Lasso vom Pferd geschleudert. Sein Gaul tat noch einige Sprünge und blieb dann mit schlagenden Flanken stehen, um zunächst wieder zu Atem zu kommen. Als dies geschehen war, drehte er sich um, jedenfalls in der Absicht, nachzuschauen, wohin sein Herr so plötzlich verschwunden sei. Dieser aber lag so tief in den duftenden Schmetterlingsblüten, daß er gar nicht zu sehen war. Dafür sah der Gaul mich, der ich soeben aus dem Sattel sprang. Er kam augenblicklich auf mich zu, blieb vor mir stehen, warf den Kopf empor, riß das Maul auf und begann eine derartige welterschütternde Lamentation über die Zumutung, die an ihn gestellt worden war, daß höchstwahrscheinlich Steine erweicht worden wären, wenn sie dagelegen hätten. Leider durfte ich mir nicht die Zeit nehmen, die Triller und Läufer dieser noch etwas ungeschulten Stimme zu genießen, denn der Scheich stand nicht wieder auf. Er lag vollständig bewegungslos auf der Stelle, auf die er gefallen war. Ich ging hin und kniete bei ihm nieder. Er befand sich in tiefer Ohnmacht. Jedenfalls war mit dem Kopf auf die Erde geprallt, und zwar so stark, daß er die Besinnung verloren hatte.

Ihm war diese Ohnmacht zu glauben. Bei einem Indianer hätte ich sie zunächst für Verstellung gehalten, in der Absicht, mich zu überlisten. Der Scheich der Ussul aber besaß wohl keine Veranlagung zu einer solchen Komödie. Seine Ohnmacht war jedenfalls echt, obwohl ich seinen Puls ziemlich deutlich schlagen fühlte. Und mir war sie hochwillkommen, denn durch sie wurde es mir möglich, ihn so vollständig und so mühelos unschädlich zu machen, wie es mir nicht möglich gewesen wäre, wenn er die Besinnung behalten hätte. Da kam mir denn der Pack Riemen gelegen, den er, wie bereits erwähnt, an seinem Gürtel hängen hatte. Ich machte ihn von meinem Lasso los, band ihm mit Hilfe dieser Riemen die Beine eng zusammen und die Arme fest an den Leib und schnitt aus dem nächsten Buschwerk einige Stangen, an die ich ihn lang ausgestreckt fesselte, um seinen eigenen Körper als Tragbahre zu benutzen, die ich meinen beiden Pferden aufladen wollte. Eben als ich die letzten Knoten schlang und er mir nun vollständig sicher war, kam er wieder zu sich. Er öffnete die Augen, die er zunächst ganz ausdruckslos auf mich richtete. Bald aber kehrte ihm auch das Gedächtnis zurück. Er erkannte mich, er besann sich. Seine erste Frage war:

»Wo ist Smihk? Ich sehe ihn nicht!« Doch ohne auf meine Antwort zu warten, fügte er sogleich hinzu: »Du hast mich also doch eingeholt! Unglaublich!«

»Und dich sogar gefangengenommen!« fügte ich hinzu.

Erst durch diese meine Worte wurde er darauf aufmerksam, daß er sich nicht bewegen konnte. Er versuchte zwar, die Glieder zu rühren, doch ohne Erfolg. Da rief er aus:

»Richtig! Ich bin sogar auch gefangen!«

»Wer hat also die Schande? Etwa ich?«

»Nein, du nicht, sondern ich!« antwortete er, indem er einen grimmigen Blick an sich herniedergleiten ließ. »Das werde ich bestrafen!«

»An wem?« erkundigte ich mich.

»An Smihk! Das kannst du dir doch denken! Oder meinst du etwa, ich sei schuld daran? Er ist eine faule Bestie! Ich schlage ihn tot! Wo ist er denn? Ich sehe ihn noch immer nicht!«

»Da steht er, gleich hinter dir. Wenn er deine Worte verstehen könnte, würde er dich auslachen.«

»Auslachen? Warum?«

»Weil du, der berühmte, tapfere Scheich der Ussul, nicht Mut genug besitzest, einen kleinen Fehler, den du gemacht hast, einzugestehen, sondern ihn auf ein unschuldiges Wesen wirfst, welches sich nicht dagegen wehren kann. Das ist eine Feigheit. Ja, das ist noch mehr als Feigheit; das ist Lüge, und du hast doch behauptet, daß die Ussul die Lüge hassen und verachten!«

»Ja, das tun wir; ja, die hassen wir! Der Lügner ist ein Feigling! Aber ich kann doch nicht einsehen, daß ich unwahr gesprochen habe. Wäre Smihk schneller gelaufen, so hättest du mich nicht einholen und vom Pferd werfen können. Sogar gebunden und gefesselt hast du mich! Wer ist also schuld daran? Nicht ich, sondern er!«

»Nein! Nicht er, sondern du! Du kanntest meine Pferde nicht, die mit dem Wind um die Wette laufen. Und du kanntest auch mich nicht, der ich weder Lust noch Veranlassung habe, mich wegen deiner Körpergröße vor dir zu fürchten! Es war eine unbegreifliche Unvorsichtigkeit von dir, mich und meine Pferde gegen dich und deinen dicken Gaul herauszufordern. Wenn du Verstand hast, so siehst du das ein!«

»Hm!« brummte er nachdenklich. »Da hätte ich also diesen Smihk um Verzeihung zu bitten? Gut, ich tue es! Ich lüge nicht! Und ich habe Verstand! Ich bin der Scheich der Ussul, die nur die Wahrheit reden! Also, es war eine Dummheit von mir! Das ändert aber daran nichts, daß du ohne meine Erlaubnis in mein Reich getreten bist, und daß ich folglich dein Gebieter bin, dem du zu gehorchen hast. Ich befehle dir also, mich loszubinden!«

»Sehr gern, aber jetzt noch nicht!« antwortete ich in meinem freundlichsten Ton.

»Warum nicht?« fragte er.

»Weil ich noch nicht ganz damit fertig bin, dich gefangenzunehmen.«

»Wieso?«

»Weißt du denn nicht, daß die Gefangennahme eines Menschen erst dann vollendet ist, wenn er im Gefängnis steckt?«

»Hältst du mich etwa für so dumm, daß ich das nicht weiß?«

»Oder du mich für so dumm, daß ich es nicht ausführe? Du hast über mich gelacht. Du hast es für unmöglich gehalten, daß ich dich in meine Gewalt bringe. Ich muß dir also beweisen, daß ich es kann. Daraus folgt, daß ich dich in das Gefängnis zu schaffen habe.«

»Wo gibt es denn eins?«

»Hier ganz in der Nähe.«

»Du irrst. Das einzige Gefängnis, welches in dieser Gegend vorhanden ist, das gibt es in meinem Schloß!«

»Wie?« fragte ich. »Du hast ein Schloß?«

»Ja. Ein großes, herrliches Schloß. Und rundum wohnt die Menge meiner Leute. Dieses Schloß kannst du doch wohl nicht meinen?«

»Nein.«

»Ein anderes Gefängnis aber gibt es doch nicht!«

»Du irrst.«

»So sag nur, wo?«

»Ganz in der Nähe hier.«

Er lachte und rief aus:

»Du kennst als Fremder Orte, die ich als der Besitzer dieses Landes niemals sah! Und nach diesem Gefängnis, welches ich nicht kenne, willst du mich bringen, um deinen Sieg zu vollenden?«

»Ja.«

»Wie willst du das anfangen? Ich bin ja gefesselt!«

»Ich lasse dich als Sänfte von meinen Pferden tragen. Oder ich binde dich an den Schwanz deines Smihk und lasse dich durch ihn an Ort und Stelle schleppen.«

»Das muß ich mir verbitten! Ich bin weder eine Sänfte, die getragen, noch ein Holzbündel, welches geschleppt werden muß. Ich werde reiten!«

»Und mir entfliehen? – Nein! Darauf gehe ich nicht ein!«

»So werde ich gehen!«

»Auch das nicht.«

»Warum nicht?«

»Weil ich dich da losbinden müßte.«

Das leuchtete ihm ein. Er war fast ebenso ein Urgeschöpf wie sein famoser Dicker. Er sann einige Zeit sehr beträchtlich nach und sagte dann:

»Du hast recht! In das Gefängnis muß ich, falls du Wort halten willst. Wenn du mich aber ganz losbindest, werde ich dir unbedingt entfliehen. Da gibt es nur ein Mittelding, auf welches wir uns einigen können. Du gibst mir nämlich nur die Füße frei, die Arme aber nicht.«

»Gut! Einverstanden!« stimmte ich bei. »Dafür aber darfst du dich nicht dagegen wehren, daß ich dich, sobald wir das Gefängnis erreichen, in festen Gewahrsam nehme!«

»Das verspreche ich dir sehr gern«, lachte er. »Dieses Gefängnis existiert ja nur in deiner Einbildung. Wieviel Löcher hat es?«

»Keins. Es ist so gebaut, daß die Gefangenen nicht hineingeschafft, sondern nur außerhalb, also im Freien, untergebracht werden können.«

»Im Freien? Bist du verrückt? Und das nennst du ein Gefängnis? Höre, daß ich dich getroffen habe, das beginnt, mir großen Spaß zu machen. Es wollte mir erst so gar nicht passen, daß ich gefesselt und gefangen bin; in der Weise aber, wie du es treibst, fängt es an, mir zu gefallen. Gib mir die Füße frei! Dann gehen wir.«

»Das heißt: Du gehst, ich aber reite!«

»Ich habe nichts dagegen!«

Er nahm an, daß ich mich auf eines meiner Pferde setzen werde. Ich führte sie aber zur Seite, pflockte sie an und gebot ihnen, sich zu legen. Sie gehorchten sofort, und ich wußte, daß sie hier bleiben und erst bei meiner Wiederkehr aufstehen würden. Als der Scheich das sah, fragte er verwundert:

»Du läßt sie hier? Ich denke, du willst reiten?«

»Allerdings, aber nicht auf einem von diesen beiden Pferden.«

»So wohl gar auf meinen Smihk?«

»Allerdings.«

Da schlug er ein schmetterndes Gelächter auf und rief dabei:

»Auf meinem Smihk will er reiten! Er, der Knirps! Auf meinem Smihk, der nicht einmal mir gehorcht! Eine solche Verrücktheit ist ganz unerhört! Das Pferd schmeißt ihn doch gleich beim ersten Schritt, den es tut, herunter!«

»Wollen sehen!«

Bei diesen Worten trat ich nahe zum Gaul heran. Ich warf ihm die beiden herabhängenden Enden des Zügelstrickes nach oben, griff in den Kamm und schwang mich hinauf. Er ging vor Überraschung mit den beiden Vorderbeinen in die Höhe, stand dann aber ganz still und legte die Ohren derart nach hinten, als ob er mich mit ihnen besichtigen wolle. Auf diese kurze, schnelle und wenig umständliche Art war ihm noch niemand auf den Rücken gekommen.

»Paß auf! Jetzt fliegst du wieder herab!« warnte mich der Scheich.

Es fiel aber dem Dicken gar nicht ein, sich gegen mich zu sträuben. Als er fühlte, daß ich die beiden Strickenden in die Hände nahm, warf er den Kopf in die Höhe und ließ ein so außerordentliches Triumphgeheul hören, als ob er im Begriff stehe, vor Wonne zu platzen. Ich gab ihm beiderseitigen Schenkeldruck; er ging. Ich zog rechts, und ich zog links; er gehorchte augenblicklich. Er trabte und galoppierte, je nachdem ich den Schenkeldruck verstärkte. Und er blieb sofort stehen, als ich beide Zügel zugleich spannte. Dann stieg ich wieder ab. Da drehte er den Kopf zu mir herum und ließ ein behaglich brummendes Schnauben hören, welches sehr deutlich sagte: »Das war mir eine Freude! Ich danke dir! Steig nur bald wieder auf!« Der Scheich gestand aufrichtig ein:

»Ich weiß nicht, was ich sagen soll! So etwas hat er noch nie getan, noch nie! Wie mag das wohl kommen?«

»Davon später. Jetzt haben wir keine Zeit, uns mit den Gedanken und Gefühlen der Tiere zu beschäftigen.«

»Gedanken und Gefühle?« fragte er. »Meinst du, die haben sie auch?«

»Natürlich!«

»Aber die gehen uns doch nichts an! So ein Vieh hat zu gehorchen, weiter nichts!«

»Du irrst. Doch wiederhole ich: hiervon später! Jetzt habe ich dich nach dem Gefängnis zu bringen.«

»Ja, nach dem Gefängnis, welches keine Gefängnisse hat!« lachte er. »Da hast du mich aber von den Stangen loszubinden!«

»Das nicht«, erwiderte ich.

»Warum nicht? Da kann ich doch den Körper nicht bewegen!«

»Das sollst du auch nicht. Zum Gehen brauchst du nur die Beine. Es genügt also, wenn ich nur sie freigebe. Halt still!«

Ich entfernte den Riemen von den Füßen an bis herauf zu den Hüften, schob ihm die Stangen höher an den Leib hinauf, daß sie unten nicht zu lang waren, und stand ihm dann bei, sich von der Erde aufzurichten. Er nahm diese seine Hilflosigkeit mit außerordentlich guter Miene hin. Die Situation machte ihm sichtlichen Spaß. Das war eine Naivität, die nur im Land der Ussul möglich sein konnte. Er hatte in seiner Einfalt eben nicht den allergeringsten Zweifel daran, daß er mein Herr und Gebieter sei und daß ich es nicht wagen werde, ihm in irgendeiner Weise zu widerstehen. Seine Harmlosigkeit ging sogar so weit, seine Fesseln als etwas ganz Selbstverständliches und zum heiteren Spiel Gehöriges hinzunehmen. Ich band ihn an das eine Ende seines Spießes, nahm das andere fest in die Hand, um ihn dirigieren zu können, und schwang mich wieder auf den breiten Rücken seines Urgaules. Dann traten wir den Weg nach dem »Gefängnis« an. Meine Pferde konnte ich unbesorgt hier zurücklassen, denn erstens hatte ich gar nicht die Absicht, mich sehr weit von ihnen zu entfernen, zweitens wußte ich, wie bereits gesagt, daß sie liegen bleiben würden, und drittens war mit Gewißheit anzunehmen, daß es ringsum keinen Menschen gab, der hier zu erwarten war.

Ich habe schon angedeutet, daß ich unter dem mehrfach erwähnten Gefängnis einen Baum verstand, an den ich den Scheich binden wollte. Ich sah einen hierzu passenden in der Nähe. Aus einem Gebüsch von Tamarix gallica erhob sich eine hohe Pappel von der Art Populus euphratica. Die war fest, und das Gebüsch bildete einen dichten Schirm, hinter dem ich meinen Gefangenen verschwinden lassen konnte, ohne daß er zu sehen war.

Als wir die Stelle erreichten, hielt ich an, stieg vom Pferd und führte den Scheich durch das Gesträuch hindurch bis zur Pappel.

»Lehne dich an den Stamm, aber recht fest!« forderte ich ihn auf.

»Warum?« fragte er.

»Ich muß dich anbinden.«

»Gehört das auch noch mit dazu?«

»Ja.«

»So tue es!«

Er lehnte sich, um es mir möglichst bequem zu machen, so fest, wie er konnte, an die Pappel und sah ganz ruhig zu, daß ich erst seine eigenen Riemen und dann auch meinen Lasso dazu benutzte, ihn so an den Stamm zu befestigen, daß es ihm nur mit fremder Hilfe möglich war, wieder loszukommen. Dabei sagte er treuherzig:

»Ich sehe aber ganz und gar nicht ein, warum du mich hier an diese alte Pappel bindest. Wenn du die Zeit hier verschwendest, wie lange soll es da dauern, bis wir an das Gefängnis kommen, welches du mir versprochen hast?«

»Gar nicht mehr dauert es«, antwortete ich. »Wir sind schon da.«

»Schon da? Wieso?« fragte er erstaunt, indem er um sich schaute.

»Diese Pappel ist das Gefängnis.«

Ich hatte ihn jetzt ebenso fest wie sicher und setzte mich nieder.

»Diese Pappel …!« fuhr er fort. »Ist das Gefängnis …? Höre, Fremder, ist das Scherz oder ist es Ernst?«

Sein Gesicht nahm jetzt einen Ausdruck an, der bedenklich und immer bedenklicher wurde.

»Es ist mein Ernst«, antwortete ich.

»Und ich habe es so halb und halb für einen Scherz genommen, obwohl der Scheich der Ussul eigentlich kein Mann ist, mit dem man ungestraft Scherze treiben darf. Aber merke dir, daß ich den Scherz mit dir getrieben habe, nicht etwa du mit mir! Also dieser Baum ist das Gefängnis! Und also darum hatte es keine Löcher, in die man gesteckt wird! Und also darum werden die Gefangenen nur außen herum untergebracht, im Freien! Der jetzige Gefangene bin ich?«

»Ja, du!«

»Wie lange? Wann werde ich wieder frei?«

»Sobald du willst.«

»Das ist gut! Das freut mich! Ich fordere dich also auf, mich augenblicklich wieder loszubinden. Ich muß zu meinen Leuten in das Lager, und du mußt mit!«

»Das eilt nicht so!«

»Du hast mir aber doch gesagt, sobald ich will. Und ich will!«

»Das hast du zu beweisen.«

»Beweisen? Warum? Wieso?«

»Dadurch, daß du dafür sorgst, daß meinem Begleiter, der sich höchstwahrscheinlich in eurem Lager befindet, nichts geschieht, was mir nicht gefällt.«

»Allah 'l Allah! So würde ich verwundert ausrufen, wenn ich Mohammedaner wäre. Da ich aber keiner bin, so rufe ich es nicht, sondern sage dir nur, daß ich Amihn heiße und der Scheich der Ussul bin. Du bist mein Eigentum, und darum ist alles mein, was du besitzest.«

»Mit welchem Recht?«

»Mit dem Recht der Gewohnheit, der Sitte, des Gebrauches.«

»So hat also jedermann das zu tun, was Recht und Gepflogenheit seines Stammes ist?«

»Natürlich!«

»Auch ich und du?«

»Ja, auch ich und du!«

»Schön! Einverstanden! So sind wir also einig!«

»Gewiß sind wir einig! Bei den Ussul ist es Recht und Sitte, daß die Personen und das sämtliche Eigentum jedes Menschen, der ohne besondere Erlaubnis zu uns kommt, uns gehört. Darum bist du mein und hast mir zu gehorchen. Herrscht diese Sitte bei euch nicht auch?«

»Gewiß! Doch aber in etwas anderer Weise!«

»In welcher?«

»Bei uns heißt es nicht: Jeder Mensch, der zu uns kommt, sondern: Jeder Mensch, zu dem wir kommen!«

»Ich verstehe dich nicht ganz.«

»So paß auf: Jeder Mensch, zu dem wir kommen, gehört uns, und zwar mit allem, was er besitzt.«

»Wirklich?« fragte er erstaunt.

»Ja«, antwortete ich mit besonderer Betonung.

»Da seid ihr schöne Kerle! Pfui Teufel!«

Er machte eine Gebärde des Abscheues und spuckte dabei aus.

»Findest du das etwa nicht richtig?« erkundigte ich mich.

»Ganz und gar nicht richtig! Es müßte denn sein, daß ich dich falsch verstanden habe. Nach deinen Worten ist es doch folgendermaßen: Wenn ihr in ein fremdes Land kommt, so ist dieses Land euer, samt allen seinen Bewohnern und aller ihrer Habe. Ist es so?«

»Ja.«

»So sage ich noch einmal ›Pfui Teufel‹! Ihr Räuber, ihr Gauner, ihr Schufte, ihr Schurken!«

Er spie jetzt wieder aus. Dann fuhr er fort:

»Was seid ihr denn eigentlich für Menschen? Wie heißt dein Stamm?«

»Dscherman – Deutsche – heißt er.«

»Das wundert mich. Ich habe von diesem Stamm gehört. Die Dschermanen sollen im fernen Westen des Abendlandes wohnen und sehr gute, sehr kluge, sehr tapfere und sehr vernünftige Leute sein.«

»Das sind sie allerdings!«

»Nein, das sind sie nicht, wenn sie so sind, wie du sagst! Wenn du als Deutscher hierherkommst, so bin ich also dein?«

»Ja.«

»Pfui Teufel! Was habt ihr für eine Religion?«

»Wir sind Christen.«

»Das will ich glauben! Denn wohin die Christen nur kommen, da stehlen sie alles, alles weg, was sie nur finden.«

»Woher weißt du das?«

»Das weiß doch die ganze Welt! Erst sind die Christen Bettler gewesen, blutarme Leute, haben gar nichts gehabt und ihren Hunger von den Ähren des Getreides gestillt. Isa Ben Marryam – Jesus, Marias Sohn –, der Stifter ihrer Religion, hat nicht einmal gehabt, wohin er sein Haupt legte. Und heute gehören ihnen die meisten Länder und die meisten Völker der Erde. Das alles haben sie sich zusammengeraubt und zusammengestohlen, teils mit List und teils mit Gewalt. Und sie sind hiermit nicht etwa zufrieden, sondern sie rauben und stehlen weiter, und sie werden mit ihren Listen und Gewalttaten nicht eher aufhören, als bis sie alles besitzen, was es auf Erden gibt! Und zu diesen Räubern, Mördern und Gaunern gehörst auch du?«

»Ja.«

»Pfui Teufel!«

Er spuckte wieder aus. Dann wollte er mich höchst verächtlich ansehen, brachte es aber nicht fertig, denn er sah das ruhige Lächeln meines Gesichtes, regte sich darüber auf und fuhr also zornig fort:

»Und da bist du so ruhig dabei, wenn ich pfui Teufel sage? Und da lächelst du so freundlich, so gütig und so selbstbewußt, als ob du einer der vielen Engel seist, von denen das Christentum und der Islam berichten? Hast du kein Gewissen, keine Scham?«

»Ich habe beides.«

»Unmöglich!«

»Ich bitte dich, diese Frage nach dem Gewissen und nach der Scham erst dir selbst vorzulegen, ehe du sie an mich richtest!«

»Willst du mich beleidigen?«

»Nein. Ich will nur einmal der Spiegel sein, in dem du dich selbst erkennst. Gesetzt, es wäre wahr, daß wir den fremden Leuten, zu denen wir kommen, alles nehmen, was ihnen gehört, so berauben wir eben doch nur fremde Leute. Du aber bestiehlst nicht fremde Leute, sondern die Menschen, die zu dir kommen und also deine Gäste sind. Wer ist also der größere Räuber, Gauner, Schuft und Schurke?«

Er machte ein sehr überraschtes Gesicht, gestand aber ehrlich, wenn auch nicht allzu schnell ein:

»Wir, natürlich wir! Denn den Gastfreund berauben, das ist die größte Schlechtigkeit, die es auf Erden gibt! Ich habe nicht gedacht, daß wir so schurkische …«

Da hielt er plötzlich im Satz inne, dachte nach und fuhr dann langsamer fort:

»Aber – aber – da sehe ich plötzlich, daß du mich mit einer Rede überrumpelt hast, deren Wahrheit erst zu prüfen ist, bevor man an sie glaubt! Beraube ich wirklich meine Gäste?«

»Gewiß!«

»Beweise es mir! Bist du etwa mein Gast? Indem ich nach deinem Eigentum greife, nehme ich es einem Menschen, der mir vollständig fremd ist. Und sind denn alle die, die ihr um ihre Länder bringt, euch fremd, vollständig fremd gewesen? Gibt es keinen einzigen Fall, in dem ihr ihre Gäste gewesen seid? Ich bitte dich also, dich ja nicht etwa zu brüsten. Es ist ein Räuber wie der andere und ein Spitzbube wie der andere! Seien wir ehrlich und lügen wir uns nicht an! Wer in des anderen Hände fällt, der hat Unrecht, immer Unrecht. So ist es bei euch und auch bei uns. Und da du es bist, der in meine Hände fiel, so habe ich recht, du aber unrecht. Ist das etwa nicht richtig?«

»Nein.«

»Wieso?«

»Zeig mir doch einmal deine Hände, in die ich gefallen bin!«

»Das kann ich augenblicklich nicht, denn du hast sie mir ja gebunden.«

»So sieh hier meine Hände! Die sind nicht gebunden, sondern frei.«

Ich stand vom Boden auf, zeigte sie ihm hin, faßte ihn bei beiden Armen und fuhr dann fort:

»Und nun schau und fühle, wer es ist, der mir in diese meine Hände fiel! Sag mir, wen halte ich fest?«

»Mich«, antwortete er, schon wieder erstaunt.

»Befinde ich mich also in deiner Gewalt? Oder du dich in der meinen?«

Das ging ihm über alle Begriffe. Er warf den Kopf hoch und öffnete den Mund, fast ebensoweit, wie sein Dicker zu tun pflegte, doch nicht in derselben Absicht, um zu wiehern. Er machte ihn im Gegenteil sehr bald wieder zu, ließ den Kopf wieder sinken und sagte:

»Höre, Fremder, du sprichst Gedanken aus, denen man unmöglich folgen kann. Ich werde besorgt um dich. Du bist kein guter, sondern ein gefährlicher Mensch, ein sehr gefährlicher!«

»Und da wirst du nicht besorgt um dich, sondern um mich?« lächelte ich.

»Lächle mich nicht in dieser Weise an«, zürnte er mir. »Ich kann es nicht leiden! Weißt du, man sieht bei diesem deinem Lächeln ein, daß man unrecht hat. Und das will ich nicht! Und man gewinnt dich bei diesem deinem Lächeln lieb. Und das will ich auch nicht! Ich beginne zu ahnen, daß du mir nicht gehorchen willst. Sei aufrichtig und sage mir: Was hast du für Gedanken?«

»Das sollst du gleich erfahren. Zunächst sage ich dir, daß ich ein freier Mann bin und nicht etwa dir gehöre. Ich stehe im Begriff, dir das zu beweisen. Ferner sind auch die Gegenstände, die ich bei mir habe, nicht dein Eigentum. Darum hole ich mir zurück, was du mir vorhin genommen hast.«

Ich griff ihm in die Tasche und steckte meine Uhr wieder zu mir.

»So ist sie also nicht mehr mein?« fragte er naiv.

»Nein.«

»Schadet nichts! Ich nehme mir sie wieder!«

»Versuche, es zu tun! Jetzt reite ich nach eurem Lager, um mit …«

»So mach mich los!« unterbrach er mich.

»Geduld, Geduld! Ich reite zunächst allein.«

»So nimmt man dich gefangen, wie man deinen Gefährten jedenfalls auch gefangengenommen hat!«

»Pah! Du nahmst mich ja auch gefangen – und wer ist nun jetzt der Gefangene?«

»Ich war nur eine Person und traute deiner Rede; sie aber sind ihrer viele und trauen dir nicht!«

»Ob sie mir trauen oder nicht, das ist mir gleich; ich will nur, daß sie mir gehorchen.«

»Gehorchen? Das werden sie nicht.«

»Sie müssen!«

»Wie wolltest du sie zwingen?«

»Durch dich.«

»Durch mich? Ich gebe mich nicht dazu her, sie zum Gehorsam gegen dich zu verführen!«

»Du sprichst, ohne dabei zu denken! Du hast dich ja schon dazu hergegeben, nämlich mir! Nun reite ich auf deinem dicken Smihk nach eurem Lager und …«

»Auf meinem Smihk?« unterbrach mich der Scheich. »Das wirst du mit deinem Leben zu bezahlen haben. Meine Krieger machen dich tot!«

»Warum?«

»Weil sie glauben, daß du dich an mir vergriffen hast!«

»Das ist es ja grad, was ich will! Sie sollen es nicht nur glauben, sondern ich werde es ihnen selbst sagen, selbst mitteilen.«

»So bist du verloren!«

»Im Gegenteil: Es wird meinen Gefährten retten, falls sie etwa Böses mit ihm vorhaben.«

»Du kennst sie nicht!«

»Das ist auch gar nicht nötig. Ich brauche nur mich zu kennen. Ich sage ihnen, daß ich dich gefangengenommen und festgebunden habe, und daß du sterben mußt, wenn man gegen mich oder meinen Gefährten auch nur die geringste Feindseligkeit unternimmt.«

»Sterben?« fragte er erschrocken.

»Ja.«

»Ich?«

»Ja, du!«

»Welch ein Schreck für Taldscha, meine Frau!«

Taldscha heißt Schneeglöckchen. Sollte dieser Mann eine Frau besitzen, die an Schönheit, Reinheit, Lieblichkeit und Zierlichkeit mit einem Schneeglöckchen zu vergleichen war? Ich wurde neugierig, dieses niedliche Glöckchen zu sehen.

»Du willst also meinen Leuten mit meinem Tode drohen?« fuhr er fort.

»Ja«, antwortete ich.

»Sie können einem solchen Knirps, wie du bist, ganz unmöglich glauben, daß du mich überwältigt hast!«

»Darum reite ich auf deinem Dicken. Wenn sie sehen, daß ich dir den abgenommen habe, werden sie überzeugt sein, daß du dich in meiner Gewalt befindest.«

»Fremder, du bist ein ganz verteufelter, ein ganz pfiffiger Kerl! Wenn man nur nicht so gezwungen wäre, dich liebzuhaben! Wann wirst du wiederkommen?«

»Das kann kurze Zeit, das kann auch Stunden dauern, je nachdem deine Krieger mit sich reden lassen oder nicht.«

»Und während dieser Zeit soll ich hier hängen bleiben?«

»Ja.«

»So rufe ich um Hilfe! Ich brülle! Meine Leute werden mich suchen und es hören, wenn sie in die Nähe kommen! Dann binden sie mich los, und du bist verloren!«

»Du wirst nicht um Hilfe rufen können, denn ich werde dir einen Knebel in den Mund stecken.«

»Einen Knebel? Könntest du wirklich so schlecht sein?«

»Ja. Sogar noch viel schlechter.«

»Dann werde ich wenigstens so laut brummen, daß man es hören muß. Das kann man selbst bei verschlossenem Mund!«

»So binde ich dir auch die Nase zu!«

»Wirklich? Dann müßte ich doch unbedingt ersticken!«

»Das weiß ich ebensogut wie du; aber du willst es ja nicht anders. Du drohst mir mit Schreien und Brummen und weißt doch, daß ich das verhüten muß. Jammerschade!«

Ich sprach dieses letztere Wort im Ton des Bedauerns aus. Er sah mich prüfend an und fragte dann:

»Schade? Was ist jammerschade?«

»Daß du mich zwingst, so streng gegen dich zu sein. Ich quäle dich nur ungern damit, daß ich dir Mund und Nase verschließe.«

»Ungern? Wirklich? Ja! Du bist nicht nur ein kluger Mensch, sondern auch ein sehr lieber, guter Kerl. Der Knebel, den du mir in den Mund stecken willst, tut deinem Herzen weh. Aber, warte einmal! Ich will nachdenken. Vielleicht finde ich ein Mittel, den Knebel zu umgehen!«

Er zog seine Stirne in ihre tiefsten Denkerfalten und blinzelte mit den Augen, um mir anzudeuten, daß die angeborene Intelligenz in ihm zu arbeiten beginne; dann rief er plötzlich aus:

»Ich hab's! Was wirst du tun, wenn ich dir verspreche, weder um Hilfe zu rufen noch zu brummen?«

»Dann werde ich dir weder Mund noch Nase verschließen, denn ich weiß, daß du dein Versprechen unbedingt halten wirst.«

»Unbedingt!« stimmte er bei. »Habe ich dir noch nie gesagt, daß die Ussul die Lüge hassen? Ich bliebe still, selbst wenn meine Leute kämen.«

»Aber losbinden ließest du dich von ihnen?«

»Auch das nicht, falls du mir versprichst, ganz sicher zurückzukehren, um mich wieder loszumachen.«

»Und glaubst du diesem meinem Versprechen?«

Da sah er mich verwundert an und antwortete:

»Warum soll ich dir nicht glauben? Du glaubst ja doch auch mir! Hältst du mich etwa für schlechter, als du bist?«

Welch ein Mensch! Ich fühlte mich innerlich verpflichtet, diese beispiellose Rechtschaffenheit sofort zu belohnen. Darum sagte ich:

»Wie sehr ich deinem Worte traue, das will ich dir beweisen. Wenn du mir versprichst, hier an diesem Baumstamm sitzen zu bleiben und ihn als dein Gefängnis zu betrachten, bis ich zu dir zurückkehre, so binde ich dich los!«

»Ich verspreche es. Genügt dir das?«

»Ja.«

Ich knüpfte erst den Lasso und dann auch alle Riemen auf. Während ich dies tat, gestand ich ihm aufrichtig:

»Ich bin sogar bereit, dich vollständig freizugeben und nach eurem Lager mitzunehmen, wenn du mir dein Wort gibst, mich und meinen Begleiter nicht als Feinde zu behandeln.«

Er schüttelte den Kopf und erklärte:

»Aus diesem Vorschlag spricht die Stimme deines Herzens, aber es ist mir verboten, auf sie zu hören.«

»Von wem?«

»Von der Ehrlichkeit. Wir Ussul geben niemals Versprechen, von denen wir wissen, daß sie höchstwahrscheinlich nicht zu halten sind. Ich weiß ebensowenig wie du, wo dein Begleiter steckt und was er getan hat, oder was mit ihm geschehen ist. Falls man ihn ergriffen hat, kommt es darauf an, ob er sich dagegen wehrte. Ein einziger Tropfen Blut kostet ihm das Leben. Und selbst wenn er keinen Widerstand leistete, bin ich nicht der einzige, der über sein Schicksal zu bestimmen hat. Der Sahahr – Zauberer – hat auch mit zu bestimmen. Ich kann dir also kein Versprechen machen und bleibe lieber als rechtschaffener Mann hier im Gefängnis sitzen, als daß ich mir die Freiheit durch Betrug erkaufe.«

Er war inzwischen von seinen Fesseln befreit, setzte sich nieder und lehnte sich an den Pappelstamm mit der Miene eines Mannes, der entschlossen ist, an Ort und Stelle zu bleiben.

»So reite ich denn allein fort«, sagte ich. »Du wirst also hier warten, bis ich zurückkehre?«

»Ja.«

»So werde ich mich beeilen. Leb wohl!«

Ich reichte ihm die Hand. Er schüttelte sie mir in höchst brüderlicher Weise, ließ über sein urwaldbärtiges Gesicht ein freundliches Lächeln gehen und sprach:

»Kehr bald zurück! Ich freue mich schon darauf. Ich habe dich schon sehr gern, genau so gern wie der Smihk!«

Er bezog sich mit dieser Äußerung auf den Urgaul, der vor Wonne zu trampeln begann, als er sah, daß ich beabsichtigte, mich wieder auf seinen Rücken zu schwingen und als ich oben war, stieß er einen Jubelschrei aus, der genau so klang, als ob der tiefste Ton einer Baßposaune mit dem höchsten Ton einer Pikkoloflöte im heftigsten Zweikampf liege, und rannte mit solcher Schnelligkeit davon, als ob er den Scheich der Ussul im ganzen Leben nicht wiedersehen wolle.

Ich bin einmal mit einem feschen Tirolerbuben, der am Tag vorher Hochzeit gemacht hatte, auf die Alpe gestiegen. Der konnte sich vor lauter Glück nicht fassen und stieß alle fünfzig oder hundert Schritt einen schallenden Juchzer aus, sonst wäre er vor Seligkeit zerplatzt. Mein Dicker schien ähnlich wirkende Seligkeiten im Busen zu tragen, denn er benahm sich fast genau in derselben Weise. Während er spornstreichs dahinrannte, ohne sich nach rechts oder links umzusehen, riß er von Intervall zu Intervall das Maul auf und ließ einen Juchzer hören, welcher so klang, als ob ein Kanonenschuß, ein Ziegenmeckern, ein Hähnekrähen, ein Eselsschrei und das Zischen einer dampfabblasenden Lokomotive zusammengemischt und dann mit aller Gewalt durch einen Klarinettenschnabel hinausgeblasen werde. Und wunderbar war es, daß ich ihn fast nicht zu lenken brauchte. Er schien mein Gespräch mit seinem Herrn genau verstanden zu haben und infolgedessen sehr wohl zu wissen, wohin ich jetzt wollte. Denn er rannte von der Pappel aus direkt nach der Stelle zurück, an der ich seinen Herrn mit dem Lasso festgenommen hatte, und bog dann ohne das geringste Zögern rechts auf die Spuren ein, durch welche die Richtung bezeichnet wurde, aus der wir gekommen waren. Er trug mich also durch die duftenden Papilionaten nach der Stelle zurück, auf welcher unsere Begegnung stattgefunden hatte, und zwingt mich dadurch noch heut zu einem Geständnis, durch welches ich mich ganz unbedingt blamiere.

Nämlich, wenn meine Reiseerzählungen wirklich aus der »reinen Phantasie« geschöpft wären, wie zuweilen behauptet wird, so käme ich jetzt ganz gewiß mit großen wunderbaren Reiterkünsten, durch die ich den Dicken besiegte und dazu zwang, nun hier an diesem Ort, wo die Gefahr für mich begann, gehorsam anzuhalten, damit ich die nötige Bedachtsamkeit und Vorsicht üben könne. Aber ich erzähle bekanntlich nur Wahrhaftiges und innerlich wirklich Geschehenes und Erwiesenes. Meine Erzählungen enthalten psychologische Untersuchungen und Feststellungen. Kein wirklicher Psychologe aber würde mir Glauben schenken, wenn ich so töricht wäre, zu behaupten, daß es im fernen und doch so nahen Land des Menscheninneren so leicht sei, ein Urpferd bzw. Urgeschöpf zu zähmen. Diese Urgefühle gleichen dem dicken Smihk in so auffallender Weise, daß ich unbedingt bei der Wahrheit bleiben und meine Ohnmacht eingestehen muß, ihn mir untertan zu machen. Es ging mir vielmehr ganz genau so, wie vorhin dem Scheich selbst: Ich hatte während des ungemein holperigen Galoppes nur darauf zu achten, nicht herabgeschleudert zu werden. Der Dicke ging nicht etwa durch mit mir, o nein. Was er tat, das tat er mit voller Überlegung und aus reiner Liebe. Er wollte mir zeigen, was für ein vortrefflicher Renner er sei. Ich sah dies ein und hoffte, daß er da, wo Hadschi Halef sich von mir getrennt hatte, anhalten werde. Aber das fiel ihm gar nicht ein. Im Gegenteil! Sobald er dort die breiten Spuren der Ussul zu Gesicht bekam, vergrößerte sich sein Eifer. Er hatte zwar fast keinen Atem mehr, aber er lief trotzdem noch schneller als vorher. Ich tat alles, dies zu verhindern, doch vergeblich. Der Zügelstrick wirkte nicht. Schenkeldruck gab es nicht. Dazu war das liebe Tierchen denn doch zu dick! Ich versuchte es mit begütigenden Zurufen. Sie bewirkten grad das Gegenteil: Smihk glaubte, ich wünsche noch größere Schnelligkeit. Ich kannte die Interjektionen noch nicht, durch welche die Ussul ihre Pferde kommandieren. Schließlich wendete ich die Sporen an, um höchst albernerweise das Pferd dafür zu strafen, daß es mich nicht verstand. Da wurde es noch toller. Es rannte nicht mehr, sondern es flog. Aber was war das für ein Flug! Wie eine Löffelgans mit Sperlingsflügeln! So ging es ächzend, stöhnend, fauchend, schnurrend und knurrend auf den Spuren der Ussul weiter, zwischen den Buschgrenzen dahin, um die linke Ecke, hinter der mein Hadschi verschwunden war, und dann direkt auf das Lager der Ussul zu. Denn der Scheich hatte mir ja gesagt, daß man vom Lager aus grad bis nach dieser Ecke sehen könne. Ich nahm an, daß man mich jetzt dort bemerkte und daß der Dicke, dort angekommen, stehenbleiben werde. Ich hatte mich heimlich anschleichen wollen und kam nun jetzt so gewaltsam öffentlich! Was hatte ich zu erwarten? Mochte es sein, was es wolle, ich besaß keine Macht, es abzuwenden. Ich konnte nur dahin trachten, womöglich nicht bemerken zu lassen, daß nicht ich, sondern das Pferd der Lenker war.

Unser Weg, nämlich die Lichtung, führte grad auf den Wald zu und dann in diesen hinein. Er verlief dort nicht eben, sondern er senkte sich; er ging abwärts. Das ermöglichte mir einen sehr willkommenen Überblick. Die eigentliche, vollständig freie Aussicht, die ich hatte, war zwar nicht breit, aber zu beiden Seiten von ihr standen die Riesenbäume so weit auseinander, daß sich mir die Situation zwischen ihren Stämmen hindurch sehr deutlich vor Augen stellte.

Das Lager war am Waldesrand errichtet: Hütten aus Stangen, Zweigen und Laub mit mehreren Feuerstätten. Von da ging es zwischen den Bäumen nach einer Art von See hinunter, in dem eine Insel lag. Auf diese Insel zu schwamm ein Boot, ein riesiger Einbaum, aus einem einzigen Stamm durch Feuer ausgehöhlt. Es wurde von zwei Männern gerudert. Zwei andere saßen darin, ohne etwas zu tun. Das sah ich deutlich. Denn die grad auf die glänzende Fläche des Sees verlaufende Lichtung wirkte zwischen dem dunklen Saum der Bäume wie ein Fernrohr, welches das Objekt vergrößert und verdeutlicht. Ich konnte die Kleidung und die Gesichtszüge nicht erkennen, aber der eine von den beiden war bedeutend kleiner als der andere. Im Lager schien sich niemand zu befinden. Die Leute, die ich sah, standen am Ufer des Sees oder waren unterwegs nach dem Lager zurück.

Je mehr ich mich dem letzteren näherte, desto bestimmter wurden die Umrisse dessen, was ich sah. Die Gesichtszüge derer, die mir näher waren, wurden deutlicher, und ich erkannte die Kleidung des kleinen Mannes im Kahn; Halef war es. Ich vermutete, daß man ihn gefangengenommen hatte und nun nach der Insel schaffen wollte. Man hatte mich bis jetzt noch nicht bemerkt, weil die Aufmerksamkeit auf den Kahn gerichtet gewesen war; nun aber sah man mich. Das Pferd des Scheichs, und ein fremder Mensch darauf! Im rasenden Galopp, wie man den Dicken noch niemals hatte laufen sehen! Man erhob ein lautes Geschrei und kam von der mir entgegengesetzten Seite auf das Lager zugerannt. Es waren lauter riesige Gestalten, einige von ihnen sogar noch größer als der Scheich. Sie rissen ihre Waffen von den Baumstämmen, an denen sie hingen oder lehnten, und schauten mir drohend entgegen. Natürlich glaubten sie, daß ich am Lager anhalten werde. Der Dicke schien allerdings dieses Willens zu sein, denn als wir noch ungefähr dreißig Pferdelängen entfernt waren, minderte er die Schnelligkeit seines Laufes. Da aber kam mir ein Gedanke: War es einmal gelungen, meinen Halef nach der Insel zu schaffen und dort zu isolieren, so bildete er in den Händen der Ussul eine Geisel gegen meine Geisel, und ich verlor den besten Trumpf, den ich besaß. Der fette, runde Dicke war auf alle Fälle ein guter Schwimmer. Er durfte nicht stehenbleiben. Er mußte zum See und mit mir in das Wasser. Ich stieß ihm also die Sporen in die Seiten. Da gab er den Vorsatz, anzuhalten, auf und griff von neuem aus. Ich steckte meine Revolver, um sie gegen Nässe zu schützen, in das Innere meines ledernen Gürtels und nahm die beiden Gewehre in die Hand, um sie beim Sprung in das Wasser hochzuhalten. So schössen wir an dem Lager vorüber, in den Wald hinein und auf den See zu. Die dort Stehenden hörten das Geschrei derer, die sich auf dem Weg nach dem Lager befunden hatten. Sie sahen mich und stimmten in das Geschrei mit ein.

Es gab eine hochinteressante, unendlich wilde Szene. Diese mächtigen Urwaldbäume! Dieser schlangengleich sich windende, mir wie ein lauerndes Unglück entgegenschimmernde See! Diese gigantischen Menschengestalten! Diese unartikulierten Stimmen! Diese grotesken, ungeschlachten Bewegungen, in die sie ihre Drohungen kleideten! Dazu der ungewöhnliche Anblick, den ich auf dem vor Anstrengung laut stöhnenden Dicken bieten mußte. Meine Sporen trieben ihn vorwärts. Er weigerte sich nicht im geringsten. Er schien keine Spur von Furcht vor dem Wasser zu besitzen und das hinter uns und vor uns erdröhnende Geschrei für eine sehr ästhetische Anregung zu halten, denn als er dem Wasser in nächste Nähe kam, brüllte er laut und ehrlich mit und flog in einem wahren Riesensprung vom Ufer weg in die tiefe Flut hinein. Wie es geschehen konnte, daß das Wasser mich nicht von seinem breiten Rücken hob, das weiß ich heut noch nicht. Ich hielt im Sprung die Gewehre hoch, sank aber infolge der Schwere mit dem Dicken so vollständig unter, daß auch die Waffen naß wurden, doch glücklicherweise nur äußerlich, denn wir tauchten sofort wieder auf, und da war es ein für mich sehr günstiger Umstand, daß ich noch fest saß und mich von dem Dicken tragen lassen konnte, anstatt selbst schwimmen zu müssen.

Das Urpferd benahm sich so, als ob es von den Amphibien stamme, die im Wasser ebenso zu Hause sind wie auf dem Land. Es schwamm nicht nur gut, sondern auch schnell. Und was die Hauptsache war, es sah das Boot, welches nach der Insel strebte, und schwamm ihm augenblicklich nach, und zwar mit einem solchen Eifer, als ob es meine Absichten begriffe. Hätte es eine andere Richtung eingeschlagen, so wäre es mir wohl sehr schwer geworden, dem Boot nicht nur zu folgen, sondern gar es einzuholen. Nun sah ich auch die Züge des kleinen Mannes deutlich, der darin saß: es war wirklich Halef. Ganz selbstverständlich erkannte er auch mich.

»Hamdulillah, Allah sei Preis und Dank, daß du kommst!« rief er mir zu. »Man will mich hier auf der Insel einsperren. Ich bin Gefangener!«

Er sprach in seinem heimatlichen, maghrebiner Dialekt, den von den Ussul jedenfalls keiner verstand.

»Bist du gefesselt?« antwortete ich ihm über die Wasserfläche hinüber.

»Nur die Hände auf den Rücken gebunden. Weiter nichts.«

»Wie sind die Leute im Boot bewaffnet?«

»Sie haben nur Messer. Der Kerl, neben dem ich sitze, ist der Zauberer.«

»Hast du schon gesagt, wer wir sind?«

»Ist mir nicht eingefallen!«

»Von mir gesprochen?«

»Kein Wort! Ich habe so getan, als ob ich ganz allein sei.« »Aber sie haben sich nach deinem Pferd erkundigt?«

»Nein.«

»Du hast doch Sporen! Folglich mußten sie sich sagen, daß du beritten bist!«

»Hierzu sind sie zu dumm. Willst du das Boot einholen?«

»Ja.«

»Das werde ich dir erleichtern.«

Während dieser kurzen Wechselrede wurde ihm das Sprechen von dem Zauberer wiederholt verboten. Ich konnte das zwar nicht deutlich verstehen, aber ich ersah es aus den Gestikulationen. Jetzt wendete sich Halef zu ihm hin, um Fragen, die man an ihn richtete, zu beantworten. In wie pfiffiger Weise er dies tat, war sehr bald zu ersehen. Der Zauberer erteilte den Ruderern einen Befehl, infolgedessen das Boot gewendet wurde und dann gerade Richtung auf mich nahm.

»Sie wollen dich ergreifen«, rief er mir zu.

»Das ist mir lieb«, antwortete ich. »Bleib fest sitzen, daß du nicht herausfällst! Das Boot wird sehr ins Schwanken kommen. Ich werfe den Zauberer in das Wasser!«

»Allah, Wallah, Taliah! Nun du da bist, gibt es doch gleich einen anderen Ton!«

Mein Dicker paddelte sich mit großer Energie vorwärts, und auch die beiden Ruderer holten sehr kräftig aus. So kamen wir einander schnell näher, und der Zauberer hielt es für an der Zeit, das Wort an mich zu richten. Es war ein Hüne, doch bei Jahren, mit weißem Haar und Bart. Auch seine nackte Brust war dicht und weiß behaart. Das gab ihm etwas Eisbärartiges, zumal seine Bewegungen zwar nicht plump, aber ziemlich ungelenk zu nennen waren.

»Wer bist du?« fragte er mich.

»Das wirst du bald erfahren«, antwortete ich aus dem Wellenkreis heraus, den mein Urgaul um mich schlug.

»Was willst du hier?« fuhr er fort.

»Nach der Insel hinüber will ich!«

»Das darfst du nicht! Du hast hierherzukommen, in mein Boot!«

»Fällt mir nicht ein!«

Natürlich verstellte ich mich bloß, um ihn sicher zu machen.

»Du hast zu gehorchen! Ich zwinge dich!« drohte er.

»Versuch, ob es dir gelingt!«

»Wenn du dich weigerst, schlagen wir dich einfach mit den Rudern tot!« drohte er.

Da tat ich, als ob ich erschrecke, und meinte in zaghaftem Ton:

»Das werdet ihr doch nicht! Oder seid ihr etwa Mörder?«

»Nein! Wir sind Ussul, und ich bin der Sahahr, der Priester. Wir morden nicht. Aber wer es wagt, uns zu widerstehen, der gefährdet allerdings sein Leben. Paß auf! Ich gebe dir die Hand und ziehe dich vom Pferd in das Boot herein!«

Der gute, alte Mann! Er tat so außerordentlich martialisch und hatte dabei doch das gutmütigste Gesicht, das man sich denken kann! So, wie er aussah, pflegt man sich den heiligen Nikolaus, den »Weihnachtsmann«, den Knecht Ruprecht vorzustellen, der kurz vor dem Christfest in Dorf und Stadt herumzugehen pflegt, um böse Kinder zu strafen, gute aber mit Pfefferkuchen, Äpfeln und Nüssen zu beschenken. Er stand aufrecht in der Mitte des Einbaums und ließ ihn so steuern, daß er grad vor mir und dem Dicken zu halten kam.

»Komm herein!« befahl er, indem er sich niederbeugte und mir die Hand entgegenhielt. »Greif zu; ich helfe dir!«

»Nimm erst diese Gewehre, und leg sie in das Boot!« forderte ich ihn auf.

Ich gab sie ihm; der unbeholfene Mann nahm sie wirklich und legte sie fürsorglich auf die trockenste Stelle des Fahrzeuges. Dann hielt er mir die Hand wieder hin und wiederholte:

»Faß zu! Ich werde dich ziehen!«

Da glitt ich vom Pferd, klammerte mich mit der Linken fest an den Bord und griff mit der Rechten zu, um ihn zu fassen, aber nicht an der Hand, sondern am oberen Arm. Ein kräftiger Ruck – ein Schwung – und anstatt mich hereinzuziehen, flog er aus dem Boot heraus in das Wasser, in welchem er für einige Augenblicke so vollständig verschwand, daß gar nichts von ihm zu sehen war. Nur einen kurzen Moment später stand ich im Einbaum, an derselben Stelle, an der er gestanden hatte, zog mein Messer und schnitt den Riemen entzwei, mit welchem Hadschi Halef gebunden worden war. Dieser sprang sofort vergnügt in die Höhe, warf die frei gewordenen Arme in die Luft und rief jubelnd aus:

»Allah sei Lob, und dir sei Dank gesagt, Effendi, daß ich wieder im Besitz meiner Hände bin! Du wirst gleich sehen, was ich tue.«

Er nahm meinen schweren Bärentöter vom Boden auf, richtete ihn auf den Mann, der im Vorderteil ruderte, und rief ihm zu:

»Leg das Ruder herein, und mach dich von dannen, sonst schieß ich dich augenblicklich tot!«

Dieser Mann war ein Riese und Halef gegen ihn ein Zwerg. Aber der auf ihn gerichteten Kugelmündung widerstand er nicht. Er zog gehorsam das Ruder ein und sprang über Bord. Der Hadschi richtete den Lauf nun auch auf den Mann, der im Hinterteil saß. Dieser wartete den Befehl des Kleinen gar nicht erst ab. Er riß das Ruder herein, ließ es fallen und sprang hinaus in die Flut.

»Sind das Helden!« lachte Halef, indem er das Gewehr wieder von sich legte.

»Vor allen Dingen weg von ihnen!« warnte ich, indem ich das eine Ruder ergriff und Halef durch einen Wink aufforderte, das andere zu nehmen.

Ich wollte, daß die drei Ussul das Boot nicht wieder betreten, sondern im Wasser bleiben sollten. Das Boot hatte durch den Schwung, mit dem der Zauberer herausbefördert worden war, einen Stoß erhalten, der es von der Stelle trieb. Wir bemühten uns jetzt, diese Entfernung noch zu vergrößern. Die Ussul erwiesen sich als sehr gewandte Schwimmer. Sie wollten außerdem auch noch die Kraft des Pferdes zu Hilfe nehmen. Der Zauberer bemühte sich, ihm auf den Rücken zu steigen, und die beiden Ruderer trachteten danach, die Enden des Zügelstrickes zu fassen. Aber der Dicke wehrte sich. Er schlug und biß nach ihnen und strampelte das Wasser derart zu Gischt und Schaum, daß man meinen konnte, ein Okeanidenbild aus der griechischen Mythologie vor sich zu haben.

»Das ist ein großartiges Vieh, dieses Pferd!« ließ sich Halef hören. »Wo hast du es her, Sihdi? Das möchte ich hören!«

»Zu hören, wie du in dieses vorweltliche Boot gekommen bist, ist noch viel wichtiger«, antwortete ich.

»Kannst du mir nicht erlassen, es dir zu erzählen, Sihdi?« fragte er.

»Nein.«

»So erlaube, daß ich dich dabei nicht anzusehen brauche! Denn ich schäme mich!«

»Ah? Wirklich?«

»Ja!«

Da draußen auf dem Wasser plagten sich die drei Ussul noch mit dem Pferd herum. Ich saß, das Ruder in der Hand, an dem einen Ende des Kahnes, Halef am andern. Er sah vor sich nieder, warf dann mit einer energischen Bewegung den Kopf nach hinten und sprach:

»Es hilft nichts! Ich kann nicht anders; ich muß es eingestehen! Sihdi, ich bin ein Schaf, ein Ochse, ein Kamel, kurz, ein Dummkopf, wie es gar keinen größeren geben kann!«

Er machte eine Pause, die ich dazu benützte, ihn zu fragen:

»Ist das wirklich deine Ansicht?«

»Nicht nur meine Ansicht, sondern sogar meine felsenfeste Überzeugung! Sie gefällt dir wohl nicht?«

»O doch! Sogar sehr! Aber vorher dachtest du doch wohl anders?«

»Allerdings! Sihdi, mein lieber Sihdi, ich sage dir: Es gibt Augenblicke, in denen ich mich für den klügsten und vortrefflichsten Menschen halte, den Allah in seiner Güte erschaffen hat. Und es gibt wieder andere Augenblicke, in denen ich darauf schwören kann, daß ich der dümmste Mensch der Erde bin. Glaubst du das?«

»Ich glaube es, denn jeder noch nicht vollständig ausgereifte Mensch hat derartige Augenblicke. Worauf schwörst du denn wohl jetzt? Etwa auf die Klugheit?«

»Nein, sondern auf die Dummheit.«

»Das freut mich, Halef! Das freut mich ungemein!«

»Wie, Effendi? Du freust dich darüber, daß ich dumm bin?« fragte er in seinem vorwurfsvollsten Ton.

»Nein. Sondern darüber, daß du einsiehst, es zu sein. Wer seine Fehler erkennt, der befindet sich auf dem Weg der Besserung. Und daß du jetzt, in diesem Augenblick, an diese deine Besserung denkst, das versteht sich ganz von selbst!«

»Richtig! Sehr richtig! Ich denke an sie!« gestand er ein. »Später werde ich es dir noch ausführlicher sagen, denn jetzt habe ich keine Zeit dazu; aber es war im höchsten Grade lächerlich von mir, zu denken, daß ich die Hauptperson sei, du aber nur die Nebenperson. Ich habe mich betragen wie ein Knabe, dessen Hirn erst Milch und noch nicht Nervenmasse ist. Ich bin wie ein Tapps den Spuren nachgelaufen, ohne auch nur mit einer Silbe daran zu denken, daß man mich schon von weitem sehen muß. Sie haben mich bemerkt; ohne daß ich ahnte, wie nahe ich ihrem Lager sei. Sie versteckten sich zu beiden Seiten hinter die Sträucher und fielen über mich her, sobald ich diese Stelle erreichte. Dann schleppten sie mich zum Lager hin, um über mich zu verhandeln. Sie wollten wissen, wer ich sei, woher ich komme und was ich hier bei ihnen wolle …«

»Was hast du da gesagt?« unterbrach ich da den Fluß seiner Rede.

»Nichts«, antwortete er.

»Nichts? Unmöglich! Du hast doch eine Antwort geben müssen!«

»Nein! Ich habe keine gegeben. Es fiel mir nichts ein, was ich hätte sagen können, gar nichts.«

»Das ist gerade zu unglaublich! Dir nichts einfallen? Meinem Hadschi Halef nichts einfallen? Das ist dir doch wohl in deinem ganzen Leben nicht ein einzigesmal geschehen!«

»Allerdings nicht. Heut aber geschah es zum ersten Male.«

»Vor Schreck etwa?«

»Nein, sondern vor Erstaunen.«

»Über die Größe dieser Leute?«

»Das nicht. Du weißt ja, Sihdi, daß körperliche Größe mich nicht verblüfft. Auch hier nicht, obwohl diese Ussul fast ohne Ausnahme alle Riesen sind. Aber ihre Behaarung! Allah 'l Allah! Was sind das für Menschen! Diese Köpfe, diese Bärte und diese Haarmähnen, die bis auf die Lenden herabreichen. Ich sage dir, ich war derart erstaunt, daß mir die Stimme versagte, daß ich die Sprache verlor. Und dumm sind sie, diese Menschen, geradezu blitz- und hageldumm. Denke dir nur: Sie hielten mich für einen entsprungenen Hofnarren, für den Zwerg und Possenreißer irgendeines Herrschers. Und später kam der Zauberer gar auf die wahnsinnige Idee, daß ich sehr wahrscheinlich der Leibzwerg des Mirs von Ardistan sei, aber nicht ihm entsprungen, sondern ihm als Spion gesandt, das Gebiet von Ussula auszukundschaften! Ich und ein Zwerg! Ein Kundschafter und Späher! Aber die andern glaubten es ihm. Wäre der Scheich zugegen gewesen, so hätte man mich auf der Stelle umgebracht. Da man mit diesem Urteil und seinem Vollzug aber bis zu seiner Rückkehr warten muß, so beschloß man, mich auf die Insel hinüberzuschaffen, von der aus ich nicht entfliehen könne.«

»Hast du dich gewehrt?«

»Nein. Ich konnte nicht. Als man mich ganz unerwartet ergriff, nahm man mir sofort das Messer, die Pistolen und alles andere, was ich im Gürtel trug. Womit hätte ich mich da wohl wehren können? Etwa mit den Händen, wo die ihren viermal größer sind als die meinen? Nun ist es ein Glück, daß du gekommen bist! Wie gedenkst du, uns zu befreien?«

»Uns zu befreien? Welch eine Frage! Wir sind ja frei!«

Er sah mich an, schaute rundum, lachte dann fröhlich auf und rief:

»Das ist allerdings richtig, ganz außerordentlich richtig! Es gibt hier nur dieses einzige Boot. Wir brauchen doch nicht zu ihnen zurückzukehren, sondern einfach nur quer über den See zu rudern. Wir kommen viel eher dort an als sie, die den weiten Umweg längs des Ufers machen müssen. Aber, weißt du, Effendi, das, was sie mir abgenommen haben, möchte ich ihnen nicht gern lassen!«

»Das sollst du auch nicht. Wir haben gar keine Veranlassung zu fliehen. Sie haben uns zu gehorchen. Ich werde sie zum Frieden zwingen. Ihr Scheich befindet sich nämlich in meiner Gewalt.«

»Du hast ihn gesehen?« fragte er rasch.

»Gesehen und gefangengenommen!«

»Hamdulillah! Nun sind wir wieder groß!«

Er stand von seinem Sitz auf, tat einen Freudensprung, daß der Kahn ganz gefährlich zu schaukeln und zu rollen begann, und fuhr dann fort:

»Unser Gefangener, unser Gefangener ist er! Was können diese Giganten uns nun tun? Nichts! Wenn sie uns nicht gehorchen, so schlachten wir ihn ab und fressen ihn auf mit Haut und Haar und Knochen! Sihdi, das müssen wir ihnen sagen, sofort sagen! Greif zum Ruder! Wir fahren hinüber zu ihnen. An das Ufer! Sofort, sofort!«

Er setzte sich wieder an seinen Platz, um seine Worte auszuführen. Ich hatte nichts dagegen und fragte nur, wo die Sachen, die ihm abgenommen worden waren, zu suchen seien. Er antwortete:

»Die Dame Taldscha hat alles zu sich gesteckt. Sie sagte, daß es dem Scheich gehöre und also sie es in Verwahrung zu nehmen habe. Mir scheint, daß sie es ist, die den Stamm regiert, nicht er. Sogar der Zauberer wagte nicht, zu widersprechen. Er ist sehr höflich zu ihr. Sie hat einen Ledersack an ihrer Seite hängen; da hinein hat man alles getan. Sie gefällt mir sehr. Sie ist fast schön. Sie scheint die Frau des Scheichs zu sein!«

Diese kurze, sehr notwendige Unterredung erforderte zwischen Halef und mir natürlich nicht so viel Zeit, wie man braucht, um sie zu lesen. Dennoch hatten sich die drei von uns aus dem Boot getriebenen Ussul schon ziemlich weit von uns entfernt. Sie schwammen dem Ufer zu, an dem ihre Leute standen und durch alle möglichen Arten von Geschrei und Lärm kundgaben, wie unverständlich ihnen das sei, was sich ereignete. Auch wir ruderten ihm zu, aber langsam und bequem, denn wir hatten keinen Grund, eine sonderliche Eile zu entwickeln. Darum stieg der Zauberer mit seinen beiden Ruderern viel eher an das Land, als wir es erreichten. Der Urgaul bekümmerte sich jetzt weder um sie noch um mich. Er schwamm bald hierhin, bald dorthin, und stieß dabei von Zeit zu Zeit ein äußerst behagliches Grunzen aus. Es schien, als ob ihm dieses Reinigungsbad eine Wonne sei, doch kaum hatte er das Ufer erreicht, so begann er sofort, sich in dem dortigen, tiefen Schlamm zu wälzen, um den von der Haut heruntergespülten Überzug zu erneuern.

Unsere Aufmerksamkeit war ganz selbstverständlich auf die hochinteressanten Menschen gerichtet, die ihr Geschrei eingestellt hatten und unserer Annäherung nun still entgegensahen. Ich zählte sie. Es waren neunzehn Männer und nur eine Frau. Von den ersteren fehlte also nur der Scheich, und von den letzteren war es höchstwahrscheinlich nur seiner Frau gestattet, an so wichtigen Vorkommnissen teilzunehmen. Als wir so weit an sie herangekommen waren, daß es nur noch zweier Ruderschläge bedurfte, uns an das Land zu treiben, gab ich Halef das Zeichen, anzuhalten. Es war unter ihnen nicht eine einzige gewöhnliche Gestalt; sie alle waren Riesen. Und sie alle waren mit einem außerordentlich reichen Kopf- und Barthaar ausgestattet und ganz ebenso oder ähnlich gekleidet wie ihr Scheich. Als dieser mir den Kosenamen seiner Frau, Taldscha, sagte, hatte ich erwartet, daß ich später über ihn lachen werde; aber sonderbar, nun ich diese Frau vor mir sah, fand ich nicht den geringsten Grund zur Ironie. Im Gegenteil! Die Frau machte Eindruck auf mich, und zwar in einer Weise, die mir anfänglich als ein Rätsel erschien und erst nach und nach begreiflich wurde.

Sie war ganz in Leder gekleidet, aber in ein so feines und weiches, wie ich es noch nie gesehen hatte. Und man denke sich: dieses Leder war blau und wie mit einem überaus feinen Blumen- oder Schmetterlingsstaub bedeckt, der metallisch silbern glänzte. Etwas stärker war das Leder der naturfarbenen Schuhe. Diese, in höchst kunstvoller Weise aus einem einzigen Stück geschnitten, erhielten durch Zug und Riemen die Form der wohlgestalteten Füße, welche in ihrem Verhältnis zur Körpergröße als klein und niedlich zu bezeichnen waren. Verhältnismäßig noch kleiner waren die Hände. Ich hatte später noch oft Gelegenheit, zu sehen, wie sorgfältig gepflegt, wie blütenweiß und rosig sie überhaupt waren. Das Haar der Frau war fein, dicht und goldig blond, weder aschfarben noch rötlich, sondern von jenem mittelfarbigen, lebenden Gold, welches echt und edel ist. Es hing hinten bis über den Gürtel herab, in leisen Wellen rieselnd, die vermuten ließen, daß es häufig in Zöpfe geflochten wurde. Und diese goldig schimmernde Flut war mit den Federn des Paradiesvogels geschmückt, so einfach, so natürlich, so ungesucht, daß ich mit dem Wort Schmuck nicht eigentlich das treffe, was ich bezeichnen will. Obgleich wir uns mitten in der Wildnis befanden, sah man an der hohen Gestalt dieses Weibes nicht das kleinste Fleckchen und nicht die kleinste Spur von Schmutz und Unsauberkeit. Frisch, rein, unbefleckt, natürlich, lauter, so war der Eindruck, den ich gleich beim ersten Blick auf sie von ihr erhielt, und da kam mir der Vergleich, der in ihrem Namen lag, gar nicht unpassend vor. Ihr Auge war groß und von einem Blau, welches für diese so weit entlegene Gegend des Orients eine ausgesprochene Seltenheit zu nennen war. Später bemerkte ich, daß ein leiser, feiner, wohltuender Duft von dieser Frau ausging, ein Duft der Gesundheit, der Lebenskraft, der immerwährenden Verjüngung, ein seelischer Zwang, in ihrer Gegenwart alles, was nicht gut ist, zu vermeiden. Es war, als ob ich diesen Duft schon jetzt, aus der Entfernung, mit den Augen spürte, denn es tat mir wohl, sie vor mir stehen zu sehen, ganz abgesehen davon, daß die Fremdartigkeit ihrer Erscheinung meine Augen und mein Interesse auf sich zog.

Sie war nach der Stelle des Ufers geschritten, wohin der Lauf unseres Bootes gerichtet gewesen war. Da stand sie jetzt, nur der Zauberer neben ihr, einige Schritte hinter ihnen zunächst fünf Männer, die übrigen dann noch weiter seitwärts oder zurück. Hierin lag für mich der Beweis, daß die Frau, wenigstens in Abwesenheit des Scheichs, die Gebieterin war, wenn auch unter Beihilfe des Zauberpriesters. Später erfuhr ich, daß sie auch den Scheich zu beherrschen wußte und daß dieser nichts tat, ohne sich vorher mit ihr besprochen zu haben. Sie war geliebt und verehrt als eine Art höheres und besseres Wesen und genoß den Ruf, nur das Gute zu wollen und nie etwas Böses getan zu haben.

Als wir unser Boot anhielten, wechselten der Sahahr und Taldscha einige leise, uns unverständliche Worte miteinander. Wahrscheinlich hatte sie die Unterredung oder Untersuchung nicht beginnen wollen, sondern ihn aufgefordert, es zu tun, denn er trat einen kleinen Schritt vor und fragte zu uns herüber:

»Warum zögert ihr? Ihr habt vollends heranzukommen und auszusteigen!«

»Warum?« fragte ich.

»Weil ich es euch befehle!« antwortete er.

»Es gibt keinen einzigen Menschen, der uns etwas zu befehlen hat! Wer bist du?«

»Ich bin der Zauberpriester des Riesenvolkes der Ussul. Und hier, neben mir, steht Taldscha, die Frau unsers Scheichs!«

»Und der Scheich selbst? Wo befindet er sich?«

»Er ist nicht hier, wird aber bald kommen. Also, ich befehle euch, jetzt auszusteigen. Ich habe euch zu verhören.«

»Ich sagte dir bereits, daß wir keinem Menschen Gehorsam schuldig sind; da seid auch ihr mit inbegriffen. Aber ich bin gewohnt, jeder Person, die man mir als Priester bezeichnet, mit Achtung zu begegnen, und in dem fernen Land, wo ich geboren bin, ist es Sitte aller guten Menschen, die Frauen zu ehren und allen ihren Wünschen, wenn sie vernünftig sind, entgegenzukommen. Ich bin also mit dem Verhör, das du wünschest, vollständig einverstanden, muß aber, bevor es beginnt, einen Irrtum berichtigen, in dem du dich befindest!«

»Einen Irrtum? Ich weiß keinen!«

»Wenn du ihn wüßtest, wäre es kein Irrtum, sondern Betrug oder Lüge!«

»Dann weiß ich ihn sicherlich nicht«, fuhr er auf; »denn bei den Ussul gibt es keine Lüge. Sage ihn mir!«

»Du hältst dich für den, der das Verhör vorzunehmen hat. Das ist falsch. Ich bin es! Ich habe euch zu verhören, nicht aber du uns.«

Da lachte er, und die anderen lachten mit.

»Er ist verrückt!« rief er aus, und: »Er ist verrückt, er ist verrückt!« riefen auch die übrigen, indem sie ihr Lachen zum schallenden Gelächter steigerten.

Da wendete Taldscha sich halb nach ihnen um und hob die Hand. Das Gelächter verstummte sofort.

»Dieser Fremde ist nicht verrückt«, sagte sie. »Seht ihm in das Gesicht, und seht ihm in die Augen! Der weiß sehr wohl, was er sagt und was er will. Sprich weiter mit ihm, doch ohne ihn zu beleidigen!«

Dieser Befehl galt dem Zauberer. Taldschas Stimme klang wohllautend und kräftig. Sie hatte etwas von jenem bestimmten und zugleich milden Klang an sich, den man beim Kirchengeläut an der Alt- oder Mittelglocke zu beobachten pflegt. Der Klang einer Menschenstimme ist auch psychologisch von großer Wichtigkeit. Der Zauberer fuhr, wieder ernst geworden, zu uns gewendet, fort:

»Also du willst uns verhören? Wer gibt dir das Recht dazu?«

»Euer Scheich.«

»Unser Scheich?« fragte er erstaunt. »Kennst du ihn?«

»Ja.«

»Seit wann?«

»Seit einer Stunde.«

»Nicht länger? Und da gibt er dir schon das Recht, uns zu verhören? Ich würde jetzt wieder lachen und dich für verrückt halten; aber Taldscha hat dies verboten, und so muß ich ernst und höflich bleiben. Du hast ihn also gesehen? Du hast mit ihm gesprochen? Warum ist er nicht da? Warum kam er nicht mit dir? Wo befindet er sich?«

»Er ist mein Gefangener.«

»Dein – dein – dein Gefangener!« wiederholte er meine Worte in einem Ton, als ob er seinen Ohren nicht traue. »Habe ich recht gehört?«

»Du hörtest ganz richtig. Amihn, der Scheich der Ussul, ist mein Gefangener.«

Ich sah, daß er wieder mit dem Lachen kämpfte; aber er beherrschte sich und fragte:

»Wie soll er denn in deine Gefangenschaft gekommen sein?«

»Ich habe ihn vom Pferd gerissen und gebunden.«

»Gebunden? Womit?«

»Mit seinen eigenen Riemen.«

»Mit – eigenen …? Und vorher vom Pferd gerissen? Du …?«

Er kämpfte schon wieder mit dem Lachen, und diesmal wollte ihm der Sieg gar nicht gelingen. Er warf einen Blick auf mich, auf den ich ganz und gar nicht stolz zu sein brauchte, drehte sich dann nach seinen Leuten um und fragte:

»Glaubt ihr das? – Er – er – er – dieser Knabe von Gestalt, will unsern Scheich vom Pferd gerissen haben und mit seinen eigenen …«

Er kam nicht weiter, denn es brach ein brausendes Gelächter los. Da hob die Frau zum zweiten Male die Hand empor, und wieder wurde es augenblicklich still.

»Schweigt!« befahl sie. »Dieser Fremde hat unsern Zauberpriester aus dem Boot geschleudert und dann auch die Ruderer verjagt. Da ist es möglich, daß sich auch der Scheich von ihm hat überraschen lassen! Ich verbiete euch, ihn auszulachen! Jetzt weiter!«

Diese beiden letzteren Worte galten dem Sahahr. Er gehorchte und wendete sich wieder an mich:

»Du mußt verzeihen, Fremder! Was du sagst, klingt wie die größte Lüge, die es gibt, und …«

»So schau dich um!« unterbrach ich ihn, indem ich nach dem Urgaul deutete, der das Wasser soeben verlassen hatte und sich nun im tiefen Schlamm wälzte. »Sieh dort sein Pferd! Du hast es schon gesehen, denn ich wurde von ihm bis an dein Boot getragen. Daß ich auf diesem, seinem eigenen Pferd geritten komme, muß dir doch sagen, daß er von mir überwältigt worden ist! Und daß ich mich nicht gefürchtet habe, meinen Kameraden zu befreien, dich aus dem Boot zu werfen und, ohne zu fliehen, hierher zu euch ruderte, gibt doch wohl den Beweis, daß ich ihn sicher habe und daß es ihm unmöglich ist, mir zu entkommen!«

»Das Pferd! Ja, das Pferd!« antwortete er verlegen. »An das habe ich gar nicht gedacht! Da du auf seinem Rücken zu uns gekommen bist, muß man wohl überzeugt sein, daß du ihn auf irgendeine Weise überwältigt und festgenommen hast. Aber sag, warum hast du das getan?«

»Um eine Geisel zu haben. Ihr hattet meinen Gefährten gefangengenommen; darum nahm ich euern Scheich gefangen, um euch zu zwingen, meinen Begleiter freizugeben.«

»Aber wie konntest du dich an diesen Mann, an diesen Giganten, an diesen Helden wagen, der noch nie im Leben besiegt wurde?«

»Das will ich dir sofort zeigen«, antwortete ich.

Vorhin, als der Scheich von mir vom Baum losgebunden worden war, hatte ich den Lasso wieder in Schlingen gelegt und mir um die Schulter gehängt. Jetzt nahm ich ihn herab, behielt das eine Ende in der linken Hand und schleuderte das andere hinüber nach dem Zauberer. Ein kräftiger Ruck – seine Arme wurden ihm an den Leib gezogen – ich hatte ihn fest und riß ihn von seinem Ort hinweg, zu mir herüber. Er stürzte zunächst in das Wasser, doch griff Halef schnell mit zu, und so lag er schon im nächsten Augenblick bei uns im Boot und wurde mit dem Lasso derart fest umwunden, daß er sich nicht mehr rühren konnte. Nun nahm ich das Messer aus dem Gürtel und schwang es drohend über ihn. Da schrien die Ussul vor Angst laut auf. Er aber rief:

»Halt ein, halt ein! Willst du mich ermorden? Ich habe dir doch nichts getan!«

Ich steckte das Messer in den Gürtel zurück, erhob mich aus meiner gebeugten Stellung und antwortete:

»Dich zu töten fällt mir nicht ein, denn ich bin euer Freund, aber nicht euer Feind. Ich wollte dir nur zeigen, wie leicht es ist, einen Ussul gefangenzunehmen.«

»So gib mich frei, und laß mich fort!« bat er in ziemlich verzagtem Ton.

»Jetzt nicht wieder! Ich habe dich schon einmal aus der Hand entkommen lassen. Anstatt dich dankbar zu erweisen, hast du mich als Gefangenen behandeln und ein Verhör mit mir anstellen wollen. So leicht kommst du jetzt nicht weg. Du bleibst hier liegen, bis ich sicher bin, daß ihr mich als Gast und Freund betrachtet.«

»Und wenn wir das nicht tun?« fragte er.

»So stoß ich dir das Messer bis an den Griff in das Herz!« erwiderte ich, worauf Hadschi Halef mit ganz gewaltigem Augenrollen hinzufügte:

»Und wenn du davon nicht ganz sterben solltest, so schlage ich dich sogar noch eigens tot! Darauf kannst du dich verlassen, denn ich bin Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah, der berühmte Scheich der Haddedihn vom großen Stamm der Schammar!« Der lange Name schien die beabsichtigte Wirkung nicht zu verfehlen, denn der Zauberer meinte ziemlich schüchtern:

»Ein berühmter Scheich bist du? Das hast du uns gar nicht gesagt! Und wer ist denn der andere?«

»Er ist der größte Held und Gelehrte des Abendlandes. Sein in der ganzen Welt bekannter Name lautet Emir Hadschi Kara Ben Nemsi Ben Emir Hadschi Kara Ben Dschermani Ibn Emir Hadschi Kara Ben Alemani. Sein Säbel ist scharf und spitz, seine Kugeln gehen nie daneben, und wenn er eine lange Rede hält, so bringt er sie stets an das richtige Ende. Er hat in seinem ganzen Leben noch niemals eine Schlacht verloren. Kein Feind kann ihn im Kampf niederringen. Und wenn er seine Gelehrsamkeit erscheinen läßt, so ist sie wie ein Wirbelsturm, der, ohne stillzustehen, rund um die ganze Erde geht und alles niederreißt, was ihm zu widerstehen wagt!«

»Ich habe weder deinen noch seinen Namen jemals gehört«, entschuldigte sich der Zauberer. »Und ich kenne dein Land und deinen Stamm ebensowenig wie sein Volk und seine Gegend, in der er geboren wurde. Ich bin der Zauberpriester der Ussul. Ich wirke nur für die Religion und habe keine Zeit, mich mit der Politik und Geographie und Weltgeschichte abzugeben. Ihr müßt also verzeihen, daß ich in diesen Dingen nicht bewandert bin und meinen Ruhm nur darin suche, daß unserer Nation an ihren Gott und Schöpfer glaubt. Wenn wir bestimmen, was mit euch geschehen soll, so habe ich nur in Beziehung auf eure Religion mit zu beraten, sonst aber nicht. Glaubt ihr an Gott?«

»Ja.«

»So bin ich beruhigt. Denn wer einen Gott hat, der schlägt keinen Menschen tot!«

»Ihr aber habt mir doch damit gedroht!« warf Halef ein.

»Gedroht? Ja! Aber haben wir es getan?«

»Bis jetzt allerdings noch nicht.«

»So wartet also ab, ob es geschieht!«

»Abwarten?« lachte Halef. »Ja, das werden wir, und zwar mit größtem Vergnügen! Es hat nämlich bisher noch keinen gegeben, dem es gelungen ist, uns totzuschlagen, und so soll es mich verlangen, zu erfahren, wie ihr es anfangen werdet, dies zu tun!«

Da kam Taldscha von der Höhe des Ufers langsam zu uns herabgestiegen, blieb am Wasser stehen und gab der Verhandlung folgenden, für beide Teile günstigen Verlauf:

»Ist der, der sich Hadschi Halef Omar nannte, ein Araber?«

»Ja«, nickte dieser.

»Wirklich ein Scheich?«

»Ja.«

»Und aus welchem Land ist Emir Kara Ben Nemsi?«

Halef hatte vorhin in seiner bekannten Art und Weise über mich und seine Person geflunkert, um zu imponieren. Ich brauchte mich dieser Aufschneiderei allerdings nicht etwa in mich selbst hinein zu schämen, denn was er tat, ist orientalischer Gebrauch oder vielmehr morgenländische Ausdrucksweise. Ihn zu verbessern, hätte nichts nützen können, aber sicherlich geschadet. Dennoch war ich entschlossen, seine Angaben jetzt, falls Taldscha mich fragen würde, auf die reine, nackte Wahrheit zurückzuführen. Es kam aber nicht so weit. Die Ussul waren zu naiv und selbst viel zu wahrheitsliebend, als daß es ihnen eingefallen wäre, an den Worten des Hadschi herumzumäkeln.

»Ich bin aus Dschermanistan«, antwortete ich.

»Das kenne ich nicht. Folglich kann es nicht in unserem Erdteil liegen«, erklärte sie.

»Es liegt allerdings nicht im Morgen-, sondern im Abendland.«

Es war mir nahegelegt worden, zu verschweigen, daß ich ein Abendländer sei; aber diesen hellen, klaren, außerordentlich ehrlich blickenden blauen Augen gegenüber, die jetzt auf mich gerichtet waren, fühlte ich mich nicht imstande, etwas anderes als die Wahrheit zu sagen. Ich ersah aus einer schnellen Bewegung ihres Kopfes, daß sie sich nicht unangenehm überrascht fühlte. Sie fuhr fort: »Im Abendland? Und wo wolltest du jetzt hin?«

»Durch das ganze Ardistan.«

»Dann bist du entweder ein sehr unvorsichtiger oder ein sehr kühner Mann. Denn der Mir von Ardistan würde dich höchstwahrscheinlich töten lassen, sobald er erführe, daß du ein Abendländer bist. Glücklicherweise aber wirst du diesem Tod entgehen, weil du gar nicht zu ihm kommst, sondern für immer bei uns bleibst. Nach den Gesetzen unseres Landes bist du unser Eigentum.«

»Nach den Gesetzen meines Landes aber bin ich es nicht«, entgegnete ich.

»Wir haben den Gesetzen unseres Landes zu gehorchen, nicht aber den Gesetzen des deinigen!«

»Das begreife ich. Und du wirst ebenso begreifen, daß ich den Gesetzen meines Landes zu gehorchen habe, nicht aber den Gesetzen des eurigen!«

»Du willst dich gegen uns wehren?«

»Ja.«

»Es wird vergeblich sein!«

»Du irrst. Bisher war es sehr von Erfolg. Wir befinden uns keineswegs in eurer Gewalt. Wir sind frei. Dagegen ist euer Scheich und euer Priester in unsere Hände geraten. Wenn wir mit diesem Boot grad quer über den See rudern, kommen wir viel eher an das jenseitige Ufer als ihr. Wer will uns hindern, erst den Priester und dann auch den Scheich zu töten, falls wir davon überzeugt sind, daß ihr nicht Frieden halten wollt?«

Sie antwortete nicht gleich; sie überlegte. Und sie musterte uns dabei mit prüfenden Augen. Dann aber sagte sie:

»Ich bin ungewiß und unzufrieden. Ihr gefallt mir sehr, ja, wirklich sehr. Ich möchte gern recht viel über das Abendland erfahren. Und es wäre wohl schön, wenn du als freier Mann, nicht aber als Knecht und Sklave von ihm erzähltest. Es würde mich freuen, wenn ich zu dir sagen dürfte: Du bist mein Gast, bist nicht mein Eigentum! Aber ich habe den Gesetzen meines Landes zu gehorchen, nicht meinen Wünschen. Es gäbe zwar einen Weg, ein Mittel …«

Sie sprach nicht weiter. Sie machte ein Handbewegung, als wie um anzudeuten, daß sie das, was sie dachte, für unmöglich halte.

»Welchen Weg? Und welches Mittel?« erkundigte ich mich.

»Es ist für euch überflüssig, hiernach zu fragen«, antwortete sie, indem sie die Handbewegung wiederholte.

»Weißt du das so genau? Ich wiederhole meine Frage und bitte dich, mir Auskunft zu erteilen, damit auch ich mich darüber aussprechen kann, ob es so überflüssig ist, wie du meinst!«

Wieder dachte sie nach, und wieder musterte sie uns mit zwar wohlwollenden aber unbefriedigten Augen. Hierauf sprach sie:

»Es gibt ein Mittel, euch von der Knechtschaft, die euch droht, zu befreien. Das Gesetz liefert euch in unsere Hände; dasselbe Gesetz aber macht euch wieder frei, indem es euch gestattet, euch von uns loszukämpfen.«

Als Halef diese Worte hörte, warf er beide Arme hoch empor und rief aus:

»Sihdi, wir kämpfen uns los!«

Ich aber beachtete ihn und seinen Ausruf nicht. Grad er hatte während der letzten zwei Stunden bewiesen, daß er nicht der Mann war, einen solchen Kampf aus eigener Kraft zu bestehen. Ich faßte die rätselhafte Frau, die vor uns stand, nun ebenso scharf in die Augen, wie sie uns, und entgegnete:

»So hattest du allerdings recht. Die Auskunft, die du uns erteilst, ist überflüssig, völlig überflüssig. Du glaubtest, uns etwas mitzuteilen, wovon wir keine Ahnung haben. Du eröffnest uns, daß euer Gesetz uns die Möglichkeit biete, uns durch einen siegreichen Kampf von euch zu befreien. Hierbei sagt uns der Blick deine Auges, daß du einen Sieg von unserer Seite für ausgeschlossen hältst …«

Da fiel sie mir in die Rede:

»Daß ihr auf alle Fälle gegen uns unterliegen würdet, das kannst du doch nicht leugnen!«

»Unterliegen?« fragte ich, indem ich auf den gefesselten Zauberpriester deutete. »Nennst du das unterliegen? Du zeigst uns den Kampf, durch den wir uns von euch befreien können, als eine entfernte Möglichkeit, um die wir euch wohl gar zu bitten haben. Siehst du wirklich die Größe der Täuschung nicht, in der du dich befindest? Dieser Kampf ist nicht mehr bloß möglich, sondern er ist bereits zur Wirklichkeit geworden. Er liegt nicht mehr in der Ferne, sondern er ist schon hier; wir stehen mitten drin. Und der Sieg hat bisher nur auf unserer, nicht aber auf eurer Seite gelegen!«

Sie schaute mich mit frappiertem Blick an, tat einen langen, tiefen Atemzug und gab dann zu:

»Das klingt so seltsam, und doch hast du recht. Ihr seid noch frei und habt schon zwei Gefangene von uns gemacht.«

»Und was für Gefangene! Bedenke das!« warnte ich sie. »Der Scheich vertritt bei euch die weltliche und der Sahahr die geistliche Gewalt. Diese beiden Gewalten befinden sich augenblicklich in unserer Macht. Nicht ihr, sondern wir sind jetzt Herren über Wohl oder Wehe, über Leben oder Tod. Siehst du das ein?«

Sie drehte sich nach ihren Leuten um und fragte: »Hört ihr es?«

Man antwortete ihr mit einem unbestimmten Murmeln und Brummen, dessen Bedeutung sie aber wohl verstand, denn sie wendete sich mir wieder zu und sprach:

»Ihr scheint ganz andere Menschen zu sein als wir. Wir verstehen euch nicht, und doch zwingt ihr uns, euch zu begreifen! Wo ist der Scheich?«

»An einem Ort, wo ich ihn sicher habe.«.

»Gebunden und gefesselt?«

»Ja.«

»Womit?«

»Mit seinem Wort.«

Da machte sie eine Bewegung der Überraschung und fragte:

»Du hast ihm Vertrauen geschenkt?«

»Ja. Erst war er gefesselt, so daß er sich nicht rühren konnte. Ich wollte ihn sogar noch knebeln. Da versprach er mir, an der Stelle zu bleiben, selbst wenn alle seine Ussul kämen, um ihn wegzuholen. Ich band ihn los.«

»So hast du ihm geglaubt?«

»Warum sollte ich es nicht?«

»Er könnte den Ort sofort verlassen, wenn er sein Wort brechen wollte?«

»Ja.«

Da wendete sie sich wieder nach ihren Leuten um:

»Habt ihr es gehört? Dieser Fremdling liebt die Wahrheit ebenso wie wir. Er hat dem Wort eures Scheichs geglaubt. Ist das die Gesinnung eines Knechtes, eines Sklaven?«

»Nein!« antworteten die fünf in der Nähe Stehenden, und: »Nein, nein, nein!« antworteten auch die anderen.

»Das tun nur freie Männer!« fuhr sie fort.

»Nur freie Männer!« erklang es hinter ihr im Chor.

»Diese beiden Fremden sind es also wert, daß wir ihren Widerstand als Kampf betrachten, sich von uns zu befreien!«

»Sie sind es wert; sie sind es wert!« stimmten alle ohne Ausnahme ihr bei.

Dann fuhr sie, sich uns wieder zuwendend, fort:

»Ich bitte dich, Emir, mich zu meinem Mann, unserem Scheich, zu führen. Bist du bereit dazu?«

»Sehr gern. Doch muß ich fragen, was du bei ihm willst!«

»Ich will mit ihm beraten über euch.«

»Wer noch?«

»Weiter niemand als der Sahahr.«

»So müßte ich ihn hierzu freigeben?«

»Ja. Ich bitte dich darum!«

»Weißt du, was du da von mir verlangst?«

»Ich weiß es. Du sollst dich der Vorteile begeben, die du über uns errungen hast. Aber nur einstweilen.«

»Wirklich?«

»Wirklich! Du bindest den Sahahr hier los, damit er mit uns gehen kann. Wenn ich beim Scheich keinen Frieden erreiche, führe ich euch in dieses Boot zurück, wo der Sahahr genau so wieder gefesselt wird, wie er hier vor uns liegt. Glaubst du, daß dies geschieht?«

»Ich glaube dir. Aber es gehen nur vier Personen zum Scheich, nämlich du, euer Zauberpriester und ich mit meinem Begleiter?«

»Ja.«

»Die andern Ussul bleiben hier zurück, um auf unsere Wiederkehr zu warten?«

»Ja.«

»So gebe ich ihn frei. Wir können gehen.«

Ich löste den Sahahr aus den Umschlingungen des Lassos, den ich mir wieder um die Schulter warf, und sprang mit ihm aus dem Boot an das Ufer. Halef folgte, trat vor Taldscha hin und sagte, auf die wunderbar gearbeitete Ledertasche deutend, die an ihrem Gürtel hing:

»Du hast in diesem Sack mein Eigentum. Wann bekomme ich es wieder?«

»Wenn beschlossen worden ist, daß es dir wieder gehört.«

»Das muß aber sicher sein! Ausreden dulde ich nicht! Und betrügen lasse ich mich auch nicht!«

»Ausreden? Betrügen?« fragte sie verwundert. »Taldscha, die Herrin der Ussul, kennt weder Ausrede noch Betrug! Nimm hin, was dir jetzt noch gar nicht wieder gehört! Daß Kara Ben Nemsi ein Emir ist, das glaube ich, denn er hat sich als Emir betragen. Aber daß Hadschi Halef Omar ein Scheich ist, das muß ich nun bezweifeln, bis er mir Beweise gibt, denen ich besser glauben kann als seinen Worten!«

Er nahm sein Eigentum zurück, ohne die Größe des Vorwurfes, den sie gegen ihn erhob, völlig zu ermessen. Er fühlte zwar, daß sie unzufrieden mit ihm war, machte sich aber nichts daraus. Wie schwer er da gefehlt harte, ahnte er gar nicht.

»Können wir gehen? Oder ist es so weit, daß wir reiten müssen?« erkundigte sich die Frau.

»Es ist zwar nicht sehr nahe, doch bitte ich, daß wir gehen«, antwortete ich, denn es lag mir daran, den Weg zu der Stelle, an der sich Amihn befand, gehörig auszunützen, um die Seele seines Weibes kennenzulernen.

Wir brachen unverweilt auf. Ich hielt mich zu Taldscha, Halef zu dem Zauberpriester. Die andern folgten uns nur bis an das Lager. Da blieben sie alle zurück, ohne daß Taldscha es ihnen befahl, und keiner machte Miene, uns zu folgen.

Wir hielten uns genau auf derselben Fährte, die mich hergeführt hatte. Sie wurde von Taldscha und dem Sahahr zwar beachtet, aber nur so nebenbei und keineswegs in der eingehenden Weise, wie es bei den Indianern oder Beduinen geschieht. Ich glaubte daraus schließen zu dürfen, daß die Ussul nicht von so großen Gefahren bedroht seien, wie die Völker der Wüsten und Savannen.

Halef ging mit dem Zauberer hinter uns. Ihr Gespräch kam so rasch in Guß und Fluß, daß sie auf gar nichts anderes achteten. Sie hielten von Zeit zu Zeit ihre Schritte an, wie man es bei interessanten Stellen der Unterhaltung zu tun pflegt, und blieben darum immer weiter und weiter zurück. Es ging dem Hadschi wie überall und immer: er nahm die Menschen sehr schnell für sich ein. Wir beiden andern aber gingen ernst, ganz still auf den Spuren hin. Da bemerkte ich zum erstenmal den feinen, unerklärlichen Duft, der von Taldscha ausging. Es war Blumenduft, aber von welcher Blumenart, das konnte ich trotz alles Nachdenkens nicht entdecken, nicht unterscheiden. Ein uraltes, orientalisches Märchen sagt, daß die Schwingen der Engel aus Blumenduft gebildet seien und daß die menschliche Seele nur im Blumenduft ihren Körper verlassen und zu ihm wiederkehren könne. Und indem ich an dieses Märchen dachte, mußte ich mich an Sitara erinnern und an das Tal der Sternenblumen, durch welches ich an der Seite von Marah Durimeh so oft gegangen war. Als ich mich an dem unendlich lieben, reinen, keuschen Duft dieser Blumen entzückte, hatte meine alte Freundin und Beschützerin gesagt: »Es gibt unendlich wenig Seelen, die es Duft im Körper festzuhalten. Wenn du einen solchen Körper triffst, mag er noch so häßlich sein, so traue seiner Seele, denn sie stammt aus dem Licht, nicht aus der Finsternis und wird dich niemals täuschen!« Und nun fiel es mir mit einem Male ein, daß dieser Duft, der die Frau des Scheichs umfloß, der Duft der Sternenblumen war, und es kam ein wohltuendes Gefühl der Freude, des Vertrauens und der Sicherheit über mich. Hierzu kam die ungewöhnliche Art und Weise, wie Taldscha sprach. Es gab bei ihr keine Neugierde, keine Spur von Sucht, Gewöhnliches zu erfahren. Und man hörte jedem einzelnen ihrer Worte an, daß es wohl überlegt worden war. Sie erkundigte sich nach dem Abendland und gestand, daß dies das Land ihrer Sehnsucht sei. Sie hatte viel Böses und viel Seltsames von ihm gehört, glaubte aber nicht an diese Berichte. Sie äußerte sich hierüber: »Wäre alles wahr, was man über euch berichtet hat, so beständen eure Völker nur aus Dieben, Lügnern, Betrügern und bösen Zauberern, vor denen man sich sehr in acht zu nehmen hat. Gäbe es wirklich solche Völker, so gäbe es auch keinen Gott! Und ich sehe ja dich, der du ehrlich bist und uns nicht belogen und nicht betrogen hast, obwohl du genügend Veranlassung dazu hattest. Ich freue mich, daß ich nun endlich die Wahrheit über jene fernen Länder hören kann, und es werden schöne Abende werden, an denen wir rund um das große Feuer sitzen und deinen Berichten lauschen.«

»Wie dir mit uns, so ergeht es mir mit euch«, antwortete ich. »Man hat mir so viel Unglaubliches und Fabelhaftes über euch erzählt, daß ich mich unbedingt vor euch fürchten müßte, wenn es mir überhaupt möglich wäre, Angst vor Menschen zu haben. Und nun sehe ich dich! Du bist das helle, klare Gegenteil von dem, was ich erfuhr!«

»Und ich dich!« gab sie mir mit einem kurzen, schalkhaften Lachen zurück. »Ihr wurdet bei uns und wir wurden bei euch verleumdet. Und nun wir so nahe beieinanderstehen, ergibt es sich, daß wir uns erlauben dürfen, einander zu achten. So soll es sein, so weit die Erde reicht – das ist Gesetz! Wo Völker und Menschen sich nähern, soll es nie im Haß, sondern nur in Liebe geschehen. Gott will es so! Du kennst doch Gott?«

»Ja. Ich bin Christ.«

»Christ? – Also Heide?«

»Heide?« fragte ich.

»Ja. Die Christen sind doch Heiden?«

»Wieso?«

»Weil jeder Mensch, der sich nicht zu unserer Religion bekennt, ein Heide ist.«

»So sagen auch wir, indem wir jeden, der nicht an den Gott der Christen glaubt, als Heiden bezeichnen.«

»Das ist wohl recht und billig. Ihr haltet eure Religion ebenso für richtig, wie wir die unselige. Ihr habt also genau dasselbe Recht, uns Heiden zu nennen, wie wir euch.«

»So erlaube mir, dich nach eurem Glauben zu fragen, wie du mich nach dem unsern gefragt hast!«

»Nach unserm Glauben? – Wir haben keinen!«

»Unmöglich!«

»O doch! Wir haben Gott. Wozu brauchen wir da noch einen eigenen Glauben an ihn? Wir glauben nicht an ihn, sondern wir haben ihn. Wenn dein Vater noch lebt, wenn er wirklich und persönlich bei dir wohnt, so glaubst du doch nicht nur, daß du einen Vater hast, sondern du weißt es so genau, daß das Wort Glaube völlig ausgeschlossen ist. Die Ussul haben eine Religion, aber keinen Glauben! Sie haben Gott! Das ist das Höchste, was es gibt. Das geht noch über jede Art des Glaubens!«

Das klang so sonderbar, so stolz, so felsenfest und unerschütterlich! Es konnte mir nicht einfallen, mich jetzt, heut, da wir uns noch gar nicht kannten, in einen religiösen Streit mit ihr einzulassen. Wer Frauen überzeugen will, der hat sich an ihr Herz und an die Logik der Tatsachen zu wenden und sich zu hüten, irgend etwas zu verletzen, was ihnen heilig ist. Darum hob ich mir das, was ich jetzt von ihr gehört hatte, zur späteren Beantwortung auf und sorgte dafür, daß unser Gespräch diesen doch immerhin heiklen Gegenstand nicht wieder berührte.

Endlich sah ich die Stelle vor mir liegen, wo ich unsere Pferde angepflockt hatte. Ich führte Taldscha nicht dorthin, sondern nach links, durch das Gebüsch und zu dem Stamm, an dem der Scheich noch ganz genau so saß, wie ich ihn verlassen hatte. Sie blieb hoch aufgerichtet vor ihm stehen und fragte:

»Du bist Gefangener?«

»Ja«, antwortete er, ohne einen Versuch zu machen, aufzustehen.

»Wie ist das möglich?«

»Er überlistete mich.«

»Weißt du, was das heißt?«

Der Ton, in dem sie das sagte, klang vorwurfsvoll. Er senkte die Augen. Dann hob er den Blick wieder zu ihr empor und antwortete in geradezu rührender Wahrheitsliebe: »Das heißt, daß er klüger und vorsichtiger gewesen ist als ich. Verzeihe mir; du hast auch diesmal recht!«

Und sich nun an mich wendend, fuhr er fort:

»Sie warnt mich nämlich immer, doch ich gehorche nicht. Ich verlasse mich auf meine Fäuste; sie aber behauptet, daß das kleinste Stückchen Geist viel stärker und mächtiger sei als ein meilenlanger und bergeshoher Körper. Ich weiß zwar sehr genau, daß dies richtig ist, aber wenn dann der Augenblick erscheint, an dem ich glaube, meinen Geist zu zeigen, dann bringe ich nichts fertig als nur Knabenstreiche. Du hast es ja gesehen!«

»Du scheinst während meiner Abwesenheit nachgedacht zu haben?« antwortete ich.

»Allerdings! Und was ich da gefunden habe, sieht nicht so aus, als ob ich darauf stolz sein könne. Ich bekam Angst. Du scheinst ganz so einer zu sein, wie meine Frau wünscht, daß ich werden soll. So ein kleines Stückchen Geist! Verstehst du mich? Als du mich verlassen hattest, fragte ich mich, was daraus werden könne, wenn dieser Geist jetzt plötzlich in meine guten ahnungslosen Ussul fahren würde …«

»Das hat er auch getan«, unterbrach sie ihn, »und du kannst nur froh sein, daß es nicht ein böser, sondern ein guter Geist gewesen ist, den er mit sich brachte. Er kam auf deinem Pferd wie ein Sturmwind dahergebraust, an dem Lager vorüber und gerade in den See hinein, wo der Sahahr mit zwei Männern im Boot saß, um den Gefangenen, den wir gemacht hatten, nach der Insel zu bringen. Er schwamm auf dem Pferd zum Boot hin, warf den Sahahr heraus, stieg selbst hinein, schnitt die Fesseln des Gefangenen durch und trieb dann auch die Ruderer ins Wasser. Dann kam er nach dem Ufer und nahm den Zauberpriester mit dem Riemen gefangen, um uns zu zeigen, auf welche Weise er dich überwältigt hat. Was konnten wir nun tun, nachdem er erst den weltlichen und dann auch noch den geistlichen Anführer der Ussul in seine Gewalt gebracht harte? Ihn etwa töten?

»Ja! Das dachte ich!« antwortete er.

»Niemals! Man tötet nur Ungeziefer, nicht aber ehrliche Menschen!«

»Aber, wenn er tot war, brauchte ich mein Wort nicht mehr zu halten! Ich hätte diese Stelle verlassen und zu euch zurückkehren können!«

»Er hätte sich gewehrt. Wenigstens der Sahahr wäre verloren gewesen.«

»Aber bedenke nur: Du hattest neunzehn Jäger bei dir! Riesenstarke Männer mit Spießen, Messern und Pfeilen!«

»Neunzehn Männer mit Spießen, Messern und Pfeilen!« fiel ich da lächelnd ein, indem ich den Henrystutzen in die Hand nahm. »Schau diese kleine, dünne Flinte! Sie ist mehr wert als alle eure Lanzen, Pfeile und sonstigen Waffen. Hast du den Quittenbaum gesehen, an dem wir unweit von hier vorübergekommen sind? Steh auf, und folge mir! Ich will euch etwas zeigen.«

»Ich darf aufstehen?« fragte er.

»Ja«, nickte ich.

»Bin also nicht mehr gefangen?«

»Doch! Ich gebe dich erst dann frei, wenn du mein Freund geworden bist.«

»Gut! Du bringst mich wieder hierher, sobald du willst.«

Ich schritt voran, und die beiden kamen hinterdrein. Wir gingen bis an die Stelle zurück, wo die Quitte stand. Das war ganz in der Nähe der Hauptrichtung, aus der wir links eingebogen waren. Grad als wir den Baum erreichten, der ganz voll von noch sehr kleinen, flaumigen, silbern schimmernden Früchten hing, kamen Halef und der Sahahr daher. Sie befanden sich in einer sehr lebhaften Unterhaltung und schienen sich unterwegs ganz leidlich einander angefreundet zu haben. Der gute Verlauf unsere bisherigen Abenteuers stand für mich fest. Ich deutete auf einen Außenzweig der Quitte und fragte den Scheich:

»Wieviel Quitten trägt dieser Zweig?«

»Zusammen zwölf«, antwortete er, nachdem er gezählt hatte.

»Ich will dir zeigen, was aus deinen Jägern geworden wäre, wenn sie es gewagt hätten, sich an mir oder meinem Hadschi zu vergreifen. Ich werde nur sechs von diesen Früchten herabschießen, dann aber auch den ganzen Zweig mit den sechs übrigen.«

Ich entfernte mich, um eine möglichst imponierende Distanz zu nehmen. Diese Pause benutzte Halef, der die Situation sofort begriff, um die Sache möglichst wichtig aufzubauschen. Er rief aus:

»Es kommt ein Meisterstück, ein ungeheures Meisterstück! Sechs Quitten, eine nach der andern! Und dann der ganze Zweig! Und zwar ohne auch nur ein einzigesmal zu laden! Mit diesem Zaubergewehr kann man nämlich, wenn man es zu behandeln versteht, in alle Ewigkeit weiterschießen, ohne laden zu müssen! Ihr werdet eure Wunder sehen; ich sage euch, eure Wunder!«

Als ich mich in der gewünschten Entfernung befand, drehte ich mich um und legte das Gewehr an.

»Jetzt, jetzt!« schrie Halef. »Es beginnt!«

Ich zielte sehr genau, denn wenn ich die beabsichtigte Wirkung erreichen wollte, durfte es keinen Fehlschuß geben. Es gelang. Sechs Schüsse schnell hintereinander für die Früchte, und dann noch zwei, um den Zweig herabzubrechen, denn mit nur einem der kleinen Projektile gab es keine Garantie. Als ich den Zweig fallen sah, setzte ich das Gewehr ab. Halef jubilierte in seiner lauten Art und Weise. Die drei Ussul standen ganz erstaunt. Sie fanden keine Worte. Aber es sollte noch weit besser kommen. Die Schüsse hatten einen Raubvogel aufgescheucht, der höchstwahrscheinlich beim Fraß gesessen hatte, und zwar so in der Nähe von uns, daß wir seine Stimme noch eher hörten, als wir ihn sahen. Er stieg, weit ausholend, in die Höhe, und zwar nicht etwa in schräger Richtung uns entfliehend, sondern in einer erst weiten und dann immer enger werdenden Schneckenlinie, beständig über uns bleibend.

»Ein Nisr el Afrit – Riesenadler –!« rief der Scheich, für den Augenblick meine Schüsse ganz vergessend.

»Ein Nisr el Afrit!« rief auch der Zauberpriester, und der Ton, in dem dies geschah, sagte deutlich, daß dieser Vogel hier zu den seltensten und wertvollsten Jagdbeuten gehörte.

»Ein Nisr el Afrit!« rief ebenso die Scheichin, indem sie ihre Arme verlangend emporstreckte. »Wenn man die Steuerfedern hätte – die Steuerfedern nur!«

»Willst du sie haben?« fragte ich, indem ich den Stutzen wegwarf und nach dem weit- und hochtragenden Bärentöter griff.

Sie sah mich verwundert an und antwortete nicht. Halef rief ihr zu: »Sag ja, sag ja! Dann holt er ihn dir herab!«

Ich hob das Gewehr und zielte. Der Schuß krachte. Der Vogel zuckte zusammen, als ob er über den lauten Knall erschrocken sei. Aber es war die Kugel, unter der er zusammenzuckte. Der Körper hing einen Augenblick vollständig unbeweglich in der Luft; dann begannen die Schwingen, konvulsivisch zu schlagen. Der Körper drehte sich um sich selbst und fing an zu sinken, erst langsam, dann schnell und immer schneller, den einen Flügel fest an den Leib gezogen, den andern weit ausgestreckt, kam das Tier, zu Tode getroffen, zur Erde nieder, und zwar gar nicht sehr weit von uns, auf dem von Bäumen freien, schmalen Strich, auf dem das Wettrennen zwischen dem Scheich und mir stattgefunden hatte. Halef rannte spornstreichs hin, um ihn zu holen, und der Zauberer vergaß seine priesterliche Würde so ganz und gar, daß er ihm nacheilte, um ihm tragen zu helfen. Als sie den Adler brachten, sah ich, daß es ein außerordentlich schönes und großes Weibchen war, hellbraungolden, mit reinem, fleckenlosem Flügelspiegel, die Länge einen ganzen Meter, die Breite aber weit über zwei Meter betragend. Ich trug ihn zur Frau des Scheichs, legte ihn vor sie hin, breitete die Schwingen und Steuerfedern aus, die bei den Ussul sehr hoch im Wert stehen, und sagte:

»Du hast diese Federn gewünscht. Ich bitte dich, sie von mir anzunehmen!«

»Du willst sie mir schenken?« fragte sie.

»Ja, wenn du es mir erlaubst.«

»Kennst du denn ihren Wert?«

»Sie haben nur dann einen Wert für mich, wenn sie dir Freude machen.«

»Sie werden hier in Ardistan als Zeichen hoher Würde getragen und sind bei uns von großer Seltenheit, weil unsere Kugeln und Pfeile nicht den Adler in den Lüften zu ereilen vermögen. So reiche Geschenke darf man nur von einem Freund annehmen, nicht aber von einem Fremden, den man zum Knecht und Sklaven machen will. Ich bitte dich, mir deine Gewehre zu zeigen!«

Ich gab ihr erst die Doppelbüchse, deren Schwere sie zu überraschen schien, denn sie reichte sie dem Scheich mit den Worten hin:

»Diese Fremden sind stärker, als man denkt. Es ist gewiß nicht leicht, mit solchen Gewehren zu schießen.

»Ich habe diese Flinte schon in der Hand gehabt«, antwortete er. »Aber ich ahnte nicht, daß sie ihre Kugeln nach so außerordentlichen Höhen sendet.«

Dann griff sie nach dem Stutzen. Sie betrachtete ihn genau, wendete ihn hin und her, hielt ihn an das Ohr, schüttelte ihn, um vielleicht etwas zu hören, und sagte dann:

»Das ist allerdings ein richtiges und wirkliches Zaubergewehr, denn so sehr man sich auch Mühe gibt, kann man doch unmöglich entdecken, wie es möglich ist, mit ihm immerfort zu schießen, ohne zu laden. Zu einem solchen Gewehr gehört aber auch ein Schütze wie du!«

So sagte sie zu mir. Zum Scheich aber sprach sie:

»Ich bin überzeugt, daß dieser Emir Kara Ben Nemsi Effendi imstande ist, dich und deine neunzehn Ussul in der Zeit von zwei Minuten zu erschießen. Du nicht auch?«

»In der Zeit von nicht zwei, sondern nur einer!« warf Halef ein.

Der Scheich kratzte sich den Untergrund seines Bartes und antwortete:

»Daran ist fast kein Zweifel. Hoffentlich aber tut er es nicht! Und da habe ich einen großen, schönen, köstlichen Gedanken. Darf ich ihn dir sagen?«

»Sprich!« forderte sie ihn auf.

»Solche Gewehre und so einen Schützen müßte man auf der Jagd haben!«

Sie nickte.

»Und im Kampf gegen die Tschoban!«

»Grad jetzt!« fiel da der Zauberer ein. »Wir wissen ja, daß sie sich rüsten, uns zu überfallen.«

Um mich zu unterrichten, fügte Taldscha in erklärendem Ton hinzu:

»Wir schicken alle unserer Leute auf die Jagd, um Mundvorrat für diesen Kampf zu sammeln, der lange währen kann und stets sehr blutig ist.«

»Wer sind diese Tschoban?« erkundigte ich mich, als ob ich es noch nicht wisse.

»Ein wildes Reitervolk, welches draußen auf der Steppe und in der Wüste lebt. Die Tschoban züchten Pferde, Kamele, Rinder und Schafe. Sie haben keine bleibende Stätte. Sie sind Nomaden; sie beten einen Gott an, den sie Allah nennen, und sie haben die Blutrache. Immer, wenn ein böses, hungriges Jahr ihre Herden weggefressen hat, fallen sie bei uns ein, um uns die unserigen wegzunehmen. Wir erwarten für nächste Zeit einen derartigen Einbruch in unser Gebiet, und nun machen wir Fleisch, um uns für die Belagerungen vorzubereiten, die wir auszuhalten haben werden.«

»Belagerungen?« fragte ich. »Kämpft ihr nicht auf offenem Feld?«

»Nein. Dazu sind sie zu zahlreich, und wir haben vor allen Dingen unsere Tiere zu schützen. Wir ziehen uns mit ihnen hinter das Wasser zurück und lassen uns da von den Tschoban belagern. Wer es am längsten aushält, der hat gesiegt. Deine Gewehre tragen außerordentlich weit. Ob sie verzaubert sind, darüber frage ich dich noch. Von höchstem Wert ist es, daß du so genau zu treffen verstehst.«

Bei diesen Worten bückte sie sich, hob den herabgeschossenen Quittenzweig von der Erde auf, betrachtete ihn genau und fragte mich dann:

»Würdest du uns gegen diese Feinde beistehen, Emir?«

»Beistand zu leisten ist man nur Freunden schuldig«, antwortete ich.

»Du bist doch unser Freund!«

»Noch nicht!«

»O doch!«

»Beweise es!«

»Ich habe es beschlossen!«

Sie sagte das in sehr bestimmtem Ton und sah dabei den Scheich und den Zauberer an. Der erstere beeilte sich, mir zu erklären:

»Ja, wenn sie es beschlossen hat, so kann es nicht anders sein. Ich stimme bei.«

Und der letztere sagte zu mir:

»Wenn unsere Scheichin beschließt, ist keine Beratung nötig. Sie trifft stets das Richtige. Ich gebe ihr meine Zustimmung gern. Wenn es dir recht ist, Emir, kannst du schon morgen, wenn wir nach unserer Stadt zurückgekehrt sind, Ussul werden. Das ist eine heilige Zeremonie, die ich als Priester vorzunehmen habe, nachdem du vorher bewiesen hast, daß du wert bist, ein Ussul zu sein.«

»Wie habe ich das zu beweisen?«

»Durch den Kampf mit einem unserer Leute. Besiegt er dich, so kannst du nicht aufgenommen werden.«

»Und besiege ich ihn, so trete ich wohl an seine Stelle und er wird ausgestoßen?«

Diese Frage verwirrte ihn. Es dauerte eine kleine Weile, bevor er Antwort gab:

»Nein. Das kannst du nicht verlangen. Es geschieht dem größten Helden, daß ein Zufall ihn besiegt. Das ist eben Zufall, keine Schande. Warum ihn also ausstoßen?«

»Wir kämpfen, Sihdi, wir kämpfen!« rief Halef begeistert aus. »Wer wird mein Gegner sein?«

»Du hast das Recht, ihn dir zu wählen«, unterrichtete ihn der Zauberer.

»So wähle ich dich«, sagte der kleine Hadschi, indem er ihm eine sehr tiefe, höfliche Verbeugung machte.

»Mich –? Warum grad mich …?«

Er dehnte diese Frage sehr lang und unlustig heraus. Es schien ihm gar keine große Freude zu machen, daß Halef seine Wahl auf ihn gelenkt hatte.

»Weil du mir gefällst«, antwortete dieser. »Weil ich dich liebgewonnen habe. Und auch darum, weil ich noch nie Gelegenheit hatte, mit einem Sahahr zu kämpfen. Es wird die Größe meines Ruhmes vermehren, wenn ich daheim erzählen kann, daß ich dich im Kampf überwunden und getötet habe.«

»Getötet? Du tötest auch in einem solchen Probekampf?«

»Natürlich! Der! Sieg ist doch nur dann vollständig errungen, wenn der Gegner tot am Boden liegt. Wer hat die Waffen zu bestimmen?«

»Der Fremde, der aufgenommen werden soll.«

»Also ich? Gut, so schießen wir uns!«

»Schießen?« fuhr der Zauberpriester auf. »Das wäre ja mein sicherer Tod, obgleich ich gegen dich ein Riese bin!«

»Das ist es ja eben, was ich will!« lachte Halef. »Riesen totzuschießen ist mir eine wahre Wonne! Nur um ihnen zu zeigen, daß es nicht auf den Körper ankommt. Was für Waffen wählst denn du, Effendi?«

»Dieselben«, antwortete ich, auf seine heitere Absicht eingehend.

»Und mit wem wirst du kämpfen?«

»Mit dem Scheich.«

Da rief dieser erschrocken aus: »Mit mir? Warum grad mit mir?«

»Weil du mir gefällst; weil ich dich liebgewonnen habe. Du hörst, daß ich ganz genau dieselben Gründe habe, wie mein Hadschi Halef. Er ist Scheich, und ich bin Emir. Wir können ganz unmöglich mit gewöhnlichen Kriegern kämpfen. Darum wählen wir euch, und wir sind überzeugt, daß ihr diese Wahl als das betrachtet, was sie ist, nämlich eine Ehre für euch beide!«

Das sagte ich zum Scheich. Mich von ihm an seine Frau wendend, fügte ich hinzu:

»Also wir sind bereit, Ussul zu werden. Dies kann, wie ich gehört habe, erst morgen geschehen. Was sind wir bis dahin? Freunde oder Feinde?«

»Freunde«, antwortete sie. »Du kannst den Scheich und den Sahahr getrost aus ihrer Gefangenschaft entlassen. Ihr seid frei.«

»Nur für jetzt oder für immer?«

»Für immer. Hier meine Hand darauf!«

Sie reichte mir ihre Hand, die ich freundschaftlich drückte. Auch die beiden Männer gaben mir ihre Hände, ebenso dem Hadschi. Taldscha aber tat das letztere nicht. Sie schaute über Halef weg, als ob er für sie nicht vorhanden sei. Er hatte es verdient, obgleich er als Moslem keine Übung besaß, mit Frauen zu verkehren.

Nun der Scheich sich frei wußte, drängte er, nach dem Lager zurückzukehren. Er nahm den Adler auf, um ihn zu tragen. Seine Frau behielt den Quittenzweig, um ihn ihren Kriegern vorzuzeigen. Wir gingen zu unsern Pferden, die wir genau so fanden, wie ich sie verlassen hatte. Als sie aufsprangen, stieß Taldscha einen Ruf der Verwunderung aus. Sie besaß ein besseres Auge als der Scheich.

»Was für schöne, herrliche Tiere!« rief sie, die Hände vor Freude zusammenschlagend. »Viel kleiner als die unsern! Aber unendlich herzig, anmutig und wohlgestaltet! Man muß sie küssen!«

Sie umschlang den Hals Ben Rihs und küßte ihn auf die Stirn. Er ließ sich dies gefallen, ohne sich zu regen. Aber als sie es auch bei Syrr tat, öffnete dieser die Nüstern weit, sog den Duft ihrer Atmosphäre ein und ließ dann ein frohes Wiehern hören, so zart, gedämpft und eigenartig, wie ich es noch nie von ihm gehört hatte. Da trat sie rasch zwei oder drei Schritt von ihm zurück, sah mich seltsam prüfend an und fragte:

»Effendi, knistern die Haare dieses Pferdes?«

»Ja«, antwortete ich.

»Immer?«

»Nein, sondern nur, wenn ich selbst sie kämme und streiche.«

»Wie heißt dieses Pferd?«

»Syrr.«

»Syrr? Also Geheimnis, Rätsel! Als ich seinen Hals berührte, fühlte ich etwas durch meine Hände gehen. Das war genau dasselbe Gefühl wie damals, als mir der Mann, der aus Sitara kam, seine Hände reichte.«

»Was ist Sitara?« fragte ich, indem ich so tat, als ob ich es nicht wüßte.

»Ein Land in weiter Ferne, von dem man hier fast nur den Namen kennt, weiter nichts. Darf ich einmal versuchen?«

Sie deutete auf Syrr. Ich wußte zwar nicht, was sie meinte, antwortete aber mit einem zustimmenden Nicken. Da trat sie wieder an das Pferd heran und begann, seine Mähne zu streichen. Sie horchte und winkte mir dann, näher zu kommen. Ich tat es und horchte mit. Ich vernahm jenes charakteristische, elektrische Knacken und Knistern, das ich im letzten Band von »Im Reiche des silbernen Löwen« ausführlich beschrieben habe.

»Hörst du es?« fragte sie.

»Ja. Wenn es nachts und dunkel wäre, würdest du es sogar sehen.«

»Kleine, helle Funken, bläulich gelb, die zwischen Haar und Hand herüber- und hinüberspringen. Nicht wahr, Emir?« antwortete sie.

»Du kennst es also schon?«

»Ja.«

»Woher?«

»Von Aacht und Uucht.«

Aacht und Uucht heißt Bruder und Schwester. Sie sah mir an, daß ich zu wissen begehrte, was für ein Geschwisterpaar das sei, und erklärte mir also:

»Aacht und Uucht sind zwei Hunde, wie es ganz gewiß keine mehr gibt. Die Ussul sind berühmt durch die Größe, Schönheit und Stärke ihrer Bärenhunde, die sie ziehen. Wir schickten vor einigen Jahren dem Mir von Dschinnistan ein Paar. Solch ein Verkehr mit ihm ist hier in Ardistan verboten; aber er hatte uns eine große Liebe erwiesen, für die wir ihm durch diese Gabe danken wollten. Das mußte natürlich heimlich geschehen. Ebenso heimlich kam dann später ein fremder Mann zu uns, der aus Sitara stammte und im Begriff stand, dorthin zurückzukehren. Er war beim Mir von Dschinnistan gewesen und brachte dessen Gegengabe, auch zwei Hunde, schöner und schneller und klüger noch als die unserigen, aber nicht so stark. Der Mann aus Sitara war derselbe, von dem ich soeben sprach. Er teilte uns die Bedingung mit, die der Mir von Dschinnistan an seine Gabe knüpfte. Sie war seltsam. Nämlich die Nachkommen einer Kreuzung seiner und unserer Rasse sollen alle uns gehören, ein einziges Paar ausgenommen, Bruder und Schwester, die einem Gast auszuhändigen seien, der mit einem verborgenen Schild auf der Brust zu uns kommen und uns von großem Nutzen sein werde. Dieses Paar wurde geboren und Aacht und Uucht genannt. Ich behaupte, daß es keine schöneren, stärkeren, klügeren und schnelleren Hunde gibt, als diese beiden. Und sonderbarerweise sehe und höre ich kleine Funken knistern, wenn ich sie liebkose, ganz genau wie bei Syrr, deinem Pferd. Sitzt auf! Wir kehren nach dem Lager zurück.«

»Ich reite mit!« sagte der Scheich. »Ich setze mich auf das Pferd deines Begleiters.«

Er ging zu Ben Rih und griff nach seinem Zügel. Halef wollte sich das nicht gefallen lassen; ich gab ihm aber einen heimlichen Wink, Amihn nicht zu beleidigen. Er gehorchte mir, doch nur scheinbar, denn ich sah, daß er seinem Pferd jenes andressierte Zeichen gab, von dem ich bei früheren Gelegenheiten wiederholt gesprochen habe. Ben Rih wußte sofort, was er zu tun hatte. Als der Scheich die Hand nach dem Sattel hob, warnte ihn Halef:

»Ich an deiner Stelle würde nicht reiten, o Scheich!«

»Warum nicht?« fragte dieser.

»Dieses Pferd wirft jeden ab, der nicht darauf gehört.«

»Auch mich?« lachte der Ussul.

»Auch dich!« nickte der Hadschi mit jenem Lächeln, das mir nur zu bekannt an ihm war.

»Das wollen wir doch versuchen! Wehe dem Rappen, wenn er glaubt, einen Mann wie mich herunterzubringen!«

Er schwang sich hinauf, oder vielmehr, er kletterte hinauf, wie er es bei seinem Dicken zu tun gewohnt war. Noch aber hatte er das rechte Bein nicht ganz hinüber, so tat das Pferd, steifbeinig wie ein Bock, einen Satz zur Seite, augenblicklich hierauf einen zweiten nach vorn und blieb dann stehen; der Reiter aber saß hinter ihm tief in den duftenden Blüten. Taldscha wollte sich beherrschen, um das Lachen zu verbergen; es gelang ihr nicht. Auch der Zauberer lachte. Ich dagegen blieb ernst und Halef ebenso. Daß der Riese von seiner Frau ausgelacht wurde, das war wohl kein allzu seltenes Ereignis; aber daß es in unserer Gegenwart geschah, das regte ihn auf und ärgerte ihn derart, daß er beschloß, die erlittene Niederlage augenblicklich wettzumachen. Er sprang also schnell wieder in die Höhe, faßte die Zügel des Rappen von neuem und hob den Fuß, um ihn in den Bügel zu setzen.

»Hüte dich!« warnte der Hadschi.

»Schweig!« donnerte der Scheich. »Die Bestie muß gehorchen, sage ich dir. Sie muß!«

Er glaubte, den Trick des Pferdes jetzt zu kennen und darum gegen ihn geschützt zu sein. Aber er sah nicht, daß Halef jetzt ein anderes Zeichen gab, und daß der Hengst sich also auch anders zu verhalten hatte. Der Scheich stieg sehr langsam im Bügel empor, um gleich wieder abspringen zu können, falls das Pferd mit seinem »Mätzchen« zu schnell beginnen würde. Als dies nicht geschah, warf er das rechte Bein schnell hinüber auf die andere Seite und faßte rasch den dortigen Bügel, um gleich fest zu sitzen und sich nicht bereits im Aufsteigen überraschen zu lassen. Das gelang ihm vollständig. Das Pferd rührte sich nicht, selbst dann nicht, als er schon vollständig festen Sitz genommen hatte.

»Nun, kann ich es, oder kann ich es nicht?« triumphierte er.

»Du kannst es nicht!« behauptete Halef.

»Du siehst aber doch, daß …«

Er konnte den Satz nicht aussprechen, weil Ben Rih plötzlich ganz kerzengerade emporstieg, im Niedersinken zur Seite abbockte und dann die Hinterbeine so hoch in die Luft warf, daß der Scheich aus dem Sattel und über den Kopf des Pferdes zur Erde flog.

»… daß du wieder herunter mußt!« vollendete Halef den angefangenen Satz des Scheichs. »Ich werde dir zeigen, wie man es machen muß, fest sitzenzubleiben!«

Er schwang sich auf das Pferd, um dem Scheich jede Gelegenheit zu nehmen, sich wieder in den Sattel zu wünschen. Der Scheich sprang auf, im höchsten Grade darüber wütend, daß er sich abermals lächerlich gemacht hatte. Es fiel ihm gar nicht ein, den zweimal mißlungenen Versuch zu wiederholen.

»Dein Vieh ist verrückt!« rief er. »Kein Mensch kann es reiten!«

»Auch ich nicht?« fragte Halef.

»Auch du nicht! Paß auf, wie schnell auch du herunter mußt!«

Er ballte die gewaltigen Hände, holte aus und schmetterte sie dem Pferd derart zwischen die Augen, daß es klang, als ob die Stirn zersplitterte. Ben Rih stand einen Augenblick lang ganz bewegungslos; er war betäubt. Halef saß noch nicht fest.

»Um Gottes willen! Nimm Sitz und Zügel!« rief ich ihm zu. »Das Pferd bricht aus!«

Er raffte sich sofort zusammen, und zwar grad noch zur rechten Zeit. Ben Rih begann zu zittern und zu zucken. Er tat einen gewaltigen Satz nach vorn, einen nach rechts und einen nach links, warf sich dann weit herum und jagte davon, als ob die Hölle hinter ihm sei, um ihn zu fangen.

»Pfui!« rief ich dem Scheich zu. »Ein so edles Tier mit der gemeinen Faust zu schlagen! Das war nicht recht von dir! Das bringt dir keine Ehre!«

Ich warf meine Gewehre über und schwang mich auf Syrr.

»Wo willst du hin?« fragte Taldscha.

»Ihm nach! Wenn der Huf des Pferdes in einer dieser festen Schmetterlingsschlingen hängenbleibt, können beide die Hälse brechen!«

»Wann kommst du zurück?«

»Ich weiß nicht. Vielleicht nie! Wir sehnen uns nicht nach rohen Quälereien!«

»Aber wenn nun ich dich bitte …«

Mehr hörte ich nicht. Syrr flog davon, den flüchtigen Ben Rih einzuholen, den ich schon nicht mehr sah, weil er hinter einer der schon beschriebenen Krümmungen verschwunden war. Es war wirklich so, wie ich der Frau gesagt hatte. Ich brauchte um Halef eigentlich keine Angst zu haben. Er hatte mir jahrelang bewiesen, welch ein vortrefflicher Reiter er war und daß er mit einem durchgehenden Pferd auch ganz gut ohne meine Hilfe fertig werden könne. Auch war der Rappe, den er jetzt ritt, ein zu edles Tier, als daß der Schreck über den Schlag, den er erhalten harte, länger als nur kurze Zeit anhalten konnte. Aber die dichten, mannigfach hegenden und zusammengewirrten Zweige der Schmetterlingsblütler, durch welche der sausende Ritt ging, boten tausendfältige Gelegenheit, mit dem Fuß hängenzubleiben, und wenn dies geschah, so konnte der unvermeidliche Sturz bei der Schnelligkeit, welche das Pferd entwickelte, sehr leicht ein tödlicher sein. Es stellte sich auch bald genug heraus, daß meine Befürchtung nicht nur sehr wohlbegründet, sondern auch in Erfüllung gegangen war, denn als ich eine ziemlich bedeutende Strecke im schnellsten Galopp zurückgelegt und mehrere Krümmungen des Weges hinter mir hatte, sah ich Ben Rih stehen, weit draußen vor mir, mitten in den Papilionaten, den Kopf zur Erde gesenkt – seinen Reiter aber sah ich nicht. Er lag jedenfalls am Boden, an der Stelle, nach welcher sich der Kopf des Pferdes richtete.

Es war so, wie ich dachte. Als ich hinkam, sah ich Halef liegen, steif und unbeweglich, mit geschlossenen Augen, wie einen Toten. Aus den Spuren ersah ich sofort beim ersten Blick, daß das Pferd hängengeblieben und gestürzt war. Die zähe, feste Pflanzenschlinge hing noch an seinem Fuß. Wäre sie nicht abgerissen, so hätte Ben Rih unbedingt das Bein gebrochen, und es wäre mir nichts übriggeblieben, als ihn zu töten. Halef lebte noch. Er war nur ohnmächtig. Auch verletzt hatte er sich nicht, denn ich konnte seinen Körper und alle seine Glieder bewegen, ohne daß der Schmerz ihn aufweckte. Das beruhigte mich so sehr, daß ich mich gemütlich neben ihn hinsetzte, um sein Erwachen zu erwarten. Selbstverständlich untersuchte ich vorher Ben Rih. Auch er hatte nicht den geringsten innern oder äußern Schaden genommen.

Es dauerte eine geraume Zeit, ehe Halef sich zu regen begann. Er öffnete die Augen, sah mich an, machte sie wieder zu und sagte:

»Da sitzt er – ganz, ganz ruhig – aber ich, ich muß reiten …!«

Das sogenannte »Ich« in seinem Innern befand sich also noch mitten im Galopp! Nach einiger Zeit fuhr er fort, doch ohne die Augen aufzuschlagen:

»Wenn er im Gesträuch hängenbleibt – und ich stürze – so breche ich den Hals!«

Sein Körper lag ruhig. Auch seine Mienen waren unbewegt. Aber plötzlich nahmen sie den Ausdruck der äußersten Spannung an, und er schrie:

»Es hält ihn fest –! Er stürzt –! Er überschlägt sich mit mir –! Auf, schnell auf – sonst drückt er mich tot!«

Bis zu diesem Worte hielt er die Augen geschlossen. Nun aber sprang er in die Höhe und rief im Ton der Freude:

»Ich kann auf –! Ich bin auf –! Und ich sehe, daß ich …«

Hier hielt er mitten in der Rede inne, denn als er jetzt die Augen öffnete, sah er Ben Rih vor sich stehen. Da fuhr er verwundert fort:

»Er ist auch schon aufgesprungen! Gleich mit mir! Soeben jetzt! Und jetzt steht er so ruhig, als ob …«

Er unterbrach sich abermals, denn in diesem Augenblick sah er auch mich. Da fragte er, im höchsten Grade erstaunt:

»Auch du bist hier, Sihdi? Auch du? Ich bin doch soeben erst an dir vorübergejagt! Du saßest still und schautest mich erwartungsvoll an, ob ich bei dir anhalten werde oder nicht. Der Rappe lief aber weiter, weit, weit, und stürzte – ich mit ihm. Ich schlug mit dem Kopf auf. Er tut mir weh, und – und – du lächelst?«

»Ja«, nickte ich.

»Warum?«

»Vor Vergnügen darüber, daß du mir eine sehr wichtige, wissenschaftliche Frage beantwortest.«

»Ich? Eine wissenschaftliche Frage? Das wäre das erstemal in meinem ganzen Leben! Wie lautet diese Frage?«

»Es ist die Frage, was im Innern eines Menschen vorgeht, der in Ohnmacht gefallen ist.«

»Ohnmacht? – Willst du behaupten, daß ich bewußtlos gewesen bin?«

»Ja.«

»Warum?«

»Infolge des Sturzes.«

»Aber ich bin doch sofort wieder aufgesprungen!«

»So schnell, wie du denkst, wohl nicht. Ich bin dir nachgeritten und habe, nachdem ich dich hier liegen fand, mich zu dir hergesetzt und eine ziemlich lange Zeit gewartet, bis dir das Bewußtsein zurückkehrte und du wieder aufstehen konntest.«

»Das Bewußtsein? Sihdi, sei doch aufrichtig! Behauptest du wirklich, daß mir das Bewußtsein zurückgekehrt ist?«

»Allerdings. Es war doch weg, und jetzt ist es wieder da!«

»Nein! Das ist falsch! Es war nicht weg! Du hast es nur nicht sehen können! Es war da! Aber nur bei mir! Nämlich nicht hier außen, sondern drin, im Innern. Da hat es sich das, was außen geschehen ist, noch einmal innerlich betrachtet!«

»Aha! Oberbewußtsein und Unterbewußtsein!« nickte ich mit wichtiger Miene.

Da sah er mich mit bedenklichem Gesichtsausdruck an und fragte:

»Ober und Unter? Also ein Bewußtsein, das oben und ein Bewußtsein, das unten ist? Was soll das sein?«

»Das sind wissenschaftliche Ausdrücke aus der Müdschewwedet – Psychologie –, die du nicht begreifen kannst.«

Da lachte er laut auf und antwortete:

»Nicht begreifen? Ich? Bilde dir das ja nicht ein, Sihdi! Wann hätte ich denn einmal etwas nicht begriffen? Ich bin Hadschi Halef Omar, der hochberühmte Scheich der Haddedihn vom großen Stamm der Schammar, und begreife alles, unbedingt alles! Über eure sogenannte Müdschewwedet lache ich! Und ebenso über eure ganze Wissenschaft! Hörst du?«

»Ja«, nickte ich.

»Soll ich dir es erklären?«

»Ich bitte dich darum.«

»So höre: Mein Bewußtsein, das bist doch nicht du, sondern das bin ich. Wenn ich mit meinem Bewußtsein hoch oben auf dem Pferd sitze, so ist dies mein Oberbewußtsein. Und wenn das Pferd mich mit samt meinem Bewußtsein herunterwirft, so daß ich die Besinnung, den Verstand und alles Höhere verliere, so stürze ich in das Unterbewußtsein, wohin mir kein Pferd, kein Sihdi, kein Effendi, kein Gelehrter und keine Müdschewwedet zu folgen vermag. Wo ich da bin, und was ich da tue, das weiß keiner von euch, denn niemand hat es bisher entdecken können. Aber wenn es dir Vergnügen macht, es zu erfahren, so will ich gern mein möglichstes für dich und deine Wissenschaften tun. Ich brauche nur zu warten, bis ich wieder einmal mit einem durchgehenden Pferd aus dem Oberbewußtsein in das Unterbewußtsein stürze und – Allah w' Allah! Schau, Sihdi! Siehst du es?«

Indem er seine Rede unterbrach, deutete er nach drei Reitern, die plötzlich in einiger Entfernung von uns auftauchten und jetzt anhielten. Es ist nötig, einen Blick auf die Örtlichkeit zu werfen, wo der Vorgang, den ich erzähle, sich abspielte.

Wir befanden uns noch immer auf dem schmalen, von Schmetterlingspflanzen bewachsenen Strich, auf dem ich den Scheich der Ussul gejagt und gefangengenommen hatte. Dieser Strich glich einer früher künstlich angelegten, dann aber verwilderten Schneuße – forstwirtschaftlich für Schneise –, welche zu beiden Seiten sehr dicht von Bäumen eingefaßt wurde. Hinter uns hatten wir das Lager der Ussul, aber so weit entfernt, daß ein Fußgänger wohl über eine Stunde gebraucht hätte, um es zu erreichen, denn unser Ritt war zwar nur ein kurzer, aber außerordentlich schneller gewesen. Vor uns ging dieser schmale Weg nur noch eine kurze Strecke fort, um sich dann, wie es den Anschein hatte, in eine freie Lichtung zu verlaufen. Er wirkte für unsere Augen fast wie ein Fernrohr. Seine Richtung war hier schnurgerade. Das Dunkel der Baumreihen hüben und drüben hielt die Lichtstrahlen fest und klar zusammen. Die Perspektive ließ dieses Rohr scheinbar immer enger werden. Und grad an dem Punkt, wo es da draußen auf die freie Lichtung führte, hielten die drei Reiter wie vor einer Linse, welche ihre Gestalten, ihre Umrisse und Bewegungen außerordentlich bestimmt und deutlich erscheinen ließ. Sie waren aus der Lichtung nach dem schmalen Weg gekommen, sahen in diesen langen Weg hinein und berieten, ob sie ihm folgen sollten oder nicht. Das merkte man aus ihren Bewegungen. Sie kannten also diese Gegend nicht; es waren demnach wahrscheinlich Ussul, die noch nie Gelegenheit gehabt hatten, hier zu sein. Doch durfte ich auch den Fall nicht ausschließen, daß sie überhaupt keine Ussul waren.

Als ihre Beratung zu Ende war, setzten sie sich in Bewegung, und zwar auf uns zu. Dies geschah in einer auffälligen Weise. Sie vermieden nämlich die Mitte des Weges, wo sie weit gesehen werden konnten, und hielten sich vielmehr, zwei hüben und der Dritte drüben, so nahe an die Bäume des Waldes, daß sie für den Fernblick ganz verschwanden.

»Das sind keine Ussul!« behauptete Halef, als er das sah.

»Auch keine Freunde von ihnen«, fügte ich hinzu. »Sie wollen nicht gesehen werden, kommen also in feindlicher Absicht.«

»Verstecken wir uns?« fragte er.

»Nein. Es ist zu spät dazu. Sie sind zwar noch ziemlich fern, aber sie würden wahrscheinlich sehen, daß jemand sich hier bewegt. Setze dich her zu mir, und unsere Pferde mögen sich legen!

Er nahm an meiner Seite Platz. Für die zwei wohlgeschulten Rappen bedurfte es nur eines kurzen Befehles, so legten sie sich grad da, wo sie standen, mitten ins Gesträuch. Diese ginsterhohen und ginsterfarbigen Pflanzen verdeckten uns so, daß wir nur aus der nächsten Nähe gesehen werden konnten.

Die Fremden ritten langsam. Wir hatten also genug Zeit, sie genau zu betrachten, noch ehe sie uns erreichten. Es waren zwei bärtige Männer im höheren Alter, doch noch nicht weißhaarig, und ein Jüngling, oder vielmehr ein junger Mann von ungefähr fünfundzwanzig Jahren. Ihre Pferde waren nicht so massig wie der famose Smihk, aber doch von einem so schweren, hohen und knochigen Schlag, daß man sie in Deutschland selbst für die Artillerie noch zu ungelenk befunden hätte. Sattel und Zaumzeug waren sehr einfach, von ungefärbtem Naturleder. Von Waffen sah ich Pfeil und Bogen und Messer. Jeder führte Lanze und Flinte, letztere, wie es schien, nach alter, unvorsichtiger Beduinenart, nämlich in ihren Eisenteilen leicht, dünn und unzuverlässig und dabei für so rohes Pulver, daß ein Schuß dem Schützen leicht gefährlicher werden konnte als dem Wild oder dem Feind. Gekleidet waren sie in schreiend gefärbte Stoffe, wie Steppenbewohner sie gern zu tragen pflegen, Hose, Weste, Jacke, einen mantelähnlichen Umhang, Turban, lederne Halbstiefel mit fürchterlichen Sporen, deren blutige Spuren die armen Pferde an ihren Flanken trugen. Die beiden älteren Männer sahen sehr ernst und grämlich aus. Der jüngere, dessen Bart seine ersten Kräuselversuche zu machen schien, hatte ein offeneres Gesicht, in dem ich leider aber später auch die Spuren der Grausamkeit und Hinterlist entdeckte. Seine Begleiter schienen geschorene Köpfe zu haben; unter seinem Turban aber hingen zwei wohlgeflochtene Zöpfe hervor, die mit goldenen und silbernen Münzen geschmückt waren. Es gibt ja wilde und halbwilde Stämme, bei denen derartige Zöpfe das Zeichen besonderen Standes oder auch besonderer Verdienste sind. Halef, der ihn mit großem Interesse in Augenschein nahm, sagte zu mir:

»Sihdi, mir ist, als hätte ich eine Vision. Dieser Jüngling ist ein verzauberter Märchenprinz, und sein plumper, großer Gaul ist der Hexenmeister, der ihn verzaubert hat. Beide reiten miteinander aus, um sich durch irgendeine Tat, die wir noch erfahren werden, vom Zauber zu befreien. Meinst du nicht auch?«

»Hm!« antwortete ich. »Ein ganz gewöhnlicher Mensch scheint er allerdings nicht zu sein, wenn auch kein Prinz oder Fürst. Aber wenn er einer wäre, so gehörte er unbedingt zu denjenigen Herrschern, bei denen es nur an einem kurzen, entscheidenden Augenblick liegt, ob sie die Engel oder die Teufel ihrer Völker werden. Paß auf! Nun sind sie da!«

Sie waren uns schon ganz nahe gekommen, ohne uns zu sehen. Da erhob ich mich. Alle drei parierten ihre Pferde. Halef sprang auch empor. Anstatt zu warten, bis ich sprach, rief er ihnen drohend zu:

»Was wollt ihr hier?«

Der eine, der sich drüben befand, ritt schnell herüber zu den beiden andern. Sie wechselten einige Worte, und dann antwortete er:

»Nichts wollen wir. Wir reiten hier nur durch. Das Meer ist unser Ziel.«

»Wer seid ihr?«

»Reisende.«

»Von woher?«

»Aus dem Innern des Landes.«

»Von welchem Volk?«

Der Fremde warf den Arm in die Luft, lachte laut auf und sprach:

»Das fragt euch selbst, nicht uns!«

Er griff nach seinem Gewehr. Die beiden andern folgten seinem Beispiel. Drei Schüsse krachten, ohne daß einer traf; dann jagten sie davon, in die Richtung zurück, aus der sie gekommen waren. Es ist gar nicht schwer, dem Schuß so ungeübter und unbedachter Leute auszuweichen; aber das war gar nicht nötig gewesen, denn sie hatten vergessen, zu zielen.

»Was für unsinnige Menschen!« rief Halef. »Auf! Ihnen nach!«

Er sprang zu seinem Pferd.

»Vorsicht!« warnte ich ihn.

»Wohl wegen des Sturzes in das Unterbewußtsein?« lachte er.

»Ja.«

»Das überlasse ich eurer gelehrten Müdschewwedet. Ich stürze nicht wieder. Ich bin gewarnt.«

»Also vorwärts! Aber schone Mensch und Tier. Nur lebendig nützen sie uns!«

Wir ritten ihnen nach, und zwar so, daß wir sie nicht ganz einholten, sondern ihnen nur so nahe kamen, daß sie keine Zeit fanden, sich etwa zu trennen und im Waldesdickicht Schutz zu suchen. Die eigentliche Aktion sollte draußen auf der Lichtung stattfinden, wo es mehr Platz gab, sich mit den Pferden auszutummeln. Schon gleich, als wir sie zuerst erblickten, war in mir der Gedanke aufgestiegen, daß sie vielleicht zu den Tschoban, den Feinden der Ussul, gehörten und zeitweilig kamen, um sie zu überfallen und auszurauben. In diesem Gedanken wurde ich durch das Verhalten der drei Männer bestärkt.

Als sie sich das erste Mal nach uns umschauten, stiegen wir eben erst zu Pferde. Als es zum zweiten Male geschah, lagen wir bereits im scharfen Trab. Sie machten höhnische Armbewegungen und lachten uns aus. Bald aber bemerkten sie, daß wir uns ihnen näherten. Da stießen sie ihren armen Tieren die gewaltigen Sporen derart in die blutigwunden Weichen, daß die Pferde, vor Schmerz laut aufwiehernd, oder vielmehr laut aufbrüllend, ihre Schnelligkeit zu vermehren suchten. Das gelang ihnen aber nur für kurze Zeit, denn sie ließen bald wieder nach. Sie ermüdeten rasch, und der Atem ging ihnen aus. Die Reiter gebrauchten ihre Sporen in geradezu unmenschlicher Weise, jedoch vergeblich. Als sie aus der schmalen Schneuße in die weite Lichtung kamen, waren wir kaum noch zwanzig Sprünge hinter ihnen. Ich rief ihnen befehlend zu, anzuhalten. Sie gehorchten nicht, antworteten aber dadurch, daß sie ihre Bogen spannten und, sich im Reiten nach uns umdrehend, uns mehrere Pfeile sandten. Im Gebrauch dieser Art von Geschossen waren sie jedenfalls geübter als in der Führung von Schießgewehren. Die Pfeile waren außerordentlich gut gezielt.

Die Lichtung war vielleicht eine halbe Wegstunde breit und hatte eine solche Länge, daß wir ihre uns entgegengesetzte Grenze nicht sehen konnten. Sie bestand aus einer durchaus sandigen Anlagerung, mitten in den dunklen Moorgrund hinein, und war nur von spärlichem Grün bedeckt, aus dem hier und da ein armer Busch den Versuch machte, der unfruchtbaren Erde sein dürftiges Leben abzuringen. In Deutschland hätte man beim Anblick dieses weiten, ebenen Planes sofort gesagt: »Ein ganz vortrefflicher Exerzierplatz für einige Reiterregimenter.«

Ich hatte natürlich vermutet, daß die drei Reiter hier auf diesem Terrain auseinandergehen würden, um auch uns zur Trennung zu zwingen. Dies geschah aber nicht. Sie blieben beisammen, und der Grund hierzu war bald zu ersehen Die beiden Älteren ließen nämlich den Jungen immer voran. Sie hielten sich so viel wie möglich hinter ihm, um ihn gegen uns zu decken. Er war also jedenfalls eine vornehme, wichtige Person, die sie zu beschützen hatten und nicht verlassen durften. Darum nahm ich mir vor, mich vor allen Dingen seiner zu versichern. Ich sann auf einen guten Trick, sie von ihm zu trennen; es wollte mir aber kein brauchbarer Gedanke einfallen. Doch stellte sich glücklicherweise heraus, daß ich gar nichts Derartiges brauchte, denn die Fremden kamen meinem Wunsch ahnungslos ganz von selbst entgegen. Sie riefen einander einige Worte zu, die ich nicht verstehen konnte, jedenfalls enthielten diese einen Plan, der jetzt befolgt werden sollte, denn der Jüngere ritt in unveränderter Eile geradeaus weiter, die beiden andern dagegen parierten ihre Pferde, kehrten sich gegen uns um und nahmen ihre Lanzen in die Fäuste.

»Sihdi, ihm nach!« rief Halef mir zu. »Diese beiden unvorsichtigen Knaben nehme ich auf mich!«

Er zügelte sein Pferd, zog seine Pistolen und ritt dann langsam auf sie zu. Ich aber flog an ihnen vorüber und hinter dem Jüngeren her, der uns entkommen sollte. Als sie dies sahen, ließen sie von Halef ab, warfen ihre Rosse herum und folgten mir. Nun war der Hadschi als der letzte hinter ihnen her.

Es gab keine Möglichkeit für sie, mich einzuholen. So kurz die Zeit gewesen war, die sie gebraucht hatten, sich von ihrem Gefährten zu trennen und gegen uns zu wenden, sie hatte für diesen doch genügt, um einen ziemlichen Vorsprung zu gewinnen. Ihn einzuholen, das war wohl mir, nicht aber ihnen möglich. Ich sah mich nach ihnen um und bemerkte, daß sie wieder gewendet hatten. Um Halef brauchte ich also keine Sorge zu haben. Ich konnte mich ruhig mit dem jungen Mann befassen, den ich vor mir hatte. Er sah mich hinter sich und trieb sein Pferd derart mit Peitsche und Sporen an, daß es zum Erbarmen war. Ich machte also kurzen Prozeß und beschloß, ihn nicht, wie ich anfangs beabsichtigt harte, mit dem Lasso, sondern lieber gleich mit der Hand festzunehmen. Ich gab für Syrr einen kurzen, scharfen Pfiff. Da beschleunigte er seinen Lauf. Wir kamen dem Flüchtigen von Sekunde zu Sekunde näher. Er sah das, denn er schaute sich öfters um. Da griff er wieder zum Bogen und sandte mir, nach rückwärts schießend, einen Pfeil zu, der so gut gezielt war, daß er mich getroffen hätte, wenn ich mich nicht hurtig im Sattel niedergebeugt härte. Um so schneller war ich dann aber bei ihm, Pferd an Pferd, Seite an Seite. Ich erfaßte ihn am Gürtel – ein leiser Sporenstoß für Syrr, der sofort einen weit ausgreifenden Satz in schräger Richtung tat – und der Reiter wurde durch diesen Sprung meines Pferdes von seinem Tier herabgerissen. Ich hielt ihn fest, gab ihm einen Schwung und ließ dann los, worauf er in einem weiten Bogen aus meiner Hand zur Erde niederflog. Syrr blieb stehen. Ich sprang ab und trat zu dem Besiegten. Er wollte schnell wieder auf, konnte aber nicht, sondern brach wieder zusammen.

»Bleib! Rühre dich nicht von der Stelle!« gebot ich ihm. »Du bist mein Gefangener!«

»Dein Gefangener?« lachte er. »Siehst du nicht, daß sie kommen?

Er deutete auf seine Gefährten, die eben heranjagten.

»Die tun mir nichts«, antwortete ich. »Weg mit den Waffen!«

Lanze und Flinte waren ihm schon entfallen, als ich ihn vom Pferd zog. Jetzt entriß ich ihm auch den Köcher samt den Pfeilen, die vergiftet sein mochten, und auch das Messer, nach welchem er griff, um nach mir zu stoßen. Ich schleuderte beides ein Stück weit fort, wo es sicher lag, weil es ihm unmöglich war, sich aufzurichten, um es zu holen. Zu untersuchen, ob er irgendwie Schaden gelitten hatte, dazu war jetzt keine Zeit, denn die beiden andern kamen jetzt heran. Ihre Gewehre während des Rittes zu laden, dazu fehlte es ihnen höchstwahrscheinlich am Geschick. Auch von Pfeil und Bogen konnten sie unter den gegenwärtigen Umständen keinen Gebrauch machen. Darum drangen sie mit den Lanzen auf mich ein. Ich parierte den Stoß des vordersten von ihnen leicht mit meinem Bärentöter. Der Angreifer schoß dabei an mir vorüber und zügelte dann sein Pferd, um es zu wenden; aber mit zwei, drei schnellen Sprüngen war ich ihm nach, griff ihm in die Zügel und riß sein Pferd auf die Hinterfüße. Es wollte augenblicklich wieder in die Höhe, aber ich drängte ihm den Kopf tief nieder. Es schnellte die Hinterhand hoch empor. Der Reiter verlor dadurch den Halt und flog aus dem Sattel. Zwar sprang er rasch wieder auf, aber noch stand er nicht fest, so traf ich ihm mit dem Kolben des Bärentöters derart auf die Schulter, daß er mit einem Schmerzenschrei zusammenbrach. Im Nu war er entwaffnet. In diesem Augenblick nahte sein Gefährte heran, der nur nach vorn, nicht aber hinter sich schaute, wo Halef ihm hart auf der Ferse war. Der zweite Angreifer hatte nur den einen Gedanken, an mich zu kommen. Die Lanze zum Stoß einlegend, spornte er sein Pferd auf mich zu. Er kam aber gar nicht zum Stoß, denn Halef trieb, das Gewehr in der Luft wirbelnd, seinen Rappen zum entscheidenden Sprung an und schlug den Gegner mit dem Kolben an den Kopf, daß der Getroffene die Lanze und die Zügel fallen ließ und mit beiden Händen nach dem turbanbedeckten Schädel fuhr. Sein Pferd tat einen Satz zur Seite, und er taumelte herab. Da warf sich Halef schnell von seinem Tier herunter und nahm den Besiegten beim Genick.

»Hamdulillah!« rief er fröhlich aus. »Nun sitzen sie alle unten! Wollen wir sie zusammentragen?«

»Ja – komm!«

Der von ihm Besiegte war stark betäubt. Halef zog ihn vom Boden auf, stieß ihn vor sich her und brachte ihn zu dem jungen Mann, der noch immer nicht von der Stelle konnte. Ich holte den andern herbei, dem mein Kolbenhieb so gut bekommen war, daß er keinen Versuch des Widerstandes machte. Als nun alle drei beisammensaßen und ihre Waffen in der Nähe auf einem Haufen lagen, setzte sich Halef mit jener wohlbekannten Miene zu ihnen hin, die er stets zu zeigen pflegte, wenn ihm der Schalk im Nacken saß. Er sah sich einen nach dem andern an, sehr lange, sehr genau und sehr freundlich. Dann sagte er:

»Es freut mich unendlich, daß wir einander wiederhaben. Ich bitte, mir zu sagen, womit wir euch so gekränkt hatten, daß es euch nicht mehr bei uns gefiel!«

»Wer bist du?« fragte der Jüngere in kurzem, bestimmten Ton, ohne sich von der Freundlichkeit des kleinen Hadschi betören zu lassen.

»Wie kommst du zu dieser Frage?« antwortete Halef. »Wie kommt es überhaupt, daß du das Wort ergreifst? Deine Gefährten sind älter und also wohl auch erfahrener als du.«

»Ich bin der Vornehmere!« fuhr der Gefragte auf.

»Vornehmer?« fragte Halef. »Was nennst du vornehmer?«

»Ich bin der Ilkewlad – der Erstgeborene –!«

Er sprach dieses Wort so aus, daß man es nicht nur im gewöhnlichen Sinn, sondern auch als Titel nehmen mußte, also in der Bedeutung, die bei uns das Wort Kronprinz hat. Darum fragte Halef:

»Also der Erstgeborene des Herrschers?«

»Ja.«

»Welches Herrschers?«

»Das geht dich nichts an!«

»Ich will es aber wissen!«

»Du wirst es nicht erfahren!«

»Du irrst. Erfahren werde ich es jedenfalls, wenn nicht von dir, so doch von den andern. Es wäre für dich aber jedenfalls vorteilhafter, wenn du aufrichtig mit uns redetest.«

»Mit Leuten, wie ihr seid, spricht man nicht vertraulich. Ihr seid unsere Feinde. Ihr seid Ussul!«

»Ussul? Wir?« fragte Halef, indem er ein lautes Gelächter aufschlug. »Sihdi, wir sind Ussul! Wer das behauptet, der muß blind und taub und alles andere sein, aber nur nicht bei Sinnen!«

»Wollt ihr es etwa leugnen?« fragte der Erstgeborene in verweisendem Ton.

Da nahm der eine seiner Begleiter das Wort, und zwar in sehr höflichem Ton:

»Sie sind kleiner als die Ussul; das haben wir bisher außer acht gelassen. Und der eine wird von dem andern Sihdi genannt. Dieses Wort ist bei den Ussul nicht gebräuchlich. Man findet es nur bei den türkischen und persischen Arabern.«

»So seid ihr wohl Türken?« fragte der Jüngere.

»Nein«, antwortete Halef.

»Oder Perser?«

»Nein.«

»Was sonst?«

»Das geht dich nichts an! Wer uns keine Auskunft gibt, der hat auch von uns keine zu erwarten. Ich will aber hier eine Ausnahme machen und meine Gnade über dir leuchten lassen, indem ich dir sage, wer wir sind. Wir sind nämlich auch ›Erstgeborene‹, er der meinige und ich der seinige. Ich bin also sein Vater, und er ist mein Vater. Folglich sind wir beide noch viel mehr als bloß nur erstgeboren, und du reichst mit deiner einfachen Erstgeburt in keiner Weise an unsere doppelte heran!«

»Narr!« rief der junge Mann beleidigend aus. »Der Witzbold ist überall der niedrigste Mensch des ganzen Stammes. Ich verachte dich! Ich mag gar nicht wissen, wer und was ihr seid. Packt euch von dannen!«

»Das werden wir allerdings tun. Euch aber packen wir zusammen und nehmen euch mit!«

»Wohin?«

»Auch das geht euch nichts an!«

»Wagt es, euch nochmals an uns zu vergreifen! Wir sind keine Ungläubigen wie die Ussul. Wir sind Moslems!«

»Meinst du, daß du dir hierauf etwas einbilden kannst? Ich sage dir: Auch ich bin Moslem; ich sogar moslemer als du; ja, ich bin hundertmal und tausendmal moslemer als ihr alle drei, als euer Stamm, als euer ganzes Volk! Du scheinst wundergroß von dir zu denken, bist aber in Wahrheit nichts als ein beispiellos dummer, unerfahrener Bursche, dem ich zeigen werde, wie solche Leute, wie ihr seid, zu behandeln sind.«

Er sprang auf, zog seine geliebte Kurbatsch aus dem Gürtel, schwippte sie hin und her und fuhr fort:

»Seht euch zunächst eure armen Pferde an! Die Sporenlöcher zu beiden Seiten! Voller Blut und Eiter! Seid ihr Menschen? Auch das Pferd ist Allahs Geschöpf, tausendmal schöner, vornehmer und edler als ihr! Bildet euch ja nicht ein, daß wir euch gefühlvoll, zart und sanft behandeln werden! Das beste Wort für euch ist nur die Peitsche!«

»Hund!« schrie der junge Unbekannte. »Du wagst es, mir mit der Peitsche zu drohen? Dafür verlange ich dein Blut und Leben! Ich werde …«

Er sprach nicht weiter. Er hatte versucht, aufzuspringen, sank aber mit einem Schmerzensruf wieder zurück.

»Mein Blut und Leben?« lachte Halef. »Kamelmilchknabe, der du bist! Betrachtet euch doch, wie jammervoll wir euch vor uns haben! Noch nie in meinem ganzen Leben habe ich die dreifache Dummheit so nahe bei mir gesehen wie jetzt! Wie dumm kamt ihr zur Stelle geritten, an der wir euch überraschten! Wie dumm war eure Flucht! Wie unendlich dumm war es von euch, beisammenzubleiben! Wie beispiellos dumm fingt ihr es an, diesem einen von euch zur Flucht zu verhelfen! Wie entsetzlich dumm seid ihr uns in die Hände gelaufen! Und wie unsagbar dumm ist es von euch, euch trotz alledem stolz aufzublasen und uns, die wir doch Herren eures Schicksals sind, zu beleidigen! Wir werden Euch …!«

»Nichts werdet ihr!« unterbrach ihn der Ilkewlad mit brüllender Stimme. »Schweig!«

»Ja, schweig!« forderte auch ich jetzt Halef auf. »Diese Männer kehren jetzt mit uns zurück!«

»Wohin?« fragte der Erstgeborene, indem er mich mit blitzenden Augen maß.

»Wohin es uns beliebt«, antwortete ich ruhig.

Ich war bis jetzt still gewesen und hatte zwischen ihnen und ihren Waffen gestanden, damit es den beiden, die gehen konnten, nicht einfallen möge, unvermutet aufzuspringen und sich zu bewaffnen. Dem dritten war dies unmöglich, weil er sich verletzt hatte. Ich trat jetzt zu ihm und fragte:

»Wo hast du Schmerzen? Ich will nachschauen, ob etwas gebrochen ist. Wir müssen es verbinden.«

Da herrschte er mich wütend an:

»Fort von hier, Schakal, räudiger! Weißt du, wer wir sind?«

»Nein«, antwortete ich, ganz ohne Zorn.

»Bei uns ist es das größte Verbrechen, sich an dem Scheich oder seinen Söhnen zu vergreifen. Das habt ihr getan, ihr seid dem Tode verfallen. Ließe ich mich von euch berühren, so brächte euch das nach unsern Gesetzen das Recht, begnadigt zu werden.«

»Ich danke dir für diese Warnung, denn nach Gnade trachte ich allerdings nicht. Aber ich sage dir eins: Wenn du dich so vor der Berührung durch unsere Hände scheust, so scheue dich auch vor der Berührung durch unsere Peitsche!«

Er sah mich an, ich ihn auch. Es kochte in ihm. Er wollte losbrechen, doch gab mein Blick dies nicht zu. Er bezwang sich und fragte:

»Auch du wagst es, von der Peitsche zu sprechen?«

»Wagen? Pah! Wenn ich dich peitschen will, so peitsche ich dich; gewagt ist nichts dabei. Und nun paß auf, was du hörst! Ihr werdet jetzt unbedingt tun, was ich befehle, augenblicklich, ohne Weigerung. Zögert ihr, zu gehorchen, so bekommt ihr allerdings die Peitsche, und zwar alle drei. Und wer von euch es jetzt noch wagt, zu sprechen, ohne daß ich ihn dazu auffordere, der bekommt für jedes Wort einen Hieb. Merkt euch das! Ich scherze nicht!«

»Allah verfluche euch!« rief einer der beiden andern, indem er Miene machte, sich zu erheben. Da aber sauste schon die Peitsche Halefs auf ihn nieder. Ich zog meine beiden Revolver, hielt sie ihnen hin, ließ, um ihnen die Ladung zu zeigen, die Walzen spielen und sagte:

»Seht diese Pistolen! Wie ihr euch überzeugen könnt, ist jede sechsmal geladen. Ich kann euch also zwölf Kugeln geben, ohne daß ich zu laden brauche. Nehmt euch in acht! Erst die Peitsche und, wenn diese nicht hilft, dann die Kugel!«

Das wirkte. Sie verstanden die Mechanik der Revolver nicht, aber sie sahen die Kugellöcher und fühlten sich von dem Geheimnis, welches dabei waltete, gebannt. Keiner wagte mehr ein Wort, doch in ihren Gesichtern stand mit größter Deutlichkeit zu lesen, was wir zu erwarten hätten, falls sie einmal das Glück haben würden, uns in ihre Hände zu bekommen. Ich blieb mit gespannten Pistolen bei ihnen stehen, während Halef ihre Pferde zusammenbinden mußte, und zwar eines hinter das andere. Dann mußten die beiden Älteren ihren jüngeren Gefährten, der nicht von uns berührt werden durfte, nach dem vorderen Gaul schaffen, in dessen Sattel sie ihm emporhalfen. Hierauf wurden ihnen selbst die Hände nach hinten gebunden und wir halfen ihnen auf ihre Pferde. Und nun setzten wir uns in Bewegung, Halef voran und ich hinterdrein. Ihre Waffen wurden selbstverständlich mitgenommen.

Es war ein ganz eigentümliches Erlebnis. Ich hatte das Gefühl, als ob durch die Gefangennahme dieser drei Männer dem Stamm der Ussul ein großer Dienst erwiesen sei, wir aber für uns beide damit auch den Grund zu späteren Verdrießlichkeiten oder gar Gefahren gelegt hätten. Mochte dies nun sein, wie es wollte – wir trugen an der Entwicklung der Dinge keine Schuld. Hätten sich die drei Fremden anders verhalten, wären sie nicht so ohne allen sichtbaren Grund geflohen, ja, wären sie wenigstens später nicht so schroff und feindselig gewesen, so hätte sich diese Begegnung gewiß ganz anders gestaltet. Und selbst im schlimmsten Fall, daß sie nämlich zu den Todfeinden der Ussul, zu den Tschoban, gehörten, hätte sich gewiß ein Weg finden lassen, um wenigstens Feindseligkeiten zu vermeiden. Ich war gespannt darauf, ob man bei den Ussul einen von ihnen oder vielleicht gar alle drei kennen werde.

Auf demselben Weg, auf dem wir gekommen waren, kehrten wir zurück. Wir kamen da ein sehr gutes Stück über die Stelle hinaus, wo Halef mit Ben Rih gestürzt war. Noch aber hatten wir das Gefängnis Amihns nicht erreicht, so sahen wir ein halbes Dutzend Reiter uns entgegenkommen, lauter hohe, breitschulterige Gestalten auf massigen, urpferdartigen Rossen. Als sie sich genügend genähert hatten, erkannten wir sie. Es war Amihn, Taldscha und der Sahahr mit noch drei anderen Ussul! Sie wunderten sich, daß sie nicht zwei, sondern fünf Reiter sahen, und zwar im Gänsemarsch hintereinander. Sie erkannten Halef, den Vordersten von uns, sogleich und hielten an, um uns herankommen zu lassen. Natürlich war Halef es, der das erste Wort haben mußte. Er rief ihnen, noch lange bevor wir sie erreichten, zu:

»Heil, Heil und Heil! Den Mutigen ist es gelungen! Die Tapferen haben gesiegt! Der Kampf ist zu Ende! Triumph, Triumph, Heil, Heil!«

»Gekämpft habt ihr?« fragte Amihn schon von weitem.

»Ja, gekämpft«, antwortete Halef.

»Mit wem?«

»Mit drei Fremden. Wir kennen sie nicht. Sie sind unserer Macht erlegen und vor unserer Faust in den Staub gefallen. Hier sind sie! Schaut sie an!«

Er wich mit seinem Pferd etwas zur Seite, so daß die Ussul nun den vordersten unserer Gefangenen sahen.

»Allahi, wallahi!« rief Amihn aus. »Das ist Palang – der Panther –, der älteste Sohn des Scheichs der Tschoban!«

»Palang, der Ilkewlad!« fügte der Zauberpriester hinzu.

»Der Blutgierige! Der Mörder der Ussul!« beteiligte sich auch Taldscha an den Ausrufungen.

»Wo habt ihr ihn gefunden?« erkundigte sich der Scheich.

Halef öffnete schon den Mund, um eine seiner berühmten Lobreden loszulassen, ich ließ es aber nicht dazu kommen, sondern fiel ein:

»Wir sahen sie eine Strecke weit da hinten. Als sie uns erblickten, rissen sie aus. Wir eilten ihnen nach, sie zu ergreifen und zu dir zu bringen. Du siehst, daß es uns gelungen ist.«

»Heil euch! Ihr habt ein schweres und gefährliches Werk vollbracht. Kein Zweifel, es ist der Panther der Tschoban. Ich habe ihn wiederholt gesehen. Die beiden andern, die bei ihm sind, kenne ich nicht. Als wessen Gefangene sind sie zu betrachten?«

»Als die meinigen.«

»Wie lange sollen sie es bleiben?«

»So lange es mir beliebt.«

»Herr, wenn du sie an uns abtreten wolltest!«

Die andern Ussul stimmten diesem Wunsch sofort und lebhaft zu. Ich hatte die Gefangenen hierhergebracht, um sie ihnen auszuliefern, hielt es aber für besser, hiermit noch zurückzuhalten. Darum antwortete ich:

»Es ist nicht unmöglich, daß ich sie euch überlasse, doch würde ich meine Bedingungen stellen.«

»Welche?« fragte die Frau. »Sag es schnell!«

»Ihr dürftet sie nicht ohne meine Erlaubnis wieder freigeben.«

»Einverstanden! Völlig einverstanden! Dürfen wir sie uns nehmen?

Ihre Begleiter schickten sich schon an, sich an die Gefangenen heranzudrängen. Diese hatten sich bis jetzt ganz schweigsam verhalten, aus Angst vor Halefs Peitsche. Jetzt aber fragte mich Palang, der Panther:

»Darf ich jetzt wieder reden?«

»Ja«, nickte ich.

Da wendete er sich an den Scheich und dessen Frau und sagte:

»Wenn dieser Fremdling uns euch auslieferte, würdet ihr gezwungen sein, uns freizugeben.«

»Warum?« fragte Taldscha, der die Männer das Wort sehr gern zu überlassen schienen.

»Weil man nur Feinde gefangennimmt, nicht aber Freunde.«

»Du bist doch Feind!«

»Nein! Jetzt nicht, heut nicht! Ich kam als Freund hierher. Mein Vater sendet mich mit einer Friedensbotschaft zu euch. Der Überbringer solcher Botschaften ist heilig, so weit die Erde reicht. Ihr wißt, was folgen würde, wenn es euch einfiele, mich als Feind zu behandeln. Er würde euer Land mit Krieg überziehen und jeden Ussul töten, der in seine Hände fällt.«

»Ja, das würde er«, bestätigte die Frau. »Wir dürfen dich nur dann als Feind betrachten, wenn du in feindlicher Absicht kommst. Das ist aber sicher der Fall!«

»Wie willst du das beweisen?«

»Kein Tschoban kommt als Freund zu uns!«

»Diesmal doch! Ich bin sogar gesandt, ein Bündnis mit euch abzuschließen, ein Bündnis für lange Zeit, wenn möglich für immer.«

»So rufe nun ich dir zu: Wie willst du das beweisen?«

»Indem ich es abschließe. Das kann ich aber doch wohl nicht hier und auch nicht heut und morgen. Dazu gehören lange Tage und lange Verhandlungen. Und selbst wenn diese Verhandlungen nicht zum Ziel führten, dürftet ihr euch nicht an mir vergreifen und müßtet mich ruhig weiterziehen lassen, denn ich komme als Friedensbote und Freund!«

»Und hast als Friedensbote auf uns geschossen!« fiel ich ein.

»Auf euch?« fragte er wegwerfend. »Seid ihr Ussul?«

»Nein!«

»So schweig! Zu dir wurde ich nicht gesandt!«

»Das ist richtig. Darum aber habe ich auch nicht nötig, dich als Freund zu behandeln. Du bist mein Gefangener.«

»Das wird mich aber nicht hindern, mit den Ussul zu verhandeln, und ich sage dir: Sie werden mich von dir fordern. Wehe dir, wenn du mich ihnen verweigerst!«

In diesem ernsten Augenblick geschah etwas unendlich Drolliges. Der Scheich ritt natürlich seinen dicken Smihk. Dieser hatte sich, so lange die andern sprachen, sehr ruhig verhalten; als aber ich das Wort ergriff, hielt er nicht mehr still. Er strampelte von einem Bein auf das andere, schlug sich mit den Ohren um den Kopf, wirbelte den Schwanz, kurz, er tat alles, um meine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Und als ich mich gleichwohl nicht um ihn bekümmerte, kam er trotz aller Gegenwehr seines Reiters herbei, stellte sich grad vor mich hin, riß das Maul auf und ließ eine so jammervolle Klage über meine Hartherzigkeit los, daß alle Anwesenden, die Gefangenen ausgenommen, in ein lautes Gelächter ausbrachen. Dann begann er, mir die Stiefel abzulecken, eine Liebkosung, die eigentlich meiner Hand gewidmet war. Ich mußte Syrr beruhigen, der den Urgaul nicht leiden zu können schien, was auch gar kein Wunder war, wenn man sich erinnert, daß dieser sich erst kurz vorher im tiefen Schlamm gewälzt hatte, um seine geliebte Kruste zu erneuern.

Ich war durch den Urgaul verhindert, dem Panther die ihm gebührende Antwort zu erteilen. Darum wurde ich von Taldscha gefragt:

»Wie entscheidest du dich, Herr? Überläßt du ihn uns oder nicht?«

»Ich behalte ihn einstweilen noch für mich. Doch ist das nur für kurze Zeit. Denn sobald ich euch bewiesen habe, daß er sich als euer Feind in dieser Gegend befindet, trete ich ihn euch ab.«

»Diesen Beweis erbringst du nicht«, herrschte er mich an.

»Diesen Beweis erbringe ich, noch ehe der heutige Tag vorüber ist!« antwortete ich ihm. »Und nun macht vorwärts, daß wir in das Lager kommen!«

Diese letztere Aufforderung war an die Ussul gerichtet, von denen drei sich zu den Gefangenen gesellten, ohne ein Wort mit ihnen zu sprechen, während der Scheich, seine Frau und der Priester mit mir hintendrein ritten. Es war für sie ein unendlich wichtiges Ereignis, den Erstgeborenen ihrer Todfeinde in ihrer Gewalt zu haben. Sie befanden sich dadurch im Besitz einer Geisel, die mit keiner noch so großen Summe Geldes zu bezahlen war. Freilich konnte sich diese Waffe auch als zweischneidig erweisen, doch nur für den Fall, daß er wirklich als Friedenshändler gekommen war. In jedem andern Fall aber stand das Recht aller Völker und Stämme von Ardistan auf der Seite der Ussul, denen ihr Gefangener mit Leib und Leben gehörte.

Vorerst mußten sie sich an den einfachen Gedanken gewöhnen, daß sie ihn überhaupt besaßen. Ein solches Glück war ihnen während aller bisherigen Kämpfe mit den Tschoban noch nie widerfahren. Sie hielten diesen jungen Mann für einen Ausbund von Grausamkeit, List und Tapferkeit, während ich wenigstens von den beiden letzteren Eigenschaften nicht den geringsten Beweis erhalten hatte. Im Gegenteil war mir sein Verhalten gradezu als dumm und feige erschienen.

»Es ist ein großes, großes Wunder, daß ihr noch lebt!« sagte Amihn, während wir nebeneinander herritten. »Sie sind zwar nicht so groß und stark wie wir, ihr aber seid noch kleiner als sie. Auch seid ihr nur zwei, sie aber sind drei!«

»So hast du dir eben zu merken, daß es weder auf die Länge und Breite des Körpers noch auf die Zahl der Personen ankommt«, antwortete ich. »Das ganze Menschenleben beweist, daß es nicht auf diesen Körper, sondern auf die Seele, auf den Geist ankommt. Du selbst sagst, daß die Tschoban kleiner sind als ihr, und trotzdem seid ihr ihnen meist unterlegen. Ich sage dir, daß der Kleinste unter uns allen, nämlich mein wackerer Hadschi Halef Omar, es mit einer ganzen Menge dieser Leute aufnimmt, ohne sich zu fürchten. Hingegen können eure Körper noch so stark und riesig sein, wenn euch aber der Geist fehlt, den großen Vorteil, den euch der Besitz des Erstgeborenen bietet, auszunützen, so wird euer Leib euch nur von Schaden sein. Glaubt ihr, daß er in friedlicher Absicht gekommen ist?«

»Nein«, antwortete der Scheich. »Das ist er auf keinen Fall. Dennoch müssen wir, sobald du ihn uns schenkst, auf Verhandlungen mit ihm eingehen, bis seine feindlichen Absichten offen erwiesen sind. Glaubst du wirklich, dies noch heut tun zu können?«

»Ich bin überzeugt davon.«

»Wer soll uns Auskunft geben?«

»Er selbst oder seine Begleiter, je nachdem.«

»Die werden sich hüten!«

»Die werden sich nicht hüten, sondern es sogar als eine Wohltat empfinden, ihre Geheimnisse ausplaudern zu können. Man muß sie scheinbar zum Schweigen zwingen und ihnen dann heimlich Gelegenheit geben, sich auszusprechen. Laßt mich nur machen. Wenn ihr mir helft, wird alles wohlgelingen. Wo kann ich meinen Gefangenen während der Nacht unterbringen, so daß er leicht zu bewachen ist?«

»Auf der Insel oder im Lager. Wir binden die drei Männer einfach an drei Bäume, wie du es mit mir getan hast. Ein einziger Mann genügt, sie zu bewachen. Die anderen können schlafen.«

»Wie einfach und wie leicht das klingt! Wenn ihr in dieser Weise zu verfahren pflegt, so ist es kein Wunder, daß die Tschoban euch stets überlistet haben. Im Lager wird während der Nacht kein Mensch bleiben.«

»Warum?«

»Glaubt ihr vielleicht, daß der Scheich der Tschoban den unverzeihlichen Fehler macht, seinen Erstgeborenen und Nachfolger mitten in euer Gebiet zu schicken, nur von zwei Männern begleitet?«

»Dieser Gedanke ist richtig, sehr richtig!« stimmte der Scheich schnell bei. »Ich würde es auch nicht tun.«

»Trägt man bei den Tschoban Säbel?« fragte ich.

»Fast jedermann!«

»Diese drei haben keine. Warum? Weil sie ihnen im Wege sein würden. Sie wollen schleichen, forschen, spüren, suchen, leise, ungehört und ungesehen. Da ist der Säbel hinderlich. Und wenn euer Gebiet durchsucht werden soll, und wenn man erfahren will, was ihr tut, wo ihr euch befindet, genügen hierzu armselige drei Männer?«

»Nein! Herr, du machst mir Angst!«

»Das will ich nicht. Aber selbst wenn es dir wirklich bange würde, so ist das jedenfalls besser als ein Überfall, dem ihr unterliegt, weil er euch völlig unvorbereitet trifft. Also, ich glaube nicht, daß diese drei Tschoban die einzigen sind, die sich jetzt bei euch herumschleichen. Darum werde ich mich hüten, unsere Gefangenen so wohlfeil hinzustellen, daß sie leicht befreit werden können. Und darum rate ich auch ab, heut im Lager zu übernachten, das vielleicht schon längst ausgekundschaftet worden ist. Die Art und Weise, wie der Ilkewlad sich näherte, läßt vermuten, daß er die Richtung kennt, in der es liegt. Vorher dachte ich anders, jetzt aber nicht mehr.«

»Es hat schon seit undenklichen Zeiten da gelegen!«

»Um so schlimmer! Und um so gefährlicher ist es, es zu einer Zeit zu beziehen, wo Feinde in der Nähe sind.«

»Welche andere Stelle schlägst du vor?«

»Jetzt noch keine. Ich kenne die Gegend nicht, werde mich aber, bevor es dunkelt, umsehen. Mag aber kommen, was da will, so könnt ihr überzeugt sein, daß euch heut ein großes Glück widerfahren ist. Der Erstgeborene ist ein Schatz, den euch die Vorsehung sendet, damit ihr …«

»Die Vorsehung?« unterbrach mich der Zauberer. »Da hört man, daß ihr Christen Heiden seid! Gott hat ihn gesandt, nur Gott! Das Wort Vorsehung gilt nur für Leute, welche zweierlei falsche Scham besitzen. Sie schämen sich, nicht an Gott zu glauben, und sie schämen sich doch, ihn offen und ehrlich zu bekennen. Da sprachen sie von Vorsehung, Fügung und ähnlichen Dingen, die wie voll klingen und doch keinen Inhalt haben. Wir Ussul besitzen nur Gott allein. Weiter brauchen wir nichts!«

Diese Worte wurden schon in der Nähe des Lagers gesprochen. Als wir dort ankamen, erneuerte sich das Erstaunen über die drei Tschoban. Die hier zurückgebliebenen Ussul brachen in lauten Jubel aus. Mit den Begleitern des Panthers wurde wenig Federlesens gemacht. Wir banden sie einfach an zwei Bäume, doch so, daß sie nicht miteinander sprechen konnten. Ihn selbst aber mußten wir legen, denn er konnte nicht stehen. Der neugierige Zauberpriester untersuchte ihn und fand, daß sein Fuß gebrochen war und schneller Hilfe bedurfte, wenn er nicht vollständig lahm bleiben sollte. Da bekam der Tschoban Angst. Er bat, sogleich verbunden zu werden, und der Sahahr, der zugleich der Arzt seines Volkes war, machte sich, unterstützt von zwei Ussul, daran, diesen Wunsch zu erfüllen. Wie dies geschah, das kümmerte mich nicht. Ich hatte Wichtigeres zu tun. Die Hauptsache für mich war, einen andern, bequemeren Lagerort zu suchen und dann nach der Insel zu rudern, um zu forschen, ob sie für meine Zwecke geeignet sei. Es galt nämlich, die Gefangenen unter sich zu einer Unterredung zu bringen, die wir zu belauschen hatten und also scheinbar verhüten mußten. Der Scheich begleitete mich. Halef wollte auch mit, mußte aber zurückbleiben, um die Gefangenen zu beaufsichtigen und dafür zu sorgen, daß sie weder unter sich noch mit anderen sprechen konnten. Es sollte dadurch in ihnen die Sehnsucht, sich mitteilen zu können, gesteigert werden.

Ein Platz, der sich zum Lagern während der Nacht gut eignete, war bald gefunden. Dann ging es hinüber nach der Insel. Ich hatte angenommen, daß nur das große, schwere Boot, das ich kennengelernt hatte, vorhanden sei; es gab aber, sorgfältig im Gebüsch des Ufers versteckt, noch ein kleines, leichtes Kanu aus Holzstützen und Lederbezug und zum Zerlegen eingerichtet, um überall mitgenommen werden zu können. In diesem ruderten wir uns hinüber. Vorher hatte der Scheich einen seiner Leute nach seiner »Residenz« geschickt, um den Bewohnern derselben die Freudenbotschaft zu überbringen, daß der Erstgeborene ihres Hauptfeindes gefangen worden sei, weshalb man sich für morgen auf einen feierlichen Empfang einzurichten habe. Er sprach da, jedenfalls in bedeutend beschönigender Weise, von seiner »Hauptstadt« und seinem »Schloß«, seiner »Burg«. Auch gab es einen »Tempel« zur Abhaltung des Gottesdienstes. Dies trug dazu bei, die Spannung auf den morgenden Tag in mir zu erhöhen.

Die Insel war nicht groß, ungefähr fünfzig Schritt lang und halb so breit, rundum am Wasser von dichtem Gebüsch umsäumt. Es standen mehrere Bäume da, die für meinen Zweck vorzüglich paßten. Der eine ganz nahe an einer kleinen, schmalen Einbuchtung des Wassers, die nur ganz wenig breiter war als unser Kanu.

»An diesen Baum wird der Panther gefesselt«, erklärte ich dem Scheich.

»Wann?« fragte er.

»Während der Nacht.«

»Er soll also herüber auf die Insel?«

»Ja. Doch nicht nur er, sondern auch die beiden anderen Tschoban. Mein Hadschi Halef Omar, der ein außerordentlich pfiffiger Gesell ist, wird sie mit Hilfe zweier Ruderer herüberschaffen. Vorher aber haben wir uns, du und ich, hier eingestellt. Wir kommen mit unserm Lederboot in diese Einbuchtung. Der Baum, an den der Panther gebunden werden soll, steht so nahe daran, daß wir ihn fast mit der Hand erreichen können. Aber sehen wird man uns trotzdem nicht, weil die Wasserpflanzen und Schlinggewächse des Ufers uns verbergen, die wir außerdem jetzt derart ordnen und zurichten werden, wie wir es für unsere Zwecke nur wünschen können. Es kann uns kein Wort, welches an diesem Baum gesprochen wird, entgehen. Die beiden andern werden da drüben am jenseitigen Ufer angebunden, aber nicht so fest, wie er, sondern leichter und lockerer, so daß es ihnen mit einiger Mühe möglich ist, sich loszumachen. Sie werden dies ganz sicher tun und dann zu ihrem Vorgesetzten kommen, um sich mit ihm zu beraten.«

»Schlau! Außerordentlich schlau!« lobte der Scheich. »Der Plan ist gut; aber ob er in Erfüllung gehen wird, das ist die Frage. Werden sie wirklich so unvorsichtig sein, miteinander zu sprechen? Werden sie nicht Verdacht schöpfen? Werden sie gar nicht auf den Gedanken kommen, daß man sie belauschen will?«

»Sicher nicht! Ich bin überzeugt, daß uns alles gelingen wird«, antwortete ich. »Wenn sie vom Lager fortgeschafft werden, sehen sie doch, daß wir alle dort beisammen sind …«

»Wir alle? Wir beide sind doch fort, du und ich! Und grad das ist es, was ihnen aufzufallen hat.«

»O nein! Wir gehen doch nicht vor ihnen fort, sondern nach ihnen, wenn sie es nicht mehr sehen können. Hierzu kommt, daß sie mit dem langen, schweren Boot transportiert werden, möglichst langsam, wobei anstatt der geraden Linie ein Bogen geschlagen wird. Wir aber nehmen das leichte, schnelle Kanu und sind also viel eher hier als sie. Sie befinden sich ganz gewiß in der festen Überzeugung, daß nur Halef und die Ruderer vom Lager abwesend sind. Und wenn man sie hier angebunden hat, kann nur der Panther nichts gewahren, weil er auf der entgegengesetzten Seite ist; seine beiden Gefährten aber sehen und hören ganz bestimmt, daß die drei Männer im großen Kahn sich wirklich entfernen und nicht auf der Insel bleiben. Sie werden sich also für unbelauscht halten und in entsprechender Weise miteinander verkehren. Vorbedingung ist, daß wir uns nicht etwa selbst verraten. Bist du geübt, das Husten und Niesen zu unterdrücken?«

»Sorge dich nicht! Das übt man schon von früher Jugend an. Selbst wenn wir die ganze Nacht im Wasser stecken müßten, würdest du nicht das geringste Geräusch von mir zu hören bekommen.«

»So sind wir für jetzt hier fertig und wollen wieder an das Ufer zurück. Ich habe noch meinen Halef heimlich hierherzubringen, um ihn in unsern Plan einzuweihen und zu unterweisen. Es kommt sehr darauf an, daß er, während er die Tschoban nach der Insel bringt, ja nichts tut, was geeignet wäre, ihren Verdacht zu erregen.«

Wir verließen also die Insel und ruderten uns zurück. Dort legten wir so an, daß uns kein Mensch sah. Das geschah natürlich nicht etwa aus Mißtrauen gegen die Ussul, sondern weil ich wünschte, daß überhaupt niemand daraufkam, von dem kleinen Lederkanu zu sprechen. Die Tschoban brauchten nicht zu erfahren, daß es eines gab. Ebenso sorgte ich dafür, daß Halefs Entfernung aus dem Lager ganz unauffällig vor sich ging. Unterwegs nach der Insel erzählte ich ihm, um was es sich handelte. Er war ganz Feuer und Flamme.

»Sihdi«, versicherte er, »ich werde meine Sache so machen, daß du gezwungen bist, mich zu loben. Ich gäbe viel darum, wenn ich dann mitlauschen könnte, aber ich sehe ein, daß dies unmöglich ist. Du wirst mir die Bäume zeigen, an welche ich die Gefangenen zu fesseln habe. Ich werde das mit größter Sorgfalt und aber doch so besorgen, daß die beiden Halunken, wenn es ihnen gelungen ist, sich loszubinden, über mich lachen und spotten. Das werde ich sehr ruhig tragen, denn meine Rache kommt dann nach!«

Es handelte sich jetzt nur darum, ihm die Örtlichkeit zu zeigen, damit er dann im Dunkel des Abends genau wußte, woran er war. Ich zeigte ihm, als wir an der Insel ausgestiegen waren, die betreffenden drei Bäume, und er weihte mich in alle die kleinen und großen Finten ein, deren er sich bedienen wollte, die Tschoban so gründlich wie möglich zu täuschen. Wir verdichteten auch das Ufergesträuch in der kleinen Bucht, wo wir zu landen und uns zu verbergen hatten, derart, daß unser Kanu dann am Abend darunter verschwand und gar nicht bemerkt werden konnte. Dann kehrten wir nicht nach dem alten, sondern gleich nach dem neuen Lagerplatz zurück, den die Ussul inzwischen aufgesucht und eingenommen hatten, und wo man dürres Holz zusammensuchte, weil der Tag sich zu neigen drohte und es also nötig wurde, Feuer anzuzünden. Taldscha begann mit den Frauen, das Abendessen zu bereiten. Wir Männer setzten uns um das größte der Feuer, an dem sich sehr bald eine ganz eigenartige und sehr angeregte Unterhaltung entwickelte, in welche die drei Gefangenen absichtlich mit keinem Wort verflochten wurden. Sie waren auch hier angebunden, doch derart voneinander getrennt und abgewendet, daß ihre Augen und Blicke sich nicht treffen konnten. Aber hören mußten sie alles, jedes Wort, und so waren die Ussul alle beflissen, das Gespräch so hin und her zu leiten, daß die Tschoban nur solche Dinge zu hören bekamen, die ihnen imponierten und Angst vor dem, was sie erwartete, einflößten. Daher kam es ganz von selbst, daß die Ussul taten, als ob ich und Halef halbe Götter und außerdem auch ihre besten Freunde seien. Das Verhältnis zwischen uns und ihnen wurde in die beste und innigste Beleuchtung gestellt, und es versteht sich ganz von selbst, daß in dieser Beziehung mein kleiner Halef das allermeiste und das menschenmögliche leistete. Er behandelte die Ussul genau so ungeniert und vertraut, wie vielerprobte, gute Freunde, und sie gingen in einer Weise hierauf ein, daß es ihnen ganz unmöglich wurde, uns später dann etwa als Feinde zu behandeln. Was mich betrifft, so verhielt ich mich möglichst still. Was von unserer Seite gesprochen werden mußte, das sprach der Hadschi in mehr als reichlicher Weise, und mir lag doch alles daran, die Ussul nicht nur im allgemeinen und insgesamt, sondern auch einzeln so genau wie möglich kennenzulernen.

Das Essen bestand aus erjagtem und am Feuer gebratenem Fleisch mit einer Pflanzenzugabe, die aus wilden, aus dem Gras herausgestochenen Zwiebeln und einer gerösteten Art der Canna indica zusammengesetzt war. Es schmeckte vortrefflich. Daß auch unsere Pferde reichlich mit gutem Futter und Wasser versehen wurden, versteht sich ganz von selbst. Sie standen in unserer Nähe. Die Gäule der Ussul aber befanden sich weiter fort von uns. Sie hatten während des ganzen Tages gefaulenzt und gefressen und sich nun niederlegt, um auszuruhen. Nur einer nicht, nämlich Smihk, der Dicke. Der kam durch die Finsternis der Waldesnacht zum Lager herbeigeschlichen und suchte so lange rund um dasselbe herum, bis er mich sitzen sah. Er nahte mir, wie meist alles, was man nicht gern kommen sieht, von hinten. Das tat er so leise, wie es der pfiffigste Apache oder Komantsche nicht leiser fertiggebracht hätte, und strich mir, als sein Kopf den meinen erreicht hatte, mit der Zunge so zärtlich quer über das Gesicht, daß es schien, als ob sie daran kleben bleiben wolle. Ich langte natürlich sofort zu ihm hinauf und gab ihm eine Ohrfeige, die jedes andere Tier in den höchsten Zorn versetzt hätte; er aber nahm sie für einen überzeugenden Beweis meiner Gegenliebe und ließ ein Freudengewieher und Jubelgeheul erschallen, welche die andern dicken Ur-, Jagd- und Streitrösser so sehr entzückte, daß sie aus Leibeskräften mit einfielen und den ganzen Wald, so weit ihre Stimmen reichten, mit Wonnetönen erfüllten.

»Er hat dich in sein Herz geschlossen«, sagte der Scheich. »Nimm es ihm nicht übel!«

Dabei schlug er ihm den Spieß an den Kopf, daß beide krachten, nämlich der Spieß und auch der Kopf; aber Smihk, der Dicke, ließ sich dadurch nicht stören, sondern orgelte weiter, bis er glaubte, seine Gefühle genügend ausgesprochen zu haben, so daß nichts mehr zu sagen war. Dann legte er sich hinter mir nieder und schloß die Augen, um in dem beseligenden Gedanken zu entschlafen, daß ich nun wisse, wie teuer ich ihm sei. Als endlich auch für die Menschen die Zeit kam, sich schlafen zu legen, wurden auf meine Veranlassung hin Wachen ausgestellt, die während der Nacht dreimal abzulösen waren. Dann wurde, natürlich nur zum Schein, eine kurze Beratung abgehalten, wie wir uns während des Schlafes unserer Gefangenen am besten versichern könnten. Der Scheich machte den Vorschlag, sie nach der Insel zu schaffen und dort festzubinden, weil da kein besonderer Wächter für sie nötig sei. Wir andern stimmten bei, und Halef bot sich an, sie hinüberzuschaffen, falls man ihm zwei Ruderer mitgebe, ihm zu helfen. Das wurde in völlig unbefangener und unauffälliger Weise gesagt und vorgeschlagen. Keiner der drei Tschoban kam auf den Gedanken, daß es abgekartete Sache sei. Man band sie von den Bäumen los und führte sie fort, dem Wasser zu, wo hinter einem Ufergebüsch, durch welches sie nicht zurückschauen konnten, der große Einbaum zu ihrer Aufnahme bereitlag. Dann eilte ich mit dem Scheich nach der andern Stelle, an der das Kanu auf uns wartete. Das leichte, kleine Fahrzeug brachte uns im Uferschatten sehr schnell so weit, daß die Insel zwischen uns und dem Einbaum lag und wir, von diesem aus ungesehen, nun gerade und direkt auf sie lossteuern konnten. Das taten wir und erreichten die kleine, schmale Bucht noch rechtzeitig genug, um es uns unter den dichten Zweigen, die eine Decke über uns bildeten, bequem zu machen. Der Baumstamm, an den der Panther festgebunden werden sollte, stand uns so nahe, daß auf dieser Seite seine Wurzeln unmittelbar aus dem Wasser tranken.

Nun nahte das große Boot. Wir vernahmen die Ruderschläge, noch viel eher aber die Stimme des Hadschi, der absichtlich laut sprach, damit wir sein Kommen hören sollten. Er landete drüben an der andern Seite, dennoch unterschieden wir jedes Wort, welches er sagte, denn er sprach sehr langsam und deutlich, und die Breite der Insel war nicht beträchtlich genug, seine Worte zu verschlingen. Er hatte nicht erst jetzt begonnen, mit den Gefangenen zu sprechen, sondern dies schon während der ganzen Fahrt getan. Er besaß so eine pfiffige Art, die Leute auszufragen, und fing es nicht weniger pfiffig an, mich jetzt schon von weitem hören zu lassen, was er von ihnen erfahren hatte.

»Also ihr beide seid die Erzieher des Prinzen der Tschoban, den man Palang, den Panther nennt. Von dem einen lernt er das Regieren und von dem andern das Kriegführen. Der eine ist die Kalam el Berinz – Feder des Prinzen – und der andere das Sef el Berinz – Schwert des Prinzen –. Beide werden angebunden, und dann er selber auch. Zuerst die Kalam el Berinz! Komm! Steig aus!«

Er führte die Feder des Prinzen aus dem Boot nach dem betreffenden Baum und band ihn dort mit Riemen fest, die er zu diesem Zweck mitgebracht hatte. Diese Festigkeit war aber nur eine scheinbare. Dabei sagte er:

»Nun ich von euch gehört habe, was für ein vornehmer Herr du bist, tut es meiner Seele vom Kopf bis herunter zu den Füßen weh, daß ich gezwungen bin, dich hier an diesen Stamm zu fesseln, der nichts von deinem hohen Stande weiß. Doch wenn ich mich nachher entferne, lasse ich dir den süßen Trost zurück, daß ich morgen früh wiederkommen werde, um mich zu erkundigen, ob du gut geschlafen hast.«

Hierauf holte er das Schwert des Prinzen, um ihn nach dem andern Baum zu führen und dort anzubinden. Auch dieser bekam einige ironische Bemerkungen zu hören. Dann mußten die beiden Ruderer den Panther nach dem dritten Baum tragen, eben dem, in dessen unmittelbarer Nähe ich mit dem Scheich verborgen war. Die beiden andern waren aufrecht stehend angekoppelt worden; dieser aber durfte sich seines verletzten Fußes wegen niedersetzen und wurde nur mit dem Rücken an den Stamm gebunden. Indem Halef dieses tat, sprach er:

»Ich liebe dich, o Prinz. Du hast mein Herz gewonnen. Zwar hast du es nur heimlich gewonnen, als du vorhin leise zu mir sagtest, daß du mir eine ganze Satteltasche voll Goldstücke geben würdest, wenn ich bereit sei, euch zu euern Pferden zu bringen und mit euch zu fliehen; dafür aber sage ich es nun laut, um deine Güte zu rühmen. Deine Goldstücke gehören nicht mir, sondern meinen Freunden, den Ussul. Wenn ich jetzt hinüberkomme, werde ich ihnen und ihrem Scheich sagen, wie gern du zahlen wirst. Schlaf wohl! Ich gehe! Allah sende dir ein ganzes Dutzend glücklicher Träume aus dem Vorrat seines siebenten Paradieses!«

Er entfernte sich und stieg mit seinen beiden Ussul in den Einbaum. Man hörte die Ruder in das Wasser schlagen, und man hörte die Stimme Halefs, der sich absichtlich laut mit seinen Begleitern unterhielt, noch lange, bis sie wegen des zu großen Abstandes verscholl. Das ging alles so ungesucht und selbstverständlich, daß die drei Tschoban gar nicht auf den Gedanken gerieten, sie seien nicht allein hier, oder Halef werde heimlich zurückkehren, um sie zu belauschen. Selbst falls er diese Absicht gehabt hätte, wäre es ihm wegen der Größe des Bootes wohl schwerlich gelungen, die Insel unbemerkt wieder zu erreichen.

Nun warteten wir. Der Scheich war in hohem Grade gespannt, ob die Richtigkeit meiner Voraussetzung sich bestätigen werde; bei mir aber gab es nicht den geringsten Zweifel daran, daß die Gefangenen die Gelegenheit schleunigst benutzen würden, miteinander zu sprechen. Und richtig! Kaum hörte man Halefs Stimme nicht mehr, so rief die Feder des Prinzen den beiden andern zu:

»Gebt Achtung! Hört ihr mich?«

»Ja, ja!« lautete die Antwort von hüben und von drüben.

»Wir sind allein!«

»Weißt du das genau?« fragte der Prinz.

»Ja. Ich konnte dem Boot von hier aus nachschauen, bis es nicht mehr zu sehen war. Sie sind fort, und kein Mensch ist hier, der uns hört. Wie dumm diese Leute sind!«

»Bist du fest angebunden?«

»Es scheint so; aber ich will doch einmal versuchen.«

»Ich auch!« stimmte das Schwert des Prinzen bei. »Mir scheint, ich kann vielleicht los.«

Es wurde für kurze Zeit still; dann hörten wir gleich hintereinander zwei Freudenrufe. Beiden war es gelungen, sich von dem Riemen zu befreien, doch lag es ihnen völlig fern, hier eine Hinterlist zu vermuten. Sie jubelten laut auf und eilten herbei, um auch den Panther loszumachen und mit ihm zu besprechen, wie sie sich nun wohl befreien könnten. Hier zeigte es sich, welchen Einfluß Geburt und Erziehung auf Menschen haben, die sonst ziemlich gleichgestellt sind. Er war edler geboren als sie, und er zeigte sich trotz ihres höheren Alters und ihrer größeren Erfahrung als der Bedachtsamste und Vorsichtigste von ihnen.

»Halt! Mich nicht losbinden!« befahl er. »Wir wissen nicht, ob wir uns vielleicht nicht wieder anbinden müssen. Wäre dies der Fall, so könnten wir die Schleifen und Knoten nicht genau so wiederherstellen, wie sie waren, und das würde uns verraten, daß wir frei gewesen sind.«

»Uns wieder anbinden müssen? Das fällt uns doch wohl nicht ein!

»So? Könnt ihr schwimmen?«

»Nein. Wir sind keine Fische oder Frösche! Hätte Allah uns Flossen oder Schwimmhäute gegeben, so läge es in seinem Ratschluß, daß wir schwimmen sollen. Du hast es trotzdem gelernt, aber dein Fuß ist verletzt …«

»Ja, dieser Fuß, dieser Fuß!« klagte der Panther. »Daß dieser fremde Hund mich vom Pferd gerissen und lahm gemacht hat, das würde ich ihm nicht vergessen, selbst wenn Allah mit Mohammed vom Himmel käme, um für ihn zu bitten! Ich hoffe, daß die Zeit erscheint, in der ich mit ihm abrechnen kann. Dann wird es keine Gnade geben – keine!«

Er knirschte das grimmig zwischen den Zähnen heraus und fuhr dann fort:

»Also, an das Ufer zu schwimmen ist unmöglich; folglich müssen wir hierbleiben. Ich bleibe also angebunden, so wie ich bin, damit man früh nicht spürt, daß ihr schlecht angebunden gewesen seid. Auf mich paßt man besser auf, als auf euch.«

»So sollen wir also auf jeden Versuch, die Flucht zu ergreifen, verzichten?« fragte das Schwert.

Der Panther sann einige Augenblicke lang nach und antwortete dann:

»Ich muß mich fügen! Wegen meines Fußes! Aber nicht ihr. Ihr könntet fliehen, sobald sich euch eine Gelegenheit dazu bietet. Aber klüger ist es, hierauf zu verzichten, um meinetwillen. Denn eure Flucht würde mir wohl sehr übel angerechnet werden. Sie würde meiner Behauptung widersprechen, daß wir in Frieden kommen und Abgesandte meines Vaters sind.«

»Aber wir können doch nicht so lange bleiben, bis sie merken, daß dies eine Lüge ist! Die beiden Fremden glauben schon jetzt nicht daran! Bedenke, daß unser Heer heut über eine Woche den Engpaß Cathar überschreiten wird! Wenn wir da noch Gefangene der Ussul sind, so ist es um uns geschehen! Die Stunde, in der sie erfahren, daß wir keinen Frieden wollen, sondern ganz im Gegenteil wieder mit einem großen Heer im Land eingefallen sind, wird unsere Todesstunde sein!«

»Das stünde allerdings mit größter Sicherheit zu erwarten«, stimmte der Panther bei. »Aber noch ist keine Gefahr. Wenn wir unsere Rolle gut spielen, so werden wir sehr bald entlassen. Wir schließen mit ihnen einen angeblichen Vertrag, den mein Vater durchzuprüfen hat, ehe er ihm sein Siegel gibt. Diesen Vertrag haben wir ihm zu bringen; also müssen wir fort von hier.«

»Aber wenn sie diesen Vertrag abweisen und gar nicht auf ihn eingehen?«

»Das ist unmöglich! Wir wissen ja, daß wir diesen Vertrag überhaupt nicht halten werden, also können wir die Sache so appetitlich für sie machen, daß sie unbedingt anbeißen werden. Diese Ussul sind Dummköpfe. Es gibt keinen einzigen Menschen unter ihnen, den man als klug bezeichnen könnte. Der Dümmste von allen aber ist der Scheich. Hätte er nicht die Frau, die sich bemüht, das bißchen Verstand, das er beinahe besitzt, zusammenzuhalten, so gäbe es auf der ganzen Erde keinen größeren Narren und Einfaltspinsel als ihn! Den nehme ich bei unserem nächsten Sieg gefangen und zeige ihn in unserem ganzen Land herum, damit man endlich einmal erfahre, wie ein Mensch aussieht, der …«

»So sieht er aus!« erscholl hinter ihm eine donnernde Stimme, die ihn mitten in der Rede unterbrach, und zugleich erhielt er eine Ohrfeige, welche allerdings noch ganz anders klatschte als die, mit der ich meinem guten, dicken Smihk zu antworten pflegte, wenn er sich eingehender mit mir beschäftigte, als ich wünschte. Nämlich von dem Augenblick an, der uns die Gewißheit gab, daß die friedliche Sendung dieser drei Männer eine Lüge sei, hatte sich der Scheich nicht mehr zu beherrschen vermocht. Sein Atem begann hörbar zu werden. Ich faßte ihn am Arm, um ihn zur Vorsicht zu mahnen. Dies hätte vielleicht auch gefruchtet, wenn nicht die persönliche Beleidigung gefolgt wäre, die ihn in laute Wut versetzte. Er richtete sich, die Zweige, die uns verbargen, auseinanderstoßend, im Kanu auf, so lang er war, gab dem Prinzen den Schlag ins Gesicht und sprang sodann an das Ufer. Ich folgte ihm auf der Stelle.

»Allah 'l Allah!« rief das Schwert erschrocken.

»Und auch der Fremde!« fügte die Feder hinzu.

Der Panther sagte kein Wort. Wahrscheinlich nahm die Ohrfeige seinen Kopf so ganz und gar in Anspruch, daß ihm die Sprache versagte.

»Ja, der Scheich und der Fremde!« donnerte der Ussul weiter. »Der Scheich, den ihr in eurem ganzen Land sehen lassen wollt! Der Scheich, welcher der dümmste von allen Dummköpfen ist! Ihr aber habt die Klugheit schon von Kindesbeinen an euch in den Kopf geschaufelt und es mit ihrer Hilfe so himmelweit gebracht, daß man euch nur an den ersten besten Baum zu binden braucht, um alle eure Geheimnisse zu erfahren. Fort mit euch von hier! Ihr gehört an eure Bäume!«

Diese Aufforderung war an die Feder und an das Schwert gerichtet. Der Scheich nahm den einen hüben und den andern drüben beim Genick und schaffte sie von ihrem Prinzen fort. Sie wagten nicht, eine Hand zum Widerstand zu regen, was ihnen auch wohl schlecht bekommen wäre. Ich folgte. Wir banden sie wieder fest, und zwar so, daß es ihnen nicht wieder gelingen konnte, sich zu befreien. Dann begaben wir uns nochmals zum Panther hin, weil sich dort unser Kanu befand. Ich untersuchte seine Fesseln. Sie waren ihm so gut angelegt, daß ich nichts daran zu ändern hatte.

»Schurke!« giftete er mich an.

»Ich kam nur hierher, um mein Wort zu halten«, antwortete ich.

»Welches Wort?«

»Du fordertest mich auf, dir zu beweisen, daß du ein Feind der Ussul bist, und ich gab dir mein Wort, daß ich diesen Beweis erbringen werde, noch ehe der heutige Abend vorbei sei. Ich habe es getan, und es ist noch lange nicht Mitternacht. Leb wohl! Wir sehen uns am Morgen wieder.«

Wir stiegen in das Boot und verließen die Insel. Als wir uns so weit von ihr entfernt hatten, daß wir nicht gehört werden konnten, sagte der Scheich:

»Wie recht hast du gehabt, und wie gut war es, daß wir sie belauschten!«

»Und wie falsch war es, daß du so vorzeitig dazwischen fuhrst!« tadelte ich ihn. »Es ist gar nicht zu ahnen, was wir alles noch erfahren hätten, wenn du ruhig geblieben wärst!«

»Verzeih! Ich hielt es nicht länger aus. Es ist kein Spaß, sich als einen Dummkopf bezeichnen zu lassen, wenn man keiner ist! Übrigens glaube ich, daß wir genug erfahren haben. Nun wissen wir, woran wir sind. Mehr brauchen wir nicht. Wir kennen sogar den Tag, an dem das Heer der Tschoban durch den Paß von Chatar reitet.«

»Wo liegt der Paß von Chatar, und wie ist er beschaffen?«

»Er liegt an der Grenze der Wüste, welche die Steppen der Tschoban von meinem außerordentlich fruchtbaren Land trennt. Er besteht nur aus Stein. Er ist so lang, daß man fast einen halben Tag braucht, um zu Pferde von seinem Anfang an sein Ende zu kommen. Seine Breite ist gering; sie beträgt an ihrer beträchtlichsten Stelle den Ritt von nur einer Viertelstunde. Es gibt aber Punkte, wo sie so schmal ist, daß ich auf der einen Seite die Worte genau verstehe, die mir jemand von der andern herüberruft.«

»Was gibt es rechts und links? Etwa Gebirge?«

»O nein! Sondern Wasser.«

»Was für Wasser?«

»Das Meer.«

»Das Meer?« fragte ich verwundert. »So ist dein Land eine angeschwemmte Erde? So ähnlich wie das Delta des Niles? Eine Halbinsel, die mit dem Festland derart in Verbindung steht, wie zum Beispiel der griechische Peloponnes durch die Landenge von Korinth mit Hellas zusammenhängt?«

Da kratzte er sich verlegen den Bart und antwortete:

»Was Delta ist und Korinth und Hellas und Peloponnes, das weiß ich nicht; aber gelehrte Leute sollen behauptet haben, daß das Tand der Tschoban früher ein ungeheurer See gewesen sei, während im Süden davon, also da, wo wir uns jetzt befinden, das Meer gelegen habe. Beide, der See und das Meer, seien durch einen starken Felsenkamm getrennt gewesen. Ein großer Fluß habe den See gespeist und die Wasser desselben so schwer gemacht, daß der Felsenkamm endlich nicht länger widerstehen konnte. Der Druck der Wassermenge zwang ihn, sich zu öffnen. Sie rauschte in das Meer hinaus und riß die Felsenbrocken mit sich fort, um sie hüben und drüben weit in das Meer hinein aufzutürmen. So soll der jetzige Engpaß Chatar entstanden sein. Als der See hierdurch leer geworden war, zeigte es sich, daß der Boden seines südlichen Teiles nur aus unfruchtbarem Steingeröll bestand. Das ist die Wüste der Tschoban, die ich schon erwähnte. Der nördliche Teil erwies sich als nützlicher; er brachte nach und nach Gräser und Stauden hervor, wenn auch keine Bäume. Das ist die Steppe der Tschoban. Der Fluß ging durch beide hindurch, durch die Steppe und durch die Wüste. An seinen Ufern wuchsen nach und nach Büsche und Bäume; aber eben auch nur da, am Ufer, weiter nicht. Denn das fruchtbare Land, welches der Fluß aus den höher liegenden Gegenden brachte, wurde von ihm bis hinaus in das Meer getragen und dort von ihm niedergesenkt und aufgebaut. Es wuchs immer größer und größer, immer breiter und breiter. Der Fluß teilte sich in viele, in unzählige Arme und Zweige, die alle an der Entstehung des neuen Landes zu arbeiten hatten. Wahrscheinlich ist es dasselbe, was du vorhin Korinth oder Hellas oder Delta nanntest. Die Wasser und die Winde brachten Körner und Samen, die guten Boden fanden. Es entstanden Wälder, deren Größe ebenso wuchs wie die Größe des Landes selbst. Das ist das Land der Ussul, in dem du dich befindest.«

»Und der Fluß?« fragte ich. »Wo finde ich den?«

»Der ist verschwunden, fort, weg, für alle Zeit.«

»Wohin?«

»Hm! Wohin! Hierüber gibt es eine alte Sage, die zu lang ist, als daß ich sie dir jetzt erzählen könnte, weil wir sogleich das Ufer erreichen werden. In der Steppe und in der Wüste der Tschoban gibt es seitdem keinen einzigen Tropfen fließendes Wasser mehr, und so sind die Bäume und Sträucher gänzlich verschwunden, die damals am Ufer des Flusses standen. Das Land der Ussul aber ist wie ein Schwamm, welcher die Wasser des Meeres an sich saugt, um sie zu reinigen und trinkbar zu machen. Schau dieses Wasser hier, welches aus dem Meer stammt und doch keinen Tropfen Salz mehr hat! Und morgen, wenn wir in die Hauptstadt kommen, wirst du sehen, daß wir an Durst niemals zu leiden brauchen und grad an dem, was die Tschoban sich vergeblich wünschen, reicher sind als reich.«

Das Gespräch mußte abgebrochen werden, denn wir landeten. Was ich da gehört hatte, war höchst interessant. Und nicht bloß das allein, denn er hatte es auch in einer Weise gesagt, die nicht seine gewöhnliche war. Wahrscheinlich brauchte man zu der angeborenen Intelligenz der Ussul nur liebevoll hinunterzusteigen, um sie wecken und emporheben zu können. Ich freute mich schon jetzt darauf, die Sage von dem verschwundenen Fluß zu hören.

Als wir im neuen Lager ankamen, war es unser erstes, zwei Ussul nach der Insel zu schicken, um die Gefangenen zu bewachen. Ich hielt dies zwar nicht für unumgänglich notwendig, aber nach dem, was wir erfahren hatten, waren die drei Tschoban so wichtig für uns geworden, daß keine Handlung der Vorsicht als unnütz bezeichnet werden konnte. Dann wurde erzählt. Es versteht sich ganz von selbst, daß die Kunde, die wir brachten, aufregend wirkte. Die Ussul hatten zwar gehört, daß die Tschoban zu einem neuen Einfall rüsteten; aber so gewiß wie jetzt, hatten sie es doch nicht gewußt. Und ebensowenig hatten sie geahnt, daß es so bald geschehen werde. Der jetzige Jagdzug war nur zum Zweck der Verproviantierung unternommen worden, und ich erfuhr nun, daß auch noch andere Jagdgesellschaften in die Wälder geschickt worden waren, um das zu tun, was der Indianer als »Fleischmachen« bezeichnet. Man sah sich gezwungen, diesmal mehr als früher das Wild heranzuziehen, weil die zahmen Herden sich von dem Verlust, den ihnen der letzte Einfall der Tschoban bereitete, noch nicht wieder erholt hatten. Der Scheich und auch Taldscha versicherten mir, daß ihr ganzer Stamm der Hungersnot verfallen müsse, wenn es nicht gelinge, die ihnen bevorstehenden neuen Verluste abzuwehren.

»Was gedenkt ihr zu tun? Habt ihr einen Plan?« fragte ich.

»Ja«, antwortete der Scheich.

»Welchen? Darf ich ihn erfahren?«

»Der, den wir immer verfolgen.«

»Also die Belagerung?«

»Die Belagerung!« nickte er. »Wir schaffen, wenn wir den Überfall zeitig genug erfahren, unsere Herden nach der Hauptstadt. Auch alle Krieger vereinigen sich da. Die Weiber und Kinder verstecken sich, bis die Gefahr vorüber ist. Der Feind kommt und umzingelt uns; wir aber sind vom Wasser gedeckt; er kann nicht herüber und muß wieder abziehen.«

»Wie lange dauert das immer?«

»Oft mehrere Wochen.«

»Hm! Während dieser Zeit zieht der Feind raubend im Land herum! Ihr aber steckt tatenlos hinter dem schützenden Wasser und habt nicht nur die Menschen zu ernähren, sondern auch die Herden zu füttern! Das kann euch doch nur schädigen, selbst wenn der Feind schließlich gezwungen ist, abzuziehen! Ist das so oder nicht?«

»Es ist so!« antwortete Taldscha diesmal an Stelle ihres Mannes. »Auch dann, wenn die Tschoban die Belagerung aufheben mußten, ohne uns ausgeraubt zu haben, nahmen sie doch noch ganz bedeutende Beute mit, die sie sich ringsum zusammengeholt hatten. Und in unsern Herden brach dann infolge des Hungers und des Zusammengedrängtseins fast immer ein Sterben aus, das große Opfer forderte.«

»Ihr habt euch stets nur dadurch gewehrt, daß ihr euch einschließen und belagern ließet?«

»Ja.«

»Warum das?«

»Weil es so Sitte war. Unsere Vorfahren haben es stets getan, und so taten wir es auch.«

»So seid ihr niemals auf den Gedanken geraten, die Angreifer zu machen, anstatt nur immer die Angegriffenen zu sein?«

»Nie!«

»Sonderbar!«

»Ja, sonderbar, höchst sonderbar!« fiel hier Halef ein. »Die Herrin der Ussul hat es mir übelgenommen, daß ich ihr zugetraut habe, einmal nicht Wort zu halten. Ich bemerke das erst jetzt, weil sie es beharrlich vermeidet, mich anzusehen. Ist ihre Ehre so fein und so empfindlich, daß sie schon ein kleines, unbedachtes Wort so gewaltig übelnimmt, so sollte diese ihre Ehre zu anderen Zeiten nicht so grob und unempfindlich sein, daß man sie wochenlang belagern und ihre ganze große Herden rauben darf, ohne daß sie sich hiervon beleidigt zu fühlen scheint. Mich, den einzelnen, kleinen Menschen, den sie nur für einen unbedeutenden Zwerg gehalten hat, verfolgt sie mit ihrer Rache. Was hat sie getan, um sich an den Tschoban zu rächen? Mich bestraft sie eines einzigen, unschädlichen Wortes wegen. Womit hat sie die riesengroßen Missetaten der Tschoban bestraft? Reicht ihr Mut nur zur Verachtung und Bestrafung von Zwergen aus? Oder fehlen ihr die Einsicht, die Klugheit und die nötige Begabung, die dazu gehören, einen Plan abzufassen und auszuführen, nach dem man sich mutig wehrt, anstatt daß man sich, seine Krieger und seine Herden langsam abschlachten läßt? Ich sage euch: Ich, der Zwerg, der gegen euch winzige Hadschi Halef Omar, hätte mir so etwas nie gefallen lassen; ihr aber, die ihr euch Riesen nennt, sammelt in eurer Feigheit schon wieder Fleisch, um euch auf eine elende, unmännliche und furchtsame Belagerung vorzubereiten, anstatt den Feinden entgegenzuziehen und ihnen zu zeigen, daß ihr Hirn im Kopf, Blut in den Adern und Mark in den Knochen habt! Ob jemand mich ansieht oder nicht, das ist mir völlig gleich; aber wer da meint, mich verachten zu dürfen, der sollte doch wohl derart zu handeln gewohnt sein, daß ich ihm meine Achtung nicht auch zu versagen habe!«

Diese lange Rede des kleinen Hadschi kam mir wie ein Blitz aus heiterem Himmel, vollständig unerwartet. Daß die Frau des Scheichs so ganz über ihn hinwegzusehen wagte, das ärgerte ihn nicht nur, sondern das erboste ihn. Seit er bemerkt hatte, daß ihre Blicke ihn vermieden, kochte es in ihm, und ich kannte ihn gut genug, um zu wissen, daß er die erste beste Gelegenheit ergreifen werde, die Hiebe auszuteilen, die er für nötig fand. Und das hatte er jetzt soeben getan. Nach den Folgen pflegte er bei solchen Dingen nie zu fragen. Die Hauptsache war, daß er seine Meinung gesagt hatte, und was dann kam, das fiel dann stets auf mich. So auch hier.

Die »Dame« Taldscha hatte ihm sehr gut gefallen, darum ärgerte es ihn doppelt, daß grad sie es war, die ihn nicht sehen wollte. Ich fand es also nicht ganz unbegreiflich, daß er in diesem Fall die Rücksicht vergaß, welche man den Frauen selbst dann schuldet, wenn sie sich Mühe geben, einen gar nicht zu bemerken. Dazu kam, daß ich ihm in Beziehung auf das, was er gesagt hatte, keineswegs so unrecht geben konnte. Es schien wirklich mehr als hergebrachte Überlieferung und Bequemlichkeit zu sein, daß diese riesenhaft gebauten Menschen vor ihren bedeutend kleiner gestalteten Gegnern fortwährend zu Kreuze krochen. Jeder Psychologe weiß, daß der Riese gemütlicher zu sein pflegt als der Zwerg, aber diese Gemütlichkeit darf doch nicht in eine Passivität ausarten, die an Feigheit grenzt. Kurz und gut, mein kleiner Halef war grob, sehr grob gewesen, aber er hatte dabei auch mir mit aus dem Herzen gesprochen, und so war ich gewillt, mich seiner anzunehmen, falls sich dies als nötig herausstellen sollte.

Zunächst war man darüber, daß so etwas hatte gewagt werden können, völlig starr. Dann sprang der Scheich von seinem Sitz empor, und die anderen stießen laute Rufe des Zornes aus. Nur Taldscha blieb ruhig. Sie bewegte sich nicht und schloß die Augen, als ob sie innerlich nachschauen wollte, ob Halef berechtigt sei, in dieser Weise über sie zu sprechen. Der Scheich aber rief:

»Allahi, Tallahi, Wallahi! So hat noch niemand zu uns gesprochen, noch niemand! Soll ich dich zwischen diesen meinen Fäusten zu Pulver zerreiben oder zu Brei zerquetschen? Wähle eins von beiden, ich tue es sofort!«

Er hielt dem Hadschi die beiden ungeschlachten Hände hin. Dieser blieb ruhig sitzen, zog eine seiner Doppelpistolen aus dem Gürtel, richtete sie auf den Scheich, ließ die Hähne knacken und antwortete:

»Soll ich dich mit dem Schrot oder mit der Kugel erschießen! Wähle eins von beiden; ich tue es sofort!«

Ich nahm einen meiner Revolver zur Hand und knackte mit dem Hahn, ohne ein Wort zu sagen. Da machte Taldscha die Augen auf. Sie sah die auf ihren Mann gerichteten Waffen, ließ jene gebieterische Handbewegung schauen, die ich schon beschrieben habe, und sagte zu ihm und den anderen Ussul:

»Schweigt! Ich habe nachgesonnen, und ich fühle, daß Scheich Hadschi Halef Omar nicht unrecht hat. Doch soll er uns sagen, wie er sich unsere Gegenwehr gegen die Tschoban denkt!«

»Ich denke mir eure Gegenwehr genau so, wie ich mir ihren Angriff zu denken habe«, antwortete er, ohne einen Augenblick zu zögern.

Der Scheich gehorchte seiner Frau; er setzte sich wieder nieder. Die andern unterdrückten ihre Zornesrufe. Da steckte Halef die Pistole wieder ein, und auch mein Revolver verschwand.

»Wie meinst du das?« fragte Taldscha.

»Die Tschoban greifen euch an, indem sie in euer Land eindringen. Wer hindert euch, denselben Weg zu gehen und bei ihnen einzufallen? Das Gesetz, dem sie gehorchen, nämlich der Islam, gebietet, Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Ihr würdet also ihr eigenes Gesetz beachten und ehren, wenn ihr an ihnen ganz dasselbe tätet, was sie an euch schon so oft getan haben!«

»Bei ihnen einfallen …?« fragte die Frau in einem Ton, als ob ihr etwas ganz und gar Unmögliches zugemutet werde.

»Bei ihnen einfallen!« rief auch der Scheich.

»Bei ihnen einfallen! – Bei ihnen einfallen! – Bei ihnen einfallen!« rief man im Kreise auch weiterhin von Mund zu Mund.

»Warum nicht?« fragte Halef. »Was die Tschoban können, das könnt ihr doch wohl auch!«

»Das meine ich wohl!« beteuerte der Scheich.

»Wenn ihr das wißt, warum tut ihr es dann nicht? Fehlt es euch an Mut?«

»Nein, nein!« versicherte der Scheich.

»Nein, nein! Nein, nein!« klang es im Kreise weiter.

»Oder an Geschicklichkeit, an Flinkheit, an Verstand?«

»Auch nicht!« stellte der Scheich fest.

»Auch nicht!« fielen die andern rundum ein.

»So begreife ich nicht, warum ihr es nicht tut! Es gibt da nur noch einen einzigen Grund, den man sich denken kann.«

»Welchen?« erkundigte sich der Scheich.

»Daß ihr zu faul seid.«

»Zu faul?« fuhr der Scheich grimmig drein. »Wer das behaupten will, den schlage ich tot!«

Und er hob schon wieder seine beiden Fäuste empor.

»Den schlage ich tot, den schlage ich tot!« riefen die anderen gerade so wie er, indem auch sie ihre Fäuste zeigten.

»Nun, so tut es doch, so tut es doch!« warf Halef ihnen zu, indem er ungläubig lachte.

»Was aber sollen wir drüben?« fragte nun der Zauberpriester.

»Ganz dasselbe, was sie hier bei euch wollen!«

»Also sollen wir stehlen, rauben, plündern und brandschatzen?«

»Ja! Stehlen, rauben, plündern und brandschatzen! Was sie glauben, an euch tun zu dürfen, das kann euch doch nicht verboten sein, an ihnen das tun!«

»O doch!« fiel da die blonde Herrin ein, und zwar in ernstem Ton. »Kein Dieb soll mich verführen, auch zu stehlen, und kein Räuber kann mich veranlassen, ihn auch zu berauben. Zu deiner Ehre will ich annehmen, daß auch du dieser meiner Ansicht bist und nur vom Standpunkt der Tschoban aus redest, die Mohammedaner und also Heiden sind, aber ich bitte …«

»Heiden?« unterbrach Halef sie da schnell.

»Ja, Heiden!« antwortete sie. »Oder ist es nicht heidnisch, zu stehlen, weil andere stehlen, und zu rauben, weil andere rauben?«

Der Hadschi hatte sich da in eine arge Klemme hineingeredet. Er war gewiß schwer, außerordentlich schwer in Verlegenheit zu bringen, dieses Mal aber wußte er sich keinen Rat. Er warf mir einen bittenden Blick zu, und so fiel ich nicht nur um seinetwillen, sondern auch um meinetwillen ein:

»Der Scheich der Haddedihn meint es nicht wörtlich so, wie er es sagt. Er will euch nicht verleiten, ohne Grund in das Gebiet eurer Feinde einzufallen, um dort zu sengen, zu brennen, zu plündern und zu morden. Aber wenn sie vor euch die Flucht ergreifen müßten und ihr sie bis hinüber verfolgtet, so wäre das wohl nicht gegen dein zwar menschenfreundliches, aber auch entschlossenes und tapferes Gefühl.«

»Nein, gewiß nicht!« gestand sie zu. »Ich würde sogar dazu raten.«

»Wirklich?« fragte ich, nicht ohne Absicht, sondern mit ganz besonderer Betonung.

»Wirklich!« versicherte sie, es ebenso betonend wie ich.

»So tut es doch! Schlagt sie aus eurem Reich hinaus und in das ihrige hinüber! Oder noch besser: Wartet gar nicht erst, bis sie herüberkommen, sondern fallt gleich an eurer Grenze über sie her, daß sie umwenden und zurückkehren müssen!«

»Sie hinausschlagen …?« fragte Taldscha erstaunt.

»Über sie herfallen!« rief der Scheich.

»Daß sie umwenden! An unserer Grenze? Und zurückkehren müssen!« so sagten und fragten und wiederholten auch die anderen.

»Das erfordert Blut, viel Blut!« warnte Taldscha.

»Nein!« antwortete ich. »Vielleicht keinen Tropfen, keinen einzigen!«

»Unmöglich! Man kann doch kein ganzes Kriegsheer über die Grenze hinübertreiben, ohne daß Blut vergossen wird!«

»Das meine ich auch!« stimmte der Scheich bei. »Aber das sollte uns wohl nicht hindern, diesen Rat zu befolgen, der mir gar nicht übel gefällt. Es ist besser, einige Tote zu haben, als von den Tschoban und aller Welt als feig verschrien zu werden. Ich bitte dich, Effendi, uns deinen Plan mitzuteilen. Ist es möglich, ihn auszuführen, so daß er uns Nutzen schafft, so werden wir ihn ausführen. Ich bin überzeugt, daß Taldscha einverstanden ist.«

Sie nickte nur. Ich aber entgegnete:

»Einen Plan kann ich euch noch nicht sagen, denn ich habe noch keinen. Ich kenne euer Land noch nicht und folglich auch die Gegend nicht, um welche es sich handelt. Freilich, einen Gedanken habe ich bereits jetzt. Und der scheint gut zu sein. Aber, um ihn sich entwickeln zu lassen, muß ich Fragen tun, die ich euch heut unmöglich vorlegen kann. Dazu ist morgen Zeit. Ich halte es nämlich für sehr möglich, die Tschoban zu besiegen und für immer zurückzutreiben, ohne daß es euch einen einzigen Toten oder eine einzige Wunde kostet. Wenn ihr wollt, so könnt ihr es morgen erfahren. Für heut aber soll nun Ruhe sein. Es ist nun schon über Mitternacht. Ich gehe schlafen!«

»Ich auch!« stimmte Halef bei, der meine Absicht, nur von der Unterhaltung loszukommen, sehr wohl verstand.

Wir gingen also zu unseren Pferden, bei denen wir uns so niederlegten, daß ihre Hälse unsere Kopfkissen bildeten. Das waren sie und auch wir gewohnt. Die Ussul aber blieben noch sitzen, um das für sie unendlich wichtige, aber auch unendlich unbegreifliche Thema, welches ich ihnen gegeben hatte, weiter auszuspinnen. Das ganze Heer der Tschoban besiegen und für immer zurückzuschlagen, ohne daß es einen einzigen Toten oder auch nur eine einzige Verwundung kosten sollte! Das wollte ihnen nicht in die trägen Köpfe, ihnen, die bisher weiter nichts gewußt hatten, als auszureißen, sich zu verstecken und dann hinter den abziehenden Feinden her zu jammern und zu schimpfen. Mein Gedanke kam mir aus der Beschreibung, die der Scheich mir über den hochinteressanten Engpaß Chatar geliefert hatte. Und ich dachte dabei an eines meiner Erlebnisse bei den Haddedihn-Arabern, deren Scheich jetzt Halef war; nämlich an das erfolgreiche Zusammentreiben aller ihrer Feinde in das »Tal der Stufen«, das ich im ersten Band meiner Reiseerzählungen beschrieben habe. Vielleicht eignete sich der Engpaß noch viel besser zu so einem pfiffigen Streich als jenes Tal der Stufen, in welches die Gegner gelockt werden mußten, während die Tschoban auf alle Fälle gezwungen waren, ihren Weg durch den Paß zu nehmen, von dem ich überzeugt war, daß er ihnen sehr leicht verhängnisvoll werden könne.

Als ich Halef hierüber eine kurze Bemerkung machte, wich der Schlaf sofort von ihm. Er richtete sich halb empor und sagte:

»Sihdi, das wäre eine Wonne für mich, so etwas wieder zu erleben! Wie bist du auf diesen prachtvollen Gedanken gekommen?«

»Durch den Scheich, der mir die Örtlichkeiten beschrieb. Zwar kann man das, was dieser gute Mann behauptet, nicht als geologisch erwiesen annehmen, sondern man muß es erst prüfen; aber etwas Wahres ist doch jedenfalls daran, und man könnte viel Blutvergießen und noch anderes, ebenso Schlimmes verhindern, wenn man die Ussul veranlaßte, den Tschoban heut über eine Woche in diesem schmalen Engpaß entgegenzutreten.«

Ich erzählte ihm, was ich von dem Scheich während des Ruderns erfahren hatte. Als ich damit zu Ende war, teilte er mir mit, daß während unserer Abwesenheit das Gespräch auch unter den Ussul auf den verschwundenen Fluß gekommen sei. Auf seine Bitte habe der Sahahr ihm dann die Sage erzählt.

»So kennst du sie nun?« fragte ich.

»Ja,« antwortete er. »Willst du sie hören?«

»Sehr gern.«

»Sie raubt uns nur wenig Schlaf, denn sie ist kurz. Vorher aber muß ich dir sagen, daß die Ussul nur Gott allein verehren, keinen andern bei oder neben ihm. Bei ihnen ist nur er der Inbegriff der Allmacht, Weisheit und Liebe. Nur er allein kann, was er will, und wenn die Hilfe und das Erbarmen des Himmels sich der Erde naht, so geschieht dies nur durch ihn. Das war es, was du wissen mußtest. Und nun kann ich erzählen.«

Halef machte wie immer, wenn er etwas Derartiges erzählte, vorher eine Pause, um seine Gedanken zu sammeln und den richtigen, klar hindurchführenden Faden zu finden. Dann begann er:

»Weit, weit von hier, hoch über Dschinnistan hinauf, liegt das verlorene einstige Paradies. Seine Tore sind geschlossen. Wer nach ihm sucht, der sieht es von weitem glänzen, jedoch hinein kann keiner. Sogar dem Blick ist es versagt, die himmelhohen Mauern zu übersteigen. Bei Tag in sonnengoldenen Lettern, bei Nacht in flammenheller Sternenschrift sieht man über ihm den göttlichen Ruf erstrahlen:

›Ist Friede auf Erden, dann kommt!‹

So oft ein Jahrhundert vorüber ist, springen alle Pforten und Tore des Paradieses auf, und eine unendliche Fülle durchdringenden Lichtes flutet über die Erde und über die Menschen hin, die auf ihr wohnen. Da wird alles, alles offenbar, was je geschehen ist und was noch heut geschieht. Die Erzengel treten vor die Tore. Ihre Scharen erscheinen zu Tausenden und zu Zehntausenden auf den Mauern. Sie schauen herab, ob endlich Friede sei; aber stets ist Krieg und Mord und Zank und Streit. Da erheben sie ihre Stimmen. Ein Wehschrei erschallt; er steigt vom Himmel auf die Erde nieder. Das Licht verschwindet, mit ihm das Paradies. Den Schrei aber hören nie die Mächtigen, die Reichen, die Sieger, sondern nur die Schwachen, die Armen, die Unterdrückten und Geknechteten, die händeringend und hilfeflehend in stiller Kammer beten, daß Gott der Herr sie von ihrem Leid, von ihrer Qual erlöse.

Diese Bitten und Gebete sind mächtiger als die mächtigsten der Menschen. Was kein Sterblicher vermag, das vermögen sie. Sie steigen unsichtbar zum Paradies empor, versammeln sich vor seinen Mauern und wachsen zu Millionen und Millionen an. Sie helfen einander, heben einander über die Mauern hinweg, dringen ein in das Paradies und klammern sich an die Engel. Sie heften sich an die Flügel der Gnade, an die Fittiche des Erbarmens, die über dem Paradies wehen, und werden von ihnen emporgehoben zum Allbarmherzigen, um in sein Herz zu dringen und es anzufüllen, bis es überschwillt. ›Gib Frieden!‹ jammerte es über die Erde. ›Gib Frieden!‹ klagt es durch das Paradies. ›Gib Frieden!‹ bittet es in Gottes eigener Seele. Da sendet er den strengsten aller Geister, der Moses heißt, zum Sinai hernieder. Der schreibt in Stein:

›Du sollst nicht töten!
Wer Menschenblut vergießt, dessen Blut soll auch vergossen werden!›

Kaum hat das Volk der Menschen dieses Wort vernommen, so bricht es auf vom Berg Sinai, stürzt über das Land der Kananiter und opfert ganz demselben Gott in Strömen von Menschenblut, die durch Jahrhunderte fließen und bis zum Himmel rauchen. ›Gib Frieden!‹ jammert es wieder über die Erde. ›Gib Frieden!‹ klagt es wieder durch das Paradies. Und ›Gib Frieden!‹ bittet es wieder in Gottes eigener Seele. Da sendet er den liebevollsten aller Geister, der Jesus heißt, zur Erdenwelt hinab. Der lehrt und ruft, daß man es durch alle Lande hört:

›Liebet eure Feinde! Segnet, die euch verfluchen!
Tut Gutes denen, die euch hassen! Und betet für die, welche euch verleumden und verfolgen! Denn wer zum Schwert greift, der wird durch das Schwert umkommen!‹

Dies heilige Wort der Menschen- und der Nächstenliebe ist nie verklungen. Es klingt noch heut. Man hört es wohl, doch keiner will es achten. ›Gib Frieden!‹ jammert abermals die Erde. ›Gib Frieden!‹ klagt das leere Paradies. Und ›Gib Frieden!‹ bittet Gottes eigene Seele. Da sendet er den irdischesten aller Geister, mit Namen Mohammed, der fast noch menschlich spricht und darum leicht begriffen werden kann. Doch der verirrt sich zwischen Paradies und Erde und sucht vergeblich nach dem rechten Weg, der tief hinab zum Menschenherzen führt. Da spricht der Herr: ›Wenn keiner es erreicht, daß Friede werde, so gehe ich nun selbst!‹ Er schlägt den Mantel menschlicher Gestalt um seine Schulter und steigt zur Quelle Ssul – Der Friede – im Paradies hinab. Die wächst bis Dschinnistan zum breiten Strom und fließt von da durch Ardistan, an beiden Ufern Frucht und Segen spendend, um an der Mündung neues Land und neues Volk zu schaffen. So wandert er, dem Fluß folgend, hinab nach Dschinnistan, um zunächst dort den Willen des Himmels zu verkünden. Doch kaum hat er sein Friedenswerk begonnen, wird er erkannt, und alles eilt herbei, ihn anzubeten. Er segnet jeden, der vor ihm erscheint, doch nur dem Mir gestattet er, in die Zeitenfernen zu schauen, in denen nicht mehr der Säbel und die Kanone, sondern nur der blanke Geist und der blitzende Gedanke die Schlachten schlagen. Dann wandert er weiter, am Strom abwärts, bis nach Ardistan. Er glaubt, er komme grad zur rechten Zeit, denn überall, wo er erscheint, ertönen Kriegstrompeten. Der Mir von Ardistan will Dschinnistan erobern und rüstet heimlich zum plötzlichen Überfall. Der Herr versucht an vielen Orten, zu Wort zu kommen, um das Verhängnis aufzuhalten, doch vergeblich. Und als er in der großen Stadt des Mirs, die glänzend wie ein Traumbild aus dem Märchenland am Strom liegt, seine Stimme zu erheben und von Friedensbruch zu sprechen wagt, wird er als Landesverräter festgenommen und vor den Mir gebracht. Der hält über ihn Gericht und spricht das Urteil aus: ›Man führe ihn auf die Brücke und stürze ihn in das Wasser, weil er sich vor dem Blut des Krieges fürchtet!‹ Da fragt der Herr: ›Ist jemand, der dies Urteil ändern kann?‹ – ›Es gibt keinen einzigen, der das vermag!‹ antwortete ihm der Mir. ›Auch Gott nicht?‹ – ›Nein! Allah ist Gott! Und der hat uns befohlen, sein Reich durch Schwert und Feuer zu verbreiten! Es werde Krieg!‹ Da hebt der Herr die Hand empor und ruft: ›Es bleibe Friede! Hoch über dem, den ihr zum Gott gemacht, steht der Erbarmer gegen den Verderber. Ich sage dir, o Mir: du bleibst daheim; kein Tropfen Blut wird fließen!‹ Da springt der Mir von seinem Sitz auf und donnert ihm zu: ›Und ich, ich sage dir, dem Feigling und Verführer meiner Krieger: So wenig, wie der Fluß, der dich ersäufen soll, vor unserer Brücke umkehrt, dich zu schonen, so wenig kehrt die Klinge, die ich zum Krieg gezogen habe, in ihre Scheide zurück! Das Urteil ist gesprochen; es werde ausgeführt!‹ Da hebt der Herr die Hand zum zweiten Male und spricht: ›So sei es, wie du sagst. Das Urteil ist gesprochen; es werde ausgeführt: Wenn Gott nicht mehr durch Worte lehren kann, so predigt er durch Taten. Der Strom floß euch zu Friedenswerken zu, nicht aber, um das Leben zu zerstören. Er werde euch genommen! Nicht eine Pfütze bleibe euch, die genug Wasser hat, auch nur einen einzigen Menschen zu ertränken! Und wehe euch, wenn ihr ihn durch die Waffe zwingt, zu euch zurückzukehren! Denn alles, was da lebte, würde sterben!‹ – Ein Hohngelächter folgt diesen Worten. Man führt ihn hinaus zur Brücke, der Mir auf hohem Roß voran. Der gibt, als die tiefste Stelle erreicht ist, den Befehl, den Gefangenen zu ergreifen und hinabzuwerfen. Da hebt dieser zum dritten Male die Hand, doch ohne ein Wort zu sagen. Sofort verfinstert sich der Himmel. Blitze zucken; drohende Donner rollen. Von der Brücke abwärts fließt das Wasser weiter; von ihr aufwärts aber bleibt es stehen. Es bäumt sich auf, wächst höher und höher und bildet eine Mauer, die zum Himmel zu streben scheint. Brüllend vor Angst und Entsetzen eilen die Menschen an die Ufer zurück. Nur einer bleibt, der Gefangene. Leuchtenden Angesichtes steht er auf der Brücke, die von den steigenden Wogen von der Erde gelöst und hoch emporgetragen wird, bis sie verschwindet. Dann sinkt das Wasser zusammen und beginnt, wieder abzufließen, doch nicht abwärts, wie bisher, sondern aufwärts, nach oben, woher es gekommen ist. Der Himmel wird wieder hell. Das Bett des Flusses aber liegt leer, und die entsetzte Menschheit flieht aus der Stadt, deren Trümmer heutigen Tages wasserlos in die Steppe starren, durch welche sich der dürre, ausgetrocknete Lauf in zahllosen Windungen vor Durst und Hunger krümmt, bis er in den Wäldern der Ussul verschwindet.«

Als Halef bis hierher erzählt hatte, machte er eine Pause, um eine innere Betrachtung anzustellen, die er mir dann mitteilte, indem er fortfuhr:

»Ist es nicht rührend, wie lieb die Ussul sich ihren Gort denken, Sihdi?«

»Ist er es etwa nicht?« fragte ich.

»Na, höre, was unsern Herrn Allah betrifft, so kommt er mir schon längst nicht mehr so freundlich vor wie früher. Es muß sich einer von uns beiden geändert haben, er oder ich. Der Gott der Christen ist nicht bloß Herr und Gebieter, wie Allah, sondern zugleich auch Vater und Patriarch, und zwar ein außerordentlich gerechter und guter. Das gefällt mir sehr von ihm. Das habe ich früher gar nicht gewußt, sondern erst durch dich erfahren. Und betrachte ich mir die Sage, die ich soeben erzählt habe, so erscheint mir der Gott der Ussul dem Gott der Christen viel, viel ähnlicher als unserm Allah. Nur fehlt ihnen die Lehre von Gottes Sohn, dem Erlöser. Doch glaube ich, daß nur ein wirklicher, ein wahrer, ein guter Christ hierher zu kommen und ihn zu verkünden brauchte, so würde er sehr bald und sehr viele gläubige Schüler finden. Übrigens weiß ich von dir, daß eine jede Sage eine Wahrheit enthält, die man in der Tiefe suchen muß. So ist es wohl auch mit dieser Sage von dem verschwundenen Fluß, der plötzlich umgekehrt und aufwärts gelaufen ist, um nach seiner Quelle zurückzugehen?«

»Jedenfalls.«

»Und die Wahrheit, die sich in dieser Sage verbirgt?«

»Ist wahrscheinlich eine zweifache, eine äußerliche und eine innerliche, eine geographische und eine sozialphilosophische.«

»Das verstehe ich nicht. Du kannst mir nicht zumuten, aus dem Unterbewußtsein in das Oberbewußtsein zu steigen, während ich doch jetzt, um einzuschlafen, aus dem Oberbewußtsein in das Unterbewußtsein zu fallen habe. Das wäre grad der umgekehrte Weg. Also, sprich deutlicher!«

»Der äußere oder geographische Kern der Sage ist, daß es hier wirklich einen Fluß, und zwar einen bedeutenden, gegeben hat. Der ist verschwunden. Jedenfalls infolge eines Naturereignisses, welches man sich nicht erklären konnte, so daß man zur Sage griff, um es sich verständlich zu machen.«

»Aber so große Flüsse können doch nicht verschwinden, wenigstens nicht so schnell!«

»Allerdings nicht. Aber sie können ihr altes Bert verlassen, ihren bisherigen Weg verändern, sogar infolge von Entwaldungen der Berge sich nach und nach zurückziehen. Wie es sich in diesem Fall verhält, werden wir erfahren, wenn wir erst längere Zeit im Lande gewesen sind.«

»Und die andere Wahrheit der Sage, die innere?«

»Die bezieht sich darauf, daß die Entwicklung des Menschengeschlechts nicht nach kriegerischen, sondern nach friedlichen, versöhnlichen Wegen zu suchen hat. Der Name der Quelle und des Flusses war Ssul, das ist Friede. Diese Quelle liegt im Paradies. Der Friede ist Himmelsgabe. Wo er fließt, da segnet er nicht nur das, was bereits besteht, sondern auch das, was er bringt und schafft. Er setzt neue Länder an, sichtbare und unsichtbare, im Handel und Gewerbe, in der Kunst und in der Wissenschaft. Und das alles geht wieder zurück, wenn der Strom des Friedens vertrocknet, und die Rüstungen alles, was er schaffte, wieder verschlingen. Oder wenn der Krieg mit einem einzigen rohen Streich die Gaben vom Tisch wirft, die der Friede dort bescherte. Dann weicht dieser letztere bis dahin zurück, woher er kam, bis ins Paradies, oder wenigstens bis Dschinnistan, wenn nicht für immer, so doch für lange, lange Zeit. Und kehrt er endlich wieder, so geschieht das nur langsam, furchtsam, zögernd; er läßt sich nicht zwingen. Darum ist es sehr richtig, was die Sage Gott in den Mund legt, indem er warnend sagt: ›Und wehe euch, wenn ihr ihn durch die Waffe zwingt, zu euch zurückzukehren; denn alles, was da lebte, würde sterben!‹ Der Völkerfriede, den wir anstreben, kann sich nur nach und nach entwickeln. Umfaßt er mit seinen Wurzeln die ganze Erde, ein Saug- und Faserwurzelchen in jedes Menschenherz, so wächst er hoch über Irdisches empor und trägt als Früchte die ewigen Sterne in seiner Krone. Ein Welt- und Völkerfriede aber, der nicht im Herzen der Menschheit wurzelt, sondern mit Gewalt und plötzlich herbeigezwungen werden soll, der würde zerstören und vernichten, nicht aber erzeugen und beleben. Und hier gibt es in der Sage vom zurückgekehrten Fluß einen Punkt, den ich nicht sehe, oder ein Geheimnis, welches ich nicht begreife. Fast will es klingen, als ob es möglich sei, ihn mit den Waffen in der Hand zu zwingen, ganz plötzlich und unvorbereitet zurückzukehren, also eine noch gräßlichere Katastrophe, wie sein Verschwinden eine war. Eine Sage, die sich so fest gebildet und gestaltet hat wie diese hier, erzählt nie etwas Unnützes. Sie hängt wie eine schwere Drohung für Ardistan hoch über Dschinnistan, und wenn in dieser von der schauenden Volksseele gedichteten Erzählung kein Geringerer als Gott vor der Entladung dieser Wolke warnt, so ist die Gefahr nicht nur in der Dichtung, sondern auch in der Wirklichkeit vorhanden.«

»Meinst du? – Du glaubst also an Sagen?«

»An ihren eigentlichen Inhalt, ja.«

»Ich auch. Es freut mich, daß wir auch in dieser Beziehung zusammenstimmen. Nun aber lege ich mich wieder nieder. Allah gibt den Schlaf nicht, daß man ihn bewachen soll. Gute Nacht, Effendi!«

»Gute Nacht, Halef!«

Schon nach einigen Minuten war er eingeschlafen, ich aber nicht. Nach so wichtigen Tagen, wie der heutige gewesen war, ist man innerlich verpflichtet, sich das Geschehene zurechtzulegen, um das, was kommen soll, darauf zu bauen. Das war bei mir allerdings bereits geschehen. Aber nun hatte die Sage dazu zu kommen, die für mich mehr, weit mehr, als nur eine kurze, hübsche, aber nichtssagende Erzählung war. Aus solchen Dingen spricht nicht nur die Volks-, sondern auch die Menschheitsseele, deren Schritte man nur im stillen Denken und Fühlen sich nahen hört. So lag ich still und sann und sann. Über mir breiteten sich die dunkeln Wipfel der Bäume, die keinen Blick des Sternenhimmels hindurchließen. Aber wenn ich mich auf die Seite wendete, wo unweit von meiner Lagerstätte die freie Lichtung begann, da konnte ich zwischen den Stämmen hindurch zwei Sterne erkennen, die tief am Himmel standen und meine Augen auf sich zogen, weil sie die einzigen waren, die ich sah. Es war der Deneb und die Mira vom Bild des Walfisches. Die letztere ist interessant, weil ihre Helligkeit innerhalb nicht ganz eines Jahres von zweiter bis zu zehnter Größe schwankt. Heut war sie ganz beträchtlich. Die Mira steht bekanntlich am Hals und der Deneb am Schwanz des Sternbildes, also voneinander entfernt. Indem mein Auge an ihnen hängenblieb, schien sich von mir zu ihnen ein lichtglänzender Weg zu ziehen, der so breit war, wie sie scheinbar auseinander standen. Auf diesem Weg schienen die Gedanken, die mich beschäftigten, zu kommen und zu gehen. Solche Eindrücke gibt es nur während jener ungestörten, sich selbst gehörenden Stunden, in denen die Seele den Körper ganz und restlos beherrscht. Infolge der Sage befand sich die Seele jetzt unterwegs nach Dschinnistan und dem Paradies. Vor dem körperlichen Auge lagen die beiden Sterne. Die Seele bemächtigte sich ihrer. Dort, von woher die beiden leuchtenden Welten strahlten, sah meine Phantasie das Tor, aus dem der Erzengel trat, und die Mauern, auf denen seine Scharen erschienen, um nach dem Frieden auszuschauen. Ich sah dann auch Gott selber kommen. Ich sah ihn in Dschinnistan erscheinen und den Herrscher dieses Landes ihm zu Füßen anbetend niedersinken. Und ich sah ihn dann nach Ardistan wandern. Ich sah ihn in der Hauptstadt auf der Brücke. Ich sah das Wasser wie eine Mauer steigen und nach seiner Quelle zurückkehren, als der Herr verschwunden war. Ich sah die Stadt verdorren und verfallen. Ich stand dann auf ihren Trümmern. Ich suchte und forschte in ihren Ruinen, denn ich wollte den Palast des Königs finden, in dem man Gott gerichtet und zum Tode verurteilt hatte. Ich entdeckte den Weg. Er führte hügelaufwärts, durch ein riesig hohes und breites steinernes Tor hindurch, dessen Pfeiler eine alte, babylonische Sonnenuhr trugen. Nur eine kurze Strecke weiter stand der gesuchte Palast, von Mauern rings umgeben. Das Tor war geschlossen. Ich klopfte an. Der Pförtner erschien. Ich bat ihn, zu öffnen und mich einzulassen. Da schüttelte er den Kopf und antwortete: »Heut noch nicht, aber wahrscheinlich später.« – »Warum nicht jetzt?« erkundigte ich mich. »Weil du jetzt schläfst«, belehrte er mich. »Wir brauchen hier nur wachende Geister und Seelen!« Hierauf nahm er plötzlich die Gestalt, die Kleidung und das Gesicht meines kleinen Hadschi an, ergriff meinen Arm, schüttelte mich und rief: »Wach auf, wach auf, Sihdi! Wir sind schon alle munter. Man bereitet soeben das Essen. Ist dieses vorüber, dann brechen wir auf von hier!«

Ich sprang auf. Ich hatte geschlafen, und zwar tief, sehr tief. Alles, was ich gesehen hatte, war Traum, aber ein so eigenartiger und vertrauenerweckender Traum, daß ich das sofortige Bedürfnis fühlte, mir nichts, gar nichts davon wegnehmen zu lassen, sondern mir alles genau zu merken. Ich hütete mich also zu sprechen und ging, ohne ein Wort zu sagen, ein Stück in den Wald hinein, um das, was mir in dieser Nacht gezeigt worden war, in mir zu befestigen. Solange wir unsere gerühmte Psychologie nur theoretisch treiben, sind wir keine Psychologen. Praktisch sein, in das reale Leben greifen, unsere Seele und unsern Geist an uns selbst studieren, sie keinen Augenblick aus den Augen lassen! Alles, was wir fühlen, denken, wollen und tun, auf sie beziehen! Wer das nicht tut, der nenne sich ja nicht Psychologe! Was mich betrifft, so lasse ich keinen meiner Träume ohne den Versuch, ihn festzuhalten, vorüberziehen. Ich komme im späteren Verlauf der Ereignisse auch auf diesen Punkt zurück.

Ich hatte länger als alle anderen geschlafen, und Syrr, dessen Hals, wie erwähnt, mein Kopfkissen bildete, hatte ebensolange, um mich nicht aufzuwecken, ganz ohne Bewegung gelegen. Dafür hatte ihm Halef das saftigste Gras und die besten Stauden geschnitten, die es hier gab, und legte sie ihm nun jetzt als Frühstück vor. Den Scheich sah ich nicht. Er war hinüber nach der Insel, um die drei Gefangenen selbst zu holen. Sie machten, als er sie brachte, nicht etwa einen niedergeschlagenen Eindruck, sondern ihr Aussehen und Verhalten ließ deutlich den Wunsch nach Rache erkennen. Sie wurden reichlich gespeist und dann genau so wie gestern auf ihre Pferde gebunden. Hierauf wurde der Heimritt nach der Hauptstadt angetreten.

Wir hatten uns nicht mit Packpferden zu befassen, denn der Ertrag der Jagd war schon vorgestern nach demselben Ziel abgegangen. Wir ritten mit dem Scheich, seiner Frau und dem Sahahr voran; die anderen folgten weit hinterher. Die Entfernung bis zur Stadt war so bedeutend, daß wir uns sehr sputen mußten, um noch vor Abend anzukommen.

Die Gegend, durch welche wir kamen, war durchaus eben, lauter auf- und angeschwemmtes Land. Häufig trafen wir auf natürliche Kanäle, die ganz das Aussehen von plötzlich erstarrten Flüssen hatten; das Wasser bewegte sich nicht, sondern es stand. Es schien aber dennoch rein zu sein, denn die Pferde tranken es, ohne sich zu weigern. Wir kamen durch ausgedehnte Wälder, meist Laubwaldungen. Dazwischen lagen grüngoldene Triften für gezogene, freigewordene oder freigeborene Rinder- und andere Herden. Das Ganze machte den Eindruck einer jungfräulichen Natur, die mit den Menschen noch nicht in Berührung getreten ist.

Alle die kleinen, schmalen Kanäle mündeten in einen außerordentlich breiten, tiefen und mit Wasser gefüllten Kanal, der einiges Gefälle zu besitzen schien, denn das Blattwerk und anderes, was auf ihm schwamm, bewegte sich zwar langsam, aber doch in einer ganz bestimmten Richtung.

»Das ist Es Ssul, der Fluß«, sagte der Sahahr, indem er auf das Wasser deutete.

»Der aus Dschinnistan und Ardistan kommt?« fragte ich, nicht etwa, weil ich zweifelte, sondern um auf diesen Gegenstand einzugehen.

»Ja, derselbe«, nickte er.

»Der also auch durch den Engpaß Chatar geht?«

»Ja. Man kann ihn bis hinauf verfolgen.«

»Aber dort hat er kein Wasser mehr?«

»Nein, keinen Tropfen.«

»Ich vermute, daß eure Hauptstadt an ihm liegt?«

»Du vermutest richtig. Unser Land hat keine Berge, keine Felsen, keine Steine. Wir können keine Mauern bauen, um uns zu schützen. Nur unser Gottestempel und der Palast des Scheichs sind von Stein. Das Material hierzu wurde vor langer, langer Zeit aus Ardistan geholt. Damals bekam nämlich jeder Ussul, der dorthin reisen wollte, nur dann die Erlaubnis dazu, wenn er sich verpflichtete, einen so großen Stein mitzubringen, als ein Pferd ihn tragen konnte. Auf diese Weise sind wir zu dem Mauerwerk für die beiden Gebäude gekommen. Du wirst hierüber lachen.«

»O nein. Dieses Verfahren ist mir bekannt.«

»So tut man dasselbe auch bei euch?«

»Ja; jedoch auf anderem Gebiet. Jede Wissenschaft und jede Kunst holt da ihr Fundament und ihre hervorragenden Bauten aus dem nächsthöheren Gebiet. Ganz dasselbe ist auch mit jedem einzelnen Geisteswerk. Es ist ein Weltgesetz, daß überall der Ussul das, was er nicht besitzt, obgleich er es braucht, aus Ardistan oder gar aus Dschinnistan zu holen hat. Aber du wolltest von der Lage eurer Residenz sprechen! Wie heißt die Stadt?«

»Ihr Name ist Ussula. Sie ist sehr groß. Weil wir sie nicht mit Mauern decken konnten, so mußten wir sie durch das Wasser schützen. Darum wurde sie an den Strom gebaut, und darum wurde viele Jahre lang das Erdreich ausgehoben, um ihn zu zwingen, nicht nur mitten durch die Stadt, sondern auch um sie herum zu gehen. Außerdem rahmt sich jeder Besitzer das Land, das ihm gehört, durch tiefe Gräben ein. So ist fast jedes Haus eine Festung zu nennen, welche die Tschoban, wenn sie kommen, erst einzunehmen haben, ehe sie sagen können, daß sie sie besitzen. Außerdem liegt im Osten und Westen der eigentlichen Stadt je ein großer See, die beide mit in ihren Bereich gezogen sind. Da gibt es viele, viele Wohnungen, teils an das Ufer, teils in das Wasser gebaut. Die Bewohner verkehren nur schwimmend oder in Kähnen miteinander, und wenn letztere versteckt oder ganz fortgeschafft worden sind, so würde der Besitz der Stadt für die Tschoban doch unnütz sein, weil sie nicht schwimmen können. Du hast ja gehört, daß sie meinen, wenn sie schwimmen sollten, so hätte Allah ihnen Flossen und Schwimmhäute gegeben!«

Nach dieser Beschreibung mußte ich mir die Ussul als Pfahlbauern denken, und es stellte sich später allerdings heraus, daß sie es wirklich waren. Es war bei ihnen alles für den Aufenthalt am oder im Wasser eingerichtet, auch ihre Gestalt, ihre Stark- und Fettleibigkeit, ihre ganze Lebensweise. So ging es auch ihren Pferden. Zwar soll man den Menschen nicht mit dem Tier vergleichen, aber alle diese guten, unbeholfenen Menschen schienen mir sowohl innerlich wie auch äußerlich mehr oder weniger mit Smihk, dem Dicken, verwandt zu sein.

Der Ritt verlief während des ganzen Tages für mich und Halef im höchsten Grade interesselos. Es geschah nichts, was uns beschäftigen konnte. Jeder Abweg aus der Richtung, auch der kleinste, wurde vermieden und jeder Erregung wich man aus. Ich sah, wie die Ussul vor allen Dingen ihre Bequemlichkeit liebten. Solche Menschen und solche Völker pflegen aber dann, wenn sie einmal aus ihr aufgerüttelt worden sind, viel schwerer wieder zur Ruhe zurückzukehren.

Nur einmal gab es eine Art von Szene, aber auch nicht äußerlich, sondern nur innerlich. Das war, als man sich bemühte, mir eine Beschreibung der Stadt zu geben. Man schilderte den Tempel, den Palast, die Straßen und Gassen, die freien Plätze und die wichtigsten Gebäude. Unter diesen letzteren wurde auch das Syndan – Gefängnis – genannt und mir beschrieben. Gegenwärtig war der gefährlichste unter den Gefangenen ein Wahnsinniger, der zugleich auch räudig war und der Ansteckungsgefahr wegen von allen Menschen abgesondert gehalten werden mußte. Der Wahnsinn fordert auf alle Fälle unser ganzes Mitgefühl heraus, und von einer derartigen Räude, die kein Aussatz war, harte ich noch nie etwas gehört. Daher erkundigte ich mich nach diesem Gefangenen mit viel größerem Interesse, als ich den übrigen Gegenständen der Unterhaltung gewidmet hätte.

»Gibt es bei euch einen Arzt, der es versteht, derartige Krankheiten richtig zu behandeln?« fragte ich, indem ich mich unbefangener stellte, als ich war.

»Natürlich gibt es ihn!« antwortete der Sahahr in selbstbewußtem Ton.

»Den muß ich kennenlernen!« sagte ich.

»Du kennst ihn schon!« versicherte er.

»Wieso?«

»Ich selber bin's!«

»Glaubst du, ihm helfen zu können?«

»Nein. Diesem Dschirbani – dem Räudigen – kann nicht geholfen werden. Er wird an der Räude sterben. Und auch sein Wahnsinn ist unheilbar. Sein Wahnsinn wächst, und die Räude frißt ihn auf. Man hat weiter nichts zu tun, als ihn streng abzusondern, damit seine Krankheit nicht auf andere übergeht.«

»In welcher Weise äußert sich sein geistiges Leiden?«

»Darin, daß er alles anders macht, als wir.«

»Hm!« brummte ich, und Halef lächelte. Da konnte man wohl sehr vieles anders machen, ohne grad irr im Kopf zu sein!

»Auch denkt er ganz anders als wir«, fuhr der Sahahr fort. »Er sagt es zwar nicht, aber man sieht es ihm an, daß er sich einbildet, klüger zu sein, als andere Leute. In der Religion, in der Geographie, in der Weltgeschichte, in der Kunst, ein Land und den darin wohnenden Menschenstamm zu regieren, hat er seine eigenen Ansichten. Er spricht nicht davon, aber er lehrt sie, indem er sie befolgt, indem er nach ihnen lebt und handelt. Das ist das Gefährlichste, das Allergefährlichste, was es gibt! Darum sperren wir ihn ein! Denn wer ihn sieht und ihn beobachtet, der läßt sich von ihm täuschen, gewinnt ihn lieb und handelt so wie er. Und das ist die schlimmste Art des Wahnsinns, weil er ansteckend wirkt!«

»Weißt du, woher er solche Gedanken nimmt? Hatte er einen Lehrer?«

Bei dieser Frage wurde er verlegen.

»Einen Lehrer hatte er eigentlich nicht«, antwortete er. »Weißt du, was ein Hamail ist?«

»Ja. Das ist ein Koran, der aus Mekka stammt und den man als Andenken an die Pilgerfahrt nach dieser heiligen Stadt an einer Schnur am Hals trägt.« Daß ich selbst einen hatte, sagte ich ihm nicht.

»Das ist richtig«, fuhr er fort. »Ein solches Hamail hat der Dschirbani. Aber dieses Buch an seinem Hals ist kein Koran. Ich habe ihn einmal gebeten, hineinschauen zu dürfen, und er erlaubte es mir. Da stand die Überschrift:

›Werde Mensch; du bist noch keiner!‹

Ist das nicht wahnsinnig? Ist das nicht verrückt? Und als ich ihn fragte, in wiefern wir noch keine Menschen seien, wollte er mir weißmachen, daß in jedem Menschen gleich von Geburt an ein Tier stecke, welches man entweder totschlagen oder verhungern lassen müsse, wobei der von ihm befreite, gute, edle Mensch dann übrig bleibe. Wenn das kein Wahnsinn ist, so gibt es überhaupt keinen!«

»Könnte es nicht doch etwas anderes sein?« fragte Halef.

»Nein! Unmöglich! Ein Tier im Menschen! Bedenke doch! Ich will es dir an einem Beispiel erläutern: Du bist Hadschi Halef Omar, der berühmte Scheich der Haddedin, und man sagt von dir, daß du einen Vogel, einen Hund, einen Affen in deinem Innern habest. Wie würdest du dich dazu verhalten?«

»Sehr ruhig. Es würde mir ganz und gar nicht einfallen, es in Abrede zu stellen, denn unmöglich ist es nicht. Ich sehe vielmehr, daß noch ganz andere, viel größere Wunder geschehen.«

»Welche?«

»Das nächstliegende ist, daß Smihk, der Dicke, in deinem Kopf herumzurennen scheint. Wenn er nicht bald verhungert oder totgeschlagen wird, wird man dich nie zu den Menschen rechnen können! Das ist es doch, was der Dschirbani meint?«

Der Sahahr schaute den Hadschi mißtrauisch von der Seite her an. Er wußte nicht, ob er die Worte des Kleinen als scherzhaft, als ernst oder gar als beleidigend betrachten solle. Darum gab er lieber keine Antwort und fuhr in seinem vorigen Thema fort:

»Der Dschirbani ist also körperlich und geistig ansteckend. Das ist aber nicht alles. Es kommt noch hinzu, daß er so schwer festzuhalten ist. Er hat schon alle Arten des Gefängnisses durchgemacht, doch gelang es ihm stets zu entkommen. Darum haben wir ihn nun endlich an den Ort gebracht, von wo aus eine Flucht völlig ausgeschlossen ist. Er steckt im Stachelzwinger und wird von Bärenhunden bewacht, die bei jedem Fluchtversuch ihn oder den, der ihn befreien wollte, sofort in Stücke reißen würden.«

Bei diesen Worten schauderte mich. Es wollte eine Ahnung in mir aufsteigen, daß es mit diesem angeblichen Wahnsinnigen eine ganz eigene und besondere Bewandtnis habe und daß es infolge meines Naturells und Temperaments ganz und gar nicht ausgeschlossen sei, ihm einen Dienst und Hilfe zu erweisen. Darum erkundigte ich mich nach ihm und fragte:«

»Wie alt ist er?«

»Nicht viel über zwanzig Jahre.«

»Noch so jung und schon so unglücklich? Wie traurig! – Von wem hat er das Buch, von dem du sprachst?«

»Von seinem Vater.«

»Wer war sein Vater? Natürlich ein Ussul?«

»O nein. Er war ein Fremder; aber seine – seine – seine – Mutter war eine Ussul!«

Er sagte das stockend. Es schien ihm nicht über die Lippen zu wollen. Schließlich drückte er es förmlich heraus. Sein bärtiges Gesicht nahm einen mehr tierischen als menschlichen Ausdruck an; seine Zähne knirschten, und er fuhr fort:

»Warum soll ich es euch nicht sagen! Ihr werdet es doch erfahren und hören! Sie war – war – war meine Tochter!«

»So ist er dein Enkel?« entfuhr es mir in der Überraschung.

»Ja.«

»Und du sperrst ihn ein?«

»Ja, ich sperre ihn ein!« antwortete er in unendlich gehässigem Ton.

»Zu den Hunden! Die ihn zerreißen, wenn er zu fliehen wagt!«

Da flammten seine zorneslodernden Augen zu mir herüber, und er rief, als ob man es in weite Ferne hören solle:

»Sie mögen ihn zerreißen – zerreißen! So wie der Zorn, der Grimm und der Kummer mich zerrissen haben, als ich vergeblich mit seinem Vater rang, mein Kind vor ihm und seinem Wahn zu retten! Ich habe nichts mit diesem Räudigen gemein. Er war der Sohn meiner Tochter, also Fleisch von meinem Fleische und Blut von meinem Blute. Aber dieses Fleisch und Blut ist gestorben; es lebt nicht mehr. Er ist mir also fremd, ja fremder noch als jeder andere Mensch, den ich nie gesehen habe. Die Hunde mögen ihn zerreißen – zerreißen – zerreißen!«

Er gab seinem Pferd einen Hieb, daß es vor Schreck zusammenzuckte und dann vorwärts stürzte. Er versuchte gar nicht, es zu zügeln; er kam uns weit voraus. Wir schauten ihm nach. Der Scheich sagte:

»Nun ist er wieder ganz in Wut getaucht, doch hat er recht. Es gilt die Bewahrung der Religion vor wahnsinnig falschen Gedanken. Denke nicht, Effendi, daß es sich um eine körperliche Räude handelt! Der Ausschlag, wegen dem man diesen jungen Mann als Dschirbani bezeichnet, frißt nicht an seinem Leib, sondern an seiner Seele, an seinen Gedanken und Gefühlen. Er hat diese Krankheit von seinem Vater geerbt. Sie ist ansteckend, ungeheuer ansteckend. Er hat sie schon auf Hunderte übertragen, die nun ebenso unheilbar sind wie er. Darum muß man ihn einsperren! Wenn die Religion verpflichtet werden soll, zu lehren, daß wir Tiere im Leib haben, die abzutöten sind, so wird die Erde sehr bald zu einem einzigen, großen Irrenhaus geworden sein! Dennoch spreche ich nur von dem Unheil, welches der Dschirbani mir in der Gemeinde und im Stamm anrichtet, indem er Gedanken verbreitet, die gegen alle Gesetze und Gewohnheiten sind, die wir von unsern Vorfahren ererbt haben. Von den Verwüstungen, die er in der Religion anrichten kann, will ich nicht reden, weil dies Sache des Sahahr ist, der die Verpflichtung übernommen hat, alles, was mit dem Gottesdienst zusammenhängt, vor der Beschmutzung und Verfälschung zu bewahren.«

»Aber es ist sein Enkel, gegen den er wütet! Das Kind seines eigenen Kindes!« klagte Taldscha, von Mitleid bewegt.

»Um so höher ist es ihm anzurechnen!« versuchte er, sie zu widerlegen. »Einen besseren Beweis von Gerechtigkeit und Unparteilichkeit kann es gar nicht geben!«

Er wandte sich zu mir und fuhr fort, auf sie deutend:

»Wir sind immer einig, sie und ich, in allen Stücken, nur in diesem einen nicht. Ich behaupte mit dem Sahahr, daß der Dschirbani unschädlich zu machen sei, sie aber nimmt ihn stets in Schutz. Man hat sie sogar im Verdacht, daß ihm die Flucht nicht so oft gelungen wäre, wenn sie ihn nicht dabei unterstützt härte.«

Da machte Taldscha eine ihrer gebieterischen, zum Schweigen auffordernden Armbewegungen und sprach:

»Seine Mutter war meine Freundin von ihrer frühesten Jugend an und ist es geblieben, bis sie starb. Sie war jünger als ich, und ich betrachtete sie ebenso als Schützling wie als Freundin. Ich hatte sie lieb, sehr lieb, und nahm mich ihrer an, als sie verstoßen wurde. Sie starb vor Sehnsucht und vor Herzeleid, und nun sie tot ist, lenke ich meine Liebe auf den über, den sie uns hinterlassen hat. Interessierst du dich für solche Dinge, Effendi?«

»Sogar sehr!« antwortete ich. »Fast möchte ich dich bitten, mir noch mehr von diesem Dschirbani zu erzählen.«

»Es gibt keine lange Erzählung, mit der ich dich da ermüden könnte. Die Sache ist sehr kurz und sehr einfach. Es kam ein fremder Mann in unser Land, der aus Dschinnistan stammte und gar nicht die Absicht hatte, bei uns zu bleiben. Der sah meine Freundin und gewann sie lieb, sie ihn ebenso. Ihretwegen beschloß er, bei uns zu bleiben. Um Ussul werden zu können, mußte er, wie du weißt, mit einem Ussul kämpfen und ihn besiegen. Dies geschah, und zwar sehr leicht, denn der Dschinnistani war zwar von kleinerer Körpergestalt als wir, aber so stark, gewandt und geschickt, daß ihm die rohe Kraft seines Gegners nicht widerstehen konnte. Sobald er Ussul geworden war, begehrte er meine Freundin von ihrem Vater zur Frau. Dieser verweigerte sie ihm, und zwar aus körperlichen und aus geistigen Gründen. Der Sahahr schien ihm an sich schon nicht geneigt zu sein. Sodann behauptete er, als Sahahr der Ussul verpflichtet zu sein, einer körperlichen Entartung des Stammes in jedem, also auch in diesem Fall entgegenzutreten. Und schließlich war er mit den Menschheitszielen, von denen der Dschinnistani nicht nur sprach, sondern förmlich schwärmte, nicht einverstanden. Der letztere versicherte, daß die Menschheit nur durch Friedfertigkeit und Versöhnlichkeit, durch Liebe und Güte, vorwärts kommen könne. Der Sahahr aber haßte das; er haßt es auch noch heut. Er bezeichnet es als Feigheit, als Dummheit, als Verweichlichung, und ist der Ansicht, daß die Ussul an dieser Menschheitsliebe, falls sie bei uns überhand nähme, unbedingt zugrunde gehen würden. Er fiel, so oft er konnte, über den Dschinnistani her; er hielt ihn nicht nur für allgemein schädlich, sondern auch für seinen persönlichen Feind, der ihm die Tochter rauben und verführen wolle. Er erklärte, daß er lieber sterben als sein Kind einem Mann aus Dschinnistan zum Weibe geben werde. Darum kam die Sache vor den großen Rat der Stammesältesten, und dieser entschied genau so, wie er nach den Gesetzen der Ussul zu entscheiden hatte: der Sahahr und der Dschinnistani hatten miteinander zu kämpfen; dem Sieger fiel die Tochter des ersteren zu. Dieser war so ergrimmt und seines Sieges so gewiß, daß er die Bedingungen bis auf Leben und Tod verschärfen ließ. Aber es kam ganz anders, als er dachte, und er unterlag; der Dschinnistani aber schonte ihn und schenkte ihm das Leben. Die Ehe ist eine außerordentlich glückliche gewesen, obgleich sie dadurch getrübt wurde, daß der Sahahr seine Tochter für immer verstieß und seinen Schwiegersohn unausgesetzt und bis zur Unversöhnlichkeit verfolgte. Es wurde ein Sohn geboren, der sich äußerlich zum Ussul, innerlich aber zum Dschinnistani entwickelte und in jeder Beziehung der Stolz und die Freude seiner Eltern war. Seine Mutter gab ihm den riesenstarken Körper und die reine liebenswerte Seele. Sein Vater aber schenkte ihm den Geist von Dschinnistan, wurde sein Lehrer und Führer, sein Vorbild und Ideal, dem der Sohn ähnlich zu werden strebte. Ich habe oft dabeigesessen, wenn dieser Geist aus diesem Mann zu seinem Weib und zu seinem Kind sprach. Was ich da hörte, ist tief in mich gedrungen und hat sich festgesetzt, um niemals mehr zu weichen. Darum gleiche ich nicht ganz den anderen Frauen der Ussul, und darum nehme ich mich dieses Dschirbani an, den ich weder für wahnsinnig noch für krank oder gar gefährlich halte.«

»Ich habe den Sahahr für einen sehr gutmütigen Mann gehalten!« warf ich ein.

»Das ist er auch; das ist er«, antwortete sie. »Aber mit seiner Tochter, die Oberpriesterin geworden wäre, verfolgte er Pläne, die weit über das, was er uns hierüber mitzuteilen pflegt, hinausgegangen sind. Diese Pläne sind ihm durch den Dschinnistani vollständig vernichtet worden, und das kann er nie und nie vergessen. Der Sahahr ist nicht imstande, einen Wurm zu töten. Er hat nie und nie einen Menschen gehaßt. Aber den Dschinnistani haßte er aus vollster Seele, und diesen Haß hat er auf dessen Sohn, den Dschirbani übertragen, obgleich dieser sein eigener Enkel ist. Er verfolgt ihn unbarmherzig, und niemand wagt es, ihm zu widerstehen, weil er der Oberzauberer und der höchste männliche Priester des ganzen Landes ist. Für jeden Ausspruch, der dem Sahahr nicht gefiel, wurde der Unglückliche eingesperrt. Jetzt steckt er gar im Stachelzwinger und wird von Blut- und Bärenhunden bewacht. Da gibt es kein Entrinnen, so lange er überhaupt lebt!«

»Oho!« rief da der kleine Hadschi aus.

»Was?« fragte sie ihn. »Wozu dieser Ruf?«

»Ich glaube nicht, daß es keine Hilfe gibt.«

»Wer sollte da helfen?«

»Mein Effendi! Es gibt weder einen Blut-, noch einen Bärenhund, vor dem er sich fürchten würde. Wenn er den Dschirbani aus dem Stachelzwinger heraus haben will, so holt er ihn heraus; darauf kannst du dich verlassen!«

»Wirklich?« fragte sie.

»Ja, wirklich!« nickte er. »Auch ist mein Sihdi doch nicht allein da, sondern ich stehe an seiner Seite und helfe ihm. Du willst mich zwar verachten, aber wenn es darauf ankommt, diesem armen Enkel eines rachsüchtigen Zauberers Hilfe zu bringen, so glaube ich, wohl imstande zu sein, mir Achtung zu verschaffen.«

Da reichte sie ihm schnell und in herzlicher Weise die Hand und sagte:

»Verzeihe mir! Es war falsch von mir, dich verachten zu wollen.«

Der Sahahr war in seinem Zorn weit vorausgeritten. Der Scheich harte den Schritt seines Pferdes beschleunigt, um ihm zu folgen. Darum waren wir beide jetzt mit Taldscha allein, und so kam es, daß wir einige Worte mit ihr wechseln konnten, ohne daß Amihn sie hörte. Sie hielt ihr Pferd an. Wir folgten also diesem ihrem Beispiel.

»Ich will euch bekennen, daß ich stets auf der Seite des Dschirbani gestanden habe und auch heut noch stehe«, sagte sie.

»Doch hat der Sahahr in diesem Fall die größere Macht in den Händen, weil er so klug gewesen ist, diese Angelegenheit auf das religiöse Gebiet hinüberzuspielen, wo es nicht geraten ist, sich ihn zum Feind zu machen. Wie dankbar würde ich euch sein, wenn ihr mir helfen könntet – mir und ihm!«

»Wir helfen dir!« rief da Halef, von ihrer jetzigen Freundlichkeit begeistert, aus. »Selbst wenn mein Effendi nicht damit einverstanden wäre, so könntest du dich doch auf mich verlassen. Ich brächte es ganz allein fertig, den Dschirbani aus dem Stachelgefängnis herauszuholen und gegen alle seine Feinde in Schutz zu nehmen!«

Er versicherte das in seinem überzeugungsvollsten Ton. Da schaute sie lächelnd auf den kleinen Kerl hernieder und antwortete:

»Du ganz allein! Gegen die Stachelwände? Gegen die Bärenhunde? Gegen den Willen des Scheichs? Gegen die Macht des Sahahr? Und gegen die vielen Menschen alle, die an ihn glauben und auf ihn schwören? Du, der Fremde, der heute erst zu uns gekommen ist und uns also noch gar nicht kennt! Ja, der sich eigentlich als unsern Gefangenen zu betrachten hat! Und du sprichst davon, ehe du unsere Stadt auch nur gesehen hast, einen Gefangenen von dort zu befreien!«

Da lachte Halef fröhlich und sagte:

»Wir eure Gefangenen? Es ist gewiß nicht höflich, eine Frau deines Ranges auszulachen, aber wenn du diese Worte wiederholtest, würdest du mich zwingen, diese Unhöflichkeit dennoch zu begehen. Ich habe es weder mit den Stacheln und Bluthunden, noch mit dem Scheich und den Ussul, die an ihren Zauberer glauben, zu tun, sondern ganz allein nur mit diesem Zauberer selbst. Sage mir, Herrin der Ussul, ob der Sahahr den Tod verachtet?«

»Das tut er keineswegs; er liebt im Gegenteil das Leben sehr«, antwortete sie.

»Ah! Hast du gesehen, was für einen Eindruck es auf ihn machte, als ich ihm sagte, daß ich mit keinem anderen kämpfen wolle, als nur mit ihm?«

»Ich habe es gesehen.«

»Es schien ihm gar nicht angenehm zu sein?«

»Gewiß nicht. Er ist überhaupt niemals ein Held im Kampf gewesen, und seit er trotz seiner überlegenen Körperstärke damals von dem Dschinnistani besiegt worden ist, hat sich seine Vorsicht gesteigert. Er hat die Wirkung eurer Waffen kennengelernt, und es konnte ihm nicht entgehen, daß ihr alles anders, besser und erfolgreicher als wir in die Hand zu nehmen wißt. Ich zweifle gar nicht daran, daß er sich vor einem Kampf mit dir fürchtet.«

»Und dieser Kampf ist unvermeidlich?«

»Eigentlich ja. Aber es wurde schon davon gesprochen, ihn euch zu erlassen, da ihr ja genugsam bewiesen habt, daß ihr würdig seid, Freunde und Verbündete der Ussul zu sein.«

»Wie gütig! Wie freundlich!« scherzte Halef. »Aber die Sache liegt für uns ganz anders, als für euch. Wir beanspruchen dieselben Rechte wie ihr. Das heißt, daß der Sahahr zu beweisen hat, daß er würdig ist, unser Freund und Verbündeter zu sein. Wenn er so furchtsam ist, uns den Kampf schenken zu wollen, so sind dagegen wir mutig genug, ihn zu bestehen!«

»Welch ein Gedanke!« wunderte sie sich. »Aber du hast ganz recht.«

»Und höre mich weiter! Es ist Allahs Gebot, daß der Mensch in genau derselben Weise bestraft wird, in der er gesündigt hat. Als der Sahahr damals mit dem Dschinnistani kämpfte, wagte er es, den Kampf bis auf Leben und Tod zu treiben. Er wußte, daß seine Körperkräfte größer waren, als die des anderen, und war so töricht, die Kräfte der Seele und des Geistes nicht in Berechnung zu ziehen. Darum wurde er besiegt. Das war die einfache Folge, aber noch nicht Strafe. Diese eigentliche Strafe kommt erst jetzt, wo er einen ganz ähnlichen Kampf bestehen soll. Ich verlange nämlich genau so wie damals er, daß es um Tod oder Leben gehe. Was daraus folgt, kannst du dir denken!«

»Was?« fragte sie in hohem Grade gespannt.

Halef antwortete:

»Entweder bittet mich der Sahahr, von diesem Verlangen abzustehen, dann werde ich es nur unter der einen Bedingung tun, daß er dem Dschirbani die Freiheit gibt. Oder er schämt sich, so feig zu sein, und geht dann auf meine Forderung ein. Nun, so kommt es eben zu einer Entscheidung auf Leben und Tod, und mein Effendi wird mir gern bezeugen, daß da nur ein einziger Ausgang möglich ist, nämlich der, daß der Sahahr stirbt. Ist der aber tot, dann wird wohl niemand den Dschirbani länger quälen wollen.«

»Diese deine Gedanken sind nicht übel«, erklärte sie, »aber der letzte ist falsch. Nämlich der Dschirbani würde auch nach dem Tode des Sahahr für innerlich räudig gelten. Man glaubt daran, und was sich im Kopf solcher Menschen festgesetzt hat, das ist nur schwer zu beseitigen. Ich spreche mit euch noch weiter über diese Sache. Jetzt müssen wir dem Scheich nacheilen, er wartet.«

»Noch eines möchte ich gern wissen«, bat Halef.

»Und das ist?«

»Was ist aus dem Dschinnistani, dem Vater des Dschirbani geworden?«

Im Weiterreiten antwortete sie:

»Er ritt jährlich einmal, genau zur Zeit der Sonnenwende, hinauf nach Dschinnistan zu denen, die ihn liebten. Dort holte er Bücher, die er las und aus denen er Weib und Kind unterrichtete. Von dort brachte er nach und nach auch jene weißen Steine mit dunklen Worten mit, die heut auf der Insel der Heiden zu sehen und zu lesen sind. Der Sahahr war ganz dagegen, daß diese Steine aufgerichtet würden. Er bezeichnete ihre Inschrift als die größte Verrücktheit, die es geben kann; aber weil die Insel Eigentum des Dschinnistani geworden war und seinem Sohn heute noch gehört, hatte er das Recht, dort zu tun, was ihm beliebte. Er stellte die Schriftsäule in die Nähe seines Lotosweihers und beschattete sie mit duftenden Nelken- und Magnolienbäumen.«

»Warum hast du diesen Ort die Insel der Heiden genannt?«

»Weil es eine Insel ist und weil der Dschinnistani nach unsern Begriffen ein Heide war, denn wer nicht an den Gott der Ussul glaubt, der ist ein Heide.«

»So ist also auch sein Sohn, der Dschirbani, nach deiner Ansicht ein Heide?«

»Ja.«

»Und dennoch liebst du ihn?«

»Ganz gewiß! Ist es bei euch wohl anders? Haßt und verfolgt ihr eure Heiden? Haltet ihr sie vielleicht gar für schlechtere, für minderwertige Menschen?«

»Ja, das tut der Islam allerdings.«

»Wie falsch!«

»Falsch? Ist es wohl richtiger, sie für räudig oder für verrückt zu erklären?«

Die Frau des Scheichs ging in echter Frauenweise über diese Frage hinweg; als hätte sie sie gar nicht gehört, und sagte:

»Du wolltest wissen, was aus dem Dschinnistani geworden ist, und ich teilte dir mit, daß er jährlich hinauf nach seiner Heimat geritten ist. Einst kehrte er nicht mehr zurück. Man hat ihn nie wieder gesehen. Alle Nachforschungen sind vergeblich gewesen. So war man gezwungen, anzunehmen, daß er unterwegs in die Hände der Tschoban gefallen ist, die ihn ermordet haben. Hierüber ist seine Witwe, meine Freundin, vor Schmerz und Gram zugrunde gegangen. Ihr Sohn hat sie auf der Insel der Heiden bestattet und ihr mitten unter Blumen einen Stein gesetzt, auf dem geschrieben steht:

›Das Erdenleben ist ein Läuterungsfeuer, aus dem dich nur der Glaube befreien und zum wahren Menschen erheben kann!‹

Wenn ihr es wünschet, werde ich euch nach dieser Insel führen, um euch das Grab und die Schriftsäule zu zeigen. Jetzt aber sprechen wir nicht mehr davon; der Scheich hört es nicht gern.«

Wir hatten diesen nämlich jetzt eingeholt und erreichten bald hernach auch den Sahahr, der sich inzwischen beruhigt hatte und nun über die Raschheit seines Temperaments verlegen zu sein schien. Die sich jetzt entspinnende Unterhaltung vermied den bisherigen Gegenstand. Ich beteiligte mich fast gar nicht an ihr, denn was ich über den Dschirbani gehört hatte, beschäftigte meine Gedanken und Empfindungen vollständig. Ich begann zu ahnen, daß sich mir hier bei den Ussul eine Welt erschließen werde, welche bis jetzt der meinigen größtenteils fremd gewesen war.

Etwas über die Mitte des Nachmittags kam uns eine Menge Reiter entgegen, die uns von der Stadt aus zu begrüßen hatten. Es waren die Ältesten und allerlei Beamte oder sonstwie Leute, die irgendeine nicht ganz gewöhnliche Stelle innehatten. Sie waren über uns unterrichtet, denn sie hatten die gestrige Botschaft ihres Scheichs erhalten. Daß der Erstgeborene der Tschoban ergriffen worden sei, war für sie eine Neuigkeit von allergrößter Wichtigkeit. Sie waren uns entgegengeritten, um ihn so bald wie möglich zu sehen. Und nicht minder groß war ihr Interesse für die beiden Fremden, denen sie diesen Fang zu verdanken hatten. Sie sahen uns wie Wunderwesen an, und als ich während des Weitermarsches gelegentlich einige gutgezielte Schüsse abfeuerte, wuchs ihre Bewunderung ins Riesenhafte. Ich meinerseits verhielt mich zurückhaltend gegen sie; ich brachte ihnen zunächst nur ein allgemeines, wissenschaftliches Interesse entgegen. Sie zeichneten sich alle durch ungewöhnliche Körpergröße aus. In ihrer Kleidung und Bewaffnung glichen sie dem Scheich. Die ganze Truppe, die über vierzig Personen stark war, zählte nur fünf schlechte Gewehre. Ihre Gäule glichen Smihk, dem Dicken, doch muß ich aufrichtig gestehen, daß dieser noch der schönste und edelste von allen war.

Der kleine Hadschi verhielt sich ganz anders als ich. Kaum hatte er sie gesehen, so wurde er auch schon vertraulich mit ihnen. Die Achtung, mit der sie ihn trotz seiner geringen Körpergröße behandelten, gefiel ihm ungemein. Als sie den Wunsch äußerten, die drei Tschoban zu sehen, erklärte er sich sofort bereit, mit ihnen zurückzubleiben, um sie ihnen zu zeigen und hierbei zu erzählen, wie es uns gelungen sei, sie zu besiegen und festzunehmen. Ich hütete mich, ihn hiervon abzuhalten, denn daß er nur bestrebt sein werde, ihre Hochachtung zu vermehren, anstatt sie zu vermindern, das wußte ich ganz genau. Er wartete also mit ihnen, um unsern eigentlichen Trupp mit den Gefangenen herankommen zu lassen. Nur die Ältesten, fast lauter hochbejahrte Leute, blieben bei uns und kehrten um, um mit uns zu reiten.

Die Einsamkeit, die uns bisher begleitet hatte, minderte sich. Schon tauchten hier und da Leute aus dem Volk auf, und es zeigten sich kleinere und größere Herden von Pferden, Rindern, Schafen, sogar von Ziegen. Hirten standen dabei. Auch etwas Ähnliches wie Felder trat auf. Bei uns in Deutschland würde man freilich derartige Stellen für vollständig verwahrlost und verwildert halten. Der Wald begann zurückzuweichen. Wo Bäume standen, waren es entweder Überreste des Waldes, oder man hatte sie aus Nützlichkeitsrücksichten neu gepflanzt. Wir erreichten ein Netz von Kanälen, an deren Ufern man zuweilen eine Hütte liegen sah. Manches Häuschen war auf Pfählen im Wasser errichtet und bestand ausschließlich aus zusammengefügten Stämmen, Hölzern und Knüppeln, deren Zwischenräume zugestopft und verschmiert worden waren. Die Türen und Fenster waren, zumal für Ussulgestalten, fast lächerlich niedrig, schmal, eng und klein. Diese Pfahlbauten lagen anfangs weit auseinander; erst allmählich näherten sie sich, und die eigentliche Stadt begann. Nun hielten auch wir an, um die Zurückgebliebenen mit den Gefangenen zu erwarten, denn es war ein »großer Einzug« geplant.

Noch ehe diese zu uns gestoßen waren, erschienen vor uns Leute, denn das Gerücht von unserer Ankunft hatte sich rasch verbreitet. Diese Leute wurde zahlreicher, aber keineswegs in der lauten, energischen und frohen Weise, in welcher der Deutsche einen derartigen Auflauf zu veranstalten pflegt, sondern still, langsam und schwerfällig, als ob es in der Seele gar nichts gebe, was die Arme und Beine zwingen könne, sich auch einmal etwas lebhafter zu bewegen als gewöhnlich. Diese Menschen glichen ganz und gar dem geräuschlosen, stauenden Wasser ihres Landes. In dieser innerlichen und äußerlichen Schwere lag es auch, daß man im Krieg lieber hier sitzenblieb und sich von den heranziehenden Tschoban belagern und aushungern ließ, als daß man ihnen entschieden und schnell zuvorkam, um sie schon gleich an der Grenze zurückzuschlagen. Wenn ich hoffte, sie zu diesem letzteren Verhalten begeistern zu können, so unterlag es keinem Zweifel, daß dies nur unter Anwendung ganz besonderer Mittel zu erreichen sei.

Endlich holten die Zurückgebliebenen uns ein. Halef nickte mir schon von weitem zu. Er lächelte beinahe übermütig und zeigte überhaupt ein sehr befriedigtes Gesicht. Als sich der Zug wieder in Bewegung setzte, ritten wir beide nebeneinander, und da sagte er:

»Sihdi, es steht alles gut, sehr gut! Ich habe es vortrefflich eingeleitet!«

»Was?« fragte ich.

»Den Kriegszug nach dem Engpaß Chatar. Ich habe erzählt, was damals in dem Tal der Stufen geschah. Ich habe berichtet, was du damals ganz allein ausgerichtet und vollendet hast. Ich habe geschildert, wie die feindlichen Stämme der Dschowari, der Abu Hammed und der Obeide damals von dir an ihren langen Nasen in die Gefangenschaft geführt worden sind. Ich habe ihnen versichert, daß es uns ganz gewiß nicht schwerfallen wird, so Ähnliches auch hier zu tun. Sie wissen schon alles. Sie kennen sogar schon die Länge, Breite, Höhe und Schwere des Löwen, den du damals in der Nacht geschossen hast, ganz allein, während Hunderte in den Zelten steckten und sich fürchteten. Sie staunen über dich, alle, alle! Über deine Klugheit und Bedachtsamkeit, über deinen Mut und deine Stärke! Sie werden dir gern gehorsam sein und alle tun, was du von ihnen verlangst.«

Das klang wohl sehr befriedigend, nur kannte ich leider meinen kleinen Hadschi Halef Omar allzugut, als daß ich seine Rede wörtlich genommen hätte. Wenn er sagte »deinen« Mut und »deine« Klugheit, so war dieses »deine« sicherlich in »meine« umzuwandeln. So stille und sinnende Leute, wie die Ussul waren, pflegen ein scharfes Auge und Ohr für Übertreibungen zu haben. Ich hütete mich also, mich an der Begeisterung Halefs zu erwärmen, und tat, als ob die Umgebung, durch die wir kamen, mich vollauf beschäftigte, so daß ich für seine Worte keine Aufmerksamkeit mehr übrig habe.

Die Stadt lag auf einer ebenen Fläche, die nicht die geringste Erhebung zeigte und durch unzählige Kanäle und kleinere Gräben in Vierecke eingeteilt wurde. Zuweilen bildete sich auch, wenn mehrere Gräben zusammenstießen, entweder ein Drei- oder Mehreck. An den Außenseiten der Stadt hatte jede derartige Landfigur nur ein einziges Gebäude zu tragen; im Innern der Stadt aber rückten die Wohnungen einander näher. Da standen oftmals zwei, drei oder auch mehrere zusammen. Stets aber bestanden die Häuser und Hütten aus dem schon beschriebenen Material und glichen einander vollkommen in der Bauart. Mauern waren unmöglich; auch trennende Zäune gab es nicht, weil ja Gräben vorhanden waren. Wer nicht ganz und gar offen vor den Augen des Nachbars wohnen wollte, der schützte sich durch Büsche und Sträucher, die alle den wasserliebenden Pflanzenarten zugehörten. Der Baumschlag war sehr spärlich. Obstbäume nach unseren Begriffen sah man nicht. So sich ein Baum oder Busch mit Früchten zeigte, schien er mir unmittelbares Naturerzeugnis, nicht aber Veredlung zu sein. Weil der Verkehr der Einwohner unter sich nur auf dem Wasserwege bewerkstelligt werden konnte, nahmen wir alle möglichen Arten primitiver Ruderfahrzeuge wahr, vom großen Einbaum im Fluß bis zu dem kleinen, aus zusammengebunden Weidenruten bestehenden Floß im seichten Graben. Brücken waren auffallend wenige zu sehen. Jedenfalls liebte man diese Art der Verbindung nicht. Was man nicht einfach überspringen konnte, das wurde durch Rudern oder Schwimmen überwunden. Wir sahen nicht nur Kinder, die wie die Fische schwammen und tauchten, sondern auch Erwachsene, die ganz dasselbe taten. Daß dabei ihre allerdings spärliche Bekleidung naß wurde, das galt ihnen offenbar nichts.

Drittes Kapitel.

In Ussula

Unser Weg führte nach dem sogenannten Schloß oder Palast, der in der Mitte der Stadt direkt am Fluß lag. Dieser Weg war einer der wenigen wirklichen »Wege«, die es gab. Die Anwohner desselben standen zu unserem Empfang bereit, mit ihnen zahlreiche andere Leute aus jenen Stadtteilen, die unser Einzug nicht berührte. Aber alle verhielten sich außerordentlich still. Da war keine Spur jener Freuden- oder gar Jubelrufe, welche anderorts bei derartigen Gelegenheiten erschallen. Auch die Kinder verhielten sich ruhig. Wo wir uns zeigten, wichen sie furchtsam zurück und sperrten die Mäuler auf. Um nicht undankbar zu sein, muß ich erwähnen, daß allerdings einige Male ein schüchterner Versuch gemacht wurde, unserem Empfang ein festliches Gepräge zu geben. Das geschah nämlich dann, wenn wir an einem vorüberkamen, der ein Gewehr besaß. Dieses wurde dann abgeschossen, aber unter solchen Vorbereitungen und mit einer derartigen Wichtigkeit, als ob es sich um ein ganz außergewöhnliches staatserrettendes Ereignis handelte. War dann aber der Knall verpufft, so fiel die zurückgekehrte Stille doppelt auf. Der voranreitende Scheich aber blickte nach jedem dieser Schüsse nach uns zurück, um sich von der Wirkung zu überzeugen. Halef lächelte hierüber. Er mochte an den Empfang denken, den wir bei seinem Stamm, den Haddedihn, finden würden. Da krachten sicher Tausende von Flinten, und das Pulver blitzte zentnerweise in die Luft! Und welch ein Jubel! Welches Geschrei! Und nun dagegen hier! Das Lächeln verschwand indes nach und nach von seinem Gesicht. Er wurde ernst.

»O Sihdi«, sagte er, »was sind das für arme Leute! Sie haben nur so wenig Flinten, und das Pulver scheint bei ihnen sehr teuer zu sein. Aber das ist bei ihnen nicht der einzige Grund. Die Hauptursache liegt in ihrer Seele; das sehe ich ihnen nun an. Sie können auch innerlich nicht! Auch im Land ihrer Seelen gibt es keine Gewehre, und auch in ihrem Charakter und ihrer Natur ist das Pulver teuer! Was kann, was soll, was wird aus solchem Volk werden?«

»Hm! Soeben erst hast du mir versichert, daß sie mir gerne gehorsam sein und alles tun werden, was ich verlange!«

»Das glaubte ich, glaubte es wirklich. Jetzt aber kommt es mir vor, als ob ich es nicht mehr glauben dürfe. Die, mit denen wir bisher sprachen, sind die Obersten, die Klügsten und also auch die Lebendigsten ihres Volkes. Die konnte ich begeistern, wenn auch wahrscheinlich nur für kurze Zeit. Aber die unter ihnen stehen, nämlich diese da, die uns anstarren, ohne einen einzigen Laut hören zu lassen, die sind wohl schwer, sehr schwer zu veranlassen, mit uns nach dem Engpaß Chatar zu reiten, um ihre Feinde niederzuringen! Meinst du nicht auch?«

»Warten wir es ab! Man darf nicht so, wie du es tust, zwischen Hoffnungen und Befürchtungen hin- und herschwanken, sondern man muß lernen, mit den gegebenen Kräften zu rechnen. Du mußt diese guten Leute nicht mit deinem, sondern mit ihrem Maßstab messen. Es liegt in ihrer Natur, daß sie nur schwer in Gang zu bringen sind; aber wenn sie erst einmal laufen, dann kannst du sicher sein, daß sie nicht bei der geringsten Veranlassung gleich wieder stehenbleiben werden.«

Während ich dies sagte, hielt Taldscha, die mit dem Scheich voranritt, ihr Pferd an, bis ich sie eingeholt hatte. Dann setzte sie den Ritt fort und sagte:

»Wir kommen bald an dem Gefängnis vorüber, und zwar an dem hinteren Teil desselben, wo sich der Stachelzwinger befindet. Der andere Teil grenzt an den Fluß.«

»Der Stachelzwinger?« fragte ich. »Derselbe, in dem der Dschirbani steckt?«

»Ja.«

»Kann man ihn im Vorbeireiten sehen?«

»Den Zwinger, ja; den Dschirbani aber nur dann, wenn er am Tor des Zwingers steht, um nachzuschauen, wer vorüberkommt.«

»Ob er wohl merkt, daß sich etwas hier ereignet?«

»Ganz gewiß. Er hat die Schüsse gehört, die hier überaus selten sind, und nun hört er am Getrappel der Pferde, daß wir näher kommen. Ich halte es für wahrscheinlich, daß er an das Gitter getreten ist, um nach der Ursache dieses Lärmes zu schauen.«

»Willst du, daß wir ihn retten?« fragte der Hadschi.

»Ja, ich wünsche es!« gestand sie ein.

»Gut! So holen wir ihn gleich jetzt, sofort, heraus!« versicherte der kleine Kerl in seiner gutherzigen, aber unbedachten Weise.

»Das nicht, das nicht!« wehrte sie ab. »Die Hunde würden euch und ihn zerreißen! Wenn ihr ihn retten wollt, so muß es auf andere Weise geschehen. Durch List, durch Zwang! Aber nicht durch einen Kampf mit den Hunden! Die sind abgerichtet!«

»Von wem?«

»Vom Sahahr. Wegen ihrer Gefährlichkeit sind auch sie von den Menschen getrennt, durch den einzigen durchsichtigen Zaun, den es hier in der Stadt gibt. Nur dadurch, daß man sie von außen sieht, wird man abgehalten, sich ihnen zu nähern. Wer sich hinter diesen Zaun wagte, der würde ebenso schnell und sicher zerfleischt wie der Dschirbani, falls er so tollkühn wäre, den seinigen zu durchkriechen oder zu überklettern! Seht! Da drüben, links, beginnen beide Zäune!«

Sie deutete nach der genannten Richtung hinüber. Meine und Halefs Bücke, von einem großen, unwiderstehlichen Interesse getrieben, folgten sofort dem Fingerzeig. Um das, was nun geschah, zu verstehen, muß man sich die Örtlichkeit vergegenwärtigen. Unser Zug bestand aus der Reiterschar und einer Menge von Fußgängern, welche hinter uns herliefen. Er bewegte sich auf dem schon erwähnten Weg, der eigentlich einem Damm glich, weil er zu beiden Seiten von Kanälen eingefaßt wurde, die breiter waren, als die Sprungweite eines guten Pferdes beträgt. Ein Ussulgaul, wie Smihk, wäre gewiß nicht bis zur Hälfte hinübergekommen. Jenseits dieses Wassers lag ein Rasenplatz, der auf eine Breite von vielleicht zwanzig Schritt freigelassen, dann aber von einem Stangenzaun umgeben war, dessen Höhe etwas mehr als Manneshöhe betrug. Die Zwischenräume dieser Stangen ließen alles deutlich sehen, was sich hinter ihnen befand. Hinter diesem Zaun gab es eine zweite Einfriedung, die also innerhalb desselben lag; sie wurde von dicht verschlungenen und hochgewachsenen Dorn- und Stachelgewächsen gebildet. Man konnte weder durch sie hindurch- noch über sie hinwegsehen, und ihre natürlichen Nadeln und Schneiden waren so spitz und so scharf, daß es für einen Menschen unmöglich war, sich ohne besondere Werkzeuge hindurchzuarbeiten. Das Morgenland ist an solchen von der Natur bewehrten Pflanzen bekanntlich überreich. Diese undurchdringliche Umfassung schloß den Platz ein, den die Frau des Scheichs als »Stachelzwinger« bezeichnet hatte. Es gab in dieser Umhegung nur eine einzige schmale Lücke, die als Ein- und Ausgang diente und von einer hölzernen, über zwei Meter hohen Lattenpforte verschlossen wurde. Der Riegel war an der Außenseite angebracht, so daß es dem Gefangenen unmöglich war, ihn von innen zu öffnen. Aber selbst wenn er dies gekonnt hätte, wäre er nicht entkommen, weil sich zwischen den beiden Zäunen die Hunde befanden, die freien Lauf rund um den Zwinger hatten und den Dschirbani also an jeder Stelle, wo er etwa ausbrechen wollte, mit den Zähnen fassen konnten.

Wir waren dem Ort jetzt so nahe gekommen, daß wir die Hunde sahen. Es waren ihrer drei, so hoch, so groß und riesenstark gebaut, wie ich noch niemals einen Hund gesehen hatte, selbst meinen starken, furchtlosen Dojan nicht, den meine Leser kennen. Ihr dickes, zottiges Fell und der Bau ihres breiten, mächtigen Schädels rechtfertigen den Namen Bärenhund, doch waren sie bedeutend höher als Bären zu sein pflegen. Auch ihre kurze, weit sich spaltende Schnauze und das kleine tückische Auge erinnerten an den Bären; aber ganz unbärenmäßig waren die großen, weit herabhängenden und immer triefenden Lefzen. Die Tiere hatten eine mächtig breite Brust und außerordentlich kräftige Schenkel, deren Füße mit scharfen Klauen und sehr ausgebildeten Schwimmhäuten versehen waren, doch war dieser Brust und diesen Schenkeln mehr Kraft und Ausdauer als Sprungfertigkeit und Schnelligkeit zuzutrauen. Man brauchte diese mächtigen Geschöpfe nur anzusehen, so war man hinlänglich gewarnt. Sie hinterließen außer dem Eindruck der überaus rohen, physischen Kraft auch den der Arglist und Verschlagenheit, und nie ist mir bei dem Anblick eines Tieres der Ausdruck »Bestie« so klargeworden, als in dem Augenblick, da ich diese Blut- und Bärenhunde sah.

Sie hatten uns kommen hören und sich, um uns sehen zu können, grad so nach vorn an den Zaun gesetzt, daß wir sie sehr deutlich wahrnehmen mußten. Zwei von ihnen waren bedeutend strammer, derber und schwerer gebaut als der dritte, der etwas schlanker und jedenfalls jünger und behender war als die andern. Ob für ihn die Höhe des Stangenzauns genügte, ihn festzuhalten, das wäre für mich eine sehr wichtige Frage gewesen. Kam es einem so blutgierigen, auf den Menschen dressierten Vieh in den Kopf, über den Zaun und dann noch über das Wasser zu springen, so war das Unglück, welches hierdurch entstehen konnte, gar nicht abzusehen. Das war nun aber Sache des Sahahr; er mußte wissen, wie weit er diese Bestien in der Gewalt hatte oder nicht. Wie ich später erfuhr, war er der eigentliche Züchter und Abrichter dieser Riesenhunde, denen nur durch Qual und Pein, durch immerwährende Hiebe und Schläge jener Haß gegen die Menschen aufgezwungen werden konnte, der ihnen dann als Vorzug angerechnet wurde. Priester, Zauberer und Bändiger von Bluthunden! Wie sonderbar dies zusammenklang! Aber nun wurde mir sein grausames Verhalten gegen Tochter und Enkel erst erklärlich. Wer imstande ist, einen treuen, gehorsamen, liebesbedürftigen und dankbaren Hund zum blutgierigen Menschenhasser zu verquälen und zu verprügeln, der ist wohl auch imstande, gegen seinesgleichen so zu handeln, wie der Sahahr gehandelt hatte. Ich begann, an der Gutmütigkeit dieses Mannes zu zweifeln und sie für nichts weiter, als für eine betrügerische Maske zu halten. Daß er auch jähzornig und aufbrausend war, hatte er bereits bewiesen.

Grad als mich dieser Gedanke beschäftigte, wurde ich von dem Sahahr angesprochen. Er sah, daß Halef und ich mit Aufmerksamkeit nach dem Stachelzwinger schauten; er erinnerte sich seines Zornes über unser Gespräch, und da kehrte dieser Zorn ihm zurück. Er wendete sich uns zu, deutete über das Wasser hinüber und sagte:

»Da drüben steckt der Mensch, von dem ihr ganz gewiß noch viel gesprochen habt. Wollt ihr ihn sehen?«

»Ja«, antwortete Halef sofort, obgleich er sehr wohl wußte, daß diese Frage nur höhnisch gemeint war.

»So reitet hinüber!« lachte der Zauberer.

»Über das Wasser?« fragte der Kleine.

»Ja«, lachte der andere.

»Ist das dein Ernst?«

»Mein voller Ernst!« versicherte der Sahahr, der es für vollständig unmöglich hielt, daß man einen solchen Sprung wagen könne.

»Wohlan! – Dir zu Gefallen werde ich es tun!«

Im nächsten Augenblick flog Halef auf seinem prächtigen Assil Ben Rih durch die Luft und landete drüben auf festem Boden, ohne daß die Hufe seine Pferdes auch nur einen Tropfen des Wassers berührt hatten. Ringsum war ein Schrei des Schreckes erklungen; jetzt erscholl ein zweiter, nämlich ein Schrei der Anerkennung, der Bewunderung. Die drei Riesenhunde richteten sich sofort an der Innenseite des Zaunes empor und erhoben ein drohendes Bellen und Heulen.

»Da bin ich!« lachte Halef herüber. »Was soll ich nun noch tun?«

»Zurück, augenblicklich zurück!« befahl ihm der Sahahr.

»Fällt mir ja gar nicht ein! Du hast mich herübergeschickt, den Dschirbani zu sehen, und das werde ich jetzt tun!«

»Nein, nein! Es ist verboten!«

»Verboten? Von wem?«

»Von mir!«

»Unsinn! Grad du hast es mir erlaubt! Oder glaubst du etwa, ich lasse mit mir spielen?«

Er wendete sein Pferd dem Zaun zu.

»Um Gottes willen, die Hunde, die Hunde!« warnte die Frau des Scheichs voller Angst.

»Die möchten ihn fressen!« rief der Sahahr. »Aber er soll ihn nicht sehen! Er darf ihn nicht sehen! Denn er würde mit ihm sprechen! Und das will, das will ich nicht! Also zurück, zurück! Herüber!«

»Fällt mir, wie ich dir schon sagte, gar nicht ein!« Und um den Zauberer ganz sicherlich zu ärgern, fügte Halef hinzu: »Ich spreche mit ihm! Ich hole ihn sogar heraus!«

Da griff die Frau des Scheichs besorgt nach meiner Hand und bat:

»Ruf du ihn zurück, ruf du! Dir wird er gehorchen! Sonst ist er verloren!«

Da bat ich sie:

»Hab keine Angst um ihn! Er wird nichts Schädliches unternehmen, denn er weiß, ich bin dabei!«

Der Zauberer aber brüllte dem kleinen Hadschi zornig zu:

»Das darfst du nicht! Das kostet dich dein Leben! Kehr augenblicklich zurück! Sonst komme ich hinüber!«

»So komm! Oder bist du zu feig dazu?«

Halef drehte sein Pferd herum und sah zu ihm herüber. Da machte der Sahahr seine Drohung wahr und ritt hinüber. Er konnte das wohl ganz ohne alle Gefahr, so meinte er, denn er war ja der Herr der Bluthunde; ihm mußten sie gehorchen. Dies war ihnen durch Kette, Hunger und Schläge beigebracht worden. Und dafür hatten sie jetzt, da sie frei von der Kette waren, ihn noch zu lieben. Aber er hütete sich wohl, seinen dicken, ungefügen Urgaul zum Sprung zu bewegen, denn der wäre auf alle Fälle viel zu kurz geraten. Er trieb den Gaul hübsch langsam in das Wasser hinein, paddelte hinüber und kam ebenso hübsch langsam drüben wieder heraus. Halef sah ihm lachend zu; dann fragte er:

»So! Nun bist du da! Wie willst du es jetzt verhüten, daß ich den Dschirbani sehe und mit ihm rede?«

»Indem ich es dir verbiete!« antwortete der Gefragte.

»Sag doch nicht so lächerliche Dinge! Wer mir etwas verbieten will, der muß ein anderer Kerl sein als du! Ich reite hin zu ihm!«

Er wendete sein Pferd wieder dem Eingang des Zaunes zu. Da zog der Sahahr sein Messer und rief:

»Du bleibst! Sonst renne ich dir diese Klinge in die Brust!«

Schleunigst hatte Halef seine Pistole in der Hand, hielt sie ihm entgegen und antwortete:

»Wage es! Aber bedenke, daß meine Kugel schneller ist als dein Messer!«

Dieser laute, ja zornige Wortwechsel harte unter fortwährendem Geheul der Hunde stattgefunden. Sie waren schon bei Halefs Annäherung am Zaun emporgesprungen. Als der Sahahr, ihr Peiniger, folgte, verdoppelte sich ihre Wut. Sie versuchten, den Zaun zu überspringen, was ihnen jedoch nicht gelang, denn sie waren zu schwer; sie fielen immer wieder zurück. Das steigerte ihren Grimm. Der dritte war indes nicht nur der schlankere, sondern auch der intelligentere. Als er sah, daß ihm der Sprung nicht gelang, versuchte er es mit dem Klettern. Auch das mißlang. Nun verband er das Springen mit dem Klettern. Er nahm einen Anlauf und tat einen Sprung, der ihn bis zu drei Viertel der Zaunhöhe emporbrachte, rutschte aber wieder ab, weil es ihm für diesesmal nicht gelang, sich mit den Hinterfüßen an der Querstange festzuhalten. Brachte er dieses fertig, so kam er bei dem zweiten Sprung sicher über den Zaun und war dann gewiß ebenso gefährlich wie ein Panther oder Tiger. Der zweite Versuch gelang schon besser als der erste. Vorsichtshalber rief ich jetzt Halef zu:

»Zurück! Schnell zurück! Bewahre das Pferd vor dem Hund!«

Eben hatte er das Pistol gezogen, fest entschlossen, seinen Willen durchzusetzen. Er hätte mir wahrscheinlich nicht gehorcht, wenn ihn nicht die Liebe zu Ben Rih beeinflußt hätte. Persönlich fürchtete er sich ganz und gar nicht vor diesen Hunden; aber seinen geliebten Rappen unnötig ihren Zähnen preiszugeben, so töricht war er nicht. Er warf also nur noch einen kurzen Blick nach dem Zaun, wo der Hund jetzt grad zum letzten Sprung ansetzte, und beeilte sich, meinem Befehl nachzukommen. Eben als Ben Rih mit seinem Reiter wieder über das Wasser sprang, kam der Hund über den Zaun herübergeflogen. Ich griff, um Unglück zu verhüten, zum Henrystutzen, war aber nicht so schnell, wie es hätte sein sollen. Der Bluthund hatte diesseits des Zaunes kaum Boden gefaßt, so stürzte er sich auf seinen Herrn. Er stieß dabei ein Geheul aus, wie aus Freude, seinen Quälgeist nun endlich, endlich einmal vor sich zu haben, ohne durch Ketten, Stricke, Stacheln und Peitschen an der Vergeltung behindert zu sein. Die Bestie sprang am Pferd empor, faßte den Reiter, dem vor Schreck das Messer entglitt, am Oberschenkel, riß ihn auf die Erde herab und hätte ihm ganz gewiß zunächst die Gurgel zerfleischt, wenn ich dem Vieh nicht schnell eine Kugel in den Leib gejagt hätte. Es gleich mit diesem ersten Schuß zu erlegen, war mir unmöglich, weil ich kein sicheres Ziel hatte. Auf Kopf oder Brust der Bestie konnte ich nicht anlegen, da ich anstatt des Hundes sehr leicht den Menschen treffen konnte. Darum hatte ich nur auf den Körper gezielt, um den Hund von seinem Opfer wegzubringen. Dieser Zweck wurde erreicht. Kaum war der Hund getroffen, so ließ er den Sahahr los, tat einen Seitensprung und sah sich nach dem neuen Feind um. Sein Auge fiel auf mich, der ich noch fest im Anschlag lag, um ihm die zweite Kugel, die nun töten mußte, zu geben. Nun nahm er alle seine Kraft zusammen. Mit zwei Sprüngen kam er an das Ufer, beim dritten flog er über das Wasser herüber. Das gab mir ein gutes Ziel. Meine Kugel traf ihn im Flug, und zwar so tödlich, daß er, als er diesseits den Erdboden erreichte, sofort zusammenbrach und liegenblieb. Ein kurzes, konvulsivisches Zucken lief über den riesigen Körper, der sich streckte, und dann war die Bestie verendet.

Drüben heulten die beiden andern Hunde. Zwischen Zaun und Wasser brüllte der vor Schmerz sich windende Zauberer um Hilfe. Und hüben gab die Menge der Ussul ihre Freude über diesen Schuß durch laute Zurufe kund. Man sah, daß auch sie zu begeistern seien, nur bedurfte es hierzu so seltener und kräftiger Mittel, wie dieses Ereignis war. Wir hatten gar nicht Zeit, auf diesen Beifall zu achten. Es war vor allem nötig, dem Sahahr zu Hilfe zu kommen. Er schien zwar nur am Schenkel verwundet zu sein, aber falls etwa eine wichtige Ader verletzt worden war, konnte es sich immerhin um Tod und Leben handeln. Halef setzte also wieder über den Kanal hinüber, und ich folgte ihm auf meinem Syrr, der das Hindernis mit einer so eleganten Leichtigkeit nahm, daß er ringsum laut bewundert wurde. Halef sprang von seinem Pferd, um sich zu dem Sahahr niederzubücken und nach seinen Verletzungen zu sehen; dieser aber schrie ihn giftig an:

»Weg! Fort mit dir! Rührt mich nicht an! Ich mag euch nicht sehen! Ihr seid schuld daran, daß ich verstümmelt worden bin! Hättest du mir gehorcht, so wäre ich drüben geblieben! Fort, sage ich! Fort, fort mit dir!«

Er rief zu den Ussul die Namen einiger Leute hinüber, die er haben wollte. Diese folgten seinem Zuruf in ganz derselben Weise, in der er vorher den Kanal durchquert hatte; sie gingen also sehr gemächlich in das Wasser und paddelten herüber. Dann stiegen sie von ihren Gäulen und begannen sich mit ihm zu beschäftigen. Unser Reiterzug und die ihn begleitende Menge blieben stehen, um sich die Sache weiter anzuschauen.

Halef schwang sich wieder in den Sattel, weil er infolge der Abweisung, die er erfahren harte, annahm, daß wir sofort zum Zug zurückkehren würden. Damit zögerte ich aber, denn mir lag daran, den Dschirbani zu sehen. Es war jetzt die beste, vielleicht nie wiederkehrende Gelegenheit dazu, und es wäre ein Fehler gewesen, sie unbenutzt verstreichen zu lassen. Darum ritt ich nach der Tür des äußeren Zaunes, hinter dem sich die beiden Bluthunde befanden. Halef kam hinter mir her. Er nahm sein Gewehr von der Schulter und sagte:

»Sie können freilich nicht heraus; aber bei derartigen Ungetümen muß man auf alles gefaßt sein. Wenn sie uns gefährlich werden, schieße ich beide sofort nieder.«

Das sah der Sahahr. Trotz seiner Verletzung nahm er sich die Zeit, sich um uns zu kümmern; er schrie dem Hadschi zu:

»Wage es ja nicht, zu schießen! Wer mir einen dieser Hunde tötet, der bekommt es mit mir zu tun! Macht euch von dannen! Was habt ihr dort zu suchen? Ich verbiete es euch!«

Wir achteten auf diese Worte nicht, weil er allein sich unserer Annäherung an den Stachelzwinger widersetzte. Alle andern, der Scheich und die Ältesten dabei, hatten nicht nur nichts einzuwenden, sondern waren sogar gespannt darauf, was jetzt wohl geschehen werde. Wir näherten uns also der bezeichneten Tür, ritten aber nicht ganz dicht hinan, um die Hunde nicht noch mehr aufzuregen; sie bellten und heulten nicht nur, sie brüllten förmlich und gebärdeten sich, als ob sie den Zaun in Stücke reißen wollten. Sogar Halef, der Mutige und oft sogar Übermutige, ließ sich einschüchtern und hielt sich ein wenig hinter mir.

»Das ist fürchterlich! Fast gar nicht auszuhalten!« schrie er mir laut zu. Er mußte so rufen, sonst hätte ich ihn infolge des entsetzlichen Lärmes der Hunde nicht verstanden. »Diese Scheusale sind gar nicht von der Erde, sondern sie stammen aus der Hölle!«

»So schlimm ist es nicht«, rief ich zurück. »Schau unsere Pferde an! Siehst du etwa, daß sie sich fürchten?«

»Nein! Sie sind so ruhig wie immer! Wie das wohl kommt?«

»An ihrer Abstammung liegt das nicht. Auch das edelste Geschöpf hat Furcht vor der Bestie. Sie scheinen die Hunde also nicht für Bestien zu halten. Und betrachte die letzteren genau! Besonders ihre lang herabhängenden Lippen, sie sind feucht und nässend wie immer. Aber siehst du eine Spur von Geifer?«

»Nein!«

»Oder gar von Schaum?«

»Noch weniger!«

»So kannst du dich darauf verlassen, daß diese Tiere nicht halb so schlimm sind, wie sie erscheinen. Auch ich habe sie überschätzt, aber nur bis jetzt. Nun ich sie aus solcher Nähe sehe, möchte ich behaupten, daß sie nur infolge ihrer Erziehung, nicht aber von Natur aus so wüten. Sie täuschen ebenso, wie ihr Herr, der Sahahr, täuscht. Man hält sie für Bestien, und doch ist die Gutmütigkeit wohl ihre hauptsächlichste natürliche Eigenschaft. Er aber gibt sich als gutmütig, und …«

»Schau, Sihdi! Da drüben kommt jemand!« wurde ich von Halef unterbrochen.

Er deutete mit der Hand über den Stangenzaun in den Stachelzwinger hinein. Ich habe schon erwähnt, daß sich in dem Dorn- und Stachelwerk nur eine einzige Lücke befand, und dort war die Tür. Da wir hoch zu Pferde saßen und die beiden Türen mit uns in einer Linie lagen, so konnten wir nicht nur durch ihre Zwischenräume hindurch-, sondern auch über sie hinwegsehen. Das Innere des Zwingers lag also zu einem beträchtlichen Teil vor unsern Augen. Wir überschauten einen freien, grasbewachsenen Platz, auf dem eine Gestalt langsam geschritten kam, um sich der Tür zu nähern. Es schien, als ob dieser Mensch sich um den Lärm in seiner Nähe bisher gar nicht bekümmert habe und erst jetzt im Begriff stehe, ihn zu beachten. Er war von außerordentlich hoher, imponierender Gestalt. Sein langsamer Gang und seine Haltung waren von einem ganz eigenartigen, charakteristischen Stolz. Seine Kleidung bestand aus einem weiten, bequemen Haik, der um die Hüften durch einen schmalen Ledergürtel zusammengefaßt wurde. Sein Kopf war unbedeckt. Ein starkes, fast übervolles Haar hing ihm weit über den Rücken herab. Die Züge seines edel geschnittenen Gesichtes waren von einer ganz eigenartigen, fast augenfälligen Schönheit. Einen Bart trug er nicht. Das war gewiß eine außerordentliche Seltenheit hier im Land und in der Hauptstadt der Ussul, die stolz auf ihren starken Haarwuchs waren und jeden bartlosen Mann als einen Knaben oder gar als verächtlich bezeichneten. Ich sollte sogar sehr bald erfahren, daß es bei ihnen ein Gesetz gab, nach welchem Handlungen, die nach ihren Begriffen ehrlos waren, durch das Scheren des Bartes und das Verbot, ihn wieder wachsen zu lassen, bestraft wurden. Sollte dieses Gesetz vielleicht auch auf den Dschirbani in Anwendung gebracht worden sein? Wie er, den Blick zur Erde gesenkt, so allmählich sich der Pforte näherte, hatte es den Anschein, als ob seine Gestalt mit jedem Schritt immer höher und breiter, immer bedeutender und eindrucksvoller werde. Ob dies nur in seiner Persönlichkeit lag oder zum Teil auch mit in der örtlichen Perspektive, das fragte ich mich nicht. Ich nahm die Wirkung in mir auf, ohne nach ihren Ursachen und Gründen zu forschen. Als er die Pforte erreichte, ließ er seinen Blick über uns gleiten. Es war keine Spur von Überraschung an ihm zu bemerken. Das große, dunkle Auge ruhte forschend auf uns, und als ich meine Hand zum Gruß gegen Brust und Stirn erhob, antwortete er mir in der gleichen Weise. Da fragte ich mit lauter Stimme zu ihm hinüber:

»Bist du der Sohn des Dschinnistani?«

Ich unterließ es natürlich, ihn Dschirbani zu nennen, weil dies »der Räudige« bedeutet. Ich mußte wegen der Hunde so laut rufen, daß man es rundum hörte. Er antwortete ebensolaut:

»Ich bin es.«

Mein kleiner Halef war von der außerordentlichen Erscheinung dieses Mannes, der trotz seiner Jugend einen solchen Eindruck machte, ebenso ergriffen wie ich. Halef war gewohnt, sich derartigen Gefühlen augenblicklich hinzugeben, und so eilte er auch hier sehr schnell zum Wort, ohne daran zu denken, daß dies jetzt mir allein zustehe.

»Du bist der Enkel des Sahahr?« erkundigte er sich.

Der Dschirbani nickte.

»Wünschest du, frei zu sein?«

Da hob der Gefragte die Hände bis zur Höhe seines Gesichtes, schlug sie beteuernd zusammen und rief:

»Von ganzem Herzen!«

»So holen wir dich heraus! Sofort! Wir schießen die Hunde nieder!«

Der Zauberer und alle bei ihm hatten jedes dieser Worte gehört. Er wollte sein Verbot wiederholen und richtete sich, so weit es sein Zustand erlaubte, in die Höhe, um uns zuzurufen, brachte es aber nur zu einigen unartikulierten Lauten und fiel dann wieder nieder. Seine Verwundung schien also doch gefährlicher zu sein, als ich angenommen hatte. Die Ussul um ihn sprachen auf ihn ein. Diese Leute gehörten, wie sich ganz von selbst versteht, zu seinen nächsten Freunden und Anhängern. Der eine von ihnen kam jetzt zu uns heran und teilte uns mit:

»Ihr seid Fremde, und Fremden ist es verboten, sich in unsere Angelegenheiten zu mischen. Selbst wenn ihr schon unter die Ussul aufgenommen wäret, hättet ihr kein Recht, euch mit diesem Gefangenen zu beschäftigen. Nur der Sahahr allein hat über ihn zu verfügen. Nicht einmal der Scheich besitzt nach den Gesetzen unseres Volkes ein Recht, in dieser Angelegenheit eine Änderung eintreten zu lassen. Aber weil ihr den Ussul einen großen Dienst erwiesen habt, weil ihr gewillt seid, uns auch fernerhin mit eurer Hilfe beizustehen, und endlich, weil der Sahahr euch liebgewonnen hat und dies euch zeigen und beweisen will, aus all diesen Gründen hat er beschlossen, euch zu Willen zu sein und den Dschirbani für immer freizugeben, wenn ihr die einzige Bedingung erfüllt, die er daran knüpft.«

»Welche Bedingung?« fragte Halef.

»Ihr müßt die Wächter bezwingen, ohne sie zu beschädigen.«

»Die Bestien? Die Hunde?«

»Ja, die Hunde. Sie dürfen weder verwundet noch getötet werden. Es ist euch streng verboten, ihnen Schaden zu tun. Ihr habt also, bevor ihr mit ihnen kämpft, alle Waffen abzulegen und euch ganz allein nur auf eure Hände zu verlassen. Auch dürft ihr nicht zu zweien zu ihnen hinein, sondern der Emir aus Dschermanistan wird beginnen, und erst dann, wenn er von den Hunden zerrissen worden ist, darf der Scheich der Haddedihn ihm folgen!«

»Das ist ja allerliebst!« rief Halef aus. »Warum ist es denn nicht umgekehrt? Nämlich so, daß die Hunde nicht miteinander auf uns los dürfen, sondern daß der zweite sich erst dann mit uns befassen darf, wenn wir den ersten aufgefressen haben!«

Er hätte in dieser Weise wohl weitergesprochen, wurde aber von andern Zurufen übertönt. Auch der Ussul hatte nämlich laut reden müssen, und zwar so laut, daß er auf der einen Seite von dem Dschirbani und auf der anderen auch von den auf der Straße befindlichen Ussul gehört wurde. Von dort aus rief die Frau des Scheichs uns warnend zu:

»Ich bitte euch bei Allah, das nicht zu tun! Wenn ihr es wagtet, wäret ihr verloren!«

Und der Gefangene selbst, so sehr er seine Befreiung wünschte, warf uns die gewiß selbstlose Mahnung herüber:

»Ich weiß nicht, wer ihr seid; aber hütet euch, auf den Vorschlag des Sahahr einzugehen. Er kann bloß beabsichtigen, euch zu verderben! Ich bin doch wohl stärker als ihr, aber ich bleibe doch lieber gefangen, als daß ich es wage, ohne Waffen mit diesen Ungetümen zu kämpfen!«

»Hörst du es?« fragte der Ussul, der an Stelle des Sahahr sprach. »Nun ist es wohl mit eurem Mut zu Ende?«

Ohne diese Verhöhnung zu beachten, fragte ich ihn:

»Würdet ihr Wort halten und den Sohn des Dschinnistani für immer freigeben, wenn es mir gelänge, die Hunde waffenlos zu besiegen, ohne sie zu verletzen?«

»Ja«, antwortete der Gefragte.

»Ja«, antworteten seine Gefährten.

»Ja«, antwortete sogar auch der Zauberer, den der Gedanke, daß ich mich von den Hunden zerreißen lassen werde, für den Augenblick alle Schmerzen vergessen ließ.

Da wandte ich mich an den Dschirbani:

»Ich brauche Zeugen hierzu. Hast du gehört, was mir versprochen worden ist?«

»Ja«, versicherte er. »Aber du wirst doch nicht etwa so tollkühn sein und …«

Ich ließ ihn nicht ausreden, sondern richtete an unsere Reitgefährten und an die anwesende Menge die Frage:

»Habt auch ihr es gehört, und wollt ihr es mir bezeugen?«

»Ja, ja, ja, ja …!« ertönte es wie aus einem Mund, doch sofort erhoben sich auch Stimmen, um mich zu warnen, auf einen ebenso ungewöhnlichen wie ungleichen Kampf einzugehen.

Ich achtete nicht darauf, sondern stieg vom Pferd und gab die Zügel desselben Halef in die Hand. Der sah mich mit weit aufgerissenen Augen an und rief:

»Allah sei uns gnädig! Willst du es wagen, wirklich wagen, Sihdi?«

»Ja«, antwortete ich.

»Trotz der entsetzlichen Gefahr, in Stücke gerissen und dann aufgefressen zu werden?«

»Trotzdem! Aber diese Gefahr ist bei weitem nicht so groß, wie du denkst.«

»Hättest du doch recht!« seufzte er unter einem tiefen, lauten Atemzug auf.

»Ich habe recht!« versicherte ich. »Hast du aufgepaßt, als der Hund, den ich erschoß, sich auf seinen eigenen Herrn stürzte?«

»Ich habe es gesehen, aber erst dann, als der Sahahr bereits am Boden lag.«

»Das war zu spät: Da war das, was ich sagen will, schon vorüber. Ich habe genau aufgemerkt, wie diese Hunde dressiert sind. Sie reißen den Menschen vorher nieder, und erst wenn dies geschehen ist, beißen sie drauflos. Die Hauptsache ist also erstens, sich nicht werfen zu lassen, und zweitens, zu verhüten, daß sie an Hals und Gurgel kommen. Auch wird der Dschirbani mir helfen.«

»Der? Wieso?«

»Er muß die Hunde so beschäftigen, daß sie sich trennen, damit sie nicht beide zugleich nach mir springen.«

»Allah sei Dank! Dieser Gedanke ist gut. Meine Sorge um dein Leben vermindert sich bereits. Dennoch aber sage ich dir: Ich nehme deinen Stutzen zur Hand, und wenn es einem dieser Hunde gelingen sollte, dich niederzureißen, so bekommt er augenblicklich so viele Kugeln in den teuflischen Leib, daß er gar nicht Zeit hat, sie zu zählen!«

Ich gab Halef meine Waffen. Dann band ich mir den Gürtelschal von den Hüften und wand ihn mir, so lang er war, um den Hals.

»Er will! Er will! Er wird! Er wagt es! Er tut es!« klang es vielstimmig bei den Ussul, als sie meine Vorbereitung sahen.

Die Warnungen wiederholten sich. Auch der Dschirbani rief mir die seinige nochmals herüber. Ich aber antwortete ihm:

»Fürchte nichts! Wenn du mich unterstützt, werde ich siegen.«

Dies hatte ich nur so laut gesprochen, daß er es hören konnte. Da trat er ganz nahe an die Pforte heran und fragte mich mit unterdrückter Stimme:

»Wie gern möchte ich dich unterstützen! Aber wie könnte ich das?«

»Indem du stark an deiner Tür rüttelst, als ob du herauswollest. Wenn du das tust, so hoffe ich, daß einer der Hunde sich gegen dich richtet und ich es also nicht mit beiden zugleich zu tun haben werde.«

»Wie gern will ich das tun, wie gern! Aber wann? Sag mir den Augenblick!«

»Jetzt gleich! Du kannst sofort beginnen!«

Ich stand mehrere Schritte von der Tür des äußeren Zaunes entfernt. Er befand sich den Hunden also viel näher, und als er jetzt an seiner, also der innern Tür, zu arbeiten, zu stoßen und zu pochen begann, wendeten sich beide gegen ihn, mir aber den Rücken zu. Sie heulten überlaut. Das war der rechte Augenblick für mich. Ich sprang zur äußeren Tür, schob den Riegel weg und riß sie auf. Da hörte man einen einzigen, aber vielstimmigen, großen Schrei des Schreckes rund umher: dann aber trat plötzlich tiefe Stille ein. Die Entscheidung war da; sie stand unsichtbar neben mir, an der geöffneten Tür, durch welche zu treten ich mich sehr wohl hütete. Sie war nicht breit genug für zwei so große, starke Hunde. Es konnte nur einer allein heraus. Indem ich draußen blieb, sicherte ich mir den Vorteil zu, daß mich nur einer von ihnen angreifen konnte. Momentan achteten sie aber gar nicht auf mich. Ihre ganze Aufmerksamkeit war nur allein auf die innere Pforte gerichtet, an welcher der Dschirbani rüttelte. Daß ich die meine geöffnet hatte, das sahen sie nicht eher, als bis ich durch einen lauten Ruf ihre Blicke auf mich zog.

Es kann nicht meine Absicht sein, durch die Erzählung dieses Ereignisses nach einem Ruhm zu trachten, den ich nicht verdiene. Was ich jetzt tat, war nämlich kein so großes Wagnis, wie es schien. Schon Hunderte und aber Hunderte hatten es gewagt und zwar oft mit Erfolg. Das war drüben in Nordamerika, als in den Süd- und Mittelstaaten der Union noch die Sklaverei bestand. Wie viele jener armen Menschen waren da ihren mitleidslosen, grausamen Herren entflohen! Wie viele dieser Flüchtlinge hatte man mit Bluthunden gehetzt, die eigens für diese Negerjagden dressiert worden waren! Die Schwarzen waren gewöhnlich unbewehrt. Ihre einzige Waffe gegen die gefährlichen Hunde bestand in dem Trick, ihnen in dem Augenblick, in dem diese nach der Kehle schnappten, die Arme fest um den Hals zu schlagen und die Gurgel derart zusammenzupressen, daß ihnen der Atem verging. Ließ man sie dann fallen, so waren sie erstickt. Freilich durfte dieser Druck der Arme keinen Augenblick zu früh oder zu spät kommen, sonst war der Flüchtling verloren. Jeder Sklave, der auf Flucht sann, übte diesen Griff und Druck. In den Turnvereinen geschah dasselbe. Von jedem Hundehändler bekam man gegen Entgelt irgendeine alte, sonst nutzlos gewordene Bestie geliehen, um sich mit ihrer allerdings höchst unfreiwilligen Beihilfe in den Stand zu setzen, mit unbewaffneten Händen einen feindlich anspringenden Bluthund zu ersticken. Das, was ich mir jetzt vorgenommen hatte, war also nichts Außerordentliches. Es gewann nur dadurch an Schwierigkeit, daß es sich um zwei Hunde handelte, anstatt nur um einen, und daß diese Ungeheuer bedeutend größer und kräftiger als die amerikanischen Negerfänger waren. Dieser Nachteil wurde aber durch die Beihilfe des Dschirbani wieder ausgeglichen. Er besaß denjenigen Grad von Intelligenz, der hierzu nötig war, in ganz vollkommener Weise.

Er hatte, wie ich schon erwähnte, die Aufmerksamkeit der Hunde auf sich allein gezogen. Als ich dann vor der geöffneten Tür stand und den lauten Ruf ausstieß, mit dem ich mich den Hunden bemerkbar machte, kam es darauf an, daß der Dschirbani einen von ihnen drüben bei sich festhielt. Das gelang ihm vortrefflich. Sobald mich beide sahen, wollten sie sich auf mich stürzen; da aber wiederholte er sein Rütteln und Schütteln mit solcher Stärke, daß der eine Hund sich ihm rasch wieder zuwendete, während der andere, ohne sich irremachen zu lassen, auf mich zugeflogen kam. Es wurde mir leicht, den ungeheuern Anprall, der mich unbedingt umgerissen hätte, abzuschwächen, und zwar mit Hilfe der Tür, die ich schnell halb wieder schloß, so daß sie den ersten Stoß auffing und ich zum Angriff übergehen konnte. Das Tier geriet nämlich mit einem Hinterfuß in die Zwischenräume der Latten. Anstatt sich zu befreien, bohrte es ihn in seiner Hast nur noch weiter hinein, und so gelang es mir ohne alle Mühe und fast gefahrlos, ihm die Arme um den Hals zu schlagen und diesen so fest an mich zu drücken, daß dem Hund der Atem auszugehen begann. So riß ich ihn von der Tür los. Er hing, mit dem Rücken nach mir gewendet, mit der Kehle in meinen Armen, heulte vor Todesangst und versuchte vergebens, mich mit den Hinterkrallen zu fassen. Als der andere Hund das Angstgeheul, hinter sich hörte, ließ er von dem Dschirbani ab und drehte sich um, jedenfalls in der Absicht, seinem Gefährten zu Hilfe zu kommen und mich zu packen. Was nun geschah, war im hohen Grade interessant. Schon setzte er nämlich zum Sprung gegen mich an, da sah er den andern Hund halb tot und in höchster Atemnot zuckend, in meinen Armen hängen. Er bekam einen Schreck. Ich trat gegen ihn vor, in die Türöffnung hinein. Wollte er an mich kommen, so stieß er nicht auf mich, sondern auf die in meinen Armen hängende Bestie. Er wich zurück. Ich trat weiter vor, er wich weiter zurück. Ich folgte ihm, und nun begann er, der riesige Blut- und Bärenhund, vor Angst zu winseln, zog den Schwanz ein und machte Miene, davonzulaufen. Das mußte ich benutzen. Es galt, ihn nun völlig und für immer einzuschüchtern. Ich schleuderte also den andern Hund von mir ab, und zwar so, daß er lang auf ihn fiel. Der Getroffene heulte vor Schreck laut auf, rannte davon und blieb erst in sicherer Entfernung wieder stehen, wo er, sich niedersetzend, zurückschaute und durch Seufzen und Stöhnen zu erkennen gab, daß zwar er ganz leidlich entkommen sei, sich aber über das Schicksal seines Gefährten große Sorge mache. Dieser lag vollständig bewegungslos. Nur über die Brust ging ein leises, zitterndes Heben und Senken. Das Maul war weit geöffnet und die Zunge hing heraus. Der Hund war dem Ersticken nahe gewesen. Ich stand neben ihm, bereit, ihn genau wieder so zu fassen wie vorher. Als der erste Lufthauch wieder in die Lunge drang, streckte sich der mächtige Körper. Die sich verglasenden Augen gewannen wieder Blick. Er erhob sich langsam und schwer, als ob ihm seine Glieder den Gehorsam noch verweigerten. Das war der kritische Augenblick. Ich öffnete die Arme, um sie, falls er sich wieder auf mich stürzen würde, abermals um ihn zu schlagen. Da hob er das Auge. Er sah mich vor sich stehen. Er erblickte die drohend geöffneten Arme. Zugleich hörte er das ängstliche Wimmern des andern Hundes. Er drehte den Kopf nach ihm um. Als dieser das sah, steigerte er sein Wimmern zum Heulen, und zwar zu jenem ganz eigenartigen, langgezogenen Heulen mit der Fistelstimme, welches man meist nur dann zu hören bekommt, wenn irgendwo Feuer ausgebrochen ist. Da stimmte das vor mir liegende Ungetüm ein. Es legte, anstatt etwas Feindliches gegen mich zu unternehmen, den Hals und Kopf lang auf die Erde nieder, machte die Augen zu und ließ Jammer- und Klagetöne hören, die anfangs ganz unartikuliert erschienen, dann aber deutlicher und immer deutlicher wurden. Bei jeder Pause, die er machte, sah er mich an, als ob er fragen wolle: »Hast du es gehört?« Nun sprach ich auf ihn ein. Er schwieg und hörte mich an. Dann antwortete er, indem er weiterheulte. Sobald er fertig war, begann wieder ich, und dann auch wieder er. So sprachen wir miteinander, er heulend und ich begütigend. Er verstand weder meine noch ich seine Sprache, aber in den Tönen lag etwas, was nicht durch Worte ausgedrückt werden konnte. Ich kniete zu ihm nieder und wagte es, ihm den Kopf mit der Hand zu streicheln. Er duldete es. Ich klopfte ihn zärtlich. Ich strich ihm über den Rücken. Das nahm er mit großem Behagen hin. Als ich mich dann wieder erhob, stand auch er auf und schob mir seine Schnauze in die Hand, um sich weitere Liebkosungen zu erbitten. Als das der andere sah, stellte er sein Jammern ein und verließ seinen Platz, doch nicht etwa, um weiter zu fliehen, sondern um sich mir zu nähern. Das geschah langsam und zagend, so ungefähr wie bei einem gutherzigen Knaben, der bestraft worden ist und sich dann nach und nach wieder an den Vater heranzuschlängeln sucht. Ich unterstützte diese seine erfreuliche Taktik dadurch, daß ich meine Zärtlichkeiten gegen seinen Gefährten fortsetzte und ihm dann mit diesem gar entgegenkam. Der Erfolg war, daß ich schließlich zwischen beiden Hunden stand und ihnen die dicken, nie gekämmten Felle derart klopfte und zauste, daß sie vor Wonne stöhnten. Ich versuchte nun, hin und her zu gehen. Sie gingen mit. Wenn ich umkehrte, taten sie es auch. Da wendete ich mich weiter, rund um den ganzen Stachelzwinger herum. Sie folgten mir. Ihre Augen waren mild und freundlich. Von der frühern Menschenfeindlichkeit gab es keine Spur mehr. Als ich dann von der andern Seite nach der Tür zurückkehrte, an welcher der Dschirbani stand, verhielten sie sich so gleichgültig, als ob sie das, was vorher ihre Pflicht gewesen war, vollständig vergessen hätten. Ich zog den Riegel weg, um die Tür zu öffnen.

»Darfst du das wagen?« fragte der Dschirbani.

»Ja, komm!« antwortete ich, indem ich, um ihm Platz zu machen, zurücktrat.

Die Hunde standen rechts und links von mir, ganz eng an mich gedrückt. Ich war so vorsichtig, jeden von ihnen fest an einem Ohr zu halten.

»Auf dein Wort hin will ich es tun, Sahib – Herr –!« sagte er.

Bei diesen Worten stieß er die Tür auf und trat heraus. Hierbei öffneten sich die unteren Säume seines Haik, und ich sah, daß er unter demselben die eigentliche, lederne Kleidung trug. Auch die stiefelartige Fußbekleidung war von Leder, nicht von Bast, wie bei den meisten anderen Ussul. Die Hunde sahen zu ihm auf, ohne ein Zeichen des Hasses oder des Zornes. Auch ich schaute zu ihm auf, ja wirklich, zu ihm auf. Denn er überragte mich nach allen Dimensionen, in der Stärke, in der Höhe, in der Breite. Was war das für ein Mensch! Wie hehr, wie stolz, wie schön! Mir war, als ob in diesem Augenblick seine Seele hinter ihm stehe, ihm unbewußt, und mir zurufe: »Schau her, und liebe ihn; er ist von königlichem Geschlecht!« Bis jetzt war der Zaun, war die Pforte zwischen uns gewesen. Wir standen uns nun also zum ersten Male ohne Hindernis gegenüber. Der erste Blick, den er frei auf mich richten konnte, war lang, erwartungsvoll und forschend. Dann ging es wie ein warmer, verklärender Sonnenschein über sein Gesicht, und er sagte:

»Du bist nicht aus diesem Land, sondern ein Fremder. Und du bist edel, gut und tapfer. Als ich dich da draußen vor dem berüchtigten Zwinger halten sah, bevor du abgestiegen warst, dein Pferd viel kleiner als die unserigen, aber unendlich feiner und edler, und auch du um so viel kleiner als ich, aber um so sicherer im Sattel und um so geistiger in allem, was du tust, da kamst du mir vor wie eine Vision, die mir der Himmel sendet. Weißt du, was eine Vision ist?«

»Ja«, antwortete ich.

»Und weißt du, daß man mich den Wahnsinnigen nennt?«

»Ja.«

»Der Mensch, der Visionen hat, ist von Gott begnadet. So lange er dies weiß, bringt er der Menschheit Segen, man mag an ihn glauben oder nicht. Sobald er dies vergißt, ist er wahnsinnig geworden und gleicht nur noch einer Vision, die nicht in Erfüllung geht.«

»Woher weißt du das?« fragte ich erstaunt.

»Es steht in meinem Buch hier.«

Er deutete auf die Mitte der Brust, etwas unterhalb des Halses, wo man das »Hamail« zu tragen pflegt. Es war also anzunehmen, daß dort das Buch unter seinem Haik hing. Dann fuhr er fort:

»Als ich dich sah, war es mir in meiner Vision, als ob du, der scheinbar Kleinere, zu mir, dem scheinbar Größeren, herniederkämst von den Sternen, den scheinbar kleinen, die aber immer größer werden, je mehr man sich ihnen nähert. Ich sah es dir sofort an, daß du gekommen seist, mich zu befreien, und daß dir das, was jeder andere für unmöglich halten muß, wie spielend, kinderleicht glücken werde. Dann, als die Vision vorüber war und mein Auge zur Wirklichkeit zurückkehrte, sah ich in dir nur noch den Menschen und hatte Angst um dich. Es ist gelungen! Aber wie! Ohne alle Waffen! Ohne jede Strenge! Und in so kurzer Zeit! Sahib, ich bitte dich, mir doch zu sagen, wie das alles geschehen konnte!«

»Denke nach!« antwortete ich. »Die Lösung ist sehr einfach. Ich möchte, daß du sie ohne meine Hilfe findest.«

Er sah mir einige Augenblicke lang in das Gesicht, wie um nach den Gründen dieser meiner Antwort zu suchen. Dann sagte er:

»Ich danke dir! Du handelst richtig. Was der Mensch sich durch eigenes Nachdenken verdienen kann, das soll er sich nicht schenken lassen! Ich frage dich nicht, wer du bist und woher du kommst. Aber eines möchte ich wissen: Wo wirst du wohnen?«

»Wahrscheinlich beim Scheich, denn ich bin sein Gast.«

»So trennen wir uns jetzt. Aber wünschst du, daß ich dich wiedersehe?«

»Von Herzen!«

»Ich ebenso. Kannst du nach meiner Insel der Heiden kommen?«

»Ja. Ich komme sehr gern. Aber wann?«

»Morgen früh, um die Mitte des Vormittags. Ich werde dort auf dich warten.«

»Muß ich allein kommen? Oder darf ich meinen Begleiter mitbringen?«

»Den kleinen Mann, der dein Pferd hält?«

»Ja. Er ist mein Vertrauter. Ich habe ihn lieb.«

»So bringe ihn mit, aber nur ihn allein. Nun laß mich gehen!«

Wir wendeten uns der Tür des äußeren Zaunes zu. Ich wollte die Hunde innen zurücklassen und die Tür dann von außen verriegeln. Aber als sie meine Absicht bemerkten, drängten sie sich mit aller Gewalt heraus, so daß ich es nicht verhindern konnte. Das hätte mir Sorge machen müssen, denn jetzt, wo sie losgelassen waren, konnte ihre Wildheit ungeheuren Schaden anrichten. Aber es war nicht die geringste Spur von Gefährlichkeit mehr zu sehen, und sie zeigten so wenig Lust, von mir wegzugehen, daß ich ihrer vollständig sicher zu sein glaubte. Ich hielt nur höchstens das eine für nötig, sie wieder, wie vorhin, an den Ohren zu halten, und das ließen sie sich gern gefallen. Jetzt versuchte auch der Dschirbani, sie zu liebkosen. Sie duldeten es nicht nur, sondern sie sahen dankbar zu ihm auf, und dabei gewannen ihre Augen einen rührend treuen und ehrlichen Ausdruck, der nicht die entfernteste Ähnlichkeit mit dem früheren hatte. Da sagte er:

»Und solche Tiere zu verderben, gibt sich der Mensch so große Mühe! Wer steht da höher, er oder sie! Komm Sahib!«

Wir gingen zunächst dorthin, wo Halef mit den Pferden hielt. Er war abgestiegen. Der Dschirbani blieb stehen, schaute ihm in das Gesicht und sprach:

»Ja, den bring mit, morgen, wenn du kommst!«

Dann betrachtete er die Pferde, still, lange Zeit und aufmerksam, mit bewundernden Blicken.

»Gefallen sie dir?« fragte Halef, der es nicht über sich brachte, hierzu so lange zu schweigen.

Der Dschirbani lächelte zu dieser Frage, antwortete aber doch:

»Sie stammen nicht aus diesem plumpen Land. Sie gehören zur Vision. Welch ein Glück für uns, wenn sie zur Wahrheit werden könnte!«

Wir gingen weiter, dem Kanal zu. Wir mußten an der Stelle vorüber, an welcher der Sahahr lag. Er hielt die Augen geschlossen. Den bei ihm befindlichen Männern war es noch nicht gelungen, das Blut zu stillen. Der Dschirbani trat hinzu; ich folgte ihm. Da sprangen sie auf und wichen zurück, um aus der Nähe des Räudigen zu kommen. Man hatte die Kleidung des Sahahrs aufgeschnitten, und nun zeigte sich uns die Wunde; sie sah gefährlich aus. Der untere Teil des Oberschenkels war zerfleischt und die Kniescheibe zerknirscht und zermalmt. Der Dschirbani griff in seinen Haick, zog ein Päckchen sehr breiten Bastes aus der Tasche und sagte:

»Wenn diese Wunde nicht sehr sorgfältig behandelt wird, muß er an ihr sterben. Ich werde ihn verbinden.«

»Verstehst du das?« fragte ich.

»Mein Vater war der berühmteste Arzt, den es gab. Ich bin sein Schüler.«

Er wollte sich zum Sahahr niederbeugen; da öffnete dieser die Augen, richtete sich in sitzende Stellung auf, streckte dem Dschirbani beide Hände mit weit ausgespreizten Fingern entgegen und rief ihm im Ton höchsten Abscheues zu:

»Zurück mit dir! Rühre mich nicht an! Du bist verflucht!«

Da richtete sich der Dschirbani empor und antwortete trotz der Beleidigung, im ruhigsten Ton:

»Es gibt außer mir hier keinen, der solche Verletzungen richtig zu behandeln versteht. Wirst du aber schlecht verbunden, so tritt Brand und Gift hinzu, und du mußt sterben!«

»So sterbe ich!« schrie der Sahahr. »Fort, fort! Laß deine Hand von mir! Ich habe mit dir, dem Räudigen und Wahnsinnigen, nichts zu schaffen!«

Der Dschirbani steckte den Bast wieder zu sich und ging, ich mit ihm.

»Schrecklich!« rang es sich über meine Lippen. Ich wollte schweigen, doch konnte ich nicht. Dieses eine Wort wenigstens mußte ich sagen. Dieser Haß war nicht nur abstoßend häßlich, sondern geradezu unnatürlich. Aber der von seinem Großvater abgewiesene Enkel belehrte mich:

»Nicht schrecklich ist es, sondern im Gegenteil ganz natürlich. Er leidet an dem Selbstbetrug, daß ich verwandt mit ihm sei. Nun weißt du aber bereits: wer die Lügen seiner Einbildung für Wahrheit hält, ist wahnsinnig. Nicht also ich bin irr im Kopf, sondern er ist geisteskrank. Was noch gesund in ihm ist, bäumt sich gegen diese Lüge auf, und es ist nur eine Folge seines Wahnsinnes, daß er diesen berechtigten Widerspruch in Haß und Empörung kleidet. Es wäre ungerecht, ihn wegen dieses Hasses nun gleich für einen bösen Menschen oder gar für einen unwürdigen Zauberpriester zu halten. Sein Haß entstammt dem Wahn; sein Glaube an Gott aber ist echt und wahr und frei von jeder Lüge. Ich bitte dich, ihn zu achten!«

Wir hatten jetzt den Kanal erreicht. Da brachte man ein Floß gerudert. Es hatte in der Nähe gelegen und war vom Scheich herbeibeordert worden, um den verwundeten Sahahr nach seiner Wohnung zu schaffen. Das benutzte der Dschirbani, um über das Wasser hinüberzukommen. Sobald das Floß angelegt hatte, bestieg er es. Aber der Ruderer stieß einen Schrei des Schreckes aus und sprang an das Land, damit ihn der Räudige nicht berühre. Dieser achtete gar nicht hierauf, sondern richtete seine Aufmerksamkeit nur auf mich.

»Ich bedanke mich jetzt nicht bei dir, Sahib«, sprach er. »Wer derart handelt, wie du an mir gehandelt hast, dem sagt man nicht Dank, sondern man lebt ihm Dank. Auch gebe ich dir nicht die Hand, um deinetwillen. Man würde sich scheuen, dich zu berühren!«

Hierauf trieb er durch einen kräftigen Fußtritt gegen das diesseitige Ufer das Floß nach dem jenseitigen hinüber, stieg aus, stieß es wieder herüber und ging von dannen, langsam, ruhigen Schrittes, hoch aufgerichtet wie ein Herrschender, ohne nach rechts oder links zu schauen. Er schien die Menschen, die ihm, sobald er sich ihnen näherte, schleunigst Platz machten, indem sie vor ihm wie vor einem durch und durch Aussätzigen auseinanderprallten, gar nicht zu bemerken. Hier und da aber war es, als ob ihm nicht aus Furcht und Scheu, sondern aus Ehrerbietung Platz gemacht werde. Ich glaubte, dies deutlich zu sehen; es fiel mir auf.

Nicht weniger auffällig war das allgemeine Schweigen, mit dem man seine Befreiung entgegengenommen hatte. Wie gefährlich die Hunde gewesen waren, zeigte die Verletzung ihres eigenen Herrn. Anderwärts hätte man den waffenlosen Sieg über sie wahrscheinlich mit lautem oder gar stürmischem Beifall begrüßt. Hier hatte man nicht ein einziges Wort, einen einzigen Ruf gehört. Diese Stille beim glücklichen Erfolg stach ganz ungemein gegen die vielen, lauten und wohlgemeinten Zurufe ab, mit denen ich vorher gewarnt worden war, das Wagnis zu unternehmen. Welchen Grund das hatte, konnte ich mir wohl denken. Nun der Dschirbani seine Freiheit zurückerhalten hatte, lag es wieder wie ein Alp auf dem ganzen Volk, und da sich dieses vor der Ansteckung fürchtete, nahm es das, was ich getan hatte, nicht als Wohltat, sondern als etwas geradezu Gegenteiliges auf. Ich, der ihnen bisher so sehr Willkommene, hatte ihnen gleich bei meinem ersten Schritt in die Stadt etwas außerordentlich Störendes und Unwillkommenes aufgezwungen. Daher die allgemeine Lautlosigkeit, die man wohl am besten als »Stille der Verlegenheit« bezeichnen kann. Denn daß es eine Verlegenheit nicht nur der einzelnen Person, sondern auch großer Menschenmassen gibt, versteht sich ganz von selbst.

Mein kleiner Halef schien sich mit ganz ähnlichen Gedanken zu beschäftigen. Er stand, die Zügel der Pferde in den Händen, neben mir, schaute dem sich entfernenden Dschirbani mit leuchtenden Augen nach und brummte, als dieser verschwunden war, fast zornig vor sich hin:

»Undankbares Volk! Du hast dein Leben doppelt und dreifach auf das Spiel gesetzt, und nun es dir gelungen ist, sind alle Mäuler stumm. Aber nachmachen kann es keiner! Und schau nur die Augen, die sie auf uns richten! Eindruck hast du doch auf sie gemacht! Da hast du dein Pferd und deine Waffen. Wir müssen wieder hinüber!«

Wir stiegen wieder auf und ließen uns von unsern Pferden über das Wasser setzen. Die Frau des Scheichs befand sich noch immer an der Stelle, wo wir sie verlassen hatten. Sie nahm uns wieder auf. Sie war die einzige, die beabsichtigte, uns ihren Beifall zu zollen. Eben wollte sie damit beginnen, da deutete sie erschrocken auf das Wasser des Kanals und rief:

»Die Unholde! Die Ungeheuer! Sie kommen hinter dir her! Nimm dein Gewehr! Schieß sie nieder!«

Die beiden Hunde waren hinter uns in das Wasser gegangen und schwammen herüber. Alles drängte voller Angst nach vorn und nach hinten, denn nach der anderen Seite konnte man nicht entweichen, weil da auch Wasser war. So wurde die Stelle, nach welcher die Hunde trachteten und wo ich mich mit Taldscha und Halef befand, frei. Jeder, der in der Nähe war, griff nach seiner Waffe, nach Messer, Pfeil oder Spieß, um sich zu schützen. Da hob ich warnend den Arm empor und rief:

»Hütet euch, sie anzugreifen, zu verletzen! Sie würden dann wieder unbändig, wie zuvor! Ich stehe gut für sie!«

»Wenn du dich verbürgst, so bleibe ich bei dir«, antwortete die Frau des Scheichs beherzt.

Ich sprang vom Pferd und trat an das Wasser, um die Hunde liebkosend zu empfangen. Da leckte mir der eine die ihm entgegengestreckte Hand, und der andere beeilte sich, diesem Beispiel zu folgen. Ich wartete, bis sie sich das Wasser aus den Zotteln geschüttelt hatten, und band sie dann mit Hilfe zweier Riemen rechts und links an meine Steigbügel. Sie ließen sich das nicht nur gefallen, sondern gaben durch ein befriedigtes Winseln sogar ihre Freude darüber zu erkennen. Sie betrachteten es als den Beweis, daß sie nun zu mir gehörten. Das hatten sie ja gewollt, und als ich nun wieder in den Sattel stieg und das Pferd sich in Bewegung setzte, bellten sie laut und gingen fröhlich nebenher. Die Frau des Scheichs betrachtete mich mit dem Ausdruck größten Erstaunens.

»Welch ein Wunder!« rief sie aus. »Du scheinst ein viel, viel größerer und unendlich geschickterer Zauberer zu sein als der Sahahr!«

»Durch Verstand und Liebe gutzumachen, was Unverstand und Haß verschuldet haben, dazu bedarf es nur des guten Willens, nicht aber eines Wunders oder gar der Zauberei«, antwortete ich. »Ein Wunder ist es nur, daß ihr das Selbstverständliche und Natürliche für ein Wunder haltet. Bei allem, was soeben geschehen ist, beschäftigt mich nur die eine Frage, ob ich unnütz gehandelt habe oder nicht.«

»Unnütz? Wieso?«

»Ist der Dschirbani nun wirklich frei?«

»Ja, wirklich!« versicherte sie.

»Für wie lange?«

»Für immer!«

»Er kann nicht wieder eingesperrt werden?«

»Als Aussätziger und Wahnsinniger nie wieder. Der Sahahr hat ihn freigegeben, und zwar unter Bedingungen, die von dir erfüllt worden sind. Er ist also von jetzt an, bis er stirbt, ein freier Mann, dem niemand etwas anhaben darf, so lange er sich nicht in anderer und neuer Weise gegen die Gesetze der Ussul vergeht. Ich habe seine Freiheit gewünscht. Ich habe dich um sie gebeten. Ich möchte nun gern von meinem Dank sprechen; aber ich habe nun gehört, was er hierüber sagte, nämlich, daß man solchen Dank zu leben hat und nicht nur von ihm reden soll. Ich halte seine Ansicht für klug und weise und richte mich nach ihr, indem ich für jetzt schweige, um von nun an durch die Tat mit dir zu sprechen. Das, was du wünschst, soll mir nicht weniger wert sein, als mein Wunsch dir gewesen ist. Ich bitte dich, mich deine Freundin nennen zu dürfen!«

»Du darfst nicht nur, sondern ich ersuche dich sogar darum, und zwar recht herzlich! Es ist mir eine große Beruhigung, zu wissen, daß diese Befreiung des Dschirbani für das ganze Leben gilt. Auf den Vorwurf, daß er wahnsinnig sei, habe ich ihn natürlich noch nicht prüfen können, aber ich will dir nicht verschweigen, daß der Haß des Sahahr viel mehr auf Irrsinn deutet als das klare, gütige und so gar nicht rachgierige Benehmen seines Enkels. Wenn der letztere zu mir sagte: ›Nicht also ich bin irr im Kopf, sondern er ist geisteskrank‹, so möchte ich ihm wohl nicht ganz unrecht geben.«

»Wie sonderbar! Auch seine eigene Frau hält ihn zuweilen für geistig irr!«

»Wessen Frau?«

»Des Zauberers Frau. Haben wir noch nicht von ihr gesprochen?«

»Nein, ich erfahre erst in diesem Augenblick, daß er eine Frau hat.«

»Und zwar eine, die bedeutender ist als er. Sie ragt hoch über ihn empor. Ich möchte sagen, daß sie die Seele, er aber nur der Körper ist. Ich verkehre viel mit ihr. Du wirst sie kennenlernen, vielleicht sogar schon heute. Aber sag, was schaust du so erstaunt um dich?«

Diese Frage bezog sich auf eine Beobachtung, die ich erst jetzt machte, weil wir nun in das Innere der Stadt, in ihre bewohnte Gegend, gekommen waren. Hier wurde der Weg, den wir ritten, viel breiter als bisher; zuweilen hörten die Kanäle auf, und es gab freie Plätze, an denen die Wohngebäude der Reichen und Vornehmen standen. Hier hatten sich viel mehr Menschen aufgestellt, als bisher, und unter ihnen bemerkte ich auffallend viel Verletzte, Verunstaltete und Krüppel, die, wenn sie auch nicht zusammen, sondern allein standen, doch infolge einiger Eigentümlichkeiten ihrer Kleidung als zusammengehörig erschienen. Sie hatten nämlich alle sehr hohe, lederne Stiefel an, die denen unserer Kürassiere und Gardereiter glichen. An diesen Stiefeln steckten ungeheure Reitsporen mit riesigen Rädern, die bei jedem Schritt laut klirrten, und darauf schienen diese armen Leute außerordentlich stolz zu sein. Auf dem Rücken trug jeder von ihnen einen schwer gefüllten, rucksackähnlichen Ranzen aus Hundefell. Den Inhalt konnte man nicht sehen. Hierzu kamen zwei eiserne Nachbildungen von Kanonenrohren, auf jeder Achsel eines, natürlich in verkleinertem Maßstab. Die Rohre hatten etwas mehr als die Länge der Achselbreite. Sie ragten also noch ein wenig über die Schultern hinaus, was der betreffenden Person den Ausdruck größerer Körperentwicklung und Kraft verlieh. Man hat sich diesen Schmuck oder diese Auszeichnung so ungefähr als Achselklappe oder Epaulette zu denken, unter der auf der linken Seite in heller Schrift »Wir sterben für« und auf der rechten Seite »den Mir von Ardistan« zu lesen war. Wie ich später sah, gab es nicht nur solche eiserne, sondern auch versilberte und sogar vergoldete Kanonenrohre, je nach der Höhe des Ranges, den diese Leute auf der Stufenreihe ihrer öffentlichen Geltung einnahmen. Alle, die ich während unseres Einzuges hier stehen sah, hatten ein sehr hilfsbedürftiges Aussehen. Dennoch hielt ich sie nicht für gewöhnliche Krüppel, sondern für eine Art von Kriegsinvaliden, die es verdienten, daß man sie achtete. Darum widmete ich ihnen im Vorüberreiten meine besondere Aufmerksamkeit, die von der Frau des Scheichs bemerkt worden war. Daher ihre Frage, warum ich so um mich schaue.

»Dir scheinen unsere Soldaten aufzufallen«, fuhr sie fort.

»Soldaten?« fragte ich. »Du meinst Veteranen, die Gebrechlichen, die Siechen, die Verabschiedeten?«

»O nein! Sie sind Soldaten, wirklich Soldaten!«

»Das heißt, sie sind nicht als invalid zu betrachten? Sie kämpfen noch?«

»Ja, sobald ein Krieg entsteht. Dazu sind sie da. Sie sind es auch, welche das eigentliche Heer bilden werden, wenn es so weit kommt, daß wir den Tschoban entgegenziehen.«

»Und so sind sie es wohl auch, die euch verteidigt haben, so oft ihr von den Tschoban belagert wurdet?«

»Gewiß! Auch das waren sie! Sie sind ja für nichts anderes zu brauchen!«

»So! Hm! Für nichts anderes zu brauchen! Bei euch nimmt man also zum Kriegführen nur Leute, die sonst unbrauchbar sind?«

»Natürlich! Ist das etwa bei euch anders?«

»Ja! Da sucht man grad die besten, die kräftigsten, die gesündesten heraus!«

»Wie schade, jammerschade! Ich habe geglaubt, daß bei euch alles so klug, so weise, so wohlüberlegt gehandhabt wird, und nun erfahre ich von dir gerade das Gegenteil!«

»Kannst du mir beweisen, daß ihr in dieser Sache mehr Klugheit und mehr Überlegung zeigt als wir?«

»Ja! Sofort!«

»So tue es!«

»Sehr gern! Du weißt, es gibt Krieg und es gibt Frieden. Welches von beiden ist der natürliche Zustand, den Gott will und den auch wir wollen?«

»Der Friede.«

»Du gibst also zu, daß der Krieg nur die unglückliche Ausnahme von der glücklichen Regel ist?«

»Ja.«

»Sehr gut! Doch weiter: Es gibt nützliche Menschen und es gibt unnütze, ja, sogar schädliche Menschen. Welcher Zustand von beiden ist der natürliche, der erstrebenswerteste Zustand: nützlich zu sein oder unnütz, wohl gar schädlich zu sein?«

»Der erstere.«

»Wie würdest du wohl einen Menschen nennen, der anstatt das Gute zum Guten und das Nützliche zum Nützlichen zu fügen, das Böse zum Guten und das Schädliche zum Nützlichen gesellt? Würdest du ihn für klug, für weise, für wohlüberlegt halten?«

»Nein.«

»Also gehören die nützlichen Menschen, die gesunden, die arbeitsfähigen, zum Frieden, die andern aber für den Krieg! Es ist eine unverzeihliche Unklugheit und Sünde, grad die Ernährer des Volkes dem Feind entgegenzusenden, damit er sie vernichte! Wir tun das Gegenteil: wir behalten sie daheim …«

»Und werdet darum fast regelmäßig geschlagen?« warf ich ein.

»Nein! Nicht regelmäßig, sondern nur meist! Aber bedenke, daß die Tschoban nur kommen, um Herden zu stehlen. Ich nehme einmal an, daß sie uns überfallen und uns tausend Ochsen rauben. Ich kann das verhüten, indem ich ihnen zweihundert oder dreihundert junge, kräftige Männer opfere, die im Kampf mit ihnen getötet werden. Effendi, ich sage dir, daß mir die Wahl zwischen diesen tausend Ochsen und den dreihundert Jünglingen nicht schwerfallen kann. Ich werde mit Freuden die Ochsen geben, um die Menschen zu retten! Es kann uns nicht einfallen, dem Mir von Ardistan grad unsere besten und auserwähltesten Leute zu schicken, zumal der Tribut, den er außerdem von uns verlangt, kaum zu erschwingen ist.«

»Ihr zahlt Tribut?« fragte ich.

»Ihr etwa nicht?« fragte sie entgegen.

»Nein«, antwortete ich.

»Wie nennt ihr es sonst?«

»Steuern.«

»Das ist genau dasselbe. Steuern sind erzwungener Tribut. Keiner gibt sie gerne. Werden sie für Werke des Friedens verwendet, so bringen sie Segen. Verlangt man sie aber für den Krieg, so bringen sie Fluch. Die Steuer, die wir dem Mir von Ardistan bezahlen, ist nur für den Krieg. Wir haben genau soviel zu entrichten, wie die Unterhaltung seiner Leibgarde kostet. Diese Leibgarde besteht nur aus hochgewachsenen Ussul, mit denen er prangt und vor denen sich alle fürchten. Die haben wir ihm natürlich auch zu liefern. Wir rechnen also folgendermaßen: Wir haben die Leibgarde und alles zu liefern, was zu ihrer Unterhaltung erforderlich ist; folglich liefern wir nur solche Leute, die wir los sein wollen oder die wir auch hier in der Heimat ohnedies unterhalten müßten, ohne daß wir Nutzen davon hätten. Das sind die Kranken, die äußerlich und innerlich Kranken, die Faulen, die Leichtsinnigen, die Unzuverlässigen, die Lügner, die Diebe. In dieser Weise verhindern wir Verbrechen und ersparen Gefängnisse. Nur darum konnten wir dir versichern, daß kein Ussul dich belügen werde, denn die Schlechten sind bei dem Mir, aber nicht mehr bei uns!«

»Fügen sie sich denn diesem Brauch, Soldat zu werden?«

»Mit Freuden!«

»Und auch körperlich Kranke sendet ihr?«

»Ja. Nur müssen sie die vorgeschriebene hohe Statur besitzen. Es gereicht ihnen fast stets zum Nutzen. Sobald sie aus unsern niedrigliegenden, feuchten Wäldern hinaus in die Sonne und hinauf in die Berge kommen, werden sie gesund. Auch die sittlich Kranken pflegen gesund zu werden. Die Zucht des Mir von Ardistan ist streng. Wer sich nicht fügt, der geht zugrunde. Daher kommt es, daß alle diejenigen Leibgardisten, die er auf ihren Wunsch ausscheidet und in die Heimat schickt, sehr brauchbar gewordene und bewährte Menschen sind, die ihren Stolz dareinsetzen, hier bei uns geachtet zu werden. Wir haben es für vorteilhaft gehalten, aus ihnen unser kleines, stehendes Heer zu bilden, und ich bin überzeugt, daß du uns sehr bald dafür loben wirst. Du wirst eine ganze Kompagnie von ihnen sehen, die bereitsteht, uns zu empfangen, denn unsere Ankunft ist gemeldet worden. Nur noch zwei Minuten, so sind wir am Palast. Erlaube mir, mich wieder zum Scheich zu gesellen!«

Sie trieb ihr Pferd an und befand sich nach wenigen Augenblicken an der Seite ihres Gemahls. Ich war nun wieder mit Halef allein in Reih und Glied. Dieses Glied im Zug nahm allerdings beträchtlich mehr Raum ein als die andern Glieder, und zwar wegen der Hunde. Man traute ihnen nicht. Voran ritt der Scheich mit seiner Frau; dann folgte die Hälfte der Ältesten; hierauf kamen wir beide. Hinter uns hatten wir die andere Hälfte der Ältesten, denen sich der übrige Zug mit der abschließenden Menge Schaulustiger anfügte. Die vordere Hälfte beeilte sich derart, aus der Nähe der Hunde zu kommen, und die hintere Hälfte zögerte so sehr, sich ihnen zu nähern, daß ich mit Halef mitten in einer großen Lücke ritt, die sich nicht schließen wollte. Die Leute, an denen wir vorüberkamen, konnten uns also sehr bequem und deutlich von allen Seiten betrachten. Der Eindruck, den wir hervorriefen, schien keineswegs ein solcher zu sein, daß wir uns etwas auf ihn zugute tun durften. Wir und unsere Pferde waren ihnen zu klein. Man konnte das ihren Bewegungen entnehmen, die eine Enttäuschung aussprachen. Die Kunde von uns war uns vorausgeeilt. Was Halef von uns erzählt und berichtet hatte, war höchstwahrscheinlich schon überall bekannt. Und nun konnten diese guten Menschen, die gewohnt waren, nur nach der Körpergröße zu urteilen, das, was sie gehört hatten, mit unsern kleinen, zerbrechlich erscheinenden Gestalten nicht in Einklang bringen.

Jetzt tauchten vor uns zwei große, turmartige Bauwerke auf, die um so massiger zu werden schienen, je mehr wir uns ihnen näherten. Unser bisheriger Weg nahm ein Ende. Er mündete auf einem großen, freiliegenden Platz von genau quadratischer Form. Die uns gegenüberliegende Seite wurde vom Fluß begrenzt und schien den Hauptlandeplatz zu bilden. An den beiden übrigen Seiten, also rechts und links von uns, standen die erwähnten Türme, die einander vollständig glichen, nur daß der eine Fenster hatte, der andere aber nicht. Sie bildeten genau nach dem Zirkel gebaute Mauerringe im äußern Durchmesser von vielleicht hundertfünfzig Schritten. Die Höhe der Mauer betrug ungefähr zwanzig Meter; aber die Höhe der Türme war viel beträchtlicher, denn aus der Mauer stiegen viele aus sehr starken Holzstämmen gezimmerte Säulen empor, welche das Dach trugen. Dieses Dach zeigte die Form eines riesigen Regenschirmes, dessen Stock aus den stärksten Bäumen zusammengesetzt war und im Innern der Türme genau auf dem Mittelpunkt des Kreises stand. An diesem Stock führte eine aus einzelnen Gliedern bestehende Holztreppe nach der Höhe empor, nach einer kleinen, mit Geländer versehenen Plattform, die hoch oben auf der Spitze des Schirmdaches lag. Die Säulen, auf welchen das Dach ruhte, waren nicht durch Zwischenwände verbunden, sondern standen frei und ließen eine solche Fülle des Lichtes in das Innere fallen, daß man auf Fenster allerdings verzichten konnte. Dennoch war das Innere vollständig gegen den Regen geschützt, weil das Dach rundum weit über die Mauer hinausgriff und dadurch den Regen verhinderte, hineinzufallen. Auch die beiden sehr hohen und breiten Tore glichen einander vollständig; sie besaßen die allereinfachste Steinrahmung und enthielten keine Spur eines künstlerischen Schmuckes oder Gedankens.

Der Turm rechts von uns, der nur die nackte Mauer und kein einziges Fenster zeigte, war der sogenannte »Tempel«; der andere, zur Linken von uns liegend, war der »Palast«. Letzterer hatte rundum vier Reihen von Fensteröffnungen, aber klein, schießschartenähnlich und ohne Glas und Rahmen. Dieser Turm war innerlich ausgebaut, mit Balken und Wänden von Holz. Die Zimmer, Stuben, Gemächer oder wie man sie sonst nennen will, lehnten sich an die Mauer. Jedes von ihnen hatte ein, zwei oder auch mehrere Fenster. Es gab auch einige größere Räume, welche als Säle dienten. Diese Zimmer füllten aber nicht den ganzen Innenraum, sondern es blieb in der Mitte, also um den Stock des Regenschirmes herum, ein freier Platz, so eine Art Innenhof, auf dem sich zwei mächtige Feuerherde befanden. Die auf dem Boden liegenden Matten und Kissen deuteten darauf hin, daß er bei schlechtem Wetter die Versammlungs-, Beratungs- und Unterhaltungshalle bilde.

So viel über den Tempel und den Palast der Ussul. Es hatte ihnen genügt, zwei steinerne Gebäude von dieser Größe zu besitzen. Von einer Architektonik war keine Rede. Aber diese Türme wirkten doch und zwar gerade durch ihren Mangel an Ausdruck und Geist. Man sah, dieses Volk hatte architektonisch reden wollen, aber es nicht vermocht und es nur zu diesem einen gewaltigen Schrei, zu diesem einen, großen, unartikulierten Ausruf gebracht; dann war es in das frühere Schweigen zurückversunken und fortan stumm geblieben. Stumm, vollständig stumm? Doch nein! Ein zweiter Versuch war noch gemacht worden, wenn auch nicht auf architektonischem, sondern auf mehr rein plastischem Gebiet. Nämlich zwischen den breiten Turmmassiven, gerade auf dem Mittelpunkt des freien Platzes, an dem sie lagen, stand auf einem hohen Backsteinunterbau die nicht ganz übel gelungene Statue eines gesattelten Pferdes, welches aus starken Holzteilen zusammengesetzt und dann durch Farbe vor den zerstörenden Angriffen der Witterung geschützt worden war.

Massig, schwer und wohlbeleibt, so stand das Pferd hier auf seinem Postament. Es war, wie gesagt, nicht übel geraten, doch wenn man den Kopf nur ein ganz wenig veränderte und hüben und drüben ein Horn ansetzte, so war es ein Ochse. Aber daß es keinen Ochsen, sondern ein Pferd vorstellen sollte, ersah man schon daraus, daß es einen Reiter trug, wenigstens grad in dem Augenblick, als wir den Platz erreichten. Dieser Reiter war lebensgroß, das heißt, nach den Maßen der Ussul. Das Pferd aber war überlebensgroß, und darum erschien der Reiter viel zu klein für dieses außerordentlich wohlbeleibte Roß. Man fragte sich, wie der Künstler auf so ein Mißverhältnis hatte kommen können. Und auch über einen noch anderen Punkt war man sich bei Betrachtung dieses Denkmales nicht klar, nämlich über das Material, aus dem man den Reiter verfertigt hatte. Das Pferd bestand, wie bereits gesagt, aus Holz. Der Stoff aber, aus dem die darauf sitzende Gestalt bestand, war nicht zu erkennen, denn die Figur war vollständig bekleidet und mit wirklichen Kleidungsstücken angetan. Auch das Gesicht verriet das Material nicht, weil ein riesiger Bart die Züge unkenntlich machte. Auf dem Kopf des Reiters saß ein heller, großer, indisch gewundener Turban mit einem sehr hohen Agraffenbusch aus Reiherfedern. Die Gestalt war in eine Art von Krönungsmantel eingehüllt, der aus rotem Zeug gefertigt, am Kragen und längs des unteren Saumes mit weißem Pelz besetzt war. Infolge der großen Länge und Weite dieses Mantels bedeckte er nicht nur die ganze Figur des Reiters, sondern auch noch den hinteren Teil des Pferdeleibes; man sah nicht einmal die Steigbügel mit den Füßen.

»Ein Denkmal!« sagte Halef erstaunt. »Hier bei den Ussul! Also von Kunst haben sie auch etwas. Wer hätte das gedacht! Den Reiter sehe ich mir noch genauer an. Wie schade um den schönen roten Mantel und um den weißen Turban mit dem Federbusch, wenn es regnet! Jetzt haben wir leider keine Zeit dazu, ihn aufmerksam zu betrachten!«

Das war richtig. Denn der Scheich hatte, sobald die beiden Türme in Sicht kamen, sein Pferd in Trab gesetzt, und wir mußten in demselben Tempo folgen. Er wollte hierdurch den Eindruck erhöhen, den wir zu machen harten. War doch der große Platz ebenso wie seine Umgebung mit einer bedeutenden Menschenmenge derart angefüllt, daß wir nur noch Raum für uns und die Ältesten fanden, um hindurch zu gelangen; die übrigen mußten bleiben, wo sie waren.

Alles war still. Diese Schweigsamkeit war mehr als musterhaft zu nennen; sie hatte etwas Enttäuschendes, fast gar Beängstigendes. Doch fiel sie nur uns beiden Fremden auf; die Einheimischen waren das gewohnt. Übrigens wurden wir zwei durch das rund um uns her vorhandene Menschengedränge nicht im geringsten belästigt. Man hielt sich der Hunde wegen in möglichst großer Entfernung von uns.

Als wir uns dem Tor des Palastes näherten, sahen wir zu beiden Seiten desselben je eine Kanone; bei jeder standen vier Soldaten von der bereits beschriebenen Art. Der eine hielt die brennende Lunte, der zweite den Schrupper zum Auswischen des Rohres, der dritte und der vierte einen Sack voll Pulver und das Zündkraut bereit. Seitwärts war die »ganze Kompagnie« Soldaten aufmarschiert, von der die Frau des Scheichs gesprochen hatte. Wir hielten nahe vor ihrer Front an, um den militärischen Pomp zu genießen, den man uns zugedacht hatte. Der Scheich und seine Frau hielten sich neben uns, um uns nötigenfalls Auskunft zu erteilen. Die Kompagnie zählte vierzig Mann, die mit langen Schleppsäbeln und Feuersteingewehren ausgerüstet waren. Sie bildeten nicht eine Doppel-, sondern eine einfache Linie. Das war länger und imponierte also mehr. Diese Leute waren alle barhaupt, hatten aber die schon erwähnten hohen Reiterstiefel mit mächtigen Sporen an und den gewaltigen, wohlgefüllten Rucksack auf dem Rücken. Es gab da alle möglichen Blessuren, Verwundungen und Krüppelhaftigkeiten zu sehen: ein- und anderthalbbeinige, ein- und anderthalbarmige Leute. Da war kaum ein Körperteil oder Sinneswerkzeug, das nicht bei einem oder einigen entweder fehlte oder doch wenigstens verletzt worden war. Aber sie standen alle höchst wohlgenährt und stramm in Reih und Glied, und als sie nun zu exerzieren begannen, waren ihre Bewegungen so frisch und lebhaft, daß man sah, sie seien mit ganzem Herzen bei der Sache. Zwei waren um einen Schritt vor die Front herausgerückt; sie trugen kein Gewehr, sondern hielten den gezogenen Säbel in der Hand.

»Das sind die Leutnants«, erklärte mir der Scheich. »Du siehst, ihre Kanonenrohre auf der Achsel sind nicht schwarz, sondern versilbert.«

Einer stand noch weiter voraus, grad in der Mitte. Der hatte auch einen Säbel, aber hochrote Achselrohre.

»Wer ist das?« fragte ich.

»Das ist der Oberst«, belehrte er mich.

»Da fehlen doch der Oberleutnant, der Hauptmann, der Major, und andere!«

»Ja, die fehlen allerdings«, gestand er ein. »Die haben wir nicht, weil uns das viel zu viel Geld kosten würde.«

»Aber ich habe nur von eisernen, von versilberten und vergoldeten Achselrohren gehört, nicht aber von roten!«

»Ja, das ist auch richtig! Als Oberst müßte er eigentlich vergoldete haben, die aber waren mir zu teuer. Da habe ich sie ihm rot anstreichen lassen, und ich finde, daß sie ganz gut aussehen. Er freute sich sogar selbst darüber und sagte, das sei noch niemals dagewesen. Weißt du, Soldaten haben, ist eigentlich gar nicht übel. Man kann dann doch zeigen, wer man ist. Aber sobald es aufhört, einträglich zu sein, und anfängt, Geld zu kosten, so will ich lieber verzichten! Man kann sich doch ganz unmöglich große Kosten machen, um Leute zu erhalten, die im Grunde genommen nur dazu da sind, andere umzubringen! Doch merkt jetzt auf! Das Schießen beginnt! Zunächst mit Kanonen! Alles euch zu Ehren!«

Er hatte diese seine Ansicht über die Daseinsberechtigung des Soldatenstandes in einem so unbefangenen, ehrlichen Ton ausgesprochen, als ob man überhaupt gar nicht anders denken könne. Halef, dem der Anblick von Truppen stets Freude bereitete, lächelte mich heimlich an. Ich antwortete nicht. Was ich hier zu entgegnen hatte, konnte ich später viel besser sagen als jetzt, wo augenscheinlich sehr große Dinge vorbereitet wurden. Der Oberst wendete sich den Kanonieren zu, hob den Säbel hoch und rief:

»Paßt auf!«

Um zu zeigen, daß sie dieses Kommandowort auf sich bezogen und auch erfüllen wollten, warf jeder der acht Feuerwerker den Kopf so weit wie möglich in den Nacken.

»Laden!« befahl der Oberst.

Kaum hatte er das gesagt, so sprangen die acht Artilleristen mit einem Eifer auf die Geschütze ein, als wollten sie die ganze Welt in Grund und Boden schießen. Wer nicht wußte, um was es sich handelte, der hätte glauben können, daß es ihre Absicht sei, einen Kriegstanz oder Ringelreigen aufzuführen. Dabei wurde gestoßen, geschoben, geklopft, gepocht, geschüttelt, gerüttelt, gewischt, geächzt, gestöhnt, gestrampelt und gesprungen, daß ihnen der Schweiß aus allen Poren brach.

»Es wird Großartiges geleistet!« rief der Scheich voll Anerkennung aus, zu mir gewendet. »Zehn Schüsse! Bedenke, zehn Schüsse! Wie teuer! Und alles euch zu Ehren!«

Endlich standen die Kanoniere wieder still. Der Mann mit der Lunte blies diese kräftig an.

»Paßt auf!« befahl der Oberst wieder.

Abermals flogen die Köpfe hintenüber. Die Menge aber, auf welche die Läufe gerichtet waren, duckte sich unwillkürlich.

»Feuer!« brüllte der Oberst mit aller Macht.

Da tippte der Mann mit der Lunte die Kanone von hinten an, einmal – zweimal – vier- und fünfmal – doch vergebens! Und genau wie bei der einen, war es auch bei der anderen Kanone! Es fiel weder der einen noch der anderen ein, zu tun, was ihnen zugemutet wurde.

»Was ist denn das?« fragte der Kommandeur.

»Es geht nicht los!« antworteten die beiden Luntenleute.

»Warum denn nicht?«

»Das Pulver ist ganz naß!« erklärte der eine, und der andere fügte hinzu: »So habe ich also recht? Ich habe gleich von allem Anfang gesagt, daß es nicht zünden wird! Du wolltest es aber nicht glauben!«

Dieser Vorwurf war an den Obersten gerichtet. Der warf einen verlegenen Blick auf den Scheich und klagte:

»Es ist ein wahres Unglück mit dem ewig nassen Pulver hier in diesem feuchten Land! Was kann man da tun? Was soll ich machen?«

Da wendete sich der Scheich an mich:

»Du weißt, daß die Schüsse nur euch gewidmet sind. Und du hörst, daß das Pulver nicht Feuer fangen will. Bestehst du auf den zehn Schüssen, die ich dir versprochen habe, so müssen wir es trocknen!«

»Wie lange dauert das?« erkundigte ich mich.

»Drei oder vier Tage.«

»So bitte ich dich, diese tapfere Artillerie ja nicht unnütz zu bemühen! Denn das Pulver würde ja doch wieder feucht.«

»Allerdings. Du bist also bereit, zu verzichten?«

»Ja.«

»Ich danke dir! Zehn Schüsse kosten doch immerhin Geld.«

Er sagte das so laut, daß auch die Soldaten es hörten. Darum rief nun der Oberst zu ihm herüber:

»So sind wir mit der Batterie wohl fertig?«

»Ja«, nickte der Scheich.

»Und das Exerzieren der abgestiegenen Gardereiter kann beginnen?«

»Ja.«

Jetzt wendete sich der Oberst der langen Linie zu und donnerte sie an:

»Paßt auf!«

Ein jeder von ihnen gab sich einen kräftigen Ruck, um dem Befehle nachzukommen. Hierauf folgten höchst eindrucksvolle Bemühungen, um zu zeigen, wie man einen Menschen totschießt. Die Sache wurde sehr anschaulich gemacht. Das Pulver schien hier bedeutend trockener zu sein als bei der Artillerie, denn von den vierzig Gewehren gingen ungefähr zwanzig bis fünfundzwanzig wirklich los, wenn auch nicht zugleich. Immerhin ergaben jene Flinten, die nicht losgingen, eine Pulvereinsparung von über vierzig Prozent, was den Scheich in eine derartige gute Laune versetzte, daß er immerfort schallend Beifall rief.

Es versteht sich ganz von selbst, daß ich in seine Begeisterung einstimmte. Halef gab sich alle Mühe, ihn und mich zu überschreien. So wurden auch die Ältesten angesteckt, daß sie anfingen, mitzuschreien. Und nun öffnete auch Smihk, der Dicke, sein Maul und brüllte in allen möglichen Tönen mit, daß es über den ganzen weiten Platz erschallte. Das wirkte überwältigend. In der Menge wurden erst einige und dann immer mehr mit fortgerissen, bis sich endlich alles an dem Heidenlärm beteiligte. Das ergab einen Spektakel, der gar kein Ende nehmen wollte. Alles war entzückt. Und als sich das Getöse endlich zu legen begann, schritt der Oberst in seiner stolzesten Haltung auf uns zu, machte Honneur und fragte den Scheich:

»Bist du zufrieden?«

»Ja«, antwortete dieser.

»Und du?« wurde ich gefragt.

»Sehr zufrieden! Sage deinen tapfern Truppen, daß ich mich über sie freue!«

»Und du?« wendete er sich nun auch an Halef.

»Ich bewundere euch!« lobte dieser. »Ich bitte dich, deinem Heere zu berichten, daß wir es für unüberwindlich halten!«

Der Kommandant kehrte zu seinen Leuten zurück, um ihnen diese Anerkennung mitzuteilen. Über dieses Lob waren sie so erfreut, daß die »abgesessenen Gardereiter« diejenigen Flinten, die losgingen, noch einmal abschossen, ohne den Befehl hierzu erhalten zu haben. Auch die beiden Luntenträger von der Artillerie machten noch einen sehr ernstlichen Versuch, ihr feuchtes Pulver anzuzünden. Aber es gelang nicht. Und nun war der feierliche Empfang vorüber. Ich bedankte mich bei dem Scheich und seiner Frau für die ungewöhnliche Ehrung. Halef folgte meinem Beispiel, und dann wurden wir gebeten, von den Pferden abzusteigen und mit in das Innere des Palastes zu gehen, um den »Willkommen« zu essen und zu trinken. Ich bedeutete den Hunden, bei den Pferden zu bleiben; sie verstanden mich sogleich, setzten sich nieder und blieben bis zu unserer Rückkehr sitzen.

Das Innere des Palastes sah beinahe wie ein Zirkus aus, in dem man sich nur auf der runden, in der Mitte liegenden Arena bewegen kann, weil der ganze Zuschauerraum ringsum von unten bis oben mit Brettern verschlagen ist. Hinter diesen Brettern lagen die ein-, zwei- oder mehrfensterigen Stuben und Räume, von denen ich bereits gesprochen habe; zu den oberen führten schmale Holztreppen empor. Der Mittelplatz, zu dem man uns geleitete, erhielt sein Licht nur von oben. Auf den beiden Herden brannten mächtige Holzfeuer, an denen mehrere Rinderviertel und kleinere Fleischstücke brieten. Gekocht wurde in großen, irdenen Töpfen. Auch gebacken wurde, und zwar lange, schmale Brote, die beinahe so dünn wie Kuchen waren.

»Großartig, Sihdi! Großartig!« sagte Halef entzückt, indem er mit der Zunge schnalzte.

Ihm bereitete nämlich der Geruch und Genuß von neugebackenem Brot das denkbar größte Behagen.

»Was meinst du da, das Fleisch oder das Brot?« fragte Taldscha, als sie seine Worte hörte.

»Das Brot!« antwortete er und machte dabei ein Gesicht, das in lauter Wonne glänzte.

Sie lachte und sprach:

»Des Brotes wegen haben wir euch ja in dieses Haus geführt. Ihr sollt den ›Willkommen‹ essen, und der besteht aus Salz und Brot. Erlaubt, daß ich euch gebe!«

Sie ging an den Herd, auf dem die noch warmen, duftenden Brote lagen, bestreute eines mit Salz und brach es dann für uns vier Personen in ebenso viele Teile. Die üblichen Worte, die sich auf die Rechte und Pflichten des Wirtes und des Gastes beziehen, wurden gegenseitig gewechselt, und dann aß jeder seinen Bissen.

»Noch ein Stück, aber ein ganzes!« bat Halef.

Taldscha erfüllte diesen Wunsch mit Wonne, sah lächelnd zu mir herüber und fragte:

»Auch du noch eins, Effendi?«

»Ja, bitte, auch ein ganzes!« antwortete ich.

Sie holte uns das Gewünschte. Da setzte sich Halef gleich auf den ersten besten Bastdeckel nieder, der an der Erde lag, und begann zu schmausen.

»Komm, Sihdi!« sagte er, indem er ein wenig zur Seite rückte, um mir Platz zu bieten. »Setz dich mit her! Ich stehe nicht eher wieder auf, als bis ich fertig bin!«

Ich folgte dieser Aufforderung ungesäumt. Das war allerdings im höchsten Grade unzeremoniell gehandelt, aber der Scheich und seine Gattin freuten sich darüber, und später äußerte man sich meinem kleinen Hadschi gegenüber, daß wir uns durch die ungezwungene Aufrichtigkeit, mit der wir ihre Backkunst ehrten, die Herzen aller Anwesenden im Nu gewonnen hätten.

Hierauf entfernte sich Taldscha für kurze Zeit. Als sie zurückkehrte, hatte sie einen großen Steinkrug in der einen und vier kleine, chinesische Porzellantäßchen in der andern Hand. Die letzteren gehörten jedenfalls zu ihrem kostbarsten Besitz.

»Der ›Willkommen‹ wird bekanntlich nicht nur gegessen, sondern auch getrunken«, sagte sie. »Ich bringe euch also auch den Simmsemm, der hierbei üblich ist.«

Sowohl Simm wie Semm heißt: Gift; Simmsemm bedeutet also Doppelgift. Das klang nicht sehr verführerisch. Die Flüssigkeit, die sie in die Täßchen goß, war durchsichtig hell und roch sehr stark nach Spiritus. Der Scheich sprach einige begrüßende und bewillkommnende Worte und trank sodann seine Tasse in einem Zug aus. Halef antwortete ihm in seiner höflichen Weise und schluckte dann das Zeug ebenfalls mit einem Male hinab. Ein gewaltiger Hustenanfall war die Folge. Auch Taldscha trank aus; ich sah aber, daß sie sich nur sehr wenig eingegossen hatte. Leider durfte ich dieses messerscharfe Getränk nicht fortschütten; es mußte getrunken werden, weil es eben der »Willkommen« war. Ich tat es so langsam wie möglich und darf der Wahrheit gemäß gestehen, daß ich bis hierher noch niemals etwas so ätzend Widerliches getrunken hatte.

»Verzeihung, o Scheich!« bat Halef, als er seinen Hustenanfall überwunden und die ihm aus den Augen perlenden Tränen abgetrocknet hatte. »Ich habe keineswegs die Absicht, diese Art, uns willkommen zu heißen, zu tadeln, aber ich muß dich wenigstens bitten, mir zu sagen, was für ein Höllentrank und Teufelswasser das ist, damit ich es später verhüte, mein Inneres nach außen und mein Äußeres nach innen wenden zu müssen!«

»Das ist Simmsemm«, antwortete der Gefragte. »Ihr habt den Namen bereits gehört. Dieser Trank wird aus viel Getreide und wenig Wurzelwerk gemacht und pflegt nur starken Leuten zu bekommen. Ich trinke ihn sehr gern!«

»Leider ja!« tadelte seine Frau, indem sie freundlich warnend den Finger hob. »Wer seinen Stamm dadurch glücklich machen will, daß er ihm mit gutem Beispiel vorangeht, der darf solches Zeug nicht trinken. Gott hat dem Menschen das Getreide gegeben, daß er das Brot, nicht aber Gift daraus bereite. Wer seinem Nächsten Gift anstatt des Brotes gibt, der tut, was er nicht soll! Wie gut schmeckt euch dieses Brot, und wie wohl wird es euch bekommen! Wie häßlich dagegen schmeckt dieser Simmsemm, der jeden, der ihn oft genießt, in bösen Rausch oder schlimme Krankheit stürzt! Und doch sind beide, der Segen und der Fluch, aus ganz denselben Früchten und Körnern gemacht! Hast du schon einmal hierüber nachgedacht, Effendi?«

»Schon oft, schon oft!« antwortete ich.

»Wie mag es nur kommen, daß der Mensch sich so energisch bemüht, den Segen, den Gott ihm sendet, in Fluch zu verwandeln? Und hat er das getan, so pflegt er dieses Werk noch dadurch zu krönen, daß er den Fluch als Genuß empfindet! Sogar Amihn, der berühmte Scheich der Ussul, hat soeben eingestanden, daß auch er ihn gern trinke!«

Die letzten Worte wurden in scherzhafter Weise gesprochen, waren aber ernsthaft gemeint, und so kam es dem Scheich sehr gelegen, daß wir unser Brot mittlerweile gegessen hatten und es ihm nun erlaubt war, dieses ihm nicht ganz behagliche Thema abzubrechen.

»Der Willkommen ist vorüber«, sagte er; »ich werde euch nun nach eurer Wohnung führen. Sie liegt nicht hier im Schloß, sondern in einiger Entfernung von ihm am Strom.«

»Wir taten das zu eurer Bequemlichkeit«, erklärte seine Frau, um dem Verdacht zu begegnen, daß es ihnen an der uns schuldigen Achtung fehle. »Der immerwährende Lärm des Palastes würde euch in eurem Wohlbefinden stören; auch wäre es für euch nicht möglich, eure Pferde bei euch zu haben. Darum werden wir euch nach einem ruhigen und bequemen Haus bringen, wo es euch besser gefallen wird, als hier bei uns. Ich gehe mit.«

Wir verließen also den allerdings sehr geräuschvollen Palast und kehrten zu unsern Pferden zurück. Die Menschenmenge war inzwischen beinahe verschwunden. Es gab nur noch einige kleine Gruppen, die stehengeblieben waren, um uns vor Nacht doch vielleicht noch einmal sehen zu können. Indem wir unsere Blicke über den Platz und die Leute schweifen ließen, rief Halef plötzlich mit einem lauten Schrei der Überraschung:

»Maschallah! Was sehen meine Augen? Es geschehen hier Zeichen und Wunder!«

Er deutete nach dem Reiterstandbild. Mein Blick folgte seinem ausgestreckten Arm nach dieser Richtung, und nun sah ich, daß der Reiter sich auf dem Pferd zu bewegen begann. Er schlug den langen Mantel auseinander und ließ ihn auf das Postament herunterfallen. Dann bückte er sich um, erst nach rechts und links, hierauf hinter sich. Bisher hatte er vollständig unbeweglich nur immer grad vor sich hingestarrt. Als er sich nun aber überzeugte, daß der Platz vollständig leer geworden war, hielt er es für überflüssig, länger sitzen zu bleiben. Er zog das rechte Bein nach hinten in die Höhe, schwang es über das Pferd herüber und kletterte dann zur linken Seite auf den Ziegelunterbau herab.

»Der lebt! Der lebt!« rief Halef aus. Er fühlte sich so urkomisch berührt, daß er zu lachen begann. »Der lebt! Der lebt! Ein lebender Reiter auf einem hölzernen Pferd!«

Er lachte immer lauter und lauter. Ich mußte mich stark beherrschen, um nicht mitzulachen.

»Was gibt es da, sich zu wundern?« fragte der Scheich, halb erstaunt und halb beleidigt. »Welche Kunst ist wohl größer, Menschen oder Holz in Bildsäulen zu verwandeln?«

Diese Frage verblüffte Halef. Er begriff, daß sein Lachen beleidigend war. Nun senkte er den Blick und schämte sich. Gleich aber sah er wieder empor, wobei er in seiner aufrichtigen, freimütigen Weise antwortete:

»Verzeihe, o Scheich! Aber ich habe so etwas wirklich noch nie gesehen!«

»So bist du also gewohnt, zu lachen, wenn du etwas siehst, was du noch nie gesehen hast? Da werde ich dir hier bei uns fast gar nichts zeigen dürfen, denn du würdest da sehr wahrscheinlich so viel Unbekanntes sehen, daß dein Lachen gar nicht zu Ende käme!«

Dieser Hieb saß fest, aber Halef war viel zu stolz, sich dies merken zu lassen. Er tat, als ob er nicht getadelt, sondern gelobt worden sei, und fragte:

»Was aber hat denn diese ganze, sonderbare Sache vorzustellen?«

»Eine Übereilung – weiter nichts«, antwortete Taldscha an Stelle ihres Mannes. »So oft Fremde zu uns kommen, oder ein Ussul aus der Ferne zur Heimat zurückkehrte, hörten wir, daß andere Völker ihre berühmten und verdienten Männer dadurch ehren, daß sie ihnen ein Denkmal setzen. Es soll sogar vorkommen, daß man Personen ein Denkmal stiftet, die sich weder Berühmtheit noch Verdienste erworben haben. Da begannen die Ussul, sich zu schämen. Sie glaubten, schon viele große und verdiente Männer gehabt zu haben, aber keinem einzigen unter ihnen war noch ein Standbild errichtet worden. Darum traten die Ältesten zusammen, um hierüber zu beraten. Es wurde beschlossen, diese schöne Sitte mitzumachen und jedem berühmten und verdienstvollen Verstorbenen aus dem Volk der Ussul ein Reiterbild zu setzen, ganz gleich, ob er ein schlechter oder ein guter Reiter gewesen war. Die Hauptsache ist doch nicht das Reiten, sondern das Verdienst, welches man ehren will. Es verstand sich ganz von selbst, daß man mit der Reihe der Scheichs beginnen mußte und erst später die anderen großen Geister zu bringen hatte. Es wurden zwei Ausschüsse gebildet, nämlich ein erster Ausschuß für die Erbauung des Denkmals im besonderen und ein zweiter Ausschuß für die Feststellung der Reihenfolge, in welcher die Abzubildenden einander zu folgen hatten, denn es galt, in dieser Beziehung die Berühmtheit und die Verdienste eines jeden einzelnen mit peinlichster Gewissenhaftigkeit gegen die anderen abzuwägen, damit ein jeder genau an die Stelle komme, die ihm gebühre. Also handelte es sich zunächst darum, welcher Scheich der größte, der berühmteste und der verdienteste sei, denn nur mit diesem durfte man beginnen. Während der zweite Ausschuß mit den Vorarbeiten und Studien begann, welche zu einer ebenso gerechten wie bestimmten Ausführung einer solchen Wahl erforderlich sind, ging auch der erste Ausschuß an seine Arbeit, indem er den Sockel für die erste Säule errichtete. Als dieser fertig war, hatte sich der zweite Ausschuß noch nicht über den Reiter geeinigt, sondern nur erst über das Pferd. Darum wurde weitergebaut. Man begann mit dem Pferd. Als dieses vollendet auf dem Platz stand, war der andere Ausschuß zu der Überzeugung gekommen, daß man grad dem allerberühmtesten Scheich kein Denkmal setzen könne, weil er ganz ohne Verdienste sei und vielmehr sein Volk an den Rand des Abgrundes gebracht habe. Auch gab es mehrere Ussul, die zwar keine Scheichs gewesen waren, aber an Berühmtheit und guten Werken hoch über ihm standen. Nun begannen Spaltungen, die immer weiter griffen und sich über den ganzen Stamm verbreiteten. Der eine wollte Denkmäler nur für Krieger, der zweite hingegen nur für friedliche Leute; der dritte war für beide. Der vierte verlangte Pferde, der fünfte keine. Der sechste forderte diese, der siebente die andere Reihenfolge. Der achte – doch kurz und gut, seit das Pferd hier auf dem Platz stand, glaubte jedermann, daß entweder einer seiner Ahnen oder gar er selbst, natürlich erst nach seinem Tode, hinaufzusetzen sei. Es herrschte so viel Zank und Streit und Haß und Zorn, wie es noch nie gegeben hatte. Wir Frauen kannten unsere Männer und Söhne gar nicht mehr. Es gab nur noch Wüteriche, Besessene und Narren. Da traten wir Frauen zusammen. Wir bildeten auch zwei Ausschüsse. Der erste Ausschuß hatte nachzuweisen, wie alle diese berühmten und verdienten Männer aussehen, wenn sie von Frau und Kind betrachtet werden. Der zweite Ausschuß verlangte, daß an Stelle dieser entlarvten Berühmtheiten nur brave und verdiente Frauen Denkmäler zu bekommen haben, und hatte zugleich nach solchen Frauen zu forschen. Da stellte es sich denn sehr bald heraus, daß es viele Tausende gab, die es verdienten, auf einen Sockel gestellt zu werden, und es wurde schleunigst damit begonnen, die Reihenfolge unter ihnen festzustellen. Jetzt gingen den Männern die Augen auf. Sie erkannten an der Dummheit ihrer Weiber, wie dumm sie selbst gewesen seien, und waren gern bereit, den Frieden zwischen dem männlichen und dem weiblichen Heerlager wieder herzustellen. Die zwei Ausschüsse von hüben traten mit den zwei Ausschüssen von drüben zusammen. Es wurde nun mit Verstand und Herz beraten, und da fand man denn, daß es bei den Ussul noch niemals weder eine männliche noch eine weibliche Person gegeben habe, die es verdient hätte, durch ein Denkmal hoch über die anderen, die keines bekommen, erhoben zu werden. Da hieraus zu schließen war, daß sich auch fernerhin niemand finden werde, der in dieser Weise auszuzeichnen sei, so wurde allerseits beschlossen und genehmigt, von der Errichtung von Denkmälern im Land der Ussul für alle Zukunft überhaupt abzusehen.«

»Aber, hier steht doch noch das Pferd! Und heute saß einer darauf!« warf Halef ein.

»Ja«, lächelte sie, »das Pferd steht noch. Meinst du etwa, daß wir es hätten wegreißen und verbrennen sollen?«

»Ja; denn es hat keinen Zweck mehr.«

»O doch! Wir ließen es als ein Erinnerungszeichen an unsere Torheit stehen. Das ist doch wohl ein Zweck, und zwar ein guter! Und zu diesem gesellte sich sehr bald ein zweiter. Kurze Zeit, nachdem wir klug geworden waren, forderte der damalige Mir von Ardistan, daß man ihm in allen ihm untertänigen oder tributpflichtigen Reichen und Provinzen ein Denkmal zu errichten habe. Auch wir waren hierzu verpflichtet. Wir berieten und beschlossen, ihm nicht eine gewöhnliche Fußfigur, sondern ein erhabenes Reiterstandbild zu errichten. Das Pferd war ja schon da! So wurden Kosten erspart. Und zweitens beschlossen wir, ihm nicht eine tote Figur, sondern eine wirkliche, lebendige Gestalt zu geben. Tote Figuren sind außerordentlich teuer; Menschen aber hat man überall ganz oder fast umsonst. Wir verzichteten also darauf, uns Künstler und Steine aus der Ferne kommen zu lassen, und verpflichteten den längsten und breitesten Ussul, der sich finden ließ, als Mir von Ardistan. Er bekam einen roten Mantel mit weißen Rändern und einen großen Turban mit Reiherfedern. Lohn beansprucht er dafür nicht; er tut es um die Ehre. So oft, wie heute bei eurem Einzug, die Gelegenheit ist, mit unserm Mir von Ardistan zu glänzen, setzt dieser Mann den Turban auf, wirft sich den Mantel um und steigt auf das Pferd. Da bleibt er sitzen, bis die festlichen Augenblicke vorüber sind, und steigt dann wieder herab. Hat er seine Sache gut gemacht, und jede Bewegung vermieden, so daß man ihn wirklich für eine leblose Figur halten konnte, so wird er hierfür besonders ausgezeichnet, indem wir ihm erlauben, am Festessen teilzunehmen. Hat er aber Fehler gemacht, so wird ihm diese Ehre versagt. Seht! Da ist er abgestiegen. Nun steht er da und wartet, ob wir ihn einladen werden oder nicht.«

»Wirst du es tun?« fragte Halef.

»Ja, denn er hat sich heute sehr gut gehalten. Den außerordentlich langen Säbel, der an seiner Seite hängt, hat er sich selbst besorgt. Er sagt, dies gehöre zu seiner hohen Würde. Er hat sich nämlich so in die ›hohe Würde‹, die er darzustellen hat, hineingelebt, daß er sie bereits für seine eigene hält und sich auch dann als Mir von Ardistan gebärdet, wenn er nicht auf dem Pferd sitzt. Man sagt deshalb, er sei im Kopfe irr geworden. Besonders scheinen ihn die verschiedenen Palmen-, Lotos-, Löwen-, Tiger- und andere Orden, die er auf seiner Brust trägt, in den Wahn versetzt zu haben, daß er alle die Tugenden besitze, für welche sie verliehen werden sollen.«

»Sind sie denn echt?« erkundigte sich Halef, der gern alles wissen mußte.

»Selbstverständlich! Sie sollen eigentlich nur Belohnungen sein, nicht Bezahlungen; aber die Beherrscher von Ardistan sind stets der Ansicht gewesen, daß man gewisse, wichtige Verdienste viel besser vorher als nachher belohne. So wurden auch die Scheichs der Ussul, so oft es sich um hohe Wünsche handelte, mit Orden bedacht, die sich nach und nach zu einer ganzen Menge angesammelt haben. Der Mir von Ardistan, nämlich dieser hier, nicht der richtige, kam auf den Gedanken, sie jedesmal anzulegen, wenn er in seinen Würden zu erscheinen hat. Wir haben es ihm erlaubt. Er darf sie sogar noch während des Essens tragen, und dann dauert es immer Tage, bis er sich wieder herabläßt, mit jemand zu sprechen. Daß der Mantel die flimmernden Auszeichnungen verdeckt, ist für ihn eine wirkliche Qual. Darum wirft er ihn stets schon von oben ab, wenn er noch auf dem Pferd sitzt, damit man sie so bald wie möglich sehe. Soll er sie euch zeigen?«

»Ich bitte dich darum!« antwortete Halef, den es in hohem Grade interessierte, sie betrachten zu dürfen.

Taldscha winkte dem Mann. Er kam langsam und, seiner Ansicht nach, in fürstlicher Haltung bis zu uns her.

»Ich bin der Mir von Ardistan!« sagte er sehr hoch von oben herunter.

»Und ich«, antwortete Halef, »ich bin …«

Da schnitt der Mann ihm mit einer geradezu gebieterischen Armbewegung das Wort ab und befahl ihm:

»Schweig! Was du mir sagen willst, das weiß ich alles schon längst. Ich habe jetzt keine Zeit, es abermals zu hören!«

Halef sah mich mit einem Blick an, in dem die Absicht lag, eine geharnischte Antwort zu geben; ich winkte aber ab. Taldscha zeigte und benannte uns die einzelnen Orden, ebenso auch die Namen der Scheichs, die sie empfangen hatten. Alle diese Auszeichnungen stammten nur vom Mir von Ardistan, von keinem andern Fürsten, waren aus unechtem Metall gefertigt und mit unechten Steinen geschmückt, ein Umstand, der meine Achtung vor diesem hohen Herrn nicht gerade förderte. Als wir mit der Betrachtung der Dekorationen fertig waren, sagte Taldscha zu dem gegenwärtigen Träger derselben:

»Du hast deine Sache heute gut gemacht; du darfst also mit uns essen!«

Er gab durch eine herablassende Handbewegung seine gütige Genehmigung zu erkennen.

»Und kannst nun gehen!« fügte sie hinzu.

Da warf er einen vernichtenden Blick auf uns zwei kleine Kerle und schritt majestätisch dem Tor des Palastes zu, um in dessen Innern auf den Beginn des Mahles zu warten. Wir aber gingen nach dem Haus, welches wir bewohnen sollten. Die Pferde folgten uns, ohne daß wir sie zu führen brauchten; die beiden Hunde gingen natürlich mit.

Das Haus lag neben und, weil wir um ihn herumgehen mußten, für uns zugleich hinter dem Palast, und zwar wie dieser am Ufer des Stromes. Es war eigentlich eine in vier Stuben abgeteilte Blockhütte, neben der ein kleines Gebäude zur Unterbringung von allerlei Dingen stand. Jetzt war es leer, und so bestimmten wir es zum Pferdestall. Das Wohnhaus war nach dortigen Begriffen möbliert. Im vorderen der vier Räume befand sich ein Herd, auf dem ein Feuer brannte. Zwei Männer empfingen uns; sie waren zu unserem Dienst bestellt und hatten den Befehl bekommen, ihn ebenso aufmerksam zu leisten, wie bei dem Scheich selbst. Das Feuer war keineswegs überflüssig. Alles, was man berührte, fühlte sich feucht an. Schon um das Modern zu verhüten, mußte trockene Wärme geschafft werden. Für Menschen wäre es unmöglich gewesen, in dieser Wohnung zu bleiben, ohne zu erkranken. Die Herrin der Ussul schaute sich sehr genau im Haus um. Welchen Zweck das hatte, sahen wir erst, als sie mit ihrem Mann gegangen war. Da schickte sie nämlich Kissen, Decken, Gefäße und eine ganze Menge anderer Dinge und Kleinigkeiten, die unsere Behaglichkeit erhöhen sollten.

Als wir allein waren, sorgten wir zunächst für die Pferde. Es war alles da, was sie brauchten, und für die Hunde wurde vom Palast aus reichlich für Fleisch und Knochen gesorgt. Dann untersuchten wir die Umgebung. Wir wohnten in lauter Gemüse. Das Haus lag nämlich in den großen Gärten des Scheichs. Leider fanden wir nicht Zeit, sie ganz zu überschauen, denn es dunkelte bereits, und in jenen Gegenden ist die Dämmerung bekanntlich sehr kurz. Am Fluß gab es Stufen, die zum Wasser hinabführten. Da hingen mehrere kleine Flöße und Boote, auch ein ledernes Kanu, wie dasjenige draußen im Urwald, in dem wir heimlich über den See gerudert waren. Ich gab den beiden Dienern den Wunsch zu erkennen, dieses Fahrzeug ausschließlich nur für uns zurückzuhalten.

Von allen Pflanzen hier in den Gärten waren mir die Duriobäume am interessantesten. Es gibt Leute, welche die Früchte dieser Bäume als die größte Delikatesse auf der Erden betrachten. Der Durio wird sehr hoch, noch höher als unsere ältesten Apfel- und Birnbäume. Er hat rot-silbergraue, schuppige Blätter und grüngelbe Blüten. Seine Früchte erreichen die Größe eines Menschenkopfes und sind entweder von kugeliger oder länglichrunder Gestalt. Die Schale derselben ist dick und hart und dicht mit Stacheln besetzt. Das Innere enthält fünf Fächer, in jedem Fach einige Samen, die von einem weißen, außerordentlich appetitlichen Fruchtfleisch umgeben sind. Dieses Fleisch schmeckt allerdings ebensogut, wie es aussieht, wie fein zubereiteter Rahm von allerbester Milch, nur hat man sich, wenn man diese Speise nicht gewohnt ist, beim Essen die Nase zuzuhalten, weil sie, je nach der besonderen Sorte des Baumes, sehr stark nach verdorbenen Zwiebeln, faulen Eiern, altem Käse oder stinkigem Fleisch riecht. Es gibt sogar Sorten, und das sind die beliebtesten und gesuchtesten, die nach allen diesen schönen Dingen zu gleicher Zeit duften. In Europa pflegt man diesen Baum Zibetbaum zu nennen, weil angeblich die Zibetkatzen für ihn eine ebensogroße Zuneigung besitzen, wie unsere heimischen Katzen für den Baldrian. Er ist ein außerordentlich nützlicher Baum. Seine sehr wohlschmeckenden Samen werden wie Kastanien geröstet, und das Fleisch der Früchte wird trotz seines üblen Geruches weit höher geschätzt als jedes andere Obst. Unreif wird es als Gemüse zubereitet.

Als ich Halef auf die Eigenschaften dieser Früchte aufmerksam machte, die er noch nicht kannte, sagte er:

»Also grad wie beim Menschen! Mag er noch so niedrig wachsen oder noch so hoch, wie diese Duriokugeln, und mag der Geschmack ein noch so delikater sein, etwas schlechter Geruch ist fast immer dabei. Zudem pflegen grad die, die am höchsten hängen, die bösesten Stacheln zu haben! Übrigens wird sich wohl ein Mittel finden lassen, den Gestank zu vermeiden, ohne auf den Wohlgeschmack verzichten zu müssen. Ich glaube, ich kenne es schon.«

»Welches?«

»Komm! Ich werde es dir zeigen. Glaubst du etwa, daß es nachher beim Festessen eine Duriospeise geben wird?«

»Wahrscheinlich sogar mehrere. Die Frucht wird auf sehr verschiedene Weise zubereitet und gehört zu den beliebtesten Nahrungsmitteln der Ussul.«

»So wollen wir uns beeilen, nach dem Mittel zu suchen, welches ich mir ausgesonnen habe!«

Wir gingen in das Haus, wo er sich über die vorhandenen Kissen hermachte, um nachzusehen, womit sie gefüllt waren. Gleich aus dem ersten, dessen Naht er ein wenig öffnete, quollen ihm weiße, weiche Baumwollflocken entgegen.

»Schau!« sagte er. »Das ist es, was wir brauchen! Wenn ich mir die Nase damit zustecke, ist sie ganz außerstande, mich mit Gerüchen zu ärgern, mit denen ich mich nicht befassen will. Verstehst du mich, Effendi?«

»Sehr wohl!« lachte ich.

»Und bist du bereit, dich an meiner schönen Erfindung zu beteiligen?«

Er begann, die Flocken herauszuzupfen.

»Laß es uns versuchen. Gib her!«

»Hier hast du! Stecke es ein! Das Mittel ist natürlich nicht schon jetzt anzuwenden, sondern erst dann, wenn die unheilvollen Gerüche sich uns nähern. Täten wir es schon jetzt, so verzichteten wir auf alles andere, was der menschlichen Nase Vergnügen und Begeisterung bereitet. Bedenke, das köstliche neugebackene Brot und den belebenden Duft der Rinderviertel und vielen anderen Braten! Meine Seele schwärmt schon jetzt diesen Genüssen entgegen! Die deinige nicht auch?«

Wer ihn so sprechen hörte, mußte ihn für einen großen Esser halten. Das war er aber nicht. Wenig genügte, ihn zu sättigen, und er hatte oft genug bewiesen, daß ihn im Ertragen von Hunger und Durst kein anderer übertraf!

Übrigens brauchte er auf die Genüsse, auf die er sich innerlich mit Phantasie und äußerlich mit Watte vorbereitete, nicht lange zu warten. Der Scheich kam in eigener Person, uns zum großen Festmahl abzuholen. Er äußerte, daß er wegen der Hunde Sorge habe. Er befürchtete, daß sie es erzwingen würden, mir zu folgen, und daß in diesem Fall eine große Gefahr für seine Gäste entstehe. Ich beruhigte ihn. Die Hunde bekümmerten sich jetzt gar nicht um mich; sie lagen bei ihrer Knochenmahlzeit hinter der wohlverriegelten Tür. Das beruhigte ihn.

Es wurde in zwei verschiedenen Räumen gegessen. Die Gäste zweiten Ranges saßen im Mittelraum des Palastes, in der Nähe der Herde. Obenan thronte da der »Mir von Ardistan« in der Pracht seiner flimmernden Orden. Er fühlte sich so erhaben, daß er unserer Ankunft, obgleich wir unmittelbar an ihm vorüber mußten, keine Spur von Beachtung schenkte. Die Gäste höheren Ranges waren auch im Erdgeschoß versammelt, aber im größten Zimmer desselben, welches vier nach außen gehende Fenster hatte und sehr wohl mit dem Ausdruck »Saal« bezeichnet werden konnte. Der Fußboden dieses Saales bestand aus festgerammter Erde, in welche man Pfähle geschlagen hatte, um durch daraufgenagelte Bretter Tische, Bänke und Stühle zu bilden. Man saß hier also nach europäischer Weise an hohen Tischen. Auch die Betten in unserem Haus drüben waren auf hölzernen Gestellen bereitet. Ein Sitzen, Lagern und Liegen in der allgemeinen orientalischen Weise, nämlich unten an der Erde, verbot sich durch die im Land herrschende außerordentliche Feuchtigkeit ganz von selbst.

Gedeckt, aber ohne Tischtuch und ähnliche Raffiniertheiten, war auf einer langen Tafel, über die zwei große Leuchter hingen. Sie bestanden aus zusammengesetzten Geweihen und trugen große, starke, brennende Talglichter, die eine für uns genügende Helligkeit verbreiteten. Versammelt waren die Ältesten, der Oberst, die beiden Leutnants und noch mehrere angesehene Männer, die wir erst noch kennenlernen sollten. Frauen gab es nicht, außer der Herrin der Ussul, die obenan saß und das Mahl und die während desselben geführte, sehr angeregte Unterhaltung in einer Weise leitete, daß sich unsere bisherige Achtung vermehrte und befestigte.

Was wir aßen und in welcher Zubereitung und Reihenfolge es aufgetragen wurde, ist natürlich Nebensache. Ich will nur kurz erwähnen, daß die ungeheuren Portionen Fleisch, in welche die Braten für die einzelnen zerlegt worden waren, in so kurzer Zeit verschwanden, daß Halef nur immer auszurufen hatte: »Maschallah! Es geschehen Zeichen und Wunder!« Die Gemüse waren in noch größeren Mengen vorhanden, doch blieb kein Blatt, kein Stiel von ihnen übrig. Duriogerichte gab es mehrere. Man aß die Frucht auch roh, ganz in derselben Weise, in der man bei uns Melonen ißt, und ich will verraten, daß uns hierbei die Watte nicht unwesentliche Dienste leistete. Natürlich hielten wir ihre Anwendung geheim. Später, als wir uns an diese wirklich ausgezeichnete und delikate Speise gewöhnt hatten, lernten wir auf den aus den Sitzkissen stammenden Schutz unserer Geruchsorgane zu verzichten.

Man hatte mich zur rechten und Halef zur linken Hand der Herrin gesetzt. Der Scheich saß an meiner andern Seite. Er bewährte sich immer mehr als eine etwas unkultivierte Ansammlung aller möglichen Sorten von Gutmütigkeit. Bei Anwendung nur einiger Vorsicht war es wirklich fast unmöglich, sich mit ihm zu entzweien. Wir erkannten mehr und mehr, daß seine Frau die eigentliche Regentin des Stammes war und daß sie unter Umständen auf das Urteil des Sahahr viel mehr gab als auf die Meinung ihres Mannes. Aber diese Achtung war auch alles, was sie dem Zauberer widmete. Lieb- und gern haben konnte sie ihn nicht, weil sie die Freundin des Dschirbani war.

Geraucht wurde nicht. Ich will hier gleich ein für allemal sagen, daß die Ussul überhaupt nicht rauchen, weil sie den Tabak für ein sehr schädliches Gift und seinen Rauch für belästigend und störend halten. Das bedeutete für zwei Raucher, wie Halef und ich, einen nicht ganz geringen Verzicht. Einem anderen Gift aber, welches sogar als Doppelgift bezeichnet wird, hatten sie nicht entsagen können, nämlich ihrem Simmsemm, welches in zwei großen Krügen auf der Tafel stand, die beide, als das Essen vorüber war, vollständig ausgetrunken worden waren. Die Scheichin trank nicht davon, Halef nicht und auch ich nicht. Darum glaubte der Scheich, dem dieses Gift sehr behagte, uns eine Begründung schuldig zu sein, und die brachte er, indem er behauptete, daß man wegen der Feuchtigkeit des Landes gezwungen sei, Simmsemm zu trinken.

»Auch ihr werdet schon noch trinken, wenn ihr nur erst lang genug hier gewesen seid!« fügte er hinzu. »Es ist ja allbekannt, je trockener das Land ist, desto weniger braucht man Gift!«

»Es gibt aber Leute, welche ganz das Gegenteil behaupten«, widersprach ich ihm. »Nämlich, je trockener das Land ist, desto mehr müsse man trinken.«

»Nun, so mögen sie es tun!« lachte er. »Jeder Mensch findet einen Grund, das Gift, welches er für nötig hält, zu verteidigen!«

Es muß indes erwähnt werden, daß die Ussul außerordentlich viel vertragen konnten. Hätte ich nur den vierten oder fünften Teil dessen getrunken, was der Mäßigste von ihnen trank, so wäre mir ein: »Machmurluk el Machmurluk«, wie Halef sich gern auszudrücken pflegte, nämlich ein »Rausch der Räusche«, wohl bombensicher gewesen. Diese stämmigen Menschen aber wurden nur heiter und etwas gesprächiger davon, und da habe ich freilich zuzugeben, daß diese Wirkung des Giftes eine mir sehr angenehme und willkommene war. Die Unterhaltung gestaltete sich hierdurch viel angeregter und lebhafter, und es wurde uns dadurch eine Konferenz erspart, die nach dem Essen abgehalten werden sollte, nun aber schon während desselben erledigt wurde.

Diese Konferenz betraf erstens mich und Halef, oder vielmehr unsere Aufnahme in den Stamm der Ussul, und zweitens unsern Feldzug gegen die Tschoban. Ich hatte mir diese Konferenz als sehr kompliziert, sehr erregt und sehr lange dauernd vorgestellt; nun aber vollzog sie sich so außerordentlich schnell und kurz, wie ich es gar nicht für möglich gehalten hatte. Und das brachte der weibliche Scharfsinn und die weibliche Pfiffigkeit fertig, die sich auch hier, wie so oft, meinen Gedanken überlegen zeigte. Man hatte nämlich gehört, daß es in Europa bei derartigen Trinkgelagen Leute gebe, welche ein volles Glas in die Hand nehmen und eine Rede halten. Ich wurde gefragt, ob dies wahr sei und welchen Zweck eine solche Rede habe. Ich erklärte es ihnen zunächst theoretisch und sodann auch praktisch, indem ich meine volle Simmsemmtasse, die ich gar nicht hatte berühren wollen, ergriff und einen Trinkspruch auf das Wohl der Ussul, ihres Scheichs und ihrer Scheichin hielt. Die Sache wurde nicht nur sofort begriffen, sondern auch für höchst nachahmenswert gehalten. Die Herrin ging den andern mit ihrem Beispiel voran, und zwar ganz ohne Zaudern. Kaum hatte ich ausgesprochen, so nahm auch sie die vor ihr stehende Tasse zur Hand und erhob sich von ihrem Sitz, um mir zu antworten. Sie freute sich, daß ich ihr Volk lobte. Sie schloß aus diesem Lob, daß es mir lieb sein würde, ein Ussul werden zu können. Sie erwähnte das Gesetz, nach dem jeder Aufzunehmende mit einem Ussul zu kämpfen habe, um durch seinen Mut seine Würdigkeit zu beweisen. Sie deutete darauf hin, daß ich sogar mit den Bluthunden der Ussul gekämpft und sie besiegt habe, ohne eine Waffe in der Hand zu haben; dies sei doch noch viel mehr, als was das Gesetz bestimme. Und sie legte ganz besonderen Wert darauf, daß wir beide, Halef und ich, den Erstgeborenen der Tschoban mit seinen Begleitern besiegt und gefangengenommen hatten. Dies hebe uns hoch über jeden ferneren Beweis unserer Tapferkeit und Würde empor, so hoch, daß eine Beratung und Abstimmung über diesen Gegenstand ganz überflüssig sei. Sie nehme uns also hiermit in den Stamm der Ussul auf und bitte uns, den Treuschwur in die Hand des Scheichs und der Ältesten zu legen. Der gegenwärtige Trinkspruch sei in ihrem Leben der erste, den sie halte. Sie sei stolz darauf, dies von uns gelernt zu haben, und sie hoffe, auch in Zukunft noch vieles und besseres von uns zu lernen. Hurra! Hurra! Hurra!

Hei, wie die schwerfälligen Gestalten dieser guten Leute da schnell und leicht aufsprangen, ihre vollen Tassen leerten und dann herbeikamen, um mit höchst bereitwillig ausgestreckten Armen sich unsern Handschlag zu holen! Es gab einen unendlichen Jubel, der auch nach der Tafel zweiten Ranges getragen wurde, indem einer hinausging, um die frohe Kunde dorthin zu bringen. Der Lärm, der sich da draußen erhob, war noch größer als der, den wir im eigenen Raum verübten, und der Grund dieses Beifalls war wohl zum großen Teil auch mit in dem Umstand zu suchen, daß da draußen erzählt worden war, welche große Freude wir über das neubackene Brot gehabt hatten. Als ich den Ältesten und dem Scheich die Hände gedrückt hatte, griff auch Taldscha nach der meinen. Sie hielt sie eine Zeitlang fest, ohne ein Wort zu sagen, und sah mir mit einem siegreichen Lächeln, welches zugleich einen kleinen ironischen Anflug hatte, in das Gesicht. Dann sagte sie:

»Das ging schneller, als du dachtest, nicht? Zürnst du mir darüber?«

»Keinesfalls!« antwortete ich. »Du hast als Weib gehandelt, und doch zugleich als Mann und Scheich. Ich danke dir!«

Halef war überglücklich, Ussul geworden zu sein. Solche Dinge waren so recht nach seinem Geschmack. Die Größe seiner Freude trieb ihn hinaus zu den andern Gästen, um ihnen einen schmetternden Toast zu halten. Der Erfolg, den er hervorrief, war riesengroß, nach dem Lärm gemessen, der sich hierauf erhob. Später freilich, als wir wieder daheim in unserem Haus waren, gab er zu, daß er sich doch im stillen über die Pfiffigkeit der Scheichin geärgert habe, durch welche der von dem Gesetz vorgeschriebene Kampf zwischen uns und zwei Ussul vermieden worden sei.

Und was die Verhandlung wegen unseres Feldzuges gegen die Tschoban betrifft, so stellte sie sich ebenso als unnötig heraus. Die Stimmung der Ältesten war auch in dieser Sache eine außerordentlich günstige. Sie richteten ganz einfach die Frage an Taldscha, ob sie diesen Feldzug für wünschenswert halte, und als sie eine bejahende Antwort bekamen, erklärten sie, daß der Krieg beschlossen sei und daß diese Angelegenheit also nun nicht mehr in ihre, sondern in die Hand des Obersten gehöre. Der sei der Befehlshaber des Heeres, und der habe sich nur seinen Kopf, nicht aber auch ihre Köpfe zu zerbrechen! Als Taldscha hiergegen einwarf, daß vor allen Dingen ich zu fragen sei, bat ich den Obersten, sich zunächst an meinen tapfern Hadschi Halef Omar, den berühmten Scheich der Haddedihn, zu wenden. Der sei ein sehr erfahrener Krieger und jedenfalls gern bereit, ihm diejenigen Winke zu geben, die unbedingt zum Siege führen würden.

Kaum hatte ich das gesagt, so sprang Halef wie elektrisiert von seinem Sitz in die Höhe und forderte den Obersten und die beiden Leutnants auf, sich mit ihm an einen andern kleinen Tisch zu setzen; er werde dort mit ihnen weiteressen, um mit den von mir erwähnten Winken augenblicklich beginnen zu können. Sie erfüllten seinen Wunsch mit wahrem Stolz, und als ich im weiteren Verlauf des Abendessens diesen ihren kleinen, abgelegenen Tisch einmal als den »Tisch der Feldherren« bezeichnete, hatte ich mir die Herzen der drei »Offiziere« derart gewonnen, daß sie zu jeder Art von Tapferkeit erbötig waren.

In dieser Weise schaffte ich mir freie Hände. Taldscha war die einzige bestimmende Person. An sie hatte ich mich zu halten. Indem ich alles Belästigende und Nebensächliche auf den kleinen Tisch ablud, bewahrte ich sie vor unbequemen, vielleicht sogar schädlichen Einflüssen und hob sie mit einem einzigen Ruck zu der Atmosphäre empor, in welche sie gehörte. Sie fühlte das, aber sie sagte nichts, doch ging es wie ein unsichtbarer und unhörbarer, jedoch leise, ganz leise zu empfindender Hauch von Dankbarkeit von ihr zu mir herüber. Sie war eine jener tief und edel angelegten Frauen, deren Aufgabe es ist, den Schritt vom gewöhnlichen Menschentum zum geläuterten Geistes-Menschentum ohne abstoßende Leiden, Qualen und Martern zu tun, um andere, die sich auch nach Vervollkommnung sehnen, zur freiwilligen Nachfolge anzuregen.

Ich erfuhr von ihr, daß die gefangenen Tschoban hier im Palast untergebracht seien, in drei verschiedenen wohl verriegelten Räumen, also vollständig getrennt voneinander, so daß eine Verständigung zwischen ihnen ganz unmöglich sei. An eine Flucht war nicht zu denken, so streng wurden sie bewacht. Sie waren noch jetzt mein Eigentum. Aber ich hatte versprochen, sie an die Ussul abzutreten, sobald ich bewiesen habe, daß sie nicht in friedlicher, sondern in feindlicher Absicht gekommen seien. Dieser Beweis war erbracht, doch man hatte die Abtretung noch nicht verlangt, und so hielt ich mich noch immer für berechtigt, ganz allein über sie zu verfügen. Ebenso erfuhr ich von ihr, daß der Sahahr glücklich nach Hause gebracht worden sei und sich ganz sonderbar benehme. Seine Frau wünsche sehr, mich einmal zu sehen, und zwar womöglich noch heute, doch dürfe der Sahahr nichts hiervon wissen. Darum möge diese Zusammenkunft, wenn ich einverstanden sei, im Tempel stattfinden. Als ich erklärte, daß ich sehr gern einwillige, sagte Taldscha, sie werde dabeisein und mich nach dem Tempel begleiten.

»Wann?« fragte ich.

»Am Schluß dieses Essens. Ich benachrichtige sie. Dann wartet sie im Tempel, bis wir kommen.«

»Du hast mir gesagt, daß sie die Seele, er aber nur der Körper sei. Es widerstrebt meinem Herzen, so eine Frau auf mich warten zu lassen. Übrigens wünsche ich nicht, daß die andern Gäste dann meinetwegen auch gehen müssen. Wie lange wird die Festlichkeit noch währen?«

»Wenigstens bis Mitternacht. Doch kannst du dich entfernen, sobald es dir beliebt. Kein Mensch wird es dir übelnehmen.«

»Auch nicht der Scheich?«

»Auch dieser nicht!«

»Aber du mußt bleiben?«

»O nein. Warum soll ich nicht ganz dieselbe Freiheit haben wie du und jeder andere? Ich bleibe stets nur so lange, wie es für mich wichtig und geboten ist. Das Wichtige ist vorüber. Was nun noch kommt, ist nur Essen und Trinken und nebensächliches Gespräch. Ich bleibe also nur deinetwegen. Wünschest du fortzugehen?«

»Ja.«

»Das ist aufrichtig von dir! Ich bitte dich, stets so offen gegen mich zu sein, denn ich bin es auch gegen dich. Habe nur noch eine Viertelstunde Geduld, denn ich muß meine Freundin vorher benachrichtigen!«

Sie schickte einen Boten. Dadurch sprach es sich herum, daß wir uns entfernen würden, doch verursachte das nicht die geringste Störung. Es fiel niemandem ein, zu denken, daß nun auch er zu gehen habe. Selbst Halef rief mir zu:

»Du willst fort, Sihdi? Ich aber muß unbedingt noch sitzen bleiben!«

»So tue es! Auch ich gehe noch nicht heim. Hast wohl noch Wichtiges zu verhandeln?«

»Unendlich Wichtiges!« rief er mit der Miene eines Mannes aus, der unter der Menge und der Schwere seiner Pflichten fast erstickt. »Bedenke doch, daß es einen Feldzug gilt! Es handelt sich um Leben oder Tod vieler Tausende von Menschen! Und wenn wir einmal siegen, so siegen wir immer weiter. Wir werden nämlich nicht bei diesem einen Sieg stehenbleiben, sondern wir haben soeben beschlossen, in das Gebiet der Tschoban einzudringen und ihren Scheich abzusetzen. Was wir dann noch weiter erobern und wen wir dann noch weiter absetzen, das werden die ferneren Beratungen ergeben, die wir noch zu halten haben. Denn die heutige ist die erste, noch lange aber nicht die letzte!«

Als die Viertelstunde vorüber war, verabschiedeten wir uns. Dann durch den großen Mittelraum gehend, in dem die andern Gäste saßen, bemerkten wir, daß der Simmsemm hier bedeutend größere Verheerungen angerichtet hatte als bei uns. Es gab hier alle möglichen Sorten dieser Wirkung, vom leisen »Pfiff« und heiteren »Schwips« bis zum schweren »Affenrausch« hinauf. Dennoch erhoben sich alle von ihren Plätzen, um uns, als wir vorübergingen, ihre Achtung zu erweisen. Nur einer tat das nicht, nämlich der Denkmalsreiter. Der war total betrunken, und doch sprach sich der Spiritus auch bei ihm in ganz individueller Weise aus, nämlich durch Vergrößerung der Selbstüberhebung. Der Mann saß steif an seiner Stelle, stierte nur grad vor sich hin und lallte immerfort: »Ich bi – bi – bin nicht nur der Mi – mi – mir von A – a – ardistan, sondern sogar der Mi – mi – mir von Dschi – dschi – dschinnistan!«

Draußen war es dunkle Nacht. Die Sterne leuchteten, und die Sichel des Neumondes, dünn wie ein Strich, stand grad über dem Weg, auf dem wir nach der Stadt gekommen waren. Wir gingen über den freien Platz hinüber, direkt in den Tempel, dessen Tor offenstand. Ein Diener war dabei, der mit eintrat und es hinter uns gleich wieder verschloß.

Nun standen wir in einem großen, weiten Raum, der nach keiner Richtung hin eine Grenze zu haben schien. Es herrschte tiefste Finsternis. Nur wenn man das Auge nach oben richtete, sah man zwischen den Säulen, welche das Dach trugen, die Sterne herunter leuchten, wie aus einer anderen Welt herein in das dichte Dunkel. Da wurde in der Mitte des Raumes, also an der Säule, welche die Decke trug, ein Licht angezündet. Das sah so klein, so winzig aus, in der großen, unendlich scheinenden Finsternis kaum zu bemerken. Das war der Anfang der Geschichte dieses Tempels, der Beginn des Gottesglaubens unter den Ussul. So winzig klein das Lichtchen war, man sah es doch, wenn man auch nicht wußte, woher es kam und was es zu bedeuten hatte. Und man ahnte, ja, man fühlte und man war überzeugt, daß sich dort, wo es entstand, etwas Lebendiges, Gütiges und nach Erleuchtung Trachtendes bewege. Ein zweites Licht entstand, ein drittes, viertes, fünftes. Eines half dem anderen, die Dunkelheit zurückzudrängen. Es gesellten sich noch mehrere hinzu. Im Dämmerschein, den sie verbreiteten, wurde nun auch das Wesen sichtbar, durch welches sie hervorgerufen wurden. Es war ein weibliches – die Priesterin. Ein weißes Gewand umhüllte sie, und glänzend weiß floß ein Schleier rundum von ihrem Haupt herab, der bis auf das Knie herniederreichte. Er umhüllte sie vollständig; er machte sie zum scheinbar undurchdringlichen Geheimnis. Aber aus diesem lichtgewordenen Rätsel heraus ertönte jetzt eine liebe, auffordernde Stimme:

»Kommt her zu mir!«

Das klang so eigentümlich, so geisterhaft durch den weiten Raum, in dem es nicht eine Spur von Widerhall gab. Es war, als ob diese Aufforderung gesprochen sei, um in grenzenlose Fernen hinauszugehen. Es erfaßte mich eine ganz eigenartige Regung, die nicht aus mir zu kommen, sondern mich von außen her zu ergreifen schien. Ich fühlte mich an heiliger Stelle. Es war mir, als ob es hier unmöglich sei, über gewöhnliche, gleichgültige Dinge zu sprechen. Wir gingen hin zu ihr. Sie war so hoch und so stolz gebaut wie Taldscha, und als sie nun ihren Schleier lüpfte, sah ich, daß sie älter, viel älter war als diese. Sie war weder schön noch häßlich: aber sie hatte das Gesicht einer Denkerin, und aus der Tiefe ihrer Augen blickte jenes Wohlwollen, welches nicht nur angeboren, sondern noch viel mehr auch eine Frucht der innerlichen Betrachtung ist.

»Ich grüße dich!« sagte sie. »Du bist unser Gast, also auch der meine, hier in diesem Gotteshaus.«

Ich verbeugte mich vor ihr, als ob sie eine Fürstin sei; ich konnte nicht anders. Geschah das, weil wir uns in einem Tempel befanden? Oder war es nur der Eindruck ihrer Persönlichkeit, die Wirkung davon, daß ich jetzt in ihrer seelischen Atmosphäre atmete?

»Er ist soeben Ussul geworden!« berichtete die Frau des Scheichs.

»Also doppelt willkommen!« sagte die Priesterin, wobei ihrem Schleier ein kleines, feines Händchen entschlüpfte, welches sie mir entgegenstreckte. Ich zog es an meine Lippen, ohne antworten zu können, denn sie fuhr fort: »Ussul nur äußerlich! Mit dem Geist nicht! Aber wie ich hoffe, mit dem Herzen um so mehr!«

»Das gehört euch allerdings«, sagte ich nun, »von dem ersten Augenblick an, seit ich eure Herrin sah.«

Hierbei deutete ich auf Taldscha; die aber entgegnete:

»Eure Herrin? Die bin ich nicht. Die steht hier.«

Sie hob die Hand gegen die Priesterin hin, welche diesen Fingerzeig mit der Erläuterung geschehen ließ:

»Wir beide lieben uns. Wir sind Freundinnen. Da gibt es keine Unterschiede, keine Herrin und keine Untergebene. Wir dienen beide, sie und ich! Heute ist mein Dienst besonders schwer. Aber der Sahahr hat Opium genommen, um schlafen zu können. Da fand ich Zeit, zum Tempel zu gehen.«

Sie machte eine Rundbewegung mit dem Arm und fuhr dabei fort:

»Du befindest dich hier inmitten unseres Glaubens, unserer Religion. Sie bietet dir, wie du siehst, nur einige kleine, mehr als bescheidene Lichter, die sich vergeblich bemühen, die Finsternis zu durchdringen. Das ist der Anfang. Das ist die Sehnsucht, dem Dunkel zu entfliehen. Das sind die ersten Stufen, zu Gott emporzusteigen. Ich rief dich hier in diese Finsternis, um dir ehrlich zu sagen, daß wir uns nicht vermessen, schon Klarheit zu besitzen; nun aber sollst du auch mit hinauf zu unserem Himmel steigen. Hast du ihn schon gesehen?«

»Nein.«

»Und willst du mit uns kommen?«

»Ja! Gern!«

»So mußt du helfen, das Licht zu vermehren. Wir brauchen es beim Steigen.«

Sie gab dem Diener, der vorn am Eingang stehen geblieben war, ein Zeichen. Wir hörten das Geräusch von Rollen, die sich bewegten. Er ließ von oben einen Leuchter herab, der viele Lichte trug, die wir anzuzünden hatten. Ich half mit. Als dies geschehen war, begannen wir, nach oben zu steigen. Ich habe die Treppe bereits erwähnt, die aus einzelnen Gliedern oder Abteilungen bestand. Sie war nicht sehr breit, aber auch nicht unbequem. Da ich sie noch nicht kannte, nahmen mich die beiden Frauen in die Mitte: die Priesterin ging voran, dann ich, und Taldscha folgte. Während wir dies taten, zog der Diener den Leuchter in genau dem gleichen Tempo empor, so daß immer der Teil der Treppe, auf dem wir uns befanden, hell beleuchtet war. Am letzten Haltepunkt unter der Plattform angekommen, gab die Priesterin das Zeichen, den Leuchter wieder hinabzulassen. Als er zu sinken begann, sagte sie:

»Wir sind von Gleichnissen umgeben. Aus Himmelsnähe steigt unser Licht hinunter in die Tiefe. So verläßt die Offenbarung ihre Heimat, um nach der Erde zu trachten. Und je mehr sie sich ihr nähert, desto kleiner und ärmer und schwächer scheint sie zu werden, bis sie fast ganz in Finsternis verschwindet. Schau hinab!«

Der Leuchter war unten angekommen. Man konnte die Lichter nicht mehr unterscheiden. Der Schein, der von ihnen ausging, war kaum zu sehen. Er bildete nur eine kleine, nebelige Stelle in der allgemeinen großen Finsternis. Es erregte ein bängliches Gefühl, da hinabzublicken. Die Priesterin schien dieses Gefühl schon oft beobachtet zu haben, denn sie sprach:

»Wer da hinunter sieht, der hält es wohl für möglich, daß es Gott um seine Liebe, welche er zur Erde schickt, zuweilen angst und bange wird. Kommt, laßt uns unsern Himmel sehen!«

Wir stiegen die letzten Stufen vollends empor. Oben gab es eine Plattform mit Geländer. Mehrere Sitze standen da. Darüber zog sich ein kleines, aber vollständig schützendes Dach. Wir setzten uns nieder und hielten Umschau. Ja, die Priesterin hatte recht! Sie hatte sich ganz richtig ausgedrückt, als sie von dem Himmel sprach, den man hier oben schaue! Zwar war da nicht nur der Sternenhimmel über uns, sondern auch noch ein ganz anderer Himmel gemeint, der nur innerlich zu sehen und zu fühlen ist; aber schon der erstere genügte vollständig, uns dafür zu entschädigen, daß wir heraufgestiegen waren.

Diese Klarheit des Firmaments! Diese Reinheit seiner Lichter! Obgleich wir uns in einer Gegend befanden, deren feuchter Dunst der durchdringenden Kraft der Strahlen eigentlich feindlich ist! Ich saß mit dem Rücken nach Süd, schaute also nach Norden, wo Ardistan liegt und über ihm sich Dschinnistan erhebt. Grad hinter meinem Haupt leuchtete das berühmte Kreuz des Südens. Links über mir hatte ich die Sterne des Zentaurus, weiter draußen die Waage und die Jungfrau mit der weithin strahlenden Spika. Fast grad im Norden schimmerte der Rabe, etwas weiter nach rechts der Becher und der Kelch, etwas zurück die Wasserschlange, an Helligkeit aber weit übertroffen von dem noch östlicher kreisenden Herzen. Ich hätte wohl gern noch weiter gesucht und die Frauen nach den hiesigen Namen all dieser Sterne gefragt, wenn meine Aufmerksamkeit nicht von der Priesterin auf einen besonderen Punkt gerichtet worden wäre, der weit über den Raben hinaus im Norden lag. Sie deutete mit dem ausgestreckten Arm dorthin und sagte:

»Merkt auf! Es scheint zu beginnen! Ich glaube, daß wir zur rechten Zeit gekommen sind.«

»Was wird beginnen?« fragte ich.

Sie brauchte nicht zu antworten, denn der Himmel antwortete selbst. Es zuckte ein schneller, blitzartiger Schein über ihn hin, genau an der Stelle, wohin die Priesterin gedeutet hatte. Dieser Schein schien aber nicht von oben zu kommen, sondern von unten herauf. Und er war nicht hell und rein, sondern er hatte etwas Nachgemachtes, Gefälschtes an sich, wie wenn man Bärlappmehl durch eine Flamme bläst. Es sah also nicht so aus, als ob ihn der Himmel spende, sondern als ob er von der Erde stamme. Einige Zeit darauf wiederholte sich der Blitz, aber nicht an derselben Stelle, sondern mehr nach rechts. Und bald nachher erfolgte eine zweite Wiederholung, weit links davon. Dann verschwanden plötzlich die Sterne. Es wurde oben im Norden dunkel. Diese Finsternis blieb eine Weile stehen und senkte sich dann zur Erde nieder, langsam, nach und nach, nicht so plötzlich, wie sie aufgestiegen war. Das wiederholte sich einige Male. Ich war ganz still. Ich fragte nicht. Ich suchte in meinem Kopf nach alten Schulkenntnissen, die sich auf derartige Erscheinungen bezogen, konnte aber keine Erklärung finden. Ein Nordlicht war es nicht. Es kam von der Erde. Es wurde emporgeworfen, mit mächtiger Gewalt. Es war vielleicht – doch halt, da kam es wieder. Aber nicht so, wie vorher. Zuerst wieder in der Mitte. Da stieg es empor, nicht blitzartig, sondern langsam, aber mit Macht! Zunächst violett, aber doch leuchtend feurig, dann blau, dann dunkelrot, blutrot, glühend rot, orange, gelb und endlich als klares reines Licht zum Himmel strahlend. Es bildete eine gigantische Säule, die von unten nach oben in allen diesen Farben glänzte, unten violett, nach oben in der angegebenen Regenbogenskala immer heller werdend und oben in einer Art von lebendiger, flockenreiner Flammenkrone zum Himmel zuckend, als ob es gelte, ihn zu umarmen und herabzuziehen. Und so langsam diese Säule entstanden war, so langsam kehrte sie wieder in sich selbst zurück. Kaum aber war sie verschwunden und wir, die wir von diesem überwältigenden Schauspiel tief ergriffen waren, holten tief Atem, so wiederholte sich dasselbe Phänomen in der gleichen Weise, erst rechts und dann links von der ersten Stelle. Diese Feuersäulen bestanden aus strahlengefärbter nach aufwärts immer reiner werdender Flammenglut. Sobald sie sich entwickelt hatten, standen sie wie Leuchttürme, die von ihrer Basis bis zu ihrer Spitze brennen, oder wie glühende Gebete hilfsbedürftiger Menschen, die sich zum himmelstürmenden Fanal vereinigen, um, sich im Steigen läuternd, in voller Reinheit Gott erreichen zu können. Sie wechselten im Aufstrahlen und Niedersinken miteinander ab. Bald wuchs und fackelte es hier, bald dort zum Himmel auf, erst in längerem, dann in immer kürzer werdenden Zwischenräumen, bis sich zuletzt feste, unbewegliche Mauern bildeten, die aus brennenden Regenbogenfarben bestanden und auf ihren Zinnen tausend weithin strahlende Fackeln trugen.

Ich war auf das tiefste ergriffen. So etwas hatte ich noch nicht gesehen, noch nie geahnt! Das stand in keiner Physik, überhaupt in keinem Buch! Die beiden Frauen schmiegten sich eng zusammen, wie man tut, wenn man sich fürchtet oder wenn irgend etwas wirklich Heiliges naht. Sie beteten. Das sah und hörte ich zwar nicht, aber ich fühlte es. Der Mensch wird schon noch begreifen lernen, daß man Gebete fühlt! Das Leuchten und Glühen, das Flackern und Flammen, das da oben im Norden aus der Tiefe zur Höhe stieg, war ein Gebet der Erde, und wenn die Mutter betet, so durchzuckt es alle ihre Kinder, mitzubeten! Wir standen auf dem Dach eines Tempels, eines ungeheueren Bauwerkes, in dem sich Riesen versammelten, um Gott zu dienen. Was aber war dieses scheinbar große und doch so armselig kleine Haus gegen den heiligen Dom des Firmaments, in dessen unergründlicher Tiefe soeben das Herz der Erde brach, um in glühenden Atemzügen in alle Welt hinauszurufen, daß auch der scheinbar tote Stoff, die vielverkannte Materie noch Kraft, noch Leben und Seele hat!

So saßen wir lange, lange Zeit, in den Anblick des unvergleichlichen Phänomens versunken, bis ich das Schweigen brach:

»Eine unbeschreibliche Pracht und Herrlichkeit! Und sie bleibt! Sie vergeht nicht wieder!«

»Sie wird während der ganzen Nacht bleiben«, antwortete die Priesterin, »und auch während des ganzen Tages, wo man sie aber nicht sieht. Du wirst sie morgen sehen und übermorgen und fernerhin, bis ihre Zeit vorüber ist. Sie hat sich schon seit mehreren Nächten angekündigt und wird nicht eher wieder verschwinden, als bis die Frage, die sie erhebt, beantwortet ist.«

»Welche Frage?«

»Die Frage: Ist Friede auf Erden? Du kennst diese Frage nicht. Du hast wohl noch nie die Sage von dem zurückgekehrten Flusse gehört …«

»Ich kenne sie. Man hat sie mir gestern erzählt«, fiel ich ein.

»Auch das vom geöffneten Paradies? Von den Scharen der Engel auf den Mauern und der Erzengel vor den Toren?«

»Ja.«

»So wisse, daß der Tag, an dem so große Dinge geschehen, gekommen ist! Er ist kein Erden-, sondern ein Himmelstag; darum dauert er länger als vierundzwanzig irdische Stunden. Er beginnt heut, jetzt, in diesem Augenblick. Er wurde der Erde vorher angezeigt. Ein tiefes, unterirdisches Rollen, nur während der nächtlichen Ruhe zu hören, ging durch die Lande. Im Norden wetterleuchtete es, doch ohne Gewitter, Sturm und Regen. Das sind die Zeichen, daß das Paradies sich öffnen will. Ich habe das alles beobachtet. Und ich stieg jetzt wieder auf diese Tempelshöhe, um nachzuschauen, ob es abermals flamme und leuchte. Die Voraussage war aber schon vorüber; es kam das Ereignis selbst. Wir erreichten grad im rechten Augenblick diese Stelle hier. Erhebe deine Augen, und schau nach Norden! Was du siehst, das ist das Tor des Paradieses. Du kannst seine Säulen, Mauern, Türme, Ecken, Kanten und Linien ganz deutlich erkennen. Ob es sich öffnen wird, das weiß ich nicht. Es kommt vor, daß es zwar erscheint, aber doch verschlossen bleibt. Aber dann verschwindet es sehr bald wieder. Glaubst du daran?«

Ich antwortete:

»Ich glaube allerdings an die Vorbildlichkeit aller Naturerscheinungen. Sie entwickeln sich nicht etwa nur, um überhaupt da zu sein, sondern sie stehen im Zusammenhang auch mit denjenigen Ereignissen, die wir mit unsern Sinnen jetzt noch nicht erfassen können. Aber …«

»Still! Jetzt kein aber! In diesem Augenblick nicht!« bat sie mich. »Du sprichst von Naturerscheinungen. Was das sagen soll, das weiß ich wohl. Da oben im Norden, der jetzt so überirdisch erleuchtet wird, stehen ganze, große Reihen von mächtigen Vulkanen, die einst täglich flammten und sich auch jetzt noch nicht beruhigt haben. Sie erwachen in Zwischenräumen von ungefähr hundert Jahren, die nach und nach immer länger werden, um zu zeigen, daß sie nur eingeschlafen, nicht aber gestorben sind. Sobald sie sich zu rühren beginnen, bebt die Erde. Die unterirdischen Gewalten, welche sich im Verlauf dieser hundert Jahre ansammeln, vereinigen und vermehren konnten, sind stark genug geworden, sich von dem Druck zu befreien, der auf ihnen lastete. Sie steigen auf; sie brechen hervor; sie verwandeln sich in Licht und reißen alles, was sich ihnen in den Weg stellt, mit zur Höhe. ›Was ist das weiter?‹ fragt da derjenige Mensch, dessen Herz nicht stark genug ist, an den Zusammenhang der Dinge mit dem Plan ihres Schöpfers zu glauben. ›Ein ganz gewöhnlicher Ausbruch von Vulkanen, welcher von einem kleinen, nur wenig wahrnehmbaren Erdbeben eingeleitet worden ist. Die Flammen, welche der Erde entströmen, entstammen dem Feuer, welches in ihrem Innern wütet. Die verschiedenen Färbungen, die Schatten und Linien, die sich nur für den Blick aus der Ferne bilden, werden von dem Ruß und Rauch und Schlamm und Staub gegeben, der mit emporgerissen wird!‹ So, so sagt der Gelehrte oder der Ungläubige. Wir aber, die wir weder gelehrt noch für den Himmel verloren sind, wir wissen recht wohl, daß diese Behauptung richtig ist, aber von einer Richtigkeit, deren nackte Kälte uns innerlich frieren läßt. Denn noch viel besser, als wir dieses wissen, ist es uns auch bekannt, daß alle sichtbaren Dinge dem Schöpfer dazu dienen müssen, uns die Geheimnisse jenes unsichtbaren Daseins zu enthüllen, dessen Gesetzen wir in unserm Innern, in unserm seelischen Leben Rechnung zu tragen haben. Für den Gottesfeind hat sich da draußen die Erde geöffnet, um mit Flammenfäusten ihren Schmutz und ihre Schlacken auszuwerfen; für uns aber, die wir von dem Äußeren auf das Innere und von dem Niedrigen auf das Hohe schließen, werden die Tore des Paradieses aufspringen, damit ihnen jenes Licht entströme, bei dessen Wahrheit und Klarheit die Engel sehen können, ob endlich, endlich Friede auf Erden sei, oder leider immer noch nicht!«

Ich staunte über das, was ich hörte. Woher kamen dieser Frau solche Gedanken? Woher diese Kenntnisse, diese Anschauung, diese Erfahrung? War sie eine Ussul, oder nicht? Sie war von ihrem Sitz aufgestanden, indem sie sprach. Sie stand an der nördlichen Brüstung der Plattform, während ich an der südlichen saß. Ihre weiße Gestalt ragte vor mir inmitten der Glut, welche das hochliegende Bergland zu uns herniedersandte. Sie erschien von heiligem Licht eingerahmt, wie ein Wesen, welches nicht von der Erde stammt, so wissend, so rein, so heilig. Ich mußte an die Norne Urd, die altgermanische Schicksalsgöttin, denken, die ebenso, dem Geschlecht der Riesen entstammend, auf dem Gewordenen steht und das Werdende überschaut, um das Werdensollende zu erkennen. Es stieg ein unbeschreibliches Gefühl in mir auf, aus der Tiefe meiner Seele, ein Gefühl, welches ich bisher noch nie empfunden hatte. Es war nicht Liebe; es war nicht Bewunderung, nicht Hochachtung oder Vertrauen, aber dennoch war es das, und noch viel mehr als dieses alles. Es kam auch eine ganz besondere Gabe von Mitleid hinzu. Was sollte dieses Gefühl? Wer gab es mir? Floß es aus ihrer Atmosphäre auf mich über? Da drehte sie sich, als ob sie von diesen meinen Gedanken berührt worden sei, nach mir um und sprach:

»Sahib, wundere dich nicht über das, was ich sage! Wundere dich auch nicht über die Art und Weise, in der ich rede! Meine Heimat ist Sitara, das Land der Berge Gottes, von dem du wohl noch keine Kunde hast. Zwar wurde ich nicht dort geboren, auch meine Eltern und Voreltern nicht. Aber meine Ahnen stammen von dort. Sie wurden beide in dieses niedere, feuchte Land der Ussul gesandt, um diese armen Leute über Gott, ihren Herrn, und über die Aufgaben des Menschengeschlechtes zu belehren. Ich glaube, ihr Europäer nennt das Mission. Sitara hat eine Herrscherin, keinen Herrscher. Dieses Prinzip folgte meinen Ahnen mit hierher. Die Überlieferungen aus der Heimat erbten von Glied zu Glied stets auf die älteste Tochter über. Zwar wurde der Ussul, den sie sich zum Mann wählte, Priester, aber das Wissen, die Würde, die Befähigung, die kam von ihr. So ist es gewesen bis auf den heutigen Tag, und so darf und kann – kann – kann es leider nicht bleiben.«

Sie hatte diese letzten Worte nur zögernd ausgesprochen und setzte sich dabei wieder nieder, als ob sie plötzlich müde geworden sei. Dann fuhr sie fort:

»Die Nachkommen meiner Ahnen sind verschwunden, sind Ussul geworden, sind ganz im Volk aufgegangen. Aber das war es ja, worin ihre Sendung bestand: Während sie herniederstiegen, hoben sie das Volk. Die Oberfläche dieses Menschenmeeres ist eine reinere, gesündere und bewegtere geworden. Und in der Tiefe ruhen nun die hinabgesunkenen Muscheln, damit es möglich sei, daß Perlen entstehen. Auch ich bin Ussula geworden. Aber ich habe das, was ich von den Ahnen ererbte, bewahrt, beschützt und vermehrt, wie man Juwelen behütet. Gott gab mir ein Kind, eine liebe, kluge, für alles Edle begeisterte Tochter. Ihr fiel die Aufgabe zu, meine Nachfolgerin zu werden. Darum schmückte ich ihren Geist und ihre Seele schon von früher Jugend an mit den Schätzen, zu denen Behüterin und Bewahrerin sie berufen war. Ich legte ihr, indem sie emporwuchs, ein Juwel nach dem andern an, und es war in meinem Mutterherzen eine Freude und Wonne zu sehen, daß sie an Erkenntnis, Innerlichkeit und Tiefe wohl alle ihre Vorgängerinnen übertreffen werde. Ihr Vater, der Sahahr, der niemals aufgehört hat, mich zu lieben und mich zu ehren, fühlte sich nicht weniger glücklich als ich. Er setzte sein ganzes Hoffen und Wünschen allein nur auf dieses Kind. Sein Glaube an Gott nahm eine andere Richtung an. Er stieg vom Himmel auf die Erde nieder. Sein Glauben und sein Hoffen auf die Zukunft dieses Kindes wurde ihm zur Religion. Er war Ussul, aber ein Ussul mit aufrichtigen edlem Streben. Dieses Streben gipfelte in den einstigen Aufgaben seiner Tochter. Er arbeitete ihr mit allem Fleiß im tiefsten Innern voran, um ihr die Lösung derselben zu ermöglichen. Wer nach dieser Tochter griff, der griff nach seinem Glauben, und wenn diese Tochter starb, so starb auch sein Glaube, seine Religion, sein – Gott! Kannst du das begreifen, Sahib?«

»Sehr wohl!« antwortete ich, innerlich tief bewegt. Denn nun war mir der Haß des Sahahr kein schmerzliches Rätsel mehr. Ich konnte ihn verstehen und entschuldigen.

»Da kam der Dschinnistani«, fuhr sie fort. »Als Arzt berühmt, so weit die hier bekannte Erde reicht, war er ein schöner, seelengroßer Mann, an Geist uns alle überragend, und dabei doch so einfach und bescheiden, daß er alle Herzen gewann, auch das meines Kindes!«

Sie unterbrach sich selbst, streckte den Arm nach Norden aus und forderte uns auf:

»Habt acht, habt acht! Das Tor beginnt, glaube ich, sich zu bewegen!«

Ja wirklich! Es bewegte sich, es zitterte! Wie ein sich von innen näherndes Licht, welches durch Mauern leuchtet, so stach ein scharf glänzender Punkt durch den unteren, violetten, blauen und dunkelroten Teil der Flammenwand. Der Punkt durchbohrte diese Wand. Sie öffnete sich. Es entstand eine Spalte, die nach der Basis trachtete und, als sie diese erreicht hatte, immer breiter und höher wurde, ein Tor, ein Riesentor zwischen violett, blau und dunkelrot strahlenden Feuerpfeilern, die sich oben zu einer blutig hellrot glänzenden Spitze vereinigten. Aus diesem Tor brach ein Stern des hellsten, klarsten Lichtes, von unwiderstehlichen, elementaren Gewalten herausgetrieben. Sobald er das Tor verlassen hatte, verbreiterte er sich nach allen Seiten, und zwar in einer solchen Weise, daß sogar wir von ihm überflutet und beleuchtet wurden. Die Nacht um uns her verwandelte sich in Dämmerung. Das Firmament schien zurückzutreten, und einige Gestalten, die soeben da unten auf dem Denkmalplatz aus dem Tor des Palastes traten, waren so deutlich zu erkennen, daß man sah, wie sie sich bewegten. Welch eine Eruption! Welch eine Fülle von leuchtender Kraft und glühenden Stoffes entströmte dem Innern der Berge, die man zu übersteigen hatte, um hinauf nach Dschinnistan zu kommen! Der Anblick dieses unbeschreiblichen Schauspiels ergriff und packte mich. Es war mir, als würde ich von ihm emporgehoben. Ich begann, zaghaft zu werden, und hielt mich am Geländer fest. Die Priesterin aber bog sich weit vor und rief so laut, als ob man sie da oben am leuchtenden Tor des Paradieses hören solle:

»Das ist es! Ja, das ist es! Das geöffnete Tor des verlorenen Paradieses! Hätten wir nicht sterbliche, sondern unsterbliche Augen, so würden wir die Heerscharen der Engel sehen! Und hätten wir nicht ein sterbliches, sondern ein unsterbliches Gehör, so würden wir jetzt die Stimme des Obersten dieser Heerscharen vernehmen, die über den ganzen Erdkreis schallt: Ist Friede auf Erden?«

Sie rief in ihrer Begeisterung diese Frage viermal von hier oben in die Tiefe hinab, und zwar in die verschiedenen Himmelsrichtungen, nach Norden und Süden, nach Osten und Westen. Fast hätte auch ich begeistert und ebenso laut wie sie die Antwort meiner Überzeugung und meines Herzens in alle Winde hinausgerufen: »Noch ist nicht Friede, aber Gott hat ihn uns verheißen; die ganze Erde bittet um ihn, und darum wird er kommen!« Aber ich bezwang mich und war still. Und das war gut. Denn wie auf der Erde das Böse gleich beim Guten und der Schatten gleich beim Licht steht, so auch das Lächerliche gleich beim Erhabenen. Kaum war die Frage der Priesterin verklungen, so scholl von da unten, wo die Männer vor dem Tor des Palastes standen, die Stimme meines kleinen Hadschi Halef herauf:

»Fällt uns gar nicht ein! Wir fangen schon morgen an, zu exerzieren und zu marschieren! Unser Kriegsplan steht schon fest. Kannst du mich sehen, Sihdi?«

»Ja«, antwortete ich, natürlich vollständig entgeistert.

»Ich dich auch! Jedenfalls noch besser als du mich. Was ist denn das für eine Helligkeit?«

»Sie kommt von feuerspeienden Bergen.«

»Muß das bei Nacht sein? Können die nicht warten? Ich muß schlafen. Dieser Simmsemm drückt mir die Augen zu. Der Oberst und die beiden Leutnants führen mich heim. Gute Nacht, Sihdi! Komm bald nach!«

»Wer war dieser Mann?« fragte die Priesterin beinahe zornig, denn auch sie fühlte sich wie aus einem Himmel gerissen.

Taldscha klärte sie über den kleinen Mann und seine Verdienste auf. Da verrauchte der Zorn der Greisin sehr schnell, und sie sprach:

»Da hast du gleich den ganzen Gegensatz zwischen Erde und Himmel! Bei uns hier oben ertönen Engels- und Friedensworte; da unten aber führt der Simmsemm das Wort und spricht vom Exerzieren und Marschieren! Aber, Sahib, sorge dich nicht um die Macht des Himmels! Und sorge dich auch nicht um das Schicksal der Erde! Der Krieg, den heut der Simmsemm beschlossen hat, den wirst du schnell zum guten Frieden führen. Es hat schon mancher Halef Omar behauptet, der Kriegsplan stehe fest, und sich dann trunken heimführen lassen; aber die Ausführung und das Gelingen dieses Planes liegt in der Hand eines Höheren, und da dieser Höhere will, daß sich die Völker lieben, so sind sie wohl beide längst schon unterwegs, nämlich der Friede zum Kommen und der Krieg zum Gehen!«

Sie stemmte den einen Arm auf die Balustrade, schaute weit hinaus, dahin, wohin ihre Gedanken gingen, und sprach weiter:

»Daß Friede werden muß, das fühle ich. Ja, ich weiß es ganz gewiß. Ich stamme aus Sitara, wo man den Krieg nicht kennt und jedes Wort ein Wort der Liebe und Versöhnung ist. O du mein Vaterland, mein herrliches und liebes! Ich sah dich nie. Jedoch den letzten Blick, den meine Ahnen scheidend auf dich warfen, den haben sie als heiliges Vermächtnis hinterlassen. Er ist von Glied zu Glied auf mich gekommen. Mit ihren Augen sehe ich dich schon heut, doch mit den meinen erst, wenn ich gestorben bin, du Land der Seelen, Land der Liebe, Land der …«

»… der Sternenblumen!« fiel ich ein.

Sie fuhr mit einem schnellen Ruck zu mir herum, richtete sich hoch auf und fragte:

»Der Sternenblumen? Kennst du sie?«

»Ja«, antwortete ich.

»Was weißt denn du von ihnen?«

»Daß Taldscha nach ihnen duftet; nur wußte ich nicht, woher. Jetzt aber weiß ich es: Sie ist deine Freundin. Dir ist dieser Dufthauch angeboren. Sie hat ihn von dir!«

Sie trat einen Schritt näher und fragte:

»Aber du? Woher ist er dir denn bekannt? Dir, dem Fremdling, dem Europäer?«

»Auch ich habe ihn!«

»Von wem?«

»Von Marah Durimeh.«

»Von Marah Durimeh?« rief sie nicht, sondern schrie sie laut. »So ist auch sie dir bekannt?«

»Bekannter als du und Taldscha und alle hier am Ort! Sie ist meine Freundin, meine Beraterin, meine Beschützerin.«

»So hast du sie gesehen? Mit ihr gesprochen – wirklich?«

»Schon oft, schon oft! In verschiedenen Gegenden! Auch in Sitara schon!«

»Du warst …« sie unterbrach mich, ergriff meine Hand, zog mich näher zu sich heran, sah mir in die Augen und fuhr fort: »Du warst schon in Sitara selbst?«

»Ja!«

»Sag mir die Wahrheit, ja die Wahrheit! Ist es wirklich so?«

»Ja, wirklich!«

»Höre, ich prüfe dich! Was du sagst, ist fast unmöglich!«

»So prüfe!«

»Das werde ich tun. Höre, und antworte mir! Es soll dort eine Schmiede geben, eine ganz sonderbare, berühmte, alte Schmiede. Sie liegt im tiefen Wald. Es wird nicht Eisen dort geschmiedet, sondern etwas ganz anderes. Wenn du bei Marah Durimeh gewesen bist, so kennst du diese Schmiede unbedingt! Sie liegt in Sitara.«

»Nein, sondern nur an der Grenze von Sitara, nämlich in Märdistan. Nur wer in dieser Schmiede zu Stahl gehärtet worden ist, darf nach Sitara kommen.«

»Aber – aber – du sagtest doch, daß du in Sitara gewesen seist?«

»Allerdings!«

»Also auch in der Schmiede?«

»Ja.«

»Im Feuer, auf dem Ambos, im Schraubstock?«

»In allen Qualen, die es dort gibt.«

Sie war von dem, was sie hörte, fast außer sich. Sie atmete tief und schwer.

»So kennst du den Bericht? Kennst seine Worte?« fragte sie.

»Schon längst!«

»So sag sie! Sag wenigstens den Anfang!«

Ich gehorchte ihr, indem ich die meinen Lesern wohlbekannte Schilderung rezitierte:

»Zu Märdistan, im Walde von Kulub,
Liegt einsam, tief versteckt die Geisterschmiede.
Nicht schmieden Geister; nein, man schmiedet sie!
Der Sturm bringt sie geschleppt um Mitternacht,
Wenn Wetter leuchten, Tränenfluten stürzen.
Der Haß wirft sich in grimmer Lust auf sie.
Der Neid schlägt tief ins Fleisch die Krallen ein.
Die Reue schwitzt und jammert am Gebläse.
Im Blocke steht der Schmerz, mit starrem Aug
Im rußigen Gesicht, die Hand am Hammer …«

Die Priesterin hatte mich bis hierher zitieren lassen; aber ihre Erregung ließ sie nicht länger schweigen. Sie unterbrach mich, um selbst fortzufahren:

»Da, jetzt, o Mensch, ergreifen dich die Zangen.
Man stößt dich in den Brand; die Bälge knarren.
Die Lohe zuckt empor, zum Dach hinaus,
Und alles, was du hast und was du bist,
Der Leib, der Geist, die Seele, alle Knochen,
Die Sehnen, Fibern, Fasern, Fleisch und Blut,
Gedanken und Gefühle, alles, alles
Wird dir verbrannt, gepeinigt und gemartert
Bis in die weiße Glut …«

Da wurde auch sie unterbrochen. Die Herrin der Ussul ergriff das Wort, um die Schilderung der Vorgänge in der Geisterschmiede fortzusetzen:

»Da reißen dich die Zangen aus dem Feuer.
Man wirft dich auf den Amboß, hält dich fest.
Es knallt und prasselt dir aus jeder Pore.
Der Schmerz beginnt sein Werk, der Schmied, der Meister.
Er spuckt sich in die Fäuste, greift dann zu,
Hebt beiderhändig hoch den Riesenhammer
Und schmettert ihn gefühllos auf dich nieder.
Die Schläge fallen. Jeder ist ein Mord,
Ein Mord an dir. Du meinst, zermalmt zu werden.
Die Fetzen fliegen heiß nach allen Seiten,
Dein Ich wird dünner, kleiner, immer kleiner.
Und dennoch mußt du wieder in das Feuer –
Und wieder – immer wieder, bis der Schmied
Den Geist erkennt, der aus der Höllenqual
Und aus dem Dunst von Ruß und Hammerschlag
Ihm ruhig, dankbar froh entgegenlächelt.
Den schraubt er in den Stock und greift zur Feile.
Die kreischt und knirscht und frißt von dir hinweg
Was noch …

»Halt ein!« rief da die Priesterin. »Das ist nicht Sage und nicht Märchen, sondern Wahrheit! Das ist wirklich und wirklich die Schmiede, in der ein jeder, der nach Sitara will, vom Schmerz und seinen riesigen, erbarmungslosen Gesellen geglüht, gehämmert, gefeilt und gestählt werden muß, um aus einem Gewaltmenschen in einen Edelmenschen verwandelt zu werden! Nur wer dies geworden ist, der weiß, durch welche Leiden, Qualen und Martern er gehen mußte, und doch haben all die Tausende, die um ihn und mit ihm leben, keine Ahnung davon! Nicht seine Worte, sondern seine Werke verraten es. Höchstens vielleicht noch seine Augen, diese armen, für alle Zukunft noch qualerfüllten Augen, aus deren tiefstem Hintergrund das dunkle Bild der Geisterschmiede schimmert! Wunderst du dich, Sahib, daß ich diese Schmiede kenne?«

»Nein, denn du hast mir ja gesagt, daß deine Ahnen aus Sitara stammen. Aber daß auch Taldscha von ihr wisse, das habe ich nicht gedacht.«

»Sie erfuhr es von mir. Ich mußte es ihr sagen, denn selbst erleben kann sie es nicht, weil sie zu den anderen gehört, denen Gott es erlaubt, nicht durch das Leid, sondern durch das Glück veredelt zu werden. Aber nun frage ich dich, ob du wohl errätst, welche Bitte mir auf dem Herzen hegt, seit ich erfahren habe, daß du nicht nur von Marah Durimeh weißt, sondern daß du sie persönlich kennst und daß sie sogar deine Freundin ist?«

»Es ist sehr leicht zu erraten«, antwortete ich.

»So bitte, sage es!«

»Ich soll dir erzählen, wann, wo und wie ich Marah Durimeh kennengelernt habe.«

»Ja, das ist es. Bist du bereit, uns diesen Wunsch zu erfüllen?«

»Sehr gern! Wenn du Zeit hast, mich zu hören.«

»Die habe ich. Nachdem der Sahahr Opium getrunken hat, wird er nicht vor Anbruch des Morgens erwachen. Und müde bin weder ich noch Taldscha, meine Freundin. Wenn wir von Marah Durimeh hören können, wird für uns sogar die Nacht zum Tag. Und schau der heutigen Nacht in die klaren, offenen Augen! Auch sie schläft nicht, sondern sie wacht. Fordert uns nicht alles, was unter, über und um uns ist, geradezu auf, von der großen, wundertätigen Herrin von Sitara zu reden? Unter uns der dunkle Raum des Ussultempels, der für mich den Anfang aller Glaubenswege bedeutet, die zu Gott führen. Über uns die strahlenden Sternenwelten, die unsern Blick nach oben ziehen, um uns die Richtung dieser Wege zu zeigen. Und rings um uns her das farbenreiche, mystische Licht, in welches sich die schwere, feste und starre irdische Hülle auflöst, weil sie uns zu offenbaren hat, daß sie einst aus der Höhe kam und durch diese Wandlungen und Läuterungen nun wieder nach dort zurückgeführt wird. Dieses Licht beruht auf diesem seinem Himmelspfad unser Gemüt. Es klopft im Vorüberstrahlen an unser Herz. Es gibt uns heilige Stimmung und macht uns empfänglich für jede Botschaft, die aus dem Land der Liebe und Güte zu uns kommt. Auch du bist ein Bote für uns, Sahib, und was du sagen wirst, ist heilig. Darum setze dich! Setze dich uns gegenüber, und sprich von ihr! Von der herrlichen, mächtigen Frau, welche die höchste und die reinste irdische Seele ist, weil alles Gute, was wir tun, indem wir das Böse überwinden, sich erst an ihr zu formen und zu verewigen hat, bevor es unsere eigenen Gestalten verschönert und verklärt. Komm, setze dich – und erzähle!«

Ich folgte dieser Aufforderung. Mein Bericht über mein Verhältnis zu Marah Durimeh war weniger ein Erzählen als vielmehr eine Beantwortung von Hunderten von Fragen, die von den beiden begeisterten Frauen an mich gerichtet wurden. Wir saßen noch stundenlang, in stiller Nacht, auf der Zinne des innerlich dunklen Tempels, aber im Flammenschein der Licht und Wärme schleudernden Vulkane. Es wäre wohl manchem meiner Leser interessant, zu erfahren, was meine beiden Zuhörerinnen zu fragen und zu forschen hatten, und ich möchte gern einen jeden, der diese meine Zeilen in die Hand bekommt, in dieses Allerheiligste der Menschenseele blicken lassen; aber ich muß alles vermeiden, was zu der falschen Meinung leiten könnte, daß ich mit meinen Erzählungen sonderreligiöse oder aftertheologische Zwecke verfolge, und so will ich, wie so oft, auch hier über alles das hinweggehen, was lehrhaft erscheinen könnte.

Wenn ich gesagt habe, daß wir noch stundenlang saßen, so ist das sehr reichlich gemeint. So oft ich mich von meinem Sitz erhob, um Schluß zu machen, wurde ich gebeten, noch zu bleiben. Als aber endlich im Osten der erste, blasse Gruß des Tages mit dem auch dorthin dringenden Licht der Vulkane zusammenfloß, sahen die beiden Freundinnen ein, daß es notwendig sei, sich mit dem, was sie jetzt gehört hatten, einstweilen zu begnügen. Wir verließen die Plattform des Tempels, um wieder hinabzusteigen. Der Diener war trotz der Geduldsprobe, die man ihm zugemutet hatte, noch da. Er bekam das Zeichen, den Leuchter wieder emporzuziehen. Von dem Schein der fast gänzlich niedergebrannten Lichter begleitet, gelangten wir hinab und traten in das Freie. Die Frauen bedankten sich. Die Priesterin hatte noch einen besonderen Auftrag für mich, der ihr unendlich am Herzen lag. Ich hatte im Verlauf unserer Unterredung Veranlassung gefunden, meinen Besuch bei dem Dschirbani auf der Insel der Heiden anzudeuten. Sie kam jetzt hierauf zurück, indem sie sich erkundigte, wann ich diesen Besuch zu machen gedenke.

»Er hat mich um die Mitte des Vormittags bestellt«, berichtete ich ihr.

»Möchtest du mir die Güte erweisen, ihm eine Bitte von mir zu überbringen?«

»Gern! Befiehl über mich!«

»Er ist mein Enkel, der Sohn meiner Tochter, und doch war es mir verboten, mit ihm zu verkehren. Es gab Rücksichten, die mich zwangen, dies dem Sahahr zu versprechen. Wir lieben uns, wie Gott und die Natur es verlangen, auch grüßen wir uns, doch nur von weitem. Jetzt aber ist der Sahahr so schwer verletzt, daß nur die Kunst seines Enkels ihn vom Tode zu erretten vermag, und da fühle ich mich nicht nur berechtigt, sondern auch verpflichtet, für diesesmal mein dem Sahahr gegebenes Versprechen aufzuheben. Ich bitte dich, dem Sohn meiner Tochter zu sagen, daß ich genau um die Mittagszeit im Tempel sein werde, um mit ihm zu sprechen. Und auch noch um ein anderes muß ich dich bitten. Es betrifft den Sahahr. Seit er verwundet heimgebracht worden ist, haben ihn ganz eigenartige Gedanken ergriffen. Es ist, als ob er phantasiere, aber doch ist er bei Sinnen. Erst hielt ich es für ein sehr frühzeitig auftretendes Wundfieber, bis mich der Puls überzeugte, daß dies ein Irrtum sei. Was aus diesen Gedanken wird, weiß ich noch nicht. Sie beschäftigen sich auch mit dir. Aber mögen sie sich entwickeln, wie sie wollen, so bitte ich dich, überzeugt zu sein, daß der Sahahr deine Hochachtung verdient und ein Mann ist, der nur das Glück und Wohl seines Volkes will. Er haßt seinen Enkel nur als den Sohn des Dschinnistani, der den Ussul den Stamm ihrer Priesterinnen vernichtete; als den Sohn seines Kindes aber liebt er ihn heimlich um so inniger. Und dieser innere Kampf, dieser Zwiespalt ist es, der ihn nach außen hin so hart und grausam macht.«

»Konnte deine Tochter denn nicht auch als Frau des Dschinnistani deine Nachfolgerin werden?« fragte ich.

»Er war ja doch Ussul geworden!«

»Nur äußerlich, doch nicht innerlich. Sein Glaube war ein anderer als der unsere, und er zog den ihrigen zu sich hinüber. Wäre sie dem Glauben ihrer Väter und Mütter treu geblieben, so wäre sie auch als Frau dieses Mannes Priesterin geworden, aber er hätte der Nachfolger meines Mannes, also Sahahr, werden müssen, und das, das wies der Dschinnistani streng von sich zurück.«

»War sein Glaube so verschieden von dem euren?«

»Ja. Zwar hat er ihn nie in Worten gelehrt, ihn aber immer in einer Weise bekannt, die tiefer und länger wirkt, als Worte wirken können. Du wirst das sehen, sobald du die Insel der Heiden betrittst. Wirst du mir meine Bitte, die sich auf den Sahahr bezieht, erfüllen können?«

»Sie ist bereits erfüllt. Ich achte ihn. Darum bedaure ich es von Herzen, daß wegen seiner Verwundung nun wohl ein anderer die Zeremonie unserer Aufnahme unter die Ussul leiten wird.«

»Welche Zeremonie?« fragte da die Frau des Scheichs.

»Von der er gestern sprach, nachdem ich den Adler geschossen hatte. Er sagte, das sei eine heilige Zeremonie, die er als Priester vorzunehmen habe.«

Da lachte Taldscha lustig auf, indem sie rief:

»Um diese heilige Zeremonie habe ich ihn und euch gebracht, indem ich eure Aufnahme nicht im Tempel, sondern während des Abendessens beim fröhlichen Genuß des Simmsemm geschehen ließ. Aber sorge dich nicht etwa um ihre Gültigkeit! Es kann kein Mensch etwas an ihr ändern! Du bist Ussul und bleibst Ussul, wenn die Zeremonie auch keine so ernste gewesen ist, wie die Sahahr sich gestern dachte!«

Hierauf begleiteten wir die Priesterin nach ihrem in der Nähe liegenden Haus; ich brachte Taldscha nach dem Palast und wendete mich dann heim nach unserer gastlichen Wohnung.

Viertes Kapitel.

Der Dschirbani

Es war, wie gesagt, beim Morgendämmern, als ich nach Hause kam. Ich brauchte kein Licht. Man konnte deutlich sehen. Von den beiden Dienern war keiner da. Sie hatten, wie ich später erfuhr, gegen Morgen die Geduld verloren und sich entfernt, vorher aber noch gewaltige Holzklötze, die jetzt noch brannten, in das Feuer geworfen. Es herrschte also in dem für mich bestimmten Raum eine ganz angenehme, trockene Temperatur. Ich schaute nach dort hinaus, wo Halef liegen mußte. Ich sah ihn nicht. Ich suchte ihn in den andern beiden Stuben. Auch da befand er sich nicht. Da ging ich hinaus nach dem Pferdestall. Die Tür war nicht mehr verriegelt, sondern nur angelegt. Ich schlug sie auf. Da fiel mein Auge auf zwei voneinander getrennte, aber sehr erfreuliche Gruppen. Links lagen die beiden Pferde eng aneinandergeschmiegt. Sie begrüßten mich, indem sie leise wieherten, so leise, daß Halef nicht aufwachte. Dieser lag nämlich zur rechten Hand auf der weichen Blätterstreu bei den Hunden. Der eine von ihnen diente ihm als Kopfkissen; der andere lag, lang an ihm hingestreckt, von den Armen des Schläfers zärtlich umfangen. Beide waren wach. Sie wedelten, als sie mich sahen, mir ihre Morgengrüße zu, regten sich aber nicht, damit der kleine Hadschi nicht gestört werde. Rundum lagen große, abgenagte und zerbissene Knochen. Halefs Schlaf schien aber doch kein allzu tiefer zu sein. Die durch die offene Tür eindringende frische Luft wurde von ihm empfunden. Er machte eine Wendung und sagte:

»Laß das Lecken!« Und dann fügte er hinzu: »Es wird von den Gesetzen des Anstandes untersagt!«

Aber grad dieses Lebenszeichen, welches er da gab, bestimmte den Hund, das zu tun, was verboten worden war. Er begann, ihn zu lecken.

»Keine Vertraulichkeit!« befahl Halef. »Ich bin der Scheich; du aber bist nur der Hund!«

Da wachte er vom Klang seiner eigenen Stimme auf, blinzelte mit den Augen und erklärte ihm:

»Der Hund darf den Scheich höchstens nur dann in das Gesicht lecken, wenn er von diesem vorher geleckt und also dazu aufgefordert …«

Er hielt trotz seiner Schlaftrunkenheit mitten im Satze inne, weil er die Gefährlichkeit dessen, was er sagte, fühlte. Er machte also die Hinzufügung:

»Da aber ein Scheich seinen Hund niemals lecken wird, so hast du mir neben deiner Liebe auch diejenige Hochachtung zu …«

Er unterbrach sich wieder. Er sprach sich immer munterer. Erst hatte er nur geblinzelt; nun aber öffnete er die Augen ganz. Er sah mich vor sich stehen. Da setzte er sich schnell auf, fiel aber gleich wieder um.

»Du hier, Sihdi, du?« fragte er. »Wie kommst – kommst – kommst denn du dazu, in – in – in …«

Er versuchte immer wieder, zum Sitzen zu gelangen, fiel aber noch drei- oder viermal um, bis er es endlich fertigbrachte.

»Verzeihung, Effendi!« bat er da. »Kennst du mich?«

»Eigentlich nicht!« antwortete ich.

»Kein Wunder!« nickte er, indem er sich mit den Händen nach dem Kopf fuhr. »Du hast doch gewiß noch nie einen Menschen mit so vielen Köpfen gesehen! Ich habe fünf oder sechs! Und alle, alle sind sie bis oben voll Simmsemm! Wie schwer das ist! Und wie sie alle wackeln! Siehst du, daß ich sie mit den Händen festhalten muß, damit sie mir nicht herunterfallen, einer nach dem andern?«

»Leider, leider!«

»Schweig mit deinem ›leider‹, ich bitte dich! Du freilich hast es dir gut und bequem gemacht! Du hast dich schlauerweise nur über gewöhnliche Dinge unterhalten, die kein Kopfzerbrechen verursachen, und hast dich dann, als es schwierig wurde, sehr einfach aus dem Staub gemacht! Aber auf mich ist alles abgeladen worden, alles, alles, was Klugheit, Nachdenken und Kenntnisse erforderte! Und als du dich entfernt hattest, legte man die ganze Last der diplomatischen und kriegerischen Verwickelungen nur ganz allein auf meine Schultern! Denke dir doch nur diese Verantwortlichkeit! Und diese Kopfarbeit für mich! Da reicht ein einzelner Kopf gar nicht mehr zu! Ist es da ein Wunder, wenn man mehrere Köpfe bekommt? Ich habe sieben oder acht! Und weil das einzige Gehirn, welches man hat, für so viele Köpfe nicht ausreicht, so ist es doch wahrlich kein Wunder, daß sie sich nach und nach mit Simmsemm füllen und so ungeheuer schwer werden, daß sie nur immer herunterfallen wollen! Und wie das summt und brummt! Hörst du es, Effendi? Ich wollte, deine Köpfe brummten, aber nicht meine!«

Um ihm diesen Wunsch in heiterer Weise zu vergelten, antwortete ich:

»Das glaube ich, daß du das möchtest! Aber sag, Halef, ist dir die hundertundneunte Sure des Korans bekannt?«

Er sann nach, rieb sich die Stirn und brummte:

»Hm! Warum grad diese hohe Ziffer? Du weißt, Sihdi, daß ich im Koran gut bewandert bin, aber wenn du gleich so über die Hundert hinausgehst, muß ich erst meine Köpfe alle versammeln, ehe ich dir antworten kann. Ich habe neun oder zehn! Mit Ziffern kann ich mich in diesem Augenblick nicht gut befassen. Sobald ich nach einer fassen will, die im dritten Kopf steckt, springt sie mir in den sechsten oder siebenten hinüber, und wenn ich da so töricht wäre, ihr zu folgen, so rissen mir inzwischen alle andern aus. Sag also nicht, die wievielte du meinst, sondern ihre Überschrift, ihren Namen!«

»Man nennt sie El Imtihan, die Prüfung«, antwortete ich.

Die hundertundneunte Sure des Korans trägt diesen Namen, weil man sich ihrer zur Feststellung der Nüchternheit oder Betrunkenheit eines Menschen bedient. Sie lautet: »Im Namen des allbarmherzigen Gottes! Sprich: O ihr Ungläubigen, ich verehre nicht das, was ihr verehret, und ihr verehret nicht, was ich verehre, und ich werde auch nie verehren das, was ihr verehret, und ihr werdet nie verehren das, was ich verehre. Ihr habt eure Religion, und ich habe die meinige.« Das klingt im Deutschen einfach und ganz ungefährlich, bietet im Arabischen aber sprachliche Schlingen, denen jemand, der betrunken ist, mit fast unbedingter Sicherheit verfällt. Halef wußte das ebensogut wie ich; darum sagte er, als er den Namen hörte:

»Die Sure El Imtihan? Willst du mich prüfen? Denkst du vielleicht gar, daß ich betrunken bin?«

»Daß du es warst, ist sicher. Ob du es noch bist, bezweifle ich, möchte es aber doch bewiesen sehen.«

»Sofort! Sofort!« rief er aus. »Ich und betrunken! Der berühmte Scheich der Haddedihn vom großen Stamm der Schammar soll zuviel getrunken haben! Welch eine Schande! Welch eine Anklage! Welch eine Lästerung! Ich sage dir, Effendi, nur meine Köpfe sind schwer; mein Magen aber ist leicht, ist völlig leer! Komm und greif her! Du wirst sofort fühlen, daß nichts drin ist! Habe ich da zu viel getrunken? Oder ist das nicht vielmehr der allerbedeutendste Beweis, daß ich im Gegenteil zu wenig, viel zu wenig getrunken habe? Und da verlangst du von mir die hundert – die hundert und – na, kurz und gut, die Sure!«

»Ja, die verlange ich!«

»Mit welchem Recht? Ebensogut kann ich sie auch von dir verlangen! Du warst auch mit beim Fest, beim Essen und beim Trinken! Und – du wackelst! Sihdi, du wackelst! Du wackelst wirklich; ich sehe es ganz deutlich!«

»So fordere sie von mir!«

»Schön! Gut! Abgemacht! Sihdi, ich fordere sie von dir! Also, fang an! Aber wehe dir, wenn du falsche Worte bringst oder gar steckenbleibst! Ich lasse keinen einzigen Fehler durch! Nicht den geringsten!«

Ich rezitierte die Sure. Als ich fertig war, schüttelte er den Kopf und sagte:

»Sehr gut! Sehr genau und richtig! Ohne allen Anstoß! Das habe ich ganz genau gehört, denn ich kann sie nämlich auch! Und doch hast du dabei gewackelt! Hin und her gewackelt! Aber wie! Das beweist nur, daß auch Leute, die nicht betrunken sind, wackeln können. Merke dir das, Effendi! Wenn ich also vielleicht ein bißchen wackeln sollte, so beweist das eben nur, daß ich grad und genau ebenso nüchtern bin wie du. Nun komme also ich an die Reihe! Soll ich dazu aufstehen?«

»Natürlich! Die Sure Imtihan wird zu diesem Zwecke stets nur im Stehen gebetet. Das weißt du ja!«

»Ja, ich weiß es. Darum stehe ich auf!«

Er wollte mit einem einzigen, schnellen Ruck in die Höhe. Es gelang ihm aber nicht. Er setzte sich also wieder nieder. Auch ein zweiter und ein dritter Versuch mißlang.

»Du, das bin nicht ich«, entschuldigte er sich. »Das sind die Köpfe! Und das sind auch die Hunde! Die sitzen mir im Weg! So fange ich es also anders an! Besser, viel besser!«

Er begann zu knien. Dann stemmte er beide Hände nach vorn in die Streu und stellte sich hinten auf die Füße. Er stand also jetzt, wie man sich auszudrücken pflegt, auf allen vieren. Die Hunde sahen ihm erstaunt zu.

»Siehst du, wie prächtig das geht, Sihdi?« fragte er. »Paß nur auf! Du wirst dich wundern!«

Er nahm erst die eine und dann die andere Hand von der Erde und versuchte, sich aufzurichten. Ein bißchen, noch ein bißchen höher, und wieder ein bißchen höher. Er benahm sich ganz wie ein zaghafter Akrobatenlehrjunge, der zum ersten Male auf das hohe Turmseil gesetzt wird und nun sich weder aufrichten noch vor- oder rückwärts gehen kann. Er begann zu zittern, erst an den Beinen, dann am ganzen Körper.

»Auf, auf!« rief ich ihm zu.

Das erboste ihn.

»Du hast gut reden!« antwortete er zornig. »Du bist schon auf! Aber wie steht es mit mir? Das Schwerste bekomme doch immer nur ich zu tun! Aber ich werde dich beschämen! Sieh! Jetzt, jetzt! Nur Pulver hinein, dann geht's!«

Wie gesagt, so getan. Er machte Pulver hinein. Leider aber wirkte das nicht auf-, sondern abwärts. Im nächsten Augenblick saß er wieder unten zwischen den beiden Hunden.

»Diese Hunde, diese Hunde!« klagte er. »Was die mich irremachen! Du hast keine Ahnung davon, Sihdi! Dieses immerwährende Lecken während der ganzen Nacht! Und dieses immerwährende Im-Wege-Stehen jetzt am hellen Tag! Schau sie nur an, was für Gesichter sie machen! So spöttisch! Ich glaube gar, sie wagen es, mir hohnzulächeln! Da sollen sie staunen! Ich fange wieder an! Und dieses Mal komme ich aus einer anderen Gegend.«

Er drehte sich nach der Mauer um, stellte sich wieder auf alle viere und ging dann Griff um Griff mit beiden Händen an der Wand empor. Als er sich in dieser Weise aufgerichtet hatte, drehte er sich um, lehnte sich fest an, nickte mir triumphierend zu und fragte:

»Na, was sagst du nun? Du wunderst dich! Du bist überrascht, im höchsten Grade überrascht! Ja, man kann es; man hat es eben gelernt! Und nun sieh dir einmal die Gesichter dieser Hunde an! Ganz anders als vorher! Wie sie staunen! Jetzt erkennen sie endlich, daß ich der Scheich bin, sie aber nur die Hunde! Und nun gehen wir zur Sure! Die willst du noch?«

»Allerdings!«

»Die Sure Imtihan, die ich auswendig kann?«

»Ja.«

»Soll ich da auch die Einleitung sagen: Im Namen des allbarmherzigen Gottes?«

»Nein. Das ist nicht notwendig, und das gehört nicht zu ihr, weil diese Einleitung vor jeder Sure steht. Du kannst also gleich anfangen mit: »Hört, ihr Ungläubigen, ich verehre nicht das, was ihr verehret.«

»Gut! So fange ich also gleich damit an. Halte mir nur die Hunde vom Leib, daß sie mir nicht etwa beide in mein Gedächtnis hereinspringen und du dann glaubst, daß ich betrunken bin! Soll ich?«

»Ja – also?«

Da nahm er seine ernsteste Miene an, streckte die Arme nach beiden Seiten aus, machte die Augen zu und begann:

»Sprich: O ihr Hunde, ihr verehret nicht, was ich verehre, und ich …«

»Halt, falsch!« fiel ich ein. »Du hast doch ›Hunde‹ gesagt!«

»Jawohl!« antwortete er, indem er die Augen wieder öffnete. »Das ist doch nicht etwa falsch?«

»Der Prophet richtet seine Worte an die Ungläubigen, nicht aber an Hunde. Es muß also heißen: ›O ihr Ungläubigen‹!«

»So muß es allerdings heißen. Und so habe ich nicht gesagt?«

»Nein.«

»Daran bist du schuld, nicht aber ich!«

»Wieso?«

»Siehst du nicht ein, daß mir die Hunde schon mitten im Gedächtnis sitzen? Und habe ich dich nicht gebeten, sie mir vom Leib zu halten? Wenn du nicht besser aufpaßt, ist es um meine ganze, schöne Sure El Imtihan geschehen!«

»Fang nochmals an!«

»Gut! Aber sei aufmerksamer als bisher!«

Er breitete die Arme wieder aus, machte die Augen zu und fing wieder an:

»Sprich: O ihr Ungläubigen, ihr verehret …«

»Falsch!« rief ich dazwischen. »Es beginnt nicht mit ihr, sondern mit ich!«

Da verbesserte er sich:

»Sprich: O ihr Ungläubigen, ich beginne nicht mit ihr, sondern ihr beginnt mit ich, und ich …«

»Halt!« fiel ich wieder ein. »Es ist doch nicht vom Beginnen sondern vom Verehren die Rede!«

»Ach so! Also besser! Nun aber wird's!«

Er nahm sich zusammen und fing von neuem an:

»Sprich: O ihr Ungläubigen, ich verehre nicht das, was ich verehre, und ihr verehret nicht das, was ihr verehret …«

»Aber was denn sonst?« rief ich ihm zu. »Sie können doch nichts anderes verehren als eben das, was von ihnen verehrt wird!«

»Sehr richtig!« stimmte er bei. »Ich aber auch nicht!«

»Und doch hast du soeben das Gegenteil davon gesagt!«

»Ich? Das Gegenteil? Du irrst, Sihdi! Ich kann beschwören, so vielmal du willst, daß ich in meinem ganzen Leben noch nicht ein einziges Mal das Gegenteil von dem gesagt habe, was ich sage! Wenn du solchen Unsinn redest, muß ich annehmen, daß der Rausch, den du in meinen elf oder zwölf Köpfen suchst, in deinem eigenen Kopf steckt!«

»Die Zahl deiner Köpfe wird, wie es scheint, immer größer. Du hast behauptet, daß du nicht verehrest, was du verehrst.«

»Das ist nicht wahr, Effendi, das ist nicht wahr! Ich weiß zwar, daß du niemals lügst, und das ist wohl die einzige Tugend, die ich an dir entdecken kann, aber Irrtümer und Verwechslungen sind auch beim wahrhaftigsten Menschen möglich, zumal du mich immer und immer unterbrichst. Laß mich doch einmal ausreden, richtig ausreden! Von Anfang bis zum Ende! Da wirst du gleich hören, daß alles prächtig stimmt!«

»Gut! So rede dich aus!«

»Ohne, daß du mich unterbrichst?«

»Ja.«

»So halte Wort! Und paß auf, wie gut und richtig ich es bringen werde!«

Und abermals streckte er die Arme aus, und abermals machte er die Augen zu. Dann begann er zu deklamieren:

»Sprich: O ihr Ungläubigen, ich rede nicht aus, was ihr ausredet, und ihr unterbrecht nicht das, was ich unterbreche, und ich werde nie das verehren, was ihr ausredet, und ihr werdet nie verehren, was ich unterbreche. Ihr habt meine Religion und ich habe die eurige!«

Als er damit fertig war, machte er die Augen wieder auf, ließ die Arme fallen und schaute erwartungsvoll zu mir herüber. In seinem Gesicht war sehr deutlich zu lesen, daß er überzeugt sei, daß größte Lob von mir zu ernten.

»Nun, Sihdi, was sagst du dazu?« fragte er, als ich schwieg.

»Du hast den tollsten Unsinn geschwatzt, den es geben kann!« antwortete ich.

»Unsinn? Toll?« wiederholte er erstaunt. »Was wird Mohammed, der Prophet, dazu sagen, wenn er das erfährt?«

»Warum grad dieser?«

»Weil das, was du als Unsinn bezeichnest, aus seinem Munde stammt, sogar aus Gottes Mund. Denn ich habe wortwörtlich wiederholt, was Mohammed im heiligen Buch sagt. Und was da steht, das ist dem Propheten vom Himmel herabgekommen! O Effendi, wie betrübst du mich! Ich kenne dich gar nicht wieder. Es steht schlimm, sehr schlimm um dich! Du bist entweder ein Spiritustrinker oder ein Gotteslästerer geworden! Eines von beiden! Ein Drittes gibt es nicht! Wenn du den Inhalt des Korans als Unsinn bezeichnest, bist du entweder ein Religionsschänder oder ein Trunkenbold. Um dich vom Trunk zu retten, muß ich dich für einen Lästerer halten, und um dich vor dem Religionsfrevel zu befreien, bin ich gezwungen, dich als Trunkenbold hinzustellen. Beides ist schrecklich. Eines immer schrecklicher als das andere! Aber ich will dich doch lieber für einen Trinker als für einen Verleumder der Sure El Imtihan halten und fühle mich darum verpflichtet, dich zu warnen. Hüte dich vor dem Simmsemm! Ich sage dir, hüte dich! Dieser Simmsemm gleicht einem alten Weib, welches äußerlich schöne Kleider trägt, innerlich aber voller Mucken und tiefer Abgründe ist.«

»Die kennst du wohl?« fragte ich in etwas anzüglicher Weise.

»Ja, die kenne ich!« bestätigte er. »Denn ich bemerke sie an dir. Du bist betrunken, Sihdi, vollständig betrunken! Du kannst dich schon nicht mehr auf den Beinen halten! Ich habe dich an die Wand gelehnt; aber du hast nicht einmal die Kraft, dich an ihr aufrecht zu erhalten. Du rutschtest …«

Während er das sagte, rutschte er selbst.

»Rutschtest – an der Wand hernieder«, fuhr er fort, indem er den Halt verlor und mehr und mehr zusammensank. »Dann kommt – dann kommt – dann kommt ein großer gewaltiger Plumps, und dann – dann liegst du da!«

Ganz genau so, wie er es sagte, so geschah es. Der Plumps kam, und dann lag er da, der berühmte Scheich der Haddedihn vom großen Stamm der Schammar. Ich machte den Versuch, ihn wieder zu ermuntern, vergeblich. Der Simmsemm war mächtiger als alles, was ich tat und sagte. Halef wachte nicht wieder auf. Ich brachte ihn in eine bequeme Lage und ging dann zu den Pferden, welche erwarteten, liebkost zu werden. Als ich den Stall verließ, machten die beiden Hunde nicht den geringsten Versuch mitzugehen. Sie blieben bei dem kleinen Hadschi liegen, der sich, wie er mir hernach sagte, nach dem Festessen mit einer tüchtigen Portion von Fleisch und Knochen an sie herangevettert hatte.

Ich ging in meine Stube und streckte mich auf dem weichen Fellager aus, um zwei kurze Stündchen zu schlafen. Nach dieser Zeit wachte ich wieder auf. Ich habe infolge der Gewöhnung den Schlaf fest in der Hand. Ich wache niemals später auf, als ich mir vorgenommen habe. Das erste, was ich nun tat, war, daß ich ein Bad im Fluß nahm. Ein kleiner, rings von Sträuchern eingefaßter Platz war hierzu für die jeweiligen Insassen unseres Hauses vorhanden. Dieses Bad erfrischte mich so, als ob ich während der ganzen Nacht geschlafen hätte und darum vollständig ausgeruht sei. Als ich hierauf vom Fluß zurückkehrte, wurde die Tür des Stalles von innen aufgestoßen, und Halef trat heraus, langsam, matt und eingefallenen Gesichtes. Zu gleicher Zeit ließen sich unsere beiden Diener sehen. Sie brachten das Frühstück, welches aus Brot und Fleisch bestand. Ein kleiner Krug voll Simmsemm stand dabei. Ich hatte guten Appetit, Halef aber nicht, doch setzte er sich mit zum Essen nieder. Ich legte ihm vor, und er nahm, um wenigstens zu probieren. Als ich ihm aber den Krug hinschob, spreizte er alle zehn Finger dagegen aus und sagte:

»Nein! Um keinen Preis! Hinweg mit dem Zeug, hinweg!«

»Warum?« fragte ich, indem ich mich ganz unbefangen stellte.

»Weil – weil – hm – hm!«

Während er so brummte, warf er einen ungewissen, forschenden Blick auf mich. Dann fragte er: »Sihdi, weißt du, wo ich geschlafen habe?«

»Ja«, antwortete ich.

»Nun, wo?«

»Im Stall.«

»Ja, im Stall! Denke dir! Während man uns doch hier im Haus so vorzügliche Lagerstätten zubereitet hat! Und nun noch eine zweite Frage, um deren aufrichtige Beantwortung ich dich bitte. Nämlich: Bist du bei mir im Stall gewesen?«

»Ja.«

»Allah sei Dank, daß es kein anderer war!«

»Warum dieser Seufzer? Hast du Grund dazu?«

»Das mußt du doch ebensogut und noch viel besser wissen als ich selbst! O Sihdi, lieber Sihdi! Ich schäme mich! Wenn ich mich nicht irre, so habe ich geglaubt, eine Menge Köpfe zu haben!«

»Ja. Erst waren es vier oder fünf. Zuletzt wurden es zwölf!«

»Sei still, sei still!« unterbrach er mich. »Ich mag es nicht hören! Was mag ich geschwatzt haben, was für entsetzlich lästerliche Dinge, ich, der berühmte Scheich der Haddedihn! Mein Kopf ist noch immer unendlich groß! Und hohl, ganz hohl! Es ist nichts darinnen als ein immerwährendes Brausen und Brummen und einige Worte aus der Sure El Imtihan. Du hast mich doch nicht etwa diese Sure beten lassen?«

»Das habe ich allerdings.«

»Allah sei mir gnädig! Wie ist es abgelaufen?«

»Du brachtest nicht zehn richtige Worte fertig und behauptetest, daß ich der Betrunkene sei. Dann rutschtest du wieder zu den Hunden nieder und schliefst ein, ohne zu erwachen.«

»Gräßlich, gräßlich! Sihdi, ich schäme mich! Dieser Simmsemm ist an allem schuld!«

»Ja, dieser Simmsemm! Die beiden andern aber sind unschuldig, völlig unschuldig!«

»Welche beide?«

»Der eine, der das liebe, ehrliche, nahrhafte Getreidekorn gezwungen hat, Gift zu werden, und der andere, der dieses Gift förmlich in seinen Körper hinunterzwingt, obgleich sich alle Nerven des Geschmackes und Geruches dagegen sträuben!«

»Du hast recht. Verzeih! Auch ich hatte mich erst zu zwingen; dann aber wurde mir der Trank vertrauter. Weiß du; Simmsemm, das klingt so beruhigend, so unschädlich, so verführerisch! Das schmeichelt sich so an den Menschen heran. Aber wenn man es innerlich betrachtet, so hat es zehntausend Teufel im Leib. Und zu was für Dummheiten es verführt, das ist ja gar nicht auszusagen! Ich glaube, ich darf mich heut vor keinem Menschen sehen lassen, wenigstens vor dem Oberst und den beiden Leutnants nicht.«

»Warum?«

»Wenn sie mich an alles das erinnern, was ich gestern abend aus mir und ihnen gemacht habe, so bin ich hier für immer unmöglich!«

Er stützte den Kopf in beide Hände und schaute trostlos vor sich nieder.

»Allah, Allah, was soll daraus werden!« klagte er. »Denke dir nur, Effendi, was wir gestern alles getan haben. Wir haben erst die Tschoban besiegt, nachher ganz Ardistan mit Krieg und Sieg überschwemmt, und endlich auch ganz Dschinnistan erobert. Ich war der Großwesir, der die Offiziere befördert, die Orden verteilt und die Gehälter bezahlt. Auf mich kam alles an. So habe ich es denn im Laufe unserer gestrigen Feldzüge an den nötigen Standeserhebungen nicht fehlen lassen. Unsern alten Oberst, der aber noch gar nicht Oberst, sondern erst Oberstleutnant ist, habe ich zunächst zum wirklichen, türkischen Mir Alai – Oberst – befördert, dann zum Liwa – Brigadegeneral –, zum Ferik – Divisionsgeneral – und zum Muschir – Feldmarschall –. Wenn ich mich recht besinne, ist er sogar Ferik Bahrir – Admiral – geworden. So ähnlich sind auch die beiden Leutnants emporgestiegen. Sie wollten persische anstatt türkische Rangbezeichnungen haben. Das gestattete ich ihnen. Der eine wurde infolge seiner Tapferkeit sehr schnell Sultan – Hauptmann, Yavär – Major –, Särtir – Oberst – und Mir tuman – General über 10 000 Mann –. Der andere schien mir nicht recht glauben zu wollen. Darum hat er es nur bis zum Särhäng – Oberstleutnant – gebracht und wird auf dieser Stelle sitzenbleiben, wenn er sich nicht besser zu benehmen weiß. Dem alten Oberst habe ich fünfhunderttausend, dem einen Leutnant hundertfünfzigtausend und dem andern Leutnant hunderttausend Piaster Gehalt versprochen, und nun frage ich dich, wo ich das alles hernehmen soll, wenn sie mich heut bei meinem Wort fassen? Es wird mir angst, himmelangst! Wie rette ich mich vor den innerlichen Vorwürfen, die in mir aufsteigen wie eine Menge kleiner, bissiger Hunde, die mir drohen, meine Seele anzuknabbern?«

»Die beste Beruhigung liegt in dem Gedanken, daß die drei Offiziere, die du so hoch befördert und so reich besoldet hast, höchstwahrscheinlich keinen geringeren Schwips gehabt haben, als du selbst.«

»Schwips? Wo denkst du hin! Schwips? Das klingt so niedlich. Aber was wir hatten, war gar nicht lieblich und klein, sondern riesengroß und menschenfresserisch. Mein Schwips war ein Schakal, der erst zum Fuchs und dann zum Wolf und zur Hyäne wurde; ihre Schwipse aber waren Panther, Tiger und Löwen, gegen die man ohne geladene Flinte gar nicht aufkommen kann. Und du mußt mir doch ehrlich zugeben, daß ich unmöglich nach meiner Flinte laufen konnte, um den Oberst und die Leutnants von ihren Räuschen zu befreien!«

»Und die haben dich nach Hause geführt? Das sagtest du mir doch!«

»Ja, sie wollten es; sie versprachen es, und ich rief es dir hinauf, als ich dich trotz meiner Trunkenheit da oben auf dem Turm erkannte, den sie Tempel nennen. Aber es kam anders, als wir dachten. Nämlich der Simmsemm wollte nicht, daß sie mich nach Hause brachten. Der Leutnant, der von mir die hundertfünfzigtausend Piaster bekommen hatte, setzte sich schon nach zehn Schritten nieder und verlangte einen neuen, vollen Krug. Er dachte, wir säßen noch im Palast. Eine kleine Strecke weiter legte sich der Oberst mit seiner halben Million Piaster in das Gras und behauptete, er sei daheim, und ich solle mich ganz leise entfernen, damit seine Frau und seine Kinder nicht aufgeweckt würden. Und der dritte setzte oder legte sich gar nicht erst, sondern er machte noch viel weniger Umstände. Nämlich er fiel gleich aus freien Stücken um. Da lag er mit seinen hunderttausend Piastern und sagte kein Wort, kein einziges Wort; so gänzlich weg war er! Ich sprach zwar auf ihn ein, um ihn zu ermuntern, er aber blieb ganz stumm. Da stand ich wieder auf und suchte mein Fleisch und meine …«

»Ah!« unterbrach ich ihn. »Du standest wieder auf?«

»Ja! Natürlich!« antwortete er.

»Bist also auch mit umgefallen?«

»Selbstverständlich! Er führte mich ja. Er hielt mich fest, damit ich nicht etwa straucheln möge. Er meinte es ungeheuer gut mit mir. Konnte ich da etwa stehen bleiben, als er das Unglück hatte, bei diesem Liebesdienst so ganz aus freiem Himmel herabzufallen? Er ist Offizier. Das verpflichtet zur Kameradschaft. Ich fiel also mit hin. Als ich dann aufstand, suchte ich mein Fleisch und alle meine Knochen einzeln zusammen …«

»Was?« fragte ich, indem ich ihm abermals in die Rede fiel. »Dein Fleisch und deine Knochen? Alle einzeln?«

»Ja. Als wir nach dem Festmahl aufstanden, sah ich, daß wir nicht alles aufgegessen hatten. Es gab noch viel, viel Fleisch, dazu eine Menge Knochen. Da dachte ich an unsere beiden Hunde. Ich nahm also meinen Haik vorn hoch in die Höhe und tat diese Reste alle hinein, um sie ihnen zu bringen.«

»Das werden die Hunde sehr lieb und schön von dir gefunden haben, aber was wird man nun drüben im Palast von dir erzählen?«

»Von mir? Hm! – Hoffentlich denkt man nicht, daß ich die Knochen für mich mitgenommen habe! Und wenn man es denken sollte, so ist es mir sehr gleichgültig. Ich mußte sie alle einzeln wieder zusammensuchen, als ich mich von dem zweiten Leutnant entfernte. Ich trug sie den Hunden in den Stall. Die freuten sich. Es war dämmernd hell. Ich brauchte kein Licht dazu. Es war so warm und so weich auf der Streu da drin. Da setzte ich mich nieder und bin eingeschlafen.«

Indem er dieses erzählte, kam von Taldscha ein Bote, durch den sie mir sagen ließ, daß ich mich von jeder Verpflichtung frei betrachten möge. Ich könne mich ausruhen, mich in der Stadt umsehen, ganz nach Belieben. Aber zwei Stunden nach Mittag seien wieder Gäste geladen; da solle ich mich einfinden und, wenn es möglich sei, mein berühmter Halef mit mir.

Als der Bote sich entfernt hatte, fragte mich der kleine Hadschi, der die Einladung gehört hatte:

»Du, Effendi, sie hat mich den ›berühmten Halef‹ genannt. Ob sie das wohl ernst meint?«

»Wie anders denn?« fragte ich, obwohl ich ihn sehr gut verstand.

»Nun, vielleicht ein bißchen spöttisch. Von wegen dem Simmsemm. Der ist doch wohl gestern stärker und berühmter gewesen als ich!«

»Frage sie selbst! Ich weiß es nicht.«

»Ich werde mich sehr hüten! Solche Erinnerungen frischt man nicht auf. Darum werde ich mich heut stets an deiner Seite halten. Da wagen sich diese Erinnerungen nicht heran an mich. Wann gehen wir zum Dschirbani?«

»Jetzt. Ich bin mit dem Frühstück fertig, und die Mitte des Vormittags ist da. Wir fahren im Kanu.«

Nun bekümmerte ich mich um die Pferde. Sie hatten Futter und Trank bekommen. Ich nahm sie aus dem Stall und koppelte sie an langer Leine an, daß sie sich bewegen konnten. Auch die Hunde wurden herausgelassen. Sie begrüßten zwar auch mich, zunächst aber doch den Hadschi, der ihnen, wie es schien, an das Herz zu wachsen begann. Sie hatten sehr kurze Namen. Sie waren zweierlei Geschlechtes und hießen Hu und Hi – »Er« und »Sie« –. Das sagten uns die beiden Diener. Von diesen erfuhren wir auch, wo die Insel der Heiden lag; sie war sehr leicht zu finden.

Hu und Hi begleiteten uns nach dem Landungsplatz. Als wir in das Kanu stiegen, wollten sie mit hinein; das war aber wegen der Kleinheit des Fahrzeuges unmöglich. Ich befahl den Dienern, sie während unserer Abwesenheit anzubinden, daß nichts geschehen könne; aber sobald wir vom Ufer stießen, sprangen sie in das Wasser, um uns zu folgen. Schon wollte ich umkehren, um mich ihrer zu entledigen, da sah ich, wie sie schwammen. So etwas hatte ich noch nicht gesehen. Das war schon mehr ein Laufen als ein Schwimmen! Die Schwimmhäute waren derart entwickelt und elastisch, daß sie wie helle Blasen zwischen den Zehen erschienen. Das griff so viel Wasser, daß die Körper nicht nur mit den Köpfen, sondern auch mit den Rückenlinien aus der Flut ragten. Die dicken, aber leichten, buschigen Schwänze lagen wie Steuer hinterher. Dazu die langhaarigen, zottigen, sich fettig anfühlenden und also für die Feuchtigkeit fast undurchdringlichen Felle. Ich sah, daß das Schwimmen den Hunden gar keine Anstrengung, sondern nur Freude bereitete. Sie bellten laut und haschten nacheinander. Darum war ich mit Halef einverstanden, der mich bat, sie doch mitzunehmen. So schnell, wie wir mit dem Rudern vorwärts kamen, konnten sie allerdings nicht schwimmen; wir mußten also ein langsameres Tempo nehmen, doch hatten wir ja Zeit.

Die Ufer waren von Häusern besetzt, die oft weit in das Wasser ragten, oft auch ganz in demselben lagen. Zuweilen erschien eine kleine Insel, oder der Fluß teilte sich, eine größere zu bilden, die bewohnt war. Das bot uns reichlich Gelegenheit, die hochinteressante Pfahlbauart der Ussul kennenzulernen. Als wir unser Ziel, die Insel der Heiden, erreichten, sahen wir ein sehr einfaches, sichtlich erst heut neu geflochtenes Floß, welches aus Weidenruten bestand und aus dem Wasser gezogen war, am Land liegen. Wir stiegen aus, befestigten das Kanu an dem hierzu bestimmten Pfahl und traten dann schnell zurück, um aus der Nähe der Hunde zu kommen, die auch gelandet waren und sich das Wasser aus den Haaren schüttelten. Die Insel war ziemlich groß. Wir sahen zunächst nichts als Busch und Gras, und zwar alles verwildert. Der Besitzer war ja gefangen gewesen, und niemand hatte sich um sein Eigentum gekümmert. Heut aber war er wieder da. Wir sahen seine Spur, die durch das hohe Gras führte, und folgten ihr. Es ging durch höheres Gebüsch und dann unter Bäumen hin. Da merkte man nun wohl, daß diese Bäume ihre Plätze nicht von der Natur, sondern von einer künstlerischen Berechnung angewiesen bekommen hatten. Es gab Gruppen, welche nicht nur schön, sondern sogar reich und prächtig wirkten. Unter hohen, riesenblätterigen Linden lag ein zwar niedriger, aber köstlich ausgedachter und ausgeführter Bungalow – indisches Landhaus –, der erfreulicherweise nicht aus dem gewöhnlichen, schnell vergänglichen Material derartiger Wohnungen, sondern aus besserem und haltbarerem bestand. Als ich es untersuchte, sah ich, daß es Holz war, welches jahrhundertelang im moorigen Wasser gelegen hatte und hart und schwer wie Stein geworden war. Alles, nicht nur die Pfeiler, Säulen und Balken, sondern ebenso auch kleinere Teile, sogar die Verzierungen bestanden aus diesem Holz. Welche Mühe hatte diese schwere, harte Arbeit gemacht! Der Dschinnistani war der Erbauer. Er hatte die Tochter des Sahahr so lieb gehabt, daß ihm nur das schönste und gesündeste Haus des ganzen Landes gut genug zur Wohnung für sie gewesen war. Und dieses war der Bungalow gewiß!

Die Tür war zu, und man konnte nicht hinein. Auch die Läden waren verschlossen. Niemand war zu sehen. Ich rief. Niemand ließ sich hören. Aus allem, was man sah, sprach der Geist und der Geschmack des Dschinnistani. Aber gab es außer diesem Geist denn wirklich niemand hier? Die Spur führte hier herein, in das Haus, aber nicht wieder heraus. Darum fiel es uns auf, daß wir keine Antwort erhielten. Wir gingen weiter, über den freien Platz, auf dem der Bungalow stand, zwischen blühenden und duftenden Sträuchergruppen hindurch. Da sahen wir ihn, den See, den Teich, den Weiher, von dem mir erzählt worden war. Wir blieben sofort stehen, ganz entzückt von diesem Anblick, der sich uns bot.

Wir standen am südlichen Ufer des Sees, der fast ganz mit Lotosblumen bedeckt war. Zwischen ihnen glänzten wunderbar gefärbte Blütenrispen, deren Namen ich nicht kannte. Sie waren der amerikanischen Thalia dealbata ähnlich. Phantastisch schön wirkten die zweiteiligen, hell glänzenden Ähren einer noch wenig bekannten, indischen Aponogeton-Art, einer Wasserähre. Es war ein Farbenreichtum, eine Farbenfrische und eine Farbenpracht sondergleichen! Aber alle diese Herrlichkeit entfaltete sich aus stehendem Wasser, auf sumpfigem Boden, und allen diesen Blumen muß doch, so schön sie sind und so heilig sie gehalten werden, jene feine und reinere, jene zugleich höhere und tiefere Art der Herzenswirkung abgesprochen werden, durch welche die auf gutem festen Land erzeugte Blume zu uns redet. Die Lotosblume ist Sumpferzeugnis, ist einfach nur irdisch schön. Die bildliche Bedeutung, die sie besitzt, wurde ihr nicht von der Natur gegeben, sondern künstlich in sie hineingelegt. Aber Blumen, wie unser Schneeglöckchen, unser Veilchen, unser Maiblümchen, die ganze liebe, herrlich duftende Reihe bis zu unsern Rosenköniginnen hinauf, sie alle wirken edler, reiner, keuscher, inniger. Wer mit mir glauben kann, daß auch die Blumen Seelen haben, dem könnte ich das allerdings noch viel deutlicher sagen.

Also, wir standen an der Südseite des Weihers. Rechts und links schoben sich Baum- und Strauchpartien heran, die ganz wie Kulissen wirkten, indem sie unsern Blick hinderten, zur Seite abzuweichen, und ihn zwangen, sich auf die Perspektive zu richten, die sich vor ihm entwickelte. Grad vor uns stand, die Perspektive ganz verhüllend, ein zwei Meter breites und über vier Meter hohes, vierseitiges Prisma, aus weißen Marmorquadern zusammengesetzt und auf allen vier Seiten mit glänzend tiefschwarzen Inschriften versehen. Dieses große Prisma war von einer ganzen Menge kleinerer Säulen umgeben, die auch Inschriften trugen. Wir lasen sie. Die auf den kleineren Säulen stehenden Zitate waren den vier Vedas, der Zend Avesta, den fünf King der Chinesen, der Bibel und dem Koran entnommen. Die Inschriften des Prismas schienen andern Ursprungs zu sein. Indem wir sie betrachteten, sahen wir zunächst vier Überschriften, von denen zwei und zwei miteinander zu korrespondieren schienen. Nach Süden stand »Schöpfung« und nach Norden »Erlösung«. Nach Osten lasen wir »Sünde« und nach Westen »Strafe«. Unter der Überschrift »Schöpfung« im Süden war zu lesen:

»Keine Seele kam zur Erde nieder,
die nicht vorher Geist im Himmel war!«

Auf der nach Norden gerichteten Seite war unter der Überschrift »Erlösung« zu sehen:

»Es stieg kein Geist zum Himmel auf,
der nicht vorher Seele auf der Erde war!«

Nach Osten zu stand unter der Überschrift »Sünde« das geheimnisvolle Wort zu lesen:

»Nur ein einziger weigerte sich,
Seele zu werden!«

Und dem gegenüber wurde auf der nach Westen gerichteten Seite unter der Überschrift »Strafe« gesagt:

»Darum kann er nicht zum Himmel zurück.
Das ist der Teufel!«

Ich kann sagen, daß ich erstaunt war, als ich das gelesen hatte. Nicht etwa, daß mir das Monument an sich oder eine seiner Inschriften wunderbar vorgekommen wäre, o nein. Der Dschinnistani hatte diese Marmorstücke von seinen Reisen einzeln mitgebracht und hier zusammengesetzt. Das war ganz und gar nichts Wunderbares. Und es ist, solange es Menschen gibt, so viel gerätselt und geheimnißt worden, daß man in der Absicht des Dschinnistani, auch einmal etwas Mystisches zu sagen, wohl gar nichts Unbegreifliches finden kann. Aber daß diese vier Inschriften, deren jede ein gänzlich unlösbares Problem zu enthalten schien, in ihrem inneren Zusammenhang genau dasselbe sagten, was unsere christliche Offenbarung einem jeden, der es hören will, wohl täglich und stündlich sagt, das überraschte mich, und das ließ in mir die Frage aufsteigen, ob dem Dschinnistani, als er diese Inschriften entstehen ließ, klar gewesen ist, was sie eigentlich bedeuten. Wenn es seine Absicht war, den tiefsten Grundgedanken der Religion seines Heimatlandes auf diesem Monument darzustellen, dann war es der christlichen Mission sehr leicht gemacht, die Anhänger dieses Glaubens für die Hauptreligion des Abendlandes zu gewinnen! Hierzu kam, daß das Marmorprisma mit ganz besonderer Umsicht und Liebe grad hier an dieser Stelle errichtet worden war. Denn nun wir uns an seiner nördlichen Seite, also zwischen ihm und dem Wasser befanden, stand es uns nicht mehr im Wege, und der ganze Ausblick, den es uns verhüllt hatte, lag jetzt offen vor uns da.

Jenseits des Weihers stand das Grab der Mutter des Dschirwani, von Blüten und Duft umhüllt, wie bereits beschrieben wurde. Von ihm ausgehend führte ein breiter, freier Wiesenstreifen in schnurgerader Richtung, hüben und drüben von dichtem, dunklem Grün eingefaßt, bis an den Fluß, dessen gegenüberliegendes Ufer frei von Häusern war. Von dort aus erschienen zunächst nur Gärten und Felder, dann ein breites, sich weit hinausziehendes Band von niedrigem, neugewachsenem Gestrüpp, wo die Ussul gerodet hatten, um die Stämme zu ihren Bauten zu benutzen. Es läßt sich nicht beschreiben, was das für eine einzigartige Perspektive gab. Grad zu unseren Füßen das zwar durchsichtige, aber moderbräunliche und moderduftende Wasser, aus dessen Auflösungs- und Verwesungsstoffen die Lotosblume ihr Leben und ihre leuchtenden Farben sog. Am jenseitigen Ufer das Grab der verstorbenen menschlichen Lotosblume, von Blüten umglänzt und von Wohlgerüchen umduftet, hinter diesem Grab die nach weit hinaus und nach oben gerichtete Perspektive. Sie führte nach dem Fluß, über die dunklen Wasser desselben hinüber und dann auf jenem scheinbar immer schmaler werdenden Band des niedrigen, neugewachsenen, vom hohen Wald umfaßten Gestrüppes durch das ganze Schwemmland der Ussul, über Niederardistan und Oberardistan bis zu jenen hohen Bergen hinauf, die auch jetzt, um das geöffnete Paradies anzudeuten, in glühenden Flammen leuchteten, obwohl wir es nicht sehen konnten, weil die Morgennebel des Tieflandes uns noch umhüllten.

Indem dieser Ausblick nicht nur unsere Augen, sondern auch unsere Gedanken fesselte, hörten wir hinter uns ein Geräusch. Wir drehten uns um und sahen, daß das Monument sich öffnete und der Dschirbani ihm entstieg.

»Maschallah!« rief Halef aus. »Allah tut Wunder! Das Denkmal ist hohl!«

Auch ich war sehr überrascht. Das Kunstwerk war allerdings nicht massiv; es bestand nicht aus kubischen Blöcken, wie es den Anschein hatte, sondern aus starken, fest zusammengefügten Platten, zwischen denen eine Reihe von Stufen abwärts führte. Einige dieser Platten bildeten die Tür, welche von innen und von außen geöffnet werden konnte, ohne daß die Leute, welche vor dem Monument standen, diese Vorrichtung bemerkten.

Der Dschirbani war genau so gekleidet wie gestern. Er wollte uns begrüßen, wurde aber von den Hunden daran verhindert. Sie, die im Fall des Fluchtversuches ihn hätten zerreißen sollen, zeigten jetzt eine geradezu rührende Freude, ihn wiederzusehen, und sprangen an ihm empor, um sich seine Liebkosung zu erschmeicheln.

»Wo ist der erzwungene, der Natur von dem Menschen aufgedrungene Haß?« fragte er. »In Liebe verwandelt! Ich grüße und danke euch, daß ihr gekommen seid!«

Er verbeugte sich. Ich reichte ihm die Hand. Er ergriff sie nicht, sondern streichelte die Hunde.

»Weißt du, was du mir da bietest, Sahib?« fragte er. »Kennst du die Gefahr, in die du dich bringst?«

»Ich halte es für keine Gefahr, sondern sogar für meine Pflicht, diesem Irrtum zu begegnen. Gib mir deine Hand! Und ich bitte dich, sie mir auch fernerhin vor aller Augen zu reichen!«

Er tat es und sagte, indem er mir die meine warm und kräftig drückte:

»Das ist Erlösung; ja wahrlich, das ist Erlösung! Sahib, das werde ich dir nie vergessen!«

Es verstand sich ganz von selbst, daß auch Halef ihm die Hand entgegenstreckte und die seinige bekam. Dann hielt ich es für richtig, den Auftrag auszurichten, den mir die Priesterin für ihren Enkel gegeben hatte.

»Grad um den Mittag bestellt sie mich! In den Tempel?« fragte er nachdenklich, ohne überrascht zu sein. »Du hast also mit ihr gesprochen?«

»Ja«, antwortete ich.

»Nur kurz – oder längere Zeit?«

»Fast die ganze Nacht. Wir stiegen nach dem Festmahl auf die Zinne des Turmes, um den Ausbruch der Vulkane zu beobachten, und konnten uns erst, als der Morgen graute, voneinander trennen. Die Herrin der Ussul war dabei.«

»Du hast mit ihnen gesprochen«, sagte er. »So lange Zeit und grad mit diesen beiden. So weißt du, wenn auch nicht alles, doch viel, und ich …«

»Wir sprachen meist über Marah Durimeh«, unterbrach ich ihn, um seine Gedanken nicht auf Abwege geraten zu lassen.

»Von Marah Durimeh?« rief er aus, indem er sich hoch aufrichtete. »Von der Beherrscherin von Sitara? Wie kommt die Frau des Scheichs und die Priesterin dazu, mit dir von dieser geheimnisvollen Frau zu reden?«

»Weil sie erfuhren, daß ich mit Marah Durimeh befreundet und erst kürzlich ihr Gast in Sitara gewesen bin. Ich wohnte bei ihr im Schloß von Ikbal.«

Da wich er einige Schritte von mir zurück und ließ einen Blick über mich gleiten, in dem sich das tiefste Erstaunen aussprach. Aber nach und nach verlor sich dieses Staunen, um einem hochbefriedigten Ausdruck Platz zu machen. Seine Augen begannen zu leuchten, und seine Stimme klang froh, fast jubelnd, indem er sprach:

»Welch eine Freude, welch ein Glück! Wie war es möglich, daß ich gestern dich zwar sofort für einen mir von Gott gesandten Menschen hielt, aber doch nicht deutlich fühlte, daß du nur aus Sitara kommen kannst – allein von dort! Aus keinem anderen Land! Und nun ich dies erfahre, ist es mir recht und lieb, daß die beiden Frauen von mir zu dir gesprochen haben. Du bist über mich unterrichtet, und ich brauche nichts zu wiederholen. Auch ich bin unterrichtet – über dich! Wenn auch nicht ausführlich, sondern nur über einiges, was außerordentlich wichtig ist. Deine Person und deine Verhältnisse sind mir völlig unbekannt, um so gewisser aber weiß ich, daß du hierhergekommen bist, um zu dem Mir von Dschinnistan zu gehen.«

»Welche Veranlassung hast du, dies zu vermuten?« fragte ich.

»Ich weiß, daß du es geheimzuhalten hast; aber wenn du der Richtige bist, so wirst du mir vertrauen und mir es gerne gestehen.«

Er trat wieder näher zu mir heran und fuhr in wichtigem Ton fort:

»Ich bitte dich, aufrichtig zu sein und mir eine Frage zu beantworten, die Vater und Mutter mir hinterlassen haben!«

»Sprich!« forderte ich ihn auf.

»Trägst du einen kleinen Schild auf deiner Brust, den Marah Durimeh dir mitgegeben hat?«

»Ja«, antwortete ich, denn ich fühlte, daß ich hier verpflichtet war, offen zu sein.

»Aus welchem Metall ist er? Aus Gold oder aus Silber? Aus Kupfer oder Bronze?«

»Aus keinem von diesen. Mir ist das Metall, woraus er besteht, unbekannt. Wahrscheinlich ist es eine Legierung.«

»Ganz recht, ganz recht! Warte, warte!«

Er sagte das im Ton der größten Freude, des Entzückens. Dann eilte er die Stufen des Denkmals hinab und verschwand im Innern der Erde.

»Sihdi, ist das nicht wunderbar?« fragte Halef. »Klingt das nicht, als ob unser Kommen hier vorbereitet sei?«

»Nichts ist wunderbar«, antwortete ich ihm, »wenigstens nicht hier in diesem Land. Ich bin überzeugt, daß wir noch Dinge erleben werden, welche dir zehn- und zwanzigmal wunderbarer erscheinen werden, als diese ganz unerwartete Frage nach meinem Schild oder dieses Marmormonument, das sich öffnet, um Menschen aus der Erde steigen zu lassen.«

»Er sagte, er habe die Frage von seinem Vater und seiner Mutter geerbt. Also haben schon diese gewußt, daß wir kommen!«

»Wir? Gewiß nicht! Es war ihnen bekannt, daß jemand aus Sitara kommen werde, der einen ihm von Marah Durimeh mitgegebenen Schild besitzt. Daß gerade wir dies sein werden, hat sich erst später herausgestellt.«

»Horch! Er kommt! Was wird er bringen?«

Der Dschirbani kehrte zurück. Er hielt ein ungewöhnlich großes, ledernes Etui in der Hand, welches er öffnete und uns dann zeigte.

»Das ist dein Schild, Sihdi!« rief Halef aus. »Ganz genau dein Schild! Dasselbe Metall und auch dieselbe Form!«

Es war genau so, wie er sagte. Das Etui enthielt ein vollständig genaues Duplikat meines Schildes. Ich zog letzteren unter der Weste hervor, um nachzuweisen, daß beide einander glichen. Es war nicht der geringste Unterschied zu entdecken.

»Es ist richtig! Es ist genau so, wie ich dachte!« jubelte der Dschirbani. »Steigt voran, bis ihr Licht zu sehen bekommt! Ich folge sofort nach, sobald ich die Tür verschlossen habe.«

Er winkte nach den Stufen. Ich band die Hunde an zwei Säulen und gab ihnen zu verstehen, daß sie hier zu warten hätten. Sie begriffen, was ich meinte, und legten sich nieder. Hierauf stieg ich mit Halef die Stufen hinunter. Ich vergaß, sie zu zählen; mehr als zehn aber waren es auf jeden Fall, denn der unterirdische Raum, nach dem sie führten, trug eine wenigstens sechs Fuß hohe Erddecke über sich und war dennoch so hoch, daß der Dschirbani, der doch viel größer war als ich, sich bewegen konnte, ohne sich bücken zu müssen. Sie führten zunächst in eine kleine, viereckige Stube, welche von dem Fundament der Marmorsäule gebildet wurde. Da standen einige Körbe und Kisten; weiter war nichts zu sehen. Ein schmaler, gerader Gang leitete weiter; es war finster, doch von da, wo er mündete, glänzte uns Licht entgegen. Indem wir diesem folgten, gelangten wir erst in einen kleinen, dann in einen bedeutend größeren und hierauf wieder einen kleinen Raum, die alle drei durch brennende Sesamöllampen ziemlich hell erleuchtet waren. Man sah sofort, daß die beiden kleineren als Vorratskammern dienten. Der größere aber glich dem Arbeitszimmer eines Gelehrten. Man sah Bücher, Karten, Pläne, Schreibzeuge, allerlei Geräte mit bekanntem oder unbekanntem Zweck, eine Menge ärztliche, physikalische, chemische und andere Instrumente, auch orientalische und europäische Waffen. Diese letzteren bestanden allerdings nur in einem Doppelgewehr und zwei Revolvern, die aber, obgleich fast veraltet, von vorzüglicher Konstruktion waren und für die hiesigen Verhältnisse einem jeden, der sie zu führen verstand, ein bedeutendes Übergewicht sicherten. Wo kamen all diese hochwichtigen Dinge her? Es ist wohl nicht erst nötig, zu bemerken, daß sie mein lebhaftes Erstaunen erregten.

Da kam der Dschirbani uns nach. Er sagte:

»Wundert euch nicht über diese geheimnisvollen Räume. Und wundert euch auch nicht über die Unbedenklichkeit, mit der ich sie euch sehen lasse. Ich wurde von meinem Vater unterwiesen, so und nicht anders zu handeln, doch ohne daß ich weiß, warum und wozu. Er verschwand; er soll ermordet worden sein. Ich glaube es nicht; ich glaube es nicht! Er war kein Mann, der sich beschleichen, überlisten und ermorden läßt! Dann starb auch meine Mutter; man sagt, aus Gram um seinen Verlust. Ich glaube auch das nicht; ich glaube es nicht! Sie hat nie und nie behauptet, daß sie ihn verloren habe! Ich weiß bestimmt, daß sie überzeugt und sicher war, ihn wiederzusehen. Sie grämte sich nur über den Haß ihres Vaters und über die seelische Trennung von ihrer Mutter. Als ich kurz vor ihrem Tod für eine Woche Abschied von ihr nahm, um einen Besuch bei verwandten Ussul zu machen, schärfte sie mir noch einmal alle Vorschriften des Vaters, die sich auf diese beiden Schilde beziehen, mit einem so auffallenden Nachdruck ein, daß sie unbedingt gewußt hat, was dann folgte. Sie starb sehr kurz nach meiner Entfernung und war, als ich zurückkehrte, schon begraben. Die Verwesung hatte verboten, die Leiche aufzubewahren. Von heute an bin ich verpflichtet, meinen Schild zu tragen, wie du den deinen.«

Er hing ihn sich um den Hals. Dabei sah ich, daß er so, wie mir erzählt worden war, ein Buch auf seiner Brust trug. Er bemerkte, daß mir das nicht entgangen war. Darum erklärte er mir:

»Mein Vater hat einige Bücher für mich geschrieben, die meine Wegweiser sind. Ich kann mich nicht von ihnen trennen und trage stets eines von ihnen auf meinem Herzen. Sie sind die Wohnungen seines hohen, edlen, weitschauenden Geistes, und ich besuche ihn da, so oft ich kann, um demütig zu seinen Füßen kniend, auf seine Worte zu lauschen.«

Er steckte einige chirurgische Instrumente und ein Paket Verbandbast zu sich, gab uns jedem ein brennendes Licht in die Hand, blies die Lampen aus und forderte uns dann auf, ihm zu folgen. Er führte uns durch einen gleichen, aber längern Gang nach einer zweiten Stube, in welcher er nur kurz verweilte, um ein Schränkchen zu öffnen und ihm einen kleinen Gegenstand zu entnehmen. Diese Gänge, Stuben und Kammern waren alle aus dem schon erwähnten versteinerten Holz gebaut und darum frei von jeder Feuchtigkeit. Der Gegenstand, den er aus dem Schränkchen genommen, war eine geschliffene Glasphiole, aus der er nur einen einzigen Tropfen in ein winziges Fläschchen gab, um sie dann wieder einzuschließen. Trotz des kurzen Augenblickes, den die Phiole geöffnet gewesen war, verbreitete sich ein unbeschreiblich feiner, belebender, ja entzückender Duft um uns her. Ich kannte ihn nicht, ich hatte ihn noch nie und nirgendwo gespürt. Sein Name stand in keinem Verzeichnis aller Wohlgerüche der Erde geschrieben. Und dennoch war es mir, als hätte ich ihn schon gespürt, vielleicht schon oft, aber aus unendlich weiter Ferne. Halef sog die Luft in vollen Zügen ein, machte sein begeistertstes Gesicht und rief:

»Welch ein Duft! Ich glaube, nur noch ein wenig mehr, so kommt die Ekstase; man wird Dichter und Prophet und verfällt in Vision. Darf man den Namen dieses Wohlgeruches erfahren?«

»Kommt er dir unbekannt vor?« fragte der Dschirbani, indem er das Fläschchen sorgfältig einwickelte und in die Tasche steckte.

»Vollständig unbekannt!« versicherte der Hadschi.

»Du hast es aber schon oft genug gerochen!« versicherte der Dschirbani.

»Unmöglich!«

»Es stinkt sogar! Du hast dir die Nase zugehalten!«

»Nein! Sag mir den Namen!«

»So erschrick aber nicht! Es ist – der Tod!«

»Der – Tod …?« fragte Halef. Dann war er still, ich auch.

»Ja, der Tod!« fuhr der Sohn des Dschinnistani fort. »Untersucht das Land, in dem wir wohnen! Was findet ihr weiter als Moder, Verwesung, Schimmel und Gestank! Und was findet ihr weiter als Leben, Schönheit, Kraft, Unsterblichkeit und Duft? Heut sage ich: Das Leben duftet, der Tod aber stinkt! Und morgen sage ich: Der Tod duftet, das Leben aber stinkt! Was von beiden ist richtig? Ich sage, beides! Denn Leben und Tod sind eins. Man kann nicht leben, ohne immerfort zu sterben. Und man kann nicht sterben, ohne dabei das Leben zu erneuern. Merke dir es, o Hadschi Halef Omar, daß du nicht an deinem letzten, sondern an deinem ersten Atemzug stirbst! Und du hast dafür zu sorgen, daß nicht etwa beide stinken, dein Leben sowohl wie dein Tod, sondern daß beide duften. Du lebst, indem du ohne Unterlaß verwest. Du hast den Gestank dieser Verwesung in Duft zu verwandeln, wie es dort in der Phiole und hier in diesem winzigen Fläschchen geschehen ist. Tust du das, so ist Tod und Leben in deine Hand gegeben, wie ich beide in der meinen halte, wenn ich das Fläschchen bei dem Sahahr öffne, um ihn für kurze Zeit zu töten, damit er gegen den Schmerz des Lebens unempfindlich sei. Kommt weiter!«

Der Gang, dem wir nun folgten, war noch länger als der vorherige. Das Ende bestand in einem ähnlichen Stübchen wie dasjenige war, welches unter dem Monument lag. Auch hier führte eine Reihe von Stufen empor. Der Dschirbani stieg voran. Mit der einen Hand leuchtend, hob er mit der andern eine Falltür auf, die, wie wir bald sahen, in eine abgelegene Stubenecke des Bungalows mündete. Ich blieb stehen und wartete, bis er die Läden öffnete. Ich betrachtete die Falltür. Sie bestand aus einer doppelten Balkenlage des schon erwähnten versteinerten Holzes und war so stark und dick gemacht worden, damit nicht etwa der Widerhall der Schritte verrate, daß sich ein hohler Raum unter ihr befinde. Sie war also nicht leicht, sondern weit mehr als nur einen Zentner schwer. Und das hatte er wie spielend mit einer Hand gehoben! Das hatte ich bemerkt. Und deshalb war ich stehengeblieben, um sie mir anzusehen. Ich schämte mich fast, mich bisher für einen kräftigen Menschen gehalten zu haben!

Es war nicht seine Absicht, im Bungalow zu bleiben, vielleicht um uns den innern Bau des Hauses zu zeigen. Als er die Falltür geschlossen hatte, machte er auch die Fenster wieder zu und führte uns in das Freie, wo wir vorher gestanden und nach ihm gerufen hatten, ohne gehört worden zu sein. Er verschloß die Tür des Hauses mit einem Schlüssel, der ganz genau jenen Tempelschlüsseln des Altertums glich, von denen wohl nur sehr wenige ausgegraben worden sind. Man kennt ihre Form nur aus den Abbildungen auf altertümlichen Gefäßen.

Hierauf kehrten wir nach der Marmorsäule zurück, um die Hunde loszubinden. Sie lagen ruhig an ihrer Stelle und hatten sich wohlverhalten. Wir spazierten von da um den Weiher herum nach dem Grab. Unterdessen erklärte er uns die Gründe seines heutigen Verhaltens:

»Die unterirdischen Räume, die ihr gesehen habt, hat mein Vater gebaut, und zwar in größter Heimlichkeit. Niemand kennt sie, und niemand weiß, was für Gegenstände sich auf der Insel der Heiden befinden. Welche Zwecke er hierbei verfolgte, ist mir heut noch nicht klar, aber ich weiß, daß sie auf alle Fälle gut und lobenswert gewesen sind. Seine Kenntnisse machten ihn jedem Ussul, auch dem Zauberer, überlegen, und es konnte nicht seine Absicht sein, diesen Leuten Werkzeuge in die Hände zu geben, deren Anwendung ihnen geschadet hätte. Daß man so unbemerkt vom Bungalow nach dem Monument gelangen konnte, war sehr vorteilhaft. Mein Vater konnte, ohne gesehen zu werden, alles hören, was dort gesprochen wurde. Und besonders während der Belagerungen, wo die Tschoban das Haus umstellten, brachte es große Vorteile, daß es ihm trotzdem möglich war, es jederzeit zu verlassen. Vieles, wie zum Beispiel das Doppelgewehr, die Revolver und eine Menge von Patronen, die dazu gehören, hat er nicht für sich, sondern für mich von seinen Reisen mitgebracht, obgleich ich damals noch ein kleines Knäblein war. Er bestimmte es zur Ausrüstung für die Aufgabe, die er mir hinterlassen hat.«

»Ist es mir erlaubt, mich nach dieser Aufgabe zu erkundigen?« fragte ich.

»Du darfst. Du hast sogar das Recht dazu, denn du sollst höchstwahrscheinlich mein Begleiter sein. Du willst zum Mir von Dschinnistan, ich auch. Nach dem Grund, der dich zu ihm führt, will ich dich nicht fragen, denn du stehst hoch über mir und hast mir keine Rechenschaft zu geben, und ich bin überzeugt, daß du es mir freiwillig sagen wirst, wenn die Zeit dazu gekommen ist. Von mir aber will ich dir offen, doch unter dem Siegel der Verschwiegenheit anvertrauen, daß die Zeit, wenn ich nach Dschinnistan aufzubrechen habe, ganz genau bestimmt ist. Nämlich sobald ich erfahre, daß der Mir von Ardistan gegen den Mir von Dschinnistan rüstet, habe ich nur noch zu warten, bis ein Fremder kommt, der denselben Schild besitzt wie ich. Mit diesem Fremden reite ich; er wird mein Führer und Beschützer sein, dem ich zu gehorchen habe, obgleich mir freisteht, dies auch nicht zu tun. Doch werde ich, so oft ich ihm widerstrebe, zu Schaden kommen, der schwer zu büßen ist.«

»Kennst du Ardistan?«

»Ich war niemals dort, aber ich habe sehr genaue Karten und Pläne, die es sonst nirgends gibt, auch nicht in Ardistan selbst. Sie stammen aus Dschinnistan.«

»Es überrascht mich freudig, dies von dir zu erfahren. Beziehen sich diese Karten auf alle fünf Länder, die zu Ardistan gehören?«

»Ja, und nicht nur auf diese. Ich habe auch eine vom Land der Ussul und eine vom Land der Tschoban, welche beide nicht eigentlich zu Ardistan gehören, sondern ihm nur tributpflichtig sind. Ardistan besteht aus dem eigentlichen Ardistan mit der Hauptstadt Ard, die früher an dem zurückgegangenen Fluß Ssul lag. Es ist umgeben im Norden von Schimalistan, im Osten von Scharkistan, im Westen von Gharbistan und im Süden von Dschunubistan, welches uns am nächsten liegt, weil es an das Gebiet der Tschoban grenzt. Möchtest du diese Karten sehen?«

»Oh, natürlich!«

»So warte! Ich hole sie sofort. Du kannst sie mitnehmen, um sie zu studieren, darfst sie aber niemand zeigen!«

Er ging fort und kehrte sehr bald mit ihnen zurück. Ich wartete nicht bis später, sie zu betrachten, sondern tat dies gleich. Es waren Meisterwerke, die ich leider jetzt nur kurz überfliegen konnte. Auch auf der Karte des Landes der Ussul war jeder, sogar der kleinste und unbedeutendste Kanal genau verzeichnet. Ich war darüber befriedigt, daß ich sie zu mir stecken und mitnehmen durfte.

»Ich werde dir wahrscheinlich noch manches mitzuteilen haben«, nahm der Dschirbani seine unterbrochenen Worte wieder auf. »Du bist mir zu schnell gekommen, und ich habe es fast als ein Wunder zu bezeichnen, daß sich die Voraussage meines Vaters so pünktlich erfüllt. Kaum habe ich erfahren, daß in Ardistan gegen Dschinnistan gerüstet wird, so hat sich der Fremde, der den Schild besitzt, auch schon eingestellt! Ich habe mich zu sammeln, um mir alles zu vergegenwärtigen, was ich über unsern Ritt nach Dschinnistan erfahren habe. Es ist unmöglich, sich gleich auf alles zu besinnen.«

»Hast du zu jemand von deinem Schild gesprochen?« erkundigte ich mich.

»Nein«, antwortete er.

»Auch zu deinem Großvater und deiner Großmutter nicht?«

»Kein Wort! Du nennst den Sahahr meinen Großvater?«

»Natürlich! Oder ist deine Mutter nicht seine Tochter gewesen?«

»Ja, er war der Vater meiner Mutter, aber weiter nichts! Keine Faser meines Körpers, kein Hauch meiner Seele und keine Regung meines Geistes stammt von ihm. Denkt man in deiner Heimat hierüber anders? Wir beide, er und ich, haben nicht den geringsten Teil aneinander! Nicht die Verwandtschaft, sondern nur die Liebe könnte uns verbinden, wenn sie vorhanden wäre.«

»Aber man sagt, daß er dich nur öffentlich verfolge, heimlich aber liebe er dich!«

»Möglich! Für mich aber ist diese Liebe nicht vorhanden, da er mir niemals einen Grund gegeben hat, sie auch nur zu ahnen. Ich sah nur Haß. Er haßte meinen Vater nicht nur deshalb, weil dieser ihm die Tochter nahm, sondern auch, weil dieser ein größerer Arzt und überhaupt ein bedeutenderer Mensch war als er. Jede Kur, die nicht ihm, dem Zauberer, sondern meinem Vater, dem Heiden, gelang, vergrößerte den Haß. Dennoch achte ich ihn und wünsche, daß auch du ihn achtest, denn er ist trotz dieser einen Schwäche in jeder anderen Beziehung ein guter, edler Mensch. Und die Großmutter? So wirst du fragen. Ich liebe sie, denn ich liebe mich. Meine Mutter war Fleisch von ihrem Fleische und Seele von ihrer Seele, und beides ging über auf mich. Aber sie war mehr Priesterin als Mutter. Sie verzichtete um des Zauberpriesters willen auf ihr Kind und auf ihren Enkel. Sie grüßt mich nur von weitem, und auch das verschweigt sie ihm. Kannst du das begreifen? Ich nicht!«

Wir waren während dieses Gespräches in die Nähe des Grabes langsam hin- und hergegangen. Nun blieb er vor dem Hügel stehen und fuhr in seiner Rede fort:

»Jetzt liegt der Sahahr in Todesgefahr; da ruft sie mich. Ich soll ihn retten. Ich werde es tun. Sie soll nicht vereinsamen wie ich; sie soll ihn behalten. Aber ich tue es ohne Wohlwollen, ohne Liebe, ohne Freude. Ich bin nur noch Körper und Geist. Meine Seele ist tot, die hat man mir begraben, hier in diesem Moder, in dieser verwesenden Feuchtigkeit!«

Er schlug die Arme auf der Brust übereinander, hielt das Grab mit seinen Blicken fest, als ob er es durchdringen wolle, senkte den Kopf und sagte:

»Ich bitte dich, über das, was ich dir jetzt gestehe, nicht zu lächeln! So oft ich vor diesem Grab stehe, ist es mir, als ob mein Auge die Kraft habe, durch die Erde und durch die Wände des Sarges zu dringen, und da sehe ich ihn immer leer; denke dir, Sahib, immer leer! Ist das Wahnsinn? Man behauptet ja, daß ich wahnsinnig sei! Das quält mich ungemein! Das hat mich schon seit Jahren gepeinigt und peinigt mich auch noch heute. Es packt mich oft so, daß ich kaum widerstehen kann. Jetzt, in diesem Augenblick, an dem ich mit dir hierüber spreche, ist es so stark und so deutlich, daß ich die Erde mit den Händen aufscharren möchte, um dir zu zeigen, daß der Sarg leer ist!«

»Das wäre doch ein fürchterliche Betrug!«

»Ja, das wäre es! Ich möchte scharren und scharren, um diesen Betrug aufzudecken und die Bretter des leeren Sarges den Eltern meiner Mutter in das Gesicht werfen zu können; aber diese Tat wäre so ungeheuerlich, daß ich über den Wahnwitz erschrecke, sie mir zu denken. Auch frage ich, wo die Mutter denn sein soll, wenn nicht hier? Und ich hatte und habe sie ja noch viel, viel zu lieb, als daß ich die Sünde auf mich nehmen möchte, ihr Grab geöffnet und geschändet zu haben!«

In diesem Augenblick war ein starker, tiefer und langgezogener Ton zu hören. Er klang fast wie von einem Alpenhorn. Er kam vom Fluß her. Ihm folgten weitere Töne, die ganz dieselbe Klangfarbe besaßen, aber entweder höher oder tiefer waren als der zuerst erklungene. Es schien ein Signal, oder richtiger, eine Fanfare sein zu sollen.

»Das ist das Zeichen der Hukara – der ›Verächtlichen‹ –!«, rief der Dschirbani aus, sichtlich freudig überrascht. »Ich habe ihnen gestern sagen lassen, daß du heut um diese Stunde bei mir sein werdest. Sie haben sich bis jetzt beraten und kommen nun, mir mitzuteilen, was sie beschlossen haben.«

»Wer und was sind diese Hukara?« fragte ich.

»Die Zurückgesetzten, die Geringgeschätzten, die Verachteten «, antwortete er. »Sahib, du wirst jetzt erfahren, daß ich nicht der törichte, untätige Knabe bin, als der ich dir erscheinen mußte. Meine Gefangenschaft war nicht ganz unfreiwillig. Sie hat empört. Das wußte ich, und das wollte ich. Zu den Hukara gehören alle, welche unsere bisherige Feigheit den Tschoban gegenüber für eine Schande halten. Sie protestieren, so oft und so laut sie können, gegen das bisherige Verfahren. Sie haben mich zu ihrem Anführer gewählt. Das gab dem Sahahr Veranlassung, mich wieder einmal für irrsinnig und für moralisch räudig zu erklären und mich gar in den Stachelzwinger zu stecken. Weil ich, ihr Anführer, ein Verachteter und Verfolgter war, wurden sie mir gleichgestellt und mit dem Namen Hukara bezeichnet. Sie lachten darüber. Da kam die Kunde, daß die Tschoban einen neuen Einfall beabsichtigen und daß zwei fremde Gäste kommen würden, die den Erstgeborenen der Tschoban gefangengenommen haben. Das gab hellen Jubel. Es wurden übermenschliche Heldentaten von euch erzählt, und jedermann glaubte an sie. Da kamt ihr gestern selbst, und gleich euer erstes Auftreten war diesen Berichten angemessen. Du holtest mich aus dem Zwinger, worauf mein erstes war, die Hukara zu benachrichtigen, daß unsere Zeit gekommen sei. Ich sprach mit den wichtigsten von ihnen. Sie hatten schon gehört, daß du dich anheischig gemacht hast, die Tschoban im Engpaß Chatar gefangenzunehmen, ohne daß ein Tropfen Blut zu fließen braucht. Es wurden sofort nach allen Richtungen Boten gesandt. Heute vormittag ist Beratung gewesen. Nun kommen sie, mir das Ergebnis derselben mitzuteilen. Erlaube, daß ich gehe, sie zu empfangen. Ich kehre schnell zurück.«

Der Dschirbani entfernte sich. Während seiner Abwesenheit nahm ich die Karte des Landes der Ussul vor, die er mir geholt hatte. Es kam mir besonders auf die Gegend des Engpasses Chatar an. Sie war sehr deutlich und sehr eingehend gezeichnet. Indem ich sie betrachtete und über diese Linien nachdachte, wurde ich in Gedanken nach dem Palast von Ikbal und auf das Schiff Wilahde versetzt, wo ich diesen Engpaß und seine Umgebung mit ganz besonderem Interesse studiert hatte. Die damals gemachten Aufzeichnungen hatte ich zwar vergessen, mit vom Schiff zu nehmen; jetzt aber kehrten sie zu mir zurück. Sie standen so deutlich vor mir, als ob ich diese Studien soeben erst beendet und die Notizen hierüber noch gar nicht niedergeschrieben hätte. Und als ob mir diese ebenso klare wie ausführliche Erinnerung gerade zur richtigen Zeit gekommen sei, stellte sich in diesem Moment der Dschirbani wieder ein und sagte:

»Sahib, der gegenwärtige Augenblick ist ungeheuer wichtig. Es scheint sich eine Umgestaltung aller jetzigen Verhältnisse vorbereiten zu wollen. Sag mir aufrichtig, ob es wirklich möglich ist, die Tschoban am Engpaß zu besiegen, ohne daß es uns einen Tropfen Blut kostet!«

Ich hatte mich niedergesetzt, bei dieser Frage aber stand ich schnell auf. Ihre Bedeutung wollte sich mir fast fühlbar auf die Schultern legen. Auch der junge, edle Ussul war ernst; aber es war ein freudiger, begeisterter Ernst, der aus seiner Stimme sprach, und so klang auch die meinige zuversichtlich heiter, als ich antwortete:

»Ja, es ist möglich! Doch setze ich voraus, daß die Bedingungen vorher erfüllt werden, ohne die es nicht geschehen kann.«

»Nenne sie mir, diese Bedingungen!«

»Erstens, daß die Tschoban höchstens viermal stärker sein dürfen, als wir …«

»Was sagst du? Wie?« unterbrach er mich. »Wir müssen nicht stärker sein als sie? Und werden dennoch Sieger?«

»Ja, wir brauchen nur ein Viertel ihrer Stärke. Zweitens verlange ich unbedingten Gehorsam gegen unsern Anführer.«

»Selbstverständlich! Der bist natürlich du!«

»Nein!«

»Wer sonst?«

»Du!«

»Ich …?«

»Natürlich! Du bist der Herr. Wir werden deine Berater, deine Helfer, deine Freunde sein, weiter nichts. Wir wünschen nichts für uns, gar nichts, sondern alles nur für dich und deine Freunde.«

»Wie ist – ist – ist das möglich!« rief er aus. »Solche Leute, wie ihr seid, waren noch nie bei uns! Kommt, kommt zu meinen Hukara, damit sie euch sehen und hören! Und daß sie euch lieben und verehren! Aber erfahret zuvor eines, ehe ich euch zu ihnen führe. Es ist ein bezeichnender Charakterzug dieser lieben, prächtigen Menschen. Bei den Ussul gibt es nämlich ein Gesetz, nach welchem gewisse Vergehen mit dem Verbot, einen Bart zu tragen, bestraft werden können. Ich bin ein derart Bestrafter. Und nun denke dir, Sahib: Als ich soeben zu den Hukara kam, waren sie alle bartlos erschienen, alle, keinen einzigen ausgenommen. Das ist eine Demonstration, die mehr sagt, als lange Reden sagen können. Sie wird wirken, und ich werde ihnen diesen Beweis ihrer Liebe und Treue niemals vergessen – nie! – Nun kommt!«

Er führte uns nach dem freien Platz vor dem Haus. Da standen sie, dicht gedrängt, wohl drei- bis vierhundert Mann, eine Zahl, die sich aber von Stunde zu Stunde vermehrte. Es waren lauter hohe, breite, eindrucksvolle Gestalten, höchst einfach gekleidet und nur mit langem Messer, Spieß und weit spannenden Bogen bewaffnet. Gewehre sah ich nur einige, so daß sie gar nicht zu rechnen waren. Es jubelte in mir. Was ließ sich mit solchen Leuten, mit solchen Muskeln und Sehnen erreichen! Diese vom Wetter gegerbten, ehrlichen, offenen Gesichter mit dem scharfen, zuverlässigen Blick in den treuen, arglosen Augen! Und das sollten Ausgestoßene, Verachtete sein! Und ganz richtig: Sie zeichneten sich alle durch dichte, lang herabhängende Haarschöpfe aus, aber kein einziger trug einen Bart. Man sah es den Wangen an, daß sie alle erst heut früh rasiert worden waren. Ihre breiten, meist ein wenig stumpfnasigen Ussulgesichter glänzten vor Genugtuung über diese Kundgebung und vor Freude, die beiden Beschützer ihres Anführers begrüßen zu dürfen.

Der Dschirbani bat mich, zu ihnen zu reden. Ich tat es, indem ich ihnen mitteilte, wie ich mir den Zusammenstoß mit den Tschoban dachte. Ein Zusammenstoß sollte es überhaupt gar nicht sein, sondern das außerordentlich bequeme und vollständig ungefährliche Stellen einer Falle, in welche die Gegner ahnungslos zu laufen hatten, um drin steckenzubleiben. Ich sagte ihnen, daß ich ihnen diese Mitteilung nur in größtem Vertrauen mache, und daß sie selbst gegen Freunde und Verwandte kein Wort sagen dürften, weil auch nur ein einziger, ganz unbeabsichtigter Verrat genüge, die Ausführung des Planes unmöglich zu machen. Sie begriffen meine Darstellung sofort und leicht und waren nicht nur einverstanden, sondern sogar begeistert. Am liebsten wären sie unverzüglich aufgebrochen, um nach dem Engpaß zu ziehen. Das ging aber nicht. Wir hatten noch viel Zeit und durften nichts übereilen. Es galt nicht, einen rohen Stoß, einen ungestümen Streich auszuführen und dann mit Beute beladen heimzukehren, sondern die Aufgabe war, mit dem kurzen Kampf einen langen Frieden zu erzwingen und aus dem augenblicklichen, blitzschnellen Sieg einen bleibenden Nutzen zu ziehen. Man mußte den Tschoban endlich einmal imponieren und sich ihnen als mindestens gleichwertig zeigen, um bei ihnen den Wunsch zu erwecken, das bisherige unfreundliche Verhältnis in ein Bündnis zu verwandeln, das beiden Stämmen die nötige Stärke verlieh, um sich von den drückenden Fesseln des Mirs von Ardistan zu befreien.

Als ich diesen Gedanken aussprach, jubelten sie laut auf. Daß der Mir von Ardistan seine Leibgarde aus lauter Ussul zusammensetzte und daß die beiden Söhne des Scheichs der Ussul an seinem Hof leben mußten, das fühlten sie nicht als Ehre, sondern als Schande. Sie hielten es schon längst für ihre Pflicht, dieses Joch abzuschütteln, nur hatten sie nicht gewußt, wie es anzustellen sei. Darum nahmen sie meinen Gedanken, durch die friedliche, wenn auch erzwungene Vereinigung mit den Tschoban stark genug zum Widerstand zu werden, mit Freuden auf und erklärten sich bereit, für diesen Zweck zu leben und zu sterben. Sie fragten, ob ich gewillt sei, mit ihnen nach dem Engpaß zu ziehen und ob ich ihnen den redegewandten Scheich der Haddedihn für einige Stunden abtreten möge, damit sie ihn jetzt mit nach ihrem großen Versammlungsplatz nehmen könnten, um sich von ihm belehren und unterrichten zu lassen. Als ich beides bejahte, nahmen sie den kleinen Hadschi samt seinen Hunden in die Mitte und marschierten jubelnd nach dem Ufer, wo wir sie in ihre Boote und auf ihre Flöße steigen und sich entfernen sahen. Halef stand, die Hunde neben sich, auf einem der größten Flöße und winkte uns Abschied zu. Er fühlte sich als wichtige Person, und das bereitete ihm stets eine Wonne.

Somit war nun mein Aufenthalt auf der Insel der Heiden beendet. Er hatte eine unvorhergesehene Entscheidung gebracht und sollte auch noch weitere Folgen zeitigen, an die ich jetzt nicht dachte. Auch der Dschirbani mußte fort. Es nahte die Zeit, für welche er zu der Priesterin bestellt worden war. Wir verließen die Insel, er auf seinem kleinen Floß und ich in meinem Kanu. Wir ruderten uns auf demselben Weg zurück, den ich zu ihm gekommen war. Als wir hierbei an einer der bereits erwähnten, im Fluß liegenden Inseln vorüberkamen, hörten wir laute, klatschende Schläge und das pfeifende Winseln von Hunden, die mit der Peitsche bestraft wurden.

»Das ist Aacht und Uucht«, sagte der Dschirbani.

»Die beiden hochedlen Hunde?« fragte ich, indem ich die Ruder schnell einzog.

»Ja. Der Wärter dressiert sie. Sie scheinen nicht gehorchen zu wollen. Daher die Schläge.«

»Das soll er bleibenlassen!« rief ich zornig aus und lenkte nach dem Ufer. Er folgte mir.

Das Inselchen war der Zwinger nur für die beiden Hunde. Eine dicke, hohe Mauer von lebenden Dornen umgab sie, um die Tiere festzuhalten. In dieser Mauer befand sich eine sehr schmale Pforte, die jetzt offenstand. Als wir sie passiert hatten, befanden wir uns auf einem freien Grasplatz, wo zwei starke Pfähle in die Erde gerammt waren. An diesen Pfählen hingen die Hunde, und zwar mit den Köpfen fest an den Erdboden gebunden, wie man es in manchen Gegenden noch heute beim Schlachten starker Ochsen macht. Da ist in der Mitte der schwersten Steinplatten des Fußbodens ein eiserner Ring angebracht, durch welchen der Strick, an dem das Tier hängt, derart gezogen ist, daß ihm der gesenkte Kopf tief unten mit dem Maul an der Platte gefesselt ist. Mit angstvollem Blick schielt es von da unter dumpfem Gebrüll zu dem Schlächter empor, der mit der Axt weit ausholt, um ihm den tödlichen Schlag auf die Stirn zu versetzen. Nicht immer gelingt dieser Hieb. Dann ist es fürchterlich, mit dabeizusein. Ich selbst habe gesehen, daß ein Ochse, den dieser erste Hieb nicht tötete, im wahnsinnigen Schmerz und mit der Kraft der Todesangst die mehrere Zentner schwere Steinplatte aus der Erde riß, aber doch nicht fliehen konnte, weil sie ihm die Beine zerschmetterte. Der Ochse brüllte, auch der Fleischer brüllte wie ein Stier und schlug mit dem Beil solange auf das arme Opfer los, bis es blutüberströmt zusammenbrach.

Genau so waren auch hier die Hunde mit den Köpfen tief unten angebunden, daß sie sich ja nicht wehren konnten. Und außerdem hatte der Dresseur ihnen mit einer Art von Beißkörben die Mäuler so fest zusammengepreßt, daß sie weder bellen noch beißen, sondern nur noch winseln konnten. Dabei schlug er mit einer Riemenpeitsche unbarmherzig auf sie ein. Ich sprang auf ihn zu, riß ihn zurück und fragte ihn zornig:

»Warum schlägst du meine Hunde? Wer hat dir das erlaubt?«

»Deine Hunde?« rief er erstaunt. Er war viel länger, breiter und stärker als ich und dabei so dicht bebartet im Gesicht, daß man kaum noch die Augen und die Nasenspitze sehen konnte.

»Ja! Sie sind mein!« antwortete ich.

»Das ist nicht wahr. Sie gehören jetzt dem Scheich und seiner Frau. Sie werden für einen Fremden aufgehoben, der einen Schild auf der Brust trägt; ich aber bin der eigentliche Herr. Ich strafe sie, wenn sie nicht lernen wollen, und niemand hat mir da dreinzureden. Auch du nicht! Das werde ich dir zeigen!«

Er holte wieder aus und versetzte zweimal jedem der Hunde einen klatschenden Hieb. Er wollte fortfahren; da aber riß ich ihm die Peitsche aus der Hand und zog sie ihm schnell einige Male über den Rücken, so daß er zunächst vor Schreck und Schmerz vergaß, mir Widerstand zu leisten. Dann aber wollte er mit den gewaltigen Fäusten nach mir langten, doch kam er nicht dazu, mich anzufassen, denn ich gab ihm von unten her einen solchen Stoß in den Achselgrube, daß er ausgehoben und zu Boden geschleudert wurde. Da raffte er sich auf, stieß einen Wutschrei aus und warf sich wieder auf mich, um sich zu rächen, hielt aber ein, weil sich ihm jetzt auch der Dschirbani entgegenstellte. Dieser war am Eingang stehengeblieben und von ihm gar nicht bemerkt worden. Nun kam er schnell herbei und griff mit beiden Armen nach dem Mann, um ihn von mir abzuhalten. Dieser ihn sehen, sich umdrehen und davonlaufen, war eins.

»Der Dschirbani! Der Aussätzige! Fort, fort!« Mit diesem Ruf schnellte er sich durch den schmalen Eingang hinaus.

Der Dschirbani warf ihm einen verächtlichen Blick nach und fragte mich dann:

»Weißt du, daß ich staune, Sahib?«

»Worüber?« fragte ich.

»Über deinen Achselstoß, mit dem du diesen schweren, riesigen Menschen von dir hinweg und zur Erde schleudertest. Eine solche Körperstärke ist Leuten deiner Gestalt nicht zuzutrauen. Nun du sie mir aber gezeigt hast, bin ich froh darüber. Es stehen uns schwere Kämpfe bevor, und da beruhigt es mich sehr, zu sehen, daß du, mein Beschützer und Führer, es auch in der rein äußerlichen Kraft mit jedem Ussul, jedem Tschoban und jedem Ardistani aufzunehmen vermagst!«

»Da sorge dich ja nicht! Die rohe Kraft ist, außer wenn sie von Kopf und Herz geleitet wird, nicht eine Stärke, sondern eine Schwäche des Menschen. Sie wird durch den Einfluß des Geistes, des Willens verdoppelt, durch Zucht und Übung verdreifacht, und wenn du sie dann nur nach der Länge und Breite des Körpers mißt, so setzt du dich Täuschungen aus, die dich in Nachteil bringen. Mein kleiner Hadschi Halef Omar ist nur ein Knirps gegen euch, aber ich möchte es keinem Ussul raten, einen ernsten Gang auf Leben und Tod mit ihm zu wagen. Seine Knochen sind von Schmiedeeisen und seine Sehnen von Stahl! – Doch nun zu den Hunden!«

Vor allen Dingen band ich die beiden Tiere los und befreite sie von den peinigenden Maulkörben. Da sprangen sie vor Freude hoch auf, jagten drei- bis viermal rundum und kehrten dann zu mir zurück, um sich zu meinen Füßen niederzulassen und mir die Hand zu lecken. Ich hatte ihrem Peiniger die Peitsche entrissen; sie sahen mich als ihren Retter an, und in ihren großen, schönen, unendlich ehrlichen Augen war die Bitte zu lesen, mir dafür dankbar sein zu dürfen. Welche Freude sie hatten, als ich ihnen erlaubte, sich an mir hoch aufzurichten, und sie dann mit beiden Armen an mich drückte! Wie schön sie waren! Wie edel und stark! An Größe überragten sie sogar noch die Bärenhunde der Ussul. Der berühmte Dojan, von dem ich in dem Band »Durchs wilde Kurdistan« erzähle, war ein Windspiel gegen sie. Auch ihre Farbe war ganz eigenartig. Ich kann sie nicht besser beschreiben, als indem ich sie mit jener Art von Pferden vergleiche, die man Schwarzschimmel nennt, nur daß bei diesen Hunden das Schwarz einen frappierenden Übergang zur blauen Farbe zeigte. Hierzu kam, daß ihre sehr feine, seidenweiche Behaarung eine mittellange, nicht eine kurze war, was die Seltsamkeit dieser Färbung ungemein erhöhte. Sie waren wirklich vornehme, fast möchte ich sagen, königliche Tiere!

»Diese herrlichen Abkömmlinge der Hunde von Dschinnistan übertrafen als Wasserfinder sogar die besten und berühmtesten Hunde, die es bei den Ussul gegeben hat«, sagte der Dschirbani.

»Als Wasserfinder?« fragte ich. »Das kenne ich nicht.«

»Die Gewöhnung an die immerwährende, große Feuchtigkeit unseres Landes läßt uns die jenseits der Grenze liegenden trockenen Wüsten unerträglich erscheinen. Wir ertragen den Durst nicht. Sobald wir hinüberkommen, bangen wir nach Wasser. Nicht nur wir, sondern auch unsere Pferde und Hunde. Die letzteren wissen dann mit ihren feinen Nasen jede Spur von Feuchtigkeit, auch die geringste, zu entdecken. Wo sie die Erde scharren, ist in der Tiefe Wasser zu finden.«

»Also Wasser gibt es in diesen vertrockneten Gegenden doch?«

»Ja, aber in welcher Tiefe! Wer hat Werkzeuge mit? Und wenn man graben wollte, würde man verdursten, ehe man die betreffende Tiefe erreichte. Dennoch ist es vorgekommen, daß Hunde ihre Herren vor dem Verschmachten gerettet haben. Es scheint also doch Stellen zu geben, wo die Wasser der Tiefe bis nahe an die Oberfläche emporsteigen. Mein Vater reiste alljährlich einmal nach Dschinnistan. Er tat das nie, ohne einen zuverlässigen Hund mitzunehmen, und hat alle feuchten Orte genau verzeichnet, die er mit Hilfe dieser Tiere fand. Aacht und Uucht aber sind die scharfrüchigsten und zuverlässigsten von allen, die es bisher gegeben hat. Das wurde ausgeprobt. Vor allen Dingen zeichnen sie sich dadurch aus, daß sie den Durst mit Leichtigkeit ertragen, alle andern aber nicht.«

»Hast du diese Verzeichnisse deines Vaters noch?«

»Ja. Es ist ein kleines, aber sehr engbeschriebenes Buch, in welchem alle Orte, die er von hier bis Dschinnistan berührte, geschildert sind.«

»Das ist ja kostbar für uns! Ich bitte dich, es mitzunehmen!«

»Das werde ich tun. Ich habe überhaupt viel mitzunehmen.«

»Nur nichts, was uns belästigt, ohne Nutzen zu bringen. Wie schwimmen Aacht und Uucht?«

»Wie ein Fischotter, also noch besser als Hu und Hi, die Halef bei sich hat. Möchtest du sie nicht gleich mitnehmen? Sie schwimmen so schnell, wie wir rudern.«

»Wenn sie uns freiwillig folgen, ja.«

Wir gingen nach dem Wasser. Die Hunde folgten sofort. Als wir unsere Fahrzeuge bestiegen, sprangen sie freudig bellend in den Fluß, als ob es sich ganz von selbst verstehe, daß sie nun zu mir gehörten. Sie blieben bei mir, ich mochte schnell oder langsam rudern, Aacht rechts und Uucht links von meinem Kanu. Und wie es jetzt, gleich beim ersten Male war, so war es von nun an immerfort: Beiden waren stets getreu an meiner Seite, der Bruder rechts, die Schwester links von mir, als müsse dies so sein. Ich stieg an meinem Landungsplatz aus, und die Hunde gingen mit an das Ufer. Sie machten nicht den geringsten Versuch, dem Dschirbani zu folgen, der, um nicht auffällig gesehen zu werden, erst hinter dem Tempel aussteigen wollte. Es war genau Mittag, als wir uns trennten.

Da ich jetzt nichts zu tun hatte, beschloß ich, bis zum Essen zu schlafen, um das während der Nacht Versäumte nachzuholen. Aacht und Uucht schüttelten sich das Wasser aus den Fellen und kamen mit in das Haus. Als ich mich niederlegte, taten sie das auch, der eine rechts, die andere links von mir. Ich schlief schnell ein, wachte aber pünktlich, also kurz vor zwei Uhr, wieder auf. Ich übergab die Hunde den beiden Dienern, denen ich befahl, sie gut zu füttern. Dann ging ich nach dem Palast, um mich zum Essen einzustellen.

Heute gab es weit mehr Gäste als gestern. Die Ältesten des Stammes und überhaupt alle, die irgend etwas zu bedeuten hatten, waren geladen. Ich saß wieder zwischen dem Scheich und seiner Frau. Es ging sehr lebhaft zu. Mein Halef fehlte. Von den Offizieren, die er so schnell befördert und so hoch besoldet hatte, war keiner da. Ich hörte, daß sie noch schliefen. Hatte der Simmsemm gestern seine Wirkung getan, so tat er sie auch heut. Man wurde lustig. Aber in diese Lustigkeit hinein fiel eine Szene, welche den Scherz sofort in strengen Ernst verwandelte. Es traten nämlich zehn mit Spieß, Bogen, Köcher und langem Messer bewaffnete Riesen bei uns ein, welche meldeten, daß sie die bevollmächtigten Offiziere von fünfhundert Hukara seien und mit dem Scheich und seinen Ältesten zu sprechen hätten. Ihr Anführer war eine Prachtgestalt, körperlich ein Hüne und, wie ich später sah, auch in Beziehung auf seine Intelligenz den gewöhnlichen Ussul weit voraus. Er hieß Irahd und war einer der wohlhabendsten Männer der Stadt. Er führte das Wort, und zwar in ebenso geschickter wie energischer Weise.

Er schilderte die bisherige Feigheit der Ussul ihren Feinden gegenüber und betonte, daß diese Feigheit gar keine Veranlassung habe, auf die Hukara, die wehrhafte mutige Männer seien, verächtlich herabzublicken. So weit die Erde reiche, halte man den Ussul für ein Zerrbild, für eine Lächerlichkeit. Das müsse unbedingt anders werden, und zwar noch heute, wo sich die beste Gelegenheit biete, die Achtung anderer Stämme und Völker zu gewinnen. Wahrscheinlich sei den andern der Begriff der Völkerehre noch nicht verständlich, den Hukara aber liege außerordentlich viel daran, sich andern Nationen als moralisch ebenbürtig zu erweisen, und so hätten sie sich fest entschlossen, nach dem Engpaß Chatar zu ziehen, um die Tschoban nach Gebühr zu empfangen. Ihr Feldherr sei schon erwählt, nämlich der Dschirbani, der Räudige, der für verrückt Gehaltene, den man zu verachten wage, obgleich er der einzige sei, der die Befähigung besitze, die Ussul auf die Höhe gebildeter Völker emporzuheben. Er befinde sich jetzt auf dem großen Versammlungsplatz, um seine fünfhundert Hukara einzuexerzieren. Hadschi Halef Omar, der berühmte Scheich der Haddedihn, helfe ihm dabei. Auf die alten, invaliden Soldaten verzichte man; die Kriegsspielerei mit ihnen sei kindisch und führe zu nichts. Mit zehn gesunden, kräftigen Hukara könne man mehr erreichen als mit einer großen Schar dieser alten, vom Mir von Ardistan verbrauchten Leute. Darum seien die Hukara entschlossen, die ganze Schar der Feinde auf sich allein zu nehmen und auf jede andere Kameradschaft zu verzichten. Aber man müsse Bedingungen stellen, deren Erfüllung zum Sieg erforderlich sei, und das wolle man sofort tun in einer Beratung mit den Ältesten. Über diese hochwichtige Angelegenheit dürfe man keine Minute verlieren.

Dieser ganze Vorgang kam nicht nur dem Scheich, sondern auch den andern überraschend. Die Hukara hatten allerdings schon längst gedroht, diese Sache in die Hand zu nehmen; aber daß sie es wirklich tun würden, das hatte man nicht erwartet. Und nun diese Plötzlichkeit, diese Energie und Eile! Man sah es den Ältesten allen an, daß sie sich in Verlegenheit befanden. Aller Augen waren auf den Scheich gerichtet, der sich im Gefühl seiner Unselbständigkeit, wie immer, an seine Frau wendete. Er tat das zwar mit leiser Stimme, aber da ich zwischen ihnen beiden saß, hörte ich, was sie sprachen.

»Was sagst du hierzu?« fragte er sie. »Man hat uns da vollständig überrumpelt! Ich weiß nicht, was ich antworten soll! Aber ich meine, es würde eine Schwäche sein, auf solch ein Verlangen einzugehen!«

»Im Gegenteil! Eine Stärke wäre es! Du mußt ihren Wunsch erfüllen!« antwortete sie.

»Diese Unreinen, Verächtlichen, Tiefstehenden? Sie sind nur Pöbel!«

»Grad deshalb!«

»Warum grad deshalb? Und wer soll sie befehligen? Der Verrückte, der Räudige? Welch eine Schande für uns, wenn man dann überall höhnt, daß wir unsere Ehre nur Ehrlosen oder Verrückten anvertrauen!«

»Grad deshalb!« bestand sie darauf.

»Das verstehe ich nicht! Was meinst du mit diesem Wort?«

Sie hielt ihm keine lange Rede. Als kluge Frau wußte sie, wie sie ihren Mann zu nehmen hatte. Sie ging auf seine Ansichten ein und überfiel ihn mit seinen eigenen Waffen, indem sie erklärte:

»Grad weil sie nichts taugen, weder die Hukara noch der Dschirbani, mußt du tun, was sie wollen. Schicke sie gegen den Feind, so bist du sie los!«

Er staunte. Dann schaute er sie bewundernd an und sagte:

»Taldscha! Wie ungeheuer klug du bist! Und wie recht du hast! Das ist so einfach! Wir erfüllen ihnen ihren Wunsch und jagen sie dadurch fort. Dann sind wir frei von ihnen! So wird es gemacht, so, so!«

Hierauf wendete er sich an den Sprecher und erklärte ihm, daß einer Beratung nichts im Weg stehe. Man werde sich mit dem Essen beeilen, und dann können sie sofort beginnen. Die zehn Hukara nahmen Platz, um zu warten.

»Sihdi, weißt du davon, daß dein Halef die Hukara übt?« fragte mich Taldscha.

»Nein. Ich weiß nur, daß sie ihn mit fortgenommen haben. Jedenfalls aber ist das, was er tut, nicht gegen euch gerichtet!«

»Das weiß ich! Wenn die Beratung beginnt, entferne ich mich.«

»Ich natürlich auch.«

»So bleiben wir, wenn es dir recht ist, beisammen. Ich möchte nach dem Versammlungsplatz, um das Exerzieren zu sehen. Reitest du mit?«

»Gern.«

»Aber nicht auf meinen, sondern auf deinen Pferden. Oder hat Halef das seinige mit?«

»Nein.«

»Wird es stark genug sein, mich zu tragen?«

»Gewiß. Ben Rih ist zwar nicht so stark wie zum Beispiel euer wunderbarer Smihk, aber doch stark genug, um selbst vom schwersten Ussul geritten zu werden.«

»Und darf ich meine Hunde mitnehmen?«

»Welche?«

»Aacht und Uucht, von denen ich dir schon erzählte. Ich möchte gern wissen, wer schneller und ausdauernder ist, sie oder eure Pferde. Du hast sie noch nie gesehen; ich zeige sie dir.«

»Ja, nimm sie mit«, bat ich, indem ich ihr verschwieg, daß sie sich bereits bei mir befanden.

»Vorher aber gehe ich einmal zur Priesterin, um mich zu erkundigen, wie es mit dem Sahahr steht. Darum breche ich schon eher von hier auf als du.«

Sie ging noch vor Beendigung des Mahles, und ich dann auch. Zu Hause bekam ich eine rührende Tiergruppe zu sehen. Syrr, mein hochedler Rapphengst, hatte sich niedergelegt. Aacht und Uucht lagen bei ihm und leckten ihn mit einem so fleißigen Eifer, als ob sie damit ihr Brot zu verdienen hätten. Ihm war deutlich anzusehen, daß er sich über diese Liebe freute. Warum fand ich die Hunde grad bei ihm, nicht aber bei Ben Rih? Es war, als ob sie wüßten, daß sie zu ihm und mir und nicht zu Ben Rih und Halef gehörten. Als ich sie jetzt liebkosend streichelte, fühlte und hörte ich sehr deutlich die winzigen, zahllosen elektrischen Funken, welche von ihren Fellen auf meine Hand übersprangen. Dasselbe geschah, wenn ich das Haar Syrrs strich. Hier war wohl das Band zu suchen, durch welches sie zusammengehörten, und daß sie diese Zusammengehörigkeit fühlten, war nun ja doch erwiesen.

Ich sattelte die Pferde. Als die Frau des Scheichs kam, war sie überrascht, die Hunde bei mir zu sehen. Sie hatte mit mir nach der gegenüberliegenden Uferseite reiten und sie von da aus zu uns herüberrufen wollen. Ich erzählte ihr mein Zusammentreffen mit dem Wärter. Sie billigte es, daß ich sie mitgenommen hatte, wenn auch nur leider für einstweilen, weil sie für den betreffenden geheimnisvollen Fremden aufzuheben seien. Dann stiegen wir auf und begannen den interessanten Ritt, der uns in einem weitgezogenen Kreis rund um die ganze Stadt führen sollte.

Wir umritten da auch die beiden großen Seen, die im Osten und Westen der Stadt lagen. Man fischte auf ihnen. Von allen, die uns begegneten, wurden wir in einer Weise gegrüßt, welche deutlich zeigte, wie geliebt und geachtet meine Begleiterin war. Sie hatte von den unvergleichlichen, windesschnellen Pferden der Araber gehört. Sie hatte gewünscht, einmal ein solches Pferd zu sehen, und fühlte sich nun glücklich, diesen Wunsch in so reichlicher Weise erfüllt zu bekommen. So oft das Terrain es gestattete, ließen wir die Rappen laufen, was sie konnten und wollten, und Taldscha gestand, daß sie solche Schnelligkeit nicht für möglich gehalten habe und daß es eine königliche Lust sei, ein solches Tier zu reiten. Sie selbst kam dabei außer Atem, die Pferde aber nicht. Ben Rih, der den kleinen hageren Hadschi gewohnt war und heute nun eine fast mehr als doppelte Last zu tragen hatte, hielt sich vortrefflich, blieb stets im gleichen Schritt mit meinem Syrr und zeigte weder eine Flocke Schaum noch die geringste Spur davon, daß er von der größeren Last ermüdet werde. Was die Hunde betrifft, so will ich nur sagen, daß ich sie fortwährend bewunderte. Diese Kraft und Eleganz, diese Ausdauer und Geschmeidigkeit! Wie stolz und frei sie im stärksten Lauf die Köpfe trugen! Jeder einzelne Sprung war eine Schönheit an sich! Und so oft wir hielten, gab es kein Jappen und Schnappen nach Luft, kein Husten und Pusten, kein Ringen und Schlingen nach dem verschwendeten Atem, sondern die Herzen schlugen unerregt, und die Lungen arbeiteten so ruhig, gleichmäßig und gelassen, als ob man nur so still und sacht spazierengegangen sei. Ich versprach mir von diesen köstlichen Tieren viel; sie konnten uns auf unserm Weg nach Dschinnistan von unbezahlbarem Nutzen werden. Ich machte mir den Spaß, diesen Gedanken gegen die Frau des Scheichs auszusprechen. Da sah sie mich verwundert an und fragte:

»Also handelt es sich nicht nur um den Kampf am Engpaß Chatar?«

»Nein.«

»Ihr wollt dann gleich weiter? Durch ganz Ardistan? Hinauf nach Dschinnistan?«

»Ja«

»Und diese Hunde sollen mit?«

»Ich denke es!«

»So hast du mich noch immer nicht verstanden! Ich begreife das nicht. Ich habe dir doch gesagt, daß ein Fremder kommen wird, der …«

Da fiel ich ihr schnell in die Rede:

»Der dir nur dieses vorzuzeigen hat, so gibst du ihm die Hunde, die der Mir von Dschinnistan ausdrücklich für ihn bestimmte!«

Während ich das sagte, zog ich mein Obergewand vorn auseinander und zeigte ihr den Schild auf meiner Brust. Da hielt sie ihr Pferd an, hob die Arme empor und rief:

»Gott sei Dank! So hat auch hier der Glaube über den Zweifel gesiegt! Marah Durimeh hält das Wort, das sie uns gegeben hat! Wir Blinden! Daß du es sein müßtest, das konnten wir uns doch denken! Ich befand mich in großer Verlegenheit. Ich gönnte die Hunde keinem anderen, als nur dir allein, und mußte sie doch für einen anderen aufheben. Nun bist du dieser andere selbst! Wie mich das freut! Hier hast du meine Hand. Ich danke dir!«

Also, anstatt daß ich mich bei ihr bedankte, bedankte sie sich bei mir! Sie folgte da einer Regung, welche nicht oberflächlich, sondern tief zu beurteilen war. Als wir dann weiterritten, war sie sehr still. Sie dachte nach. Erst nach längerer Zeit traten diese ihre Gedanken zutage, indem sie sagte:

»Das Leben ist doch etwas ganz, ganz anderes, als gewöhnliche Menschen denken! Gott dirigiert; gewoben aber wird es nicht nur von uns selbst, sondern außer uns auch von Personen und Kräften, auf die wir zu achten haben; von großen Meisterinnen und Meistern; von Gesellen, die noch nicht Meister sind, und von Lehrlingen, deren Hand, wenn man sich auf sie verläßt, meist alles verdirbt. Die größte Meisterin, der alles gelingt, ist Marah Durimeh. Auch der Dschinnistani war ein Meister. Der Sahahr ist Lehrling. Seine Frau, die Priesterin, denkt schon höher als er. Sie weiß zwar noch nichts, aber sie ahnt den Zusammenhang der Dinge. Ich bin ihre Vertraute, ich allein. Effendi, willst du ehrlich sein und mir aufrichtig bekennen, daß ihr Bild nicht klar und rein vor deinem inneren Auge steht?«

»Ich bekenne es.«

»Es kann nicht anders sein. Aber es tut mir weh, sie von dir noch ungekannt zu sehen. Sie ist edel; sie ist rein. Wenn du mir versprichst, zu schweigen, so will ich dir ein Geheimnis mitteilen, dessen Kenntnis dich befähigt, die Wahrheit zu schauen. Es betrifft den Dschirbani. Wenn ich es dir erzähle, so tue ich das aus zwei Gründen. Nämlich um die Ehre meiner Freundin in deinen Augen zu retten und um dich zu befähigen, meinen Schützling, den Dschirbani, von falschen Gedankenwegen abzulenken. Ihm aber darfst du nur in der höchsten Not etwas davon sagen. Versprichst du mir das?«

»Ich verspreche es.«

»So erschrick nicht über das, was ich dir berichten werde! Du warst bei ihm. Hast du das Grab seiner Mutter gesehen?«

»Ja.«

»So wisse: es ist leer!«

Ich war betroffen, sagte aber nichts und sah sie fragend an.

»Du wirst erschrocken sein«, fuhr sie fort.

»Erschrocken nicht«, antwortete ich. »Doch staune ich, daß er so richtig fühlt und richtig ahnt.«

»Wie? Er ahnt es?«

»Ja. Er bezweifelt, daß seine Mutter gestorben sei. Es gibt Augenblicke, in denen er das Grab mit den Händen aufkratzen möchte, um nachzuweisen, daß der Sarg leer ist.«

»Er ist nicht leer. Er enthält an Stelle der Leiche eine wohlverwahrte Schrift, die alles aufdeckt, was damals geschah. Der Sohn war verreist, um ferne Verwandte zu besuchen. Die Mutter, die wir alle für verwitwet hielten, war also allein. Sie wohnte, wie du weißt, auf der Insel der Heiden. Des Abends, als niemand ihn sah, erschien ihr Mann bei ihr, der Dschinnistani, der bei uns für tot gegolten hatte. Er lebte noch. Er wohnte in Dschinnistan und kam, sie dorthin abzuholen. Aber nur sie, den Knaben nicht. Der hatte noch zu bleiben. Und dennoch wurde er von beiden geliebt, wie nur Vater und Mutter lieben können. Begreifst du das, Sihdi?«

»Sehr gut! Es gab höhere Rücksichten, denen man zu gehorchen hatte. Diese Rücksichten hatten dem Dschinnistani bisher verboten, zurückzukehren oder auch nur etwas von sich hören zu lassen. Sie untersagten ihm jetzt, den Sohn mitzunehmen oder ihm auch nur mitzuteilen, daß der Vater dagewesen sei, um die Mutter zu holen. Diese kam zu euch, um euch das zu erzählen, um Abschied zu nehmen und euch das Wohl ihres Sohnes an das Herz zu legen. Sie war vorher bei ihren Eltern gewesen. Der Sahahr schied im Zorn von ihr. Er jagte sie fort, weil er geistig nicht hoch genug stand, die Verhältnisse, von denen sie sich leiten ließ, zu begreifen. Aber von ihrer Mutter wurde sie verstanden! Die gab ihr sogar ihren Segen mit, ihren Segen und die Hoffnung auf ein glückliches Wiedersehen!«

Da hielt Taldscha ihr Pferd wieder an. Sie staunte.

»Woher weißt du das?« fragte sie. »So richtig und so ausführlich! Du kannst es unmöglich wissen und weißt es doch! Es ist ein Wunder!«

»O nein! Es ist vielmehr ganz natürlich! Man kann, ja man muß es sich denken, weil es so außerordentlich einfach ist. Als sie fort war, dünkte es dem Sahahr unmöglich, öffentlich einzugestehen, daß seine Tochter, die spätere Priesterin der Ussul, aus Liebe zu ihrem Mann ihr Land und Volk verlassen habe, um nach Dschinnistan zu gehen. Auch konnte er nicht begreifen, daß eine Mutter dies tun könne, ohne ihr Kind mitzunehmen, ohne es auch nur erst noch einmal zu sehen! Seine Tochter war für ihn eine Verbrecherin. Er begrub sie in seinem Herzen, und er begrub sie auch auf der Insel der Heiden, um das, was er für eine Schande hielt, verschweigen zu können. Aber wie das Begräbnis auf der Insel eine Unwahrheit war, so ist auch das Begräbnis im Herzen eine Lüge. Er hat geglaubt, die Ussul zu täuschen, und täuschte doch vor allen Dingen sich selbst. Wie er weiß, daß seine Tochter körperlich nicht gestorben ist, so weiß er auch, daß sie in seinem Vaterherzen lebt. Das quält und peinigt ihn. Er kann die Lüge nicht loswerden. Sie läßt ihm Tag und Nacht keine Ruhe. Wie jede Lüge zur Wahrheit treibt, so auch diese. Der Sahahr wird nicht eher Ruhe finden, als bis es an den Tag gekommen ist, daß man in jenem Grab nicht die Spuren des Todes, sondern grad im Gegenteil die Beweise des Lebens zu suchen hat.«

»Hat er mit dir hiervon gesprochen?« fragte sie.

»Nein.«

»Aber woher weißt du das? Ich bin die einzige Vertraute seiner Frau, die Priesterin, und weiß also, daß auch sie dir hiervon nichts verraten hat. Du sagst, es sei so einfach und so selbstverständlich, es sich zu denken, ich aber begreife es nicht.«

»Schau um dich, und schau in dich, so wird dir nicht nur diese, sondern auch so manche andere, scheinbare Unbegreiflichkeit des Lebens sehr leicht verständlich werden. Es gibt ein zweifaches Leben, ein äußerliches und ein innerliches. Das innerliche ist die Hauptsache, denn es gehört der Ewigkeit an. Das äußerliche ist Nebensache, weil es sich aus Vergänglichem zusammensetzt. Das äußerliche ist für das innerliche da, daß es sich offenbare. Man soll durch das Äußere auf das Innerliche schließen. Wer seine Aufmerksamkeit nur auf das Außenleben richtet, der bleibt, mag er nach dieser Richtung hin noch so viel erreichen, in Beziehung auf das eigentliche, höhere, wirkliche Leben doch nur ein armer, beklagenswerter, blinder Mann. Wer sich aber gewöhnt, in allem, was er empfindet, denkt und tut, vom Niedrigen auf das Höhere, vom Körperlichen auf das Geistige und Seelische zu schließen, dem tun sich tausend, tausend Wunder auf, indem er sehen lernt, während der andere erblindet. Vor allen Dingen lernt er, unser gegenwärtiges Leben als einen Anschauungs- und Übungsunterricht zu betrachten, den der Himmel der Erde erteilt, damit sie dann, wenn der Tod die Schule schließt, sich für die neue, herrliche Gotteswelt, in die sie tritt, bereits hier in der alten, nun für sie vergangenen, vorbereitet habe. Wer sich gewöhnt, in dieser Weise zu trachten und zu forschen, der lernt nicht nur, von außen nach innen zu folgern, sondern ebenso auch von innen nach außen zurückzuschließen und kommt dabei zu Erkenntnisschätzen, von denen andere keine Ahnung haben. Was ihr in Beziehung auf den Dschinnistani, seine Frau und seinen Sohn geheimzuhalten trachtet, weil ihr glaubtet, daß es euch vor dem Volk der Ussul bloßstelle, das wiederholt sich täglich und stündlich hier in allerbreitester Öffentlichkeit, so daß es nur die Blinden, von denen ich sprach, nicht sehen.«

»So bin auch ich noch blind?« fragte sie. »Denn ich sehe nichts!«

»Ja«, antwortete ich. »Du glaubst, zu sehen. Aber was in dein Auge fällt, ist nur erst ein leiser, leichter, kaum bemerkbarer Schein des strahlenden Lichtes, für welches sich deine Augen langsam, nach und nach öffnen sollen. Und was ich dir jetzt sagte, das sage ich eben nur dir und niemand anderem. Dein Auge kennt schon jenen leisen, dämmernden Schein, der dir den vollen, hellen Tag verspricht, und ich finde also Glauben, wenn ich von dieser Helligkeit, von diesem Tag zu dir spreche; ein Blinder aber würde wahrscheinlich zweifeln, würde den Kopf schütteln, würde vielleicht gar lachen.«

»Da hast du recht!« sagte sie sehr ernst. »Ein Blinder würde lachen! Ich aber lache nicht! Der ahnende Schein, der meinen Augen gestattet worden ist, stammt aus dem Paradies, dessen irdisches Bild wir während der Nacht in Flammen vor uns liegen sahen. Durch die Worte, die du jetzt zu mir gesprochen hast, will er mir lichter werden. Und wenn ihr nun von hier nach Dschinnistan reitet, begleite ich euch auf den Pfaden meiner Seele hinauf. Wenn ich nicht vorwärts kann, müßt ihr mir Botschaft geben, denn ich will und darf nicht so töricht sein, den Augenblick zu versäumen, an dem die alte, fromme Sage der Ussul zur Wahrheit wird. Komm! Reiten wir weiter nach dem großen Versammlungsplatz, wo die Hukara exerzieren! Bis dahin erzähle ich dir, daß es dem Dschirbani gelungen ist, seinem Großvater, dem Sahar, den alten, schlechten Verband abzunehmen und einen neuen anzulegen, ohne daß dieser es bemerkt hat. Ich glaube, das Leben des Zauberers ist hierdurch gerettet.«

Der Versammlungsplatz war eine große, quadratische Lichtung, wo bei unserer Ankunft ein außerordentlich reges Leben herrschte. Über fünfhundert Hukara exerzierten, und zwar zu Pferde. Eine große Menge von Ussul, Männer, Weiber und Kinder, waren gekommen, um zuzusehen. Der Dschirbani war anwesend; er leitete das Ganze, aber mehr genehmigend als ausführend. Der eigentliche Kommandant war Halef, der eine zwar sonderbare, aber keineswegs lächerliche Rolle spielte. Er, das kleine, schmächtige Kerlchen, saß auf einem so dicken, breiten und fetten Gaul, daß seine Beine nur von der Kniekehle an über den Sattel herunterhingen. Mit den Füßen die Bügel zu erreichen, davon konnte keine Rede sein. Aber er hatte es verstanden, mit Hilfe einiger gut angebrachter Maulknoten in den Zügeln das alte Trampeltier derartig in seine Gewalt zu bringen, daß es gehorchte. Wir hatten unter den letzten Bäumen des Waldes gehalten und ließen uns nicht sehen. Halef führte soeben eine höchstinteressante, taktische Übung aus, die ihm sehr gut gelang. Da seiner Truppe die Gewehre fehlten, konnte er sich nur auf Pfeil und Spieß verlassen. Darum hatte er es seiner Schar vor allen Dingen beigebracht, sich im Gebüsch zu verbergen, aus diesem Versteck zwei oder drei dichte Pfeilwolken schnell hintereinander auf die Gegner niederschwirren zu lassen und dann auf die Erschrockenen mit angelegten Spießen loszugaloppieren. Eine heitere Wirkung brachte es hervor, daß Hu und Hi, die beiden Bärenhunde, dem Hadschi überall auf Schritt und Tritt folgten und immer gleiches Tempo mit ihm hielten. Taldscha versicherte mir, daß sie ihn bitten werde, diese anhänglichen Tiere als ein Geschenk von ihr zu behalten.

Wir hatten uns entfernen wollen, ohne uns gezeigt zu haben, wurden aber entdeckt. Das Auge des Dschirbani war ganz zufälligerweise gerade auf die Stelle gerichtet gewesen, an der wir uns befanden. Da sah er uns. Wir mußten infolgedessen unter den Bäumen hervor. Man freute sich unseres Kommens. Halef verdoppelte sofort seine Tätigkeit und gab sich alle mögliche Mühe, uns zu zeigen, was für ein Exerziermeister er sei. Wir aber stiegen von unseren Pferden und ließen uns bei dem Dschirbani nieder, um die Gelegenheit, mit ihm allein zu sein, zur notwendigen Aussprache mit ihm zu benützen. Mochten andere Leute von Verhandlungen sprechen, und mochten sie so gern glauben, daran beteiligt zu sein, das, was sie als Verhandlung bezeichneten, war doch nur Einbildung. Das, was zu geschehen hatte, ja, vielleicht gar die ganze Zukunft der Ussul, hing in Wirklichkeit lediglich von den zwei Personen ab, mit denen ich jetzt beisammensaß. Mochten die Dinge, die man soeben im Palast beschloß, noch so wichtig erscheinen, die eigentliche und wirkliche Entscheidung hing nur von dem ab, was zwischen uns dreien jetzt besprochen wurde. Der Dschirbani teilte uns mit, daß seine gegenwärtige Botschaft an den Scheich und an die Ältesten vor allen Dingen zwei Zwecke verfolge: erstens solle der Zug gegen die Tschoban nur von ihm und seinen Hukara zu unternehmen und die Beteiligung anderer, etwa gar der Invaliden, unbedingt ausgeschlossen sein, und zweitens sollte der Scheich gezwungen werden, ihn, den am meisten Verachteten, und die zehn Hukara heut mit den Ältesten und den anderen Vornehmen zum Abendessen einzuladen. Diese Einladung war unbedingt notwendig, um die Gleichwertigkeit der Hukara mit allen anderen Ussul festzustellen und dem Hochmut der Ältesten einen Dämpfer aufzusetzen. Erst, wenn das geschehen war, konnte nach dem Essen eine Besprechung der Forderungen erfolgen, welche die Hukara zu stellen, die Ältesten aber zu erfüllen hatten, sollte der Zug nach dem Engpaß überhaupt ermöglicht werden. Es versteht sich ganz von selbst, daß wir ihm recht gaben. Taldscha war überzeugt, daß die Ältesten sich zwar lange weigern, endlich aber doch nachgeben würden. Was mich betraf, so teilte ich meinen Entschluß mit, schon morgen früh mit meinem Halef die Stadt zu verlassen und dem Zug voranzureiten, um Zeit zu finden, die Gegend zu studieren und die Ankunft der Feinde zu erspähen. Ich zählte die Punkte auf, die ich vorzubringen hatte, weil ohne ihre Erfüllung ein Gelingen unserer Pläne nicht möglich war. Besonders betonte ich gute, sichere Zwischenstationen, ausreichende Verpflegung, die eben durch die Stationen ununterbrochen frisch nachzuliefern sei, und vor allen Dingen eine ausreichende Menge von Wasserschläuchen, denn es sei nicht nur möglich, sondern höchst wahrscheinlich, daß unser Zug dann von dem Engpaß aus nicht heimwärts, sondern quer durch die trockene Wüste der Tschoban nach Norden gehen werde.

So saßen wir weit über eine Stunde lang und brachten alles vor, was wir vorzubringen hatten. Ich kann hier diese hochwichtige Besprechung übergehen, weil sich die Resultate derselben im Verlauf unserer Erlebnisse deutlich zeigen werden. Ganz selbstverständlich verlangte ich, daß die drei gefangenen Tschoban unter sicherer Bedeckung mitgenommen würden, weil sie für uns ein Kapital bildeten, dessen Wert bei den Verhandlungen mit unseren Gegnern sehr schwer in die Waagschale fallen mußte. Und schließlich erklärte ich, daß ich heute abend nicht zum Essen erscheinen werde, auch Halef nicht. Ich war der Meinung, daß der geplante Zusammenprall der neuen mit den alten Anschauungen viel schneller einen friedlichen Verlauf nehmen werden, wenn Fremde nicht zugegen seien. Taldscha gab mir recht. Sie erwies sich überhaupt als eine so verständige, mutige und opferbereite Verbündete, daß ich wiederholt ihre Hand an meine Lippen zog, worüber sie sich außerordentlich freute, weil sie sehr wohl wußte, daß ich es mit dieser Anerkennung ernst und aufrichtig meinte.

Da die Hukara ihre Übungen noch bis zur Dämmerung fortsetzen wollten, so stiegen wir zwei wieder zu Pferde und verabschiedeten uns von Halef und dem Dschirbani. Der letztere fragte mich, ob ich heute um Mitternacht der Einsegnung seiner Krieger beiwohnen werde, und als ich ihm antwortete, daß dies ganz selbstverständlich meine Absicht sei, bat er mich, eine Stunde eher zu kommen und auf der Zinne des Tempels auf ihn zu warten, damit er mir über die Ergebnisse des Abends Bericht erstatten könne. Ich sagte zu und ritt dann mit der Frau des Scheichs fort und in die Stadt zurück. Aacht und Uucht, meine beiden edlen Hunde, hatten während dieser ganzen Zeit ruhig neben mir gesessen und sich durch kein Geschrei und keinen Lärm der Reiterei aus ihrer Ruhe bringen lassen. Nur einmal, als Halef mit seinen beiden Bärenhunden zu uns kam, hatten sie leise, leise mit den Spitzen ihrer Schwänze gewackelt und ein wenig mit den Ohren gezuckt, genau so, wie der hochgeborene blaublütige Orientale einen unter ihm stehenden Menschen auch nicht mit dem ganzen »Salam aleikum«, sondern nur mit den beiden Wortanfängen »Sal-al« begrüßt. Wäre ich mein Hadschi Halef Omar gewesen, so hätte ich geglaubt, daß ein Abglanz dieser Hoheit auch auf mich, den Herrn, gefallen sei!

Unterwegs begegneten uns die zehn Abgesandten der Hukara, die nach dem großen Versammlungsplatz gingen, um ihrem Kommandanten Bericht zu erstatten. Sie hatten erreicht, was sie erreichen wollten, aber nicht, weil man ihnen recht gab, sondern, wie es den Anschein hatte, nur um sie loszuwerden. Heute abend aber sei der Dschirbani selbst dabei; da werde man in einem anderen Ton mit den Ältesten reden! So sagten und so erzählten sie uns; dann gingen sie weiter.

Zu Hause angekommen, verbrachte ich die Zeit bis zur Dämmerung damit, unser Sattel- und Riemenzeug nachzusehen, meine Gewehre und Revolver instand zu setzen und meinen Anzug, soweit es nötig war, zu reparieren. Das tut man am besten immer selbst. Dann kam Halef. Er war überglücklich und überschwemmte mich sofort mit einer Fülle taktischer und strategischer Pläne, daß ein freundliches und ein feindliches Heer von je einer Million Soldaten dazu gehört hätte, nur die Hälfte von ihnen wenigstens auszuprobieren. Ich ließ ihn reden und hörte lächelnd zu. Er hatte sich den ganzen Nachmittag lang ehrlich geplagt, und so war ihm diese Art von Selbstbelohnung, die er sich erteilte, wohl zu gönnen. Der Fluß seiner Rede stockte nach und nach ganz von selbst, je mehr er bemerkte, daß ich ihm zwar meine Aufmerksamkeit schenkte, selbst aber kein einziges Wort zur Sache sprach.

»Was ist das, Sihdi?« fragte er mich: »Du redest nicht. Warum?«

»Weil du redest,« antwortete ich. »wenn zwei sich miteinander unterhalten, so erfordert die Höflichkeit, daß der eine schweigt, während der andere spricht.«

»So habe ich wohl unaufhörlich gesprochen?«

»Ja.«

»Dir keine Lücke gelassen, einzuspringen?«

»Keine.«

»So bitte ich dich um Verzeihung! Aber mein Herz ist voll, und mein Kopf gleicht einem Lesebuch, in welches tausend Feldherren und zehntausend Helden ihre Erfahrungen und Kenntnisse eingetragen haben! Sihdi, ich verlange Krieg! Ich muß Krieg haben, unbedingt Krieg! Denn nur durch Krieg und wieder Krieg und zum dritten Mal Krieg kann ich dir zeigen, was für ein außerordentlicher, ganz unvergleichlicher und berühmter Kerl ich bin! Glaubst du das! Und begreifst du das?«

»Ja. Ich habe es selbst erlebt.«

»An dir selbst?«

»An mir und anderen. Auch ich bin das gewesen, was du noch heute bist!«

»Was?«

»Ein Knabe! Ein dummer Junge!«

»Oho! Was soll das heißen?« fuhr er auf.

»Genau das, was ich damit sagen will! Ich habe als Knabe mit anderen dummen Jungen sehr oft Soldaten gespielt. Fast regelmäßig endete das Spiel mit einer wirklichen, ernst gemeinten Prügelei. Und ebenso regelmäßig brachten wir derartige Spuren des Kampfes mit heim, daß unsere lieben, zärtlichen Väter und Mütter, die leider nicht von der Notwendigkeit des Krieges zu überzeugen waren, dann zu den Stöcken griffen, um uns die hohe Politik und Strategie zu vertreiben.«

»Und das hast du erlebt? Wirklich selbst erlebt?«

»Jawohl!«

»Wirkliche Schläge bekommen, wirkliche Prügel?«

»Wirkliche! Ich fühle sie noch heut!«

»Und das sagst du, ohne dich zu schämen?«

»Schämen? Ich bin stolz darauf!«

»Pfui! Effendi, du hast kein Ehrgefühl! Ich kündige dir meine Freundschaft! Oder meinst du, daß es ehrenvoll ist, sich im Kampf als Held und Sieger zu gebärden und dann, wenn man nach Hause kommt, vom Vater Prügel zu erhalten? Mein Vater hat das nie getan!«

»Der meine aber stets! Er war vernünftig und betrachtete mich und die Prügelei mit himmlischen, nicht aber mit irdischen Augen!«

»Mit himmlischen? Ah, verzeih, Sihdi! Du hast ironisch gesprochen! Du hast es bildlich gemeint, wie fast immer, wenn ich Dummheiten mache! Du meinst mit deinem Vater also Gott?«

»Ja. Und nun frage ich dich: Was hilft mir, dem kurzsichtigen Knaben, mein ganzer Ruhm vor andern kurzsichtigen Knaben, wenn ich dadurch den Vater, anstatt ihm zu gehorchen und ihm Freude zu machen, mit aller Gewalt zwinge, mich hinterher immer wieder von neuem zu verhauen, zu verwichsen und zu versohlen? Schau in die Weltgeschichte! Wie mancher Knabe hat sich mit andern, bessern und edleren Knaben herumgeschlagen, anstatt sie in Ruhe zu lassen, damit sie sich naturgemäß und friedlich entwickeln könnten! Und dann am Schluß: Wer hat den Schaden auszugleichen, die Risse und Schmisse zu heilen, die Verluste zu ersetzen, die Spuren zu tilgen gehabt? Etwa der sogenannte Held? Der sicher nicht! Wir wissen ja heut, daß ihn der Vater dann hernahm und ihm den Stock zu kosten gab!«

»So bist du also gegen den Krieg?«

»Nicht gegen den heiligen Krieg, den Gott gesegnet hat und immer segnen wird! Das ist der Krieg, in dem die Menschheitsseele in eigener Person zum Schwert greift, um den Entwicklungsgang der Sterblichen zu schützen. Stets aber bin ich gegen den Krieg unter Knaben, der nur den Zweck hat, um eines kulturgeschichtlich unreifen Apfels willen einander Hose und Rock zu zerreißen und dann die Nadel und den Zwirn der Mutter und den Stock des Vaters in Bewegung zu setzen. Frag die Völker, denen das grausame Los beschieden war, infolge solcher Versündigungen an Gottes ›Friede auf Erden‹ jahrhundertelang zu hungern und zu kummern, um abzubüßen, was Knaben sündigten! Und ich bin ganz besonders gegen jeden Krieg, der sich auf das armselige, elende Gerede gründet, das ich vorhin aus deinem Mund vernommen habe: ›Sihdi, ich verlange Krieg! Ich muß Krieg haben, unbedingt Krieg! Denn nur durch Krieg und wieder Krieg und zum dritten Male Krieg kann ich dir zeigen, was für ein außerordentlicher, ganz unvergleichlicher und berühmter Kerl ich bin!‹ Halef, ich kenne dich anders, als du dich da gezeichnet hast, und das ist dein Glück! Denn wenn dir diese Verlästerung unserer herrlichen Marah Durimeh wirklich aus dem Herzen gekommen wäre, würde ich dich auf der Stelle zum Teufel jagen!«

»Würdest du das? Wirklich?« fragte er kleinlaut.

»Ja, und zwar sofort!«

»So ist es ein wahres Glück, daß man grad jetzt in diesem Augenblick das Abendessen bringt! Setz dich, Effendi! Setz dich, und iß! Ich lege dir vor! Ich schneide dir alles zurecht! Ich selbst! Du ersiehst daraus, wie sehr ich dich liebe, wie gern ich dir gehorche und daß wir eigentlich ein Herz und eine Seele miteinander sind! Von diesem Krieg aber sprechen wir nicht weiter! Ich brauche ihn ja nicht! Ich bin auch ohne ihn berühmt! Und was du nicht willst, das mag ich auch nicht haben! Komm also, iß! Du siehst, ich kaue schon!«

Wir befanden uns in der Stube. Die Diener hatten das Essen gebracht, weil ich gesagt hatte, daß wir nicht kommen würden. Das war Wasser auf Halefs Mühle. Er nahm ihnen alles schnell ab und schob sie dann wieder hinaus, um mich selbst bedienen und dadurch besseres Wetter erwirken zu können. Dennoch verlief das Essen fast ohne jedes Wort. Nicht etwa, daß ich ihm zürnte, sondern weil er Zeit und Stille brauchte, über sich nachzudenken. Und überdies war für ihn, ohne daß er es ahnte, grad heut ein wichtiger Tag. Er sollte heut zum letzten Male der sein, der er bisher gewesen war. Ich wünschte, daß mit seinem äußeren Ritt hinauf nach Dschinnistan auch seine innere Läuterung und Erhebung beginne. Um dies zu erreichen, mußte ich ihn anders behandeln als bis jetzt. Sein Wille war gut, aber seine innere Kraft bedurfte eines festen, immerwährenden Haltes. Und der hatte ich ihm zu sein, nur ich allein, weiter keiner!

Als er mich nach dem Essen fragte, womit wir nun den Abend auszufüllen hätten, sagte ich ihm, daß ich jetzt auf die Zinne des Tempels steigen werde, um das »Feuer der Berge« zu betrachten. Was ich erwartet hatte, das geschah: Er bat mich, ihn mitzunehmen, und ich willigte ein, denn grad diese Bitte war ja mit berechnet worden. Der Eindruck, den ich erwartete, sollte in ihm die Pforte öffnen, die, wenn sie sich dann einmal hinter ihm geschlossen hatte, ihm nicht erlaubte, jemals wieder in sein früheres Naturell zurückzukehren.

Wir fanden die Tür des Tempels geöffnet. Es wurden für den heutigen Einsegnungsgottesdienst neue Lichter aufgesteckt. Das gab uns Gelegenheit, die hohe Treppe einigermaßen erleuchtet zu finden, so daß Halef mir folgen konnte, ohne sich allein nur auf den Tastsinn verlassen zu müssen. Als wir oben aus dem Innern in das Freie traten, rief Halef aus:

»Ia Maschallah – welch ein Gotteswunder! Schau, Sihdi, schau! Die Erde steht in Flammen!«

Er war sehr wohl zu diesem Ausruf berechtigt. Im Norden von uns loderten fünf, sechs gewaltige Flammen hoch zum Himmel empor. Von uns aus hatte es sogar den Anschein, als ob sie das Firmament erreichten und die Sterne verdunkelten. In Wahrheit aber stiegen sie, wie jedes irdische Licht, nicht über den Dunstkreis ihres Entstehungsortes hinaus. Ein starker Luftzug trieb sie hin und her; sie loderten, zogen ihre Riesenleiber bald tief und breit zusammen, bald streckten sie sie dünn und lang empor bis in die Wolken. Eine dunkle Färbung dämpfte ihren Schein; er war matt und vermochte nicht, wie gestern, das Dünkel unserer Nacht zu mildern.

Da plötzlich sanken sie in sich zusammen; sie verschwanden. Es wurde auch da, wo sie soeben noch gelodert hatten, dunkle Nacht. Darum traten nun auch an dieser Stelle die Sterne ebenso hervor wie anderwärts. Aber die Kraft, welche unterirdisch arbeitete, ruhte nicht. Die Erde zitterte leise. Man vernahm und empfand ein knirschendes Rollen. Wir hatten das Gefühl, als ob die Zinne des Tempels hin- und herzuschwanken beginne. Darum setzten wir uns. Da plötzlich gab es einen Stoß und gleich darauf einen Krach wie von vielen ungleich starken und darum ungleich klingenden Kanonenschlägen. Ein Feuerstrom entstieg der Erde, doch nur für einen kurzen Augenblick. Nichts folgte nach. Erst glich er einer hohen, runden Säule. Dann nahm er die Gestalt einer Birne an, mit dem Stiel nach unten. Nach und nach näherte sich diese Gestalt der Kugelform, worauf sie sich in sich selbst zusammenzog und allmählich erlosch.

»Allah ist groß!« rief Halef aus. »Sihdi, so etwas habe ich noch nicht gesehen!«

Er faltete die Hände. Er war hingerissen und tief im Innern bewegt! Da tat es einen zweiten, lauten Knall. Ein Schwaden brennender Gase fuhr empor, um sofort zu zerstäuben. Ihm folgte eine dunkelglühende, schwere, dicke Masse, die zu kochen schien. Sie flog nicht in die Höhe, nein, sondern sie stieg langsam, ganz langsam, wie eine nur halbflüssige, quellende Masse, der nach und nach mehr zugegossen wird. Und je mehr sie stieg, desto dunkler wurde sie, desto mehr verlor sie die Glut, desto weniger bewegte sie sich in sich selbst, und desto schärfer wurden die Konturen, die sie bekam. Dann stand sie fest, still, unbeweglich, wie ein kolossaler Serpentinquader mit Reliefornamenten an den Ecken und Kanten, der von innen erleuchtet wird. Das sah aus wie ein riesiger Altar, an welchem unsichtbare Giganten beschäftigt sind, ein nächtliches Feueropfer zu bringen. Und das Feuer blieb nicht aus. Der Altar öffnete sich. Es entstieg ihm ein so gewaltiges Flammenmeer, daß es ihn selbst verzehrte, nach allen Richtungen hin weit auseinanderfloß und die Nacht ringsum in Tag verwandelte. Doch dieser Tag war nicht hellen, klaren Angesichts, sondern dunkelorangegelb, und in der Mittellinie der Eruption arbeitete eine immer höher aufsteigende, finstere Rauch- und Schlackenesse, welcher große Massen unreiner Asche entströmten, die, indem sie sich ausbreiteten, den Himmel des Nordens gänzlich unsichtbar machten und einen Eindruck hervorbrachten, als ob Mensch und Tier sich vor Entsetzen verkriechen müsse. Mich faßte Grauen. Halef wurde noch tiefer erschüttert. Er glitt von seinem Sitz herab, kniete nieder, faltete die Hände und betete:

»Im Namen des allbarmherzigen Gottes. Der Klopfende! Wer ist der Klopfende? Wer lehrt dich begreifen, was der Klopfende ist? An jenem Tag werden die Menschen sein wie umhergestreute Motten und die Berge wie verschiedenfarbige, gekämmte Wolle. Der nun, dessen Waagschale mit guten Werken beladen sein wird, der wird ein glückliches Leben führen, und der, dessen Waagschale zu leicht befunden wird, dessen Mutter wird der Abgrund der Hölle sein. Was lehrt dich aber begreifen, was der Abgrund der Hölle ist? Es ist das glühendste Feuer!«

Das war die hundertunderste Sure des Korans. Der Mensch mag sich in späteren Jahren noch so sehr von den Anschauungen seiner Jugend entfernen, bei tiefen, seelischen Erregungen wird er aber stets zu den Bildern, Ausdrücken und Hilfsmitteln seiner ersten Lebenszeit zurückkehren. So auch mein Halef jetzt. Er war Maghrebiner, das heißt, er stammte aus dem Westen von Nordafrika. Dort ist es üblich, in der Angst vor Tod und Verdammnis die hundertunderste Sure zu beten. Und obwohl Halef in seinem Innern schon längst Christ geworden war, flüchtete er sich in seiner jetzigen, außerordentlichen Ergriffenheit zum Gebet seiner Kindheit zurück, weil diese Kindheit ihm den Glauben gab, der überhaupt beten lehrt. Meinen kleinen Hadschi beherrschten keine höheren Erwägungen, sondern Naturell und Temperament. Seine Seele war noch Leibesseele, nicht aber schon Geistesseele; sie trachtete vor allen Dingen nach dem körperlichen anstatt nach dem geistigen Wohl; sie verwechselte in Beziehung auf Leib und Geist den Herrn mit dem Knecht, die schaffende Hand mit dem Werkzeug, die Ursache mit der Folge. Sie hatte noch nicht jenen Schritt getan, welcher sich vom Leib zum Geist, vom Vergänglichen zum Ewigen wendet und wurde darum von dem sich vor unsern Augen entwickelnden, rein physikalischen Schauspiel viel tiefer und nachhaltiger bewegt, als durch eine noch viel wunderbarere Erscheinung auf rein geistigem Gebiet. Ich hoffte aber, daß die erwähnte Wendung zum Höheren sich heut durch den Anblick des packenden Naturereignisses in ihm vorbereiten werde, und hütete mich darum, diesen Vorgang dadurch zu stören, daß ich meine Gefühle in Worte kleidete. Auch ich konnte und wollte mich der vollen Wirkung dieser wunderbaren Erscheinung nicht entziehen. Und auch ich fühlte in mir das unwiderstehliche Bedürfnis, den in mir erklingenden Tönen und Akkorden äußerlich Ausdruck zu geben. Aber während der Hadschi, der Erdenmensch, sich ohne eigene Gedanken in geistiger Hilflosigkeit an Mohammed wendete, stieg in mir ganz plötzlich ein Strahl der Erkenntnis noch viel lichter und noch viel höher auf, als da draußen die Aschenflamme der Vulkane von Dschinnistan, so daß ich mich beeilen mußte, das Notizbuch zur Hand zu nehmen, um das, was an mich herantrat, festzuhalten. Es war ja hell genug zum Schreiben.

Als ich fertig war, fragte Halef, der nun wieder neben mir saß, ob er das, was ich geschrieben hatte, hören dürfe.

»Es ist ein Gedicht«, antwortete ich. »Man liest Gedichte nicht vor, zumal in solchen Augenblicken. Aber um deinetwillen soll die Ausnahme gelten, nicht die Regel. Du hast nur den Flammen- und Aschenstrahl gesehen, weiter nichts. Mir aber wurde mehr gezeigt als dir. Und was ich da sah, und was ich da beschloß, das sollst du hören. Die Zeilen sind deutsch. Ich werde versuchen, sie dir samt den Reimen zu übersetzen.«

Ich las ihm die sechzehn Zeilen vor, langsam und deutlich. Er hörte sehr aufmerksam zu. Als ich geendet hatte, bat er mich, es noch einmal zu tun, da er noch nicht alles verstanden habe. Natürlich erfüllte ich ihm diesen Wunsch. Das, was er hörte, lautete zu deutsch:

Entschluß.
Ich saß so manchen langen Tag
Bei dir vor dem Katheder,
Jedoch, was deine Weisheit sprach,
Das wußte fast schon jeder.
Ich saß so manche lange Nacht,
Um dich auch noch zu lesen,
Doch, was du mir da eingebracht,
Ist nicht von dir gewesen.
Und gestern hab' ich dich belauscht,
Als du die Psalmen lasest
Und, wie von ihrem Duft berauscht,
Die Weisheit ganz vergaßest.
So stell' ich nun das Grübeln ein
Und will dich nicht mehr fragen.
Der Herrgott soll Professor sein;
Der wird mir alles sagen!

Als ich zum zweiten Male fertig war, schwieg Halef. Er hielt seinen Blick nach Norden gerichtet, um das Erstaunliche voll und ganz in sich aufzunehmen, und äußerte zunächst kein Wort. Nach einiger Zeit aber sagte er:

»Du hast recht, Effendi. Ich habe weniger gesehen, als du, nicht nur heute, sondern immer, immer. Daran bin ich aber nicht schuld, sondern Allah. Wo etwas Schönes, Edles, Beglückendes, Großes, Erhabenes geschieht, da ist euer Gott und Vater stets zu finden, unser Allah aber nie! Der bewacht für seine Gläubigen die sieben Paradiese und rasselt gegen die Ungläubigen mit dem Säbel! Den Gedanken deines Gottes und Vaters findest du in jedem, auch im kleinsten seiner Werke; der Gedanke Allah aber steckt weder in der Morgenröte, noch in der Zärtlichkeit der Nachtigall oder in der Lieblichkeit der Blume auf dem Feld. Wir sind arm, bitter arm! Wir kennen kein liebes, freundliches Band, welches die irdische Natur mit dem himmlischen Schöpfer vereint. Allah spricht weder im Donner noch im Blitz, weder im Sausen des Sturmes noch im Brausen des Meeres. Er ist überhaupt gern still. Er hat, glaube ich, nur ein einziges Mal gesprochen, durch Mohammed. Und auch das war nicht er selbst, sondern der Erzengel, den er sandte. Euer Vater aber ist überall! Du bist Dichter! Jeder Baum erzählt dir von ihm; hinter jedem Strauch lugt sein gütiges Auge hervor, um dir Liebe zu erweisen. Allah aber wohnt nur in den alten, schmutzigen, leblosen, papierenen Blättern des Korans, sonst nirgendwo! Sihdi, glaube mir, es gibt mehr, viel, viel mehr Gottessehnsucht auf Erden, als du denkst! Aber es fehlt an einem andern und natürlichen Weg, Gott kennenzulernen, als durch den Koran oder durch den Sahahr!«

»Es gibt einen anderen Weg!« antwortete ich.

»Wo?«

»Hier! Von diesem Tempel aus! Es ist der Weg, den wir morgen früh zu reiten haben. Der Weg vom Land der Ussul hinauf nach Dschinnistan.«

Um die Richtung, die ich meinte, anzudeuten, hob ich den Arm und zeigte nach Norden, wo die Glut der Erde zum Himmel flammte, als ob sie die Sehnsucht, von der Halef gesprochen hatte, zu versinnbildlichen habe.

»Gibt es da oben wirklich den Vater, nach dem die Menschheit sucht?« fuhr Halef fort. »Ich sehe da oben nur Berge, die Feuer speien. Das überwältigt mich, gibt mir aber keine Antwort auf meine Frage. Du aber hast, wie Moses einst im glühenden Busch, in diesem Feuer Gott gesehen und bist dir sofort darüber klargeworden, daß nur er allein Professor sein und bleiben könne. Ist es denn möglich, daß auch ich zu einem solchen scharfen Auge und zu einer so beseligenden Erkenntnis komme?«

»Nicht nur möglich, sondern wirklich!«

»Wieso?«

»Du selbst hast es bewiesen. Deine ersten Worte, als du hier heraufkamst, waren: ›Welch ein Gotteswunder!‹ und ›Allah ist groß!‹ Du hast also sofort und wiederholt in diesem Feuer wenn auch nicht Gott erkannt und gesehen, aber doch seine Macht und sein Wirken herausgefühlt. Es wird …«

»Sei still! Sei still und schau!« unterbrach er mich, indem er an das Geländer trat und seine ganze Aufmerksamkeit nach den Bergen richtete.

Dort dunkelte es für einen Augenblick, und dann begannen die gestrigen Erscheinungen sich in ganz genau derselben Art und Weise und in ganz genau derselben Reihenfolge abzuspielen, wie ich sie beschrieben habe.

»Das ist ja das Paradies!« rief er aus, als sich die Feuermauer bildete und dann das große Tor sich öffnete. »Das ist ja die Sage der Ussul! Von der großen Engelsfrage, ob Friede auf Erden sei, und von dem Gott, der aus dem Paradies herniedersteigt, um – still, sei still, und störe mich nicht!«

Ich hatte gar nichts gesagt und auch nichts sagen wollen. Er sank wieder auf die Knie nieder, legte die Arme auf die Balustrade, faltete die Hände und hing sich mit den weit und begierig geöffneten Augen so fest an das sich vor ihm entwickelnde Bild, daß es eine Sünde von mir gewesen wäre, seine Aufmerksamkeit von dort ablenken zu wollen. Da blieb er knien, bis das Paradies verschwunden war und noch beträchtliche Zeit länger. Er sog den Anblick in sich wie ein Verdurstender, dem man Wasser reicht. Er rückte in unbeschreiblicher Spannung auf den Knien hin und her. Er sprang wiederholt vor Erregung auf, um sich aber gleich wieder niederfallen zu lassen. Er ließ die verschiedensten Ausrufe hören, und als er sich endlich zu sehr ergriffen fühlte, hob er die Arme hoch empor und betete die »Beschließerin«, die hundert Namen Gottes:

»O Allbarmherziger! O Allerbarmender! O Allbesitzender! O Allheiliger! O Allfehlerfreier! O Allsichernder! O Allbedeckender! O Allgeehrter! O Allersetzender! O Allherrlicher! O Schöpfer! O Allhervorbringender!« und so weiter bis zum Schluß: »O Allwundervoller! O Allwährender! O Allerbender! O Allgerader! O Allgeduldiger! O Gott!«

Durch das laute Hersagen dieses langen mohammedanischen Gebetes war er innerlich zwar noch nicht ganz wieder auf das gewöhnliche Niveau herabgestiegen, aber doch nun so weit gelangt, sich wieder mit mir beschäftigen zu können.

»Sihdi«, sagte er, »lache mich nicht aus! Ich habe einen Wunsch, einen großen, mächtigen Wunsch, der mir aber leider nicht erfüllt werden kann.«

»Warum nicht?« fragte ich.

»Weil seine Erfüllung überhaupt unmöglich ist. Ich möchte nämlich so gern ein Engel sein!«

Er sagte das im vollsten Ernst. Hundert andere hätten wohl über diesen seinen Wunsch gelacht; ich aber blieb nicht nur ernst, sondern ich freute mich sogar über ihn, und zwar von ganzem Herzen.

»Ein Engel möchtest du sein?« fragte ich. »Nun, so sei doch einer!«

»So sei doch einer!« wiederholte er meine Worte im Ton des Erstaunens. »Als ob das nur so auf mich ankäme!«

»Auf wen denn sonst?«

»Sihdi, du scherzest! Aber ich sage dir: Wenn ich ein Engel wäre, so würde ich gewiß nicht einer von denen sein, die immer hundert Jahre lang warten und dann einmal zur Tür herausschauen, ob endlich auch Friede auf Erden sei. Sondern ich würde zum Herrgott gehen und offen und ehrlich zu ihm sagen: ›Laß mich hinaus! Ich will mit der Menschheit reden! Mit dem ewigen Warten erlangen wir nichts! Und das bißchen Licht, alle hundert Jahre einmal, das reicht kaum bis zur nächsten Woche! Die Menschen tun nichts von selbst! Sie verlangen, daß man sich Mühe mit ihnen gebe. Und so bitte ich dich, mich hinabzusenden, um ein ernstes Wort mit ihnen zu reden! Sie sind gar nicht so widerstrebend, wie es scheint, sie sehnen sich auch nach Frieden, nach Glück! Es muß ihnen nur richtig gesagt werden, nämlich vom richtigen Mann, zur richtigen Zeit und in der richtigen Weise. Aber grad hieran hat es bisher gefehlt. Sobald ich hinunterkomme, wird es anders. Ich rede ihnen ins Gewissen. Schnell geht das freilich nicht. Sogleich komme ich nicht zurück. Aber ehe die hundert Jahre vergangen sind, bin ich wieder da; darauf kannst du dich verlassen!‹ So würde ich mit ihm reden, Sihdi, und ich bin überzeugt, daß er einverstanden wäre! Die Engel sind doch nicht etwa da, um hundert Jahre lang für sich zu leben und dann der Menschheit nur einige kurze Tage oder Stunden zu widmen! Du weißt doch, was ein Engel ist?«

»Ja«, antwortete ich.

»Und du glaubst, daß es Engel gibt?«

»Selbstverständlich!«

»Es soll aber Leute geben, die es leugnen?«

»Die gibt es allerdings, und doch möchte ich zugleich auch sagen: nein, die gibt es nicht. Es kommt ganz darauf an, zu welcher Meinung man sich stellt. Die einen behaupten, Gott habe Legionen himmlischer, unsichtbarer, reiner Wesen geschaffen, die hoch über dem sündhaften, abgefallenen Menschen stehen und doch dazu bestimmt sind, ihm zu dienen. Und die andern beteuern, daß dies unmöglich sei, weil es gegen Gottes Weisheit und Gerechtigkeit verstoße, denn die Erde würde dann für die Engel eine wahre Hölle sein, und wie kämen denn die Menschen dazu, von Wesen bedient zu werden, die unendlich wertvoller sind als sie? Die Heilige Schrift spreche zwar von Engeln, aber das sei nur die bekannte orientalisch-bildliche Ausdrucksweise. Unter der Bezeichnung Engel seien nur gute Menschen gemeint, die ihre höhere Einsicht, ihre Güte und Liebe dem Bedürftigen zur Verfügung stellen, ohne einen Lohn zu erwarten.«

»Und welche Meinung von beiden ist wohl die deinige, Sihdi?«

»Ich glaube, was die Bibel sagt, und ich glaube auch an das, was mir das Herz sagt. Und dieses Herz stellt es mir als mit der Zeit erreichbar hin, daß ein jeder Mensch, wenn er es nur will, recht wohl der Beschützer, Helfer und Engel seiner Nebenmenschen sein kann. Darum …«

Ich mußte die Rede abbrechen, weil jetzt der Dschirbani kam. Halef rückte nach der äußersten Ecke der Bank. Der junge, geistvoll ernste Ussul kam ihm nicht nur körperlich als Riese vor. Der Dschirbani grüßte kurz und freundlich und trat dann an die Balustrade. Er schaute geradeswegs in das soeben wieder hoch emporlodernde Feuer der Berge. Seine riesige Gestalt stand wie in Flammenglut. Dann sagte er:

»Und da hinauf wollen wir! Mitten durch diese Feuersbrunst und den Brand hindurch. Wie schwer, wie schwer! Und wie gefährlich! Mein Vater sagte, wenn er von seiner Heimat sprach, daß nur der nach Dschinnistan gelange, der einen Schutzgeist, einen führenden Engel findet.«

Hierauf nahm er an meiner Seite Platz und gab mir Kunde von dem Verlauf des Abendessens und der darauffolgenden Besprechung seiner Forderungen. Er hatte einen vollen und ganzen Erfolg errungen, nichts war ihm abgeschlagen worden. Und er gestand es fröhlich ein, daß er das nicht etwa seiner Klugheit und Geschicklichkeit im Verhandeln, sondern nur dem Einfluß der Herrin der Ussul zu verdanken habe.

Nun sahen wir einen langen Fackelzug, der sich von weit draußen her dem Tempel näherte.

»Das sind meine Hukara. Es ist fast Mitternacht«, sagte der Dschirbani. »Siehst du die Menschenmenge auf dem Platz?«

Erst jetzt bemerkte ich, von ihm darauf aufmerksam gemacht, daß sich eine große Menge vor dem Tempel angesammelt hatte. Alle waren so still, so ruhig! Wie sonderbar doch diese halbwilden Menschen sind!

»Sie wollen der Einsegnung zuschauen«, erklärte mir mein junger Freund, »dürfen aber nicht eher hinein, als bis geläutet wird.«

»Geläutet?« fragte ich. »Gibt es hier Glocken?«

»Nein. Wir läuten mit Hörnern.«

»Mit solchen, wie ich heut bei dir gesehen und gehört habe?«

»Ja.«

Wir hörten unter uns die Räder des großen Leuchters schwirren. Er wurde angebrannt. Der Fackelzug erreichte den Platz, marschierte rund um ihn herum und verschwand dann im Eingang des Tempels, ohne daß die Fackeln ausgelöscht wurden. Dann begann das Läuten. Zunächst erklang ein einzelner, tiefer, außerordentlich starker, langgezogener Ton. Ihm folgten drei andere Töne von verschiedener Höhe. Diese vier Töne wurden zunächst zusammen lang ausgehalten, dann aber, wie läutende Glocken, einzeln angeschlagen, wie ein gebrochener Akkord. Das machte auf uns, die wir hoch oben standen, wo die Tonwellen sich alle vereinigten, einen so gewaltigen Eindruck, daß es gar nicht möglich ist, ihn durch Worte auch nur anzudeuten. Es war, als sei die Zinne, auf der wir standen, ein kleines Boot, das auf einem brausenden Meer von Tönen und Akkorden umhergetrieben wurde, das nicht zur Ruhe kommen konnte, indem der Grundton seine sehnsuchtsvollen Rufe immer wieder von neuem begann. Wer das hörte, den zog es mit innerer Gewalt zum Tempel hin.

Aber außer diesen Tönen sammelte sich noch etwas anderes grad unter unsern Füßen, nämlich der Rauch und Qualm von über sechshundert Fackeln, die im Innern des Tempels brannten. Dieser böse, dicke Dunst gelangte zwar auch zwischen den Holzsäulen, welche das Dach trugen, heraus in das Freie. Er entschlüpfte dort dem Innern und bildete, indem er sichtbar rund um uns aufstieg, einen fast erstickenden Ring um uns, der uns die freie Aussicht nach den Bergen und nach dem Himmel raubte. Aber die hartnäckigsten und stinkigsten Schwaden legten sich grad unter unsern Füßen an, und es war nicht tröstlich, uns sagen zu müssen, daß wir uns da hindurchzuatmen hatten, um dorthin zu gelangen, wo man uns erwartete.

»Das ist schlimm!« lächelte der Dschirbani. »Hoffentlich ersticken wir nicht! So wie uns jetzt, muß es dem Gott zumute sein, wenn er aus dem Paradies tritt, um nach Ardistan zu gehen! Und so muß es jedem reinen Geist und jedem edlen Menschen grauen, in die Atmosphäre derer, die in Stickluft leben, hinabzusteigen. Weißt du Sahib, daß wir für immer von hier gehen?«

»Ja.«

»Tut es dir nicht leid?«

»Nein. Die einzige, die mich hier halten könnte, Taldscha, folgt uns ganz sicher nach.«

»Das denke auch ich. Reichen wir uns die Hände, daß einer den andern in der Ohnmacht halte und stütze! Nur einmal noch durch diesen Dunst und Rauch und Qualm der Tiefe! Dann aber fort, empor zur reinen, freien Luft von Dschinnistan!«

Wir öffneten den nach unten führenden Treppenweg. Ein fürchterlicher Brodem von Ruß und Pech und Teer drang uns entgegen. Wir aber mußten hindurch. Wir nahmen uns bei den Händen. Hinein, hinein! Hinunter!

Fünftes Kapitel.

Auf, zum Kampf!

Wenn ich die Ereignisse der letzten Tage überdenke, so stellen sie sich mir derart zwingend und drängend dar, daß es fast zum Verwundern ist. Am Montag war es, als die Ussul meinen Halef ergriffen und ich dafür ihren Scheich gefangennahm. Am Dienstag waren wir nach Ussula geritten, und nachts stand ich mit der Priesterin und Taldscha auf dem Tempel. Am Mittwoch, also gestern, wurde der Kriegszug gegen die Tschoban und unsere Beteiligung daran zur fest beschlossenen Sache. Und am Donnerstag, heut, befand ich mich mit Halef schon unterwegs, um nach dem Schauplatz dessen, was geschehen sollte, voranzureiten. Das war doch wohl ein Stringendo, welches zum Nachdenken trieb. Ich habe die Erfahrung gemacht, daß, wenn die Ereignisse einander so trieben, der Schluß fast immer kein befriedigender war. Warum wohl das? Höchstwahrscheinlich aus dem Grund, daß der Mensch dabei die innere Ruhe und den scharfen Blick des Auges verliert, die beide unumgänglich nötig sind, wenn man wünscht, Herr der Begebenheiten zu bleiben. Was die Schärfe des Blickes betrifft, so war sie mir wohl nicht verlorengegangen; ich hatte vielmehr Gelegenheit gefunden, sie zu üben. Auch die innere Ruhe war mir geblieben. Nichts hatte mich aus dem Gleichgewicht gebracht, und selbst wenn so etwas geschehen wäre, so hätte mir die tiefe Einsamkeit und Stille des Urwaldes, durch den wir heute während des ganzen Tages geritten waren, die vortrefflichste Gelegenheit gegeben, mich selbst wieder finden zu lassen.

Es waren große, verantwortungsvolle Pflichten vor mir aufgetaucht, aber ich stand ihnen außerordentlich sachlich gegenüber. Ich war plötzlich sozusagen unpersönlich geworden. Ich befand mich in einer mir unbekannten Stimmung und hatte das Gefühl, als ob sich das, was mir bevorstand, gar nicht auf mich beziehe und nur darum von mir miterlebt werden müsse, weil es bestimmt war, nicht nur den Beteiligten, sondern auch mir zum Segen zu gereichen. Es kam mir vor, wie eine Übung in der schweren Kunst, Gottes führende Hand im Leben zu erkennen, um dadurch die Befähigung zu erlangen, dann auch mit eigenen Händen die Zügel der Ereignisse zu führen. Es gibt Menschen, die nicht leben, sondern gelebt werden, weil sie erst lernen müssen, was leben heißt. Einst hatte auch ich zu ihnen gehört. Ich war gelebt worden und hatte dies mit schwerem, bitterem, viele Jahre langem Weh bezahlen müssen. Dann hatte ich mich von denen, die mich lebten, freigemacht. Eine böse, mühe- und enttäuschungsvolle Lehr- und Gesellenzeit war gefolgt. Und heute nun sah ich mich endlich, endlich vor die Notwendigkeit des Beweises gestellt, nicht mehr Knecht, sondern Herr meiner selbst zu sein.

Das war es, was ich bei Beginn unseres weiten Rittes über mein Inneres zu sagen habe. Halef mag für sich selbst sprechen. Ich will nur andeuten, daß er sehr ernst gestimmt war, ernst und weich. Er sprach ganz wenig, nur das Allernotwendigste. Infolgedessen, was er am gestrigen Abend auf der Zinne des Tempels gesehen und empfunden hatte, schaute er heute tief in sein Inneres hinab und suchte mir dies dadurch zu verbergen, daß er sich äußerlich sehr lebhaft mit Hu und Hi, seinen beiden Hunden, beschäftigte. Er hatte sich vor unserer Abreise über ihre Dressur genau instruiert und versuchte nun zunächst, sie in allen ihren Stücken durchzuprobieren. Es freute mich, daß sie sich als sehr brauchbar erwiesen. Meine beiden Riesen Aacht und Uucht standen aber auch in dieser Beziehung hoch über ihnen. Sie gingen auf Mann und Tier in jeder Lage. Sie rissen den Reiter im Galopp vom Pferd; sie gehorchten in allen Stücken sofort und unbedingt. Aber was sie taten, das taten sie nicht aus Angewöhnung, sondern mit Einsicht und Überlegung. Sie wußten mit beinahe menschlicher Intelligenz sehr wohl zwischen den rechten und den falschen Mitteln zu unterscheiden, und es wird sich im Laufe der Ereignisse wohl oft herausstellen, daß sie zuweilen richtiger und klüger handeln als ich selbst.

Alle vier Hunde waren mit Riemenzeug und einer Art von Sattel ausgerüstet, auf dem sie ihren eigenen Proviant und einen Wasserschlauch trugen. Der letztere war für Gegenden bestimmt, die jenseits der Tschobangrenze lagen. Die Traglast war so berechnet, daß sie ihnen nicht zu schwer wurde. Sie freuten sich im Gegenteil, so oft sie ihnen angeschnallt wurde. Diese Freude tat sich niemals in lautem, unnützem Bellen kund, sondern nur im Mienenspiel. Einer ihrer größten Vorzüge war die Schweigsamkeit, die sie stets beobachteten. Wir kamen ja sehr oft in Lagen, in denen jeder laute Ton zu vermeiden war. Gelegentlich aber, wenn es ohne Nachteil geschehen konnte, gab ich den braven Tieren dann auch gleich selbst die Veranlassung, sich nach Herzenslust auszubellen.

Was nun unsere eigene Ausrüstung betrifft, so waren wir so vortrefflich beritten als nur immer möglich. Ben Rih, den Halef ritt, ist schon oft beschrieben worden. Wie ich zu meinem Syrr kam, ist in meiner Erzählung »Im Reiche des silbernen Löwen« zu lesen; dort sind auch die hervorragendsten Eigenschaften dieses unvergleichlichen Pferdes beschrieben. Auch unsere Waffen waren vortrefflich, die meinigen sogar unschätzbar, wir selbst dabei kerngesund und frohen Mutes, voller Unternehmungslust und Zukunftsfreude. Mehr kann man von zwei Menschen, von denen der eine der Sohn eines blutarmen, deutschen Leinewebers und der andere der Sproß einer ebenso armen, nordafrikanischen Beduinenfamilie war, wohl kaum verlangen.

Wir waren von heut früh an fast den ganzen Tag geritten, hatten nur zu Mittag eine Stunde Rast gemacht und sahen uns darum jetzt, wo der Abend nahte, nach einem Platz um, der sich zum Nachtlager eignete. Wir befanden uns mitten in einem uralten Zedrelawald, der sich längs des Wassers, an dem wir ritten, hinzog. Leider aber waren diese Zedrelen von der Gattung Toana, deren Rinde, Blätter und Früchte einen starken, knoblauchartigen Geruch aushauchen. Es war ratsam, eine Rast unter solchen Bäumen zu vermeiden, und so wollten wir nicht eher halten, als bis wir eine andere und weniger duftende Vegetation erreichten. Das geschah erst dann, als es bereits zu dämmern begann. Da ging der Toanabestand in einen fast ganz reinen, lederblättrigen Schoreawald über, der nur dann und wann von einer Gruppe von Sissubäumen unterbrochen wurde. Das Unterholz bestand teils aus immer-, teils aus nur sommergrünen Sträuchern.

Wir hielten an. Auch die Hunde blieben stehen. An Hu und Hi war nichts zu bemerken. Aacht und Uucht aber schauten mich fragend an, als ob sie sagen wollten: »Ihr haltet hier? Warum gehen wir nicht weiter?« Das war jedesfalls nicht ohne Grund. Uucht ging noch einige Schritte vor, hob den rechten Vorderfuß, sog die Luft in die Nasenflügel und richtete, leise mit dem Schwanz wedelnd, die Augen dann wieder auf mich.

»Da vorne gibt es etwas!« sagte Halef.

»Und zwar Menschen!« stimmte ich bei.

»So bleibe ich mit den Hunden und Pferden hier?«

»Ja. Und ich gehe, um zu sehen, wer es ist. Sorge dafür, daß alles stillbleibt!«

Wir stiegen ab und ließen die Pferde sich legen. Die wußten nun, daß sie nicht schnauben und überhaupt nicht laut werden durften. Die Hunde mußten sich zu ihnen setzen und bekamen das Zeichen, sitzen zu bleiben und sich ruhig zu verhalten. Dann legte ich die beiden Gewehre ab, die mich im Anschleichen gehindert hätten, und ging zunächst, um mich unsichtbar zu machen, vom Fluß weg, etwas tiefer in den Wald hinein, worauf ich die Richtung einschlug, die ich eigentlich beabsichtigte. Am Fluß, über dem der freie Himmel lag, war es noch hell gewesen; hier unter den Bäumen aber, deren Kronen ein dichtes Dach bildeten, war es fast schon ganz dunkel. Dennoch versäumte ich nicht die gebotene Vorsicht, von Baum zu Baum hinter den starken Stämmen Deckung zu suchen, um nicht etwa eher entdeckt zu werden, als bis ich entdeckt sein wollte. Ich legte mehrere hundert Meter zurück, ohne etwas zu spüren. Indem ich parallel mit dem Fluß ging und den Wasserstreifen, der zwischen den Büschen und Baumstämmen schimmerte, nicht aus den Augen ließ, mußte ich alles entdecken, was nicht in diesen Teil des Waldes gehörte. Kein Lüftchen regte sich. Kein Geräusch war zu vernehmen. Aber der Geruch, der bekanntlich der schärfste aller Sinne ist, sagte mir, was Gesicht und Gehör mir jetzt noch nicht sagen konnten: ich roch Feuer. Erst leise, ganz leise, dann aber, je weiter ich ging, immer stärker und stärker. Zunächst roch es nur ein klein wenig nach Kien, dann nach schwelendem Harz, hierauf nach Holz und rußendem Harz und endlich nach bratendem Fleisch. Der Schoreabaum liefert bekanntlich ein sehr reiches, wertvolles Harz, welches sogar bis nach Europa durch den Handel vertrieben wird. Aber Fleisch an harzigem Holz zu braten, dessen Geruch und Geschmack es annimmt, das fiel doch keinem Menschen ein, der auch nur einigermaßen vertraut ist mit dem Leben im freien Feld und im freien Wald, und so wurde mir durch diesen einzigen Umstand schon verraten, daß die Personen, welche da ihr Abendessen bereiteten, weder Ussul noch Tschoban sein konnten. Sie waren auf alle Fälle Leute, welche die Pfahlbauten-, Jäger-, Fischer- und Nomadenzeit überstanden hatten und nun schon nicht mehr wußten, wie ein saftiger, reinschmeckender Braten unter freiem Himmel zubereitet werden mußte.

Endlich, nachdem ich fast einen Kilometer weit gegangen war, sah ich auch das Feuer. Man denke sich, wie glücklich ich mich fühlte, zwei Hunde mit so scharfen Sinnen zu besitzen! Um so weniger bewunderte ich die Leute, die so unvorsichtig gewesen waren, dicht am Flußufer ein so großes Feuer anzuzünden, daß man einen Ochsen daran hätte braten können. Der Fluß bildete eine sehr breite, für das Auge völlig freiliegende Strecke. Ein an seinen Ufern brennendes Feuer mußte weithin gesehen werden. Es war gewiß nur Zufall, daß er hier eine Biegung machte, sonst hätten wir die Flamme sicher schon vor einer Stunde entdeckt. Vielleicht hatten diese Leute es nicht nötig, sich zu verbergen, um so geratener aber war es für mich, nicht offen hinzugehen, sondern mich heimlich anzuschleichen, um zunächst zu sehen, wer sie waren. Ich hatte mich also dem Fluß nun wieder zu nähern.

Es war inzwischen Nacht geworden. Das Feuer blendete, und so kam es, daß ich auch den Fluß nicht mehr von weitem sah. Als ich mich genug genähert hatte und hinter einem der letzten Bäume stand, war es mir möglich, den Lagerplatz zu übersehen. Hier herrschte die Zahl Sechs. Ich zählte sechs Männer, sechs Pferde und sechs Kamele. Man schien bereits seit Stunden hier zu lagern. Das Feuer wurde wirklich mit kienigem Schoreaholz genährt. Es stammte von alten, abgefallenen Ästen, die in der hiesigen Feuchtigkeit sehr schnell vermodert waren, so daß der unzerstörbare Rückstand harzige Knorren bildete, die zwar leicht brannten, im übrigen aber nicht nur wertlos, sondern schädlich waren. Die Kamele waren schwere Lastkamele. Man hatte ihnen die Lasten abgenommen. Sie lagen frei und ungefesselt und kauten wieder. Sie hatten eine ziemliche Anzahl von Wasserschläuchen und einige wenige Pakete zu tragen gehabt. Die lagen jetzt neben ihnen, zu einem Haufen aufgestapelt. Die Pferde waren nicht übel; sie gefielen mir sogar sehr. Eine persisch-indische Kreuzung, bei der aber nur der persische, nicht auch der indische Teil von wirklichem Adel war. Wer weithin leuchtende Schimmel zu reiten wagt, darf keine böse Absichten haben, oder er ist ein dummer, unerfahrener Mensch! Vier von den Männern waren Untergebene; das sah man ihnen mit dem ersten Blick an. Sie beschäftigten sich teils mit den Tieren, teils auch mit dem Fleisch, das über dem Feuer hing. Es schien von einer Tschikara – Vierhornantilope – zu sein und war durch den Qualm des Harzes schon ganz verdorben. Die beiden übrigen Männer waren die Herren. Sie saßen abseits, an den dicken Stamm eines uralten Sissubaumes gelehnt, von Feuer, Mensch und Tier so weit entfernt, als ob sie sich fürchteten, durch die Berührung mit ihnen verunreinigt zu werden. Solche Absonderung kommt doch nur bei den Kastengenossenschaften Indiens vor! Wer waren also diese beiden? Sie trugen krumme Säbel in ledernen Scheiden; aber die Ringe, Schnallen und andere Metallteile dieser Scheiden und Wehrgehänge waren aus purem Gold. Ihre Gürtel und ihre Pistolengriffe funkelten von Halbedelsteinen. An ihren Händen blitzten schwere Diamanten, Rubine und Smaragde. Ihre Turbane, nach indischer Art gewunden, waren mit Perlenschnüren verziert, und der eine von ihnen, der Augengläser trug, hatte es sogar fertiggebracht, in die Scharniere seiner Brille rechts und links einen Diamanten von der doppelten Größe einer ausgewachsenen Linse einsetzen zu lassen. Er schien der Vornehmere von ihnen zu sein. Wozu im Urwald solche Pracht? Diese beiden Männer trugen Anzüge aus jenem unendlich feinen, gelblichweiß glänzenden Dholeragespinst, welches in hindustanischen Gedichten als »gewebte Luft« gepriesen wird! Was sollte man hierzu sagen?

Ich bitte meine Leser, mich nicht falsch zu verstehen, wenn ich eine solche Frage ausspreche. Ich war zu ihr nicht nur berechtigt, sondern sogar verpflichtet. Diese sechs Männer kamen von Norden, nicht von den Tschoban, sondern noch weiter her. Sie ritten nach Süden, also zu den Ussul. Wer waren sie, und was wollten sie? Hinter den Weidegebieten der Tschoban liegt Dschunubistan und dann das eigentliche Ardistan. Konnte von dorther etwas Gutes kommen? Zumal in jetziger Zeit, wo die Tschoban hier hereinbrechen wollten? Hing die Absicht dieser Leute etwa mit diesem Einbruch zusammen? Warum kleidete man sich in dieser sumpfigen, dunstigen Niederung genau so köstlich wie auf der offenen Straße oder dem sonnenbeleuchteten Tempelvorplatz von Delhi oder Benares? Doch nicht nur, um zu prunken! Vor wem denn wohl? Natürlich nur, um auf den einfachen, bescheidenen Ussul gleich beim ersten Zusammentreffen solchen Eindruck zu machen und sie derart zu blenden, daß man das, was man wollte, ebenso schnell wie sicher erreichte. Aber was wollte man? Ich hoffte, etwas hierüber zu erfahren, falls es mir gelang zu hören, was man sprach.

Die Erfüllung dieses Wunsches war nicht nur möglich, sondern sogar sehr leicht. Der Sissustamm, an dem die beiden Herren saßen, wurde rechts und links von so fetten und so dicht stehenden Farnkräutern flankiert, daß man bis zur anderen Seite des Stammes kriechen und sich dort unter den schützenden Wedeln verbergen konnte, ohne gesehen zu werden. Es fiel mir gar nicht schwer, dies zu tun. Ich erreichte den Stamm des Sissu, ohne bemerkt zu werden, und lag dann, auf der weichen Modererde lang ausgestreckt, so bequem wie auf einem Kanapee. Nur der Baum trennte mich von den beiden Männern. Sie sprachen nicht laut, sondern mit halber Stimme, aber doch so, daß ich alles hörte, was sie sagten. Eben als ich diese meine Stellung eingenommen hatte, schnitt einer der Diener zwei Stücke Fleisch von dem Braten und legte sie auf eine funkelnde Metallplatte, die gewiß aus Gold war. Er tat zwei kleine Kuchen dazu, die schon vorher gebacken worden waren, und trug die Platte dann den beiden Herren zu. Der eine von ihnen schien Hunger zu haben. Er zog sein Messer aus dem Gürtel, um sofort mit dem Essen zu beginnen. Der andere aber, der die Diamantenbrille trug, hielt ihm die Hand und sagte:

»Nicht so! Ich verbiete es dir! Vergiß nicht, daß du der oberste Minister des Scheichs von Dschunubistan bist und zur höchsten Kaste der Menschheit gehörst! Du darfst keine Speise genießen, die von der Hand einer niederen Kraft berührt worden ist, außer sie wird vorher von Priesterhand gesegnet und geheiligt.«

»Das weiß ich wohl«, antwortete der Gescholtene. »Aber auf der Reise ist es doch erlaubt!«

»Nur dann, wenn kein Priester vorhanden ist. Ich aber bin nicht nur Priester, sondern sogar der höchste aller Priester, die es gibt. Ich bin der Maha-Lama von Dschunubistan! Ich bin sogar noch mehr! Ich bin Gott! Ich werde, wenn ich in dem einen Leib sterbe, in dem andern immer wieder von neuem als Gott geboren! Es würde also nicht nur zehnfache, sondern hundert- und tausendfache Sünde von dir sein, in meiner himmlischen Gegenwart eine Speise zu genießen, die aus der Hand eines Menschen kommt, der niedriger steht als du! Halte sie mir her! Ich werde sie von der Sünde befreien und für uns genießbar machen.«

Der »Minister« hielt ihm die goldene Platte hin; der »Maha-Lama« machte mit beiden Händen die Bewegung des Segnens darüber, und dann begannen sie zu essen, und zwar in jener lauten, schmatzenden Weise, die bei gewissen Leuten für vornehm gilt. Diese beiden hohen oder gar allerhöchsten Personen aßen wie die Ferkel. Sie verschlangen das Fleisch und das Gebäck fast ungekaut und ließen sich noch zweimal neue Portionen geben, die ebenso wie die erste gesegnet wurden. Während des Essens fiel kein einziges Wort. Es wurde dabei soviel geschnalzt, geschmatzt, geschnauft und gerülpst, daß weder Zeit noch Raum für eine gesprochene Silbe blieb. Auch die Dienerschaft aß nun, also die Niedrigstehenden, die Verachteten, deren Berührung den Vornehmen verunreinigt; aber sie taten es in stiller, anständiger Weise und machten darum einen viel besseren Eindruck auf mich als ihre Herren.

Meine Leser wissen, daß es für mich keinen Zufall gibt. Darum kann ich auch nicht sagen, es sei ein günstiger Zufall für mich gewesen, daß ich gleich bei den ersten Worten dieser Leute erfuhr, wer sie waren. Der eine bezeichnete sich selbst als den Maha-Lama von Dschunubistan. Maha-Lama heißt so viel wie »Großpriester«. Aber damit nicht genug. Er nannte sich sogar »den höchsten aller Priester, die es gibt«. Es ist möglich, daß sich hier und da irgend jemand findet, der dies für unbescheiden hält. Der andere war der »oberste Minister des Scheichs von Dschunubistan«. So hohe Personen waren wohl noch nie von auswärts her nach dem Land der Ussul gekommen. Was wollten sie da? Offiziell war ihre Reise wohl nicht, denn ihr Stand hätte in diesem Fall eine viel größere, prunkende Begleitung verlangt. Sie kamen vielmehr in ganz auffällig heimlicher Weise, wie es scheint. Aber heimlich für wen? Für die Ussul oder für die Tschoban? Jedenfalls für die letzteren. Aber diese Karawane von sechs Reitern, sechs Pferden und sechs Kamelen hatte doch durch das Gebiet der Tschoban gemußt! War es gelungen, es unbemerkt zu passieren? Die Bewohner von Dschunubistan werden Dschunub genannt; ein einzelner ist ein Dschunubi. Sie leben mit den Tschoban in Feindschaft. Wenn der Scheich der Dschunub eine Botschaft zu den Ussul sendet, die sich heimlich durch das Land der Tschoban zu schleichen hat, so muß der Grund wohl ein wichtiger sein. Und wenn er mit dieser Botschaft nur seinen höchsten Geistlichen und seinen höchsten Minister betraut, so hat man sich diese Wichtigkeit als eine ganz außergewöhnliche zu denken. Ich muß gestehen, daß ich gespannt war, etwas hierüber zu erlauschen; aber es hatte nicht den Anschein, als ob die hohen Herren gesonnen seien, sich über diesen Gegenstand zu äußern. Sie verhielten sich auch nach dem Essen noch eine Weile still. Dann sprachen sie sehr einsilbig über gewöhnliche Dinge, die mich gar nicht interessierten. Aber die Diener, die jetzt mit ihrer Arbeit und auch mit dem Essen fertig waren und nun tabakrauchend beieinandersaßen, führten ein Gespräch, welches zwar leise begonnen hatte, aber nach und nach lauter wurde, so daß ich wenigstens einen guten Teil von dem zu hören bekam, was sie sagten. Sie unterhielten sich über den Verlauf ihrer bisherigen Reise. Den eigentlichen Zweck derselben schienen sie nicht zu kennen, aber daß er den Tschoban verschwiegen zu bleiben hatte, das wußten sie. Ebenso wußten sie, daß die Tschoban einen Kriegszug planten, um in das Land der Ussul einzufallen. Die Tschoban hatten aus diesem Grund ihre Krieger in der Mitte ihres Landes zusammengezogen und die Seiten von ihnen entblößt. Darum war es den Dschunub gelungen, ihre heimliche Reise durch den westlichen Teil längs der Meeresküste auszuführen, ohne auch nur ein einziges Mal bemerkt zu werden. Dieses gute Gelingen war besonders auch dem Umstand zuzuschreiben gewesen, daß sie sich, wie bereits erwähnt, sehr reichlich mit gefüllten Wasserschläuchen versehen hatten und also nicht gezwungen gewesen waren, im Land nach Wasser herumzusuchen und sich dabei erwischen zu lassen. Vorgestern hatten sie den Engpaß von Chatar erreicht und dort übernachtet. Gestern früh waren sie von dort aufgebrochen und dem Fluß bis hierher gefolgt, um nach einem zweiten und dem heutigen dritten Nachtlager morgen früh nach Ussula weiterzureiten.

Als das Gespräch der Dienerschaft bis hierher gelangt war, fühlten sich nun endlich auch die beiden Herren angeregt, ein Wort dazu zu sagen, aber nur unter sich, ohne daß die Untergebenen es hörten. Ich aber lag nahe genug bei ihnen, um die halblaut gesprochenen Sätze zu vernehmen, die sie miteinander wechselten. Der Minister begann zuerst. Er sagte:

»Nur weiter solches Glück, wie bisher! Die Tschoban sahen uns nicht. Ob wohl die Ussul uns zu sehen bekommen?«

»Körperlich jedenfalls, denn das wollen wir ja, doch geistig aber nicht!« antwortete der Maha-Lama.

»Du meinst, sie dürfen uns sehen, aber nicht durchschauen?«

»Ja, das meine ich.«

»Nichts leichter als das! Der Scheich ist ein Dummkopf. Seine Frau ist klüger, aber arglos. Sie glaubt alles. Sie wird auch glauben, daß wir nur das Glück ihres Volkes wollen. Wie aber steht es mit der Priesterin? Sie soll großen Einfluß haben.«

»Das glaube ich nicht«, entgegnete der Lama in geringschätzigem Ton. »Wie kann ein Weib als Priesterin von Einfluß sein!«

»Dann aber wohl ihr Mann, der Zauberer, der Sahahr?«

»Auch dieser nicht. Er ist ja nur der Abglanz oder vielmehr der Schatten seines Weibes! Und was für eine Religion ist das! Ein Gott, der geistig verborgen bleibt! Der nie sich zeigt, niemals geboren wird, wie ich geboren bin und immer von neuem geboren werde! Wer mich sieht, der sieht Gott. Wer mit mir spricht, der spricht mit Gott! Also, wer mich hat, der hat Gott! Wen aber haben die Ussul? Ein Nichts, eine Null, einen Dunst, ein Schemen, das sie als Gott bezeichnen. Der Sahahr ist der einzige Mann dieses unwissenden Volkes, von dem zu glauben ist, daß man mit ihm sprechen kann. Was aber ist er gegen mich, der ich als wahrer, wirklicher Gott und Herr der Welt in menschlicher Gestalt erschienen bin! Wenn er den Mund zu öffnen wagt, schmettere ich ihn mit zwei, drei Worten derart nieder, daß er ihn für immer schließt und niemals wieder öffnet! Ich bin vom Himmel herniedergestiegen, um so lange immer wieder von neuem geboren zu werden, bis ich die Menschheit von den Leiden des irdischen Kreislaufes befreit habe. Dies geschieht, indem alles, was auf Erden lebt, in das Nirwana sinkt. Ist dies geschehen, so ist mein irdisches Werk vollbracht, und ich steige zu andern Sternen auf, um es dort fortzusetzen. In dieser meiner Erlösungstat bin ich jetzt bis Dschunubistan gelangt und beabsichtige nun, die Gebiete der Tschoban und der Ussul hinzuzufügen. Unser Scheich hat mich begriffen. Er vereint seine weltliche Macht mit meiner geistigen und geistlichen. Indem er das tut, wird er alles Land, welches südlich von uns liegt, erobern. Wir schließen einen Bund mit den Ussul. Wir sagen ihnen, daß wir ihnen die Tschoban zugetrieben bringen. Indem wir die Tschoban zwischen uns und den Ussul zerquetschen, zermalmen und vernichten, ziehen wir in das Land der Ussul ein, darauf Bedacht nehmend, daß auch sie durch die Tschoban aufgerieben werden. Dieser Einzug wird eine Besitzergreifung sein, denn wir werden das Land der Ussul nie wieder verlassen …«

»Vorausgesetzt, daß es uns gelingt, jetzt Glauben dort zu finden!« fiel der Minister ihm hier in die Rede.

Da warf der Maha-Lama einen Blick so unendlichen Erstaunens und so unendlicher Entrüstung auf ihn, als ob er ihn damit vernichten wolle, beobachtete ein minutenlanges, empörtes Schweigen und antwortete dann mit ganz besonderer Betonung:

»Als ob es überhaupt einen Menschen geben könnte, der mir keinen Glauben schenkt, sobald ich persönlich mit ihm spreche! Ich bin der Maha-Lama von Dschunubistan, der höchste aller Priester, die es gibt! Das merke dir! Wie der Glanz unserer äußeren Personen die Ussul augenblicklich für uns gewinnen wird, so werden sie sich auch innerlich sofort beugen, sobald ich nur erscheine und meine Stimme erschallen lasse. Bedenke die Ehre, die ungeheure Ehre, die ihnen widerfährt, indem wir zu ihnen kommen und sie mit unserer Gegenwart beglücken!«

»Kämen wir mit großem, glänzendem Gefolge, würde es mehr Eindruck machen!«

»Sehr richtig! Man stehe innerlich noch so hoch, so darf man doch das Äußere nicht versäumen. Selbst Gott, der Geist, braucht die Körperwelt, um angebetet zu werden. Aber wir mußten für dieses Mal verzichten. Die Tschoban durften nichts erfahren. Es war die strengste Heimlichkeit geboten. Aber auch das hat Vorteile, die von hohem Wert sind, wenn wir sie nur zu benutzen wissen. Was uns an Prunk und Pomp verlorengeht, gewinnen wir an Vertraulichkeit und Wohlwollen zehnfach wieder. Diese niedrigstehende Menschheit mag an Liebe glauben, an Humanität, Barmherzigkeit und Frieden auf der Erde. Sie ist nicht reif. Sie würde sich entsetzen, wenn sie die Wahrheit hörte. Die Liebe ist die größte Lüge, die es gibt; nur der Haß allein ist wahr. Jedes lebende Wesen trachtet nach sich selbst, ist Egoist. Auch Gott! Je größer ein Wesen ist, desto gewaltiger ist seine Selbstsucht. Gott ist der Größte, der Höchste; darum ist sein Egoismus ohnegleichen. Es ist ein Wahnsinn, ihn als ›Vater‹ zu beschreiben. Er ist nur der Verderber, weiter nichts. Er gibt nicht das Leben, sondern nur den Tod, nicht den Frieden, sondern nur den Kampf, den Streit, die Vernichtung. Als er das All schuf, vernichtete er sich selbst. Der Geist verwandelte sich in Stoff; der Schöpfer wurde Geschöpf. Um sich als Gott wiederherzustellen, muß er den Stoff in Geist zurückverwandeln, muß er die Schöpfung wieder vernichten, Schritt um Schritt, in umgekehrter Reihenfolge, wie sie entstanden ist. Das ist nicht Liebe und Leben, sondern Haß und Tod, Zerstörung, ewiger, endloser Weltenmord! Je höher Gott wächst, um so kleiner wird das Geschöpf. In dem Augenblick, an dem der letzte Rest des Alls verschwindet, wird Gott am größten sein. Darum klug und selig der Mensch, der nicht nach Erdenglück und Menschenwohl, sondern nach Gottes Größe trachtet! Er wird immer unwägbarer, immer kleiner und kleiner werden, bis seine Existenz vollständig zu Ende ist und er ganz in Gott verschwindet. Dieses Aufhören alles eigenen Seins, dieses völlige, restlose Aufgehen in Gott, so daß es nicht mehr die geringste Spur von Erinnerung gibt, ist unsere Seligkeit, ist unser einziges und höchstes Ziel, ist – Nirwana!«

Er hatte, während er sprach, seinen Sitz verändert, war mehr nach der Seite gerückt. Darum sah ich jetzt sein Gesicht, zwar nur im Halbprofil, aber wenn er es dem Minister zuwendete, hatte ich es beinahe en face vor mir. Es war ein schönes, beinahe ehrwürdiges, geistreiches Männergesicht mit silberglänzendem Vollbart; aber es hatte einen Fehler, der ihm alle seine Schönheit und Würde wieder benahm; er schielte nämlich, und zwar so stark, daß es jedermann gleich beim ersten Blick auffallen mußte, sogar solchen Leuten, die nicht gewohnt sind, auf die Fehler ihrer Mitmenschen aufzupassen. Ließ schon dieses sein Äußeres erraten, daß er kein gewöhnlicher Mensch sei, so zeigten auch seine Worte, daß er ebenso auf intellektuellem Gebiet auf Wegen wandelte, die der Fuß alltäglich denkender Menschen nicht betritt. Er schien sich sogar über die Grenzen, welche den Gedanken der Sterblichen gezogen sind, hinausgewagt zu haben. Ich bin überzeugt, daß gar mancher andere an meiner Stelle das, was ich gehört hatte, für puren Wahnsinn erklären würde; ich aber war geneigt, es einstweilen als die allerdings höchst seltsame Übertreibung einer an sich ganz gesunden Idee zu betrachten, der man im geistigen Leben der Völker auf Schritt und Tritt zu begegnen pflegt, ohne sie sonderlich zu beachten. Während diese Idee dem gebildeten Europäer nur als nebensächlich erscheint, lieferte sie dem Maha-Lama das Milieu, in dem er aufgewachsen und unterrichtet worden war. Aus ihr bestand seine ganze Atmosphäre. Er atmete in ihr. Sie verursachte die religiöse Überspanntheit, an der er litt. Darum fiel es mir nicht ein, mich über das, was er gesagt hatte, zu wundern oder gar darüber zu lächeln. Ich sah ihn in diesem Augenblick nicht als Oberhaupt einer zahlreichen Glaubenssekte vor mir, sondern als einen mächtigen, hochinteressanten Gegner meiner Freunde, der gekommen war, sie zu überlisten und um ihre Selbständigkeit zu betrügen. Grad jetzt, in diesem Augenblick, wo sie einem raffinierten Feind so viele und so gefährliche Angriffspunkte boten! Ich konnte über das, was ich zu tun hatte, nicht im Zweifel sein. Ich hatte erreicht, was ich erreichen wollte. Ich wußte, wen ich vor mir hatte. Ich kannte sogar die Absichten, welche diese beiden Männer verfolgten. Nun fragte es sich, ob ich mich wieder zurückziehen oder ob ich bleiben sollte, um vielleicht noch mehr zu erfahren. Da wendete sich der Lama den Dienern zu und sagte in befehlendem Ton: »Die Zeit des Nachtgebetes ist gekommen!«

Einer von ihnen stand auf und holte einen Gong, der bei den Gepäckstücken lag. Dann beiseite tretend, verbeugte er sich nach den vier Himmelsgegenden und ließ bei jeder dieser Verbeugungen das Metallbecken dreimal erklingen. Dann kniete er nieder und betete. Auch die andern falteten die Hände und murmelten die vorgeschriebenen Worte. Nur der Maha-Lama betete nicht. Er war ja Gott selbst. Zu sich selbst zu beten, hält er für unsinnig; aber sich für Gott selbst zu halten, das dünkte ihm kein Wahnsinn! Es waren nur wenige Augenblicke, aber sie ergriffen mich doch sehr tief. Vor mir hatte ich das langsam sich bewegende Wasser des Flusses, der mit phosphoreszierendem Schein aus dem Dunkel des Urwaldes trat und dann quer durch den farbigen Glanz des brennenden Feuers flutete: die phantastisch beleuchteten Gestalten der Pferde und Kamele; die fünf am Boden knienden Beter; den einzigen sechsten, der nicht betete, sondern hoch und stolz erhobenen Angesichtes hinauf zu den Sternen sah, als ob er die emporsteigenden Gebete da oben in Empfang zu nehmen habe. Die zwölf Schläge des Gongs hatten jenseits des Flusses an der dichten Wand des Urforstes ein zwölffaches Echo erweckt, welches abwärts bis an die Krümmung des Wassers schallte und von dort wieder zurückgeworfen wurde. Das gab in die bisherige Stille hinein ein plötzliches, schmetterndes Rasseln, Donnern und Dröhnen, als ob alle die Kämpfe, die man in das friedliche Land des Ussul schleppen wollte, schon ausgebrochen seien. Ich sah unwillkürlich hinter mich. Es überkam mich ein Art von Angst. Nicht, daß ich mich etwa um mich selbst sorgte; o nein! Aber es ergriff mich eine Art von Grauen um den vor mir sitzenden, immer wieder von neuem geborenen Gott, in dessen Gefolge dieses Getöse entstand, ohne daß er davon berührt zu werden schien. Es gehört zur Eigenart solcher überspannter Wesen, daß sie bei allem Unheil, welches sie anzurichten pflegen, so ruhig bleiben, als ob sie völlig unschuldig daran seien. So saß auch der Maha-Lama da. Sein Bart glänzte; sein Angesicht leuchtete im Schein der flackernden Flammen. Er schien tief in seine persönliche Gottheit versunken und ganz entzückt zu sein. Da war nicht daran zu denken, noch etwas Weiteres zu erfahren. Ich gab meinen Lauscherposten auf und zog mich so leise und so vorsichtig zurück, wie ich gekommen war.

Mittlerweile war es nicht nur unter den Bäumen, sondern auch draußen am freien Fluß Nacht geworden. Ich hatte also nicht nötig, mich, um nicht gesehen zu werden, im tiefen Schutz des Waldes zu halten, wie es beim Herbeischleichen notwendig gewesen war. Ich blieb nur so lange unter den Bäumen, bis ich den Schein des Feuers hinter mir hatte; dann aber trat ich heraus auf den baumlosen Uferstreifen und konnte nun den Rückweg verfolgen, ohne auf Schritt und Tritt gegen die Bäume zu stoßen.

Als ich bei Halef ankam, fand ich ihn genau so, wie ich ihn verlassen hatte. Ich setzte mich an seine Seite und erstattete ihm Bericht. Früher hätte er in seiner bekannten Lebhaftigkeit meine Erzählung gewiß zehn- und zwanzigmal unterbrochen. Aber er hörte mich ruhig an. Als ich geendet hatte, ließ er ein kurzes, vergnügtes Lachen hören und sagte:

»Also Gott ist da! Allah, der allmächtige und allweise Herr und Schöpfer des Himmels und der Erde! Und den nehmen wir gefangen! Dem fesseln wir die Hände und die Füße! Den binden wir auf sein Pferd, damit es ihm nicht einfallen kann, uns auszureißen! Welcher Mensch hat wohl schon so etwas fertiggebracht!«

»Du wohl nicht!« antwortete ich.

»Nein, noch nicht! Allah war noch nicht so dumm, mir in die Hände zu laufen. Jetzt aber kommt er doch! Er sitzt schon da! Bei seinen Kamelen und Pferden! Und ich gehe hin, um ihm zu zeigen, daß Hadschi Halef Omar, der Scheich der Haddedihn, sogar den Schöpfer und Regierer aller Welt beim Kragen nimmt!«

»Das wirst du bleibenlassen!«

»Bleibenlassen? Ich? Fällt mir gar nicht ein! Ich bin ein Freund der Ussul! Ich habe sie zu behüten und zu bewahren! Und das werde ich tun, denn es ist meine Pflicht! Ich würde sie gegen den Teufel verteidigen, wenn er käme, um sie zu bekämpfen! Und ich werde mich ihrer auch gegen den falschen Allah annehmen, der da am Fluß herabgeritten kommt, um sie zu überlisten! Ich halte ihn fest und zwinge ihn, auf die Fortsetzung seiner Reise zu verzichten!«

Er sagte das in sehr energischem Ton; ich aber wiederholte meine Worte:

»Das wirst du bleibenlassen!« und fügte dann hinzu: »Du kommst ja gar nicht dorthin, wo er jetzt lagert. Du bekommst ihn gar nicht zu sehen, wirst gar nicht mit ihm sprechen.«

»Nicht sehen? Nicht sprechen?« fragte er erstaunt. »Aber wir müssen doch unbedingt hin, um ihn gefangenzunehmen!«

»Nein, das müssen wir nicht, und das werden wir nicht. Unsere Aufgabe ist, so schnell wie möglich nach dem Engpaß Chatar zu reiten, um dort die Einleitung für spätere Ereignisse zu treffen. Meinst du, daß wir uns da mit Gefangenen herumschleppen könnten?«

»Hm!« brummte er. »Freilich! Sie zählen sechs Personen; wir aber sind nur zwei! Aber laufen lassen können wir die doch auch nicht!«

»Warum nicht?«

»Weil, weil – hm, ja! Wenn man wüßte, daß sie dem Dschirbani in die Hände fallen und daß der sie genau so behandelt, wie wir sie behandeln würden.«

»Ich bin überzeugt, daß er das tut.«

»Ich nicht.«

»So können wir es auch nicht ändern. Er ist sein eigner Herr und tut, was ihm beliebt.«

»So will ich hoffen, daß er diesen Maha-Lama von Dschunubistan auch wirklich erwischt und mit nach dem Engpaß bringt, wo wir ihn zwischen die Fäuste nehmen werden, um ihm zu zeigen, daß wir ihn sofort in sein Nirwana sperren, wenn er uns nicht gehorcht. Aber sehen werde ich ihn doch, denn wir müssen ja morgen früh aneinander vorüber.«

»Nein. Wir tun das schon heut.«

»In dieser Dunkelheit?«

»Ja. Und zwar nicht am Fluß hin, sondern in einem Bogen durch den Wald, um sie herum.«

»Das ist in hohem Grade unbequem. Wir rennen an die Bäume!«

»Ja, das würde allerdings geschehen, wenn wir diesen Umweg zu Fuß machen und unsern Pferden vorangehen wollten. Aber wir reiten. Du weißt, daß die Pferde des Nachts besser sehen als wir. Der Wald hat nur am Rand Unterholz. In der Tiefe sind die Zwischenräume frei. Es wird also besser gehen, als du denkst. Übrigens gibt es hier viel langes, dünnes Stangenholz am Wasser. Wenn wir uns jeder eine solche Stange herausschneiden und sie so, wie die Schnecken ihre Fühler, voraushalten, bewahren wir uns vor den Zusammenstößen, die du fürchtest.«

»Sehr richtig, Effendi! Der Emir Kara Ben Nemsi und der Scheich der Haddedihn sind zwei Schnecken, jede mit einem hölzernen Fühlhorn vorn am Pferdekopf! Sihdi, das wird gemacht, und zwar gleich! Je länger wir hierbleiben, desto mehr drücken wir das Gras nieder, und das muß doch morgen früh wieder aufgestanden sein, damit die Leute aus Dschunubistan, wenn sie hier vorüberkommen, nicht sehen, daß jemand hier gewesen ist. Ich werde die Fühlhörner schneiden, ich selbst, weil ich es als meine Aufgabe betrachte, dir die kluge Vorsicht und die zarte Empfindlichkeit der hiesigen großen, schwarzen Waldschnecken beizubringen. Du siehst, wie entzückt ich darüber bin, daß du, wie überall so auch hier, dich bemühst, nur edlen Vorbildern nachzustreben.«

Er wählte zwei lange Schößlinge aus, schnitt sie ab und gab mir einen davon. Dann stiegen wir auf die Pferde und begannen, um die Stelle, an der sich die Fremden befanden, langsam einen Halbkreis zu reiten, dessen Halbmesser so groß war, daß wir von ihnen nicht gehört werden konnten. Für unsere Pferde ebensowohl wie auch für unserer Hunde genügte das einfache Wort »uskut« – schweig! –, sie zu veranlassen, jeden Laut und jedes Geräusch zu vermeiden. Indem wir die Stangen wie Lanzen vor uns hielten, war es uns nicht schwer, jedem Baumstamm, der uns im Weg stand, auszuweichen. Übrigens waren die Augen unserer Pferde so gut, daß wir auf diese »Fühlhörner« füglich hätten verzichten können. Trotzdem dauerte es eine ziemlich lange Zeit, bis wir den Bogen geschlagen hatten und weit oberhalb der Dschunub das Ufer des Flusses wieder erreichten. Wir stiegen da noch nicht ab, sondern wir ritten noch einige Kilometer weiter, um ganz sicher zu sein, auf keinen Fall bemerkt werden zu können. Dann machten wir halt und lagerten zur Ruhe für die Nacht, ohne ein Feuer anzuzünden.

Ich habe nicht die Topographie des Landes, durch welches wir ritten, zu behandeln, sondern meine Leser wünschen, daß ich ihnen so viel wie möglich Ereignisse bringe, für die sie sich interessieren. Da wir von jetzt an unterwegs nichts erlebten, überschlage ich die Zeit, bis wir unser Ziel erreichten, und beginne da von neuem, wo das allmähliche Versiegen des Wassers uns darauf aufmerksam machte, daß wir uns der Landesgrenze näherten. Der Fluß wurde immer seichter und seichter. Seine Breite blieb, denn die war von alters her, als er noch aus dem hochgelegenen Norden kam, fest in das Land gegraben, aber der Inhalt schwand und verlor sich in dem porösen, schwammig weichen Boden. Der Grund trat zutage, erst stellenweise, so daß sich Inseln bildeten, die nach und nach immer größer und immer häufiger wurden. Dann gab es längere, zusammenhängende Bänke, die durch schmale Wasserstreifen, später nur durch Pfützen voneinander getrennt wurden. Und endlich verliefen diese Streifen und Pfützen in ganz vereinzelte Tümpel, deren Wasser immer schlechter schmeckte und zuletzt gar nicht mehr zu genießen war. Da machte Halef ein sehr bedenkliches Gesicht und sagte:

»Sihdi, du hast einen großen Fehler begangen!«

»Welchen?« fragte ich.

»Du hättest da, wo das Wasser noch schmeckte, anhalten sollen, um unsere Schläuche zu füllen.«

»Wer? Ich?«

»Ja, du!«

»Du nicht auch?«

»Nein, ich nicht! Was gehen denn gerade mich die Fehler an, die gemacht werden? Ich bin doch nicht verpflichtet, mir welche auszusinnen. Das überlasse ich dir.«

»Schön!« lachte ich. »So denke wenigstens darüber nach, in welcher Weise es möglich ist, diesen Fehler wiedergutzumachen!«

»Ja, Sihdi, das werde ich. Und ich bin überzeugt, daß es gar nicht lange dauern wird, so habe ich es gefunden.«

Von jetzt an zeigte sein Gesicht einen sehr tiefsinnigen Ausdruck, ich sollte hieraus ersehen, wie angestrengt er nachdachte. Zuweilen tat er einen tiefen Atemzug, oder es erklang ein schwerer Seufzer. Die Trinkwasserversorgung hat schon manchen Oberbürgermeister von London, Paris, Peking, Berlin und ähnlichen Orten viel Kopfschmerzen bereitet. Mein guter Hadschi Halef war jetzt von ähnlichen Sorgen erfüllt. Seine Brauen zogen sich immer mehr zusammen; seine Mundwinkel hingen abwärts, und seine Augen bekamen eine sehr finstern, verhängnisvollen Blick. Endlich, nach fast einer Stunde, stieß er einen Jubelruf aus, schnalzte mit der Zunge und rief mir zu:

»Hamdulillah! Ich hab's! Komm, Sihdi, komm!«

Er drehte sein Pferd herum und machte Miene, dahinzureiten, woher wir soeben kamen.

»Wohin?« fragte ich.

»Zurück! Selbstverständlich zurück! Das ist das einzige, das unbedingt richtige!«

»Beweise es!«

»Beweise? Wozu? Das sagt doch schon der gesunde Menschenverstand!«

»Was?«

»Daß wir umkehren und zurückreiten müssen bis dahin, wo das Wasser noch trinkbar war. Dort füllen wir unsere Schläuche!«

»Hm! Dieser Gedanke kommt dir erst jetzt?«

»Ja, erst jetzt! Und ich bin ganz glücklich darüber, daß er mir überhaupt gekommen ist. Du nicht auch? Ohne ihn würden wir für heut kein Wasser haben.«

»Also dauert es bei dir eine volle Stunde, ehe dir das kommt, was du den gesunden Menschenverstand bezeichnest! Was hattest du denn vorher für eine Art von Verstand?«

»Deinen jedenfalls nicht, Effendi! Denn der wäre wohl nicht auf den einzig richtigen Gedanken gekommen, wieder umzukehren!«

»Allerdings nicht!«

»So komm, und folge mir zurück! Ich führe dich dorthin, wo wir heut früh getrunken haben. Dort war das Wasser noch gut.«

»Also über sechs Stunden weit rückwärts, denn jetzt ist es Mittagszeit! Ich danke!«

»Du willst nicht mit?«

»Nein.«

»So reite ich allein!«

»Tue es! Leb wohl, Halef! Laß deinen gesunden Menschenverstand ja nicht in das Trinkwasser fallen. Du wirst ihn nötig haben, um mich im Laufe dieses Jahres wieder einzuholen!«

Ich ritt weiter; er aber blieb halten. Er schickte mir verschiedene Rufe und Ermahnungen nach. Ich antwortete nicht; ich sah mich gar nicht einmal um. Nach einiger Zeit wurde es hinter mir still. Dann hörte ich die Sprünge und lauten Atemzüge seiner Hunde, die bei ihm geblieben waren, mir aber jetzt nachkamen. Und als hierauf wieder eine Weile vergangen war, ertönte hinter meinem Rücken der scharfe Trab seines Pferdes. Er holte mich ein, kam an meine Seite und klagte in seinem vorwurfsvollsten Ton:

»Sihdi, es ist nicht auszuhalten mir dir! Willst du es denn mit Gewalt herbeiführen, daß wir verschmachten und verdursten?«

»Willst du ewig im Sumpf und Moor der Ussul bleiben?« antwortete ich.

»Wie kommst du zu dieser Frage? Ich begreife sie nicht!«

»So sag, wo wollen wir hin?«

»Zunächst nach dem Engpaß Chatar und dann in das Land der Tschoban.«

»Kennst du dort Wasserquellen?«

»Nein!«

»Willst du alle Tage zurückreiten, um hier Wasser zu holen?«

»Gewiß nicht! Da kämen wir ja gar keinen Schritt vorwärts!«

»Aber Wasser brauchen wir dort doch auch!«

»Wir werden schon welches finden!«

»Wo?«

»Das weiß ich freilich nicht. Ich verlasse mich da ganz auf dich.«

»Ah, so! Also ganz auf mich! Warum denn nicht auf deinen gesunden Menschenverstand?«

»Allah w' Allah. Das ist Hohn! Das ist Spott! Das ist nicht schön von dir!«

»Wenn nicht schön, so aber doch jedenfalls sehr richtig. Wer in seinem Leben so glücklich ist, das Land des Sumpfes hinter sich zu haben, der soll lieber verschmachten, als sich vom ordinären Durst verleiten lassen, in den Sumpf zurückzukehren! Wasser gibt es überall, sogar auch in der ödesten, trockensten Wüste; man muß es nur zu finden wissen. Und daß es im Sand der Wüste reiner und bekömmlicher ist als im Moderboden des Schwemmlandes, das weißt du, der du aus der Wüste stammst, doch ebensogut wie ich.«

»Ja freilich!« nickte er. »Aber was du sagst, das klingt, als ob du auf solches reines, lauteres Sandwasser rechnest?«

»Das tue ich allerdings. Der Fluß kann doch unmöglich aus dem Gebiet der Tschoban gekommen sein, ohne den dortigen Sand mit herüberzuschwemmen. Je mehr wir uns dem Engpaß nähern, desto größer wird für uns die Wahrscheinlichkeit, auf sandige Stellen zu stoßen …«

»Aber nicht auf Wasser«, unterbrach er mich.

»O doch! Nach den dir allerdings vollständig unbekannten Gesetzen der Fenni mizani mejah – der Hydrostatik – und nach den Regeln der …«

»Schweig!« fiel er mir in die Rede, indem er sich für einige Augenblicke mit den Händen beide Ohren zuhielt. »Ich mag von dieser deiner Fenni mizani mejah ebensowenig wissen wie von allen deinen anderen Wissenschaften! Es kommt dabei doch weiter nichts heraus, als daß man aus dem Unterbewußtsein in das Oberbewußtsein klettert und aus diesem schmählich wieder herunterstürzt! Ich habe das erlebt! Nein, wenn ich Durst habe, will ich keine Fenni mizani mejah, sondern Wasser trinken, und ich bitte dich also …«

Er hielt mitten in der Rede inne. Er sah etwas, was ihn verstummen ließ. Das war eine helle Stelle im alten, dunkeln Moorboden des Flußlaufes. Ich sagte nichts, sondern lächelte nur. Als er mich wieder anblickte, und dieses Lächeln bemerkte, senkte er den Blick und gestand mir in seiner lieben, aufrichtigsten Weise unumwunden zu:

»Sihdi, ich bin ein Ochse, ein Esel, ein Schaf, kurz und gut, ein jämmerlicher Kerl, bei dem der gesunde Menschenverstand eine ganz, volle Stunde braucht, um sich auf sich selbst zu besinnen. Und selbst dann, wenn er das getan hat, kommt nichts Gutes heraus, sondern immer nur etwas Dummes! Nicht wahr, diese lichte Stelle da drüben ist Sand?«

»Ich vermute es. Laß uns nachsehen! Wir nähern uns dem Engpaß. Ich hoffe, daß wir ihn schon lange vor Abend erreichen.«

Wir stiegen von den Pferden und gingen nach der betreffenden Stelle. Ja, sie bestand aus Sand, der nur wenige Zentimeter tief trocken war, dann aber feucht zu werden begann. Diese Feuchtigkeit wuchs mit der Tiefe. Halef pflegte jeden Fehler oder Irrtum, den er eingesehen hatte, mit wahrer Begeisterung wiedergutzumachen; so auch hier. Er eilte zu den Pferden zurück und schnallte seine beiden metallenen, arabischen Steigbügelschuhe aus den Riemen. Ihrer Gestalt nach waren sie zu Handscharren vortrefflich geeignet. Er nahm einen und ich einen. Wir gruben in kürzester Zeit ein Loch, in welchem sich ein klares, wohlschmeckendes Wasser sammelte. Es war durch den Sand filtriert. Wir tranken uns beide satt. Auch die Hunde bekamen genug. Wir erweiterten die Grube und tränkten auch die Pferde. Dann sickerte das Wasser so rasch nach, daß wir es abklären lassen und die Schläuche füllen konnten. Als wir damit fertig waren, hatten wir zu alledem nicht viel über eine halbe Stunde gebraucht. Nun stiegen wir wieder auf und ritten weiter. Halef fühlte sich beschämt. Er sagte:

»Wie rasch und bequem das gegangen ist! Ich aber hätte über zwölf Stunden gebraucht, um Wasser zu finden und dich wieder einzuholen!«

»Falls ich gewartet hätte, ja! Ich aber wäre weitergeritten, und so hättest du mich in zwölf Stunden nicht erreicht. Zudem mußt du bedenken, daß wir jetzt gutes, gereinigtes Sandwasser haben, während du nur gewöhnliches Moorwasser hättest bringen können.«

»Meinst du, daß wir auch jenseits des Engpasses immer Wasser haben werden?«

»Ich hoffe es.«

»Aber die dortige Wüste ist berüchtigt. Sie soll die trockenste sein, die es gibt.«

»Das glaube ich nicht. Ich bin überzeugt, daß sie besser ist als ihr Ruf. Sie ist im Norden von Bergen umkränzt, hinter und über denen sich die Gebirgsmassen von Dschinnistan erheben. Das ergibt einen Wasserdruck, der jedenfalls auch bis in das Land der Tschoban reicht. Übrigens habe ich auf der Landkarte, welche der Dschirbani mir gegeben hat, Ortszeichen gefunden, welche jedenfalls Wasserstellen bedeuten. Sie stammen von seinem Vater, der die Wüste oft durchquerte und sie darum sehr gut kannte. Man sagt, er habe das Gelingen dieser seiner Reisen nur dem Spürsinn seiner Hunde zu verdanken. Ich will das nicht in Abrede stellen, füge aber hinzu, daß seine eigene Kenntnis der Wasserstellen noch wichtiger gewesen ist als die Nasen seiner vierfüßigen Begleiter. Ich glaube nicht, daß du ahnst, wie groß diese Wichtigkeit auch für uns werden kann.«

»Für uns? Wieso?«

»Wir wollen doch die Tschoban besiegen. Nicht?«

»Ja. Aber wir wollen nicht nur das, sondern wir wollen sie unterwerfen, wollen von ihrem Land Besitz ergreifen.«

»Ganz recht! Was gehört aber zu einem solchen Sieg?«

»Tapferkeit.«

»Weiter nichts?«

»Freilich noch viel mehr. Mut, List, Klugheit, Übung, Ausdauer, Geschicklichkeit und noch vieles andere. Sihdi, du lächelst! Du machst dich lustig über mich. Gestehe es!«

»Ein wenig allerdings. Deine Aufzählung paßt ebensogut auf jede Prügelei unter zweien. Wie wir seit gestern abend wissen, wird es nicht nur einen Kampf zwischen den Ussul und Tschoban geben, sondern auch die Dschunub werden sich beteiligen. Den Sieger kenne ich schon heut.«

»Der sind natürlich wir!«

»Oho! Der wirkliche Sieger heißt ganz anders als wir!«

»Kenne ich ihn?«

»Ja.«

»Wie heißt er?«

»Wasserschlauch.«

»Was …!«

Das Wort blieb ihm im Munde stecken. Er sah mir ganz verständnislos in das Gesicht. Dann aber schien ihm die Einsicht zu kommen. Er schloß den Mund, der ihm offengeblieben war, nickte mir zu, machte ein pfiffiges Gesicht und fuhr fort:

»…serschlauch! Ganz richtig! Der Wasserschlauch! Wer genug Wasser hat, der hält es am längsten aus. Wer aber keines hat, der muß verschmachten, und sei er noch so stark oder noch so klug. Daher also die Tausende von Wasserschläuchen, die du bestellt hast! Du, Sihdi, ich glaube, der Hinweis auf diese Schläuche war Eingebung. Nicht?«

»Vielleicht hast du nicht ganz unrecht, wenn du es so nennst.«

»Aber woher das viele Wasser nehmen für eine solche Menge von Gefäßen?«

»Du meinst für eine solche Menge von Tieren und Menschen. Denn diese sind doch die Hauptsache, die Gefäße aber Nebensache.«

»Mir wird angst, wenn ich daran denke!«

»Mir nicht.«

»Aber grad von dir wird man es fordern! Auf dich wird die Verantwortung fallen! Wirst du sie tragen können?«

»Wahrscheinlich. Ich habe da drei Verbündete, die mich nicht im Stich lassen werden.«

»Höre, Sihdi, was machst du für ein Gesicht, indem du das sagst! Diese deine Miene kenne ich! Wenn du die vorsteckst, so hast du immer einen guten, pfiffigen Gedanken! Bin etwa ich einer von diesen deinen drei Verbündeten?«

»Nein, mein lieber Halef, du leider nicht. So viel Wasser, wie ich brauche, wirst du mir wohl nicht schaffen können.«

»Ganz sicher nicht! Aber auch du hast doch nicht, wie einst Musa – Moses –, einen Stock, mit dem du nur an den Felsen zu schlagen brauchst, damit Wasser aus ihm springe!«

»Ich habe sogar drei solcher Stöcke!«

»Wo? Wieso? Du meinst das natürlich nur bildlich?«

»Allerdings. Ich meine natürlich unsere drei Verbündeten. Der erste von ihnen ist die Landkarte des Dschirbani, die ich hier in meiner Tasche habe. Ich glaube, daß sie sich außerordentlich gut bewähren wird.«

»Wenn du dich nicht täuschst!«

»Ob ich mich täusche, wird sich noch heut vor Abend zeigen. Täusche ich mich aber nicht, so ist diese Karte von einem Wert, den man gar nicht taxieren kann.«

»Weiß das der Dschirbani?«

»Nein. Es handelt sich um ein geheimnisvolles Zeichen des Dschinnistani auf der Karte. Wenn ich es richtig deute, werden wir wohl nie zu dürsten brauchen.«

»Und der zweite Verbündete?«

»Ist eben mein Zweifel daran, daß die Wüste der Tschoban so ganz und gar wasserlos sei. Wie ich dir bereits andeutete, weisen die Gesetze der Fenni mizani mejah daraufhin, daß …«

»Allah sei mir gnädig!« fiel er mir da schnell in die Rede. »Laß mich mit dieser deiner Fenni mizani mejah in Ruhe, und sage mir lieber, wer dein dritter Verbündeter ist!«

»Mein dritter sind die Vulkane von Dschinnistan.«

»Die feuerspeienden Berge?«

»Ja.«

»Die jetzt allabendlich in Glanz und Flammen stehen?«

»Dieselben.«

»Deine Verbündeten? Das begreife ich nicht!«

»Du mußt bedenken, daß sie nicht nur allabendlich in Glanz und Flammen stehen, wie du sagst, sondern Tag und Nacht, also immerfort, nur daß man es beim Licht des Tages nicht so sehen kann wie während der Dunkelheit der Nacht. Diese vulkanischen Ausbrüche wiederholten sich, wie Taldscha und die Priesterin erzählten, in Zwischenräumen von ungefähr hundert Jahren, und jetzt besinne ich mich, in der Bibliothek unserer Marah Durimeh gelesen zu haben, daß Ssul, der Fluß, der ausgetrocknet ist, weil er gezwungen war, nach seiner Quelle zurückzufließen, in jedem Jahrhundert einmal den Versuch macht, aus dem Paradies zurückzukehren. Es stand da: ›Dann wird sein Lauf von Sehnsuchtstränen feucht, und Nachtigallen trinken Morgentau, wo sonst sogar der Stein vor Durst verschmachtet!‹ Diese beiden Sagen, nämlich daß die Vulkane alle hundert Jahre leuchten und daß Ssul, der Fluß des Friedens, in jedem Jahrhundert einmal seinen Lauf befeuchtet, scheinen meiner Ansicht nach im Zusammenhang miteinander zu stehen. Das eine scheint die Ursache oder die Folge von dem andern zu sein.«

»Daß die Vulkane speien, wenn der Fluß feucht wird?« fragte Halef ernst.

»O nein«, lachte ich. »Sondern grad umgekehrt. Nämlich, daß der Fluß Wasser bekommt, wenn die Vulkane sich in Tätigkeit befinden. Denke dir die Massen ewigen Eises, welche da oben in den Bergen aufgestapelt liegen. Dieses Eis, welches man mit dem Tode vergleicht, verbirgt eine unendliche Fülle des Lebens; nur muß man das dem kurzsichtigen Menschen erst extra zeigen und sagen. Und denke dir zu diesem Eis eine wochen- oder gar monatelange Periode vulkanischer Ausbrüche, durch welche eine Glut entwickelt wird, der keine Kälte, und sei sie noch so stark, widerstehen kann. Da schmelzen ganz gewaltige Mengen Eises. Sie werden zu Wasser. Sie rauschen, stürzen und fließen zu Tale. Je größer die Hitze ist und je länger sie dauert, um so mehr wird das tiefere Land vom Wasser getränkt und gesättigt. Die Feuchtigkeit füllt nicht nur Bäche und Flüsse, sie wird auch von der durstigen Erde aufgesaugt wie von einem ausgetrockneten Schwamm und geht in seinen Poren heimlich und ungesehen abwärts bis in die Wüste, wo sie gezwungen ist, in den tiefen Rinnen alter, veschmachteter Wasserläufe zutage zu treten und sich zu offenbaren. Ich halte es für ein großes Glück für uns, daß grad jetzt eine solche Periode begonnen hat. Sie wird unsere Verbündete sein. Sie wird uns selbst in der trockensten Wüste der Tschoban das Wasser geben, welches wir brauchen, um unsere Zwecke zu erreichen. Wir haben weiter gar nichts nötig, als daß wir die Gegend, durch die wir ziehen, nach den Gesichtspunkten des Wasf ul arz oder der Ilmi tabakat i arz – der Geologie – auswählen. Wenn wir das tun, so …

»Sei still, sei still!« fiel er mir in die Rede. »Wir brauchen Wasser, aber keine Wasf ul arz und auch keine Ilmi tabakat i arz. Nimm Rücksicht auf mein Unterbewußtsein, wenn ich oben sitze, und erbarme dich meines Oberbewußtseins, wenn ich unten liege, aber verschone mich mit diesen Wissenschaften, die man weder in Schläuche füllen noch in der Kaffeekanne wärmen kann!«

»Gut, lieber Halef! Ich wollte dir nur andeuten, daß es gar nicht schwer ist, eine Gegend daraufhin zu betrachten, welcher Teil von ihr verborgenes Wasser enthält. Wir werden welches finden; ich bin fest überzeugt davon. Und das wird dann wie die Erfüllung einer Verheißung sein, wie die Offenbarung eines großen, seligmachenden Zusammenhanges. Da oben in Dschinnistan öffnen sich in feuersprühender Nacht die Pforten des Paradieses, und die Flammen leuchten die Engelsfrage in alle Welt hinaus, ob endlich Friede sei auf Erden. In der Glut dieser Flamme schmelzen die Gletscher und Firnen und kommen dem Menschen mit ihrer Hilfe sogar bis in die Wüste entgegen, damit es ihm möglich sei, den Frieden, der ihm von aller Welt verweigert wird, mit dem Säbel zu erzwingen!«

Da zuckte ein Strahl des Glückes über das Gesicht meines guten Hadschi, und er rief aus:

»Effendi, du weißt, daß ich die Feigheit hasse, die Tapferkeit aber liebe und mich vor keinem Feind fürchte. Der Kampf ist mir, wenn er gute Gründe hat und ehrlich vor sich geht, eine Wonne. Aber ich sehe ebenso ein wie du, daß der Friede besser ist als der Krieg. Wir beide, du und ich, haben kriegerischen Ruhm wohl mehr als genug geerntet; es ist uns erlaubt nun nach dem Frieden zu trachten, ohne daß man uns für mutlos hält. Wir können heimziehen aus der Welt, die sich niemals verträgt und darum unaufhörlich schlägt. Wir können uns Wohnungen bauen, in die der Haß und Streit nicht dringen können. Ich kehre heim zu meiner Hanneh, der herrlichsten Blume, die auf Erden duftet, und bringe ihr zehn Kamelladungen von Teppichen, Decken, Schals und Leinwänden mit, um ihr das schönste aller Zelte zu bauen, das man jemals gesehen hat. Und auch du kehrst heim zum harrenden Weib, welches du deine ›Seele‹ nennst. Du bringst ihr – ja, Sihdi, was bringst du ihr denn mit? Ihr wohnt ja nicht in Zelten, die man aus leinenen oder baumwollenen Stoffen macht, sondern in Häusern, die man aus – höre, Sihdi, woraus werden diese Häuser gemacht?«

»Aus Mauer- und Ziegelsteinen, aus Holzbalken und Brettern und so weiter.«

»Womit werden sie gedeckt?«

»Mit Schiefer, Ziegeln, Schindeln, Dachpappe und so weiter.«

»Ist ein Garten drum herum?«

»Bei dem meinigen, ja.«

»Und wie heißt so ein Haus, welches mitten im Garten steht und nur Vergnügen macht?«

»Man pflegt es eine Villa zu nennen.«

»Nun gut, so kannst du dich bei deiner Heimkehr nicht mit Teppichen, Decken, Schals und Leinwänden beladen, welche dir unnütz sind, sondern du nimmst aus Ägypten, Arabien oder Persien folgendes mit nach Hause.«

Er spreizte, indem wir dabei weiterritten, die fünf Finger der linken Hand weit auseinander und zählte an ihnen mit dem Zeigefinger der rechten Hand die einzelnen Posten ab, die er der Reihe nach aufführte:

»Erstens zehn Kamelladungen Mauersteine und Ziegelsteine und so weiter. Zweitens zehn Kamelladungen hölzerne Balken und Bretter und so weiter. Drittens zehn Kamelladungen Dachschiefer und Dachziegeln und so weiter. Viertens zehn Kamelladungen Dachschindeln und Dachpappe und so weiter. Und fünftens zehn Kamelladungen heilige Erde aus Mekka, Medina, Jerusalem und Kairuan, auf welche du dem Weib deines Herzens eine neue Villa baust. Auch in den Garten, der drumherum liegt, kannst du von dieser Erde streuen, weil sie die köstliche Eigenschaft besitzt, alle wilden Tiere und alle bösen Menschen von euch abzuhalten.«

»Gut, ich werde das tun«, nickte ich belustigt. »Was soll ich noch mitnehmen?«

»Weiter nichts, denn ich bin doch schon bei fünftens angelangt und habe keine Finger mehr, um fernere Sachen daran herzuzählen. Begnüge dich also mit dem, was ich dir angegeben habe. Es ist genug. Bedenke, das macht schon fünfmal zehn Kamele, also fünfzig! Wenn du die von Persien, Arabien oder Ägypten bis nach Deutschland führen, in Ordnung halten und ernähren sollst, hast du unterwegs so viel zu tun, daß du fast gar nicht fertig wirst. Ich rate dir also, ja nichts weiter mitzunehmen und dich mit dem zu bescheiden, was du hast! Ein wahrhaft kluger Mann verlangt von Allah nie zu viel!«

»Besonders, wenn es sich um Balken, Bretter und Dachschindeln handelt!«

»Schweig! Zieh die Villa nicht ins Lächerliche! Ich habe sie ernst gemeint! Du hast überhaupt die Eigenheit, über mich zu lachen, wenn ich ernstlich rede, und mich nur dann ernst zu nehmen, wenn ich scherze. Das muß ich mir verbitten und – schau, Sihdi, hier hat ein Feuer gebrannt.«

Er hielt an, ich auch. Wir befanden uns noch immer an dem Flußbett aufwärts, welches aber nun ohne Wasser war. Auch heut hatten wir zu unserer Rechten den Wald, doch war er nicht so dicht wie gestern, weil hier die Feuchtigkeit fehlte. Unten im Flußbett gab es hier eine Wasserlache mit sehr trübem Inhalt, aus welcher, wie wir aus den Spuren ersahen, die Pferde und Kamele getränkt worden waren. Die Reiter hatten am Waldesrand gelagert und gegessen. Das waren natürlich die Dschunub gewesen. Wir stiegen gar nicht von den Pferden. Der Umstand, daß diese Leute hier kurzen Halt gemacht haben, war mir von keiner Wichtigkeit. Ich überflog den Platz nur oberflächlich mit den Augen und ritt dann weiter. Halef blieb noch kurze Zeit halten und kam mir dann nach. Aber er war unruhig. Er drehte sich wiederholt um und schaute zurück.

»Was hast du?« fragte ich ihn.

»Eigentlich nichts, gar nichts«, antwortete er. »Aber es ist mir so sonderbar.«

»Wie?«

»Wie eine Ahnung.«

»Was für eine Ahnung?«

»Daß wir noch dort hätten bleiben sollen.«

»Etwa wie ein böses Gewissen? Wie eine Angst, als ob wir etwas Gutes unterlassen hätten?«

»Ja, eine Angst! So, genau so ist es.«

»Das kenne ich! Wir kehren zurück und werden den Platz genau untersuchen. Ich bin überzeugt, daß wir etwas finden werden, was nichts Gleichgültiges ist.«

Wir lenkten also wieder um. An dem Platz angekommen, stiegen wir ab und untersuchten ihn, fanden aber nichts. Wir wiederholten das Nachforschen, doch ebenso vergeblich. Die Spuren stammten zwar von gestern, waren aber noch ziemlich deutlich zu sehen, weil die Dschunub keine Veranlassung gekannt hatten, vorsichtiger zu sein. Zwei Diener waren mit den Pferden und Kamelen unten an der Wasserpfütze gewesen. Die andern zwei hatten oben am Rand gesessen und dem Tränken zugeschaut. Die beiden Herren hatten sich abseits davon nebeneinander an einer Stelle niedergelassen, die eine sehr dunkelbraune, sammetweiche Moosdecke hatte. Weggeworfene Haut- und Sehnenstücke des genossenen Fleisches bewiesen, daß gegessen worden war. Aber weiter als das war trotz alles Suchens nicht zu entdecken. Ich ging also zu meinem Pferd zurück und gab das vergebliche Forschen auf. Da warnte mich Halef:

»Effendi, bleibe noch! Es wird mir bang, ganz eigentümlich bang, wenn ich sehe, daß du fort willst. Es muß etwas hier geben, was wir wissen sollen; es muß, es muß! Ich habe noch nie in meinem Leben eine solche Angst gehabt wie jetzt. Schau mich an!«

Er kam zu mir herbei, damit ich ihn betrachten möge. Ich sah, daß seine Wangen feucht waren. Über seinen Brauen glänzte die Stirn von Schweiß.

»Das ist Angstschweiß!« sagte er, indem er ihn wegwischte. »Ich bin noch nie so voller Unruhe gewesen wie in diesem Augenblick. Mein Herz schlägt so laut, daß ich es innerlich höre. Ich bitte dich, suchen wir noch einmal!«

»So wird auch mir fast angst! Derartige innere Erregungen pflegen ihren guten Grund zu haben. Verfahren wir also sorgfältiger! Wir haben bis jetzt nur stehend gesucht. Knien wir nun nieder! Wenn etwas Wichtiges zu finden ist, liegt es wahrscheinlich da, wo die beiden Gebieter gesessen haben. Also komm!«

Wir kehrten zu der betreffenden Stelle zurück und knieten nieder, um das Moos nun nicht nur mit den Augen, sondern auch mit den Fingern abzutasten. Kaum war das geschehen, so rief Halef: »Hamdulillah, ich hab's!« Und ich sagte zu gleicher Zeit: »Hier ist es, da, im Moos!« Und in demselben Augenblick griff er zu und auch ich. Wir zogen, er mit seiner Rechten und ich mit meiner Rechten, ein Messer heraus, das bis ans Heft im Moos steckte. Dieses Heft war von Metall, aber so gedunkelt, gealtert, verrostet oder vergrünspant, daß es ganz genau die Farbe des Mooses hatte und, von oben betrachtet, nicht von ihm zu unterscheiden gewesen war. Erst als wir niedergekniet waren und unsere Blicke nun von der Seite kamen, hatten wir es bemerkt, und zwar sofort. Die Klinge war blank und scharf, als käme sie erst heut vom Messerschmied, war aber doch vom feinsten, besten, altindischen Stahl. Man konnte mit ihrer Schärfe ein frei schwebendes Haar durchschneiden. Bei näherer Betrachtung sah man, daß das Heft eingravierte Linien und Punkte zeigte, doch waren sie nicht deutlich zu erkennen, und wir gaben uns in diesem ersten Augenblick ganz selbstverständlich nicht gleich die Mühe, diese Figuren zu enträtseln. Unsere Aufmerksamkeit richtete sich vielmehr sofort auf den starken, sonderbaren Rücken der Klinge, welcher rechtwinkelig eingekerbt war, und zwar verschiedentlich breit und tief. Ich kann das nicht deutlicher machen, als indem ich bitte, an unsere neuen, seit einiger Zeit in Mode gekommenen Kofferschlüssel zu denken, die nur aus dem breiten Bart bestehen und deren eingeschnittene Kerben mit den im Schloß vorhandenen Sicherheitsstiften korrespondieren. Diese eigentümliche Klinge steckte nicht fest und unbeweglich im Heft, sondern sie war durch ein Scharnier mit ihm verbunden und konnte also eingebogen werden.

»Ein Messer, ein Taschenmesser!« sagte Halef. »Das hat entweder der ›erste Minister‹ oder der ›höchste aller Priester, die es gibt‹ während des Essens hier in das Moos gesteckt und dann vergessen. Wenn es dem letzteren gehörte, so haben wir das Messer gefunden, mit dem der ›Gott‹ ißt! Hier nimm es, Sihdi! Und nimm noch etwas dazu!«

Er gab mir das Messer, welches er festgehalten hatte, und zu gleicher Zeit auch einen Kuß grad auf den Mund. Auf den fragenden Blick, der ihn deshalb aus meinen Augen traf, entschuldigte er sich:

»Verzeih den Kuß, Sihdi! Ich kann nicht anders. Ich mußte dir ihn geben. Aus Dankbarkeit, daß du erlaubt hast, noch einmal zu suchen. Es ist etwas in mir, was ich nicht selbst bin. Dieses Etwas freut sich unendlich darüber, daß wir das Messer gefunden haben. Es ist für uns bestimmt. Sein Eigentümer ist gezwungen worden, es hier in das Moos zu spießen und dann steckenzulassen. Dieses innerliche Etwas sagt mir, daß dieses Messer von einem Wert für uns ist, den wir noch gar nicht ahnen. Ich bin so froh, so glücklich, daß es von uns entdeckt worden ist! Begreifst du das? Ich nicht! Die Freude gebot mir, dich zu küssen. Wozu aber die Einschnitte im Rücken der Klinge? Ich habe das noch bei keinem andern Messer gesehen. Errätst du ihren Zweck?

»Ja.«

»Welcher ist es?«

»Dieses Messer war einst das Schlachtmesser für kleinere Opfertiere und zugleich der Schlüssel zu dem Tempel, in dem diese Opfer gebracht wurden.«

»Ein Schlüssel? In welcher Weise?«

»Schau her! Man schlägt das Einbiegemesser auf und steckt die Klinge in das Schlüsselloch. Dann macht man das Messer halb wieder zu, indem man das Heft nach unten drückt. Ist dies geschehen, so bildet das Heft einen Drehung, also eine Kurbel, und die Klinge den eigentlichen Schlüssel, den man am Heft solange dreht, bis das Schloß geöffnet ist.«

Indem ich das Messer abwechselnd einbog, öffnete, halb wieder zusammenbog und dann am Griff drehte, zeigte ich dem Hadschi, wie dieser altindische Messerschlüssel zu handhaben war. Er sah mir zu, schüttelte dann langsam den Kopf und sagte:

»Die Sache ist zwar hochinteressant, aber sie erscheint mir nicht als sehr hoffnungsvoll. Wir haben einen Schlüssel, aber kein Schloß dazu. Und wenn wir es hätten, woher nehmen wir den Tempel, zu dem es gehört? Dieser Tempel hat im alten Indien gestanden. Steht er noch? Und wo? Mit diesem Schlüssel ist es ganz dasselbe, als wenn ich z. B. einen Sporn habe, aber kein Pferd dazu. Ja, wir sind sogar noch schlimmer daran, denn ein Pferd läßt sich jedenfalls eher und auch leichter beschaffen, als ein alter hindustanischer Götzentempel, der höchstwahrscheinlich längst in Trümmern liegt. Ich freue mich unendlich darüber, daß mein Gefühl mich nicht betrogen, sondern uns dazu geführt hat, diesen Schlüssel zu finden; lieber aber wäre es mir, wenn wir anstatt des Schlüssels den Tempel gefunden und anstatt des Tempels nur noch den Schlüssel zu erwarten hätten!«

»Du verlangst zu viel. Mir genügt das, was ich habe!«

»Also der Schlüssel!«

»Nein. Denn wir haben nicht nur ihn, sondern noch viel mehr.«

»Möchte wissen, was!«

»Nicht was, sondern wen. Nämlich den, der ihn hierhergebracht und steckengelassen hat. Ob dies der Maha-Lama oder der Minister ist, das bleibt sich für mich gleich. Ich werde bis zum Beweis des Gegenteils der Ansicht sein, daß nicht der Minister, sondern der Oberpriester das Messer besessen hat. Ich will zwar nicht annehmen, daß er es amtlich überkommen hat, aber der Besitz steht höchstwahrscheinlich mit seiner heiligen Würde in irgendeiner Beziehung. Es ist ganz und gar nicht ausgeschlossen, daß er weiß, zu welchem Gebäude der Schlüssel gehört. Ist dies der Fall, so erfahren wir es von ihm, denn wir kommen ja wieder mit ihm zusammen. Dann wird sich herausstellen, ob der heutige Fund uns irgendwelchen Nutzen bringt oder nicht.«

»Wenn es nach dem Gefühl geht, welches mich zwang, wieder umzukehren und nochmals nachzuforschen, so ist er uns von Nutzen, und zwar von einem sehr großen. Ich bitte dich, Sihdi, das Messer gut aufzuheben. Wenn du wirklich ahnst, daß wir das finden werden, was dazu gehört, nämlich den Tempel, dessen Schlösser es öffnet, so will ich meinen Ausdruck, daß die Sache nicht sehr hoffnungsvoll sei, hiermit zurücknehmen. Auf alle Fälle habe ich hier etwas gelernt, was ich nicht wußte, nämlich, daß es geheimnisvolle Dinge oder gar Personen außer uns gibt, deren Stimmen bis tief in unser Inneres reichen. Denn die Mahnung, zurückzukehren und noch einmal zu suchen, stammte nicht von mir selbst, sondern sie kam von außen; das habe ich deutlich gefühlt. Ich bitte dich, jetzt nicht mit mir zu sprechen. Die Sache kommt mir außerordentlich wichtig vor. Ich werde über sie nachdenken.«

Als er dies sagte, kam mir ein ironischer Hinweis auf seinen »gesunden Menschenverstand« auf die Lippen, ich drängte ihn aber zurück, weil der liebe Kleine hier nur Aufmunterung, nicht aber Spott verdiente. Er verhielt sich, während wir nun weiterritten, vollständig schweigend. Auch ich war still, doch in Gedanken ebenso beschäftigt wie er, wenn auch auf anderem Gebiet. Meine Aufmerksamkeit richtete sich auf die Gegend, durch die wir kamen, und auf die Veränderung, welche sie erlitt, je weiter wir vorwärts rückten. Der Boden verwandelte sich. Der Humus verschwand. Die Moorerde ging in Sanderde über. Es versteht sich von selbst, daß diese Veränderung sich auch auf die Pflanzenwelt erstreckte. Unser Weg lag zwischen den beiden Extremen des Urwaldes und der Wüste. Er führte von dem einen zu dem andern. Es war im höchsten Grade interessant, nicht nur an den Bäumen, sondern auch an den Büschen, Sträuchern, Stauden, Kräutern und Gräsern zu beobachten, wie sie verschwanden, um von ähnlichen, aber doch ganz anderen ersetzt zu werden. Es war, als ob wir jetzt den Vorzug hätten, den weiten Weg von den hinterindischen Dschungel nach den westafrikanischen Wüstenregionen in der Zeit von wenigen Stunden zurückzulegen. Der Wald verschwand schließlich ganz. Wir ritten durch eine Steppe, die der Kalahari glich. Ich sah Bastard- und Kameldorne stehen, und daß sich da auch sofort die wilde Gurke einstellte, ist selbstverständlich. Nur da, wo der Sand noch Moor enthielt, traten noch einzelne oder weitläufig gruppierte Bäume auf, doch glichen sie den weitästigen Lebbek- und anderen schattenlosen Albizzia-Arten, welche den Ausdruck der Wüste nicht mildern, sondern steigern.

Halef schien von dem allen nichts zu bemerken. Sein Blick irrte zwar überall herum, war aber inhaltslos. Auch die Arm- oder Fußbewegungen, welche die Verbindung mit dem Pferd forderte, waren rein mechanisch. Er sann und sann und ließ zuweilen einen entweder freudigen oder verdrießlichen, kurzen Ausdruck hören, je nachdem er etwas gefunden zu haben glaubte. Schließlich aber wurde er doch auch auf das, was vor unsern Augen lag, aufmerksam und rief aus:

»Maschallah! – Wunder Gottes! Seit ich mich nur immer von innen betrachtet und gar nicht mehr nach außen geschaut habe, ist ja die Gegend ganz anders geworden! Ganz anders und viel schöner, viel schöner!«

»Schöner? Wirklich?« fragte ich.

»Ja, wirklich schöner!« antwortete er. »Der Wald ist weg! Der Fluß ist weg! Die Bäume, Sträucher und Gräser sind weg! Die fruchtbare Erde ist weg! Es ist nichts mehr zu sehen als Sand, nur immer Sand, weiter nichts als Sand!«

»Und das nennst du schöner?«

»Natürlich! Genau so wie hier war es da, wo ich geboren wurde! In den Wüsten des Maghreb! Der Mensch findet alles schön, was ihn an seine Heimat, an seine Jugend, an das Glück seiner Kinderzeit erinnert. Schau, wie unsere Pferde hier ganz anders atmen! Wie ihre Muskeln schwellen, ihre Schweife wehen und ihre Hufe spielen! Das kommt vom Sonnenschein, vom Licht und von der freien Luft. Kein stehendes Gewässer dunstet mehr; kein Moderholz, kein giftiger Schwamm hemmt unsern Weg! Der reinste Sand rundum, wie durch ein feines Sieb herabgeweht, im Licht bläulich wie Perlmutter schimmernd. Das ist die Wüste, die ich liebe! Komm, machen wir den Pferden diese Freude! Laß uns einmal jagen! Galopp, Galopp, Galopp!«

Er ließ sein Pferd ausgreifen, und ich war ihm ganz und gern zu Willen. Wir flogen über die vollständig vegetationslose Ebene wie im Sturm dahin. Ben Rih schnaubte vor Wonne. Die Hunde bellten jauchzend. Mein edler Syrr war still, aber jeder Schritt oder Sprung, den er tat, war ein ebenso schöner wie beredter Ausdruck des Entzückens, welches in ihm wohnte und seinen herrlichen Gliedern heut einen ganz besonderen Bewegungsausdruck gab.

Wir ritten so, daß wir eng nebeneinanderblieben.

»Schau, Sihdi!« sagte Halef, indem er nach vorn deutete. »Siehst du es?«

»Ja«, antwortete ich.

»Wie herrlich! Was mag das sein?«

Es gab da vor uns ein Leuchten, Blitzen, Sprühen und Glühen, wie aus einem mitten aus der Wüstenebene hoch emporragenden Leuchtturm, der aber nicht nur oben auf seiner Zinne leuchtete, sondern in seinem ganzen Bau aus Flammen bestand. Aber dieses Feuer loderte nicht. Es blitzte in kurzen; durcheinander gezückten Strahlen, wie aus lauter eng aneinanderliegenden, geschliffenen Facetten. Es war, als rage dort ein riesiger Diamant empor, an dem Millionen von Edelsteinschleifern jahrhundertelang gearbeitet hätten, um seiner ganzen, ungeheuren Fläche die Fähigkeit zu erteilen, das große, ewiggewaltige Unisono des Sonnenlichts in unzählbare, zeitlich kurze Minuten und Sekunden zu differenzieren. Nach langem, schwerem Urwalddunkel bot dieser Strahlenjubel auf unbegrenzter, offener Erdenfläche einen Anblick, den kein Mensch, der ihn gehabt hat, in seinem Leben jemals vergessen kann.

»Was mag das sein?« fragte der Hadschi, indem er sein Pferd zügelte, um wieder langsam zu reiten und so das Schauspiel länger zu genießen.

»Fragst du die Poesie des Gottesglaubens? Oder fragst du die kalte, zersetzende Wissenschaft?« antwortete ich. »Die erstere nennt dieses Zwiegespräch des scheinbar toten Steines mit der Sonne ein Wunder. Wie stets und überall, so führt die wissenschaftliche Erklärung des Wunders aber auch hier zur nüchternen Alltäglichkeit zurück. Sie sagt: Was wir da vor uns sehen, ist ein aus dem Boden emporragendes, glimmerreiches Felsenstück, dessen glasähnliche Partikelchen im Sonnenstrahl funkeln.«

»So? Das ist also eine wissenschaftliche Erklärung?«

»Ja.«

»So sage dieser deiner Wissenschaft, daß ich ihr nicht erlaube, mir das Wunder, welches ich vor mir sehe, zu verkleinern. Was Glimmer ist, weiß ich nicht. Ob dieses Zeug in das Reich der Pflanzen oder der Elefanten gehört, ist mir gleichgültig; ich mag es gar nicht wissen. Ich sehe es nur, daß es funkelt, viel schöner und viel entzückender als deine ganze, dunkle Wissenschaft, und daß nicht der Glimmer, sondern dieses Funkeln für mich ein Wunder und eine Wonne ist, das darfst du mir wohl glauben! Schon eher möchte ich fragen, wie dieser hohe Stein hier mitten in die niedrige Wüste kommt?«

»Wahrscheinlich befinden wir uns eben nicht mitten drin. Wir nähern uns der Landenge, von der wir wissen, daß sie aus Felsblöcken besteht, welche die Überreste eines gewalttätigen Naturereignisses sind. Wahrscheinlich ist dieser Glimmerfelsen der am weitesten vorgeschobene Block aus jener Periode und – ah, schau! Jetzt wird er dunkel. Siehst du die Gestalt?«

Von dem feuchten Land, welches hinter uns lag, war eine Wolke aufgestiegen und so vor die Sonne getreten, daß ihr Schatten zu uns her nach Norden fiel. Er verdunkelte den Felsen für eine kurze Zeit, so daß seine Konturen hervortraten und die Figur, die er bildete, in ihrer ganzen Schärfe zu sehen war.

»Ein Melek – Engel –, ein Melek! Wahrhaftig, ein Melek!« rief Halef aus. »Mit einem Friedenszweig in der Hand! Er hat zwei Flügel und steht auf einem Postament von mehreren Felsentrümmern!«

Es war so, wie Halef sagte; der Steinkoloß besaß die von ihm beschriebene Gestalt. Als ich das sah, hielt ich mein Pferd ganz an und griff in die Tasche, um die Karte hervorzuziehen, welche mir der Dschirbani gegeben hatte.

»Was willst du? Warum hältst du an?« fragte Halef.

»Um die Landkarte zu befragen. Ich sagte dir, ob sie uns täusche, das werde sich heut noch vor Abend finden. Diese Zeit ist nun gekommen.«

»Es handelte sich da aber nicht um das Funkeln dieses Steines, sondern um das Vorhandensein von Wasser!«

»Ich werde mich auch nicht um das Funkeln, sondern nur um das Wasser bekümmern.«

Ich trieb mein Pferd ganz eng an das seinige hin, schlug die Karte auf, zeigte sie ihm vor und fuhr dann fort:

»Hier ist der Engpaß, die Grenze zwischen dem Land der Ussul und dem Gebiet der Tschoban. Das letztere ist zum großen Teil wüst. In diese Wüste siehst du hier eine Reihe von Punkten gezeichnet, welche sich von Süd nach Nord ziehen und alle mit einem Mim und Hah – den arabischen Buchstaben M und H – bezeichnet sind. Erkennst du sie?«

»Ja«, nickte er. »Was sind das für Punkte, für Orte?«

»Ich weiß es nicht.«

»Aber du scheinst etwas zu vermuten?«

»Allerdings. Diese Punkte, welche mitten durch die Wüste führen, haben unbedingt etwas zu bezeichnen, was für die Wüste wichtig ist. Und was ist da wohl als das Wichtigste zu nennen?«

»Wasser?«

»Ja, freilich! Ich nehme also an, daß wir es hier mit Stellen zu tun haben, an denen Wasser gefunden wird, und zwar kein salziges oder überhaupt ungenießbares, sondern trinkbares.«

»Und was sollen da diese beiden Buchstaben m. h. bedeuten?«

»Moje hilwe – trinkbares Wasser –; es ist fast gar nicht anders möglich. Meinst du nicht, Halef?«

»Ja; das meine ich auch. Diese Punkte liegen jedenfalls auf dem Weg, den der Dschinnistani jedesmal eingeschlagen hat, wenn er nach seiner Heimat reiste. Für sich brauchte er diese Aufzeichnung nicht, aber wohl für seinen Sohn, dem die Karte gewidmet war.«

»Wenn das stimmt, so ist uns der Sieg fast nach allen Richtungen hin gewiß, denn wir haben die Hauptsache, nämlich Wasser.«

»Was aber hat das mit dem heutigen Tag zu tun? Daß wir noch vor Abend sehen werden, ob die Karte stimmt?«

»Schau her! Hier liegt der Engpaß. Ganz nahe, südlich davon, ist ein Punkt, der als ›El Melek‹ bezeichnet wird, also, der Engel, den wir da vor uns sehen. Und darunter stehen dabei dieselben Buchstaben m. h., die wir als ›Wasser‹ deuten. Wenn wir jetzt bei dem Engel Wasser finden, so ist es für mich gewiß, daß es auch in der Wüste der Tschoban an allen den Punkten Wasser gibt, die mit m. h. bezeichnet sind. Begreifst du nun, wie wichtig dieser Felsen hier für uns ist?«

»Gewiß! Aber, Effendi, erlaube mir, ein wenig zu zweifeln. Ich frage dich, wo hier das Wasser herkommen soll? Betrachte diesen Sand! Es ist Flugsand, fast wie Mehl so fein! Von dem Wind aus der Wüste der Tschoban über die Landenge herübergetragen. Und er ist tief, sehr tief. Kein einziger Grashalm läßt sich sehen! Ich glaube, hier wird kein einziger Tropfen Wasser zu finden sein.«

»Warten wir es ab! Wer nach Wasser sucht, der darf nicht nach dem Sand der Oberfläche urteilen. Die darunterliegende Formation hat das entscheidende Wort zu sprechen.«

»Allah! Jetzt kommt wieder deine berühmte Ilmi tabakat i arz! Laß sie sein; laß sie sein! Ich mag nichts von ihr hören! Wenn wir Wasser finden, bin ich zufriedengestellt, denn nicht die Ilmi, sondern das Wasser will ich haben!«

»So komm! Ich hoffe, wir werden es finden!«

Wir ritten weiter. Die Wolke war inzwischen fortgegangen; darum funkelte der Engel wieder, doch nicht für lange Zeit, denn je mehr wir uns dem Felsen näherten, um so mehr veränderte sich sein Sonnenwinkel zu uns, und endlich waren alle die strahlenden Reflexe verschwunden, obgleich die Sonne noch immer schien. Und nun sahen wir etwas, was mich mit Freude erfüllte. Nämlich der Felsen des Engels war, obgleich er mitten in unfruchtbarem Flugsand lag, von Sträuchern umgeben, über welche sogar die kräftigen Wipfel einiger Bäume emporragten. Und ringsum wuchs Gras, welches um so gesünder und saftiger war, je näher es dem Engel stand.

»Sihdi, du hattest doch recht. Es gibt hier wirklich Wasser«, sagte Halef, indem er sein Pferd traben ließ, um die letzte Strecke schnell zurückzulegen. Ich aber blieb bei dem bisherigen Tempo. Ich wußte wohl, was er beabsichtigte. Er wollte vor mir am Felsen sein, um des Ruhmes willen, das Wasser entdeckt zu haben. Er pflegte dann aber fast stets das Gegenteil von dem zu erreichen, was er erreichen wollte. So auch dieses Mal. Als ich bei dem Engel ankam, war Halef schon längst vom Pferd gestiegen und kroch hin und her, rund um den Felsen herum, ohne aber eine Spur von Wasser zu finden. Ich wartete geduldig, bis er schließlich eingestand:

»Ich finde nichts, Sihdi, gar nichts! Wir haben uns getäuscht.«

»Das glaube ich nicht«, antwortete ich.

»O doch! Wäre Wasser hier, so müßte ich es doch finden?«

»Warum grad du? Bist du klug genug dazu?«

»Ich denke doch!« fuhr er auf.

»Wirklich? So hast du also nachgedacht, ehe du suchtest?«

»Nein. Ich habe eben gesucht. Ist das nicht genug?«

»Ja, es ist allerdings genug, nämlich um nichts zu finden! Schau, ich bin noch nicht einmal vom Pferd gestiegen. Vielleicht suche ich gar nicht, sondern ich bleibe im Sattel sitzen und finde das Wasser doch. Und warum? Weil ich überlege, anstatt blind draufloszusuchen.«

»Erlaubst du mir, mit zu überlegen?«

»Ja. Zwei bringen immer mehr fertig, als nur einer.«

»So laß uns anfangen, nachzudenken! Wer soll beginnen? Ich oder du.«

»Du natürlich, denn du bist eher dagewesen, als ich.«

»Ich danke dir, Sihdi! Aber beim Nachdenken ist es immer besser, daß du den ersten machst, und ich komme später dazu, um die Sache zu bestätigen. Denn, weißt du, in der Bestätigung liegt ja alles!«

»Sehr richtig! Fangen wir also an! Du wirst gleich sehen, wie schnell wir auf das Wasser kommen, ohne daß wir lange suchen. Sag mir vor allen Dingen, wo es zu finden ist!«

»Sonderbare Frage!« antwortete er verwundert. »Natürlich da unten, in der Erde! Hoffentlich suchst du es nicht da oben in jener Wolke, die übrigens nun vorüber ist!«

»Spotte nicht, sondern denke nach! Was nützt es uns da unten? Wir brauchen es hier oben!«

»Das weiß ich ebensogut wie du! Es wird wohl eine Stelle geben, die da hinunterführt!«

»Aber wo?«

»Das weiß ich nicht.«

»So such nach ihr!«

»Suchen? Ich? Höre, Effendi, ich begreife dich nicht! Erst lachst du mich aus, daß ich gesucht habe, ohne vorher nachzudenken, und nun störst du mich im tiefsten Nachdenken, damit ich suchen soll! Ich sage dir, mein Nachdenken ging so tief, daß ich beinahe schon unten beim Wasser war! Warum hast du mich gestört? Wenn ich nun nichts finde, bist nur du daran schuld!«

»Ich habe nicht gemeint, daß du ausschließlich nur denken und sinnen sollst. Du sollst auch sehen! Schau dir den Felsen des Engels an! Meinst du, daß seine Gestalt eine rein natürliche, nur zufällige ist? Je länger ich ihn betrachte, desto wahrscheinlicher kommt es mir vor, daß Menschenhände nachgeholfen haben. Das Wasser in der Wüste gleicht einem Rettungsengel. Dieser Stein inmitten der Wüste hatte eine Form, aus der sich leicht ein Engel hauen ließ. Man tat dies, allerdings nur in der rohen, kunstlosen Weise, die du vor dir siehst. Wir stehen wahrscheinlich an einem uralten Brunnen, der aber nur für Freunde war; der Weg zum Wasser wurde verborgen gehalten.«

»Und du willst ihn finden? So schnell? Nach so langer, langer Zeit?«

»Vielleicht habe ich ihn schon!«

»Oho!«

»Jawohl! Der Eingang zum Wasser kann nicht in der Ferne, sondern muß hier in der Nähe sein. Er ist nicht offen, sondern verborgen, verdeckt. Es gibt ein Loch, welches hinabführt, mit einem Deckel darauf. Wenn dieses Loch im Sand oder im Gras läge, würde sich seine Form und seine Stelle trotz des Deckels abzeichnen, infolge der Feuchtigkeit, welche den Deckel von unten herauf direkt berührt. Siehst du eine solche Stelle?«

»Nein.«

»Ich auch nicht.«

»So liegt diese Stelle nicht im Sand und nicht im Gras, sondern im Gesträuch.«

»Nein. So sehr viele Büsche gibt es hier nicht, daß man ein Wasserloch zwischen ihnen verbergen könnte. Und zu denken, daß man es mit Erde bedeckt und auf diese Erde dann Sträucher gepflanzt habe, wäre ganz und gar verfehlt, weil jeder Gang zum Wasser diese Sträucher töten würde, und dann wäre das Geheimnis verraten. Bleibt also nur noch der Stein selbst.«

»Wie? Du meinst, im Felsen selbst sei der Weg zum Wasser hinab?«

»Ja, ganz unbedingt.«

»So muß ich gleich suchen!«

»Unten herum?«

»Natürlich!«

»Würde vergeblich sein. Das Loch ist oben.«

»Maschallah! Bist du allwissend?«

»Nein. Aber ich öffne die Augen, und ich denke nach. Wäre das Loch in die Seiten des Felsens gehauen, so würde sich die Decke desselben gewiß auf irgendeine Weise verraten. Man hat es also da angebracht, wohin das Auge nicht dringt, und das ist oben auf der Höhe des Blockes, auf dem der Engel steht. Es scheint, man kann nicht hinauf; aber in die hintere, linke Kante sind Vertiefungen gehauen, von denen ich annehme, daß sie für die Fußspitzen und Finger bestimmt worden sind. Traust du dir es zu, da hinaufzuklettern?«

»Aber gewiß! Paß auf, wie schnell das geht!«

Er ging nach der angegebenen Stelle, griff sich sehr leicht an der Kante empor, sah sich oben um und sagte dann:

»Auch da ist nichts zu sehen, am allerwenigsten aber ein Loch!«

»Das habe ich gar nicht anders erwartet. Oder meinst du, daß man so töricht gewesen sei, das Loch zu einem verborgenen Brunnen offenzulassen?«

»Aber ich sehe auch keinen Deckel!«

»Wenn der Deckel so dumm gearbeitet wäre, daß man ihn sofort sieht, so hätte man das Loch doch lieber gleich offenlassen können! Wahrscheinlich ist die Fläche da oben, auf der du stehst, mit Flugsand überweht?«

»Ja, das ist sie.«

»Sehr hoch?«

Halef bückte sich, um zu probieren, und antwortete dann:

»Fast einen ganzen Finger hoch.«

»Und ist dieser Flugsand unberührt?«

»Ja. Es gibt einige Spuren von Vogelfüßen, weiter nichts.«

»So ist höchstwahrscheinlich niemand da oben gewesen, seit der Dschinnistani seine Frau holte und sich hier mit Wasser versorgte. Es steht zu erwarten, daß die Brunnenöffnung sich an einer der Seiten des Steines befindet, nicht aber in der Mitte, also entweder rechts oder links.«

»Warum nicht in der Mitte? Ich hätte grad das gedacht!«

»Weil es sich hier ganz unmöglich um einen Ziehbrunnen, sondern einzig nur um einen Steigbrunnen handeln kann. Es führen also Stufen hinab. Stufen aber brauchen Platz. Sie gehen nicht senkrecht, sondern schief nach unten. Führen sie von rechts nach links, so ist das Loch auf der rechten Seite des Felsens zu suchen. Führen sie von links nach rechts hinab, so liegt es auf der linken Seite. In der Mitte würde es nur dann sein, wenn die Stufen gerade und senkrecht nach unten gingen, was ich aber für ausgeschlossen halte. In diesem Fall würde es sich nicht um eine Treppe mit Stufen, sondern um eine sogenannte ›Fahrt‹, also um eine Leiter mit Sprossen handeln, und das wäre ganz und gar gegen die Gewohnheiten derer, von denen vor vielen Jahrhunderten dieser Brunnen angelegt worden ist.«

»Du meinst also, daß ich zunächst nur an den Seiten suche?«

»Ja.«

»Gut! Also zunächst hier links.«

Halef war an der linken Seite des Felsens emporgeklettert. Er stand noch dort. Jetzt band er sich seinen Schal von den Hüften, legte ihn mehrfach zusammen und begann an der Stelle, wo er sich befand, den Flugsand fortzustäuben. Nachdem er eine ziemliche Stelle freigelegt hatte, erklärte er:

»Hier ist nichts. Ich werde es also drüben auf der rechten Seite versuchen.«

Er ging hinüber. Der Engel stand nicht, wie der Hadschi von weitem gemeint hatte, auf einem Postament von mehreren Felsentrümmern, sondern auf einem einzigen, kompakten, riesigen Block. Nur infolge der Bäume hatte es aus der Entfernung den Anschein gehabt, als ob dieser Block geteilt sei. Die Figur des Engels war nicht etwa nach ihrer Anfertigung auf den Felsen gestellt worden, sondern sie gehörte zu ihm; sie war sein oberster Teil; sie bildete mit ihm ein Ganzes. Der untere Teil, das Postament, war breiter als der obere. Als ich dann selbst hinaufstieg, sah ich, daß hier künstlich nachgeholfen und mittels Werkzeugen eine ebene Fläche gebildet worden war, auf die sich das breite, faltige Gewand des Engels stützte, ohne daß die Füße aus demselben hervortraten. Kaum hatte Halef angefangen, in der Nähe der äußersten rechten Falte des Gewandes die Sanddecke zu entfernen, so hielt er wieder inne, bückte sich zum Boden nieder, betrachtete ihn und rief:

»Hier ist etwas, Sihdi! Etwas, was von Menschen stammt, nicht von der Natur.«

»Was?« fragte ich.

»Eine Figur mit drei Spitzen.«

»Was für eine Figur und was für Spitzen?«

»Frag doch nicht so unklug, Sihdi! Es ist eine Figur mit drei Spitzen! Anders kann ich es doch nicht sagen!«

»Aber die Figur muß doch eine Gestalt haben!«

»Nein. Sie hat keine Gestalt, sondern nur die drei Spitzen!«

»Sonderbar! Warte! Ich komme selbst hinauf!«

»So komm! Aber du wirst es auch nicht anders finden, als ich es gefunden habe!«

Ich sprang aus dem Sattel und stieg in derselben Weise hinauf, wie Halef hinaufgestiegen war. Als ich zu ihm getreten war und die Stelle sah, die er meinte, mußte ich lachen.

»Da sagt man doch nicht, das ist eine Figur mit drei Spitzen!« verbesserte ich ihn.

»Wie denn?« fragte er.

»Man sagt sehr einfach, das ist ein Dreieck!«

»So! Ein Dreieck! Ich ahne schon! Da willst du mir wieder einmal mit irgendeiner Wissenschaft kommen! Wie heißt sie? Sprich!«

»Ilm el mesacha – Geometrie –.«

»So? Also Ilm el mesacha? Bilde dir ja nicht ein, daß du stolz auf deine Mesacha sein darfst! Es geht dir mit ihr nicht besser, als mit allen deinen andern Wissenschaften, die gar keine Wissenschaften sind, sondern denen, die sich mit ihnen befassen, nur die Köpfe und den Verstand verdrehen. Schau dir den Stein hier an! Ist das, was du da siehst, eine Figur oder keine?«

»Es ist eine«, antwortete ich, innerlich belustigt.

»Also habe ich recht! Ferner: Wieviel Ecken hat sie! Etwa vier oder fünf?«

»Nur drei.«

»Also habe ich recht! Ferner: Sind diese Ecken etwa rund?«

»Nein.«

»Sondern wie?«

»Spitz.«

»Also habe ich recht! Ich wiederhole infolgedessen mit allergrößter Feierlichkeit: Eine Figur mit drei Spitzen. Du siehst also, wie schlimm es um deine Wissenschaft steht. Sie sind mir vollständig gleichgültig! Auch diese lächerliche Ilm el mesacha, die nicht einmal weiß, daß jede Ecke spitz verläuft! Aber der Klügere ist immer auch der Noblere. Ich will mich also zu deiner Ausdrucksweise herablassen und mich so stellen, als ob wir hier nicht eine Figur mit drei Spitzen, sondern ein Dreieck vor uns hätten, und frage dich, von wem dieses Dreieck stammt.«

»Das werden wir sehr bald erfahren.«

Indem ich dieses sagte, kniete ich nieder, um die Figur genau zu betrachten. Das Dreieck war vertieft, sein inneres aber wieder als Relief behandelt. Die Vertiefung war mit feinstem, mehligem Flugsand ausgefüllt, welchen der nächtliche Tau in eine Kruste verwandelt hatte, die man nicht einfach durch Fortblasen entfernen konnte. Ich mußte die Spitze des Messers zu Hilfe nehmen, und indem ich dies tat, trat der Inhalt des Dreieckes immer deutlicher als ein Auge hervor, ungefähr in der Weise, wie es als Symbol Gottes, des Vaters, gebraucht zu werden pflegt, nur daß an dem, welches ich hier vor mir hatte, auch die oberen und unteren Wimperhärchen angebracht waren, und zwar in einer Anordnung und Feinheit, durch welche der Bildner dieses Symbols als Künstler erschien.

»Ein Auge!« rief Halef aus. »Ein richtiges, wirkliches Auge! Ich frage dich, was es sagen soll? Was hat es zu bedeuten?«

»Wie ich von Sitara her weiß, ist dieses Auge das Handzeichen und Siegel des Mirs von Dschinnistan«, antwortete ich. »Wir wissen also, daß dieser Engel weder von den Ussul noch von den Tschoban stammt, sondern auf Anregungen aus Dschinnistan entstanden ist. Wann, wie und warum dies geschah, muß uns jetzt gleichgültig sein. Wir haben es nur mit der Frage zu tun, was dieses Auge gerade hier an dieser Stelle soll.«

»Das ist doch sehr einfach und leicht zu sagen! Man soll dadurch erfahren, wer der Schöpfer des Brunnens ist.«

»O nein! Hätte das Auge nur diesen Zweck, so wäre was an einer ganz anderen Stelle angebracht worden. Hier ist es von unten nicht zu sehen, und die Stelle ist, wenn kein anderer Grund vorläge, so vollständig unsymmetrisch und täppisch gewählt, daß man sich darüber verwundern müßte. Ich bin überzeugt, daß dieses Symbol gerade die Stelle betonen soll, auf der es angebracht worden ist. Diese Stelle ist wichtig! Von welcher Art aber kann diese Wichtigkeit nur sein?«

»Meinst du, daß sie sich auf den Eingang zum Brunnen bezieht, Sihdi?«

»Das meine ich allerdings. Das Auge ist das Zeichen für den Brunnendeckel. Ich nehme an, daß man es nicht am Rand, sondern in der Mitte des Deckels angebracht hat. Wir haben also rund um das Auge herum nach der Linie zu suchen, welche die Kante des Deckels mit dem Stein bildet. Haben wir sie entdeckt, so ist der Deckel gefunden.«

»Das soll wohl schnell geschehen!« meinte Halef, indem er sich zu mir niederkauerte, um suchen zu helfen.

Aber es ging nicht so rasch, wie er dachte. Es zeigte sich nicht die geringste Spur einer Spalte, eines Risses, einer Linie. Der Stein schien kompakt zu sein, und nichts, gar nichts deutete darauf, daß es möglich sei, einen Teil von ihm zu entfernen.

»Sihdi, es ist nichts, und es wird nichts!« sagte Halef. »Du hast dich geirrt. All dein Denken ist überflüssig gewesen. Das meinige aber nicht! Hättest du mich nicht gestört, als ich mit meinen Gedanken fast unten beim Wasser war, so wäre uns jetzt das nutzlose Suchen erspart!«

»Und das Auge, das wir gefunden haben?«

»Das Auge? Hm, das ist allerdings etwas!«

»Und, horch!«

Ich klopfte in der Nähe des Auges auf den Stein, und ich tat es in angemessener Entfernung von ihm.

»Das klingt allerdings anders, ganz anders«, gestand der Hadschi ein.

»Es klingt nicht nur anders, sondern es sieht auch anders aus. Schau her!«

Die von dem Auge entfernte Stelle war durch die Berührung meiner Hände und durch das Klopfen vom Flugsand freigeworden. Der Fels erschien, und es fiel mir sogleich auf, daß er von anderer Beschaffenheit und anderer Farbe war. Diese Verschiedenheit war freilich keine große und in die Augen springende, entging mir aber nicht. Ich untersuchte, betastete und verglich, bis sich das erfreuliche Resultat ergab:

»Dieser Dschinnistani ist ein außerordentlich kluger, umsichtiger Mann. Er versteht es, mit Tatsachen zu rechnen, an die kein anderer denken würde. Er hat den Brunnendeckel mit Wasser begossen und dann Flugsand daraufgestreut. Unter der hierdurch entstandenen Kruste sind die Spuren des Deckels derart verschwunden, daß kein Auge sie entdecken kann. Der Wind hat dann das Übrige getan und die Umrisse völlig verweht. Hol Wasser, Halef, hol Wasser! Steig hinab und binde mir einen der vollen Hundeschläuche an den Lasso! Ich ziehe ihn mir herauf, und dann wirst du sehen, wie schnell sich uns das Geheimnis dieses Engels und seines Brunnens offenbart!«

Er stieg hinab und tat, was ich ihm aufgetragen hatte; dann kam er wieder herauf. Ich befeuchtete den Stein rings um das Auge her, und er scheuerte gleich mit der bloßen Hand die sich rasch auflösende Kruste weg. Und richtig, da geschah, was ich erwartet hatte: Die Umrisse des Brunnendeckels erschienen, und zwar sehr deutlich, scharf und bestimmt. Auch darin hatte ich recht gehabt, daß sich das Auge mitten auf dem Deckel befinde. Diesen Umrissen nach war der Deckel ungefähr anderthalb Meter lang und ebenso breit und stieß eng an die letzte, rechte Falte des steinernen Gewandes der Figur. Aber wie nun den Deckel entfernen? Sein Gewicht war auf weit einen Zentner zu taxieren; er lag in tiefen, fest geschlossenen Fugen und besaß weder ein Loch oder einen Griff noch irgendeine Spur einer Vorrichtung, die es ermöglicht hätte, ihn zu fassen, zu heben und zu bewegen. Ich sann und sann; ich versuchte alles und alles, doch vergeblich. Die Ritze zwischen Deckel und Stein schloß so vorzüglich, daß man nicht die dünnste Messerklinge zwischen sie hineinschieben konnte. Und selbst wenn dies möglich gewesen wäre, hätte man nicht daran denken können, eine zentnerschwere Last mit einer solchen Klinge emporwuchten zu können! Halef machte seinem Mißmut Luft, indem er klagte:

»Da sitzen wir nun wie die Kamele, kauen wieder und sehen einander an! Ich bin mit meinem ganzen Witz zu Ende, und du wohl auch!«

»Ich noch nicht! Es fällt mir gar nicht ein, das Spiel schon aufzugeben. Es handelt sich nur darum, unser Nachdenken nicht auf falsche Wege geraten zu lassen. Wir haben eine Steinplatte hier, welche gehoben werden soll. Das kann nur durch mechanische Kraft geschehen. Aber von welcher besonderen Art ist diese mechanische Kraft? Werkzeuge sind ausgeschlossen, denn es gibt weder ein Schlüsselloch noch sonst etwas, wo ein Werkzeug angesetzt werden könnte. Die Steinplatte, welche wir vor uns haben, ist also lediglich durch sich selbst zu bewegen. Aber wie? Geht sie auf Rollen oder Rädern? Nein! Ist sie zu verschieben? Nein! Wahrscheinlich handelt es sich um eine sehr einfache und sehr leichte Verlegung des Schwerpunktes, die an sich weder Kraft noch Anstrengung erfordert! Für den, der es weiß, ist es zum Lachen, daß man darüber nachdenkt, ohne es zu finden!«

»Dem Kerl, wenn ich ihn erwische, haue ich die Peitsche über das Gesicht, sobald er lacht!« zürnte Halef in seiner drolligen Weise. Und in ironischem Ton fügte er hinzu: »Sei doch so gut, und wende dich an deine Wissenschaften, auf welche du so große Stücke hältst! Ist es ihnen denn nicht möglich, dich aus dieser Verlegenheit zu reißen?«

»Nur möglich? Ich sage dir, sie können und werden mir helfen! Nur darf ich nicht so dumm sein, mich in verkehrter Weise an sie zu wenden.«

»Wie heißen sie denn? Nämlich diejenigen, welche?«

»Es sind ihrer nur zwei: die Ilm tabijat – die Physik – und die Dscherri eskal – die Mechanik –. Ich habe sie bereits zu Rate gezogen, denn die Fragen, die ich soeben aussprach, waren an sie gerichtet.«

»Und da antworteten sie nicht?«

»O doch! Sie haben mir ja gesagt, daß es sich jedenfalls um eine höchst einfache und sehr mühelose Verlegung des Schwerpunktes handelt. Wir müssen also nachforschen, wo er jetzt liegt, und wohin wir ihn sodann zu verlegen haben.«

»So bitte ich dich, diese Aufgabe zwischen uns zu teilen: Du schaust jetzt nach, wo er liegt, und ich lege ihn dann weiter; wohin, das wird sich finden! Übrigens, wer ist denn das eigentlich, dieser Schwerpunkt? Wenn er nicht bald aufhört, uns den Punkt so schwer zu machen, wie bisher, kann er uns nicht zumuten, uns noch länger mit ihm abzugeben! Es ist jammerschade, daß der Engel, zu dessen Füßen wir uns über deine Ilmi tabijat und Dscherri eskal die Köpfe zerbrechen, nur von Stein ist. Wenn er ein wirklicher Schutzengel wäre, würde ich mich an seine Hilfe wenden und …«

»Er ist einer; er ist einer!« unterbrach ich da den Hadschi. »Paß auf, er wird uns helfen!«

»Er? Der Engel? Dieser hier?« fragte der Hadschi verwundert.

»Ja, er, dieser Engel«, antwortete ich. »In dem Augenblick, an dem du ihn nanntest, kam mir der Gedanke, der höchstwahrscheinlich der richtige ist. Und als mein Auge diesem Gedanken folgte, stieß es auf das, was uns bisher entgangen ist, obwohl wir es sofort hätten sehen sollen. Halef, wir sind dumm gewesen, außerordentlich dumm!«

»Ihr? Also du und deine Wissenschaften? Da sagst du mir nichts Neues! Das weiß ich ja schon längst! Sie werden dir nie von Nutzen sein! Dagegen aber ich! Schau mich an Sihdi! Kaum öffne ich den Mund, um von dem Engel zu sprechen, so kommt dir sofort der richtige Gedanke! Der ist also doch von mir! Hoffentlich siehst du nun endlich einmal ein, wie hoch ich über deiner Gelehrsamkeit stehe, die dich stets und gerade dann im Stich läßt, wenn du sie brauchst! Aber sag, was ist denn das, was du erst jetzt gesehen hast und was wir doch sofort hätten sehen sollen?«

»Ich frage dich, welche Form hat die Steinplatte, welche den Deckel des Brunnens bildet?«

»Sie ist viereckig.«

»Wieviel Kanten muß sie also haben?«

»Vier. Das ist ja selbstverständlich!«

»Zeige sie mir, nämlich diese vier!«

Das Viereck lag vor uns, aber nur von drei Seiten sichtbar umrissen. Die vierte stieß an die schon erwähnte Gewandfalte des Engels, und es gab da weder eine Spalte noch auch den dünnsten Strich oder Riß, welcher die Platte von der Falte trennte. Beide, Plane und Falte, bildeten vielmehr ein Ganzes; sie gehörten zusammen. Das war es, was ich erst jetzt gesehen hatte, und dann allerdings auch noch etwas anderes dazu. Halef kam meiner Aufforderung nach und zählte die Seiten des Viereckes, indem er auf die sichtbar gewordenen Umrisse deutete:

»Hier die erste; hier die zweite; hier die dritte, und hier …« Da hielt er inne, denn nun sah auch er, daß die Platte nicht aufhörte, wo sie die Falte erreichte, sondern mit ihr ein Ganzes bildete.

»Sihdi, sie hat nur drei; die vierte fehlt«, fuhr er fort.

»Sie fehlt nicht; nur ist sie an einer anderen Stelle, nämlich höchstwahrscheinlich weiter oben, quer über die Falte«, antwortete ich. »Wir haben bisher nicht beachtet, daß auch der Saum dieser Falte über einen Meter hinauf mit der künstlichen Sandkruste überzogen ist, die wir von der Platte zu waschen hatten.«

»Maschallah!« rief er aus, indem er die Stelle betrachtete und befühlte. »Das ist richtig! Also Wasser her, Wasser! Wir wollen uns sofort Gewißheit schaffen!«

Er griff wieder zum Schlauch, benetzte die Falte mit Wasser und scheuerte dann die Kruste weg. Da geschah, was ich erwartet hatte. Es erschienen die bisher verborgenen Umrisse, und nun sah man ganz deutlich, daß die Platte nicht eine gerade Fläche, sondern einen rechten Winkel bildete und halb zum waagerecht liegenden Fußboden, halb aber zur senkrecht auf ihn stoßenden Falte des Gewandes gehörte. Sie ruhte da, wo sie den Winkel bildete, wahrscheinlich auf einer im Loch befestigten Achse, auf der sie sich bewegte. Ihre aufrecht stehende Hälfte war genau so hoch wie die Breite oder Länge ihres waagerecht liegenden Teiles. Es war also anzunehmen, daß beide einander das Gleichgewicht hielten und es eines gar nicht bedeutenden Druckes bedurfte, den Schwerpunkt zu verlegen und die Platte dadurch zu bewegen, daß man den aufrechten Teil in das Innere der hohlen Falte drückte und dadurch den liegenden Teil in die Höhe hob. Es machte mir Spaß, dies nicht selbst zu tun, sondern es Halef tun zu lassen. Er stand vor der Gewandfalte, betrachtete sie und sagte:

»Sihdi, deine Wissenschaften sind doch vielleicht nicht ganz so dumm, wie ich dachte; aber daß auch ein Teil des Gewandes dieses Engels mit zum Brunnendeckel gehört, darauf bist du nur durch mich gekommen. Was soll nun geschehen?«

»Schiebe den Teil des Deckels, der zur Falte gehört, in die Falte hinein!« forderte ich ihn auf.

Er versuchte, es zu tun, brachte es aber nicht fertig, weil er auf dem andern Teil des Deckels, der gehoben werden sollte, stand.

»Es geht nicht, Sihdi« sagte er. »Wie kommst du überhaupt auf die Idee, daß hier etwas hineingeschoben werden kann?«

»Tritt vom Deckel herunter, auf die Seite, und schieb noch einmal!« antwortete ich.

Er tat es und schrie fast erschrocken auf, als der Teil des steinernen Gewandes, den er berührte, unter seinem Druck wich und nach innen ging, während die waagerechte Hälfte des Deckels zu seinen Füßen sich aus dem Boden hob und nun das Brunnenloch zu sehen war, nach dem wir trachteten. Nie habe ich bei ihm ein so erstauntes, ja fast betroffenes Gesicht gesehen wie jetzt, in diesem Augenblick. Er starrte mich, das viereckige Loch in der Falte und die Brunnenöffnung abwechselnd an, blieb eine Zeitlang offenen Mundes stumm und jubelte dann:

»Hamdulillah! Das Loch ist gefunden! Sihdi, du bist ein Zauberer, ein Hexenmeister! Zwar deine Wissenschaften taugen alle nichts, doch bist du glücklicherweise zuweilen so klug, deine eigenen Gedanken zusammenzunehmen, und dann sind wir immer, besonders wenn ich auch die meinigen dazu gebe, eines guten Erfolges sicher. So auch hier! Schiebe ich die Falte ganz hinein?«

»Ja.«

Indem er den quadratischen Teil der Falte, welcher beweglich war, in diese hineinschob, wurde der andere Teil, welcher den eigentlichen Brunnendeckel bildete, so völlig in die Höhe gehoben, daß sich das Brunnenloch vollständig öffnete. Wir schauten hinein. Es führten Stufen hinunter, feste, steinerne Stufen, von rechts nach links in den harten Fels gehauen. Sie waren fast gar nicht feucht, und die kühle Luft, welche aus dem Innern stieg, zeigte nicht die geringste Spur von Moder und ähnlichen Dingen. Halef wollte sofort hinabsteigen. Ich hielt ihn aber zurück, um ihn auf das Gebahren unserer Hunde aufmerksam zu machen, welche mit lautem, freudigem Bellen an dem Felsen emporsprangen.

»Schau! Sie spüren das Wasser«, sagte ich.

»Ja; es scheint so«, antwortete er. »Aber ich schlage vor, sie noch besonders auf die Probe zu stellen.«

»Weil ihr Bellen und Springen auch nur den einfachen Grund haben kann, bei ihrem Herrn sein zu wollen.«

»Gut; steigen wir also hinab!«

Wir taten das. Aber als wir dann unten waren, achteten sie gar nicht auf uns. Vielmehr verdoppelte sich ihr Eifer, am Felsen in die Höhe zu kommen. Das war freilich, weil keine Stufen hinaufführten, unmöglich. Auch wären sie bei der Untersuchung des höchstwahrscheinlich sehr tief hinabgehenden Brunnenschachtes gewiß hinderlich gewesen. Darum machten wir ihnen begreiflich, daß wir sie verstanden hätten, daß wir wüßten, was sie uns sagen wollten, worauf sie sich schnell beruhigten und neben den Pferden wieder niederlegten.

Hierauf turnten wir uns wieder hinauf und stiegen in das Innere des Hügels hinab. Dieses bestand aus mehreren untereinanderliegenden Abteilungen, die ich als Stockwerke bezeichnen will. Zu dem oberen Stock führten genau zwanzig Stufen. Als wir die letzte hinter uns hatten, drang das Licht des Tages nur als Dämmerung zu uns herab. Aber schon nach kurzer Zeit, als unsere Augen sich akkommodiert hatten, konnten wir deutlicher sehen. Zur rechten Hand von uns stand ein großer, steinerner Würfel, auf dem eine dünne Steinplatte lag, die sich verschieben ließ. Als wir sie ein Stück zurückschoben, sahen wir, daß er hohl war und also einer Lade oder einer Kiste glich, in der sich allerlei Gegenstände befanden, die uns natürlich in hohem Grade interessierten. Obenauf lagen Rollen aus starkem Leder, die oben und unten zugebunden waren, um ihren Inhalt gegen Feuchtigkeit zu schützen. Wir öffneten eine. Sie enthielt eine sehr gut erhaltene Kerze, aus ungereinigtem Bienenwachs hergestellt. Wir wickelten noch eine zweite aus und brannten beide an. Sie hatten dicke, gut brennbare Dochte und spendeten Licht genug für unsere Zwecke. Außer diesen Kerzen gab es ein sehr wohlverwahrtes, uraltes Fiedelbogen-Instrument zum Licht- und Feuermachen. Wir brauchten es nicht, weil wir Zündhölzer bei uns hatten. Auch Schnuren, Stricke, Schläuche und ähnliche Dinge waren da, die mit dem Zweck des Ortes in Verbindung standen. Es gab lange, breite Riemen aus festem Rindsleder, deren Zweck uns nicht sofort in die Augen fiel. Bald aber sahen wir, daß sie zur Reparatur des Schöpfwerkes dienen sollten, welches uns zunächst in die Augen fiel.

Nämlich in der Mitte des ziemlich großen, unterirdischen Raumes, in dem wir uns befanden, stand ein langer, breiter Felsentrog mit je einem Rad vorn und hinten. Wenn man das eine drehte, so bewegte sich auch das andere mit. Über die beiden Räder war ein Lederriemen gelegt, an dem in gewissen Abständen Krüge hingen, die, mit geschöpftem Wasser gefüllt, auf der einen Seite aus dem Boden kamen, im Weitergleiten sich ihres Inhaltes in den Trog entleerten und dann auf der andern Seite nach unten zurückkehrten. Zur Reparatur des Riemens, der die Krüge trug, lagen die andern Riemen gewiß schon seit vielen Jahrhunderten da. Der Schöpfer dieses Werkes hatte einen Blick besessen, der sich durch keine zeitliche Schranke beirren ließ. Wer war er gewesen? Hoch über der Treppe, die wir heruntergekommen waren, sah ich das Zeichen des Mirs von Dschinnistan eingegraben und darunter im alten Brahmavartadialekt das einzige Wort »Erbaut«. Dieses Wort bildete den Anfang eines Satzes; die Fortsetzung und das Ende desselben fanden wir, indem wir weiter abwärts stiegen, was uns durch die Kerzen sehr erleichtert wurde.

Im nächst tieferen Stock fanden wir ganz dieselbe Einrichtung und auch dieselben Gegenstände, nur daß hier der Krüge tragende Riemen hinzukam, der nach oben führte. Über der Treppe war unter demselben Zeichen und in demselben Brahmavartadialekt das Wort »zum Sieg« zu lesen. Eine weitere Treppe tiefer, wo der Raum den beiden vorigen Räumen bis auf das Tüpfelchen glich, stand unter dem Auge »im Kampfe« eingemeißelt. Und ganz unten, wohin die vierte Treppe führte, standen wir vor einem weiten, sehr tiefen Wasserbassin, dessen Inhalt für viele Hunderte von Menschen und Tieren reichte, und, wie es schien, aus adernweise eingesprengtem Sandgeschiebe immer nachfiltriert und nachgesickert kam. Hier schöpfte das unterste Rad, um den Bottich der nächsthöheren Etage zu füllen. So wurde das Wasser von Trog zu Trog nach oben getragen, und indem dies geschah, kam es derart mit der Luft in Berührung, daß es sich mit Kohlensäure sättigte und die Eigenschaft annahm, nicht nur durstlöschend, sondern auch erquickend zu sein. Über der Treppe war hier unter dem Auge die Inschrift »für den Frieden« zu sehen, so daß der ganze Satz nun also lautete:

»Erbaut zum Sieg im Kampfe für den Frieden.«

Wie mich das ergriff! Auch Halef wurde doppelt ernst, als ich ihm die Zeichen, die er nicht kannte, erklärte. Wir standen im Innern der Erde. Achtzig Stufen tief. Über uns der Engel von Stein. Inmitten der Wüste. Sie hatte Sonne, aber nicht Wasser. Hier aber gab es Wasser die Hülle und die Fülle, doch keinen Sonnenstrahl. Um die Wüste zu befruchten, hatte das Wasser zur Sonne emporzusteigen. So tief und noch viel tiefer, als dieses Wasser lag, ruhte die Vergangenheit, in der dieser Brunnen erbaut worden war, unter der Gegenwart, in der wir beide, Halef und ich, vor seinem Wasser standen. Auch sie, die Vergangenheit, hatte, um für die Gegenwart fruchtbar zu werden, zur Sonne emporzusteigen, und Gott, der allweise und allgütige Mir von Dschinnistan, hat auch zum Wohl der Gegenwart einen hochragenden, weit über die Wüste dahinleuchtenden Engel erbaut, in dessen wunderbaren Gedankeninnern wir in die Tiefe zu steigen haben, um mit dem befruchtenden Wasser der Vergangenheit die Gegenwart und Zukunft zu durchtränken. Wer dieser Engel ist, bedarf wohl nicht erst der Frage.

Wir kosteten von dem Wasser des Bassins. Es war sehr frisch und rein und ohne jede Spur von Beigeschmack, aber tot. Da begannen wir, die Räder zu drehen. Ich hatte gedacht, daß dies nach so langem Stillstand ein lautes Knarren und Kreischen ergeben werde; dem war aber nicht so, denn die Achsen bewegten sich in einer dicken, fettartigen Masse, die zwar eingetrocknet war, durch die Reibungswärme aber sofort wieder in ihren ursprünglichen halbweichen, elastischen Zustand zurückgeführt wurde. Als das Wasser von Trog zu Trog nach oben gestiegen war und wir dann oben in der höchsten Etage kosteten, war es nicht mehr tot, sondern hatte beinahe den lebendigen Geschmack einer fließenden Quelle. Dieses Wasser war bedeutend besser als das, welches sich in unsern Schläuchen befand; wir ließen das letztere also auslaufen, um sie mit dem ersteren zu füllen und gaben auch unsern Pferden und Hunden soviel zu trinken, als sie konnten. Nachdem dies geschehen war, verschlossen wir das Brunnenloch, indem wir den Deckelstein in seine vorherige Lage zurückbrachten.

»Streuen wir nun auch Sand auf Wasser, um die Spuren und Ritzen verschwinden zu lassen?« fragte Halef.

»Nein«, antwortete ich. »Diese Vorsicht ist für uns nicht nötig, weil es keinen Feind gibt, der den Brunnen entdecken wird und wir ihn unsern Freunden nicht zu verbergen, sondern vielmehr bekannt zu geben haben. Ich sage dir, lieber Halef, daß dieser Brunnen mir als wahrer Engel erschienen ist, und zwar nicht nur aus einem einzigen Grund. Erstens hat er mich aus aller Sorge um unsern Zug durch die Wüste der Tschoban befreit, denn so genau wie die Karte des Dschinnistani hier an dieser Stelle stimmt, wird sie gewiß auch an den andern Punkten stimmen, und ich kann also sicher sein, daß wir nicht dürsten werden. Und zweitens erleichtert uns dieser Brunnen den Sieg an der Landenge in höchst willkommener Weise. Nämlich, um Blutvergießen zu vermeiden, werden wir die Tschoban auszuhungern und auszudursten haben. Um dies zu können, müssen wir aber selbst sehr reichlich mit Proviant und Wasser versehen sein. Das letztere ist die Hauptsache. Wir hätten eine immerwährend bewegte Reihe von Reitern gebraucht, um die große Menge des Wassers, die für uns nötig ist, vom Fluß nach der Landenge zu schaffen. Die uns nächstliegende Stelle des Flusses, die ein solches Quantum liefert, ist aber wenigstens einen und einen halben Tagesritt von hier entfernt. So lang müßte die Reihe der Reiter sein, und du kannst dir also denken, welche Zahl von Menschen und Pferden und welche Zeit und Arbeit uns dieser Brunnen erspart, der so nahe an der Landenge liegt, daß man die Entfernung gar nicht mit in Berechnung zu ziehen braucht.«

»Glaubst du wirklich, daß wir uns ihr bereits so sehr genähert haben?«

»Ja.«

»Aber man sieht noch keine Spur von ihr!«

»Das glaube ich. Aber die Spur von ihrem Gegenteil!«

»Ihr Gegenteil? Was ist das?«

»Das Meer.«

»Allah w' Allah! Du siehst es?«

»Ja.«

»Wo?«

»Da rechts, genau im Osten. Schau hinaus, ganz, ganz hinaus!«

»Das tue ich ja. Aber ich sehe nichts, als nur den Sand der Wüste, der vom Licht der sich neigenden Sonne leicht gerötet wird.«

»Und dann? Noch weiter hinaus?«

»Dann kommt der Himmel, der unten, wo er auf der Erde hegt, einen Glanz wie Silber zeigt.«

»Dieses Silber ist nicht der Himmel, sondern das Meer. Stände die Sonne im Osten, so würde dieser jetzt lichte Streifen dunkel erscheinen; das sie aber im Westen steht, so sehen wir ihn im silbernen Licht. Wenn aber das Meer so nahe herangetreten ist, daß wir es bereits sehen können, so dürfen wir annehmen, daß wir bis zur Landenge nicht mehr zu weit zu reiten haben.«

»Seit wann siehst du schon das Meer?«

»Erst nur seit wenigen Augenblicken. Indem ich von dem Engel sprach, fiel mein Blick dort in die Ferne hinaus. Wenn wir uns nicht hier oben auf der Figur befänden, hätte ich es wohl noch gar nicht bemerkt. Steigen wir hinab, und reiten wir weiter!«

Unten von der Erde aus war die See allerdings kaum mehr zu sehen, aber je weiter wir nun kamen, desto näher trat sie uns. Ihr Streifen wurde breiter und breiter, verlor aber dadurch seinen Silberglanz. Man sah, daß das, was dort lag, eine Wasserfläche war. Bald bemerkte man auch, daß sie sich in Bewegung befand. Es schien, als ob sie atme. Auch der Boden unter uns veränderte sich. Der Sand begann, sich in Gras und Geröll zu verwandeln, und dieses vermischte sich nach und nach mit Steinbrocken, die an Größe immer mehr wuchsen. Es erschienen Felsenstücke, die zerstreut im weiten Kreis umherlagen, bald aber sich einander näherten und dabei zur Höhe wuchsen. Das alte, eigentliche Flußbett trat mit größerer Deutlichkeit hervor als bisher. Es war steil und tief und von Blöcken besät, deren abgerundete Kanten Zeugnis dafür ablegten, daß sie in früheren Zeiten mit dem Wasser in langer Berührung gestanden hatten. Die Ufer wurden von Felswänden begleitet, deren Höhe sich immerwährend vergrößerte. Sie bildeten Hügel, dann sogar Berge, die sich kulissenförmig ineinander schoben und das Auge verhinderten, einen freien Ausblick nach rechts oder links zu suchen. Wir konnten also das Meer nicht mehr sehen, aber das Grün, mit dem diese Felsenzüge bewachsen waren, deutete seine Nähe an. Ohne die Feuchtigkeit der See wäre diese Vegetation unmöglich gewesen. Sie bestand allerdings nur aus Salzstauden, Gestrüpp und niedrigen Büschen; ein Baum war nicht zu sehen.

Wir mochten wohl eine Viertelstunde lang zwischen diesen Höhen dahingeritten sein, als sie ganz nahe aneinandertraten und eine Stelle bildeten, welche genau so aussah, als ob ein Geschlecht von Giganten hier vor Tausenden von Jahren aus riesigen, rohen Felsstücken einen Tunnel gebaut habe, um die Landenge quer abzuschließen, dabei aber dem Wasser des Flusses die Fortsetzung seines Weges zu gestatten. Einem der größten Quader waren die Worte eingegraben »Fum eß Ssachr«, was soviel wie »Felsenmündung« oder »Felsenloch« bedeutet. Der Durchmesser dieses Loches war höchstens fünf oder sechs Schritt größer als die Breite des Flußbettes. Zu beiden Seiten aber stiegen die Felsen so steil in die Höhe, daß es nur an einer einzigen Stelle möglich war, zu Fuß emporzuklettern. Das Letztere taten wir, nachdem wir von den Pferden gestiegen waren. Der Zweck, der uns hierher geführt hatte, machte es uns zur Pflicht, gerade diesen wichtigen Teil der Gegend so genau wie möglich kennenzulernen. Die beiden Hunde Halefs blieben bei den Pferden, ohne daß wir es ihnen besonders zu befehlen brauchten. Als aber die Meinen sahen, daß es sich um eine Kletterpartie handele, gaben sie ihren Wunsch, mitzudürfen, in zwar nicht lauter aber doch so bittender Weise zu erkennen, daß ich ihn erfüllte. Unser Ziel lag hoch oben im Bergland, und so wollte ich gern sehen, was sie für Kletterer seien. Sie machten mir Freude. Kaum hatten sie die Erlaubnis bekommen, so schnellten sie uns voran von Kante zu Kante, von Zacke zu Zacke die in steilem Winkel ansteigenden Felsen hinan, nicht laut, sondern still, und nicht etwa unvorsichtig und unbedächtig, sondern von Schritt zu Schritt vorausschauend und überlegend, wo leichter und sicherer Fuß zu fassen sei, hier oder an einer anderen Stelle. Es war, als ob sie sich die Aufgabe gestellt hätten, den besten Weg für uns zu suchen, und als wir ihnen folgten, sahen wir allerdings, daß wir nicht klüger hätten wählen können als sie. Und dabei trugen sie ihre vollen Packsättel auf dem Rücken! Wir hatten noch nicht den vierten Teil des Aufstieges hinter uns, so standen sie schon oben auf der höchsten Felsenkante, gerade senkrecht über dem »Fum eß Ssachr«, eng nebeneinander und mit den Schweifen uns die Bitte zuwedelnd, ihnen doch schnell nachzukommen. Andere Hunde hätten gebellt oder wenigstens Laut gegeben; sie aber taten das nicht; sie waren von echtem Adel und, wie wir gesehen haben, auch streng erzogen.

Es gab eine Überraschung, die unser da oben wartete. Wir befanden uns auf der Ostseite. Noch hatten wir die Höhe nicht ganz erklommen, so traten da, wo wir waren, die Spitzen der Felsen auseinander, und was sahen wir vor uns liegen? Das Meer, das Meer, das weite, blaue Meer, welches inzwischen ganz zu uns herangetreten war, ohne daß wir es hatten bemerken können. Und als wir den höchsten Punkt erreichten, wo die Hunde auf uns warteten und nun auch die andere Seite vor uns lag, schrie Halef vor Verwunderung laut auf, denn auch da war inzwischen das Meer erschienen und, einen jähen, tiefen Einschnitt des Landes benutzend, so schnell und so nahe zu uns herangekommen, daß es nun gerade und genau zu unseren Füßen lag.

»Die See! Das Meer! Der Ozean!« rief Halef aus, die Hände zusammenschlagend. »Hältst du das für möglich, Sihdi? Hast du dir das gedacht? Das herrliche, blauwallende Wunder ist da! Nicht bloß hier, sondern auch dort! Auf beiden Seiten! Und was ist das da draußen, ganz im Norden? Es sieht aus wie ein Baum von so riesiger Höhe, daß er bis zum Himmel ragt. Man sieht den Stamm, und man sieht auch die Krone, die er trägt. Es scheint, als ob Bewegung in ihr sei!«

»Das ist die Rauchsäule der Vulkane von Dschinnistan«, antwortete ich.

»Welche des Nachts zur Feuersäule wird, ganz so, wie es im heiligen Buch und von dem Volk Gottes geschrieben steht! Der Herr ging ihm voran, des Tages in einer Rauch- und des Nachts in einer Feuersäule. Und schau, wie sonderbar! Dies Tor, gerade vor uns! Es scheint, genau wie diese unsere Sperre, auf deren Höhe wir uns jetzt befinden, auch die ganze Breite der Landenge einzunehmen. Wir können nicht weiter, weder nach hüben noch drüben; wir müssen wieder hinab, woher wir emporgestiegen sind.«

Das »Tor«, von dem er sprach, lag grad im Norden von uns, vielleicht eine halbe Wegstunde entfernt. Es war gewiß auf ganz natürliche Weise entstanden, hatte aber auch das Aussehen, als ob es ein Werk von Menschen- oder vielmehr von Titanenhänden sei. Eine hohe, festgefügte Mauer lag quer über der Enge, von Küste zu Küste, von Wasser zu Wasser. Grad in der Mitte der Landzunge ging eine einzige Lücke von oben nach unten durch diese Mauer. Sie war so breit, daß einst der Fluß und neben ihm ein schmaler Weg hindurchgekonnt hatten. Oben lag eine Felsenplatte querüber, auf der es einige Büsche und eine von uns aus winzig erscheinende Erhöhung gab, die man für einen Steinhaufen halten mußte. Wenn diese Mauer keinen andern Durchlaß hatte, als nur die Mittespalte, die wir sahen, so war der Raum zwischen uns und ihr die vortrefflichste Falle für die Tschoban. Als ich dem Hadschi das sagte, stimmte er mir gern bei. Leider war es für heut zu spät, noch bis dorthin zu kommen. Die Sonne stand bereits am Horizont, und die Nacht bricht in jenen Gegenden so schnell herein, daß es uns gar nichts genutzt hätte, uns zu beeilen. Wir hätten die Mauer höchstens erreicht, aber doch keine Zeit gefunden, sie noch heute zu untersuchen. Wir begnügten uns also damit, festzustellen, daß es wenigstens hier am Felsenloch kein anderes Durchkommen gab als eben nur durch dieses Loch. Dann stiegen wir wieder hinab, um unten die Passage zu betrachten.

Sie war, wie schon gesagt, so eng, daß, wenn der Fluß Wasser gehabt hätte, nur ein vielleicht drei Meter breiter Weg geblieben wäre, um durch das Loch zu kommen. Dieser Weg war wohl fünfzig Schritte lang; er ging durch Felsen, war also unterirdisch, verlief aber so frei, daß er auf seiner ganzen Strecke mit Kugeln bestrichen werden konnte. Die unten im Flußbett zerstreut liegenden großen Steinblöcke boten zwar einigen Schutz gegen Schüsse, aber nur vereinzelten Personen, nicht etwa ganzen Ansammlungen von Menschen. Das war uns sehr günstig.

Wir stiegen wieder auf und ritten durch das Loch. Jenseits desselben war es unmöglich, die Höhe zu ersteigen, und zwar auf beiden Seiten. Wenn sich meine Vermutung bestätigte und die vor uns liegende, eine halbe Gehstunde lange Strecke als Falle für die Tschoban ausersehen werden sollte, so war vor allen Dingen die Frage zu erledigen, ob die Felswände, welche die Seiten des Engpasses bildeten, leicht gangbar seien oder nicht. Dieser Paß hieß Chatar, ein Name, der soviel wie »Gefahr« bedeutet. Das ließ vermuten, daß es nicht ungewagt sei, ihn im Kriegsfall zu passieren. Wahrscheinlich hatten Ereignisse dies bewiesen. Wir durften also annehmen, daß die Beschaffenheit der Strecke für uns günstig, für die Tschoban aber ungünstig sei, und es stellte sich auch sehr bald in Wirklichkeit heraus, daß es so war. Wir ritten nur langsam vorwärts, um beide Seiten des Weges genau zu betrachten. Wir legten wohl drei Vierteile seiner Länge zurück und kamen dem Felsentor, welches wir von weitem gesehen hatten, ziemlich nahe, ohne eine einzige Stelle gefunden zu haben, an der es möglich war, an den regellosen, schroffen, oft sogar weit überhängenden Steinwänden emporzusteigen. Wenn es uns gelang, die Tschoban hier hereinzulocken, so gab es für sie kein Entrinnen.

Auch die Wasserverhältnisse waren für uns günstig. Wir hatten ganz selbstverständlich angenommen, daß es hier gar kein trinkbares Wasser gebe, und waren daher einigermaßen überrascht, als wir an einer tieferen und sandigen Stelle des Flußbettes bemerkten, daß sie feucht sei. Wir stiegen sofort hinab, um sie zu untersuchen. Da stellte sich zu unserer Beruhigung heraus, daß sie bei längerem Nachgraben allerdings Wasser gab, aber dieses enthielt soviel Salz und widerlich schmeckende Bestandteile, daß es sowohl für Menschen als auch für Tiere vollständig ungenießbar war. Diese Stelle hing mit dem Meer zusammen, welches hier am Engpaß nur eine geringe Tiefe besaß. Die gutes Trinkwasser führende Ton- oder überhaupt undurchdringliche Schicht, welche von den fernen Bergen kam und sich im Brunnenengel öffnete, schien tiefer als der Meeresboden zu verstreichen.

Wir fanden, noch ehe die Dämmerung vorüber war, eine Stelle, welche sich zum Lagern eignete. Gras gab es freilich nicht, aber weich war das Fleckchen doch, weil es aus einer Ansammlung von Flugsand bestand, der eine kleine, abgeschlossene Bucht im Felsen bildete. Da machten wir es uns bequem. Die Hunde bekamen jeder ein Stück Fleisch, die Pferde ihre erste Wüstenration getrockneter Körner, und für die Menschen, nämlich für Halef und mich, hatte Taldscha so gut gesorgt, daß wir noch auf Tage hinaus mit Delikatessen versehen waren, nämlich aber, was bei den Ussul als Delikatesse bezeichnet wird. Mit dem Wasser wurde gespart. Pferde und Hunde bekamen nur einige Schlucke, mehr um sich die Mäuler anzufeuchten, als um den Durst zu stillen, den sie auch gar nicht haben konnten, weil sie sich am Engelsbrunnen mehr als satt getrunken hatten. Ein Feuer wurde nicht angebrannt, einesteils weil es keine besonderen Gründe gab, es zu tun, und andernteils weil es hier schwer war, das nötige Brennmaterial zusammenzusuchen. Auch war keineswegs anzunehmen, daß wir vollständig sicher seien, nicht gesehen zu werden. So einsam die Gegend war, in der wir uns befanden, wer von drüben herüber und von hüben hinüber wollte, mußte sie doch passieren; der Prinz der Tschoban war hier vorübergekommen, ebenso der Maha-Lama und der oberste Minister von Dschunubistan; es konnten also wohl auch noch andere kommen, vor denen wir uns nicht sehen lassen durften. Wir nahmen uns vor, recht baldigst einzuschlafen. Das konnten wir, denn die Hunde hielten Wacht.

Es wurde Nacht; aber ihr Dunkel dauerte nicht lange; der zunehmende Mond stieg herauf. Es herrschte ringsum tiefe Stille, und doch war diese Stille nicht vollständig still. Was war es doch, die Meeresbewegung oder etwas anderes, was ich vernahm, als ob es nicht innerlich, sondern äußerlich und doch nicht äußerlich, sondern innerlich sei? Es schien in der Luft zu sein, und doch auch in der Erde, auf der wir lagen. Der Mond war sonderbar goldig gelb. Sah man ihm direkt in das freundliche Profil, so erschienen seine Strahlen bläulich gefärbt, wohl infolge der Feuchtigkeit der Luft. Es ging ein leises, heiliges Auf- und Niederatmen durch die sonst vollständig ruhende Welt. Kam das etwa von den Bewegungen der See? Halef betete still, ich auch. Eben hatte ich in meinem Innern Amen gesagt, da klang es plötzlich laut und vernehmlich durch die stillhelle Nacht:

»Ia Kudah, ia Kudah, ia Kudah – o Gott, o Gott, o Gott!«

Es kam wie von oben, wie von einer schönen, volltönenden, reinen Altstimme, die aus dem geöffneten Himmel niederklingt. Und als ob dieser Gottesgruß im Herabschweben auch eine tiefere Stimme erhalte, wiederholte er sich im weithin schallenden Bariton:

»Ia Kudah, ia Kudah, ia Kudah – o Gott, o Gott, o Gott!«

»Sihdi, was ist das? Wer ist das? Wo kommt es her?« fragte Halef, indem er sich überrascht in die sitzende Stellung aufrichtete.

»Still!« bat ich. »Hören wir weiter!«

»Glaubst du, daß es sich wiederholt?«

Ja, es wiederholte sich und zwar mit vereinten Stimmen. Im Alt und Bariton zugleich scholl es zu uns herab:

»Ia Kudah, ia Kudah, ia Kudah – o Gott, o Gott, o Gott!«

Das klang so un- oder überirdisch! Es war, als ob Geister über uns schwebten, deren Stimmen uns fassen wollten, um uns hinaufzuheben. Nach einer kurzen Stille folgte diesen einleitenden Ausrufungen etwas vollständig Unbeschreibliches, für das wir in unserer abendländischen Musik und Kunst nicht einen einzigen Ausdruck haben, mit dem es möglich wäre, das, was wir hörten, auch nur annähernd zu bezeichnen. Es waren zwei Stimmen. Ein wunderbarer, jugendlich frischer Alt oder Mezzosopran und ein ebenso wunderbarer, tief ergreifender Baßtenor, bei uns Bariton genannt, die so fern voneinander und doch so nahe beieinander klangen, als seien alle himmlischen und alle irdischen Lobpreisungen in diesem einen »Ia Kudah« und was darauf folgte, vereint. Und was nun hoch in den Lüften über uns betete und flutete, das war ein Duett und dennoch keines; das waren Lieder, ohne Lieder zu sein; das war Gesang in seiner allerhöchsten, weil einfachsten Kunst, und doch kein Gesang, sondern nichts als Sprache, nur Sprache, aber jene vollendete Sprache, die erst dann über die ganze Erde klingen wird, wenn die Kunst nicht mehr zu herrschen, sondern zu dienen strebt und die Güte und Barmherzigkeit die Grammatik des einen, großen, humanisierten Menschheitsvolkes lehren.

Warum ich da gerade die köstlichen Eigenschaften der »Güte« und der »Barmherzigkeit« in Erwähnung bringe, wird der Leser wohl morgen früh schon merken, wenn wir erfahren, wessen Stimmen es waren, die wir hörten. Es handelte sich jedenfalls um eine männliche und eine weibliche Person, welche, wie es schien, hoch oben auf der Platte des Felsentores standen. Sehen konnten wir sie nicht. Höchstwahrscheinlich aber hatten sie uns gesehen. Daß sie trotzdem sangen, sich also nicht vor uns verbargen, war ein Beweis ihrer Friedfertigkeit und Ungefährlichkeit. Und auch fromme Menschen waren sie. Wer an nichts glaubt und kein Bedürfnis hat, sich innerlich zu erheben, dem fehlen Worte und Töne, wie die waren, die wie auf Engelsflügeln jetzt droben im Mondschein schwammen. Sie verklangen in einer langsamen, feierlichen Melodie, welche von dem Alt gesungen, vom Bariton begleitet wurde und mit demselben Ruf schloß, mit dem der Gesang begonnen hatte: »Ia Kudah – o Gott!«

Als nun wieder Stille um uns herrschte, versuchte Halef, seiner Gewohnheit nach, sich in Fragen und Vermutungen über den Sänger und die Sängerin zu ergehen; ich aber wollte mir den tiefen Eindruck, den die Stimmen auf mich gemacht hatten, nicht hinwegschwatzen lassen und gab ihm eine so kurze Antwort, daß er mich begriff und infolgedessen schwieg. Als ich dann einschlief, trat ein lieber, holder Traum zu mir heran und zeigte mir herrliche Wesen, die mich umschwebten. Ihre Farbe war die des leuchtenden Goldes und weißer, duftiger Rosen. Ihre Gestalten erschienen mir köstlicher und schöner, als Menschen je gestaltet gewesen sind. Und ihre Stimmen erklangen in liebevollen, beglückenden Tönen, die mir die Brust so weit und selig machten, daß ich rief Atem holte, die frische, weiche Morgenluft einsog und dann die Augen öffnete. Ich wachte auf. Die Gestalten waren nicht mehr zu sehen, aber ihre Stimmen erklangen weiter, nicht mehr so nahe bei mir, sondern, wie gestern abend, von hoch oben herab. Ich schaute hinauf und konnte die beiden Singenden ganz deutlich erkennen. Es war so, wie ich vermutet hatte: Sie standen auf der Querplatte des Felsentores, ganz vorn, auf einer kühn vorspringenden Stelle. Sie mußten völlig schwindelfrei sein, um dies zu wagen. Es war eine männliche und eine weibliche Person, deren Alter ich der Entfernung wegen nicht bestimmen konnte. Ihre hellen, weiten Gewänder flatterten im Hauch des jungen Tages, der da oben natürlich kräftiger war als hier unten bei uns in der geschützten Tiefe. Vom Morgenrot umflossen, erhielten sie dadurch, daß die Falten ihrer Kleidung sich bewegten, den Anschein, als ob sie selbst in Bewegung seien und den Fels verlassen wollten, um zu uns niederzuschweben.

»Sihdi, die springen noch herab!« sagte Halef, der schon munterer als ich und nur noch nicht aufgestanden war, um mich nicht zu stören. Jetzt sprang er auf, wirbelte die beiden Arme in der Luft und schrie zum Fels empor, daß man sich doch um Allahs willen in acht nehmen und ja nicht heruntergeflogen, sondern heruntergelaufen kommen möge.

Da verstummte der Gesang. Sie lauschten. Sie hatten zwar gesehen und gehört, daß er sprach, ihn aber nicht verstanden. Er legte die Hände als Schalltrichter an den Mund und wiederholte, was er gesagt hatte. Da wurde er verstanden. Die Sängerin machte mit ihren Händen denselben Gebrauch wie er mit den seinen, und rief uns zu:

»So wartet! Ich komme hinunter!« Dann traten beide von der gefährlichen Stelle zurück, worauf sie verschwanden. Halef sagte, indem er erleichtert aufatmete:

»Allah sei Dank! Das war ja gar nicht mehr anzusehen! Soviel Augenblicke es gab, so vielmal schienen sie im Abstürzen zu sein! Darf ich denn endlich von ihnen sprechen? Gestern abend war es verboten.«

»Weil man so tiefe, heilige Regungen zu achten hat, lieber Halef! Auch jetzt wäre es besser gewesen, wenn du ihren Gesang nicht vor dem Schluß abgebrochen hättest.«

»Verzeih, Effendi! Ich konnte es nicht länger aushalten. Ich hatte Angst, sie würden stürzen. Sag, wer werden sie sein?«

»Das weiß ich nicht. Ihre Sprache ist kein Dialekt, sondern rein und edel, wie nur ein vornehmer Mund sich auszudrücken pflegt. Wir werden ja sehen. Sie will kommen. Wir reiten ihr die wenige Schritte entgegen.«

Gereinigt und gesattelt war schnell. Dann stiegen wir auf und wendeten uns dem Tor zu, welches zu erreichen nur ganz kurze Zeit erforderte. Auch bis dorthin gab es weder auf der einen noch auf der andern Seite des Flußbettes eine Stelle, an der man emporklettern konnte. Die Falle war also in unserm Sinne vollständig tadellos gebaut. Auch die beiden Sänger hatten nicht hier hinaufgekonnt. Der Weg, der die Altistin herunterführte, mußte jenseits des Tores liegen, auf der Nord- oder Außenseite desselben. Wir ritten also hindurch. Jenseits angekommen, avancierten wir nur noch einige Schritte weiter und hielten dann, um die Ankunft der Frau – oder war es ein Mädchen? – zu erwarten.

Es vergingen einige Minuten. Niemand kam. Halef wurde ungeduldig. Er meinte, daß wir noch ein Stück weiter vorwärts müßten; ich aber riet, zu bleiben. Ich hielt still; er dagegen ritt langsam hin und her. Da sah ich, daß er plötzlich eine Bewegung der Überraschung machte, die Hand nach seinem Gesicht bewegte und dann nach oben sah.

»Was ist?« fragte ich.

»Es fiel ein Steinchen herab«, antwortete er.

Nach einiger Zeit machte er dieselbe Bewegung, und dann auch noch zum dritten Male.

»Sihdi, man wirft!« sagte er, indem er wieder nach oben schaute. »Man zielt sehr genau, nämlich immer nach meinem Gesicht. Da oben steckt jemand!«

»Wohl kaum! Kein Mensch kann da hinauf und wieder herunter!«

»Und doch muß jemand es können, denn die Steinchen kommen von oben! Wer mag es sein, der es wagt, mit mir zu spaßen?«

»Ein Mädchen. Ein liebes, munteres Kind von noch nicht siebzehn Jahren.«

»Siehst du sie etwa?« fragte er da schnell.

»Nein«, antwortete ich.

»Wie kannst du da wissen, daß sie lieb ist und munter und noch nicht siebzehn Jahre alt?«

»Weil eine, die nicht mehr so jung ist und auch nicht lieb und munter ist, wohl nicht mit dir scherzen würde.«

»Ja, das stimmt allerdings. Kennst du etwa auch schon ihre Gestalt?«

»So ziemlich.«

»Woher?«

»Ich beurteile sie nach der Kraft und Fülle und dennoch außerordentlichen Weichheit ihrer Stimme, denn ich nehme an, daß es die Sängerin ist, die versprochen hat, herabzukommen. Sie ist gewohnt, tief zu atmen; sie klettert gut; sie ist schwindelfrei. Sag, was hieraus zu schließen ist!«

»Hm!« antwortete er verlegen. »Willst du das nicht selbst sagen, Sihdi?«

»Nein. Ich möchte es von dir hören.«

»Schön – gut – also, ich schließe daraus, daß sie scharfe Augen hat, eine kühne, vortretende Nase, einen kräftigen, breiten Mund, einen starken, dicken Hals, aus dem die lauten, vollen Töne kommen, sehr tüchtige Schultern und Achseln, zwei eisenfeste Kletterhüften …«

Er wurde unterbrochen. Ein kurzes, fröhliches Lachen erscholl. Halef richtete den Blick wieder in die Höhe und fragte:

»Hast du es gehört, Effendi? Sie lacht über ihre eigenen Hüften! Das kommt mir wie …«

Jetzt unterbrach er sich selbst, griff sich mit der Hand nach dem Gesicht und fuhr dann fort:

»Da wirft sie wieder! Und zwar nicht mit einem, sondern gleich mit mehreren Geschossen! Ich steige ab; ich muß sie fangen!«

Er sprang aus dem Sattel und untersuchte den Riesenpfeiler des Tores, in dessen Nähe wir hielten, mit scharfen Augen. Er glaubte wirklich, der Schalk sei da oben versteckt. Ich aber hatte, so oft er getroffen wurde, aus seinen Bewegungen ersehen, aus welcher Richtung die kleinen, mit so großer Sicherheit geschleuderten Steinchen kamen. Sie kamen nicht von oben sondern von unten her, aus der Nähe des Pfeilers, wo eine Menge zwei, drei und vier Meter hoher Felsenstücke wie durcheinandergeworfen lagen, hinter denen sich eine vollständig senkrechte Tafelwand so glatt in die Höhe hob, daß sie nicht einmal für ein Eichkätzchen oder einen Kletteraffen, also noch viel weniger für einen Menschen zu passieren war. Hier konnte die Sängerin ganz unmöglich herunterkommen, und darum hatte ich dieser Stelle gar keine Aufmerksamkeit geschenkt. Nun aber lenkte ich meinen Rappen hin.

»Sihdi!« rief es da leise.

»Ja«, antwortete ich. »Wo bist du? Komm hervor!«

Niemand kam. Da ging ich auf den Scherz ein und stieg vom Pferd, um zu suchen.

»Sihdi!« klang es wieder, und zwar links; aber als ich hinkam, stand ich vor der nackten Tafelwand, und kein Mensch war zu sehen. »Effendi!« rief es von rechts. Ich wendete mich dorthin, zwischen allen Steinen hindurch, erreichte aber nur wieder die Wand und weiter nichts. »Sihdi – Effendi«, und »Effendi und Sihdi«, so klang es bald hier und bald dort, aber der Schabernack war nicht zu sehen und also auch nicht zu fassen. Halef mußte jetzt einsehen, daß er sich geirrt hatte. Er gesellte sich zu mir und suchte mit, doch ebenso ohne Erfolg.

»Sie ist unsichtbar!« lachte er, aber ziemlich ärgerlich.

»Nein, sondern nur barfuß«, antwortete ich. »Hätte sie Schuhe an, so würden wir sie hören.«

»Aber ein Mann, wie du bist, sollte sich doch nicht von einem Mädchen, welches noch nicht siebzehn Jahre zählt, an der Nase führen lassen!«

»Da hast du freilich recht. Ich werde sie also binnen zwei Minuten fangen!«

Da erklang links von mir ein halblautes, herzliches herausforderndes Lachen, aber nur einige Augenblicke später rief es rechts von mir:

»Sihdi, in zwei Minuten!«

»Wahrscheinlich schon in einer!« antwortete ich. »Nimm dich in acht!«

Ich hatte den Spaß bis jetzt in aufrechter Haltung mitgemacht; jetzt aber, da es sich sozusagen um den Befähigungsnachweis handelte, drang ich schnell zwischen die Steine ein und legte mich dann nieder, um mich auf Händen und Füßen weiterzubewegen. Ich ahnte die Stelle, um die es sich handelte, hatte sie aber bisher vermieden, um der kleinen Humoristin die Neckerei nicht zu verderben. Es gab hier unbedingt ein Versteck, und zwar ein nicht leicht auffindbares Versteck. Dieses konnte nicht zwischen den einzelnen Steinstücken liegen, denn da war ich schon überall gewesen, ohne etwas zu sehen. Es mußte sich vielmehr in der Felswand selbst befinden und durch ein vorliegendes Felsenstück dem Auge entzogen sein. Einen solchen Ort gab es allerdings. Ich war beim Suchen schon vorbeigekommen, Halef auch. Da lag ein vielleicht fünf Meter breiter Stein, unten von der Felswand abgerückt, oben aber fest an sie gelehnt, wie ein schief abfallendes Dach. Der Zwischenraum war schmal und nicht so hoch, daß man drin stehen konnte. Man mußte sitzen oder knien. Ich hatte beim Suchen schon zweimal hineingeschaut, aber nichts gesehen. Der Raum war nach beiden Seiten offen; man sah hindurch. Aber von ihm aus mußte ein Loch oder so etwas Ähnliches in die Felswand gehen, und das war das Versteck, in welches sich unser Kobold schnell wieder verbarg, so oft er uns geworfen oder angerufen hatte.

So dachte ich, und es zeigte sich sehr schnell, daß dieser Gedanke der richtige war. Ich kroch bis an den schief vorliegenden Stein, lehnte mich eng an ihn an, um möglichst wenig Raum einzunehmen, und wartete. Ja, da kam es zu meiner linken Hand herausgehuscht und zwischen die Steine hinein, so schnell, daß ich nur etwas Weißes sah, weiter nichts. Ebenso schnell kroch ich nun zu meiner rechten Hand in den Zwischenraum hinein, und zwar bis in die Mitte desselben, wo ich zu meiner Genugtuung eine fast zwei Meter hohe und über mannesstarke Öffnung fand, durch die ich kroch, denn gehen konnte man nicht, da sie oben zu schmal war. Sie war gar nicht lang und führte zu meinem Erstaunen nicht in die Felsenwand hinein, sondern aus ihr schnell wieder heraus in das Freie. Diese Wand war nämlich nur auf ihrer vorderen Seite kompakt, hinten aber zerrissen und zerklüftet. Diese Risse und Klüfte griffen ineinander ein und bildeten in ihrer Gesamtheit einen gar nicht schwer zu gehenden Zickzackweg nach oben, der aber von der Außenseite nicht zu sehen war. Der Anfang dieses Zickzackweges, nämlich die Öffnung, die ich jetzt hinter mir hatte, war früher jedenfalls nicht verborgen, sondern unverdeckt gewesen; sie hatte offen in das Tal des Flusses gemündet. Später aber hatte es Gründe gegeben, diesen Zugang zu der Höhe des Felsentores zu verstecken. Der Stein war vorgelegt worden, um die Stelle so zu maskieren, daß man sie wenigstens nicht gleich beim ersten Male sah. Ich richtete mich zunächst auf, um das alles mit einem raschen Blick zu überfliegen; dann setzte ich mich auf einen Stein, der neben dem Loch lag, durch welches ich soeben gekommen war und durch welches nun schleunigst auch die Sängerin kommen mußte, um sich wieder zu verstecken, während wir draußen vergeblich nach ihr suchten.

Und sie kam wenige Augenblicke nach mir und genau so gekrochen wie ich! Dann richtete sie sich auf, von mir abgewendet, so daß ich hinter ihr saß und von ihr nicht gesehen wurde. Ein halblautes, unbeschreiblich liebes, süßes Lachen entquoll ihrer Brust. Hätte man weiter nichts von ihr gehört als nur dieses eine, einzige Lachen, so hätte man sie doch schon lieben müssen! Sie trat einen Schritt zurück; dabei berührte sie mich. Sie fuhr augenblicklich herum, während ich mich zu gleicher Zeit erhob.

»Sihdi! Effendi!« rief sie erschrocken aus, während ihr schönes, edles Gesicht in glühender Röte flammte.

»In einer Minute! Habe ich Wort gehalten?« fragte ich.

»Ja«, antwortete sie, indem ihr Auge, um mich zu betrachten, größer zu werden schien. »Du hältst wohl immer Wort?«

»Woher weißt du das?«

»Ich sehe es dir an. Ich wagte nur, ihn zu werfen, nicht aber dich. Wie heißt er?«

»Hadschi Halef Omar.«

»Ein Hadschi ist er? Also ein frommer Mann? Das will mir wohlgefallen. Hätte ich das gewußt, so hätte ich nicht mit ihm gescherzt. Aber als ich ihn sah, kam es mir vor, als müsse man mit ihm spielen!«

»Er liebt den Scherz, doch nicht das Spiel. Er ist ein tapferer, treuer, weitgereister Mann, der oberste Scheich eines berühmten Stammes.«

»Von welchem Volk?«

»Vom Volk der Araber.«

»Von jenseits des Meeres?«

»Ja.«

»Ein – Araber! Von – jenseits des Meeres!« wiederholte sie für sich, als ob ihr das von einem ganz besonderen, persönlichen Interesse sei. »Bist du auch Araber?«

»Nein. Ich bin Europäer!«

»Ein Europäer?« fuhr sie auf. »Aus welchem Land? Verzeih, Effendi, daß ich dich frage!«

»Kennst du denn die Länder von Europa?«

»Auch ihre Völker. Mein Vater hat mich das gelehrt. Er weiß sehr viel, fast alles.«

»Ich bin Alemani – Deutscher –.«

Das schlug sie die kleinen, außerordentlich schön gebauten Hände froh zusammen und rief aus:

»Ein Alemani! Wie ihn das freuen wird! Sobald ich ihm das mitteile, wird er dich lieben! Wenn er mich fragt, wie du heißt, was soll ich ihm da sagen?«

»Man nennt mich Kara Ben Nemsi.«

»Nemsi ist dasselbe wie Alemani. Mein Vater heißt Abd el Fadl – Diener der Güte – und ich, ich heiße Merhameh – Barmherzigkeit –.«

»Waret ihr beide es, die gestern abend und heute früh gesungen haben?«

»Ja. Kennst du das, was wir sangen?«

»Nein.«

»Es ist das Morgen- und Abendgebet von Dschinnistan. Wir singen sie beide täglich.«

»So kennst du Dschinnistan?«

»Es ist mein Vaterland. Das Geschlecht Fadl ist so alt, wie die Menschheit dort überhaupt. Mein Vater ist ein treuer Diener des Herrschers. Er wurde von ihm ausgesandt, um …«

Sie hielt plötzlich inne, als ob sie etwas gesagt habe, was sie nicht sagen dürfe, und fuhr dann fort:

»Nun wohnen wir jetzt hier auf dem Felsentor und warten, daß in Erfüllung gehe, was uns verheißen wurde.«

Sie gab diesen Worten einen Ton, der mich zu der Frage drängte:

»Meinst du etwa eine Verheißung, die aus Sitara kommt?«

Da hob sie ihr Gesicht und ihre Augen mit dem Ausdruck größter Spannung zu mir empor und fragte:

»Kennst du Sitara, Effendi? Kennst du es?«

»Ich kenne es.«

»Aber nicht seine Herrscherin?«

»Auch diese.«

»Dem Namen nach?«

»Persönlich.«

»Du hast sie gesehen?«

Sie fragte so langsam, so gewichtig. Ihre langen, schweren Wimpern beschatteten dabei einen Blick, der voll Erstaunen, Wißbegier und verhaltener Freude zu mir herüberleuchtete.

»Nicht nur gesehen, sondern auch gesprochen. Ich war ihr Gast.«

»In Ikbal?«

»Ja, in ihrem Haus.«

»Du hast bei ihr gewohnt?«

»Ja.«

»Du kommst etwa von ihr? Sie hat dich etwa gesandt?«

»Warum fragst du das?«

Sie war wie begeistert gewesen. Bei diesen meinen Worten beherrschte sie sich und fuhr ruhiger fort:

»Verzeih, Sihdi! Ich weiß, ich bin noch zu jung zu solchen Fragen. Aber ich bitte dich: Erlaube mir, dich einmal zu berühren!«

»Gern! Greif zu!«

Ich nahm an, daß sie nach meiner Hand fassen wolle. Sie tat das aber nicht, sondern sie trat näher zu mir heran, hob die ihrige empor und klopfte mir mit den Spitzen des Zeige- und des Mittelfingers auf die Brust, indem sie ihr Köpfchen mir horchend entgegenneigte.

»Er hat ihn; er hat ihn!« jubelte sie auf. »Ich dachte es mir! Ich habe es geahnt! Er hat ihn!«

»Wen habe ich? Was?«

»Den Schild! Ich fühle ihn! Oder ist die Platte, welche dein Herz zu beschützen hat, nicht ein Schuld, den dir die Herrin von Sitara mitgegeben hat?«

»Allerdings. Weißt du, wie diese Herrin heißt?«

»Marah Durimeh! Ich muß fort! Ich muß zum Vater! Ich muß ihm melden, daß …«

Sie konnte den Satz, den sie angefangen hatte, nicht vollenden, denn in diesem Augenblick ereignete sich etwas, was mit dem tiefen Ernst, der uns beide beherrschte, in grellem Widerspruch stand. Nämlich zu unseren Füßen, ganz unten am Boden, bewegte sich etwas. Halefs Kopf erschien. Dann kamen die Hände und die Arme aus dem Loch heraus. Die Schultern schoben sich nach. Er sah unsere Füße, überhaupt die unteren Körperteile von uns, stemmte die Ellenbogen fest auf und hob den Kopf empor, um uns anzuschauen. Das sah so drollig aus, und sein Gesicht zeigte dabei einen so belustigenden Ausdruck, daß wir beide ganz den Ernst vergaßen und herzlich zu lachen begannen.

»Ihr lacht?« fragte er, indem er nicht wußte, ob er in unsere Heiterkeit mit einstimmen oder sich über sie ärgern sollte. »Ich finde die Sache gar nicht so lächerlich wie ihr! Sie ist sogar sehr wichtig!«

»Wichtig?« fragte Merhameh, ohne ihr Lachen einzustellen, weil er, ohne sich aufzurichten, mit halbem Leib im Loch steckenblieb. »Weshalb?«

»Als Beweis! Der Sihdi hat sein Wort gehalten, dich in einer Minute zu entdecken. Und ich habe bewiesen, daß auch ich nicht länger brauche, es zu tun. Das muß doch anerkannt werden! Oder nicht?«

»Allerdings!« stimmte ich heiter ein. »Wie hast du den Weg so schnell gefunden?«

»Auf die pfiffigste und einfachste Weise, die es gibt. Ich schlich mich heimlich und leise hinter dir her, denn ich sagte mir: Was der kann, das kann ich auch! Als du dich eng an den Stein lehntest, lag ich schon hinter dem nächsten Stein. Als du die – die – den Spaßvogel forthuschen sahst, sah ich ihn auch. Als du hinter den Stein krochst, nahm ich schnell die Stelle ein, an der du dich soeben befunden hattest. Ich hörte das Vöglein »Effendi, Effendi« rufen; dann kehrte es wieder zurück und verschwand, ohne mich zu sehen, zwischen dem Stein und der Felsenwand. Ich wartete noch einige Augenblicke und folgte ihr. Sie war verschwunden. Wohin? Ich suchte; ich fand das Loch und kroch hinein, genau so, wie auch ihr hineingekrochen seid. Was lacht ihr mich da aus! Übrigens höre ich, daß sie dich bereits Sihdi nennt; ihr scheint also schon auf sehr vertraulichem Fuß miteinander zu stehen. Woher weiß sie denn, daß du mein Sihdi bist?«

»Das habe ich nicht erst hier, sondern schon draußen gehört«, antwortete sie. »Du hast ihn ja laut genug Sihdi und Effendi genannt, als du immerwährend hinauf zum Himmel gucktest. Jetzt scheinst du die Erde zu lieben!«

»Die Erde?« fragte er. »Wieso? Ach so! Ich stecke noch drin!«

Er kam vollends herausgekrochen und richtete sich empor. Er sah sie nun nicht mehr von unten herauf, sondern in waagerechter Augenebene. Und da geschah etwas so Überraschendes, so Seltenes, so Tiefergreifendes, daß ich es selbst noch heute nicht ohne Rührung niederschreibe. Er sah sie an, trat einen halben Schritt zurück und sah sie wieder an. Sein Gesicht veränderte sich. Es wurde ernst, dabei aber weich und immer weicher. Sein Auge befeuchtete sich. Es nahm den mildesten und zartesten Ausdruck an, dessen es fähig war. Und doch strahlte es auch in Begeisterung auf. Es war, als ob er träume. Dann griff er nach dem Ärmel ihres weißen, leinenen Gewändes, küßte den Saum desselben und sagte, sich an mich wendend:

»Sie ist schön! Sie ist sehr schön, Sihdi! Unendlich schön!«

Sie errötete nicht, und sie antwortete nicht, wie ein anderes Mädchen wohl geantwortet hätte, sondern sie sagte ebenso ernst und ebenso aufrichtig wie er:

»Er sieht nicht mich; er sieht nur meine Seele; darum spricht er so!«

»Deine Seele?« fragte er. »Ja, diese auch! Doch meinte ich zunächst nur die Gestalt. Grad so, wie du, muß Marah Durimeh, die Menschheitsseele, vor den Augen derer, die das Glück hatten, sie zu sehen, gestanden haben, als sie noch jung und von dem Schmerz des Lebens unberührt, in deinem Alter war!«

Da antwortete sie:

»Du küßtest mein Gewand. Dieser Kuß galt nicht mir, sondern ihr. Was von euch schön an uns gefunden wird, was euch an uns beglückt, veredelt und erhebt, das kommt von ihr. Ich sende ihr den heiligen Kuß, der ihr gehört, indem ich ihn dem gebe, der sie kennt.«

Sie trat schnell zu mir heran und drückte ihre Lippen auf den Saum meines Ärmels. Dann fuhr sie fort:

»Vater läßt euch fragen, ob er herunterkommen soll, oder ob ihr vorzieht, zu ihm hinaufzusteigen?«

»Wir steigen hinauf, antwortete ich, »möchten aber unsere Pferde nicht in der Weise stehenlassen, daß jemand, der inzwischen kommt, sie sieht.«

»Ich kenne einen Ort, der sich sehr gut zum Versteck für sie eignet«, erklärte sie. »Er liegt ganz in der Nähe. Ich werde ihn Halef zeigen. Es genügt, daß er mit mir geht. Du aber, Effendi, steig voran! Der Weg ist nicht zu verfehlen. In kurzer Zeit holen wir dich ein.«

Ich nickte ihr zu, sah nur noch, daß Halef sich bückte, um wieder im Loch zu verschwinden und wendete mich dann ab, nach ihrem Willen zu tun.

Der Weg war, wie bereits gesagt, ein Zickzackweg, durch enge Risse und Klüfte zur Höhe hinauf. Indem ich ihm langsam folgte, dachte ich an das junge, schöne, unendlich sympathische Wesen, welches soeben in meinen Gesichtskreis getreten war. Sie hieß Merhameh, »die Barmherzigkeit«, und gehörte dem uralten, berühmten Geschlecht der Fadl, zu deutsch »der Güte« an. Viele Söhne dieses Geschlechtes sind erleuchtete Herrscher, bahnbrechende Gelehrte und berühmte Künstler gewesen. Wer die Geschichte der Menschheits- und Völkerentwickelung kennt, der weiß, wie groß die Zahl der bedeutenden und einflußreichen Männer gewesen ist, die Fadl, Ben Fadl oder Abd el Fadl geheißen haben. Und jetzt sollte ich so ganz unvermutet einen Abd el Fadl kennenlernen, der ein Abgesandter des Mirs von Dschinnistan war und gegenwärtig mit seiner Tochter hier auf dem Felsentor wohnte! Welche Zwecke und Gründe hatte das?

Es fällt mir nicht ein, die Schönheit Merhamehs zu beschreiben; die wahre Schönheit hat ja eben das Erkennungszeichen, daß sie nicht beschrieben werden kann! Ich will nur sagen, daß sie nicht etwa nach Art wohlhabender Leute, sondern sehr arm gekleidet war. Sie ging barfuß, also wirklich so, wie ich vermutet hatte. Darum, und weil der Boden aus Geröll und nicht aus Sand bestand, hatte ich während des scherzhaften Suchens keine Fußspuren von ihr finden können. Ihr einfaches, orientalisches Gewand wurde von einem Ledergürtel zusammengehalten. Es bestand aus gewöhnlichem, billigem Linnen, war aber weiß und gänzlich fleckenlos, was ich bei der Seltenheit des Wassers in dieser Gegend besonders hervorzuheben habe. Ihr starkes, dunkles, welliges Haar war nicht geflochten, sondern wurde im Nacken von einer Schnur mit Blumen zusammengehalten und fiel von da wieder offen und in seltener Länge hernieder. Alles übrige, was an ihr zu erwähnen ist, wird man im weiteren Verlauf der Ereignisse kennenlernen.

Ich war noch nicht weit gekommen, so hörte ich Geräusch hinter mir. Als ich mich umschaute, sah ich Aacht und Uucht, meine beiden Hunde, die von Halef die Erlaubnis bekommen hatten, mir sogleich zu folgen. Sobald sie mich erreichten, fragten sie mit den Augen und den wehenden Ruten, ob sie voraneilen dürften; ich aber bat sie, indem ich sie streichelte, bei mir zu bleiben. Da taten sie es gern. Man kann nämlich auch Tiere bitten, indem man das, was man von ihnen wünscht, nicht befehlend, sondern durch Liebkosungen sagt. Sie tun es da viel lieber, und ich meine, daß dies auch ihrer Zuneigung und Treue förderlich sei.

Der Zickzackweg hatte mich erst im Zick nach links und dann im Zack nach rechts geführt. Jetzt wendete er sich wieder nach links. Da hörte ich unter mir Stimmen. Merhameh und Halef kamen. Sie befanden sich auf dem tieferen Zick; ich ging auf dem höheren Zack. Ich konnte sie ebensowenig sehen, wie sie mich; aber ich hörte alles, was sie sagten. Soeben sprach Halef:

»Du kannst sehr ernst sein, aber auch sehr heiter, grad so wie ich. Warum warfst du nach mir?«

»Es fiel mir so ein. Es kam mir so in die Hand. Ich konnte nicht anders. Du sahst so streitbar-sanftmütig und so – so – scherzerweckend aus!«

»Scherzerweckend? Maschallah! Scherzerweckend heißt doch so viel wie lächerlich! Da bitte ich doch sehr, deine Meinung über mich zu ändern! Wenn du wüßtest, wer ich bin, so würdest du …«

»Wer du bist, das weiß ich!« fiel sie ihm in die Rede.

»Wirklich? Nun, also wer?«

»Du bist der Scheich eines berühmten Stammes!«

»Das stimmt!« bestätigte er stolz.

»Bist ein Araber!«

»Natürlich! Ewas anderes möchte ich gar nicht sein!«

»Bist ein tapferer, treuer und weitgereister Mann!«

»Auch das weißt du? Höre, das gefällt mir sehr von dir, sehr, sehr! Aber woher weißt du es?«

»Vom Effendi.«

»Von ihm? Konnte es mir denken! Er hat es dir also mitgeteilt? Genau so, wie du es sagtest?«

»Ja, genau so!«

»Ein tapferer, treuer, weitgereister Mann?«

»Ja.«

»Allah segne ihn! Er sagt niemals eine Lüge. Er redet stets die Wahrheit, stets. Besonders dann, wenn er mich lobt! Er ist ein ganz bedeutender Menschenkenner. Das sieht man aus der Meinung, die er von mir hat.«

»Allerdings! Seine Menschenkenntnis ist jedenfalls größer als die deinige!«

»Oho! Warum denkst du das?«

»Weil seine Meinung über dich viel richtiger ist, als die deinige über mich.«

»Woher weißt du das? Wer hat dir diese Unwahrheit gesagt?«

»Du selbst!«

»Nein!«

»O doch!«

»Beweise es mir!«

»Sogleich! Denke doch an meine kühn hervortretende Nase!«

»Allah w'Allah! Welch ein Fehler von mir!« rief er bedauernd aus.

»An meinem kräftigen, breiten Mund!«

»O Traurigkeit!«

»An meinem starken, dicken Hals!«

»O Wehklage!«

»An meine tüchtigen Schultern und Achseln!«

»O Jammer!«

»An meine eisenfesten Kletterhüften!«

»Halt auf, halt auf, halt auf! Das war ja bloß Vermutung! Das habe ich gesagt, noch ehe ich dich sah; die Menschenkenntnis aber beginnt doch wohl erst dann, wenn man die Person, von der man spricht, gesehen und beobachtet hat. Meine von dir beleidigte Menschenkenntnis zwingt mich, dir mitzuteilen, wie ich nun jetzt über dich denke, da ich dich hier bei mir gehen sehe. Ich fange da beim niedrigsten Reich, nämlich beim Steinreich an, gehe auf das Pflanzen-, Tier- und Menschenreich über, komme von da zu den Engeln und höre dann droben bei den Sternen auf.«

»Du machst mich wißbegierig!« versicherte sie.

»Ja, das glaube ich. Also höre! Du bist der schönste Edelstein, den es gibt. Kein Jaspis, kein Amethyst, kein Rubin, kein Diamant kann dich erreichen! Bitte, geh langsamer! Du bist sogar eine Perle! Aber sag, warum läufst du jetzt plötzlich so schnell?«

»Weil ich den Effendi einholen will.«

»Das ist gar nicht nötig. Wir erreichen ihn auch droben noch zeitig genug! Also du bist die prächtigste von allen Blumen. Kein Veilchen, kein Tausendschönchen, keine Lilie, keine – so lauf doch nicht; so warte doch! – Tulpe und Rose ist mit dir zu vergleichen! Langsamer, langsamer, sonst komme ich dir nicht nach!«

»Mach schnellere und größere Schritte!« rief sie lachend zurück.

Da sie sich beeilte, ihm voranzukommen, erhob er seine Stimme immer mehr und mehr, indem er nun zum Tierreich überging:

»Du bist der lieblichste aller Schmetterlinge – ein süßes, goldglänzendes Käferlein – eine flötende Nachtigall – ein schimmernder Paradiesvogel – ein – ich bitte, bleib doch stehen! Du raubst mir sonst den Atem!«

»Wenn ich Schmetterling oder Vogel bin, so muß ich doch fliegen!« scherzte sie zurück.

Der Stimme nach schien sie ihm schon sehr weit vorangekommen zu sein. Um von ihr gehört zu werden, genügte es schon nicht mehr, laut zu sprechen, sondern er mußte rufen:

»So höre ich mit den Tieren auf und komme zu den Menschen! Du bist ein Kind der Holdseligkeit und Liebenswürdigkeit – eine Tochter des Ebenmaßes und der Wohlgestalt – so höre doch! Bleib an der Ecke stehen! – Eine Schwester der Anmut und der Augenweide – bist eine Prinzessin, eine junge Königin, zu deren Füßen – o Qual, o Pein, o Schmerz; sie bleibt nicht stehen! Sie verschwindet um die Ecke! Und ich habe ihr noch gar nicht gesagt, daß sie ein Engel ist, sogar ein Stern, ein Stern, der sich …«

Mehr hörte ich nicht, denn hinter mir rief es:

»Effendi, siehst du mich? Ich komme!«

Ich schaute zurück. Sie war soeben um den letzten Winkel des Weges gebogen und für Halef unsichtbar, für mich aber sichtbar geworden. Ich blieb stehen und ließ sie herankommen. Ihr Gesicht glänzte vor Vergnügen, und aus ihren Augen strahlte ein seelischer Lebensüberschuß, der in ihrer jetzigen Einsamkeit in Gefahr gewesen war, zu verkümmern. Es ging ihr genau so wie der großen Menschenfreundin, deren Namen sie trug, nämlich der Barmherzigkeit: wenn sie sich nicht bestätigen kann, verschwindet sie in sich selbst.

»Ich bin nur zehn Minuten lang mit deinem Hadschi allein gewesen«, sagte sie, »aber ich kenne doch schon seine ganze Berühmtheit nebst sämtlichen Vorzügen, die er besitzt. Auch Hanneh, die lieblichste unter den Blumen, kenne ich bereits, und ebenso auch Kara Ben Halef, seinen Sohn, der einst noch viel berühmter als sein Vater sein wird. Effendi, ich bin ihm entflohen, weil er die Absicht hatte, mich zu loben und zu preisen. Er wollte unten bei den Steinen beginnen und erst oben am Himmel aufhören. Aber nicht ich verdiene dieses Lob, sondern er selbst. Er funkelt wie ein Edelstein und leuchtet wie ein Stern. Zwischen beiden hegt das Pflanzen-, das Tier- und das Menschenreich mit all den schönen Namen, die auf ihn noch besser passen würden, als auf mich. Seine Liebe zu dir aber ist so innig, so grenzenlos und rührend, wie die Liebe des Leibes zur Seele. Sie hat ihm sofort mein ganzes Herz gewonnen!«

Wie die Liebe des Leibes zur Seele! Welch ein Ausdruck, welch ein Vergleich. Von einem so jungen Mädchen! Ich sah von der Seite in ihr liebes, schönes Gesicht herunter. Der Ausdruck desselben war gar nicht so, als ob sie etwas Besonderes gesagt hätte. Wenn dieser Ton für sie der gewöhnliche war, in dem sie mit ihrem Vater verkehrte, so stand mir die Freude bevor, heut einen hochdenkenden Orientalen kennenzulernen.

Der Weg war an vielen Stellen so schmal oder so steil, daß Merhameh vorangehen mußte. Eine Unterhaltung zu führen, war also nicht bequem. Sie zog aber auch ohnedies meine ganze Aufmerksamkeit auf sich. Eine jede ihrer kräftig schönen, harmonischen Bewegungen nahm das Auge gefangen. Sie kam mir vor wie ein Gedicht, wie ein lebendiges Sonett, von Gott selbst in Fleisch und Blut geschrieben, um zu der Schönheit ihres Namens die gleiche Schönheit ihres Körpers zu gesellen.

Kurz, bevor wir oben ankamen, holte uns Halef ein. Er hatte sich gesputet, meine Begrüßung mit Abd el Fadl nicht zu versäumen. Ich sah ihm an, daß er, als er uns erreichte, eine scherzhafte Bemerkung für die Tochter auf der Zunge hatte; dieser Scherz aber zog sich vor dem Ernst und der Erhabenheit des Ausblickes zurück, der sich uns jetzt bot, da wir die Höhe erreichten. Wir standen jetzt auf dem einen, dem westlichen Pfeiler des Tores und hatten nur noch die Querplatte zu erklimmen, welche den obern Schluß der Öffnung bildete. Als wir das getan hatten, sahen wir zu beiden Seiten das unendlich weite Meer und hinter und vor uns die scheinbar ebenso weite Wüste liegen. Kein Schiff, kein Boot belebte den Ozean, der nicht, wie gestern, in langgestreckten, blauen Wogen, sondern in kurzen, dunkelgrünen, schaumgekrönten Wellen ging. Es sah aus, als bestehe dieser Schaum aus den Atmungsperlen eines sich unten in der Tiefe vollziehenden, geheimnisvollen Lebens, welches sich zwar nach oben sehne, dieser Sehnsucht aber nur in Gestalt dieser Perlen folgen könne. Zurückblickend, sahen wir weiter nichts, als ganz draußen am Rand der sandigen Öde eine kleine winzige Erhöhung, die man kaum noch zu erkennen vermochte. Das war der Brunnen mit dem Engel. Und vorwärts schauend, flog der Blick über eine ungemessene, trostlos erscheinende Wüsteneinsamkeit, die für unser Auge durch die vulkanischen Rauchwolken Dschinnistans abgeschlossen wurde. Und mitten in dieser Ausgeschlossenheit und Verlassenheit der schmale, steinerne Engpaß von Chatar, der an jedem Augenblick verschwinden kann, verschlungen von den beiden Meeren, die, unaufhörlich nagend, an ihm zehren. Und auf dem schmalen Tor dieses Passes wir paar armselig schwachen Geschöpfe, die wir uns trotz dieser Armseligkeit mit großen Plänen trugen! Wenn wir von oben hinunterblickten, erschien es uns infolge der optischen Täuschung, als ob die Landenge auf dem Wasser schwimme und immerwährend hin und hergeworfen werde, um plötzlich umzukippen und mit uns in den Fluten zu verschwinden. Halef setzte sich schnell nieder und sagte:

»Sihdi, ich kann nicht stehenbleiben, denn mir kommt der Schwindel ins Gehirn. Ich muß mich niederlassen, sonst fliege ich hinab. Geht es dir nicht auch so?«

»Ein wenig, ja. Doch hoffe ich, daß es nur vorübergehend ist.«

»Bei mir nicht. Ich fühle, daß ich nicht bleiben kann, sondern hinunter muß. Das Meer sperrt beide Rachen auf, einen rechts und einen links, um mich zu verschlingen!«

Und sich an Merhameh wendend, fuhr er fort:

»Was müßt ihr für Augen und für Nerven haben, du und dein Vater! Ich sitze hier auf der Mitte des Tores und bin doch voller Angst und voller Grauen. Ihr aber standet, als ihr gestern und heute sangt, ganz draußen auf der äußersten Ecke. Ich würde da schon gleich im ersten Augenblick hinunterstürzen!«

»Wir sind es gewohnt«, sagte sie einfach. »Es ist uns unmöglich, den festen sicheren Felsen mit dem trügerischen, beweglichen Wasser zu verwechseln.«

»Ich habe mir während des Emporsteigens eine Begrüßungsrede einstudiert, die ich deinem Vater halten wollte. Nun sitze ich leider da und kann sie nicht halten! Das tut meinem Herzen weh!«

»So erlaube, daß ich dir dieses Weh vom Herzen nehme! Steh auf, und komm! Ich werde dich führen.«

»Du? Mich? Hm! Ja, das ginge vielleicht. Aber hältst du mich wohl auch fest?«

»So fest, daß du gar nicht wanken kannst! Schau, dort ist der Vater. Er wartet. Komm!«

Wie schon erwähnt, lag hier oben auf der Höhe des Tores ein Steinhaufen, von Büschen umgeben. Diese Büsche wurzelten in der steinernen Querplatte. Wie sie da ihr Leben fristeten, erschien mir wie ein Rätsel. Jetzt sah ich, daß dieser Steinhaufen eigentlich eine Hütte war. Abd el Fadl trat soeben heraus. Er war barfuß wie seine Tochter und ebenso äußerst sauberweiß gekleidet. Das einfache, haikartige Gewand wurde an den Hüften von einer Schnur zusammengehalten. Um den Kopf war ein weißes Tuch von billigster Leinwand derart gewunden, daß zwei Zipfel in sehr eigenartiger, von mir noch nie gesehener Weise bis auf die Schultern niederhingen. Darin steckte vorn eine Nadel, deren Knopf aus einer ganz gewöhnlichen, bleiernen Flintenkugel bestand.

Abd el Fadl war von hoher, edler Gestalt. Seine ruhigen, sichern Bewegungen verrieten Charakterfestigkeit und Klarheit über sich selbst. Sein Gesicht war das eines Mannes von schon über sechzig Jahren, der innerlich aber noch Jüngling ist. Die Familienähnlichkeit mit seiner schönen Tochter war nicht zu verkennen. Er besaß alle ihre Züge, nur daß die seinen ausgeprägter, gereifter, fester waren. Sowohl aus ihnen wie aus seinen Augen, seiner Stimme, seinem ganzen Wesen sprach der Ausdruck einer Güte, einer duldsamen Mäßigung und einer wohlwollenden Ritterlichkeit, die mich sofort für ihn gefangennahmen, und zwar nicht etwa nur für diesen ersten, kurzen Augenblick, sondern für immer.

Unsere Begrüßung gestaltete sich ganz anders, als zu vermuten gewesen war, besonders aber ganz anders, als Halef es sich gedacht hatte. Dieser letztere stand, sobald Abd el Fadl erschien, von seinem Sitz wieder auf und reichte Merhameh die Hand, um sich von ihr halten und führen zu lassen. Aber der Anblick des tief unten flutenden Meeres benahm seinen Schritten alle Festigkeit. Er wankte wie ein Betrunkener. Er streckte den einen, freien Arm weit aus und warf ihn hin und her, als ob er eine Balancierstange trage. Ich ging mit den Hunden langsam hinter ihm her. So näherten wir uns dem uns erwartungsvoll entgegenschauenden Vater unserer jungen Führerin. Halef konnte sich nicht entschließen, zu schweigen. Er wollte seine Rede loslassen und rief ihm also, noch ehe wir ihn erreichten, zu:

»Wir nahen dir, o Besitzer dieses festen Felsentores – na – pfui – das wackelt alles! – um dir zu sagen, daß uns deine Tochter – Tochter – Allah w' Allah, sie wird mich hinunterstürzen lassen! – zu dir heraufbegleitet hat, damit wir dich und du uns kennen – kennenlernen – o weh, o weh! – kennenlernen sollen sollst! Indem ich dir sage, wer wir sind, hoffe ich, daß – o Unglück, o Verhängnis! Ich glaube gar, das Tor bricht ein, noch ehe ich mit meiner Rede – Rede fertig bin! – hoffe ich, daß wir bei dir die Auskunft finden, welche wir von dir erwarten. Vor allen Dingen – Hamdulillah – Allah sei Dank! Da ist die Hütte offen! Ich mache, daß ich hineinkomme! Da sehe ich hoffentlich das viele Wasser da unten nicht mehr! Effendi, sprich du weiter! Ich muß mich wieder setzen!«

Es gibt in Deutschland einen Ausdruck, der heißt: »eine Lerche schießen«. Eine in der Luft geschossene Lerche pflegt in schnurgerader Linie auf den Acker niederzustürzen. Eine »Lerche schießen« heißt also: ganz plötzlich, wie aus einer Pistole geschossen oder wie auf den Kopf geschlagen, in schnurgerader Linie auf die Seite hinübertaumeln. Es gibt keinen bezeichnenderen Ausdruck für diese Art von unfreiwilliger und doch beabsichtigter Bewegung, die nur bei Betrunkenen oder vom Schwindel Ergriffenen vorzukommen pflegt. So auch jetzt bei Halef. Er riß sich von dem Mädchen los und »schoß eine Lerche« nach links hinüber und grad in die Hütte hinein, wo er sich rund um seine eigene Achse drehte und dann sehr vollgewichtig niedersetzte.

»Da bin ich!« sagte er, indem er sehr erleichtert Atem holte. »So bald stehe ich wohl nicht wieder auf!«

Ich hatte innerlich das Gefühl, als ob ich mich über diese Art, uns vorzustellen, vor Abd el Fadl etwas zu schämen hätte; die »Lerche«, die Halef schoß, sah so possierlich aus, daß ich das laute Lachen kaum verbeißen konnte. Merhameh aber lachte hell und aufrichtig heraus, und auch auf dem Gesicht ihres Vaters glänzte eine so herzliche und so offene Fröhlichkeit, daß es gar nicht dazu kam, mich verlegen zu fühlen, zumal er im Ton entschuldigender Güte sagte:

»Er ist der erste nicht. Es ging fast allen so. Es ist nicht jedem Menschen gegeben, zu gleicher Zeit die Tiefe und die Höhe zu erfassen, ohne den eigenen Halt zu verlieren.«

Das war eine ebenso vielsagende Ausdrucksweise wie vorhin bei seiner Tochter. Dabei waren seine Augen mehr auf Aacht und Uucht als auf Halef und mich gerichtet. Die beiden Hunde schienen ihn außerordentlich zu interessieren. Doch fügte er zu seiner Rede noch die Worte:

»Dein Begleiter ist nicht auf Bergeshöhen geboren.«

»Nein«, antwortete ich. »Seine Heimat ist die Ebene der Wüste. Darum vermißt er hier auf deiner Höhe das Gefühl für das Gleichgewicht.«

»Er ist Araber«, vervollständigte Merhameh, »der Scheich eines berühmten Stammes. Er heißt Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd el Gossarah.«

Ihr Vater hörte gar nicht auf diese lange Reihe von Namen. Er entfernte seinen Blick nicht von den Hunden.

»Verzeih«, bat er mich, »daß ich so unhöflich bin, mich zunächst nicht mit den Menschen, sondern mit diesen Tieren zu beschäftigen! Aber sie sind mir von ganz außerordentlicher Wichtigkeit. Ich sah ein Paar Hunde, nicht diese hier, sondern ähnliche, die von Süden nach Norden gingen, als Geschenk. Und ich sah ein Paar andere Hunde, die von Norden nach Süden gingen, auch als Geschenk …«

»Das erste Paar ging nach Dschinnistan, das zweite in das Land der Ussul«, fiel ich beistimmend ein.

»Und diese hier?« fragte er schnell.

»Sind Bruder und Schwester, die Kreuzung beider Rassen«, antwortete ich.

Da trat er einen Schritt zurück, sah mich mit einem leuchtenden, langen Blick an und erkundigte sich:

»Sind sie dein Eigentum?«

»Ja. Sie wurden mir geschenkt.«

»Geschenkt?« rief er in frohem Ton aus. »So bist du – bist du – bist …?«

Er wagte den angefangenen Satz nicht auszusprechen; aber seine Tochter fiel schnell ein:

»Er ist's, mein Vater, er ist's; er hat den Schild! Hörst du?«

Sie trat zu mir heran und klopfte mir auf die Brust, so daß er den Ton des Metalls hörte. Darauf klopfte sie auch an seine Brust, und ich vernahm genau denselben Klang. Da ging ein sonnenhelles Lächeln des Glückes über sein Gesicht; aber er machte nicht viele Worte. Er nahm mich bei der Hand und sagte nur:

»Sei mir willkommen! Komm mit, an deinen Platz.«

Er führte mich zu einer weichen grünenden Rasenbank, die neben der Hütte stand, und bat mich, auf ihr Platz zu nehmen. Ich tat dies, ohne mir etwas Besonderes dabei zu denken. Sofort saßen Aacht und Uucht neben mir, zu meiner Rechten und zu meiner Linken. Dann sagte er:

»Ich bitte, uns nur für einen Augenblick zu beurlauben; dann sind wir zu deinem Dienst bereit. Komm, mein Kind!«

Er nahm seine Tochter bei der Hand und ging mit ihr so weit von uns fort, wie die Felsenplatte reichte. Das war die äußerste Spitze, auf er sie standen, wenn wie sangen. Während sie dorthin gingen, sprach Merhameh zu ihrem Vater. Sie schien ihm kurz zu berichten, was sie von Halef und mir erfahren hatte. Dann standen sie eng nebeneinander, sie ihr Köpfchen an seine Schulter gelehnt, still, fast ohne sich zu bewegen, hinausschauend in die irdische Ferne und auch hinauf zum Himmel, mit dem sie sprachen, ohne daß ein Wort davon zu hören war.

»Sihdi, ich glaube, sie beten«, sagte Halef.

Ich antwortete nicht. Es war hier oben so ungewöhnlich, so sonderbar, so heilig. Ich fühlte, daß unsichtbare Rätsel um mich schwebten, daß ihre Lösung aber nur scheinbar da draußen in der weiten Meeres- und Wüstenferne, in Wirklichkeit aber in mir selber liege. Als Vater und Tochter zurückkehrten, waren ihre Augen feucht; auf ihren Gesichtern lag es wie eine besorgte Frage. Er setzte sich zu meinen Füßen nieder, während seine Tochter eine bescheiden zurückliegende Stelle suchte, aber daß sie hörte, was wir sprachen. Abd el Fadl begann:

»Meine Tochter hat mir gesagt, daß du aus dem Land der Germani bist und Effendi oder Sihdi genannt wirst. Erlaubst du, daß auch ich dich so nenne?«

Ich neigte zustimmend den Kopf. Da fuhr er fort:

»Du hast den Schild; ich habe ihn auch. Wir brauchen uns nicht zu kennen und kennen uns aber doch! Wer und was du in deiner Heimat bist und wer und was ich in der meinigen bin, das ist in dieser Stunde und an diesem Ort Nebensache; wir wollen uns nicht damit beschäftigen. Ich bitte dich, mir zu sagen, von wem du den Schild hast, ob wirklich von Marah Durimeh!«

»Von ihr selbst. Sie gab ihn mir in Ikbal, als ich mit meinem Hadschi Halef Omar Gast ihres Schlosses war. Ich bekam ihn, als sie mir den Auftrag gab, nach Dschinnistan zu reisen.«

»So bist du der, den ich erwarte, doch nicht dich allein. Noch einer ist dabei, der auch den Schild besitzt.«

»Auch er wird kommen, in wenigen Tagen schon.«

»Wer ist es?«

»Ein junger Mann aus dem Land der Ussul. Man pflegt ihn dort den Dschirbani zu nennen.«

»Den Räudigen? Auch hält man ihn für wahnsinnig?«

»Ja.«

»Allah sei Dank! Und dir für diese Botschaft ebenso!« Den Blick auf seine Tochter richtend, nickte er ihr freudig zu und fuhr fort: »Er ist es; er ist es! Es gibt wohl keine große Idee auf Erden, die nicht in den ersten Tagen ihrer Zeit für Wahnsinn galt. Die Stunde der Erfüllung scheint zu nahen. Die Berge brennen. Das Eis des Nordens strebt dem Süden zu. Die Wüste füllt sich mit Speise und Trank. Der ›Wahnsinn‹, der uns den Frieden bringen soll, kann kommen! Aber wie kommt er? In welcher Weise?«

Diese letzten, fragenden Worte waren wieder an mich gerichtet. Aber ich kam nicht dazu, sie zu beantworten, denn Halef fiel schnell ein, und zwar in seiner allbekannten, prunkvollen Weise:

»Er kommt nicht klein, sondern groß, nicht allein, sondern an der Spitze eines ganzen Heeres, nicht als Bittender, sondern als Befehlender, dem alle Welt zu gehorchen hat.«

»An der Spitze eines Heeres?« fragte Abd el Fadl.

»Ja.«

»Gegen wen?«

»Gegen die Tschoban. Sie kommen herangezogen, um die Ussul zu überfallen und auszurauben. Die Mutigen unter den Ussul aber, die man Hukara nennt, ziehen ihnen unter der Anführung des Dschirbani entgegen. Beide Heere werden grad hier, an diesem Engpasse, aufeinanderstoßen …«

»Wann, wann?« unterbrach ihn Abd el Fadl.

»In einigen Tagen. Wir sind dem Heer vorausgeritten, um den Engpaß zu prüfen und die Annäherung der Tschoban zu erkundschaften.«

»Also Krieg?« rief der Diener der Güte aus, indem er hocherregt die Hände zusammenschlug. »Krieg und Blutvergießen! Weil sich der Friede nur durch Blut erringen läßt?«

»Nein, kein Blutvergießen!« widersprach Halef. »Wir wollen durch List und Güte siegen, nicht durch Haß und Blut.«

»Unmöglich!« rief Abd el Fadl aus. »Doch wohl nur, um uns zu prüfen.«

»Wie? Nicht möglich? Ich sage dir, daß wir Übung haben in dieser Art, zu siegen. Ich werde euch erzählen. Hört zu!«

Schon öffnete ich den Mund, um ihn zu hindern, seine Absicht auszuführen, da kam er mir schnell zuvor:

»Schweig, Sihdi, schweig! Ich bitte dich! Du kannst alles, aber reden kannst du nicht! Mir aber hat Allah die Gabe verliehen, die Welt mit dem Mund zu beherrschen. So bist du also verpflichtet, zu schweigen, mich aber reden zu lassen. Zudem weißt du doch, daß ich krank bin, daß ich den Schwindel habe und hier in dieser Hütte sitzen muß, um nicht von dieser Höhe hinab und mitten in das Meer hineinzufallen. Kranken aber hat man den Willen zu tun, sonst werden sie nicht wieder gesund!«

»Was das betrifft«, antwortete ich ihm lachend, »so will ich dich schon wieder gesund bringen, ohne daß du …«

»Nein, niemals ohne das!« fiel er mir in die Rede. »Also, ich darf?«

»Ich bitte dich, laß ihn sprechen«, nahm sich Abd el Fadl seiner an. »Er gefällt mir auch, dein berühmter Hadschi Halef!«

»Mir ebenso!« lächelte Merhameh, indem sie mit einem leisen, heimlichen Augenzwinkern an meine Nachsicht appellierte. Dieses liebe Einverständnis, in welches sie sich zu mir stellte, entwaffnete mich vollständig.

»So sprich!« nickte ich dem kleinen Hadschi zu. »Aber mach es gnädig!«

»Ich werde es so gnädig machen, daß selbst du von dieser meiner Gnade nicht nur gerührt, sondern auch überwältigt bist«, antwortete er.

Und er hielt Wort. Er erzählte zwar in seiner poetischen Weise, aber er hütete sich vor jeder Übertreibung. Er sprach so objektiv und sachgemäß, wie ich es aus seinem Mund noch nie gehört hatte. Es war dieses Mal wirklich eine Freude, ihm zuzuhören, auch für mich. Das war um so mehr zu verwundern, als er doch so hochtrabend begonnen hatte. Aber es gab in der ganzen Zeit, während er sprach, einen pfiffig-ironischen Zug in seinem Gesicht, von dem ich mir die Aufklärung über diese ungewöhnliche, rednerische Enthaltsamkeit und Selbstbeherrschung versprach. Und richtig, es kam auch wirklich ganz so, wie ich dachte! Er erzählte aus vergangenen Zeiten, vom Tal der Stufen und von verschiedenen Ereignissen aus unserm Leben, welche bewiesen, daß die Klugheit über die Gewalt und die Güte über das Unrecht geht. Dann erzählte er, wo und wie wir mit Marah Durimeh bekannt geworden waren und sie dann wieder getroffen hatten. So kam er schließlich nach Sitara und von da aus zu den Ussul. Er sprach dabei so kurz und bündig, so treffend und vorsichtig, daß er seine gewöhnliche Art und Weise vollständig verleugnete. Und was er bisher noch niemals fertiggebracht hatte, dieses Mal gelang es ihm: Er vermied alles Indiskrete; er griff mir nicht vor, und er unterließ jedes Lob und jeden Tadel, der nicht in der Sache selbst lag und also unvermeidlich war. Er ließ von unsern Erlebnissen bei den Ussul und während unsers Rittes hierher nichts weg, so daß am Schluß Abd el Fadl über alles unterrichtet war, was er wissen mußte. Als Halef geschlossen hatte wendete er sich an mich:

»Nun, Sihdi, bist du mit mir zufrieden? Ich hoffe, daß du an dem, was ich gesprochen habe, nichts auszusetzen hast?«

»Es war gut, sehr gut!« lobte ich ihn.

Er nickte mir herablassend und verzeihend zu und fragte dann Merhameh, indem er die ironische Pfiffigkeit seines Gesichtes deutlicher hervortreten ließ:

»Und du? Bist auch zufrieden?«

»Ja«, versicherte sie.

»Nein! Gewiß nicht!« behauptete er.

»Warum nicht?«

»Weil du meinem Effendi heimlich mit den Augen zugezwinkert hast! Du dachtest, ich sehe es nicht; ich bemerkte es aber gar wohl. Darum habe ich genau wie Kara Ben Nemsi gesprochen, nicht aber wie Hadschi Halef, der im Reden berühmter ist, als jeder andere Mensch. Du hast also nicht mich gehört, sondern ihn. Das ist meine Rache, erstens für das hinterlistige Zwinkern und zweitens auch dafür, daß du mir vorhin ausgerissen bist, als ich alle Stein- und Pflanzen-, Tier- und Menschenreiche zu deinem Lob in Bewegung setzte. Du hörtest mich jetzt sprechen, aber nicht reden! Das hast du nun davon!«

Vater und Tochter hatten mit außerordentlicher Spannung zugehört. Die Wirkung auf Abd el Fadl war eine ungewöhnliche. Er sagte nichts. Er stand von seinem Sitz auf und ging langsamen Schrittes dorthin, wo er vorhin mit Merhameh gestanden hatte. Sie bat:

»Verzeih es ihm, daß er sich entfernt, ohne zu sprechen! Er ist tief bewegt. Wir baten vorhin Gott, daß der, den wir hier erwarten, nicht ein Mann der Gewalt, sondern ein Held der Güte sein möge. Und nun wir gehört haben, daß dieser Wunsch in Erfüllung geht, ging Vater fort, um Allah Dank zu sagen. Er tut stets so; er kann nicht anders! Wir haben uns euch schon lange Zeit entgegengesehnt. Wie wir uns auf euch gefreut haben, kann ich dir nicht sagen. Aber der Teppich, auf dem du sitzest, sagt es dir.«

Sie deutete auf die Rasenbank. Ich schaute an mir hernieder und auf die weiche, grünende Fläche, die ich durch das Gewicht meines Körpers niederdrückte. Da ging mir plötzlich das Verständnis dessen auf, woran ich gar nicht gedacht hatte, als ich mich vorhin niedersetzte. Ich stand schnell auf.

»Dieser Teppich!« rief ich aus. »Er ist eine Kostbarkeit in dieser Gegend! Habt ihr Wasser?«

»Wir sammeln den Tau der Nacht und trinken den Saft der Narasfrüchte«, antwortete sie.

»Aber dieses Gras stand nicht ursprünglich hier? Ihr habt es gesät?«

»Ja. Wir holten den Samen aus der Ferne.«

»Und womit habt ihr es begossen?«

»Mit dem Tau, den wir nicht tranken, damit der Teppich wachsen möge.«

»Und für wen sollte er wachsen?«

»Für – für – für …«

Sie sagte es nicht sogleich. Sie sah sich ängstlich um, als ob sie nicht gehört werden dürfe.

»Ich darf nicht davon sprechen. Es ist ein Geheimnis. Aber dir möchte ich es doch sagen, dir, nur dir allein. Der Vater schaut nicht hierher, und dein Halef hört es auch nicht, wenn ich leise spreche. So sollst du es erfahren. Aber ich bitte dich, sage es keinem Menschen wieder, keinem einzigen!«

Sie trat ganz nahe zu mir heran, legte beide Hände an den Mund und raunte mir zu:

»Für – für den neuen Mir von Dschinnistan!«

»Ist denn der alte tot?« fragte ich schnell.

»O nein! Das möge Gott verhüten!«

»Und doch gibt es einen neuen?«

»Wir hoffen es!«

»Sonderbar! Und für den soll dieser köstliche Teppich sein?«

»Ja.«

»Kommt er denn hierher?«

»Wenn die Weissagung in Erfüllung geht, so kommt er über diese Landenge gezogen.«

»Warum mußte da ich mich auf den für ihn bereiteten, seltenen Teppich setzen? Ich bin es doch nicht!«

»Das kannst du doch nicht wissen!«

»Nicht?« fragte ich erstaunt. »Ein Europäer kann doch ganz unmöglich Mir von Dschinnistan werden?«

»Warum sollte er nicht? Wenn er nun der Betreffende ist?«

»Der Betreffende? Welcher? Ich verstehe dich nicht!«

»Du wirst mich schon verstehen lernen. Da kommt der Vater zurück. Ich bitte dich, zu schweigen. Ich habe dir nichts gesagt!«

Das brachte mich ihm gegenüber in Verlegenheit, denn es wäre mir unmöglich gewesen, mich wieder auf den grünen Teppich zu setzen. Jeder einzelne Grashalm hätte mir leid getan, ganz abgesehen davon, daß auf keinen Fall ich es war, der auf diesen Sitz gehörte. Nachdem er mich wiederholt gebeten hatte, mich wieder zu setzen und ich mich schließlich nicht auf, sondern neben die Bank niederließ, wurde er aufmerksam. Er sah mich und seine Tochter prüfend an und bemerkte, daß sie tief und verlegen errötete.

»Warum setzt sich der Effendi anders?« fragte er sie.

»Weil ich es ihm gesagt habe«, gestand sie sofort ein, indem sie die Hände bittend zusammenlegte.

»Was hast du ihm gesagt?«

»Daß die Bank für den neuen Mir von Dschinnistan ist!«

Da erhob er nur den Zeigefinger; eine andere Strafe gab es nicht. Zu mir aber sagte er:

»Und du hast dich wohl nicht für den neuen Mir gehalten?«

»Weder für den neuen noch für den alten«, lächelte ich.

»Wer der letztere ist, das steht fest. Wer aber der erstere ist, das kann noch niemand sagen.«

»Aber ich bin es jedenfalls nicht!«

»Weißt du das wirklich?«

»Ja.«

»Nein! Denn niemals wird der neue Mir von Dschinnistan in Dschinnistan geboren und erzogen!«

»Aber in Europa wahrscheinlich nicht!«

»O doch! Nichts hindert, daß er sogar aus Amerika zu uns kommt! In Dschinnistan gibt es sehr eigene Gesetze. Im gegenwärtigen Fall weiß ich allerdings, daß du der neue Mir nicht bist; aber dein Kommen hängt mit dem seinigen so eng zusammen, und du hast, wie ich dir aufrichtig sage, gleich als ich dich sah, die Wirkung auf mich ausgeübt, daß ich dich bat, dich auf den Platz zu setzen, der eigentlich nur für ihn bereitet ist. Von dir kommt der Gedanke, die Tschoban hier zu fassen. Und nur von dir geht der gütige Vorsatz aus, dies ohne Blutvergießen zu tun. Darum ist es mir, als ob der von mir bereitete Sitz eigentlich viel mehr dir gehöre als dem andern, von dem wir sprechen. Nach allem, was der Scheich der Haddedihn soeben erzählte, ist es euch wohl zuzutrauen, daß euch gelingt, was ihr euch vorgenommen habt, aber ich bitte, euch auch unseres Beistandes zu bedienen, falls es uns beiden möglich sein sollte, euch nützlich sein zu können.«

»Ich weise eure Hilfe nicht zurück, sondern ich bitte euch sogar ganz besonders darum, sie uns zu erweisen. Freilich muß ich dabei eine Bedingung stellen, von deren Erfüllung ich nicht abgehen kann.«

»Welche ist es?« fragte er.

»Die Verschwiegenheit. Es soll sein, als ob alles direkt vom Dschirbani ausgehe. Man soll nicht von uns sprechen, sondern von ihm. Auf ihn sollen Ruhm und Ehre fallen; aber uns zu rühmen und zu preisen, daran soll man gar nicht denken.«

»Maschallah!« rief Abd el Fadl da aus. »Gibt es bei euch in deinem Vaterland auch ein Dschinnistan?«

»Wie meinst du das?« fragte Halef, der den Ausdruck nicht sofort verstand.

»Ein Dschinnistan vielleicht auch bei euch in Arabien? Ich meine einen Kreis von höher stehenden, weiter denkenden und tiefer fühlenden Menschen, bei dem ein jeder verpflichtet ist, der gute Engel eines seiner Nächsten zu sein, ohne daß dieser eine Ahnung davon hat? Denn das ist es doch, was ihr euch vorgenommen habt! Ihr wollt die Schutzengel des Dschirbani sein, ohne daß er oder ein anderer davon erfährt. Das ist ja von euch derart im Sinn von Dschinnistan gedacht, daß ich euch von Herzen gern meine Hilfe zur Verfügung stelle und mit ihr auch unsere Verschwiegenheit. Nur möchte ich da wissen, in welcher Richtung und in welcher Weise wir euch unterstützen können. Großes freilich werden wir euch nicht bieten können; ihr seht, wir sind arm.«

»Wie der Reiche oft ärmer als der Arme ist, so ist auch der Arme oft reicher als der Reiche«, sagte ich. »Ihr könnt uns wahrscheinlich mehr geben, als ihr selbst denkt oder ahnt. Ich will dir sagen, wie ich mir den Zusammenstoß der Tschoban mit den Ussul denke. Dann wird sich leicht finden, ob und womit ihr uns unterstützen könnt.«

Ich teilte ihm mit, was der Leser bereits weiß, und fügte noch einige Gedanken hinzu, die mir gekommen waren, während ich mich seit gestern hier an Ort und Stelle befand. Er stimmte nicht nur bei, sondern er fühlte sich begeistert. Er fand nicht das geringste an dem, was ich beschlossen hatte, zu ändern. Dann fügte er hinzu:

»Ich bin dir unendlich dankbar, Sihdi, daß du uns für wert gehalten hast, diese Mitteilungen aus deinem Mund zu hören. Nun wissen wir ja, daß es uns möglich ist, das Unsere zum Gelingen beizutragen. Unsere Hilfe wird sich über zwei Gebiete erstrecken, nämlich über den Engpaß selbst und sodann auch über die Steppe und Wüste der Tschoban, durch die ich so oft in meinem Leben gekommen bin, daß wohl keiner dir bessere Auskunft geben kann als ich. Den Engpaß kennen wir beide ganz genau. Wir haben genug Zeit gehabt, ihn bis in seinen kleinsten Winkel zu durchsuchen. Erlaubst du mir, dir einen Vorschlag zu machen?«

»Ich bitte dich, ihn auszusprechen!«

»Ihr reitet heute nicht weiter, sondern ihr bleibt bis morgen hier. Der Paß ist für euch von so großer Wichtigkeit, daß ihr ihn nicht vernachlässigen dürft. Ihr müßt ihn kennenlernen; ich zeige ihn euch. Das geschieht zu Fuß, eure Pferde haben also Ruhetag. Am Vormittag werden wir die eine Hälfte und am Nachmittag die andere Hälfte der Landenge durchforschen. Merhameh bleibt hier, um uns für den Mittag und für den Abend das Mahl zu bereiten, wenn wir nach Hause kommen.«

»Zu diesem Mahl kann ich ihr Fleisch und auch noch anderes liefern«, fiel ich ein.

»Wir danken dir!« antwortete er abwehrend. »Eure Vorräte sollen nicht angegriffen werden. Wir brauchen nicht zu hungern. Das Meer liefert uns köstliche Fische; aus der Wüste holen wir uns Manna, und an der Küste ziehen wir uns schmackhafte Narasäpfel, die euch sicher schmecken werden. Morgen aber bleibt der Scheich der Haddedihn bei Merhameh zurück, weil ihr nur zwei Pferde habt; wir beide aber, du und ich, wir reiten nach dem Norden auf Kundschaft aus, um nach den Kriegern der Tschoban zu spähen. Die Gegend ist mir bekannt. Wir werden also wahrscheinlich mehr Erfolg haben, als wenn du mit Halef rittest, der doch hier vonnöten ist, für den Fall, daß während unserer Abwesenheit etwas nicht Vorausgesehenes geschieht.«

Dieser Vorschlag gefiel dem Hadschi so, daß er ohne lange Überlegung ausrief:

»Alah 'w Allah, Tallah! Das finde ich sehr gut! Ich bleibe morgen hier, den ganzen, langen Tag! Da werde ich wohl sehen, wohin Merhameh überall laufen wird, um vor meinen Diamanten, Blumen, Paradiesvögeln, Prinzessinnen und Engeln auszureißen! Ich stimme also bei! Du natürlich auch, Effendi! Oder nicht?«

Ja. Auch ich gab meine Einwilligung, wenn auch aus anderen Gründen als er. Dieser Vater und seine Tochter waren uns ja fast wie von der Vorsehung gesandt! Daß sie unter Geheimnissen standen, die sie uns nicht gleich in der ersten Stunde des Bekanntwerdens entdecken konnten, das war kein Grund für mich, ihre Güte und Hilfe zurückzuweisen. Und was beschlossen war, das wurde sofort ausgeführt. Wir brachen auf, um wieder hinabzusteigen und Abd el Fadl mitzunehmen. Hoch oben mußte Halef wieder geführt werden. Sobald ihm aber die wogende See aus dem Auge verschwand, war er seiner Füße wieder ganz sicher.

Unten angekommen, führte mich Merhameh nach dem Versteck der Pferde. Dieser Ort war sehr pfiffig ausgedacht und als ganz sicher zu bezeichnen. Wir sattelten ab, nicht nur die Pferde, sondern auch die Hunde. Die letzteren sollten uns begleiten und also frei von ihren Lasten sein. Unser Wasser und unsere Speisevorräte übergaben wir Merhameh, unsere Gewehre auch, meinen Stutzen ausgenommen. Es genügte, daß ich nur diesen mitnahm, da eine Gelegenheit oder gar einen Zwang, zu schießen, wohl kaum zu erwarten war. Wir brauchten den Vormittag, um denjenigen Teil des Engpasses, durch den wir gestern gekommen waren, genau kennenzulernen. Der Nachmittag war dem Teil gewidmet, der noch vor uns lag, also nach der Seite der Tschoban. Es liegt kein Grund vor, dieses schmale Felsenband, welches aus dem einen Land in das andere hinüberführte, ausführlich zu beschreiben. Es gab einige so schmale Stellen, daß man von Ufer zu Ufer rufen konnte und deutlich verstanden wurde. Seine größte Breite war in einer kleinen Viertelstunde zu überschreiten. Seine Küsten fielen auf beiden Seiten so steil in die Tiefe, daß es ganz unmöglich war, da hinabzuklettern. Wenn Abd el Fadl fischen wollte, so ging er nach dem südlichen Ende der Landenge, also dahin, wo sie an das Land der Ussul stieß. Dort hatte er zwischen Felsen ein Rutenfloß versteckt, mit dem eine Uferfahrt und Fischpartie zu wagen war, aber nur bei ruhiger, nicht aber auch bei stürmischer See. Dort hatte er sich ein kleines, sehr gut verstecktes Bassin gebaut, in welchem die gefangenen Fische aufgehoben wurden, für die Zeit, in der er sich nicht auf das Wasser wagen konnte. Und auf derselben Seite, doch nicht direkt am Wasser, sondern eine ziemliche Strecke in das Land hinein, gab es eine halb natürliche halb künstliche Pflanzung von einer Art Kukurbitacee, die er Naras nannte, obwohl es nicht die eigentliche Naras war, die meines Wissens nur in Südafrika vorkommt. Aber sie hatte große Ähnlichkeit mit Acanthosicyos horrida und bedeckte mit ihren vielverzweigten, durcheinander gewirrten Ranken eine so bedeutende Strecke, daß man mit ihren Früchten ganze Wagen hätte füllen können. Die Früchte haben die Größe einer Apfelsine bis zu der eines kleinen Zierkürbisses. Unreif schmecken sie bitter, später aber sehr angenehm aromatisch. Getrocknet werden sie als Nahrungsmittel aufbewahrt. Die Samen schmecken wie Nüsse und sind auch ebenso nahrhaft wie sie. Wir waren gestern von weitem an dieser Stelle vorübergeritten, ohne sie zu sehen und ohne zu ahnen, daß hier mitten im Hunger der Felsen-, Sand- und Wasserwüste ein Brotkorb geöffnet stand, an dem sich viele Menschen erquicken konnten.

Diese Früchte waren es, von denen uns Merhameh zu Mittag ein Gericht vorsetzte, das ich fast als köstlich bezeichnen möchte. Hierzu gab es Fische und eine Art Mannabrot, das aus dem stärkehaltigen Thallus einer Lecanoraart bereitet wird, die in Wüstengegenden nicht nur vereinzelt, sondern sogar in großen Mengen vorzukommen pflegt. Diese kleinen Thallusbrocken gleichen den Weizenkörnern, sind aber so leicht, daß sie durch den Wind emporgehoben werden, der sie über weite Strecken trägt und in den Vertiefungen der Wüste sammelt. Man pflegt dann zu sagen, daß es Manna geregnet habe. Es gibt in jenen Wüsten Löcher, die man, wenn sie mit Wasser gefüllt wären, als Teiche oder Seen bezeichnen würde. Sie enthalten aber nicht Wasser, sondern Lecanorakörner, die vom Wind so tief zusammengetrieben worden sind, daß er sie nicht wieder emporheben und forttragen kann. Indem er sie dann noch mit einer Schicht von Sand bedeckt, so daß die Stelle der Umgebung völlig gleich ausschaut, legt er verborgene Brotkammern an, von denen eine einzige, falls man sie zur rechten Zeit entdeckt, imstande ist, eine Karawane vom Hungertode zu erretten. Abd el Fadl sagte mir, daß eine solche Kammer nur eine halbe Stunde im Nordosten der Landenge liege; er habe sie nur durch Zufall entdeckt, da er keinen Mannahund besitze.

»Gibt es denn Hunde, mit deren Hilfe man das Manna findet?« fragte ich.

»Ja«, antwortete er. »Weißt du das etwa noch nicht?«

»Nein. Ich habe noch nichts davon gehört. Welche Rasse mag das sein?«

Da nahm sein Gesicht einen ganz anderen Ausdruck an. Er nickte leise und bedeutungsvoll vor sich hin und fragte:

»Aber das weißt du, daß die Hunde der Ussul das Wasser finden?«

»Ja.«

»So finden die Hunde von Dschinnistan das Brot. Kein Ussulhund wird stehenbleiben, wenn er über Manna läuft; er merkt es gar nicht. Der Hund von Dschinnistan aber meldet es sofort, nämlich der Hund von echter, reiner Rasse, und derer gibt es nicht etwa sehr viele. Ihr Preis ist außerordentlich hoch.«

Als er das sagte, ging mir, wie man sich auszudrücken pflegt, ein Licht auf.

»Also darum die Kreuzung!« rief ich aus. »Hunde, deren Nasen auf beides gerichtet sind, nicht nur auf Wasser allein! Wie weitsichtig und bedachtsam von dem Mir! Und das erste Paar dieser neuen Hunde wird grad mir geschenkt, der ich …«

»Das erste Paar?« fragte er, mich unterbrechend.

»Ja doch!«

»O nein! Der Mir von Dschinnistan war doch der erste, der ein Hundepaar vom Scheich der Ussul empfing. Er machte sofort die Probe, und erst als die Kreuzung glückte, erwiderte er das Geschenk mit zwei Exemplaren seiner edlen Dschinnistanirasse. Der erste, der diese neue Rasse besaß, ist also er.«

»Wie ist sein Name? Ich hörte ihn nie. Man spricht stets nur vom Mir von Dschinnistan, sagt aber niemals, wie er heißt.«

»Weil er keinen Namen hat!«

»Keinen Namen?« rief Halef verwundert aus. »Der Name ist doch die Hauptsache! Denke zum Beispiel an den meinen!«

»Das ist in deinem Land Sitte, in dem meinen aber nicht. Es gibt Länder, in denen der unverträglichste Mensch Friedrich heißen kann; ein Ungläubiger wird Gottlieb und Gottlob genannt, und einer, der vor lauter Kummer, Not und Sorge nicht weiß, wohin, wird Felix gerufen; das heißt ›der Glückliche‹. Das kommt in Dschinnistan nicht vor. Dort ist der Name wahr. Er stimmt mit dem Wesen, mit der Tätigkeit, mit dem Beruf überein. Ich heiße Abd el Fadl, und so ist es auch wirklich mein Beruf, ein ›Diener der Güte‹ zu sein. Meine Tochter wird Merhameh genannt; bald werdet ihr sehen, daß sie nur von der Barmherzigkeit geleitet wird, die gewohnt ist, alles mit zu tragen, auch wenn es verschuldet ist. So wird unser Herrscher ganz kurz nur Mir genannt; aber das, was dieses Wort besagt, das ist er auch in voller Wirklichkeit. Mir ist die Abkürzung des Wortes Emir, was so viel wie Fürst, Herr, Herrscher bedeutet. Das ist er im vollsten Sinne des Wortes. Wozu da noch andere Namen? Bei uns gibt es keine Herrscherlisten mit Hunderten von Namen und Zahlen, die man auswendig zu lernen hat. Bei uns gibt es nur den Mir, den Mir. Du willst zu ihm; du wirst ihn sehen, vielleicht gar ihn kennenlernen. Darum kann ich darauf verzichten, dir lange Reden über ihn und uns zu halten, die doch nicht sagen, was zu sagen ist.«

Als wir gegen Abend mit unserer Rekognoszierung fertig waren und ich annahm, den ganzen Engpaß kennengelernt zu haben, drückte ich Abd el Fadl meine große Befriedigung über die Lage und Beschaffenheit desselben aus. Die Örtlichkeit konnte für unsere Zwecke gar nicht passender sein. Wenn es uns gelang, die Tschoban zwischen das Felsenloch und das Felsentor zu bekommen, so war uns der Erfolg im höchsten Grade sicher. Der einzige Wunsch, der mir versagt zu bleiben schien, war der, auch oben in der Höhe einen Verbindungsweg zwischen dem Loch und dem Tor zu haben. Wenn die Feinde als Gefangene unten steckten und es einen verborgenen Weg in der Höhe gab, auf dem man zwischen unsern Abteilungen hin- und hergelangen konnte, ohne daß die Tschoban es merkten, so hatte man Vorteile in der Hand, die großen Wert besaßen. Als ich dies Abd el Fadl mitteilte, zeigte er mir ein sehr befriedigtes Gesicht und sagte:

»Ein solcher Weg ist da. Er führt von der Höhe des Loches nach der Höhe des Tores hin; du hast aber weder seinen Anfang noch sein Ende gesehen, weil er sich nicht im Gebrauch befindet und also nicht ausgetreten ist. Ich und meine Tochter gehen immer nur unten hin, nicht aber da oben.«

»Kann man von diesem Höhenpfad direkt nach unten gelangen?

»Nein, nicht ganz. Wir haben es versucht, konnten aber von der letzten, unteren Felsenplatte nicht weiter.«

»Ist es dann noch sehr weit hinab?«

»O nein. Wenn man auf dieser Platte steht, befindet man sich kaum über vier Mann hoch über dem Ufer des Flusses.«

»Das ist ja doch nicht viel. Habt ihr nicht versucht, den Weg bis vollends hinabzuführen?«

»Nein. Der Stein ist zu hart, und es fehlen uns die Werkzeuge, ihn zu bearbeiten. Willst du die Stelle sehen?«

»Ich bitte dich, mir diesen Höhenweg überhaupt zu zeigen. Dann wird es sich finden, ob der Pfad, der nicht ganz nach unten führt, uns nützlich werden kann oder nicht.«

Als wir dies besprachen, befanden wir uns in dem Versteck unserer Pferde, für welche Merhameh auf das beste gesorgt hatte. Sie fraßen Mannakörner, und es war mir eine große Genugtuung, zu sehen, daß ihnen dies für sie ganz ungewohnte Futter vortrefflich schmeckte. Es schien sogar eine Delikatesse für sie zu sein. Nun war die sehr wichtige Frage nach der Fütterung unserer Pferde in der Wüste nicht mehr imstande, mir Sorge zu bereiten.

Wir stiegen von da zum Tor empor. Noch ehe wir seine Zinne erreichten, zweigte der Höhenweg ab. Nur weil er nicht begangen wurde und also keine Spuren vorhanden waren, hatten wir ihn gestern, als wir zum ersten Male vorüberkamen, nicht entdeckt. Sein Anfang verlief in Verborgenheit; dann aber fiel er ganz von selbst in die Augen. Später wurde er sogar bequem und verlor diese Eigenschaft erst in der Nähe des Felsenloches, wo er wieder unbemerkbar wurde. Erst hatte ich einen solchen Weg nicht für möglich gehalten, und nun war es nicht nur erwiesen, daß es einen gab, sondern jetzt, wo es Mondschein gab, getraute ich mir sogar, ihn auch des Nachts zu gehen. Das konnte für uns außerordentlich nützlich sein. Wir waren ihn jetzt direkt von seinem Anfang bis an sein Ende gegangen, ohne daß Abd el Fadl uns die Stelle gezeigt hatte, an der ein Seitenpfad von ihm nach unten führte. Nun aber, als wir zurückkehrten und die Stelle erreichten, bogen wir um eine Felsenkante, die wir vorhin gar nicht beachtet hatten, und bemerkten, hinter derselben angelangt, eine ganze Reihe von ausgewitterten natürlichen Stufen und Absätzen, welche den Abstieg so weit ermöglichten, bis man auf die Platte gelangte, von der Abd el Fadl gesprochen hatte. Diese Platte lag gewiß vier Meter hoch über dem unteren Weg, der längs des Flußufers hinführte, und war so groß, daß man, wenn man auf ihr lag, von unten nicht gesehen werden konnte. Höchst willkommenerweise lagen die Stufen, die nach der Platte führten, nicht etwa frei, sondern sie führten in Gestalt einer Rinne nach unten, welche den, der von oben herunterkam, den Blicken der Untenstehenden entzog. Das war ein Umstand, den ich für außerordentlich günstig hielt. Für die Zwecke, die ich im Auge hatte, nämlich ein heimliches Eindringen mitten unter die Feinde, war mir die Höhe der Platte nicht hinderlich. Mein Lasso war genügend lang, um da hinabzureichen, und Spitzen, Löcher und Spalten gab es genug, ihn so zu befestigen, daß man sich ihm anvertrauen konnte. Doch sagte ich jetzt hiervon nichts. Später, wenn es sich als nötig zeigte, war immer noch Zeit genug dazu, es auch andern mitzuteilen.

Als wir am Felsentor wieder ankamen, neigte sich die Sonne zwar schon dem Untergang zu, aber ich wollte gern sehen, was Abd el Fadl für ein Reiter sei, und uns für unsern morgenden Ritt mit frischem Wasser versorgen. Darum schlug ich ihm vor, noch vor Nacht mit mir nach dem Brunnenengel zu reiten, den er zwar kannte, ohne aber zu wissen, daß sich ein vollgefülltes Bassin unter ihm befinde. Er hatte das nun erst von uns erfahren und war sofort und gern bereit, das Innere des hochinteressanten, uralten Wasserwerks kennenzulernen. Wir leerten sämtliche Schläuche für Merhameh und nahmen dann alle vier Hunde mit, um volle Wasserlast zurückzubringen.

Abd el Fadl war aus der Übung gekommen, ritt aber nicht schlecht. Wir kamen sehr schnell hin zum Engel, aber nicht so rasch wieder fort. Das Innere des Brunnens beschäftigte meinen neuen Freund in außerordentlicher Weise. Er sagte, daß in der Stadt der Toten genau ganz derselbe Engel stehe, ohne daß aber jemand wisse, welchen Zwecken er gedient habe, als die Totenstadt noch voller Leben war. Als ich ihn fragte, was er unter dieser Stadt der Toten verstehe und wo sie hege, sagte er mir, daß es die alte Hauptstadt von Ardistan sei, die verlassen werden mußte, als der Fluß des Friedens plötzlich umgekehrt und nach Dschinnistan und dem Paradies zurückgekehrt war. Diese herrlichste und ernsteste aller Ruinenstätten der Erde hege zwar nicht auf unserem jetzigen, geraden Weg nach Dschinnistan, aber er rate uns trotzdem, sie zu besuchen, weil sich uns im ganzen Leben niemals wieder ein solcher Anblick bieten werde.

Als wir nach dem Felsentor zurückgekehrt waren, nahmen wir drei, er, seine Tochter und ich, das Abendessen oben ein, während Halef es sich hinunterholte. Er sagte zwar, dies geschehe der Pferde wegen, bei denen er während der Nacht schlafen werde, in Wahrheit aber erschien ihm die Gefahr des Abstürzens in der Nacht noch größer als am Tage, und darum hatte er sich entschlossen, in der sichern Tiefe zu bleiben. Ich aber zog die Höhe vor, erstens um ihretwillen überhaupt, zweitens um der beiden heben, hochinteressanten Menschen willen, mit denen ich den Abend verbringen wollte, um sie besser kennenzulernen, und drittens um des vulkanischen Feuers willen, welches man unten nicht sehen, oben auf dem hohen Tor aber jedenfalls noch besser beobachten konnte als auf der zwischen Baumkronen hegenden Tempelzinne der Ussul.

Während ich mit Abd el Fadl beim Brunnenengel und seine Tochter mit Halef allein gewesen war, hatte letzterer die Gelegenheit benutzt, ihr so viel wie möglich von sich und mir zu erzählen. In ihrer Unbefangenheit wiederholte sie während des Essens das alles, damit auch ihr Vater es kennenlernen möge. Als er hörte, daß ich Schriftsteller sei und mehr als ein Buch geschrieben habe, schien sich sein Interesse für mich plötzlich zu verdoppeln. Er sagte aber noch nichts, sondern fragte mich zunächst nach dem Zweck und dem Inhalt dieser Bücher. Ich gab ihm Bescheid. Da schlug Merhameh die kleinen Hände zusammen und rief voller Freude aus:

»So schreibst du ja über ganz dasselbe, worüber auch Vater schon so viel geschrieben hat! Du wirst in Dschinnistan ein lieber und willkommener Gast unseres Palastes sein und da in der Bibliothek die Bücher sehen, deren Verfasser er ist …«

Sie hatte wohl noch mehr sagen wollen, hörte aber schon nach diesem Satz auf, weil sie den freundlich strafenden Blick bemerkte, den ihr Vater auf sie warf. Sie errötete. Wahrscheinlich hatte sie nicht verraten sollen, daß er, der hier so einfach, ja ärmlich gekleidete Mann, daheim Paläste und Schlösser besaß und einer der höchsten Würdenträger des Reiches war. Er suchte den Eindruck ihrer Worte sofort wieder zu verwischen, indem er in bescheidenem Ton sagte:

»Ich habe nur ein einziges Buch geschrieben, mit dem ich, ehrlich gestanden, noch gar nicht fertig bin. Der Reichtum des Stoffes erfordert viele Bände.«

»Darf ich den Titel erfahren?« fragte ich.

»Kann es nach unsern Gesetzen ein anderer sein als nur mein Name? Du würdest wahrscheinlich ›Insanija‹ sagen, die Menschlichkeit, die Humanität, ich aber, der ich Fadl heiße, sage nur ›die Güte‹. Du hast dir die Aufgabe gestellt, in Reiseerzählungen nachzuweisen, daß es in jedem Konflikt des Lebens keine dauernde Siegerin geben kann als nur die wahre Humanität, die wahre Menschlichkeit. Ich behaupte ganz dasselbe von der wahren, menschenwürdigen Güte. Wir sind Brüder, du und ich! Unser Vater ist der Verstand und unsere Mutter die Güte. Laß uns als Geschwister gegeneinander handeln und auch alle unsere Leser bitten, dies zu tun, du die deinen und ich die meinen!«

Er reichte mir seine Hand. Wie gern schlug ich da ein!

Nach diesem Anfang konnte das weitere Gespräch sich unmöglich über alltägliche Dinge erstrecken. Ich entdeckte an diesem köstlichen Abend immer neue Vorzüge an dem hochgebildeten Vater unserer lieben, schönen Merhameh. Er war Staatsmann und Gelehrter; er war auch Dichter. Und ebenso war er auch Krieger, und zwar was für ein Krieger! Wir werden es im Verlauf der Tatsachen erfahren! Er schien für gewöhnlich ein schweigsamer Mann zu sein; heut aber sprach er gern. Und ich hörte ebenso gern zu. Es war für mich eine ganz unerwartete Bereicherung, ein schnelles, freudiges, geistig erhebendes Lernen. Ich erfuhr an diesem Abend über die Psychologie des Orients mehr, als ich sonst in Monaten, ja vielleicht in Jahren erfahren hatte. Dazu verwandelten sich die Rauchwolken des Nordens nach und nach wieder in glühende Flammen. Die Berge warfen ihre großen, strahlenden, ewigen Worte in unser Gespräch. Kurz, es ist mir unmöglich, diesen Abend zu beschreiben. Merhameh saß nur immer mit gefalteten Händen da und sagte nichts, gar nichts. Welch ein Glück, das Kind eines solchen Vaters sein und von Jugend auf in so hoher, reiner Atmosphäre leben zu dürfen!

Ich habe Abd el Fadl einen Staatsmann genannt. Er war ein geborener Diplomat. Er hatte eine so eigene, durch ihre Güte unwiderstehliche Weise, zu erfahren, was er wissen wollte. Obgleich ich eigentlich nur sehr wenig sprach, befand er sich doch bald im Besitz alles Wissens über meine literarischen Zwecke und Ziele und über die im Abendland noch ungewohnte Art und Weise, in welcher ich diese Ziele zu erreichen suche. Ganz selbstverständlich interessierte er sich besonders auch für die Frage, ob ich die Absicht habe, auch die gegenwärtige Reise zu beschreiben. Als ich dies bejahte, erkundigte er sich:

»Wo wirst du da beginnen? Natürlich schon bei den Ussul, weil sie die fruchtbare Humuserde bilden, aus welcher sich dein Werk zu erheben hat, um emporzustreben und Blüten und Früchte zu bringen?«

»Allerdings«, antwortete ich.

»So wird der erste Teil deines Buches langweilig werden!«

»Das kann ich leider nicht vermeiden!«

»Der Humus ist ja für den Leser niemals interessant. Und tust du doch noch so sehr deine Pflicht, ihn mit den Wurzeln der kommenden Ereignisse zu beseelen, so wird man dich trotzdem nicht begreifen. Man wird dir vorwerfen, mystisch zu sein, weil jede Bewurzelung, auch die schriftstellerische, sich im mystischen Dunkel vollzieht. Man wird dich tadeln, vielleicht sogar verdächtigen. Aber laß dich das ja nicht anfechten! Du mußt hacken, düngen, pflanzen und bewurzeln, ganz gleich, ob dies denen, die keine Gärtner sind, gefällt oder nicht! Wenn sich dann die Erde öffnet und die ersten gesunden, frischen Keimblätter erscheinen, aus denen der Stamm emporzuwachsen hat, dann wird man anderer Meinung werden und dir recht zu geben beginnen. Kennst du die Stelle, an der diese Blätter sich zeigen werden?«

»Ja.«

»Wo?«

»Hier, bei euch. Die ersten Lebenszeichen, mit denen mein Baum aus der Ussulerde steigt, seid ihr beide, du und deine Tochter, die Güte und die Barmherzigkeit. Aus ihnen wird sich in kurzer Zeit die Kraft des Stammes entwickeln …«

»Des Dschirbani?« unterbrach er mich.

»Ja. Denn nur dieser ist es, an dem, mit dem und durch den wir andern alle wachsen werden.«

»Du hast es begriffen, du hast es begriffen!« rief er in aufrichtiger, herzlicher Freude aus. »Laß sie tadeln, laß sie tadeln! Wie das Land der Ussul hinter dir liegt, so wird auch bald dieser Tadel hinter dir liegen. Du hast zunächst in den dumpfen Niederungen und den dunklen Wäldern des Moderlandes zu schreiben. Das einzige Licht, das es da gab, kam aus Vulkanen. Kein Wunder, daß man da dich selbst für rätselnd und für mystisch hält, während du doch nur von wirklichen, alltäglichen Dingen berichtest, die aber noch niemand kennt. Die Landenge, auf der wir uns heut und hier befinden, führt nicht nur dich, sondern auch deine Feder aus dem Land der notwendigen, natürlichen Unklarheiten hinüber in das Land des offenen, ungehinderten Sonnenscheines, wo sich das Leben nicht im verborgenen, sondern offen und ungescheut vor Gottes Auge und dem Auge der Menschheit vollzieht. Schon morgen werden wir dieses Land betreten. Und von morgen an werden so, wie deine Leser es wünschen, sich Tausende von Gestalten und Hunderte von Taten und Ereignissen aus der Wüste der Tschoban und aus den Gefilden der Dschunub erheben, um denen, die an deinem Buch zweifeln, zu beweisen, daß du in deiner Schilderung der Ussul ganz richtig gehandelt hast und gar nicht anders konntest! Ich kenne dieses Land. Ich weiß, wie überraschend sich sogar die Wüste zu beleben versteht. Wir wissen auch sonst, was uns bevorsteht. Die Tschoban und die Ussul ziehen heran, um ihre rohen Kräfte miteinander zu messen. Die Dschunub sammeln sich von weitem, um über diese beiden herzufallen. Der Mir von Ardistan rüstet gegen den Mir von Dschinnistan. Und hier stehen vier arme, schwache Menschen, welche aber ein so gütiges Wollen und ein so großes Gottvertrauen besitzen, daß sie fest entschlossen sind, den Kampf gegen alle diese Heere aufzunehmen und in Liebe und Versöhnung zu schlichten! Effendi, du wurdest nicht in dem Erdteil geboren, über den du schreiben willst; ich aber stamme aus Dschinnistan und weiß, was kommen und sich ereignen wird. Wir werden viel erleben, und du wirst sehr viel zu erzählen haben. Deine Leser werden zufrieden mit dir sein!

Er reichte mir die Hand, als ob er mir ein festes Versprechen gebe. Dann war es Zeit, zur Ruhe zu gehen, denn nach dem Stand der Sterne befanden wir uns schon jenseits der Mitternacht, und am nächsten Tag wollten wir unsern Rekognoszierungsritt in möglichst früher Stunde beginnen. Als ich mich niederlegte, erglänzte der nördliche Himmel von zuckenden, goldenen Strahlen, die wie Engelsflügel nach dem Süden strebten. Und als ich wieder erwachte, stand das Morgenrot im Osten und Merhameh harte schon das Frühstück gerüstet. Wir nahmen es ein und stiegen dann zu Halef hinunter, der uns erwartete. Die Pferde und meine beiden Hunde waren gesandt. Die seinigen gingen natürlich nicht mit; sie blieben bei ihm. Ich berechnete unsere Abwesenheit auf zwei Tage, einen hin und einen zurück. Wahrscheinlich hatten wir in diesen zwei Tagen wenigstens vier gewöhnliche Tagesritte zurückzulegen. Das konnte ich unsern Pferden wohl zumuten; ob aber auch meinem Begleiter, das hatte sich erst zu zeigen.

Ich instruierte Halef für alle Fälle, deren Eintritt mir möglich erschien. Merhameh hörte sehr aufmerksam zu. In ihren Augen lag eine so große Offenheit und Ruhe des Verständnisses, daß ich mich auf sie fast ebenso verließ wie auf den Hadschi selbst. Abd el Fadl war heut nicht barfuß. Er hatte leichte lederne Reitstrümpfe an, durch welche seine arme Habe, die er hier besaß, vervollständigt wurde. Anstatt der Hüftschnur trug er einen breiten Linnengürtel, in dem ein Messer und zwei Pistolen steckten. Als mein Blick auf diese Waffen fiel, sagte er in entschuldigendem Ton:

»Sie sind nicht für den Angriff, sondern nur für die Verteidigung bestimmt, falls es gar nicht anders geht.«

Die Sonne stieg soeben aus der See empor, als wir aufbrachen. Der Abschied war kurz. Wir nahmen nicht an, daß wir Gefahren entgegengingen. Die Wasserschläuche waren gefüllt: da gab es keine Not. Und in Beziehung auf den Proviant waren wir auch vollauf versehen. Merhameh hatte uns, während wir schliefen, Mannabrot gebacken und unsern Fleischvorrat so trefflich angebraten, daß er sich ganz gewiß noch bis morgen abend hielt. Um Feuer zum Backen und Braten zu machen, besaß sie Holz genug. Zwar war es unmöglich, dies aus der Nähe zu beziehen, aber die täglich vom Süden heraufsteigende Meeresflut trug aus den Küstenwaldungen der Ussul so viel Brennstoff herbei, daß er niemals fehlte.

Gleich in der ersten Viertelstunde unsers Rittes wurde mir von Seiten der Hunde eine Freude zuteil, die ich hier erwähnen muß, weil sie sich auf später sehr wichtig Werdendes bezog. Noch hatten wir uns nämlich, in gerade nördlicher Richtung reitend, nicht weit von dem Engpaß entfernt, so blieben Aacht und Uucht plötzlich stehen und gaben Laut. Sie baten durch Gebärden, nach links hinüber zu dürfen. Abd el Fadl lächelte.

»Laß ihnen den Willen!« sagte er. »Sie wollen dir zeigen, was sie können. Zum ersten Male in ihrem Leben und, wie es scheint, sogleich mit größter Sicherheit.«

Wir folgten den Hunden in die angegebene Richtung. Schon nach kurzer Zeit hielten sie an, untersuchten mit gesenkten Nasen den Boden und begannen dann, ihn aufzukratzen, und zwar an einer Stelle, wo sichtbare Spuren bewiesen, daß schon vor uns jemand hier gewesen war und an demselben Punkt nachgegraben hatte.

»Was gibt es da?« fragte ich. »Wohl Manna?«

»Ja«, antwortete mein Begleiter. »Das ist die Mannakammer, die wir entdeckt haben, und von der wir seitdem zehren. Ich war außerordentlich gespannt darauf, ob sie den Ort finden und uns zeigen würden. Daß sie es getan haben, beruhigt mich für alle fernere Zeit. So lange diese Hunde bei uns sind, werden wir nicht zu hungern brauchen. Schlagen wir unsere Richtung getrost wieder ein!«

Er wollte weiter. Ich aber stieg vom Pferd, um die braven Hunde zu beloben. Ich holte eine Handvoll Mannakörner unter dem Sand hervor, hielt sie ihnen hin, streichelte und liebkoste sie mit der andern Hand und wiederholte dabei den Namen Manna so oft, bis sie einsahen, daß ich damit diese Körner meinte, die sie gefunden hatten. Durch Schweifwedeln und einige fröhliche Sprünge gaben sie zu erkennen, wie sehr sie sich freuten, dies begriffen zu haben. Nun erst stieg ich wieder auf und folgte Abd el Fadl, der bereits vorangeritten war.

Ich brauche wohl nicht erst zu sagen, daß er Ben Rih, den Rappen Halefs, ritt, denn auf meinen Syrr hätte ich wohl keinesfalls verzichtet. Die Gegend, durch welche wir kamen, zu beschreiben, kann ich hier unterlassen, weil ich sie später wieder zu berühren habe. Ich will nur kurz in das Gedächtnis zurückrufen, daß der südliche Teil des Tschobangebietes Wüste war, der nördliche aber Steppe. Durch beide ging das leere Bett des ausgetrockneten Flusses, das Land in eine östliche und eine westliche Hälfte teilend. Die Zeichen, welche auf der Karte des Dschinnistani Wasser bedeuteten, lagen auf der westlichen Hälfte. Auch Abd el Fadl war der Ansicht, daß dieser Teil des Landes mehr verborgenes Wasser besitze als der andere Teil. Es gab da sogar außer dem alten, versiechten Fluß noch mehrere andere, allerdings auch ausgetrocknete Wasserrinnen, welche noch heut davon zeugten, daß außer dem Hauptstrom hier noch andere Flüsse und Flüßchen existiert hatten. Andere Leute aber, nämlich die Ussul und auch die Tschoban selbst, behaupteten, daß die östliche Landeshälfte wasserreicher sei, weil es da eine Anzahl oasenähnlicher Punkte gab, die sich von Zeit zu Zeit mit frischem Grün bekleideten und den Pferden, Kamelen, Rindern, Eseln, Schafen und Ziegen der nomadisierenden Bewohner Nahrung boten. Ich freilich führte das nicht auf eine größere Wassermenge, sondern auf eine andere Beschaffenheit des Bodens zurück, der hier weicher und erdiger war und den oft mehrere Meter langen Wurzeln gewisser Kalligonum- und Mimosenarten gestattete, senkrecht in größere Tiefe zu steigen, bis die Grundfeuchtigkeit erreicht ist. Ich also hätte zu jeder Wanderung, sei es nun eine kriegerische oder eine friedliche, den westlichen Teil des Landes vorgezogen; da aber bei den Tschoban der Osten für feuchter galt, so war mit Sicherheit anzunehmen, daß ihr Kriegszug gegen die Ussul nach dort verlegt worden sei. Wir konnten also getrost so tun, als ob der Westen gar nicht vorhanden sei, und unsere Aufmerksamkeit nur auf den Osten richten. Darum ritten wir bis zur Hälfte des Nachmittages genau nach Norden, wobei wir uns in der Nähe des alten Flusses hielten, denn dieser bildete die äußerste westliche Linie, die von dem Heer der Tschoban berührt werden konnte. Wahrscheinlich aber hatten sie einen weiter östlich liegenden Weg gewählt, der von der südlichsten Oase ausging, auf der ihre Tiere die letzte Gelegenheit zur Weide fanden. Darum bogen wir nun aus unserer bisherigen Richtung in einem rechten Winkel genau nach Osten ab, um auf alle Fälle unsern Zweck zu erreichen. Denn falls sie schon vorüber waren, so trafen wir ganz unbedingt auf ihre Fährte und wußten dann also, woran wir waren. Und falls wir keine Spuren entdeckten, so waren sie eben noch nicht unterwegs und wir konnten in aller Ruhe auf ihr Kommen warten.

Wir hatten nur einmal kurz nach Mittag, in der größten Sonnenhitze, Rast gemacht und wollten auch nicht eher wieder aus dem Sattel steigen, bis es Abend geworden war oder uns ein besonderer Grund zwang, es zu tun. Gesehen hatten wir bisher nichts, gar nichts. Die Pferde waren zu loben und Abd el Fadl auch; sie hatten sich vortrefflich gehalten. Zwar hatte die Spannkraft ganz selbstverständlich nachgelassen, aber ein Zeichen der wirklichen Ermüdung gab es nicht, obgleich wir bis jetzt, um die Mitte des Nachmittags, eine Strecke zurückgelegt hatten, zu welcher das Heer der Tschoban voraussichtlich über zwei Tage brauchte. Und wir ritten noch einige Stunden weiter, bis die bisher vollständig glatte, langweilige Ebene sich mit jenen Erhöhungen zu beleben begann, welche der arabisch sprechende Beduine mit dem Namen »Shiwahn el Handal« zu bezeichnen pflegt. Dieser Ausdruck bedeutet so viel wie »Koloquintenzelt« und ist aus dem Grund gewählt worden, weil diese Erhöhungen meist die Form eines größeren oder kleineren, oft riesigen Zeltes besitzen und ihre Entstehung den Koloquinten oder ähnlichen Wüstenpflanzen verdanken. Durch den Widerstand, den der regelmäßige Tageswind an den Ranken der Gewächse findet, wird er bewogen, sie zu übersanden. Die Pflanze ist bemüht, aus diesem Sand emporzusteigen; sie treibt neue Ranken nach der Seite und nach oben, welche der Wind dann wieder bedeckt. Aus diesem Kampf zwischen Wind und Vegetation steigt nach und nach ein Hügel empor, der meist die Form eines runden, oft aber auch vielseitigen Zeltes besitzt und zu bedeutender Höhe gelangen kann. Ist die Unterlage anstatt einer Koloquinte eine Naraspflanze, deren armdicke Ranken und Wurzeln eine Länge von fünfzehn Metern erreichen, so können sich Sanddünen bilden, die zwanzig Meter hoch sind. Eine von solchen Shiwahn el Handal durchzogene Gegend bietet von weitem den Anblick eines Zeltlagers, welcher aber nur den Neuling täuschen kann. Aber die seelische Wirkung äußert sich auch auf den Kenner. Wer sich zwischen diesen natürlichen Sandbauten befindet, den überkommt ein Gefühl der Unsicherheit. Es ist ihm, als ob jeden Augenblick ein Feind oder sonst irgend eine unliebe Überraschung zwischen den Zelten hervortreten werde.

Darum war ich eigentlich nicht dafür, inmitten dieser Erhöhungen zu übernachten; aber sie erstreckten sich, so weit der Blick reichte, und nun stand die Sonne schon fast am Verscheiden. Es blieb also nichts übrig, als den Umständen Rechnung zu tragen. Wir suchten daher eine passende Stelle, einen Platz, der rundum von Sandhügeln umgeben war und uns die notwendige Verborgenheit bot. Er war bald gefunden; wir stiegen ab, und ich umging ihn in einem weiteren Umkreis, um mich zu überzeugen, daß sich nicht etwa schon andere Leute in der Nähe befanden. Es zeigte sich keine Spur irgend eines lebenden Wesens, und so sattelten wir ab und machten es nicht nur uns, sondern auch unsern Pferden und Hunden bequem. Sie hatten ihre Pflicht vollauf getan und die Fürsorge gar wohl verdient, die der Mensch so edlen, arbeitswilligen und treuen Geschöpfen schuldig ist. Schon unterwegs hatten wir ihnen die Lippen und Nüstern wiederholt mit Wasser gekühlt; während der Mittagspause waren ihnen, ebenso wie uns, nur einige Schluck gestattet worden; jetzt aber bekamen sie ein vollauf genügendes Quantum zu trinken und dann auch so viel Futter, daß sie gesättigt wurden. Ich darf nicht vergessen, zu erwähnen, daß Aacht und Uucht uns im Laufe des Tages noch zweimal auf Mannalager aufmerksam gemacht hatten. Beide Gelegenheiten waren von mir benützt worden, ihnen das Wort Manna so oft vorzusagen, daß sie es nun genau kannten.

Wir waren nun müde und schliefen sehr bald ein. Zu wachen brauchten wir nicht, denn wir konnten uns auf die scharfen Sinne und ebenso auch auf die Klugheit der Hunde verlassen. Daß dies der Fall sei, wurde uns gleich heut, am ersten Abend unseres Rittes, bewiesen. Nach dem Stand der Sterne war es noch nicht Mitternacht, so weckten mich die Hunde. Das hatte einen Grund. Ich setzte mich auf und lauschte. Zu sehen und zu hören war nichts. Aber ein ganz eigenartig scharfer und bitterlicher, mir bisher unbekannter Geruch war zu spüren, und zwar so leise, daß eine gute Nase dazu gehörte, ihn zu bemerken. Die Stelle, der er entströmte, lag also nicht so in unserer Nähe, daß wir befürchten mußten, entdeckt zu werden. Ich roch, daß er von einem Feuer kam. Es handelte sich ohne Zweifel um Menschen, und so verstand es sich ganz von selbst, daß ich nachschauen mußte, wer und wo sie waren. Ich weckte also Abd el Fadl auf und teilte ihm das Nötige mit; dann ging ich fort, dem Geruch entgegen, der, je weiter ich kam, immer stärker wurde. Die Hunde ließ ich zurück; ich brauchte sie nicht.

Schon nach kurzer Zeit erkannte ich den Geruch. Es war der unangenehme Bitterstoff der Koloquinten. Man hatte die abgestorbenen dürren Wurzeln dieser Pflanzen aus dem Sand gegraben und als Brennmaterial verwendet. Klug war das nicht. Ich schloß daraus, daß wir es nicht mit vorsichtigen und erfahrenen Leuten zu tun hatten. Ich mußte mich zwischen einer ganzen Anzahl von Sandzelten hindurchwinden, ehe ich die Stelle erreichte, um die es sich handelte. Da fand ich drei Menschen, drei Pferde und drei Kamele. Das Feuer war so klein, daß es viel mehr stank als leuchtete. Ich sah und roch sofort, daß es nur dem Zweck gedient hatte, Kaffee zu kochen. Der war soeben fertig geworden, und nun ließ man das Feuer ausgehen. Es kam mir höchst sonderbar vor, mit stinkendem Koloquintenholz sich aromatisch duftenden Kaffee kochen zu wollen; für uns aber war es gut, daß man es getan hatte, denn wer weiß, was geschehen wäre, wenn uns nicht grad diese Unklugheit in den Stand gesetzt hätte, diese Leute zu entdecken.

Nichts konnte mir beim Heranschleichen und Belauschen förderlicher sein als die Sanderhöhungen, hinter denen man so leicht verborgen bleiben konnte. Der Mond, der an unserm ersten Abend bei den Ussul uns nur als schmale Sichel erschienen war, hatte jetzt den Halbkreis erreicht. Sein Licht genügte, mir das, was ich sah, so deutlich zu zeigen, daß ich mich nicht irren konnte, wenn es auch nicht möglich war, alle Einzelheiten und Kleinigkeiten zu erkennen. Was ich jetzt nicht sehen konnte, das sah ich dann am folgenden Morgen um so deutlicher, und so ist es mir schon heut möglich, unsere neue Bekanntschaft eingehender zu beschreiben, als ich sie jetzt hier liegen sah. Ich fange bei den Tieren an. Die Kamele waren nicht zwei- sondern einhöckerig; ihr schlanker, lang gegliederter Bau verriet, daß sie nicht Last- sondern Reitkamele, ja sogar vielleicht Eilkamele seien. Jetzt allerdings wurden sie nicht zum Reiten, sondern zum Lasttragen benützt. Das zeigten die Sättel, die man ihnen abgenommen und neben sie gelegt hatte. Ihre Ladung bestand aus Wasserschläuchen, Proviant und einigen wenigen Kleidungsstücken und Decken. Aus dem Umstand, daß man diese Art von Kamelen gewählt hatte, war zu schließen, daß der Ritt ein eiliger sei. Zwei von den Pferden waren von demselben hohen, knochigen, aber nicht so schweren unbeholfenen Schlag, den ich an den Pferden der drei von uns gefangenen Tschoban beschrieben habe. Sie waren zwar keine Renner, jedenfalls aber gute, ausdauernde Läufer. Das dritte Pferd war edler. Es gehörte zu derselben Perserrasse, zu der die Schimmel des Maha-Lama und des obersten Ministers der Dschunub zu zählen waren. Was nun die drei Männer betrifft, so war einer von ihnen allem Anschein nach ein gewöhnlicher Mensch. Seine Kleidung bestand nur aus einem Kopftuch und einem hemdartigen Haik. Er saß abseits und war, wie ich am nächsten Tag erfuhr, von den beiden andern als Führer mitgenommen worden. Diese beiden saßen miteinander am Feuer. Der eine von ihnen hatte den Kaffee gekocht und goß ihn jetzt aus der mitgebrachten Bronzekanne in kleine Tassen. Er tat dies mit sehr wenig Geschick. Es war anzunehmen, daß er sonst ganz andere Dinge zu tun hatte, als Kaffee kochen. Ein gewöhnlicher Mann war er nicht. Seine Kleidung war die eines wohlhabenden Nomaden. Die grüne Farbe seines Turbans zeigte, daß er als Nachkomme Mohammeds galt und also den Ehrentitel »Sejjid« führte. Er war ein schon älterer Mann, behandelte aber seinen viel jüngeren Genossen mit einer Liebe und Aufmerksamkeit, aus der zu ersehen war, daß der letztere im Rang doch über ihm stand. Dieser Jüngere kam mir gleich beim ersten Blick bekannt vor. Es war mir, als ob ich ihn schon einmal gesehen hätte. Sein Alter schätzte ich gegen dreißig Jahre. Er trug weißen Turban, Hose, Weste, Jacke und einen mantelähnlichen Umhang in bunten Farben, dazu lederne Halbstiefel mit sehr großräderigen Sporen. Sein Gesicht war äußerst sympathisch, obgleich es durch zwei vorn herabhängende Haarzöpfe einen fremdartigen, fast möchte ich sagen, hunnenhaften Ausdruck bekam. Seine Waffen bestanden, wie auch bei den andern, aus Lanze und Flinte, Pfeil, Bogen und Messer. Als ich ihn so betrachtete, stieg in mir das Gefühl oder vielmehr die Überzeugung auf, daß er zu den nicht sehr oft anzutreffenden Menschen gehöre, die man lieb haben muß, man mag wollen oder nicht.

Seine beiden, vorn herabhängenden Zöpfe verrieten mir, warum er mir so bekannt vorkam. Zwei solche Zöpfe trug unser Gefangener, Palang, der Panther, der Erstgeborene des Volkes der Tschoban. Der jetzt vor mir sitzende junge Mann war einige Jahre älter als der Palang, sah ihm aber so ähnlich, daß der Gedanke, er müsse verwandt mit ihm sein, sehr nahelag. Jedenfalls gefiel er mir aber viel besser als der Panther. Aus dieser Ähnlichkeit und aus diesem starkknochigen Bau der Pferde war, wenn auch nicht grad mit Sicherheit, zu schließen, daß die Leute, die ich belauschte, Tschoban seien. Wenn diese meine Vermutung richtig war, so hatten wir es hier vielleicht mit den ersten Vorposten oder Kundschaftern zu tun, die dem Heer vorausgeritten waren. Aber dieser Gedanke erschien mir nicht ganz unbedingt als annehmbar. Die Zeit stimmte nicht. Ich kannte ja den Tag, an dem die Tschoban den Engpaß von Chatar passieren wollten. Falls diese Zeit eingehalten wurde, mußten sie schon weiter vorgerückt sein als die drei Männer, die ich jetzt vor mir hatte. Es war ja meine Berechnung gewesen, heut hinter sie zu kommen, um aus ihren Spuren alles ersehen zu können, was uns zu wissen nötig war. Mit unsern schnellfüßigen Pferden konnte es uns dann nicht schwerfallen, ihnen wieder vorauszueilen.

Jetzt tranken beide von dem eingegossenen Kaffee. Sie führten die Tassen fast zu gleicher Zeit an den Mund. So stellte sich die Wirkung auch gleichzeitig auf beiden Seiten ein: sie spuckten das, was sie in den Mund genommen hatten, sofort wieder aus.

»Pfui!« rief der Sejjid aus. »Allah verdamme die Bitterkeit! Wer soll das trinken können!«

Er ließ eine Gebärde des höchsten Abscheues folgen und warf die Tasse in den Sand.

»Ich warnte dich!« sagte der junge Mann herzlich lachend, indem er sich auch seiner Tasse entledigte, wenn auch in ruhiger, nicht zorniger Weise. »Es ist das erste Mal in deinem Leben, daß du Kaffee kochst.«

»Und grad mit solchem Holz!« zürnte der Sejjid. »Wie kann der Kaffee so unvernünftig sein, den Gestank und Geschmack der Koloquinten an sich zu ziehen! Ich bin zornig. Nicht meinetwegen, sondern deinetwegen. Verzeihe mir, o Prinz!«

Prinz? Dieses Wort fiel mir sofort auf. Prinz wurde ja auch der Panther genannt, der sich sogar als Erstgeborenen bezeichnete. Er erkannte nämlich seinen älteren Bruder nicht an, weil dieser zwar von demselben Vater, aber nicht von einer mohammedanischen, sondern von einer christlichen Mutter stammte. Man wußte, daß er sich alle mögliche Mühe gab, diesen Bruder aus der Nachfolge zu verdrängen oder, falls ihm dies nicht gelingen sollte, sich eine eigene, persönliche Herrschaft zu gründen. Dieses Zerwürfnis mit Vater und Bruder bildete den Grund, daß der Panther fast nie daheim bei den Seinen war. Er lebte meist bei dem Mir von Ardistan, und man erzählte sich, daß er der ganz besondere Liebling dieses sehr kriegerisch gesinnten Herrschers sei und sich sein unbeschränktes Vertrauen gewonnen habe. Daß der Panther jetzt, bei dem geplanten Einbruch der Tschoban in das Gebiet der Ussul, den ersteren als Kundschafter vorausgeritten war, durfte nicht als ein Beweis von Heimatsliebe oder Patriotismus angesehen werden. Vielmehr lag ein ganz gegenteiliger Gedanke viel näher, nämlich daß er Zwecke verfolgte, die gegen den jetzigen Scheich und seinen Nachfolger, also gegen den Vater und Bruder gerichtet waren.

Dieser Bruder, also der wirkliche Ilkewlad, der eigentliche Erstgeborene, wurde von jedermann gelobt. Er war allgemein beliebt. Man stellte ihn in jeder Beziehung über den nachgeborenen Prinzen, den Panther. Sollte er es sein, dem ich hier mitten in der Wüste begegnete? Welch ein Glück für uns, wenn es so wäre! Eine schnelle, kluge und energische Ausnutzung dieses Umstandes konnte in äußerst günstige Folgen für uns umzusetzen sein!

Der Sejjid wollte den Kaffee, der sich noch in der Kanne befand, wegschütten. Da bat der Führer, ihn trinken zu dürfen. Er bekam ihn. Die beiden Herren aber stopften sich ihre Tschibuks, um den Geruch der Koloquinte durch den Duft des Tabaks zu vertreiben.

»Nur einige Züge wollen wir tun; dann müssen wir schlafen«, sagte der, welcher Prinz genannt worden war. »Wir müssen schon vor der Sonne wieder auf. Meinst du, daß wir den Engpaß Chatar dann morgen noch vor Nacht erreichen?«

»Ja«, antwortete der Sejjid.

»Da dürfen wir aber unterwegs keine Ruhepause machen«, fiel der Führer ein. »Es ist von hier aus bis zum Engpaß so weit, daß unsere Krieger über zwei Tage brauchen würden, um hinzukommen. Ich glaube, daß wir es mit unseren guten Pferden und Kamelen in diesem einen Tage machen; aber sie werden, wenn wir dort eingetroffen sind, so ermüdet sein, daß sie nicht weiterkönnen.«

Da erkundigte sich der Prinz:

»Und wann hätten wir unsere tausend Krieger erreicht, wenn wir ihnen auf ihrem Weg nachgeritten wären, anstatt diesen direkten und geraden Weg nach dem Engpaß einzuschlagen?«

»Erst übermorgen«, antwortete der Sejjid.

»So war es richtig von uns, diesen schnurgeraden Weg zu wählen, obgleich es da keinen grünen Halm für unsere Tiere gibt. Wir wollen nur hoffen, daß die tausend nicht unterwegs zu darben haben! Sonst verzögert sich ihr Zug und wir kommen zu spät, um meinen Bruder zu retten. Welch ein Glück, daß die andern, von denen er sich getrennt hatte, ehe er mit seinen beiden Begleitern gefangen wurde, ihm dennoch nachritten, weil sie Angst um ihn bekamen! Und noch klüger war es von ihnen, daß sie keine Zeit auf die vergebliche Mühe verwendeten, ihn zu befreien, sondern sofort in einem Atem heimwärts ritten und es meinem Vater meldeten! Mein Bruder wollte sich an die Spitze des Kriegszuges stellen. Nun er aber gefangen ist, hat mein Vater die Führung selbst übernommen, während ich als der stets friedlich Gesinnte daheimzubleiben hatte, um dort seine Stelle zu vertreten. Nun handelt es sich leider nicht mehr um den gewöhnlichen Beutezug, sondern um die endgültige Eroberung des ganzen Gebietes von Ussulistan. Wie gern wäre ich dabei, um so viel wie möglich die Härte des Krieges zu mildern und um in Liebe zu erreichen, was im Haß so schwere Opfer kostet! Wehe den Ussul, falls wir siegen! Und daß wir siegen, daran ist nicht zu zweifeln! Ich würde es ihnen verzeihen; ja, ich finde es sogar ganz selbstverständlich und richtig, daß sie meinen Bruder festgenommen haben. Er aber kennt keine Gnade; er wird es ihnen blutig entgelten lassen. Er wird das Leben unserer eigenen Krieger nicht schonen, um Rache an den Ussul nehmen zu können. Es wird zu Kämpfen kommen, die auch auf unserer Seite viele Menschenleben kosten werden. Und doch brauchen wir diese Menschen grad jetzt viel nötiger als sonst …«

»Die Dschunub, die Dschunub!« fiel der Sejjid lebhaft ein.

»Ja, die Dschunub! Wer hätte an einen so plötzlichen Krieg mit ihnen gedacht! Und gerade jetzt, wo tausend unserer Krieger, und zwar die besten und bewährtesten, nach Süden gezogen sind, der Vater an ihrer Spitze! Er weiß noch kein Wort von dieser Gefahr. Durfte ich ihn etwa durch einen Boten unterrichten?«

»Nein, keinesfalls!«

»Ganz richtig! Die Sache ist zu wichtig. Ich muß ihm diese schlimme Botschaft selbst überbringen, muß mich mit ihm besprechen, muß aus seinem Munde selbst hören, was er bestimmt, damit ich es richtig auszuführen vermag. Das Geratenste ist, daß wir uns möglichst beeilen, Ussula mit einem schnellen Handstreich zu überrumpeln. Nicht erst nach der alten Kampfweise lange zögern und unnütze Reden und Verhandlungen halten, sondern über die Stadt herfallen wie ein Dieb in der Nacht. Ich bin überzeugt, daß sie sich da ergibt, ohne Widerstand zu leisten. Das bietet uns Grund und Gelegenheit, human und menschlich zu verfahren. Auch wird dadurch mein Bruder sofort frei und kann die Unterwerfung von Ussulistan zu Ende führen, während hingegen mein Vater Zeit gewinnt, schleunigst in die Heimat zurückzukehren und sich gegen die Dschunub zu wenden. Mein Freund, ich ahne, es naht eine schwere Zeit, aber auch eine große Zeit. Es gilt, diese Zeit zu begreifen! Glaube mir, der Säbel ist es nicht mehr, der entscheidet! Ich sage dir, die Schlachten der Völker wurden früher durch die rohe Faust und später durch die Intelligenz gewonnen. Heut ist auch diese Intelligenz nicht stark genug, den Sieg allein zu erringen. Es kommt noch etwas Neues, etwas in der Kriegsgeschichte bisher Unbekanntes hinzu, nämlich die Menschlichkeit, die Schonung, die Güte und Barmherzigkeit! Ohne diese neue Heldengestalt ist jede Schlacht verloren, selbst wenn man sie gewinnt …!«

Er sprang von seinem Sitz auf und sprach begeistert weiter. Dabei blieb er aber nicht auf seinem Platz stehen, sondern er ging hin und her. Er kam mir dabei wiederholt so nahe, daß es nur noch eines Schrittes bedurfte, so mußte er mich sehen. Ich hielt es also für geraten, mich zurückzuziehen. Ich hatte ja genug erfahren, und was ich noch nicht wußte, das konnte ich mir durch einiges Nachdenken selbst ergänzen. Übrigens stand es schon jetzt bei mir fest, daß ich mit diesem prächtigen Menschen schon morgen noch ganz anders sprechen würde, als er jetzt mit seinem Sejjid sprach. Ich zog mich also aus meinem Versteck zurück und ging nach unserm Lagerplatz, wo Abd el Fadl auf mich wartete.

Wie erstaunte er, als er hörte, wen ich gesehen hatte! Und wie überrascht war er von dem, was gesprochen worden war! Als ich meinen Bericht beendet hatte, sagte er:

»Es sind also doch noch mehr Kundschafter der Tschoban in Ussulistan gewesen, als man dachte! Ich habe sie nicht gesehen. Wer feindliche Absichten hat, der passiert den Engpaß meist des Nachts, weil tags die Gefahr, jemandem zu begegnen, wegen der Enge des Raumes am allergrößten ist. Sie wissen, daß Prinz Panther gefangen ist! Der alte Scheich hat darum den Oberbefehl selbst übernommen! Und hierauf erfährt der in Tschobanistan zurückgebliebene ältere Prinz, daß die Dschunub es mit den Tschoban gerade so machen wollen, wie diese mit den Ussul! Er reitet seinem Vater schleunigst nach, um ihm dies zu melden und ihn zu warnen! Aber er reitet in sehr kluger Weise direkt nach dem Engpaß, während sie sich weiter östlich gehalten haben, um einiger weniger, schlechter Futterplätze willen, die ihnen gar nichts nutzen, sondern ihren Zug nur aufhalten können! Das ist ein Zeichen, daß sie schlecht mit Proviant und Futter versehen sind. Sie rechnen jedenfalls darauf, gleich jenseits des Engpasses verwüsten, brandschatzen und plündern zu können, ganz wie es ihnen beliebt! So haben sie ja stets getan. Wie aber, Effendi denkst du über ihren jetzigen Plan?«

»Genau so wie du! Sie irren sich!« antwortete ich.

»Das meine ich allerdings auch. Was hast du für heut beschlossen?«

»Wir schlafen ruhig ein und schlafen ruhig aus.«

»Ohne uns des weiteren um den Prinzen zu bekümmern?«

»Ja.«

»Wird er uns nicht entdecken?«

»Nein. Wir liegen nicht in der Richtung, die er einzuschlagen hat. Er reitet nach Süden; wir aber lagern westlich von ihm. Er will noch vor der Sonne aufbrechen, hat also keine Zeit, sich vorher lange hier umzusehen.«

»So willst du ihn fortlassen, ohne mit ihm gesprochen zu haben?«

»Ja.«

»Und wohl nach weiteren Spuren der Tschoban suchen?«

»Nein! Dieser Prinz ist mir wertvoller und nützlicher als tausend Spuren, die wir noch entdecken könnten. Wir suchen nicht weiter, denn wir haben mehr als genug gefunden. Wir kehren also um. Wir reiten ihm nach.«

»Um ihn gefangenzunehmen?«

»Warum das? Der wäre doch wohl ein schlechter Polizist, der sich mit einem Menschen quälen wollte, der ganz von selbst und ohne allen Zwang nach dem Gefängnis läuft. Ich würde nur im Notfall Gewalt anwenden, nur beim Eintritt zwingender Ereignisse, von denen ich jetzt noch nichts weiß. Schlafen wir ganz ruhig wieder ein!«

»Aber wenn wir aufwachen, ist er fort!«

»Das soll er auch!«

»Vielleicht wo ganz anders hin, als du jetzt denkst! Er kann leicht seine Beschlüsse ändern!«

»So reiten wir ihm einfach nach. Nun ich ihn einmal habe, gebe ich ihn nicht wieder her!«

»Bist du denn deiner Sache so sicher, ihm folgen zu können, ohne daß du ihn siehst?«

»Vollständig! Wie hier die Verhältnisse liegen, wird seine Fährte wie eine feste, unzerreißbare Schnur sein, die ich immer in der Hand behalte. Gute Nacht, mein lieber Freund!«

»Gute Nacht, Effendi!« sagte er, tief Atem holend. »Wenn du glaubst, zuversichtlich und zufrieden sein zu dürfen, so bin ich es auch. Allah gebe uns Frieden! Nicht nur für diese Nacht!«

Ich schlief schnell wieder ein, und zwar so fest, daß ich nicht von selbst aufwachte, sondern von Abd el Fadl geweckt werden mußte.

»Steh auf, Effendi!« sagte er. »Der Prinz ist längst schon fort.«

»Woher weißt du das?« fragte ich.

»Ich vermute es, weil die Sonne längst schon aufgegangen ist und er doch vorher aufbrechen wollte. Willst du nicht einmal nachsehen?«

»Sogleich!«

Ich stand auf und schlich mich zu der Stelle, an der die Tschoban gelagert hatten. Sie war leer. Es gab soviel Reste und Beweise ihrer Anwesenheit zu sehen, daß ein arabischer Beduine über eine solche Sorglosigkeit im höchsten Grade erstaunt gewesen wäre. Was es heißt, sich auf dem »Kriegspfad« zu befinden, davon schienen diese Leute keine Ahnung zu haben! Ihre Spuren waren so deutlich, als ob sie mit Absicht gemacht worden seien, und keiner von ihnen harte sich auch nur die geringste Mühe gegeben, sie wieder zu verwischen. Als wir ihnen eine Viertelstunde später folgten, bedurfte es nicht der geringsten Anstrengung, ihre Fährte zu entdecken. Sie bildete in Wirklichkeit die feste, unzerreißbare Schnur, von der ich gesprochen hatte.

Unsere Pferde gingen ganz von selbst schneller als die ihren. Darum dauerte es gar nicht lange, bis wir ihnen so nahe waren, daß wir sie von weitem sahen; da hielten wir an. Das wiederholte sich so oft und in immer so gleicher, eintöniger Weise, daß es uns langweilig wurde. Wir beschlossen, sie zu überholen, doch nach der Seite hin, so daß sie uns nicht sehen konnten. Wir durften dies sehr wohl tun, weil sie nun schon stundenlang die Richtung nach dem Engpaß eingehalten hatten und es keinen Grund für uns gab, anzunehmen, daß sie von ihr abweichen würden. Wir wendeten uns also ein Stück nach Norden hinüber, und als wir glaubten, uns weit genug von ihnen entfernt zu haben, bogen wir wieder in die südliche Richtung ein, so daß wir nun eine Linie innehielten, die mit der ihren parallel ging, ihr aber nicht so nahelag, daß sie uns sehen konnten. Infolge unsers rascheren Tempos überholten wir sie sehr bald und kamen ihnen Stunde um Stunde immer weiter voran, so daß wir den Engpaß eher erreichen mußten als sie, obgleich wir zu Mittag eine Ruhepause machten, sie aber nicht. Abd el Fadl war voll des Lobes für unsere unvergleichlichen Pferde. Er behauptete, so etwas noch nie gesehen zu haben. Er hatte sie liebgewonnen und liebkoste und streichelte sie ohne Ende, denn auch zu dem meinigen langte er herüber.

Es war ungefähr zwei Stunden nach der erwähnten Ruhepause, als am Horizont zu unserer rechten Hand ein Reitertrupp auftauchte, der uns ein Rätsel war. Zunächst konnten wir, der großen Entfernung wegen, den Trupp eben nur als Trupp sehen, nicht aber die einzelnen Reiter unterscheiden. Als diese Unterscheidung möglich war, zählten wir acht Personen. Sie hatten eine südliche, später mit der unseren zusammenlaufende Richtung eingehalten; als sie uns aber sahen, kamen sie auf uns zu. Hinter ihnen tauchte bald darauf ein zweiter Trupp auf, der aus vielen Kamelen und nur soviel Reitern bestand, wie nötig waren, die Kamele zu dirigieren. Das waren die Wasserschlepper für die acht vorausreitenden Personen. Diese letzteren waren sehr gut beritten, und zwar mit dunkelfarbigen Perserpferden. Nur einer von ihnen saß auf einem Schimmel, der sehr edlen Blutes war. Dieser eine ritt voran. Es war eine sehr langbeinige, aber um so kurzleibigere Gestalt. Fast konnten sich seine Füße unter dem Bauch des Pferdes berühren. Seinem Oberkörper aber fehlte es derart an der Höhe, daß es aussah, als ob ein junger, noch in der Entwicklung stehender Mensch von siebzehn Jahren im Sattel sitze. Natur und Kunst hatten versucht, diesen Mangel durch einen ganz besonders martialischen Ausdruck seines Gesichtes auszugleichen, welches außerordentlich voll- und langbärtig war. Demselben Zweck diente wohl auch die ungewöhnlich hohe, militärische Pelzmütze, auf der ein ebenso hoher Busch von Reiherfedern prangte. Auch seine sieben Begleiter trugen solche Mützen; nur waren die Reiherbüsche von so abnehmender Größe, daß der Busch des sechsten nur aus einer einzigen kleinen Feder bestand, bei dem siebenten aber ganz fehlte. Das war wohl im Rangunterschied begründet.

Der Eindruck, den diese Leute machten, war ein außerordentlich kriegerischer. Sie waren ganz gleich gekleidet, zwar orientalisch bequem und bunt, aber nach derselben Farbe und auch demselben Schnitt. Wir hatten ihre Anzüge also als Uniformen zu betrachten. Bewaffnet waren sie mit allen im Orient gebräuchlichen Schuß-, Hieb- und Stechinstrumenten. Eine Ausnahme hiervon machte nur der eine, der auf dem Schimmel saß. Er trug einen kostbaren Säbel und im Gürtel eine Pistole, weiter nichts. Als er mit seinen Leuten uns erreichte, kommandierte er ein lautes, gebieterisches »Halt!« Sie gehorchten sofort. Wir zwei aber ritten weiter.

»Halt!« rief er nun auch uns zu.

Wir taten, als hätten wir es gar nicht gehört.

»Halt!« rief er noch einmal, und zwar mit nicht nur lauter, sondern brüllender Stimme. Wir aber ritten eben weiter. Da kam er uns nach; die andern aber blieben halten.

»Warum gehorcht ihr nicht?« donnerte er uns an. »Haltet an, sage ich; haltet an!«

Wir ritten trotzdem weiter. Er kam neben uns her und fuhr fort:

»Seid ihr etwa taub, so sagt es mir! Könnt ihr hören oder nicht?«

Ich antwortete trotz der Lächerlichkeit seiner Aufforderung:

»Wir sind nicht taub. Wir hören, was du sagst.«

»Warum gehorcht ihr da nicht!?«

»Wer bist du, daß wir dir gehorchen müßten?«

»Sag mir erst, wer du bist!«

»Ich bin Ussul.«

Diese Auskunft war ganz richtig, denn ich war ja Ussul geworden.

»Ussul?« fragte er erstaunt, indem er mich mit verwundertem Blick musterte. »Ich habe mir die Ussul anders gedacht! Ich will zu ihnen. Ich komme aus Dschunubistan. Weißt du, daß vor einigen Tagen zwei sehr hohe Herren aus Dschunubistan zu euch gekommen sind?«

»Ja; das weiß ich sehr wohl.«

»Hast du erfahren, wer sie sind?«

»Der oberste Minister und der Maha-Lama, der höchste aller Priester.«

»Das stimmt! Wie sind sie aufgenommen worden?«

»Ganz ihrer hohen Würde und ihren Absichten gemäß.«

Da wurde sein Gesicht freundlicher, und auch seine Stimme verzichtete auf den zürnenden Ton, als er sagte:

»Das freut mich! Aber du weißt natürlich nicht, was sie bei euch wollen!«

»Warum soll ich das nicht wissen? Sie wünschen, ein Bündnis mit uns abzuschließen, ein Bündnis gegen die Tschoban.«

»Allah!« rief er aus. »Auch dieses stimmt! Wer hat es dir gesagt?«

»Sie beide selbst.«

»Sie beide selbst? Ist das wahr?«

Er musterte mich noch schärfer als bisher.

»Warum sollte ich etwas sagen, was nicht wahr ist?« fragte ich in schärferem Ton.

»Verzeih! Die beiden hohen Herren können solche Mitteilungen keinem gewöhnlichen Ussul machen!«

»Habe ich gesagt, daß ich ein gewöhnlicher sei?«

»Nein! Und eure Pferde …! Maschallah! Was für hochfeine, köstliche Tiere! Ich denke, ihr Ussul habt nur dicke, unförmliche Ungetüme, welche den Nashörnern und Nilpferden gleichen!«

»Was das betrifft, so wirst du noch so manches andere über uns erfahren, was dich verwundern wird!«

Er betrachtete, während wir immer weiterritten, uns, besonders aber unsere Pferde, noch eingehender als bisher. Der hohe Wert der letzteren leuchtete ihm sichtbar ein. Aber meine nicht ganz einheimische Erscheinung und der ärmliche Anzug meines Begleiters beirrten ihn. Doch kam er zu dem Resultat:

»Solche Pferde, wie diese hier, kann nur ein vornehmer und reicher Ussul besitzen. Ich bitte dich, mir zu sagen, wer du bist!«

»Es ist bei uns Sitte, vorher zu erfahren, mit wem man spricht«, wies ich ihn zurück.

»Das sollte ich eigentlich verschweigen; aber ich höre, daß du in das Geheimnis eingeweiht bist, und halte es also für erlaubt, dir Auskunft zu geben. Ich bin nämlich der Tertib We Tabrik Kuwweti Harbie Feminde Mahir Kimesne von Dschunubistan.«

Da hielt ich mein Pferd an und sagte:

»Wenn dieser dein Titel etwa noch länger ist, so verzeih, daß ich dich unterbreche. Schau dich nach deinen Leuten um! Sie warten dort, wo du ihnen Halt geboten hast, auf deine Erlaubnis, weiterreiten zu dürfen. Wenn du sie ihnen nicht augenblicklich gibst, werden wir für sie verschwunden sein, noch ehe du mit deinem Titel ganz zu Ende bist!«

Sie hielten wirklich noch an derselben Stelle und schauten hinter uns drein, ohne ihrem Vorgesetzten folgen zu dürfen. Dieser überhörte die in meinen Worten liegende Ironie, hob den Arm befehlerisch in die Höhe und schrie zurück:

»Vorwärts, vorwärts; ich erlaube es!«

Da ritten sie weiter. Auch wir setzten unsere Pferde wieder in Bewegung, wobei er uns mitteilte, wer sie waren:

»Wer ich bin, das wißt ihr nun, nämlich der allerhöchste Offizier von ganz Dschunubistan. Auf Ritten, wie der jetzige ist, haben mich alle Bestandteile des Heeres zu begleiten. Darum seht ihr hier einen General, einen Oberst, einen Major, einen Hauptmann, einen Leutnant, einen Unteroffizier und einen gewöhnlichen Soldaten.«

»So ist der Zweck dieses deines Rittes gewiß ein sehr militärischer oder, sagen wir, strategischer?« erkundigte ich mich.

Nämlich sein ganzer, langer Titel bedeutete weiter nichts als nur den einen kurzen Ausdruck »Stratege«. Er war, um mich europäisch auszudrücken, wahrscheinlich der Generalstabschef des Scheichs von Dschunubistan.

»Sogar sehr!« antwortete er, indem er mit der Hand an den Säbel schlug und sein Pferd zu einer demonstrierenden Lançade zwang. »Daß die Tschoban euch überfallen sollen, das weißt du schon?

»Allerdings.«

»Und daß wir euch helfen wollen, sie zu besiegen, auch?«

»Ja.«

»Dergleichen Bündnisse sind gewöhnlich äußerst geheim zu halten. Unser Scheich aber, der bekanntlich ein berühmter Diplomat ist, beschloß aus wohlerwogenen Gründen, auf diese Heimlichkeiten zu verzichten. Wir haben ganz in der Nähe des Scheichs der Tschoban unsere besten Spione. Wir erfuhren, daß er seinen Sohn, den Panther, auf Kundschaft nach Ussula geschickt habe. Diesem Panther fällt die Aufgabe zu, die Eroberung von Ussulistan zu leiten. Er hat einen älteren Bruder; der ist ein außerordentlich kluger Mensch, den wir als Ratgeber zu fürchten haben. So lange er und sein Vater, der alte Scheich, daheimbleiben, sind wir gezwungen, zwei Heere zu halten, nämlich eines zur Beobachtung dieser beiden und eines als Verbündete für euch. Darum sannen wir auf ein Mittel, den Scheich samt dem älteren Prinzen zu zwingen, an dem Zug ihrer Krieger nach Ussulistan teilzunehmen. Mit den dann führerlos zurückbleibenden Tschoban hätten wir hierauf leichtes Spiel. Aber wir fanden kein derartiges Mittel. Da plötzlich sandte uns einer unserer Spione einen Eilboten mit der Nachricht, daß der Panther von den Ussul ergriffen worden sei und der alte Scheich sich schnell selbst an die Spitze seiner Krieger stellen werde, um den Engpaß von Chatar zu überschreiten und den Gefangenen zu befreien. Wie lieb uns diese Botschaft war, kannst du dir denken! Nun handelte es sich darum, auch den älteren Prinzen zu entfernen. Wir waren überzeugt, dies durch den Verrat unseres Bündnisses mit euch zu erreichen. Wenn der Prinz erfuhr, daß wir euch zu Hilfe kommen, war er gezwungen, seinen Vater hiervon sofort zu benachrichtigen. Eine so wichtige Botschaft aber vertraut man nicht andern an, sondern man bringt sie möglichst selbst, zumal der Sohn sich unbedingt mit dem Vater zu beraten hat, was geschehen soll, um uns sowohl im Norden bei dem Tschoban als auch im Süden bei den Ussul abzuwehren. Darum schickten wir dem Sohn des Sef el Berinz seinen Eilboten schnell wieder zurück und wiesen ihn an, dem Prinzen zunächst unser Bündnis mit euch mitzuteilen und sodann ihn auf den Gedanken zu bringen, seinem Vater diese Kunde nicht durch einen Boten, sondern in eigener Person zuzutragen.«

»Ist ihm das gelungen? Hat er das erreicht?« erkundigte ich mich, als er eine Pause machte.

»Das weiß ich nicht, denn ich hatte keine Zeit, es abzuwarten«, antwortete er. »Ich bin aber überzeugt, daß der Prinz jetzt schon unterwegs ist. Aber nicht nur er, sondern ich bin es auch! Weil sie beide nach Süden sind, der Scheich der Tschoban und sein älterer Prinz, brauchen wir kein besonderes Beobachtungskorps im Norden. Unser Heer darf also beisammenbleiben und ist sofort nach dem Süden aufgebrochen, nach dem Engpaß von Chatar, um sich mit euern Kriegern zu vereinigen. Ich aber bin selbst vorausgeeilt, um eure Verhandlungen mit unserm Maha-Lama und unserm Minister, falls sie noch zu keinem Resultat geführt haben sollten, schnell zu Ende zu bringen. Vielleicht ist es gut, daß ich schon unterwegs auf euch gestoßen bin. Was sagst du dazu?«

Ich stellte mich tief nachdenklich und sagte zunächst nichts. Ich wollte Zeit gewinnen. Die unvorhergesehenen Tatsachen und Verwickelungen stürmten ja förmlich auf uns ein. Es war, als ob es hoch oben im Norden eine mächtige, starke Hand gebe, die uns die Ereignisse wie Kugeln zuschob, mit denen sie Kegel spielte. Wir aber hier unten dienten als Kegelknaben. Wir hatten weiter nichts zu tun, als jeden Kegel zur rechten Zeit an die richtige Stelle zu setzen.

Vor allen Dingen hatte dieser Tertib We Tabrik Kuwweti Harbie Feminde Mahir Kimesne einen außerordentlichen, ja unverzeihlichen Fehler begangen, ohne es zu ahnen. Er hatte in seinem Eifer einen Namen genannt, den er gar nicht nennen wollte und durfte. Er hatte damit verraten, daß der Mensch, der die Tschoban an die Dschunub verriet, der Sohn jenes Schwert des Prinzen sei, der unser Gefangener war. Hieraus ließen sich Schlüsse ziehen, an die ich mich in diesem gegenwärtigen Augenblick unmöglich wagen konnte.

Sodann drängten sich dadurch, daß die Tschoban von den Dschunub nicht an der im Norden zwischen ihnen liegenden Grenze, sondern hier im Süden angegriffen werden sollten, die Tatsachen so eng und so zwingend zusammen, daß fast gar keine Zeit zum Überlegen blieb. Heut war nämlich schon Sonntag, und für morgen, also den Montag, stand das Eintreffen der Tschoban am Engpaß bevor, falls es bei dem Plan blieb, den uns der Sef el Berinz auf der Insel, als ich mit dem Scheich der Ussul lauschte, verraten hatte. Was gab es bis dahin noch alles zu tun! Würde der Dschirbani zur rechten Zeit mit seinen Hukara eintreffen? Diese höchst wichtige Frage und viele andere, ebenso wichtige, wollten sich mir jetzt aufdrängen; aber ich konnte mich nicht mit ihnen beschäftigen, denn der Stratege mit dem langen Titel nahm mich in Anspruch. Er sagte:

»Nachdem ich euch gesagt habe, wer wir sind, erwarte ich dieselbe Höflichkeit auch von euch. Ich bitte zunächst dich, mir Auskunft zu geben!«

Diese Aufforderung war an Abd el Fadl gerichtet. Er antwortete:

»Ich heiße Abd el Fadl.«

»Bist du auch aus Ussul?«

»Nein.«

»Was dann?«

»Mein Vaterland ist Dschinnistan.«

Da fuhr der Stratege so hoch im Sattel in die Höhe, wie es bei seinem kurzen Oberkörper möglich war, und rief im Ton des Mißtrauens aus:

»Also ein Dschinnistani, ein Feind von uns? Und gibst dich für einen Ussul aus?«

»Wann hat er das getan?« fragte ich. »Ihr habt noch kein einziges Wort miteinander gesprochen!«

Er antwortete streng:

»Weil du ein Ussul bist, mußte ich selbstverständlich auch ihn für einen halten! Ich bitte nun auch um deinen Namen!«

»Man nennt mich Kara Ben Nemsi.«

Kaum hatte ich das gesagt, so hielt er sein Pferd schnell an, griff auch dem meinigen in die Zügel und fragte, noch strenger werdend:

»Ben Nemsi? Bist etwa auch du kein Ussul?«

»Ich bin einer«, antwortete ich.

»Aber dein Name deutet auf eine ganz andere Herkunft! Wo bist du geboren?«

»In Dschermanistan.«

»Das zwischen Inglistan, Frankistan, Russistan und Österandscha liegt?«

»Ja.«

»So bist du doch nicht Ussul! Du hast mich belogen!«

In jedem andern Fall hätte ich dieses letztere Wort energisch zurückgewiesen; hier aber erklärte ich in aller Ruhe:

»Ich bin nicht als Ussul geboren und habe dich aber trotzdem nicht belogen. Ich bin Ussul geworden. Die Ussul wünschten es so.«

»Wer nicht als Ussul geboren ist, kann auch kein Ussul sein und niemals Ussul werden! Ich glaube euch also nicht. Die Ussul sind nicht so klein wie ihr und haben auch nicht solche Pferde. Übrigens kommt ihr nicht von den Ussul her, sondern ihr reitet nach ihrer Gegend hin. Das heißt, ihr kommt aus dem Land der Tschoban. Das ist im höchsten Grade verdächtig. Ihr seid entweder Tschoban oder Freunde und Verbündete von ihnen. Vielleicht ist der ältere Prinz doch daheimgeblieben, und ihr seid die Boten, die er seinem Vater nachsendet, um ihn über unser Bündnis mit den Ussul zu unterrichten!«

»Aber bedenke, daß ich doch wußte, daß euer oberster Minister und der Maha-Lama zu den Ussul geritten sind! Ich muß also Ussul sein!«

»O nein! Denn der Sohn des …« er hielt mitten in der Rede inne und verbesserte sich, indem er fortfuhr: »Unser Spion bei den Tschoban hat gewußt, daß wir diese beiden schicken wollten. Er hat das dem Prinzen gleich auch mit gesagt, und von dem hast dann du es erfahren. Oh, ich durchschaue dich! Ich muß mich sicherstellen. Ich nehme euch gefangen. Hoffentlich leistest du keinen Widerstand, der dir schlecht bekommen würde! Ich bin der Tertib We Tabrik Kuwweti Harbie Feminde Mahir Kimesne des Reiches Dschunubistan! Verstanden?«

»Das imponiert mir nicht«, antwortete ich.

»Aber wir sind acht Personen, und ihr seid nur zwei. Bedenke das!«

»Auch das würde mich nicht hindern, mich zu wehren, wenn ich mich überhaupt wehren wollte. Es wäre aber Unsinn, dies zu tun; denn wir reiten zu den Ussul, und ihr reitet zu den Ussul, und wenn wir hinkommen, wird sich sofort finden, wie die Sache steht. Ich habe also gar nicht nötig, Widerstand zu leisten.«

»Das meine ich auch. Du scheinst mir, deine Verdächtigkeit abgerechnet, ein anständiger und besonnener Mensch zu sein, den man nicht wie einen gemeinen Kerl zu behandeln braucht. Ich müßte dir eigentlich die Waffen abnehmen, will es aber nicht tun, wenn du mir versprichst, dich als unsern Gefangenen zu betrachten und keinen Versuch zu machen, uns zu entfliehen.«

»Ich verspreche beides.«

»Dein Gefährte auch?«

»Ja«, antwortete Fadl.

»Das genügt!« entschied der Stratege. »Ihr werdet einsehen, daß ein Mann von meinem Rang nicht mit Leuten verkehren kann, die seine Gefangenen sind; ich ziehe mich also zurück von euch. Wir werden zwei Abteilungen bilden: vier von uns reiten vorn, vier hinten; ihr aber reitet in der Mitte. Also, rückt ein!«

Es geschah, wie er gesagt hatte: Er setzte sich mit dem General, dem Oberst und dem Major an die Spitze; der Hauptmann, der Leutnant, der Unteroffizier und der Soldat schlossen sich hinten an, und wir, na, wir, wir rückten eben ein! Dann setzte sich der Zug wieder in Bewegung. Jedermann war still, auch Abd el Fadl. Ich sah, indem ich neben ihm herritt, scheinbar ohne ihn zu beachten, daß er mich wiederholt und prüfend betrachtete. Endlich gab er seinen Gedanken Ausdruck, indem er in zurückgehaltenem Ton fragte:

»Willst du wirklich in dieser Weise weiterreiten? Als Gefangener, Effendi?«

»Ja«, antwortete ich.

»Was wird dein Halef dazu sagen! Wie er dich mir und meiner Tochter geschildert hat, habe ich ein ganz anderes Verhalten von dir erwartet.«

»So hat er mich eben falsch geschildert.«

»Was würdest du aber tun, wenn du wirklich kein Ussul, sondern ein Freund der Tschoban wärst?«

»Ich würde den Mann mit dem unendlichen Titel auslachen und alle seine Chargen dazu. Hierzu habe ich aber doch, wie die Verhältnisse hegen, nicht den geringsten Grund. Ich würde uns, wenn ich jetzt so ganz unnötig widerstrebte, das Vergnügen verderben, welches uns daheim erwartet. Unter diesem Daheim verstehe ich natürlich deinen Engpaß, auf dem deine Wohnung liegt.«

»Das Vergnügen? Welches Vergnügen?« fragte er.

»Das Wiedersehen unserer verschiedenen Gefangenen. Als Gefangene betrachte ich schon im voraus auch alle die, die wir noch nicht eigentlich festgenommen haben.«

»Auch diese acht Offiziere hier?«

Er meinte die acht vor und hinter uns reitenden Personen.

»Ja«, nickte ich. »Es wird sich doch wohl sehr interessant gestalten, wenn die beiden Prinzen der Tschoban ganz unerwartet aufeinandertreffen oder wenn unsere jetzigen Begleiter nebst dem Maha-Lama und dem obersten Minister einander eingestehen müssen, daß sie trotz all ihrer vermeintlichen Klugheit, Vornehmheit und Würde unendlich dumm gehandelt haben.«

»Und wenn du dann beide einander gegenüberstellst, die Tschoban und die Dschunub, die erst die Ussul und dann sich gegenseitig selbst überlisten und umbringen wollen und nun zu ihrer Beschämung einsehen müssen, wie sehr sie selbst überlistet worden sind!« fiel Abd el Fadl mit schnellem Verständnis ein. »Ja, du hast recht, Sihdi; es erwarten uns höchst interessante Szenen, die vielleicht schon heut beginnen können. Wir sind nämlich dem Engpaß schon sehr nahe. In einer Stunde haben wir ihn erreicht. Wer aber ist das, da draußen?«

Er deutete bei diesen Worten nach der Ebene vor uns hin, auf der ein dickes, vierfüßiges Tier erschien, auf dem irgend etwas saß. Es kam grad auf uns zugelaufen, und zwar im Zotteltrab. Je mehr es sich uns näherte, desto größer wurde es für uns und desto deutlicher sah man auch, wer es war, den es auf seinem Rücken trug. Man kann sich denken, wie verwundert ich war, als ich Smihk, den Dicken, erkannte! Der kleine Kerl, der auf ihm saß, war Halef. Abd el Fadl hatte recht: Die interessanten Szenen begannen schon heut, schon jetzt.

Die beiden sonderbaren Wesen, die, das eine auf dem andern sitzend, so gar nicht zueinander paßten, erregten erst das Erstaunen und dann die Heiterkeit der Offiziere. Sie hielten an und begannen herzlich zu lachen. Ich nahm ihnen das nicht übel, denn wir lachten beide ja mit, Abd el Fadl sowohl wie auch ich selbst. Dieser Reiter auf diesem Pferd, oder dieses Pferd mit diesem Reiter, das sah allerdings schon an und für sich zu komisch aus, wurde aber noch drolliger dadurch gemacht, daß Halef, der Kleine, anhalten wollte, Smihk, der Dicke, aber nicht. Der Urgaul hatte den Kopf gesenkt, starrte nur immer grad vor sich hin und rannte in schnurgerader Linie weiter und immer weiter, ohne auf die Bitten und Drohungen, Stöße und Püffe seines Reiters zu achten. Dieser hielt zwar die Zügelriemen fest in den Händen, doch war es ihm unmöglich, mit ihrer Hilfe dem kolossalen Nacken des eigenwilligen Ungetümes eine andere Richtung zu geben. Hier konnte nur ich allein helfen. Ich ritt also einige Schritte aus dem Trupp der lachenden Dschunub heraus, sprang vom Pferd und stellte mich dem Durchbrenner mit ausgebreiteten Armen in den Weg. Da sah und erkannte mich der Hadschi.

»Hamdulillah!« jubelte er auf. »Du, Sihdi, du? Rette mich, rette mich! Das Vieh ist übergeschnappt! Die Bestie ist verrückt geworden! Halte sie an, die Lokomotive – halte sie an!«

Jetzt war der Gaul mir nahe.

»Smihk, Smihk!« rief ich ihm entgegen. »Smihk, Smiiihhhk!«

Er erkannte meine Stimme. Er hob den Kopf. Aber die Kraft der Beharrung wirkte derart auf seine Bewegungsnerven und infolgedessen auf seine ungeheure Fleisch-, Fett- und Knochenmasse, daß es ihm unmöglich war, sogleich stehenzubleiben. Ich mußte auf die Seite springen; er rannte vorüber. Aber indem er das tat, sah und erkannte er mich und stieß eine Schrei der Freude aus, der aber so entsetzlich klang, als ob ihm durch diesen meinen Anblick die ganze Seele mitten entzweigerissen worden sei. Dann endlich gelang es ihm zu stoppen. Er drehte sich nach mir um, blieb aber fest, wie angenagelt stehen, warf den Kopf hoch empor, riß das Maul sperrangelweit auf und vollführte dann ein Geschrei, ein Gebrüll, ein Freudengeheul, als ob einige Dutzend Drehorgeln und Leierkästen auf uns losgelassen worden seien. Da verwandelte sich das Lachen der Dschunub auch in ein förmliches Brüllen. Sie konnten nicht anders; sie mußten. Es war geradezu unmöglich, der Lächerlichkeit der Szene zu widerstehen. Auch ich brüllte mit; aber Smihk, der Dicke, überbrüllte uns alle! Dann machte er einen gewaltigen Sprung, noch einen und noch einen, bis zu mir her, zog mir seine Zunge erst quer und dann lang von unten herauf über das Gesicht und war mir für die Ohrfeige, die ich ihm dafür gab und die er wahrscheinlich für eine Liebkosung hielt, so dankbar, daß er vor lauter Wonne wieherte, grunzte, kläffte, blökte, meckerte, schnurrte; gluckste, gackerte, kollerte und girrte, als ob er im Besitz aller Tierstimmen sei, durch die es möglich ist, diejenige Art der Zuneigung auszudrücken, welcher auch die tief unter dem Menschen stehenden Geschöpfe fähig sind.

Ich sah und hörte im Leben wohl viele Menschen lachen, aber mit solcher Urkraft und Ausdauer wie damals die Offiziere der Dschunub nie wieder. Nur einer von uns allen lachte nicht mit, und dieser eine war grad der Held dieses homerischen Gelächters, nämlich mein kleiner Halef Omar, der gar wohl einsah, was für eine komische Rolle er spielte, und uns darum unsere laute Lustigkeit nicht übelnahm, sich an ihr aber nur mit einem ganz kleinen, leisen Lächeln beteiligte. Er wartete geduldig, bis wir aufgehört hatten, und sagte dann zu mir:

»Ich danke dir, Sihdi! Mit dir ist das Viehzeug ins Wasser gesprungen. Mit mir wollte es in fünf Minuten rund um die Erde. Wer sind diese lustigen Leute hier?«

Ich legte meine beiden Hände eng zusammen, was in der Gebärdensprache der Haddedihn die Aufforderung ist, vorsichtig zu sein und ja nichts zu verraten, und antwortete hierauf, indem ich auf den Strategen deutete:

»Dieser hier ist der Tertib We Tabrik Kuwweti Harbie Feminde Mahir Kimesne des Scheichs von Dschunubistan, und die andern sind seine Offiziere.«

Halef war gewiß verwundert, als er dies hörte, ließ sich das aber nicht merken, sondern zuckte die Achseln und antwortete mit einem Blick auf den kurzen Oberkörper des Genannten:

»Sein Titel ist länger als er selbst. Wenn er auf Smihk, dem Dicken, säße, würde er wohl nicht königlicher aussehen als ich! Soll ich mit ihm tauschen? Sein Schimmel gefällt mir sehr!«

»Schweig!« fuhr ich ihn scheinbar zornig an. »Ich bitte mir Achtung aus vor diesem Helden! Wir sind nämlich seine Gefangenen!«

»Seine Gefangenen? Ihr? Du? Gefangener dieser paar Menschen?« fragte er.

Sein Blick, den er im Kreis rundherum gehen ließ, war zunächst ein überraschter, nahm aber sehr schnell einen ganz andern Ausdruck an. Sein Gesicht wurde heiter und immer heiterer. In seinen Mund- und Augenwinkeln begann jener Schalk zu spielen, den ich sehr wohl kannte. Wenn die kleinen Fältchen da so zuckten und zitterten wie jetzt, war stets ein Streich unterwegs, mit dem er einen andern übertölpelte. Da fragte zu seinem eigenen Schaden der Stratege:

»Wer ist dieser kleine Kerl, dieser Mensch, der es wagt, mit mir tauschen zu wollen?«

»Wer ich bin?« antwortete Halef. »Ein Bewunderer deines Schimmels! Das habe ich dir ja schon gesagt! Gib ihn her! Ich will dir zeigen, wie schnell es mit der Gefangenschaft meines Effendi zu Ende ist!«

Er trennte sich mit einem raschen Sprung von dem Urgaul, den er stehenließ. Mit einem zweiten Sprung schnellte er sich zu dem Strategen hin, und mit einem dritten schwang er sich zu ihm auf den Schimmel, so daß er hinter dem Sättel zu knien kam, riß den Reiter aus den Bügeln, warf ihn vom Pferd, setzte sich selbst fest, griff nach den Zügeln und ritt davon, indem er mir zurief:

»Der Tausch ist gemacht. Er reite nun den Smihk!«

Er eilte im Galopp dahin, woher er gekommen war, also dem Engpaß zu. Der zur Erde gestürzte Stratege sprang wieder auf und tat das Allerdümmste, was er tun konnte, nämlich, er rief seinen Leuten zu:

»Ihm nach, ihm nach! Sofort! Fangt ihn! Schießt ihn nieder! Bringt mir mein Pferd zurück!«

Sie gehorchten. Sie ritten davon, aber genau dem Rang nach. Erst der General, zuletzt der »gemeine Soldat«. Jeder wartete, bis sein Vorgesetzter die Verfolgung begonnen hatte, und ritt erst dann hinter ihm her, nachdem dies geschehen war. Das sah nicht nur dumm aus, sondern war auch wirklich dumm, denn Halef bekam dadurch einen Zeitvorsprung, der sich dadurch, daß der Schimmel das beste und schnellste aller Dschunubipferde war, von Minute zu Minute vergrößerte. Als der letzte, nämlich der Soldat, hinter dem Unteroffizier her in Bewegung kam, war der kleine Hadschi beinahe schon am Horizont verschwunden. Da jammerte der Mann mit dem langen Titel:

»Sie holen ihn nicht ein! Sie bekommen ihn nicht! Mein Pferd ist verloren! Ich muß ihm schleunigst nach! Herunter von deinem Rappen! Herunter, augenblicklich!«

Dieser Befehl war nicht an mich gerichtet, denn an mich schien er sich denn doch nicht zu wagen, sondern an Abd el Fadl. Dieser sah mich fragend an, ob er absteigen und ihm Ben Rih überlassen solle. Da deutete ich auf Smihk und antwortete dem Strategen:

»Diese Rappen gehören uns. Nimm dir das Ussulpferd!«

»Das mag ich nicht!«

»So bleib hier sitzen!«

Wir setzten uns in Bewegung. Da griff er Abd el Fadl in den Zügel und rief:

»Her mit dem Hengst! Ihr seid meine Gefangenen und habt zu gehorchen!«

Abd el Fadl aber riß ihm den Zügel wieder aus der Hand und ritt davon. Ich folgte. Als Smihk das sah, warf er den Kopf empor und begann zu jammern. Er wollte nicht mit. Der Stratege aber bekam Angst; er eilte zu ihm hin und kletterte hinauf. Das stimmte den Urgaul sofort um. Sobald er den fremden Reiter auf sich fühlte, brüllte er zornig auf und rannte uns nach, und zwar mit gleichen Beinen. Natürlich konnte er nicht mit uns Schritt halten. Das ärgerte ihn gewaltig. Er brüllte immer lauter.

Als ich nach einiger Zeit nach ihm zurückschaute, sah ich, daß der Stratege sich trotz seiner langen Beine alle Mühe geben mußte, sich auf dem breiten Rücken des Pferdes festzuhalten. Er saß nicht mehr, sondern er lag auf ihm. Indem er sich mit beiden Händen an die Mähne klammerte, war von ihm weiter nichts als nur die Kopfbedeckung zu sehen, und es bekam dadurch den Anschein, als ob sich der hohe, wehende Federbusch auf dem Schädel Smihks befinde. Das sah unendlich drollig aus, konnte von uns aber leider nicht ausgekostet werden, weil wir keine Zeit hatten, uns weiter um dieses Pferd und diesen Reiter zu bekümmern. Wir hatten uns zu bemühen, die vor uns reitenden Dschunub zu überholen, und zwar so rasch und so weit wie möglich. Darum machte ich kurzen Prozeß und rief unsern beiden Hengsten ihre Geheimnisse zu. Was das bedeutet, weiß jeder meiner Leser. Kaum hatten die Rappen die betreffenden Worte gehört, so schienen sie nicht mehr zu laufen, sondern zu fliegen. Der Beduine sagt von dieser fast unglaublichen Schnelligkeit: »Die Hufe fressen die Erde!«

Die Rangachtung verbot, daß irgendeiner der Dschunub seinen vor ihm reitenden Vorgesetzten überholte. Darum ritten sie so, wie sie einander gefolgt waren, nämlich genau in der Rangordnung, und wir überholten sie so, wie sie einander in derselben folgten, nur umgekehrt, nämlich zuerst den Soldaten und zuletzt den General. Wie erstaunt sie waren, als wir wie im Sturm an ihnen vorüberflogen! Nun hatten wir nur noch Halef einzuholen, den wir jetzt noch nicht sahen, so weit war er ihnen voraus.

So lächerlich die Begegnung mit Smihk gewesen war, so ernst und so wichtig hatten wir sie zu nehmen. Hinter uns kamen die Heere unserer Feinde, der Tschoban und der Dschunub, doch ließen beide mich in diesem Augenblick vollständig unbesorgt; ich glaubte an den Sieg. Viel mehr beunruhigte mich das so ganz unerwartete Erscheinen meines Hadschi und des Urgaules. Wo Smihk war, war natürlich auch sein Herr, der Scheich der Ussul. Warum war er gekommen? Was wollte er? War der Dschirbani auch schon da? Es mußte etwas außerordentlich Wichtiges geschehen sein, sonst hätte Halef den Engpaß und Merhameh gewiß nicht verlassen, um uns in die Wüste hinein entgegenzureiten. Ich ahnte, daß wir jetzt während dieses schnellen Rittes ganz ungewöhnlichen Dingen entgegenflogen, und daß mich diese Ahnung nicht täuschte, wird schon die nächste Folge der vorliegenden Erzählung beweisen, die eigentlich jetzt erst zu leben beginnt.



2. Band

Erstes Kapitel

Mit der Natur im Bunde

Als wir die Offiziere der Dschunub überholt hatten, befanden wir uns bereits im geologischen Gebiete der Landenge. Der Sand wechselte mit festem Gestein. Felsenstücke lagen zerstreut umher. Es bildeten sich Bodenerhebungen, die erst nur leise begannen, dann aber um so kräftiger wurden, je weiter wir kamen. Und da sahen wir Halef weit draußen am Horizont, zunächst nur als kleinen Punkt, doch kamen wir ihm so rasch näher, daß wir sehr bald Reiter und Pferd voneinander unterscheiden konnten. Er ritt nicht mehr Galopp, sondern Trab. Darum zügelten wir unseren rasenden Lauf, zumal Halef anhielt, um auf uns zu warten, als er uns kommen sah. Er lachte mit dem ganzen Gesicht.

»Ist er auf den Dicken gestiegen?« fragte er uns schon von Weitem entgegen.

»Ja,« antwortete ich.

»So sei Allah ihm barmherzig und gnädig! Was es heißt, auf diesem Ungetüm zu sitzen, das können nur meine Knochen und Knöchelchen schildern; leider aber bin ich es allein, der ihre Sprache empfindet. Wie kommst
du zu diesen Menschen? Was wollen sie? Warum nahmen sie dich gefangen? Oder vielmehr, warum gingst du darauf ein, als Gefangener zu gelten?«

»Davon später, lieber Halef. Vor allen Dingen muß ich wissen, wie du auf den Gedanken gekommen bist, uns entgegenzureiten, und zwar auf Smihk, der doch in der Hauptstadt zu sein hat, aber nicht hier!«

»Er hat da zu sein, wo sich sein Herr befindet!«

»Ganz recht! Ich habe mir auch, sobald ich ihn sah, sofort gesagt, daß Scheik Amihn uns nachgekommen ist.«

»Nicht nur er, sondern auch Taldscha, seine Frau!«

»Auch sie? Was ist geschehen?«

»Etwas außerordentlich Wichtiges. Du sollst es sofort hören!«

Dieses »Sofort« war bei ihm niemals wörtlich zu nehmen. Er pflegte Dinge, die er für wichtig hielt, stets so ausführlich wie möglich zu behandeln. Darum machte er, während wir weiterritten, eine kleine Kunstpause, um unsere Spannung zu erhöhen, und begann dann an einem Punkte, der scheinbar gar nicht zur Sache gehörte:

»Sihdi, weißt du, daß Ardistan zwar bis an das Meer reicht, aber ohne Häfen und darum auch ohne Schiffahrt ist?«

»Ja. Nur zuweilen kommt ein kühner Indochinese oder Sundamalaye auf leicht gebautem Segler nach der unwirtlichen Küste von Ardistan, um bei den wenigen Menschen, die da wohnen, Waren einzutauschen.«

»Ganz recht, Effendi! Und mit so einem Malayen ist der Diener gekommen.«

»Welcher Diener?«

»Welcher – – –? Ah, richtig! Das weißt du ja noch nicht! Also, der Mir von Ardistan hat jetzt
endlich dem Mir von Dschinnistan den Krieg erklärt, offen, gerade heraus oder – – wie nennt man das in eurem Abendlande?«

»Amtlich, offiziell.«

»Ja, so ist es richtig: amtlich, offiziell. Daß die beiden Söhne des Scheiks der Ussul zur Leibwache des Mir von Ardistan gehören, ist dir bekannt?«

»Ja. Doch glaube ich, daß sie trotz dieser Stellung nur Bewachte, nicht aber Wächter sind. Ich halte sie nicht für Kommandierende, sondern für Geiseln, durch welche sich der Mir Gehorsam erzwingen will.«

»Diese Vermutung scheint sich zu bewähren. Denn die beiden Söhne des Scheiks sind ganz plötzlich verschwunden. Der Mir hat verlangt, daß ihm der Scheik tausend Ussulkrieger sende, um ihm gegen Dschinnistan beizustehen. Da haben die Söhne sich geweigert, dies ihrem Vater zuzumuten. Sie haben erklärt, daß die Ussul nicht den geringsten Grund haben, den Mir von Dschinnistan zu bekämpfen. Hierauf sind sie mit ten in der Nacht, als alles schlief, ergriffen und mit einem ihrer Diener, der sich bei ihnen befand, heimlich fortgeschafft worden. Wohin, das hat man ihnen nicht gesagt. Der Diener aber behauptet, wahrscheinlich nach der Todesstadt, denn sie sei der schon von alters her gebräuchliche Ort, mißliebig gewordene hohe Personen verschwinden zu lassen. Sie wurden auf Pferde gebunden. Der Ritt dauerte lang. Am zweiten Abend gelang es dem Diener, zu entwischen. Er entkam nach der Küste und wurde dort von einem malayischen Schiffer aufgenommen, der ihn gegen das Versprechen einer guten Belohnung quer über die Bai und dann den Fluß hinauf fast bis nach Ussula brachte. Er kam nach der Stadt, gerade als der Dschirbani mit seinen Hukara von dort abgezogen war.
Die Aeltesten wurden schnell zur Beratung zusammengerufen, und man beschloß, dem Dschirbani rasch zu folgen, um mit dir und ihm das Nötige zu besprechen. Die Angst hat den Eltern Flügel verliehen. Sie kamen heut früh hier an.«

»Und der Dschirbani?«

»Schon gestern abend.«

»Aber nicht mit allen seinen Hukara! Das ist nicht möglich!«

»Nein, nur mit einigen. Die übrigen kamen dann während der Nacht, in der Reihenfolge der Leistung ihrer Pferde. Er hat sich keinen Schlaf gegönnt, sondern sofort alle Vorbereitungen getroffen, denen du gewiß gern zustimmen wirst. Es wurden von dem Engpasse bis nach der Hauptstadt Zwischenstationen eingerichtet und bis zum Flusse Wasserposten gestellt, die erst die geleerten und dann die wiedergefüllten Schläuche einander zu reichen haben. Ich habe ihn auch schon zum Brunnen des Engels geführt, über dessen Wert er von sehr hoher Meinung ist. Er hat die Strecke vom Felsenloch bis zum Felsentor genau untersucht – – –«

»Auch den verborgenen Weg?« unterbrach ich ihn.

»Ja, auch den. Und er sagte, daß es keine bessere Falle geben könne als diese. Seine Hukara sind auch schon ganz genau so aufgestellt und unterwiesen, als ob die Feinde augenblicklich zu erwarten seien. Ich glaube nicht, daß du noch irgend Etwas hinzuzufügen hast. Du wirst zufrieden sein.«

»Wie steht es mit dem Palang und seinen beiden Gefährten?«

»Die stecken in einer Felsenenge gefangen, aus der sie nicht entkommen können, und werden von meinem Hu bewacht.«

»Und der oberste Minister und der oberste Geistliche von Dschunubistan?«

»Die stecken in einer anderen Felsenspalte, aus der sie nicht herauskönnen, und werden von Hi bewacht.«

»Also auch gefangen?«

»Natürlich! Sie waren unterwegs dem Dschirbani begegnet und von ihm veranlaßt worden, mit ihm umzukehren, da er derjenige sei, der über ihre Wünsche zu bestimmen habe. Er hatte an ihre Ehrlichkeit geglaubt und sie darum ihrem hohen Range gemäß behandelt. Sobald er aber dann von mir erfuhr, was eigentlich ihre Absicht sei, wurden sie ebenso eingesperrt wie die drei Tschoban.«

»Haben die Tschoban und die Dschunub einander gesehen?«

»Ja. Es ist nicht zu vermeiden gewesen.«

»Nun, und warum kamst Du uns jetzt entgegengeritten? War das der Wille des Dschirbani?«

»Nein; der wünschte es nicht. Aber der Scheik und die Scheikin trieben mich; sie haben Angst um ihre Söhne, und sie glauben, sich mehr auf dich als auf den Dschirbani verlassen zu können. Sie sind ungeduldig zunächst auf deinen Rat. Darum forderten sie mich auf, dir mit der Bitte entgegenzureiten, dich zu beeilen. Und als der Dschirbani meinte, daß dies überflüssig, unter Umständen sogar gefährlich sei, veranlaßten sie mich, es ohne sein Wissen zu tun. Ich konnte nicht widerstehen und hätte gern ein Pferd der Tschoban oder der Dschunub genommen; das hätte mich aber dem Dschirbani verraten, und so war ich denn gezwungen, auf Smihk, dem Dicken, zu klettern und heimlich fortzureiten. Und der war gescheidter als ich. Ich wollte nach Nordost; er aber ging mit mir durch und rannte nach Nordwest; da, Sihdi, traf ich dich!«

Wir waren während dieses Berichtes so weit gekommen, daß wir jetzt die See erblickten und den Felsenzug des Engpasses vor uns liegen sahen. Ich erzählte Halef, was wir unterwegs erlebt und erfahren hatten. Dann war die Landenge erreicht; das Meer erschien auch auf der andern Seite, und in einiger Entfernung stieg gerade vor uns das Felsentor empor. Noch eine Strecke weiterhin trat der erste Posten der Ussul, um sich uns zu zeigen, hinter Steinen hervor, die ihn verborgen hatten. Dieser Posten bestand aus Irahd, dem bekannten Anführer, und acht seiner Leute. Er hatte diesen wichtigen Posten selbst übernommen, um gewiß zu sein, daß nichts Fehlerhaftes geschehe. Und eben, als wir mit ihm sprachen, kam der Dschirbani mit vielleicht einem Dutzend seiner Hukara geritten, um diesen Teil des Kampfplatzes zu besichtigen. Es war ein lieber, warmer, aufrichtiger Händedruck, mit dem er mich begrüßte; vor Abd el Fadl aber verbeugte er sich tief und feierlich, wie vor einer Person vom höchsten Stande. Das fiel mir auf. Einige kurze Fragen und Antworten genügten für ihn und mich, uns gegenseitig das Nötigste mitzuteilen; dann bat er mich, mir die Aufstellung seiner Truppen zeigen zu dürfen. Ich willigte ein, obgleich es mir Spaß gemacht hätte, bei der Gefangennahme der Dschunuboffiziere, die nun bald erscheinen mußten, zugegen sein zu können. Ich belehrte Irahd, wie das zu machen sei, und Halef versicherte mir mit sehr unternehmendem Lächeln, daß ich da ganz unbesorgt sein könne, weil er selbst hierbleiben werde, um für einen festlichen Empfang dieser Herren einzutreten.

Der Dschirbani ließ seine Begleiter hier, um bei der Gefangennahme der Dschunub behilflich zu sein. Er ritt den edlen Schimmel des Maha-Lama, der ein so schnelles
Pferd war, daß wir unsere Besichtigung beträchtlich verkürzen konnten. Ich war nämlich überzeugt, daß der ältere Prinz der Tschoban sich beeilen werde, noch vor Nacht auf der Landenge einzutreffen, und wollte unbedingt dabei sein, wenn er festgenommen wurde. Da galt es also, keine Zeit zu verlieren.

Wir ritten zunächst nach dem Felsentore, wo ich Merhameh begrüßte. Hier stand ein Posten von dreißig Mann, die sich aber bei der Annäherung der Feinde zurückzuziehen hatten. Von da ging es nach dem Felsenloche, wo wir auf einen gleichgroßen Posten trafen. Hier war die Stelle, an welcher der erste Stoß der Tschoban ausgehalten und zurückgewiesen werden mußte; für jetzt aber genügte diese schwache Zahl. Das Gros der Hukara lag noch weiter zurück, nämlich da, wo die Landenge auf ihrer südlichen Seite begann. Wir stießen da auf ein Kriegslager im wahrsten und romantischesten Sinne des Wortes.

Man denke sich die Gestalten dieser riesigen Ussul und ihrer ebenso riesigen Pferde, ihre Bewaffnung, die eigenartige Gewichtigkeit und Massigkeit in ihren Bewegungen und in Allem, was sie taten! Nur ein Homer würde sich an die Beschreibung dieses Lagers wagen dürfen. Durch die Kunde, daß die beiden Söhne des Scheik verschwunden seien, war der Zuzug zu dem Heere des Dschirbani bedeutend vergrößert worden. Es zählte heut bereits zwölfhundert Mann. Und er wies keinen Einzigen zurück, der zu ihm kam, denn sein eigentlicher Plan ging weit über die Landenge Chatar hinaus, und wer sich nicht zum Krieger eignete, der konnte noch im Troß von Nutzen sein. Zwei Relaisketten führten von hier weiter. Die eine nach dem Flusse und von da nach der Hauptstadt; sie hatte täglich den Proviant und das
Wasser für die Pferde zu erneuern. Die andere bis nach dem Brunnen des Engels, von wo das Trinkwasser für die Menschen zu holen war.

Hier, im Lager, trafen wir den Scheik und seine Frau. Die Begrüßung war beiderseits eine herzliche, doch hatte ich keine Zeit, länger als nur einige Minuten zu verweilen, denn wir mußten nach dem nördlichen Auslauf des Engpasses zurück, weil von dieser Seite Alles kam, was zu erwarten war. Vorher aber warf ich noch einen Blick in die beiden Felsenengen, in denen der »Panther« mit seinen beiden Gefährten und die zwei hohen Dschunub steckten. Ich überzeugte mich, daß es aus diesen Gefängnissen kein Entkommen gab, zumal vor jedem einer der Hunde Halefs Wache hielt. Es gab im hiesigen Felsengewühl noch ähnliche Orte in Menge. Wir suchten einen passenden auch für den älteren Prinzen der Tschoban aus, den wir mit seinem jüngeren Bruder nicht zusammenbringen wollten. Es waren teils rein menschliche und teils diplomatische Gründe, die es uns verboten, den Letzteren wissen zu lassen, daß der Erstere anwesend sei, und zwar auch als unser Gefangener.

Nun ritten wir wieder über den Paß zurück und hatten das Vergnügen, schon unterwegs die Beweise zu erhalten, daß Halef und Irahd ihre Pflicht sehr wohl, sogar mit Humor, erfüllten. Wir hatten nämlich, indem wir uns wieder nordwärts wendeten, das »Felsenloch« noch nicht erreicht, so kam uns ein sehr kräftiger Vorposten entgegengeritten. Er saß auf dem Pferde des Generals der Dschunub. Dieser aber lief, sehr gut gefesselt und mit der einen Hand an den Steigbügel gebunden, als Gefangener nebenher. Er wurde zu dem Maha-Lama und dem »obersten Minister« gebracht. Wir ritten sehr ernst vorüber und taten, als ob wir ihn gar
nicht sähen; innerlich aber mußte ich doch lächeln, wenn ich an die ironischen Ermahnungen dachte, die Halef ihm auf alle Fälle mitgegeben hatte. Nur kurze Zeit später brachte ein anderer Ussul in ganz gleicher Weise den Oberst geführt, dem schnell darauf der Major folgte. So ritten wir auch noch an dem Hauptmanne, dem Leutnant und dem Unteroffizier vorbei und erreichten den Posten gerade in dem Augenblick, in dem auch der Soldat gefesselt worden war und soeben fortgeschickt wurde.

»Bist du mit uns zufrieden, Effendi?« fragte Halef. »Mit diesen sind wir fertig. Und nun schau einmal dort hinaus! Da kommen auch noch die letzten Zwei, aber nicht auf-, sondern hintereinander!«

Er deutete nach der Gegend, aus der wir vorhin gekommen waren. Da sahen wir zunächst Smihk, den dicken, der mit gesenktem Kopfe im Zotteltrab auf die Landenge zusteuerte und uns schon ziemlich nahe war. Weit draußen kam der Stratege hinterhergelaufen, und zwar so schnell, wie seine langen Beine den kurzen Körper tragen konnten. Die Kopfbedeckung mit dem Reiherbusch hielt er in der einen Hand, den Säbel in der andern. Am rechten Ort gelassen, hätten beide es ihm unmöglich gemacht, einen solchen Dauerlauf auszuführen.

»Seht, wie er kommt!« forderte Halef die Hukara auf. »Es ist der Tertib We Tabrik Kuwweti Harbie Feminde Mahir Kimesne des tapferen Scheiks von Dschunubistan! Und – –«

Er hielt mitten in seiner Rede, die jedenfalls satirisch werden sollte, inne. Sein Auge war auf einen weiter nach rechts liegenden Punkt des nördlichen Horizonts gefallen, an dem eine Gruppe von drei Reitern erschien, deren Richtung auch gerade nach der Landenge lag.

»Wer mag das sein?« fragte er.

»Der ältere Prinz der Tschoban,« antwortete ich, »mit seinem Freunde und seinem Führer.«

»Hamdulillah! So ist dann unser Tagwerk vollendet! Wie gut, daß er noch vor Abend kommt! Wie soll er behandelt werden?«

Er richtete diese Frage nicht an mich, sondern an den Dschirbani, weil ich ihn angewiesen hatte, nur allein diesen als den gebietenden Feldherrn zu betrachten. Dessen Antwort lautete:

»So, wie ein guter Mensch behandelt werden muß, selbst wenn er als Gegner erscheint. Ich will die Tschoban nicht vernichten, sondern sie aus Feinden in Freunde verwandeln. Und dieser Prinz ist es besonders, auf den ich mich dabei zu stützen habe. Allerdings nur derjenige Sieg ist ein wirklicher Sieg, der alle Feinde vernichtet und keinen einzigen von ihnen übrig läßt. In vergangenen, grausamen Zeiten suchte man dies dadurch zu erreichen, daß man sie ausrottete, sie tötete. Heute und noch viel mehr in der Zukunft aber kommt man viel leichter, viel sicherer und viel menschlicher zu ganz demselben Ziele, indem man den Haß in Liebe kehrt und sich dadurch den Widersacher zum Verbündeten und Helfer macht. Diese letztere Weise soll auch die unsere sein. Ich will durch Liebe siegen, nicht durch Blut und Tod!«

Nun war Smihk so weit herangekommen, daß er uns nicht nur sah, sondern auch erkannte. Er war des fremden Reiters überdrüssig geworden und hatte ihn abgeworfen. Nun er aber bekannte Gestalten erblickte, stieß er einen Jubelschrei aus, der Alles überbot, was bis jetzt von ihm zu hören gewesen war. Ich ging ihm einige Schritte entgegen, um ihn zu liebkosen, wobei er den Schwanz in einen erstaunlichen Freudenwirbel versetzte.
Kurze Zeit darauf stellte sich der Stratege ein, natürlich zu Fuß. Er war ganz außer Atem. Als er Halef und mich sah, blieb er pustend vor uns stehen und begann dann, ein Donnerwetter über uns loszulassen, wurde aber schnell unterbrochen: Zwei stämmige Hukara ergriffen ihn bei den Armen und zogen ihn fort, um ihn dahin zu bringen, wohin ihm seine Untergebenen vorausgeschickt worden waren.

Die Sonne war dem Untergange nahe, als der Prinz der Tschoban sich der Stelle näherte, an der wir uns befanden. Wir waren von den Pferden gestiegen, hatten diese versteckt und dann auch für uns selbst hinter Steinen so gute Deckung gesucht, daß wir nicht gesehen werden konnten. Die drei Reiter hielten sich für vollständig sicher. Sie waren darum nicht wenig überrascht, als wir plötzlich aus unserer Verborgenheit hervortraten und einen so dichten Kreis um sie bildeten, daß sich ihre Pferde nicht bewegen konnten.

»Ussul!« rief der Prinz, der sofort aus dem Aeußeren der Leute, die ihn überfielen, ersah, zu welchem Volke sie gehörten. »Wer bist du?«

Diese Frage war an den Dschirbani gerichtet, der zu ihm herantrat und nach der Maulkette seines Pferdes griff, um vor allen Dingen dieses in seine Gewalt zu bringen.

»Man nennt mich den Dschirbani,« lautete die Antwort.

»Der Dschirbani bist du?« sagte er, indem er ihn mit einem langen, aufrichtig forschenden Blicke musterte. »Ich habe dich noch nie gesehen, und doch ganz anders von dir gedacht, als törichte Leute denken. Und nun ich dich zum ersten Male sehe, gefällst du mir, und ich möchte darauf schwören, daß ich mich nicht in dir geirrt habe.
Was willst du von mir? Warum drängt ihr euch an uns heran?«

»Um euch gefangen zu nehmen.«

»Aus welchem Grunde? Euch an uns zu vergreifen, habt ihr weder Ursache noch Recht. Der Engpaß von Chatar liegt zwischen eurem und unserm Gebiet. Nur seine südliche Hälfte gehört euch, die nördliche aber uns. Wir befinden uns jetzt auf der nördlichen, also auf unserm eigenen Gebiete. Wie könnt ihr es wagen, uns da gefangennehmen zu wollen?«

»Weil ihr nach der Landenge kommt, um sie zu überschreiten und uns zu überfallen?«

»Kennst du mich?«

»Ja. Und ich will ebenso aufrichtig sein wie du, indem ich dir sage, daß ich dich achte. Aber wir haben deinen Bruder ergriffen, als er bei uns spionierte, und wir wissen Alles. Du wirst sehr bald erkennen, daß ich weder dein Feind noch derjenige deines Stammes bin, doch jetzt muß ich mich für einstweilen deiner Person versichern.«

»Mit welchem Rechte gerade du?«

»Ich bin der Anführer der Ussul?«

»Du? Du? Der Anführer der Ussul?« fragte der Prinz erstaunt. »Seit wann haben die Ussul begonnen, klug und einsichtsvoll zu werden?«

Da trat Irahd an ihn heran und antwortete an Stelle des Dschirbani:

»Seit sie sich entschlossen haben, die Verteidigung in den Angriff zu verwandeln. Du bist Sadik, der erstgeborene Prinz der Tschoban, und ich bin Irahd, der Unteranführer der Ussul. Es wird dir nichts geschehen. Du sollst nur für heute gefangen sein. Komm, wehre dich nicht!«

Der Prinz wurde mit seinen Begleitern von den riesigen Ussul derart zusammengedrängt, daß er sich abführen lassen mußte, ohne den geringsten Widerstand leisten zu können. Nachdem hierauf die nötigen Weisungen für die Nacht erteilt worden waren, ritten wir wieder den ganzen Engpaß entlang dem Lager zu. Dort war für den Scheik ein Zelt errichtet, vor dem das Abendessen auf uns wartete. Bewirtet wurden wir von ihm und seiner Frau. Geladen waren Abd el Fadl, Merhameh, der Dschirbani, mein Hadschi Halef und ich. Der Dschirbani hatte geglaubt, daß ich Abd el Fadl kenne. Erst während dieses Rittes zum Abendessen erriet er aus einer Aeußerung von mir, daß dies nicht der Fall sei. Da fragte er mich:

»Wann hast du Abd el Fadl zum ersten Male gesehen?«

»Erst vor einigen Tagen, hier,« antwortete ich.

»Weißt du, wer er eigentlich ist?«

»Nein.«

»So erfahre und erstaune: er ist der Fürst von Halihm. An Reichtum kommt ihm Keiner gleich im ganzen Ardistan. Und doch siehst du ihn einfacher und bescheidener, als mancher Bettler ist. Er hat ein Gelübde getan; welcher Art es ist, das weiß man nicht genau, weil er niemals davon spricht. Es ist das ein Geheimnis, das er nur mit Merhameh, seiner Lieblingstochter, teilt.«

»So ist sie nicht sein einziges Kind?«

»Nein. Er hat noch Söhne und Töchter, die hoch am Throne wohnen. Nimmt er sich unser an, so ist uns viel geholfen!«

Das heutige Nachtmahl war dadurch ausgezeichnet, daß der Simmsemm vollständig fehlte. Es gab nur
Wasser zu trinken. Die Einladung kam aus dem Herzen, hatte aber auch noch den besondern Zweck, uns die Befreiung der beiden Söhne des Scheiks an das Herz zu legen. Der Letztere war mit dem festen Entschlusse gekommen, an unserm Zuge nun persönlich teilzunehmen, um den Mir von Ardistan zur Herausgabe der Gefangenen zu zwingen. Es kostete uns viele Mühe, ihn davon abzubringen, indem wir ihn zu der Ueberzeugung brachten, daß er uns viel eher hinderlich als förderlich sein werde. Seine brave, einsichtsvolle Frau ging uns hierbei recht wacker an die Hand. Sie war nur mitgekommen, um ihn von der Ausführung dieser seiner Absicht abzuhalten. Sie liebte ihre Söhne nicht weniger als er; aber sie wußte, daß er seinem ganzen Wesen nach weiter gar nichts als nur Ussul war und jenseits der Grenzen seines Landes und seiner persönlichen Verhältnisse auf Gehorsam und Erfolg verzichten müsse. Ich fühlte mich außerordentlich befriedigt, als es uns mit dieser ihrer Hilfe gelungen war, seinen Plan zurückzuweisen und ihn zur Heimkehr zu bewegen. Freilich sollte diese Heimkehr nicht eher angetreten werden, als bis der Sieg hier an dem Engpasse endgültig entschieden sei; das machte er zur Bedingung.

Eine wirkliche Freude war es mir, zu sehen, daß der Scheik sich schon heut, nach so wenig Tagen, zum Dschirbani ganz anders verhielt als bisher. Nun, wo nicht mehr die Materie, sondern der Geist zu gebieten hatte, ließ sie sich allmählich herbei, seine Rechte anzuerkennen.

Von Abd el Fadl und seiner Tochter sei heute nicht besonders gesprochen. Wir standen vor großen, hochbedeutenden Ereignissen, die sich auf dem Engpasse, und zwar genau auf der Mitte desselben, vollziehen sollten. Es ist also gar wohl am Platze, heut, am letzten Abende
vor Eintritt dieser Ereignisse, ein kurzes, deutliches Bild ihres Schauplatzes zu geben.

Die Landenge verband die im Norden von ihr liegende Wüste der Tschoban mit dem südwärts angrenzenden Lande der Ussul. Im Süden gab es Wasser, im Norden aber nicht. Es war zu erwarten, daß die Tschoban mit ihren Pferden halbverdurstet anlangen würden. Sie rechneten jedenfalls darauf, über den Paß sehr schnell hinwegkommen und drüben den Fluß erreichen zu können. Dies ihnen unmöglich zu machen, darin bestand unser Plan. Sie mußten auf der Landenge festgehalten werden. Der Durst sollte unser Verbündeter sein. Wir hofften, daß er sie zwingen werde, sich uns auf Gnade oder Ungnade zu ergeben. Dazu war freilich nötig, daß die Einschließung sich so eng und so qualvoll für sie gestaltete, daß ihnen keine Hoffnung auf irgend eine andere Rettung blieb. Glücklicherweise kam uns die Natur durch die eigenartige Gestaltung des Engpasses in ganz besonders freundlicher Weise entgegen. Er zerfiel nämlich in drei fast ganz gleich lange Teile. Zwei Querhöhen reichten über ihn hinweg von einem Meere bis zum andern. Es gab also einen nördlichen, einen mittleren und einen südlichen Teil, die vollständig voneinander getrennt gewesen wären, wenn sich nicht in jeder der beiden Querhöhen ein schmaler Durchgang befunden hätte, durch den die Verbindung sich ermöglichte. Diese beiden natürlichen Quermauern waren das »Felsentor« und die hohe, steinige Wand des »Felsenloches«. Das erste, nördliche Drittel des Passes ging von der Wüste der Tschoban bis nach dem »Felsentore«. Das letzte, südliche Drittel reichte vom Lande der Ussul bis an das »Felsenloch«. Zwischen beiden, also zwischen dem »Felsentore« und dem »Felsenloche«, lag das mittelste
Drittel, welches die eigentliche Falle bilden sollte. Wenn meine Berechnung richtig war, so gingen die Tschoban ganz bestimmt in diese Falle, und zwar nicht etwa zögernd, sondern schnell. Ich glaubte nicht, daß sie sich Zeit nehmen würden, die Oertlichkeit genau zu untersuchen, sondern ich war überzeugt, daß der Durst sie treiben werde, so rasch wie möglich über den Paß hinüber zu kommen. Das »Felsentor« stand ihnen offen, sollte aber hinter ihnen sofort besetzt werden. Wenn sie das »Felsenloch« erreichten, wurden sie nicht hindurchgelassen. Dann konnten sie weder vor- noch rückwärts und waren ganz in unserer Hand.

Es war mein Wunsch, daß gar kein Blut vergossen werde; aber wenn ich mich in die kommende Situation hineindachte, erschien es mir als sehr wahrscheinlich, daß wenigstens an beiden Enden der Falle ein Kampf nicht zu vermeiden sei. Denn es war anzunehmen, daß die Tschoban den Versuch machen würden, sich hier oder dort, vielleicht gar an beiden Stellen, den Durchlaß zu erzwingen. Daß diese Versuche ebenso erfolglos wie blutig sein mußten, verstand sich ganz von selbst. Als ich während des Abendessens gegen den Dschirbani hierüber eine Bemerkung machte, sagte er:

»Sei ohne Sorge! Es wird kein einziger Tropfen Blut vergossen werden. Die Vorbereitungen sind schon getroffen, nur sahst du sie noch nicht, denn du hattest keine Zeit. Ich werde sie dir nach dem Essen zeigen. Ich habe mich mit allen vier Elementen verbunden – – –«

»Etwa mit Feuer, Wasser, Luft und Erde?« unterbrach ich ihn.

»Ja. Und diese unsere vier Freunde sind, wie ich sehe, fest entschlossen, sich unserer Sache kräftigst anzunehmen.«

Indem er das sagte, warf er einen forschenden Blick auf die beiden Meere hinaus und dann nach dem Himmel empor.

»Von zwei Elementen gebe ich das zu,« bemerkte ich. »Die Erde hat uns aus ihrem festesten Gestein die Riesenfalle gebaut, und das Wasser hält an beiden Seiten die Tschoban ab, diese Falle zu verlassen. Wie aber ist es mit dem Feuer und der Luft?«

»Schau zum Himmel auf! Zwar scheint der Mond, aber kein einziger Stern ist zu sehen, obgleich ihrer Tausende dort stehen müßten. Das Firmament gleicht einer Stubendecke, die mit gelber, dicker Tünche angestrichen ist. Nur der Mond dringt da hindurch, ein Stern aber nicht. Das fällt nur dir nicht auf, der du ein Fremder bist. Wir aber kennen unser Land und ebenso auch unsern Himmel. Morgen gibt es Sturm, und dann wirst du deutlich sehen, daß die Luft mit uns im Bunde ist.«

»Und das Feuer?« fragte ich.

»Das wird uns Pulver ersparen,« antwortete er. »Sobald ich hier ankam, wurde ich von Halef und Merhameh auf das Felsentor geführt. Indem ich von da oben herab die ganze Falle überblickte, kam mir der Gedanke, ihre beiden Ausgänge nicht mit Pulver und Blei, sondern durch das Feuer bewachen zu lassen. Ich säumte nicht, die hierzu nötigen Vorbereitungen zu treffen. Eine Schar meiner Hukara mußte zurückreiten, um da, wo der Wald beginnt, das nötige Holz zu fällen und mit Hilfe ihrer starken Pferde herbeizuschleppen. Schon liegt ein großer Vorrat hier, und sie arbeiten noch immer. Während der heutigen Nacht wird davon so viel, wie wir brauchen, nach dem Felsenloch geschafft, um dort, sobald es morgen dunkel wird, in Brand gesteckt zu werden – – –«

»Das ist ja ein ganz vortrefflicher Gedanke!« unterbrach ich ihn. »Natürlich geschieht ganz Aehnliches am Felsentore? Nur daß wir das Holz leider nicht vorher dort aufstappeln können, denn es würde uns verraten. Wie werden wir das machen?«

»Es ist bereits gemacht oder doch wenigstens schon im Gange. Dieses Holz wird nämlich in Gestalt von kleinen Flößen längs des Ufers der heut noch ganz ruhigen See nach dem nördlichen Ende der Landenge gerudert und dort so versteckt, daß die Tschoban, wenn sie kommen vorüberreiten, ohne es zu sehen. Du weißt, wie prächtig die Ussul mit solchen Flößen umzugehen verstehen.«

»Das weiß ich wohl, und ich muß dich herzlich loben. Wie vortrefflich wäre es, wenn wir die Passage nicht nur teilweise, sondern ganz und vollständig mit Feuer verstopfen könnten. Leider aber ist, um nur von der einen Stelle zu reden, das ›Felsenloch‹ nicht ein wirkliches, kleines Loch zu nennen, welches nur die Breite des Weges besitzt, sondern es kommt hierzu auch noch die ganze Breite des alten Flußbettes. Es ist aber ganz unmöglich, so viel Holz herbei zu schleppen, um ein Feuer von solcher Ausdehnung anzünden und unterhalten zu können.«

»Da kommt das Wasser zu Hilfe!« lächelte er. »Bei solchem Sturm, wie für morgen zu erwarten ist, füllt der Fluß sich schnell mit Wasser. Die Wogen werden hoch am Felsen emporgetrieben und treten da in Risse und Rinnen ein, die in das trockene Bett hinunterführen. Wenn der Sturm sich nach der Ebbe mit der steigenden Flut verbindet, kommt es vor, daß der alte Fluß das eindringende Seewasser nicht zu fassen vermag. Es tritt dann über die Ufer und steigt auch dort noch mehrere Fuß empor, um an dem Wege längs der Felsen Spuren
zu hinterlassen, die du nur deshalb nicht bemerkt oder nicht beachtet hast, weil du so Etwas für ausgeschlossen hältst.«

»Höchst wunderbar! Und einen solchen Sturm vermutest du grad für morgen, also für den Tag, an dem die Tschoban kommen und hier gezwungen werden sollen, Frieden zu halten. Ist das Zufall?«

»Zufall?« antwortete er. »Ich weiß, daß auch du nicht an den Zufall glaubst, Shahib. Sobald der Mensch nicht künstlichen Gesetzen folgt, sondern nur den natürlichen, die ihm Gott gebietet, steht ihm die ganze irdische Natur als Helferin zur Seite. Dann geschehen Zeichen und Wunder, deren Zusammenhang mit unserm Wünschen und Wollen nur Gott allein erklären könnte, wenn wir klug und gläubig genug wären, ihn zu begreifen. Doch, philosophieren wir nicht, sondern bleiben wir praktisch! Fassen wir dankbar zu, wenn uns der Himmel Hilfe schickt, obgleich wir nicht glauben, sie auf uns beziehen zu dürfen. Sie ist dennoch für uns bestimmt!«

Als wir uns nach dem Essen von unserm Wirte und unserer Wirtin verabschiedet hatten, führte er mich an die See, wo ich sah, wie die Flöße gebildet und dann längs der Küste fortgerudert wurden. Dann ritt ich mit Halef noch nach dem »Felsentore«, wo wir an derselben Stelle schlafen wollten, an der wir am ersten Abend nach unserer Ankunft hier geschlafen hatten, im weichen Sande, der zwischen schützenden Felsen lag, die den Sturm abhielten, falls er sich schon während der Nacht erheben sollte. Bei unserer Ankunft am »Felsenloche« fanden wir vor diesem schon solche Mengen Holz aufgestapelt, als ob wir glaubten, die beabsichtigten Feuer nicht nur einen Tag, sondern eine ganze Woche brennen lassen zu müssen. Und das war gut, wie sich bald zeigen wird!

Mein kleiner Hadschi Halef war, ganz gegen seine sonstige Art und Weise, heut abend auffallend still. Er fühlte, daß ich dies besonders bemerkte, und sagte, um mir eine Erklärung dafür zu geben:

»Wir haben schon viel erlebt, Sihdi, aber so Wichtiges, wie jetzt, wohl noch nie. Selbst jenes alte Ereignis im ›Tal der Stufen‹, das dem gegenwärtigen so ähnlich scheint, hat mich nicht so tief ergriffen, wie mich die jetzige Zeit berührt. Und weißt du, was das Sonderbarste hierbei ist?«

»Nun? Was?«

»Daß ich dem Dschirbani vollständig vertraue. Früher hätten alle Fäden in deiner und meiner Hand vereinigt sein müssen. Wenn nicht, so hätte ich von der ganzen Sache nichts wissen mögen. Und heute ist es ganz anders. Ich trete mit Vergnügen zurück. Ich gönne dem Dschirbani die Kraft und den Mut, seinen eigenen, großen, gefährlichen Weg zu gehen. Es ist mir ganz recht, daß wir nicht an der Spitze stehen. Wir wollen hinter ihm bleiben, ihn schützen, ihm helfen. Und so freue ich mich darüber, daß er jetzt beginnt, selbständig aufzutreten. Wie höflich er während des Essens mit dem Scheik war, und wie rücksichtsvoll gegen dessen Frau! Und doch wie energisch schob er jeden Versuch zurück, ihm Verhaltungsmaßregeln vorzuschreiben! Er sagte, es gebe hier nur einen einzigen Kommandanten, und der sei er. Der Scheik sei verpflichtet, für das Heer zu sorgen. Das nehme alle seine Kraft und Zeit so sehr in Anspruch, daß er sich ganz unmöglich auch noch um die Taktik und Strategie bekümmern könne. Und die Frau des Scheiks gab unserm Schützling recht! Er beginnt, sich zu fühlen und sich zu entwickeln!«

Es war still um uns her, als wir uns niederlegten,
und es blieb auch ferner still. Wir schliefen, wie bereits gesagt, an derselben Stelle; aber heut erklang das »Gebet von Dschinnistan« nicht von der Höhe des Felsentores herab. Waren Vater und Tochter nicht oben? Oder schwiegen sie, weil ein Posten der Hukara hier in der Nähe lagerte? Uebrigens verhielten sich diese Leute außerordentlich ruhig. Sie störten uns nicht. So schliefen wir ganz prächtig, von meinen Hunden bewacht, die in der ganzen Zeit, auch während des Essens, nicht von unserer Seite gekommen waren.

Wir erwachten erst bei Tagesanbruch. Es war ein wichtiger Tag, der schon gleich früh durch sein ungewöhnliches Aussehen zeigte, daß er sich nichts Uebliches, sondern ganz Absonderliches vorgenommen hatte.

Wir befanden uns zwischen engen, steil anstrebenden Felsen und hatten infolgedessen einen kleinen, sehr schmalen Horizont. Aber so unbedeutend das Stück Himmel war, das wir über uns sahen oder vielmehr gar nicht sahen, es war doch groß genug, uns zu zeigen, daß der Dschirbani mit seiner Voraussage, es gebe heute Sturm, Recht gehabt hatte. Als wir vom Schlafe erwachten, hörten wir ein Brausen wie von den allertiefsten Orgelstimmen, durch welches von Zeit zu Zeit das hohe, spitze, schrille Pfeifen einer Klarinette fährt. Und dieses Pfeifen und Brausen hörte nicht auf; es dauerte fort. Wenn es ja einmal für einige Augenblicke schwächer wurde, so stieg es dann um so höher zur vollsten Stärke auf. Für uns wurde es durch die Felsen gemildert, die uns wie mächtige Wände beschützten und das Toben des Sturmes nicht direkt an unser Ohr gelangen ließen. Der Himmel hing, wie man sich auszudrücken pflegt, fast bis zur Erde herab. Er bestand nur aus dunklen, schweren Wolken, die aber keine kompakte Masse bildeten, sondern wie zerfetzte und
zerrissene Teppiche, Tücher und Schleier quer über die Landenge dahingejagt wurden. Ich sage quer; denn der Sturm kam aus Ost und traf den Engpaß also in seiner ganzen Länge. Er wühlte die Wasser des Meeres auf, hob sie hoch empor und zwang sie, an den Felsen hinaufzuklettern und jene Risse, Rinnen und Rillen zu finden, die bereits erwähnt worden sind. Aus diesen ergoß sich die Flut dann zu uns herein in das alte Flußbett. Sie stürzte, so weit wir sehen konnten, wie in zahlreichen Sturzbächen nieder, die nicht kontinuierlich, sondern stoßweise arbeiteten, ganz den Stößen des Orkans gemäß, die von Pause zu Pause erfolgten. Die Menge des Seewassers, die in dieser Weise draußen empor-, und dann zu uns hereingetrieben wurde, war sehr bedeutend. Sie hatte bis jetzt schon den ganzen Grund des Flusses ausgefüllt und stieg immer höher und höher. Hierzu kam, daß die Nordwinde den Sand der Wüste jahrhundertelang wie durch ein Blasrohr über die ganze Länge des Engpasses gepustet hatten. Auf der anderen Seite, also im Süden, hatte er sich angesetzt. Hierdurch war das Gefälle des Flußbettes so verringert worden, daß es fast gar keines mehr gab. Das Wasser stand; es floß nicht ab, wenigstens jetzt noch nicht. Vielleicht konnte es später, wenn es höher gestiegen war, ins Fließen kommen. Es stand jetzt schon mehrere Fuß hoch. Wenn der Seegang in der bisherigen Weise arbeitete, handelte es sich nur um einige Stunden, so war das Flußbett vollständig unwegsam gemacht und wir konnten die beiden einzigen passierbaren Stellen, um mich des Ausdruckes zu bedienen, den der Dschirbani angewendet hatte, »mit Feuer verstopfen«.

Eben als wir aufgestanden waren, kam Merhameh. Sie hatte gewußt, wo wir schliefen, und uns ein Frühstück
zubereitet, das sie uns jetzt brachte. Während wir es verzehrten, kam der Dschirbani, um nach Norden hin, woher wir die Tschoban erwarteten, Ausschau zu halten. Ich begleitete ihn. Er deutete nach dem Flusse und sagte:

»Du siehst, der Sturm ist da. Ich vermute sogar, daß er sich zum Orkan erhebt. Und auch die Wasser kommen. Nur noch zwei Stunden, so sind nicht nur wir, sondern auch alle Elemente vollständig bereit, die Tschoban zu empfangen.«

»Die, wenn sie einmal kommen,« fügte ich hinzu, »gewiß keinen Augenblick säumen werden, in die Falle zu gehen.«

»Zu dem Durste gesellt sich nun auch der Sturm, um sie schnell hinein zu treiben.«

»Mich und Halef aber verhindert er, ihnen entgegen zu reiten.«

»Du wolltest?« fragte er.

»Ja, natürlich! Unser Warten auf sie ist doch immerhin ein ungewisses; wir aber hätten euch Gewißheit gebracht. Darauf müssen wir nun leider verzichten. Draußen in der Wüste sieht es jetzt ja noch ganz anders aus als hier bei uns, die wir uns im Schutz der Felsen befinden. Da denke ich eben daran, daß sich die Flößerei des Brennholzes bei diesem Wogengang von selbst verbietet. Haben wir auf dieser Seite Holz genug?«

»Ich hoffe es. Wir werden ja gleich sehen. Der Transport auf dem Wasser ist nicht mehr möglich. Wird mehr gebraucht, als geschafft werden konnte, so muß es auf dem verborgenen Pfad geschehen, der das Felsenloch mit dem Felsentor verbindet. Komm!«

Mein und Halefs Schlaf war so fest gewesen, daß wir von den Vorbereitungen, die während der Nacht getroffen worden waren, gar nichts bemerkt hatten. Es
lag in der Möglichkeit, daß die Tschoban sich nicht erst heut, sondern schon während der Nacht einstellten. Darum hatte der Dschirbani schon gestern abend, noch während wir aßen, so viel Hukara nach Norden geschickt, wie nötig waren, die Falle hinter den Hineingeratenen zu schließen. Eine Anzahl von ihnen hatte sogar hinaus in die offene Wüste reiten müssen, um auch während der Nacht die etwaige Ankunft der Erwarteten zu erspähen und zu melden. Diese Leute lagen auch jetzt noch draußen, trotz des Sturmes und trotz der ungeheuren Mengen von Sand, mit denen er die Luft erfüllte und die es ganz unmöglich machten, einen Blick in die Ferne zu werfen.

Die Hukara, welche außerhalb des Felsentores postiert waren, bildete ein Drittel unseres Heeres, also vielleicht vierhundert Mann. Das ist schon eine nicht unbedeutende Zahl. Dennoch war, als wir jetzt hinauskamen, keine Spur von ihnen zu sehen, so gut hatten sie sich versteckt. Auch das Brennholz lag verborgen. Der Dschirbani, der die Stelle kannte, führte mich hin. Es war kaum glaublich, welche Haufen von Stämmen, Klötzen, Aesten und Reisern man da zusammengeschleppt hatte. Mir kam es weit mehr als genügend vor, und doch stellte sich dann später heraus, daß es noch nicht reichte. Es mußte noch mehr hinzugetragen werden, und zwar auf dem geheimen Bergpfade, ganz so, wie der Dschirbani gesagt hatte.

Hier auf diesem nördlichen Drittel des Engpasses befehligte Irahd. Als er uns sah, kam er aus seinem Versteck hervor und begleitete uns weiter. Das Wasser stieg im Flusse zusehends. Das Heulen des Sturmes war hier außen noch ganz anders zu hören als innerhalb des Felsentores. Und je weiter wir kamen, um so stärker
fühlten wir die Luftbewegung, die auch uns erfaßte. Der Sturm wurde so kräftig, daß es schien, als ob er uns umwerfen werde. Und als wir das Ende der hohen uns schützenden Felsendünen erreichten, war die Luftbewegung viel richtiger eine Sandbewegung zu nennen. Das ganze Sandmeer der Wüste schien aufgewühlt zu sein. Es wurde in riesigen Streuwürfen und Schwaden vor dem Winde hergetrieben, eine fliegende Wüste, die der Geist der Lüfte mit tausend Geißeln peitschte!

Wie gern wäre ich mit meinen Hunden mitten in dieses Unwetter hineingeritten, um selbst zu sehen, ob und wann die Tschoban zu erwarten seien. Ich traute den paar Ussul, die da draußen lagen, nicht die nötige Uebung und Ausdauer zu. Aber mein Syrr war mir denn doch zu kostbar, als daß ich ihm zumuten durfte, Augen, Ohren und Nüstern in zehn Minuten voller Sand zu haben und um eines groben Dienstes willen, für den er viel zu fein und edel war, an einer Lungenentzündung zu Grunde zu gehen. Ich verzichtete also darauf und kehrte mit dem Dschirbani und Irahd nach dem Felsentore zurück, um sodann mit Halef nach dem Felsenloch zu reiten, wo auch vierhundert Hukara lagen, die den Anprall der Tschoban auszuhalten hatten. Sie waren hierzu so wohlgerüstet, daß an ein Mißlingen ihrer Absicht gar nicht gedacht werden konnte. Denn das Wasser im Flusse war mittlerweile schon über einen Meter hoch gestiegen und begann nun, auch auf der Leeseite hereinzuströmen, nachdem sich der ungeheure Wogenschlag auch nach der westlichen Seite der Halbinsel der Ussul fortgepflanzt hatte. Nun, da die Füllung der Flußrinne von zwei Seiten aus geschah, war das Passieren des Felsenloches nur auf dem schmalen Uferpfade möglich, und diesen hatte man mit einem mächtigen Holzhaufen versperrt, der nur
angezündet zu werden brauchte, um jeden Versuch, ihn zu entfernen, zu vereiteln. Dabei standen die Vierhundert mit ihren Waffen, um das Feuer unablässig zu schüren und jedes Vordringen der Feinde zurückzuweisen.

Hierauf ritten wir nach dem südlichen Ende des Engpasses, wo sich, um mich militärisch auszudrücken, das Hauptquartier befand. Noch gestern abend hatte es draußen, vor den Felsenhöhen, auf der freien Ebene gelegen; jetzt aber war es wegen des Sturmes hereinverlegt worden, wenn auch nur für die Menschen, denn für die vielen Pferde gab es hier innen keinen Raum. Die letzten vierhundert Ussul, das dritte Drittel, das nicht direkt mit dem Feind zu tun bekam, war mit der Unterhaltung der Zwischenposten, der Beschaffung von Wasser und Proviant und ähnlichen wirtschaftlichen Dingen betraut, die zwar nicht kriegerisch sind, aber doch zum Kriege und auch zum Siege gehören. Ich erkundigte mich nach unsern Gefangenen und erfuhr, daß der Panther mich dringend zu sprechen wünsche; ich beschloß, noch im Laufe des Tages zu ihm zu gehen. Vor allen Dingen hatten wir unsere beiden Pferde, die wir jetzt nicht mehr brauchten, weil alle Wege zu Fuß gemacht werden mußten, so unterzubringen, wie es ihr Wert erheischte. Wir fanden zwischen schützenden Felsen einen Platz für sie, wo sie vor den Unbilden des Sturmes geschützt waren und von Niemand belästigt werden konnten.

Von dem Augenblicke an, da die Ankunft der Tschoban gemeldet wurde, war Folgendes vorgesehen: Der Dschirbani sollte als Kommandant seinen Platz möglichst in der Mitte der Aufstellung haben. Er wählte sich hierfür eine Stelle, die oben an dem verborgenen Pfade fast grad auf halbem Wege zwischen dem Felsenloche und dem Felsentore lag. Da gab es ein überhängendes,
ausgehöhltes Felsenstück, welches Platz für wohl ein Dutzend Personen bot und selbst beim ärgsten Regen trocken blieb. Von hier aus hatte man gleich weit nach den beiden Punkten, wo die Feuer brennen sollten, und die Meldungen und Befehle konnten hin und hergehen, ohne von den dazwischen, aber tief unten liegenden Tschoban bemerkt und aufgefangen zu werden. Der Dschirbani bat Halef und mich, ihm an dieser Stelle Gesellschaft zu leisten; ich aber wollte ihm so viel wie möglich freien Willen und freie Hand lassen und erwirkte also seine Einwilligung, dahin zu gehen, wohin es mir beliebte.

Es war noch nicht Mittag, so gegen elf Uhr europäischer Zeit, als die in die Wüste hinausgesandten Posten mit der Meldung zurückkehrten, daß die Feinde im Anzug seien. Diese wackern Hukara hatten vom Sande und vom Sturme viel auszustehen gehabt und ihre Sache sehr gut gemacht. Sie waren ungesehen geblieben und sahen sehr mitgenommen aus. In welchem Zustande mußten sich da erst die Tschoban befinden! Der Dschirbani begab sich sofort nach seinem Posten. Wir Beide, nämlich Halef und ich, schnallten meinen zwei Hunden so viel Proviant und Wasser auf, als wir von heut bis morgen brauchten. Dadurch machten wir uns frei von Ort, Zeit und Pflege. Dann gingen wir am immer höher wachsenden Flusse bis zum Felsentore. Indem wir hierbei die Falle in ihrer ganzen Länge durchschritten, sahen wir, daß die Hukara jede Spur von sich und uns sorgfältig vertilgt hatten. Das machte mich noch ruhiger und zuversichtlicher, als ich ohnehin schon war. Vom Felsentore aus nahmen wir genau denselben Weg empor, den wir mit Merhameh hinaufgestiegen waren. Da oben wütete der Sturm so heftig, daß man sich zuweilen festhalten mußte, um nicht umgerissen und weggefegt
zu werden. Nach Abd el Fadls Steinhütte zu gelangen, war ganz und gar unmöglich. Wir waren froh, eine nach Norden offene Felsenritze zu finden, an welcher der von Osten wehende Sturm vorüberging. Wir setzten uns da hinein und brauchten auch gar nicht lange zu warten, so sahen wir sie kommen: es war ein dünner, oft unterbrochener, ewig langer Zug von ermüdeten, hungernden und durstenden Menschen und Pferden, denen man es schon von Weitem ansah, daß sie sich kaum mehr aufrecht halten konnten. So, wie wir sie sahen, so konnten wir selbstverständlich auch von ihnen gesehen werden, und darum machten wir uns nun schleunigst von dannen, um ihre Ankunft in der Falle zu beobachten.

Wir gingen den heimlichen Hochpfad entlang, bis wir den Dschirbani erreichten, der es sich mit seinem Stabe unter dem oben beschriebenen Felsen möglichst bequem gemacht hatte. Hier in der Nähe zweigte der Treppensteig ab, der nicht ganz nach unten, sondern nur bis zu der offenen Platte ging, die ich bereits beschrieben habe. Wir stiegen nicht ganz bis zu dieser Platte hinab, denn wir trafen auf Merhameh und ihren Vater, die an einer sehr praktisch gelegenen Stelle saßen, von der aus man fast die ganze Falle überblicken konnte, ohne selbst gesehen zu werden. Wir nahmen bei ihnen Platz und entlasteten die Hunde, indem wir ihnen die Tragsattel abschnallten. Für unsere Bedürfnisse war nun gesorgt, selbst wenn wir bis morgen an dieser Stelle bleiben mußten. Wir hatten sogar unsere Decken mitgenommen, für den Fall, daß wir gezwungen sein sollten, hier zu schlafen.

Wir saßen so, daß der Durchgang durch das Felsentor, sobald wir uns nach der linken Seite wendeten, gerad vor unsern Augen lag. Es dauerte ziemlich lange, ehe dort der erste der Tschoban erschien. Ich vermutete,
daß man draußen vor dem Tore halt gemacht hatte, bis der Scheik kam, und zwar aus dem sehr selbstverständlichen Grunde, um seine Befehle für den Durchzug des Engpasses zu erfahren. Diese Vermutung war richtig, denn der Erste, der endlich durch das Tor geritten kam, war der Scheik. Ich kannte ihn nicht; aber die Art und Weise, wie er sich gab und wie man ihn nahm, ließ es erraten. Er ritt ein starkknochiges, sehr kräftig gebautes Pferd von derselben Rasse, wie ich bei dem Panther, seinem Sohne, gesehen hatte. Freilich jetzt schien es mit dieser Kraft des Tieres vorüber zu sein. Denn es war so ermüdet, daß es nur noch langsam gehen konnte, und als er so weit vorgeritten war, daß er sich uns gegenüber befand, begann es gar, zu wanken, blieb stehen und wollte nicht weiter. Er schlug es nicht und peinigte es nicht. Er trug überhaupt sehr kleine Sporen, nicht die großen, fürchterlichen Marterwerkzeuge, die ich bei seinem Sohne und dessen Begleitern gesehen hatte. Er liebkosete das Pferd; er streichelte ihm den Hals und versuchte, es in Liebe zum Weitergehen zu bringen. Das gefiel mir sehr von ihm, war aber ohne Erfolg. Das Pferd wollte zwar, konnte aber nicht weiter. Da stieg er ab. Sobald es sich seiner Last ledig fühlte, ging auch der letzte Rest der künstlich erregten Energie verloren. Es begann zu zittern und brach dann halb zusammen, halb legte es sich hin. Da setzte er sich bei ihm nieder, nahm seinen Kopf in den Schoß, streichelte ihn und frug und schaute emsig aus, ob einer der Vorüberreitenden noch eine Spur von Wasser in seinem Schlauche habe.

»Sihdi, dieser Mann ist gut!« sagte Halef. »Der liebt sein Pferd. Dem darf nichts geschehen! Bist du einverstanden?«

Ich nickte nur. Meine ganze Aufmerksamkeit war
durch die Menschen in Anspruch genommen, die sich durch das verhängnisvolle Tor, vom Durste getrieben, förmlich hereindrängten, ohne zu ahnen, daß sie sich dadurch um ihre Freiheit brachten. Und so, wie sie hereindrängten, so drängten sie weiter. Wie sahen ihre Kleider, ihre Gesichter, ihre Pferde aus! Jede Falte, jede Oeffnung stak voll Sand. Sowohl Mensch wie auch Tier konnte kaum noch aus den Augen sehen. Alles hustete, keuchte und ächzte. Die Pferde waren bis zum Umstürzen ermüdet, wurden aber mit Hilfe von Peitsche und Sporen doch noch vorwärts getrieben. Nur von Zeit zu Zeit blieb Einer bei dem Scheik halten, um ihm ein aufmunterndes Wort zu sagen, aber Wasser hatte kein Einziger mehr, um es ihm für sein Pferd zu geben. Wir erfuhren später, daß diese Leute laut aufgejubelt hatten, als sie den Fluß erreichten. Schnell aber hatte sich ihre Freude in Schreck verwandelt, als sie schmeckten, was für Wasser er enthielt. Und dieser Schreck hatte sich zum Entsetzen gesteigert, als sie sich sagen mußten, daß dieses Seewasser sich aus dem oberen, ausgetrockneten Fluß in den unteren Fluß ergießen und auch dessen Wasser, von dem sie Rettung erwarteten, ungenießbar machen werde. Und dennoch drängten sie mit aller Gewalt nach vorwärts. Das Flußbett war noch nicht so weit gefüllt, daß das Seewasser Abfluß fand. Man sah, daß es stand. Es hatte sich noch nicht in die trinkbare Flut des Unterlaufs ergossen. Also vorwärts, weiter, weiter!

Nun folgte die Bagage, Kamelreiter mit leeren Schläuchen und abgetriebenen Tieren, ermüdete Reiter zu Fuß, die ihre Pferde am Zügel hinter sich herzogen, weil die armen Geschöpfe vor Durst und Hunger nicht mehr imstande waren, ihre Herren zu tragen. Und da, da krachten von unten herauf, von dem Felsenloche her,
einige Schüsse. Draußen in der Wüste hätte der Orkan ihren Schall verschlungen; hier aber, wo seine Kraft von den Felsen gebrochen wurde, hörte man sie. Sie waren das verabredete Zeichen für uns, daß die Tschoban das Felsenloch erreicht hatten, aber nicht weiter konnten, weil von unsern Hukara der Holzstoß angezündet worden war. Es erhob sich da unten ein Geschrei, welches sehr schnell von Mann zu Mann bis zu uns herauf getragen wurde. Das Vorwärtsdrängen kam ins Stocken. Man blieb stehen. Von oben herab, also vom Felsentore her, kamen nur noch einige einzelne Tschoban, bis auch der Letzte in der Falle war. Da krachten auch von dorther einige Schüsse. Jetzt sprang der Scheik auf und schrie in den Lärm hinein:

»Schweigt, schweigt! Was ist geschehen? Warum reitet ihr nicht weiter?«

Das Getöse war so groß, daß man seine Worte nicht hörte. Doch sah man, daß er fragte, und Jedermann antwortete ihm. Es entstand dadurch noch ein viel schlimmerer Tumult, aus dem nur wenige deutliche Worte wie »Ussul! Gefangen! Wasser! Feuer!« herauszuhören waren. Der Scheik wiederholte seine Frage, aber mit genau demselben Mißerfolge. Da stand Merhameh auf, von Niemand veranlaßt und nur ihrer inneren Eingebung folgend. Sie ergriff einen unserer Wasserschläuche, stieg mit ihm bis zur Platte hinab, legte ihn dort hin, trat ganz bis an den Rand der Platte vor und gab mit erhobenem Arm den Befehl zu schweigen. Ich sage absichtlich, daß sie nicht das Zeichen, sondern den Befehl zum Schweigen gegeben habe. Wie sie so niederstieg, wie sie so dastand, mit erhobenem Arm und königlicher Haltung, das ist nicht zu beschreiben. Der Scheik war der Erste, der sie sah. Er machte eine Bewegung der
Ueberraschung, trat um einige Schritte zurück, um sie zu betrachten, deutete auf sie und gebot Ruhe. Auch diese seine Worte verhallten in dem allgemeinen Spektakel, aber man folgte mit den Augen seinem Winke, und Jedermann, der Merhameh stehen sah, wurde still. Ihr Anblick besaß jene Macht, die nur dem begreiflich ist, der die unwiderstehliche Gewalt eines seelisch reinen Wesens an sich selbst erfahren hat. Jeder Blick war auf Merhameh gerichtet, und man hörte trotz des Sturmes deutlich, was sie mit heller, klarer Stimme dem Scheik zurief:

»Wirf mir deinen Schlauch herauf! Ich will dir Wasser geben für dein armes Pferd!«

Sein Pferd war das müdeste und durstigste von allen. Er hatte es abgehetzt, um seine Schar im Sturme zusammenzuhalten, wie ein Schäferhund unausgesetzt die Herde umkreist, damit kein Schaf verloren gehe.

»Wasser? Für mein Pferd?« fragte er zu ihr hinauf. »Ja gib! Allah segne dich für deine Barmherzigkeit! Sag, wer du bist!«

»Ich bin Merhameh,« antwortete sie einfach.

»Merhameh? Also die, von der ich rede, die Allah segnen soll, die Barmherzigkeit?«

Er nahm den Schlauch vom Sattel und warf ihn ihr zu. Sie füllte ihn aus dem unseren und reichte ihn, indem sie niederkniete, so weit hinab, daß er ihn auffangen konnte. Er trat sofort zu seinem Pferde, um es zu tränken. Während er dies tat, schaute Merhameh froh lächelnd zu ihm nieder. Und die Menge der Tschoban hielt Mann an Mann da unten auf dem Wege und schaute zu ihr hinauf. Es war doch eigentlich gar nichts Sonderliches, was da geschah! Ein Mädchen gab einem Reiter Wasser für sein durstiges Pferd. Aehnliches hatte man schon tausendmal gesehen. Wie kam es, daß
der Anblick grad dieses Mädchens so unbedingt beruhigend wirkte und das vorherige Gezeter in plötzliches, tiefes Schweigen verwandelte?

Jetzt war der Schlauch leer. Der Scheik richtete sich aus seiner gebückten Stellung empor, und zu gleicher Zeit sprang sein Pferd vom Boden auf. Er schaute zu Merhameh hinauf, nickte ihr dankend zu und fragte:

»Hat sich die himmlische Barmherzigkeit in irdische Form gekleidet? Oder ist hier Merhameh der Name eines wirklichen Menschenkindes?«

»Ich bin wirklich!« antwortete sie. »Mein Vater hat mich so genannt.«

»Dein Vater? Wer ist er?«

»Er heißt Abd el Fadl.«

Da trat der Scheik mit dem Ausdruck der Ueberraschung noch einige Schritte zurück und fragte:

»Etwa gar Abd el Fadl, der Fürst von Halihm, der das berühmte Gelübde tat?«

»Derselbe!« nickte sie.

»Ist er hier?«

»Ja.«

»Darf ich ihn sprechen?«

»Nein. Sein Name sagt, was er ist und was er will. Er kennt keine andere Herrscherin als nur die Güte allein, der es verboten ist, mit Menschen zu verkehren, die rauben und morden und Blut vergießen wollen. Es gibt nur Zwei, die mit euch reden können, nämlich die Strenge und die Barmherzigkeit.«

»Die Barmherzigkeit bist du. Und wer ist die Strenge? Wer gebietet hier? Warum hält man uns auf? Man scheint das Felsenloch besetzt zu haben und uns nicht weiterlassen zu wollen. Wer ist es, der das tut?«

»Das bin ich!« erklang es neben Merhameh.

Der Dschirbani war von seiner hohen Stelle herabgestiegen und neben Merhameh getreten. Er glich in seiner edlen Haltung, seiner vornehmen Art, sich zu bewegen, und seinem ledernen Gewande einem Winnetou in Riesengestalt, und mit der herabwallenden Haarmähne einem noch nicht ganz gezähmten Löwen.

»Du?« fragte der Scheik der Tschoban. »Ich kenne dich nicht; ich habe dich noch nie gesehen.«

Der Gefragte brauchte nicht zu antworten. Es erhob sich unter seinen Leuten eine Stimme:

»Der Dschirbani! Der Räudige, der Verrückte!«

Und eine andere Stimme fügte hinzu:

»Der, wenn er von den Ussul eingesperrt wurde, immer herüber zu uns floh, um hinauf nach Dschinnistan zu laufen. Wir aber ließen ihn nicht durch!«

»Der Dschirbani! Der Verrückte! Der Verachtete! Der Räudige!« rief ein Dritter und ein Vierter.

»Der Verachtete! Der Räudige! Der Verrückte!« schrien ihnen viele Andere nach.

»Ist das wahr?« fragte der Scheik zu ihm hinauf.

»Daß man mich den Dschirbani nennt, ist wahr,« antwortete der Geschmähte ruhig. »Ob ich verrückt oder räudig bin, das wirst du sehr bald selbst beurteilen können. Dein Sohn, der falsche Ilkewlad, der nicht der Erstgeborene ist, fiel in unsere Hände. Er plauderte eure Pläne aus. Da zogen wir euch entgegen, um euch eine Falle zu stellen. Wir sind weit über tausend Mann und haben da unten das Felsenloch besetzt, um euch nicht hindurch zu lassen – –«

»Eine Falle?« unterbrach ihn der Scheik. »Wir scheinen allerdings da unten nicht weiterzukönnen; wer aber hindert uns, dahin zurückzukehren, woher wir gekommen sind?«

»Der Hunger, der Durst und das Feuer. Schau hin!«

Er deutete nach dem Felsentore. Die wenigen Minuten hatten genügt, so viel Holz, wie nötig, herbeizuschaffen und in Brand zu stecken. Weil das Feuer draußen brannte, sah man es nicht; aber der Wind blies den Rauch herein, verhinderte ihn, emporzusteigen, und zwang ihn, wie eine sich tief am Boden windende Schlange dem Ufer des Flusses zu folgen. Der Scheik stieß einen Schreckensruf aus.

»Auch dein anderer Sohn, der wirkliche Erstgeborene, geriet in unsere Hände,« fuhr der Dschirbani fort. »Wir haben ihn gestern noch vor Abend ergriffen, als – –«

»Mein Sohn Sadik?« unterbrach ihn der Scheik.

»Ja.«

»Das ist nicht wahr! Das ist Lüge!«

»Gut! Nimm es für Lüge!«

»Er kann nicht hier sein, ich glaube es nicht. Er ist daheim!«

»Ich wiederhole nur: Nimm es als Lüge! Und sei auch stolz genug, mit mir, dem Lügner, nicht weiter zu verkehren!«

Er wendete sich ab und stieg langsamen Schrittes wieder hinauf nach seinem Platze. Auch Merhameh verließ die Platte und gesellte sich wieder zu uns. Ich fand das sehr richtig. Des Dschirbani Weise war ganz die rechte, um sich in Respekt zu setzen. Der Scheik rief noch mehrere Male nach ihnen herauf, bekam aber keine Antwort. Da beschied er eine Anzahl seiner Leute zu sich, in denen ich die Aeltesten vermutete. Sie setzten sich in einem Kreise nieder, um mit ihm zu beraten. Eine solche Beratung der Stammesältesten wird bekanntlich Dschemma genannt. Die jetzige fand grad vor unsern Augen statt. Es wurden Leute sowohl nach dem Felsentore wie auch
nach dem Felsenloche gesandt, um über diese beiden Orte zu berichten. Was sie nach ihrer Rückkehr sagten, konnten wir natürlich nicht hören. Wir hatten wegen des Sturmes ja kaum das verstehen können, was zwischen uns und ihnen vorher sehr laut gerufen worden war. So weit unsere Augen reichten, hatte sich die anfängliche Aufregung der Tschoban gelegt. Die noch nicht von ihren Pferden gestiegen waren, taten das nun jetzt; sie setzten sich nieder, um das Ergebnis der Dschemma abzuwarten.

Ich muß erwähnen, daß das Wasser des Flusses noch immer stieg. Der nördlich vom Felsentore und südlich vom Felsenloche wehende Sturm trieb den Rauch der beiden Riesenfeuer in die Falle herein. Die stechend und brenzlich riechenden Wolken krochen von unten herauf und von oben herunter, bis sie sich in der Mitte, wo die Beratung stattfand, trafen. Der Luftdruck hielt den Rauch nieder. Zuweilen war dieser so dicht, daß er uns den Blick auf die Tschoban raubte. Dann mußten wir warten, bis ein pfeifender Windstoß hereinfuhr und den Rauch in die Höhe wirbelte. Das gab der ganzen Szene etwas eigentümlich Urwelt-Elementares. Die Tschoban erschienen wie eine verlorene Schar von Pygmäen, die von unwiderstehlichen, riesigen Gewalten zermalmt und vernichtet werden sollten. Sie waren sich über ihre Lage noch nicht im Klaren und beschlossen also, sie zu untersuchen. Es wurde nach Wegen geforscht, die empor zur Höhe führten, zunächst hüben auf unserer Seite. Man fand keinen einzigen Pfad. Dann schwammen Einige quer durch den Fluß, natürlich auf ihren Pferden, denn man weiß ja, daß die Tschoban das Wasser scheuen und keine Schwimmer sind. Sie sagen, wenn Allah gewollt hätte, daß die Menschen schwimmen sollen, hätte er ihnen Flossen gegeben. Man suchte hierzu Pferde aus, die noch
kräftig genug waren; deren gab es aber nur sehr wenige. Diese Reiter sollten drüben suchen; sie kehrten aber ebenso unverrichteter Sache zurück. Dann folgte wieder eine längere Beratung. Hierauf setzten sich zwei Abteilungen zu Pferde. Die eine ritt nach Süden und die andere nach Norden. An der letzteren sahen wir, welchen Zweck sie verfolgten. Sie ritt so weit an das Felsentor heran, als der qualmende Rauch erlaubte, und ging dann in das Wasser, um zu versuchen, ob wohl da hinauszukommen sei. Wir sahen, wie die Pferde sich weigerten; sie hatten Angst vor dem nassen Element. Derartige Mengen Wassers waren ihnen fremd. Und als man sie endlich hineingezwungen hatte, war es auch den Reitern erwünscht, daß ihre Tiere nicht vorwärts schwammen, sondern schleunigst nach dem sichern Ufer zurückkehrten, weil von draußen auf sie geschossen wurde. Die Tschoban begriffen, daß an ein Hindurchkommen gar nicht zu denken war, und wendeten sich der Dschemma wieder zu. Bald kehrte auch die andere Abteilung zurück, die ebenso wenig erreicht hatte.

Man sah es den Aeltesten an, daß sie nun an das Ende ihres Witzes gelangt waren, was aber nicht etwa zur Folge hatte, daß sie sich zu ergeben beschlossen. Sie waren eingefleischte Moslemin und also Fatalisten. Sie hatten zu entkommen versucht, jedoch vergeblich. Damit, glaubten sie, hatten sie ihre Pflicht getan. Das war genug. Was nun geschah, das wurde Allah überlassen, der am besten weiß, was seinen Tschoban frommt. Dieser Fatalismus hätte vielleicht nicht so unmittelbar und augenfällig gewirkt, wenn ihm nicht die ebenso tiefe wie allgemeine Ermüdung zu Hilfe gekommen wäre. Wir sahen, daß Viele sich hinsetzten und einfach die Hände in den Schoß legten. Andere wickelten sich in ihre Decken,
um einzuschlafen. Ueber diesen Schlaf hinauszudenken, dazu fehlte ihnen die Energie. Auch bemerkten wir, daß die Dschemma unter sich nicht einig war. Zwar konnten wir nicht hören, was die Mitglieder untereinander sprachen, aber aus ihren sehr lebhaften und sehr ausdrucksvollen Gebärden war zu schließen, daß sie vielfach gespaltene Meinungen vertraten. Erst nach längerer Zeit schienen sie sich über einen Entschluß geeinigt zu haben. Um ihn auszuführen, stand der Scheik von seinem Sitze auf, kam wieder näher herbei und rief nach Merhameh. Es war bezeichnend, daß er nicht mit dem Dschirbani zu sprechen verlangte. Merhameh stieg wieder zur Platte hinab und ließ sich vor ihm sehen. Er war außerordentlich höflich gegen sie. Er gab zu, daß er mit seinen Tschoban eingeschlossen sei, doch behauptete er, durch einen kräftigen Vorstoß sofort entkommen zu können, selbst durch das Feuer. Es sei ja Wasser genug vorhanden, um sogar die größte Glut sofort zu löschen. Er forderte ein wahrheitstreues Bild der gegenwärtigen Situation und eine ebenso aufrichtige Darlegung über die Absichten der Ussul.

Wie konnte er ein derartiges Verlangen an ein so junges, unerfahrenes Mädchen stellen? So fragte ich mich. Aber Merhameh antwortete sofort, und wie! Weder der Dschirbani noch ich hätten es besser ma chen können. Sie sprach völlig der Wahrheit gemäß, jedoch so vorsichtig und diplomatisch, daß ich erstaunte. Auf jede Frage, die er ihr dazwischen warf, war sie sofort mit der richtigen Antwort bei der Hand. Sie sprach wie ein Anwalt, der sich mit scharfem Geiste auf Alles, was zu sagen ist, wohl vorbereitet hat und dem Gegner keine Lücke läßt, etwaige Widerlegungen anzubringen. Und zugleich sprach sie auch als mild und freundlich denkendes Weib, dem es viel mehr darauf ankommt, zu
verzeihen, als zu siegen. Und doch klang es auch wieder, als spräche nur ein Kind, dem es in seiner Natürlichkeit und Naivität ganz unverständlich ist, daß ein vernünftiger Mensch sich in der Weise benehmen kann, wie eben der Gegner sich benimmt. Es lag etwas Unwiderstehliches, etwas geradezu Siegreiches in den Worten, die sie wählte, und in dem herzlich eindringlichen Tone, den sie ihnen gab. Das kam Alles so klar perlend, so selbstverständlich und so ungesucht. Das war nicht gemacht, das war angeboren; das war Talent oder gar vielleicht Genie. Ich habe viele hervorragende, ja sogar große Redner gehört; nie aber hörte ich in der unbeschreiblich hinreißenden, unbezwingbaren, zugleich überzeugenden und beseligenden Weise sprechen, in der Merhameh zu sprechen pflegte, wenn ihr das, was sie sagte, aus eigenem Herzen kam. Heut hörte ich sie zum ersten Male, und zwar unter erschwerenden Umständen. Der Sturm verschlang die Hälfte ihrer Rede; der Haß stand ihr entgegen, und was sie sprach, sprach sie zu erschöpften Leuten, und doch war der Erfolg ein außerordentlicher. Später habe ich sie noch oft, sehr oft gehört, unter Verhältnissen von viel günstigerer Resonanz, und niemals ist es mir eingefallen, etwa an ihrer Stelle einen Andern sprechen zu lassen oder das Wort gar selbst zu ergreifen. Es kam zuweilen vor, daß, wenn gar nichts helfen wollte, sie mit einigen kurzen Sätzen erreichte, was wir mit all unsern Reden nicht hatten erreichen können. Als sie jetzt sprach, saß Halef neben mir. Zufälligerweise glitt mein Blick auf sein Gesicht hernieder. Da sah ich, wie erstaunt er war. Seine Augen waren groß; sein Mund stand offen. Man sah es ihm an, daß er in diesem Augenblick nur für die junge, schöne Sprecherin vorhanden sei. Als sie geendet hatte, holte er tief Atem und sagte:

»Hast du es gehört, Effendi? Maschallah! Ich habe mich für einen unübertrefflichen Redner gehalten; aber weißt du, was ich bin?«

»Nun, was?«

»Ein blökendes Schaf, eine schreiende Krähe, ein gähnendes Kamel! Aber so eine Stimme und solche Töne und derartige –«

Er hielt inne, um den Scheik zu hören, der wieder zu sprechen begann. Dieser stand ganz unter dem Eindrucke dessen, was er gehört hatte, und rief zu Merhameh herauf:

»Ich glaube dir Alles, was du sagst. Denn alle Welt weiß, daß aus dem Munde von Abd el Fadl oder Merhameh nie eine Lüge kommt. Du bestätigst also, daß Sadik, mein ältester Sohn, bei euch gefangen ist?«

»Ja,« antwortete sie.

»So fordere ich vom Dschirbani, von jetzt an gerechnet, zwei volle Stunden Zeit, um unsere Lage genau zu untersuchen. Sobald diese Frist vorüber ist, bin ich wieder hier an dieser Stelle, um weiter mit dir zu sprechen. Ich bitte dich, ihm das zu sagen!«

Hierauf entfernte er sich, um, gefolgt von seinen Aeltesten, weiter abwärts zu gehen, wo er noch nicht gewesen war. Er wollte mit eigenen Augen sehen, ob er vorhin von seinen Leuten der Wahrheit gemäß berichtet worden sei. Ich gedachte, während dieser Pause zu dem »Panther« zu gehen, welcher verlangt hatte, mit mir sprechen zu dürfen. Ich nahm Halef mit, weil seine Hunde es waren, denen man die Bewachung der Gefangenen anvertraut hatte; sie sollten nur ihm gehorchen. Wir gingen auf dem Höhenpfade zunächst nach dem »Felsenloche« hinab. Unterwegs konnten wir den Scheik der Tschoban beobachten, wie er, von Gruppe zu Gruppe
gehend, sich mit seinen Leuten verständigte. So oft wir eine Stelle erreichten, an der wir von unten gesehen werden konnten, sahen wir, daß man nach uns heraufdeutete und sich über uns unterhielt. Das schadete nichts. Es war sogar für uns gut, wenn die da unten sahen, daß wir hier oben miteinander verkehren konnten, ohne daß es ihnen möglich war, es zu verhindern. Auf dieser Höhe fühlten wir den Sturm noch ganz anders als bisher, und wir waren froh, als der Pfad uns wieder zu Tale führte, wo die Felsen schützten. Die vierhundert am »Felsenloche« stehenden Hukara waren wohlgemut. Sie sahen ebenso ein wie wir, daß den Tschoban gar nichts Anderes übrig blieb, als sich zu ergeben.

Unser Ziel, der Felsenriß, in dem der »Panther« steckte, lag noch weiter unten. Die Natur hatte da zwei große Steinblöcke aneinandergeschoben und dabei an ihrer vorderen Seite eine Lücke zwischen ihnen gelassen, welche so groß war, daß sie ein Dutzend Männer fassen konnte. Oben war diese Lücke zu. Infolgedessen war es nur in ihrem vorderen Teile hell, im hinteren aber dunkel. Da hinein hatte man den »Panther« mit seinen beiden Begleitern gesteckt. Hu, der Hund des Hadschi, bewachte sie. Er saß vor der Spalte, als wir kamen, und begrüßte uns mit freundlichem Schweifwedeln, seinen besonderen Herren aber auch noch dadurch, daß er ihm die Hand leckte. Ich trat allein in das Gefängnis. Halef blieb draußen. Der Palang lag an der Erde, die beiden Andern saßen neben ihm. Sie standen auf, als sie mich sahen; sie blieben während des ganzen Gespräches stehen, weil auch ich stehen blieb und sie nicht aufforderte, sich wieder niederzusetzen. Ich grüßte und fragte dann:

»Du hast mit mir zu sprechen gewünscht. Sprich! Ich höre!«

Das war sehr kurz. Er warf einen sehr langen und sehr unsicheren Blick auf mich, ehe er antwortete:

»Darf ich dich, wie andere Leute, Effendi nennen?«

»Ja.«

»Und darf ich so aufrichtig mit dir reden, wie man mit einem Manne spricht, dem die Wahrheit über Alles geht? Ich habe nämlich gehört, daß du ein solcher Mann bist.«

»Du darfst es. Ja, du mußt es sogar. Es würde dir überhaupt schwer fallen, mich zu belügen.«

Da glitt ein Zug höhnischer Grausamkeit über sein nicht unschönes Gesicht, und er sagte:

»So wisse zunächst, daß ich dich hasse, glühend hasse! Das ich dich so hasse, wie ich noch niemals einen Menschen gehaßt habe. Du hassest mich natürlich auch!«

»Ich dich? O nein! Gleichgültige Menschen haßt man nicht. Zudem bin ich Christ.«

»Ja, Christ!« rief er, indem er ausspuckte. »Das kenne ich! Und sollte ich dir wirklich gleichgültig sein, wie du sagst? Ich bin Prinz! Verstanden?«

»Und ich bin keiner! Das ist der ganze Unterschied! Sprich weiter!«

»Ich war, wie alle Prinzen von Geblüt, eine Zeitlang am Hofe des Mir von Ardistan. Ich war sein ganz besonderer Liebling und bin es auch noch heut!«

»Was geht das mich an? Nur weiter, weiter! Ich habe keine Zeit!«

»Nur Geduld, mein edler Christ! Du wirst sehr schnell lernen, dich für das, was ich sage, zu interessieren. An jenem Hofe lernte ich nämlich den Offizier kennen, der jetzt der Oberstkommandierende des Heeres der Ussul ist.«

»Du irrst. Der Oberstkommandierende ist der Dschirbani.
Du aber meinst jedenfalls jenen alten, verwundeten Oberst, dessen Pulver niemals trocken ist und der nur Invaliden kommandiert.«

»Höhne nicht! Er hat mich während meiner jetzigen Gefangenschaft wiederholt besucht und stundenlang mit uns gesprochen, auch von dir.«

Da horchte ich auf, ließ mir aber nichts merken. Sollte dieser sonderbare Held sich mit Verrätereien abgegeben haben? Zu meiner Beruhigung erfuhr ich bald, daß er das nicht getan hatte. Es war geschwatzt worden, weiter nichts! Der Prinz fuhr fort:

»Glaube ja nicht, daß er zu viel gesprochen hat! Es ist kein Wort über euern jetzigen Zug hierher aus seinem Mund gefallen. Doch warnte er mich. Er behauptete, wenn wir gekommen seien, nicht den Frieden, sondern den Krieg zu bringen, so würden wir in unser Verderben rennen. Seit deiner Ankunft sei ein ganz neuer Geist in die Ussul gefahren; mehr dürfe er nicht sagen. Was für ein Geist es ist, den er da meinte, das habe ich bis heut beobachten können. Kennst du den heutigen Tag?«

»Ich kenne ihn,« versicherte ich.

Da stemmte er sich mit einem Arme auf, hob den Oberkörper und fragte:

»Du weißt, wer kommen will? Heut? Hierher?«

»Ich weiß es. Alle Ussul wissen es.«

»Du hast es erlauscht und es ihnen verraten! Du sagst, du seiest ein Christ und bist doch nur ein Teufel! Und sag –« Er stemmte sich nun noch auf den andern Arm, richtete sich noch weiter auf und fuhr fort: »Sind sie da? Sind sie eingetoffen?«

»Ja, sie sind da,« nickte ich.

»Hier? Auf der Landenge?«

»Ja, hier? Ganz genau so, wie sie es beschlossen hatten.«

»Und ihr? Was habt ihr getan? Wir hörten Schüsse fallen und Menschen schreien!«

»Wir haben sie nur bis zur Mitte des Engpasses kommen lassen. Nun sitzen sie da fest. Vor ihnen haben wir das Felsentor besetzt. Sie können weder vor- noch rückwärts. Die brandende See hat den Fluß mit Wasser gefüllt, und an den beiden Durchgängen brennen Feuer, durch die kein Mensch zu kommen vermag. Die Tschoban haben im Orkan einen entsetzlichen Marsch gehabt. Sie sind vor Hunger und Durst beinahe verschmachtet. Das Pferd deines Vaters fiel vor Erschöpfung um –«

»Meines Vaters?« unterbrach er mich da schnell. »Mein Vater ist dabei? Er selbst?«

»Er selbst.«

»So ist mein Bruder daheimgeblieben! Dadurch ist das Land und das Volk in die Hand dieses Knaben gegeben! Ich bin gefangen! Mein Vater steht ebenso in Gefahr, ergriffen zu werden! Dann wird es ja ganz anders kommen, als – als –«

Er vergaß, daß sein Fuß verletzt war; er wollte aufspringen, fiel aber mit einem Schmerzensschrei in sich zusammen. Da ballte er die Faust, schüttelte sie mir drohend zu und knirschte:

»Daran bist nur du allein schuld, nur du, nur du! Christenhund, verfluchter und verdammter!« Sein Gesicht war, als er das sagte, nicht allein häßlich, sondern von einer geradezu abstoßenden Widerlichkeit, »Was habt ihr vor mit den Tschoban?« brüllte er mich an. »Was werdet ihr tun? Heraus damit!«

Ich brauchte ihm nicht zu antworten; ich konnte einfach gehen. Aber ich hatte ein ganz eigentümlich geartetes
Mitleid mit diesem jungen, reichbegabten aber vollständig un- oder falscherzogenen Menschen und gab ihm also in aller Ruhe die so stürmisch geforderte Auskunft:

»Wir wollen euch besiegen, ohne daß ein Tropfen Blutes fließt. Ergeben sich die Tschoban freiwillig, so sind wir bereit, einen Frieden mit ihnen zu schließen, der beiden Teilen gleichgroßen Nutzen bringt. Ergeben sie sich aber nicht, so bleiben sie hier ohne Wasser und Nahrung eingeschlossen, bis sie verschmachten.«

»Alle?« fragte er in grimmigem Tone.

»Alle! Vom Ersten bis zum Letzten!«

»Hund!« knirschte er. »Und das nennt sich einen Christen! Ich muß mit meinem Vater sprechen! Schafft mich hinaus zu ihm!«

»Du bleibst!« antwortete ich.

»So bringt ihn zu mir herein! Aber vor dem Friedensschlusse! Verstanden? Vorher, vorher! Ich befehle es dir!«

»Wurm!«

Ich sagte nur dieses eine Wort, aber es war genug. Zwar er wollte in seinem ungezügelten Temperamente noch zorniger losbrausen als bisher, aber seinen Gefährten wurde es angst um ihn, um sich selbst und auch um das Schicksal ihrer Kriegerschar, die sich in einer Lage befand, welche die größte Vorsicht erheischte. Sie sagten ihm das, sprachen besänftigend auf ihn ein und beschworen ihn, sich zu beherrschen. In einer Situation, wie die jetzige sei, komme man mit Freundlichkeit viel weiter als mit Gehässigkeit und Beleidigungen. Er hörte sie mit gesenktem Haupte an, so daß ich sein Gesicht nun gar nicht sah. Plötzlich hob er es empor. Es war ein ganz anderes geworden. Es glänzte vor lauter Wohlwollen. Und seine Stimme klang weich und gewinnend, als er sagte:

»Ihr habt Recht! Ich war ein Tor! Mein schneller Zorn übermannt mich allzu oft. Ich bitte euch, mich zu stützen, daß ich mich erheben kann. Ich will im Stehen zu dem Effendi sprechen. Mein hoher Stand und die Achtung, die er von uns fordern kann, gebieten das!«

Man hatte ihm den Beinamen »Panther« mit allem Grund gegeben. In dem einen Augenblicke fauchend, drohend, die Zähne knirschend und fletschend, im nächsten Momente sammetweich! Er richtete sich mit Hilfe seiner beiden Mitgefangenen auf. Er konnte nur mit einem Fuße stehen. Darum stützte er sich mit den Armen auf die Schulter des Einen, der neben ihm stand, und kniete mit dem verletzten Fuße auf die Achsel des Andern, der sich niedersetzen mußte. Inzwischen sah ich mich in dem Raum schärfer um, als ich bisher getan hatte. Ich kehrte meinen Rücken dem Ausgange zu, hatte also den hinteren dunklen Teil der Felsenspalte vor mir. Ich stand nur erst einige kurze Minuten hier, aber meine Augen hatten sich doch bereits an dieses Dunkel gewöhnt. Ich sah, daß die beiden aneinanderliegenden Steine, welche die Spalte bildeten, sich nicht vollständig schlossen und trafen. Es gab da einige kleine, schmale Oeffnungen oder Löcher, welche weiterführten. Und auf dem Boden lagen da Exkremente, welche ich für die Ausscheidungen von Fledermäusen hielt. Hieraus schloß ich, daß die Spalte, in der ich mich jetzt befand, sich hinter diesem Raum weiter fortsetze, ohne daß die drei Gefangenen eine Ahnung davon hatten. In diesem Augenblicke aber konnte ich diesen Gedanken nicht weiter verfolgen, denn Prinz »Panther« hatte inzwischen seine aufrechte Stellung eingenommen und begann, zu sprechen.

»Ich bitte dich, Effendi,« sagte er, »mich so ruhig anzuhören, wie ich jetzt mit dir spreche! Du bist mit mir
einverstanden, daß ich mich nicht zu scheuen brauche, mich nur an die Wahrheit zu halten. Aber die bedeutendste Wahrheit, mit der wir es hier zu tun haben, ist die, daß Alles, was in der letzten Zeit geschehen ist und auch Alles, was in der nächsten Zeit zu geschehen hat, von nicht mehr und nicht weniger als nur von zwei Menschen abhängig ist. Kennst du sie, diese Beiden?«

»Vielleicht lerne ich sie durch dich kennen,« antwortete ich.

»Wir Beide sind es, ich und du!«

»Wieso?«

»Verstelle dich nicht! Du weißt, daß ich Recht habe! Schieb deinen Dschirbani so weit wie möglich vor, ich sehe doch den, der hinter ihm steht und der eigentliche Lenker und Leiter ist; ich meine dich! Und halte von mir, was du willst, aber sobald du die Augen weiter öffnest als bisher, wirst du den erkennen, nach dessen Janitscharenmusik die Tschoban alle marschieren; ich meine mich! Hüben und drüben, ich und du, die beiden eigentlichen und wirklichen Gebieter! Gibst du das zu?«

»Sprich weiter!« forderte ich ihn auf, ohne seine Frage zu beantworten.

Er fuhr fort:

»Ich habe gehört, daß du den Frieden willst; ich will ihn auch! Du bist ein Christ, ich aber bin Moslem. Hieraus folgt, daß unsere Mittel und Wege, den Frieden zu erreichen, nicht dieselben sind. Einer von Beiden muß sich irren, entweder du oder ich. Wer der Irrende ist, das lehrt die Geschichte. Der Islam begann mit Kampf und Krieg; das Christentum begann mit dem Frieden. Wohin du schaust, liegt jetzt der Islam im Frieden; das Christentum aber schwelgt, soweit die Erde reicht, in Eroberung, Blut und Krieg. Alle Länder und alle
Völker, die es gibt, wissen es genau: Das Christentum geht von dem Frieden aus, bringt aber unbedingt Krieg; der Islam aber geht vom Kriege aus und führt unbedingt zum Frieden! Das ist doch richtig?«

Ich antwortete:

»Beide, das Christentum und der Islam, von denen du redest, sind mir ganz unbekannt. Ich bitte dich, fortzufahren!«

Er hatte jetzt so mild, so freundlich, so warmherzig gesprochen. Fast war es unmöglich, ihn für denselben Menschen zu halten, der soeben noch so rücksichtslos grimmig gewesen war. Er sprach in dieser außerordentlich artigen, einnehmenden Weise weiter:

»Sei nicht bescheiden, indem du sagst, du wissest es nicht! Beide, diese Bescheidenheit und diese Unwissenheit, sind Lüge! Ich aber sage die Wahrheit! Ich bin weder Europäer noch Christ, sondern ich bin Asiat und Bekenner des Propheten. Und vor allen Dingen, mein Vater ist kein Knecht und meine Mutter keine Magd; ich bin Prinz! Weißt du, was das heißt? Mein Vater hatte vier Frauen. Meine Mutter ist eine Mohammedanerin aus Sahrima, also von strengster Richtung; ich bin ihr Sohn. Die Mutter meines älteren Bruders ist eine Christin; Allah verdamme sie! Er neigt im Stillen zu ihrer Lehre, nicht aber zum Glauben seines Vaters. Darum hat er mich und ich habe ihn gehaßt, seitdem wir Söhne eins Vaters und also Brüder sind. Er blieb daheim, denn seine Mutter gab ihn nicht her. Ich aber kam zum Scheik von Ardistan und lernte bei ihm Alles, was zum höheren Kampf, also zur Kunst des Krieges gehört. Aber glaube ja nicht, daß ich dadurch ein Knecht und Sklave des Krieges geworden bin. Ich bin ja Prinz und werde einst regieren – –«

Er machte mit beiden Armen eine Rundbewegung,
als ob er andeuten wolle, daß einst der ganze Erdkreis ihm untertan sein werde. Dann fuhr er, sich nach und nach begeisternd, in seiner Rede fort:

»Ich bin frei geblieben. Mir ist selbst der Krieg kein Herrscher, sondern nur ein Mittel zum heiligen Zweck. Und dieser Zweck ist eben nichts anderes als nur – – Friede. Begreifst du das?«

»Ja. Ich begreife es.«

»So sprich!«

»Deine Mutter ist Mohammedanerin; sie geizt nach Ruhm und Ehre für sich und dich, aber sie ist kein gewöhnliches, sondern ein edles Weib. Sie denkt sich den Ruhm und die Ehre auch wieder als Mittel, und zwar zu einem noch viel höheren Zweck. Und dieser Zweck ist das Glück aller derer, über die du einst zu herrschen gedenkst, mit einem anderen Worte – – – der Friede.«

»Was sagst du da?« rief er erstaunt. »Fast ihre eigenen Worte! Für mich ist der Krieg nicht um des Krieges, sondern um ganz anderer Dinge willen da. Die Seligkeit der Christen liegt im Himmel, also jenseits des gegenwärtigen Lebens. Ihr trachtet nach dem Frieden mit Gott, nach dem ewigen Frieden. Der Islam aber trachtet vor allen Dingen nach der irdischen Seligkeit, also nach dem Frieden aller Völker, der auch schon diesseits des einstigen Lebens liegt. Und diesen Frieden erlangt man weder durch menschenfreundliche Gottesdienste und Gebete, noch durch Gottes Gnade und Barmherzigkeit, sondern man hat ihn sich zu erkämpfen; man hat die, welche ihn nicht wollen, zu zwingen, Friede zu halten! Für mich ist der Krieg also das größte Friedenswerk, welches es auf Erden gibt. Euer Christentum ist fast zweitausend Jahre alt, aber noch keinem einzigen Volke hat es den Frieden gegeben, obgleich es gleich sein erstes
Wort durch die Friedensposaune blies. Ich aber, der Moslem, werde nicht vom Frieden sprechen, kein einziges Wort vom Frieden. Ich werde vielmehr die Faust des Krieges ballen, um mit ihr den Krieg zu zerschmettern und zu vernichten! ›Auge um Auge, Blut um Blut‹, das ist das harte aber unendlich gerechte Gesetz des Islam. ›Der Mörder werde ermordet!‹ Der Krieg, dieser scheußlichste aller Mörder, die es gegeben hat und jetzt noch gibt, unterliegt demselben Gesetze wie jeder andere Mörder. Und weil es Selbstmord ist, wenn die Menschheit sich selbst zerfleischt, so erfordert die göttliche Gerechtigkeit, daß auch der Krieg an sich selbst zugrunde gehe, am Selbstmorde, am tödlichen Schuß oder Stich in die eigene, atmende Brust! Verstehst du das, Effendi?«

Was war denn das? Dieser junge Mensch hatte nachgedacht, und zwar tief, sehr tief! Und wie begeistert er jetzt vor mir stand! Seine Wangen glühten, und seine Augen leuchteten. Die Züge seines Gesichtes schienen ganz andere geworden zu sein; sie waren wie verklärt. Vorhin hatte er mich förmlich angewidert und angeekelt, und jetzt war es mir, als ob ich ihm die Hand drücken und ihn lieb haben müsse.

»Ich verstehe es,« antwortete ich; »es sind dieselben Gedanken, die auch in mir nach Geltung riefen, als es noch keine Klarheit in mir gab.«

»Klarheit?« fragte er. »In mir ist Alles klar. Darum haben sie bei mir die bleibende Stätte gefunden, die sie bei dir unmöglich finden konnten, denn du bist auch noch heut nicht in dir klar. Dein Christentum erlaubt dir nicht – – –«

Er konnte nicht weiter sprechen; er wurde unterbrochen. Der Eingang verdunkelte sich. »Ssahib!« rief es hinter mir, und als ich mich umdrehte, sah ich den
Dschirbani vor der Spalte stehen, der mir sagte, daß er mich sprechen wolle. Ich verabschiedete mich mit einigen kurzen Worten von dem Prinzen und folgte dem Wunsche unseres Oberstkommandierenden, der, als wir uns weit genug, um nicht gehört zu werden, von dem Felsenrisse entfernt hatten, mir die ebenso überraschende wie wichtige Mitteilung machte:

»Die Dschunub kommen!«

»Die Dschnub?« fragte ich. »Welche Dschunub?«

»Das ganze Heer!«

»Wann?«

»In einigen Stunden schon!«

»Gott sei Dank!«

»Gott sei Dank!« fragte er überrascht. »Ich glaubte nicht, dir eine Freudenbotschaft zu bringen!«

»Es ist aber eine!«

»Wirklich? Wir sind doch mit den Tschoban noch lange nicht zu Ende! Und das muß doch geschehen sein, wenn es uns gelingen soll, die Dschunub zu überwältigen.«

»So beeilen wir uns! Du sprachst von einigen Stunden; das ist eine lange Zeit für den, der gelernt hat, diese Zeit zusammen zu nehmen. Von wem hast du erfahren, daß und wann sie kommen werden?«

»Der Sturm hatte es ihnen verboten, untätig in der Wüste liegen zu bleiben. Er hätte ihr Lager mit seinem Sande verschüttet. Sie konnten dem nur durch möglichst schnelle Bewegung entgehen. Sie brachen auf und folgten ihren vorangerittenen Offizieren in viel kürzerer Zeit, als vorher bestimmt worden war. Aber der Ritt war fürchterlich. Der Wind trank ihnen das Wasser aus den Schläuchen und die Kraft aus den Knochen von Mensch und Tier. Die Müdigkeit überwältigte sie. Sie mußten
wiederholt rasten und blieben endlich gar liegen, um für einen halben Tag lang auszuruhen und für den letzten Rest des Weges neue Kraft zu sammeln. Einige sehr gut berittene Leute aber, deren Pferde noch die nötige Fähigkeit besaßen, wurden vorausgesandt, um zu erkunden, wie es am Engpaß stehe. Die kamen, als du dich grad entfernt hattest, bis zu uns an das Felsentor, wohin man mich holte, um sie zu vernehmen.«

»Wie hast du sie empfangen?«

»Als Feinde, obgleich sie sich als Freunde gebärdeten. Wir haben keine Zeit, lange hin und her zu diplomatisieren. Wir müssen handeln, und so habe ich ihnen gedroht, sie sofort und glattweg erschießen zu lassen, wenn sie nicht augenblicklich eingestehen, daß sie gekommen sind, uns zu betrügen. Weniger infolge dieser Drohung als vielmehr auf Grund ihrer nicht bloß körperlichen, sondern auch seelischen Erschöpfung gestanden sie dies ein und ließen sich Mitteilungen entlocken, die außerordentlich wertvoll sind. Ich erzähle es dir später ausführlich. Jetzt liegt mir nur daran, dich vor allen Dingen zu benachrichtigen und zu hören, was du zu dieser unerwarteten Beschleunigung der Ereignisse sagst.«

»Ich sage, daß sie uns nur willkommen sein kann.«

»Aber die Tschoban – –?«

»Werden so schnell erledigt, wie du es nur wünschen kannst. Wie steht es mit ihrem älteren Prinzen?«

»Mit dem habe ich schon kurz gesprochen. Ich glaube nicht, daß er widerstreben wird.«

»So sage mir schnell noch Eines! Ist dir der Felsenriß, in dem der Panther steckt, gut bekannt?«

»Ja.«

»Ich meine, nicht nur sein vorderer, sondern auch sein hinterer Teil?«

»Der erstere, ja, der letztere aber nicht. Gibt es denn auch einen hinteren Teil?«

»Ich weiß es nicht bestimmt, doch ich vermute es.«

Ich teilte ihm mit, welche einfachen Gründe mich zu dieser Vermutung geführt hatten. Er schüttelte den Kopf dazu und sagte:

»Warum das? Ich verstehe dich nicht. Hätte es irgend einen Zweck für uns, wenn die Spalte sich nach innen fortsetzte?«

»Einen ganz bedeutenden sogar!«

»Welchen?«

»Die Dschunub zu überführen und die Tschoban zu überzeugen. Man könnte sich mit den Tschoban in den hinteren Teil des Risses verstecken. Von da aus ist, wie ich erwarte, der vordere Teil zu überschauen. Ich nehme sogar an, daß man da hinten alles hört, was da vorn gesprochen wird. Während man mit den Tschoban im hinteren Teile wartet, werden die Offiziere der Dschunub nebst dem Minister und dem Maha-Lama von da, wo sie sich jetzt befinden, nach dem vorderen Teile der Spalte gebracht, wobei man ihnen sagt, daß dies ihr neuer Aufenthalt sei; dann entfernt man sich. Sobald sie sich hierauf allein wissen, werden sie sich darüber unterhalten, warum man ihnen ein anderes Quartier angewiesen hat, und ich müßte mich sehr irren, wenn dabei nicht auch einige Aeußerungen fielen, durch welche sie verraten, daß sie nur gekommen sind, uns und die Tschoban zu betrügen.«

»Das ist richtig!« stimmte der Dschirbani bei. »Dein Plan ist gut.«

»Um ganz vorsichtig zu sein, muß ich mir freilich sagen, daß so hohe Herren, wie der Lama, der Minister und der General sind, ihre Geheimnisse nicht vor so gewöhnlichen Menschen, wie der Unteroffizier und der Soldat,
ausplaudern werden, und darum schlage ich vor, die niedrigeren Personen da zu lassen, wo sie sind, und die andern nur bis zum Major herab nach der Spalte zu versetzen.«

»Ja; das ist klug! Aber, sag, wie kommen wir nach dem hintern Teile der Spalte, falls du dich nicht irrst und es wirklich einen gibt?«

»Das werden wir hoffentlich schnell erfahren. Ich klettere da hinauf. Da wird sich finden, ob ich mich in meiner Vermutung irrte oder nicht.«

Ich deutete bei diesen Worten auf die oben scheinbar eng zusammengepreßten Scheitel oder Firste der beiden Steine, welche zwischen sich die Spalte bildeten. Sie waren über dreimal manneshoch. Man konnte also von unten nicht sehen, ob sie auch oben fest aneinanderlagen. Es gab da einige Vertiefungen, Kanten, Ecken und Vorsprünge, welche es mir ermöglichten, hinaufzuklettern. Als ich oben ankam, fand ich meine Annahmen zu meiner Freude noch viel besser bestätigt, als ich erwartet hatte. Nämlich nur der vordere Teil der Felsenspalte, in dem sich der »Panther« befand, war oben zu, der hintere aber offen und so voller Sand geweht, daß man im Innern ganz bequem hinabsteigen konnte. Als ich dies getan hatte, sah ich sofort die Oeffnungen, welche mir vorhin drin bei den Tschoban aufgefallen waren. Hier außen war die Spalte so breit, daß ich ganz bequem an diese Löcher treten und hindurchschauen konnte. Von innen aber war das unmöglich, weil da der Riß sich so verengte, daß er ganz aufzuhören schien und sich kein Mensch bis an die Oeffnungen heranzudrängan vermochte. Man konnte also wohl von hier außen hinein-, nicht aber von da innen herausschauen, und als ich jetzt mein Ohr an eines der Löcher hielt, hörte ich nicht nur, daß der Prinz
sich mit seinen Gefährten unterhielt, sondern verstand auch sehr deutlich jedes Wort, welches gesprochen wurde. Durch die Abgeschlossenheit und Enge des Innenraumes wurden diese Worte förmlich zu mir herausgepreßt, so daß ich sie wahrscheinlich sogar noch deutlicher hörte, als sie im Raume selbst zu hören waren. Und, was die Hauptsache war, in diesem ganz abgelegenen Winkel herrschte tiefste Stille; das Geheul des Sturmes drang nicht bis hierher. Nur die Schüsse hatte man gehört, weil die scharfen Knalle derselben mehr von der Erde als durch die Luft fortgepflanzt worden waren. Kurz und gut, ich konnte mir diesen Ort für meine Zwecke gar nicht passender wünschen, als ich ihn vorgefunden hatte, und holte den Dschirbani zu mir herauf und herein, um ihm zu zeigen, wie und wohin wir uns mit den Tschoban zu plazieren hatten, um die Dschunub zu belauschen. Unter den Tschoban verstand ich da den Scheik und seinen Sohn, den »Panther«. Unter »uns« waren der Dschirbani und ich selbst gemeint. Dieser war ebenso erfreut wie ich selbst und mit Allem einverstanden. Halef hatte hier an Ort und Stelle zu bleiben. Er wurde davon unterrichtet, um was es sich handelt, und dann stiegen wir beiden Andern wieder zur Höhe empor, um uns nach dem Felsenloche zu begeben, denn die festgesetzten zwei Stunden näherten sich ihrem Ende, und es war anzunehmen, daß der Scheik der Tschoban nun bald verlangen werde, mit unserm Kommandanten zu verhandeln.

Wir brauchten, als wir dann bei Abd el Fadl ankamen, gar nicht darauf zu warten. Der Scheik hatte soeben angefangen, mit Merhameh zu reden, und äußerte jetzt, als wir kamen, den Wunsch, seine beiden Söhne sehen und sprechen zu dürfen, um sich dann über das, was er tue, entscheiden zu können. Das konnte uns nicht
nur lieb sein, sondern grad das war es, was wir sorgfältig mit berechnet hatten. Er bekam also die Erlaubnis und wurde aufgefordert, zu uns auf die Platte zu kommen. Um dies zu ermöglichen, stieg er auf ein Kamel, welches er bis ganz an den Felsen führte, und wurde mit Hilfe meines Lasso von da aus zu uns heraufgezogen. Als er dann vor uns stand, betrachtete er uns nacheinander, Merhameh und mich, sehr aufmerksam und sehr still. Dann ließ er den Blick über die verschiedenen Gruppen seiner entkräfteten Leute da unten gleiten und sprach:

»Der von euch, der sich den Gedanken ausgesonnen hat, uns in diese Falle laufen zu lassen, ist entweder ein höchst gefährlicher oder ein höchst nützlicher Mensch. Die Ehrlichkeit gebietet mir, zuzugeben, daß wir uns vollständig in der Gewalt der Ussul befinden, doch nur in diesem Augenblick. Allah ist allgütig und allmächtig. Er kann das Schicksal wenden, wie es ihm beliebt. Was forderst du von uns?«

Diese Frage war an den Dschirbani gerichtet.

»Ergebung,« antwortete dieser in lakonischer Kürze.

»Was verstehst du unter dieser Ergebung?«

»Das wirst du erfahren, sobald du mit Denen gesprochen hast, mit denen du reden willst und sollst. Komm, folge uns!«

Wir stiegen zum Pfad empor und folgten ihm bis nach dem Felsentore. Dann lenkten wir wieder hinab und gingen den Fluß entlang weiter abwärts. Wir hielten an der Stelle, wo der Sohn des Scheiks gefangen war, nicht an, sondern wanderten bis ganz in das Lager hinab, durch dasselbe hindurch und dann wieder aufwärts nach dieser Stelle zurück. Der Scheik sollte alles selbst sehen und selbst beurteilen können. Er sagte während des ganzen Weges kein einziges Wort; aber sein Auge war
überall, und der Ausdruck seines Gesichtes wurde immer bedenklicher. Als wir dann am Schlusse vor der Spalte anlangten, in der sich sein Sohn, der »Panther«, befand, trat ich hinein und sagte zu dem letzteren:

»Du hast gewünscht, deinen Vater zu sehen – –«

»Jawohl, jawohl!« unterbrach er mich. »Du aber wolltest nicht!«

»Ich bringe ihn dir dennoch, und zwar ganz wie du wolltest, noch vor dem Friedensschluß!«

Der Dschirbani war mit dem Scheik gefolgt. Er fügte zu dem, was ich gesagt hatte, noch einige wenige Worte:

»Sprecht miteinander, doch macht es kurz! Ich gebe euch volle zehn Minuten Zeit, mehr aber nicht.«

Dann traten wir wieder heraus und ließen sie allein. Halef, der hier gewartet hatte, wurde instruiert. Er entfernte sich für kurze Zeit, um Alles zu besorgen. Er brachte, als er wiederkam, zwei starke Ussul mit, welche den Auftrag erhielten, den Prinzen »Panther« nach vollendeter Unterredung mit seinem Vater aus der Spalte zu holen und über den Felsen weg nach dem von mir entdeckten hinteren Teil derselben zu schaffen. Er konnte ja nicht gehen und noch viel weniger steigen oder klettern, sollte aber doch die Dschunub mit belauschen. Als die gegebene Frist verstrichen war, gingen wir wieder hinein.

»Wir sind noch nicht fertig!« erklärte der Panther. »Wir verlangen eine volle Stunde Zeit, um – –«

»Unmöglich!« fiel ihm der Dschirbani in die Rede. »Das Reden führt zu nichts. Ihr habt Wichtigeres zu tun. Wir haben gefangene Dschunub hier, denen – –«

»Dschunub?« fuhr der Panther auf. »Gefangene?«

»Ja.«

»Wer hat sie gefangen? Wann? Wo? Sprich schnell!«

Das klang nicht nur wie Ueberraschung, wie Erstaunen, sondern fast wie Betroffenheit, wie Angst. Sein Gesicht hatte, gewiß ohne daß er es wollte, den Ausdruck ganz besonderer Besorgnis angenommen. Es fiel mir ein, daß der Sohn eines seiner Mitgefangenen mit den Dschunub in verräterischer Beziehung stand. Sollte er vielleicht hiervon wissen, die Hand mit im Spiele haben? Zwar, einen Verrat an seinem eigenen Stamme traute ich ihm trotz seines bisherigen Verhaltens doch nicht zu; aber er hatte Eroberungspläne und gab sich also wohl mit heimlichen diplomatischen Berechnungen ab, die ihn veranlassen konnten, hinter dem Rücken seines Vaters Etwas zu tun, was wie ein Verrat aussah, aber keiner war. Hatten die Dschunub die Absicht, die Ussul und die Tschoban zu betrügen, so konnte ebensogut auch ein junger Mann, wie dieser Prinz, auf den Gedanken gekommen sein, sich mit ihnen zu verbinden, um nach erreichtem Zweck sie auszulachen.

Diese Gedanken kamen mir, als ich ihn jetzt so hastig fragen hörte und die Beklommenheit sah, die er nicht verbergen konnte. Der Dschirbani merkte nichts hiervon und antwortete:

»Wir nahmen erst den Maha-Lama und den obersten Minister gefangen, dann auch noch den Tertib We Tabrik Kuwweti Harbie Feminde Mahir Kimesee mit fünf Offizieren, einem Unteroffizier und einem Soldaten.«

Ich sah, daß der »Panther« erschrak, als er dieses hörte; aber ich war der Einzige, der hierauf achtete. Sein Vater war in hohem Grade erstaunt. Er fragte:

»Allah w' Allah! Diese hohen und höchsten Leute und Offiziere! Die kamen zu euch?«

»Ja.«

»Ihr nahmt sie gefangen?«

»Ja.«

»Warum? Kamen sie als Feinde zu euch?«

»Nein, sondern als Freunde. Aber grad darum nahmen wir sie fest, weil wir es ehrlich mit euch meinen.«

»Mit uns – – –?«

»Ja, mit euch,« nickte der Dschirbani. »Sie kamen nämlich zu uns, um sich mit uns gegen euch zu verbinden.«

Da fiel der Prinz schnell ein:

»Ist das möglich? Ist das wahr?«

»Was ich sage, ist niemals eine Lüge!«

»Kannst du es beweisen?«

»Es euch zu beweisen, ist eben der Zweck unseres Kommens. Ihr werdet jetzt diesen Raum verlassen. Da hinter ihm befindet sich noch ein zweiter, von dem aus man hier hereinschauen und hören und sehen kann, was hier geschieht und gesprochen wird. Dahin bringen wir jetzt dich und deinen Vater. In diese vordere Spalte aber werden die Dschunub geführt, damit ihr sie belauschen und euch überzeugen könnt, daß Alles wahr ist, was wir euch berichten und daß wir es ehrlich mit euch meinen. Hier sind die Männer, wel che dich tragen werden.«

Er winkte sie herein, und dann begann die beabsichtigte Ortsveränderung, indem die beiden Ussul den Prinzen hinaustrugen und mit ihm in den hinteren Teil der Spalte kletterten, um ihn derart vor die niedrigste der vier vorhandenen Oeffnungen zu plazieren, daß er bequem hindurchschauen konnte. Dann gingen sie fort, um seine zwei Gefährten, die wir nicht brauchten, mitzunehmen. Wir Andern kletterten nach.

Es waren vier Oeffnungen, die von hier aus nach innen führten. Vor der einen saß der Prinz. Vor die andere, die etwas höher lag, kauerte sich sein Vater nieder. Die nächst höhere lag so, daß ich sie grad vor meinem
Auge hatte, wenn ich vor ihr stand. Und die höchste paßte für den Dschirbani, der ja der Längste von uns war. Der Prinz befand sich in einer großen Aufregung. Diese hatte jedenfalls nicht nur einen einzigen Grund. Zu der bereits schon angedeuteten Besorgnis kam eine zweite. Er sah jetzt, daß von hier aus Alles, was da drin in der Spalte geschah, beobachtet und gehört werden konnte, und er wußte nicht, daß ich diesen Ort erst vor ganz Kurzem entdeckt hatte. Darum nahm er an, daß auch er mit seinen beiden Gefährten belauscht worden sei, und da er mit ihnen jedenfalls sehr aufrichtig und über alles Mögliche gesprochen hatte, so mußte er befürchten, daß alle ihre und seine Geheimnisse von uns entdeckt worden seien. Er sagte zwar nichts, doch sah man ihm und seiner großen Unruhe deutlich an, daß er diese oder ähnliche Gedanken hegte.

Es dauerte gar nicht lange, so entledigte sich Hadschi Halef des Auftrages, der ihm erteilt worden war: Die Dschunub wurden gebracht, vom Maha-Lama bis zum bestimmten Offizier herab, die andern, tiefer Stehenden aber nicht. Wir konnten sie sehr deutlich sehen. Sie waren zunächst still. Sie beschäftigten sich damit, die Plätze nach Rang und Stand zu verteilen. Dabei wurde die größte Achtung dem Maha-Lama zuteil, den wir infolgedessen als den Höchstgestellten von ihnen zu betrachten hatten. Sie untersuchten ihren neuen Aufenthaltsort sehr aufmerksam, entdeckten aber die Löcher, durch die wir zu ihnen hinüberschauten, nicht, weil diese im Finstern lagen. Als sie sich niedergesetzt hatten, begannen sie, sich zu unterhalten, aber in ganz gewöhnlicher Weise und über vollständig gleichgültige Dinge. Hieran war wohl die übermäßige Verehrung dieser Leute für den Lama schuld. Es durfte kein Thema berührt werden, welches nicht er
selbst zum Gegenstand des Gespräches machte. Dieser Umstand durchkreuzte unsere Absicht. Wir warteten eine Weile; dann sagte der Scheik der Tschoban, natürlich leise, um da drüben nicht gehört zu werden:

»Das sind Lamagläubige! Langsame, geistlose, indolente Menschen! Wer sie sprechen hören will, wird stundenlang zu warten haben!«

»Sie werden sprechen, und zwar sofort,« antwortete der Dschirbani ebenso leise. »Effendi, ich bitte dich, zu ihnen zu gehen und sie zum Sprechen zu bringen!«

»Gibst du mir bestimmte Weisungen mit?« fragte ich ihn.

»Nein. Du wirst das Richtige von selbst viel eher treffen, als wenn ich es dir sage.«

Da kletterte ich aus unserm Versteck hinaus und trat dann drüben bei den Gefangenen ein. Der Maha-Lama war von dem Dschirbani zunächst als Freund behandelt worden; er hatte da auch von mir gehört; aber er und der Minister hatten mich noch nicht gesehen. Die Offiziere aber hatten mich gesehen, mich sogar als ihren Gefangenen betrachtet, aber nicht gewußt, wer ich war. Nun befanden sie sich schon längere Zeit beisammen, hatten einander ihre Erlebnisse berichtet und dann jedenfalls auch von mir gesprochen. Dementsprechend wurde ich von ihnen empfangen. Als der Stratege mich sah, rief er aus:

»Der Ungehorsame, den ich bestrafen werde!«

»Der Besitzer des schönsten Pferdes, welches ich sah!« sagte der General, dem mein Syrr jedenfalls mehr imponiert hatte, als ich selbst.

»Also wohl der Christ, von dem uns der Dschirbani erzählte, als er uns noch als seine Verbündeten betrachtete,« fügte der Minister hinzu.

Ich verbeugte mich zunächst leichthin vor ihnen allen,
dann vor dem Maha-Lama einmal noch etwas tiefer und sprach zu ihm:

»Ich bin gezwungen, dich zu belästigen. Der Oberstkommandierende der Ussul sendet mich zu dir.«

Er runzelte die Stirn. Er war tiefere Verbeugungen und demütigere Worte gewöhnt.

»Wer bist du?« fragte er.

»Man nennt mich Kara Ben Nemsi – – –«

»Also wirklich der Christ!« unterbrach er mich, zu dem Minister gewendet.

»Ganz richtig, der Christ!« bestätigte ich. »Ich bin zu euch gesandt, um euch zu sagen, warum man euch ein anderes Gefängnis angewiesen hat. Wir wünschen nämlich, daß – –«

»Was ihr wünschet, ist mir gleichgültig!« unterbrach er mich abermals. »Nicht eure, sondern meine Wünsche haben in erster Linie beachtet zu werden. Ihr behandelt uns nicht nur als Feinde, sondern auch als niedrig stehende Menschen, während ich doch der Maha-Lama von Dschunubistan bin, der höchste aller Priester, die es gibt!«

»Bist du fertig mit diesem deinem Satze, den du begonnen hast?«

»Ja. Ich pflege überhaupt jeden angefangenen Satz zu beenden. Warum fragst du so?«

»Weil auch ich gewohnt bin, mich nicht unterbrechen zu lassen. Ich ließ dich deinen Satz vollenden, weil ich gelernt habe, höflich zu sein. Du aber hast mich im dritten Teile einer Minute schon zweimal unterbrochen. Wenn du das so weiter tust, muß ich dich für den unhöflichsten aller Menschen halten, die es gibt, und komme im Leben nicht dazu, dir zu sagen, was ich zu sagen habe.«

Als er das hörte, wurden seine Augen noch einmal
so groß, und sein Gesicht drückte den allergrößten Grad des göttlichen Erstaunens aus. Ich aber fuhr fort:

»Soeben hat der oberste Minister des Scheiks von Dschunubistan erwähnt, daß ihr als Verbündete der Ussul betrachtet worden seid. Ist es denn eure Absicht gewesen, daß dies geschehe?«

»Natürlich!« antwortete der Minister. »Man hat dich uns als den Vertrauten des Dschirbani bezeichnet; du scheinst das aber nicht zu sein, denn wärest du es, so könntest du nicht so fragen! Hat er dir nicht gesagt, daß wir gekommen sind, einen Bund mit den Ussul zu schließen?«

»Einen Bund? Gegen wen?«

»Gegen die Tschoban.«

»Warum? Sind die Tschoban eure Feinde?«

»Sie sind noch niemals unsere Freunde gewesen, seit es überhaupt Tschoban und Dschunub gibt. Und genau ebensolange ist es her, daß sie auch Feinde der Ussul gewesen sind. Darum ist es uns als ebenso natürlich wie notwendig erschienen, daß die Ussul und die Dschunub sich verbinden, um diese ihre gemeinsamen Feinde zu vernichten. Die beste Gelegenheit hierzu ergab sich jetzt, als wir erfuhren, daß die Tschoban über den Engpaß Chatar gehen wollen, um die Ussul zu überfallen. Wir sammelten sofort unsere Krieger, um den Ussul zu Hilfe zu ziehen. Unser Scheik sandte seine beiden höchsten Männer des Landes, den Maha-Lama und mich, zu ihnen, um sie hiervon zu benachrichtigen und einen Bündnisvertrag mit ihnen abzuschließen. Und dann machte sich sogar auch noch der berühmteste Stratege unseres Heeres mit allen seinen Chargen auf den Weg, um den Ussul mitzuteilen, daß wir ihnen die Tschoban auf dem schmalen Engpasse entgegentreiben wollen, wo sie weder nach rechts noch
nach links zu entfliehen vermögen und wie zwischen zwei Fäusten zerquetscht, zermalmt und vernichtet werden können!«

»Das, das habt ihr gewollt? Das, das habt ihr getan?« fragte ich im Tone der Verwunderung.

»Allerdings!« antwortete er. »Hast du das nicht gewußt?«

»Ich habe etwas ganz Anderes gewußt! Wenn ich deinen Worten glauben soll, so muß ich dich bitten, daß der Maha-Lama sie mir bestätige. Es scheint, daß die Ussul in Beziehung auf eure Ehrlichkeit und auf euern guten Willen getäuscht werden sollen. Es ist also höchst wünschenswert, daß zwischen euch und ihnen die Wahrheit so klar und bestimmt festgestellt wird, daß jeder bisherige Irrtum schwindet. Darum frage ich hiermit den allerhöchsten Priester von Dschunubistan, ob er bereit ist, zu bestätigen, was der oberste Minister soeben hier behauptet hat.«

Es war möglich, daß die drei Lauscher nicht Alles deutlich verstanden hatten; darum griff ich zu der List, dem Maha-Lama die wichtigen Punkte nochmals vorzulegen und sie mir von ihm beantworten zu lassen. Ich hatte ihn den »allerhöchsten Priester von Dschunubistan« genannt; das genügte, ihn einigermaßen mit mir auszusöhnen. Sein Gesicht nahm einen weniger finstern Ausdruck an, und er antwortete:

»Ich bestätige es!«

»Daß die Tschoban eure Todfeinde sind?«

Ich legte ihm diese Frage und die hierauf folgenden so langsam und so deutlich vor, daß es gar nicht anders möglich war, sie mußten von den Lauschern verstanden werden.

»Ja,« antwortete er.

»Daß ihr sie vernichten wollt?«

»Ja; mit Hilfe der Ussul.«

»Daß ihr hierher kamet, zu diesem Zwecke ein Bündnis mit den Ussul zu schließen?«

»So ist es. Mit den Ussul gegen die Tschoban.«

»Euer Heer ist schon unterwegs?«

»Ja. Dreitausend Mann.«

»Die Tschoban sollen hier auf der Landenge zwischen euch und die Ussul genommen und vollständig zerdrückt und ausgerottet werden?«

»Ja,« antwortete er. »Das ist das richtige Wort: Zerdrückt und ausgerottet. Kein Einziger darf übrig bleiben! Glaubst du nun, daß wir als Freunde der Ussul gekommen sind? Siehst du nun ein, wie unklug und wie undankbar sie handeln, indem sie uns, ihre Befreier und Erlöser, wie Verbrecher einsperren und von Hunden bewachen lassen?«

»Nein,« antwortete ich. »Weder glaube ich das Eine, noch sehe ich das Andere ein. Unklug und undankbar habt nur ihr gehandelt, nicht aber die Ussul!«

»Wir? Beweise es!« fuhr der Minister auf.

»Beweise es!« rief mir der Maha-Lama befehlend zu.

»Beweise es! Beweise es! Beweise es!« wiederholten auch die Andern.

»Nichts leichter als das,« antwortete ich. »Ihr habt zugegeben, daß die Tschoban eure Todfeinde sind und daß die Ussul euch helfen sollten, euch von ihnen zu befreien. Schon die Dankbarkeit gebot euch also, ehrlich gegen uns zu sein; ihr werdet aber gleich hören, daß ihr das Gegenteil von ehrlich, also un dankbar, gewesen seid. Und wie jede Undankbarkeit und Unehrlichkeit zugleich auch unklug ist, so habt auch ihr jede Spur von Klugheit von euch geworfen, als ihr des Abends da unten am Flusse lagertet
und, ehe ihr euch schlafen legtet, über Dinge redetet, die kein Ussul jemals erfahren durfte. Ich kam desselben Weges, doch euch entgegen. Ich sah euer Feuer. Ich stieg vom Pferde und schlich mich ganz zu euch heran. Ich lag auf der andern Seite des Baumes, an dessen Stamm ihr nebeneinander saßet. Ich hörte jedes Wort, welches von euch gesprochen wurde – – –«

»Du hast uns belauscht?« fuhr der Minister auf.

»Belauscht!« rief der noch Höhere. »Belauscht! Mich, den Maha-Lama von Dschunubistan!«

»Ja, belauscht!« antwortete ich. »Ich werde es euch beweisen, indem ich euch wiederhole, was ich da Alles hörte.«

Ich tat es. Ich beschrieb ihnen die ganze damalige Situation und sagte ihnen jedes Wort, welches, während ich in ihrer Nähe lag, von ihnen gesprochen worden war. Sie saßen ganz still und bewegungslos. Es sah aus, als ob sie gar nicht Atem holten. Sie wagten gar nicht, zu leugnen, zu widersprechen, sich zu entschuldigen. Sie waren einfach starr. Und da ließ sich plötzlich eine ganz eigentümlich dumpfe Stimme hören, die so klang, als ob sie aus den höchsten Wolken oder aus dem tiefsten Erdinnern ertöne:

»Effendi, es ist gut; es ist gut! Sprich weiter kein Wort mit diesen Lügnern, mit diesen Verrätern, mit diesen Schurken, Schuften und Halunken! Speie sie an! Spucke ihnen ins Gesicht! Und komm wieder heraus zu ehrlichen Leuten, zu uns!«

Die Dschunub erschraken auf das Heftigste. Sie sprangen auf; sie schrien durcheinander. Da ging ich hinaus, an Halef und seinem Hund vorüber, zu den beiden Ussul, welche den Prinzen vorhin nach seinem jetzigen Verstecke getragen hatten. Ich gab ihnen den Auftrag,
ihn wieder zu holen, und sie taten es. Er war es, der mir jene dumpfklingenden Worte zugerufen hatte. Als sie ihn aus der Spalte heraushoben und er mich stehen sah, wartete er gar nicht, bis sie ihn in meine Nähe brachten, sondern rief mir schon von Weitem zu:

»Effendi, du hast gesiegt, vollständig gesiegt! Ich tue Alles, was du willst! Ich bin mit Allem, Allem einverstanden, was ihr beschließt und tut; nur erlaube, daß ich mich als Hund da neben euern Hund setze, um diese elenden Buben zu bewachen!«

Er sagte diese Worte zu mir. Aber nicht ich, sondern der Dschirbani antwortete ihm:

»Es sei dir erlaubt!« Und sich an die beiden Ussul wendend, fügte er hinzu: »Setzt ihn dahin, wo er gewünscht hat, zu sein. Er hat ein Recht, diesen Platz von uns zu fordern.«

Sie taten es. Der »Panther« war von seinem Zorne so beherrscht, daß er jetzt wirklich nur an die dachte, von denen er sich betrogen fühlte, nicht aber daran, daß sich jetzt binnen wenigen Minuten das Schicksal seines Volkes zu entscheiden hatte. Hieraus war zu ersehen: Mochte er noch so begabt sein, ein großer Mann zu werden, war ihm versagt. Das Naturell herrschte wie ein wildes Tier in seinem Innern; es hieß wie er selbst auch – – – Panther! Als ich mit ihm sprach, bevor der Dschirbani mich von ihm wegholte, hatte ich ihm noch nicht Alles gesagt, was ich ihm sagen wollte; es gab noch sehr Wichtiges hinzuzufügen. Das fühlte aber nur ich allein, nicht er. War er überhaupt fähig, zu wachsen wie ein organisches Wesen, oder wenigstens zu kristallisieren wie ein anorganisches, wie ein edler Stein? Oder wuchs er nur in der Weise, daß er festhielt, was
ihm vom Augenblicke angeblasen wurde, es mochte sein, was und wie es wollte?

Es war bezeichnend, daß sein Vater kein einziges Wort fallen ließ, ihn in seinem rachsüchtigen Wunsche zu unterstützen oder zu hindern. Auf ihn hatte das Erlauschte nicht weniger gewirkt als auf seinen Sohn; aber er dachte zunächst nicht an sich und an die Rache, sondern an sein Volk, welches in Gefahr stand, das Beste zu verlieren, was ein Volk besitzt, nämlich seine Selbständigkeit, seine Freiheit, also sich selbst. Er war gewillt, in Verhandlungen einzutreten, aber der Dschirbani ging nicht darauf ein, sondern sagte:

»Jetzt nicht. Du hast noch einen zweiten Sohn, den du ebenso sehen und sprechen mußt wie diesen hier. Komm mit!«

Wir entfernten uns von der bisherigen Stelle und suchten diejenige auf, an welcher der ältere Prinz untergebracht worden war. Sie war auch zwischen engen Felsen gelegen, wie eine kleine Kabine zwischen vier Wänden. Ein Ussul bewachte sie.

»Geh hinein und sprich mit ihm!« sagte der Dschirbani zum Scheik. »Ich gebe dir hierzu zehn Minuten Zeit. Wir warten hier.«

Als der Scheik im Innern dieses Raumes verschwunden war, setzten wir uns neben einander auf einen hierzu passenden Steinblock, um auf seine Rückkehr zu warten. Wir sprachen nicht. Der Dschirbani schaute still vor sich nieder, und ich betrachtete ihn, doch ohne daß er es bemerkte. Er sah nicht im Geringsten älter aus als vorher, und doch erschien es mir fast auffällig, wie gereifter und gefestigter seine Züge während der letzten Tage geworden waren. Der große Mensch, der er innerlich war, hatte begonnen, nach außen zu treten.

Als die zehn Minuten vergangen waren, kehrte der Scheik zurück, und zwar mit seinem Sohne. Beide waren außerordentlich ernst. Man sah ihnen an, daß sie sich zu einem festen Entschlusse vereinigt hatten. Der Vater fragte, indem er auf den Prinzen deutete:

»Ich bringe ihn gleich mit heraus. Ist er noch euer Gefangener?«

»Ja,« antwortete der Dschirbani.

»Wie lange?«

»Bis der Friede zwischen dir und mir, zwischen den Tschoban und den Ussul geschlossen worden ist.«

Da sagte der Sohn:

»Dieser Friede wird geschlossen! Und es ist mein Wunsch, daß es sofort geschehe! Wer konnte ahnen, daß unser Kriegszug nach einem solchen Ziele, zu einem solchen Ende führen werde! Aber in Allem, was geschehen ist, verspüre ich Gottes Finger, und dahin, wohin er zeigt, werden wir gehen. Wirst du meinem Vater erlauben, in diesem Sinne zu unsern Tschoban zu sprechen?«

»Gern.«

»Auch mir?«

»Ja.«

»Gleich jetzt?«

»Sofort! Kommt!«

Wir stiegen also, die Beiden mit uns nehmend, wieder zur Höhe hinauf und folgten dem oben hinlaufenden Pfade, um uns nach der Platte zu begeben und dort den Tschoban ihren Scheik wieder abzuliefern. Dieser fragte unterwegs nach den Bedingungen des Friedens.

»Wähle sie dir!« antwortete der Dschirbani.

Da blieb der Scheik stehen, sah ihn groß an und fragte:

»Habe ich recht gehört?«

»Ja,« lächelte der Gefragte.

»Du willst sie mir nicht stellen, sondern ich soll sie mir wählen?«

»Ja, gewiß! Verwundert dich das? Wir wollen einander den Frieden schenken, ihn nicht etwa teuer erkaufen und bezahlen. Ich wünsche, daß ich dein Bruder werde und daß deine Nation die Schwester der meinigen sei. Für einen erzwungenen, unhaltbaren Frieden ist selbst der kleinste Preis zu hoch. Aber der allerhöchste Preis ist klein, wenn ich mir mit ihm die dauernde Liebe und Treue erwerbe, die deinen und meinen Stamm in Zukunft eng und brüderlich verbinden soll. Ich fordere nichts von euch; ich will euch geben. Verstehst du das?«

Da reichte ihm der Scheik beide Hände und antwortete:

»Ich verstehe es sehr wohl und werde deinem Hochsinn angemessen denken und auch handeln. Bist du im Geben groß, so will ich im Nehmen nicht kleiner sein als du. Wie ich jetzt deine Hände in den meinigen halte, so seien nunmehr unsere Völker so vereint, als ob sie eines wären! Eure Freunde seien auch unsere Freunde und unsere Feinde auch euere Feinde. Ist das recht?«

»Ja, es ist recht!« antwortete der Dschirbani. »Von heute an seien die Ussul und die Tschoban ein Geschwisterpaar von zwei einander treu und ehrlich helfenden Völkern. Die Probe werde gleich heut gemacht. Bist du bereit, dich mit mir gegen die Dschunub zu vereinigen?«

»Sofort!«

»Und ihnen aber, wenn wir siegen, ebenso zu verzeihen, wie ich jetzt euch verzeihe?«

Der Scheik wollte überlegen; da bat sein Sohn:

»Sag ja, mein Vater, sag ja! Wir stehen hier auf sturmumheulter Höhe. Wir haben freier und reiner und
edler zu handeln als die da unten im Tale. Ich weiß, meine Mutter hat nicht nur mich allein, sondern auch dich zu Gedanken erhoben, die es wagen, unserer trägen, harten, unvernünftigen Zeit voranzueilen. Allah hat es gewollt, daß wir heut Menschen begegnen, welche nicht nur genau so hoch, sondern noch viel höher denken als wir. Was sie wollen, ist nichts Gewöhnliches, sondern etwas wahrhaft Großes, Edles und unendlich Friedliches. Der höchste und schönste Gedanke meiner Seele hat aus seiner Tiefe und Verborgenheit hervorsteigen dürfen, um in Gestalt des Dschirbani vor uns hinzutreten. Ich bin so glücklich, so unendlich glücklich darüber und bitte dich, mein Vater, sag ja, sag ja!«

Da zog der Vater den Sohn an sich, küßte ihn zärtlich auf Wange, Mund und Stirn und sagte:

»Nun wohl, es sei. Wenn du ihnen verzeihst, so verzeihe ich mit.«

Da sprach der Dschirbani in sehr ernstem Tone:

»Danke deinem Weibe und diesem deinem Sohne! Bis zu diesem Augenblicke stand deines Schicksals Wage noch unentschieden. Erst jetzt, da du verzeihen willst, ist nun auch dir in Wirklichkeit verziehen. Du bist frei; ihr alle seid frei, vollständig frei, ohne jede Strafe, ohne jedes Opfer, ohne die geringste Sühne. Ich werde mit dir von der Felsenplatte hinab zu deiner Dschemma steigen, um im Sinne eines aufrichtigen, dauernden Friedens zu ihr zu reden. Ihr werdet Alle Wasser und Speise bekommen, soviel ihr für euch und eure Tiere braucht. Binnen jetzt und einer halben Stunde darf hier kein Tschoban mehr zu sehen sein. Wir müssen den Dschunub, wenn sie kommen, verheimlichen, was hier geschehen ist und daß wir Beide uns verbunden haben.«

»Gib dir mit ihnen keine große Mühe,« sagte der
Scheik in sehr geringschätzendem, ja fast verächtlichem Tone. »Die Dschunub sind keine Männer, sondern Puppen zu den Schattenspielen des Mir von Ardistan. Er macht ihnen weiß, daß sie sich selbst regieren, in Wahrheit aber sind sie seine Sklaven. Er bewaffnet sie, als ob sie Helden seien, und doch sind sie die größten Memmen, die es gibt. Das Leben ist für sie ein Kef, ein Mittagsschlaf. Sie sind sogar zu faul, zu Gott zu beten; sie spannen ihre Gebete in Mühlen, die sich im Wind und Wasser drehen, und halten Allah wirklich für so dumm, daß er sich darüber freut. Wenn sie kommen, werden sie zwar voller Waffen hängen und gute Pferde haben, aber große Taten von ihnen zu sehen, darauf mußt du verzichten.«

Es war nicht das erste Mal, daß ich die Dschunub in dieser Weise charakterisieren hörte, und was der Scheik da sagte, war ganz richtig. Ihr Land war, mit der Wüste der Tschoban verglichen, von ungeheurer Fruchtbarkeit. Sie brauchten kaum die Hand zu rühren, so fiel ihnen Alles, was sie nötig hatten, in den Schoß. Das hatte sie entnervt, entkräftet und hochmütig gemacht und, wie wir bald sehen werden, feig, verächtlich feig.

Als wir die Platte erreichten, hatten sich die Tschoban an dieser Stelle eng zusammengezogen. Ihr Scheik war mit uns gegangen, und so erwarteten sie, daß nach seiner Rückkehr hier die Entscheidung fallen werde. Von hier oben aus konnte man weiter gesehen und gehört werden als von unten. Darum wartete der Scheik gar nicht, bis er zu ihnen hinunterkam, sondern er trat bis an den Rand der Platte vor und sprach gleich von hier aus hinab zu ihnen.

Wie lauschten sie! Was sie da hörten, das hatten sie nicht erwartet! Es kam ihnen so überrascht, daß,
als er schwieg, kein lauter Ruf erfolgte. Nur ein frohes, aber im Winde schwer vernehmliches Summen ging von Mund zu Mund. Da ergriff der Dschirbani das Wort. Er war ein besserer Redner als der Scheik und besaß die Gabe, zu überzeugen und zu begeistern. Er zählte in kurzen Zügen alle Vorteile des abgeschlossenen Bündnisses auf, deutete darauf hin, daß sie diese Vorteile erfassen könnten, ohne sie eigentlich verdient zu haben; er zeigte ihnen ihre Vergangenheit, ihre Gegenwart, ihr hartes, entsagungsreiches Leben in der Wüste. Und er entrollte ihnen das Bild ihrer Zukunft, wie es sich infolge des Bündnisses mit den Ussul entwickeln müsse. Da wurden sie warm; da stellte sich der Glaube, das Vertrauen bei ihnen ein. Die Freude drang in lauten Zurufen durch, und als er geendet hatte, erschallte ein Beifall, dessen Stimme von dem Felsentore bis hinunter zum Felsenloche reichte.

Und da trat nun auch der Prinz vor und begann zu sprechen. Er wurde, als man ihn sah, mit Jubel empfangen. Man hörte an diesem nicht enden wollenden Frohlocken, daß nicht sein Bruder, sondern er der Liebling seines Stammes war. Als er die Hand emporhob zum Zeichen, daß er reden wolle, gehorchte man sofort, es trat augenblickliche Stille ein. Auch die Natur nahm teil an dieser Stille. Ein kurzer, scharfer, rasender Windstoß fuhr durch das Tal, um es von jedem störenden Geräusch zu befreien, und dann schwiegen für kurze Zeit alle Lüfte, um zu hören, was aus diesem für das Menschheitswohl und den Menschheitsfrieden begeisterten Munde kam. Er knüpfte an Das an, was sein Dschirbani gesagt hatte, und begründete es. Es solle von nun an Friede sein zwischen denen, die sich bisher unausgesetzt befehdeten. Aber nicht jener lügnerische Friede, der schon
im Entstehen heimlich nach der nächsten Feindseligkeit hinüberschielt, sondern der wahre, edle, heilige Friede, nach dem die Engel rufen, wenn sie aus dem geöffneten Paradiese hervortreten und die Glut der Berge leuchten sehen. Dieser Friede steige jetzt von diesen Bergen nieder. Er sei da. Er stehe in Gestalt des Dschirbani vor ihnen und reiche ihnen seine Hand, die es wahrhaft und ehrlich meine mit einem Jeden, der auch wahrhaft und treu und ehrlich ist. Er selbst habe nach dieser Hand gegriffen und halte sie fest – – – bei diesen Worten nahm er die Hand des Dschirbani in die seinige und umarmte ihn. Da konnte er nicht weiter sprechen. Es brach ein Jubel, ein Beifall los, der nicht nur die Menschen, sondern auch die Lüfte zu ergreifen schien, denn diese erhoben im Augenblick ihre Stimmen plötzlich wieder und trugen den Enthusiasmus dieser frohlockenden Menschenkinder aus dem schmalen, engen Felsentale hoch empor und hinaus in die unbegrenzte Weite. Man drängte sich ganz nahe an unsern Felsen heran. Man hob die Hände empor, als ob man nach dem Prinzen fassen wolle, der doch nicht zu erreichen war. Man rief ihm zu, herabzukommen. Als er kopfschüttelnd andeutete, daß er hier viel zu hoch stehe, um hinunterspringen zu können, warf man Leinen und Stricke herauf, die ich zusammenband, um ihn mit ihrer Hilfe hinunterzulassen. Als er unten ankam, verschwand er unter ihren Freudenbezeugungen und Liebeserweisungen sofort wie ein Tropfen im Wasser. Hierauf verlangte man auch nach dem Scheik, dann nach dem Dschirbani, die ich Beide hinunterließ. Aber als nun auch ich hinabkommen sollte, winkte ich ab, trat von der Platte zurück und stieg zu Abd el Fadl und Merhameh hinauf, um bei ihnen die weiteren Geschehnisse abzuwarten.

Sie entwickelten sich schneller, als man gedacht hatte. Die Dschemma verzichtete auf jede Beratung. Die allgemeine Begeisterung beschleunigte das, was zu geschehen hatte, in wunderbarer Weise. Das Feuer am Felsenloche wurde ausgelöscht und der glühende Boden mit Wasser aus dem Flusse gekühlt, damit die Tschoban durch diese Oeffnung abziehen könnten. Nachdem dies geschehen war, stellte man, um den Durchgang zu verschließen, den Brand wieder her. Das am Felsentore brennende Feuer aber hatte man ganz und vollständig zu beseitigen. Doch war dafür zu sorgen, daß es sofort, nachdem die Dschunub das offene Tor passiert hatten, wieder angebrannt werden konnte. Da ein Jeder sich beeilte, zu tun, was er zu tun hatte, so dauerte es nur ganz kurze Zeit, bis die Falle genau wieder in der Weise bereit und offen stand wie vor dem Erscheinen der Tschoban. Es läßt sich denken, daß diese Letzteren noch neugieriger als die Ussul waren, ob die Dschunub ebenso vertrauensselig, wie sie selbst es getan hatten, sich überlisten lassen würden.

Bisher war der Sturm, um mich so ausdrücken zu dürfen, ein trockener gewesen; jetzt aber begann es, dünn, ganz dünn zu sprühen. Abd el Fadl kannte das. Er sagte, daß dies ein schlimmes Vorzeichen sei. Vorhin, als der Prinz sprach und es so still in den Lüften wurde, habe der Sturm nur Atem geholt, um dann von Neuem, und zwar mit Wasserfluten, einzusetzen. Er hielt es sehr für nötig, uns auf diese Fluten vorzubereiten. Wir taten das, indem wir uns aus dem Lager Decken holen ließen und uns mit Felsenstücken derart verbarrikadierten, daß selbst der stärkste Regen uns nicht erreichen konnte. Wir waren hiermit gerade an dem Augenblicke fertig, an dem die ersten Dschunub diesseits des Felsentores erschienen.

Irahd, der dort, wie bereits erwähnt, kommandierte, verhielt sich zu ihnen anders, als er sich zu den Tschoban verhalten hatte. Vor den Letzteren hatte er sich versteckt; vor den Dschunub aber zeigte er sich. Er bewillkommnete sie und sagte ihnen, sie sollten nur weiterreiten, bis hinab zum Felsentore, wo ein warmes Feuer brenne. Ihr Oberlama, ihr Minister und ihre Offiziere seien schon da. Nur weiterreiten, nur weiter! Es sei für Alles gesorgt!

So kamen sie denn hereingeritten, ein Haufe eng hinter dem andern. Langsam, erschöpft, auf ganz ermüdeten, vor Schwäche strauchelnden Pferden. Sie waren gut beritten und ebensogut bewaffnet, durchweg und gleichartig mit Gewehren. Auch ihre Kleidung war von einer Gleichmäßigkeit, daß man fast von Uniformierung sprechen konnte. Es war, wie man sah, für diese Truppe sehr »wohlhabend« gesorgt. Aber der Eindruck, den sie in diesem Augenblicke machte, war ein trauriger. Ich sah kein einziges emporgerichtetes Gesicht. Die Köpfe hingen alle tief herab; die Körper schlotterten. Ueberall, wohin man schaute, zuckte Irgendeiner wie im Schlafe erschrocken zusammen. Es sah nicht aus, als ob diese Leute vorwärtsritten, sondern als ob ein Jeder von Dem, der ihm folgte, vorwärtsgeschoben werde. Der Flugsand, der auf ihnen lastete und sogar in ihren Bärten hing, gab ihnen das Aussehen aus Gräbern gestiegener Leichen, die sich über »es Ssireth«, die Brücke des Todes, schleppen, um dann dem Wahrspruche des Gerichtes zu verfallen. Da erklangen neben uns die Worte:

»Hier ist der Platz, an dem man Alles sieht. Setzt ihn nieder und errichtet eine Hütte von Steinen über ihn, damit er Schutz vor dem Regen findet, der, wie ich hörte, wohl während der ganzen Nacht vom Himmel gießen wird.«

Der so sprach, war Halef. Und die, zu denen er es sagte, waren mehrere, die den »Panther« hierhergetragen hatten und sofort begannen, den Befehl des Hadschi auszuführen. Seine beiden Hunde waren bei ihm. Darum fragte ich ihn:

»Wo sind die gefangenen Dschunub? Brauchen sie keine Wächter mehr?«

»Nein,« antwortete er mit jenem Lächeln, welches er stets dann zeigte, wenn ihm das bekannte »Schadenfreude ist die reinste Freude« durch die Seele ging. »Sie werden jetzt da oben den Pfad entlanggeführt und hinunter nach dem Felsentore geschafft, um, wenn die Dschunub ganz in der Falle sind, ihnen nachgeschoben zu werden.«

»Sehr gut, sehr gut!« sagte ich. »Das erspart uns vieles Reden und vieles Verhandeln. Wer ist auf diesen klugen Gedanken gekommen?«

»Natürlich einer unserer gescheidtesten Leute; nämlich dieser hier!« Er deutete auf sich selbst und fuhr dann fort: »Aber ich habe mir gar nichts Diplomatisches dabei gedacht, sondern nur etwas höchst Fröhliches und Behagliches. Nämlich als ich hörte, daß wir während der ganzen Nacht wahre Wolkenbrüche zu erwarten haben, welche die Dschunub da unten über sich ergehen lassen müssen, dachte ich, daß dem Maha-Lama, dem obersten Minister, dem Strategen mit dem langen Namen und allen ihren berühmten Chargen wohl ganz dasselbe Vergnügen zu gönnen sei, wie ihren armen, halb verschmachteten Leuten. Ich beeilte mich, dies dem Dschirbani zu sagen, und da bekanntlich zwei gleich gescheidte Leute auch stets die gleiche Meinung haben, so stimmte er mir bei und gab den betreffenden Befehl. So sind die Wächter frei geworden, und ich lud den Prinzen, der
die Gefangennahme der Dschunub gern vom Anfang bis zum Ende beobachten wollte, ein, sich hierhertragen zu lassen, wo es im ganzen Tale die beste und weiteste Aussicht gibt. Mein Platz wird bei ihm sein, nicht bei dir, Effendi, denn es ist notwendig, es uns bis morgen früh so bequem wie möglich zu machen.«

Er hatte Recht. Es gab für ihn und den Prinzen bei mir, Abd el Fadl und Merhameh keinen Platz, zumal er seine beiden großen Hunde bei sich hatte, wie ich die meinen. Was diese Hunde betrifft, so will ich schon jetzt gleich sagen, daß sie uns während der fürchterlich nassen Nacht sehr zu statten kamen. Sie verbreiteten eine wohltätige Wärme in unserm Zufluchtsort. Merhameh schlief zwischen Aacht und Uucht wie eine Prinzessin, die sie auch wirklich war, auf schwellenden Daunen, und ich, in meine Decke gehüllt, lag ganz vorn an der Wetterseite, um die etwa doch hereinsprühende Feuchtigkeit von ihrem Vater abzuhalten.

Freilich jetzt, wo es noch nicht dunkel, sondern noch eine kleine Stunde bis zum Abend war, hatte der Regen noch nicht begonnen. Es siebte und sprühte nur zunächst, und wir hatten ebenso wie die unten an uns vorüberziehenden Dschunub keine Ahnung von den Fluten, die sich über uns ergießen würden. Der Fluß war beständig gestiegen. Das Wasser erreichte fast schon das Ufer und schien noch immer nicht abfließen zu können. Während sich uns zu Füßen nach und nach die Falle füllte, wurden über uns auf dem Felsenpfade bedeutende Holzvorräte von dem Felsenloche nach dem Felsentore geschafft. Da der Regen drohte, reichte das dortige Quantum nicht, die Flammen so mächtig emporlodern zu lassen, daß sie von der aus den Wolken kommenden Flut nicht ausgelöscht werden konnten, und es war also sehr
gut, daß der Dschirbani grad auf das Herbeischaffen des nötigen Brennmaterials ein so großes Gewicht gelegt hatte.

Während die von Halef mitgebrachten Ussul für ihn und den Prinzen »Panther« eine steinerne Hütte errichteten, beobachtete dieser Letztere das Felsentor, durch welches die Dschunub förmlich hereingequollen kamen, um dem draußen wütenden Orkane möglichst schnell zu entgehen. Hierbei lag auf seinem Gesicht der Ausdruck einer Gehässigkeit, der ganz und gar nicht geeignet war, es zu verschönern. Merhameh sah das auch und wendete ihren Blick, so oft er auf ihn fiel, schleunigst wieder von ihm ab. Sein Auge aber wurde wieder und immer wieder von dem schönen Mädchen angezogen, und er gab sich leider auch gar keine Mühe, ihr dies zu verbergen. Wer sie war, das wußte er; er hatte es sofort bei der Ankunft der Ussul hier erfahren; aber daß sich auch sein älterer Bruder hier befand, das wußte er noch nicht. Niemand hatte es ihm gesagt, sogar sein Vater nicht, und zwar aus Gründen, die in der Feindschaft lagen, welche der eine, jüngere gegen den anderen Prinzen hegte.

Die Dschunub hatten unten am Felsentore nicht weiter gekonnt; sie waren gezwungen gewesen, zu halten. Von oben aber rückten sie immer nach, und so kam die Stauung durch ihre Reihen von unten heraufgelaufen und hatte uns schon überholt, als endlich ihre letzten Nachzügler durch das Tor geritten kamen. Hierauf vergingen einige Minuten, während welcher, wie wir wohl wußten, von unserer Seite der verschwundene Holzstoß wieder instand gerichtet wurde. Dann fielen da oben einige Schüsse, welche aller Augen nach dorthin zogen. Man schaute hinauf nach dem Tore. Da kam noch ein Trupp herein, aber nicht zu Pferde, sondern zu Fuß. Das waren unsere bereits gefangenen Dschunub, die
Irahd noch zu guter Letzt hereingeschoben hatte; dann brannte er hinter ihnen den schnell errichteten Scheiterhaufen an. Voran schritt der Maha-Lama mit dem obersten Minister. Als der kam, welcher hinter diesen Beiden ging, rieb sich Halef fröhlich die Hände und sagte:

»Das ist mein Tertib We Tabrik Kuwweti Harbie Feminde Mahir Kimesne, der mich und überhaupt uns Alle in sein Herz geschlossen hat. Allah gebe ihm für morgen recht viel Sonnenschein, für heute nacht aber einen Regenschirm, der keinen Stiel, dafür aber hunderttausend Löcher hat, die alle tropfen!«

Indem er dies sagte, trieb der Wind auch schon den Rauch des angebrannten Feuers zum Tore herein, und wir wußten nun, daß die Falle wieder geschlossen und aus ihr kein Entkommen war.

»Sie sind da! Sie sind Alle da, vom Ersten bis zum Letzten!« jubelte der »Panther«, indem seine Augen funkelten. »Kein Einziger kann entkommen! Allah verdamme sie, die mich betrogen haben, bis in die allertiefste seiner Höllen!«

Noch war dieser Fluch nicht ganz verklungen, so ertönte neben mir die laute, liebe Stimme Merhamehs:

»Allah erbarme sich ihrer, daß sie nicht in die Hände eines Siegers geraten, der nicht wie ein Mensch, sondern wie ein Panther denkt!«

Das brachte eine ganz eigenartige Wirkung auf ihn hervor. Zunächst machte er eine Bewegung, als ob er die Hände ballen und aufspringen wolle; aber er brachte das infolge seines verletzten Fußes nicht fertig. Dann starrte er sie an mit fletschenden Zähnen und weit geöffneten Raubtieraugen. Plötzlich, wie mit einem Schlage, verschwand dies Alles; sein Gesicht begann, eine fast
naive, kindliche Gutmütigkeit zu zeigen, und im möglichsten Wohlklange seiner Stimme antwortete er:

»Ganz richtig; ja, ganz richtig! Allah erbarme sich über diese lieben Kerle! Er geleite sie aus dieser verfluchten und verdammten Falle in sein bestes Himmelreich!«

Er nickte ihr mit einem strahlenden Lächeln zu und richtete hierauf sein Auge wieder nach dem Flusse hinab und auf das, was dort weiter geschah. In diesem Augenblicke zuckte ein Blitz quer über den Horizont; ein Donnerschlag folgte, als ob alle Felsen des Engpasses im Einstürzen seien, und dann öffneten sich in einem einzigen Nu die Schleusen des Himmels und gossen keine Tropfen, keinen Regen, sondern eine ganze, kompakte, festgeschlossene See von Wasser hernieder, durch die kein menschlicher Blick zu dringen vermochte. Alles, was bisher vor unserm Gesicht gelegen hatte, war verschwunden. Unser Auge reichte nicht einmal bis auf die naheliegende Platte hinab. Wir sahen nur die immerfort stürzende Flut, die uns umklatschte, umbrüllte, umbrandete und in gieriger Wut an uns vorüber in die Tiefe sprang. Das ging so fünf Minuten, zehn Minuten, eine Viertelstunde, eine halbe, ja eine ganze Stunde. Da zuckte wieder ein Blitz, noch einer und noch viele hintereinander. Die Donner brüllten und krachten, daß mir die Ohren zu schmerzen begannen; aber die zuckenden Funken ließen bald hier und bald da eine Stelle des Tales oder des Flusses erkennen, und so bemerkten wir, daß Fluß und Tal nicht mehr zweierlei waren, sondern daß der Erstere seine Ufer überflutete und ganz bis herüber an den Felsen reichte. Und als ob mit diesem eng zusammengedrängten Blitz- und Donnerschwall der aus dem offenen Himmel stürzende See sich erschöpft und das Weitere nun den Wolken überlassen
habe, trat plötzlich eine Pause ein, in der kein einziger Tropfen fiel. Sie währte aber höchstens nur eine halbe Minute; dann setzte ein regelrechter Regen, wenn auch nicht allerersten, aber doch gleich zweiten Grades ein, der den ganzen Abend und die ganze Nacht bis zum frühen Morgen dauerte und auch so völlig undurchsichtig war, daß wir nur einige Schritte weit sehen konnten, und das auch nur, solange der Tag noch dauerte. Dann war alles um uns her ein einziges fließendes Wasser und eine einzige feste, dicke, stehende Finsternis. Aber jene kurze Pause zwischen Wolkenbruch und Regen hatte uns gezeigt, daß Pferde und Menschen mitten im strömenden Wasser lagen und saßen und also imstande waren, ihren Durst weit gründlicher zu stillen, als ihnen lieb und heilsam war.

Glücklicherweise war die Steinhütte für Halef und den Prinzen bei dem Beginn des Wassergusses schon fertig gewesen. Beide saßen also, grad so wie wir, im Trocknen. Aber unterhalten konnte ich mich mit dem guten Hadschi nicht, denn wir waren und blieben einander völlig unsichtbar, und um uns hörbar zu machen, hätten wir uns mehr anstrengen müssen, als das, was wir einander zu sagen hatten, wert gewesen wäre.

So verging der Abend und auch die Nacht, ich kann sagen, für mich ganz leidlich. Ich schlief mich einmal recht gründlich aus. Wenn ich hier und da aufwachte, so schläferte mich der ununterbrochene, monotone »Klatsch« des Regens sehr bald wieder ein. In diesen kurzen Pausen dachte ich an die armen Dschunub da unten am Flusse oder vielmehr im Flusse, denn das ganze Tal hatte sich wohl in einen einzigen, strömenden Kanal verwandelt. Auch gedachte ich der Tschoban und Ussul, die nicht so gut und trocken lagen wie ich. Aber die Letzteren waren
ja geborene Wasserratten, denen selbst so ein Guß gewiß nichts schadete und – – klang das nicht, als ob Jemand um Hilfe rufe? Nicht nur Jemand, sondern Viele? Solche Hilferufe erklangen noch oft – – bald scheinbar nahe, bald scheinbar fern. Aber ich glaubte, es sei im Schlafe, und schlief also weiter, bis ich die bekannte Stimme meines Hadschi Halef hörte:

»Sihdi, du hörst ja nicht! Bist du denn tot, oder schläfst du wirklich nur?«

Ich wachte auf, rieb mir die Augen und schaute mich um. Ich lag nur noch allein in unserm improvisierten Steinpalast. Draußen war heller Sonnenschein. Da stand Halef mit seinen und meinen Hunden. Ich trat überrascht hinaus. Keine Spur von Wind, kein einziger Regentropfen mehr! Der Fluß war noch voll, doch ging er nicht mehr über die Ufer. Die Falle war leer, vollständig leer. Kein einziger Mensch, den ich sah! Da lachte Halef:

»So klug wie jetzt, hast du noch niemals ausgesehen, Sihdi!«

»Ich glaube es,« antwortete ich. »Ich bin mehr als erstaunt; ich bin geradezu verblüfft. Was habe ich da Alles verschlafen!«

»Nicht viel mehr als ich. Auch ich bin erst vor Kurzem aufgewacht, als der Prinz sich wieder fortschaffen ließ, um zu seinem Vater zu kommen. Dieser seltsame Regen und diese wunderbare Luft hat auf dich und mich gewirkt wie ein Schlaftrunk, dem man nicht widerstehen kann.«

»Aber wo sind sie alle, die hier waren?«

»Unten, weiter unten. Komm! Ich erzähle dir unterwegs!«

Was ich nun erfuhr, wenn auch nur andeutungsweise,
denn Halef wußte selbst fast nichts genau, war mehr als überraschend und warf alle Berechnungen um, die ich mir in Beziehung auf die Dschunub gemacht hatte. Der Dschirbani hatte mit seinem Stabe eine entsetzlich anstrengende Nacht verbracht. Er hätte Halef und mich recht wohl brauchen können, war aber nicht imstande gewesen, uns das zuzumuten, was er nur sich selbst zumuten durfte. Ich hatte die Hilferufe nicht im Schlafe gehört, sondern in den Pausen, in denen ich wachte. Das Wasser des Flusses hatte eine solche Höhe erreicht, daß es den Pferden da unten auf dem Wege schließlich bis an den Leib und den Menschen bis an die Brust gegangen war. Die Dschunub standen in Todesangst. Sie schrien bis weit nach Mitternacht fast immerwährend um Hilfe. Einer solchen Wassermasse hatten die beiden Feuer kaum widerstehen können. Sie brannten nur noch an der Spitze der Scheiterhaufen, deren unterer Teil im Wasser stand. Und sie brannten auch nicht mehr im Freien, weil sie da vom Regen ausgelöscht worden wären, sondern im Innern der beiden Toröffnungen, wo kein Regen sie traf. Das hatte ihrer Größe und ihrer Wirkung so viel Eintrag getan, daß die Dschunub es wagen konnten, bis heranzukommen und die Wachen zu bitten, daß der Dschirbani kommen möge, um mit ihnen zu verhandeln. Diese Angst und Not hatte sich der Dschirbani zunutze gemacht. Er war bald am Felsenloch und bald am Felsentor mitten im Wasser erschienen, um hier mit dem Maha-Lama, dort mit dem Strategen zu reden. Auch der Minister und die Generäle waren gekommen, aber nicht zusammen, sondern einzeln. Denn ein Jeder von ihnen hatte irgend etwas für sich allein erreichen wollen und zu diesem Zwecke ein Bekenntnis oder Geständnis gemacht, welches ihn entlastete, aber zugleich ein Verrat an
den Andern war. Diese einzelnen Mitteilungen vereinigt, hatten ein ganzes Bild ergeben, welches der Dschirbani dadurch vervollständigte, daß er diese Herren alle zusammenkommen ließ und sie verhörte, mitten im strömenden Regen, bis an die Brust im Wasser stehend und von hundert Speerspitzen der riesigen Ussul bedroht. Sie waren überzeugt, dem sichern Tode zu verfallen, wenn sie sich weigerten, zu gestehen. Darum erzählten sie alle, was sie wußten. Keiner schwieg, keiner nahm sich aus.

»Was sie wußten. Von wem?« fragte ich Halef.

»Von ihrem Scheik. Vom Mir von Ardistan aber ganz besonders.«

»Und dann?«

»Der Erfolg war ganz anders, als sie dachten. Der Dschirbani ging von ihnen, ohne ein Wort zu sagen. Aber kurze Zeit darauf wurde das Felsenloch geöffnet. Die Dschunub durften heraus, immer Einer nach dem Andern. Ein Jeder hatte sein Pferd und seine Waffen abzuliefern. Jetzt lagern sie, alle dreitausend Mann, im Süden der Landenge im Sande und werden mit ihren eigenen Waffen von uns in Schach gehalten.«

»Also kriegsgefangen?«

»Nein, noch schlimmer, Effendi.«

»Was sonst?«

»Gefangen wie die Kinder Israel in Babel. Der Dschirbani gibt sie nicht wieder frei. Er läßt sie in die Urwaldungen der Ussul verteilen, wo ihre Aufgabe ist, die Wildnis in fruchtbares Land zu verwandeln.«

»Ist das wirklich?« rief ich aus.

»Ja, Effendi.«

»Sie alle, alle?«

»Alle! Auch der mit dem langen Namen, der
Maha-Lama und der oberste Minister. Sag, was machst du für ein Gesicht?«

»Komm, komm! Ich muß hinunter; ich muß zum Dschirbani!«

Ich eilte den Höhenweg dahin und dann zum Felsenloche hinab. Bis dahin war kein Mensch zu sehen, wohl aber die Spuren des gestrigen Unwetters. Von hier an aber gab es Leute, erst einzelne, dann mehr und mehr. Es waren lauter Ussul und Tschoban. Ich wurde von ihnen gegrüßt, dankte aber kaum, so sehr war ich innerlich beschäftigt. Ein Dschunubi war nicht zu sehen. Am Ende des Engpasses angelangt, sah ich rechts, weit draußen, Tausende von Pferden stehen. Links, auch weit draußen, lagerten ebensoviel Menschen – – – die Gefangenen. Sonst wimmelte es überall von Ussul und Tschoban. Grad vor mir wurde soeben das Zelt des Scheiks der Ussul wieder errichtet, welches des Sturmes wegen abgebrochen worden war. Vor ihm gab es einen eng gezogenen Kreis von Leuten, in dem irgend etwas Wichtiges zu geschehen schien. Ich drängte mich mit Halef durch. Da standen in einer Gruppe beisammen Amihn und Taldscha, der Dschirbani, der Scheik der Tschoban mit Sadik, seinem ältesten Sohne, ferner Abd el Fadl und Merhameh. Ihnen gegenüber hielten auf drei Pferden, zu einem langen Ritte vollständig ausgerüstet, trotz seines kranken Fußes der »Panther« und seine beiden Freunde und Berater, »die Feder und das Schwert des Prinzen«.

Als dieser mich sah, hielt er mitten in einem Satze inne, den er soeben sprach, und rief, indem er auf mich deutete:

»Da kommt er ja. Fragt ihn! Er ist der Horcher. Er weiß Alles zu erlauschen, zu erfragen, zu erforschen, zu erfahren! Er hat uns gelehrt, die Offiziere der
Dschunub zu belauschen. In ganz demselben Raume saß ich vorher mit meinen beiden Gefährten. Es ist gewiß, daß er auch uns belauschte. So fragt ihn doch! Er wird euch sagen, weshalb ich sofort gehen muß, nachdem ich Diesem hier begegnet bin!«

Er hob bei diesen Worten die Hand und zeigte auf seinen Bruder Sadik, dessen Anwesenheit er erst heut früh erfahren hatte. Dann ritt er bis nahe an Abd el Fadl heran und fragte ihn:

»Du bist Abd el Fadl, der Fürst von Halihm?«

»Ja,« antwortete der Angeredete.

»Und das ist Merhameh, deine Tochter?«

»Ja.«

»So warne ich dich! Gib sie niemals einem Manne zum Weibe, außer mir! Sie wagte gestern, zu segnen, wo ich verfluchte! Und sie ist schön! So sei sie mir verfallen! Ich hole sie mir!«

Er ließ sein Pferd einen engen Kreis beschreiben, um allen rundum Stehenden in das Gesicht zu sehen, und rief sodann mit lauter Stimme:

»Hört, ihr Tschoban! Und hört auch, ihr Ussul! Dort seht ihr Merhameh, das Kind von Abd el Fadl, des Fürsten von Halihm! Und hier bin ich, bis jetzt nur Prinz des Scheiks der Tschoban, bald aber mehr, viel mehr! Ich erkläre Merhameh für meine Braut. Wehe ihrem Vater, wenn er es wagt, mir einen Andern vorzuziehen! Wehe ihr, wenn sie sich mir nicht treu und heilig hält! Und wehe dem Unglücklichen, den ich an ihrer Seite finde, wenn ich komme! Er stirbt einen Tod, der schwerer wiegt, als tausend andere Tode! Lebt wohl! Allah beschütze euch! Ihr habt es nötig!«

Er ritt davon, begleitet von seinen Gefährten. Ich stand da und schaute ihm nach, ohne das, was er tat,
zu begreifen. Da kam der Dschirbani, nahm mich bei der Hand und sagte:

»Komm mit, Effendi, komm! Es ist sehr Wichtiges geschehen. Wir warteten schon längst auf dich, um es dir mitzuteilen. Das, was gestern geschah und heut geschieht, ist keinesfalls das Ende. Es scheint, wir gehen doch hinauf, hinauf nach – – Dschinnistan – – –!«

Zweites Kapitel

In der Höhle des Löwen

Es war etwas über zwei Monate später. Dschunubistan hatte sich fügen müssen. Der Dschirbani stand mit seinem stark vermehrten Heere nun an der Grenze von Gharbistan, welches keinen besonderen Herrscher besaß, sondern ebenso wie auch Scharkistan dem Mir von Ardistan unmittelbar untergeben war. Wir Beide aber, nämlich Halef und ich, befanden uns unsern Truppen weit voraus; warum, das wird der Leser bald erfahren. Wir hatten Gharbistan quer durchritten und uns dann bei dem Mir von Ardistan als Abgesandte des Dschirbani melden lassen. Es war uns von ihm eine Reiterschar entgegengeschickt worden, um uns nach Ard, seiner Hauptstadt und Residenz, zu führen. Diese Leute behaupteten, daß sie die Aufgabe hätten, uns zu beschützen. In Wahrheit aber hatten wir uns als ihre Gefangenen zu betrachten, weil es ihnen bei Leben oder Tod befohlen war, uns der Gewalt des gefürchteten Tyrannen auszuliefern. Sie waren das, was wir in Europa als Soldaten bezeichnen, und wurden von einem Oberst angeführt, der sich alle Mühe gab, uns glauben zu machen, daß
nicht die geringste Gefahr für uns vorhanden sei. Daß wir unsere beiden Hengste ritten, versteht sich ganz von selbst. Aber unsere Gewehre hatten wir bei dem Dschirbani zurückgelassen, ebenso auch die Pistolen und Revolver, und zwar aus zwei gewichtigen Gründen. Erstens wollten wir als Gesandte oder vielmehr als Parlamentäre gelten und durften also nicht bewaffnet sein, und zweitens wollte ich meine beiden kostbaren Gewehre nicht der Gefahr aussetzen, in die Hände des Mir zu geraten. Wir waren also vollständig unbewaffnet, denn die Messer, die dort ein Jeder fortwährend trägt, waren nur als Eßwerkzeuge, nicht aber als Waffen zu betrachten. Auch unsere Hunde hatten wir nicht mit. Es war ausgeschlossen gewesen, sie mit nach Ardistan zum Mir zu nehmen. Sie konnten uns da leicht hinderlich sein. Darum hatten wir sie zurückgelassen und der Pflege Abd el Fadls, Merhamehs und des Dschirbani anvertraut.

Unsere Eskorte hatte uns schon anderthalb Tage lang durch ein Land geführt, welches sich immer gesegneter und fruchtbarer zeigte, je mehr wir uns der Hauptstadt näherten. Aber wir bemerkten gar wohl, daß man einsamen Wegen den Vorzug gab, um Begegnungen möglichst zu vermeiden. Das Terrain stieg langsam, aber ununterbrochen an. Das Land war bergig geworden. Aber die Berge waren nicht kahl, sondern teils dicht bewaldet, teils mit Reben oder Fruchtbäumen besetzt. Wo es eine breitere Ebene gab, sahen wir Häuser, Gärten und Felder liegen, und aus der Tiefe der Bergesengen glänzte fließendes Wasser zu uns herauf. Das war gegenüber der Wüste der Tschoban, die wir glücklich überwunden hatten, ein erfreulicher Anblick für uns.

Der heutige Nachmittag war schon über halb verflossen, als sich die Zeichen mehrten, daß die Residenz
nahe sei. Auf allen Wegen sah man Menschen, die entweder dorthin gingen oder von dorther kamen. Begegnungen waren gar nicht mehr zu vermeiden. Besonders fiel uns der große Prozentsatz der Militärpersonen auf, die sich unter diesen Leuten befanden. Sie waren, wie vor zwei Monaten die Dschunub, fast ganz gleich gekleidet und an ihren Gewändern mit Abzeichen versehen, die sich auf die betreffende Charge bezogen.

Wir hatten eine lang hingestreckte Höhe zu erklimmen gehabt, an der sich Wein- und Johannisbrotgärten aneinanderreihten. Ich dachte dabei an meinen Lieblingsberg, den Karmel, auf dessen Höhe es auch Wein und Johannisbrot in Menge gibt. Jetzt, als wir den Kamm erreichten, hielten wir unwillkürlich unsere Pferde an, denn der Anblick, der sich uns von hier aus bot, war überraschend schön, war sogar selten schön. Vor uns lag ein weiter, weiter, rundum von Bergen eingeschlossener Talkessel, den vier Flüsse durchzogen, die sich grad unter uns vereinigten. An den Ufern dieser Flüsse lag Haus an Haus und Garten an Garten, soweit unsere Blicke reichten. In den Gärten herrschte die Palme vor. Es war fast so, wie wenn man von den Baradafelsen aus auf Damaskus herunterschaut, nur noch viel schöner. Die Häuser zeigten alle möglichen Baustile. Auch Gotteswohnungen gab es in großer Zahl und, wie es schien, von jeder geschichtlichen Art. Wir sahen geschlossene und offene Säulentempel; links drüben ein Bau, der einem indianischen Teokalli glich, und rechts, auf der andern Seite, eine hoch und massig gebaute Chinesenpagode. Dazwischen ragten schlanke, mohammedanische Minaretts in die Lüfte. Hier und da stand auch ein kleineres, bescheideneres Haus, mit einem christlichen Kreuze auf dem Dache. Sollten das etwa Kirchen sein?

Vor allen Dingen stieg grad im Mittelpunkte der Stadt ein wunderbar komponierter und gegliederter Bau aus Stein zum Himmel auf, der unsere Blicke auf sich zog und gar nicht wieder von sich lassen wollte. Das Mittelstück desselben, ein großes, kühnes Kuppelwerk, wurde nach Nord, Süd, Ost und West von vier gewaltigen Türmen flankiert, welche ganz gewiß die Höhe des Kölner Domes hatten, einander auf das Genaueste glichen und, unten massig geschlossen, sich nach oben hin immer feiner und feiner filigranisierten, so daß ihre Spitzen sich in Aether zu verwandeln und ganz in ihm zu verschwinden schienen. An diese vier Haupttürme schlossen sich nach den vier Himmelsrichtungen wieder Kuppeln an, aber kleinere, die eine Interpunktion von gleichmäßig kleineren Türmen bekamen und in eine weitere Folge von immer tiefer herabsteigenden Kuppeln, Türmen und Türmchen verliefen, bis der hoch aufgeschwungene Grundgedanke die Erde wieder erreichte, aus der er gestiegen war. War das ein christlicher Dom? Etwa die Kathedrale?

»Nicht wahr, eine herrliche Stadt?« fragte der Oberst, der es uns ansah, welchen Eindruck das Alles auf uns machte. »Hier stand zur Zeit der ersten Menschen das Paradies. Siehst du die vier Flüsse? Sie heißen Phison, Dschihon, Tigris und Phrat. Diese Namen stehen schon in euerm Koran oder in eurer Bibel oder in euern Vedabüchern. Mich geht das nichts an, denn ich glaube an kein solches Buch. Die Türme sind das Schloß des Mir. Gott selbst hat den Grundstein gelegt, als das Paradies noch stand, grad in der Mitte desselben. Er befahl den Assyra und Babyla, die Riesen waren, den Bau zu beginnen, den er zur Wohnung für den Mir von Ardistan bestimmte. Sie gehorchten. Später aber kamen die Christen, welche behaupten, daß Alles nur ihnen allein
gehöre. Sie trieben die Assyra und Babyla von dannen und bauten weiter. Als alles fertig war, setzten sie auf jede Spitze, Ecke und Kante ein Kreuz. Der damalige Mir ließ das geschehen. Er lächelte dazu, daß sie glaubten, in diesem seinem Hause wohnen zu können. Als das letzte Kreuz seinen Platz erhalten hatte, ließ er sie alle wieder entfernen und zog hinein, wo nun sein Nachkomme noch heutigen Tages wohnt. Die Christen aber wurden ob ihres Hochmutes streng bestraft. Sie sind noch heut verachtet und verhaßt, und es ist eine große Gnade des Mir, daß er sie nicht ganz vernichtet oder vertrieben, sondern ihnen erlaubt hat, in den kleinsten und abgelegensten Häusern der Stadt zu wohnen, die als Warnungszeichen mit einem Kreuz versehen sein müssen, damit Niemand sich verunreinige, indem er seinen Fuß über eine solche Schwelle setzt. Doch kommt! Wir müssen weiter. Der Mir hat befohlen, euch noch vor Abend abzuliefern, weil die von euch gewünschte Audienz noch heute stattzufinden hat.«

»Wohin führst du uns?« fragte ich.

»Natürlich nach dem Schlosse, in dem ihr wohnen werdet, denn ihr seid seine Gäste.«

»Gäste?«

Bei diesem Worte sah ich ihm scharf in die Augen. Er wurde zwar ein wenig verlegen, bestätigte aber doch:

»Ja, Gäste!«

»Hat er dich beauftragt, uns dieses Wort zu sagen? Wirklich dieses?«

»Grad dieses! Ganz gewiß!« Nach dieser Versicherung fuhr er gedämpften und vertraulichen Tones fort: »Er ist außerordentlich begierig, euch zu sehen. Er kennt euch schon.«

»Woher?«

»Das darf ich nicht verraten. Vielleicht sagt er es euch selbst.«

Wir setzten uns wieder in Bewegung und ritten auf der andern Seite der Höhe zur Stadt hinab. Niemand beachtete uns. Wir waren nicht anders gekleidet als hier Jedermann, und Keiner von allen, deren Blicke auf uns fielen, hielt uns für fremde oder gar für aus irgend einem Grunde interessante Menschen. Es war genau so, wie wenn zwei Deutsche mit einigen Einheimischen durch die Straßen von Paris oder London reiten. Die paar Menschen verschwinden unter der ungezählten Menge der übrigen Passanten. Wir ritten wohl eine ganze Stunde lang durch verschiedene Straßen, Gassen und Gäßchen, kamen über mehrere Brücken und hatten bei den Verschiedenheiten und den Gegensätzen, die uns da überall und in jeder Form und Beziehung entgegentraten, das Gefühl, uns in einer Weltstadt zu befinden, die Alles in sich vereinigt, was die Erde ihren Bewohnern bietet. Das machte auf meinen wackeren Halef einen beinahe entmutigenden Eindruck.

»Mir beginnt, angst zu werden, Sihdi!« sagte er. »Das ist etwas ganz Anderes als draußen im Walde, auf dem Felde oder gar in der freien Wüste, wo man tun kann, was Einem beliebt. Hier aber ist man nicht mehr Herr seiner selbst. Hier hilft alle Tapferkeit und Klugheit nichts. Man wird erdrückt, mag man sich noch so wehren! Du aber lächelst?«

»Ja. Du fürchtest dich weder vor den Bäumen des Waldes, noch vor den Halmen des Feldes, noch vor den Sandkörnern der Wüste, obgleich du sie nicht zählen kannst. Vor diesen Menschen aber wird dir bange, obgleich ihre Zahl noch lange nicht so groß ist als die Zahl der Blätter oder Nadeln eines einzigen ausgewachsenen
Baumes im Walde! Glaubst du etwa, daß Allah draußen vor der Stadt geblieben ist? Oder haben wir unsern Mut, unsern Scharfsinn, unsere List da draußen weggeworfen und reiten nun ohne Glauben an Gott und an uns selbst als Narren und Dummköpfe einem unvermeidlichen Untergange entgegen?«

Da reckte er seine kleine Gestalt so hoch wie möglich empor und antwortete:

»Nein, Sihdi, nein; das nicht! Wenn du so weiter denkst und bleibst wie jetzt, werden wir diese Riesenstadt so frei verlassen, wie wir gekommen sind! Ja, es ist wohl richtig, daß es ein unendlich kühner und verwegener Plan gewesen ist, nach Ard zu reiten, um den Mir kennen zu lernen, bevor der eigentliche Kampf gegen ihn beginnt. Wenn er uns durchschaut, so weiß er, daß wir nur als Spione gekommen sind, die man entweder mit Knüppeln totzuschlagen oder mit Stricken am Halse aufzuhängen pflegt Und er ist ein rücksichtsloser, grausamer Mensch, dem es ein großes Vergnügen machen wird, uns von der Spitze eines seiner vielen Türme herunterwerfen zu lassen. Aber wir würden uns so Etwas doch wohl nicht ganz gutwillig gefallen lassen. Wenigstens ich würde, falls es uns wirklich an das Leben gehen sollte, ihm schnurstracks an den Hals springen und ihm zwei Hände breit weiter unten fühlen lassen, wie lang die Klinge meines Messers ist! Also sei getrost, Sihdi! Ich verlasse dich nicht, mag es kommen, wie es will!«

So war er, der liebe, kleine Kerl; er tröstete und munterte mich auf, obwohl die Bangigkeit sich doch nicht an mich, sondern an ihn herangeschlichen hatte. Daß er mich selbst in der gefährlichsten Lage nicht verlassen würde, verstand sich ganz von selbst!

Der Riesenbau des »Schlosses« blieb uns durch jede
Straßen- und Häuserlücke sichtbar, an der wir vorüberkamen. Er schob seine Füße viel weiter vor, als wir dachten, und so waren wir überrascht, als wir plötzlich an einem Mauertore hielten und der Oberst uns sagte, daß wir am Ziele angekommen seien. Das Tor führte nicht in ein Gebäude, sondern in einen offenen Hof, dessen zwei Hauptseiten aus Stallungen bestanden. Hier wurden, wie wir erfuhren, die Pferde der Gäste des Mir untergebracht, und zwar nur die wertvollen Pferde, nicht aber die gewöhnlichen, die nicht der Mühe wert waren, welche man sich mit Tieren besserer oder gar reinster Abstammung gibt. Der Oberst wollte uns, sobald wir abgestiegen waren, gleich weiterführen, doch gingen wir nicht darauf ein, denn in unserer gegenwärtigen Lage hatten unsere Pferde für uns genau denselben Wert wie wir selbst. Er mußte warten, bis sie untergebracht, gesäubert, gewaschen und getränkt worden waren und ihr Futter vorgelegt bekommen hatten. Als er darüber ungeduldig wurde und uns sagte, daß er nicht so lange warten könne, sondern dem Mir Bericht erstatten müsse, antwortete Halef in seiner ihm eigenen, deutlichen Weise:

»Wir verlangen ja gar nicht, daß du länger bleibest. Nur der Mir soll warten, da du nicht warten kannst. Mein Pferd steht mir höher als er!«

Der Offizier aber wartete doch! Dann führte er uns durch ein Innentor nach einem der kleinen Nebentürme, in dem die beiden Stuben lagen, die uns angewiesen wurden. Dort übergab er uns einem Diener und entfernte sich. Der Diener war sehr höflich, aber auch sehr einsilbig. Er brachte uns Essen und Trinken und setzte sich dann draußen vor die Türe, so daß es, da er Pistolen im Gürtel stecken hatte, ganz so aussah, als ob er nicht unser Domestik, sondern unser
Wächter sei. Das Essen war sehr gut und sehr reichlich. Als wir gesättigt waren, genossen wir für kurze Zeit die Aussicht, die sich uns durch das Fenster bot. Wir sahen von da aus bis weit zu der Höhe hinaus, von der wir herabgekommen waren. Dann gingen wir hinunter nach dem Hofe, weniger, um noch einmal nach unseren Pferden zu sehen, als vielmehr um zu erfahren, wie es mit der Freiheit bestellt war. Der Diener hinderte uns nicht, die Stuben zu verlassen, aber er kam dann hinter uns her. Und als wir unten nach dem Außentore schritten, machte er uns darauf aufmerksam, daß es verschlossen sei. Es werde uns geöffnet werden, wenn wir in die Stadt zu gehen wünschten; aber da müsse er vorher die Wache kommen lassen, die uns zu begleiten habe, weil der Mir nicht wolle, daß uns auf irgend eine Weise ein Leid oder etwas Aehnliches geschehe. Nun wußten wir, woran wir waren. Man betrachtete uns als Gefangene, obgleich man es uns nicht direkt zu hören gab. Das beunruhigte uns aber nicht, denn wir hatten überhaupt nichts Anderes erwartet. Als wir hierauf in unsere Wohnung zurückgekehrt waren, brach die Nacht herein, und der Diener brachte uns Licht. Eine Stunde später kam der Oberst und teilte uns mit, daß er den Befehl habe, uns zum Mir zu führen. Dieser werde zwar nicht mit uns sprechen; wir aber hätten ihm die vorgeschriebene Demut zu erweisen und alle Fragen, die er durch Andere an uns richten lasse, schnell und der Wahrheit gemäß zu beantworten.

»Da sehe ich schon kommen, was kommt!« flüsterte Halef mir zu. »Das wird sich mein Sihdi wohl kaum gefallen lassen!«

Der Mir von Ardistan ist ein hochstehender, orientalischer Fürst, ein Selbstherrscher, der kein anderes Gesetz
kennt, als nur seinen eigenen Willen. Die Fama sprach nicht gut über ihn, sondern schlecht, sehr schlecht. Man sagte ihm nach, daß selbst der reichste, der höchste, der beste und klügste Mensch für ihn nichts weiter sei als nur eine Mücke, die man zwischen zwei Fingerspitzen zerdrückt. Ich aber wußte, daß der Mensch stets menschlich bleibt, sowohl in guten, als auch in bösen Dingen. Kein Mensch kann so vortrefflich sein, daß er nur Engel ist. Und kein Mensch kann von Gott so völlig aufgegeben werden, daß man nur noch Teuflisches, nichts Menschliches mehr an ihm findet. Auch der Mir von Ardistan war jedenfalls weder ein Engel noch ein Teufel und stand dem Letzteren wohl kaum so nahe, wie das Gerücht behauptete. Wenn ihm ein Menschenleben so gar nichts galt, so lag das vielleicht weniger an ihm als an dem Umstande, daß er es jahraus jahrein nur mit niedrigen, kriechenden Speichelleckern, Schmarotzern und Schranzen zu tun hatte. Womöglich war ihm noch niemals ein Mensch von wirklichem Werte vor die Augen gekommen. Das war aber doch nur ein Grund, ihn zu bemitleiden, nicht aber, ihn zu fürchten oder gar zu hassen!

Wir wurden durch lange Gänge und mehrere Treppen hinauf und hinunter geführt. Es gab überall nur so wenig Licht, wie gerade nötig war, zu sehen, wo man ging. Die Wände waren verhangen. Die Teppiche und Matten töteten den Schall eines jeden Schrittes. Wie draußen im Freien war man auch hier bemüht, jede Begegnung zu vermeiden. Wir trafen keinen Menschen, nicht einmal eine dienstbare, uns die Räume öffnende Person an. Das alles tat der Oberst selbst. Endlich führte er uns gar in einen langen, schmalen, vollständig dunklen Raum, den wir in seiner ganzen Ausdehnung durchschritten, indem wir uns hüben und drüben mit den
Händen weitertasteten. Das war, wie sich dann herausstellte, Berechnung. Wir sollten uns infolge dieser Dunkelheit von der uns nun entgegenstrahlenden Lichtfülle überwältigt und geblendet fühlen.

Zum Verständnisse der nun folgenden Szene habe ich zu bemerken, daß ich, wenn ich vom »Oeffnen der Räume« sprach, nicht habe sagen wollen, daß wirkliche, hölzerne, verschließbare Türen vorhanden gewesen seien. Ob es überhaupt welche gab, das wußten wir nicht; gesehen hatten wir keine, ausgenommen das Tor, durch welches wir aus der Straße in den Hof geritten waren. Sonst aber waren alle Türöffnungen, durch die wir bis zum jetzigen Augenblick gekommen waren, mit Teppichen oder Gardinen verhangen gewesen, die man, um passieren zu können, zurückzuschlagen hatte. Dieses Zurückschlagen der Vorhänge meinte ich, als ich von dem Oeffnen der Türen oder der Räume redete. Als der Oberst die dicken, schweren Gardinen, welche das gegenwärtige tiefe Dunkel abschlossen, auseinanderzog und uns aufforderte, einzutreten, drang uns zu gleicher Zeit Beides entgegen, eine Fülle aller möglichen Wohlgerüche und eine Fülle aller möglichen Licht- und Strahlenbrechungen mit Hilfe gefärbter Gläser, Ampeln und Laternen, die von der Decke hingen und an den Wänden befestigt waren. Das brennende Sesamöl und die brennenden Kerzen waren parfümiert. Das Auge wurde geblendet und jeder Empfindungsnerv sofort in eine Art von Betäubung versetzt.

Es war ein Saal, in den wir traten, sogar der Thronsaal des Mir von Ardistan, und doch auch wieder nicht, sondern etwas ganz Anderes. Dieser Saal hatte, architektonisch betrachtet, etwas Frommes, Heiliges, ja Kirchliches an sich, doch drang dieser Ausdruck oder Eindruck
nicht vollständig durch; er wurde durch die weltliche Ausschmückung, so kostbar diese auch war, profaniert.

Ich will den köstlichen Thronstuhl nicht beschreiben, auch nicht den, der darauf saß, denn ich sah ihn nicht, sondern ich sah nur die Gewänder, die er trug, und die weißen Schleier, die sein Angesicht so verhüllten, daß nur eine schmale Queröffnung für die Augen offen blieb. Das Alles glänzte von Gold und blitzte und funkelte von Diamanten und anderen edlen Steinen. Zu seiner Rechten und zu seiner Linken standen seine Hofstaaten und die höchsten seiner Offiziere, sie alle in flimmernde Kleidungen oder Uniformen gehüllt. Noch weiter von ihm entfernt eine Menge niedrigerer Chargen, die aber eine solche Menge von Waffen trugen, daß man damit eine sechsmal größere Anzahl für den Kampf hätte ausrüsten können. Es war also nicht nur auf die Wirkung des Reichtumes und die Pracht, sondern wenigstens ebenso auch auf den kriegerischen Eindruck abgesehen, den man auf uns machen wollte. Wir zwei armen Teufel kamen uns dagegen wie ein Paar wertlose Pfennige vor, die unter einen Haufen von Zwanzigmarkstücken geraten sind.

Warum diesen Aufwand wegen uns Beiden? So fragten wir uns. Doch blieb uns keine Zeit, diese Frage zu beantworten, denn wir konnten doch nicht stehen bleiben. Aller Augen waren auf uns gerichtet, was wir tun und sagen würden. Wir schritten also zur Mitte des Saales vor, bis wir dem Throne gerade gegenüberstanden. Da blieben wir stehen und schauten auf den Herrscher oder vielmehr auf seine weit ausgebreiten, übereinanderliegenden Prachtgewänder, unter denen er, die Augen abgerechnet, vollständig verschwand. Er regte sich nicht, wir also ebenso nicht.

»Warum grüßt ihr nicht?« fragte eine Stimme, die mir sofort bekannt vorkam.

»Wen sollen wir grüßen?« antwortete ich.

»Den Herrscher!«

»Wo ist er? Er zeige sich!«

»Hier sitzt er, hier! Bist du blind?«

Der, welcher sprach, hatte bisher hinter dem Mir gestanden; jetzt trat er ein wenig zur Seite, so daß wir ihn sahen. Es war – – – der ›Panther‹. Darum war mir die Stimme sogleich bekannt vorgekommen. Ich ließ mich von seiner Anwesenheit nicht im Geringsten überraschen, sondern entgegnete:

»Blind wohl kaum. Aber wie es scheint, sehe ich falsch. Ich bin gekommen, um mit dem Mir von Ardistan zu sprechen und sehe an seiner Stelle weiter nichts als einen ganz gewöhnlichen Tschoban, der seinen Vater, sein Volk und seine Heimat verlassen hat, um sie an ihre Feinde zu verraten. Pfui!«

Ich spuckte aus und wendete mich, um wieder fortzugehen.

»Halt! Du bleibst!« versuchte er, mich anzudonnern.

»Wer will mich halten?« fragte ich.

»Ich! Wir alle!«

»Versuche es!«

Ich ging. Halef, der Wackere, folgte mir.

»Halt, halt!« befahl der ›Panther‹ abermals.

»Halt, halt, halt, halt!« riefen die Andern.

Die näher Stehenden eilten uns nach. Einige faßten nach uns. Einer, der mich mit der Linken beim Arm ergriff, zog sogar seinen krummen Säbel. Den riß ich ihm aber aus der Hand, schleuderte den Kerl mitten unter die Andern hinein und rief:

»Zurück! Nehmt euch in Acht! Wer aber sofort zum Teufel fahren will, der komme her!«

Einen Augenblick lang war Alles still. Jeder stand vor Entsetzen unbeweglich. Eine solche Entweihung dieses Thrones, dieses Heiligtumes war unerhört, war noch niemals vorgekommen, war ein todeswürdiges Verbrechen, welches unbedingt gerochen werden mußte. Im nächsten Augenblicke brach man auf uns ein; so viel war sicher! Ich war entschlossen, bis hinaus in den engen Gang zu retirieren und, indem wir uns dort in der Finsternis zurückzogen, Niemand an uns heranzulassen. Vielleicht erreichten wir den Hof und den Stall. Was dann zu geschehen hatte, das stand dann freilich nicht in unserer Hand. Aber es kam, trotz der Größe und der Nähe der Gefahr, doch nicht so weit. Draußen nähert sich ein ungeheurer Lärm, eine Menge Stimmen, die angstvoll durcheinanderschrien. Die Gardine des Haupteinganges wurde weggerissen, und man brüllte herein:

»Zu Hilfe! Zu Hilfe! Rettet euch! Vier tolle Hunde, vier tolle Hunde! Wie die Kamele so groß!«

»Wo?« fragten die, welche soeben auf uns eindringen wollten.

»Erst unten am Tore des Stallhofes. Da heulten sie und wollten herein. Sie konnten aber nicht. Da rannten sie nach dem Haupttore und hetzen nun, nach Spuren suchend, durch alle Räume und Gänge – – – da, da! Rettet euch! Sie kommen! Sie kommen!«

Das Geschrei da draußen und auch hier bei uns wurde jetzt von scharf rufenden Hundestimmen übertönt. Das war kein Heulen und Bellen, sondern jenes weittönende, sehnsuchtsvolle Suchen und Fragen, welches nicht eher verstummt, als bis der Hund den vermißten Herrn gefunden hat. Es näherte sich. Es wollte vorüber, denn
es gab da draußen keine Fährte von uns, weil wir von der andern Seite gekommen waren. Wir sahen sie vorüberjagen, alle vier, erst Hu und Hi, dann, schärfer windend, auch Aacht und Uucht. Schon waren sie vorbei, da kehrte Uucht um und warf einen Blick herein. Sie hatte einen hinaustreibenden Lufthauch aufgefangen. Uns sehen und wie eine Löwin brüllend, vor übergroßer Freude, das war eins. Im nächsten Augenblicke waren auch die drei andern da. Sie warfen sich auf uns. Sie hätten uns umgerissen und überkugelt, wenn wir nicht schnell an die Wand retiriert wären, um ihren Liebkosungen standhalten zu können. Was aber außer uns Beiden und ihnen sich noch im Saal befand, das rief, schrie, heulte und brüllte vor Schreck und Entsetzen aus allen Kehlen und rannte schleunigst zur Türe hinaus.

Die braven Tiere hatten sich also nicht halten lassen. Es war, wie wir später hörten, jede Mühe und alle Zärtlichkeit vergebens gewesen. Wir wußten gar wohl, daß sie unbedingt geblieben wären, wenn man sie nicht falsch behandelt hätte, denn wir hatten es ihnen befohlen und waren von ihnen verstanden worden. Welchen Fehler man gemacht hatte, erfuhren wir hernach; jetzt aber konnten wir nicht darnach fragen und mußten uns darein, daß sie uns nachgeeilt waren, fügen, gleichviel ob es für uns gut war oder nicht. Jedenfalls war es eine ganz bedeutende Leistung von ihnen. Fast vier volle Tagesreisen, erst zwei durch Gharbistan und dann fast zwei durch Ardistan. Durch eine stockfremde, reich belebte Stadt! Wegen des verschlossenen Tores durch den ganzen Palast, bis sie uns hatten! Wie verdurstet, verhungert, vergrämt und abgehetzt sie aussahen! Und wie sie nun vor Freude wimmerten und weinten. Wir meinten es ehrlich gut mit ihnen. Wir liebkosten sie mit allen Händen
und allen Worten, die sie verstanden. Sie mußten Wasser und Fleisch bekommen!

»Ja, Wasser, vor allen Dingen Wasser!« sagte Halef. »Und Fleisch, viel Fleisch! Und wenn ich die Küche des Mir erstürmen müßte! Sie haben es verdient, wahrhaftig verdient!«

»Brauchst nicht zu stürmen!« ließ sich da eine tiefe, klare Stimme vernehmen. »Herrliche Hunde! Prächtige Hunde! Werde selbst Befehl geben! Geht getrost in eure Stuben! Es geschieht euch nichts, solange ihr in diesem Hause seid! Ihr seid meine Gäste. Verstanden, meine Gäste! Werde euch den Nahsir es Serahja1 senden. Sogleich!«

Man denke sich unser Erstaunen. Wir hatten angenommen, sie Alle seien hinaus, und hatten nur noch Augen für unsere Hunde gehabt. Und nun jetzt, da er zu sprechen begann und wir zu ihm hinschauten, sahen wir, daß gerade die Hauptperson, nämlich der Mir, ganz ruhig sitzen geblieben war und unsere Liebe und Zärtlichkeit für die erschöpften Tiere beobachtete. Jetzt stand er auf, nahm seine Kleider zusammen, hob sie, um sich fußfrei zu machen, vorn empor und ging hinaus. An der Türe blieb er noch für einen Augenblick stehen, wendete uns das Gesicht, welches wir des Schleiers wegen auch jetzt nicht sahen, noch einmal zu und wiederholte:

»Werde den Nahsir es Serahja senden. Der bringt Fleisch. Lebt wohl!«

»Maschallah!« wunderte sich Halef, als der Mir sich entfernt hatte. »Hättest du so Etwas für möglich gehalten, Effendi?«

»Wohl kaum!«

»Ich denke, wir werden erst geköpft, dann enthauptet und schließlich gar noch hingerichtet, weil wir mit dem Säbel – – du, da liegt er noch! Und nun scheint er ganz zufrieden zu sein und schickt uns gar noch Fleisch! Was sagst du dazu?«

»Daß die Hunde uns gerettet haben!«

»Ich auch! Wer hat sie gesandt?«

»Frag nicht, sondern komm!«

»Gleich, gleich, Sihdi. Erlaube nur, daß ich erst einmal – – Hier ist keine Wand, sondern nur ein großer, dünner Schleier, durch den man sieht, daß kleine Sternchen sich dahinter bewegen. Was mag das sein?«

Er ging nach der betreffenden Seite. Dort gab es, wie gewöhnlich bei Kirchenemporen, eine Balustrade, die eigentlich frei, jetzt aber bis hinauf an die Decke abgeschlossen war, und zwar durch senkrechte Reihen allerfeinsten bucharischen Wollenstoffes, zwischen denen man, wenn man sie zur Seite schob, in den hinter der Balustrade liegenden Raum hinausschauen konnte. Der war groß, sehr groß, aber völlig finster. Die Sterne, von denen Halef gesprochen hatte, waren brennende Lämpchen, zwar ziemlich zahlreich, aber doch nicht imstande, auch nur die allergeringste Beleuchtung hervorzubringen. Nur von dem Raume aus, in dem wir uns befanden, fiel ein nebelhafter Schein hinaus, der dem Schweife eines Kometen glich. Ich vermutete, daß wir uns unter der Hauptkuppel der Kathedrale befanden, konnte es aber nicht behaupten, da wir wohl erst morgen am Tage imstande waren, hierüber zu entscheiden.

Das unverhoffte, gütige Verhalten des Mir war, wie man zugeben wird, geeignet, uns zu veranlassen, dem, was uns erwartete, ruhiger entgegenzusehen als bisher. Ueber sein Aeußeres befanden wir uns im Unklaren.
Nur seine Stimme hatten wir gehört. Sie klang tief und rein und gar nicht unsympathisch. Die Zunge stieß, wie es schien, bei den Konsonanten »Sin« und »Sad« ein wenig an. Das klang gar nicht so, wie man sich die Stimme eines finstern Tyrannen, Despoten oder Wüterichs gewöhnlich zu denken pflegt. Ich hatte das Gefühl, als sei das Herz dieses Mannes keinesfalls von Stein, und Halef war ganz derselben Meinung. Eben, als wir den Rückweg nach unserer Wohnung antreten wollten, kam der Oberst gerannt. Der Mir selbst hatte ihn getroffen und ihm befohlen, zu uns zu eilen, um uns wieder dahin zurückzuführen, woher er uns geholt hatte. Wenn ich an den Lärm und an den Aufruhr dachte, den unsere Hunde hier im Schlosse hervorgebracht hatten, so wäre mir der höchste Zorn des Fürsten erklärlich gewesen. Und was trat ein? Das gerade Gegenteil! Er nahm sich ihrer grad so wie wir in Liebe an! War das nicht wunderbar? Als wir uns dann wieder bei uns befanden, waren wir viel ruhiger als vorher, zumal der Diener die Weisung erhalten zu haben schien, von jetzt an weniger Wächter als vielmehr Domestik zu sein.

Er brachte zunächst Wasser für die Hunde. Dann drei Pfeifen und Tabak. Die dritte sei für den Nahsir es Serahja, der bald erscheinen werde. Doch sollten wir ja mit dem Rauchen nicht auf ihn warten, sondern immer beginnen. Wir taten das, und da stellte sich heraus, daß der Tabak von jener außerordentlich seltenen Sorte war, die man Bachuhr2 nennt und nur einmal bei Fürstlichkeiten oder sonstwie vom Schicksale bevorzugten Personen zu rauchen bekommt. Ich rauchte ihn hier zum ersten Male. Für den Schloßhauptmann war er jedenfalls
nicht bestimmt. Wahrscheinlich war dieser, wie ja so mancher Diener, ein heimlicher Mitraucher seines Gebieters, und wir hatten das Vergnügen, ebenso heimlich daran teilnehmen zu dürfen.

Als er sich einstellte, war er ein ganz anderer Mann, als wir uns ihn gedacht hatten. Wir verbeugten uns bei seinem Gruße ganz unwillkürlich viel tiefer und erwiderten ihn viel höflicher, als es von der dortigen Sitte vorgeschrieben war. Er stand in den mittleren Jahren, war hoch und schlank, aber kräftig gebaut, und hatte einen köstlichen, nachtdunklen, bis auf die Brust herabwallenden Bart, der sein männlich schönes, farbloses Gesicht fast totenbleich erscheinen ließ. Seine Augen waren sogenannte Rätselaugen. Man mußte sie studiert haben, ehe man wagen konnte, sie zu beschreiben. Gekleidet war er in einen ganz gewöhnlichen, einfachen, weißen Stoff, und weder an seiner Hand noch sonst irgendwo war ein Ring oder sonst ein Schmuck zu sehen. Nachdem er uns begrüßt hatte, ging er sofort zum Zweck, der ihn herbeigeführt hatte, über: er setzte sich zu den Hunden nieder, streichelte und liebkoste sie und gab dem Diener einen Wink, auf welchen dieser einen Korb voll Fleisch hereinbrachte, der draußen niedergesetzt worden war, und ein Messer dazu. Hierauf begann er, das Fleisch in kleine Stücke zu zerschneiden und den Hunden zu geben. Natürlich weigerten sie sich erst, es zu nehmen. Sie hätten trotz ihres jedenfalls großen Hungers Alles zurückgewiesen, wenn ihnen von uns die Erlaubnis versagt worden wäre. Das rührte ihn. Er gab jedem gleich viel, keinem ein Stückchen mehr. Er schnitt je vier Stückchen ab, und diese mußten von genau gleicher Größe sein. War eines größer, so wurde den drei andern das, was fehlte, zugelegt. Dabei unterhielt er sich mit ihnen. Er gab ihnen
Kosenamen. Er sprach mit ihnen, als ob sie Menschen seien. Und wenn ihn einer verstand, so freute er sich. Noch viel mehr aber, wenn sich einer vertraulich an ihn schmiegte oder ihm dankbar die Hand leckte. Dabei hatte er eine ganz andere Stimme. Sie klang zärtlich, kindlich, hingebend, vertrauensvoll und ebenso Vertrauen erweckend.

Als er fertig war, schob er zwar den Korb, nicht aber die Hunde von sich. Sie mußten bei ihm bleiben. Er stopfte sich eine Pfeife und steckte sie selbst in Brand, denn der Diener war nicht mehr da. Er hatte ihm durch einen Wink bedeutet, sich zu entfernen. Nachdem er einige Züge des köstlichen Rauches getan und ausgeblasen hatte, begann er das Gespräch, indem er sagte:

»Wundert euch nicht, daß ich die Hunde liebe! Sie sind besser als die Menschen. Hat dich jemals ein Hund belogen?«

»Nein,« antwortete ich, weil er bei dieser Frage mich ansah.

»Betrogen?«

»Nein.«

»Zeigt er dir Liebe, wenn er dich haßt?«

»Gewiß nicht!«

»Und wenn ein Hund, ein Pferd oder irgend ein Haustier mißrät, mißtrauisch und bissig wird, wer ist schuld daran? Der Mensch, der nicht wie ein Mensch, sondern wie eine Bestie an ihm handelt! Ich liebe die Hunde, die Pferde. Sie sind wahr. Sie sind offen und ehrlich. Sie lügen nicht! Die Menschen aber hasse ich, verachte ich. Ich habe noch keinen gefunden, der es wert wäre, auch nur ein einziges Stück Fleisch von mir zu bekommen, wie diese eure Hunde!«

»Armer Mann!« sagte Halef.

»Arm? Bloß arm?« fragte der Ardistani. »Noch schlimmer als arm, noch schlimmer! Selbst die Hunde, die ich mir halte, um doch auch einmal ehrliche Liebe zu finden, dürfen nicht immer bei mir sein und werden mir von Andern verzogen. Man unterschlägt, entwendet und raubt mir ihre Zuneigung und Treue. Wie beneide ich euch! Wie freute ich mich über die Treue dieser schönen Tiere und über eure Einsicht und euern Verstand, daß ihr sie nicht bestraftet, anstatt ihnen dankbar zu sein. Ich sage euch, der Augenblick, an dem eure Hunde kamen und fast vor lauter Liebe zu euch gestorben wären, ist ein unendlich wichtiger für mich, viel wichtiger, als ihr ahnt. Es kam zum ersten Male nach dem Tode meiner Mutter die Ahnung, ja die Gewißheit über mich, daß es außer ihr doch Menschen gibt, die wert sind, nicht nur von Hunden, sondern auch von Menschen geliebt zu werden!«

»Du warst dabei, als unsere Hunde kamen?«

»Ja. Doch in anderer Kleidung. Darum erkennt ihr mich nicht wieder. Warum habt ihr den Mir nicht gegrüßt?«

»Wir sind keine Schneider, die Kleiderstoffe und Anzüge studieren wollen, sondern wir kommen als Männer um den Mann zu sehen und zu sprechen! In unserer Heimat grüßt man den Mann, nicht aber das Gewand.«

»Wie stolz!«

Dieser Ausruf klang halb bewundernd, halb aber auch beleidigt, mit einem Anfluge von Zorn, den er doch nicht ganz überwinden konnte. Er erhob warnend, wahrscheinlich auch drohend, den Finger und fuhr fort:

»Dieser Stolz hätte euch das Leben kosten können!«

»Wohl kaum!« antwortete ich.

»O doch! Sogar gewiß! Man hätte euch mit den Säbeln zerhackt und zerhauen! Nur eure Hunde haben euch gerettet!«

»Vielleicht, vielleicht auch nicht! Wir hatten unsere Messer. Ich hatte auch schnell einen Säbel. Und wir hatten einen Schild, mit dem wir ganz sicher jeden Stich oder Hieb und jede Kugel abgehalten hätten.«

»Einen Schild?« fragte er. »Ich sah doch keinen!«

»Er saß auf dem Throne. Ich meine den Mir.«

»Wieso? Den Mir!«

»Wir wären zu ihm hingesprungen und hätten ihn gepackt, um uns durch seinen Körper zu schützen. Er hätte sich nicht wehren können, schon der unbehilflichen Kleidung wegen nicht. Dieser Schild war gut. Ihm hätte man jedenfalls nichts getan.«

»Und wenn aber doch?« fragte er.

»So wären wir gewiß nicht gestorben, ohne ihm vorher unsere Messer in das Herz zu bohren!«

Da schnellte er mit einem Sprunge in die Höhe und rief:

»Ist das wahr? Bei allen Teufeln! Ist das wahr?«

»Gewiß! Ich gebe dir mein Wort!«

Halef bestätigte es. Da schritt der Ardistani nach dem Fenster, schaute, um zu überlegen und sich zu beruhigen, lange, lange Zeit hinaus, drehte sich dann zu uns um und sprach:

»Ich sage euch, daß der Mir niemals, so lange er lebt, wieder eine so unbehilfliche Kleidung anlegen wird! Und ich sage euch weiter, daß es schade, jammerschade um euch gewesen wäre, wenn man euch erschlagen hätte. Ich sehe endlich, endlich einmal Menschen, die wirklich Menschen sind, sogar Männer, wirkliche Männer! Freilich, was ihr mir da sagt, das würdet ihr dem Mir wohl nicht zu sagen wagen, denn – –«

»Warum nicht?« unterbrach ich ihn.

»Er ist ein Tyrann, ein Despot, ein schonungslo –«

»Ja, das ist er!« fiel ich ihm abermals in die Rede. »Aber warum ist er es? Wer hat ihn dazu gemacht? Haben die Menschen, die ihn umgaben, irgend einen Wert? Und wenn sie einen haben, dann doch nur als Masse! Wieviel Hunderttausende von ihnen werden geboren, nur um wieder zu sterben und zu verfaulen, ohne daß es auch nur einem Einzigen von ihnen gelingt, auf sie gestützt, über sie emporzusteigen. Ist es da ein Wunder, daß er, der nicht emporzusteigen braucht, weil er oben geboren ist, dieses sogenannte Menschenmaterial eben nur als Material betrachtet, als weiter nichts?«

Er trat wieder näher, langsam und tief atmend. Seine Augen begannen, zu glänzen. Seine bleichen Wangen färbten sich. Ich fuhr fort:

»Wäre er in meinen Augen ein Tyrann, so wäre ich nicht hierher gekommen; darauf verlasse dich! Du glaubst, ich fürchte mich vor ihm? Habe ich mich nicht in seiner Gegenwart geweigert, ihn zu grüßen? Habe ich ihm nicht gesagt, daß es genau so ist, als ob ich ihn gar nicht sehe? Habe ich ihn nicht dadurch gezwungen, aus dem lächerlichen toten Herrschergewande, welches einem Sarge gleicht, herauszutreten und mir den Menschen, den Mann, den wahren Mir zu zeigen, nicht aber den Sklaven seines höfischen Mummenschanzes und seiner eigenen Knechte und Mägde?«

»Gezwungen hast du ihn?« fragte er verwundert. »Und herausgetreten ist er?«

»Ja,« antwortete ich.

»Wann? Wo?«

»Jetzt, hier!«

Während ich das sagte, stand ich auf, um die Arme über der Brust zu kreuzen und mich höflich zu verneigen.
Halef tat dasselbe. Da wich der Ardistani einen Schritt von uns zurück und fragte:

»So wißt ihr, wer ich bin? Ihr habt mich erkannt?«

»Ja.«

»Woran?«

»An deiner Aussprache, am Sin und Sad.«

Da ging ein fröhliches Lächeln über sein Gesicht, und er rief aus:

»Wirst du es glauben, daß du außer Mutter, Vater und Lehrer der Erste bist, der es wagt von diesem Fehler zu sprechen? O, diese Kriecher, diese Würmer, diese Läuse, Wanzen und Flöhe! Es zuckt Einem der Fuß, sie hinabzustoßen, so oft sie kommen, gleich tausend auf einen Tritt!« Er machte eine Fußbewegung, als ob er Jemand oder irgend Etwas mit dem Fuße in die Tiefe stoße, setzte sich nieder, stopfte sich seine Pfeife von Neuem, schob uns den Tabak hin, dasselbe zu tun, und sprach dabei weiter: »Es sollte geheim bleiben, wer ich bin, aber nun ihr es wißt, mag es so auch richtig sein. Ich will zunächst als Fürst zu euch sprechen, aber nur kurz; viel länger dann auch als Mensch. Als Fürst betrachte ich euch als Feinde. Ich weiß, wer ihr seid. Du bist ein Effendi aus Germanistan und dein Begleiter ist ein arabischer Scheik, der den Ussul alle eure Erlebnisse erzählte. Von ihnen erfuhr es der Prinz der Tschoban, der es dann mir hier berichtete. Ihr wißt nun also, warum ich euch so behandle, wie ich keinen andern Menschen behandelt habe oder später behandeln werde. Wir sind Feinde, aber Männer. Unser Stolz sei, ehrlich zu sein, uns einander nicht zu belügen. Ich bitte euch darum, mich nur nach Dingen zu fragen, die ich euch mitteilen darf, sonst bin ich gezwungen, entweder zu schweigen oder unwahr zu sein. Warum seid ihr gekommen? Seid aufrichtig!
Es geschieht euch nicht mehr, als wenn ihr lügt. Vor allen Dingen seid ihr versichert, daß ihr das Gastrecht meines Hauses und meiner Stadt genießet und erst jenseits der Stadtgrenzen wieder vogelfrei werdet.«

»Ich danke dir!« erwiderte ich. »Ja, laß uns Männer sein und nur die Wahrheit sagen! Wir sind nicht deine Feinde, sondern nur deine Freunde, wahrscheinlich sogar die besten und ehrlichsten, die du hast. Doch, um das zu erkennen, mußt du besser über uns unterrichtet sein, als der ›Palang‹ dich unterrichtet hat. Es ist Krieg. Der Dschirbani steht vor der Pforte von Gharbistan, bereit, die Grenze zu überschreiten, sobald er Nachricht von uns bekommt. Ebenso wenig, wie ich dich nach deinen Kriegsplänen und deinen Truppen frage, ebenso wenig wirst du mich nach den meinigen fragen. Wir kommen nur wegen der Geiseln zu dir, wegen weiter Niemand und nichts. Wir wollen sie befreien und – – –«

»Ihr Zwei?« fragte er da schnell.

»Ja, nur wir Zwei,« antwortete ich.

»Das sieht euch ähnlich; beim Himmel, das sieht euch ähnlich! Und das sagst du mir so offen?!«

»Warum sollte ich das nicht? Wir sind ja grad aus dem Grunde gekommen, es dir zu melden und von dir zu erfahren, was wir wissen müssen, um sie befreien zu können.«

Da nahm sein Gesicht einen Ausdruck an, den ich nicht beschreiben kann. Er wußte nicht, ob er mich für maßlos unverschämt und frech oder für ganz wahnsinnig aufrichtig halten solle. Daß ich einfach nur psychologisch handelte, war für ihn nicht zu erkennen. Er schlug die Hände zusammen, sah mich wie ein Wunder an und rief:

»Ich soll euch verraten, was ihr wissen müßt, um mir meine Gefangenen zu stehlen! Ich selbst, ich selbst! Wer so etwas zu verlangen wagt, der muß – – – – doch sprich: Was willst du wissen?«

»Ob die Geiseln noch leben, die Prinzen der Ussul.«

»Sie leben noch.«

»Wo sie sich befinden.«

»In der Stadt der Geister, die man auch die Stadt des Todes oder der Toten heißt.«

»Droht ihnen der Tod?«

»Ja, der sichere.«

»Wann?«

»Sobald eure Truppen die engere Grenze von Ardistan überschreiten. Das ist unabänderlich bestimmt.«

»So danke ich dir! Wir haben weiter keine andere Frage, denn das ist Alles, was wir wissen wollen.«

»So könnte ich euch wohl, wenn ich wollte, sofort entlassen, und euer Zweck wäre damit erreicht?«

»Ja.«

Da sprang er wieder auf, lief in der Stube hin und her und staunte:

»Was seid ihr doch für Menschen! Noch nie habe ich so Etwas erlebt! Kaum ist es zu begreifen!«

Er trat wieder zum Fenster und schob den Kopf weit hinaus, als ob er das Bedürfnis fühle, seine Stirn zu kühlen. Dann kehrte er zu uns zurück, setzte sich nieder und entschied:

»Unsere Unterredung als Feinde, Offiziere und Diplomaten ist jetzt zu Ende. Der Mir von Ardistan gewährt euch für morgen eine zweite Audienz, in welcher er euch Bescheid sagen wird auf das, was wir jetzt sprachen. Und nun wollen wir nur noch Männer und nur noch Menschen sein, weiter nichts. Es ist jetzt, seitdem ich Prinz war
und hernach regierte, das erste Mal, daß ich mich frei von Fesseln, frei von Ekel und Verachtung fühle. Meine Seele möchte atmen, möchte wirklich einmal atmen. Gewährt ihr das! Stört sie nicht, die Lebensluft zu trinken, die mit euch hier hereingekommen ist! Sprecht frei und ohne Sorge! Seid offen, und seid ehrlich! Fürchtet den Tyrannen nicht! Ich weiß, daß ich es bin, ein Bedrücker, ein Gewalt- und Schreckensherrscher, anmaßend, hochmütig, erbarmungslos. Aber dieser Despot sitzt nicht hier vor euch. Der blieb vor Schreck über die vier ›tollen Hunde‹ im Prunkgewande stecken. Und als er sah, daß alle die Schurken und Speichellecker vor den Hunden flohen, ohne daß es einem einzigen von ihnen einfiel, auch nur eine Hand für den Fürsten zu rühren, um ihn vor den giftigen Bissen der Ungetüme zu bewahren, da erschrak er über die unendliche Größe dieses Undankes und dieses Verlassenseins und kroch tiefer und tiefer in die Majestät des Audienzanzuges hinein. Da steckt er noch und wird uns hier nicht stören. Hierher ist nur meine Seele gekommen. Gönnt ihr ein wenig Licht, ein wenig Wärme, daß es ihr möglich wird, auf eine kurze Stunde zu vergessen, daß sie weiter nichts, weiter gar nichts ist, als die verschmachtende innere Sehnsucht eines – – – von Gott zur Nächstenliebe geschaffenen, vom Schicksale aber zur Gewalttätigkeit verurteilten Herrschers!«

Sein Wunsch wurde erfüllt, und zwar unendlich gern. Wir unterhielten uns zunächst wie Männer, die einander kennen lernen wollen, dann wie Menschen, die nach den ersten und letzten Gründen und Zwecken ihres Daseins suchen, nach der Aufgabe, human zu sein und Frieden zu halten, hierauf wie gute Bekannte, die sich bestreben, einander zu veredeln und zu heben, endlich fast gar wie innerlich Verwandte, die untereinander verpflichtet
sind, eines einigen Sinnes zu sein. Der Mir war ganz bei der Sache, und er blieb auch dabei, obwohl Stunde um Stunde verrann. Er schien sich wie neugeboren zu fühlen. Er wurde heiter. Er lachte oftmals glücklich auf. Es kam sogar vor, daß er zu uns herübergriff und unsere Hände drückte. Freilich geschah es hier oder da, daß der Herrscher und Gewalthaber plötzlich in ihm rege wurde. Dann schaute er einen Augenblick wie ganz verdutzt um sich und nahm einen Anlauf, uns in unsere Nichtigkeit hinabzuwerfen, stets aber gewann die Seele schnell wieder die Oberhand und stellte das in Gefahr geratene Gleichgewicht wieder her.

Einmal während des Gespräches, als der Audienzsaal erwähnt wurde, fragte Halef, was das für viele und kleine Flämmchen seien, die man durch die dünne Stoffwand sehen könne.

»Das ist der Himmel von Bet Lahem3, dessen Sterne nach einem alten Gesetze jetzt während der Nacht brennen müssen, um auf den großen, heiligen ›Stern des Erlösers‹ zu warten. Hörtest du noch nichts hiervon?«

»Nein,« antwortete ich.

»Aber die Sage vom zurückgekehrten Flusse kennst du wohl? Und auch die Behauptung, daß alle hundert Jahre sich das Paradies öffne und daß die Erzengel und Engel über die Erde rufen, ob endlich Friede sei?«

»Ja, das hat man uns bei den Ussul erzählt.«

»Das Alles ist natürlich weiter nichts als Sage, nur Sage. Aber das Volk glaubt daran und hält es für Wirklichkeit. Man hat diesen Glauben zu respektieren, wenn man nicht wagen will, die Macht über die Gewissen der nur allzu Leichtgläubigen zu verlieren. Da
oben in Dschinnistan gibt es natürlich nur feuerspeiende Berge, aber nicht das Paradies. Auch ist weder Gott jemals herabgekommen noch der Fluß wieder zurückgelaufen. Er hat sehr einfach infolge einer geologischen Katastrophe seinen Lauf geändert und fließt nicht mehr diesseits, sondern jenseits der Berge ab. Dadurch wurden die Bewohner von Ardistan gezwungen, ihre damalige Hauptstadt, die jetzige ›Stadt der Geister‹ oder ›Stadt der Toten‹ zu verlassen und sich eine andere Residenz zu bauen. Das taten sie in dieser Gegend, hier, wo zwischen vier kleineren Flüssen, die nicht von dem System des großen Stromes abhängig waren, die damals sehr reichen Christen sich diese Landeskirche gebaut hatten, die ganz natürlich nun zum Fürstensitze dienen mußte. Um dieses Volk nicht allzusehr zu empören, warf man es nicht ganz aus der Kirche hinaus, sondern ließ ihm einen Anteil an ihr, der ein fast ganz ideeller war und die jetzigen Besitzer gar nicht störte. Man knüpfte nämlich an die alten Sagen an und fügte eine Art prophetischen Versprechens hinzu, welches sich selbstverständlich niemals erfüllen wird, weil es kein göttliches ist, obgleich die Christen es für ein göttliches halten. Man sagte nämlich, daß diese Kirche ein Bild der kommenden Erlösung, also des Christentums sei, und daß sich die Weltereignisse in ihrer Mittelkuppel vor ihrem Eintritte bildlich vollziehen würden. Diese Kuppel wurde den Christen gelassen, aber nicht für stets, sondern nur für große Zeiten. Für gewöhnliche Zusammenkünfte haben sie ihre kleinen, mit einem Kreuz bezeichneten Gotteshäuser; aber alle hundert Jahre einmal, wenn die Berge brennen und da oben sich für die Frage nach dem Frieden das Paradies öffnet, muß Bet Lahem gerüstet sein, den Stern des Erlösers zu sehen. Dann dürfen sie allabendlich bis früh die Kirche besuchen.
Dann hängen zahlreiche Lämpchen von der hohen Kuppel herab, um das Firmament von Bet Lahem darzustellen, und grad über dem stets tief verhüllten Hochaltar wartet der große Stern des zündenden Funkens, der von der Erde hinaufzusteigen und ihn zu entflammen hat.«

»Was für ein Stern ist das? Und was für ein Funke?« erkundigte ich mich.

»Alle die vielen Flammen und Flämmchen können natürlich nur durch Zündschnur angezündet werden. Für den gewöhnlichen Gebrauch führen zwei Schnüre empor, welche von der rechten Seite des Hochaltars aus bedient werden. An seiner linken Seite aber steigt diejenige Schnur in die Höhe, welche bestimmt ist, die Flammen des großen Sternes zu entfachen. In der Mitte aber befindet sich die für den Hochaltar selbst, der, seitdem hier Fürsten wohnen, nie enthüllt worden ist und auch nie enthüllt werden wird. Die Christen aber denken anders. Sie behaupten Folgendes: Wenn die Zeit endlich gekommen ist, daß die Erlösung vom Himmel steigt und Friede auf Erden werden soll, grad dann wird sich Alles vereinigen, was den Frieden nicht fördert, sondern unterdrückt. Es wird nicht nur Krieg sein zwischen Ardistan und Dschinnistan, sondern auch zwischen den Staaten von Ardistan untereinander. Darum kommt der Friede nicht den Fluß herab, sondern den Fluß herauf, ganz ungeahnt und in fremder, ganz unbekannter, aber christlicher Gestalt. Er hat kein Heer bei sich, keine Art von irdischen Waffen. Aber er verbindet sich mit den Bewohnern der ›Stadt der Geister und der Toten‹ und kommt mit ihnen nach der Residenz gezogen, sie ohne Schuß und Schwert und ohne eine Spur von Blutvergießen zu erobern. Der Mir, der um diese Zeit über Ardistan herrscht, wird ein Feind des Christentums sein und es
unterdrücken, so viel er nur vermag. Aber er wird gezwungen sein, den Stern, der über Bet Lahem zu erscheinen hat, mit eigener Hand zu entzünden. Sobald er dieses tut, ist der Gang des Kommenden unmöglich aufzuhalten. Er wird zunächst den Hochaltar für immer enthüllen. Sobald dieses geschieht, werden die Stimmen der Barmherzigkeit und Güte aus der Höhe des Firmamentes schallen und Himmelstöne, die man im Lande Ardistan noch nimals hörte, werden zu vernehmen sein, laut, wie des Sturmes Brausen, lieblich, wie Engelsworte, und leise, wie die Atemzüge der Seelen, die am Herzen Gottes ruhen.«

Er machte jetzt eine kurze Pause und sprach dann mit einer geringschätzigen, wegwerfenden Handbewegung weiter:

»Du siehst, Effendi, daß man diesen törichten Menschen viel versprechen konnte, weil man wußte, daß nichts zu halten war. Man hat in Zeiträumen von hundert Jahren einmal die Lampen und Kerzen für den Hochaltar und für den ›Stern von Bet Lahem‹ vorzubereiten und sich, solange die Berge leuchten, den abendlichen Besuch der Christen gefallen zu lassen; das ist Alles. Keinem Mir von Ardistan wird es jemals, zumal wenn er das Christentum haßt, einfallen, den ›Stern der Erlösung‹ zu entzünden. Wer soll als ›Güte‹ und ›Barmherzigkeit‹ in der Höhe des Firmaments singen? Und welcher Mensch soll die Himmelstöne hervorbringen, die man im Lande Ardistan noch niemals zu hören bekam? Auch du wirst lachen. Oder nicht?«

»Nein,« antwortete ich. »Für mich sind Sagen heilig.«

»Aber diese Sage wurde fabriziert, absichtlich fabriziert, um die Christen zu betören!«

»Das zu beweisen, würde dir wohl schwer fallen! Wie nun, wenn die Fabrikanten sich selbst getäuscht haben? Wenn sie unbewußt einem höheren Gebote gehorchten, während sie glaubten, ihren eigenen Absichten dienstbar zu sein? Also, der heilige Raum steht den Christen gegenwärtig offen?«

»Ja, während der ganzen Nacht.«

»Und kommen sie?«

»Von Weit und Breit her! In langen, großen Pilgerzügen! Heute kam ein Zug aus Scharkistan, der große Feier hält.«

»Um welche Stunde?«

»Von Mitternacht bis früh. Sie hat also schon begonnen.«

»Du weißt, ich bin Christ. Ist es mir als deinem Gaste erlaubt, dann, wenn du uns verlassen hast, hinabzugehen, um dem Schlusse dieser Feier beizuwohnen?«

Er schaute mich eine kleine Weile an und lächelte dann wie belustigt. Es schien ihm ein Gedanke zu kommen. Er antwortete:

»Ja, du bist Christ, leider, leider! Aber ein gebildeter, kein unvernünftiger und blindgläubiger. Dieses Reden und Plärren wird dich nicht erbauen, sondern dir ebenso lächerlich vorkommen, wie mir selbst. Ich habe also nichts dagegen, daß du gehst. Ja, du kannst es sogar gleich tun, und ich werde dich begleiten. Ich gehe sehr oft des Abends unbekannt durch die Stadt, den verräterischen Bart unter dem Gewand verbergend. Warum nicht auch einmal in den nächtlichen Gottesdienst der Christen. Ich sah ihn noch nie. Wenn ihr wollt, so können wir gehen. Wir kehren dann nach hier zurück.«

Er stand auf und knüpfte seinen langen, köstlichen
Bart unter sein Obergewand. Dann zog er den Zipfel seines Turbantuches hervor und ließ ihn wie einen Halbschleier über Stirn und Augen fallen. Hierdurch wurde er unkenntlich. Wir gingen.

Unser Weg führte uns auch jetzt über mehrere nur ganz spärlich beleuchtete Treppen und Gänge, aber diesesmal bis hinab zur ebenen Erde. Daß wir die Hunde nicht mitnahmen, sollte ich wohl nicht erst erwähnen. Das Hauptportal des hohen, herrlichen Kuppelbaues war geöffnet; aber wir traten durch eine Seitentür herein. Ja, das sah allerdings aus wie ein nächtlicher Himmel, wie ein Firmament. Der Himmel war dunkel und die Sterne erschienen sehr klein. Sie standen überhaupt nur an der einen Hälfte der Wölbung; auf der andern Hälfte gab es keinen einzigen. Der betreffende Beamte war wohl ein sparsamer Mann. Er glaubte, das Christentum habe auch am halben Himmel genug und ließ also den andern Teil des Firmaments dunkel. Darum gab es hier unten in der Tiefe nur eine Art von besserer Dämmerung, die Alles, was wir sahen, geheimnisvoll oder schattenhaft erscheinen ließ.

Es waren viele, sogar sehr viele Menschen vorhanden. Es gab welche, die kamen, und welche, die gingen. Andere wandelten leise durch den weiten, weiten Raum; er war ihnen heilig. Ueberall, an allen Orten, knieten welche, die beteten. Die nicht von hier, sondern aus anderen Gegenden waren, standen in Gruppen beisammen und hörten ihre Redner sprechen, deren Worte nur in der Nähe verstanden werden konnten, dann aber nur bloß als Lärm in die Lüfte stiegen. Wir schritten, das Alles beobachtend und von Gruppe zu Gruppe stehen bleibend, nach dem Hochaltar, welcher vollständig verhüllt war. Diese Hülle bestand aus einem starken Holzgerüst,
worauf man dicke Filzplatten genagelt hatte. Es gab da in Manneshöhe einige Oeffnungen, die mich augenblicklich nicht interessierten. Hoch über diesem Altare schwebte irgend Etwas, was nicht deutlich zu erkennen war. Vielleicht der »Stern von Bet Lahem«, auf den sich die vom Mir erzählte Sage bezog.

In der Nähe der Stelle, an der wir uns jetzt befanden, standen viele, viele Menschen eng beisammen, um einem Prediger zuzuhören, der von einer Kanzel herab zu ihnen sprach. Ich hörte, daß er die Sage erzählte, aber nicht als Sage, sondern als Weissagung. Er war ein ehrwürdiger alter Priester, der in schöner Begeisterung redete und seine Hörer hinriß. Gern hätte ich ihm länger zugehört, aber der Mir, der sich vorgenommen hatte, mir Alles zu zeigen, lenkte meine Aufmerksamkeit von ihm ab nach dem dunkeln Teile des weiten Raumes, wo Etwas in die Höhe stieg, was ich nicht erkennen konnte.

»Dort ist der Platz für die Sänger und für die Orgel,« sagte er.

»Eine Orgel ist da?« fragte ich erstaunt.

»Ja,« antwortete er.

»In diesem Lande? In Ardistan?«

»Warum nicht? Meinst du, daß es nur bei euch Orgeln gebe? Ich hörte, die Orgeln seien überhaupt hier bei uns im Morgenlande erfunden. Erst gab es nur eine sehr, sehr kleine und uralte. Dann aber, jetzt gerade vor hundert Jahren, als die Berge brannten wie heute, schenkte der damalige Abd el Fadl, Fürst von Halihm, den hiesigen Christen eine neue. Man sagt sie sei in Anglistan gemacht und über Indien hierher gekommen. Wodurch der damalige Mir von Ardistan gezwungen worden ist, dies zu erlauben, das habe ich nicht erfahren können, selbst von meinem Vater nicht.
Es waren fremde Menschen, die sie brachten und hier zusammensetzten. Dann gingen sie wieder fort.«

»Wie sonderbar!« sagte ich. »Und wie schade, daß man sie nicht sieht! Es ist so dunkel!«

»Du möchtest sie gerne sehen?« sagte er.

»Ja; sehr gerne!«

»So warte! Man hat heut nur einen Teil der Lampen und Lichter angebrannt; warum, das weiß ich nicht. Dort ist die Zündschnur für den anderen Teil. Es soll gleich heller werden!«

Er ging nach einer der erwähnten Oeffnungen in der Hülle des Hochaltars und griff hinein. Es dauerte einige Zeit, ehe er fand, was er suchte. Inzwischen richtete ich meine Aufmerksamkeit wieder auf den alten, ehrwürdigen, begeisterten Redner, der jetzt gerade nach meiner Seite gerichtet sprach, so daß ich seine Worte deutlich hörte:

»Es wird die Zeit des Friedens kommen, denn sie muß kommen, weil Alles sich erfüllt, was uns verheißen ist. ›Friede auf Erden!‹ erklang es auf dem Feld von Bethlehem, als der Stern am Himmel stand und der Erlöser uns geboren wurde. ›Friede auf Erden!‹ wird es wieder klingen, wenn auch bei uns der Stern erscheint, der Stern der Sage, hier, in diesem Hause, auf den wir alle – – –«

Er hielt mitten in seiner Rede inne und schaute nach oben. Die Augen aller seiner Zuhörer folgten derselben Richtung.

In demselben Augenblicke war der Mir schnell wieder zu mir getreten, um zu fragen!

»Siehst du sie nun, die Orgel? Wie hell das ist! Fast scheint es, als ob – – –«

Da sprach auch er nicht weiter und richtete seinen Blick nach oben.

»Der Stern! der Stern von Bethlehem!« rief der Redner jubelnd. »Er ist da! Er ist da! Wer hat ihn angesteckt?«

»Den Stern habe ich angebrannt, den Stern, nicht die Lampen und Lichter!« schrie der Mir erschrocken. »Wir sind ja auf der falschen Seite! Es war nicht die richtige Schnur! Ich muß ihn wieder verlöschen, verlöschen, ver – – –«

Er eilte nach der Oeffnung zurück und griff hinein, doch vergeblich. Es war wohl möglich gewesen, die Flammen zu entzünden, doch wieder auslöschen konnte man sie nicht. Man mußte sie brennen lassen, bis sie aus Mangel an Nahrung von selbst verschwanden. Er war jetzt nicht nur erschrocken, sondern außer sich. Infolge der Bewegung seines Armes nach dem Innern der Oeffnung hatte sich vorn sein Gewand geöffnet und der Bart erschien. Er bemerkte das gar nicht. Um besser sehen zu können, schob er sich, anstatt sich zu verhüllen, den Zipfel des Turbantuches aus dem Gesicht. Der Geistliche erkannte ihn und rief:

»Der Mir von Ardistan hat es getan! Der Mir mit seiner eigenen Hand! Die Prophezeiung beginnt, sich zu erfüllen!«

Da ergriff der Mir meine Hand und Halefs Hand, versuchte, sich zwischen uns zu verbergen und herrschte uns zu:

»Fort, fort! Schnell, schnell! Sonst gibt es einen Aufruhr sondergleichen! Fort, nur fort!«

Wir eilten, so schnell wir konnten, von dannen, aber Jedermann schaute uns nach oder kam gar hinterdrein, und erst zehn, dann zwanzig, fünfzig, hundert und noch mehr Stimmen riefen:

»Der Stern ist da! Vom Mir selbst angezündet! Vom Mir, vom Mir! Vom Feind der Christen! Genau, wie es verheißen ist! Vom Mir selbst, vom Mir selbst!«

Ein Blick zeigte mir, daß hinter uns Alles in Aufruhr war. Dann hörten wir keine Rufe und Worte mehr, sondern nur noch ein erregtes Summen, wie von einem zornig gewordenen Bienenvolke, bis wir auch dieses nicht mehr vernahmen. Kein Mensch begegnete uns unterwegs auf den Treppen und Gängen. Wir erreichten unsere Wohnung völlig ungesehen.

»Das ist gut, sehr gut!« sagte der Mir in großer Aufregung. »Man kann mir nichts beweisen! Ich leugne natürlich Alles ab; ich bin es nicht gewesen! Und ihr, ihr werdet mir bezeugen, daß ich es nicht gewesen sein kann, weil – – –«

»Wir werden dir bezeugen, daß du es gewesen bist!« schnitt ich ihm seine Rede ab. »Du hast von uns gefordert, die Wahrheit zu sagen!«

»Ja, zu mir! Aber nicht zu diesem niedrigen, verächtlichen Christenvolke!«

»Ich bin sie Jedermann schuldig, Gott, mir und allen Menschen. Vor allen Dingen bin ich sie denen schuldig, die du als ein niedriges, verächtliches Christenvolk bezeichnest. Auch ich bin Christ, das weißt du ja!«

Da war es, als ob er sich plötzlich in einen anderen Menschen verwandle. Er richtete sich hoch auf. Seine Stirne wurde schmal; seine Augen verkleinerten sich; seine Brauen berührten einander. Der Despot trat hervor.

»Was ihr zu sagen habt, ist nicht eure, sondern meine Sache; ich bin der Herrscher!« donnerte er mich an. »Dieser Hadschi Halef hat zwar gesagt, daß ihm sein Pferd viel höher stehe als ich – – – ihr hört,
daß ich alles erfahre – – – aber das ändert nichts an dem Gehorsam, den ihr mir schuldet. Wenn man euch fragt, werdet ihr sagen, daß ich nicht der Mann gewesen bin, der mit euch in der Kirche war und die Unbedachtsamkeit beging, sich an der Zündschnur zu vergreifen! Ich befehle es!«

»Es zu befehlen, bleibt dir unbenommen,« antwortete ich ruhig. »Wir aber sind weder Untertanen von dir, noch stehen wir in deinen Diensten. Und selbst wenn dies wäre, so würde es uns um keines Kaisers oder Königs willen einfallen, Etwas zu sagen, was eine Lüge ist!«

»Ihr müßt, ihr müßt!« herrschte er mir zu. »Ihr befindet euch in meiner Gewalt. Es bedarf nur eines Winkes von mir, so seid ihr verloren!«

»Du irrst,« lächelte ich. »Wir stehen in Gottes Hand, nicht aber in der deinen. Und was den Wink betrifft, von dem du sprichst, so brauche ich nur meine Hand zu rühren, um zu erreichen, daß unsere Hunde dich sofort in Stücke reißen. Schau sie an, und nimm dich in Acht! Sie dulden nicht, daß man in diesem Tone zu uns redet!«

Obgleich er sie vorhin gefüttert hatte, zeigten ihm jetzt alle vier Hunde ihre drohenden Zähne. Hu und Hi hatten sich gerade vor ihn hingestellt und richteten ihre Aufmerksamkeit ausschließlich nur auf ihn. Sie waren bereit, sich sofort auf ihn zu werfen. Aacht und Uucht aber, meine beiden, waren intelligenter und auch mit feineren Sinnen begabt. Sie drohten ihm zwar auch, doch waren ihre Augen mehr nach der Tür als auf ihn gerichtet, als ob da draußen Jemand stehe und uns belausche. Der Mir bemerkte das ebensogut wie ich. Er trat schnell hinaus und fragte den Gang hinauf und
hinab, ob Jemand hier sei. Niemand antwortete. Er fragte zum zweiten und zum dritten Male, doch ebenso ohne Erfolg. Da kam er wieder herein und sagte:

»Das kommt mir verdächtig vor! Wären eure Hunde mein, so schickte ich sie jetzt hinaus, um – – –«

Ich war ganz seiner Meinung. Ich wartete gar nicht, bis er ausgesprochen hatte, sondern ich gab den betreffenden Wink, worauf Aacht und Uucht sofort aus dem Zimmer verschwanden. Im nächsten Augenblicke hörten wir ein Geschrei. Das war Uucht. Sie waren verwundet worden. Gleich darauf hörten wir ihr zorniges Knurren, in welches Aacht einstimmte. Knochen krachten; mehrere Menschen riefen um Hilfe. Hu und Hi stürzten auch hinaus. Es gab noch einige Schreie und wiederholtes Knacken und Splittern von Knochen; dann war es still. Wir eilten mit dem Licht hinaus. In einiger Entfernung von unserer Wohnung, und zwar nach der Seite, wohin der Mir sich zu entfernen hatte, lagen vier Menschen, und bei jedem stand einer der Hunde. Uucht blutete. Sie hatte einen Stich in den Hals bekommen, doch war er nicht gefährlich. Von den vier Personen lebte keine mehr. Ihre zerbissenen Gurgeln hingen heraus und ihre Vorderarme, mit denen sie sich gewehrt hatten, waren vollständig zermalmt.

»Kennst du sie?« fragte ich den Mir, indem ich den Schein des Lichtes auf ihre Gesichter fallen ließ.

Er schaute nieder und antwortete erstaunt:

»Der Leutnant von der heutigen Wache mit drei Soldaten! Was wollte er hier, wo er nichts zu suchen hat? Warum antwortete er nicht, als ich fragte? Auf wen war es abgesehen? Auf mich oder auf euch? Ihr seht, sie waren scharf bewaffnet!«

Ich mußte sofort an den »Panther« denken, den
zweiten Prinzen der Tschoban, sagte aber nichts, sondern erkundigte mich:

»Die drei Soldaten sind gleichgültig. Aber kennst du die Familie des Leutnants?«

»Ja.«

»Wer und was ist sein Vater?«

»Er ist tot. Auch er war Offizier; aber ich ließ ihn wegen Ungehorsam erschießen.«

»Und das hinderte nicht, daß der Sohn wieder Offizier wurde?«

»Vielleicht bei euch, aber nicht in Ardistan. Ich werde sofort selbst nach der Wache gehen und diese Sache untersuchen.«

»Das würde ich nicht tun. Wo wohnt dieser Leutnant?«

»In der Nähe des Schlosses, bei seiner Mutter.«

»Der Witwe dessen, den du hast erschießen lassen?«

»Ja.«

»Wer wohnt noch mit in demselben Hause?«

»Ein Bruder des Erschossenen, weiter Niemand.«

»So kannst du höchst wahrscheinlich bei dieser Mutter und seinem Bruder mehr erfahren als auf der Wache. Nur darfst du keine Zeit verstreichen lassen und mußt selbst gehen. Die Persönlichkeit hat zu wirken.«

Er sah mir einige Augenblicke lang still in das Gesicht und sagte dann:

»Warum kommt mir dieser dein Rat so selbstverständlich vor, obwohl er gegen alle Regel und Gepflogenheit streitet? Ist es nur deshalb, weil der Prinz der Tschoban mir von dir erzählt hat? Oder ist es auch deine Persönlichkeit, welche wirkt? Ich werde tun, was du geraten hast. Kehrt in eure Zimmer zurück, und geht zur
Ruhe! Verbindet Uucht! Ich werde euch das Zeug dazu durch den Diener schicken.«

Er liebkosete und streichelte die Hunde alle, vom ersten bis zum vierten; dann entfernten wir uns mit ihnen und ließen ihn bei den Leichen allein zurück, ohne uns um das, was er nun tat, weiter zu bekümmern. Nun hörten wir, da es keine Türen, sondern nur Vorhänge gab, von meinem Zimmer aus nach einiger Zeit die leisen, durch die Teppiche gedämpften Schritte von Leuten, welche jedenfalls beauftragt waren, sowohl die Leichen als auch die Spuren dessen, was geschehen war, zu entfernen. Dann wurde es wieder still. Nur der Diener kam noch, der uns den Verbandstoff für die verwundete Hündin brachte und sich dann wieder entfernte.

Man wird es begreiflich finden, daß der Schlaf uns floh. Wir saßen in meiner Stube beieinander und besprachen die Ereignisse dieses hochwichtigen Tages, natürlich mit leiser Stimme. Die Hunde lagen bei uns und schienen zu schlafen. Da plötzlich hob Uucht ihren Kopf, lüpfte das eine, nach der Türe gerichtete Ohr, blieb für einige Augenblicke in dieser lauschenden Haltung und hob dann die Oberlippe, so daß die Spitzen ihrer weißen, prächtigen Zähne zum Vorschein kamen. Sofort begann auch Aacht zu lauschen und seine Zähne zu zeigen.

»Es ist wieder Jemand draußen!« flüsterte Halef.

Ich sagte nichts, sondern nickte nur. Dann stand ich auf und trug das brennende Licht in Halefs Stube, so daß es in der meinigen nun finster war und wir nicht von draußen gesehen werden konnten. Hierauf schlugen wir vorsichtig den Türvorhang zurück und schauten hinaus. Wir sahen eine männliche Gestalt, die ein Windlicht in der Rechten hielt und mit leisen, vorsichtigen Schritten den Gang durchmaß. Sie suchte. Das Windlicht gab
nur nach der einen Seite Schein und ließ die andere dunkel. Als der Mann an die Stelle kam, wo die vier Toten gelegen hatten, blieb er stehen und bückte sich nieder. Er bemerkte die noch blutig feuchten Stellen, und wir sahen, daß er erschrak. Er befühlte den Teppich prüfend mit den Händen und untersuchte den Ort so genau wie möglich. Als er sich wieder erhoben hatte, blieb er ein Weilchen überlegend stehen. Dann gab er sich einen Ruck, als ob er zu einem Entschlusse gekommen sei und schritt weiter, in der Richtung auf uns zu. Wir traten von der Türöffnung zurück und geboten den Hunden Ruhe.

Er kam. Er blieb draußen vor unserem Vorhange stehen. Der Schein seines Lichtes zeigte uns das Gewebe unserer Vorhänge. Ein Bösewicht von Profession hätte dies ganz unbedingt mit in Berechnung gezogen und die Laterne von uns abgewendet. Daß er das nicht tat, war für uns ein Beweis seiner Unerfahrenheit. Genau so, wie wir sein Licht von innen bemerkten, mußte ihm das unsere von außen auffallen, wenn auch nicht so deutlich, weil wir uns im Dunkeln befanden, er aber nicht. Er ging weiter bis zur nächsten Türe und blieb da lauschend stehen. Das war Halefs Türe. Ich flüsterte diesem zu:

»Tritt hinaus in deine Stube! Ich bringe ihn dir herein.«

Der Hadschi folgte dieser Weisung, ich aber trat wieder an den Eingang zu meiner Stube und schob die beiden Gardinenteile ein wenig auseinander, gerade nur so weit, daß ich durch die schmale Lücke hinaussehen konnte. Der Mann lehnte soeben sein Windlicht an die gegenüberliegende Wand und schlich sich hierauf zu Halefs Türvorhang, den er genau so auseinanderzog wie ich den
meinigen. Er schaute durch die so entstandene Lücke zu dem Hadschi hinein. Da trat ich schnell hinaus, huschte zu ihm hin, faßte ihn am Genick und schob ihn in die Stube hinein, wo Halef ihn unter einer tiefen Verbeugung lachend mit den Worten begrüßte:

»Sei uns herzlich willkommen, du schleichende Laterne! Setze dich nieder, und glaube, daß du nicht bloß uns, sondern auch diese kennen lernst!«

Er meinte damit die Hunde, die er, während er dies sagte, hereinkommen ließ. Ich aber drückte den Mann auf den Boden nieder, wo er, ohne den geringsten Widerstand zu leisten, sich setzte und augenblicklich von den Hunden eingeschlossen wurde. Er starrte uns an. Der Mund stand ihm offen, aber er sagte nichts, so sehr erschrocken war er. Ich holte sein Windlicht herein, stellte es so auf, daß der Schein grell auf ihn fiel und setzte mich ihm gegenüber. Es war, als ob diese direkte Berührung durch das Licht ihn nicht nur wieder zu sich bringe, sondern ihn auch von jeder Verlegenheit befreie. Der Ausdruck des Verblüfftseins verschwand aus seinem Gesicht. Er lächelte, und dieses Lächeln war keineswegs ein verlegenes, sondern es prägte sich in ihm das Selbstbewußtsein eines Mannes aus, welcher weiß, daß er die Situation beherrscht, obgleich es den Anschein hat, daß er von ihr überwältigt worden sei. Er war kein gewöhnlicher Mann, das sah man ihm gleich beim ersten Blicke an. Seine Züge waren intelligent, ja, fast möchte ich sagen, durchgeistigt. Sie waren scharf, wohl infolge fleißigen Nachdenkens, und dennoch weich, mit einem deutlichen Anfluge von Schwärmerei. Dieser Mann konnte vielleicht sogar fanatisch sein; der angeborene Grundzug seines Innern aber war Wohlwollen und Gerechtigkeit.

»Ich war in schwerer Sorge,« sagte er. »Sie verleitete mich, diesen nächtlichen Gang zu unternehmen, der eigentlich tief unter meiner Würde liegt. Kennt ihr mich?«

»Nein,« antwortete ich.

»Ich bin der Basch Islami von Ardistan und wohne mit hier im Schlosse. Das heißt, ich residiere hier. Mein eigentliches Haus aber steht weit draußen vor der Stadt.«

Basch heißt so viel wie Haupt, also der Oberste. Er war Mohammedaner und wohl im Besitze desselben allerhöchsten geistlichen Amtes, welches in der Türkei der Scheik ul Islam bekleidet. Ich frug ihn nicht. Er fuhr fort:

»Ich kenne euch sehr gut, sogar viel besser, als ihr denkt.«

»Woher?« fragte Halef.

»Erlaubt, daß ich euch das erst später sage! Bevor ich euch derartige Mitteilungen machen kann, muß ich mich erst versichern, daß ihr wirklich diejenigen seid, für die ich euch halte. Vor allen Dingen bitte ich euch, ja nicht etwa zu glauben, daß ihr mich hier überrumpelt habt. Ich kam in der Absicht hierher, mit euch zu sprechen und – – –«

»Hier? Heut? In dieser Nacht?« unterbrach ich ihn.

»Ja,« nickte er. »In dieser Nacht! Freilich verfolgte ich auf diesem heimlichen Gange auch noch einen andern Zweck. Es sollte sich Etwas ereignen, was aber nicht geschehen zu sein scheint. Es war etwas unendlich Wichtiges. Ich wartete auf die Meldung, doch vergeblich. Da ergriff mich schwere Sorge. Ich machte mich auf, um selbst nachzusehen. Da bemerkte ich Blutflecken und schlich mich hierher, um euch nach dem, was geschehen
ist, zu fragen. Denn nur ihr allein seid es, von denen ich schon gleich jetzt die zuverlässigste Auskunft zu erhalten vermag.«

»Was willst du von uns wissen?« fragte ich in der Ueberzeugung, daß diese Unterredung eine unendlich wichtige für uns sei und daß ich mich der größten Vorsicht zu befleißigen habe.

Indem ich diese Frage aussprach, sah ich, daß Uucht ihren Kopf nach der Korridortüre wendete, ihn dann aber beruhigt wieder auf die Vorderpfoten legte. Und gleich darauf schielte Aacht nach der Verbindungstüre zu meiner Stube und bewegte dabei die Spitze seines Schwanzes. Der Basch Islami bemerkte hiervon nichts; er sprach unbesorgt weiter. Halef aber hatte es ebensogut wie ich gesehen; er lächelte. Aus diesem Gebaren der beiden Hunde war zu schließen, daß irgend Jemand erst am Vorhange der Korridortüre gestanden und sich dann leise in mein Zimmer geschlichen hatte. Da befand er sich noch jetzt. Es war eine den Hunden bekannte, mit ihnen befreundete Person. Das konnte ganz selbstverständlich nur der Mir sein. Er war aus irgend einem Grunde zu uns zurückgekehrt, und zwar so leise, wie die nächtliche Stunde es erforderte, und hatte bemerkt, daß Jemand bei uns war. Nun saß er drüben in meiner Stube und hörte jedes Wort, welches hier hüben bei uns gesprochen wurde. Das war ein Umstand, der uns Beiden, nämlich Halef und mir, die Situation für den gegenwärtigen Augenblick außerordentlich erschwerte, der aber auch viele Weiterungen abschnitt, die sonst zu erwarten gewesen wären. Wir Beide sahen, daß auch die zwei anderen Hunde, nämlich Hu und Hi, den Mir witterten; der Basch Islami aber ging ahnungslos auf meine Fragen ein:

»Was ich von euch zu erfahren wünsche, ist eigentlich wenig und doch viel, sogar sehr viel. Ich weiß, daß der Mir bei euch gewesen ist, um eure Hunde zu füttern. Ich weiß auch schon, daß er euch in die Kirche geführt und dort den ›Stern von Bet Lahem‹ entzündet hat, ganz selbstverständlich aus Versehen. Er hat mit euch die Kirche dann verlassen. Wo ist er jetzt?«

Da antwortete ich:

»Ich gebe zu, daß er bei uns war, daß er uns in die Kirche führte, daß er dort den Stern entzündete und daß er uns sodann wieder hierher begleitete. Wie aber soll ich wissen, wo er sich jetzt befindet? Meinst du, daß er sich von uns bewachen lasse?«

»Nein; das meine ich nicht. Aber da draußen auf dem Gange gibt es frische Blutflecke. Kennt ihr sie?«

»Ja.«

»Was ist es für Blut?«

»Menschenblut.«

»Von wem?«

»Von Soldaten.«

»Wer hat es vergossen?«

»Hier unsere Hunde.«

Da sprang er mit einem lauten Schrei des Ensetzens empor und rief:

»Von diesen Hunden? Von diesen riesigen, entsetzlichen Ungetümen wurde die Tat vollbracht? Warum? Warum? War der Mir dabei?«

»Gewiß war er dabei.«

»Und er hat gewußt, daß es nur ihm galt, ihm allein?«

»Ihm allein?«

»Ja.«

»Das ist nicht wahr. Es galt auch uns!«

»Du irrst! Ich bin der, der es weiß! Ich bin – –«

Er hielt mitten im Satze inne, ließ seinen Blick über mich, über Halef und die vier Hunde gehen und fuhr dann fort:

»Ich muß aufrichtig sein; ich muß es sagen, ich muß! Und doch ist es so schwer, so unendlich schwer! Es kann mich und Alle verderben. Ich werde beten, ehe ich es tue, ja beten!«

Er kniete nieder, faltete die Hände, hob den Blick empor und betete El Fatcha, die erste Sure des Koran.

Es war tief ergreifend, diesen Mann hier vor uns knieen und beten zu sehen. Mein ganzes Herz stellte sich an seine Seite und nahm für ihn Partei. In meinem Inneren kämpften zwei Gestalten gegeneinander: er und der Mir. Wer würde siegen? Es war nicht ausgeschlossen, daß ich in diesem Kampfe mit samt meinem wackeren Halef auch mit unterging! Da erhob sich der Basch Islami aus seiner knieenden Stellung, setzte sich wieder nieder, wie er vorher gesessen hatte, und fuhr fort:

»So hoffe ich denn zu Allah, daß der Weg, den ich hier gehe, nicht der falsche, sondern der richtige ist! Ich höre in mir eine Stimme, die mir sagt, ich müsse euch vertrauen, sonst gehen wir Alle an unserer ehrlichen, gerechten Sache zu Grunde. Effendi, ich bitte euch, mir zuzuschwören, von dem, was ich euch jetzt sage, dem Mir nichts zu verraten!«

»Ich schwöre nie,« antwortete ich. »Aber mein Wort ist stets so heilig wie ein Schwur.«

»Gut! So versprecht ihr mir, ihm nichts davon mitzuteilen?«

»Ja. Wenn du es ihm nicht selbst sagst, wir sagen ihm nichts.«

Dieses mein Versprechen scheint vielleicht hinterlistig
gegeben zu sein. Man wird aber gleich hören, daß es ehrlich gemeint war. Der Basch Islami fuhr fort:

»Das, was ich euch zu sagen habe, ist ungeheuer wichtig. Wenn ihr es verratet, kann es mir und vielen Anderen das Leben kosten. Gebt ihr mir euer Wort, daß es genau so sein soll, als ob ich euch nichts gesagt habe?«

»Ja; wir geben es,« antwortete ich.

Ich wußte gar wohl, was ich da sagte. Ich versprach es nicht nur für mich und Halef, sondern ebenso auch für den Mir, der ja draußen saß und Alles auch hörte. Auch der Basch Islami schien eine Ahnung von der Verantwortlichkeit zu haben, die ich übernahm, denn er sah mich mit großen, fast bewundernden Augen an und sprach:

»Du bist ein kühner Mann, Effendi! Weißt du, was du versprichst?«

»Ich weiß es.«

»So darf ich Vertrauen zu euch haben und Euch Alles sagen. Hört also, und staunt: Der Herrscher von Ardistan wird abgesetzt!«

Er sagte jedes Wort so gewichtig, als ob er es mit Buntstift unterstreiche. Ich aber erkundigte mich im ruhigsten Tone:

»Von wem?«

»Vom Basch Islami von Ardistan, also von mir. Verstanden?«

Erst jetzt erlaubte ich mir, zu staunen.

»Von dir? Wirklich von dir?« fragte ich in ziemlich ungläubigem Tone.

»Ja, von mir!« versicherte er stolz.

»Bist du der Mann dazu, so etwas Großes, Schweres und Wichtiges zu vollbringen?«

Ich sah ihn dabei prüfend an. Da schlug er sich die Hand auf die Brust und antwortete:

»Ich bin es! Ich bin der Basch Islami. Ich habe darüber zu wachen, daß es Glauben gibt im Lande, daß Allah der Erste und der Höchste ist im Leben und im Sterben. Ich habe dafür zu sorgen, daß Gerechtigkeit und Menschlichkeit herrsche allüberall, wohin die Würde meines Amtes reicht. Wie aber sieht es aus in Ardistan unter der Regierung dieses unseres Herrschers? Er glaubt weder an Gott noch an den Teufel. Er lacht über Himmel und Hölle, über Seligkeit und Verdammnis. Er betet nie. Er bedrückt das Land. Er saugt die Untertanen aus. Er bestiehlt die Witwen und Waisen. Kein Mensch ist seines Lebens sicher. Er haßt den Frieden. Wohin du schaust, fließt Blut. Wir haben ihn gebeten; er lachte. Wir haben ihn gewarnt; er spottete. Wir haben ihm gedroht; er höhnte. Seine Härte wuchs; seine Grausamkeit stieg über alle Grenzen. Wir trugen es, denn wir hatten ihm Treue geschworen. Und wir hofften, daß Allah sich unser erbarmen und das Herz des Tyrannen endlich, endlich einmal rühren werde. Aber dieser Wunsch erfüllte sich nicht, sondern es geschah das Gegenteil. Der Mir fing Händel an mit dem Mir von Dschinnistan, dem gütigsten und weisesten Herrscher aller Völker und Reiche, die es gibt. Er erklärte ihm den Krieg. Das ist wahnsinnige Vermessenheit. Wir sehen unseren Untergang vor Augen. Wir müssen uns retten und können dies nur dadurch tun, daß wir ihn von der Stelle entfernen, an der er steht.«

Der Basch Islami machte hier eine Pause. Dies benutzte ich, ihn zu fragen:

»Wer sind diese ›wir‹, von denen du sprichst? Du meinst dich nicht allein?«

»Nein. Ich vertrete nur die Mohammedaner des Landes. Doch stehen an meiner Seite auch die Obersten der anderen Religionen.«

»Der Christen?«

»Nein, diese nicht. Die Christen sind wie die Hunde, die dem, der sie martert, die Hand noch lecken. Sie behaupten, Gott habe den Mir eingesetzt; darum bleiben sie ihm treu! Aber wir Mohammedaner zählen nach Millionen, die Buddhisten ebenso und die Lamaisten noch viel mehr, die Andersgläubigen gar nicht mitgerechnet. Wir sind gegen den Mir zusammengetreten, um ihn abzusetzen und einen anderen Herrscher zu wählen. Die Ereignisse sind uns günstig. Seine besten Truppen hat er nach Norden gegen den Mir von Dschinnistan gesandt, und von Süden kommen die Scharen der Ussul und Tschoban herangezogen, um die Hauptstadt zu berennen. Das Heer der Dschunub, auf welches er rechnete, wurde von euch vernichtet und zerstreut. Und nun kommt ihr Beide selbst nach Ard, ohne euch vor ihm zu fürchten. Das erschien uns der geeignete Augenblick, den längst beschlossenen Schritt zu tun. Wir erfuhren, daß der Mir hierher zu euch gegangen sei. Wir befahlen der Wache, die zu uns hält, ihn hier gefangen zu nehmen – – –«

»Ah! Bei uns!« unterbrach ich ihn.

»Ja, bei euch!«

»Er sollte getötet werden?«

»Einstweilen nur verschwinden.«

»Und wir? Was sollte mit uns Beiden geschehen?«

»Das hatte sich noch zu finden!«

»Nein, nicht zu finden, sondern es war beschlossene Sache! Der Mir sollte bei uns überfallen und getötet werden. Uns wollte man als seine Mörder bezeichnen. Dann wehe uns beiden ehrlichen, unschuldigen Menschen!
Gott aber verhütete diese Tat. Als die Mörder kamen, fanden sie diese Stuben nur von den Hunden besetzt. Wir waren mit dem Mir in der Kirche. Der Gottesdienst der Christen hat ihm also das Leben und den Thron gerettet. Euer Plan war überhaupt nicht wohl überlegt. Ihr hattet nicht mit den Hunden gerechnet. Und wenn eure ganze Wache nochmals käme, ich ließe die Kerle alle zerreißen, vom Ersten bis zum Letzten! Es sind aber nur vier gekommen, nicht um uns zu überfallen, sondern um auszukundschaften, wie es stehe. Sie haben es mit dem Leben bezahlt! Und was wird mit dir?«

Er sah mir mit einer geradezu verblüffenden Offenheit und Ehrlichkeit in das Gesicht und antwortete:

»Nichts wird mit mir! Ich glaube an dich! Du wirst dem Mir nichts sagen!«

»Allerdings nicht! Ist auch nicht nötig, denn er weiß es schon!«

»Er weiß es?« fuhr er erschrocken auf. »Von wem?«

»Von dir. Er hat es gehört. Er sitzt da draußen in der Nebenstube!«

Kaum hatte ich das gesagt, so wurde die Gardine geöffnet, und der Mir trat ein. Sein Gesicht war nicht nur bleich, sondern todesbleich. Seine Augen flimmerten; seine Lippen zitterten; seine Hände bebten.

»Woher weißt du, daß ich hier bin?« fragte er mich, wobei seine Stimme vor Aufregung ganz rauh und heiser klang.

»Die Hunde verrieten dein Kommen,« antwortete ich. »Sofort als du leise kamst, noch ehe du in das Zimmer tratest, sagte mir das leise Wehen ihrer Schwänze, daß derjenige nahe, der sie gefüttert hat.«

»Und trotzdem gabst du ein Versprechen, welches du unfähig bist, zu halten?«

»Wieso? Ich pflege nichts zu versprechen, was ich nicht halten kann. Ich habe versprochen, dir nichts zu sagen!«

»Scherze nicht auch noch! Das war dein erstes Versprechen. Du gabst aber noch ein anderes; das lautete: Was dieser Hund, dieser Empörer, dieser Verräter und Mörder hier sage, daß solle so sein, als ob er nichts gesagt habe! Dabei wußtest du, daß ich hier bin und Alles höre. Hast du da nur dich verpflichtet?«

»Nein, sondern auch dich!«

»Also auch ich soll mich so verhalten, als ob ich gar nichts wisse?«

»Ja!«

»Soll man etwa diesen Schuft und Schurken laufen lassen?«

»Ja!«

Wir waren, als der Mir hereinkam, aufgestanden. Der Basch Islami wußte vor Schreck und Angst weder aus noch ein. Er versteckte sich hinter mich. Ich aber sah dem Herrscher ruhig in die höchst gefährlich flackernden Augen.

»Bist du wahnsinnig?« fragte er, indem seine Stimme den Klang verlor und sich zum drohenden Zischen zusammendrückte.

»Nein,« antwortete ich. »Was dir wie Wahnsinn erscheint, ist bessere und schärfere Berechnung, als du denkst! Ich bitte dich, mir zu vertrauen und mein Wort auf dich zu nehmen und es so zu halten, wie auch ich es halte!«

»Und wenn ich mich weigere, auf diesen Wahnsinn einzugehen?«

»So zwinge ich dich!«

»Mich zwingen?« donnerte er, indem er sich hoch aufrichtete. »Womit?«

»Mit dieser meiner Faust oder mit diesem meinem Messer! Ich habe mein Wort für dich gegeben, und du hast es für mich zu halten; dann sind wir quitt. Tust du das nicht, so verläßt nur Einer von uns Beiden diese Stube; der Andere bleibt liegen! Was ich mit vollem Bewußtsein versprochen habe, das halte ich. Ich sterbe eher, als daß ich zum Lügner werde!«

Er wich einen Schritt zurück, zeigte die weiß glänzenden Zähne und ballte die Fäuste. Auch ich richtete mich auf. Da hob Halef warnend die Hand und bat ihn:

»Tue, was er fordert, tue es! Es ist zu deinem Glück! Mein Sihdi weiß stets, was er sagt! Wäre er mit dir allein, so würde er ganz anders reden; so aber kann er nicht!«

Der Basch Islami aber sank in seiner Todesangst in die Kniee und begann zum zweiten Male zu beten:

»Lob und Preis sei Gott, dem Weltenherrn, dem Allerbarmer, der da herrschet am Tage des Gerichtes. Dir wollen wir dienen, und zu dir wollen wir flehen, auf daß du uns führest den rechten Weg, den Weg derer, die deiner Gnade sich freuen, und nicht den Weg derer, über welche du zürnest, und nicht den Weg der Irrenden!«

Das klang so gnadebedürftig, so hilflos, so ohnmächtig! Die Zähne des Mir verschwanden. Seine Fäuste öffneten sich; sein Gesicht wurde ein ganz anderes. Mir noch immer finster, aber doch nicht mehr drohend in das Gesicht sehend, rief er aus:

»Was bist du für ein Mensch! Ich sah überhaupt noch keinen! Du bist der Allererste, und darum will ich tun, was du verlangst. Es drängt mich, an dich zu glauben, wie dieser dein Hadschi Halef an dich glaubt.« Er deutete auf den Basch Islami und fuhr fort:

»Ich soll ihn laufen lassen?«

»Ja,« antwortete ich. »Genau so, als ob du gar nichts wüßtest, gar nichts erfahren hättest.«

»Nicht bei ihm aussuchen lassen?«

»Nein.«

»Ihn nicht absetzen lassen, nicht bestrafen?«

»Nein. Du weißt ja nichts!«

Da lachte er laut auf. Es klang halb grimmig und halb belustigt. Dann ergriff er das Blendlicht, gab es dem Basch Islami in die Hand und befahl ihm:

»Mach dich hinaus, Schurke, augenblicklich hinaus! Und vergiß nie, daß es kein Moslem, sondern ein Christ war, der dich rettete!«

Der oberste Mohammedaner von Ardistan gehorchte sofort. Ich ging zur Türe und schaute ihm nach, bis sein Licht im äußersten Korridor verschwand. Als ich mich dann nach dem Mir umdrehte, stand er erwartungsvoll in der Mitte des Zimmers und sprach:

»So! Ich habe das Unmögliche getan! Und nun rechtfertige dich! Ich erwarte den sofortigen Beweis von dir, daß ich richtig gehandelt habe!«

»Du wirst ihn bekommen und keine Minute darauf zu warten haben!« antwortete Halef in zuversichtlichem Tone.

Ich aber fragte den Mir:

»Glaubst du an das, was der Basch Islami sagte? Nämlich, daß sich außer den Christen alle Untertanen verbunden haben, dich abzusetzen?«

»Ich glaube es,« antwortete er. »Ich glaube nicht nur an seine Behauptungen, sondern noch viel mehr an die Darstellung, die du von der Sache gabst. Ich sollte nicht nur verschwinden, also etwa gefangen genommen, sondern ich sollte hier ermordet werden. Und euch wollte man als die Mörder bezeichnen. Dann war man Beide
los, nämlich mich und euch. Ich mußte den Basch Islämi arretieren. Es mußte bei ihm und bei allen seinen Mitschuldigen ausgesucht werden, um hinter Alles zu kommen. Ich mußte sie hinrichten lassen. Ich habe –«

»Du irrst!« unterbrach ich ihn. »Das Alles wäre falsch gewesen!«

»Warum?«

»Weil der Basch Islami Recht hat. Du bist ja wirklich der Tyrann, als den er dich beschrieb! Es ist Alles wahr, was er behauptete! Er hat keineswegs zu viel gesagt, sondern zu wenig! Es ist, als ob du deine Untertanen absichtlich triebst, sich gegen dich aufzulehnen. Daß du nicht schon längst vom Throne gestoßen oder gar ermordet worden bist, kommt mir wie ein Wunder vor, an dem – –«

»Schweig!« unterbrach er mich. »Glaubst du, weil ich nachsichtig gegen dich gewesen bin, werde ich mir nun Alles gefallen lassen? Ich zermalme dich!«

Er streckte beide Arme aus, als ob er mich ergreifen wolle.

»Versuche es!« antwortete ich. »Der Zermalmte bist dann du! Das Doppelheer des Dschirbani steht an deinen Grenzen. Wenn er diese Grenzen überschreitet und mit den Verschwörern gemeinsame Sache macht, bist du verloren. Sie werden ihn mit Jubel empfangen. Ich aber denke gar nicht daran, dir nur Dinge zu sagen, die dich beleidigen müssen. Du bist ein Tyrann; ja, das ist richtig. Aber du bist noch mehr wert als das: du bist ein groß angelegter Mensch. Du brauchst nur zu wollen, so verwandelt sich der Peiniger in den Wohltäter. Laß den Basch Islami laufen, und forsche nicht nach seinen Mitschuldigen und ihren Absichten! Es wird doch Alles anders, als sie denken. Bis jetzt sind sie im Recht. Lehre
sie empfinden, daß sie Unrecht haben und daß du edel bist; dann bricht ihr Widerstand ganz in sich selbst zusammen. Daß du den Basch Islami nicht festnahmst, war der erste große Schritt in die neue Zukunft hinüber, die du deinem Volke bietest. Er wird dir größeren Segen bringen, als du denkst. Deine Aufgabe ist nicht, die Völker gegen einander in Haß und Tod zu treiben, sondern ein Fürst der Liebe und des Friedens zu sein. Habe ich dich heute zur Umkehr und zum Guten verführt, so bin ich auch bereit, die daraus entspringenden Folgen zum Guten zu lenken. Sollte die Empörung, die wir heut entdeckten, wirklich ausbrechen, so wird der Dschirbani dir seine Scharen sofort zur Verfügung stellen, sie wie mit einem Schlage zu unterdrücken!«

Der Mir hatte die gegen mich erhobenen Arme schon längst wieder sinken lassen und mich mit Spannung angehört. Jetzt stieß er schnell und energisch die Frage hervor:

»Ist das wahr? Er, der gegen mich zieht, will mir in diesem Falle helfen?«

»Es ist wahr. Ich hafte dafür!«

»Und was verlangt er für die Hilfe?«

»Nichts.«

»Gar nichts?« fragte er erstaunt.

»Gar nichts! Er kommt als dein Freund, hilft dir die Revolution niederschlagen und kehrt dann zu derselben Stelle zurück, an der er sich jetzt befindet, um wieder dein Gegner zu sein.«

»Und das ist wahr? Wirklich wahr?«

»So wahr, wie ich es sage! Er verlangt keinen Lohn; er tut es umsonst, aus Interesse für dich, den er achtet! Höchstens hätte ich eine Bitte, also nicht er, sondern ich, die ich dir vorlegen möchte, bevor du dich entschließest.
Nicht eine Bitte für mich, sondern für dich, zu deinem eigenen Heile.«

»Sage sie!«

»Es ist heut der fünfzehnte Kanun el Auwal.4 Auf den fünfundzwanzigsten dieses Monates fällt das größte und wichtigste Fest der Christen, welches ihr hierzulande Id el Milad5 nennt. Erlaube, daß sie es in ihrer Weise feiern, und zwar da unten in der Kirche, in der großen Mittelkuppel, wo wir waren! Tue es nicht nur um ihret-, sondern ebenso auch um deinetwillen! Du hast gehört, daß sie die Einzigen sind, die treu und ehrlich zu dir halten, obwohl man überall weiß, daß du sie hassest und verfolgst. Lehre sie, dich achten und dich lieben. Dann besitzest du in ihnen einen unwiderstehlichen Keil, die Feindschaft aller Anderen zu zersprengen. Es ist so wenig, um was ich dich für sie bitte: die Erlaubnis, die Geburt des Erlösers zu feiern, den ja auch die Mohammedaner verehren. Es ist also nicht etwa ein Vorzug, den du den Christen damit erweisest; sie aber werden dir mit einem Male dafür zu Helfern werden, auf die du dich verlassen kannst in jeder Not und auch in der jetzigen Gefahr!«

Die Antwort blieb, als ich gesprochen hatte, aus. Halef lächelte. Der Mir aber trat, wie schon früher, an das offene Fenster und schaute lange, lange in die Nacht hinaus. Er kämpfte einen stillen, aber schweren Kampf, den Kampf mit sich selbst, den Kampf mit seiner eigenen niedrigen Anima, der es noch nicht gelungen war, sich zur Seele zu erheben. Es vergingen mehrere Minuten. Als er sich dann zu uns umdrehte, lag etwas wie ein Glanz auf seinem bleichen Gesichte. Er lächelte und seine Stimme klang in fast herzlicher Güte:

»Sihdi, was seid ihr doch für Menschen, ihr Zwei! Ich erkläre mich für überwunden, und ich tue das gern, denn ich weiß, daß ich dadurch zum Sieger werde. Was ich zu tun habe, ist beschlossen; ich mache aber keine Worte. Seid ihr bereit, mir den Schlaf dieser Nacht zu opfern?«

»Sehr gern!« antwortete Halef schnell.

»Ich werde sofort satteln lassen, euere beiden Pferde und auch eines für mich. Wir reiten. Wohin, das erfahrt ihr unterwegs. Ich verlasse euch jetzt, komme aber in kurzer Zeit wieder. Darf ich einen eurer Hunde oder zwei mit mir nehmen? Zu meinem Schutz, falls auf den finsteren Gängen da draußen noch Vorsicht geboten ist!«

Halef befahl Hu und Hi, mit ihm zu gehen. Sie gehorchten. Als der Mir sich mit ihnen entfernt hatte, richtete der kleine Hadschi sich so hoch auf, wie er konnte, und sprach:

»Effendi, was sind wir doch für unvergleichlich tüchtige Kerle! Wir sind erst einige Stunden da, und doch schon so ein Sieg! Ich gratuliere!«

»Mach dich nicht lächerlich!« widersprach ich ihm. »Was hast du denn für große Dinge getan? Und wer ist es, der mir versprochen hat, nicht mehr zu prahlen? Ja, es gibt Einen, den wir bewundern müssen. Das bist aber nicht du, und das bin nicht ich, sondern das ist der Mir, der einen Sieg über sich selbst errungen hat, gegen den alle deine sogenannten Siege einfach weiter nichts als Niederlagen sind. Du magst mir noch so viel versprechen, so fällst du deiner Ruhmredigkeit doch immer wieder zum Opfer; er aber hat in einer einzigen Stunde mehr besiegt und mehr überwunden, als du während deines ganzen Lebens überwunden hast und noch überwinden wirst!«

Wie gewöhnlich, wenn er sich blamiert fühlte, griff er auch hier zum Scherz, indem er mich mit den Worten des Mir abwies:

»Schweig! Glaubst du, weil ich nachsichtig gegen dich gewesen bin, werde ich mir nun alles gefallen lassen? Ich zermalme dich!«

Das klang so possierlich, daß ich so schwach war, zu lachen. Da fuhr er fort:

»Allah sei Dank! Er lacht! Dadurch hat er sich gerettet, denn nun bin ich nicht mehr gezwungen, ihn zu zerschmettern! Effendi, sag: Wohin denkst du, daß wir reiten?«

In dieser Weise pflegte er über jede Niederlage, die er erlitt, hinwegzugehen, und das Schlimmste dabei war, daß man ihm nicht zürnen konnte. Wohin der nächtliche Ritt gehen sollte, wußte und ahnte ich ebensowenig wie er, daß es aber ein sehr wichtiger sei, das konnte man sich wohl denken. Es blieb uns nichts Anderes übrig, als das, was kommen wollte, nun ruhig abzuwarten. Und es kam. Es war kaum mehr als eine halbe Stunde vergangen, als der Mir mit den beiden Hunden zu uns zurückkehrte. Er war so einfach gekleidet wie vorher und hatte einen Mantel mit Kapuze, wie ihn gewöhnliche Leute zu tragen pflegen, übergeworfen. Wer ihn nicht kannte, vermutete gewiß nicht, was für ein hochstehender Herr er war. Er führte uns in den Hof hinunter, in dem wir bei unserem Kommen abgestiegen waren. Dort standen unsere gesattelten Pferde. Wir untersuchten das Riemenzeug, und als wir Alles in Ordnung fanden, stiegen wir auf und ritten mit dem Mir, gefolgt von unseren vier Hunden, zum Tore hinaus, welches hinter uns wieder geschlossen wurde.

Es war eine finstere Neumondnacht. Der Himmel stand zwar voller Sterne, doch war ihr Licht nicht im
Stande, die Atmosphäre der großen Stadt zu durchdringen. Das Kirchenschloß stieg empor wie ein dunkles Rätsel, um dessen Ecken und Kanten wir biegen mußten, bis wir die von dem Mir beabsichtigte Richtung erreichten. Da stand zur Seite eines engen Gäßchens ein kleines Haus, auf welches der Mir deutete, indem er sagte:

»Hier wohnte der nun tote Leutnant mit seiner Mutter und ihrem Bruder. Ich ließ sie einsperren, werde sie aber noch heut wieder entlassen. Es darf ihnen doch unmöglich schlimmer ergehen als dem Basch Islami, dem Haupttäter, der mir entkommen durfte. Der Bruder leugnete Alles; er behauptete, nichts zu wissen. Seine Schwester aber gestand in ihrer Erregung um den Sohn, daß ich heut nicht etwa nur gefangen genommen, sondern erstochen werden sollte. Der neue Mir habe es befohlen.«

»Der neue Mir?« fragte ich. »Den gibt es also schon?«

»Sie sagte es.«

»Hat sie seinen Namen genannt?«

»Ja. Aber sie ist wahnsinnig. Daß ich ihren Mann habe hinrichten lassen, hat sie um den Verstand gebracht. Sie konspiriert seitdem gegen mich. Sie wagte in ihrer wahnsinnigen Rachsucht sogar das Leben ihres Sohnes. Und dann, als sie hörte, daß er tot sei, versuchte sie, sich dadurch an mir zu rächen, daß sie den einzigen Menschen, den ich bisher liebte, als den neuen Mir bezeichnete und also als den Bösewicht, der befohlen habe, mich heut zu töten. Sie ist verrückt!«

»Darf ich erfahren, wer dieser Mann ist?«

»Mein Schützling und Schüler, der ›Panther‹, der zweite Prinz der Tschoban! Ist das nicht Wahnsinn?«

»Wohl kaum!« antwortete ich. »Die Mohammedaner stehen an der Spitze der Empörung, und er ist leidenschaftlicher Anhänger des Islam.«

»Das hindert aber nicht, daß er mich aufrichtig liebt und mir treu und dankbar ist! Ich erkläre es für eine Verrücktheit, grad ihn, diesen Prachtmenschen, einer solchen Tat für fähig zu halten. Ich würde gar nicht anstehen, sogar auch dich für unheilbar irrsinnig zu erklären, falls du mir mit derartigen Verdächtigungen kämst!«

»So schweige ich!«

»Wie? Hattest du etwa die Absicht – – –« dehnte er.

»Ja,« gestand ich ein.

»So rate ich dir, lieber still zu sein! Du könntest damit leicht alles verderben, was du gewonnen hast!«

Das klang so kurz, so abgerissen, ja drohend, daß ich schwieg und mir vornahm, den Gegenstand nicht wieder zu berühren, außer wenn er selbst mich dazu veranlassen würde.

Wir kamen aus dem engen Häusergewirr in einen Teil der Stadt, in dem die Gassen breiter waren. Da hielt er vor einem größeren Hause an, an dessen wohlverschlossenem Tore ein Läutebrett hing. Diese Bretter vertreten die Stelle unserer Klingeln. Sie sind sehr dünn und mit einem hölzernen Hammer versehen, mit dem man schlägt. Jedermann kennt den Ton seines Brettes und weiß also, sobald er erklingt, daß man zu ihm will. Der Mir gebot uns, abzusteigen und unsere Pferde in einiger Entfernung anzubinden. Wir taten dies. Dann traten wir an das Tor. Da läutete er, ohne daß er uns sagte, wer da wohne. Es war schon gegen Morgen. Alles schlief. Er mußte wiederholt läuten, ehe Jemand kam und von innen nach unserem Begehr fragte.

»Dies ist das Haus, in dem der Basch Nasrani von Scharkistan zu Gaste wohnt?« erkundigte sich der Mir.

»Ja,« antwortete der dienstbare Geist, der hinter dem Tore stand.

»Ist er daheim?«

»Er schläft. Er ist vor ganz Kurzem aus der Kirche gekommen. Gönne ihm die Ruhe!«

»Ich muß mit ihm sprechen!«

»Warum? Ist es so wichtig, daß ich ihn wecken muß? Wer bist du? Vielleicht ein reicher, vornehmer Mann? Denn sonst würdest du es nicht wagen, den Obersten der Christen von Scharkistan um seine Ruhe zu bringen!«

»Ich bin ein armer Mann, ein Bettler; ich kann nichts bezahlen. Aber ich habe gesündigt und muß meine Seele retten. Ich will beichten. Sag ihm das, weiter nichts!«

»So warte!«

Der Diener entfernte sich. Der Mir erklärte uns:

»Jetzt wißt ihr, zu wem ich will. Zu dem Oberpriester von Scharkistan, der in der Kirche sprach und mich erkannte, als der Stern zu brennen begann. Ich prüfe ihn. Und indem ich ihn prüfe, prüfe ich die ganze Christenheit und die Lehre von der christlichen Liebe. Darauf, ob er sich im Schlafe stören läßt, soll es ankommen, ob ich deinen Wunsch erfülle und den Christen erlaube, das ›Fest der Geburt‹ in ihrer Weise zu feiern. Warten wir!«

Man kann sich denken, wie gespannt ich auf das Resultat dieser Prüfung war! Wir hörten nach kurzer Zeit wieder Schritte, die sich näherten, und eine andere Stimme fragte von innen:

»Bist du noch da?«

»Ja,« antwortete der Mir, indem er dicht an das Tor trat, um zunächst nur sich allein sehen zu lassen.

»Ich öffne gleich!«

»Ist er zu sprechen?«

»Natürlich, ja! Ich bin nicht der Diener, sondern der Priester selbst. Er weckte mich.«

»Und da standest du sofort auf?«

»Sofort!« erklärte der Basch Nasrani, indem er halb aus dem sich jetzt öffnenden Tore trat. »Du befindest dich in Seelennot. Das ist die höchste Not, die es gibt. Du willst beichten. Beichten heißt, mit dem Erlöser sprechen. Was wäre das für ein Heiland, für ein Erlöser, der weiterschlafen könnte, wenn er Seelen retten soll!«

»Aber ich bin arm; ich bin ein Bettler!«

»Vor Gott sind wir alle Bettler! Vielleicht bettle ich mehr als du! Vor Gott kann ein Bettler reicher sein als ein Millionär. Bist du reich an Reue, so ist er reich an Gnade. In dieser deiner Reue bist du reicher als ein Fürst, der nichts bereut. Ich heiße dich willkommen. Tritt ein!«

»Es sei!«

Mit diesen Worten folgte der Mir der Aufforderung des Oberpriesters. Wir beiden Andern kamen hinterher. Als der Basch Nasrani uns sah, fragte er:

»Du bist nicht allein?«

»Nein. Da sind noch Zwei. Zwar keine so großen Sünder, wie ich, dafür aber die größten Bettler, die es gibt. Sie betteln sogar für dich! Nun komm!«

Der oberste Pfarrer von Scharkistan verriegelte das Tor und führte uns nach dem Hause. Es mochte ihm nicht ganz unbedenklich erscheinen, daß es jetzt plötzlich drei anstatt nur einen Besucher gab. Er hatte seine Lampe hinter der Türe des Hauses stehen. Dort angekommen, nahm er sie auf und leuchtete uns in eine Stube,
welche der Empfangsraum zu sein schien. Da bat er, uns niederzusetzen.

»Nein, setzen werden wir uns nicht,« antwortete der Mir. »Wir haben keine Zeit dazu.«

Erst jetzt fiel das Licht der Lampe auf unsere Gesichter. Der Priester erschrak. Er erkannte uns sofort.

»Der Mir, der Mir!« rief er erschrocken aus, indem er die Lampe schnell wegsetzte, sonst hätte er sie fallen lassen. »Und seine Begleiter aus der Kirche?«

»Ja, ich bin es, und sie sind es auch!« antwortete er. »Ich wollte erst leugnen, in der Kirche gewesen zu sein. Das ist die Sünde, die ich dir zu beichten habe. Ich hoffe, daß du sie mir vergibst. Und hier ist Kara Ben Nemsi Effendi, ein christlicher Wanderer aus Dschermanistan. Er hat mir gesagt, daß in zehn Tagen das große Fest der Geburt des Heilandes sei. Er wünscht dieses Fest mit den Christen meiner Länder zu feiern. Er hat mich gebeten, euch den großen Kuppelbau der Kathedrale dazu zur Verfügung zu stellen. Ich habe beschlossen, diesen Wunsch zu erfüllen. Ich liebte die Christen nicht. Darum gab es nur in Scharkistan einen Oberpriester, einen Basch Nasrani; der bist du. Du wohntest nur zuweilen als Gast, gerade so wie heut, in diesem meinem Lande und in dieser meiner Stadt. Heut habe ich dich und mit dir euer Christentum geprüft. Ich ernenne dich zum Basch Nasrani von Ardistan und Gharbistan, so daß du nun der Oberpriester aller Länder bist, die ich unmittelbar regiere. Ich ersuche dich, heute nachmittag genau zur dritten Stunde in das Schloß zu kommen, um dich bei diesem Effendi hier zu bedanken und die Vorbereitungen zum Feste zu besprechen. Er ist leicht zu finden. Seine Zimmer liegen unmittelbar neben den meinen. Schlaf wohl!«

Sobald er das gesagt hatte, ergriff er die Lampe und schritt schnell hinaus. Wir folgten ihm ebenso rasch, ohne uns nach dem Basch Nasrani umzusehen. Wir eilten mit der Lampe nach dem Tere, setzten sie dort nieder, schoben den Riegel zurück und traten auf die Straße. Erst als wir unsere Pferde bestiegen, hatte der brave geistliche Herr seine Ueberraschung überwunden und kam uns nachgerannt. Indem wir davonritten, hörten wir zwar seine Stimme, konnten aber nicht verstehen, was er sagte. Etwas Unangenehmes war es jedenfalls nicht! – – –

Drittes Kapitel

Weihnacht

Während wir jetzt nun weiterritten, hörten wir den Mir einige Male halblaut vor sich hinlachen. Er war wohl bei guter Laune. Er freute sich über die Art und Weise, in der er den Oberpriester geprüft und dieser die Prüfung bestanden hatte. Er ritt uns um eine ganze Pferdelänge voraus, wohl um anzudeuten, daß er jetzt nicht sprechen wolle, sondern nachzudenken habe. Sein silberweißer Schimmel hatte ein unvergleichliches Kamm- und Schwanzbehänge. Er leuchtete uns förmlich wie ein führendes Märchenroß, dem wir zu folgen hatten, voran. Das ging so, bis die Stadt hinter uns lag. Wie groß sie war, ersahen wir daraus, daß wir trotz des schnellen, lebhaften Schrittes unserer Pferde über eine Stunde brauchten, um von ihrem Mittelpunkte, in dem der Schloßdom lag, an die Peripherie zu gelangen.

Als dies geschehen war und die sich nun vereinzelnden Häuser von der Straße zurückzutreten begannen, wurde es Tag. Der Anblick, den er uns brachte, war ein für meine deutschen Augen sehr erfreulicher. Wir kamen durch ununterbrochene Wein- und Obstgärten, an die sich später
ein herrlicher, dichter Tschamwald6 schloß, der mir die Fiktion, daß ich in der Heimat sei, erleichterte. Der Anblick dieses Waldes war mir um so willkommener, als Tannen in jenen Gegenden äußerst selten sind. Zudem wird der geneigte Leser sehr bald erfahren, welche Rolle sie bei dem uns gestatteten »Fest der Geburt des Erlösers« spielten. Ich sah sie schon jetzt gleich darauf hin an und machte zu Halef die Bemerkung, daß es in meinem Vaterlande niemals ein Weihnacht ohne brennende Tanne gebe. Der Mir hörte das und fragte, indem er sich zu uns zurückwendete:

»Niemals ohne brennende Tschambäume? Welches ist der Grund, daß ihr sie bei diesem Feste verbrennt?«

»Wir verbrennen sie nicht, sondern wir schmücken mit ihnen das Innere der Kirchen und der Häuser. Jedermann kauft sich einen Weihnachtsbaum und stellt ihn in die Stube, um ihn mit Früchten, Engelsfiguren, bunten Sternen und brennenden Lichtern zu schmücken.«

»Mit brennenden Lichtern? Aus welchem Grunde? Und wie macht man das?«

Diese Fragen gaben mir sehr willkommene Veranlassung, ihm unser herzliebes, deutsches Weihnachtsfest zu beschreiben und ihn auf die tiefe, sinnbildliche Bedeutung des Weihnachtsbaumes hinzuweisen. Ich sah, daß ihn das packte und erwärmte.

»Hm!« machte er nachdenklich. »Da liebt man sich! Da beschenkt und beschert man sich! Mir hat noch Keiner Etwas beschert! So lange ich lebe noch nicht!«

»Würdest du mir gestatten, dir und den Deinen eine so köstliche Bescherung zu bereiten?«

Da richtete er sich mit einem schnellen, frohen Rucke auf und fragte:

»Kannst du das?«

»Ja, ich kann es,« antwortete ich. »Du brauchst es nur zu gestatten.«

»Du sprachst von Mann und Weib, von Eltern und von Kindern, die einander beschenken. Würde das auch bei mir möglich sein?«

»Sehr leicht! Und ich bin überzeugt, daß es dich unendlich glücklich machen würde. Du brauchst mir nur die Personen zu nennen, die hierbei in Frage kommen.«

»Mein Weib und vier Kinder, zwei Söhne und zwei Töchter; außerdem die Mutter meines Weibes. Einen Harem habe ich nicht. Du wirst mir beschreiben, wie ich das zu machen habe, und mir dabei helfen! Wir bringen heut eine Tanne mit heim. Und ich bitte dich, sie so zu schmücken, wie ihr es in Dschermanistan tut. Gefällt es mir, so werde ich nicht nur meinem Weibe und meinen Kindern, sondern auch den Dienern und Beamten bescheren, mit denen ich zufrieden bin. Das darf man doch?«

»Gewiß! Je mehr du Liebe spendest, desto größer kommt sie zu dir zurück!«

Welch ein Glück, dieses Erwachen des Weihnachtsgedankens! Ich begann, zu ahnen, daß uns das Fest ein mächtiger Helfer sein und dann auch bleiben werde. Der Mir war einige Zeit lang still. Er beschäftigte sich innerlich. Sein Blick schweifte wiederholt wie schätzend und berechnend dem Rande des Waldes entlang, an dem wir hinritten, und der so groß war, daß er gar kein Ende zu nehmen schien. Plötzlich nickte er vor sich hin. Er hatte eine Idee. Er ließ seinen Schimmel langsamer gehen, so daß wir an seine Seite gelangten, und fragte mich:

»Woher bekommen in Dschermanistan so viele Menschen so viele Tannenbäume?«

»Sie kaufen sie,« antwortete ich.

»Von wem?«

»Von der Regierung und von den übrigen Waldbesitzern.«

»Die Regierung, die bin ich! Und andere Waldbesitzer gibt es hier nicht. Meinst du, daß ich die Tannen verkaufen würde?«

»Warum nicht?«

»Und daß man sie mir bezahlte?«

»Gewiß!«

»Könntest du mir das besorgen?«

»Wenn du es wünschest, gern!«

»Hamdulillah! Der Wald hat mir noch niemals Etwas eingebracht: jetzt wird er mich bezahlen! Bedenke, die vielen, vielen Tausende von Christen! Und – – und – – – du sprachst ja auch von Lichtern! Wie viele gehören an einen Baum?«

»Zehn bis zwanzig, oft auch noch mehr.«

»Maschallah! Tausende von Bäumen! Und an einem jeden zwanzig Lichter! Das werden ja Hunderttausende! Woher bekommt man die bei euch in Dschermanistan?«

»Man kauft auch sie.«

»Von wem?«

»Von dem, der sie macht.«

»Wer aber soll sie hier bei uns machen lassen und verkaufen? Ich glaube, ich! Denkst du nicht?«

»Ich denke es!«

»Willst du mir das besorgen?«

»Mit Vergnügen! Nur müßten dazu die nötigen Materialien und auch Arbeiter vorhanden sein!«

»Das wird besorgt! Und, Effendi, du erwähntest auch Engel, Sterne und andere Dinge, mit denen die Bäume geschmückt werden. Woraus werden diese gemacht?«

»Aus Papier, Holz, Metall und anderen Stoffen. Das ist bei uns eine große Industrie für sich. Weil es diese hier aber nicht gibt, so ist es für euch geraten, sie aus Papier zusammenzukleben und aus Teig zu backen.«

»Wie viele Engel und Sterne gehören an einen Baum?«

»Je nach der Wohlhabenheit, zehn, zwanzig, dreißig, fünfzig und wohl auch noch mehr.«

»Wunder Gottes! Das werden ja auch Hunderttausende! Ob ich wohl auch die zusammenkleben und backen lassen und dann verkaufen kann?«

»Gewiß! Es ist auf jeden Fall besser, daß diese ganze Produktion sich in einer einzigen, kräftigen Hand befindet, die mehr und Besseres leistet als alle andern ungeübten und unzuverlässigen Leute. Ich freue mich darüber, daß du dich für diese Sache interessierst. Du ersiehst hieraus, wie leicht es für einen intelligenten Menschen ist, sich Einnahmequellen zu erschließen, die Andern verborgen bleiben. Solche kluge Leute bezeichnet man bei uns als Finanzgenies.«

»Finanzgenie!« lächelte er geschmeichelt. »Die Hauptsache ist, daß du genau weißt, wie man solche Engel bäckt und solche Sterne leimt!«

»Ich weiß es.«

»Und willst du mir auch das besorgen?«

»Ja. Doch stelle ich die Bedingung, daß ich in allem freie Hand behalte und auch die Preise zu bestimmen habe!«

»Das versteht sich ganz von selbst! Du bist nicht
nur ein wohlwollender, sondern auch ein kluger Mann und wirst ebenso auf meinen eigenen Vorteil wie auf den der Käufer sehen. Ich ernenne dich zu meinem Weihnachtsengel und – – –«

»Mich auch!« bat Halef, ihn mit lachendem Gesicht unterbrechend.

»Ja, auch dich!« nickte der Mir. »Ich ernenne dich zum Kommandanten der Engelschar, die in allen Straßen der Stadt und ihrer Umgebung einen Probebaum herumzuzeigen und den Leuten zu verkündigen hat, daß Weihnacht kommen soll.«

»So müssen wir heut nicht nur einen Baum, sondern mehrere mit heimnehmen, die sofort zu schmücken sind, damit kein Tag der Vorbereitung unbenützt vorübergeht!«

»So viele du willst. Meine Ussul werden dir dabei behilflich sein.«

»Deine Ussul? Welche?«

»Das fragst du mich? Ihr seid doch bei Amihn, dem Scheik der Ussul, gewesen und habt von ihm gewiß erfahren, daß ich eine ganz besondere, persönliche Leibgarde habe, die aus fünfhundert der riesigsten Ussul besteht. Dem Obersten an ihrer Spitze waren zwei Söhne Amihns und Taldschas beigesellt. Als ich dem Mir von Dschinnistan den Krieg erklärte, weigerten sich diese Drei, nämlich der Oberst und die Prinzen, mir zu gehorchen, weil ihr Vater mit dem Herrscher von Dschinnistan befreudet sei und niemals gegen ihn kämpfen werde. Da habe ich sie, nämlich diese Drei, nach der ›Stadt der Toten‹ geschickt, damit sie sich dort entweder eines Besseren besinnen oder sterben. Die Fünfhundert aber habe ich von mir entfernt und aus der Stadt verbannt. Sie hausen in alten Gebäuden, die aus der Zeit meiner Urväter
stammen und als Strafkasernen benutzt worden sind. Zu ihnen reiten wir jetzt. Sie haben sich allezeit als treu erwiesen. Die Wache aber, die ich an ihre Stelle setzte, hat mich heut töten wollen. Wie werden sich die Verbannten freuen, von mir in eigener Person abgeholt und zur Stadt zurückgeführt zu werden! Indem ich ihnen die Bewachung des Schlosses wieder anvertraue, erreiche ich zwei Absichten zu gleicher Zeit, nämlich ich mache gut, was falsch und unklug war, und ersetze die Mörder durch ehrliche Leute, auf die ich mich verlassen kann. Ich habe den Basch Islami laufen lassen und darf also auch nach keinem mit ihm Einverstandenen fassen; aber du wirst sehen, wie schnell die Verschworenen aus der Hauptstadt verschwinden. Wenn sie es nicht selbst tun, so helfe ich nach. Die Rückkehr der Ussul an die Stelle der jetzigen Wache wird ihnen Wink und Warnung sein.«

»Und der Oberst der Ussul? Und die beiden Prinzen?« fragte ich.

Da hielt er sein Pferd an und rief aus:

»Ja, diese, diese! Maschallah! Das habe ich mir noch gar nicht klar gemacht! Wenn ich meine Leibwache zurückhole, kann ich doch ihre obersten Gebieter, die mir gar nichts getan haben, unmöglich ins – – –«

Er hielt mitten im Satze inne, machte ein Gesicht, welches keineswegs geistreich war, schüttelte den Kopf und fuhr dann fort:

»Was ist denn das mit euch Beiden? Ihr schlagt und besiegt mich doch auf Schritt und Tritt? Und das Sonderbarste ist, daß ihr gar nichts dabei tut, sondern daß ich gezwungen bin, euch selbst entgegenzukommen! Erst mußte ich euch verraten, daß diese Gefangenen überhaupt noch leben. Dann sagtet ihr mir offen, daß ihr
gehen würdet, sie zu befreien. Und nun erweist sich das als gar nicht nötig, weil ich sie selbst befreien muß; ich kann ja gar nicht anders! Es gibt hier eine Macht, die ich nicht kenne. Sie steht an eurer Seite, und ich habe das Gefühl, daß sie sich auch an die meinige stellen wird, sobald ich mich entschließe, in euerem Sinne zu handeln.«

Als er das sagte, tauchte über dem dunkeln Streifen des Waldes die neugeborene Sonne auf und lachte uns strahlend in die Augen. Das war ein ganz alltäglicher Naturvorgang, von dem sich der Mir aber heut tief ergriffen fühlte. Kaum hatte die Flut des Lichtes ihn getroffen, so warf er den Arm in die Luft und rief:

»Und ich werde mich entschließen! Ich tue es! Die Sonne will es haben! Sie ist heraufgekommen, es mir zu sagen! Vorwärts, vorwärts, mag daraus werden, was da will!«

Er gab seinem Schimmel die Sporen und stürmte im Galopp weiter. Wir folgten ihm. Unser Weg führte genau dem Aufgange zu, und so war es, als ob wir die Absicht hätten, mitten in all die Sonnen-, Licht- und Farbenpracht hineinzureiten und in ihr zu verschwinden. War dieser Mir von Ardistan wirklich ein Tyrann, ein Wüterich? Oder war er nur das letzte Glied einer Kette von Despoten, welches ebenso hart wie seine Vorgänger zu erscheinen hatte, obgleich es aus edlerem und weicherem Metall bestand als sie?

Wir sahen bald, daß er stolz auf die Schönheit und Güte seines Pferdes war. Er wollte uns zeigen, was es leistete. Er steigerte den Galopp zur Karriere. Halef hatte große Lust, ihm zu beweisen, daß es uns leicht sei, ihn zu überholen, doch verbot ich ihm das. Der Mann fühlte sich schon in so vielen Stücken übertrumpft; er
sollte nicht auch noch in Beziehung auf sein Pferd gekränkt und übertroffen werden. Es war genug, daß wir ihm den Vorrang ließen, ohne grad weit zurückzubleiben. Wir kamen dadurch sehr rasch vorwärts, und es dauerte nicht lange, so sahen wir, an drei Seiten vom nahen Wald und auf der vierten von einem großen, offenen Reit- und Uebungsplatz umgeben, den alten, mehr als ehrwürdigen Gebäudekomplex liegen, den er als ›Strafkaserne‹ bezeichnet hatte. Er bestand aus niedrigen Mannschaftshäusern und Ställen. Ledige Pferde tummelten sich rundum. Es waren echte Ussulpferde, ganz von der Gestalt und Größe des Urgaules Smihk, meines besonderen Busenfreundes. Auch die Leute waren im Freien zu sehen vor den Häusern. Sie beschäftigten sich, wie wir sahen, mit der Zubereitung ihres Morgentrankes. Unser Kommen erregte ungewöhnliches Aufsehen, obwohl die Entfernung zwischen uns und ihnen, als sie uns bemerkten, wenigstens zweihundert Pferdelängen betrug. Es war ihnen also nicht möglich, die Züge des Mir zu erkennen; aber sie kannten seinen Schimmel. Ein solcher persönlicher Besuch des Beherrschers war noch nie dagewesen, war unerhört. Man ließ Alles stehen und liegen und rannte zu den Waffen und Pferden. Glücklicherweise war bei dieser Truppe das Verhältnis der Offiziere zu den Soldaten ein durchaus patriarchalisches. Die Ersteren bildeten die Väter, die letzteren die Kinder; sie gehörten zusammen. So befanden sich auch jetzt die Vorgesetzten bei den Untergebenen und brauchten nicht erst geholt zu werden. Zudem war der Mir rücksichtsvoll und ritt jetzt langsamen Schritt. Dadurch bekam die Truppe Zeit, sich zu sammeln und aufzustellen. Als wir den Platz vor den Gebäuden erreichten, hielten sie, zehn Glieder hoch und die Offiziere voran, in regelrechter
Front auf ihren Pferden und boten einen martialischen Anblick, der, wenigstens für mich, eine Wonne war. Ich mußte, indem ich die fünfhundert gewaltigen, zum Himmel ragenden Spieße sah, an Goliath, den Philster, denken, von dem die Bibel erzählt, daß der seinige so stark wie ein Weberbaum gewesen sei.

»O, Sihdi, wenn ich ihnen jetzt eine Rede halten könnte! Was würde ich ihnen Alles sagen!« raunte mir mein kleiner Halef zu, dessen Sprachseligkeit sich bei diesem Anblicke ganz gewaltig regte.

Aber der Mir war es, der da sprach, wenn auch in ganz kurzer, befehlender Weise. Er sagte, daß er gekommen sei, den Morgenkaffee mit ihnen zu trinken und sie nach der Stadt zurückzuholen. Er gebot ihnen, abzusteigen und sich wieder an ihre Kochtöpfe zu begeben. War das ein Jubel nun!

Einige Minuten später saßen wir Beide mit dem Mir, einem alten Major und zwei Kapitänen auf einem wenigstens ebenso alten, schnell herbeigeholten Zeltteppich, ein Jeder einen schweren, tönernen Napf in der Hand, aus dem das, was man Kaffee nannte, nach allem Möglichen, nur nicht nach Kaffee duftete. Es schmeckte aber; es schmeckte sogar dem Mir, der sich in einer Stimmung befand, über die er sich wohl selbst am Meisten wunderte. Er strahlte am ganzen Gesicht und sah dabei doch zuweilen aus, als ob er über sich selbst und seine Leutseligkeit erstaune.

Er gab die nötigen Befehle zu dem Ritte nach der Stadt, was man Alles mitzunehmen habe und was nicht. Als er dabei auch auf die Tannenbäume zu sprechen kam, bat ich, in den Wald gehen zu dürfen, um die, welche mir gefielen, zu bezeichnen. Da sprang er auf und sagte, daß er selbst mitgehen werde, und zwar gleich. Die
Offiziere schlossen sich an. Während wir nach hübsch gewachsenen, passenden Exemplaren suchten, machte ich dem Mir einen Anschlag, wie viele ich wohl brauche, große und kleine. Wir hatten auszustellen, und zwar an verschiedenen Orten, damit die Bevölkerung so schnell wie möglich unterrichtet werde, was wir meinten und wie wir es uns dachten. Da machte er einen kurzen Prozeß und sagte:

»Warum so einzeln zählen? Ard ist groß, und was wir heut nicht brauchen, das brauchen wir morgen. Nehmen wir hundert Bäume mit! Wir haben ja Zeit und Menschen genug, sie zu fällen.«

Das geschah. Es dauerte nicht lange, so hatte ich mit dem Säbel des Major hundert Stück gezeichnet, und das Umschlagen, Köpfen und Zurichten konnte beginnen. Ich lehrte die Ussul, Seile aus langen, grünen Zweigen zu drehen, mit denen die Aeste eng an den Stamm gezogen wurden, um leicht transportiert werden zu können. Während ein Teil der Leibwache mit dieser Arbeit beschäftigt war, nahm Halef sich die Anderen vor. Sie mußten sich, wohl an die dreihundert Personen, wie Schulkinder eng nebeneinander niedersetzen, und er stellte sich vor sie hin und hielt ihnen einen Vortrag über das für sie allerdings hochinteressante Thema, wann, wo und wie wir ihre Verwandten in der Heimat kennen gelernt hatten und was seitdem mit ihnen und uns geschehen war. In dieser Weise erfüllte er sich selbst seinen Wunsch, zu diesen Leuten einmal reden zu können. Er tat es in der ihm eigenen, hinreißenden, mit Komik gewürzten Weise, so daß seine Zuhörer gar nicht dazukamen, ein Auge von ihm zu verwenden. Er ließ sich auch nicht im Geringsten stören, als wir mit dem Mir aus dem Walde zurückkehrten und uns hinstellten, um ihm zuzuhören.
Doch nahm er sich da nun wohl mehr in acht, als vorher und erreichte dadurch einen Erfolg, dem sich selbst der Mir nicht entziehen konnte, denn dieser sagte zu mir, als der Kleine geendet hatte und die Ussul ihm ihren Dank und ihre Anerkennung zujubelten:

»Dieser dein Hadschi Halef Omar ist ein außerordentlich kluger und brauchbarer Mann! Ein vortrefflicher, guter Mensch! Man muß ihn lieb haben! Ich wollte, er wäre mein Freund, in ganz derselben auf richtigen Weise, wie er der deinige ist!«

»Das brauchst du dir gar nicht erst zu wünschen, denn es ist dir schon erfüllt,« antwortete ich ihm. »Er ist dein Freund. Du brauchst es nur zu glauben und Vertrauen zu ihm zu haben!«

Er sagte nichts hierzu, schaute mir prüfend in das Gesicht, drückte mir die Hand und wendete sich dann an die Offiziere, um ihnen zu sagen, daß es Zeit zum Aufbruche sei. Dies galt nur den Reitern; die Bagage hatte nachzukommen. Zu dieser aber gehörten die Weihnachtsbäume nicht. Sie wurden gleich mitgenommen. Dies geschah in der Weise, daß man die Lanze am Stamme des zusammengebundenen Bäumchens hinaufschob und sie dann unten, ganz wie gewöhnlich, in den Lanzenschuh des Steigbügels setzte. Das Bäumchen wurde dann, genau so wie sonst die Lanze, mit der einen Hand in der Mitte gehalten, während die andere die Zügel führte. So setzten wir uns denn, eine Art ›Wald von Dunsinan‹ mit uns führend, in Bewegung, voran wir mit dem Mir, dann die Offiziere und hierauf die Truppe.

Als wir die Stadt erreichten, erregte unser Zug ein ganz ungewöhnliches Aufsehen. Man erkannte den Mir trotz der Einfachheit seines Anzuges. Man wußte, daß er die Ussulgarde verbannt hatte. Nun brachte er sie
persönlich zurück. Es verstand sich ganz von selbst, daß man hieraus auf wichtige Ereignisse schloß, zumal man zwei ganz fremde Menschen neben ihm reiten sah. Die Wißbegierde wurde erregt und pflanzte sich schnell weiter, von Straße zu Straße, durch die ganze Stadt und noch weit über sie hinaus.

Am Schlosse angekommen, brachten wir zunächst die hundert Bäume in einem Hofe desselben unter. Dann wurde die bisherige Schloßwache abgelöst und ihre in der Nähe liegende Kaserne umringt. Dieses ganze, unzuverlässige Korps mußte die Munition abliefern und hinaus nach der Strafkaserne maschieren, um dort an Stelle der Ussul interniert zu werden. Ueberhaupt wurde dieser Tage alles Militär, dem nicht zu trauen war, also besonders die bigottmuhammedanischen und die Lamatruppen aus der Stadt entfernt. Ich nahm mir nicht die Zeit, mich um diese Maßnahmen zu bekümmern, weil ich mit den Vorbereitungen zum Christfest mehr als genug zu tun hatte. Diese militärischen und diplomatischen Bewegungen hatten nur rein äußerliche Zwecke und Ziele. Wir aber, Halef und ich, standen vor der Aufgabe, die schlafende Volksseele aufzuwecken und in ihr die größte, die herrlichste und wichtigste Bewegung zu erzeugen, die es im Leben der Völker und des Einzelnen gibt, nämlich die Bewegung zu Gott empor, die in der Tiefe der Seele beginnt, um nach den ewigen Höhen des Himmels zu steigen. Und ich gestehe auf richtig, daß mir diese unsere Aufgabe wichtiger erschien als jede andere, obgleich sie mich zunächst zu Dingen und zu Arbeiten zwang, welche man daheim fast nur den Kindern und kindlichen Gemütern anvertraut. So unwichtig diese Sachen zu sein scheinen, ich muß doch über sie berichten und schicke da vor allen Dingen die Bemerkung voraus, daß Ard eine große
Stadt mit Hundertausenden von Einwohnern ist, die nicht etwa nur die niederen Beschäftigungen, sondern auch alle möglichen orientalischen Wissenschaften, Künste und Gewerbe treiben. Die Stadt ist der Mittelpunkt eines weit ausgedehnten Handels. Es gibt da eine muhammedanische, eine buddhistische und eine konfuzianische Universität und eine Menge Schulen für den gewöhnlichen Mann. Daraus folgt, daß es hier keineswegs für mich unmöglich war, alles das zu finden, was ich zur Erreichung meiner Zwecke brauchte, wenn ich auch zugeben muß, daß mir das nicht so bequem lag wie daheim.

Zunächst erwähne ich, daß wir unsere zwei kleinen Zimmer nicht wieder bekamen. Es wurde uns eine Reihe sehr bequemer, prächtiger Räume angewiesen, die unmittelbar an die Wohnung des Mir stießen. Auch unsere Pferde wurden in dementsprechend Weise anders untergebracht. Das war ein gutes Zeichen. Hierbei erfuhr ich, daß der ›Panther‹ die Zimmer bewohnt hatte, die ich jetzt bekam. Er hatte sie ganz plötzlich und unvorbereitet verlassen müssen, und zwar schon in der vergangenen Nacht. Als der Mir uns verließ, um zum Ritte nach der Strafkaserne satteln zu lassen, war er mit Halefs Hunden direkt zum ›Panther‹ gegangen, um ihn über die geplante Verschwörung zu unterrichten und ihm den Befehl zu erteilen, sofort zu den gegen den Mir von Dschinnistan marschierenden Truppen aufzubrechen und den Oberbefehl über sie zu übernehmen, weil der jetzige General ein leidenschaftlicher Muhammedaner und also nun verdächtig war. In echt orientalischer Weise wurde dem ›Panther‹ keine Zeit gegeben, sich auf diese Reise vorzubereiten. Er hatte sich nur schnell umzukleiden, und binnen zehn Minuten im Sattel zu sitzen. Was er brauchte, wurde ihm nachgeschickt. Der Mir führte ihn selbst in
den Stall, wo er ja ohnedies seinen Schimmel für sich satteln zu lassen hatte, und sah ihn dann mit eigenen Augen auf das Pferd steigen und fortreiten. Er selbst erzählte es mir, und als ich ihn fragte »Warum so schnell?« antwortete er:

»Wenn es sich um meinen Thron und um mein Leben handelt, gibt es keine Zeit, die Ausführung meiner Befehle aufzuschieben! Habe ich unrecht getan? Du scheinst den ›Panther‹ nicht zu lieben!«

Ich antwortete nur:

»Du tatest recht. Nun handelt es sich nur darum, ob auch er das Richtige tut!«

Um diesem nicht ganz ungefährlichen Gespräch eine andere Richtung zu geben, trug ich nun dem Mir die Wünsche vor, die ich in Beziehung auf die Vorbereitung zum Weihnachtsfest hatte. Sie wurden mir alle erfüllt. Ich bekam mehrere Parterreräume angewiesen, in denen wir unser »Weihnachtsbureau« aufschlugen. Schreiber und Arbeiter wurden uns zur Verfügung gestellt, vor allen Dingen auch Zimmerleute zur Herstellung der »Füße« für die Tannen. Händler kamen, um Proben von Pappe und Papier vorzulegen. Ein alter, orientalischer Goldschlägermeister wurde mit zwei Gesellen engagiert. Bekanntlich ist die Goldschlägerkunst eine echt orientalische Kunst. Schon die alten Aegypter hatten es darin zu großer Vollkommenheit gebracht. In diesem unserm Falle handelte es sich selbstverständlich nur um billiges Blattmetall aus Messing und Tombakblech. Ein Drechsler bekam den Auftrag, Lichterdillen aus Holz zu drehen. Bei einem Schlosser wurden sie aus Draht bestellt. Einige Bäcker und Konditoren mußten verschiedene Probeteige backen. In einer Klempnerwerkstatt wurden dünne Blechformen in Auftrag gegeben, um Engel, Sterne
und verschiedene andere Figuren in Teig auszustechen. Ein Farbenhändler wurde angewiesen, diese Figuren anzumalen resp. mit Gold- und Silbertupfen zu versehen. Kurz, es gab Arbeit über Arbeit.

Als punkt drei Uhr der alte, liebe, so leicht zu begeisternde Basch Nasrani kam, um sich bei uns zu bedanken, fand er uns in allergrößter geschäftlicher Tätigkeit. Er kannte die hiesigen Verhältnisse genau und war geradezu entzückt, als er hörte, um was es sich handelte. Er schaute sofort in die Zukunft. Er jubelte. Er weissagte, daß aus dieser primitiv beginnenden Weihnachtsarbeit sich für die hiesigen Christen eine Zukunft entwickeln werde, die wohl im Stande sei, alles, was die Vergangenheit an Druck und Leid gebracht hatte, wieder auszugleichen. Nur müsse man sofort und kräftig zufassen und keinen Vorteil, der sich biete, wieder aus den Händen geben. Er bat um die Erlaubnis, sich an unserer Arbeit beteiligen zu dürfen, und ich gab sie ihm mit Freuden. Er kannte so viele Menschen und wußte für alle Fälle die beste Auskunft und den besten Rat. Erst durch ihn kam die nötige Klarheit und Uebersicht in das, was wir erst berechneten und dann taten.

Die Hauptsache für heut war die Anfertigung des allerersten Weihnachtsbaumes, also, sozusagen, des Modellbaumes, der dem Mir gezeigt werden sollte. Wenn dieser ihm gefiel, so hatten wir gewonnen. Ich machte mich also so zeitig wie möglich an die Herstellung, die oben in der Wohnung des Mir vor sich gehen sollte. Es wurde mir hierzu ein sehr geräumiges Zimmer angewiesen, und ich bat, bis ich fertig sei, ja nicht gestört zu werden. Das wurde mir zugesagt. Ich beschloß, drei Bäume zu schmücken, einen großen und zwei kleine. Die Lichter
kaufte ich von einem Mumedschy,7 der in der Nähe des Schlosses seinen Laden hatte. Alls ich ihm sagte, daß ich, falls sie gut seien, ihm die Anfertigung vieler Tausende übergeben werde, bekam ich sie umsonst. Nun wurden Früchte vergoldet, Sterne und Beutel und andere Dinge aus buntem Papier geschnitten, Girlanden aus weißen, roten und blauen Fäden geflochten. Die fürstliche Küche hatte mehrere riesige Nudelteige zu liefern, aus denen ich Sonnen, Monde, Sterne, Engel, Drachen und allerlei andere Gebilde aus der Tertiärzeit der menschlichen Phantasie schnitt. Alls diese teils schönen, teils schaurigen Sachen über Feuer hart gebacken waren, bekamen Halef und der Oberpriester die Pinsel in die Hand, um sie nach Kräften zu bemalen. Sie taten das, wie ich gleich voraussagen will, nicht nur zur allgemeinen Zufriedenheit, sondern sogar zur lauten Bewunderung von der Seite des Mir und seiner Familie. Ich aber wickelte mir inzwischen mit der rechten Hand sehr fleißig Draht um den linken Daumen, um die achtzig Dillen herzustellen, die nötig waren. Der Abend hatte sich schon längst eingestellt, als wir diese Vorbereitungen vollendeten. Die Sachen brauchten bloß noch an die Bäume gehangen zu werden. Ich zeigte dem Hadschi und dem Basch Nasrani, wie das zu machen sei, und ließ auch noch einen Diener kommen, uns zu helfen. Diese Beschleunigung war nämlich geboten, denn der Mir ließ mir sagen, daß seine Kinder absolut nicht mehr warten wollten, die Schagarat el Muhallis8 zu sehen. Jedenfalls aber war er selbst der alte, große Junge, der nicht länger warten konnte!

Der große Baum wurde in die Mitte der einen Wand gestellt, ihm zu beiden Seiten die kleineren. Indem
ich den hierzu nötigen Raum mit den Augen abmaß, sah ich in der einen Ecke ein hölzernes Möbel stehen, dessen Form keine hier gewöhnliche war. Ich fragte den Diener, was es sei.

»Eine Musik,« antwortete er.

»Was für eine Musik?«

»Ich weiß es nicht, und Niemand weiß es. Es sind weiße und schwarze Tasten; aber man kann darauf drücken, so sehr man will, es ist nichts zu hören. Der Emir von Bochara hat sie unserm Mir geschenkt; aber noch kein Mensch hörte sie singen. Sie ist stumm!«

Ich öffnete. Es war ein altes, sogenanntes Regalharmonium aus früherer Zeit. Man hatte nur auf die Tasten gedrückt, die Tritte unten aber nicht beachtet. Darum war sie »stumm«, aber auch unverletzt geblieben. Als ich probierte, versagte kein Ton. Wie mir das zustatten kam, gerade jetzt, unter Weihnachtsbäumen! Der Diener schrie vor Ueberraschung laut auf, als die schönen, klaren Zungenstimmen erklangen. Zugleich erschien ein anderer Diener, um uns zu sagen, daß die Herrschaft uns nur noch einige kurze Minuten Zeit gebe; die Kinder könnten sich unmöglich länger gedulden! Da wurden schnell die Lichter in Brand gesteckt und die ›Musik‹ vor den großen Baum gerückt. Durch mehrere übereinandergelegte Kissen bereitete ich mir den zum Spielen nötigen Sitz; dann sagte ich den beiden Dienern, daß die Herrschaft kommen könne. Halef und der Oberpriester zogen sich bescheiden in je eine Ecke zurück. Und da hörte ich auch schon die Schritte des Mir, der in seiner Ungeduld seiner Frau und seinen Kindern voraneilte.

Sobald er eintrat, ließ ich ein kurzes Vorspiel erklingen und begann dann, unser altes Weihnachtslied zu singen: ›O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende
Weihnachtszeit!‹ Ich bin kein Sänger und habe auch nur eine ganz gewöhnliche Baritonstimme; aber die Wirkung war trotzdem eine ganz ungewöhnliche. Man kennt den Einfluß unserer deutschen Lieder selbst auf Leute, welche die deutsche Sprache nicht verstehen. Er bewährte sich auch hier. Der Mir war zunächst darüber sehr erstaunt, daß seine bisher stumme ›Musik‹ jetzt plötzlich ›singen‹ konnte. Sodann wirkte der lichtstrahlende und reich behangene Baum auf ihn. Vielleicht war es in seinem Leben der erste poetische Anblick, der sich ihm bot und dessen Hauch er tief in seinem Innern spürte. Und sodann das Lied, dessen Worte er zwar nicht verstand, dessen Seele aber zu seiner eigenen Seele sprach. Kaum hatte er nur einen Augenblick gehört und gesehen, so drehte er sich unter der Türe zurück und winkte. Da folgte ihm zunächst seine Frau. Sie war unverschleiert und ebenso einfach gekleidet wie er. Ihr ernstes, außerordentlich sympathisches Gesicht besaß keinen einzigen Zug, der von Glück erzählen konnte. Sie blieb unter der Türe stehen. Ihre Augen wurden groß und immer größer. Ihre bleichen Wangen röteten sich. Ihre Stirne schien breiter und höher zu werden und leuchten zu wollen wie in Strahlen stehendes Elfenbein. Sie trat einen Schritt näher, noch einen und noch einen und sank dann, obgleich ihr Gesicht hoch erhoben blieb, langsam auf die Knie nieder und faltete, als ob sie beten müsse, die Hände.

Und da kamen auch die Kinder. Erst zwei Stück und dann wieder zwei Stück, je ein Knabe und ein Mädchen, die einander führten. Allerliebste Buberln und Dirndln! Der Aelteste vielleicht neun und die Jüngste vier Jahre alt. Als sie die Mutter knieen sahen, knieten auch sie nieder, je zwei und zwei zu ihrer Rechten und Linken. Aber ihre Augen strahlten vor Erstaunen und
vor Glück, und ihre Mäulchen sperrten sich immer weiter und weiter auf. Da war ich mit dem ersten Liede fertig, spielte einen Uebergang zur anderen Melodie und sang dann ›Stille Nacht, heilige Nacht‹. Das schien noch besser zu wirken als das erste. Besonders die Tonfolge und Wiederholung ›schlafe in himmlischer Ruh‹ riß die Kinder hin. Schon bei der zweiten Strophe begann der kleine, drollige Knabe mitzusingen, natürlich nur auf trallerala. Und bei der dritten Strophe fielen auch der größere Knabe und das größere Mädchen ein. Das kleinste Dirndel aber wartete fein, bis ich fertig war, sprang dann auf, kam zu mir hin und sagte:

»Du, Fremder, wem gehören denn diese Bäume? Sind sie alle dein?«

Da erhob ich mich von meinem Sitze und antwortete:

»Sie gehören nicht mir, sondern euch. Den großen da schenkt euch der Vater, und die beiden kleinen habt ihr von der Mutter bekommen.«

»Ist das aber auch wahr?«

»Ja, gewiß!«

Nun erhob sich großer Jubel. Die Buben eilten zur Mutter, um sich bei ihr zu bedanken, und die Dirndeln kletterten an dem Vater in die Höhe, was diesem wohl noch nie geschehen war. Er half ihnen dabei, bis er beide auf den Armen hatte und sie an das Herz drücken konnte. Ich aber schlich mich hinaus und gab Halef und dem Oberpriester einen Wink, mir zu folgen. Wir gingen nach meiner Wohnung.

Dort half mir der Basch Nasrani bei einem Kostenanschlag für den Mir, um nachzuweisen, wie viel Anlagekapital die Festproduktion erforderte und auf wie viel Gewinn man rechnen konnte. Wir kamen dabei sogar
auf eine Festschrift zu sprechen, für welche der Mir zu begeistern war. Sie wirkte jedenfalls nachhaltiger als eine vorübergehende Predigt, und da der Oberpriester die Festrede im Dom zu halten hatte, wünschte ich sehr, daß er auch diese Schrift verfasse, und er ging darauf ein. Sie sollte den Titel ›Der Stern von Bet Lahem‹ führen und von der Holztypographie der muhammedanischen Universität gedruckt werden. In dieser Typographie arbeitete nämlich der einzige Holzschneider, den es in Ard gab, und da der Festschrift das Bild eines brennenden Weihnachtsbaumes mitgegeben werden sollte, so wünschten wir, daß sie an dieser Stelle gedruckt und ausgestattet werde. Es war zwar im höchsten Grade fraglich, ob diese Muhammedaner sich herbeilassen würden, ein christliches Werk zu drucken, doch rechneten wir auf ein Machtwort des Mir, mit dem ich hierüber noch extra zu sprechen hatte.

Er suchte uns noch im Laufe des Abends auf, als der Oberpriester nicht mehr bei uns war. Er zeigte sich wie umgewandelt. Wahrscheinlich hatte er heut zum ersten Male gesehen und erfahren, wie richtig es im deutschen Liede heißt: »Ein braves Weib, ein herzig Kind, das ist mein Himmel auf der Erde!« Ich teilte ihm mit, daß der Basch Nasrani den Besuch von Hunderttausenden aus Ardistan, Gharbistan und Scharkistan erwartete. Er behauptete, ganz derselben Meinung zu sein. Hierauf legte ich ihm unsern Kostenüberschlag vor. Da staunte er nun freilich über die Größe dieser Summen und über die Höhe des Gewinnes. Das enthusiasmierte ihn noch mehr, als er es so schon war. Dann legte ich ihm die Berechnung vor, die sich auf die Herausgabe und die Einträglichkeit der Festschrift bezog, und seine Verwunderung wuchs noch mehr.

»Das wird gemacht; das wird gemacht!« rief er aus. »Der Basch Nasrani mag sofort beginnen, zu schreiben!«

»Die muhammedanische Universität wird sich wohl aber weigern, etwas zu drucken, was der Oberpriester der Christen geschrieben hat,« bemerkte ich.

»Sie muß!« sagte er. »Sie muß! Der Titel wird lauten: ›Der Stern von Bet Lahem, verfaßt vom Mir von Ardistan‹. Verstanden? Ich bin also der Verfasser und der Verleger. Wer will es wagen, das, was ich schreibe, nicht zu drucken? Bring mir das Manuskript. In der nächsten Minute wird mein Name darunterstehen. Fertig!«

Das war ja viel, viel mehr, als wir erwartet hatten! Ich will in diesem Falle den Ereignissen vorgreifen und schon jetzt berichten, daß er wirklich seine Unterschrift gab, daß die Schrift unter seinem Namen gedruckt wurde und daß sie unzählige Käufer fand und wahrscheinlich auch heut noch findet. An diesem Abende gab es, als ich mich schon niedergelegt hatte, noch ein Ereignis, welches ich nicht übergehen kann. Aacht und Uucht hatten sich vor meinem Lager ausgestreckt. Kein Licht brannte mehr. Ich war im Einschlafen. Da taten beide Hunde zu gleicher Zeit einen Satz nach der Türe zum Nebenzimmer. Ein unterdrückter Schrei erscholl; dann war es wieder still. Ich stand auf und machte Licht. Da lag ein Mann, der sich hatte hereinschleichen wollen. Die schweren Körper der Tiere lasteten auf ihm. Sie hatten ihn nur niedergerissen und festgehalten, ihm aber sonst nichts getan. Als ich ihm in das Gesicht leuchtete, war es – – der ›Panther‹. Ich befahl ihm, aufzustehen. Er tat es. Da zogen sich die Hunde nach der Türe zurück, um diese zu bewachen. Er konnte nicht fliehen. Sein Blick schweifte
auf den Teppich nieder, als habe er Etwas verloren. Dann sah er mir mit dem Ausdrucke des grimmigsten Hasses in das Gesicht und sagte in verächtlichem Tone:

»Natürlich wirst du es sofort dem Mir verraten!«

»O nein!« antwortete ich. »Wenn ich von Jemanden spreche, muß er es wert sein; das bist du aber nicht. Ich denke an deinen Vater und deinen Bruder, denen ich die Schande nicht gönne, die du ihnen bereitest. Du kannst dich frei entfernen. Ich werde dich sogar bis vor das Tor begleiten, damit dich nicht etwa ein Anderer ergreift, während ich dich entwischen lasse. Aber das sage ich dir: Sehe ich dich nochmals hier in der Stadt, während der Mir dich fern bei dem Heere glaubt, so höre ich auf, zu schweigen. Tritt in das Vorzimmer, und warte!«

Er gehorchte. Die Hunde gingen mit ihm hinaus und ließen ihn nicht weiter. Ich zog mich vollends an und schaute dabei schief gegen das Licht nach der Stelle des Fußbodens, wo er gelegen hatte. Da sah ich das liegen, was ihm entfallen war. Ein kleiner, eiserner Gegenstand, viereckig, zugespitzt und rechtwinklig gebogen. Jedenfalls ein Drückerschlüssel, mit dem er Etwas hatte öffnen oder holen wollen, was er bei seiner eiligen Abreise nicht hatte in Sicherheit bringen können. Das mußte etwas sehr Wichtiges und ihn Belastendes sein, sonst hätte er nicht das große Wagnis unternommen, hierher zurückzukehren. Ich steckte das Werkzeug zu mir und ging dann zu ihm hinaus, um ihn hinunter- und an der Wache vorbeizuführen. Nachdem ich das in scheinbarer Ruhe und Gleichgültigkeit getan und er sich entfernt hatte, eilte ich so schnell wie möglich nach dem Privatstalle des Mir, wo auch unsere beiden Pferde standen. Da waren mehrere Mann der Stallwache munter.
Ich fragte, ob einer von ihnen die vor der Stadt liegende Wohnung des Basch Islami kenne. Sie kannten sie alle. Ich befahl dem, der am besten Bescheid zu wissen schien, sich schnell aufzusetzen und mit mir zu reiten, um sie mir zu zeigen. Erst zu satteln, gab es keine Zeit.

Wir verließen das Schloß durch ein Seitentor und durcheilten so schnell wie möglich die vollständig finsteren Gassen und Straßen. Das Gebäude, welches ich suchte, war das letzte aller Häuser auf dieser Seite. Es lag in der Nähe eines kleinen Wäldchens, in welchem wir abstiegen und die Pferde anbanden. Auch die Hunde mußten dableiben; der Reitknecht ebenso. Ich aber näherte mich dem Hause. Da stampfte ein Pferd. Ich schlich mich möglichst leise hin. Es gab da eine Gartenmauer mit einem kleinen Kiosk nach innen. Außerhalb der Mauer aber war ein Pferd angebunden, mit dem aus dem Kiosk heraus eine weibliche Stimme liebkosend sprach. Hier handelte es sich jedenfalls um ein privates Stelldichein und um ein politisches Geheimnis zu gleicher Zeit. Der alte Basch hatte getan, als ob er der Oberste der Verschwörer sei. Nach seiner Meinung war er es vielleicht auch. Ich aber hielt den ›Panther‹ für die eigentliche Seele des Aufstandes. Diese beiden Männer standen jedenfalls in näherer Beziehung zueinander, als sie wissen lassen wollten. So wahnsinnig das auch klingen mag, ich hielt den ›Panther‹ für den Nachfolger, der dem jetzigen Mir gegeben werden sollte, und hatte aus diesem Grunde vorhin angenommen, daß er, nachdem er mich verlassen hatte, den Basch Islami aufsuchen werde, und war hierhergeritten, um mich zu überzeugen, ob ich da irre oder nicht.

Die Mauer war nicht sehr hoch, aber ziemlich breit und von allerlei Buschwerk überwachsen. Auch unten
stand Gebüsch, von dem das fressende Pferd sich Zweige riß, deren lautes Prasseln und Knacken sehr geeignet war, mir ein unhörbares Verbergen zu ermöglichen. Ich schwang mich also in gehöriger Entfernung auf die Mauer hinauf und kroch auf derselben hin, bis ich die unmittelbare Nähe des Kioskes erreichte. Dort schob ich mich langsam und äußerst vorsichtig in das Gezweig hinein. Das Rauschen der Blätter, welches ich verursachte, wurde von dem Geräusch, welches Beide, das Pferd und das Frauenzimmer, machten, vollständig verschlungen. Ich stieß mit dem Kopfe an die Holzwand des Kioskes. Ich lag also so nahe, daß ich Alles hören konnte, was hier gesprochen wurde, und brauchte nur darauf zu achten, mich nicht etwa durch Niesen oder Husten zu verraten.

Wenn mich nicht alles trog, so befand sich die Insassin des Kioskes in außerordentlich zärtlicher Stimmung. Sie sprach mit dem Pferde wie mit einem Menschen. Sie offenbarte ihm, daß sie ›ihn‹ außerordentlich liebe und daß sie Alles aufbieten werde, daß ›er‹ an die Stelle des jetzigen Mir gelange. Sie schüttete nach und nach ihr ganzes Herz aus, wodurch ich erfuhr, daß ›seine‹ Liebe nicht so groß und ehrlich sei wie die ihrige. Sie gestand dem Pferde, daß es bange Stunden gebe, in denen sie an ›ihm‹ zweifle und ›ihn‹ für einen Betrüger halte, der ihr nur darum Liebe heuchle, um ihren Vater und dessen Einfluß für seine Pläne zu gewinnen. Gerade als sie mit ihrer Aufrichtigkeit bis zu diesem Punkte gekommen war, ließen sich Schritte hören, die sich schnell näherten.

»Er kommt; er kommt! Nun freue dich; er kommt!« sagte sie zum Pferde.

Und sie hatte Recht; er kam. Es war der ›Panther‹.
Aber das Tier hatte keine Ursache, sich über sein Kommen zu freuen. Er befand sich in äußerst schlechter Laune. Er öffnete die Zügel, riß das Pferd vom Zaune weg, daß das Gebiß in die Lippen schnitt und es vor Schmerz aufstöhnte. Dann schwang er sich auf, grub dem armen Geschöpf die Sporen derart in das Fleisch, daß es vom Schmerze kerzengerade in die Höhe getrieben wurde, und fluchte dabei:

»Allah verdamme die Beine, auf denen man läuft, während man doch Pferde hat, um zu reiten! Welche Zeit habe ich dadurch versäumt, daß ich deinem Rate folgte, zu Fuß durch die Stadt zu schleichen! Der Teufel hole die Weiber!«

»Und auch mich?« fragte sie.

»Wenigstens jetzt noch nicht! Du bist noch nicht die Schlimmste!« lachte er roh.

»Hattest du Glück?«

»Frag nicht so dumm! Ich wurde ertappt. Wahrscheinlich ist Alles verloren!«

»Und der Vater? Der arme Vater – – –?«

»Kann mir dann nichts mehr helfen!«

»Allah, Allah! Ich bitte dich, ihn zu grüßen!«

»Leb wohl!«

Er ritt fort.

»Schon verlassen willst – – –«

»Leb wohl!« wiederholte er, nun schon von Weitem.

»So bleib doch nur noch einen – – –«

Ich sah, daß sie ihm die Hände nachstreckte, und hörte von ihm einen Fluch und das Klatschen der Peitsche, mit welcher er das Pferd zur Eile trieb. Das war Alles so gefühllos, so menschenunwürdig, so grausam! Kann man so Etwas wirklich erleben? Wohl nur im Traume, aber nicht im Wachen! Ich hörte im Kiosk ein tiefes,
tiefes Atemholen und dann Schritte, die sich entfernten. War das dann ein Schluchzen? Oder nicht? Auch ich entfernte mich und kehrte zum Wäldchen zurück, um nach der Stadt zu reiten. Ich wußte nun, woran ich war. Der alte Basch Islami hatte nicht nur die Stadt, sondern auch sein Haus verlassen. Er befand sich dort, wohin der ›Panther‹ jetzt ritt, der ihm versprochen hatte, seine Tochter zur Fürstin von Ardistan zu machen, falls er selbst zum Mir gewählt werde. Nun der ›Oberste der Mohammedaner‹ aber hatte fliehen müssen, konnte man sich gestatten, die Tochter nicht gerade fürstlich zu behandeln!

Am nächsten Morgen begann die eigentliche Vorarbeit für das Fest. Es wurden Kontrakte angefertigt und unterschrieben, nach denen die Fabrikanten, Lieferanten und Arbeiter sich zu richten hatten. Diese Oberleitung führte ich. Den direkten Verkehr mit den Leuten übernahm Halef, der hierzu wie geschaffen war. Der Dritte von uns, nämlich der Oberpriester, wirkte in geradezu unvergleichlicher Weise, und zwar ebensosehr nach außen wie nach innen. Er schickte Boten nach Gharbistan und Scharkistan, damit man dort überall erfahre, daß man nach Ard zu wallfahren habe, weil dort der ›Stern von Bet Lahem‹ aufgegangen und der ›Friede auf Erden‹ gekommen sei. Auch durch ganz Ardistan gingen seine Boten. In der Hauptstadt selbst aber wirkte er durch persönliche Besuche und durch Vertiefung und Veredelung unserer äußerlichen, geschäftlichen Reklame. Wir stellten an allen Plätzen und größeren Straßen der Stadt Musterbäume und Verkäufer aus. Wir ließen mit Christbaumschmuck hausieren gehen. Wir ließen Vorträge halten. Wir gründeten Wohltätigkeitsvereine und Klubs des ›Sternes von Bet Lahem‹ zur Christbescherung
für die Armen und Kranken. Und das Alles in nur zehn Tagen! Man kann sich da wohl denken, daß wir während dieser ganzen Zeit fast nicht zu Atem kamen!

Auch für die Unterbringung und Ernährung der erwarteten zahllosen Fremden mußte gesorgt werden. Das erforderte die Herbeischaffung von Vorräten und die Anstellung ehrlicher, zuverlässiger Leute. Höchst wichtig war die sofortige Gründung einer starken, christlichen Freiwilligenpolizei. Es waren von seiten der Andersgläubigen und der Aufrührer feindliche Kundgebungen, vielleicht sogar noch Schlimmeres zu erwarten; da war es geboten, Gegenmaßregeln zu treffen. So mühevoll und kompliziert das Alles war, wir brachten es doch fertig, denn hoch über unserer Arbeit schwebte der Wille und das Machtwort des Mir, dessen plötzliche Herzens- und Sinnesänderung wie bezaubernd wirkte, und in noch größerer Höhe stand über all diesen Weihnachtssorgen und Weihnachtshoffnungen der allgütige Himmel mit seiner ewigen Liebe, Weisheit und Gerechtigkeit, die in die fernste Zukunft schaut und die richtige Zeit der Erlösung jedes Einzelnen und jedes vereinten Volkes kennt.

Darum war ich wohlgemut. Ich wußte, daß Alles gelingen werde, äußerlich und innerlich. Denn meine eigentliche Aufgabe hatte sich weniger auf die Außendinge als vielmehr auf die Seele zu richten, auf die Volks- und auf die Menschheitsseele, mit der ich mich beschäftige, seit ich überhaupt beschäftigt bin. Mit dem Geiste der Bevölkerung von Ardistan hatten wir jetzt nichts zu tun. Der mochte sich gegen uns aufbäumen, sich empören; er machte uns nicht bange. Aber wenn es uns gelang, die Seele dieses Volkes wachzurufen, wie wenn man zu einem Kinde sagt: »Steh auf vom Schlaf, und komm herein aus deiner Kammer; es brennt der
Weihnachtsbaum; dein Heiland ist geboren!« dann hatten wir erreicht, was wir erreichen wollten. In dieser Beziehung geschah Etwas, was sehr geeignet war, unserer Arbeit eine schönere Weihe und tiefere Heiligung zu erteilen. Ich erzähle es.

Hier muß ich erwähnen, daß wir nicht mehr als Gefangene betrachtet wurden. Wir waren frei. Wir konnten gehen und kommen, ganz wie es uns beliebte. Jedermann durfte uns besuchen; unser Weihnachtsbureau stand aller Welt offen. Am liebsten sahen wir den Oberpriester kommen. Er lebte sich immer mehr in unsere Herzen ein und hatte die ganz besondere Gabe, immer gute Nachrichten zu bringen. Gleich an einem der ersten Tage brachte er zwei Personen mit, eine männliche und eine weibliche, die ihre Mantelkapuzen so weit vorgezogen hatten, daß sie ihre Gesichter fast ganz verdeckten.

»Hier bringe ich dir zwei liebe Bekannte von mir,« sagte der Basch Nasrani. »Sie sind nicht von hier, doch oft schon hier gewesen. Sie pflegen, ganz wie ich, in dem Hause meines Gastfreundes zu wohnen, in dem du mich mit dem Mir besuchtest. Sie sind soeben wieder einmal eingetroffen und haben den Wunsch, mit dir sprechen zu dürfen. Erlaubst du es?«

Ich nickte. Da warfen sie ihre Kapuzen zurück, und wen sah ich vor mir stehen? Abd el Fadl, den Fürsten von Halihm, und Merhameh, seine Tochter! Das war nicht Zufall, sondern Schickung! Sobald ich sie sah, kam ein Gedanke über mich, den ich festzuhalten hatte. Wie lautete die Weissagung, von der uns erzählt worden war? Die Güte und die Barmherzigkeit sollten hier im Dome ihre Stimmen erheben! Und überhaupt sollten Töne erklingen, die in Ardistan noch niemals erklungen seien! Heißt Fadl nicht Güte? Und Merhameh Barmherzigkeit?
Und hatte ich sie nicht ihr herrliches ›Morgen- und Abendgebet von Dschinnistan‹ singen hören? Wenn ihre beiden, unvergleichlichen Stimmen im Solo oder Duett im Dome erschallten, mußte es von größter Wirkung sein! Und gab es nicht eine Orgel, die zwar hier aufgerichtet, aber noch nie gespielt worden war? Ich bin kein berufsmäßiger Orgelspieler und noch viel weniger ein Orgelvirtuos, aber den musikalischen Kenntnissen und Anforderungen der hiesigen Bevölkerung glaubte ich entsprechen zu können. Durfte da vielleicht das, was ich spielte, nicht als jene ›Töne‹ genommen werden, ›die in Ardistan noch nie erklungen sind‹? Können Weissagungen nur durch unsichtbare Engel erfüllt werden, nicht auch durch sichtbare Menschen?

Die Freude, die wir über das Eintreffen dieser beiden hochstehenden, seltenen Menschen empfanden, war ebenso groß wie aufrichtig. Die eigentliche Veranlassung ihres Kommens waren unsere Hunde, die sie nicht zu halten vermocht hatten. Ihre Flucht hatte besonders den Dschirbani in große Unruhe versetzt. Er glaubte, daß wir hierdurch in die größte Gefahr gebracht werden könnten, und hielt es für höchst notwendig, uns Jemand nachzusenden, der die Befähigung besaß, sich heimlich in Ard nach uns zu erkundigen und die zu unserer Rettung geeigneten Maßregeln zu ergreifen. Sollte das nicht gelingen, so war er gesonnen, direkt hierher zu marschieren und uns mit Gewalt zu befreien. Abd el Fadl hatte sich sofort bereit erklärt, mit Merhameh nach Ard zu gehen. Er kannte das ganze Land, und er kannte auch die Stadt. Er war schon oft dagewesen, wenn auch nur heimlich, weil der Mir eine persönliche Abneigung gegen ihn besaß und ihn in seiner Residenz nicht duldete. Er gab sich als Märchenerzähler aus, der mit seiner Tochter nach
Ard reite, um dort seines Berufes zu walten. Um nicht aufzufallen, waren sie nicht auf Pferden, sondern auf drei unscheinbaren, aber schnellen Eseln geritten und gestern abend angekommen. Ich sage drei, nicht bloß zwei Esel, weil der Dschirbani ihnen einen treuen, gewandten Begleiter mitgegeben hatte, der sofort den Rückweg antreten sollte, um sichere Nachricht zu bringen.

Glücklicherweise stand Alles nicht nur gut, sondern sogar viel besser, als jemals zu erwarten gewesen war. Der Bote bekam außer dem mündlichen von mir auch noch einen schriftlichen Bescheid, durch welchen der Dschirbani von Allem genau unterrichtet und also befähigt wurde, sich den Verhältnissen angemessen zu verhalten.

Es verstand sich ganz von selbst, daß die Anwesenheit des Fürsten und der Prinzessin von Halihm geheim zu bleiben hatte. Vom Mir konnten sie nicht erkannt werden, weil er Merhameh noch niemals und ihren Vater einmal nur aus sehr weiter Ferne gesehen hatte. Und auf die wenigen wirklich Bekannten, die es hier gab, konnte man sich verlassen; die verrieten nichts!

Als ich ihnen meinen Plan mitteilte, daß sie zur Orgel singen sollten, gingen sie Beide sofort hierauf ein, und zwar mit Freuden. Der Oberpriester aber geriet gar in helle, lodernde Begeisterung, als ich ihn darauf aufmerksam machte, daß durch die persönlichen Namen der beiden Sänger und durch den Orgelklang die alte, in aller Munde lebende Weissagung genau wörtlich in Erfüllung gehe. Er wäre am liebsten aufgesprungen und hinausgerannt, um es aller Welt sofort zu verkünden; ich aber mahnte ihn, ja noch zu schweigen, weil der Mir das jetzt auf keinen Fall schon erfahren dürfe. Er mußte sich ganz unbedingt vor die vollendete Tatsache gestellt
sehen, sonst stand zu befürchten, daß Alles verdorben werde, und aus dem Feste eine Erniedrigung anstatt Erhebung des Christentums hervorgehe. Ich stellte die Forderung, daß kein Mensch jetzt von dieser Erfüllung der Verheißung zu sprechen habe und daß der Mir ganz allein nur von mir über sie unterrichtet werden dürfe. Der Oberpriester ging nebst Abd el Fadl und seiner Tochter hierauf ein.

Die beiden wichtigen Fragen, die es nun gab, lauteten: Was sollen Abd el Fadl und Merhameh singen? Und in welchem Zustande befindet sich die Orgel? Was die erstere Frage betrifft, so entwarf selbstverständlich der Basch Nasrani das Programm des dreitägigen Gottesdienstes. Abd el Fadl wählte einen Dschinnistanischen Lobgesang auf Gottes Güte und Barmherzigkeit, den ich auf der Orgel zu begleiten hatte. Da ich diesen Gesang der ein zweistimmiger war, nicht kannte und es auch keine Noten gab, mußte ich ihn mir vorsingen lassen, um ihn aufzuschreiben und die Begleitung hinzuzufügen. Hierzu war ein anderes, kleineres Instrument nötig, als die große Orgel. Ich beschloß, den Mir hierzu um sein altes Regalharmonium zu bitten, zumal ich mich ja auch wegen der Orgel an ihn zu wenden hatte, die mir ganz unmöglich ohne seine besondere, ausdrückliche Erlaubnis zur Verfügung stehen konnte. Ihm diese Wünsche mitzuteilen, nahm ich die nächste, passende Gelegenheit wahr. Ich hatte ihm eine Berechnung vorgelegt, die sehr zu seinem Vorteile sprach. Darüber freute er sich. In dieser Freude versicherte er mir, daß er für das Fest Alles sehr gern tun werde, was er tun könne, ich solle nur wünschen und bitten. Das tat ich denn sofort. Er hörte mich an und freute sich darüber, mir die beiden Wünsche erfüllen zu können.

»Ich werde die Schlüssel zu der großen Orgel suchen lassen und sie dir geben,« sagte er. »Spiel, was du willst, und wenn sie dabei zu Grunde geht! Sie stammt von unserem Feinde, dem alten Abd el Fadl! Ich bin neugierig, wie sie klingt. Und weißt du: Ich werde öffentlich verkünden lassen, daß sie an allen drei Tagen und Abenden gespielt wird. Das zieht viele Tausende herbei! Und ein Märchenerzähler mit seiner Tochter soll singen! Haben die Christen keine anderen, besseren Sänger? Ich will dir gern meine kleine Orgel dazu borgen; aber in deine Wohnung bekommst du sie nicht, sondern du mußt mit den beiden Personen in die meine kommen.«

Ich gestehe, daß ich in diesem Augenblicke eine sehr wohl erlaubte Abart jener Freude empfand, von der man scherzhaft zu sagen pflegt: ›Die Schadenfreude ist die reinste Freude.‹ Also sein Feind Abd el Fadl sollte zu ihm kommen! Als ich es diesem sagte, war er sofort einverstanden; es wurde ausgeführt. Wir gingen zum Herrscher, bekamen die ›Musik‹ geliehen, spielten und sangen, und der Mir hörte zu. Beim nächsten Male holte er auch Frau und Kinder. Als wir gesungen hatten, durfte nur ich mich entfernen. Der angebliche arme Märchenerzähler aber mußte mit seiner Tochter bleiben, um Sagen und Märchen zu erzählen. Es versteht sich ganz von selbst, daß er dies nur tat, um auf den Mir und seine Kinder veredelnd zu wirken. Schließlich durfte er gar nicht wieder fort, sondern er bekam mit seiner Tochter im Schlosse eine Wohnung angewiesen.

So kam das Fest an jedem Tage näher. Die Spannung wuchs. Die Zahl der Bäume, die der Mir verkauft hatte und noch immer verkaufte, war bereits Legion. Zu jedem Baum gehörte ein Fuß, der eigens
bezahlt werden mußte. Die verkauften Lichter, Figuren und sonstigen Schmuckgegenstände zählten nach Millionen. Und doch wollte das noch nicht reichen. Wir konnten nicht genug liefern. Dabei wurde das Geld alle. Einige kluge, voraussichtige Köpfe hatten das geahnt und sich welches aus der Ferne kommen lassen. Das vertauschten sie nun mit Profit. Der letzte Tag war für uns der schlimmste von allen. Wir hatten veröffentlicht, daß an diesem Tage um sechs Uhr nachmittags der Verkauf überhaupt geschlossen werde. An diesem Nachmittage wurden unsere Verkaufsstände fast gestürmt. Aber es ging glatt ab. Schon lange vor sechs Uhr war kein Bäumchen, kein Engelchen, kein Sternchen mehr zu haben. Alles verkauft, Alles, bis auf das letzte, bunte Papierschnitzel! Wir atmeten auf! Das war eine wahre Riesenarbeit gewesen. Zuletzt hatten wir alle, bis zum letzten Arbeiter herunter, gar nicht mehr schlafen können. Nun kam aber auch der Lohn. Ich brauchte nicht zu geizen, denn der materielle Erfolg war weit, weit größer, als wir erwartet hatten. Reiche Leute hatten zehn- und zwanzigfache Preise bezahlt, weil sie glaubten, daß dies der Mir erfahre. Das zahlreiche Personal, welches uns nötig gewesen war, erhielt, was wir ihm versprochen hatten, und ein Jeder noch eine Geldsumme dazu als unsere Christbescherung. Sie jubelten.

Und der größte aller Bäume, die es gegeben hatte, brannte nun in unserm Bureau, genau eine Stunde nach dem Schlusse des Geschäftes, also am 24. Kanun el Auwal, abends sieben Uhr. Und vor ihm standen alle die Kisten, Körbe und Körbchen voll Geld, welches wir eingenommen und nach Begleich unserer Schulden übrig behalten hatten, nach den verschiedenen Münzen geordnet, die in Ardistan kursieren. Und da kam er, den wir hatten
rufen lassen, der Mir. Wir sagten ihm, daß jetzt das Geschäftliche erledigt sei, und nun könne das Höhere beginnen. Wir übergaben ihm die Blätter, welche die Buchführung enthielten, und führten ihn dann zur lichtbestrahlten Kasse.

Die Wirkung war überraschend. Er stand eine Weile ganz still und schaute auf das viele, viele Geld, als ob er das, was er sah, gar nicht glaube. Dann bückte er sich nieder und griff mit beiden Händen tief in die Münzen hinein.

»Was ist das?« fragte er. »Wem gehört dieses Geld?«

»Dir!« antwortete ich. »Es ist der Gewinn, der Ueberschuß, den wir erzielten.«

»Und ihr?« Er sah uns forschend an. »Wie viel habt ihr für euch behalten?«

»Für uns? Nichts! Wir haben nichts zu bekommen. Wir haben es getan, nur dir zuliebe und dem Christentum zur Ehre.«

»Ist das wahr?«

»Glaubst du, ich lüge? Prüfe die Papiere! Da steht die Ausgabe und die Einnahme. Jeder Para, jeder Schahi und jeder Casch! Wenn du vergleichst, wirst du finden, daß nichts fehlt.«

»So nehmt! Nehmt so viel, wie ihr wollt!«

Er machte eine Bewegung, als ob wir mit vollen Händen zugreifen sollten.

Ich trat zurück und schüttelte nur den Kopf. Der Oberpriester aber sprach:

»Wir arbeiteten an Stelle des Erlösers, und den bezahlt man nicht mit Kupfer und mit Bronze. Das Geld ist dein.«

»Aber da hat mir euer Christentum mit diesem einen
Male doch mehr eingebracht als die andern Religionen zusammengenommen, so lange ich regiere!«

»Das ist die wahre Religion, die nicht nur nach dem Tode selig macht, sondern auch schon hier im Erdenleben für das Glück ihrer Bekenner sorgt!«

»So danke ich euch! Ich werde Diener senden, das Geld zu mir hinaufzutragen. Ihr aber, wenn ihr Wünsche habt, die im Interesse eueres Glaubens liegen, kommt getrost zu mir; sie werden euch erfüllt! Von jetzt an soll kein Feind mehr das Haupt eines Christen beugen! Um Mitternacht, wenn der Gottesdienst beginnt, stelle ich mich ein, mit Frau und Kindern und allen meinen Dienern und Beamten!«

Er ging. Wir blieben noch, bis das Geld geholt worden war, und begaben uns dann in die Kirche, um die letzte vorbereitende Hand an das dortige Werk zu legen. Wenn ich hier von der ›Kirche‹ spreche, meine ich immer die gewaltige Mittelkuppel des Domes von Ard.

Das ›Fest der Geburt des Erlösers‹ hatte zu beginnen um die Mitternacht, die zwischen dem 24. und 25. des Monates Kanun el Auwal liegt. Der Mir hatte versprochen, genau zu dieser Zeit zwölf Kanonenschüsse lösen zu lassen, zwölf, nach der Zahl der Monate des Jahres. Dann sollten die Glocken erklingen, die seit Hunderten von Jahren geschwiegen hatten, nur allein nicht die große, eiserne, die über fünfhundert Zentner wog und von der die Sage ging, daß sie, wenn die Zeit der Erlösung und des Friedens gekommen sei, von kleinen, unschuldigen Kindern geläutet werde. Sie hing im höchsten und stärksten der Türme, mehrere Stockwerke tiefer als die anderen Glocken.

Was der Oberpriester vorausgesagt hatte, war eingetroffen. Es hatten sich aus Ardistan, Gharbistan und
Scharkistan Hunderttausende von Pilgern eingestellt, welche nur zum geringsten Teile in der Stadt, dann aber draußen im Freien untergebracht werden konnten. Diese Fremden waren nicht alle Christen. Es befanden sich auch viele unter ihnen, die nicht von ihrer Religion, sondern von ihrer Wißbegierde herbeigetrieben worden waren. Da dieser Umstand sehr leicht zu Streitigkeiten oder noch gar Schlimmerem führen konnte, hatte der Mir bekannt machen lassen: Wer die Heiligkeit des Festes durch Unfrieden störe, werde unbedingt erschossen, er sei, wer er immer sei. Man kannte ihn nur zu gut. Man wußte, daß er gegebenen Falles keinen Augenblick zögern werde, diese Drohung auszuführen, und so ist es mir glücklicherweise möglich, schon jetzt im Voraus zu berichten, daß sie vom besten Erfolg gewesen ist. Große Verstöße kamen nicht vor, und kleine, gewöhnliche Zwiste, die es stets gab und immer geben wird, wurden mit Hilfe der Freiwilligenpolizei sehr schnell geschlichtet.

Was die Orgel betrifft, so hatte ich sie vollständig intakt, aber außerordentlich verstaubt gefunden. Sie war in Indien von einem Engländer gebaut und hatte ein Pedal, zwei Manuale und vierundzwanzig Register. Abd el Fadl wußte gar wohl, aus welchem Grunde sein Vater und der vorige Mir übereingekommen waren, sie hier aufzustellen, da er aber nicht freiwillig darauf zu sprechen kam, hielt ich mich nicht für befugt, danach zu fragen. Der Lobgesang, den er mit seiner Tochter vorzutragen hatte, war die Komposition eines der ersten Gesangsmeister von Dschinnistan, ein ernstes, herrliches, tief ergreifendes Stück. Nur schade, daß ich es nicht kannte und daß mir nur die beiden, nach dem Gehör geschriebenen Singstimmen zur Verfügung standen, es für Orgelbegleitung zu arrangieren! Es hat dadurch
jedenfalls unendlich gelitten, doch darf ich zu meiner Entschuldigung wohl sagen: Ich kann nicht dafür!

Und nun zur Hauptsache, dem Hochaltar. Er war seit Menschengedenken verhüllt gewesen, und man weiß ja wohl bereits, was für Mythen und Hoffnungen sich an seine Enthüllung knüpften. Wie gern hätten wir die letztere herbeigeführt, aber als der Oberpriester sich den Mut nahm, dem Mir gegenüber nur eine leise Andeutung zu machen, fuhr dieser zornig auf und verbot sehr streng, diesen Gegenstand wieder zu berühren. Das war zwar gleich in den ersten Tagen gewesen, und die Gesinnung des Herrschers hatte sich seitdem ganz bedeutend geändert, aber dennoch hatte es bis heute noch Keiner von uns für angebracht gehalten, die Bitte zu wiederholen. So hatten wir die Kirche zwar auf das Reichlichste mit Weihnachtsbäumen und grünen Zweigen ausgeschmückt, aber dieser Schmuck machte uns eigentlich keine Freude. Auch rechts und links von dem prächtigen Orgelgehäuse stieg ein Wäldchen von Tannen auf, in deren Licht die blanken Pfeifen funkelten; aber der häßliche Papp-, Latten- und Filzüberzug des Hochaltares wirkte wie ein großer, grauer Klex im künstlerisch vollendeten Gemälde und bildete vor allen Dingen auch in rein religiöser Beziehung einen Schandfleck, der kaum zu ertragen war. Das ärgerte uns auch jetzt, als wir in die Kirche kamen. Es war eine ganze Schar von Menschen beschäftigt, ihr ein weihnachtsfestliches Aussehen zu verleihen, und diese Bemühungen waren vom prächtigsten Erfolg gekrönt; leider aber sahen wir diesen Erfolg durch die entstellende Düte, die man über den Hochaltar gestülpt hatte, völlig in Frage gestellt. Wir sprachen die Angelegenheit noch einmal ernstlich durch und kamen zu dem Resultate, daß uns doch nichts Anderes übrig bleibe, als jetzt, in letzter
Stunde, nach einmal eine Bitte an den Mir zu wagen. Wir beschlossen soeben, dies sofort zu tun, da sahen wir ihn durch ein Nebenportal treten. Er kam mit Frau und Kindern, um unser Werk und die Ausschmückung des Altanes zu betrachten, auf dem er mit seinen ›Hofstaaten‹ Platz zu nehmen hatte. Er war hoch zufrieden. Es sah aus, als sei dieser Altan für einen mächtigen, prachtliebenden König oder Kaiser bestimmt. Er lächelte und sagte, indem er zu mir kam:

»Dazu gehört wohl mein Herrschergewand, in dem du mich zum ersten Male sahst!«

»Um Gottes willen!« entfuhr es mir. Aber in voller Absicht fügte ich hinzu: »Das würde dich ebenso entstellen, wie dich der Filzhut entstellt, unter dem man dort das Allerheiligste und Schönste verbirgt, was es auf Erden gibt!«

»Mich entstellt es? Mich?« fragte er. »Wieso mich?«

»Weil du der Herrscher bist, der Mir, auf dessen Willen man Alles wirft, was der Unverstand der Andersgläubigen, der Empörer, verschuldet.«

Es war Berechnung von mir, daß ich mich dieses letzteren Wortes bediente. Es wirkte sofort. Er fragte schnell, indem seine Augen blitzten:

»Der Empörer?«

»Ja,« antwortete ich. »Oder sind sie es nicht? Wer hat dich und deine Vorfahren überredet, das Bildnis dessen, dem alle Macht gegeben ist im Himmel und auf Erden, unter Filz und Pappe zu verstecken? Sind es nicht dieselben, die dich jetzt entthronen und zur Figur aus Filz und Pappe machen wollen?«

»Allah w'Allah!« rief er zustimmend aus.

»Du hast dir diese Verräter und Mörder groß gezogen, indem du die, welche dir treu waren, verkleinertest
und entmanntest. Das kann und darf dir die Weltgeschichte nicht vergeben. Sie wird und muß es dir in dein Konto zeichnen, außer du legst noch zur rechten Zeit die Faust auf den rechten Platz! Schau diese Menge grüner, duftender Bäume, die bis empor zur höchsten Empore steigen! Dein Wald kam in die Kirche, um den Heiland der Welt zu feiern. Und du? Welchen erhabenen Anblick wird es bieten, wenn die Zünder von Licht zu Licht zur Kuppel steigen und auch dort oben das Firmament entflammen! Wie tief und froh bewegt werden alle Herzen sein! Und wie enttäuscht, wie zornig werden dann die Blicke auf den plumpen Balg, auf den steifen Mantel niederfallen, den man nicht etwa nur diesem Hochaltare, sondern auch deinem Ruhme, deiner Ehre aufgezwungen hat! Die Diplomaten werden von dir sagen: ›Er bedrückte die Würdigen und machte sich zum Werkzeuge der Unwürdigen!‹ Die Künstler werden sagen: ›Er besaß weder Sinn noch Geschmack. Für ihn war das Schöne häßlich und das Häßliche schön. Eine Scheuche von Filz unter strahlenden Weihnachtsbäumen, das bot er den – –‹«

»Halt!« unterbrach er mich. »Geh nicht weiter, ja nicht weiter! Und wenn du Recht hast, tausendmal Recht, so hast du doch nicht das Recht, es mir zu sagen! Ich kann dich zertreten, wenn ich will! Glaubst du, daß es mir – – –«

Da wurde er unterbrochen, wie er mich unterbrochen hatte. Seine Kinder hatten im Laufe der vergangenen zehn Tage den kleinen Halef liebgewonnen und sich auch jetzt, als sie kamen, sofort an ihn gemacht. Er hatte in der ihm eigenen, drolligen, aber schlau berechneten Weise sogleich etwas auf das Tapet gebracht, worüber sie sich freuten. Sie schlugen die Hände zusammen und lachten
vor Vergnügen so laut, daß sie ihren Vater dadurch störten. Er hörte mitten in seiner Rede auf und fragte:

»Warum so laut? Worüber freut ihr euch?«

»Ueber das Läuten,« antwortete der größere Knabe.

»Läuten? Wieso?«

»Wir werden läuten!«

»Was?«

»Die große Glocke! Die allergrößte! Nicht wahr, lieber Vater, du erlaubst es uns.«

Der Mir war erst still. Dann warf er einen bezeichnenden Blick auf Halef und antwortete:

»Das wird wohl auch nichts anderes als so eine Art von Verschwörung sein! So große Glocken können nicht von Kindern geläutet werden!«

»O doch!« behauptete der ältere Knabe. »Dieser Hadschi Halef Omar weiß genau, wie man es macht!«

»Der weiß es nicht! Der lügt!«

»Oho!« rief Halef. »Wer kann mir eine Unwahrheit beweisen? Ich war auf dem Turm, ganz oben, um einen Blick rund auf die ganze Stadt zu werfen. Ich habe auch die Glocken gesehen, oben die gewöhnlichen, und weiter unten die ganz große. Diese letztere kann nicht auf die gewöhnliche Weise geläutet werden; sie ist zu schwer dazu. Sie wird von einem Klöppel angeschlagen, den ein Räderwerk bewegt, dessen Gewichte im Inneren des Turmes von hoch oben bis tief zur Erde niederhängen. Wenn die Räder gut geölt sind, so geht das Uhrwerk so leicht, daß die Gewichte, trotz ihrer Schwere, von Kindern aufgezogen werden können.«

»Hörst du es?« fragte der kleinere Knabe seinen Vater. »Wir ziehen die Räder auf!«

»Erst schmieren wir sie!« riet das größere Töchterchen,
um ihre Ueberlegenheit zu zeigen. »Der Vater gibt uns Oel; dann läuten wir!«

»Wir läuten; wir läuten! Die große Glocke, die allergrößte!« jubelte das Nesthäkchen, indem es die kleinen, quatscheligen Hände zusammenschlug.

Der Mir machte ein sehr unentschiedenes Gesicht. Er kämpfte zwischen Zorn, Verlegenheit und Liebe. Er wendete sich an mich:

»Das kommt euch wohl so recht? Was rätst du mir?«

»Nichts,« antwortete ich, infolge seines ersten Satzes sehr kühl. »Es handelt sich nicht um meine Ehre, sondern um die deinige!«

»Du hast keine Bitte?«

»Bitte? Nein. Du bekamst von uns das ganze, große, herrliche Fest geschenkt. Was konnten da wohl wir, nämlich wir, zu bitten haben? Ob du es dir verdirbst, ist deine Sache!«

Ich tat, als ob ich mich entfernen wollte. Da hielt er mich mit einer Handbewegung zurück und sprach:

»Das klingt sehr stolz von dir!«

»Stolz nicht, sondern wahr und ehrlich, weil ich dich kenne. Du bist kein kleiner, sondern ein großer Mensch. Ich wünsche, daß du es bleibst!«

»Wozu dieses Lob?« fragte er mit dem Gesichte eines Schachspielers, der einen Verlust maskieren will. »Ich habe euch die Kirche überlassen, natürlich auch Alles, was sich darin befindet. Wollt ihr den Filz nicht haben, so schafft ihn fort!«

»Du erlaubst es? Wirklich, wirklich?« fragte da der Oberpriester schnell.

»Ganz selbstverständlich! Ja! Und dem Wächter des Turmes habt ihr zu sagen, daß ich nach Verlauf von zwei Stunden kommen werde, um von da oben aus das
Bild der Stadt am Weihnachtsabend zu schauen. Er hat für Licht und Fackeln zu sorgen und vor allen Dingen auch dafür, daß das Räderwerk der großen Glocke in voller Ordnung ist!«

»Wir läuten, Vater?« fragte das kleinste Dirndl.

»Ja, ihr läutet,« antwortete er. »Wir kehren vorher nach hierher zurück, um euern Hadschi Halef abzuholen. Der muß mit hinauf, zur Strafe dafür, daß er es wagte, gerade die größte aller Glocken in die kleinsten und liebsten aller Köpfe zu setzen, die ich kenne!«

»Er muß mit hinauf, mit hinauf!« jubelten sie, indem sie sich mit Vater und Mutter entfernten. Wir aber machten uns mit ebenso großem, wenn auch weniger lautem Triumphe an das nicht ganz leichte Werk, in der kurzen Zeit, die uns dafür verblieb, den Hochaltar von seiner Hülle zu befreien und seine Ausschmückung der übrigen Dekoration der Kirche harmonisch einzufügen. Wir wurden hierdurch so sehr in Anspruch genommen, daß wir nach zwei Stunden gar nicht darauf achteten, daß Halef abgeholt wurde und uns verließ, um mit dem Mir und seinen Kindern auf den Turm zu steigen. Nach einiger Zeit erhob sich draußen, rund um das Schloß, ein stürmisches Rufen und Frohlocken, welches sich nach allen Richtungen weiterpflanzte, von Platz zu Platz, von Straße zu Straße, von Gasse zu Gasse. Die Veranlassung hierzu war der pfiffige Hadschi, der, ohne es uns wissen zu lassen, für die Verbreitung der Nachricht gesorgt hatte, um welche Zeit der Mir mit seinen Kindern auf dem Turm erscheinen werde, um die Stadt im Glanze der vieltausend Lichter zu sehen, die sich heut abend durch die Straßen bewegten. Als nun hoch oben die Laternen aus dem Inneren des Turmes auftauchten, wußte man, daß der Herrscher jetzt herunterschaue, und grüßte freudig hinauf.
Wie schnell er sich die Herzen so vieler Menschen gewonnen hatte! Und wie leicht! War er der Mann, der das zu würdigen verstand?

Als die Hülle des Hochaltares gefallen war, zeigte es sich, daß er dem Bilde, welches ich mir von ihm gemacht hatte, in keiner Weise glich. Er war schöner, viel schöner als dieses Bild. Er war aus einem mir unbekannten, sehr harten, goldbräunlichen Holze geschnitzt, dem ein leicht bemerkbarer Veilchenduft entströmte. Die Schnitzereien stellten einen zweigeschossigen Tempel dar, dessen Architektur unten altindisch begann und dann, aufwärtssteigend, erst nach buddhistischen und später nach neuorientalischen Formen strebte. Das untere Geschoß stellte das Stübchen Mariens in Nazareth dar, und zwar in dem Augenblicke, als der Engel zu ihr trat, um ihr die Geburt des Heilandes zu verkünden. Die Unterschrift bestand in den Worten: ›Der wird der Sohn des Allerhöchsten genannt werden.‹ Im Obergeschosse war der über Erde, Wolken und Sterne schreitende Christus dargestellt, von der Unterschrift getragen: ›Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.‹ Es gab also nur diese drei Figuren. Sie traten infolge des Materiales, aus dem sie gemeißelt waren, in geradezu köstlicher Weise aus der dunkleren Umrahmung der Holzschnitzerei hervor, als ob sie zu zeigen hätten, daß sie auch künstlerisch von einer viel höheren Welt zu sprechen hätten als diese. Dieses Material war ein weißer Kalkstein, und doch kein Marmor. Mir schien er viel edler als Marmor zu sein. Sehr selten! Jetzt, wo im weiten Raume nur eine beschränkte Zahl von Kerzen brannte, konnte ich seinen Wert noch nicht erkennen. Aber dann, als Tausende von Flammen und Flämmchen leuchteten und ihr Licht den Stein durchdrang, wie die Offenbarung ein erst nur halb
durchschautes Geheimnis durchdringt, da erkannte ich wohl den hohen Wert und die Seltenheit dieses herrlichen, tropfsteinartigen Aragonites.

Wer war der Meister gewesen, der diese drei Figuren geschaffen hatte? Zwar als Künstler seiner Zeit schon weit vorausgeschritten, hatte er als Christ leider immer noch an Formen und Gedanken gehangen, die auf dem Feld von Bethlehem überwunden worden waren. Es schien, als ob der Mann ein hochbegabter Lama gewesen sei, dem es gelungen war, sich herüber in das Christentum zu retten und den späteren Zeiten sein Bekenntnis in diesen Werken aufzubewahren. Wir befanden uns hier nicht inmitten der europäischen ›Hochintelligenz‹. Ich war nicht berechtigt, hohe künstlerische Ansprüche zu erheben. Und auch als Christ war ich hier in eine Diaspora, in eine Ferne gestellt, die mir nicht erlaubte, kritisch zu sein. Ich fühlte nur, daß die Anstrengung ehrlich und rührend war, die es dem Künstler gemacht hatte, seinen Glauben darzustellen, obgleich seine Kunst noch selbst zu erlösen war. Es gelang uns, noch vor der letzten Stunde fertig zu werden und auch den Altar derart mit Bäumen zu schmücken, daß es nur eines Zünderfunkens bedurfte, ihre Lichte alle in Brand zu stecken. Der hoch darüberstehende Stern von Bethlehem war bedeutend vergrößert worden.

Eben als wir diese Arbeit vollendet hatten, kam ein Bote, durch den wir zu dem Mir befohlen wurden. Soeben sei Jemand angekommen, den er uns zeigen müsse, ließ er uns sagen. Wen trafen wir bei ihm? Die beiden Söhne des Scheikes der Ussul, die in der ›Stadt der Toten‹ gefangen gehalten und jetzt wieder zurückgeholt worden waren! Der Mir hatte ihnen ehrlich gesagt, wem sie ihre Befreiung eigentlich zu verdanken hatten,
und als sie hierzu noch erfuhren, daß wir Gäste ihrer Eltern gewesen seien, war ihre Freude, uns zu sehen, doppelt aufrichtig. Sie bekamen den Befehl über die Schloßwache zurück und hatten im Schlosse zu wohnen. Es verstand sich ganz von selbst, daß Hadschi Halef sich sofort in Freundschaft für sie erwärmte. Bot sich ihm durch sie doch reiche Gelegenheit, in der Erinnerung an verflossene Groß-und Heldentaten zu schwärmen!

Als die Stunde nahte, in welcher der Gottesdienst beginnen sollte, versammelten sich alle die Personen, die ich weiter oben ein klein wenig ironisch als ›Hofstaaten‹ bezeichnet habe. Sie taten das in dem eigentlich zur Kirche gehörigen Prunksaale, in dem wir von dem Mir empfangen und dann von unseren Hunden gestört worden waren. Der geistliche Herr, Halef und ich, wir Drei, mußten bei dem Mir und seiner Familie bleiben, bis der erste Kanonenschuß sich hören ließ und sofort hierauf die Kirchentüren geöffnet wurden. Alles, was christlich war, versuchte in dem immer noch von nur wenigen Kerzen erleuchteten Raume einen Platz zu finden. Wer draußen bleiben mußte, hatte sich damit zu trösten, daß auch noch für morgen und übermorgen dieselbe Feier vorgesehen war. Das vollzog sich Alles in leidlicher Ruhe und ohne störendes Gedränge. Der Mir aber setzte sich mit seiner Frau, seinen Kindern und uns Dreien an die Spitze seiner Offiziere, Hof- und Staatsbeamten, um in einem langen, feierlichen Zuge mit ihnen nach der für ihn und sie errichteten Tribüne zu ziehen. Wie stolz mein kleiner Halef war, gleich hinter dem ›Herrscher‹ gehen zu dürfen!

»Und ich bin doch heute weiter nichts, weiter nichts,« flüsterte er mir in scheinbarer Bescheidenheit zu. »Ich trete ja nur die Orgel!«

Er hatte nämlich immer, wenn ich mit Abd el Fadl
und Merhameh übte, die Bälge getreten, weil wir keine anderen störenden Personen dabei haben wollten. Er nannte das ›die Orgel treten‹. Als ich ihm sagte, daß es ›die Bälge treten‹ heiße, fragte er mich:

»Gehören die Bälge zur Orgel oder nicht?«

»Ja, sie gehören zu ihr,« mußte ich gestehen.

»Gut! So trete ich die Orgel! Bedenke doch: Wenn ich, der Scheik der Haddedihn, die Orgel trete, so vergebe ich mir nichts. Wenn ich aber nur die Bälge trete, so tue ich etwas Unwürdiges und Lächerliches, dessen ich mich schämen muß!«

»Aber, lieber Halef, die Bälge werden nur getreten, und die Orgel wird gespielt!«

»So drehen wir es einmal herum: Wir sagen, ich trete die Orgel, und du spielst die Bälge. Dann ist meine Ehre gerettet, und das kannst du mir doch wohl zuliebe tun!«

Als die Herrschaften sich gesetzt hatten, gingen wir Beide hinüber nach dem Orgelchor, in dessen Hintergrund er verschwand, um seinen Pflichten als ›Kalkant‹ nun obzuliegen. Abd el Fadl und Merhameh standen schon da, ganz vorn an der Brüstung. Sie hatten sich nicht am Zuge beteiligt, sondern es vorgezogen, diese ihre Plätze ganz unbemerkt und bescheiden aufzusuchen. Da standen auch die Sänger und Sängerinnen, die vom Oberpriester hierher postiert worden waren, weil sie die Lieder und Melodien, welche gesungen werden sollten, kannten und die Ungeübten mit sich fortzureißen hatten.

Gleich als ich den Chor auf der einen Seite betrat, sah ich drüben auf der andern Seite vier Männer stehen, denen ich keine Beachtung schenkte. Da, eben als ich mich auf die Orgelbank setzte und die Register zu wählen begann, trat Abd el Fadl zu mir und fragte:

»Siehst du die vier Fremden dort unter den letzten Weihnachtsbäumen, Effendi?«

»Ja,« nickte ich.

»Das ist der Schech el Beled9 von El Hadd mit seinen drei Begleitern. Er kam erst heut hier an und wünscht, in der Nähe stehen zu dürfen, wenn unser Duett erklingt. Erlaubst du es?«

»O wie gern!« antwortete ich. »Uebrigens bin nicht ich der Herr, der hier zu bestimmen hat. Gottes Häuser müssen für Jedermann offen stehen. Was ist der Schech? Mohammedaner?«

»Nein, sondern Christ. Ich werde dich bitten, einmal mit ihm zu sprechen, denn er ist ein guter Bekannter von mir, und ich will – – –«

Er hielt mitten in seiner Rede inne, weil er unterbrochen wurde, und zwar auf eine nicht ganz gewöhnliche, beinahe heitere, aber doch ganz in die frohe Feststimmung passende Weise. Er hatte leise gesprochen. Es sprach überhaupt Jedermann leise, aus Rücksicht auf den heiligen Ort, an dem man sich befand. Nur die Kinder des Mir machten hiervon eine Ausnahme. Sie fühlten nichts von dieser frommen Scheu. Ihr höchstes Interesse war auf den Augenblick gerichtet, an dem nach dem letzten Kanonenschusse ihre große Glocke ihre Stimme zu erheben hatte. Dieser Moment war jetzt gekommen. Der Untergebene des Oberpriesters trat an den Hochaltar, um den Zünder, der von hier aus überallhin leitete, zu entflammen. Als man das sah, trat augenblicklich eine tiefe Stille der Erwartung ein, bei den Kindern aber gerade das Gegenteil. Sie waren zu erregt, als daß sie auch hätten schweigen können. Als der letzte Kanonenschuß zu hören
war, rief das kleinere Mädchen so laut, daß Jedermann es hörte:

»Das war der letzte Schuß! Ich habe gezählt!«

Da stiegen die Funken vom Zünder aus nach allen Richtungen empor, so daß jedes Licht seine Flamme bekam. Man war zunächst wie geblendet.

»Nun brennen alle Bäume, alle, alle!« jubelte der jüngere Knabe, indem er die Hände bewundernd zusammenschlug.

»Nun läuten wir! Der Vater hat es erlaubt!« verkündete der größere Knabe.

»Die große Glocke!« stimmte das ältere Mädchen bei.

Die anderen Glocken begannen, die große aber noch nicht. Da hörte man die helle, geringschätzige Stimme des Nesthäkchens:

»Das sind nur die kleinen Glocken! Die werden nur von Männern geläutet! Aber die große, die allergrößte, die läuten wir Kinder, wir!«

Und als ob diese größte aller Glocken nur auf diese Worte des kleinsten der Kinder gewartet hätte, erhob nun auch sie ihre tiefe gewaltige Simme, die noch kein jetzt Lebender zu hören bekommen hatte.

Da riß es den Mir von seinem Sitze empor. Er erkannte plötzlich die ganze, große Bedeutung dieses Augenblickes, an welchem in Erfüllung ging, was längst verkündet war. Er breitete die Arme aus, als ob er sich hingerissen fühle und Etwas sagen wolle, doch hielt ich es für geraten, dies zu verhindern. Ich hatte fast alle Register gezogen und griff schnell mit Händen und Füßen in die Klaviatur und in das Pedal. Ich hatte das wohlbekannte große Halleluja von Händel als Einleitung gewählt. Als der erste, volle Akkord brausend und Alles mit sich fortreißend zur hohen Kuppel stieg,
war es, als ob alle Lichter erzitterten und alle Augen und alle Herzen mit zur Höhe stiegen. Der Mir aber ließ sich langsam auf seinen Sitz niedersinken und starrte zur Orgel herüber, bis das Halleluja zu Ende war und ich zu Beethovens ›Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre‹ überging. Es galt vor allen Dingen, nicht durch Zartheit und Lieblichkeit, sondern durch die Macht der Töne auf diese Menschen da unten, die noch niemals eine Orgel gehört hatten, einzuwirken, und das schien mir zu gelingen. Die Augen aller Anwesenden hingen an dem Orgelchore, und auch draußen vor den weitgeöffneten Türen, wo Kopf an Kopf eine schier undurchdringliche Menge stand, gab es, wie man mir später berichtete, eine atemlose Stille, die durch kein leises oder gar lautes Wort unterbrochen wurde. Das war nicht etwa die Folge meiner Kunst und Fertigkeit; o, mit der war und ist es gar nicht weit her! Sondern die beiden genannten, großen Meister sprachen, und das, was sie sagten, mußte für Hörer dieser Art und dieses Schlages überwältigend sein.

Indem ich während des Spiels nach der Seite schaute, sah ich, daß der Schech el Beled von El Hadd mit seinen drei Männern unter den Christbäumen hervorgetreten war und sich der Orgel genähert hatte. Sie schienen darüber, daß es hier eine Orgel gab und auch darüber, was und wie ich es spielte, nicht im Geringsten verwundert zu sein; aber daß sie sich über die Wirkung freuten, das war ihnen anzusehen. Sie erschienen mir überhaupt so interessant, daß meine Augen sich wohl öfter, als nötig war, ihnen zuwendeten, und ein ähnliches Interesse schien man auch mir entgegenzubringen, denn ich bemerkte, daß auch ich von ihnen beobachtet wurde, aber nicht mit feindlichen, sondern mit freundlichen Augen,
wie ich hinzufügen will. Sie waren alle ganz in dünnes, sich eng an die Glieder schmiegendes Leder gekleidet, das heißt, in zwar gegerbte, aber nicht gefärbte, mittelbreite Riemen, die quer wie Sandalenschnüre liefen und so fest schlossen, daß sie, wie festgewebtes Zeug, keinen Zwischenraum zwischen sich ließen und den Körper lückenlos bedeckten. An den Füßen gab es Sandalen, als Kopfbedeckung leichte, weiße Amajim,10 die sie jetzt aber abgenommen hatten und in den Händen hielten. Sie waren ja Christen. Von den Schultern hingen ihnen lange, dünne Mäntel, deren jeder mit einer Kapuze versehen war. Sie waren schöne Männer, zwar nicht so riesig gebaut wie die Ussul, aber doch von so hoher, edler, kräftig ebenmäßiger Figur, wie man sie unter gewöhnlichen Menschen äußerst selten findet. Auch ihre Gesichtszüge waren schön, besonders die des Schech el Beled, aber von einer mir bisher unbekannten, schwer zu beschreibenden Schönheit. Sie war nicht das, was man als klassisch bezeichnet, sondern noch tiefer, durchgeistigter und ausdrucksvoller als dieses. In diesen Gesichtern sprachen sich Selbstbewußtsein, Energie und Kühnheit in auffallender Deutlichkeit aus, ohne daß der untere Teil, der die Kauwerkzeuge enthält, besonders kräftig hervorzutreten hatte. Die Lippenführung war fast frauenhaft lieblich zu nennen. Es lagerte da eine ganze Fülle von Wohlwollen, Güte und Menschenfreundlichkeit. Was sich über dem Munde erhob, Nase, Wangen, Augengegend und Stirn, war durchgeistigt und durchwärmt von jener ruhigen Klarheit, zu der es nur solche Menschen bringen, bei denen Kopf und Herz im vollsten Einklange stehen und die hierdurch gewonnene Lebensanschauung nicht nur eine
Frucht des Denkens, sondern auch des Fühlens und Empfindens ist. Besonders zogen die großen, reinen, aufrichtigen Augen des Schech el Beled die meinigen immer wieder zu ihm hinüber. Warum strahlten sie so seltsam? Kam das von innen heraus oder von außen? War es die Weihnachtsfreude und Weihnachtsseligkeit seines Innern oder nur der Reflex des Weihnachtsglanzes, der von den zahllosen Kerzen strömte, die hier in der Kirche brannten? El Hadd ist ein kleines Gebirgsländchen, welches, nur äußerst schwer zugänglich, an der südlichen Grenze von Dschinnistan liegt. Seine Bewohner werden infolge der hohen, abgeschlossenen, einsamen Lage ihrer stein- und felsenreichen Heimat als außerordentlich arm bezeichnet. Diese vier Männer aber machten trotz ihrer einfachen Kleidung ganz und gar nicht den Eindruck, als ob sie sich von dieser Armut bedrückt oder gar niedergeschlagen fühlten. Ich verweile bei ihrer Beschreibung absichtlich länger, als die Situation es mir eigentlich erlaubt, und ich habe meine guten, besonderen Gründe dazu, die ich nur deshalb hier nicht näher bezeichne, weil sie baldigst ganz von selbst in die Augen fallen werden.

Die vorliegenden Verhältnisse hatten den Oberpriester veranlaßt, den Gottesdienst möglichst einfach zu gestalten und auf allen liturgisch-künstlerischen Schmuck für jetzt zu verzichten, besonders auch auf die erhebenden Wechselgesänge zwischen dem Geistlichen und der Gemeinde. Ein Kirchenlied; hierauf die Verlesung der Weissagungen und des Evangeliums vom Altare aus; dann Abd el Fadls und Merhamehs Lobgesang: ein zweites Kirchenlied, dem die Festpredigt von der Kanzel aus zu folgen hatte; sodann ein kurzes, drittes Lied; der vom Altare aus gesprochene Segen und endlich ein allgemeiner Schlußgesang,
der den Dank der Gemeinde brachte. Das war der Inhalt, oder sagen wir, das Programm der heutigen Feier, die an den würdigen Basch Nasrani ganz ungewöhnlich schwere Forderungen stellte, weil er es noch nicht mit einer festgeschlossenen Gemeinde, sondern nur erst mit einer ungeordneten und ungeübten Zuhörerschaft zu tun hatte, die nur durch den Eindruck dessen, was ihr geboten wurde, zu fassen und zu erheben war. Es galt vor allen Dingen zu begeistern, und das gelang ihm allerdings im vollsten, reichsten Maße. Wir hatten uns aber auch tüchtig eingeübt, Abd el Fadl, Merhameh und ich. Das war besonders von meiner Seite aus sehr notwendig gewesen, weil ich kaum so spielen konnte, wie in Deutschland jeder gute Dorfkantor oder Dorfschulmeister spielt. Die frühere Fertigkeit war dahin; die Uebung fehlte; die Finger wollten nicht mehr mit. Wie gern hätte ich den Orgeldienst einem Anderen, Besseren überlassen, aber es gab eben keinen Anderen. Darum freute es mich doppelt, daß alles gut und so verlief, wie es von uns gewünscht worden war, einen einzigen, häßlichen Vorgang abgerechnet, der aber nicht von uns, sondern von dem Maha-Lama von Ardistan veranlaßt wurde. Dieser mächtige Herr, der sich infolge seines sogenannten geistlichen Amtes für höherstehend hielt als selbst der Mir, hatte bisher nur abgewartet und sich ganz ruhig verhalten. Heut trat er nun aus dieser Ruhe heraus, und zwar mit einer Demonstration, die so gewagt und unbesonnen war, daß jeder Andere an seiner Stelle sie wahrscheinlich unterlassen hätte.

Das erste Lied war gesungen, und die Verlesung der Weissagungen hatten begonnen. Ich stand von der Orgelbank auf, um nun erst jetzt den Anblick des Raumes, dem ich bisher den Rücken zugekehrt hatte, zu
genießen. Hoch oben leuchtete der ›Stern von Bet Lahem‹. Die ganze, als Firmament der Davidsstadt gedachte Kuppel erglänzte von seinem Lichte. All die unzähligen, kleinen, flackernden und flimmernden Lichter der Erde strebten, von grünen Bäumen, Aesten und Zweigen getragen, ganz unten beginnend, über alle Chore und Emporen, von Bank zu Bank, von Platz zu Platz zu diesem Sterne und zu diesem Firmamente hinauf. Es war etwas nicht nur hier in diesem fremden Lande, sondern auch von mir in der Heimat noch nie Gesehenes. Es war, als ob ich mich an einem überirdischen, mir völlig unbekannten, innerlich mir aber doch vertrauten Orte befinde und nicht etwa in einem Hause, von Menschen gemacht. Denn die Mauern und Wände waren unter dem Tannengrün verschwunden. Hinter den Bäumen, weit über sie hinaus, schien eine neue, heilige, zauberische Welt des Lichtes zu liegen, eine Welt der gelösten Rätsel, der aufgeklärten Geheimnisse, der erfüllten Hoffnungen und Wünsche. Und mitten aus der ringsum brennenden Frage, woher uns diese Lösung, diese Aufklärung und diese Erfüllung kommen werde, ragte der Hochaltar als sich von der Erde bis zum Himmel erhebende Antwort empor, mit seinen drei laut sprechenden Figuren, die von der allgemeinen Fülle des Lichtes nicht etwa nur bestrahlt, sondern auch innerlich so durchdrungen wurden, daß sie nicht mehr irdisch zu sein schienen und grad darum auch nicht mystisch, sondern erklärend und überzeugend wirkten.

Indem ich dies Alles auf mich wirken ließ, war der Basch Nasrani in seiner Vorlesung bis an das Evangelium der Geburt gekommen, Lukas, Kapitel zwei. Er las soeben die Engelsworte ›Ehre sei Gott in der Höhe, und Friede – – –‹ da hielt er inne. Er war dazu
gezwungen, denn es erhob sich draußen vor dem offenstehenden Haupttore ein Lärm, der ihm nicht erlaubte, fortzufahren. Man hörte Peitschen klatschen. Die eng zusammenstehenden Menschen wurden auseinandergedrängt. Vorläufer erschienen, die mit lauten Rufen und drohenden Kurbatschen Bahn brachen, hinter ihnen drei große, umfangreiche Staatssänften, die kleinen Gebäuden glichen und von je acht dienenden Lamas getragen wurden. Sie drangen herein in die Kirche, wo die Andächtigen so dicht standen, daß es selbst für einen einzigen Menschen keinen Raum mehr zu geben schien. Dennoch schrien und klatschten sie sich vorwärts, mit größter Rücksichtslosigkeit, durch die zornig aber still sich noch mehr zusammendrängende Menge hindurch bis vor den Hochaltar, wo man die Sänften niedersetzte. Der vorderen entstieg der in kostbare, rituelle Gewandstücke gekleidete Maha-Lama von Ardistan, mit sämtlichen Insignien seiner hohen, ›geistlichen‹ Würde beladen. Aus den beiden anderen krochen seine zwei sogenannten ›Oberministranten‹ hervor, die mit Gebetsmühlen, Gebetsposaunen, Gebetstrompeten, Gebetsklappern und ähnlichen ›geistlichen Waffen‹ ausgerüstet waren. Diese Gegenstände bestanden aus den reich mit Gold und Silber verzierten Röhrenknochen und Schädeln verstorbener Lamas. Unter Vorantritt dieser beiden Unterbeamten stieg der Maha-Lama, während die vierundzwanzig Sänftenträger bei den Sänften blieben, zu dem Altane empor, auf dem der Mir mit seinen Offizieren und Beamten saß. Auch dort war jede Stelle besetzt. Nur ganz vorn an der Brüstung, grad vor dem Mir, seiner Frau und seinen Kindern, gab es einen schmalen, leeren Raum, den man gelassen hatte, um dem Herrscher etwas mehr Bewegungsfreiheit zu ermöglichen, als den gewöhnlichen Besuchern des Festes. Dorthin
stiegen die Drei. Sie grüßten den Mir nur mit einem kaum merklichen Neigen des Kopfes und winkten ihren Trägern, die Kissen aus den Sänften hinaufzubringen. Dies geschah. Die Kissen wurden grad vor dem Mir so übereinandergelegt, daß drei hohe Sitze entstanden, auf welche die drei illustren Personen sich dann gemächlich niederließen. Nun sah es gerade so aus, als ob unsere christliche Weihnachtsfeier nur zu Ehren oder doch wenigstens nur unter der Oberaufsicht dieser drei Lamas stattfinde. Daß hierdurch dem Mir und seiner Familie jede Aussicht geraubt wurde, das schien diesen Herren sehr gleichgültig zu sein.

Ich hielt es infolge seiner ganzen Charakteranlage für unmöglich, daß er sich das gefallen lassen werde; aber er blieb zu meinem Erstaunen still. Er rührte sich nicht. Er tat nicht das Mindeste, diese rücksichtslosen Menschen in ihrem beleidigenden Beginnen zu unterbrechen. Aber als sie es sich bequem gemacht hatten und nun triumphierend um sich blickten, da stand er mit seiner Familie auf und kam mit ihr herüber zu uns auf den Orgelchor, wo man ihnen sofort die besten Plätze bot.

Bis zu diesem Augenblicke hatte der Oberpriester nicht weiterlesen gekonnt. Und so wie er, hatte auch die ganze, tausendfältige Versammlung warten müssen. Das war eine Störung sondergleichen! Ihre Wirkung verdoppelte sich durch die brutale Art und Weise, in der sie ausgeführt wurde. Man hatte sich das Kommen dieser Leute gefallen lassen; aber als der Herrscher von ihnen gezwungen wurde, seinen Platz aufzugeben und einen anderen zu suchen, da blieb man nicht länger still. Ein erst leises, dann immer lauter werdendes Raunen und Rauschen ging durch den weiten Raum. Man hatte sich in heiliger, seelischer Erhebung und Bewegung befunden,
und war aus ihr in roher Weise herausgerissen worden. Man fühlte sich empört. Es erhoben sich Stimmen, zunächst unverständlich, bald aber deutlicher.

»Hinaus mit ihnen!« rief Jemand von einer Empore hinab.

»Ja, hinaus, hinaus!« antworteten Andere.

»Erst die Diener, dann die Herren! Greift zu; greift zu!« erklang es vom Altare her.

Ich sah, daß dort eine Bewegung entstand, sich der Träger und der Sänften zu bemächtigen. Nur noch ein einziger Augenblick, so hatte man es mit einem Tumulte zu tun, dessen Verlauf nicht abzusehen war. Da rief der geistesgegenwärtige Oberpriester mit lauter Stimme:

»Halt! Haltet ein!«

Die schon vorwärts Drängenden standen wieder still. Aller Augen richteten sich auf ihn. Er hob das Buch in seinen beiden Händen hoch empor und fuhr fort:

»Um des heiligen Evangeliums willen sei Friede auf Erden! Friede sei auch hier mitten unter uns! Wehe dem, der diesen unsern Frieden stört! Er vernichtet dadurch nicht uns, sondern nur sich selbst. Dem Christen aber ziemt Geduld. Wir wollen von Neuem beginnen!«

Er schaute bei diesen Worten herauf zu mir. Ich verstand diesen seinen Blick. Er hielt es für unmöglich, so ohne alles Weitere in der unterbrochenen Verlesung fortzufahren. Es machte sich eine Ueberleitung nötig, und so begab ich mich zur Orgel und spielte, bis ich annehmen konnte, daß sich der allgemeine Zorn gelegt habe und die Versammlung wieder bereit und geschickt zur Andacht sei.

Als der Basch Nasrani dann das Evangelium zu Ende gelesen hatte, gab mir die Begleitung des Lobgesanges
eine treffliche Gelegenheit, nun auch die zarten, milden Register der Orgel erklingen zu lassen. Ich liebe da ganz besonders vox humana, flauto amabile und viola di gamba. Während des Vorspieles dachte ich an die alte Weissagung, daß hier in diesem Raume zur Zeit der Erfüllung nicht nur die Güte und die Barmherzigkeit ihre Stimme erheben, sondern auch Töne erklingen würden, die man hier in diesem Lande noch niemals gehört habe. Daß dies in höherer, humaner, ethischer und menschheitsgeschichtlicher Beziehung gemeint sei, darüber gab es für mich keinen Zweifel. Aber zum Menschenauge sprechen nahehängende Bilder deutlicher als ferne, und so mochten die Stimmen von Abd el Fadl und Merhameh und die Töne meiner Orgel immerhin ihre naheliegende Geltung behalten. Ich nützte die drei angegebenen Register so viel wie möglich aus, die beabsichtigte Wirkung zu erzielen, und da man bekanntlich die beste Wirkung oft gerade nur mit den einfachsten und bescheidensten Mitteln erreicht, so ist es wohl keine Ueberhebung von mir, zu erwähnen, daß mein ›orgeltretender‹ Halef sagte, es sei ganz so gewesen, als ob Engel miteinander sprächen. Er übertrieb bekanntlich gern, aber in diesem halb oder dreiviertel wilden Lande war es gewiß kein Wunder, daß gerade die zarten, reinen, der Menschenstimme ähnlichen Klänge der vox humana den Erfolg fanden, den Halef in dieser seiner überschwenglichen Weise beschrieb.

Der Lobgesang, den Abd el Fadl und Merhameh vortrugen, war, wie ich bereits erwähnte, ein Duett mit arabischem Texte. Der letztere bestand aus einer wörtlichen Uebersetzung folgender Verse des hundertunddritten Psalmes: »Meine Seele und Alles, was in mir ist, lobe den Herrn und seinen heiligen Namen. Lobe, meine
Seele, den Herrn. Der dein Leben vom Untergang erlöset und der dich krönet mit Gnade und Erbarmen. Der Herr ist gnädig und barmherzig, langmütig und von großer Güte. Er zürnet nicht immer, und er drohet nicht ewig. So hoch der Himmel über der Erde ist, so mächtig ist seine Barmherzigkeit über die, so ihn fürchten. Die Barmherzigkeit des Herrn währet von Ewigkeit zu Ewigkeit. Lobet den Herrn, all seine Heerscharen ihr. Lobet den Herrn, ihr all seine Werke. An allen Orten seiner Herrschaft lobe, meine Seele, den Herrn!«

Abd el Fadl besaß einen schönen, kräftigen Bariton und seine Tochter einen Mezzosopran, von dem man meinen konnte, daß er nicht aus der Brust, sondern aus der Seele komme. Ich bin nicht Musikrezensent und unterlasse es daher, mich über den Vortrag des Duetts zu äußern. Aber ich darf nicht verschweigen, daß seine Wirkung eine große, eine außerordentliche war. Wo gab es hier, im hintersten Orient, wohl Jemand, der schon so Etwas gehört hatte! Also schon die Seltenheit wirkte. Sodann auch das Geheimnisvolle. Man sah den Sänger und die Sängerin nicht. Sie standen Beide hinter Weihnachtsbäumen. Ebenso auch der Orgelspieler. Die Menge des Lichtes, die den weiten Raum erfüllte, schien hörbar geworden zu sein. Die vielen, verschiedenen Klangfarben der Orgeltöne waren wohl geeignet, Illusionen zu erwecken Man begriff sie nicht. Und der Bariton schien aus der Erde, der Sopran aber vom Himmel zu kommen. Die Zuhörer schauten zuweilen überrascht nach oben, zuweilen schnell wieder herab, je nachdem der Vater oder die Tochter einsetzte. Und überdies war es das ganze Milieu, welches gewiß ebenso wirkte wie der Vortrag an sich selbst. Am tiefsten ergriffen von allen, die es hörten, war vielleicht der Mir. Wenn ich mich zur Seite wendete, konnte ich
ihn gerade noch sehen. Sein Gesicht war ganz anders als sonst. Es war, als sei er in eine Handvoll warmen, frohen Sonnenscheines gehüllt, den man unmöglich mit dem Schein der Kerzen verwechseln konnte. Es schienen von seinem Gesichte leise, heimliche Strahlen auszugehen, die er gern verbergen wollte. Die Augen seiner Frau, die sich endlich, endlich nun einmal glücklich fühlte, hingen fast nur an ihm. Wie freute sie sich! Und auch die Kinder sahen öfter zu ihm auf, als es sonst zu geschehen pflegte. Ich sah, daß er wie erschrocken zusammenfuhr, als ich ihn am Schlusse des Lobgesanges aus seinem Entzücken riß, indem ich zu dem Kirchenlied hinüberleitete, welches dem Duett zu folgen und die Festpredigt einzuleiten hatte.

In dieser Letzteren zeigte sich der Oberpriester als ein Redner, der es sehr wohl verstand, seine Hörer hinzureißen. Seine Rhetorik war unstudiert und ungekünstelt. Was er sagte, kam aus dem Herzen und wurde unterwegs vom Verstande kristallisiert. Er war nicht etwa ein guter Redner, weil er gut sprechen konnte, sondern weil ein großer Gedanke, der Erlösungsgedanke, seine Seele derart füllte, daß er nach ganz natürlichem Gesetze überströmte und Alles mit sich zog, was er dabei berührte. Ich wunderte mich gar nicht darüber, daß nach dem gesprochenen Segen und dem vollendeten Schlußgesange sich Niemand eher entfernen wollte, als bis der alte, liebe Herr sich noch einmal, noch zweimal, noch fünfmal, noch zehnmal zeigte.

Der Mir war voll befriedigt. Er dankte vor allen Dingen und zunächst Adl el Fadl und Merhameh. Mit dem Basch Nasrani konnte er jetzt nicht sprechen, weil dieser anderweitig in Anspruch genommen war. Da sah er die Leute aus El Hadd stehen. Er stutzte und ging
dann auf sie zu. Dieses Stutzen hatte nicht den Grund, daß er sie kannte; er hatte sie noch nie gesehen. Ihre fremde, wenn auch außerordentlich kleidsame Tracht fiel ihm auf. Abd el Fadl kam schnell herbei und sagte ihm, wer sie seien. Da freute sich der Mir; man sah es ihm an. Er richtete das Wort an den Schech el Beled:

»Ihr seid aus El Hadd? Ich liebe dieses kleine, schöne Ländchen, obgleich ich noch nicht dort gewesen bin und auch noch Niemand von dort kenne. Ich weiß, seine Bewohner sind mir freundlich gesinnt. Sie haben, obgleich sie ebenso eng an Dschinnistan wie an Ardistan grenzen, niemals etwas gegen mich unternommen, sondern sich mir immer nur förderlich erwiesen. Du bist ihr Schech el Beled?«

»Ich bin es,« bejahte der Schech.

»So schulde ich doch wohl vorzüglich dir den Dank, zu dem ich mich verpflichtet fühle. Welches Glaubens bist du? Du trägst den Turban in der Hand, hier in der Kirche.«

»Wir sind Christen.«

»Bei wem wohnet ihr? Wo seid ihr abgestiegen?«

»Im Karawanserai, wo Jederman wohnt, der fremd in der Fremde ist.«

»Habt ihr Pferde?«

»Nein. Wir sind arm. Wir kamen zu Fuß.«

»Ihr seid nicht mehr fremd in der Fremde. Ich kenne euch nun und heiße euch willkommen. Ihr sollt meine Gäste sein. Für Leute, wie ihr seid, habe ich immer Raum genug. Es findet nach Verlauf von einer Stunde ein Weihnachtsmahl bei mir im Schlosse statt; auch dazu seid ihr geladen.«

Von diesem Mahle wußten wir noch nichts. Es war als besondere Festüberraschung geheimgehalten worden.
Der Schech el Beled nahm diese Einladung durch eine Verbeugung an, die den freien Sohn der Berge erkennen ließ. Sie war höflich, aber nicht devot. Er gesellte sich, während der Mir sich mit den Seinen entfernte, zu Abd el Fadl und Merhameh. Ich aber trat nun an die Brüstung des Chores vor, um zu schauen, wie die Kirche sich entleerte. Es geschah das in ruhiger, sehr würdiger Weise. Auf jedem Gesicht war der Ausdruck der Befriedigung, wohl gar der Begeisterung zu sehen. Ich zog hieraus die Berechtigung, anzunehmen, daß von heute an sich das Verhältnis der Christen zu der übrigen Bevölkerung und zu dem öffentlichen Leben von Ardistan ganz anders gestalten werde als bisher. Der Mir hatte zwar kein einziges Wort über das Verhalten des Maha-Lama gesagt, aber es stand für mich fest, daß der bisher so mächtige Lamaismus heute wenn nicht seinen ganzen Einfluß, so doch einen ganz bedeutenden Teil desselben verloren habe. Legte man das, was das Christentum gewonnen hatte, darauf, so ergab es einen doppelt großen Abstand gegen früher.

Die vor dem Altare stehenden Sänften waren, um etwaige Feindseligkeiten zu verhindern, von vorsichtigen, ruhigen Männern umringt worden. Darum konnten die Lamas nicht einsteigen. Sie mußten warten, bis die Kirche leer geworden war. Dann entfernten sie sich, vollständig unbeachtet, wie man nach einer verloren gegangenen Schlacht sich aus dem Staube macht. Da krachte jetzt plötzlich ein Kanonenschuß, noch einer, noch einer und so weiter. Das konnte nicht geschehen, ohne daß der Mir den Befehl hierzu gegeben hatte, und zwar nicht schon vorher, sondern soeben erst. Das war ein sicherer Beweis, daß die Feier tief und nachhaltig auf ihn gewirkt und ihn auf unsere Seite herübergezogen hatte. Ganz dasselbe
sagte man sich auch draußen auf den Straßen. Ich hörte jubelnde Rufe und ging hinunter und hinaus, um einige der Gassen abzuschreiten und mich an dem frohen Weihnachtsgewirr zu erfreuen. Es war fast so hell wie am Tage. Laternen und brennende Lichter, illuminierte Türen und Fenster fast überall! Halef begleitete mich. Er war außerordentlich stolz auf seine heutigen Leistungen als Kalkant.

»Bist du mit mir zufrieden, Sihdi?« erkundigte er sich.

»So leidlich,« antwortete ich.

»Warum nur leidlich? Hat es dir während der ganzen Feier auch nur ein einzigesmal an Luft in der Orgel gefehlt?«

»Nein. Aber hast du auch nur ein einzigesmal ein kleines Bißchen Luft mehr gegeben, als nötig war? Beweise es!«

Auf diese raffinierte Schlechtigkeit von mir war er zunächst still. Er dachte nach. Dann sagte er:

»Konnte ich wissen, daß du mehr verlangst, als du brauchtest? Du betrübst mich sehr! Aber morgen werde ich schneller treten und dir so viel Luft zuschicken, daß du von Dankbarkeit überquellen mußt, wenn du nicht platzen willst; darauf kannst du dich verlassen!«

Was das erwähnte Festessen betrifft, so finde ich keinen Grund, es ausführlich zu beschreiben. Ich war, wie man mir glauben wird, von den Anstrengungen der letzten Tage her und also auch von heute ermüdet und bedurfte der Ruhe und des Schlafes. Darum verabschiedete ich mich mit Halef, noch ehe das Essen ganz zu Ende war, und ging nach meiner Wohnung. Was die Leute von El Hadd betrifft, so hatten sie in meiner Nähe gesessen, doch nicht so nahe, daß es zu einer wirklichen
Unterhaltung zwischen ihnen und mir hätte kommen können. Es waren nur einzelne Handreichungen, Fragen und Antworten hin und her gegangen, wobei ich an dem Shech el Beled, je öfter mein Blick auf ihn fiel, je mehr etwas mir Bekanntes bemerkte, was ich aber nicht bestimmen, nicht genau bezeichnen konnte. Vollständig sicher war, daß ich ihn noch nie im Leben gesehen hatte. Gab es vielleicht im Kreise meiner Bekannten eine Person, die irgendeine Aehnlichkeit mit ihm besaß? Ich dachte nach, konnte aber keine finden.

Wir hatten unsere Zimmer heute nur einige Male für sehr kurze Zeit betreten und wurden darum von unseren Hunden sehnsüchtig erwartet. Ein Diener hatte inzwischen für sie gesorgt. Sie waren schon längst zu ernst, um noch zu spielen, aber diesesmal war ihnen die Zeit denn doch zu lang geworden, und so hatten sie sich so gut unterhalten, wie es eben ging und ihnen möglich war. Halefs Hu und Hi hatten sich sehr eingehend mit dem Teppich beschäftigt und das Futter als nicht zu ihm gehörig betrachtet. Die für richtig gehaltene Trennung beider war bis zum letzten Stiche durchgeführt. Das machte dem Hadschi Spaß. Es fiel ihm gar nicht ein, sie zu tadeln. Er freute sich darüber und lobte und streichelte sie. Als wir dann in mein Zimmer kamen, stellte es sich heraus, daß Aacht und Uucht sich nur vorübergehend mit dem Teppich abgegeben hatten. Er war von ihnen nur ein wenig zurechtgewiesen worden. Er lag nämlich quer anstatt lang. Ihr Hauptaugenmerk schien vielmehr auf die Wandverkleidung gerichtet gewesen zu sein. Diese bestand aus einem dünnen Stoffe, der teils festgenagelt, teils in Falten geordnet war, um schmückende Bogen zu bilden. Und diese Bogen waren es, mit denen die braven Hunde nicht einverstanden gewesen
waren. Sie hatten sie so gründlich entfernt, daß sie alle jetzt unten am Boden lagen und die Wände sich nun unbekleidet zeigten, die genagelten Stellen natürlich abgerechnet.

Ich erschrak zunächst ein wenig. Dieser mir von den sonst so vernünftigen Tieren gespielte Streich konnte mir natürlich nicht angenehm sein. Aber sie verhielten sich ganz eigenartig dabei. Sie taten nicht im Geringsten schuldbewußt, sondern sie empfingen uns so munter und, ja, siegesgewiß, als ob sie überzeugt seien, ein gutes, lobenswertes Werk verrichtet zu haben. Uucht sprang, kaum daß wir eingetreten waren und noch ehe ich einen Tadel aussprechen konnte, nach der einen Wand, reckte sich an derselben hoch empor und begann, da oben zu kratzen. Als Aacht dies sah, tat er ganz dasselbe auch an der anderen Wand. Ich ging hin, um die Stellen zu untersuchen. Diese Wände waren nicht gemauert, sondern aus Holzwerk zusammengesetzt, und in diesem Holze sah ich kleine, schmale, senkrechte Oeffnungen, welche nichts anderes als Schlüssellöcher sein konnten. Es waren nicht nur eines oder zwei, sondern mehrere da, sie alle in genau derselben handlichen Höhe und immer an einer Stelle, wo eine Falte des Stoffes sie vollständig verborgen hatte. Daß die Hunde jetzt genau wußten, daß sich hier leere verdächtige Räume befanden, das verstand sich ganz von selbst. Wie sie zu dieser Entdeckung gekommen waren, das konnte für mich Nebensache sein. Sie hatten den Prinzen der Tschoban unter sich gehabt und festgehalten; sie kannten also seine Witterung. Er hatte die Stellen, an denen die verborgenen Kästen lagen, so oft berührt, daß der Geruch seiner Hände daran haftete. Das war für ihre feinen Nasen genug und erklärte Alles.

Es versteht sich ganz von selbst, daß ich sofort an
den kleinen, winzigen Drückerschlüssel dachte, den er, als er sich bei mir einzuschleichen versuchte, hier verloren hatte. Er war gut aufbewahrt; nur hatte ich keine Zeit gehabt, mich näher mit ihm zu beschäftigen. Ich holte ihn und probierte. Er paßte, paßte ganz genau. Ich schloß die Kästen auf und zog sie heraus. Es waren ihrer fünf. Sie enthielten Skripturen, und zwar so außerordentlich wichtige, daß ich sofort selbst ging, um den Mir zu holen, und Halef aufforderte, inzwischen ja keinen Menschen hereinzulassen.

Der Mir war noch im Speisezimmer. Er folgte mir unverweilt, obgleich ich ihm in Gegenwart Anderer nicht sagen konnte, um was es sich handelte. Aber unterwegs machte ich ihm eine Andeutung, die seine Schritte beschleunigte. Wir saßen dann die ganze, ganze Nacht, um die Papiere zu ordnen, zu entziffern und zu lesen. Wir waren so müd gewesen; jetzt aber gab es keine Müdigkeit mehr; sie war vollständig verschwunden. Es handelte sich um die schon vorerwähnte Verschwörung. Ihr geistiger Leiter war der Basch Islami, der sich wünschte, der Schwiegervater des Mir von Ardistan zu werden. Ihre Seele der Maha-Lama von Ardistan, der sich heut so herausfordernd betragen hatte. Und ihre rechte Hand der ›Panther‹, der sich in den Kopf gesetzt hatte, Herrscher sein zu müssen. Als der Morgen kam, waren wir fertig und von Allem vollständig unterrichtet. Es gereichte mir zur Genugtuung, daß der Mir keinen einzigen Anderen zu Rate zog und nur mit mir und Halef allein die Maßregeln besprach, die zu ergreifen waren. Er beschloß, alles Aufsehen zu vermeiden und das, was vorgenommen werden sollte, nur ganz im Stillen geschehen zu lassen. Dadurch wurde jedenfalls sehr viel Blutvergießen vermieden. Zunächst hatten die Oberanführer
so schnell wie möglich zu verschwinden, nicht etwa indem man sie tötete, sondern indem man sie durch einstweilige Gefangennahme unschädlich machte. Das war bei dem Maha-Lama von Ardistan nicht schwer, bei dem Basch Islami und dem ›Panther‹ aber nicht leicht, weil beide bereits argwöhnisch geworden waren und sich nicht mehr in der Stadt befanden. Die Verzeichnisse der Verschworenen enthielten die Namen von so vielen Offizieren, daß der Mir erklärte, eigentlich an der Treue und Zuverlässigkeit all seiner Truppen zweifeln zu müssen. Ich war zwar nicht dieser Meinung, hütete mich aber, ihm das zu sagen, denn es kam mir vor allen Dingen darauf an, ihn die Unterstützung der Christen so hoch wie möglich bewerten zu lassen. Es genügte, ihn zunächst darauf hinzuweisen, daß das gegenwärtige Christfest ganz bestimmt zu seinen Gunsten wirken werde und keine andere Partei ohne die größte Gefahr es wagen werde, den Frieden dieser jetzigen Tage zu stören. Für alle ungeahnten oder unvorhergesehenen Fälle stellte ich ihm noch einmal den Dschirbani mit seinen Truppen zur Verfügung. Das beruhigte ihn. Er teilte mir aufrichtig mit, daß es auch ohne den Fund dieser Akten der Verschwörer mit dem Maha-Lama aus gewesen sein würde, weil er den an ihm in der Kirche begangenen Schimpf nicht auf sich ruhen lassen könne. Er sei nur still gewesen, um die Feier nicht zu stören, die einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht habe. Er bestimmte, daß die Wände meines Zimmers schnell wiederherzustellen, die Skripturen aber nach seiner Wohnung zu schaffen seien. Dann fragte er in plötzlich anderem, aber auch in hohem Grade nachdenklichem Tone:

»Weißt du denn, was heut und dieser Tage Alles geschehen ist, Effendi?«

»Ich glaube, es zu wissen,« antwortete ich.

»Die Erfüllung alter Weissagungen?«

»Ja.«

»Des Sternes von Beth Lahem?«

»Ja.«

»Der Sage von der großen Glocke?«

»Ja.«

»Jetzt brauchte nur noch die Stimme der Güte und der Barmherzigkeit hier in der Kirche zu erklingen und der Herrgott von Dschinnistan nach Ardistan herabzukommen, wie damals, bevor der Fluß wieder rückwärtsströmte, so wären alle Weissagungen der wartenden Christen erfüllt und die Engel könnten berichten, daß der Friede nun endlich auf Erden eingezogen sei! Du lächelst, Effendi?«

»O nein! Die Sache ist ernst, hochernst!«

»Das ist sie mir auch, mir auch! Bisher ist sie mir nur lächerlich vorgekommen; seit gestern aber denke ich anders.«

Er griff sich mit der Hand nach der Stirn. Mir war, als ob er wanke.

»Auch ich bin müd, wie du, und schwach dazu!« fuhr er fort. »Es stürmte in diesen Tagen allzuviel auf mich ein! Bin ich denn wirklich noch der Mir von Ardistan? Oder bin ich ein Anderer, der hin- und hergeblasen wird wie eine Feder, die weder Gewicht noch Willen besitzt? Auch ich muß schlafen, muß ruhen, muß wieder zu mir kommen!«

Dann ergriff ihn ein anderer Gedanke. Er fragte:

»Was sagst du zu den Leuten von El Hadd, Effendi?«

»Sie gefallen mir,« antwortete ich.

»Mir auch. Besonders der Schech el Beled! Schade,
daß er ein so kleiner Mann und nicht ein Herrscher ist! Man müßte ihn ehren und lieben und könnte mit ihm verkehren! Doch, nun müssen wir schließen! Hast du einen Wunsch?«

»Nein.«

»Bedenke, was ich dir schulde! Wünschest du keinen Dank?«

»Nein.«

»Auch für die Christen nicht?«

»Nein. Sie haben ihre Schuldigkeit getan und werden sie auch ferner tun. Danken kannst du überhaupt nicht; das kann allein der Himmel!«

Er sah mich verständnislos an, schüttelte den Kopf und sagte nur noch:

»Das begreife ich nicht. Schlaft wohl!«

Dann ging er hinaus. – –

Viertes Kapitel

Nach der »Stadt der Toten«

Die Wirkung unserer Weihnachtsfeier war eine gewaltige. Wer da war, wollte nicht wieder fort. Die Menschheit, die in und um Ard lagerte, vermehrte sich von Tag zu Tag, anstatt sich zu verringern. Es kamen täglich neue Pilger, welche teilnehmen wollten, und das begeisterte den alten, lieben Basch Nasrani zu immer neuen Anstrengungen und Wiederholungen. Aus den erst geplanten drei Feiertagen wurden sieben, also eine ganze, volle Woche lang. Dann konnte er nicht mehr; er mußte sich Ruhe gönnen. Das Ansehen der früher so verachteten Christen war plötzlich derart gestiegen, daß man sie, was vorher Niemandem eingefallen war, jetzt schon von Weitem grüßte. Man sah ein, daß man sich über sie im Unklaren befunden hatte, im Unklaren über ihre Zahl und im Unklaren über ihren Charakter. Niemand hatte geglaubt, daß es ihrer so sehr viele gebe. Das war eine direkte Folge ihrer Bedrückung. Sie hatten sich gescheut, öffentlich hervorzutreten. Nun aber, als sie erfuhren, daß das Wohlwollen des Mir sich ihnen zugewendet hatte, strömten sie in hellen Haufen herbei und belebten die Stadt in
der Weise, daß man glauben konnte, daß sie überhaupt nur christliche Einwohner habe. Und diese Scharen verhielten sich so bescheiden, so ruhig und wohlgesittet, daß der Herrscher versicherte, die öffentliche Ordnung sei noch nie so wenig gestört worden wie gerade jetzt, wo so eine Menge von Menschen sich in der Hauptstadt angehäuft habe. Er fügte hinzu: Wären die Straßen und Gassen in derselben Menge von Lamas und Mohammedanern belebt, so würde es nur unter dem Aufgebote der kräftigsten Mittel möglich sein, fortgesetzte Ausschreitungen zu verhüten.

Es war allerdings auffällig, wie wenigen Mohammedanern, Lama- und Andersgläubigen man begegnete. Sie waren nicht etwa verschwunden. Sie hatten sich ganz ebenso wie vorher am öffentlichen Verkehre zu beteiligen; aber sie taten das nicht mehr in ihrer früheren, altgewohnten Weise, sondern derart, daß sie sich weder durch ihre Kleidung noch durch ihr Benehmen von den Christen unterschieden. Sie waren ganz plötzlich außerordentlich vorsichtig geworden, und sie hatten ihre guten, triftigen Gründe dazu.

Der Mir hatte nämlich begonnen, unter seinen Gegnern leise, aber energisch aufzuräumen. Die Listen der Verschworenen konnten ihm dabei als sichere Wegweiser dienen. Der Basch Islami war, wie wir wissen, schon vorher verschwunden. Von dem ›Panther‹ gewarnt, hatte er Zeit gefunden, zu entkommen. Nun verschwand jetzt auch der Maha-Lama von Ardistan mit seinen nächsten, besten, treuesten Anhängern und Freunden. Sein herausforderndes Verhalten am ersten Weihnachtstage konnte nicht der einzige Grund hiervon sein. Das Verschwinden auch seiner Anhänger mußte auf tiefer liegende Ursachen zurückgeführt werden, zumal dann auch noch zahlreiche
andere Beamte und Offiziere nicht mehr zu sehen, sondern abhanden gekommen waren, man wußte nicht, wohin. Das ging so einige Wochen lang weiter, ohne daß hierbei von einer Arretur oder einem andern Gewaltmittel etwas zu bemerken war. Die betreffenden Personen verschwanden auf die geheimnisvollste Weise, und es traten andere an ihre Stelle, ohne daß offiziell ein Wort hierüber verlautet wurde. Auffällig hierbei war, daß die Verschwundenen zu den Verschwörern gehörten, die an ihre Stelle getretenen aber treue Anhänger des Mir waren. Auffallen konnte es natürlich nur denen, die hiervon wußten, die also selbst Verschwörer waren. Denen konnte auch nicht entgehen, daß dieses Verschwinden sich an eine ganz gewisse Reihenfolge hielt. Es betraf zunächst die ganz Hochangestellten, dann die hohen, hierauf die ihnen im Range Nächstfolgenden. Es ging also abwärts, und zwar mit so untrüglicher Sicherheit, daß dem Eingeweihten angst und bange werden mußte, denn ein Jeder von ihnen konnte hieraus ersehen, daß und wann die Reihe auch an ihn kommen werde. Da lag denn nun für sie alle der Gedanke nahe, sich ganz von selbst, noch ehe das Verhängnis nahte, also freiwillig, aus dem Staube zu machen, um diesem doppelt schrecklichen, weil unsichtbaren und unhörbaren Verderben zu entrinnen. Die Klugen unter ihnen folgten diesen Gedanken. Es kam eine Zeit, in der eine Menge von Menschen ihre guten, scheinbar ganz sicheren Stellungen und auch die Stadt verließen, ohne vorher anzugeben, warum sie es taten und wohin sie sich wendeten. Ich bemerkte das gar wohl, hütete mich aber, voreilige Fragen hierüber an den Mir zu richten. Es gab andere, für mich ebenso wichtige Dinge, die mich ganz in Anspruch nahmen. Daß ich damit das Studium des hochinteressanten Landes und seiner
Bewohner meine, versteht sich ganz von selbst. Meine persönliche Aufgabe war, hier Land und Leute möglichst genau kennen zu lernen. Ich begann, zunächst in der Stadt, hierauf in ihrer Umgebung und sodann auch im weiteren Land herumzustreifen, wobei Halef mich begleitete.

Diese Streifereien wurden uns sehr leicht gemacht. Wir waren durch das Weihnachtsfest der ganzen Bevölkerung bekannt geworden. Die Christen hatten uns gern. Sie gaben uns Auskunft. Sie unterstützten uns in jeder Weise. Und die Anderen, die uns höchstwahrscheinlich haßten, sie wagten nicht, uns dies offen zu zeigen. Sie waren gezwungen, sich auch freundlich zu uns zu stellen und uns zu Diensten zu sein, obwohl wir Alles, was von ihnen kam, mit Vorsicht zu betrachten hatten.

Dadurch, daß ich die mir jetzt zur Verfügung stehende Zeit so ganz und gar für mich und meine persönlichen Aufgaben verwendete, vernachlässigte ich keinesweges die Zwecke, die uns nach der Hauptstadt von Ardistan geführt hatten. Sie waren als erfüllt zu betrachten, und zwar im vollsten Sinne des Wortes. Wir waren hierher gekommen, uns Aufklärung über die hiesigen Verhältnisse zu verschaffen, damit der Dschirbani aus dieser Kenntnis den größtmöglichen Nutzen ziehe. Wie gefährlich das für uns war, das hatten wir gar wohl gewußt, doch glücklicherweise war Alles ganz anders geworden, als für uns möglich gewesen war, vorauszusehen. Der Mir hatte uns schnell liebgewonnen. Er fühlte sich uns zu Dank verpflichtet. Es lag ihm schon deshalb nicht viel daran, den Dschirbani als Feind betrachten zu müssen. Hierzu kamen die neuen Ereignisse im Innern des Reiches und seiner Stadt. Er hatte dem Mir von Dschinnistan den Krieg erklärt und seine Kerntruppen schon in Marsch gesetzt,
da machte er die zwei niederschlagenden Entdeckungen, daß er vom Throne gestoßen werden solle und daß er sich auf die Anführer dieser seiner Truppen nicht verlassen könne. Seine Lage war äußerst gefährlich. Da versprach ich ihm die Hilfe des Dschirbani gegen die Empörer. Das bewies ihm, daß der Dschirbani ein edelmütiger Gegner sei und brachte ihn auf den Gedanken, die drohenden Feindseligkeiten zwischen sich und ihm einstweilen ruhen zu lassen. Er fragte mich, ob ich ihm nicht den Gefallen tun wolle, zurückzureiten, um mit dem Dschirbani über einen Waffenstillstand zu verhandeln. Dieser Waffenstillstand lag nicht nur überhaupt in unserem eigenen Interesse, sondern er mußte uns auch darum willkommen sein, weil er dem Dschirbani nach dem langen, anstrengenden Zug durch die Wüste die willkommene Zeit gewährte, sich zu erholen und seine Truppenkörper auszubauen und innerlich zu festigen. Ich war also gewiß, daß er einwilligen werde, wenn auch erst nach einigem Weigern. Aber ich hatte keine Lust, diesen Ritt selbst zu unternehmen. Ich wollte Ardistan kennen lernen, nicht aber mich auf einer und derselben Straße immer hin und her bewegen. Darum machte ich es dem Mir plausibel, diese Aufgabe einem Andern anzuvertrauen, und so schickte er denn einen seiner Offiziere, der durch einen von mir geschriebenen und von dem Mir bestätigten Brief legitimiert und dem Dschirbani empfohlen wurde.

So war die Lage der Sache, als der Mir heut am frühen Morgen, als ich kaum ausgeschlafen hatte, seinen Diener zu mir schickte und mich fragen ließ, ob ich bereits zu sprechen sei. Das war nichts Ungewöhnliches. Er gehörte ebensowenig zu den Langschläfern als ich, und es kam nicht selten vor, daß er ebenso zeitig wie heute eine Frage oder etwas Anderes für mich hatte. Ich ließ ihm
also sagen, daß ich bereits aufgestanden sei und mich ihm zur Verfügung stelle. Da beorderte er mich nicht zu sich, sondern er kam zu mir. Das war ein sicheres Zeichen, daß der Gegenstand, der seine Gedanken beschäftigte, zur Eile trieb und ihn ganz in Anspruch nahm. Als er in mein Zimmer trat, war er gestiefelt und gespornt, nicht wie zu einem kurzen Spazierritte, sondern wie zu einem weiteren Ausfluge, und sagte hastig, noch ehe er den Türvorhang hatte hinter sich fallen lassen:

»Er ist da! Er kam schon während der Nacht; hat mich aber nicht wecken lassen, trotz der großen Wichtigkeit der Sache!«

»Wer?« erkundigte ich mich.

»Der Bimbaschi,« antwortete er.

Bimbaschi heißt Major. In diesem Range stand der Offizier, den er zu dem Dschirbani geschickt hatte. Das war zwar kein hoher Rang, aber er hatte grad diesen Mann gewählt, weil er ihn für treu, geschickt und umsichtig hielt.

»Er ist außerordentlich höflich aufgenommen worden und hat sehr guten Erfolg gehabt,« fuhr der Mir fort. »Der Dschirbani ist bereit, auf den Waffenstillstand einzugehen, und hat versichert, daß er mir keine schweren, sondern sogar sehr leicht zu erfüllende Bedingungen stellen werde.«

»Stellen werde?« erkundigte ich mich. »Also gestellt sind sie noch nicht? Er hat sie dir nicht geschickt durch den Bimbaschi?«

»Nein. Er ist der Meinung gewesen, daß seine Lage und meine Lage eine außerordentlich heikle sei. Unser Bündnis habe ganz unbedingt geheim zu bleiben. Dazu gehöre, daß auch die Verhandlungen heimlich zu führen seien. Nichts dürfe man dem Papiere anvertrauen; es
habe vielmehr Alles nur mündlich zu geschehen; und zwar nicht etwa durch Unterhändler, sondern durch uns Beide selbst. Da hat er vollständig Recht; das sehe ich ein. Du doch wohl auch?«

»Ja,« nickte ich. »Ich sehe dich zur Reise gekleidet. Hängt dies hiermit zusammen?«

»Allerdings. Er ist der Ansicht, daß wir uns einander entgegenreiten und uns auf halbem Wege treffen.«

»Welcher Weg ist gemeint?«

»Derselbe, der dich hierhergeführt hat. Du kennst ihn also. Auf der Mitte dieses Weges liegt eine alte, verfallene Moschee, mit einem Brunnen zwischen den Vorhossmauern. Du wirst sie im Vorüberreiten jedenfalls gesehen haben?«

»Wir haben sogar dort gelagert!«

»Dort soll die Zusammenkunft stattfinden. Das soll der Platz der Beratung sein. Gefällt er dir?«

»Er ist vorzüglich geeignet. Wurde dir dieser Wunsch des Dschirbani schriftlich oder mündlich gebracht?«

»Nur mündlich, natürlich nur mündlich. Denn, so treu und zuverlässig der Bimbaschi ist, ein Brief hätte doch verloren gehen und auf irgend eine andere Weise in falsche Hände geraten können. Ich halte es für ganz richtig, daß der Dschirbani mit solcher Vorsicht verfährt. Er meint, daß diese Vorsicht auch verbiete, den Ritt, der uns einander entgegenführt, in auffälliger Weise zu machen. Niemand soll ahnen, wer wir sind und was wir beabsichtigen. Darum sollen unsere Trupps so klein wie möglich sein, und folglich haben wir uns kein kriegerisches, sondern ein möglichst friedliches Aussehen zu geben. Der Dschirbani wird nur vier Begleiter haben und läßt mich bitten, dies ebenso zu halten. Er schlägt
mir sogar vor, wen ich mitnehmen soll. Kannst du die Personen erraten, die er mir da nennt?«

»Nur zwei; jedenfalls Halef und ich.«

»Richtig! Er will euch unbedingt sehen. Und die beiden anderen?«

»Ich bitte, sie mir zu nennen!«

»Es sind die beiden Prinzen der Ussul.«

»Das freut mich!«

»Mich auch. Ich habe sie unschuldig gequält und bin ihnen eine Entschädigung dafür schuldig. Sie kennen den Dschirbani. Sie stehen im gleichen Alter mit ihm. Ihre Mutter Taldscha ist immer seine Freundin und Beschützerin gewesen. Ich habe sie schon unterrichtet und aufgefordert, sich bereitzuhalten. Sie reiten außerordentlich gern mit und sind sehr froh darüber, ihren Jugendgenossen sehen zu dürfen.«

»Das glaube ich und gönne es ihnen vom Herzen. Wann reiten wir?«

»Am liebsten möchte ich sofort aufbrechen; aber da es mehrere Tage sind, die ich abwesend sein werde, so habe ich Vorbereitungen zu treffen, die mehrere Stunden in Anspruch nehmen. Doch hoffe ich, noch ehe es Mittag wird, fertig zu sein. Hältst du es für richtig, daß wir nur fünf Personen sind?«

»Ja, der Dschirbani hat es gewünscht, und je zahlreicher wir erscheinen, desto mehr fallen wir auf.«

»Also nicht einige Diener mitnehmen?«

»Wenigstens für mich und Halef nicht. Wir sind gewöhnt, uns selbst zu bedienen. Die beiden Ussul werden wohl auch der Meinung sein, daß die Anwesenheit von Bediensteten uns nur belästigen und stören, ja, es vielleicht gar unmöglich machen würde, diese Sache geheim
zu halten. Was nun allerdings dich selbst betrifft, so gebe ich freilich zu, daß – – –«

»Nichts hast du zuzugeben, nichts!« fiel er mir schnell in die Rede. »Bin ich etwa etwas Anderes als ihr?«

»Ich denke, doch!«

Da lächelte er:

»So, so! Gut, gut! So will ich wenigstens nichts Anderes scheinen. Ich reite also inkognito, unerkannt oder wie man das sonstwie nennen mag. Also weg mit den Dienern! Wir nehmen keine mit! Aber zwei Packpferde werden wir uns gestatten, mit den nötigen Nahrungsmitteln und anderen Dingen, die ich für notwendig halte. Auch Führer brauchen wir nicht. Der Weg ist mir bekannt und dir und Halef auch. Ich hatte dem Oberst, der euch begleitete, den Befehl gegeben, nur die einsamsten Gegenden zu wählen. Wir haben allen Grund, das zu tun und uns also auf ganz genau denselben Pfaden zu halten. Die beiden Ussul haben für dieses Mal auf ihre schweren Riesenpferde zu verzichten. Ich gebe ihnen bessere und schnellere aus meinem Stall. Wir sind also vortrefflich beritten und werden, wenn meine Berechnung mich nicht täuscht, bis morgen Abend an Ort und Stelle sein. Also macht euch fertig, und haltet euch bereit, daß ich euch holen lasse!«

»Betrifft die Verschwiegenheit, die wir zu beobachten haben, Jedermann?«

»Ja. Oder gibt es Personen, denen auch du zu sagen hast, daß du dich auf einige Tage entfernt?«

»Ja.«

»Wer ist das?«

»Der Oberpriester und die beiden Sänger, Vater und Tochter.«

»Das erlaube ich. Du bist es ihnen schuldig. Sie sind deine Freunde! Wahre, ehrliche Freunde! Sie würden sich sehr um dich sorgen, wenn du dich entferntest, ohne sie davon zu benachrichtigen. Sage es ihnen! Aber ja keinem Andern mehr!«

Hierauf verließ er mich, und ich machte mich mit meinem Hadschi Halef bereit zu dem beabsichtigten Ritte, der noch viel interessanter werden sollte, als wir jetzt dachten.

Er wurde noch vor Mittag angetreten, doch einzeln, nicht vereint. Erst brach der Mir auf, allein. Dann ritten die beiden Ussul fort, in einer andern Richtung durch die Stadt. Sie nahmen die Packpferde mit. Dann folgten wir, auf einem noch andern Wege. Draußen vor der Stadt trafen wir wieder zusammen.

Ich kann über das, was unterwegs geschah, hinweggehen, denn es war nichts Wichtiges, und will nur konstatieren, daß sich die Vorhersage des Mir, daß wir das Rendenzvous bis zum nächsten Abend erreichen würden, als richtig erwies. Ganz selbstverständlich hatten wir unsere Hunde mit. Der Mir ritt einen köstlichen Schimmelhengst mit indischem Riemenzeuge. Die beiden Ussul hatten zwei starke, dunkle Wallachen, die trotz ihrer Stärke gern galoppierten und auch ziemlich ausdauernd waren.

Die Ruine der Moschee, die ich als Stelldichein bezeichnet habe, lag in einer ebenen, vollständig freien, steppenartigen Gegend, die rundum bis an den Horizont zu überschauen war. Es gab hier nicht den geringsten Grund, etwa besonders vorsichtig zu sein. Und als wir die alten, halb eingefallenen Mauern prüfend umritten, ehe wir ihr Inneres betraten, geschah dies ganz ohne eigentliche Veranlassung, sondern nur deshalb, weil Halef
und ich das so gewohnt waren. So weit das Auge reichte, war kein Mensch zu sehen, und auch das Gemäuer zeigte sich dann als leer. Es gab da weder den Stapfen noch gar die Fährte eines einzigen lebenden Wesens. Der Dschirbani war also noch nicht angekommen.

Wir stiegen ab, versorgten unsere Pferde und ließen uns an dem Brunnen nieder, der bereits erwähnt worden ist. Er hatte gutes Wasser. Während wir unser Abendessen verzehrten, wurde es Nacht. Wir brannten aber kein Feuer an, denn wir waren den ganzen Tag sehr scharf geritten und darum ermüdet; wir wollten schlafen. Und das taten wir denn auch in so ausgiebiger Weise, daß Keiner von uns eher erwachte, als bis wir am Morgen durch Ben Rih geweckt wurden, der plötzlich aufgesprungen war und so laut und anhaltend wieherte, daß die Absicht, uns aufmerksam zu machen, unverkennbar war. Auch Syrr stand auf, blieb aber still. Die Hunde reckten die Hälse und lüpften die Ohren, sagten aber nichts.

»Sie kommen, Sihdi; sie kommen!« rief Halef, indem er sich schnell erhob. »Laßt uns hinauseilen, sie zu begrüßen!«

Indem er dies sagte, tat er es auch. Zugleich wieherte auch draußen ein Pferd, als Antwort auf das Wiehern unseres Ben Rih. Aber nicht nur dieses eine, sondern noch eines, ein drittes, viertes, sechstes, achtes. Das klang doch so, als ob wir es nicht mit einer Truppe von fünf Reitern, sondern mit einer größeren Schar zu tun hätten, die auf lauter Hengsten saß und uns bereits so nahe war, daß wir den Aufschlag der Hufe hörten. Sie brauste im Galopp heran. Halef schrie laut auf. Da folgten wir ihm schnell nach, hinaus vor das Gemäuer. Was sahen wir? Wohl tausend Mann, also ein ganzes Regiment
regulärer Kavallerie, welche eben nach beiden Seiten abschwenkte, um die Ruine zu umzingeln.

»Was wollen die hier?« fragte der Mir, teils zornig, teils verwundert. »Ohne meinen Befehl! Ich werde ihnen zeigen, daß – – –«

Er brach mitten im Satz ab. Weshalb, das sahen wir wohl. Nämlich eine Abteilung des Regiments, sagen wir nach europäischem Begriff eine Eskadron, schwenkte nicht mit ab, sondern kam grad auf uns zu, an ihrer Spitze die Offiziere, und diesen voran der ›Panther‹, der zweite Prinz der Tschoban.

»Zu den Waffen!« rief Halef. »Wir sind verraten! Man hat uns betrogen!«

Ja, zu den Waffen! Aber zu was für welchen? Er selbst hatte keine, ich auch nicht. Wir hatten jetzt nur unsere Messer. Der Säbel und die beiden Pistolen des Scheik waren kostbar, aber weit mehr zur Zierde als zum ernstlichen Gebrauch. Die beiden Ussul hatten jeder einen Säbel und ein Gewehr; das letztere zur Jagd, nicht aber zur Verteidigung bestimmt. Was war das gegenüber tausend wohlbewaffneten Menschen, die den Mut besaßen, ihrem Kriegsherrn als Meuterer entgegenzutreten. Widerstand zu leisten wäre da Wahnsinn gewesen. Es galt vielmehr, sich zunächst scheinbar zu fügen, um später im geeigneten Augenblick zu tun, was möglich war. Ich raunte das dem Mir schnell zu, und er war vernünftig genug, einzusehen, daß wir jetzt nichts Besseres zu tun vermochten. Er sagte kein Wort. Er nickte mir nur zu, um mich seiner Zustimmung zu versichern; aber seine Augen glühten, seine Lippen preßten sich zusammen, und seine Hände ballten sich zu Fäusten; es kochte in ihm.

Jetzt war sie da, diese Eskadron. Der ›Panther‹ hatte seine Leute genau instruiert. Sie sprangen von den
Pferden, drängten auf uns zu und hatten augenscheinlich die Absicht, uns auseinanderzubringen. Da rief der Mir uns zu:

»Zusammenhalten! Die Messer heraus! Wer mich anrührt, den steche ich nieder!«

Messer hatten wir alle; wir gehorchten seinem Befehle. Da trat man von uns zurück. Ganz selbstverständlich hätten uns auch die Messer nichts genützt, wenn es Ernst geworden wäre; aber an das Leben sollte es uns denn doch nicht gehen, und so begnügte man sich damit, uns beisammenzulassen und in das Innere der Ruine zurückzudrängen, wo bei den Pferden unsere Riesenhunde standen, mit hoch erhobenen Köpfen und funkelnden Augen, bereit, uns zu verteidigen. Es war nicht geraten, den Mut dieser edlen Tiere in Aktion zu setzen. Wir riefen ihnen also zu, sich niederzulegen, und sie gehorchten ohne Zögern.

Es hatte sich fast die ganze Schwadron mit hereingedrängt. Wir waren also nicht nur draußen, sondern auch hier im Innern der Ruine so dicht und so vollständig umzingelt, daß der Gedanke, schnell auf die Pferde zu springen und zu fliehen, ein Wahnsinn gewesen wäre. Der Mir sah Keinen von ihnen allen an. Er setzte sich am Wasser nieder, das Messer in der Faust. Sofort nahmen die beiden Prinzen der Ussul rechts und links von ihm Platz, bereit, ihn, wenn es nötig werden sollte, zu verteidigen. Ich ließ mich mit Halef ihnen gegenüber nieder. Wer meinen kleinen Hadschi kennt, der weiß, daß er nicht der Mann war, sich durch den Ueberfall, wenn auch eines ganzen, vollen Regiments von Kavalleristen, einschüchtern zu lassen. Er tat, als ob kein Einziger von ihnen allen vorhanden sei, griff nach den noch vom gestrigen Abende her im Grase liegenden Speisevorräten und sagte:

»Geschlafen haben wir, und zwar sehr gut! Jetzt frühstücken wir; dann reiten wir weiter!«

»Wohin?« fragte der Panther.

Er war, die Offiziere hinter sich, zu uns herangetreten. Halef tat, als ob er weder ihn gesehen noch seine Frage gehört habe. Er öffnete die Pakete und zerlegte das vorhandene Fleisch, um es an uns zu verteilen. Wir nahmen es und aßen. Der Mir allein machte eine Ausnahme; er wies es ab. Er war innerlich so erregt, daß er es nicht fertig brachte, auch nur einen einzigen Bissen zu sich zu nehmen. Sein Gesicht war plötzlich ganz gelb geworden, schmutzig gelb. Es nahm von Augenblick zu Augenblick immer mehr und mehr jene abstoßende Häßlichkeit an, von der ich schon einmal gesprochen habe.

»Steht auf! Ich habe mit euch zu sprechen,« begann der Panther.

Wir rührten uns natürlich nicht.

»Steht auf! Ich befehle es!« wiederholte er.

Wir blieben sitzen. Da faßte er den Hadschi von hinten im Genick, um ihn emporzuzerren, und schrie ihn an:

»Hund, auf mit dir! Ich werde – – –«

Er kam mit der beabsichtigten Drohung nur bis hierher, denn die vier Hunde waren aufgesprungen, hatten ihn gepackt und niedergerissen und fletschten ihm nun von allen Seiten die scharfen, glänzenden Zähne entgegen, so daß er einsehen mußte, daß er verloren sei, sobald er es wage, eine Bewegung der Gegenwehr zu machen. Zwei oder drei der Offiziere griffen schnell nach ihren Pistolen, um auf die Hunde zu schießen; da rief er ihnen schnell zu:

»Behüte Allah! Weg mit den Waffen, weg! Schießt nicht; sonst zerreißen sie mich!«

Da wendete sich Halef ihnen zu und sagte:

»Der Kerl ist gar nicht so dumm, wie ich dachte. Er weiß ganz genau, was er zu erwarten hat. Ihr braucht nur einen einzigen Gewehr- oder Pistolenlauf auf uns zu richten, so reißen sie ihm die Gurgel aus dem Halse, und auch mit dem Betreffenden ist es aus. Ihn kenne ich. Er ist der größte Schuft, den es auf Erden gibt. Wer aber seid denn ihr?«

Da donnerte ihn der von ihnen, der die meisten Dressen an seinem Rocke trug, zornig an:

»Schweig! Er ist der neue Mir von Ardistan! Ich aber war bisher der Oberst dieses Regimentes, doch nun bin ich General!«

Da lachte Halef ihm mit seiner allergrößten Freundlichkeit in das Gesicht und antwortete:

»General bist du jetzt, General? Also ein ebenso großer Schurke wie er? Da gehörst du ja unbedingt an seine Seite! Hu! Hi!«

Indem Halef die Namen seiner beiden Hunde nannte, deutete er mit dem Finger erst auf den zum General beförderten Oberst und dann auf die Erde nieder, wohin er diesen haben wollte. Die Ausführung dieses Befehles erfolgte ebenso schnell wie vollständig. Im nächsten Augenblicke lag der Offizier genau neben dem »Panther«, und keiner seiner Untergebenen wagte es, ihm etwa durch einen Befreiungsversuch in noch größere Gefahr zu bringen. Halef warnte sie:

»Setzt euch jetzt ruhig nieder, und wartet, bis wir gegessen haben! Wir sind nicht gewöhnt, uns beim Frühstück stören zu lassen. Und merkt euch das: Jede drohende Bewegung von eurer Seite kostet sowohl dem neubackenen Mir als auch dem soeben ausgekrochenen General
ganz unbedingt das Leben! Nach dem Essen werde ich mit ihnen reden und auch mit euch! Doch eher nicht!«

Sie sahen einander an. So etwas war ihnen noch nicht vorgekommen! Tausend Mann gegen fünf, und dennoch eine solche Furchtlosigkeit, zumal von einem so kleinen Kerl, das hatten sie nicht für möglich gehalten! Sie berieten leise. Aber den Beiden, die es betraf, war angst und bange vor den gewaltigen Gebissen, die sie so nahe vor ihren Augen halten. Der General befahl:

»Setzt euch, und wartet!«

Er wagte bei diesen vier Worten kaum, die Lippen zu bewegen. Und der ›Panther‹, der doch gewiß kein Feigling war, fügte kurz und ängstlich hinzu:

»Tut den Bestien nichts! Ich befehle es!«

Da knurrte Einer von ihnen:

»Die hätten wir gleich erst erschießen sollen, als wir kamen. Nun aber ist's zu spät!«

Sie suchten sich eine passende Stelle, um sich niederzusetzen und das Kommende abzuwarten. Ihre Truppe tat dasselbe. Da beruhigte sich der Mir und hörte auf meine Vorstellungen, daß er unbedingt auch mitessen müsse, um den Anstrengungen gerecht zu werden, die uns höchst wahrscheinlich nun erwarteten. Wir nahmen uns Zeit und aßen so behaglich, als ob wir uns daheim im Schlosse von Ard befänden. Dabei besprachen wir unsere gegenwärtige Lage, um uns über sie klar zu werden. Das taten wir natürlich mit gesenkten Stimmen, um nicht vom Panther und seinem ›General‹ gehört zu werden.

Es verstand sich ganz von selbst, daß wir hierhergelockt worden waren, um gefangengenommen und irgendwohin geschafft zu werden, wo wir unschädlich waren. Welcher Ort das aber war, das ahnten wir nicht, glaubten jedoch, daß es die ›Stadt der Toten‹ sein werde, die sich
weit besser als jede andere Stelle dazu eignete. Der Mir äußerte sich hierüber:

»Falls der ›Panther‹ dies beabsichtigt, können wir uns ohne alle Angst in dieses Schicksal ergeben. Ich kenne die ›Stadt der Toten‹. Nicht nur die offiziellen Verbannungshäuser und Gefängnisse, sondern ihre ganze, weit ausgedehnte Oertlichkeit. Ich habe sie und ihre Umgebung als Knabe in Gegenwart meiner Diener und Führer durchstöbert, denn sie ist der interessanteste Ort im ganzen Ardistan und steckt so voller Sagen, Märchen und ähnlichen Dingen, daß ich nicht eher ruhte, als bis mein Vater mir die Erlaubnis gab, sie unter sicherer Begleitung zu durchforschen. Ihr Beide kennt sie ja auch, wenigstens den Teil von ihr, den ich euch zum Aufenthalte angewiesen hatte!«

Diese letzten Worte waren an die Prinzen der Ussul gerichtet. Sie nickten bejahend, und er fuhr fort:

»Die Gefängnisse und Verbannungshäuser sind mit gewissen Geheimnissen gebaut, die es ganz unmöglich machen, einen Menschen, der sie kennt, dort festzuhalten. Es versteht sich ganz von selbst, daß es nur Einen gibt, der sie am besten kennt, und der bin natürlich ich, der Herrscher. Falls sie uns dorthin schaffen, ist es weiter nichts als ein Spaß für mich, zu entkommen, sobald ich nur will. Uns hier an dieser Stelle zu wehren, ist unmöglich. Wir würden gleich beim ersten Versuch von ihnen erdrückt. Auch die Gefangennahme des ›Panthers‹ und seines Mitverschworenen kann uns nicht retten. Der Augenblick, wo man die Hunde erschießt, würde unvermeidlich kommen, und dann sind die Beiden frei; wir können sie nicht halten.«

»So ist es also deine Meinung, daß wir uns ruhig
darein ergeben sollen, falls sie beabsichtigen, uns nach der ›Stadt der Toten‹ zu schaffen?« fragte ich.

»Ja,« antwortete er. »Ich hoffe doch, daß wir es erfahren werden!«

»Vielleicht auch nicht!«

»Laßt mir das über!« bat Halef. »Es widerspricht ja schon überhaupt eurer Würde, mit solchen Empörern und Banditen zu sprechen. Mir aber macht es ein Vergnügen, ihnen ihr Geheimnis zu entlocken, falls sie nicht so vernünftig find, es uns freiwillig mitzuteilen. Seid ihr einverstanden?«

Er hatte Recht. Und da er sich schon vorhin so gut benommen hatte, so wurde ihm vom Mir die Erlaubnis erteilt, das Wort für uns alle zu führen. Das versetzte ihn in jene wohlbekannte Stimmung, in der er uns so sehr zu gefallen pflegte, sich selbst aber am allermeisten. Er packte, als wir fertig waren, die übriggebliebenen Speisen zusammen, steckte sie in die hierfür bestimmte, neben uns liegende Satteltasche und wendete sich dann in seinem jovialsten Tone an den ›Panther‹:

»Jetzt haben wir gegessen und werden weiterreiten. Du fragtest vorhin, wohin? Du warst für meine Antwort noch nicht reif. Jetzt aber, nachdem du uns durch deine hoheitsvolle Situation bewiesen hast, daß du wirklich der neue Mir von Ardistan bist, sind wir dir Antwort schuldig. So höre denn: Wir reiten mit euch.«

»Mit uns?« fragte der ›Panther‹ erstaunt.

»Ja, mit euch!«

»Wieso? Wie meinst du das? Aber rufe deine Hunde von uns weg! Es ist, als ob sie schon beißen wollen, wenn man nur die Lippe bewegt!«

»O nein! Die Lippe darfst du schon bewegen, doch weiter nichts; das merke dir! Ich bitte dich also, dir
diese lieben, treuen Tiere noch ein Weilchen gefallen zu lassen! Dabei wiederhole ich dir, daß wir extra zu dem Zwecke hierhergekommen sind, mit euch noch ein Stückchen weiterzureiten.«

»Wohin?«

»Wohin es euch gefällt! Wir haben gerade Zeit! Da du der neue Mir von Ardistan bist, so kann der alte Mir auf Ferien gehen, um sich von der Arbeit des Regierens einmal recht gründlich zu erholen. Und welcher Führung sollte er sich da lieber anvertrauen als derjenigen seines Nachfolgers, von dem alle Welt weiß, daß er sein treuester Freund und dankbarster Schüler ist. Also bitte, bestimme du, wohin wir reiten!«

Der ›Panther‹ schabte sich die Lippe mit den Zähnen. Der Spott traf und empörte ihn. Er wußte ebensogut wie wir, daß wir uns zu fügen hatten, obgleich wir zunächst die Oberhand zu haben schienen. Es wurmte ihn gewaltig, daß wir uns nicht von diesem Bewußtsein niederschmettern ließen, sondern es mit Ironie zu behandeln wagten. Schon in rein äußerlicher Beziehung war ihm der Ueberfall nicht so geglückt, wie er gedacht hatte. Er war überzeugt gewesen, daß uns gleich der erste Augenblick in seine Hände liefern werde; statt dessen war er selbst in die unseren gefallen und mußte an Stelle der erwarteten Siegesfreude nun lachende Verachtung zu der Enttäuschung nehmen. Und hierbei war das Allerschlimmste, daß er aus Angst vor den Hunden nicht aufbegehren durfte, sondern seinen Grimm hinunterschlucken mußte. Man hörte es seiner Stimme an, aus welcher Hassestiefe sie heraufstieg, als er in unterdrücktem Tone antwortete:

»Ja, ich werde euch allerdings dorthin führen, wohin es mir gefällt und wohin euch der Dschirbani vorangegangen ist!«

Diese Mitteilung war unendlich wichtig für uns. Dennoch besaß Halef die Selbstbeherrschung, mit Gleichgültigkeit zu sagen:

»Der Dschirbani? Erfinde nichts so Blödes! Er hat im kleinsten Gliede seines kleinen Fingers mehr Verstand als du in deinem ganzen hohlen, leeren Körper!«

»So höre!« pfauchte der ›Panther‹ zornig. »Er hat sich sogar noch eher und noch leichter übertölpeln lassen als ihr! Er steckt schon seit einigen Tagen in der ›Stadt der Toten‹! Und zwar nicht allein, sondern auch der liebe, andere Sohn meines Vaters.«

»Der ältere Prinz der Tschoban?«

»Ja!«

»Dein eigener Bruder?«

»Ja!«

Dieses zweite Ja klang fast triumphierend.

»Den hast du auch betrogen und nach der ›Stadt der Toten‹ gelockt?«

»Den ganz besonders! Den räudigen Hund, der mir meine vorher so treuen Tschoban abwendig machte! Ihr werdet sie Beide sehen; ihr sollt sie sehen; ihr müßt sie sehen! Ihr müßt mit hin zu ihnen, und wenn – – –«

»Müssen?« unterbrach ihn Halef lachend. »Wir müssen? Nein, wir wollen! Wir werden dich sogar zwingen, uns hin zu ihnen zu führen! Wir stellen dir jetzt unsere Bedingungen. Gehst du auf sie ein, so soll dir nichts geschehen; weigerst du dich aber, so zerreißen unsere Hunde nicht nur dich, sondern auch deinen siegreichen ›General‹!«

»Bedingungen? Ihr? Mir? Welche denn?« forschte der Tschoban.

»Ihr Beide bleibt unsere Gefangenen. Sobald wir die ›Stadt der Toten‹ erreichen, geben wir euch frei.«

»Weiter!«

»Wann brecht ihr von hier auf?«

»Augenblicklich. Wir wollten euch nur holen und dann sofort weiterreiten.«

»Schön! Also höre! Das Regiment reitet voran, vollständig, ohne Rest. Wir wollen Niemand hinter uns haben, der plötzlich auf uns schießt. Wir folgen dann in einem kleinen Abstande. Du wirst an den Händen gebunden, und dein edler ›General‹ wird an den Händen gebunden. Du reitest zwischen mir und meinem Effendi, dahinter zwei Hunde. Der ›General‹ reitet zwischen den beiden Prinzen der Ussul, dahinter wieder zwei Hunde. Diese Hunde sind nicht nur auf den Fußgänger, sondern auch auf den Reiter dressiert. Sie springen auf das Pferd und töten ihn im Sattel. Denkt also ja nicht, daß es euch gelingen könnte, uns zu entkommen!«

»Ihr uns aber auch nicht! Sobald man beim Regimente sehen würde, daß ihr entfliehen wollt, kehrte man schnell um und ritte euch einfach nieder!«

»Wenn ihr das könnt, so sei es euch gern erlaubt! Deine Drohung klingt wie Bereitwilligkeit, auf unsere Bedingung einzugehen?«

»Noch lange nicht! Wir zählen über tausend. Es wäre Verrücktheit, uns euch gefangen zu geben!«

»Ihr habt gar nicht nötig, dies zu tun, denn ihr seid ja schon gefangen! Uebrigens kennst du uns. Du weißt ganz genau, daß wir nicht scherzen und daß wir unbedingt unsere Drohung ausführen, wenn du nicht tust, was wir wollen.«

»Welche Drohung?«

»Höre sie: Wir geben dir nur zehn Minuten Zeit,
dich zu entscheiden. Weisest du unsern Vorschlag ab, so nehmen wir euch in unsere Mitte und verlassen diesen Ort. Vorher haben sich deine Reiter über Schußweite zurückzuziehen. Sobald auch nur ein einziger von ihnen diese Entfernung verringert, schießen wir euch mit euern eigenen Pistolen nieder! Ueberlege schnell!«

»Und wenn wir dein Begehren erfüllen, so reitet ihr ohne alle Weigerung mit nach der ›Stadt der Toten‹? Ist das wahr?«

»Ja.«

»Und gebt uns dort frei?«

»Ja.«

»Sofort?«

»Sofort! Ohne jede Weigerung oder Hinterlist!«

»Geht es nicht, ohne daß wir gebunden sind und zwischen euch reiten müssen?«

»Nein, absolut nicht.«

»Wir versprechen euch aber – – –«

»Schweig!« unterbrach ihn der Hadschi. »Ich mag kein Versprechen von euch hören. Ihr seid Aufrührer, Verräter, Betrüger und Lügner. Kein Mensch glaubt euch! Sagt ja oder nein; macht schnell!«

Sie sprachen eine kurze Weile leise miteinander, Dann hörten wir den ›General‹ ein wenig lauter sagen:

»Solche waghalsige, vermessene, vor Kühnheit tolle Menschen habe ich noch nie gesehen!«

Und hierauf teilte der ›Panther‹ uns seine Entscheidung mit:

»Wir gehen auf euern Vorschlag ein, wenn ihr versprecht, zu halten, was du versprochen hast.«

»Ich verspreche es im Namen aller.«

»Daß ihr keinen Fluchtversuch macht?«

»Ja.«

»Uns nach unserer Ankunft sofort freigebt?«

»Ja.«

»Aber unsere Gefangenen bleibt und ohne Weigern nach dem Gefängnisse reitet, welches wir für euch bestimmen?«

»Ja,« antwortete Halef auch jetzt, nachdem er den Mir heimlich angeschaut und dieser ebenso heimlich genickt hatte.

»Ich verlange von Jedem von euch den Schwur, dieses Versprechen zu halten!«

»Von Jedem? Einen Schwur?« fuhr da Halef zornig auf. »Was fällt dir ein! Sag noch so ein Wort, und Alles ist aus! Du wärest der Kerl, uns Schwüre abzuverlangen! Tausend Schwüre von dir sind soviel wie Millionen Lügen; ein einziges Wort von uns aber gilt soviel wie hundert Schwüre. Ich gab mein Wort für Alle; das hat dir zu genügen, und wenn es dir nicht paßt, so führen wir euch jetzt fort! Die zehn Minuten sind vorüber! Wir verlassen jetzt die Ruine und reiten mit euch nach Ard zurück. Wollen doch sehen, ob eure tapfere Kavallerie uns zwingen wird, euch zu erschießen!«

Er stand auf und trat zu den Beiden, um ihnen ihre Waffen abzunehmen, Da fiel der ›Panther‹ schnell ein:

»Halt, warte doch! Ich begnüge mich mit deinem Worte!«

Der Hadschi nahm ihnen trotzdem unter aufmerksamer Assistenz der Hunde ihre Pistolen, Messer und Säbel ab, brachte sie zu uns her und sprach dann die Aufforderung aus:

»Ruft eure Offiziere herbei, aber ja nicht näher, als nur in Hörweite! Teilt ihnen mit, was beschlossen worden ist, und gebt ihnen den Befehl, es auf das Genaueste
auszuführen! Doch rührt euch dabei ja nicht von der Stelle! Die Hunde dulden das nicht, und eure Pistolen, die wir jetzt haben, sind, wie ich sah, geladen!«

Sie gehorchten. Ihre Offiziere durften auf fünfzehn Schritte herankommen, doch weiter nicht, und bekamen ganz genau gesagt, wie sie sich von jetzt an bis zur, ›Stadt der Toten‹ zu verhalten hatten. Sie waren außerordentlich enttäuscht. Einige murrten sogar so laut, daß man es hörte; aber die Rücksicht auf unsere beiden Gefangenen zwang sie doch, Gehorsam zu leisten. Sie entfernten sich, und die Leute der Schwadron folgten ihnen, sodaß wir nun mit unseren beiden Gefangenen allein im Inneren der Ruine waren. Nur Zwei von der Mannschaft kehrten zurück, um deren Pferde zu bringen, gingen aber sogleich wieder fort. Hierauf machten wir uns reisefertig, tränkten und sattelten die Pferde, fesselten dem ›Panther‹ und seinem ›General‹ die Hände, ließen sie ihre Pferde besteigen, banden die Zügel derselben mit den Zügeln der unserigen zusammen und schickten dann Halef, den Wackeren, hinaus, um nachzuschauen, wie es draußen stehe. Er meldete, daß unsere Forderungen genau erfüllt worden seien. Das Regiment hatte sich ein Stück von der Ruine entfernt und wartete dort, um weiter zu reiten, sobald wir erscheinen würden. Als wir hinauskamen, setzte es sich, wie vorgeschrieben, sofort in Bewegung. Wir folgten ihnen genau so langsam oder so schnell, wie sie voranritten.

Um unsere Stimmung zu bezeichnen, darf ich sagen, daß wir uns als siegreiche Besiegte fühlten. Am muntersten war Halef. Er fragte, wie er seine Sache gemacht habe, und kassierte hierauf das allerdings sehr wohlverdiente Lob mit stolzem, selbstbewußtem Lächeln ein. Es war freilich nicht zu leugnen, daß Keiner von uns es hätte
besser machen können als er. Von unseren Gefangenen ist nur zu berichten, daß sie sich hüteten, uns anzusehen oder gar mit uns zu sprechen. Der ›Panther‹ wollte seine verhaltene Wut an seinem Pferde auslassen. Er stieß ihm die Sporen in die Weichen, daß es vor Schmerz stöhnte. Da aber drohte ihm Halef:

»Wozu diese Grausamkeit? Mach das nicht wieder, sonst gewöhne ich es dir ab!«

Da hielt es der Tschoban doch für gut, sein Schweigen zu unterbrechen. Er fragte zornig:

»Was geht es dich an? Wem gehört das Pferd?«

»Ob mir oder dir, ist gleich! Ich dulde nicht, daß du zur Bestie wirst, die tiefer steht als dieses arme Tier!«

»Du duldest es nicht?« klang es hönisch zurück. »Wie willst du es anfangen, Kleiner?«

Bekanntlich konnte nichts den Hadschi so sehr in Zorn bringen, als wenn man von seiner Kleinheit sprach. Er flammte auch jetzt sofort und drohend auf:

»Wage den Versuch, so wirst du es gleich sehen!«

»Wirklich? Gleich? Laß also sehen!«

Er stieß seinem Pferde die Sporen in das Fleisch, daß es mit allen Vieren in die Luft ging. Wir ritten zu seiner rechten und linken Hand. Ich drängte Syrr schnell zur Seite, damit er nicht von den Hufen des mißhandelten Pferdes getroffen werde. Halef aber wich nicht zurück; er zog schnell sein Messer und stach dem ›Panther‹ die Spitze desselben zwei-, dreimal über zolltief in den Oberschenkel.

»Du wagst, zu stechen, Hund!« brüllter dieser auf.

»Das war für das Pferd!« antwortete Halef. »Und das ist für den Hund!«

Er richtete sich in den Bügeln auf, holte aus und schlug dem Tierquäler eine so kräftige, laut schallende
Ohrfeige in das Gesicht, daß der Getroffene ihn zunächst ganz fassungslos anstarrte, dann aber trotz seiner zusammengebunden Hände sich zu ihm hinüberschnellen wollte, um sich zu rächen. Da aber faßte ich ihn am Arme, hielt ihn fest und sagte:

»Halt! Genug! Wenn deine Sporen das Pferd nur noch einmal berühren, dann menge ich mich drein! Wer nicht als Mensch, sondern als Vieh handelt, der wird als Vieh bestraft!«

Er blitzte mich mit tückischen Augen an und wollte Etwas erwidern; das schnitt ich ihm aber durch den Befehl ab:

»Fertig! Kein Wort mehr!«

Er gehorchte; aber der Gedanke, schweigen zu müssen, arbeitete derart an ihm herum, daß eine Explosion vorauszusehen war. Sein Blick hing in Einem fort an dem Schenkel, der an drei Stellen blutete. Er gab sich die größte Mühe, seinen Grimm zu beherrschen, aber vergeblich; er platzte nach einiger Zeit doch los:

»Ja, ich will still sein, still! Aber nur heut! Wartet nur bis morgen! Da werdet ihr vor Angst und Entsetzen brüllen, schreien und quacken wie die Frösche, ehe sie im Schnabel des Pelikan verschwinden!«

Wir antworteten nicht. Da dachte er, wir hätten das von ihm angewendete Bild nicht verstanden. Darum fragte er:

»Habt ihr es gehört? Der Pelikan bin ich! Die Frösche aber seid ihr, ihr, ihr!«

Halef lachte lustig auf:

»Sihdi, heißt Pelikan nicht Kropfgans?« erkundigte er sich.

»Ja,« antwortete ich.

»Also Kropfgänserich! Der Prinz der Tschoban ist Kropfgänserich! Er selbst behauptet es! Das genügt!«

Ich will keineswegs sagen, daß diese Ironie des kleinen Hadschi geistreich gewesen sei, o nein; aber sie war dem Bildungsstande des ›Panthers‹ vollständig angepaßt, und Halef brachte sie in seiner ihm eigenen Weise derart vor, daß sie ihren Zweck nicht verfehlte. Der Verspottete war zum Schweigen gebracht. Er sah ein, daß es gefährlich sei, mit dem Hadschi anzubinden, ganz gleich, ob in dieser oder in einer andern Weise.

Sein Mitverschworener, der ›General‹, verhielt sich sehr ruhig und gefügig. Er belästigte die beiden Ussul, zwischen denen er ritt, nicht im Geringsten. Ebenso still war auch der Mir, der es vorzog, hinter uns der Allerletzte zu sein. Er gestand mir später, daß es ihm genau so vorgekommen sei, als ob er das, was geschah, nicht erlebe, sondern nur träume. Und ich gebe ja zu, daß die Situationen und Geschehnisse, in deren Mitte wir uns befanden, keine gewöhnlichen waren und den Irrtum zu träumen, sehr wohl vortäuschen konnten. Das Ungewöhnliche lag nicht darin, daß ein orientalischer Despot sich plötzlich und wie mit einem Schlage aller seiner Macht beraubt sah, denn das ist schon oft geschehen und wird sich wohl auch noch oft wiederholen, sondern die Nebenumstände, die sich an dieses Ereignis setzten wie die Nebensprossen eines treibenden Astes, sie waren es, welche den Eindruck des Seltsamen, des Phantastischen, des Wunderlichen und Verblüffenden hervorriefen. Das Unglaublichste war jedenfalls das Verhalten der beiden Hauptpersonen zueinander. Wenn an tausend Schriftsteller die Aufforderung ergangen wäre, die Verschwörung des ›Panther‹ gegen den Mir von Ardistan in Romankapitel zu fassen, so hätte wohl kein Einziger von ihnen verfehlt,
dieses erste, feindliche Zusammentreffen der beiden außerordentlich explosiven Charaktere so erregt und laut wie möglich vor sich gehen zu lassen. Und nun so ganz im Gegenteil hier diese eisige, vollständig sprachlose Stille! Es hatte Keiner von ihnen auch nur ein einziges Wort an den Anderen gerichtet! Gerade die Hauptsache wurde so vollständig in Schweigen gehüllt, als ob sie gar nicht existiere! Wie sonderbar, daß die beiden Parteien sich gegenseitig in die Hände gefallen waren! Wir waren die Gefangenen des ›Panther‹ und seines ›Generals‹ und sie doch ebenso auch die unserigen! Wie würde sich das lösen?

Diese letztere Frage war es, die den Mir ganz besonders beschäftigte, obgleich er die Ueberzeugung hegte, daß ihre Beantwortung nicht etwa schwer, sondern sogar sehr leicht sein werde. Er glaubte wirklich, daß wir nach unserer Ankunft in der ›Stadt der Toten‹ um so eher wieder frei sein würden, je williger wir uns in die Gefangenschaft fügten. Also nicht unsere Befreiung machte ihm Sorge, sondern seine Bangigkeit hatte einen ganz anderen Grund, und dieser Grund hieß – Wasser!

Während wir unterwegs waren, schwieg er hierüber, weil die Gefangenen nichts hören sollten. Aber als wir dann kurz nach Mittag lagerten, um die Pferde ausruhen zu lassen, sonderte er sich mit mir und Halef von ihnen ab, um uns das, was ihn bedenklich machte, mitzuteilen.

Ich muß vorher sagen, daß wir uns jetzt nicht mehr auf bebautem Boden bewegten. Es gab nur hier und da noch ein einsames, dürftiges Feld. Auch grasige Flächen wurden immer seltener. Wir hatten die Steppe erreicht, und grad der Teil von ihr, den wir durchqueren mußten, schien der unfruchtbarste von allen anderen zu
sein. Nämlich von Ard bis an die Ruine war unser Weg genau von Nord nach Süd gegangen; jetzt aber führte er ebenso genau von Ost nach West. Unser Ziel, die ›Stadt der Toten‹, lag im Westen am ausgetrockneten Strome, dessen Wasser, wie die bekannte Sage erzählte, bergauf nach seinem Ursprung zurückgegangen war. Dort gab es jetzt nur noch Wüste, vollständig sterile Wüste, in der die längst ausgestorbenen, doch nicht zerfallenen Häuser der einstigen Hauptstadt lagen. In diese Wüste ging die Steppe über, in der wir uns jetzt befanden. Sie entblößte sich, je weiter wir kamen, immer mehr und mehr von Gras und Futterpflanzen und brachte schließlich nur noch jene kleinen, niedrigen und dürren Kräuter hervor, welche reich an ätherischen Oelen sind und darum nicht von den Pferden gefressen werden. Dieser Umstand brauchte uns allerdings, was nur uns betrifft, keine Sorge zu machen, denn wir hatten uns wohl vorgesehen. Wir hatten nicht nur Proviant für uns selbst mit, sondern auch einige Futterrationen für die Pferde. Und wer da weiß, daß sogar unsere Hunde, wenn wir unterwegs waren, in ihren aufgeschnallten Sattelschläuchen Wasser bei sich zu tragen pflegten, der wird es für ganz selbstverständlich halten, daß wir diese Schläuche heut früh in der Ruine von Neuem gefüllt hatten und also mit Wasser wohl versehen waren. Also nicht um uns handelte es sich, wohl aber um die über tausend Menschen und über tausend Pferde, bei denen wir uns befanden. Woher sollte in dieser Gegend das nötige Wasser für sie alle kommen?

Diese Frage trat auch an mich um so näher heran, je weiter wir auf unserem Wege kamen. Als wir sahen, daß das vor uns reitende Regiment anhielt, um eine Ruhepause zu machen, und wir also auch anhalten mußten,
gab es rundum keine Quelle, keinen Tümpel, keinen einzigen Tropfen Wasser. Mensch und Tier mußte also dürsten. Wir aber öffneten unsere Schläuche, nicht nur für uns, sondern auch für die Gefangenen. Die Hunde durften trinken, und sogar auch die Pferde bekamen so viel, daß es ausreichte, sie wenigstens zu erfrischen. Da bekamen ich und Halef einen Wink vom Mir, zu ihm zu kommen. Er hatte sich abseits gesetzt, von den Gefangenen entfernt, um nicht gezwungen zu sein, sich überhaupt mit ihnen zu befassen. Als wir uns bei ihm niedergelassen hatten, war meine erste Frage an ihn nach Wasser für unterwegs. Er antwortete:

»Das ist es, was ich mit dir zu besprechen habe. Nicht jetzt ist diese deine Frage für uns dringlich, sondern erst dann, wenn wir frei sind und uns auf den Heimweg machen wollen.«

»So gibt es in der ›Stadt der Toten‹ wohl gar kein Wasser?« erkundigte ich mich.

»Keinen einzigen Tropfen!« erwiderte er.

»Aber das, was ich von dir und Andern hörte, läßt vermuten, daß Leute dort wohnen, Verbannte, Gefangene und also wohl auch Beamte, welche Aufseherdienst verrichten. Alle diese Leute müssen doch Wasser haben!«

»Das ist richtig. Sie bekommen es auch, aber nicht von dort, sondern von weit her, wo es einen kleinen Brunnen gibt, der mehrere hundert Fuß tief ist und dessen Wasser man mühsam heraufleiert, um es in eine große, extra hierfür angelegte Zisterne laufen zu lassen. Aus dieser wird es in Schläuche geschöpft und per Kamel nach der ›Stadt der Toten‹ transportiert.«

»Wie weit ist diese von dem Brunnen entfernt?«

»Die Kamele brauchen zwei volle Tage, um hinzukommen.«

»Hin und zurück also vier Tage?«

»Ja.«

Er sah mich dabei ganz eigenartig an, ich ihn aber auch, denn es drängte sich mir da eine Gedanke auf, der mir diesen Wassermangel in einem nicht nur häßlichen, sondern geradezu gräßlichen Licht erscheinen ließ. Man brauchte ja nur, um mißliebige Verbannte oder Gefangene verschwinden zu lassen, für einige Tage kein Wasser nach der ›Stadt der Toten‹ zu schicken. Der Mensch verdurstet weit schneller, als er verhungert. Ich aber war still hierüber und fragte weiter:

»So hätten wir uns an diesem Brunnen mit Wasser auf wenigstens vier Tage zu versehen, um auf dem Rückwege zu ihm nicht unterwegs zu verdursten?«

»So ist es!«

»Das ist schwer, sehr schwer! Wer soll das Wasser tragen, welches wir für so lange brauchen? Und selbst wenn diese Frage wegfiele, der ›Panther‹ würde es doch vereiteln, daß wir dem Verdursten entgehen.«

»Du glaubst, er will unseren Tod?«

»Ich glaube es nicht nur, sondern ich bin überzeugt davon! Er führt uns dem offenbaren Tode entgegen.«

»Oder ich ihn! Warten wir es ab! So weit ist mein Vertrauen zu ihm denn doch nicht gegangen, daß ich ihm die Geheimnisse der ›Stadt der Toten‹ verraten habe! Er kennt sie nicht und wird an ihnen zugrunde gehen! Was will er jetzt? Warum winkt er nach vorn?«

Der ›Panther‹ war nämlich aufgestanden, daß man ihn beim Regimente sehen möge, und gab mit dem Arm das Zeichen, daß Jemand kommen solle. Wir erfuhren, daß er nach dem Hekim11 des Regiments verlange, um
sich die Löcher, die Halef ihm gestochen hatte, verbinden zu lassen. Der Mir hatte nichts dagegen, daß dieses geschah. Nachdem man ihm seinen Wunsch erfüllt hatte, war die Ruhezeit vorüber, und der Ritt wurde fortgesetzt, ganz selbstverständlich in derselben Weise wie vorher. Dabei geschah nichts, was ich als erwähnenswert bezeichnen könnte, und da ich auch von der Gegend, durch welche wir kamen, nur das Eine zu sagen habe, daß sie immer öder und trauriger wurde, so will ich kurz sein und nur erwähnen, daß man es darauf abgesehen hatte, den Brunnen, von dem zwischen uns die Rede gewesen war, noch heute zu erreichen. Der Ritt, den das erforderte, war aber ein so langer und so angestrengter, daß wir unterwegs noch einige Male rasten mußten und erst nach Mitternacht am Ziele anlangten. Von der örtlichen Beschaffenheit des Letzteren konnten wir nichts sehen, denn wir standen jetzt am Ausgange des Neumondes, und es war also dunkel.

Die Pferde der Kavalleristen waren so müde, daß sie es wohl keine Stunde länger ausgehalten hätten; die unserigen aber hatten die Anstrengung vortrefflich überstanden. Der Befehl zum Lagern wurde gegeben. Man bildete einen festgeschlossenen Kreis um uns, der so eng war, daß wir uns das verbitten mußten. Der Gedanke lag nahe, daß man sich während der Nacht ganz plötzlich auf uns werfen wolle, um unsere Gefangenen zu befreien. Wir drohten ihnen, sofort weiterzureiten und sie augenblicklich zu erstechen, falls man versuche, uns daran zu verhindern. Das half. Die Soldaten zogen sich so weit von uns zurück, daß wir uns vor jeder Ueberrumpelung sicher fühlen konnten. Trotzdem fiel es uns aber nicht etwa ein, die gebotene Vorsicht außer Acht zu lassen. Wir schliefen nicht alle zu gleicher Zeit, sondern abwechselnd,
so daß immer Einer von uns, der die Anderen wecken konnte, wach und munter war.

Als der Tag zu grauen begann, sahen wir, daß wir uns am Fuße eines langgestreckten Hügelzuges befanden, der aus reinem, sehr hartem Felsen bestand. Dieser Felsen, welcher sich jedenfalls tief unter die Erde verlor, war die Ursache, daß sich hier trotz der allgemeinen Trockenheit eine Quelle hatte bilden können, wenn auch nur in so beträchtlicher Tiefe. Er strich von Ost nach West und hielt also alle Feuchtigkeit fest, die nur von Norden, wo die Berge lagen, heraufsickern konnte. Diesen Höhenzug abgerechnet, war die Gegend, so weit das Auge reichte, eine einzige ununterbrochene Ebene, in der es nicht die geringste Erhöhung oder Vertiefung, nicht die kleinste Bodenwelle gab. Sand, Sand, wohin man schaute; nur Sand, weiter nichts als Sand! Und zwar jene Art des Sandes, welcher sich wie feingemahlener Kieselstein anfühlt und von den arabischen Bewohnern der Wüste als Er Raml el hijavahn12 bezeichnet wird.

Die von gestern her noch sehr ermüdeten Truppen schliefen, als wir einander weckten, noch immer. Hiervon ausgenommen waren die Wachen und eine Abteilung von ungefähr zwanzig Mann, welche am Brunnen und an der Zisterne beschäftigt waren. Sie leierten ununterbrochen Wasser aus der Tiefe und füllten es auf Schläuche, die zu mehreren Hunderten da aufgestapelt lagen. Unweit davon waren getrocknete Früchte, verschiedene Arten von Dauergebäck und andere Nahrungsmittel aufgestapelt. Es gab sogar auch frisches Fleisch von Tieren, welche jedenfalls erst gestern geschlachtet worden waren. Unsere Gefangennahme war also nicht plötzlich improvisiert,
sondern von langer Hand her vorbereitet worden. Gewisse Spuren verrieten uns, daß sämtliche Pferde während der Nacht getränkt worden waren, nur unsere nicht. Für diese hatte unser eigenes Wasser gereicht. Nun dieses aber alle war, beschlossen wir, sie sogleich so ausgiebig wie möglich trinken zu lassen und auch die Schläuche wieder zu füllen. Jetzt ließ sich das mit Bequemlichkeit tun, und das Wasser floß noch klar und rein, während anzunehmen war, daß man es später, wenn sich alle die vielen Menschen herbeidrängten, sehr schnell verunreinigen werde.

Natürlich aber konnte es uns nicht einfallen, nach dem Brunnen zu gehen und den ›Panther‹ und seinen ›General‹ hier, wo wir uns befanden, liegen zu lassen. Da wären sie ja sofort frei gewesen, und doch beruhte der einzige Vorteil, den wir besaßen, nur in dem Umstande, daß sie sich in unserer Gewalt befanden. Sie mußten also mit. Aber sie weigerten sich, aufzustehen.

»Was sollen wir? Wohin wollt ihr?« fragte der Prinz der Tschoban. »Wollt ihr uns etwa ausreißen? Glaubt ja nicht, daß euch das gelingt!«

»Ausreißen? Wir?« lachte Halef. »Vor wem denn? Etwa vor dir? Welch ein Blödsinn! Wenn Jemand in den Verdacht kommen kann, ausreißen zu wollen, so seid nur ihr beide es. Denn außer euch gibt es hier keinen einzigen Menschen, der als Gefangener zu betrachten ist! Wir wollen uns waschen; wir wollen unsere und eure Pferde tränken, und wir wollen unsere leer gewordenen Schläuche wieder füllen.«

»Das ist unnütz!«

»Wieso?«

»Es wird Wasser für euch mitgenommen.«

»Von wem?«

»Von denen, die mich und euch begleiten.«

»Also vom ganzen Regiment?«

»Nein. Es reiten nur fünfzig Mann mit. Für mehr würde das Wasser nicht reichen.«

»Schön! Sie sind also diese Fünzig, und wir sind das Mehr, für die es später nicht mehr reicht. Wir werden uns also jetzt versorgen müssen. Steht auf, und kommt, sonst helfen wir nach!«

Er zog den ›General‹ beim Kragen in die Höhe; da stand der ›Panther‹ von selbst auf. Er hielt es doch unter seiner Würde, sich ebenso zwingen zu lassen.

»Schau, wie du kannst, wenn du willst!« lobte ihn der kleine Hadschi. »Je länger du bei uns bist, desto brauchbarer wirst du werden! Für welche Zeit ist denn unser Aufbruch nach der ›Stadt der Toten‹ beschlossen?«

»Wenn die Fünfzig bereit sind, dann sofort! Du scheinst dich hin zu sehnen?«

Das sollte eine Ironie sein. Halef tat, als ob er sie nicht gehört habe, und antwortete:

»So müssen wir uns sputen, damit diese berühmten, hohen Herren ja nicht etwa auf uns zu warten haben. Also vorwärts, vorwärts mit dem neuen Mir von Ardistan!«

Er schob die Beiden vor sich her, und wir folgten ihnen, indem wir ihre Pferde mit den unseren am Zügel führten. Niemand hinderte uns. Keiner trat uns entgegen. Die meisten schliefen noch, und alle die, welche wach waren, wußten, daß sie aus Rücksicht auf ihre Anführer sich aller Feindseligkeiten gegen uns zu enthalten hatten. Am Brunnen angekommen, mußten sie sich wieder niedersetzen und zusehen. Halef tränkte mit den beiden Ussul die Pferde. Der Mir stand still und stumm dabei,
mit finsterem Blick das, was geschah, beobachtend. Er hatte die geladenen Pistolen seiner beiden Gegner im Gürtel stecken und seine eigenen dazu. Ich war überzeugt, daß er sie augenblicklich niederschießen werde, falls sie einen Versuch der Flucht oder der Gegenwehr wagten. Das gab mir die Möglichkeit, mich freier zu bewegen. Ich hatte nicht nötig, auf die Gefangenen aufzupassen, und ging zum Proviant, um ohne alles vorherige Fragen für uns auszuwählen, was ich für nötig hielt. Als der ›Panther‹ das sah, öffnete er schon den Mund, um es mir zu verbieten; da aber fuhr ihn der kleine Hadschi gebieterisch an:

»Schweig! Behalte drin, was du im Maule hast! Denn etwas Gutes ist es keinesfalls!«

Da war er still. Ich aber füllte alle unsere Fouragetaschen, bis nichts mehr hineinging, und sorgte dann in gleicher Weise auch für die Futtersäcke unserer Pferde. Wenn ich dabei zu dem ›Pather‹ und zu seinem ›General‹ hinüberschaute, sah ich in ihren Gesichtern einen höhnischen Zug, der mir deutlich sagte: »Mach, was du willst; versorge dich mit Vorräten, so viel du immer willst; es ist doch unnötig; Ihr seid trotzdem verloren, verloren auf alle Fälle!«

Als ich hiermit fertig war, ging ich in das Zisternenhaus. Ich hatte keinen besonderen Grund hierzu. Ich tat es nur, um mir sagen zu können, daß ich nichts versäumt habe, mich so genau wie möglich zu orientieren. Sein Inneres bestand aus den vier nackten, kahlen Wänden. Es war leer. Aber ein Mann befand sich da, ein einziger Mann, der an der Erde saß und mich hatte kommen sehen. Er war nicht Soldat. Als ich mich dem Hause näherte und dann zu ihm hintrat, verschlang er mich förmlich mit seinen weitaufgerissenen, ängstlich blickenden Augen. Indem er aufsprang, fragte er mich in dem
hastigen, halblauten Tone eines Menschen, der Etwas sagen will, was er aber doch nicht sagen darf:

»Wer bist du, Herr? Sag schnell, wer du bist?«

»Ich bin ein Fremder,« antwortete ich.

»Ein Fremder nur? Du bist nicht aus Ard?«

»Ich komme von dort, bin aber nicht dort geboren.«

»Bist du allein?«

»Nein!«

»Wer ist bei dir?«

»Wir sind fünf Personen. Die vier Anderen sind Freunde von mir.«

»Ist ein hoher, sehr hoher Herr bei ihnen?« erkundigte er sich, indem er ganz nahe an mich herantrat und die Worte fast übereinander stürzte.

»Ja.«

»Wer? Sag schnell, schnell, schnell!«

Ich zögerte, da fuhr er fort:

»Du kannst, du darfst es sagen! Du sollst es sagen! Ist es etwa der Mir? Der Mir von Ardistan?«

»Ja,« nickte ich.

»Gefangen?«

»Noch nicht ganz, aber doch beinahe.«

»Ist er es, der nach der ›Stadt der Toten‹ gebracht werden soll?«

»Ja.«

»Und du mit?«

»Ja. Wir alle Fünf. Wer bist du?«

»Ich bin der Brunnen- und Zisternenwächter. Der Mir ist mein Herrscher. Ich habe ihm treu gedient und bin ihm auch jetzt noch treu. Aber ich habe schwören müssen, nichts zu verraten. Der Mir soll sterben!«

»Ich vermute es!«

»Er soll verhungern und verdursten! Und nicht nur
er allein, sondern auch alle die, welche bei ihm sind. Könnt ihr denn nicht fliehen?«

»Es wäre wohl möglich; aber wir wollen nicht.«

»Ihr wollt nicht? Das ist mir unfaßbar! Ihr wollt nicht! Wo doch der sichere Tod grad vor euch liegt!«

»Geziemt es dem Mir, vor diesen empörerischen Halunken und Verrätern auszureißen? Außerdem haben wir auch noch andere Gründe, uns nach der ›Stadt der Toten‹ führen zu lassen.«

»So muß ich schweigen. Ich kann euch nicht retten, so gerne ich auch wollte. Aber ich habe dich gewarnt! Hast du eine Ahnung von dem, was euch dort erwartet?«

»Ich ahne Verschiedenes. Aber sei es, was es sei, wir fürchten uns nicht!«

Er sah mir prüfend in das Gesicht, schüttelte den Kopf und sagte:

»Du scheinst sehr getrost zu sein, und ich errate, woher das wahrscheinlich kommt. Der Mir glaubt in die Geheimnisse der ›Stadt der Toten‹ eingeweiht zu sein; aber er ist es nicht. Er kennt nur einige, aber nicht alle. Diese Geheimnisse sind Eigentum der Geistlichkeit, und zwar auch nur der allerhöchsten Personen unter ihr. Der Regierung wurde stets nur so viel von ihnen mitgeteilt, wie im Interesse dieser geistlichen Herrscher lag.«

»Welche Geistlichkeit meinst du?«

»Die mohammedanische und die lamaistische.«

»Nicht die christliche?«

»O nein, diese nicht! Sie ist ehrlich. Es gibt keine Verbrecher unter ihr. Sie hält sich stets von solchen entsetzlichen Dingen fern. Auch machte man niemals einen Versuch, sie einzuweihen. Sie wurde nicht geachtet. Sie war ja unterdrückt!«

»Du verteidigst sie so dringlich. Bist du etwa ein Christ?«

Er wurde verlegen.

»Du kannst es mir offen sagen,« fuhr ich fort. »Ich bin nämlich auch einer.«

»Du auch? Wie schade, jammerschade!«

»Warum schade?«

»Ich meine, jammerschade um dich! Nun tut es mir doppelt und zehnfach leid um dich! Ihr seid dem Tode geweiht. Glaube ja nicht, daß ihr entkommen könnt! Vollständig bekannt sind die Irrkammern und Irrwege der Totenstadt nur ganz Wenigen. Der beste Kenner war der Maha-Lama von Dschunubistan, der jetzt Gefangener der Ussul zu sein scheint. Nach ihm sind wohl am besten eingeweiht der Maha-Lama von Ardistan und der Basch-Islami. Der Letztere war erst vor Kurzem hier, begleitet von einer kleinen Schar von Eingeweihten. Sie ritten nach der ›Stadt der Toten‹ und blieben mehrere Tag dort. Wenn das geschieht, so handelt es sich stets um die Vorbereitung für wichtige Gäste, die für immer verschwinden sollen. Jetzt stellt es sich nun heraus, daß ihr es seid, um die es sich dabei gehandelt hat!«

Was ich da erfuhr, war im höchsten Grade interessant. Also der alte Basch-Islami war in die Geheimnisse der Totenstadt besser eingeweiht als selbst der Mir! Und da er glaubte, daß der ›Panther‹ seine Tochter zur Frau nehmen und sie zur Herrscherin machen würde, hatte er ihm so viel, wie nötig war, davon verraten! Daher die Zuversicht, mit welcher der ›neue‹ Mir von Ardistan davon sprach, daß wir verloren seien! Es gab noch einige sehr wichtige Fragen, die ich an den braven Wärter zu richten hatte, der aber deutete auf einen älteren Offizier, der sich dem Zisternenhause mit schnellem Schritte näherte, und sagte:

»Wir werden unterbrochen. Dort kommt der bisherige Major, der nun Oberst geworden ist, weil der Oberst zum General aufstieg. Ich bitte dich um Gottes willen, vorsichtig zu sein. Hast du Zündhölzer, um Licht zu machen?«

»Ja.«

»Viel?«

»Allzuviel freilich nicht. Warum willst du das wissen?«

»Weil es wahrscheinlich zu Eurer Rettung nötig ist. Ihr werdet sehr, sehr lange im Dunkel sein. Sorge für Zündhölzer! Sorge für Licht! Ich sah dir zu, als du deine Taschen und deine Säcke packtest. Du nahmst nur von dem großen Haufen, der die Vorräte für die Mannschaften enthält, nicht aber von dem zugedeckten, kleinen, der für die Offiziere bestimmt ist. Dort ist wahrscheinlich auch Alles zu finden, was man nötig hat, um Licht und Feuer zu machen – – –«

Er hatte sehr schnell gesprochen, um fertig zu werden. Jetzt brach er ab, denn der Offizier hatte nur noch wenige Schritte zu tun, um uns zu erreichen.

»Ich danke dir!« raunte ich ihm noch eilig zu. »Ich werde dir das nicht vergessen und den Mir seinerzeit an dich erinnern!«

Nun war der ›Oberst‹ da.

»Was hast du mit diesem Menschen zu reden?« fuhr er mich an.

Ich hätte ihm sehr gerne ebenso grob geantwortet, sagte mir aber, daß ich dadurch dem treuen Wärter außerordentlich schaden würde, ohne selbst einen Nutzen davon zu haben. Darum antwortete ich im unbefangensten Tone:

»Ich fragte ihn nach der Tiefe des Brunnens und
nach der Mechanik, mit der das Wasser emporgefördert wird. Er erklärte es mir.«

»Weißt du es nun?«

»Ja.«

»So bist du mit ihm fertig. Sei übrigens froh, daß du überhaupt Wasser hast, und bekümmere dich nicht auch noch darum, wie man es sich verschafft! Ich habe mit dem neuen Mir von Ardistan zu sprechen!«

»So frag den alten Mir, ob er es dir erlaubt!« riet ich ihm.

»Oho! Der ist abgesetzt! Der hat uns weder Etwas zu erlauben noch Etwas zu verbieten!«

»So versuche es, ob du es fertig bringst, ohne seine Genehmigung mit dem Verräter zu sprechen! Ich warne dich! Du bringst den, mit dem du reden willst, in Lebensgefahr!«

»Alle Teufel! Ist es denn wirklich euer Ernst!«

»Ja!«

»Ihr würdet ihn erstechen oder erschießen?«

»Unbedingt! Und nicht nur ihn und seinen Mitgefangenen, sondern auch dich selbst!«

Wir hatten das Zisternenhaus verlassen und schritten der Stelle zu, an der sich meine Gefährten befanden. Aber bei diesen meinen letzten Worten hielt er den Schritt inne und fragte:

»Auch mich?«

»Ja!«

»Wirklich, wirklich?«

»Ich gebe dir mein Wort darauf!«

Ich sagte das so ernst und bestimmt und zog dabei die Brauen so finster zusammen, daß er, einen viel weniger gebieterischen Ton annehmend, ausrief:

»Aber was soll man denn da tun?«

»Was dir beliebt! Euer Leben steht in unseren Händen. Wenn ihr es wegwerfen wollt, wir hindern euch nicht!«

»Aber es wäre doch euer eigener Tod! Unsere Truppen würden euch zerreißen!«

»Was sie tun würden, das laß getrost nur ihre und unsere Sache sein!«

»Aber meine Instruktion reicht nur bis hierher an diese Stelle, nicht aber weiter! Für das, was von jetzt an geschehen soll, habe ich mir neue Befehle zu holen!«

»Dagegen haben wir wohl nichts, vorausgesetzt, daß wir diese Befehle mit hören!«

»Unmöglich! Sie sind natürlich nur für mich, nicht aber für euch!«

»So kehre getrost dorthin zurück, woher du gekommen bist! Zu verlangen, daß wir euch unter vier oder sechs Augen miteinander sprechen lassen, das ist entweder eine Frechheit oder eine Verrücktheit, die von uns zurückgewiesen wird! Und dort sehe ich noch andere Offiziere kommen. Sie scheinen die Absicht zu haben, sich dir hier zuzugesellen. Winke ihnen sofort ab! Wir dulden nicht, daß sie sich unseren Gefangenen nähern! Bleiben sie nicht augenblicklich stehen, so geschieht Etwas, was du nicht verantworten kannst! Schau hin zum Mir! Siehst du, was er tut?«

Auch der Mir sah die Personen, welche augenscheinlich gewillt waren, zu uns herbei zu kommen. Er zog zwei Pistolen aus dem Gürtel und richtete sie direkt auf den ›Panther‹ und seinen ›General‹.

Da gab der ›Oberst‹ schnell den von ihm verlangten Wink, der gehorsam befolgt wurde, und stieß die wenigen Worte hervor:

»Es ist eine Schande! Wir haben euch in unserer
Gewalt und müssen doch tun, was euch, den Gefangenen, gefällt! Glaubt ihr etwa, daß wir euch das nicht heimzahlen werden?«

»Ja, das glauben wir allerdings!« lachte ich.

»So bin nun ich es, der von Verrücktheit sprechen kann, nicht aber mehr du! Soll denn das wirklich so fortgehen, daß ihr unsere zwei höchsten Vorgesetzten als Gefangene behandelt, nur um sie als Schild für euch zu benützen?«

»Ja; das soll allerdings so fortgehen,« nickte ich.

»Heut und morgen?«

»Heut und morgen, bis wir in der ›Stadt der Toten‹ angekommen sind.«

»Und dann?«

»Dann geben wir sie frei.«

»Und haltet auch alles Andere, was ihr versprochen habt?«

»Alles! Ich weiß, woran du denkst. Wir haben euch versprochen, uns nach Freigebung der beiden Aufrüher ohne allen Widerstand einsperren zu lassen, wohin es euch beliebt. Wir haben euch dieses unser Wort freiwillig gegeben; kein Mensch konnte uns dazu zwingen. Und genau so freiwillig werden wir es auch halten. Wollten wir es brechen, so würde das unserer Ehre solchen Menschen, wie ihr seid, gegenüber, nicht den geringsten Abbruch tun. Wir könnten, von unsern Gefangenen gedeckt, von hier fortreiten, ohne daß ihr im Stande wäret, uns daran zu hindern; aber wir pflegen selbst Schurken nicht um das Wort zu betrügen, welches wir ihnen einmal gegeben haben, und so – – –«

»Schurke?« unterbrach er mich, indem sein Blick aufloderte. Er schlug an seinen Säbel und fuhr fort: »Eigentlich sollte ich dich sofort erstechen! Oder ich sollte
auch dir einen Degen geben lassen, um mit dir zu kämpfen, bis Einer von uns Beiden tot zusammenbricht. Aber du bist in diesem Lande fremd und kennst die Gründe nicht, die unser Tun bestimmen. Der Mir war ein Tyrann, ja mehr als das, ein Schreckensherrscher, eine Zuchtrute, die Jedem wehe tat, den er berührte. Es sind nicht Tausende, sondern aber Tausende, die unter den Streichen dieser Rute zu Grunde gehen mußten. Unzählbar ist die Menge aller Derer, deren Kraft er gebrochen, deren Frieden er zerstört, deren Glück er vernichtet und deren Elend er verschuldet hat! Es gibt keine Qual, die er nicht ersann, keine Marter, die er nicht erprobt, und keine Angst und Pein, die er nicht – – –«

Ich halte hier in der Wiederholung seiner Rede inne, er aber tat dies nicht; er sprach weiter, immer weiter. Und während er dies tat, ergriff er mich beim Arme und zog mich weiter, bis hin zum Mir, um diesem alle die scharfen Punkte, die er vorzubringen hatte, direkt in das Gesicht zu schleudern. Er war ein Ehrenmann. Er sprach mit lauter Stimme, so daß es weithin schallte, wohl über zehn Minuten lang. Er schenkte dem Herrscher keinen einzigen Vorwurf, der gegen ihn zu erheben war, und stand aufrecht, stolz und still vor ihm und schaute ihm, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, ununterbrochen in die flammenden Augen. Dann, als der Offizier geendet hatte, wendete er sich mir wieder zu:

»So! Das war es, was ich ihm, dem gefühllosen Aussauger und Bedrücker seines Volkes, zu sagen hatte! Seine ganze Saat war Gewalt; sein ganzes Denken und Tun war Gewalt; sein ganzes Leben war Gewalt! Was konnte er da Anderes ernten als eben auch nur Gewalt? Dir, der du fremd bist, Effendi, ist er gütig entgegengekommen, und du glaubst, ihm dafür dankbar sein zu
müssen. Darum hast du dein Schicksal an das seinige gebunden und wirst mit ihm zu Grunde gehen. Das tut mir leid. Ich möchte dich wohl retten. Ich möchte dir raten, fortzureiten, und dieses Land zu verlassen, um niemals – – –«

»Halt! Schweig! Sprich nicht zu viel!« gebot ihm da der ›Panther‹. »Dieser fremde Mensch, der sich ganz mit demselben Rechte um andere Leute kümmert, wie der Teufel sich um Allahs Seligkeiten kümmert, ist noch zehnmal, noch hundertmal schlimmer als der Mir! Sie sind Beide einander wert, und es fällt mir gar nicht ein, den Einen von ihnen laufen zu lassen und nur dem Andern heimzuzahlen, was er verschuldet hat. Du kamst hierher, um dir weitere Instruktionen zu holen?«

»Ja,« beantwortete der Offizier diese Frage.

»Sie ist kurz. Daß uns nur fünfzig Reiter zu begleiten haben, weißt du bereits. Wähle sie dir aus, denn du selbst bist es, der sie befehligen soll. Ich will dich dadurch für die Offenheit belohnen, mit der du dem Tyrannen gesagt hast, was und wie wir alle von ihm denken. Mag er uns Beide immerhin als seine Gefangenen betrachten. Diese Lächerlichkeit hört auf, sobald wir das Ziel erreichen, und es wird sich dann zeigen, ob er stark genug ist, ihre Folgen so ruhig zu tragen, wie er soeben deine Worte angehört hat, ohne ein Wort der Verteidigung finden zu können. Du hast dich mit deinen fünfzig Mann nicht nur unterwegs, sondern auch wenn wir bei Tag oder während der Nacht lagern, so weit von uns zu halten, daß ihr die Seelenruhe des abgesetzten Mir und seiner Freunde nicht stört. Ihr wißt ja, daß sie vor Angst sofort ganz außer sich sind, sobald einmal Einer von euch auf den Gedanken kommt, sich ihnen von Weitem zu nähern. Unser Ziel ist das Gefängnis Nummer
Fünf, an welches wir sie abzuliefern haben. Wir werden es, wie ich hoffe, noch vor dem morgenden Abend erreichen. Jetzt aber sei dafür besorgt, daß wir so bald wie möglich von hier forkommen, denn der neue Beherrscher von Ardistan hat mehr und auch Wichtigeres zu tun, als mit dem alten, von seinem Volke hinausgeworfenen in der Wüste herum spazieren zu reiten. Fertig!«

Der somit verabschiedete ›Oberst‹ entfernte sich, um die ihm erteilten Weisungen auszuführen. Halef schaute nach, ob an dem Riemenzeuge unserer Pferde alles in Ordnung sei, und ich verfügte mich zu dem ›kleinen‹ Vorratshaufen, von dem der Zisternenwächter gesprochen hatte. Er war mit den Leinwandbahnen des auseinandergenommenen Offizierzeltes zudeckt. Als ich diese Decke zurückschlug, sah ich wohl, daß alles das, was darunterlag, nicht für die Soldaten, sondern nur für die Offiziere bestimmt sein konnte. Es gab da vieles, was entweder ganz oder auch nur halb überflüssig war. Ich wollte nicht lange und auffällig suchen, denn man sollte nicht wissen, womit ich mich zu versehen gedachte. Glücklicherweise fielen mir gleich bei dem ersten Blicke mehrere Pakete Kibritat frentschija13 auf. In der Nähe lag auf Flaschen gezogenes Sesamöl, welches jedenfalls dazu bestimmt war, aus unterwegs gefundenen, eßbaren Kräutern oder Blättern einen wohlschmeckenden Salat zu bereiten. Und gar nicht weit davon gab es einige kleine, leichte orientalische Dolahs,14 zu deren jeder ein Lämpchen mit blechener Dille gehörte. Kleine Leinwandstücke und Schnuren gab es genug, und so hatte ich in zwei, drei Minuten ein Paket beisammen, welches alles Nötige enthielt,
um dem guten, mir von dem Brunnenwächter gegebenen Rate gerecht zu werden. Niemand hatte davon Notiz genommen, als nur der ›Panther‹ allein. Als ich es an den Sattel eines unserer beiden Packpferde befestigte, rief er mir höhnisch zu:

»Glaubst du vielleicht, unterwegs zu verhungern? Lächerlich! Im Gefängnisse Nummer Fünf gibt es dann um so größere Hochgenüsse!«

Natürlich antwortete ich ihm gar nicht. Es konnte mir ja nur lieb sein, wenn er glaubte, daß dieses Paket nur eßbare Dinge enthalte.

Nach vielleicht einer Viertelstunde sahen wir, daß die fünfzig Reiter mit dem ›Oberst‹ an der Spitze das Lager verließen und dann ein Stück davon halten blieben, um zu warten, bis wir nachkommen würden. Wir stiegen auf und folgten. Alle, die zurückblieben, schauten uns nach. Was dachten sie? Wußten sie alle, welchem Schicksale man uns entgegenführen wollte? Gab es Einen unter ihnen, der es bereute, von dem angestammten Herrscher abgefallen zu sein? Indem ich mich nach ihnen umdrehte, sah ich, daß der Wächter auf das Dach seines Zisternenhauses gestiegen war. Da die Soldaten nur nach uns schauten, sahen sie nicht, was er tat. Er hob seine Hände hoch empor und faltete sie, um uns anzudeuten, daß er für uns beten werde. Ich streckte den rechten Arm aus und winkte, um ihn zu danken. Die Soldaten bezogen das nicht auf ihn, den sie gar nicht beobachteten, sondern auf sich, und mehrere hundert Arme richteten sich eiligst in die Höhe, um diesen vermeintlichen Gruß zurückzugeben. Sie winkten noch lange, lange hinter uns her. Dem ›Panther‹ und seinem Mitgefangenen galt das natürlich nicht. Es gab also doch nicht Wenige, die anders dachten als die, denen sie zu gehorchen hatten!

Die Reihenfolge, in der wir ritten, war heut genau wie gestern: Voran Halef und ich, zwischen uns der ›Panther‹, hinter uns Aacht und Uucht. Hierauf die beiden Prinzen der Ussul, zwischen ihnen der ›General‹, hinter ihnen Hu und Hi. Die Ussul hatten die Packpferde neben sich. Der Mir war wieder der Letzte. Er hatte seit der Szene mit dem aufrichtigen, zürnenden ›Major‹ kein Wort gesprochen. Da er es vermied, einmal zu uns nach vorn zu kommen, nahm ich an, daß er nicht gestört sein wollte, und zog es vor, mich gar nicht nach ihm umzusehen. Die offenen Anklagen des ›Major‹ waren wie Keulenschläge gewesen, und ich wünschte sehr, daß sie nicht danebengefallen seien. So Etwas überwindet man aber nicht in kurzer Zeit. Einkehr, Reue und Umkehr sind Geschwister, die um so langsamer schreiten, je sicherer sie zum Ziele kommen wollen!

Der ›Sand des Entsetzens‹, von dem ich gesprochen habe, war vom Brunnen aus zu sehen, so weit das Auge reichte. Als wir aber über diesen Horizont hinauskamen, bemerkten wir, daß er doch nur einen verhältnismäßig schmalen Strich bildete. Er stammte von dem Felsenzuge, an dessen Fuß der Brunnen lag, und war an ihn gebunden. Wir erreichten noch am Vormittage die Grenze dieses Striches und ritten dann über einen Boden, den ein Nichtkenner zwar für die unfruchtbarste aller ›Wüsten‹ gehalten hätte, in Wahrheit aber war er nur als ›verdurstetes Land‹, als ›verschmachtete Fruchtbarkeit‹ zu bezeichnen. Er klang unter den Hufen unserer Pferde zuweilen so hart und so imporös, als ob wir nicht über Erde oder Stein, sondern über gegossenes Metall ritten. Auch der Nilschlamm ist unfruchtbar, wenn ihm das Wasser fehlt. Dann öffnet er sich in unzähligen Rissen und Sprüngen, um der Feuchtigkeit in glühender Sehnsucht
entgegenzuschmachten. Hier in der gestorbenen Gegend von Ardistan war dies wohl bis Jahrzehnte nach ihrem Tode auch der Fall gewesen; dann aber hatten die von allen Seiten frei hereinbrechenden Winde diese Sprünge und Risse zugeweht und die ganze Gegend in die eisenfeste, glatte Schale verwandelt und rasiert, die uns von allen Seiten entgegenstarrte, ohne uns auch nur eine einzige Spur von organischem Leben zu zeigen.

Um die Mittagszeit bemerkten wir in gerader Richtung vor uns einige von der Erdfarbe abstechende Punkte, welche sich nicht bewegten. Es schien, als ob sie auf uns warteten, und so war es auch. Als wir näher kamen, sahen wir, daß es zwei Männer mit Lastkamelen waren, welche die Aufgabe gehabt hatten, Wasser in Schläuchen bis hierher zu tragen. Es gab noch mehrere solcher Posten, mit denen man eine Relaislinie von dem Brunnen nach der ›Stadt der Toten‹ und wieder zurück gebildet hatte. Man weigerte sich, ganz wie ich erwartet hatte, uns von diesem Wasservorrat zu geben. Der ›Panther‹ sagte, daß wir doch unsere eigenen Schläuche und unser eigenes Wasser hätten; wir aber machten kurzen Prozeß und nahmen uns, was wir brauchten. Er wollte, wir sollten in der ›Stadt der Toten‹ so bald wie möglich verschmachten. Wir aber rührten aus ganz entgegengesetztem Grunde unseren Vorrat nicht an, um dann später solange wie möglich vor Mangel bewahrt zu sein.

So war es auch am Abend. Wir fanden da, wo gelagert werden sollte, wieder einen Posten mit hinreichendem Wasser vor. Es wurde uns ebenso wieder versagt, doch genau so vergeblich, wie um die Mittagszeit. Wir eigneten uns an, was man uns verweigerte, und Niemand wagte es, uns etwa durch Tätlichkeiten davon abzuhalten. Daß die fünfzig Mann sich überhaupt
fern von uns zu halten hatten, ist bereits erwähnt. Sie taten es. Auch ihr Anführer, der Major, hielt es nicht für erlaubt, sich zu nähern. Der Mir war immer hinter uns geblieben und hielt sich auch am Abende für sich allein, von uns entfernt. Er hatte schon zu Mittag nicht gegessen und aß auch jetzt wie der nicht. Einige Schluck Wasser war Alles, was er zu sich nahm. Das tat mir weh. Ich stand von meinem Platze auf und ging zu ihm hin. Er sah, als ich vor ihm stand, zu mir auf und fragte:

»Du kommst zu mir? Fürchtest du dich nicht?«

»Fürchten?« antwortete ich. »Nein!«

»Aber scheuen mußt du dich doch! Vor mir bange sein! Vor mir schaudern! Vor mir zurückschrecken!«

»Fällt mir nicht ein!«

»So meinst du, daß der frühere Major, der jetzt plötzlich Oberst geworden ist, gelogen hat?«

»Nein.«

»Also glaubst du ihm?«

»Ja.«

Er wartete eine stumme Weile. Dann fragte er weiter:

»So hältst du das, was er gesagt hat, für wahr, für richtig?«

»In der Hauptsache, ja. Die Tatsachen an sich sind wahr, obgleich sie infolge seines Zornes vergrößert erscheinen.«

Da zürnte er:

»Wie fürchterlich aufrichtig ihr doch alle seid! So plötzlich! So mit einem Male!«

»Ich bin es stets!«

Wieder sah er mich an.

»Ja, du! Du warst es ja sofort, als du zum
ersten Male zu mir sprachest!« Und auf die Stelle gerade vor sich deutend, forderte er mich auf: »Setze dich! Hierher!«

Ich gehorchte dieser Aufforderung und ließ mich ihm gegenüber nieder. Als ich das getan hatte, sagte er:

»Ich bitte dich, als vollständig wahr anzunehmen, was ich dir jetzt versichere! Ich habe niemals auch nur einen Augenblick lang geglaubt, der herzlose, grausame Wüterich zu sein, als den ich mich nun jetzt bezeichnen höre. Ich dachte, niemals Liebe gefunden zu haben, als nur bei meiner Mutter, und selbst diese Mutterliebe ist mir nicht als ein Verdienst erschienen, welches ich ihr anzurechnen habe, sondern als ein angeborener Trieb, dem zu gehorchen, ihre Pflicht gewesen ist. Diese meine Mutter ist das einzige Wesen, welches ich wirklich geliebt habe und auch heut noch liebe, und ich sage dir in aller Ehrlichkeit, daß ich Wunder geglaubt habe, wie lobenswert ich handle, indem ich so viel Dankbarkeit für eine Frau empfinde, die meiner Ansicht nach nur aus Naturzwang handelte, nicht aber aus eigenem, freiem Entschlusse. Mein Vater war ein scharf berechnender, strenger, ja sogar harter Mann, und ich bin keineswegs geneigt, es nun mir als Sünde anzurechnen, daß diese seine Eigenschaften auf mich übererbt worden sind. Hierzu kam bei ihm jene Art von Grausamkeit, die den Nebenmenschen aus Vergnügen oder gar aus Wollust peinigt. Auch ich kann, wie ich nun einsehe, grausam sein, aber nur deshalb, weil ich den gewöhnlichen, niedrig geborenen Menschen für gefühllos halte, für unempfindlich gegen Schmerzen, die uns höheren Naturen unerträglich sind. Wie ein Knabe den Käfer, ein Fleischer sein Schlachttier, ein Jäger sein Wild und ein Lastträger seinen Esel quält, weil er überzeugt ist, daß diese Qual keineswegs als
Qual empfunden wird, so bin auch ich der Meinung gewesen, daß meine Strenge eben nur als Strenge, nicht aber als Grausamkeit zu bezeichnen sei, weil es Niemanden gibt, dem sie so wehe tut, wie sie mir wehe täte, falls man sie an mir verübte. Ich betrachtete alle diese Menschen, die so tief unter mir stehen, als eine Herde von Schafen, durch deren Wolle kein Hieb zu fühlen ist. Liebkose sie, so blöken sie, und schlage sie, so blöken sie; es ist Alles gleich! Führe sie auf die Weide, damit sie fressen können; weiter wollen sie nichts! Umschließe sie des Nachts mit schützenden Händen, damit sie nicht selbst gefressen werden, denn du bist das einzige Raubtier, das sie, sobald sie fett geworden sind, verzehren soll! Schere sie, so oft du willst! Dann schlachte sie, und werde warm in ihrem weichen Pelze! Dazu sind sie da, zu weiter nichts; du aber bist ihr Herr, der Mir, der Gebieter! Begreifst du das, Effendi?«

»Gewiß begreife ich es! Das Alles wäre ja auch ganz richtig gewesen, wenn deine beiden Voraussetzungen richtig gewesen wären!«

»Welche Voraussetzungen?«

»Erstens die, daß der Käfer, das Schlachttier, das Wild und der Esel die Schmerzen weniger fühlen als du, und zweitens die, daß du anders, vollkommener, zarter, höher und wertvoller ausgestattet seiest als andere Menschen. Glaube mir: Wenn ich dich schlachte, so schmeckt dein Fleisch auch nicht besser als anderes Fleisch, und deine Knochen ergeben keine delikatere Brühe als andere Knochen. Dein Haupt- und Barthaar ist nicht einmal so nützlich, um auch nur als Pelz verwendet zu werden, und wem es einfiele, aus deiner Haut einen Schuh, einen Stiefel, einen Sattel oder gar eine Lederhose zu machen, der würde gar bald erfahren, daß sie von jedem Kalbs- oder Ochsenfell übertroffen wird!«

»Effendi! Wagst du da nicht zu viel?« fiel er da ein.

»Ich wage gar nichts!« antwortete ich. »Wie kann es ein Wagnis sein, daß ich dir die Augen öffne? Sobald du sehend wirst, kannst du nicht zürnen, sondern mir nur dankbar sein! Du hieltest dich für eine ›höhere Natur‹, und ich habe dir bewiesen, daß du körperlich aus genau denselben Stoffen bestehst, wie jeder andere Mensch und sogar wie jene Schafe, für deren ›Herr‹ und ›Mir‹ und ›Gebieter‹ du dich hältst. Bist du wirklich mit einem Vorzug ausgestattet, so kann er nur auf geistig-seelischem Gebiete zu suchen sein. Nun bitte ich dich, forsche nach! Auf welchem geistigen Gebiete hast du dich hervorgetan? Ich meine, so hervorgetan, daß du verdienst, ein geistiger ›Mir‹, ein geistiger ›Herrscher‹, ein ›Fürst des Geistes‹ genannt zu werden?«

Ich hielt inne, um zu hören, was er sagen werde. Er blieb aber still. Da fuhr ich fort:

»Also auf keinem Gebiete! Du warst kein Gelehrter, kein Dichter, kein Künstler, kein berühmter Theolog, kein Entdecker, kein Erfinder, kein – – –.«

»Aber ich war mehr, als das Alles,« fiel er mir da in die Rede. »Ich war – – – Fürst!«

»Ja, du warst Fürst; das ist richtig! Aber was für ein Fürst? Womit hast du verdient, ein Fürst zu sein? Warst du es durch dich selbst? Oder wurde dir dieser Titel genau so übererbt, wie die Fehler, die du vorhin eingestandest, deine Strenge, deine kalte Berechnung, deine Grausamkeit? Was hast du als Fürst getan? Hast du dich vor anderen Fürsten oder auch nur vor andern gewöhnlichen Menschen durch segensreiche, beglückende Taten ausgezeichnet? Nenne mir diese Taten! Welche Gesetze hast du gegeben, um das Wohl deines Volkes zu heben? Wo sind die Wege, die Straßen, die
Schulen, die Hospitäler, die du bautest? Welche Wüstenfläche hast du gezwungen, sich in Acker- und Weideland zu verwandeln? In welcher Weise hast du für die Armen deines Volkes gesorgt? Wer gibt ihnen Arbeit, und wer gibt ihnen Brot? Wo stehen deine Kornkammern, deine Vorratshäuser, die du öffnen kannst, sobald es Mißernten gibt und die Hungersnot durch euere Gassen schleicht? Ich weiß, daß die früheren Herrscher von Ardistan gewaltige Bauwerke errichteten, in denen die Saaten und Früchte des Landes in unmeßbaren Mengen aufgespeichert wurden. Wann hast du Aehnliches getan?«

Hier machte ich eine Pause. Er schwieg auch jetzt. Er saß zusammengedrückt, die Hände über das Knie gefaltet, und hielt den Kopf gesenkt. Ich sah, daß seine Zeit gekommen sei, gehämmert und geschmiedet zu werden, daß sich die Schlacken verlieren möchten, und fuhr also fort:

»Und was hast du auf seelischem Gebiete getan, um behaupten zu dürfen, du seiest ein besserer, ein edlerer, ein höherer Mensch als Andere? Hast du überhaupt einmal auch nur den Versuch gemacht, hier etwas Gutes oder gar Ungewöhnliches zu leisten? Wie stand und wie steht es zunächst um deine eigene Seele? Wie wird sie aussehen, wenn du sie dem, der sie dir gab, einst wiederbringst? Und sodann die Seele deiner Frau und deiner Kinder? Wo war der Sonnenstrahl, ohne den sowohl Weib als Kind verkümmern und verschmachten? Ferner die Seele deiner Umgebung, deines Hofes, deiner Residenz? Ich sah dich, als ich zu dir kam, in schwere, dichte, strotzende und protzende Gewänder eingehüllt, so tief, so tief, daß von dir nichts, gar nichts zu sehen war. Es gab nur Prunkgewänder, nur Zeremonie, nur Förmlichkeit, nur Putz und Mummenschanz, aber keinen Inhalt,
kein Leben und Weben im Innern, in der Tiefe! Und wo es Etwas gab, da war es Furcht oder Angst, auch Lüge und Verstellung, Empörung und Verrat! Nun endlich gar die Seele deines Volkes! Was tatest du für sie? Wie hast du sie dir gewonnen? Wie hast du sie an dich gezogen, damit sie dich liebe, dich ehre, dir ihr Vertrauen schenke, sich mit dir freue, mit dir leide und treu und willig zu dir stehe in jeder Schicksalslage, in jeder Not und Gefahr? Denke dir die arme, geplagte und gemarterte Seele eines unterdrückten Volkes, welche täglich und stündlich zum Throne ihres Herrschers betteln geht, ohne daß er sie auch nur eine Minute lang beachtet! Denke dir – – –.«

Da sprang er plötzlich auf, warf die Arme weit auseinander und bat:

»Halt ein, halt ein, Effendi! Du treibst es zu toll, zu toll! Ich möchte dich erwürgen! Hier mit diesen meinen beiden Händen, so – so – so!« Er krallte seine Hände zusammen und bewegte sie hin und her, als ob er meinen Hals zwischen ihnen habe. Seine Zähne knirschten dabei. Hierauf holte er tief, tief Atem und fuhr in ruhigerem Tone fort: »Und dennoch fürchte ich, daß ich, wenn ich dich getötet hätte, um dich weinen und klagen würde als um den Einzigen, den ich achte, den ich liebe, und zugleich – – – fürchte! Du bist ein ganz entsetzlicher Mensch! Ein grauenhafter Mörder! Du hast soeben jetzt in mir Etwas erschlagen, Etwas, was ich für groß, für hoch, für adelig, für unendlich köstlich gehalten habe! Ob mit Recht oder Unrecht, wird sich finden! Ganz ist es freilich noch nicht tot. Es windet sich noch jammernd und schreiend hin und her, tief unten am Boden, an der Erde. Der innere Mensch ist nicht so leicht zu erschlagen, wie der äußere! Ich
muß wissen, was ich da zu tun habe! Ob ich in zu retten suche und ihn gegen dich verteidige, oder ob ich ihm zu deinen Hieben auch noch meinen Fußtritt gebe und ihn dort hinunterstoße, wo es für Leichen nicht mehr möglich ist, wieder lebend zu werden! Gib mir Zeit; gib mir Zeit, nur eine Viertelstunde! Ist sie vorüber, dann kehre ich zurück!«

Er entfernte sich mit langsamem Schritte, um im Dunkel der Nacht zu verschwinden und mit den Gedanken, die durch sein Inneres stürmten, allein zu sein. Da aber rief der ›Panther‹, der das sah, in drohendem Tone:

»Halt! Bleiben! Wer sich in den Verdacht setzt, fliehen zu wollen, den fassen meine Reiter!«

Der Mir kehrte um, doch ohne ihn einer Antwort zu würdigen, und ließ sich da wieder nieder, wo er gesessen hatte.

»Effendi, ich bitte dich,« sagte er, »versuche du, zu schlafen, ich aber kann es nicht! Du hast eine Pforte in mir geöffnet, nicht leise, leicht und rücksichtsvoll, wie man die Türen fremder Zimmer zu öffnen pflegt, sondern mit Gewalt, mit Faustschlägen und Fußtritten, durch welche diese Pforte zerschmettert worden und zusammengebrochen ist. Da draußen jenseits dieser Türe ist es hell und warm und licht. Es dringen Gedanken und Gestalten herein, von deren Dasein ich bis heute noch keine Ahnung hatte. Ich muß sie betrachten, ich muß sie prüfen; ich muß mit ihnen sprechen; ich muß sie fragen, was sie wollen. Und ich muß ihnen dann sagen, ob sie bleiben sollen oder nicht. Habe Geduld, bis ich mit ihnen fertig bin; ich sage dir morgen Alles!«

Er legte sich nieder, nahm den Sattel als Kopfkissen, streckte sich unter einem schweren, tiefen Atemzuge lang
aus und lag nun still und bewegungslos da, die Augen zu den Sternen emporgerichtet, und ich hatte in diesem Augenblicke nur den einen herzlichen Wunsch, daß auch in seinem Innern die Sterne aufgehen möchten, ohne welche ein jedes Menschenleben, und sei es künstlich noch so hell erleuchtet, doch nichts als ein Dunkel ist. Ich wollte mich nicht von ihm trennen und holte auch meinen Sattel herbei. Gleich einzuschlafen, war auch mir unmöglich. Wo eine Seele in der Geburt eines Lebens ringt, soll man sie fühlen lassen, daß Rat und Hilfe nahe ist.

Es mochte weit über eine Stunde vergangen sein, da bewegte er sich zum ersten Male wieder.

»Effendi, schläfst du?« fragte er.

»Nein,« antwortete ich.

»Schlaf immerzu! Habe keine Sorge um mich! Ich habe nicht umsonst euer Weihnachtsfest gesehen, es sogar mitgefeiert, nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich! Darf ich dir das Resultat der jetzigen Stunde mitteilen?«

»Ich bitte dich darum!«

»So höre: Der alte, kühne Major, der mich heute so schwer anklagte und noch schwerer beleidigte, soll nicht nur Oberst sein, sondern sogar General. Sobald wir glücklich heimgekehrt sind, wird es mein Erstes sein, daß ich ihm diese Beförderung verkündige. Bist du zufrieden mit mir?«

»Gott segne dich!« antwortete ich, hoch erfreut über diesen ebenso großen wie schweren Sieg, den er über sich selbst errungen hatte. »Ja, Gott segne dich! In dieser einen Stunde, in der du hier gelegen hast, fast ohne dich zu bewegen, hast du mehr geleistet, als früher in langen Jahren!«

»So bitte ich dich, schlafe ein! Es ist genug, daß ich die Nacht durchwache. Ich wünsche nicht, daß auch du um meinetwillen um deine Ruhe kommst. Sagen wir also: Gute Nacht!«

»Gute Nacht!«

»Nach diesen Worten drehte ich mich auf die andere Seite und schloß die Augen. Wie froh ich war! Ich hatte wohl gewußt, wie viel ich wagte, als ich so geradeheraus und ohne alle Schminke ihm meine Meinung sagte; aber er war kein Argentan- oder Talmimensch, sondern von echtem, reinem, innerlich kerngesundem Material, welches durch das Hämmern nur veredelt und gefestigt, nicht aber versprödet und verschlechtert werden konnte. Er hatte die Probe bestanden, und ich durfte nun voller Hoffnung sein, daß er es nicht hierbei bewenden lasse, sondern sich vollends aus sich selbst heraus- und emporarbeiten werde. Dieser Gedanke beruhigte mich derart, daß ich sehr bald einschlief und der Allerletzte war, der dann am Morgen erwachte.«

Am zweiten Tage unseres Rittes zeigte die Gegend, durch welche wir kamen, nach und nach ein ganz anderes, für mich hochinteressantes Gesicht. Sie belebte sich. Indem ich mich in dieser Weise ausdrücke, mache ich mich eigentlich eines logischen Widerspruches schuldig, denn sie belebte sich mit – Leichen. Wir stießen nämlich, erst selten, bald aber mehr und mehr auf Spuren, die uns verrieten, daß diese abschreckende Oede einst bewohnt gewesen war. Wir erblickten Häuserleichen, die entweder einzeln oder auch in kleineren Gruppen, zuweilen aber auch in ganzen, ausgestorbenen Dörfern an unserem Wege lagen. Da, wo sie in größerer Menge zu sehen waren, zeigte es sich immer, daß es früher hier einen Bach, ein Flüßchen oder sonst ein fließendes oder auch nur stehendes
Wasser gegeben hatte. Diese Leichen waren entweder nur teilweise oder auch ganz erhalten. Wir sahen zahlreiche Steinbrüche liegen, die ein äußerst dauerhaftes, widerstandsfähiges Material geliefert hatten. Die Ortschaften mit ihren steinernen Häusermauern und aus unzerstörbarem Lehm geschlagenen, platten Dächern besaßen oft ein Aussehen, als ob sie nicht schon vor Jahrhunderten, sondern erst vor kurzer Zeit von ihren Bewohnern verlassen worden seien. Die lange Dauer ihres Verlassenseins wurde dem Beschauer erst dann klar, wenn er stunden- und immer wieder stundenlang sich vergeblich bemühte, einen Baum, einen Strauch, ein Kraut oder auch nur einen einzigen Grashalm zu entdecken. Freilich, Bäume gab es gar wohl, in den einstigen Gärten, an den früheren Wegen, die man jetzt nur noch vermuten, nicht aber mehr sehen konnte; aber sie waren eben auch nur Leichen. Es machte einen unendlich traurigen, oft grauenhaften, sogar gespenstigen Eindruck, die übriggebliebenen, bleichen Skelette dieser Bäume, zuweilen auch Sträucher, stehen zu sehen. Sie waren ihrer Rinde vollständig beraubt, von den Stürmen zerknickt und zerknackt, und schrien ein Ach und Weh zum Himmel empor, welches um so tiefer und niederdrückender wirkte, als man es nicht zu hören vermochte. Ein unbeschreibliches Gefühl empfand man bei dem Anblicke der Ueberreste, die uns ohne Schale, Blatt oder Nadel schon von weitem in lebloser Nacktheit entgegenstarrten, fast möchte ich sagen, entgegengrinsten. Nur wenige vorüberkommende Menschen waren da halten geblieben, um sich das Material zu einem Lagerfeuer abzubrechen; ein Jeder hatte sich beeilt, diese Stätten des Grauens so bald wie möglich hinter sich zu bringen. So auch wir.

Der Mir wußte in dieser eigenartigen Gegend, die
eigentlich ein ununterbrochener Gottesacker von Baum- und Häuserleichen war, sehr gut Bescheid. Ich habe ja bereits erwähnt, daß er in seinen Jugendjahren mit seinem Erzieher und Begleiter die ›Stadt der Toten‹ und ihre Umgebung oft durchstrichen hatte, um sie kennen zu lernen. Er hielt sich heute nicht mehr hinten und allein für sich, sondern er kam zu mir nach vorn und sonderte mich von Halef und dem ›Panther‹ ab, um sich mit mir zu unterhalten. Das geschah natürlich in solcher Entfernung von dem Letzteren, daß dieser nicht hören konnte, was wir miteinander sprachen. Ich erfuhr, wie die verlassenen Ortschaften hießen, wohin die unsichtbar gewordenen Wege führten, was die einstigen Bewohner erlebt und getrieben hatten, und alles Andere, was der Herrscher über diese Dinge wußte. Er beschrieb mir auch die ›Stadt der Toten‹ selbst, doch unterlasse ich es, seine Schilderung, weil sie weit über den Rahmen meiner Erzählung hinausreichen würde, hier wiederzugeben. Er erwähnte auch die dortigen Gefängnisse, in denen nur ausschließlich Militär- und Staatsverbrecher, aber keine anderen aufgenommen wurden. Er hatte auch sie alle durchstöbert und kannte sie genau.

»Kennst du auch die Nummer Fünf, in die wir eingesperrt werden sollten?« erkundigte ich mich.

»So gut wie alle anderen,« antwortete er.

»Hat sie ein Geheimnis?«

»Nein, o nein!«

»Weißt du das gewiß?«

»Ganz gewiß!«

»Aber der Wächter der Zisterne behauptete, daß du nicht alle Geheimnisse wissest, die es gibt!«

»So? Behauptete er das? Wer hat ihm denn gesagt, wie viel oder wie wenig ich von ihnen weiß? Er
kann überhaupt nur ahnen, wissen aber nichts. Er ist nur ein kleiner, unbedeutender Beamter, der den Brunnen, die Zisterne, die Wasserschlepper und ihre Kamele zu beaufsichtigen hat. Solche Leute weiht man doch nicht ein. Was sagte er dir?«

Ich wiederholte ihm mein ganzes Gespräch mit diesem Manne. Da schien er doch bedenklicher zu werden.

»Bisher hat er nichts gewußt,« meinte er. »Nun aber hat er gelauscht. Er hat gehört, was die Soldaten oder gar die Offiziere untereinander sprachen. Also diese Drei, die er nannte, wissen mehr als ich? Der Maha-Lama von Dschunubistan, der Maha-Lama von Ardistan und der Basch-Islami, den ich entkommen ließ, weil du mich dazu zwangst. Der Erstere ist jetzt ungefährlich; er befindet sich bei den Ussul. Auch der Zweite kann mir nichts mehr schaden. Den Dritten aber hoffe ich, bald wieder zu fassen, und dann soll es mir nicht einfallen, ihn abermals freizugeben!«

»Ist es wohl richtig, hier von Unschädlichkeit und Ungefährlichkeit zu sprechen?« fragte ich. »Die Personen können dir nichts mehr tun; das will ich wohl zugeben, aber die Sache an sich bleibt doch dieselbe.«

»Welche Sache?«

»Daß diese Drei mehr wissen, als du selbst. Wenn das wahr ist, so gibt es Geheimnisse, die du selbst nicht kennst und die uns darum außerordentlich gefährlich werden können.«

»An dieser Gefährlichkeit bist du schuld, nicht aber ich!«

»Wieso?«

»Hättest du mich nicht veranlaßt, den Basch-Islami laufen zu lassen, so hätte er dem ›Panther‹ nichts von den Geheimnissen der ›Stadt der Toten‹ verraten können!«

»Du irrst! Ich bin überzeugt, daß Beide schon vollständig miteinander einig waren, ehe du ihn laufen ließest. Du hast mir soeben zweimal, kurz hintereinander, diesen Vorwurf gemacht; so beeile ich mich also, dir zu sagen, daß ich den Basch-Islami zwar für einen fanatischen, im Grunde aber wohlwollenden und gerecht denkenden Mann halte, und daß es meine Gewohnheit ist, Fehler, die ich verschuldete, wieder gut zu machen. Es hat sich erst noch zu zeigen, ob das, was du für einen Fehler hältst, auch wirklich ein Fehler ist. Wenn wir jetzt einer Gefahr entgegengehen, so liegt sie nicht in mir, sondern in dir, nämlich in der Möglichkeit, daß du doch nicht alle Geheimnisse kennst, die du zu kennen behauptest. Vor allen Dingen kommt es darauf an, ob das Gefängnis Nummer Fünf in Wirklichkeit so unverdächtig ist, wie du glaubst. Darf ich dich fragen, ob es allein liegt oder mit anderen Gebäuden zusammenhängt?«

»Es liegt ganz allein. Nicht weit vom Ufer des ausgetrockneten Flusses. Es ist ganz ehrlich und ohne alle Hinterlist gebaut, viereckig, aus dem Erdgeschoß und einer Etage bestehend, mit plattem Dach, oben mit kleinen Gefängniszellen, unten aber mit größeren Gefängnisstuben, in denen wir jedenfalls untergebracht werden. Es liegt in einem Hofe, um den eine Mauer geht, die gar nicht viel über Manneshöhe hat.«

»Ist dieser Hof klein?«

»Nein, sondern sehr groß, denn er enthält noch die Wohnung des obersten Aufsehers aller dortigen Gefängnisse, und an diese schließen sich einige niedrige Vorratsräume und Stallungen, in denen man unsere Pferde unterbringen wird.«

»Das Gefängnis hat also keine Doppelmauern oder ähnliche Dinge, hinter denen sich ein Geheimnis, also
eine Gefahr, die wir nicht ahnen, für uns verbergen kann?«

»Nein. Man hat ja auch gar nicht nötig, sich auf derartige Heimlichkeiten zu verlassen, denn der Wassermangel ist stark genug, jeden Fluchtversuch zu verhindern. Wer zu fliehen wagt, muß unterwegs verschmachten. Darum haben wir all unser Wasser aufzusparen, sonst sind wir verloren wie jeder Andere! Hoffentlich bist du nun über diesen Punkt beruhigt, vollständig beruhigt!«

Das war ich nun leider keineswegs. Ganz im Gegenteile! Seine Zuversicht erschien mir ziemlich unbegründet und brachte ganz den entgegengesetzten Eindruck hervor, nicht aber den, den er beabsichtigte. Ich sagte hiervon zwar nichts, nahm mir aber vor, meine gewöhnliche Vorsicht zu verdoppeln und keinen einzigen Schritt zu tun, ohne ihn vorher nach allen Seiten hin überlegt zu haben.

Wir kamen an diesem Tage dreimal an Wasserrelais vorüber, einmal am Vormittag, einmal gerade zur Mittagszeit und einmal am Nachmittag. Wir verhielten uns genau so wie gestern; wir sparten unser Wasser und befriedigten unsere Bedürfnisse mit dem, welches bei diesen Posten vorgefunden wurde. Je weiter wir heute kamen, um so zahlreicher wurden die ausgestorbenen Zeugen einer einstigen, voll kräftigen Lebens pulsierenden Kultur. Wir ersahen hieraus, daß wir uns der Residenz jener alten Zeiten näherten. Das Land war wieder bergig geworden, und als wir kurz vor Abend den breiten Rücken einer langsam ansteigenden, aber sehr hohen Bodenwelle erreichten, sahen wir unser Ziel tief unten vor uns liegen.

Es ist einer anderen, geeigneteren Stelle vorbehalten, eine ausführliche Schilderung dieser eigenartigen Totenstadt
zu bringen; für heut mögen einige kurze Bemerkungen genügen.

Das Tal des verschwundenen Flusses strich hier genau von Nord nach Süd; das jetzt ausgetrocknete Flußbett teilte es in zwei ungleiche Hälften, eine östliche und eine westliche; die erstere, auf die wir zunächst hinunterblickten, war bedeutend breiter als die andere. Sie enthielt die eigentliche, ich will einmal sagen, die bürgerliche Stadt, während der jenseits liegende Teil sich gleich dem ersten Blicke als Militärstadt, als Festung kennzeichnete. Wir sahen Hunderte von Straßen, Gassen und Gäßchen mit Tausenden und aber Tausenden von Tempeln, Kirchen, Moscheen, Palästen, Häusern und Hütten. Und das Alles machte einen ganz unbeschreiblichen Eindruck des Verlassenseins, der Leblosigkeit, des Todes. Es gab keine Spur von Pflanzengrün, von Tier- und Menschenleben. Und doch war der Ausdruck ›Leblosigkeit‹ und ›Tod‹ nicht ganz richtig. Das Wort ›Schlaf‹ wäre vielleicht richtiger gewesen, aber auch wieder nicht. Es gibt überhaupt keine vollpassende, sprachliche Bezeichnung für das Gefühl, welches mich wie mit mächtigen, unwiderstehlichen Fäusten packte, als mein erstaunter Blick auf dieses ungewöhnliche, starre, öde, leere Häusermeer fiel. Diese Gebäude standen genau noch so da, wie sie vor Jahrhunderten gestanden hatten. Fast nichts war zerstört. Nur die weit draußen liegenden Hütten der Armut hatten sich in Trümmer, in formlose Haufen verwandelt, die aber nicht etwa Staub und Erde bildeten, sondern hart wie Eisen waren.

Und schön war sie gewesen, diese einstige Hauptstadt und Residenz von Ardistan! Wenn ich mir die seltsam gestalteten Höhen, zwischen denen sie lag, bewaldet und mit grünenden, blühenden Gärten ausgestattet dachte, so
fiel mir keine europäische Großstadt ein, von der ich hätte sagen mögen, daß sie mit ihr zu vergleichen sei. Nun lag sie da als Leiche! Nein, nicht als Leiche! Auch dieser Ausdruck ist falsch! Richtiger wäre es vielleicht, an einen Winter ohne Schnee und Eis, ohne Frost und Kälte zu denken, der alles Leben in die Tiefe treibt, so daß jede Spur desselben verschwindet. Wenn aber die Schritte des Frühlings von fernher schallen, dann steigt es wieder empor und beginnt, in den Säften und im Blute von Neuem zu pulsieren. Im Blute – – – ja, das ist das Wort, welches der richtigen Bezeichnung vielleicht näherkommt, als jedes andere. Diese Stadt lag vor uns wie der ohnmächtig zur Erde gesunkene Körper eines schönen Weibes, aus deren Angesicht jeder Tropfen Blut gewichen ist. Bleich, starr, bewegungslos! Aber sobald das Blut aus dem Herzen zurückkehrt, wird die Ohnmächtige aufspringen; ihre Augen werden leuchten, ihre Wangen glühen, und durch die überstandene Ohnmacht wird sie uns nur noch lieber und teurer werden, als sie uns vorher gewesen ist. So auch das frühere Ard. Es brauchte nur das verschwundene Wasser wiederzukommen, um alle diese jetzt leerstehenden Paläste wieder mit Menschen zu füllen und ein neues, reineres und höheres Leben als vorher durch die Straßen und Gassen pulsieren zu lassen. Die Sonne war bis nahe an den Horizont herabgestiegen, und als sie ihre Strahlen jetzt über das Häusermeer hinüberflimmern ließ, war es, als ob Bewegung in die starren Linien käme und als ob unzählige der verschwundenen Seelen auf der Rückkehr seien, um uns, die wir für sie im Abendrote standen, zu begrüßen.

Diesen Betrachtungen machte der kommandierende Offizier ein schnelles Ende, der mit seinen fünfzig Reitern
uns weit vorausgekommen war, weil er nicht so, wie wir, angehalten hatte, um die ›Stadt der Toten‹ zu betrachten. Er rief nach uns zurück. Er forderte uns auf, nicht länger zu zögern, denn der Weg nach dem Gefängnisse Nummer Fünf sei noch weit, und es gebe nur noch eine halbe Stunde, bis es dunkel werde. Wir folgten dieser Aufforderung.

Indem ich während des Bergabwärtsreitens meinen Blick auf die Zyklopenmauern der jenseitigen Festungsstadt gleiten ließ, wollte es mir um den Ausgang des gegenwärtigen Abenteuers doch ein wenig bange werden. Diese Mauern und Türme waren so stark und so hoch, daß für einen Jeden, der sich einmal hinter ihnen befand, das Entkommen unmöglich zu sein schien. Darum fragte ich den Mir, doch so, daß nur er es hörte:

»Werden wir etwa da drüben eingesperrt?«

»Nein,« antwortete er. »Aber selbst wenn dies der Fall wäre, brauchtest du keine Sorge zu haben. Ich kenne mich dort aus. Ich brauchte nur zu wollen, so wäre ich frei.«

»Wo liegt unsere Nummer Fünf?«

»Noch vor den starken Befestigungsmauern, die dich zu ängstigen scheinen. Du siehst das tiefe Bett des Flusses und die drei steinernen Brücken, die hinüberführen. Das jenseitige Ufer ist künstlich aufgemauert. Bemerkst du die große, weite Oeffnung, die sich in dieser Mauer befindet? Etwas unterhalb der mittleren Brücke?«

»Ja. Es scheint das die Mündung eines früheren, unterirdischen Kanales zu sein.«

»Nicht eines Kanales, sondern eines Nebenflüßchens, welches erst offen in den Hauptstrom führte, später aber überwölbt worden ist. Ueber dieser Mündung liegt ein großer, freier Uferplatz, an dessen Westseite du ein Mauerquadrat
siehst, welches sich um zwei Gebäude zieht, ein Haupt- und ein Nebengebäude. Das Erstere ist unser Gefängnis Nummer Fünf, das Letztere die Wohnung des obersten Aufsehers, die ich schon einmal erwähnte.«

»Hm! Dieses Gefängnis sieht gar nicht so ernst und bedenklich aus!«

»Ist es auch nicht, ganz und gar nicht! Kein Mensch wird uns dort festhalten können! Die Flucht ist keinesweges unmöglich, sondern sogar sehr leicht. Sie verbietet sich nur aus dem Grunde, daß man unterwegs verschmachten muß, wenn man kein Wasser hat. Wir aber haben doch noch alle Schläuche voll.«

»Wir brauchen aber auch viel! Fünf Menschen, sieben Pferde und vier große Hunde! Die wollen trinken! Es handelt sich um unser Leben, und da soll man nicht allzu sorglos sein. Für jetzt aber ist die Hauptfrage die, ob unsere Nummer Fünf wirklich ein ehrliches Gebäude ist; das heißt, ob sie hinterlistige Falltüren, Doppelmauern oder ähnliche derartige Dinge hat.«

»Das kann ich getrost verneinen. Ich habe als Knabe bei dem damaligen Oberaufseher gewohnt und bin in allen Ecken und Winkeln herumgekrochen. Wenn es so Etwas gäbe, hätte ich es sicher gefunden, oder der Oberaufseher hätte es mir gezeigt, wie er mir alles Andere zeigte, was Niemand wissen durfte.«

»So kann ich hierüber also ruhig sein?«

»Unbedingt!«

Er sagte das in einem so überzeugten Tone, daß ich ihm glaubte. Er hätte ihn ja auch beleidigen müssen, wenn ich nun noch immer nicht befriedigt gewesen wäre, Wir ritten nun still den Berg hinunter in gerader Linie durch die Stadt, zuletzt über die mittlere Brücke, und bogen dann links nach dem erwähnten freien Platz ein,
an dessen Westseite unser Gefängnis lag. Es sah aber wirklich und wahrhaftig nicht wie ein Gefängnis aus! Es wurde bereits erwähnt, daß die Umfassungsmauer nicht viel über Manneshöhe hatte. Jedes Kind konnte über sie hinwegklettern. Als wir hart an ihr hinritten, schaute ich vom Sattel aus, ohne mich in den Bügeln erheben zu müssen, ganz bequem in den Hof hinein. Wir konnten das Hauptgebäude von Grund auf überblicken. Es war kein einziges Fenster da, sowohl im Parterre als auch in der Etage. Die Fensteröffnungen starrten uns alle leer und offen entgegen. Man brauchte nur herauszusteigen, um frei zu sein! War das nicht lächerlich? Und das nannte man ein Gefängnis! Mir wurde das Herz, welches mir vorhin hatte schwer werden wollen, wieder leicht.

Das Tor befand sich nicht auf der Fluß- sondern auf der anderen Seite. Wir hielten vor ihm an. Die Sonne war verschwunden; die Dämmerung begann.

»Am Ziele!« rief der Kommandierende, indem er seinen Reitern winkte, uns von drei Seiten zu umschließen; an der vierten hatten wir die Mauer.

»Ja, am Ziele!« wiederholte der ›General‹.

Und der ›Panther‹ sagte, indem er tief und erleichtert Atem holte, zu uns:

»Wir sind angekommen! Nun hört der Spaß auf, und der Ernst beginnt! Sind wir nun endlich frei?«

»Ja,« nickte ich, weil der Mir nicht antwortete.

»Und ihr ergebt euch in euer Schicksal?«

»Mit Vergnügen!«

»Das heißt, ihr reitet durch dieses Tor in den Gefängnishof, ohne euch zu wehren?«

»Ja. Wir haben es versprochen, also halten wir es!«

Halef band ihn und den General los. Sie erhielten
ihre Waffen zurück und sprangen dann von ihren Pferden. Der ›Panther‹ machte ein eigentümliches Gesicht. Er musterte uns, die wir nicht abstiegen, mit höhnisch lachenden Augen und sagte:

»Eigentlich wollte ich eure Pferde und Hunde haben. Aber ich weiß, daß diese Bestien auf geheime Kunststücke gedrillt sind, und will also lieber verzichten. Behaltet sie! Und nun kommt der Abschied!«

Er trat selbst an das Tor, ergriff den daranhängenden Klöppel und klopfte. Es wurde sofort geöffnet. Man schien auf dieses Klopfen gewartet zu haben. Jedenfalls hatte man uns kommen sehen. Das Tor war, wie ich nun sah, nicht ein einfaches, sondern ein doppeltes. Es gab zwei äußere und zwei innere Türflügel. Die einen schlugen auf den freien Platz heraus, die anderen nach dem Hof hinein. Zwischen beiden lag der Raum, in dem die Gefangenen in Empfang genommen und die hierbei gebräuchlichen Formalitäten erledigt wurden. Dieser Raum war von ziemlicher Größe; er bot Platz für uns und unsere Pferde und Hunde. Der Mir hatte nur von der Mauer, nicht aber auch von diesem Empfangsraume gesprochen, doch war das wohl kein Grund, nun gleich schon wieder Verdacht zu hegen und Sorge zu haben. Es gab auch gar keine Zeit dazu, denn als man die beiden äußern Torflügel aufstieß, wurden zugleich auch die inneren geöffnet, und es erschien dort ein Mann, wahrscheinlich ein Beamter, der uns aufforderte, hereinzukommen. Der Mir tat dies sofort. Ich folgte ihm, und so kamen Halef und die beiden Prinzen der Ussul ohne Weigern hinterdrein.

»Grüßt mir den Dschirbani und meinen vortrefflichen Bruder!« hörten wir den ›Panther‹ rufen; dann flogen sowohl die äußeren wie auch die inneren Torflügel wieder zu, und wir befanden uns in völliger Dunkelheit.

»Allah kerihm!« rief Halef. »Was ist das? Sollte das eine Falle sein?«

»Jedenfalls,« antwortete ich.

»Nein!« widersprach der Mir. »Der Aufseher wird sein Tor gleich wieder öffnen. Das äußere wird freilich verschlossen bleiben.«

»Wer aber hat es zugemacht? Doch nicht der ›Panther‹!« sagte ich. »Durch Menschenhand ist es nicht geschehen.«

»So geschah es durch irgendeine Vorrichtung, wie es hier in der Gefängnisstadt so viele gibt!«

»Du versichertest mir aber doch, daß es in der Nummer Fünf keine solche Heimlichkeiten gebe! Steigen wir ab, schnell, schnell! Und versuchen wir, zu öffnen!«

Aber noch während ich mich aus dem Sattel schwang, gab es unter uns ein heiseres Kreischen, wie wenn ungeölte Wagenräder sich drehen, und der Fußboden begann, sich zu senken. Der Mir schrie laut auf; Halef schrie und die beiden Prinzen der Ussul schrien. Die vier Hunde fielen mit lautem Bellen ein. Es gab da einen Heidenlärm. Ich aber war still. Es galt, den Kopf nicht zu verlieren, sondern trotz der Größe der Ueberraschung vollständig kaltblütig zu bleiben. Wir sanken nicht allzu tief, vielleicht drei-bis viermal Manneshöhe. Nun hielt die Bewegung inne, doch nur für kurze Zeit. Dann senkte sich der Fußboden so tief nach der einen Seite, daß er eine schiefe Ebene bildete, auf der wir uns nicht halten konnten. Wir glitten nach dieser Seite hinunter, wir alle, Menschen, Pferde und Hunde. Wären unsere Tiere nicht so edel und folgsam gewesen, so hätte das einen schlimmen Wirrwarr ergeben; so aber kamen wir mit einigen Stößen und leichten Quetschungen davon.

»Licht machen! Schnell, schnell!« befahl der Mir.

»Nein, kein Licht!« antwortete ich.

»Warum nicht?«

»Abwarten! Horch!«

Das Kreischen begann von Neuem. Der Fußboden hatte uns seitwärts abgeladen und bewegte sich wieder nach oben. Zugleich erschallte die Stimme des ›Panthers‹ aus der Höhe herab:

»Das dachtet ihr wohl nicht, ihr Schurken? Das war das Geheimnis des Maha-Lama von Dschunubistan und meines alten, treuen Basch-Islami!«

»Schadet nichts!« antwortete Halef laut lachend. »Wir laden uns zur Hochzeit ein, wenn seine Tochter mit dir den Thron besteigt!«

Der kleine, rabiate Kerl konnte es nicht über sich bringen, still zu sein. Er hätte lieber sonst Etwas erlitten, als gehindert zu sein, dem ›Panther‹ einen Hieb zurückzugeben. Dieser sandte eine Erwiderung herab, die wir aber nicht mehr verstehen konnten, weil der Fußboden jetzt oben angekommen war und die Oeffnung sich also wieder schloß.

»Warum willst du kein Licht?« fragte mich der Mir.

»Ich will welches, aber nicht sofort jetzt,« antwortete ich. »Ich nehme an, daß man uns noch lange beobachtet, und sie sollen nicht erfahren, daß wir sehr wohl imstande sind, uns soviel Licht zu machen, wie wir brauchen. Hast du eine Ahnung, wo wir uns eigentlich befinden?«

»Nein. Ich könnte dir zwar antworten: Natürlich befinden wir uns gerade unter dem Gefängnis Nummer Fünf, aber das würde doch keine kluge Antwort sein.«

»Allerdings nicht. Unsere Rettung hängt davon ab, daß wir kaltblütig bleiben und keinen einzigen Schritt weiter tun, bevor wir uns nicht ganz genau orientiert haben, wohin uns der vorige Schritt gebracht hat. Ein Jeder
nehme sein Pferd an sich und wir, Halef, auch unsere Hunde, damit sie alle ruhig bleiben!«

Es dauerte eine kurze Zeit, bis das geschehen war; dann fuhr ich fort:

»Zunächst die Himmelsrichtung! Nach welcher Richtung sind wir vom Fußboden herabgeglitten?«

»Nach West,« antwortete Halef. »Ich stand schon oben mit dem Gesicht nach West und habe mich seitdem nicht gedreht.«

»Das stimmt. Der freie Platz, auf welchem das Gefängnis steht, liegt über der Mündung des Nebenflüßchens, von dem wir, während wir den Berg herabritten, sprachen. Dieses Flüßchen fließt gerade aus West in den Hauptstrom. Ich habe mir zweierlei sehr genau gemerkt, nämlich wo seine Mündung und wo das Gefängnis liegt. Es geht gerade unter dem Gefängnishofe hindurch. Ich bin also überzeugt, daß wir uns in dem Kanale befinden, der über seinem natürlichen Lauf künstlich gewölbt worden ist. Können wir diesem Kanale in östlicher Richtung folgen, so gelangen wir an seine Mündung, die wir sahen, und sind dann frei. Ich vermute aber, daß wir das nicht können. Man wird ihn verschüttet haben, damit kein Gefangener entfliehen könne. Was weißt du hiervon?«

Diese Frage war an den Mir gerichtet.

»Nichts weiß ich,« antwortete er. »Sprich weiter, Effendi!«

Ich fuhr fort:

»Folgen wir dem Kanale in westlicher Richtung, so führt er uns jedenfalls unter der Militärstadt hin in das Festungsinnere. Kennst du vielleicht einen Ort, an dem er dort zu Tage tritt?«

»Nein; ich kenne leider keinen,« erklärte der Mir,
und zwar ziemlich kleinlaut. »Fast möchte ich mich vor dir schämen! Ich habe mit meinen großen Kenntnissen über die ›Stadt der Toten‹ geprahlt und war auch wirklich überzeugt, sie zu besitzen, und kaum sind wir angekommen und haben noch gar nicht festen Fuß gefaßt, so stellt sich schon heraus, daß meine Unwissenheit größer ist als mein Wissen!«

»Das schadet nichts!« tröstete Halef. »Auch die Unwissenheit ist eine ganz hübsche Sache. Sie nützt dem Menschen zuweilen mehr als alles Wissen. Nur ein Bißchen Glauben muß dabei sein, ein Bißchen Glauben an Allah und seine Scharen, die er uns sendet, wenn Rettung nötig ist. Wie oft, wenn ich gemeint habe, recht klug gewesen zu sein, habe ich mich tief in das Unheil hineingeritten! Und wenn meine Unwissenheit mir riesengroß vor Augen stand und ich darum zu Allah um Hilfe betete, da habe ich kaum ›Amen‹ gesagt gehabt, so war ich schon gerettet! Also, daß du unwissend bist, das schadet nichts, denn ich bin es auch. Ich und mein Effendi haben uns noch in viel, viel schlimmeren Lagen befunden, als unsere heutige ist, und doch sind wir stets glücklich entkommen. Wir werden uns auch hier zu helfen wissen, und wie wir das anzufangen haben, das wird uns jetzt mein Sihdi sagen; paß auf!«

»Warum willst denn du es nicht sagen?« fragte ich ihn, wie ich gestehe, ein wenig ironisch.

»Weil ich es nicht weiß!« antwortete er.

»So! Aber ich? Ich soll und muß es wissen?«

»Allerdings!«

»Warum?«

»Es ist deine Pflicht! Du hast mich einmal so daran gewöhnt, daß du nachdenkst, ich aber führe es aus. Alle großen und berühmten Heldentaten, die man von uns
erzählt, sind in deinem Gehirn entsprungen. Von da sprangen sie dann zu mir herüber, in meine Arme und Beine. Da sind sie zur Tat geworden und hinaus in alle Welt gegangen. So soll es auch jetzt sein. Denke nur nach, Sihdi! Was du dir ersinnst, das machen wir!«

»Könnte es denn nicht zur Abwechslung auch einmal so sein, daß ihr nachdenkt und ich führe es dann aus?«

»Nein; das geht nicht. Wir sind vier Personen, und du bist nur eine. Du kannst unmöglich das Alles ausführen, was wir ersinnen würden. Es mag also bleiben, wie es stets gewesen ist.«

Diese Drolligkeit des kleinen Hadschi kam mir ganz recht. Die Unbesorgtheit, mit der er unsere Lage betrachtete, mußte auch den Anderen jede Bangigkeit nehmen. Ich ging auf seine Ansicht ein, indem ich beistimmte:

»Nun gut! Ich will versuchen, deine Wünsche zu erfüllen. Wir werden zunächst nachschauen, ob der Kanal, in dem wir uns befinden, nach Osten hin passierbar ist. Wäre dies der Fall, so gelangten wir, wie ich schon gesagt habe, durch seine Mündung, die wir kennen, in den Hauptstrom und wären dann sofort frei. Doch nehme ich an, daß es einen Ausgang nach dieser Seite hin nicht mehr gibt. Der ›Panther‹ hat die Oertlichkeit jedenfalls sehr genau untersucht, ehe er uns hier herunterexpedierte. So bleibt uns denn nichts Anderes übrig, als uns nach West zu wenden.«

»Beginnen wir also! Machen wir Licht!« meinte der Mir ungeduldig.

»Nein, noch nicht. Wir warten noch. Ich vermute, daß man oben lauscht. Man soll nicht sehen, daß wir Licht besitzen, daß wir die Sache kalt überlegen und nicht überstürzen, daß wir also keineswegs so verzweifelt sind, wie die da oben sehr wahrscheinlich denken.«

Er mußte sich fügen, wenn er es auch ungern tat. Wir warteten wohl eine ganze Stunde, und es stellte sich heraus, daß ich Recht gehabt hatte. Es geschah während dieser Zeit zweimal, daß der bewegliche Boden da oben so weit heruntergelassen wurde, daß es möglich war, an den Kanten herabzusehen. Auch hörten wir Stimmen. Sie klangen aber so unterdrückt, daß wir die Worte nicht verstehen konnten. Gerade absolut nötig war dieses unser Warten wohl nicht, aber ich wollte unsere Feinde in Sicherheit wiegen. Je fester sie überzeugt waren, daß eine Flucht für uns gar nicht möglich sei, um so weniger gaben sie auf uns Acht. Als aber eine Stunde vorübergegangen war, ohne daß sie sich zum dritten Male regten, öffnete ich mein Paket, und wir machten Licht.

Da zeigte es sich denn sofort, daß ein Entkommen nach der Ostseite hin als unmöglich erschien. Der Kanal war nach dieser Seite hin nicht nur zugeschüttet, sondern sogar mit so großen und so schweren Felsenstücken versetzt, daß alle unsere Kräfte nicht ausreichten, auch nur ein einziges loszubekommen und zu bewegen. Es blieb uns also nichts Anderes übrig, als uns nach der Westseite zu wenden.

Die war offen. Der Kanal glich keineswegs einem engen, niedrigen Bergwerksstollen. Er war fast zwei Männer hoch und so breit, daß über ein Dutzend Personen nebeneinandergehen konnten, ohne sich zu berühren. Infolge dieser Breite gab es in der Mitte eine fortlaufende Pfeilerreihe, von welcher die Decke mit getragen wurde. Der Boden war vollständig eben und glatt. Man hatte Sorgfalt auf ihn verwendet. Er glich einer glatt geschlagenen Lehmtenne. Es gab eine leidlich gute Luft und nicht die geringste Spur von Feuchtigkeit.

»Das sieht nicht aus wie ein Wasserkanal, wie der Ablauf eines Flusses!« sagte der Mir.

»Du kennst ihn also nicht?« fragte ich ihn.

»Nein. Ich weiß nur, was ich dir schon gesagt habe, nämlich, daß sich das Nebenflüßchen an der Stelle, die ich dir zeigte, in den Hauptstrom ergossen hat, und daß man den Lauf desselben mit einem Gewölbe überbaute. Den Gedanken, in diesen Kanal einzudringen, habe ich nie gehabt. Wie lang mag er wohl sein?«

»Das werden wir erfahren. Wir zählen die Schritte. Das dürfen wir überhaupt nicht unterlassen, wenn wir uns später orientieren wollen.«

Nicht ein Jeder bekam ein Licht. Wir mußten sparen. Es wurden nur zwei Kaffeelämpchen mit Sesamöl gefüllt und angebrannt; dann machten wir uns auf den Weg. Wir gingen natürlich langsam, sehr langsam, denn die kleinen Flämmchen waren so unzureichend, daß man nicht drei Schritte weit zu sehen vermochte. Wir konnten an jedem Augenblick an eine Unterbrechung des Kanals, an ein Loch, einen Abgrund, eine heimtückische Falle oder an irgend sonst Etwas geraten, was uns verderblich sein sollte. Aber es kam nichts Derartiges. Wir gingen hundert Schritte, fünfhundert, tausend Schritte. – – –

»Das wird langweilig!« zürnte Halef.

»Denkst du, daß man uns zur Kurzweile hier eingesperrt hat?« fragte ich ihn.

»Nein, das nicht. Aber wenn das so fortgeht, setze ich mich her und schlafe ein!«

Als wir sechshundert Schritte gezählt hatten, nahm ich an, daß der Kilometer voll sei. Aber wir legten einen zweiten Kilometer zurück, ohne daß wir an das Ende kamen. Wir führten die Pferde am Zügel. Auch die Hunde hatten sich hinter uns gehalten, still und ohne
Aufregung. Nun aber wurden sie unruhig. Sie drängten sich vor. Sie wollten uns voran; wir mußten sie an die Leine nehmen; aber sie ließen sich das nur widerwillig gefallen. Uucht blieb plötzlich stehen, um eine Stelle des Bodens zu untersuchen. Dann hob sie die Nase, sog die Luft mit lang ausgestrecktem Halse ein und riß sich dann los. Ein lautes Freudengeheul ausstoßend, verschwand sie in dem uns entgegengähnenden Dunkel, Aacht, Hu und Hi sofort hinter ihr her. Wir konnten sie nicht halten. Ihre Stimmen erregten in dem langen, die Schallwellen tausendfach zurückwerfenden Kanale einen Lärm, als ob eine Legion von Teufeln brülle und heule.

»Der Dschirbani?« fragte der Mir.

»Wahrscheinlich!« antwortete Halef. »Unser Dschirbani und der Prinz der Tschoban! Beeilen wir uns!«

Die Hundestimmen verklangen; dann hörten wir menschliche. Aber es war kein einziges Wort zu verstehen. Der Widerhall verstärkte und verwirrte die Töne ins Ungeheuerliche. Ganz selbstverständlich war es nun mit unserer bisherigen Langsamkeit zu Ende. Wir eilten vorwärts, so schnell wir konnten. Und die Beiden kamen uns ebenso schnell entgegen. Ja, sie waren es: der Dschirbani und Sadik, der wahrhaft erstgeborne Prinz der Tschoban!

Ich unterlasse es, das Wiedersehen zu beschreiben. Sie waren ganz auf dieselbe Art, wie wir, in die Falle gelockt worden. Sie waren überzeugt gewesen, mit dem Herrscher von Ardistan verhandeln zu sollen. Aber sie hatten nicht so viel Glück gehabt wie wir. Man hatte sie überwältigt, entwaffnet und gefesselt und ihnen nur die Füße wieder freigegeben, als sie am Gefängnis Nummer Fünf angekommen und, grad so wie wir, ganz
unvermutet in die Tiefe hinabgelassen worden waren. Dann unten hatten sie einander die Hände selbst befreit. Sie waren nun schon zwei volle Tage unten, ohne Essen und ohne Wasser. Besonders ihr Durst war groß, weil man ihnen auch schon während des Transportes nichts zu trinken gegeben hatte. Wir wollten ihnen gleich jetzt, hier an Ort und Stelle, Wasser verabreichen; sie aber sagten uns, daß es bequemer sei, mit ihnen erst an das Ende des Kanals zu kommen, wo der Raum größer sei und es auch Sitze gebe. Wir gingen auf diesen Vorschlag ein.

Sie hatten vor zwei Tagen keinen andern Weg gefunden als den, den wir auch kamen, und sich mit den Händen vorsichtig weitergetastet, bis sie bemerkten, daß der Kanal zu Ende sei. Er wurde durch riesige Felsquader verschlossen, die so künstlich zubehauen waren, daß man sie für natürliche hielt. Die feinen, wohlausgepaßten Spalten, in denen sie sich aneinander fügten, schienen natürliche Risse und Sprünge zu sein. Der Gang erweiterte sich da, wo er aufhörte, zu einem großen, viereckigen Raume, der einem saalähnlichen, geräumigen Zimmer glich und längs der Wände hin mit steinernen Sitzen versehen war. Da ließen wir uns nieder.

Hier, an diesem unterirdischen, nur von einigem leisen Dämmerscheine erhellten Raume sahen sich der Mir und der Dschirbani zum ersten Male. Zunächst bekam der Letztere und sein Gefährte zu trinken. Inzwischen brannte ich einige der mitgebrachten Kerzen an, um wenigstens für kurze Zeit so viel Licht zu machen, daß wir einander deutlich sehen konnten. Da reichte der Mir dem Dschirbani die Hand, und dieser hielt sie fest. Sie sahen einander an, ohne zu sprechen, ohne sich auch nur zu grüßen. Dann setzte sich der Mir auf eine der Bänke und wendete sich an mich:

»Hier ist nicht der Ort zu Begrüßungen zwischen Fürsten und Heerführern. Daß wir uns sprechen und miteinander verhandeln wollten, war eine Lüge des ›Panther‹. Aber diese Lüge wird zur Wahrheit werden. So verwandelt die Hand der Vorsehung das Böse in Gutes. Aber hier soll dies nicht geschehen. Hier sind wir nicht einmal Herren unseres eigenen Schicksals; wie könnten wir uns erdreisten, fremde Geschicke leiten und lenken zu wollen! Hier sind wir Menschen, hilfsbedürftige Menschen, die sich in großer Not und Sorge befinden. Sobald diese vorüber ist, werden wir wieder sein, was wir waren. Jetzt aber richte ich an dich, Effendi, die Frage, was du über unsere jetzige Lage denkst. Ist sie aussichtslos oder nicht?«

Da antwortete ich schnell und bestimmt:

»Ich brauche sie gar nicht erst zu prüfen, um dir sagen zu können, daß von Aussichtslosigkeit gar keine Rede ist.«

»Ich danke dir! Das beruhigt mich. Aber wenn sich nun auch hier kein Ausgang findet?«

»So kehren wir dorthin zurück, woher wir gekommen sind. Daß der Fußboden des Empfangsraumes beweglich ist, war uns bisher nachteilig. Ich habe gar keinen Grund, anzunehmen, daß es uns nicht auch zum Vorteil werden könne. Wenn der Boden auf- und niedersteigt, so geschieht dies nur durch Anwendung von Hemmungen und Gewichten. Befänden sich diese Gewichte über der Erde, so hätten wir auf Hoffnung zu verzichten. Es gab aber da oben, am Tore und an der Mauer, nicht den geringsten Platz für sie. Sie sind also nur unter der Erde zu suchen, und ich bin überzeugt, daß wir sie finden werden. Ist das geschehen, so ist es keinem ›Panther‹ möglich, uns länger zu halten, als wir uns halten lassen wollen.«

»Das klingt ja hoffnungsvoll! Wer hätte das gedacht! Ich verließ mich auf meine Kenntnis der hiesigen Oertlichkeiten und muß mich nun ganz auf dich verlassen! Willst du noch mehr sagen?«

»Ja. Es ist nämlich noch gar nicht erwiesen, daß wir hier umzukehren haben. Dieser Raum ist künstlich hergestellt worden. Man baut sich aber kein Zimmer und keine Stube, zu der man, um sich dort niedersetzen zu können, fast viertausend Schritte unter der Erde zu laufen hat. Ich bin vielmehr überzeugt, daß es hier eine Türe gibt, die in das Freie führt.«

»Ich sehe keine!«

»Ich auch nicht. Aber suchen wir. Ein hölzerne Türe gibt es freilich nicht. Ist eine da, so ist sie von Stein, so besteht sie aus einem dieser großen Felsenstücke, die so genau zusammenpassen, als ob die Fugen nicht künstliche, sondern ganz natürliche seien. Eine solche Steintüre wäre aber viel zu schwer und ungefügig, als daß sie in Angeln gehen könnte. Es ist vielmehr anzunehmen, daß sie auf Rädern läuft. Ist dies der Fall, so hinterläßt das auf dem Boden Spuren, die sich nicht verbergen lassen.«

»So meinst du, daß wir nur den Fußboden zu untersuchen brauchen, um zu sehen, ob es eine Türe gibt oder nicht?«

»Allerdings!«

»Gut, schauen wir nach!«

Die Lämpchen und Lichter wurden zu Boden gesenkt, und kaum war das geschehen, so rief Halef:

»Sihdi, ich hab's, ich hab's!«

»Was?« fragte ich. »So schnell?«

»Ja, so schnell, sofort! Ein Geleis – – – und noch eins, also zwei! Kommt her!«

Es war, wie er sagte. Der Boden wurde von einer sehr harten, schweren Steinplatte gebildet, in welche zwei Vertiefungslinien eingehauen waren, die gar nichts anderes sein konnten, als eben nur Geleise. Diese Platte lag nicht genau wagerecht, sondern schief; sie hob sich nach der Mauer zu und senkte sich nach der andern Seite hin; sie hatte also Fall. Sie stieß an eine zweite Platte von demselben harten Stein, auf welcher sich die beiden Geleise fortsetzten: auch diese lag nicht wagerecht; sie ging wieder bergan. Man sah ganz deutlich, daß die Last, die auf diesen beiden Steinen zu rollen hatte, sich erst abwärts und dann wieder aufwärts bewegte. Sie wurde also durch ihre eigene Schwere in das Rollen gebracht und auch wieder angehalten.

Also die Geleise, die Schienen waren da! Nun fragte es sich, welcher Stein die Türe bildete. Natürlich der, unter dem die Geleise entsprangen. Wir untersuchten ihn. Er stand fest. Er wich und wankte nicht. Er wurde also in irgend einer Weise festgehalten. Gelang es, diese Hemmung zu entfernen, so bewegte er sich jedenfalls. Wir gingen also an die genaue Untersuchung seiner nächsten Umgebung. Da fielen uns sehr bald zwei kleine Stellen auf, die anders gefärbt waren als die Felsen selbst. Sie lagen nicht ganz in Brusthöhe über der Erde, und zwar rechts und links von dem Türenstein an den anstoßenden Kanten der beiden Nachbarsteine. Ich versuchte, sie mit dem Fingernagel wegzukratzen. Sie bröckelten ab. Nun nahm ich das Messer; da ging es schneller. Es wurden zwei schmale Löcher oder Spalte sichtbar, ganz genau den Oeffnungen gleichend, in welche man bei Automaten die Zehn- und Fünfpfennige steckt. Man hatte sie verstopft, mit von der Erde aufgehobenem, naß gemachtem Staube, damit Niemand sie bemerken möge.
Das war genau dieselbe Art, in der man auch die Spalten und Risse am ›Wasserengel‹, der in der Nähe des Engpasses Chatar stand, unsichtbar gemacht hatte. Das fiel mir auf.

»Ein Loch, ein Loch, ein Schlüsselloch!« sagte Halef. »Nicht wahr, Sihdi?«

»Es scheint so,« stimmte ich bei.

»Und drüben auf der andern Seite wohl auch?«

»Wollen sehen!«

Als ich auch dort den Staub entfernt hatte, kam eine ganz gleiche Oeffnung zum Vorschein.

»Sonderbar, höchst sonderbar!« wunderte sich der Mir. »Aber nun der Schlüssel! Wo mag der sein? Vielleicht liegt er hier irgendwo versteckt!«

»Das glaube ich nicht,« antwortete ich. »Einen so wichtigen Gegenstand versteckt man nicht grad da, wo der Wunsch, ihn zu besitzen, am lebhaftesten ist. Doch, warte!«

Es fiel mir nämlich grad in diesem Augenblicke jenes Schlüsselmesser des Maha-Lama von Dschunubistan ein, welches ich am andern Tage an der Stelle fand, an welcher er mit dem ›obersten Minister‹ gelagert hatte. Ich hatte es mir gut aufgehoben. Es steckte in dem sichersten Winkel meiner Satteltasche. Ich holte es jetzt aus ihm hervor und bog die Klinge in die damals von mir beschriebene Lage. Dann steckte ich die Spitze in das Schlüsselloch und drehte. Es ging! Ich hätte laut aufjubeln mögen! Denn ich ahnte, daß von der Brauchbarkeit dieses Messers auch noch andere, sehr wichtige Dinge abhängen würden.

»Er kann öffnen, er kann öffnen!« rief der Mir ganz verwundert.

»O, mein Effendi kann Alles, und ich nachher auch!« antwortete Halef in sehr stolzem Tone.

»Ich habe gesagt, daß er sich auf mich verlassen könne, und nun muß ich mich auf ihn verlassen! Bitte, Effendi, schließ auch die andere Oeffnung auf.«

»Wenn du weggegangen bist, eher nicht!«

Er stand nämlich grad vor dem Steine, der sich bewegen sollte. Darum fügte ich hinzu:

»Weil die schwere Türe dich, sobald sie aufgeht, niederwerfen und zermalmen würde.«

Da trat er schnell zur Seite. Ich steckte die Messerspitze nun auch in die andere Oeffnung, und sie bewährte sich ebenso wie drüben. Kaum hatte ich sie herumgedreht, so bewegte sich der Stein. Er verließ infolge seines eigenen Druckes seinen bisherigen Platz, trat aus der Mauer heraus, rollte über die erste Platte abwärts, auf der zweiten aufwärts und blieb dann stehen. Trotz seines Gewichtes von vielen Zentnern brauchte man ihm nur einen kleinen Rückstoß zu geben, so kehrte er von der zweiten über die erste Platte auf seinen Platz in die Mauer zurück. Eine kühle, reine Luft drang zu uns herein. Die Pferde atmeten sie in lauten Zügen ein.

»Gerettet!« rief der Mir.

»Oho!« zweifelte Halef.

»Nicht so laut!« warnte ich. »Und schnell die Lichter aus! Wir wissen ja nicht, wohin wir kommen! Unsere Rettung ist noch keineswegs beendet; ich meine vielmehr, daß die Gefahr erst jetzt beginnt. Treten wir vorsichtig hinaus! Und vor allen Dingen still, ganz still!«

Es war draußen fast so dunkel wie im Innern des Kanals. Erst nach einiger Zeit, als die Augen sich eingewöhnt hatten, sahen wir, daß wir uns auf einer Art Veranda, Laube, Perron oder Kolonnade befanden, die tief in den Felsen gehauen war, so daß vorn nur noch die mächtigen Säulen standen, auf denen der Oberfelsen
ruhte. Das Gestein über uns verhinderte, daß wir den Himmel sahen. Aber als wir nach vorn gingen, konnten wir den Blick zu den Sternen erheben, die über uns leuchteten. Eine klare, deutliche Umschau war freilich nicht möglich. Jeder Umriß zerfloß und verschwamm. Der Mir hatte ein ganz anderes Leben geführt als Halef und ich. Seine Sinne waren ungeschärft geblieben. Er behauptete, gar nichts zu sehen, als nur die Sterne. Wir aber bemerkten trotz aller Undeutlichkeit sehr wohl, daß wir uns in einer außerordentlich schroffen Bodenvertiefung befanden, in deren Mitte eine Tafel mit einem hohen, beflügelten Gegenstande zu stehen schien, vielleicht eine Figur.

»Hast du jetzt nun eine Ahnung, wo wir uns befinden?« fragte ich den Mir.

»Nein,« antwortete er.

»Wir stehen in einem ungeheuren kreis- oder länglich runden Kessel, dessen Wände senkrecht aufzusteigen scheinen.«

»Den gibt es nicht,« behauptete er.

»O doch! Es muß ihn geben, denn ich sehe ihn ja! In der Mitte dieses Kessels gibt es etwas wie eine Insel, und auf ihr eine Figur.«

»Figur? Was für eine Figur?« fragte er schnell.

»Wahrscheinlich ein Engel, denn ich sehe Flügel!«

Da schrie er laut auf:

»Allah behüte uns vor – – –«

Ich unterbrach seine Worte, indem ich ihn beim Arm ergriff und ihn warnte:

»Nicht so laut, nicht so laut! Wir müssen vorsichtig sein!«

Da wiederholte und vervollständigte er seine Interjektion in leiserem Tone:

»Allah behüte uns vor dem neunmal geschwänzten
und zehnmal gesteinigten Teufel! Es scheint, wir befinden uns am schauderhaftesten und unheilvollsten Orte, den es auf Erden gibt!«

»An welchem?«

»Am Maha-Lama-See!«

»Maha-Lama-See? Habe nie etwas von diesem See gehört!«

»Weil du ein Fremder bist, von so weit her! Gar von Europa! In Asien aber ist er berüchtigt und gemieden, so weit es Menschen gibt!«

»Warum?«

»Weil hier Grausamkeiten, Gotteslästerungen, Sünden und Verbrechen geschehen sind, die nicht nur einmal, sondern tausendmal von der Erde zum Himmel hinauf- und vom Himmel wieder zur Erde herunterschreien.«

»Von wem?«

»Von den Lama-Priestern.«

»An wem?«

»An Allen, die es wagten, ihnen zu widerstreben. Sie waren eigentlich nicht Lama-, sondern Teufelspriester. Man erzählt sich von ihnen Dinge, die man eigentlich für Menschen unmöglich halten sollte.«

»So erzähle! Wir befinden uns, wie es scheint, am ganz richtigen Platze für derartige Erzählungen. Komm, setze dich! Hier stehen Bänke, grad wie im letzten Raume des Kanales.«

Ich zog ihn nach einer dieser langen Steinbänke hin. Er folgte mir nicht gern.

»Man darf nicht davon sprechen!« sagte er.

»Warum nicht?«

»Weil es gefährlich ist, zumal wenn das Wunder wirklich geschehen wäre, daß wir uns hier am Maha-Lama-See befänden. Es heißt: Wehe dem, der es wagt,
die Stätte des einstigen Sees zu betreten oder auch nur von oben herunterzuschauen! Man kann ja auch gar nicht zu ihm gelangen. Es fällt auch gar keinem Menschen ein, nach ihm zu suchen, weil man überzeugt ist, daß dies nur Verderben bringen würde. Man spricht nicht von ihm; man denkt auch nicht an ihn. Darum sagte ich soeben, daß es eine solche Stelle gar nicht gebe. Und darum ist es für mich noch keineswegs erwiesen, daß wir uns am Maha-Lama-See befinden.«

»Das ist interessant, hoch interessant! Was für eine Bewandtnis hat es mit diesem See?«

»Es ist eine Sage, an die man aber glaubt!«

»Auch du glaubst ihr?«

»Warum sollte ich nicht? Es ist auf Erden Vieles wahr, was man für ein Märchen hält!«

»Ich drücke diesen deinen Gedanken anders aus: Es liegt in den meisten Märchen und Sagen ein Wahrheitskern oder ein Wink versteckt, nach dem man suchen soll, um ihn befolgen zu können. Wahrscheinlich ist das auch hier der Fall. Wir bitten dich, zu erzählen!«

Er zögerte eine Weile. Er hatte eine anerzogene, gewohnte Scheu zu bekämpfen, dann aber begann er:

»Das war zur Zeit, als der Nebenfluß noch nicht zugebaut, sondern offen war. Damals gab es einen Maha-Lama, welcher der berühmteste von allen war, die es bisher gegeben hatte. Sein Volk liebte ihn, aber der Teufel haßte ihn. Er war hundert Jahre alt geworden und ging an seinem Geburtstage am Ufer des Flüßchens spazieren. Indem er dies tat, dachte er: ›Könnte ich doch noch hundert Jahre leben; wie glücklich wollte ich meine Untertanen machen!‹ Da stand der Teufel vor ihm und sprach: ›Du kannst, wenn du willst!‹ Er hob die Hand. Da gab es einen so entsetzlichen Krach, daß die
ganze Erde bebte. Sie tat sich vor dem Maha-Lama auseinander. Es entstand ein tiefer, weiter Krater, in dem das Flüßchen sofort verschwand, und rings um seinen Rand stiegen steile, schroffe Felsenmauern auf, die ihn rund umschlossen. Kein Menschenfuß konnte über sie hinweg. Der Maha-Lama war sehr erschrocken; der Teufel aber sprach: ›Beruhige dich; es geschieht dir nichts. Ich bin gekommen, dir deinen Wunsch zu erfüllen, nicht aber, dich zu vernichten. Du sollst genau noch hundert Jahre leben, und dein Volk soll noch glücklicher sein als jetzt. Dafür verlange ich nur eins von dir.‹ Der Maha-Lama fragte, was das sei. Der Teufel antwortete: ›Das Wasser des Flüßchens, welches jetzt in diesem Krater zu verschwinden scheint, wird in ihm emporsteigen, so daß ein See entsteht. In diesem See ersäufst du alle Menschen, die dich beleidigen und kränken. Weiter verlange ich nichts von dir.‹ Da lachte der Maha-Lama und sprach: ›Darauf kann ich eingehen, denn es gibt keinen Einzigen, der mich beleidigt oder kränkt; sie lieben mich Alle. Werde ich trotzdem noch hundert Jahre leben, wenn ich auf dein Verlangen eingehe?‹ ›Ja, sogar noch länger als hundert Jahre. Du wirst leben, bis du so viel Menschen in den See geworfen hast, daß er austrocknet und wieder verschwindet. Beleidigt dich Keiner, so hast du Keinen zu ersäufen. Beleidigt dich aber Einer und du ersäufst ihn nicht, so stirbst du augenblicklich, und deine Seele ist mein für alle Ewigkeit.‹ In seinem Wunsche, noch hundert Jahre älter zu werden, unterschrieb der Maha-Lama diesen Pakt mit seinem Blute. Er war überzeugt, keinen einzigen Menschen opfern zu müssen, weil sie Alle ihn bisher liebten. Aber als man die plötzlich emporgestiegene, unübersteigbare Felsenmauer sah und daß hinter ihr der
Fluß verschwunden war, der soviele Leute ernährte, gab es doch Einen, der die Schuld auf den Maha-Lama warf, der sich, als es geschah, an der Unglücksstelle befunden hatte. Dieser wollte ihm verzeihen; er war dies ja so gewöhnt. Da aber erschien ihm der Teufel, zeigte ihm den verborgenen Weg zum See, den nur er, doch kein Anderer, finden konnte, und gab ihm nur einen einzigen Tag Zeit, entweder diesen Mann zu ersäufen oder selbst zu sterben und seine Seele zu verlieren. Da gehorchte der Maha-Lama. Der Mann verschwand heimlich und wurde nicht wieder gesehen. Das erregte Verdacht gegen den Maha-Lama. Man gab diesem Verdachte Worte, doch wer dies tat, verließ sein Haus und kehrte nicht wieder zurück. Dadurch steigerte sich der Verdacht zur Gewißheit. Die Anhänger verwandelten sich in Gegner, die Freunde in Feinde, und endlich wurde er ebenso allgemein gefürchtet und gehaßt, wie man ihn früher achtete und liebte. Das Wasser hatte schon längst den See gefüllt und sich einen Durchbruch nach seiner früheren Mündung gebohrt, und es mehrten sich die Unglücklichen, die, an schwere Steine gebunden, in die Tiefe gesenkt wurden. Der erst fast grundlose Krater füllte sich. Der See wurde immer seichter und seichter. Und noch waren die hundert Jahre lange nicht vorüber, so war kein Platz mehr für die Leichen vorhanden. Sie wurden von dem Flüßchen aus dem nun völlig angefüllten See heraus an die Oeffentlichkeit geschwemmt, und dadurch kam der vieltausendfache Mord an den Tag. Der Maha-Lama war zum Wüterich, zum Heuchler, Lästerer und Verbrecher geworden, und das Volk trat zusammen, um ihn zu züchtigen. Der Teufel aber kam zuvor und holte ihn, weil dies eine Beleidigung für ihn war, die er nicht bestrafte. Die durch Teufelskraft aus der Erde emporgestiegenen
Felsenmauern waren gemieden und gehaßt gleich vom ersten Tage an; aber als man erfuhr, was sich hinter ihnen ereignet hatte, waren sie es doppelt. Und als nun später gar das Nebenflüßchen mit dem großen Strome verschwand und über die ganze Stadt und ihre Umgegend der Tod und die Wüste kam, da erzählte man sich, daß in jeder Nacht, sobald es dunkel geworden ist, der Geist des Maha-Lama am Ufer seines ausgestorbenen Sees erscheine, um auf einen Helfer zu warten, der ihn von seinen Höllenqualen erlöst.«

Nun schwieg der Mir. Er war mit seiner Erzählung zu Ende. Auch wir schwiegen. Der Eindruck dessen, was wir gehört hatten, war kein gewöhnlicher. Jedenfalls nicht nur durch die Erzählung an sich, sondern ebenso auch durch den Ort, an dem wir uns befanden. Erst nach einer längeren Pause fügte er hinzu:

»Das war die alte Sage von dem Maha-Lama-See. Was meinst du, Effendi, ist sie eine Lüge oder eine Wahrheit?«

»Wahrscheinlich beides, nämlich eine in Lügen eingekleidete Wahrheit. Solange es dunkel ist, läßt sich gar nichts sagen; aber dieses Rätsel wird wohl auch nicht anders zu lösen sein als alle die andern Lebensprobleme, die im Gewand der Sage und des Märchens erscheinen, weil sie sonst unfaßbar bleiben würden. Wenn die Figur, die da drüben vor uns steht, wirklich ein Engel ist, so bist du vielleicht der Mann, der gekommen ist, den Maha-Lama von seinen Höllenqualen zu erlösen.«

»Ich?« fragte er erstaunt.

»Ja, du!« antwortete ich.

»Ich weiß nicht, was du meinst! Ich begreife dich nicht!«

»Das ist jetzt auch nicht nötig. Du hast nicht zu
hören, sondern zu sehen, was ich meine; das kannst du aber erst dann, wenn es hell geworden ist.«

»So fürchtest du dich also nicht vor dem Maha-Lama-See, wenn er es wirklich ist?«

»Fürchten? Ich freue mich auf ihn!«

»Und die Geister und Gespenster, von denen man erzählt?«

»Die existieren für mich nicht. Ich bin weder Spiritist noch Okkultist, weder Gespenster- noch Dämonenseher. Im Gegenteil! So oft ich da, wo man von ›Geistern‹ und dergleichen zu mir sprach, der Sache mit offenem Auge auf den Grund gegangen bin, habe ich stets und ohne jede Ausnahme erkannt, daß das, was man für überirdisch erklärte, genau ebenso irdisch und so alltäglich war wie alle andern irdischen und alltäglichen Dinge. Ich bin überzeugt, daß es sich auch hier um sehr materielle Sachen handeln wird. Wie liegt denn eigentlich dieser See im Verhältnisse zu den andern Teilen der Stadt?«

»Die Festungsstadt hast du gesehen. Auch die hohen, starken Mauern der Zitadelle?«

»Ja.«

»Aber den westlichen Teil der Zitadelle hast du nicht gesehen. Dieser ist nämlich nicht durch eine Mauer eingefaßt, sondern er lehnt sich unmittelbar an den Felsenring, der den Maha-Lama-See umgibt. Dieser Ring ist der beste und natürlichste Schutz, wie ihn die Kunst des größten Festungsbaumeisters niemals geben könnte. Viel weiter draußen liegt dann der westliche Höhenzug, der das äußere Gebiet der Stadt begrenzt. Wenn man dort den höchsten Punkt besteigt, ist es möglich, einen Blick in das Innere des Seekraters zu werfen. Dieser Blick fällt allerdings nur durch eine schmale Lücke und dringt nicht
bis auf den Grund hinab. Aber man kann den Kopf und den oberen Teil des Engels sehen.«

»In den Krater eingedrungen ist also wirklich noch Niemand?«

»Noch kein Mensch, so viel ich weiß. Es hat sich freilich herausgestellt, daß ich von der ›Stadt der Toten‹ nicht soviel weiß, wie ich dachte. Es ist also vielleicht nicht ausgeschlossen, daß es Leute gegeben hat oder gar heute noch gibt, die dagewesen sind. Doch glaube ich dieses nicht, sondern nur das Gegenteil.«

»Wäre Jemand hier gewesen, so würden wir wahrscheinlich Spuren finden, wenigstens wenn es in letzter Zeit geschehen wäre. Doch auch da müssen wir warten, bis es Tag geworden ist. Wir wollen erst essen, dann schlafen.«

»Schlafen?« fragte der Mir. »Bei einer derartigen Aufregung!«

»Du hast nicht den geringsten Grund mehr, aufgeregt zu sein. Halef mag auspacken. Wir haben noch nicht zu Abend gespeist, und auch die Pferde und Hunde müssen gefüttert und getränkt werden, doch so, daß noch für morgen sowohl Wasser als auch Futter übrig bleibt. Ich hoffe zwar, daß wir hier Alles finden, was wir brauchen, doch – – –«

»Alles?« unterbrach mich der kleine Hadschi. »Sogar auch Wasser?«

»Ja, sogar auch Wasser!« fuhr ich fort. »Aber die Vorsicht gebietet uns, für den Fall der Not doch noch Etwas aufzuheben.«

Während Halef mit Hilfe der beiden Ussul unsere Speisen auspackte und vor allen Dingen zunächst den Pferden und Hunden Futter gab, verfügte ich mich nach der Oeffnung, durch welche wir gekommen waren, um sie
nun auch von der Seite aus, an der wir uns jetzt befanden, zu untersuchen. Ich wollte sie nämlich sehr gern verschließen, um von dem Kanale aus gegen Ueberraschungen gesichert zu sein. Zwar verbot mir die Vorsicht, wieder Licht zu machen, aber da ich nun einmal das Geheimnis des Verschlusses kannte, hatte ich jetzt wahrscheinlich die Augen nicht mehr nötig, sondern es genügte der Tastsinn, zu finden, was ich suchte. Die Türe mußte doch nicht nur von innen, sondern auch hier von außen verschlossen werden können. Folglich stand zu erwarten, daß es auch von außen Schlüssellöcher gab. Ich nahm an, daß sie sich in gleicher Höhe und an ganz entsprechender Stelle befinden würden. Kaum hatte ich hingefühlt, so wurde die Vermutung bestätigt. Meine Fingerspitzen erkannten sofort die beiden, rechts und links von der Türöffnung liegenden Stellen, um die es sich handelte. Ich befreite sie mit Hilfe meines Messers von dem Staube, mit dem man auch diese Oeffnungen verschlossen hatte, und probierte dann, ob der Schlüssel passen werde. Er tat es. Es war da eine Feder angebracht, die vor- oder zurücksprang, je nachdem man drehte, und das konnte man in gleicher Weise von außen wie auch von innen tun. Nun war es gar nicht schwer, die Türe zu verschließen. Ich brauchte mich nur nicht von dem schweren Steine erwischen und niederwerfen zu lassen. Er stand jetzt im Innern. Von seiner Stelle stoßen durfte ich ihn nicht, sondern ich mußte ihn ziehen, denn ich wollte doch wieder hinaus, nicht drin in dem Kanale bleiben. Ich nahm an, daß dies eine ziemlich bedeutende Kraftanstrengung erfordern werde, weil es keinen Henkel, keinen Griff oder etwas Derartiges gab, woran ich hätte fassen können; aber die Platte, auf welcher der Stein jetzt ruhte, war in der Neigung nach außen,
die sie hatte, so scharf berechnet, daß ich die Hand kaum an den Koloß gelegt hatte, so bewegte er sich auch schon. Ich mußte nur schleunigst zurückspringen, um nicht niedergerissen zu werden. Als er seine Stelle erreicht hatte, stand er still, und ich hörte, wie die Feder in ihre Vertiefung schnappte.

Der Mir war nicht bei den Andern geblieben, sondern mit mir zur Türe gekommen. Er erklärte mir, daß er nicht essen könne. Er habe weder Hunger noch auch nur die allergeringste Spur von Appetit. Ich legte ihm jetzt den Finger an den Puls. Wirklich! Der Mann hatte Fieber!

»Bist du krank?« fragte ich.

»Nein,« antwortete er.

»Also nur aufgeregt?«

»Ja, aber sehr! Ich fühle an meinen Schläfen das laute Klopfen des Pulses!«

»Wozu? Hier, fühle den meinigen!«

»Ja du, Effendi, du! Du bist fremd; dich geht die Sache nichts an! Mich aber packt sie von innen und von außen! Sag, müssen wir hier stehen bleiben?«

»Warum diese Frage?«

»Weil es mich nicht leidet und nicht duldet! Ich kann nicht mehr stillsitzen, nicht mehr stillstehen! Ich muß laufen, muß mich bewegen! Ich weiß nicht, was das ist. Ich war noch nie so unruhig, so ergriffen!«

»So komm! Ich glaube, wir können es wagen. Gehen wir ein Stück von diesen Säulen und ihrem Felsendach hinweg, hinaus ins Freie, unter die Sterne!«

»Ja, ja, Effendi, hinaus! Ins Freie! Unter die Sterne! Wie fürchterlich das war, da drin im Kanale, in der stehenden, stockenden Luft, in der toten, leblosen Finsternis! Ich sagte nichts, aber mir wurde da angst, himmelangst! Also komm!«

Ich nahm seinen Arm unter den meinen. Wir verließen die Kolonnade und schritten langsam in die Nacht hinaus. Doch nicht wir allein. Meine beiden Hunde ließen ihr Futter liegen und kamen hinterdrein. Die treuen Tiere hielten es für ihre Pflicht, mich in dieser Finsternis nicht ohne ihren Schutz zu lassen. Wir gingen eine Weile, ohne zu sprechen. Er wußte nicht, ob er mir das, was ihn so tief bewegte, sagen dürfe, und ich aber wartete, daß er beginnen werde, weil ich durch eigenes Reden sehr wahrscheinlich seine ganze Mitteilung zurückgeschreckt und unmöglich gemacht hätte. So gingen wir weiter und weiter. Es war nicht das ganze Firmament, welches wir über uns sahen, denn die hochragenden Felsenmauern beschränkten unsern Horizont, aber es waren doch Sterne, die da funkelten, und gerade jetzt trat das neugeborene erste Viertel des Mondes als schmaler, dünner Bogen hinter der höchsten, steilsten Felsenkante hervor und goß ein geheimnisvolles Hellerwerden über uns und Alles aus, was um uns ragte. Da sahen wir, daß es allerdings ein Engel war, der genau auf der Mitte des weiten, öden Platzes stand, an dessen Rand wir uns jetzt befanden. Wir lenkten unwillkürlich unsere Schritte auf ihn zu.

»Ja, wir sind am Maha-Lama-See,« sagte der Mir jetzt. »Es ist kein Zweifel möglich. Das ist der Engel, dessen Kopf ich so oft gesehen habe, wenn ich auf der westlichen Höhe stand und mit knabenhaftem Grauen nach hier herüberblickte. Wollen wir umkehren?«

»Warum? Fürchtest du dich?«

»Fast! Ja! Und doch zieht es mich hin, als müsse ich dort Etwas finden, als hätte ich mich schon längst, mir aber unbewußt, nach ihm gesehnt! Effendi, lache nicht! Ich rede nicht dumm; ich rede nicht irr; ich sage dir nur, was ich fühle!«

»Wer könnte da lachen! Der Augenblick, an dem die Seele des Menschen zu sprechen beginnt, ist stets ein ernster, großer, heiliger. Höre auf das, was sie dir sagt! Unterbrich sie nicht! Sprich erst dann wieder mit mir, wenn sie schweigt!«

So war er nun also wieder still. Der große, weite, vollständig ebene Platz, über den wir jetzt nach seiner Mitte schritten, war also früher See gewesen, der Maha-Lama-See! Wenn wir zurückschauten, sahen wir die Kolonnade, die wir verlassen hatten, als den uns nächsten Punkt ziemlich deutlich vor uns liegen. Sie wurde um so undeutlicher, je weiter sie sich entfernte. Sie schien um den ganzen Platz, um dengan zen früheren See zu gehen. Dagegen wurde der Engel um so deutlicher, je näher wir ihm kamen. Er stieg zusehends höher und schärfer vor uns auf. Er war gewiß doppelt so hoch wie der Engel, den wir kurz vor dem Engpasse Chatar entdeckt hatten, doch hatte er ganz und genau dieselbe Figur. Es schien, als ob der hiesige das Original des dortigen und dieser nur eine Verkleinerung von ihm sei. Wie nun, wenn ich das Richtige vermutete! Wenn er Wasser enthielt?

Da blieb Uucht plötzlich stehen, hob den Kopf, dann auch das eine Vorderbein, machte den Hals so lang wie möglich und ließ die Nüstern spielen. Ihr Schwanz hing. Bald aber hob er sich, wackelte ein wenig, dann immer mehr und wedelte schließlich in der mir bekannten, eifrigen und zuversichtlichen Weise hin und her. Aacht tat dasselbe. Nun war ich beruhigt, vollständig beruhigt über Alles, was hier noch geschehen und uns begegnen konnte. Meine Hunde hatten die erste Spur der Feuchtigkeit entdeckt. Es gab Wasser hier. Der Engel war ein Brunnenengel, ganz ebenso wie der andere, von mir bereits erwähnte!
Ich säumte natürlich nicht, aus dieser Tatsache die selbstverständlichen, logischen Schlüsse zu ziehen. Die Sage des Mir war gezwungen, ihre Maske abzuwerfen und ihre wahre Gestalt zu zeigen. Man hatte in ihr die Wahrheit nicht etwa nur umkleidet, sondern geradezu zur Lüge gemacht.

Indem wir weitergingen, wurden die Bewegungen der Hunde lebhafter. Ich verbot ihnen, Laut zu geben. Da schauten sie verwundert zwischen mir und dem Engel hin und her. Sie nahmen an, daß sie von mir nicht verstanden worden seien. Darum liebkoste ich sie und sagte ihnen ein anerkennendes Wort. Da waren sie sofort beruhigt.

»Was ist das mit deinen Hunden?« fragte der Mir. »Was wollen sie?«

»Sie sagten mir Etwas, was du auch bald erfahren wirst.«

»Etwas Böses vielleicht?«

»Nein, sondern etwas Gutes. Ich hoffe, daß wir überhaupt hier nur noch Gutes erleben werden! Weißt du vielleicht, was der Maha-Lama seinen Opfern zu essen und zu trinken gegeben hat, ehe sie in den See geworfen wurden.«

»Natürlich nichts!«

»Woher weißt du das?«

»Es ist doch wohl nicht schwer, sich das zu denken! Man gibt doch Leuten, die gefangen genommen und dann sofort in das Wasser geworfen werden, nicht noch vorher zu essen und zu trinken!«

»Bist du überzeugt, daß sie alle sofort getötet worden sind? Daß der Maha-Lama gar keine Ausnahmen gemacht habe? Schau diese Säulen, diese Kolonnaden an! Sie auszugraben, auszuhöhlen und auszuhauen ist ein
Gigantenwerk, welches doch wohl nicht von Leichen oder gar von Geistern und Gespenstern, sondern von lebenden, gesunden, kräftigen und ausdauernden Menschen ausgeführt worden sein kann! Und das sind nicht nur fünf oder zehn oder zwanzig, sondern Hunderte und Aberhunderte von Arbeitern gewesen, die gute und reichliche Nahrung bekamen. Und noch viel nötiger war das Wasser als Trank für die Menschen. Aber wo nahm man das wohl her?«

»Natürlich aus dem See!«

»Der mit Leichen ausgefüllt wurde?«

Diese Frage machte ihn verlegen. Er sann ein Weilchen nach und gestand dann ein:

»Hierauf, Effendi, kann ich dir keine Antwort geben. Man weiß nur, daß der Maha-Lama niemals auch nur einen einzigen Tropfen Wasser aus den Brunnen der Stadt nach dem See hat schaffen lassen.«

»Weiß man das genau?«

»So genau, daß dies gerade einer der Hauptgründe war, zu schließen, daß er seine Opfer nicht leben lasse, sondern augenblicklich töte.«

»Wenn er für die Arbeiter, die hier beschäftigt worden sind, wirklich kein Trinkwasser aus der Stadt bezog, so muß er hier an Ort und Stelle einen Brunnen gehabt haben, und zwar einen großen, sehr großen und unversiechbaren, der im Stande war, wenigstens so viel, wahrscheinlich aber noch viel mehr zu liefern, als man brauchte.«

»Meinst du wirlich?«

»Ja, das meine ich allerdings! Und wo ist er gewesen, dieser Brunnen? Wo steht er noch?«

»Wer kann das wissen?«

»Du etwa nicht?«

»Nein, ich nicht, ganz gewiß nicht!«

»So komm! Ich werde ihn dir zeigen!«

»Wer? Du?«

»Ja, ich!«

»Der Fremde? Der Europäer? Der hier vollständig Unbekannte?«

»Ja, der! Komm!«

Wir waren jetzt beim Engel angelangt. Ich nahm den Mir wieder, wie vorher, am Arme und führte ihn nach dem Unterbau. Dieser war ein anderer als bei dem Engel in der Nähe der Landenge El Chatar. Dort bestand er aus natürlichem Fels, hier aber aus künstlich aufgemauerten Stufen, welche direkt bis zu den beiden Füßen des Engels führten. Hier hatten täglich zahllose Arbeiter schöpfen müssen; da war es notwendig gewesen, den Zugang bequemer zu machen als dort, mitten in der Wüste. Die Stufen waren nicht hoch, sondern so niedrig wie ganz gewöhnliche Stufen; das heißt also, ungefähr sechzehn bis achtzehn Zentimeter. Es machte also gar keine Mühe, hinaufzusteigen. Indem wir dieses taten, kam mir der Gedanke, daß ich denn doch bis zum Anbruche des Tages hätte warten sollen, also bis es hell geworden war; denn da hätte ich die Falltüre und die Treppe sehr wahrscheinlich viel leichter gefunden als jetzt. Und wenn ich den Mir schon jetzt überraschte, hatte es den Anschein, als ob ich seiner Unwissenheit gegenüber prahlen wolle. Dies aber war wirklich, wirklich nicht der Fall. Ich tat es nur darum gleich jetzt, um seine Stimmung zu benutzen, die gerade jetzt eine derartige war, daß die Wirkung doppelt größer als später sein mußte.

Ich nahm an, daß dieser Engel in seinem Innern ganz dieselbe Einrichtung haben werde wie der andere, den ich bereits kannte. Es zeigte sich zu meiner großen
Befriedigung, daß ich mich auch da nicht geirrt hatte. Als wir oben angekommen waren, suchte ich gar nicht erst nach Spuren von Lücken, Rissen und Spalten, die jetzt, bei dem spärlichen Mondschein, wohl auch nicht leicht zu entdecken gewesen wären, sondern ich ging gleich und direkt zu der betreffenden Falte des Gewandes hin und versuchte, ob diese Stelle beweglich sei oder nicht. Das Ergebnis wollte sich nicht gleich einstellen. Die Achse weigerte sich, nach so langer Zeit gleich wieder zu funktionieren. Aber als ich einen kräftigen Druck anwendete, gehorchte sie doch. Der Teil des Gewandes, auf den ich drückte, schob sich in das Innere der Figur hinein, und dadurch wurde die Falltüre, welche die Treppe verschloß, emporgehoben.

»Was ist das?« fragte der Mir erstaunt. »Der Engel ist doch hohl!«

»Wie du siehst!« antwortete ich.

»Ein Loch ist da! Kann man da hinab?«

»Ja, man kann!«

»Wohin?«

»Zum Brunnen, den ich dir zeigen will.«

»Zum Brunnen – – –? Zum Brunnen?«

»Ja, allerdings zum Brunnen! Komm, steig mir nach! Du brauchst keine Sorge zu haben. Taste dich nur! Legst du die Hände zur Rechten und zur Linken fest an, so kannst du nicht fallen.«

Die Hunde drängten, mit hinein und hinunter zu dürfen. Ich beruhigte sie; sie mußten natürlich oben bleiben. In derselben Weise, wie ich es soeben gesagt hatte, stieg ich dem Mir vorsichtig voran, dabei immer an den Engel der Landenge Chatar denkend. Auch hier führten die Stufen von rechts nach links. Sie waren fest und sehr gut erhalten. Ich prüfte eine jede sehr
gewissenhaft mit dem vorausgestreckten Fuße. Auch hier waren es genau zwanzig, und auch die Luft war genau so kühl und genau so gar nicht feucht. Die Frage, ob es aber auch wirklich Wasser in diesem Brunnen gebe, stellte ich mir gar nicht erst, denn hatte der andere welches gehabt, so mußte dieser auch welches haben. Für mich verstand es sich nämlich von selbst, daß beide ganz genau auf einer und derselben leitenden Schicht erbaut worden waren.

Als ich den Fußboden des oberen Stockes erreicht hatte, wendete ich mich sofort nach rechts, um zu tasten, ob wir hier wohl in derselben Weise und an derselben Stelle Licht finden würden wie dort. Richtig! Ich fühlte einen großen, hohlen, steinernen Würfel, auf dem als Decke eine dünne, leichte Steinplatte lag, die sich verschieben ließ. Ich schob sie zur Seite, griff in die dadurch entstandene Oeffnung und – – was hatte ich in der Hand? Eine lange Rolle aus starkem Leder, die oben und unten zugebunden war, um ihren Inhalt vor Feuchtigkeit zu schützen. Dieser Inhalt bestand aus einer sehr gut erhaltenen, aus ungereinigtem Wachs hergestellten Kerze, deren Docht ich sofort in Brand steckte. Der Mir befand sich noch auf der Mitte der Treppe. Er, der asiatische, hohe Aristokrat, war solche Klettereien nicht gewöhnt, zumal im Dunkeln. Er kam also nur langsam vorwärts.

»Licht hast du, auch Licht?« fragte er. »Allah sei Dank! Ich komme gleich!«

Ich zündete noch eine zweite an, die ich ihm, als er bei mir anlangte, hinreichte.

»Ich auch eine? Eine solche – – solche Kerze!« Dabei betrachte er sie erstaunt. »Wo hast du die denn her?«

»Hier aus der steinernen Kiste. Da sind noch viele drin! Und noch andere sehr brauchbare Dinge dazu! Alles extra für uns aufgehoben!«

»Für uns?«

»Ja, für uns! Für wen denn sonst? Es ist doch weiter Niemand da!«

»Was bist du für ein Mensch! Ein Tausendkünstler, ein Hexenmeister, ein Zauberer!«

»Fällt mir nicht ein, ganz und gar nicht ein! Ich bin ein ganz gewöhnlicher Mensch, nicht besser und nicht schlechter, nicht klüger und nicht dümmer als tausend Andere!«

»Aber du weißt doch Alles, Alles!«

»Auch das fällt mir nicht ein! Ich bin keineswegs allwissend. Es geht mir auch hier nicht besser und nicht schlechter als jedem andern Menschen: Ich kann nur das wissen, was ich von Andern weiß oder was ich gehört und gesehen habe. Ich bin nämlich mit meinem vortrefflichen Hadschi Halef Omar in ganz genau einem solchen Wasserengel, wie dieser hier ist, gewesen. Den haben wir von oben bis unten durchsucht. Dieser hier ist zwar wohl noch einmal so groß, aber ganz ebenso gebaut und auch im Innern ganz ebenso ausgestattet. Da ist es also kein Verdienst, hier mehr zu wissen als du, der du noch nie einen solchen Engel gesehen und durchstöbert hast. Sieh hier die beweglichen Räder mit den Leitriemen, den Schöpfkrügen und dem Steintroge, in den das Wasser fällt. Es wird von Etage zu Etage gehoben – – –«

»Ein Wunder, ein Wunder, ein Wunder!« unterbrach er mich. »Wer hat das gebaut?«

»Der Mir von Dschinnistan.«

»Unmöglich!«

»Warum unmöglich?«

»Hier, mitten in meinem Lande? In der frühern Hauptstadt und Residenz von Ardistan!«

»Wäre das etwas so Unbegreifliches?«

»Gewiß! Und nicht nur mitten im Lande und mitten in der Residenz, sondern sogar mitten im Maha-Lama-See, der sogar mir und allen meinen Vorgängern ein Geheimnis gewesen ist, welches kein einziger von ihnen allen ergründet hat!«

»So ist es eben sein Geheimnis gewesen, das Geheimnis des Mir von Dschinnistan, der mitten unter euch wohnt, ohne daß ihr es wißt, mitten unter euch waltet, ohne daß ihr es ihm erlaubt und euch alle von innen und von außen kennt, ohne daß ihr ihn jemals gesehen habt!«

»Du scherzest, Effendi!«

»O nein! Es ist mein voller, heiliger Ernst!«

»So begreife ich dich nicht! Diesmal wirklich nicht! Bedenke doch, daß gerade nach deiner Ansicht weiter kein Anderer diesen Brunnen gebaut haben kann, als nur allein der Maha-Lama, von dem ich euch erzählte.«

»Das meine ich freilich auch. Aber die Anregung und alles Weitere hat er vom Mir von Dschinnistan empfangen.«

»Wie willst du das beweisen?«

»Schau da hinauf!«

Indem ich dies sagte, stieg ich auf den Rand der Steinkiste, aus der ich die Wachskerzen genommen hatte, und leuchtete hoch empor, wo über der Treppe das Zeichen des Mir von Dschinnistan eingegraben war und gleich darunter im alten Brahmavartadialekt das Wort ›Erbaut‹ gelesen werden konnte.

»Sein Zeichen, sein Zeichen!« rief der Mir. »Das
muß ich sehen, ich, ich! Das hat man gewagt, gewagt! Das müßte ich bestrafen können, bestrafen!«

»Warum bestrafen?« fragte ich sehr ruhig. »Hat dieser Brunnen dir geschadet?«

»Nein! Aber eine Beleidigung ist er für mich, eine Beleidigung, die ich mir nicht gefallen – – –«

Er hielt mitten in seinem zornigen Satze inne, denn ich war schnell von der Kiste herabgesprungen und ganz nahe an ihn herangetreten, hob die Kerze zu ihm in die Höhe und sah ihm mit einem jener Blicke in das Gesicht, die man nicht ›machen‹ und nicht ›mimen‹ kann, weil sie unmittelbar aus dem Innern der Seele blitzen. Da wagte er es nicht, weiterzusprechen. Er schlug die Augen nieder und war still. Fast leise, aber sehr deutlich fragte ich:

»Der Mir von Dschinnistan, den du befeindest, gab dieser deiner armen Totenstadt den rettenden Brunnen, an dem sie sich wieder lebendig trinken kann, wenn du, ihr Herr, nur willst. Wahrscheinlich werden wir sehen, daß er ihr noch mehr, weit mehr gegeben hat, als dieses Wasser nur. Nun sag, was gabst denn du? Was tatest du, um diesen Tod in Leben zu verwandeln? Diese einst so herrliche Stadt, welche heut eine der schönsten und berühmtesten des ganzen Morgenlandes sein würde, wenn deine Ahnen dessen würdig gewesen wären, ging an der Grausamkeit und Unmenschlichkeit ihrer eigenen Herrscher zu Grunde. Als du noch ein Kind warst, betrachtetest du ihre Leiche nur als Schreckgespenst zum Gruseln und zum Grauseln; höher brachte man deine Gedanken nicht. Und als du Mann und Herrscher geworden warst, da diente dir dieses wunderbare Tal, welches laut zu dir, dem Gebieter, um Gnade und Erbarmen, um Liebe und Erlösung schreit, nur als unerbittlicher Abgrund des Hasses,
der Vergeltung, der Rache! Aus deinem Auge fiel kein einziger, warmer Blick auf sie, die Verschmachtete! Und nun du hörst, daß der, den du nicht ausstehen kannst, weil er ein Herz für jedes Leid, für jedes Unglück hat, gekommen ist, ihr wohlzutun, sie zu retten und zu erlösen, da brausest du auf und behauptest, er habe dich beleidigt, und das dürfest du dir nicht gefallen lassen! Wie klein bist du, o Mir, wie klein! Und wie schädlich bist du, wie schädlich! Für die ganze Menschheit! Für dein Volk! Und für dich selbst!«

»Effendi, du wirst grob!«

Er sagte das mehr im Tone des Vorwurfes als des Zornes. Er fühlte sich also doch nicht nur getroffen, sondern zugleich auch derart niedergedrückt, daß er es nicht mehr fertig brachte, sich in die Brust zu werfen. Ich aber ließ mich nicht hierdurch rühren, sondern fuhr in genau demselben Tone fort:

»Und bedenke, was du wagst mit diesem deinem Stolze, der wenigstens hier am ganz unrechten Platze ist! Du bist gefangen! Du sollst sterben, sollst verschmachten! In diese Lage hat dich wieder nur dein großes Selbstvertrauen gebracht! Du verließest dich auf deine Ortskenntnisse, die sich nun als völlig unzureichend erweisen! Ein Mann wie du, ein Herrscher, hat sich sehr zu hüten, zu solchem Unvermögen, sich selbst zu helfen, herabzusteigen! Wenn man die Achtung verliert, kehrt sie nie so schnell zurück, wie sie gegangen ist. Für Halef und mich bist du jetzt nur ein hilfloses Kind, weiter nichts! Du befindest dich nicht nur mitten im Reiche des Todes, sondern zudem auch noch mitten unter lebenden Feinden; denn daß deine jetzigen Genossen nicht deine Freunde, sondern deine Feinde sind, das sagst du dir doch selbst!«

»Ich? Es mir selbst sagen? Ihr, meine Feinde?
Es ist mir gar nicht eingefallen, mir das zu sagen! Ich halte euch ganz im Gegenteil für meine Freunde, und zwar für echte, wahre, edle Freunde! Ihr werdet mich nicht verlassen!«

»Nein, das werden wir allerdings nicht! Aber bedenke, daß der Dschirbani mit seinem Heere an der Grenze deines Landes steht, und wir, Halef und ich, sind seine Kampfgenossen! Bedenke, daß der Prinz der Tschoban nicht nur seines Volkes, sondern auch seines Bruders wegen, den du zu dem gemacht hast, der er ist, sich nur zu deinen Feinden, nicht aber zu deinen Freunden zählen darf! Und bedenke endlich, daß auch die beiden Prinzen der Ussul gar keinen Grund haben, sich etwa für dich aufzuopfern! Man weiß in ihrer Heimat sehr genau, daß du sie nur als Geiseln betrachtest, sie einsperren lässest, sobald es dir beliebt, und ihre Truppen bestrafst und verbannst, demütigest und erniedrigest, so oft es dir gefällt, sie mögen es verdienen oder nicht. Diese beiden ehrlichen, aufrichtigen Menschen sind erst kürzlich wieder in der ›Stadt der Toten‹ eingekerkert gewesen. Warum? Was hatten sie verbrochen?«

»Ich gab sie doch wieder frei!« warf er schnell ein.

»Das ändert nur die Folgen, nicht aber die Tat selbst! Sie wußten, daß ihr Leben an einem dünnen Haar, an einem einzigen Wort aus deinem Munde hing. Nun bist du selbst hier! Gefangen, hilflos, dem Tode geweiht! Wie groß und wie glühend denkst du dir wohl die Begeisterung, mit der sie nun bereit sein werden, sich für dich aufzuopfern? Glaubst du, daß sie dich lieben, oder glaubst du, daß sie dich fürchten und hassen?«

Er gab keine Antwort; er war still.

»Du schweigst! Also mitten unter Feinden; es ist nicht wegzuleugnen! Und da kehrst du den hohen Ton
des Herrschers heraus, der nur zu winken braucht, so verlieren wir alle die Köpfe! Und da fühlst du, der sich nicht einmal selbst und noch viel weniger uns zu retten vermag, dich durch das Wasser beleidigt, dem du und wir unsere Rettung allein zu verdanken haben werden! Du wirst dem Mir von Dschinnistan dein und unser Leben schuldig sein, und ich erwarte von dir, daß du wenigstens in unserer Gegenwart mit der Achtung und Ruhe von ihm redest, die einem Jeden geziemt, der von ihm spricht! Jetzt komm; wir steigen weiter hinab!«

Er folgte mir, ohne auch jetzt ein Wort zu sagen. Ich hatte in voller Absicht in dieser Weise zu ihm gesprochen, und ich hoffte, daß die Oertlichkeit, in der wir uns befanden, den Eindruck meiner Worte vertiefen werde. Ich machte ihn besonders auf die über den Treppenöffnungen stehenden Worte aufmerksam, welche zusammen den Satz ›Erbaut zum Sieg im Kampfe für den Frieden‹ ergaben. Als wir unten ankamen, standen wir vor einem förmlichen See des reinsten, trinkbaren Wassers; so mächtig groß war das Gewölbe, in dem es sich sammelte. Er schöpfte mit der Hand und kostete. Dann sagte er:

»Bleib hier!«

Zwischen Mauer und Wasser führte ein steinerner Gang rundum, denn das sich auf einen kolossalen Mittelpfeiler stützende Gewölbe war kreisförmig, und so bildete auch die Randlinie des Wassers einen Kreis. Der Mir entfernte sich. Er ging langsam an dieser Kreislinie hin, deren Durchmesser so groß war, daß die kleine Kerzenflamme schon nach kurzer Zeit im dichten Dunkel verschwand. Nur noch die Schritte waren zu hören. Man vernahm ganz deutlich, daß ihr Schall an der Kuppel hinauflief und drüben aber nicht hinunterkonnte. Darum
sammelten sich die Schallwellen aller dieser Schritte da oben zu einem Getöse, welches dort wie Donner rollte, bei mir hier unten aber nur wie das geheimnisvolle Flüstern einiger halbwelker Blätter klang. Dann hörte auch dieses Lispeln auf. Der Mir stand still.

Es war eine eigenartige Situation, die gar nicht zu beschreiben ist. Nach einiger Zeit flüsterte es wieder, aber nur kurz. Der Mir hatte eine Bewegung gemacht, wahrscheinlich sich niedergesetzt. Und nun kam eine lange, lange Pause, wohl eine halbe Stunde lang, in der sich gar nichts regte. Dann gab es so eigentümlich zischende, leicht schnaubende Töne. Weinte er vielleicht? Und gar nicht lange darauf gab es jenseits des Wassers ein lautes, ja überlautes Brausen, welches durch drei kurze Pausen in vier einzelne, zornige Stöße geschieden wurde. Wahrscheinlich hatte der Mir, ohne daranzudenken, daß ich es hören könne, in seiner inneren Aufregung einige Ausrufungen getan, die aber nicht als abgesetzte Worte, sondern als verworrener Schall zur Höhe gingen, so daß ich sie nicht verstehen konnte. Dort oben aber, wo sich alles Verworrene zusammenfand, um sich wieder aufzulösen, wurden die einzelnen Laute und Worte infolge des Schallgesetzes wieder ordnungsgemäß vereinigt, und kamen zu mir so leise, so vertraulich und doch so deutlich nieder, wie wenn eine teure Person, die wir lieben, ihre Lippen unserm Ohre nähert, um uns etwas Willkommenes mitzuteilen. Es raunte mir zu: »Er hat Recht – – –! Und ich will – – –! Ich will – – –! Ich will – – –!«

Das war es, was sich aus seiner Seele herausgerungen hatte, diese Erkenntnis und dieser Entschluß. Diese Worte waren seinem Herzen unwillkürlich und unbewacht entstiegen, und nun dachte er wohl gar nicht
daran, ob ich sie gehört und verstanden habe oder nicht. Hierauf kehrte er zurück, aber von der andern Seite. Er war rund um das Bassin gegangen. Er ging, die Kerze in der Hand, an mir vorüber, ohne ein Wort zu sagen, und stieg die Treppe hinauf. Wie sehr mit sich beschäftigt mußte er sein! Ich folgte ihm, ohne ihm wegen dieser Achtlosigkeit zu zürnen! In dem oberen Raume angekommen, blieb er auch nicht stehen, sondern er blies seine Kerze aus, legte sie dahin, woher ich sie genommen hatte, und stieg vollends empor. Ich tat dasselbe, doch weniger hastig als er.

Als ich aus dem Treppenloche in das Freie trat, begrüßten mich meine Hunde, die hier zurückgeblieben waren. Sie hatten Angst für mich gehabt und stiegen nun mit den Vorderpfoten an mir empor, um sich zärtlich an mich zu drücken. Der Mir war schon die Freistufen hinuntergestiegen. Er stand auf der untersten und wartete auf mich. Er hatte seit meiner Strafrede nur erst zwei Worte gesprochen; nun aber, als ich zu ihm hinunterkam, fragte er:

»Effendi, was bist du für ein Mensch? Was du durchsetzen willst, das setzest du durch, es mag Andern wehetun oder nicht!«

»War es gut, oder war es schlecht?«

»Es war gut!«

»So gewöhne dir das ebenso an, wie ich es mir angewöhnt habe! Man soll das Gute stets durchsetzen, mag es wehetun oder nicht. Nur der Böse räsonniert über den heilsamen Schmerz, den es verursacht.«

»Schmerz war es, ja Schmerz! Und zwar kein geringer! Ich dachte, als ich da unten am Wasser stand, ich müsse hineinspringen und mich ersäufen. Da aber dachte ich auch an meine Mutter, an die Einzige, die mich
liebte. Es war, als ob sie bei mir stehe und mir deine schweren Worte tragen helfe. Da erkannte ich, daß du Recht gehabt hast in Allem, was ich von dir sah und hörte. Und ich bekannte es, um mich nicht länger selbst zu betrügen. Ich rief es laut über das Wasser hinaus, so daß es war, als ob Alles zusammenstürzen wolle. Du mußt den Lärm, den das machte, gehört haben. Zu verstehen aber war kein Wort. Du gehst jetzt zu den Gefährten?«

»Ja.«

»Ich bleibe hier und warte. Ich bitte dich, dem Dschirbani und dem Prinzen der Tschoban zu sagen, daß ich gerne mit ihnen sprechen möchte, und zwar jetzt, hier, an dieser Stelle. Willst du das tun?«

»Sehr gerne! Gott segne dich! Und nicht nur dich, sondern auch Alles, was du mit ihnen redest!«

Ich ging mit meinen Hunden. Er blieb allein. Aber noch war ich keine zwanzig Schritte gegangen, so hörte ich seine Stimme hinter mir:

»Effendi!«

»Was?« fragte ich, indem ich stehen blieb.

»Ich habe gelesen, was du mir zeigtest: ›Erbaut zum Sieg für den Frieden!‹ Und ich habe es nicht nur gelesen, sondern es mir auch überlegt, da unten, am Wasser! Niemand kann geben, was er nicht hat. Ich kann meinem Volke keinen Frieden geben, wenn ich ihn nicht selbst besitze, in meinem eigenen Innern. Ist das richtig?«

»Ja. Darum hat dich der Mir von Dschinnistan mit diesem Brunnen im Innern des Landes in deinem eigenen Innern gepackt; überlege dir auch das!«

»Das werde ich! Ich wollte dir jetzt nur sagen, daß du unbesorgt sein kannst. Dein Stachel wirkt, und deine Hiebe sitzen! Nun geh!«

»Ich danke dir!«

»Nein, sondern ich dir!«

Als ich bei den Gefährten ankam, waren sie soeben mit dem Essen fertig. Ich machte mich sogleich daran, dies nachzuholen, und teilte dem Dschirbani und dem Prinzen der Tschoban mit, was der Mir von ihnen wünschte. Sie waren Beide sofort bereit, seinem Verlangen nachzukommen.

»Das wird eine wichtige, sehr wichtige Unterredung!« sagte der Dschirbani. »Es hängt viel, sehr viel von ihr ab, wahrscheinlich der ganze Frieden! Und du, Effendi, hast mir noch nicht erzählt, was du erlebtest, seit du mich verließest. Es wäre wohl besser, wenn ich vor dieser Unterredung mit dem Mir recht ausführlich mit dir hätte sprechen können.«

»Hast du wirklich noch nichts erfahren?« fragte ich lächelnd. »Sollte Halef so ganz und gar geschwiegen haben? Das wäre das erste Mal in seinem Leben!«

»Nein, Sihdi, ich habe nicht geschwiegen,« fiel der kleine Hadschi schnell ein. »Ich habe rasch Alles erzählt, Alles, Alles! Die Zeit bis zu deiner Wiederkehr war kurz; darum habe ich mich beeilt, sehr beeilt. Nun wissen sie aber auch Alles, und du hast also nicht nötig, wieder von vorn anzufangen und unsere Abenteuer noch einmal zu durchlaufen. Und sollte ich ja Etwas vergessen und unbenützt liegen gelassen haben, so kehre ich schon ganz von selbst zurück, um es aufzuheben und sorgfältig nachzuholen. Darauf gebe ich dir mein Wort!«

»Dein Wort ist nicht nötig, lieber Halef,« lachte ich. »Ich bin von der Wahrheit dessen, was du mir sagst, vollständig überzeugt, auch ohne daß du mir eine besondere Versicherung gibst.«

»Ja, so bin ich, so! Glaubhaft in höchstem Grade!
Ich danke dir, Sihdi, für dieses Leumundszeugnis aus deinem Munde. Es tut meinem Herzen wohl!«

Bei alledem verstand es sich ganz von selbst, daß ich, wenn ich der Erzähler gewesen wäre, den Ereignissen und Personen wohl andere Seiten abgewonnen hätte als Halef; aber die Zeit war zu kurz dazu, den Dschirbani vor seinem jetzigen Gange zum Mir von Allem zu unterrichten. Und übrigens soll der Mensch ja nicht etwa denken, daß er bei der Leitung seiner Lebensereignisse vollständig unentbehrlich sei. Es waltet über uns eine Hand, die um so sicherer Alles zum guten Ende führt, je weniger wir sie stören.

Als der Dschirbani und der Prinz uns verlassen hatten und mein Abendbrot verzehrt war, öffnete ich alle unsere Schläuche und gab den Pferden und Hunden das noch vorhandene Wasser. Das, was sie bekommen hatten, war nicht genug gewesen, weil wir geglaubt hatten, sparen zu müssen. Nun aber war diese Sparsamkeit nicht mehr nötig. Halef erinnerte mich natürlich sogleich daran, daß das Wasser doch für morgen aufgehoben werden müsse.

»Oder gibt es hier etwa Wasser?« fragte er.

»Ja,« antwortete ich.

»Wo? Natürlich dort im Engeln?«

»Allerdings.«

»Waret ihr etwa drin?«

»Ja.«

»Wie sieht er aus? Wie ist er eingerichtet?«

»Ganz genau so, wie der Engel an der Landenge von Chatar. Aber Wasser hat er noch mehr, viel mehr.«

»Hamdulillah! Dann haben wir gewonnen, gewonnen, gewonnen! Ich werde gleich fortgehen, um diesen unsern beiden Gefährten die äußere Gestalt und das innere Räderwerk des Engels zu zeigen!«

Er erhob sich schnell von seinem Platze und forderte die beiden Prinzen der Ussul auf, ihm zu folgen. Sie waren stille, herzensgute Menschen, die sich am glücklichsten fühlten, wenn sie unbeachtet blieben. Sie sprachen nur, wenn sie gefragt wurden. Noch keiner von ihnen hatte aus eigenem Antriebe auch nur ein einziges Mal das Wort an mich gerichtet. Ihr Verhältnis zu Halef schien freilich kein ganz so schweigsames zu sein; dafür hatte er in seiner Weise gesorgt. Jetzt, als sie ihm nach dem Engel folgen sollten, sahen sie mich fragend an, ob ich es ihnen wohl erlaube. Ich schüttelte den Kopf:

»Ich bitte dich, zu bleiben, Halef. Du kannst jetzt nicht hin.«

»Warum nicht?«

»Weil der Mir dort mit dem Dschirbani und seinem Gefährten spricht.«

»Wir stören sie nicht. Wir gehen still an ihnen vorüber.«

»Schon euch nur zu sehen, würde eine Störung sein, würde die Rede des Mir auf die innere Einrichtung des Engels lenken und ihn also von der Hauptrichtung, in welcher seine Gedanken zu bleiben haben, abbringen.«

»Hauptrichtung? Gedanken? Abbringen! Sihdi, ich verstehe dich nicht ganz! Wenn ich einmal einen Gedanken habe, und dieser hat eine Hauptrichtung, so möchte ich den Menschen sehen, der es fertig bringen könnte, mich von meinem Gedanken oder meinen Ge danken von mir oder ihn und mich, also uns alle beide, von der Hauptrichtung abzubringen. Aber ich bin nun einmal dein wahrer Freund und Beschützer und werde also auch diesesmal tun, was du wünschest. Bleiben wir also hier. Ich lasse dich nicht allein, Effendi!«

»Ich danke dir, Halef, für diesen deinen Schutz!
Sobald es Tag geworden ist, gibt es viel zu tun. Wir wissen nicht, was auf uns wartet. Laßt uns Kräfte sammeln, indem wir schlafen!«

Ich ging zu Syrr, der sich auf meinen Wink niederlegte, um mir als Schlafgefährte und Kopfkissen zu dienen. Ich streichelte ihn liebkosend und schlief dabei ein, er wahrscheinlich auch. Als ich aufwachte, war nicht nur die Nacht, sondern auch das Morgengrauen schon vorüber, und der helle Tag kam zu der Stätte des einstigen Maha-Lama-Sees hereingestiegen. Halef schlief noch, die beiden Ussul ebenso. Der Mir fehlte. Der Dschirbani und der Prinz der Tschoban saßen beisammen und sprachen leise miteinander. Ich stand auf, ging hin und setzte mich bei ihnen nieder, nachdem ich aber vorher einen forschenden Rundblick auf den Ort gerichtet hatte, an dem wir uns befanden.

Ich kann sagen, daß mich ein tiefes Staunen ergriff, ein ganz eigenartiges heiliges oder vielmehr nur halb heiliges Grauen, denn unter der feierlichen Einsamkeit und Stille, in der das Alles lag, lauschte grinsend der Gedanke hervor, daß in der Tiefe der heutigen Gegenwart, also in der Vergangenheit, der unheimliche, fürchterliche Bodensatz verborgen liege, aus dem die jetzige, tief ergreifende Lautlosigkeit sich losgerungen hatte. Diese Stille kam mir nicht wie die Stille des Todes, sondern wie die Stille nach überstandenen Qualen, Martern und Leiden vor.

Der Platz des einstigen Sees war so groß, daß wir ihn grad noch überschauen konnten, aber die Perspektive verkleinerte uns die uns gegenüberliegende Seite derart, daß Alles, was in unserer Nähe hundertundfünfzig oder zweihundert Fuß hoch war, dort nur zwei bis drei Meter hoch zu sein schien. Die Oberfläche der früheren, nun
ausgefüllten Tiefe bildete eine Fläche von der absoluten Ebenheit einer Tischplatte. Nicht die geringste Erhöhung war zu sehen, natürlich den Engel abgerechnet, der grad im Mittelpunkte stand. Um so höher und steiler aber stiegen die Felswände auf, die, ohne auch nur die kleinste, schmalste Lücke zu lassen, rundum emporragten wie Riesenmauern eines aus dem grauesten Altertume übrig gebliebenen Kolossalzirkus, dem nur die quadernen Sitze fehlten, nicht aber die Raumausdehnungen für die blutigen Metzeleien zwischen Mensch und Tier, um das Menschentier und den Tiermenschen zu belustigen. Es erschien mir unmöglich, daß diese Felsenwände ihre absolute Aehnlichkeit mit einer Mauer nur allein von der Natur erhalten hatten. Es gab nicht den kleinsten Vorsprung, nicht die geringste Abweichung von der senkrechten Fläche. Ganz unbedingt hatten hier Menschenhände nachgeholfen. Aber wie viele, viele Tausende mußten das gewesen sein! Und wie man hier im Innern bemüht gewesen war, ein Emporkommen an dem Felsen zu verhindern, so sahen wir später, daß man auch auf der Außenseite jede Stelle abgetragen und ungangbar gemacht hatte, an der es vielleicht möglich gewesen wäre, von außen her über die hochgezackten, scharfen Felsenzinnen hinüber nach dem See zu steigen.

Daß und wie und wie lange hier Menschenhände gewaltet, geschafft und gearbeitet hatten, zeigte mir gleich schon der erste Blick, den ich rund um die Einfassung der Ebene sandte. Die Arbeit war eine doppelte gewesen; sie hatte sich teils auf das Felsenäußere, teils auf das Felseninnere erstreckt. Das Aeußere war, wie bereits gesagt, zur glatten, senkrechten Mauer gehauen worden. Wo es Lücken gegeben hatte, waren sie ausgefüllt worden, und zwar in so vortrefflicher Weise, daß ein sehr scharfes
Auge dazu gehörte, den Unterschied zwischen Natur- und Menschenwerk zu entdecken. Sodann hatte man einen sehr hohen und sehr tiefen verdeckten Gang ausgehauen, der unten zur ebenen Erde rund um den ganzen Seeplatz lief. Eine mehr als erstaunliche Leistung! Jedenfalls das Werk mehrerer Jahrhunderte! Von zwanzig zu zwanzig Schritten hatte man gewaltige Massivpfeiler stehen lassen, welche oben in wohl abgemessenen Bogen nach beiden Seiten und nach innen griffen, um die auf ihnen ruhende Felsenlast zu tragen. Hierdurch war das Wunderwerk der Kolonnade entstanden, die sich, äußerlich betrachtet, wie eine ununterbrochene Säulenkette um den gigantischen Fuß der Felsenrunde legte. Sie war so breit, daß zwölf Mann, ohne einander zu berühren, nebeneinander hergehen konnten, und zwei gewöhnliche Stockwerke hoch. Hieraus folgt, daß die Innenwand der Kolonnade ungefähr zehn Meter von der Hauptwand des Felsens eingerückt war. Man sah nicht die geringste Spur einer Türe. Und doch mußten Türen vorhanden sein, denn es gab Fenster, wenn auch nicht in der Form, die man mit dem Worte Fenster bezeichnet. Das führt mich auf die zweite Art der riesigen Arbeit, nämlich auf die, welche sich nicht auf das Felsenäußere, sondern auf das Felseninnere bezog.

Ich hatte nämlich Grund, anzunehmen, daß diese gewaltige Felsenrunde ein ›Inneres‹ besaß, daß sie nicht kompakt, sondern hohl war, daß man sie ausgehauen und mit dem hierdurch gewonnenen Material den See nach und nach ausgefüllt hatte. Es gab in diesem Felsen Räume, viele und zum Teil sehr große und sehr hohe, vielleicht auch sehr tiefe Räume. Das schloß ich aus den vielen Oeffnungen, die ich als ›Fenster‹ bezeichnet habe. Ich erinnere an die langen, schmalen, viereckig senkrechten Luft- und Lichtöffnungen,
welche man besonders auf dem Lande in den Wänden von Scheunen, Heuböden und sonstigen Vorratshäusern findet. Sie sind mehr schießscharten- als fensterähnlich. Solche Scharten gab es hier unzählige, und zwar außerordentlich regelmäßig verteilt. Es waren zwischen je zwei Säulen oder Pfeilern vier Stück angebracht, nämlich zwei Paare. Das eine Paar befand sich in der eingerückten Wand der Kolonnade, und zwar da, wo die Deckenwölbung begann, das andere Paar aber hoch in der Haupt- und Außenwand, wohl zwanzig Fuß hoch über dem vorigen. Diese Scharten waren ungefähr zwei Fuß breit und fünf Fuß hoch. Man sah von außen, daß sie nach innen nicht eben, sondern abwärts verliefen, daß sie sich also nach innen senkten. Dadurch wurde dem Licht ein ungehinderterer Zutritt gestattet, als wenn diese Oeffnungen wagerecht angebracht gewesen wären. Außerdem gab es zwischen je zwei Säulen im Hoch- und Mittelpunkte der gewölbten Decke ein Luftloch von der Größe, daß man eine geballte Männerhand hineinstecken konnte. Bei entsprechender Innenverbindung ermöglichte das eine Luftzirkulation, die jedenfalls genügte, einen nicht ganz unbedeutenden Raum von Stick- und sonstwie verdorbener Luft freizuhalten. Aus diesen und anderen Gründen vermutete ich, daß es hier viele und bedeutende Innenräume gebe, obgleich keine einzige Türe zu sehen war. Ich hegte aber die Ueberzeugung, daß wir ganz gewiß eine, dann mehrere und endlich gar noch viele entdecken würden, sobald wir uns nur erst die Aufgabe stellten, nachzuforschen. Jetzt war hierzu noch keine Zeit. Ich habe bis jetzt nur beschrieben, was ich gleich bei und mit dem ersten Rundblick bemerkte. Dem war dann später nachzuforschen. Jetzt aber hatte ich mit dem Dschirbani und seinem Gefährten zu reden, um zu hören, ob irgend
etwas mit dem Mir besprochen worden war, was ich zu erfahren hatte.

»Sahib, soeben war von dir die Rede,« sagte der Dschirbani, der mich bekanntlich am liebsten ›Sahib‹ nannte. »Es war eine große, schöne, fast möchte ich sagen, erhabene Nacht!«

»Ist etwas Wichtiges geschehen?« fragte ich.

»Nein, nichts eigentlich Wichtiges. Und aber doch! Etwas unendlich Wichtiges, für Ardistan wichtig im allerhöchsten Grade!«

»Darf ich es erfahren?«

»Du weißt es schon!«

Er lächelte mich bei diesen Worten an.

»Ah! Du meinst die Wandlung, die sich gegenwärtig im Innern des Mir vollzieht?«

»Ja, die meine ich. Er hat uns Alles, Alles erzählt, und das hat ganz anders geklungen, als wie dein Halef erzählte. Was bist du für ein kühner, verwegener, wagemutiger Mann!«

»Nur überlegend und berechnend, weiter nichts! Und wenn die Ueberlegung mich einmal zu einem guten Entschluß geführt hat, so lasse ich ihn nicht liegen, sondern bringe ihn zu Ende, selbst wenn ich dadurch in die Gefahr komme, für grob und rücksichtslos gehalten zu werden.«

»In dieser Gefahr hast du dich in letzter Zeit allerdings wiederholt befunden, sehr, sehr!«

»Er hat sich beklagt?«

»O nein! Mit keinem Worte! Er lobte nur, und zwar aufrichtig, wie ich glaube, behaupten zu können. Das muß ich dir sagen, damit du über die Frage, was und wie er über dich denkt und spricht, beruhigt bist. Er hat sich überhaupt über niemand beklagt, auch nicht über seine Gegner und nicht über die Aufrührer. Und ebensowenig
hat er sich über sich selbst beklagt. Von Selbstanklagen, Bekenntnissen und Geständnissen hat es keine Spur gegeben. Wir haben über den Glauben gesprochen, über die Religionen der Erde, über den Wert der Wissenschaften, über die Kunst der Fürsten, ihre Völker glücklich zu machen, über die Verpflichtungen des Menschen seinen Nebenmenschen gegenüber und über alle möglichen anderen Fragen, welche du als ›Menschheitsfragen‹ zu bezeichnen pflegst. Man hörte ihm das heiße, aufrichtige Verlangen an, sich zu orientieren, über diese Fragen, über uns, über sich selbst. Er kommt mir vor, wie die erste gute, nützliche Frucht eines bisher unnützen, vielleicht sogar giftigen Baumes. Eure Anwesenheit in Ard ist von vortrefflicher Wirkung gewesen. Besonders tief hat ihn die Weihnachtsfeier gepackt. Ich glaube, er ist auf dem besten Wege, ein Christ, und zwar ein sehr ernster, zu werden. Er hat bisher das Abendland verachtet und gehaßt; nun aber beginnt er schon, es zu schätzen und lieb zu gewinnen. Es hat ihm imponiert.«

Als der Dschirbani hier eine Pause machte, fiel der Erstgeborene der Tschoban ein:

»Denke dir diese Oertlichkeit! Diesen scharfen Ausschnitt des Sternenhimmels mit der geheimnisvollen, werdenden Mondessichel über dem noch nie gesehenen Maha-Lama-See! Denke dir die Gedanken, Ahnungen und Gefühle, die das erweckt! Und denke dir dazu uns drei Männer, ein jeder anders, ein jeder eigengeartet, ein jeder von der Vorsehung auf einen nicht gewöhnlichen Platz gestellt! Diese drei Männer sind zum ersten Male beisammen, dem Tode geweiht, doch keineswegs verzagend! Sie hoffen, von einem Europäer gerettet zu werden, den sie ehren, den sie lieben, dem sie vertrauen, denn er ist nicht zu ihnen gekommen, um sie auszubeuten, sondern
aus wahrer, wirklicher Menschenliebe, die von Mohammed nur befohlen, von Christus aber wirklich geoffenbart und als Herrscherin eingesetzt worden ist! Und denke dir hierzu die Heiligkeit, Wichtigkeit und Größe der Fragen, die besprochen worden sind, so wirst du es glauben, daß die Stunden dieser jetzt vergangenen Nacht wirklich erhabene gewesen sind. Es wurde nur im Allgemeinen gesprochen; es wurde nichts Spezielles berührt. In Sonderheit vermied es ein Jeder von uns, die zwischen uns brennenden Angelegenheiten und Verhältnisse auch nur von Weitem zu erwähnen. Das soll jedenfalls erst noch geschehen. Und doch habe ich das Gefühl, als ob während unseres Gespräches dort am Wasserengel das nächstkünftige Geschick der hiesigen Völkerschaften entschieden worden sei, und zwar in günstigem, in glücklichem, in friedlichem Sinne!«

»Ich glaube es, obgleich mir nicht vergönnt war, der vierte bei euch zu sein. Wo ist der Mir jetzt? Kam er nicht mit hierher?«

»Als der Morgen graute und wir uns trennten, sagte er, daß es für ihn unmöglich sei, nun noch zu schlafen. Er werde einen Rundgang um den See machen und sich dann hier einstellen.«

»Wie unvorsichtig von ihm! Es ist zwar nicht wahrscheinlich, aber doch immerhin möglich, daß wir uns nicht allein an diesem Orte befinden. Wie leicht kann er in eine Gefahr geraten, aus der er sich nicht selbst zu befreien vermag! Ein Mir ist kein gewöhnlicher Mann. Er hat Rücksicht auf den Wert zu nehmen, den seine Person nicht nur für ihn selbst, sondern auch für Andere hat! Doch glaube ich, ihn zu sehen. Da draußen kommt Jemand.«

Es gab, allerdings weit draußen, unter den Säulen einen Punkt, der sich auf uns zu bewegte. Als er näher kam, sahen wir, daß es ein Mensch war, in dem wir
dann den Mir erkannten. Er hatte heut ein ganz eigentümliches Gesicht. Es sah aus wie das Gesicht eines Hungernden, eines Fakirs, eines Büßers. Seine Augen glühten. Seine Wangen waren eingefallen. Seine Stimme hatte jenen halb heiseren Klang, den man als ›belegt‹ bezeichnet. Er hatte Fieber; das sah ich ihm an, obgleich er sich Mühe gab, es zu verbergen. Wir standen, als er uns erreicht hatte, auf und begrüßten ihn. Er gab mir die Hand und sagte:

»Eine Nacht wie die vergangene gab es für mich noch nie. Und der Morgen ist noch rätselhafter und geheimnisvoller als sie. Gebt mir zu trinken! Ich habe Durst.«

»Das Wasser ist alle; wir müssen zum Engel,« antwortete ich. »Auch mußt du essen.«

»Ich kann nicht!«

»Du mußt! Wir alle müssen! Du bist verpflichtet dazu!«

Er drohte mir mit dem Finger und antwortete, indem ein mattes Lächeln über sein Gesicht flog:

»Du scheinst der Mir von Ardistan zu sein, nicht aber mehr ich!«

»Ich meine es gut mit dir. Du aber kannst tun, was dir gefällt, auch krank werden, gerade dann, wenn es nötig ist, möglichst stark, gesund und rüstig zu sein. Es geht um deine Herrschaft, sogar beim Essen und Trinken!«

»Gut! Ich esse!«

»So reiten wir zunächst nach dem Engel, um Wasser zu schöpfen. Du hast einen Rundgang gemacht. Wohl nur teilweise?«

»Nein, sondern vollständig.«

»Was fandest du?«

»Nichts, was als Fund zu bezeichnen wäre. Der
Platz ist öde und leer und ohne die geringste Spur von pflanzlichem oder tierischem Leben. Aber betroffen bin ich, im höchsten Grade betroffen über die Bauten, die ich hier sehe! Konnte man so Etwas ahnen? Konnte man so Etwas für möglich halten? Auch du wirst erstaunt sein, Effendi, aber nicht über diese Felsenwerke und Säulen, denn du hast oft noch Größeres gesehen, sondern über etwas ganz Anderes, nämlich über mich und meine Unwissenheit.«

»Wieso?«

»Ich bin der Fürst dieses Landes und habe doch von diesen Riesenbauwerken nichts gewußt. Wird man dir das glauben, wenn du es in deiner Heimat erzählst? Wird man es nicht lächerlich finden? Wird man dich nicht für einen Lügner halten?«

»Nein. Man wird eure Entwicklung, eure Geschichte, eure Verhältnisse in Betracht ziehen. Man wird erwägen, daß es in lamaistischen Ländern stets zweierlei Herrscher gab, einen weltlichen und einen geistlichen, und daß Beide ihre besonderen Interessen immer derart verfolgten, daß Jeder von ihnen so wenig wie möglich von dem, was der Andere tat, erfuhr. Und die Hauptsache: Die Wüste ist über euch hergefallen und hat den besten und schönsten Teil deines Landes verschlungen, nicht nur die räumliche, die geographische Wüste, sondern auch die geschichtliche, die zeitliche; euch fehlt die Geschichte. Ihr habt nur noch Sagen. Oertlichkeiten und Bauwerke, die vor Jahrtausenden von dieser geographischen und geschichtlichen Wüste verschlungen wurden, sind so vollständig in Vergessenheit geraten, daß man sich ihrer nicht mehr erinnert. Und die Teufelssage, die du mir erzähltest, hat das Uebrige getan, den letzten Rest des Gedächtnisses auszuwischen. Als es nach langen, grausamen Kämpfen
deinen Vorfahren gelungen war, die Maha-Lamas in kraftlose Schatten zu verwandeln, waren sie bemüht, nun auch noch das geschichtliche Bewußtsein ihrer Taten auszustreichen. Der Teufel, der den Maha-Lama betrog, wurde erfunden. Wer aber in Wahrheit die Betrüger und die Betrogenen waren, das werden wir wahrscheinlich heut noch sehen. Ich vermute sehr, daß das Volk es war, welches betrogen worden ist, und zwar um eine Segnung sondergleichen, die dem alten Ard das Leben erhalten hätte, selbst als der Fluß, wie die Sage erzählt, nach seinem Ursprung zurückgegangen war. Die alten Maha-Lamas waren Befreundete des Mir von Dschinnistan, der nicht wollte, daß Ardistan, sein Nachbarstaat, nach und nach zur Wüste werde. Kennst du den Namen des Maha-Lama, der nach der Sage jenen Pakt mit dem Teufel schloß?«

»Ja. Er hieß Abu Schalem.«

»Also Vater des Friedens! Dieser Name bestätigt meine Vermutung. Die weltlichen Herrscher sind stets für den Krieg, die geistlichen für den Frieden gewesen. Auch du bist für den Krieg. Der Mir von Dschinnistan ist für den Frieden. Du hast den Krieg mit Gewalt herbeigeführt. Es soll mich nicht wundern, wenn ich nach meiner Heimkehr höre, daß dein einst so schönes Land vollends zur Wüste geworden ist! Jetzt komm; wir wollen reiten!«

Ich hatte, während wir dies miteinander sprachen, mein Pferd und er das seinige gesattelt. Nun stiegen wir auf und ritten nach dem Engel. Die Andern folgten. Der Dschirbani und der Prinz der Tschoban, denen man ihre Pferde genommen hatte, bekamen für einstweilen unsere Packpferde; so war für Alle gesorgt. Der Mir sprach jetzt, indem er neben mir her ritt, nicht weiter.
Ich will aufrichtig gestehen, daß ich mir selbst jetzt häßlich vorkam. Ich bin stets bemüht, Allen, mit denen ich verkehre, nur Freundlichkeit und Liebe zu geben, und hier wurde ich durch die Verhältnisse gezwungen, streng objektiv, zuweilen sogar rücksichtslos, vielleicht auch schroff zu sein. Das tat mir leid; das tat mir sogar wehe; aber ich konnte nicht anders; ich hatte meine Pflicht zu tun. Und diese bestand darin, diesem Mann ganz unerbittlich wissen zu lassen, daß er bisher weder als Fürst noch als Mensch daran gedacht hatte, seine eigentlichen, ihm von Gott gestellten Aufgaben zu erfüllen. Falls ich mir hierdurch sein bisheriges Wohlwollen verscherzte, war er es gar nicht wert, daß man sich um sein Wohlwollen überhaupt bekümmerte.

Als wir die Andern, die den Engel noch nicht kannten, in sein Inneres führten und ich ihnen seine Bedeutung zu erklären versuchte, begannen sie, zu ahnen, daß es mit dem Maha-Lama-See denn doch wohl eine andere Bewandtnis habe, als die alte Sage, die aber keine Sage, sondern eine glatte Lüge war, der Nachwelt weismachen sollte. Das Räderwerk wurde geölt und, was aus Holz oder Leder bestand, mit Wasser angefeuchtet. Als das geschehen war, funktionierte die Schöpfmaschine fast tadellos, und es dauerte gar nicht lange, so waren alle Tröge, Eimer und Schläuche gefüllt und unsere Pferde und Hunde mit so viel frischem Wasser getränkt, wie sie nur haben wollten. Hierauf wurde gefrühstückt, und dann konnten wir daran gehen, uns das Innere des Riesenbauwerkes zu erschließen.

Zunächst war es nötig, einen Ueberblick zu gewinnen. Zu diesem Zwecke unternahmen wir vorerst einen langsamen Ritt um die ganze, riesige Runde. Es war während desselben kein Grashalm, kein kleinster Käfer,
keine Mücke zu sehen. Und ebenso fehlte jede Spur davon, daß seit längerer Zeit irgend ein Mensch hier gewesen sei oder sich vielleicht gar noch hier befinde. Ich gewann die Ueberzeugung, daß wir seit vielleicht schon Jahrhunderten die Ersten waren, denen der Zutritt hier gelang. Dann, als wir diesen Ritt beendet hatten und wieder von den Pferden stiegen, stand es in mir fest, daß auch der ›Panther‹ und sein alter Basch-Islami von diesem Orte nichts wußten. Sie kannten nur den zugewölbten Kanal. Wir hatten an dem Ende desselben, da, wo er sich zu einem größern Raum erweiterte, verschmachten und sterben sollen. Daß es da eine verborgene Rolltüre gab, die ins Freie führte, war ihnen unbekannt. Darum konnten wir uns hier am einstigen See ganz ungeniert bewegen, ohne befürchten zu müssen, von irgend Jemand gestört zu werden.

Die Hauptsache war nun, die vorhandenen Türen zu finden. Wenn die Mechanik des Verschlusses hier dieselbe war wie an dem Steine, der den Kanal verschloß, so mußten wir vor allen Dingen nach den Schlüssellöchern suchen, und dann war die Frage, ob mein Messerschlüssel in alle passen werde. Die Fensterpaare, die es zwischen je zwei Säulen gab, waren alle in der Mitte der betreffenden Wandfläche angebracht, und zwar da oben, wo die Deckenwölbung begann. Das habe ich bereits gesagt. Der einfache Menschenverstand führte zu der Vermutung, daß sich da wohl auch die Türe befinden werde, also gerade unter dem Fenster. Wir schauten nach. Richtig! Wir fanden die Risse und Spalten, und wir fanden auch die mit nassem Staub verklebten Schlüssellöcher. Dieser Staub war natürlich nicht mehr feucht; er war trocken und hart, aber es bedurfte nur einer ganz geringen Anstrengung, ihn zu entfernen. Als
dies geschehen war, stellte es sich leider heraus, daß mein Schlüssel nicht paßte; er war zu klein. Wir versuchten es bei einer anderen Stelle. Wir fanden auch hier die Türe und die Schlüssellöcher; aber mein Schlüssel paßte wieder nicht; er war zu groß. Da wurden meine Gefährten ungeduldig. Sie gingen von Säule zu Säule, entdeckten Türe auf Türe, befreiten Loch auf Loch vom verhärteten Staube und kamen doch nicht weiter, als ich, der ich mich niedergesetzt hatte, um still zu überlegen. Mein Schlüssel war eben bald zu groß, bald zu klein; er paßte in keines der Löcher. Mein kleiner Halef fühlte sich tief unglücklich über diesen Mißerfolg. Und außerdem war er wütend über mich.

»Wie kann man sich nur so hersetzen und die Hände in den Schoß legen wie du, Effendi!« rief er mir zu. »Siehst du denn nicht, wie wir uns alle plagen?«

»Habe ich dir befohlen, dich zu plagen?« fragte ich ihn.

»Nein,« antwortete er.

»So mach deine Vorwürfe dir, aber nicht mir!«

»Aber es muß doch Etwas geschehen! Man muß doch Etwas tun! Wir arbeiten! Du aber tust nichts, gar nichts!«

»Oho!« lachte ich. »Ich überlege!«

Da stemmte er seine beiden Hände in die Seiten und sprach:

»So! Du überlegst! Und machst dazu ein so dummes Gesicht, daß es mir angst und bange um dich wird! Siehst du denn nicht ein, daß es zu gar nichts führen kann, mit einem derartigen Gesicht zu überlegen? Wenn das Nachdenken eines Menschen einen Erfolg haben soll, so darf er dazu nicht das Gesicht eines Schafes oder eines Wasserfrosches machen! Ich habe dir zwar gesagt,
daß das Ueberlegen deine und dann die Ausführung meine Sache ist, aber wenn du beim Ueberlegen nicht wenigstens ein ebenso pfiffiges Gesicht machst wie ich bei der Ausführung, so ist es am Besten, wir vertauschen unsere Rollen, nämlich ich überlege und du führst aus!«

»Gut! Schön! Einverstanden, lieber Halef! Setze dich! Setze dich sofort hierher! Auf die Stelle, wo ich gesessen habe! Und überlege du einmal! Du wirst es schneller und besser fertig bringen als ich! Und wenn du fertig bist und es gefunden hast, dann komme ich wieder und führe es aus!«

Ich nahm ihn an beiden Armen und drückte ihn auf dieselbe Stelle nieder, an der ich soeben gesessen hatte.

»Aber, Effendi, so ist es doch nicht gemeint!« rief er aus. »Ich wollte doch nur sagen, daß – – –«

»Still!« unterbrach ich ihn. »Still! Nicht auf das, was du sagen wolltest, kommt es hier an, sondern auf das, was du gesagt hast! Und du hast gesagt, daß du mit mir die Rolle vertauschen wollest. Du wollest überlegen, und ich solle dann ausführen, was du gefunden und beschlossen hast! So hast du gesagt, und so mag es geschehen!«

»Aber, Sihdi, du weißt doch, daß ich gerade im Ueberlegen keineswegs so geübt bin, wie in andern Dingen, und daß ich – – –«

»Still,« fiel ich ihm abermals in die Rede; »sei still! Daß du im Ueberlegen nicht bewandert bist, das sieht man dir ja sofort an; aber du wirst dich sehr schnell in meine Rolle finden. Wenn wir einen Spiegel hätten, könnte ich dir zeigen, wie rasch und vollständig du dich schon in das Schaf- und Wasserfroschgesicht gefunden hast. Es wird sogar Leute geben, welche behaupten, daß du mich hierin schon weit übertriffst. So bin ich überzeugt,
daß du mich auch in Beziehung auf das Nachdenken sehr bald überholen wirst. In einer halben Stunde wirst du fertig sein. Da komme ich wieder. Bis dahin, lebe wohl!«

Ich ging zu meinem Pferde und stieg auf.

»So willst du mich verlassen, Sihdi?« fragte der so unerwartet beim Wort Genommene. »Hast du dir auch die Folgen überlegt?«

»Nein, denn das Ueberlegen ist ja nun nicht mehr meine, sondern deine Sache! Also, lebe wohl!«

Ich ritt fort.

»Allah, Wallah, Tallah! Er verläßt mich wirklich! Er hat kein Herz für mich und meine Qual! Er hält mich an dem Worte fest, welches doch gar nicht fest gewesen ist, sondern sofort zerrissen wird, sobald man daran zerrt! Er will sich rächen! Sich rächen für das Schaf und für den Wasserfrosch! Er ist nicht groß, nicht edel und erhaben! Und wenn er wieder kommt, so wird er mich – – –«

Mehr hörte ich nicht, denn ich hatte mich nun schon so weit von ihm entfernt, daß seine Stimme nicht mehr zu mir dringen konnte. Schon bald aber hörte ich eine andere, welche hinter mir erscholl. Als ich mich umschaute, sah ich den Mir, der mir auf seinem köstlichen Schimmelhengst nachgeritten kam und mir zurief, langsamer zu reiten, damit er mich einholen könne. Ich hielt an. Als er mich erreichte, sagte er:

»Das ist wieder einmal eine gute Lehre, die du dem Scheik der Haddedihn erteilst. Ob sie ihm wohl Nutzen bringen wird?«

»Ich hoffe es, obgleich es in erster Linie ganz und gar nicht meine Absicht war, gute Lehren zu erteilen.«

»Was sonst?«

»Ich wollte nur frei sein, weiter nichts. Ich wollte fort, weiter nichts. Heraus aus allen diesen Fragen, die man an mich richtet! Man verlangt von mir, daß ich nachdenken, daß ich die Lösung dieser Rätsel finden soll, und man läßt mir doch nicht die nötige Zeit und Sammlung dazu. Die Gedanken kommen nicht in der Weise und in der Masse wie die Mücken aus der Pfütze. Man muß die Dinge auf sich wirken lassen, sonst kann man sie nicht durchschauen und ergründen. So auch hier! Ich kann nur dann auf die Besonderheiten und Heimlichkeiten, die wir entdecken wollen, kommen, wenn es mir möglich ist, mich in die Zeit und in die Menschen, um die es sich bei der Entstehung dieses Riesenbaues handelte, hineinzudenken und hineinzufühlen. Ganz selbstverständlich aber kann ich das nicht, wenn Jemand, wie Halef, immerfort auf mich einspricht.«

Das war deutlich! Leider aber wurde der Wunsch, der in diesen meinen Worten lag, vom Mir nicht verstanden, oder er beachtete ihn einfach nicht. Der Gedanke, daß ich auch ihn, den Herrscher, damit meinen könne, war ihm eine Unmöglichkeit. Er blieb bei mir und ritt mit mir weiter.

»Willst du noch einmal rund herum, Effendi?« fragte er.

»Ja,« antwortete ich. »Während unserer ersten Runde sprach man immerfort auf mich ein. Ich kam zu keiner genauen Betrachtung, weder mit dem äußerlichen noch mit dem innerlichen Auge. Das habe ich jetzt nachzuholen.«

»So bin ich neugierig, ob du jetzt nun findest, was du vorhin nicht gefunden hast. Es wäre ja mehr als bedauerlich, wenn wir uns hier mitten unter den wichtigsten Geheimnissen befänden, ohne ein einziges von
ihnen zu enthüllen. Du sprichst nicht nur vom äußerlichen, sondern auch vom innerlichen Auge. Was du hier in diesem Falle damit meinst, das verstehe ich nicht ganz, sondern nur halb; aber ich nehme an, daß dir dein Suchen leichter würde, wenn dir die Verhältnisse, unter denen diese Riesenwerke entstanden, bekannter wären, als sie es dir sind. Ich glaube, zu die ser besseren Bekanntschaft einige Beiträge liefern zu können. Ich habe dir nämlich ein Geständnis zu machen, ein Geständnis, welches sich auf die unversöhnliche Feindschaft zwischen meinen Vorfahren und den alten Maha-Lamas bezieht. Die weltlichen Herrscher, also meine Ahnen, sind aus diesen erbitterten Kämpfen stets als Sieger hervorgegangen, und mehrere geistliche Herrscher haben das mit dem Leben bezahlen müssen. Ich bin heut früh, als ich beim Tagesgrauen an diesen Säulen vorüberschritt, mit mir zu Rate gegangen, ob ich dir davon erzählen soll oder nicht. Du bist mein Gewissen geworden. Du kannst mein Herz beschweren und kannst es wieder entlasten. Will ich meine Fehler erkennen, so frage ich dich, denn du bist wahr und gerecht; du verschweigst mir keinen einzigen, und du bist bei aller Strenge doch mild, denn du lässest mich stets den guten Zweck und das heilsame Ziel dieser Strenge erkennen. Und will ich die Fehler meiner Vorfahren ermessen, so habe ich dir alles zu berichten, was ich von ihnen weiß. Du wirst mir sagen, ob es auch für das, was sie taten, einen guten Zweck und ein heilsames Ende gibt oder nicht.«

Da antwortete ich:

»Dieser Zweck liegt tiefer, als unsere sterblichen Augen reichen, und dieses Ende ist nur in deine eigene Hand gelegt.«

»In die meinige?«

»Ja, denn du bist der Träger deines Stammes. Auf dir lastet alles Verborgene, was deine Ahnen zu Berge häuften, das Gute und auch das Böse. Wir Christen wissen, daß Gott alles herrlich hinausführt. Die Torheit der Menschen kann die Ausführung seines Ratschlusses höchstens erschweren und verzögern, nicht aber verhindern. Und ein einziger Fürst, der zur Einsicht kommt, ist im Stande, die Irrungen einer ganzen Ahnenreihe zum guten Schlusse zu leiten und dadurch den Fluch des Weltgerichtes in Verzeihung und Segen zu verwandeln.«

»O, könnte ich das!« rief er aus, die Hände zusammenschlagend, wie man zu tun pflegt, wenn man seinem Wunsche einen recht, recht herzlichen Nachdruck geben will.

»Du kannst, wenn du willst! Nur wollen, wollen, wollen!«

Da richtete er sich hoch im Sattel auf, hob die Hand wie zum Schwure empor und beteuerte:

»Ich will; ich will! Effendi, ich werde dir erzählen; ich werde dir beichten. Du sollst alle Sünden, die an dem Volke von Ardistan begangen worden sind, erfahren, soweit ich sie selbst kenne. Und zwar sofort! Ich bin dir deshalb nachgeritten. Es muß von meinem Herzen herunter. Ich erfuhr das alles von meiner Mutter. Sie war die Einzige, die mich liebte, und sie war auch die Einzige, die mich über die Taten der Herrscher von Ardistan niemals belog. Aber ich war noch jung, und sie starb; ich vergaß. Doch nun öffnen sich die Tiefen meines Innern, und die Warnungen und Schilderungen der geliebten Toten beginnen wieder wach und lebendig zu werden. Du mußt das Alles hören. Ich beginne mit – – –«

»Nein, nein!« unterbrach ich ihn da schnell. »Nicht jetzt, nicht jetzt!«

»Warum nicht? Es drängt mich; es will heraus! Ich bin dir ja nur deshalb nachgeritten, um mit dir allein zu sein und dir ungestört erzählen und berichten zu können!«

Da hielt ich mein Pferd an, so daß er auch das seine parieren mußte, und sah ihm mit lachenden Augen in das erregte Gesicht, indem ich ihn fragte:

»Du reitest also hier an meiner Seite, um mir zu erzählen?«

»Ja. Ich will beichten! In meinem Namen und auch im Namen derer, die meine Vorgänger gewesen sind!«

»Und du wünschest, daß ich dieser deiner Beichte meine volle Aufmerksamkeit schenke?«

»Ja freilich!«

»Und ich aber reite an deiner Seite, warum?«

»Um – – – um – – – um die Schlüssel zu den vielen Türen, die es hier gibt, zu finden,« antwortete er zögernd, indem ihm doch nun endlich die Erkenntnis zu kommen schien, daß ich nicht gerade begeistert davon war, daß er mich begleitete.

»Und du wünschest, daß ich diese Schlüssel alle finde?«

»Sogar sehr!«

»Da muß ich aber ganz selbstverständlich alle meine Gedanken zusammennehmen und darf mich nicht mit andern Dingen beschäftigen. Nun wähle! Entweder du oder die Schlüssel!«

»Nicht Beides zugleich?«

»Unmöglich! Ein Jedes fordert für sich den ganzen Kopf!«

»So trete ich natürlich zurück. Erzählen kann ich auch später. Die Hauptsache ist vor allen Dingen, daß wir die Türen aufbekommen. Aber bei dir bleiben darf ich doch?«

»Wenn du nicht sprichst!«

»Ich schweige!«

»So komm!«

Wir ritten weiter. Der gute Mann ahnte wirklich nicht, daß mich schon bloß seine Anwesenheit stören mußte, auch wenn er schwieg. Je weiter wir kamen, ohne daß ich irgend Etwas bemerkte, was ich mir als Wink dienen lassen konnte, um so größer wurde meine Befürchtung, daß auch dieses Mal alle Mühe vergeblich sein werde. Und das störte mein inneres Gleichgewicht und raubte mir die Empfänglichkeit für die Eindrücke, die zu mir sprechen sollten. Glücklicherweise waren die Felsen einsichtsvoller als der Mir. Sie zogen mich von ihm ab. Sie begannen, zu sprechen, heimlich, leise, nicht in Worten, sondern zunächst nur in Ziffern und Zahlen. Eine der Säulen war geborsten, nicht ganz, sondern der Riß, der entstanden war, klaffte nur auf der einen Seite, von links oben nach rechts unten. Er war nicht tief. Unter andern Umständen wäre mein Auge hierüber hinweggeglitten, ohne es zu beachten; hier aber war eine solche unbedeutende Spalte im Felsen doch wenigstens einmal eine Unterbrechung der ewigen steinernen Ausdruckslosigkeit. Ich hielt an der Säule an, um einen Blick in den Riß zu tun. Das geschah ganz unwillkürlich, ohne besondere Absicht. Es war auch gar nichts drin, nicht einmal Staub. Und doch sah ich Etwas, und zwar etwas höchst Wichtiges. Nicht in der Spalte selbst, sondern neben ihr. Es gab da zwei Vertiefungen im Stein, die eine über der andern. Sie waren gar nicht augenfällig, sondern
so klein, daß das Auge sehr leicht darüber hinweggehen konnte, ohne sie zu bemerken. Man konnte sie überhaupt nur aus der nächsten Nähe sehen. Sie schienen mit einem sehr scharfen, kleinen Griffel eingeritzt zu sein und bildeten Figuren, die irgend etwas Bestimmtes zu bedeuten haben mußten. Ich sprang vom Pferde, um die Lage dieser zwei Figuren genau zu bestimmen. Sie saßen, nach mir betrachtet, gerade in Augenhöhe in der Säule. Die eine schien ein Buchstabe zu sein, und zwar ein arabisches Dschim; die andere aber war ganz gewiß das chinesische Zeichen für Örh. Ich ging nach der nächsten Säule. Da gab es wieder zwei Zeichen, genau in derselben Höhe. Das eine war der arabische Buchstabe Dal und das andere ein chinesisches Tschhi. Auf der dritten Säule sah ich ein arabisches Be und ein chinesisches Liu. Was sollte das? Was hatte das zu bedeuten? Die angegebenen Zeichen haben nicht nur Buchstaben- und Wort-, sondern zugleich auch Zahlenwert. Als was waren sie hier zu nehmen? Als Buchstaben und Worte? Oder als Zahlen? Ich entschloß mich für das Letztere. Im Arabischen bedeutet der Buchstabe Dschim eine 3, der Buchstabe Dal eine 4 und der Buchstabe Be eine 2. Das chinesische Örh ist, in unsern Zahlen ausgedrückt, eine 2, das Tschhi eine 7 und das Liu eine 6. Das ergab also an den drei Säulen, die ich bis jetzt betrachtet hatte, folgende Zahlenzusammenstellung:

Arabisch:Chinesisch:
Erste Säule: 3 2
Zweite Säule: 4 7
Dritte Säule: 2 6

Was diese Zahlen oder Ziffern zu bedeuten hatten, damit quälte ich mich jetzt noch nicht ab. Es mußte mir jetzt zunächst nur darauf ankommen, zu erfahren, ob allen
Säulen in der ganzen Runde ein solches zweifaches Zeichen eingegraben sei oder nicht. Der Mir war ganz selbstverständlich auch abgestiegen und ließ sich zeigen, was ich gefunden hatte.

»Glaubst du etwa, daß diese Zeichen sich auf die Schlüssel beziehen?« fragte er.

»Ja, ich glaube es,« antwortete ich. »Bedenke die Menge der Räume, die es hier wahrscheinlich gibt! Sie müssen numeriert sein. Die Schlüssel also auch!«

»Aber warum nicht nur arabische Zahlen, sondern auch chinesische? Die kennt man hier in Ardistan doch nicht!«

»Eben deshalb, weil man sie nicht kennt! Das Verständnis für diese Ziffern war nicht für Jedermann, sondern nur für gewisse Beamte.«

»Aber warum wählte man neben den arabischen Nummern gerade die chinesischen, keine anderen?«

»Weil das Chinesische fast einem jeden gebildeten Lamaisten geläufig ist. Doch das sind Fragen, auf die wir unsere kostbare Zeit nicht verschwenden dürfen. Wir haben jetzt alle Säulen zu untersuchen, ob jede einzelne ihre beiden Nummern hat. Das Uebrige wird sich dann finden. Beeilen wir uns!«

Das ging nicht so schnell, wie man hätte meinen sollen, denn es traten hier und da Nebenumstände ein, die unsern Rundritt verzögerten. Er dauerte zwei volle Stunden, und das Ergebnis war, daß es nur zwei Säulen gab, die nicht numeriert waren, und die lagen einander gerade gegenüber, die eine genau in der Mitte der Süd- und die andere genau in der Mitte der Nordseite der Gebäuderundung. Mit diesen beiden Säulen mußte es also eine besondere Bewandtnis haben. Uebrigens kam es sehr häufig vor, daß mehrere aufeinanderfolgende
Säulen genau dieselben Nummern hatten. Da war anzunehmen, daß sie auch zu einem und demselben Raume gehörten und daß dieser also größer sei als die gewöhnlichen, die nur den zwischen zwei Säulen liegenden Raum einnahmen.

Was nun die beiden nicht numerierten Säulen betraf, so waren die zu ihnen gehörigen Felsenflächen entweder nicht hohl, oder die zwei hinter ihnen liegenden Räume hatten dem Zwecke gedient, den man in der heutigen Zeit mit den bekannten Worten ›Verwaltungsbureau‹ oder ›Portiers- und Hausdienerstube‹ zu bezeichnen pflegt. In diesem letzteren Falle enthielten sie wahrscheinlich Alles, was wir suchten und brauchten. Aber so sorgfältig ich die betreffenden Flächen betrachtete, betastete und beklopfte, es war kein Schlüsselloch zu finden. Das sprach dafür, daß die Mauer hier kompakt war und keine hohlen Räume hinter sich barg. Es gab auch noch einen zweiten Umstand, aus dem ich ganz dasselbe zu schließen hatte. Ich sah nämlich genau in der Mitte des größten Quaders ein aus dem Stein herausgehauenes Reliefbild der Sonne mit vierundzwanzig Strahlen. Zu ihren Seiten war je ein Buchstabe eingemeißelt, nämlich links ein arabisches Ta und rechts ein arabisches Rhain oder Ghain. Diese Buchstaben machten mich stutzig. Sie mußten unbedingt etwas zu bedeuten haben. Das Sonnenbild an sich ließ vermuten, daß ein Innenraum nicht vorhanden war, denn warum sollte man das einzige Relief, welches es gab, gerade an einer Türe angebracht haben, wo es doch am Allerleichtesten beschädigt werden konnte? Aber die beiden Buchstaben hatten ganz ohne Zweifel einen Zweck, der sich auf das Sonnenbild bezog. Ich trat ganz nahe an den Stein heran und klopfte an das Relief. Sonderbar! Es klang so eigentümlich! Fast nicht wie Stein! Und
als ich stärker klopfte, stäubte unter ihm ein außerordentlich feines Mehl hervor, welches der Wind im Laufe der Zeit da hineingeblasen hatte. Es war also ein Irrtum, als ich vorhin annahm, daß die Sonne zum Stein gehöre, daß sie aus ihm herausgehauen sei. Sie gehörte nicht ursprünglich zu ihm; sie war künstlich mit ihm verbunden. Sobald ich das erkannt hatte, machte ich eine Probe mit der Messerspitze und fand, daß die Sonne aus Metall, wahrscheinlich aus Zinn und Kupfer, gegossen und derart geätzt und bearbeitet worden war, daß man das Metall mit Stein verwechseln konnte. Diese Entdeckung lehrte mich schnell anders denken, als bisher, zumal ich bei aufmerksamerer Betrachtung bemerkte, daß der Stein in den innersten Strahlenwinkeln glattgeschliffen worden war. Die Sonne hatte sich also früher bewegt, und zwar sehr oft. Aber wie, in welcher Richtung und zu welchem Zwecke? Sollten vielleicht die beiden Buchstaben angebracht worden sein, um hierüber Aufschluß zu geben? Höchst wahrscheinlich! Sie waren jedenfalls Anfangsbuchstaben von bestimmten Worten. Ich dachte an verschiedene, die ich aber schnell wieder verwarf, bis ich auf Tuluh und Ghoruhb kam. Tulu esch Schems heißt nämlich Aufgang, und Ghoruhb esch Schems heißt Untergang der Sonne. Die wirkliche Sonne bewegt sich vom Aufgange nach dem Untergange. War hieraus etwa zu schließen, daß man hier diese künstliche, diese bronzene Sonne von dem Buchstaben Ta nach dem Buchstaben Ghain zu bewegen, zu schieben, zu drehen hatte? Ich versuchte es. Es wollte nicht gehen, aber nur des Staubes wegen, der sich zwischen dem Steine und dem Metalle angesammelt hatte. Als ich den Versuch mit stärkerem Klopfen und energischem Rütteln wiederholte, lockerte sich der Staub, und indem er streuend zur Erde niedersiebte,
wurde das Hindernis entfernt, und die Sonne begann, sich zu bewegen. Ich konnte sie wie ein Rad um ihre eigene Achse drehen, und indem ich dieses tat, hörte und fühlte ich zu gleicher Zeit, daß hierdurch ein Riegel zurückgezogen wurde. Der große, mächtige Quader wich von seiner Stelle, und zwar in genau derselben Weise wie der Stein am Ende des Kanales, nämlich nach innen, auf Geleisen, mit Hilfe von zwei Plattenunterlagen, deren erste sich senkte und deren zweite sich dann hob, um den rollenden Stein zum Stehen zu bringen.

»Maschallah, Wunder Gottes!« rief der Mir aus, als die verborgene Türe sich plötzlich vor uns öffnete. »Fast bin ich erschrocken! Wie hast du das gefunden? Bist du allwissend, Effendi?«

»Nichts weniger als das!« lachte ich, über diesen glücklichen Erfolg erfreut. »Die ganze Allwissenheit besteht darin, daß man seine Gedanken nicht auf falsche, sondern auf richtige Wege leitet; da kommt man zum Ziele. Treten wir ein!«

Indem ich diese Aufforderung aussprach, trat ich durch die nun offene Thür in das Innere. Der Mir folgte. Der Raum, in dem wir uns nun befanden, war ziemlich groß. Als wir uns da umschauten, sahen wir, daß ich Recht gehabt hatte, als ich vorhin annahm, wenn es hier eine Stube oder so etwas Aehnliches gebe, werde sie wohl mit einer Portierloge oder Hausmannsstube zu vergleichen sein. Es gab da wirklich Alles, was wir brauchten, nämlich alle möglichen Werkzeuge und, Gott sei Dank, auch die Schlüssel, die wir suchten. Es waren fünfzehn Stück. Sie hingen an der Wand, mit chinesischen Ziffern numeriert. Auch sie hatten die Form von Messern, deren Griff zum Drehen eingebogen werden konnte, so daß sie die Gestalt einer Kurbel annahmen. Die Klingen,
welche aus stahlharter Bronze bestanden und vorn nach der Spitze zu immer schmäler wurden, waren eine jede neunmal quer eingekerbt, so daß zehn von einander getrennte Schlüsselbärte entstanden, die mit arabischen Nummern bezeichnet waren. Da keine dieser Schlüsselklingen der andern an Länge und Breite glich, so konnte man mit diesen fünfzehn Messern zehnmal fünfzehn, also hundertundfünfzig Türen öffnen, wenn man nur wußte, welcher Schlüssel zu der betreffenden Türe gehörte und wie tief er in das Schlüsselloch gesteckt werden mußte. Indem ich mir dies vergegenwärtigte, erkannte ich plötzlich den Zweck der Nummern, die wir an den Säulen gesehen hatten. Die chinesische Ziffer bezog sich auf die Nummer des betreffenden Schlüssels, und die arabische auf die Nummer des Bartes, der die richtige Form besaß, den Riegel zu fassen. Zu jeder numerierten Säule gehörte die auf sie folgende Türe. Diese Entdeckung war so unendlich wichtig, daß ich keinen Augenblick zögerte, zu probieren, ob sie sich bestätigen werde. Ich nahm das Messer, dessen chinesische Nummer draußen an der nächsten Säule angegeben war, ging an den hierzu gehörigen Türstein und entfernte den Staub aus dem Schlüsselloche. Die arabische Nummer war arb'a; das bedeutet vier. Ich steckte die Klinge also bis zum vierten Bart in das Loch und drehte dann. Es gelang. Kaum war die Drehung vollendet, so bewegte sich der Stein nach innen, und zwar so schnell, daß ich fast darüber erschrak. Der Mir aber, der mir gefolgt war, rief aus:

»Auch hier kannst du öffnen? Mensch, ich beginne, mich vor dir zu fürchten! Und dabei bist du so still und sagst kein Wort!«

Ich hatte mich allerdings schweigsam verhalten, um mich mit meinen Gedanken ungestört beschäftigen zu
können. Ich antwortete auch jetzt nicht, sondern begab mich in den vorigen Raum zurück, um meine Untersuchungen dort fortzusetzen. Die Werkzeuge befanden sich alle in bestem Zustande. An der Wand hing, auf chinesischen Stoff gezeichnet, ein ausführlicher Plan des ganzen, hiesigen Baues, zu beiden Seiten zwei Teilpläne von der südlichen Hälfte desselben, auf der wir uns jetzt befanden. Andere Pläne, Verzeichnisse und ähnliche Schriften lagen auf einem großen Tische, der in der Mitte des Raumes stand. Sie und noch vieles Andere interessierte uns jetzt aber nicht. Wir verließen also für jetzt diesen Ort und stiegen zu Pferde, um quer über den freien Platz hinüber nach der andern Seite zu reiten, wo es auch zwei nicht numerierte Säulen gab, zwischen denen ein ähnlicher Raum wie der, den wir hier entdeckt hatten, zu vermuten war. Diese Vermutung erwies sich als richtig. Wir fanden eine ganz gleiche Sonne, und es stellte sich heraus, daß sie sich ebenso bewegen ließ. Der Stein wich zurück, und wir betraten einen Raum von genau derselben Lage und Größe wie der gegenüberliegende. Auch seine Einrichtung war dieselbe. Dieselben Werkzeuge und Gerätschaften, dieselben Pläne an der Wand und auch dieselben Schlüssel, fünfzehn Stück, chinesisch numeriert, mit je zehn arabisch numerierten Bärten. Es gab also hier auf der Nordseite wie auch drüben auf der Südseite je hundertundfünfzig Räume, in Summa dreihundert. Wozu sie bestimmt waren, sagten uns mehrere größere und kleinere Pläne, die auf dem Tische lagen. Zu meinem Erstaunen sah ich da verzeichnet: viele Kammern für Reis, viele Kammern für Bohnen, viele Kammern für Weizen, viele Kammern für Mannah, viele Kammern für Leder, Kleiderstoffe und Vorräte aller andern Art. Es war für Alles gesorgt,
was für des Leibes Nahrung und Notdurft unerläßlich ist, nur nicht für Waffen, nur nicht für den Krieg, sondern nur allein für den Frieden. Es gab Wohnungen für Ober- und Unterbeamte. Es gab Arbeitssäle. Es gab Kranken- und Begräbnisräume, und es gab sogar einen Tempel. Auch sahen wir zwei Beratungssäle verzeichnet, die sehr groß zu sein schienen. Sie waren auf dem Plan eingetragen als ›Dschemma für die Lebenden‹ und ›Dschemma für die Toten‹. Unter Dschemma versteht der Beduine eine Gerichtssitzung, eine Beratung der Stammesältesten. Was die Ausdrücke ›Tote‹ und ›Lebende‹ zu bedeuten hatten, konnten wir jetzt nicht wissen; wir hofften, es noch zu erfahren. Jetzt galt es, zunächst unsere Gefährten zu benachrichtigen, und dann einen Rundgang durch die sämtlichen Räume zu unternehmen, um dieses in seiner Art einzige Bauwerk wenigstens einigermaßen kennen zu lernen. Wir nahmen also einen der Pläne und die Schlüssel zu uns und ritten dann nach der Stelle zurück, an der unsere Kameraden auf uns warteten. Als Halef uns kommen sah, rief er uns schon von Weitem zu:

»Sihdi, ich habe an deiner Stelle nachgedacht, aber nichts gefunden. Wer soll das ausführen? Du oder ich? Ich glaube, du lässest es mir über, weil ich doch – –«

Er hielt inne, sprang aus seiner sitzenden Stellung auf und fuhr dann in einem ganz anderen Tone fort:

»Hamdulillah! Du hast Etwas gefunden! Ich sehe es dir an! Ich kenne dich! Wenn es um deine Augenwinkeln in der Weise zuckt wie jetzt, da kann man zufrieden mit dir sein. Ich kenne dich genau!«

»Ja, wir können zufrieden mit ihm sein; das ist richtig,« bestätigte der Mir, indem wir von den Pferden sprangen. »Dein Effendi ist ein unbegreiflicher Mensch, fast ebenso unbegreiflich wie dieses Riesengebäude, in
dessen Inneres man so schwer zu dringen vermag. Er aber hat die Schlüssel alle entdeckt!«

»Hat er sie?«

»Ja!«

»Ist das wahr, Sihdi?«

Ich nickte und rasselte mit den fünfzehn Schlüsseln, die ich in den Händen hatte.

»Das sind sie? Wie Messer geformt? Also wieder Messerschlüssel! Kannst du öffnen?«

»Werden gleich sehen!«

Mit diesen Worten ging ich zu dem ersten Türstein, dessen Schloßöffnung wir entdeckt hatten, und probierte den Schlüssel, dessen Nummer an der Säule zu lesen war. Er öffnete. Der Stein wich zurück, in das Innere des Raumes hinein. Als wir folgten, sahen wir diesen Raum von unten bis oben von festen, starken, geflochtenen Schilfsäcken angefüllt, die alle Reis enthielten, den schönsten, besten Reis, den man sich wünschen konnte. Wie lange lag er da? Wie viele, viele Jahrhunderte? Mußte er da nicht längst schon verdorben und ungenießbar geworden sein? Aber die Luft, in der wir uns befanden, war vollständig trocken und außerordentlich rein. Die schon einmal erwähnte Ventilierung schien eine außerordentlich wohldurchdachte und gute zu sein. Und der Reis verbreitete jenen eigentümlichen, wohltuenden Duft nach frischer Ernte, welcher ein untrügliches Zeichen seiner Güte ist. Wir staunten. Das waren Tausende von Säcken! Denn im Hintergrunde ging eine Treppe tief hinab, und als wir nachschauten, sahen wir den unter uns liegenden Raum ganz ebenso gefüllt wie den, in dem wir uns befanden. Der Mir war sehr ernst geworden. Er legte seine Hand an meinen Arm und sagte:

»Besinnst du dich, Effendi, daß du mich einmal
fragtest, was ich für mein Volk getan habe? Ob ich Vorratshäuser angelegt habe?«

»Ja,« antwortete ich.

»Ich habe keine angelegt. Der aber, der dieses Bauwerk schuf, hat es getan. Lache nicht über mich, wenn ich dir sage, daß mich der Anblick dieser Fülle anklagt, dieser Duft nach Nahrung und Sättigung!«

»Ob dieser Reis wohl noch genießbar ist?«

»Ganz unbedingt! Je älter er ist, desto besser hat er sich erhalten. Es gab im Altertume eine Zeit, in der man es verstand, jeder Getreidefrucht eine Haltbarkeit für Tausende von Jahren zu verleihen. Derartiges Getreide behält für immer den jungen, frischen Ernteduft. Ich bin überzeugt, daß hier der Reis von dieser Sorte ist. Man besaß damals sogar eine Feuchtigkeit, durch welche man die Körper der Verstorbenen unzerstörbar machte und sie genau in dem Zustande erhalten konnte, in dem sie sich in der letzten Stunde ihres Lebens befunden hatten.«

Wahrscheinlich hatte er Recht. Es gibt Entdeckungen früherer Zeiten, die wir nun wieder zu entdecken haben, weil sie inzwischen verloren gegangen sind. Man braucht nur an das Rubinglas zu denken. Auch die Zusammensetzung der Flüssigkeit, in der man Leichen badete, um sie für immer zu erhalten, ist verloren gegangen. In neuerer Zeit aber scheint sie in Italien wieder entdeckt worden zu sein, wenn man den Zeitungen glauben darf, die hierüber berichten.

Wir gingen nun von Raum zu Raum. Das Oeffnen der Türe gelang bei ihnen allen, ohne Ausnahme. Ueber zwanzig von ihnen waren nur allein mit Reis gefüllt, ebensoviele mit Mannah, Weizen, Bohnen, Linsen und andern, mir aber unbekannten Leguminosenarten. Ich
habe bereits gesagt, daß ich die ›Stadt der Toten‹ bei einer andern Gelegenheit ausführlich beschreiben werde. Das bezieht sich auch auf den Gigantenbau am einstigen Maha-Lama-See. Für heut und hier genügen einige kurze, allgemeine Andeutungen und die Hervorhebung nur derjenigen Oertlichkeiten, die für unsern diesmaligen Aufenthalt uns wichtig erschienen.

Vor allen Dingen gilt es, zu sagen, daß wir zwei volle Tage brauchten, um, wenn auch nur im schnellsten Tempo, uns jeden der dreihundert Räume anzusehen. Die Mahlzeiten hielten wir im Freien. Zum Kochen, Backen und Braten gab es Töpfe, Geschirr, Brennholz und Holzkohlen mehr als genug. Ursprünglich hatten wir weder die Zeit noch die Absicht zu einem so langen Aufenthalt. Es gab tausend Gründe, besonders politische und kriegerische, die uns zur größten Eile mahnten. Das Land war ohne Herrscher und das Heer der Ussul und der Tschoban ohne Anführer. Die Fahne der Empörung flatterte; vielleicht herrschte gar schon Anarchie! Aber grad die beiden Personen, welche die größte Veranlassung zur Besorgnis hatten, nämlich der Dschirbani und der Mir, fühlten sich derart von dem geheimnisvollen Orte, an dem wir uns befanden, gefesselt, daß sie erklärten, ihn nicht eher verlassen zu wollen, als bis es ihnen gelungen sei, sich wenigstens oberflächlich zu orientieren. Sie empfanden und erkannten, daß ihre beiderseitigen Lebenswege hier an der Pforte einer Entscheidung oder einer Zukunft zusammengetroffen waren, die ihnen unendlich mehr bot, als sie selbst im ungünstigsten Falle an den ›Panther‹ und seine Verschworenen verlieren konnten. Und sonderbarer Weise, sie gingen immer nebeneinander, und sie standen immer beieinander. Sie hatten ein Wohlgefallen aneinander gefunden, welches von Stunde zu
Stunde offener und wohltuender hervortrat. Ich störte sie so wenig wie möglich, und da sich Sadik, der schweigsame Prinz der Tschoban, meist zu den beiden Prinzen der Ussul hielt, so forderte ich Halef auf, in meiner Nähe zu bleiben und die Andern möglichst wenig zu stören. Ich glaubte, der Zusammenschluß, der sich hier vorbereitete, werde für das ganze Leben sein, und das sollte sich freiwillig vollziehen, ohne von uns Beiden direkt beeinflußt zu werden.

Bei einem der Gespräche zwischen dem Mir und dem Dschinnistani brachte der Letztere die Rede auf Abd el Fadl, den Fürsten von Halihm. Der Mir fiel ihm sofort in die Rede, indem er fragte:

»Der Fürst von Halihm? Kennst du ihn vielleicht?«

»Ja.«

»Kennt ihn etwa der Effendi auch?«

»Ja, auch er.«

»Woher?«

»Er steht ja bei unserm Heere. Auch du mußt ihn kennen!«

»Wieso?«

»Ich schickte ihn nach deiner Hauptstadt, nach Ard. Er wohnt bei dir!«

Es geschah nicht etwa aus Unbedachtsamkeit, daß der Dschirbani dem Mir diese Mitteilung machte, sondern in voller Absicht, die mir sehr willkommen war. Der Mir wich einige Schritte zurück. Er erkundigte sich, seine erstaunten Augen abwechselnd auf den Dschirbani und auf mich richtend:

»Der Fürst von Halihm heißt Abd el Fadl, und eine seiner Töchter heißt Merhameh. Diese beiden Namen sind nicht selten. Sie kommen sogar sehr häufig vor. Darum sind sie mir nicht aufgefallen. Wollt ihr etwa
sagen, daß dieser Sänger Abd el Fadl und seine Tochter Merhameh der Fürst und die Prinzessin von Halihm sind?«

»Ja, das wollen wir allerdings sagen,« antwortete der Dschirbani.

»So wurde ich von euch betrogen?«

»Betrogen?«

»Ja, betrogen! Besonders aber von dir!«

Diese letzteren Worte richtete er an mich. Seine Brauen zogen sich zusammen, und seine Augen blitzten mich zornig an. Ich aber lächelte ihn ruhig an und fragte:

»Fühlst du dich vielleicht als Betrogener?«

»Ja!« behauptete er.

»Wieso? Worin liegt der Betrug, den ich begangen habe?«

»Darin, daß die beiden Namen nun plötzlich eine ganz andere Bedeutung erlangen. Der Fürst von Halihm ist einer der höchsten Stützen des Mir von Dschinnistan, also einer meiner hervorragendsten Feinde. Und den schickt ihr in mein Land, in meine Residenz, in meinen Palast?! Ist das nicht Betrug?«

»Nein, nur List. Wir meinten es gut mit dir.«

»Gut? Das ist wohl erst noch sehr genau zu prüfen! Vorerst denke ich jetzt nur daran, daß nun doch Alles erfüllt worden ist, was die Weissagungen verkündet haben: Der ›Friede‹ und die ›Barmherzigkeit‹ haben ihre Stimmen in meinem eigenen Hause, in der christlichen Kirche erhoben! Nur weil ich glaubte, der Sänger und die Sängerin seien ganz gewöhnliche Personen, gab ich ihren Namen die Bedeutung nicht, die sie jetzt plötzlich bekommen haben. Nun befindet sich der treueste Anhänger meines Erbfeindes in demselben Palaste, den ich bewohne.
Und nicht nur das, denn ich habe ihm auch mein ganz besonderes Vertrauen geschenkt und schwebe also in viel größeren Gefahren, als ich bisher ahnte. Ihr habt mich überlistet. Wehe euch, wenn es mir in den Sinn kommt, euch zur Rechenschaft zu ziehen!«

Der Zorn trieb ihn von uns hinweg. Er ging hinaus und schritt quer über den Platz nach dem Wasserengel hinüber, wo sich unsere Pferde befanden. Wir sahen dann, daß er sich mit seinem Schimmelhengst beschäftigte, und ließen uns von seinem Aerger die gute Stimmung, in der wir uns befanden, nicht verderben. Er mußte ja wiederkommen; er konnte gar nicht anders. Wir setzten inzwischen die Besichtigung und Untersuchung der Oertlichkeiten fort. Es dauerte auch wirklich gar nicht lange, so kehrte er zurück, um uns eine Entdeckung mitzuteilen, die er soeben gemacht hatte. Er hatte nämlich seinem Pferde wieder Wasser geben wollen und war darum in den Engel gestiegen, und zwar bis ganz hinab, weil es ihm gewesen war, als ob sich da unten ein Geräusch vernehmen lasse, welches vorher Niemand von uns bemerkt hatte. Er hatte natürlich ein Licht angebrannt und beim Scheine desselben gesehen, daß das Wasser inzwischen ganz unvermutet so hoch gestiegen war, daß es den Rand des Bassins überflutete und durch eine hierzu angebrachte Seitenröhre einen laut rauschenden Abfluß fand. Diese Botschaft war für uns so wichtig, daß auch wir uns sofort nach dem Brunnen begaben und hinabstiegen, um die Sache in Augenschein zu nehmen. Es war so, wie er berichtet hatte. Das Bassin lief über, und der Abfluß war ein so bedeutender, daß ihn die hierzu bestimmte Röhre kaum zu fassen vermochte. Es klang wie das Rauschen eines Sturzbaches; das war eine Folge der vulkanischen Ausbrüche droben in den himmelhohen
Bergen von Dschinnistan. Diese Berge hatten nun monatelang ununterbrochen geflammt. Die Schnee- und Eisfelder waren geschmolzen. Wenn man früher von Süden aus hinauf nach dem Gebirge sah, hob es sich weiß vom blauen Himmel ab; jetzt aber war es dunkel. Die ununterbrochen ausstrahlende Glut hatte die Firnen und Gletscher von den Höhen geleckt und aufgezehrt. Es waren Massen von Wasser entstanden und entstanden immer noch weiter. Es bildeten sich neue Rinnsale, und wo es keine gab, drang die überreichliche Feuchtigkeit in die Erde ein, um sich unterirdische Wege nach dem tiefer liegenden Lande und der Ebene zu suchen. Die Engelsbrunnen lagen, wie bereits erwähnt, an solchen unterirdischen Wasserwegen, und die Wirkung trat bei ihnen demnach am schnellsten und am auffälligsten hervor. Das war nicht mehr bloß Feuchtigkeit, das war schon wirklich fließendes und rauschendes Wasser. Es hätte mich gar nicht gewundert, zu dem auch noch zu erfahren, daß sogar im Bette des ausgetrockneten Stromes das Wasser zutage trete. Als wir unsern Rundgang hierauf fortsetzten, schloß sich der Mir uns wieder an, ohne auf das Thema, welches ihn zornig gemacht hatte, auch nur mit einem einzigen Worte zurückzukommen. Er hatte eingesehen, daß es unter den gegenwärtigen Verhältnissen eine große Torheit gewesen wäre, ganz mit denen zu schmollen, die allein im Stande waren, ihn aus seiner bedrängten Lage zu befreien.

Im Laufe des Nachmittags kamen wir durch die Wohnräume der Beamten, wo wir auf die Beweise glücklichsten Familienlebens stießen, durch zahlreiche Arbeitssäle, in welchen alle Handwerke, die es damals gab, vertreten waren, durch Kunsträume, in denen man gezeichnet, gemalt, gemeißelt und musiziert hatte. Wir fanden
Krankenstuben, die selbst heute noch einen gar nicht üblen Eindruck machten. An diese schlossen sich sehr weite, ober- und unterirdische Säle an, in denen sich die Begräbnisstellen befanden, die ich an einem andern Orte ausführlich beschreiben werde. Den Beschluß des heutigen Tages bildete gegen Abend die Besichtigung des Tempels, der einen sehr großen Eindruck auf uns machte, und zwar infolge seiner absoluten, nachhilfelosen Einfachheit. Er bildete das Innere des höchsten und kompaktesten Berges der ganzen Runde und war in Form eines Kreiskegels, also eines Zuckerhutes, ganz aus dem Fels gehauen. Auf seiner Grundfläche, also auf dem eigentlichen Fußboden, befand sich kein einziger Sitz; er war überhaupt nicht zur Aufnahme des Publikums, oder sagen wir, der Gemeinde, der Gläubigen bestimmt. Hierzu war vielmehr eine Einrichtung vorhanden, die sich in Form einer ununterbrochenen, immerwährend rundum laufenden Spirallinie von unten bis hinauf zur höchsten Spitze zog. Diese Spirallinie war aus lauter Sitzen zusammengesetzt, die eine nicht wagerecht liegende, sondern nach und nach ansteigende Empore bildeten und zum Schutz mit einer starken Balustrade versehen waren. Vor jedem Sitze war in dieser Balustrade ein rundes Loch angebracht, welches die Bestimmung hatte, ein Licht aufzunehmen. Diese Löcher zählten nach vielen Hunderten, und in jedem steckte ein ganzes Licht, welches noch niemals angebrannt worden war. Das gab den Anschein, als ob in ungemessener, alter Zeit einmal ein Gottesdienst vorbereitet worden sei, der aber nicht abgehalten werden konnte, worauf der Tempel für immer verlassen werden mußte. Ganz unten auf der Grundfläche, da, wo die Spirale begann, stand eine kleine, sehr einfache Kanzel, jedenfalls für den Priester bestimmt. Als ich
sie sah, kam mir die Frage, welche akustische Wirkung es wohl gehabt habe, wenn er seine Stimme zu der leuchtenden Spirale über sich erhob. Hierbei nehme ich die Gelegenheit, einige Worte über die Beleuchtung aller dieser am Maha-Lama-See vorhandenen Räumlichkeiten zu sagen.

Ich habe die Fensteröffnungen, die sich über jeder Türe befanden, schon einmal erwähnt. Sie verliefen nicht wagerecht, sondern sie senkten sich von außen nach innen. Hierdurch wurde dem Tageslichte der Eintritt in das Innere erleichtert, aber auch dem Staube und etwaigen Insekten und andern Tieren, welche den hier aufgehäuften Vorräten gefährlich werden konnten. Darum waren diese Fensteröffnungen von innen luftdicht verschlossen, doch so, daß das Licht trotz dieses Verschlusses vollen Eingang fand. Aber womit? Man hätte meinen sollen, es sei Glas, und zwar sehr reines, gutes Glas; aber das war ja ausgeschlossen. Den vollständig durchsichtigen, außerordentlich glasähnlichen Stoff näher zu untersuchen, war bisher unmöglich gewesen, weil die Fenster zu hoch lagen, als daß sie von uns erreicht werden konnten. Nun aber, hier im Tempel, ging ich die Spiralempore hinauf, bis ich das erste Fenster erreichte, und da sah ich denn, daß es eine Art von Kaliglimmer, vielleicht Muskovit war, der, wahrscheinlich auf eine mir unbekannte Weise noch extra zubereitet, vollständig die Stelle des lichtdurchlässigsten Glases vertrat. Das reichte aber selbst am Tage nicht aus, den gewaltigen und außerordentlich hohen Raum des Tempels zu erhellen. Daher die vielen Lichter.

Es war wohl selbstverständlich, daß in uns der Wunsch entstand, auf der rundum gewundenen Empore bis zur Spitze hinaufzusteigen. Wir taten es. Das heißt,
zunächst taten es nur die Andern, denn ich blieb noch unten, um einige akustische Proben zu machen. Nachdem ich sie instruiert hatte, wann und wie sie mir zu antworten hatten, begannen sie ihren langsamen Kreiselweg. Ich nenne ihn langsam, weil sie im Hinaufsteigen sämtliche Lichter anbrannten, eines immer am andern. Das hielt sie auf. Ich sprach mit ihnen. Sie antworteten. Aber je höher sie kamen, desto leiser wurden ihre Antworten. Endlich hörte ich sie gar nicht mehr. Nun rief ich ihnen mit verdoppelter Stärke meiner Stimme Fragen zu, deren Antworten ich ihnen eingeprägt hatte. Vergebens. Sie gaben diese Antworten, aber ich hörte sie nicht. Das machte einen ganz eigenartigen, unbeschreiblichen Eindruck auf mich. Ich sah, wie die Zahl der brennenden Lichter wuchs. Ihre Linie wurde immer länger und länger und stieg immer höher und höher, bis sie die Spitze des Tempels erreichte. Wie ich später erfuhr, drang meine Stimme mit größter, reinster Deutlichkeit bis dort hinauf; das aber, was sie erwiderten, mußte oben bleiben; es konnte nicht herunter zu mir. Um mich gab es nur tiefes, lautloses Schweigen. War das vielleicht eine gewollte Symbolik derer, die einst diesen Tempel aus dem toten Felsen schlugen? Ich glaubte, dies bejahen zu müssen, denn man unternimmt kein so schwieriges, zeitraubendes Werk, ohne über die Wirkung desselben nachgedacht zu haben. Ich aber beeilte mich, der mich beklemmenden Lautlosigkeit zu entgehen und stieg meinen vorangegangenen Gefährten nach.

Es war inzwischen draußen Abend geworden. Darum befand ich mich hier unten im Innern des Tempels nicht nur in vollständiger Stille, sondern auch in ebenso vollständiger Dunkelheit. Aus dieser Finsternis stieg grad von da aus, wo ich stand, die Lichterlinie empor, einen
immer weiter aufwärts dringenden, sich scheinbar unendlich oft wiederholenden und doch niemals zu sich selbst zurückkehrenden Kreis beschreibend. Daß dieser Kreis immer kleiner und enger wurde, kam mir nicht als Wirklichkeit, sondern wie eine optische Täuschung vor und verdoppelte, verzehnfachte, ja, verhundertfachte die wirkliche Höhe des Tempels. Es war, als sei er mitten in den Himmel hineingebaut und als könne man von Licht zu Licht bis direkt vor Gottes Thron gelangen. Und diesen Weg stieg ich jetzt hinauf!

Je höher ich stieg, desto mehr wurden der Lichter unter mir; aber ich schaute absichtlich nicht hinab; ich schaute nur nach oben, um mir die spätere, bessere Wirkung nicht schon im Voraus zu verderben. Oben angekommen, sah ich, daß es eine Oeffnung nach außen gab, und als ich hinaustrat, befand ich mich mit meinen Gefährten auf einer Felsenplatte, die, wie ich selbst jetzt, des Abends, bemerken konnte, eine außerordentlich weite Fernsicht bot. Die Türe, welche aus der Spitze des Innentempels heraus auf diese Platte führte, war unverschließbar. Sie bestand einfach aus einem Steine, der auf- und zugeschoben werden konnte.

»Da kommst auch du!« sagte Halef, als er mich sah. »Hast du gehört, was wir hinabriefen?«

»Nein,« antwortete ich.

»Und wir haben doch förmlich gebrüllt! Wir verstanden jedes Wort von dir. Was du sagtest, das klang so laut und eindringlich, wie eine einzelne Stimme einer Orgel oder wie eine Posaune. Willst du es nicht auch einmal hören? Soll ich hinuntersteigen und zu dir heraufsprechen?«

»Ja, tue es,« antwortete ich.

»Schön! Ich werde dir einige Stellen aus dem
Koran sagen, etwas recht Feierliches und Ernstes, wie es sich für dieses Gebäude, welches ein Tempel ist, schickt.«

Da fiel der Mir ein:

»Aus dem Kuran? Ist dein Effendi denn ein Mohammedaner? Er soll Anderes und Besseres hören! Du kannst hier oben bleiben, denn ich selbst gehe hinab. Ich werde ihm Etwas heraufsagen, was besser für diese ergreifende Stätte paßt als das, was er von Mohammed hören könnte. Wir befinden uns an einem wunderbaren Orte; ich fühle es. Darum darf hier auch nur wirklich Heiliges, nur wirklich Edles und nur wirklich Wahres und Großes gesprochen werden!«

Er ging. Daß er, der Höchste von uns allen, mir diesen Dienst erweisen wollte, war jedenfalls nicht äußerlich, sondern tief innerlich begründet. Dieser Felsentempel hatte ihn ergriffen, hatte auf ihn gewirkt, und diese Wirkung bestand in dem Wunsche, nun auch uns ergreifen zu können. Darum stieg er hinab in die Dunkelheit, um aus ihr zu uns heraufzusprechen. Aber was wollte er uns sagen? Nichts aus dem Kuran, sondern etwas Besseres, Edleres und Heiligeres. Was konnte das sein? Er war doch nicht Christ!

Von der Höhe dieser Platte aus sahen wir den nördlichen Himmel genau so flammen und glühen, wie ich es gesehen hatte, als ich auf dem Tempel von Ussula saß. Und es wirkte hier, wo wir uns inmitten der Wüste und des Todes befanden, seelisch noch ergreifender als dort. Wie innig standen wir mit diesen Flammengluten in Verbindung! Sie waren es ja, die unsern Brunnen speisten; sie waren unsere Lebensretter! So führen feste, wohltätige Fäden im Menschenleben aus der Unbegreiflichkeit in das Begreifliche, vom Himmel zur Erde, vom Schöpfer zum Geschöpf und – – – und wieder zum
Schöpfer zurück, sobald wir nur wollen! Wir traten von der Platte nun in das Innere des Tempels zurück, um den Augenblick, in dem der Mir zu sprechen begann, nicht zu versäumen. Wir setzten uns nieder und warteten still. Dann verging eine lange, lange Zeit. Er mußte schon längst unten angekommen sein und sagte noch immer nichts. Das machte meine Gefährten ungeduldig, ich aber konnte es wohl begreifen. Es war der Anblick des Tempels, der ihn jetzt noch mehr ergriff als vorher. Er fühlte sich innerlich überwältigt. Es gingen Dinge in ihm vor, die ihn so ganz und gar für sich in Anspruch nahmen, daß wir vor ihnen weichen mußten. Es war überhaupt eine ganz wunderbare Fügung des Himmels, welche den Mir gezwungen hatte, unter den gegenwärtigen Umständen nach der ›Stadt der Toten‹ zu gehen. Schon unser Weihnacht hatte ihn gepackt, die Liebe und die Güte, die Gnade und Barmherzigkeit. Hier kam der Ernst dazu, der gewaltige und drohende Ernst der Jahrhunderte und Jahrtausende. Ich habe schon einmal die ›Geisterschmiede von Kulub‹ erwähnt, in welcher die Menschenseelen gehämmert, gestählt und geschmiedet werden. Der Mir befand sich jetzt in diesem psychischen Kulub, in dieser Geisterschmiede, und es war mir von höchstem Interesse, zu erfahren, mit welchem Erfolge oder Mißerfolge er sie verlassen werde. Die gewundene Linie der flackernden Lichter führte hinunter zu ihm. Er stand da, wo sie begann, und schaute herauf zu uns, ohne uns aber zu sehen. Was wird er sagen? Jedenfalls doch irgend ein Wort, welches das enthält, was ihn in diesen Augenblicken bewegt! Gerade als ich das dachte, erhob sich in der finstern Tiefe eine Stimme, welche klang, als ob sie aus ganz anderen Welten stamme und auch zu ganz anderen Welten spreche als nur zu unserer kleinen, unbedeutenden
Erde und zu uns paar armseligen Menschen. Langsam, deutlich, hehr und gewichtig, wie Glocken, oder Posaunentöne stiegen die Worte zu uns herauf:

»Wo soll ich hingehen vor deinem Geiste? Und wo soll ich hinfliehen vor deinem Angesichte? – – Stiege ich in den Himmel, so wärest du da. Stiege ich in die Hölle, so wärest du da. – – Nähme ich mir Flügel von der Morgenröte, und wohnte ich am äußersten Meere, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten!«

War das der Mir? Natürlich! Wer Anders sollte es sein? Aber wie kam er zu diesem Bibelspruch? Wenn die Menschenstimme überall täuschen und sich verstellen kann, hier in diesem Tempel des Maha-Lama-Sees aber nicht! Indem sie hier wie eine Offenbarung klingt, offenbart sie vor allen Dingen auch sich selbst. Und in dieser Stimme lag die Wahrheit. Was der Mir jetzt sagte, bewegte ihn auch wirklich. Nach einer kleinen Pause kam der zweite Ruf:

»Wir der Hirsch sich sehnt nach Wasserquellen, also verlanget meine Seele, o Gott, nach dir. – – Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem starken, lebendigen Gott. Wann werde ich hinkommen und erscheinen vor Gottes Angesicht?«

Hierauf wieder eine kurze Weile, dann erklang es:

»Dein Wort ist meinen Füßen eine Leuchte und ein Licht für meine Wege!«

Das waren allerdings drei wirklich hehre, heilige und gewichtige Worte. Der Mir hatte mehr, viel mehr gesagt, als ich für möglich gehalten hätte. Denn daß es sich bei ihm nicht nur um eine akustische Demonstration handelte, das verstand sich ganz von selbst. Er beichtete. Er gab Rechenschaft. Er offenbarte die Tiefe seines
Innern. Es drängte ihn; er konnte nicht anders. Aber er war noch nicht fertig. Er mußte auch noch das Allerbeste und Allerwichtigste, was er besaß, aus seiner Seele zu uns steigen lassen. Es erklang:

»Jesus Christus ist derselbe, gestern und heut und auch in Ewigkeit! Amen!«

Dieses Amen sagte uns, daß er fertig sei. Die Andern blieben noch einige Minuten still sitzen. Auch sie fühlten, daß jetzt neben dem rein Aeußerlichen auch noch etwas rein Innerliches geschehen sei, woran man nicht mit faden Worten rühren dürfe. Dann standen sie auf und schickten sich an, den Stein vor die Oeffnung zu schieben und dann hinabzusteigen. Sie glaubten, daß dies auch meine Absicht sei. Ich aber belehrte sie eines Anderen, indem ich sagte:

»Geht immer hinunter! Ich bleibe noch hier und werde dann hier schließen. Löscht alle Lichter aus, an denen ihr vorüberkommt; laßt keines brennen!«

»Aber dann, wenn du hinuntergehst, mußt du doch auch Licht haben, Effendi, sonst stürzest du!« meinte Halef besorgt.

»So zünde ich mir eines an,« antwortete ich.

»Aber du darfst nicht lange bleiben; du mußt mit uns essen, Effendi! Weißt du, heut wird einmal gekocht, wirklich gekocht, gebacken und gebraten! Denn es gibt hier Alles, was wir dazu brauchen! Unzählige Delikatessen! Ich koche selbst! Und die Andern helfen mir alle, alle, alle! Da kannst du dir doch denken, daß es ein Abendessen gibt, wie es selbst der Schah von Teheran oder der Sultan von Istambul nicht besser haben kann. Also du kommst?«

»Ja.«

»So leb einstweilen wohl! Du bist ein Dichter und
schreibst Bücher; darum hältst du es gern mit allen Höhen und Spitzen, wo es nichts zu essen gibt. Aber wir, die wir keine Dichter sind und auch keine Bücher schreiben, wir gehören hinunter auf die ebene, sichere Erde und ziehen den Duft eines guten Bratens den fettesten Reimen und den dicksten Büchern vor.«

»So wünsche ich, daß dir der Braten wohlgelingen möge, mein lieber Halef!«

»Ich auch. Wir gehen!«

Sie stiegen hinab und verlöschten dabei ein Licht nach dem anderen. Ich sah einige Zeitlang zu, wie die Lichtspirale sich immer weiter von mir zurückzog; dann trat ich wieder hinaus in das Freie und setzte mich dort nieder, um endlich, endlich einmal mit mir und meinen Gedanken allein zu sein und das, was geschehen war, zu prüfen, um das, was nun zu kommen hatte, daraus zu folgern. Aber diese wohltuende Einsamkeit war nicht von langer Dauer. Es erklangen Schritte aus dem Innern. Es kam Jemand. Der Mir war es. Er hatte ein brennendes Licht in der Hand, blies es aus, setzte sich zu mir und entschuldigte sich:

»Dein Halef sagte, du wünschest, allein zu sein. Ich habe denselben Wunsch und kann ihn mir doch nicht erfüllen, denn in der Einsamkeit finde ich keinen Halt und keine Stütze; ich muß zu dir. Verzeih!«

»Ja, ich wollte allein sein,« antwortete ich aufrichtig. »Ereignisse wie die, welche wir hier erleben, verlangen Sammlung und ungestörtes Nachdenken, wenn sie die Wirkung haben sollen, die uns nützt und segnet. Doch, befindest du dich in Seelennot, in der du Hilfe von mir erwartest, so bist du mir willkommen, gleichviel, ob ich dir dienen kann oder nicht. Der Wille dazu ist vorhanden.«

»Das weiß ich, und darum komme ich, Effendi. Ich habe dir ein Geheimnis mitzuteilen, ein großes, schweres Geheimnis, welches sich von Generation zu Generation in meiner Familie fortgeerbt hat und so sorgfältig behütet worden ist, daß nicht einmal sämtliche Mitglieder der Familie, am allerwenigsten aber fremde Leute, davon erfuhren. Nur der Herrscher allein wußte es, der Mir, und sobald er es für nötig hielt, teilte er es seinem ältesten Prinzen mit, seinem Nachfolger, nie aber einem andern Menschen. Du bist der erste und einzige Fremde, der es erfahren soll, und magst hieraus ersehen, wie gern ich dich habe und wie hoch ich deinen Wert für mich berechne.«

»Ich danke dir! Geheimnisse soll man achten, zumal, wenn sie Familiengeheimnisse sind, über welche das einzelne Glied nicht frei verfügen darf. Hältst du es für unbedingt nötig, mir diese Mitteilung zu machen?«

»Ja, unbedingt. Du wirst mir darin, sobald du es erfahren hast, Recht geben. Diese Angelegenheit ist nämlich in ein höchst bedenkliches Stadium getreten. Das Geheimnis steht vor der Schwelle der Oeffentlichkeit. Es ist bedroht, Gemeingut zu werden. Es hiervon zu bewahren, bin ich zu schwach. Ich bedarf deiner Hilfe, und die kannst du mir nur dann leisten, wenn du ebenso eingeweiht bist wie ich selbst.«

»So darf ich dich nicht hindern, dich offen auszusprechen. Doch, ehe du dieses tust, bitte ich dich, mir zu sagen, woher du die Stellen aus unserm heiligen Buche kennst, die wir vorhin aus deinem Munde hörten!«

»Sie sind ein Weihnachtsgeschenk.«

»Von wem?«

»Von deinem und meinem Freunde, dem Basch Nasrani, dem Oberpriester aller Christen meiner Länder. Er hat
viele solche wichtige Aussprüche der Bibel für mich abgeschrieben und sie mir gebracht. Er sagte, dies sei der Dank des Heilandes dafür, daß ich seinen Gläubigen erlaubt habe, sein Geburtsfest in Ard zu feiern. Die Sprüche gefielen mir sehr. Ich las sie sehr oft durch. Und wenn der Basch Nasrani bei mir war, mußte er mir ihren Sinn und ihren Inhalt erklären. Er war der Meinung, daß aus ihnen mein eigenes Glück und Wohl und auch das Glück meines Reiches wachsen könne. So lernte ich sie auswendig und dachte viel, sehr viel über sie nach. Und als dein Halef dir Kuranverse versprach, hielt ich es für besser, dir Sprüche aus diesem meinem Schatz zu geben. Ich glaubte, dich damit zu erfreuen.«

»Das ist auch geschehen, wirklich geschehen. Es ist keine kleine und keine gewöhnliche Freude, die du mir damit gemacht hast. Darum wünsche ich aufrichtig, dir in Beziehung auf dein Familiengeheimnis von Nutzen sein zu dürfen. Ich bitte dich nun, es mir mitzuteilen.«

Es war wirklich so, wie ich sagte: ich freute mich herzlich. Der alte, liebe, gute Basch Nasrani hatte Mission getrieben, ohne daß ich es ahnte. Und seine stille, geräuschlose Tätigkeit hatte größere und reichere Früchte gebracht, als er selbst vielleicht für möglich gehalten hatte. So schnell! In dieser kurzen Zeit! Daß dies auch dem ganzen Lande von Segen sein werde, verstand sich ganz von selbst. Jetzt saß ich mit dem Mir so, daß wir nach Norden schauten. Die dort auf- und niederwallenden Gluten berührten sein Gesicht mit einem leisen, warmen, verklärenden Scheine. Er sprach:

»Welch ein Jahr ist das jetzige! Sollte es wirklich jenes große, seit Jahrtausenden vorherverkündete Jahr sein, in welchem die Engel des Paradieses hervortreten dürfen, um zu bestätigen, daß der Friede sich naht und die
Völker sich nicht mehr hassen, sondern lieben und achten werden. Weißt du, Effendi, daß jeder Mir von Dschinnistan stets für, jeder Mir von Ardistan aber gegen diesen Frieden gewesen ist?«

»Ich weiß es,« antwortete ich.

»Daher die immerwährende Feindschaft zwischen diesen Herrschern. Und diese Feindschaft war um so größer und spaltete um so tiefer, als wir von Ardistan glaubten, unsere Feinde hassen zu müssen, während die von Dschinnistan sich für verpflichtet hielten, uns trotz dieses unseres Hasses zu lieben und Gutes zu erweisen. Es war für uns empörend, und wir hielten es für die größte aller Schanden und Beleidigungen, von denen, die wir unablässig befeindeten, immer nur Wohltaten und Verzeihung zu erhalten. Kannst du diesen unsern Grimm begreifen?«

»Leider nur zu gut!«

»Und kannst du dir denken, daß es für gewisse stolze Naturen geradezu fürchterlich ist, Gnade und Barmherzigkeit nehmen zu müssen, wo man innerlich darauf brennt, doch endlich auch einmal auf männlichen Zorn und rächende Kraft zu stoßen?«

»Ja; auch mir ist das begreiflich!«

»Und bist du vielleicht so vernünftig oder so unvernünftig, einzusehen, daß wir den Mir von Dschinnistan und Alle, die zu ihm gehören, wegen ihrer ewigen, entsetzlich ermüdenden Liebe, Güte, Gnade, Geduld, Langmut, und wie das Alles genannt wird, gründlich verachteten?«

»Wenn man die größte Macht und Stärke, die es im Himmel und auf Erden gibt, nämlich die Liebe, für Unfähigkeit und Schwachheit nimmt, so ist es gar nicht so schwer, auf diese Verachtung zu kommen. Aber sag, verachtest du noch?«

»Bis vor Kurzem, ja. Da aber kamt ihr mit eurem
Weihnachtsfest. Da kamst du mit deiner absoluten Furchtlosigkeit. Da kam dein Halef mit seiner siegreichen Anhänglichkeit und Treue. Da kam der Basch Nasrani mit seinen gewaltigen Bibelworten. Da erklangen die Glocken. Da brauste die Orgel. Da krachten die Kanonen zum ersten Male für einen hohen, friedlichen Zweck. Da wagte sich der Fürst von Halihm mit seiner Tochter in mein eigenes Haus, um mir die Güte und Barmherzigkeit des Mir von Dschinnistan verständlich zu machen. Ja, das war ein Wagnis, ein wirkliches Wagnis, dessen Wert ich ebenso anerkenne wie die Verwegenheit des Dschirbani, dich und Halef zu mir nach Ard, also in die Höhle des Löwen zu schicken. Jetzt will es mir erscheinen, als ob die Liebe und Güte noch viel, viel männlicher, kühner und heldenhafter sein könne als der Haß, der sich blind und unüberlegt in Taten stürzt, deren Ausgang er nicht kennt. Das ist kein Mut, sondern Leichtsinn und Gewissenlosigkeit! Und nach dem allen kam die Verschwörung, der Abfall meiner Offiziere und Beamten, die Undankbarkeit des ›Panther‹, dem ich von meinem Herzen mehr gegeben hatte, als ich selbst besaß. Das waren die Früchte von Ardistan, die Ergebnisse meiner eigenen Saat! Und dann der Ritt nach der Stadt der Toten, wo ich verschmachten sollte, die wunderbare Rettung hier und die noch wunderbareren Offenbarungen aus der von uns verachteten, von den Völkern aber gesegneten alten Maha-Lama-Zeit! Die ich für meine Freunde hielt, sind meine Feinde geworden, und die ich für so gering und armselig hielt, daß ich nur mit Lächeln ihrer gedachte, sind nun meine einzigen Stützen, mit deren Hilfe ich mich erheben und wieder werden kann, was ich gewesen bin. Aber ich schwöre dir, Effendi, daß ich Gericht halten werde, daß ich mich rächen werde, daß ich – – –«

»Halt! Nicht weiter!« unterbrach ich ihn. »Was du sagtest und noch sagen wolltest, ist richtig. Dein Gedankengang war gut. Aber du hast plötzlich abgebrochen und bist zur Seite gewichen. Der Zorn hat dich gestört. Die Rache will dich um den guten Schluß betrügen, der deiner Rede vorgeschrieben war. Noch bist du nicht gerettet. Noch bist du nicht wieder Mir. Noch können tausend Umstände eintreten, die alle deine Hoffnungen vernichten und alle deine Vorsätze unausführbar machen. Und vor allen Dingen laß dir sagen, daß Gott sich wahrlich nicht deiner annimmt, damit du dich rächen könntest und rächen mögest. Ich bin weder dein Richter noch der Richter deiner jetzigen Feinde, sondern du selbst hast dich und deine ganze Dynastie gerichtet, als du vorhin sagtest, daß ihr alle nur Diener des Hasses, nicht aber der Liebe gewesen seiet. Du hast bekannt, daß du nur die Früchte von Ardistan erntest, die Ergebnisse deiner eigenen Saat. Wie kannst du dich für etwas rächen wollen, was du nach deinem eigenen Eingeständnisse doch nur selbst verschuldet hast? Noch klingt mir das eine deiner Bibelworte in den Ohren, die du uns nach der Höhe des Tempels schicktest. Es war das Wort: ›Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem starken, lebendigen Gott. Wann werde ich hinkommen und erscheinen vor Gottes Angesicht?‹ Hat dir der Basch Nasrani den Sinn dieser Zeilen nicht auch erklärt? Glaubst du, als Richter und Rächer vor Gott erscheinen zu dürfen, wenn du selbst dich als den wirklich Schuldigen bezeichnest? Und selbst wenn du unschuldig wärest, so würde – –«

»Verzeih, verzeih!« fiel er mir in die Rede. »Du hast Recht; der Zorn hat mich gestört. Das Geheimnis, welches ich dir anvertrauen will, ist ein Geständnis, und wer Geständnisse zu machen hat, der soll nicht Andern
zürnen. Nur bitte ich dich, ja nicht etwa zu denken, daß ich dir böse Taten zu gestehen habe, Verbrechen, die von mir oder meinen Ahnen begangen worden sind. Es handelt sich vielmehr nur um eine anererbte Art von Krankheit, die aber auch wieder keine Krankheit, sondern etwas ganz Anderes, völlig Unbegreifliches ist. Glaubst du, daß sich Träume forterben können?«

»Träume? Forterben?« fragte ich. »Hm! Ich kann wohl sagen, daß sich gewisse körperliche oder geistige Zustände forterben, die bei der Entstehung von Träumen mit wirksam sind. In diesem allgemeinen Sinne läßt sich vielleicht behaupten, daß sich Träume forterben können; du aber wirst wohl eine besondere Art von Träumen meinen?«

»Nicht nur eine ganz besondere Art, sondern einen ganz besondern Traum, immer einen und denselben! Der Vater träumt einen ganz bestimmten Traum, den schon der Großvater und der Ahne träumte, und der Sohn und der Enkel träumen ihn wieder, vor vielen Jahren und nach vielen Jahren, mit ganz genau denselben Zeiten, Oertlichkeiten, Situationen, Personen, Worten und Taten.«

»Das ist unmöglich, vollständig unmöglich!«

»Nein, denn es ist wirklich!«

»Beweis!«

»Es geschah und geschieht noch jetzt in meiner Familie!«

»Dann handelt es sich unbedingt um eine Täuschung, nicht aber um eine erwiesene Wirklichkeit!«

»Sie ist erwiesen! Ich bitte dich, mir zu glauben! Solange Ardistan von meinen Vorfahren regiert wird, gibt es einen Traum, einen ganz gewissen und ganz bestimmten Traum, den sie Alle, Alle geträumt haben, vom ersten bis zum letzten Herrscher, nicht einen einzigen
ausgenommen. Mein Vater war der Letzte, der ihn träumte.«

»Wovon träumten sie?«

»Von einer Dschemma der Lebendigen und einer Dschemma der Toten.«

»Ah! Sonderbar!«

»Nicht wahr? Mein Vater hat mir diesen Traum ganz genau erzählt, ebenso genau, wie er ihm von meinem Großvater erzählt worden war und wie ich ihn wahrscheinlich meinem ältesten Sohne erzählen werde.«

»Hast auch du ihn schon geträumt?«

»Noch nicht. Aber ich weiß, daß ich ihm nicht entgehen werde.«

»Du fürchtest dich vor ihm?«

»Gewiß, ja! Ein Jeder hat sich bisher vor ihm gefürchtet; aber sobald er überstanden war, hörte diese Angst auf, denn noch niemals hat sich die furchtbare Drohung erfüllt, welche dem Träumenden von dem Traume mitgegeben wurde.«

»Welche Drohung?«

»Daß er nicht eher sterben könne und auch nicht eher begraben werde, als bis sich endlich einmal ein reuiger und mutiger Mir von Ardistan finden werde, der bereit ist, die Schuld und die Missetaten aller seiner Ahnen auf sich zu nehmen und derart zu sühnen, wie sie begangen worden sind.«

»Jetzt sprichst du von den Missetaten deiner Ahnen, und noch soeben erst hast du mich ermahnt, ja nicht etwa zu denken, daß du mir böse Taten oder Verbrechen von ihnen zu gestehen habest!«

»Ganz richtig! Gestehe ich dir etwa welche? Ich erzähle dir nur, daß im Traume die Rede von ihnen ist, aber ich nenne keine; ich zähle sie dir nicht auf.«

»Aber den Traum willst du mir erzählen?«

»Ja. Höre mir zu! Der Mir träumt nämlich, er sitze in einer uralten, aber sehr schönen Sänfte, wie es sie vor mehreren tausend Jahren gab, und wird erst über einen großen, runden Platz und dann durch viele nur mühsam erleuchtete Zimmer getragen, bis man in einen großen Saal gelangt, über dessen Türe die Worte ›Dschemma der Toten‹ zu lesen sind. In diesem Saale sitzen alle Maha-Lamas und alle Emire von Ardistan, die es gegeben hat. Aber die Emire, die im Leben hoch über den Maha-Lamas gestanden haben, stehen jetzt im Tode tief, tief unter ihnen. Sie sind gefangen, an Händen und Füßen gefesselt und sollen gerichtet werden. Sie haben ihr Urteil zu erwarten. Die Maha-Lamas aber sind frei. Sie bilden die Richter, die das Urteil zu sprechen haben. An ihrer Spitze sitzt der berühmteste, gerechteste und gütigste von ihnen, nämlich Abu Schalem, der Maha-Lama, der den Maha-Lama-See ausgetrocknet und da, wo einst Wasser war, diese riesenhaften, wohltätigen Gebäude errichtet hat. Vor ihm liegt das Schuldbuch sämtlicher Emire, das Schuldbuch des ganzen Geschlechtes. Vor jedem der gefesselten Emire liegt ein besonderer Kontoauszug aus diesem Buche. Der Inhalt dieses Buches und dieser Auszüge bezieht sich nicht allein auf die rein menschlichen Sünden, die begangen worden sind, sondern vor allen Dingen und ganz besonders auf die Vergehungen und Unterlassungen, die sich die Angeklagten als Herrscher zu Schulden kommen ließen. Die Haupt- und schwerste Frage aber ist, ob sie das Leben ihrer Mitmenschen geachtet haben oder nicht. Am unerbittlichsten wird der Mord bestraft, der Mord Einzelner und der Massenmord im Kriege. Für den Anstifter eines Krieges ist der Dschemma kein Erbarmen erlaubt. Das
kann nur der höchste Richter, nur Gott allein verzeihen!«

Er machte hier eine Pause, wie um nachzudenken, und fuhr dann fort:

»Das sind die Toten, und doch sind sie nicht tot. Ihr Fleisch ist warm und weich. Sie können sehen und hören. Sie können sprechen. Sie stehen auf; sie gehen fort, und sie kommen wieder, ganz wie die Lebenden – –«

»Allerdings im Traume!« fiel ich ein.

»Ja, im Traume! Mein Vater hat es mir erzählt. Er hat sich Alles genau angesehen. Auch sein Vater war da, der vor mehreren Jahren Verstorbene. Er war wie lebend. Er verließ seinen Sitz und ging mit in den andern Saal, um an der dortigen Beratung teilzunehmen. Ueber der Türe dieses andern Saales stehen die Worte ›Dschemma der Lebenden‹. Dort saßen Menschen, die noch lebten, zu Gericht, Menschen, die mein Vater kannte; er hat mir sogar ihre Namen genannt. Zu diesen Lebenden gesellten sich einige der Toten aus dem vorigen Saale, vor allen Dingen der Vater meines Vaters und der alte, berühmte Maha-Lama Abu Schalem, welcher auch hier den Vorsitz führte.«

»Und wie verlief die Verhandlung?« fragte ich, um die Erzählung möglichst abzukürzen.

»Zunächst wurde ein Sarg geöffnet, in dem mein Vater als Toter lag. Man sagte ihm, das sei seine bisherige Leiche. Er könne sie und alle seine Vorfahren erlösen, indem er alle ihre Sünden und alle ihre Schuld auf sich allein nehme und derart sühne, wie sie begangen worden sind. Hierauf wurde ihm der ganze Inhalt des großen Schuldbuches, welches der Maha-Lama Abu Schalem mit hereingebracht hatte, vorgelesen, und dann fragte man ihn, ob er seine Ahnen erlösen und alle diese
Sünden, diese Kriege und dieses Blutvergießen von ihnen weg und auf sich nehmen wolle. Tue er es, so seien ihre Seelen sofort frei und die seinige, sobald er gesühnt habe, auch. Tue er es aber nicht, so bleiben ihre Seelen gefesselt wie bisher, und er selbst könne nicht eher sterben und auch nicht eher begraben werden, als bis ein späterer Mir von Ardistan so kühn und opferfreudig sei, sie alle zu erlösen.«

»Und welchen Bescheid gab dein Vater?« fragte ich.

»Denselben, den seine sämtlichen Vorfahren auch gegeben hatten. Er sagte, daß er keine Lust habe, Schulden zu bezahlen, die er nicht gemacht habe, und gewiß auch nicht berufen sei, Ahnen zu erlösen, die genau ebenso keine Lust gehabt hatten, die ihrigen zu erretten. Ein Jeder sühne seine eigene Schuld, wenn es überhaupt nach dem Tode ein ferneres Leben gebe!«

»Was geschah, als er diesen Bescheid gegeben hatte?«

»Man steckte ihn wieder in die köstliche Sänfte und trug ihn fort. Als er erwachte, lag er daheim in seiner Schlafstube, auf seinen Kissen. Er hatte geträumt.«

»Wirklich geträumt?«

»Ja. Aber sonderbar! Er hatte volle sechs Tage lang auf seinem Bette gelegen und geschlafen, ohne ein einziges Mal aufzuwachen.«

»War man nicht besorgt um ihn geworden?«

»Nein. Man erfuhr es gar nicht. Die Leibwache nahm sich des Geheimnisses an und sorgte dafür, daß Niemand Etwas davon erfuhr, nicht einmal ich, bis er es mir selbst erzählte.«

»Und nun erzählst du es mir. Warum?«

»Weil seit gestern mich Alles an diesen Traum erinnert. Jeder Mir von Ardistan hat ihn geträumt, genau so wie mein Vater; ich wiederhole das. An Jeden
wurde dieselbe Frage gestellt, und Jeder hat ganz dieselbe Antwort gegeben. Es ist also kein gewöhnlicher Traum. Es steht irgend eine Wahrheit mit ihm in Verbindung, die Niemand noch ergründen konnte. Nun denke dir, daß es hier auch eine ›Dschemma der Toten‹ und eine ›Dschemma der Lebenden‹ gibt! Kannst du dir nicht denken, daß der Gedanke an diesen Traum mich außerordentlich beschäftigt?«

»O, das kann ich sehr wohl begreifen. Ich denke da sogar noch an ganz andere Dinge als du. Aber du hast mir dein Vertrauen doch wohl nur aus gewissen Gründen und in einer gewissen Absicht geschenkt. Darf ich sie erfahren?«

»Selbstverständlich! Du sollst mir beistehen, sollst mich unterstützen! Sollst nicht von mir weichen, wenn die Reihe nun vielleicht hier an mich kommt. Ich befürchte, daß der Traum mich nicht daheim, sondern hier überrascht. Wenn es geschieht, so wünsche ich, daß es verschwiegen bleibe, daß es nicht hinausgetragen wird in die Oeffentlichkeit. Mir ist zumute wie einem Menschen, welcher fühlt, daß sich ihm eine schwere Krankheit naht. Er wendet sich schon vorher an den Arzt und spricht die Bitte aus, ihm beizustehen. Wie man dem Arzt vertraut, so vertraue ich dir. Du wirst das, was geschieht, in solche Wege lenken, die mir heilsam sind.«

»Nicht nur dir, sondern auch deinem Lande, deinem ganzen Volke, vorausgesetzt, daß es mir möglich ist, überhaupt mit einzugreifen. Ich will dir aufrichtig sagen, daß ich dasselbe ahne wie du. Ja, ich ahne es nicht bloß, sondern ich bin überzeugt, daß du die Stelle des einstigen Maha-Lama-Sees nicht verlassen wirst, ohne den Traum deiner Väter auch geträumt zu haben. Bei Keinem von ihnen allen ist die Notwendigkeit dieses
Traumes so zwingend gewesen wie jetzt bei dir. Er muß kommen, und er wird kommen. Die einzige Frage, die hierüber noch zu erheben ist, ist zugleich auch die wichtigste, nämlich die Frage, wie du dich verhalten wirst.«

»Meinst du, daß ich das weiß?«

»Ja.«

»Das bezweifle ich. Kein Mensch kann wissen, was er im Traume tun und sprechen wird.«

»In einem gewöhnlichen Traume, ja. In diesem aber ist es anders. Du wirst ganz genau so handeln, wie du im wachen Zustande handeln würdest. Und wenn du dich nun in dieser wunderbaren Dschemma befändest, nicht schlafend und träumend, sondern bei voller Besinnung, Ueberlegung und Willenskraft, was würdest du da antworten, wenn man dich fragte, ob du die Sünden deiner Vorfahren auf dich nehmen willst, um sie zu sühnen?«

Da sprang er von der Stelle, wo er saß, auf und sagte schnell und in energischem Tone:

»Ich würde ›Ja‹ sagen. Ich würde sofort bereit sein, auf Alles, was – – –«

Da aber hielt er mitten im Satze inne. Er hatte sich von seinem Herzen hinreißen lassen; sofort aber griff das, was wir den Verstand zu nennen pflegen, zu und riß den goldenen Faden, der sich entspinnen wollte, entzwei. Der Mir machte eine langsame, widerstrebende Armbewegung und fuhr fort:

»Halt! Nicht so schnell, nicht voreilig! Diese Sache ist von ungeheurer Wichtigkeit. Keiner meiner Ahnen hat bisher den Mut gehabt, diese Berge von Schuld, die im Verlaufe von Jahrtausenden emporgewachsen sind, auf sich zu laden. Wenn es kein zukünftiges Leben gäbe,
welches auf das gegenwärtige folgt, könnte ich getrost ›Ja‹ sagen, denn es wäre ein bloßer Wortschall, der nichts, gar nichts zu bedeuten hat. Ich habe an diesem kommenden Leben gezweifelt, bin aber vollständig überzeugt, daß dieser Zweifel Torheit war. Dieses andere Leben wird kommen, unbedingt kommen, sofort nach dem Tode. Ja, es kommt vielleicht gar nicht erst nach dem Tode, sondern schon im jetzigen Dasein. Denn ich mag zu der Frage der Dschemma ›Ja‹ oder ›Nein‹ sagen, ich lege damit doch den Grund zu dem, was nach dem Tode mit mir geschieht und was ich im nächsten Leben zu bereuen, zu tragen, zu tun und zu erringen habe. Da habe ich vorsichtig zu sein, unendlich vorsichtig. Wenn ich ›Ja‹ sage und Alles auf mich nehme, kann ich mich mit einer ewigen, niemals endenden Verdammnis belasten – – –«

»Nicht auch mit einer ewigen, niemals endenden Seligkeit?« fragte ich.

»Vielleicht auch! Wer kann es wissen!«

»Ich weiß es, ich!«

»Ja, du! Du bist Christ!«

»Du etwa nicht?«

»Nein!«

Da stand auch ich auf, legte ihm die Hand auf den Arm und fragte ihn:

»Was hast du vorhin getan, als du die Bibelstellen zu uns heraufriefest? Wer und was bist du gewesen, indem du dies tatest? Du bist der Herrscher von Ardistan. Der Boden, auf dem dieser Tempel steht, gehört dir. Hast du etwa geglaubt, daß die vier Worte, welche du zur Höhe sandtest, Lügen seien?«

»O nein! Sie sind wahr!«

»So hast du dich zum Christentume bekannt und diesem Heidentempel die Bestimmung gegeben, eine christliche
Kirche zu sein! Es bedarf nur noch des priesterlichen Segens, so ist diese Umwandlung geschehen, bestätigt und geheiligt!«

»Ist das wahr?« fragte er.

»Würde ich es sagen, wenn ich es nicht für wahr hielte? Ich bin nicht Theolog und auch nicht Priester, sondern Laie. Es ist also möglich, daß ich mich irre. Ich wünsche lebhaft, dich als Christ und als den Beherrscher eines christlichen Volkes zu sehen; so mag es also wohl sein, daß dieser mein Herzenswunsch der Vater der Behauptung war, die ich aussprach. Aber ich glaube doch, ich habe Recht. Erkundige dich bei Andern, die keine Laien sind, und laß mich dann erfahren, was sie sagen!«

»Das werde ich tun; ja, das werde ich tun! Einstweilen darf ich dir wohl anvertrauen, daß mein Weib mich schon gebeten hat, Christin werden zu dürfen, und daß es in meiner Hauptstadt Ard vier christliche Missionäre und Missionärinnen gibt, deren Lehren, Predigten und Wünschen ich vielleicht nicht mehr lange widerstehen kann.«

»Wer sind diese vier?« fragte ich.

»Meine Kinder!« antwortete er im Tone des Glückes und des Vaterstolzes. »Die sind von euern Weihnachtsbäumen noch heut begeistert und werden es immer bleiben. Was mich betrifft, so mag für jetzt genügen, daß ich nicht mehr ein Feind, sondern ein Freund des Christentumes bin und daß ich auf das, was ich in dieser Angelegenheit aus deinem Munde höre, größern Wert lege als auf meine eigenen Gedanken. Ich bitte dich, mir aufrichtig zu sagen, was du beschließen und antworten würdest, wenn die Dschemma dich an meiner Stelle fragte, ob du die Sünden meiner Väter auf dich nehmen und büßen wollest!«

»Ich würde ein schnelles, frohes Ja sagen.«

»Also auch ein Ja! Wirklich, Effendi, wirklich?«

»Ja, wirklich!«

»Und warum?«

»Warum? Weil es so in mir liegt, also weil es meiner seelischen Natur, meinem Charakter, meinem Naturell, meinem Temperament entspricht. Ferner weil ich als Christ an die ewige Liebe glaube, und weil du doch wohl nicht zu leugnen vermagst, daß deine Ahnen, die sich alle weigerten, weder für mich noch für dich maßgebende Personen sind, nach denen man sich richtet.«

»Effendi, sie waren Herrscher. Das bedenke!«

»Herrscher? Pah! Sie konnten nicht einmal sich selbst beherrschen, viel weniger Andere! Sie gehorchten den Stimmen, welche tief unter ihnen, nicht aber denen, welche hoch über ihnen erklangen. Das Wort Herrscher bedeutet für mich etwas ganz Anderes. Abu Schalem, der ›berühmteste, der gerechteste und der gütigste‹ unter den Maha-Lamas war ein Herrscher! Er herrscht noch heut, sogar über dich und mich! Er ist unser Retter, viele, viele hundert Jahre nach seinem Tode! Und ich bin überzeugt, daß der Segen, der von ihm ausgegangen ist, noch weiter fließen wird, zum Heile Ungezählter, die noch kommen. Wo ist unter deinen Ahnen einer, der ihm gleicht, der ihm auch nur von Weitem gleicht? Oder kennst du einen?«

Er schwieg.

»So höre, was ich dir jetzt noch sage! Aber zürne mir nicht wegen meiner Aufrichtigkeit! Du schweigst, wenn ich dich nach ihrer Herrschergröße frage. Betrachten wir sie nun nur nach ihrem Werte als Menschen. Sag mir: Waren sie gute Menschen? Wurden sie geliebt?«

»Vielleicht einige!« antwortete er zögernd.

»Also nur einige! Und die auch nur vielleicht! Ich sage dir, daß sie Feiglinge waren! Feiglinge und Selbstlinge, sie Alle, Alle, vom Ersten bis zum Letzten!«

»Effendi, der letzte war mein Vater!«

»Das ändert nichts an meinem Urteile; im Gegenteile, es wird dadurch begründet und verschärft. Hat er etwa als Vater an dir gehandelt, als er der Dschemma ein ›Nein‹ entgegenrief? Hat ein Einziger von allen diesen deinen sogenannten Vätern auch nur mit einem einzigen Atemzuge an das Wohl und an das Glück seiner Kinder, seiner Enkel und seiner ferneren Nachkommen gedacht? Das ist es ja, was ich dir noch sagen muß! Du bist blind; ich muß dir die Augen öffnen. Du hast die Feigheit und die Selbstsucht deiner Ahnen nicht nur nach rückwärts, sondern auch nach vorwärts zu betrachten. Merke wohl auf meine Worte, die jetzt kommen: Deine Vorfahren waren zu feig, die Taten ihrer Väter auf sich zu nehmen. Sie waren sogar zu feig, auch nur allein sich selbst zu erlösen, indem sie sich zu einem andern, edlern, besseren Leben entschlossen. Und sie waren so feig, so ohne alle Eigenehre und so faul, daß sie, um ihre Taten nicht selbst büßen und sühnen zu müssen, alle ihre Schuld auf ihre unschuldigen Nachkommen vererbten und in elender Memmenhaftigkeit nur auf den einen armen, unglücklichen Mutigen warteten, der mitleidig genug und stark genug war, ihren ganzen Schmutz auf sich zu nehmen und unter ihm womöglich zu ersticken! Was sagt du zu einem Menschen, der sich ändern, der sich bessern, der sich heben, veredeln und verklären kann und es doch nicht tut, sondern Alles, was er an äußern und innern Fehlern und Gebrechen an sich hat, auf seine beklagenswerten Kinder und Kindeskinder vererbt, weil er zu faul, zu feig, zu egoistisch und zu genußsüchtig ist, als
daß er sich verpflichtet fühlen könnte, sich aus eigenem Entschlusse und aus eigener Kraft emporzuarbeiten und lieber der Letzte seines Stammes zu sein, als auf eine Erlösung zu warten, die er keineswegs verdient? Pfui, sage ich, pfui! Und indem ich es sage, denke ich nicht nur an die lange Reihe der Emire von Ardistan, sondern überhaupt an jedes ›Haus‹, an jeden ›Stamm‹ an jede ›Familie‹, die es gibt, gleichviel ob von Adel oder bürgerlich, ob alt oder jung, ob berühmt oder unbekannt. Ein jeder einzelne Mensch hat Vorfahren und darf auf Nachkommen rechnen. Ein jeder einzelne Mensch, gleichviel, ob er Fürst oder Bettler ist, hat die Aufgabe, seine Ahnen und sich selbst zu erlösen, indem er sich mutig und energisch von den angeborenen und anerzogenen Fehlern befreit und sich hierdurch das gottgewollte, große Glück bereitet, in dieser seiner Weise an der Gesundung, Erstarkung und Veredelung der ganzen Menschheit teilzunehmen. – – – So, das war es, was ich dir noch zu sagen hatte. Nun zürne mir, wenn du kannst!«

Ich wendete mich von ihm ab und schaute hinunter nach dem weiten, runden Platze, in dessen Mitte der Wasserengel stand. Quer über diesen Platz waren die Emire von Ardistan getragen worden, in der ›köstli chen Sänfte‹, um vor die Dschemma gestellt zu werden. Was sie da geantwortet hatten, das wußte ich. Und was der jetzige Mir antworten würde, das wußte ich nun auch. Ich hatte nicht ohne Grund, sondern in voller Absicht so offen und unverblümt, zuweilen sogar in direkt beleidigender Weise gesprochen. Ich glaubte, dies wagen zu dürfen, wie ich es schon wiederholt gewagt hatte und dabei niemals fehlgegangen war. Er stand still und bewegte sich nicht. Sein Gesicht war nach Norden gerichtet, wo den rastlos arbeitenden Vulkanen gerade jetzt zahlreiche
Feuersäulen entstiegen, die infolge der Perspektive eine einzige zu sein schienen und so hoch emporstrebten, als ob sie bestimmt seien, den ganzen Himmel zu erobern und den Glanz aller Sterne in sich aufzunehmen. Dann drehte er sich mit einem plötzlichen, energischen Rucke zu mir herum, legte die Arme um mich, küßte mich auf die Stirn und sagte:

»Mein lieber, lieber Effendi! Du bist ein schrecklicher, ein ganz schrecklicher Kerl, aber doch ein guter, ein herzensguter Mensch! Willst du mir einen Wunsch erfüllen? Denselben, den ich dir vorhin nicht erfüllt habe?«

»Welchen?«

»Ich möchte gern allein sein! Hier! Es muß klar in mir werden!«

»Gut, ich gehe!«

Ich küßte ihn ebenso auf die Stirn, wie er vorher mich, und trat von der Platte in das Innere des Tempels. Dort zündete ich mir eines der Lichter an und stieg langsam hinunter in die Tiefe. Das Schwerste war geschehen: Der Mir war besiegt. Was nun noch kommen mußte, mochte es noch so schwer sein, es war doch nur die Folge des heutigen, von Gott gesegneten Tages. Was wird der morgige bringen? – – –

Fünftes Kapitel

Wieder frei

Als ich hinunterkam, war Halef mit der Zubereitung des Essens nach lange nicht fertig. Er nahm sich heute Zeit. Dieses Abendmahl sollte eine kulinarische Leistung allerersten Ranges werden, und sie wurde es auch, natürlich nur den beduinischen Maßstab angelegt. Der Mir kam viel zu spät. Es wurde ihm das Beste, was wir hatten, aufgehoben. Ich sah und sprach ihn heute abend nicht mehr, denn als er sich endlich einstellte, war ich schon längst eingeschlafen.

Wir waren heut mit der einen Hälfte der Baulichkeiten fertig geworden und begannen am nächsten Tage mit der anderen. Von Allem, was wir am Vormittag sahen, will ich nur die Bibliothek erwähnen. Sie war sehr interessant, obgleich sich ihr Inhalt nur auf die Geschichte und Ausbreitung der humanitären Bestrebungen ihrer Gründer bezog. Es gab da viele, viele Tontafeln und Tonzylinder mit Keilschrist. Die letztere war weniger babylonische und assyrische als vielmehr altpersische. Sodann gab es unzählige Holztafeln mit chinesischer, mongolischer und tibetanischer Schrift. Ferner sahen wir viele,
viele Bücher, Hefte und Rollen von Papyrus. Wir entdeckten Land-und Sternkarten, Zeichnungen von Menschen, Tieren, Pflanzen, Mineralien, Waffen, Gefäßen, Geweben und ähnlichen Dingen. Ebenso fanden wir Malereien in allen Größen und Farben. Von allergrößtem Interesse für uns war eine große, starke, kostbare Mappe, auf deren Außenseite die Worte zu lesen waren ›Die Dschemma, ihre Richter und ihre Angeklagten‹. Als wir sie aufschlugen, sahen wir zwei voneinander geschiedene Pakete von Zeichnungen in chinesischer Tusche. Auf dem einen stand ›die Richter‹, auf dem andern ›die Angeklagten‹. Wir öffneten. Es waren lauter Porträts, und zwar in wahrhaft erstaunlich guter Auffassung und Ausführung. Einige durfte man getrost als Meisterwerke bezeichnen. Das ›Richterpaket‹ enthielt die wichtigsten und hervorragendsten Maha-Lamas, das ›Angeklagtenpaket‹ alle Emire, die es in Ardistan gegeben hatte. Die beste und wertvollste Zeichnung war jedenfalls das Porträt des berühmten Abu Schalem, ein Charakterkopf, wie man selten einen trifft, mit einer unvergleichlichen Licht- und Schattenverteilung, so daß die seelischen Eigenschaften dieses hochbedeutenden Mannes wenigstens ebenso deutlich und bestimmt hervortraten wie die äußeren Züge seines geistvollen, nur Güte strahlenden Angesichtes.

Während wir dieses Bild mit aufrichtiger Sympathie und wahrem Kunstgenuß betrachteten, durchflog der Mir den Inhalt des andern Pakets, um vor allen Dingen die Bilder seiner Ahnen kennen zu lernen. Dabei rief er einmal kurz hintereinander:

»Maschallah! Mein Vater! – – – Und hier auch der Vater meines Vaters, den ich auch noch gekannt habe! Wie wunderbar sie getroffen sind! Genau, als ob sie lebten! Wer hat das getan? Wer hat das gemacht?
Wer ist das gewesen? Niemand weiß Etwas davon? Niemand hat das schon gesehen! Das ist heimlich angefertigt worden? Warum hat man uns nicht gefragt?«

Da brach wieder einmal der ›Herrscher‹ bei ihm durch. Ich wollte antworten, da aber kam mir der Dschirbani zuvor:

»Du meinst, man hätte euch fragen müssen?«

»Natürlich!« antwortete der Mir.

»Du irrst. Schau die Aufschrift: ›Die Angeklagten‹! Wo gibt es einen Richter, der seinen Angeklagten um die Erlaubnis bittet, ihn mit den andern Angeklagten zusammenstecken zu dürfen, gleichviel ob in wirklicher Person oder auch nur im Bilde? Keine Dschemma fragt; sie tut, was sie beschlossen hat, also, was ihr beliebt!«

Eine solche Zurechtweisung hatte der Mir nicht erwartet, zumal von dem jüngern Manne, den man den ›Räudigen‹, den ›Wahnsinnigen‹ genannt hatte und dessen Benehmen gegen ihn ein bisher so höfliches, rücksichtsvolles, ja beinahe dienstwilliges und fügsames gewesen war. Diesesmal aber stand dieser junge Mann hochaufgerichtet vor ihm und in seinem sonst so freundlichen Auge lag eine zurück- und zurechtweisende Strenge, von welcher der Zorn des Mir ganz unbedingt abzuprallen hatte. Als sie jetzt ihre Blicke ineinandertauchten, als ob es eine gegenseitige Prüfung der tiefsten Seelentiefe gelte, hob sich der Dschirbani ganz unbedingt hoch über den Mir, und es war, als ob dieser Letztere dies auch wirklich fühle und empfinde, denn er legte die Bilder seiner Vorfahren in unsanfter, ärgerlicher Weise aus der Hand und sagte:

»Weg mit ihnen! Wenn die, von denen man Freude, Stolz und Ehre verlangt, nur Enttäuschung, Scham und
Aerger bringen, so verliert man die Geduld und hört am liebsten auf, ein Sohn und Enkel zu sein!«

Er ging hinaus, und wir folgten ihm, weil wir keine Zeit hatten, uns für diesesmal länger mit der Bibliothek zu beschäftigen.

Nach den beiden Sälen, denen unsere Wißbegierde schon lange im Voraus entgegeneilte, gelangten wir erst im Verlaufe des Nachmittags. Wie gespannt wir alle waren, als wir vor der Seitentüre standen, über der wir die Inschrift ›Dschemma der Toten‹ lasen! Besonders wir Beide, Halef und ich, wir hatten doch sehr viel gesehen und sehr viel erlebt und erfahren, aber es fällt mir jetzt, indem ich dieses schreibe, wirklich keine Situation und keine Gelegenheit ein, bei der unsere innere Spannung eine größere gewesen wäre als in dem Augenblicke, an welchem wir von dem Eingange zu diesem ebenso großen wie gedankentiefen Geheimnisse standen.

Die Deutlichkeit erfordert, zu sagen, daß diese beiden Säle keine direkten Türen nach dem außen rund herumführenden Säulengange hatten. Sie waren nur durch die Räume, die neben ihnen lagen, zu erreichen, und darum habe ich nicht von einer Türe, sondern von einer Seitentüre gesprochen. Diese führte aus dem Nebenraume nach der ›Dschemma der Toten‹. Von da kam man wieder durch eine Seitentüre in die ›Dschemma der Lebenden‹, und von da führte eine dritte Seitentüre in den jenseitigen Nebenraum, aus welchem man dann wieder in das Freie gelangte. Diese Seitentüren waren ebenso zu öffnen wie die Haupttüren.

Als wir in die ›Dschemma der Toten‹ traten, sahen wir uns von einem mystischen Halbdunkel umfangen, welches uns zwar erlaubte, Gestalten zu sehen, nicht aber auch, ihre Umrisse unterscheiden zu können. Der Saal
war groß, sehr groß und auch sehr hoch. Durch die kleinen Fenster konnte nicht genug Licht herein, um die nötige Helle zu geben; aber es waren Kandelaber aufgestellt, deren Arme viele, starke Lichter trugen. Wir brannten sie an, und nun wurde es mehr als hell genug, so daß wir Alles nicht nur deutlich sehen, sondern auch genau betrachten konnten.

Man hatte beim Aushauen des Saales riesige Säulen und Pfeiler stehen lassen, auf denen die hochgewölbte Decke ruhte. Sie standen in zwei Reihen, durch welche drei Abteilungen gebildet wurden, nämlich eine sehr breite und geräumige in der Mitte und zwei schmälere rechts und links von ihr. In der großen Mittelabteilung war die Dschemma versammelt. Die Seitenabteilungen enthielten die Plätze für das Publikum; sie waren natürlich leer. Die in der Mittelabteilung Versammelten saßen alle auf ihren Plätzen, doch lagen diese Plätze nicht in gleicher Ebene. Am höchsten saß der Vorsitzende, fast wie auf einem Throne. Vor ihm stand ein Tisch, welcher die Form von zwei, die Platte tragenden Amdschaspands15 hatte. Auf diesem Tische lag ein Buch, wahrscheinlich das im Traume erwähnte Hauptschuldbuch der sämtlichen Emire von Ardistan. Abu Schalem war in ein sehr bescheidenes, ungebleichtes Hanfgewebe gekleidet, hatte Strohsandalen an den Füßen und trug auf dem Kopfe nicht die wohlbekannte, häßliche Lamamütze, sondern ein ebenso einfaches, weißes Tuch, unter dem das silberglänzende Stirnhaar nicht etwa mongolisch schlicht, sondern in krausen Wellen hervorgebrochen und dann im Tode weitergewachsen war. Es hatte sich in der Mitte geteilt und hing in zwei geflochtenen
Strähnen bis auf den Gürtel nieder. Auch der Bart war stark und besaß denselben silbernen Glanz. Er wallte über Brust und Leib herab, bis er unter dem Tisch verschwand. Auch die Gesichtszüge waren nicht mongolisch, sondern so, wie man sich die alten Perser denkt. Ich habe einmal ein Gemälde gesehen, welches Kyros, den Großen, darstellte, in der Vollkraft des ersten Mannesalters und auf der Höhe seines Ruhmes. Als ich nun jetzt vor dem berühmtesten, gerechtesten und gütigsten der Maha-Lamas stand und seinen herrlichen Kopf auf mich wirken ließ, hätte ich in die Worte ausbrechen mögen: ›Das sind die Züge des großen Perserkönigs! So, genau so würde er ausgesehen haben, wenn er das Alter erreicht hätte, in dem dieser Maha-Lama gestorben ist!‹

Ich stieg zu ihm hinauf und betastete seine Hände, seine Wangen. Sie waren kühl und weich. Ich erstreckte diese Untersuchung auch auf die Arme, auf die Beine, auf den Leib. Fast kam mir das wie eine Entweihung, wie eine Beleidigung vor. Es war mir, als ob ich das eigentlich gar nicht wagen dürfe, und es wallte in mir wie eine Bitte der Verzeihung auf, daß ich, das kleine Menschlein, mich für berechtigt hielt, den Gedanken nachzuspüren, die einst von diesem Körper ausgegangen waren. Die Augen bestanden aus drei verschiedenen Steinen, welche die bläulich weiße Hornhaut, die blauschwarze Iris und die kohlschwarze und doch durchsichtige Pupille bildete. Die Zusammensetzung und der Schliff dieser Steine waren so vorzüglich gelungen, daß man glauben konnte, wirkliche Augen zu sehen, wenn man nicht gewußt hätte, daß man vor dem präparierten Körper eines längst Verstorbenen stand. Der Blick dieser Augen war hinunter auf die Anklagebank gerichtet, also nicht auf mich, dennoch aber hatte ich den Eindruck, als ob hinter ihnen ein volles,
seelisches Leben tätig sei. Das verstärkte die rücksichtsvolle Scheu, mit der ich den Körper des Vorsitzenden der Dschemma untersuchte.

Rechts und links von ihm, doch einige Fuß tiefer, saßen die andern Maha-Lamas an ebenso orientalisch niedrigen Einzeltischen, die aber so nahe aneinanderstanden, daß sie zu beiden Seiten je eine viertelkreisförmige Tafel zu bilden schienen. Diese Toten stellten also einen Halbkreis dar, über dessen Halbierungspunkt der Oberrichter thronte. Sie waren genau so einfach und anspruchslos gekleidet wie er, einige von ihnen sogar noch ärmer, und lenkten ihre Blicke in dieselbe Richtung wie er die seinigen. Es waren das nicht alle Maha-Lamas, die es gegeben hatte, sondern nur die bedeutendsten von ihnen, lauter in hohem Alter gestorbene Männer, deren stumpf oder glänzend schneeige Kopf- und Barthaare auch im Tode nachgewachsen und dann in Zöpfe geflochten waren. Die Wirkung, welcher dieser eigenartige Kriminalsenat auf mich machte, kann nicht beschrieben werden. Fast möchte ich sagen, sie war faszinierend. Diese Gestalten schienen keineswegs Leichen zu sein. Man fühlte sich versucht, anzunehmen, daß einst zur Zeit, als es noch Elfen, Feen und Zauberer gab, hier eine hochwichtige Dschemma abgehalten und von einem wunderkräftigen Magier überrascht und hypnotisiert worden sei. Es war, als ob ein jeder von diesen Richtern sich plötzlich erheben könne, um sich zu bewegen und laut zu sprechen. Unterstützt wurde diese Imagination durch die gänzliche Abwesenheit jeden Leichengeruches. Die Luft war so rein, als ob sie keinen Augenblick lang nicht erneuert worden sei.

Und noch tiefer saßen, als Inquisiten und arme Sünder, die sämtlichen Emire von Ardistan, die es gegeben
hatte; es fehlte keiner von ihnen. Und doch saßen sie höher als ihre Richter, nämlich auf Thronsesseln, welche in edlen Steinen und Metallen prangten. Sie waren köstlich gekleidet und mit herrlichen Ringen, Ketten und Rangesauszeichnungen geschmückt. Aber wenn man genauer hinsah, so erkannte man, daß alle diese Metalle und Steine unecht waren. Es gab alte, mitteljährige und junge unter ihnen, je nach den Jahren, in denen sie gestorben waren. Man sah, daß auf die Behandlung und Erhaltung ihrer Körper nicht weniger Sorgfalt verwendet worden war als bei den Lamas, und doch standen sie in Beziehung auf den Eindruck, den sie machten, trotz all ihres Putzwerkes, Prunkes und Geschmeides weit hinter ihren Richtern zurück, die so anspruchslos, fast dürftig gekleidet waren. Es fehlte ihnen die Majestät des Todes. Sie hatten während ihres Lebens so viel Majestät ausgegeben, daß sie nun für die Zeit nach dem Tode keine mehr besaßen. Sie hatten ihre Blicke nicht erhoben. Sie schauten alle nieder, ein Jeder auf das Buch oder Heft, welches er auf den Knien vor sich liegen hatte, sein Konto aus dem großen Schuldbuche des ganzen Geschlechtes, dem er angehört hatte und auch jetzt noch angehörte. Sie waren alle gefesselt, an den Händen und an den Füßen, mit Stricken und mit Ketten. Einige von ihnen trugen sogar Nackenhölzer, was in den Zeiten, in denen sie lebten, ein Zeichen tierischer Grausamkeit und ehrloser Gesinnung war.

Ich bin in manchem Panoptikum gewesen und habe da viele hundert Nachbildungen von verstorbenen Menschen gesehen. Stets fühlte ich mich da abgestoßen, hier aber nicht, obgleich es sich in dieser Dschemma nicht um künstlich hergestellte Figuren, sondern um wirkliche Leichen handelte. Der Ekel, der mich bei jenen Schaustellungen
stets und unausbleiblich überkam, blieb hier vollständig aus. Was war der Grund hiervon? War die Ursache eine körperlich sinnliche oder eine psychologische? Wie jede Lüge abstoßender wirkt als selbst eine häßliche Wahrheit, so erscheint ganz besonders auch ein vorgelogenes oder vorgetäuschtes Leben widerlicher als die zwar grausame, aber natürliche Wahrheit des Todes. Und der Tod, den wir hier vor uns sahen, schien gar kein Tod zu sein, sondern vielmehr eine plötzliche, augenblickliche Stockung des Lebens, die wohl schnell vorübergehen werde.

Aus diesen Gedanken und Betrachtungen wurde ich durch die laute Stimme des Mir gerissen. Wir Andern waren still. Es dünkte uns wie eine Entheiligung, das, was wir innerlich empfanden, in hörbare Worte zu verwandeln. Zwar in den ersten Augenblicken war dies auch bei ihm der Fall gewesen. Er hatte bewegungslos gestanden und gestaunt. Jetzt aber rief er plötzlich aus:

»Mein Vater, mein Vater!«

Er eilte auf den betreffenden Toten zu, blieb einige Schritte vor ihm stehen, hob die Arme empor und wiederholte:

»Mein Vater! Mein Vater! Gefangen und gefesselt! Du, du!«

Er kehrte mir dabei den Rücken zu; ich konnte sein Gesicht nicht sehen; aber der Ton seiner Stimme ließ auf die tiefste Seelenerregung schließen.

»Und auch du, auch du!« fuhr er fort, den Kopf ein Wenig wendend. »Der Vater meines Vaters! Mein Großvater! Was wirft man euch vor, euch, euch? Sagt es mir! Ich muß es wissen!«

Er horchte einige Augenblicke lang und trat dann näher an sie heran, indem er sprach:

»Ihr schweigt? Wohl, wohl! Ihr müßt ja schweigen! Ihr seid ja tot! Ihr konntet euch nicht wehren, als man das Verbrechen beging, euch heimlich hierher zu schaffen! Ich werde das untersuchen! Und wehe dem Schuldigen, den ich fasse! Zunächst aber muß ich wissen, wessen man euch beschuldigt! Zeigt her, zeigt her!«

Die Aufregung, in der er sich befand, war groß. Er riß die Hefte, welche vor den beiden Toten lagen, an sich und ging mit ihnen zum nächsten Kandelaber, setzte sich dort nieder und begann zu lesen. Doch nicht lange. Er las den Titel und die Ueberschrift des einen Heftes, überschlug langsam die Blätter und verweilte mit Aufmerksamkeit nur bei den letzten Seiten. So tat er auch mit dem andern Hefte. Hierbei beobachtete ich ihn genau. Ich sah, daß seine Aufregung ebenso schnell, wie sie emporgebraust war, wieder nachließ, von Stufe zu Stufe sank, durch alle Grade, bis sie schließlich bei der Niedergeschlagenheit anlangte. Er stand wieder auf, kehrte zu Vater und Großvater zurück und legte die Hefte wieder an ihre Stelle, ohne ein Wort zu sagen. Er sah dabei aus, wie ein Mensch, der aus der Höhe des Zornes in die Tiefe der Scham gefallen ist und dies äußerlich nicht verbergen kann. Dann ging er zu einigen der andern Ahnen, nicht zu allen, sondern nur zu denen, die am beqemsten zu erreichen waren, und schaute in ihre Bücher. Ich bemerkte, daß er dabei nur die letzten Seiten nachschlug. Hierauf stieg er zu Abu Schalem hinauf und begann, das Hauptbuch einer Besichtigung zu unterwerfen. Ich hatte vorher da oben gestanden, ohne dieses Buch zu berühren, war aber dann zu den andern Maha-Lamas herabgestiegen, um sie genauer zu betrachten, und befand mich jetzt bei den Ardistanern Herrschern,
deren Namen und Regierungszeiten man sehr leicht erfahren konnte, weil die betreffenden Angaben auf der vordern Umschlagseite ihrer Kontobücher standen. Aus dem Verhalten des Mir war zu ersehen, daß der Hauptinhalt dieser Bücher auf deren letzten Blättern zu suchen sei. Ich nahm das Buch dessen, bei dem ich grad stand, und betrachtete es. Der Umschlag bestand aus weißem Leder. Darauf war in schwarzer, großer, wohlgezierter Parthavaschrift zu lesen:

»Mir Burahdär-i-Mihribani, in den Jahren 102-112 der Hidschra.«

Burahdär-i-Mihribani heißt Bruder der Güte. Dieser Name läßt doch jedenfalls auf einen guten Charakter schließen, zumal er ein offizieller Regierungsname ist. Auch hatte dieser Herrscher nach unserer abend ländischen Zeitrechnung nicht volle zehn Jahre regiert. Ich war also wohl zu der Erwartung berechtigt, auf ein nicht unbefriedigendes Konto gestoßen zu sein. Was aber fand ich? Ich schaute zunächst nach der letzten Seite. Sie enthielt das Summarium. Acht von den zehn Jahren waren Kriegsjahre gewesen. Alle durch sie entstandenen Verluste an Menschen, Tieren, Kapital, Landbesitz und anderen, sich auf den Volkswohlstand beziehenden Dingen waren da angeführt. Nur allein die Opfer an Menschenleben betrugen über fünfzigtausend. Und dieser Herrscher war ›Bruder der Güte‹ genannt worden! Was mochte da wohl in den Büchern der Andern stehen! Den Verfassern dieser Abschätzungen und Aufstellungen war es darauf angekommen, vor allen Dingen die Verderblichkeit der Kriege und die Schuld der einzelnen Herrscher an der Entstehung dieser Menschenschlächtereien nachzuweisen. Besonders auch waren die Folgekrankheiten angegeben und die Ziffern, aus denen sich die ihnen zugefallene
Beute erwies. Ein Blick auf die vorangehenden Seiten zeigte, mit welcher Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit die Untersuchungen und Berechnungen vorgenommen worden waren. Aber diese Angaben bezogen sich doch nicht allein auf die Kriege, an denen der ›Bruder der Güte‹ schuld gewesen war, sondern auch auf alle andern Schädigungen, welche die Menschheit seiner Zeit durch ihn erlitten hatte. Da waren die Hinrichtungen aufgeführt, die Vertreibungen aus dem Lande, die Vermögenskonfiskationen, die Verurteilungen gegen Recht und Gerechtigkeit, die Begünstigungen, der offene und der versteckte Raub durch Gewalttätigkeit und durch List. Nicht nur die Zahlen, um die es sich gehandelt hatte, sondern auch die Namen der Betroffenen waren angegeben. Es gab da keinen Zweifel. Die Beweise wurden sogar durch den Hinweis auf das Hauptbuch und auf die Schuldbücher der betreffenden einzelnen Fürsten geführt. Da wurde Verbrechen auf Verbrechen nachgewiesen, Unmenschlichkeit auf Unmenschlichkeit, Heimtücke auf Heimtücke, Trug auf Trug. Die Völker waren nur dagewesen, um – – –

»Effendi!« rief der Mir mir zu, meine Betrachtungen unterbrechend.

Ich schaute fragend zu ihm hin.

»Du liesest?« fuhr er fort.

»Ja.«

»Ich bitte dich, das Buch hinzulegen!«

»Warum?«

»Ist es dir nicht genug, daß ich dich bitte? Muß ich dir erst sagen, daß es sich nicht um deine Vorfahren handelt, sondern um die meinigen? Komm herauf zu mir! Ich will dir Etwas zeigen. Dieses Eine sollst du erfahren. Mehr ist nicht nötig. Das Uebrige braucht Niemand zu wissen, als nur ich allein, denn ich, ich bin
der Erbe, der Belastete, die Bestie, auf der die Sünden Aller, Aller liegen. Komm her; komm her!«

Das klang nicht etwa befehlend, sondern bittend, fast flehend, so traurig, so innerlich zermartert und zerdrückt. Ich legte das Konto, in dem ich gelesen hatte, dahin zurück, wohin es gehörte, und stieg zum Mir hinauf. Er hatte die letzte Seite des großen Buches aufgeschlagen.

»Lies!« forderte er mich auf, indem er auf sie deutete.

Ich tat es. Was waren das für entsetzliche Aufstellungen, für fürchterliche Ziffern! Mir flimmerte vor den Augen. Das schien unglaublich zu sein, und dennoch war es wahr!

»Fertig!« sagte ich, indem ich das Buch zuschlug.

»Schon?« fragte er.

»Ja! Ich denke, es genügt! Mehr zu wissen, hält wohl Niemand aus!«

»O doch! Es gibt Einen, der noch mehr wissen will und noch mehr wissen muß, und dieser Eine, der bin ich! Ich habe nicht zu glauben, und ich habe mich nicht zu entsetzen, sondern ich habe zu prüfen, ohne mich zu fürchten. Aber nicht jetzt, nicht jetzt, sondern später, wenn wir erfahren haben, was die noch übrigen Räume enthalten. Komm, Effendi, wir gehen!«

Er stieg zu seinen Ahnen hinab. Ich folgte ihm. Vor seinem Vater und seinem Großvater blieb er stehen und sprach zu ihnen:

»Ich bin Fleisch von eurem Fleisch und Blut von eurem Blut; aber wenn das Leben Liebe ist, so gabt ihr mir nicht das Leben, sondern den Tod. Doch seid getrost, ich räche mich nicht! Kommt mir der Traum, der euch in Schwäche fand, euch alle, vom Ersten bis zum Letzten,
so will und werde ich der Erste sein, der ihm nicht unterliegt. O, käme er doch bald!«

Hierauf wollte er gehen, um den Raum zu verlassen, blieb aber schon nach einigen Schritten wieder stehen, wendete sich dem Throne des Vorsitzenden zu, hob den Arm gegen ihn und sprach:

»Und dich, alter Herr, habe ich zu fragen, wer dir erlaubt hat, den ewigen Richter zu spielen, den Herrgott, dem sich selbst die Herrscher zu fügen haben! Wo hast du diese Toten her? Ich werde in allen Grüften und Särgen nach ihnen suchen und dir dann sagen, wer und was du bist. Nimm dich in Acht! Getraust du dich, in Gottes Namen mit mir und meinem Stamme abrechnen zu wollen, so dann auch ich mit dir und euch!«

Nach diesen Worten forderte er Halef und die Andern auf:

»Löscht die Lichter wieder aus, und kommt: Wir gehen!«

Es geschah so, wie er sagte. Als keine der Kerzen mehr brannte, öffneten wir die Türe, über der die Worte ›Dschemma der Lebenden‹ zu lesen waren, und traten in den Versammlungsraum derselben ein. Dieser war nicht so groß wie der vorige, mußte aber auch schon nicht als Zimmer, sondern als Saal bezeichnet werden. Sein Bau und seine Einrichtung waren genau der ›Dschemma der Toten‹ entsprechend, nur für weniger Personen berechnet.

Auch hier gab es drei Abteilungen, zwei für das Publikum und die mittlere für Richter und Angeschuldigte. Auch die Anordnung der Sitze war dieselbe: am höchsten, und zwar in der Mitte, der thronähnliche Stuhl des Präsidenten; etwas tiefer, im Halbkreise, die Sitze der Rechtsprechenden; hieran schließend, doch auch einige Fuß tiefer, der Platz für die Angeklagten. Alle diese Stühle
und Plätze waren jetzt unbesetzt. Für die Richter waren nur acht vorhanden, für die Inquisiten nur drei, doch gab es Raum für noch mehr. Die Stühle und Matten hierzu befanden sich jetzt im Nebenraume und waren leicht herbeizuschaffen. Die Beleuchtung glich derjenigen im großen Saale. Sie war unzulänglich, doch gab es auch hier Kandelaber mit Kerzen. Am Tisch des Vorsitzenden hing, uns Allen in die Augen fallend, in großer, selbst im Halbdunkel leicht lesbarer Schrift eine Ankündigung, welche lautete:

»Morgen, genau um Mitternacht, Sitzung der Dschemma der Lebenden gegen Schedid el Ghalabi, den jetzigen Mir von Ardistan. Seine Richter seid ihr selbst. Wer sich ausschließt, wird bestraft!«

Dieses Plakat war von außerordentlicher Wirkung. Wir sahen einander erstaunt und betroffen an. Drüben im großen Saale hatten nur zwei von uns laut zu sprechen gewagt, nämlich der Mir und ich; die Andern waren stumm und still gewesen, vollständig gepackt von der gefangennehmenden Oertlichkeit. Hier wiederholte sich das. Auch ich schwieg zunächst. Daß diese Schrift für uns bestimmt war, das stand ganz außer allem Zweifel. Aber wer hatte sie hierhergebracht? Wer hatte wissen können, daß wir uns heut an diesem Orte befinden würden? Wer war es, der vorausgesehen hatte, daß es Einem von uns gelingen werde, die Geheimnisse des Maha-Lamas-Sees zu durchdringen, die Schlüssel zu finden und alle vorhandenen Räume zu öffnen?

»Schedid el Ghalabi?« fragte der Mir. »Das bin ja ich! Kein einziger Mensch in meinem ganzen Reiche wird es wagen, ebenso zu heißen wie ich! Also bin ich gemeint, kein Anderer! Denkst du das auch, Effendi?«

»Gewiß,« antwortete ich. »Niemand kann anders denken.«

»Dschemma der Lebenden gegen mich! Schon morgen! Genau um Mitternacht! Da wird mein Wunsch ja schneller erfüllt, als ich es für möglich halten konnte! Ich sagte, o käme der Traum doch bald!«

Während er dies sprach, sah ich, daß er in sich zusammenschauerte. Auch ich hatte das Gefühl, als ob ein kalter Hauch langsam durch meinen ganzen Körper streiche. Diese Empfindung war es, die mich antworten ließ:

»Dieser Traum wird aber kein Traum sein, sondern Wirklichkeit!«

»Meinst du?«

»Ja, gewiß!«

»Vielleicht schlafe ich doch wirklich ein und träume es dann nur!«

»Wohl nicht! Bedenke, daß wir die Richter sein sollen!«

»Es ist gemeint, daß ich das träumen werde!«

»Das bezweifle ich sehr! Ich sehe hier auf allen Plätzen beschriebene Zettel liegen. Brennen wir Kerzen an, um lesen zu können!«

Als genug Lichter brannten, ging der Mir zum Platze des Vorsitzenden und las, was auf dem dortliegenden Zettel stand:

»Abu Schalem, der Maha-Lama.«

Wieder standen wir da und schauten einander an, bis der Mir sich äußerte!

»Ist das nicht sonderbar? Ein Toter soll den Vorsitz über Lebende führen! Wie soll die Leiche, die sich da drüben im großen Saal befindet, hierher auf seinen Sitz gelangen? Doch weiter; lesen wir weiter!«

Die Zettel bestanden aus dunklem Papier und waren
hell, wie mit weißem Kreidestift, beschrieben. Der Mir ging da, wo die Richter sitzen sollten, von Platz zu Platz und las nacheinander folgende Namen:

»Der Dschirbani, Kara Ben Nemsi, Hadschi Halef Omar, Prinz Sadik der Tschoban, die beiden Prinzen der Ussul, der Scheik der Tschoban, der Schech el Beled von El Hadd.«

Das waren also acht Gerichtsbeisitzer, von denen aber die beiden Letzten fehlten. Wie sollte der abwesende Scheik der Tschoban und der ebensowenig vorhandene Gebieter von El Hadd hierher nach diesem Orte, den Niemand kannte, kommen? Aber der Mir ließ uns keine Zeit, uns mit dieser Frage zu beschäftigen. Er ging zu den drei Sitzen der Angeklagten, nahm die dort liegenden Zettel auf und las:

»Schedid el Ghalabi, der Mir von Ardistan – – sein Vater – – der Vater seines Vaters.«

Die Zettel lagen so, daß der Mir in der Mitte, sein Vater ihm zur Linken und sein Großvater ihm zur Rechten sitzen sollte. Er machte eine schauernde Bewegung, als ob ihn ein Frost überlaufe, legte die drei Zettel wieder hin und sagte halblaut, wie zu sich selbst:

»Zwischen zwei Leichen! Und grad zwischen diesen beiden!«

»Genau um Mitternacht!« fügte Halef hinzu, der jetzt zum ersten Male das Wort ergriff.

»Ob Mitternacht oder Mittag, das ist gleich!« wies der Mir ihn zurecht. »Es sind alle Stunden Gottes! Wenn ich am Mittag schuldig befunden werde, steht es ebenso schlimm um mich, wie wenn die Richter mich des Nachts verurteilen. Und die Kerzen müssen hier gebrannt werden, ganz gleich, ob es draußen im Freien hell oder dunkel ist. Doch, sehen wir weiter! Da drüben sind noch zwei Plätze!«

Seitwärts von dem Halbkreise der Beisitzer standen zwei halbniedrige, orientalische Stühle, die mehr zum Ruhen als zum Aufrechtsitzen eingerichtet und mit weichen Decken belegt waren. Auch auf ihnen lagen Zettel. Der Mir nahm sie und las:

»Abd el Fadl, der Fürst von Halihm, als Verteidiger. Merhameh, Prinzessin von Halihm, als Verteidigerin.«

Da standen wir nun zum dritten Male und schauten uns still an. Jetzt sagte selbst der Mir nichts mehr. Er legte die Zettel wieder an ihre Stelle, ging von Kandelaber zu Kandelaber, um die Lichter auszublasen und schritt dann nach dem Nebenzimmer, um von diesem aus hinaus in das Freie zu kommen. Wir folgten ihm. Als wir draußen waren, fragte er:

»Noch ist es nicht Abend. Wollt ihr eure Untersuchung fortsetzen?«

»Ja,« antwortete ich. »Wir müssen unbedingt heut fertig werden, um morgen für Alles, was da kommen kann, frei zu sein.«

»Du glaubst für morgen an Ereignisse?«

»Ja.«

»Auch an die Dschemma der Lebenden?«

»Unbedingt!«

»Auch an das Erscheinen von Abd el Fadl und Merhameh? An das Eintreffen des Scheiks der Tschoban und des Schech el Beled von El Hadd?«

»Ich bin beinahe überzeugt, daß sie alle kommen.«

Da holte er tief, tief Atem und stimmte bei:

»Ich auch, ich auch! Es ist mir hier ganz unaussprechlich zumute. Fast möchte ich sagen: Wir leben hier nicht, sondern wir werden gelebt; wir denken hier nicht, sondern wir werden gedacht; wir wollen nicht, sondern
wir werden gewollt. Es ist, als stehe hier Jemand hoch über uns, der uns am Zügel hat, wie der Reiter das gehorsame Pferd.«

»Glaubst du, daß es wirklich so ist? Oder nur, daß es so scheine? Ich sage dir, das hier nichts scheint, sondern daß Alles gewiß und greifbar wirklich ist. Wir werden geleitet; wir werden geführt. Wir sind hier nicht allein!«

»Du meinst, daß es außer uns noch andere lebende Wesen hier gebe? Noch andere Menschen?«

»Ja.«

»Wer könnte das sein?«

»Denke nach!«

»Das werde ich tun. Ich bitte dich, mich zu entlassen! Nachdem ich in diesen beiden Sälen gewesen bin, ist mir Alles gleichgültig, was wir noch finden können. Ich muß allein sein. Ich muß mich sammeln. Du wirst das begreifen. Zum Abendessen stelle ich mich bei euch ein.«

Ich begriff nicht nur sein Bedürfnis, ungestört zu sein, sondern ich konnte mich so in ihn hineindenken und hineinfühlen, als ob ich ganz an seiner Stelle sei. Denn, aufrichtig gesagt, ist doch wohl ein jeder Mensch in Beziehung auf das, was er innerlich zu leben und zu kämpfen hat, ein größerer oder kleinerer Mir von Ardistan, der zwischen dem unsichtbaren Mir von Dschinnistan und dem Verräter ›Panther‹ um den leeren Titel kämpft, den nur derjenige auszufüllen vermag, der den Letzteren durch den Ersteren bezwingt.

Während der Mir sich langsam entfernte, wendeten wir Anderen uns den noch zu erforschenden Räumen zu. Da hörte ich seine Stimme hinter uns und drehte mich um. Er war stehengeblieben und winkte. Ich ging auf ihn zu. Als ich ihn erreichte, fragte er:

»Du weißt, wer es ist, der hier so über uns waltet?«

»Ja,« nickte ich.

»Wer?«

»Natürlich der Mir von Dschinnistan, kein Anderer!«

»Mein Feind!«

»Dein bester, treuester Freund! Er wird es dir beweisen. Denn es gibt leider, leider Menschen, denen es ohne handgreifliche Beweise unmöglich ist, zu glauben und zu vertrauen. Und dann, wenn sie durch diese Beweise bezwungen und überwunden worden sind, rühmen sie sich ihres Glaubens und verlangen, daß er ihnen hoch angerechnet werde!«

»Du wirst wieder einmal streng, Sihdi, sehr streng! Und doch wollte ich dir eine Bitte aussprechen, zu deren Erfüllung deine ganze Güte gehört.«

»Welche Bitte? Ich erfülle sie dir gern, wenn ich kann.«

»Und lachst mich nicht aus?«

»Auslachen? Ich glaube, unsere Lage, und ganz besonders die deine, ist so heilig ernst, daß du so Etwas gar nicht fragen solltest!«

»Du hast Recht, Effendi; verzeih! Also bitte: Willst du heut nacht anstatt hier im Freien da drinnen in der ›Dschemma der Toten‹ schlafen?«

Ich wußte sofort, was er wollte, und antwortete darum:

»Sehr gern!«

»Und fürchtest dich nicht?«

»Fürchten? Vor wem? Selbst wenn ich mich fürchtete, wäre ich doch nicht allein, denn du bist dabei, um die Schuldbücher deiner Vorfahren zu lesen.«

»Wie kommst du auf diese Idee?«

»Sie versteht sich ganz von selbst. Ich werde schlafen,
und du wirst mit Wörtern und Zeilen, mit Zahlen und Ziffern, mit Schlangen und Ungeheuern ringen. Aber bedenke, daß du schon deine letzten Nächte geopfert hast! Mute deiner Kraft nichts Uebermenschliches zu! Und wenn du mich brauchst, so wecke mich auf, damit ich dir helfen kann!«

»Mir können nur Zwei helfen, zu denen du nicht gehörst, nämlich Gott und ich allein. O, wenn ich beten könnte, beten, beten, beten! Ich gäbe viel darum, sehr viel, sehr viel! Denn ich ahne, daß vor allen Dingen erst der himmlische Richter mit mir und meinen Ahnen abzurechnen hat, ehe die ›Dschemma der Toten‹ oder die ›Dschemma der Lebenden‹ sich mit mir befassen kann. Das Urteil, welches die Dschemma fällt, muß vorher zwischen Gott und mir gesprochen werden, und der Weg zu ihm ist auch heute noch derselbe, der er stets gewesen ist, nämlich das Gebet. Ich kenne ihn noch nicht! Also, du erfüllst meinen Wunsch und schläfst im Saale der Beratung?«

»Ja.«

»Ich danke dir! Es ist nicht etwa die gewöhnliche, törichte Angst vor Leichen, welche mich wünschen läßt, nicht allein zu sein, sondern die Vorsicht, die ich nicht nur mir, sondern auch euch Andern allen schuldig bin. Es geschieht hier Wunderbares. Und Alles, was sich ereignet, ist von größter Wichtigkeit. Niemand weiß, was mir in der Nacht, während ich mich bei den Toten befinde, begegnet. Es ist nicht ausgeschlossen, daß ich vor eine schnelle, augenblickliche Entscheidung gestellt werde, die ich nicht allein auf mich nehmen kann. Darum ist es mein Wunsch, dich in der Nähe zu haben. Doch bitte ich dich, halte es geheim! Niemand braucht zu wissen, daß wir uns während der Nacht nicht auch im Freien befinden.«

Jetzt gab er mir die Hand und ging. Ich kehrte zu den Andern zurück. Es war mir schwer geworden, seinen Wunsch, beten zu können, scheinbar gleichgültig hinzunehmen. Er hatte mich nicht nur gerührt, sondern tief ergriffen. Aber zu dieser Ergriffenheit gesellte sich die Freude. Wer das Verlangen fühlt, beten zu können, dem steht die Erhörung schon nahe, denn schon dieser Wunsch ist Gebet, und zwar dasjenige Gebet, welches sicherer in Erfüllung geht als jedes andere.

Es geschah so, wie ich gesagt hatte: Wir setzten die Untersuchung der Baulichkeiten fort und wurden noch vor Abend fertig damit. Im letzten, ganz im Westen liegenden Gemache entdeckten wir gegenüber der Türe, durch welche wir eingetreten waren, eine zweite Türe, die durch denselben Schlüssel geöffnet werden konnte. Wir schlossen auf, und als der mächtige Quader sich in das Zimmer hereinbewegt hatte und wir dann durch die so entstandene Oeffnung traten, befanden wir uns – – – im Freien und hatten also nicht mehr das Vergnügen, uns als Gefangene betrachten zu dürfen. Wir waren zwar überzeugt gewesen, auf jeden Fall wieder frei zu werden, atmeten aber doch erleichtert auf, als wir diese Erwartung zur Wirklichkeit geworden sahen.

Wenn man durch diese Türe hinaustrat, befand man sich ganz draußen vor der Stadt, auf einer Schutthalde, welche von dem Bergesring des Maha-Lama-Sees herabgebröckelt war. Man konnte von hier aus durch die Zitadelle oder auf einem weiteren, freien Bogen nach der Stadt und dem Fluß gelangen. Wir taten das aber nicht. Es genügte uns, zu wissen, daß es in unserm Belieben stand, in jedem Augenblicke das Gefängnis, in dem wir elend verschmachten sollten, zu verlassen. Wir traten wieder in das Innere zurück, schoben den Türquader
in die Oeffnung, schlossen ihn fest und erklärten damit unser heutiges Tagewerk für vollbracht. Ich gestehe allerdings, daß wir gar zu gern nach der Stadt geritten wären, um dem lieben ›Gefängnis Nummer Fünf‹ unsern Besuch abzustatten und nachzusehen, wie die Verhältnisse dort standen. Aber dazu war die Zeit bis zum Abend viel zu kurz, und so beschlossen wir, uns das für morgen aufzuheben. Wir verfügten uns also nach der Stelle der Säulenhalle, die wir als unser Lager auserkoren hatten und wo sich Halef als unser Oberkoch mit großem Eifer an die Zubereitung des Abendessens machte. Um dies zu können, bat er mich, die Besorgung seines Rappens mit zu übernehmen, sobald ich dem meinen Futter und Wasser geben würde. Als ich bei der Erfüllung dieses seines Wunsches war und mich also bei unsern beiden Pferden befand, kam der Dschirbani zu mir. Er pflegte immer ernst, schweigsam und nachdenklich zu sein; heut aber hatte er sich in diesen drei Eigenschaften mehr bewährt als zu jeder andern Zeit. Auch jetzt lehnte er sich an den nahestehenden Pfeiler, sah mir und den mich liebkosenden Pferden eine ganze Weile still zu und sagte nichts.

»Nun?« fragte ich endlich lächelnd. »Muß ich auch hier bei dir erst den richtigen Schlüssel finden?«

»Nein,« antwortete er. »Du besitzest ihn ja schon lange, gleich von dem Augenblicke an, an dem ich dich zum ersten Male sah!«

»Und doch sagst du nichts, obgleich du sprechen möchtest?«

»Ich bin mir nicht klar, und Unklares zu sagen, ist meine Gewohnheit nicht. Seit ich hierhergekommen bin, befinde ich mich in einer Welt, von der ich weiß, daß sie mir völlig unbekannt ist, und doch aber will es mir scheinen, als ob ich sie bereits kenne.«

»Vielleicht warst du schon einmal hier, in deiner frühesten Jugend, mit deinem Vater?«

»O nein!«

»Oder du hast alte Abbildungen dieser Gegend gesehen?«

»Auch nicht.«

»So wurde vielleicht von ihr gesprochen?«

»Ja, das ist es, das! Aber nur heimlich, ganz heimlich wurde von ihr gesprochen.«

»Von wem?«

»Von Vater und Mutter. Niemand durfte dabei sein. Nur ich allein wurde geduldet, denn ich war noch sehr klein, noch Kind, noch nicht einmal Knabe. Aber dennoch haben sich gewisse Worte, Namen, Ausdrücke und Redebilder in mir festgesetzt, die mir verborgen blieben, jetzt aber plötzlich erscheinen und einander begrüßen und ergänzen. Ich war heut wie ein Träumender; ich war wieder das Kind. Ich sah Vater und Mutter. Ich hörte ihnen zu. Sie sprachen von der ›Stadt der Toten‹, von dem ›Maha-Lama-See‹, von dem ›Riesenengel‹ inmitten des Platzes, von dem ›Traum‹ eines jeden Mir von Ardistan, von der ›Prachtsänfte‹ in diesem Traume, von der ›Dschemma der Lebenden‹ und der ›Dschemma der Toten‹, von Abu Schalem, dem ›berühmtesten, gerechtesten und gütigsten aller Maha-Lamas‹ von – – –«

»Das Alles, Alles hast du gewußt und mir doch niemals Etwas davon gesagt?« unterbrach ich ihn.

»Gewußt?« lächelte er. »Wäre dies der Fall, so hätte ich dir längst davon erzählt. Es lag verborgen in mir, vollständig unbewußt. Erst hier kam es emporgestiegen, ganz langsam und unbemerkt, bis es heut plötzlich aus mir heraustrat, sich vor mich hinstellte und zu mir sagte: ›Da bin ich; du hattest mich vergessen,
vollständig vergessen; kennst du mich noch?‹ Sag mir, Ssahib, ist das nicht sonderbar?«

»Sonderbar? O nein. Ich finde es vielmehr in hohem Grade natürlich. Bitte, verhalte auch du dich natürlich. Laß diesen Kindheitsbildern Zeit, langsam in dir und aus dir emporzusteigen. Zwinge sie nicht! Tue ihnen ja nicht Gewalt an; Du würdest sie zerstören. Was die Seele besitzt, das gibt sie freiwillig; rauben läßt sie sich nichts. Also, beraube dich ja nicht selbst!«

Hörte er, was ich sagte? Er hatte den Kopf erhoben und sah still empor, dem West entgegen, wo die Sonne soeben im Untergehen war. Wir konnten ihr Scheiden zwar nicht sehen, aber das Stück des Himmels, welches über uns lag, begann sich wie die zarte Wange einer errötenden Jungfrau zu färben, und diese Röte schien sich auf dem Gesicht des Dschirbani zu spiegeln. Wie es sich seit Kurzem verändert hatte, dieses Gesicht! Und wie auch seine Gestalt, seine Bewegungen sich ganz anders zeigten als früher! Wenn ich sein von der Seele vollständig durchdrungenes Aeußere kurz, bündig und treffend beschreiben wollte, müßte ich sagen: Ein hoch und herrlich gewachsener, männlich schöner, jugendlicher Asket vor Beginn der Askese. So, wie ich sein Gesicht jetzt sah, hatte ich es noch nie gesehen. Ich fühlte, daß seine Züge immer tiefer in mich drangen, um sich mir für immer einzuprägen, damit ich sie nie und nie vergessen möge. Während er so in die Ferne schaute, um in sich selbst hineinzusehen und hineinzulauschen, ließ er mich endlich eine Antwort hören:

»Ich weiß, was du meinst, und ich selbst halte mich bereits in Zucht, damit ich nichts zerstöre. Soeben war es mir, als ob ich meinen Vater, wie so oft in vergangener Zeit, beim ›königlichen Spiel‹ des Schaches
sitzen sehe. Er behauptete stets, das Schach sei eine Lüge und als Bild des Krieges gänzlich zu verwerfen. Im Schach sei man gezwungen, Soldaten, Bauern, Läufer, Türme und noch viel Höheres zu opfern, um den Sieg zu gewinnen. Am Schluß des Spieles aber seien beide Felder verwüstet, nicht nur das des Besiegten, sondern auch das des angeblichen Siegers. Die Kriegführung von Gewaltmenschen gleiche noch heut diesem alten Spiele, welches plötzlich stehen geblieben und nicht weiterentwickelt worden sei. Der Edelmensch aber, den wir alle erwarten, werde jeden Krieg, zu dem die Gewalt ihn zwingt, derart führen, daß ihm der Sieg kein einziges Opfer kostet.«

»Das hast du als Kind gehört?« fragte ich vorsichtig.

»Nein. Da war ich schon Knabe und spielte schon selbst Schach. Mutter erzählte es und wiederholte es so oft, daß es sich mir fest einprägte und ich darüber nachzudenken begann. Die Aufgabe, zu siegen, ohne Opfer zu bringen, ist eine der wichtigsten des ganzen Lebens, nicht nur in militärischer, sondern auch in jeder andern Beziehung. Ich sann und dachte sehr viel darüber nach, doch vergeblich. Da kamst du mit Hadschi Halef. Ihr beide zeigtet uns am Engpaß Chatar, wo ihr die Tschoban besiegtet, ohne daß ein einziger Tropfen Blut zu fließen brauchte, was mein Vater mit seiner Verurteilung des Schachspieles gemeint hatte. Seit jenem Tage ist es mein Bestreben, diese seine und eure Lehre in Taten umzusetzen und – – –«

Er wurde unterbrochen. Halef rief zum Abendessen. Zu gleicher Zeit kam der Mir vom Engelsbrunnen her, in dessen Innern er Einsamkeit gesucht und gefunden hatte, und gesellte sich zu uns. Wir beeilten uns also,
dem kleinen Hadschi gehorsam zu sein, der leicht zornig werden konnte, wenn man seinen Zubereitungen nicht die Achtung schenkte, die ihnen nach seiner Ansicht gebührte.

Während des Essens stellte sich der Abend ein. Wir waren den ganzen Tag über stets auf den Beinen gewesen und also redlich ermüdet. Es wollte sich kein rechtes Abendgespräch entwickeln, zumal der Mir sich ebensowenig wie ich darum bemühte, eine Unterhaltung herbeizuführen. Wir hatten heute zwar viel gesehen und viel erfahren, was unbedingt besprochen werden mußte, doch aber nicht gleich, so ganz auf Knall und Fall. Solche Dinge müssen erst innerlich geprüft und betrachtet werden, ehe man es unternehmen darf, sie wie alltägliche Geschehnisse in gewöhnliche Worte zu fassen. Darum wurden heute sehr zeitig die Lager zubereitet. Der Mir schlug das seine ziemlich weit von den Andern auf, und ich gesellte mich zu ihm, damit es später nicht auffallen möge, wenn wir uns miteinander entfernten. Als wir nach einem Stündchen annehmen konnten, daß die Gefährten alle schliefen, nahmen wir unsere Decken und begaben uns nach dem Saale der ›Dschemma der Toten‹.

Dieser Saal lag von unserm Lagerorte so weit entfernt, daß die Schläfer durch das Rollen des Türquaders nicht aufgeweckt werden konnten. Im Innern herrschte tiefste Dunkelheit. Wir brannten so viele Kerzen an, wie der Mir zu seinem Vorhaben brauchte. Dann ging er an das grauenhafte Werk, in das Fegefeuer dieses ungewöhnlichen Ortes hinabzusteigen und die Schuldbücher seiner Ahnen zu studieren. Ich aber bereitete mir im linksseitigen Zuhörerraum auf einigen Sitzen mit Hilfe meiner Decke ein leidlich bequemes Lager.

Das Licht der Kandelaber drang nicht zu mir. Ich
lag in völliger Finsternis. Die unbeweglichen Gestalten der Dschemma waren durch die eigenartige Lichtwirkung wie in weite Ferne gerückt. Das täuschte mein Auge; es vervielfachte ihre Größe. Sie erschienen mir gigantisch. Es war mir, als ob ich aus unserer Welt der Dunkelheit in ein überirdisches Dasein schaue, dessen Geheimnisse soeben begonnen hatten, sichtbar zu werden. Wenn ich wirklich schlafen wollte, mußte ich dergleichen Phantasmen von mir abwehren. Ich wendete mich also auf die andere Seite, legte mich nieder und schloß die Augen. Ich glaube, daß ich dann auch sofort eingeschlafen bin, wenigstens bin ich mir nicht bewußt, auch nur noch eine Minute wach geblieben zu sein. Auch wie lange ich geschlafen habe, ehe ich aufgeweckt wurde, weiß ich nicht. Ich kann nur sagen, daß ich nicht von selbst erwachte, sondern von einer lauten Stimme aus dem Schlafe gerufen wurde.

Es war die Stimme des Mir. Anfangs hatte er bei Abu Schalem gestanden und mit dem Hauptbuche begonnen. Jetzt stand er unten bei seinen Vorfahren, hatte eines ihrer Konti in der Hand und las, gegen die Richter gewendet, aus demselben vor. Er stand leider so, daß ich die Worte nicht verstehen konnte, deren Schall zur jenseitigen Höhe stieg und, von dort zurückkehrend, sich selbst verschlang. Er schien die Wirklichkeit vergessen und sich vollständig in die Fiktion hineingelesen und hineingedacht zu haben. Er nahm die Toten für Lebendige. Er las ihnen laut vor; er sprach dazwischen zu ihnen; er erläuterte und erklärte; er gestikulierte wie ein Angeklagter oder wie ein Verteidiger, bei dem Alles auf dem Spiele steht, was er ist und was er hat. Es kam mir keinen einzigen Augenblick bei, dieses sein Gebaren für phantastisch oder gar für unsinnig zu halten, denn ich
konnte zwar nichts genau verstehen, aber doch jedem seiner Worte anhören, das Alles, was er sagte, der tiefsten Seelenqual und Herzensnot entsprang. Und – – – doch halt! Was war das – – –?

In der geraden Richtung meines Lagers, aber dort im äußersten Winkel und in der äußersten Finsternis, tauchte jetzt ein kleines, winziges, wehendes Flämmchen auf, welches sich mir langsam näherte. Es kam Jemand, ganz leise, leise. Wer war es? Ich sah etwas Weißes. Je geringer die Entfernung zwischen mir und diesem Lichtchen wurde, desto deutlicher zeigte sich die Gestalt des Trägers oder vielmehr der Trägerin, denn sie war eine weibliche. Sie trug ein weißes, weites, bis auf den Boden niederreichendes Gewand mit langen, weiten Aermeln. Es schloß sich eng an den Hals. Gesicht und Kopf waren unbedeckt. Das Haar bildete einen Kranz von dunkeln, anspruchslos geordneten Flechten. Dieses Wesen schien den Saal genau zu kennen, denn es achtete nicht darauf, wohin es seine Schritte setzte, sondern es hielt das Gesicht nach der Seite gewendet und den Blick im Vorwärtsschreiten nach dem Mir gerichtet. Darum sah es mich nicht, als es mich erreichte. Freilich kam es nicht direkt an mir vorüber, sondern in einer Entfernung von vielleicht zehn Schritten. Dennoch drückte ich mich so eng und klein wie möglich zusammen, um ja nicht bemerkt zu werden. Dabei achtete ich scharf auf das Gesicht. Ich sah es nicht genau, weil es halb von mir abgewendet war, doch erkannte ich, daß ich nicht ein junges Mädchen, sondern eine Frau vor mir hatte, die gewiß schon über vierzig Jahre zählte. Ihre Gestalt war hoch, wie die einer Ussula, ihre Haltung aufrecht, ihr Gang stolz, trotz aller Vorsicht, leise aufzutreten.

Nach einigen weiteren Schritten blieb sie stehen und
blies das Licht aus. Nun stand sie also im Dunkeln. Aber sie lauschte. Sie wollte hören, was der Mir sprach. Und indem sie ihrem Ohre die betreffende Richtung gab, hob sie den Kopf ein wenig mehr in die Höhe und hielt ihn so, daß er, halb Profil und halb Face, von dem Lichte der Kandelaber getroffen und übergossen wurde. Das war ganz genau dieselbe Stellung, welche das Gesicht des Dschirbani eingenommen hatte, als ich kurz vor dem Abendessen seine Schönheit und seelische Ausdrucksfähigkeit bewunderte. Und, sonderbar, es war, als ob ich jetzt, hier, genau dasselbe Gesicht vor mir habe, nur nicht in männlicher, sondern in weiblicher Ausgabe, und nicht auf innere Askese deutend, sondern mit den Zügen und den großen, ernsten, aufnahmefähigen Augen einer Seherin. Ja, es gab da gar keinen Zweifel; das war das Gesicht des Dschirbani. Ich dachte sofort an seine Mutter. Das Alter stimmte, auch die Gestalt und die unbewußt-selbstbewußte Art, sich zu bewegen. Körperlich von den Ussul, doch geistig und seelisch aus Dschinnistan stammend, so stand sie hochaufgerichtet vor mir, ihre ganze Aufmerksamkeit dorthin gerichtet, wo ein Lebender zu Längstverstorbenen sprach, als ob sie ihn hören, ihn verstehen und ihm antworten könnten. Aber es war unmöglich, da, wo sie stand, aus dem Klangschwall, der zu uns herüberflutete, die einzelnen Worte und Sätze herauszulesen; darum setzte die weiße, geheimnisvolle Frau nun ihre Schritte weiter, um sich dem Mir so leise und so langsam, wie sie gekommen war, zu nähern.

Da richtete ich mich auf. Es war ja möglich, daß sie den Rückweg wieder hier vorübernahm; da sollte sie mich nicht sehen. Ich mußte mich also entfernen. Ich nahm mir vor, sie womöglich nicht aus den Augen zu lassen und folgte ihr so vorsichtig, wie ich nur konnte.

Sie ging weiter und immer weiter, zuweilen stehenbleibend, um zu prüfen, ob das, was sie hörte, jetzt nun deutlicher sei, dann aber immer wieder vorwärtsschreitend, bis sie die Stelle erreichte, wo die Stufen begannen, die auf die Erhöhung führten, auf welcher Abu Schalem, der oberste Richter, saß. Sie hatte da eine der großen, starken Säulen erreicht, auf denen die hohe Decke ruhte, und blieb hinter ihr stehen. Ihrer Haltung war anzusehen, daß sie nun deutlich verstand, was sie hörte. Ich ging noch so weit, bis ich die gleiche Linie mit ihr und dem Mir erreichte; dann setzte ich mich nieder, um nicht vom Lichte getroffen zu werden, sondern unbemerkt das Kommende abzuwarten. Es kam sehr schnell, viel schneller, viel kürzer und ganz anders, als ich dachte.

Noch immer ertönte die Stimme des Mir. Noch immer las er vor, und noch immer warf er in Zwischensätzen ein, was ihm sein Inneres befahl, zu dem, was er las, zu sagen. Noch immer richtete er Alles, was er las und sagte, an die Richter. Die weiße Frau hinter der Säule verstand gar wohl jedes seiner Worte, leider ich aber nicht. Die Entfernung zwischen ihm und mir war zu groß. Da sah ich, daß er das Buch, welches er in den Händen hielt, zuschlug, mit einer energischen Gebärde hinter sich warf und eine Aufforderung an die Toten richtete, die auch ich verstehen konnte, weil er sich dabei ein wenig mehr nach mir wendete und in gewichtiger Betonung alle seine Worte derart voneinander trennte, daß die Luftwellen sie nicht mehr verwirren konnten:

»Meine Seele ist voller Angst und Jammer. Sie sprach zu euch nicht wie zu Toten, sondern wie zu Lebenden. Sie nahm an, daß auch ihr einst Seelen besaßet und daß ihr sie nicht verloren habt, sondern daß sie zu euch niedersteigen und anwesend sind, so oft ihr
euch für berufen und für würdig haltet, über so ungeheuer großes Unrecht Recht zu sprechen. Ich habe euch meine Bedrängnis, meine Qual, meine Not geschildert. Ich habe euch meine Fragen vorgelegt. Eure Zungen stehen still; der Tod hat sie gelähmt. Von euch, den leblosen Körpern, kann ich keine Auskunft erwarten. Aber von euern Seelen verlange ich Antwort. Ich fordere diese Antwort von ihnen, bei Allem, was ihnen einst heilig war und jetzt noch heilig ist. Ich verlange sie von ihnen, jetzt, hier, auf der Stelle, auf der ich stehe! Ich kann nicht warten, denn schon in der nächsten Mitternacht wird die Entscheidung fallen, über mich und auch über euch! Ja, auch über euch! Nicht nur die Angeklagten, sondern auch die Richter werden gerichtet; das versichere ich euch!«

Er machte eine Pause, um seinen letzten Worten doppelten Nachdruck zu geben. Er war außerordentlich erregt. Er zitterte, und seine Stimme zitterte noch mehr, als er selbst. Er fuhr fort:

»So mögen denn eure Seelen zu der meinen sprechen. Sie ist in mir. Sie wartet. Ich stehe euch offen und bin bereit, zu hören!«

Er legte die Hände ineinander, senkte den Kopf und stand so lange, lange Zeit. Zuweilen trennte er die Hände und hob sie empor, um sich den Schweiß von der Stirne zu wischen. Ich stand fern von ihm und sah dennoch, wie seine Brust sich hob und senkte. Das täuschte mir vor, daß mir auch sein Atem, der in schweren, angstvollen Stößen ging, hörbar sei. Es gab irgend Etwas, was in ihm kämpfte, um sich loszuringen, um frei zu werden. Ich mußte da an seinen Wunsch denken, den er gegen Abend ausgesprochen hatte: »O, wenn ich beten könnte, beten, beten! Ich gäbe viel darum, sehr viel!«
Da endlich schleuderte er die Arme, als ob er Etwas wegwerfe, von sich aus und rief:

»Ich höre nichts! Kein Wort, kein einziges! Auch keine einzige Silbe! Weder von außen, noch von innen! Wo sind die Seelen, die zu mir reden sollen? Wollen sie nicht? Oder können sie nicht? Oder sind und waren sie überhaupt gar nicht vorhanden? Was soll ich tun? An wen soll ich mich wenden? Wer ist es, der mir helfen kann und will?«

Er schaute sich nach rechts und links, nach allen Seiten um, als ob er eine Antwort, wirklich eine Antwort erwarte. Und da klang ein Ton, fast so leise wie ein Hauch und doch im ganzen, weiten Raume zu hören, wie von hoch oben herab:

»Bete!«

Er zuckte zusammen. Er sah sich um, scheu, aber doch mit froher werdendem Angesicht.

»Beten?« fragte er. »Beten? Ich habe es gehört! Ganz deutlich gehört! Wer hat es gesagt? Wer? War es außer mir – – – war es in mir selbst? War es eine der Seelen, welche bisher schwiegen? Und kann ich es denn? Kann ich, und darf ich, ich, der Ungläubige, der Verbrecher, der, sobald er vor Gott zu treten wagt, nicht nur seine eigenen, sondern die Sünden seines ganzen Geschlechtes mitzubringen hat, um sie der Gnade und der Vergebung hinzuwerfen und – – –«

Indem er die Bewegung des Hinwurfes machte, sank er auf die Knie nieder und sprach weiter, ohne sich wieder aufzurichten. Aber er sprach nicht laut, wie bisher, sondern leise, unhörbar – – – er betete!

Ich wandte den Blick von ihm ab und faltete die Hände. Die Stelle, an der er kniete, war jetzt eine heilige. Mein profaner, kritischer Blick hatte nicht das
Recht, in dieses Heiligtum zu dringen. Ich schaute auf die weiße Gestalt der Frau, die sich weiter und immer weiter vorgebogen hatte, um sich ja kein einziges seiner Worte entgehen zu lassen. Sie hielt ihre Hände erhoben, doch auch gefaltet. Sie war sichtlich bewegt, sehr tief bewegt. Sie trat nun ganz hinter dem Pfeiler hervor. Sie tat einen Schritt vorwärts, noch einen. Nun stand sie vor der untersten Stufe und blieb dort wartend stehen. Auch ich blieb nicht sitzen; ich mußte mich unwillkürlich erheben. Ich schlich mich näher hin, um das Gesicht des Mir deutlicher zu sehen. Schon betete er nicht mehr leise, sondern halblaut. Er war so ganz und gar von seinen Gedanken und Empfindungen hinweggerissen, daß er begann, sie in hörbare Worte zu kleiden. Gegen den Schluß seines Gebetes hin wurde er lauter und immer lauter, bis er, sich aus der knienden Stellung erhebend, ausrief:

»Und nun wende ich mich nicht mehr an die Erde, an die Toten und an die Seelen der Abgeschiedenen, sondern ich hebe meine Zuversicht empor zum Himmel, zum unendlichen, ewigen Leben, zum nirgends abwesenden, sondern stets allgegenwärtigen Geiste, zu dem ich jetzt gebetet habe und der mir in meinem Innern antworten wird, wenn ich ihn frage: Ist das Vermessenheit, was ich beschlossen habe? Ist es verboten, so zu – –«

Er hielt mitten im Satze inne und wich überrascht oder wohl gar erschrocken einige Schritte zurück. Sein Blick war auf die weiße Gestalt gefallen, die ihren Fuß jetzt auf die erste Stufe setzte, um langsam emporzusteigen. Oben angekommen trat sie auf die Seite Abu Schalems, legte die Hand auf das vor ihm aufgeschlagene, große Schuldbuch und sagte mit klarer, tieftönender Stimme:

»Dieses Buch wird von nächster Mitternacht an für immer geschlossen sein, wenn du nur willst! Du sollst nicht nur innere, sondern auch äußere Antwort hören. Lösche alle Lichter aus!«

Er gehorchte sofort, verwendete dabei aber keinen Blick von ihr. Es war ihm anzusehen, daß er sie wohl für ein überirdisches Wesen hielt. Als das letzte Licht verloschen und nun nirgend mehr Etwas zu erkennen war, erklang es in demselben tiefen, klaren Tone durch die Finsternis:

»Was du dir vorgenommen hast, ist nicht vermessen. Du darfst die ganze Last auf deine Schultern nehmen, weil deine Kraft die Summe aller ihrer Kräfte ist. Verlaß dich auf die Güte und Barmherzigkeit; diese Beiden sind schon unterwegs zu dir!«

Hierauf war es still. Nichts schien sich zu bewegen. Auch ich rührte kein Glied. Dann gab es in meiner Nähe ein leises Rauschen, wie wenn der Saum eines weichen Kleides leicht über den Boden streift. Ein kaum bemerkbarer Luftzug glitt an mir vorbei. Ein feiner, süßer Duft blieb zurück, ähnlich dem Dufte der Kätzchenblüten zur Osterzeit, wenn sie an Altären die Palmenweihe erhalten. Das war sie gewesen, die Geheimnisvolle. Sie war an mir vorübergegangen, viel näher als vorhin, wo der Duft, der mich jetzt gestreift hatte, mich nicht erreichen konnte. Sie hatte die Lichter in wohlbedachter Absicht verlöschen lassen. Nun, da es so dunkel war, vermochte kein Auge, ihr zu folgen. Und mir war es eigentlich auch ganz recht, daß ich sie so unbeobachtet verschwinden lassen mußte. Die Aufklärung hätte mir doch gewiß einen großen Teil der Poesie zerstört, welche der Vorgang für mich haben mußte und auch wirklich hatte. Indem ich mit mir darüber zu Rate ging, wie ich mich
nun zu dem Mir zu verhalten hatte, kam ich zu dem Entschlusse, ruhig abzuwarten, welche Mitteilungen er mir machen und welche Meinungen ich von ihm zu hören bekommen werde. Ich schlich mich also so leise wie möglich nach meinem Lager zurück und legte mich nieder. Nach einiger Zeit hörte ich seine Schritte. Er kam und tastete nach mir. Ich bewegte mich nicht sofort. Mochte er immerhin denken, daß ich schlafe! Er rüttelte mich. Da tat ich, als ob ich erwache.

»Du schläfst sehr fest,« sagte er. »Bist du gleich eingeschlafen oder erst spät?«

»Sogleich,« antwortete ich.

Das war ja auch wahr. Daß ich wieder aufgewacht war, verschwieg ich.

»Steh auf, und komm!« forderte er mich auf.

»Bist du schon fertig?«

»Ja.«

»Ganz fertig? Mit allen Büchern?«

»Ganz! Mit allen Büchern! Was ich erfahren woll te, das weiß ich nun.«

»Und hast schon sämtliche Lichter ausgelöscht!«

»Weil wir gehen. Wir schlagen unser Lager draußen wieder auf. Da ahnt dann Niemand, wenn es Morgen wird, daß wir fort gewesen sind. Komm!«

So stand ich also auf, nahm meine Decke, wie er die seinige, und folgte ihm. Wir ließen den Türstein in die Oeffnung rollen und begaben uns nach der Stelle, wo wir nach dem Abendessen gelegen hatten. Bis wir sie erreichten, sagte er kein weiteres Wort, doch als wir uns ganz nahe beieinander niedergelegt hatten, fragte er mich:

»Effendi, glaubst du an Geister?«

»Ja,« antwortete ich. »Gott ist ein Geist.«

»Das meine ich nicht. Glaubst du an Gespenster?«

»Nein.«

»An Heilige?«

»Ja.«

»An Selige?«

»Ja.«

»So höre: Ich habe eine Selige gesehen!«

»Wirklich?«

»Ja, wirklich!«

»Du irrst!«

»Ich irre nicht. Ich habe sie nicht nur gesehen, sondern sie hat sogar mit mir gesprochen!«

»Und dennoch mußt du dich irren. Hat sie dir gesagt, daß sie eine Selige sei?«

»Nein; aber sie ist eine: ich weiß es genau. Sie kann nichts Anderes sein!«

»Willst du mir nicht erzählen – – –?«

»Jetzt nicht. Ich bin so voll, so reich! So übervoll und überreich! Das muß ich Alles ordnen, ehe ich davon sprechen kann. Gute Nacht!«

»Gute Nacht!«

Er drehte sich auf die andere Seite, ich aber nicht. Die Erfahrung sagte mir, daß er wohl noch nicht ganz zu Ende sei. Und richtig, nach einigen Minuten wendete er sich mir wieder zu und erkundigte sich:

»Schläfst du schon, Effendi?«

»Noch nicht,« antwortete ich.

»Bist du überzeugt, daß zur nächsten Mitternacht die ›Dschemma der Lebenden‹ wirklich stattfinden wird?«

»Vollständig überzeugt!«

»Ich auch. Ich weiß sogar, daß Abd el Fadl und Merhameh ganz sicher kommen werden!«

»Woher könntest du das wissen?«

»Ich weiß es! Das mag dir genug sein! Vielleicht erzähle ich dir später einmal, wer es mir gesagt hat. Ich kann mich auf die Güte und Barmherzigkeit verlassen; diese Beiden sind schon unterwegs zu mir! Gute Nacht!«

»Gute Nacht!«

Wieder drehte er sich auf die andere Seite, und wieder tat ich das nicht. Und wieder machte er nach einigen Minuten die betreffende Wendung zurück und fragte:

»Schläfst du aber jetzt schon, Effendi?«

»Noch nicht ganz, aber schon drei Viertel,« antwortete ich.

»Verzeih, daß ich dich nochmals störe! Ich habe dir etwas außerordentlich Wichtiges zu sagen.«

»Ist es etwas Gutes?«

»Sogar etwas sehr Gutes! Kannst du dich auf den großen, herzlichen Wunsch erinnern, den ich hatte, als du heut am Spätnachmittag noch einmal von mir zurückgerufen wurdest?«

»Ja; ich besinne mich.«

»Nun, welcher Wunsch war es?«

»Der Wunsch, beten zu können.«

»Ja, der, der war es! Und denke dir, Effendi, ich habe gebetet!«

»Darf ich das glauben?«

»Ja, glaube es! Gern gebe ich zu, daß es fast unglaublich ist, aber es ist dennoch geschehen, dennoch! Kannst du dir denken, was das heißt, der Mir von Ardistan hat gebetet? Weißt du, was das für einen Gottessieg bedeutet?«

»Einen Gottessieg? Wie meinst du das?«

»Einen Sieg Gottes.«

»Ueber wen?«

»Ueber wen, fragst du? Natürlich über mich und meinen Unglauben!«

»Armer, armer Teufel!« antwortete ich in meinem mitleidigsten Tone.

»Wen meinst du mit diesem armen, armen Teufel?«

»Dich natürlich, dich!«

»Warum?«

»Weil du einer bist, und zwar einer der aller-, allerärmsten, die es gibt!«

»Ich verstehe dich nicht! Ich fühle mich so reich, so überreich. Ich habe dir das aufrichtig gesagt. Und anstatt mich reich und glücklich zu preisen, nennst du mich einen armen, armen Teufel! Warum?«

»Weil dich dein Glück nicht demütig, sondern hochmütig macht.«

Da richtete er sich in sitzender Stellung auf, bog sich zu mir herüber und fragte:

»Hochmütig? Wieso? Ich wüßte nichts davon?«

»Wirklich nichts. Hast du dich nicht soeben Gott gleichgestellt?«

»Gott gleichgestellt? Ich? Mich? Bist du bei Sinnen, Effendi?«

»Bei sehr guten Sinnen! Hast du nicht soeben behauptet, Gott habe dich besiegt?«

»Ja. Das tat ich allerdings.«

»Jeder Sieg setzt aber einen Kampf voraus?«

»Allerdings. Oder ist es vielleicht nicht wahr, daß ich gegen Gott gekämpft habe, daß ich von Gott nichts wissen wollte?«

»Armer, armer Teufel! Und da nimmst du an, daß Gott gezwungen gewesen sei, mit dir zu kämpfen? Die Wolke, die sich auflösen muß, prahlt, sich mit der Sonne
gemessen zu haben! Ein Stück Holz, welches zu Asche verbrennt, rühmt sich knisternd, es ringe mit dem Feuer auf Leben und Tod! Der sterbende Kranke ruft protzig aus, der Tod könne sehr stolz darauf sein, so einen Mann wie ihn besiegen zu dürfen! Soll ich dir noch mehrere Beispiele, mehrere Vergleiche bringen? Welcher Grund liegt für dich vor, so stolz darauf zu sein, daß du endlich, endlich einmal gebetet hast? Und aber noch Eins, und dieses Eine bedenke gar wohl: Selbst wenn du die Sünden der ganzen, ganzen Welt auf dich nähmst, so läge doch keine Veranlassung vor, dich dessen auch nur im allergeringsten zu rühmen. Solcher Erlöserstolz ist Wahnsinn, weiter nichts! Sünden zu tun und Sünden zu vertreten, bringt keine Ehre. Und je mehr du Sünden auf dich nimmst, um so weniger darfst du erwarten, daß man dich dafür ehre! Wenn du wieder betest, so bitte Gott um Bescheidenheit! Diesen Rat gibt dir der aufrichtigste Freund, den du auf Erden hast. Gott kämpft mit keinem Geschöpf, und sei es der allerhöchste seiner Engel. Wie Jemand, wenn ein Wurm sich krümmt, behaupten kann, Gott liege im Kampfe mit ihm, das ist mir unfaßbar! Gute Nacht!«

Er antwortete nicht. Er legte sich wieder nieder. Er rückte hin, und er rückte her. Erst nach langer Zeit klagte er:

»Es ist ein Elend mit dir, Effendi, ein Elend! Man hat dich lieb, aber du bist so grob, so ungeheuer grob! Und gerade, wenn man sich einmal wohl fühlt, bekommt man einen Hieb von dir, sei er groß oder sei er klein!«

»Ja, das ist richtig: Gerade wenn man sich am wohlsten fühlt, stürzt man am leichtesten vom Pferde! Und du warst auf ein sehr großes und sehr hohes Pferd gestiegen. Man kämpft doch nur mit seinesgleichen. Wer
gegen die Natur lebt, darf nicht glauben, daß die Natur gegen ihn kämpfe, sondern er selbst kämpft gegen sich selbst, und dafür wird die Natur ihn richten und strafen. Genau so ist es auch mit deinem vermeintlichen Kampfe zwischen dir und Gott. Denke hierüber nach. Das sind Tiefen, aus denen du noch Tausende von Gedanken schürfen kannst, wie man Metalle aus der Erde fördert. Nun gute Nacht!«

Wieder antwortete er nicht, und ich war fast am Einschlafen, als ich ihn sagen hörte:

»Effendi, vielleicht war es doch nicht grob von dir, sondern nur aufrichtig, vielleicht gar sehr gut gemeint!«

Nun war ich es, der nicht antwortete. Da klang es halblaut zu mir herüber:

»Nun schläft er schon! Gute Nacht, du böse, rauhe, liebe Offenherzigkeit!«

Dann blieb es still, und ich schlief wirklich ein. Als ich aufwachte, lag er ruhig atmend neben mir und lächelte im Schlafe. Es war nicht mehr früh am Morgen. Die Gefährten hatten schon längst Toilette gemacht und saßen jetzt beim Frühstück. Ich beeilte mich, das Versäumte einzuholen, und der Mir folgte, als der Lärm ihn später weckte, diesem Beispiele nach.

Unser Plan für den heutigen Tag war ein ebenso umfassender, wie interessanter. Er sollte aber noch viel, viel interessanter werden, als wir gedacht und uns vorgenommen hatten. Es war beschlossen worden, zunächst durch den Kanal, durch den wir hierhergekommen waren, nach dem Anfangspunkte desselben zurückzukehren und die Versenkung zu untersuchen, mit deren Hilfe wir so unerwartet aus der Ober-in die Unterwelt befördert worden waren. Sodann sollte genau nachgeforscht werden, ob der Verschluß dieses Kanals nach dem Flusse hin
vielleicht zu öffnen sei. Ich vermutete, daß die große Rotunde des einstigen Maha-Lama-Sees auch mit der Zitadelle in irgend einer geheimgehaltenen, örtlichen Verbindung stehe; aber uns hierüber aufzuklären, war später auch noch Zeit. Vor allen Dingen mußte es unsere Aufgabe sein, die Stadt zu durchforschen, ob und welche Menschen da lebten und in welcher Beziehung sie zu den Empörern überhaupt und zu unserer Gefangenhaltung insbesondere standen. Daß bei dieser Rekognoszierung die größte Vorsicht anzuwenden war, verstand sich ganz von selbst. Zu Pferde durfte das nicht geschehen, weil dies zu auffällig war und ein Fußgänger überall durchschlüpfen kann, während sich einem Reiter hundert Hindernisse in den Weg stellen können, die unüberwindlich sind. Wir mußten uns einzeln in die Stadt verteilen, so daß Jeder einen bestimmten Bezirk zu durchforschen hatte, doch konnte hierüber erst dann Beschluß gefaßt werden, wenn wir uns über den Kanal und über unser liebes ›Gefängnis Nummer Fünf‹ genau unterrichtet hatten. Hieran machten wir uns sofort, nachdem die Zeit des Frühstückes vorüber war. Die beiden Prinzen der Ussul hatten es übernommen, hier bei den Pferden zu bleiben; die Andern hatten alle gewünscht, sich an der Nachforschung beteiligen zu dürfen. So öffneten wir also die Türe, welche in den alten Kanal führte. Sie war die erste gewesen, die wir entdeckt und glücklich überwunden hatten. In dem rundum mit Sitzen versehenen Raume, der hinter ihr lag, brannten wir die Lämpchen an, die uns schon bei unserm Kommen den Weg gezeigt hatten, und ließen uns von ihnen zurück nach der Stelle führen, welche unter dem doppelten Tore des Gefängnisses lag. Wir hatten allerdings auch hier schon nachgeforscht, doch vergeblich, weil wir die Eigenheiten, denen man hier
überall begegnete, noch nicht kannten. Jetzt aber befanden wir uns im Besitz von günstigen Erfahrungen, und so hoffte ich, daß unsere heutigen Bemühungen nicht wieder so ergebnislos verlaufen würden.

Ich hatte mich nicht getäuscht. Zwar schien es anfangs, als ob wir wieder nichts finden sollten; aber schließlich fiel mir an der Stelle, wo wir aus der Versenkung gestiegen waren, doch der Umstand auf, daß der Boden des Versenkungsschachtes durchweg aus Stein, in einer Ecke aber aus Erde bestand, die nicht hart und fest, sondern so aufgelockert war, als ob man sich erst vor ganz Kurzem damit beschäftigt habe. Ich griff hinein, noch tiefer, noch tiefer und zog endlich – – – einen Schlüssel hervor, dessen Gestalt genau diejenige der bisher gefundenen war. Nun wir ihn hatten und also wußten, von welcher Art und Weise hier dieses Geheimnis war, machte sich das Uebrige ganz von selbst. Es war uns bekannt, in welcher Höhe die Schlüssellöcher angebracht waren, darum dauerte es nur kurze Zeit, so hatten wir das, um welches es sich hier handelte, gefunden. Als wir öffneten, gelangten wir in den schmalen, aber sehr tiefen Raum, welcher die Vorrichtung enthielt, mit deren Hilfe die Versenkung, die uns herabgebracht hatte, auf- und niedergeleitet wurde. Das geschah durch große, viele Zentner schwere Steingewichte, die, an über Rollen gehende Seile befestigt, den oben zwischen den beiden Eingangstoren liegenden Fußboden bald herunter- und bald wieder hinaufzogen, je nach der Seite, nach welcher hin diese ganz einfache Mechanik in Bewegung gesetzt wurde. Es bedurfte nur eines Griffes, uns alle sofort emporheben zu lassen, doch verzichteten wir hierauf, weil wir nicht wußten, wie es in diesem Augenblicke da oben im Gefängnisse stand.

Fast noch wichtiger als diese Entdeckung war die zweite, die wir hierauf machten. Nämlich der Raum, in dem wir uns jetzt bei den Steingewichten befanden, stieß mit einer seiner beiden Schmalseiten an die sehr starke, dicke Mauer des Kanales, und zwar genau an der Stelle, an welcher er aufhörte, an welcher also der verborgene Ausgang nach dem Flusse, wenn es einen gab, zu suchen war. Wir hatten da draußen nachgeforscht, doch, wie man weiß, vergeblich. Ich ging zwei-, dreimal hinaus und kehrte zwei-, dreimal wieder zurück, um zu betrachten und zu vergleichen. Es gab nichts, was auffallen konnte, ausgenommen zwei hölzerne Balkenköpfe, welche in dem Gewichtsraume an der Seitenwand, um die es sich handelte, aus dem Gestein hervorragten, der eine ungefähr drei, der andere ungefähr fünf Fuß über dem Boden. Sie waren vielleicht zwei Fuß lang und von ungewöhnlicher Stärke. Das gab mir zu denken. Was sollten diese Balkenköpfe hier? Hatten sie etwa als Konsolen dienen sollen, um irgend etwas zu tragen? Gewiß nicht. In diesem Falle hätte man zu diesen Hervorragungen gewiß nicht Holz, sondern den viel näherliegenden Stein verwendet. Diese Balkenköpfe hatten also wohl einen Zweck, der mit dem Zwecke des Raumes, in dem wir uns befanden, in keiner Beziehung stand. Dieser ihr Zweck lag also nicht in diesem Raume, sondern außerhalb desselben, nämlich draußen! Und draußen lag eben, ganz unmittelbar anstoßend, die Quermauer, die den Kanal verschloß. Wenn man einen ihrer Riesenquader so angebracht hatte, daß er eine bewegliche Türe bildete, vielleicht in derselben Weise wie alle die Türen drin am Maha-Lama-See, so war es jedenfalls derjenige, der draußen an die Wand stieß, vor der wir innen standen. In diesem Falle war der Zweck der beiden Balkenköpfe
offenbar. Auch wurde er durch ihre ungewöhnliche Stärke verraten, welche vermuten ließ, daß sie einen ebenso ungewöhnlichen Druck auszuhalten hatten. Sie bildeten höchst wahrscheinlich die Handgriffe der starken Riegel, durch welche die Quadertüre da draußen festgehalten wurde. Riegel müssen beweglich sein; hier aber hatte es den Anschein, als ob man diese Balken vollständig festgemauert habe. Ich versuchte, an ihnen zu rütteln. Das war nicht leicht, aber der Bewurf begann, zu bröckeln. Ich rüttelte mehr; das Bröckeln wurde stärker. Da griffen die Gefährten mit zu, und nun bei so vereinter Kraft stellte sich heraus, daß die Riegelhölzer nur eingemauert schienen, es aber doch nicht waren. Sobald die äußere Verklebung, welche nur die Bestimmung hatte, zu täuschen, vollständig aus- und abgebröckelt war, gelang es uns sehr bald, erst den einen und sodann auch den andern Balken herauszuziehen. Die Riegel waren nun also entfernt; aber es bewegte sich nichts da draußen. Jedenfalls hatte man nachzuhelfen. Wir gingen hinaus und schoben. Und richtig, richtig! Der große, anstoßende Steinblock wich dem auf ihn ausgeübten Drucke, erst langsam, dann aber rascher und rascher. Er war in genau derselben Weise eingestellt wie alle die Türen des großen Maha-Lama-Baues. Als er zurückgewichen war und dann feststand, bedurfte es nur eines geringen Druckes, ihn wieder in die Oeffnung zurückkehren zu lassen.

Wie froh wir waren! Wir beeilten uns, hinauszutreten. Wir gingen weiter. Wir folgten dem Kanale unter dem Gefängnisse und dem freien Platze hin, bis er zu Ende war. Wir hatten seine Oeffnung nach dem Flusse hin gesehen, als wir bei unserer Ankunft da drüben von dem Berge herabgeritten waren. Als wir diese Oeffnung nun erreichten, sahen wir, daß dort eine große,
sehr große Ueberraschung auf uns gewartet hatte. Der Fluß zeigte nämlich Wasser; man denke sich! Wasser, Wasser, Wasser! Nach viel-, vielhundertjähriger Dürre und Trockenheit zum ersten Male Wasser! Und gerade jetzt, wo wir anwesend waren! Es war zwar nicht viel, sondern nur hier eine Lache und da eine Lache, hier ein Teich und dort ein Teich, aber es begann doch schon, von Lache zu Lache, von Teich zu Teich zu rieseln, und der Boden, der Untergrund mußte also viel, viel mehr Feuchtigkeit besitzen, als die Sonnenwärme, die gerade heut eine bedeutende war, zu verdunsten vermochte. Es gab bei diesem Anblick einen allgemeinen Jubel.

»Das ist das laute Wasserrauschen im Brunnen des Engels!« rief Halef aus. »Das dort abgelaufene Wasser tritt hier zutage. Meinst du nicht auch, Effendi?«

»Nein,« antwortete ich. »Die Ursachen der Erscheinung, die hier vor dir liegt, sind nicht im Brunnen des Engels, sondern in einer viel, viel höher liegenden Gegend zu suchen. Der Segen, der hier zutage tritt, wurde droben in Dschinnistan der Erde anvertraut.«

»Wird dieses Wasser wieder verschwinden, wird es so bleiben, wird es steigen?« fragte der Prinz der Tschoban.

»Wie Gott will! Unser Blick ist unvermögend, seine Ratschlüsse zu durchdringen. In Allem, was geschieht, liegt göttliche Berechnung!«

»Auch in diesem Wasser?«

»Ja, auch in diesem Wasser! Vielleicht erfahren wir eher, als wir ahnen, warum und wozu es gerade uns und gerade jetzt gesendet wird.«

»Warum? Weil die Zeit gekommen ist!« rief der Mir aus, indem seine Augen in eigenartiger Weise glänzten. »Wenn sich Abend für Abend da oben in den
Bergen die Pforten des Paradieses öffnen, ist die Zeit erfüllt, für welche uns die Rückkehr des Flusses verheißen ist. Kommt dann der Herrgott wieder am Ufer herab nach Ardistan, dann, dann – – dann – –«

Er hielt inne. Er fühlte, daß er mit dem, was ihm jetzt auf der Zunge lag, seine ganze frühere Anschauung umstoßen würde. Da aber trat der Dschirbani mit einem schnellen Schritte zu ihm heran und forderte ihn auf:

»Sprich weiter, sprich weiter! Oder fürchtest du dich, es zu sagen?«

»Fürchten?« fragte der Mir.

Sie sahen einander in die Augen, Beide ernst und prüfend. Ueber das Gesicht des Mir ging ein Zug, als ob er nahe daran sei, sich beleidigt zu fühlen. Aber diese nicht ganz kleine Versuchung wurde von ihm überwunden. Sie wich einem ruhigen Lächeln, und er antwortete:

»Früher hätte ich mich gar wohl gefürchtet; aber das war eben früher. Jetzt weiß ich es, daß es keine Schande ist, klüger, vernünftiger und innerlich klarer geworden zu sein. Früher hätte mein Stolz mir verboten, einen Irrtum einzugestehen, aber jetzt – – jetzt – – –«

Er wendete sich von dem Dschirbani ab zu mir und fuhr fort:

»Effendi, du rietest mir, um Bescheidenheit zu beten. Ich habe es getan, nachdem du eingeschlafen warst. Ich wollte ganz Dschinnistan mit Krieg überziehen. Ich wollte jene Berge erobern, aus denen das Wasser kommt, welches meinem Lande, meinem ganzen Reiche fehlt. Ich hielt mich für einen großen Feldherrn. Ich wollte durch Blut und Mord und Tod erreichen, was doch niemals mit der geballten Faust zu erlangen ist. Das war früher,
früher, früher. Heut aber sage ich dir: Käme der Herrgott jetzt den Fluß herab, um zu fragen, ob ich Krieg oder Frieden wolle, so würde ich ihm sagen, daß von nun an Friede sein solle, nicht nur zwischen den Ländern und den Völkern meines Reiches, sondern auch zwischen uns und Dschinnistan, dem glücklichen Staate, dessen Bürger behaupten dürfen, daß nie ein Tropfen Blut bei ihnen geflossen sei. Bist du mit dieser meiner Erklärung zufrieden, Effendi?«

Ich reichte ihm froh die Hand und antwortete:

»Ich danke dir! Nimm das Wasser, welches wir hier so freudig begrüßen, als eine äußere Hindeutung auf die segersreichen Quellen, die gerade jetzt auch in deinem und in unserm Innern zu steigen beginnen. Gott wird kommen, ganz gewiß! So ist es gut, daß wir nun alle wissen, welche Antwort er auf seine Frage von uns erhalten soll. – Jetzt aber wieder an unsere Nachforschung! Wir schließen die Türe hinter uns und steigen dann dort an der Brücke aus dem Flußbette heraus, um nach dem Gefängnis zu gehen. Aus dem, was dort geschieht, wird das Weitere sich ergeben.«

Die Gefährten waren damit einverstanden. Wir kehrten in das Innere des Kanales zurück und ließen den Türquader in seine Oeffnung zurücklaufen. Dann stiegen wir in das Flußbett hinaus und wendeten uns der Brücke zu, über welche wir bei unserer Ankunft herübergeritten waren. Dort gab es nämlich Stufen, die es uns ermöglichten, auf die Höhe des Ufers zu kommen, ohne uns durch unbequeme Kletterei emporarbeiten zu müssen.

Dieser unser Wiedereintritt in die Freiheit führte uns sogleich einem Ereignisse entgegen, welches zwar von keiner großen, erschütternden Bedeutung war, uns aber doch recht herzlich erfreute. Nämlich als wir die Stufen
erstiegen hatten und uns am Brückenkopfe befanden, wollte ich mich sofort dem Gefängnisse zuwenden und kehrte mich infolgedessen vom Flusse ab; da aber rief Halef mir zu:

»Halt, nicht umdrehen, Effendi! Schau über die Brücke!«

Als ich dieser seiner Aufforderung folgte, sah ich sechs Kamele, die von drüben herüberkamen. Sie waren mit Wasserschläuchen beladen, und auf dem voranschreitenden saß außerdem ein Mann, dessen Gesicht man noch nicht deutlich erkennen konnte, zumal er die Kapuze seines Haïk sehr weit über die Stirn vorgezogen hatte. Aber als er nähergekommen war, erkannte ich in ihm den braven Brunnen- und Zisternenwächter, der sich meiner so hilfreich angenommen hatte. Zu gleicher Zeit fiel auch ich ihm in die Augen. Da sprang er, ohne seine Kamele anzuhalten, im Laufen von dem seinigen herab, eilte ihnen voraus, auf mich zu und rief, noch ehe er uns erreichte, in freudigem Tone:

»Hamdulillah, daß ich dich sehe! Ich grüße dich! Welche Angst habe ich um euch gehabt! Und wie freue ich mich, daß du noch lebst, und die Andern auch! Ich wollte euch retten! Ich bringe euch Wasser!«

»Du Guter, Lieber, Treuer!« antwortete ich. Und indem ich auf den Mir deutete, fügte ich hinzu: »Dein Herrscher wird es dir danken!«

Er kniete vor dem Mir nieder. Dieser gebot ihm, aufzustehen und sagte:

»Ich habe dich nur für einen kurzen Augenblick gesehen, doch erkenne ich dich wieder. Du saßest im Zisternenhause und kamst sodann heraus. Du hast uns guten Rat gegeben und sollst es nicht bereuen. War es dir denn möglich, deinen Dienst und deine Zisterne zu verlassen, um uns Wasser zu bringen? Hinderte man dich nicht?«

»Nein. Es war ja Niemand da, es mir zu verbieten! Und auch hier ist kein Mensch, der mich dabei erwischen könnte!«

»Kein Mensch?«

»Keiner! Alle, die sich in der ›Stadt der Toten‹ befanden, mußten fort. Niemand durfte bleiben. Es durfte kein Mensch vorhanden sein, dem es möglich gewesen wäre, euch zu sehen und zu sprechen! Kein Einziger, der auf den Gedanken kommen konnte, euch zu retten, euch und alle, die in den sicheren Tod hierhergetrieben werden sollen.«

»Hierhergetrieben? In den sichern Tod? Wer könnte das sein?«

»Das Heer des Dschirbani! Die Ussul und die Tschoban, die durch Gewalt und List gezwungen werden, sich eiligst nach der ›Stadt der Toten‹ zu wenden!«

»Ist das wahr? Woher weißt du es?« fragte der Mir, indem er uns betroffen anschaute.

Wir waren ebenso überrascht wie er, aber keineswegs erschrocken.

»Jedermann weiß es,« antwortete der Wächter. »Die Kunde davon wird absichtlich überall verbreitet, damit Jedermann erfahre, wie groß und kühn und klug der neue Herrscher ist. Der ›Panther‹ hat sich nach Ard gewendet. Die Christen werden aus der Stadt vertrieben; alle Andern halten zu ihm, und wer noch treu – –«

»Mein Weib! Meine Kinder!« wurde er vom Mir unterbrochen. »Ich muß fort von hier, fort, fort!«

Er machte eine Bewegung, als ob er seine Worte schleunigst in die Tat umsetzen wolle, doch der Dschirbani hielt ihn am Arme fest und warnte:

»Wohin? Und etwa allein, ohne uns? Ohne Rat und Ueberlegung?«

»Aber bedenke: Mein Weib – – meine Kinder – –!«

»Maschallaha! Ich soll bedenken! Du aber wohl nicht? Dein Weib und deine Kinder? Steht bei uns etwa nichts auf dem Spiele? Sollen nicht alle vereinigten Ussul und Tschoban, also mein ganzes Heer, hierher in den sicheren Tod getrieben werden? Es handelt sich um das Leben vieler Tausende! Siehst du aber vielleicht, daß ich sogleich davonlaufen will?«

Da schlug der Mir, der in der Selbstüberwindung überhaupt jetzt beinahe Uebermenschliches leistete, beschämt die Augen nieder und wendete sich wieder ruhig an den Wächter:

»Was weißt du noch? Sprich es aus!«

»Der ›Panther‹ wird nur noch einige wenige Tage in Ard bleiben,« sagte der Aufgeforderte. »Dann führt er alle Truppen, die noch daheim sind, zu denen, die gegen Dschinnistan marschieren, und macht dem Kriege gegen den Mir dieses Landes mit einem einzigen gewaltigen Stoß ein schnelles Ende.«

»Weiter!«

»Weiter weiß ich nichts.«

»Und woher weißt du das, was du weißt? Das hat dir der ›Panther‹ doch gewiß nicht selber gesagt!«

»Nein, der nicht. Ich erfuhr es von seinen Soldaten, die er am Brunnen zurückließ, als er mit euch nach der ›Stadt der Toten‹ ritt. Es stießen noch andere Soldaten zu ihnen, die aus andern Richtungen kamen und dazu bestimmt waren, den ganzen Rand der Wüste, die nach hier führt, für Jedermann so lange zu versperren, bis man als sicher annehmen kann, daß ihr verschmachtet seid. Also, es kann Niemand her zu euch, um euch zu retten, kein Mensch. Und die wenigen Leute, die es hier gab, hat der ›Panther‹ mitgenommen, als er die ›Stadt der
Toten‹ mit seinem ›General‹ und seinen fünfzig Reitern wieder verließ.«

»Es ist also Niemand mehr hier, wirklich Niemand?«

»Kein einziger Mensch! Ich weiß das ganz genau, denn ich hatte doch das Wasser abzumessen, zu berechnen und zu liefern für einen Jeden, der sich hier befand. Ich hatte auch die Relais zu legen, durch welche ihr und eure fünfzig Begleiter unterwegs mit Wasser versehen wurdet. Ich wußte, wann und in welcher Reihenfolge sie zurückkehren mußten. Als die Ersten von ihnen eintrafen und man also annahm, daß der Streich gegen den bisherigen Herrscher von Ardistan gelungen sei, wurde ich fortgejagt. Man sagte mir, man brauche mich nicht mehr, ich könne gehen und solle mich aber ja nicht wieder sehen lassen.«

»Man kannte wohl deine Treue gegen mich?«

»Man ahnte sie, und das war genug. Ich ging, aber anders, als man gedacht hatte. Ich schaffte in der Nacht, als es dunkel war, so viel Proviant und Wasser, wie ich zu fassen vermochte, ohne daß man es merkte, mit Hilfe meiner Kamele in der Richtung nach hier in die Wüste und kehrte dann, noch ehe es Tag geworden war, mit ihnen wieder nach dem Brunnen zurück. Als ich mich dann am Morgen mit den sechs unbeladenen Tieren verabschiedete und in gerade entgegengesetzter Richtung von dannen zog, ahnte Niemand, daß ich dann einen Bogen machte, um das, was ich versteckt hatte, wieder aufzunehmen und hierherzuschaffen. Nun aber sehe ich zu meiner Verwunderung und zu meiner Freude, daß ihr frei seid und gar nicht verdursten könnt, weil der Fluß ja Wasser hält. Ein Wunder, welches ich nicht glauben würde, wenn ich es nicht mit meinen eigenen Augen sähe!«

Der Mann hatte treu und klug gehandelt. Der Mir reichte ihm die Hand und sagte:

»Sei getrost! Ich werde dir dennoch Alles so anrechnen, als ob du uns das Leben wirklich gerettet hättest. Du bist also wirklich überzeugt, daß sich außer uns kein Mensch hier befindet?«

»Ja, vollständig überzeugt.«

»Auch dort im Gefängnis Nummer Fünf?«

»Auch dort.«

»So gehen wir aber dennoch hin, um es wenigstens einmal anzusehen.«

Wir taten es. Der Aufseher folgte uns mit seinen Kamelen. Das Tor war verschlossen; wir konnten nicht hinein. Da kletterte Halef über die Mauer und öffnete von innen. Wir gingen hinein. Der Aufseher mußte noch draußen bleiben. Er brauchte unsere Heimlichkeiten nicht zu erfahren. Die Gebäude standen leer. Sie hatten für uns kein Interesse. Unsere Aufmerksamkeit war nur auf den beweglichen Boden gerichtet, der zwischen den beiden Toren lag. Er bestand aus Holzbohlen, die mit Erde bedeckt und dann mit Sand bestreut waren. Im Hofe gab es rechts und links vom Innentore zwei Räder mit den aufgewundenen Enden der Bewegungsseile. Drehte man das eine Rad, so senkte sich der Boden; drehte man das andere, so kam er wieder empor. Das war die ganze Kunst, deren Opfer wir hatten werden sollen. Wir zerschnitten beide Seile, ließen die Innenteile nach unten laufen, so daß sie verschwanden, und gruben die Enden in einen Erdhaufen ein, der in einer Ecke des Hofes lag. Nun blieb das Geheimnis denen, die es nicht kannten, auch ferner verborgen, und die Eingeweihten konnten es nicht mehr in Anwendung bringen. Hierauf riefen wir den treuen Aufseher herein. Er bekam für die jetzige
Zeit seine Wohnung hier angewiesen und hatte sich unausgesetzt für uns bereit zu halten. Für später war ihm eine lohnende Anstellung gewiß.

Weil es der Plan des ›Panther‹ war, die Ussul und die Tschoban nach der ›Stadt der Toten‹ zu treiben, stand uns, falls diese seine Absicht sich verwirklichte, ein Wiedersehen mit diesen unsern Freunden auf das Baldigste bevor. Wo und wie sie aber unterbringen, das war die Frage, die wir uns vorzulegen hatten. Platz war in der großen, weit ausgedehnten Stadt mehr als genug vorhanden, aber es galt, sie mehr zusammenhalten, als zu zerstreuen, und da dachte ich, daß die Zitadelle sich wohl am allerbesten hierzu eigne. Der Mir war bereit, uns sofort hinaufzuführen. Er versicherte uns, daß er dort einen jeden Winkel kenne, und daß wir ihm für dieses Mal Glauben schenken dürften, weil er sich da ganz gewiß nicht irre. Wir nahmen sein Anerbieten an.

Indem wir durch viele vollständig tote Gassen und Gäßchen hinaufstiegen, betrachtete ich Alles, was sich meinen Augen bot, von dem Gesichtspunkte aus, der alle örtlichen und überhaupt alle hiesigen Verhältnisse mit dem einstigen Maha-Lama-See in Beziehung brachte. Der obere Teil der Zitadelle lehnte sich an den festgeschlossenen Felsen- oder vielmehr Bergesring, dessen Inneres der See gebildet hatte. Daß die Felsen und Berge ausgehöhlt worden waren, um alle die Räume zu bilden, die wir nun kannten, hatten wir gesehen. Diese Räume konnten von den am höchsten liegenden Räumen der Zitadelle nur durch Natur-oder künstliche Wände getrennt sein, die keine allzu große Stärke besaßen, und so lag der Gedanke ziemlich nahe, daß höchst wahrscheinlich irgend eine heimliche Verbindung zwischen dem Gebäudekomplex des Maha-Lama-Sees und der Zitadelle vorhanden sei.
Dieser Gedanke war es, der mich nicht verließ, während wir aufwärts stiegen, durch das hohe, weite, flügellose Tor der Zitadelle schritten und uns dann vom Mir durch alle Räume derselben, die er kannte, führen ließen.

Es kann nicht meine Absicht sein, die Festung zu beschreiben, so interessant dies auch wäre. Es genügt, zu sagen, daß sie für das, wozu wir sie unter Umständen brauchten, sich ganz vortrefflich eignete. Aber eine kleine Episode, die mir großen, heimlichen Spaß bereitete, will ich doch nicht übergehen. Sie ereignete sich, als wir uns in demjenigen Teile der Zitadelle befanden, dessen Räume höchst wahrscheinlich die Wohnung des obersten Befehlshabers gebildet hatten. In einem dieser schöngelegenen und hochgebauten Zimmer sah ich etwas, was meine Aufmerksamkeit sofort auf sich zog, obgleich ich nichts davon sagte. Es gab da nämlich in der dem Fenster gegenüberliegenden, aus großen Quadern gebildeten Wand genau so eine Sonne, wie ich von der Türe des sogenannten ›Portier‹- oder ›Verwaltungsraumes‹ beschrieben habe. Ich war sofort überzeugt, daß hier die vermutete Verbindung mit dem Maha-Lama-See gefunden sei.

Von den Fenstern dieser Wohnung aus hatte man einen überaus weiten Blick auf diese Seite der Stadt und ihre Umgebung. Sie lag im vollen Sonnenglanze unter uns. Am hellsten aber glänzten die vielen, vielen Stellen des Flusses, an denen das Wasser zutage getreten war. Erst von hier oben aus erkannte man, wie zahlreich und wie bedeutend diese Lachen waren, welche nicht etwa totstehendes, sondern lebendiges Wasser hatten. Wir standen alle beieinander, schauten hinab und freuten uns über diesen Anblick.

»Wenn das so bliebe!« sagte der Erstgeborene der
Tschoban. »Dann wäre die Wüste der Kultur zurückgewonnen.«

»Es bleibt!« behauptete der Dschirbani in einem so sichern Tone, als ob er es sei, der zu bestimmen habe. Die Augen des Mir aber waren groß geworden, sie schimmerten feucht.

»Weißt du, Effendi, was du vorhin sagtest. Unten am Ende des Kanals?« fragte er mich.

»Welches Wort meinst du?« antwortete ich.

»Du sagtest: ›In Allem, was geschieht, liegt göttliche Berechnung. Vielleicht erfahren wir eher, als wir ahnen, warum dieses Wasser gerade uns und gerade jetzt gesendet wird!‹ Nur kurze Zeit ist vergangen, seitdem du das sagtest, und schon geht es in Erfüllung. Dieses Wasser ist gekommen, um das Heer der Ussul und Tschoban zu retten, welches rettungslos verloren wäre, wenn es nichts zu trinken fände. Die Wege der Vorsehung sind wunderbar! Hattest du keine Angst um deine Truppen, als du den Zisternenwächter sprechen hörtest?«

Diese Frage war an den Dschirbani gerichtet. Er antwortete:

»Nein. Der Scheik der Tschoban ist bei meinem Heere, und in meiner Abwesenheit führt mein vorsichtiger, tapferer Irahd, der Hauptmann der Hukara, den Oberbefehl. Der läßt sich nicht überlisten.«

»Wirklich nicht? Hast du dich nicht auch überlisten lassen?«

»Nein.«

»O doch! Verzeih! Hat dich der ›Panther‹ nicht verleitet, hierher zu gehen?«

Da griff der Dschirbani unter sein Gewand, zog ein zusammengefaltetes Papier aus der Tasche und antwortete lächelnd:

»Ich habe bisher geschwiegen, weil es mir heilig und teuer war; nun aber soll wenigstens der Ssahib es sehen, damit nicht auch er mich für unvorsichtig halte. Ich bekam dieses Papier durch einen Boten, den ich nicht kannte und der sofort wieder verschwand; aber ich kenne die Schrift und das geheime Zeichen des letzten Wortes. Was ich getan habe, habe ich infolge dieser Zeilen getan, aus keinem andern Grunde. Die Folge wird zeigen, daß ich es verantworten kann.«

Er faltete das Papier auseinander und reichte es mir. Ich las:

»Ich grüße dich zum ersten Male mit dieser meiner eigenen Hand und Schrift. Der ›Panther‹ wird dich überlisten wollen, nach der ›Stadt der Toten‹ zu gehen; laß dich nach dort entführen! Der ›Panther‹ wird dann, wenn du fort bist, dein Heer nach der ›Stadt der Toten‹ drängen lassen wollen. Gib deinem Irahd Befehl, sich drängen zu lassen, doch nicht durch die Wüste, sondern den Fluß hinauf. Er wird Wasser finden, den Feind aber fern davon und in Durst zu halten wissen. Dein – – – Vater.«

Ich legte das Papier wieder zusammen, gab es ihm zurück und richtete das, was ich sagte, nicht nur an den Mir, sondern auch an alle Andern:

»Ich erkläre hiermit, daß unser Freund, der Dschirbani, nicht unvorsichtig, sondern klug, sehr klug gehandelt hat. Es steht uns, wie ich da sehe, höchst Wichtiges bevor. Es ist sehr wahrscheinlich, daß die Ussul und Tschoban noch heut kommen. Ich schlage vor, ihnen wenn auch nicht entgegenzureiten, so doch wenigstens den Fluß entlang zu rekognoszieren, und zwar sogleich.«

»Du meinst, daß wir unsere Pferde holen?« fragte der Mir.

»Ja.«

»So müssen wir wieder hinunter zum Fluß und durch den Kanal zurück.«

»Nein.«

»Wohin sonst?«

»Einen viel kürzeren und viel bequemeren Weg, den du uns führen wirst.«

»Ich? Ich weiß keinen!«

»Keinen? Und doch sagtest du vorhin, daß du hier jeden Winkel kennst!«

»Hier? Von hier aus gibt es einen Weg?«

»Ja. Sogar von diesem Zimmer aus.«

»Du sprichst im Rätsel!«

»Ich werde dieses Rätsel sofort lösen, obgleich ich zum ersten Male im Leben an diesem Orte bin. Kommt!«

Indem ich auf den erwähnten Stein zuging, folgten mir die Andern. Gleich die erste Berührung der Sonne zeigte mir, daß sie auch von Metall war und bewegt werden konnte. Ich drehte sie von links nach rechts. Man hörte im Innern der Mauer ein leises, kurzes Schnappen; dann wich der Quader zurück und die Türöffnung wurde frei. Der Raum, der nun vor uns lag, war fensterlos und also dunkel. Jetzt aber fiel das Licht von außen hinein, und da sahen wir, daß er schmal und auch nicht tief war. Er bildete einen sehr kurzen Gang oder Korridor, an dessen Ende sich wieder eine Steintüre befand, in welcher, wie wir zu unserer Befriedigung bemerkten, der Schlüssel steckte. Ich drehte ihn herum. Auch dieser Stein wich zurück, aber nach der Seite, auf der wir uns befanden, so daß wir also schnell zurückspringen mußten, um nicht umgestoßen zu werden. Als die Passage frei war und wir vorwärts gingen, kamen wir in einen durch schmale, schießschartenähnliche Fenster
erleuchteten Raum, den wir an seiner ganz besonderen Einrichtung und Ausstattung sofort erkannten, weil wir ihn schon alle gesehen hatten. Es war nämlich der große Krankensaal im Maha-Lama-Gebäude. Wir brauchten also nur durch dessen vordere Türe, die wir ja kannten, hinauszugehen, so befanden wir uns auf unserer Säulenrotunde und hatten dann nur wenige Schritte zu tun, um zu unsern Pferden zu kommen.

Das war die Episode, die ich erzählen wollte. Halef machte sofort Miene, sie zu einer langen, begeisterten Rede über seine und meine große Klugheit und Findigkeit auszubeuten, ich winkte ihm aber ab, ließ die Gefährten vorantreten und schloß hinter uns dann beide Türen, ebenso auch nachher, als wir auf den Säulengang hinaustraten, die Außentüre des Krankensaales.

Die beiden Prinzen der Ussul wunderten sich nicht wenig, uns von dieser Seite kommen zu sehen, nicht aber von der andern, nach der wir hinausgegangen waren. Sie wurden von Allem, was wir gesehen und erfahren hatten, unterrichtet; dann sattelten und bestiegen wir unsere Pferde und ritten durch die hintere, westliche Türe, welche wir gestern entdeckt hatten, in das Freie hinaus. Den Schlüssel zu ihr steckte ich zu mir.

Ich habe bereits gesagt, daß es hier eine Schutthalde gab, die wir hinunterreiten mußten. Dann machten wir einen Bogen um die Zitadelle herum und hielten auf den südlichen Stadtteil zu, um in dieser Richtung dem Laufe des Flusses zu folgen. Hierbei sagte der Mir, mit dem ich voranritt:

»Wundere dich nicht über mich, wenn ich so still bin, Effendi! Es ist eine schwere, sehr schwere Zeit für mich. Ich werde von dem hohen Punkte, auf dem ich nach meiner Meinung stand, immer tiefer heruntergedrängt
und habe Lehre auf Lehre hinzunehmen, um immer mehr einzusehen, daß – – –«

»Daß du nicht abwärts, sondern aufwärts steigst,« unterbrach ich ihn. »Daß ich wieder einmal eine Türe entdeckte, welche du nicht kanntest, darf dich nicht bedrücken.«

»Oh doch! Alles, was geschieht, geschieht nicht mehr durch mich, sondern durch Andere. Ich fühle mich so unwissend, so unfähig, so überflüssig! Ich habe das Gefühl, daß sich jeder andere Mensch viel, viel besser zum Mir von Ardistan eignet als ich, und das macht mich – – –«

»Gott sei Dank!« rief ich aus, ihn wieder unterbrechend.

»Wofür?« fragte er schnell.

»Dafür, daß du dich für unfähig hältst! Denn das ist für mich ein Beweis, daß du ganz im Gegenteil im höchsten Grade geeignet bist, in Wirklichkeit zu werden, was du bisher nur scheinbar gewesen bist. Gott rüttelt an dir. Halte aus! Deine bisherige Stärke war Schwäche, aber deine jetzige, vermeintliche Schwäche wird dir zur Stärke und zum Ruhme werden. Denke ja nicht, daß du Alles selbst wissen, selbst können und selbst tun mußt! Herrschen heißt lenken, nicht aber Alles selber machen. Laß vor allen Dingen auch den Herrgott für dich denken, sorgen und arbeiten! Er tut es gern!«

Da lächelte er mich dankbar an und rief aus:

»Effendi, das ist wieder einmal so deine eigene Art; ich wollte, es wäre auch die meine!«

»Sie wird es! Glaube das!«

»Aber schwer! Bei mir häuft sich eine Last immer auf die andere. Denke an mein Weib und an meine
Kinder! Sie waren mir gleichgültig, fast innerlich fremd. Euer Weihnacht hat mich mit ihnen vereinigt, und diese Vereinigung ist von Tag zu Tag immer fester geworden. Jetzt liebe ich sie, innig, innig, innig! Und da muß es nun geschehen, daß sie sich vollständig schutzlos in Ard befinden und dieser Bestie, dem ›Panther‹, vollständig preisgegeben sind!«

»Schutzlos? Preisgegeben?« fragte ich. »Hättest du meinen Glauben und mein Vertrauen, so würdest du das nicht sagen! Hast du denn lauter Feinde in Ard? Glaube mir: Die, welche du liebst, stehen in guter Hand! Du wirst es mir wieder sagen. Ich halte es sogar für möglich, daß du sie eher wiedersiehst, als du ahnst, viel, viel eher.«

»Du willst mich trösten, Effendi. Und es ist eigentümlich, daß gerade dein Vertrauen sich so häufig bewährt und deine Hoffnungen oft zur Verwunderung schnell in Erfüllung gehen! Heut muß ich noch aushalten, muß ich noch warten, denn um Mitternacht ist ja die ›Dschemma der Lebenden‹; morgen aber halte ich es nicht länger aus, wenn mir inzwischen nicht eine Nachricht kommt, die mich über Weib und Kind beruhigt! Doch schau, sind das nicht Menschen, da oben?«

Er deutete über die Stadt hinüber nach der Höhe, von welcher wir als Gefangene des ›Panther‹ herabgekommen waren. Dort bewegte sich Etwas. Es war ein Zug von Reitern. Sie saßen zu Pferde und auch zu Kamel. Dieser Zug war noch nicht ganz zu sehen. Er kam langsam hinter einer Felsenkrümmung hervor. Wir blieben alle halten und schauten hinauf. Da erschien eine Sänfte, noch eine und noch eine, und hinterher eine Reihe von Packkamelen, denen weitere Reiter folgten. Die Entfernung von uns bis dort hinauf war bedeutend; dennoch
konnten wir die Form der Sänften ganz deutlich erkennen. Auch sahen wir, daß die erste Sänfte mit wehenden Straußenfedern, die zweite mit rotgefärbten und die dritte mit blaugefärbten Yackhaaren geschmückt war. Da stieß der Mir einen Jubelschrei aus.

»Diese Sänften sind mein, sind unser!« rief er aus. »Sie kommen aus Ard! Mein Weib! Meine Kinder!«

Er gab dem Pferde die Sporen und jagte davon. Wir hinter ihm her. Nicht nach Süd, wohin wir gewollt hatten, sondern nach Ost, durch die Militärstadt, über die Brücke hinüber und dann durch die Zivilstadt der Höhe zu, von welcher die so außerordentlich schnelle Erfüllung meiner Worte herunterkam. Er blieb im Galopp; wir aber mäßigten nach und nach unsere Eile, um ihm Zeit zu der ersten Begrüßung zu lassen. An einem hierzu geeigneten Platze blieben wir halten und warteten.

Es dauerte einige Zeit, bis sie kamen. Er ritt strahlenden Angesichts dem ganzen Zug voran, vor sich den kleinen und hinter sich den größeren Jungen auf dem Pferde sitzend. Der erstere wurde vom Vater festgehalten, der letztere hatte ihm die Arme in den Gürtel gesteckt, um fest zu sitzen und ja nicht herabzufallen. Hinter diesem Bilde des Glückes kamen zwei Personen, die wir sehr gut kannten, nämlich Abd el Fadl und Merhameh, beide zu Pferd reitend. Sie hielten an, um uns herzlich zu begrüßen. Da mußten auch alle Uebrigen halten. In der ersten Sänfte saß die Frau des Mir, in der zweiten das Mädchenpaar. In der dritten hatten die Knaben gesessen; sie war jetzt leer. Als besonderer Beschützer der drei Sänften sahen wir den Schech el Beled von El Hadd mit seinen drei Begleitern. Wir erkannten sie an ihren eng anliegenden Riemengewändern, welche den Eindruck von Ritterrüstungen machten. Ihre Gesichtszüge waren
unsichtbar, weil durch Schleier tief verhüllt. Ich begrüßte sie alle durch Handschlag, der bieder und kräftig erwidert wurde. Die übrigen Leute waren treue Bedienstete des Mir, die von der Herrscherin auserlesen worden waren, sie zu begleiten. Es war ein aufrichtig froher Kuß, mit dem ich beide Hände der Frau berührte. Ihre Augen standen voll Freudentränen. Sie hatte alle, alle andern Sorgen beiseite geschoben und nur um das Leben ihres Mannes, des Vaters ihrer Kinder, gebangt. Der ›Panther‹ hatte mit voller Absicht die Kunde verbreiten lassen, daß der Mir gefangengenommen worden und nach der ›Stadt der Toten‹ geschafft worden sei, um dort, wie viele seiner Opfer, elend zu verschmachten. Als sie das gehört hatte, war sie nicht mehr zu halten gewesen. Es war ihr als heiligste Pflicht erschienen, ihn entweder zu retten oder mit ihm in den Tod zu gehen. Sie hatte mit seinem Leibregiment, der Ussulgarde, zu ihm reiten wollen, war aber auf Zureden Abd el Fadls, des christlichen Oberpriesters und des Schech el Beled von El Hadd so vernünftig gewesen, auf diesen Plan zu verzichten und den Ritt, den sie um keinen Preis aufgeben wollte, in der Weise zu unternehmen, wie wir jetzt sahen. Das Leibregiment war daheimgeblieben, um das Schloß und den Dom auf das Aeußerste gegen die Besitzergreifung durch den ›Panther‹ zu verteidigen. Der alte, gottvertrauende, ebenso mutige wie brave Basch Nasrani, jetzt Oberpriester von ganz Ardistan, hatte aus freien Stücken versprochen, ein wohlbewaffnetes Christenkorps zu bilden, um es gegen den ›Panther‹ zu verwenden, sobald der Mir es befehle. Die Truppen des Aufrührers, welche die Wüste bewachten, damit niemand nach der ›Stadt der Toten‹ könne, hatte man von weitem gesehen, und es war gelungen, des Nachts ganz unbemerkt ihre
Linie zu durchbrechen. Hierbei hatte sich ganz besonders der Schech el Beled von El Hadd sehr brauchbar gezeigt. Die Herrscherin lobte ihn als einen außerordentlich klugen, umsichtigen und sogar kühnen Mann, der nicht nur jeder geistigen Anstrengung, sondern auch jeder Gefahr vollständig gewachsen sei. Als er gehört habe, was geschehen sei und daß sie nach der ›Stadt der Toten‹ wolle, habe er sich ihr sofort als Begleiter und Beschützer angeboten und den berühmten ›Schwur von Dschinnistan‹ getan, auf den man sich in jeder Lage, sogar in Not und Tod verlassen konnte.

»Den Schwur von Dschinnistan?« fragte ich. »Was ist das für ein Schwur?«

»Es ist der Schwur, das Angesicht zu verhüllen und nicht eher wieder sehen zu lassen, als bis das, was man geschworen hat, erreicht worden ist. Es gibt keinen einzigen Bewohner von El Hadd und Dschinnistan, der im Stande wäre, diesen Schwur zu brechen.«

In dieser Weise hatte ich hiervon noch nicht gehört. Sehr wahrscheinlich hing das in irgend einer Beziehung mit dem Brauche zusammen, daß jeder Bürger von Dschinnistan der heimliche Helfer, Behüter und Schutzengel eines Menschen ist, der die Hilfe wohl bemerkt, aber gar nicht ahnt, von wem sie kommt. – Hiermit waren die vorläufigen, kurzen Mitteilungen, welche die Beherrscherin gleich jetzt für nötig hielt, beendet, und der Zug setzte sich wieder in Bewegung.

»Nun – – –?« fragte ich den Mir, als ich mich zu ihm gesellte, um an seiner Seite mit voranzureiten.

»In Erfüllung gegangen! So schnell!« frohlockte er. »Effendi, Effendi, nun bin ich gerüstet für Alles! Du hast recht, sehr recht: Gott hat nicht nötig, mit Unsereinem zu kämpfen; ich komme ganz freiwillig; ich komme ganz von selbst!«

Im Weiterreiten trieb der Schech el Beled von Hadd sein Pferd etwas schneller nach vorn, zu uns heran, und meldete:

»Effendi, als wir da oben über die Höhe des Berges ritten, lag das Tal des Flusses bis weit nach Süd vor unsern Augen, und ich sah eine große Menge von Reitern, die am Ufer aufwärts kommen.«

Nach diesen Worten blieb er wieder zurück, das Weitere nun dem Herrscher und mir überlassend. Das war kurz und bescheiden. Der Mann imponierte mir.

»Das ist das Heer des Dschirbani,« meinte der Mir. »Sage es ihm! Wir wollten ja rekognoszieren. Reitet ihr diesen Leuten entgegen! Ich bringe die Meinigen inzwischen durch die Stadt und durch das hintere Tor nach dem Maha-Lama-Palast. Bitte, gib mir den Schlüssel! Den Ussul und Tschoban aber sagt, daß sie in der Zitadelle wohnen werden. Wasser, Proviant und alles, was sie brauchen, wird ihnen durch die Türen, die wir heut entdeckten, zugetragen. Den Schlüssel brauchst du, wenn ihr zurückgekehrt, nicht; ich lasse offen.«

Es geschah, wie er wünschte. Er ritt mit seiner Familie und allen ihren Begleitern der Brücke zu. Wir aber blieben auf dieser Seite des Flusses, also am linken Ufer, und folgten diesem Ufer, so lange wir uns noch in der Stadt befanden, im Schritt; als wir aber hinaus ins Freie kamen, fielen wir erst in Trab und dann in Galopp, um die, denen wir entgegenritten, so bald wie möglich zu erreichen. – – –

Sechstes Kapitel

Gegenzüge

Am Abend dieses Tages ging es am Maha-Lama-See ganz anders her, als in der früher und auch noch jüngst verflossenen Zeit. Der Herr von Ardistan hatte seine Residenz in der ›Stadt der Toten‹ aufgeschlagen, und diese Stadt sah nun ganz plötzlich so lebendig aus, als ob der Tod für immer aus ihrem Bereich verschwunden sei. Die Herrscherin war mit ihren Kindern in einer Weise untergebracht, die ihrem Range entsprach. Der Mir und wir Andern ebenso. Denn wir sahen uns infolge der Anwesenheit der Truppen verpflichtet, auf die bescheidenen Ansprüche von Flüchtlingen zu verzichten, und auch äußerlich zu zeigen, daß wir innerlich vollständig ungebrochen waren und kein Recht, welches wir irgendwo und irgendwie besaßen, aufgegeben hatten.

Die höheren Ussul und Tschoban wohnten bei uns am See; folglich waren da auch ihre Pferde untergebracht. Alles, was in europäischen Verhältnissen als Hauptquartier, Generalstab, Verproviantierungsamt und mit ähnlichen Ausdrücken zu bezeichnen gewesen wäre, hatte hierher verlegt werden müssen. Das gab nun ein lautes
Fragen und Antworten, Kommen und Gehen, welches keinen Augenblick zur Ruhe kam. Die Vorratskammern standen geöffnet, und während die Anhänger des ›Panther‹ überzeugt waren, daß wir alle dem Tode des Verhungerns und Verschmachtens geweiht seien, gab es bei uns Nahrung die Hülle und Fülle und so viel Wasser, wie wir nur immer brauchten.

Die Truppen waren in der Zitadelle und, da diese nicht ausreichte, in der obern Militärstadt untergebracht. Die Pferde all dieser Leute wurden am Flusse getränkt, dessen Wasser zu unserer Freude nicht etwa fiel, sondern immer höher und höher stieg. Nach Ard und der Wüste hin waren Posten gestellt, welche sich nicht sehen lassen durften und jede etwaige Annäherung zu melden hatten. Diese Posten wurden regelmäßig abgelöst. Wie das so schnell hatte kommen können, und wie so ohne alle Aufregung es angeordnet und ausgeführt worden war, darüber schien sich niemand eine Frage vorzulegen; für den aber, der offene Augen hatte, konnte kein Zweifel darüber obwalten, daß der bescheidene, stille, zurückhaltende Schech el Beled von El Hadd es war, welcher dafür sorgte, daß, um mich eines gewöhnlichen Ausdruckes zu bedienen, die anfängliche Unordnung sehr bald überwunden war und dann alles schnappte und klappte. Das merkte ich selbstverständlich nicht gleich am ersten Abend, sondern später. Als ich dann aber erst einmal entdeckt hatte, wie still ordnend er alle äußeren Dinge überwachte, verfolgte ich seinen Einfluß auch tiefer und kam auch da sehr bald zu der Ueberzeugung, daß er uns an Intelligenz gewiß alle weit überragte und an den Geschehnissen sehr wahrscheinlich größeren Anteil hatte, als er uns merken ließ.

Es hatte einen sehr tiefen Eindruck auf den Mir gemacht, daß alle durch die weißbeschriebenen schwarzen
Zettel bestimmten Beisitzer der ›Dschemma der Lebenden‹ eingetroffen waren, obgleich man das nur schwer für möglich hatte halten können. Er hatte sie zusammenberufen und ihnen mitgeteilt, um was es sich handelte. Sie waren dann mit uns in die beiden Dschemma-Säle gegangen, um die Situation kennen zu lernen. Ihr Verhalten und ihre ganze nachherige Stimmung waren dieser Situation entsprechend, ernst, still, ergriffen. Abd el Fadl, Merhameh und der Schech el Beled sagten gar nichts. Der Scheik der Tschoban sprach dafür um so mehr. Er wollte alles Mögliche wissen, um seiner Pflicht, die ihm sehr am Herzen lag, Genüge leisten zu können. Dabei hatte er wohl keinen Begriff von der eigentlichen, großen Bedeutung der heutigen Mitternacht. Für ihn handelte es sich gewiß nur um ein abergläubisches Schamanenspiel mit den Leichen der Verstorbenen. Aber das sagte er nicht, ebensowenig wie auch alle die Andern Etwas über ihre persönliche, innerliche Meinung verlauten ließen. Doch, mochte ein Jeder denken, was und wie er wollte, in dem Einen stimmten sie gewiß alle überein, nämlich, daß es sich um das Wohl oder Wehe des Mir und seines ganzen Geschlechtes handele, und die Erwartung, was er tun werde, war so gespannt, daß beim Abendessen keiner von ihnen zulangte und nur diejenigen etwas genossen, die an der Dschemma nicht beteiligt waren.

Es war der Befehl erteilt worden, daß genau eine Stunde vor Mitternacht sich Jedermann zur Ruhe gelegt haben müsse. Die Stunden wurden nämlich angesagt, um der Tschoban willen, die fast alle Mohammedaner waren und ihre regelmäßigen Gebete nicht versäumen durften. Es waren dazu Gebetsbretter vorhanden, die allstündlich angeschlagen wurden.

Ich gestehe aufrichtig, daß auch ich mich in sehr ungewöhnlicher Spannung befand. Die Gründe hierzu brauche ich wohl nicht aufzuführen; sie ergeben sich aus den Verhältnissen und Ereignissen ganz von selbst. Als nach europäischer Zeiteinteilung elf Uhr geschlagen wurde, herrschte rundumher die tiefste Ruhe. Eine halbe Stunde später ging ich mit dem Mir nach der Türe des Vorzimmers, aus dem man in die ›Dschemma der Toten‹ kam. Er war nicht unruhig, sondern still und gefaßt. Die Andern hatten sich schon eingestellt und warteten auf uns. Ich öffnete. Wir traten ein und zündeten einige Kerzen an, um uns in den großen Saal der ›Dschemma der Toten‹ zu leuchten. Dort steckten wir die Lichter sämtlicher Kandelaber an und taten dasselbe dann auch draußen in der ›Dschemma der Lebenden‹. Da lagen noch alle Zettel, so daß ein Jeder wußte, wo er seinen Platz zu suchen hatte. Die Sitze waren alle leer. Wir gingen in die ›Dschemma der Toten‹ zurück, wo Abu Schalem und die beiden nächsten Ahnen des Mir saßen, die an unserer Versammlung mit teilzunehmen hatten. Wir alle waren im höchsten Grade wißbegierig, von wem und auf welche Weise sich der Transport dieser drei Leichen ermöglichen lassen werde. Da wurden draußen die Gebetsbretter erst sechsmal und dann zwölfmal angeschlagen, und die halb singende Stimme des Muezzin ertönte:

»Es ist Mitternacht! Die sechste und die zwölfte Stunde für alle Sterblichen. Finsternis auf Erden; Licht über den Sternen. Der Mensch sei gerecht; Gott aber ist barmherzig!«

Sobald diese Stimme verklungen war, konnte Halef, der Lebhafteste und Ungeduldigste von uns allen, sich nicht mehr halten. Er holte tief, tief Atem und sagte:

»Jetzt muß es sich zeigen! Jetzt muß es sich lösen, das große Rätsel des Lebens! Jetzt müßten eigentlich die Toten lebendig werden, wenigstens drei von ihnen, um mit uns – –«

Er wurde unterbrochen. Es geschah etwas vollständig Unerwartetes, etwas geradezu Wunderbares. Nämlich in diesem Augenblicke stand Abu Schalem, der berühmteste, gerechteste und gütigste aller Maha-Lamas, von seinem Sitze auf, öffnete die Lippen und sprach:

»Sie werden lebendig! Finsternis auf Erden; Licht über den Sternen! Ich gehe euch voran. Kommt alle; kommt mit mir!«

Er nahm das große Schuldbuch vom Tisch und kam mit ihm langsam und feierlich die Stufen herabgestiegen. Sein langgeflochtenes, silbernes Haar bewegte sich, wie er die Füße bewegte. Sein Bart, dessen Ende unter dem Tisch verborgen gewesen war, wallte bis auf die Knie herab. Seine großen, weit geöffneten Augen waren auf uns gerichtet und schienen uns mit ihrem Blicke durchdringen zu wollen. So ging er mitten zwischen den andern Maha-Lamas hindurch, die unbeweglich sitzen blieben. So schritt er auch durch die ganze Zahl der angeschuldigten Herrscher von Ardistan. Vor den beiden letzten, dem Vater und dem Großvater des jetzigen Mir, blieb er stehen, hob die Hand und forderte sie auf:

»Ihr kommt mit eurem Sohne!«

»Wir kommen!« antwortete der Großvater und stand auf.

»Wir kommen!« antwortete auch der Vater und stand auf.

Sie nahmen den Mir zwischen sich und folgten dem voranschreitenden Vorsitzenden nach dem Saal der lebenden
Dschemma. Dort stieg Abu Schalem nach seinem hohen Stuhl empor, legte das Schuldbuch auf den Tisch vor sich hin und setzte sich. Der Mir war seinen Voreltern wie im Traume gehorsam gewesen. Er hatte sich von ihnen nach den drei Plätzen der Angeklagten führen lassen und setzte sich zwischen ihnen in einer Weise nieder, als ob er geistig vollständig abwesend sei. Und wir Andern? Wir Richter? Ich kann nur von mir sprechen, und da muß ich gestehen, daß ich mich ganz und gar nicht als Richter fühlte, sondern als ein Mensch, der in Beziehung auf die gegenwärtige Situation und auf seine heutige Aufgabe überhaupt nicht wußte, woran er war. Ich glaube fast, ich wäre in meiner Verblüffung draußen stehen geblieben, wenn Merhameh nicht meinen Arm gefaßt und mir zugeflüstert hätte:

»Willst du dich vergessen, Effendi? Komm, und sammle dich!«

Sie begleitete mich aus dem einen Saale in den andern und ließ mich nicht eher los, als bis ich vor dem Platze stand, auf welchem der Zettel mit meinem Namen lag. Dann begab sie sich zu ihrem Vater. Ich glaube nicht, daß irgend Einer von uns innerlich klarer gewesen ist, als ich es war. Ich hatte zunächst nur den einen Gedanken, daß ich unbedingt erfahren müsse, was es mit der Rückkehr dreier längst Verstorbener zum Leben für ein Bewandtnis habe. Es kostete mich die größte Anstrengung, diesen Gedanken so ganz beiseite zu schieben, daß ich fähig wurde, zunächst doch wenigstens den Anforderungen des Augenblickes gerecht zu werden. Ich nahm mich also zusammen und redete mir ein, den Vorsitzenden als einen Mann betrachten zu müssen, mit dessen gegenwärtigem Verhalten, nicht aber mit dessen längst vergangenem Vorleben ich mich hier zu beschäftigen habe.

Er saß jetzt ganz genau wieder so da, wie er drüben im andern Saale gesessen hatte, vollständig unbeweglich und die Augen unverrückt auf die drei Angeklagten gerichtet. Aber als anzunehmen war, daß die Aufregung, in der wir uns alle befunden hatten, einer wenigstens etwas ruhigen Stimmung gewichen sei, richtete er seinen Blick der Reihe nach auf uns, gab mit der Hand eine Aufforderung zur Aufmerksamkeit und sprach:

»Die Dschemma der Lebenden ist eröffnet! Sie übe Gerechtigkeit; die Gnade sendet uns Gott!«

Hier machte er eine Pause und fuhr dann fort:

»Angeklagt ist Schedid el Ghalabi, der jetzige Mir von Ardistan. Mitangeklagt sind seine beiden Vorväter, mit ihm die drei letzten Herrscher des Reiches Ardistan. Verteidiger ist Abd el Fadl, Fürst von Halihm. Verteidigerin ist Merhameh, Prinzessin von Halihm. So oft ein Mir von Ardistan in diesem Raume Angeklagter war, hat stets ein Abd el Fadl von Halihm und eine Merhameh von Halihm sich seiner angenommen. So auch heut!«

Und wieder machte er eine Pause, sah uns der Reihe nach, so wie wir saßen, prüfend an und sprach dann weiter:

»Und so oft über einen Mir von Ardistan hier ein Gericht versammelt war, hatte sich einer der Richter zu melden, um sich bereit zu erklären, die Anklage zu übernehmen. So frage ich auch heut: Wer von euch will Ankläger sein?«

Es erfolgte keine Antwort. Wir schwiegen alle.

»Ich frage zum zweiten Male,« erklang es aus dem Munde Abu Schalems.

Da stand der Dschirbani auf und sagte:

»Es wird sich Keiner von uns bereit erklären, die
Anklage zu erheben. Ach wir sind Sünder. Nur wer ohne Sünde ist, der klage an!«

Hierauf setzte er sich wieder nieder. Da ging es über das Gesicht des Vorsitzenden wie ein lieber, klarer, warmer Sonnenschein, doch war der Ton seiner Stimme sehr ernst, indem er sagte:

»Wenn sich kein Ankläger findet, löst sich die Dschemma auf, und unser Schicksal bleibt auch ferner unentschieden. Nur dreimal darf ich fragen. So frage ich also nun zum dritten und letzten Male: Wer von euch will Ankläger sein?«

Da stand Einer auf, aber keiner von uns, sondern es war der Mir, er selbst. Er sprach:

»Ich kann nicht dulden, daß mein und Euer Schicksal unentschieden bleibe. Es ist ein Ankläger da, der strengste, den es gibt!«

»Wer?« fragte Abu Schalem.

»Ich, Schedid el Ghalabi, Mir von Ardistan! Ich hoffe, nicht zurückgewiesen zu werden, obgleich ich keiner der geladenen Richter bin. Niemand kennt meine Sünden so gut und so genau wie ich selbst!«

Ein zweiter, fast noch wärmerer Sonnenstrahl ging über das Gesicht des Vorsitzenden. Er antwortete:

»Die Selbstanklage ist Menschheitsideal. Noch keiner von allen, die hier an deiner Stelle saßen, hat das begreifen können. Du bist der Erste. Ich weise dich nicht zurück, sondern ich danke dir. Wessen klagst du dich und deine Vorfahren an?«

»Aller Sünden, die dort in deinem Buche stehen! Aller! Keine ausgenommen!«

»Und forderst Strafe?«

»Ja.«

»Welche?«

»Genau die, welche von dieser unserer Dschemma hier ausgesprochen wird.«

Er setzte sich. Da sprach Abu Schalem:

»Die Anklage ist erhoben. So hört, was hier im Buche steht, vom Anfang bis zum Ende! Ich lese vor.«

Er schlug das Schuldbuch auf. Da erhob der Mir sich schnell wieder von seinem Sitze und protestierte:

»Das ist nicht nötig! Ich spreche jetzt nicht mehr als Ankläger, sondern als Angeklagter. Ich gestehe alles ein, jede Seite, jede Zeile, jedes Wort!«

»Dieses Geständnis reicht nur für dich, nicht für die Andern. Du bist nicht der einzige Angeklagte.«

»Wohl bin ich der einzige! Denn ich erkläre hiermit, daß ich die Sünden meines ganzen Stammes auf mich nehme, auf mich allein!«

Da stützte Abu Schalem seine beiden Hände auf den Tisch, stand langsam, langsam auf, ich möchte fast sagen, Zoll um Zoll, schob den Oberkörper weit vor und fragte:

»Weißt du, was du da sprichst und tust?«

»Ich weiß es!« versicherte der Mir.

»So wiederhole es! Du hast dieses große, schwere, folgenreiche Wort dreimal auszusprechen.«

»Ich erkläre zum zweiten und zum dritten Male, daß ich die Sünden meiner Väter auf mich nehme. Sie seien frei. Ich bin allein der Schuldige!«

»Nicht nur die Sünden, sondern auch die Strafen?«

»Auch die Strafen!«

Da ließ die Spannung im Gesicht und in der Haltung des Vorsitzenden nach. Sein Körper richtete sich wieder gerade auf. Seine Augen leuchteten, und seine Züge glänzten, als ob sie nun direkt im Sonnenscheine lägen. Er rief aus:

»Das ist eine Dschemma, wie es noch nie eine gab!
Ich frage dich noch einmal: Hast du dir wohlüberlegt, was du sagst? Bedenke nur allein die Kriege, das Blutvergießen, der ununterbrochene Menschenmord! Nur hierfür allein gehört vieltausend-, tausendmal die Todesstrafe! Bleibst du dennoch bei deinem Worte?«

»Ich bleibe dabei!«

»So bist du allerdings der einzige Angeklagte. Die andern können gehen!«

Da erhoben Vater und Großvater sich von ihren Sitzen und gingen hinaus, ganz sonder Eile, Schritt um Schritt, ohne ein Wort zu sagen. Der Mir aber selbst blieb stehen, obgleich Abu Schalem sich wieder niedersetzte und dann in frohbewegtem Tone fortfuhr:

»So oft gegen einen Mir von Ardistan an diesem Orte verhandelt wurde, mußte man ihn dreimal fragen, ob er die Sünden seiner Väter auf sich nehmen wollte, doch keiner von ihnen allen besaß den Glauben, die Liebe und den Mut, seine Vorfahren zu entlasten. Schedid el Ghalabi aber, der jetzige Mir, hat nicht gewartet, bis diese Frage ausgesprochen wurde, sondern er ist ihr zuvorgekommen wie ein Mann, ja wie ein Held, der Schweres tragen und noch Schwereres vollbringen kann. Darum soll er auch als Mann und Held behandelt werden, dem wir, seine Richter, Vertrauen schenken. Ich habe ihn zu fragen: Bereust du, was von all den Deinen, die vor dir waren, gegen Gott und Menschen geschehen ist?«

»Ich bereue es!«

Indem der Mir diese Versicherung gab, war ihm anzusehen und auch anzuhören, daß es ihm mit ihr im höchsten Grade ernst war. Abu Schalem fragte weiter:

»Und bist du bereit, es durch all die Deinen, die nach dir kommen, vor Gott und den Menschen zu sühnen?«

»Ich bin bereit!« beteuerte der Gefragte.

»Versprichst du dir selbst und uns, vor allen Dingen und von heute an in der Weise für den Frieden aller deiner Länder und Völker zu wirken, wie deine Ahnen nur immer gegen ihn handelten?«

»Ich verspreche es!«

Da stand der berühmteste, der gerechteste und der gütigste aller Maha-Lamas mit einem schnellen, energischen Rucke wieder auf, erhob die Hand, als ob er segnen wolle, und rief:

»So entlaste ich dich hiermit von aller Schuld und Strafe, die du auf dich genommen hast. Ich lege diese ganze Laft in die Hand des höchsten Richters. Sie falle auf denjenigen von Allen, die nach dir kommen, der gegen das Versprechen handelt, welches du uns hier und heut gegeben hast! Seid ihr einverstanden, ihr Richter, die ihr euch doch auch als ›Sünder‹ bezeichnen ließet?«

Diese Frage galt uns, die wir sofort von unsern Sitzen aufsprangen, um unsere Zustimmung auszudrücken.

»Einverstanden, einverstanden, einverstanden!« rief es aus unser aller Mund. Darauf wendete sich Abu Schalem an Abd el Fadl und Merhameh:

»Hat die Güte oder die Barmherzigkeit noch Etwas zu fragen, zu erwähnen oder hinzuzufügen?«

»Nein, nein!« antworteten sie.

»So ist mein Urteil anerkannt, bestätigt und zum Urteil der Dschemma erhoben! Dieses Schuldbuch sei dein! Nimm es hin, doch vernichte es nicht, sondern hebe es dir und den Deinen heilig auf, damit ein Jeder von ihnen wisse, welch eine ungeheure Last er auf sich nimmt, sobald er gegen dich und dein Versprechen und also gegen Gott und seine Menschheit handelt! Die Mitternacht ist vorüber! Licht nicht nur über den
Sternen, sondern Licht auch hier auf Erden! Nicht nur Gott allein ist barmherzig, sondern auch der Mensch hat es zu sein! Die Dschemma löst sich auf. Ich grüße euch!«

Er nahm das Buch und stieg von seiner Erhöhung herab, ging zwischen uns hindurch bis hin zum Mir, gab es ihm und schritt dann weiter, langsam, feierlich und ohne sich nach uns umzusehn. Wir blieben nicht länger als wohl eine Minute stehen, um uns zu sammeln; dann folgten wir ihm, hinaus in den Saal der ›Dschemma der Toten‹. Dort war es dunkel; die Lichter brannten nicht mehr. Aber von daher, wo es nach dem hochstehenden Sessel Abu Schalems ging, erklang seine Stimme:

»Ihr, die ihr nicht ohne Kerzen sehen könnt, brennt sie euch an!«

Wir taten es, doch reichten einige allein nicht aus, und erst als viele brannten, drang ihr Licht bis zu ihm hinauf. Bei ihrem flackernden Scheine sah es ganz so aus, als ob er sich erst noch rühre, dann aber saß er still, so still und unbeweglich, wie er stets gesessen hatte. Wir Andern hätten wohl gern eine nähere Untersuchung seines Körpers veranstaltet, doch hielt uns eine leicht begreifliche Scheu davon zurück. Aber der Mir, um den es sich hier in Allem handelte und der zu so einem Schritte gewiß berechtigter war als wir, betastete seinen Vater und seinen Großvater, die genau wie vorher auf ihren Plätzen saßen, sehr sorgfältig, versuchte, ihre Hände und Arme zu bewegen, und sagte dann:

»Sie sind tot, vollständig tot, auch wieder kühl, fast kalt! Aber als sie neben mir saßen, fühlte ich ganz deutlich ihre Wärme!«

Hierauf stieg er zu Abu Schalem empor, um dasselbe auch bei ihm zu tun. Es führte auch zu demselben Resultate.

»Auch tot! Ganz ohne jede Spur von Leben!« berichtete er. »So, wie er jetzt dasitzt, kann er es unmöglich sein, der die Dschemma geleitet und so wohlüberlegte, tiefsinnige Worte gesprochen hat. Das ist ganz unmöglich!«

»Und doch ist er es gewesen!« behauptete der Scheik der Tschoban. »Ich sah es ganz deutlich, wie er dort, wo du jetzt bei ihm stehst, hinaufkam und sich langsam niedersetzte. Er ist lebendig gewesen und nun wieder tot! Ich weiß es genau. Ich kann es bezeugen!«

In diesem Augenblick wurde draußen die Stunde angeschlagen, und der Muezzin rief mit halb singender Stimme:

»Nach Mitternacht! Die siebente und die erste Stunde für alle Sterblichen. Qual auf der Erde; Seligkeit nur im Himmel. Der Mensch sucht Trost bei der Hoffnung; aber erfüllen kann nur Gott allein!«

Da stieg der Mir wieder von der Erhöhung herab und griff nach dem einstweilen weggelegten Schuldbuche, um es mitzunehmen. Wir löschten die Lichter aus und entfernten uns. Es war zwischen unserm Kommen und Gehen genau eine Stunde verstrichen. Wir alle waren still. Keiner sagte ein Wort. Kaum, daß wir uns ›Gute Nacht‹ wünschten, als wir auseinandergingen. Und als wir in die geräumige und wohlausgestattete Stube kamen, in der ich mit Halef wohnte, bat mich dieser, ohne daß ich ihm Veranlassung dazu gegeben hatte:

»Schweig, Sihdi, schweig! Rede nicht! Es klingt etwas in mir. Das ist kein Lied, sondern eine Predigt; die darf ich mir nicht unterbrechen, nicht stören lassen. Es ist wahr: Mitternacht ist vorüber, wirklich vorüber! Ja, es wird Tag; es wird Tag!«

Ich legte mich nieder, ohne ihm zu antworten. Auch
in mir erklangen Stimmen. Ich hörte sie noch lange, lange, und lauschte ihnen, bis der Schlaf sie mir oder, vielleicht richtiger, mich ihnen entzog.

Am andern Morgen wurde ich mit Halef eingeladen, das Frühstück bei dem Mir und seiner Familie einzunehmen. Auch der Dschirbani war geladen. Er kam. Sodann, als diese Frühmahlzeit vorüber war, stellte sich der Schech el Beled von El Hadd ein, der uns bat, ihn auf die Spitze des Tempels zu begleiten; er habe uns etwas sehr Wichtiges zu zeigen. Wir fragten ihn, was es sei, wurden aber von ihm ersucht, die Auskunft, welche wir wünschten, uns mit den Augen zu holen; eine Ueberraschung wie die, welche uns bevorstehe, kündige man nicht durch vorauseilende Worte an. So begaben wir uns also mit ihm nach dem Dome und stiegen den Spiralweg im Innern desselben hinauf. Als wir den Türstein aus der Oeffnung stießen, um auf die freie Platte hinauszutreten, flutete uns ein warmes, goldenes Morgenlicht entgegen und die ›Stadt der Toten‹ lag in einem lebendig wogenden und lebendig atmenden Glanze zu unseren Füßen, als ob ihr von dem Herrn über Leben und Sterben, der alle Sonnen und alle Strahlen lenkt, erlaubt worden sei, heut Auferstehung zu feiern.

Der Schech el Beled hatte, wie jetzt immer, sein Gesicht mit dem Schleier verhüllt. Wir sahen es nicht; wir hörten nur seine Stimme. Er deutete zunächst nach dem Fluß hinab, den man von hier oben aus sehen konnte, und sagte:

»Seht zunächst, daß das Wasser kommt! Der Strom kehrt zurück. Es naht vielleicht die uns verheißene Zeit, in welcher der Herrgott wieder nach Ardistan kommt, um mit eigenem Munde das Heil zu verkünden. Das Wasser beginnt schon, zusammenhängend zu fließen.«

Wir sahen zu unserer Freude, daß dies richtig war. Die vereinzelten Tümpel hatten Zusammenhang gefunden. Sie flossen in einander über und bildeten einen zusammenhängenden Wasserlauf von der Breite eines ansehnlichen Baches, der wie ein vielgewundenes, schimmerndes Band dem Laufe des trockenen Strombettes folgte.

Dann deutete der Schech mit der Hand nach Nordwest und fragte:

»Und wer kommt dort?«

Indem wir unsere Blicke nach dieser Richtung wendeten, sahen wir einen zweiten Bach, der noch heller schimmerte, fast wie von goldenen Blitzen durchzucktes Silber, und sich auch in zahlreichen Windungen bewegte, aber von den jäh abfallenden Felsenhöhen in das tiefe Tal herab. Es konnte also kein Wasser sein, denn das hätte wohl stürmische Kaskaden, nicht aber so ruhige Windungen gebildet, und es wäre kontinuierlich geflossen, während wir aber sahen, daß dieses bewegliche, glänzende Band zuweilen unterbrochen wurde und dunkle Lücken bekam.

»Das sind Menschen!« sagte Halef.

»Und zwar Reiter!« fügte der Dschirbani hinzu. »Sie kommen in Trupps, in einzelnen Abteilungen, die in regelmäßiger Marschordnung aufeinander folgen. Aber lauter Schimmel! Kein einziges dunkles Pferd ist dabei!«

»Ja, lauter Schimmel,« bestätigte Halef. »Auch die Reiter sind weiß, ganz weiß. Jedoch mit funkelnden Helmen, wie es scheint.«

»Und mit Lanzen bewaffnet, an deren Spitzen sich die Morgensonne bricht.«

»Man hat mir gesagt, daß die Heerscharen des Mir von Dschinnistan so blütenweiße Pferde und so helle Mäntel haben. Ob das wohl so ist?«

Da erklärte der Schech el Beled:

»Die ihr da kommen seht, sind die Lanzenreiter von El Hadd.«

»Also die deinigen?« fragte der Mir, indem er sich schnell zu ihm herumdrehte.

»Ja,« antwortete der Schech.

»Und wie kommen die nach Ardistan, nach der ›Stadt der Toten‹, von der doch ein Jeder weiß, daß da kein einzelner Mensch genug Wasser für sich findet, viel weniger ein ganzes Heer?«

»Es geschieht auf meinen Befehl. Ich wußte, daß das Wasser kommen werde.«

»Auf deinen Befehl? Ich denke, hier habe nur ich zu befehlen!« Das klang in etwas scharfem Tone. »Dürfen deine Truppen die Grenze von Ardistan ohne meine Erlaubnis überschreiten?«

»Ich hoffe es, denn es geschah zu deinem Heile,« antwortete der Schech el Beled ruhig.

»Zu meinem Heile? Wieso?«

»Ich hörte von der Empörung gegen dich. Ja, man forderte mich sogar auf, mich den Verschwörern anzuschließen. Da reiste ich nach Ardistan zu dir und befahl meinen Truppen, mir, wenn ich keinen Gegenbefehl erteile, an einem bestimmten Tage zu folgen. Da sind sie nun. Ich stelle sie dir zur Verfügung gegen den ›Panther‹ und Alle, die von dir abgefallen sind. Brauchst du sie nicht, so bedarf es nur eines Winkes, und sie kehren sofort wieder um.«

Das klang so einfach, so bescheiden, so ehrlich! Der Mir sah ein, daß seine Aufwallung unter den gegenwärtigen Verhältnissen nicht nur eine unberechtigte, sondern sogar eine lächerliche gewesen war. Er antwortete in einem ganz andern, sogleich herzlichen Tone:

»O nein! Umkehren sollen sie nicht! Sie sind mir sehr, sehr willkommen. Gegen alles Erwarten ist ja nun Wasser genug für sie vorhanden, und zu essen finden sie auch, so viel sie nur immer brauchen; es wird ihnen gern gegeben!«

Diese letztere Versicherung klang etwas eigen. Der Schech el Beled brauchte das Lächeln, welches ganz gewiß dabei seine Lippen umspielte, nicht zu unterdrücken, weil der Schleier es verbarg. Indem ich dieses dachte, sah ich ihn an, nur für einen kurzen Augenblick; aber als ich dann wieder nach der Richtung schaute, in welcher sich die Lanzenreiter befunden hatten, waren sie verschwunden, man sah sie nicht mehr.

»Sie sind weg! So plötzlich! Wohin?« fragte der Dschirbani. »Können sich so viele Menschen so schnell verstecken? Eine so lange Linie von Reiterei? Das ist doch unmöglich!«

»Sie sind noch genau da, wo sie waren,« antwortete der Schech; »aber sie haben sich unsichtbar gemacht.«

»Wodurch?«

»Durch ihre weiten Mäntel, die zwar außen hell, innen aber dunkel sind.«

»Hatten sie einen Grund dazu?«

»Jedenfalls. Wahrscheinlich haben sie Etwas gesehen, was ihnen verdächtig vorkommt.«

»Was mag das sein? Uns und unsere Truppen in der ›Stadt der Toten‹ zu entdecken, ist ihnen noch nicht möglich, denn der Blick nach der Stadt wird ihnen durch den dazwischenliegenden Höhenzug verwehrt. Das, was sie zur Vorsicht mahnt, muß sich also außerhalb der Stadt befinden, und zwar in der Richtung, nach welcher sie während ihres Rittes schauten.«

»Also Ost,« sagte Halef. »Sollte Jemand von der
Hauptstadt und vom Brunnen her unterwegs sein? Der würde auch von unsern Posten bemerkt, welche, fünfzig Mann stark, da oben auf der Höhe liegen, von der wir bei unserer Ankunft herabgeritten sind. Ich denke – – – Maschallah! Da, schau, Sihdi. Habe ich nicht Recht? Da kommt Einer von ihnen! Und zwar trotz des steilen Weges im schnellsten Gang! Also unsere Posten haben dasselbe bemerkt, was die Lanzenreiter gesehen haben! Sie schicken uns diesen Boten, es uns zu melden. Er hat Eile. Man muß ihm also entgegenreiten, denn es scheint keine Zeit zu verlieren zu sein.«

Wir Andern waren derselben Ansicht. Ehe der Bote von da drüben herüberkam und uns erfragte, konnte über eine halbe Stunde vergehen. Darum stieg ich, weil wir die beiden schnellsten Pferde hatten, mit Halef rasch von unserm hohen Aussichtspunkte hinunter, und schon nach drei oder vier Minuten ritten wir zum hintern Ausgang hinaus, durch den Militärstadtteil, über die Brücke und dann durch den jenseitigen Teil der einstigen Residenz, bis wir auf den Mann trafen, der uns entgegenkam. Er meldete uns, daß von Osten, also aus der Richtung der Hauptstadt Ard, sich ein Reitertrupp auf Pferden und Kamelen der ›Stadt der Toten‹ nähere. Wie viel Personen es seien, könne er nicht berichten. Er habe nicht warten können, bis man das zu unterscheiden vermochte, weil augenblickliche Benachrichtigung befohlen worden sei. Ich beorderte ihn, weiterzureiten und die Meldung auch dem Mir zu machen, sagte ihm, wo dieser zu finden sei, und setzte dann mit Halef unsern bisherigen Weg in derselben Richtung fort.

Als wir oben auf der Höhe ankamen, bot sich uns ein weiter Ausblick gegen Morgen. Wir sahen sofort den Reitertrupp, dessen einzelne Personen nun zu unterscheiden
waren. Er bestand aus zehn Personen zu Pferde und dreien, die einen Zug von Kamelen leiteten, welche mit Wasserschläuchen beladen waren. Unser Posten war ihnen also an Zahl weit überlegen. Er setzte sich zur einen Hälfte aus Ussul, zur andern aus Tschoban zusammen und steckte hinter den Mauern eines geräumigen Gebäudes, zu dem vor Jahrtausenden die Bewohner der Residenz hinaufgestiegen waren, um die herrliche Aussicht zu genießen. Wir gesellten uns ihnen bei.

Als die Nahenden so weit herangekommen waren, daß wir ihre Gesichtszüge sehen konnten, erkannte ich in ihrem voranreitenden Anführer den vom ›Panther‹ zum Oberst beförderten Major, der zu mir und dem Brunnenwärter in das Zisternenhaus gekommen war und dann dem Mir die lange, aufrichtige Rede gehalten hatte. Er war dann der Kommandeur der Schar gewesen, die uns nach der ›Stadt der Toten‹ gebracht hatte. Was wollte er wieder hier? Als er die Stelle erreichte, wo wir hinter dem Gemäuer auf ihn warteten, ging ich hinaus zu ihm. Die Andern blieben einstweilen noch versteckt.

»Maschallah!« rief er erstaunt, als er mich erblickte. Er hielt sein Pferd an und fügte hinzu: »Das ist ja der Fremde aus Dschermanistan! Du hast doch da unten im Gefängnis Nummer Fünf zu stecken! Wie kommst du hierher?«

»Zu Pferde,« antwortete ich.

»Zu Pferde? Wo hast du das Pferd?«

»Da drin!«

Ich deutete bei diesen Worten auf das Gebäude.

»Hole es heraus! Ich arretiere dich! Ich muß dich wieder hinunterschaffen. Du hast mir zu zeigen, wie du entwichen bist. Wo sind die Andern?«

»Die sind noch unten.«

»Alle?«

»Ja, alle, außer Hadschi Halef. Der ist mit hier oben.«

»Wo? Ich sehe ihn nicht!«

»Er ist mit da drin bei den Pferden.«

»So muß er auch mit heraus und hinunter. Vor allen Dingen: Ist der Mir noch unten?«

»Ja.«

»Die beiden Prinzen der Ussul?«

»Ja.«

»Habt ihr den Dschirbani und den ältesten Prinzen der Tschoban im Kanal getroffen?«

»Ja.«

»Leben sie noch?«

»Sie sind noch nicht ganz tot.«

»Wie konnte es geschehen, daß du mit deinem Halef entkamst?«

»Wir fanden ein Loch und krochen hindurch.«

»Dieses Loch hast du mir zu zeigen. Es wird zugemauert! Als es euch gelungen war, zu entkommen, seid ihr durch die Stadt geritten?«

»Ja.«

»Habt ihr da vielleicht Menschen gesehen?«

»Sogar sehr viele.«

»Wen?«

»Die Ussul und die Tschoban.«

»Das ganze Heer der Dschirbani?«

»Das ganze Heer. Es fehlte kein Einziger.«

»Das ist gut, sehr gut. Sie stecken also alle in der Falle, alle, alle!«

Diese Worte sagte er, zu seinen Leuten gewendet, von denen auch die letzten, nämlich die mit den Kamelen, nun herangekommen waren. Dann wendete er sich mir wieder zu und fragte:

»Hast du noch mehr Leute gesehen? Etwa Frauen?«

»Ja, Frauen.«

»Welche?«

»Die Frau des Mir und ihre Dienerinnen.«

»Also doch! Etwa auch Merhameh, die Prinzessin von Halihm?«

»Auch sie.«

»Und ihren Vater?«

»Ja.«

»Weißt du, wo diese Beiden sich jetzt befinden?«

»Ja.«

»So sage es! Also wo?«

Ich war mit Absicht nicht nahe zu ihm hingegangen, sondern so weit von ihm stehen geblieben, daß er gezwungen war, seine Stimme zu erheben. Ich wollte, daß auch Halef und die Wache hörten, was er sagte. Das war geschehen, und so kam der kleine Hadschi heraus und antwortete an meiner Stelle:

»Du willst Major gewesen und jetzt sogar Oberst geworden sein und kannst nicht schärfer denken und keine geordneten Fragen stellen? Schäme dich! Wenn wir Beide frei sind, müssen doch auch die Andern frei sein!«

»Der Effendi sagte doch, sie seien noch unten!«

»Ja, unten in der Stadt, aber doch nicht mehr unten im Kanal! Und du willst uns wieder einsperren und hörst doch, daß das ganze Heer der Dschirbani vorhanden ist!«

»Aber jedenfalls schon dreiviertel verhungert oder verdurstet!« verteidigte sich der Offizier.

»Selbst wenn dies der Fall wäre, würdest du doch wohl nicht so schalten und walten können, wie es dir beliebt. Du bist ein Schaf, ein großes, dummes Schaf, und rennst dem Fleischer geraden Weges in die Hände.
Ich will dir zeigen, wie verhungert und verdurstet die Ussul und Tschoban schon sind. Paß auf!«

Er gab einen Wink. Da kamen die Genannten auf ihren Pferden heraus und beeilten sich, die paar Männer mit samt ihren Pferden und Kamelen zu umringen. Der Oberst griff nach seinem Säbel. Da warnte ihn Halef:

»Laß ihn stecken! Du bist unser Gefangener. Sobald du dich wehrst, wirst du erschossen! Ich sage dich, es ist kein Spaß, in die Hände des obersten Scheikes der Haddedihn zu fallen! Gebt eure Waffen her! Und zwar schnell! Sonst helfen wir nach!«

Die Andern gehorchten ohne Widerstreben; sie sahen, daß sie die Uebermacht gegen sich hatten. Dem Offizier aber kam es vor allen Dingen auf seine Ehre an. Er zog trotz Halefs Drohung blank, ließ sein Pferd vorn steigen und holte aus, um sich durchzuschlagen. Doch während er nach der einen Seite den Säbel hob, sprang ich von der andern zu ihm heran und riß ihn aus dem Sattel herab. Er stürzte zur Erde, und ehe er wieder aufspringen konnte, war er entwaffnet.

»Allah will es nicht, daß ich euch entkomme,« rief er aus. »Aber ihr werdet es bereuen! Und du, Effendi, du wirst mir bezeugen, daß ich mich euch nicht ohne Kampf ergeben wollte!«

»Das werde ich tun, und zwar gern,« antwortete ich. »Du hast deiner Pflicht und deiner Ehre genügt und kannst offenen Auges vor den Herrscher treten.«

»Welchen Herrscher meinst du?« erkundigte er sich.

»Den Mir natürlich.«

»Den Mir? Es gibt nur einen einzigen Mir, nämlich den neuen!«

»Du irrst. Es gibt nur einen einzigen Mir, nämlich den alten, vor den wir dich bringen werden.«

»Zu dem will ich nicht!«

»Zu wem sonst?«

»Zu Abd el Fadl, dem Fürsten von Halihm.«

»Wirst du zu ihm gesendet?«

»Ja.«

»Von wem?«

»Vom neuen Mir von Ardistan.«

»Den gibt es nicht. Du meinst jedenfalls den zweitgeborenen Prinzen der Tschoban den man den ›Panther‹ zu nennen pflegt. Wo befindet er sich jetzt?«

»Ich bin nicht beauftragt, es dir zu sagen!«

»So wirst du es einem Andern sagen! Ich habe dich als einen ehrenwerten, mutigen Mann kennen gelernt; aber neben dem Mute hat auch die Vernunft zu walten. Eure Pläne waren unvernünftig, und der Panther handelt geradezu verrückt! Hattet ihr in Ardistan keinen andern, bessern Ersatz für den bisherigen Mir als nur diesen fremden, leidenschaftlichen, unerfahrenen Knaben? Konntet ihr diesem Undankbarsten aller Undankbaren euer Vertrauen schenken, nachdem er das Vertrauen des Mir so gewissenlos betrogen hatte – – –?«

»Uns wird er nicht betrügen!« unterbrach mich der Oberst.

»Er hat euch schon betrogen!«

»Wieso?«

»Das sollst du bald erfahren. Jedes Volk ist den Herrscher wert, den es hat. Wenn euer Mir euch nicht gefiel, so kannst du sicher sein, daß auch ihr ihm nicht gefallen habt. Es wäre jedenfalls vorteilhafter gewesen, euch einander zu nähern, euch einander zu erziehen, euch einander zu bessern, als ihn vom Throne stoßen und euer Schicksal in die Hand des ›Panthers‹ legen zu wollen!«

Er lachte ungläubig auf und sagte:

»Der Mir wäre nie zu bessern und nie zu erziehen gewesen!«

»Leichter als du und leichter als ihr alle! Du hast ihn erst noch kennen zu lernen. Ihr alle kanntet ihn nicht. Ich bringe dich zu ihm.«

»Aber ich will doch nicht zu ihm!«

»Wohin du willst, ist gleichgültig. Er ist oberster Kommandeur der ›Stadt der Toten‹, und ich bin verpflichtet, dich nur ihm, keinem Andern auszuliefern.«

»Oberster Kommandeur! Der Stadt der Toten!« lachte der Offizier wieder, diesesmal aber fast höhnisch. »Der Titel klingt zwar schön, aber das Wasser fehlt, und es ist wohl kein Vergnügen, der Befehlshaber von nur Toten oder Sterbenden zu sein! Uebrigens habe ich das Wasser, welches sich hier in unsern Schläuchen befindet, nur dem Fürsten von Halihm abzuliefern. Hoffentlich hindert man mich nicht, dies zu tun!«

»Wer sollte dich hindern wollen?«

»Ihr Alle, die ihr vor Durst am Verschmachten seid!«

Da rief Halef aus:

»Du bist wirklich ein Schaf, ein sehr, sehr großes Schaf! Schau uns doch an! Sehe ich etwa verdurstet aus? Und betrachte diese dicken, runden Urgäule der Ussul! Wer da vom Verschmachten reden kann, der ist schon selbst verschmachtet, und zwar da oben im Gehirn! Da helfen keine Worte; da nützt nur die Tat! Effendi, ich schlage vor, unsern Rückzug anzutreten. Wieviel Begleitung nehmen wir mit?«

»Begleitung?« fragte ich. »Wozu?«

»Diese Gefangenen zu transportieren.«

»Pah! Die reißen uns nicht aus! Die Waffen, die
wir ihnen abgenommen haben, bleiben einstweilen hier. Bring unsere beiden Pferde; das genügt!«

Unsere Rappen waren im Gemäuer stehengeblieben. Halef holte sie. Wir stiegen auf, nahmen den Oberst in die Mitte und ritten fort. Seine Leute folgten uns mit ihren Pferden und Kamelen, ohne sich zu weigern. Sie waren müd und willenlos; ihm aber durften wir noch nicht ganz trauen, wenigstens so lange nicht, als er an dem Vorurteil festhielt, daß es mit uns schlecht stehe. Dies währte aber nur wenige Schritte, bis wir den Rand der Höhe erreichten und nun die Stadt vor unsern Augen lag. Da sah er den Fluß, und er sah auch die Menschen, die sich in den Straßen und Gassen bewegten.

»Allah beschütze mich!« rief er aus, indem er sein Pferd anhielt. »Das ist ja Wasser!«

Wir hielten mit an, sagten aber nichts. Nach einer Weile fuhr er halblaut, wie zu sich selbst, fort:

»Wasser – – viel, viel Wasser – – –!«

Auch jetzt antworteten wir nicht. Er strich sich mit der Hand einige Male über die Stirn, als ob er seine Gedanken ordnen müsse, und wendete sich dann an mich:

»Sag, Effendi, ist das auch wirklich Wasser? Wahres, richtiges Wasser?«

»Ja, wirkliches!« antwortete ich.

»So muß ich es glauben. Ich wollte meinen Augen nicht trauen. Aber wenn das wirkliches Wasser ist, so sind ja alle unsere Berechnungen, die wir auf die ›Stadt der Toten‹ stützten, zu schanden!«

»Das sind sie allerdings.«

»Ihr habt Wasser, mehr Wasser als genug, und könnt also nicht verdursten. Aber der Hunger muß euch töten!«

»Auch dieser nicht, denn auch da haben wir mehr, als wir brauchen.«

»Wo?«

»Das wirst du bald sehen. Komm!«

Wir ritten weiter, den Berg hinab, durch den östlichen Stadtteil, über die Brücke und dann durch die Militärstadt, bis wir durch den westlichen Ein- und Ausgang das Innere des Platzes am Maha-Lama-See erreichten. Da wurden wir bereits erwartet. Man hatte unsern Ritt mit den Augen verfolgt, und nun stand der Mir mit all den Andern hier, um zu sehen, wer es war, den wir da brachten. Noch ehe wir bei ihm anhielten, erkannte er den Offizier.

»Allah, Wallah, Tallah!« rief er verwundert aus. »Unser Wohltäter! Der uns hierherbrachte, damit wir verschmachten sollten! Der es so gut mit uns meinte! Wir haben ihm viel, sehr viel zu verdanken! Und wir werden dankbar sein – – – gewiß, gewiß – – – sehr dankbar!«

Der arme Teufel befand sich in größter Verlegenheit. Er starrte zu Boden und wagte nicht, die Augen wieder aufzuschlagen. Der Ton, in dem der Mir gesprochen hatte, war ironisch gewesen; jetzt aber klang er streng und befehlend, als der Herrscher fragte:

»Was sollst du hier?«

»Ich bin zu Abd el Fadl geschickt, dem Herrscher von Halihm.«

»Von wem?«

»Vom – – – vom – – – vom Mir.«

»Vom Mir! Du wagst es, diesen Lügner und Verräter in meiner Gegenwart so zu nennen?«

Der Gefragte antwortete nicht. Da fragte der Mir weiter:

»Was sollst du bei Abd el Fadl?«

»Ihm ein Schreiben übergeben.«

»Und was noch?«

»Ihn und seine Tochter Merhameh nach der Hauptstadt geleiten.«

»Diese Beiden allein? Keinen andern Menschen dabei?«

»Ja.«

»Ah! Sie sollten gerettet werden! Aber nur sie allein?«

»Ja.«

»Du solltest also suchen, sie heimlich zu treffen?«

»Ja.«

»Kennst du den Inhalt dieses Briefes?«

»Seinen Wortlaut nicht; aber was er enthält, das weiß ich.«

»Gib ihn her!«

Der Mir streckte die Hand aus. Der Offizier schüttelte den Kopf und sagte:

»Verzeih! Das tue ich nicht. Ich habe den Brief an Abd el Fadl abzugeben, und wenn ich das nicht darf, so bringe ich ihn dem zurück, der ihn geschrieben hat.«

»Ich kann dich sofort erschießen lassen, wenn du dich weigerst!«

»Tue es! Ich habe dem neuen Mir von Ardistan meine Treue zugesagt, und so lange du mir nicht bewiesen hast, daß er ein Lügner und Betrüger ist, werde ich ihm gehorchen!«

Da trat der Mir nahe zu ihm heran, legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte:

»Das habe ich erwartet. Wehe dir, wenn du dich anders verhalten hättest. Da steht Abd el Fadl mit seiner Tochter. Gib ihm den Brief!«

Der Offizier führte diesen Befehl aus. Abd el Fadl nahm den Brief, öffnete ihn aber nicht, sondern gab ihn dem Mir und sagte:

»Lies du ihn! Es gibt nichts, was ich dir zu verbergen habe.«

Man sah dem Briefe an, daß er nicht in der Hauptstadt, sondern unterwegs geschrieben war, auf zerknittertes, vielleicht gar beschmutztes Papier, wie es jeder Offizier in seiner Satteltasche bei sich führt. Der Mir brach ihn auf und las. Er las ihn noch einmal und gab ihn dann dem Fürsten von Halihm zurück. Dieser überflog ihn schnell und las ihn dann laut vor, so daß wir alle es hörten. Der ›Panther‹ erinnerte Abd el Fadl an jene letzte Szene an der Landenge von Chatar, wo er erklärt habe, daß er Merhameh als seine Braut betrachte. Er forderte sie jetzt zur Frau. Es gebe keinen Grund, sie ihm zu verweigern. Er sei jetzt Mir von Ardistan und stehe Abd el Fadl nicht nur am Range gleich, sondern sogar hoch über ihm. Abd el Fadl könne sich und seine Tochter vom Tode des Verschmachtens retten, indem er sein Jawort auf den unbenutzten Teil dieses Briefes schreibe und dem Ueberbringer desselben heimlich aus der ›Stadt der Toten‹ in die Freiheit folge.

»Du wußtest also, was jetzt vorgelesen worden ist?« fragte ich den Offizier.

»Ja,« antwortete er.

»Und hättest es ausgeführt?«

Der Gefragte nickte. Da es mir darauf ankam, ihn so schnell wie möglich für uns zu gewinnen, zögerte ich nicht, mich zu erkundigen:

»Hast du denn das Abkommen, welches der ›Panther‹ mit euerm Basch Islami getroffen hat, nicht gekannt?«

»Welches Abkommen? Ich kenne es heut noch nicht,« antwortete er.

»Der Basch Islami hat den ›Panther‹ zum Mir von Ardistan zu machen, und der ›Panther‹ hat, sobald
er es geworden ist, der Schwiegersohn des Basch Islami zu werden; dann regieren beide.«

Da sah der Offizier erst mich und dann auch die Andern groß an.

»Wenn – – wenn – – – wenn das wahr wäre,« sagte er, vor Schreck fast stammelnd, »dann – – – dann – – –«

»Es ist wahr,« versicherte ich, als er hier innehielt.

»Es ist wahr!« versicherte auch der Mir.

»Es ist wahr; es ist wahr!« versicherten auch die Andern.

»Verzeiht!« rief der Ueberraschte. »Es genügt mir, wenn es nur Einer sagt, nämlich dieser da!«

Indem er dies sagte, zeigte er auf mich und fuhr dann, zu mir gewendet, fort:

»Effendi, weißt du ganz gewiß, daß es so ist, wie du sagst?«

»Ganz gewiß!« antwortete ich. »Ich war dabei, als der ›Panther‹ mit der Tochter des Basch Islami sprach. Und noch Eines will ich dir sagen: Der Basch Islami hat mir in meiner eigenen Wohnung in Ard mitgeteilt, daß der Mir von Ardistan abgesetzt werden soll. Der Mir befand sich ungesehen dabei. Er hörte diese Worte. Er konnte den Basch Islami sofort ergreifen, ließ ihn aber entkommen, weil ich ihn darum bat.«

»Ist das wahr?« fragte der Offizier, indem er den Mir mit großen Augen wie fremd anschaute.

»Es ist wahr,« nickte dieser. »Ich hörte Alles, was der Basch Islami sagte, und erlaubte ihm aber, zu fliehen.«

»Dann – – – dann – – – dann bist du – –«

Er sprach nicht weiter, sondern er eilte hin zu dem Mir, der wieder von ihm zurückgetreten war, ließ sich
auf ein Knie vor ihm nieder, ergriff seine Hand, küßte sie und rief:

»Dann bist du doch besser, als wir dachten, bist gütiger und edler, als es schien! Verzeih mir, Herr, verzeih!«

»Steh auf!« gebot der Mir. »Soeben hast du gesagt, daß deine Treue dem neuen Mir gehöre.«

»Ich wußte nichts von dem, was ich vom Effendi erfuhr! Nun aber weiß ich, daß der ›Panther‹ ein Unwürdiger ist, der um seines Vorteiles willen seine Freunde täuscht und betrügt. Und so einem Manne kann ich mich und meinen Säbel nicht zur Verfügung stellen!«

»So trittst du also von dem Panther zurück?«

»Ja. Denn ich glaube dem Effendi. Was er sagt, ist wahr. Der Panther hat dich belogen und betrogen, doch geht das nicht mich Etwas an, sondern dich. Aber er betrügt und belügt auch den Basch Islami, seinen höchsten und besten Verbündeten. Das geht mich sehr viel an, weil ich der Freund und Vertraute des Basch Islami bin – – –«

»Wenn du das bist, solltest du aber doch wissen, daß seine Tochter für den ›Panther‹ bestimmt ist!« fiel ich ein.

»Das wird ein so verschwiegener Punkt ihres Abkommens sein, daß der Basch Islami sich verpflichtet gefühlt hat, sogar mir gegenüber hiervon zu schweigen,« antwortete der Offizier, um sich dann mit der Bitte an den Mir zu wenden: »Herr, gib mir eine kurze Zeit zum Ueberlegen! Ich muß mein Gewissen befragen, ob ich das, was ich weiß, dir sagen darf oder nicht. Dann magst du mit mir verfahren, wie die Gerechtigkeit es erfordert. Ich habe mich gegen dich empört; darauf steht der Tod!«

Der Mir antwortete ernst, aber nicht gehässig:

»Diese Bedenkzeit sei dir gewährt. Ich übergebe dich unserm Freunde Hadschi Halef, dem Scheik der Haddedihn. Er mag dich hier herumführen, um dir zu zeigen, daß wir weder zu verdursten noch zu verhungern brauchen. Wenn zwei Stunden vorüber sind, will ich dann hören, ob du mir Etwas zu sagen hast oder nicht.«

Das war Etwas für meinen kleinen Halef! Es gab gar keinen geeigneteren Mann, den Offizier in seinem Innern schnell und völlig umzustimmen. Er nahm ihn auch sofort bei der Hand und entfernte sich mit ihm, um die Führung zu beginnen. Grad in diesem Augenblick erhob sich ein vielfacher, tiefer, langgezogener Ton, der von dem höchsten Punkte der Zidatelle ausging und hoch über dem Maha-Lama-See dahin nach auswärts schwebte. Er erklang aus den schon früher beschriebenen, langen Kriegshörnern der Ussul.

»Das ist das Zeichen, daß die Lanzenreiter von El Hadd in der Nähe eingetroffen sind,« erklärte mir der Herrscher. »Während du mit Halef nach der Höhe rittest, ließ ich ihren Empfang und ihre Unterbringung vorbereiten. Begeben wir uns wieder auf die Höhe des Tempels, um ihre Ankunft besser als von hier aus zu überschauen!«

Wir alle, die wir soeben beisammen waren, stiegen wieder auf die Platte des Domes, von der es die beste Aussicht über die ganze Gegend gab. Es war wirklich so, wie wir vermutet hatten; die Lanzenreiter hatten die kleine Karawane des Oberst kommen sehen und sich sofort unsichtbar gemacht, weil sie nicht wußten, ob sie Freunde oder Feinde vor sich hatten. Jetzt aber hatten sie ihre Mäntel wieder gewendet. Sie kamen nun grad von Norden her, ritten am Fuße des inneren Höhenzuges
um den westlichen Stadtteil herum und schwenkten dann links genau nach der Stelle ein, an welcher der von uns benutzte Ausgang lag. Es war ein ganz eigener, ergreifender Anblick, den wir da vor uns hatten. Wir befanden uns inmitten eines öden, weiten Städte-, Völker-, vielleicht sogar Menschheitsgrabes, in dessen Tiefe auch wir hatten verschwinden sollen. Der Tod hatte uns von allen Seiten entgegengegrinst; aber als wir ihn genauer betrachteten, war er zum Verkünder des Lebens für uns geworden. Wir hatten das Grab gesprengt. Wir strebten aus ihm heraus, und kaum hatten wir diesen Willen bekundet, so kam uns auch Hilfe von außen, von den Bergen herab, die gen Himmel ragen, in Gestalt des klaren, reinen, hellschimmernden Wassers und des sich von den Felswänden milchweiß abhebenden Reiterzuges, dessen Helme und Lanzenspitzen goldene Strahlen zu uns sandten. Der Anblick dieser Truppe hatte an diesem Orte und an diesem sonnigen Morgen etwas Unirdisches, ich will nicht sagen, Ueberirdisches. Man mußte an die ›Heerscharen Gottes‹ denken, von denen in so vielen, alten, frommen Büchern die Rede ist. Wie gesagt, es war mir ganz eigenartig, fromm, ja mehr als fromm zu Mute.

Als die Spitze des Zuges den Punkt erreichte, der, nur durch die schon beschriebene Senkung von ihm getrennt, unserm Eingange gegenüberlag, hielt sie an. Wir sahen Posaunen und Trompeten glänzen, die nicht wie heut, sondern wie vor Jahrtausenden gestaltet waren. Sie bliesen eine lange, weithin schallende, feierliche Fanfare, die wie eine Anfrage höherer Wesen klang, ob ihnen der Einzug gestattet oder verweigert sei. Vom höchsten Punkte der Zitadelle herab antworteten die Riesenhörner der Ussul, indem sie ein tief aufatmendes ›Willkommen‹ jubelten. Dann setzte sich der Zug der weißen Reiter
von Neuem in Bewegung, die jenseitige Halde hinab, die diesseitige wieder herauf und dann durch den offenstehenden Eingangsraum auf den weiten Platz des Maha-Lama-Sees herein.

Sie waren alle genau so gekleidet wie der Schech el Beled, nämlich in eng anliegende, aus Lederriemen geflochtene Anzüge, welche von Weitem das Aussehen von Ritterrüstungen hatten. Diese Riemen waren gegerbt, doch nicht gefärbt, also naturfarben. Die prächtigen Helme bestanden aus leichten, goldig schimmernden Metallteilen. Sie waren hinten mit einem stoffenen Nackenschutz versehen, welcher, nach vorn geschlagen, den Helm für jeden fernen Beobachter unsichtbar machte. Die Mäntel habe ich schon erwähnt. Die Bewaffnung bestand nur in einer sehr langen, aber sehr gefährlichen Lanze und einem in lederner Scheide steckenden Gürtelmesser. Etwas Anderes war nicht vorhanden, weder zum Schießen noch zum Hauen oder Stechen. Und auch diese beiden schienen mehr friedlichen als kriegerischen Zwecken dienen zu sollen. Die Pferde waren, wie bereits gesagt, lauter Schimmel, von edler Abkunft, persisch aufgezäumt, mit langen, ungekünstelten Schweifen und Mähnen.

Voran ritt ein starker, stolzer, silberbärtiger Riese, der keinen einzigen fragenden Blick um sich warf und sich ganz so benahm, als ob er mit der Oertlichkeit und Allem, was hier geschehen war und noch geschehen sollte, vollständig vertraut sei. Ihm folgten, vier Mann hoch, eine Schar von Offizieren, wohl der Stab. Dann kam, auch zu Vieren, die eigentliche Truppe, je hundert Mann von einem Einzelnen angeführt. Indem sie so, wie sie zum Tore hereinkamen, langsam und in prächtiger Haltung, der Rundung des Platzes folgend, längs der nördlichen Säulenhalle hinritten, sahen wir, nach auswärts schauend,
daß ihnen ein langer aber wohlgeordneter Zug von Maultieren folgte, welche die Bagage, also Zelte usw. zu tragen hatten.

Aber wir sahen da auch noch mehr, nämlich daß hinter diesen Maultieren eine neue, andere Truppe kam, die auch auf lauter Schimmeln ritt und ganz genau so ausgerüstet war, wie die vorige, nur daß, wie wir später bemerkten, ihre ledernen Anzüge nicht naturfarbig sondern blau waren, und zwar von jenem tiefen, beruhigenden, ein wenig violetten Blau, welches der Himmel zeigt, wenn man aus einer tiefen, schmalen Schlucht zu ihm aufschaut und nur einen Streifen von ihm sieht.

»Ein zweites Heer!« rief der Mir verwundert aus. »Wer mag das sein?«

Da antwortete Abd el Fadl:

»Das sind die Lanzenreiter von Halihm.«

»Also die deinigen?«

»Ja. Ich stelle sie dir zur Verfügung gegen alle deine Feinde.«

»Auch du, auch du! Was seid ihr doch für Leute, für Menschen, für Helfer und Retter, du und der Schech el Beled! Aber ich danke dir. Ich nehme auch deine Hilfe an. Doch erlaube mir eine Frage: Wo habt ihr die Infanterie, die Artillerie, die Gewehre, die Säbel, die Kanonen?«

»Auf die verzichten wir.«

»Warum?«

»Weil wir sie da oben in den Bergen, wo sich der Kampf entscheiden wird, für überflüssig halten.«

»Warum da oben? Ich bin entschlossen, auf meinen Kampf mit Dschinnistan zu verzichten. Es handelt sich für mich also nur darum, die Revolution niederzuwerfen. Und das kann doch nur hier geschen.«

»Nein. Auch das wird da oben geschehen, wo alle eure hiesigen Waffen ihren Wert vollständig verlieren. Wir sprechen später hiervon. Jetzt haben wir unsere Aufmerksamkeit auf das zu richten, was da unten vor unsern Augen geschieht. Ich schlage vor, wir steigen hinab, denn wir müssen unsere Leute begrüßen, und bitte um die Erlaubnis, sie dir vorstellen zu dürfen.«

Sie verließen die Plattform des Tempels. Ich allein blieb oben. Ich beobachtete, daß sie, unten angekommen, ihre Pferde bestiegen und zu den Offizieren von El Hadd hinüberriten. Diese hatten soeben den östlichsten Punkt des riesigen Platzes erreicht, als die letzten von ihnen im Westen zum Tor hereinkamen. Die Lanzenreiter des Schech el Beled bildeten also eine ununterbrochene, vierfache Linie, welche genau so lang wie die ganze nördliche Riesenbalustrade war. Man mag hieraus auf die Zahlenstärke dieser Hilfstruppen schließen. Die Maultiere, also das, was wir als Train und Bagage bezeichnen würden, kamen nicht mit herein. Sie schwenkten draußen zwischen den Böschungen links ab, um das Lager im Freien herzurichten.

Hierauf folgten sofort die Reiter von Halihm. Auch sie ließen an dem gegenüberliegenden Punkte eine Fanfare erklingen, auf welche die tiefklingenden Hörner der Ussul ihre Antwort gaben. Ich sah, daß Merhameh nach dem Tore galoppierte und, als ihre Heerscharen dort erschienen, sich an ihre Spitze setzte, um sie dem Mir selbst vorzuführen. Sie wendete sich mit ihnen nach der Südseite des Platzes, wo auch ich mich befand. Darum konnte ich die Bewegungen der Neuangekommenen nicht mit meinen Augen verfolgen und zog es vor, die Plattform zu verlassen und mir unten einen besseren Platz zu suchen. Ich sah nur noch, daß auch die Reiter
von Halihm eine ganze Menge von Bagagemaultieren bei sich hatten, die aber draußen rechts abschwenkten, um nach dieser Seite hin die heutige Lagerstätte zu erreichen.

Als ich hinunterkam, hielt der Mir mit dem Dschirbani, Abd el Fadl und den Andern in der Mitte des Platzes vor den Stufen des Wasserengels. Ich eilte zu meinem Pferde, stieg auf und ritt zu ihnen hin. Auch Halef gesellte ich zu uns. Der ihm anvertraute Offizier befand sich bei ihm, konnte aber jetzt nicht beachtet werden.

Es stellte sich heraus, daß die Schar von Halihm genau so groß war wie die von El Hadd. Als ihre beiden Spitzen sich am östlichen Punkte des Platzes berührten, kamen grad die Letzten der ersteren der Truppe im Westen herein, und nun bildeten die uns zu Hilfe gekommenen Retter zwei aneinanderstoßende, vierfache Halbringe, deren nördlicher aus El Hadd und deren südlicher aus Halihm stammte. In der Mitte hielt mit seinen Freunden der Mann, zu dessen Unterstützung sie herbeigezogen waren, obwohl er es weder verdient noch sie darum gebeten hatte.

Als Merhameh an der Spitze ihrer Truppen die Offiziere von El Hadd erreichte, begrüßte sie sie und galoppierte dann nach dem Engel des Wassers, um sich uns zuzugesellen. Hierbei fiel mir erst auf, daß sie ganz anders gekleidet war als gewöhnlich, nämlich genau in das violettierende Blau ihrer Reiterschar. Was war da natürlicher, als daß ich mich im Stillen fragte, wie doch alles so trefflich passen, klappen und zusammenstimmen konnte. Ich faßte den Schech El Beled scharf in das Auge, doch ohne daß es ihm auffallen konnte, und bemerkte da sehr bald, daß er es war, der Alles wußte, Alles ordnete und nach dem sich Alles richtete.

In dem Augenblicke, als die beiden Truppenkörper sich im Westen und im Osten vereinigt hatten und der Ring also geschlossen war, sah ich, daß er sein Pferd einige Lançaden machen ließ, zu denen es gar keine Veranlassung gab. Sollte das etwa ein Zeichen sein? Ja, richtig! Nämlich sobald man das sah, erhoben die Posaunen und Trompeten auf beiden Seiten ihre Stimmen, und zu gleicher Zeit erschien das Bläserchor der Ussul auf den stärksten aller Urgäule und kamen auf uns zugeritten. Ich sah den Dschirbani fragend an. Er antwortete lächelnd:

»Der Schech el Beled bat mich darum; ich sagte ja. Der Mir hat unter Musik die Ausstellung abzureiten.«

Auch die beiden andern Chöre kamen herbei, sie vereinigten sich auf der Mitte des Platzes mit den Ussul, und als wir uns mit dem Mir in Bewegung gesetzt hatten, um den Rund- und Ehrenritt auszuführen, hörte ich sehr bald, daß es Musikstücke gab, die es ermöglichten, die Ausdrucksweise dieser so verschiedenen Leute und dieser ebenso verschiedenen Instrumente harmonisch auszugleichen. Sie musizierten, bis unser Ritt zu Ende war, und das dauerte eine ziemlich lange Zeit. Dann stellten sie sich am Ausgange auf, um die Truppen, wie Halef sich in drastischer Weise ausdrückte, ›wieder hinauszublasen‹. Sie ritten in derselben Reihenfolge hinaus, wie sie hereingekommen waren. Dann verschwand der Schech el Beled für uns. Das heißt, er war zwar überall zu sehen, aber nirgends zu fassen. Die vielen, vielen Menschen, die nun vorhanden waren, wurden untergebracht, befriedigt und verpflegt, ohne daß sich Jemand von uns hierum zu bekümmern und zu bemühen brauchte.

Während dieses alles geschah, waren die zwei Stunden Frist, die der Oberst bekommen hatte, natürlich längst
vorüber. Es war Mittag geworden. Es wurde ein Mittagsmahl bereitet, zu dem der Mir alle Personen einladen ließ, die ihm Grund gegeben hatten, sie dazu herbeizuziehen. Da brachte Halef mir seinen Schutzbefohlenen und fragte mich, ob er es wohl wagen dürfe, den Mir jetzt zu belästigen. Die ihm angegebene Zeit sei ja längst vorüber.

»Er wird sich wundern,« sagte er, »sehr wundern, wenn er erfährt, was der Oberst mir gesagt hat. Ahnst du, wo der ›Panther‹ sich jetzt befindet?«

»Nicht mehr in Ard? Oder noch nicht in Ard?« fragte ich.

»Nicht mehr! Er ist hin, um nur einen einzigen Tag dort zu bleiben. Er hatte es dabei weniger auf die Stadt als auf Merhameh abgesehen, die mit ihrem Vater in seine Hände fallen sollte. Die Stadt fällt ihm, sobald er als Sieger heimkehrt, ganz von selbst zu, dachte er. Die Verbindung mit dem Fürstenhause war ihm wichtiger. Der Oberst mußte ihn vom Wüstenbrunnen nach Ard begleiten. Unterwegs erfuhren sie, daß es der Frau des Mir gelungen sei, nach der, ›Stadt der Toten‹ zu entkommen, und daß Abd el Fadl sich mit seiner Tochter bei ihr befunden habe. Hierauf – – –«

»Ah, nun ahne ich Alles!« unterbrach ich Halef.

»Nein, noch nicht Alles!« widersprach er mir. »Er erfuhr nämlich zu gleicher Zeit, daß der Mir von Dschinnistan auf die Kriegserklärung des Mir von Ardistan dadurch geantwortet hat, daß er mit seinen Scharen in Ardistan eingebrochen ist und in Eilmärschen versucht, die Hauptstadt Ard zu überrumpeln. Da gilt kein Zaudern. Man muß ihm schleunigst entgegenziehen, um ihn mitten im Marsche, noch ehe er seine Truppen zur Schlacht entwickeln kann, zu schlagen. Darum ist der ›Panther‹
nur für einige Stunden nach Ard, um alle dort noch vorhandenen Krieger schnell zusammenzuraffen und mit ihnen den vorausgesandten Truppen nachzueilen.«

»Und was geschieht mit der Stadt? Glaubt er, sie sei ihm sicher?«

»Ja; das glaubt er fest. Er läßt den alten Basch Islami als Kommandanten zurück. Der soll, während der ›Panther‹ sich im Felde befindet, die neue Regierung organisieren und für Truppennachschübe, Lieferungen von Proviant, Munition und alles Andere sorgen.«

»Weißt du das aus seinem eigenen Munde?« fragte ich den Oberst.

»Ja, er selbst hat es mir gesagt, und Niemand war dabei,« antwortete er.

»Und glaubst du, daß er bei diesem Plane bleiben und nicht auf einen andern verfallen wird?«

»Ich bin überzeugt davon, vollständig überzeugt. Er hat mir diesen Plan entwickelt, und zwar bis in alle Einzelheiten hinein. Der einsame Ritt durch die Wüste zurück gab ihm die nötige Zeit dazu.«

»Weißt du, wo die vorausgesandten Truppen jetzt stehen und auf welchem Wege von Ard aus er sie erreichen will?«

»Ja. Er will sich auf seinem Zuge nach Norden so fern wie möglich vom Flusse halten, in dessen Nähe nur das Verschmachten lauert. Er ahnt nicht, daß inzwischen genugsam Wasser erschienen ist, um ganze Heere zu tränken.«

»Das ist wichtig, höchst wichtig! Wir müssen schnell zum Mir. Es muß sofort eine Beratung gehalten werden, noch vor dem Mittagessen! Ich habe nur noch eine Frage, nämlich die: Was gedenkst du zu tun? Wem gehört deine Treue? Dem alten Mir oder dem, den du als den neuen bezeichnest?«

»Dem alten natürlich, dem alten! Ich habe doch offene Augen und ebenso offene Ohren! Die Augen, um zu sehen, daß sich hier in ganz ungeahnter Weise eine neue, hoffnungsreiche Zukunft zu entwickeln beginnt, und die Ohren, um zu hören, was mir Hadschi Halef, der Scheik der Haddedihn, erzählte. Er hat mich umgewandelt. Ich bin bereit, dem Mir Alles zu erzählen, was ich weiß. Mag er dann mit mir tun, was ihm beliebt.«

»So komm! Es ist keine Zeit zu verlieren. Wir suchen ihn auf.«

Der Herrscher war schnell gefunden. Er schenkte dem, was ihm der Oberst berichtete, die größte Aufmerksamkeit und stimmte mit mir darin überein, daß man sofort beraten müsse. Das Ergebnis dieser Beratung sollte dann während des Mittagessens allen dabei anwesenden Truppenführern mitgeteilt werden. Ich kann über beide, sowohl über die Beratung wie auch über das Mittagessen, hinweggehen; es genügt, daß ich berichte, was beschlossen wurde. Das war folgendes:

Heut war Ruhetag, morgen aber der Tag des Aufbruches aus der ›Stadt der Toten‹. Unsere strategische Aufgabe war eine zweifache. Erstens hatten wir uns so schnell wie möglich der Hauptstadt zu bemächtigen, um sie dem Mir zurückzugewinnen und in ihr einen festen Stützpunkt für unsere ferneren Operationen zu erhalten. Dadurch verlor der ›Panther‹ allen festen Boden und schwebte fortan nur noch in der Luft. Und zweitens galt es, sodann den ›Panther‹ und seinen Anhang derart nach Norden zu treiben, daß er zwischen uns und die Truppen des Mir von Dschinnistan geriet und sich ergeben mußte, wenn er nicht aufgerieben werden wollte. Denn daß der Mir von Dschinnistan nicht über die Grenze herabgekommen war, um den Empörern zu helfen, das
wurde uns von dem Schech el Beled wie auch von Abd el Fadl und Merhameh heilig versichert, und wir glaubten das sofort, weil wir uns sagten, daß diese beiden Männer, der Herr von El Hadd und der Fürst von Halihm, uns wohl nicht zu Hilfe gekommen wären, wenn der Mir von Dschinnistan nicht damit einverstanden gewesen wäre. Sie waren viel besser unterrichtet als wir und wußten jedenfalls mehr, viel mehr, als sie uns sagen durften.

Hierzu war eine Dreigliederung unseres Heeres nötig, nämlich in das Zentrum, den rechten Flügel und den linken Flügel. Das von dem Dschirbani zu kommandierende Zentrum sollte aus den Ussul und Tschoban bestehen, eine feste, schwere, kompakte Masse, der die Aufgabe zufiel, nur allein durch ihre Schwere den ›Panther‹ vorwärtszuschieben. Den rechten Flügel sollten die Lanzenreiter aus Halihm bilden. Sie hatten unter dem Befehle ihres Fürsten Abd el Fadl zu verhindern, daß der ›Panther‹ von seiner genau nördlichen Richtung abwich, um nach dem fruchtbaren und wohlbewässerten östlichen Gelände auszubrechen und sich dort zu erholen und neu zu verproviantieren. Der linke Flügel wurde den Lanzenreitern von El Hadd unter ihrem unvergleichlichen Schech el Beled angewiesen. Sie hatten das Heer der Empörer vom Fluße fern zu halten und immer auf sich selbst zurückzudrängen. Denn die Hauptwaffen, mit denen wir den Feind zu schlagen hatten, waren der Hunger und vor allen Dingen der Durst. Oberfeldherr dieser drei Gliederungen war natürlich der Mir von Ardistan, um dessen Land, Volk und Herrschaft, um dessen Wohl und Wehe es sich ja handelte.

Zur Ausführung des ersten Teiles unsers Planes mußten die beiden Flügel unseres Heeres vorausgesandt werden. Sie waren schneller beweglich als das schwerberittene
Zentrum, und es handelte sich um größte Eile. Sie sollten also morgen früh zuerst aufbrechen, schon gleich bei Tagesgrauen. Der Dschirbani hatte ihnen dann sofort zu folgen. Es wurde gerechnet, daß er Ard einen vollen Tag später erreichen würde, was aber keineswegs ein Fehler war, weil wir wenigstens so viel Zeit brauchten, um uns die Hauptstadt zu sichern. Ihm wurden auch die Frau und die Kinder des Mir anvertraut, denen man die Beschwerden eines Eilrittes nicht zumuten durfte. Merhameh aber, welche von der Ersteren gebeten wurde, bei ihr zu bleiben, erklärte, daß es ihr unmöglich sei, diesen Wunsch zu erfüllen; die Pflicht halte sie bei ihrem Vater und seinen Truppen fest.

Am Abende dieses Tages gab es für mich ein kurzes, aber so eigenartiges Erlebnis, daß ich nicht darauf verzichten möchte, es mit zu erzählen. Es war wegen des morgenfrühen Aufbruches der Befehl gegeben worden, zeitig schlafen zu gehen und sich möglichst ruhig zu verhalten. Darum war es schon gleich nach dem Abendessen sehr still auf dem weiten Platze des Maha-Lama-Sees. Ich legte mich zeitig zur Ruhe. Halef auch. Wir schliefen schnell ein, denn die Ereignisse waren heut ja förmlich auf uns eingestürmt und hatten uns ermüdet. Grad als der Muezzin die Mitternachtstunde abrief, wachte ich wieder auf. Mir war, als ob ich völlig ausgeschlafen habe. Ich schloß zwar die Augen, blieb aber wach. Da stand ich auf und ging hinaus. Das erste Viertel des Mondes hatte sich während der letzten Tage vergrößert. Es warf einen klaren und doch geheimnisvollen Schimmer über den Riesenengel, der sich da drüben vor mir erhob und die Hand wie zum Abschiede zu bewegen schien. Um seine Gestalt meinem Gedächtnisse noch einmal einzuprägen, tat ich einige Schritte zu meiner offenen Tür
hinaus, grad als Jemand an ihr vorüber wollte, ganz leise, huschend, wie ein Rätsel, welches sich nicht lösen lassen will. Hätte ich nicht schnell einen halben Schritt zurückgetan, so wäre die Gestalt mit mir zusammengestoßen. Sie ließ einen halblauten Ruf des Schreckens hören und huschte nach der nächsten Säule, um sich hinter ihr zu verbergen. Ich verspürte einen feinen, süßen Duft, ähnlich dem Hauche der Kätzchenblüten zur Osterzeit, denselben, den ich in der ›Dschemma der Toten‹ bemerkt hatte, als sie an mir vorüberkam. Schon hob ich den Fuß, um ihr nach der Säule zu folgen, ließ ihn aber wieder sinken, denn ich sagte mir, daß es ein weibliches Wesen sei, welches ich da vor mir hatte, und daß ich es nicht vornehm nennen dürfe, mich in ihre Geheimnisse einzuweihen. Darum wendete ich mich nach meinem Raum zurück, war aber noch nicht hinein, so erklang die Aufforderung:

»Halt! Bleib noch stehen!«

Ich drehte mich also wieder um. Da hörte ich: »Ich kann dich nicht erkennen; aber du scheinst der Fremde aus Dschermanistan zu sein?«

»Ja, der bin ich,« antwortete ich.

»Du hast mich jetzt gesehen und wolltest mich dennoch passieren lassen, ohne mich festzuhalten?«

»Ja.«

»Warum?«

»Ich bin dein Freund.«

»Mein Freund!«

Sie sagte das langsam und wie fragend. Und sie trat dabei wieder hinter der Säule hervor und kam ebenso langsam auf mich zu.

»Kennst du mich denn?« fragte sie.

»Nein, sicher nicht; aber ich ahne.«

»Was ahnst du?«

»Daß ich an deinem leeren Grabe stand.«

»Was noch?«

»Daß der Schech el Beled der Vater deines Sohnes ist.«

Nun stand sie vor mir, hob die Hände abwehrend empor und sagte:

»Halt ein! Ahne nicht weiter! Deine Ahnung sagt dir Wahrheiten, die noch nicht sprechen dürfen. Ich muß schweigen, und ich weiß, daß auch du schweigen kannst. Darum rief ich dich jetzt, obgleich mich Niemand sehen soll.«

»Ich sah dich schon!«

»Wo?«

»In der ›Dschemma der Toten‹, als du den Mir unterwiesest.«

»Wem hast du davon erzählt?«

»Noch Keinem.«

»Du tatest recht. Ich kenne dich. Marah Durimeh hat dich uns empfohlen. Du wirst sie wiedersehen, viel eher als du denkst. Und nun muß ich gehen, doch nicht, ohne dir zu danken.«

Sie ergriff meine Hand, hob sie an ihr Gesicht empor, legte ihre Wange hinein, hielt sie eine kurze Zeit da fest, so daß ich ihre Wärme deutlich spürte, und sprach:

»Ich fühle deinen Puls. So sollen wir die Herzensschläge aller Sterblichen und der ganzen Menschheit fühlen. Ich liebe dich, denn du bist ein Mensch, ein wirklicher Mensch. Und ich liebe dich, denn du hast ihn lieb, ihn, den ich meine. Leb wohl! Doch nicht für lange. Wir sehen uns wieder!«

Sie entließ meine Hand und entfernte sich. Ich schaute ihr nach, bis sie im Dunkel der Säulenhalle, wohin ihr der Strahl des Mondes nicht folgen konnte, verschwand.
Dann kehrte ich in mein Zimmer zurück, legte mich nieder und schlief sofort ein. Es war, als ob ich nur aufgewacht sei, um diese vermeintlich Tote zu sehen und zu sprechen.

Kurz vor Tagesanbruch wurde ich von Halef geweckt. Wir fütterten und tränkten unsere Pferde und Hunde, frühstückten auch selbst und füllten dann unsere Satteltaschen mit Allem, was wir mitzunehmen hatten. Inzwischen ertönte der Weckruf auch für die Andern. Die Zeit des Abschieds von diesem geheimnisvollen, unvergeßlichen Orte war gekommen. Wir hatten uns auch von den beiden Prinzen der Ussul und von den beiden Tschoban zu trennen, weil sie sich den Truppen des Dschirbani anschlossen. Von der Frau des Mir und seinen Kindern verabschiedeten wir uns ganz besonders. Als wir dann mit ihm den Maha-Lama-See durch das bekannte Tor verließen, fanden wir, daß die Lanzenreiter von El Hadd und Halihm schon aufgebrochen waren. Wir eilten ihnen über die Brücke nach und ritten, als wir sie erreichten, an ihnen vorüber, um an ihre Spitze zu kommen, wo sich der Schech el Beled, Abd el Fadl und Merhameh befanden. Wir hatten den Oberst bei uns, der mit dem Brief des ›Panther‹ gekommen war. Er wurde nicht als Gefangener, sondern als freier Mann betrachtet, doch hing sein Leben und sein Schicksal natürlich nur von der Entscheidung des Mir ab, die noch nicht getroffen war. Er hatte ein anderes, besseres Pferd bekommen und hinderte uns also nicht an der Schnelligkeit, die zu entwickeln war, wenn wir unsern Zweck erreichen wollten.

Ich lasse die Einzelheiten dieses Eilrittes unberührt. Die Pferde der Lanzenreiter bewährten sich in geradezu erstaunlicher Weise. Ebenso auch die Maultiere, welche
neben dem Gepäck auch noch so viel Wasser, als die Truppe brauchte, zu tragen hatten. Freilich etwas mußte unsere Schnelligkeit hierdurch vermindert werden, aber wir legten den Weg bis zum Brunnen, zu dem die Kamele bekanntlich zwei Tage brauchten, in genau vierundzwanzig Stunden zurück, so daß es eben Tag zu werden begann, als wir ihn erreichten.

Wir trafen da eine kleine Schar von Reitern, welche schliefen. Sie gehörten zu den Leuten des ›Panther‹, welchen befohlen war, den Weg nach der ›Stadt der Toten‹ zu versperren. Wir nahmen sie einfach gefangen und ließen sie von einer kleinen Abteilung von El Hadd bewachen, die sie dem Dschirbani zu übergeben und uns dann nachzufolgen hatte.

Hier wurde natürlich Alles getränkt, was Durst hatte. Dabei ruhten wir uns und unsere Tiere so weit aus, daß wir ihnen zumuten durften, dann bis heute abend wieder auf den Beinen zu sein. Von da an führte der Weg zunächst durch Steppenland, in dem sich nur selten eine menschliche Wohnung zeigte. Dann aber, als die Steppe zur grasigen Weide wurde, an die sich nach und nach immer mehr Felder schlossen, mehrten sich die Hütten und Häuser. Wir trafen sogar schon auf geschlossene Ortschaften, und da war es natürlich unmöglich, vereint weiterzumarschieren; wir mußten uns trennen. Es lag ja überhaupt im Plane, die Stadt nicht von einer Seite, sondern von zwei entgegengesetzten Seiten anzugreifen, nämlich von Süden und Norden zu gleicher Zeit. Wir teilten uns also. Der Schech el Beled von El Hadd schlug mit seinen Reitern eine nördlichere Richtung ein, um dort vor allen Dingen die Verbindung des ›Panther‹ mit der Stadt zu durchschneiden und dann zu einer Stunde, welche fest bestimmt wurde, von Norden
her in die Straßen einzudringen und am Schloß mit uns, die wir von Süden kamen, zusammenzutreffen.

Von jetzt an mehrten sich die Wohnstätten, die Dörfer. Wo man uns sah, war man erstaunt oder gar erschrocken. Im letzteren Falle ergriff man sogar die Flucht. Je weiter von der Hauptstadt entfernt, desto weniger hatte man sich um die Politik gekümmert und an dem Aufstande direkt beteiligt. Aber je näher wir kamen, desto unsicherer fühlte man sich, sobald man uns sah, und um so häufiger beeilte man sich, vor unsern Augen zu verschwinden. Ein Grund hierzu lag wohl auch in dem Umstande, daß Reiter wie die von Halihm hier eine vollständig unbekannte Erscheinung waren. Ihre enganliegenden, rhomboidisch geflochtenen Lederanzüge schienen blaustählerne Panzer zu sein. Helme, wie sie trugen, gab es hier noch nie, und auch Pferde von der Rasse und Farbe, die sie ritten, waren in Ardistan noch nicht gesehen worden.

Einmal aber geschah es doch, daß man nicht vor uns floh, sondern ganz im Gegenteile uns entgegenkam. Das war am zweiten Spätnachmittag, ungefähr sechs Reitstunden von der Stadt entfernt, auf einer Ebene, die von einem einzelnen, hohen, turmähnlichen Felsen beherrscht wurde, von welchem aus man uns sogar erwartet zu haben schien. Denn da oben gab es Leute, die, sobald sie uns kommen sahen, schnell herunterstiegen und uns entgegeneilten. Als uns der Erste von ihnen erreichte, erkannte ich in ihm den Ministranten unsers alten, guten, ehrwürdigen Basch Nasrani, des christlichen Oberpriesters. Die Andern waren Handwerker, welche zu Weihnacht mit an unserm Christbaumschmuck gearbeitet hatten. Der Erstere rief uns, noch ehe er uns erreichte, freudig zu:

»Gott sei gepriesen, daß ihr grad diesen Weg geritten
seid, an dem wir warten! Freilich unbemerkt konntet ihr wohl nicht bleiben, weil auch die andern Wege besetzt worden sind.«

»Von Freunden?« fragte der Mir.

»Ja, nur von Freunden. Die Feinde wissen nichts davon, weil wir es heimlich tun.«

»Wer hat das angeordnet?«

»Mein frommer, ehrwürdiger Herr, der Basch Nasrani. Er wußte, daß ihr kommen würdet. Und er wünschte, daß ihr, noch ehe ihr die Stadt erreicht, erfahrt, wie es in ihr steht. Darum stellte er Wachen aus. Ich bitte euch, abzusteigen und auszuruhen. Der Platz ist dazu geeignet wie kein anderer. Er ist abgelegen und Niemand wird euch beobachten.«

»Warum absteigen und bleiben? Wir wollten weiter.«

»Das sollt ihr auch, doch nicht jetzt. Gewiß wolltet ihr noch reiten, bis es dunkel geworden ist, um dann Lager zu machen bis morgen früh?«

»Allerdings.«

»Das geht nicht; das wäre falsch. Da würdet ihr erst zur Mittagszeit dort eintreffen; die richtige Zeit aber ist gleich früh, wenn es Tag geworden ist.«

»Warum?«

»Weil die Verschwörung es so beschlossen hat.«

»Welche Verschwörung?«

»Du brauchst nicht zu erschrecken; ich meine nicht die muhammedanische Verschwörung, sondern die christliche. Die Muhammedaner und Lamaisten haben sich gegen dich verschworen, um dich abzusetzen; da haben sich nun sämtliche Christen gegen den ›Panther‹ verschworen, um dich wieder einzusetzen. Alle Christen der Stadt und alle Christen des weiten Landes sind bereit, auf ein bestimmtes Zeichen wie mit einem einzigen Schlag für dich aufzutreten,
doch ohne Blutvergießen und andere Taten, die verboten sind. Wir haben es so geheim gehalten, daß kein Mensch es ahnt, dem wir nicht trauen. Aber wir wissen, daß eigentlich nur der Pöbel zu dem ›Panther‹ hält, sowohl der niedrige als auch der vornehme Pöbel, der sich durch den Aufruhr gegen dich bereichern will. Und wir sind überzeugt, daß alle Muhammedaner und Lamagläubigen, die nicht zu diesem Pöbel gehören, sich uns beigesellen werden, sobald wir unser Werk beginnen. Das Weihnachtsfest hat dir nicht nur alle christlichen, sondern auch viele tausend andere Herzen erobert. Und als man hörte, daß du nach der ›Stadt der Toten‹ gelockt worden seiest, um dort elend zu verschmachten, trat auch das Mitleid aller unverdorbenen Menschen für dich ein. Dann verbreitete sich die Kunde, daß die Herrscherin mit ihren Kindern zu dir geflohen sei, um dort mit dir zu sterben; auch das hat viele deiner Feinde in Freunde verwandelt. Ich darf dir also wohl sagen, daß du Unzähligen willkommen bist, wenn du morgen früh in Ard deinen Einzug hältst.«

Der Mann sprach mit Begeisterung; er ging ganz in seiner Sache auf. Die Lippen des Mir zuckten; seine Augen füllten sich mit Tränen, die er nicht zurückhalten konnte. Er mußte diese Rührung erst niederkämpfen, ehe es ihm möglich war, zu antworten.

»Also morgen früh?« fragte er. »Wie konntet ihr das so fest und genau bestimmen? Wenn ihr auch glaubet, daß ich dem Untergange in der ›Stadt der Toten‹ entgehen werde, so war es euch doch unmöglich, meine Wiederkehr auf die Stunde zu bestimmen!«

»Auf die Stunde, ja doch, wenn auch nicht auf den Tag! Ob du heut oder morgen oder übermorgen kommst, ist gleich, aber deinen Einzug hältst du auf alle Fälle
früh, unter Glockengeläut, wenn die Sonne sich über die östlichen Berge hebt, um unsern angestammten Mir, den wir nicht hergeben wollen, zu begrüßen.«

Wieder kämpfte der Herrscher mit seiner Rührung und darum fragte ich an seiner Stelle: »Wer hat das angeordnet?«

»Der Mir von Dschinnistan,« antwortete der Ministrant.

Da rief der Herrscher trotz seiner Rührung schnell und laut:

»Wie? Wer? Der Mir von Dschinnistan? Woher weißt du das?«

»Vom Basch Nasrani.«

»Steht der denn in Beziehung zu ihm?«

»O, schon seit langer, langer Zeit! Er liebt und verehrt ihn sondergleichen. Er tut nichts Wichtiges, ohne sich vorher an diesen Herrn zu wenden, der dein bester Freund ist, den du hast, so weit dein Land und so weit die Erde reicht. Ist doch der Gedanke der Verschwörung gegen den ›Panther‹ auch nicht eigentlich von uns, sondern nur von dem Mir von Dschinnistan ausgegangen! Er sagt, er wolle keinen andern Herrscher über Ardistan als nur dich allein – du seist der richtige!«

Es kämpfte im Gesichte des Mir. Er richtete seinen Blick in die Ferne, starr und scheinbar ausdruckslos. In Wirklichkeit aber schaute er in sich hinein. Dann wich die Starrheit. Ein mattes, fast verlegenes Lächeln erschien, und er richtete an Abd el Fadl, Merhameh, mich und Halef die Worte:

»Habt ihr es gehört? Mein oberster Priester gehorcht nicht mir, sondern dem, den ich für meinen größten und unerbittlichsten Feind gehalten habe! Und er tut recht daran, ganz recht! Denn dieser vermeintliche Feind
hat nie etwas Anderes als nur mein Glück und das Glück meines Volkes gewollt. Ich war ein Tor, ein sinn- und gedankenloses Ungetüm, und werde nun durch seinen Edelmut viel strenger und viel schwerer bestraft, als wenn er mich und meine Heere durch seine Scharen gewaltsam niederschlüge. Das soll mir eine Lehre sein, so lange ich leben werde!«

»Sie ist nicht nur für dich, sondern ebenso auch für alle, die nach dir kommen,« mahnte der sonst gern stille Fürst von Halihm in fast bittendem Tone. »Denk an die ›Dschemma der Toten und der Lebenden‹. Und denke an das, was du für dich und alle Zukünftigen deines Hauses versprochen hast!«

»Ich denke daran, zu aller Zeit, an jedem Augenblick, den ich mit offenen Augen lebe. Nie werde ich jene Szene und jenes Versprechen vergessen – nie, niemals, nie!«

Er stieg vom Pferde und fuhr fort:

»Gehorchen wir also dem Mir von Dschinnistan! Bleiben wir hier, und machen wir Lager! Wir wollen gehorsam sein!«

Das war nicht etwa Ironie, oder Sarkasmus, oder gar Hohn, sondern aufrichtige Selbstüberwältigung. Er ahnte nicht, wie sehr er uns durch diese Demut, die für uns aber Seelengröße war, imponierte! Halef, der sich mehr für naheliegende praktische als für psychologische Erwägung eignete, erkundigte sich, sobald er aus dem Sattel gesprungen war, sofort bei dem Ministranten:

»Nun sag einmal, warum sollen wir grad hier lagern und grad hier warten? Warum nicht an einer andern Stelle?«

»Weil sie abgelegen ist und ihr also hier verborgener seid als anderswo,« lautete die Antwort. »Und weil
dies die festgesetzte Stelle ist, die von der Stadt und den andern Stationen aus immerfort beobachtet wird.«

»Was für Stationen?«

»Zum Sprechen in die Ferne. Sobald es dunkel geworden ist, melden wir dem Oberpriester nach der Stadt, daß ihr hier eingetroffen seid. Er wünscht, daß ihr bis gegen Mitternacht wartet, um seine Antwort zu bekommen. Nämlich in dem Augenblick, an welchem er unser Zeichen erhält, wird unsere Revolution beginnen, die nur darin begeht, daß wir alle wichtigen Personen und Beamten, die es mit dem ›Panther‹ halten, einfach einsperren. Die Polizei, die ihr vor Weihnacht gründetet, besteht noch heut und wurde bedeutend vermehrt. Sie ist es, welche die Vorbereitungen in aller Stille getroffen hat. Die Stadt wird als angebliche Residenz des neuen Mir einschlafen und morgen früh als wirkliche Residenz des alten Mir erwachen. Sie wird sich zwar die Augen reiben, aber dann, so hoffen wir, dieser ebenso schnellen wie friedlichen Aenderung ihre mehr oder weniger ruhige oder freudige Zustimmung geben.«

»Und der Basch Islami? Ist er wirklich der Oberkommandant der Stadt?«

»Ja. Aber er wird der Erste sein, den man arretiert.«

»Wie steht es im Schlosse?«

»Genau so, wie vorher. Der ›Panther‹ hatte nicht gewagt, es zu betreten oder da irgend etwas zu ändern. Die treue Ussulgarde hielt es bis heut besetzt und hätte jeden Eingriff mit den Waffen zurückgewiesen. Der ›Panther‹ hatte keine Zeit, sie mit Gewalt zu entfernen. Wahrscheinlich ist nun der Basch Islami beauftragt, dies mit List zu tun.«

»Diese Menschen sind von einer geradezu wahnsinnigen Unvorsichtigkeit!« rief der Mir aus. »Was ich erst für blutig ernst, für eine wirkliche Revolution, für eine durchgreifende Umwälzung alles Bestehenden hielt, kommt mir jetzt fast wie eine Faxe, wie die Luftspringerei einer Affengesellschaft vor. Ich fürchte, es wird uns morgen ekeln! Der Erste, mit dem ich zu sprechen habe, wird der Basch Islami sein. Der Brief, in dem der ›Panther‹ die Prinzessin von Halihm begehrt, wird schneller, sicherer und tiefer auf ihn wirken als alles Andere. Befindet sich die Station, von der aus ihr eure Zeichen gebt, da oben auf dem Felsen?«

»Ja,« antwortete der Ministrant, an den diese Frage gerichtet worden war. – »Wünschest du, daß ich sie dir zeige?«

»Später. Einstweilen danke ich dir!«

Er reichte ihm die Hand. Das war für den bescheidenen, treuen Mann ein größerer Lohn als jede andere gewöhnliche Gabe.

Der Platz, auf dem wir hielten, war groß und mit frischem, nahrhaftem Gras bestanden. Ein schmales, aber vollfließendes Wasser schlängelte sich über ihn hin. Das gab eine gute Weide- und Lagerstelle für unsere Pferde. Wir gönnten ihnen diese Ruhe und Erholung gern, weil wir, um die Stadt in einer Tour zu erreichen, noch sechs volle Stunden zu reiten hatten.

Als es zu dunkeln begann, ließen wir uns auf die Höhe des Felsens führen, den der Ministrant als Telegraphenstation bezeichnet hatte. Man genoß von da oben aus einen weiten Rundblick. Der Apparat, den er uns zeigte, bestand aus einem in die Erde geschlagenen Pfahl und einer Anzahl von Raketen, welche je nach dem, was mit ihnen gesagt werden sollte, verschiedene Füllung
hatten. Die Dämmerung ist in jenen Gegenden eine sehr kurze. So brauchten wir also nicht lange zu warten, bis es vollständig dunkel geworden war. Da ließ man die erste Rakete steigen. Es bedurfte keiner zweiten. Ard lag von uns aus genau nach Osten. Indem wir nach dieser Richtung schauten, sahen wir schon nach kaum einer Minute einen ganz gleichen Feuerstrahl sich erheben. Man hatte sehr gut aufgepaßt. Nach wieder einer Minute bemerkten wir eine weitere Feuergarbe, aber in so großer Entfernung, daß sie uns sehr klein erschien und nur deshalb erkannt werden konnte, weil wir die genaue Richtung scharf im Auge hielten. Die Botschaft ging also weiter.

»In einer Viertelstunde weiß der Basch Nasrani, daß ihr hier angekommen seid,« sagte der Ministrant. »Eine Viertelstunde später ist der Basch Islami schon gefangen. Bis eine Stunde vor Mitternacht wird man uns sagen, ob ihr weiterreiten könnt oder nicht.«

»Weiterreiten? Oder nicht?« fragte der Mir. »Wir werden auf alle Fälle weiterreiten. Oeffnet sich mir die Stadt nicht in eurer Weise, so werden wir sie zwingen, sich in der unserigen zu öffnen! Ihr paßt also hier oben sehr scharf auf?«

»Ja. Es kann uns kein Zeichen entgehen, welches uns gegeben wird.«

»So können wir ruhig schlafen?«

»Ja. – Wir werden wecken, sobald die Zeit gekommen ist.«

Wir stiegen also wieder hinab, verzehrten unser Abendbrot und legten uns dann nieder. Ob der Mir so ›ruhig‹ schlief, wie er gesagt hatte, das weiß ich nicht; daß aber ich es tat, das weiß ich ganz genau. Ich fühlte ein sehr großes Vertrauen zu der eigenartigen, mich fast
kindlich anmutenden ›Gegenrevolution‹ des wackeren Oberpriesters, und selbst wenn sie nicht zum Ziele geführt hätte, besaßen wir doch unser zahlreiches Heer, also Leute genug, um den Gegnern unsern Willen aufzuzwingen. Es gab also gar keine Sorge, die mir den Schlaf hätte rauben können, und ich wachte erst auf, als ich von Halef, der neben mir gelegen hatte, geweckt wurde.

»Steh auf, Sihdi!« sagte er. »Das Zeichen ist nunmehr da.«

»Welches?« fragte ich.

»Das weiß ich noch nicht. Aber die Leute da oben auf dem Felsen jubilierten, als es kam. Es muß also ein gutes sein. Schau, da antworten sie schon!«

Der Ministrant ließ gleich drei Raketen hintereinander steigen und rief dann zu uns herab:

»Wacht auf! Steht auf! Wir haben gesiegt! Es ist Alles gut, sehr gut gegangen, ja, wohl besser, als wir dachten.«

Wir folgten seinem Rufe, tränkten die Pferde und brachen dann auf. Er bekam ein Reservepferd, um als Führer mit uns zu reiten. Seine Gefährten aber wendeten sich auf näheren Richtwegen der Stadt entgegen, deren Nähe wir erreichten, als die steigende Helle des Morgens das Nahen der Sonne verkündete.

Als ich mit Half Ard zum ersten Male vor uns liegen sah, waren wir aus Süden gekommen. Heut kamen wir aus Westen. Wir befanden uns also auf einer andern Seite der Stadt, doch war das Terrain ganz dasselbe. Wir ritten eine Höhe hinauf und hatten dann die Stadt ganz ebenso wie damals vor uns liegen. Aber Etwas war doch anders, ganz anders. Nämlich auf dieser Höhe war eine große, fast lückenlose Menschenmenge versammelt, welche den Mir mit lautem Jubel
bewillkommnete. Doch trotz dieser Menge stand die breite Hauptstraße, welche von da hinabführte, vollständig frei und offen, wenn auch zu beiden Seiten eingefaßt von dem Publikum, welches sich da Kopf an Kopf zusammengefunden hatte. Und auf diesem freien Straßeneingange hielten die Offiziere der Schloßwache und die hervorragenden christlichen Beamten und Abgeordneten der Residenzgemeinde, an ihrer Spitze der ehrwürdige Basch Nasrani auf einem weißen, köstlich aufgeschirrten Maultiere, um sich an die Spitze des Zuges zu setzen. Der Oberpriester ritt, als wir an dieser Stelle erschienen, zu dem Mir heran und hieß ihn mit lauten, frohen, weithinschallenden Worten willkommen. Der Herrscher senkte demütig das Haupt, um die Hand des Geistlichen ein-, zwei-, ja dreimal zu küssen. In diesem Augenblicke stieg die Sonne ganz plötzlich, wie mit einem schnellen freudigen Sprunge, hinter den jenseitigen Bergen empor; Millionen und Abermillionen goldener Strahlen überfluteten die Stadt; das Volk brach in weiter und weiter klingenden Jubel aus, und von dem hohen Dome herab erklang das Geläute der Glocken. Der Mir weinte; Abd el Fadl weinte, Merhameh weinte; Halef weinte, und ich – na, ich – – – weinte auch! Auch in den Augen des Oberpriesters standen Tränen, aber auf seinem milden, schönen Angesichte glänzte ein sonniges, wonniges Leuchten, der erste, aber zuversichtliche, prophetische Schimmer einer neuen, glücklichen Zeit.

Der Zug setzte sich in Bewegung. Voran ging ihm das Frohlocken der von frohen Hoffnungen erfüllten Menschenherzen. Ueber ihm schwebte, wogte und wallte der ehernklingende Segen des Gottesglaubens. Und hinter den weiß und goldig schimmernden Scharen der Panzerreiter reichten Tausende und Abertausende sich die
Hände, ohne einander zu fragen, welcher politischen Farbe sie noch vorgestern und gestern angehört hatten, und wie es gekommen sei, daß dem noch vor kurzem so sehr Gehaßten und Gefürchteten heut eine so allgemeine und herzliche Liebe entgegenflute. Man begnügte sich mit dem einen Gedanken, der aber Alle, Alle erfüllte: Er war wieder da – wieder da! – – –

Siebentes Kapitel

Die Schlacht am Dschebel Allah

Der Einzug des Mir war vorüber. Nichts, aber auch gar nichts hatte ihn gestört, obwohl wir wenigstens auf sporadische Ausdrücke oder Ausbrüche der Unzufriedenheit oder des Hasses gefaßt gewesen waren. Wie sonderbar: Es war Revolution gewesen; man hatte den Herrscher ab- und einen andern eingesetzt, und doch fanden wir im Schlosse Alles ganz genau so, wie wir es verlassen hatten. Die Ecke meines Teppichs war noch genau so umgebogen, und der Wassernapf meiner Hunde stand noch genau an derselben Stelle wie in dem Augenblicke, an dem ich fortgegangen war. Ganz dieselbe Beobachtung machte bei sich auch der Mir. Man hatte den Eindruck, als ob während unserer Abwesenheit ganz und gar nichts Unregelmäßiges oder Außerordentliches geschehen sei.

Freilich, so wie hier im Schlosse, so war es leider nicht auch außerhalb desselben. Hier hatte die Leibgarde dafür gesorgt, daß Niemand gewagt hatte, Hand anzulegen. Glücklicherweise aber hatte es auch draußen Einen gegeben, der mit kluger, verständiger Ein-und Voraussicht
bemüht gewesen war, den Verwickelungen eine derartige Richtung zu geben, daß sie nur von kurzer Dauer waren und keine schwer zu lösenden Knoten hinterlassen hatten. Dieser Mann war der Oberpriester. Ihm hatte der Mir außerordentlich viel zu verdanken. Darum ernannte er ihn jetzt trotz seiner geistlichen Würde ebenso zum Oberkommandanten der Stadt, wie der ›Panther‹ dasselbe mit dem Basch Islami getan hatte.

Dieser Letztere war bis gestern abend der höchste Mann der Residenz gewesen; er hatte geglaubt, dies auch in Zukunft sein zu können, denn er betrachtete den ›Panther‹ nur als Marionette; nun aber war er in einen tiefen Keller des Schlosses eingesperrt und wurde heraufgeholt, um vernommen zu werden. Man hatte ihn mitten aus seiner Familie geholt und alle seine Fragen unbeantwortet gelassen. So war er also ohne alle Ahnung davon, daß die Ausführung seiner Pläne eine für ihn so unheilvolle Wendung genommen hatte. Es war der Wunsch des Mir, daß ich bei dieser Unterredung zugegen sei und daß womöglich Halef das Wort zu führen habe. Er hatte Wohlgefallen an der Art und Weise gefunden, in welcher der kleine Hadschi Personen, die er nicht liebte, abzufertigen pflegte, und er meinte, daß grad dem Basch Islami eine solche Abfertigung sehr wohl zu gönnen sei. Darauf war Halef nun ungeheuer stolz.

Der Basch Nasrani war nicht anwesend. Er hatte es in wohlberechtigtem Zartgefühle abgelehnt, als ›ober ster Christ‹ des Landes bei der Demütigung des ›obersten Muhammedaners‹ zugegen zu sein. Aber Abd el Fadl hatte teilzunehmen und ebenso auch der von dem ›Panther‹ vom Major zum Oberst beförderte Offizier, der aber einstweilen in einem Nebengemach zu warten hatte.

Der Verschwörer wurde von zwei riesigen Ussul
hereingebracht, die sich aber nicht entfernten, sondern ihm zur Rechten und zur Linken stehen blieben. Er kam hocherhobenen Hauptes und mit einer Miene, der man es sofort ansah, daß er stolz aufbegehren und Rechenschaft fordern wolle. Das währte aber nur einen Augenblick, denn sobald er uns sah, stutzte er erst wie über etwas ganz Unglaubliches und sank dann in sich selbst zusammen, als ob er plötzlich ein ganz Anderer geworden sei. Sein Schreck mußte ein außerordentlich großer sein, denn er sah wie mit einem Schlage aus als ob er in dieser halben Minute um Jahrzehnte älter geworden sei und gar kein Rückgrad, keine Körperstütze mehr habe. Seine Augen erschienen tiefer liegend und seine Wangen eingefallen. Er griff, nach einem Halte suchend, mit den Händen um sich und bog das Knie, um sich im Gefühle der ihn überkommenden Schwäche auf den Boden niederzusetzen, wurde aber von den beiden schnell zugreifenden Wächtern gezwungen, stehen zu bleiben. Ich habe ihn als fanatisch und bigott, im Grunde aber auch wohlwollend und gerecht geschildert. Diese beiden letzteren Eigenschaften waren es ja gewesen, die mich bestimmten, auf den Mir derart zu wirken, daß er ihn entkommen ließ. Uebrigens mußte ihm als einem gerechtsinnigen Manne seine gegenwärtige Lage doppelt peinlich erscheinen.

Und nun muß ich zur Ehre meines kleinen Halef berichten, daß seine Vorsätze, diesen Mann möglichst rücksichtslos zu quälen, ebenso schnell in ihm zusammenbrachen, wie er ihn selbst zusammenbrechen sah. Er schüttelte den Kopf und rief aus:

»Allah beschütze mich vor dem Unglück, einmal eine solche Jammergestalt zu bilden wie dieser oberste aller Schächer und Sünder in Ardistan! Ich wollte ihn demütigen; er tut es aber selbst! Ich wollte mich an
seinen Qualen weiden, wen aber kann der Anblick solcher Kraftlosigkeit ergötzen! Ich wollte ihn mit Beweisen niederschmettern; er zittert aber schon ohne Beweis an allen Gliedern! Darum bitte ich um die Erlaubnis, es mit ihm möglichst kurz machen zu dürfen. Es ist weder für euch noch für mich ein Ruhm, mit allen unsern vereinten Kräften einen Menschen niederschlagen zu wollen, der vor lauter Angst von selbst zusammenbricht. Ich denke, es genügt ein kleiner Stoß, so fällt er vollends um, und diesen Stoß will ich ihm hiermit geben.«

Er nahm den Brief des ›Panther‹, der vor dem Mir auf dem Tische lag, reichte ihn dem Basch Islami zu und sagte:

»Komm her und lies!«

Der Oberste der Muselmänner kam langsamen Schrittes heran, nahm das Schreiben, öffnete es und begann zu lesen. Seine Augen wurden größer und größer; das Blut wich aus seinem Gesicht; er trat einen Schritt zurück und wankte, wankte sichtlich vor unsern Augen, als ob er umfallen wolle. Aber er wankte nicht allein, sondern wir wankten auch; wir wankten mit. Der Boden bewegte sich unter unsern Füßen. Ein zitterndes Rollen ging durch das Schloß, ging auch durch unsere Körper. Wir fühlten es bis an die Spitzen unserer Finger. Ein sonderbarer, leiser, aber äußerst beängstigender Ton, der wie ein ferner, fauchender Windstoß klang, fuhr durch alle Mauern.

»Ein Erdbeben!« rief der Mir, indem er von seinem Sitze aufsprang.

»Ein Erdbeben! Allah beschütze uns!« stimmte Halef bei und griff nach meinem Arme.

Grad in diesem Augenblicke wurde von draußen der Türvorhang zurückgeschlagen, und wir sahen den Schech
el Beled von El Hadd, der, in der geöffneten Tür stehen bleibend, wie ein Bild von Meisterhand in klar hervorhebendem Rahmen erschien. Sein Gesicht war verhüllt; auch sprach und grüßte er nicht; aber er gab uns allen, die wir ihn sahen, mit der Hand ein Zeichen, so zu tun, als ob er nicht vorhanden sei. Nur Einer sah ihn nicht, nämlich der Basch Islami, der mit dem Rücken nach der Türe stand. Er hatte die Hände halb erhoben, wie Einer, der auf das tiefste erschrocken ist, und rief grad in dem Augenblicke, an dem der Schech el Beled uns winkte:

»Einer!«

Was er mit diesem Worte sagen wollte, wußten wir nicht. Er stand mit erhobenen Händen und seitwärts geneigtem Kopfe, als ob er lausche. Auf was? Wir horchten unwillkürlich mit. Da war es plötzlich, als ob wir auf Wasser ständen, welches sich leise fließend von der einen Seite nach der andern bewegte. Wir faßten uns an, um uns an einander zu halten. Dann war es, als ob wir uns auf einem nicht federnden Leiterwagen befänden, der, von galoppierenden Pferden gezogen, über schlechte, ungepflegte Wege rattert, aber nur für einen Augenblick. Hätte es länger gedauert, so wären wir verloren gewesen; es wäre Alles eingestürzt.

»Zwei!« rief der Basch Islami mit dem Ausdrucke des Entsetzens.

Er sank auf das Knie nieder, behielt aber seine lauschende Haltung bei. Es kam ein spitziges Zischen und Knirschen von weitem her und ging unter uns hin und vorüber, worauf wir das Gefühl hatten, als ob die Erde einen tiefen, tiefen Atemzug der Erleichterung und Befreiung tue, der aber uns alle fast zu Boden warf. Nur der Schech el Beled stand fest und unbewegt, als
ob ein Zittern und Beben der Erde ihm etwas ganz Gewöhnliches sei.

»Drei Stöße!« rief der Basch Islami, indem er wieder aufsprang. »Nun ist die Gefahr vorüber, die kleine, die kleine! Aber noch nicht die große, die große, die noch Niemand sieht, die nur von denen vorausgesehen wird, die es wissen! Seit drei Monden sprühen die Vulkane von Dschinnistan; seit drei Monden schmelzen die Firnen und Gletscher zu Tal, und nach diesen drei Monden geht ein dreimaliges Beben durch die Erde, um die Menschen vorzubereiten auf das, was kommen soll! Das ist die Sage, die Sage! Vom zurückgekehrten Flusse! Von dem je nach hundert Jahren sich öffnenden Paradiese! Von der Frage des Erzengels, ob endlich Friede sei! Von dem Erscheinen der Engel unter den Menschen! Von der Wiederkehr des Flusses! Und von der abermaligen Ankunft Gottes in Ardistan und Ard!«

Seine Wangen hatten sich gerötet, und seine Augen funkelten. War das ein irrer oder war es ein begeisterter Blick, mit dem er uns jetzt betrachtete, Einen nach den Andern?

»Ihr wißt nicht, was ich weiß,« fuhr er fort. »Ihr, die ich für vernichtet hielt, seid gerettet, seid hier versammelt, um über mich zu richten. Ich bin in eurer Hand, aber nicht etwa durch eure Macht, sondern durch eine höhere, der ich zu gehorchen habe. Ich bin bereit, mich ihr zu fügen und für das, was ich tat, zu sterben; aber ich bitte euch, mir Auskunft zu geben über das, was ich euch frage. Ihr waret in der ›Stadt der Toten‹. Ist der Fluß noch trocken dort?«

»Nein,« antwortete der Mir. »Er hat Wasser bekommen, viel Wasser. Er fließt bereits!«

»Da ihr aus dem Kanal entkommen seid, müßt ihr die Türen kennen. Waret ihr vielleicht am Maha-Lama-See?«

»Ja.«

»Wohl gar auch in der ›Dschemma der Toten‹ und der Lebenden?«

»Ja.«

Der Oberste der Moslemin schwieg eine Weile. Er schaute wie verzweifelt zur Erde und bewegte seine Hände, als ob ein innerer Drang ihn zwingen wolle, sie zu ringen. Dann wendete er sich an Abd el Fadl, der jetzt den blauen Anzug seiner Lanzenreiter trug. Er war ebenso wie Merhameh gleich am Morgen unsers Fortzuges aus der ›Stadt der Toten‹ in dieser Kleidung erschienen, welche die Augen des Basch Islami ganz besonders auf sich zu ziehen schien. Dieser fragte ihn:

»Du bist Abd el Fadl, der mit seiner Tochter Merhameh im Weihnachtsgottesdienste der Christen die Stimme der ›Güte‹ und der ›Barmherzigkeit‹ erhoben hat?«

»Ja,« antwortete der Gefragte.

»Und bist du etwa der Fürst von Halihm?«

»Der bin ich.«

»Allah, Allah! Welch ein Verhängnis! Wer hätte das geahnt! Ihr habt gesehen, daß ich erschrak, als ich hier diesen Raum betrat. Ich erschrak über euch, die ich für tot hielt. Noch mehr aber erschrak ich über den Anzug von Halihm, den ich erblickte, weil er mich sofort das ganze Schicksal ahnen ließ, dem wir, die ›mit dem Schwerte Widerstrebenden‹, wie unser Islam sagt, verfallen sind. Ich bitte dich, mir zu sagen: Sind etwa deine Lanzenreiter hier?«

»Sie sind hier. Der Mir von Ardistan ist mit ihnen eingezogen, beim Klange der Glocken, vom Jubel seines Volkes begrüßt.«

»Maschallah! Sind etwa auch die Ussul und die Tschoban schon gerettet? – das ganze Heer des Dschirbani?«

»Ja.«

»So wehe uns! Dann brauchen nur noch die Lanzenreiter von El Hadd und Dschinnistan zu erscheinen, so – – –«

Er wurde unterbrochen:

»Sie sind da!« klang es von der Türe her.

Er drehte sich um. Er sah den Schech. Die Wirkung war eine außerordentliche. Einen lauten, fast überlauten Schrei ausstoßend, retirierte er nach der Wand, lehnte sich dort fest und rief:

»Das ist der ›Schwur von Dschinnistan‹, der ›Schwur von Dschinnistan‹, dem Niemand widersteht! Wer bist du, der du dich verhüllst? Bist du der Schech el Beled von El Hadd? Bist du der Mir von Dschinnistan? Oder bist du Beides? Wo hast du deine Scharen?«

»Meine Scharen sind überall da, wo Hilfe nötig ist,« erklang es aus dem Munde des Schech el Beled, indem er aus der Türeinfassung langsam herein in das Zimmer trat. »Heut sind sie bei dem, den du verrietest. Morgen werden sie sich an die Krallen des ›Panther‹ heften und ihn jagen, bis er zusammenbricht.«

»So ist er verloren!« rief der Basch Islami. »Und er hatte sich doch grad auf den Mir von Dschinnistan verlassen!«

»Auf diesen? Welch ein Wahnsinn! Wie konnte er das wagen?«

»Der Mir von Ardistan hatte dem Mir von Dschinnistan den Krieg erklärt, und dieser schickte sofort seine Scharen über die Grenze. Das konnte doch nur gegen den Mir von Ardistan sein, und so hofften wir, in
dem Beherrscher von Dschinnistan einen Verbündeten zu finden.«

»Und war er euch nicht zu Willen, was dann?«

»Dann war es unser Plan, ihn als Feind zu betrachten und einfach niederzuschlagen.«

»Als Feind zu betrachten! Niederzuschlagen! Ihn!«

Es war ein ganz eigenartiger, lachender und doch auch klagender Ton, in dem der Schech el Beled dies sagte. Dann fuhr er fort:

»Ihr Toren! Weil ihr so schwach und kurzsichtig seid, auf Feindschaft mit Feindschaft zu antworten, glaubt ihr, der Mir von Dschinnistan müsse ebenso tun. Ich sage euch: Seine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und seine Wege sind nicht eure Wege! Seine Siege nahen sich euch auf den Flügeln der Liebe, nicht auf den Flatterhäuten des Hasses und der Gewalt. Er sandte seine Scharen über die Grenze, den Feind zu beschützen, nicht aber, ihn zu vernichten. Er will nicht durch die Niederlage, sondern durch den Sieg des Gegners siegen. Das lernt von ihm, ihr, die ihr darnach trachtet, nicht mehr Gewaltmenschen, sondern Edelmenschen zu sein! Nur die Niedrigkeit, die Roheit unterliegt, das Tier im Menschen, die Bestie, der ›Panther‹, der gegen seinen eigenen Bruder wütet und stündlich auf der Lauer liegt, seine Wohltäter zu zerfleischen!«

»Wie richtig, wie richtig!« stimmte der Basch Islami bei. »Er ist der Feind seines eigenen Bruders und seines eigenen Vaters! Er umschlich den Mir von Ardistan, der ihm nur Liebe erwies, und sprang dann auf ihn ein, ihn zu zerfleischen. Und ebenso umschlich er mich. Er versprach, mein Kind zur Herrscherin zu machen, und wir glaubten ihm. Seine Absicht aber ging auf die Prinzessin von Halihm. Uns hätte er später fallen und
verschwinden lassen, wie der Mir in der ›Stadt der Toten‹ verschwinden sollte! Ich sage mich von ihm los, vollständig los!«

»Glaubst du, dadurch deiner Strafe zu entgehen?« fragte der Schech el Beled.

»Nein. Daran dachte ich nicht. Ich bin empört über seinen Verrat und seine Schurkerei, und ich sage nur das, was diese Empörung mir diktiert. Eine Berechnung ist nicht dabei. Ich bin euer Gefangener, und ich kenne das Schicksal, welches meiner wartet. Einmal hat mich der Mir entkommen lassen; zum zweiten Male wird er das nicht wieder tun, denn ich habe es ihm schlecht gelohnt. Aber ich spreche trotzdem eine Bitte aus, nicht um meinet-, sondern um euretwillen. Sie mag wahnsinnig klingen, ist aber ebenso wohlbedacht wie wohlbegründet.«

»Sprich sie aus!« forderte der Mir ihn auf.

»Ich bin der Oberste der mohammedanischen Geistlichkeit, also das, was man in andern Ländern den ›Scheik ul Islam‹ nennt. Was ich befehle und was ich tue, hat Gültigkeit für alle, die unter mir stehen. Ich habe den Aufstand gegen den Herrscher anbefohlen; ich kann ihn ebenso auch wieder abbefehlen, und ich bin gewillt, dies sofort zu tun. Gebt mir Feder und Papier zu den Verordnungen für meine Oberbeamten, die sie augenblicklich weiter verbreiten werden! Und laßt mein Siegel holen, durch welches diese Dokumente Gültigkeit erlangen! Wollt ihr das?«

»Das, was du forderst, ist nur zu billigen,« antwortete der Mir. »Aber nach den hiesigen Gesetzen gilt das, was nur geschrieben steht, trotz aller Siegel nichts, wenn du es nicht öffentlich, persönlich und mündlich in der ersten Moschee des Landes verkündest und bestätigest. Und diese liegt hier in Ard.«

»Das ist es ja, was ich bitten möchte. Und das meinte ich, als ich sagte, daß diese Bitte wahnsinnig klinge. Laßt die Gebetsbretter läuten; ruft die Gläubigen nach der Moschee, und führt mich dann hinein, damit ich zu ihnen spreche und es allen Moslemin sage, daß der ›Panther‹ ein Betrüger und Verräter und der bisherige Mir der wahre, von Allah gewollte Herrscher sei! Aber ich weiß, daß ich diesen Wunsch vergeblich ausspreche. Ihr könnt ihn mir nicht gewähren.«

»Du bist Gefangener und müßtest, falls er dir gewährt würde, dabei Gefangener bleiben,« sagte der Schech el Beled.

»Ich bin bereit dazu. Schafft mich in meinen Kerker zurück, und laßt mich dort die Verordnungen schreiben. Und führt mich dann mit gefesselten Händen in die Moschee und auf die Kanzel. Ich werde sagen, was ich zu sagen habe, und dann in das Gefängnis zurückkehren, ohne mich zu weigern!«

»Was sagst du dazu?« fragte der Schech den Mir. »Wie wirst du hierüber entscheiden?«

Dieser stand am Fenster und schaute hinaus nach Westen. Er antwortete nicht gleich, sondern erst nach einer Weile, indem er mit der Hand in diese Richtung deutete:

»Dort führt der Weg nach der ›Stadt der Toten‹. Ich denke jetzt an sie und an Alles, was ich dort versprach. Ich halte Wort; ja, ich halte Wort!«

Er drehte sich zu dem Basch Islami herum und sprach weiter:

»Du sollst nicht gefangen sein, sondern frei, vollständig frei, bis heut abend. Du sollst nicht im Kerker schreiben, sondern daheim in deinem Hause, bei deinem Kinde, welches so arg betrogen worden ist. Und du sollst
an der Spitze deiner Geistlichkeit als freier Mann nach der Moschee ziehen und zu den Gläubigen sprechen können. Die Würde deines Amtes verlangt das so. Kein Mensch, keine Polizei, kein Wächter soll dich dabei beaufsichtigen. Aber genau drei Stunden vor Mitternacht kommst du wieder hierher zurück, um dich bei mir zu melden und in dein Gefängnis zurückzukehren. Du kannst gehen!«

Da trat der Schech el Beled mit einigen raschen Schritten auf ihn zu, ergriff seine Hand und sagte:

»Das – das hatte ich erwartet. Ich danke dir! Und noch viele, viele Andere werden es dir danken!«

Der Basch Islami stand still und bewegungslos, als sei er starr, so überrascht war er. Dann – – – ging er nicht, nein, sondern er schoß oder flog förmlich hin zu ihm, kniete vor ihm nieder, küßte seine beiden Hände und rief begeistert aus:

»Hamdulillah, hamdulillah! Preis sei Allah, der mir jetzt plötzlich die Augen geöffnet und mich erkennen läßt, wie blind ich bisher war! Ich sehe heut zum ersten Male, wer, was und wie du bist. Ich klage nicht mehr dich an, sondern mich und uns, uns alle. Wir waren Sklaven, Sklaven unserer Irrtümer und angelernten Vorurteile; du aber bist ein Herrscher, den nur Untertanen, die freie Männer, keine Knechte sind, befriedigen und beglücken können. Darum hast du uns verachtet. Ich nehme deine Güte und deine Gnade an und gehe jetzt, um in deinem Sinne und für dein Wohl zu handeln und dann in die Gefangenschaft zurückzukehren. Ich würde die Aufgabe, welche ich mir für heut stelle, besser lösen können, wenn ich wüßte, was in der ›Stadt der Toten‹, solange ihr euch dort befandet, geschehen ist. Das darf ich aber wohl nicht erfahren?«

»Wir haben nichts zu verschweigen,« antwortete der
Mir. »Der Dschirbani, welcher spätestens morgen hier eintreffen wird, hat bei seinem Wegzuge von dort den Maha-Lama-See wieder verschlossen und in der Zitadelle eine Besatzung zurückgelassen. Der treue Zisternenwärter wurde einstweilen zum Flußmeister ernannt; er hat regelmäßig über den Stand des Wassers zu berichten. Was du über dort wissen willst, kann dir ein Jeder sagen, der mit uns anwesend war. Am besten aber könnte dich unser Hadschi Halef Omar unterrichten, der Scheik der Haddedihn, der Zeuge von Allem gewesen ist, was geschah. Ich hoffe, er nimmt es an, wenn du ihn einladest, dein Gast zu sein und mit dir zu gehen, um dich zu unterweisen. Und noch einen Zweiten gibt es, der im Stande ist, deine Fragen zu beantworten. Du kennst ihn schon. Hier hast du ihn; nimm ihn mit!«

Er ging zur Türe des Nebenzimmers, schob den Vorhang zurück und winkte dem Oberst, einzutreten. Der Basch Islami kannte diesen allerdings, und zwar sehr gut. Aber er wurde keineswegs verlegen, sondern es war ihm im Gegenteile sehr lieb, gerade diesen früheren Vertrauten des ›Panther‹ als Gewährsmann zugewiesen zu erhalten. Der Mir bewies durch die Auswahl dieses Offiziers und Hadschi Halefs seine Begabung zum Diplomaten. Niemand konnte so geeignet wie diese Beiden sein, im Sinne des Mir auf den Basch Islami einzuwirken, und besonders Halef freute sich darüber, daß die Wahl auf ihn gefallen war.

»Ja, ich gehe mit,« sagte er; »sehr gern gehe ich mit. Ich werde ihm Bericht erstatten. Vorher aber muß ich nach meinem Pferde sehen. Heut abend komme ich wieder mit.«

Die Drei entfernten sich. – – –

Als wir uns unterwegs von dem Schech el Beled
und seinen Reitern trennten, hatten wir mit ihm ausgemacht, daß wir genau so wie er heut, drei Stunden nach Mittag, in die Stadt einziehen würden, um am Schlosse, also in der Mitte derselben, mit ihm zusammenzutreffen. Wir hatten ja nicht gewußt, daß man auf uns wartete und uns veranlassen werde, das, was wir erst am Nachmittag tun wollten, schon am frühen Morgen zu tun. So wunderte sich der Mir, daß der Schech schon jetzt erschien. Er hatte jetzt schnell nur das Allernötigste zu erledigen und ihm dann mit uns entgegenreiten wollen, um ihn hereinzuholen. Abd el Fadl aber und ich, wir wunderten uns nicht. Abd el Fadl wußte zwar mehr, viel mehr als ich, der ich nur ahnte, aber so viel bemerkte ich doch, daß der Alles wissende und Alles könnende Schech el Beled auch hier der Vorausbestimmende gewesen war und den Plan des Basch Nasrani wenn nicht entworfen, so doch aber ganz gewiß gekannt und befördert hatte. Er teilte uns mit, daß er den ersten Teil seiner Aufgabe ausgeführt und den ›Panther‹ von der Stadt vollständig abgeschnitten habe. Es sei eine zusammenhängende Postenkette vom Bette des ausgetrockneten Stromes im Westen bis an das östliche Hochland gezogen worden, so daß eine jede vom Feinde kommende oder etwa an ihn gerichtete Botschaft in unsere Hände geraten müsse. Er hatte schon während der Nacht und auch noch am Morgen eine ganze Menge von Personen festgenommen, welche auf die Nachricht von der plötzlichen Gegenrevolution und daß der gerettete Mir heut früh zurückkehren werde, die Stadt eiligst verlassen hatten, um sich zu dem ›Panther‹ in Sicherheit zu bringen. Das waren natürlich alles Leute von bösem Gewissen, die man peinlich zu befragen hatte, um ihre noch zurückgebliebenen Komplizen zu erfahren. Denn da
die Hauptstadt der Mittelpunkt unserer Operationsbasis war, galt es vor allen Dingen, sie von allen zweifelhaften Charakteren zu säubern, und es wurde beschlossen, diese Leute alle nach der ›Stadt der Toten‹ zu transportieren und dort in der Zitadelle zu isolieren und bewachen zu lassen.

Es stellte sich hierbei heraus, daß unser jetziger Aufenthalt in Ard unmöglich von so kurzer Dauer sein konnte, wie wir uns vorgenommen hatten. Es wäre der unverantwortlichste Leichtsinn gewesen, nur einen Tag zu bleiben und uns bei unserm Weiterritt auf völlig ungeordnete Zustände stützen zu wollen. Darum wurde beschlossen, daß der Vormarsch nach Norden zwar schon morgen beginnen solle, aber einstweilen nur von seiten der Reiter von El Hadd und Halihm. Die Ussul und Tschoban sollten erst übermorgen folgen, weil ihnen ein Rasttag in der Stadt zu gönnen war. Der Mir aber entschloß sich, noch einige Tage länger zu bleiben und dafür zu sorgen, daß die Verwaltung von Stadt und Land für die Zeit seiner Abwesenheit in treue und zuverlässige Hände kam.

Damit, daß das Heer der Ussul und Tschoban einen Tag in der Stadt liegen bleiben sollte, verfolgten wir nebenbei auch den Zweck, der Bevölkerung zu imponieren und unsern alten, lieben Basch Nasrani als Stadtkommandanten in Respekt zu setzen. Aus ganz demselben Grunde hielten die Scharen von El Hadd am Nachmittage nachträglich ihren Einzug in die Stadt, obgleich es weder strategisch noch taktisch mehr als nötig erschien. Die prächtigen, hellen und doch so ernst blickenden Gestalten der Lanzenreiter verfehlten nicht, den von uns beabsichtigten Eindruck auf die Bewohnerschaft zu machen, und als sie am andern Morgen fort waren und sich dafür
die Ussul und Tschoban einstellten, die mehr durch ihre materielle Wucht und Schwere wirkten, konnten wir überzeugt sein, daß der Mir, für den das Alles geschah, jetzt nun genug in Achtung stand.

Was den Basch Islami betrifft, so schien er völlig umgewandelt zu sein. Ich hatte mich nicht in ihm geirrt: er war im Grunde genommen ein gerecht denken der Mann, und nun er eingesehen hatte, was für eine tiefe Wandlung mit dem Herrscher vorgegangen war, trat er jetzt in derselben Weise für ihn ein, wie er sich vorher ihm feindlich erwiesen hatte. Wir lasen seine Verordnungen. Sie waren sehr ernstlich gemeint und flogen in die Hände der gesamten mohammedanischen Geistlichkeit des Landes. Und ich selbst ging in die Moschee, um seine Rede zu hören. Ich stellte mich so, daß er mich nicht sehen konnte. Er kam an der Spitze des ganzen Imamates16 der Stadt gezogen. Die Moschee war so voller Menschen, daß man kaum einen Zoll breit des steinernen Fußbodens zu sehen bekam. Halef hatte wieder einmal gewirkt, und zwar in ganz vorzüglicher Weise. Unser begeisterter Basch Nasrani hätte nicht besser für den Mir sprechen können, als der Basch Islami jetzt für ihn sprach, und als die Feierlichkeit zu Ende war, strömten alle diese Moslemin aus der Moschee in die Straßen und Gassen der Stadt hinaus, um das Lob des zurückgekehrten Herrschers zu verkünden.

Am Abende stellte sich der hohe, geistliche Würdenträger des Islam zur angegebenen Stunde mit seinen beiden Begleitern wieder bei dem Mir ein und erklärte sich bereit, in sein Gefängnis zurückzukehren. Der Mir nickte ihm lächelnd zu und sagte:

»Von jetzt an bist du nur noch mein persönlicher Gefangener; für Andere aber bist du frei. Du wirst mich in das Feld und in die Schlacht begleiten, damit ich deines Rates nicht entbehre, so oft ich seiner bedarf. So wirst du an mich gebunden sein, bis du mir beweisen kannst, daß ich dieses deines Rates weder wert noch würdig bin. Dann gebe ich dich frei. Geh heim in Allahs Namen, und sprich morgen früh wieder vor bei mir. Du sollst mir helfen, die vom ›Panther‹ Verführten zum Gesetz und zur Ordnung zurückzubringen.«

Ich unterlasse es, die Wirkung zu beschreiben, welche dieser unerwartete Bescheid auf den, dem er galt, machte. Der Basch Islami war für immer zurückgewonnen.

Als der Dschirbani mit seinen Ussul und Tschoban angekommen war und militärfestlichen Einzug gehalten hatte, wohnte er als Gast des Mir im Schlosse, er, der ausgezogen war, ihn zu besiegen. Er kannte Ard noch nicht. Darum wurde ein Ritt durch die Stadt unternommen, der sich beinahe zu einem Triumphzug gestaltet hätte, wenn wir der Begeisterung, wo sie groß werden wollte, nicht fleißig ausgewichen wären. Am Abend gab es eine fürstliche Tafel, zu der alle hervorragenden Ussul, Tschoban und Ardistaner, die diesen Vorzug verdient hatten, geladen waren.

Dann besuchte mich der Dschirbani, ehe er schlafen ging, noch auf ein halbes Stündchen in meiner Stube. Wir rekapitulierten die Ereignisse, wobei ganz selbstverständlich der ›Stadt der Toten‹ noch besonders zu gedenken war.

»In der letzten Nacht am Maha-Lama-See hatte ich einen eigentümlichen Traum,« sagte er. »Oder war es kein Traum, sondern eine Vision? Ich weiß es nicht. Ich sah nämlich meine Mutter.«

»Wo?« fragte ich.

»Im Mondesstrahl.«

»Im Mondesstrahl? Also draußen, auf dem freien Platze? Ich denke, du hast geschlafen und geträumt!«

»Nicht draußen, sondern in meinem Zimmer. Du kennst die schmalen, spaltenförmigen Fenster in den Mauern. Ihre Oeffnungen fallen nach innen abwärts. Der Mond stand am Himmel, nicht voll, sondern nur ein Viertel seiner Gestalt. Aber dieses Viertel leuchtete hell. Es sandte zwei seiner klarsten Strahlen durch die beiden Fensterscharten. Sie fielen mir gerade in das Gesicht. Sie hatten mich aus dem Schlaf geweckt. Schon wollte ich mich umdrehen, um ihnen auszuweichen, da spürte ich einen feinen, köstlichen Duft, der mich wie ein Gruß aus glücklicher Zeit berührte. Ich kannte ihn. Es ist der Blütenduft der wohlriechenden Ssafßahf17, der Lieblingswohlgeruch meiner verstorbenen Mutter. Indem ich an sie dachte, stand sie vor mir, ganz plötzlich, mit einem Male, mitten zwischen den beiden Strahlen, also nicht hell, sondern so seltsam und so geheimnisvoll beschienen, wie die Seelen der Entschlafenen, wenn sie dem Grabe entsteigen, um das, was sie im irdischen Dunkel glaubten, im himmlischen Licht in Erfüllung gehen zu sehen.

›Mein Sohn, mein Sohn, mein lieber, lieber Sohn!‹ flüsterte es zwischen den Mondesstrahlen. Dann war sie weg, verschwunden. Aber einige Augenblicke später fühlte ich zwei Lippen. Sie beugte sich zu mir herab. Sie küßte mich, erst auf die Stirn, dann auf den Mund.

›Mutter, meine Mutter!‹ rief ich aus, indem ich mich aufrichtete, um nach ihr zu greifen und sie festzuhalten. Aber ich griff in die Luft, in das Nichts. Ein
Schrei, ein unterdrückter, kaum hörbarer Schrei erklang. Es huschte Etwas quer durch die beiden Mondesstrahlen. Mir war, als vernehme ich leise, ganz leise Schritte, die sich schnell entfernten. Dann war der Traum vorüber und – – – ich schlief weiter.«

»War das auch Traum, als du riefst?« fragte ich.

»Nein – das war Wirklichkeit,« antwortete er.

»Wie war sie gekleidet?«

»Weiß, nur weiß.«

»Stand dein Zimmer offen?«

»Ja. Ich hatte den Stein nicht zugeschoben, um den Weckruf früh nicht zu überhören. Noch nie habe ich einen solchen Traum gehabt, der so deutlich war, daß mich früh, als ich erwachte, dünkte, als ob der süße Duft der Weidenblüte mein Lager noch immer umschwebe. Ich frage mich sogar, ob es nicht vielleicht kein Traum, sondern ein wirkliches Gesicht gewesen ist.«

Ob Wirklichkeit oder Traum, das hätte ich ihm wohl sagen können, doch hütete ich mich, dies zu tun. Nachdem sie ihn verlassen hatte, war sie von ihrem Weg bei mir vorübergeführt und von mir gesehen worden. Die Sehnsucht, ihren Sohn nur ein einziges Mal berühren zu dürfen, war größer gewesen als die Vorsicht, zu der sie auf alle Fälle verpflichtet worden war. Wo befand sie sich jetzt? War sie dort geblieben? Diese Frage wollte sich mir aufdrängen; ich wies sie aber von mir ab, da ich keine Berechtigung und auch keinen triftigen Grund besaß, mich mit ihr zu beschäftigen oder etwa gar sie lösen zu wollen. Mein Schweigen fiel mir nicht schwer, denn er brach von diesem Thema ab und ging auf andere Gegenstände über. Einer der Hauptpunkte, die er erwähnte, waren die Relais, ich möchte sogar sagen Postrelais, welche er vom Lande der Ussul bis nach Ard
gelegt hatte. Sie standen in der Entfernung von je zwei Reitstunden auseinander und ermöglichten mit der Heimat eine Verbindung, welche den Verhältnissen angemessen als eine sehr schnelle und sichere bezeichnet werden konnte. Es verstand sich ganz von selbst, daß diese Verbindung von Ard auch nordwärts, je nachdem wir weiter vorrückten, herzustellen war. –

Am nächsten Tage zog der Dschirbani mit seinen Truppen ab, um in die Mitte der Aufstellung einzurücken. Der Mir blieb noch drei Tage, und wir mit ihm, nämlich Halef und ich; er wünschte nicht, sich von uns zu trennen. Uns war das recht. Da in seinen Händen alle Fäden zusammenliefen, wurden wir bei ihm am allerbesten auf dem Laufenden erhalten.

Während dieser drei Tage ging zweimal wichtige Nachricht von dem Heere ein. Das eine Mal meldete der Dschirbani und das andere Mal der Schech el Beled, daß ein Bote aufgegriffen worden sei, den der ›Panther‹ an den Basch Islami nach Ard geschickt habe. Natürlich wurden uns diese beiden Boten zugeführt und von dem Mir noch einmal ganz besonders vernommen. Der erste hatte zu berichten, daß der ›Panther‹ glücklich bei seinem Heere eingetroffen sei und die Operationen sofort beginnen werde. Er befinde sich noch in der gut bebauten Provinz Schimalistan, wo ihm die Unterhaltung seiner Truppen keine Sorge bereite. Später aber, wenn er über diese hinaus und in das hochliegende, ganz entwässerte und also kaum Gras produzierende Bergland eingedrungen sei, müsse er sich auf die Pünktlichkeit der Lieferungen verlassen, die er mit dem Basch Islami vereinbart habe. Der zweite Bote sollte dem Letzteren sagen, es sei durch Kundschafter festgestellt, daß der Mir von Dschinnistan mit seinen schwarz gepanzerten Scharen
schon bis über den Dschebel Allah herabgekommen sei und sich nicht mit ihm, dem ›Panther‹, verbinden wolle, sondern dem alten Mir von Ardistan zu Hilfe eile. Aber das schade nichts, sei vielmehr vorteilhaft für das neue Regiment, welches sich durch einen schnellen und energischen Sieg über Dschinnistan das Vertrauen und die Dankbarkeit von ganz Ardistan wie im Nu erringen werde. Der Mir von Dschinnistan scheine lächerlicherweise nur Kavallerie zu haben, und zwar die leichteste, die man sich denken könne. Ardistan suche ganz im Gegenteile hiervon seine Ueberlegenheit in den schweren Truppen, besonders in der Artillerie, die man nur aufzustellen brauche, um sich die windigen Reiter von Dschinnistan vom Leibe zu halten und sie einfach niederzuknallen. Man werde den Feind sofort bis an den Fuß des Dschebel zurücktreiben und ihn dort vollständig vernichten.

Auf diese Nachricht hin erkundigte ich mich bei dem Mir nach diesem wichtigen Berge, von dem ich bei Marah Durimeh gelesen hatte, ohne aber nähere Details zu erfahren. Er antwortete:

»Der Dschebel Allah ist der südlichste der Vulkane von Dschinnistan, gehört aber nur geologisch, nicht auch politisch zu ihnen, denn er liegt nicht in Dschinnistan, sondern an der Grenze zwischen El Hadd und Ardistan. Er hat seit Menschengedenken keinen Ausbruch mehr gehabt; in diesem Jahre aber erglüht auch er, doch nur in friedlichem Lichte. Er leuchtet in drei Flammen, die ein ruhiges, intensives Licht, aber keine Spur von Rauch oder Asche geben. Er war in früherer Zeit, als der Hauptstrom unsers Landes noch Wasser hatte, bis zu seiner Mitte bewaldet und weiter oben mit grünen Matten und Weiden geschmückt. Jetzt aber ist er kahl, wie das
ganze Land umher. Er bildet eine einzige, mächtige, kompakte Felsenmasse, die aber da, wo früher der Wald aufhörte, sich in drei hochaufragende Kuppen teilt, von denen jede auf ihrer Zinne einen Krater trägt, der im jetzigen Jahre leuchtet. Man nennt diese drei Kuppen den Vater, die Mutter und den Sohn. Der Sohn ist der Mittlere; er steht zwischen den beiden andern. Ein breiter Weg führt hinauf. Da oben, wo der Berg sich teilt, teilt sich auch dieser Weg. Er bildet einen rechten und einen linken Pfad. Der erstere führt zwischen dem Vater und dem Sohne und der andere zwischen der Mutter und dem Sohne hindurch. Hinter dem Sohne vereinigen sie sich wieder, indem sie eine große, weite Platte oder Hochebene bilden, von welcher aus man in das erste, niedrige Tal von El Hadd hinuntersteigt. Auf dieser Platte können viele, viele tausend Menschen Platz finden. Man sagt, daß im grauen Altertume da oben Gottesdienste abgehalten worden seien, zu denen die drei Kuppen leuchteten. Auch der Weg von da in das Tal hinab ist breit, aber trotzdem gefährlich. Zu beiden Seiten gähnen Schluchten und Abgründe, aus denen für einen Jeden, der da hinunterstürzt, keine Rettung möglich ist. Man sagt, der Dschebel Allah habe niemals Asche und Schlacken, sondern stets nur reines, friedliches Licht gegeben. Aber in großen Abständen und zu gewissen Zeiten, wenn der Schmutz der andern Vulkane sich auch auf ihn niedergesenkt und da angesammelt hat, da werde er zornig, da schüttele er sich, da erbebe er in seinen Grundvesten und stoße kochendes Wasser aus, um sich von der Verunreinigung zu befreien. Was sagst du zu diesem Märchen, Effendi?«

»Daß es kein Märchen ist. Jedenfalls hat es einen tieferen, viel tieferen Sinn, als du denkst.«

»Man behauptet sogar,« fuhr er fort, »daß es nur guten Menschen möglich sei, von Ardistan aus über den Dschebel Allah nach El Hadd und Dschinnistan hinüberzukommen. Wenn ein Böser es wage, sich den Uebergang mit List oder mit Gewalt zu erzwingen, so sei er unbedingt verloren. Entweder verschwinde er in den Abgründen des Grenzgebietes, oder er ertrinke in den Fluten der Wasserfälle von El Hadd.«

»Von denen habe ich gehört. Sie kommen von Dschinnistan herunter?«

»Ja. Sie sind die größten, die es auf Erden gibt. Sie stürzen sich vom hohen Dschinnistan herab und bilden einen gewaltigen See, dessen Tiefe noch Niemand ermessen hat. An diesem See liegt das Schloß des Schech el Beled von El Hadd; aber noch kein Mensch, der nicht nach El Hadd gehörte, hat es je betreten dürfen. Wenn das Alles so ist, wie man erzählt, mag der ›Panther‹ sich vor dem Dschebel Allah hüten!«

Das war es, was ich einstweilen über diesen Punkt erfuhr. Als wir dann unterwegs waren, um die vorausgerittenen Ussul und Tschoban einzuholen, kam uns ein dritter Bote entgegen, den der Fürst von Halihm sandte, um uns mitzuteilen, daß der ›Panther‹ in Eilmärschen nach Norden rücke und in der Einbildung zu leben scheine, daß er die Scharen von Dschinnistan vor sich herjage, während es doch grad ihre Absicht war, ihn in dieser Richtung hinter sich herzulocken.

Und als wir das Lager des Dschirbani, also unser Zentrum, erreichten, hatte man soeben wieder einen Abgesandten des ›Panther‹ festgehalten, der dem Basch Islami nach Ard melden sollte, daß man über den Dschebel Allah gehen und in El Hadd eindringen werde, um den Schech el Beled zu züchtigen, von dem man gehört habe,
daß er mit dem Mir von Dschinnistan verbündet sei, den neuen Mir von Ardistan wieder abzusetzen. Dazu brauche man aber bedeutende Nachlieferungen von Proviant, die der Basch Islami schleunigst besorgen solle.

Am Abend dieses Tages, also unserer Ankunft bei unserm Zentrum, stellten sich die Kommandanten der Flügel bei uns ein, um den Mir beim Heere zu begrüßen und mit ihm zu beraten, obwohl es eigentlich gar nichts zu beraten gab. Denn der ›Panther‹ marschierte geradezu sinnlos seinem Verderben entgegen, und wir brauchten ihm nur zu folgen, um unsern Zweck auf das Allereinfachste zu erreichen. Er eilte wie geblendet geraden Weges voraus und machte nicht den geringsten Versuch, nach rechts oder links auszuweichen. Darum wurde er von unsern beiden Flügeln schnell überholt, so daß Abd el Fadl und der Schech el Beled mit den ›schwarzgepanzerten‹ Reitern des Mir von Dschinnistan Fühlung bekamen, als der ›Panther‹ noch gar nicht ahnte, was in seinem Rücken vorgegangen war und daß er von uns verfolgt wurde.

Bei dieser Unterredung mit den beiden genannten Verbündeten erfuhren wir, daß nicht allein der oben beschriebene ›breite‹ Weg auf den Dschebel Allah hinauf- und jenseits wieder hinunterführe. Es gab noch zwei andere Wege, die aber nur dem Eingeweihten bekannt waren; sie wurden geheimgehalten. Während der ›breite‹ Weg, nachdem er sich oben geteilt hatte, zwischen dem Vater und dem Sohne und der Mutter und dem Sohne hindurchführte, also den Sohn von beiden Seiten umschloß, gingen die beiden heimlichen Wege an der Außenseite des Vaters und der Mutter nach El Hadd hinüber, so daß sie also alle drei Kuppen zwischen sich liegen hatten. Sie lagen höher als der eigentliche Weg, der
von ihnen aus also überschaut und beobachtet werden konnte. Auf diesen beiden verborgenen Saumpfaden, die selbst in ihren niedrig liegenden Anfängen von Jemand, der sie nicht kannte, nicht entdeckt werden konnten, sollten unsere Heeresflügel dem ›Panther‹ folgen, während das Zentrum auf dem ›breiten‹ Wege zu bleiben und nachzudrängen hatte. Für leichte Reiter waren diese Seitenpfade grad noch gangbar, nicht aber für schweres Last- und Fahrzeug oder wohl gar für Kanonen. Und was nun die ›schwarzgewappneten‹ Scharen des Mir von Dschinnistan betraf, von denen der ›Panther‹ berichten ließ, so sahen auch sie nur von Weitem wie gewappnet oder gepanzert aus, denn das, was sie trugen, war keine Rüstung, sondern ein genau ebenso geflochtener Lederanzug wie bei den Lanzenreitern von Halihm und El Hadd, nur daß er nicht naturfarben oder blau war, sondern schwarz. Für den Zweck, den sie verfolgten, nämlich die Niederlage des Feindes vorzubereiten oder, unfachmännisch ausgedrückt, ihn zu verführen, war diese dunkle Farbe die geeignetste.

Der Feldzug hatte also begonnen. Er gestaltete sich viel leichter und schneller, als wir es für möglich gehalten hatten. Es fiel, wie bereits gesagt, dem ›Panther‹ nicht ein, links nach dem alten Strome oder rechts nach dem belebten Hochland auszubrechen, sondern er stürmte immer gerade aus und wir hinter ihm her. Das ging Alles so selbstverständlich und zu unsern Gunsten, daß ich mich fast gar nicht mehr mit den direkt kriegerischen Angelegenheiten beschädigte, sondern meine Aufmerksamkeit auf andere, meiner Persönlichkeit näher liegende Dinge richtete.

Die Niederwerfung des Aufrührers wurde mir nebensächlich. Dieser Mensch hatte nicht die geringste Begabung,
die Rolle durchzuführen, für die er in seiner Selbstüberhebung geglaubt hatte, geeignet zu sein. Meine Aufmerksamkeit wurde dreifach in Anspruch genommen. Nämlich erstens von der gewaltigen Natur, durch welche der Marsch uns führte. Zweitens von den eigenartigen Menschen, bei denen ich mich befand. Und drittens von dem tiefen Zusammenhang der Dinge, den ich in Allem erkannte, was in dieser Natur und mit diesen Menschen geschah. Ich lernte in dieser Zeit mehr als je erkennen, wie leicht es einem Jeden, der guten Willen und offene Augen hat, gemacht wird, das höhere Leben im niederen Leben vorgebildet zu sehen. Daß der Gewaltmensch sich zum Edelmenschen emporzubilden habe, ist eines meiner Ideale. Dazu gehört vor allen Dingen, daß das Niedrige in uns, das Tierische, überwunden wird. Tausende klagen, das sei so schwer. Sie haben Recht und doch auch wieder nicht Recht. Man suche die ›Schwarzgewappneten‹ des Mir von Dschinnistan, welche die Bestie in uns, den ›Panther‹, nach dem Dschebel Allah zu locken verstehen. Man bitte um die Panzerreiter von El Hadd und Halihm, die den Empörer in uns aufstören und vorwärtstreiben, ihn jagen und nicht zur Ruhe kommen lassen, bis er, militärisch ausgedrückt, von seiner Operationsbasis völlig abgeschnitten ist und dann nur noch das Eine vor sich hat, an sich selbst zu Grunde zu gehen. Wer den rechten Weg gefunden hat, solchen Hilfstruppen zu begegnen, also den Weg zu Gott, dem wird es fortan leicht, mit dem ›Panther‹ zum Abschluß zu kommen.

Nach einigen Tagemärschen hatten wir das eigentliche Ardistan hinter uns und ritten durch Schimalistan. Der Weg, den der ›Panther‹ genommen hatte, wurde durch Verwüstung bezeichnet. Die Bewohner waren geflohen, nach rechts und links, wie ein Schneepflug die
Massen nach beiden Seiten treibt, wo sie hinter ihm liegen bleiben. Dort wurden sie von unsern Flügeln aufgefunden, beruhigt und veranlaßt, wieder heimzukehren. Vor uns der Krieg, hinter uns sofort wieder Friede.

Schimalistan steigt ununterbrochen in nördlicher Richtung an. Einst war es außerordentlich fruchtbar; aber als der Strom, der seine westliche Grenze bildet, das Wasser verlor, verödete es im Laufe der Jahrhunderte, und nur in seinem östlichen Teile gab es einige bedeutendere Wasserläufe, welche Schimalistan und Ardistan mit ihrem Netze befruchten, und dann aber in Dschunubistan immer kleiner werden und in der Wüste der Tschoban versiechen. Durch diesen östlichen Teil des Landes hatte der ›Panther‹ seinen Weg genommen und Schrecken um sich her verbreitet. Unser Kommen erweckte hierauf das Gegenteil, nämlich Freude. Dies zu bewirken, fiel uns gar nicht schwer. Wir brauchten nur das Eine zu verkünden, daß der Strom wieder Wasser habe, so lohnte uns dankender Jubel.

Die äußerste Spitze unseres linken Flügels blieb während unseres Vorwärtsrückens mit dem Strom fortwährend in Berührung. Von daher erfuhren wir, daß das neue Wasser sich nicht etwa verliere, sondern sich im Gegenteile von Tag zu Tag verbreitere und steige. Infolgedessen wurden nun unsere bis hinab nach Ussulia gehenden Relais von der bisherigen Linie weg an den Fluß verlegt, was ihre Erhaltung außerordentlich erleichterte und einen, ich will sagen, »flußamtlichen« Nachrichtendienst ermöglichte, der uns von großem Vorteil war.

Wir näherten uns jetzt zusehends den Bergen, die wir früher aus weiter Ferne hatten leuchten sehen. Sie stiegen vor uns auf wie ein Heer von Riesen, von denen
der eine immer größer, breiter und massiger als der andere ist. Schon konnten wir erkennen, daß sie alle bewaldet waren, und zwar um so mehr, je weiter sie von unserer Grenze entfernt lagen. Das bestätigte die oft gehörte Behauptung, daß es unmöglich sei, in Dschinnistan eine unfruchtbare Stelle zu finden. Je näher sie aber der Grenze lagen, desto vegetationsärmer wurden sie, bis derjenige, der sich unserm Auge als der nächste zeigte, nämlich der Dschebel Allah, kein einziges Gräschen und keinen einzigen Halm mehr trug. Wenigstens auf der uns zugekehrten Seite, wie ich, wie man bald sehen wird, verpflichtet bin, besonders hinzuzufügen.

Bis jetzt hatten wir uns sorgfältig gehütet, den ›Panther‹ wissen zu lassen, daß er verfolgt werde. Dies war uns dadurch erleichtert worden, daß er keine Arrieregarde hatte. Für seine Sicherheit nach rückwärts zu sorgen, hatte er nicht für nötig gehalten. Jetzt aber wurde es anders. Es bildete sich eine Nachhut, aber nicht zum Schutze des Heeres, sondern aus andern Gründen. Das waren die Maroden und die Unzufriedenen. Der Mangel begann, sich fühlbar zu machen. Der Proviant ging aus. Und Wasser gab es nur in einzelnen, weit umher zerstreuten Pfützen, welche in einstigen, ausgetrockneten und vollständig versandeten Wasserläufen lagen, in denen jetzt die Feuchtigkeit nach einer jahrhundertelangen Dürre sich plötzlich wieder zu zeigen begann. Der ›Panther‹ sah sich durch die Not gezwungen, nach solchen Stellen suchen zu lassen. Infolgedessen konnten wir es nicht umgehen, auf solche Suchende, auf zurückgebliebene Marode und auf Unzufriedene, die dem Heere entlaufen wollten, zu stoßen. Wir hüteten uns aber wohl, diese Leute zu ergreifen und sie bei uns auf- oder gar uns ihrer anzunehmen. Dies zu tun, hätte doch
gar nichts Anderes geheißen, als ihn von ihnen zu befreien, um uns mit ihnen zu belasten. Nein, wir jagten sie einfach wieder zu ihm zurück, um seine Sorge und Bedrängnis zu vermehren. Dadurch erfuhr er freilich, daß er Truppen hinter sich habe, die ihn verfolgten, aber es war für uns die Zeit gekommen, in der er das überhaupt erfahren mußte. Das war eine Folge, die wir zwar vorausgesehen hatten, ohne sie uns aber in der Weise zu denken, in der sie sich einstellte. Nämlich, als es wiederholt geschehen war, daß wir Ausreißer und Liegengebliebene zu ihm zurücktrieben, sahen wir drei Reiter erscheinen, von denen der mittlere ein weißes Tuch an seiner Lanze trug. Er hatte sich bei unsern äußersten Vorposten eingestellt und den Wunsch geäußert, zum obersten Kommandanten unseres Heeres geführt zu werden. Man hatte ihn entwaffnet und uns dann durch die beiden andern Reiter, welche Tschoban waren, zugeschickt. Der Mir wollte nicht erkannt sein, denn es lag nicht in unserm Interesse, daß der ›Panther‹ die Wahrheit sogleich erfuhr. Darum wurde bestimmt, daß ich allein den Parlamentär empfangen und mit ihm sprechen solle. So geschah es. Ich sonderte mich ab und ließ ihn mir vor führen. Er war ein ziemlich alter, starkknochiger, vollbärtiger Mensch, dessen Gesicht kein allzu großes Vertrauen erweckte. Er musterte mich scharf, indem er sich mir näherte, grüßte kurz und fragte:

»Wer bist du? Ich sah dich noch nie!«

»Auch ich habe dich noch nie gesehen, frage dich aber trotzdem nicht, wer du bist,« antwortete ich. »Steig ab!«

Wir waren nämlich nicht unterwegs, sondern hatten Lager; darum war ich nicht zu Pferde.

»Warum soll ich nicht im Sattel bleiben?« erkundigte er sich.

»Weil es mir nicht gefällt, so von oben herab mit mir sprechen zu lassen. Hat man dir freies Geleit versprochen?«

»Ja. Was tust du, wenn ich nicht absteige?«

»Ich würde dich einfach herunterschießen, wenn man dir nicht Freiheit und Sicherheit deines Lebens zugesichert hätte. So aber erschieße ich nur dein Pferd. Also, kommst du freiwillig herunter oder nicht?«

Da stieg er langsam und einen halblauten Fluch ausstoßend herab und sagte:

»Ich muß wissen, was für Leute das sind, die es wagen, hier hinter uns – –«

»Schweig!« unterbrach ich ihn. »Hier hat kein Anderer zu fragen als ich! Am allerwenigsten du! Wer ist es, der dich sendet?«

»Der neue Mir von Ardistan.«

»Das ist nicht wahr!«

»Oho! Willst du sagen, daß ich lüge?«

»Ja. Der neue Mir von Ardistan ist bei uns, nicht aber bei euch. Meinst du vielleicht den sogenannten ›Panther‹, den zweitgeborenen Prinzen der Tschoban?«

»Ja.«

»Den Empörer! So wisse, daß er verloren ist, und ihr alle seid es mit ihm! Er gefiel wohl euch, doch aber den Christen nicht; darum gaben diese dem Lande einen andern Mir, der von ganz Ard und Ardistan mit Jubel bestätigt wurde. Dieser wirkliche Mir von Ardistan ist dem ›Panther‹ nachgeeilt, ihn niederzuschlagen.«

Der Mann sah mir mit ungewissen, flackernden Augen in das Gesicht und fragte:

»Ist das wahr?«

»Oho! Willst du etwa sagen, daß ich lüge?« antwortete ich mit seinen eigenen Worten.

»So führe mich zu ihm!« begehrte er. »Ich habe verlangt, mit eurem obersten Kommandanten zu sprechen!«

»Du hast nichts zu verlangen. Er hat mir aufgetragen, mit dir zu reden. Wenn dir das nicht paßt, so mache dich sofort wieder auf das Pferd, damit ich dich nach dort zurückbringen lasse, woher du gekommen bist!«

Er hütete sich wohl, dies zu tun. Er hatte sich die Sache ganz anders gedacht, als sie sich nun gestaltete. Und er sagte sich, daß es jetzt seine Aufgabe sei, so viel wie möglich zu erfahren, um es dem ›Panther‹ berichten zu können. Diesen Zweck konnte er aber gewiß nicht erreichen, wenn er den jetzigen Ton beibehielt. Darum bat er nun in höflicher Weise:

»Verzeih, Herr! Hättest du mir gesagt, wer du bist, so würde ich dir wohl keine Veranlassung gegeben haben, mich in dieser Art abzufertigen!«

»So sei bescheiden, und mach es kurz! Was läßt uns der ›Panther‹ sagen?«

»Daß er mit dem Kommandanten dieses Heeres sprechen will.«

»Wann?«

»Sofort!«

»Wo?«

»In seinem Zelte.«

»Unser Kommandant soll also zu ihm kommen? In euer Lager?«

»Ja.«

»Zu einem solchen Lügner und Verräter? Und ihm nachlaufen? Nein, nein! Es sei dem ›Panther‹ eine Unterredung gewährt, aber nur aus Gnade und Barmherzigkeit, aus keinem andern Grunde. Eigentlich hätte er hierher zu uns, in unser Lager zu kommen, aber er gehört zu denjenigen Menschen, die in einem solchen
Geruche stehen, daß man mit ihnen nicht im Zelte, sondern nur in freier Luft verkehren kann. Darum soll diese Unterredung genau auf halbem Wege zwischen unserm und eurem Lager stattfinden. Unser Mir kommt unbewaffnet und bringt fünfzig unbewaffnete Begleiter zu Pferde mit, und dem ›Panther‹ sei gestattet, ganz ebenso zu tun. Ist bei ihm oder bei einem seiner Leute eine einzige Waffe zu sehen, wird er eine schlimme Abrechnung erleben. Das sage ihm ja; ich warne dich und ihn! Jetzt ist die Hälfte zwischen Morgen und Mittag. Genau drei Stunden nach Mittag wird unser Mir an Ort und Stelle sein. Ist der ›Panther‹ noch nicht da, so kehrt der Mir augenblicklich wieder um, und das Schicksal, welches euch bestimmt ist, wird keinen Augenblick mehr aufzuhalten sein. Jetzt steig wieder auf, und folge mir! Ich werde dir die Stelle bezeichnen, an welcher der ›Panther‹ sich einzufinden hat.«

»Ich soll also fort?« erkundigte er sich.

»Ja,« antwortete ich.

»Ich habe aber noch so viel zu fragen!«

»Das laß nur bleiben! Hier gibt es keine Knaben, die man ausfragen kann, wie man will. Steig also auf, und komm!«

Ich ging zur nächstruhenden Tschobanabteilung und ließ mir eines der dortigen Pferde geben. Auf meinen Rappen mußte ich verzichten, denn wenn der Parlamentär dem ›Panther‹ dieses Pferd beschrieben hätte, so wäre dieser sofort im Stande gewesen, zu sagen, mit wem der Erster gesprochen hatte. Ich ritt mit ihm und seinen beiden Begleitern nicht nach der Richtung, in welcher die von mir zu wählende Stelle war, sondern ich machte einen Umweg, und zwar in der Weise, daß er ein möglichst imponierendes Bild von unserer Stärke und Aufstellung
bekam. Er sah die Ussul und die Tschoban, und er sah die weit nach Ost und West hinauslaufenden Ketten der Reiter von El Hadd und Halihm. Das genügte für einstweilen. Als wir dann den Punkt erreichten, der mir für die geplante Zusammenkunft geeignet erschien, mußte er, um ihn wiederzufinden, seine Friedenslanze in die Erde stecken. Als er dies getan hatte, ritten die beiden Tschoban mit ihm von dannen. Sie hüteten sich ganz selbstverständlich, ihm meinen Namen zu sagen. Ich kehrte zu dem Mir zurück, bei dem sich der Dschirbani mit Halef befand. Als ich ihnen mitgeteilt hatte, wer der Mann gewesen war und was für einen Auftrag er jetzt mit sich nahm, sagte der Mir:

»Ich bin gern mit Allem einverstanden, was du getan und bestimmt hast. Der ›Panther‹ wird kommen; mich aber ekelt es an, diesem Menschen mein Angesicht zu zeigen.«

»Das sollst du auch nicht,« erwiderte ich.

»Wer sonst?«

»Halef.«

»Ich?« rief der kleine Hadschi aus, indem er eine Bewegung machte, als ob er elektrisiert worden sei. »Wie meinst du das, Effendi?«

»Du reitest den köstlichen Schimmelhengst des Mir, empfängst den ›Panther‹ oder begrüßest ihn in deiner Weise und sagst ihm, daß du zum Herrscher von Ardistan erwählt worden seiest und diese Würde angenommen habest. Du forderst ihn auf, sich dir augenblicklich zu ergeben.«

Da sprang Halef von seinem Sitze auf, machte eine Bewegung, als ob er mit beiden Beinen in die Luft wolle, beherrschte sich aber und rief aus:

»Allah sei Dank! Schon wollte ich vor Freude
einen glänzenden Sprung meiner jubelnden Füße machen, aber ich besann mich noch zur rechten Zeit, daß sich das für den Mir von Ardistan, zu dem du mich erhoben hast, nicht schickt. Ich danke dir, Effendi, ich danke dir von ganzem Herzen! Nun bekomme ich doch endlich wieder einmal etwas zu tun, was mir geziemt und meiner Seele gefällt. Ich werde die mir anvertraute Rolle in einer Weise spielen, daß euer Lob über mich kein Ende nimmt. Hat Jemand von euch in Beziehung auf das, was ich dem ›Panther‹ sagen soll, einen Wunsch, so bitte ich, ihn mir mitzuteilen; ich erfülle ihn sehr gern!«

»Was du zu sagen hast, läßt sich nicht im Voraus bestimmen,« erklärte ich ihm. »Man müßte vorauswissen, was der ›Panther‹ vorbringt. Du kennst unsere Lage, und du kennst unsere Absichten. Der ›Panther‹ ist kein Pfiffikus, sondern ein leicht erregbarer, unvorsichtiger Mensch; auf deine Klugheit aber können wir uns, denke ich, verlassen.«

Er nahm dieses Lob mit einer anerkennenden Handbewegung hin; der Mir aber fragte:

»Wozu dieser Scherz? Haben wir nicht alle Veranlassung dazu, ernst zu sein?«

»Es gibt Scherze, die gerade nur vom Ernst befohlen werden,« antwortete ich. »Ich halte den ›Panther‹ schon längst nicht mehr für einen Menschen, den man ernst zu nehmen hat. Nur dadurch, daß man diesen eigenwilligen, überspannten Hanswurst so hoch überschätzt und als etwas ganz Anderes genommen hat, als was er ist, konnte er von dem Basch Islami für den Mann gehalten werden, für den er gehalten wurde. Es würde keine Ehre für uns, sondern ein unverzeihlicher Fehler von uns sein, mit ihm in wirkliche, ernstgemeinte Verhandlungen zu treten. Er ist einfach nur als Chodscha
von Chorassan18 zu behandeln. Er muß, wenn wir mit ihm fertig sind, daß Gefühl haben, daß er gar nicht weiß, woran er ist. Und er darf gerade nur das für richtig halten, was nicht für ihn, sondern für uns von Nutzen ist.«

»Du hast Recht, vollständig Recht,« gestand er ein. »Unser Halef mag diese Rolle spielen. So bekommt mich der ›Panther‹ also nicht zu sehen. Aber dabei sein und ihn hören möchte ich doch!«

»Ich auch,« sagte der Dschirbani.

»Und ich auch,« stimmte ich bei. »Wir gesellen uns also zu den fünfzig Begleitern des Hadschi.«

»Da sieht und erkennt uns der ›Panther‹,« entgegnete der Dschirbani.

»Er wird uns sehen, aber nicht erkennen,« erklärte ich. »Bei der Bagage der Lanzenreiter gibt es, wie ich gesehen habe, Reserveanzüge jeder Größe. Wir sind vier Personen. Zwei kleiden sich als Lanzenreiter von El Hadd und zwei als Lanzenreiter von Halihm. Wir legen genau so blaue Schleier um wie der Schech el Beled; da kann man unsere Gesichter nicht erkennen.«

»Wieso vier Personen?« fragte der Mir. »Wir sind außer unserm Hadschi Halef Omar ja nur drei!«

»Ich nehme den Basch Islami hinzu.«

»Warum?«

»Weil ich es für gut halte, daß er seinen einstigen Liebling und Verbündeten als den kennen lernt, der er in Wirklichkeit ist. Ich halte es keineswegs für unmöglich, daß in dem Basch Islami noch ein Rest des alten Vertrauens vorhanden ist, der aber hierdurch schnell beseitigt würde.«

»Auch in diesem Punkte hast du Recht. Wir werden also derart verfahren, wie du vorgeschlagen hast. Setzen wir uns sofort zu Pferde, um die Anzüge zu besorgen!«

Der Mir ritt mit dem Basch Islami nach der Bagage von Halihm, ich mit dem Dschirbani nach der Bagage von El Hadd. Dort dauerte es ziemlich lange, bis wir einen Anzug für die Gestalt meines Begleiters fanden; es glückte uns aber dennoch, einen zu entdecken. Einer für mich war leicht gefunden. Als wir dann nach unserm Lager zurückgekehrt waren, stellte sich der Parlamentär des ›Panther‹ zum zweiten Male ein, um einige Veränderungen meiner Abmachungen mit ihm zu erwirken. Ich wies seine Zumutungen zurück. Er kam dann noch einmal wieder, um einige Queruleien durchzusetzen, hatte aber genau denselben Mißerfolg. Als er erkannte, daß bei mir nichts zu erreichen sei, bequemte er sich schließlich zu der definitiven Mitteilung, daß der ›Panther‹ kommen werde, und zwar genau in der von mir vorgeschriebenen Weise.

Als nach europäischer Zeitrechnung zwei Uhr vorüber war, kleideten wir uns um. Der Mir und der Basch Islami in blaue, der Dschirbani und ich in naturfarbene Lanzenreiteranzüge. Die Gesichter wurden blau verschleiert. Auch die Pferde nahmen wir von den Lanzenreitern, um nicht an den unseren erkannt zu werden. Halef bekam den Prachtschimmel des Mir. Er staffierte sich auf das Köstlichste heraus, natürlich mit geliehenen Kleidungsstücken, und wand sich einen Turban, der, wie bei den Häuptlingen mancher Kurdenstämme, einen Durchmesser von beinahe zwei Ellen hatte. Einen Schleier hatte er auch. Der war weiß und an seiner unteren Kante mit abwechselnd blauen und roten Fransen verziert.
Höchst wahrscheinlich stammte er aus dem Harem eines muselmännischen Ardistaners.

Kurz vor drei Uhr brachen wir auf. Voran ritt Halef. Ihm folgten wir Vier. Hinter uns kamen sechsundvierzig Ussul und Tschoban.

Als wir die Stelle erreichten, in der die Lanze steckte, war der ›Panther‹ mit seiner Begleitung schon da. Er saß allein. Seine Leute bildeten hinter ihm einen Halbkreis. Halef wäre nicht Halef gewesen, wenn er seine Ankunft so kurz und einfach wie möglich gestaltet hätte. Er hatte uns unterrichtet, wie er es wünschte, und wir taten nach seinem Willen. Wir kamen im Galopp angebraust, stellten uns, als ob wir die Gegner niederreiten wollten, rissen unsere Pferde aber noch im letzten Augenblick herum und wiederholten diese Attacke noch zweimal, um dann in der Weise Platz zu nehmen, daß Halef dem ›Panther‹ fünf Schritte weit gegenübersaß. Rechts von ihm ließ sich der Mir mit dem Basch Islami, links ich mit dem Dschirbani nieder. Hinter uns bildeten unsere Begleiter einen Halbkreis, der denselben Durchmesser, wie der uns gegenüberliegende, hatte.

Eine Zeitlang blieb Alles still. De beiden Hauptpersonen hatten sich nicht einmal begrüßt. In dieser Beziehung war mein Halef einzig. Es fiel ihm gar nicht ein, das erste Wort zu sprechen. Er hätte bis morgen früh geschwiegen und wohl auch noch länger, nur um seinem Gegenüber die Reprimande erteilen zu können, nicht so voreilig und sprachselig zu sein. Aber so lange dauerte es gar nicht. Der ›Panther‹ war viel zu ungeduldig, als daß er auch nur fünf Minuten hätte warten können. Es war noch nicht die Hälfte dieser Zeit vergangen, so rief er hastig aus:

»Wie lange soll das Schweigen dauern? Beginnen wir doch! Ich bin der Mir von Ardistan.«

Halef blieb still.

»Hast du es gehört?« fragte der ›Panther‹. »Ich bin der Mir von Ardistan.«

Halef blieb immer noch stumm.

»Bist du taub?« fuhr sein Gegenüber fort. »Ich habe dir gesagt, daß ich der Mir von Ardistan bin!«

Da endlich schüttelte Halef langsam, sehr langsam seinen Riesenturban, hob ebenso langsam seine Arme empor und sprach:

»Oh Allah, Allah, wie lange soll es Leute geben, die nicht schweigen können, sondern es so eilig haben, durch ihre Schwatzhaftigkeit in alle Welt hinauszuposaunen, daß sie verrückt geworden sind. Ich komme mit meinen 163000 Fußgängern, 290000 Reitern und 385000 Kanonen und Haubitzen soeben und direkt aus Ard, der Hauptstadt von Ardistan, um einen armseligen Lügner, Betrüger und Rebellen in die Luft zu blasen. Man hat mich dort zum Mir von Ardistan gewählt. Man hat mich auf den Thron gesetzt und mich mit Krone, Zepter und Säbel zum einzigen und alleinigen Herrscher des Reiches erhoben, und hier setzt sich nun so ein Frosch gerade vor mich hin und quakt mir in die Ohren, daß ich nicht der Mir von Ardistan sei, sondern er!«

Als Halef zu sprechen begann, hatte der ›Panther‹ aufgehorcht, denn der Hadschi gab sich keine Mühe, seine Stimme zu verstellen. Jetzt aber fuhr der Erstere mit der Hand nach dem Gürtel, in dem er aber jetzt keine Waffen mehr hatte, und fragte:

»Wen meinst du mit dem Frosche?«

»Dich!« antwortete Halef sehr ruhig und sehr aufrichtig.

Da sprang der ›Panther‹ von seinem Sitze empor, streckte ihm die geballten Fäuste entgegen und schrie:

»Hund! Sei froh, daß wir ohne Waffen sind. Denn wäre das nicht der Fall, so würde ich dich niederschießen wie einen räudigen Schakal oder eine stinkende Hyäne. Du bist mir überhaupt ein widerwärtiger Kerl. Du hast die Gestalt und Stimme eines Bekannten von mir, welcher von allen Dummen und Dümmsten der Erde der Allerdümmste ist. Hüte dich! Sonst ergeht es dir genau so, wie es ihm ergangen ist!«

»Und wie erging es ihm?« fragte Halef.

»Ich ließ ihn einsperren. Er ist verhungert und verdurstet. Er ist verschmachtet unter tausend Qualen. Willst du etwa dasselbe Schicksal erleiden, welches er erlitten hat?«

»Ja, das will ich allerdings! Ich kann überhaupt kein anderes Schicksal erleiden als das seinige. Und ich bin mit diesem seinen und meinem Schicksal ganz ebenso zufrieden wie er. Denn erstens sieht er gar nicht so verhungert und verdurstet aus, wie du denkst, und zweitens ist er Mir von Ardistan geworden und wird dir zeigen, wer und was du bist. Da, schau her!«

Er hob den Schleier empor und warf ihn nach hinten über den Turban, so daß sein Gesicht frei wurde. Der ›Panther‹ stand im Begriff, sich wieder niederzusetzen, schnellte aber sofort nochmals empor und rief aus:

»Der Haddedihn, der verdammte, neunmal verdammte Hadd – – –«

Er brach mitten im Worte ab. Der Schreck, der ihn ergriffen hatte, ließ ihn nicht weitersprechen. Er ließ sich langsam, langsam wie Einer, der in sich zusammenbricht, auf die Erde nieder, senkte den Kopf, legte die Hände vor das Gesicht und blieb still. Halef hatte kein Verständnis für so tief innerliche, gewaltige Erregungen; er wandte sich zu uns und sagte:

»Hatte ich nicht Recht, als ich ihn einen Frosch nannte? Bald springt er auf, bald springt er nieder; bald bläst er sich auf, bald fällt er wieder zusammen. Und das ist so frech, sich auch einen Mir von Ardistan zu nennen!«

Ich gab ihm einen stillen Wink mit der Hand; da sprach er nicht weiter. Der ›Panther‹ tat, als habe er die Worte des Hadschi gar nicht gehört. Vielleicht waren sie auch wirklich an seinem innern Ohr vorübergegangen, ohne vernommen zu werden. Aber nach einiger Zeit ließ er die Hände sinken, richtete den Kopf empor, sah uns Einen nach dem Andern an und blieb dann mit seinem Blicke an Hadschi Halef hangen. Sein Gesicht war bleich geworden; das sah man trotz der von der Sonne verbrannten Haut. Aber der Schreck war vorüber, war vollständig überwunden. Die Zuge veränderten sich zusehends. Sie nahmen nach und nach einen lauernden Ausdruck an, etwas gewiß und wirklich Panthermäßiges. Und als er sodann sprach, verriet seine Stimme nicht die geringste Spur von Erregung, sondern eine derartige, unheimliche Selbstbeherrschung, daß es mir vorkam, er ziehe sich nur deshalb so tief in sich selbst zurück, um sich dann desto kräftiger und verderblicher auf uns zu stürzen.

»Der Haddedihn lebt!« sagte er. »Der Narr, der Faselhans! Und wenn er lebt, leben auch die Andern! Sie sind entkommen! Der Mir hat Glück gehabt, unmenschliches Glück! Er ist wieder nach Ard zurückgekehrt! Er hat sich mit dem Dschirbani vereinigt! Das sehe ich an diesen Reitern hier, die nicht zur alten Ussulgarde in Ard, sondern zu den Truppen des Dschirbani gehören. Dieser Letztere ist also auch aus der ›Stadt der Toten‹ entkommen! Wahrscheinlich mit Hilfe jenes niederträchtigen
Menschen aus Dschermanistan, den ich zwischen meinen Fäusten zerreiben werde, so – – so – – – so!«

Er rieb die Fäuste aneinander, um uns das, was er sagte, zu verdeutlichen. Hierauf fuhr er fort:

»Dann ist er hinter mir her, der Mir, der alte Mir! Der Mir von Dschinnistan hat sich seiner erbarmt und ihm Hilfe geschickt! Pfui! Und der Schech el Beled von El Hadd ist zu ihm gestoßen! Ebenso der Fürst von Halihm – – –«

»Dessen Tochter du zum Weibe begehrtest,« fiel Halef schnell ein.

»Woher weißt du das?« fuhr ihn der ›Panther‹ an.

»Ich las deinen Brief,« antwortete der Hadschi.

»Welchen Brief?«

»Den du durch deinen Oberst an Abd el Fadl sandtest.«

»Lügner! Der Fürst von Halihm würde dir solche Briefe nie zu lesen geben!«

»Willst du etwa leugnen?« rief es da auf Halefs anderer Seite, wo der Basch Islami saß, der seine Erbitterung nicht zu zügeln verstand.

»Wer bist du? Was hast du hier hereinzureden?« fragte der ›Panther‹.

»Wer ich bin? Schau her! Wir alle haben deinen Brief gelesen, wir alle! Auch ich, ich, ich!«

Er entfernte den Schleier von seinem Gesicht, doch hatte das keineswegs den von ihm erwarteten Erfolg. Der ›Panther‹ stutzte zwar einen Augenblick, aber eben nur einen Augenblick, und rief dann unter höhnischem Lachen aus:

»Dummköpfe, die ihr seid! Armselige, elende Dummköpfe, alle, alle mögt ihr sein, wer ihr wollt! Theater
habt ihr mit mir spielen wollen, Theater! Der verrückte Haddedihn hatte den Mir vorzustellen, den Herrscher! Damit ist offenbar, welche lächerliche Vorstellung ihr von dem Manne habt, dem die Aufgabe geworden ist, Ardistan in Zucht und Ordnung zu halten! Hahahahaha!«

Er lachte aus vollem Halse, und weil er sich dabei nach seinen Begleitern umdrehte, lachten diese mit. Dann fuhr er fort:

»Ja, Theater, Betrug und Schwindel! Wir glaubten wirklich, Lanzenreiter von El Hadd und Halihm vor uns zu sehen. Ja, wir waren sogar überzeugt, daß eure Verhüllung den ›Schwur von Dschinnistan‹ bedeute. Nun aber dieser alte Mann, der sich einbildete, der Vater der zukünftigen Herrscherin zu sein, eure Maskerade verraten hat, weiß ich, woran ich bin. Ich gehe auf diese Maskerade ein, aber ich mache es kurz mit euch, viel kürzer, als ihr denkt.«

Er erhob sich wieder von seinem Sitze, verschränkte die Arme über die Brust, um sich eine imponierende Feldherrnstellung zu geben und richtete dann die Frage an Halef:

»Also du bist der Mir von Ardistan?«

»Ja,« antwortete dieser.

»Schön! Da ich dasselbe auch von mir behaupte, so muß einer von uns fallen, entweder du oder ich. Das siehst du doch wohl ein?«

»Also Kampf?« fragte Halef schnell.

»Ja.«

»Zwischen dir und mir?«

»Ja.«

»Ich bin bereit! Sofort, sofort! Lassen wir uns Waffen kommen! Oder nehmen wir nur die Fäuste? Auch das ist mir recht, sehr recht!«

Es fiel dem kleinen Hadschi nicht ein, sich zu fürchten. Er wußte, da er dem ›Panther‹ in jeder Beziehung gewachsen war. Es versetzte ihn ganz im Gegenteile in Entzücken, diesen Menschen in einem regelrechten, offiziellen Zweikampf niederringen zu können. Dieser aber fiel ebenso rasch ein:

»Nicht so, nicht so! Fällt mir gar nicht ein, mich mit einem Menschen, wie du bist, in solcher Weise herumzubalgen. Bist du wirklich der Mir, so steht da dein Heer und dort das meinige. Ich meine den Kampf zwischen den beiden Heeren, nicht aber zwischen mir und dir. Mit Zwergen kämpft man nicht! Ich lade dich zur Schlacht, zur Schlacht für morgen früh. Sie beginnt, sobald es tagt. Bist du einverstanden?«

Es war ein außerordentlich geringschätziger Blick, den er bei dieser Frage auf den Hadschi warf. Dieser antwortete nicht sofort. Er fühlte sich durch den Hinweis auf die Kleinheit seiner Gestalt in so hohem Grade beleidigt, daß er nicht gleich Worte fand, die ihm kräftig genug erschienen. Außerdem wurde seine Aufmerksamkeit ganz ebenso wie die unserige dadurch abgelenkt, daß der Himmel sich plötzlich verfinsterte, obgleich wir keine Wolke sahen, die unter der Sonne vorüberging. In demselben Augenblick erhob sich ein scharfer Wind, der keine bestimmte, feste Richtung zu haben schien und den Sand und Staub nach allen Seiten trieb.

»Zu den Pferden!« rief ich aus. »Schnell zu den Pferden! Nehmt die Zügel kurz an den Mäulern, und haltet sie fest, sehr fest! Weit auseinander mit ihnen, damit sie einander nicht schlagen! Mir scheint, die Erde will beben!«

Unsere Leute sprangen sofort auf und taten, wie ich gesagt hatte; die Begleiter des ›Panther‹ aber blieben an ihren Plätzen. Er lachte höhnisch auf und rief:

»Erdbeben! Ja, wenn man Memmen und Feiglingen eine Schlacht, eine wirkliche Schlacht anbietet, so machen sie nicht mit, indem sie vorgeben, die Erde wolle beben! Schande über euch, dreifache Schande, Schande!«

Jetzt, nach dieser noch größeren Beleidigung, wollte Halef dreinfahren; da aber rief ihm der wirkliche Mir zu:

»Ich bitte dich, schweig! Das Wort ›Schlacht‹ ist gefallen, dadurch wird Alles anders, als wir dachten und als wir wollten. Von nun an spreche ich selbst!«

Er entfernte den Schleier von seinem Gesichte, trat vor den ›Panther‹ hin und fragte:

»War das dein Ernst? Bist du bereit zur Schlacht?«

Der Gefragte wich einige Schritte zurück. Mochte er geahnt haben oder nicht, wer wir waren, in diesem Augenblicke erschrak er doch. Auch wir Andern nahmen die Verhüllungen weg, so daß er sah, wer wir waren.

»Alle sind entkommen, alle!« knirschte er.

Er wich noch einige weitere Schritte zurück, betrachtete uns hassesfunkelnden Auges, zog sich zusammen wie eine Katze, die zum Sprunge ausholt, und richtete dann die Worte an den Mir:

»Wirst du mir die Wahrheit sagen, wenn ich dich frage?«

»Leute deiner Art belügt man nicht,« antwortete der Herrscher stolz.

In diesem Augenblicke begann es zu donnern. Ob unter oder über der Erde, das wußte man nicht.

»Sind wirklich die Lanzenreiter von El Hadd bei euch?« erkundigte sich der ›Panther‹.

»Ja,« nickte der Mir.

»Wieviele?«

»Zähle sie in der Schlacht!«

»Und die Lanzenreiter von Halihm?«

»Ja.«

»Habt ihr Wasser für so viele?«

»Für noch viel mehr!«

»Allah verdamme euch! Mich aber wollt ihr durch den Hunger und vor allen Dingen durch den Durst besiegen?«

»Ja.«

»Ich bin von aller Zufuhr abgeschnitten! Ich habe kein Wasser! Ich muß elend verschmachten, ganz so, wie ich euch verschmachten lassen wollte in der ›Stadt der Toten‹! So denkt ihr jetzt. Aber ihr irrt. Ihr kennt mich nicht. Ich hole mir Wasser, und ich hole mir Brot. Und wißt ihr, wo? Bei euch! Habe ich zu dem Haddedihn vorhin ironisch von einer Schlacht gesprochen, so mache ich jetzt Ernst. Ich lade dich zur Schlacht, zur Verzweiflungsschlacht zwischen mir und dir. Nimmst du sie an?«

»Ja,« antwortete der Mir.

»Morgen?«

»Ja.«

»Wo?«

»Wo ich dich treffe.«

Da donnerte es abermals. Das klang, als sei es nicht nur oben am Himmel, sondern auch unter der Erde. Die Pferde unserer Gegner begannen, zu schnauben und unruhig zu werden. Da zeigte der ›Panther‹ nach Norden, wo die drei Kuppen des Dschebel Allah hoch emporragten, und fuhr fort:

»Diese Schlacht, die zwischen dir und mir entscheidet, sei dort, am Fuße des Dschebel Allah. Morgen früh, beim Beginn des Tages. Ist es dir recht?«

»Ja.«

Da ging, so schnell wie ein Blitz, ein dünnes, scharfes
Geräusch unter uns hinweg, wie wenn eine Eisfläche auf der man steht, einen jähen, sich weit fortpflanzenden Riß bekommt, und zugleich war es, als ob wir in einer Schaukel ständen, welche anfangen wolle, sich zu bewegen. Die Pferde wurden ängstlicher.

»So ist es denn als abgemacht betrachtet!« setzte der ›Panther‹ seine Rede fort. »Morgen früh, sobald es hell genug geworden ist, den Freund vom Feind zu unterscheiden.« Und mit einem Hohne sondergleichen fügte er hinzu: »Ich hoffe, daß du kommst! Denn das war wohl nicht sehr heldenhaft von euch, mich durch Hunger und Durst besiegen zu wollen. Nicht euer Wasser soll entscheiden, sondern das Schwert!«

»Nein, weder das Wasser noch das Schwert, weder du noch ich soll entscheiden, sondern ein Höherer!« rief der Mir.

»Ein Höherer? Wer?«

»Gott!«

»Gott!« lachte der ›Panther‹. Es war so geringschätzig dieses Lachen. »Nur Menschen fünften oder gar sechsten Wertes verlassen sich auf den, den sie als Gott, als Allah oder mit sonstwie ähnlichen Namen bezeichnen. Ich aber, der neue Mir von Ardistan, kann mich ganz unmöglich dem Range nach so tief hinunterstellen. Ich brauche diese Hilfe nicht, nach der nur Schwache und Unfähige lechzen. Ich siege durch mich selbst, durch meine eigene Kraft nicht aber durch – – –«

Er hielt inne. Er konnte den angefangenen Satz nicht vollenden. Es tat in diesem Augenblicke einen Krach, als müsse Himmel und Erde zu Grunde gehen, und die letztere begann, zu wanken. Der ›Panther‹ stürzte zu Boden. Er wollte sich zwar schnell aufraffen, aber es folgten noch weitere Erdstöße, die ihn immer wieder niederwarfen.
Die Pferde seiner Truppe wieherten vor Schreck laut auf und jagten davon. Seine Leute brüllten und rannten hinter ihnen her. Da schrie auch er:

»Fort, fort! Hier ist der Schaitan19 los! Er hole euch alle miteinander! Fort, nur fort!«

Er sprang den Voranfliehenden in großen Sätzen nach, und zwar ohne daß er wieder niederstürzte, weil die Stöße nun vorüber waren und sich nicht wiederholten. Seine Pferde verschwanden schnell am Horizonte. Was die unserigen betrifft, so verhielten sie sich nicht alle gleich. Die Schimmel der Lanzenreiter hatten sich nicht gerührt. Sie waren von ihrer Heimat her diese Unzuverlässigkeit des sogenannten ›festen‹ Erdbodens gewohnt. Die dicken Gäule der Ussul waren zwar auch erschrocken, aber ihr angestammtes, im diesem Falle höchst vortreffliches Phlegma half ihnen schnell und leicht über diesen Schreck hinweg. Sie blieben einfach stehen und sahen sich nur verwundert nach der Ursache dieses Lärmes um, ohne sich aber von ihm aus der Fassung bringen zu lassen. Der Schimmel des Mir war ein wahrhaft edles Tier. Zwar erregten die Erdstöße sein Entsetzen, doch bewirkten die guten Worte Halefs und des Mir, die beide zu ihm hingeeilt waren, daß er nicht ausbrach, sondern sich beruhigte. Anders aber die Pferde der Tschoban, die mit aller Gewalt festgehalten werden mußten und nach allen Seiten mit den Hufen um sich schlugen. Darum war es gut, daß man sie infolge meines Rates sogleich und so weit auseinandergezogen hatte, daß sie einander nicht verletzen konnten. Ebenso wie hier an dieser Stelle hatten sich auch die Pferde unsers Lagers und unserer ganzen Linie verhalten. Die Schimmel der El Hadd und Halihm
waren ruhig geblieben, die Urgäule der Ussul auch. Syrr und Assil Ben Rih waren angepflockt gewesen. Sie hatten zwar ihre Mähnen gesträubt und einige Sprünge gemacht, sich aber nicht losgerissen. Mit den Pferden der Tschoban aber hatte man viel Mühe und Arbeit gehabt, die durch ihre Angst entstandene Unordnung zu beseitigen. Am allerschlimmsten aber war es, wie wir später erfuhren, im Heere des ›Panthers‹ zugegangen. Es hatte da eine geradezu unbeschreibliche Verwirrung mit vielfältigen Verletzungen von Pferden und Menschen gegeben. Ich kann jetzt hierüber weggehen, weil ich später Gelegenheit haben werde, ganz Aehnliches zu berichten.

So schnell wie die Verfinsterung des Himmels gekommen war, so schnell war sie auch wieder gegangen. Kaum hatten wir den stracks auf seinen eigenen Beinen davongaloppierenden ›Panther‹ verschwinden sehen, so war der Himmel wieder rein und frei, und die Sonne strahlte in der alten Weise auf uns hernieder. Die Erdstöße hatten nicht nur auf den ›Panther‹ und seine Leute, sondern auch auf uns und unsere Stimmung gewirkt, natürlich aber in anderer Weise als bei ihm. Wir alle hatten das Gefühl, daß ein Höherer, Unsichtbarer uns zur Seite stehe, der uns durch das Beben der Erde hatte zeigen wollen, daß nur allein Verlaß auf ihn und seine Hilfe, nicht aber auf menschliche Pläne sei. Wie schnell war mein Vorhaben, den ›Panther‹ zu ironisieren, zusammengefallen! Und wie prompt hatte der Mir auf seine Absicht, sich nicht zu erkennen zu geben, verzichten müssen! Nun standen wir, die wir hatten ›schauspielern‹ wollen, da und schauten einander an. Was hatten wir erreicht?

»Effendi, ich spiele niemals wieder den Mir!« sagte Halef. »Ich habe meine Sache so ungeheuer schlecht gemacht,
daß sogar die Erde vor Aerger unter mir zitterte! Ich bleibe Scheik der Haddedihn vom Stamme der Schammar. Wer sich für mehr ausgibt, als er ist und kann, dem schwindet der Boden unter den Füßen weg, und so Etwas will ich nicht wieder erleben! Der ›Panther‹ hat uns die Schlacht angetragen, ganz so, wie in früherer Zeit die großen Helden taten. Wir werden also später von einer ›Schlacht am Dschebel Allah‹ erzählen können. Aber glaubst du, daß er Wort hält?«

»Nein,« antwortete ich.

»Nicht? Hast du Gründe hierzu?«

»Sehr triftige.«

»Ob du dich da nicht irrst? Er ist doch gezwungen, mit uns zu kämpfen. Er muß doch verdursten, wenn er kein Wasser bekommt. Und das kann er sich nur bei uns holen. Er selbst hat es gesagt.«

»Grad weil er es gesagt hat, glaube ich es nicht. Es gibt Wasser, und zwar gar nicht weit von hier.«

»Wo?«

»Gleich jenseits des Dschebel Allah. Alle diese Berge, die uns als kahl erscheinen, auch der Dschebel Allah, sind nur nach Süden kahl, also nach der Seite, von welcher die Einflüsse von Ardistan zerstörend wirken konnten. Das habe ich in den Büchern Marah Durimehs gelesen und auch aus ihrem eigenen Munde gehört. In den Schluchten jenseits des Dschebel Allah gibt es fließendes Wasser; nur kann es nicht hier herüber in dieses vertrocknete und verschmachtete Land. Es sollte mich wundern, wenn der ›Panther‹ das nicht ebensogut und noch besser wüßte als ich, der Fremde.«

»Er weiß es,« fiel der Basch Islami ein. »Ich selbst habe mit ihm darüber gesprochen und ihn darauf aufmerksam gemacht.«

»So will er hinüber! Zunächst nur, um zu Wasser zu kommen, um sich das Leben zu retten. Sodann aber auch aus andern, sehr triftigen Gründen. Er glaubt, die Scharen des Mir von Dschinnistan fliehen vor ihm. Er muß ihnen nach, um sie zu strafen. Er weiß, daß die Lanzenreiter von El Hadd und Halihm bei uns sind; er glaubt also, daß ihr Land von Verteidigern entblößt sei; er meint, es mit einem schnellen Streiche in seine Gewalt bringen und besitzen zu können –«

»Richtig, sehr richtig!« stimmte der Dschirbani mir bei. »Bekommt er El Hadd, so sitzt er im warmen Neste; wir aber halten hier am kahlen Dschebel Allah und können nicht hinüber. Denn den einzigen Weg, der nach seiner Meinung hinüberführt, wird er mit Geschützen besetzen. Darum erkundigte er sich besonders und angelegentlich, ob die Lanzenreiter bei uns seien. Auch ich bin der Ansicht, daß er von der Schlacht nur gesprochen hat, um sie zu vermeiden. Kehren wir nach dem Lager zurück, und lassen wir den Schech el Beled und Abd el Fadl kommen, um mit ihnen zu beraten!«

Dieser Vorschlag wurde ausgeführt. Die beiden Genannten trafen gegen Abend ein. Als wir ihnen Bericht erstattet hatten, zeigte es sich, daß sie derselben Ansicht waren, wie der Dschirbani und ich. Wir besprachen uns auf das Ausführlichste mit ihnen, und als sie dann wieder fortritten, wußte ein Jeder von uns, wie er sich auf alle Fälle, sie mochten kommen, wie sie wollten, zu verhalten hatte.

Die Erdstöße hatten in mir ein ganz eigenartiges Gefühl hinterlassen. Man denke sich einen hohlen, leichten Gummiball, der auf leise bewegtem Wasser schaukelt, auf diesem Balle sitzt eine Fliege, die das Schaukeln spürt, weil sie es mitzumachen hat. Den Ball als Erde
gedacht, war ich die Fliege. Ich hatte die Empfindung, als ob in jedem Augenblicke etwas unter mir umkippen und zerplatzen könne. Und, eigentümlich, meinem kleinen Hadschi erging es genau ebenso wie mir. Er kam, es mir zu beschreiben.

»Paß auf, Effendi,« sagte er, »hier am Dschebel Allah geschieht Etwas; wir erleben Etwas! Und wenn der ›Panther‹ sich alle mögliche Mühe gibt, uns zu überlisten und uns zu entkommen, so gibt es doch Einen, den er nicht überlistet und dem er nicht entkommt. Dieser Eine ist der Emir es Salsale20, der nicht mit sich spotten läßt. Mag der ›Panther‹ es mit der ›Schlacht am Dschebel Allah‹ ernst oder hinterlistig gemeint haben, er hat es gewagt, sie anzurufen, und wird sie haben, wenn auch anders, ganz anders, als er denkt!«

Es war, als ob in diesen Worten des Hadschi etwas Prophetisches gelegen habe. Von diesem Augenblicke an spitzten sich die Ereignisse derart zu, als ob die Vorsehung, die hoch über Allem menschlichen Ermessen steht, beschlossen habe: Der ›Panther‹ hat die Schlacht herbeigerufen; er soll sie haben!

Man vergegenwärtige sich die Aufstellung der beiden Heere, die an der Grenze von El Hadd einander gegenüberlagen. Diese Grenze wurde durch einen hohen, schroffen Gebirgszug gebildet, der genau von Ost nach West verlief und, außer am Dschebel Allah, vollständig unübersteigbar war. Es gab absolut keinen andern Paß und keinen andern Weg hinüber als den von mir bereits beschriebenen breiten, der sich oben spaltete, und die beiden geheimen Saumpfade, die an den beiden äußeren Seiten der Dschebelgruppe hinauf- und drüben wieder hinunterstiegen
und den breiten Weg zu seinen beiden Seiten weit in das Bergland hinein begleiteten, ohne von ihm aus bemerkt zu werden. Unten, am Fuße des Dschebel Allah, hatten bis heute früh die ›Schwarzgepanzerten‹ des Mir von Dschinnistan gelegen, waren aber bergaufwärts zurückgewichen, als sie das Heer des ›Panther‹ herankommen sahen. Nun jetzt, da die Sonne ihren Tagesbogen fast beendet hatte, lag dieses Heer an derselben Stelle, und zwar nicht in weit auseinander liegenden Intervallen, sondern eng zusammengedrängt, so daß schon hieraus zu schließen war, daß der ›Panther‹ beabsichtige, den Uebergang über die Grenze zu unternehmen. Durch diese seine Richtungsschärfe nach dem breiten Passe zu gab er die Seiten des mehrere Reitstunden breiten Dschebel Allah vollständig frei, so daß es unsern beiden Flügeln leicht wurde, ihn gänzlich zu umfassen. Wir rückten nach diesen beiden Seiten zwar langsam, aber stetig und unbemerkt vor, unterließen aber im Zentrum einstweilen noch jede Bewegung, weil wir uns da beobachtet wußten. Die Mitte unserer Aufstellung war über eine gute Reitstunde von dem Feinde entfernt; unsere Vorposten lagen ihm aber selbstverständlich viel näher. Die Spitzen unserer beiden Flügel hatten den Fuß des Gebirges und die Saumpfade erreicht, auf die sie angewiesen waren. Der ›Panther‹ war also im Süden von unserm Halbkreise und im Norden von dem Gebirgszuge derart umschlossen, daß ihm zum einstweiligen Entkommen nur die eine Lücke blieb, welche von dem Passe des Dschebel Allah gebildet wurde. Dort hatten die Lanzenreiter von El Hadd und Halihm Fühlung mit den ›Schwarzgepanzerten‹ des Mir von Dschinnistan bekommen, und diese Fühlung wurde auch, während die Letzteren sich vor dem ›Panther‹ zurückzogen, derart aufrecht erhalten, daß wir von Allem,
was da oben geschah, durch Meldungen unterrichtet werden konnten. Auf diese Weise kam es, daß alle Bemühungen des Feindes, uns das, was er tat, zu verbergen, vereitelt wurden.

Nämlich, kurz nachdem es dunkel geworden war, wurde uns ein Bote des ›Panther‹ zugeführt, der uns einen Zettel brachte, auf dem die Worte standen: »Aufforderung zur Schlacht am Dschebel Allah.« Und kaum war dieser Mann von den ihn begleitenden Posten fortgeführt worden, so traf von seiten unserer Lanzenreiter die Meldung ein, daß der Feind alle Veranstaltungen treffe, im Schutze der Dunkelheit den Uebergang über den Paß zu bewerkstelligen; die ›Schwarzgepanzerten‹ würden ihn nicht hindern, hinauf auf die Platte zu kommen. Ob es aber geraten sei, ihn jenseits dann hinunter zu lassen, das habe sich erst noch herauszustellen. Nach zwei Stunden stellte sich abermals ein Bote ein, der wieder einen Zettel mit genau denselben Worten brachte. Der ›Panther‹ wußte wahrscheinlich gar nicht, wie kindisch er da handelte. Seine Gründe zu dieser Spielerei lagen klar zutage. Wir sollten erstens gar nicht auf den Gedanken kommen, daß er beabsichtigte, uns zu entgehen. Er wollte zweitens durch diese seine Boten erfahren, ob er uns noch an derselben Stelle getroffen habe oder ob wir vielleicht auch in Bewegung seien. Und er freute sich schon im voraus darauf, uns, falls wir uns von ihm täuschen ließen, dann gründlich auslachen zu können.

Es kamen von zwei Stunden zu zwei Stunden noch zwei Boten mit ganz demselben Zettel. Aber ganz ebenso kamen auch weitere Meldungen von seiten der El Hadd und Halihm. Wir erfuhren, daß der Uebergang begonnen hatte. Der ›Panther‹ hatte ein ansehnliches Detachement Reiterei vorausgeschickt, um sich über die Beschaffenheit
des Weges aufzuklären, und dann nach eingetroffenen guten Resultaten sogleich die Artillerie folgen zu lassen. Es kam ihm darauf an, zunächst sie in Sicherheit zu bringen und den Paß derart mit Geschützen zu besetzen, daß es nur einiger Schüsse bedurfte, um ein Nachdrängen von unserer Seite leicht zurückweisen zu können. Ihr folgten dann die andern Truppenteile, und zwar in solcher Eile, daß, als er uns seinen letzten Boten schickte, die Räumung seines Lagers als vollendet betrachtet werden konnte. Dieser Bote hatte nach seiner Rückkehr dem vorangegangenen Heere als Letzter einzeln nachzureiten.

Das war nach europäischer Zeitrechnung zwischen zwei und drei Uhr in der Nacht. Wir lagen noch da, wo wir am Tage gelegen hatten. Es fiel uns gar nicht ein, in der Dunkelheit Etwas zu unternehmen, was wir bei Tageslicht viel sicherer und besser ausführen konnten. Es gab aber auch noch einen zweiten Grund, uns vorsichtig und abwartend zu verhalten. Dieser Grund lag nicht in der kriegerischen Situation, in der wir uns befanden, sondern in der uns umgebenden Natur.

Wir hatten jetzt abnehmenden Mond, der sich dem Neumond näherte. Dieses ›letzte Viertel‹ stand beim Beginn des Abends klar und deutlich am Himmel, und auch die Sterne waren so leicht erkennbar, daß man sie bis auf eine bestimmte Größe zählen konnte. Dies änderte sich nach und nach. Die Sterne verschwanden, oder vielmehr sie waren noch da, aber man konnte sie nicht mehr unterscheiden; sie flossen ineinander über. Auch der Mond wurde immer unklarer und verlor die Schärfe seiner Umrisse. Diese Undeutlichkeit nahm derart zu, daß man ihn um Mitternacht nicht mehr sah, obgleich man sagen konnte, wo er stand.

Die Pferde der Tschoban begannen, unruhig zu werden.
Auch die Menschen wurden von einem ganz eigenartigen Gefühle der Unsicherheit ergriffen. Die Luft atmete sich ganz anders ein als vorher. Nicht etwa, daß uns das Atmen schwer geworden wäre, o nein, aber man schien mit der Luft zugleich eine seelische Beklemmung einzuatmen, die nicht wieder weichen wollte und sich von Stunde zu Stunde vergrößerte. Wir befanden uns, wie schon einmal gesagt, nun im Gebiete der Vulkane, deren Ausbrüche wir früher aus der Ferne beobachtet hatten. Während unsers ganzen Rittes vom Lande der Ussul bis hierher war allabendlich ihr Leuchten und Glühen zu sehen gewesen, bald mehr, bald weniger deutlich und infolgedessen eindrucksvoll. Alle Anhänger der Fluß- und Friedenssage, mit denen wir gesprochen hatten, waren der Ansicht gewesen, daß das gegenwärtige Jahr das bekannte hundertste sei, in dem das Paradies sich öffne, um seine Erzengelfrage über die ganze Erde und über die ganze Menschheit erklingen zu lassen. Oft, sehr oft hatte es uns während dieser Zeit geschienen, daß die Erde bebe, aber leise und, ich möchte sagen, versuchsweise oder zagend, daß man es gar nicht weiter beobachtet hatte. In letzter Zeit war an Stelle dieser leisen, einzelnen Versuche der schon beschriebene Zustand jenes Schwimmens, Schwingens und Schwebens getreten, bei dem man das Vorgefühl hatte, als ob irgend Etwas unter den Füßen entweder kentern oder zerplatzen werde. Und am heutigen Abende wurden wir von dieser Vorahnung derart gefangen genommen, daß ich das seelische Resultat als Beengung, wenn nicht gar als Beängstigung bezeichnen möchte.

Auch heut sahen wir die Glut der Berge steigen, besonders der ferneren, im höchsten Dschinnistan. Die näheren schienen zu ruhen. Ganz ungewöhnlich verhielt
sich der, welcher uns am nächsten lag, also der Dschebel Allah. Seine mittlere Kuppe, also der ›Sohn‹, ragte still und stumm und schwarz zum Himmel auf, als ob er tot sei, starr und erstorben, von den Gluten des Erdinnern nicht mehr zu erreichen und zu beleben. Die beiden andern Kegel aber, der ›Vater‹ und die ›Mutter‹, atmeten, doch nicht voll und kräftig, sondern wie in einem Krankheitsanfalle, wie im Ersticken. Das begann mit leisem Rollen. Wenn man sich lang ausstreckte und das Ohr auf die Erde legte, konnte man es deutlicher hören. Ich hatte es erst für das Rollen der Kanonenräder gehalten, dann aber bald bemerkt, daß es mit der Bewegung der Geschütze nicht im Zusammenhange stand. Auf dieses Rollen folgte von seiten eines der beiden Kegel eine Ausatmung, welche durch die Lüfte strich wie der Angsthauch, der sich pfeifend durch die Stimmritze eines Sterbenden preßt. Das war von einem Dämmerschein begleitet, der mit diesem Pfiff dem betreffenden Krater entstieg. Das Rollen vorher wurde von Stunde zu Stunde lauter und vernehmlicher, sogar auch fühlbarer. Es war, als ob sich im Innern der Erde Kräfte gesammelt hätten, die sich befreien wollten und doch nicht konnten. Dieser Ansicht waren alle, bei denen ich mich befand. Mir speziell aber wollte es scheinen, als ob diese Kräfte nicht auf die Befreiung durch den ›Vater‹ oder die ›Mutter‹, also durch den rechten oder linken Kegel, sondern durch den ›Sohn‹, also den mittleren Kegel, gerichtet seien. Beweisen konnte ich das freilich nicht; ich fühlte es.

Ungefähr um drei Uhr nach europäischer Zeit kam ein Reiter. Als wir ihn hörten, glaubten wir, daß es wieder ein Bote sei. Es war aber keiner, sondern der Schech el Beled selbst. Es mußte also etwas sehr Wichtiges sein, um das es sich handelte. Als er vom Pferde
gestiegen war, fragte er zunächst, ob sich irgend Etwas bei uns ereignet habe. Wir zeigten ihm die Zettel, die uns der ›Panther‹ geschickt hatte. Er las sie.

»Unvorsichtiger! Lästerer!« sagte er dann. »Hat er denn noch immer nicht eingesehen, daß der Mensch beim Wort gehalten wird? Der gewöhnliche Sterbliche, der den zwölften Teil eines Dutzends oder den sechzigsten Teil eines Schockes gilt, mag sich gestatten dürfen, das, was er sagt und spricht, für unwichtig zu halten; wer es aber wagt, sich auf weithin sichtbare und weithin wirksame Punkte zu stellen, der muß sich vor allen Dingen sagen, daß ein jedes Wort, welches er spricht, in der Verantwortung vor Gott tausend Zentner wiegt und so lange vor den Füßen des Richters liegen bleibt, bis es durch seine innere Wahrheit, also durch die Tat, eingelöst worden ist. Auch der ›Panther‹ wird das Gewicht seiner Worte fühlen. Was er in Worten verspricht, hat er in Taten zu bezahlen. Hat er uns die ›Schlacht am Dschebel Allah‹ versprochen, so wird er sie uns liefern, unbedingt! Uns oder dem, für den wir alle kämpfen und gegen den er sich empört! Das ist ja auch der Grund, weshalb ich zu euch komme, jetzt, in dieser entsetzlichen, großen, wahrheitsvollen Nacht. Ich will bei euch sein. Meine Reiter sind solche Nächte und solche Wahrheiten gewöhnt. Euch aber schaudert, wenn der Ewige an die Stelle des Sterblichen tritt und die Gesetze des Himmels gelten, weil die Gesetze der Erde nicht ausreichen, Gerechtigkeit zu schaffen.«

»Was willst du sagen?« fragte der Mir. »Du deutest Ungewöhnliches an!«

»Ich will sagen, daß der Dschebel Allah das Werk vollenden wird, welches der ›Panther‹ begonnen hat.«

»Welches Werk? Und wann?«

»Jetzt? Heut nacht! Sobald der Morgen beginnt. Der ›Panther‹ hat es gesagt.«

»Noch verstehe ich dich nicht!«

»Es steht ein Ausbruch des Dschebel Allah bevor. Schaut hinauf zu ihm, und hört, wie es unter euren Füßen arbeitet! Euch ist das fremd; ich aber kenne es. Ich kenne jeden dieser wundersamen Berge, nicht nur nach seinem Namen, sondern auch nach seinem Charakter, seinem Naturell und seinem Temperament. Ich kenne vor allen Dingen den Dschebel Allah. Der ›Vater‹ atmet, und die ›Mutter‹ atmet, wenn auch schwer, aber sie atmen doch. Von ihnen ist nichts zu fürchten. Doch seht den Sohn! Ich war oben bei ihm, heut, am Beginn des Morgens. Ich saß zu seinen Füßen und lauschte. Ich hörte, wie es grollt in ihm. Und ich fühlte den Zorn, der durch sein Inneres bebt. Seine Zeit ist gekommen, die große Zeit, in welcher kochende Fluten aus seiner Brust und seinen Hüften brechen, damit er sich reinige und säubere von dem Schmutze der Asche und des Staubes, der auf ihm liegt. Grün will er werden, wieder grün, wie er einstens war, als der Herrgott noch durch Ardistan pilgern konnte. Das Kleid des Lebens, des Glückes, des Segens will er anlegen, nicht nur für uns, die wir in den Bergen wohnen, sondern auch für euch und alle, die ihn für tot, für kahl, für verödet, für erloschen halten. Horcht, und seht!«

Er hob den Arm und deutete zu den Höhen hinauf, von denen er sprach. In der Erde klirrte und rollte es, als ob eherne Sichelwagen, unter uns hinratternd, ihre metallenen Waffen aneinander wetzten; ein scharfer Wind pfiff plötzlich um uns her, und im nächsten Augenblicke stieg aus dem Krater sowohl des ›Vaters‹ als auch der ›Mutter‹ eine glühende Garbe auf, und dabei erklangen
Töne, wie wenn Milliarden von Feilen über Stahl und Eisen strichen. Der Schech el Beled stand vor uns, im wehenden Mantel und flatternden Schleier, den Arm nach dem Berge gehoben, im Lichte der flammenden Krater uns wie ein Wesen erscheinend, von dem man nicht weiß, ob es noch irdisch oder schon überirdisch ist. Sein Gesicht war verhüllt; wir konnten es nicht sehen; aber aus seiner Stimme klang der tiefe, heilige Ernst, der in ihm wohnte und auch uns ergriff.

»Habt ihr es gesehen und gehört?« fragte er. »Fühlt ihr den Wind, den kalten, den es mit unwiderstehlicher Gewalt hinauf zur Wärme reißt? So zeigt uns Gott in seiner gewaltig predigenden Natur die Vorbilder dessen, was im Leben und in den Seelen der Völker und der Einzelmenschen zu geschehen hat, wenn die Ratschlüsse des Himmels in Erfüllung gehen sollen! Ich kenne den ›Sohn‹ und seine Weise. Schon beginnt die Kraft unter seinem Fuße zu wirken. Bald kommt ein Augenblick, an dem alle Kuppen, die jetzt glühen, wie mit einem einzigen Hauche ausgeblasen werden. Das ist seine Zeit! Dann beginnt er allein! Er, der Segensreiche, der die Wasser von Dschinnistan unter seinem Throne sammelt, um sie tief unter der Erde zu den Engeln der ›Stadt der Toten‹ und des Engpasses von Chatar zu leiten.«

»Von hier aus kam das Wasser, welches uns rettete?« fragte ich.

»Ja, von hier aus, vom Dschebel Allah aus,« antwortete er.

»Und du bist überzeugt, daß wir einen Ausbruch dieses Berges zu erwarten haben?«

»Ja.«

»Heut? Jetzt?«

»Vielleicht schon in wenigen Minuten.«

Da rief Halef erschrocken aus:

»So ist der ›Panther‹ mit seinem ganzen Heere verloren! Allah sei ihm und ihnen gnädig und uns auch! Wir müssen hin, sie zu retten!«

»Ja, wir müssen retten, müssen wenigstens warnen!« stimmte ich bei. »Unsere beiden Pferde sind die schnellsten. Wir werden sofort miteinander– – –«

»Halt! Keine Torheit!« unterbrach mich der Schech el Beled, und der Dschirbani hielt den Hadschi fest, der schon forteilen wollte, ohne erst noch auf mich zu warten. »Es ist bereits zu spät. Ihr würdet nur in euer eigenes Verderben jagen. Fühlt ihr es? Kein Mensch kann jetzt mehr nach jenem Berge reiten!«

Die Erde zitterte unter uns. Dennoch rief Halef:

»Ich reite aber trotzdem! Sihdi, hilf mir! Ich will los. Ich will fort!«

Er rang mit dem Dschirbani, der ihn mit seiner Riesenkraft festhielt.

»Laß ihn los!« bat ich diesen. »Wir müssen fort; wir müssen hinauf, um zu warnen! Es ist Menschenpflicht!«

»Menschenpflicht?« fragte er. »Ssahib, ich achte dich, und ich liebe dich, hier aber muß ich dir widersprechen, hier bist du schwach und kurzsichtig. Wenn Gott das Gericht in seine eigenen Hände nimmt, ist es da wirklich Menschenpflicht, ihm zu widerstehen und den Schuldigen zu retten?«

»Sie sind nicht alle schuldig, denen jetzt das Verderben droht,« warf ich ein.

»Alle sind schuldig, alle!« behauptete er. »Denke an die ›Stadt der Toten‹! Hier hast du deinen Halef! Wollt ihr euch gegen den Willen des Geschickes sträuben und für einen ›Panther‹ dem sicheren Tode entgegengehen, so tut es; ich aber bleibe hier!«

Er gab Halef frei und trat an die Seite des Schech el Beled. Dieser drückte ihm die Hand, zog ihn näher zu sich heran und rief:

»So war es recht! So höre ich dich gern, gerade dich! Nie soll die Menschenliebe zur Herzensschwäche werden. Je edler der Mensch denkt, desto unerbittlicher sei er gegen alles Schädliche und Gemeine. Paßt auf, paßt auf! Es naht! Schon beginnen die höchsten Kuppen zu verlöschen!«

Er ließ die Hand des Dschirbani, die er ergriffen hatte, nicht wieder los. Sie standen neben einander, vollständig gleich gekleidet, denn wir hatten die Gewänder der Lanzenreiter im Drange der Umstände noch nicht wieder abgelegt. Der Schech el Beled war etwas weniger hoch und etwas weniger breit als die Gestalt des Dschirbani, und doch wollte es scheinen, als ob diese Beiden nicht nur in Beziehung auf ihre Meinungen, sondern auch körperlich zusammengehörten. Ich hatte keine Zeit, diesen Gedanken weiter auszuspinnen, und ich hatte auch gar keine Zeit, mit Halef meine Absicht, die Feinde zu warnen, auszuführen, denn es zeigte sich jetzt, daß der Schech el Beled ganz richtig gesagt hatte, daß es zu spät, viel zu spät dazu sei. Die Stimme des Herzens mußte schweigen, weil andere Stimmen zu sprechen begannen, und zwar Stimmen, gegen welche unsere schwachen Menschen-und Herzensstimmen unmöglich aufkommen können.

Die Säulen, Kuppen und Zinnen des Nordens hatten bisher ununterbrochen geglüht; jetzt verlöschten sie, eine nach der andern. Es wurde dunkel da oben. Der Wind, welcher sich vorhin erhoben hatte, war wieder eingeschlafen. Tiefe, unheimliche Stille herrschte ringsumher.

»Sind die Tschoban ihrer Pferde sicher?« fragte der Schech el Beled.

»Ja,« antwortete der Mir. »Ich habe strenge Weisungen erteilt, die man befolgen wird. Horcht! Was war das?«

Es war in der Ferne ein Schuß gefallen.

»Eine Kanone!« rief der Dschirbani, halb fragend, halb erstaunt.

Wieder hörten wir einen Schuß, noch einen und noch einen. Da wendete sich der Schech el Beled, der aufmerksam in die Nacht hinausgehorcht hatte, mit den Worten zu uns:

»Ja, es sind Kanonen! Die Triumphschüsse des ›Panther‹! Ich wollte es nicht glauben; nun aber höre ich, daß es doch wahr gewesen ist. Ich bekam nämlich eine Meldung, die ein ›Schwarzgewappneter‹ des Mir von Dschinnistan meinen Vorposten überbrachte. Nämlich als der reitende Vortrab des ›Panther‹ den Berg erstieg, um der nachfolgenden Artillerie den Weg zu bereiten, wichen die Schwarzen nur langsam zurück, um so viel wie möglich zu sehen und zu hören. Diese Absicht gelang ihnen gut. Sie erlauschten viele laute Zurufe, auch Reden und kurze Gespräche. So hörte man auch, daß der ›Panther‹ den Befehl erteilt hat, sobald der Rückzug gelungen ist, dreimal zehn Kanonenschüsse abzugeben.«

»Zu welchem Zwecke?« fragte der Mir.

»Wahrscheinlich uns zu verhöhnen,« antwortete Halef.

»Oder um uns glauben zu machen, daß er noch unten sei und die Schlacht beginne. Also, um uns zu verwirren,« meinte der Dschirbani.

»Das ist das Richtige,« stimmte der Schech el Beled bei. »Dieser Augenblick fällt in die Zeit des Morgengrauens, für welche der Anfang des Kampfes vorausgesagt und vereinbart worden ist. Und die, welche belauscht
wurden, haben es deutlich gesagt und sich auch darüber lustig gemacht, daß wir uns durch diese Schüsse täuschen lassen und denken werden, die Schlacht habe begonnen. Wir sollen Dummheiten machen und uns dann schämen und ärgern. Tor, dieser Mensch! Dreimal zehnmal Tor! Es gibt weder hier unten noch dort oben Einen, der sich von ihm irre machen läßt; das wird er bald erfahren! Seien wir jetzt still, bis die dreißig Schüsse gefallen sind! Ich glaube nicht, daß dann wir zu antworten brauchen!«

Während wir nun warteten, wurde es da oben gegen Dschinnistan vollständig finster. Ueber uns hatte der Himmel eine bleierne Farbe gehabt. Das sah so schwer, so lastend aus, als ob er zusammenbrechen wolle. Nun aber wurde er dunkel und immer dunkler. Bald wurde dieses Dunkel so dicht, daß man es nur noch als Schwärze bezeichnen konnte. Ich hielt mir die Hand in einem Abstand von vielleicht zwanzig Zentimeter vor die Augen und konnte sie nicht sehen. Das war unnatürlich. Mein und Halefs Pferd wieherten leise. Sie baten uns dadurch, sich doch zu uns zu lassen. Wir erfüllten ihren Wunsch und holten sie. Da legten sie sich bei uns nieder und blieben in der nächstfolgenden, schrecklichen Stunde im Vertrauen auf ihre Herren so ruhig liegen, daß es nur eines freundlichen Wortes oder Streichelns bedurfte, sie zu beschwichtigen, wenn die Angst sie erfassen wollte.

Kaum hatten wir diese unsere köstlichen, unersetzlichen Tiere bei uns in Sicherheit, so brach die Katastrophe los. Mit andern Worten: Die vermessene, mehrmalige ›Aufforderung zur Schlacht am Dschebel Allah‹ trat in das Stadium ihrer Konsequenzen. Ein dröhnendes Rollen kam aus der Ferne, nicht schnell, sondern langsam, wie das Nahen eines sichern, wohlüberlegten Schicksals. Es
ging unter uns hindurch. Es war, als ob eine meilenlange Riesenschildkröte unter unsern Füßen hindurchkröche. Sie hob uns, als sie uns erreichte, empor, schob ihren unerbittlich harten Leib immer weiter und ließ uns hinter sich dann wie der fallen. Ich fühlte das sehr deutlich, denn ich hatte mich, als diese vernichtende Erdwelle kam, schnell neben meinen Syrr niedergelegt, um ihm das Gefühl zu geben, daß er nichts zu befürchten habe. Halef tat dasselbe mit seinem Assil Ben Rih. Der Mir und der Basch Islami fielen nieder. Der Schech el Beled aber stand aufrecht, die Hand des Dschirbani noch immer haltend, und rief:

»Hört ihr die Schüsse noch? Nein! Sie haben plötzlich aufgehört, obgleich es noch nicht volle dreißig waren. Wenn der spricht, dessen Stimme wir nun hören werden, hat jeder Andere zu schweigen. Dieser eine, erste Stoß hat genügt, die Artillerie des ›Panther‹ zu vernichten, vielleicht sein ganzes Heer. Hört ihr es krachen und stürzen?«

Wir vernahmen trotz der weiten Entfernung, in der wir uns befanden, das Getöse sich loslösender, niederschmetternder und zerberstender Felsenstücke. Hierauf war es, als ob Tausende von Tier- und Menschenstimmen sich zu einem einzigen, großen, entsetzlichen Todesschrei vereinigten, der geradeauf zum Himmel stieg und uns also nur mit seinen äußersten Schwingungen berührte.

»Schrecklich, schrecklich!« rief der Mir. »Sie sind tot, alle tot! Sie sind – – –«

Was er weiter sagen wollte, wurde von einem Schuß, einem Krach verschlungen, der so stark war, daß es schien, als ob er mir mein Innenohr vollständig zerrissen, zerstört und vernichtet habe. Ich konnte für einige Minuten nicht mehr hören. Ich sah, daß der Schech el
Beled nach dem Berge deutete und Etwas sagte, verstand es aber nicht. Dieser Schuß war aus dem Krater des ›Sohnes‹ gekommen; er hatte das Innere desselben geöffnet. Aber die Trümmer, die es da gab, flogen nicht nach außen, sondern sie stürzten und rollten nach innen. Man fühlte das. Hierauf war es, als ob jene Riesenschildkröte sich umgewendet habe und zurückkehre. Sie näherte sich uns wieder und kroch abermals unter uns hindurch, nur in entgegengesetzter Richtung, nämlich nach dem Berge zu. Was sie vorhin nicht zermahlen und zermalmt hatte, das mußte nun jetzt verloren sein; das war gewiß. Es folgte ein Schlag, als ob eine Gigantenfaust gegen das Innere der Erdrinde schmettere, so daß Alles, was sich auf ihr befand, haltlos in sich zusammensinken müsse, und im nächsten Augenblicke stieg etwas – nicht etwa Furchtbares und Entsetzliches, o nein, sondern etwas so unbeschreiblich Schönes aus dem Krater des ›Sohnes‹ empor, daß keine Sprache der Menschen die Worte besitzt, welche nötig wären, es zu schildern.

Das kam so schnell und so plötzlich, daß es vor unseren Augen stand, ohne daß wir es hatten erscheinen und sich entwickeln sehen. Es glich einem hellen, tadellos geschliffenen Kelchglase, mit perlendem Champagner gefüllt, der oben überläuft. Dieses Glas hatte unten einen Durchmesser von vielleicht nur zwanzig, oben aber einen solchen von gewiß hundert Metern und zeigte eine Höhe, die gar nicht abzuschätzen war. Der Champagner, der in diesem kristallenen Gefäße nach oben schäumte, war unten hell goldig, sodann hell silbern, hierauf sehr hell grün und ganz oben unendlich fein blau gefärbt. Diese verschiedenen Farben hatten einen metallischen Glanz. Sie waren nicht scharf voneinander geschieden, sondern sie gingen allmählich ineinander über und schienen einander
so verwandt, daß das Gold zuweilen bis ganz nach oben und das Blau zuweilen bis ganz nach unten zuckte. Der überfließende Schaum hatte die Farbe der Pfirsichblüte, durcheilt von goldsilbernen Blitzen und Funken. Man denke sich die auf uns liegende Nacht, deren absolute Dunkelheit ich als ›Schwärze‹ bezeichnet habe, und mitten in dieser Finsternis die, fast möchte ich sagen, überirdische Erscheinung dieser Kelchfontäne, die alle Eigenschaften und Effekte des Wunderbaren in sich vereinigte! Der Schaum, der sie krönte, lief nicht über. Er floß nicht an ihr herab. Man sah, daß er sich verflüchtigte. Die Blitze und Funken trugen ihn nach allen Seiten in die Nacht hinaus, sogar auch her zu uns. Wir fühlten ihn. Er war warm. Er senkte sich wie ein unendlich seiner und unendlich leiser Regen auf uns nieder. Er hüllte uns in einen Schleier, der sich nach und nach verdichtete, bis er uns den Anblick seines Ursprunges mehr und mehr verhüllte und schließlich ganz entzog. Die Erscheinung, die irdisch herrlichste, die ich je gesehen habe, verschwand, ohne vor unsern Augen zerstört worden zu sein und aufgehört zu haben.

»Wasser, Wasser spendet er, der ›Sohn‹, das kostbare, lang ersehnte Wasser!« rief der Schech el Beled. »Und was er uns gibt, das nimmt er uns nicht wieder. Wir dürfen es behalten!«

Ich hörte diese Worte; ich war also, Gott sei Dank, nicht taub geworden! Der Schech fuhr fort:

»Für uns wird es zum Segen sein; dem Feinde aber brachte es Verderben. Hier ist es warm; bei ihm aber war es heiß, brennend heiß. Wer möchte an seiner Stelle sein und mit ihm – – –«

Er wurde von einem Donnerschlag unterbrochen, von einem wirklichen Donnerschlag, der nicht etwa ein unterirdisches
Rollen war. Blitze zuckten. Neue Donnerschläge folgten. Der feuchte Schleier, der uns verhüllte, verdichtete seine Bestandteile zu fallenden Tropfen. Es begann, zu regnen; aber es hörte nicht auf, zu donnern und zu blitzen. Es gab ein Gewitter. Man denke, ein Gewitter, hier, wo es seit vielen Jahrhunderten nie geregnet hatte! Das war etwas hier so Seltenes, daß es die Pferde mehr erschreckte, als sie vorher von dem Erdbeben beängstigt worden waren. Wir hörten, daß sie hinter uns im Lager lauter wurden und daß man sich dort Mühe gab, sie zu beruhigen. Bei mehreren aber gelang dies nicht. Sie gingen durch. Sie flüchteten sich nach unserer Richtung. Sie rannten auf uns zu und an uns vorüber. Eines von ihnen schoß sogar zwischen uns hindurch. Es wieherte und schnaubte nicht etwa, sondern es brüllte, heulte und zeterte wenigstens ebenso laut, wie der Donner rollte, und riß, indem es quer durch unsere Linie stürmte, den Mir und den Basch Islami über den Haufen.

»Maschallah!« wunderte sich Halef. »Hast du dieses Pferd gesehen, Effendi?«

»Ja, aber nicht deutlich,« antwortete ich.

»Es war ein riesiges Tier!«

»Ein Ussulgaul, ja.«

»Der Dickste, den ich bisher gesehen habe! Und diese Stimme! Dieses Brüllen, Heulen und elefantenmäßige Trompeten! Das kennen wir doch wohl! Oder nicht?«

»Hm!«

»Ich möchte behaupten, daß dieser Gaul kein anderer gewesen ist, als unser Smihk, der köstliche Dicke! Was sagst du dazu?«

»Seine Stimme war es allerdings. Aber wie sollte
Smihk hierher nach dem Dschebel Allah kommen, er, der doch jetzt daheim ist im Vaterlande aller Ur- und andern dicken Gäule?«

»Wer kann wissen, was dort geschehen ist, oder was sich – – O, Allah, hilf!«

Er unterbrach sich mit diesem Ausrufe des Schreckes, weil jetzt eine ganze Reihe von Blitzen und Donnerschlägen so schnell aufeinander folgte, als ob es nur ein einziger sei. Und nun geschah, was auch daheim im deutschen Vaterlande nach so starken Entladungen häufig geschieht: Kaum waren diese Licht-und Schallerscheinungen vorüber, so hörte der Regen wie mit einem Schlage auf. Er hatte nicht länger als zwei Minuten gedauert. Nun war aber auch der feuchte Schleier verschwunden, und der Dschebel Allah lag mit seiner ganzen Umgebung wieder frei vor unsern Augen, aber nicht, wie vor der Verfinsterung des Himmels, im Scheine des Mondes und der Sterne, sondern im Glanze des Morgenrots, welches die Häupter von ›Vater‹, ›Mutter‹ und ›Sohn‹ überstrahlte und langsam an ihnen niederstieg, um dann auch uns zu umfassen.

Ein Jeder von uns hatte einen Ausruf der Erleichterung und Bewunderung auf den Lippen. Es tat sich vor unsern Augen ein schöner, ja ein einzig schöner Morgen auf. Beide, das Gebirge und die Ebene, die zum Schlachtfeld bestimmt gewesen waren, lagen wie völlig unverändert vor uns da. Alle Bergeskuppen glänzten im friedlichen Lichte des auferstandenen Tages. Keine Spur einer vulkanischen Glut, keine Spur von steigendem Rauch oder fliegender Asche! Auch am oder mit dem Dschebel Allah schien nicht das Geringste vor sich gegangen zu sein. Es war, als hätten wir nur geträumt. Aber während sich unter den letzten gewaltigen
Donnerschlägen dieses beruhigende Bild vor uns entrollte, hatten dieselben Blitze und Schläge auf die Pferde unsers Lagers doch verwirrender gewirkt, als es uns im Dunkel erschienen war. Viele hatten sich losgerissen. Sie rannten überall herum, schnaubend, wiehernd, mit den Hufen um sich schlagend, bald stehen bleibend, um zu stutzen, bald ziellos weiterjagend. Man begann, sie einzufangen. Am schlimmsten trieb es der fleischige Riesengaul, der den Mir und den Basch Islami umgerissen hatte. Das letzte, gewaltige Krachen hatte seinen Lauf unterbrochen. Er war vor Entsetzen umgekehrt und kam nun wieder auf uns zu, womöglich noch lauter heulend und schreiend als vorher.

»Sihdi, da kehrt er zurück!« rief Halef. »Laß dich nicht auch umrennen! Der Kerl ist vor Angst außer sich. Grad wie –«

»Grad wie Smihk!« unterbrach ich ihn. »Er ist es; er ist es wirklich!«

»Meinst du?«

»Ja, er ist's! Ich erkenne ihn!«

»Allah, w'Allah! Wie kommt er hierher?«

»Das ist Nebensache! Hauptsache ist, wie halten wir ihn auf?«

»Wie immer. Er kennt deine Stimme. Und er sieht dich doch auch. Er wird doch nicht etwa vor Angst blind geworden sein!«

Da breitete ich die Arme aus und stellte mich dem heranbrausenden Koloß gerade in den Weg.

»Smihk, Smihk, Smihk!« rief ich. Und »Smihk, Smihk, Smihk!« brüllte auch Halef.

»Du nicht, du nicht!« befahl ich diesem. »Er darf nur meine Stimme hören! Smihk, Smihk! Smihk, Smihk!«

Das Pferd kam auf mich zu. Es sah mich, und es sah mich aber auch nicht. Es erkannte mich nicht. Ich war anders gekleidet. Ich trug den Lederanzug der El Hadd. Ich mußte zur Seite springen, um nicht umgerissen zu werden. Aber als der Dicke mich dabei grad vor den Augen hatte, brüllte ich wenigstens ebenso laut wie er selbst: »Smihk, Smihk!« Und das wirkte endlich doch. Er konnte zwar nicht so schnell anhalten, wie er wollte, aber er schlug einen Bogen und kam dann, in immer langsameren Schritt fallend, wieder auf mich zu. Da blieb er in einer Entfernung von zehn oder zwölf Schritten von mir stehen, um mich genau zu betrachten.

»Smihk, mein lieber Smihk!« sagte ich, indem ich mit ausgestreckten Händen auf ihn zuging.

Da durchzuckte es ihn. Er erkannte mich. Er hob den Kopf so hoch wie möglich in die Höhe, öffnete das Maul und schrie aus vollem Halse, aber derart, daß die ganze Umgebung rebellisch wurde. Dann tat er zwei, drei Sätze auf mich zu, beschnoberte mich, strich mir mit der weit herausgestreckten Zunge quer über das Gesicht und tat dann das Allerpossierlichste, was so ein ungestaltetes, kolossales Ungetüm tun konnte, nämlich er sprang und hüpfte vor Freude um mich herum wie ein kleines Schoßhündchen, welches sich über die Heimkehr seiner Herrin freut, und drehte, ringelte und spiralisierte dabei das Schwänzchen ununterbrochen in einer Weise, als ob es darauf abgesehen sei, einen Knoten daraus zu machen. Wir Alle, die wir dabeistanden, brachen in ein lautes Lachen aus. Darüber freute Smihk sich derart, daß er seine Sprünge verdoppelte, so daß aus unserm Lachen ein schallendes Gelächter wurde. Auch der Mir lachte mit.

»Das ist ja das Nashornpferd, welches uns umgerissen
hat!« sagte er. »Ihr scheint es zu kennen. Wem gehört es?«

»Es ist das Reitpferd unseres Freundes Amihn, des Scheiks der Ussul,« antwortete ich.

»Von wem wird es denn jetzt hier bei der Truppe geritten?«

»Gewiß von Niemand. Der Gaul ist sein Liebling, den er keinem Andern überläßt. Wo Smihk, der Dicke ist, da ist unbedingt auch sein Herr.«

»Amihn hier? Davon weiß ich ja nichts!«

»Ich auch nicht; wir alle nicht. Wir werden aber bald erfahren, was es mit dem unerwarteten Erscheinen dieses Pferdes für eine Bewandtnis hat. Schau! Dort kommen zwei Reiter! Ich glaube, das ist der Fürst von Halihm mit seiner Tochter.«

Ja, sie waren es, Abd el Fadl mit Merhameh. Sie kamen von Osten her im Galopp durch den frischen Morgen geritten, so daß sie sich uns sehr schnell näherten, beide in ihre blaugeflochtenen Ledergewänder und lichte, hinter ihnen herwehende Mäntel gekleidet. Auf ihren blütenweißen, leicht über dem Erdboden dahinfliegenden Pferden wollten sie uns wie Boten aus einer andern Welt erscheinen, als unsere gegenwärtige ist. Beider Wangen waren gerötet, und beider Augen leuchteten, als sie uns erreichten und abstiegen.

»Das war die ›Schlacht am Dschebel Allah‹, mit der wir getäuscht werden sollten,« sagte Abd el Fadl. »Die Vorspiegelung ist zur Wahrheit geworden. Es trat einer an unsere Stelle, der nicht zu täuschen ist. Nun ist sie vorüber. Die Kanonen wurden in die Schluchten und Abgründe gestürzt, und wer nicht Zeit zu fliehen fand, der liegt zermalmt unter Felsen oder zerschmettert in der Tiefe. Aus dem Dschebel Allah aber sind warme,
heilende Quellen hervorgebrochen, und zu den Füßen des ›Sohnes‹ rauscht ein neugeborener Strom den Berg hinab, um die verödete Steppe zu bewässern und zu segnen. So straft die höhere Gerechtigkeit! Und so verwandelt zu gleicher Zeit die Güte des Himmels die Strafe in Wohltat und liebende Hilfe!«

»Nur die Güte des Himmels tut das?« fragte Merhameh. »Gibt es nicht auch eine Güte der Menschen? Ich heiße Merhameh, die Barmherzigkeit, und ich will nicht nur so heißen, sondern es auch sein. Ich wende mich an dich, den Mir von Ardistan, und ebenso an dich, den Mir von Dschinn – – –« sie hielt mitten in diesem Worte inne, um es schnell zu verändern »– – – an dich, den Schech el Beled von El Hadd. Das Schlachtfeld dieser Nacht wird von der Grenzlinie eurer Gebiete gerade durchschnitten. Ich habe mich also an euch beide zu wenden, indem ich bitte: Der Strenge ist Genüge getan; nun soll die Güte walten, die Menschlichkeit, die Barmherzigkeit. Schenkt mir und meinem Vater die Leidenden, die Verwundeten! Die Scharen von Halihm sind gewohnt, nicht nur zu schlagen, sondern auch zu heilen, nicht nur niederzuwerfen, sondern auch wieder aufzurichten. Erlaubt uns, sie hinauf nach der Stelle der Verwüstung zu führen, um, nachdem die Vergeltung gesprochen hat, auch zu tun, was das Herz uns gebietet!«

»Was mein Gebiet betrifft, so erlaube ich es, und zwar sehr gern,« antwortete unser Mir von Ardistan.

»Ich ebenso auf dem meinigen,« stimmte der Schech el Beled bei. »Da kommt Irahd, der Anführer eurer Hukara. Was hat er zu melden?«

Irahd, der speziell die Ussul befehligte, brachte einen zweiten Ussul, der soeben von der Hauptstadt her bei
dem Heere eingetroffen und so schnell geritten war, daß sein Gaul in der Kühle des Morgens dampfte. Dieser Mann wendete sich an den Dschirbani, rief aber, als er Smihk, den Dicken, sah, lachend aus:

»Da ist er ja, der Schreihals, der Spektakelmacher, der Ausreißer! Er muß in schnurgerader Linie und in einem einzigen, ununterbrochenen Galopp hierhergerannt sein, denn ich bin nach seinem Verschwinden sogleich auch von Amihn und Taldscha fort.«

»Von Amihn und Taldscha?« fragte der Dschirbani. »So sind sie also unterwegs, sind in der Nähe?«

»Ja. Sie treffen in einer halben Stunde mit dem ganzen Zuge hier ein. Ich wurde vorausgeschickt, euch dies zu sagen.«

»Mit dem ganzen Zuge? Was ist das für ein Zug?«

»Die Schar der Pfleger und der Pflegerinnen, welche der Basch Nasrani, der Oberpriester der Christen, euch sendet.«

»Wie sonderbar! Und doch wie willkommen, willkommen! Aber wir wußten nichts davon. Wir ordneten es nicht an. Wie kam er auf diesen Gedanken?«

»Er läßt dir sagen, infolge eines Gespräches mit Merhameh, der Prinzessin von Halihm, sei diese Idee in ihm erwacht, und er habe sie ausgeführt, ohne euch mit der Sorge und den Vorarbeiten zu belästigen. Er bittet durch mich, ihm das zu verzeihen.«

»Das tun wir gern, sehr gern! Aber Amihn und Taldscha sind dabei. Wie kamen sie nach Ard? Und warum?«

»Sie erfuhren durch die Postenlinie, daß ihre beiden Söhne von dem ›Panther‹ nach der ›Stadt der Toten‹ gelockt worden seien, um mit dem Mir von Ardistan,
dem Dschirbani, Kara Ben Nemsi, Hadschi Halef und dem ganzen Heere dort elend zu verschmachten und zu sterben. Sie wurden durch die Angst von daheim fortgetrieben. Sie eilten, so schnell es ging, nach Ard. Dort erfuhren sie zu ihrer Freude, daß die dem Tode Geweihten nicht nur gerettet, sondern auch schon ausgezogen seien, die Aufrührer und Mörder zu verfolgen und zu bestrafen. Sie schlossen sich sofort dem von dem Oberpriester gebildeten Zuge der ›Barmherzigen‹ an, der soeben im Begriff stand, dem Heere auf schnellen Maultieren nachzufolgen. Sie bekamen von Etappe zu Etappe stets guten Bericht. Gegen Abend hofften sie, euch einzuholen. Aber als sie euch so nahe waren, daß die Entfernung kaum noch eine Stunde betrug, sahen wir die entsetzliche Katastrophe nahen, die sich hier vollzogen hat, und mußten Lager machen. Nicht das Erdbeben erschreckte unsere Pferde, sondern das Geschrei der Maultiere regte sie auf. Besonders Smihk wurde wütend. Er begann schließlich mitzuschreien, und als ihm das keine Ruhe brachte, rannte er einfach fort, wohin, das sehe ich jetzt.«

»Man wird ihn suchen?«

»O nein. Wir kennen ihn. Der findet sich ganz von selbst zurecht und fühlt sich hier bei seinem ganz besonderen Liebling recht wohl.«

Man lachte. Denn der Dicke rieb seinen Kopf bald an meiner rechten, bald an meiner linken Schulter und schnüffelte und leckte an mir herum, als ob ich die größte Delikatesse sei, die es für ihn geben könne. Der Bote wollte in seinem Berichte fortfahren, da aber nahte sich von Nordwesten her ein zweiter Reiter, der direkt von dem dort beginnenden Saumpfade kam und zu den Scharen von El Hadd gehörte. Zu gleicher Zeit deutete Halef nach Süden, wo auf einem langgestreckten, niedrigen Hügel
der Anfang einer sich vorwärtsbewegenden Linie erschien, um sich über ihn herabzuziehen.

»Dort kommt, wie es scheint, eine lange, sehr lange Karawane,« sagte er. »Wer mag das sein?«

»Das sind sie,« antwortete der Ussul. »Sie sind mir schneller gefolgt, als ich dachte.«

»Wie mich das freut!« rief Merhameh, die kleinen, lieben Hände froh zusammenschlagend. »Da naht ja die ›Güte der Menschen‹, von der ich soeben sprach. Das ist ja Gesetz im Reiche der Liebe: Kaum hat man das Gute gewünscht, so ist es schon unterwegs! Komm, Vater, wir reiten ihnen entgegen; ich möchte die Erste sein, die sie begrüßt!«

Er nickt einverstanden; sie ritten miteinander fort. Inzwischen war der El Hadd herangekommen. Er wendete sich an seinen Scheik und meldete:

»Der ›Panther‹ scheint entkommen zu sein; mit wieviel Leuten, kann man noch nicht sagen. Wahrscheinlich geschah das in den Augenblicken, in denen auch wir von der Zerstörung zurückweichen mußten, um nicht mit getroffen zu werden. Die Reiter von Dschinnistan ziehen sich nun wieder zur Platte hinauf. Wir Andern schließen uns ihnen von beiden Seiten an. Man untersucht den Weg genau, damit euch nichts geschehe, wenn ihr kommt. Denn was euch dort erwartet, ist nur für starke Herzen und für unerschütterliche Nerven. Ein Schuß wird euch melden, daß ihr kommen könnt.«

»Was für ein Schuß?« fragte der Schech.

»Mit der einzigen Kanone, die man bisher gefunden hat. Die andern sind alle verschwunden. Nur sie allein blieb übrig und wurde nicht mit zerschmettert.«

»So komme zunächst nur ich. Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef begleiten mich. Die Andern bleiben
hier, bis der Zug der ›Barmherzigen‹ angekommen ist, und folgen uns dann, um am Fuße des Dschebel Allah zu lagern. Sollte der ›Panther‹ wirklich entkommen sein, so ist ihm das nur als eine Gnadenfrist gegeben. Läßt er diese vorübergehen, so gibt es dann kein Erbarmen.«

»Bisher war dieses Erbarmen wohl möglich gewesen?« fragte der Basch Islami.

»Ja. Nämlich wenn er die Schlacht, die er uns verkündete, wirklich geschlagen hätte, doch nicht die Schlacht gegen uns, sondern die Schlacht gegen sich selbst und die dunklen Scharen seines Innern! Als er kam, um mit uns zu verhandeln, sah er alle, die er verderben wollte, sich gegenüberstehen. In diesem Augenblicke mußte er tief, tief in sich gehen, mußte die Abgründe seines Wesens erkennen und sich selbst bei Brust und Gurgel fassen, um sich niederzuringen. Dann hätte er als Sieger über sich selbst auf unsere Verzeihung rechnen können. Aber es fiel ihm nicht ein, die Hand an sich selbst zu legen. Er war zu verblendet und zu feig dazu. So kehrte er denn, als er uns verließ, in sein eigenes Verderben zurück.«

Wir standen mit dem Gesicht nach dem Dschebel Allah gewendet. Da sahen wir, daß sich am Fuße des ›Sohnes‹ ein kleines Wölkchen zeigte, um wieder zu verfließen. Eine Detonation folgte.

»Der Schuß, von dem ich sprach,« bedeutete uns der El Hadd. »Nach diesem Schusse wird auch diese letzte Kanone in die Tiefe hinabgestürzt. Es soll keine übrig bleiben, keine einzige. Es soll kein derartiges Mordwerkzeug drüben in El Hadd und Dschinnistan zu sehen sein!«

Als das Rauchwölkchen sich verflogen hatte, wurden
da drüben, wo der Kegel des ›Sohnes‹ aus dem Fundamente des ›Dschebel‹ stieg, drei weiße Linien sichtbar, die sich zusammenzogen. Zu gleicher Zeit zuckte es im Osten leuchtend auf. Die Sonne erschien. Sie erschien nicht nach und nach, sondern sie stand gleich mit einem Male über dem Horizonte. Nun lagen nicht nur die Kuppen und Spitzen im Morgenrot, sondern das Rot verwandelte sich in flüssiges, ganz plötzlich wie vom Himmel niedersinkendes Gold, und das ganze Gebirge und die ganze, um uns sichtbare Welt stand in hellem, glücklichem Tagessonnenlichte. Als dieses Licht auf den Dschebel Allah fiel, wurden die weißen Linien so deutlich, daß wir ihre Einzelheiten erkennen konnten. Es waren die drei Abteilungen der Truppen, die uns zu Hilfe gekommen waren. In der Mitte die ›Schwarzgepanzerten‹ von Dschinnistan, links, von uns aus gerechnet, die Lanzenreiter von El Hadd, und rechts die blauen Schwadronen von Halihm. Die Spitzen ihrer Lanzen funkelten. Ihre Helme warfen blitzende Strahlen zurück. Rechts und links von den Linien ihrer weißen Pferde und ihrer weißen Mäntel sahen wir heißes Wasser aus dem Felsen dringen und sich in dampfenden Kaskaden in die Tiefe stürzen. Und unten, am Fuße des Bergstockes, fiel, mehrere Stockwerke hoch, ein lebendig gewordenes Flüßchen nieder, welches sich in zahlreichen, ungewissen Windungen erging, um den Weg zu suchen und zu finden, der ihm durch seine eigene Schwere vorgeschrieben war. Bei diesem Anblicke zog es mich hinüber nach dem Berge. Dieselbe Faust, die während der Nacht dort strafte, sie hatte sich jetzt, am liebenden Morgen, geöffnet, um zu helfen, zu retten, zu erlösen. Ich übergab Smihk, der nicht von mir weichen wollte, dem Ussul und schwang mich auf meinen Syrr. Halef, der Ungeduldige, war schon aufgestiegen. Der Schech el
Beled tat dasselbe. Mit der Hand erst nach der Sonne und dann nach dem Dschebel Allah deutend, rief er uns beiden zu:

»Vorwärts! Das ist der neue Tag! Und das ist die neue Zeit! Die Berge geben wieder Wasser; die Wüste wird wieder Land, und der Friede naht aus weitgeöffneten Toren! Wir reiten ihm entgegen!«

Er trieb sein Pferd vorwärts. Wir folgten ihm, erst im Schritt, dann im Trab und hierauf im fliegenden Galopp. – – –

Achtes Kapitel

Nach der Grenze empor

Man denke sich El Hadd als ein immerwährend ansteigendes Bergland, welches im Süden an Ardistan im weiteren Sinne und im Norden an Dschinnistan stößt. Früher hatten zwei Straßen durch El Hadd hinauf nach Dschinnistan geführt, eine Land- und eine Wasserstraße. Durch das südliche Grenzgebirge zwischen El Hadd und Ardistan führten nur zwei Tore, ein östliches und ein westliches. Dieses letztere hatte sich Ssul, der Fluß, gebrochen, dessen spätere, vollständige Austrocknung zu der Sage leitete, daß das Wasser sich umgedreht habe und nach Dschinnistan zurückgekehrt sei. Das östliche Tor öffnete sich dem Landwege, der breiten Straße, die über den Dschebel Allah ging. Früher hatte auf beiden Wegen ein sehr reger Verkehr zwischen Ardistan und Dschinnistan bestanden; später aber, als die Beherrscher des ersteren Landes immer ungerechter und gewalttätiger wurden, ging nicht nur die Flußschiffahrt sondern auch der Landverkehr derart zurück, daß beide endlich vollständig aufhörten. Der Fluß hatte schließlich kein Wasser mehr, und der Landweg blieb nur für den Verkehr zwischen El Hadd und Dschinnistan
offen, so daß sich nach und nach das Gerücht bildete, es sei den Bewohnern von Ardistan überhaupt verboten, den Dschebel Allah zu überschreiten.

Früher hatte man, wenn auch nicht Dschinnistan, so doch das Grenzland El Hadd ziemlich genau gekannt; jetzt aber war das nicht mehr der Fall. Es lebte Niemand mehr, der dort gewesen war, und auf alte Beschreibungen konnte man sich nicht mehr verlassen, weil erzählt wurde, daß da oben in den Bergen in letzter Zeit sich viel verändert habe, wovon man unten im Niederlande nichts erfahre. Darum war die Absicht des Mir von Ardistan, einen Krieg gegen Dschinnistan zu führen, eine Torheit, deren Größe er jetzt sehr deutlich erkannte. Und darum war es nicht etwa herzhaft oder mutig, sondern geradezu vermessen von dem ›Panther‹ gewesen, diese Torheit dadurch zu verzehnfachen, daß er sie zu seiner eigenen machte und zuletzt gar der Meinung war, sich aus seiner mehr als schwierigen Lage durch sie retten zu können.

Jetzt war sein Heer vernichtet, bis auf ungefähr tausend Mann, mit denen er sich gerettet hatte. Diese Rettung war nur dadurch ermöglicht gewesen, daß die ›Schwarzgepanzerten‹ ihm, um nicht selbst mit vernichtet zu werden, den Weg hatten freigeben müssen. Als sich dann, sobald es Morgen geworden war, sein Entkommen herausstellte, hatten sie ihm soviel Reiter nachgeschickt, wie nötig waren, ihn zu beobachten und nicht aus den Augen zu lassen. Es verstand sich von selbst, daß hierauf sofort die regelrechte Verfolgung angetreten wurde. Die Vorhut hierzu bildete eine Schar der ›Schwarzgepanzerten‹, denen in der Mitte das Garderegiment Ussul aus Ard folgte, befehligt von den Dschirbani. Dieses hatte sich, solange der ›Panther‹ dasselbe tat, auf der breiten Straße zu halten. Zu beiden Seiten derselben
marschierten auf verborgenen Saum- und Nebenpfaden die Lanzenreiter von El Hadd, die sich hierzu ganz besonders eigneten, weil sie als Eingeborene diese Wege genau kannten. Den besonderen Befehl über sie führte neben dem Oberbefehl natürlich der Schech el Beled, um dessen Gebiet es sich von jetzt an besonders handelte. Er hatte nicht mehr Truppen für nötig erachtet als die soeben angeführten, und so waren die andern alle in dem Lager am Dschebel Allah zurückgeblieben, wo der Fürst von Halihm befehligte und seine Tochter mit Taldscha die Pflege der Verwundeten oder sonstwie Hilfsbedürftigen leitete. Wir Vier, der Mir von Ardistan, Amihn, der Scheik der Ussul, Hadschi Halef und ich, hatten uns der Verfolgung des ›Panthers‹ anschließen dürfen, über deren Resultat schon aus allgemeinen Gründen unter uns kein Zweifel herrschte. Im besonderen aber hatte der Schech el Beled uns versichert, daß für derartige Angriffe auf das Gebiet von El Hadd eine Falle bereitgestellt sei, der kein Feind, und sei er noch so vortrefflich ausgerüstet und noch so kühn, entgehen könne. Diese Falle wurde von ihm, dem gegenwärtigen Feinde entsprechend, als ›Pantherfalle‹ bezeichnet.

Was die Ausrüstung und Verproviantierung unseres Gegners betrifft, so stand es mit ihr wohl nicht zum allerbesten; er war ja gezwungen gewesen, die Flucht ganz plötzlich und mit vollständig leerer Hand zu ergreifen. Er war also darauf angewiesen, seinen Unterhalt bei den Bewohnern des Landes zu suchen, und daß er da kein Entgegenkommen finden werde, verstand sich wohl von selbst. Den Beweis hiervon bekamen wir schon am zweiten Tage, nachdem wir die Verfolgung angetreten hatten. Wir erreichten da das erste große Dorf der El Hadd, welches an der Straße lag, und fanden es verwüstet.
Der ›Panther‹ hatte da nicht etwa nur ›requiriert‹, sondern das getan, was man als ›Morden, Sengen und Brennen‹ bezeichnet. Die Häuser waren eingeäschert. Auch die Vorräte, die man nicht mitnehmen konnte, hatte man verbrannt. Wer nicht sofort hergegeben hatte, was er besaß, war mißhandelt und gemartert worden. Mehrere Personen waren getötet. Als der Schech el Beled das sah und hörte, beschloß er, der Verfolgung nicht nur ein anderes Tempo, sondern auch eine andere Art und Weise zu geben als bisher. Man mußte dem ›Panther‹ die Gelegenheit nehmen, solche Missetaten zu wiederholen. Man mußte ihn nach Gegenden drängen, wo es weder Wohnstätten, noch Menschen gab, die er plündern oder quälen konnte. Das war der westliche Teil des Landes, der sich infolge der Austrocknung des Flusses in eine Wüste verwandelt hatte. Dort gab es zwar jetzt wieder Wasser, was dem ›Panther‹ jedenfalls höchst willkommen war, aber da lag auch, wie der Schech el Beled uns mitteilte, die Falle, in welcher die Feinde gefaßt und bestraft werden sollten.

Die Dorfbewohner hatten sich versteckt, weil ihnen gesagt war, daß in kürzester Zeit noch mehr Feinde kommen würden. Als sie aber ihre eigenen Lanzenreiter erkannten, kamen sie herbei und erstatteten ausführlich Bericht. Da hörten wir auch, daß sie ausgefragt worden waren. Und aus den Fragen, die ihnen der ›Panther‹ vorgelegt hatte, konnten wir auf den Plan schließen, auf dessen Ausführung er seine Hoffnung setzte. Er wollte nach der seit uralter Zeit berühmten ›Wasserscheide‹ und nach dem ›Wasserschloß‹ von El Hadd, um das letztere durch einen Handstreich in seine Gewalt zu bringen. Befand er sich im Besitz dieses Schlosses, so glaubte er, das ganze Land in seiner Gewalt zu haben und dessen
Herrscher absetzen zu können. Wenn dies der Fall war, so ergab das für ihn eine vortreffliche Basis zu einem Vergleich mit Dschinnistan und einem erneuten, aber siegreichen Vorgehen gegen den Mir von Ardistan. Es stellte sich aber schon aus der Art und Weise seiner Fragen heraus, daß er sich weder von der ›Wasserscheide‹ noch von dem ›Wasserschlosse‹ des Schech el Beled eine Vorstellung machen konnte. Er wußte eben auch nur das, was die Sage von beiden erzählt, und das war nicht zum hundertsten Teil genügend, einen Kriegszug nach dort hinauf zu wagen.

Das einzige Vernünftige an dem ganzen Plane war, daß er ihn als Handstreich ausführen zu wollen schien, also so schnell wie möglich. Diese seine Eile kam dem Wunsche des Schech el Beled entgegen, ihn nach dem verödeten Westen abzulenken. Man brauchte ihm nur glaubhaft zu machen, daß dorthin der natürliche Weg nach der ›Wasserscheide‹ und dem ›Wasserschlosse‹ gehe. Und dies war nicht etwa eine Lüge, sondern die reine Wahrheit, denn der Fluß kam direkt von da oben herab, und das Wasser, welches sich seit kurzer Zeit in seinem Bett zu zeigen begann, stammte aus der geheimnisvollen Quelle, deren Schlüssel nirgends anderswo als eben in ›Wasserschlosse‹ lag. Es wurden einige Lanzenreiter abkommandiert, welche sich in anderer Kleidung von dem ›Panther‹ gefangennehmen lassen und ihm als Führer dienen sollten. Ihre Instruktion war eine ebenso ausführliche wie genaue. Und sodann mußten die ›Schwarzgepanzerten‹ versuchen, auf Umwegen dem ›Panther‹ voranzukommen, um sich ihm an einem bestimmten Punkte entgegenzustellen und ihn zu zwingen, nach Westen abzulenken. Dort führte nämlich eine Nebenstraße in dieser Richtung von der Hauptstraße ab, und wenn es gelang,
den Feind zu dieser Schwenkung zu veranlassen, so war ihm die Gelegenheit entzogen, seine Greueltaten, so oft es ihm beliebte, zu wiederholen.

Und es gelang! Zwar trafen wir schon gegen Abend des nächsten Tages wieder auf ein Dorf, welches vollständig ausgeplündert worden war, aber schon am darauffolgenden Nachmittag, als wir die erwähnte Stelle erreichten, sahen wir, daß die Verfolgten hier ihre Richtung geändert hatten, und zwar in der Weise, wie wir es wünschten. Die »Schwarzgepanzerten« hatten gar nicht nötig gehabt, sich ihnen zu zeigen und sie dazu zu zwingen, denn der ›Panther‹ hatte schon die ihm von uns gesandten Führer gefangen genommen und gezwungen, mit ihm zu marschieren und ihm den Weg nach der ›Wasserscheide‹ und nach dem ›Wasserschlosse‹ zu zeigen.

Dieser Weg bildete eine Durchquerung des westlichen Landesteiles. Dort lagen, wie bereits gesagt, nicht die fruchtbaren Gegenden von El Hadd, und doch machten sie den Eindruck eines Wohlstandes, den wir nicht erwartet hatten. Man hielt durch ganz Ardistan dieses Grenzgebiet für wüst und unergiebig, und von seinen Bewohnern sprach man als von sehr armen Leuten. Das einfache, bescheidene Auftreten des Schech el Beled und seiner Begleiter hatte auch in mir, als ich sie zu Weihnacht kennen lernte, die Meinung erweckt, daß ihre Heimat ihnen wohl keine Reichtümer biete. Nun aber sah ich mehr und mehr ein, welch ein großer Irrtum dies war. Diese Berge zeigten sich nur auf der nach Ardistan gerichteten Seite als steril, auf der nach Dschinnistan liegenden aber als außerordentlich wohlbewässert. Es gab unzählige Kanäle und Kanälchen, welche das bewegende, treibende und befruchtende Naß allüberallhin leiteten, wo es vonnöten war. Es mußte hoch oben in
den Bergen, woher diese Gräben und Kanäle kamen, einen unerschöpflichen Reichtum an Wasser geben. Wir ritten stundenlang durch Wälder, deren Bestand nur durch diese Leitungen ermöglicht wurde. Wir sahen grünende Wiesen und Weiden, die sich hoch über ihnen erhoben; sauber blinkende Häuser mit wohlgepflegten Gärten und Feldern; Bergwerke, welche Gold, Silber, Kupfer, Eisen und andere Metalle in Menge lieferten. Im Osten gab es Bäche, in denen man eine sehr lohnende Perlenfischerei betrieb. Die Seitenstraße, der wir jetzt folgten, vermied es, größere Ortschaften zu berühren, aber bewohnt, bebaut und benutzt war jeder Berg, jedes Tal, jede Stelle und jeder Winkel, wohin man nur immer schaute. Ruhiger Fleiß grüßte von rechts und links. Behaglicher Wohl stand glänzte von allen Seiten. Das Glück saß vor jedem Hause. Eintracht und Zufriedenheit wandelten Hand in Hand auf allen Wegen und Stegen. Aber sobald der ›Panther‹ mit seiner Schar sich nahte, da flohen sie; da waren die Wege verlassen und die Wohnungen aufgegeben, denn der Schreck ging vor ihm her.

Ja, er ging vor ihm her. Wir folgten ihm nämlich nicht nur, sondern wir überholten ihn mit unsern Seitenflügeln und schickten Boten vor ihm her, ohne daß er es merkte. Wo unsere Truppen erschienen, waren sie die hellen, blinkenden Lanzenreiter, die man liebte, denen man gehorchte; ihm aber blieben sie infolge ihrer dunklen Mäntel immer unsichtbar.

Der Mir von Ardistan verhielt sich ganz eigenartig zu dem Schech el Beled. Der Letztere schien in den Augen des Ersteren von Tag zu Tag zu wachsen. Der Mir behandelte ihn mit einer Hochachtung, fast möchte ich sagen, mit einer still lauschenden Scheu, die man bei ihm, dem einst so Rücksichtslosen und Stolzen, nicht für
möglich gehalten hätte. Sie ritten fast stets nebeneinander, in Gespräche über Gegenstände vertieft, die einen jeden Fürsten, der es mit seinem Volke wohlmeint, interessieren. Wir Andern störten sie dabei so wenig wie möglich, denn wir sahen, daß der Schech el Beled der Lehrer des Mir geworden war, und freuten uns aufrichtig darüber.

Was den Dschirbani betrifft, so war er mit der Leitung und Verpflegung seiner Ussul fast vollauf beschäftigt; aber es gab auch freie Stunden, in denen es ihn ebenso wie den Mir zu den Schech el Beled drängte. Er folgte diesem Drange in seiner unaufdringlichen, vornehm bescheidenen Weise und war zufriedengestellt, wenn er den Mann, für den er eine so große, ganz ungewöhnliche Sympathie empfand, nur sprechen hörte, ohne daß dieser das Wort direkt an ihn richtete.

»Ich habe ihn lieb, ganz eigenartig lieb,« gestand er mir. »Oft ist es mir, als müsse ich ihn umarmen und mich fest, fest an ihn drücken. Und oft überkommt mich so eine tiefe Ehrfurcht vor ihm, daß es mir wie ein Vergehen erscheint, mich ihm in dieser rein körperlichen Weise zu nahen. Wenn er spricht, so ist es mir zuweilen, als hörte ich die Stimme meines Vaters. Wahrscheinlich ist das nur die Folge des Schleiers, welcher der Rede jenen vertraulich lieben Klang verleiht, der mir noch von meiner Kinderzeit her im innern Ohre klingt.«

Ich beobachtete mit großer Genugtuung dieses stete Wachsen der Zuneigung, dieses immer zwingender werdende Ahnen und seelische Erkennen. Darum ging es nicht unbemerkt an mir vorüber, daß dieses innere Zueinanderstreben nicht etwa ein einseitiges, sondern ein gegenseitiges war. Auch der Schech el Beled lauschte, so oft er den Dschirbani reden hörte. Und Vieles, was er scheinbar
zu dem Mir oder zu Andern sagte, war darauf berechnet, von dem Dschirbani gehört und beachtet zu werden. Man sah, daß der Schech unausgesetzt bemüht war, den Dschirbani zu sich heranzuziehen, und daß es ihn herzlich freute, wenn er bemerkte, daß ihm dies gelang. Zu welchem Schluß dies führen mußte, war leicht vorauszusehen; um das Wann und Wo und Wie sorgte ich mich nicht. –

Es war an einem späten Nachmittage, als wir das Bab Allah21 erreichten. So hieß das hohe, breite Felsentor, durch welches sich früher die Wasser des Ssul ergossen hatten. Die vom Fluß in das harte Gestein gebohrte Oeffnung war tief. Es ging sehr steil hinab. Die Spuren sagten uns, daß der ›Panther‹ hier Beratung gehalten hatte, ehe er zu dem Entschlusse gekommen war, sich dem nicht sehr verlockend aussehenden Bette des Stromes anzuvertrauen. Aber es gab jetzt Wasser darin, sogar fließendes, und das hatte ihn wahrscheinlich bestimmt, den Darstellungen seiner Führer Gehör zu geben.

»Hier ist er hinab,« sagte der Schech el Beled. »Er kommt nicht wieder herauf.«

»So ist das wohl schon die Falle?« fragte ich.

»Nein,« antwortete er. »Wir erreichen sie erst später. Aber der Weg zu ihr beginnt an dieser Stelle. Die Ufer sind nun zwei volle Tagesritte lang so steil und hoch, daß sich keine Stelle findet, an der die Feinde dieses Felsenbett verlassen könnten. Wir übernachten noch oben, um ihnen erst morgen früh da unten zu folgen.«

Ich muß erwähnen, daß wir auch hier im Gebiete wenn El Hadd von Tag zu Tag Etappen gelegt hatten, um unsere Verbindung nach rückwärts aufrecht zu halten. An der Stelle nun, die hinunter in das Flußbett führte,
machte sich die Zurücklassung eines größeren Postens nötig. Das war die Meinung des Schech el Beled, und es stellte sich heraus, daß er Recht gehabt hatte. Das Flußbett bildete eine wüste Anhäufung oder Abwechslung von Felsblöcken und vollständig totem Sande. Da gab es keine Spur von irgend einer Pflanze; da war kein Halm eines Grases zu sehen. Der bisherige, glatte Ritt wurde hier zu einem Stolpern und Klettern, welches außerordentlich ermüdete. Dazu die Hitze, welche stechend von oben heruntersengte und von den Felsen auf Mensch und Tier zurückgeworfen wurde. Wir konnten es wohl aushalten. Die Schimmel unserer Hilfstruppen waren solches Klettern schon gewohnt, und die Gäule der Ussul besaßen eine derartige Gutmütigkeit, daß sie ihre Geduld nicht verloren, wenn wir ihnen nur von Zeit zu Zeit für einige Augenblicke Gelegenheit gaben, zu verschnaufen. Und vor allen Dingen, Wasser war da; Futter für die Pferde und Proviant für uns hatten wir mit, so viel wir brauchten. Und wenn etwas zu Ende ging, so war es durch unsere Etappen sehr leicht und sehr schnell zu ergänzen. Bei dem ›Panther‹ aber stand es anders. Wir wußten, daß er Not an Fourage und Rationen litt, schon ehe er in das Flußbett hinabgestiegen war. Gewiß hatte man ihn überzeugt, daß diesem Mangel baldigst abzuhelfen sei; da dies aber keineswegs der Fall war, durften wir die Folgen bald erwarten.

Schon in der zweiten Hälfte des ersten Tages, den wir im Bette auswärts ritten, trafen wir auf marode Menschen und Pferde, welche zurückgeblieben waren, weil sie nicht weiter konnten oder wollten. Gegen Abend wurde uns von unsern Seitenposten, die uns oben auf den hohen Ufern begleiteten, gemeldet, daß es unsern Führern des ›Panther‹ gelungen sei, seiner Rache zu entkommen. Dieser
hatte sie, als des Weges kundig, vorausgeschickt, um dafür zu sorgen, daß man ihm Alles, was er brauche, vom ›Wasserschlosse‹ aus sofort entgegensende, widrigenfalls er bei seiner Ankunft dort blutige Rache nehmen werde. Hieraus war zu ersehen, in welcher Lage er sich befand.

Am andern Morgen trafen wir auf eine Schar von über hundert Mann, die sich von ihm losgesagt und ihn verlassen hatte, und noch vor Mittag auf eine zweite, noch stärkere. Beide waren umgekehrt, aber bald darauf liegen geblieben, weil sie vor Hunger und Ermattung weder vor- noch rückwärts konnten. Wir betrachteten sie als Kriegsgefangene, nahmen uns ihrer an und erfuhren von ihnen Alles, was wir wissen wollten. Dann wurden sie entwaffnet und unter hinreichender Bedeckung von ›Schwarzgewappneten‹ nach unserer am hohen Flußufer errichteten Station zurücktransportiert. Dem Kommandierenden dieses Transportes aber wurde von den Schech el Beled bedeutet, sich ja zu beeilen und ja nicht länger als zwei Tage unterwegs zu sein, weil dann der neue, lebendige Wasserstrom kommen und Alles mit sich fortreißen werde, was sich noch zwischen den steilen Ufern befinde. Der Sinn dieser Warnung war uns nicht klar; der aber, an den sie gerichtet wurde, wußte, um was es sich handelte. Er antwortete, daß es nicht seine Absicht sei, den Tod des ›Panther‹ zu sterben; er werde, sobald das Wasser erscheine, mit seinen Leuten gewiß nicht mehr im Flusse sein.

Am Nachmittage ordnete der Schech el Beled an, daß alle unsere Schläuche zu füllen seien, weil von jetzt an das Wasser bis zu unserer Ankunft am Ziele verschwinden werde. Diesem Befehle wurde natürlich Folge geleistet. Niemand fragte dabei, woher er wissen könne,
daß der Fluß wieder im Austrocknen sei. Was er vorausgesagt hatte, das bestätigte sich. Das Flußbett wurde noch vor Abend vollständig wieder trocken. Und nun erklärte sich der Schech el Beled deutlicher, indem er sagte:

»Der ›Panther‹ soll wieder dürsten und dadurch um so sicherer in die Falle getrieben werden.«

»Ja, habt ihr es denn so in der Hand, dem Fluß Wasser zu geben oder zu nehmen, ganz wie es euch beliebt?« fragte Halef erstaunt.

»Ja,« antwortete der Schech el Beled einfach. »Du wirst es sehen. Es ist alles wohl erwogen und vorherbestimmt.«

Noch ehe es Abend wurde, kamen wir an eine Stelle, wo Pferde geschlachtet worden waren, und zwar zwölf Stück, wie wir aus den liegen gebliebenen Resten erkannten. Es muß schlecht um eine Reitertruppe stehen, wenn sie, um nicht hungern zu müssen, sich ihrer eigenen Pferde beraubt.

Am dritten Tage bekam das Flußbett ein völlig anderes Aussehen. Der in ihm aufgehäuften Felsenstücke und Steintrümmer wurden weniger, bis es schließlich gar keine mehr gab. Die riesige Wasserrinne führte zwar noch ebenso wie vorher durch eine mächtige und vollständig kompakte Granitlagerung, aber ihr Boden war nicht mehr bedeckt, sondern frei und ebenso glatt wie ihre Wände. Das war Schliff; eine Folge der Reibung durch das sich fortbewegende Gestein. Das Wasser mußte hier eine ganz ungewöhnliche Druckkraft besessen haben, um Massen von solchem Gewichte vorwärtsschieben zu können. Als ich eine Bemerkung hierüber machte, antwortete der Schech el Beled:

»Diese Kraft kommt, wie überhaupt jede Kraft, von oben. Woher, da wirst du schon morgen sehen.«

Es gab in diesem öden, ungeheuren Felsengraben nicht einen Tropfen Wassers. Die Sonne brannte wie mit Nadelspitzen herein. Wie gut, daß wir uns mit Wasser versehen hatten! Und welche Qualen mußten die Leute des ›Panther‹ erlitten haben! Ihre Spuren zeigten uns die Stelle, an der sie des Nachts gelagert hatten. Und aus diesen Spuren ersahen wir, daß hier ein Ereignis eingetreten war, durch welches sich die Kavallerie in Infanterie verwandelt hatte. Die Pferde waren nämlich durchgegangen. Es hatte ein ›Stampedo‹ stattgefunden, wie man sich in den amerikanischen Prärien auszudrücken pflegt, wenn die Pferde sich aus irgend einem Grunde losreißen und davonrennen. Als wir uns fragten, welcher Grund das hier gewesen sein möge, sagte der Schech el Beled:

»Das Wasser. Sie waren fast verdurstet. Da kam ihnen während der Nacht eine kühle feuchte Luft entgegen. Was die Menschen nicht merken konnten, das merkten die Tiere, nämlich daß es da vorn, vorwärts von ihnen, Wasser in Menge gibt. Sie ließen sich nicht halten; sie gingen durch.«

Daß diese Darstellung richtig war, ersah ich aus dem Gebaren meines Syrr, der sein schönes, feines Köpfchen von jetzt an ganz anders trug als in den letzten Stunden und dem uns entgegenwehenden Lufthauche seine Nüstern weit und behaglich öffnete. Indem wir weiterritten, beobachteten wir den Boden genau. Wir sahen nur die Spuren galoppierender Pferde, nicht die eines langsam gehenden. Hieraus war zu schließen, daß sie alle entflohen waren; kein einziges war geblieben.

Unsere dicken Ussulgäule waren für Feuchtigkeit besonders empfindlich. Sie griffen jetzt ganz von selbst und ohne angetrieben zu werden, derart aus, daß wir,
zumal uns keine Felsstücke mehr im Wege lagen, viel schneller vorwärtskamen als bisher. Dabei bemerkten wir, daß auch die hohen Ufer ein ganz anderes Aussehen bekamen. Sie begannen, sich mit Grün zu schmücken, erst mit Gräsern und Stauden, dann mit Büschen und Bäumen. Nach einiger Zeit gab es da oben sogar betretene Wege. Wir sahen nicht nur unsere Lanzenreiter, sondern auch andere Leute, die uns von den hohen Ufern aus mit großem Interesse betrachteten, aber still, ohne allen Lärm. Kein lautes, zudringliches Wort drang bis zu uns herunter.

Dann sahen wir, wenn wir hinaufblickten, Häuser stehen, die nach und nach zusammenrückten und sich in wohlbeschatteten und blumengeschmückten Reihen an beiden Ufern hinzogen. Hinter ihnen stiegen kräftig emporstrebende Höhen auf, wo schimmernde Wohnungen in früchtereichen Gärten lagen. Näherten wir uns vielleicht der Hauptstadt dieses Landes? Durften wir vielleicht hoffen, das ›Wasserschloß‹ von El Hadd nun bald zu erreichen? Der Schech el Beled war still; so fragten wir also nicht. Die Antwort kam von selbst. Sie kam so plötzlich, daß unser Erstaunen keine Worte, ja nicht einmal einen kurzen Ausruf fand, um sich auszusprechen.

Unsere Hauptrichtung war genau Nord. Wir hatten soeben einen Bogen nach Ost gemacht und waren in unsere vorige Richtung zurückgekehrt, da traten die Felsenwände des Flußbettes, in dessen Tiefe wir uns befanden, mit einem Male weit, weit auseinander, und rund, wie eine Arena, die nur für Giganten berechnet ist, lag ein Panorama vor uns, welches weder von der Hand eines Malers noch von der Feder eines Dichters wiedergegeben oder beschrieben werden kann. Man denke sich einen tiefen, gewaltigen Felsenkessel, der unten auf seinem Grunde, wo wir jetzt waren, einen Durchmesser von wenigstens
einer Wegesstunde hatte, oben aber noch viel mehr. Wir hielten an seinem südlichsten Punkte, wo die natürlichen Felsenmauern, die ihn umsäumten, am niedrigsten waren. Indem sie sich von uns aus auf beiden Seiten nach Norden rundeten, stiegen sie an diesen Seiten mehr und mehr an und traten, je höher sie wurden, um so mehr zurück, um eine ganze Folge von Stufen und Terrassen zu bilden, auf denen sich Garten an Garten reihte und in jedem Garten ein Landhaus eigenen Stiles stand. Dieser wunderbare Bergkessel war unten auf seinem Grunde vollständig felsenkahl, doch nur bis zur Uferhöhe des Flusses. Da führte eine sehr breite Straße, an welcher Häuser standen, rundum. Die Lücke, welche durch das Flußbett in diese Runde geschnitten wurde, war durch steinerne Bogen überbrückt, welche aus so großen und so schweren Quadern bestand, daß man sich verwundert fragte, wie es möglich gewesen sei, sie zu heben und zu bewegen. Bis beinahe zu dieser Straße und zu diesen Häusern hinauf hatte früher das Wasser des Flusses gestanden. Aber woher war es gekommen? Man sah es noch heut, nach so vielen Jahrhunderten, daß Ssul, der ›Fluß des Friedens‹, gleich ganz und voll und fertig aus diesem Kessel herausgetreten war. Es gibt im Süden der Rocky Mountains in Nordamerika Wasserläufe, die allerdings auch gleich so fix und fertig aus dem Felsen treten, aber das sind nur kleine unbedeutende Flüßchen, deren plötzliches Erscheinen man sich sehr wohl erklären kann, doch Ssul war kein Flüßchen, sondern ein Fluß oder vielmehr ein Strom, der seine Entstehung nicht einer gewöhnlichen, unterirdischen Sammelquelle zu verdanken haben konnte.

Indem ich, dieses denkend, mit meinem Blicke nach aufwärts suchte, sah ich genau am nordöstlichen und nordwestlichen
Punkte des Kessels je einen Aquädukt, von denen mir schien, daß sie mit der Beantwortung dieser meiner Frage in Verbindung zu setzen seien. Sie waren nicht künstlich, sondern natürlich. Man hatte nur ein klein Wenig nachzuhelfen gebraucht. Sie überspannten zwei gewaltige Oeffnungen, welche, schwarzen Schlünden gleich, aus dem Fuße des Berges gähnten. Waren das vielleicht die Stellen, aus denen das Wasser einst gekommen war und nun wahrscheinlich wiederkommen sollte? Und standen mit diesem Wiederkommen vielleicht die großen Kähne oder vielmehr Flußschiffe in Verbindung, die wir am südöstlichen und südwestlichen Punkte des Kessels liegen sahen? Dort gab es nämlich je eine tiefe, hafenähnliche Ausbuchtung, auf deren Grund diese Fahrzeuge lagen. Sie hatten die Länge und Breite unserer großen Rhein- oder Elbkähne, waren aber nicht von derselben Gestalt und dabei orientalisch fremdartig verziert. Jeder hatte seinen Namen; ich konnte aber nur einen lesen, und der war ›Marah Durimeh‹.

Wenn man das Auge von unten nach oben, von einer Terrasse zur andern schweifen ließ, sah man auf jeder dieser Stufen auch freie, in den Berg hinein gerundete Plätze mit größeren Bauwerken, welche jedenfalls der Oeffentlichkeit oder dem Gemeindewohle dienten. Hoch oben aber, uns gerade gegenüber, ragte ein Engel himmelan, der ganz genau die Gestalt der Wasserengel in der ›Stadt der Toten‹ und an der Landenge von Chatar hatte, aber viel, viel größer als sie beide war. Er bildete den höchsten und zugleich auch den Höhepunkt des herrlichen Panoramas, welches vor uns lag. Zu seinen beiden Seiten standen Gebäude mit zahlreichen Balkonen, Erkern, Zinnen, Türmen und Spitzen. Diejenigen Teile von ihnen, welche dem Engel nahelagen, waren hoch, sehr hoch; die
andern nahmen an Höhe ab, je weiter sie sich von ihm entfernten.

Es war ein ganz eigenartiger Eindruck, den dieser Anblick machte. Man fühlte sich so arm, so schwach, so klein, und doch wurde man erhoben, hoch erhoben. Unten der nackte Fels des einstigen Wasserbettes, der kein einziges Hälmchen trug, als solle er dokumentieren, daß die Seele des irdischen Gesteines kein anderes Verlangen habe als nur nach Wasser, Wasser, Wasser. Und dennoch auf ihm aufgebaut die sämtlichen Terrassen und Daseinsstufen des Erdentums bis hinauf zu dem Engelsbilde, welches hoch in die Wolken ragt und das ersehnte Wasser nicht nur regelt, sondern auch spendet. Zwischen beiden, nämlich zwischen dem scheinbar leblosen Fels und dem Engel, den die schaffende Kunst aus ihm formte, ein ebenso reich gestaltetes wie reich bewegtes Menschenleben, welches auf allen Straßen und Plätzen hin- und her-und auf- und niederflutete. Ueberall, wohin wir sahen, standen diese Leute und schauten auf uns hernieder. Sie sahen so fest- und feiertägig aus, so froh und glücklich gestimmt, wie die ganze, herrliche Natur, in der sie wohnten und lebten. Wir sahen, daß man von unserm Kommen unterrichtet gewesen war, daß man uns erwartet hatte. Das Erscheinen unserer Lanzenreiter auf beiden Seiten des Ufers war der Beweis gewesen, daß der Schech el Beled nun nahe sei. Und als er jetzt erschien, an unserer Spitze aus dem tiefen Flußbette hervorreitend, das Angesicht noch immer blau verschleiert, da brauste ein Jubel los, der laut, wie das donnernde Branden eines Ozeans von Stufe zu Stufe bis hinauf zum Engel stieg und dort wie nach dem Himmel zu verhallte. Das wirkte tief, unendlich tief ergreifend und wiederholte sich mehrere Male. Der Dschirbani trieb sein Pferd weiter vor, ergriff
die Hand des Schech el Beled und zog sie an seine Lippen.

»Warum dieser Kuß?« fragte der Genannte.

»Ich konnte nicht anders; ich mußte,« antwortete der junge Mann mit tränendem Auge.

»So hast du mich lieb?«

»Ja, lieb, so lieb!«

»Ich dich auch. Warum, das wirst du schon morgen erfahren.«

Indem er dies sagte, zitterte seine Stimme vor Rührung. Dann fügte er, zu uns gewendet hinzu: »Das ist das ›Wasserschloß‹ von El Hadd und das ist der Engel der ›Wasserscheide‹, von dem die Sage erzählt. Und das, da unten, da vorn, ist der Mensch der ›Panther‹, der es wagt, hier Herr und Gebieter sein zu wollen!«

Wenn man sich auf dem Boden des Felsenkessels die Mitte dachte und den Weg von dieser Mitte nach der hintern, höchsten Wand des Kessels in zwei gleiche Hälften schied, so erhob sich auf dem Teilungspunkte dieser Hälften eine Art von Insel, welche mit Gebüsch und Bäumen bepflanzt war. Es mußte da Wasser geben. Diese Insel war von uns also dreiviertel Wegesstunde entfernt, von dem Nordrande des Kessels aber nur eine Viertelstunde. Dort führte von der hohen Uferstraße eine breite, steinerne Treppe bis auf den Felsengrund des Flusses herab. Und von da ging ein betretener Weg gerade nach der Insel, auf welcher der ›Panther‹ mit seiner Truppe jetzt lagerte.

»Das ist die Pantherfalle, in die er ging, weil ihm kein anderer Weg offen stand,« erklärte der Schach el Beled. »Die Insel ist nur die schützende Bekleidung einer Zisterne, welche tief hinuntergeht bis auf den natürlichen Wasserweg, der von hier aus nach dem Dschebel
Allah und von dort aus zu allen Wasserengeln führt, die Abu Schalem, der große Maha-Lama, baute. Es gibt ihrer nämlich mehr, als ihr kennt. In diese Zisterne steigt man hinab, um zu prüfen, ob diese Wasserspender versorgt sind oder nicht. Den ›Panther‹ hat der Durst hingeführt. Ihr seht, daß der ganze Kessel rundum mit Menschen besetzt ist. Es gibt keine andere Stelle, an der man vom Ufer herunter und von hier hinauf kann, als nur jene Treppe dort hinten am nördlichen Ufer. Seine Pferde sind gewiß schon früher hier angekommen. Man hat sie getränkt und dann über die Treppe auf das Ufer geschafft. Wir werden jetzt desselben Weges gehen. Als er dann kam, mußte er mit dem ersten Blick erkennen, daß er sich in vollständiger Unwissenheit über unser Land und seine Bewohner befunden hat. Er konnte nirgends hinauf. Die Treppe wurde ihm verwehrt. Es wäre Wahnsinn gewesen, sie erzwingen zu wollen. Nun lagert er an der Zisterne. Der Fluß wird kommen. Er muß kommen, denn die verheißene Zeit ist da. Er wird steigen und die Insel mit Allem, was sich auf ihr befindet, verschlingen, weil man ihrer Höhe absichtlich nicht die Höhe des Wasserstandes im Ssul gegeben hat. Wir reiten jetzt über den Grund des Kessels hinüber. Wir halten bei der Zisterne an. Wir fragen den ›Panther‹, ob er sich ergeben will oder nicht. Tut er es, so kann vielleicht noch Gnade walten. Tut er es aber nicht, so wird sein Nacken, den er nicht beugen will, durch ihn selbst gebrochen. Also wir – – –«

Er hielt inne, denn es fiel da drüben auf der Insel ein Schuß; es folgten mehrere, ja viele Schüsse. Es erhob sich ein Rufen und Schreien, welches in das wütende Geheul eines Kampfes überging. Wir sahen, daß unsere Gegner in ein tödliches Handgemenge unter sich selbst
geraten waren. Wir hatten die Absicht gehabt, schnell hinüber zu reiten; nun aber rückten wir nur langsam vor. Die ›Schwarzgepanzerten‹ voran, bildeten wir eine breite Linie, die Insel zu umfassen. Als man das sah, wurde der Kampf dort zunächst hitziger; die Schüsse fielen schneller, und das Toben und Brüllen verdoppelte sich. Dann aber wurde es plötzlich still. Es erscholl eine laute, befehlende Stimme; eine andere, ebenso befehlende, antwortete. Ein Mann kam unter den Bäumen der Insel hervor, mit dem Säbel in der Faust. Es folgten ihm mehrere, ja viele. Sie rannten uns entgegen. Es gab unter ihnen welche, die stürzten nieder und standen nicht wieder auf, weil sie verwundet waren oder gleich tot zusammenbrachen. Der ihnen Voraneilende blieb, als er weit genug herangekommen war, stehen und rief uns zu:

»Wir ergeben uns; wir ergeben uns! Der ›Panther‹ ist verrückt geworden! Er schießt auf seine eigenen Leute!«

Wir kannten den, der das sagte, sehr genau. Es war der zum General gemachte Oberst, der auf dem Wege nach der ›Stadt der Toten‹ sich mit dem ›Panther‹ in unserer Gefangenschaft befunden hatte. Es wurde ihm von dem Schech el Beled bedeutet, mit denen, die ihm folgten, bis an die Treppe zu marschieren und dort zu warten, was bestimmt werde. Die Verwundeten habe er mitzunehmen. Er folgte dieser Weisung, ohne Bedingungen zu stellen. Dieses Beispiel blieb nicht ohne Wirkung auf die, welche auf der Insel zurückgeblieben waren. Es kamen ihrer noch viele, sehr viele, die ihren bisherigen Führer noch verließen und sich in der Richtung nach der Treppe von der Insel entfernten. Die beiden Stimmen, welche wir von weitem gehört hatten, waren diejenigen des Generals und des ›Panther‹ gewesen. Die
letztere erschallte noch jetzt. Wir hörten sie um so deutlicher, je mehr wir uns der Insel näherten. Er brüllte allerdings wie ein Wahnsinniger, wie ein Tobender. Wir schlossen die Insel ein und schickten Irahd vor, um zu fragen, ob der ›Panther‹ sich ergeben wolle oder nicht. Da wurde er still. Es dauerte einige Zeit, ehe er Antwort gab. Er schien Beratung zu halten. Das Resultat war das Eingehen auf eine kurze Unterredung mit dem Schech el Beled von El Hadd.

Jeder der beiden Hauptpersonen wurden zwei Begleiter zugestanden; sie alle mußten unbewaffnet sein. Die Unterredung hatte zwischen der Insel und unserer Aufstellung stattzufinden. Der Schech el Beled wählte den Mir von Ardistan und mich, ihn zu begleiten. Der ›Panther‹ kam mit Zweien, die ich kannte, nämlich mit dem ›Schwert des Prinzen‹ und der ›Feder des Prinzen‹, jenen beiden Tschoban, die mit ihm unsere Gefangenen gewesen waren. Wenn bestimmt war, daß die Unterredung auf dem Platze, der zwischen der Insel und unserer Aufstellung lag, stattfinden solle, so nahm ich an, daß der Mittelpunkt dieser Entfernung gemeint sei. Es fiel mir daher auf, daß der ›Panther‹ mit seinen beiden Kumpanen schon stehen blieb, noch ehe er diesen Punkt erreichte. Er wünschte uns also so nahe wie möglich an der Insel zu haben. Das erregte meinen Verdacht. Ich teilte das dem Schech el Beled und dem Mir mit, und so gingen wir also nicht weiter, als wir verpflichtet waren. Dadurch wurde der ›Panther‹ gezwungen, zu uns heranzukommen. Sein Gesicht hatte das Aussehen einer unbeweglichen Larve; aber seine Augen glühten. Das war wohl vor Zorn darüber, daß wir uns nicht hatten verleiten lassen, uns von unserer Truppe weiter zu entfernen. Er blieb stehen; er setzte sich nicht; also folgten
wir diesem Beispiele. Ich musterte ihn und die beiden Andern, ob sie vielleicht eine versteckte Waffe bei sich trügen, konnte aber nichts entdecken, was diese Vermutung bestätigte. Doch fiel mir auf, wie die Drei sich stellten und bewegten. Sie vermieden es nämlich ganz auffällig, uns mit ihren Gestalten nach der Insel hin zu decken. Und dies zu prüfen, veränderte ich während der Unterredung, so kurz diese war, meine Stellung mehrere Male, aber immer veränderten sie hierauf nun auch die ihrige sofort und derart mit, daß ich die gesuchte Deckung wieder verlor. Man hatte also vor, von der Insel aus auf uns zu schießen, und darum nahm ich diese scharf in die Augen, obgleich ich es war, der mit dem ›Panther‹ sprechen sollte; der Schech und der Mir wollten schweigen.

»Was wollt ihr?« zischte er uns an, sobald er uns erreichte.

Ich antwortete:

»Dich fragen, ob – – –«

»Mich fragen?« unterbrach er mich. »Hier habe nur ich allein zu fragen, nicht ihr! Am allerwenigsten aber du! Also: Was wollt ihr hier? Was habt ihr hier zu suchen? Was schaust du mich wegen dieser Frage an? Wenn du sie nicht beantworten kannst, werde ich es an deiner Stelle tun! Euer Geschick hat sich erfüllt. Es treibt euch in meine Hände! Du stehst am Tode; du hast ihn reichlich verdient. Der Mir ebenso! Und der Schech el Beled wird mein Gefangener. Ich zwinge ihn, abzudanken und mich an seine Stelle zu setzen. Er wird gezwungen, dies zu befehlen, um sein Leben zu retten, und sein Volk wird ihm gehorchen.«

War dies Wahnsinn? War dies ein soeben schnell überlegter Plan? Oder war es beides? In seinen Augen
flackerte ein unruhiges, starkwilliges, außerordentlich gefährliches Licht. Er fuhr allen Ernstes fort:

»Ich frage euch: Wollt ihr euch freiwillig ergeben oder nicht?«

»Wir uns euch? Oder ihr euch uns?« fragte ich dagegen.

»Wir uns euch?« donnerte er mich an. »Bist du verrückt geworden? Meinst du, daß wir uns vor euch fürchten? Oder vor diesem nackten Felsen? Oder vor den Menschen, die rundum da oben stehen, als ob sie uns zurückweisen könnten? Ich sage dir, ihr befindet euch in meiner Gewalt. Eure Berechnung, daß ich verdursten werde, war falsch, denn hier in dieser Zisterne gibt es mehr Wasser, als ich brauche. Und das Volk, welches jetzt so stolz auf mich niederblickt, wird mir schon morgen zujubeln, mir, seinem Herrscher und Gebieter!«

Er sprach mit der Ueberzeugung eines Mannes, der felsenfest an seine Halluzinationen glaubt. War das eine Folge der Schreckensnacht am Dschebel Allah? Oder war es überhaupt eine psychologische Folgerichtigkeit, daß der Wahngedanke seines ganzen Lebens, ein großer Herrscher zu werden, unter den gegenwärtigen Verhältnissen zum ›Ueberschnappen‹ kommen mußte?

»Du irrst,« antwortete ich. »Du wirst allerdings nicht aus Mangel an Wasser sterben, sondern am Gegenteile, am Ueberfluß. Du wirst ertrinken!«

»Wo? Wann?« fragte er.

»Jetzt! Hier! Der Fluß wird kommen und wird steigen. Und das Wasser in der Zisterne wird steigen. Beides wird die Insel überströmen und sie mit sich fortschwemmen!«

»Ueberströmen? Fortschwemmen?« rief er mit einem unbeschreiblich häßlichen und abstoßenden Lachen aus.
»Willst du mich etwa dadurch zu der Dummheit verlocken, mich euch auszuliefern? Ich sage dir: Lieber tausendmal in den Tod, und lieber millionenmal die ärgsten Qualen erdulden, als mich in eure Hände zu geben! Ich fürchte nie den Tod; ich fürchte ihn auch jetzt nicht, sondern ich lache über ihn. Euch aber wird er – – – jetzt, jetzt, jetzt!«

»Nein, uns wird er nicht!« antwortete ich. »Dich aber wird er fassen, genau so, wie ich dich jetzt fasse!«

Da ich scharf aufpaßte, so sah ich, daß mehrere seiner Leute hinter schützende Baumstämme getreten waren und, als er ihnen durch den Ausruf: »Jetzt, jetzt, jetzt« das Zeichen dazu gab, ihre Gewehre auf uns anlegten, um auf uns zu schießen. Ich griff schnell zu, faßte ihn, zog ihn an mich heran, drückte ihn so an mich, daß er sich nicht bewegen konnte und forderte den Mir und den Schech el Beled auf:

»Tretet schnell hinter mich! Da seid ihr gedeckt!«

»Gedeckt?« fragte der Schech. »Mich decken? Vor wem?«

Er ballte die Faust und holte aus. Zwei Hiebe, und das ›Schwert des Prinzen‹ stürzte samt der ›Feder des Prinzen‹ wie von einer Art getroffen zu Boden.

»Der Schech el Beled von El Hadd sucht niemals Schutz hinter dem Rücken eines Menschen!« fügte er dann hinzu. »Daß er es nicht nötig hat, seht ihr hier und dort!«

Er deutete dabei auf die ›Schwarzgewappneten‹, welche herbeieilten, uns schützend zu umringen, und auf die Insel, wo das Handgemenge wieder ausgebrochen war, und zwar zwischen denen, die der ›Panther‹ in seinen jetzigen Anschlag gegen uns eingeweiht hatte, und denen, die nichts davon wußten. Die Letzteren hinderten die
Ersteren, auf uns zu schießen, die wir in der großen Ueberzahl waren, und so entspann sich zwischen ihnen ein Kampf, der uns Gelegenheit gab, uns unbelästigt zurückzuziehen. Ich hielt den ›Panther‹ mit unwiderstehlichem Nackengriff fest und stieß ihn vor mir her, bis wir uns außer sicherer Treffweite von der Insel befanden. Dort schüttelte ich ihn kräftig zusammen und fragte:

»Ergibst du dich uns freiwillig?«

»Nein!« hauchte er, obgleich ihm beide Arme kraftlos herabhingen und ihm mein Faustgriff das Blut in die Augen trieb.

»Du wirst ersaufen, elend ersaufen, Mensch!«

»Das tue ich mit Wonne!« verbuchte er höhnisch zu lachen; es ging aber nicht.

»Wenn du dich ergibst, so wird dir verziehen werden!«

»Allah verdamme dich und deine Verzeihung! Hunde haben nichts zu verzeihen! Laß mich los! Gib mich frei!«

»Ja! Hier, sei frei!«

Ich stieß ihn von mir, daß er zu Boden flog und sich überschlug. Er raffte sich schnell wieder auf, blieb aber nicht, wie ich erwartet hatte, fluchend und drohend stehen, sondern rannte stracks fort, der Insel zu. Wir aber ritten weg, mochte dort geschehen, was da wollte. Wir sahen, daß man dort wieder aufeinander schoß, kümmerten uns aber nicht darum, bis wir merkten, daß eine ganze Anzahl der Leute des ›Panther‹ hinter uns her kam und uns einzuholen strebte. Da beorderten wir eine Abteilung der ›Schwarzgewappneten‹, auf sie zu warten und sie uns nachzubringen. Nun hatte der Aufrührer von seinen tausend Mann höchstens noch zweihundert bei sich. Wir erfuhren von diesen Letzten, die
uns folgten, daß ich und der Mir von der Insel aus während der Unterredung hatten niedergeschossen werden sollen. Der ›Panther‹ wollte, sobald diese Schüsse gefallen waren, mit Hilfe seiner beiden Kumpane den Schech el Beled ergreifen und nach der Insel schaffen. Hatte er diesen in seiner Gewalt, so konnte er seine Freiheit und auch noch mehr von ihm erzwingen, sich vielleicht gar mit ihm verbinden. Auf alle Fälle aber war dann Ardistan wieder ohne Herrscher und das Intriguieren und Verwirren konnte von Neuem beginnen. Gewiß nicht übel ausgedacht von einem Menschen, der den Verstand vollständig verloren zu haben schien!

Als wir die steinerne Treppe erreichten, wurde der Schech nicht laut, sondern von einer tiefen, ehrfurchtsvollen Stille empfangen. Wenn ein Herrscher von El Hadd sein Angesicht verhüllt, so hat er den Schwur von Dschinnistan getan und wird als ›tabu‹ betrachtet, bis er den Schwur erfüllt hat und den Schleier wieder entfernt. Daher dieses Schweigen und diese Ruhe, welche an jeder Stelle sofort eintrat, sobald wir uns ihr näherten. Uebrigens gab es gleich bei unserer Ankunft ein kleines Intermezzo, welches ein heiteres Lächeln über diesen Ernst der Stimmung warf. Es wurde hervorgerufen durch unsern guten, dicken Smihk, der seinen Herrn trug und sich so viel wie möglich an meiner Seite hielt, obgleich mein Rappe die Zuneigung nicht erwiderte. Auch bis jetzt war Amihn neben mir und Halef geritten; nun aber trennte er sich von uns. Er sah, welche Aufmerksamkeit die oben auf den Terrassen stehenden Leute von El Hadd auf die riesigen Ussul und ihre noch riesenhafteren Urgäule richteten. Das tat ihm wohl, und da er der Allergrößten einer war, beschloß er, nicht da im Zuge zu reiten, wo wir uns mit dem Schech el Beled
befanden, sondern an der Spitze seiner Landsleute, der Garde von Ard. Er blieb also zurück, als wir unsere Pferde veranlaßten, die hohe, breite Treppe emporzusteigen. Oben wurden wir von unsern Lanzenreitern erwartet, die uns auf den beiden hohen Ufern des Flusses begleitet und rechts und links um den Kessel geritten waren, um an der Treppe wieder miteinander zusammenzutreffen. Von hier aus sollte zum Schlosse emporgeritten werden. Voran der Schech el Beled mit dem Mir von Ardistan, hinter ihnen die Hälfte der Lanzenreiter, hierauf die Ussul und dann zum Schlusse die andere Hälfte der Lanzenreiter. Die ›Schwarzgewappneten‹ konnten nicht an diesem Zuge teilnehmen, weil sie beauftragt waren, die gefangenen Leute des ›Panther‹ zu beaufsichtigen und unterzubringen.

Nun war es uns zwar nicht schwer geworden, unsere hochintelligenten Rassepferde zum Ersteigen der Treppe zu bewegen, den Urgäulen aber kam eine solche Zumutung ganz ungeheuerlich vor. Sie entsetzten sich vor der hohen Stufenreihe. Sie weigerten sich, zu gehorchen. Die größte Angst schien Smihk, der Dicke, zu haben. Er stieß ganz unbeschreibliche Jammertöne aus. Er war weder durch gütiges, noch durch strenges Zureden zu bewegen, die Möglichkeit zu versuchen. Er ging nur bis zur untersten Stufe, betastete diese mit dem Vorderhufe, streckte diesen auch nach der zweiten Stufe aus, aber sobald er sich überzeugte, daß diese höher als die erste lag, stieß er ein Geheul des Schreckens aus und rannte wieder zurück. Da kam der Anführer der ›Schwarzgewappneten‹ auf den klugen Gedanken, den dicken Gaul durch das Beispiel zu überzeugen. Sein eigenes Pferd war Treppenstufen gewohnt, weil sie hier in dem bergigen Gelände häufig vorkamen. Er ritt also die Treppe hinauf und hinunter
und wieder hinauf und hinunter. Smihk sah und beobachtete das. Er war für so vernünftige Beweise nicht unzugänglich. Er ging, ohne von seinem Herrn dazu angetrieben zu werden, ganz von selbst wieder bis an die Treppe und setzte seine Vorderfüße zunächst auf die erste und dann auch auf die zweite Stufe. Sobald er aber merkte, daß die dritte wieder höher war als die zweite, drehte er sich laut zeternd um und riß aus. Der ›Schwarzgewappnete‹ wiederholte den Anschauungsunterricht und hatte dieses Mal bessern Erfolg. Smihk versuchte, es nachzumachen und kam bis zur sechsten Stufe. Hier aber blieb er halten und schaute nach oben. Da wurde ihm himmelangst. Er kletterte schnell wieder herab, und zwar mit den Hinterfüßen voran, also verkehrt. Dieses Experiment schien ihm zu gefallen, denn er rannte nicht wieder davon, sondern blieb stehen, spielte mit den Ohren, rang das Schwänzlein und erhob ein wohlgefälliges, ja beinahe triumphierendes Geschrei. Währenddem blieb Amihn, der Scheik, ganz ruhig im Sattel und hütete sich, den Dicken im Ueberlegen und Versuchen zu stören. Der Gewappnete ritt zum dritten Male wiederholt hinauf und herunter. Da besann sich Smihk auf sein Ehrgefühl, an welches er jetzt gar nicht gedacht hatte. Er avancierte jetzt ganz von selbst bis an die unterste Stufe, warf den Kopf empor und ließ einen schmetternden Trompetenton erschallen, dessen Sinn ein Jeder, der ihn hörte, verstehen und begreifen mußte: »Paß auf; jetzt geht es aber los; mag daraus werden, was da will!« Er nahm die erste und zweite, die dritte, vierte und fünfte Stufe, nicht etwa hastig und überstürzt, sondern sehr langsam und bedächtig. Da blieb er stehen und tat einen tiefen, erleichterten Atemzug. Dann ging es weiter und weiter, ganz genau, wie abgezählt und abgemessen, immer höher und höher,
bis er oben ankam. Er wurde von der dortstehenden Menge mit Jubel empfangen. Er stimmte in diesen Jubel ein, indem er ein Wiehern hören ließ, in dem alle chromatischen und nichtchromatischen Tonleitern mit einem Male erschollen. Und hierauf geschah Etwas, was niemand vermutet hatte. Nämlich Smihk stieg ganz aus eigenem Antriebe genau so wieder hinunter, wie er heraufgekommen war, mit dem Kopf nach oben, also nun rückwärts. Als er unten ankam, war ein allgemeines Händeklatschen sein Lohn. Da brüllte er vor Vergnügen. Die Sache schien ihm zu gefallen. Er stieg wieder hinauf und wieder hinunter; er tat es wieder und wieder. Er versuchte den Abstieg auch von der Seite; es ging. Er versuchte ihn mit dem Kopfe voran; auch das ging. Da geriet er vor Entzücken fast außer sich. Er rannte nur immer wieder hinauf und wieder hinunter. Er schrie, brüllte, wieherte, meckerte, schnatterte und blökte in einem fort. Es war, als ob er sich in allen möglichen Tierstimmen hören lassen wolle. Bald aber war ihm anzumerken, daß er eine ganz andere und lobenswerte Absicht hatte. Er wollte die anderen Urgäule anregen, es ihm nachzutun, und das war nicht ohne Erfolg. Der eine und der andere Reiter machte den Versuch, der zwar nicht gleich, aber endlich doch gelang. Andere folgten, erst einzeln, dann gleich neben- und hintereinander, bis die noch zurückstehenden Pferde ganz von selbst einsahen, daß es gar nicht schwer sein könne, die Stufen zu überwinden. Als so die Angst beseitigt war, dauerte es gar nicht lange, bis auch das letzte von ihnen die Schwierigkeit überwunden hatte. Smihk, der Dicke, aber hatte mehr erreicht als alle die andern Gäule: man sprach überall von ihm; er war von jetzt an der erklärte Liebling aller Bewohner von El Hadd und wurde, wo man seiner nur habhaft
werden konnte, mit Leckerbissen bestürmt, die oft wohl kaum für ein Pferd geeignet waren.

Der Zug berührte alle übereinander liegenden Terrassen, bis wir auf der obersten angekommen waren und nun in sanfter Steigung nur noch die eigentliche Kuppe des Berges zu nehmen hatten. So nämlich dachte ich. In Wirklichkeit aber war, wie ich bald sehen konnte, von einer Bergeskuppe gar keine Rede. Es gab hier weder das, was man im eigentlichen Sinne einen Berg, noch das, was man eine Kuppe nennt. Der Kessel, der nun unter uns lag, war nichts als der wohlterrassierte, plötzliche Absturz der weit vorherrschenden Ecke eines Hochplateaus, an dessen Südseite sich das eigentliche Dschinnistan nun erst zu erheben begann. Die Füße aller der Berge, die man da sah, standen im Wasser. Ungefähr so, aber in gigantischer Vergrößerung, wie der Vierwaldstädter See sich derart innig um die Fundamente des Rigi, des Pilatus und anderer Berühmtheiten legt, daß sehr oft zwischen Wasser und Fels kein gangbarer Pfad zu ermöglichen ist, so windet sich auch da oben im südlichen Grenzgebiet von Dschinnistan eine vom tiefsten Blau bis zum hellsten Grün zu den Menschen sprechende Flut in der Weise zwischen den hochstrebenden Felskolossen hin, daß man behaupten möchte, diese letzteren seien nicht durch die Füße der Sterblichen, sondern nur auf ähnliche Weise zu erreichen, wie der Gegensatz von diesen Bergen, nämlich die Unterwelt, einst nur durch Charons Kahn zu erreichen war.

Diese Wasser, deren Weite und Tiefe bisher noch nie ergründet worden ist, flossen einst nach drei Seiten hin in die Täler und Ebenen der angrenzenden Länder nieder, nämlich nach Ost, nach West und nach Süd. Dieser letztere Fluß war der Ssul, der durch El Hadd
nach Ardistan ging und am Küstenlande der Ussul das Meer erreichte. Warum er einst versiegte und warum die von ihm befruchteten Gegenden zur Wüste wurden, das hat man versucht, mit Hilfe der Sage zu erklären. Es wird die Zeit kommen, in der die exakte Wissenschaft es für ihre Aufgabe hält, diese Fragen zu erörtern. Bis heut ist nur erwiesen, daß der Ssul sich aus jenen Wasserfluten erzeugte, welche von Dschinnistan bis herüber an das Schloß von El Hadd geflossen kommen und damals von Abu Schalem, dem berühmtesten und gütigsten aller Maha-Lamas, durch ebenso geheimnisvolle wie umfangreiche Uferbauten geregelt wurden.

Hiervon aber hatte ich, als wir jetzt aus dem Kessel heraufgeritten kamen, keine Ahnung. Ich glaubte, sobald wir die Höhe erreichten, jenseits wieder tief in abfallende Täler schauen zu können, und der Schech el Beled, der das wohl wußte, sagte kein einziges Wort, mich von diesem Irrtum zu befreien. Die Stadt, welche unterhalb des Schlosses lag, ging nicht ganz bis zu diesem hinauf. Man hatte von ihren letzten Häusern aus noch volle vier Terrassen höher zu steigen. Genau so weit, also genau vier Terrassen tief, reichte das äußere Fundament des Engels nieder, während rechts und links davon die Fundamente des Schloßbaues nur zwei Terrassen tief gründeten, aber auch auf festem, unerschütterlichem Felsen. Diese ungeheuer starken Mauerwerke schlossen große, geräumige Erd- und Kellergeschosse ein, die nach Süden, also nach der Sonnenseite lagen und neben gesunder Wohnung auch eine unübertreffliche Aussicht boten. Hier wurden die Ussul untergebracht. Sie wohnten da besser als in Ard, und vortreffliche Stallungen gab es für ihre Pferde mehr als genug. Für die Lanzenreiter und die ›Schwarzgepanzerten‹ standen ganz oben besondere Gebäude.

Als wir die letzte und höchste Vorterrasse hinter uns hatten und, auf dem Plateau anlangend, unter herrlichen, tausendjährigen Zedern hervorritten, bot sich uns ein Anblick, der so vollständig unerwartet und zugleich so überwältigend war, daß man hätte glauben können, zu träumen. Das war ja keine Bergesspitze, wie ich erwartet hatte, sondern ein ganzes, neues, großes, herrliches Land, welches in wunderbarer, nie geahnter Schönheit sich vor uns breitete. Wir hatten die weite Fläche eines Sees, welcher fast ein Meer war, vor uns liegen, nach Ost und West vollständig unbegrenzt, während im Norden aus seiner Flut die Berge von Dschinnistan stiegen, in leichte Schleier gehüllt, zu Stein gewordenen Wahrsagerinnen gleich, die ihre Häupter aus dem See erheben, um nachzuschauen, ob sich bald erfüllen werde, was die Tiefe da unten schon seit Jahrtausenden predigte. Und hier, auf der Südseite des Sees, die fast übernatürlich hohe Gestalt des Engels, der, die Hand wie zum Segnen erhebend, von dem Hochland hinunter über die Grenze schaute, hinter sich eine unendliche und unerschöpfliche Fülle des Wassers, nach welchem die Menschen da unten und da draußen schon viele Jahrhunderte lang vergeblich dürsteten. Diesen Engel nach Ost und West flankierend, die hochragenden und weit ausladenden Gebäude des Schlosses, dessen Stil in seiner sichern Schwere und doch so leichten, anmutig bewegten Gliederung nicht die geringste Spur der abendländischen Baukunst an sich hatte. Vor sich eine ganze Menge blühender, duftender Gärten, welche durch tiefe Kanäle getrennt waren und in ihrer Gesamtheit doch einen Park von so eigenartiger Anlage und Schönheit bildeten, daß es seinesgleichen gewiß nicht weiter gab. Und tief, wie diese Kanäle, war auch der eigentliche Zweck dieser Gärten und der fächer- und kulissenartigen
Anordnung, in der sie sich von dem Schlosse aus weit in den See hinaus erstreckten. Diese Gärten bildeten nämlich die verhüllende Verkleidung natürlicher Felsenmauern, welche, sich zwischeneinander schiebend, weit, weit hinaus in den See verliefen, um den ungeheuern Druck seines Wassers in Null zu verwandeln und den Wellen aber trotzdem zu erlauben, bis ganz nahe an das Schloß heranzutreten.

Diese seltsame Anordnung der Felsen, Mauern, Durchbrüche und Kanäle hatte aber noch einen zweiten Grund, der mit dem Innern des Engels in Beziehung stand. Es gab noch einen andern Druck, dessen Wirkung hierdurch genau geregelt und dessen Gefährlichkeit in Nutzen verwandelt werden sollte. Diese Felsenfächer und Felsenkulissen bildeten nämlich die berühmte und zugleich sagenhafte ›Wasserscheide von El Hadd‹, und im Innern des Engels lag für die wenigen berufenen Hände, die es gab, der Schlüssel, dieses Geheimnis in Wirkung treten zu lassen. Es war mir beschieden, das sehr bald zu erfahren.

Wir hatten unsere Pferde angehalten und sogen dieses köstliche Bild nicht nur in unsere Augen, sondern noch viel, viel tiefer auch in unsere Seelen ein. Die Sonne war im Scheiden. Sie hatte nur noch drei oder vier ihrer Durchmesser niederzusteigen, um dann im See zu verschwinden. Schon begannen einzelne Funken, über das klare, unbewegliche Kristall der Oberfläche zu zucken. Die Atmosphäre aber war bewegter als das Wasser. Das sahen wir an einem weißen Doppelsegel, welches, aus Nordwest kommend, sich näherte. Das Boot, welches von diesen beiden Segeln getrieben wurde, lag in ruhiger Fahrt ein wenig auf die Seite geneigt. Wie groß es war und wen es trug, das konnte man noch nicht
sehen; aber Bug und Heck waren fremdartig hoch erhoben, und in dem Leinen zeigte sich nicht die geringste Spur eines Fleckes oder einer durch Gewalt erzwungenen Naht.

Wir waren vor Erstaunen und Bewunderung still gewesen; Keiner hatte ein Wort gesprochen. Jetzt aber sagte der Schech el Beled, indem er nach dem Boote deutete:

»Wie pünktlich! Unendlich pünktlich! Sie liebt es, daß auch wir es sind! Sie kommt!«

»Wer?« fragte Halef.

»Du wirst dich wundern,« antwortete der Schech, ohne einen Namen zu nennen; aber seine Stimme klang sehr frohbewegt. »Dort bringt man schon die Pferde. Man hat sie kommen sehen. Sie lieben nicht die Sänfte; sie reiten beide gern.«

Man brachte zwei köstliche Schimmel aus dem Schlosse, welche Damensättel trugen.

»Wir reiten mit, sie zu empfangen. Kommt!« forderte uns der Schech auf, indem er sich in Bewegung setzte.

Wir folgten ihm, und sämtliche Lanzenreiter kamen hinter uns her. Das sah aus, als gelte es, eine Fürstin zu empfangen. Wir ritten zunächst nach der Mitte des Schloßplatzes, von wo aus der breite Hauptweg des Kanal- und Gärtenfächers in schnurgerader Linie hinaus nach dem Landungsplatze führte. Dort angekommen, sahen wir, daß das Boot Veranstaltung traf, die Segel fallen zu lassen. Dies geschah. Nun sahen wir vier Personen, zwei Männer und zwei Frauen. Die Männer banden das Leinen fest und griffen dann zu den Rudern. Von den Frauen saß die eine am Steuer. Die andere stand hoch aufgerichtet vorn am Buge und gab an, zwischen
welchen Felsen, Kanten und Klippen nach dem Landungsplatze zu steuern sei. Sie war ernst und dunkel gekleidet, aber ein weißer Schleier wehte von ihrem Haupte, und ihr Haar hing vorn in zwei silberhellen Zöpfen fast bis zur Erde herab.

»Maschallah!« rief Halef aus. »Ist das eine Vision? Oder ist es Wahrheit? Effendi, siehst du sie?«

»Marah Durimeh!« antwortete ich.

»Und Schakara am Steuer! Erkennst du sie?«

»Ja; sie ist es!«

Was ich empfand war nicht Ueberraschung, sondern es war mehr, viel mehr. Doch behielt ich es still im Innern. Sie kamen. Sie legten an. Sie stiegen aus. Der Schech el Beled griff dabei nach Marah Durimehs Hand, um sie zu stützen. Ich tat dasselbe bei Schakara.

»Kommen wir zur rechten Zeit?« fragte mich die Letztere.

»Wenn ihr zugleich mit uns hier eintreffen wolltet, dann ja,« antwortete ich.

Sie war so ernst und doch so seelenlieb. Sie hatte das Boot gesteuert und besaß doch die guten, weichen Augen eines Kindes, welches noch nichts von Schicksalswillen und Schicksalslenkung weiß! Marah Durimeh reichte mir ihre Rechte, begrüßte mich mit einem Kusse auf die Stirn und sprach:

»Wem mein Erscheinen hier ein Rätsel ist, dem wird es sich bald lösen. Wir reiten direkt zum Engel.«

Der Mir von Ardistan stand unbeweglich da, kein Auge von ihr verwendend. Er machte den Eindruck eines Mannes, der fast nicht wagte, Atem zu holen. So tief fühlte er sich von der Erscheinung meiner königlichen Freundin ergriffen. Er kam in Bewegung, als sie zu
dem für sie bestimmten Pferde trat. Da eilte er hin, kniete vor ihr nieder und bot ihr Hand und Schulter an, sich in den Sattel zu schwingen. Sie tat dies mit jugendlicher Behendigkeit und sagte dann zu ihm:

»Ich danke dir! Kommt Beide mir zur Seite, du und der Schech! Machen wir einen Umweg! Wir reiten ein Stück am Wasser hin, und ihr erstattet mir Bericht.« Und den Lanzenreitern befahl sie: »Eilt zur Herrin, und meldet ihr, daß ich angekommen bin!«

Dann zügelte sie ihren Zelter nach West, der untergehenden Sonne entgegen, die jetzt dem Horizonte so nahe stand, daß strahlende Feuergarben über das Wasser zuckten und der ganze dortige Himmel in Flammengluten stand. Schakara ritt zwischen dem Dschirbani und mir. Halef und der Scheik der Ussul kamen hinter uns. Wir folgten dem Ufer in langsamem Schritt. Der Schech el Beled erzählte. Marah Durimeh hörte zu. Der Mir von Ardistan sagte fast kein Wort. Es war, als ob ein vollständig überwältigendes Gefühl oder eine Art Zauber ihn umfange. Auch der Dschirbani war still. Wir standen ja alle jetzt unter der außerordentlichen, seltsamen Empfindung, als ob hier oben auf dieser Höhe die Grenzen der Gewöhnlichkeit überschritten seien und nur noch Erstaunlichkeiten oder gar Wunder sich ereignen könnten. Der Schech el Beled faßte sich kurz. Darum hatte er seinen Bericht soeben beendet, als die Sonne verschwand und das strahlende Gold sich in glühendes Rot und abschiednehmendes Violett zu verwandeln begann. Da lenkte Marah Durimeh dem Schlosse zu, indem sie sagte:

»So weiß ich nun, was geschehen ist. Es war grad so und nicht anders vorauszusehen. Die Zeit dieser Menschen ist dahin. Sie verschwindet, wie die Sonne da vorn verschwunden ist und wie die letzten Farben des
irdischen Himmels verschwinden werden. Zwar kommt morgen ein neuer Tag, unaufhaltsam und unwiderstehlich, aber er ist ein ganz andrer Tag als der heutige. Die Erde sehnt sich nach Ruhe, die Menschheit nach Frieden, und die Geschichte will nicht mehr Taten der Gewalt und des Hasses, sondern Taten der Liebe verzeichnen. Sie beginnt, sich ihrer bisherigen rohen, blutigen Heldentümer zu schämen. Sie schmiedet neue, goldene und diamantene Reifen, um von nun an nur noch Helden der Wissenschaft und der Kunst, des wahren Glaubens und der edlen Menschlichkeit, der ehrlichen Arbeit und des begeisterten Bürgersinnes zu krönen. Die Gewalt herrsche nur noch heut, länger aber nicht. Es sei ihr nur noch diese eine Nacht vergönnt, die Seelen der Menschen zu erschrecken und zu quälen, wie das Wölkchen, welches sich dort von Norden her über den See uns nähern will, seine Blitze und Donner nur bis gegen Mitternacht versenden wird. Schon morgen früh aber sollen diese Menschen aufatmen und jubeln, wie hoch über uns das Wort Gottes in der Bibel jubelt: Der gestrige Tag ist vergangen; es ist Alles neu geworden!«

Das Wölkchen, nach dem sie mit der Hand deutete, war in dem Augenblicke des Sonnenunterganges entstanden und schien sich schnell vergrößern zu wollen. Es lag in ihm mehr Bewegung, als in der Atmosphäre rundum. Wir ritten nach dem Schlosse, kamen an seinem westlichen Flügel vorüber und blieben vor dem hohen, breiten Postamente des Engels halten. Es führte eine Freitreppe hinauf, zu deren beiden Seiten die Lanzenreiter Aufstellung genommen hatten. Oben an der letzten Stufe stand eine Frauengestalt in weißem Gewande. Ihr Angesicht war, genau wie das des Schech el Beled, von einem blauen Schleier verhüllt.

»Die Schloßherrin!« sagte Schakara zu mir.

Marah Durimeh winkte mit der Hand hinauf und rief ihr freudig zu:

»Wir kommen schnell! Und wir kommen gern! Sei gegrüßt!«

Sie stieg an der Hand des rasch abgesprungenen Mir von Ardistan vom Pferde und schritt die Treppe empor, jugendlich leicht, und dennoch mit der gewohnten Würde einer Herrscherin. Wir folgten ihr. Die drei Frauen umarmten einander. Der Schleier wurde zum Kusse nur ein wenig gelüpft. Als wir oben ankamen und der Schloßherrin gegenüberstanden, nannte ihr der Schech el Beled unsere Namen. Sie begrüßte uns mit der Hand und sprach einige kurze, freundliche Worte. Es ging von ihr ein feiner, süßer Duft aus, ähnlich dem Dufte der Kätzchenblüten zur Osterzeit, wenn sie an Altären die Palmenweihe erhalten. Als der Dschirbani diesen Duft verspürte, zuckte er zusammen. Er machte eine Bewegung, als ob er zu ihren Füßen niederknien wolle; da aber kam Marah Durimeh ihm schnell zuvor. Sie nahm die Schloßherrin bei der Hand, schritt mit ihr nach der Vorderseite des Engels und sagte:

»So kommt, und laßt uns nach den Ebenen schauen und nach den Menschen, die Frieden und Segen von uns erwarten. Noch ist es hell genug, die Hilfe kommen zu sehen, die ihnen der Engel der ›Wasserscheide‹ spendet. Inzwischen mögen die Offiziere der Lanzenreiter die Treppe öffnen.«

Ich wollte mitgehen, blieb aber stehen, als ich sah, daß der Dschirbani wie gebannt an seiner Stelle verharrte.

»Fasse dich!« bat ich ihn. »Es kommt so, wie es kommen muß.«

»Dieser Duft, dieser Duft! Und diese Stimme!« sagte er. »Vor allen Dingen aber dieses mächtige Ahnen meines Innern, also meiner Seele! Glaubst du, daß dieses Ahnen mir die Wahrheit sagt?«

»Ich glaube es,« antwortete ich.

»Aber dann wäre der Schech el Beled – – –! Er ist doch wohl der Herr des Schlosses?«

»Jedenfalls.«

»Und sie die Schloßherrin?«

»Ja.«

»Aber dann wäre er doch mein – – mein – – mein – –«

Er konnte seiner Vermutung nicht weitere Worte geben, weil die Offiziere kamen, um die Stelle, wo man hinunter in das Innere des Postamentes stieg, zu öffnen. Das geschah genau in derselben Weise wie bei dem Engel der ›Stadt der Toten‹ und des Engpasses Chatar. Nicht lange, so kam Marah Durimeh zurück und stieg, von uns begleitet, hinab. Die Einrichtung des oberen Gemaches war dieselbe wie bei den soeben genannten beiden Engeln. Es gab dasselbe Räderwerk, aber viel, viel größer und stärker, und keine Schöpfgefäße und Tröge. Auch gab es zwei Türen rechts und links in den Mauern. Sie schienen nach dem Innern des Schlosses zu führen. Und die Außenwand war nicht geschlossen, sondern weit und hoch geöffnet. Es drang eine Fülle des Lichtes herein, und draußen setzte sich der Fußboden in einem breiten, geräumigen Söller fort, der zum Schutz für die Hinabschauenden mit einer hohen, starken Brüstung versehen war. Marah Durimeh schien dieses Gemach, welches außerordentlich sauber gehalten war, zu kennen. Sie berührte den Doppelgriff des Rades und nickte sehr ernst dazu. Dann trat sie hinaus auf den Altan. Wir folgten ihr.

Wir befanden uns in schwindelnder Höhe. Unter uns gähnte die Tiefe des Kessels. Aber das besorgte Auge wurde durch den Anblick der Häuser und Gärten sofort beruhigt. Auf den Straßen und Plätzen der Stadt herrschte festtägige Bewegung. Die ›Pantherfalle‹ hatte, von hier oben aus gesehen, die Größe von nur einigen, wenigen Sträuchern. Ein paar Leute des ›Panther‹, die außerhalb dieser Büsche standen, waren jetzt nur kleine Punkte, die hinweggeschwemmt werden sollten. Das Land senkte sich, so weit das Auge reichte, unaufhörlich nach Süden. Es schien ein Paradies zu sein und harrte doch der Erlösung von der Dürre. Am Himmel floh das verschwindende Abendrot vor den dunkleren, östlichen Tinten. Grad über uns stand jetzt plötzlich eine große, weiße Wolke, in der es innerlich wallte. Das konnte doch nicht schon das Wölkchen sein, auf welches Marah Durimeh gedeutet hatte! Da klangen die Glocken einer Kirche von unten herauf zu uns, noch einer und noch einer. Marah Durimeh faltete die Hände.

»Laßt uns beten!« forderte sie uns auf. »Gib Frieden, Herr, gib Frieden! Dieser Erde, diesen Menschen, uns allen! Allen denen, die nach uns kommen, und,« fügte sie hinzu, »auch allen denen, die vor uns waren! Der Strom deines Friedens, deines Segens ist von Neuem erwacht. Er ergieße sich von heute an über Alle, die da leben und leben werden, damit, wenn sich dein Paradies bald morgen oder übermorgen öffnet und die allhundertjährige Engelsfrage in die Ohren und Herzen aller Irdischen schallt, die Antwort ertönen darf: Ja, es ist Friede auf Erden; Gott aber sei Ehre, Ruhm und Preis!«

Die Glocken erklangen weiter, und auch Marah Durimehs Gebet wirkte in uns weiter. Wir beteten still
nach innen hinein. Ein Jeder von uns machte seine persönliche Abrechnung mit sich selbst, mit der Menschheit, mit dem Geschick, mit dem Leben. Darauf richtete Marah Durimeh ihre Worte an den Schech el Beled:

»Nun an das Rad! Du und der Mir von Ardistan!«

Beide folgten dieser Aufforderung, der Schech schnell und bewußt, der Mir aber langsam, wie ein Träumender.

»Es darf keine Speiche dieses Rades bewegt werden, ohne daß der Mir von Dschinnistan es gestattet,« fuhr sie fort. »Weiß er von heut?«

»Er weiß Alles und billigt es,« antwortete der Schech, und es klang, als ob er dabei lächle.

Auch über ihr liebes, schönes, altes und doch so junges Gesicht zuckte eine kleine, kaum bemerkbare Schalkhaftigkeit, worauf sie, schnell wieder ernst, befahl:

»So beginne du! Der Mir von Ardistan aber helfe!«

Die Beiden gehorchten. Das Rad drehte sich, ganz leicht, ohne alles Geräusch, als ob es sich nur um etwas Kleines, Gewöhnliches handle.

»Komm, und sieh!« flüsterte Schakara mir zu.

Sie nahm meine Hand und führte mich hinaus auf den Söller. Ich schaute hinab. Welch ein Wunder! Ganz unten, auf dem Grunde des Kessels, brachen jetzt plötzlich unter den Aquädukten schäumende Wasserwogen hervor, deren Masse sich vergrößerte, je weiter man hier oben am Rade drehte. Noch klangen die Glocken. Sie wurden aber von den brausenden Jubel übertönt, der von allen Lippen der Bewohner von El Hadd erschallte.

»Noch ist es Zeit, innezuhalten,« sagte Marah Durimeh; »dann aber können wir nicht mehr zurück. Sind die Menschen wirklich gewarnt? Wenn nicht, so muß dieser Strom Verderben bringen anstatt Segen.«

»Sie sind gewarnt,« antwortete der Schech. »Ich habe den Befehl dazu schon am Dschebel Allah gegeben, und schneller, als das Wasser ist, haben unsere Posten die Kunde bis in das Land der Ussul getragen. Hier in El Hadd aber weiß Jedermann, was heut und morgen geschieht. Nur der ›Panther‹ weiß von nichts!«

»So führt das Werk zu Ende!«

Das Rad bewegte sich weiter, und der Doppelstrom, der sich in das Felsenbecken ergoß, wurde immer mächtiger. Ein tiefes, eintönig-dröhnendes Brausen drang zu uns herauf. Es vergingen Minuten, eine Viertelstunde, eine halbe Stunde. Da meldete der Schech:

»Fertig! Das Rad steht!«

»So stehe es von jetzt an bis in Ewigkeit, nach irdischer Zeit gerechnet!« sprach Marah Durimeh. »In diesem Augenblick ist der Schwur von Dschinnistan gelöst. Die Eltern dürfen sich dem Sohne zeigen. Laßt froh die Schleier fallen!«

Ich schaute noch in die Tiefe hinab, als ich diese Worte hörte. Man sah die Wasser nicht mehr; man vernahm nur noch ihr Brausen. Das Dunkel des Abends kam emporgestiegen.

»Komm!« bat Schakara.

»Wohin?« fragte ich.

»Nach dem Schlosse. Wir wollen hier nicht stören. Diese heiligen Augenblicke sind nicht unser Eigentum.«

Sie nahm mich wieder bei der Hand und führte mich vom Söller durch den Raum nach einer der erwähnten beiden Türen, die sie öffnete. Im Vorübergehen sah ich, daß die Schloßherrin sich soeben entschleierte. Ich erkannte das Gesicht, welches ich in der ›Dschemma der Toten‹ beobachtet hatte.

»Mutter!« rief der Dschirbani, indem er die Arme ausbreitete, um auf sie zuzueilen.

Sie deutete nach dem Schech el Beled, der soeben auch den Schleier von sich warf.

»Vater, mein Vater!« jubelte der Dschirbani.

Mehr aber hörte und sah ich nicht, denn Schakara zog mich hinter sich her, durch zwei verdeckte Gänge, eine Treppe empor, wieder einen Gang und wieder eine Treppe, bis wir auf Dienerschaft trafen, von der wir zurechtgewiesen wurden. Schakara war, ebenso wie ihre Herrin, hier bekannt. Der Schech el Beled hatte auf dem geraden Wege, noch ehe wir von demselben in westlicher Richtung abgewichen waren, um nach dem Flusse zu reiten, einen Boten nach dem Schlosse von El Hadd gesandt, um unsere Ankunft anzusagen und unsere Zimmer vorbereiten zu lassen. Man wußte also, wo Schakara und auch wo ich wohnen sollte. Es wurden mir zwei Räume gegeben, neben denen auch zwei für Hadschi Halef lagen. Ich hatte einen großen, überdeckten Balkon nach Süden zu, also nach der Stadt. Die Einrichtung war orientalisch und ebenso reich wie bequem. Man fragte mich, ob ich essen wolle, und ich genierte mich gar nicht, ja zu sagen. Ich bestellte sogar für meinen kleinen Halef mit, weil ich mir sagte, daß zu einem vereinten, langewährenden und offiziellen Abendessen heute wohl keine Stimmung sei. Ein Jeder hatte zunächst mit sich selbst und mit dem, was ihn besonders berührte, zu tun. Den Eltern, die sich soeben erst ihrem Sohne hatten offenbaren dürfen, konnte man nicht zumuten, diesen Abend für Andere zu verwenden.

Bevor man mir das Essen brachte, bekümmerte ich mich um unsere beiden Pferde. Sie waren bei den Vollblutlieblingen des Schech el Beled untergebracht und befanden sich in bester, aufmerksamster Pflege. Als ich
mich dann zum Abendbrote niedergesetzt hatte, stellte sich der Hadschi ein. Er glänzte vor Glück und Freude.

»Effendi,« sagte er, »heute ist einer der schönsten Tage, die ich erlebte. Wie schade, daß du gingst! Wärest du geblieben, so hättest du gesehen, daß – – –«

»Daß du einer der rücksichtslosesten und ungezogensten Menschen bist, die es gibt!« fiel ich ihm in die Rede.

»Was? Wie? Rücksichtslos und ungezogen? Willst du mich beleidigen?«

»Nein, sondern nur aufmerksam machen und unterrichten. Wo solche Dinge geschehen, ist es nicht Sitte, stehen zu bleiben und sich als mit zur Familie gehörig zu betrachten!«

»Was für Dinge? Was für eine Familie? Meinst du etwa, daß ich nicht wissen dürfte, was da gesprochen wurde und wie zärtlich die Drei miteinander waren?«

»Ja, das meine ich, eben das!«

»Aber ich bin doch ihr Freund! Ich bin doch Hadschi Halef Omar, der oberste Scheik der Haddedihn vom großen Stamme der Schammar!«

»Das zu sein, ist in diesem Falle nichts, gar nichts! Denke dir, du seist mit Hanneh, deinem Weibe, über zehn Jahre lang von Kara Ben Halef, deinem Sohne, getrennt gewesen, und grad in dem Augenblicke, wo ihr ihn wiederfindet und eure Herzen vor Wonne überfließen, stellt sich Jemand hin und paßt genau auf, was ihr sagt, was ihr tut und wie ihr euch benehmt!«

»Das kann er; das darf er; das soll er! Denn erstens fällt es uns gar nicht ein, uns zehn Jahre lang von einander zu trennen, und zweitens werden wir uns dann beim Wiedersehen so benehmen, daß Jedermann dabeistehen kann, um sich zu überzeugen, was wir sagen und was wir tun.«

»Blieb denn der Mir von Ardistan auch stehen?«

»Nein, der ging auch.«

»Und der Scheik der Ussul?«

»Als der sah, daß der Mir sich entfernte, folgte er ihm.«

»Nur du bliebst also stehen?«

»Nein! Nicht ich allein, sondern auch Marah Durimeh! Und diese ist nicht nur dein Vorbild, sondern auch das meinige. Was sie tut, darf getrost auch jeder Andere tun! Und, Effendi, du gingst doch wohl mit Schakara hinaus?«

»Allerdings.«

»Sie ging voran, du hinterher?«

»Ja.«

»Und sie hatte dich dabei an der Hand?«

»Ja.«

»Du gingst also nicht hinaus, sondern du wurdest hinausgeführt oder gar hinausgebracht. Sag die Wahrheit! Von wem ist die Aufforderung ausgegangen, den Raum zu verlassen? Von dir oder von ihr?«

»Von ihr!«

»Schön! So bist du erwischt; so bist du ertappt; so bist du verurteilt und überführt! Wenn Schakara dich stehen lassen hätte, so ständest du höchst wahrscheinlich jetzt noch dort und gingst nicht von der Stelle! Mich aber nennst du rücksichtslos und ungezogen. Daß ich das nicht bin, sondern daß man ganz im Gegenteile meine gute Erziehung und meine Verdienste anerkennt, magst du daraus ersehen, daß ich von der Schloßherrin in eigener Person bis hierher vor diese Türe gebracht worden bin. Und nun du offenbar Unrecht hast, laß uns wieder einig sein und miteinander essen!«

Nach dem Essen setzten wir uns hinaus auf den
Balkon. Das Wasser rauschte nicht mehr so stark herauf wie vorher. Es hatte den Boden des Kessels ausgefüllt und stieg nun immer stiller und stiller. Der Himmel sah aus wie ein schwarzes Tuch, welches bis auf die Dächer des Schlosses niederhing. Die Lichter der Stadt schimmerten nur wie kleine, verschwindende Pünktchen zu uns herauf. Plötzlich strich ein so starker Windstoß an uns vorüber, als wolle er uns hinunter in die Tiefe fegen. Ihm folgte ein Blitz, ein Krach und ein dröhnendes Rollen, nach dem sofort ein starker, schwer aufschlagender Regen niederstürzte.

»Marah Durimeh hatte Recht,« sagte Halef. »Das Unwetter ist da. Gehen wir hinein!«

Kaum hatten wir dies getan, so begann es draußen derart zu wüten und zu toben, zu rasseln und zu prasseln, daß es unmöglich war, unsere eigenen Stimmen zu hören. Blitz folgte auf Blitz, Schlag auf Schlag, als dürfe nicht die geringste Pause zwischen ihnen liegen. Der fallende Regen war schon mehr eine stürzende Flut. Es war, als ob das Schloß in allen seinen Grundfesten erbebe. Ein ängstliches Gefühl ließ Jedermann wünschen, nicht allein zu sein. Darum fanden wir es begreiflich, daß ein Diener kam, der uns meldete, in welchem Raume unsere Gefährten auf uns warteten.

Es war ein ziemlich großer, hell erleuchteter Saal. Wir fanden da den Mir von Ardistan, den Scheik der Ussul, seinen braven Unteranführer Irahd und einige höhere Offiziere der ›Schwarzgewappneten‹ und der Lanzenreiter. Diese Letzteren hatten Dienst für die ganze Nacht. Kalte Speisen waren aufgetragen, nach Belieben davon zu nehmen. Frauen sahen wir keine. Zuweilen kam der Schech oder der Dschirbani herein, doch nur für kurze Zeit. Der Letztere zog mich an sich und küßte mich auf
die Wange, gab aber seinem Glücke keine Worte, die doch nur schwer zu hören gewesen wären.

So ging es bis fast eine halbe Stunde vor Mitternacht. Da gab es noch eine alle möglichen Detonationen zusammenfassende Entladung, wie ich wohl noch niemals eine erlebt hatte, und dann war es plötzlich still, so still, daß ich den Mir von Ardistan, der in diesem Augenblicke neben mir stand, vernehmlich atmen hörte.

»Allah 'l Allah!« sagte Halef. »Wieder hat Marah Durimeh Recht. Es ist vorüber. Kurz vor Mitternacht!«

Wir horchten hinaus und hinunter. Es fiel kein Tropfen mehr. Der Himmel war noch dunkel, aber hoch, nicht mehr so niedrig. Aus der Tiefe klangen jammernde Töne. Einzelne Schreie stiegen empor, scharf, angstvoll, wie in höchster Not und Gefahr. Kam das vom ›Panther‹ und seinen Leuten? Er hatte doch behauptet, daß er den Tod nicht fürchte! Da kam der Schech, um uns zu sagen, daß die Frauen in einem andern, nach dem See hinaus liegenden Saale auf uns warteten. Wir machten ihn auf die Hilferufe aufmerksam, die wir hörten. Er antwortete:

»Bitte, sorgt euch nicht um diese Menschen, denen Gott mit Donner und Blitz und vernichtenden Wogen kommen muß, um den letzten Rest von Herz in ihnen zu rühren! Der Hafen ist eng umstellt. Man hält scharfe Wacht. Hat die Not den Grad erreicht, auf den ich warte, wird es uns gemeldet werden. Jetzt kommt!«

Wir folgten ihm nach einem Saale, von dessen Größe und Beschaffenheit wir nichts sehen konnten, weil er vollständig unerleuchtet war. Aber der Türe gegenüber, durch welche wir eintraten, gab es einen lichten, von senkrechten Säulen durchbrochenen Streifen, auf welchen zu wir uns bewegten. Das war eine offene Galerie, auf der die
Frauen mit dem Dschirbani soeben erst Platz genommen hatten. Von dort aus verwandelte sich der helle Streifen für uns in den See und die auf ihm ruhende Atmosphäre. Nach dieser Seite hin war der Himmel schon nicht mehr schwarz. Er begann, sich aufzuklären. Er zeigte bereits Konturen. Das waren die Konturen der Vulkane von Dschinnistan. Sie waren nicht dunkel, sondern hell liniiert. Und diese Linien gingen nach und nach in die Breite. Sie verwandelten sich in Flächen, Kuppen, Gipfel, Scheitel und Spitzen, die im Begriffe standen, zu erröten und zu glühen.

»Setzt euch zu uns, und seht, wie die alte Paradiesessage sich verabschiedet,« forderte Marah Durimeh uns auf. »Sie geht, um der Wirklichkeit Platz zu machen. Die Mitternacht ist vorüber; der neue Tag beginnt. Ich ahne, daß heut der Dschebel Muchallis seine unhörbare, aber leuchtende Stimme erhebt, um uns zu sagen, daß das Begonnene sich vollendete und das Gehoffte sich erfüllte. Man sagt, er glühe nur ein einzigesmal, von Mitternacht bis zum Morgen; dann sei für Jeden, der es sieht, der Friede auf Erden und der Friede mit Gott gekommen. Seht! Schon bildete sich das Paradies!«

Es zeigten sich jene Lichterscheinungen, die ich vom Tempel der Ussul aus zuerst gesehen hatte. Sie entwickelten sich in genau derselben Reihenfolge und genau derselben Weise, ein Beweis, daß die Kräfte und Gesetze, denen sie ihre Entstehung verdankten, immer genau dieselben waren. Aber der Schluß gestaltete sich heut ganz anders als bisher. Daher war es plötzlich dunkel, vollständig dunkel rundum.

»Jetzt, jetzt entscheidet es sich!« sagte Marah Durimeh mit fast bebender Stimme, indem sie die Hände faltete. »Wird er sich zeigen oder nicht?«

Es vergingen mehrere lange, sehr lange Minuten. Unsere Blicke waren erwartungsvoll nach Norden gerichtet; aber wir sahen nichts, gar nichts. Dennoch rief Marah Durimeh jetzt:

»Er kommt! Er kommt! Da ist er!«

»Wo, wo?« fragten wir Andern, weil sich unsern Augen noch immer nichts bot.

»Höher, höher!« belehrte sie uns. »Fast über euch!«

Und nun ereignete sich, was mir vorher nur ein einzigesmal, aber fast in derselben Weise begegnet war, nämlich im Lauterbrunnertal, beim Alpenglühen, wo ich den Gipfel der Jungfrau zuerst nicht fand und nicht sah, weil er nicht da, wo ich ihn suchte, sondern scheinbar grad über meinem Kopfe erglänzte. So auch hier im Schlosse von El Hadd. Nämlich wenn auch nicht ganz, aber doch so ziemlich, natürlich nur scheinbar, zu unsern Häuptern, erschien eine erst dämmernd und dann fast hellstrahlende Bergeskuppe, deren goldene Konturen langsam abwärts liefen und sich wie niederfallende Feuerwerksfäden verzweigten, um die ganze plastische Gestalt dieses Berges zu zeichnen und aus dem nächtlichen Hintergrund hervorzuheben. Die lichtlosen Felder, die zwischen diesen goldenen Umrissen lagen, wurden nach und nach ausgefüllt, und zwar auch von oben herab, von Farben, die nicht der Erde, sondern einer ganz andern Welt zu entstammen schienen, so daß ich, ohne es zu wollen, ausrief:

»Wie ein Alpenglühen im Himmelreich!«

»Fast richtig, fast!« antwortete Marah Durimeh. »Das ist er; ja, das ist er, der herrliche Dschebel Muchallis, der Traum meiner Jugend, die Hoffnung meiner Jahre, die letzte Stufe, von welcher aus ich hinüberzugehen wünsche zu den Seligen auch der andern Gotteswelten! Er erscheint um Mitternacht und glüht bis gegen Morgen.
So spricht die Sage, und so wird es heut sein. Sitzen wir still, und sprechen wir nicht!«

Das geschah. Wir saßen eine Stunde und dann fast noch eine zweite. Nur zuweilen stand Jemand auf und schritt für kurze Zeit in den dunkeln Saal hinein, um vom Schauen und Denken auszuruhen. Draußen aber war es nicht mehr dunkel, sondern da lag, so weit man sehen konnte, ein helldämmernder, farbiger Schein, wie wenn das Tageslicht, nicht direkt von der Sonne kommend, durch rubinrotes Glas gebrochen wird. Man konnte dabei fast lesen. Da kam ein Diener und meldete, es sei Zeit. Nur noch eine halb Stunde, so werde der Fluß die Insel überfluten. Da stand der Dschirbani von seinem Sitze auf, küßte dem Vater und der Mutter die Hand und sagte zu dem Ersteren:

»Ich danke dir, daß du das keinem Andern, sondern mir selbst erlaubtest!«

»Aber meine Bedingungen!« mahnte der Schech. »Nimm Kara Ben Nemsi, den Scheik der Ussul und Irahd mit! Dann weiß ich dich bewahrt vor jeder Gefahr.«

Und Marah Durimeh sprach:

»Der begonnene Tag ist Dankestag. Sobald die Sonne erscheint, werden die Hörner der Ussul von den Zinnen dieses Hauses ertönen, und die Kirchenposaunen von El Hadd werden Antwort geben. Dann kommt das Volk der Stadt, von seinen Priestern geführt, zu euch heraufgezogen, um den Frieden zu feiern, der von hier aus durch alle Länder fließt. Dir aber ist die erste Tat dieses Friedens aufgetragen: Liebet eure Feinde; tut Gutes denen, die euch hassen! Geht hin, rettet sie! Es gibt nur einen einzigen Sieg, der wirklich Sieg bedeutet; das ist der Sieg der Liebe. Geht hinab, und verzeiht! Und vor euch her gehe Gottes Segen!«

»Und komm so wieder, wie du von mir gehst!« bat seine Mutter. »Ich will dich nicht am Abend gewonnen haben, um dich am Morgen schon wieder zu verlieren!«

Wir, die wir vom Schech genannt worden waren, verließen mit ihm den Saal und das Schloß. Draußen vor dem Tore standen vier gesattelte Ussulpferde; eines davon war Smihk, der Dicke. Unser Ritt war also vorbereitet. Die drei Andern stiegen auf, ich aber nicht. Ich sagte zum Dschirbani:

»Vorerst bitte ich, mir mitzuteilen, wie du dir die Rettung dieser Leute denkst. Es gibt keine Boote.«

»Aber es gibt Pferde,« antwortete er. »Pferde der Ussul, die sich vor keiner Wasserflut fürchten. Es reiten Zweihundert von uns schwimmend hinüber, ein Jeder ein lediges Pferd an der Hand. Das reicht aus für Alle, die drüben sind. Meinst du nicht?«

»Allerdings. Doch warte! Ich hole die Hunde.«

»Wozu?«

»Für unvorhergesehene Fälle. Gleich komme ich wieder.«

Als ich nicht nur mit meinen, sondern auch mit Halefs Hunden zurückkam, schüttelte er den Kopf und sagte:

»Der Sorge wohl allzuviel!«

Dann ritten wir hinunter nach den Wohnungen seiner Landsleute, deren zweihundert mit ebensoviel ledigen Pferden auf uns warteten. Sie schlossen sich uns an. In dem gedämpften, mystisch roten Lichte des Dschebel Muchallis hatte unser Zug ein ungeheuerliches Aussehen. Ueberall standen Leute. Es war bekannt, was wir wollten, zugleich aber auch verboten, uns zu fragen oder sonstwie zu belästigen. Als wir unten an der Treppe ankamen, konnten wir die Insel sehr deutlich sehen, obgleich es
nachts vielleicht um halb drei Uhr war und keinen Mondschein gab. Schon war das ganze ungeheure Becken mit Wasser gefüllt. Die Treppe war noch nicht ganz verschwunden, aber über die Insel ging die Flut bereits in dünnen Stößen hinweg. Die Leute des ›Panther‹ schrien ununterbrochen um Hilfe und wimmerten vor Angst.

Unser Unternehmen war gar nicht gefährlich: nur mußte man sich hüten, über die Insel hinaufgetrieben zu werden, weil das Wasser dort noch in zahlreichen Trichtern bohrte und drehte. Wer da hineingeriet und in das Strombett getrieben wurde, war unbedingt verloren. Die Treppe hinunter ging es heut viel leichter als gestern die Treppe hinauf. Die Urgäule sprangen freiwillig ins Wasser. Der Dschirbani war der Erste; die Andern folgten. Wir drei sollten am Ufer zurückbleiben. Ich war aber anderen Sinnes. Als schon gegen hundert Personen gerettet worden waren und der Dschirbani noch immer nicht kam, ließ ich mir von Amihn seinen Smihk geben und ging mit ihm und den vier Hunden in das Wasser. Die Leute des ›Panther‹ behaupteten, er sei durch das Gewitter vollständig verrückt geworden; er rede irr. Das stellte sich als wahr heraus. Bis ich hinüberkam, hatte er sich geweigert, sich retten zu lassen. Sobald er aber Smihk sah, den er kannte, rief er, sich in die Brust werfend, mir zu:

»Dieses Pferd kenne ich. Es ist das Schlachtroß des Kaisers der Ussul und also meiner würdig. Ihm vertraue ich mich an. Steig ab!«

Um ihn schnell fortzubringen, gehorchte ich diesem Befehle und nahm mir ein anderes Pferd, welches ich aber nicht sogleich bekommen konnte.

»Und du bist mein Gefangener, hast mir zu folgen. Vorwärts!« schrie der ›Panther‹ den Dschirbani an.

Dieser letztere ging, ganz so wie ich, scheinbar darauf ein und folgte dem Smihk, der mit dem ›Panther‹ in das Wasser ging und eifrig zurückzurudern begann.

»Halt!« rief der ›Panther‹ ihm zu. »Nicht dorthin! Ich will dort hinunter, in den Fluß! Ich muß nach dem Dschebel Allah, zu meiner Armee!«

Er wollte Smihk nach abwärts lenken; der gehorchte aber nicht. Und der Dschirbani riß dem ›Panther‹ den Zügel aus der Hand. Es begann ein Kampf. Der Dschirbani war unbewaffnet, aber der Stärkere. Da riß der ›Panther‹ seine Doppelpistole aus dem Gürtel und schoß zweimal auf den Ersteren. Dann bearbeitete er Smihk mit Sporen und Messerstichen, um ihn zu zwingen, abwärts zu schwimmen.

»Hinein, hinein in das Wasser!« befahl ich den vier Hunden. »Holt ihn, holt!«

Ich deutete auf den Dschirbani, den die Schüsse vom Pferd geworfen hatten. Er konnte nur einen Arm bewegen; der andere war verwundet. Sie erreichten ihn grad noch im letzten Augenblick, als die Strömung ihn eben fassen und in die Wirbel treiben wollte. Es gelang ihnen, ihn zu halten und nach der Insel zu bringen, als ich eben ein anderes Pferd bekommen hatte. Auch der ›Panther‹ näherte sich den Strudeln. Smihk erkannte das und empörte sich gegen die Spornhiebe und Messerstiche, durch die er in den Tod getrieben werden sollte. Er brüllte laut auf, schoß mit dem Kopf in die Tiefe und überschlug sich im Wasser, um seinen Reiter abzuwerfen. Es gelang. Der Dicke kam unter Triumphgeschrei zu uns zurückgeschwommen. Den ›Panther‹ aber sah kein Auge jemals wieder.

– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

Die beiden Schüsse hatten getroffen, doch nur ungefährlich. Es gab zwei Fleischwunden im Arme, weiter nichts. Aber das Blutstillen und vorläufige Verbinden erforderte doch soviel Zeit, daß wir uns dann beeilen mußten, nicht zu spät im Schlosse zu erscheinen. Die Geretteten waren sofort abgeführt worden. Das Wasser überschwemmte die Insel nun ganz und gar. Es war die allerhöchste, die letzte Zeit gewesen!

Inzwischen war das rote Licht des Dschebel Muchallis verschwunden und der Morgen angebrochen. Als wir droben auf dem Plateau unter den Zedern hervorgeritten kamen, ging grad die Sonne im Osten auf, und von den Zinnen des Schlosses ertönten die tiefen, mächtigen Stimmen der langen Hörner der Ussul; die uralten Naturtrompeten der Lanzenreiter schmetterten, und aus der Stadt empor antworteten die Bläser der Kirchenposaunen. Der ›Tag des Dankes‹ begann. Die Kunde von der Verwundung des Dschirbani war uns vorausgeeilt, doch auch die Beruhigung, daß man sich nicht darüber zu ängstigen brauche. Halef kam uns entgegengeeilt und jammerte darüber, daß man ihn nicht auch mit auserlesen habe, beim Ende des ›Panther‹ zugegen zu sein. Am Portale des Schlosses wurde der Dschirbani von seinen Eltern empfangen. Er stellte ihnen Hu und Hi und Aacht und Uucht als die Retter des zukünftigen Schech el Beled von El Hadd vor und bat um Dankbarkeit. Dann zogen wir uns schleunigst in unsere Zimmer zurück, denn wir kamen ja aus dem Wasser, und der Festzug war schon unterwegs. – – –

Eine Woche später kehrte der Mir von Ardistan mit Amihn und den Ussul zunächst nach dem Dschebel Allah und dann mit dem ganzen Heere nach Ard zurück. Der Friede war geschlossen, und zwar für ewige Zeit. –

Einige Monate hierauf ging das erste Schiff den Fluß hinab. Es hieß, wie bereits gesagt »Marah Durimeh« und leitete die neue, von jetzt an nicht wieder unterbrochene Verbindung zwischen El Hadd und den abwärts liegenden Gegenden ein. Wir aber wendeten unsern weitern Aufstieg nun den Bergen, über deren Pässe der Weg nach Dschinnistan führte, und unsrem hohen, weiteren Ziele zu. – – –