Frau Döllmer

Hannover, am Heutigen dieses Hujus,

Lieber Leser, noch viel liebere Leserin,

geboren bin ich als Sohn mäßig begüterter, rechtlicher Eltern. Wann, weiß ich nicht mehr; es ist schon zu lange her.

Schon in aller Morgenfrühe meiner Existenz zeigte ich eine auffallende Begabung für die schriftstellerische Tätigkeit, in dem ich mit fünf Jahren ein volles Tintenfaß mit in mein Bett nahm. Am anderen Morgen kannten mich meine Eltern nicht wieder.

Später schriftstellerte ich vermittelst Kreidefrüchten eifrig an Hauswänden, Bauplanken und Zäunen und lenkte vielfach die Aufmerksamkeit höherer Persönlichkeiten, wie Lehrer, Schutzleute und so weiter, auf mich.

In der Folge erkrankte ich schwer an der Dichteritis, besang erst meine Mitschüler, die mir nicht, und einige junge Damen, die mir um so besser gefielen, aber niemals mehr als sechse auf einmal. Dann gab ich das Dichten auf und trachtete danach, ein geachteter Mitbürger zu werden. Da es mir an den nötigen Konnex- und Protektionen fehlte, kehrte ich reuevoll wieder zu den Sünden der Jugend zurück und besprach jahrelang in Vers und Prosa in ernster und besonnener Weise die Verhältnisse von Hannover-Linden u.U., was mir rosa Briefe, Veilchenbuketts, Nußtorten und einige Preßprozesse einbrachte, was ich aber alles bei guter Gesundheit überstand.

Aus Gesundheitsrücksichten legte ich vor einige Jahren den Namen »Fritz von der Leine« ab und schrieb unter meinem jetzigen Namen in derselben Weise weiter, was ich auch fortzusetzen gedenke. Ich betone das ausdrücklich, weil seit Jahren das Gerücht verbreitet ist, ich sei infolge hochgradigen Ablebens gestorben. Das ist tatsächlich nicht der Fall.

Mit schönen Gruße
Ihr ergebenster
Ulenspiegel
einst: Fritz von der Leine

Nachschrift: Aadje Ziesenis ist ein entfernter Bruder von mir, der bei zunehmender Bejahrtheit meinerseits einst in meine Tintenstapfen treten wird.

O wie Billig!

»Säögn Sie mäöl, ist das nicht billig,
Les'n Se mäöl den Preiskurant!«
Sagt die Meyern, und sie gibt ihn
Der Frau Müller in die Hand.
Und die Müllern liest und staunet,
Und sie gibt ihn wieder hin:
»Hier am Platz ist's nicht so billig,
Sowas gibt's nur in Berlin.«
Und die Meyern sagt: »Da späört man
Einem ganzen Haufen Geld,«
Un die Meyern mit der Müllern
Geht zur Post hin und bestellt.
Von Berlin kommt dann die Ware,
Fröhlich wird sie ausgepackt,
Und die Meyern sagt zur Müllern:
»Na, da sind wir schön gelackt!«

Seit vierzehn Tagen geht es mir nicht so ganz extra. Ich kann Unordnung und Bummelei nicht leiden, weil mein zartbesaitetes Gemüt darunter leidet, und seit besagten vierzehn Tage lebe ich in ziemlicher Unordnung.

Die Sache ist nämlich der und der Fall die: was sie ist, die Döllmern, sie streckt bis über die Ohren in der modernsten Berliner, Wiener, Hamburger und Krakauer Literatur und hat deswegen wenig Zeit, sich um mich zu bekümmern. Das geht ihr und infolgedessen und deswegen auch mir jedes Jahr um dieselbe Zeit so, nämlich um diese, wenn die Post unter dem Hochdrucke der Geschäftskataloge seufzt und die Briefkästen nicht wissen, wo sie hin sollen mit dem Segen. Dann fühlt sich die gute Tante verpflichtet, sämtliche Kataloge zu lesen, so ihr an den Hals geschickt werden und auch die, die mir zugehen. Und über jeden hält sie mir Vortrag, als wäre ich ein Minister und sie meine vortragende Rätin.

»Säög'n Se mäöl,« so fängt sie gewöhnlich ihre Rede an, »hier steht was inne von billigen Kakao, achzig Fennje das Pfund. Ob 'ch mir davon wohl kommen lasse?«

Ich habe es seit tausend Jahren aufgegeben, ihr abzuraten, denn dann tut sie es erst recht, und so stoße ich dann nur einen Ton aus, den sie sich nach Belieben als »n' Jäö« oder »Naan« deuten kann. Ich könnte ihr ja klipp und klar beweisen, daß das, mit Respekt zu vermelden, Dreck ist, den sie für achzig Pfennige bekommt, daß guter Kakao zwei Mark sechzig kostet, aber wie gesagt, es hat ja doch keinen Zweck.

Nach einigen Tagen sitze ich am Frühstückstisch, nichts ahnend und mit unbekümmerter Seele. Vor mir steht der Kakao und die diversen Brötchen. Ich schenkte mir in Gedanken eine Tasse ein und füttere meinen Kanarienvogel, frage ihn, wie er geschlafen hat, und kehre dann zu meinem Tisch zurück. Da fällt mir die sonderbare Farbe des Getränkes auf, die mich an die Pumpe von Oelheim, Wietze und Steinförde erinnert und da sehe ich auch, wie Amalie, die treue Winterstubenfliege, die mir meine stillen Abende belebte, sich auf dem Rand der Tasse setzt. Ich jagte sie weg, aber es war zu spät, sie kam bis auf die Butter, dort legte sie sich auf den Rücken, streckte erst den Rüssel von sich, dann das linke Vorderbein, dann das rechte, hierauf das rechte Mittelbein, sodann das linke, dann das linke Hinterbein, schließlich das rechte, verlängerte sodann ihren Hinterleib um ein Beträchtliches, sah mich noch einmal mit ihren herrlich facettierten Augen an, und dann lag sie auf der Butter und war weege.

Ich nahm sie mit der Messerspitze von ihrem fetten Todesbette, scharrte ihr eine Gruft im Schatten meines Gummibaumes, weihete ihr zwei Tränen aus meinen schönen blauen Augen und suchte dann nach Feder und Papier, um dieses Ereignis in Verse zu bringen, nach des haarigen Ferdinands Art. Schon hatte ich den ersten Vers folgendermaßen zusammen: »O du, die du, da du«, da stockte mir die Tinte in der Feder…

Von nebenan erklangen Laute, nicht unähnlich denen, die eine trommelsüchtige Kuh verzapft. Ich stürzte aus dem Zimmer und klopfte bei Frau Döllmer an. Sie antwortete nicht. Da klinkte ich die Tür auf. Ein schrecklicher Anblick wartete meiner. Die würdige Dame saß in der Sofaecke, nur in Unterrock und Nachtjacke, und in bezug auf die Haare ungemacht. Sie hielt sich die Seiten und stöhnte über die Maßen und hatte eine ganz sezessionistische Coleur im Gesicht.

Ich ging nach dem Schranke, wo in der Ecke die Flasche stand, in der der edle Saft ist, den jener Zweig der Familie Niemeyer herstellt, der das bekannte Chateau hat, schenkte ein Glas voll, hielt es ihr unter die Nase und, indem ich ihr dreifaches Kinn herabzog, schüttete es ihr ein. Dieses wiederholte ich dreimal, worauf sie wieder zu sich kam, sich ihres Aufzuges schämte und in ihre Kammer ging. Ich aber holte den Dokter.

Der kam auch bald. Er ließ sich von ihr die Zunge zeigen, untersuchte auch ihren Hals und sagte mir dann, er wisse nicht, was es sei. Ihm scheine es Bräune zu sein, denn ihr Hals sehe aus wie ein Torfwagen von innen. Ich erzähle ihm die Sache mit der toten Amalie. Da sah er sich den Kakao an und stellte die Diagnose auf eine totale Verkleisterung und Gerbung aller Interna von Anastasia Döllmer durch ein Gemisch von Zigarrenholz, gemahlener Birkenrinde und Stampfasphalt.

Nach acht Tagen war meine Wirtin wieder hoch. Die zehn Pfund Kakao haben wir den Stadtbauamt zur Verfügung gestellt zur Asphaltierung des Schiffgrabens. Anastasia aber gelobte mir, von jetzt ab den Kakao nur noch in Hannover zu kaufen.

Es mochten acht Tage vergangen sein, da kam sie eines Abends auf meine Bude und sprach folgendermaßen wie folgt: »Säög'n Se mäöl, hier steht 'n Inseräöt im Bläöde, daß man in Kräökau bei Löffler für vier Mark vier Päör Schuhe kriegt. Ob 'ch d'r wohl mäöl hinschraabe?«

Da man Schuhe weder backen noch kochen kann, so war mir die Sache ebenso tout wie même chose, und ich sagte ihr, sie sollte es machen wie der Pfarrer Aßmann. Sie aber schickte dem Manne in Krakau die vier Mark. Wir hatten gerade Regenwetter, als die Schuhe ankamen. Frau Döllmer zog ein Paar an und schob in der Direktionsrichtung zur Markthalle ab.

Ich kam erst abends heim, da ich einen Heidebummel machte. Schon auf der Treppe hörte ich ein Geräusch, als wenn eine Schnellzuglokomotive nieste. Ich trat in mein Zimmer, steckte die Latüchte an und suchte nach meinem Abendbrot. Dasselbe war nicht daselbst. Ich begab mich in die Küche und suchte Frau Döllmer. Dieselbe war auch nicht dortselbst. Ich trat in das Wohnzimmer, woselbst ich dieselbe fand. Aber wie? An der Erde lagen sechs Taschentücher, die Tischdecke, die Kaffeekanne, der Strickstrumpf, die Zeitung, vier Butterbröte, der Teepot und Aly, ihr Mopsteckelspitz. Dieser aber zitterte und kroch winselnd zu mir heran, als sei der böse Feind hinter ihm.

In demselben Augenblick erschütterte eine furchtbare Detonation das Zimmer. Der Hund heulte, als sei ihm kochendes Wasser auf den Steert getropft, die Hängelampe schwankte, als hätte sie einen ausgedehnten Frühschoppen gemacht, mir flog die Türklinke aus der Hand, und ich selbst wurde auf den Vorplatz geschleudert. Noch eine Detonation erfolgte, und noch eine, und abermals eine, daß das Haus in seinen Grundfesten bibberte. Und dann folgte ein Laut, als gäbe ein Automobilschlauch seinen Geist auf, und diesem Laut ein Wort: »O Gotte!« und Frau Döllmer erhob sich aus ihrer Ecke.

Sie hatte einen Riesen- oder Abgottschnupfen, die alte Dame, direkt bezogen von Herrn Löffler aus Krakau für vier M. Stöhnend und nach kaputer Automobilschläuche Art seufzend, erzählte sie mir ihr Unglück. Als sie auf der Schillerstraße war, fing es an zu regnen, in demselben Augenblicke merkte sie, daß ihr einer Fuß naß wurde. Der linke Stiebel hatte einen Notausgang gekriegt. Das ließ seinem ehrgeizigen Bruder keine Ruhe und er legte sich ebensolchen zu. In der Markthalle merkte Frau Döllmer, daß sie so 'ne Art von teilweiser Kneippkur durchmachte. Beide Sohlen waren weege. Auf dem Heimweg verlor sie auch das Oberleder und kam nach Hause mit einem sogenannten Öl- oder Pappkopp, dem sicheren Verboten einer dauernhaften Verkühlung.

Ein Glück, daß sie eine gute Natur hat. Ein anderer Mensch hätte sich eine Lungenentzündung geholt, einen akuten Gelenkrheumatismus oder eine Influenza mit Eichenlaub und Schwertlilien davon. Natürlich hat sie ihren Zentnern entsprechend einen Überschnupfen. Ihr Niesen könnte Veranlassung zu einem Anarchistengesetz geben, denn Throne und Altäre wackeln, wenn's losgeht, die Fensterscheiben springen, der Stuck fällt von der Decke, die Türen springen auf und die Stühle fallen um.

Na, nun ist sie wieder oben auf. Ihren Schnupfen ist sie los. Ob sie aber ihre Sucht los ist, billig zu kaufen und von auswärts, das weiß ich nicht. Sie hat mir schon wieder einen Vortrag gehalten über einen billigen Wein- Katalog. Ich werde also Sonntag einen Mosel vorgesetzt bekommen, der Löcher in die Tischdecken frißt; die man aber schnell stopfen kann, wenn man den von der selbigen Firma bezogenen Rotspohn darauf gießt, denn der zieht sie wieder zusammen. Ich glaube, ich esse lieber auswärts. Jawohl das werde ich tun, denn mir fällt da eine ganz geheimnisvolle Geschichte ein, die mir gestern abend passierte. Sitze ich da bei meinen Abendbrot und nehme von dem Teller ein Paar Würstchen. Was meinen Sie, das, was nun noch darauf lag, rückt auf den Platz seiner Vorgänger. Ich war hungrig, und so hielt ich das für Zufall. Aber ich glaube, ich glaube… Entschuldigen Sie mich mal einen Augenblick, ich bin gleich wieder da.– – –

So – dacht ich mir's doch. Sie hat mit sechs anderen Frauen sich die Würste von auswärts kommen lassen. Nun ist mir das Nachrücken klar. Hab'n Se nicht – keine Angst, ich singe das Lied nicht! – ist es Ihnen nicht aufgefallen, daß wenn eine Droschke vom Stand fährt, die anderen dann nachrücken? Na also! Was das Roß gewohnt ist, kann die Wurst nicht lassen.

Von morgen ab esse ich aus dem Hause. Ich sehe gar nicht ein, warum ich den auswärtigen Handel unterstützen soll, überhaupt und so…

Der Bürgervorsteher

Es geht ein Mann rum im Distrikte,
Den Hut, den hat er in der Hand,
Er grüßt die Herren sehr verbindlich,
Er grüßt die Damen sehr galant.
Er ist in ewiger Bewegung,
Die halbe Nacht, den ganzen Tag.
Er frequentiert jedwede Penne,
Verzehrt da viel mehr, als er mag.
Er schnackt jedwedem nach dem Munde,
Macht sich nach Möglichkeit gemein,
Der Mann, der möchte nämlich gerne
Vertreter des Distriktes sein.
Denn das gibt Folie, das gibt Stellung,
Das kleidet gut und läßt so schön,
Dafür kann man ja ab und zu auch,
Wenn's grade paßt, zur Sitzung gehn.

Nicht nur die Politik, auch die Kommunalpolitik verdirbt den Charakter, sie ändert ihn wenigstens ganz mächtig. Das sehe ich an Schorse. Dieser Dickkopf ist plötzlich eine anderer geworden. Ich weiß nicht, wer ihm das eingeblasen hat, daß er kommunales Talent und ein städtisches Genie sei, aber ich weiß es bestimmt, daß er sich um eine sella communalis bewirbt und infolgedessen seinen Charakter umgekrempelt hat, wie einen ausgezogenen Strumpf.

Schorse war für mich immer das Urbild des konservativen Pfahlbürgers. Steif und stur ging er durch das Leben, sah nicht nach rechts, sah nicht nach links, war den Tag über in seiner bedächtigen Art fleißig im Geschäft und abends in derselben Weise fleißig bei der kleinen Lage, immer in demselben Lokale, wo er auf demselben Fleck saß, der schon sein Vater und sein Großvater glatt und blank gesessen hatten. Er sagte glatt und gerade jedem seine Meinung, grüßte in der gleichmütigen Art des Mannes von guter bürgerlicher Nahrung und bemühte sich um keines Menschen Gunst.

Es ist anders geworden. Ich kenne den Mann nicht mehr wieder. Er vernachlässigt sein Geschäft, frequentiert alle Lokale seines Distrikts, in denen stimmfähige Bürger verkehren, bemüht sich, allen Menschen ein Wohlgefallen zu sein, grüßt jedes Gebein, das Bürger, Bürgersfrau, -Kind, -Tante, -Onkel, -Nichte, -Neffe, -Vetter und -Base ist, in einer Weise, als wäre er des oder der Begrüßten leibeigner Knecht. Ein Chamäleon ist Waisenknabe gegen ihn und ein Laubfrosch ein Stümper in der Fähigkeit, die gewünschte Farbe zu bekennen. Eines Abends sprachen sie da in der kleinen Hinterstube über die Straßenbahn. Sieben mal änderte Schorse seine Meinung, je nachdem, ob einer für oder gegen die Straßenbahn Partei nahm. Ich aber war empört und sagte ihm meine Meinung, er aber feixte wie ein Baumaffe und sagte, er wüßte schon, was er täte.

Ja, wie ist Schorse dazu gekommen, sich zu einer Kandidatur zu versteigen. Der Ascheneimer ist schuld daran. Bisher war er immer ein friedlicher Bürger gewesen, aber als er in Strafe genommen wurde wegen eines in Gedanken stehen gebliebenen Ascheneimers, da riß ihm die Geduld. Seine liebe Dorette hörte entsetzt, daß er im Kontor dröhnschrittig auf und ab ging und mit sich selber sehr laut sprach, und es schien ihr, als ob er eine Rede halte.

Und dem war auch so. Und als der Bürgerverein des Distriktes tagte, da ging Schorse, wie immer, hin. Sonst hatte er immer still an seinem Platz gesessen, langsam geschmökt und langsam getrunken, nie einen Ton gesagt und stets mit der Majorität gestimmt. Aber als diesmal am Schluß der Tagesordnung die Rubrik »Verschiedenes« angesprochen wurde, da tat Schorse zum erstenmal als Redner auf. Seine Stimme war allerdings so belegt, wie ein Schinkenbutterbrot in der guten alten Zeit, sein Gesicht hatte eine apoplektische Farbe, in seinen Händen vibrierte der Tatterich, und was er sagte, klang anfangs etwas schleierhaft und erinnerte an die Orakel zu Delphi, aber allmählich ging es, und als er sich setzte und mehrere gutmütige Leute »Bravo« riefen, da wußte er, was er war.

Der kommenden Mann! Das hatte ihm der Wirt gesagt, als Schorse nachher die dritte Runde bezahlte. Und die, die davon genossen, stimmten bei. Und von dem Tage an war es aus mit seiner Herzensruhe. Er wollte was anders sein, als eine Null unter Nullen. Eine prominente Persönlichkeit wollte er werden, Sitz und Stimme haben in Rate der Weisen, und groß wollte er sein vor allem Volke.

Von da ab ging keine Vereinssitzung hin, ohne daß Schorse nicht das Wort ergriff. Er sprach zu jedem Punkte der Tagesordnung und war so schlau, nie gegen einen Redner zu sprechen. So wurde er allmählich bekannt als eifriger Distriktonkel, und bei der Vorstandswahl kam er auch glücklich hinein.

Es ist erreicht! jubelte er innerlich. Alsbald wurde er als Deputierter zum Magistrat geschickt und kam geschwollener denn je nach Hause. Er wurde ein überaus fleißiges Kommissionsmitglied seines Vereins, und es gab keine kommunale Frage, in der er bald nicht besser Bescheid wußte, wie der Ressortsenator. Die Wahlen kamen heran. Schorse sah ein, daß er Männer haben müsse, die für ihn Stimmung machen sollten. Er fand sie bald. Da war der Kaufmann, von dem er nahm, da waren der Schneider und der Schuhmacher, bei denen er arbeiten ließ, und der Wirt, bei dem er seinen Abendschoppen trank. Diese gründeten ihn. Eine Kanditatur auf Aktien. Hier und da wurde ein empfehlendes Wort fallen lassen. Dann wurden in einer Versammlung die Kandidaten genannt. Aber einer verzichtete zugunsten Schorsens. Das war der Kaufmann. Das imponierte allen Anwesenden mächtig, und die folge war, daß sie dem uneigennützigen Mann die Stimme gaben. Und der sagte, er wollte dem Wunsche der Mehrheit willfahren.

Schorse war falsch. Nun galt es seine Ehre. Was er an engeren Bekannten hatte, wurde bearbeitet, und der Kampf ging los. Man schnitt sich, man boykottierte sich gefährlich, man griff sich in den Versammlungen an. Man schickte Artikel in die Zeitungen, man bearbeitete alle Bürger für und gegen die beiden Kanditaten. Und als die große Distriktversammlung zustande kam, siehe da, da zeigte es sich, daß die Bürger des Gezankes müde waren, und die Mehrzahl stellte einen anderen, von dem gar kein Wesens gemacht war, als Kandidaten auf. Wie die Sache nun weiter wird, weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß Schorse zum ersten mal in seinen Leben an Schlaflosigkeit leidet, daß er Ringe um die Augen hat, wie ein Student nach dem Fackelzug, und daß ihm seine Weste zu weit geworden ist. Ich habe ihm gesagt, er sollte seine Kandidatur zurückziehen, aber er ist ein Mann von Charakter, er will mit Ehren durchfallen. Ach ja, Popularität ist ein Ding, das man nicht kaufen kann. Er muß schwer erworben werden. Da hat sich z.B. in einem Distrikt ein Bürger seit Jahren in der uneigennützigsten Weise der Interessen der Bürger angenommen. Es ist selbstverständlich, das er, nun der alte Vertreter abdankt, aufgestellt wird. Aber da sind Leute, denen ist er zu einfach, zu bürgerlich. Und sie gehen herum und machen Stimmung für einen anderen, der sich noch nie einen Deut um kommunale Dinge gekümmert hat. Und sie finden geneigte Ohren und beifällig murmelnde Lippen. Aber wenn der Tag der Wahl kommt, dann wird der Bürger dem Mann die Stimme geben, der seit Jahren für die Distriktinteressen gearbeitet hat, und nicht einem Herrn, der ganz urplötzlich das Bedürfnis fühlt, Bürgervorsteher zu werden, weil ihm sein Beruf Zeit genug dazu läßt und er einen anderen Sport nicht hat, und der nun auf einmal leutselig wird.

Und da sagen sie: es muß auch ein Arzt ins Kolleg. Blech! Wieso? Wenn einem mal schlecht wird bei der Sitzung? Schulärzte haben wir schon, sollen wir denn auch noch Kollegienärzte haben? Wir brauchen in dem Bürgervorsteherkolleg weder Ärzte noch Juristen, weder Handwerker noch Fabrikanten, weder Maurermeister noch Architekten, weder Kaufleute noch Bankiers, Männer brauchen wir, ganze Kerle. Und ich meine, unter den Kandidaten den richtigen Mann herauszufinden, dazu braucht man doch nur ein paar gesunde Augen.

Bei den alten Römern gab es berufsmäßige Agitatoren, die aus der Wahl eine Geschäft machten. Sie lieferten den Kandidaten das nötige Stimmvieh. Ganz soweit haben wir es noch nicht gebracht, aber beinahe. Aber bei uns gibt es Agitatoren, die für allerlei Gefälligkeiten Stimmung für die Kandidaten machen, für den Kandidaten, der gern dies oder das werden will. Und ist er es geworden und zeigt sich undankbar und gab nicht genug aus, dann agitiert derselben Mann gegen ihn, will er weiter auf der kommunalen Leiter.

Und das ist recht. Jeder Arbeiter ist seines Lohnes wert. Feste Tarife für Wahlagitation sind not. Ich schlage folgende vor:

1. Privatagitation. Gewinnung von Stimmung, pro Stück 3 Mark und Auslagen.

2. Versammlungsagitation. Pro Rede 50 Mark, bei günstiger Abstimmung 75 Mark.

3. Wahlagitation. Bei Erfolg 300 Mark für die Bearbeitung der Wähler.

4. Unschädlichmachung des Gegners durch Verführung zu Gelagen am Tage der Wahlreden, durch Lächerlichmachung in Versammlungen, pro Stück 50 Mark.

Es muß überall geregelt hergehen, und es ist die höchste Zeit, daß in dieser Sache etwas geschieht.

Es geht wohl noch

Wir saßen in der Elektrischen,
Die Bahn war proppenvoll,
Wir hofften alle, das niemand
Zu uns einsteigen soll.
Bei der nächsten Haltestelle,
Flog auf die Wagentür,
Herein stieg eine Dame,
Die war so dick wie vier.
Mit ihren zwei Zentnern plumpste
Sie mitten auf die Bank,
Daß von den Zusammengequetschten
Gleich einer in Ohnmacht sank.
Und einer Dame riß sie
In die Bluse ein großes Loch
Und sagte dabei verbindlich:
»Ich glaube, es geht wohl noch!«

»Driste mott'n sin,« sagte der Fuchs, da ekelte er den Dachs zum Bau hinaus. So ähnlich lautet ein altes Bauernsprichwort. Ich aber glaube, Reineke hat, als er in das Dachsgebäude einschliefte und es sich da mehr wie bequem machte, zu Grimbart gesagt: »Es geht wohl noch.« Mit dieser schönen Redensart kommt man immer im Leben fort, und mit ihr kann man jede Flegelei, jede Rücksichtslosigkeit, jede Unverschämtheit bemänteln. Es ist genau angegeben, wieviel Sitz- und Stehplätze in den Wagen der Straßenbahn sind, aber wenn schon längst der letzte Platz doppelt besetzt ist, so findet sich noch immer ein Mensch, der mit den Worten: »Es geht wohl noch« auf unsern Krähenaugen Platz nimmt oder sich, vertrauend auf die unumstößlichen physikalischen Lehren von der Schwerkraft und der Wirkung des Keils, zwischen zwei Personen niederläßt, die schon so eng nebeneinandersitzen, wie ein Liebespaar an einem schönen Maiabend auf einer Eilenriedebank, so eng, daß sie, da sie kein Liebespaar sind, absolut keine Seligkeit darüber empfinden.

Machen läßt sich dagegen auf anständigen Wege nichts. Alle Leute, die sich mit »Es geht wohl noch« irgendwo einführen, gehören zu der Sorte, die Quadrahtschnauzen haben und grobe Stimmen, und wenn man sich beim Schaffner beschwert, so gibt es lange, unangenehme Auseinandersetzungen, und hat man sogar das Pech, daß dann eine Person aussteigt, wodurch der Eindringling das Recht behält, sitzen zu bleiben, so hat man den Genuß, Redensarten zu hören, die einem durchaus nicht passen. Aber es gibt doch Mittel, sich zu wehren. Damen, die sich so benehmen, haben meist große Füße und sehr schlecht sitzende Schuhe. Fixiert man nun andauernd ihre Trittlinge, dann kann man sicher sein, daß sie an der nächsten Haltestelle den Wagen verlassen. Bei Herren ist es schwieriger. Aber hat man neben sich einen Bekannten sitzen und erzählt ihm leise etwas, spöttisch lächelnd zur Seite blickend, so kann man sich meist darauf verlassen, daß der Eindringling sich bald höchst ungemütlich fühlt. Einmal habe ich es gesehen, daß ein Gegenübersitzender kaltlächelnd seine Taschenkamera auf das rücksichtslose Gegenüber richtete und es meuchlings photographierte. Das half sehr, aber man kann doch nicht immer die Kamera mit sich herumschleppen. Als mir das Unglück neulich passierte, derartig gegen eine Seitenwand gedrückt zu werden, unter dem Ausruf »Es geht wohl noch«, holte ich mein Notizbuch heraus und sehrieb: »Es geht wohl noch. Dicker Herr in der Straßenbahn. Karfunkelnase. Starker Schnupfer. Elbkähne. Ausgefranste Hose. Stoff für Fritz von der Leine.« Und siehe da, es half, denn schon verdünnisierte er sich perronwärts, scheu nach mir zurückblickend. Zwei Mittel gibs's die immer helfen. Ist man stark genug, so streckt man die Knie weit vor, so daß der Ankömmling stolpern muß, dann setzt er sich ganz bestimmt nicht auf die Seite, denn ein Flegel hackt dem anderen die Augen nicht aus, oder man schneidet Fratzen, als wäre man nicht ganz bei sich. Meist hat man dann das Vergnügen, daß alles höflich Platz macht.

»Es geht wohl noch.« Überall kann man es hören, selbst in der Kirche. Sechs Plätze sind in der Bank, fünf sind besetzt, da kommen noch drei Damen und sagen: »Es geht wohl noch.« Gewiß geht es wohl noch, wenn zwei fortgehen, aber da dazu keine Veranlassung ist, so bleibt Frau Döllmer andächtig sitzen und rückt und rührt sich nicht, bis die zwei Überschüssigen mit wutentbrannten Angesichtern abschwimmen,

»Es geht wohl noch.« Gemütlich sitzt man Sonntags in einem überfüllten Restaurant an einem Tisch mit einem guten Freunde. Da kommt in guter Mann, sagt guten Abend und fragt: »Es geht wohl noch?« Na, passen tut das einem nun eigentlich gar nicht, aber was soll man machen? Der Wirt will verdienen, und so nickt man. Mit dem vertraulichen Gespräch ist es aus, denn der Jüngling hört aufmerksam zu. Mit einem Male ruft er, mit seiner Flosse winkend: »He, Schorse, Haanrich, hier ist noch Platz,« und bumms sitzen neben uns noch zwei Jünglinge. Sie rücken mit einem freundlichen »Es geht wohl noch?« ihre Stühle immer weiter, unterhalten sich so laut, daß man keinen Ton mehr sagen kann, schlagen auf dem Tisch, daß sie Gläser hopsen, legen ihre Ellbogen auf dem Tisch, erzählen sich alberne Witze und benehmen sich so, daß der anständige Gast sich schließlich vorkommt, als sei er hier der Eindringling, und sich von dannen begibt.

Daraus folgt, daß man stets nein sagen soll, wenn jemand zu und sagt: »Es geht wohl noch«, denn dann setzt man sich einer augenblickliehen Unannehmlichkeit durch freche Blicke oder unverschämte Redensarten aus, anstatt einer dauernden durch unangenehme Nachbarschaft. Denn nie in meinen Leben ist es mir begegnet, daß ein Mensch, der da sagte: »Es geht wohl noch«, ein netter Mensch war, oder daß er sich für meine Rücksichtnahme gefällig erwies. Denn »Es geht wohl noch«, sagt man nur, wenn es nicht mehr geht, und wer dann noch sagt, »Es geht wohl noch«, der zeigt schon, daß er zu den Leuten gehört, die dem Dichterworte nachleben:

»Nur die Lumpe sind bescheiden.« Man sei aber auch nicht höflich und sagte: »Bedaure sehr, aber es geht nicht,« sondern markierte sofort einen Wutausbruch und schrie: »Fällt mir gar nicht ein! Gar keine Möglichkeit! Wäre ja noch schöner! Glauben Sie, daß ich noch für meine zehn Pfennig zu rohem Mett gequetscht werden will!« Und zu seinem Nachbar sagte man. »Was die Leute sich einbilden? Als ob sie keine Augen im Kopf haben! Es ist lächerlich!« Das hilft immer, damit kommt man durch die Welt und bleibt auf seinem Platz.

Früher war es anders und früher war meine Lehre Liebe und Höflichkeit. Aber ich bin damit schlecht gefahren in der Straßenbahn und schlecht abgekommen in Konzert, Restauration und Theater, und habe eingesehen, daß unverschämte Menschen und rücksichtslose Leute stets besser vorwärts kommen, wie höfliche und zuvorkommende. Ich habe es einmal mit angesehen, wie in einem Wartesaal vier angetrunkene Menschen alle Anwesenden terrorisierten, bis ein Reisender kam, sich den Zauber fünf Minuten ansah und dann den Wirt anschrie: »Sagen Sie mal, wo ist hier der Wartesaal für die anständigen Leute?« Das half brillant.

Und noch eine Lehre geht daraus hervor. Niemals soll man, ist man stark genug dazu, Rüpeleien und Unverschämtheiten ungerügt durchgehen lassen. Erstens hat man das wärmende Gefühl der guten Tat und zweitens kommt man immer weiter damit, wie mit Rücksichtnahme. Irgend wer erzählte mir einmal, in irgendeiner Ecke Amerikas, ich glaube in Argentinien, herrschte ein riesig liebenswürdiger Ton im Verkehr, denn jeder wisse, daß der andere auch einen Revolver in der Tasche habe. Nun, das ist hier ja überflüssig und auch nicht wünschenswert, aber wenn jeder unverschämte Mensch weiß, daß kein Mensch gesonnen ist, sich Übergriffe gefallen zu lassen – Sie sollen mal sehen, wie schnell sich die Sitten ändern werden!

Doch besser als lange Reden helfen Beispiele aus dem Leben. Passen Sie auf! Es war einmal ein junger Mann, der berüchtigte Radflegel von Hannover-Linden und Umgebung, die Vororte mitgerechnet. Dieser Mensch amüsierte sich damit, jeden Sonntagnachmittag, an dem es nicht regnete, einige Tausend Menschen in der Stadt und in der Eilenreide auf den Tod zu erschrecken. Er fuhr wie ungesund im Renntempo über die Fußwege, schrammte Passanten mit Pedalen, machte Pferde und Kindermädchen scheu und brachte alte Herren durch sein plötzliches Klingeln mit der Strippenglocke zu Herzaffektionen und alte Damen zu Weinkrämpfen. Und es begab sich, daß man ihm abends auflauerte, ihn so lange haute, bis ihm schlecht wurde, und ihn samt seiner geliebten Karre in den Schiffgraben tat, wo dieser am tiefsten war. Und ohne daß man das Vermögen des Jünglings durch ein Strafmandat beschnitt, ohne daß man die Polizei in Anspruch nahm, nur durch eine kurze, aber eindringliche Belehrung über die Rechte und Pflichten von Radfahrern und Füßgängern gewann man der menschlichen Gesellschaft ein nützliches und angenehmes Mitglied. Wenn es Sonntag nicht regnet, so können Sie ihn in der Eilenriede nett und artig fahren sehen.

Nun fassen Sie die Sache aber nicht so auf, als sollten Sie gleich jeden in den Schiffgraben werfen – nein, das will ich damit nicht gesagt haben, und obwohl ich die eben erzählte Handlungsweise auch nicht billige, freuen tut sie mich aber doch, schon im Interesse des bekehrten Jünglings. Ich wollte damit nur gesagt haben: »Was man sich nichts zu gefallen zu gelassen braucht, das braucht man sich nicht zu gefallen zu gelassen!«

Gerichtszeuge

Der Krischan Kötter, der stand vor Gericht,
Als Zeuge wurde er vernommen.
Drei Stunden hat warten müssen er,
Davon wurde ihm ganz beklommen.
»Wer falsch schwört,« sagt der Präsident,
»Wird in Zuchthausstrafe genommen,
Und darf außerdem nicht vor Gericht
Wieder als Zeuge kommen.«
Der Krischan hört ganz andächtig zu,
Ganz benaud ist ihm zu Sinnen,
Von dem Warten auf dem Korridor,
Von dem Knurren im Magen drinnen.
Und als er endlich abtreten kann,
Da meint der Krischan trocken:
»Das man dann nicht Zeuge zu sein braucht,
Das könnte mich beinahe verlocken.«

In Reisebeschreibungen habe ich als kleiner Junge gelesen, daß in China die sonderbare Sitte besteht, daß das Gericht alle an dem Prozeß Beteiligten, also den Angeklagten, den Kläger und auch die Zeugen einsperrt und hundsmiserabel behandelt und beköstigt. Schon damals, wo ich solch Proppen war – nicht höher wie zwei aufeinandergestellte Achtel – fand ich diese Manier höchst dummerhaft und lächerförmig, und ich sprach mir selbst meine herzliche Gratulation zu der erfreulichen Tatsache aus, daß ich nicht als Chinese, sondern als Deutscher auf die Welt gekommen war. Dieser Tage habe ich nun die Erfahrung machen müssen, daß bei uns in Deutschland dieselbe unangenehme Manier in der Rechtspflege besteht, wenn auch in einer unseren patenten Sitten mehr angepaßten, weniger rauhbeinigen Form. Ich mußte nämlich vor Gericht. Da die Sache mir neu war, so freute ich mich sehr darauf, machte mich, wie es sich gehört, sehr sein, und wanderte frohen Mutes zum Justizpalast. Um ja nicht zu spät zu kommen und meinen Wechsel dadurch auf dem Undamm zu bringen, tanzte ich eine Viertelstunde früher an und stand nach einer kurzen, aber lehrreichen Odyssee durch zwanzig Korridore, zehn Treppen und drei Stockwerke vor dem mir angegebenen Zimmer.

Ich hatte noch fünf Minuten Zeit. Es tat mir leid, daß es nicht 15 waren, denn ich sah zu viel Interessantes. Da waren die Gerichtsdiener in ihren vornehmen Uniform. Da waren alte Richter, die still über die Korridore gingen, und junge Rechtsanwälte, die mit gehobener Stimmen laut ihren Klienten mitteilen, daß sie in der zweiten Instanz ganz bestimmt gewinnen würden. Da waren Leute mit ängstlichen Gesichtern, das waren die Kläger; und da waren Leute, die frech um sich guckten, das waren Angeklagten. Da waren Bänke, auf denen viele Leute saßen, alte und junge, und alle sahen aus, als wollten sie jeden Augenblick einschlafen. Einige sahen immerzu nach ihren Uhren und Murmelten geheimnisvolle Sprüche, die ich erst später verstand. Und kleine Jungens mit großen Mappen liefen herum, als hätten sie riesig viel zu sagen; das waren Schreiberlehrlinge. Und große Herren mit kleinen Notizbüchern kamen und gingen; das waren die Zeitungsberichterstatter, schreckliche Menschen, denen es Spaß macht, wenn möglichst viele Leute die gräßlichsten Sachen machen, denn darin liegt ihr Verdienst. Einer von ihnen sagte zu seinem Kollegen: »Sagen Sie bitte auf der Redaktion Bescheid, sie sollten Platz lassen. Ich habe noch einen brillanten Selbstmord und einen ganz famosen Unfall mit tödlichem Erfolg!«

Es war sehr interessant. Da war ein Mann, der schimpfte, weil er keine Zeugengebühren kriegt. Er verlöre den halben Tagesverdienst. Er war nämlich Bettler und Landstreicher. Eins gefiel mir nicht. Das Gericht ist ungalant. Ein hübsches junges Mädchen, das riesig fein angezogen war, wurde von einem Gefängniswärter vorgeführt, als wäre sie ein Kerl. Er konnte ihr doch den Arm bieten. Schließlich hörte ich, daß ein Herr folgende lakonische Rede hielt: »Himmelkreuzbombengewitterdonnerkeil! Jetzt ist es gleich elf und ich bin noch nicht dran. Wieder muß ich den Frühschoppen verbummeln!« Da fiel mir ein, daß ich auf elf Uhr geladen sei, und ich wollte gerade in das Zimmer hineingehen. Ein Berichterstatter hielt mich aber zurück und fragte mich: »Sind Sie schon mal irgendwo rausgeschmissen?« Ich antwortete: »Dieses nicht, sondern nein,« worauf er sagte: »Na, denn ist Ihnen das was Neues und Interessantes und dann gehen Sie man zu.« Ich verzichtete, denn es gibt viele Dinge, die ich ebensowenig kenne, als kennen lernen möchte. »Wann sind Sie vorgeladen?« fragte er dann weiter. »Auf elf,« sagte ich. »Auf elf? Na, dann kommen Sie mit mir, was wollen Sie sich hier mopsen. Ich will eben nach Hildesheim fahren, dort mit meiner Vetter einen Frühschoppen machen und wieder zurückfahren. Kommen Sie mit, Zeit haben Sie die Masse.« Ich lies den Herrn einfach stehen. Ein solche Frivolität war mir noch nicht vorgekommen. Er fragte nochmal: »Na, woll'n Sie? Vor zwei Uhr kommen Sie nicht heran!« Ich sagte ihm, er sollte nicht glauben, daß er mich für'n Dummen haben könne; ich bäte mir aus, daß er mir den meiner Stellung zukommenden Respekt entgegenbrächte, worauf er lachend abschob. Gleich darauf kam ein anderer, erkundigte sich nach dem Zweck meines Daseins und riet mir dann, ein Brechmittel zu nehmen oder etwas Ähnliches. »Wissen Sie, wenn Sie elend sind, kommen Sie eher ran. Und elend werden Sie auf jeden Fall. Wovon, ist ja ganz egal, ob durch Brechmittel oder Warten.« Bald darauf kam ein Dritter. Er was so freundlich, mir mitzuteilen, daß noch zehn andere Personen in dasselbe Zimmer auf elf Uhr geladen seien, und entfernte sich, nachdem er mir diese ermutigende Mitteilung gemacht hatte.

Um zwölf Uhr hatte ich das Gefühl, als ob mein innerer Mensch sich nach Tätigkeit sehnte. Da ich zufällig kein belegtes Butterbrot bei mir hatte, so holte ich einen Nikotinspargel herfür. Gerade wollte ich ihn mir in der klassischen Physiognomie befestigen, als ein Gerichtsdiener mir laut und deutlich sagte. »Sie, können Sie nicht lesen?« Ich nickte freundlich, weil das lebhafte Interesse, das der Herr an mir nahm, mich freute, und steckte ein Streichholz an. Er aber wies mir ein Schild, worauf zu lesen, daß der, wer hier rauchte, es sich selbst zuzuschreiben hat, und ernst sprach er: »Können Sie nicht lesen? Das Rauchen ist verboten!« Ich machte ein erstauntes Gesicht und meinte: »Soo! Ich dachte, das gälte bloß für die Öfen und die Beamten! Ich rauche übrigens sehr gute Zigarren!« Da wurde er aber ganz spee und sagte: »Und wenn Sie meinshalben Sechspfennigs-Zigarren rauchen, hier dürfen Sie se doch nicht rauchen!« Ich sagte: »Na, denn nicht,« und steckte schnell das brennende Streichholz in die recht Westentasche. Das sieht riesig ulkig aus, wenn man's kann. Sonst brennt man sich die Finger an und macht sich lächerhaft. Schnell ging der Herr fort; er hatte Angst vor mir.

Da er ein bißchen barsch zu mir gewesen war, so machte es mir Spaß, ihn zu reizen. Als er wieder vorbeikam, steckte ich wieder einen Elendsstengel in den Mund und steckte einen Sticken kunstreich in der rechten Hosentasche an. Sofort war er wieder da und schnob mich an: »Ich hab' Ihn' doch gesagt, sie soll'n nicht rauchen!« Ich sah ihn kaltlächelnd an und sagte: »Das will ich ja auch gar nicht:« Fassungslos starrte er mich an und fragte dann bescheiden: »Ja, zu was stecken Sie denn das Streichhölzchen an und nehmen die Zigarre in den Mund?« Ich neigte mich zu seinen Ohr und flüsterte »Weil ich vor lauer Warterei schon halb dötseh und halb blödsinnig bin!« Da nickte er beistimmend und entlief.

Mittlerweile war es halb ein Uhr geworden. Mein Magen machte einen Spektakel, daß ich mich seines Besitzes schämte, in meinen Knien verspürte ich ein Gefühl, als seien dort die Kugellager nicht in Ordnung, und im Rücken war mir, als wäre das Rahmenrohr kaput. Und immer wurde ich noch nicht aufgerufen. Leute gingen rein und kamen raus, bloß ich nicht. Und dann hatte ich auch kalte Füße, und die habe ich bloß beim Skat gern. Und im linken Backenknochen zuckte es eklig. Ich habe da einen Kusen, der entschieden mal wieder neu verlötet werden muß. Gegen dreiviertel eins dachte ich, mein letztes Stündlein sei gekommen. Hunger; Kopweh, Zahnpein, Rückenschmerzen, Eisbeine, allgemeine Mattigkeit, Übelkeit, Schwindel, Atembeklemmungen, präkordiale Angst, Tatterich, Ohrensausen, Funkensehen, Herzkopfen, kalter Schweiß, alle diese angenehmen Vorboten einer baldigen Agonie traten nach und nach ein. Ich wollte gerade zu einem Berichterstatter gehen und ihn bitten, wenn mir etwas zustoßen sollte, es Frau Döllmer zu telefonieren, da rief der Gerichtsdiener meinen Namen. Ein unerwartetes Glück hat schon manchem schwache Menschen den Tod gebracht. Mein Zustand war so erbärmlich, daß ich mich keineswegs gewundert hätte, wenn es mir ebenso gegangen wäre. Aber meine kräftige Konstitution überwand den Nervenschock; Übelkeit, Schwindel, Mattigkeit, alles ging fort und ich fühlte wieder Kraft im mir.«

Was mich aber am meisten ärgerte, war, daß meine Vernehmung gerade vier Minuten achteindrittel Sekunden dauerte. Wenn sie wenigstens eine Stunde gedauert hätte, aber zwei Stunden zu warten, und dann vier Minuten vernommen zu werden, um einer viertelminutigen Vernehmung wegen fast an den Rand des Grabes zu kommen, das paßt mir nicht. Ja, wenn es noch eine Verhandlung gewesen wäre, deren voraussichtliche Dauer niemand, weder der Justitzminister noch der klügste juristische Universitätsprofessor voraussehen kann, dann hätte ich noch nichts gesagt. Aber hier, wo es sich bloß um eine Vernehmung handelte, da fand ich es doch etwas quant, so mit dem Menschenleben zu spielen. Mein einziger Trost war nur der, daß drei andere noch länger warten mußten. Der eine ist, wie mir seine Frau erzählte, erst am anderen Morgen nach Haus gekommen.

Ich fluchte also wie ein Türke, als ich überhungert und eisgebeint heimsockte. Ich bin jetzt aber nicht mehr imstande, über die Justiz der Chinesen zu feixen. Auch bei uns werden Angeklagte, Kläger und Zeugen von vornherein als strafbare Subjekte behandelt. Denn als etwas anderes, als eine harte Strafe, kann ich die Warterei nicht auffassen.

Sie hoffentlich auch nicht. Oder sollte jemand von Ihnen anderer Ansicht sein, so bitte ich hiermit um sein Fratzotyp. Ich möcht's gern auf'm Pfeifenkopf haben.

Influenza

Sie ist in alle Häusern gewesen,
Die Influenza, und auch bei mir;
Ich hab' sie mit allen Mitteln behandelt,
Mit Bädern, Pulvern und Salbengeschmier.
Ich folgte dem Rat jedes Freundes
Und aß sechs Apotheker reich.
Ich trank heute Grog, morgen Rotspon
Und Kognak dann, mir war alles gleich.
Ich habe geschwitzt und habe gefroren
Im Dampfbad und Packung, es blieb egal,
Es wurde nicht besser, nicht schlimmer,
Kontraktmäßig blieb ihre Zeit sie einmal.
Ich hab'mich an dem gräßlichsten Teezeug
Und an dem greulichsten Pulver gelabt,
Und hätt' ich mich weiter um sie gekümmert,
Dann hätt' ich sie wohl noch länger gehabt.

Für einen Schriftsteller gibt es kaum etwas Schrecklicheres, als wenn er zu den Bewustsein kommt, daß seine Denkfähigkeit im Nachlassen ist. Manchen Menschen fällt das nicht auf, manchen hindert es auch nicht, ist vielen sogar in der Karriere dienlich. Es gibt eine Menge Berufsarten, bei denen das selbständige Denken sehr hinderlich ist. In solchen Berufen ist es krankhaft, wenn der Betreffende anders denkt als der hochmögende Vorgesetzte und die liebe Behörde, und also auch schädlich; denn denkt er etwas laut oder sogar schriftlich, so verliert er Amt und Brot. Umgekehrt ist es beim Schriftsteller. Ihm kommt zu Nutzen, was vielen braven Leuten schadet, und er macht nicht nur Karriere, wenn seine Denkkraft erlischt, sondern sinkt auch in der Achtung seiner Mitmenschen und in der Wertschätzung seiner Verleger. Und da mir an beiden sehr viel liegt, so machte mich der Fall tieftraurig und ich sann über die Mittel zu ihrer Bekämpfung nach.

Aber schon hierbei zeigten sich die schlimmsten Symptome. Ich fand weder das eine, noch das andere. Es ging mir damit wie früher mit den seltenen Schmetterlingen. War ich so dicht dabei, daß ich glaubte, ich hätte sie unter den Hut, wupps, waren sie weg und tummelten sich mit tausend gemeinen Kohlweißlingen über den Kleeköpfen. Und glaubte ich jetzt, eine glänzende Idee unter dem Hut zu haben, dann flog sie fort und wimmelte zwischen allerlei gewöhnlichen Gedanken herum.

Ich ging also zu einem berühmten Arzt und sagte, was dagegen zu machen sei. Der schlug mir mit einem Hammer auf dem Kopf, lauschte dann, ob nichts darin klapperte, meinte, es wäre alles in Ordnung, und gab mir dann ein Rezept zu meiner Beruhigung. Ich zog einen fachkundigen Mann zu Rate und der sagte mir, es sei Fliedertee. Fliedertee mag ich nicht, und so schädigte ich den Apothekerstand durch Fortwerfen des Manuskriptes.

Da mir nun schon so oft beim weisen Gespräch am Stammtisch manches klar wurde, was sich bis dahin von torfähnlicher Durchsichtigkeit gezeigt hatte, so begab ich mich in ein Haus, in dem allabendlich eine Unzahl hervorragender Kapazitäten zusammenkommen, um die Bürgervorsteherwahlen, die Kaliberfrage der Pischbüchsen, die Bekömmlichkeit der verschiedenen Biere, die beste Fahrradmarke, die einzig wahre Zigarrensorte, die Chancen neuer Reichs- und Landtagskandidaten, Bekömmlichkeit leinener oder wollener Unterkleider und ähnliche Probleme zu besprechen.

Es dauert gar nicht lange, so fragte ein Herr einen anderen so recht liebenswürdig: »Na, was fehlt Ihnen? Sie machen ja ein riesig dämliches Gesicht!« Anstatt, dieser nun erwiderte in seiner herzquickenden Offenherzigkeit, die ihn vor vielen versteckten Seelen auszeichnet: »Lieber Freund, das kann Ihnen ja nur sympatisch sein, denn dann sind Sie nicht immer der einzige von dieser Sorte,« da antwortete er sanft: »Ja, mir ist auch so dösig; mit schmeckt nichts; ich habe Sauerkraut mit Schnäuzken zu Mittag gehabt und kaum anderthalb Pfund gegessen. Das Bier schmeckt mir auch nicht und die Zigarre kneift mir die Kehle zu. Die Hauptsache ist aber, mit fällt das Denken schwer.« Sein Freund meinte zwar: »Das letztere wäre ja nun nichts Auffallendes, aber der Appetitmangel in jeder Form und besonders die Sanftmut wären auffällig; er würde wohl die Influenza haben.

Sind Sie schon in dusterer Nacht mitten in der Heide herumgelaufen, ohne den Weg wieder finden zu können? Sie werden immer müder und hungriger, schließlich fängt es noch an zu regnen, und zu guter Letzt bemerken Sie noch, die Heide verwandelt sich in Moor und die Aussicht auf ein Schlammbad ist in greifbarerer Nähe. Und während Sie nun überlegen, was besser ist, auf einen Stuken sitzen zu bleiben und zu warten, bis es hell ist, oder planlos weiter zu stampfen, da hören Sie mit einen Male einen Wagen knarren.

So ungefähr war mit zumute, als ich das erlösenden Wort hörte: Influenza! Natürlich, das war es. Die soll mit Dösigkeit anfangen. Aufmerksam hörte ich zu, was man dem Patienten dagegen verordnete. Zuerst wurde der Patient befragt, ob er auch andere Anzeichen verspüre, z.B. Kreuzschmerzen oder Schmerzen zwischen den Schulterblättern und in Armen und Beinen. Er sann nach und fand, daß es ihm so vorkomme. Ob er nicht auch so 'nen pappigen Geschmack im Munde habe? Ja, der wäre auch da! Und etwas Kneifen in der Brust? Ja, natürlich! Und ab und zu Herzklopfen? Freilich! Und Ohrensausen ein bißchen? Gewiß! Na, dann sollte er nur ordentlich Kognak trinken.

Als ich das gehört hatte, zahlte ich und verschwand; unterwegs kaufte ich mir eine Literflasche Kognak. Zu Hause fand ich, daß ich außer der Dösigkeit noch Kreuz- und Nackenschmerzen hatte. Ich trank drei Kognaks und hatte die Freude, daß sich nun auch die Gliederschmerzen einstellten. Nach weiteren drei Kognaks hatte ich einen pappigen Geschmack im Munde, und als ich noch drei trank, stellten sich Ohrensausen und Funkensehen ein. Diesen rückte ich mit drei weiteren Kognaks zu Leibe und hatte die Genugtuung, daß sich Herzklopfen einstellte, während die folgenden drei mir zu den noch fehlenden Kongestionen verhalfen.

Bevor ich am anderen Morgen aufwachte, träumte ich, daß es Mode sei, Glatzen zu tragen, und daß mir mein Friseur ein Haar nach dem anderen ausrisse. Das paßte mir nun aber absolut nicht und ich wachte auf. Zu meiner Freude konnte ich feststellen, daß ich nun ein komplettes Exemplar Influenza besaß. Die ganze Stube ging rund mit mir, mein Kopf dröhnte wie ein Akkumulatorwagen, alles Blut schien darin zu sitzen, ich sah Feuerwerk, hörte Regimentsmusik, hatte vergnügte Finger und ein Herz, das viertelstundenlang ein geradezu unheimliches Phlegma und dann fünf Minuten einen höchst cholerischen Charakter aufwies.

Als ich so dalag und darüber nachdachte, ob das nun das ganze Programm sei oder ob noch Zugaben folgten, da hörte ich es klopfen und meine gütige Wirtin ließ einen Bekannten herein, der mich zum Frühschoppen abholen wollte. Er war tödlich erschrocken, als er meinen Zustand sah, und holte schnell aus seinem Portemonnaie eine Sammlung von Pülverchen. Da gab es Phenazetin; Migränin, Chinin, Antipyrin; Antifebrin, Salipyrin, Katerin, Jammerin, Influenzin, und wer weiß was noch. Davon gab er mir eins und hielt mir dabei eine lange Rede über die Schädlichkeit des Alkohols bei der Influenza. Nach fünf Minuten brach mir dir kalte Schweiß aus, ich sah Ratten und Mäuse an den Tapeten und fühlte daß mein Herz streikte.

Da gab mir mein Freund schnell ein zweites Pulver als Gegenmittel. Sofort arbeitete mein Herz los, wie eine Weckeruhr des Morgens und halb sechse, und alles Blut stieg mir zu Kopf, Aber auch dagegen hatte der gute Mann ein Gegenmittel. Als ich das einnahm, bekam ich so eine Art von Veitstanz, der sich aber verlor, als ich ein viertes Mittel nahm. Danach wurde mir so schlecht, daß ich schleunigst ein fünftes nehmen mußte, worauf mir bis auf unerträgliches Leibschneiden besser wurde. Diese Bauchzwicken beseitigte mir die Nr. 6, verschaffte mir dafür aber die Zwangsvorstellung, Stearinlichter kauen zu müssen, und so nahm ich ein siebentes. Nach diesem befand ich mich erst ganz famos, nur bekam ich bald solche Bruststiche, daß ich kaum japsen konnte. Zwar beseitigte Nr. 8 diese Erscheinung, bewirkte aber Sehstörungen, die nach dem Genuß des neunten Mittels vollständig verschwanden, aber einer allgemeiner Körperschwäche Platz machten, die mir als bedenklich letales Zeichen vorkam. Mein Freund wollte, da er keine weiteren Pulver mehr hatte, gerade von vorn anfangen, als meine Wirtin erschien und auf mein flehentliches Winken dem Manne sagte, er solle andere Leute als Versuchskaninchen behandeln als ihren prompt zahlender Mieter.

Darauf flößte sie mir sechs Tassen Brusttee mit Kandis ein, was sie getrost tun konnte, da ich zu schwach war, um dagegen protestieren zu können, und gab mir den Rat, tüchtig zu schwitzen. Aus Wut über diese Vergewaltigung tat ich das nun gerade nicht, sondern lag da und kam mir vor wie eine Flasche voll Brusttee, der nach Heu schmeckt und ekelhaft süß ist. So wie ich eingeschlafen war und drehte mich in meinen schweren Träumen auf die Seite, dann kluckerte es in mir so laut, daß ich aufwachte. Nachmittags kam ich fast um vor Hunger, aber das wäre gerade gut, sagte meine Wirtin und gab mir kein Fitzchen.

Am anderen Tage kam ein anderer Freund und war tödlich erschrocken, als meinen er meinen Zustand sah. »Mensch du verhungerst ja bei lebendigem Leibe,« sagte er und lief weg. Nach einer halben Stunde kam er wieder und brachte Hummer, Lachs und Bärenschinken, alte Mettwurst und frische Wurst mit. Dann gab er mir, und die Magentätigkeit anzuregen, einen Schnitt Salzsäure. Da ich merkte, daß dieses Mittel sich aus Mangel an einer anderen Beschäftigung daran machte, meine Magenwände zu Speisebrei umzuwandeln, so setzte ich es in Nahrung und stopfte hinein, was das Zeug halten wollte. Das hatte insofern sein Gutes, als er mir später die Kraft gab, aus dem Bett zu springen und vor Angst hin und her zu rennen. Aber die nächsten drei Tage wurde mir schlecht, wenn ich nur etwas Eßbares sah, und ich wurde sogar elend, als ich zufällig ein Inserat eines Delikateßhändlers las.

Mein Glück war nun, daß sich ein wohlmeinender Freund fand, der mir riet, ein Dampfbad zu nehmen; die Verschleimung müsse heraus. Gerade war ich auf dem Wege dahin, als mir ein andere Bekannter begegnete und mir sehr abriet. Bei meinem geschwächten Zustand könnte ich durch ein Volldampfbad einen Herzschlag bekommen. Dagegen könne er mir zu einem Kniedampfbad mit Halbbad und Blitzgüssen raten; ihm sei das brilliös bekommen.

Ich nahm also dieses Bad mit den drei Etagen und kann wirklich sagen, es hat mir geholfen, denn so bald nehme ich keins wieder. Die Sache ist nämlich so. Man zieht sich aus, setzt sich in einen Kasten, der unten eine durchlöcherte Platte hat, woraus heiße Dämpfe kommen. Dann kriegt man ein Tuch über die Beine. Nach einer Minute wünscht man, daß man bei Andree wäre, nach fünf Minuten sehnt man sich danach, vollständig nackt am ersten Januar auf dem kältesten Gletscher zu sitzen, nach zehn Minuten sieht man neugierig nach, ob schon alles Fleisch von den Zehen abgekocht ist, denn so scheint es einem, und nach elf Minuten brüllt man wie ein Vieh und springt wie besessen aus dem Folterinstrument heraus.

Auf dieses ihm bekannte Zeichen kommt der Wärter und legt einen in eine Wanne mit warmem Wasser. Erst gießt er einem sechs Eimer Wasser ins Genick, dann sechs in die Front, so daß man ohnmächtig wird, und dann bringt er einen wieder mit einem Gegenstand zum Leben, von dem er behauptet, es wäre ein Frottierhandtuch. Ich aber glaube, es war ein Ding, womit man von toten Schweine die Borsten abmacht. Ich wollte in die Tasche fassen, um mein Messer zu kriegen, aber leider war die Tasche in meiner Hose und die hatte ich nicht an, und so entging der Verruchte dieses Mal noch seinem verdienten Schicksal.

Als ich dann mit dem Bewußtsein mich aus der Wanne kröppelte, daß ich berechtigt wäre, als geschundener Raubritter auf eine Spezialitätenbühne zu gehen, da setzte der rohe Patron seiner Schurkerei die Krone auf. Er versetzte mir aus einem Schlauch auf drei Kilometer Entfernung einen eiskalten Wasserstrahl auf den ahnungslosen Rücken, daß mir die ganze Puste ausging und ich mich wimmernd umdrehte. Das benutzte er zu einem zweiten, Brust und Unterleib treffenden Strahl, der meine Absicht, ihn zu erdrosseln, unmöglich machte, und als ich mit dem Aufwand des letzten Restes meiner Kraft nach meinem Stuhle langte, und ihm den Schädel einzuschlagen, da entfloh er mit jenem geübten Sprunge, den wir bei Tierbändigern bewundern, und ließ mich allein mit zwei Handtüchern, einem Spiegel, einem Kamm und einer Bürste.

Ich sank auf einem Stuhl und dachte an Blut, Blut und dreimal Blut. Ich sah so rot aus wie ein Krebs, und meine Haut war zart und dünn, wie die eines Säuglings. Mit Tränen in meinen schönen blauen Augen trocknete ich mich ab und zog mich an. Ich war geistig und körperlich so schwach, daß ich dem Menschen aus dessen Gußstahlfäusten ich glücklich entkommen war, noch fünfzig Pfennig Trinkgeld gab, in der stillen Hoffnung allerdings, es würde sie in Schnaps anlegen, Krakeel machen und ins Loch kommen.

Sie wissen, wie ich das Spucken gerügt habe. Nun denken Sie sich, nach diesem Bade – Bad kann man es ebenso gut nennen, wie einen Keulenschlag eine schmerzlose Narkose – kriege ich es derartig mit dem Spucken, daß die Sache nicht nur mir, sondern aller Welt unangenehm wurde. An Essen und Trinken war die nächsten drei Tage kaum zu denken, so hatte ich mit der eben beschriebenen Tätigkeit zu tun.

Dann kam ich mir vor wie ein seliger Geist, so leicht war mir. Ich wog mich für zehn Pfennige und fand, daß ich elf Pfund abgenommen hatte. Der Appetit auf feste Speisen wollte nicht wieder kommen, und so sah ich absolut keine Möglichkeit, dieses Defizit zu decken, bis mir eine Tante von Frau Döllmer riet, guten Moselwein trinken, danach bekäme man Appetit. Na, ich trinke also so lange Moselwein, bis ich mir vorkam, wie eine saure Gurke, aber der Appetit kam nicht, »Ja,« sagte ein Herr zu mir, dessen Nase andeutete, daß er sachverständig war in solchen Dingen, »Moselwein, das ist ja Unsinn! Guten Rotspon müssen Sie trinken, Blut in den Knochen kriegen. Dann kommt der Appetit wieder.«

Ich versuchte es nun mit einer schönen Röte, und zwar mit dem Erfolg, daß ich am anderen Morgen nicht genau mehr wußte, ob das Tinte gewesen sei oder fünfprozentige Karbollösung, die ich abends zum mit genommen hatte.

Schließlich wollte ich es mit Hypnose versuchen. Im Sprechzimmer traf ich sieben Leute, die bereit waren, ihren Verstand umdeichseln zu lassen. Der eine wollte sich suggerieren lassen, daß er das Staasexamen bestände; der zweite wollte sich Mut einsprechen lassen, und die Hand einer reichen Erbin anzuhalten; da war ein Kunsthistoriker, der Kunstverständnis erflehte, eine reich gewordene Althändlerin, die gesellschaftliche Formen haben wollte, ein strebsamer Beamter, der um demütigen Blick ersuchte. Sie alle erzählten mit Wunderdinge von dem Doktor. Der eine hatte eine Tante gehabt, die an Kleptomanie litt; sie stahl überall wertlose Kleinigkeiten. Jetzt sie sie geheilt, das beweise nämlich, daß sie gestern einen Tausendmarkschein gemopst habe. Ein anderer hatte einen Neffen, einen unverbesserlichen Brantweintrinker; heute ist er geheilt und tuts in Sekt. Eine Frau erzählte mir, ihr Mann habe auf der Jagd nie etwas treffen können, aber schon nach der ersten Suggestion habe er drei Treiber und zwei Jäger angebleit, von denen der eine sogar ein Herr aus altem Adel war.

Nein, da bekam ich es doch mit der Angst. Wenn der Herr Doktor, so dacht ich, solche Gewalt über die Herzen und Geister hat, so kann er mit mir machen, was er will. Vielleicht gehört er der Klingerklique an und befielt dir, Klingers Kreuzigung gut zu finden, und das wäre doch noch schlimmer wie die Influenza.

So machte ich mich denn von dannenwärts. Es ging schließlich auch ohne Arzt. Nur noch vierzehn verschiedene Methoden machte ich durch, Dampfpackung und Lichtbad, die Grog- und Zitronenfastkur, die Massage und den Vegetarismus, die Christian Science und die Methode Ast, nach drei Wochen war ich geheilt. Sie sehen also, wenn man die Influenza zu behandeln weiß, dann ist sie gar nicht so schlimm.

Lex Heinze

Schon wird es bunt in Wald und Garten,
Schon wird es grün in Feld und Flur,
Es schafft jetzt ihre schönsten Werke,
Mit Künstlerhänden die Natur,
Da pfeift Nordostwind um die Blüten.
Da fällt der Schlappschnee in das Grün,
Es welkt die Saat, es fällt die Knospe,
Vorüber ist's mit ihrem Blühn.
»Wir wollen,« rufen Sturm und Schlappschnee,
»Nur töten Engerling und Maus!«
So sagen sie und machen dabei
Den armen Blumen den Garaus.
Ich habe gepflückt die welken Blumen,
Die gestern noch so froh gelacht,
Und hab' dabei an die lex Heinze,
An Kunst und Polizei gedacht…

Es war am 24. März 2000, als ich nach längeren Reisen im Ausland wieder nach Hannover kam. Ich hatte die Erholung nötig gehabt, den wegen Beleidigungen einen Schwindlers hatte ich eine längere Gefängnisstrafe zu verbüßen gehabt, und das von Rechts wegen. Ich hatte während der langen Reise keine Zeitungen gelesen, um mich einmal gründlich auszuspannen, und wußte wenig von dem, was im lieben deutschen Vaterlande und besonders in Hannover geschehen war.

Daß allerlei Sonderbares geschehen würde, das dachte ich mir schon im Frühjahr 1900. Ein Naturkenner sagte mir damals: »Dieses Jahr wird ein Raupenjahr erster Ordnung,« und er behielt Recht, wie kriegten die lex Heinze. Und da seine Raupe noch kein Raupenjahr macht, so kriegten wir die lex Roeren und die lex Stöcker und die lex Ballestrem und die lex Ahlwardt und die lex Oertel un die lex Groeber und noch viele Gesetzte, welche die Namen von Leuten trugen, die auf andere Weise nicht zur Berühmtheit kommen konnten.

Das alles hatte ich im Kupee und an Bord, an der Hoteltafel und auf den Veranden der Logiervillen gehört, hatte mich aber nicht weiter darum gekümmert, sondern Land und Leute studiert, den Wein und das Bier probiert, mich an Bergen und Gletschern, an Wäldern und Triften gefreut, an Meeresrauschen und Wellengeflute, und kam so ins Vaterland zurück, wie in ein fremdes Land.

Ich war nachts im Schlafwagen von der holländischen Grenze abgefahren und kam gegen Morgen in Hannover an. Als ich aussteigen wollte, trat mir ein Mensch in einem Kostüm entgegen, wie es mir noch nie begegnet war. Es war ein baumlanger Mensch in einen blauen, mit Silberschnüren benähten Gewand, das wie ein Sack die ganzer Figur einhüllte. Auf dem bartlosen Kopfe trug er einen topfähnlicher Hut und um die Hüften ein Schwert. Er winkte zwei gleichgekleideten Männern, und beide drangen zu mir ins Kupee, legten mir Handschellen an, warfen mir einen Karoffelsack über, in den oben ein Loch für den Kopf geschnitten war, und führten mich dann durch den Ausgang und durch die Perronsperre nach der Bahnhofswache.

Dort waren mehrere ähnlich gekleidete Wesen vorhanden, von denen einer, der mir durch seine silbernen Achselklappen besonders auffiel, mir zurief: »Setzen Sie sich!« Da ich nicht wußte, was man von mir wollte, so sagte ich den Kommissar – denn daß die seltsamen Gestalten Schutzleute waren, hatte ich inzwischen begriffen –: »Sagen Sie mir bloß …« aber wie fuhr ich zurück, als der Gestrenge mich anschnautze: »Ich verbitte mir hier jeden unsittlichen Ausdruck. Sie haben hier von »bloß« gesprochen und ich ersuche sie, sich zusammenzunehmen und ihre Straftat nicht noch zu Erhöhen, sonst bekommen Sie drei Tage Arrest!« »Unter diesen Umständen …« wollte ich fortfahren, wurde aber sofort wieder derartig angeranzt, daß ich mehr aus Angst, wie mit Willen auf die Bank fiel. »Notieren Sie, Suffinski, die beiden unsittlichen Ausdrücke,« rief der Kommissar dem Schreiber zu, »und bemerken Sie dabei, daß der Inhaftierte wegen Ungebühr in zehn Mark Strafe genommen ist wegen wiederholter Verletzung der guten Sitte!«

Dann wurde ich zu Protokoll genommen: »Sie heißen?« - »Fritz von der Leine!« - »Auf die Welt gekommen?« - »Ich bin geboren …« Weiter kam ich nicht, denn der Kommissar wurde dunkelrot vor Wut und rief: »Mensch, ich lasse Sie sofort einsperren, wenn Sie sich zum dritten Male unanständiger Worte bedienen…«

Ich war ratlos, und wußte nicht genau, ob ich das Opfer eines Studentenulks oder der Spielball eines Klubs von Verrückten geworden war, und sagte: »Das können Sie, aber ich bin mir keiner Schuld bewußt. Wenn ich einen Verstoß begehe, so bitte ich um Belehrung, denn Sie können versichert sein, daß ich nicht solcher Esel bin, mich freiwillig in Ungelegenheit zu bringen. Ich bin längere Zeit im Ausland gewesen und weiß von den hiesigen Verhältnisse nichts, Herr Kommissar, und bitte Sie, mich nicht eher abführen zu lassen, als bis ich Ihnen das auseinandergesetzt habe. Bitte sagen Sie mir zuerst, weshalb ich verhaftet bin!«

Der Kommissar wurde freundlicher. »Ja, sehen Sie, schon in diesen Worten haben Sie dreimal gegen das Gesetz verstoßen, Sie haben schmutzige Ausdrücke, wie »Verhältnisse« und »abführen« gebraucht, ferner das streng verspönte Wort »Herr«, das in unschuldigen Gemütern den Verdacht erregen kann, als wenn es auch »Frauen«, »also,« - hier hob er die Stimme - »Personen anderen Geschlechtes gäbe, eine leider bedauerliche Tatsache, auf die hinzuweisen streng verboten ist; ferner haben Sie laut Protokoll indezente Worte, wie »bloß«, »geboren« und »Umstände« gebraucht. Ihr Hauptvergehen aber ist, daß Sie in unsittlicher Tracht nach Hannover gekommen sind.«

»Aber ich bitte Sie, He … - Verzeihung, wie darf ich Sie anreden?« »Mensch ist die allgemeine, jede Zweideutigkeit ausschließende Anrede,« erwiderte freundlich der Beamte, der entschieden nun Mitleid mit mir hatte.

»Also, Mensch Kommissar, ich bin doch von oben bis unten bekleidet, habe Jacke, Weste und Hose …«

»Um Himmelswillen, schweigen Sie! Hose, solche widerlichen Worte darf nur der Richter – und auch der nur bei Ausschluß der Öffentlichkeit gebrauchen. Daß ist ja gerade Ihr Vergehen, daß Sie durch Tragen dieses Kleidungsstückes, das aufs frechste jeder Sittlichkeit Hohn spricht, schwer gegen die lex Roeren verstoßen haben? Sehen Sie denn nicht, wie wir gekleidet sind? Und außerdem tragen Sie einen Schnurrbart! Jedes Kind sieht ja, daß Sie ein Person männlichen Geschlechtes sind … Haben wir Bärte?« fragte der einstige Krieger von 1870/71 mit melancholischer Stimme und faßte traurig nach seiner Oberlippe, während eine Träne über seine glattrasierten Backen rann.

»Junger Mensch,« sagte er dann, »Sie dauern mich, Sie sind allem Anschein nach gut veranlagt, und ich würde es bedauern, wenn Sie ins Unglück kämen. Ich diktierte Ihnen – billiger kann ich es nicht machen nur zwanzig Mark Strafe zu. Ich mache bei Ihnen eine Ausnahme, weil ich mich früher oft über Ihre Sachen gefreut habe. Nun passen Sie auf! Ich werde nach der Firma Goldschmidt telefonieren, damit Ihnen Maß genommen wird zu einem Anzug und Ihnen dann, wenn Sie anständig gekleidet sind, gegen Entgelt einen Beamten auf mehrere Tage zu Begleitung mitgeben, damit er Sie einigermaßen instruiert, Sie brauchen sich deswegen nicht zu genieren, denn unter Polizeiaufsicht steht heutzutage beinahe jeder anständige … ach verdammt, ich wollte sagen, jede Person.«

Nach zehn Minuten erschien ein junger Mensch, in einen grauen, bis auf die Füße reichenden Sack gekleidet. Er nahm mir Maß, erklärte, daß Passendes auf Lager sei, und schickte mir bald darauf eine Auswahl von braunen und blauen, grünen und schwarzen Säcken mit passenden Kappen. Ich wählte einen blauen Sack, und dann wurde ein Barbier herbeitelephoniert. Der Mann bekam beinahe eine Dahlschlag, als er meinen Schnurrbart sah, und mit zitternden Fingern knipste er mir die Spitzen ab, seifte mich ein und schabte mich glatt. Die Schnurrbartspitzen aber steckte er verstohlen in die Tasche.

Ich sah in den Spiegel und sagte: »So, Mensch Kommissar, nun geben Sie mir einen Beamten mit. Mit diesem Gesicht, glatt wie ein Ei, werde ich Hannovers Sittlichkeiten wohl nicht zum Wacklen bringen!«

Der Kommissar lächelte trübe. »Junger Mensch,« sagte er dann, »sehen Sie sich doch vor! Sprechen Sie nie laut und fragen Sie immer erst den Beamten, ob in dem, was Sie sagen wollen, keine Unsittlichkeit steckt. Sie gebrauchten eben das Wort ›Ei‹ und wiesen damit auf die natürliche Entstehung der Geschöpfe hin. Drei Wochen Gefängnis wären Ihnen sicher, käme es an die große Glocke. Und nun gehen Sie und seien Sie vorsichtig. Mit dem Beamten können Sie frei reden, er gehört zur Unterweisungsabteilung, und die Anzeige ist nicht sein Beruf!«

So zogen wir denn beide los. Auf dem Ernst-August-Platz blieb ich erstaunt stehen und sah mir das Denkmal an. Ich mußte laut lachen, als ich den guten König sah. Er hatte ein langes Blechhemd an, das bis auf die Stiefelspitzen ging.

Mein Lachen war, wie Sie sich denken können, sehr laut. Und so sehr ich mich über die in lange Säcke gekleideten Menschen wunderte, die über den Platz eilten, noch mehr wunderte ich mich, daß die Leute sich alle neugierig nach mir umdrehten.

»Warum tun sie das?« fragte ich meinen Begleiter.

»Weil Sie lachen. Heute lacht kein Mensch mehr. Lachen ist weltlich, verrät Sinnlichkeit, und worüber sollte man auch froh sein. Sehen Sie, ich bin Beamter und habe mein Auskommen. Aber ich wollte – zu Ihnen kann ich offen reden – es wäre so wie früher. Da hatte er dreihundert Mark weniger, aber ich hatte doch noch mehr vom Leben. Ich hatte solchen schönen Schnurrbart – weg ist er. Alle Mädels« – hier flüsterte er – »freuten sich über mich. Jetzt sieht mich keine an, und wenn auch, was hat man davon. Sehen Sie, das ist eine. Soll man sich über solche Vogelscheuche freuen?«

Ich mußte ihm recht geben. Dieses Wesen mit den schlaffen Zügen, dessen Figur ein Sack umhüllte, dessen goldiges Haar eine unbarmherzige Schere verstümmelt hatte, konnte kein Männerherz schneller schlagen lassen. Gleichgültig wollte ich vorübergehen, als sie die Augen aufschlug. Die kannte ich doch …

»Fräulein …« weiter kam ich nicht, denn der Schutzmann sagte: »Pst.« Ach richtig, ich hatte »Fräulein« gesagt. Aber sie kam schon auf mich zu und ihr Gesicht strahlte: »Endlich sehe ich Sie wieder,« sagte sie.

»Lassen Sie uns in ein Restaurant gehen,« sagte der Schutzmann, »hier erregen wir Aufsehen. In meiner Begleitung können Sie wohl« – hier flüsterte er wieder – »mit einer Dame gehen, aber besser ist besser.«

So gingen wir denn nach Kröpcke. Unterwegs betrachtete ich das junge Mädchen. Ich hatte sie mit ihren Eltern im Berggasthaus Niedersachsen vor zwei Jahren kennen gelernt. Sie war die glücklichste Braut von der Welt. Ihr Bräutigam war ein junger Ingenieur. Und was war sie jetzt? Ein Schatten von früher.

»Mensch,« sagte sie die Kröpcke zu mir, »wir haben gar nichts davon gelesen, daß Sie so lange Zuchthaus gehabt haben.«

»Zuchthaus?« fragte ich erstaunt, »ich habe kein Zuchthaus gehabt, ich war im Ausland. Wie kommen Sie auf solche Frage?«

Sie lächelte und der Schutzmann auch. »Na,« meinte er, »das wissen Sie nun wieder nicht. Zuchthaus, das ist heute nicht so schlimm. Jeder hat beinahe schon Zuchthaus gehabt. Die Polizei führt nur noch über solche Leute Listen, die noch nicht drin waren, die sind verdächtig, die anderen sind ungefährlich. »Weshalb hatten Sie Zuchthaus?« fragte er dann das junge Mädchen. »Weshalb? weshalb haben alle meine Freundinnen Zuchthaus gehabt? Weil sie sich von ihren Verlobten küssen ließen. Ich habe nur ein halbes Jahr bekommen – aber Karl, Sie kennen ihn ja noch, hat vier Jahre bekommen, weil ich noch minderjährig war.«

»Aber was reden Sie da?« fuhr ich erstaunt auf, »Sie sind minderjährig? Sie sind jetzt doch – verzeihen Sie meine ungalante Frage – sicher zwanzig Jahre alt?«

Der Schutzmann lächelte: »Zwanzig? Ja, wissen Sie denn nicht, daß heute bei dreißig Jahren erst der gesetzlicher Schutz aufhört?«

»Hol der Teufel den ganzen Ritt!« schrie ich los, sah aber ängstlich meinen Begleiter an. Der lächelte wieder. »Den Teufel können Sie ruhig anrufen, das wird sogar gern gesehen. Seitdem der junge Doktor Roeren es herausgebracht hat, daß der liebe Gott den Menschen nackt erschaffen hat, sind die wirklich frommen Leute noch im Zweifel, ob wahre Frömmigkeit sich noch mit Gottesverehrung verträgt, während der Teufel dagegen sehr in ihrer Achtung gestiegen ist. Denn dieser hat als Schlange Eva verführt, Adam den Apfel zu geben, und den ersten Menschen dadurch die Augen geöffnet, daß sie sahen, daß sie nackt waren, und sich schämten. Und wegen dieses großen Verdienstes ist jetzt der junge Roehren dabei, die Bibel neu auszulegen und den Teufel als das wahrhaft sittliche Element hinzustellen. Er gibt sich unnütz Mühe, der Teufel regiert jetzt doch schon.«

Nun wollte ich mir die Stadt besehen. Sind die Menschen so verändert, mußte die Stadt auch verändert sein. Lustige Leute traf ich nirgends. Kein Kind lachte, kein Bäckerjunge pfiff, alle, groß und klein, latschten müde und verdrossen in langen Säcken durch die Straßen. Vor dem Hoftheater standen Wachtposten von den Dreiundsiebzigern. Uniform hatten sie an, aber nicht die frühere, sondern lange Säcke.

»Warum stehen die da Wache?« fragte ich, »will man der modernen Kunst den Eintritt verwehren?«

»Kunst gibt's nicht mehr,« versetzte mein Begleiter, »die ist abgestorben. Die alten Theaterstücke sind nicht aufführbar, weil Männer und Weiber darin vorkommen, und neue schreibt keiner mehr. Das Hoftheater ist jetzt Männerzuchthaus Nr. 25.«

Überall, wo wir hinsahen, waren Gefängnisse und Zuchthäuser. Das Kontinentalhotel, das alte und neue Provinzialmuseum, der Zirkus, der Zoologische Garten, die Fabriken, alles waren Strafanstalten. Fast alle Arbeiten wurden in Strafanstalten gemacht von dem einen Teil der Einwohner und der andere Teil bewachte sie dabei. Die Künstler, Schauspieler, Dichter und Buchhändler hatte man auf lebenslänglich verurteilt, weil man Angst hatte, daß sie das Volk aufwiegelten. Schon mehrfach waren Versuche gemacht. Auf dem Klagesmarkt hätte es beinahe Revolution gegeben, als die Polizei dem Gänseliesel lange Röcke machen ließ. Die Polizei hatte Mühe, den Aufstand zu unterdrücken, besonders, da das Militär sich weigerte, ihr zu helfen. Denn der Höchstkommandierende hatte geäußert: »Die Leute haben völlig Recht, Radau zu machen. Seit der lex Ballestrem, die auch beim Militär des Schnurrbarttragen und das Monokel verbot und die Sackuniform befahl, ist aller Schneid weg. Die, die an der Eselei schuld sind, mögen sehen, wie sie damit weiterkommen, ich danke für den Zimt.«

So erzählte mir der Schutzmann und fügte hinzu, daß alle schneidigen Offiziere das Vaterland verlassen hätten, weil ihnen schlecht wurde, wenn sie ihre Soldaten ansahen oder sich selbst im Spiegel beguckten. Gerade, als er mir das erzählte, kamen wir an die Ulanen-Kaserne. Ein langer Kerl in blauer Sackuniform stand dort Posten. Früher standen dort Leute mit blanken Augen und roten Backen, und die Kindermädchen verrenkten sich die Hälse, wenn sie vorbeifuhren mit den Sportwagen. Dieser trübselige Jünglinge, der weder Schnurrbart noch Haltung hatte, hätte aber im Jahre 1900 kein Mädchenherz erschüttert.

»Es ist 'ne Schanden wert,« sagte der Schutzmann »was sie mit den famosen Leuten gemacht haben. Mein früherer Leutnant hat sich totgeschossen. Was zwanzigtausend Mark Schulden nicht fertig kriegten früher, das hat die allgemeine Muckerei fertig gebracht. Er erbte hintereinander drei große Güter und war mit einem Male aus der Klemme – aber was soll der Mensch heute mit Geld.«

Wir fuhren nun zum französischen Garten. »Sie können ja noch lachen,« sagte mein Begleiter, »da werden Sie was zu lachen kriegen.«

Ich dachte mir schon, was da kommen würde. All die alten Figuren hatten Blechhemden an. Na, das war mir nichts Neues. Mit einem Male stand der Schutzmann still. »Pst,« machte er und winkte mir. Und wie ich ihm leise nachging, da sah ich auf einer Bank einen Schutzmann sitzen, der hatte ein Mädel um den Hals gefaßt und küßte es tüchtig. Plötzlich sah er uns und wurde kreidebleich. Aber sein Kollege beruhigte ihn und sagte, wir wollten Wache stehen, daß keiner käme.

»Anders geht's heute nicht. Man muß immer einen oder zwei gute Freunde haben, wenn man seine Kleine mal sprechen will, sonst riskiert man Amt und Brot.«

Ich hatte genug in Hannover und sah im Fahrplan nach, wann der nächste Zug nach Südafrika ging. Aber da hörten wir, als wir in der Elektrischen saßen, wüsten Lärm aus der Stadt dringen. Je näher wir kamen, desto toller wurde es, und die Menschen liefen wild nach dem Zentrum. Dort warfen Leute Extrablätter aus den Fenstern und die Leute auf der Straße lachten und sangen und schrien: »Hurra, hurra, Ministersturz in Berlin! Das Ministerium ist zum Teufel gejagt, die Luft wird wieder rein.« Und merkwürdigerweise schrien alle Schutzleute mit und die Soldaten auch und alle zogen vor den Justizpalast, wo die Richter saßen, die alle ins Zuchthaus steckten, die jung und gesund waren, und die Menge nahm Steine und warf sie nach der Fenstern.

Klirr … ging es, und ich wachte auf und sah mich dumm um. Da lag die Kaffeetasse, die ich von dem Tischen geschlagen hatte, als ich so lebhaft träumte, und erschrocken kam meine Wirtin ins Zimmer.

»Frau Döllmer?« fragte ich sie, »was halten Sie von der lex Heinze. »Was ich d'rvon halte? Viel verstehe ich d'r nicht von, aber was ich d'rvon kapiert habe, is, daß es man gut is, daß alle fünf Jahre Reichtagswäöhl is!" Also sprach Anastasia Döllmer.

Unsere Kindermädchen

Bei schönem Wetter da lockt es uns
Hinaus in die Eilenriede,
Wo uns Frau Nachtigall empfängt
Mit ihren neuesten Liede
Wir freuen uns der grünen Pracht,
Da hören wir etwas quieken,
Mit den Kinderwagen kommen an
Marie und Stiene und Fieken.
In einer Reihe rücken sie an,
Versperrend des Weges Breite,
Sie hören nicht, sie sehen nicht,
Sie kümmern sich nicht um die Leute.
Nun rette sich, wer sich retten kann,
Jetzt fangen sie an zu jagen,
Zu furchtbarem Ernst wird das lustige Wort:
»Kommt nicht untern Kinderwagen!«

Es war ein wunderschöner Maientag, als ich zum Zoologischen wollte. In alle Vorgärten protzen bunte Hyazinthen, überall reckten sich blaue Meerzwiebeln, überall leuchteten aus hellen Grün weiße Blüten. Auf jeder Dachrinne lärmten die Spatzen, in jedem Hofe die Kinder und auf jedem dritten Gartenhaus saß ein dicker Amselhahn und sang nach der Schwierigkeit. Ich war so recht vergnügt. Die Sonne schien so schön warm aus dem blauen Himmel, daß ich den langweiligen Überzieher hätte zu Hause lassen können, und dann habe ich immer so ein sonntägliches Gefühl unter der Weste. Kein bißchen Beobachter war ich, kein bißchen Nörgler, nur fröhlicher, empfänglicher, harmloser Mensch, wie alle die, die den schönen Nachmittag benutzen, um draußen unter grünenden Zweigen sich zu freuen an Mailuft und Vogelsang, an Baumblüte und bunten Blumen. Und wie ich so langsam das Trottoir entlang schlenderte, träumend und vergnügt, da hörte ich hinter mir das Rollen, Knirschen und Quieken von Kinderwagen. Und ehe ich es mich versah, da schob sich ein Wagenvorderteil links an mir vorbei, in dem die schlafende Diminutivform von Homo sapiens lag und schlief. Und wie ich etwas nach rechts ausbog, da ratschte es an meiner hochpatenten Hose und eine hübsche Klinke entdeckten meine betrübten Augen, die die scharfe Achse eines zweiten Kinderwagens dort verursacht hatte.

Ein großes Unglück war das ja nun nicht. Ich ging in den ersten besten Hausflur, pickte mir mit zwei Stecknadeln die zerrissene Stelle wieder zu und schob eiligst nach Hause, um die andere Hose anzuziehen. Ich habe nämlich immer zwei von derselben Sorte, weil ein Rock gewöhnlich doppelt so lange lebt wie eine Hose. Ich mußte eine Viertelstunde bis zu meiner Wohnung gehen. Das war auch kein Unglück. Aber es war doch immerhin ärgerlich.

Und als ich wieder auf die Straße kam, da kam mir die Luft lange nicht mehr so warm, die Sonne lange nicht mehr so goldig, der Himmel lange nicht mehr so blau, das Grün viel weniger frisch, die Blumen nicht so herrlich und der Gesang der Amsel nicht mehr so lustig vor. Und ich war nicht mehr der harmlose, unbefangene, vergnügte Maibummler, sondern der kritische, kühle Beobachter. Und da ich soeben hart unter den Kinderwagen gelitten hatte – wenn das Loch auch nicht zu sehen ist, wenn es gestopft ist, da ist es nun doch – so war es sehr natürlich, daß ich neunundneunzig Prozent meiner Aufmerksamkeit den Kindermädchen und ihren Sportwerkzeugen zuwandte.

Sie wissen, daß ich kein Unmensch bin. Sie erinnern sich vielleicht, das ich früher ganz entschieden dafür eingetreten bin, daß dem Kinderwagen das Trottoir freigegeben wird, denn in dem hastigen Verkehr der Großstadt ist auf dem Straßendamm der Kinderwagen zu sehr gefährdet. Nach den Beobachtungen, die ich aber an jenem bösen Tage machte, bin ich zu der Überzeugung gekommen, daß der Kinderwagen ein ebenso gefährliches, unangenehmes Vehikel ist wie das Rad, vorausgesetzt, daß es von gedankenlosen oder rücksichtslosen Personen benutzt wird.

Ich sah nämlich bald, nachdem ich wieder auf die Straße gekommen war, zwei Kindermädchen, die in eifrigen Gespräche ihre Karren schoben. Gerade erzählte die eine: »Jeden geslagenen Abend kümmt hei und fletget ünnern Kökenfenster rümme« – und dabei mußte sie so lachen, daß sie die Welt und die Menschen völlig vergaß und einem würdigen Greis, der sich kopfzitternd mühsam an seinem Stabe fortbewegte, derartig in die Hacken jagte, daß der alte Herr nur durch schnelle Umarmung eines Laternenpfahles vor der Gefahr bewahrt blieb, seine vertikale Stellung mit einer horizontalen zu vertauschen. Die beiden Mädchen wollten sich kaput lachen und drehten sich fortwährend nach dem hilflosen Manne um, der vor Schrecken kreidebleich geworden war.

Da man nun aber beim Umdrehen das nicht sieht, was vor einem ist, so begab es sich, daß die eine einen kleinen Jungen, der auf dem Trottoir seinen Pindopp schlug, derartiger anfuhr, daß er so kurz wie er war hinschlug und so heftig mit dem weichen Näschen auf den bedeutend härteren Kantenstein schlug, daß zwei rote Bächlein über seine untere Gesichtshälfte rieselten. Das veranlaßte ihn, fürchterlich zu schreien, und die beiden Mädchen, wie verrückt von dannen zu jagen.

Gerade, als sie um die Ecke bogen, kam auch eine Familie und die Ecke. Vater und Mutter bekamen je einen Puff vor den Magen. Auch hier versuchten die Mädchen ihr Heil in der Flucht, doch hatten sie sich verrechnet. Der erzürnte Familienvater hielt die eine, sein Ältester die andere fest, und nun gab es ein Hin- und Hergeschimpfe, ein Fragen und Rufen, bis die Nationale der beiden Mädchen endlich festgestellt waren.

Ich freute mich in meiner schwarzen Seele und wanderte mit bedeutend erheitertem Gemüte weiter. Auf der Theaterstraße sah ich wieder so ein Gefährt. Ein spiederiges, mageres Ding schob den Wagen. Sie interessierte sich sehr für alle Läden und fuhr, da sie auf der linken Seite war, falsch.

Infolgedessen mußten alle Menschen, die ihr begegneten, ihr ausweichen. In der Königstraße sah ich sieben Ehestandslokomobilen auf einmal. Stellenweise war die Passage auf dem Trottoir völlig gehemmt dadurch. Ausweichen gab es nicht, ganz gleich, wer auch ankam. Alles mußte den Mädchen aus dem Wege gehen, denn sie selber taten es nicht. Viele Leute sah ich, die die Stirn runzelten, wenn sie gezwungen waren, von Trottoir zu gehen, manche knurrten auch etwas von »Frechheit und Unverschämtheit«, aber nur ein einziger Mensch, seines Zeichens ein Hausdiener, hatten den Mut, nicht auszuweichen, sondern blieb stehen und apostrophierte sein vis-a-vis mit den Worten: »Na, du Döllmer, hest'e Sand in Ogen?« worauf die kugelrunde, dickarmige Kleine sich endlich bequemte, ihm Platz zu machen.

Am schönsten war es aber in der Eilenriede. Ich setzte mich ziemlich vorne auf eine Bank, steckte mir eine Zigarre an und nahm ein Notizbuch heraus, in das ich in kurzer Zeit folgende Notizen schrieb:

Nr. 1. Drei auf einmal nebeneinander. Erzählen sich was. »Du Stine geiht nich mehr mit den Swatten, sei hett'n anneren.« Eine Familie, die ihnen gegegnete, ist gezwungen, an den Seiten des Weges Front zu machen, bis die Kavelkade vorbei ist.

Nr. 2. Rothaarig, sommersprossig, mehr Knochen wie Fleisch. Abssätze schief, Haar unordentlich. Fährt falsch, an den linken Seite. Zwingt eine junge Dame, die ihren sehr elend aussehenden, anscheinend auf der Genesung befindlichen Vater am Arm führt, zum Ausweichen und veranlaßt zwei ältere Damen, die vor ihr gehen, nach rechts und links auseinander zu prallen. Als die eine sagt: »Das ist doch stark.« lacht sie frech.

Nr. 3. Groß, dick, dumm aber gutherzig. Beugt sich mit ihrem dicken roten Kopf über das Kind und fragt: »Wo hat du denn dein Flaschen?« Schiebt dabei einen Studenten hinten eins vor. Wird blau vor Scham, als der Studio sie dafür mit strenger Miene in den Wurstarm kneift.

Nr. 4. Mimma heißt sie. Schiebt Sportwagen. Schwarzhaarig, temperamentvoll. Fährt wie toll los. Alles rennt, rettet, flüchtet. Schließlich Kontretanz zwischen ihr und zwei Krankenschwestern, die nicht wissen, wo sie hin wollen. Sieht zu blödsinnig aus, dieses Hin- und Herhopfen.

Nr. 5. Zwei nebeneinander. Eine kleine Stupsnase, Plappermaul. Die andere groß und still. »Ne, so dumm bin ich nicht. Die ganze Nacht aufsitzen, wenn der Panzen bölkt! Fällt mich nich ein. Da muß man se in de Augen pusten, dann hört's auf.« Erfahrene junge Dame. Schläfrig sagt die andere: »Doktors Ida gibt se denn immer Schnaps ein.« Aber davon will die andere nichts wissen. »Ne, das mach ich nich. Das riecht man. Und denn könn' se von dot bleiben. In den Augen pusten is's Beste.« Sie schieben vorüber und zwingen einen Offizier und dessen Gattin, ihnen höflich Platz zu machen.

Nr. 6. Dickes Trampel, sogenannter Feger. Gnade dem, der sie als Frau kriegt. Handschuhnummer 8 3/4. Schiebt drauf los, als gelte es, einen Rekord zu brechen. Natürlich immer links. Einer Dame ins Kleid. Es rascht, aber es klatscht auch. An die Unrechte gekommen. Die eine hat einen Riß im Kleid, die andere a tempo eine Backpfeife: »Passen Se auf, daß ich Se verklage. Dazu häöben Se kein Recht. Die Kläötern kann ich nicht bezäöhlen. Ich will Se schon zeigen, was das heißt.«

Nr. 7. Gedankenlos schiebt das Mädchen gegen einen Krankenfahrstuhl, in dem eine kreidebleiche Frau liegt. Der Fahrstuhl muß plötzlich ausweichen. Der Ruck spiegelt sich in dem Gesicht der Kranken als schmerzliches Zucken um dem Mund wider.

Nr. 8. Ein junges Ehepaar. Sie werden gezwungen, sich auf einige Zeit zu trennen, denn ein Mädchen schiebt direkt auf sie los.

Nr. 9. Zwei alte Herren. »Au, Mädchen, hast'e denn keine Augen?« – »Ach entschuldichen Se, ich hab's nich gesehen.« Hat dem alten Herrn, der sich hinten auf den Stock beim Plaudern stützte, den Stock weggefahren. Beinahe wäre er gefallen.

Nr. 10. »Ich laß mich gerade so eins machen. Weißt'e so unten herum mit'n schrägen Besatz, und die Bluse mit großem Kragen.« Dabei fährt sie mir gegen die Knie, während ihre Kollegen eine junge Dame stark schrammt, wobei das Kind mit seinem schmierigen Lutschring an dem hellen Jakett entlang streift.

Nr. 11. Hält sich rechts, paßt auf. Benimmt sich überhaupt gar nicht wie ein Kindermädchen. Wird wohl geisteskrank sein.

Nr. 12. »Laß doch endlich das Blärren sein. Wenns de nich still bist, dann kriegst'e aber eins an'n Kopp.« Merkt in ihrer Wut nicht, daß sie einen ehrbaren Herrn mit dem Schirm, den sie in der Hand hat, so vor den Leib gestoßen hat, daß er alle Würde verliert.

Ich gäbe noch mehr notiert, aber ich glaube, das genügt Ihnen, um einzusehen, daß ich recht habe, wenn ich verlange: nicht nur die Radfahrer, die Droschken, die Reiter und die Lastwagen sind der Fahr- und Reitordnung zu unterstellen, sondern auch die Kinderwagen.

Die aber am meisten.

Und wenn es eine Gerechtigkeit auf der Welt gibt, dann muß sie der Nummerzwang eingeführt werden.

Schützenfest

Na, Kinder, habt ihr auch Moneten?
Denn morgen ist ja Schützenfest,
Manch runder Taler geht dann flöten,
Manch Zwanzigmarkstück kriegt den Rest.
Wer brav gespart im Monat Juni,
Für den jetzt schöne Tage blühn;
Wer nicht, der muß mit Uhr und Mantel
Zum städtischen Versatzamt ziehn.
Denn hingehn tun wir ja doch alle,
Sagt man vorher auch: »Ich geh nicht hin!«
Auf einmal ist man auf dem Platze
Und in dem dicksten Trubel drin.
Und ist man heute dagewesen,
Dann ist man morgen wieder da,
Und übermorgen ist es grad' so,
Du lieber Gott, das kennt man ja!

Der Weg zum Schützenfest ist mit einer Unmenge guten Vorsätzen gepflastert. Und diese heißen: Erstens gehe ich zu so was überhaupt nicht. Und zweitens nicht zum Freischießen. Und drittens: wenn ich überhaupt hingehe, so bloß der Wissenschaft wegen. Und viertens will ich bloß einmal über den Platz gehen. Und fünftens: wozu soll ich mein Geld verplempern? Und sechstens: eine Schützenbraut lege ich mir nicht zu? Und siebentens: wenn mich meine Bekannten sehen … usw. uns. uns.

Aber gute Vorsätze sind kein haltbares Pflaster, und die guten Erinnerungen bleiben immer fester in der Seele backen, wie die schlechten. Und man vergißt das enorm negative Finanzresultat des vorigen Jahres, man vergißt die unangenehme Geschichte vom Promenadenkonzert, als man in voller Couleur soeben zwei Damen grüßte, von einer äußerst gesund aussehenden Donna mit strahlenden Augen und einem Klaps auf die Schulter begrüßt wurde unter folgenden Worten: »O Gott Minsche, wo büste denn gewesen? Seit'n groten Scheiten hebb eck deck nich mehr esehn!« Man vergißt die unangenehmen Briefe seines alten Herrn, die er wegen der erbetenen Extraumlage schrieb, man vergißt die durch gewisse Umstände erzwungene vereinfachte Lebensführung und die damit verbundene stramme Haltung und denkt nur: Na, du wirst dieses Mal vorsichtiger sein. Ach ja, so denkt man. Aber, das Leben auf dem großen Schießen ist schön, aber teuer; manchmal ist es auch nicht so teuer, dann ist es aber auch nicht so schön. Wer auf den Schützenhof geht mit dem Vorsatz, solide zu sein, der soll da nur wegbleiben. Er amüsiert sich nicht und ärgert andere bloß durch sein hochwohlweises gesiebt. Ent-oder-weder, ist hier die Losung. Entweder, man macht es mit, oder man macht es nicht mit. Ein Mittelding gibt es nicht. Das hab ich durch langjährige Erfahrung herausbekommen.

Und damit junge, unbedarfte Leute, die den Betrieb dort noch nicht genau kennen, wissen, was sie tun müssen, um sich gut zu amüsieren, so will ich ihnen zur Beherzigung empfehlen folgende erprobte

Lebensregeln für das Freischießen.

(Ohne Garantie für die Befolger.)

§ l. Tue Geld in deinen Beutel.

§ 2. Und abermals.

§ 3. Und noch einmal.

§ 4. Und so du eine Tante hast oder einen Onkel, die anpumpfähig sind, erschlage sie vor dem Feste, damit sie nicht durch das Fest in Zahlungsschwierigkeiten kommen und dich nicht etwa um deine gerechten Ansprüche betrügen.

§ 5. Versetze deine Uhr, damit sie dir nicht gestohlen wird.

§ 6. Lasse aus demselben Grunde deine Kleinodien im Versatzamte. Die Pfandscheine übergib einer Bank, du könntest sie verlieren.

§ 7. Lasse dir von einem geschickten Schlosser eine trichterähnliche Sache um das Schlüsselloch deiner Haustür machen.

§ 8. Desgleichen um das der Korridortür.

§ 9. Und der Stubentür.

§ 10. Sei vorsichtig in der Wahl deiner Schützenbraut. Laß dir Schillers Glocke in den Ohren klingen: »Drumm prüfe, wer sich usw …« und »Der Wahn ist kurz, das Schießen lang …«

§ 11. Nimmt dir am Morgen nie vor, abends nicht wieder hinzugegen. Zweck hat's doch keinen.

§ 12. Spiele nicht in der Lotterie. Bist du ein Junggeselle, so gewinnst du doch bloß eine Wringmaschine oder einen Kinderwagen, oder eine Lutschpulle.

§ 13. Kannst du nicht reiten, so gehe zu Haberjahn ins Hippodrom; du glaubst gar nicht, wie viel Menschen du eine Freunde damit machst.

§ 14. Wird dir schlecht, so fahre Karussell oder gehe in die russische Schaufel. Dann wird dir noch schlechter.

§ 15. Beklage dich nie, wenn du ein halbvolles Glas Bier kriegst. Es geschieht zu deinem Besten.

§ 16. Hast du ein Glas Bier mir einer Mark bezahlt und kriegst nichts heraus, so sei dem Zufall dankbar, daß es kein Taler war.

§ 17. Trinke schon am ersten Tage Sekt; am zweiten geht es nicht mehr.

§ 18. Kaufe jeden Blödsinn, den die Hausierer dir anbieten. Was Vernünftiges gibt es ja doch nicht.

§ 19. Küsse keine von den bayerischen Biermamsellen; es macht wirklich keinen Spaß.

§ 20. Nenne einer dieser Damen nie deinen Namen: sie haben ein fabelhaftes Gedächtnis und halten sich vielleicht an dich, weil dein Urgroßvater ihnen die Ehe versprochen haben soll.

§ 21. Begegnest du einem Gläubiger, so rücke nicht aus, er hat kein Recht, dich hier zu mahnen.

§ 22. Ziehe kein Lackstiefel an, wenn du im Rundteil tanzen willst.

§ 23. Und keinen Frack.

§ 24. Und den Clapeau chape hast du auch nicht nötig.

§ 25. Bestelle dir um zwölf Uhr keine Droschke zur Heimfahrt, denn du bleibst doch länger.

§ 26. Sage zu deiner Schützenbraut, du seist kurzsichtig. Es ist nach dem Fest oft so ganz angenehm.

§ 27. Sieh dir in den Häusern, wo du verkehrst, sehr genau die Gesichter der Stubenmädchen und Köchinnen an und fliehe sie auf dem Fest. Nachher übermannt sie die Erinnerung und sie schüttet dich voll Bratensauce.

§ 28. Schreibe deine Festausgaben nicht an. Wozu willst du dich ärgern!

§ 29. Hast du einen Onkel, so nimmt ihm mit. Hast du eine Tante, so laß sie da. § 30. Vermeide es, deinen Vorgesetzen zu begegnen: sie wollen nicht bemerkt werden.

§ 31. Bezahle nie sofort, sonst mußt du beim Fortgehen noch mal bezahlen.

§ 32. Werde nicht rot, wenn dich eine bayerische Kellnerin duzt; die Umsitzenden denken, sie sei deine Großtante.

§ 33. Dein Papiergeld wechsele nicht vorher; es wird schon so klein werden.

§ 34. Trage den Geld lose in der Tasche; das ewige Portemonnaieaufmachen macht müde.

§ 35. Tanze nicht mehr, wie du kannst.

§ 36. Laß dir Straße und Hausnummer in das Jackettenfutter nähen, du könntest beide vergessen. Aber nicht in den Hut.

§ 37. Ziehe Zugstiefel an; Knöpf- und Schnürstiefel sind am anderen Morgen schlecht aufzukriegen.

§ 38. Bezahle deinen Mittagstisch für den Juli im voraus; essen muß der Mensch.

§ 39. Nimm keinen Regenschirm mit; du verhagelst doch.

§ 40. Wundere dich nicht zu sehr, wenn du auf einer Pritsche aufwachst; du bist dann auf dem Brande.

§ 41. Hast du am Morgen nach den Ballsonntag furchtbares Kopfweh, Schwindel, kein Geld, Mattigkeit und Übelkeit, so glaube nicht, daß du die Influenza hast.

§ 42. Vermeide es an diesem Tage, in dein Portemonnaie zu sehen, dir könnte noch schlimmer werden.

§ 43. Lasse dich auch nicht photographieren.

§ 44. Daß du dich nicht mit deiner Schützenbraut photographieren läßt, ist selbstverständlich.

§ 45. Trage die nächsten Tage nicht denselben Anzug, den du auf dem Schützenhof anhattest, dagegen eine blaue Brille.

§ 46. Beherzige meine Worte und schimpfe nicht, wenn es dir infolgedessen schlecht geht.

Der dicke Pilz

Er kam nach Hannover mit großen Rosinen,
Und machte gleich zehn Filialen auf;
Er gab en detail alles grade so billig,
Wie andere kaum im en gros-Verkauf.
So billig wie er gab niemand die Seife,
Und Käse und Butter und Zucker und Reis,
Drückte zu Boden die Kleinen und Schwachen,
Und brachte um sie gleich massenweis'
Stolz sah er sich um, ein König des Tresens,
Ein Kaiser im Matererialwarenreich,
Sie kamen gelaufen, die alle nicht werden,
Und kauften das schlechte und billige Zeug.
Er träumte von glänzenden Riesengeschäften.
Auf einmal da hat es ganz greulich gekracht:
Es war wirklich glänzend; vor einigen Tagen
Hat er eine glänzende Pleite gemacht.

Da gestern Nachmittag das Wetter so schön war, daß es eine Sünde und Schande gewesen wäre, hätte ich mich im Zimmer verflüchtet, so ließ ich, leichtsinnig, wie ich mich nun einmal habe, Plauderei Plauderei sein und bummelte durch die Eilenriede. Dort habe ich einige Stammplätze, die ich immer wieder aufsuche. Einer davon ist an einem Grabenrande. Ich bin dort ziemlich sicher, keinem Menschen zu begegnen, was ab und zu auch sein Gutes hat, und kann dort den Wasserkäfern zusehen und den Schwebefliegen, und so intensiv an nichts denken, als es mir gerade paßt. Hier am Grabenrande wächst eine junge Eiche. Ich kenne sie ganz genau, da ich sie selbst gepflanzt habe. Ich freue mich über jedes neue, grüne gelappte Blättchen, das sie sich zulegt, über jeden halben Zentimeter, den sie höher wird.

Als ich neulich ihr wieder einen Besuch machte, kam neben ihr etwas Kleines, Weißes aus der Erde. Ich achtete kaum darauf. Nach zwei Tagen war ich wieder da. Das Kleine, Weiße war etwas Großes, Weißes geworden, ein ganzer unverschämter dicker Riesenpilz, der meine lüttje Eiche schon ganz schief gedrückt hatte. Ich schob schon die Stiefelspitze vor, um den schwammigen Protz in den Graben zu befördern, aber ich zog den Fuß zurück. Eiche ist Eiche, dachte ich, und Schwamm ist Schwamm. Als ich nach einigen Tagen wieder hin kam, da war von meiner Eiche kaum noch etwas zu sehen, so viel Filialen hatte den Pilz um sich gegründet. Wieder schob ich den Fuß vor, wieder zog ich ihn zurück. Und als ich gestern hinkam, da sah ich ein, daß ich richtig gehandelt hatte. Meine Eiche stand da noch und um ihre Wurzeln faulte der Pilz mitsamt seinem großen Filialwesen und düngte ihre Wurzeln. Eiche bleibt Eiche, Schwamm wird Dünger.

Als ich dann in den Zoologischen kam, da hörte ich, daß in Hannover ein ähnlicher Fall vorgekommen sei. Auch dort hatte sich ein Pilz breit gemacht, hatte Filiale auf Filiale entwickelt, hatte viele gesunde kleine Eichen zur Seite gedrückt, einige getötet, andere geschwächt, bis ihm sein eigenes Gewicht zu schwer wurde, bis sein schwacher Stiefel den Riesenhut nicht mehr tragen konnte, bis er umsankt und seine Filialen mit sich riß in die Fäulnis, in den Konkurs, und mit seinem zerfließenden Leibe, dem verlorenen Kredit, der jungen, lange von ihm geschädigten Eichen Wurzeln düngte.

Ist das nicht ebenso lächerlich wie abgeschmackt? Da kämpfen hundert kleine Kaufleute in Hannover den bitteren Kampf ums Dasein. Jede hundert Mark Kredit wird ihnen blutsauer, und um jeden Kunden müssen sie buhlen, fleißig den Hut in der Hand haben, und jeder Köchin süße Worte und süße Boltchen verehren. Und da kommt ein Herr Unbekannt aus Dingsda bei Soundsokirchen, macht eins, zwei, drei, eins, zwei, drei, zehn Geschäfte auf, kündigt an, bei ihm bekomme man alles unter Einkaufspreis – und er hat Kredit wie eine alte Firma und Kundschaft wie Heu! »Häöb'n Se schon gehört, Frau Meyer, drei Pfund Soda für zehn Pfennig! Und vier Harzkäse für zehn Pfennig! Und vierundzwanzig Eier für 'ne Mark und für Butter bloß eine Mark und für Mettwurst bloß achtzig Pfennig!« Und nun geht das Gerenne um den Pfennig los, man vergißt das alte, solide Geschäft in der Straße, in der man wohnt, und rennt nach dem Spektakelladen und kauft alles zum zwei bis zwanzig Pfennige billiger und – schlechter natürlich. Und man ist gar nicht entrüstet, wenn die überlaufenen Ladenmädchen einen schnippisch behandeln, spart man doch drei Pfennige, und schmeckt nachher auch alles nicht, knurrt der Vater auch und ißt dafür im Wirtshaus, schadt't nichts, macht nichts, 's ist alles einerlei – fünf Pfennig sind gespart.

Frau Döllmer, meine liebe, alte, gute Wirtin war natürlich von der neuen Geschichte hin. Sie hatte sich aus- und mir vorgerechnet, daß sie, wenn sie ein Jahr in den neuen billigen Geschäften gekauft hätte, soviel dabei verdient haben müßte, um sich eine ganze neue Pelzgarnitur von den Ersparnissen kaufen zu können. Den Segen des billigen Einkaufes spürte ich zuerst an meiner eigener Haut. Ich kam staubig von der Bahn und begab mich ins Badezimmer. Ich freute mich, daß auf dem Bört große Stücke Seife lagen. Sonst war die alte Dame damit immer mächtig sparsam und legte mir immer so lüttje Seifenprümmel hin, nicht größer wie ein Pfefferminzplättchen, die mir alle naselang wegwitschten. Ich nehme also meine Seife und will sie zum Schäumen veranlassen. Fiel ihr gar nicht ein; sie reagierte einfach sauer und schäumte ebenso wenig wie ein Stück Koks. Ich quälte mich ab mit ihr, bis ich schwitzte, sie nahm überhaupt kein Wasser an und bildetet noch nicht einmal drei Schaumperlen. Ich schlug sie mit großer Mühe und dem eisernen Stiefelknecht klein, hielt sie unter den Warmkran, aber sie schäumte genau so stark wie ein Kieselstein. Ich fing an zu brüllen durch das Schlüsselloch: »Frau Döllmer, was ist denn das für 'ne Weise von 'ner Art von 'ner Sache! Ich rufe nach Seife und Sie geben mir Granit oder Porphyr oder ein anderes vulkanisches Gestein! Bringen Sie die Kieselinge sofort nach dem Provinazialmuseum, solche sind in der mineralogischen Abteilung noch nicht!« Damit machte ich die Türe etwas auf und warf die Bescherung auf den Vorplatz, um mich dann ohne Seife zu baden.

Und mich zu versöhnen, hatte sie mir den Abendtisch ganz besonders lecker hergerichtet. Der Tee dampfte, Mettwurst und Käse schimmerten und eine große Dose Keks setzte dem Ganzen die Krone auf. Ich warf mir Zucker in den Tee, es klang, als wenn man einen Stein hineinwarf. Ich rührte, kein eine Amalgamierung von Tee und Zucker andeutendes Bläschen steig auf. Ich holte den Zucker mit dem Löffel heraus – er war in den kochenden Tee genau so vierkantig und intakt geblieben, wie ein Zwanzigmarkstück in Salzsäure. Ich gab ihn der Katze, aber sie biß nur einmal zu, hielt dann unter kläglichen Miauen den Stert piel in die Höhe und kletterte unter allen Anzeichen von mit größten Antipathie gemischter Todesangst auf meinen Bücherschrank und starrte mit gesträubten Haaren auf den zuckerähnlichen Edelstein.

Ich trank meinen Tee ohne Zucker und schmierte mir eine Butterstulle. Hm, merkwürdig, was ist denn das für Butter? Die hat ja'n Stich. Aber die Mettwurst sieht gut aus. Schade, sie schmeckt etwas nach Seife. Das Fett in ihr ist ranzig geworden. Schade, daß ich das nicht eher gewußt habe, hätte mich fein damit waschen können!

Daß ich nach diesen Erfahrungen mit einer ganz besonderen Vorsicht an den Käse ging, können Sie sich denken. Ich wollte ein Stück abbrechen, vermochte es aber nicht. Ebenso gut kann man ein Stück Leder zerbrechen. Ich wollte ihn schneiden – es ging nicht. Ich klemmte ihn in die Tischschublade und zog auf der anderen Seite: er war nicht kaput zu kriegen. Da wickelte ich ihn ein. Ich nehme ihn morgen nach meinem Schuster mit und lasse mir meine Stiefel damit besohlen.

Na, es sind ja noch Keks da, dachte ich. Mit Keks bin ich verwöhnt. Unsere Hannoverschen Keks können sich sehen und essen lassen. Die, die mir meine sorgliche Wirtin aufgetischt hatte, machten aus Bescheidenheit nur auf erstere Eigenschaftt Anspruch. Sie fielen entweder im Munde zu einem trockenen Pulver zusammen, oder waren nicht zu bewegen, sich in ihre Moleküle aufzulösen. Ich werde bei dem großen Ausverkauf alle Keks ankaufen und aus der einen Sorte Streusand, aus der andere Küchenfliesen machen.

Die Seife hatte meine Wut erschöpft. Die Speisen ärgerten mich nicht mehr, sie interessierten mich nur. Ich zog mich an und wollte meiner Wirtin eröffnen, daß ich auf ihre Kosten bei Kasten speisen wolle, doch als ich bei ihr anklopfen wollte, hörte ich ein gottesjammerförmiges Stöhnen. Ich dachte schon, sie hätte aus unglücklicher Liebe an Zyankali geleckt oder an Schwefelhölzern gelutscht, und riß die Tür auf – da saß sie vor dem Lederlehnstuhl, den Kopf hinüber, bleich wie ein Vorhemd und die Stirn voll Angstschweiß. Ich schleppte sie auf das Sofa, benetzte sie mit Eau-demille-dausend-fleurs und fragte sie, was ihr passiert sei. Und da kam es heraus – die Unglückliche hatte von dem Käse, der Wurst und dem Keks gegessen, den sie mir vorgesetzt hatte. Na, drei Chateau Niemeyer brachten sie wieder hoch; heute geht es ihr schon besser, und der Arzt sagt, Lebensgefahr sei jetzt ausgeschlossen. Nun denken Sie mal, was die Frau für 'ne Natur hat.

Man muß das Eisen schmieden, so lange es warm ist. Ich habe ihr eine Standpauke gehalten, die nicht von Papiermachee ist. Frau Döllmer, sprach ich, das haben Sie von Ihrer Sparerei! Das Geld ist fortgeworfen, Sie haben sich den Magen verkorkst, der Doktor ist auch nicht umsonst, die Pelzgarnitur gibts nicht – sehen Sie, verehrteste Donna, das kommt von dem Grundsatze, billig zu kaufen. Und nun sehen Sie bloß zu, daß all das Zeug in das Herdfeuer kommt – passen sie aber auf, ob es wirklich verbrennt, denn das ist auch noch nicht ganz sicher – damit ja die Katze nicht daran kommt und der Mops, denn sonst bekommen Sie es mit dem Tierschutzverein zu tun! Und dann heben Sie die Finger hoch und schwören Sie mir, nie wieder da zu kaufen, wo alles billiger ist als anderswo! Sehen Sie, wenn Sie nicht selbst davon gegessen hätten, so würde ich Sie wegen Mordversuchs anzeigen. Seitdem ich neuerlich einmal die kleine Dorette aus der Paterreetage in das Dickärmchen gekniffen habe, kommen Sie mir überhaupt so sonderbar vor. Aber wer weiß, vielleicht hatten Sie einem Doppelmord vor!

Na, letzteres war nur Ulk, aber Ulk verträgt sie am wenigsten. Aber sie schwor mir, von jetzt ab nur in reellen Geschäften zu kaufen.

Ob sie's halten wird? Jedenfalls so lange, bis sie besser ist.

Im Zoologischen

Sie saßen beim Kaffee im Listerturm,
Es ging die Zeitung von Hand zu Hand,
Es interessierte die hübschen Köpfchen
Sehr ein Artikel, der darin stand.
»So hört bloß zu: eine Eheschule
Errichtet im Neuyork eine Frau;
Na, Kinder, wie findet ihr den Gedanken?
Ich finde ihn geradezu brüllend schlau.«
Das gab ein Gekicher, das gab ein Getuschel,
Sie redeten alle auf einmal los;
Nur eine von ihnen sagte erst gar nichts,
Und die war dick und blond und groß.
Und als sich die lauten Wogen legten,
Da sprach sie: »Was viel mehr uns frommt,
Das ist eine Schule, in der wir lernen,
Wie man überhaupt einem Mann bekommt.«

Daß es eine Frauenfrage gibt, ist klar, aber noch klarer ist es, daß es schon viel länger eine Männerfrage gegeben hat. Man braucht nur an einem schönen Frühling-, Sommer- oder Herbstnachmittag in den Zoologischen Garten, oder nach Bella-Vista, oder überhaupt irgendwohin zu gehen, wo es Kaffee mit oder ohne Schlagsahne gibt. Da sitzen sie, die Mütter und Tanten, die holdseligen Töchterchen und Nichten neben sich, und warten, ob das Geschick sich nicht erfülle. Und man sucht dem Schicksal behilfslich zu sein dadurch, daß man an seinem Tische einen oder zwei Plätze frei läßt. Kommen dann andere Damen und wollen die Plätze einnehmen, oder ältere Herren oder solche mit glatten Ringen an den Fingern, dann sind die Plätze besetzt, und hartherzig läßt man die Wandermüden abziehen. Aber nahen sich junge Leute in dem Alter, daß es sich schon lohnt, und sehen sich verzweifelt in dem Wirrewarr von Blusen und Hüten und Gesichtern und Frisuren und strickenden, nähenden und stichelnden Händen um, dann gleitet wohl ein scheinbar unabsichtlicher Blick einladend aus mütterlichen oder tantlichen Augen nach den Augen der Platzsucher und von da nach den leeren Stühlen, und wenn dann die Jünglinge, die Hüte in der Hand oder die Finger an der Mütze, bescheiden näher treten, dann ruft ihnen kein scharfes Organ entgegen: »Besetzt!« sondern in nachlässig freundlicher Weise heißt es: »Och jäö, wir brauchen die Plätze nicht.«

Die beiden Freunde sitzen nun glücklich. Es ist doch ein bißchen genant, so bei drei wildfremden Damen zu sitzen; etwas eng sitz man auch, und fast bereuten die Herrchen schon, sich zu dem fleißigen Kleeblatt mit den zwei grünen und dem einen welken Blatte gesetzt zu haben. Anderseits, die beide Kleinen sind so niedlich, und durstig ist der Mensch, auch bei der Hitze. Also: »Kellner! Zwei Helle!« Das kommt so belegt heraus, wie immer, wenn der Mensch verlegen ist. Der Kellner enteilt und kommt wieder, die Gläser auf die Tischkante setzend. Aber schon räumt die Tante die Tassen und Teller beiseite, rückt auch mit ihrem Stuhl etwas, und das Eis schmilzt langsam aber sicher. Lindchen läßt ihr Häkelknäul fallen. Vier Hände greifen danach, aber die größeren sind flinker, und ein verschämtes »Danke!« und eine zarte Röte auf dem Wängelein lohnt den Ritter und lieblich lächelt die Tante. Sie stöhnt: »Es ist furchtbar heiß!« und die beiden Fremdlinge sind sofort bereit, ihr zu bestätigen, das »ganz kolossiv heiß« und »wirklich schauderös heiß« sei. »Aber immer noch besser, wie der ewige Regen vor'jte Woche!« Das ist selbstverständlich. Das hätte der eine bei der Felddienstübung auch gesagt. Gegen die Hitze gibt es Mittel, aber durch so hohen Schmutz zu marschieren, da wäre nichts gegen zu machen. Es wäre nur ein Glück, daß die Damen nicht auch dienen müßten. Das wäre doch zu schlimm.

Das Eis ist fort. Alles lacht. Aber die Braune meint: »Gott, das würden wir auch können. Letzten Sommer im Harz sind wir doch den ganzen Tag marschiert, und es regnete in einer Tour!« Die beiden rauhen Krieger sind ganz erschüttert von solcher Leistung. Das sähe man den Damen nicht an, nein wirklich nicht, daß sie solche Touristinnen seien. Bei schönem Wetter könne ja jeder marschieren, aber bei Regenwetter, alle Achtung. »Darauf gestatte ich mir einen Hochachtungsschluck, gnä'ges Fräuein!« Und dann nach einer Pause: »Mein Name ist übrigens Meyr, Meyr ohne e am Ende.« Und der andere stellt sich auch vor. Er hieße Kind. Die Damen lachen. Kind klingt so ulkig für einen Herrn mit einen solchen langen Schnurrbart. Aber Meyr bemerkt: »In der Kompanie heißt er das Baby!« Na, nun kennt man sich. Es dauert gar nicht lange und man weiß, daß Herr Meyr Beamter ist – sein Vater hat ein Gut bei Dingsda, und Herr Kind ist Kaufmann. Und anderseits weiß man, daß die Damen auf Besuch bei der Tante sind. In dem kleinen Nest sei es ein bißchen sehr langweilig, die Kinder liefen Gefahr, dort zu verbauern. Jedes Jahr kämen sie ein paar Wochen nach Hannover. Die Mutter ließe sie zwar ungern weg, sie könnte sie im Hause schlecht entbehren, aber sie, die Tante, setzte doch immer ihren Willen durch. Junge Leute müßten doch etwas vom Leben haben.

»Na natürlich,« sagte das Baby und bestellt noch ein Glas Bier. Für die Damen wird es aber jetzt Zeit, zu gehen. Sie verabschieden sich hastig, als die Herrn noch halbvolle Gläser haben. Die Tante ist einen kluge Frau. Nicht überstürzen! Sonst werden sie kopfscheu. »Nein, nein,« dankt sie, »wir fahren,« und lehnt die Begleitung ab. »Nette Mädels,« sagt das Baby. »Ja« meinte der andere. »Du,« fährt das Baby sentimental fort »es tut einem doch ordentlich mal gut, wenn man mal den Gebildeten markieren kann. Diese ewige Kommißsimpelei am Stammtisch und das andauernde Kneipen macht einen schließlich zum Kaffern. Man verliert allen Schliff.« Der andere findet das auch und denkt an etwas Unbestimmtes, das aber hübsch sein muß, denn seine runden Augen sehen ordentlich träumerisch aus.

Am anderen Tage sind sie wieder im Zoologischen. Aber die Tante mit ihren Küken ist nicht da. Die beiden sind ganz starr. Sie warten zwei Stunden, aber sie kommen nicht. Sie gehen hin und sehen die Raubtierfütterung an, steigen ins Affenhaus, aber sie mopsen sich überall. Endlich schleichen sie bekümmert zum Stammtisch und zeichnen sich hervorragend durch Stumpfsinn aus.

Am dritten Tage hat nur Herr Kind frei. Meyr hat Dienst. Das Baby fühlt sich zum Zoologischen gezogen. Zwei Kameraden suchen ihn zu einem Dauerskat im Steuerndieb zu erschlagen. Aber er bleibt standhaft und springt beim Neuen Haus in die Elektrische.

Diesmal sind sie da. Er kennt sie erst gar nicht in den frischen weißen Kleidern. Vorgestern hatten sie rosa und hellblau an. Sie sehen entzückend aus. Er schlängelt sich durch die Reihen und steuert gerade auf sie los. Die Tante hatte ihn schon längst gesehen und die Mädchen benachrichtigt, aber keiner von den dreien sieht auf und sie tun alle furchtbar erstaunt, als sein langer Schatten über den Tisch fällt und er, die Hand an der Mütze, »guten Tag« wünscht und fragt, ob er Platz nehmen dürfte. Er sollte auch von seinem Freunde grüßen, der leider dienstlich verhindert sei.

Am Nebentische sitzt wieder die Familie, die neulich auch in der Nähe saß. Neidisch sieht die Mutter herüber. »Sieh', Guste, der Einjährige ist doch wiedergekommen. Mich soll nur wundern, ob daraus was wird. Vier Wochen hat die Alte mit den beiden Mädchen dagesessen und gelauert, und nun häöb'n se endlich einen. Er ist gestern wie verrückt hier rumgelaufen und hat sie gesucht. Aber gestern waren die nicht da. Sie hatten wohl noch nicht ihre Klatern gebügelt. Möchte bloß wissen, was das für Mädchen sind! Aus Hannover sind se doch nicht.«

»Nein,« erwiderte die Tochter, »und was Feines ist das auch nicht. Vorgestern häöb'n se sich kenne gelernt und heute strahlen se'n an, als ob se'n aufessen wollten. Und dabei hat er das ganze Gesicht voll Pickel. Ich glaube, es ist derselbe Einjährige, der immer im Rheinischen Hof Ganze trinkt. Weißt du, der damals zu dem Kellner sagte: »Häöben Se kein größeres Gemäß als diese Vogelnäpfe?«

»Tjäö,« meint die Mama, »das wird wohl so 'ne Sommerliebschaft werden. Er wird jeden Tag bei ihnen für'ne Mark fünfzig Aufläöge essen und für'ne Mark Flaschenbier trinken, und wenn er sein Jahr hinter sich hat, dann is'r wege.«

»Na,« meint das Töchterchen, »danach sieht die Alte nicht aus. Das ist auch bloß Trick gewesen, daß sie gestern nicht da war. Sie mal still. Hörste's was sie sagt?« Aufmerksam spitzen sie, auf die Handarbeit gebückt, die Ohren. »Nein, Herr Kind, morgen, das geht nicht. Jeden Tag können wir nicht hierher. Morgen haben wir Plättetag. Ich meine, junge Mädchen müssen alles können. Man kann nie wissen, wozu sie es nötig haben. Meine Tochter hat alles gelernt, von Kartoffelschälen und grobe Wäsche waschen bis zur Buchführung und Sprachen. Mein seliger Mann wollte es so. Na, und sie hat es gebrauchen müssen anfangs. Die ersten Jahre hat sie arbeiten müssen, daß sie nicht zur Besinnung kam, im Hause und im Geschäft. Das Geschäft ging schlecht, und ihr Mann konnte sie als gute Korrespondentin und Buchhalterin gebrauchen. Bis es dann auf einmal besser ging. Jetzt hat sie 3 Mädchen und braucht sich um nichts zu kümmern. Aber geschad't hat's nichts.«

Herr Kind ist ganz erschüttert. Donnerja! Wenn er fertig ist mit seinen Jahr, will er sich selbständig machen. Das wäre ja famos, solche Perle als Frau. Aber am Nebentisch sehen sich Mutter und Tochter an, und die Tochter flüstert: »Ach, jetzt weiß ich auch, wer das ist. Das ist ja die Meckler, die immer in Bellavista saß. Vier Bräutigams hat die Tochter gehabt. Erst'n Studenten, dann'n Kaufmann, dann'n Ingenieur, und zuletzt wieder'n Kaufmann. Den behielt se glücklich. Die und Buchführung! Über ihre Liebhaber hat sie wohl doppelt Buch geführt! Und Sprachen! Die Augensprache, die konnte sie aus dem ff! So wie ein junger Mann sich seh'n ließ, klapperte sie gefährlich mit den Augen.«

»Änne, du wolltest doch deinen Hermann besuchen,« meint drüben die Tante. Herr Kind erblaßt und seine Bickbeerenaugen gehen ängstlich von einem Gesicht zum anderen. »Woll'n Sie mit?« fragt Änne. Er weiß eigentlich nicht, was kommen soll, aber er will auch nicht fragen, wer Hermann ist. So zottelte er mit. Linchen und die Tante sehen sich mit verständnisvollen Blicken an.

Ännchen steuert auf den Bärenkäfig zu. »Hermann, Hermann,« ruft sie mit ihrer hellen Stimmen. Ein dicker, langhaariger Kopf taucht auf und eine lange Schnauze schiebt die Unterlippe löffelförmig durch das Gitter. Es ist Hermann, der Lippenbär. Das Baby seufzt erleichtert. »Also das ist Ihr Hermann?« Die Kleine lacht: »Ja, was dachten Sie denn?« Der große Mensch wird rot. »Ich dachte schon, es sei jemand, der Ihrem Herzen teuer wäre!« Die Kleine wird rot. »Das ist er auch; er ist so drollig, der Dickkopf,« und damit wirft sie, sich vorbeugend, daß unter dem weißen Kleidchen eine zierliche Wade sichtbar wird, dem Bären ein Stück Zucker zu. Und dann, über die Schulter sehend, meint sie: »Oder glaubten Sie, daß ich sonst wen suchte?« Der arme Kerl ist völlig fertig. Wie sie da über der Balustrade liegt und ihn über die Schulter ansieht, das hält sein Kriegerherz nicht aus. Seine Stimme wird etwas heiser, als er flüstert: »Ja, ich fürchtete es beinahe!« Da lachte sie und wird dann ganz rot, sagt aber nichts, als seine Hand fest die ihre umspannt, wie er ihr behilflich sein will, mit dem Sonnenschirm das hineingefallene Stück Kuchen aufzuspießen.

Als sie wieder am Tisch angekommen, ist Meyr auch da, und zwar mit zwei dicken Veilchensträußen. Er neckt das Baby, weil dieses daran nicht gedacht hätte. Sie müßten den Damen doch danken dafür, daß sie ihnen Unterkunft gewährt hätten. Eigentlich müßte er ja etwas verlangen, daß er gestern vergeblich mit dem Baby hier heraus gefahren sei. Das Baby hätte geweint, als die Damen nicht dagewesen wären.

Heute geht man schon gemeinsam heim.

Am nächsten Sonntag schmeißen sich die beiden Krieger in Wichs und steigen nach der Hildesheimer Straße. Auf ihr Klingeln öffnet ihnen Ännchen. Sie hat ein blaues billiges Waschkleid an und eine weiße Küchenschürze um. Um den Krauskopf hat sie ein Küchenhäubchen, die Arme sind bloß. »Acherje!« ruft sie, als sie aufmacht, »ich dachte, es wäre der Milchmann!« Dann ruft sie die Tante. Zehn Minuten führt die die Unterhaltung, dann ruft sie den Mädchen rein. Linchen hat ein graues Waschkleid an. An einem ihrer runden Ellenbogen sitzt ein bißchen Mehl. Herr Meyr ist ganz alle. Er vergißt ganz den Reserveleutnantston beizubehalten. Er ist gar kein Grüner, aber es ist die alte Gesichte: ein Häubchen und ein Küchenkleid und ein weißes Schürzchen, das ist doch die gefährlichste Tracht. Na, und das Baby, das macht ein Gesicht, als hätte es eben sein Leibgericht gegessen. Er läßt kein Auge von Änne und gibt ihr beim Abschied so zärtlich die Hand, daß er selbst darüber erschrickt. Beim Mittagstisch, uzen sie sich gegenseitig mit ihrer Verliebtheit.

Abends essen sie aber bei der Tante. Das Baby schwärmt beim Heimwege von dem Segen der Häuslichkeit, und als er in der Kulmbacher das zehnte Glas binnen hat, kriegt er das heulende Elend und will durchaus nicht in seine ungemütliche Bude, wo, wie er sagt, der Geist der Verlassenheit auf allen Stühlen sitzt.

Das übrige tut ein Ausflug nach Niedersachsen. Man regnet im Walde ein. Das Baby bringt wirklich die verheißungsvolle Frage heraus. Nicht lange darauf geht auch Meyr mit Line Arm über die Schorsestraße.

Im Zoologischen sieht man die Tante nicht mehr.

»Sie häöb'ns jetzt nicht mehr nötig,« seufzt die Tochter vom Nebentisch.

»Ich wollte, ich könnte das auch erst säög'n,« meint die Mama.

Und knurrig ruft sie einem alten, pustenden Herrn, der nach dem freien Stuhl fragt, ihr »Bisetzt« zu.

Die Gesundbeterin

Mit Gebet und Handauflegen
Heilten die Apostel schon,
Sie auch könnt' das, sagte immer
Die Frau Günther-Peterson.
Und man kam in hellen Haufen,
Arm und reich und groß und klein,
Jeder wollte für drei Meter,
Gern gesund gebetet sein.
Das Geschäft ist gut gegangen,
Bald konnt' sie's nicht mehr allein,
Und sie stellte als Gehilfin
Noch ein junges Mädchen ein.
Denn sie mußte zuviel beten,
Und es sucht im Blatte schon
Einige stramme Dauerbeter
Die Frau Günther-Peterson.

Wahrhaftig, es ist anstrengend, von Morgens bis in der Nacht zu beten, sagte mir die Dame, als ich sie besuchte. Es strengt wirklich zu sehr an. Früher, als das Geschäft noch nicht so gut ging, kam ich mit zwanzig bis dreißig Vaterunsern nach der Angabe von Mrs. Eddy bequem aus. Wenn sich die Rationen etwas verteilt, zehn zwischen dem ersten und zweiten Frühstück, fünf vor und fünf nach dem Mittagessen und zehn vor dem Abendbrot, dann geht das. Aber was drüber ist, das ist vom Übel. Besonders nach dem Mittagessen bekommt es gar nicht. Man schläft dann erstens leicht und vergißt, wieviel man erledigt hat, und kann wieder von vorn anfangen, denn Reellität ist die Grundlage eines jeden Geschäftes, zweitens aber führt es zu Verdauungshemmungen, wie jede Anstrengung gleich nach der Mahlzeit, zu Gärungserscheinungen und schließlich zu Magenausbuchtungen.

Deswegen habe ich mir später, als das Geschäft einen zu großen Umfang annahm, ein junges kräftiges Mädchen vom Lande engagiert, das neben der Hausarbeit in ihren freien Stunden die übrigen Heilgebete verrichtet. Damit das liebe Kind ein Interesse daran hat, habe ich die Arbeit in Akkord gegeben. Sie erhält pro Stück des abgelieferten Gebetes zehn Pfennige. Bei ihrem Fleiß und guten Willen hat sie es schon auf einen Nebeneinnahme von fünf bis sechs Mark den Tag gebracht. Die Kontrolle ist sehr einfach, sie geschieht durch einen von einem bedeutenden Elektrotechniker eigens für mich angefertigten Zählphonograph, der selbständig die Anzahl und Art der Gebete registriert. Herunterrabbeln gilt nicht, solche Gebete haben keine Wirkung.

Aber das junge Ding, obgleich sehr kräftig gebaut und mit einer guter Lunge ausgerüstet, und dem nötigen Stumpfsinn, wie er die Massenherstellung einen solcher Artikels erforderlich ist, fängt mir an, bleichsüchtig und hysterisch zu werden, und ich muß mich nach weiterer Hilfe umsehen. Wie ich das mache, weiß ich noch nicht. Vier bis sieben Dauerbeter kann ich noch bequem beschäftigen, aber habe keine Lust, das im Hause tun zu lassen. Ich denke, ich lasse mir noch einige Zählphonographen bauen und lasse dann die Arbeit außer dem Hause machen. Dabei spare ich Licht und Feuerung. Auch denke ich, dem schönen Beispiel der Behörde folgend, die Arbeit auf dem Wege der Submission an die Mindestforderden zu geben. Bei der jetztigen Arbeitslosigkeit wird es mir am billigen Arbeitskräften nicht fehlen.

Ich frage die Dame, welche Stände und Klassen ihr chriurgisch-antiseptisches Gebetsverfahren in Anspruch nähmen. Alle, sagte sie, mit Ausnahme der Mediziner. Das sind die einzigen, die aus leicht begreiflichen Gründen meiner Sprechstunde und meinen Vorträgen fernbleiben. Aber ich werde sie schon kriegen. Ich werde nächstens einen Vortrag über die Wertlosigkeit der homöopatischen Fieberbehandlung durch Gebete und über den Nutzen der aseptischen Wundbehandlung durch Vaterunser halten. Damit schmeichle ich den Allopathen, und da das die meisten Ärzte sind, so werden sie für mich sein. Denn es ist doch klar, daß homöpatische Gebetsdosen nichts helfen können, bei akuten Erkrankungen ebensowenig wie bei chronischen Leiden. Ein bestimmtes größeres Quantum ist absolut notwendig.

Ferner werde ich nächstens in meinem Institut noch wichtige Verbesserungen treffen. So werde ich eine eigene Abteilung für Gebetsmassage errichten, ich werde auf dem Wege des Gebetes Sonnen-, Licht-, Luft-, Schwefel-, Moor-, römische, irische, Dampf-, Ganz- und Halbbäder anwenden, ich werde eine Gebetröntgenstube einrichten und mich auf das Studium der Bandwurmabtreibung und Hühneraugenoperation auf dem Wege des Gebetes legen, auch mich mehr wie bisher mit Schönheitspflege beschäftigen. Haarausfall, mangelnde Zähne und verschwundene schöne Formen werde ich herbei-, Runzeln und Falten wegbeten. Ob ich das alles aber mit Menschenkräften tun kann, ist noch fraglich. Die Kontrolle wird zu umständlich. Vielleicht geht es mit arabischen Gebetsmühlen, ich muß es mal versuchen. Aber auf jeden Fall muß ich einzelne Spezialitäten mehr pflegen. Das ist zeitgemäß.

Ich erlaubte mir zu fragen, ob es wahr wäre, daß sie auch per Distanz heilen könne. Natürlich, sagte sie, die Sache ist ganz einfach. Ungefähr wie Marconis drahtlose Telegraphie. Mit schelmischem Lächeln setzt sie hinzu: So ganz ohne Draht geht es natürlich nicht. Zeigt mir ein ferner Patient durch Honorarübersendung an, daß er den ernsten Willen hat, geheilt zu werden, so richte ich mein Gebet in die Ferne und es hilft immer. Etwas heikel ist die Sache aber immer, denn man weiß nie so ganz bestimmt, welcher Fortgang der Heilungsprozeß nimmt und wann man aufhören muß mit Beten. Sie haben ja vor Jahresfrist schon über den traurigen Fall mit den alten Major berichtet, dem ich sein kurzes Bein länger betete. Er verreiste und gab mir keine Nachricht. War es da ein Wunder, daß das Bein schließlich so lang wurde, daß er nun zur Abwechslung auf der anderen Seite hinkte?

Ich verneinte galant und fragte, wie ihre Stellung zu den Apothekern sei. Schlecht, sagt sie, vorläufig weinigstens. Aber in unserem technisch so weit vorgeschrittenen Zeitalter, in dem die dünnsten Stoffe, wie Kohlensäure, Wasserstoff und Luft flüssig und die dicksten Bankiers und Aufsichtsräte flüchtig gemacht werden können, wird es auch dem Physiochemiker gelingen, das Gebet in tropfbar-flüssigen, wenn nicht gar festen Zustand zu überführen. Ist erst das gelungen, dann lasse ich Pulver und Pillen aus Gebeten fabrizieren, ebenso Salben und Pflaster, und dann wird die Antipathie der Pharmazeuten gegen meine Lehre schon abnehmen. Ich denke mir, daß Gebets-Schweizerpillen, Günther-Petersonsche Somatose, Eddysche Nervose, scientistische Wurmelilexiere und christlichwissenschaftliches Pepton rasenden Erfolg haben werden.

Ob sie auch psychopatische Kuren mache, fragte ich. Selbstverständlich. Sie heile Leib und Seele, sagte sie. Suggestion sei schließlich alles. Jede Krankheit müsse ihre Heilung vom Geiste aus nehmen. Daher rührten ihre Erfolge. Im Grunde sei alles Einbildung. Und je eingebildeter eine Krankheit sei, um so leichter sei die Heilung. Da wäre ein Fall, der sehr interssant sei. Ein junges Mädchen sei herrenscheu gewesen, weil sie sich einbildete, häßlich zu sein. Sie sei es auch gewesen, aber mit drei Gramm Gebet à drei Mark habe sie ihr das Bewußstein davon so genommen, daß sie jetzt eine geradezu unangenehme Kokette geworden sei.

Ich bat sie, mir noch einige besonders interessante Kuren mitzuteilen. Das tat sie gern. Da wäre eine alte Frau gewesen; die hätte immer an Eisbeinen gelitten. Nach vierzehntätiger energischer Behandlung hätte die den Greisenbrand in beiden Beinen gehabt. Ein alter Mann habe furchtbar an Marasmus senilis gelitten. In ihrer Behandlung sei er so jung geworden, daß er jetzt gepäppelt werden müsse, wie ein Säugling. Ein junger Maler habe an steifem Rücken gelitten. Jetzt sei er bald soweit, daß er kgl. preußischer Akademieporfessor und Hofmaler werden könne. Ein idiotischer junger Herr sei geistig durch ihre Behandlung so gehoben, daß er schon imstande wäre, »Die Woche« vollständig zu verstehen. Ein zurückgebliebenes vierjähriges Mädchen habe nach wenigen Heilversuchen in acht Tagen Nietzsche als passé bezeichnet. Einen Trinker habe sie so gründlich geheilt, daß er in Ohmacht falle, wenn er eine leere Flasche sähe oder ein leeres Bierglas vor sich stehen habe, und ein Herr, der an Stuhlzwang gelitten habe, in fünf Minuten so geheilt, daß er wie rasend davongestürtzt sei. Weit könne er aber nicht gekommen sein. Ein Arbeiter, der an Auszehrung litt, wäre zu ihr gekommen; nach acht Tagen habe er zweieinhalb Zentner gewogen und ein Fettherz gehabt, wie ein Rentier.

Auch schwere Verletzungen könne sie heilen. Man habe ihr einen alten Mann gebracht, dem von einem Wagenrad das rechte Bein zermalmt war. Sie habe ihn so gut geheilt, daß das rechte Bein viel schneller wurde als das linke. Um auch dem linken Bein zu mehr Leben zu verhelfen, habe sich der schlaue Greis auch dieses überfahren und von ihr wieder zurechtbeten lassen und er sei mit seinen jungen Beinen so sehr zufrieden, daß er dasselbe Experiment noch mit Becken, Rückenstrang, den Armen, den Hals und dem Schädel machen wollte, ohne Schmerzen zu scheuen.

Als ich mich verabschiedete, fragte ich die Dame, ob sie ihre Kunst nicht auch auf das Veterinärgebiet ausdehnen wollte. Sie lächelte und sagte; Das tue ich ja, denn was zu mir kommt, sind ja alles Esel, Ochsen, Gänse und Puten.

Sieben Schulaufsätze von Aadje Ziesenis

Die Aalenriede

(22. März 1907)

Die Aalenriede ist ein Wald, weswegen darin auch Bäume sind. Das mehrste sind Buchen, wenn nicht, dann Föhren, wenn nicht, dann Eichen, wenn nicht, was anders, z.B. Birken.

Im Wald ist der Förster. Der ist grün. Deswegen ist es verboten, von den Wegen zu gehen, weil Vater sonst Strafe bezahlen muß.

In der Aalenriede war früher Hahnebut. Das war ein Räuber. Er saß auf der Steinbank vor dem Zologen und wartete auf die Leute, die daraus kamen und schoß sie, bis sie tot waren. Das Geld aber behielt er selbst, bis er geköpft wurde. Seitdem gibt es keine Räuber in der Aalenriede mehr. Weil Hahnebut keine Frau hatte. Auch Automobile gibt es in der Aalenriede nicht.

Einmal haben wir in der Aalenriede ein Reh gesehen. Das lief weg. Und eine Hasen. Der lief auch weg. Und ein Karnickel. Das lief auch weg. Und einen Maulwurf. Der lief nicht weg. Weil er tot war. Aber er stank schon.

Die Aalenriede ist sehr groß. Deswegen sind viele Wirtschaften drin. Damit man da was kriegen kann, Bier oder Milch oder Kaffee und was dazu. Je feiner die Wirtschaft ist, je kleiner sind die Portionen, und je teurer.

Am schönsten ist es Pfingsten in der Aalenriede. Wir gehen dann nüchtern los und nehmen uns was mit. Vorigen Pfingsten haben wir einen betrunkenen Radfahrer gesehen. Der konnte nicht 'rauf. Dabei schlug er sich die Nase blutig. Das war fein.

In der Aalenriede sind viele Nistekästen. Da hocken die Spatzen in. Einmal haben wir einen gefangen und mitgenommen. Der war noch nackigt. Den haben wir immer gefüttert, bis er tot war.

In der Aalenriede ist der Schiffgraben. Da sind Kuhlpietschen inne und Stecherlinge. Manchmal auch nicht. Mein großer Bruder holt immer welche und verkauft sie an anderen Jungens. Für das Geld holt er sich Zigaretten. Er hat mir eine gegeben. Da mußte ich ins Bett.

In der Aalenriede wachsen Bickbeeren. Die werden nicht reif. Weil man sie nicht reif werden läßt. Sonst wächst da nicht Vernünftiges. Aber abreißen darf man es doch nicht.

In der Aalenriede ist ein Haus, da gibt es Milch. Wenn man Geld hat. Gegenüber ist noch ein Haus. Da gibt es keine Milch. Weil es eine Retirade ist.

Weiter weiß ich nichts.

Das Osterfest

(31.März 1907)

Das Osterfest fällt immer unegal aus. Nicht wie Silvester oder Neujahr oder Kaisersgeburtstag. Die fallen immer egal.

Aber immer sechs Wochen vor Pfingsten. Je nachdem das ausfällt, so Ostern. Ist es früh, so ist es auch früh, wenn nicht, erst später.

Es gibt weiße und grüne Ostern. Weiße, wenn es noch schneit. Grüne, wenn die Blätter raus sind. Graue auch; dann regnet's.

Ostern zerfällt im zwei Teile. Vor Ostern und nach Ostern. Vor Ostern gibt es Schulferien. Wer so weit ist, muß sich konfirmieren lassen und wird was. Nämlich auf der Bürgerschule. Auf den höheren Schulen werden sie dann noch lange nichts.

Das mit der Konfirmation ist so. Die Mädchen kriegen dann lange Röcke und ein reines Taschentuch. Die Jungens lange Hosen. Alles schwarz.

Zuerst ist es in der Kirche. Nachher auf der Pferdeturm. Da ist denn alles voll. Die großen Jungens trinken Bier und tun sich dicke. Rauchen Zigaretten. Die großen Mädchen gehen untergehakt. Holen sich Hammel an die Kleider.

Vor Ostern ist noch Gründonnerstag. Da arbeitet man bloß zur Hälfte. Manche gar nicht. Wer ganz fromm ist. Oder es nicht nötig hat. Oder streikt. Oder keine Arbeit hat. Je weniger einer da was tut, je frömmer ist er.

Onkel Schorse sagt, das ist Quatsch. Maifeier ist das einzige Richtige, sagt er. Und Silvester. Und Schützenfest. Weiter nichts. Aber Vater will es so haben. Wie früher. In die Aalenriede gehen und Ostereier verstecken.

Das tut Onkel Schorse. Vater sagt, der Osterhase. Aber das ist man Spaß. Wir wissen es. Weil sie einmal weich waren und Onkel Schorse hinfiel und den ganzen Rock voll hatte. Die Hosen auch. Seitdem sind sie immer hart.

Nächstes Ostern werde ich konfirmiert und muß was werden. Ich will auf Maurer lernen, wie Onkel Schorse. Und Dezimalsokrat werden, wie Onkel Schorse. Und vor nichts keine Bange haben, wie Onkel Schorse. Auch nicht vor dem Schutzmann.

Vater sagt, Maurer ist nichts. Ich soll auf Ratswachtmeister lernen. Erst Schreiber, dann Soldat, dann Unteroffizier, und dann Ratswachtmeister. Mit Uniforn. Blau und grün.

Onkel Schorse sagt, das ist Quatsch. Weil ich dann immer tun muß, was der Stadtdirektor sagt. Wie ein Bürgervorsteher. Maurer ist besser. Weiter weiß ich nichts.

Der Zologen

(7. April 1907)

Die Stadt Hannover hat zwei Veranstaltungen für wilde Tiere, den Zologen und den Tiergarten. Im Zologen sind die Tiere abgesperrt und die Menschen gehen frei herum. Im Tiergarten laufen die Tiere frei herum die Menschen sind abgesperrt.

Im Tiergarten ist bloß eine Sorte Tiere. Im Zologen viel mehr, nämlich Affen, Elefanten, Pagelunen, Papageien, Wölfe, Bären, andere Affen, Füchse, Hirsche, Pferde, Ochsen, andere Hirsche, Schweine, Enten, Gänse, Kamele, noch andere Hirsche, Kaninchen auch. Und Esel. Und andere Ochsen.

Das größte Tier ist der Elefant. Der ist noch einmal so groß. Das heißt, der totgestorbene. Dieser nicht. Der wird's erst. Der Elefant ist vorne rüsselig. Hinten nicht. Der Elefant ist grau. Der Elefant ist wild. Der Elefant ist indisch. Der Elefant ist klug. Der Elefant ist gemein. Meinem Bruder Schorse hat er seinen Hut gefressen.

Im Affenhaus sind die Affen. Die Affen sind sehr klug. Sie flöhen sich als wie ein Mensch. Oder lausen sich. Wer ihnen was gibt, das fressen sie. Wer nicht, werden sie böse. Es gibt große Affen, mittelgroße und solche, die sind gar nicht groß. Das sind die Jungen. Die hängen ihnen am Bauch. Die Affen sind auch indisch.

Im Bärenhaus sind die Bären. Der weiße das ist der Eisbär. Eigentlich ist er gelb. Der lebt da, wo es immer friert. Auch Sommertags. Der braune nicht. Der ist aus Rußland. Darum ist er auch nicht so weiß.

Im Raubtierhaus sind die Raubtiere. Erstens Löwen, dann Tiger, dann kleine. Die Tiger haben gejungt. Man sieht da bloß nichts von. Der Löwe wird um sechs Uhr gefüttert, bis er brüllt. Dann wackelt alles. Im Raubtierhaus muß man niesen. Da riecht es nach Stinke.

Im Schlangenhaus sind die Schlangen. Die sind indisch. Sie fressen die lebendigen Kaninchen roh. Alle acht Tage eins. Und die Krokodile. Die sind auch indisch. Die rühren sich nicht. Und die Känguruhs. Die haben bloß zwei Hinterbeine. Die andern sind zu kurz. Darum das Hüppen. Die sind auch indisch.

Im Vogelhaus ist der Flötenvogel. Der pfeift immer Lott ist tot. Früher bloß halb. Jetzt ganz. Und Papageien auch. Blaue, rote und weiße. Das sind aber keine, das sind Kakaduen. Die machen eine furchtbare Schande. Die sind alle auch indisch.

Im Zologen sind auch Wasserteiche. Mit Schwänen. Davon sind welche schwarz. Die sind indisch. Und allerlei Enten. Bloß keine richtigen. Und Störche auch. Weiße und schwarze. Die sind für die Negers.

Im Hundehaus sind die Hunde. Wer einen wiederholen will, muß Strafe bezahlen, weil er kein Halsband hat. Und kriegt Flöhe.

Weiter weiß ich nichts.

Der Frühling

(28. April 1907)

Der Frühling ist eine Jahreszeit. Wenn der Winter anfängt aufzuhören. Bis zum Sommer. Dann geht es los damit.

Den Frühling erkennt man am Pinndopp. Und Kresse wächst dann auch draußen, nicht bloß auf alten Strümpfen mit Wasser auf einem Teller am Ofen.

Im Frühling singen alle Vögel. Manche nicht, denn sind es Spatzen. Die Vögel, die im Winter wo anderswo sind, das sind Zugvögel. Die sind dann in Afrika, bis sie wieder hier sind. Z.B. der Star, die Schwalbe, der Storch auch.

Der Star brütet überall, wo man ihm was dazu hinhängt. Der Storch nicht; bloß in Misburg und Bothfeld. Denn klappert er. Das mit den Kindern ist eine Erfindung, weil er im Winter nicht hier ist und doch welche bringt. Bei uns immer wintertags. Meist Dezember.

Im Frühling wird das Land umgegraben. Und gejauchzt. Gärten auch. Aber nicht gejauchzt, höchstens Gemüßegärten. Aber das sind keine. Schon mehr Felder. Wie unsers im Haspelfelde. Weswegen mich die anderen Jungens Kosacken nennen. Was mir puttegal ist. Denn es werden teure Bauplätze, und das ist die Hauptsache.

Zu Anfang des Frühlings ist Ostern und hinterher Pfingsten. In der Zwischenzeit ist Schule. Im Frühling gibt es zuerst Blumen, z.B. Krokus. Aber erst Schneeglöckchen. Manchmal ist es dann noch Winter. Wenn es schneet. Aber nicht von Dauer. Dann ist wieder Frühling. Bis es wieder schneet.

Der Frühling ist mehr für Blumen. Essen kann man da nicht viel von außer Eier, Schnittlauch und nachher Spargel, Rhabarber. Der Sommer ist nahrhafter. Bringt mehr ein.

Nicht gerade viel, aber zum Leben. Und wenn erst die neue Rennbahn wo anders muß, sagt Vater, und die Aalenriede zwischen Döhrener Turm und Bischofhol Bausplätze wird, dann werden wir Rentjes. Weil dann unser Land teurer verkauft ist und wir von den Zinsen leben, wie jetzt von Zwiebeln und Kartoffeln und Kohl. Und Wurzeln. Porre auch.

Onkel Schorse sagt, das ist Bodenwucher und eine Gemeinerei. Er ist falsch, weil er Laubenkoloniker ist. In den Kämpen. Und vom Magistrat gesteigert ist, daß es sich nicht mehr lohnt. Das Jauchzen.

Weiter weiß ich nichts.

Beschreibung der Stadt Hannover

(14. Mai 1907)

Die Stadt Hannover ist zweihunderfünfzigtausend Einwohner groß und liegt in Preußen an der Leine. Früher lag sie im Königreich Hannover. Bis Bismarck kam.

Die Stadt Hannover ist sehr alt, aber nicht ganz und gar, sondern nur die Altstadt, wo die unmodischen Häuser sind, z.B. Leibnizhaus, Garnisonkirche usw.

Die Stadt Hannover wird einseitig von einem Wald umgeben, der die Aalenriede heißt. Andrerseits wird sie von anderen Gegenden umgeben, z.B. Masch, Ohe, schneller Graben, Linden usw., Limmer auch.

Die Stadt Hannover wird immer größer. Deswegen werden es auch immer mehr Menschen. Darunter sind allerlei, auch Soldaten. Die feinsten Soldaten sind die Königsulanen. Die kommen jetzt auf die Bult. Deswegen es da auch verboten.

Die Stadt Hannover hat viele Umgebungen. Eine davon ist die Masch. Das ist die größte Wiese auf der Welt. Im Winter nicht, da ist sie übergelassen und friert zu. Dann ist sie verboten. Wenn es taut, darf man auf ihr Schlittschuh laufen. Im Sommer nicht; da ist sie verboten. Wenn sie voll Wasser ist oder wie jetzt dreckig, ist sie nicht verboten. Wenn sie trocken ist, ist sie verboten. Von wegen weil sie dann da die Stadthammel fett machen.

Die Stadt Hannover hat viele Straßen. Das Feinste ist die Georgstraße. Die ist man halb, denn auf der anderen Seite sind Anlagen, z.B. Kaffee Kröpke und Hoftheater. Da wird mittags umsonst Musik gemacht für arme Leute.

Die Straßen der Stadt Hannover bestehen aus Verschiedenerlei. Wo die reichen Leute wohnen, aus Asphalt. Das ist das Beste, was man hat, bloß daß er im Sommer stinkt und bei Regen glitschig ist. Und lebensgefährlich. Darum das Sandstreuen.

Die Stadt Hannover sorgt sehr für ihre Reinigung. Vor welche Hause Schnee fällt, das kostet Strafe, wenn er nicht gleich weggemacht wird. Oder Asche gestreut. Nur die Häuser vom Magistrat, die brauchen das nicht.

Die Stadt Hannover hatte früher eine Pferdebahn. Bis das zu teuer wurde mit dem Futter. Da wurde sie elektrisiert. Die Wagen fahren nun von nichts. Das ist billiger.

Die Stadt Hannover hat folgende wichtige Gebäude: erstens die Markthalle, zweitens das Rathaus, drittens die Polizei. Die liegen alle im Zentrum. Das Zentrum liegt am Maschpark, wo die Stadt Hannover aufhört. Die Stadt Hannover feiert mehrere Feste, z.B. Großes Schießen, Schulfest, Maifeier.

Die Stadt Hannover hat keinen Kaiser, wie Berlin, sondern einen Stadtdirektor, das ist der oberste, seit das mit dem Marktturmwächter aufgehört hat. Bis da war es. Deshalb mußte er auch da wege.

Weiter weiß ich nichts.

Der schnelle Graben

(9. Juni 1907)

Der schnelle Graben besteht aus lauter Wasser. Der schnelle Graben liegt zwischen der Masch und der Ohe. Der schnelle Graben ist dazu da, daß die Leine nicht zu voll wird.

Am schnellen Graben ist es sehr schön. Man kann da auf die Bank sitzen gehen oder sich an das Geländer stellen und so lange hinsehen, bis daß man ganz dösig ist.

Am schnellen Graben war früher nichts verboten. Jetzt alles. Oder mit Draht und Stankett zugemacht. Aber bloß für die Kinder. Die ausgewachsenen Menschen dürfen da Volks- und Jugendspiele abhalten, soviel sie lustig sind.

Das Selbstmördern ist da jetzt auch verboten. Mit einem Geländer. Früher gingen da manche Leute sehr oft hin und verkluckten sich. Jetzt müssen sie erst über das Stankett klettern. So verbleibt es mehrstens.

Das Selbstmördern ist eine tödliche Sünde. Bei Brinkmanns holte sich früher immer ein Mann Schnaps, bis er duhne war. Und dann hatte er kein Geld und da verkluckte er sich und da erbte er tausend Mark. Das war die Strafe.

Das Wasser im schnellen Graben kann wintertags gar nicht ordentlich zufrieren. Von wegen der Schnelligkeit. Deswegen ist es da sehr gefährlich. Einmal waren wir da und haben gesehen, wie feine Leute mit einem Kahne zu dicht ranfuhren und sich immer um und um drehten und schrieen und hineinfielen und herausgeholt wurden und ganz plitschenaß wurden. Zwei Herren und zwei Mädchens. Das war fein.

Vor den schnellen Graben ist die Seufzerallee. Weswegen die Weiden alle so abgeköpft sind, daß sie ganz dummerhaftig aussehen. Und hohl. Aber daß muß so, weil der Stadt da viel Geld rauszieht. Von den Zweigen. Zu Körbemachen. Und dafür baut sie dann Rathäuser.

Der schnelle Graben ist von Bürgermeister Duve gegründet. Als er noch lebte. Das ist schon lange her. Seitdem ist er tot.

Das war ein sehr edler Mann. Der steckte sein ganzes Geld in die Stadt, bis er in das Armenhaus kam und kein Denkmal kriegte. Heute ist das anders.

Weiter weiß ich nichts.

Der Tiergarten

(16. Juni 1907)

Der Tiergarten gehört zu den besseren Gegenden bei der Stadt Hannover. Der Tiergarten liegt bei Kirchrode.

Der Tiergarten ist ein Wirtshaus mit einem Wald darum und Zaun. Von wegen der Rehe; damit keins herausläuft.

Die Rehe im Tiergarten sind keine Rehe, sondern Hirsche. Das heißt, keine richtigen, sondern Damhirsche, weil sie so damlich sind und andere Hörner haben. Nicht immer. Dann haben sie sie abgeschmissen.

Einmal war auch ein richtiges Reh da. Ein wildes. Ein Bock. Der hatte Hörner. Aber nicht so lange. Aber meiner Schwester hat er doch den Rock zerrissen damit. Die Hose auch. Und im Beine gestochen. Bis sie schrie. Dafür wurde er totgeschossen.

Die Rehe sind ganz zahm und fressen aus der Hand. Brot. Zucker auch. Deswegen werden sie immer totgeschossen. Bloß daß keiner weiß, wer. Nachts, oder wenn keiner da ist. Von Wilddieben.

Wilddieben das ist eine Sünde und außerdem Diebstahl. Wer es tut, muß es absitzen. Wenn er gefaßt wird. Sonst nicht. Aber dafür kommt er in die Hölle. Das hat er davon.

Der Tiergarten gehört der Stadt Hannover. Deswegen ist da alles verboten. Früher gehörte er dem Kaiser. Der ließ einen überall herumgehen und sagte nichts, wenn man was abpflückte. Oder Eicheln sammelte. Oder Kastanien. Was man jetzt alles nicht mehr darf. Und von den Wegen gehen, weil sonst die Rehe wild werden. Früher wurden sie das nicht.

Bloß im Herbst. Da brüllten sie und kämpften sich. Die Böcke. Bis einer tot war oder beide. Oder keiner. Dann liefen sie weg. Im Frühling sind alle bloß Zibben. Weil dann die Hörner davon ab sind und sie nicht mehr wild sind. Nachher, wenn die Hörner wieder wachsen, werden sie wieder Böcke und wild.

Wer so ein Horn findet, darf es behalten, wenn es keiner sieht. Sonst nicht. Weil die Stadt da viel Geld draus macht, sagt Vater. Von dem Rehfleisch auch. Und wer eins schießen will, der muß viel dafür bezahlen.

Onkel Schorse sagt, das ist Quatsch. Die Stadt kriegte davon nichts zu sehen. Weil es Geheimnis bleiben soll, wer es tut, und es keiner weiß. Der Förster auch nicht.

Weiter weiß ich nichts.