Der Freiheitssucher

Erstes Kapitel

Das Kind

In seiner weissen Liege lag das Kind.

Es schlief.

Die kleinen Hände ruhten geballt auf der Decke, und sein Atem ging stetig.

Es war um die dritte Stunde des Nachmittags, der müden Stunde des Tages, und die Fenster des Zimmers waren tief verhüllt.

Draußen aber schlich die glühende Sonne an den Wänden der Häuser hin und suchte nach Einlaß.

Sie fand einen winzigen Spalt, klemmte sich durch und lief nun wie eine schmale, durchsichtige Staubwand durch das Zimmer und über die Wiege hin.

Wie sie stieg und stieg, rückte auch der helle Streifen auf der Decke höher und höher. Er glitt über die kleinen Fäuste, über den rosigen Hals, den halboffenen Mund und traf endlich die geschlossenen Lider des Kindes.

Da erwachte es, geblendet von dem plötzlichen Licht. Es erschrak und begann zu weinen – erst leise und kläglich, dann lauter und lauter in seiner Hilflosigkeit.

Aber niemand hörte es, so laut es auch schrie, denn sie wußten es hier gutverwahrt für eine Weile …

Und der Sonnenstrahl stieg höher und höher, spielte ein wenig mit den seidenen, goldenen Haaren, rann über die Kissen und begann seine Wanderung die Zimmerwand hinauf.

Das Zimmer lag wieder in tiefem Dunkel, wie vorher.

Noch immer schrie das Kind, geängstigt und ungeduldig. Dann – wie beruhigt durch sein eigenes Weinen – schlief es wieder ein. Es war wieder still in dem kühlen Gemach. – Oft noch sollte es so weinen, dieses Kind, in dem Leben, das es kaum begonnen: einsam und ungehört.

Aber immer sollte es ihm auch beschieden sein: in sich selbst seinen Trost und seine letzte Beruhigung zu finden.

Das Kind ungleicher Eltern, in einer Ehe, die auf der einen Seite in später Leidenschaft, auf der anderen ohne Neigung geschlossen war, wurde es in den Jahren geboren, als nach dem blutigen Kriege zweier aufeinandergehetzter Völker in dem Jubelschrei der Sieger die Todesschreie der Hingeopferten verklangen, und erhielt, in den Schoß einer christlichen Gemeinschaft aufgenommen, den Namen Ernst Förster (einen einfachen und guten Namen für den einfachen Menschen, der ihn tragen sollte). –

Sehr ungleicher Eltern: der Vater Gerichtspräsident in einer mittelgroßen Stadt des südlichen Deutschlands, Beamter in guter Bestallung, streberisch im Engen und eng in seinem Streben, äußerlich der korrekte Ehrenmann, innerlich ein beschränkter Aktenmensch, der nie gewagt, oder auch nie daran gedacht hätte, eine andere Anschauung als die von oben her vorgeschriebene und gebilligte zu haben – ein Typus; die Mutter die einzige Tochter eines hervorragenden und durch seine wissenschaftlichen Arbeiten weit über die Kreise seines heimischen Wirkens hinaus bekannten, aber in täglichen Dingen wenig praktischen und unbekümmert dahinlebenden Arztes, von dem sie nach dem frühen Tode ihrer Mutter eine freie und vorurteilslose Erziehung erhalten hatte, die sie zu dem frischen und unbekümmerten Menschen machte, der sie war – eine Persönlichkeit.

Der Präsident, ein hoher Vierziger, Witwer und Vater erwachsener Kinder, lernte das junge Mädchen während eines Sommerurlaubes kennen, verliebte sich, hielt an und wurde schlankweg abgewiesen. Zum erstenmal in seinem Leben vielleicht empfindlich in seiner Eitelkeit verletzt, reizte es ihn, wie alle brutalen Menschen, seinen Willen durchzusetzen. Er kam wieder und wieder: als Patient, der nicht abgewiesen werden durfte; dann als guter Bekannter, der geduldet werden mußte.

Ein Zufall kam seinen Absichten zu Hilfe: der plötzliche und unerwartete Tod des Arztes. Er wiederholte seinen Antrag. Alleinstehend, fast ohne Mittel, jeder Fürsorge und Liebe mit ihrem Vater beraubt, nahm das junge Mädchen ihn diesmal an, fast ohne zu wissen, was sie tat.

Es war auf ihrer Seite eine verhängnisvolle Unüberlegtheit; von seiner Seite aus eine unschöne Überrumpelung.

Sie nannte diese Ehe später das Unglück ihres Lebens; er – wenn auch nur sich gegenüber – nannte sie die einzige, große Dummheit des seinen.

Die Ehe wurde, wie sie in diesen Kreisen, wo nur mit Worten geschlagen wird, werden mußte.

Sie war auf seiten des Mannes ein nie endender Groll: eine ständig in ihrem Machtbewußtsein verletzte Eitelkeit, die jede freie Betätigung des anderen schon als eine Auflehnung betrachtete; eine nicht endende Unzufriedenheit darüber, einen grade gewachsenen Menschen nicht biegen zu können; und ein geheimer, uneingestandener Neid auf Interessen feinerer und höherer Art, die zu teilen ihm versagt und denen mit Spott allein nicht beizukommen war …

Sie war auf seiten der Frau ein aufreibender und ermüdender Kampf, sich aus dem Zwiespalt mit einer ihr innerlich völlig fremden Umgebung die Heiterkeit des Gemütes, die Freiheit der Seele und die Selbständigkeit ihrer Anschauungen, ihrer Entschlüsse und ihrer Handlungen zu retten – jene Güter, die sie gelehrt worden war, als die wertvollsten, als die einzig wertvollen des Lebens zu betrachten.

Die Geburt des Kindes, statt die Eheleute einander näher zu bringen, trennte sie völlig. Sie fühlte, daß es jetzt nicht mehr den Kampf um sich allein, sondern auch den um ihr Kind galt, und zog hieraus neue Kraft zu diesem Kampfe; er sah, daß ihm ein neuer Feind erwachsen war.

Eines Tages verließ sie mit dem Kinde, das eben seine ersten Worte sprach, schweigend und abschiedlos das Haus.

Er drohte, sie mit Gewalt zurückholen zu lassen. Aber er tat es nicht. Er fürchtete den Skandal: die »öffentliche Meinung«. So blieb sie – der die Meinung einer Welt, in der sie nie begehrt hatte, zu leben, und in der sie sich nur unglücklich gefühlt hatte, gleichgültig war –die Siegerin.

Sie »ging in die Schweiz, um ihre angegriffene Gesundheit zu kräftigen«; ihn »banden leider seine beruflichen Pflichten an die Stätte seines Wirkens«.

Eine Scheidung erfolgte nicht; sie wollte sich nicht der Gefahr aussetzen, ihr Kind zu verlieren.

Aber sie kehrte nie zu diesem Manne zurück.

Ihre Gesundheit war in der Tat erschüttert. Sie gewann sie nie ganz wieder, wenn sie sich auch in den stillen und friedlichen Jahren in dem kleinen Hause an dem lieblichen See, das sie mit ihrem Kinde bezog, in der Ruhe einer großen Natur und in dem langsamen Vergessen des Erduldeten sichtlich erholte und scheinbar die Frische und Heiterkeit ihrer Mädchenjahre wiederfand, ihr Lachen und ihre Unbekümmertheit.

Im Winter lag das Haus unter Schnee und Eis, und außer den Nachbarn nahte sich selten ein Mensch. Aber im Sommer tat es sich auf: dann kamen die Fremden, die das ganze Land überschwemmten, auch hierher, und es wurde vermietet. Denn davon mußten sie leben.

Dort wuchs das Kind auf; wurde das Kind zum Menschen, aus dem Kinde ein Knabe.

Es ist noch ein Kind, ein hilfloses Kind. Alles muß es erst noch lernen. Es ist noch lange kein Mensch.

Es trinkt, schreit und starrt hinaus in das Unfaßbare. Man weiß sehr wenig von ihm, aber es weiß noch weniger von sich. Es wird von allen geliebt, denn es ist gegen alle gleichermaßen gleichgültig.

Eines Tages aber geht ein Lächeln über das kleine runzelige Gesicht, als die Mutter sich über die Wiege beugt. Es erkennt mich! – sagt sie glücklich. Hat es sie wirklich erkannt?

Eines anderen Tages trifft das Kind seine erste Wahl. Es wählt das Wesen, dessen Liebe es am nächsten und wärmsten fühlt. Es will nicht nur Nahrung von ihm, Blut von seinem Blut – es will die Hand, weich und zart wie keine andere Hand. Es will gehen. Allein kann es das noch nicht. So will es sich halten.

Dann steht es zum erstenmal auf seinen eigenen Füßen; sehr ängstlich auf dem ersten Platz, den es sich selbst gewählt hat. Es macht den ersten Schritt – von den Knien der Mutter zu dem Stuhl an der Wand. Es jauchzt, aber die Mutter weint. Sie begreift, daß ihr Kind sich ihr zum erstenmal selbständig entzogen hat. Wie lange wird es noch dauern, und es geht seine eigenen Wege! – Und dann die Wege, auf denen sie ihm nicht mehr folgen kann, Wege, von denen sie nichts mehr weiß! …

So wird das Kind zum Menschen, der es jetzt noch nicht ist.

Die ersten Eindrücke – keine großen, aber für das Kind ungeheuer und unvergeßlich:

das Haus am See, mit der Veranda, über die der wilde Wein sich rankt;

der kleine Garten, seine Sommerwelt, das Königreich, in dem es herrscht;

Treu, der große Hund, in dessen weichem Fell die kleinen Hände wühlen, in dessen weichem Fell es, müde von seinen kindlichen Spielen, entschläft;

der See selbst, der geheimnisvolle Spiegel, dem es sich nur bis zu einer gewissen Grenze nähern darf, der See mit den fernen, weißen, dämmernden Bergen – –

die Welt des Kindes, eng und klein in Wirklichkeit, aber unermeßlich groß in der Erinnerung, die niedrige Zimmer zu Hallen, Lauben und Büsche zu Waldestiefen, und begrenztes Wasser zu Meeren weitet; noch weitet, als längst der Erwachsene gelernt hat zu sehen, und längst die Dinge sieht »wie sie sind«.

Es wächst und wächst, das Kind, mit jedem Jahre um einen neuen Strich an der Tür, aus seinen ersten Schuhen heraus in die neuen.

Es hat gehen gelernt; nun lernt es sprechen: sich verständlich machen mit anderen.

Alles war erst Sehen und Staunen, Fühlen und Empfinden. Nun kommen langsam die ersten Fragen, und langsam kommt in die Fragen erstes Denken, in das sich umzusetzen beginnt, was es sieht und fühlt.

Die Fragen kamen früh, wie alle meinten, die es sahen; zu früh, wie manche sagten, für ein Kind.

Es wuchs und wuchs …

Eines Tages tut es seinen ersten Schritt zur Menschwerdung: es spricht sein erstes bewußtes »Nein«! – Es wird gefragt, weshalb es Nein gesagt hat und es hat sein Nein zu begründen. Es wird genötigt, sich klar darüber zu werden, warum und worin es sich von anderen mit diesem Nein unterscheiden will; und die anderen müssen ihm antworten.

Denn es will eine Antwort, eine begründete Antwort. Bisher ist ihm nur gesagt worden: »Tue dies! – Lasse das!« – Jetzt will das Kind zum erstenmal wissen, warum es dies tun und jenes lassen soll.

Wenn man ihm bisher gesagt hat: »Gehe nicht zu nahe ans Wasser!« so muß man jetzt hinzufügen: »denn du kannst hineinfallen und ertrinken«. –

Es beginnt, Gründe als sein Recht zu verlangen; man soll sich mit ihm auseinandersetzen.

– Und das Kind hat so viele, viele Fragen. Mit allen kommt es zur Mutter. Diese hat ihm einmal gesagt: Was ich dir beantworten kann, das sollst du nicht vergebens fragen. Aber bedenke, daß ich nicht alles weiß und daß es daher Fragen gibt, die ich dir nicht beantworten kann …

So erscheint sie dem Kinde nicht als eine allwissende Macht, die unbedingten Glauben verlangt, sondern als die Helferin seiner ersten Versuche sich zurechtzufinden.

Sie sieht auch in dem ersten »Nein!« keine Auflehnung und keinen Trotz, sondern die erste berechtigte Äußerung eines Willens zu eigenem Dasein.

Sie beginnt, sich mit ihm zu verständigen: sucht seinen Einwänden mit Gründen zu begegnen und macht auf die Folgen aufmerksam. Überlege, was du tust, sagt sie ihm. Und das Kind ist ihr dankbar. Vieles läßt es gleich. Manches versucht es dennoch; sieht, daß die Mutter recht hat und läßt es.

Anderes tut es gegen ihren Rat. Es »setzt seinen Willen durch«. Die Mutter läßt es gewähren, wenn es ihm nicht schadet. Sie weiß: selbst so ein Kind hat schon seine eigenen heimlichen, kleinen Wünsche und ist nur glücklich, wenn es sie befriedigen kann. Unterdrückt man hier die berechtigten, so äußern sich die unberechtigten dort als Trotz und Widerspenstigkeit.

Sie sieht – und sieht es mit Freude –: ihr Kind beginnt zu denken, zu prüfen, und fängt langsam an, zu unterscheiden. Es fängt an, seine eigenen Erfahrungen zu machen; an: ein Mensch zu werden …

Es hat sprechen gelernt »von selbst«. Es hat begonnen, sich mit den Menschen zu verständigen, die um ihn sind.

Nun lernt es lesen und schreiben, um sich auch verständigen zu können mit denen, die ihm fern und fremd sind.

Lernt es von der Mutter. Sie führt ihn ein in Sinn und Bedeutung der rätselhaften Zeichen. Sie zeigt ihm, wie die anderen sie deuten. Wie es selbst sie sich einmal deuten wird, das wird seine Sache sein.

Noch vieles andere lernt es vor ihr: wie sich die Zahlen reihen, fügen und lösen; wie die Tiere und Pflanzen heißen und wie sie leben und wachsen in Wald, Flur und Luft; wie die Gestirne wandern, Mond und Sonne, und unsere Erde; was es tun muß, um sich zu nützen und was lassen, um sich nicht zu schaden …

Alles, was es lernt, lernt es zuerst von ihr. Es lernt alles gern und leicht, weil es aus der Hand kommt, an der es sich sicher fühlt. Und früh lernt es, in der Mutter nicht nur die Mutter, sondern auch die Gefährtin seiner ersten kleinen Leiden und Freuden zu sehen, und sie wird und bleibt seine beste Freundin.

Das Haus hatte einen Freund. Er kam jeden Sommer auf lange und schöne Wochen und war sein ersehnter und liebster Gast.

Auch das Kind hing an ihm. Er war vielleicht der einzige, dem sich das sonst so spröde erschloß.

Es wurde von ihm auf Spaziergängen mitgenommen, wo Sagen und Geschichten erzählt wurden, und unerschöpflich schien auch die Zahl der Gedichte, die er ihm sprach, und deren Klang das Kind auch dann oft seltsam berührte, wenn es noch nicht imstande war, ihren Sinn zu erfassen.

Es war auch der Freund der Mutter.

In den letzten Jahren wohnte er nicht mehr im Hause.

»Hat er uns denn nicht mehr lieb,« fragte Ernst, »weil er nicht mehr bei uns wohnt?«

Aber die Mutter lächelte nur:

»Ja er hat uns noch lieb. Du siehst doch, er kommt alle Tage zu uns …«

Aber noch später, im Winter, nahm sie ihn in die Arme, und er fühlte ihre Tränen auf seinem Haar:

»Unser lieber Freund wird nie mehr kommen, denn – er ist tot.«

Das Kind verstand nur das erste und weinte mit ihr.

– Viele Jahre später begriff der Mann, daß der Freund seiner Kinderjahre auch der Freund der Mutter und vielleicht ihre einzige Liebe gewesen war, und, durch sein eigenes Leben belehrt, die Menschen und ihre Verhältnisse einzig in dem hellen und reinen Licht der Freiheit zu sehen, erschien ihm ihr Bild nicht getrübt, sondern im Gegenteil wie verklärt durch diese nur in den Augen aller dummen und aller niedrigen Menschen verfemten Liebe, und er gedachte mit verdoppelter Dankbarkeit des Mannes, durch den und mit dem sie nach den traurigen Jahren ihrer Ehe die Kraft und den Mut zu einem letzten Glück gefunden.

Das Kind lernt Lesen und Schreiben: In seine Hand wird die erste Waffe gelegt für den Kampf mit dem Leben. Noch ist sie ungeschliffen, und die Hand des Kindes zu schwach, um sie zu führen. Am Erwachsenen wird es sein, sie brauchbar zu machen für seinen Kampf. Es kann lesen und schreiben: nun müssen sich ihm alle Pforten auftun, und, wenn es groß geworden sein wird, stehen ihm alle Weiten des Geistes offen, und er darf Zwiesprache halten mit den Großen und Erlauchtesten aller Zeiten, und alle müssen sie ihm ihr Bestes geben, wenn er es will … In seine Hand ist die Waffe gelegt. Ob es sie aufnehmen, sie schärfen und schwingen wird – es liegt an ihm.

Es hat sich auf seine eigenen, kleinen Füße gestellt und sein erstes »Nein!« gesprochen.

Es soll nun gehen, weiter und weiter, und ohne die Hand, die es bisher führte, die es stützte, wenn es strauchelte. Es soll ein Mensch werden, einer unter den vielen, vielen anderen Menschen, und es soll sich behaupten lernen unter ihnen.

Denn sich behaupten: so oder so – das ist alles Leben: Streben und Widerstreben.

– Es soll ein Mensch werden.

Noch ist es kein Mensch, wenn sie es auch so nennen. Denn es zählt noch nicht mit.

Ein Mensch wird es erst werden, wenn es sich selbst mitzählt: wenn es anfängt, seinen eigenen Willen zu äußern; wenn es beginnt, zu unterscheiden, zu vergleichen und – zu wählen!

In Liebe und Haß sein Leben behaupten –das heißt ein Mensch sein.

Es ist noch ein Kind.

Als Kind hat es noch keine Erkenntnis des Lebens. Aber es hat das Gefühl des Lebens.

Dieses Lebensgefühl, das aus seinen Augen blitzt, die Bewegungen des jungen Körpers durchzuckt, begehrend und heischend aus Lachen und Weinen klingt – ist Bejahung: Bejahung des Lebens!

Und in dieser Bejahung kündet alles unbewußt mit der Kraft unbeeinflußter Instinkte: daß Freude der Sinn und der Zweck des Lebens ist! …

Es gibt Menschen, die ihr Leben so weiter leben in dieser Bejahung – als Kinder, unbewußt und selig. Nie erschließt sich ihnen sein Widerspruch; nie öffnen sich ihnen seine Höhen, nie seine Tiefen. Sie bleiben »ewige Kinder«. Es sind ihrer und können ihrer nur wenige sein in unserer Zeit. Die meisten Menschen aber geraten früher oder später in den Zwiespalt des Lebens, und dreierlei nur kann ihr Schicksal sein: sie verzweifeln und gehen unter; sie geben sich zufrieden in dem Bewußtsein, diesen Zwiespalt doch nicht lösen zu können (eine andere und oft schlimmere Form des Untergangs); oder sie lehnen sich auf gegen ihn, suchen ihn zu ergründen, ihn zu lösen – kämpfen und leben: oft Unterlegene, aber endliche Sieger …

Zu ihnen, diesen letzten, sollte dies Kind gehören, zu diesen Kämpfern mit dem Leben und zu seinen endlichen Besiegern.

– Noch aber ist es ein Kind, ein argloses Kind.

Und Lebens-Bejahung ist sein erster Schrei, wie es einst sein letzter sein würde.

Noch ist der Kleine ganz ein Kind.

Noch ganz vertrauend, gläubig und noch ganz ohne Zweifel.

Die Menschen sind gut. Was sie sagen, ist wahr; was sie tun, ist recht.

Noch ist es ganz ein Kind.

Aber in den grauen Augen steht es doch schon wie Fragen, erste Fragen, noch ungefragte, aber doch schon Fragen: Fragen, tiefer als nach der Wirklichkeit der Dinge. Fragen an das Leben.

Noch sind die Augen hell und klar, von keinem Schatten getrübt – Augen des Kindes.

Die Flamme, die vielleicht hinter ihnen liegt, ist noch nicht entzündet.

Es ist noch ein Kind.

Zweites Kapitel

Der Knabe

Er war noch ein Kind, der kleine Ernst, und wußte nicht, was Leben und Sterben war.

Er fühlte nur, daß das Leben warm war wie die Sonne dort draußen; der kalte Hauch des Todes hatte ihn auch aus der Ferne noch nicht berührt.

Er sollte seine eisige Nähe früh kennen lernen.

– Er war noch nicht zwölf Jahre alt, als er die verlor, die seine Welt und ihr ganzer Inhalt gewesen war und ohne die er sich diese Welt nicht denken konnte.

Die Gesundheit der Mutter war in der Tat untergraben, und sie starb nach der langen und schweren Krankheit eines Winters. Sie starb schwer und kämpfte um ihr Leben bis zum letzten Atemzuge. Sie wußte, daß ihr Mann das Kind zurückfordern und daß er versuchen würde, zu biegen und zu beugen, was bis jetzt so schön und aufrecht gewachsen war; und sah keine Möglichkeit, es zu hindern.

Als sie begriff, daß der Tod der Stärkere war, nahm sie ihren Jungen an ihre Seite und sprach mit ihm. Sie sagte ihm alles und wollte ihn ermahnen, gut und folgsam zu sein. Aber als sie ihn so vor sich stehen sah, noch so klein, aber doch schon mit einem frühen Ernst in den offenen Zügen, sagte sie nur: »Du wirst dort manches anders finden … Die Menschen sind nicht immer so, wie wir sie uns vorstellen und uns wünschen. Tue immer das, von dem dein Herz dir sagt, daß es das Rechte ist …«

– Er war wie betäubt. Er ging umher, als suche er etwas, das er wiederfinden müsse. Die Menschen, die ins Haus kamen, floh er und sprach mit keinem. Er hatte nicht nur seine Mutter, er hatte seinen einzigen Freund verloren, den, mit dem allein er sprechen konnte, wie er wollte.

Dann, als er endlich begriff, was geschehen war, überkam ihn eine große Angst – die erste Angst seines Lebens. Was würden sie jetzt mit ihm tun? …

»Ich will hierbleiben!« – rief er, als sie kamen, um ihn zu holen.

Er rief es immer wieder. Sie mußten ihn in den Wagen heben.

Zum ersten Male spürte er sie an seinem jungen Leibe – die Gewalt, die er hassen lernen und hassen sollte, sein Leben lang, wie nichts auf der Welt. Mit aufeinandergebissenen Zähnen und tränenlosen Augen ergab er sich, als er sah, daß er der Schwächere war.

Auf der Reise, während die anderen schliefen, die ihn geholt, saß er allein wach und aufrecht, und sah unablässig zum Fenster hinaus. Die Berge versanken, das Land wurde flacher und flacher, und schwer sein kleines Herz und schwerer.

War das die Welt? – Sie war nicht schön.

Auf dieser langen Fahrt, der ersten seines Lebens, nahm er Abschied von dem reinen und unbewußten Glück seiner Kindheit, ohne es zu ahnen, und mit ihr begann er den Kampf mir dem Leben.

Es sollte ein langer Kampf werden.

Fremd war ihm dieses große und laute Haus, das er betrat, und fremd die Menschen, die es bewohnten: seine Stiefgeschwister, die Kinder des Präsidenten aus erster Ehe, die, schon erwachsen, zum Teil im Begriff waren, es zu verlassen; fremd dessen Schwester, eine frühere Hofdame, die den Haushalt leitete; fremd der Mann selbst, den er Vater nennen sollte. Und fremd sollte es ihm bleiben, bis er ihm vier Jahre später, sechzehn und aus dem Kinde zum Knaben geworden, den Rücken kehren durfte.

Denn alles war hier anders. Alles ging hier seinen geregelten und vorbestimmten Gang. Prinzipien lebte man, nicht dem Leben zuliebe. Genau war vorgeschrieben, was man tun durfte und was nicht, und ein Maßstab wurde allein und an alles gelegt – der der »Anständigkeit«. Die gesellschaftliche Sitte gab den Ausschlag in allen Fragen, und gegen sie anzuhandeln wäre Verbrechen, ein Ding der Unmöglichkeit gewesen.

Man lebte von großen Einkünften gut und sicher, und der Junge hatte es in allem Äußerlichen besser, als bisher. Er bekam Sachen zu essen, die er nicht einmal dem Namen nach kannte, und trug Kleider, wie er sie kaum gesehen.

Aber ihm war nichts von dem allem lieb. Er hatte bisher nie darüber nachgedacht, was er aß, wenn er nur satt geworden war, und nie viel darauf geachtet, wie er gekleidet war. Bei der Mutter hatte er mit einem Loch im Ärmel heimkommen dürfen, und außer einem liebevollen Kopfschütteln hatte es nichts abgesetzt, während er jetzt seine Anzüge wie ein anvertrautes Gut behandeln und vor Fleck und Riß sorgfältig schonen mußte. Schmal waren die Bissen und niedrig die Stuben in dem Hause am See gewesen, aber satt war er immer geworden. Frohsinn und Heiterkeit hatten die Mahlzeiten gewürzt, und die engen Wände sich geweitet und bevölkert unter den phantasievollen Erzählungen der lieben Stimme. Hier mußte er steif und stumm am Ende einer langen Tafel sitzen, durfte nur sprechen, wenn er gefragt wurde, und die Speisen blieben ihm im Halse stecken unter dem strengen Blick des Vaters und vor der majestätischen Haltung der Hofdame.

Was er aber am schwersten empfand, war, daß es in dem ganzen, großen Hause keinen Raum gab, in dem er mit sich allein sein konnte. Immer war er bewacht und beaufsichtigt, bei der Arbeit für die Schule und im Schlafe, und nie hätte er gewagt, die lange Flucht der prächtigen Räume, in denen es sich doch herrlich hätte spielen lassen, unerlaubt zu betreten.

Er war und blieb ein Fremder unter Fremden.

Es wurde von vorneherein als feststehend angenommen, daß das Kind in den Händen »der Person, die ihrem Mann davongelaufen war, sittlich verwahrlost, und wenn das nicht, so doch gefährdet sein müsse« und auf alle Fälle einer strengen Zucht dringend bedurfte. Es mit Strenge, aber auch mit Gerechtigkeit zu einem ordentlichen Mitglied der menschlichen Gesellschaft zu erziehen, war des Präsidenten ernstlicher Vorsatz. Er war erstaunt, es so ruhig, fast still zu finden. Aber als er dann den offenen und freimütigen Blick auf sich ruhen fühlte, der ihn so sehr an einen anderen, seltsam ähnlichen erinnerte, stieg die nie verwundene Bitterkeit tief verletzter Eitelkeit von neuem in ihm auf, und er nahm sich vor, die geheime Auflehnung und den versteckten Trotz, die er aus ihm herauszulesen vermeinte, zu brechen; das sollte seine Rache sein an der, die er haßte noch über das Grab hinaus.

– Er fand nur wenig Gelegenheit dazu.

Denn Ernst fügte sich scheinbar in alles. Er tat, was man ihm sagte, und nur im Anfang noch stellte er hin und wieder seine unbekümmerten Fragen. Als er dann sah, daß man sie als Unbescheidenheit und sein Zuhören als Neugierde auslegte, und ihm bedeutet wurde, daß Kinder nicht zu fragen, sondern zu gehorchen und sich nicht unaufgefordert in das Gespräch von Erwachsenen zu mischen hätten, verstummte er und wurde noch stiller.

Er fragte selten mehr.

Noch glaubte er, daß man ihm nicht antworten wolle. Der Gedanke, daß man ihm auf manche seiner Fragen, von denen einige bereits anfingen, unbequem zu werden, nicht antworten könne, kam ihm noch nicht. Wie hätten auch diese großen, erfahrenen und lebenssicheren Menschen nicht antworten können auf die Fragen eines Kindes!

Aber er wurde mißtrauisch, und bald gab er es ganz auf, zu fragen. Mehr und mehr zog er sich mit allem, was er auf dem Herzen hatte, zurück in sich.

Er hatte bis dahin gelebt, ohne sich Gedanken zu machen über die Menschen und die Dinge um sich her. Nun zwang ihn die große Veränderung der Verhältnisse zum Vergleich. Er verglich – und zugleich begann er zu denken, zu prüfen, zu wählen.

Er trauerte der sorglosen Fröhlichkeit seiner ersten Kinderjahre nach – ein kleiner Vogel, den man in einen Käfig gesetzt, an dessen Stäben er sich die Flügel zerschlägt.

Immer dachte er an seine Mutter.

Er hatte niemand, mit dem er von ihr sprechen konnte, und niemand sprach zu ihm von ihr.

Oft, wenn er allein war, saß er lange und sah hinaus. Dann stieg es in ihm auf, und er glaubte, wieder zurückzumüssen um jeden Preis.

Bitterer Kummer der einsamen Kinder – was wissen die Großen von ihm!

Einsame Tränen der jungen Augen – im Verborgenen geweint und nicht getrocknet von den Küssen der Liebe – wie glühende Tropfen fallen sie nach innen und hinterlassen in den zarten Herzen die Narben ihrer Wunden!

Als er größer wurde, weinte er nicht mehr. Aber ein früher Ernst nahm von ihm Besitz.

Er war mißtrauisch geworden und begann zu beobachten und nachzudenken.

So vieles verstand er nicht!

Diese Menschen hatten es doch so gut und alles, was sie sich wünschten, und doch klagten sie immer.

So klagten sie fortwährend über ihre gesellschaftlichen Verpflichtungen gegenüber anderen Menschen. Aber warum gab man diese Gesellschaften und ging in sie, wenn man keine Lust dazu hatte? Als er das einmal aussprach, traf ihn ein vernichtender Blick: »Man muß vieles im Leben tun, weil man Pflichten gegen andere hat. Das wirst du auch noch lernen …«

Man sprach unfreundlich, oft gehässig über andere Menschen, und wenn man sie sah, tat man, als seien es die besten Freunde.

Man sagte ihm, daß Lügen abscheulich und das unverzeihlichste aller Vergehen sei. Aber man log selbst: Wenn Besucher kamen, wurde den Dienstboten oft befohlen, zu sagen, man sei nicht zu Hause, wenn man es war. Weshalb tat man es? Man hätte doch einfach sagen können, man habe keine Zeit oder Lust, andere Menschen zu sehen.

Er verstand es nicht, aber sein wachgewecktes Mißtrauen empfand den Zwiespalt zwischen Wort und Handlung, und immer tiefer senkte sich dieser Zwiespalt in die junge Seele.

Er glaubte nicht mehr alles, was man ihm sagte; und er sagte selbst nicht mehr alles, was er glaubte.

Er war in die Schule gekommen, und eine zweite, neue Welt hatte sich ihm aufgetan.

Bis dahin war er von der Mutter und einem alten Lehrer zusammen mit einigen anderen Kindern unterrichtet worden, die er natürlich alle kannte. Jetzt kam er unter viele und lauter fremde.

Er hatte immer leicht gelernt und gern.

Aber jetzt kamen Dinge, die er nicht begriff und –was schlimmer war – von denen er nicht begriff, warum er sie lernen sollte: Formeln und Regeln, Zahlen und Bezeichnungen, und wieder Zahlen und Zahlen, deren Sinn sich ihm nicht erschließen wollte.

Er pfropfte hinein in sein kleines Gehirn, was nur hinein ging. Aber oft wußte er am nächsten Tage nicht mehr, was er am vorhergehenden noch gewußt, und vieles behielt er und wußte es, aber es war plötzlich nicht mehr da, wenn er es wissen sollte.

Staub, der uralte Staub der Schule, begann sich auf ihn zu senken, und schnell verlor er die Lust am Lernen.

Die Lehrer fragten. Die Schüler hatten nicht zu fragen. Sie hatten zu antworten.

Eine andere Berührung, als die vom Katheder herab zur Schulbank, gab es nicht.

Die Lehrer saßen dort oben, unnahbar, und die Schüler saßen hier unten, und zwischen ihnen herrschte nicht Vertrauen, sondern Kampf. Die Lehrer kämpften darum, ihre Macht zu behaupten; und die Schüler darum, sich dieser ihrer Macht zu entziehen, so weit es ging. Nicht immer blieben die ersteren Sieger. –

Für Ernst waren sie alle gleich. An keinen von ihnen hatte er später auch nur eine Erinnerung mehr.

Außer an einen. Denn ein Lehrer war da, den er nicht vergaß, und der bei allen dafür sorgte, daß sie ihn nicht vergaßen.

Verwachsen und an den Füßen verkrüppelt, mit einem bartumrahmten Christusgesicht, galt er für einen Gelehrten und gab alte Sprachen.

Er schlug. Er schlug in jeder Stunde: auf jeden los, der »nichts wußte«, und solche gab es immer. Er schlug systematisch.

Die Angst der Kinder vor diesem Menschen war unbeschreiblich. Selbst die Stärksten und Gleichgültigsten zitterten vor ihm. Ernst empfand weniger Angst, als eine Art Grauen.

Einmal sollte auch er geschlagen werden. Aber er blieb nicht, wie sie es mußten, mit dem Gesicht gegen die Wand und mit erhobenen Händen stehen, sondern er drehte sich beim ersten Schlage jäh um, so daß dieser sein Gesicht traf. Auch der Lehrer erblaßte, als er ihn sich das Blut abwischen hieß. Er schlug ihn seitdem nie mehr.

Zu Hause sagte der Knabe, er sei gefallen und habe sich verletzt.

Später, viel später, als er erfuhr, daß es Menschen gibt, die aus schwer erklärbaren Ursachen an Mißhandlungen anderer eine Art unnatürlicher Befriedigung empfinden, dachte er, jener Lehrer, der über sie gesetzt war, möge wohl einer von diesen gewesen sein, um so ungestraft an ihren jungen Körpern seiner Lust fröhnen zu dürfen.

Das waren die Lehrer.

Wo aber blieben die Eltern, die ihnen ihre Kinder auslieferten, ohne danach zu fragen, was mit ihnen geschah?

Sie kümmerten sich offenbar nicht darum. Und doch liebten sie ihre Kinder, und hätten sie, wie Ernst von vielen wußte, selbst nie geschlagen.

Das war wieder etwas, was er nicht begriff.

Warum stellen sie sich nicht vor ihre Kinder, um sie zu schützen? Wagten sie es nicht? – Unterließen sie es aus Bequemlichkeit? – Galt diese ihnen mehr, als das Wohl und Wehe ihrer Kinder? – Und war die Macht dieser Lehrer so unermeßlich groß, daß alles vor ihnen sich beugen mußte, auch die Großen?

Er begriff es nicht. Aber von neuem wuchs sein Mißtrauen und stärker wurden seine ersten Zweifel.

Er schloss seine erste Freundschaft, mit dem unter seinen Mitschülern, der ihm am besten gefiel, einem klugen und freundlichen Jungen, dem Sohne einfacher und anständiger Eltern.

Sie sagten sich alles, und es wurde zwischen ihnen die heftige und doch so unendlich keusche Zuneigung dieser Jahre, die nicht ganz ohne Leidenschaft und nicht ohne geheime Eifersucht auf andere ist.

Sie waren zusammen, so oft es ging.

Aber zu Hause wurde diese Freundschaft nicht gerne gesehen. Man bedeutete ihm, sich seinen Umgang lieber unter den Söhnen der Kreise zu suchen, in denen man selbst verkehrte. Aber unter denen war eben keiner, der ihm so gefiel wie sein Freund, und viele erschienen ihm trotz ihrer Herkunft roh und äußerlich in ihrem Wesen, und die meisten eingebildet auf das Geld und die Titel ihrer Väter.

Er ließ nicht von seinem Freund. Zum erstenmal stellte er seinen Wunsch gegen die fremden Wünsche.

Er folgerte für sich so: Dein Vater gibt dir Nahrung und Obdach, und dafür mußt du zu Hause gehorchen; außerhalb des Hauses aber hört seine Macht auf.

Als er daher sah, daß er und sein Freund nicht mehr offen miteinander verkehren konnten, sahen sie sich heimlich. Sie schwuren sich, allen Gefahren zu trotzen, die ihrer Freundschaft drohten, und mit der natürlichen Schlauheit ihrer Jahre fanden sie tausend Wege und Winkel, von denen die anderen nichts ahnten. Sie blieben unzertrennlich, solange sie auf der Schule waren.

– Ernst aber dachte für sich: es gab also Menschen, mit denen man verkehren durfte, und Menschen, mit denen man es nicht durfte. Auch das wollte ihm nicht eingehen.

Eine andere Bekanntschaft, die er machte, eine Bekanntschaft ganz anderer Art, verschwieg er daher von vornherein und sprach selbst zu seinem Freunde nicht von ihr.

Auf einem seiner Streifzüge, die er, so oft es ging, an seinen freien Nachmittagen unternahm und von denen er nie anders als beladen mit Pflanzen und allerlei Kleingetier zurückkam, um mit ihnen den Raum (den kleinsten des Hauses ), den man ihm endlich überlassen, zu füllen – auf einem dieser Streifzüge lernte er einen alten Förster kennen, durfte mitgehen und wurde im Försterhaus von der guten, alten Frau herzlich und gastlich aufgenommen. Er kam wieder und wieder und machte sich nützlich, wie er konnte; ersparte den alten Leuten Gänge nach der Stadt und ging im Hause zur Hand, wofür er dann den Förster auf seinen Dienstwegen durch den Wald begleiten durfte, der ihm mit allem, was in ihm lebte und webte, bald so vertraut wurde, wie das kleine Haus am Waldrand ihm Zuflucht und Heimat.

Das alte Ehepaar aber, das den einzigen Sohn im Kriege verloren, freute sich an dem frischen Leben, das in das stille Haus kam.

Hier durfte Ernst wieder ganz das frohe Kind von früher sein, das mit den Hunden tollte und jagte und mit den Vögeln um die Wette sang, und wer ihn in der Schule und zu Hause und dann hier gesehen hätte, hätte ihn gewiß nicht wiedererkannt.

Wie ein Geiziger seinen Schatz behütet, so hütete er sein Geheimnis, in der Furcht, man könnte es ihm rauben.

So wurde aus dem Kinde ein Knabe, der sich gewöhnte, neben einem Leben, wie es gefordert wurde und das er schweigend ertrug, ein zweites zu führen – ein Leben für sich, an das er nicht rühren ließ.

Er empfand das als sein »Recht« …

Wer führte es denn nicht?

Wohin er sah, überall sah er diesen stillen, aber hartnäckigen Kampf zwischen den Anforderungen der einen und den Wünschen der anderen: zwischen den Kindern und den Eltern, den Schülern und den Lehrern, den Dienstboten und der Herrschaft, überall, so weit er sehen konnte in dem Kreise, in dem erlebte.

Er sah auch, daß, je enger seine Kameraden zu Hause gehalten wurden, um so größer ihre Listen und Schliche wurden, sich den Fesseln zu entziehen, und umgekehrt; und es schien ihm oft, als sei in den kleinen Bürgerfamilien das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern ein herzlicheres und freimütigeres, als in denen dieser Beamten und Großkaufleute, wo wenig Vertrauen und Offenheit herrschte und alles nach festgelegten Erziehungsprinzipien herging.

Langsam lernte der Knabe zu sehen, langsam, zu schweigen zu dem, was er sah; und früh begann er, sich in seine Gedanken zu verschließen, um mit ihnen allein zu sein in einem zweiten, seinem eigenen Leben, das ihm – wie er ahnte – niemand nehmen konnte: kein Verbot und keine Strafe; einem Leben, dessen er, obwohl es ein geheimes war, sich nicht schämte und zu schämen brauchte, und das ihm die ersten Stunden schenkte eines echten Glückes.

Aus dem Kinde war ein Knabe geworden, der die ersten Klassen der Schule hinter sich hatte, in sein sechzehntes Jahr ging und nun eingesegnet werden sollte.

Er sollte sich »Gott geloben«, wie man ihm sagte, und »den Bund mit Ihm erneuern …«

Gott? – Wer war Gott? –

Von seiner Mutter war ihm wohl der Name genannt worden, aber doch nur selten und mehr gelegentlich, als absichtlich, und wenn sie ihn nannte, verband sie ihn nie mit einem persönlichen Wesen, sondern sprach von ihm, als sei er in den Dingen, in allen, den kleinen wie den großen, ja als sei er diese Dinge selbst. Hier im Hause aber war der liebe Gott ein Prachtstück, das man bei besonderen Gelegenheiten hervorholte um zu beweisen, daß man auch das besaß, aber sonst war nie von Gott die Rede, und man machte kein Hehl daraus, daß man ihm gegenüber auf der Höhe der Zeit stand – man bekannte sich nicht zu ihm, würde ihn aber ebensowenig verleugnet haben.

Gott? – Wer war Gott? – –

In der Schule war allerdings viel von Gott die Rede, dem »allmächtigen Gott«, aber die Stunde, in der es am meisten geschah, die Religionsstunde, wurde nicht ernst genommen und galt als willkommene Erholung zwischen den anderen. Gott? – Wen sollte er nach ihm fragen, daß er ihm sagte, wer das sei? …

Sein Freund wußte es so wenig wie er selbst, und der alte Förster war auf die »Pfaffen« nicht gut zu sprechen und setzte sich, wie er sagte, mit seinem Herrgott lieber ohne ihre Hilfe auseinander, was übrigens, wie er hinzufügte, ein jeder tun solle, und zwar auf seine eigene Weise …

Jetzt hörte er, daß Gott ein persönliches Wesen sei, und ein höchstes, das über den Dingen throne; daß er allgegenwärtig und die Liebe sei; und in dieser Liebe gleich gütig und verzeihend, wie drohend, zürnend und strafend; daß er seinen Sohn gesandt habe, um die Welt von ihren Sünden zu erlösen, und daß dieser Sohn als das Kind einer unbefleckten Jungfrau geboren sei; und daß die heilige Dreifaltigkeit: Gottvater, Sohn und der Heilige Geist – hier indessen hörte das Verständnis des Knaben völlig auf, und er begriff nichts mehr …

Aber sein natürliches Empfinden lehnte sich auf, und dieser Gott, dieser persönliche Gott, war ihm fremd und unheimlich-schreckhaft wie diese ganze Lehre von Sünde und Vergebung, Schuld und Strafe, Himmel und Hölle. Und blieb es.

Ein strafender Gott, der alle Sünden sah? –

Er war sich keiner Schuld bewußt. Oder war es schon eine Schuld, daß er lebte? – Fast schien es ihm so bei den vielen und großen Worten. Aber er konnte diesen Worten nicht glauben.

Was ihn aber an diesen Vorbereitungsstunden anzog und sie für ihn zu besonderen machte, war, daß sie ihn zum erstenmal in seinem Leben mit ganz anderen Kreisen in Berührung brachten. Das war etwas Neues. Alles Neue aber zog ihn an und gab ihm zu denken.

Der Unterricht wurde gemeinsam abgehalten, in einem großen Saale: die Schüler des Gymnasiums saßen auf der einen, die der Volksschulen auf der anderen Seite, ohne daß aber dadurch die Böcke von den Schafen geschieden waren, und zwischen ihnen herrschte Feindschaft von Anbeginn, eine Feindschaft, die sich oft in förmlichen Schlachten austobte, bei denen die ersteren nicht selten vor den kräftigen Fäusten der letzteren den kürzeren zogen. Sie rächten sich dann damit, daß sie mit unsagbarer Verachtung von den »Proleten« sprachen, wofür sie hinwiederum »Protzen« und »Fatzken« betitelt wurden.

Wie diese fremden Kinder dort drüben zusammensaßen, waren sie für Ernst eine fremde und unheimliche Masse, aber mit einzelnen hatte er gern gesprochen, wenn dies bei den streng geschiedenen Grenzen überhaupt möglich gewesen wäre. Er verstand nicht, weshalb seine Kameraden so hochmütig auf die dort drüben herabsahen. Wenn sie plumpe Stiefel und grobe, zerrissene und geflickte Kleider trugen, so kam das doch sicher daher, daß ihnen ihre Eltern keine besseren kaufen konnten, und wenn sie den muffigen Dunst ungelüfteter Stuben und die gemeine Sprache der Gasse mit sich brachten, so war das wohl, weil dort die Häuser eng und niedrig waren und man sich nicht so um seine Kinder kümmern konnte, wie es bei ihnen geschah, weil man den ganzen Tag arbeiten mußte.

Er sah immer hinüber und sah, wie verschieden sie auch dort waren: neben blassen und mageren Gesichtern, die aussahen, als seien sie immer hungrig, saßen Burschen mit Männerfäusten, von denen es hieß, daß sie sich bereits mit den Mädchen herumtrieben und mit der Polizei zu tun gehabt haben sollten, und die ganz so aussahen, als kümmerten sie sich um keinen Gott und keinen Teufel.

Er sah oft hinüber. Zum ersten Male in seinem jungen Leben rührte ihn, ohne daß er es ahnte, leise die Frage an, die ihn in seinem späteren Leben tiefer erregen und stärker beschäftigen sollte, als irgendeine andere Frage.

»Wenn einer unter euch in geistigen Zweifeln und Nöten ist, der möge zu mir kommen und mich befragen. Ich, euer Seelsorger, stehe hier an Gottes Stelle, um euch in ihnen zu helfen …«

Die anderen schienen nichts von solchen Zweifeln und Nöten zu wissen; Ernst aber glaubte zuweilen, in ihnen zu sein.

Wenn Gott, wie es gelehrt wurde, gütig, allerbarmend und gerecht war, warum ließ er dann zu, daß es den einen so gut und den andern so schlecht ging? – Und wenn die Menschen alle Brüder waren, die sich untereinander lieben sollten wie sich selbst, und alle gleich vor ihm, dem Höchsten, warum litt er dann, daß es Schwache und Starke, Reiche und Arme, Hohe und Niedrige gab? – Sah Gott alles, mußte er auch das sehen.

– Eines Tages faßte er sich ein Herz und ging zu dem Pfarrer.

Er wurde auch angenommen, erstaunt, wie es schien, und sogar etwas verlegen, aber statt der Antwort, die er erwartete, wurde er zunächst selbst gefragt:

Wer ihn auf solche Gedanken gebracht habe ? – Ob er sie irgendwo gehört oder gelesen habe, und wo? – Und als er sagte, daß er sie weder gehört noch gelesen habe, aber doch sähe, daß es so sei, erfolgte eine lange Rede, von der er nur soviel verstand, daß es nach Gottes unerforschlichem Ratschluß immer Arme und Reiche gegeben habe und immer geben werde; daß aber die Armen eigentlich die Reichen seien, denn das Reich Gottes sei ihrer, sofern sie nur den rechten Glauben hätten; daß es aber gerade an diesem rechten Glauben noch recht sehr fehle … woher denn auch die Unzufriedenheit mit den bestehenden Verhältnissen käme … und aus dieser Unzufriedenheit dann wieder solche Fragen, die schon anfingen, wie er sähe, die jungen Gemüter zu vergiften …; daß man aber nicht fragen solle, sondern sich demütig in den höheren Willen schicken, der hier auf Erden Prüfungen auferlege, um dereinst mit himmlischer Seligkeit zu belohnen, und der am Ende alles zum besten lenke …

Als der Redende aber die Augen des Knaben auf sich gerichtet sah, in denen deutlich stand, daß ihm nicht geglaubt wurde, wurde der Ton plötzlich ein anderer und auf einmal ein merkwürdig scharfer. Jetzt sprach er von dem bösen Geist der Zeit, dem aufrührerischen, der seine Krallen bereits nach so jungen Seelen strecke und die zarten vergifte, und er schloß mit der ernsten Ermahnung, doch abzulassen von solchen Gedanken, für die er noch nicht reif genug sei und die einem Sohn aus gutem Hause und dem Sohn eines solchen Vaters doch eigentlich fremd sein müßten …

Während dieser ganzen Rede hatte der Knabe nur das eine Gefühl, daß dieser Mann dort vor ihm log. Log, um keine Antwort geben zu müssen. – Wollte er keine geben oder konnte er keine geben? Der Knabe wußte es nicht, aber was er jetzt wußte, das war, daß diese Menschen selbst dann nicht antworteten, wenn sie es ausdrücklich vorher versprochen hatten, und er beschloß, keinen von ihnen mehr zu fragen.

– Dieser Mann war einfach ein Wortbrüchiger und ein Lügner. Kein Wort, das er sprach, würde er ihm mehr glauben. Von einem Gott aber, an den man glauben sollte, ohne ihn zu sehen und zu begreifen, hatte er genug, und wenn es ihn je gelüsten sollte, wieder nach ihm zu fragen, würde er die Antwort sicher nicht bei denen suchen, die »Ihn und Sein Wort« lehrten, wie sie sagten, und die sich »Seine auserwählten Diener« nannten.

Kind, das er war, wußte er noch nicht, daß es nicht leicht etwas auf der Welt gab: unduldsamer, fanatischer und engherziger als ein evangelischer Geistlicher.

Seit diesem Besuch verlor er auch das letzte Interesse an diesem Religionsunterricht. Daß ihnen, die allesamt nichts oder nicht genug gelernt hatten, in einer letzten Stunde, die fast wie eine Generalprobe aussah, gesagt wurde, welche Fragen dem einzelnen vorgelegt werden würden, und die Allerfaulsten und Dümmsten fast flehentlich gebeten wurden, sich doch wenigstens die Antworten auf diese Fragen einzutrichtern – das war auch eine Lüge, die dadurch nicht besser wurde, daß sie sich alle Jahre wiederholte; und als der Tag kam, an dem sie vor dem Altar standen, war das »Ja« des Knaben kaum mehr als ein Lippen-Bewegen, das ebensogut auch »Nein« bedeuten konnte, und für ihn – und wie Ernst Förster an dem Blick des Geistlichen sah, auch noch für einen anderen – auch »Nein« bedeutete.

Wie sie zusammengekommen, gingen sie auseinander, diese Knaben: die einen hinaus in das Leben, das für sie gleichbedeutend mit Arbeit war; die anderen einstweilen noch zurück auf ihre Marterbänke.

Aus dem Kinde war ein Mensch geworden; aus dem Kinde ein Knabe.

Noch kein »voller Mensch«, denn er wurde noch nicht »für ernst« genommen, weil er nicht selbstverantwortlich, noch nicht »mündig« war.

Aber er verlangte doch schon, mitgezählt zu werden – als einer unter vielen.

Er ging in sein sechzehntes Jahr, war eingesegnet, hatte die kurzen Hosen aus- und die langen angezogen und beanspruchte mit »Sie« angeredet zu werden.

Er hatte seine erste eigene Wahl in bezug auf die Menschen getroffen: sich seine ersten Freunde gewählt und erworben und sich seine ersten Feinde gemacht; hatte seine ersten kleinen Kämpfe ausgefochten; und die ersten Blicke hinter den Vorhang getan, der ihn noch von der Bühne schied, auf der das Spiel des Lebens, das große, geheimnisvolle, vor sich ging.

Er stand da und wartete, zugelassen zu werden … – Es wurde ihm eröffnet, daß er auf die Schule einer anderen Stadt kommen solle, da er hier offenbar nicht gut mitkäme.

In Wirklichkeit wollte man ihn aus dem Hause haben, in das er nicht paßte.

Er war weder ein guter, noch ein schlechter Schüler, und zu Hause fügte er sich längst in alles. Aber man fand, daß ihm das »notwendige Gefühl der Zusammengehörigkeit« fehle. Obwohl er nie mehr fragte und widersprach und eigentlich keinem im Wege war, sahen diese jungen Augen, hörten diese Ohren doch zu viel, und seine bloße Gegenwart wurde schon als unbequem empfunden.

Ernst begrüßte den Entschluß mit innerem Jubel. Denn in einem hatten sie recht: das Gefühl der Zusammengehörigkeit fehlte ihm.

Nun ging es hinaus in die Freiheit!

Freiheit – unter allen Worten der Sprache klang keines so süß an sein Ohr, erschien ihm keines so schön wie dieses! …

Wir haben frei! – hieß es, wenn ihnen eine dieser drückenden Stunden geschenkt wurde und sie hinaus durften. Ferien … im Klange so gleiches Wort: Inbegriff aller Freude und Seligkeit – frei sein vom Zwange der Schule, ihren Pflichten und Lasten, auf Tage, auf Wochen!

Frei sein! – Frei war er, wenn er an seinen »freien« Nachmittagen hinaus durfte zu seinem alten Freunde im Walde, um dort ungebunden umherzuschweifen; wenn er allein in seinem kleinen Zimmer saß, befreit von denen dort unten, sicher, daß niemand mehr kam; wenn er seine Arbeiten gemacht, die verhaßten, und sich zu den Büchern wenden durfte, die er in freier Wahl gefunden und die er schon darum liebte …

Freiheit – es war nur ein Hauch, der ihn erst leise berührte. Aber diese Berührung war lind, wie es die seiner Mutter gewesen, die sie – und mit so seltsam verschiedener Betonung – eine »freie Frau« nannten, und die ihm gerade darum immer so groß erschienen war …

Freiheit – der Knabe hätte nicht zu sagen gewußt, was sie war, aber er sehnte sich nach ihr, wie er sich nach der Liebkosung seiner toten Mutter sehnte.

Aus dem Kinde war ein Knabe geworden, der am Anfang seines Weges ins Leben stand.

Er betrat den langen Weg, den alle Menschen gehen, die nicht früh sterben oder die ihr Leben nicht gedankenlos herunterleben, sondern die eine innere Notwendigkeit zwingt, ihn bewußt gehen zu wollen: das Leben zu erkennen, das sie leben.

Der erste Zweifel hatte ihn ergriffen und ihm die erste, noch ungeschliffene Waffe in die noch ungeschulte Hand gelegt. Er mußte lernen, sie zu gebrauchen: sie zu schärfen an dem Stahl der Erfahrung.

Er hat den ersten Schritt auf diesem Wege der Erkenntnis getan, indem er die Menschen und Dinge nicht mehr so nimmt, wie sie sich ihm geben und zeigen, sondern indem er begonnen hat, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Er hat sein erstes, eigenes Urteil gefällt.

Seine kleinen, schwachen Fäuste pochen an die eherne, geschlossene Pforte des Lebens und begehren Einlaß.

Wie stark sie sind, diese ehernen Pforten! – und wie fest sie verschlossen scheinen! …

Er hat den ersten selbständigen Schritt auf dem Wege der Erkenntnis getan.

Der erste Zweifel hat sich in seine junge Seele gesenkt, und als erste Frucht ist ihm eine erste Erkenntnis entsprungen.

Es ist noch keine gefestigte Erkenntnis; es ist nur die Ahnung einer solchen, aber diese Ahnung läßt sich nicht mehr beschwichtigen.

Sie sagt ihm:

daß durch die Worte und die Handlungen der Menschen ein Riß geht, ein Zwiespalt, wie zwischen Wahrheit und Lüge; daß, was die Menschen sagen, nicht immer übereinstimmt mit dem, was sie tun; daß ihre Worte oft nur gesprochen wurden, um ihre Handlungen zu verbergen und zu verhüllen; daß sie nicht so waren, wie sie schienen und scheinen wollten; und daß man ihnen daher nicht in allem unbedingt trauen durfte.

Er sagte es sich nicht mit solchen Worten. Er hatte für sich selbst noch keine Worte für diese seine ersten Erkenntnisse. Aber er fühlte, daß es so war.

Der erste Zweifel hatte sich des Knaben bemächtigt und ließ ihn nicht mehr los.

Wie ein Funke schlug er zuweilen aus diesen Augen, die so grade und offen in andere Augen und in die Welt blickten – wie ein Funke, der die künftige Flamme verhieß.

Drittes Kapitel

Der Jüngling

Es war eine enge und niedrige Eingangspforte zu der großen und weiten Welt seines späteren Lebens, durch die der Knabe mußte, diese kleine Stadt mit ihren paar tausend Einwohnern, in ihrer trostlosen Öde und stickigen Luft.

Er kam zu einer großen Familie in Pension, erhielt sein eigenes Zimmer und war, außer in seinen Schul- und Arbeitsstunden, sein eigener Herr, der tun und lassen durfte, was er wollte; und hingehen konnte, wohin er wollte. Nur daß jedes Tun und Lassen hier natürlich unter die Augen und damit die Kritik aller anderen gestellt war, und man nirgends vor diesen Augen sicher war.

Das kümmerte den Knaben aber wenig; wenn er allein sein wollte, blieb er auf seinem Zimmer bei seinen Büchern, oder er ging weit hinaus in die Wälder.

Er war zufrieden.

Nur allein sein – Stunden haben, in denen er es mit sich sein konnte!

Und wieder begannen graue und eintönige Jahre, auf die die Schule ihren Staub legte, und schnell vergingen sie in ihren sich ewig gleichenden Tagen.

Selbst die Ferien führten ihn selten mehr in das väterliche Haus zurück. Er verbrachte sie bald so, bald so: einmal auf einer Fußreise, die er mit zusammengespartem Taschengelde unternahm (angeblich allein, in Wirklichkeit mit seinem Freunde, mit dem er sich heimlich traf); ein anderes Mal blieb er hier, in der kleinen Stadt, und die Tage wurden ihm nicht lang über seinen Sammlungen und seinen Liebhabereien; und ein drittes Mal durfte er in dem Hause seines Vaters zurückbleiben, während die ganze Familie verreist war. Da verbrachte er natürlich ganze Tage bei seinen Freunden, den Förstersleuten.

Auch die Ferien vergingen – leider – schnell.

Die neuen Mitschüler Ernst Försters setzten sich aus den verschiedensten Elementen zusammen: neben den Söhnen reichgewordener Bauern aus der Umgegend, die ihren Stolz dann suchten, ihre dickschädeligen Söhne studieren zu lassen, saßen die verzweifelter Eltern, hierher geschickt, weil sie auf der heimischen Schule nicht fortkamen, und es war eine Gesellschaft, so bunt, wie die frühere geschlossen gewesen war, aber darum gerade für den Neuangekommenen von doppeltem Interesse.

Auch die Lehrer kamen von überallher und wenigstens zwei von ihnen waren für ihn ganz neue Erscheinungen.

Der eine, der der neueren Sprachen, war das unerschöpfliche Gesprächsthema der ganzen Stadt. Hager und elegant, mit scharfgeschnittenen und müden Gesichtszügen, mochten ihn gottweißwelche Schicksale hierher verschlagen haben. Er lebte völlig für sich, in einer sagenhaften Wohnung, in der es unter anderen ein mit orientalischen Waffen und Teppichen ausgestattetes Zimmer von unerhörter Pracht geben sollte (das indessen noch nie ein fremder Fuß betreten). Jeden Sonnabend nach Schulschluß reiste er in die nächste größere Stadt, wo er bis zum Montag blieb und wo er, wie man sich schaudernd erzählte, eine Geliebte haben sollte. Eines Tages kam er nicht mehr zurück. Er hatte sich bei eben dieser Geliebten erschossen. Auf Ernst machte dieses unerhörte Ereignis, von dem man sich hier noch nach Jahren nicht erholte, einen um so größeren Eindruck, als er nur wenige Tage vorher von eben diesem Lehrer ganz gegen dessen Gewohnheit bei einer zufälligen Begegnung angeredet und in ein Gespräch gezogen war, an dessen Schluß er zu ihm mit einem Druck der wohlgepflegten Hand und einem seltsamen Lächeln gesagt hatte: »Adieu, Förster, machen Sie es besser als ich!« – eine Begegnung, die dieser nie vergaß und von der er zu keinem sprach.

Das gerade Gegenteil zu diesem war ein anderer Lehrer. Jung, froh und unbekümmert, machte er nicht das geringste Hehl daraus, daß er nur das eine Ziel verfolgte, so schnell, wie irgend möglich, aus »diesem Drecknest« wieder fortzukommen, wozu er, wie er sagte, einzig und allein Geld brauchte. Dieses Geld suchte er sich durch Mitarbeiterschaft jeder Art an allen möglichen Zeitungen zusammenzuverdienen. Der einzige, der sich mit den Schülern auch außerhalb der Schule abgab und sie auf seinen naturwissenschaftlichen Streifereien zuweilen mitnahm, schien er für Ernst eine besondere Vorliebe zu haben, behandelte ihn ganz wie einen Erwachsenen und sprach mit ihm offen und immer wieder von seinen Zukunftsplänen. »Das kannst du auch«, sagte er eines Tages, als sie von diesen Plänen sprachen, »jeder kann es, der nicht auf den Kopf gefallen ist. Schreibe einfach, klar und sachlich …« Er besprach mit ihm ein Thema über das Leben eines bestimmten Tieres in der freien Natur; sagte ihm, wo er die Quellen für die Tatsachen zu suchen habe; sah die Arbeit, bei der manche Erinnerungen an den alten Freund im Walde zu Hilfe gekommen waren, durch; verbesserte Stil und Ausdruck, und eines Tages sah sich Ernst zum ersten Male gedruckt und hielt, sehr stolz und glücklich, sein erstes, selbstverdientes Goldstück in der Hand, ohne noch zu ahnen, von welcher Bedeutung dieser mehr scherzhaft gemeinte Versuch für sein ganzes späteres Leben werden sollte.

Er war auch hier weder ein guter, noch ein schlechter Schüler. Er tat das nötigste und entzog sich im übrigen den Anforderungen, so gut oder so schlecht es ging. Körperlich schadeten sie ihm nicht, denn er setzte ihnen die Übungen seines Körpers entgegen: er war ein leidenschaftlicher Schwimmer und Schlittschuhläufer, ein fast unermüdlicher Fußgänger und der beste Turner der Klasse an Reck und Barren. Dagegen haßte er das Exerzieren, das Marschieren in Reih und Glied. Es erschien ihm nicht nur lächerlich, sondern entwürdigend – das gerade Gegenteil zum freien Turnen.

Er lernte und lernte. Aber Freude hatte er auch hier nicht am Lernen, und allmählich begann er, die ganze Schule zu hassen. Er haßte sie nicht, weil er in ihr lernen sollte, sondern weil er Dinge lernen sollte, von denen er nicht begriff, welchen Zweck es hätte, sie zu wissen: tote Zahlen, starre Regeln, fremde Namen …

Er war nicht träge.

– Er war im Gegenteil fast immer beschäftigt – mit tausend Dingen, seinen Dingen, solchen, die ihm Freude machten.

Er wollte gerne lernen.

– Aber er wollte lernen, um zu wissen, nicht lernen, um zu lernen; und er wollte wissen, um erkennen zu können. Er mußte fühlen, daß ihm nützte, was er lernte. Hatte er dies Gefühl nicht, so sträubte sich seine Natur gegen die Aufnahme des Stoffes.

Er haßte die Schule, weil sie ihm ein Raub an seiner Zeit erschien: weil sie ihn zwang, zu lernen, was er nicht wollte, und ihn hinderte, zu lernen, was er lernen wollte; weil sie ihm nicht gab, sondern nahm.

Was das Gehirn jedes Erwachsenen als unerträglich von sich abgeschüttelt hätte, ertrug die Jugend; ertrug es, weil ihre Widerstandskraft noch so völlig ungebrochen war; weil diese Kraft sich im Überschwang ihrer Fülle so schnell und leicht noch ersetzte; und vor allem, weil ihr der holde Leichtsinn dieser Jahre zu Hilfe kam – das schnelle Vergessen der einen Stunde voll Qual über einem nächsten Augenblick kindlicher Lust.

Aber es wäre falsch gewesen zu glauben, daß sie nicht litt. Einige dieser jungen Menschen wenigstens litten unter der Angst dieser Stunden, einige wenigstens unter diesem ständigen Kampfe mit den Lehrern, dieser gegenseitigen Belauerung, unter dieser trüben Atmosphäre von Unaufrichtigkeit und Lüge.

Einer erschoß sich; und das war gerade der Feinste gewesen, wie es Ernst schien, der seinem Geigenspiel oft bewundernd zugehört.

Bei allen aber fand dieses System seine furchtbarste Verurteilung in dem Wunsche: »Wären wir doch erst groß!« – dieser bedenkenlosen Hingabe ihrer schönsten Jahre an eine, wie sie glaubten, bessere Zukunft.

Der Heranwachsende lernte und lernte, und fühlte, wie er immer dümmer wurde.

Man sagte ihnen zwar, daß sie nicht für die Schule, sondern für das Leben lernten, aber das Umgekehrte schien ihm hier das Richtige zu sein: sie lernten, um ihre Examina zu bestehen; und die Lehrer lehrten, um sie in den Prüfungen durchzubringen. War dies Ziel erreicht, so war alles andere gleichgültig, und sie mochten sehen, wie sie mit dem Leben, für das sie gelernt hatten, fertig wurden.

Besonders fiel ihm hier auch auf, wie verschieden seine Mitschüler waren. Da waren welche mit Gedächtnissen wie Schwämme, die alles in sich sogen und auf jeden Druck wieder von sich gaben – das waren die besten Schüler und die belobtesten, aber nach seiner Meinung oft grade die unfähigsten; da waren andere, die lernten und lernten, bis sie wußten, was ihnen aufgegeben war, aber im Augenblick, wo sie dann wissen sollten, was sie gelernt, wußten sie es nicht – das waren die schlechten, die bestraft wurden, weil sie »nichts gelernt hatten«; und da waren endlich die, denen alles gleichgültig war, und die überall durchkamen, auch wenn sie nichts gelernt hatten.

Er sah, wie verschieden sie alle waren, und begann zu begreifen, daß in Gehirnen, die nicht dachten, natürlich mehr Platz sein mußte für diese Dinge, als in denen, wo das Denken diesen Dingen den ihnen zukommenden, untergeordneten Platz anwies. Hier aber wurde nicht das beste Gehirn, sondern das beste Gedächtnis gewertet. Ja mehr: das Denken, das eigene Denken, wurde als unliebsam und hinderlich empfunden, und oft genug wurde ihnen gesagt, sie hätten nicht zu denken … Warum? –

Er wußte noch nicht, was die Schule war und woher sie ihre Macht nahm. Er wußte nur, daß sie ihn zu hindern suchte, zu denken. Es sollte noch lange dauern, ehe er begriff, daß auch sie nur der erste Ring war in einer eisernen Kette, die eine Macht, von deren Wesen er noch nichts ahnte, um sie alle schmiedete.

Er hatte auch hier manchen Freund, und mancher unter seinen neuen Mitschülern drängte sich, es zu werden. Aber auch hier schloß er sich nur einem an. Sie sprachen und lasen viel zusammen; stritten sich über die Fragen, die sie bewegten und vertrauten sich ganz, aber so, wie es zwischen ihm und seinem ersten Freunde gewesen war, wurde es doch nie zwischen ihnen, und im Grunde blieb der Heranwachsende allein mit sich und seinen ersten Gedanken.

Mehr und mehr flüchtete er sich zu den Freunden, die ihm die besten unter allen wurden – seinen Büchern. Er hatte immer schon viel gelesen; nun las er und las, was ihm unter die Hände kam.

Die Bücher wurden ihm die Schlüssel zu den verschlossenen Türen des Lebens mit seinen Geheimnissen und Rätseln; die Fackeln in eine sonst undurchdringlich dunkle Nacht. Noch war seine Ehrfurcht vor ihnen unbegrenzt. Ein Buch zu schreiben, erschien ihm als die höchste aller Aufgaben, die ein Mensch sich stellen konnte; und es in die Welt hinauszusenden, die größte aller Verantwortungen. Wer das tat und wagte, mußte sich einer solchen Verantwortung bewußt sein!

Es las und las.

Was die Besten der Menschen an Bestem geben konnten, hatten sie so gegeben. Er hielt es in der Hand, und niemand konnte ihn hindern, daß es sein wurde …

Das schien ihm ein Glück, keinem anderen vergleichbar!

So verging Jahr um Jahr, ein erstes, und auf ein zweites folgte ein drittes, und sie glichen sich in ihrer grauen Eintönigkeit, in die nur die ersehnten Ferien Abwechslung brachten.

Jetzt trennte ihn nur ein Jahr noch von der Stunde der Befreiung.

Da machte ein unvorhergesehenes Ereignis aller Qual ein Ende.

Er liebte wenig Menschen hier, aber einen Menschen haßte er, und dieser Mensch war der Direktor der Schule.

Von eiserner Strenge, auch gegen sich selbst, Herr der Schule und damit dieser, von ihr abhängigen, kleinen Stadt, hielt er alle und alles in einem fortwährendem Banne starrer Furcht und scheuchte auf weithin jedes Lachen und jedes Gefühl von Lebensfreude aus seiner Nähe.

Ernst haßte ihn – den Blick seiner kalten Augen, seine gemessenen, automatenhaften Bewegungen, sein ganzes Wesen.

Seine Mitschüler erbebten mit ihm, als sie hörten, daß sie ihn zum Hauptlehrer in diesem letzten Jahre haben sollten; und die Angst wurde zur Empörung, als es kaum begonnen.

Eines Sonntagnachmittags, als sich die älteren Schüler in dem Wirtshaus eines benachbarten Dorfes, wie öfters, zusammengefunden, kam diese Empörung zum Ausbruch. Lautes Reden ging hin und her, und alle waren einig, daß etwas geschehen müsse. Sie wußten nur nicht: was?

Nur Ernst saß schweigsam, sah in die erregten Gesichter um sich und dachte, wie dumpf und stumpf sie sich die Woche über in alles ergaben.

Endlich sagte er:

»Warum laßt ihr es euch denn gefallen?«

Sie stutzten. Dann gab einer zurück:

»Warum läßt du es dir gefallen?«

»Weil ich allein nichts tun kann. Alle müssen zusammenstehen.«

»Aber einer muß es ihm sagen …«

Wer sollte es sein?

Die Rede ging weiter. Keiner wollte es sein. Einer nannte den anderen.

Da sagte Ernst von neuem:

»Ich sehe, daß keiner von euch es will. Darum will ich es tun. Aber unter einer Bedingung: ihr müßt alle mit mir aufstehen und stehenbleiben, solange ich spreche …«

Jubel brach aus. Sie drängten sich um ihn, und von allen Lippen klang es: »Ja, ich will!« – »Ich stehe auf!« – »Ich auch!« – »Und ich!« – und ein Taumel ergriff sie, der auch die Ängstlichen fortriß.

»Ehrenwort?« –»Ehrenwort!« – –Und sie legten alle ihre Hand in die seine.

Es wurde eine richtige Verschwörung, mit Treuschwur und Fahneneid, und die Wogen der Begeisterung gingen hoch an diesem Nachmittag.

Nur der, der sie entfacht, blieb still, wie vorher. Aber er glaubte ihnen.

Er wußte, daß das, was er tun wollte – und er würde es tun, auch das wußte er – eine Entscheidung für ihn werden mußte, so oder so, und daß seines Bleibens hierfür ihn vielleicht nicht mehr lange war.

So traf er seine Vorbereitungen. Er packte, was er nicht mit sich nehmen konnte, von seinen Büchern und Sammlungen zusammen; legte bereit, was er als nächstes brauchte. Es war schnell geschehen.

– Dann ging er an einem der nächsten Abende noch einmal seinen alten Lieblingsweg über die Höhen, zu deren Füßen die kleine Stadt mit ihren Häusern lag, über allen das graue Gefängnis der Schule.

Er dachte nicht mehr darüber nach, was er sagen wollte. Er kannte die Worte, jedes einzelne.

Er dachte nur an den großen Augenblick, in welchem sie alle – alle wie ein Mann! – aufstehen würden mit ihm, und wie es dann anders werden würde, und besser. Vielleicht nicht für ihn, denn auf ihn würde der erste Zorn fallen.

Aber er hatte keine Furcht.

Recht zu tun und niemanden zu scheuen – so lehrten sie es ja! –Er wollte die Lehre befolgen.

Er wollte das Rechte tun und keine Furcht vor Menschen kennen, auch keine vor diesem schrecklichsten aller Menschen, die er kannte.

Seine junge Brust hob sich und seine Augen leuchteten. Er sehnte die Stunde herbei.

Aber nicht die erste beste sollte es sein, sondern er wollte die rechte wählen und den rechten Augenblick. So war es auch beschlossen.

Er wollte das Rechte tun, das war es; und er fühlte, daß es das Rechte war, was er tun wollte.

Er kam spät zurück an diesem Abend in sein Zimmer.

Die dritte Stunde des Nachmittags hing schwer über der Klasse.

Vier Morgenstunden, ein hastig heruntergeschlungenes Mahl, um sich noch auf die gefürchtete vorbereiten zu können – auch die schmiegsamsten Gehirne wurden schlaff. Kerzengrade saßen die Schüler da. Wehe dem, der sich gerührt hätte! – Selbst das Umschlagen der Blätter in den Büchern geschah lautlos.

Es war so still, daß man das Atmen hörte: das angstvolle vor dem Aufruf; das erleichterte, wenn er vorbei war.

Kalt und scharf fielen die Worte von den schmalen Lippen des Mannes dort oben, streng blickten die Augen hinter der Brille. Nur selten fiel ein zustimmendes, fast nie ein anerkennendes Wort, und auch dann klang es immer wie widerstrebend. Homer … Aber nicht die Schönheiten einer ewigen Dichtung durchrauschten das Zimmer; hier fielen nur Worte und wieder Worte, und unverstanden blieben die meisten in Sinn und Zusammenhang.

Die Reihe war an einem Schüler, den der Direktor aus irgendeinem Grunde nicht leiden konnte. Warum, wußte eigentlich keiner. Er war langsam und schwerfällig, aber unendlich fleißig, und sicher tat er, was er konnte. Aber wie der Führer eines überladenen Wagens antreibt, nicht mit Flüchen, sondern mit aufeinandergebissenen Zähnen und stumm vor Wut, so fielen die Worte des Lehrers auch heute wieder auf den vor ihm Stehenden, der, zitternd vor Angst, sich mehr und mehr verwirrte … Wie Schläge fielen sie, wie Schläge, und immer auf dieselbe Stelle … Die Angst des Gepeinigten schien sich der ganzen Klasse mitzuteilen: fester umschlossen die Hände die Bücher und tiefer beugten sich die Stirnen über sie.

Da stand Ernst Förster plötzlich auf. Grade stand er da und aufrecht. Seine Augen gingen über die Klasse, wie wartend; dann suchten sie den Direktor.

Der sah auf.

»Was wollen Sie, Förster?« fragte er erstaunt. Und, als er keine Antwort erhielt, nochmals und ungeduldig:

»Was wollen Sie? – Geben Sie Antwort, wenn ich Sie frage!«

Aber abermals blieb er ohne Antwort. Wieder gingen die Blicke des jungen Ernst Förster über die Klasse, zweifelnd und fragend, fast entsetzt; begegneten keinem, außer den scheuen seines Freundes; blieben für einen Augenblick an ihnen haften, bis sie sich wieder dem Direktor zuwandten –so voll unverkennbaren Hasses jetzt, daß dieser begriff.

Auch er stand auf. Er war erblaßt.

»Setzen Sie sich!« sagte er fast leise.

Aber der Schüler blieb stehen.

Er wollte sprechen und konnte es nicht. Er suchte die Worte, die er kannte, und fand keines.

Er vermochte nur eines zu denken: Sie sind nicht aufgestanden! –Keiner ist mit dir aufgestanden! …

»Setzen Sie sich, Förster!« sagte der Lehrer noch einmal, und diesmal klang seine Stimme heiser.

Dann, als er sah, daß seinem Befehl auch jetzt keine Folge geleistet wurde, schien es, als wolle er vorstürzen.

»Das ist Widersetzlichkeit!« – Er schrie es fast.

Da löste sich das erste Wort von den Lippen des jungen Menschen dort vor ihm, wie erstickt, aber deutlich vernehmbar:

»Ja!«

Jetzt atmete niemand mehr in der ganzen Klasse.

Aber mit einer Stimme, wie sie selbst die ältesten noch nicht gehört, sagte der Direktor:

»Förster, nehmen Sie augenblicklich ihre Bücher und verlassen Sie das Schulzimmer. Das Weitere wird sich finden.«

Da raffte der, dem diese Worte galten, seine Bücher zusammen und ging langsam und hochaufgerichtet durch die Bänke mit den gebückten Rücken, die sich zwischen sie zu verkriechen schienen, und hinaus zur Tür.

– Noch viele Jahre nachher, wenn er an die Stunde zurückdachte, schien es ihm, als habe er wenige Dinge in seinem Leben getan, zu denen mehr Mut gehörte; und so lächerlich das war, was er getan, im Vergleich zu seinen späteren Kämpfen, vermochte er niemals darüber zu lachen.

Am Abend stand er vor seinem Vater.

Der Präsident hielt bereits ein langes Telegramm in der Hand und schnitt jedes Wort durch eine Handbewegung ab.

»Ich weiß alles. Ich weiß, daß du dich benommen hast, wie – nun, wie ein Aufrührer. – Du gehst morgen zurück und bittest um Verzeihung!«

»Ich gehe nicht zurück!« erhielt er zur Antwort.

Aber da brach es los.

»Dann werde ich dich durch die Polizei zurückbringen lassen …«

»Und ich wieder fortgehen …«

Alles, was sich in dem kühlen, verschlossenen Manne an Groll und Haß gegen diesen Sohn, den er nicht verstand und der ihm fremd war, wie seine zweite Frau es ihm gewesen, alles, was gegen ihn und noch immer gegen sie, die Tote, in ihm lag, brach in dieser Abendstunde los, und mit nichts hielt er zurück.

Zuletzt sprach er von dem bösen und aufrührerischen Geist, dieser Pest der Zeit, der vor keiner göttlichen und menschlichen Autorität mehr haltmache, jenem Geist, den »er geerbt habe von ihr, von ihr, die – «

Ernst hatte ohne zu erwidern zugehört.

Jetzt sagte er: »Sprich nicht von meiner Mutter! Ich will es nicht!«

Und als der alte Haß immer neue Worte der Beschimpfung fand, nochmals und dicht vor ihm:

»Sprich nicht von meiner Mutter! Ich will es nicht!«

Da erhob der Präsident die geballte Faust gegen ihn. Aber als er in diese Augen sah, die ruhig seinem Blick begegneten und furchtlos den Schlag erwarteten, ließ er sie sinken und wandte sich ab.

»Tu, was du willst. Aber erwarte von mir nichts mehr. Ich sage mich los von dir. Sieh zu, wie du allein fertig wirst. Von mir erhältst du keinen Pfennig mehr. Geh!« Er hörte noch die Antwort:

»Ich verlange und erwarte nichts mehr von dir!«

Und sah dann nur, wie sein Sohn sich schweigend verneigte und ging.

»Du wirst schon wiederkommen, wenn der Hunger dich treibt«, rief er ihm noch nach.

Aber er irrte sich.

Auch dieser, sein Sohn, kehrte nie mehr in das Haus zurück.

Noch einen Abschied galt es zu nehmen.

Es war spät am Abend, als er bei seinen Freunden im Walde anlangte.

Er mußte erzählen und erzählen. Alles. Hier hörte er keine Klagen und Vorwürfe. Nur, daß sie ihn nun nicht mehr sehen sollten, machte die alten Leute traurig.

Beim Abschied zog ihn der Alte beiseite. So dürfe und könne er nicht gehen, ohne alle Mittel für die nächste Zeit. Ernst fühlte, daß es töricht gewesen wäre, das Anerbieten auszuschlagen, und nahm es an. (Nie ist eine Summe pünktlicher zurückgezahlt, als diese, die ihn nun vor den nächsten Wochen schützen sollte.)

Dann mußte es sein.

Er wußte, daß er die alten Leute nicht mehr wiedersehen würde, und er fühlte, daß diese Stunde die schwerste war von allen schweren dieses langen Tages.

Ein anderer Abschied war ihm erspart geblieben, der von dem Freunde, den er hier gefunden. Denn der war längst nicht mehr hier, sondern weit fort, in einer großen Stadt, wo er seine Lehrzeit hinter sich brachte.

– Durch die Nacht ging er zurück, zur Stadt und zum Bahnhof, und als ein neuer Tag begann, war er in einer neuen Stadt und unter neuen Menschen.

Aus dem Knaben war ein Jüngling geworden, groß und schlank, dem der erste Flaum auf der Lippe sproßte und der in seinem Körper die ganze, unverbrauchte Kraft der Jugend trug.

Ein voller Mensch, der, wenn er auch vor den Gesetzen der Menschen noch nicht mündig war, es doch vor sich selbst war; der sich selbst mündig gesprochen hatte.

Nur sich selbst war er jetzt noch verantwortlich.

– Ein anderer war der Jüngling, als der Knabe gewesen war.

Noch stand er wartend vor dem Tore des Lebens. Aber er hielt den Griff in der Hand, bereit, zu öffnen.

Fest hatte er seine Hand um ihn gelegt. Nichts würde ihn mehr zurückreißen können. Eines Tages würde er ihn niederdrücken, und dann mußte die Tür sich öffnen.

Freiheit – wieder und wieder klang ihm unter allen Worten der Sprache keines so süß wie dieses.

Was den Knaben wie ein Hauch erst berührt, war ein Klang geworden in seinen Ohren, der ihn nicht mehr ließ.

Freiheit – er wußte nicht, was sie war und wo sie war, aber der Klang ihres Namens lockte ihn mit mächtiger Gewalt.

Dort hinter den Bergen mußte sie wohnen. Nun wollte er ausziehen, um sie zu suchen, die ihn rief, süß und stark, wie eine geliebte Stimme, hinüber über die Berge, die ihn trennten von dem Leben, das jenseits dieser Berge lag …

Wie der Gläubige, der auszieht, seinen Gott zu suchen, und der den Sternen zu seinem Haupte folgt, daß sie ihm den Weg zeigen sollen, war er.

– Nur ein Klang erst wie von ferne. Aber er rief ihn. Wohin?

Hinaus in das Leben.

Sie hatte ihn gerufen, die Stimme.

Nun war er ihr gefolgt.

Eine Erkenntnis ging mit ihm.

Was das Kind, in unbewußtem Trieb zum Leben, gefühlt, instinktiv gefühlt, was der Knabe dunkel geahnt, wußte der Jüngling:

daß das Leben ein Kampf war, ein Kampf, in dem es galt zu siegen oder unterzugehen, sich zu behaupten oder sich zu verlieren, ein Kampf, der bald nach dem Eintritt in das Leben begann und erst mit dem Leben endete.

Ein Kampf – mit sich, mit dem Leben und mit den anderen, den Menschen; diesen Menschen, die nicht so waren, wie sie schienen, und die nicht alle ihm freundlich, sondern oft feindlich gegenüberstanden in diesem Kampfe.

Er hatte ferner erkannt, daß er in diesem Kampfe allein war und daß er ihn allein würde ausfechten müssen mit sich und den anderen. Aber auch: daß nicht der Mensch verlassen ist, der allein ist, sondern nur der, der nicht allein mit sich sein kann; und daß nur der verlassen ist, der sich selbst verläßt.

Sich selbst aber nie zu verlassen, was auch kommen möge, das schwor er sich zu! –

Mit dieser seiner ersten Erkenntnis zog er hinaus. Er hatte keine Furcht vor dem Kampfe. Er wollte ihn aufnehmen, und, wenn es möglich war, Sieger bleiben in ihm. Denn auch das hatte er erkannt, daß selbst der Schwache Waffen hat, mit denen er siegen kann, wenn er sie nur recht zu gebrauchen weiß.

In diesen grauen Augen stand es nicht mehr wie eine Frage, sondern wie eine Forderung an das Leben: Komm! – ich will mit dir ringen!

– Der Funke in ihnen, der die künftige Flamme verheißen, war zum Aufleuchten geworden.

Viertes Kapitel

Der Grübler

Im Morgengrauen langte er in der Universitätsstadt an, und am Abend legte er sich bereits in seinem neuen Zimmer – einem kleinen billigen Dachzimmer bei ruhigen Leuten, mit einem weiten Blick über Wiesen und Felder in das Flußtal – zu einem langen Schlaf.

Er hatte diese Universität gewählt, weil er gehört, daß sie für Studierende mit schmalem Wechsel besonders billig sei, dazu schön gelegen, im deutschen Mittelgebirge, und durchrauscht von den grünen Wässern eines Flusses. Auch war sie bekannt wegen der Freiheit ihrer Wissenschaft.

Er bereute seine Wahl nicht. Er sah bald, das es unmöglich war, billiger zu leben als hier.

Was die anderen lockte und was ihnen, gewissermaßen als Entschädigung für eine mißhandelte Jugend, geboten wurde: ein, zwei Jahre ungebundener Fröhlichkeit bei Gläserklang und Säbelklirren, daran durfte er natürlich nicht denken und hätte wohl auch nicht viel daran gedacht, wenn er es gedurft.

Er ließ sich als Hörer einschreiben, belegte auch die eine oder andere Vorlesung, wenn sie nichts kostete, machte erste Bekanntschaften und seine ersten Streifereien in die Umgegend und – ging an die Arbeit: den Kampf mit dem Tag.

Denn auf sie, seine Arbeit, allein war er jetzt angewiesen.

Er nahm sie emsig auf und hielt sich streng an die Ratschläge, mit denen er sein erstes Geld verdient. Der Anfang schien besonders schwer, und immer wieder erhielt er, oft ungelesen, seine Aufsätze zurück, und immer wieder mußte er neue Wege antreten, mit ihnen endlich irgendwo unterzukommen. Allmählich aber gelang es ihm doch, einige feste Verbindungen mit Zeitschriften anzuknüpfen, ja, sogar regelmäßige Aufträge zu erhalten, und langsam vergrößerte sich ihr Kreis, erhöhten sich die meist lächerlich geringen Honorare um etwas. Nach ein paar Monaten, in denen er unermüdet Blatt auf Blatt gehäuft, um sie am Abend zur Post zu tragen, durfte er sich sagen, daß sein Wagnis nicht allzukühn gewesen war und er imstande sein würde, sich einen bescheidenen Lebensunterhalt auf diese Weise zu sichern, und stolz und glücklich konnte er eines Tages sogar daran denken, seinem alten Freunde einen ersten Teil seiner Schuld abzutragen.

Er wußte, daß das, was er tat, nichts anderes war, als bescheidenste Handlangerarbeit im Dienste des Geistes. Nicht mehr, als das, wollte, nicht mehr durfte sie sein.

Aber er merkte, wie er bei ihr manches lernte, und endlich war sie immer noch besser, als sich und andere mit ersten unreifen Versuchen sogenannter Literatur zu verseuchen und sich mit schlechtbezahlten Nachhilfestunden oder in einer untergeordneten Abhängigkeitsstellung durchzuquälen und um Stipendien und Freitische zu betteln. Denn das hätte er nicht gekonnt.

Er arbeitete mehr, als er sonst wohl hätte zu arbeiten brauchen. Aber er war doch wenigstens sein eigener Herr.

Er sah nicht zurück. Er hatte keine Zeit dazu. Das alles lag bereits so fern …

Seine Sachen waren ihm gesandt. Zugleich schrieb der, den er dort seinen Freund genannt; er suchte sein Verhalten zu entschuldigen und erzählte, wie man noch immer von seiner, Försters, »Tat« spreche (nach der sich manches geändert habe, sogar der Direktor) …

Er erhielt keine Antwort. Auch das war einer von denen gewesen, die – – aber nein, Ernst wollte nicht mehr daran denken. Etwas in ihm war zerbrochen, was nie wieder heilen, ein Glaube vernichtet worden, der nicht mehr wiederkehren würde.

In jener Stunde hatte sich in seine junge Seele der erste Keim zu der großen und unausrottbaren Verachtung gelegt, die ihn sein ganzes Leben lang erfüllen sollte gegen alles, was Masse hieß. – ihre Instinkte und ihre Macht, ihren Wankelmut und ihre Ohnmacht; und mit ihr hatte sie den Glauben in ihm geboren, der der Glaube seines Lebens werden sollte: der Glaube an die Kraft und die Macht des Einzelnen, an seine Herrlichkeit und seine Unbesiegbarkeit; den Glauben an – sich!

Denn er, er war in dieser Stunde der Sieger gewesen und die anderen die Unterlegenen! –

– Von seinem Vater hörte er nichts mehr. Der hatte ihn nicht durch die Polizei holen lassen, einfach deshalb nicht, weil er den Skandal scheute, der seiner Stellung schaden konnte. Er hatte ihn gehen lassen und seine Hand von ihm gezogen, und Ernst sagte sich weiter, daß er im Rechte war. Bisher hatte er ihn unterhalten und dafür Gehorsam und Unterwerfung verlangt; nun ihm beide verweigert wurden, fiel seine Verpflichtung dazu fort – er war im Recht.

Aber auch er, Ernst, war im Recht. Sein Vater hatte seine Mutter beschimpft und die Hand gegen ihn erhoben. Er hatte keine Verpflichtungen mehr gegen ihn. Auch er war im Recht, in seinem Recht …

Vielleicht fiel in die andere Stunde, in der er sich dieses sagte, der erste Strahl jener weiteren Erkenntnis, deren Licht sein ganzes ferneres Leben durchleuchten sollte: daß es zwischen den Menschen keine anderen Rechte und keine anderen Pflichten gibt, als die, welche sie freiwillig eingehen. Aber bis er es sich so sagte, war noch lange hin … Nur aus dem Grunde seiner grübelnden Gedanken herauf dämmerte es wie eine Ahnung der Macht, die in Wahrheit allein die Menschen bindet und trennt.

– Er sah nicht zurück.

Er war jenseits der Berge. Was durfte ihm noch sein, was dort hinter ihnen lag!

Was war es ihm noch? –

Er mußte frei werden von dem allem.

So dunkel die Zukunft und so schwer jeder Tag, jeder nächste vor ihm lag, es war doch ein Aufatmen, als er sah, daß er es würde zwingen können.

Er kämpfte mutig gegen sich an: nicht nur gegen die Gedanken, die ihn zurückziehen wollten, sondern auch gegen die, welche ihn hineinlocken wollten in eine unbekannte Ferne. Er hatte sie fest und stetig auf die Arbeit des Tages zu lenken, und nur, was zwischen ihr und der des kommenden lag, gehörte ihm. Da ließ er sie wandern, und tastend und zögernd gingen sie Fragen nach, die ihn nicht ließen und die ihn quälten, und die sich ihm doch nicht zeigen wollten in ihrer wahren Gestalt, – die sich ihm noch nicht stellen wollten, sondern die vor ihm hergingen, wie unklare Klagen der Sehnsucht und wie törichte Wünsche.

Aber der Tag würde kommen, wo er sie zwingen und formen würde; wo er ihren Fragen Antwort stehen wollte, wie hinwiederum auch sie ihm Rede stehen sollten.

Er sah nicht zurück. Aber eine Bilanz mußte er noch ziehen: dessen, was man ihn gelehrt und was er nun wußte.

Sie war nicht ermutigend.

Er hatte viel gelernt, aber er wußte eigentlich wenig. Er hatte den Kopf voll Geschichtszahlen: wann Herrscher regiert hatten und Schlachten geschlagen waren. Aber von der Entwickelung der Völker und ihrem geschichtlichen Zusammenhang, dem, was man sonst (nur dort auf der Schule nicht) Kulturgeschichte nannte, hatte er keine Ahnung.

Er konnte die großen und die kleinen Propheten des Alten und Neuen Testaments noch immer hersagen, wußte, wo Bibelstellen standen und wann Päpste auf Petri Stuhl gesessen, aber das ewige Gottsuchen der Menschen und Völker war ihm ein Geheimnis, und von allen Religionen der Erde war er nur in eine, als in die allein seligmachende, eingeführt worden.

Er kannte die Staatsformen der alten Griechen und Römer, hätte von Oligarchie und Archonten zu reden gewußt, aber von der Verfassung seines eigenen Landes, von den Rechten und Pflichten seiner Bürger hatte er nie auch nur ein Wort gehört. Schwach waren alle seine Grundlagen in den auf der Schule als ganz nebensächlich behandelten angewandten Wissenschaften, und diese Grundlagen wären noch schwächer gewesen, hätte hier der Lehrer sie nicht eigenmächtig über die Grenzen des Lehrplans hinaus erweitert und seinen Schülern auf diese Weise einige Kenntnisse in Naturkunde, Physik und Chemie beigebracht, wofür einer wenigstens ihm noch heute nicht dankbar genug sein konnte, denn sie kamen ihm jeden Tag bei seiner Arbeit zugute.

Sprachen: die Jungens hatten Lateinisch und Griechisch gelernt, wie es (oder wie es auch nicht) vor zweitausend Jahren gesprochen wurde, und waren »klassisch gebildet« worden. Aber was nützte ihm das? – Tote Sprachen; tot, denn in ihren Geist waren sie nicht eingedrungen. Wie wäre das auch möglich gewesen, wo es auch hier auf das Auswendiglernen von Vokabeln und Regeln der Grammatik allein ankam!

Aber über den toten Sprachen waren die lebenden vernachlässigt worden, und über die ersten Anfangsgründe in der englischen und französischen war man nicht hinausgekommen, und nicht einen Satz hätte auch nur einer von ihnen richtig sprechen können im lebendigen Verkehr mit den Angehörigen beider Nationen.

Und von Kunst gar, von Kunst war auf der Schule nie die Rede gewesen, und daß das Wort Schönheit auch nur einmal gefallen wäre, war ihm nicht erinnerlich. Schönheit – auf der Schule? – welches Gelächter sich wohl erhoben hätte auf allen Seiten bei dieser Forderung! –

Und das war alles. Es war viel, unendlich viel des Lernens gewesen, und war im Grunde doch nichts! –

Sie war traurig, diese Bilanz. Er ballte die Hand zur Faust – nicht einmal das hatten sie ihm gegeben, diese Zerstörer und Verderber seiner Jugend: die sicheren Grundlagen in der Beherrschung der elementaren Kenntnisse von Leben und Wissen! – Nicht einmal das! –

Besser wäre es gewesen, er hätte gar nichts gelernt, als diesen Wust von unbrauchbaren und unverdaulichen Dingen, die jeder, wenn sie gebraucht wurden, in jedem nächsten Buche finden konnte. Dann wäre sein Kopf wenigstens frei gewesen.

Jetzt galt es zunächst, zu vergessen und dann selbst die Lücken auszufüllen, so gut es ging. Das Vergessen würde ihm wohl gelingen, denn es war leichter, als Lernen; bei der Schaffung der neuen Grundlagen aber mußten die Vorarbeiten helfen, die er gezwungen war, täglich für seine Brotarbeit zu machen.

Sein Geist war vernachlässigt; sein Körper wäre es auch gewesen, wenn er ihn nicht selbst in Zucht genommen hätte.

– Das war seine Bilanz. Und dafür die zerquälten Jahre seiner Jugend!

Seine Faust fiel schwer auf den Tisch.

Er kam hierhier, in diese Universitätsstadt, in dem unklaren Empfinden, sich hier weiterbilden zu können. Aber bald sah er ein, daß er eigentlich hier nichts zu suchen hatte und daß er ebensogut in irgendeine andere Stadt hätte gehen können.

Die anderen Studenten waren hier, um nach einigen Jahren gnädigst bewilligter Freiheit (in denen sie vergessen sollten, was sie auf der Schule gelernt) von neuem zu lernen, was sie für ihren späteren Beruf brauchten –sie studierten hier auf ihren Beruf hin.

Für ihn gab es keine Frage der Berufswahl. Er war vor dem Examen fortgegangen; so waren ihm die meisten Berufe von vornherein verschlossen.

Aber auch wenn alle ihm offen gestanden hätten, schwerlich hätte er zu sagen gewußt, zu welchem es ihn zog. Ohne noch zu ahnen, wie absurd für einen Menschen, wie ihn, der Gedanke an einen staatlichen gewesen wäre, fühlte er und sagte er sich, daß er sich für keinen von ihnen eignete. Und die übrigen waren ihm ebenfalls durch die Umstände versagt. Blieb nur der eine, den er sich erwählt, und er nahm ihn wie etwas Unabänderliches …

Wenn er darüber nachdachte, schien es ihm zudem, als habe der Mensch noch einen anderen Beruf als den, welchen das Leben ihm aufnötigte: und zwar den, dieses Leben zu leben; sich zu sich selbst zu entwickeln; alle schlummernden Kräfte in sich zu wecken und zu tätiger Entfaltung zu bringen, in sich zu schürfen und zu suchen, um die verborgenen Schätze zu entdecken und ans Licht zu fördern; die Sinne zu öffnen für die Schönheit der Welt und den Reichtum des Seins; und alle seine Kräfte zu entfalten und sie an die Erkenntnis des Rechten und der Wahrheit zu setzen. Mit einem Wort, das eigene Leben so schön und so reich zu gestalten, wie nur möglich – es bis zum Rande zu füllen mit starker und reiner Freude in rastlosem Lernen und wahrem Erkennen. Ihm schien, das sei der eigentliche Beruf des Menschen und der, zu dem auch er in Wirklichkeit geboren war. Mehr und mehr erschienen ihm daher neben diesem wahren Beruf des Menschen alle anderen unwichtig.

Er wenigstens wollte diesen Beruf vor allem wählen, und der andere sollte ihm nur das Mittel zu diesem Zweck sein.

So befestigte sich in Ernst Förster der Gedanke, daß er auch hier, auf der Hochschule, nicht finden würde, was er suchte. Die Lehrer lehrten, und die Studenten lernten auch hier auf ein gegebenes Ziel hin. Es war nicht sein Ziel. Was sollte er also hier?

Auch hier schienen ihm Grenzen gesteckt zu sein, über die hinaus nicht gegangen wurde.

Sie unterschied sich ihm nicht genug von der Schule, diese Universität. Gewiß, man brauchte hier nicht zu lernen, wenn man nicht wollte; und man wurde nicht gefragt. Aber man fragte auch nicht. Fragen aber, fragen hätte er immer noch gern mögen. Er war voll von Fragen.

– Dennoch blieb er. Wohin sollte er sonst?

Daß er sich durch seine Arbeit würde erhalten können, davon überzeugte er sich täglich mehr. Aus der hastigen und gequälten, fast fieberhaften der ersten Zeit wurde eine stetige. So gönnte er denn seinem Körper immer mehr die nötige Erholung langer Gänge und seinem Geist die Auffrischung unter Gleichaltrigen, und in einem wissenschaftlichen Verein machte er unter diesen manche Bekanntschaft, aus der bei unähnlichen Schicksalen, aber gleichem Streben nach Erkenntnis die eine und andere Freundschaft erwuchs. In mancher frohen Stunde forderte jetzt seine Jugend ihr Recht und erhielt es.

Eine kleine Episode gab ihm Gelegenheit, sich seine erste selbständige Ansicht über den hier so hochgehaltenen Begriff der »Ehre« zu bilden und diese Ansicht für seine Person zu vertreten.

Einer der jungen Herren, die hier als Söhne wohlhabender und einflußreicher Väter eine laute Rolle spielten und bei Handwerkern und Kleinbürgern, die von ihnen lebten, in Ansehen standen, rempelte ihn an. Er wich ihm aus, da der andere betrunken war. Von neuem belästigt, forderte er ihn auf, den Weg freizugeben; als es nicht geschah, schob er ihn beiseite. Eine Aufforderung, seinen Namen zu nennen, lehnte er, als unberechtigt, ab und ging seiner Wege weiter.

Da aber auch hier, in dieser kleinen Universitätsstadt, jeder wußte, wer der andere war, erschienen tags darauf zwei andere elegante, ebenfalls mir farbigen Bändern geschmückte und diesmal nicht betrunkene junge Herren auf seiner ärmlichen Bude, die ihm eine Forderung auf schwere Waffen überbrachten. Er bat sie ebenso höflich, wie entschieden, ihn in Ruhe zu lassen, da er Wichtigeres zu tun habe, als sich mit ihnen über Fragen zu unterhalten, über die sie doch nie einer Meinung sein würden, und fügte hinzu, daß sie seiner Ansicht nach besser getan hätten, ihm statt einer Aufforderung zum Zweikampf eine Entschuldigung ihres Genossen für seine Flegeleien zu überbringen.

Die Folgen dieser Ablehnung für ihn waren, daß er zunächst in den Kreisen, aus denen jene kamen, für »ehrlos« erklärt wurde und für eine Weile öfters höhnischen und verächtlichen Blicken begegnete, die ihn vollkommen gleichgültig ließen. Er mußte ferner die ihn überraschende Erfahrung machen, daß selbst in der wissenschaftlichen Vereinigung, trotzdem deren Mitglieder auf dem Standpunkt standen, einen blutigen Austrag von Zwistigkeiten zu verwerfen, sich einige von ihm zurückzogen. Ihre Theorie schien also nicht mit ihrer Praxis übereinzustimmen. Seine näheren Bekannten hielten zu ihm und gaben ihm recht. Ob sie in gleichem Fall ebenso gehandelt hätten wie er, wußte er nicht, bei dem einen oder anderen bezweifelte er es.

Für ihn selbst lag die Frage so:

Da war ein Mensch, den er nie gesehen und der sich herausnahm, ihn zu beleidigen. Weil er sich diese Beleidigung nicht willenlos gefallen ließ, glaubte jener ein Recht zu haben, ihn zu zwingen, sich den von ihm gewählten Waffen zu stellen.

Diese Waffen waren völlig ungleich: sein Gegner war in ihnen geübt und hatte nichts weiter zu tun, als sich in ihnen zu üben; er, der sie nie in der Hand gehabt hatte, hätte weder die Zeit noch die Mittel gehabt, sich in ihnen in einem bestimmten Zeitraum auch nur eine bescheidene Fertigkeit anzueignen, und war daher auf alle Fälle der Unterlegene.

Es wäre also eine Torheit gewesen, auf die Herausforderung dieses fremden Menschen einzugehen und eine Feigheit vor gewissen Gebräuchen, wenn er es getan; wie es eine Feigheit von dem anderen war, ihn herauszufordern, wo er wußte, daß er der Begünstigtere und somit der Stärkere war. Nicht er, Förster, war also der Feigling, sondern der andere; und der war ein Raufbold dazu.

Wie Kreise über ihn dachten, denen er nicht angehörte und die ihn nichts angingen, war ihm gleichgültig; daß der seiner Bekannten sich verkleinerte, konnte er nur bei einzelnen bedauern, aber er sagte sich, daß es gut war, sie kennengelernt zu haben, wie sie in Wirklichkeit dachten; daß seine Freunde ihn nicht verließen, hielt er für selbstverständlich; aber auch dann hätte das seine Ansicht nicht ändern können. Es wären dann eben die rechten Freunde nicht gewesen.

Keinem aber von allen gestand er das Recht zu, über sich und seine Ehre zu Gericht zu sitzen; sie ihm ab- oder zuzuerkennen.

Seine Ehre gehörte ihm, ihm allein, und er allein wußte, was er ihr schuldig war. Wenn es nötig war, würde er sie verteidigen, gegen jedermann und mit den Waffen, die er für die zweckmäßigsten hielt. Wie der erste beste Raufbold, der ihm den Weg vertrat, sie nicht antasten konnte, so konnte niemand sie ihm geben oder nehmen.

Was war denn überhaupt Ehre? – Die Gebote eines Kreises sklavisch zu befolgen, in dem man lebte? – Jeder Kreis von Menschen hatte seine eigenen Begriffe über sie, und was hier als Ehre galt, galt dort als Schande.

Er lebte in keinem Kreise, keinem, dessen Ehrgesetzen er sich unbesehen unterworfen hätte. Seine Ehre bestand darin, das zu denken und zu tun, was er für richtig hielt.

Wozu der größere Mut gehörte ? – Er ließ es dahingestellt. – Büßte er so Bekanntschaften ein, so gewann er eine andere, die ihm wertvoller wurde, als die verlorenen zusammen es je hätten werden können. Ein Fremder näherte sich ihm und sprach ihm seine Zustimmung aus. Sie wurden bekannt. Es war ein junger Mensch wie er, von reichen Kenntnissen und fast unerschöpflichen Interessen, klug und von durchdringendem Verstand (und Jude).

Er verdankte ihm von da an manche Anregung und schönste geistige Stunden, wenn es auch zu einer eigentlichen Freundschaft zwischen ihnen nicht kam.

Einen Gewinn aber sollte er aus diesem Jahre ziehen, von dem er vorerst noch nicht ahnte, wie groß er war. An dieser Universität las ein Gelehrter, in dem die Lehre von der Einheit alles Lebens ihren bedeutendsten Vertreter fand, ein Mann, der diese Lehre eines sinkenden Jahrhunderts in rastloser Arbeit, unerschütterlicher Überzeugung und trotz seines hohen Alters mit immer noch jugendlicher Begeisterung an seine Schüler und mit ihnen an ein neues weitergab.

Zum ersten Male in seinem Leben sah sich der junge Ernst Förster einer überragenden Persönlichkeit gegenüber, deren Wahrheitsmut er bewunderte und deren Einfachheit ihn bezauberte. Er sah ein Leben, das einzig der Erforschung der Wahrheit in der Natur gewidmet war; und er sah den, der es führte, unbekümmert um Haß und Verfolgung, diese Wahrheit künden.

Er durfte sich nicht seinen Schüler nennen. Denn der Stunden, die er seiner eigenen Arbeit um das Leben abstahl, um diesen Mann zu hören, waren zu wenige. Es war ihm nur vergönnt, aus dieser Hand fertige Resultate einer geschlossenen Naturerkenntnis entgegenzunehmen und sie zu seinen eigenen zu machen. Diese Erkenntnisse verstand der berühmte Gelehrte in nicht zu übertreffender Klarheit zusammenzufassen, und die Eindringlichkeit seiner Beweisführung war bei aller Knappheit so groß, daß sich ein Denkender ihr kaum zu entziehen vermochte, wenn das Vorurteil ihn nicht blendete.

Gegen diese Stunden gab sein neuer und begeistertster Schüler bald alle anderen auf, an die er zuerst noch gedacht.

Hier, fühlte er, lernte er; und weil er es fühlte, lernte er gern.

Er sah als erstes, wie, was ihnen auf der Schule als unumstößliche Wahrheit gelehrt worden, längst von der Wissenschaft als krasser Aberglaube abgetan war: der Glaube an einen persönlichen Gott und die Schöpfung und Erhaltung der Welt durch ihn; an eine Vorsehung und Offenbarung; an ein Diesseits und Jenseits; an eine unsterbliche Seele in einem sterblichen Körper.

Es gab keinen schaffenden und erhaltenden Gott, und hätte es ihn gegeben, so wäre es nicht ein gütiger und barmherziger, sondern ein mitleidloser und grausamer Gott gewesen, wert allein, nicht angebetet, sondern verflucht zu werden von denen, die er nach seinem Bilde geschaffen; und Satan, sein Widerpart, der wahre Erlöser. Aber Gott, in welcher Gestalt er auch gelehrt wurde, war nichts als eine Schöpfung der Menschen, und wie alle Menschenschöpfung bestimmt, der Vernichtung anheimzufallen, soweit er es nicht schon war.

Wollte man durchaus von dem Begriff nicht lassen, so konnte Gott nur die Welt, Gott nur eins mit ihr sein: nicht außerhalb, sondern in ihr; die Welt selbst Gott, diese Welt, die sich nur erschaffen haben konnte und die sich erhielt einzig nach den ihr innewohnenden Gesetzen der Notwendigkeit.

Mit dem Glauben an einen Gott aber fiel auch der Glaube an jedes Wunder – jeder Aberglaube.

Es gab nur ein Wunder: das war diese Welt selbst – das Leben; dieses Leben zu erkennen, war die Aufgabe der Wissenschaft von der Natur und der Stellung des Menschen in ihr.

Die große Lehre von der Einheit alles Lebens in der Natur (und alles in der Natur war Leben) und die strenge Folgerichtigkeit ihres Aufbaues wie ihrer Durchführung zog ihn mit seltsamer Macht an, und an Hand dieser Lehre ging er den Weg vom Fühlen zum Erkennen, von Empfindung zum Bewußtsein.

Natur – sie war alles!

Es gab nichts außerhalb der Natur. Alles war in ihr; alles ging von ihr aus. Alles kehrte in sie zurück. Nichts war geschieden; alles war verbunden, wenn auch oft nur durch unseren schwachen Augen unsichtbare Fäden.

Leben war Kraft, und aller Kraft Quelle hieß Energie.

Jede Kraft wandelte sich unausgesetzt von neuem in Kraft und keine ging verloren; und Werden und Vergehen, Vergehen und immer neues Werden war ihr einziges unerbittliches Gebot.

Denn alles war ewiger Wechsel von Form zu Form. Die Formen zerfielen, und die flüchtige Welt der Erscheinungen zerstob. – Aber die Substanz blieb.

Die Substanz allein war »unsterblich«.

Alles Leben war Substanz. Alles in der Natur, sie selbst war Substanz. Sie bestand aus Substanz und deren Eigenschaften hießen: Kraft und Stoff; oder Energie und Materie. Wie es keine Kraft ohne Bewegung gab, so gab es keine Materie ohne Geist.

Dieses wunderbare Jahrhundert hatte das Gesetz von der Erhaltung der Kraft gefunden: daß die Kraft, die Ursache aller Erscheinungen in der Welt, in ihrer Summe stets dieselbe ist und bleibt, und daß die Summe des Stoffes, der diese Welt erfüllt, eine unveränderliche ist.

Nichts geht unter. Alles ersteht wieder aus sich selbst heraus: was eben noch Wasser war, ist jetzt Dampf; und was in dem Gestern unserer kurzen Erdgeschichte noch Stern war, ist in unserem Heute bereits Pflanze. Wärme wird zu Licht und Licht zu Schall … Und die feste Masse, wie der flüchtige Äther, diese beiden Attribute der Substanz, wandeln sich unausgesetzt in einander um – nur die Erscheinungen wechseln … und die Namen, die wir ihnen geben … In diesem ewigen Wechsel gibt es keinen Stillstand.

Aus kleinsten, in ihrem ersten Ursprung unbekannten – noch unbekannten – Anfängen heraus hat sich alles Leben auf dieser Erde entwickelt; aus Atom, Molekül, Zelle sich jede Form aufgebaut.

Entwickelung nennt die Natur diesen Aufbau.

In ihr hat jede Erscheinung ihren Platz. Aus dem anorganischen hat sich das organische Leben entwickelt. Jedes Wesen, das größte wie das kleinste, ist diesem mechanischen Gesetze der Entwickelung unterworfen, und nach ihren Geboten vollzieht sich sein Dasein. Und nichts ist der Mensch als ein – vorläufig – letztes Glied in dieser Entwickelung.

Warum sträubte er sich so sehr, es zu sein? – Es war eines von den Dingen, die Ernst Förster nie begriff, wenn er die wütenden Angriffe hörte und las, denen gerade dieser Teil einer allumfassenden Lehre ausgesetzt war.

Seine Abstammung erniedrigte den Menschen doch nicht; im Gegenteil: sie erhöhte ihn. Sie gab ihm das Recht, sich die »Krone der Schöpfung« zu nennen, auch wenn er sich oft nur wenig würdig bewies, diese Krone zu tragen, und nur gar zu oft seiner Würde als Mensch vergaß.

Trostvoll erschien ihm die große Lehre und hoffnungsvoll in ihren Ausblicken für die Zukunft.

Selbstzweck ist sich jedes lebende Wesen, und nach Selbsterhaltung strebt es als nach seinem ersten Ziel.

In diesem Kampfe nicht unterzugehen, sondern zu siegen; zu töten, um nicht getötet zu werden, und sich aller Waffen zu bedienen, der vererbten, der verliehenen, wie der durch eigene Übung neuerworbenen – zu siegen – ist Bestimmung und Schicksal alles Lebens.

Auch in diesem »Kampfe ums Dasein« herrscht nur ein Gesetz: daß der Stärkere Sieger bleibt über den Schwächeren.

Launisch ist die Natur und verschwenderisch.

Geht in ihrem Haushalt auch nichts verloren, so herrscht in ihm doch eine sinnlose Verschwendung der Mittel und Kräfte, und der Umwege zu ihren Zielen sind zahllose.

Und wie sie verschwenderisch ist, so ist sie grausam. Sie verschlingt ihre eigenen Kinder, und, gefühllos für deren Leiden, geht sie ihren ewigen Gang – wahllos in ihren Mitteln und blind in ihrer Zerstörungswut.

Schutz vor ihr sucht die zitternde Kreatur, Tier wie Mensch. So ist der Mensch zu dem gelangt, was er seine Kultur nennt. Die Natur seinen Zwecken dienstbar zu machen, sie zu lenken und zu leiten nach seinem Willen, ist das unausgesetzte Streben des Menschen: die Elemente und ihre Kräfte, die offen zutage liegenden und die verborgenen, zu zwingen; das Feld zu bestellen; den Blitz von seinen Häusern zu lenken; Krankheiten vorzubeugen und sie zu heilen; sie, die Natur selbst, nachzuahmen und neuzugestalten; aus immer neuen Erfindungen und Entdeckungen sich immer neue Waffen zu schmieden; und endlich dem über ihn verhängten Tode zu entfliehen, solange es geht, – der Stärkere zu bleiben im Kampfe gegen sie … Arbeit heißt dieser Kampf des Menschen um sein Leben.

Der junge Mensch, dem dies in großen Richtlinien aufdämmerte, war von unendlicher Dankbarkeit erfüllt gegen eine Lehre, die ihm den Grund gab, auf dem er stehen konnte und auf dem heute alle standen, die vorurteilslos erkennen und nicht nur blind glauben wollten.

Auch er wollte nur erkennen.

Er hatte gelernt, daß das Licht die Quelle alles Lebens ist. Jedes Wesen wendet sich ihm zu, Pflanze wie Tier strebt ihm entgegen und empfängt von ihm Kraft und die Freude am Sein.

Auch er wollte zum Licht. Alles in ihm drängte heraus aus dumpfer Enge, und dieser Drang war seines Wesens bester Teil.

Dankbar war er dieser Lehre, die ihn vor den Qualen eines aussichtslosen Kampfes mit dem Übernatürlichen, einer unfruchtbaren Metaphysik, rettete und bewahrte, indem sie ihm zeigte, daß Körper und Seele untrennbar sind, und auch die Seele nur eine Funktion des Gehirns; daß dieser sterbliche Körper unsterblich ist, nicht in dem Sinne einer Auferstehung, sondern in dem einer ewigen Umwandlung; und daß die Freiheit des Willens nur ein anderes Wort ist für das unabänderliche Geschehen der Notwendigkeit, einer Notwendigkeit, die wir allein als letzten Zweck und letztes Ziel des Lebens zu erkennen imstande sind und vor der wir allein halt machen müssen, als vor einer letzten Erkenntnis, halt, wie vor der restlosen Ergründung des Begriffes: Selbstzweck …

Was war denn diese Erde, auf der er atmen durfte? – Nur eine kleine Welt unter Millionen größeren und vielleicht schöneren an dem unermeßlichen Sternenhimmel, der sein Auge blendete; und eine nur unter Myriaden, die dies Auge nicht sah und von denen er nichts wußte, die er kaum zu ahnen wagte …

Was war Erdenzeit? – Eine Spanne in der Ewigkeit, einer Ewigkeit, die keine menschliche Fantasie je zu messen sich getraut hätte.

Und was war der Mensch auf dieser seiner Erde? – Ein Sandkorn, umhergewirbelt mit ihr selbst – wer fragte danach, wohin es fiel?

Ein Nichts sein Leben! – Und doch ihm, der es allein besaß, alles!

Warum grübelte er noch?

Weil ein Gedanke ihm keine Ruhe ließ.

Warum denn standen in diesem Kampfe gegen eine fühllose und unerbittliche Natur die Menschen nicht zusammen, um sie zu besiegen? Warum schmiedeten sie nicht nur Waffen gegen sie, sondern auch gegen sich selbst und zerfleischten einander mit ihnen, grausamer und mitleidloser, als die Natur es jemals tat? – Warum brachten sie sich so gegenseitig um den Lohn ihrer Mühen, all ihrer Arbeit?

Warum auch unter ihnen dieser Kampf? – Warum gab es auch unter ihnen nur dieses eine Gesetz: daß der Stärkere Sieger blieb und der Schwächere unterlag?

Hatten sie nicht eine stärkste und feinste Waffe vor allen anderen Wesen voraus empfangen: die Vernunft?

Warum brauchten sie diese Waffe nicht, um unter sich wenigstens den Streit in Frieden zu wandeln? –

Gewiß: es war wichtig, zu wissen, woher wir kamen und wie wir wurden; wichtig, zu wissen, wohin wir gingen. Aber wichtiger noch erschien es ihm zu wissen, wie wir diese kurze, uns gegebene Frist nutzen können zum Segen für uns selbst und für andere.

Es war diese Frage, die ihm keine Ruhe ließ. Auf sie hatte auch dieser verehrte und geliebte Lehrer keine Antwort; und kein anderer hier. Er fühlte, diese Antwort konnte ihm nur das Leben geben, das Leben und die Menschen selbst.

Aber er war hier gebannt und wußte nicht, wohin sonst.

Da kam unerwartet Hilfe und machte allem Grübeln ein Ende.

Der Rechtsanwalt seines Vaters schrieb ihm, der Freund seiner Mutter, der auch der Freund seiner ersten Jugend gewesen war, habe für ihn ein Legat ausgesetzt, das ihm bei seiner Mündigkeit auszuzahlen sei; und obwohl er, Ernst Förster, dieses mündige Alter noch nicht ganz erreicht habe, stelle sein Vater einer sofortigen Auszahlung keine Hindernisse in den Weg, da er sich von ihm losgesagt und keinen Sohn mehr habe. Er möge also über die Erbschaft verfügen.

Es war keine große Summe. Aber sie reichte, wenn er einen Teil von ihr für Fälle der äußersten Not zurücklegte, aus, ihn ein Jahr lang der Sorge um sein tägliches Brot zu entheben.

Sein Entschluß stand sofort fest.

Er wollte hinaus.

Er segnete das Andenken des Mannes, dessen Fürsorge über das Grab hinaus ihm dieses Jahr ermöglichen sollte, und spannte seine Flügel zum Fluge.

– Hinaus wollte er.

Was hatte er denn bisher von der Welt gesehen? – Nur die Enge einer deutschen Mittel- und Kleinstadt, die Beschränktheit bestimmter Lebenskreise – winzige Ausschnitte aus dem ungeheuren Bilde des Lebens!

Er begehrte danach, das ganze Bild dieses Lebens zu sehen. Dorthin wollte er, wo sich dieses Leben in seiner ganzen Weite entrollte und wo er es sehen und kennen lernen konnte in allen seinen Höhen und Tiefen.

Nicht in diesem Lande wollte er bleiben. In die großen Städte des Auslandes wollte er, nach den Brennpunkten alles Lebens, wo die Menschen in großen Massen zusammen lebten. Er wollte sehen, wie sie lebten, ihre Sitten und Gebräuche kennenlernen; und die Sprache, die sie sprachen.

Er wollte endlich seine Sehnsucht stillen nach diesem Leben, diesem reichen und geheimnisvollen, dem süßen und dem furchtbaren Leben. Alle Fragen sollte es ihm beantworten und alle Rätsel sollten sich ihm lösen.

Sie sollte gestillt werden, schon bald – und sein Herz schlug laut in dem Glück der Erwartung.

Er hatte den Griff der Tür gepackt, die ihn noch vom Leben trennte, ihn niedergedrückt und die Tür aufgestoßen und war eingetreten. Er stand im Raume des Lebens. Aber nur langsam vermochte er sich vorwärts zu bewegen. Denn noch erkannte er nichts: Dunkel lag vor ihm, und dieses Dunkel schien ihm undurchdringlich.

So drohte aus dem Jüngling ein Grübler zu werden, zu ernst für seine Jahre, der fühlte, wie er im Kreise, statt vorwärts ging, und der wußte, daß er ein unfruchtbarer Grübler werden mußte, wenn er gezwungen gewesen wäre, noch länger in diesem Kreise zu gehen.

Wohl hätte er sich eines Tages selbst losgerissen, aber viel Kraft und Frische wäre verloren gegangen in diesem vergeblichen Kampf, über Grenzen hinauszugelangen, wie sie hier gezogen waren.

Daher war es besser so.

Er stand im Dunklen.

Aber er wollte nicht zurückweichen. Sein Auge mußte stark genug sein, um das Dunkel zu durchdringen und das Licht, das ihm wie aus einer unendlichen Ferne – von irgendwoher, aber von wo? – aus dem Raume hervorzubrechen schien, zu sehen. Dieses Licht – er mußte es finden, wollte er nicht verloren sein.

– Er würde es finden. Er war ja noch jung, und ganz unerschüttert war sein Mut.

Er wollte hinaus. Noch immer rief ihn die Stimme. Anders schien sie ihm jetzt zu klingen, als vor einem Jahre, und er wußte nicht mehr, woher sie kam.

Sie war Sehnsucht geworden …

Sehnsucht, wonach? –

Auch das wußte er nicht. Denn aus dem Dunkel dort vor ihm antwortete ihm nichts als Schweigen.

Eine Erkenntnis hatte dieses Jahr dem Grübler gegeben, dem Jüngling, der nun schon lange wußte, daß das Leben ein Kampf war, in dem er sich behaupten mußte, wollte er es leben – : daß es dieses Leben kennenzulernen galt, um den Kampf mit ihm siegreich zu bestehen.

Er mußte den Gegner kennenlernen, der ihn bedrohte: Auge in Auge mit ihm stehen – wissen, was sich hinter der Maske von Eisen verbarg, mit der er ihn bedrohte.

Nicht hier wäre ihm das gelungen.

Das Leben wollte er sehen, aber Leben war nur, wo Menschen waren.

Nun aber durfte er hinaus, und dort draußen, im Leben selbst, sollte es ihm gelingen, es zu erkennen – nicht, wie es in den Büchern stand, sondern wie es in Wirklichkeit war; nicht wie es sein sollte, sondern wie es war!

Er wollte es sehen: nicht wie die Lehrer es lehrten, die Prediger es predigten, die Dichter es sangen und die Träumer es träumten, sondern wie die Menschen es lebten. Nur das Leben selbst konnte ihm Antwort auf seine Fragen nach ihm geben und nur durch den Mund der Menschen. Darum mußte er die Menschen und ihr Leben sehen, nicht die eines Kreises und eines Landes, sondern alle: die Armen und die Reichen, die Hohen und die Niedrigen, die Starken und die Schwachen; und erkennen mußte er, was sie trennte und aneinanderband in Liebe und in Haß.

Er konnte es kaum mehr erwarten, der sonst so ruhig war. – Noch hatte der Funke in seinen Augen die Flamme nicht entzündet – sie schwälte. Aber der Luftzug würde kommen, der sie entfachen würde …

Von dort draußen sollte er kommen.

Hinaus daher! – Nur hinaus! – –

Fünftes Kapitel

Der Zweifler

Er ging zunächst nach London; dann nach Paris. In London verbrachte er den Herbst und den Winter; in Paris einen wundervollen Frühling und Sommer.

London betäubte, Paris berauschte ihn. Auf den schweren Ernst eines Nebelwinters folgte die leichte Heiterkeit eines Sommertages.

Verschieden, wie die Städte, waren ihre Menschen; mit den Engländern sprach er in ihrer kurzen, knappen Sprache, in der sich so gut denken läßt; mit den Franzosen plauderte er. Von den beiden Sprachen lernte er in diesem Jahr so viel, daß er sich in ihnen verständigen, eine Zeitung und ein Buch lesen konnte.

London bewunderte er; in Paris verliebte er sich. –

Ganz anders lebte er nun.

Bisher den größten Teil des Tages an seinen Schreibtisch geschmiedet, trieb ihn jetzt der Morgen schon hinaus, und meist sah ihn erst der Abend zurückkehren. Denn immer sagte er sich von Anfang an: Du hast nur dieses eine Jahr, um zu sehen, zu hören, zu lernen … Jeder Tag in diesem Jahr ist ein kostbares Geschenk der Freiheit, das nicht unbenutzt bleiben darf.

So lebte er wie der Vogel, der sein Nest baut, wo es ihm gefällt, und oft wechselte er sein Quartier, um in neuer Umgebung neue Eindrücke zu empfangen. Sein Koffer war schnell gepackt, und ein Zimmer mit Bett, Tisch und Stuhl überall leicht gefunden.

Mit einer fast grenzenlosen Leidenschaft der Hingabe, die seiner äußerlich ruhigen Natur sonst fremd war, riß er das Leben an seine Brust und lieferte sich ihm aus; und wie ein Schwimmer stürzte er sich in das Meer der Menschen, achtlos, wohin ihn die Flut treiben, unbekümmert darum, ob sie ihn verschlingen würde.

An sich brauchte er nicht mehr zu denken; er hatte jetzt Zeit, sich mit anderen zu beschäftigen.

Er sprach mit den Menschen, wo er sie traf – in London anfangs meist mit Deutschen; dann, als er die fremde Sprache langsam beherrschen lernte, mehr mit Eingeborenen. Und so später in Paris.

Überall machte er Bekanntschaften und nahm Anteil an mancherlei Geschick: in der Pension, in der er eine Zeit lebte; auf seinen Gängen und Streifereien – in der Bar, in der er sein Glas Ale trank, den Theatern und Musikhallen, den Museen und Versammlungsorten des öffentlichen Lebens; und da die meisten Menschen lieber erzählen als zuhören, vor allem von sich, vernahm er viel; bei der großen Gastfreundschaft der Engländer tat er zudem manchen Einblick in ihre häuslichen Verhältnisse.

Mit den Menschen lernte er so auch ihre Kreise kennen, in denen sich ihr Leben abspielte, Kreise, die sich oft berührten, auseinanderstrebten und sich an anderer Stelle wieder berührten und die den Einzelnen wieder umschlossen, wie mit einem Ring.

Er ließ sich in keinen hineinziehen.

Denn er war gekommen, um das Leben in seiner ganzen Fülle kennenzulernen.

Als sei er aus der Stille eines Waldes plötzlich an die Ufer des tosenden Meeres getreten, so war ihm: da lag es vor ihm, das Meer des Lebens, das er gesucht, und brandete und wogte in ewigem Kampf; da raste und dröhnte, gellte und schrie, fauchte und pfiff es durch die Straßen in der ewig wechselnden Flut seiner Tage und der Ebbe seiner Nächte, und alle, die sich hier schoben und drängten, stießen und übereinander zu Fall kamen, trieb und beherrschte der eine Gedanke: sich zu erhalten in diesem Kampf, um ihn bestehen zu können – zu erraffen, so viel wie nur irgend möglich. Die, welche nichts ihr eigen nannten – genug, um den Tag leben zu können; die, welche hatten – mehr, mehr …

Geld! – Geld! – das war die Parole, die jeden Tag am Morgen aufs neue ausgegeben wurde.

Er aber, für eine Weile diesem Kampfe enthoben, brauchte nicht an den Tag, nicht an heute und nicht an morgen, zu denken, und ließ sich treiben, unermüdlich in der Kraft und dem Wunsche seiner Jugend, zu sehen, zu sehen … Er sah nie genug; und jeder Tag war ihm ein neuer.

Die erste Beobachtung, die er machte, setzte ihn erst in Erstaunen; dann erschütterte sie ihn: wie still in allem Lärm sich dieser Kampf zwischen den Menschen abspielte! – Nicht mit Geschrei gingen sie aufeinander los, sondern stumm, mit zusammengebissenen Zähnen rangen sie um ihren Anteil – der Hungrige neben dem Satten, der Verzweifelnde neben dem Zufriedenen, der Glückliche neben dem Unglücklichen, und außer der schweigend hingestreckten Hand des Bettlers und einem halbgeflüsterten Wort sprach nichts von dem, was sie fühlten und dachten. Alle gingen sie aneinander vorüber, wie vollkommen Fremde, und jeder wäre mehr als erstaunt gewesen, hätte der andere ihn angeredet.

Aber als er eines Tages auf der Galerie einer großen Halle stand und zu seinen Füßen eine heulende Masse sah, gutgekleidete Menschen, mit vor Leidenschaft verzerrten Gesichtern und gespreizten Händen, die sich gebärdeten wie Tobsüchtige und wie solche aufeinander losschrien, sah er hinter die Masken der Straße.

Und weiter sah her, daß dieser Kampf nicht mit gleichen, sondern mit ungleichen Waffen ausgefochten wurde: bewehrt kämpften ihn die einen, unbeschützt die anderen – beschirmt jene von Kopf bis zu Füßen mit der Rüstung ihres Geldes; nackt, mit bloßen Händen, diese. Sieger und Unterlieger von vornherein in einem ungleichen und daher ungerechten Kampf.

In hundert und tausend Bildern des Lebens zog dieser Kampf unaufhörlich vor seinen brennenden Augen vorbei, jedes Bild dem anderen gleich, und jedes doch von ihm verschieden. Wie ungeheuer die Gegensätze! – und wie dicht lagen sie nebeneinander! – Armut und Reichtum: auf den Steinen des Pflasters an der Ecke dieses kaum bewohnten Palastes sanken allabendlich Obdachlose nieder, die nicht wußten, wohin sie sonst sollten, und keinen Fleck auf der Erde ihr eigen kannten; durch die Scheiben funkelnder Restaurants starrten hungrige Blicke auf Mahlzeiten, von denen der Preis einer einzigen genügt hätte, eine Familie auf Wochen hinaus zu sättigen; dieser junge Mensch hier irrte seit Tagen umher, um Arbeit zu finden und sein Leben erhalten zu können, und fand sie nicht; und dieser andere schlenderte an ihm vorbei und wußte nicht, womit er die Zeit totschlagen sollte, um sein überflüssiges Geld loszuwerden! – Armut und Reichtum überall dicht neben einander und in grellstem Kontrast!

Zwischen diesen Kontrasten aber der äußersten Armut und des sinnlosesten Reichtums – welch ungeheure Zahl solcher, deren Leben nur Arbeit, Arbeit und wieder Arbeit war, Arbeit, die nur eben genug einbrachte, um es notdürftig zu erhalten, und die ihnen keine Zeit ließ, ihr Leben zu leben … Solcher, die es stumpf und freudlos im Dienste ihrer ermüdenden und gleichgültigen Tätigkeit verbrachten, von denen man nichts sah und nichts hörte und die nichts waren, wie eine Zahl auf der Tafel des Lebens, die der Schwamm der Zeit auslöschte, als seien sie nie gewesen … Das sah er auf der Straße, die alles zeigte und doch wiederum alles verschwieg. Was aber mochte erst hinter den stummen Mauern der Häuser vor sich gehen! – Die täglichen Berichte der Zeitungen, kurz und spärlich, aber in ewig-gleicher Wiederkehr, ließen es ahnen: eine Mutter durchschnitt ihren Kindern und sich die Hälse aus Nahrungssorgen; heute ging ein Kind aus Furcht vor Strafe, morgen ein Greis aus Lebensüberdruß in den Tod; hier fand man einen Menschen halb-, dort ganzverhungert; Morde waren an der Tagesordnung und wurden begangen um ein paar Groschen; überall warfen die Menschen ihr Leben von sich, wie eine Last, die ihnen zu schwer geworden war – jeder las das alles und kein Mensch dachte über die Gründe all dieser Scheußlichkeiten nach, geschweige denn, daß er sich über sie aufregte. Denn jeder las sie alle Tage von neuem …

Aber der junge Fremde, der die Stadt durchstrich, wie ein Späher und Sucher, sah sie und las von ihnen, und sein Inneres geriet in Aufruhr. Alles in ihm empörte sich: sein Gerechtigkeitsgefühl, und vor allem sein Stolz, wenn er sehen mußte, wie tief sich die Menschen erniedrigten voreinander, im Nehmen die einen und die anderen im Geben, und wie sie das Beste ihres Lebens, ihre Würde und ihre Ehre, verkauften um ein Stück Brot und an jeden, der sie kaufen wollte.

Er sah – und seine Augen wurden weit vor Entsetzen, bei dem, was er sah.

Wie es oft nur eines Anstoßes bedarf, um den Stein ins Rollen zu bringen, so war es auch hier.

– Er trat aus dem Theater, von dessen Galerie aus er eben den größten englischen Schauspieler seiner Zeit in einer Rolle des größten Dichters seines Landes bewundert.

Vor ihm her ging eine junge Dame der höchsten Aristokratie, umschwärmt von den jungen Herren ihrer Gesellschaft, eines jener Geschöpfe von vollendeter Schönheit und höchstem Liebreiz, wie man sie so nur hier in England sah. Als sie auf die Straße hinaustrat und einen Augenblick stillstand, um auf ihren Wagen zu warten, kroch aus der Ecke eine schmutzige Masse auf sie zu und schwarze Hände streckten sich gegen die weiße Seide ihres Kleides. Für eine Sekunde streifte ihr Blick den alten Bettler. Dann nahm sie den Arm ihres Begleiters und schritt auf ihren Wagen zu.

Das Bild verließ ihn nicht in dieser Nacht, in der er ruhelos noch lange durch die Straßen ging: er sah den gierigen Blick in dem von Trunk und Hunger vertierten Gesicht des Alten; den leeren, verständnislosen in den Augen des süßen Geschöpfes, wie er ohne jeden Ekel mit vollkommener Gleichgültigkeit über den alten Bettler hin weggeglitten war, als habe sie ihn überhaupt nicht gesehen; sah die reine, von Diamanten gekrönte Stirn, hinter der sich sicher nie ein anderer, als der von ihrer Sippe gebilligte Gedanke geregt hätte, und die von verfilzten Haaren verdeckte andere, auf der alles verlöscht war, was auch sie vielleicht einmal durchtobt; spürte wieder die Wolke des Wohlgeruchs, die sich wie schützend gegen jene andere stinkenden Unrats legte, die ihr, aus Fäulnis und Fusel gemischt, entgegenschlug – und erkannte zwei Welten, die nichts, aber auch nichts mit einander gemeinsam hatten und deren Wesen sich doch mit demselben Namen nannten. Und stand vor einem Abgrund, über den hinweg kein Weg führte.

Lange ging er durch diese Nacht.

Diese Ungleichheit mußte einen Grund haben. Entweder war sie in der natürlichen Ungleichheit der Menschen begründet und daher unabänderlich; oder sie war von den Menschen künstlich geschaffen, und dann mußte es eine Ausgleichung geben, einerlei welcher Art.

Um das zu erkennen, genügte es nicht mehr nur zu sehen. Er mußte wissen, um richtig sehen zu können.

Gebieterisch erhoben sich erste Fragen und unter ihnen als nächste wieder die, die der Knabe bereits vor Jahren schüchtern und unbeholfen gestellt, die Frage, auf welche er nur ein Achselzucken und eine Drohung als Antwort erhalten, und für die er damals keine anderen Worte gefunden, als die unbeholfenen einer ungeübten und kindlichen Sprache:

Warum geht es den einen so gut und den anderen so schlecht auf Erden? –

Nun stellte er sie so:

Was verdammte die Mehrheit der Menschen dazu, ein Leben der Armut und Not, des Mangels und der Entsagung zu führen, während eine Minderheit in Überfluß und Verschwendung schwelgen durfte?

Wie kam es, daß die einen leben konnten, ohne zu arbeiten; und wie, daß die anderen nicht leben konnten, obwohl ihr Leben nur Arbeit war?

Warum konnte dort Geld auf Geld gehäuft werden, und warum vermehrte sich dieses Geld stetig aus sich selbst; und warum vermochte hier auch angestrengteste Arbeit nur das für den Tag Notwendigste zu beschaffen und war unfähig, über ihn hinaus für den nächsten zu sorgen?

Und weiter:

Woher stammte diese soziale Ungleichheit, die so groß war, daß sie den einen Teil der Menschen zu willenlosen Sklaven und den anderen Teil zu unumschränkten Herren machte ?

Was war das für eine furchtbare Macht, die mit dem Besitz des Geldes verbunden war, und woher stammte sie? – Wer hatte sie verliehen? – Und wer hielt sie aufrecht?

Was ging hier vor? – Welcher Prozeß vollzog sich, der in seinen Wirkungen so verhängnisvoll für die einen und so nützlich für die anderen war?

Fragen über Fragen, und alle harrten sie der Antwort.

Nur das eine erkannte er einstweilen als erstes, aber dies sofort:

Daß diese Ungleichheit keine natürliche, sondern eine künstlich geschaffene war. Denn überall sah er unter den Stiefkindern des Glücks Kraft und Stärke, und überall unter seinen Lieblingen Verfall und Schwäche. Er brauchte nur einen Arbeiter mit einem Dandy zu vergleichen.

Das also konnte es nicht sein.

Auch keine übernatürliche, außenstehende Macht hatte diese Ungleichheit von Anbeginn an angeordnet und bestimmt, denn es gab keine solche Macht – gab keinen Gott.

Die Menschen allein also hatten sie geschaffen: sich die Macht genommen und sich die Macht gegeben …

Nur von ihnen, den Menschen, konnte daher die Antwort auf diese Fragen kommen.

Aber nicht bei den Starken, die diese Macht besaßen, mußte er sie suchen, diese Antwort, sondern bei denen, die unter dieser Macht litten. Denn sie mußten dieselben Fragen stellen, immer und immer wieder.

Noch gaben sie ihm keine Antwort.

Aber Ernst Förster fühlte, daß er nicht würde leben und sterben können, ehe er sie nicht erhalten.

Wer sah diese Ungleichheit nicht? – Wie war es möglich, sie nicht zu sehen? – Wer durfte sagen, daß er sie nicht sah?

Entweder man ging als sehender und hörender Mensch durch seine Zeit, mit offenen Augen und Sinnen, oder man war blind und taub und sah und hörte nichts von dem, was ringsumher vorging.

Es war eine Redensart, wenn gesagt war, das ganze Elend auf der Welt käme daher, daß der eine Teil der Menschen nicht wüßte, wie der andere Teil lebte. Man wußte es ganz genau, und wenn man es nicht wußte, brauchte man bloß die Augen aufzumachen oder es aus tausend Büchern zu lernen.

Unbeteiligt zu bleiben, war unmöglich. Nur ein Heuchler oder Lügner konnte vorgeben, es zu sein. Entweder man verteidigte diese Ungleichheit mit irgendwelchen und aus irgendwelchen Gründen – und war damit ein Anhänger der bestehenden Zustände; oder man verurteilte sie und hoffte und erstrebte ihre Besserung – war also ein Feind des Bestehenden: ein Sozialist.

Sozialist oder Nichtsozialisr – ein Drittes gab es nicht.

Er hatte sich entschieden.

Er sah, wie überall diese Frage gestellt wurde. Es war die Frage des Tages und der Zeit; die Frage aller Fragen, und sie nannte sich: die »soziale«.

– Und die große Bewegung des Jahrhunderts erfaßte ihn und riß ihn in ihre Reihen, wie sie durch die Macht ihrer Gerechtigkeit schon so Unzählige an sich gezogen.

Die soziale Bewegung: der Kampf der Unterdrückten gegen ihre Vergewaltiger; des Rechtes gegen das Unrecht; der Kampf der Arbeit gegen ihren großen Feind – das Kapital.

Kein Land und kein Volk, in dem sie nicht Wurzel geschlagen. Wie aus der Erde wuchs die große Armee der Zukunft, die ihr gehörte …

– Jetzt zählte sie einen jungen Rekruten mehr. Freiwillig war er gekommen und stellte sich in ihre Reihen. Er war bereit, mitzukämpfen, wo es zu kämpfen galt, äußerlich ruhig, wie es seine Art war, aber innerlich glühend von verhaltener Begeisterung.

Nur wo er mitkämpfen wollte, das wußte der junge Rekrut noch nicht.

Blieb sein Leben sich gleich in dem rastlosen Aufnahmebedürfnis, das ihn durch seine Tage trieb, so änderte es sich doch von jetzt an insofern, als er das Leben: die Menschen und ihre Dinge nicht mehr wahllos auf sich wirken ließ, wo er ihnen gerade begegnete, sondern daß er die Menschen nun aufsuchte, und zwar dort, wo sie zusammenkamen, um die Fragen ihrer Existenzbedingungen und ihrer Zusammengehörigkeit zu besprechen und zu lösen.

Sein Umherschweifen erhielt so Zweck und Ziel; und sein Suchen Sinn.

War er bisher in einem Park oder an einer Straßenecke stehengeblieben, um einem der Redner für einen Augenblick zu lauschen und dann weiterzugehen, hörte er ihn jetzt bis zu Ende an und versuchte, seine Auslassungen zu begreifen.

Er ging von Versammlung zu Versammlung, war der erste am Platz und der letzte, der sie nach Schluß der Debatte verließ, wurde Teilnehmer bei allen möglichen Sitzungen und Gast in den verschiedenen Klubs und war bald überall da, wo die Menschen ihre Lage beklagten, Pläne zu ihrer Besserung vorbrachten und ihre Anklagen gegen die Gesellschaft, in der sie lebten, schleuderten.

– Bald gab es keinen Führer, keinen bekannten Namen, den er nicht mit seinen eigenen Worten gehört hätte; und auch hier, in der sozialen Bewegung, machte er bald Bekanntschaften über Bekanntschaften, denn überall in ihr sah er dieselben Gesichter immer von neuem auftauchen.

Er fragte nicht, woher die kamen, mit denen er gerade sprach. Ihn interessierte allein, was sie zu sagen hatten; und weil man sah, wie ernst es ihm war, kam man ihm fast überall ohne das Mißtrauen entgegen, das gerade hier so oft geistigen Arbeitern gezeigt wurde, und die erste Beobachtung, die er an sich machen mußte, war die, wie sehr man überall bestrebt war, ihn zu sich herüberzuziehen, ihn für die Sache zu gewinnen und mit Beschlag zu belegen, mit Überredung hier, mit Verheißungen dort; und wie man überall verstimmt war, wenn er nicht sofort kam.

Hiergegen aber sträubte er sich.

Er wollte kämpfen. Aber er wollte sich selbst den Platz! suchen, auf dem er kämpfen wollte. Er wollte sich in keine geistige Uniform stecken, nicht sich irgendwo gegen seine Überzeugung einreihen lassen. Denn er war ein eigenwilliger Mensch, dieser junge Ernst Förster.

Der Eindruck, den er zunächst empfing, war der einer ungeheuren Betäubung. Ihm war, als sei er in einen riesigen Saal getreten, in dem unzählige Stimmen durcheinander schrien: bald lauter die einen und leiser die anderen; bald umgekehrt.

Alle verkündeten sie ihr Heilmittel gegen das soziale Übel und priesen es als das allein Rettung bringende an. Alle hatten sie die Lösung gefunden und fertig in der Tasche. Bei diesen hieß sie Gleichheit; Brüderlichkeit bei den anderen; und Freiheit nannte sie ein dritter. Und wiederum andere wollten keine von den dreien missen.

Nach dem Staat riefen welche, als dem besten Arzt; und während die einen den Volksstaat an das Krankenbett holten, verlangten die anderen nach der Republik. Alle aber wollten sie eine Änderung in der Konstitution des sozialen Körpers. Denn, daß der krank war und des Arztes bedurfte, darin waren sie sich alle einig.

Hier wiederum war nicht genug Liebe in der Welt. Liebe! – Nur Nächstenliebe konnte die Welt erlösen. Und dort wurde eine neue Religion gepredigt, die Religion des Hasses.

Nach dem Wahlzettel als dem Talisman verlangte die eine Ecke; nach Bomben heulte man aus der anderen.

Rückkehr zur Natur, Flucht aufs Land, in Gartenstädte aus dem Babel der Großstadt, predigten mahnende Stimmen; und andere fügten hinzu: ja, und von Pflanzen allein solle sich der Mensch nähren, denn dann würde er sanft und gut werden, kein Tier und keinen Menschenbruder mehr töten, und alle Zwietracht von selbst verstummen.

Aber hierzu müsse das Land erst frei werden, behaupteten wieder andere. War die Grund- und Bodenfrage gelöst, bebaute nur erst jeder seine eigene Scholle, dann löste sich jede andere Frage von selbst.

Sie wurden verlacht: nein, nicht das Land, das Gold war es, an dem aller Fluch der Menschheit haftete. Fort mit dem Gold! – Fort mit dem Golde, und nicht nur mit dem Golde, sondern auch mit dem Silber, und her mit dem Papier, um die Zirkulation des Geldes ins Ungemessene zu steigern! – Nein, nein, überhaupt kein Geld! – Fort mit jedem Geld, einerlei in welcher Form …

So klangen die Stimmen durcheinander, schrille und mahnende, aufreizende und versöhnende, und alle suchten sie sich zu überbieten. Immer von neuem warfen sie den Köder ihrer Schlagworte aus in den Kampf der Meinungen, wie die Fischer ihre Angelhaken, und hin und her wogte dieser Kampf, ohne sich zu entscheiden; immer wieder stürzten sich neue Stimmen hinein; und in die der Männer mischten sich die der Frauen – ein Chor der Rache aus dem Hintergrund: wenn sie nur erst, die Frauen, mitzureden hätten, dann würde alles anders werden …

Und während alle diese Stimmen hier durcheinanderschrieen, tat die Arbeit dort draußen ihren Frondienst weiter und wurde munter weiterbestohlen.

Er war wie betäubt und einstweilen verstand er nichts.

Es dauerte Wochen und Monate, um sich aus dieser Betäubung zu erholen, und als er aus ihr erwachte, fand er sich einer neuen Welt von Worten und Begriffen gegenüber, aus der es keinen Ausweg zu geben schien. Vergebens suchte er ihn dann in neuen Wochen und neuen Monaten zu finden in dem Wust von Flugschriften und Zeitungen aller Art, die er von überallher mit nach Hause brachte und die ihn in seinem Zimmer zu ersticken drohten; vergebens in den Büchern, die er täglich in neuen Reihen in der großen Halle des Britischen Museums vor sich aufstapeln ließ.

Er vermochte sich nicht zu entscheiden. Was ihn hier anzog, stieß ihn dort ab. Der Wege waren zu viele, die sich vor ihm auftaten. Welcher war der rechte? – Welcher führte zum Ziel? – Immer wieder fragte er es sich von neuem und immer wieder vergebens.

Nur eine Frage erhob sich ihm klar und erkennbar hervor. und es schien ihm die Frage zu sein, auf die alles andere ankam, die Frage der Arbeit. Und diese Frage gab sich so: Die Arbeit war es, die allein Werte schaffte.

Nur sie sicherte dem Menschen seine Unabhängigkeit von anderen Menschen: machte ihn frei.

Um das zu können, mußte die Arbeit selbst frei sein; um aber frei zu sein, mußte sie sich ihren vollen Ertrag sichern können.

Konnte sie dies nicht, war sie nicht frei: ihr Erzeuger, der Arbeiter, nicht unabhängig.

Und weiter:

Die Arbeit war heute nicht frei; sie konnte sich nicht in ihren vollen Ertrag setzen.

Sie mußte sich unter ihrem Werte verkaufen.

Daher war ihr Erzeuger, der Arbeiter, heute nicht frei, sondern abhängig – ein Sklave anderer.

Das also verstand er nun:

Damit der Mensch, der Arbeiter (und jeder war ein Arbeiter oder sollte es wenigstens sein) frei sein konnte, mußte die Arbeit frei werden.

Aber was er nicht verstand, war dies:

Warum war die Arbeit nicht frei?

Er sah, wie sie bemüht war, sich frei zu machen.

Sie harte ihren Feind erkannt, und sie nannte ihn: das Kapital.

Sie wußte, oder konnte es heute wissen, daß das Kapital es war, dem sie als Tribut einen Teil ihres Arbeitsertrages zu zahlen hatte, der so groß war, daß er sie auf der Grenze der Lebensmöglichkeit erhielt und die Kapitalisten zu Reichen machte, sie aber, die Arbeiter, zu deren Sklaven.

Und abermals weiter:

Die Arbeit hatte ihren großen Kampf um ihre Freiheit, ihre Abrechnung mit dem Kapitalismus begonnen, und dieser Kampf hieß: Sozialismus. Der Sozialismus war in dieser erkannten Form eines ökonomischen Kampfes keine alte Bewegung, aber er war nicht von gestern. Seit Jahrzehnten bereits durchgellte der Schlachtruf: »Hoch die Arbeit! Nieder mit dem Kapital!« die Kulturländer der Welt.

Die Armee des Sozialismus war ungeheuer groß, und ihre Macht mußte unwiderstehlich sein, wenn sie recht gebraucht wurde; obendrein war das Recht auf ihrer Seite. Warum siegte sie nicht? – Warum hatte sie nicht längst gesiegt?

Das begriff er nicht.

Eine so ungeheure Bewegung – und so machtlos, die erste ihrer Forderungen durchzusetzen!

War in Wirklichkeit die Lage der Arbeiter nicht fast dieselbe, wie sie zu Beginn dieses Kampfes gewesen war: hinabgedrückt auf ein Mindestmaß des Lohnes, mußten sie ihre Arbeit zu einem Preise verkaufen, der ihnen erlaubte, ihr Leben notdürftig zu fristen, und ihnen keine Hoffnung ließ, aus diesem Zustand ständiger und entwürdigender Abhängigkeit je herauszukommen. Denn wie wenig kam es diesem Zustand gegenüber darauf an, ob sie hier und da die eine oder andere ihrer Forderungen durchzusetzen vermochten!

Man sagte ihnen, daß »alle Räder still zu stehen hätten, wenn sie es wollten «. Warum standen sie nicht still, nicht so lange still, bis sie selbst, die Arbeiter, zu ihren Herren und Eigentümern geworden, sie wieder freiwillig in Gang setzten? – Warum gingen diese Räder im Gegenteil immer und überall weiter und weiter, und zermalmend über sie hin? Warum war die größte Bewegung des Jahrhunderts so machtlos ?

Ernst Förster fragte es sich wieder und wieder.

Lag es an ihrer Zersplitterung? – An der Uneinigkeit über ihre Ziele? –

Aber es gab doch nur dieses eine Ziel, konnte nur dieses eine Ziel geben: die Befreiung der Arbeit?

Steckte diese Bewegung noch so in den Kinderschuhen, daß sie selbst nicht wußte, was sie wollte und wohin sie wollte ?

Er fragte es sich immer wieder:

Warum war die Arbeit, nachdem sie erkannt hatte, daß sie frei werden mußte, nicht frei? – Morgen, nein heute schon, nicht frei? – Und fand keine Antwort.

Ein Grübler, war er nach London gekommen; ein Zweifler, ging er nach Ablauf des Winters nach Paris – ein Zweifler nicht nur an der Gerechtigkeit menschlicher Zustände, sondern ein Zweifler auch an der Möglichkeit ihrer Besserung.

Reicher und voller noch erschloß sich ihm das Leben in diesem Sommer in Paris, und er wurde nicht müde, es auf sich wirken zu lassen und es in sich aufzunehmen, aber im Grunde brachte es ihm nur die Bestätigung dessen, was er jetzt nun schon wußte: daß dieses Leben für die einen geschaffen schien und nicht für die anderen; daß diese das ihre hingeben mußten, um das jener zu erhalten; und tiefer noch erschienen ihm hier, in der alten Stadt aller Kultur und aller Schönheit, die Schatten, die es aus strahlenden Höhen in dunkle Tiefen warf.

Er stürzte sich auch hier in den Strudel der Bewegung: sah bekannte Gesichter wieder und traf auf neue, und ließ die Ströme einer ihm bisher unbekannten Beredsamkeit dieses leidenschaftlichen Volkes über sich hinströmen, in der so oft die Freude an der Schönheit des Ausdrucks die an ihrem Sinn überwog.

Auch hier überall der Schrei nach Recht, und alle übertönend in dieser Zeit schwerer wirtschaftlicher Krisen, die Scharen von Arbeitern aus ihren Fabriken und Werkstätten aufs Pflaster warfen, der lauteste Schrei: der nach dem Rechte auf Arbeit.

Recht auf Arbeit? – Er hatte geglaubt, daß es das Recht auf den gerechten, den vollen Arbeitsertrag sei, auf das es vor allem ankam. – Nun sah er, daß die Arbeiter das ihm selbstverständlich erscheinende Recht auf Arbeit vor allen anderen Rechten verlangten. Von wem? –

Wie verschieden war, was sie verlangten! – Und wie verschieden war, was sie mit den gleichen Worten verlangten! … Neue Zweifel für ihn!

Als der Sommer zu Ende ging – und er verging wie ein flüchtiger Tag – und Ernst Förster daran denken mußte, ihn zu enden, hatten seine Zweifel sich nur vertieft, und keiner war gehoben; und zu den alten gesellten sich neue Fragen:

Von wem sollte die Lösung der sozialen Frage kommen? – Von wem und wann? – Und gab es überhaupt eine Lösung? –

Fast zweifelte er auch daran.

Er sah überall nur Jammer und Elend, Not und Verzweiflung und nirgends auch nur die Spur von Gerechtigkeit in diesem Meer von Unsinn und Schmach, das die Menschen Leben nannten.

Sah überall nur den unerhörtesten Luxus und die sinnloseste Verschwendung, überall nur freche Überhebung des Menschen über den Menschen und gedankenlose Anbetung jeden, aber auch jeden Erfolges, wenn er sich nur bezahlt machte; sah das lügnerische Possenspiel der Politik um diesen Erfolg der Gewalt und das tragische um das Leben der Menschen.

Was galt es, dies Menschenleben – Wem galt es etwas? –

Weniger als nichts!

Und sein Leben war eines unter diesen Leben.

Umhergeworfen trieb er auf hohem Meer, ein willenloses Spiel von Mächten, die er nicht kannte.

Und er wußte nicht, ob es nicht auch ihn eines Tages verschlingen würde, wie es Unzählige verschlang – nicht, wohin es ihn noch werfen würde und nicht, an welche Küste!

+++

Ein Grübler hatte vor Jahresfrist den äußeren Kreis verlassen und die Tür zum Raume des Lebens aufgestoßen.

Leer war ihm der Raum erschienen, als sein Auge an das Dunkel noch nicht gewohnt war.

Nun war dies Dunkel einer Dämmerung gewichen, aber mehr zeigte auch sie ihm nicht, als die Seite, auf die er getreten war.

In ihr stand er jetzt.

Aber wohin sollte er nun? – Der Zweifel hatte ihn ergriffen.

War er zu kühn gewesen? – Hätte er bleiben sollen, wo er gewesen?

Er wußte noch nicht, wohin er sollte, aber er fühlte, daß es kein Zurück mehr gab: daß er vorwärts mußte, tiefer hinein, und – wenn es möglich war – hindurch durch diese Nacht.

Wenn es möglich war! – Aber würde es möglich sein? Denn auch die Stimme, der er gefolgt war bis hierher, schien verstummt. Sie, die ihn einst über die Höhen gelockt und ihm Mut gegeben einzutreten.

Einst? – War es schon so lange her? – Fast schien es ihm so. Dies eine Jahr zählte für viele.

Sie schien verstummt, die Stimme. Aber wie jedes Leben sich nur hält durch eine letzte Hoffnung, so hoffte auch er noch immer, sie eines Tages wieder zu vernehmen.

Es mußte wohl ein jeder den Weg des Zweifels gehen, um zur Erkenntnis der Wahrheit zu gelangen. Und wenn es eine Wahrheit gab, so konnte es nur die Freiheit sein. So hoffte er noch in allen seinen Zweifeln.

Aber er zweifelte auch an ihr, denn er sah keinen Weg zu ihr und nirgends die Möglichkeit eines Weges.

Er zweifelte an ihr, weil er ihre Stimme nicht mehr hörte in dem Lärm dieser Tage, der sie übertönte.

Ernst Förster war ein Zweifler geworden.

Er, der früh erkannt hatte, daß das Leben ein Kampf war, der bestanden werden mußte, und der nun diesem Leben gegenüberstand, um es zu besiegen, hatte ihm ins Gesicht gesehen und war zurückgeschaudert. Denn es war ein entstelltes Gesicht gewesen, das sich ihm gezeigt hatte – ein Gesicht voll Krankheit und Laster, ein Gesicht des Grauens.

Er hatte gesehen, daß dieser Kampf zwischen den Menschen ein ungleicher war: daß nicht Mensch gegen Mensch mit den ihm von der Natur verliehenen Waffen stand, sondern bewehrt die einen mit künstlichen, versteckten und vergifteten Waffen gegen die anderen – Bewehrte gegen Wehrlose.

Und so stand nun die Erkenntnis dieses Jahres vor ihm: daß das Leben von heute ein einziger ungeheurer Schwindel war, mittels dessen der eine Teil der Menschen den anderen Teil unausgesetzt betrog und bestahl!

Mit dieser Erkenntnis war alles unter ihm zusammengebrochen, und nichts stand mehr fest für ihn. Er war ein Zweifler geworden. Er wußte jetzt, daß es keine allgemein gültigen Sittengesetze gab, sondern daß sich die Menschen diese Gesetze willkürlich schufen, um mit ihnen den großen Schwindel durchzusetzen und aufrechtzuerhalten.

Er wußte, daß sie diese selbst geschaffenen Gesetze mißbrauchten nach ihrem Belieben in den Grenzen ihrer Macht.

– Er war ein Zweifler geworden, und wie alle Zweifler war er nicht glücklich.

In seine Stirn hatten sich erste, feine Falten gegraben, wie sie ein rastloses und unbefriedigtes Denken zieht, und die grauen Augen blickten nicht mehr vertrauend und hoffend in die Welt, sondern forschend und zweifelnd.

Ein Luftzug von draußen hatte die Flamme in ihnen ergriffen. Aber noch brannte die Flamme nicht. Ihr Schwälen war Rauch.

Sechstes Kapitel

Der Verzweifler

Nur wenige Wochen noch blieben ihm von diesem einen Jahre der Freiheit.

Er beschloß, bevor er den Kampf um das eigene Leben wieder aufnahm, sie in ungestörter Stille zu verbringen. Sie sollten ihm dazu dienen, Einkehr zu halten in sich: die ungeheure Fülle der Eindrücke dieses Jahres zu sammeln und zu klären.

Er wußte, daß er, für die nächsten Jahre wenigstens, nach Deutschland zurückkehren mußte, und er wählte daher für diese Wochen einen kleinen Ort an dem großen See, der drei Länder trennt und verbindet, eine Durchgangsstation des Fremdenverkehrs, der hinüber und herüber flutet, ihn berührt, aber nicht gestört wird von ihm.

Er war müde der wechselnden Bilder und müde der vielen, der immer neuen Menschen; und er sehnte sich nach dieser Ruhe der Einkehr.

Auf der Höhe in einem leer und zum Verkauf stehenden Hause fand er ein großes Zimmer mit weitem Blick auf den lieblichen Ort und den See.

Es war ein wundervoller Herbst. Um seinen Balkon schlang der wilde Wein seine roten Ranken, und die letzten Blumen des Jahres sandten ihren matten Duft zu ihm empor.

An klaren Tagen sah er das jenseitige Ufer liegen wie einen feinen Streifen; an trüben wogte unter ihm ein Meer von Nebel und Rauch.

Kein Laut des Lebens drang zu ihm herauf.

Es war eine Stille, wie nach dem Sturm. Aber in ihm war keine Stille.

Wie nach dem Sturm das Meer unter scheinbar beruhigter Oberfläche fortgrollt, und die Macht seiner langdahinziehenden Wogen dem, was sich ihnen naht, noch verhängnisvoller wird als vorher, so wühlte die Empörung in dem jungen Menschen fort.

Er zürnte den Menschen.

Was waren das für Wesen, die sich so tief erniedrigten, daß sie sich zu freiwilligen Sklaven machten; und was waren das für Wesen, die sich so frech erhöhten, daß sie glaubten, über ihre Mitmenschen herrschen zu dürfen?

Er verstand sie nicht – nicht die einen und nicht die anderen. Aber ein neues Grauen ergriff ihn und ließ ihn nicht in diesen Wochen: das Grauen vor ihren – Worten.

Worte! – Die Menschen hatten sich die Sprache geschaffen, um einander näherzukommen und sich zu verständigen.

Aber in Wirklichkeit entfremdeten sie sich durch ihre Worte, und um so weiter, je mehr Worte sie brauchten. Abgründe legten ihre Worte zwischen die Menschen, statt Brücken zu bauen; und statt des Friedens brachten sie den unaufhörlichen Streit.

Denn die Menschen waren sich nicht einig über den Sinn und die Bedeutung der Worte, nicht über den der wichtigsten unter ihnen.

Sie sprachen von Liebe und lebten in einer Welt von gegenseitigem Haß.

Sie sprachen von Brüderlichkeit und dachten nur daran, sich gegenseitig zu übervorteilen und zu betrügen. Sie sprachen von Gleichheit, und zwischen ihnen herrschte eine Ungleichheit, wie nirgends unter den Tieren einer Gattung.

Sie sprachen von Wahrheit und erklärten selbst, daß die Lüge die Welt regiere, und ihrer sogenannten Göttin der Gerechtigkeit verbanden sie selbst die Augen, wohl, damit sie die von ihnen begangenen Taten nicht sähe.

Und alle diese Worte – und viele andere noch – brauchten diese Menschen tagein tagaus, ungezählte Male, und keiner dachte sich etwas bei ihnen; wenn sie sich aber etwas unter ihnen dachten, so verstand der eine dies und der andere das unter demselben Wort, und das einfachste Gespräch endigte in Uneinigkeit.

Die Ehrlichen gerieten in Verlegenheit, wenn man sie fragte, ermüdeten sich in Erklärungen und gingen unbefriedigt auseinander; die Unehrlichen aber erkannten, wie nützlich diese Verworrenheit ihren Zwecken war, und brauchten sie in ihren Diensten, wie es ihnen am nützlichsten erschien.

Worte! – Die Menschen hatten sie sich als Waffen geschmiedet und brauchten sie in diesem ungleichen Kampf, bevor sie zu denen aus Stahl und Eisen griffen.

Worte! – Was waren Worte? – Hohle Phrasen, Gebilde, die der Atem der Menschen in die Luft blies. Sie vergingen mir ihm.

Keines stand fest. Kein einziges stand fest. Keines war eine Richtschnur für alle, um zu demselben Ziele zu gelangen.

Sie sprachen von Recht, und nicht zwei unter ihnen waren sich einig darüber, was Recht war; und wo sie sich äußerlich geeinigt hatten, traten sie das, was sie Recht nannten, Tag für Tag mit Füßen.

Um die Sinne der Menschen zu verwirren, war die Sprache geschaffen.

Sie sprachen in ein und derselben, aber in verschiedenen Zungen.

Warum sie noch gebrauchen, diese Sprache!

Aber sie brauchten die Worte nicht nur, die Menschen, sondern sie handelten nach ihnen – nach dem Sinn, den jeder unter ihnen seinen Worten gab.

Und wenn der andere sich diesem Sinn nicht fügen und beugen wollte, so brauchten sie Gewalt, um ihn zur Anerkennung und zum »Verständnis« zu zwingen.

Mit ihren Worten schrieben sie ihren Willen, und mit Gewalt setzten sie ihn durch.

Wer aber gab ihnen das Recht, diese Gewalt anzuwenden? Ernst Förster lachte.

Das Recht? – Aber er hatte ja eben gesehen, daß auch dieses Recht nur ein Wort war, wie alle anderen, das Wort vielleicht, über dessen Bedeutung die Ansichten der Menschen so weit auseinandergingen wie über kein anderes. Wozu also fragte er!

Recht, das war ein völlig ungeklärter und verworrener Begriff, der nirgends feststand, aber Gewalt, das ließ sich eher hören, denn über sie konnte es kaum eine andere, als dieselbe Ansicht geben.

Gewalt – das war nur ein anderes Wort für Recht und sicherlich ein ehrlicheres.

Es gab kein Recht in der Welt; es gab nur Gewalt.

Gewalt schuf das Unrecht, das in der Welt herrschte.

Wie anders konnte es aus ihr entfernt werden, als dadurch, daß man der Gewalt wieder Gewalt entgegensetzte?

Wenn die, welche das Unrecht als Recht verteidigten, den Polizeiknüppel schickten und, wenn dieser versagte, die Bajonette aufstecken und die Kanonen auffahren ließen, warum sollten dann die, die das ihnen angetane Unrecht nicht länger erdulden wollten, nicht mit Bomben und Dynamit antworten?

Denn die Gewalt hatte das letzte Wort. Ultima ratio regum, hatte er einst auf einer alten Kanone gelesen.

Sie war es, zu der alle anderen Worte ihre Zuflucht nahmen, wenn sie harte Wirklichkeit wurden, bis es allein noch übrig blieb.

Mit Gewalt allein wurde dieser große Schwindel aufrechterhalten. Gewalt allein konnte ihm ein Ende machen.

Aber warum dann noch warten? – Und worauf noch? –

Von Blut trieften die Blätter der Geschichte, wo er sie aufschlug. Von Blut die Tage, in denen er lebte.

Keine Schandtat, die sich nicht Recht nannte; kein Widerstand gegen dieses »Recht«, das nicht als »Verbrechen gegen die Autorität« gebrandmarkt und verfolgt wurde!

War das Maß nicht voll bis zum Überlaufen? – Und erstickte diese Erde nicht in Blut und Schande? …

Er hatte Blut fließen sehen.

Er hatte in London gesehen, wie die Polizei die Hungrigen, die um Arbeit baten, zusammengeknüppelt hatte; und in Paris, wie das Militär auf Streikende feuerte – der Bluthauch kommender Revolutionen wehte ihn aus diesen Kämpfen an.

Die das, was sie ihr Recht nannten, verteidigten, ihr Recht auf Brot und Arbeit, waren selbst gekommen; aber die, welche das Unrecht verteidigten, hatten andere geschickt, aus den Fenstern zugesehen und Beifall geklatscht.

Die da oben, die die Macht hatten, wer waren sie, die Gewalt nach ihrem Gutdünken zu gebrauchen?

Diese Gewalthaber – Herrscher, Präsidenten, Generale, Regierungsbeamte – er kannte sie nicht; er wußte kaum, wer sie waren. Er haßte diese Menschen nicht. Sie waren ihm gleichgültig. Er wußte nur, daß es Menschen waren wie andere Menschen, besonders und auffällig nur in ihrer Kleidung und ihrem Gehaben; Puppen auch sie in des Lebens grausem Spiel, die, wenn das Schicksal, das sie sich selbst bereiteten, einmal nach ihnen griff und einen von ihnen herausholte und aufknüpfte, sofort durch andere ersetzt wurden. Namen, heute genannt und morgen vergessen. Aber warum schrien sie so, wenn das Schicksal sie traf – wenn Gewalt gegen sie gebraucht wurde, sie, die selbst nichts anderes kannten, als diese Gewalt?

Gewalt also gegen Gewalt!

– Dennoch schreckte er vor ihr zurück.

Er selbst hatte nie Lust verspürt, sich in diese Kämpfe der Straße zu mengen und teil an ihnen zu nehmen. Nicht aus Feigheit. Denn er war nicht feig.

Aber wie seiner Natur jede Roheit zuwider war, so stieß ihn jedes Blutvergießen ab. Und überdies endigten die Streitigkeiten immer mit dem Siege derer, die diese Streitigkeiten heraufbeschworen, und sie, wenn es in ihren Interessen lag, angeordnet hatten; und die in ihnen auf dem Flecke blieben, – es waren, wie er sah, die heute wie gestern immer Unterlegenen.

Zu einem persönlichen Attentat auf irgendeinen Machthaber aber wäre er selbst dann, wenn ihm dessen Person nicht gleichgültig, sondern verhaßt gewesen wäre, unfähig gewesen.

Er kannte in der sozialen Bewegung, der er jetzt angehörte, den vielgenannten Namen der Richtung – den Namen, der bald für ihn, wenn auch in ganz anderer Weise, von so ungeheurer Bedeutung werden sollte, – er kannte den Namen, mit dem sich die nannten und mit dem die genannt wurden, die diese Taktik der Gewalt auf ihre schwarze Fahne geschrieben hatten und die von Zeit zu Zeit mit dem Krachen ihrer Bomben die Erde erbeben ließen. Aber die soziale Theorie, die unter demselben Namen ging: » Alles gehört allen – jeder produziert nach seinem Belieben und konsumiert nach seinen Bedürfnissen«, erschien ihm von vornherein so völlig unvereinbar mit der menschlichen Natur, daß er die Möglichkeit einer Verwirklichung nie in Erwägung gezogen hatte; sie war ihm fremd, ja unsympathisch. Aber auch jetzt, wo er auf die Frage der Gewalt keine andere Antwort fand, als das gleiche Wort Gewalt, vermochte er in der Anwendung und selbst in der unbeschränkten Durchführung dieser Praxis keine Lösung der sozialen Frage zu sehen – der Befreiung der Arbeit. Ihre Befreiung schien ihm auch bei konsequenter Durchführung dieser Taktik um keinen Schritt näher gerückt. Denn jenem Ungeheuer, das sie umklammert hielt, dem Kapital, wuchsen an Stelle jedes abgeschlagenen sofort hundert neue Köpfe.

Er selbst hätte, wie er sich sagte, nur in einem äußersten Verzweiflungskampf um sein Leben zu einem solchen Verteidigungsmittel greifen können, und das entschied die Frage für ihn. Denn anderen ein Mittel anzuraten, das man selbst nicht gebrauchen wollte und konnte, erschien ihm als eine Feigheit; feig daher die, die in der Bewegung die Taktik der Gewalt predigten, ohne sie selbst anzuwenden, feig wie jene Machthaber, die ihre Kreaturen sandten und die Gewalt durch sie ausüben ließen.

Sein ganzes Wesen rang in diesen Wochen nach Klarheit, aber immer von neuem warf ihn das Fieber der Empörung zurück und schüttelte ihn.

Es war die Empörung der Verzweiflung, der Verzweiflung über die Gewalt und seine eigene Ohnmacht gegenüber dieser Gewalt.

Aber es war auch die Empörung, die jeder inneren Befreiung vorausgeht, wie oft das Fieber die Genesung beschleunigen hilft; und dunkel begann er in seinen schwersten Stunden den Feind, der ihm sein Wesen und seinen wahren Namen hinter der Maske von Blut und Eisen noch verbarg, zu ahnen.

Die Tür hinter ihm war zugeschlagen. Es gab kein Zurück.

Aber der Raum des Lebens, in dem er stand, war noch immer erfüllt von undurchdringlicher Dunkelheit, und nur in der Mitte schien sich ihm jetzt eine schattenhafte Masse zu erheben, unförmlich und drohend. Aber wer sie war und wie sie dorthin kam, vermochte er nicht zu erkennen.

So hatte ihn die Verzweiflung gepackt: das Grauen vor den Menschen und ihren Worten; und die heimliche Angst, sich unter ihnen zu verlieren. Was sollte er hier und wohin ? –

Er fühlte sich zurückgestoßen von einer feindlichen und heimlichen Macht auf seinem geraden Wege zu den Höhen, zu denen er wollte. Er stand am Rande eines Abgrundes. Wohin nun? –

Zurück? – Nein, niemals. Alles andere, aber nie mehr wieder dorthin zurück, von wo er gekommen.

Nein, er durfte nicht verzweifeln. Er mußte den Blick in das Antlitz des Lebens ertragen, ohne zu versteinen.

Er mußte den begonnenen Kampf durchsetzen und sehen, wer der Stärkere war.

In diesem Kampfe gab es nur eine Waffe für ihn –das eigene Denken. Mit dieser Waffe mußte der Sieg erfochten werden, der Sieg, der Erkennen hieß.

Erst hatte er geglaubt, nicht leben zu können, ohne das Leben gesehen zu haben, wie es war; jetzt, wo er es gesehen, wußte er, daß er nicht leben konnte, ohne es erkannt zu haben. Auf das Sehen mußte das Erkennen folgen, wenn er leben wollte.

Nicht das Sehen machte glücklich, sondern allein nur die Erkenntnis. Er fühlte (und nie so, wie in diesen Wochen), daß es seiner Natur nicht gegeben war, sich in der Zufriedenheit des Sichbescheidens mit gegebenen Wahrheiten glücklich zu fühlen oder in ewigen, nie geklärten Zweifeln dahin zu leben; und nie so, wie in diesen schweren Tagen der Verzweiflung, fühlte er, daß auch er von »jenem Geschlecht« war, das »heraus wollte aus der Nacht zum Licht«.

Aber an manchem Abend, an dem er auf dem Balkon seines Zimmers bei seinem Glase Wein saß, den man hier offen schenkte, und hinübersah zu den Lichtern eines anderen Ufers, verzweifelte er, ob es ihm, wie dem Schiffe, das als letztes für heute so sicher einem anderen Ufer und seinem Hafen entgegenzog, gelingen würde, seinen Hafen zu finden.

Denn noch immer war der Klang der Stimme, die ihn einst gerufen, verstummt in diesem Dunkel.

Freiheit – das war ein Wort geworden, eines unter den vielen Worten, die er nicht verstand und die ihm nichts mehr sagten.

Ein Wort, das ihm immer noch süßer klang als alle anderen, aber verbraucht und mißbraucht von allen, die es nannten, und überall.

Würde er je ergründen, was es meinte, dies Wort?

Auch daran verzweifelte er. Denn aus dem Dunkel in sich und um sich antwortete ihm nur Schweigen.

Als er sich eines Tages zufällig im Spiegel sah, bemerkte er zum erstenmal, wie sich der scharfe Zug um Mund und Nase noch vertieft hatte, und aus den Augen dort vor ihm schlug ihm eine Flamme entgegen, die Lodern war.

An diesem Tag erstieg er zum letztenmal die Höhen hinter seinem Hause, sah von ihnen die Gipfel der Alpen hinter und die Weite des Sees unter sich, und suchte nach einer Frucht der Erkenntnis aus diesen Wochen der Einkehr. Er fand keine. Denn noch war sie ihm nicht aufgegangen, und wie groß die war, die in ihm lag, wußte er nicht.

Nur das fühlte er, daß diese Wochen, diese letzten ganz sorglosen und freien auf Jahre hinaus, die kamen, diese Wochen, die die schönsten dieses Jahres hätten werden sollen, die schwersten seines bisherigen Lebens gewesen waren. Da stieg er in plötzlichem Entschluß nieder, packte noch an demselben Abend seinen Koffer, und in der Frühe des nächsten Morgens fuhr er über den See dem andern Ufer zu.

Siebentes Kapitel

Der Sucher

Auch diesmal war er nicht im Zweifel, wohin er zu gehen hatte. Es konnte nur eine große Stadt sein, mit den mancherlei Erwerbsmöglichkeiten seines Berufes und mit vielen Menschen. Denn er hatte die großen Städte lieben gelernt in der Freiheit ihres Verkehrs und ihrer Ungebundenheit des persönlichen Lebens.

So ging er nach Berlin.

Auf den ersten Blick erschien ihm die Stadt klein und ihr Leben fast ruhig im Vergleich mit dem mächtigen London und dem lebhaften Paris. Aber bald sah er, daß es eine weite Stadt war und daß er auch hier seinen Weg würde gehen können, wie er wollte.

Einen wesentlich anderen Eindruck, als daß es eine große Stadt war, empfing er auch in den beiden nächsten Jahren nicht, in denen er hier blieb. Es war keine Stadt, die man hassen konnte, wie London, und keine, die man lieben mußte, wie man Paris lieben mußte. Daß es eine große Stadt war, war schließlich noch das beste an diesem Berlin. Etwas Nüchternes lag über ihr, wie über ihren Menschen etwas Gedrücktes lag, als stünden sie unter einem steten Zwange, der sie nicht recht aufatmen und leben ließ, und die Farben des Landes, schwarz und weiß, verschwammen in ein trübes und schmutziges Grau.

Aber dennoch war er gern hier, und wenn die Stadt nicht, lernte er doch ihre Umgebung lieben, die stillen Seen in dem weißen Sande und die ernsten Kiefernwälder, die das rechte Kleid für sie zu sein schienen.

Er nahm sich in dem letzten Stock eines Hauses in einem der Vororte eine kleine, leere Wohnung von zwei Zimmern mit einem weiten Blick auf noch unbebaute Flächen, die ihn kaum mehr kostete, als bisher das eine, und stattete sie einfach mit dem Notwendigsten aus. Das machte ihm Freude, und als von der Universitätsstadt endlich auch seine dort vor einem Jahre zurückgelassenen Bücher kamen, fühlte er sich bald zuhause und Herr in seinem kleinen Reich.

Dann nahm er mit der alten Energie seine unterbrochene Arbeit wieder auf, suchte Altes und Neues zu verwerten und sah bald, um wieviel leichter dies war, sobald persönliche Beziehungen angeknüpft waren. Es würde gehen, sich durchzubringen; es mußte gehen.

Als er eines Tages einer Zeitung einen Bericht über eine Zufälligkeit, der er in den Weg gelaufen war, einen Fabrikbrand, überbrachte und man hier sah, wie brauchbar die Arbeit war, betraute man ihn mit neuer, und da es eine Tätigkeit war, die ihn weder an bestimmte Stunden, noch an seinen Schreibtisch band, nahm er sie an. Sie gab ihm Gelegenheit, Einblick in Verhältnisse zu tun, die ihm sonst verschlossen gewesen wären, und sie sollte ihn mit vielen und verschiedenen Menschen und Schicksalen bekannt machen.

Es war nur Reporterarbeit, bescheidene, bescheidenste, aber er tat sie gern; war sie aber getan, so dachte er nicht mehr an sie, als der Kaufmann an seine Kladden.

Denn dann war er frei, und diese besten Stunden wollte er ganz daran geben, zu suchen, was er finden mußte.

Erkennen wollte er jetzt – nicht das Leben suchte er mehr, das er gefunden und das er täglich fand, sondern das Erkennen. Um aber erkennen zu können, mußte er denken – selbständig denken.

Sein Herz, sein Mitgefühl hatten zu schweigen; sein Verstand allein sollte reden.

Zu oft bereits hatte er gesehen, welche unheilvolle Rolle das »Gefühl« hier, wo Leiden und Mitleiden so nahe beieinander lagen und sich gegenseitig hervorzurufen schienen, spielte. »Mein Gefühl sagt mir …« – »Mein Gefühl sträubt sich dagegen …« – das waren hundertmal die Antworten gewesen, die er erhielt, wenn er nach dem Weshalb, der Begründung einer Ansicht, fragte; und immer wieder von neuem sah er, wie gefährlich es war, dem Gefühl die Leitung anzuvertrauen, wenn es nicht vorher die Prüfung vor dem Verstande bestanden hatte und von ihm weiter beaufsichtigt wurde, um sicher zu sein, nicht in die Irre – durch Wirrnis und an den Rand des Abgrundes – geführt zu werden.

Mit jener Ruhe, die allein wissenschaftlichen Untersuchungen ziemt und ihnen allein Erfolg verbürgt, mußte auch an die Begründung dieser Frage gegangen werden, mit um so größerer, weil sie von allen die persönlichste war, die Frage, die jeden anging, die mit den Interessen des Einzelnen und somit der Allgemeinheit mehr oder weniger eng verknüpft war und der sich keiner entziehen konnte; mit einer um so überlegeneren, weil sie gerade aus diesem Grunde zum Tummelplatz ungezügelter Ausbrüche des Hasses und der Liebe geworden war, in deren Toben und Wüten auf den ersten Blick ein sicheres Urteil fast unmöglich schien.

Erstes Erfordernis dieser Untersuchung war demnach völlige Unvoreingenommenheit des Standpunktes.

Nirgendwo – soviel wußte er bereits – herrschte eine solche Verschiedenheit der Ansichten, eine solche Ungeklärtheit der Begriffe, ein solcher Wirrwarr der Gefühle und ein solcher Mangel an Kenntnis der einfachsten Begriffe, wie in dieser, der sozialen Bewegung.

Es durfte nichts von vornherein als feststehend angenommen werden, wenn man sich nicht von vornherein selbst binden wollte.

Um diesen Standpunkt einnehmen zu können, hatten Neigung und Abneigung vorerst völlig zu schweigen: der Blick hatte sich fest auf die Menschen und die Dinge zu richten, und je nüchterner dieser Blick war, um so klarer würde er sehen können. Er hatte ferner nicht danach zu fragen, ob das, was er wissen wollte, alt oder neu, anerkannt oder verworfen, »wissenschaftlich« oder »unwissenschaftlich« war, sondern danach, ob es logisch oder unlogisch, ob es richtig oder falsch war. War es logisch, dann war es richtig; und war es richtig, dann war es wissenschaftlich.

So wollte er sehen und prüfen. Er wollte sich nicht mehr umherschleudern lassen in dieser Bewegung; er wollte festen Grund in ihr fassen und wissen, wo er in ihr stand. Die Aufgabe war zunächst: die menschlichen Verhältnisse zu sehen, wie sie waren, und zu erkennen, weshalb sie so geworden waren, wie sie waren. Dann: die Vorschläge zu prüfen, die zu ihrer Änderung und Besserung gemacht waren. Endlich: sich für die einen oder für die anderen dieser Vorschläge selbst zu entscheiden.

Er schob alles beiseite, was ihm etwa auf diesem Wege hinderlich sein mochte: Erinnerungen und Eindrücke.

Er sah nicht mehr nach rechts und nicht nach links, sondern gradeaus. Er hatte jetzt keine Zeit mehr, sich aufzuhalten, wollte er zu dem vorgesetzten Ziele kommen.

– Besonders in der ersten Zeit lebte er sehr für sich, in der großen Stadt, die ihm bald vertraut wurde und die ihn leben ließ, wie er es wollte.

Der Punkt, von dem er ausging, war dieser:

Die sozialen Beziehungen der Menschen von heute waren nicht, wie sie sein sollten, harmonisch, sondern disharmonisch.

Sie vollzogen sich nicht natürlich, sondern sie standen unter einem künstlichen Druck, der sie in unnatürlicher Weise verschob.

Es waren keine geordneten, sondern ungeordnete, oder besser gesagt: es waren schlecht geordnete Beziehungen. Sie waren nicht frei, sondern unfrei.

Und der Faktor, der diese Störung verursachte, diesen Druck ausübte und diese soziale Unordnung schuf, war Gewalt.

Was war Gewalt? –was hatte man unter dem Begriff »Gewalt« zu verstehen, und welches war ihr Wesen? –das war die erste aller Fragen.

Gewalt heißt die Anwendung eines äußeren, körperlichen Zwanges, einerlei welcher Art, von einem Menschen auf den anderen, oder von den einen Menschen auf die anderen Menschen, ausgeübt zu dem Zweck, ihn oder sie gefügig zu machen, seinen oder ihren Willen zu dulden oder zu befolgen.

Das Wesen der Gewalt ist demnach Zwang; und zwar ein von außen her geübter Zwang.

Zwang und Freiwilligkeit schließen sich aus. Widerstand gegen Gewalt daher ebenfalls Gewalt zu nennen, kann nur die Begriffe verwirren; Gewalt kann immer nur im Sinne eines Angriffs ausgeübt werden.

Der Ausübung von Gewalt muß daher immer ein Angriff vorausgehen: der Angriff eines Wollenden auf einen nicht Wollenden.

Die Gewalt fragt nicht: »Willst du?'« –sondern sie sagt: »Du mußt!« Und fügt hinzu: »Wie ich will!«

Nur einer kann der Angreifer sein. Einen Angriff gegen einen Angriff gibt es nicht; es gibt nur eine Verteidigung gegen einen Angriff.

Verteidigung und Angriff sind somit völlig entgegengesetzte Begriffe; wie Gewalt und Angriff identische oder gleichartige Begriffe sind.

Die beiden Eigenschaften der Gewalt aber sind: sich zu behaupten; und: sich zu stärken und auszubreiten.

Die erfolgreiche Ausübung der Gewalt setzt die Macht zu ihr voraus.

Gewalt ohne die Macht zur Gewalt hob sie auf; nur die Macht ihrer Stärke machte sie wirksam.

Wer hat nun die Macht, die Gewalt auszuüben? –In wessen Händen liegt die Ausübung der Gewalt?

Einen Augenblick stockte er hier.

Gewalt konnte entweder von Einzelnen oder von einer Körperschaft ausgeübt werden.

Um die ersteren handelte es sich hier nicht; als Antwort aber auf die zweite Frage nach der Körperschaft ergab sich die einzige: der Staat.

Es gab keinen Zweifel:

Der Staat allein hat die Macht, Gewalt auszuüben. Jede andere Gewalt tritt vor der seinen zurück und wird zu nichts.

Der Staat ist die Verkörperung der Macht; er ist allmächtig.

In seinen Händen liegt die Ausübung der Gewalt.

– Die Antwort war entscheidend.

Der Staat? – Die zweite Frage stellte sich von selbst

– was ist der Staat?

– Viele und widersprechende Erklärungen fand dieser umstrittene Begriff.

Die einfachste und zugleich treffendste schien ihm diese zu sein:

Eine Anzahl von Menschen erklärt ein Stück Erdoberfläche – ein bestimmtes Gebiet – mit allem, was darauf und darunter ist, für ihr Eigentum und benennt es mit dem Namen eines Staates.

Die Einwohnerschaft dieses Gebietes wird »Nation« oder »Volk« genannt, und es umschließt sie mir seinen Grenzen als »Vaterland«.

Die innerhalb dieser Grenzen lebenden Bewohner, die Staatsbürger oder Untertanen, werden den zur Zeit in diesem Staate geltenden Gesetzen unterworfen; wer diese Gesetze nicht freiwillig befolgt, wird dazu gezwungen, und zwar durch Anwendung von Gewalt.

– Der Staat beruhte demnach auf Gewalt.

Sein Wesen war Gewalt.

Da aber das Wesen der Gewalt der Angriff war, so konnte auch der Staat nur eine angreifende Körperschaft sein.

Woher und von wem empfängt nun der Staat die Macht zur Ausübung der Gewalt? –Es war die dritte Frage.

Zweifellos nur von dem Willen der Mehrheit. Er muß der Stärkere sein, um seine Macht zur Tat werden zu lassen.

Der Staatskörper ist der verkörperte Wille dieser Mehrheit.

Mochte er sich nennen, wie er wollte: Monarchie, Republik oder Demokratie; mochte an seiner Spitze stehen, wer wollte: ein absoluter Herrscher, ein Präsident oder eine Volksvertretung – immer mußte er eine Mehrheit (mochte es nun eine nur scheinbare oder eine wirkliche sein) hinter sich haben, um sein »Hoheitsrecht«, die angemaßte oder die ihm verliehene Gewalt, ausüben zu können. Denn nur so war er stark genug, um seine Macht zur Tat werden zu lassen: zu herrschen und zu regieren.

Die Mehrheit verleiht dem Staate seine Macht; auf ihr beruht seine Macht; ohne sie ist er machtlos.

Daher muß es das ständige Streben und das unausgesetzte Ziel des Staates sein, sich die Mehrheit zu sichern, um seinen Willen zur Macht aufrecht zu erhalten und ihn durchführen zu können; ihn zu stärken und zu erweitern; seine Macht zur Allmacht zu gestalten.

Das ausübende Organ des Staates heißt Regierung. In den Händen der Regierung liegt die Macht, den Willen des Staates zur Geltung zu bringen: die Staatsgewalt.

Und der Kampf um diese Staatsgewalt, um die Regierung, heißt: Politik.

Die Untersuchung über den Staat und sein Wesen führte naturgemäß zu einer Betrachtung der anderen Formen menschlicher Vereinigung.

Der Staat war nicht die einzige dieser Formen. Es gab andere Arten des Zusammenschlusses, die, so vielfältig und verschieden sie auch sein mochten, doch unter dem Namen »Gesellschaft« zusammengefaßt werden konnten.

Was nun war die Gesellschaft?

Wie schon ihr Name besagte, war sie eine »Gesellung«, der Zusammenschluß einer mehr oder minder großen Anzahl von Menschen zu einem bestimmten Zweck –im Grunde nichts anderes, als eine Vereinigung: wo zwei Menschen zusammenkommen, und sei es auch nur zu dem Zweck eines Gespräches, bilden sie eine Gesellschaft. So verschieden wie ihre Zwecke konnten auch die Formen dieser Gesellschaften, dieser Vereine sein.

Welches war nun der Unterschied zwischen Staat und Gesellschaft? Der, daß die letztere eine freie Vereinigung war, der erstere jedoch nicht.

Die Gesellschaft umfaßt die, welche zu ihr gehören wollen und die sie aufnimmt, einerlei, woher sie kommen; der Staat umschließt alle, die in einem bestimmten Gebiet wohnen, auch wenn sie nicht zu ihm gehören wollen; er »nimmt sie auf«, auch gegen ihren Willen. Er umschließt zwar alle, aber ist keine Gesellschaft »Aller«.

Im Staate steht stets eine Minderheit gegen eine Mehrheit; die Gesellschaft steht zusammen, solange sie zusammenstehen will.

Ist in der Gesellschaft ein Einzelner oder eine Anzahl ihrer Mitglieder gegen sie, so steht es diesem Einzelnen oder dieser Minderheit frei, jederzeit frei, sie zu verlassen: aus ihr, der Gesellschaft, auszutreten und zu bleiben, wo sie sind; der Staat gestattet einen solchen Austritt nur, wenn seine »Untertanen« nicht bleiben, wo sie sind – verließen sie sein Gebiet, gab es für sie nur die Wahl, sich in einen anderen Staat zu begeben und sich damit einer anderen Mehrheit zu unterwerfen.

Der Gesellschaft kann sich daher der Einzelne entziehen, ohne damit seine Umgebung zu verlieren; dem Staate nur, wenn er auf diese Umgebung Verzicht leistet.

Durch seinen Austritt löst der Einzelne die Gesellschaft für sich auf; der Staat hingegen löst den Einzelnen in sich auf.

Wenn sich in einer Gesellschaft die Minderheit dem Willen der Mehrheit unterwirft, so tut sie es freiwillig; im Staate tut sie es gezwungen, weil ihr keine andere Möglichkeit übrig bleibt.

Die Gesellschaft kann ihr Mitglied ausstoßen, es »ächten«. Der Staat kann seinen Untertanen zwar ebenfalls verstoßen, ihn »verbannen«, aber er tut es nur selten und zieht es vor, ihn zu bestrafen und zu bessern, indem er ihn einsperrt, oder, wenn ihm dies aussichtslos erscheint, vernichtet.

Ist der Zweck einer Gesellschaft erfüllt, so löst sie sich auf. Ihre Mitglieder gehen auseinander, wie sie zusammengekommen sind, um sich zu ähnlichen oder anderen Zwecken untereinander oder mit anderen wieder zu vereinigen. Ihre Auflösung bedeutet daher nicht Untergang, sondern Wiedergeburt und Auferstehung. Auch der Staat kann seine Formen wechseln, und er wechselt sie, wenn auch niemals freiwillig, aber er bleibt immer, was er ist: eine Vereinigung der einen gegen die anderen.

Innerhalb eines Gebietes kann es nur einen Staat geben; nur einen, der die Oberhoheit besitzt. Ein Staat innerhalb eines Staates ist ein Widerspruch in sich.

Der Staat schließt die Gesellschaft in sich ein. Sie besteht nur durch seine Gnade, und sie wird von ihm nur geduldet. Es gibt keine Art und Form der Gesellschaft, keinen Verein, den der Staat nicht auflösen kann, wenn er es für gut befindet und die Macht dazu hat. Nur geheime Organisationen haben Hoffnung auf ein mehr oder minder kurzes Bestehen, aber über kurz oder lang schlägt auch ihre Stunde.

– Staat und Gesellschaft sind somit nicht ähnliche und gleiche, sondern völlig verschiedene Begriffe, die sich ausschließen; sie miteinander verwechseln, heißt die Grundlagen des menschlichen Zusammenlebens mit einander verwechseln und verwirren. Sie sind natürliche Feinde und bekämpfen sich als solche unablässig. Der Sieg des einen bedeutet den Untergang der anderen, und umgekehrt.

Endlicher Sieger bleibt schließlich der Staat, wenn er die Gesellschaft so in sich aufgesogen hat, daß er eines mit ihr oder sie eines mit ihm: wenn er die Gesellschaft »Aller« geworden ist. Siegerin ist die Gesellschaft, wenn sie den Staat verdrängt hat und an seine Stelle getreten ist. Geht der Staat aber in der Gesellschaft auf, so hört er auf, ein Staat zu sein, und wird eine Gesellschaft wie jede andere.

Die Gesellschaft ist somit eine freie Vereinigung – sie kennt nur freie und gleichberechtigte Mitglieder; der Staat hingegen ist eine Zwangsvereinigung – er kennt nur Herrschende und Beherrschte, Unfreie und Ungleiche – Untertanen.

Der Staat steht über dem Einzelnen – er ist sein Herr; die Gesellschaft steht unter ihm – sie ist seine Dienerin.

Das Wesen des Staates ist somit Zwang; das Wesen der Gesellschaft Freiheit.

Um es nochmals zu sagen: der eine ist eine Zwangsvereinigung; die andere eine freie Vereinigung.

Welche Zwecke nun verfolgte der Staat, daß er sich mit Gewalt an die Stelle solcher anderen Vereinigungen setzte und sie sich unterordnete?

Waren seine Zwecke lautere, warum brauchte er zu ihrer Durchführung die Anwendung von Gewalt? – Und waren sie, wie er sagte, gemeinnützige, warum duldete er andere Institutionen nicht neben sich und bewies nicht im freien Wettbewerb mit ihnen seine Überlegenheit?

Er tat es nicht. Er stellte sich außerhalb jeden Wettbewerbs und zeigte damit, daß seine wahren Zwecke nur unlautere und versteckte sein konnten.

Seine vorgeblichen Zwecke einer ebenso vorurteilslosen, wie scharfen Prüfung zu unterziehen, war daher geboten. – Als ihren ersten und hauptsächlichsten gab er selbst die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung an: den Schutz der Bürger, seiner Untertanen, ihre Sicherheit und ihre Wohlfahrt – das Wohl der Allgemeinheit.

Nun, was es mit diesem allgemeinen Wohl auf sich hatte und wie es darum bestellt war, das hatte er, Ernst Förster, bereits genugsam gesehen, und jeder mußte es sehen, der Augen hatte, zu sehen: es gab kein »allgemeines Wohl«, kein Glück und keinen Wohlstand aller, sondern es gab nur die Wohlfahrt der einen auf Kosten der anderen – Reichtum und Überfluß auf der einen, Armut und Verelendung auf der anderen Seite.

Die Behauptung des Staates, der Beschützer aller zu sein und einen Zustand des allgemeinen Wohles zu erstreben und zu erhalten, war demnach eine Lüge, durch die tatsächlichen Verhältnisse als solche erwiesen, und nur ein Lügner oder ein Gedankenloser konnte sie ihm nachsprechen.

Was der Staat also in Wirklichkeit schuf und erhielt, war nicht die Gleichheit, sondern die Ungleichheit; die Unordnung, nicht die Ordnung.

Gleichheit hieß ein Zustand gleicher Bedingungen für alle Mitglieder der menschlichen Gesellschaft – ein Zustand, in welchem jeder und alle die gleichen Möglichkeiten zum Leben hatten: die gleichen Rechte auf ihre Arbeit, auf das Produkt ihrer Arbeit und auf die Verwertung ihrer Arbeit (deren Austausch).

Ordnung hieß ein Zustand, in dem ihre Mitglieder sich ungestört ihrer Arbeit hingeben und sich ungestört des Ertrages ihrer Arbeit erfreuen konnten.

Der heutige Zustand der menschlichen Gesellschaft war weder ein Zustand der Gleichheit, noch der Ordnung. Es war eine künstliche Ordnung und eine scheinbare Gleichheit, hinter denen sich eine völlige Unsicherheit und ein soziales Chaos verbarg, dieser bedingt durch jene.

Diese künstliche Ungleichheit und damit die Unsicherheit schuf der Staat, indem er den einen Rechte über die anderen verlieh: Vorrechte – Rechte, die sie voraus hatten (Privilegien oder Monopole).

Diese Vorrechte waren die Waffen, mit denen er jene belehnte im sozialen Daseinskampf. Mit ihrer Hilfe gingen sie als Sieger aus ihm hervor. So schuf er künstlich Starke und Schwache; und machte jene zu Herren, diese zu Knechten.

Welcher Art waren nun diese Privilegien oder Monopole?

Um sie finden und fassen zu können, war es nötig, nach der Untersuchung über das wahre Wesen des Staates die weitere anzustellen: nach dem Wesen der Arbeit; dem des Tausches; sowie dem des Mittels zu diesem Tausche, dem Gelde.

Mit dieser Frage aber kehrte Ernst Förster zu der ersten Erkenntnis zurück, die sich ihm aufgezwungen hatte, als sich ihm zuerst die auf Ungleichheit beruhende Ungerechtigkeit der sozialen Verhältnisse in ihrer ganzen Furchtbarkeit offenbart: daß diese Verhältnisse so waren, wie sie waren, weil der Arbeit verwehrt war, sich ihren vollen Ertrag zu sichern.

Was war Arbeit?

Arbeit –einerlei ob körperliche oder geistige –heißt jede auf Erzielung eines nutzbaren Wertes gerichtete Tätigkeit, und der durch sie erzeugte Gegenstand heißt Produkt.

Die Arbeit allein schafft Werte; die Arbeit allein sollte daher folgerichtig die rechtmäßige Basis des Preises bilden, der diesen Wert bestimmt.

Beschränkt der Erzeuger die Nutzbarkeit seiner Arbeit nicht auf seinen persönlichen Verbrauch (und kein Mensch von heute kann es, weil er seine sämtlichen Lebensbedürfnisse nicht selbst herzustellen vermag), so ist er gezwungen, sie gegen die Arbeit anderer einzutauschen. Die auf diese Weise notwendig gewordene Arbeitsteilung hat den Tausch geschaffen –den Austausch der Arbeit gegen die Arbeit, des Produktes gegen das Produkt, kurz, den Verkehr zwischen dem Produzenten und dem Konsumenten.

An die Stelle des ursprünglichen direkten Austausches von Produkt gegen Produkt bei unzivilisierten Völkern ist längst unter zivilisierten Völkern der indirekte getreten – der Tausch auf Grund eines Austauschmittels: des Geldes. Das dem Tausche übergebene Produkt, die Ware, tauscht sich im allgemeinen Verkehr nur noch indirekt um – Ware wird zu Geld, Geld wieder zu Ware, und so weiter; und das Geld selbst ist nichts als eine Ware in anderer Form – Ware in Form von Geld.

Wenn aber so das Geld nichts als eine Ware ist, so müßte es auch, wie jede andere Ware, von jedem, der sie benötigt, geschaffen und in den Handel gebracht werden und gegen andere Ware eingetauscht werden dürfen.

Durfte es das?

Sicherlich nicht.

Warum nicht?

Weil sich eine Anzahl von Menschen, der Staat, das Recht zur Herstellung und zur Verausgabung des Umlaufmittels, des Geldes, vorbehielt, oder die Erlaubnis zu dieser Herstellung und zu dieser Verausgabung nur bestimmten anderen Menschen, Inhabern von Banken, erteilte. So, kraft dieses Vorrechtes, das Geld zu schaffen und in den Verkehr zu bringen, entzieht der Staat es der freien Konkurrenz und monopolisiert es.

Als alleiniger Fabrikant des Geldes ist er naturgemäß imstande, den Preis dieser Ware so hoch oder so niedrig anzusetzen, wie es ihm beliebt, da alle, die Geld brauchen, (und wer braucht es nicht außer denen, die es haben?) gezwungen sind, ihm jeden Preis zu zahlen, den er fordert. So ist es, das Geld, sein erstes und hauptsächlichstes Monopol – das, welches ihm seine größte Macht verleiht und auf dem im Grunde seine ganze Existenz beruht.

Zu welchem Preise nun verausgabt der Staat diese von ihm monopolisierte Ware, das Geld, an die Verbraucher? Verkauft er es zu dem Preise der Herstellung und der Übertragung?

Mitnichten.

Stellte er es zu diesem Preise (der unter dem Bruchteil eines vom Hundert zurückbleibt) zur Verfügung, so könnte gesagt werden, daß er zwar auf diese Ware ein Monopol erzwungen habe (an und für sich eine Verletzung des freien Handels), daß aber diese Verletzung der freien Konkurrenz nie so verhängnisvoll zu werden vermochte, wie sie es geworden war und wurde.

Denn statt sich billigerweise mit den Herstellungskosten einer für das ganze Volk geschaffenen Ware zu begnügen, erhob dieser Beschützer des Wohles der Allgemeinheit, wie er sich selbst nannte und sich so gerne nennen hörte, auf die Herstellungs- und Vertriebskosten des Geldes einen Aufschlag, der weit über beide hinausging und der von ihm willkürlich festgesetzt und kontrolliert wurde.

Dieser Aufschlag war der Zins.

Indem der Staat kraft seines Monopols und die Banken kraft der ihnen verliehenen Privilegien, die ihnen erlaubten, ihr Diskonto beliebig hoch zu schrauben, diesen Aufschlag auf das Geld erhoben, schufen sie den Wucher und begünstigten ihn.

Zwar nannte der Staat es nicht so. Er erklärte als »Wucher« nur, was über den von ihm festgelegten Preis – als welcher im allgemeinen der von fünf Prozent galt – hinausgeht und verfolgt ihn hier und da als solchen. Aber abgesehen davon, daß die jeweiligen Staatsbanken stets Mittel und Wege finden, den Prozentsatz des Geldes, durch Aufhäufung und Zurückhaltung des harten Geldes, des Goldes und Silbers, und durch Verausgabung allgemein gültiger Noten, des Papiergeldes, über die hinterlegten Werte hinaus, sowie durch andere Machinationen und Spekulationen auf jede Höhe zu treiben, die ihnen beliebt und die die Hungergrenze der Arbeit noch eben erträgt, abgesehen hiervon waren mindestens vier von diesen fünf Prozent schon reiner Wucher – sie überschritten die Kosten um mindestens vier Fünftel und genügten vollkommen, um die bestehenden Verhältnisse: hier Reichtum und dort Armut, aufrecht zu erhalten und die Arbeit zur Sklavin des Geldes zu machen.

Wucher. Nichts anderes. Denn Wucher ist jede Forderung, die die Grenze der Kosten überschreitet.

Der Zins ist es also, der das Kapital zu dem schrecklichen Feinde der Arbeit macht, als der es verschrien und gefürchtet, gehaßt und bekämpft wird.

Denn was ist das Kapital?

Alles nicht im Umlauf befindliche Geld heißt Kapital, einerlei ob dieses Kapital groß oder klein ist, aus einer Million oder ein paar Mark besteht. Kapital ist einfach zurückgelegtes, zur Reproduktion in anderer Form bestimmtes Geld. Aufgehäufte Arbeit nennen es die einen; aufgehäuftes Produkt die anderen, und beide sagen im Grunde dasselbe, wenn auch mit anderen Worten.

Kapital ist Arbeit, die bereits ihren Lohn erhalten hat; ihm die Möglichkeit geben, sich gegen Zinsen auszuleihen, heißt nichts anderes, als sich bereits bezahlte Arbeit abermals und immer wieder, bei jedem neuen Ausleihen von neuem, bezahlen zu lassen.

An und für sich harmlos, als Ertrag der Arbeit, wird so das Kapital zur furchtbarsten Waffe in den Händen der Ausbeutung durch die ihm künstlich verliehene Eigenschaft: sich ohne Arbeit, gewissermaßen aus sich selbst heraus, zu vermehren; sich produktiv zu machen durch die Eigenschaft des Zinses.

Zur furchtbarsten Waffe.

Denn der Zins zwingt die Arbeit, ständig ihre Produkte teurer zurückzukaufen, als sie sie verkauft hat, und auf diese Weise dem Kapital einen immerwährenden Tribut zu entrichten, der dieses zu ihrem Herrn, und sie, die Arbeit, zu seiner Sklavin macht.

Die Folgen dieser ständigen Steuer auf das Geld sind: Herabsetzung der Produktion; dadurch bedingte Verminderung der Konsumtion; Stockung des wirtschaftlichen Lebens und ökonomische Krisen.

So erscheint das Monopol, das auf dem Gelde ruht, als das erste und verderblichste in der Reihe der staatlichen Monopole.

Das Zweite der großen Monopole des Staates ist das Monopol des Grund und Bodens.

Wie das Geldmonopol den Zins schafft, so schafft dieses die Miete oder die Rente.

Rente heißt die Abgabe, die der Mieter eines Hauses oder der Pächter von Land an den Eigentümer des Hauses oder an den Besitzer des Grund und Bodens zu zahlen hat.

Der Staat schützt die Inhaber von Grund und Boden in ihren Besitztiteln auf mehr Flächenraum, als sie selbst zu besetzen und zu bebauen vermögen, und macht so, wenigstens in bestimmten Ländern, diese Einzelnen zu Herren weiter Gebiete, und ihre Bewohner zu deren wirklichen Untertanen.

Neben den Geldwucher tritt so der Bodenwucher, und wie jener den Arbeiter trifft, trifft dieser den Landmann und Bauern und macht auch ihn zum Hörigen.

Noch andere Monopole schafft der Staat: er schützt bestimmte Gattungen von Waren durch Zölle und verleiht ihren Erzeugern so Privilegien, die sie in den Stand setzen, diese Waren billig herzustellen und teuer zu verkaufen; er verleiht Erfindern die Privilegien von Patenten, die sie zur alleinigen Herstellung und zum ausschießlichen Vertrieb ihrer Erfindungen berechtigen; er verleiht geistigen Arbeitern, Autoren, die Vorrechte des Urheberschutzes: stellt sie unter den Schutz des Urheberrechts, das ihnen ermöglicht, auf kürzere oder längere Zeit, oft nicht nur zu ihren Lebzeiten, sondern über ihren Tod hinaus, über die alleinige Verwertung ihrer Werke zu bestimmen und sie dem Nachdruck, der freien Konkurrenz, zu entziehen.

Aber diese letztgenannten Monopole ziehen nur bestimmte Kreise in sich, gewissermaßen nur Ausschnitte des Volkes, treffen daher in ihren Wirkungen nur diese und nicht wie das Geldmonopol die große Masse dieses Volkes selbst, also jeden Arbeiter, und sind daher auch in ihren Wirkungen weniger schädlich, als dieses, das verheerendste aller und die eigentliche Waffe in der Hand des Kapitals gegen die Arbeit.

Hier machte der, welcher diese Untersuchungen anstellte und zu diesen, für ihn neuen und überraschenden Resultaten gekommen war – Resultaten, deren ganze Tragweite er erst zu ahnen begann –, einen Augenblick halt.

Eine andere Frage, wie der Einwurf eines Gegners, erhob sich:

Wie war es möglich, daß so wenige erst diese wahren und letzten Ursachen der sozialen Ungerechtigkeit erkannten? – Daß fast keiner sah, was doch alle hätten sehen müssen?

Wenn Ernst Förster nochmals auf den von ihm selbst zurückgelegten Weg zurückblickte, sah er, wie gerade und folgerichtig dieser Weg gewesen war:

Er war, wie alle Sozialisten, ausgegangen von der Frage: warum die Arbeit, die einzige Quelle aller Werte, sich nicht in den vollen Ertrag dieser Werte zu setzen vermochte, und die Antwort war gewesen: weil eine fremde Macht sich zwischen sie und ihren ungehinderten Austausch drängte; er hatte sodann das Wesen dieser Macht untersucht und gefunden, daß sie Gewalt war und daß diese Gewalt sich in einem künstlichen Organismus, dem Staate, verkörperte; und er hatte endlich gesehen, wie dieser Staat seine Macht zugunsten der einen, der wenigen, auf Kosten der anderen, der vielen, mißbrauchte.

So war er zu festen und bündigen, nicht anzweifelbaren Resultaten gelangt.

Jetzt, wo diese Resultate fertig vor ihm lagen und er sah, wie klar und einfach, wie zwingend selbstverständlich sie waren, stutzte er, und fast wäre er irre an ihnen geworden.

Ein großes Erstaunen ergriff ihn.

Wie kam es, fragte er sich wieder, daß nicht jeder sie gefunden? – daß sie nicht Allgemeingut, statt offenbar nur das Gut weniger waren ?

Alle gingen diese Fragen an; jedem waren sie Fragen des eigenen Lebens, und täglich stellte sie dieses Leben. Alle diese Begriffe: Staat und Gewalt, Recht und Macht, Arbeit und Tausch, Geld und Zins, sie und viele andere lagen auf aller Lippen – wer aber wußte im Grunde, was sie bedeuteten?

Es war erstaunlich:

Geld rollte durch die Hände der Menschen, und sie wußten kaum, was das war –Geld; unzählige Male an einem Tage tauschten sie ihre Arbeit ein und aus und hatten von dem wahren Wesen des Tausches keine Ahnung; sie lebten in einem Staat, und nicht einer unter tausend, nicht einer unter hunderttausend hätte eine klare und richtige Definition des Staatsbegriffes zu geben vermocht, wenn man ihn fragte.

Es war erstaunlich. Es war mehr als das: es war erschreckend, wie gedankenlos und leichtfertig die Menschen Begriffe, von deren Verständnis das Glück und die Wohlfahrt ihres Lebens abhing, gebrauchten und in wie verschiedenem Sinne. Wie war es da möglich, daß sie sich je einigten?

Gewiß, die meisten unter ihnen wußten oder ahnten doch, daß der soziale Körper durch und durch krank war und einer gründlichen Heilung bedurfte. Denn seine klaffenden Wunden, seine eiternden, überall hervorbrechenden Geschwüre zeigen es nur zu deutlich. Aber wie der Kranke, der sich fürchtet, von dem kundigen Arzte den Grund seiner Krankheit zu erfahren und der sich statt dessen lieber in die Hände von Kurpfuschern und Charlatanen begibt, die ein Interesse daran haben, seine Schwäche auszubeuten und seine Krankheit hinzuziehen, so scheuten sie sich vor dem eigenen Denken und Erkennen, das ihnen bald den rechten Namen ihrer Krankheit genannt hätte.

Erschreckend fürwahr!

Überall wurden heute die elementarsten Kenntnisse in den Wissenschaften gefordert und gelehrt; hier, in der sozialen, der wichtigsten von allen, fehlten, als würden sie sorgsam geheimgehalten, auch die primitivsten.

Aber eine solche allgemeine Unkenntnis auf diesem nächstliegenden und wichtigsten Gebiete des Lebens mußte tiefere Ursachen haben.

Er sah jetzt auch sie.

Der wahre Name der sozialen Krankheit war: Gewalt!

Der Staat aber, dieser große Betrüger, hatte ein Interesse daran, die Gesellschaft der Menschen über den Grund ihrer Krankheit, die er ihnen selbst eingeimpft, im Unklaren zu lassen; und statt sie zu heilen, indem er sich von ihr befreite, drängte und schwatzte er ihr lieber kostspielige und schädliche Mixturen auf und nahm ihr dafür ihr Geld ab. Um sie zu betören und zu betäuben, umgab er sich mit dem Pomp und Flitter großer Worte und einer ungeheuren Menge von Dienern und Handlangern aller Art, bemächtigte sich des Marktes, ließ keinen Zweifel aufkommen, unterdrückte jede Kritik, und verfolgte die wahren Helfer der Menschheit und tat sie in Acht und Bann.

So sah er, Ernst Förster, ihn jetzt: in die Wolken der Autorität gehüllt, aus denen heraus er seine Gebote gab, wie einst Gott die seinen gegeben; und zu seinen Füßen ein willenlos gebeugtes, betörtes und furchterstarrtes, nach ihm allein um Rettung schreiendes Volk.

Ihn aber sollte er nicht mehr täuschen, durch keine Maske mehr, welche auch immer er sich vornehmen mochte: weder durch die des wohlwollenden Beschützers, noch durch die des väterlichen Freundes; nicht durch die eines Helfers am Wohle der Allgemeinheit, noch durch die eines fürsorglichen Beraters; durch die eines redlichen Verwalters an dem anvertrauten Gute nicht und nicht durch die eines getreuen Dieners des Volkes.

Mochte er der Freund der einen sein, einer Minderheit – sicherlich war er der Feind der anderen, der großen Mehrheit, wie töricht diese auch sein mochte, ihm zu glauben.

Er hatte ihm die Maske heruntergerissen und in kalte und leere Züge gesehen, die keine menschlichen waren.

Er hatte ihn erkannt als den, der er war: als den Feind!

Wie ein Feind mußte er hinfort bekämpft werden.

– Der Glaube an seine Autorität war es, der den Staat hielt. Dieser Glaube schützte und stützte ihn; mit ihm stand und fiel er.

Den Glauben an diese seine Autorität galt es daher, zu untergraben.

Die Jahre, die ihm diese Erkenntnisse schenkten, vergingen schnell bei seiner unruhigen Tätigkeit, die ihn heute hier- und morgen dorthin sandte, schnell die Tage, und schneller noch deren Stunden, und es waren ihrer nicht zu viele, in denen er seine Gedanken ihre eigenen Wege gehen lassen durfte.

Besser wurde es, als er einmal für einen erkrankten Kollegen die Berichterstattung über eine soziale Versammlung übernahm, sie zur Zufriedenheit erledigte und bei seiner Zeitung von dem Redner des Abends, wegen der Sorgfalt und Objektivität seiner Arbeit, zu weiteren Referaten erbeten wurde. So erhielt er nach und nach die ständige Berichterstattung über diese und ähnliche Versammlungen zugewiesen. Es war ein Schritt vorwärts für ihn. Nicht nur, daß die neue Arbeit seine Existenz sicherte und ihm sogar erlaubte, an die Zukunft zu denken, sie verschaffte ihm auch die erwünschte Gelegenheit, sich mit den politischen und sozialen Anschauungen all dieser Männer in führenden und oft maßgebenden Stellungen vertraut zu machen, und manchen lehrreichen Blick hinter die Kulissen zu tun, wie in das verschlungene Gewirr der Fäden, an denen die Geschicke der Völker gelenkt wurden.

Er tat auch diese neue Arbeit in seiner stillen Weise und mit der Gewissenhaftigkeit, die seiner Natur eigen war, und sie erlaubte ihm, seinen Tagen eine festere Einteilung zu geben, als ihm bisher möglich gewesen.

Eines Tages stand er vor einer Entscheidung.

Er wurde zu dem Chefredakteur des Blattes selbst gerufen, dieser fast unnahbaren Persönlichkeit.

Er saß dem klugen und erfahrenen Manne gegenüber, dessen Worte allwöchentlich einmal eine halbe Welt vernahm, dessen Einfluß dem eines Machthabers gleichkam und der für seine Zigarren in einem Jahre mehr ausgab, als er, der kleine Reporter, sich in demselben Zeitraum verdiente. Nach Anerkennung seiner bisherigen Tätigkeit wurde er gefragt, ob er nicht Neigung habe, sie mit einer selbständigeren zu vertauschen, die ihm mit der Zeit Gelegenheit geben würde, auch eigene Anschauungen zu verwerten.

Er hielt mit der Antwort zurück und wurde weiter gefragt.

Ob er einer Partei angehöre?

Nein, er gehöre keiner Partei an.

Ob er sich zu irgendeiner Bewegung hingezogen fühle?

Ja; zu der sozialen.

Dann fragte er selbst, obwohl er die Antwort im voraus wußte.

Ob er seine Anschauungen frei äußern dürfe?

Im Rahmen der Zeitung – gewiß.

Ob er auch gegen den Staat schreiben dürfe?

Gegen bestimmte Einrichtungen des Staates, ja, wenn es dieselben seien, gegen die auch das Blatt Stellung nähme.

Nein, gegen die Institution des Staates selbst.

Da sah er die Verblüffung in den Mienen seines Chefs, hörte aber die Antwort:

Auch das, wenn er in den Richtlinien der Zeitung ginge, die, wie er wisse, eine liberale mit starker Hinneigung zur Demokratie sei und eine Beschränkung der Regierungsgewalt in mancher Hinsicht sogar begünstige. Aber er meine doch etwa nicht den Staat als solchen, den Staat an und für sich?

Gerade das meine er.

Aber einen Staat, eine ausübende Gewalt, müsse es doch geben?

Das eben habe er angefangen zu bezweifeln. Der Staat sei jedenfalls für ihn die Hauptursache der sozialen Ungleichheit und Ungerechtigkeit, und sein Bestehen der Krebsschaden der Gesellschaft.

Aber dann sei er ja ein Anarchist!

Förster hörte das Wort nicht zum ersten Male. Er gab weder zu, es zu sein, noch lehnte er es ab. Seine Weltanschauung war noch im Werden. Noch war er nicht imstande, jede Frage nach ihr zu beantworten und sie nach allen Seiten hin zu begründen und zu beleuchten. Noch verstand er den wahren Sinn des gehörten Wortes nicht.

Er führte daher nur kurz die Gründe an, die ihn zu seiner jetzigen Stellungnahme gegen den Staat geführt, und fügte hinzu, daß es ihm unmöglich sein würde, irgendeiner Anschauung Ausdruck zu verleihen, die nicht eine selbsterworbene und für ihn feststehende sei; daß er auch die bescheidenste Stellung der vorzöge, die ihm einen solchen Zwang auferlege; mit einem Wort: daß er die Selbständigkeit des Denkens für das höchste Glück des Lebens halte, das nur durch eines noch erhöht werden könne, die äußere Selbständigkeit des Handelns; und daß er sich beide auf seine eigene Weise erwerben müsse, so gut oder so schlecht es eben ginge …

Damit war diese Unterredung zu Ende.

Sie sind nicht ehrgeizig, hörte er noch. Aber zugleich las er in den klugen und scharfen Augen, die auf ihm ruhten, so etwas wie Bewunderung und vielleicht, wenn er recht las, auch ein wenig wie Neid.

Seine Kollegen wollten wissen, was ihn so lange im Allerheiligsten gehalten, und als sie es hörten, verstanden sie ihn nicht.

Aber er verstand sich. Er konnte keine selbstangelegten Ketten tragen, auch keine goldenen. Drückten goldene nicht schwerer noch, als eiserne, und schnitten sie nicht tiefer, als nur ins Fleisch?

Er wußte, er würde nie die Kunst lernen, die hier bis zur Meisterschaft geübt wurde: auf Befehl zu schreiben, nach rechts heute und morgen nach links, und dabei mit einem Auge nach oben und dem anderen nach unten zu schielen.

Viel hatte er bereits von seiner Achtung vor dem geschriebenen Wort verloren.

Zeitungen? – Nein, sie waren keine Rufer im Streit der Meinungen, die den Weg wiesen über den Tag hinaus; Grammophone waren sie, die mißtönig wiedergaben, was der Tag in sie hineinschrie.

Jede stand im Dienste einer politischen Partei. Ihrer Partei Einfluß zu verschaffen, war ihre Aufgabe. Um ihn, diesen Einfluß, zu erlangen und ihn sich zu sichern, mußte alles nach einer Richtung hin gesehen und dargestellt – gedeutet, gefälscht und, wenn es nicht anders ging, erfunden werden.

Abhängig wie von ihr, war sie zugleich abhängig von ihrem Leserkreis. Ihn verlieren, hieß den Einfluß verlieren, und ihm mißfallen, fallen. So war die Zeitung von heute die Wetterfahne der öffentlichen Meinung; diese der Kompaß, nach dem sie steuerte; und mit ihr hoben und senkten sich die raschelnden Blätter, heute durchflogen und fortgeworfen und morgen zerstoben in alle Winde.

Einmal erfaßt von ihrem Getriebe, würde er tiefer und tiefer hineingezogen werden, bis er sich selbst verlor und seine Überzeugung; blieb er dagegen, was er war, der bescheidene Berichterstatter des Alltags, so konnte er an allem Geschrei vorbeigehen und sich immer wieder flüchten zu sich selbst.

So blieb er es, und das Jagen und Hasten der Menschen um ihn her, das Surren und Schwirren der Räder, das Dröhnen und Stampfen der Maschinen in dem Palast, der die halbe Straße einnahm und sie bald ganz eingenommen haben würde, in dem auch er ein- und ausging, dies alles, das ihn erst betäubt und verwirrt hatte, ließ ihn jetzt so gleichgültig, wie der Lärm der Straße.

Nicht ehrgeizig? – Doch. Er geizte nach der Ehre, wahr zu sein gegen sich und damit gegen andere. Diesem Ehrgeiz konnte er nur Genüge tun, wenn er seinen Weg ging, an dem Tage vorbei, und allein blieb mit sich selbst.

Auch an den Menschen – und er kam mit vielen zusammen, viel zu vielen für ihn – ging er jetzt vorbei, ohne sich bei ihnen aufzuhalten.

Er sah, daß die meisten nur sprachen, um nicht denken zu müssen, und daß sie sich zufrieden gaben mit aufgelesenen Schlagworten. Es war erstaunlich zu sehen, wie bescheiden sie, die es doch sonst nicht waren, hierin wurden. Immer bereit, bei jeder Frage in die Breite zu gehen, fürchteten sie sich gradezu vor jeder Klarheit und empfanden seine suchenden Fragen, die unerbittlich dahin drängten, als lästig.

Was sie so leichthin sprachen und ebenso leichthin schrieben, war Literatur. Literatur, die sich in unzähligen Aufsätzen durch die Blätter wälzte und in Büchern zu Bergen häufte. Er fing an, dieses Wort zu hassen. Es bedeutete ihm mehr und mehr: jede Frage in einem Brei von Worten ersticken; das Verständliche bis zur Unkenntlichkeit verzerren; sich von den Begriffen entfernen, statt ihnen näher zu kommen.

Nicht dort, auf den Bierbänken und in den Kaffeehäusern, wo sie zusammensaßen, wo täglich eine Weltanschauung fabriziert wurde, um dann in irgendeiner Zeitschrift als die allein seligmachende gepriesen zu werden, in ihr ein kurzes Dasein zu fristen und mit ihr zu sterben (Weltanschauungen, die an- und abgelegt wurden, wie Moden) nicht dort, unter diesen heillosen Schwätzern, konnte er jemals hoffen zu finden, was er suchte.

Ihre Gedanken, wie hohl; ihre Worte, wie leer; ihre papiernen Revolutionen, wie lächerlich waren sie nicht!

Auch dort, in der Literatur, war der äußere Erfolg des Tages alles, und alle strebten nach ihm: sich genannt zu sehen um jeden Preis, ihre Rolle zu spielen, beklatscht und bejubelt zu werden, um dann – abzutreten. Und was erreichten sie mit ihrer unermüdlichen Arbeit, ihrem fieberischen Begehren, ihrem atemlosen Hasten? – Nichts, was, wie ihm schien, dieses Aufwandes an Kraft wert gewesen wäre.

Denn wie wurden auch hier, in der Literatur, wie dort in der Politik, in Wahrheit die Erfolge gemacht? – Er sah es, und Ekel ergriff ihn. Einer Clique anzugehören, war das erste Erfordernis zum Erfolg. Die besorgte dann das weitere: die Unfähigkeit, die zu ihr gehörte, heraufzuloben, dagegen alles andere, und sei es das Bedeutendste, herunterzureißen, oder, was sicherer war, totzuschweigen. Gab es nicht zum Beispiel bei seiner eigenen Zeitung Namen, die, wen immer sie deckten, nie genannt werden durften als Strafe dafür, daß der, welcher ihn trug, sich einmal irgend wie mißliebig bei ihr gemacht hatte?

Überall drängte sich auch hier, zwischen Angebot und Nachfrage, zwischen Produktion und Publikum, ein unübersehbarer Schwarm von Vermittlern, die die Werte bestimmten, ehe sie diese weitergaben, und das Publikum, das urteilslose, war töricht genug, sich alles als eigene Meinung aufschwatzen zu lassen, ohne selbst zu urteilen. Die Folge davon war, daß, wie in der Politik die Mehrheit, so hier der Durchschnitt der Mittelmäßigkeit sich breit vor alle wirklichen und bleibenden Werte lagerte und den Zugang zu ihnen versperrte oder doch erschwerte.

Das waren die Ehren, die der Tag zu vergeben hatte.

Ehrgeizig? – Nein, er geizte nicht nach diesen Ehren. Er hatte dort nichts zu suchen, und er suchte dort nichts, wie nah ihn auch seine Brotarbeit rein äußerlich dem ganzen Treiben jetzt brachte.

Aber auch in der sozialen Bewegung fand er noch immer keinen Platz für sich. Bereit zu kämpfen, sah er nicht, wo er hier kämpfen konnte. Alles war Partei, aber eine Partei gegen den Staat gab es nicht. Es hätte auch keine Partei sein können. Es gab unzählige reformatorische Einzelbewegungen (nichts fast, was nicht reformiert werden sollte), aber eine Bewegung, die den Staat in die Gesellschaft reformieren wollte, gab es nicht. Und darauf, darauf vor allem, kam es doch an.

Alle, die eine Änderung wünschten, wandten sich an den Staat, um mit ihm oder durch ihn zu erreichen, was sie wollten und riefen seine Gewalt oder seinen Schutz zu Hilfe, um es zu erreichen. Was hatte er, Ernst Förster, bei ihnen zu suchen, er, der doch eben die Gewalt als die Wurzel alles Übels erkannt hatte?

Alle strebten sie nach Einfluß durch die Macht. Aber als die einzige Macht, die von Bestand sein konnte, sahen sie den Staat. Gab es denn keine Macht, außer der Gewalt? –

Er wollte sehen, wer die waren, welche die Gewalt hatten und sie ausübten.

Er ging also dorthin, wo die Gesetze gemacht wurden – in das Parlament, oder, wie es hier genannt wurde, den Reichstag.

Ein heiß umstrittenes Gesetz sollte zur dritten Lesung und damit zur Annahme gelangen.

Das Haus war überfüllt, aber er erhielt leicht durch einen in dem Hause beschäftigten Kollegen Einlaß. Seine Erwartungen waren gewiß nicht hoch gespannt, aber was er hier sah und hörte, ließ auch die schlimmsten Befürchtungen weit hinter sich.

Welcher Abgrund von Dummheit und Verlogenheit! – Welcher Mangel an Erkenntnis auch in den einfachsten Fragen! – mußte er sich immer wieder sagen, während stundenlang das uferlose Geschwätz in seiner Selbstgefälligkeit und Trivialität über ihn hinwegplätscherte.

Als es aber zuletzt in wüsten gegenseitigen Beschimpfungen, die nicht weit davon entfernt waren, in Tätlichkeiten auszuarten, endete, während dort oben ein würdiger Greis die Glocke schwang und mit mahnenden Worten und Ordnungsrufen die Tobenden zu beschwichtigen suchte, hatte er genug des würdelosen Spieles und verließ das Haus.

Diesen Menschen, die sich benahmen wie Gassen- und die abgekanzelt wurden wie Schuljungen, diese Menschen ohne Würde und, wie es schien, auch ohne Scham, ihnen waren die Geschicke eines ganzen, großen Volkes anvertraut! –

Ihn ekelte.

Denn ein Spiel war es im Grunde nur, wenn auch ein furchtbar ernstes. Sie alle hier, von der äußersten Rechten bis zur äußersten Linken, wollten und verteidigten die Gewalt, und wie wild sie sich auch gebärdeten, verstanden sie sich doch in diesem einen Punkte mit Augurenlächeln. Das stärkste Argument konnten sie gegeneinander nicht gebrauchen. Sie hätten sich mit ihm selbst getroffen und es wäre auf sie zurückgefallen.

Auch dorthin ging er, wo die Gesetze ausgeübt wurden. Hier ging es sehr würdevoll zu. Da saßen oben in schwarzen Talaren, Roben und Baretten die Richter, und vor ihnen stand ein armes Mädchen aus dem Volke, das von irgendeinem Nichtstuer, dem sie in den Weg gelaufen, verführt und geschwängert worden war und die dann, in ihrer Not und Verzweiflung und ihrer sinnlosen Angst vor der Schande, ihren Leib mit Hilfe einer weisen Frau von dem unerwünschten Geschenk vor der Zeit befreit hatte.

Da war ein gestrenger Herr, Staatsanwalt genannt, der mit offenbar schmutzgeübten Händen das arme, kleine Leben durchwühlte und nachwies, wie sie sich des schändlichen Verbrechens gegen das keimende Leben schuldig gemacht und sich so schwer gegen die Menschheit vergangen habe.

Und da war endlich ein von Staatswegen bestellter Verteidiger, dem man es ansah, wie sehr ihn die aufgebürdete Sache langweilte, und der sich ihrer möglichst schnell durch ein paar, gewiß schon hundertmal gebrauchte Redensarten zu entledigen trachtete.

– Daraufhin wurde »im Namen des Königs« das Urteil gesprochen und die Schluchzende von den Bütteln zur Verbüßung ihrer schweren Strafe abgeführt.

Da hatte er auch hier genug. Aber ihn schauderte.

»Im Namen …« im Namen Gottes, im Namen des Volkes, im Namen der Gerechtigkeit – unter irgend einem Namen mußte natürlich »Recht gesprochen« werden … Im Namen der Gewalt wäre so viel einfacher und so viel ehrlicher gewesen! …

Gesetze – wie konnte ein vernünftiger Mensch noch die mindeste Achtung vor ihnen haben, wenn er sah, wie sie gemacht und wie sie ausgeübt wurden! – Und doch beugte sich Alles vor dem magischen Wort! – –

Gesetze – wie viele von ihnen standen nur auf dem Papier und kein Mensch dachte daran, sie zu befolgen! …

Gesetze – wenn die, die die Macht hatten, sie brauchten, so schufen sie sich Gesetze. Und im Volk herrschte die Ansicht, daß, wenn einer von den Mächtigen selbst in ihre Schlingen und Netze geriet, er mit Hilfe guter Rechtsanwälte, seines Einflusses und seines Geldes immer noch Mittel und Wege fand, durch ihre Maschen hindurchzuschlüpfen. Wie dem auch sei, sicher war, daß nur nach toten und starren Paragraphen, und nicht nach Vernunft und Herz geurteilt wurde, und daß auch hier, wie überall, alles gemacht wurde.

Ihn ekelte. Und ihn schauderte.

Reformiert wurde an allen Ecken und Enden mit beängstigender und atemraubender Geschäftigkeit und öffentliche wie private Wohlfahrtspflege wetteiferten miteinander, so daß man sich wundern mußte, wie es bei so viel zärtlicher Nächstenliebe und väterlicher Fürsorge überhaupt noch Elend und Jammer auf Erden geben konnte. Da gab es Mutterschutz und Findelhäuser, Besserungsanstalten für »gefallene Mädchen« und die verwahrloste Jugend, Altersversorgungen und Invalidenrenten, Arbeitslosigkeits- und Unfallversicherungen, Volksküchen und Ledigenheime; Hospitäler und Obdachlosenunterkünfte, Arbeitersiedelungen und Fabrikschutzgesetze, und hundert andere mehr oder minder lobenswerte Institutionen. Denn »das soziale Gewissen war erwacht« …

Der Arbeiter begann zu fühlen, daß er um den besten Teil seiner Arbeit bestohlen wurde und daß eine geheimnisvolle Macht ihn zwang, für andere statt für sich zu arbeiten. Eine dumpfe Unzufriedenheit hatte angefangen, sich breiter Massen zu bemächtigen.

Da galt es einzugreifen und vorzubeugen, um ihren Ausbruch zu verhüten. Mit bloßem Gejammer über »das Grundübel unserer Zeit« war nichts mehr getan. Dem Untier mußte ein Brocken hingeworfen werden, sonst biß es zu.

Wie die bevorrechtigten Klassen in einem ähnlich dumpfen Gefühl von Schuld und Scham begonnen hatten, sich herabzulassen zu den Enterbten, und durch das »soziale Liebeswerk« diese Schuld von sich abwälzen zu können glaubten, so wollte nun der Staat die Arbeit gegen das Kapital in Schutz nehmen.

Natürlich nur im Rahmen der »bestehenden Verhältnisse«. An den Kernpunkt, die »heiligen« Privilegien, durfte beileibe nicht gerührt werden, denn das hieße ja, ihn selbst, den Staat, »in seinen Grundfesten erschüttern«, und der Arbeit wurde selbstverständlich nur gegeben, was ihr – vorher genommen war. Woher anders sollte es auch kommen, als von der Arbeit? –

So waren denn alle diese schönen Reformen nur Flickwerk auf den alten Rock des Staates, und diese ganze Bettelwirtschaft, dies armselige Lumpentum, war im Grunde nichts als ein infernalischer Trick, den großen Tag der Abrechnung möglichst lange hinauszuschieben und bis zu dem unausbleiblichen zu retten, was eben noch zu retten war.

Die soziale Frage war erwacht. Und wie hungrige Wölfe hatten sich alle, die sich berufen fühlten, die Menschen zu bessern und zu retten, und, wie sie sagten, »mitzuarbeiten an dem großen Menschheitswerk«, in unbezähmbarem Tätigkeitsdrang auf diese Frage gestürzt. Zu Bergen türmten sich bei der Bedeutung und dem Umfang der fast alle Gebiete des Lebens umfassenden Frage die Bücher und Schriften, und die Luft erdröhnte von dem Getöse der streitenden Stimmen.

Mit ziemlicher Schärfe teilten sie sich für den, der sie übersah – und Ernst Förster begann, sie zu übersehen – in die, welchen die Änderung und Besserung der sozialen Verhältnisse eine Sache des Gefühls, des Herzens; und in die, denen sie eine Sache des Verstandes, des Kopfes, war: in die, welche in erster Linie eine solche Besserung und Änderung von einer Änderung und Besserung der Menschen, und in die, die sie von einer solchen der Verhältnisse erwarteten.

Die Zahl der ersteren war, da Fühlen so weit leichter und bequemer war als Denken, natürlich die weitaus größere. Alle Ethiker, alle Moralisten und Sittenprediger, alle die Philanthropen und Religionsgläubigen der verschiedenen Richtungen gehörten zu ihnen, und was sie an Mahnungen und Beschwörungen, Bitten und Fürbitten, Belehrungen und Unterweisungen vorbrachten, genügte zwar immer noch nicht, um aus armen, sündigen Menschen Engel, aber vollkommen, sie allesamt verwirrt, sich selbst aber reichlich lächerlich zu machen. In Wirklichkeit kümmerte sich kein Mensch um ihre Salbadereien und die Welt ging ihren harten Tritt an ihnen vorbei und über sie hinweg.

Die anderen, im Gegensatz zu diesen Gefühls-, die Verstandes-Sozialisten, schieden sich wiederum.

Es waren einmal die, welche eine Änderung und Besserung der Verhältnisse nur innerhalb des Staates, mittels des Stimmzettels oder anderer Maßnahmen der Gewalt, für möglich und wünschenswert hielten, die, welche eine Änderung bestimmter Verhältnisse innerhalb des bestehenden Staates oder eine Änderung dieser bestehenden Staatsform in eine andere befürworteten – Sozialreformer, oder, wie sie sich selbst nannten und so gern nennen hörten: Realpolitiker. Alle die sogenannten Linksparteien, die Liberalen und Demokraten, gehörten hierher.

Und es waren die, welche, im Gegensatz zu ihnen und allen anderen, nur in einer radikalen Umwälzung des Staates, in einem Aufgehen des Staates in die von jedem Zwange freie Gesellschaft, in seiner Unschädlichmachung und endlichen Abschaffung die einzige Hoffnung auf gesunde wirtschaftliche Zustände erblickten.

Aber wer waren sie und wo? – Man hörte nicht viel von ihnen; und es waren ihrer offenbar so wenige.

Aber es gab sie. Es mußte sie geben.

Er, der Sucher, verdankte ihren Schriften seine ersten grundlegenden Erkenntnisse von dem wahren Wesen des Staates und der Gesellschaft. – Er würde nicht mehr aufhören nach ihnen zu suchen, und er würde sie finden.

Eine Literatur war geschaffen, die allein ganze Bibliotheken füllte, und ein Heer von Zeitschriften und Zeitungen, alten und neuen, und immer neuen wogte und flatterte um sie herum.

Redlich hatte er, Ernst Förster, der Deutsche, mit jener schrecklichen Eigenschaft «seiner Nation, der Gründlichkeit (die so oft eine so fatale Ähnlichkeit mit Oberflächlichkeit hat) sich durchzufressen versucht. Erst in London, damals, als er hineingerissen wurde in die neue Bewegung; jetzt wieder hier in Berlin, wo er seine freien Stunden opfern mußte. Er hatte Bände auf Bände und zahllose Artikel über zahllose Teilfragen mit Eifer studiert. Aber er konnte auch jetzt noch nicht sagen, daß sie ihn viel klüger gemacht hatten. Überall, fast überall schien ihm das Letzte, das Wichtigste, das, worauf es allein ankam, ungesagt geblieben; und fast alles, das meiste, war nichts, als ein mehr oder minder geistreiches Herumreden um die Frage, auf die es allein ankam, aber nicht ihre Ergründung und Lösung. Was mit einem Satze hätte gesagt werden können, wurde auseinandergezerrt und breitgetreten; und der eine Satz, der entscheidende, blieb schließlich denn doch noch ungesagt …

Denn immer und überall wurde das soziale Problem von dem Standpunkte aus erörtert: wie es sich von oben her, von den einen für die anderen, lösen ließ; selten, fast nie, von dem, wie ihm schien, einzig richtigen: wie es sich aus sich selbst heraus lösen mußte.

Gründlich sein hieß doch wohl: den Dingen auf den Grund gehen. Das wollte er. Ohne Furcht und Schwanken. Es gab nur einen Fehler des Denkens: die Unlogik. Und nur ein Verbrechen: den Kompromiß.

– Wieder, wie damals in London, warf er alles beiseite, wieder wollte er sich nur auf sein eigenes Sehen und Denken verlassen. Das Leben war kurz. Es genügte gerade, um den als richtig erkannten Weg bis ans Ende zu verfolgen; nicht, um alle die Wege zu gehen, auf denen andere gingen.

Schnell und entschlossen drang er weiter zu den Quellen vor, die seinen ersten Durst wirklich gelöscht.

Die ersten grundlegenden Erkenntnisse waren so gewonnen; Lichter leuchteten auf; Vorurteile fielen, eines nach dem anderen. Sie sollten fallen bis auf das letzte. Er fühlte, wie er vorwärts kam und wie der Weg leichter wurde und leichter.

Jeder Tag fast schenkte seinem Betrachten und Suchen eine neue Erkenntnis. Jede bedeutete ein neues Glück, und es war ihm eine Lust zu leben.

Wie hatte er nur je verzweifeln können!

In dieser Zeit, dem zweiten Jahre seines Lebens in Berlin, trat die Liebe in sein Leben.

Sie hatte bisher nicht viel Raum in ihm eingenommen. Die flüchtigen Verhältnisse, wie sie Zufall und augenblickliche, vorübergehende Neigung schufen, verdienten ihren Namen nicht.

Nun kam sie und überleuchtete seine Tage mit ihrem süßen Zauber.

– Er mußte lange um sie kämpfen, die ihm vor allen anderen Mädchen auffiel, als er ihr zum ersten Male in einer Versammlung begegnete; zu der es ihn mit seltsamer und ungekannter Macht zog, als er sie wiedersah; und die er liebte, als er sie kennenlernte.

Sie kam in ihren Anschauungen aus der weitverzweigten Bewegung ihres Geschlechtes, die als ihr Ziel die »Gleichstellung mit dem Manne« verkündete.

So sehr er Anteil nahm an der Befreiung der Frau als Individuum, so gering war dieses Interesse, wenn er sah, wie die Frauen, welche um »ihre Rechte kämpften«, diese Rechte nur darin erblickten, dieselben Torheiten und Verbrechen begehen zu dürfen wie die Männer – wie ihnen nur daran lag, an der Ausübung der Gewalt über andere teilzunehmen.

Er sagte das der Geliebten. Er zeigte ihr, wie es nicht darauf ankam, daß die Frau als Frau, sondern, daß sie als Individuum frei werde, und daß es für die Frauenfrage, wie für jede andere soziale Frage, nur eine Lösung geben könne: die durch die Freiheit; wie ökonomische Unabhängigkeit auch hier das erste Erfordernis zu sozialer Gleichstellung mit dem Manne sein und die eine der anderen von selbst folgen müsse; wie sie erlangt werden könne; und wie es also eigentlich gar keine »Frauenfrage« gäbe …

In vielen und langen Gesprächen, die auch ihm manche Klarheit brachten, zog er sie nach und nach hinüber zu sich; und langsam wurde sein Standpunkt der ihre.

Vorher aber mußte noch vieles, was trennte, zusammengerissen werden, ehe sie zueinander gelangen konnten. Äußeres: Einmischung und Widerstand von Angehörigen und Verwandten der engen Kreise, aus denen sie kam. Inneres: letzte Vorurteile, nicht mehr anerkannt, aber doch noch zu tief wurzelnd, als daß der Boden nicht erst umgeackert werden mußte, um sie bloßzulegen und auszuroden.

So sehr er sie liebte, er dachte nicht daran, sie zu heiraten, ihre Leben für immer aneinander mit unlöslichen Ketten zu binden. Nicht um die Welt vermochte er einzusehen, warum es ein Verbrechen sein sollte, wenn sich zwei Menschen in Liebe vereinten, ohne andere erst um ihre Erlaubnis zu fragen; warum diese Vereinigung allein anständig sein sollte, weil ihre Namen in Bücher eingetragen und sie mit Worten und mit Wasser besprengt worden waren.

Eine Ehe schließen, das bedeutete: sich freiwillig unter eine Sitte und unter Gesetze begeben, die ihm, die eine geschmacklos, die anderen furchtbar erschienen.

Geschmacklos jene. Man denke: zwei Menschen machen dritte zu Zeugen ihrer intimsten Handlungen; stellen ein Bündnis, das frei und unberührt sein sollte wie kein anderes, unter fremde Billigung; zerren auf die Straße, was einzig in die Verschwiegenheit der vier Wände gehört! – Konnte Liebe plumper und roher ihres Duftes beraubt werden? …

Furchtbar diese, die dem einen Menschen lebenslänglich Gewalt über den anderen gaben; ihn zwangen, sich ihm hinzugeben, auch wenn er es nicht wollte oder nicht mehr wollte; ihn banden mit Ketten, die um so drückender und unlöslicher wurden, je mehr die Verhältnisse und die Zeit sie härteten.

Nein, er würde nie heiraten. Und wenn die Ehe das Glück verbürgt hätte, er hätte es nicht getan …

Schuf sie nicht vielmehr das Gegenteil vom Glück? – Gab es ein wahreres Wort, als daß die Ehe das Grab der Liebe war? – Überall sah er das sprichwörtlich gewordene Elend der Ehe. Hier lag es offen zu Tage, dort verbarg es sich scheu. Er brauchte nur an die Ehe seiner Mutter zu denken, von deren Jammer er wenig wußte, aber manches zu ahnen begonnen, um das Wort allein schon zu hassen.

Wie alle jungen Männer glaubte auch er sie ewig zu lieben, die er liebte; aber so blind machte ihn seine Liebe nicht, daß er es ihr sagte und zuschwur.

Wie alle jungen Mädchen wollte auch sie geheiratet sein. Wie alle sagte sie ihm, er liebe sie nicht genug, als sie hörte, daß er es nicht wolle; und lange waren ihre Argumente gegen seine Beweisführungen nur Tränen, obwohl sie viel zu vernünftig und freidenkend war, um ihm im Grunde nicht Recht zu geben.

Dann aber kam sie eines Tages zu ihm, und es wurde zwischen ihnen, wie es sein sollte.

Sie lebten weiter für sich, jeder in seiner Häuslichkeit: er in seiner kleinen Wohnung, wo sie ihn besuchte, und sie bei ihren Leuten, die nicht mehr gefragt wurden. Sie waren glücklich, wenn sie beieinander waren, aber auch sie sah ein, daß es nicht nötig war, immer zusammenzusein, um glücklich zu sein; und sie begriffen, daß sie es dann vielleicht weniger gewesen wären, als jetzt, und nicht immer so, wie jetzt.

Sie waren glücklich und kümmerten sich nicht um das Urteil anderer, nicht um ihre Billigung und nicht um ihre Verurteilung; und wenn sie hier und da auffielen, so war es, weil von diesen beiden jungen Menschen der Schimmer eines so echten Glückes ausging, wie man es offenbar nur selten zu sehen gewohnt war.

Als das zweite Jahr zu Ende ging, stellte es ihn vor eine folgenschwere Entscheidung.

Die Gewalt, die er erkannt hatte als das, was sie war, und deren Rechte über seine Person er nicht anerkannte, streckte ihre Hand nach ihm aus, diesmal zu einem mörderischen Griff – er sollte, wie es hieß, der »allgemeinen Wehrpflicht« Genüge leisten. Das hieß: er sollte auf Jahre hinaus in eine Uniform gesteckt und aus einem Menschen zu einer willenlosen Maschine gemacht werden. Das hieß: er sollte in einer Umgebung von Schmutz und Rohheit in dem Gebrauch von Waffen unterrichtet werden, um sie dann, wenn es verlangt wurde, gegen Menschen zu richten, die er nicht kannte, und die ihm nichts zuleide getan hatten, gegebenenfalls selbst gegen die Menschen, unter denen er lebte. Das hieß: er sollte einen Schwur leisten, diese Gewalt, dieselbe Gewalt, die ihn zu diesem allem zwang, gegen andere Gewalten zu verteidigen. Das hieß, mit einem Wort (und es gab kein anderes dafür): sich in die tiefste Entwürdigung begeben, in die ein Mensch von anderen Menschen gezwungen werden konnte! …

Sie sagten, daß diese Bereitschaft in den Waffen notwendig sei zur Verteidigung des Vaterlandes, falls es einem Angriff feindlicher Nachbarn ausgesetzt würde. – Er wußte es besser.

Schon, als er noch ein kleiner Kerl gewesen war und man ihn quälte mit diesen endlosen Reihen von Kriegen und Schlachten, aus denen allein die Weltgeschichte zu bestehen schien, dachte er zuweilen: wenn diese Kaiser und Könige mit den komischen Namen etwas miteinander haben, warum gehen sie denn nicht selbst aufeinander los und machen ihre Sache unter sich ab, wie es in jedem ehrlichen Streit unter uns Jungen Sitte ist?

Jetzt lächelte er natürlich über diese kindliche Auffassung, aber er fand doch das Stück gesunden Empfindens wieder, das in ihr steckte. Er wußte jetzt, daß Kriege nicht geführt wurden, weil die Völker sie wollten, sondern daß die Völker in sie hineingehetzt und hineingezwungen wurden, weil Interessen, bisweilen offene, meistens jedoch dunkle und versteckte, die nicht die Interessen Aller, sondern die Interessen einer Minderheit waren, aufeinanderstießen und zu einer gewaltsamen Lösung gebracht wurden: weil Grenzen und Bereiche der Macht dort beschränkt und hier erweitert werden sollten.

Mit einem Wort wieder: weil noch nicht genug gestohlen und geraubt war, sondern weil noch mehr gestohlen und geraubt werden mußte, um Habgier und Unersättlichkeit zu befriedigen.

Er wußte heute noch mehr.

Er wußte, daß Kriege von heute letzten Endes nur das letzte Mittel der Gewalt waren, sich in ihren eigenen Grenzen zu behaupten – das erwachende Mißtrauen der Massen gegen das Raubsystem im Innern abzulenken durch Raubzüge nach Außen.

Er wußte dies, und weil er es wußte, war er entschlossen, dieses Unrecht, das er anders nicht hindern konnte, für seine Person nicht mitzumachen. Wenn er aber gezwungen werden sollte an ihm teilzunehmen – und selbstverständlich würde es werden – mußte er sich ihm entziehen.

Mochten sie es Fahnenflucht nennen. Er hatte nicht zu ihrer Fahne geschworen und konnte daher vor ihr nicht fliehen. Es war seine Sache, zu entscheiden, zu welcher Fahne und Farbe er sich bekennen wollte.

Mochten sie es Verrat am Vaterlande nennen. Er hatte das Recht zu leben, wo er wollte, und nicht das Land war sein Vaterland, in dem er zufällig geboren war, sondern das, welches ihm die günstigsten Lebensbedingungen bot; das Land, das er sich wählte, nicht das, welches man ihm anwies.

Er konnte es wohl verstehen, wie man seine Heimat lieben und sie verteidigen konnte, den Fleck Erde, auf dem man zur Welt gekommen und aufgewachsen und mit dem man durch tausend Fäden der Erinnerung verknüpft war. Aber Vaterland? – Das war ein völlig haltloser und wechselnder Begriff: geographische Grenzen, heute so und morgen so benannt, hier so und dort so gezogen, je nachdem der Sieg sie erweiterte, die Niederlage sie einengte; Grenzen, innerhalb derer die »Majorität« herrschte.

Wie Unzählige waren nicht schon diesem schrecklichen Irrtum der Verwechselung der beiden Begriffe zum Opfer gefallen! – Wie Unzählige hatten nicht ihr Leben gelassen, weil sie glaubten, ihre Heimat zu verteidigen, während sie in Wirklichkeit nichts anderes verteidigt hatten, als die Machtgelüste von Machthabern, die sich ihren falschverstandenen Patriotismus zunutze machten.

Denn Patriotismus, das war auch so ein Wort, mit dem ein Mißbrauch sondergleichen getrieben wurde, während hinter ihm der Moloch des Militarismus sein scheußliches Antlitz verbarg.

Ihm sein junges Leben auch noch hinwerfen? – Er dachte nicht daran.

Mochten sie also nennen, wie sie wollten, was er tat. Ihm war es gleich. Er hatte die Furcht vor Worten verloren; und er hatte keine vor den Menschen, die sie brauchten.

Es gab kein Unrecht, das sie nicht mit ihren Worten verteidigten; und keine Beschimpfung, die sie nicht gegen die schleuderten, die sich weigerten, ihnen bei der Ausübung dieses Unrechts zu helfen. Welchen Wert also konnte das Urteil dieser Verteidiger des Unrechts haben? – Keinen.

– Es gab kein Schwanken mehr für ihn. Aber jetzt durfte es auch kein Zaudern mehr geben.

Er hatte den Zeitpunkt hinausgeschoben, so lange es ging. Jetzt ging es nicht mehr.

Bereits zweimal war er vorgeladen worden. Fremde Hände hatten seinen nackten Körper betastet; er war nicht angesprochen worden, wie es unter anständigen Menschen Sitte ist, sondern angebrüllt, wie ein Vieh; und gleich einem solchen sollte er sich nun zur Schlachtbank führen lassen. Niemals.

Er hatte sich entschieden. Entschlossen war er längst gewesen.

Wieder ergab sich die Wahl des Landes, auf das er seine Blicke zu lenken hatte, von selbst. Es konnte nur die Schweiz sein.

Im Falle eines Krieges war die Schweiz das Land, das aller Voraussicht nach am längsten seine Neutralität würde bewahren können; und wenn man es die freie Schweiz nannte, so traf das, wenn es auch im Grunde falsch war (denn die Schweiz war ein Staat, wie jeder andere Staat und daher nicht frei) doch insofern zu, als in ihm, dem konstitutionellen Lande, die politische Freiheit der Bürger eine größere war, als hier, in dem monarchisch regierten; und mit ihr manche andere Freiheit.

Es war auch das Land, in das seine Mutter mit ihm, dem Kinde, gegangen, als sie sich dem Joch ihrer Ehe entzogen; seine ersten Erinnerungen verknüpften sich mit ihm, seinen weißen Gipfeln und blauen Seen zwischen grünen Matten und steilen Wänden; und er selbst hatte es späterhin, vor zwei Jahren, auf kurze Wochen gestreift.

Er bereitete alles vor, veräußerte seine kleine Einrichtung und nahm mit sich nur in strenger Auswahl als sein teuerstes Besitztum neben einigen Andenken die Bücher, die er lieben gelernt und denen er so unendlich viel verdankte, die ihm zu Quellen des Lichtes geworden waren in der Dunkelheit ringsumher, von denen er sich nie zu trennen vermocht hätte und aus denen er immer wieder schöpfen würde – wenige Bücher, ihm aber die größten.

Das Schicksal bewahrte ihn vor dem Äußersten: mit einem ganzen Leben zu brechen und alles, was dem Menschen am teuersten ist, hinter sich zu lassen, für immer.

Er hatte keine Familie mehr. Die Genossen seiner ersten Jugend, auch der erste seiner Knabenzeit, waren für ihn verschollen; die alten Freunde im Walde längst zur Ruhe gegangen.

Aber einer Wahl wurde er nicht enthoben und schwer genug wurde sie ihm.

Wieder kämpfte er lange um sie, die er liebte. Er schlug ihr vor, mit ihm zu gehen – als die geliebte Freundin und Gefährtin auch weiterer Jahre. Aber sie entschied sich anders. Zuviel hielt sie zurück – Familie und Verhältnisse, von denen sie sich nicht zu trennen vermochte, und all das zusammen war stärker noch, als ihre Neigung zu ihm.

Es schmerzte ihn. Aber wie hätte er ihr zu zürnen vermocht? – War nicht das, was ihn trieb, ebenfalls stärker als seine Liebe?

Er blieb fest, wie damals, als er sich einer Sitte nicht beugen wollte, die freiwillig anzuerkennen und mitzumachen ihm eine unentschuldbare Feigheit gewesen wäre. Feig wäre es ihm nicht erschienen, jetzt zu bleiben und sich der Gewalt zu beugen; nur – unmöglich.

Sie schieden als Freunde. Es war ein Schmerz für ihn, wie er ihn so stark seit den Jahren der Kindheit nicht mehr empfunden, damals, als er seine Mutter verlor.

Ein Sucher, der schon daran war, ein Finder zu werden, kehrte zurück in das Land, das ein Verzweifelnder vor zwei Jahren verlassen.

Denn das war er aus dem Zweifler und Verzweifler geworden: ein Sucher. Ein Sucher, der Boden suchte, auf dem er stehen konnte. –E in Sucher und ein Kämpfer: kein Kämpfer im Sinne eines Streiters im offenen Kampfe des Tages und mit diesem Tag, sondern ein Kämpfer um die Erkenntnis in der eigenen Brust.

Noch war er es, ein Sucher … Seine Zweifel waren noch nicht ganz geschwunden, aber ihrer Lösung war ein Ziel gegeben. Nichts war mehr nötig, als diesem Ziel jetzt nachzugehen. Aber ganz vergangen war die Verzweiflung trüber Tage: in einem Raum zu stehen und sich bedroht zu sehen von einem unsichtbaren Feinde, den er nicht kannte und den zu stellen unmöglich schien.

Nicht leer mehr war der Raum und nicht mehr dunkel. Denn hell war das Licht hereingebrochen, und nun erkannte er auch das grauenhafte Wesen in seiner Mitte: es zeigte ihm einen Koloß aus Eisen, dessen furchtbarer Schatten die letzten Winkel des Lebens erfüllte, ein Ungeheuer von unförmlicher Gestalt, wie ein Götzenbild aus fernen Zeiten, und vor dem die Menschen opferten wie einst.

Aber wie entsetzlich auch sein Anblick war – wer näher trat und es zu betrachten wagte, sah, daß dieses blutige Gebild von Eisen hohl war und daß es auf tönernen Füßen stand.

Kein leeres Wort mehr war ihm das Wort, welches ihn vor allen anderen Worten der Sprache angezogen von Anbeginn und das er liebte wie kein anderes. Eine Verheißung war es ihm geworden in diesen Jahren, eine sichere; ein Versprechen, dem er vertraute; und der Tag nun nahe, an dem er es ganz verstehen sollte.

Er würde die Freiheit suchen, und er war gewiß, sie zu finden. Und wenn die Nacht sie versteckt hielt hinter Mauern und wenn die Gewalt sich vor sie stellte – er würde sie finden! Denn wieder rief ihn eine Stimme jetzt, dringender, als je, und so sehnsüchtig, wie nie zuvor.

Es war die Stimme, die er so oft und immer gehört.

Jetzt wußte er: es war die Stimme der Freiheit.

Zum ersten Male in diesen Jahren des Suchens wurde ihm bewußt, daß ihm, wenn sonst keine andere, so doch eine Gabe verliehen war, die: die Dinge und Menschen unvoreingenommen zu sehen; Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden; und – einen Gedanken folgerichtig zu Ende denken zu können. Und ihm schien, wenn er andere reden hörte, daß das immerhin etwas sei.

In Wirklichkeit war es alles.

Diese Gabe hatte ihn zu der Erkenntnis geführt, vor der er jetzt als vor der wichtigsten seines bisherigen Lebens stand: daß die Gewalt das Übel und daß der Staat der Feind war. Diese Gabe hatte ihn davor bewahrt, in die Schlinge zu fallen, in die die meisten gerieten: daß die soziale Frage, um deren Lösung es sich handelte, durch die Gewalt und mittels des Staates gelöst werden konnte.

Diese Gabe hatte ihm geholfen, dem großen Schwindel auf die Spur zu kommen, mit dem die einen Menschen die anderen bestahlen und betrogen, unterwarfen, knechteten und beaufsichtigten, lähmten und vergifteten.

Welche Erkenntnis! – Welch größere wohl konnte es geben! Er faßte sie noch einmal zusammen:

Gewalt – das künstliche Hindernis auf dem Wege natürlicher Entwickelung.

Der Staat – die verkörperte Gewalt.

Er – der Angreifer, und daher der Verbrecher.

Der Staat – der Feind, der größte; ja, der einzige. – Förster jauchzte auf.

Alles in ihm straffte sich. Seine Augen waren klar und hell. Und in solchen Stunden war die Flamme in ihnen Brand.

Achtes Kapitel

Der Finder

Bei Basel überschritt er die Grenze und las an einem alten Hausgiebel den Vers: »Die Feder das Schwert besiegen tut – drum steckt man sie hoch auf den Hut. Das Schwert will nicht so viel bedeuten – drum steckt man es nur an die Seiten«. – Am Abend war er in Zürich.

Zum ersten Male ging er vom Bahnhof die breite Straße dem See zu, sah in sinkendem Lichte flammende Firnen und lauschte in der Nacht noch lange dem Rauschen des grünen Flusses, der unter seinem Fenster durch Brücken und Häuser hinschoß.

Und so noch eine Woche. Denn diesmal fand er nicht so leicht, was er suchte. Als er es aber gefunden, sein neues Quartier, ein Zimmer auf halber Höhe des Zürichberges, mit freiem und weitem Blick auf See und Gebirge und erreichbar nur nach gutem Aufstieg, genoß er die Ruhe hier oben wie ein langentbehrtes Geschenk.

Denn Ruhe wollte er jetzt vor allem. Er war nicht mehr der Jüngling, der ins Leben stürmte, hungrig nach ihm und nach seiner Ergründung wie ein Wolf. Er hatte den Dingen ins Herz und den Menschen hinter die Stirnen gesehen. Er wollte es weiter tun, aber von dem gewonnenen Standpunkt aus.

Es gelüstete ihn nicht mehr nach den Vielen.

Nicht daß er ungesellig geworden wäre. Er saß gern einen Abend in frohem Kreise und lachte mit, wo ein Lachen wert war, gelacht zu werden. Aber unter Menschen, die zusammenkamen, um lustig zu sein um jeden Preis, fühlte er sich nicht wohl. Denn was ließ sich wohl schwerer zwingen als echte Freude?

Gern auch gab er sich, mit mehreren, am liebsten aber zu zweien, in den Widerstreit der Meinungen. Aber dann mußte er sehen, daß der Gegner auch wirklich dachte und nicht nur mit angehörten Gemeinplätzen antwortete. Das öde Geschwätz über gleichgültige und alltägliche Dinge der sogenannten Gesellschaft erschien ihm als ein unverantwortlicher Raub an der kurzbemessenen Frist des Lebens und war ihm ebenso zuwider, wie die plumpe Vertraulichkeit jener allzuvielen, die in dem anderen nur das Gefäß sehen, um den nicht immer sauberen Inhalt ihres Inneren entleeren zu können.

In Berlin hatte ihm seine angestrengte und unruhige Arbeit überdies nicht viel Zeit zum Verkehr mit anderen Menschen gelassen. Was er im letzten Jahre von seinen Stunden hatte erübrigen können, gehörte der, die er liebte.

Er wußte, er würde immer Freunde finden, wenn er sie suchte, und er fing an zu begreifen, daß auch Freunde eine zwar schöne, aber auch kostspielige Sache sein können, und daß der gewiß reich ist, der sie besitzt, aber arm der, der sie nicht zeitweilig zu entbehren vermag.

Am liebsten war er mit sich allein, und er verstand nicht, wie man sich mit sich selbst langweilen konnte. Es mußten das wohl selbst recht langweilige Menschen sein.

Das Gefühl der Einsamkeit kannte er nicht. Nie hatte er sich wohler gefühlt, als in dem Gewühl großer Städte; nie glücklicher, als in dem Schweigen weiter Wälder und Fluren; und nie war er zufriedener, als wenn er allein sein durfte mit sich und seinen Gedanken.

Er fand Bekannte, alte und neue; fand Freunde auch hier, ohne sie zu suchen.

Diese große Bewegung, welche wie ein Sturmwind über die alte Erde brauste, um eine neue zu schaffen, entwurzelte ihre Glieder, wirbelte sie durcheinander und streute sie über alle Länder, wie toten oder wie fruchtbaren Samen; riß hier los, um dort wieder zusammenzufegen. Diese schöne Stadt an der Limmat war seit langem ein Herd ihrer Flüchtlinge, und eng im Raume stießen sich hier die Menschen und ihre Gegensätze.

So fand er auch hier sie alle wieder, diese oft so seltsamen Erscheinungen aus ihrer Vorhut und ihrem Nachtrab, und in wenigstens einem Exemplar waren alle Richtungen vertreten. Wie überall drängten sich auch hier lärmend und anspruchsvoll in den Vordergrund: die Menschheitsretter und die Propheten, die Schwärmer und die Gläubigen, die Umstürzler und die Reformer, alle diese meist jungen, oft aber auch schon recht angejahrten Menschen mit Christusbärten und in Sandalen, in Schlapphüten und wehenden Mänteln, mit ihrer schrecklichen Lungenkraft und ihren kurzatmigen Gedanken, und mehr als je fühlte er, daß sie ihm nichts mehr zu sagen hatten, was er nicht schon wußte. Weil er nichts mehr bei ihnen zu suchen hatte, mied er sie.

Versammlungen, in denen er früher ein so häufiger Gast gewesen, besuchte er hier nicht. Sie konnten ihm in der Art, wie sie abgehalten wurden, nichts mehr geben, und als er gar hörte, wie eine von ihnen, statt in ruhiger und sachlicher Auseinandersetzung innerhalb der jedem Redner gleichmäßig zugestandenen Zeit (wie es hätte sein sollen) zu verlaufen, in wüsten gegenseitigen Beschimpfungen und einer rohen Schlägerei geendet war, lockte ihn keine mehr.

Das Abkommen der Übersetzung eines umfangreichen französischen Werkes mit einem deutschen Verleger sicherte ihm neben der gelegentlichen Mitarbeit an den ihm bekannten Zeitungen ein weiteres Jahr größerer Bewegungsfreiheit. Er durfte sich Tage der Ausspannung gönnen, und er fand Zeit zu den Studien, die ihm die liebsten waren. So begann eine Zeit für ihn, an die er nie anders als mit Dankbarkeit zurückdachte, als an die schönste seines Lebens: er stieg hinunter von seiner Höhe, um auf diesem grünen See zu rudern und in ihm zu schwimmen, nach Tagesarbeit in einem gemütlichen Winkel allein oder mit Bekannten den Wein des Landes zu trinken, und wieder hinauf, und unter ihm lagen Streit und Unrast, Kleinlichkeit und Torheit der Menschen. Er fand, was er gesucht; fand, fand und fand, und als er nach einem beglückenden Sommer im Winter daran ging, die Fülle seiner Ernte zu sichten, war es Garbe und Frucht und hieß: Freiheit.

So stand er denn endlich vor der großen Frage, die die Menschheit erregte wie keine andere und auf die es doch nur eine Antwort geben konnte: Freiheit – was ist Freiheit? – Und wann ist der Mensch frei?

Frei bin ich, sagte er sich, wenn ich tun und lassen kann, was ich will.

Aber schon stutzte er hier.

Er war nicht allein auf der Welt. Wäre er es gewesen, so war die Antwort richtig: dann war er absolut frei.

Da er es nicht war, war sie falsch: es gab eine Grenze für seine Freiheit – die Freiheit anderer.

Wo aber lag diese Grenze ? – Entweder war seine Freiheit geringer, als die der anderen – dann war er nicht frei; oder sie war größer, als die der anderen, und dann waren diese nicht frei. In beiden Fällen, dem des Schwächeren (des Knechtes) wie in dem des Stärkeren (des Herrschers), war es kein Zustand der Freiheit.

Freiheit konnte daher nur der dritte mögliche Zustand der menschlichen Gesellschaft sein: die gleiche Freiheit aller. Er verwarf daher seine erste Antwort und gelangte zu der zweiten:

Frei bin ich, wenn ich nicht durch andere gezwungen werde, etwas zu tun oder zu lassen, was ich nicht tun oder nicht lassen will, solange ich nicht selbst in diese gleiche Freiheit der anderen – zu tun oder zu lassen, was sie wollen – gewaltsam eingreife.

Mit anderen Worten: ich bin frei so lange, als sich kein fremder äußerer Wille den meinen gewaltsam unterwürfig macht.

Ein Zustand der Freiheit konnte daher nur ein Zustand des Übereinkommens zwischen den Menschen sein, sich diese gegenseitige Freiheit des Handelns und Unterlassens zu gewähren und diese Freiheit gegenseitig zu achten.

Und in dem Bemühen, recht deutlich und ganz unmißverständlich zu sein:

Freiheit ist daher der soziale Zustand der Abwesenheit von Gewalt in der Gesellschaft, ein negativer und passiver (nicht angreifender) Zustand im Gegensatz zu einem positiven und aktiven (angreifenden) Zustand; und da Gewalt das Wesen des Staates ist, somit nur der Gegensatz zu diesem – ein staatloser Zustand.

Freiheit, so schloß er, war demnach der soziale Zustand der gleichen Freiheit Aller in einer herrschaftslosen Gesellschaft.

Mit einem anderen Wort: die Unantastbarkeit des nicht aggressiven Individuums.

Der Zustand der Freiheit mußte ein vollkommener sein, oder er hörte auf, ein Zustand der Freiheit zu sein.

Wurde die Freiheit des Einzelnen auch nur in einer Hinsicht verletzt, so war er nicht mehr frei.

Wohl gibt es Freiheiten, die so nötig zum Leben sind, wie Atmen und Essen, und Freiheiten, bei deren Abwesenheit das Leben noch nicht aufhört, Leben zu sein (wenn es dann oft auch nicht mehr verdient, so genannt zu werden); und unbestreitbar ist, daß der Wert der Freiheit von den Einzelnen sehr verschieden eingeschätzt wird. Aber es gibt keine, deren Unterbindung auf die Dauer den sozialen Organismus in seinem Wachstum nicht hemmt und ihm nicht schadet, wie es keine gibt, deren Verletzung nicht die Verletzung anderer Freiheiten nach sich zieht, und so zu einem System der Unterdrückung der Freiheit als solcher führt.

Sollte daher der allgemeine Zustand der Freiheit nicht selbst in Gefahr geraten, so durfte die Forderung nur lauten:

Vollkommene Freiheit des Einzelnen innerhalb der einzigen Grenze der Freiheit selbst – der gleichen Freiheit Aller: Freiheit in dem ganzen Bezirk seines Lebens und auf allen Gebieten seiner Betätigung, körperlicher wie geistiger; Freiheit, ganz und ungeteilt, immer und überall! – Und heute wie morgen! –

Welches nun waren die Freiheiten, fragte er sich, die so unleugbar waren in ihrer Wichtigkeit, daß sie die Grundlage der menschlichen Freiheit überhaupt bildeten, die, ohne welche solche Freiheit undenkbar war?

Er ließ sie an sich vorüberziehen.

Es war ein langer und stolzer Zug.

Keine unter allen, die nicht mißhandelt, verwundet, von falschen Freunden verraten war; keine, die nicht unter Ketten schritt, aber auch keine, die nicht ihr Haupt hoch getragen hätte, wie am ersten Tage; und keine, für die die Freiheit selbst nicht ihre Forderung auf Anerkennung immer von neuem wiederholt hätte. Denn ob klein oder groß – sie waren alle Kinder der einen Mutter.

Er ließ sie vorüberziehen.

Allen voran ging die Freiheit des Denkens, und sie allein schien frei von Ketten.

Denn das Denken ist die einzige Freiheit, die mit physischer Gewalt nie völlig unterdrückt werden kann, es sei denn, die Gewalt habe vorher den Körper, in dem es lebte, gebrochen. (»Gedanken sind zollfrei«.)

So nahm sie den führenden Platz ein, als die Freiheit, die aller Freiheit des Handelns vorausgehen muß.

Die ihr folgte als zweite, war die Freiheit, dem Gedanken Ausdruck zu verleihen.

Das Handeln des Menschen konnte nicht frei sein, solange sein Denken es nicht war.

Doch was nützte alle Freiheit des Denkens, wenn dieses Denken sich nicht ungehindert in Worte umsetzen und so sein eigentliches Wesen finden konnte?

Die erste Forderung der Freiheit mußte daher die des uneingeschränkten Gedankenaustausches sein: die nach der Freiheit des Wortes und der Schrift.

Ohne sie keine Verständigung und keine Erkenntnis; ohne sie kein Fortschritt auf irgendeinem Gebiete; ohne sie daher keine wahre Entwickelung des Menschengeschlechtes …

Fort mit jeder, wie immer gearteten Zensur! – lautete daher die Formel dieser ersten Forderung der Freiheit.

Die geistige Unabhängigkeit des Menschen beruht unleugbar auf seiner wirtschaftlichen; und diese wirtschaftliche Unabhängigkeit auf seiner Arbeit.

Die vornehmlichste aller sozialen Forderungen muß daher nach der Freiheit der Arbeit gehen.

Damit aber die Arbeit frei werden konnte, mußte sie von den Privilegien befreit werden, die auf ihr lasteten, jenen Privilegien, die ein »arbeitsloses Einkommen« schufen und den Arbeiter zum Sklaven eben dieses Einkommens machten. Denn in der Freiheit bildet, wie sie es sollte, Arbeit allein (von den nicht hierher gehörenden Begriffen einer freiwilligen Übertragung durch Erbschaft, Schenkung und anderen abgesehen) die einzige Quelle jedes Einkommens. Fort daher mit allen Privilegien, die der Freiheit der Arbeit hindernd im Wege stehen, ihr selbst und ihrer uneingeschränkten Konkurrenz unter sich! – hieß daher die zweite Forderung der Freiheit.

Die Freiheit der Arbeit ist wertlos ohne die Freiheit ihrer Nutzbarkeit – des Austausches; und diese Freiheit des Austausches wertlos ohne die Freiheit des Mittels zu diesem Austausch – des Geldes.

Freiheit des Geldes war somit das erste und wichtigste Erfordernis aller wirtschaftlichen Freiheit!

Geld – kein vom Staate mehr monopolisiertes, willkürlich aus der Reihe der übrigen Produkte heraus- und zum alleingültigen Wertmesser emporgehobenes Produkt; kein auf Gold (oder Silber) allein basiertes und der Konkurrenz entzogenes Mittel; kein mit dem Vorrecht des Zinses belehntes, kein »gesetzliches« Geld mehr, – sondern:

Geld – unter der Freiheit der Banken von diesen verausgabt zu einem Preise, den die freie Konkurrenz in der Schaffung dieser Ware so niedrig stellen mußte, daß er, dieser Preis, den Kosten der Herstellung und der Verwaltung gleich kommen würde; Geld, erhältlich von solchen auf das Prinzip der Gegenseitigkeit gegründeten Banken für jeden, der, wenn kein Eigentum, so doch seine Arbeit als Sicherheit zu bieten hatte; reichliches, weil billiges; und billiges, weil freies Geld!

Fort daher mit allen Gesetzen und allen Maßregeln, die die Erzeugung und Verausgabung des Geldes unter eine andere Kontrolle stellten, als die der Verbraucher, und die ihm irgendwelchen anderen Maßstab (als Wertmesser) zu Grunde legten als den, auf welchen diese Verbraucher sich geeinigt hatten!

Mit dieser Forderung nach der Freiheit des Geldes ging Hand in Hand die nach der Freiheit des Handels – des ungehinderten und unkontrollierten Austausches der Produkte zwischen Produzent und Konsument.

Wie zwischen den einzelnen alle Schranken fallen sollten, so sollten sich zwischen den Völkern alle gegebenen Wege zu Lande und zu Wasser öffnen und über die gefallenen Grenzen hinüber die Parole lauten: freier Verkehr. Fort daher mit allen Ein- und Ausfuhrverboten, allen Zollsystemen und -tarifen jedweder Art!

Die zweite wichtige wirtschaftliche Freiheit neben der Freiheit des Geldes war die des Grund und Bodens.

Wie seine Arbeit, so mußte auch das Stück Land, auf dem er stand und lebte, für den Einzelnen frei sein, sollte er selbst es sein.

Da aber Land nicht, wie Luft und Licht, dem Menschen in unbeschränkter Fülle zur Verfügung stehen konnte, so traten hier für den Einzelnen gewisse Beschränkungen in seinem Besitz ein: Anspruch auf Grund und Boden konnte nur der haben, der ihn wirklich besetzt hielt und benutzte, und eine Frage gegenseitigen Übereinkommens mußte es daher werden, wie viel jeder Einzelne nach den jeweilig gegebenen Verhältnissen für sich mit Beschlag belegen konnte.

Außerhalb solcher Grenzen gegenseitigen Übereinkommens liegendes Land, auf das diese in der Freiheit einzig haltbaren Besitztitel – der Besetzung und Benutzung – noch keine Anwendung gefunden hatten, das also noch nicht besetzt war und benutzt wurde, war frei für den ersten, der kam, es zu belegen und zu benutzen.

Wie beim Gelde der Zins, würde hier die Rente fallen.

Fort daher mit jeder Art von Beschlagnahme und Eigentumserklärung an Grund und Boden in irgendwelchem Namen, sei es dem des Staates oder dem der Nation, dem des Volkes oder dem der Gemeinde! – hieß hier die bestimmte Forderung.

Aus diesen ersten und notwendigsten Freiheiten, ohne die die Freiheit selbst nur ein leeres Wort ohne Sinn blieb, mußten alle anderen persönlichen Freiheiten des Menschen sich von selbst ergeben – ökonomische Unabhängigkeit des Individuums war der Boden, dem sie alle entsprießen, in dem sie alle gedeihen würden von selbst … Alle die anderen Freiheiten:

Die des Glaubens und des Gewissens – die Freiheit, zu jedem Gott und in jeder Kirche zu beten, oder nicht zu glauben und nicht zu beten; die der Liebe – die Freiheit, zu lieben wen, und sich zu vereinigen mit wem man wollte, und auseinander zu gehen, wenn man sich nicht mehr liebte, oder nicht zu lieben; die der Körper- und Gesundheitspflege – die Freiheit, sich zu nähren und zu kleiden, wie jeder es am besten für sich befand, oder seinen Körper zu vernachlässigen, wie die Freiheit, sich den Arzt zu wählen, zu dem man das größte Vertrauen hatte, oder sein eigener Arzt zu sein; die der Wissenschaft – die Freiheit für jeden, der sich zum Lehren und zur Forschung berufen glaubte, zu lehren, in Rede und Schrift, was und wo immer er konnte und wollte, oder zu schweigen; die der Kunst – aber hier, in den Künsten, herrschte, wenigstens in den bildenden, bereits ein großes Maß von Freiheit der Ausübung, und nichts hatten sie zu tun, als eifersüchtig weiter bedacht zu sein gegen jede akademische oder andersgeartete Einmischung von außen (die nur eine von ihnen nicht zu fürchten hatte, denn sie, die glückliche, spottete aller Ketten, weil sie in Tönen sprach und nicht in Worten).

Überall wurde nach diesen Freiheiten gerufen, und lauter und stürmischer meist als nach denen, auf deren Erlangung es doch in erster Linie ankam. Denn wie wenige bedachten, daß der Ruf nach ihnen nur gehört und verstanden werden konnte, wenn er ausklang in den allgemeinen Ruf nach Freiheit überhaupt! – Und daß alle Forderungen nach ihnen wirkungslos bleiben mußten, solange sie sich nicht vereinten in den einen Ruf: Fort mit dem größten Feinde jeder Freiheit, der Gewalt! – und in den alles übertönenden: Fort mit dem Staate!

Deutlich unterschied er jetzt in der ungeheuren Bewegung seiner Zeit, die die Erde erschütterte, zwei Richtungen wie zwei Ströme.

Beide entsprangen derselben Quelle: der Forderung, daß die Arbeit den gerechten Lohn ihres vollen Ertrages erhalten solle.

Aber wenn der Ursprung der beiden Ströme derselbe war, so schlugen sie doch in ihrem Lauf eine durchaus von einander verschiedene Richtung ein, um sich auf ihm immer weiter und weiter voneinander zu entfernen und endlich in zwei entgegengesetzten Meeren zu münden.

Dem Laufe des einen Stromes folgen, hieß sich von dem anderen entfernen – kein Weg führte mehr hinüber und herüber. Wer von dem einen zum anderen gelangen wollte, mußte zu der gemeinsamen Quelle zurückkehren und seine Wanderung von neuem beginnen.

Den Strömen folgen, bedeutete nichts mehr und nichts weniger, als sich einer der beiden großen Mächte des Lebens anvertrauen: der Macht der Gewalt, oder der Macht der Freiheit.

Denn die Namen der beiden großen Ströme in der sozialen Bewegung der Zeit waren: Staatssozialismus der eine, freiwilliger Sozialismus der andere.

Und die der beiden Meere: Autorität und Freiheit.

Keinen Augenblick konnte es zweifelhaft für Ernst Förster sein, welchem Wege er folgen sollte. Er hatte sich längst entschieden.

Die Anhänger der einen Richtung sagten:

Der Staat ist der Eigentümer aller Einkommensquellen der Arbeit: des Grund und Bodens, der Maschinen und der Werkzeuge, sowie alter Mittel zur Produktion – mit einem (in seinem weitesten Sinne gefaßten) Wort: des Kapitals.

In dessen alleinigem Besitz, legt er Beschlag auf alle Erzeugnisse menschlicher Arbeit, alle »Produkte«, und übernimmt deren Verteilung nach den Grundsätzen, die ihm die richtigsten zu sein dünken.

Grundbesitzer, Händler, Fabrikherr in einer Person, hebt er jeden Wettbewerb auf und ist letzte Instanz in allen Dingen. Die Anhänger der anderen Richtung erklärten hingegen: Der Einzelne, das Individuum, ist der unumschränkte Herr nicht nur der Produkte seiner Arbeit, sondern auch der Mittel zur Produktion, und es besteht kein Unterschied zwischen diesen beiden – beide sind Kapital.

Entzogen so die einen dem Einzelnen das Recht, Herr über seine eigenen Angelegenheiten zu sein und ihr alleiniger Verwalter, und machten sie so den Staat zu seinem Vorgesetzten und Vormund, so sprachen die anderen vielmehr jedem Individuum das alleinige Recht zu, sein eigener Herr zu sein, und sahen in ihm den allein gegebenen Verwalter seiner Angelegenheiten.

Sagten jene durch den Mund des Staates zu ihm: »Ich bin dein Herr und mir hast du zu gehorchen«, so antworteten diese in jedem Einzelnen: »Ich gehöre keinem anderen als mir selbst und bin mein eigener Herr.«

Konnte es einen schärferen, einen unversöhnlicheren Gegensatz geben ?

Jene, die Anhänger der Autorität, erstrebten die Lösung der sozialen Frage allein von oben herab – durch den Staat; diese, die Anhänger der persönlichen Freiheit, indem sie diese Lösung nur von dem Individuum selbst und seiner Initiative erhofften, und von seinem freiwilligen Zusammenschluß mit Anderen – von unten herauf.

Die einen suchten die Gesellschaft immer mehr in den Staat zu wandeln; die anderen, den Staat in die Gesellschaft aufzulösen.

Unüberbrückbare und unversöhnliche Gegensätze in allem und jedem:

Die ersteren sahen in dem Staat das letzte Ziel der Vollendung: ein Gebilde, daß über dem Individuum stand, oder doch außerhalb desselben; die letzteren in ihm nichts als eine Einrichtung, wie jede andere menschliche Einrichtung, jedoch so rückständig und schädlich, daß seine Beseitigung und Ersetzung durch andere Einrichtungen nur eine Frage der Zeit sein konnte und durfte.

Die einen wollten das Wohl des Individuums durch den Staat sichern; die anderen sahen das Wohl der Allgemeinheit durch das Wohl des Einzelnen gesichert.

Der eine Weg, es war klar, ging von dem heutigen Staate aus und führte über ihn hinaus, um in seiner absoluten Oberhoheit zu münden; der andere, es war ebenso einleuchtend, mußte sich immer mehr vom Staate entfernen, um schließlich in der Souveränität des Individuums, dessen Entwickelung zu voller Selbständigkeit, zu gipfeln.

Sagten daher die einen: Alles muß verstaatlicht und private Handlungen dürfen höchstens geduldet werden! – so sagten die anderen: Es gibt nur private Handlungen und es darf nur solche geben!

»Sozialisieren« –war das einzige Wort, das die Anhänger der Autorität kannten und nach dem sie unablässig riefen, wie sie keine andere Möglichkeit zum Ausgleich der sozialen Gegensätze zu kennen schienen; »privatisieren« – hielten ihnen die Freunde der Freiheit entgegen als eben diese einzige Möglichkeit.

– Wie weit die Macht des Staates zu gehen, ob und wo sie einmal zu enden habe, darüber waren die Anhänger der einen Richtung sehr verschiedener Meinung, doch es konnte immer nur eine Fort- und Weiterentwickelung des heutigen Staates zu immer schrofferen Formen sein: der Staat sollte, wie sie sagten, der »wahre«, der »Staat Aller«, der »Volksstaat« werden, und alle stimmten darin überein, daß sein erstes und letztes Gesetz zu lauten habe: »Der Wille der Majorität ist absolut«. Dagegen gab es keine Verschiedenheit in der Ansicht der anderen: daß der Staat mehr und mehr und zwar bis zur völligen Machtlosigkeit zurückgedrängt werden müsse und daß es nur eine Grenze für die Freiheit des Einzelnen geben dürfe: die gleiche Freiheit der anderen.

Staat und Individuum – so hieß daher, auf die denkbar schärfste Formel gebracht, dieser Gegensatz.

Oder: Autorität und Freiheit.

Staatssozialismus nannte sich, wie er gesehen hatte, die erstere Richtung in ihrer ausgeprägtesten Form, und diese Bezeichnung umgrenzte gut und scharf die Bestrebungen aller derer, die eine Lösung der sozialen Frage durch den Staat wollten.

Wie aber nannte sich die andere ?

Ernst Förster fand nur ein Wort, das ihm ebenso klar und scharf den von den Anhängern der anderen Richtung erstrebten Zustand der Gesellschaft zu bezeichnen schien. Es hieß: Anarchie.

Oft, natürlich und immer wieder hatte er das Wort gehört, und seltsam hatte es ihn angezogen und abgestoßen zu gleicher Zeit.

Denn er vermochte die Lehre derer, die sich zu ihm bekannten, nicht mit dem Sinn zu vereinen, den es umschloß. Nicht, daß er vor dem Worte als solchem, dem Begriffe, zurückschreckte. Er hatte längst die Furcht vor Worten verlernt, seit er gesehen, wie oft Inhalt und Deutung im Gebrauch jede Fühlung miteinander verloren.

War es vielleicht auch hier so? – Das mußte untersucht werden.

Was bedeutete also dieses Wort: Anarchie?

Dem Griechischen – αναρχια – entstammend bezeichnete es einen der Herrschaft – αρχη – entgegengesetzten Zustand: einen Zustand der Herrschaftslosigkeit also. So lehrte es jedes Wörterbuch der griechischen Sprache; das war seine wissenschaftlich angenommene und feststehende Deutung, wenn es auch nicht seine ursprüngliche sein mochte.

Aber in dem allgemeinen und verderbten Sprachgebrauch des Tages hatte das Wort mit der Zeit eine vollkommen andere Bedeutung angenommen und wurde in einem ganz anderen Sinne gebraucht. Offenbar aus dem Glauben der meisten Menschen heraus, daß ein herrschaftsloser Zustand auch notwendigerweise ein Zustand der Unordnung sein müsse, wurde heute unter »Anarchie« fast allgemein nur ein Zustand der sozialen Unordnung, der allgemeinen Auflösung, des politischen Chaos verstanden.

Wie das gekommen, war gleichgültig; genug, daß es so war: daß das Wort heute für die meisten mit einer Atmosphäre des Schreckens und Grauens umgeben war, die es jeder ruhigen Prüfung und damit einer besseren Kenntnis von vornherein unzugänglich zu machen drohte.

Das war schlimm.

Weit schlimmer aber war, daß das Wort von den Anhängern einer Richtung in der sozialen Bewegung zur Bezeichnung ihrer Weltanschauung angenommen war und geführt wurde, die selbst zugleich erklärten und zugaben, Kommunisten zu sein.

Nichts auf der Welt aber war ihm, Ernst Förster, von allem Anfang an so unsympathisch gewesen, nichts erschien ihm unvereinbarer mit wahrer Freiheit, als was sich Kommunismus nannte und irgendwie mit Kommunismus zusammenhing.

Die Anhänger dieser Richtung, die Kommunisten, mußten wohl das Wort zu Unrecht führen: entweder waren sie wirklich Kommunisten, und dann konnten sie unmöglich einen Zustand der Herrschaftslosigkeit, der Anarchie, erstreben; oder sie waren Anarchisten, und dann konnten sie ebenso unmöglich Kommunisten sein.

Der Name, mit dem sie sich nannten: »kommunistische Anarchisten«, war demnach ein Widerspruch in sich selbst. Auch das war zu untersuchen und zu beweisen – aus ihrer Lehre.

Was wollte der Kommunismus? – Und welches war sein Ideal einer freien Gesellschaft? –

Dieses: ein Zustand der menschlichen Gesellschaft, in welchem der natürliche Reichtum an Produktionsmitteln in gemeinsamen Besitz genommen und seine Verteilung nach dem Grundsatz: »Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen« erfolgen sollte.

Das hieß: Jeder brauchte nur nach seinem Belieben zu produzieren und durfte nach seinem Belieben konsumieren … An die Möglichkeit eines solchen Zustandes glaubten die Kommunisten! … Die Vernunft, die Brüderlichkeit und der gute Wille würden jeden veranlassen zu arbeiten, und keinen mehr zu verbrauchen, als er brauchte.

Der Staat würde unter diesen Zuständen von selbst in Wegfall kommen. Somit waren sie also auch »Anarchisten«. Das war der »anarchistische« oder »freie« Kommunismus: der Traum meist ehrlicher Schwärmer, die, ohne auch nur einen Augenblick mit der Natur des Menschen, wie sie wirklich war, zu rechnen, und gänzlich unbelehrt durch die Erfahrungen der Vergangenheit, fortfuhren, sich ein Nirgendland zu erdenken, das nicht von dieser Erde war.

Unbelehrt und unbelehrbar. Denn alle Versuche, eine Gesellschaft von Menschen auf diesem Grundsatz des gemeinschaftlichen Besitzes zu errichten – und die Geschichte der Bewegung war überreich an solchen Versuchen – waren samt und sonders gescheitert. Unternommen oft mit der reinsten Begeisterung und dem aufrichtigsten Willen, mit dem denkbar besten Menschenmaterial und unter den günstigsten Bedingungen, hatten sie mit Jubel begonnen und waren in Jammer geendet – von dem Träumer angefangen, der an der Spitze seiner jubelnden Scharen hinausgezogen war, um in der neuen Welt sein Ikarien zu gründen und in einer Dachkammer, von allen verlassen und verflucht, zu enden, bis zu jenem Phantasten, der alles ergrübelt hatte, was seiner Meinung nach zum wahren Glück der Menschen nötig war, und der nur einen Posten nicht in seine Rechnung mit hineinbezogen hatte (dessen Fehlen ihre Einkassierung vereitelte): Freiheit!

Alle waren sie gescheitert, dem Fluch der Lächerlichkeit anheimgefallen, vergessen, tot – ! Alle.

Unbelehrbar, wie es schien. Denn die Nachkommen fuhren fort, diese Toren, an ihre Ideale zu glauben, fuhren fort in ihren kleinen und kümmerlichen Versuchen, die heute nicht mehr rührend, sondern nur noch bemitleidenswert waren, diese Ideale zur Wirklichkeit umzuschaffen, ihre Häuflein zusammenzuscharen und unter irgendeiner Fahne, in irgendeiner kläglichen Form das »dritte Reich« der Zukunft zu gründen, bis sie an sich selbst zugrunde gingen oder die harte Faust des Staates sie erwürgte, des Staates, der sie duldete, solange sie unschädlich waren und sie hinwegfegte, sobald sie ihm lästig oder unbequem wurden.

Blieb also nur der andere, der Zwangskommunismus. Auch der sprach von Freiheit. Aber er verneinte die erste aller Freiheiten: die Freiheit zu produzieren und zu konsumieren, und zwar auf Grund eines von den Produzenten und Konsumenten geschaffenen Austauschmittels.

Er war ehrlich genug, zu erklären, daß er diese Freiheit aufhob, und zuzugeben, daß seiner neuen Gesellschaftsordnung ein Übergangsstadium der Expropriation vorauszugehen habe, eine Revolution, deren Sieg, die Diktatur des Proletariats, zunächst eine Enteignung der bisherigen Besitzer zur Folge haben müsse: die Beschlagnahme des Grund und Bodens, der Banken, der Verwaltung, der Fabriken, der Bergwerke, der Verkehrsmittel, kurz aller privaten und öffentlichen Betriebe durch die »Allgemeinheit«, mit einem Wort: die Einziehung allen privaten Eigentums und selbstverständlich mittels Gewalt.

Wer aber sollte sie üben, diese Gewalt? – Der, welcher sie hatte. Auch hier war, wie dort, das letzte Wort: der Wille der Mehrheit ist ausschlaggebend. So taten sie, die den Staat bekämpften, nichts anderes, als ihn in neuer und in seiner vielleicht verabscheuungswürdigsten Form wieder auferstehen zu lassen, nur daß er jetzt nicht mehr Staat, sondern Kommune oder ähnlich hieß.

Aber nicht das, nicht ihre Weltanschauung, hatte die Kommunisten, die sich so fälschlich Anarchisten nannten, derart in Verruf gebracht, daß ihr Name allein schon die meisten vor jeder Berührung zurückschreckte, sondern die von ihnen befolgte Taktik gegenüber den bisherigen Machthabern. Denn auch ihre Taktik war die Taktik der Gewalt. Die von ihnen befürwortete »Propaganda der Tat« sollte nicht nur aufklärend, sondern auch aufrüttelnd auf die breiten Massen wirken, und so zogen sie seit Jahren immer wieder durch Attentate, besonders auf einzelne, sogenannte »hochstehende« Personen, die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich und machten den von ihnen zu Unrecht geführten Namen zu einem ebenso oft und falsch genannten, wie gefürchteten und verfemten.

Ihm, Förster, waren diese Kommunisten nicht fremd. Er hatte in London, dann auch in Paris manche von ihnen gesehen, gehört, gesprochen. Er war einige Male in ihren Klubs und öfters auch in ihren Versammlungen gewesen. Es waren zweifellos vorzügliche Menschen unter ihnen, ehrliche und aufrichtige Verfechter ihrer Überzeugung, bereit, alles, und sei es das eigene Leben, für ihr Ideal zu opfern, Menschen von einer oft unbeugsamen Entschlossenheit und Willenskraft. Aber es waren ebenso zweifellos auch Menschen unter ihnen, die sichtlich mehr der Wunsch, in den Augen der Öffentlichkeit und vor allem in denen ihrer Kameraden eine Rolle zu spielen, als die innere Notwendigkeit zu Taten trieb, deren Zwecklosigkeit und Schädlichkeit zutage lag. Und es gab endlich auch derer unter ihnen, die diese Propaganda der Tat nur als Deckmantel für rein verbrecherische Handlungen benutzten, Handlungen, die nichts mehr mit irgendeiner Weltanschauung zu tun hatten; und nicht ganz konnte den erstgenannten der Vorwurf erspart bleiben, daß sie sich – sehr zu ihrem Schaden – nicht immer streng und reinlich genug von diesen letzteren schieden, deren Taten natürlich allen Gegnern nur zu willkommene Gelegenheit zu neuer Diskreditierung der ganzen Bewegung boten.

Vorzügliche Menschen oft und wahre Kameraden in dem großen Befreiungskampf der Arbeit, aber nie und nimmer Anarchisten, mochten sie sich noch so hartnäckig selbst so nennen, noch so verständnislos überall so genannt werden! Denn ein Anarchist war nur der, der einen Zustand der Herrschaftslosigkeit erstrebte, einen Zustand der Abwesenheit jeglicher Gewalt, den Zustand gleicher und vollkommener Freiheit; der jeden Staat, einerlei in welcher Form und unter welchem Namen, ausschloß; und dem die Freiheit Zweck nicht nur, sondern auch Mittel war.

Daher war es in so hohem Grade bedauernswert und erschwerte den Kampf um die Erreichung dieses Zustandes so ungemein, daß durch die von Grund aus falsche Adoptierung des Wortes Anarchie der Leichtfertigkeit wie der Böswilligkeit gleichermaßen Vorschub geleistet und die Erkenntnis der wahren Bedeutung dieses Begriffes der Kritik – und damit dem Verständnis – immer mehr und mehr entzogen wurde.

Sollte nun darum, allein wegen seiner falschen und irrtümlichen Anwendung im allgemeinen Sprachgebrauch des Tages, dieses Wort fallen gelassen werden?

Es aufgeben und ein anderes (das immer nur ein weniger treffendes und daher weniger gutes sein konnte) an seine Stelle setzen, wäre eine Feigheit nicht nur, sondern auch eine Zwecklosigkeit gewesen. Eine Feigheit, weil eine Nachgiebigkeit gegenüber der Oberflächlichkeit und ein Zugeständnis an die Unwissenheit. Denn an denen, die das Wort in falschem Sinne anwandten, war es, ihren Irrtum einzusehen und ihn zu korrigieren; und an denen, die es für eine Weltanschauung brauchten, die es nicht deckte, war es, das Wort abzulegen und durch ein anderes, richtiges zu ersetzen. Eine Zwecklosigkeit, weil seine Verleugnung wenig oder nichts genützt hätte. Jedes andere Wort würde bald ebenso mißdeutet und bald ebenso mißverstanden sein, ein Schlagwort werden, um das der Streit von neuem beginnen mußte. Die aber, die sagten (und es gab ihrer leider mehr als genug): »Auch ich will die Freiheit und die ganze Freiheit; aber ich hasse jede Etikettierung und Abstempelung, und ich will überhaupt keinen Namen«, ihnen war zu erwidern (abgesehen davon, daß es sich bei näherer Prüfung fast immer herausstellte, daß sie durchaus nicht die Freiheit, die »ganze Freiheit« wollten) – ihnen war zu sagen, daß jede Anschauung, wie jedes Kind, einen Namen haben muß, will sie genannt und gekannt werden, und daß namenlos durchs Leben gehen, gleichbedeutend ist mit unbekannt und unverstanden bleiben.

Aber dies alles bedeutete nichts gegenüber der geschichtlichen Tatsache, daß lange bevor in der Bewegung diese unglückselige Adoptierung stattgefunden, daß lange vorher die großen Denker und Kämpfer, die das Lehrgebäude einer anarchistischen Weltanschauung fundiert und aufgerichtet hatten, kein besseres Wahrzeichen hatten finden können, unter dem sie die ersten Siege erfochten.

Einen Anarchisten hatte sich selbst und zuerst vor allen der große Franzose genannt, gleich groß als Denker wie als Kämpfer, der in der unermeßlichen Tätigkeit seines nur der Sache der Arbeit und ihrer Befreiung gewidmeten Lebens als Erster die Gesetze ihrer Grundlagen erforscht und aufgestellt und den Prinzipien der Gerechtigkeit für sie eine neue und dauernde Gültigkeit verliehen.

Ein Anarchist war jener merkwürdige Deutsche gewesen, der in seinem einzigen Buche (unsterblich für alle Zeiten), dessen seltsame Schicksale die Geschichte des Kampfes um diese neue Weltanschauung gleichsam widerspiegelten, die Einzigkeit des Individuums postuliert und mit einer bis dahin ungeahnten Kühnheit auch die letzten Konsequenzen seiner Lehre des Egoismus gezogen – der gewagt, was kein anderer vorher gewagt, und getan, was kein anderer nun nach ihm mehr zu tun imstande war.

Unter dem Namen der Anarchie kämpfte dort drüben, in der neuen Welt, seit Jahrzehnten ein sich seiner Ziele bis ins letzte, wie kein anderer bewußter und in der Kenntnis der Wege zu diesem Ziele wie kein zweiter erfahrener Mann mit der unwiderstehlichen Waffe seiner Logik seinen schweren und schönen Kampf um die Freiheit; kämpfte ihn unerschrocken, zäh und unbeirrbar, und sammelte um das Banner seines Blattes, des »Pionier-Organs des Anarchismus«, von überall her die besten und vorgeschrittensten Köpfe seiner Zeit. Und wenn er und seine Anhänger sich, einig in ihren letzten Zielen, »individualistische« oder »philosophische« Anarchisten nannten, so taten sie es nicht, weil sie sich dieses Pleonasmus nicht bewußt gewesen wären (denn einen Anarchismus, der nicht individualistisch und der nicht philosophisch war, gab es nicht und konnte es nicht geben), sondern weil sie die Notwendigkeit einsahen, sich auch rein äußerlich von den sogenannten »kommunistischen Anarchisten« scharf und unzweideutig zu unterscheiden.

Hier, bei ihnen, und bei ihnen allein, sah der Finder Ernst Förster seinen Platz: auf dem äußersten Flügel der Linken in der sozialen Bewegung, die keine Partei war und nie eine Partei sein konnte, weil sie gegen alle Parteien war; hier, bei dieser kleinen Schar, stark nicht durch ihre Zahl, sondern durch die geistige Bedeutung ihrer Anhänger und unüberwindlich durch die Logik ihrer Beweisführung wie durch die Lauterkeit ihrer Absichten – hier war er nun angelangt, und hierher, er fühlte es, gehörte auch er nun. Und hier wollte er stehen, solange er keinen besseren Platz fand, hier und zu diesem Worte.

Denn, auch das erkannte er, es gab Worte, die so tief in den Staub und Wust der Zeiten verschüttet scheinen, daß der, welcher sich nach ihnen bückt, glaubt, sich mit ihnen zu beschmutzen; wer sie aber trotzdem aufhebt und näher betrachtet, sieht, daß es Edelsteine sind, köstlich an Wert, deren Glanz bestimmt ist, durch die Nacht der Tage zu schimmern, und er gibt sie nicht wieder her, um keinen Preis.

Ein solches Wort war dieses Wort: Anarchie.

Die Tage kamen und gingen, und die Freude an jedem neuen ließ kein Bedauern über den scheidenden aufkommen.

Oft tagelange Ausflüge, die er sich jetzt gönnte, erschlossen ihm immer neue Schönheiten des Landes, so leicht erreichbar, weil so eng zusammengehäuft auf diesem Fleck Erde.

– Auf einer dieser Wanderungen war es, wo er eine Bekanntschaft machte, die entscheidend werden sollte für seine Lebensgestaltung auf Jahre hinaus. Er kam mit einem jungen Schweizer, – der, durch den plötzlichen Tod seines Vaters unvermutet früh zum Herrn einer großen Fabrik geworden, sich noch einige stille Wandertage gönnen wollte, bevor er sein neues und verantwortungsvolles Amt antrat, – in ein Gespräch, daß sich wie von selbst fortsetzte, so daß sie ein Stück Weges gemeinsam wanderten. Sie fanden Gefallen aneinander: Förster an der frischen und tüchtigen Art des anderen; der an seines neuen Bekannten vorurteilsloser und freier Denkungsart, und als sie am dritten Tage scheiden sollten, machte er dem Überraschten den Vorschlag, eine Stellung, gewissermaßen als seine rechte Hand, in dem neuen Betriebe einzunehmen. Bedenken, das so schnell gewonnene Vertrauen nicht verdient zuhaben, den neuen Ansprüchen nicht gewachsen zu sein, wurde begegnet; eine Probezeit mit gegenseitiger endgültiger Entschließung vereinbart, und vor Antritt eine kurze Frist zur Entscheidung zugestanden.

– An dem letzten dieser Tage, der ihm noch zwischen Ja und Nein blieb, ging Ernst Förster, nachdem er seine Entscheidung innerlich bereits getroffen (denn die neue Aufgabe reizte ihn, und er fühlte sich des in ihn so schnell gesetzten Vertrauens würdig), noch einmal die vertrauten Wege über die Höhen des Zürichberges, sah Stadt und See zu seinen Füßen im ersten Schimmer eines neuen Frühlings und sammelte in diesen letzten Stunden seiner Freiheit, vor neue verantwortungsvolle Arbeitsziele und zweifellos arbeitsschwere Jahre gestellt, die geistige Frucht dieses seines glücklichsten, dieses seines reichsten Jahres, das erfüllt hatte, was die vorhergehenden versprochen, und sein Herz war voll Dankbarkeit.

Wie er so dahinschritt, fiel ihm ein anderer Gang ein, vor einem anderen Abschied, auch über eine Höhe, mit Häusern und Menschen zu Füßen, und doch so verschieden von diesem: der Gang über die Hügel der kleinen Stadt, von der aus er seinen Flug in die Welt begonnen.

Damals war er ein Knabe gewesen, der sich und die Menschen nicht kannte und der sich hinaussehnte, um das Leben an sich zu reißen; heute war es der gereifte Jüngling, der werdende Mann, der es kennengelernt, wie es war, und der sich in seinen Wirrnissen zurechtgefunden, um weiter seinen Weg durch alle neuen zu gehen; dem sich Gründe erschlossen und der Folgerungen gezogen; und der an dem Punkt gestanden, an dem sich die Leben der Menschen scheiden – ein Leben mit der Zeit oder ein in Leben gegen seine Zeit.

Er sah erreichtes Besitz geworden; hielt Resultate in der Hand; nannte Erkenntnisse sein eigen.

Es waren keine Träume, denen er sich hingab. Er war nie ein Träumer gewesen.

Es waren Schlüsse, die er zog, und diese Folgerungen waren so wenig illusorisch, wie es die eines Arztes sind, der einem erkrankten, aber sonst gesunden Menschen bei veränderter Lebensweise in Ruhe, Luft und Licht Gesundung verspricht.

– Welches würden und mußten folgerichtig nun die Segnungen der Freiheit sein ?

Die Freiheit des Wortes und der Schrift, die Freiheit, jede Frage ausnahmslos und ungehindert, ohne Furcht vor Verfolgung und ohne Rücksicht auf irgendwelche Zensur öffentlich erörtern zu können, mußte schneller zur Ergründung dieser Fragen und zur gegenseitigen Verständigung über sie führen. Wenn öffentliche Zustände besprochen und beurteilt werden konnten, ohne daß es mehr nötig war, nach oben oder nach unten zu schielen, mußte die Teilnahme an ihnen eine größere und allgemeine werden. Die Freiheit der Kritik würde vor nichts mehr haltmachen und alle Schäden würden bloßgelegt werden, um die Wege zu ihrer Besserung zu finden.

Mit der Freiheit der Schrift würden die Privilegien der Urheberrechte fallen – der Autor sich mit einer einmaligen Entlohnung seiner Arbeit zufrieden geben müssen; und er würde es sein, wenn er sah, welche Verbreitung seine Schriften dadurch fanden und welche rückwirkende und belebende Kraft die Freiheit des Nachdrucks auf seinen Namen, seine Originalausgaben und seine weiteren Werke hatte.

War die Freiheit der Schrift und der Rede garantiert, war die Stunde für alle anderen Privilegien gekommen:

Die Freiheit der Banken und die Organisation des Kredits würde statt des heute seltenen Geldes Geld in genügenden Mengen, ja, im Überfluß entstehen lassen, das nicht mehr verliehen und geborgt, sondern gekauft wurde; den Unternehmergeist beleben und die Konkurrenz anfeuern; die durch die Zurückhaltung des Geldes entstehenden Krisen – Über- und Unterproduktion – unmöglich machen; die Nachfrage nach Arbeit ins Ungemessene steigern, wie das Angebot zugleich befähigen, den vollen Preis seines Arbeitsertrages zu fordern und zu erhalten, und so einen Ausgleich zwischen diesem Angebot und jener Nachfrage schaffen – kurz, diese Freiheit des Geldes und der Banken würden die Reichen nicht arm, wohl aber die Armen reich machen, mit einem Wort: einen allgemeinen Wohlstand schaffen und verbürgen.

Der große Feind der Arbeit, das Kapital, würde besiegt sein, nicht weil man es ermordet, sondern weil man ihm die Raubzähne ausgebrochen hatte und weil aus jedem Arbeiter selbst ein Kapitalist werden konnte, wenn er es wollte. Das heißt: die soziale Frage würde gelöst sein.

Die Freiheit der Konkurrenz, die des unbeschränkten Wettbewerbes auf allen Gebieten menschlicher Tätigkeit, die die Volkswirtschaft so treffend »das freie Spiel der Kräfte« nannte, mußte den Produzenten zwingen, die Preise den Kosten der Herstellung anzunähern und die beste Ware zum billigsten Preis zu liefern. Nicht mehr, wie heute, nur einseitig frei, wo die Arbeit mit dem Kapital hoffnungslos konkurrierte, sondern nach allen Seiten hin frei, würde die Konkurrenz dem Handel und Wandel auf einem Markte unbeschränkter Ein- und Ausfuhr ungeahnten Aufschwung verleihen. Ein Güteraustausch von unerreichtem Umfang würde sich auf allen gang- und fahrbaren Wegen zu Lande und zu Wasser über die ganze bewohnte Erde hin erstrecken, neu entdeckte Quellen erschließen und verstopfte oder versiegte Adern sich neu öffnen und hervorströmen heißen.

Die Freiheit der Arbeit und die ihres ungehinderten Austausches, garantiert durch die Freiheit des Geldes; die Möglichkeit einer selbstgewählten, abwechselungsreichen und vollbezahlten Tätigkeit; die Möglichkeit ferner, sich in dieser freien Arbeit zu jeder Art von gemeinsamer Arbeit zu verbinden – zu assoziieren und zu kooperieren – : mußten aus ausgebeuteten Lohnsklaven selbständige und selbstbewußte Arbeiter machen. Die bisher die Angestellten der Fabriken waren, würden zu ihren Herren werden, und die Meister nicht mehr ihre Vorgesetzten, sondern ihre Mitarbeiter sein.

Die Freiheit des Geldes, erste und unerläßlichste aller Freiheiten – war dieses Schloß erst geöffnet, mit dem der Staat die Kette zusammenhielt, durch die er die Menschen band, würde es ein leichtes sein, sie abzustreifen; ja, diese Kette mußte, nicht mehr gehalten, von selber fallen.

Die zweite große Freiheit, die es zu erringen galt, die Freiheit des Landes, des Grund und Bodens (unlösbar ohne die erste, und daher ihr an Bedeutung nachstehend, aber ebenfalls von einschneidender Wichtigkeit) würde der ersten folgen: die Unmöglichkeit großer Kapitalanhäufung die andere einer weitergehenden Beschlagnahme und Besitzergreifung von Grund und Boden seitens Einzelner, als der zur persönlichen Benutzung dienenden, nach sich ziehen. Zugleich würde so die Zugänglichkeit des auf diese Weise freiwerdenden Landes geschaffen werden.

Wie und wo hier die Grenzen zu ziehen waren – wie sich der Einzelne mit anderen zu gegenseitigem Schutz seines Grund- und Bodenbesitzes zusammentun und wie weit sich dieser Schutz erstrecken konnte, das war sicher eine schwierige Frage, vielleicht die schwierigste von allen, und Erfahrung allein konnte sie beantworten.

Die natürliche Ungleichheit des Bodens und seines Wertes ließ sich sicher ebensowenig leugnen wie die natürliche Ungleichheit der Begabung, und die eine sich ebensowenig ändern und abschaffen lassen wie die andere. Alles, was hier die Freiheit tun konnte und tun würde, war, die schädlichen Wirkungen dieser Ungleichheit aufzuheben, die in dem Monopol bestand, mehr Grund und Boden sich zu eigen zu machen und für eigen zu erklären, als in persönlicher Beschlagnahme und Benutzung begründet war.

Aber sicher würde diese zweite große Freiheit, einmal errungen, einem jeden ermöglichen, sich sein eigenes Heim, Haus und Herd, zu schaffen; weite und neue, noch brachliegende Gebiete erschließen; die großen Städte entlasten, und jede andere Ungleichheit, als die genannte: die auf natürlicher Ungleichheit beruhende, unmöglich machen – alle jene künstlich geschaffenen Ungleichheiten, nach deren Fall der Mensch nicht mehr der Sklave seiner Scholle, sondern ihr souveräner Herr sein würde.

Auf der Grundlage ökonomischer Freiheit, der materiellen Unabhängigkeit des Einzelnen, gesichert durch die Freiheit des Geldes und des Kredits, der Arbeit und ihrer vollen Verwertung, wie auf der des Grund und Bodens, beruhte die ganze Freiheit des Einzelnen überhaupt. Wie weit er diese seine Freiheit in Anspruch nehmen und sie verteidigen würde, war allein eine Sache seines freien Willens und lag bei ihm. Alle anderen Freiheiten ergaben sich daher ausnahmslos aus diesen Grundlagen der Freiheit von selbst.

Daß sich die Menschen nicht freiwillig in Not und Elend zurückbegeben würden, wenn ihnen der Weg zu Wohlstand und Glück offen stand, war zu erwarten. So konnten diese Wege sie nur einer besseren Zeit entgegenführen, und wenn die Erde auch nicht plötzlich aus einem Jammertal zu einem Paradiese werden würde, so konnte aus ihr doch endlich ein Platz werden, auf dem das Leben wert war, gelebt zu werden von denen, die sie trug.

– Die Sonne war gesunken, als Ernst Förster heimkehrte, aber die Berge lagen noch in einem silbernen Glanze und wie im Frieden unten die schöne Stadt. Friede war auch in ihm.

Der gesellschaftliche Körper war krank, blutete aus tausend Wunden und eiterte aus tausend Schwären, und alle sozialen Quacksalber und Charlatane der ganzen Welt standen um ihn herum und priesen ihre Traktate und Zaubermittel als unfehlbar an, um mit ihnen das Wunder der Heilung zu vollbringen.

Jeder versuchte ihm irgendeine Reform zu versetzen. Sie hätten ebenso gut versuchen können, Syphilis mit Heftpflaster zu heilen.

– Was nötig war, war nicht die Heilung irgendeiner dieser zahllosen Wunden, eines dieser Glieder, sondern eine Rekonvaleszenz des gesamten Organismus.

Denn ein Fremdkörper steckte ihm im Fleische, der jede Heilung von außen her vereitelte. Erst wenn er entfernt war, konnte er, der Körper, genesen.

Dieser Fremdkörper hieß Gewalt.

Und nichts war nötig nach seiner Entfernung, als den Kranken in Ruhe zu lassen, damit er gesunde in Luft und Licht, unter der Sonne der Freiheit.

Aber sie ließen ihn nicht in Ruhe.

Da waren die wahren Feinde der Freiheit: die Konservativen und die Nationalen, die offenen und – ehrlichen Verteidiger jedes Monopols der Gewalt, das ihren Zwecken der Unterdrückung und der Ausbeutung des Volkes diente, einerseits; und da die Sozialdemokraten, diese zu Kleinbürgern mit engster Gesinnung gewordenen Arbeiter, fanatische Gläubige striktester Observanz, andererseits: beide sich äußerlich zwar feindlich gegenüberstehend, aber sich innerlich doch so trefflich verstehend, wenn es galt die Freiheit zu unterdrücken und die Berechtigung und Zweckmäßigkeit der Gewalt zu verteidigen – jene, als das Recht althergebrachter und gotteingesetzter Autorität; diese, eingeschworen auf ihren höchsten Glaubenssatz, als das einer ausschließlichen Majorität.

Und da ihre falschen Freunde: die Liberalen und Freisinnigen aller Schattierungen, mit ihren halben Reformen und lauen Kompromissen, alle nur zugestanden, um die erwachende Unzufriedenheit der Arbeiterschaft wieder einzuschläfern; mit ihrer schamlosen Verteidigung der Privilegien des Kapitals – diese Fürsprecher und Beschützer der großen Diebe, denen sie, die Freiheit, nur ein Mittel war zu ihren Zwecken und die diese selbe Freiheit verrieten und verleugneten, sobald sie die Zwecke der Ausbeutung und Bewucherung erreicht hatten.

Mit ihnen die vielen, die große Schar der sogenannten Sozialreformer, die, keiner politischen Partei angehörig, aber dennoch Partei, das Reich der Freiheit mir tönenden Worten verhießen, aber, um zu ihm zu gelangen, eine »Übergangszeit der Gewalt« für nötig und angebracht hielten, in der es »aufgerichtet« werden sollte, mittels der »einmaligen Enteignung« an Kapital und Boden, an Fabriken und Bergwerken, kurz an allem was nötig schien, einen gewaltsamen Ausgleich des Besitzes zu schaffen.

Schlimmere Feinde der Freiheit, sie alle miteinander, diese ihre falschen Freunde, als ihre haßerfüllten, aber wenigstens ehrlichen Gegner, gefährlichere und verächtlichere, hinter deren schmeichelnden und betörenden Worten Herrschsucht und Bevormundungswahnsinn auf stets neue Opfer lauerten.

– Das also waren die Gegner der Freiheit: ihre offenen Feinde und ihre verlogenen Freunde.

Aber Ernst Förster wußte jetzt auch, wo ihre wahren Freunde waren, die zu ihr standen, immer und überall, und die sie verteidigten gegen jeden Angriff, von welcher Seite er auch kommen mochte; und er wußte, wie diese Freunde sich nannten. – Er hatte seinen Platz gefunden. Unter ihnen und an ihrer Seite.

Denn ein Finder war der Sucher geworden. Was er gefunden, waren klare, auf festen Tatsachen gegründete Erkenntnisse, und geahnte Wahrheiten waren sicherer Besitz geworden.

Auf eine erste Zeit fruchtlosen Grübelns, eine andere herben Zweifelns und eine kurze der Verzweiflung, auf harte und bittere Jahre des Kampfes und Suchens, war dieses erste des Findens gefolgt, und was das Schönste war: es versprach weitere Jahre, diesem ersten ähnlich und gleich.

Hinter dem Finder lag das Gebild aus Blut und Eisen, das ihn erst erschreckt und beunruhigt, das er dann als das erkannt hatte, was es war, und hell war nun der Raum des Lebens, in den er einst getreten. Und aus allen seinen Fenstern eröffneten sich weite Blicke auf alle seine Gebiete und in unendliche Fernen.

Er war gewiss gewesen, die Freiheit zu finden, und er hatte sie gefunden. Sein Glaube hatte ihn nicht betrogen. Heute wußte er, was das war: »Freiheit«.

Er kannte ihre Forderungen und ihr Gebiet; und er kannte die Grenzen dieses Gebietes.

Die Stimme rief ihn nicht mehr. Sie war in ihm. Er hörte sie neben sich, immer und immer, eindringlich und vernehmlich. Sie lehrte und wies.

Die Ahnung des Knaben, die Sehnsucht des Jünglings, die Verheißung des Suchers war dem Finder Erfüllung geworden.

Er stand auf der äußersten Grenze der Linken, und er wußte es. – Hier würde er stehen und nicht daran denken, von dem Platze zu weichen, den er sich erobert.

Denn dies war die Erkenntnis aus diesem Jahre des Findens, und so ließ sie sich zusammenfassen:

es gab nur einen Standpunkt für den wahren Freund der Freiheit – die Freiheit selbst.

Eine Gewalt befürworten und entschuldigen, hieß jede Gewalt entschuldigen und befürworten; eine Freiheit bezweifeln und leugnen, hieß jede bezweifeln und leugnen.

Sich auch nur einen Schritt von einer Freiheit entfernen, war gleichbedeutend mit: sich von der Freiheit selbst entfernen und sie preisgeben.

Sie als Richtschnur im Auge behalten, ihr Prinzip anlegen in jedem einzelnen Falle und nach diesem Prinzip entscheiden und handeln; sie immer und überall verteidigen, gegen ihre falschen Freunde wie gegen ihre wahren Feinde; endlich, in ihrem Sinne leben, schon heute so glücklich zu sein, wie es unter den heutigen Verhältnissen der Unfreiheit möglich war: das war eine Aufgabe, wert, sie sich zu stellen, und wert, für sie zu leben – die einzige eines Anarchisten würdige Aufgabe.

Wie wenige, wie verschwindend wenige gab es heute, die so dachten und lebten! – die nicht durch das nächste Ereignis des Tages in ihrem Urteil verwirrt und in ihrem Handeln zu den größten Inkonsequenzen verleitet wurden – die nicht begreifen konnten oder wollten, daß ihre Freiheit ab- und zunahm mit der Freiheit der anderen und daß mit jeder Schlinge, die sie andern um den Hals legten (mit jeder Befürwortung der Unterdrückung irgendeiner Freiheit), sich die um ihren eigenen fester und fester zog! –

Denn jede Unterbindung hier führte unnachsichtlich dort zu einer Stockung des Blutumlaufs im Organismus des sozialen Körpers.

– Einer dieser wenigen zu sein, immer und überall, Ernst Förster schwor es sich zu.

Aber der Finder wußte, es bedurfte keines Schwures.

Denn ihn brechen, hätte geheißen, sich selbst zu zerbrechen.

– Die Flamme dieser Erkenntnis stand in seinen Augen wie Glut, wie selten sie auch hervorschlug und wie wenige sie auch ahnen mochten in dem äußerlich so beherrschten Menschen.

Neuntes Kapitel

Der Sieger

Arbeit gab es auch in dem neuen Wirkungskreise mehr als genug, besonders in der ersten Zeit, und oft erstreckte sie sich nach beendetem Tagewerk in Besprechungen mit dem jungen Herrn der Fabrik noch bis tief in die Nacht.

Mancherlei war zu überwinden, was erst fast unbesieglich schien. Mißtrauen vor allem gegen den Neuling und so plötzlich hierher Versetzten, unschöne Versuche, ihm die Einarbeit zu erschweren und ihn zu verdrängen; Neid und Mißgunst, als man sehen mußte, daß es nicht gelang. Aber die ruhige Art, seinen Weg zu gehen, sich um nichts zu kümmern, als was ihn anging, und mehr als dies: sein Eintreten für die Arbeiter und ihre Interessen auch dann, wenn es dem Arbeitgeber zuwiderging; endlich das Selbstvertrauen, das er sich in seinem bisherigen, schweren Kampfe mit dem Leben dort draußen erworben, halfen dem jungen Manne bald, sich Achtung zu erzwingen und neue Freunde zu erwerben.

Was er an Erholung und Freude nötig brauchte, suchte und fand er an freien Tagen auf seinen Wanderungen. Wenn er am Wochenende, nachdem die Fabrik ihre Tore geschlossen, hinausfuhr auf Bahn und Schiff und am Sonntagabend aus der Einsamkeit der Berge und der Einkehr mit sich zurückkehrte, fühlte er sich frischgestärkt und fähig für die Arbeit der nächsten.

Einer dieser Ausflüge führte ihn zurück an die Stätte seiner frühesten Kindheit: zu dem kleinen Haus an dem stillen See, und schwankende Erinnerungen gewannen Gestalt in den ersten Freuden und dem ersten großen, dem unverwindbaren Schmerz seines Lebens. Ein anderer aber an die Ufer des großen Wassers, das die Länder trennte, zu dem rebenumsponnenen Haus auf der Höhe, längst wieder bewohnt, in dem in herbstlichen Wochen die Schatten dunkler Verzweiflung an den Menschen und an sich auch auf seinen Weg gefallen waren, Wochen, in denen er nie geglaubt zu finden, was er suchte und was er heute doch besaß – diesen furchtbaren Wochen, in denen er nicht mehr aus und nicht mehr ein gewußt mit sich.

Suchte er aber Gesellschaft, so war er stets gewiß, wenn er auf Stunden über den See hinüberfuhr in die Stadt, die er so liebgewonnen, sie dort zu finden bei einem Glase Wein und gutem Gespräch; und auch der Bereitwilligkeit seines jungen Chefs zu anderem, als nur geschäftlichem, durfte er immer gewiß sein, soweit ihre Ansichten auch darüber auseinandergingen, wo soziale Reformen einzusetzen, wo sie zu enden hatten und wo die letzten Gründe ihrer Notwendigkeit lagen.

In diesen Jahren wurde ihm mehr und mehr bewußt, wie sehr alle soziale Erkenntnis von der Betrachtung des Einzelnen, von dem konkreten Ich, ausgehen mußte, wollte sie auf dem Boden der Wirklichkeit stehen und zu greifbaren Resultaten führen, statt von so abstrakten Begriffen, wie denen der »Allgemeinheit«, der »Nation«, des »Volkes« und anderen.

War gewiß kein Ich der Mittelpunkt der Welt, so war doch jedes Ich der Mittelpunkt seiner Welt, und ein Trieb in ihm war stärker, als alle anderen Triebe: der der Selbsterhaltung.

Denn jedes Ich war eine Welt für sich: ein organisches Wesen, auf die Erde gesetzt, um sein Leben zu leben, bis seine Zeit erfüllt war. Sich zu behaupten, sich zu erhalten, sich durchzusetzen, mit einem Worte: zu leben, war daher die Triebfeder all seines Handelns und sein erster und letzter Beweggrund zu jeder Lebensäußerung.

Dieser Selbsterhaltungstrieb, sein Egoismus, war es, der das Individuum am Leben erhielt.

Den Egoismus leugnen hieß demnach das Leben leugnen. Alle Menschen waren Egoisten.

Alle, ob bewußt oder unbewußt, instinktiv oder berechnend, handelten immer und ausnahmslos nach der einen Maxime: mit jeder ihrer Handlungen das größtmögliche Maß an Glück für sich zu erlangen.

Ob sie dieses ihr Glück in sich oder in anderen suchen mochten, in Selbsterhöhung oder in Selbsterniedrigung, in Aufopferung oder in dem Opfern anderer, in Dienen oder Herrschen, oder in keinem von beiden (also vielmehr in dem Streben nach Harmonie mit sich durch die Achtung der Freiheit und der Liebe zu ihr) und wo und wie sie es fanden, blieb sich völlig gleich: immer waren und blieben sie »Egoisten«.

Denn die Menschen handeln nicht, wie sie wollen, sondern wie sie müssen. Sie tun, was sie tun können; und sie lassen, was sie lassen müssen, weil sie es nicht tun können. Alle unterliegen sie dem Gebot ihrer Natur, und was diese ihnen vorschreibt, dem haben sie sich zu beugen.

»Sünde« war daher ein Begriff, der nur in ihren Köpfen spukte, ein Gespenst, das vor der Wirklichkeit zerrann, und von der es eine »Erlösung« nicht geben konnte, weil es sie selbst nicht gab.

– »In sich oder in anderen«: »Egoisten« wurden die einen beschimpft, »Altruisten« die anderen belobt. Aber – Ernst Förster sah es jetzt mit zwingender Deutlichkeit – es gab in Wirklichkeit gar keine Altruisten, und das Wort »Altruismus« war nur ein anderes Wort für Egoismus, nicht sein Gegensatz.

Der Mensch, der sich für andere opferte, tat es aus demselben Gefühl heraus wie der, der andere sich opferte. Mochten ihre Mittel und Wege noch so verschieden sein, ihr Zweck war immer der gleiche: sich selbst das höchste erreichbare Maß an Glück zuzuführen. Er tat es, weil er nicht anders konnte.

Wer sich entäußert, will sich wiedergewinnen in anderer Form, und immer ist das letzte Endziel der eigene Vorteil. Der Künstler, der Erfinder, der Wahrheitforscher, sie alle, die sich in Qualen und Mühen um ihr Ideal verzehren und in den schwachen ihrer Stunden wohl einmal neidvoll auf die freche Selbstzufriedenheit der Mittelmäßigkeit blicken und ihrem Schicksal fluchen, sie tauschten doch nicht mit ihr, nicht weil sie es nicht wollten, sondern weil sie es nicht konnten: weil sie die Aufgabe, die sie sich selbst gesteckt, erfüllen müssen um jeden Preis, und weil deren Lösung ihnen allein das Glück bedeutet, ohne das sie nicht imstande wären weiterzuleben.

Wenn wir einem anderen helfen, so tun wir es, weil wir ihn nicht leiden sehen können; könnten wir es über uns bringen, ihn leiden zu sehen, so würden wir ihn am Wege lassen.

Es war so klar, und war so wenig begriffen! –

So wenig, daß der, dem diese letzte Einsicht jetzt täglich mit jeder neuen Betrachtung zu neuer, unerschütterlicher Wahrheit wurde, sie sich immer von neuem wiederholen mußte.

Es gab keine Ausnahme.

Der Mensch, der sich für den Sohn Gottes gehalten und gesandt glaubte, die Menschheit von ihren »Sünden« zu erlösen, der durch die Lehre seiner Menschwerdung und göttlichen Sendung mehr Unheil in die Welt und über diese Menschen gebracht, als irgendein anderer Mensch, obwohl er wähnte, sie zu lieben und sicherlich nicht wußte, was er tat, dieser Mensch war (wenn er überhaupt gelebt hatte) in seinen Todesqualen glücklicher, als er es gewesen wäre, wenn er nicht die Kreuzeslast auf sich genommen.

– Denn wir haben keine Wahl vor der unerbittlichen Notwendigkeit – uns in Einklang zu setzen mit uns selbst ist unser erstes und letztes Streben und zwischen dem Verlangen dieses, unseres heimlichsten Wunsches (unserer Unzufriedenheit) und seiner Erlangung (der Befriedigung) zerrinnt unser Leben.

Und nicht das war das Schlimme, daß die Menschen Egoisten waren (denn sie waren es alle), sondern das Schlimme war, daß sie nicht wahr haben wollten, Egoisten zu sein.

Einen »schrankenlosen Egoismus« gab es nicht; jeder Egoismus hat seine Schranke an dem Egoismus der anderen; und die einen taten nur, was die anderen ihnen erlaubten zu tun.

Wohl daher dem wahren Egoisten, der erkannt hatte, daß sein Glück das der anderen war, und der nicht versuchte, es auf dem Unglück dieser anderen aufzubauen.

So war es überall: im Leben des Einzelnen, wie in dem der Völker.

Er sah es überall, in jedem Verhältnis von Mensch zu Mensch – in jeder Freundschaft, jeder Ehe, jeder Beziehung geschäftlicher Natur, ja in jeder Liebe:

was sich der eine gefallen ließ, nahm sich der andere heraus; um so viel der eine zurückwich, um so viel drang der andere vor.

Er las es auf jedem Blatt der Geschichte:

was sich die Völker von ihren Unterdrückern bieten ließen, daß muteten diese ihnen zu; je williger sie sich beugten, um so mehr wurde ihnen auferlegt; je mehr sie sich erniedrigten, desto dreister erhöhten sich ihre Herrscher. Je feiger das Individuum, desto frecher der Staat.

Das Leben war ein Kampf, ein Kampf um die Freiheit, und ohne Kampf keine Freiheit, nicht bei den Einzelnen, nicht bei den Völkern.

Die völlige Belanglosigkeit der sogenannten Moralbegriffe – der Begriffe von »Gut« und »Böse« – und die Hinfälligkeit und Sinnlosigkeit aller sogenannten Sittengesetze ergab sich von selbst.

Was war Moral? – Das ungeschriebene Gesetz der Gesellschaft (oft ängstlicher befolgt, als irgendein geschriebenes), unter das sich die meisten Menschen sklavisch und gedankenlos, beugten.

Jedes Land, jede Zeit, jeder Stand, jede Gesellschaftsschicht hatte ihre besonderen, unter einander oft völlig verschiedenen, ja sich direkt widersprechenden Moralgegesetze. Diese Gesetze wurden nicht gewaltsam erzwungen und ihre Nichtbeachtung unter keine andere Strafe gestellt, als die der Verfemung. Um in »seinen Kreisen« geachtet und geehrt leben zu können, dafür nahm der Einzelne Ketten auf sich, die ihm unzerreißbar schienen und galten.

Ein Schritt über sie hinaus, und schon war er frei. Denn was hier als verboten galt, war dort erlaubt; was heute noch erlaubt war, konnte morgen schon unter strengster Acht stehen. Und Mode hieß der schlimmste aller Tyrannen, dem –ach! – so viele ihre Ruhe, ihr Behagen, ihr Glück opferten.

Gut und böse? – Konnte man überhaupt eine Handlung an sich gut und böse nennen? – Nach ihren Beweggründen so nennen? – Waren sie es vielmehr nicht nur immer in ihren Folgen? – Und war nicht das schließlich das beste und einzige Moralgesetz, das ausschlaggebend in allen Fällen und allgemein maßgebend sein sollte, das: Kümmere dich um deine Angelegenheiten und nicht um die der anderen, die dich nichts angehen! – dieses Gesetz, das heute von allen bestehenden Moralgesetzen am wenigsten befolgt wurde? –

Dem Zusammenleben der Menschen waren die Gesetze der Moral entsprungen.

Immer wieder galt es, sich vor Augen zu halten, daß der Einzelne nicht allein auf der Welt war, ein Robinson auf einsamer Insel. Er lebte mit anderen Individuen, seinen Mitmenschen, zusammen, war angewiesen auf sie, wie sie auf ihn, und konnte nicht daran denken, ohne sie ein zivilisiertes Leben zu führen.

Kurz gesagt: er stand zu ihnen in einem Verhältnis.

Diesem Verhältnis entsprangen die beiden, wie keine anderen so unablässig erörterten, und wie keine anderen so wenig (und daher so verschieden verstandenen) Begriffe von »Recht« und »Pflicht«.

Vor Jahren schon war dem Sucher ihr wahrer Sinn aufgegangen, und heute wiederholte er sich:

Nur zweierlei Art konnte dieses Verhältnis des Menschen zum Menschen sein: ein freiwillig eingegangenes; oder aber ein gewaltsam auferzwungenes.

Es konnte daher nur freiwillig übernommene »Pflichten« und daraus entspringende »Rechte« geben; oder gewaltsam auferzwungene »Rechte« und aus ihnen hergeleitete »Pflichten«.

Wo Rechte nicht verlangt und nicht anerkannt wurden, fielen Verpflichtungen von selbst fort. Es gab die einen nicht mehr und nicht mehr die anderen.

– Heute gab es sie noch.

Da wurde noch von göttlichen (»ewigen«) und menschlichen (»zeitlichen«) Rechten geredet, von »angeborenen« und »Natur«-Rechten, die dem Menschen gewissermaßen mit in die Wiege gelegt waren, und ein jedes dieser »Rechte« sollte »unveräußerlich«, »heilig« und »unverletzlich« sein. Und da gab es Pflichten: »moralische« und »ethische«, Pflichten gegen Gott und die Menschheit, gegen die Allgemeinheit und das Vaterland, gegen die Gesellschaft, die Nation und gegen den Staat, ja, gegen den Staat vor allem, und alle diese »Pflichten« waren ebenfalls »heilig« und von altersher »anerkannt« und »verbrieft«.

In Wirklichkeit spukten alle diese Rechte und Pflichten, wie gesagt, nur in den verworrenen Köpfen der Menschen, standen alle nur auf dem Papier, und es wurden alle diese Rechte erst Rechte und alle diese Pflichten erst Pflichten, wenn hinter ihnen die Macht stand, sie zu verkörpern, das heißt: ihre Anerkennung und Befolgung zu erzwingen.

Ohne diese Macht blieben sie, was sie waren: Worte, gesprochen oder geschrieben, und jedes Sinnes bar.

In Wirklichkeit gab es und konnte es keine anderen Rechte und Pflichten zwischen den Menschen geben, als die, welche sich für sie aus dem einzigen Verhältnis, das zwischen ihnen bestand, ergaben: dem Vertrag.

Mit anderen Worten: keine anderen Rechte, als freiwillig anerkannte; und keine anderen Pflichten, als freiwillig übernommene. Denn recht- und pflichtenlos ist ursprünglich jedes Verhältnis der Menschen untereinander und bleibt es so lange, bis sie es direkt in irgendeiner Form unter sich festgelegt haben.

Der Einzelne hatte das Recht, welches er »hatte«, das heißt, das Recht, welches er in die Tat umzusetzen imstande war. Nur aus dem Boden gegenseitiger und freiwilliger Übereinkunft konnte daher diesen beiden Begriffen ein Sinn erwachsen.

Auf dem Gedanken freiwilliger Übereinkunft baut sich die Gesellschaft der Menschen auf; auf dem gegenseitiger Verpflichtung der Staat. Denn daraufhin lief letzten Endes dies ganze Geschwätz (im Grunde war es nichts anderes als Geschwätz) von moralischen Rechten und Pflichten hinaus: die Gutgläubigkeit der einen zu benutzen, um sie den anderen auf irgendeine Weise tributpflichtig zu machen.

Für ihn, Ernst Förster, hatten diese beiden Begriffe nur noch einen Sinn, und nur in diesem einen Sinne brauchte er sie noch und würde er sie weiter brauchen.

Aber, hörte er entgegnen, wenn diese Begriffe von Recht und Pflicht, die die Menschen zusammenhalten, wenn diese Begriffe zusammenfallen, oder vielmehr, wenn die Macht, diese Rechte und Pflichten fest- und durchzusetzen, fällt, was bindet sie, die Menschen, noch aneinander, was schützt sie noch voreinander? –

Das Interesse!

Das Interesse, diese geheime Triebfeder alles Handelns, war das Band, welches die Menschen zueinander führen, ihre wechselseitigen, so tausendfach verschiedenen Beziehungen regeln und sie zu jeder Art von Gemeinschaft vereinen würde, die ihnen nützlich und notwendig erschien, wie es das heute schon überall da tat, wo jene andere Macht, die äußerliche und grobe, sich nicht störend und hindernd dazwischen drängte.

Sein Interesse, sein wahres Interesse zu erkennen, war die ganze Aufgabe des Individuums; es aus der Hand zu geben und anderen anzuvertrauen, der Urgrund alles sozialen Übels.

Nicht auf einmal fielen diese letzten und tiefsten Erkenntnisse der Wahrheit Ernst Förster zu; nicht von gestern auf heute hielt er sie fertig in der Hand.

Langsam, nach und nach, mit jedem neuen Vergleich und jeder neuen Betrachtung rang er sich von einer zur anderen durch, und wurden sie Fleisch und Blut in ihm. Er wußte, daß er sich mit jeder weiter und weiter von den Menschen entfernte, mit denen er in derselben Zeit lebte, daß er mit jeder ihnen fremder und fremder werden mußte, wie sie ihm fremder und fremder wurden.

Aber er war nicht geschaffen zu lauen Kompromissen und weichlichem Nachgeben. Es war besser, seiner Zeit voraus zu sein, wenn man nicht mit ihr sein konnte, als hinter ihr zurück, und gänzlich kalt ließ ihn daher das Gezeter der allzu Zahlreichen über den kalten und leeren Egoismus, der »nur an sich dachte« und der endlich ausgerottet werden müsse, damit die Liebe, die allumfassende, die Welt befreien könne – das Geschrei dieser Schwätzer, die nie müde wurden zu behaupten, daß dieser Egoismus das »Grab der Liebe« sei.

Im Gegenteil: ihre Liebe war es, die diese Welt zu dem gemacht hatte, was sie war, und die Menschen würden sich nicht weniger lieben, wenn sie wüßten, warum sie sich liebten. Nicht die Mutterliebe, dieser wunderbare und unversiegliche Quell, würde versiegen, noch irgendeine, aus der das Leben schöpfte: nicht die Eltern- und nicht die Kindesliebe; nicht die der Freundschaft und nicht jene Liebe selbst, die in einem Augenblick Fremde zu Vertrauten, aus Bekannten Liebende und Geliebte machte, wenn sie nur lebendig war wie das Leben selbst. Nur jener wesenlose Begriff einer Liebe, die nicht von dieser Welt war und sie doch zu erobern trachtete, die sie in ein Narren- und Zuchthaus verwandelt hatte, diese Liebe »aller Menschen zu allen Menschen«, die Liebe von Menschen, die nicht fähig waren, wirklich zu lieben und in ihrer Liebe sich zu freuen und zu leiden, aber fähig, zu ihrer Mutter das furchtbare Wort des blindesten Fanatismus zu sprechen: Weib, was habe ich mit dir zu schaffen! – diese Liebe der Christen und Kommunisten, der Moralisten und der Ethiker, nur dieser in Wahrheit kalte und leere Begriff würde in die Nacht des Wahnes zurücksinken müssen vor dem Licht einer schöneren und tieferen Erkenntnis. Denn die Menschen waren keine Brüder, sondern von recht weiter Verwandtschaft, und die Forderung, daß sie einander lieben sollten, wie sich selbst, war nicht nur ein unerfüllbares und ungerechtfertigtes Verlangen, sondern führte nur tiefer und tiefer hinein in den Sumpf des Kommunismus, in dem auch die letzte Freiheit unrettbar ersticken mußte, wie sie der Liebe der Hure zu allen Männern glich.

– Nicht weniger sich lieben, wenn sie wissen würden, warum sie sich liebten! – Warum liebte eine Mutter ihr Kind, der Freund den Freund, der Liebende die Geliebte! – Weil es ihre Freude war, sie zu lieben, und weil nur sie ihnen diese Freude geben konnten. Warum liebten sie so und nicht anders? – Weil sie nicht anders konnten! –

Nicht also die All-, die Menschheits-Liebe, dieses wesenlose und verschwommene Gefühl einer Liebe für alle und jeden, die in Wirklichkeit nichts war, als eine geistige Prostitution unseres edelsten und stärksten Empfindens, war der Verherrlichung wert, sondern allein die Liebe, die die Welt bewegt und trägt in so hundertfältiger Weise, wie es Arten ihres Ausdrucks gibt; und die nichts ist als der stärkste dieser Triebe nach Selbsterhaltung, ohne den wir zerfallen würden mit uns selbst.

In diesen ruhigen Jahren, so verschieden von früheren, an den vielen stillen Abenden nach des Tages streng geregelter Tätigkeit, wenn die Fabrik schlief und mit ihr der kleine Ort, vor allem in den langen Wintermonaten, wo alles rings in Schnee wie vergraben lag, war oft sein Licht hier allein noch wach.

An einem solchen gegen das Ende des dritten Jahres, in denen er wenige Menschen gesehen und gesprochen, außer denen, mit welchen er beruflich zu tun hatte, dem Streit des Tages und seinen Strömungen fremd geworden und nicht mehr umbrandet von seinem Wirbel, an einem solchen Abend faßte er noch einmal zusammen, was ihm sein bisheriges Leben an Erkenntnis der sozialen Lebensbedingungen geschenkt.

Er hatte in Berlin als erstes die Gewalt als Grundlage jedes Staatswesens wie alles sozialen Übels (und damit den Staat als größtes dieser Übel) erkannt und hassen gelernt; er hatte in Zürich, in jenem gesegneten Jahre des Findens, in der Freiheit den Gegensatz zu eben dieser Gewalt lieben gelernt; erkannt was Freiheit war und was sie bedeutete; und in der gleichen Freiheit aller die notwendige Grundlage der Gesellschaft (im stärksten Gegensatz zum Staate) gefunden; und er hatte endlich hier, in diesen letzten Jahren, indem Individuum, der durch keinerlei Gewalt in seiner Freiheit beschränkten Persönlichkeit, hinwiederum die Grundlage der menschlichen Gesellschaft erkannt und in seiner Unantastbarkeit die erste und einzige Forderung an eben diese Gesellschaft gesehen.

Er wußte jetzt, wo er stand, und nichts konnte ihn in diesen letzten Erkenntnissen mehr erschüttern.

Er hatte die Gründe für und wider die Notwendigkeit des Staates geprüft, und er war jederzeit bereit, sie aufs neue zu prüfen, wenn es ihm notwendig erschien.

Sie waren ohne Ausnahme hinfällig gewesen.

Nur ein Argument wäre ihm beweiskräftig erschienen, und es ließ sich in diese Frage zusammenfassen:

Gab es irgendeine Tätigkeit, die nur der Staat, als solcher, durch seine Angestellten, seine »Beamten«, auszuüben fähig war, und die die Gesellschaft als solche, in ihren Mitgliedern, zu leisten unfähig war? –

Lautete die Antwort auf diese Frage: Ja! – und konnte sie durch Tatsachen so begründet werden, daß jeder Zweifel verstummen mußte, so war die Berechtigung und Notwendigkeit des Staates an sich erwiesen, und es blieb wenig anderes mehr übrig, als sich ihm zu unterwerfen; lautete sie dagegen: Nein! – so war neben seiner Schädlichkeit auch seine Überflüssigkeit bewiesen, und er hatte so bald wie möglich zu verschwinden.

Die Antwort ergab sich von selbst und zwar aus der Tatsache, daß die Lenker und Leiter des Staates, die Regierung und die Verwaltung, keine Halbgötter oder Übermenschen waren (mochten sie sich auch noch so sehr so gebärden), sondern Menschen, wie andere Menschen auch; und wenn nicht angenommen wurde, daß es Menschen von einer ganz besonderen Art, mit nur ihnen eigentümlichen und ihnen allein von irgendeiner höheren und wunderbaren Macht verliehenen Fähigkeiten waren, so konnte diese Antwort nur lauten: Nein! – Der Staat war keine übermenschliche, sondern eine durchaus menschliche Einrichtung, und es gab daher keine Art menschlicher Tätigkeit, wie geartet sie auch sein und wie immer sie sich nennen mochte: Verwaltung und Verkehr, Industrie und Technik, Polizei und Rechtspflege, Handel und Gewerbe, Kirche und Schule, die nicht ebensogut von anderen, einzelnen oder mehreren, hätte ausgeübt werden können. Konnte der Staat daher durch eine andere Form, die der freien Vereinigung, ersetzt werden, so bestand für seine heutige, die des Zwanges, keinerlei Entschuldigung und Notwendigkeit mehr.

Der Beweis für seine Unersetzlichkeit, und damit für seine Notwendigkeit, konnte also nicht erbracht werden; der für seine Nützlichkeit und Ratsamkeit nur durch den Nachweis, daß er seine Tätigkeit besser und vorteilhafter auszuüben verstand, als andere Vereinigungen der Menschen dies vermochten.

Aber diesen Nachweis mußte er erbringen, indem er sich auf gleichen Fuß mit der Gesellschaft, nicht indem er sich über sie stellte.

Klar und deutlich mußte ihm gesagt werden: Wenn du den Nachweis erbringen kannst, gut, so erbringe ihn! – Aber erbringe ihn nicht, indem du dich als aggressives Institut der Konkurrenz entziehst und vermittels der dir verliehenen Machtmittel die unsere unterbindest und lahmlegst, sondern indem du dich mit der nichtaggressiven Gesellschaft, die jede Konkurrenz – und wie du siehst, auch die deine – befürwortet und erlaubt, auf gleichen Boden stellst und ehrlich kämpfst! Wir wollen nichts weiter von dir als das! – Also sei fair und zeige deine Überlegenheit und Unentbehrlichkeit im freien Wettkampf mit uns! – Bleibst du Sieger, und sei es auch nur auf einem Gebiet, so wollen wir vieles zurücknehmen und dich ebenso achten, wie wir dich jetzt verachten! …

Der Staat dachte natürlich gar nicht daran, auf eine solche Frage auch nur zu antworten und sich dieser gerechten Forderung zu unterwerfen. Er wäre von vornherein verloren gewesen und hätte seine Rolle nur zu bald ausgespielt. Er wußte das auch ganz genau und hielt sich nur dadurch, daß er sich mit Gewalt auf dem angemaßten Platze behauptete und jede Konkurrenz auf allen Gebieten, die er monopolisiert hatte, niederzwang und unterdrückte.

Er kannte keine Argumente. Sein einziges Argument war: Ich bin der Herr, und weil ich die Macht habe, tue ich, was mir beliebt. Du aber hast zu gehorchen, oder …

Seine Eifersucht auf alles von privater Seite Kommende ging so weit, daß er eine Konkurrenz nicht einmal auf verhältnismäßig so nebensächlichen Gebieten, wie denen des Verkehrswesens, erlaubte, deren ausschließliche Verwaltung von fast allen modernen Staaten in die Hand genommen war: der Post und der Eisenbahn.

Gerade hier, bei diesen öffentlichen Einrichtungen, mit denen jeder Einzelne täglich zu tun hatte und die daher der allgemeinen Beurteilung und somit der unbeeinflußten Kritik so viel näher waren, als zum Beispiel die so viel versteckter liegenden und schwieriger zu durchschauenden Monopole des Geldwesens, hätte sich ihre Minderwertigkeit auch dem Blindesten offenbaren müssen. Statt dessen fand der Staat auch hier fast überall nur die kritikloseste Billigung und Bewunderung, und das Publikum ließ sich alles, auch das Unmöglichste, bieten.

Welche Überschüsse hätte eine Privatgesellschaft, mit einem solchen Privileg belehnt, hier nicht erzielt, während die mit ihm Begünstigten auch noch klagten und ihren Beschützer um Subventionen angingen, wenn ihre ungeschäftsmäßige und durch einen weltfremden Bürokratismus an allen Ecken und Enden behinderte Leitung ihnen, statt der ungeheuersten Gewinne, nur Verluste einbrachte! – Und welchen Aufschwung hätten nicht Post wie Eisenbahn nehmen können, wären sie der freien Konkurrenz unterstellt worden, die die Interessen des Publikums schon deshalb hätte wahrnehmen müssen, weil ihre Vernachlässigung den eigenen geschadet hätte! –

Aber nichts fürchteten der Staat und die ihm unterstellten Verwaltungen so sehr, wie die private Konkurrenz und den durch diese herausgeforderten Vergleich. Als Förster noch in Berlin war, hatte er es an einem kleinen Beispiel gesehen, das ihm schon damals viel zu denken gab. Einer kleinen Privatpost war gnädigst die Beförderung der Stadtpost in gewissen Grenzen »bewilligt« worden. Sie machte ihre Sache bald so weitaus besser, billiger und in jeder Beziehung zufriedenstellender als die staatliche Post und gewann die Gunst des Publikums dadurch bald in einem solchen Maße, daß jene, die große, mächtige Reichspost, es mit der Angst bekam und sich alsbald hilfeflehend an ihren allmächtigen Beschützer wandte, der dem jungen blühenden Unternehmen darauf den Hals abdrehte.

Wo keine Konkurrenz möglich war, blieb natürlich das Privilegium in jedem Falle unbesehen Sieger.

Die gedankenlosen Lobredner staatlicher Einrichtungen, die nach Beweisen riefen, sollten daher lieber bedenken, daß einstweilen fast keine Vergleichsmöglichkeiten gegeben waren, um zu zeigen, wie schlecht diese Einrichtungen waren und wie gut sie hätten sein können.

Denn so wie hier, überall ! –

Überall, wo der Staat eine Sache in die Hand nahm, durfte man gewiß sein, daß sie umständlicher, zeitraubender, teurer und letzten Endes schlechter erledigt wurde, als wenn die private Initiative sich ihrer bemächtigte. Wie hätte es auch anders sein können – fehlte doch die Haupttriebfeder: das Interesse!

So herrschten denn in fast allen Zweigen, auf die der große Wichtigtuer seine beglückende Tätigkeit erstreckte – und welcher war vor ihm sicher? – jene unglaublichen und jeder Beschreibung spottenden Zustände, bei denen dem geschulten Kaufmann und dem rechnenden Unternehmer die Haare zu Berge standen und die er mit dem Wort: »Beamtenwirtschaft« abtat.

Natürlich waren nicht alle Beamten unfähige Tröpfe. Viele setzten sogar ihren Stolz darin, sich als »Diener am Gemeinwohl« um einen elenden Sold und einen Orden letzter Klasse für ihren Götzen aufzureiben. Aber die wirkliche Begabung wußte ein Lied zu singen von der verzweifelnden Ohnmacht, gegen ein System anzukämpfen, das die besten Kräfte lahmlegte und auf den falschen Platz stellte; von dem erbärmlichen Strebertum, das sich nach oben duckte und nach unten trat; und von ihrem eigenen freudlosen Zermalmtwerden in dieser Mühle des Teufels.

Denn wirkliche Freude vermochte nur die Arbeit zu geben, die man für sich (oder, was dasselbe war, für die Seinen) tat, für die man sich den Acker selbst aussuchen und den man dann selbst bestellen durfte; die Arbeit welche – »aus Interesse« geschah.

Welches andere Interesse aber hatte ein Beamter an seiner Arbeit, als daß sie seinem Vorgesetzten gefiel? – Wehe, wenn sie ihm nicht gefiel!

Welches Interesse hatte er an den anderen, mit denen er in Berührung kam, dem Publikum? …

Du betrittst einen Laden. Du wirst höflich gefragt und zuvorkommend bedient. Denn der Verkäufer hat ein Interesse daran, daß du bei ihm kaufst. Er braucht dich. Er weiß, daß, wenn er nicht höflich und zuvorkommend ist, du einfach eine Tür weiter, zu seinem Konkurrenten, gehst …

Du machst dich mit Bangen im Herzen und einem Seufzer auf den Weg zu einer Behörde. Der erste Ton zeigt dir, wie gleichgültig, wie wenig erwünscht, wie nur geduldet du hier bist. Du wirst hier nicht gebraucht. Aber hier kannst du dem Flegel, der dich behandelt, als seist du sein Angestellter und nicht er der deine, nicht den Krempel vor die Füße werfen und ihm deine Meinung sagen, wie er sie verdient hätte (siehe Kapitel: »Beamtenbeleidigung«). Du bist auf ihn angewiesen und hast dir daher alles gefallen zu lassen …

Das Interesse war es, das alles Unternehmen und Wagen am schnellsten und besten zu seinem Ziele führte, und immer wieder und wieder mußte daher allen denen, die sich nicht genug darin tun konnten, darauf hinzuweisen, was der Staat Großes geschaffen habe und was durch ihn erreicht sei, entgegnet werden:

die Frage ist nicht die, wie weit wir, trotz des Staates und gegen ihn gekommen sind, sondern wie weit wir ohne ihn, den großen Hemmer allen Fortschritts und aller Kultur, wären; und wohin wir gelangen können ohne ihn.

Er war bereit, alle Einwände wieder und wieder zu prüfen. Zwei waren es vor allem, auf die er immer von neuem traf. Der eine war der, daß »der Anarchismus das Individuum isoliere«, es außerhalb aller menschlichen Beziehungen stelle und von jeder Art von Vereinigung ausschließe, so daß ein Anarchist zwar auf der berühmten einsamen Insel, nicht aber in Gemeinschaft seiner Mitmenschen zu existieren imstande sei.

Die Freiheit, sich jederzeit, zu welchem Zwecke und mit wem auch immer auf Grund freier Vereinbarung zu jeder Art von Vereinigung, nur zu der einen nicht: der Vergewaltigung anderer, zusammenzuschließen, war sicherlich eine der wichtigsten Freiheiten, die es gab, und kein Anarchist hätte je daran gedacht, sie auch nur einen Augenblick zu verneinen. Dieser Einwand konnte daher nur von solchen erhoben werden, die sich keine andere Art von Vereinigung denken konnten, als eine durch Gewalt geschaffene und durch Zwang zusammengehaltene, wie der Staat sie darstellte (obwohl ein jeder, obwohl sie sicher selbst, in freien Vereinigungen aller und jeder Art standen, ihnen angehörten und sie somit selbst bildeten; und obwohl sie daher den fundamentalen Unterschied zwischen den einen und den anderen kennen mußten).

Also nochmals: die anarchistische Gesellschaft schließt jede Art von Vereinigung in sich ein, einerlei von wem, von wievielen und zu welchem Zwecke gebildet, solange diese Vereinigungen nicht aggressiv werden; und nur eine aus: die andere zwingt, ihr anzugehören und in ihr zu verbleiben. Folgerichtig war daher für den Staat in ihr kein Platz. Dieser erste Einwand fiel also in sich, in seiner Prämisse, zusammen.

Der Einwand von der Unentbehrlichkeit staatlichen Schutzes war der zweite und erforderte eine eingehendere und besondere Betrachtung.

– Die Kritik am Staate war heute schon so weit vorgeschritten, daß die Zahl derer, die ihm keine andere Berechtigung mehr zugestehen wollten, als die eines Beschützers seiner Bürger, die sich aber zugleich einen Zustand der menschlichen Gesellschaft ohne einen solchen staatlichen Schutz nicht denken konnten, keine geringe mehr und ständig im Wachsen war.

Die Frage des Schutzes würde sich in der Freiheit lösen, wie jede andere: die Individuen würden sich, solange sie glaubten, eines Schutzes zu bedürfen, diesen Schutz selbst schaffen.

Wie heute schon die private Bewachung von Leben und Eigentum vielerorts, als sicherer, der der Polizei vorgezozogen wurde, obwohl die Polizei »umsonst« zu haben war, so würde man sich den Schutz, den man brauchte, wie jede andere Ware dort kaufen, wo man ihn am besten und billigsten erhielt –bei Schutzgesellschaften, die sich auf die Nachfrage nach ihnen hin bilden und ihn anbieten würden; und die Gesellschaft würde sich des größten Vertrauens und Zuspruchs beim Publikum erfreuen (und so ihre Konkurrenten am ehesten aus dem Felde schlagen), die sich des geschenkten am würdigsten erwies. Oder man würde sich mit anderen, etwa mit seinen Nachbarn, zu gegenseitiger Beschützung gegen Angreifer zusammentun, falls man sich allein zu schützen nicht mehr genügend imstande war.

– Aber würde ein solcher Schutz, wenigstens in umfassenderer Weise, wirklich noch nötig sein? –

Ein Blick auf die Art der Verbrechen mußte hier die Antwort geben.

Neun Zehntel aller heute begangenen Verbrechen waren, wie statistisch feststand, Vergehen gegen das Eigentum. Indem der Staat auf der einen Seite künstlich Armut und Elend, auf der anderen einen herausfordernden Luxus schuf, schuf er zugleich Diebe hier und Diebe dort, nur mit dem Unterschied, daß er die einen unter seine Fittiche nahm, die anderen aber verfolgte.

Mit dem Fall des Staates und der von ihm geschaffenen und geschützten Monopole würde die Arbeit in den Stand gesetzt sein, sich ihren vollen Ertrag zu sichern, und jedes arbeitslose Einkommen unmöglich werden. Als Folge hiervon – einem allmählichen größtmöglichen Ausgleich in den Eigentumsverhältnissen – mußten die Eigentumsvergehen von selbst verschwinden (oder sich doch auf Einzelfälle beschränken ), da ihnen der Boden entzogen war. Denn ein allgemeiner Wohlstand – statt der bisherigen Not und Arbeitslosigkeit – war sicherlich die beste Garantie für Ruhe und Ordnung. Es würde, um es anders auszudrücken, einfach unbequemer und unvorteilhafter sein zu stehlen als zu arbeiten (während heute das Umgekehrte der Fall war).

Immerhin mochten Diebstähle und Betrügereien, auch Raubüberfälle zu bestimmten Zwecken, hier und da, vor allem in der Übergangszeit, noch vorkommen. In diesen Fällen würde es nur recht und billig sein, den Dieb und Betrüger anzuhalten, den angerichteten Schaden durch seine Arbeit zu ersetzen, und ihn so lange in Gewahrsam zu halten, bis er ihn auf diese oder eine andere Weise wiedergutgemacht hatte.

Aber auch das verbleibende Zehntel der heutigen Verbrechen schmolz zusammen, wenn die Tatsachen erkannt und beseitigt waren, die sie zeitigten. Entweder es waren Verbrechen, die überhaupt keine waren, das heißt nicht aggressive, und daher keiner Verfolgung mehr ausgesetzt; oder sie hatten ihre Ursachen in der Unfreiheit der Verhältnisse und in Vorurteilen (wie, um nur eine der nächstliegenden zu nennen, die aus Eifersucht begangenen, zu denen die überlebte Idee von der Hörigkeit der Frau den Anlaß gab, ferner wie die auf den ebenso veralteten Begriffen von Ehre und Sitte beruhenden).

Die mit der Freiheit des Denkens zunehmende Erkenntnis von der Lächerlichkeit moralischer Beurteilung und Verurteilung, von der Sinnlosigkeit einer Besserung durch Strafe, und nicht zum mindesten die erzieherische Wirkung dieser Erkenntnis selbst: die zunehmende Achtung vor dem Leben und dem Eigentum des Nächsten, würde mehr und mehr die weitere nach sich ziehen, als erste Frage bei jedem Vergehen und Verbrechen die zu stellen: Wer ist der Angegriffene und Geschädigte? – wie groß ist der ihm zugefügte Schaden? – Und als zweite: Welches waren die Ursachen, aus denen heraus Verbrechen begangen wurden?

Wo aber trotzdem als Überbleibsel unserer gesegneten Kultur noch schwere Verbrechen, wie Mord und Totschlag, sich ereignen sollten, hatten der Einzelne, wie die Gesellschaft, ganz zweifellos das Recht, sich gegen solche gewalttätigen Angriffe auf jede ihnen zweckmäßig erscheinende Art und Weise zu schützen und ihrer Wiederholung vorzubeugen, und nur Gründe moralischer oder sentimentaler Natur, also unangebrachte, konnten daran hindern, ein in seinen Angriffen das Leben anderer fortgesetzt bedrohendes und gemeingefährliches Individuum für immer unschädlich zu machen, wenn alle anderen Mittel sich als aussichtslos erwiesen. Denn Toleranz gegen einen solchen Schuldigen hätte nichts anderes bedeutet als Intoleranz gegen seine unschuldigen Opfer.

Bei jedem Eingriff aber: jedem Vergehen oder Verbrechen gegen Leben oder Eigentum würde das Urteil von Fall zu Fall unter genauester Prüfung aller Nebenumstände gesprochen werden müssen, vor einem Gerichtshof unabhängiger, durch das Los bestimmter Männer, vielleicht zwölfen, der Gemeinde, und der Angreifer würde, wie gesagt, gehalten sein, sein Unrecht wiedergutzumachen, oder, wenn dies nicht oder nicht mehr möglich war, die verdiente Strafe dafür erleiden müssen, die Freiheit anderer verletzt zu haben, und so lernen, sie in Zukunft besser zu achten.

Gegen einen Angreifer allerdings mußte die Gesellschaft sich entschließen, sich endlich und so schnell wie nur möglich, gründlich zu schützen: gegen den größten aller Verbrecher, der zugleich die Ursache und der Urgrund aller Verbrechen war, ihr wahrer Anstifter und ihr treuester Beschützer – gegen den Staat! – und ihn unschädlich zu machen für alle Zeiten, mußte ihre vornehmste und nächste Aufgabe sein. Und nur eine Strafe gab es, die über ihn gesprochen werden durfte, die ihn ereilen mußte – die des Todes!

Damit waren die hauptsächlichsten Einwände gegen einen Zustand der Gesellschaft, der in der gleichen Freiheit Aller die einzige und zugleich beste Lösung des sozialen Problems sah, widerlegt. Denn es war wohl kaum noch nötig, denen, die die Unentbehrlichkeit des Staates dadurch zu beweisen suchten, daß sie behaupteten, ohne ihn werde keine Straße mehr beleuchtet, keine Stadt mehr kanalisiert und kein Weg mehr gebaut werden, und die fragten, von wem das geschehen sollte, wenn er nicht mehr wäre, –es war kaum nötig, ihnen zu antworten: daß die Straße von denen kanalisiert, beleuchtet und gebaut werden würden, die ein Interesse daran hatten, daß es geschah; und daß die Kosten hierfür von ihnen getragen werden mußten, den Auftraggebern, statt von anderen, Uninteressierten und Unbeteiligten.

Und ebenso widerlegte sich ein dritter Einwand – der öfters, und besonders von kommunistischer Seite her erhoben wurde – von selbst: Was würde aus den Erwerbsunfähigen und Krüppeln, den von Natur Zurückgesetzten, den natürlich Schwachen, werden, wenn sie keinen Vater Staat mehr hatten, der aus den Taschen der anderen für sie sorgte? Die Antwort konnte nur lauten: Es würde in einem anarchischen Zustand der Gesellschaft, einem allgemeinen Wohlstand, bei seinen ins Ungemessene gesteigerten und nirgends mehr beschränkten Erwerbsmöglichkeiten, sich selbst für den Schwächsten eine solche finden. Auch das größte Stiefkind der Natur würde Waffen zu seiner Erhaltung besitzen oder finden können, und verhungern würde keiner müssen, wie keiner mehr auf öffentliche Mildtätigkeit angewiesen zu sein brauchte. Selbst wer keine ihm Nahestehenden besaß, würde freiwillige Hilfe schon aus dem Grunde finden, weil eine solche Gesellschaft seine unverschuldete Not sowenig dulden würde, wie ein reinlicher Mensch einen Flecken auf seinem Kleide.

Um aber nicht in den Verdacht zu geraten, auszuweichen, sagte er sich und jedem, der es hören wollte, wieder und auch hier: Die Gesellschaft hat keinerlei Verpflichtungen gegen ihre Mitglieder, und keines dieser Mitglieder hat einen Anspruch oder ein Anrecht an sie, solange zwischen ihnen beiden keine Vereinbarungen getroffen sind.

Diese Frage gehörte also nicht zu den klugen, wie kluge Fragen überhaupt sehr, sehr selten waren.

Es gab sie indessen hier und da – kluge Fragen.

Wäre er gefragt worden (er war es noch nie): »Aber was tust du anders als stehlen, wenn du die Zinsen erhebst von dem, was du dir erspart hast?« – so würde er geantwortet haben: »Ja, ich stehle, wie wir alle stehlen, die wir Geld zinstragend anlegen: der Arbeiter und der Kleinbürger, die ihre armseligen Spargroschen, wie ich, auf die Sparkasse tragen, im kleinen; und der Kapitalist und der Großkaufmann, die an der Börse spekulieren, im großen.« Aber er würde hinzugefügt haben: »Der Unterschied zwischen mir und euch ist nur der, daß ich jeden Augenblick bereit bin, diese Vergünstigung aufzugeben, um sie einzutauschen gegen die so unverhältnismäßig viel größeren der Freiheit, während ihr, Kurzsichtige, die ihr seid, sie verteidigt und entschuldigt, wie ihr das ganze System verteidigt, das diese Vergünstigung schafft und hält.«

Und wurde er gefragt (er wurde es zuweilen): »Wenn du den Staat negierst und die Zahlung deiner Steuern, die ihn unterhalten, verweigerst, darfst du auch seinen Schutz und die übrigen Vorteile, die er dir bietet, nicht annehmen und genießen …«, so antwortete er: »Als Egoist, der ich bin, nehme ich, was ich kriegen kann, und ich benutze den Staat so lange, wie er besteht, und wo es mir nützlich scheint, mich seiner zu bedienen.« – Und wieder fügte er hinzu: »Aber als derselbe Egoist verzichte ich jederzeit auf die zweifelhaften Vorteile, die mir der Staat gibt (um mir dafür alles zu nehmen, was mir das Leben lebenswert macht), verzichte auf sie und ihn, seinen Schutz und seine Hilfe, um dafür die Freiheit zu haben, die mir nichts nimmt und alles gibt.«

Aber es gab solche, die keine Antwort, auch die klarste und unzweideutigste nicht, befriedigte – Skeptiker und (wie sie sich selbst so gerne nannten) »Objektive«, die nicht lernen und nicht belehrt sein wollten.

Ihre Einwände waren stets dieselben, und immer hatten sie eine Anzahl von Schlagworten bereit, um ihre Gegner abzufertigen. Es waren die, die immer davon sprachen, daß »das Volk noch nicht reif« und daß die Freiheit »nur unter hochentwickelten Menschen denkbar und möglich sei« (zu denen wohl sie und der, mit dem sie gerade sprachen, nimmermehr aber die anderen gehörten), und die behaupteten, daß sie in ihrem Urteil weit über den Dingen stünden, und keinerlei »Tendenz« zu kennen vorgaben, wie auch allen … ismen abhold zu sein.

Er hatte sich im Anfang durch diese abgestandenen, aber mit so viel Aplomb vorgetragenen Redensarten verblüffen lassen und zu antworten gesucht. Dann sah er mehr und mehr, wie sich hinter ihnen nur die Unfähigkeit zu denken verbarg, eine vollständige Gleichgültigkeit gegenüber allem Leben und ein reichliches Maß an Frechheit. Oder aber ein großer Haß gegen die Freiheit selbst, jene versteckte Wut über die Bilderstürmer, die ihre vermorschten Heiligen herunterholten, und wie »objektiv« sie sich auch gebärdeten, es waren im Grunde die alten, so wohl vertrauten Philister, die um ihre schmutzigen Privilegien zitterten und deren »Tendenz« es war, hinter jeder Gewalt zu stehen, die gerade am Ruder war und die diese ihre Privilegien verteidigte.

Und es gab endlich immer Ungläubige, die sich weder durch Gründe, noch durch Tatsachen bekehren ließen, die ewig unbelehrbar blieben, weil sie alles negierten, und für die es keine andere Rettung gab, als – auszusterben.

Denn wer glaubte, daß in dem Augenblick, wo es keinen Staat, keine »Staatsgewalt« und keine »Gesetze« mehr gab, das allgemeine Chaos hereinbrechen, die Menschen aufeinander losstürzen und sich gegenseitig zerfleischen würden; wer glaubte, daß, wenn die Kinder bis zu ihrer Selbständigwerdung ihren Müttern gehören, wenn sie das Eigentum dieser Mütter sein würden – (ja, das Eigentum ihrer Mütter!) –, dort diese Mütter nichts Besseres mit ihnen anzufangen wüßten, als sie zu foltern und ins Feuer zu werfen; wer nirgends Entwickelung und Fortschritt, sondern überall nur Stagnation und Rückgang sah; wer jeden Einfluß: den der Erziehung, des Beispiels, der Umgebung, des Boykotts, selbst den der Erfahrung rundweg leugnete; und nur ein Argument kannte: »Es ist immer so gewesen, also wird es immer so bleiben …« –

der war allerdings von dem Verständnis der Freiheit noch weit entfernt und wußte nichts von ihrer stillen und zwingenden Macht und sehr wenig von – den Menschen.

Der hatte nie den Menschenstrom in den Hauptstraßen einer Großstadt beobachtet, wie er sich tagsüber durch sie hinwälzte, in bewundernswerter Ordnung, ohne daß es zu anderen als gelegentlichen, gleichgültigen und verschwindend geringen Zusammenstößen kam, und sich nie gefragt, was es war, das unter diesen Hundert- und Aberhunderttausenden eine so bewundernswerte Ordnung schuf – die paar Polizisten an den Ecken oder das Interesse, das sie alle hatten, vorwärtszukommen: nicht aufzuhalten, um selbst nicht aufgehalten zu werden; der wußte nicht, daß es im Zusammenleben der Menschen ungeschriebene Gesetze gab, hervorgegangen aus Sitte und Gewohnheit, Anpassung und stillschweigender Übereinkunft, deren Verletzung an und für sich straffrei war, und die doch eiserner gehalten wurden, als je geschriebene Gesetze es wurden, oft auf Vorurteilen beruhend und überlebt, oft aber auch die natürlichen Ergebnisse der Notwendigkeit und Zweckmäßigkeit, und als solche die reifsten Früchte unseres langsamen Aufstiegs zur Freiheit … Gesetze der Gegenseitigkeit, mit einem Wort: des Interesses.

Der kannte nicht die geheime Triebfeder, die dieses wunderbare menschliche Uhrwerk – den Verkehr – in Gang hielt, kannte sie nicht einmal dem Namen nach …

Der wußte wenig vom Leben und nichts von der Freiheit.

Und der war ihr Feind, mochte er es auch noch so sehr leugnen! – Denn wenn er es nicht gewesen wäre, hätte er wenigstens versucht, sie zu verstehen – ihre Forderungen, ihre Wege, ihr Ziel.

Jedoch auch aus den Reihen derer, die sich ihre Freunde, Freunde der Freiheit, nannten und vorgaben, seine Genossen zu sein (und die er trotzdem als solche weit von sich wies), kamen Einwände. Vor allem der:

Was du sagst, trifft zwar den heutigen Staat, den Klassenstaat, nicht aber den neuen, den kommenden und wahren, den »Volksstaat«.

In ihm; dem »freien«, werden, ganz wie du willst, alle Menschen gleichberechtigt sein.

»Gleiche Rechte, gleiche Pflichten«, würde sein Losungswort lauten; wie es seine Aufgabe sein würde, diese Gleichheit vor dem Gesetz zu schaffen und durchzuführen.

Gleichheit würde unter den Menschen herrschen. Alle Menschen würden gleich sein und daher alle frei …

Von dem anderen Ufer der sozialen Bewegung, jenem äußersten rechten Flügel, hallte der Ruf zu ihm herüber, zu ihm, der diesseits stand, auf dem äußersten linken.

Ihnen hatte er zu sagen, was Gleichheit war und welche Gleichheit er wollte.

Gleichheit? – Wann waren die Menschen je gleich? – Von Natur aus gleich? –

Nicht einer dem anderen, nicht zwei sich ganz.

Ein einziger Blick zeigte es.

Länder und Völker, Zonen und Himmelsstriche gebaren völlig verschiedene Rassen, schufen für jede ihre besonderen Lebensbedingungen und machten die Menschen von Natur aus verschieden, wie sie selbst es ethnographisch und geographisch waren.

Verschieden waren die Geschlechter; verschieden die Altersstufen. Ja, verschieden war der Einzelne selbst in sich – wer konnte von sich selbst sagen, daß er sich selbst stets gleich war?

Aus dem Schoße derselben Familie, derselben Art gingen Individuen hervor, so ungleich einander, daß sie nichts gemein hatten, als die Überlieferung eines Namens.

Ungleich, nicht gleich waren die Triebe, die Leidenschaften, die Hoffnungen und Wünsche der Menschen; ungleich wie die Zwecke, die sie verfolgten, und die Ziele, nach denen sie strebten.

Wie im Kleinen, so im Großen.

Wie unendlich verschieden waren nicht allein schon die Liebesneigungen der Menschen! – Der war monogam veranlagt und fand im Hafen der Ehe Schutz für sein Lebensschiff vor allen Gefahren der Liebe (und zeterte, statt sich seiner glücklichen Veranlagung zu freuen, über die Unmoralität der anderen); der fuhr hinaus aufs offene Meer und kaperte, was es zu kapern gab, und der Wechsel allein schien ihm wahre Beständigkeit; und dieser dritte gar liebte nicht das andere, sondern das eigene Geschlecht und wurde verfolgt und geächtet, weil er liebte, wie seine Natur es ihm vorschrieb.

Was der eine für gut hielt, galt dem anderen für schlecht.

Was diesen begeisterte und entzückte, ließ jenen kalt und langweilte ihn zu Tode.

Der fühlte sich nur wohl auf dem Lande; der konnte ohne die große Stadt nicht existieren.

Der suchte sein Glück allein in Ruhe und Frieden; und für den bedeutete Kampf und ewige Unrast allein Leben.

Eine Arbeit, die dem einen eine Last war, war dem anderen eine Lust; hier möglich, dort unmöglich.

Der hier klammerte sich an das Leben, trank es in vollen Zügen, und es war ihm ein Freudenbecher, der nur zu schnell zur Neige ging; und der hinwieder ersehnte den Tod als den Befreier und Erlöser von aller irdischen Qual.

– Wo anfangen, wo auf hören mit der Aufzählung dieser Gegensätze, die überall klafften und unüberbrückbar schienen? Gleichheit? – Wie verstanden die Menschen das Wort?

Was ihrer eigenen Wesensart entsprach, das verstanden die meisten allein und hielten es daher für allgemeingültig. »Ich bin auf die und die Art und Weise glücklich, also mußt du es auf die gleiche Art und Weise auch sein können« – so urteilten und verurteilten sie von diesem engsten aller Standpunkte aus, über den hinaus es für sie kein Begreifen mehr gab, und hörten da auf, wo sie beginnen sollten zu verstehen. Denn nach ihrem Bilde sollte sich die Welt gestalten und eine neue – die des allgemeinen Glückes, wie sie wähnten – sich aufbauen: eine Welt der Gleichheit, einer absoluten, einer unmöglichen, einer in ihren letzten Wirkungen nicht einmal ausdenkbaren Gleichheit.

– Nein, um verstehen zu können, galt es, tiefer zu blicken und von einer höheren Warte aus.

Gleichheit? – Es konnte nur eine Gleichheit geben: die Gleichheit in der Freiheit – die gleiche Freiheit aller!

Unter der Gleichheit konnte es keine Freiheit geben; es gab nur eine Gleichheit unter der Freiheit.

Daher: Gleichheit unter der Gewalt – das Ideal der Demokratie; Gleichheit in der Freiheit – das Ideal der Anarchie.

Die erstere eine Utopie; die letztere eine Notwendigkeit.

Denn gerade in der Ungleichheit der Individuen lag die Notwendigkeit der Freiheit begründet; und Verschiedenheit, nicht Gleichheit, hieß das Wort, das über ihren Toren stand.

Verschiedenheit also, nicht Gleichheit. –

Aber der Ruf nach Gleichheit wollte nicht verstummen, und nie war er lauter ertönt als in diesen Zeiten.

Unter dem Einfluß der sozialen Parteien in den Parlamenten war dieser neue Staat der Gleichheit bereits im Werden, und überall wurde heftig in ihrem Sinne regiert.

Denn Gleichheit, die künstliche Gleichheit zu schaffen, an Stelle der natürlichen Ungleichheit, war ja seine Aufgabe; und Gewalt, ein anderes Heilmittel schien es nicht zu geben, wenn man sie hörte, die unablässig nach ihr schrien.

Immer wieder sah er es und überall: sowie irgend jemandem irgend etwas nicht paßte, nicht gefiel, nicht genehm war, gleich sollte es abgeschafft, beseitigt, unterdrückt werden; und das dritte Wort jedes Schwachkopfes war heute sicherlich: »Das müßte verboten werden!« – Denn immer war einer empört, verletzt, beleidigt – in »seinen Rechten gekränkt«.

Der arme Staat! – Willens, aber unfähig, es allen recht zu machen, überschlug er sich in krampfhaften Versuchen: bat und drohte; beschnitt und hemmte; gebot und verbot; verfolgte und bestrafte; lavierte zwischen Interessengruppen und Parteien hin und her; suchte es jedem recht zu machen und machte es keinem recht; und wurde zwischen dem »jedem« und dem »keinem« zerdrückt. Und erließ Gesetze über Gesetze, bis er selbst mit allen seinen Untertanen in ihrer Flut ertrank und kein Mensch mehr wußte, auch er selbst nicht mehr, was eigentlich noch erlaubt und was verboten war.

Der arme Staat! – Jeder wollte ihn haben. Und jeder wollte ihn so haben, wie er sich ihn dachte! …

Ein völliger Sieg des demokratischen, des »Gleichheits-Prinzips«, konnte nichts anderes bedeuten als den völligen Untergang des Individuums.

Je mehr die Menschen künstlich gleich gemacht wurden, um so unfreier wurden sie.

Alle glücklich machen wollen, hieß keinen glücklich machen, und seine letzten Ziele würde der neue, der vielgepriesene, der lautverkündete »Zukunftsstaat« doch niemals erreichen.

Er konnte das geistige Leben lahmlegen; den Handel und Wandel unterbinden; monopolisieren, was irgend noch zu monopolisieren war; jede Unternehmungslust brachlegen; neben den Produktionsmitteln auch noch die Produkte selbst, so weit sie ihm irgend erreichbar waren, beschlagnahmen und dann »von oben her« wieder »verteilen«; mit dem letzten Hemde auch noch das letzte Stück Brot besteuern; ein Volksheer schaffen und Heere von Beamten; die Sinne seiner Untertanen, die sowieso fast nirgends mehr zwischen Recht und Unrecht zu unterscheiden wußten, völlig verwirren; die furchtbarsten wirtschaftlichen Krisen heraufbeschwören; alles in Grund und Boden hinein sozialisieren und ganze Völker der Verelendung preisgeben – er konnte alles dies tun und vielleicht noch einiges mehr, wenn eine vollkommen verblödete Majorität ihm mittels ihrer albernen Stimmzettel die Macht dazu in die Hände gab; und er mochte sich obendrein auch noch Hort der Freiheit und Beschützer der Gerechtigkeit nennen lassen, aber immer konnte er nur geben, was er zuvor genommen, wie alle seine Vorgänger vor ihm; immer würde er in seinem Schoß eine Minorität tragen, bereit, ihn zu bekämpfen und bei erster Gelegenheit zu stürzen; und nie würde es ihm gelingen, die Freiheit ganz zu erdrosseln …

Denn wenn er es als seine Aufgabe ansah, die künstliche Gleichheit der Menschen zu erzwingen, so war es die Aufgabe der intelligenten Minorität, die natürliche Ungleichheit unter ihnen zu schützen.

Und wenn er, der Staat, noch so sehr an der Arbeit war, sie, die Minorität, – lebte!

Einen schnellen Blick warf er noch auf die bestehenden Staatsformen.

Er sah die Staaten von heute: die absoluten Monarchien, in denen von dem autokratischen Willen eines einzigen das Wohl und Wehe eines ganzen Volkes abhing; die noch den Namen von Monarchien tragenden, in denen aber dieser Wille durch eine »Verfassung« und ihre Gesetze in bestimmte Grenzen zurückgebannt war und nur die Willkür dieser Gesetze selbst herrschte; und die Republiken und Demokratien, in denen der Wille der Mehrheit alleiniges und oberstes Gesetz war, wenn auch oft diese Mehrheit in Wirklichkeit von einer Minderheit gelenkt wurde.

Er sah die, in welchen Raub und Diebstahl nicht versteckt, sondern ganz öffentlich betrieben wurden, und wo Korruption und Bestechlichkeit den ganzen Beamtenkörper durchfressen hatten; und die, in denen dieser Raub und Diebstahl in »gesetzliche Formen« gedrängt war und beides gewissermaßen in äußerlich ehrbaren Formen vor sich ging. Aber überall sah er, wie mit dem Vertrauen und dem Vermögen des Volkes der heilloseste Mißbrauch getrieben wurde, und er, der auf so viele Fragen nun die Antwort erhalten, gab es auf, die auf diese letzte zu finden: Was weiter ging – die Frechheit, die Schamlosigkeit und die Anmaßung der Regierenden; oder die Geduld, die Feigheit und die Langmut der von ihnen in den Staub gezwungenen und dort von ihnen zertretenen Völker? …

Aber je tiefer er in das wahre Wesen dieses kalten Ungeheuers, das sich Staat nannte, eindrang und es durchschaute, um so höher wuchs seine Erbitterung, um so größer wurde sein Abscheu und um so tiefer sein Haß gegen diesen größten aller Verbrecher an dem Glück der menschlichen Gesellschaft.

Seine Untersuchung ging dem Ende zu, und noch einmal faßte er ihre Resultate zusammen:

Einer nur konnte der Verbrecher sein: der Staat oder das Individuum. Ein drittes gab es nicht.

Entweder war der Staat heilig – dann war der, der sich gegen seine Heiligkeit verging, ein Tempelschänder.

Oder er war eine Institution, wie jede andere menschliche Institution auch, und dann war er der Verbrecher, der sich an der Unverletzlichkeit des Individuums vergriff.

Wer also war der Verbrecher? –

Die Frage hatte ihre Antwort in der Antwort auf jene andere Frage gefunden:

Wer war der Angreifer?

Es war bewiesen, daß der Staat es war.

Der Staat war der Verbrecher.

Denn wer wagte noch, zu sagen, daß der Staat nicht aggressiv, daß er nur ein Schutzbündnis gegen die Angriffe von Verbrechern sei? –

Wer den Grund und Boden nicht zu erkennen vermochte, auf dem der Staat stand, der mußte wenigstens die täglichen, zahllosen Ein- und Übergriffe sehen und zugeben, mit denen er in dem unausgesetzten Bestreben, die Grenzen seiner Macht weiter und immer weiter auszudehnen, frech und schamlos in das private Gebiet des Einzellebens eindrang, um es möglichst bis in seine letzten Winkel hinein unter seine Kontrolle und damit in seine Gewalt zu bekommen.

Überall und ständig griff er in Handlungen ein, mit denen keinem Menschen zu nahegetreten wurde, deren Folge der Einzelne allein mit sich abzumachen hatte und für die dieser Einzelne die Verantwortung allein zu tragen hatte.

Nur diese, ersten besten Beispiele, wie sie ihm gerade einfielen:

Werdende Mütter wurden bestraft, weil sie ihre Leibesfrucht »abtrieben«; Eltern, weil sie ihre Kinder selbst erziehen wollten, statt sie fremden Händen auszuliefern; Lehrer, weil sie lehrten, ohne »zum Lehrberuf zugelassen« zu sein; Kaufleute, weil sie Waren und Güter ohne Erlaubnis ausführten; Schriftsteller, Verleger und Drucker, weil sie Bücher schrieben, verlegten und druckten, die anderen nicht gefielen; Händler, weil sie Dinge auf der Straße oder in ihrem Laden verkauften, die sie »nicht sollten« ; Redner, weil sie sprachen, wie ihnen der Schnabel gewachsen war, und Versammlungsleiter, weil sie ihre Versammlung nicht vorher »polizeilich angemeldet« hatten und um die Erlaubnis zu ihrer Abhaltung nicht »eingekommen waren«; Ehefrauen, weil ihnen andere Männer, Ehemänner, weil ihnen andere Frauen als der oder die eigene besser gefielen, und zwar so viel besser, daß sie »die Ehe brachen«; Trinker, weil sie tranken, und Raucher, weil sie rauchten; Reisende, weil sie nicht angemeldet waren oder sich nicht »ausweisen« konnten oder weil sie bei Überschreitung der Grenzen in dem Besitz von Dingen waren, die zu stehlen, der Staat sich das Recht vorbehielt; ja, sogar die Selbstmörder sollten bestraft werden, falls sie so unglücklich waren, mit dem Leben davonzukommen; und immer wurden diese und hundert andere Verfolgungen damit entschuldigt, daß das Interesse »eines geordneten Staatswesens« es so erfordere …

Und für alle diese Unterdrückungen, die ihm als Schutz aufgenötigt wurden, als ein Schutz, nach dem er nie verlangt, hatte das unglückliche Opfer auch noch zu bezahlen, unablässig zu bezahlen, zu bezahlen, zu bezahlen …

Der Staat, der Angreifer, war also der Verbrecher. Und was für ein Verbrecher! –

Keiner, der ihm hier den Rang streitig machen konnte! –

Wo Ernst Förster hinsah, ob er die durch Meere von Blut gezogenen Bücher der Geschichte aufschlug oder die von Schmutz triefenden Blätter des Tages zur Hand nahm, überall stieß er auf ihn als den eigentlichen Urheber der scheußlichsten Verbrechen.

Keine Missetat gab es, die er nicht begangen, keine, die er nicht wieder beging, und alles war er in einem: Dieb und Mörder, Räuber und Betrüger, Spieler und Zuhälter in einer Person.

Im Kriege: Raub, Plünderung und unausgesetztes Morden; Willkür jeder Art und Schändung jedes menschlichen Empfindens.

Im Frieden (dem sogenannten »Frieden«): die systematische und sanktionierte Ausraubung und Vergewaltigung unter dem Deckmantel des »Schutzes« und der »Ordnung«. Der größte aller Verbrecher, der größte und der feigste!

Wie aber war es möglich, auch das fragte er sich immer wieder, daß so wenige erst sein wahres Gesicht erkannten? –

Weil er, der Staat, sooft man es zu erforschen versuchte, ein Schild vorhielt, ein Schild, auf dem das Wort stand: »Das Wohl der Allgemeinheit …«

Mit diesem Schilde deckte er alle seine Verbrechen. Wenn Herrscher in fremde Länder einbrachen, um sie zu unterjochen und zu erobern, hieß es: das Wohl des Vaterlandes steht auf dem Spiel (und immer war es, wie fanatisierte oder bezahlte Lohnschreiber bewiesen, der andere, »der angefangen hatte«). Wenn eine durch ihr Geld und ihren politischen Einfluß mächtige Interessengruppe ihre unlauteren Wünsche durchsetzen wollte, gleich wurde verkündet: das Wohl der Allgemeinheit erfordere es so; (und immer wußten es vorgeschobene Kreaturen so zu drehen und zu wenden, als würde aus den reinsten und uneigennützigsten Motiven gehandelt). Sobald irgendein neuer Raubzug auf die ausgeplünderten Taschen des Volkes unternommen werden sollte, um die des Staates aufs neue zu füllen, »verlangte es das Interesse dieses Volkes« selbst so, hinter dem das des Einzelnen »zurückzutreten habe«. Wo irgend wer durch irgend etwas, das ihn nicht das geringste anging und dem er nur aus dem Wege zu gehen brauchte, geärgert, gestört oder, wie er so schön sagte, in seinem sittlichem Empfinden verletzt wurde, gleich rief er im Namen der beleidigten Allgemeinheit nach Schutz und Unterdrückung, auf daß die öffentliche Sicherheit nicht länger gefährdet werde. Und so weiter! – Und so weiter! …

Das Allgemeinwohl! –

Was war es anders, als das des Einzelnen? – Wenn es dem Einzelnen gut ging, mußte es doch notwendigerweise auch der Allgemeinheit gut gehen! – Und wie konnte dieses Allgemeinwohl besser gesichert werden, als indem man es dem Einzelnen überließ, für sein eigenes Wohl zu sorgen? – In Ruhe gelassen, würde er schon verstehen, es sich zu sichern; und wenn er es nicht verstand, würde er es – vom Leben – lernen müssen und nur zu bald lernen.

Wenn die Menschen angefangen haben würden, jeden, der das magische Wort salbadernd brauchte, aufs äußerste zu mißtrauen, statt sich von ihm hypnotisieren zu lassen, so würden sie finden, daß neun unter zehn Malen unter seinem Schutze sich irgendeine Gaunerei, eine Irreführung oder ein Betrug zu ihrem Schaden vorbereitete, und daß es im zehnten Male nichts als eine hohle Phrase war, bei der sich nichts denken ließ. Und dann, dann würde zugleich der erste Schritt zu Erlangung eines wirklichen Allgemeinwohles getan sein, eines Wohles, das untrennbar von dem ihren und auf ihm gegründet war.

Viel wurde endlich neben der Rolle des Staates als Beschützer und Erhalter des allgemeinen Wohles auch von seiner »historischen Notwendigkeit« gesprochen und geschrieben. Daß der Staat notwendig gewesen war, war nicht zu bezweifeln, denn alles Gewesene war notwendigerweise gewesen.

Die Frage war nur: ob er noch notwendig war. Nun, er war so lange notwendig, als die Menschen ihn brauchten. Wenn die Menschen ihn nicht mehr brauchten, würde er nicht mehr notwendig sein; und sie brauchten ihn dann nicht mehr, wenn sie eingesehen harten, wie unnütz und schädlich er war.

Nicht das Recht des Staates wurde daher angezweifelt.

Es war das Recht des Staates, zu bestehen, solange er sich halten konnte, und lächerlich war es, von ihm zu verlangen oder zu erwarten, daß er freiwillig abtrete. Er war im Recht, solange er in der Macht war. Es würde ihn so lange geben, als es Untertanen gab, die ihm gehorchten. Eines Tages würde es keine mehr geben und somit auch keinen Staat mehr. Denn ein Staat ohne Untertanen war ein Unding. Es würde Herren geben, solange es Knechte gab; Ausbeuter so lange, als Arbeiter sich ausbeuten ließen; und Starke, solange Schwache sie zu solchen machten.

Von den Herren und Ausbeutern, den Starken, verlangen, daß sie auf ihre Stärke und Überlegenheit freiwillig verzichten sollten, konnte nur Moralisten und Ethikern in den Sinn kommen.

Das Recht zur Knechtschaft war ebenso unbezweifelbar wie das Recht zur Herrschaft.

Wer sich viel gefallen läßt, dem wird viel geboten.

Je mehr der eine zurückweicht, um so weiter dringt der andere vor.

Je mehr sich der eine erniedrigt, um so mehr erhöht sich der andere.

Einem schwachen und willfährigen Volke setzen bald die Monarchen und ihre Trabanten den Fuß in den Nacken; gegenüber einem stolzen Volke, das sich gegen ihre Tyrannei auflehnt, versagt ihre Macht und stürzt in sich zusammen, indem sie jene mit sich reißt.

»Es wird immer Herren und Knechte geben, immer Arme und Reiche, immer Starke und Schwache.« Einer plärrte es dem anderen nach.

Nein. Es würde so lange Starke geben, als die Schwachen glaubten, ihre Schwäche sei unheilbar; so lange Reiche, als die Armen nicht begriffen, warum sie arm waren; und so lange Herren, als Sklaven ihren Übermut und ihre Willkür duldeten.

Aber Überhebungswahnwitz und Sklavensinn; Ausbeutergelüste und Selbsterniedrigung; der künstlich genährte Hochmut und die so mit Recht verfluchte Geduld – sie alle mußten eines Tages zerschellen zu den Füßen des souveränen, des freien Ich.

Die Untersuchung war beendet, der letzte Einwand gegen die Freiheit beseitigt und der letzte Entschuldigungsgrund für die Gewalt zurückgewiesen.

Denn für die, welche sagten: Wir sind eins mit dir in allen deinen Forderungen der Freiheit; auch wir wollen sie ganz und uneingeschränkt und verwerfen den Staat in jeder aggressiven Form, in jeder, außer der einer Verwaltung der öffentlichen Einrichtungen … was hast du gegen uns einzuwenden? – für sie gab es nur die Antwort:

Nichts! – Solange ihr uns wirklich in Frieden laßt, tut, was ihr wollt; nennt euch, wie ihr mögt; und, wenn eure Logik vor dem Widersinn des Wortes nicht zurückschreckt, sogar »freier Staat«.

Verwaltet alle Angelegenheiten, aber, bitte, nicht die unseren.

Und erlaubt uns nur die bescheidene Gegenfrage:

Zwingt ihr uns, an euren Verwaltungsbetrieben teilzunehmen und für ihre Kosten mit aufzukommen oder nicht? –

Tut ihr es nicht, dann seid ihr einfach eine Vereinigung, wie jede andere, und ihr geht uns so lange nichts an, als wir euch nicht freiwillig um unseren Beitritt ersuchen (den ihr das Recht habt, abzulehnen). Wir kümmern uns nicht um euch so lange, wie ihr euch nicht um uns kümmert. – Geht also eure Wege und verwaltet, was ihr wollt: euere Angelegenheiten; und laßt uns die unseren gehen und die unseren verwalten.

Tut ihr es aber: zwingt ihr uns, an euren Absichten und Unternehmungen teilzunehmen, indem ihr uns einen Tribut auferlegt und diesen Tribut gewaltsam eintreibt, dann seid ihr in unseren Augen nichts anderes als Vertreter und Verteidiger eines Staates, der als solcher unser geschworener Feind ist, und – wie ihr euch auch nennen mögt – seine Helfershelfer: eines Staates in der Form einer Verwaltung.

Denn begreift:

Es gibt nur eine Grenze zwischen Gewalt und Freiheit, zwischen dem Staat und dem Individuum, zwischen der Gesellschaft und dem Ich: die Grenze gleicher Freiheit.

Sie liegt dort, wo die Passivität aufhört und die Aggressivität beginnt. In der Feststellung dieser Demarkationslinie liegt die ganze Aufgabe, die wir uns gesetzt haben.

Um in dem einzelnen Falle feststellen zu können, ob die Freiheit verletzt war, mußte man zunächst diese Grenze feststellen.

Die Erkenntnis dessen, was aggressiv (Angriff, Eingriff); und was passiv (Verteidigung, Abwehr) war, war die Erkenntnis der Freiheit.

Aggressiv war jede Gewalt. Abwehr gegen die Gewalt, auch wenn solche bei ihr angewandt wurde, konnte also nicht unter diesen Begriff fallen.

Es gab Fälle, wo kein Zweifel möglich war: der Räuber und der Mörder, der mich überfällt, um mir mein Eigentum und mein Leben zu nehmen, ist zweifellos aggressiv; entledige ich mich seiner, und sei es mit Gewalt, handele ich in der Notwehr, in Abwehr; und bin nicht aggressiv. Aber es gab Fälle, die nicht so grob und deutlich waren. Es war am besten, sich an Beispielen, Beispielen aus dem täglichen Leben, möglichst klar zu werden über diese beiden, in der öffentlichen Meinung so heillos verwirrten, kaum erst zur Debatte gestellten und noch nirgends bestimmt erkannten Begriffe.

Wieder einige Beispiele daher, und wieder die nächstliegenden:

Aggressiv war es nicht, Waffen zu tragen, aber aggressiv war es, sie zu anderen Zwecken als zu denen der Verteidigung zu gebrauchen; aggressiv war somit das Verbot des Waffentragens und ihres Besitzes, oder vielmehr, die Durchführung dieses Verbotes.

Aggressiv war es nicht, Grund und Boden in persönlichen Besitz zu nehmen und zu benutzen, der nicht schon vorher von einem anderen in Besitz genommen und benutzt wurde. Aggressiv dagegen war es, von mir für die Benutzung dieses Grund und Bodens, auch die seines natürlichen Reichtums, Steuer zu erheben, einerlei in welcher Form und einerlei zu welchem Zweck.

Aggressiv war es nicht, Geld zu schaffen und an die zu verausgaben, welche es unter den angebotenen Bedingungen und auf ihre eigene Gefahr hin annehmen wollten. Aber aggressiv war es, Verbote zur Schaffung und Inumlaufsetzung von Geld zu erlassen und ihre Durchführung zu erzwingen – einen Wertmesser, eine Währung als alleingültige zu erklären, unter dem Vorwande, das alleinige Recht zur Schaffung und Verausgabung von Geld zu haben. Aggressiv war es nicht, nicht zu arbeiten, wenn man keine Lust oder andere triftige oder nicht triftige Gründe hatte, nicht arbeiten zu wollen. Aber aggressiv war es, andere an der Arbeit zu hindern, die sie tun wollten.

Aggressiv war es nicht, an den lieben Gott, an die unbefleckte Empfängnis und an den Heiligen Geist, an Hexen, Geister und die vierte Dimension zu glauben, aber aggressiv war es, andere zu verfolgen, weil sie nicht an denselben Unsinn glaubten.

Aggressiv war es nicht, zwangsweise auferlegte Steuern nicht zu bezahlen, den Heeresdienst zu verweigern, sich nicht impfen und taufen zu lassen, seinen Körper zu verkaufen, in freier Liebe zu leben, zu spielen, zu huren und zu trinken; sondern aggressiv war es, anderen zwangsweise Steuern aufzuerlegen und ihre Eintreibung zu erpressen, sie zur Übung und zum Gebrauch von Waffen zu zwingen, sie zu impfen und zu taufen gegen ihren oder ihrer Eltern Willen, die Prostitution zu »regeln« und unter Gesetze zu stellen, in freier Liebe Lebende zu verfolgen; und aggressiv war jede gewaltsame Unterdrückung des Lasters.

Nicht aggressiv war es, den ärztlichen oder irgendeinen anderen Beruf auszuüben. Es mußte jedem unbenommen bleiben, Krankheiten heilen zu wollen, wenn er glaubte, sie heilen zu können; und jedem, sich den Arzt zu suchen, zu dem er das größte Vertrauen hatte. Aber aggressiv war es, den ärztlichen Beruf nur »approbierten« Ärzten zugänglich zu machen und andere, die ihn ohne solche Approbation ausübten, zu bestrafen.

Aggressiv genannt werden durften Fälle groben Betruges, lügnerischer Täuschung, gewaltsamer Verführung. Aber inwieweit sie es waren, ließ sich nur in jedem einzelnen Falle entscheiden und nur auf Grund der jeweiligen Tatsachen.

Denn, wie gesagt, es gab sicher Fälle, wo die Grenzen zwischen Aggressivität und Passivität so fein gezogen waren, daß sie sich erst nach genauer Prüfung feststellen ließen und nur mit Hilfe einer langen und reichen Erfahrung, einer Erfahrung, von der wir heute, wo selbst über die offensichtlichsten Verletzungen dieser Grenze die naivste Unkenntnis herrschte, noch weit entfernt waren.

Abermals, aber diesmal in anderer Form, faßte er zusammen:

Wenn man, um einen Vergleich zu gebrauchen (der, wie alle Vergleiche, nicht zu ernst genommen sein durfte und nur ein Bild geben wollte), die Erde mit einer Wiese und die Menschen mit Blumen und Halmen auf ihr verglich, so zeigten sich die drei sozialen Weltanschauungen, die es gab, und zu deren einer sich jeder bekennen mußte, der überhaupt eine solche Weltanschauung besaß, in diesem Bilde so:

Die einen riefen: alles muß gleich sein. Es darf keine höheren und keine niederen Gewächse auf dieser Wiese geben. Daher müssen die zu hoch strebenden beschnitten und die zurückgebliebenen künstlich heraufgezüchtet werden. Herunter mit den Starken und herauf mit den Schwachen! Die so sprachen, waren die Sozialisten der staatlich-demokratischen, der kommunistischen Richtung.

Die anderen behaupteten:

Nur auf die Auserlesenen, die Bevorzugten, die das Salz der Erde sind, kommt es an. Um sie zu erzeugen, sind die anderen nur der Dünger und gerade gut genug, um als solcher zu dienen. Herauf daher mir jenen und herunter mit diesen. Die Starken auf Kosten der Schwachen, eben, weil sie die Stärkeren sind.

Die Individualisten sprachen so.

Die Dritten aber sagten:

Laßt alles wachsen, wie es wachsen will: hoch die hohen und die niederen am Boden bleibend – es gibt Platz genug, und allen scheint die befruchtende Sonne des Lebens. Und wenn auch Unkraut wuchert zwischen der Saat, es hat sein Recht. Weil sie so ungleichmäßig ist, darum ist die Wiese so bunt und so schön. Keiner auf Kosten des anderen!

Die so dachten und sprachen, waren die Anarchisten, die, welche es wirklich waren.

So dachte und sprach auch Ernst Förster.

Und ein Menschenleben stieg vor ihm auf, wie es war – heute unter der »Gleichheit« und dem »Schutze« des Staates; und ein anderes, wie es sein sollte –unter der Freiheit. Welches war das bessere ? – das erstrebenswertere ? – Welches das einzig lebenswerte? – Ein Vergleich würde es zeigen.

Ein Leben von heute wie es war:

Vom ersten bis zum letzten Tage in die Hand seines schlimmsten Feindes gegeben, der seinen mörderischen Griff erst von ihm läßt, wenn es im Grabe ausruht von dem ungleichen Kampfe mit ihm, wird es von ihm bewacht, bevormundet, gelenkt und geleitet.

Nein, nicht vom ersten Tage an: denn schon vor seiner Geburt legt er Beschlag auf dieses Leben seines künftigen Untertanen und Bürgers. Nicht deiner Mutter, die dich noch trägt, sondern ihm bereits gehörst du.

Bist du dann geboren, steckt er dich zunächst in seine Bücher: numeriert, registriert und katalogisiert dich.

Er zwingt dich in seine Schule, in der du lernen mußt, nicht was du lernen willst, sondern was er will, daß du lernen sollst. Vor allem: ein »guter« Bürger zu werden und seinen Geboten zu gehorchen.

Spät, endlich, bist du nach diesen Gesetzen »mündig« geworden. Vor deinen Eltern. Denn vor ihm bleibst du immer unmündig, dein ganzes Leben lang.

Du kannst keinen Beruf ergreifen (wenigstens nicht jeden, den du willst), kein Geschäft eröffnen, keinen Handel treiben, dich nicht ansiedeln, dir kein Haus bauen, keine Familie gründen, kannst kaum einen Kontrakt abschließen, ohne daß er, der Staat, sich nicht hineinmischt, dir Vorschriften macht, dich hindert und belästigt, und dir für all das noch irgendeinen Tribut erpreßt.

Ein, zwei, drei Jahre zwingt er dich völlig – mit Leib und Seele – in seinen Dienst: du hast seine Uniform zu tragen, wirst von ihm im Gebrauch von Waffen gedrillt, die du zu seiner Verteidigung stets, wenn er es fordert, zu gebrauchen hast, und gegen jeden, den er dir als seinen Feind bezeichnet. Tiefer kannst du nicht mehr erniedrigt werden – in diesen Jahren bist du kein Mensch mehr, sondern nur noch ein willenloser Sklave.

Zurückgesandt in das Leben, geht dieselbe alte, unaufhörliche Bevormundung und Bewachung von neuem los.

Was er dir aber an armseliger Freiheit etwa noch läßt, das vergällt er dir sicher durch seine angeblich zu deinem Schutze bestellte Polizei, die, weit entfernt davon, ein ernster und treuer Wächter zu sein, vielmehr ein bissiger und heimtückischer Köter ist, der dich überfällt und belästigt, wo du stehst und gehst: die bestimmt, wie lange und an welchen Tagen du arbeiten sollst, und an welchen nicht; wo du dein Bier trinken darfst und wo nicht, und wann du nach Hause zu gehen hast; und die dich, auch gegen deinen Willen, »beschützt« (nur dann nicht, wenn du wirklich Schutz brauchst) …

So, in tausend und aber tausend sinnlose Regeln und Verordnungen, wie in ebenso viele Stricke, eingeengt; gegängelt wie ein Kind, wo du nicht geleitet; beschützt, wo du nicht beschützt sein willst; ermahnt und beraten, wo du keine Ermahnungen und Ratschläge brauchen kannst und willst; kontrolliert, beobachtet und beaufsichtigt; vergewaltigt in deinem Denken und Handeln –: fließt dein Leben hin, dein um seine beste Arbeit und seine wertvollste Zeit bestohlenes und erniedrigtes Leben ohne Stolz und ohne Schönheit, von seinem ersten bis zu seinem letzten Tage. Bis zu seinem letzten Tage ? – Nein, über ihn hinaus. Denn selbst sterben und begraben werden kannst du nicht, ohne daß er dabei sein muß, wie er überall dabei sein mußte, dein größter, dein mächtigster, dein einziger wirklicher Feind!

So war es, ein Leben von heute – ein Leben im Staat.

So war es, ein Leben von heute.

Wie aber sollte es sein? –

In der Lust der Liebe empfangen und in den Schmerzen der Liebe geboren, sollte es so lange der gehören, die diese Schmerzen um sein Dasein gelitten, der Mutter; und ihr, seiner Mutter, allein so lange, bis es sich selbst gehören konnte.

Dann aber sollte dieser Mensch frei sein, frei von dem Augenblicke an, in dem er durch Wahl seine Zusammengehörigkeit mit anderen, seinen Mitmenschen, und sei es auch nur in der einfachsten Form, kundzugeben fähig war.

Er sollte lernen können, was er selbst wollte; den Beruf ergreifen können, zu dem es ihn zog; ihn ausüben können, wann, wo und wie immer es ihm beliebte; ihn jederzeit aufgeben oder mit einem anderen vertauschen können, der ihm besser oder passender zu sein dünkte; und sich den Ertrag, den vollen Ertrag seiner Arbeit jederzeit und überall sichern können, im Austausch und Vertrag, und mit den Mitteln des Tausches, die er sich selbst in Übereinkunft mit anderen hierzu schuf.

Er sollte gehen und kommen können, wohin es ihm beliebte; sich sein Haus bauen dürfen auf dem Platz, auf dem noch kein anderer das seine gebaut; sich in Liebe vereinen dürfen mit jedem anderen Wesen, zu dem es ihn zog, wenn er bei ihm auf Gegenliebe traf; und sich von diesem anderen Wesen jederzeit trennen können, wenn Neigung nicht mehr bestand. Und all dies, ohne andere um ihren Rat, ihre Einwilligung oder gar um ihre Erlaubnis befragen zu müssen.

Er sollte denken, glauben, reden und schreiben dürfen, was er wollte, einerlei ob es klug oder dumm, falsch oder wahr, harmlos oder »gefährlich« war.

So sollte ein Leben sein: die unablässige, durch nichts gehemmte Entwickelung des Einzelnen zu sich selbst und zu seiner vollen Höhe (oder, wenn er es vorzog: zu seiner tiefsten Erniedrigung) – zu seinem Glück und damit zu dem der anderen.

Eine Grenze nur sollte es für ihn geben, immer und überall: die gleiche Freiheit aller anderen Menschen, ebenso zu leben, wie er.

Und so würde es sein, das Leben von morgen – das Leben gegen und endlich ohne den Staat.

Die Jahre vergingen in Arbeit und Tätigkeit. Ernst Förster war nun kein Jüngling mehr, sondern ging dem Mittag seines Lebens zu. Da zog es ihn wieder hinaus. Nicht, wie damals, um das Leben kennen zu lernen, sondern um es zu leben, in einem weiteren Rahmen, als es ihm hier möglich war.

Er war nicht mehr unentbehrlich hier, wie er es eine Zeitlang gewesen. Die Fabrik ging auch ohne ihn, und so freundlich das auf gegenseitige Achtung und Zuneigung gegründete Verhältnis zu ihrem Herrn auch war und blieb, im letzten stimmten sie doch nicht zusammen, und Denken wie Empfinden trennte sie hier. Denn jener blieb im Grunde doch immer der Bürger seines Landes, seiner Sitten und Anschauungen, und seine Ideale waren Reformen, die nicht an die Wurzel der Dinge griffen. Ernst Förster aber war ein Bürger der Welt geworden, nicht mehr beengt und gehemmt von Überlieferungen und Gewohnheiten. Und Heimat hieß ihm das Land, wo er frei war.

Deutlich zeigte sich diese Verschiedenheit in ihren Gesprächen, nicht mehr so häufig wie einst: der eine kam stets nur bis zu einem gewissen Punkt und drehte sich dann um sich selbst; der andere ging den Weg bis zu Ende und sah, wie sein Partner zurückgeblieben war und nicht weiter konnte. Der suchte sich noch immer in den anderen und wollte, daß die Menschen sich änderten; dieser hatte sich gefunden und wünschte nur, daß sich die Verhältnisse änderten, worauf sich die Menschen schon von selbst ändern würden. Er lächelte, wenn er sah, welches stumme Entsetzen er so oft mit dem, was er sagte, erregte, mit dem, was ihm selbst als das Natürlichste und Einfachste von der Welt erschien; und wenn sein Brotherr ihm seinen »extremen Radikalismus« vorwarf, so bewies er ihm seine eigene Rückständigkeit.

Persönlich aber waren sie trotzdem die alten, guten Bekannten aus den ersten Tagen ihres Zusammentreffens geblieben, und sie schieden in bestem Einvernehmen. Denn sie waren beide Ehrenmänner und wußten es von sich wie von einander.

Bevor Ernst Förster aber dieses Land verließ, tat er einen Schritt, der in scheinbarem Widerspruch zu seinen Anschauungen stand – er ließ sich in ihm naturalisieren: wurde sein Bürger aus freiem Willen.

Er wußte genau, was er tat. Er war ein Egoist, und er benutzte den Staat und seine Einrichtungen, solange er sie brauchen konnte und sie ihm nützlich waren.

Das schweizer Bürgerrecht erlaubte ihm jetzt wieder nach Deutschland zurückzukehren, ohne die Gefahr einer Verhaftung wegen »Fahnenflucht« befürchten zu müssen; es behob die, im Falle eines Krieges ausgeliefert zu werden; und es erleichterte endlich auch seinen Aufenthalt in anderen Ländern, der ohne die Papiere zu einer Staatsangehörigkeit immer schwierig und mißlich, unter Umständen unmöglich gewesen wäre. Nun hielt ihn nichts mehr.

Er hatte einfach gelebt in diesen Jahren seiner Anstellung, noch einfacher als früher, und seine Ersparnisse waren vermehrt worden durch die regelmäßigen Einkünfte aus einer kleinen Verbesserung, die ihm an einer der Maschinen geglückt war und die er, ohne sie einstweilen patentieren zu lassen, der Fabrik zur ersten Ausnützung überlassen hatte. Diese Erträgnisse waren ihm auch in den nächsten Jahren sicher und konnten sich unter Umständen bei Aufstellung neuer Maschinen nicht unbedeutend heben. So durfte er ohne besondere Sorge der Zukunft entgegensehen, um so ruhiger, als ihm sein Platz hier aufgehoben blieb und er zudem seine alte Tätigkeit als Mitarbeiter an Zeitungen jederzeit und überall wieder ausüben konnte.

Wohin er wollte? – Auch diesmal war er über das nächste Ziel seiner Wanderung nicht im Zweifel.

Als Sieger ging der Zweifler, der Verzweifler, ging der Sucher und endliche Finder hervor aus dem Kampfe.

Denn mit Recht durfte er sich so nennen. Er wußte, daß er es war: ein Sieger über das Leben. So genoß er seines Sieges: es erkannt zu haben und es zu leben.

Wo war das Tor, an dessen Klinke er einst die junge und heiße Hand gelegt, zitternd vor Erwartung und gebannt von einem heimlichen Grauen? – Er sah den Raum kaum mehr, in den es führte, und das Gebilde, das ihn erschreckt und beunruhigt, war Staub geworden unter seinen Gedanken, seit die Begriffe, auf denen es sich auf baute, gefallen, und der Koloß in Trümmern über sie hin …

Er war Sieger geblieben, weil er die Menschen besiegt hatte, indem er sich gefunden. –

Was immer er tat, wie immer er lebte – er wußte es: solange er keinem von ihnen zu nahe trat, solange er nicht in eines anderen Rechte eingriff, durfte und würde er vor sich und mit sich leben, wie er wollte. Denn an die Stelle ihrer Gesetze war für ihn ein Gesetz getreten, das Gesetz der gleichen Freiheit.

Der Finder war Sieger.

Sein Leben war ein Kampf gewesen, und der Siegerpreis das eigene Selbst.

Er hatte sich suchen müssen in dieser schlimmen und verworrenen Zeit, in der er lebte, mit ihrem Widerstreit der Meinungen und in dem wüsten Geheul ihrer Tage.

Er suchte sich nicht länger. Denn er hatte sich. Wer sich aber hatte, war jenseits allen Suchens angelangt – war Sieger!

Er war sich selbst kein Ziel mehr. Er war sich selbst zum Ausgangspunkt geworden.

Einmal würden sich auch die anderen nicht mehr zu suchen brauchen – wenn ihnen gelehrt wurde von allem Anfang an, daß sie sich besaßen und daß sie nichts zu tun hatten, als sich nicht aufzugeben. Dann würde der Kampf schweigen, dieser furchtbare und blutige Kampf um die Ideen, diese Urfeinde der Menschheit; schweigen der Streit um Macht und Gewalt, und schweigen auch der Kampf um die Freiheit, weil er – ausgekämpft war.

»Ich bin die Wahrheit«, hieß es irgendwo.

»Ich bin mir selbst die Wahrheit, und habe ich mich, so habe ich die ganze Wahrheit, die ich brauche«, sollte es besser heißen.

Er liebte die Freiheit wie sich selbst. Er liebte sie, weil er sich selbst liebte. Solange er sich lieben würde, würde er die Freiheit lieben. Nur wenn er sich selbst aufgab, konnte er sie verlieren.

Aber was sich so schwer gefunden, war gefeit davor, leicht wieder preisgegeben zu werden.

Nun war die Erfüllung Wirklichkeit – er selbst der Herr seiner Freiheit, und ihm war, als sei ihre Stimme zu seiner eigenen geworden.

In sich vernahm er sie jetzt; dort erklang sie rein und hell. Sich selbst zu erfüllen in ihr, der Freiheit – alles erschien ihm nichts gegen dieses höchste Gebot des Lebens. Gegen dies einzige Gebot, das er sich selbst gegeben.

Zwei Weltanschauungen standen sich gegenüber: eine alte und eine neue.

Wie tief der Riß durch sie hinging und wie unüberbrückbar der Abgrund war, der zwischen ihnen klaffte, das begriffen zu haben, war die Erkenntnis des Siegers.

Stärker als je zuvor empfand er jetzt, was ihn von der einen fort- und zu der anderen hingetrieben hatte – aus der Atmosphäre des Kranken und Faulenden, des Stickigen und Stagnierenden hinaus und hinauf zu Gesundheit und Klarheit, zu Reinheit und zu Frische. Wie er es lieben gelernt, stellte er die Gegensätze scharf gegeneinander:

Dort die Idee der gegenseitigen Verpflichtung; hier die der gegenseitigen Freiheit.

Dort die Vergänglichkeit: die Gewalt in ihren immer wechselnden Formen; hier die Unvergänglichkeit des Individuums in seinem immer neuen Werden.

Dort der abstrakte Begriff; hier das konkrete Einzelwesen. Dort die »Wir«; hier das »Ich«.

Dort die auf die Macht gestellte Masse; hier der auf sich gestellte Einzelne.

Dort der Angriff; hier die Abwehr.

Dort ein Phantom, dem die Menschen nachjagten wie einem unerfüllbaren Traume; hier die unzerstörbare Wirklichkeit des Lebens.

Dort die Vergangenheit; hier die Gegenwart und Zukunft. Mit einem Wort: dort die Knechtschaft; hier die Freiheit.

– In diesem ewigen Kampfe zwischen jenem »Dort« und diesem »Hier«, des Gesunden gegen das Kranke, des Egoismus gegen den Altruismus, in diesem unaufhörlichen Widerstreit zwischen wirklichen und eingebildeten Interessen vollzog sich, ein ungeheures Schauspiel voll tragischer Größe, der Kampf seiner Zeit.

Zweifellos, wer endlicher Sieger bleiben würde: aus einer kranken und sterbenden Welt gebar sich in furchtbaren Wehen eine neue, eine heitere, eine schöne, eine – freie.

Wie Leuchten stand es in den Augen des Siegers, den kühlen, grauen, wenn er dieses – ach! noch so fernen – Sieges dachte.

Zehntes Kapitel

Der Mann

Nun war er wieder in Paris, dieser geliebten Stadt, in der er glücklich gewesen war und in der er wieder glücklich sein wollte.

Wieder zog es ihn auf das linke Ufer des Flusses, an den Boul' Mich und in das Quartier Latin, und er fand nach langem Suchen eine kleine Wohnung, hoch oben im sechsten Stock, zwei Zimmer, von deren schmalem Balkon er gerade noch ein paar Bäume des Luxembourg mit seinem Grün heraufschimmern sah. Er richtete sich ein und diesmal nicht für einen vorübergehenden Aufenthalt.

Heimisch brauchte er nicht erst zu werden. Er war es hier längst.

Hier, in Paris, hatte er das große, das unaussprechliche Glück, zum ersten Male in seinem Leben einen Gesinnungsgenossen zu finden der, wenn auch auf anderen Wegen, zu der gleichen Lebensanschauung der Freiheit gelangt war, wie er.

Carrard Auban, Sohn dieser Stadt, gesäugt mit revolutionärer Milch, stand in der sozialen Bewegung seiner Zeit, solange er denken konnte; hatte erst der Partei angehört, war dann in die äußerste, die Taktik der Gewalt verteidigende Richtung des Kommunismus gerissen, verurteilt und eingekerkert worden, um sich dann endlich in diesen anderthalb Gefängnisjahren zu den Anschauungen durchzuringen, zu denen er sich jetzt bekannte. Um die Zeit der blutigen Tage von Chicago in London, wo die Diskussionen seiner Sonntagnachmittage unter den Anhängern der verschiedenen Richtungen eine gewisse Berühmtheit erlangten, lebte er nun seit Jahren wieder hier in seiner Vaterstadt, enttäuscht in vielem, aber unverbittert, und, obwohl nicht mehr jung, von der alten Lebendigkeit in der Verfechtung seiner Überzeugung und nach wie vor erfüllt von der großen Liebe seines Lebens zu allem, was frei war oder frei werden wollte. Nur, daß er jetzt gefunden, was er suchte; und wußte, was er gefunden.

In dieser Liebe begegnete er sich mit dem um so viel Jüngeren. Ein Zufall führte sie zusammen, gemeinsame Erinnerungen an London (wenn sie auch in eine andere Zeit fielen, denn Auban hatte die Stadt bereits verlassen, als Förster sein erstes halbes Jahr des Suchens dort verbrachte) und manche Persönlichkeiten (denen Auban allerdings oft weit nähergetreten war als Förster, der sie meist nur aus der Ferne gesehen und gehört) – gemeinsame Erinnerungen solcher Art brachten sie einander bald näher, und, trotz aller Verschiedenheit der Umstände, in vielem merkwürdig gleiche Lebensschicksale knüpften bald das Band fester. Der eine hatte seine Mutter kaum, der andere sie gar nicht gekannt; beide mußten sich ihr Brot mit literarischer Handlangerarbeit verdienen, und beide waren trotzdem so wenig Literaten, wie man es nur sein konnte; beiden war in ihrer ersten Jugend der ungestüme Drang zu eigen gewesen, das Leben zu erfassen und zu begreifen. Eine starke Gleichartigkeit im Fühlen und Denken, und damit eine oft überraschende Übereinstimmung im Urteil ließ sie so schnell vertraut werden, und die gleiche Liebe zur Freiheit, die ihnen beiden kein leeres Wort war, machte sie endlich zu Freunden.

Sie diskutierten nicht. Was sie auszutauschen hatten, waren keine Zweifel, sondern die Resultate langer und fruchtbarer Gedankenarbeit. Sie debattierten nicht. Sie besprachen sich, und neue Pläne und Hoffnungen erwuchsen aus solchen Gesprächen. Wenn sie sich auch nicht immer einig waren in jeder einzelnen ihrer Folgerungen, so waren sie doch völlig einig in allen Grundfragen. Sie konnten es nicht anders sein, da sie beide gelernt hatten, logisch und konsequent zu denken.

Für Förster wurde Auban ein unvergleichlicher Führer durch Paris. Er kannte jeden Stein in seiner Stadt und dessen Geschichte, und er verfolgte den Tag und des Tags Ereignisse mit der vollen Aufmerksamkeit seines scharfen und geprüften Blickes. Für Auban wiederum wurde der Verkehr mit dem Jüngeren zu einer Quelle neuen Lebensmutes und sein herber Ernst lernte bei ihm wieder das Lachen über menschliche Torheit und Eitelkeit.

Meist war Auban es, der Förster des Abends in seiner kleinen Wohnung am Mont Parnasse besuchte, und immer stieg es wie Freude in diesem auf, wenn er den schweren Schritt seines Freundes (denn Auban zog den linken Fuß leicht nach) auf der Treppe hörte und mit ihm ein Abend voll unerschöpflicher Anregung kam.

Vielleicht war in Auban die Lust, andere zu überzeugen, immer noch größer, als sie es bei Förster je gewesen war, dem es mehr genügte, eine Wahrheit erkannt zu haben und sie zu besitzen; vielleicht in jenem, natürlich bei seiner Herkunft und Entwickelung, die Ansicht stärker, daß ein Zustand der Freiheit aus einer Bewegung, wie der sozialen, hervorwachsen müsse, als bei diesem, der sie immer mehr und mehr in dem Erwachen des Einzelnen zu sich selbst erblickte, wie er selbst so zu ihr gelangt war; und vielleicht sah der Ältere, ungeduldig geworden in langem Kampfe mit seiner Zeit, einen Sieg näher als der Jüngere.

Wie dem auch war, sie waren so einig in ihren Zielen, wie es zwei Menschen hier nur sein konnten, denn es gab keine Verletzung der Freiheit, die sie entschuldigt oder gar gebilligt hätten; und einig waren sie sich auch über den Weg, der einzig zu diesen Zielen führen konnte.

Ihre besten Gespräche galten den Möglichkeiten dieses Weges, und viel lernte der bisher so ganz auf sein eigenes Denken Angewiesene von der reiferen Erfahrung des Freundes.

– Welches waren die Wege zur Freiheit?

In Waffen starrte der Staat. Auf Gewalt gegründet hielt er sich nur durch Gewalt. So fest verankert war heute noch diese Gewalt in der Einsichtslosigkeit und Trägheit der Massen, daß seine Macht fast unangreifbar schien und ganz unbesieglich.

Nur die großen Gewalten, die »Mächte«, vermochten sich scheinbar gegenseitig im Kriege zu besiegen. Wurde heute eine Staatsform durch eine stärkere Gewalt gestürzt, baute sich morgen eine neue mittels Gewalt auf ihren Trümmern auf, und im Grunde war nur ein Name geändert: was gestern Kaiserreich oder Monarchie geheißen, hieß heute Republik; und was heute noch Republik genannt wurde, war nicht sicher, schon morgen in Demokratie umgetauft zu werden. Im Wesen des Staates war damit nichts geändert, und unerschüttert blieb sein oberster Grundsatz: »Der Wille der Mehrheit ist absolut.«

– Wie nun konnte der Staat, jeder Staat, mit Aussicht auf Erfolg bekämpft werden, und von welchem Standpunkt aus hatte dies zu geschehen?

Einer Regierung gegenüber gab es drei Standpunkte: sie anerkennen – das hieß, sich ihr als einer göttlichen oder menschlichen Autorität bedingungslos unterwerfen; ihre Änderung wünschen und ihre Reform erstreben – das hieß, sie nur bedingungsweise anerkennen; oder aber sie verwerfen – das konnte nur heißen, ihre bedingungslose Abschaffung verlangen und erstreben.

Nur die Anarchisten erhoben diese letzte Forderung.

Sie negierten den Staat in jeder Form und konnten daher nur in der Hinwegräumung jeder Art von Regierung, die seine ausübende Macht darstellte, den Weg zu ihrem Ziele der Freiheit erblicken.

– Welche Mittel nun waren es, die sie anwenden konnten, um ihren Zweck zu erreichen?

Zweierlei nur: es konnten gewaltsame (blutige); und es konnten friedliche (unblutige) sein.

Der Staat war der Angreifer.

Einem Angreifer gegenüber ist zweifellos jedes Mittel erlaubt, um ihn unschädlich zu machen. Die Frage war daher einzig die: welches führte am besten zum Ziele. Konnte der Staat durch das blutige Mittel der Gewalt gegen Gewalt am ehesten und sichersten zu Boden geworfen werden, so durfte es kein Bedenken irgendeiner Art geben, dieses Mittel anzuwenden; war es indessen in seinem Erfolge zweifelhaft und daher nicht ratsam, so war jedes andere vorzuziehen.

Viele (und leider vor allem die, welche sich mit so großem Unrecht »Anarchisten« nannten) befürworteten es – sahen im gewaltsamen Umsturz des Staates, der Revolution, das einzige Mittel, sich seiner zu entledigen.

Sie irrten sich. Sie irrten sich durchaus. Ihr Mittel war unzulänglich und untauglich.

Eine Gewalt mochte die andere stürzen und sich an ihre Stelle setzen. Keine Gewalt der Erde konnte die Freiheit an Stelle der Gewalt setzen.

Denn Freiheit war eine Erkenntnis, die nur durch lange und mühevolle Erfahrung erworben werden konnte, und nur eine Revolution gab es, die mit Sicherheit zu ihr führen konnte: die Revolution in den Köpfen. War sie nicht vorhergegangen, blieb jede Revolution, auch die größte und siegreichste, nur Stückwerk, und man war am Tage nach ihr um keinen Schritt weiter, als man am Tage vor ihr gewesen war. Nicht die Zwingburgen der Gewalt mußten daher zunächst mit Gewalt niedergelegt werden, sondern die weitaus festeren und scheinbar uneinnehmbaren der Vorurteile hinter den Stirnen der Menschen. Waren sie gefallen, fielen jene von selbst.

Darum also, und nur darum allein, verwarfen die Anarchisten, welche es wirklich waren, diese Taktik der Gewalt. Sie hatten erkannt, daß es nicht ratsam sein konnte, sich mit einem an Stärke so überlegenen Feinde in einen offenen Kampf einzulassen; es mußte einen anderen Weg zu seiner Besiegung und Niederwerfung geben.

– Es gab ihn.

Es war der Weg des passiven Widerstandes.

Passiver Widerstand – das ist, nicht wie gesagt war, »der Widerstand, der nicht widersteht«, sondern vielmehr der einzige Widerstand, der, bewußt und überlegen angewandt, einem Stärkeren gegenüber auf die Dauer allein sich als wirksam erweist.

Ich werde der Stärkere einem Rowdy gegenüber, nicht, indem ich mich mit ihm in eine Rauferei einlasse, sondern indem ich ihm aus dem Wege gehe; ich bin es einem unerträglichen Schwachkopf von Schwätzer gegenüber, nicht, wenn ich ihn, der nicht zu denken vermag, zu überzeugen versuche, sondern indem ich schweige und ihm einfach nicht zuhöre.

Passiver Widerstand – der eine Menonit, der aus Glaubensüberzeugung den Waffendienst verweigerte, machte den Machthabern mehr Kopfzerbrechen, als es die Niederwerfung eines Aufstandes von Tausenden verursacht hätte. Passiver Widerstand – er ist die Waffe in der Hand des Schwächeren; die Schleuder des David; die Mauer, an der jeder Angriff des Gegners eines Tages erlahmen mußte und sich brach.

Passiver Widerstand dem Staate gegenüber – das hieß: Gehorsamverweigerung; Aufkündigung der Gefolgschaft; Unbotmäßigkeit gegen einen nicht oder nicht mehr anerkannten Herrn; kühle Verachtung seiner angemaßten Autorität.

Passiver Widerstand – es war der einzige, oder vielmehr der einstweilen einzig gangbare Weg.

Wie ihn anwenden, und zwar wirksam anwenden, diesen Widerstand? – war die nächste Frage.

Es kam darauf an, den Staat an seiner empfindlichsten Stelle zu treffen und ihm dort den tödlichen Stoß zu versetzen. Diese Stelle war ohne Zweifel, wie bei anderen Sterblichen auch, der Geldpunkt.

Der Staat lebte von Raub. Wurde ihm dieser Raub entzogen, mußte er verhungern – er konnte die ungeheure Armee seiner Trabanten und Beamten, auf deren Willfährigkeit und Treue sich seine Macht stützte, nicht mehr besolden, würde sich eines Tages von ihnen verlassen sehen, und mußte, unproduktiv wie er war, eingehen.

– Steuern nannte er seinen Raub.

Da er unablässig Geld brauchte, stahl er unablässig.

Er hatte ein zweifaches System herausgebildet – er stahl direkt, und er stahl indirekt.

Direkt in der Form eines Abzugs vom Arbeitseinkommen; von Steuern, die er von jedem erpreßte, der in dem Bereiche seiner Macht lebte (ganz direkter Raub).

Indirekt in der Form von sogenannten indirekten Steuern, Zöllen und Tarifen – von Abgaben, die er auf alle möglichen Arten von Waren, vor allem auf Produkte des täglichen Bedarfes, erhob (eine Art Wegelagerei).

Wie er im Anfang seiner glorreichen Laufbahn auf Salz und Tee gestohlen hatte, so hatte er seitdem das Gebiet seiner Tätigkeit über Tabak und Streichhölzer hinaus bedeutend erweitert, und heute stahl er so ziemlich auf alles. Sicher vor ihm war nichts; er stahl auf Hunde und Affichen, auf Kontrakte und Theaterbillets, auf Lotterielose und Kartenspiele, und auf was sonst nicht noch, und nicht eher würde er zufrieden sein, bis er auch noch das letzte Hemd und das letzte Stück Brot besteuert hatte.

Was er aber, der große Räuber, noch übrig ließ, daß nahmen sicher die kleinen Diebe im großen Raubstaat, die Gemeinden.

Ihn aushungern also, indem man ihm die Zahlung der direkten Steuern einfach verweigerte, darauf also kam es an, und das war die Hauptaufgabe eines einstweiligen passiven Widerstandes.

Bisher war, soweit er, Ernst Förster, es wußte, Steuerverweigerung nie in größerem Umfang versucht worden, wie ja auch die Existenzberechtigung des Staates von einer größeren Anzahl Menschen auf demselben Fleck Erde nie ernstlich in Frage gezogen war. Wo aber hier und da Versuche in dieser Richtung zur Erlangung bestimmter, meist politischer Forderungen gemacht waren, waren sie stets, wie es auch gar nicht anders sein konnte, von vollem Erfolg begleitet gewesen.

Schon heute »bezahlte niemand seine Steuern gern«, und kein vernünftiger Mensch dachte daran, einen anderen deshalb scheel anzusehen oder gar für einen Betrüger zu halten, weil er sich »nicht richtig eingeschätzt hatte«; der also, wie es so schön hieß, ein »Steuerdefraudant« war.

Warum er nicht daran dachte? – Weil jeder die Eintreibung von Zwangssteuern (ganz instinktiv richtig) als einen Raub empfand, der ihn empörte, wenn er an ihm selbst verübt wurde und ihn nur – seltsame Logik! – kalt ließ, sobald er sich gegen andere wandte.

Es durfte fast mit Sicherheit angenommen werden, daß an dem Tage, an welchem man sich der Zahlung solcher Zwangssteuern ohne eigene Gefahr entziehen konnte, kein Mensch mehr auch nur einen Pfennig bezahlen würde, und in dieser frohen Zuversicht lag zweifellos die beste Hoffnung auf einen endlichen Sieg über den allmächtigen Feind, der heute noch so ungestraft sein schmutziges Handwerk betreiben durfte, in dessen Ausübung er in einer Weise, die an schamloser Dreistigkeit nicht überboten werden konnte, selbst in die privatesten Angelegenheiten des Einzelnen Einblick forderte und erzwang.

– Ein ernsthafter, wohl vorbereiteter und bis ins einzelne durchdachter Feldzugsplan einer systematischen Steuerverweigerung gegen den Staat als solchen konnte natürlich nur Aussicht auf Erfolg haben, wenn er nicht von wenigen Einzelnen oder einer verschwindenden Minderheit unternommen wurde (denn mit ihnen und ihr würde der Staat leicht fertig werden), sondern wenn er sich auf eine Minorität stützte, mit der gerechnet werden mußte, also etwa einem Viertel oder Fünftel der Bevölkerung. Vorstöße mochten versucht werden, gewissermaßen als Plänkeleien vor dem eigentlichen Kampf, aber erst wenn eine solche Minorität gewonnen war, konnte die Zeit des erfolgreichen Handelns gekommen sein.

Es war nicht unmöglich, ja wahrscheinlich, daß die ersten tastenden Versuche eines passiven Widerstandes gegen die Staatsgewalt folgendermaßen begannen und verliefen: Eines Tages würden, sagen wir; in einer Stadt von dreißigtausend Einwohnern dreißig ruhige, angesehene und allgemein als ehrenhaft bekannte Bürger die Zahlung ihrer Steuern verweigern: die ihnen zugehenden Veranlagungen und Einforderungen einfach in den Papierkorb werfen, wie Rechnungen über Waren, die sie weder bestellt, noch erhalten – überlegt, bewußt und ohne jede Verheimlichung die Zahlung von Steuern verweigern.

Man würde sie erst zu überreden versuchen, um sie von ihrer Absicht abzubringen; sie sodann belästigen auf jede Art und Weise; endlich zu Zwangsmitteln greifen, und – sie würden zahlen. Die anfängliche Verblüffung oder Entrüstung über den offenbaren »Wahnsinn« dieser Männer würde sich in ein befreites Gelächter über ihren »Mut« auflösen.

Gemach. Denn dieses Gelächter würde kaum verhallt sein, als die Autoritäten dieser guten Stadt (bei dem nächsten Termin) sehen mußten, daß aus diesen dreißig Steuerverweigerern hundert geworden waren, die, wieder in die Enge getrieben, zwar wieder bezahlten, was ihnen mit Gewalt abgenommen wurde, aber sich doch nicht so leicht, wie es schien, zufrieden gaben; und man würde die unliebsame Entdeckung machen, daß nicht nur hier, sondern auch in anderen Städten und Städtchen des Reiches Versuche ähnlicher umstürzlerischer Art im Gange waren und daß das böse Beispiel anfing, die bisher so guten Sitten merklich zu verderben.

Immerhin: die Regierung war auch diesmal Sieger geblieben und atmete wiederum auf.

Nur bis zum nächsten Mal.

Denn unterdessen war der Stein ins Rollen gekommen.

Viele von denen, die bisher ihre Steuern, wenn auch ungern und widerwillig, so doch notgedrungen bezahlt hatten, stellten sich die Frage: Was sind eigentlich Zwangssteuern ? – Wer hat ein Recht, sie zu erheben? – Wer die Pflicht, sie zu entrichten? – Und die weitere, sich daraus ergebende Frage von der Notwendigkeit und der Berechtigung des Staates wurde zu der des Tages, die in den Zeitungen, in den Gesellschaften, überall da, wo Menschen zusammenkamen, leidenschaftlich erörtert wurde, und zwar mit dem Resultat, daß die Streitenden mehr und mehr in zwei große Heerlager, »Für« und »Wider«, zerfielen, so daß der Staat eines anderen Tages einer Minorität bewußter Steuerverweigerer gegenüberstand, die so stark war, daß es ihm nicht möglich war, ihr mit den bisherigen Mitteln beizukommen, und er neue, drakonische Gesetze gegen sie aufrufen mußte, um ihrer Herr zu werden.

Das aber war der Anfang seines Endes, und der Tag nicht mehr fern, an dem ihm die Eintreibung seines Raubes mehr kostete, als dieser Raub einbrachte, und an dem ihm nichts weiter übrigblieb, als seinen Bankerott zu erklären. Natürlich würde sich der Staat nicht kampflos ergeben, sondern bis zum letzten Atemzuge um seine Existenz kämpfen und kein Mittel unversucht lassen, die Abtrünnigen zu ihrer »Pflicht« zurückzuführen – von dem sanften der Überredung und Beschwörung an, bis zu dem brutalen des Zwanges und der Bestrafung.

Ein unermeßliches Geschrei würde sich zunächst erheben über diese »Verräter am Volke«, die »Diebe am allgemeinen Gut«, diese »Schädiger des Gemeinwohls«, diese Egoisten, die »nur an sich dachten« und »ihr eigenes, kleines, schmutziges Interesse über das große der Allgemeinheit stellten«, statt eingedenk dessen zu sein, was sie der Nation, dem Vaterlande, dem – Staate schuldeten. Keine Beschimpfung gegen sie würde stark genug sein, und ein Lustmörder ein Lamm an Unschuld im Vergleich zu ihnen; keine Strafe zu hoch und zu schwer für diese »wahren Feinde der Menschheit« – alles Wutausbrüche des Verbrechers, der sich außerstande sieht, seine Opfer länger auszuplündern.

Aber diese Tiraden würden auf die Dauer ihren Zweck völlig verfehlen. Allmählich würden auch die lautesten verstummen, allmählich, ganz allmählich würde sich ein Umschwung in der öffentlichen Meinung vollziehen, und der Staat erkannt werden als das, was er war – ein Räuber und Dieb, und feiger und hinterlistiger, verlogener und niedriger als der Wegelagerer, der seine Opfer überfällt und beraubt, ohne seine Gewalttat mit schönrednerischen Phrasen zu entschuldigen.

Keine Gewalt also gegen die Gewalt des Staates, sondern Entziehung, Gehorsamverweigerung, Unbotmäßigkeit – Aufkündigung des Zwangsverhältnisses mit allen Mitteln und in jeder Form. Und Aufklärung, geistige Aufklärung, unablässig, immer und immer wieder.

Allerdings, war diese Aufklärung unmöglich gemacht, waren Wort und Schrift erdrosselt und die Presse nur ein willenloses Werkzeug in den Händen der Machthaber und nur noch ihr Sprachrohr, dann mußte die Bombe das letzte Wort sprechen, und wenige Revolutionäre wohl würde es geben, die diesem äußersten Kampfe um die Freiheit so kaltblütig zugesehen, ja, wenn für ratsam befunden, an ihm teilgenommen hätten, wie Ernst Förster.

Dann, aber auch nur dann.

So weit war es aber noch nicht, wenigstens nicht in den Ländern des Westens.

Noch konnte die Wahrheit geschrieben, wenn auch nicht überall gesagt werden; noch gab es Bücher (wenn auch nur einige), die in letzter Konsequenz die Forderungen der Freiheit stellten und die ungehindert ihren Weg gingen; noch Zeitschriften, die ihre Aufgabe der Aufklärung erfüllen konnten; und noch ging das Wort von Mund zu Ohr.

Fort daher endlich mit allen ebenso zwecklosen, wie schädlichen Mitteln der Gewalt, den Versammlungen hinter geschlossenen Türen und den öffentlichen Zusammenrottungen; fort mit den unterirdischen Klubs und den überlebten Verschwörungen; fort mit den Geheimbünden und Laboratorien zur Anfertigung von Gift und Dynamit! – Keine Regierung gab es, die nicht mit ihnen allen fertig wurde, ja, die sie nicht lieber gesehen hätte, als die langsame, um so sicherere Zersetzung des Autoritätsbegriffes in den Köpfen ihrer Untertanen; und keine, die sie, um sich selbst zu retten, nicht gewähren ließ und durch ihre Spitzel zu Gewalttaten ermutigte. Und genug, endlich genug der Opfer so vieler mutiger und fähiger Jünglinge und Männer, dieser zahllosen, verlorenen und so unendlich beklagenswerten Blutzeugen in diesem großen Kampfe!

Denn Blut ist ein kostbarer Saft, der nie unnütz vergossen werden sollte, und der Boden der Zeit brauchte nicht länger mit ihm gedüngt zu werden, um aufnahmefähig zu werden für den Samen der Erkenntnis. Er war es.

Friedlich und unblutig also, wie das Ziel selbst, war auch der Weg zu diesem Ziele.

Keiner, der die Freiheit liebte, brauchte seine Hand mit dem Blute seiner Mitmenschen zu beflecken, um sie zu erlangen. Ohne daß irgendeinem Menschen auch nur ein Haar gekrümmt wurde; ohne daß er auf irgendeine seiner Freiheiten, bis auf die eine: die Freiheit auf Kosten anderer, zu verzichten brauchte oder sie ihm beschränkt wurde; und ohne daß ihm ein Pfennig und ein Halm seines Eigentums genommen wurde, ließ sie sich erobern. Und ohne irgendwelche Expropriationen und Beschlagnahmungen, die doch im Grunde nur bedeuten, anderen das wieder zu entreißen, was man ihnen vorher erlaubt hatte zu nehmen.

Nichts war nötig, als der Fortfall der Gewalt, die sich über diesen Weg als Hindernis legte. Nichts brauchten die Menschen zu tun, als dieses Hindernis fortzuräumen und dann ihren Weg auf eigene Faust zu gehen.

Schön das Ziel, und grade und eben der Weg zu ihm; reinlich und ehrlich.

– Aber die Menschen schienen diesen Weg, den einzigen, den es gab, nicht zu sehen. Denn sie gingen ihn nicht.

Sie türmten neue Hindernisse auf die alten, und statt vorwärts zu blicken, schauten sie allein nach oben, als ob nur von dort her Rettung kommen könne.

Und doch konnte nie von oben herab – nicht oft genug konnte es gesagt werden –, sondern einzig von unten herauf die soziale Frage ihre Antwort finden.

Nicht verbieten, sondern unmöglich machen – das war es, worauf es ankam.

Die Lehre der Anarchie kannte das Wort »Sollen« nicht. Sie erließ keine Vorschriften. Sie gab keine Befehle.

Sie sagte nicht: du sollst nicht stehlen! – du sollst nicht töten! – du sollst nicht müßig gehen! – –

Sie schrieb nicht vor, wie die Menschen zu leben hatten; sie war kein Vademekum der Glückseligkeit; sie »verbot« nichts. Sie war eine rein negative Forderung, welche lautet: Laß andere in Frieden, damit du selbst in Frieden gelassen wirst! – Sie verspottete alle Systeme, mittels welcher die Menschheitsbeglücker ihre Opfer um jeden Preis selig machen wollten, und verlachte die Narren, welche eine neue Zukunft, ein »drittes Reich« aufzubauen versuchten und die Zukunft so malten, wie sie sich in ihren wirren Köpfen spiegelte.

Sie schlug die Mauern des Gefängnisses ein, und ihre ganze Bedeutung lag darin, erkannt zu haben, wie sich dieses Gefängnis nannte.

Ihm entronnen, mußte jeder sein eigenes Leben bauen, und wie er es sich baute, das war allein seine Sache.

Dem Laster seinen Gegenstand nehmen; die Fruchtbarkeit des Kapitals untergraben und brechen; den allgemeinen Kredit ermöglichen; der Arbeit ihren vollen Ertrag sichern; den Diebstahl so erschweren, daß Arbeit einträglicher und bequemer war – das waren weit bessere und sicherere Wege als ganze Heere von Gesetzen und Verordnungen.

Nach der einzigen Hilfe endlich zu greifen, die wirklich half, der Selbsthilfe – um wieviel würdiger und aussichtsreicher war das nicht, als immer und immer nur auf die Hilfe von oben her, auf die eines Staates zu bauen, der doch nur (auch das konnte nicht oft genug wiederholt werden) – unproduktiv, wie er war – geben konnte, was er zuvor genommen.

Fürwahr, weit richtiger, als es hieß: Die Befreiung der Arbeiterklasse kann nur das Werk dieser Klasse selbst sein, sollte es heißen: Die Befreiung des Einzelnen und seiner Arbeit kann nur das Werk dieses Einzelnen selbst sein!

Weder gewaltsame Umsturzbestrebungen, noch irgendwelche Reformen von oben herab, innerhalb des Staates, konnten also nützen, und nicht auf politischem Wege ließ sich die soziale Frage lösen, sondern einzig durch die Erkenntnis von der Notwendigkeit wirtschaftlicher Freiheit, erreichbar allein durch private Initiative.

Nicht von heute auf morgen würde der Staat fallen; nicht von heute auf morgen die Freiheit da sein.

Langsam, nach und nach, mit unendlicher Geduld in zäher Arbeit, mittels immer neuer Erfahrungen mußte sie erobert werden, durch stetig weitere Zurückdrängung der Machtsphäre des Staates in immer engere Grenzen, bis zu seiner endlichen Unschädlichkeit und Machtlosigkeit.

Diese Zurückdrängung würde sich kennzeichnen durch einen allmählichen Umschwung aller Lebensverhältnisse. Je mehr der Staat in die Gesellschaft, also der politische in den sozialen Organismus aufgehen würde, um so mehr würde sich unter der Freiheit des Geldes und des Kredits Armut in Auskömmlichkeit und Auskömmlichkeit in Wohlstand wandeln, und gleichermaßen der Luxus zurück in Wohlstand; große Vermögen, unfähig, sich länger aus sich heraus von selbst zu vermehren, würden sich aufzehren; die Besitzer weiter Ländereien sich beeilen, sie schnell und möglichst billig zu veräußern, um sich nicht der Gefahr auszusetzen, sich eines Tages im Besitz derer, die sie nicht selbst hielten und benutzten, nicht länger geschützt zu sehen und ihrer ohne Entschädigung verlustig zu gehen, machtlos, sie noch länger als ihr Eigentum zu behaupten.

Und mit diesem zunehmenden Wohlstand – der Möglichkeit für die Arbeit, sich mehr und mehr und endlich restlos ihres vollen Ertrages zu erfreuen, dieser »Lösung der sozialen Frage«; mit dem allmählichen Übergang alles »öffentlichen« Eigentums in private Hände oder in die freier, nicht aggressiver Vereinigungen zu bestimmten Zwecken; mit dem Schwinden der Monopole und der Klassengegensätze; mit dem allmählichen Verschwinden und endlichem Fortfall aller künstlichen Grenzen zwischen Mensch und Mensch, wie zwischen Volk und Volk – würde Hand in Hand die immer weiter um sich greifende Erkenntnis von der Notwendigkeit und Unentbehrlichkeit völliger gegenseitiger Freiheit gehen, und mit dem stetig größer werdenden Verständnis der sozialen Fragen sich ein immer stärkeres Abflauen des Interesses an politischen Fragen bemerkbar machen, bis die heute noch alles und alle beherrschenden Kämpfe um die Gewalt gegenstandslos wurden, da man sah, wie die Mächte, um die sie gingen, nach und nach in sich zerfielen.

So würde denn eines Tages auch die Stunde des Staates geschlagen haben, und er sich selbst nicht mehr verhehlen können, daß es mit ihm zu Ende ging.

Früher war nur von ihm, und immer nur von ihm die Rede gewesen, von ihm, um den sich alles drehte und von dem alles abhing; ohne den nichts unternommen werden und ohne den kein Schritt getan werden durfte.

Frech und breit hatte er überall im Vordergrund des öffentlichen Interesses gestanden und mit der Wucht seines ungeheuren Leibes alles bei Seite geschoben und zermalmt, was ihm hinderlich oder im Wege war.

Er hatte nur zu winken brauchen, und alles war geflogen. Jetzt war das alles ganz anders geworden.

Immer saurer und saurer wurde ihm das Regieren gemacht. Eines nach dem anderen seiner teuren Privilegien sah er sinken, schwinden und fallen, und sich selbst unfähig, sie noch aufrecht zu halten.

Verhaßt und verflucht von allen Einsichtigen war er immer gewesen und wußte es, aber solange er die große Masse und ihre Dummheit noch hinter sich hatte, war das zu ertragen gewesen und nichts im Vergleich mit der schweigenden Ablehnung, der er jetzt überall begegnete. Mied man ihn nicht schon wie einen Aussätzigen? –

Seine treuesten und ältesten Anhänger verließen ihn, und es war ihnen offenbar keine Ehre mehr, ihm zu dienen. Er hatte keine gehorsamen Untertanen mehr, und weder Bitten noch Drohungen brachten die Abtrünnigen zu ihm zurück. Seine Zahlungsschwierigkeiten wurden immer größer, und immer schwerer wurde es ihm gemacht, seinen Tribut einzutreiben. Dazu schien er jeden Kredit verloren zu haben, und nirgends genoß er mehr Achtung und Vertrauen.

Denn überall wurde jetzt, anstatt von ihm, von der Freiheit, dieser seiner schrecklichsten Feindin, geredet. Ihre Möglichkeiten und Vorzüge wurden erörtert; ihre Grenzen gezogen, und ein Ton der Gleichheit war unter den Menschen aufgekommen, die weit entfernt war von der, mit welcher er sie beglücken wollte.

Dieses neue, ruchlose Geschlecht glaubte an keine Autorität mehr, und seit er, der Staat, sich nicht mehr auf die seines alten Genossen stützen konnte, war es auch mit der seinen dahin. Es gab keinen Zweifel mehr – sie waren beide abgesetzt.

Vorüber, ach vorüber die herrlichen Zeiten der Majoritätsbeschlüsse und der Zwangsgesetze, des Militarismus und der uneingeschränkten Polizeigewalt, des Rassen- und Klassenhasses, der Bruderliebe und der frischen, fröhlichen Kriege, und selbst die erprobtesten Künste seiner Politik – wenn er sich auch nur als Vater und Berater aufdrängte – verfingen nicht mehr, da jeder durch sich selbst und nicht durch ihn glücklich werden wollte.

Man brauchte ihn nicht mehr! – Und das war es gerade, was ihn mit so ohnmächtiger Wut erfüllte, daß man ihn nicht einmal mehr bekämpfte, sondern ihn einfach beiseite schob und am Wege liegen ließ.

Und ihn obendrein noch auslachte! – Denn, wahrhaftig, man lachte ihn aus! – Man lachte bei seinen krampfhaften Versuchen, sich am Leben zu erhalten, man lachte und schien glücklich zu sein! –

Das aber war mehr, als er vertragen konnte: die Menschen glücklich – ohne ihn!

Da beschloß er zu sterben.

Eines Tages war er tot. Er war gar nicht eigentlich gestorben, sondern er war aufgelöst worden, zerfallen in sich, nicht mehr da …

Kein Mensch weinte dem alten Sünder eine Träne nach, und er wäre bald vergessen gewesen, wenn man sich nicht noch zuweilen von ihm erzählt hätte – von den dunklen und schrecklichen Zeiten unter ihm, den unbegreiflichen: den Zeiten des Wahnes und der Vorurteile, der Knechtschaft und der Bevormundung, den Zeiten der Kriege und der Tyrannei, Zeiten, von denen man sich keinen rechten Begriff mehr machen konnte, heute, wo man in glücklicheren lebte; und schöneren, weil freieren …

Auch der Weg zum Ziele war also gefunden.

Einen Blick nur noch auf dieses Ziel.

Aber war die Freiheit ein Ziel? – Konnte sie so genannt werden?

– Ein Ziel, das, erreicht, nun ein Ausruhen bedeutete für alle Zeiten?

Gewiß nicht. Denn sie war kein Ende des Kampfes. Sie war der freigewordene Kampfplatz.

Es würde kein Kampf der einen mehr gegen die andern sein, sondern der Kampf aller gegen alle, der friedliche, unblutige und – schöne Kampf des Lebens.

Der Kampf des Einzelnen um sein Leben. Und sein Sieg: der ewige Sieg der Vernunft an Stelle des Unterliegens im Kampf mit der Dummheit. –

So war die Freiheit kein absolut vollkommener Zustand, wie es einen solchen, wo Menschen zusammenlebten, überhaupt nie geben konnte.

Sie war kein fleckenloses Ideal. Ja, sie mochte den einen oder anderen Nachteil im Gefolge haben, den die Knechtschaft nicht hatte. Ernst Förster war gern bereit, es zuzugeben. Aber verglichen mit dieser Knechtschaft waren die Vorteile der Freiheit so große, so unvergleichlich große, daß eine Wahl nicht zweifelhaft sein konnte.

Sie war keine Lösung aller Fragen. Sie war einfach die beste Beantwortung der sozialen Frage, der die Beziehungen der Menschen untereinander betreffenden Frage.

Und sicherlich war sie kein Zustand, der, einmal erreicht, nun unentreißbarer Besitz geworden war, sondern ein Zustand, der von jedem Einzelnen immer von neuem erworben und verteidigt werden mußte, ein Zustand unausgesetzter Wachsamkeit gegen jeden Eingriff von außen.

– Ein Kampf, wie das Leben ein Kampf war; und der Siegerpreis in diesem Kampfe sie selbst.

Es gab Menschen, die, wie sie sagten, die Freiheit so fanatisch liebten, daß sie diese nur in absoluter Vollkommenheit besitzen wollten oder gar nicht; und die sagten: kann ich die Freiheit so, wie ich sie mir denke, nicht haben, will ich sie lieber gar nicht haben …

Sehr gefährliche Freunde der Freiheit auch sie!

Denn nichts auf der Welt war absolut vollkommen, und jede absolute Forderung vom Übel.

Es gab keine absolute Freiheit in sozialem Sinne; es konnte keine geben.

Absolut frei bin ich, wenn ich mit mir allein bin; schon die Gegenwart eines Zweiten schränkt sie ein: ich unterlasse Dinge, die ich tun würde, wäre ich allein; und ich erwarte von ihm, daß er sie gleichermaßen unterläßt. Eine Grenze ist entstanden: die Grenze der gleichen Freiheit des anderen, an der meine absolute endet.

– Auch er, Ernst Förster, hatte, jung und ungeduldig, zu Höhen gewollt, die jenseits des Lebens lagen.

Hineingerissen in die große Bewegung, die der Befreiung der Arbeit galt, erkannte er dann ihren ersten Irrtum – aus dem grenzenlosen Jammer und dem ungeheuren Elend bestehender Verhältnisse hinein zu wollen in einen idealen Zustand; an Stelle einer trostlosen Wirklichkeit das Paradies der Vollkommenheit zu setzen – erkannte diesen Irrtum, zweifelte lange und war verzweifelt für eine kurze Zeit.

Dann war die Erkenntnis gekommen: daß es nicht galt, den Himmel auf die Erde zu zwingen, der in den Träumen der Toren nur lebte, sondern die Erde, diese Erde, der Freiheit zu erobern. Und es hatte ihn fortgedrängt von allen Richtungen und Parteien, von allen Massen- und Klassenbestrebungen, und mehr und mehr hin zu dem Einzelnen, bei dem alles Heil der Befreiung, das kommen konnte, allein lag – auf dem Boden einer harten Wirklichkeit das allein Mögliche, das einzig Erreichbare: eine gleiche Freiheit für Alle.

Je mehr er sie kennen lernte, diese Freiheit, je tiefer er in ihr Wesen eindrang und in ihre Gesetze, um so mehr hatte er sie lieben gelernt.

Aber sie war ihm weder zu einem Fetisch geworden, vor dem er kniete, noch zu einer Göttin, zu der er betete. Sie war ihm eine Freundin, eine gute und verläßliche, der er vertraute.

Sie war seiner Erkenntnis einfach der beste Zustand der menschlichen Gesellschaft, der möglich war. Fand er einen besseren, so würde er auch heute noch keinen Augenblick zögern, sie für diesen besseren aufzugeben.

Denn er war kein Fanatiker, auch kein Fanatiker der Freiheit. Immer und immer hatte ihn alles, was Fanatismus hieß, mit Unlust, mit Mitleid und oft mit einem geheimen Grauen erfüllt, das zum Abscheu werden konnte; und er sah in ihm den trübäugigen und gefährlichen Bruder jenes Absolutismus, dem er als der größten Gefahr auf dem Wege zu rechter Erkenntnis so oft begegnet war.

Der beste Zustand, der möglich war. Nicht mehr, nicht weniger.

Denn so vieles sie gab, alles würde die Freiheit nicht geben können; und so viele Wunden sie heilte, die die Menschen sich gegenseitig schlugen, ein Allheilmittel war sie nicht. Sie nahm die Last der Knechtschaft von unseren Schultern; Berge versetzte sie nicht.

Manches würde bleiben, was untrennbar war vom Leben: Krankheit und Altern und Tod; enttäuschte Hoffnungen und unerwiderte Neigung; und die letzte Unbefriedigung alles menschlichen Strebens.

Sie würden bleiben, diese natürlichen Leiden, wie die Leidenschaften nicht verschwinden würden und der Kampf mit ihnen.

Aber die Leiden, die wir uns selbst schufen in unnützer Grausamkeit und blinder Torheit, dies ungeheure Meer großer wie kleiner (und ausnahmslos unnötiger) Leiden, würde weiter und weiter zurückweichen müssen vor der langsamen Entwickelung zur Freiheit und endlich versanden.

Aber wann, wann endlich würde sie kommen, die Freiheit? – Bange Frage, die in so vielen Herzen zitterte, auf so viele Lippen sich drängte! – Unzufriedene und Verbitterte fragten sie ungeduldig, Enttäuschte und Verzweifelte, hier und überall …

Und die Antwort war doch so schwer, fast unmöglich zu geben!

Geistige Aufklärung brauchte ihre Zeit, um wirken zu können. Jahrtausende hatten Vorurteile auf Vorurteile, Irrtümer auf Irrtümer in die Köpfe der Menschen gesät, sie verdummt und verstopft. Da mochte es vielleicht einem Jahrhundert erst gelingen, sie zu lüften und zu reinigen; und kaum mehr als ein halbes erst war vergangen, seit der erste Ansturm gegen das Bollwerk des Staates, den schlimmsten Feind der Aufklärung, unternommen war.

Oft, wenn er sah, wie weit die Menschen um ihn her, in allen Ländern, die er nun schon durchwandert, in ihrem Denken noch von dem Begriff wahrer Freiheit entfernt waren, wie unendlich weit alle die noch, für die es noch Unterschiede der Nationen, der Rassen, der Religionen, der Geschlechter bei ihren sozialen Forderungen gab: noch Deutsche, Engländer und Franzosen; noch Weiße und Schwarze; noch Christen und Juden; und noch Männer und Frauen statt einzig Individuen; und wie überall diese Forderungen und Bestrebungen dahin gingen, die Folgen von Ursachen zu bessern oder zu beseitigen, statt endlich diese Ursachen selbst zu ergründen, oft dann dachte er: nicht ein Jahrhundert, ein Jahrtausend kann es dauern, bis dieses stumpfe Denken sich aufrafft, diese blinden Augen sehend werden.

Wie er sie hassen gelernt, diese seichten Verallgemeinerungen, die überall die Menschen erst zusammenfaßten und dann einteilten, und überall Gleichartigkeit sahen, wo es nur Verschiedenheiten gab!

Ein Beispiel nur. Was hieß das: die Juden? – Er hatte unter den Juden die feinsten Köpfe und die zartfühlendsten Herzen (mit Freude gedachte er noch oft seiner Bekanntschaft von der Universität her) gefunden, und unter ihnen zugleich die dreisteste Unverschämtheit und schlimmste Unehrlichkeit – was konnten diese »Stammesgenossen« wohl noch miteinander gemeinsam haben, und was hieß das also: die Juden? – – nichts.

Langsam, unendlich langsam ging es vorwärts, und wie war das anders möglich, solange noch solche Allgemeinbegriffe die Gehirne verkleisterten und jedes ruhige Sehen und Urteilen unmöglich machten?

Einige, verhältnismäßig wenige erst waren ganz geklärt und erkannten, worauf es ankam; in anderen begann es zu dämmern, ohne daß sie schon klar sahen; in vielen gewiß war die bisherige Ordnung in Unordnung geraten und der Zweifel eingezogen; aber in den meisten – wie sah es noch in den meisten aus! – Nicht nur in den »breiten Massen«, sondern auch in der »geistigen Elite« war der Glaube an die Notwendigkeit des Staates als eines unvermeidlichen Übels, das ertragen werden mußte, weil es ohne ihn keine Ordnung, keine Ruhe und keinen Frieden geben könne, ganz unerschüttert; und noch immer wurden die, welche eine Ordnung ohne den Staat als die einzig mögliche zu verteidigen wagten, als halb Irrsinnige, und wenn das nicht, was schlimmer war, als Phantasten und Träumer angesehen und hingestellt, während sie es doch waren, die in dem Chaos, dem politischen und wirtschaftlichen ringsumher, allein als Erste den Boden der Wirklichkeit erreicht hatten.

Ein Jahrhundert – vielleicht; ein anderes – möglicherweise. Aber ein Trost blieb: was früher lange gedauert hatte, ging heute schnell. An die Stelle der Postkutsche war der Dampf getreten, und ein neues Schiff eroberte die Luft. Stärker und stärker wurde die Kluft zwischen Generation und Generation. Der Vater hatte dem Großvater näher gestanden, als heute der Sohn dem Vater stand, und wer konnte sagen, wie sehr der Boden, auf dem die Staaten ihre Zwingburgen errichtet hatten, bereits unterwühlt war? – Wer, was sie eines Tages ins Wanken und dann zu einem schnellen Fall bringen konnte? –

Denn eines war sicher: war der Glaube an den Staat einmal erschüttert, zeigten sich die ersten Segnungen wahrer Freiheit, dann brachten auch die verzweifeltesten Anstrengungen der Gewalt ihm nicht mehr in seine frühere Machtstellung zurück, und der Fortschritt zu dieser Freiheit war ein unaufhaltsamer und voraussichtlich ein rapider.

Bis dahin allerdings würde wohl noch manche Staatsidee (und die utopischen Versuche) ihr Schicksal erleiden müssen: zu entstehen und zu vergehen; und wenn schon alle dynastischen und absoluten Formen dahingeschwunden waren, würden republikanische und demokratische auf sozialistischer Basis ihre Unmöglichkeit erst erweisen, würde das ganze wirtschaftliche und geistige Elend sozialistischer Gleichheitsbestrebungen bis auf den letzten Tropfen durchgekostet werden müssen, ehe die Anarchie als einzig mögliche und einzig noch verbleibende Form der Gesellschaft als letzte und rettende Hilfe begrüßt wurde.

Wann? – Frage, schwer, fast unmöglich, genau zu beantworten.

Je eher aber, desto besser.

Warum ging es so langsam?

Die unendliche Trägheit und die unendliche Feigheit der meisten Menschen, ihre stumpfe Ergebenheit und ihre dumpfe Glaubensseligkeit waren schuld daran.

Der Arbeiter verbrachte lieber sein ganzes Leben im Elend, als daß er auch nur eine Stunde über die Gründe dieses seines Elends wirklich nachgedacht hätte. Eltern ließen sich lieber ihre Kinder entreißen, als daß sie ihre Bequemlichkeit einem Widerstände gegen die Räuber oder einer Auseinandersetzung mit ihnen geopfert hätten. Statt des Mutes zur Selbständigkeit in den einfachsten und selbstverständlichsten Dingen herrschte überall nur die Besorgnis, nicht aufzufallen, nicht anzustoßen, sich nicht zu unterscheiden: in Sitte, Kleidung, in den tausend Gewohnheiten des täglichen Lebens; und überall eine Angst vor dem eigenen Denken und Urteilen, die ebenso groß war wie der blinde Glaube an die Autorität.

Und doch konnte einzig das eigene Denken dem Menschen helfen.

Große und tiefgehende Umwälzungen hatten sich in seinen Anschauungen zu vollziehen. Eine alte Weltanschauung sollte durch eine neue ersetzt werden. Festgewurzelte Begriffe mußten ausgerodet; ererbte und liebgewonnene Anschauungen preisgegeben; treulich gehegte Vorurteile zerstört werden.

Ungeduldige verzweifelten.

Aber so wenig es möglich war, einen tief eingeschlagenen Nagel mit den bloßen Fingern aus einem Balken zu ziehen, so unmöglich war es, die in den Köpfen eingeschmiedete Idee der Autorität von heute auf morgen zu entfernen. Nur die Zeit konnte sie lockern; nur die Zeit sie endlich brechen.

Man sagte, daß sich die Menschen erst verstehen müßten. »Alles verstehen, heißt alles verzeihen«. Nun, es war gewiß besser, wenn sich die Menschen verstanden, als wenn sie sich nicht verstanden, aber darauf warten, daß sie sich verstanden, hieß ewig warten. Denn wer verstand einen andern je ganz? – Wer auch nur sich selbst? – Es kam auch in erster Linie gar nicht darauf an, daß sich die Menschen verstanden, sondern daß sie sich in Ruhe ließen, und zu verzeihen hatten sie nichts, solange sie sich nicht zu nahe traten. Ihr Verzeihen schmeckte daher nur allzusehr nach Überheblichkeit und Pharisäertum.

– Im Lichte einer gemeinsamen Freiheit mußten sich die Begriffe langsam modeln.

Sittlich sollte nicht der Mensch heißen, der die Moralgesetze seiner Umgebung sklavisch befolgte, sondern der die Freiheit seiner Nebenmenschen achtete gleich der eigenen; unsittlich der, der sie willkürlich und fortgesetzt mit Füßen trat. Ehrlich und anständig, wer seine eingegangenen Verpflichtungen erfüllte; und vornehm nicht, wer sich im Besitz großer Namen und Titel und Orden befand, sondern wer seine Blicke zu erheben vermochte über den kleinen Streit des Tages.

Warum ging es so langsam?

Oft dachte Ernst Förster: Wenn alle die, welche behaupteten, »die ganze Freiheit« (jede, bis auf die eine, vor der ihr Vorurteil haltmachte) zu wollen, auch noch diese eine, die letzte, die ihnen unbequem, gefährlich, unmöglich erschien, wirklich wollten; wenn alle, welche ewig die alte Phrase: »Das Volk ist noch nicht reif …« wiederkäuten, dieses Volk nur endlich reifen lassen wollten und bedenken, daß ein Kind nicht gehen lernen kann, dem man die Füße bindet; wenn alle, die sagten: Es geht nicht! – sagen würden: Es geht! – ; und wenn alle, die an Freiheit als ein endliches Ziel der Menschheitsentwickelung zwar zu glauben vorgaben, aber in dem Mittel zu diesem Ziel nur die Gewalt zu sehen vermochten, wenn alle diese erkennen wollten, daß Freiheit nur Zweck und Mittel zugleich sein konnte, oft dachte er, daß wir sie morgen, nein, heute hätten – die Freiheit, nach der alle riefen!

Wann? – Unbeantwortbare Frage.

Fest stand nur, daß die Antwort auf sie nie von den Massen kommen konnte, um die sich alle, die die Gewalt befürworteten, so laut und so verzweifelt bewarben, weil sie, jene Massen, ihnen allein diese Gewalt verschaffen konnten; daß sie nie von diesen betörten, hin- und herschwankenden, von ihren Führern mißleiteten und in ihrer Liebe wie in ihrem Haß gleich blinden Massen ohne Urteil, ohne Überlegenheit und Einsicht, kommen konnte, sondern einzig und allein von den Einzelnen.

Diese Einzelnen aber würden kommen; und eines Tages, stark genug, die Antwort geben. Kommen von überall her: aus der Intelligenz der Arbeiterschaft, wie aus der geistigen Aristokratie und aus den Kreisen des Bürgertums, die sich wirklicher Aufklärung nicht länger verschlossen. Je größer ihre Zahl wurde, um so näher rückte der Tag der endlichen Befreiung.

Sie waren heute bereits überall – der Ältere, der es noch vermochte, sich von seinen Vorurteilen zu befreien, reichte dem Jüngeren, der sich in Trotz und Ungestüm gegen diese Vorurteile auflehnte, die Hand; überall begannen sich die Brücken zwischen Ländern und Völkern, Rassen und Klassen, über vermorschende Grenzen hin zu spannen, und auf ihnen kamen und gingen die befreienden Gedanken, um sich zu finden und sich nicht mehr zu lassen. So würden sie in den Tagen des Handelns auch überall zur Stelle sein: wenn in den Ländern, wo heute schon die Idee der persönlichen Freiheit am höchsten stand, in England und den Staaten von Amerika, diese Idee sich zur Tat wandeln würde, würden auch aus ihnen, in welchen diese Idee heute noch am tiefsten stand, einem Preußen, einem Rußland, Stimmen über Stimmen antworten und antworten.

Wer vermochte mit Sicherheit zu sagen, wie viele Anarchisten heute die Erde nicht schon trug? –

Die es waren, die wußten, weshalb sie es waren, und die sich mit Recht daher so nannten, waren gewiß zu zählen.

Aber die, die es waren, ohne es zu wissen, wer zählte sie? Wer konnte sie zählen?

Denn alle, die nichts vom Leben begehrten, als ehrlich ihre Arbeit zu tun und sich des Ertrages ihrer Arbeit zu erfreuen; alle, die in Wirklichkeit nicht daran dachten, ihre Mitmenschen bestehlen und berauben zu wollen und die dennoch keine Ahnung hatten, daß sie es taten und wie sie es taten; alle, die in Ruhe leben und andere in Ruhe lassen wollten, um selbst in Ruhe gelassen zu werden, waren Anarchisten, mochten sie sich nun so nennen oder nicht. Auf die Massen daher, ihre Gunst und ihre Mißgunst, verzichten und ihr Urteil verachten, aber diese Einzelnen suchen, überall und unermüdet, das war die Aufgabe; waren diese Einzelnen gefunden, war die Aufgabe gelöst und das Ziel erreicht – der Weg zur Freiheit frei über die Leiche des Staates, dieses Staates, der sich überall schon so verhaßt gemacht hatte, daß es schier unbegreiflich erschien, wie er noch geduldet werden und noch weiterbestehen konnte.

Aber inzwischen? – Was läßt sich inzwischen tun gegenüber dieser so festgegründeten, nach allen Richtungen hin ausgebauten und scheinbar so unbezwinglichen Gewalt des Staates?

Viel. – Unendlich viel.

Vor allem dies: sich selbst dieser Gewalt entziehen; nicht mitmachen; beiseitestehen.

Denn nicht nur auf das, was ein Mensch tut, kommt es an, sondern oft noch weit mehr auf das, was er unterläßt.

Sich nicht an die Krippe des Staates drängen, als sei sie die einzige Futterstelle; keine »Ehre« darin suchen, einer so verächtlichen Institution, wie er, der Staat, es ist, zu dienen, sondern es als eine Schande betrachten, seine Kraft und Hilfe in den Dienst einer so schlechten Sache zu stellen; auf jede solche, nur mit der eigenen Entwürdigung erkaufte, sogenannte »gesicherte Lebensstellung« verzichten, wie auf alle diese lächerlichen Titel, Orden und Auszeichnungen; vor der Obrigkeit und ihren Organen nicht bei jeder Gelegenheit kriechen und betteln, um sie so in ihrem Hochmutsdünkel auch noch zu bestärken, sondern ihnen entgegentreten, wie anderen Menschen auch, und von ihnen verlangen, anständig behandelt zu werden; nicht in der Ehe, sondern in freien Bündnissen, in gesonderten Haushaltungen und daher unangreifbar gegen jede freche Einmischung von außen, sein Glück suchen und finden; seine Kinder selbst unterrichten oder von selbstgewählten und selbstbezahlten Kräften unterrichten lassen, statt sie fremden Händen auszuliefern, und ihnen von früh auf zeigen, in welcher Welt sie lebten und in welcher sie leben sollten; dem Staat und ebenso der Gemeinde ihre Steuern nicht hintragen, sondern sie sich holen lassen und erst im äußersten Notfall (und dann auch noch unter immer wiederholtem Protest) bezahlen; die Existenz dieses Staates und dieser Gemeinden negieren und sie nur in Anspruch nehmen, wenn das eigene Interesse es gebieterisch erforderte – mit einem Wort: dem Angreifer und seinen Helfershelfern bei jeder sich bietenden Gelegenheit das Leben so sauer wie nur möglich machen, ihn ärgern, ermüden, enervieren durch Sabotage und passive Resistenz, wo es nur ging – so durch das eigene Leben ein stilles, und eindringliches Beispiel geben, daß es ging, wenn man nur wollte; das und noch manches andere konnte jeder tun, und konnte es schon heute!

Aber der Arbeiter, wurde er gefragt, was konnte der Arbeiter tun, der keine Steuern zahlte, weil er kein Einkommen hatte, das der Besteuerung wert gewesen wäre, und der daher auch keine Steuern verweigern konnte?

Ebenfalls viel.

Alles, was Politik hieß, perhorreszieren; keine politische Partei durch seinen Beitritt stärken; keiner wie immer gearteten Führerschaft Gefolge leisten; sich jeder Wahl enthalten und unter Protest gegen den ganzen Wahlschwindel; die eigene Lage und das, worauf es allein ankam, endlich begreifen lernen – begreifen, daß es besser war, statt darüber zu reden, ob statt zehn nur acht Stunden gearbeitet werden solle, einen Zustand zu erkennen, in dem nur zwei oder drei Stunden gearbeitet zu werden brauchte, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen – mit einem Wort: begreifen, daß die soziale Frage keine politische, sondern eine soziale Frage war und daß sie deshalb so hieß; und daß er, der Arbeiter, eine Waffe besaß, die an der rechten Stelle und zur rechten Zeit, überlegen und klug angewandt, ihn unbesiegbar machte – den Streik.

Dies alles und vieles andere konnte getan werden, wenn es nur getan werden wollte: die Bücher und Flugschriften der Literatur dieser Weltanschauung des individualistischen Anarchismus – (und welche Weltanschauung hatte in den drei Kultursprachen, der französischen, der englischen, der deutschen eine solche Literatur!) – diese in die Ecke gedrückte, überall totgeschwiegene, verfemte Literatur, konnte verbreitet werden, unablässig und überallhin, wo es nur ging; wer reden konnte, mochte reden; wer schreiben, schreiben; und wer nicht selbst bauen konnte, sollte wenigstens helfen, Steine zum Bau herbeizutragen, um so die Mittel zu schaffen, ihn zu vollenden. Und der Einzelne bei allem immer neue Kraft aus dem Gedanken schöpfen, daß die Sache der Freiheit seine Freiheit war und die eigene Befreiung der Lohn für alle Mühen. Würde so, dort wie hier, gehandelt werden, – wahrlich! – der Tag konnte nicht mehr fern sein, wo das soziale Problem seiner tatsächlichen Lösung entgegenging, statt, wie heute, nur erst als Forderung auf dem Papier zu stehen.

Denn wenn es eine Utopie gab, so war es die Utopie der Gewalt. »Utopisten« schalten die Feinde der Freiheit deren Freunde.

Aber nicht die Freiheit, sondern die Gewalt war eine Utopie – ein auf die Dauer unhaltbarer und unmöglicher Zustand der menschlichen Gesellschaft.

Die paar Jahrtausende der Menschheitsgeschichte, die sich übersehen ließen, von ihren barbarischen Urzuständen an bis herauf zu den, leider in vielem noch ebenso barbarischen Zuständen unserer Tage – was waren sie anders, als ein unausgesetzter Kampf um die Gewalt? – als ein ewiger Wechsel dieser Gewalt zu immer neuen Formen ohne die Möglichkeit, sich in einer von ihnen ständig zu behaupten – was waren sie anders als ein vergeblicher Kampf? –

Was waren sie anders, als ein Kampf der Freiheit eben gegen diese Gewalt, der Kampf der einen um ihre Freiheit gegen die Unterdrückungsversuche der anderen? –

Und was waren sie anders, als ein steter, wenn auch langsamer Sieg der Freiheit und ein immer neues Unterliegen der Gewalt? –

Denn die Freiheit war die Siegerin und mußte es sein, weil sie der natürliche Zustand der Gesellschaft war, der einzige, der endlich nach den endlosen Kämpfen von Dauer sein würde.

Die Gewalt war die Utopie, und alle Versuche, ihren Zustand zu einem dauernden zu machen, ein immer neuer Fehlschlag der Feinde der Freiheit, und diese ihre Feinde, nicht ihre Freunde, in Wahrheit – Utopisten!

Jahrtausendelang von dem einen an dem anderen Teil der Menschen verübtes Unrecht ließ sich nicht von heute auf morgen auslöschen, als sei es nicht gewesen.

Furchtbare Kämpfe würden noch ausgefochten werden müssen. Eine unterdrückte Klasse, ein vierter Stand, begehrte aus der Nacht herauf zum Licht. Um die Herrschaft dieses Lichtes zu erringen, würden die bislang Entrechteten, blind und töricht, nach demselben Mittel greifen, durch das sie bisher dort unten gehalten waren: nach der Gewalt, und vor allem würden sie an die Stelle der bisherigen Diktaturen eine neue setzen wollen, ihre eigene, die »Diktatur des Proletariats«.

Rache würden sie zunächst einmal nehmen wollen an ihren gehaßten Feinden und die Erde unter ihrem Schlachtruf: Nieder mit dem Kapital! – Nieder mit der Bourgeoisie! – erzittern lassen.

Verständlich von menschlichem Standpunkt aus, aber so unheilvoll, wie sinn- und zwecklos. Nichts als ein neues, wirtschaftliches Chaos würde die Folge dieser Expropriationen, dieser Sozialisierungen und Kommunalisierungen, dieses roten Terrors sein, und (wenn auch nur zeitweilig) eine Herrschaft erstehen, furchtbarer und schreckenvoller in ihren Wirkungen, als es je eine gewesen, um, während die Freiheit ihr Haupt verhüllte, in neuen Strömen von Blut und Tinte eine gemarterte Menschheit zu ersticken.

Mußte es wirklich bis zu diesem Äußersten und Letzten kommen? – der Leidensweg der Menschheit bis zu seiner letzten Station durchgangen werden? …

Es lag einzig und allein an diesen Menschen selbst: ob sie sich in letzter Stunde noch für den einzigen Weg entscheiden würden, der sie vor dem eigenen Untergang bewahren konnte; oder ob sie weiter versuchen würden, einen Orkan mit Gewalt zu beschwören, dessen Ausbruch nur eine Macht auf Erden verhindern konnte – die Macht der Freiheit.

Taten sie es nicht, erkannten sie nicht den Weg, der sie allein noch herausführen konnte aus dem zusammenstürzenden Hause, dann geschah das Unabwendbare: rollte die blutige Welle vom Osten heran über einen in seinen Grundfesten erschütterten Westen, begrub seine Kultur und ersäufte den letzten Schrei nach Freiheit auf unübersehbare Zeit! …

Dann, wenn aus diesem Kampfe die Gewalt unbezähmbarer und nicht mehr aufzuhaltender Massen als Siegerin hervorgehen sollte und die Allmacht des Staates in den von fanatisierten Gehirnen ausgeklügelten Systemen eines unmöglichen Kommunismus auf der ganzen Linie obsiegte; wenn keiner sich mehr um seine Angelegenheiten kümmern durfte, oder vielmehr: sich nicht zu kümmern brauchte, da es keine »privaten« Angelegenheiten mehr gab, sondern nur noch »öffentliche«;

wenn alle zu besoldeten Angestellten des Staates geworden waren, es also nur noch Beamte gab und das ganze Land eine große Kaserne geworden war;

wenn es nur noch ein Hospital, eine Schule, eine Kirche, eine Familie mehr gab und der ganze Staat ein großes Narrenhaus geworden war, in dem die fixeste Idee die Anwartschaft auf die größte Anerkennung hatte;

wenn die »Aufteilung« aller Vermögen und des Grundbesitzes »zu allgemeiner Zufriedenheit« stattgefunden hatte und keiner irgendetwas tatsächlich sein eigen nennen konnte – es nur noch ein Eigentum gab, an dem alle teilhatten; wenn jeder die ihm festgesetzte Zeit arbeitete, nicht mehr und nicht weniger, und nur, was ihm vorgeschrieben war; wenn Handel und Wandel, die Fabriken und die Bergwerke, die Banken und die Kaufhäuser, alle Transportmittel zu Wasser, zu Lande und in der Luft und der gesamte Verkehr, kurz, die ganze Industrie und alle ihre Betriebe unter Zwangswirtschaft gestellt waren;

wenn das Kinderzeugen, das doch immerhin bisher unter Umständen noch ein Vergnügen gewesen war, der staatlichen Erlaubnis bedurfte und an Stelle der freien Auslese nur noch Zwangsehen vorgeschrieben waren, in denen die Zahl der in die Welt zu setzenden Kinder gemäß der Statistik des für die Allgemeinheit notwendigen Bevölkerungszuwachses normiert war;

wenn Bücher erst geschrieben und veröffentlicht werden durften, nachdem ihr Entwurf eingereicht und dieser »gebilligt« war, und selbst die Dichter nicht mehr ohne vorherige Erlaubnis singen durften (es seien denn Hymnen auf den Staat);

wenn alle Wissenschaft der Kontrolle von »anerkannten Autoritäten« unterstellt und genau vorgeschrieben war, was gelehrt, gelernt, gedacht und erfunden werden durfte;

wenn die Kunst nur noch in Akademien unter der Aufsicht staatlich angestellter Professoren ausgeübt wurde –

wenn so der Staat, der Idealstaat, der Volksstaat, für eine, und sei es noch so kurze Zeit, unmögliche Wirklichkeit geworden, wenn alles, aber auch alles verstaatlicht oder kommunalisiert war;

wenn die gegenseitige Bevormundung ihren Höhepunkt erreicht haben würde – jedes Wort, jeder Blick, jeder Schritt und Tritt beobachtet, bewacht, belauert und kontrolliert wurde;

wenn alle Menschen gleich geworden waren, gleich im Denken und Fühlen, Trachten und Streben, Reden und Handeln, so gleich, daß nur eine Numerierung noch sie voneinander zu unterscheiden vermochte;

wenn die Eintönigkeit und Langeweile dieses endlich erreichten Paradieses auf Erden auch den Stumpfsten zur Verzweiflung getrieben haben würde (während alle anderen längst diese Hölle des Glücks freiwillig verlassen oder sich aufgehängt hatten);

wenn – – –

Aber hier wurde er unterbrochen.

Nein, so weit würde es nicht kommen. So weit gehen wir denn doch nicht mit! –

Als ob es dann noch darauf ankäme, wie weit die dann noch mitwollten, die nun mitgerissen wurden!

Ja, ganz so weit würde es wohl nicht kommen. Aber an dem guten Willen der Gleichheitsfanatiker, die den Stein herabgewälzt und ins Rollen gebracht, lag es sicherlich nicht, wenn ein solcher oder ähnlicher Idealzustand eines sozialistischen Staatswesens, einer Menschheitskommune, eines dritten Reiches nicht erreicht und furchtbare Wirklichkeit wurde, denn jede Gewalt ging immer so weit, wie sie eben gehen konnte, und schreckte vor keiner noch so absurden Zwangsmaßregel zurück, wenn es ihr nur gelang, ihre »Idee« durchzusetzen.

– Was uns von diesem Äußersten bewahrte und allein bewahren würde, war das Maß an Freiheit, das wir uns in dem langen und schweren Kampf der Kultur in diesen letzten Jahrhunderten, nach und nach, aber unentwindbar erworben hatten. Und daß dieser Weg der Kultur aufwärts ging, »in Spiralen« zwar, aber aufwärts, das war unsere beste und letzte Hoffnung.

Aber auch wenn sich die Menschen besinnen würden – und was blieb ihnen schließlich übrig, als sich auf sich selbst zu besinnen? – auch wenn sie sich langsam, und so unbegreiflich widerwillig der Freiheit zugewandt haben und deren stille und doch so zwingende Segnungen offensichtlich eingesetzt haben würden:

wenn der letzte große Kampf, der Kampf zwischen Staat und Individuum, ausgefochten war und mit dem Siege des letzteren über seinen mächtigen Feind geendet hatte;

wenn die gesunde Vernunft den Worten wieder zu dem ihnen innewohnenden Sinn verholfen haben und gegenseitiges Verständnis aus der wahren Erkenntnis der Begriffe wieder ermöglicht sein würde;

wenn die Menschen sich endlich daran gewöhnt haben würden, ihre eigensten Angelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen, statt mit ihnen andere, die sie nichts angingen, zu belästigen, und sich so gezwungen sahen, die Verantwortung für diese ihre Handlungen selbst zu tragen, statt sie jenen anderen aufzubürden;

wenn nach und nach der furchtbare Druck des Staates von ihnen wich und sie sahen, wie schön, reich, sorgenlos und glücklich das Leben sein konnte und wie arm, elend und entwürdigend es gewesen war;

wenn der mißhandelte Begriff der Gleichheit wieder einen Sinn erhalten hatte, den einzigen, den er haben konnte – den der gleichen Freiheit aller;

wenn es keine andere Einkommensquelle mehr gab, als die der Arbeit, und es jede Freiheit gab, außer einer nicht: der auf Kosten anderer;

wenn mehr und mehr erkannt wurde, daß nicht der Wert, sondern allein die Kosten das gerechte Maß des Preises bilden sollten und daß die, welche dieses Prinzip nicht anerkannten, mehr und mehr als Unehrliche und Betrüger gebrandmarkt wurden;

wenn die Nachfrage nach Arbeit das Angebot nach ihr übersteigen und somit der Arbeitgeber dem Arbeitnehmer nachlaufen würde, statt wie heute der Arbeitnehmer dem Arbeitgeber, so daß der Arbeiter den Lohn seiner Arbeit selbst zu bestimmen in der Lage war und ihn natürlich nicht unter ihrem vollen Ertrage festsetzen würde;

wenn mit dem Fortfall aller künstlichen Grenzen und Schranken und der Erschließung der natürlichen Reichtümer der Länder deren unerschöpfliche Schätze in ungehindertem und unbelastetem Austausch einander zuströmten;

wenn eine schrankenlose Konkurrenz auf allen Gebieten fortgesetzt die besten Waren zum billigsten Preise auf den Markt warf;

wenn Handel und Wandel blühen, der Austausch einen ungeahnten Aufschwung nehmen, der Unternehmungsgeist beflügelt sein würde;

wenn die Höhlen der Armut und die Schlupfwinkel der Verbrechen allmählich gesunden Eigenheimen auf eigener Scholle weichen mußten;

wenn so der Wohlstand sich langsam, aber stetig heben, die Volksgesundheit sich bessern und die Sterblichkeit sich verringern würde;

wenn ein von Lasten und Abgaben, Steuern und Tributen hundertfacher Art bis zum Ersticken belastetes Volk endlich aufatmen durfte;

wenn jeder nur die Schulden hatte, die er selbst machte, und nicht mehr die zu bezahlen gezwungen war, die andere für ihn machten, und jeder daher über sein Einkommen uneingeschränkt disponieren konnte;

wenn die Menschen, ohne diese ständige Furcht vor Kriegen, Seuchen und wirtschaftlichen Krisen leben durften, selbst ihre eigene Freiheit bewachend und eifersüchtig gegen jeden Eingriff in die endlich als ihr höchstes Gut erkannte;

wenn nicht mehr privilegiertes, sondern freies Geld, statt sich zurückzuhalten, sich überall, gleich jeder anderen Ware anbot und keinem, der wirklich arbeiten wollte, Kredit verweigert wurde;

wenn die Möglichkeit, selbst Maß und Grenze seiner Arbeit zu bestimmen, dem einzelnen Zeit und Muße ließ für Liebhabereien und Neigungen, und so eine gesunde und vernünftige Lebensführung garantierte;

wenn alle Kronen und Szepter, Talare und Rüstungen, Uniformen und Orden nur in den Museen der Vergangenheit noch moderten, um dort als kindische Albernheiten überwundener Zeiten bestaunt und verlacht zu werden;

wenn als größte Beleidigung die Frage: »Was geht dich das an ?« – und als stärkste aller Vermahnungen die: »Kümmere dich um deine eigenen Angelegenheiten« gelten würde;

wenn man sich langsam daran gewöhnt haben würde, endlich als Mensch unter gleichberechtigten und selbstbewußten Menschen zu leben, statt unter anmaßenden, gewalttätigen und eingebildeten Beamten einerseits, und autoritätsseligen, verkümmerten und eingeschüchterten »Bürgern« andererseits, unter lauter fleißigen Menschen, statt unter Nichtstuern und Laffen hier, und versklavten Arbeitstieren dort – unter freien Menschen, die sich nichts mehr sagen zu lassen brauchten, aber sich auch nichts mehr herausnehmen durften;

wenn der Kapitalismus, der die Arbeit in der Form des Zinses, und der Kommunismus, der sie »zum Besten aller« bestahl, als das erkannt waren, was sie in Wirklichkeit waren – als Räuber, und so die Frage von Mein und Dein ihrer Klärung um ein gutes Stück näher gerückt war;

wenn die Menschen es endlich satt bekommen hatten, sich in Form von Steuern berauben zu lassen, weder durch die Hand der brutalen Gewalt, noch durch die, welche sich bei brüderlicher Umarmung in ihre Taschen stahl;

wenn die Möglichkeit eines jederzeit freien Berufswechsels, die Aussicht auf eine abwechselungsreiche Tätigkeit, die Arbeitslust hob;

wenn es wieder eine Lust war zu leben: für den Arbeiter, weil er sah, wie sein Kredit sich hob und seine Arbeit sich voll bezahlt machte; für den Kaufmann, weil die Geschäfte florierten; für den Unternehmer, weil sich seiner Initiative alte wie neue Wege erschlossen; und weil allen ihre Arbeit ermöglichte, den Grund zu eigenem Vermögen und damit zu wirtschaftlicher und politischer Unabhängigkeit zu legen;

wenn der Wettbewerb im ganzen Verkehrswesen das Reisen wieder zu einem Vergnügen machte, und das Publikum, statt sich von Eisenbahn und Post, alles, auch das Unmöglichste bieten lassen zu müssen, wieder seine Wünsche äußern durfte, wie deren Erfüllung durchzusetzen imstande war, und der Vergleich sodann ergeben würde, welch gradezu vorsintflutliche Institute beide, Post wie Eisenbahn, unter dem staatlichen Regime und seinen Privilegien gewesen waren;

wenn Gerichte, falls sie sich noch als notwendig erweisen sollten, keine Strafgerichte mehr, sondern nur noch Schiedsgerichte sein würden, und Schadloshaltung das alleinige Prinzip der Strafverfolgung, und an die Stelle ganzer Bibliotheken voll verschimmelter Gesetze das eine, für jeden faßliche getreten war, das oberste, überall und allein gültige: »Achte die Freiheit deines Nächsten, wenn du willst, daß die deine geachtet werde«;

wenn mit zunehmendem Wohlstand das allgemeine Niveau der Bildung sich hob, das Interesse an Kunst und Wissenschaft sich verallgemeinerte und die Liebe zum Schönen nicht nur bei einzelnen, wenigen, sondern – wenn auch nicht bei der Masse – so doch bei den vielen eine Stätte fand;

wenn die Aufhebung jeder geistigen Bevormundung die Kritik entfesselte und es keinen Übelstand mehr gab, der – durch schuldige und schuldbewußte Autoritäten in dieser Kritik unterdrückt und gedeckt – sich der öffentlichen Beurteilung entziehen konnte, sondern vielmehr sofort an den Pranger gestellt wurde; wenn diese selbe Kritik dafür aber gelernt haben würde, an der Schwelle des Hauses haltzumachen und sich aufs strengste jeder Einmischung in private Angelegenheiten zu enthalten, wollte sie nicht eine Entrüstung sondergleichen überall entfachen;

wenn die Geheimsprache, mit der sich die Regierenden, die Diplomaten und die Banken, die Ärzte und die Apotheker wie mit einem Schutzwall umgaben, dem gesunden Verständnis erschlossen war;

wenn nach dem Fortfall der sogenannten Autorenrechte der dann freie Nachdruck der geistigen Produktion eine ungeheure Verbreitung sichern, und nach dem Fall der Patentmonopole der Erfindergeist nicht gelähmt, sondern im Gegenteil beflügelt werden würde;

wenn sich die Menschen überzeugten, um wieviel reiner und schöner die freien Bündnisse der Liebe waren als die dumpfen und engen Betten der Ehe, und wieviel schöner und gesünder die ihnen entsprossenen Kinder, und wie die Freiheit der Liebe der beste Schutz war gegen Verführung, Unsittlichkeit und sexuelle Erkrankungen;

wenn die privaten Schulen in ihren Resultaten die staatlichen weit hinter sich gelassen haben und aus ihnen freie, selbständige und aufrechte Menschen hervorgehen würden, statt verbildete, unfrohe, in ihrem geistigen Wachstum gehinderte und verbogene Staatskrüppel; wenn sich die Universitäten in Wahrheit zu freien Hochschulen gewandelt hatten, statt fälschlich nur den Namen solcher zu tragen; wenn diese und zahllose andere Vorteile der Freiheit greifbar beglückende und nicht mehr leugbare Wirklichkeit geworden waren, weil es keine Macht mehr gab, die natürliche Entwicklung zu ihnen zu hindern, zu unterbinden und zu stören;

wenn alles dies gekommen war, »wie von selbst«, gegen den Willen der Feinde der Freiheit und über sie hinweg, als die natürliche Folge des Sturzes dieser Macht: des Staates –

gewiß: selbst dann würde es immer noch Unbelehrbare geben, deren Vorurteile sich hartnäckig jeder Erkenntnis verschlossen, sogar der der Wirklichkeit, auch dann noch immer solche und neue Feinde der Freiheit nicht bekehrt und weiter am Werke sein, ihr zu schaden, aber in Ohnmacht am zwecklosen Werk, bis auch sie endlich verstummen mußten, weil niemand mehr auf sie hörte und alle sie verlachten! …

Ernst Förster lebte – sah, prüfte, las und dachte, alles in dem Lichte der errungenen Freiheit, und besprach das Beste mit seinem Freunde.

Mehr und mehr begannen für ihn die Menschen in zwei Lager zu zerfallen: in die, welche selbst in Frieden leben und andere in Frieden leben lassen wollten, ohne sich, sei es direkt oder indirekt, an ihrer Vergewaltigung in irgendeiner Form oder zu irgendeinem Zweck zu beteiligen – in Freunde der Freiheit, also in Anarchisten (mochten sie sich noch so sehr dagegen wehren, so bezeichnet zu werden); und in die, welche versteckt oder offen, mit Hilfe irgendeiner Gewalt, mochte sich diese Gewalt nun Staat oder sonstwie nennen, andere ihren Zwecken dienstbar zu machen suchten – Feinde der Freiheit daher in jedem Falle und niemals Anarchisten (mochten sich einige unter ihnen auch so nennen).

Mit einem Wort, in anständige Menschen und in unanständige: in Menschen, die die Verträge hielten, die sie geschlossen hatten und alle anderen Verträge als unberechtigt ablehnten; und in Menschen, die anderen ihre Verträge, mit Hilfe einer Majorität und in Form von Gesetzen, aufzwangen und diese Verträge noch dazu »ihr Recht« nannten.

So sah er jetzt die Menschen.

Er liebte die, welche ihr eigenes Leben lebten und ihre Arbeit taten, ohne sich viel um die anderen und ihr Urteil zu kümmern, die einfachen, starken Naturen, deren Kraft nicht darin beruhte, daß sie auf den Tisch hieben und unausgesetzt nach Gewalt riefen, sondern in dem stillen und unaufdringlichen Bewußtsein ihres eigenen Wertes ihren selbsterkannten Weg gingen; er liebte die innere Höflichkeit wirklich guter Manieren in gegenseitigem Verkehr, die keine äußere und leere Form war, sondern Takt und Selbstzucht; er liebte die Gespräche, die nicht bei jedem dritten Wort in Fragen plumper Neugier und Vertraulichkeit ausarteten, sondern diktiert waren von der Achtung vor dem Eigenleben und der Überzeugung des anderen – er liebte diese Menschen und – fand sie so selten!

Und er haßte die Menschen, die in unermüdlicher Geschäftigkeit ihr Leben damit verbrachten, für andere »zu sorgen«, für andere, die ihrer Sorge gar nicht bedurften und sie nicht wollten, und die sich dabei so unendlich wichtig vorkamen; die nichts anderes taten, als sich vom Morgen bis zum Abend um die Angelegenheiten ihrer Mitmenschen zu kümmern, die sie nichts angingen; die unausgesetzt mit Forderungen herumliefen, idealen, ethischen und moralischen, oft aber auch sehr materiellen, die sie auf jede Weise ihren Opfern aufzureden, und, wenn das nicht ging, aufzuzwingen suchten; die die, welche sie »ihre Nächsten« nannten, unablässig erziehen, bessern und veredeln wollten, aber aufschrien, sobald es die Verhältnisse wirklich von Grund aus zu ändern und umzustürzen galt; die ohne Aufhören redeten und schrieben und nie Zeit fanden, zu denken – er haßte diese Menschen und fand sie überall, auf den Straßen und den Plätzen, in den Gesellschaften und auf den Versammlungen, in den Parlamenten und den »gesetzgebenden Körperschaften«, wie sie die öffentliche Meinung unausgesetzt mit allen Mitteln bearbeiteten und ganze Bibliotheken wie die endlosen Spalten der Zeitungen mit der Flut ihres seichten Geschwätzes füllten …

Fand überall, zwischen jenen wenigen und diesen vielen, die Halben, die Unentschlossenen, die Unlogischen, die dachten, aber nie imstande waren, einen Gedanken auch wirklich zu Ende zu denken und seine Folgerungen zu ziehen: betrübend und erheiternd zugleich zu sehen, mit welcher Naivität sonst ganz ehrenwerte Männer, die selbst völlig unfähig waren, andere zu bestehlen oder zu betrügen, Handlungen der Gewalt, den Diebstahl des Staates, entschuldigten, verteidigten und mit ihrer Stimme unterstützten, sobald hinter ihnen die »Autorität« stand, und sich ihr willig und kritiklos unterwarfen, weil sie ohne diese ihres Lebens und ihres Eigentums verlustig zu gehen und in das »Chaos der Anarchie« zu versinken fürchteten.

Und er fand, weder liebens- noch hassenswert, den mit Gott und der Welt, vor allem aber mit sich selbst zufriedenen Bürger, wie den »politisch aufgeklärten« und zielbewußten« Arbeiter mit seiner Un- und Einbildung, fand ihn in Massen und überall …

Nichts zog ihn hin zu ihnen allen. Nichts hatte er gemeinsam mit ihnen. Denn sein Herz gehörte denen, die sich empörten, nicht mit Dolch und Dynamit, sondern die sich empörten mit ihrem ganzen Leben, indem sie es außerhalb der Gesellschaft stellten, deren Gesetze nicht die ihren waren, deren Moral sie verachteten und deren Taktik sie haßten – außerhalb und damit gegen sie; die den Mut, den großen Mut, bewiesen, ihr Leben für sich zu führen, als wirksamsten und einzigsten Protest; es führten, wie er, Ernst Förster, das seine führte, und um das er, wie er lachend immer wieder sah, beneidet wurde von gar manchem, so einfach, so mühselig in vielem und so einsam es oft war.

Einsam, nicht weil er es sein wollte, sondern weil er nicht anders als einsam sein konnte in einer Zeit des Übergangs, wie die es war, in der er lebte, wo der Boden sich erst vorbereitete und derer noch so wenige waren, die dachten und fühlten, wie er. Gerne, er gab es zu, hätte er in einer anderen gelebt, in einer Zeit ohne dies tägliche Elend und diese stündliche Erniedrigung um sich her, einer anderen von größerer Kultur und besserer Sitte, unter anderen Menschen, unter freieren, unter freien. Aber er lebte nicht in einer solchen Zeit und mußte sich abfinden mit der, in die er gesetzt war, dieser Zeit, deren Kennzeichen die Sentimentalität und die Brutalität waren (er, der keines von beiden, weder brutal, noch sentimental war).

Leben hätte er mögen unter Menschen, die das alte Laissez-faire, Laissez-aller zu ihrem Leitspruch gemacht hatten, nicht in dem alten, beschränkten Sinne, den die Nationalökonomie dem Wort gegeben, sondern in dem weiten, anarchischen des »leben und leben lassen«, unter solchen wie der gewesen sein mochte, der gesagt hatte – was für ein guter Anarchist war er sicherlich gewesen! –: »Ich bekümmere mich kaum um meine eigenen Angelegenheiten, geschweige denn um die der anderen« … Und wie gut müßte es sich nicht leben lassen in jener sagenhaften Abtei von Thelema, über deren Eingangspforte als einziges Gebot stand: »Tue, was dir gefällt!« – Denn alles Elend der Welt, mehr und mehr erkannte er es, kam im Grunde nur daher, daß sich ein Teil der Menschen anmaßte, die Verantwortlichkeit für den anderen Teil zu übernehmen, ihn zu erziehen, zu beaufsichtigen, zu gängeln, zu leiten, zu – regieren. Oder vielmehr daher, daß sich dieser andere Teil diese unverschämte Bevormundung gefallen ließ, statt die Ungerufenen und Ungebetenen samt und sonders zum Teufel zu jagen!

Einer seiner vielen Gänge, auf denen er sich die Stadt wiedergewann, führte ihn auf ihre höchste Höhe, die gekrönt wurde von der mächtigen Zwingburg des Glaubens und des Wahns: Montmartre …

Aus ihren ungezählten Schloten dampfend, in ihren eigenen silbergrauen Dunst wie in wallende Schleier gehüllt, lag zu seinen Füßen die herrliche Stadt, dehnte und streckte sich, wie in wohligem Behagen, bebte von überströmendem Leben, verlor sich in dämmernde Fernen, überallhin in die Ebene, bis an die Füße ihrer Höhenzüge, und sandte zu ihm herauf das Brausen und Fauchen ihrer rastlosen, ihrer ewig rastlosen Arbeit …

Und er suchte ihre Türme und Kuppeln, ihre Straßenzüge und Brücken, nannte sie sich in der Freude des Wiedererkennens und konnte sich nicht trennen von dem einzigen Bilde, während er auf dem Plateau des um diese Jahreszeit schon leeren Restaurants, das halb über dem Abhang hing, hin und her schritt.

Wieder war es ein Herbst geworden, und früh begannen die ersten Lichter in der Tiefe aufzuleuchten.

Und ein anderer Abend fiel ihm ein, längst vertaucht in die Tiefen der Vergangenheit, jener erste Höhengang in Knabentagen über die niedrigen Hänge der kleinen Stadt, stickige und verhaßte Enge unter sich, aber trotzigen Mut in der jungen Brust … und in derselben Minute, wie durch eine seltsame Gedankenfolge jener andere, zweite, die Berglehnen der Schweizerstadt entlang, grüne Gelände und den schimmernden See zu Füßen, weißen Alpengipfeln sich gegenüber und um sich den weichen Duft neuen Weines in der reinen Luft, ein seliger Finder, der rastlose Sucher, und doch allein mit sich …

Aufwärts, aufwärts war der Weg gegangen, aus dumpfem Drange empor zur Erkenntnis, von einer zur anderen, von einer zur anderen, zu immer neuen und bis zur letzten …

Allein war er auch heute noch, der Mann, allein mit sich und seinem Reichtum.

Warum teilte er ihn nicht? – Warum hatte er nicht längst begonnen, ihn zu teilen? – – Nicht zum ersten Male fragte er es sich.

Auch die Antwort hatte er sich oft gegeben. Aus Furcht, noch nicht reif genug zu sein in jeder der ungeheuren Fragen, noch nicht würdig genug, um hier mitsprechen zu dürfen; noch das Letzte nicht klar und bestimmt genug sagen zu können; und so noch warten zu sollen.

Heute fiel ihm auch der Spruch wieder ein, nie vergessen, oft wiederholt, den er einmal abgelesen von der Giebelwand eines alten Hauses; und eine seiner Zeilen kam ihm wieder:

»Die Feder das Schwert besiegen tut« …

Nie hatte er die Feder bisher geführt, um eine eigene Ansicht zu äußern, nie war sie ihm etwas anderes gewesen, als das Handwerkszeug, mit dem er sich sein tägliches Brot verdiente. Das würde sie noch oft sein müssen.

Er fühlte so gar nicht den Beruf in sich, die Menschen zu belehren, oder gar sie zu »bessern«; immer waren ihm diese Präzeptoren und Heilande der Menschheit ein klein wenig lächerlich vorgekommen und meist reichlich unverschämt. Und ganz fremd war ihm das Gefühl der Verpflichtung, gegen sich und andere, irgendwelcher Verpflichtung in dieser Beziehung gegen sich und seine »Nebenmenschen«.

Aber ein anderes war es wohl doch, Erkanntes zu sagen, ruhig und einfach zu sagen, und dann zu warten, ob andere es aufnehmen oder beiseite liegen lassen wollten.

Hier war ein starker Unterschied. Er erkannte ihn klar in dieser Stunde seines dritten Höhenganges.

Ihm war, als höre er die Stimme wieder, die ihn früher so oft gerufen und die ihn jetzt noch einmal rief, diesmal zur Arbeit für sie; und ihm war, als höre er die seines Freundes in ihr, wie er ihm sagte: Wie können wir frei sein, solange die anderen es nicht sind? – Und wie können sie frei werden, wenn sie nicht wissen, wovon und wie, nicht wissen, wie wir es wissen? – Und: Wir müssen es ihnen sagen, die wir es wissen. Wir sind so wenige erst, die erkannt haben, worauf es ankommt. Der Kampf ist schwer, und wir haben nur die eine Waffe – diese kleine Feder aus Stahl gegen das mächtige Schwert der Gewalt. Wir müssen sie führen. Keine Arbeit kann entbehrt werden. Auch die deine nicht … Denn wenn wir uns nicht rühren, mäht uns der Feind weiter … So sprach Auban und Förster wußte, daß er recht hatte.

Ja, die Arbeit war schwer. Nicht daß der Feind so übermächtig war, machte sie so schwer, sondern daß sich alles verbündet zu haben schien, sie zu hindern und zunichte zu machen. Es war eine Welt von Dummheit und Voreingenommenheit, von Haß und Lüge, von Bosheit und Niedertracht, gegen die es zu stehen galt.

In der Behandlung fast jeder Materie wurde heute wenigstens ein bescheidenes Maß von Vorkenntnissen erwartet und verlangt. Wer über »den Anarchismus« sprach und schrieb, konnte alle vollständig entbehren, durfte darauf lossprechen und schreiben, ohne befürchten zu müssen, sich lächerlich zu machen, selbst mit dem größten Unsinn nicht. Wer gegen ihn war, wurde gehört und beklatscht; wer für ihn war, totgeschwiegen und verfolgt.

Dem Gegner war jedes Mittel recht, und er benutzte sie alle.

Wo man der Sache nicht nahe kommen konnte, suchte man die, welche man fälschlich ihre Führer nannte und die nur ihre Vertreter waren, zu diskreditieren und lächerlich zu machen – den einen, der leider nur allzuweit davon entfernt war, es zu sein, indem man ihn zum Millionär machte, weil zufällig ein Namensvetter in Amerika ein solcher war; und den anderen, indem man ihn in Beziehung zu Menschen und Dingen brachte, mit denen er nie auch nur das geringste zu tun gehabt hatte. Aber mehr fast noch als diese unter dem sicheren Schutze der Unkenntnis vorgebrachten Lügen und Verleumdungen schadete die unerbetene Hilfe, die aus Kreisen kam, in denen der Anarchismus so etwas wie Mode zu werden begann. Unter jenen Horden fauler und nichtsnutziger Jünglinge, die die Kaffeehäuser bevölkerten, lächerliche Karikaturen sogenannter »Übermenschen«, schien man sich des Wortes (mehr wußte man ja nicht von ihm) als einer Art neuer Sensation zur Aufkitzelung erschlaffter Nerven bemächtigen zu wollen, um mit ihm den gehaßten Bourgeois zu erschrecken und zu »epatieren«, und wo sonst irgendeine Erkenntnis aufzudämmern begann, gleich wurde sie von einem neuen Schlagwort verwirrt und erstickt. Da prägte ein redlicher Flachkopf das Wort vom »Edel-« und da ein unehrlicher, trüber und trunkzerstörter das vom »Salon-Anarchisten«, und alles stürzte sich darauf, selig, nun nicht denken zu brauchen, aber mitreden zu können. Denn jetzt wußten sie es: es gab böse und gute Anarchisten. Die bösen waren die, welche die Bomben warfen; die guten aber die, die in den Gesellschaften herumliefen, um dort Proselyten, besonders unter den Damen, für ihre Weltanschauung zu ködern. Es lag natürlich kein Grund vor, weshalb ein Anarchist nicht in Gesellschaft gehen sollte, wenn es ihm dort gefiel. Gesellschaft, wirklich gute Gesellschaft, war sicherlich eine der feinsten Blüten unserer Kultur, wenn sie auf dem Prinzip der höchsten, persönlichen Freiheit beruhte: der eifersüchtigen Enthaltung und Einmischung in die Angelegenheiten des anderen; der Vermeidung alles dessen, was diesen verletzen konnte; der strenggeübten Beherrschung, die man mit dem Wort Takt bezeichnete. Aber gab es eine solche Gesellschaft in diesem Sinne heute noch? – Was sich heute Gesellschaft nannte, war ein Gemisch von Klatsch und Tratsch, leerem Geschwätz über gleichgültige Dinge und bodenloser Langeweile, zu der man sich gegenseitig verpflichtet fühlte. Und weil er, Ernst Förster, das wußte, ging er in keine.

Man konnte also ein Anarchist sein, auch wenn man die Gesellschaft besuchte, ebensogut, wie man ein Christ und ein Anarchist zugleich sein konnte; und man konnte ein Anarchist sein, obwohl man Kapitalist war, brauchte es aber noch nicht zu sein, weil man nur ein ausgebeuteter Lohnsklave war.

Und ebensowenig lag ein Grund vor, weshalb ein Anarchist kein Millionär sein sollte. Das Traurige war nur, daß diese Bewegung noch immer vergeblich nach einem solchen suchen mußte, ohne ihn finden zu können. Denn zum Kriegführen gehört bekanntlich Geld. Während es aber heute keinen Wahnsinn gab, dem nicht Mittel in Massen zuströmten, und um so reichlichere, je größer dieser Wahnsinn war, fehlten hier selbst die bescheidensten, und alles lag auf den Schultern einzelner. Was hätte sich nicht tun lassen – welche Bücher hätten nicht gedruckt und verbreitet, welche geistige Propaganda hätte sich nicht entfalten können! – Aber so war es: zur Erhaltung des Gefängnisses, in dem sie saßen, trugen alle bei: zu seinem Sturz keiner. Wann würde dieser Sache, der wichtigsten, der einzig wichtigen, ihr wirklicher Millionär kommen?… Auf den Schultern der wenigen lag einstweilen die ganze Bürde. Woher auch wohl, als von ihnen, woher sonst wohl, als von ihnen, woher sonst wohl konnte die soziale Frage ihre wahre Antwort finden?

Nicht von denen natürlich, die von dem Staate oder der öffentlichen Meinung in irgendeiner Weise abhängig waren. Nicht von der sozialen Wissenschaft: sie stand in dem Dienst des Staates, wurde von ihm kontrolliert und beeinflußt. Es wurde zwar von ihr so schön gesagt, daß »ihre Lehre frei sei«. Aber bei der Begründung dessen, was wirklich frei war, hörte ihre Freiheit der Forschung auf, und es gab keinen angestellten Professor auf der ganzen Welt, der es hätte wagen dürfen, an diese Frage auch nur zu rühren, ohne mit sofortiger Disziplinaruntersuchung und Dienstenthebung bestraft zu werden und sich weiterer Verfolgung auszusetzen. Nicht von der »Literatur«. Denn die Literaten aller Art waren zwar nicht vom Staat direkt, wohl aber von ihren Zeitungen, und diese wieder von ihrem Publikum abhängig, und lieber, als die Gunst beider zu verscherzen, schrieben sie Lügen über Lügen. Beschämend aber und traurig war es zu sehen, daß selbst die unabhängigsten und vorurteillosesten, die sonst jeder Frage zuleibe gingen, hier haltmachten und in einem Bogen um sie herum schlichen.

Von wem also? –

Nur von den Einzelnen, die so unabhängig waren, daß sie um ihr Brot nicht zu bangen brauchten, und mutig genug, um der Verurteilung ihrer Zeit gleichgültig die Stirn zu bieten. Das waren nur wenige.

Er war einer von ihnen. Was konnte ihn hindern und wer, seinem Leben den Sinn zu geben, den er für den richtigen hielt? Wenn er die erste Hälfte seines Lebens an die Ergründung der Fragen gesetzt, die ihn am meisten bewegt, warum sollte die andere nicht ihre Erfüllung in deren Beantwortung finden, wenn diese Arbeit ihm höchste Freude und stärkste Befriedigung zugleich bot?

»An die Arbeit!« sagte er vor sich hin.

Es war wie ein Entschluß.

Eine unendliche Dankbarkeit war in seinem Herzen für alles, was ihm das Leben gegeben – gegen sie, die ihn dieses Leben leben gelehrt und ihm Wert verliehen. Freiheit – sie hatte die Brust des Knaben mit erster, scheuer Sehnsucht nach ihr erfüllt; den Jüngling geleitet durch alle Irrnis und ihm die tiefste Freude gegeben, der keine andere gleichkam, eine Freude, die gleich weit entfernt war von Hochmut und Überhebung, wie von Furcht und Aberglaube, die Freude des Erkennens; und dem Manne endlich sich selbst geschenkt.

Auf jede Frage war ihm Antwort geworden; nie brauchte er vergebens zu fragen.

Sie hatte ihm den Weg gezeigt und sich selbst als Weg und Ziel zugleich; ihn denken gelehrt und unterscheiden; ihn den besten Geistern seiner Zeit nahegebracht und ihm den Freund verbrüdert, der ihn verstand.

Sie hatte ihn getröstet und erhoben, ermutigt und beruhigt. –

Freiheit! – Erfühlte ihren Atem wieder in dieser Stunde, den brausenden Schöpferatem der Welt, der die kranke Lehre von Schuld und Vergebung, von Sünde und Vergeltung, von Pflicht und Verantwortung hinwegfegte und in der ewigen Erneuerung jedes Menschenwesens sich selbst verkündete. Und sah sie selbst:

Arme Freiheit! – Geschändet und entehrt von den Söldlingen der Gewalt; verraten und verkauft (und täglich aufs neue) von den Menschen, die sich ihre Freunde nannten; besudelt und bespien von Verleumdung und Haß; getreten, verstoßen, mißhandelt und, was schlimmer war als alles, mißverstanden und verkannt in einer Zeit, die sich die Zeit der Aufklärung nannte und alles zu verstehen vorgab, – lächelte sie jedem mit dem mütterlichen Lächeln des Verzeihens zu, der zu ihr kam, und streng blickten ihre gütigen Augen nur auf die Fanatiker und Zeloten, die Ethiker und die Moralisten, die sie ihren unlauteren Zwecken dienstbar machen zu können glaubten, wie sie abweisend und in flammendem Zorn auf den blicken konnten, der sie nehmen wollte mit Gewalt! …

Arme und doch so reiche Freiheit! – Teure Freiheit! – So teuer, so unentbehrlich dem Menschen, daß selbst in seiner tiefsten Erniedrigung ihr Name allein noch als letzte Hoffnung leuchtete, ein Wort nur noch, und doch das Wort, ohne das heute selbst der mächtigste Tyrann sich nicht eine Stunde hätte halten können – versprechen wenigstens mußte er sie, um selbst ertragen zu werden, er, der sie den Menschen doch so wenig zu geben vermochte, wie irgendein anderer, weil Freiheit nicht gegeben, sondern nur genommen werden konnte.

Geliebte und ersehnte! – Ewiger Traum der Völker, die sich ihm hingeopfert; unsterbliche Sehnsucht so zahlloser, mutiger und edler Herzen, die ihr Leben für sie gegeben; unzerstörbares Ideal so vieler großer und starker Geister, die an ihm irre geworden und zerschellt waren, da es ihnen ewig nur ein Ideal geblieben war und sie dem wesenlosen keinen Inhalt zu geben vermocht – wann würde die ersehnte endlich kommen, um späte Wirklichkeit zu werden? –

Wann aus den erträumten Himmeln herniedersteigen auf die Erde, um heimisch zu werden unter ihren Menschen? –

Wann endlich erkannt werden, erkannt als das Gesetz der Notwendigkeit? – Wann Leben werden?! …

Und wann endlich der Opfer müde, die für sie gebracht waren und immer wieder gebracht wurden?

Und er hörte die Antwort:

Wenn die Menschen nicht mehr für sie zu sterben, sondern zu leben bereit sind; und wenn sie erkannt und verstanden haben, daß das hieß: für sich leben!

Wieder sah er, während er (der letzte Gast, auf der menschenleeren Terrasse) hin und her schritt, hinunter auf die einzige Stadt, nun ein Meer von Licht und Nacht, und konnte sich nicht trennen von dem Anblick zu seinen Füßen, und wieder überkam ihn, wie so oft, die Liebe zum Leben mit ihrer vollen Macht, zu diesem Leben, das jeder nur einmal lebte und das doch so wenige nur besaßen; das so reich, so groß, so schön hätte sein können und so arm, so kleinlich, so häßlich war, weil dieser sterben mußte, damit jener es lebte; und dessen Lohnes beide verlustig gingen, weil sie seinen Sinn verkannten.

Denn in Unsinn verkehrten sie seinen Sinn.

Wem, der es unbefangen betrachtete, mußte sich nicht bei zahllosen Gelegenheiten und immer wieder die Frage aufdrängen, ob er noch unter vernunftbegabten Wesen lebte oder ob nicht diese ganze Welt vielmehr ein Irrenhaus war, in dem die einen sich einbildeten, über die anderen herrschen zu dürfen, und diese glaubten, jenen dienen zu müssen – so sinnlos war der Gebrauch, den sie von den Worten machten, und so absurd und lächerlich erschienen ihre Handlungen!

Dort lag es, dies Narrenhaus der Welt. Tanzten dort unten die Narren nicht ihren fratzenhaften Tanz hinter Gitterstäben um das Phantom ihrer Einbildung? – –

Lange noch sah Ernst Förster hinunter in das Meer von Nacht und Licht. Aber je länger sein Blick es umfaßte, um so mehr schien es ihm, als söge langsam das Licht die ungeheuren Massen von Dunkel ein, tränke sie und löse sie auf in sich …

Der Jüngling war zum Mann geworden.

Ein Mann war der Sieger.

Er näherte sich der Mittagshöhe seines Lebens.

Seine Züge waren schärfer geworden, aber ihr Ausdruck war der einer gleichmäßigen und ruhigen Freundlichkeit, und derselbe ruhige Ernst war auch in seinem ganzen Wesen.

Er war nicht das, was die Menschen liebenswürdig nennen, und manche, die ihn kennen lernten, nannten ihn schroff. Er sprach ihnen zu wenig, dachte zu viel und ging den Dingen zu sehr auf den Grund. Die meisten wußten daher nichts mit ihm anzufangen, und seine Logik war ihnen unbequem, während sie seine Ansichten in ihren trüben und wirren Vorstellungen nicht in Einklang zu bringen vermochten mit seiner einfachen Persönlichkeit.

Denn diese war in nichts auffallend oder vordrängend. Er liebte es nicht, mit ihr andere zu belästigen, und nur wer ihn länger und näher kannte, mochte von den Kämpfen ahnen, die auch ihn durchschüttert.

Von fast peinlicher Genauigkeit in der Einhaltung freiwillig übernommener Verpflichtungen, selbst belangloser Abmachungen, erkannte er nur solche – freiwillig eingegangene – an und wies alle anderen als unberechtigt von sich.

Im Gespräch war der Mann noch zurückhaltender, als es der Jüngling schon immer gewesen war; mehr und mehr suchte er seinen Antworten das Gepräge einer schlagfertigen Kürze zu geben, und nie nahm er das Wort, bevor der Partner nicht sein letzes gesprochen. Er dachte nach, wenn er sprach, und er haßte große und leere Worte. Selten wurde er erregt. Aber gedankenlosem Geschwätz gegenüber war er nicht mehr so geduldig wie früher, wenn er bedachte, wie kurz das Leben und wie kostbar die Zeit war. Er brach dann lieber das Gespräch ab, statt es zwecklos fortzusetzen.

Seine Entschlüsse faßte er nicht mehr leicht. Aber einmal gefaßt, war es schwer, ihn von ihrer Ausführung abzubringen, und nie gab er eine Sache auf, bevor er nicht ihre Unmöglichkeit eingesehen. Das machte sein Leben oft schwerer, als es nötig war, und er wußte es. Aber er konnte nichts gegen seine Natur.

Seine Gleichgültigkeit gegen so vieles, was das Leben anderer mit Wichtigkeit erfüllte, war grenzenlos; aber unerschütterlich seine Ehrfurcht vor dem, was er als wertvoll und unvergänglich erkannt. Und er kannte keine Furcht: weder vor Gott, noch vor den Menschen.

Er hatte gar keine Achtung vor den »Größen«, die von anderen zu solchen gemacht und nur groß waren, weil sie so genannt wurden; und die höchste vor allen, die es wirklich waren, aus sich selbst heraus und in eigener Kraft.

Er wußte nicht, ob das Schicksal des Menschen »in den Sternen geschrieben« stand. Aber unter allen erschien ihm sicherlich das als das traurigste: sein Leben festgelegt zu haben, nicht mehr aus ihm, aus sich selbst herauszukönnen, es aus einem Winkel heraus zu sehen und so in Bitterkeit zu altern; und das begehrenwerteste: nie zu wissen, was noch kommen konnte, und immer glauben, das Schönste und Beste müsse noch kommen …

Er war ein durch und durch unsentimentaler und in seinen Überzeugungen ganz unbeeinflußbarer Mensch; ein Mensch mit viel Härte in sich und unbeugsam in dem als richtig Erkannten, aber ein Mensch ohne eine Spur von Grausamkeit.

Und er war heiter und glücklich, wie ein Mensch es ist, dessen Leben eine große unverlierbare Liebe erfüllt, und der nur eine Macht kennt, der er sich beugt – die Notwendigkeit. Nicht mehr in dem Symbol eines Raumes, dessen Tore verschlossen waren, um erst geöffnet werden zu müssen, und in dessen Mitte ein düsteres Gebilde drohte, sah er jetzt das Leben – offen und unermeßlich breitete es sich vor ihm aus, wogte und flutete, rauschte und brandete, lockte und drohte; und er lebte es.

Es war voll Licht für den, dessen Augen sonnenhaft waren und stark genug, das Dunkel und seine Schatten zu durchdringen und sie zu besiegen.

Die Stimme, Hauch erst und ferner Klang, dann Ruf und Verheißung, war Leben selbst geworden, Erfüllung und Gewährung alles dessen, wonach er sich einst so heiß gesehnt, was er so treulich gesucht und dann endlich gefunden.

Er hatte das Leben gesucht und die Freiheit gefunden, die allein Leben ist.

Er hatte den Sinn des Lebens erkannt.

– In seinen klaren Augen die Flamme, Schwälen einst und Rauch, Brand und Glut, in seinen Augen die Flamme war Licht.