Sedschi

I.

Es war im Oktober oder November 1864, als ich in Yokohama, im Hause des englischen Ministers Sir Rutherford Alcock, die Bekanntschaft des Majors Baldwin machte. Ich erinnere mich seiner, als ob ich ihn gestern gesehen hätte: er war ein stattlicher, schöner Mann, mit schwarzem, krausem Haar, vollem, starkem Bart, dunklen, freundlichen Augen und tiefer, wohlklingender Stimme. Er mochte damals fünfunddreißig Jahre alt sein und war erst vor einigen Tagen in Yokohama angelangt.

Er unterhielt sich lange mit mir und war begierig, soviel wie möglich von Japan und den Japanern zu hören. Er sagte mir, daß er beabsichtige, mit einem jungen Freunde, dem Leutnant Bird, einen Ausflug nach Kamakura zu machen, und bat um Erlaubnis, mich nach seiner Rückkehr zu besuchen. Ich ersuchte ihn höflich, dies nicht zu vergessen, und wir trennten uns mit einem »Auf baldiges Wiedersehen«.

Acht oder zehn Tage später hatten sich mehrere meiner Bekannten und Freunde in meinem Hause versammelt. Draußen war es kalt und stürmisch. Ein gutes Feuer im gemütlichen Zimmer, Karten und Zigarren hatten die Gesellschaft bis spät in die Nacht zusammengehalten. Im Laufe der Unterhaltung war erwähnt worden, daß man Charles Wirgman, den Korrespondenten der Illustrated London News, und Albert de Bonnay, einen französischen Edelmann, der sich seit einiger Zeit in Yokohama aufhielt, tags zuvor im Kamakura gesehen hätte. Sie hatten mir Grüße gesandt und sagen lassen, daß sie in drei oder vier Tagen nach Yokohama zurückkehren würden.

Es war gegen zwei Uhr morgens, und ich war eben eingeschlafen, als ich von einem japanischen Diener geweckt wurde. Der Mann hatte ein verstörtes Gesicht, und mein erster Gedanke, als ich ihn so unerwartet sah, war, daß das Haus brenne. Ich sprang aus dem Bette und fragte, was vorgefallen sei.

»Man hat zwei Fremde ermordet,« sagte er, »und draußen sind Beamte, die Ihnen dies mitteilen wollen.«

Ich sprach mit den Leuten, die das Gesagte mit dem Zusatze bestätigten, daß das Verbrechen zwischen Kamakura und dem Daibuts verübt worden sei. Die Namen der Ermordeten konnte man mir nicht angeben: die Nachricht der blutigen Tat war vor einer halben Stunde nach Yokohama gelangt, und der Gouverneur hatte es sich zur Pflicht gemacht, die Kunde sofort zu veröffentlichen.

Ich zog mich schnell an und lief zum Gouverneur, den ich persönlich kannte. In den Straßen war es leer und dunkel; aber die Wohnung des Gouverneurs war erleuchtet, und ich wurde ohne weitern Verzug in das Empfangszimmer geführt, wo ich den Oberst Brown, Kommandanten des 20. englischen Infanterie-Regiments, zurzeit in Garnison in Yokohama, und ferner Herrn Lachlan Fletcher, einen der Sekretäre der englischen Gesandtschaft, antraf.

Ich erfuhr auch dort nur wenig Neues: zwei Fremde seien ermordet worden, die Leichen lägen noch auf der Stelle, wo man sie aufgefunden hätte, auf halbem Wege zwischen Kamakura und dem Daibuts. – Das war alles.

Ich war in großer Sorge um Wirgman und de Bonnay und beschloß, nach Kamakura zu reiten, um mir über deren Schicksal Gewißheit zu verschaffen. Ich eilte nach Hause, wo ich meinen Pony gesattelt und meinen Betto, der in vielen Wettrennen Preise als Schnell- und Dauerläufer davongetragen hatte, für den anstrengenden Ausflug ausgerüstet fand. Obschon es empfindlich kalt war, so hatte er sich doch aller Kleidungsstücke entledigt und hinter dem Sattel meines Pferdes befestigt. Er trug nur um Hüften und Lenden eine schmale Schärpe, in der ein kurzes, dolchartiges Schwert steckte. In der Hand hielt er eine Laterne.

Vor der Tür meines Hauses wurde ich von Herrn von Brandt angehalten. Er hatte, wie ich, Kunde von der Mordtat erhalten und teilte meine Besorgnis bezüglich Wirgmans und de Bonnays Schicksal. Als ich ihm sagte, ich beabsichtige, nach Kamakura zu reiten, erbot er sich, mir Gesellschaft zu leisten. Eine Viertelstunde später trabten wir beide die Hauptstraße von Yokohama hinunter zum Tore hinaus.

Ein Ritt von ungefähr drei Viertelstunden brachte uns an den Fuß einer kleinen Hügelkette, die sich zwischen Yokohama und dem Fischerdorfe Kanasava dahinzieht. Die Wege sind dort steil und schlecht. Wir stiegen deshalb ab, um die Pferde am Zügel zu führen und die Tiere und den Betto etwas verschnaufen zu lassen. Der Mond war aufgegangen, die Nacht klar und kalt, v. Brandt und ich hatten nur wenige Worte gewechselt. Auf dem weichen Boden hörte man kaum die Tritte der Pferde. Das »haï – haï« des Betto, der durch diesen sich in kurzen Zwischenräumen wiederholenden Ausruf die Tiere auf die Unebenheit des Weges aufmerksam machte, unterbrach allein die unheimliche Stille der Nacht. Auf der entgegengesetzten Seite des Berges begegneten wir einem einsamen Wanderer. Der Betto hielt ihm die Laterne unter die Nase, und wir sahen ein harmloses Bauerngesicht. Der Mann war so bestürzt über sein Zusammentreffen mit uns, daß wir kaum ein Wort aus ihm herausbringen konnten, von dem Morde behauptete er nichts zu wissen.

In der Ebene stiegen wir wieder zu Pferde. Wir ritten durch Kanasava, wo noch alles in tiefem Schlaf lag, und es mochte fünf Uhr morgens sein, als wir in die Kamakuraberge gelangten. Dort mußten wir wieder langsam reiten. Der Betto war außer Atem; als ich ihn aber fragte, ob er noch weiter laufen könnte, nickte er zustimmend mit dem Kopfe. Wir kamen durch einen kleinen, mit einer dünnen Eisrinde überzogenen Bergstrom. Ich sah den Betto sich Beine und Gesicht darin baden. Die Pferde zeigten noch keine Spur von Müdigkeit, und sobald der Weg es gestattete, setzten wir sie wieder in Trab.

Die Sterne wurden nun bleicher, ein kaltes, graues Halblicht lagerte sich über die öde Winterlandschaft. Vor uns lag die Tempelstadt Kamakura. Brandt und ich hatten während der letzten halben Stunde kaum einige Silben gewechselt. Wir waren beide beklommen: unsere Gedanken eilten unseren Pferden voraus, dem blutigen Ziele unserer Reise zu.

Vor dem großen Teehause von Kamakura saßen mehrere japanische Offiziere. Ich erkannte darunter den Dolmetscher Sinagava. Auf unsere hastigen Fragen antwortete er, wir würden die Leichen am Ende der Tempelallee, dort, wo der Weg nach dem Daibuts plötzlich rechts abbiegt, finden. Die Namen der Ermordeten kannte er nicht. Er hatte die Leichen nicht gesehen.

Im Galopp ging es nun die Allee hinunter. Plötzlich hielten wir beide unsere Pferde an. Einige dreißig Schritte vor uns lag etwas Unheimliches, Schreckliches. Wir hatten Furcht, das zu sehen, was wir gesucht und nun gefunden hatten. Wir stiegen langsam vom Pferde und gaben dem keuchenden Betto die Zügel. – Dicht nebeneinander lagen zwei Körper, die man mit einer alten Matte bedeckt hatte. Ich zog sie zurück und erblickte zwei schrecklich verstümmelte Leichname. Meine Einbildung war so sehr Herr meiner Sinne geworden, daß ich einen Augenblick Bonnay und Wirgman zu erkennen glaubte. Aber nein – die Ermordeten waren mir fremd. Ich fühlte mich beinah beruhigt; doch war der Anblick grausenerregend. Die Leichen lagen auf dem Rücken, die Arme weit vom Körper, ein Kreuz bildend, die Beine ausgespreizt. Der eine Leichnam war der eines starken, großen Mannes mit schwarzem, krausem Haar und vollem, dunklem Bart; die offenen, gläsernen Augen starrten entsetzlich. In der rechten Hand, von der zwei Finger abgehauen waren, hielt er einen Revolver, in der linken eine mit Blut besudelte Reitpeitsche, neben ihm lag ein abgebrochener Sporn. – Die andere Leiche war die eines jungen, blonden Mannes. Arme und Beine waren buchstäblich zerhackt, der Kopf war beinah vollständig vom Rumpfe getrennt. In der Totenstille, die herrschte, hörte ich deutlich das Ticken seiner Uhr, die halb aus der Westentasche gefallen war. An einem alten Baume, dicht neben den Leichen, waren zwei Pferde angebunden, deren Sättel und Zügel mit Blut bedeckt waren.

Wir hörten Geräusch und blickten auf: zwei Reiter kamen dahergesprengt. Sie sprangen in unserer Nähe von den Pferden, und ich erkannte in ihnen einen Amerikaner, John Stearns, und den schwarzen Pferdehändler Georges, beide Einwohner von Yokohama. Stearns näherte sich den Leichen.

»Das ist Baldwin und das ist Bird,« sagte er, »poor fellows!«

Und jetzt erst erkannte ich in dem einen verstümmelten Körper den Leichnam des kräftigen, freundlichen Mannes, den ich vor wenigen Tagen bei Sir Rutherford Alcock gesehen hatte.

Bald darauf langte Lachlan Fletcher an. Er war von Leutnant Wood und von der berittenen Garde des englischen Ministers begleitet. Man untersuchte den Ort, wo der Mord geschehen war; aber die stummen Zeugen der Tat gaben unsern Augen wenig Aufschluß. – Hier und da, besonders in der Nähe eines Brunnens, der sich dort befindet, entdeckten wir Blutspuren. – Das war alles.

Die Soldaten hatten zwei Bahren bereitet, und auf diesen trugen sie die Leichen der Ermordeten bis an das nahe Meeresufer, von wo aus sie mit einem Boote nach Yokohama geschafft wurden.

II.

Die Kunde von der Ermordung Baldwins und Birds erregte große Aufregung in der kleinen Kolonie von Yokohama. Die beiden Unglücklichen waren zwar nicht die ersten Opfer japanischen Fremdenhasses: der edle Heusken, die Holländer Voß und Decker, Lennox Richardson und viele andere waren vor ihnen gefallen; aber die Ermordung der englischen Offiziere erschien deswegen besonders gehässig und geeignet, selbst die ruhigsten Leute in Besorgnis zu versetzen, weil den Getöteten auch nicht der geringste Fehler, der die Schändlichkeit des Verbrechens einigermaßen hätte mildern können, zur Last gelegt werden konnte.

Baldwin und Bird waren erst vor kurzem in Japan angelangt, beide waren als ruhige, besonnene, freundliche Leute bekannt. Daß sie in ehrlichem Kampfe gefallen seien, war ganz unwahrscheinlich; ihre Eigenschaft als Nichtjapaner mußte allein die Ursache ihres Todes gewesen sein. Verhielten sich die Dinge in Wahrheit so, wie man nun annehmen mußte, dann war kein Fremder in Japan seines Lebens mehr sicher, und jeder verteidigte seine persönlichen Interessen, wenn er laut und mit Nachdruck auf Ergreifung ernster Maßregeln zur Entdeckung der Missetäter drang.

Unter dem Einfluß der öffentlichen Entrüstung schritten die englischen Behörden auf das energischste ein. Sir Rutherfort Alcock begab sich sofort nach Yeddo, um dort mit den höchsten Behörden verhandeln zu können, und erzwang von diesen das Versprechen, es solle nichts versäumt werden, um die Mörder zu entdecken und zu bestrafen. Das Verhör der japanischen Zeugen fand in Gegenwart des englischen Konsuls und Dolmetschers statt. Die Umstände, unter denen Baldwin und Bird erschlagen worden waren, wurden dadurch bald allgemein und genau bekannt.

Beato, ein Italiener, und die bereits genannten Herren Wirgman und de Bonnay waren die letzten Fremden gewesen, die Baldwin und Bird lebend gesehen hatten. Diese fünf hatten sich in der Nähe des Tempels von Daibuts getroffen und dort zusammen gefrühstückt. – Baldwin und Bird hatten ihre Absicht zu erkennen gegeben, vom Daibuts über Kamakura und Kanasava nach Yokohama zurückzukehren, während Beato, Wirgman und de Bonnay übereingekommen waren, den Weg nach Yokohama über Fusisawa einzuschlagen. Die letzteren waren am Abend dort angelangt. In der Nacht hatte sie ein Betto geweckt und ihnen gesagt, daß zwei Fremde auf dem Wege zwischen dem Daibuts und Kamakura ermordet worden seien; aber keiner der Fremden hatte diesem Gerüchte Glauben schenken wollen, und sie waren am andern Morgen ruhig und unbelästigt nach Yokohama zurückgereist.

Ein junger Bursche von zwölf Jahren, der Sohn eines japanischen Tagelöhners, war der wichtigste Zeuge. Um seine Aussage verständlich zu machen, ist es notwendig, einige Worte über den Schauplatz der tragischen Handlung zu sagen.

Der Boden zwischen Kamakura und dem Daibuts ist flach. Wenn man von Kamakura kommt, führt der Weg zunächst durch eine schöne, breite Allee, die auf beiden Seiten mit alten, hohen Bäumen bepflanzt ist. Am Ende dieser Allee befindet sich ein kleines Teehaus. Links von dem Teehause ist ein Brunnen, rechts ein mächtiger Baum, dessen Stamm eine kleine Ruhebank birgt, die auf der dem Wege entgegengesetzten Seite des Baumes angebracht ist. Zwischen dem Teehause und dem Baume biegt der Weg scharf nach rechts ab, verengt sich zum Fußsteig und schlängelt sich durch unbewaldetes Ackerfeld bis zum Dorfe, in dessen Nähe der Tempel von Daibuts gelegen ist. Ein auf der Ruhebank Sitzender kann diese Ebene und den Acker übersehen und sich den Blicken der von der einen oder andern Seite Kommenden leicht entziehen. – In gerader Fortsetzung der Allee führt eine dritte Straße zum Meeresufer. Auf beiden Seiten derselben erheben sich künstliche Erdwälle, die ungefähr vier Fuß hoch und wahrscheinlich als ein Schutz gegen hohe Fluten errichtet worden sind. Hinter diesen Erdwällen befindet sich dichtes, mannshohes Gesträuch. Man kann auch von dort aus die Allee, die nach Kamakura, und den Weg, der nach dem Daibuts führt, überblicken. Hier und da, in der Ebene und in der Nähe der drei bezeichneten Straßen, liegen vereinzelte Häuser und Hütten, die von Feldarbeitern und Fischern bewohnt werden.

Der japanische Knabe, von dem ich oben gesprochen habe, sagte nun aus, daß er, am Tage der Ermordung Baldwins und Birds, von seinem Vater, der in der Nähe des am Ende der Allee gelegenen Teehauses wohnte, ausgeschickt worden sei, um Öl zu kaufen. Auf dem Wege nach dem Daibuts war er zwei japanischen Offizieren begegnet, die ihn gefragt hatten, wie lange man zu gehen habe, um nach Kamakura, nach dem Daibuts und nach dem Meere zu gelangen. Der Bursche hatte die verlangte Auskunft gegeben und war seines Weges gegangen. Auf dem Rückwege waren ihm dieselben Leute wieder aufgefallen, sie hatten sich auf der Ruhebank niedergelassen, und es war ihm nicht entgangen, daß sie jetzt die weiten Ärmel ihrer Gewänder aufgeschürzt hatten, wie die Japaner es zu tun pflegen, wenn sie sich zum Kampfe, zum Laufen oder zu irgendeiner heftigen Bewegung vorbereiten wollen. Einer der beiden Offiziere hatte ihm barsch zugerufen, er solle sich fortmachen, oder es werde ihm Arges geschehen.

Der Knabe hatte den Weg, der zum Meere führt, eingeschlagen, war über einen der Erdwälle geklettert und hatte sich im Gesträuch versteckt. Von dort aus hatte er zwei fremde Reiter gesehen, die langsam durch die Ebene vom Daibuts dahergezogen kamen. Sie ritten einer hinter dem andern: Baldwin war der Beschreibung nach der erste gewesen, ihm war Bird in einer Entfernung von ungefähr zehn Schritten gefolgt. – Als sie sich der Bank genähert hatten, waren die Offiziere aufgestanden, und in demselben Augenblicke, als Baldwins Pferd an dem Baum vorüberging, hatten sie den Reiter angefallen und ihm mehrere Schwerthiebe versetzt. Dies hatte nur einige Sekunden gedauert. Das Pferd hatte einen Sprung gemacht, und Baldwin war zu Boden gefallen. Die Japaner hatten sich für den Augenblick nicht weiter um ihn bekümmert, sondern waren auf Bird eingedrungen, der inzwischen ebenfalls den verhängnisvollen Baum, der ihm den Mord Baldwins verborgen, erreicht hatte. – Der Knabe hatte einen schrecklichen Schrei vernommen und gleich darauf auch Bird am Boden liegen und ein reiterloses Pferd davonsprengen sehen. Der erst Gefallene, Baldwin, hatte sich aufgerichtet: sein Gesicht und seine Kleider waren voll Blut gewesen; in der einen Hand den Revolver, hatte er sich taumelnd nach dem Wall geschleppt, hinter dem das Kind verborgen war, und dort, in einer fremden Sprache, die der junge Japaner nicht verstanden, etwas gerufen. Es waren nur wenige, und immer dieselben Worte gewesen. Er hatte versucht, über den Wall zu klimmen, als die japanischen Offiziere wiederum auf ihn losgestürzt waren. Dann hatte das Kind einen zweiten furchtbaren Schrei gehört – und darauf war alles totenstill geworden. Der eine Japaner hatte eine Handvoll Blätter aufgerafft, und damit sein Schwert abgewischt. Gleich darauf waren beide Leute verschwunden.

Der Knabe hatte sich vor Angst während einiger Minuten nicht von der Stelle gerührt. Als er einen letzten Blick auf das blutige Schauspiel geworfen, hatte er gesehen, wie der große Mann mit dunklem Haar, Baldwin, auf allen vieren nach dem Brunnen zu kriechen versucht hatte, wo Bird lag. Das Kind war darauf nach Hause gelaufen und hatte seinem Vater von dem Morde erzählt.

Die Aussagen dieses Hauptzeugen trugen den Stempel vollkommener Wahrheit. Sie wurden übrigens auch im Laufe des Verhörs durch andere Aussagen bestätigt und bekräftigt. Ein Punkt nur blieb unaufgeklärt. Die Japaner, die Baldwin und Bird bald nach der Mordtat gesehen hatten, erklärten einstimmig, daß die beiden Verwundeten noch einige Zeit gelebt und miteinander gesprochen hatten. Das vom englischen Doktor Woodworth vorgenommene post mortem examen schloß aber ganz bestimmt dahin, daß Bird keine Sekunde mehr gelebt haben konnte, nachdem er eine Wunde erhalten, die den Kopf teilweise vom Rumpfe getrennt hatte. Man nahm demnach allgemein an, daß die Leute, die die Unglücklichen gefunden, Bird im Laufe des Abends kalten Blutes abgeschlachtet hatten, um in ihm einen Zeugen der Mordtat aus dem Wege zu räumen: denn Bird, obgleich seine Arme und Beine schrecklich zerhackt waren, hatte nur eine tödliche Wunde – die am Nacken.

Dieser Widerspruch zwischen den Zeugenaussagen und dem von Doktor Woodworth gegebenen Gutachten ist nicht aufgeklärt worden.

Baldwin hatte sein junges Leben aus einer Wunde ausgehaucht, die ihm wahrscheinlich beigebracht worden war, als er, seinen Feinden den Rücken kehrend, über den Erdwall zu klimmen versucht hatte. Ein Hieb, der an zwei Fuß lang war und von der linken Schulter zur rechten Hüfte reichte, mußte ihn in kurzer Zeit getötet haben.

Die Beerdigung von Baldwin und Bird fand in Yokohama statt. Die ganze Fremdengemeinde, das 20. Regiment und viele japanische Beamte begleiteten die Leichen nach dem Friedhofe. Oberst Brown, Kommandant des Regiments, dem Baldwin und Bird angehört hatten, sprach einige Worte, welche den Augen der Anwesenden Tränen entlockten. Sir Rutherford Alcock gelobte angesichts der offenen Gräber, alles zu tun, was in seinen Kräften stehe, um den schändlichen Mord zu rächen. Drei Salven wurden abgefeuert, und die Leidtragenden zogen sich ernst und still zurück.

III.

Ungefähr vier Wochen nach dem Begräbnis von Baldwin und Bird verbreitete sich in Yokohama die Kunde, daß einer der Mörder der englischen Offiziere verhaftet worden sei. Dieses Gerücht wurde denn auch bald durch die amtlichen Bekanntmachungen des englischen Konsuls Winchester bestätigt. Der Name des Gefangenen, Schimidso Sedschi, wurde genannt, und die baldige Veröffentlichung seines Verhörs, Geständnisses und seiner Verurteilung angekündigt, wenige Tage später brachten die Zeitungen von Yokohama die versprochenen Schriftstücke. Man erfuhr daraus folgendes:

Man hatte Sedschi in Sinagawa, der östlichen Vorstadt von Yeddo, verhaftet. Er war dort vor einigen Wochen angekommen und hatte sich, ohne Verdacht zu erregen, in einem der zahlreichen Teehäuser des Ortes eingemietet. Seine Ausgaben waren mäßig, er bezahlte sie regelmäßig und gab sich für einen »Lonin« – herrenlosen Edelmann – aus, wie es deren damals viele in Yeddo und namentlich in Sinagawa gab. Sedschi hatte seinem Wirte erzählt, daß er die Ankunft einiger Freunde erwarte, in deren Gesellschaft er sich nach Simonoseki, im Süden von Japan, begeben wolle. In Yeddo schien er niemand zu kennen. Sein einziger Umgang dort war eine junge, hübsche »Odori« – Tänzerin –, die im Dienste des Teehauses stand, in dem Sedschi abgestiegen war, und über deren Freikaufung er bereits mehrfach mit dem Wirte unterhandelt hatte. Dieser hatte für das Mädchen einen höheren Preis gefordert, als ihr Freund zu zahlen imstande war. Sedschi hatte jedoch dem jungen Mädchen versprochen, die Angelegenheit vor seiner Abreise von Yeddo in Ordnung zu bringen. Die Tänzerin schien große Zuneigung zu ihrem Beschützer gefaßt zu haben, und die beiden verließen sich nur selten.

Das Teehaus war ein Sammelplatz für junge, wüste Edelleute, Beamte und »Lonins«, die sich dort allabendlich in zahlreicher Gesellschaft einzufinden pflegten, und deren Gelage häufig bis spät in die Nacht hinein dauerten. Sedschi war zu verschiedenen Malen eingeladen worden, sich der lauten, lustigen Brüderschaft anzuschließen, aber er hatte dies immer höflich abgewiesen, unter dem Vorwande, daß er unwohl und weder zum Trinken noch zum Singen aufgelegt sei. Der Wirt bemerkte, daß ihn dies nicht verhinderte, bedeutende Mengen von »Sakki« – Reisbranntwein – in sein Zimmer kommen zu lassen, um sich dort in Gesellschaft seiner Odori zu berauschen.

Eines Abends erschien Sedschi unerwartet im großen Saal des Teehauses, in dem wie gewöhnlich zahlreiche Gesellschaft versammelt war. Er sah erhitzt und aufgeregt aus, und nachdem er einen artigen Gruß mit mehreren der anwesenden Gäste ausgetauscht hatte, rief er nach Fisch, Früchten und Sakki und ließ sich inmitten eines lauten, lustigen Kreises nieder, zur Seite der Tänzerin, die mit ihm in den Saal getreten war. Die anwesenden Offiziere, die einen Standesgenossen in ihm erkannten und einen fröhlichen Kumpan in ihm vermuteten, luden ihn ein, sich zu ihnen zu gesellen. Sedschi nahm dankend an, und bald hörte man ihn erzählen, singen und lachen. Er war augenscheinlich berauscht.

Der Wirt, der seit langer Zeit begierig war, Auskunft über die Verhältnisse seines gewöhnlich so stillen und zurückhaltenden Gastes zu erhalten, schenkte ihm fleißig ein: Sedschi wurde mit jeder Minute lauter und aufgeregter. – Seine Freundin, die, ohne sich an dem Gelage zu beteiligen, neben ihm saß, redete ihm leise zu, sich aus dem Saale zu entfernen und in sein Zimmer zurückzuziehen. Aber Sedschi stieß sie unsanft zurück und rief ihr barsch zu, sie möge sich zu Bette scheren, wenn sie müde sei, und solle ihn unbehelligt lassen. Die Odori rührte sich jedoch nicht vom Platze und blieb schweigsam und ernst neben ihrem Geliebten sitzen.

Im Laufe der allgemeinen Unterhaltung, die unterdessen ihren Fortgang genommen hatte, fiel bald darauf das Gespräch auf die in Yeddo und Yokohama ansässigen »Todjin« – Fremdlinge. Als Sedschi diesen Namen aussprechen hörte, wurde er plötzlich wütend. Er überhäufte die Fremden mit Schimpfworten, schmähte auf die Schwäche der japanischen Regierung, welche die übermütigen Eindringlinge im Reiche duldete, und schloß damit, daß er ausrief, die Barbaren würden bald aus Japan verschwunden sein, wenn sich nur einige Patrioten fänden, die geneigt wären, mit ihm gemeinschaftliche Sache zu machen, und wie er zu handeln.

Der Mord von Kamakura war damals frisch in vieler Leute Gedächtnis. Die Polizei von Yeddo, durch den englischen Minister bedroht und bedrängt, hatte alle ihr zu Gebote stehenden Mittel angewandt, um den Missetätern auf die Spur zu kommen. Namentlich hatten auch die Wirte der berüchtigten Teehäuser von Sinagawa strengen Befehl erhalten, auf ihre Gäste und deren Unterhaltung zu achten, und über alles Verdächtige, was ihnen zu Ohren kommen möchte, an die Polizei zu berichten.

Nachdem Sedschi gesprochen hatte, erhob sich der Wirt langsam. – Die Zecher, namentlich der aufgeregte Sedschi, bemerkten dies nicht. Aber die Odori sah den Mann bald darauf zur Tür hinausschlüpfen. Sie wandte sich sofort an Sedschi und flüsterte ihm einige Worte ins Ohr. Eine plötzliche und große Veränderung kam darauf über das Wesen des Lonin. Er wurde still, und nach einigen Sekunden stand er auf und begab sich in sein Zimmer. Er kehrte bald zurück, um seinen Platz wieder einzunehmen; aber er beteiligte sich ferner nicht mehr an der Unterhaltung seiner Genossen, sondern saß still und verschlossen, die Arme auf den Lenden, um schnell aufspringen zu können, und die Augen auf die Türe gerichtet, durch die der Wirt verschwunden war. Nach kurzer Zeit öffnete sich diese wieder, und der Wirt, von mehreren Polizeibeamten begleitet, trat in den Saal und forderte Sedschi mit lauter Stimme auf, ihm zum Offizier der öffentlichen Sicherheit des Viertels zu folgen.

Der Lonin war im Nu auf den Beinen. Er hatte einen Dolch aus dem weiten Ärmel seines Gewandes gezogen und stürzte mit der blanken Waffe auf den Verräter los, der ihn geliefert hatte. Aber Sedschi hatte mit gewerbsmäßigen Diebesfängern zu tun. Zwei von ihnen, die seine Bewegungen vorhergesehen zu haben schienen, fielen ihn von hinten an, warfen ihn mit großer Gewandtheit zu Boden und schnürten ihm die Kehle zu, während ihre Helfershelfer sich damit beschäftigten, den Gefallenen an Armen und Beinen mit starken Stricken zu fesseln. Sedschi verteidigte sich wütend; er mußte jedoch der Übermacht unterliegen, und nach wenigen Minuten war er vollständig hilflos in den Händen seiner Verfolger.

Die übrigen Gäste des Teehauses, die dem Auftritt als teilnahmlose Zuschauer beigewohnt hatten, entfernten sich ruhig. Die Odori war während des Kampfes aus dem Saale entflohen. Sedschi wurde geknebelt nach dem Gefängnis geschleppt und dort vorläufig in eine Zelle geworfen, wo man sich während der Nacht nicht weiter um ihn bekümmerte. – Am nächsten Morgen wurde er darauf von einem höhergestellten Polizeibeamten vernommen. Auf die gewöhnlichen Fragen, woher er komme, wovon er lebe, was er treibe, hatte er keinen befriedigenden Bescheid geben können. Der Untersuchungsrichter hatte ihm darauf mitgeteilt, daß ein schwerer Verdacht auf ihm hafte, und gedroht, die Folter anzuwenden, um Sedschi zur Achtung vor der Gerechtigkeit, d.h. zum Bekenntnis der Wahrheit zu zwingen.

Sedschi hatte darauf feierlich erklärt, daß er bereit sei, ein vollständiges Geständnis abzulegen und alle an ihn gerichteten Fragen der Wahrheit gemäß zu beantworten. Er hatte ohne weiteres eingestanden, daß er der Mörder der beiden Engländer sei, aber gleichzeitig die Hoffnung ausgesprochen, daß die Richter die uneigennützigen, patriotischen Absichten der von ihm verübten Tat berücksichtigen und ihm gestatten würden, wie ein Edelmann zu sterben, d.h. sich selbst zu entleiben. Der Untersuchungsrichter hatte kein Versprechen machen können und wollen, er hatte den Gefangenen daran erinnert, daß man ihm nur die Wahl zwischen der Folter oder einem offenen Geständnis gelassen habe. Darauf hatte Sedschi in der Sprache eines gebildeten Japaners eine Erklärung abgelegt und unterschrieben, die bald darauf in Yeddo und in Yokohama in japanischer und in englischer Sprache veröffentlicht wurde und wie folgt lautete:

»Ich heiße Schimidso Sedschi. Ich stamme aus Awomori. Ich bin fünfundzwanzig Jahre alt. Meine Mutter habe ich nicht gekannt. Sie verließ meinen Vater, der sie nicht mehr liebte, als ich kaum drei Jahre alt war und zog sich in ihre Familie zurück. Mein Vater erzählte mir später, daß sie einen Offizier aus Nambu geheiratet habe. Aber ich habe nie etwas von ihr gehört und ich kenne weder ihren alten noch ihren neuen Namen. Ich wurde durch die zweite Frau meines Vaters erzogen. Mein Vater stand damals im Dienste des Prinzen von Awomori und bekleidete eine angesehene Stellung. Eines Tages geriet er mit einem nahen Verwandten seines Herrn in heftigen Streit, und dieser entließ meinen Vater aus seinem Dienste und befahl ihm, das Gebiet von Awomori zu meiden.

»Wir zogen darauf nach einer kleinen Stadt der Provinz Sendai. Meine Stiefmutter hatte uns nicht begleitet. Mein Vater hatte vorausgesehen, daß wir in ärmlichen Verhältnissen zu leben haben würden und es vorgezogen, seine Frau, die an Wohlleben gewöhnt war, zu ihren Verwandten zurückzuschicken. Sie schrieb ihm regelmäßig und schickte ihm auch von Zeit zu Zeit etwas Geld; aber sie konnte nicht viel für den Abwesenden und in Ungnade Gefallenen tun. Unsere Lage wurde bald eine sehr drückende. Mein Vater verkaufte nach und nach seine Waffen und überflüssigen Kleidungsstücke und behielt zuletzt nur noch zwei Schwerter, die seit langen Jahren in unserer Familie waren, und von denen er sich nicht trennen wollte, damit sie nach seinem Tode in meine Hände gelangen könnten. Sorgen und Entbehrungen warfen ihn endlich auf das Krankenlager, von dem er sich nicht wieder erhob. Vor seinem Tode gab er mir die beiden Schwerter und erinnerte mich daran, daß ich aus einer guten Familie stamme, und daß ich mich bemühen müßte, unserem Namen seinen alten Glanz wiederzugeben.

»Ich war im Waffenhandwerk unterwiesen worden. Nach dem Begräbnis meines Vaters verließ ich Sendai und bot meine Dienste verschiedenen Prinzen an, aber ich konnte keinen Herrn finden. Überall hörte ich, Japan verarme, sein alter Ruhm vergehe, weil Fremdlinge wie Herren des Reiches hausten und den Reichtum des Landes auf ihren großen Schiffen fortschleppten. – Die Goldmünzen waren bereits verschwunden, nur wohlhabende oder reiche Leute waren noch in der Lage, seidene Gewänder zu tragen, für die gewöhnlichsten Lebensmittel, Tee und Reis, mußte man das Doppelte und Dreifache entrichten, was früher dafür gezahlt worden war. Die Prinzen waren genötigt, Anleihen zu machen und Grundbesitz zu verpfänden, um in der Lage zu sein, standesgemäß zu leben. Sie konnten unter diesen Umständen nicht daran denken, die Anzahl ihrer Beamten und Soldaten zu vermehren.

»Ich erfuhr, daß sich im Süden von Japan, im Reiche des Prinzen von Nagato ein Aufstand gegen die Fremden vorbereite und daß es mir dort vielleicht leichter sein würde, Beschäftigung zu finden. Ich durchschritt ganz Japan, um mich an dem Kriege beteiligen zu können. Ich litt Hunger und Kälte während der beschwerlichen, langen Reise. Als ich endlich in Simonoseki angelangt war, erfuhr ich, daß die Patrioten geschlagen seien, und daß man den Prinzen von Nagato, den Taikun und sogar den Mikado gezwungen habe, entehrende Verträge mit den fremden Siegern abzuschließen.

»Darauf ging ich mit einigen andern Lonins nach Yeddo zurück und vergrub meine Waffen vor der Stadt und suchte Beschäftigung als Tagelöhner. Ich verdiente auf diese Weise genug, um ein erbärmliches Leben zu fristen; aber der Gedanke, die Fremden trügen die Schuld daran, daß ich so elend leben müsse, verließ mich nie.

»Eines Tages erhielt ich von einem Kaufmann, der mich seit einiger Zeit beschäftigte, den Auftrag, ein Paket nach Yokohama zu tragen. Was ich in dieser Stadt sah, erfüllte mich mit Verwunderung. Niemand zollte den Beamten und Offizieren dort die geringste Achtung, und fremde Kaufleute und Handwerker trabten zu Pferde durch die Straßen, als wären sie geborene Edelleute. – Im Theater, wo ich am Abend eine Stunde zubrachte, sah ich die Fremden auf den ersten Plätzen. Sie lachten und unterhielten sich mit lauter Stimme, sie kamen und gingen, ohne sich um die Vorstellung und um die Zuschauer zu kümmern, als wären sie die rechtmäßigen Herren des Hauses. Die Japaner von Yokohama waren dermaßen an das unhöfliche und beleidigende Benehmen der Fremden gewöhnt, daß sie es gar nicht mehr zu merken schienen. Sie machten sogar Platz, wenn einer dieser hochmütigen Leute bei ihnen vorbeiging, und schämten sich nicht, sich ungezwungen und freundschaftlich mit ihnen zu unterhalten. Ich verließ das Theater in großer Aufregung. Wäre ich bewaffnet gewesen, so hätte ich mir Achtung zu verschaffen gewußt.

»Ein Diener des Hauses, in dem ich abgestiegen war, fragte mich, ob ich einen der Paläste der »Todjin« besuchen wollte. Ich willigte ein, und er führte mich in die Wohnung eines Kaufmanns. Der Bruder meines Führers, der dort als Kammerdiener angestellt war, begleitete mich darauf zu seinem Herrn und bat um Erlaubnis, mir das Haus zu zeigen. Der Fremdling war ein junger Mann. Er erwiderte meinen höflichen Gruß kaum und sagte: »Geht – seht.« Ich war über seine Ungezogenheit erzürnt und wollte mich entfernen, aber der Diener versuchte, seinen Herrn zu entschuldigen und sagte, das Herz des Fremden sei gut, seine Sprache nur sei barsch und ungewöhnlich. Ich tat, als ob mir diese Erklärung genügte; aber ich war beschämt, zu sehen, daß Japaner solchen Herren dienen mußten.

»Das Haus des Todjin war mit außerordentlicher Pracht eingerichtet. Statt der Matten, mit denen sich jeder Japaner begnügt, lagen kostbare Teppiche auf dem Boden, an den Wänden hingen Bilder und Zeichnungen, die Zimmer waren mit Stühlen und Bänken gefüllt, und wo man hinsah, erblickte man wertvolle Gegenstände: Uhren, Bücher, Vasen, Ferngläser, Waffen. In einer der Stuben befand sich eine junge, schöne Japanerin. Sie war reich geschmückt, als wäre sie die Frau eines hohen Beamten, sie grüßte freundlich lächelnd und schien die Schmach ihrer Stellung nicht zu fühlen. Der Diener redete sie mit großer Unterwürfigkeit an und bat die Dirne um Erlaubnis, mir das Schlafgemach und das Badezimmer des Herrn zu zeigen. – Als ich am Abend nach Yedoo zurückkehrte, dachte ich an alles, was ich gesehen hatte und an mein eigenes Elend.

»Einige Tage später traf ich in einem Teehause von Sinagawa mit einem jungen Edelmann zusammen. Er war ebenfalls in Yokohama gewesen und erzählte von dem Stolz und der Macht der Fremden. Ich sagte, daß ich mich stark genug fühle, einen jeden »Todjin«, der mir in den Weg käme, zu töten. Wir unterhielten uns darauf lange Zeit über den Zustand von Japan, und ich gab mich ihm als einen herrenlosen Edelmann zu erkennen. Darauf schwuren wir uns Freundschaft, und zeichneten einen Vertrag ›bis zum Tode‹ und beschlossen, nach Yokohama zu ziehen und dort so viele Fremde zu töten wie irgend möglich.

»Mein Freund war ebenfalls ein Lonin und war so arm wie ich. Wir mußten Mittel finden, wie freie Männer zu leben. Wir gingen deshalb eines Abends in das Haus eines Mannes, von dem wir wußten, daß er reich sei, und forderten ihn auf, uns Geld zu geben. Wir waren vermummt, wir waren bewaffnet und kampfbereit und zum Äußersten entschlossen. Wir drohten ihm mit dem Tode, wenn man uns nicht gäbe, was wir verlangten. Der Mann flehte, wir möchten uns mit 150 Rios begnügen (ungefähr 300 Taler), da er am folgenden Tage eine große Schuld zu bezahlen habe. Wir nahmen diese Summe, und er versicherte uns seiner Dankbarkeit, und schwur, daß er des Überfalles zu niemand erwähnen und uns nicht verfolgen würde. Darauf kaufte ich meinem Stande angemessene Kleider, grub mein Schwert aus und begab mich mit meinem Freunde nach Yokohama. Aber die Stadt war scharf bewacht, und da wir keine Pässe hatten, wurden wir an allen Toren und Brücken von den japanischen Wachen zurückgewiesen.

»Wir hielten uns darauf mehrere Wochen in der Umgegend von Yokohama auf. Wir trafen häufig Fremde an. Sie zeigten sich gewöhnlich nur in zahlreicher Gesellschaft, bewaffnet und auf ihrer Hut. Sie waren meist zu Pferde und ritten in der Mitte der breiten Straßen, oder trabten schnell durch die engen Wege.

»Darauf gingen wir nach Kamakura, um im großen Hadsima-Tempel – des Gottes der Krieger – unsere Andacht zu verrichten. Auf dem Wege nach Kamakura und in der heiligen Stadt selbst sahen wir wieder viele Fremde; aber es gelang uns noch immer nicht, uns ihnen zu nähern. – Am Nachmittage endlich, da wir auf der Lauer umherstreiften, erblickten wir zwei Reiter, die auf dem engen Wege vom Daibuts langsam nach Kamakura geritten kamen. Wir waren beide entschlossen, sie zu töten, und wir erschlugen sie, als sie an uns vorbeireiten wollten. Dies ist wahrlich alles, was ich zu sagen habe.«

Sedschi wollte anfänglich den Namen seines Helfershelfers nicht nennen. Er behauptete, er habe den Mann vorher nie gekannt, er wisse nichts von seiner Herkunft, nichts von seiner Familie. Als der Richter darauf wieder mit der Folter drohte, fügte Sedschi hinzu, daß sein Freund sich Tzé-siro genannt und vorgegeben habe, aus der Provinz Owari gebürtig zu sein. Sedschi wurde darauf gepeitscht, weil man vermutete, daß er die ihm bekannte Wahrheit verschweige oder entstelle. Aber er schwur bei allem, was heilig ist, daß er jede wesentliche Auskunft gegeben habe. Er beschrieb Tzé-siro als einen Mann von fünfundzwanzig bis achtundzwanzig Jahren, groß und stark. Er, Sedschi, habe sich sofort nach der Ermordung der beiden Engländer von seinem Genossen getrennt und seitdem nichts wieder von ihm gehört. – Die Richter, die im Grunde ihres Herzens mit Sedschi sympathisieren mochten, erklärten sich mit dieser Auskunft befriedigt.

Das Urteil der japanischen Behörden über Schimidso Sedschi, dessen Verhör in Yeddo stattgefunden hatte, wurde in den Straßen von Yokohama öffentlich ausgerufen und angeschlagen. Es lautete dahin, daß Schimidso, in Berücksichtigung der großen von ihm begangenen und eingestandenen Verbrechen, an einem bestimmten Tage nach Yokohama gebracht und, nachdem er zu Pferde durch alle Hauptstraßen der Stadt umhergeführt worden sei, auf dem öffentlichen Richtplatze durch das Schwert enthauptet werden sollte.

IV.

Es war im Monat Januar, etwa drei Monate nach der Ermordung der englischen Offiziere, als mein japanischer Diener mir eines Morgens die Mitteilung machte, er habe in Hondjodori, der Hauptstraße von Yokohama, ein Schild gelesen, auf dem angezeigt sei, daß Schimidso Sedschi im Laufe des Tages durch die Stadt geführt und vor Sonnenuntergang auf dem Richtplatze von Tobi, eine Viertelmeile von Yokohama, enthauptet werden solle.

Ich war begierig, den Mann, der meine Gedanken während der letzten Wochen oft beschäftigt hatte, von Angesicht zu Angesicht zu sehen und trug dem Diener auf, mich rechtzeitig von Schimidsos Ankunft in Yokohama zu benachrichtigen.

Gegen zwei Uhr nachmittags erfuhr ich, daß der Mörder in der Vorstadt Benten angelangt sei und in wenigen Minuten durch die Straße geführt werden würde. – Ich verließ meine Wohnung und begab mich eiligen Schrittes nach Benten. Der Zug hatte sich bereits in Bewegung gesetzt. Ich traf ihn in der großen Straße von Yokohama. Ich bahnte mir, nicht ohne Mühe, Weg durch eine dichte Menschenmasse und gelangte in die unmittelbare Nähe des Pferdes, auf dem Schimidso festgebunden saß. Vor und hinter dem Mörder gingen japanische Soldaten. Einige waren bewaffnet, andere trugen große Schilder, auf denen in japanischer Sprache Schimidsos Verbrechen und Verurteilung verzeichnet waren. Ich warf nur einen flüchtigen Blick auf sie und richtete sodann meine Aufmerksamkeit auf den zum Tode Verurteilten. Ich habe den Ausdruck des kalten, grausamen, stolzen Gesichtes nicht vergessen können, und die ganze Gruppe steht mir noch heute lebhaft vor Augen.

Schimidso saß auf einem hohen Sattel. Er konnte von allen Seiten gesehen werden und nach allen Seiten hin sehen. Arme und Beine waren gefesselt; aber die Bande waren locker genug, um ihm, dem Anschein nach, die freie Bewegung seiner Gliedmaßen zu gestatten. Er war sauber gekleidet und frisch rasiert, sein Haupthaar, ein höchst wichtiger Schmuck bei der japanischen Toilette, war mit Sorgfalt geordnet. Er war blaß und abgemagert; aber auch nicht eine Spur von Furcht oder Bewegung war auf dem eisig kalten Gesichte zu lesen. Er saß in anscheinend ungezwungener Haltung auf dem breiten Sattel und drehte sich langsam bald nach dieser, bald nach jener Seite, um die umwogende Menge zu mustern. Sein Blick schweifte ruhig und gleichgültig über das bunte Gewühl, so ruhig und kalt, daß es den Anschein hatte, die Menge diene ihm zum Schauspiel.

Von Zeit zu Zeit – vier- oder fünfmal während der Stunden, wo ich ihn nicht aus den Augen verlor – öffnete er den Mund und sang mit lauter Stimme. Es waren Rezitative, mit eigentümlich ergreifendem Pathos vorgetragen. Der Ausdruck seines Gesichts blieb dabei unverändert ruhig, der Mund allein mit den geraden schmalen Lippen bewegte sich, während die langgezogenen Klagetöne hell und klar durch die Luft zogen. Seine Improvisationen waren einfach und so deutlich vorgetragen, daß viele von den Fremden seinen Worten folgen konnten.

»Ich heiße Schimidso Sedschi,« sang er, »ich bin ein Lonin aus Awomori, und ich sterbe, weil ich Fremdlinge erschlagen habe.

»Heute abend fällt mein Haupt, und morgen wird es auf dem Marktplatze von Yokohama ausgestellt sein. Die Fremden werden dann ein Gesicht sehen, das bis zum Tode Furcht vor ihnen nicht gekannt hat.

»Es ist ein bitterer Tag für Japan, da ein Edelmann sterben muß, weil er einen Fremdling erschlagen.

»Starken Mutes würde ich wie ein Edelmann zu sterben gewußt haben; aber die Gnade des Herrschers von Japan hat mich den Feinden des Vaterlandes überliefert, und der Tod eines gemeinen Verbrechers erwartet mich.

»Männer von Yokohama, die ihr mich hört, erzählt den Patrioten von Japan, daß der Lonin Schimidso Sedschi angesichts des Todes nicht gezittert hat.«

Es war ein kalter Wintertag, und schon näherte sich die Sonne dem Gipfel von Fusi-yama und rötete mit ihrem Feuerlichte die ungeheuren Schneefelder, die den ausgebrannten Vulkan umhüllen. Ich hatte mich zu Polsbroek, dem holländischen Minister, einem alten Freunde von mir, gesellt, und wir hatten beschlossen, Schimidso bis zur Richtstätte zu begleiten. Der Zug bewegte sich schnell vorwärts. Um vier Uhr war der Gang durch die Straßen beendet.

Auf dem Wege nach Tobi, wo die Hinrichtung stattfinden sollte, nahm Schimidso Sedschi seine letzte Mahlzeit ein. Er schien ausgehungert und aß begierig alles, was man ihm gab. Er trank auch mit sichtlichem Behagen mehrere Gläser warmen japanischen Branntweins (Sakki) und unterhielt sich ungezwungen mit dem ihn bedienenden Henkersknechte.

Als der Zug sich wieder in Bewegung setzte, war es bereits dunkel geworden, und als er in Tobi anlangte, herrschte finstere Nacht. Es war auch empfindlich kalt geworden. Man zündete Feuer und Fackeln an. Einige Soldaten der Wache hoben Sedschi vom Pferde und lockerten seine Bande. Er rieb sich Arme und Beine, die durch Kälte und Bewegungslosigkeit steif geworden waren, und näherte sich langsam einem der Feuer. Dort blieb er einige Minuten stehen und starrte, in tiefes Nachdenken versunken, regungslos in die flackernde rote Flamme. Dann stieß er einen tiefen, lauten Seufzer aus, und sich nachlässig umwendend, fragte er einen der ihm nahestehenden Soldaten, wie spät es sei.

»Sieben Uhr,« gab man ihm zur Antwort.

»Sieben Uhr,« wiederholte er bedächtig. »Man hatte mir in Yeddo versprochen, daß um vier Uhr alles vorbei sein würde. Es ist kalt, mich friert; weshalb läßt man mich so lange warten?«

Wir hatten uns Platz in der unmittelbaren Nähe des verurteilten Mannes zu verschaffen gewußt. Ich konnte die Augen nicht von ihm abwenden. Ich sah jede seiner Bewegungen und hörte jedes seiner Worte. Er ließ sich schwerfällig vor dem Feuer nieder und verlangte eine Tasse heißen Tee, die man ihm auch reichte. Er bemühte sich augenscheinlich, ruhig und unbekümmert zu erscheinen: er wandte den Kopf nach rechts und links, als beschäftige ihn der Anblick der stummen Menge, die ihn umringte. Bisweilen jedoch unterlag er in dem Kampfe gegen seine natürlichen Gefühle. Wie ein Schleier zog es dann über das dunkle Gesicht, der Blick wurde starr, und ein Ausdruck unbeschreiblichen Entsetzens lagerte sich über die abgemagerten Züge. Aber diese Augenblicke der Schwäche waren selten und kurz. Man konnte sehen, wie der starke Wille wieder Herr des Fleisches wurde. Dann richtete sich Sedschi in die Höhe, warf den Kopf trotzig zurück, und sein herausfordernder Blick hatte einen furchtlosen, bösen Ausdruck. Seine Absicht, angesichts seiner Feinde ohne Schwäche zu sterben, war dann so deutlich in allen seinen Zügen zu lesen, daß es mir schien, als hörte ich ihn sich selbst Mut zurufen.

Meine Aufmerksamkeit wurde plötzlich von Schimidso abgelenkt. In der Ferne klang das wohlbekannte Rufen, womit die Bettos, die vor den Pferden der japanischen Offiziere laufen, die Ankunft ihrer Herren anzeigen und ihnen freien Weg bahnen. Es näherte sich, und bald konnte man die großen Laternen des Gouverneurs von Yokohama erkennen, die, von den Bettos getragen, über den Boden zu fliegen schienen.

»Der Gouverneur, der Gouverneur!« tönte es von allen Seiten. Ein Soldat legte die Hand auf Schimidsos Schulter: »Mache dich bereit,« sagte er. – Kein Muskel bewegte sich in des verurteilten Angesicht: »Saïo« (in der Tat) war seine einzige Antwort. – Er stand ruhig auf und schaute spähend nach dem andern Ende des Richtplatzes, wo die Pferde des Gouverneurs und der Leibwache halt gemacht hatten. Ein Unterbeamter kam dahergelaufen und sprach leise mit den wachthabenden Soldaten.

»Die Hinrichtung ist auf morgen verschoben,« hieß es plötzlich. »Sir Rutherford Alcock verlangt, daß das 20. Regiment derselben beiwohne.« Und so war es. – Als Schimidso diese Mitteilung gemacht wurde, schien er zusammenzuschrecken, und das bleiche Gesicht wurde noch bleicher. »Morgen, morgen,« (mionitschi, mionitschi) wiederholte er. Dann ließ er sich ruhig nach dem Tragstuhl führen, in dem er nach dem Gefängnis zurückgebracht werden sollte, und dort verlor ich ihn während der Nacht aus den Augen.

V.

Der nächste Tag war ein heller, kalter Wintertag. Ganz Yokohama hatte sich auf dem Richtplatz von Tobi versammelt. Diejenigen, welche Schimidso am vorhergehenden Tage gesehen und seine Ruhe bewundert hatten, wollten sich überzeugen, ob er die Kraft habe, seine Heldenrolle bis zu Ende durchzuführen, andere waren begierig, den Mann kennen zu lernen, der am vorhergehenden Abend der Gegenstand jeder Unterhaltung in der Kolonie gewesen war. Wenn Schimidso nur die Absicht gehabt hatte, den Fremden zu zeigen, daß ein japanischer Offizier dem Tode ruhig entgegengehen kann, so hatte er seinen Zweck erreicht. Er hatte jedermann, der ihn gesehen, Bewunderung abgezwungen.

Gegen acht Uhr morgens kam das 20. Regiment anmarschiert und nahm um den Richtplatz Aufstellung. Bald darauf erschien Schimidso Sedschi. Er sprang leichten Fußes aus der Sänfte, in der er aus dem Gefängnis getragen worden war, und den Kopf zurückwerfend, schöpfte er einige Male tief Atem; dann blickte er, wie in einem stillen Gebet versunken, mehrere Sekunden lang nach der Sonne, und darauf ging er schnellen, festen Schrittes dem Platze zu, wo ihn der Henker erwartete. Er war wie am vorhergehenden Tage mit Sorgfalt gekleidet.

Ein kaltes, schreckliches Lächeln, ein Lächeln des Hohns und der Verzweiflung kräuselte seine schmalen Lippen. Sein Gesicht war bleich, mit der eigentümlich grünlichen Blässe seiner dunklen Rasse. Aber nicht eine Spur von Furcht oder Abgespanntheit war auf den scharfgezeichneten Zügen zu lesen.

An der Grube angelangt, vor der er knien mußte und in die sein Kopf fallen sollte, wechselte er einige Worte mit dem alten Scharfrichter. Er schien sich zu unterrichten, wie die Handlung vor sich gehen werde, denn man sah ihn mit dem Finger nach der Grube und nach dem Erdhaufen zeigen, der vor derselben aufgeworfen war. Ein Henkersknecht näherte sich ihm, um ihm die Augen zu verbinden. Er sprach die Bitte aus, man möge ihm gestatten, mit offenen Augen den Tod zu empfangen.

Der anwesende Gouverneur von Yokohama hatte wohl vorausgesehen, daß dies Gesuch an ihn gestellt werden würde und gewährte es ohne weiteres. Der hohe Beamte schien gewissermaßen stolz, den anwesenden Fremden ein Schauspiel japanischer Kraft und Todesverachtung zu zeigen. Er blickte wohlgefällig nach der Gruppe der kommandierenden Offiziere des 20. Regiments, als wolle er sagen: »Es ist möglich, daß ihr imstande wäret, ebenso schön zu sterben wie Sedschi; aber es ist unmöglich, angesichts des Todes eine bessere Haltung zu bewahren, als jener japanische Edelmann.«

Die letzten Vorbereitungen zur Hinrichtung gingen nun rasch von statten. Sedschi, nachdem er mit dem Fuße die Matte, auf der er knien sollte, dicht an die Grube geschoben hatte, ließ sich langsam nieder. Zwei Henkersknechte standen ihm zur Seite, um den sterbenden, wenn er irgendeine Schwäche zeigen sollte, zu unterstützen. Aber der starke Mann zitterte nicht. Sobald er die vorgeschriebene Stellung eingenommen hatte, machte er eine kurze starke Bewegung mit den Schultern, so daß das weite Gewand, das bis dahin den unteren Teil seines Nackens noch bedeckt hatte, herabfiel, und Hals und Schultern sich nackt zeigten.

Der Scharfrichter zog ein langes, schweres Schwert aus der Scheide und hielt es prüfend vor das Auge, dann schürzte er die weiten Rockärmel auf, um die Arme frei bewegen zu können, und hob mehrere Male beide Hände über sein Haupt, um sich zu überzeugen, daß ihn auch nichts verhindere, den verhängnisvollen Streich zu führen. Schimidso folgte jeder Bewegung des Scharfrichters mit Aufmerksamkeit. »Ist alles fertig?« fragte er; – und nachdem er eine bejahende Antwort erhalten, fügte er hinzu: »So gieße heißes Wasser über das Schwert, damit es gut schneide, und habe wohl acht, mich mit einem Hieb zu vollenden. Ich will jetzt mein Sterbelied singen, und wenn ich mich zu dir wende und sage: ›gut‹ (yio), so will ich gleich darauf meinen Hals vorrecken und bewegungslos bleiben, so daß du ruhig zielen und schlagen kannst.« – Er verzerrte darauf sein Gesicht in erschrecklicher Weise, wie man dies auf japanischen Bildern sehen kann, die den Tod von Helden oder Halbgöttern darstellen, – und sang mit lauter Stimme aus voller Brust, so daß es weit über den stillen Nichtplatz klang: – »Jetzt stirbt Schimidso Sedschi, der heimatlose, er stirbt ohne Furcht und ohne Reue, denn einen Barbaren getötet zu haben, gereicht dem japanischen Patrioten zur Ehre.« Darauf wandte er sich mit noch immer verzerrtem Antlitz nach dem Scharfrichter, blickte ihn einige Sekunden starr an und rief mit klarer Stimme: »yio!« Und den Hals weit hervorstreckend, dem Raben gleich, der sich zum Fluge erhebt, die Zähne zusammengepreßt, empfing er regungslos den Todesstreich.

Das blutige Haupt wurde am Eingange von Yokohama zwei Tage lang neben einem Schilde ausgestellt, auf welchem Schimidsos Verbrechen und seine Verurteilung verzeichnet waren. Der Italiener Beato nahm von dem Kopfe eine Photographie, die ich noch besitze. – Der Tod hat die im Augenblick der Hinrichtung verzerrten Züge wieder beruhigt und veredelt, und ich erkenne in dem Bilde deutlich das grausame, furchtlose Gesicht des Mörders Schimidso Sedschi.

In den »Illustrated London News« von 1865 kann derjenige, der sich für Sedschi interessieren sollte, mehrere Zeichnungen von Charles Wirgman finden, welche die Ermordung Baldwin und Birds, den Ritt des Mörders durch Yokohama und seine Hinrichtung darstellen.

Der Helfershelfer des Hingerichteten, der angebliche Tzé-siro, wurde einige Monate später entdeckt und verhaftet. Die von Schimidso Sedschi über ihn gegebene Auskunft erwies sich als falsch. Sedschi war nicht zum Verräter an seinem Genossen geworden. Dieser nannte sich Mamiya Hadsime, war neunzehn Jahre alt und stammte aus der Provinz Satzuma. Er hatte ein freundliches, offenes Gesicht. Nichts in seinem Wesen und seinem Aussehen deutete darauf hin, daß er imstande gewesen war, einen grausamen Mord zu vollbringen. Seine Hinrichtung fand in dem Hofe des Gefängnisses von Tobi, in Gegenwart einiger englischer Beamten und Offiziere statt. – Mamiya war ein Schwächling und zeigte dem Tode gegenüber nicht die Ruhe und Kraft, die Sedschi ausgezeichnet hatten. Die Richter hatten seine Feigheit erkannt, und sein Wärter hatte ihm, wenige Stunden vor der Hinrichtung, ein stark berauschendes Getränk eingegeben. Der Unglückliche taumelte, vollständig betrunken, zum Richtplatze. Zwei Henkersknechte, mit denen er sich in lallender Sprache zu unterhalten versuchte, schleppten ihn mehr, als sie ihn führten. Als er sich der Grube näherte, vor der der Scharfrichter seiner wartete, fing er an, ängstlich zu wimmern. Ein kläglicher Ausdruck blöder, halbbewußter Furcht malte sich auf seinem Gesichte. Er machte einen ohnmächtigen Versuch, sich von den Knechten loszureißen; aber diese zogen ihn ungestüm vorwärts und warfen ihn zu Boden, und einem hilflosen Tiere gleich, das man zur Schlachtbank geschleppt hat, fiel er unter dem Schwerte des Henkers.

