Ein Unbedingter

1

Im Norden unseres Landes, wo die Hochebene des Mittelrückens anfängt, wellenartig nach der Eiderniederung abzufallen, liegt ein Kirchdorf… ein alter Ort. Und der Ruhm historischer Ehrwürdigkeit ruht, wie Kellerstaub am Flaschenhals alter feiner Weine, auf seinem verwitterten Turm.

Die Gelehrten behaupten, daß wir es mit einem altberühmten Platz zu tun haben, wo die Holzeten (»so an den Hölzungen wohnen«) ihre erste Kirche erbaut haben. Und der Friedhof soll vor Einführung des Christentums eine heidnische Opferstätte gewesen sein.

Meine Heimat gehörte zu dem Kirchspiel. Wir waren Kirchspielskinder, wohnten aber nicht im Ort, wir fuhren dorthin ›to Kark un to Mark‹, was bei den schlechten Wegen zwar mehr nach einem Wagstück als nach einer Erbauung oder nach einem Vergnügen aussah.

In der ersten Stunde kamen wir nicht viel weiter als bis zum Nachbardorf, in der ersten Hälfte der zweiten ging es durch prächtigen Wald; dann fuhr man sachte den sogenannten ›Vierth‹ hinan.

Schon lange hatte sich der braune Heiderücken als breit ausladende Landschaftswelle vor unserm Auge aufgerollt. Es war die erste Bodenerhebung, die ich überhaupt sah. Und sie hat groß und gewaltig auf mich gewirkt.

Schaukelte unser Wagen auf dem Kamm dahin, dann sahen wir die roten Dächer und den Kapuzinerberg mit der ragenden, im Winde rüstig mahlenden holländischen Mühle, mit dem leuchtenden Ziegeldach des Müllerhauses. Wir sahen die Kirche und ihre Linden, hoch am Bachufer, und vor allen Dingen sahen wir den herausfordernden Hahn auf der Turmspitze.

Einmal hielt Vater hoch oben an, nahm den Peitschenstiel, fing an zu zeigen und an zu erzählen. Unsere Rosse wußten erst nicht, was sie daraus machen sollten. Es kostete einige Mühe, sie zu verständigen, daß der Peitschenstiel nichts weiter sei als der verlängerte Zeigefinger für die Geschichte des Unbedingten, die Vater zum besten gab. Mein Vater erzählte sie mit all dem Wunderbaren, wie sichs zugetragen hat oder doch vom Volk für wahr gehalten wird.

Seit den Schicksalen des Unbedingten ist lange Zeit vergangen. Zweimal, vielleicht dreimal sind die alten Familienhöfe des Kirchspiels in den Kontraktenbüchern und im Schuld- und Pfandprotokoll, zuletzt im Grundbuch von Vater auf Sohn umgeschrieben worden. Die Menschen, die es mit erlebt haben, schlafen wohl alle im Föhrenschaft. Ihre Särge und Leichen sind Staub und Erde geworden, eine neue Folge ist zu ihnen in das alte, satte, gelbe Erdreich der blutgetränkten Opferstätte gesenkt.

Es ist lange her.

Auf dem Kapuzinerberg hat in ganz alter Zeit ein Kloster gestanden; zur Zeit unserer Erzählung wohnte dort der Besitzer eines großen Hofes, zu dem auch die mit einträglichen Zwangs- und Bannrechten versehene Mühle gehörte. Die Müllerei hatte er nicht gelernt, er betrieb sie durch Gesellen. War er hiernach auch Müller im eigentlichen Sinne nicht, so wurde er doch so genannt; wir wollen es in dieser Geschichte ebenso verhalten.

Der Müller war ein lateinischer Bauer, das heißt ein halbwegs gebildeter Mann mit halbwegs städtischen Gewohnheiten. Er hielt sich auch für was Besseres als die Bauern im Dorf und suchte Anschluß an vornehme Leute. Den Organisten und den Kirchspielschreiber hatte er, aber die rechnete er eigentlich nicht. Ihm kam es auf den Kirchspielvogt und auf den Pastor an.

Der Kirchspielvogt, nach der damaligen staatlichen Ordnung der Dinge Inhaber der allgemeinen Staatsverwaltung und der niederen Justiz, war in seinem Juristenhochmut für die Annäherungsversuche des Müllers ein untaugliches Objekt. Aber bei dem Pastor, da gelang es; da war es von Vornherein gelungen. Der zu Beginn unserer Erzählung das Amt versehende Seelsorger hatte bereits ein freundschaftliches Verhältnis zu seinem Amtsvorgänger vorgefunden, er hatte es gern in Anrechnung auf die vierundzwanzig Himpten Roggen und vier Himpten Buchweizen, die die Mühle nebst acht Gänsen an das Pastorat zu leisten hatte, übernommen. Er hatte seinen Augen, seinem Kinn und seinen Mundwinkeln eine nach unten gehende Richtung gegeben. Da nun der Müller ein angesehener Mann in seiner Gemeinde war, da er fleißig zur Kirche ging, sich auch sonst bei kirchlichen Handlungen mit Andacht beteiligte, da er ein frommes Gesicht hatte, und da es ihm gelungen war, die Linien in diesem Gesicht nach dem Muster des Kirchenherrn abwärts zu ziehen, so stieg er zum Range eines ›Kirchenjuraten‹, was der Sache nach einen Kirchenältesten bedeutete, auf.

Es gab aber auch etwas her, wenn der Müller zur Kirche ging. Er stand in der Mitte der fünfziger Jahre, hatte graues, volles Haar, die Hautfarbe zwar falb, das Gesicht selbst aber wohlgenährt und regelmäßig. Mit weißem Hemdkragen und schwarzem Rock, in einem Anzug, der immer glatt und reinlich und gebürstet und neu aussah, das alte Familiengesangbuch mit schwerem Silberbeschlag und Goldschnitt in frommen Händen oder unter demütigem Arm, so betrat er das Gotteshaus.

Der Geistliche hatte die Seelen seiner Gemeinde etwa ein Dutzend Jahre geweidet, da beförderte ihn das Konsistorium nach der Stadt.

Der Pastor war mitten im Umzug und packte, er stand zwischen seinen Kisten und Kasten, da erhielt er den Besuch des Juraten. Der Jurat wünschte zum Abschied noch ein vertrauliches Gespräch über einen Gegenstand, der ihm nahe ging. Er wollte wissen, was mit seinem Jungen anzufangen sei.

Mit Franz stand es nämlich nicht so, wie zu wünschen gewesen wäre.

Dessen Seele hatte so viele Seiten, daß man ihn kaum wieder erkannte, je nachdem die eine oder die andere hervortrat. Er tummelte sich gern auf wilden Pferden und hockte ebenso gern, Bibel lesend, in der Stube. Die einen hielten ihn für schüchtern und verschüchtert, die anderen für frech und verwegen, die für gutmütig und gefällig, frei und offen, und die für boshaft und gefährlich und hinterhältig. Die einen lobten seine gefällige, ruhige Bescheidenheit, die anderen tadelten seinen finsteren, brütenden Ernst. Menschenscheu und Vergnügungssucht – es gab fast keine Eigenschaft, die nicht mal den hervorstechenden Zug seines Wesens ausgemacht zu haben schien. Er rannte, wie hinter Scheuklappen nicht neben sich, nicht um sich, nur vor sich sehend, seine Straße daher.

Wie über seinen Charakter, so gingen die Meinungen auch über seine geistigen Fähigkeiten auseinander. Franz war in einzelnen Sachen ein seltenes Talent, in anderen dagegen hoffnungslos vernagelt. In Dingen dieser Welt ein Naiver, ein Kindskopf, der aller Erziehungsversuche spottete, hatte er eine geradezu erstaunliche Fähigkeit, sich im Gehege seines Gedankenganges gut und eindringlich auszusprechen.

»Er hat das Zeug zu einem Wüstenprediger«, hatte der Pastor mal gesagt. Religiöse Fragen gingen ihm ans Herz. Gott und Gottes Beziehungen zu uns machten die schläfrig hinstarrenden Augen dieses Grüblers aufleuchten. Aber auch hier rannte er mit Scheuklappen den ihm gewiesenen Weg. Zu versuchen, über den Zaun zu sehen, den die Kirche gezogen hat – nichts lag ihm ferner als das. Seiner hohen, engen Stirn fehlte die breite, gewölbte Form. Die Bilder und die Sprache der Bibel waren ihm geläufig, er hatte einen schier elementaren Drang, in ihren Wendungen seine Gedanken rednerisch zu entwickeln. Er konnte es auch, wenn er sich das Recht zuschrieb, hervorzutreten. Zweifelte er aber an diesem Recht, so klangen seine Versuche in verunglücktem Stottern aus.

Der Pastor hatte sich Mühe gegeben, ihn in Latein und Griechisch, in den freien Wissenschaften zu unterrichten. Es sollte ein Theologe aus ihm werden. Aber nach zwei Jahren war Franz als hoffnungslos aufgegeben. Sein Interesse und seine Begabung waren zu ungleich.

Der Entwicklung dieses Sohnes sah der Alte mit Unruhe zu, um so mehr, als noch ein Umstand hinzukam, der dem Pastor nicht bekannt geworden war: Franz hegte gegen seinen Vater eine tiefe Abneigung.

Der Kirchenjurat rauchte, mit seinem Pastor zusammen auf Kisten sitzend, eine Zigarre, nahm auch noch eine Wegzigarre mit, aber just nicht viel Beruhigung.

»Ihr Franz«, hatte der Pastor gesagt, »ist ein guter und doch ein gefährlicher Mensch. – Er ist ein ›Unbedingter‹. Unbedingt nenne ich die, die das, was sie für recht und sittlich halten, ausführen, ohne durch Nebenrücksichten gehemmt zu sein. Ich meine, ohne durch das uns Menschen sonst bindende Abhängigkeitsgefühl von dem, was allgemein anerkannt ist, beirrt zu werden, und ohne auch nur auf den Gedanken zu kommen, daß sie irren könnten. Ein ausgeprägtes Rechtsgefühl, begeisterte Verehrung des Rechts, das ist der Seeleninhalt solcher Menschen und der Ausgangspunkt ihrer Handlungen. – Ich weiß nicht, ob Sie mich ganz verstehen, lieber Freund.«

»Ich glaube, ich verstehe«, hatte der Müller eingeworfen.

»Gefährlich können diese Verehrer des Rechts werden«, so lauteten die weiteren Auseinandersetzungen des Seelenhirten, »weil sie das, was sie selbst für recht halten, für etwas unter allen Umständen Feststehendes ansehen. Die Fähigkeit der Selbstkritik, die Auffassung für den Widerstreit entgegenstehender Rechte geht ihnen ab.

Ihr Franz ist einer Sprengmine zu vergleichen. Sie ist dazu bestimmt, nützliche Bauarbeit zu leisten, und wird es tun, wenn sie am rechten Ort und zur rechten Zeit zur Entladung gebracht wird. Sie kann aber auch unzeitig losgehen und Unglück anrichten. Ihn recht zu leiten, dazu gehören ein wachsames Auge und eine liebevolle Hand. Lassen Sies daran nicht fehlen, lieber Freund. Und achten Sie, daß kein unzeitiger Funke die ganze rücksichtslose Kraft dieser jungen Seele zur Explosion bringt.«

2

Der alte Pastor war weg, es war ein neuer gekommen, ein gemütlicher, jovialer Mann, der nichts von Franz wußte, aber das Wohlwollen, das zwischen der Mühle und der Kirche herrschte, als ein gutes geistiges Kircheninventar fröhlich verbuchte.

Da erkrankte die sogenannte gute Mutter Marieken, des Müllers und Kirchenjuraten Frau zweiter Ehe, ganz plötzlich. Sie hatte es im Leib und schrie, daß man es über den Weg hörte.

»Es ist das Reißen«, sagte der alte Müller, »es ist ihr auf die Gedärme geschlagen, das wird sich geben. Macht nur kalte Umschlage!«

Man machte kalte Umschläge; mit der Krankheit war es aber am zweiten Tage schlimmer als je. »Ich nehme den Schwarzen, Vater«, sagte Franz, »und reite zum Doktor.«

Aber der Vater wollte es nicht haben. Das sei nicht nötig. Er vertraue auf Gottes Hilfe. »Wir wollens mit warmem Verband versuchen«, befahl er den Mädchen.

Mutter Marieken schrie und jammerte noch einige Tage und war dann – tot.

Als tiefgebeugter Witwer folgte der Alte dem Sarge seiner guten Frau. »Von Erde bist du genommen, zu Erde sollst du werden«, predigte der Pastor, und warf die erste Schaufel Sand auf den Sarg. Der Müller brach in Tränen aus, verlor ganz seine Fassung und erlangte sie bis zum Schluß der feierlichen Handlung nicht wieder.

»Hat der Müller Kirchenjurat doch ein prächtiges Herz«, äußerte der neue Geistliche abends zu seiner Frau. »Diese warmherzige Empfindung, diese freie Gottesliebe und diese tiefe Gottesfurcht!«

So war oder schien es wirklich. Kein anderer sah so würdig und fromm aus wie der Müller in der Kirche. Niemand stand so aufrecht vor seinem Gott und niemand verbeugte sich so tief und zerknirscht vor Seiner Größe. Wenn der Pastor den Segen über die Gemeinde sprach: »… und erhebe Sein Angesicht über dir und gebe dir Seinen Frieden!« … dann beugte sich tief und demütig des Juraten ehrwürdiges Haupt. Das alles sah Franz in neidloser Bewunderung. Er stand in der Kirche ernst und brütend, wie immer, und sah in seine Mütze, als ob er überlege, ob sie ein neues Futter verdiene oder ob es auch ohne Futter und gar mit einem zerrissenen gehe. Verbeugen konnte er sich nicht, dazu trug er zu schwer an dem Rätsel seines Seins.

Mutter Mariekens Grab wurde zugeschaufelt und ein Stein mit dem Spruch: »Selig sind, die im Herrn sterben« darauf gesetzt. Der Totengräber, dem der Alte die Instandhaltung des Grabes übertrug, pflanzte Schneeglöckchen darauf.

Nach einiger Zeit fingen die Blumen zu blühen an, und der Frühling kam. Ein frischer Wind setzte die Mühlenflügel auf dem Kapuzinerberg in rasche Bewegung. Und das war gut, denn es gab viel zu tun. Die Furchen der Mühlenkoppel waren noch ziemlich naß, der Frühling sollte sie trocken machen. Und auch dabei half der Wind.

Franz knickte die Weidenbüsche ab. Überall hing es voller weicher Kätzchen. Auch in diese grüblerische Seele fiel eine Ahnung von dem Glück eines warmen Sonnenstrahls. Er fühlte, daß der Frühling doch noch etwas anderes bedeute, als Wiederbeginn der schweren Ackerarbeit und Ende der verhältnismäßig faulen Winterrast. Er lag am Wall, warm in der Sonne, und vesperte.

Da hörte er neben sich, auf der andern Seite des Knicks im Weg nach Oldenkamp, Schritte (sie kamen, wie es schien, von zwei Seiten) er hörte Tagesgruß und ein Gespräch: Jürn Schütze und Krischan Rebenstorf hatten sich getroffen.

Jürn Schütze und Krischan Rebenstorf waren Nachbarn und Landleute aus dem Ort. In der Mühle sah man sie nicht öfter, als nötig war. Die Freundschaft mit dem Müller schien so gar arg nicht zu sein, und Kirchgänger wie der Jurat waren sie auch nicht. Franz kannte sie aber an ihren Stimmen; auf dem Dorfe wird ja ungefähr jedermann an seiner Stimme erkannt. Er spitzte das Ohr, als er hörte, daß man von seinem Vater sprach.

»Marieken ist nun ja auch tot«, sagte der eine.

»Ja, die ist damit durch.« So der andere.

»Soll höllisch ausgehalten haben«, erwiderte es auf der anderen Seite des Knicks. »Man hat sie übern Weg gehört!«

»Was hat ihr wohl gefehlt?«

Franz verstand nicht die Antwort.

»Merkwürdig«, begann der Sprecher wieder, »just wie bei Lisette Schünemann.«

Dem Lauscher pochten alle Pulse. Lisette Schünemann war seine verstorbene, seine rechte, von ihm über alles geliebte Mutter.

Längere Pause.

»Sie haben wohl ein Testament gemacht?«

»Du meinst, der Alte und Marieken?«

»Das haben sie sicherlich. Das ist in Ordnung, so sicher, wie zwei mal zwei vier ist, war ja auch bei Lisette in Ordnung. Da wollte er wohl für aufpassen, da kennst du meinen Müller schlecht.«

Franz hinter seinem Knick sah ordentlich die Miene, die Jürn dazu machte.

»Ja, Jürn«, fing der Sprecher wieder an, »dann fällt ja all das Geld von der Mohrfamilie an die Mühle?«

Die verstorbene Marieken war eine geborene Mohr; sie hatte vor kurzem ihren Bruder, einen reichen Schlächter Mohr aus der Stadt, beerbt.

»Das tut es«, sagte Jürn Schütze.

»Du, Jürn!«

»Was denn?«

»Der Müller muß doch groß Freund an den Tod sein.«

»Wie meinst du das?«

Die Redenden hatten mit unbekümmerter Stimme gesprochen, jetzt dämpfte Krischan Rebenstorf sie.

»Nun«, flüsterte er, »zwei reiche Frauen, jedesmal ein Testament. Und beide tot. Er steht sich wirklich gut mit dem Tod. Erst Lisette und nun Marieken!«

Kurze Pause, dann leises Lachen – Franz hörte aus dem Klang dieses Lachens die Gesichter heraus, die sich auf der anderen Seite des Knicks ansahen.

Unserem Franz am Wall im Sonnenschein wurde, er wußte selbst nicht, es überlief ihn heiß und kalt. Erst war es Wut, aber nur kurze Zeit. Dann ganz anders. Ihm fiel so manches ein, was er sich jetzt deutete, und je mehr er an die vergangene Zeit dachte, desto mehr verflog sein Zorn gegen Jürn und Krischan, desto dringender stieg ein entsetzlicher, ein fürchterlicher Verdacht gegen seinen Vater auf.

Franzens Mutter war eine Lisette Schünemann aus Bargenfeld gewesen, eine vielbewunderte dunkle, mit Glücksgütern reich gesegnete Schönheit. Man hatte dem Vater nachgesagt, daß er noch vor der Heirat darauf bedacht gewesen sei, sich ihr Vermögen für alle Fälle zu sichern. Ob das richtig war, wußte Franz nicht, er hatte sich niemals um solche Dinge bekümmert, jedenfalls hatte er, Franz, kein Geld bekommen.

Man hatte dem Vater auch nachgesagt, daß er brutal gegen seine Frau gewesen sei. Wo das Gerücht hergekommen, war gleichfalls unbekannt. Seine Mutter war viel zu scheu und zu verschlossen gewesen, um sich zu Herzensergießungen herbeizulassen. Die schöne, dunkle Frau mit der weißen Hautfarbe, mit dem wunderbar reichen Haar hatte wie eine Heilige über ihrem Leid geschwebt. Aber er, der Sohn, wußte, daß jener Vorwurf begründet war. Er war Zeuge tätlicher Angriffe des frommen Juraten gewesen. Und seitdem er einmal gesehen hatte, wie sein Vater die Hand gegen sie erhoben, haßte er ihn.

Der Müller hatte überhaupt, wo er sichs herausnehmen durfte, immer eine brutale Figur gemacht. Wie oft hatte Franz es am eigenen Leibe erfahren müssen! Als er klein war und noch an den Röcken der Mutter hing, hielt Frau Lisette die Hand über ihn. In ihrem Schoß hatte er mit ihren schwarzen Flechten gespielt. Es war das einzige Spiel, woran er sich mit Vergnügen erinnerte. Und das Gefühl, einmal wenigstens den vollen Strom einer echten, uneigennützigen Liebe, der Mutterliebe, empfangen zu haben, war ihm für immer unverloren geblieben.

Die Liebe zu seiner Mutter, der Haß gegen seinen Vater – das waren die Angelpunkte seines Wesens, die Triebfedern seiner Handlungen. Dabei stand ihm der Haß ebenso hoch wie die Liebe. Er liebte diesen Haß, wenngleich ihm als Bibelkundigen das vierte Gebot stets vor Augen stand: »Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf daß dirs wohl gehe, und du lange lebest auf Erden!« Er wollte lieber einem irdischen Wohlergehen, einem langen Leben entsagen, als diesem Haß. Er pflegte diesen Haß, es war ein glühender Haß. Seine Gefühle gingen überhaupt auf das Ganze.

Und nun hörte er von fremden Leuten, wie berechtigt dieser Haß war, berechtigter, als er geahnt hatte.

Der Tod seiner Mutter! Noch jetzt kochte es in ihm vor Wut und Schmerz, wenn er daran dachte, wie elend seine Mutter gestorben war.

Die Mutter war gestorben an einer Krankheit, die mit dem letzten Leiden von Mutter Marieken eine fürchterliche Ähnlichkeit hatte. Es war eine Fehlgeburt voraufgegangen. Die ersten Tage verhältnismäßig wohl, war sie am dritten Tage ganz krank geworden. Gelitten hatte sie mehr, als ein sterbliches Menschenkind ertragen kann. Drei Tage und drei Nächte lang hatte sie gejammert und geschrien, daß man es im Nachbarhause gehört. Der nächste Arzt wohnte drei Meilen weit, in der nächsten Stadt. Und der Vater hatte just, wie bei Mutter Marieken, keinen Arzt zuziehen wollen. Das hänge mit dem anderen zusammen, hatte er gesagt. Ein Doktor könne da nichts nützen, sei auch nicht nötig, es werde sich schon geben. Es war Verband gemacht worden, just wie bei Mutter Marieken, es hatte aber, just wie bei ihr, nichts geholfen – die schöne Frau Lisette war wie die hausmütterliche Marieken ins Grab gesunken.

Für Franz hatte man mit der Mutter den Rest von Frohsinn, wenn er davon überhaupt etwas besessen, für ihn hatte man mit ihr alles Lebenswerte, für ihn hatte man das Lebensglück auf dem Kirchhof eingeschaufelt.

Je länger er am Wall in der Sonne lag, desto weniger zweifelte er daran, daß sein Vater der Mörder beider Mütter war. Auch Mutter Marieken hatte schon vor Eingehung der Ehe den Vater testamentarisch oder durch Vertrag zum Erben eingesetzt. Auch diese Ehe war keine friedliche. Einmal, es war noch vor der Geburt des kleinen, leider schwachsinnigen Ede, war der Alte in großer Not gewesen, denn Mutter Marieken war im Zorn zum Kirchspielvogt gegangen, ihr Testament, das zu widerrufen sie sich auf Rat des Kirchspielvogts vorbehalten hatte, aufzuheben.

Das war der Punkt gewesen, wo man den Alten fassen konnte. Ruhe- und ratlos war der Vater im grauen Juratenhaar im Hause umhergewandert. Schließlich hatte er seinen Stock genommen, seiner Frau nachzugehen. Nach einer Stunde waren beide in Eintracht, ohne an dem Erbvertrag etwas geändert zu haben, zurückgekehrt.

An das alles dachte Franz, und wie Schuppen fiel es ihm von den Augen.

3

Von der Kirche geht eine düstere Sage. Vor hundert und aber hundert Jahren ist es gewesen. Da ist ein Pastor im Dorf gewesen, ein alter Mann. Und er ist vergeßlich geworden und hat eines Tags seine Bibel, nachdem er Beichte gehalten, in der Kirche auf dem Altar liegen gelassen. Und hat zu seinem Mädchen gesagt: »Grete«. hat er gesagt, »hol doch mal meine Bibel, sie liegt in der Kirche auf dem Altar.« Aber die Grete hat sich gefürchtet. Denn es ist trüber Herbsttag gewesen und spät am Abend und dunkel. Aber der Pastor hat gesagt: »Fürchte dich nicht, meine Tochter! Nur die Gottlosen und Spötter und die, die Gott versuchen, haben hierzu Grund. Du aber bist ein frommes Mädchen. Deshalb sei getrost und tu, wie ich gesagt habe!«

Das hat Heinrich, der als Knecht bei dem Pastor diente, gehört und hat darüber, was der Pastor zu Grete sagte, in seiner Kammer gelacht. Denn er ist ein Spötter gewesen. Und hat bei sich gedacht: ›Nun wollen wir doch mal des alten Narren Wort zuschanden machen.‹ Und hat ein Bettlaken genommen und ist der Grete nachgeschlichen.

Und als die Grete eintritt, ist es in der Kirche ganz dunkel, nur die langen, schmalen Finster sehen wie Gespenster in den finsteren Raum. Grete hat Holzpantoffeln an und klappert über die Steinfliesen. Und wie sie den Kirchensteig entlang geht, klingt jeder Schritt hohl von den Wänden und von dem Gewölbe her. Und es ist ihr immer, als wenn jemand ganz leise hinter ihr hergehe. Aber sie sieht sich nicht um. Wohl aber denkt sie an die Worte des Pastors und ist getrost. Und tritt auf die Stufen des Altars und findet das Buch.

Und wendet sich … da … sieh – o sieh! Da steht ein großes, weißes Gespenst vor ihr. Und das große, weiße Gespenst sagt dumpf und hohl: »Grete, du mußt sterben!«

Und Grete ist ganz still, aber sie fühlt, wie ihr Blut stockt. Doch sie bewegt die Worte des Pastors in ihrem Herzen und ist getrost. Und macht drei Kreuze und stürzt und läuft zwischen den Kirchenbänken durch, den breiten Kirchensteig entlang, zur Tür hinaus. Und schlägt die Kirchentür hinter sich ins Schloß und dreht den Schlüssel um.

So ist der Spötter gefangen worden. Und der Teufel hat freie Hand gehabt.

Man hat die halbe Nacht hindurch ein Geheul gehört, wie noch niemals. Das sind die bösen Geister gewesen. Und dazwischen hat man Bitten und Flehen gehört und Jammern. Das ist Heinrich gewesen, mit dem die höllischen Mächte ihr Spiel getrieben haben. Und es ist so herzzerreißend gewesen, wie man noch nimmer aus menschlichem Munde vernommen.

Erst gegen zwei Uhr ist es still geworden. Aber dann hat ein Poltern und Klatschen, wie wenn ein Mensch gegen die Wand geworfen wird, angefangen, und das hat gedauert bis zum ersten Hahnenschrei.

Der Wächter hat alles gehört. Er hat ein Vaterunser über das andere gebetet, er hat gezittert und gebebt, aber in die Kirche zu gehen, hat er nicht das Herz gehabt.

Morgens hat man den Unglücklichen gefunden – tot, mit offenem Leib, die Gedärme über die Kirchenbänke gesponnen. Und an der weißen Wand ein großer, roter Blutfleck.

Hundertmal hat man den Fleck abgekratzt, hundertmal den Mörtel, die vorgemauerten Ziegelsteine und schließlich gar die Feldsteine der in ihrem Grundstock aus Findlingen bestehenden Kirchenmauer weggeschlagen, hundertmal haben neuer Kalk und neue Steine die Stelle bedeckt, und hundertmal ist das Blut des armen Sünders wieder zum Vorschein gekommen.

An dies Blut dachte Franz, als er am nächsten Sonntag zusammen mit dem Vater die Kirche besuchte. Sie saßen auf der ersten Bank. Denn dort war der zur Mühle gehörige Kirchenstuhl. Gleich links sah man den gemarterten Erlöser am Kreuz und daneben die Stelle, wo der Blutfleck des armen Heinrich zu sehen sein sollte.

Franz hatte schon früher die Wände abgesucht und nichts gefunden. Heute sah er … ja er sah … lange, krause, rote Spritzfiguren sah er an der weißen Wand.

Der Pastor und die Kirche kamen in wiegende Bewegung. Die blutigen Streifen an der Wand ordneten sich, sie rundeten sich, sie wurden zu Zeichen, die zu lesen waren. Ein Finger – ein langer Frauenfinger kam und schrieb.

Der Finger schrieb ein einziges Wort, aber das stand groß und rot und blutig an der weißen Wand.

›Rache!‹ schrieb der lange, weiße (Franz kannte den Finger) ›Rache!‹ schrieb der Frauenfinger rot an weißer Wand.

Franz ging wie im Traum aus der Kirche und ging auch all die Tage träumend und brütend umher.

Er sah die Gestalten der Mütter an seinem Lager. ›Dein Vater ist durstig‹, sagte seine für und für mit allem Liebreiz geschmückte Mutter. Sie reichte ihm einen Becher. ›Dein Vater ist durstig, gib ihm zu trinken. Er hat mir auch gegeben.‹ Und im Hintergrunde stand das gute Mütterchen Marieken mit ihrem hauswirtschaftlichen Essenkochen- und Einmachegesicht und sagte auch: ›Tu das, Franz, er hat uns auch gegeben.‹

Wilder und mystischer wurden seine Träume.

Er stand auf einer weiten Heide. Er wußte, es war der Vierth, aber die Heide war viel größer und rauher und anders als der Vierth. Ringsherum Grabhügel, und am dunkeln Horizont wallende Nebelleiber ungesühnt Dahingemordeter.

Und die Erde wurde dunkel und der Himmel liebeleer. Und am schwarzen, liebeleeren Himmel leuchtete ein einziger Stern. Und dieser Stern war ein Irrstem, und der Schweif lang und gebogen.

Und siehe! Es erhob sich eine Stimme, eine große Stimme, eine starke Stimme. Die erfüllte den Weltenraum und den Vierth vom Aufgang bis zum Niedergang.

›Dein Herz fragt, weshalb die Erde so dunkel und der Himmel so liebeleer? Es ist das Geschrei von schwarzen Taten und der Haß, den solche Taten erzeugen. Deshalb ist der Himmel dunkel und die Erde liebeleer. Und der schwefelgelbe Stern ist an den schwarzen Himmel gesetzt, dir den Weg zu weisen. Sieh hin! Er hat die Form des Schwertes. Und das Schwert ist das des Rächers. Sieh hin! Es ist ein Becher, und der Becher hat einen gebogenen Griff. Mit dem kann man Erquickung reichen, aber auch Tod. – Hast du verstanden?‹

›Ich habe verstanden‹, sagte Franz und – erwachte.

Franz, wach geworden, war ganz verstört. Da war nicht mehr zu deuteln und mißzuverstehen. Seine Mutter war schändlich gemordet worden, sein Vater war der Mörder, und er der vom Himmel bestimmte Rächer.

Er zündete Licht an.

»Was hast du?« fuhr der Alte auf. Franz schlief mit seinem Vater zusammen in der Kammer.

»Was hast du?« wiederholte der Alte. Kannst nicht ruhig liegen und alten Leuten ihren Schlaf gönnen?«

»Vater, ich habe schreckliche Träume.«

»Träume?«

Man mag über den Charakter unseres Franz denken, wie man will. Tückisch und hinterhältig war er nicht, er war nur ein Unbedingter.

»Vater«, sagte er. »Ich träume immer: Du hast Mutter ›vergeben‹ und auch Mutter Marieken.« Die Wirkung dieser einfachen, über den Kirchenjuraten kommenden Worte war fürchterlich. Er wurde weiß wie die Wand, der Schweiß stand ihm auf der Stirn. Er saß aufrecht im Bett, er konnte sich nicht halten, er sank zurück.

»J–u–u–Junge«, hatte er sagen wollen. »Bist du bei Trost?« Er konnte es aber nicht herausbringen.

Franz sah das alles und zweifelte nicht mehr. »Vater«, sagte er. »Wir sind hier beide allein in der Nacht. Uns sieht niemand als Gott allein und Mutter Marieken und meine arme Mutter. Tagelang haben sie geschrien und gejammert, und meine arme Mutter hat ihr schönes, junges Leben unter Schmerzen, vor denen uns schaudert, ausgehaucht. Schwarz und schwer ist deine Missetat. Aber Gott im Himmel und sein für uns gestorbener Sohn vergeben alles, wenn man gesteht und bereut und Buße tut.«

Der Alte hatte sich gefaßt. Er konnte seinen Sohn fester ansehen. »Sag mal, mein Junge! Was hat das zu bedeuten? Du sagst, du hast geträumt. Und ich sage, du träumst noch. Du redest wie ein Irrer. Ich könnte schlimm mit dir verfahren, wenn ich wollte. Aber ich werde es nicht tun, ich werde Geduld mit dir haben. Gott hat es gefallen, mich mit Wohlstand zu überhäufen. Er kann mich auch schlagen. Er hat mich geschlagen. Mit einem schwachen Kinde hat er mich geschlagen – weshalb nicht auch mit einem wahnsinnigen? Der Herr gibt alles Gut und alles Leid. Ihm allein die Ehre.«

Franz hörte nicht hin, was der Vater sprach. »Vater, sag mir«, fuhr er fort, »was ich schon weiß, sag, daß du es getan hast. Sag es mir, deinem Sohne, ihrem Sohne, und sie wird dir vergeben, und ich, Vater, auch ich werde dir vergeben. Reue und Buße machen alles wett. Tu Buße, gesteh, daß es wahr ist, daß du es getan hast. – Du schweigst«, fuhr Franz fort, »du zauderst, aber du wirst es tun, damit ich meinen armen Kopf aufs Lager legen und zu mir sagen kann: ›Schlafe, Franz! Dein Vater bereut und tut Buße.‹ Der armen Mütter wegen wirst du es tun, damit auch sie Ruhe haben im Grab, das ihre Leiber umfängt, damit sie nicht als Geister umzugehen nötig haben, mich zu mahnen. Vor allen Dingen wirst du es tun deiner ewigen Seligkeit wegen.«

Franz hatte sich das Schweigen des Alten als Kampf ausgelegt, der damit enden müsse, der Wahrheit die Ehre zu geben. Aber der Alte dachte nicht daran, etwas zu bekennen. Er hatte nur seine Fassung wieder zu erlangen gesucht und hatte sie gefunden.

Er sah einen fürchterlichen Ankläger gegen sich erstehen, einen Ankläger, dem alles zuzutrauen war. Ihm fielen die Worte ein, die der Pastor von der Minennatur seines Sohnes gesagt hatte. Wie er sich in der Folge mit ihm abzufinden habe, wie das gut zu machen sei, das mußte zu gelegenerer Stunde festgesetzt werden. Im Bösen, das sah er ein, war mit dem nichts anzufangen. Da konnte leicht ein Funken auf die Sprengmine hinüberfliegen. Er mußte es durch gütliches Zureden versuchen.

»Ich habe dich ausreden lassen, Franz«, sagte er, »zu sehen, wie weit dein Wahnwitz geht. Anfangs, ja, das will ich gestehen, hat mich deine Rede erschreckt. Wer soll bei dem Fürchterlichen, was du dir zurechtträumst, nicht erschrecken? Du bist krank, mein Sohn, sonst könntest du nicht die Gedanken haben und nicht solche Reden führen. Ich habe gewiß meine Fehler. Es hat mir nicht recht gelingen wollen, mich mit deinen Müttern so, wie es wohl hätte sein sollen, zu stellen. Ich bin ein großer Sünder vor dem Herrn. Aber, Franz, so was! Du bist ja ganz von Gott verlassen. Wir stehen ja nicht, wie Vater und Sohn, stehen sollten, aber das von dir zu erleben, das ist zu viel.« Er brach in Weinen aus. Franz beachtete das nicht. »Hast du es getan, Vater? Ich bitte, sag mirs und beweine mit mir, was geschehen ist. Dann soll alles gut sein.«

»Aber Franz«, erwiderte der Alte, wieder in Angst, »glaubst du denn meinen Worten, glaubst du meinen Tränen nicht? Was soll ich denn tun, um mich gegen solchen Wahnsinn zu schützen? Willst mir die Obrigkeit schicken? Ich kann nur wiederholen: Du bist krank, mein Sohn, du fieberst, du könntest sonst gar nicht auf so was kommen. Ich bin nicht schuld an dem Tode deiner Mutter und Mutter Mariekens.«

Franz war aufgestanden, er hatte, ohne sich anzuziehen, die Kommode aufgezogen und etwas aus der Schublade genommen. Nun kehrte er zum Bett seines Vaters zurück.

»Sieh, Vater, das ist die Bibel. Du kennst sie besser als ich. Sie stammt vom Urgroßvater und weiter hinauf. Sie hat Goldschnitt und Silberbeschlag und hier auf dem Deckel das heilige Kreuz. Mir ist das Buch heilig und ich hoffe, trotz allem, auch dir. Das Kreuz zeigt uns, wenn man glaubt und Buße tut, den Weg zur Seligkeit; wenn man bei diesem Zeichen lügt, den Weg zum Gericht und zur Verdammnis. Kannst du mir bei dem gerechten, dreieinigen Gott, kannst du mir angesichts dieses Zeichens auf dem heiligen Buch, kannst du mir einen heiligen Eid schwören, daß du nicht schuldig am Tode meiner Mutter bist?«

»Das will ich, das kann ich!«

»So schwöre!«

Der Alte erhob seine Hand. Den kleinen Finger und den Ringfinger drückte er in die Handfläche, zum Zeichen, daß Leib und Seele verloren sein sollten, wenn er falsch schwöre. Den Daumen, den Zeigefinger, den Langfinger richtete er gegen die Zimmerdecke zum dreieinigen Gott in der Höhe.

Beide, Vater und Sohn, sahen düster aus, und beide waren im bloßen Hemd. So standen sie vor der Bettstelle, im Zwielicht eines flackernden Talglichts.

»Ich … Ich … schw … ö … re… bei Gott …«

»Halt!« rief Franz.

Er nahm die Bibel und legte sie in die Kommode zurück. »Ich leide nicht, daß du schwörst«, sagte er. »Noch hoffe ich auf Besserung und Reue und Buße. – Ich leide nicht«, wiederholte er, »daß du schwörst. Du würdest falsch schwören, Vater!«

Den sterblichen Leib konnte der Unbedingte allenfalls vernichten, die Seele, die unsterbliche Seele dem Höllenpfuhl überantworten, dazu hatte er nicht das Herz. Das verbot ihm sein Glaube.

4

Franz ging zum Pastor. Er wollte die Sache, seine Sache, die Sache seiner toten Mütter, einer obrigkeitlichen Person übergeben. Der Pastor stand ihm, und wenn es auch nicht mehr der alte war, von allen in Betracht kommenden Obrigkeiten am nächsten.

Ein Pastor schien ihm der Berufenste dazu. Er wußte nichts von dem Unterschied der kirchlichen und weltlichen Gewalten. Des Pastors Amt war es, auf die Sünder zu schelten, er mußte also auch wissen, was zur Sühne der Tat geschehen müsse.

Der Pastor war, wir haben es schon gesagt, ein guter Mann; er war aber auch ein bequemer Mann. Er dachte von allen Menschen und von seiner Gemeinde zumal – gut, wenn er sich auch manchmal gab, als raube ihm die Sünde seiner Kirchspielskinder den Schlaf.

Fleißige Kirchengänger hatten nun erst gar die Vermutung frommer Denkweise und frommer Taten für sich. Er war von Herzen vor Gott demütig, aber einen ganz kleinen Heiligenschein legte er sich doch bei, und ein Kirchenjurat hatte einen beinahe ebenso großen Heiligenschein, wie er selbst. Er gönnte allen Menschen Behagen und Behaglichkeit, gönnte es sich vor allen Dingen selbst und liebte es gar nicht, an Nachmittagen gestört zu werden.

Der Besuch von Franz war ihm nicht willkommen. Anfangs wußte er aus dem ihm nur oberflächlich bekannten jungen Menschen nichts zu machen; erst allmählich erhielt er eine Ahnung von seinem Anliegen.

Franz war dem ehrwürdigen und gelehrten Herrn gegenüber schüchtern. Wie er nun in der Stube vor dem aus langer Pfeife rauchenden und im friedlichen Schlafrock steckenden Pastor stand, der ein Bild des häuslichen Glücks und der Ruhe war, da zweifelte er plötzlich an seinem Recht, diese Ruhe zu stören. Da konnte er nur abgerissen, bruchstückweise sprechen, da kam von der Wucht, die in ihm steckte, nichts zum Vorschein. Nichts von dem hellen Flammenschein über dem lodernden Krater. In seiner Unbeholfenheit und Schwerfälligkeit machte er den Eindruck des Hinterhältigen. Er gab sich in einer Weise, die es zweifelhaft ließ: war er ein Tölpel oder ein Bösewicht? Er brachte alles unzusammenhängend in kurzen, abgebrochenen Sätzen vor, von denen jeder wie ein Vorwurf gegen den Angeredeten klang.

Der ehrwürdige Geistliche verstand nur halb, wovon Franz redete. Aber selbst das Wenige reichte hin, ihn mit Entsetzen zu erfüllen. Daß des Kirchenjuraten Sohn verschlossen und wunderlich sei, hatte er wohl gehört. Aber das, was er jetzt erfuhr, überstieg doch alle Grenzen. Das war ja Wahnsinn, ein sündhafter und gefährlicher Wahnsinn. Dieser junge Mensch mit der engen Stirn und den Grüblerfalten über den finsteren Augen, mit der Bulldoggenenergie um Kinn und Kiefer … – Was? – Verstand er recht? Wollte der seinen eigenen Vater, den frommen Mann, der zur Kirche, zur Buße und Beichte ging, der mit so gläubigem Herzen mit Rat und Tat überall der Kirche Bestes förderte, wollte dieser ungeratene Sohn einen so vortrefflichen Vater des Mordes beschuldigen?… Wohl, der Müller hatte Grund, sein Haupt vor Gott zu beugen: Gott gefiel es, ihn hart zu prüfen.

Aber der Pastor wollte vorerst milde urteilen, er wollte das Vorbringen des jungen Menschen für einen hysterischen Einfall, für eine Grille und die Erklärung an den Seelsorger für eine Art Beichte, eine Beichte mit der Erwartung eines Losspruchs seiner Seele von dieser teuflischen Eingebung halten. Daß Franz daran gar nicht dachte, sondern von ihm, dem vermeintlichen Organ der Obrigkeit, ein Einschreiten gegen seinen Vater verlangte, das hatte er gar nicht verstanden. Hätte er es verstanden, so würde er möglicherweise nach der Polizei gerufen haben, aber nicht gegen den alten Müller, sondern gegen den jungen Müller und dessen gemeingefährlichen Wahnsinn.

Franz kam nicht auf seine Rechnung. Er verstand nun auch den Pastor wieder nicht, gelangte daher auch nicht zu der Einsicht, daß er in Gefahr gewesen, der Polizei übergeben zu werden. Nur das fühlte er, der Herr Pastor, der sich so ereifere, sei für ihn nicht der rechte Mann.

Es ergoß sich nämlich eine fürchterliche Strafpredigt des ehrwürdigen Herrn über den jungen Menschen. Seine beispiellose Unehrerbietung gegen seinen Erzeuger, den er, der Pastor, als einen frommen Mann kenne, seine Unehrerbietung, die darin liege, daß er ihn einer schlechten Tat und nun gar eines so schändlichen Verbrechens, des größten Verbrechens, das es wohl vor Gott gebe, fähig halte, wurde ihm mit Einprägung des vierten Gebots so scharf, so drohend und so donnernd vorgehalten, wie es der im allgemeinen jede Erregung hassende Pastor nur vermochte. Denn hier wollte er wenigstens fest zugreifen. Dem Pastor ging es gut in seiner Pfarre, er war gesund und lebte in glücklichen Familienverhältnissen. Es war kein Wunder, daß er das Leben und die leiblichen Urheber dieses Lebens hoch einschätzte. Wenn er bei dieser Nachmittagspredigt das Richtige traf, dann hatte Franz Grund, Tag für Tag auf den Knien zu liegen und dem Vater für sein Dasein zu danken.

Das ging wohl eine Viertelstunde fort, so lange bis der Pastor den Jüngling, der übrigens immer gleich finster und brütend drein schaute, für genügend bestraft und erweicht hielt. Er wollte ihn nicht ohne Trost gehen lassen und gab ihm Hoffnung, wegen der durch jenen schändlichen Verdacht begangenen Todsünde bei nachhaltiger Reue Vergebung zu finden.

Bei Franz ging das meiste daneben. Er schied mit der Überzeugung, daß er bei den Obrigkeiten (dafür hielt er den Prediger) kein Entgegenkommen finde, daß die Obrigkeit es ablehne, das Rächeramt auszuüben. Nun sah er sich (er konnte nach seiner Auffassung nicht anders), nun sah er sich genötigt, selbst das zu tun, was er nun mal für notwendig hielt.

Die Heilige Schrift bildete noch immer, wie zur Knabenzeit, seine Richtschnur. Er las sie fleißiger als je, fand darin das, was zu seiner vorgefaßten Idee paßte, und übersah das, was er nicht suchte.

Das Ergebnis dieses Studiums war zunächst, daß die blanke Waffe verworfen wurde. Nach der Schrift sollte nur dessen Blut von Menschenhand vergossen werden, der selbst Menschenblut vergossen habe. Und das hatte sein Vater nicht getan, er hatte Gift gebraucht. In dieses Lesers Gehirn fand das Bild, fand die Analogie keinen Platz. Er verstand alles im eigentlichen Sinn und maß die Dinge genau nach dem durch ihre äußere Erscheinung gegebenen Maß.

Mit der Waffe – nein! das ging nicht. Deshalb hatte auch seine Mutter im Traum auf das gleiche Mittel hingewiesen, das der Vater selbst gebraucht hatte. Auge um Auge, Zahn um Zahn, das wollte der Herr.

Was er dazu brauchte, verschaffte er sich auf einer Reise, die er in Sachen der Mühle nach Dithmarschen unternahm.

In der Apotheke zu L… erschien ein junger Mann und gab sich für den Landmannssohn Peter Lund aus Tiebensee aus. Die Ratten, die bösen Ratten!… Als Peter Lund aus Tiebensee zeichnete er auch den ihm vorgelegten Giftschein.

Nun konnte er also das tun, was er für seine Pflicht hielt. Aber vor dem Äußersten schreckte selbst dieser Fanatiker zurück; noch war er ein schwankender Hamlet, noch suchte er Gnadenfristen für sein Opfer ausfindig zu machen und fand in den geheiligten Parabeln den guten, gerechten Gärtner, der einen keine Früchte tragenden Baum ein ganzes Jahr umhackt und umgräbt, bevor er ihn umhaut und ins Feuer wirft.

Auch sein Vater sollte Gelegenheit zur Umkehr, zur Reue, zur Buße, zum Bekenntnis haben. Wenn er nur bekenne und Buße tue, dürfe er ihm das Leben schenken … Er wollte warten, er konnte warten, er fühlte sich sicher und froh. Die Macht hatte er in Händen, das Symbol dieser Macht war sorgfältig aufzuheben.

Die Macht… ja … das Gift, das Wunder wirkende Gift. Er tat es in eine Schachtel und versenkte es in ein mit gebrannter Holzasche gefülltes Kistchen. Das Ganze hüllte er noch einmal in Leinen und Wachstuch ein und vergrub es nachts auf dem Grabe seiner Mutter. Es war windig, aber klar, ein dünner Goldreif des Mondes leuchtete über das Kirchendach hin zu dem düsteren Vorgang.

Einstmals war drüben im schwarzen Kirchenschiff ein armer Mensch, der nichts weiter getan hatte, als unziemlichen Scherz getrieben, die halbe Nacht hindurch von dem Teufel an die Wand geworfen worden, und seine Gedärme waren über die Kirchenbank gesponnen. Und Franz, ein wirklich Verirrter, verbarg das für seinen Vater bestimmte Gift in der Graberde seiner Mutter. Und seine Hauptsorge war, ob er nicht ein Unrecht begehe, wenn er sein Rächeramt lässig versehe.

Aber die seinem Vater gegebene Frist glaubte er rechtfertigen zu können. Sorgfältig verschloß er mit dem zurückgelegten Grasfladen die kleine Narbe. Er empfand Genugtuung. In ihrem Schöße ruhte das Mittel, das ihn zum Herrn über Leben und Tod seines Vaters machte. Nun war er getrost; sie, in deren Namen er alles tat, war mit dem Aufschub einverstanden.

5

Während Franz in Gedanken seinen Alten wie einen Baum umgrub, beschloß dieser, seinen Sohn zu verheiraten. Seit dem nächtlichen Auftritt fürchtete der Alte seinen düsteren Sohn. Was sollte er mit ihm anfangen? So fragte er sich. Schließlich beschloß er, ihn in eine andere Umgebung zu bringen und dadurch die alten Erinnerungen und Träume auszulöschen, und als das wirksamste Mittel erschien ihm die Ehe. ›Da wird er wohl vernünftig werden‹, dachte der Jurat, und wenn nicht, so wollte er mit seinem Gewicht als Kirchenjurat alles erdrücken, was Franz etwa gegen ihn unternahm. Ein Antrag, seinen Sohn gerichtlich für wahnsinnig zu erklären, blieb ihm als äußerstes Mittel. Der alte Müller suchte also nach einer Braut für seinen Sohn.

Die reichste Partie im Dorf war Betty Harder. Auf sie hatte der alte Müller es abgesehen. Sie war Eigentümerin eines schönen Hofes, den ihr Stiefvater nach Kontrakt bis zu ihrem vierundzwanzigsten Jahr in ›Setzwirtschaft‹ verwaltete. Jetzt war sie dreiundzwanzig, das paßte sehr gut. Auf diese Weise konnte Franz selbständig werden, ohne ihn zu verdrängen.

Betty war allerdings nicht schön, sie war schon eher häßlich. Sie hatte eine Art Pferdegesicht und Züge von hervorstechender Männlichkeit, eine Schulter, die nicht ganz gerade, und einen Fuß, der auch nicht normal war. Wenn man ganz offen und wahr sein will, so war sie ein bißchen verwachsen und hinkte ein wenig.

Bei dem alten Müller verschlug das nichts, und wir dürfen hinzufügen: es verschlug auch nicht viel bei Franz.

Ein Adonis war er ja auch nicht. Bisher hatte er die Schönen ebensowenig angezogen wie sie ihn; dazu war seine Jugend zu freudlos gewesen, dazu war auch sein ganzes Wesen zu freudlos.

Die Selbständigkeit, die ihm in Aussicht stand, konnte die Häßlichkeit seiner Braut wettmachen. Und diese Selbständigkeit sollte sich sofort verwirklichen, der Stiefvater wollte ihm die Verwaltung ohne Verzug überlassen. Franz durfte das alte Verlehntshaus beziehen und sein Reitpferd mitnehmen.

Und die Verlobung kam glatt zustande.

Da wollte der Zufall, daß Franz (die Kirchdorfleute haben ihre Frühjahrseinsaat immer daher bezogen) nach einem an den Rändern der Eiderniederung belegenen Dorf kam. Bei dem Hufner Karsten Detel sah er, sprach er das hübsche Dienstmädchen Witten Struve und war – hin. Als ein Verwandelter kam er zurück.

Ob Witten anfänglich von der Verlobung unseres Franz mit Betty Harder nichts gewußt, oder ob sie sich gar unterwunden hat, den reichen Erben dessenungeachtet wegzufangen? Leider müssen wir berichten, daß sie eine tiefere Liebe für Franz nicht gefühlt hat, vielleicht einer wahren Neigung überhaupt nicht fähig gewesen ist.

Hübsch war sie, dunkel, und ein Paar Augen hatte sie, die gut und fromm und freundlich blicken konnten, wenn sie wollten. Diese Augen hatten große, schläfrige Lider, und die Lider lange, sogenannte seidene Wimpern. Meistens lagen sie geheimnisvoll und liebreich über dem großen, braunen Oval der Linse. Aber prächtig verstanden Lider und Wimpern zu arbeiten, wenn es ihnen darauf ankam, zu gefallen. Ihren Händen und Armen wußte sie, mochten sie nun, selbst faul und untätig, an dem weichen faulen Leib wie ein Zierat herabhängen oder die Schönheit in der Bewegung zeigen: immer wußte sie ihnen den Anschein gar reizvoller Unschuld zu geben. Und immer war es unmöglich, an der runden, netten Figur vorbeizusehen, ohne sich an dem liebreichen Fluß der Linien zu erfreuen.

Witten … Sie kannte die Schwächen der Männer … genau, ach, wie genau!

Karsten Detel hat das alles nicht bedacht, als er Franz bat, sich selbst den Hafer einzumessen, und Witten befahl, mitzugehen, den Sack aufzuhalten.

Wie sie flink die Treppe hinaufflog, wie sie sich beim Einschaufeln bückte und bog!

Wir sagten es schon, Franz kehrte als ein Verwandelter von seiner Reise zurück. Bald war es Tagesgespräch, daß der Müllersohn nachts zu einem Mädchen reite; das bei Karsten Detel diene. Allen wurde es bekannt, nur nicht der Braut und deren Familie und dem alten Müller. Und doch hätten just diese Personen sich am meisten dafür interessiert.

Der Brotträger Denker hat es zuerst herum gebracht, ihn hatte Franz auf ein Haar niedergeritten. Das sauste wie die wilde Jagd an ihm vorüber, ehe er sichs versah, war er von Wegschlacken bedeckt. Im Mondschein erkannte er aber den Übeltäter an der Haltung. Franz trug den Kopf auf langem Hals wie auf einen Pfahl gesteckt. »Gott du vergev mi«, fluchte Denker, »den Möller sin Franz.«

Die am Weg wohnenden Vierthbauern gewöhnten sich bald, wenn Franz vorbei ›krabatschte‹. Es war meistens um die Zeit, wo sie den Schatullenschlüssel ablegten und die Uhren aufzogen, zu Bett zu gehen. Die donnernde, polternde Rückkehr des wilden Reiters mahnte dagegen wie erster Hahnenschrei.

Der alte Hinnerk Steen hat es meinem Vater selbst erzählt. Hinnerk Steen hat als junger Knecht mit der Witten Struve zusammen bei Karsten Detel gedient.

Hinnerk Steen wollte nichts auf das junge Mädchen sagen. Es liege nun mal in der menschlichen Natur, daß man so hoch wie möglich zu steigen versuche, meinte er. Jung sei Witten gewesen und hübsch, und was Apartes und was Feineres, als man auf dem Dorf gewohnt sei, habe sie in ihrem Wesen gehabt. Es sei kein Wunder gewesen, daß sie über ihren Stand hinausgestrebt habe.

Franz sei bei Karsten Detels Hof ein nächtlicher und häufiger Besuch geworden. Immer zu Pferd. Im Dorf habe er freilich langsam geritten, aber wie er den Schwarzen gebraucht, das habe der Schaum bewiesen, der dem Tiere auf dem Rücken gestanden. Von dem Pferd war Hinnerk noch nach so vielen Jahren entzückt. War das ein Gaul! Ohne Abzeichen, im Rücken gerade, dabei ein Kopf, ein Beinwerk … da sei wirklich kein Fehler an gewesen. Das bißchen Hahnentritt habe nur ein ganz feiner Kenner bemerken können.

Wenn Franz, erzählte Hinnerk, sein ›Brr!‹ gerufen hatte, stieg er ab, zog die Halfterleinen durchs Staket und ging dann zu Witten und mit ihr zusammen in das hinter der Scheune belegene Gehölz. Witten lag schon bei seiner Ankunft im Kammerfenster. Inzwischen stand der Schwarze draußen und stampfte und schwitzte und erkältete sich. Das konnte Hinnerk nun nicht mit ansehen, das ging ihm wider die Natur, dazu war er zu pferdelieb. Erst dachte er freilich: ›Laß ihn! Was gehts dich an? Es ist sein und nicht dein Pferd.‹ Es hatte mal eine Zeit gegeben, wo Hinnerk selbst auf Witten seine Augen geworfen. Das war lange her und war verschmerzt, aber daß er die Besuche mit unbändigem Pläsier sah, konnte er nicht sagen. Aber schließlich bekam seine Pferdeliebe die Oberhand, das arme Tier konnte nicht darunter leiden. Und wenn die Witten nun just mal 'n Narren in Franz gefressen hat, oder viel eher wohl in sein Geld und Gut, und wenn ihr die Mühle in die Augen sticht, und wenn sie glaubt, ein so groß Genie zur Müllersfrau zu haben – laß sie, es ist ihre Sache. Aber um den Schwarzen ist es schade.

So dachte er. Mit einem Wort, die Gutmütigkeit unsers Hinnerk war so abgrundtief, daß er anfing, hinauszugehen und dem dampfenden Schwarzen seines Nebenbuhlers eine Decke überzulegen, oder ihm das Fell mit Stroh abzureiben, ihn umher zu ziehen, das Tier schließlich gar mit Brot zu füttern.

Das gefiel dem Franz und auch dem Schwarzen. Und beide wurden dreister gegen Hinnerk und sahen seine freiwillig gespendeten Dienste als eine ihnen zukommende Schuldigkeit an. Wenn Franz vom Pferde gesprungen war, so rief er einfach: »Hinnerk!«, der Schwarze wieherte dann dazu.

»Wie sah er denn eigentlich aus?« fragte mein Vater, dem er das alles erzählte. »Was hatte er für Haare?«

Diese Frage erfüllte Hinnerk merkwürdigerweise mit Entsetzen. »Sprecht nicht von seinen Haaren, sprecht nicht von seinem Kopf … O je, o je, wenn ich daran denke, da hab ich was gesehen, da hab ich was erlebt.«

»Ist es so fürchterlich, Hinnerk, kann mans nicht erzählen?«

»Man kanns schon erzählen und ich möchts auch wohl sagen. Aber man wird mich Lügner schelten.«

»Aber Hinnerk!«

»Nein, Lügner wohl nicht. Daß der alte Hinnerk ›lügt‹, wird man nicht sagen. Aber die Leute werden sagen: ›Er ist narrsch geworden und bildet sich was ein.‹«

»Und wenn mans sagte, Hinnerk … was denn? Du bliebest doch der ehrliche Hinnerk.«

Hinnerk ist dicht an meinen Vater herangetreten und hat ihm ins Ohr geraunt: »Glaubt Ihr an Vorwanken?«

»Ja, Hinnerk, ich weiß nicht, ob ich glaube. Erzähl, vielleicht antworte ich nachher.«

»Ihr fragt, was Franz für Haare gehabt hat. – Nun, sie sahen aus wie Buchweizenstroh, das ein bißchen angetrocknet ist. Ich aber muß immer denken, wie er sie schnitt und wie er sie trug…

Wenn Franz ›Hinnerk‹ gerufen hatte, stand ich also auf und ging auf den Hof. Ich ging durch die kleine, dicht beim Milchkeller befindliche Tür, wir nannten sie die Buttermilchstür. Es war Sommer und die Abende klar und hell, auch wenn der Mond nicht schien. Meistens war, wenn ich aus der Buttermilchstür kam, Franz dabei, die Halfterleine seines Schwarzen um das Staket zu binden. Er trug sein Haar, wie es zur damaligen Zeit Mode war, was man ›Polkahaar‹ nannte. Auf dem Kopf dicht, wie bei Frauen, im Nacken aber kurz und gerade geschnitten und der Hals rasiert. Schön sah es nicht aus, zumal der rasierte Nacken, der sah aus, wie man Schweine schabt beim Schlachten. Und bei Franz sah er nun gar nicht gut aus, denn er hatte so 'n langen, schlenkrigen. Ich habe dabei immer merkwürdige Gedanken gehabt. Bei dem Polkahaar nun gar. Und dann im Mondschein, da fiel mir immer der Kopf auf, wie er beim Anbinden des Halfters hin- und herschlenkerte.

Franz kam vielleicht zwei mal in der Woche. Einmal dachte ich, er ist lange nicht hier gewesen, das Wetter ist schön, heute abend wird er kommen. Ich hatte mich so hineingedacht, daß ich förmlich auf der Lauer liege und immer denke, nun muß er kommen. Aber die Uhr, die bei Karsten Detel auf der Diele stand, schlug halb elf und elf… und schließlich halb zwölf… und Franz ist nicht da. Da ärgere ich mich, daß ich auf eine Sache warte, die mich gar nichts angeht, daß ich nicht schlafen kann, und schlafe erst recht nicht.

Die Dielenuhr hatte einen schweren Gang und ging und ging, und endlich schlug sie zwölf. Das klang wie Grabgeläute und klang, als ob das ganze Haus bis zum Sparrenwerk hinauf voller Glocken hänge. So rollte und summte es im Gebälk. – In dem Augenblick kommt es draußen … trapp … trapp … einer zu Pferde… Ich denk nicht anders als: nun ist er da, das ist Franz.

Mit dem ruft es auch schon: ›Hinnerk!‹ Und der Schwarze wiehert. Das huppert und stößt im Pferdebauch ordentlich nach, wie es bei jedem ordentlichen Wiehern ist.

Erst schimpf ich, wie immer, in meinem Bett und mag nicht aufstehen, murmele für mich, dabei höre alles auf; zum Schluß kommt es aber, wie immer. Ich steh auf und geh durch die Buttermilchstür und seh … seh mit den Augen, die ich noch jetzt im Kopfe habe… den Schwarzen seh ich. Er steht und scharrt. Und Franz seh ich. Er ist dabei, den Halfter um den Pfahl zu binden. Ja, so war es. Der Schwarze steht und scharrt, und Franz ist dabei und bindet den Halfter um den Pfahl. Alles hell und klar. Der Mond kam auf und schien über die Pappeln, der Schatten vom Ziehbrunnen am Sod fiel auf den Vorderbug des Schwarzen.

Und ich sehe … Franz hat keine Polkahaare, er hat gar keinen Kopf.

Mein erstes: ich greif nach meinem. Ja, der ist da, aber die Haut über ihm zieht sich zusammen und meine Polkahaare (ich trug sie ja auch) steigen steil zu Berg. Ich sehe noch mal hin … Franz hat keinen Kopf.

Er hat keinen Kopf und bindet doch den Schwarzen an. Dabei zieht er den Knoten fest an und faßt das Tau mit beiden Händen und lehnt sich nach hinten, wie man dabei tut. Und, ganz grausig! der lange Hals schlenkert hin und her. Er hat keinen Kopf.«

»Ihr dürft nicht lachen«, fährt Hinnerk meinen Vater an, obgleich es diesem gar nicht eingefallen war, das zu tun. »Nicht lachen, es war zu schrecklich! Ich weiß, was ich gesehen habe. Und ich habe es gesehen, so wahr ich hier sitze.«

»Es muß wohl Teufels Blendwerk gewesen sein«, fährt Hinnerk fort, »dauerte auch nur einen Augenblick, und alles war weg … Franz und der Schwarze… Und der Mond schien beim Staket auf glatte Steine.

Wie ich ins Bett gekommen bin, weiß ich nicht. Die ganze Nacht habe ich die Decke über den Kopf gezogen. Einmal war mir, als ob die Pforte klappe… und gleich darauf schlug der Hund des Nachbarn an.«

6

Jahrmarkt:

Geruch von Schmoraal und neuen Stiefeln, lackierten Steckenpferden und süßen Kuchen, und Bären und Geschrei und Musik; Musik von schwermütigen Orgeln, von herausfordernden Gongs und wahnsinnigen Dudelsäcken, alles in allem – ein betrunkener Ameisenhaufen.

Es ist der Schöpfer nicht genug dafür zu loben, daß er Kirchdorfs Jahrmarkt erschaffen hat. Aber man muß Bauernknecht sein und dreißig Wochen lang die Schaufel gehoben haben, um die Jahrmarktsidee zu verstehen. Unser Bauernknecht ist eigentlich gar nicht drin in dem Gewühl, sondern eintausend Meter drüber. Hoch oben im blauen Äther schwebt er und hat ein Gefühl – Gott, welch ein Gefühl! Das beseligende, das sieghafte Gefühl hat er, endlich einmal frei, wirklich frei zu sein.

Jahrmarkt!

Ein Trupp Tagelöhner und ihre Söhne. Die Knaben sind barfuß und barhaupt. Sie sind Hütejungen gewesen. Ihren Sommerlohn: drei Taler, hat der Alte in der Tasche; aber vier Schilling Marktgeld haben sie selbst in der Weste.

Eine Stunde später. Ein halber Taler ist eine Mütze geworden; Friech ist nicht mehr barhaupt. Zwei Taler sind in Schmierstiefel verwandelt; Klas ist nicht mehr barfuß. Und die vier Schillinge? Zwei hat der Kuchenmann, einen der Ringmaschinenmann erhalten und den letzten der große Zauberer – Professor Reimers.

»Allns Oogenverschælen«, erklärt Friech, als sie aus dem Hexenzelt herauskommen. »Es war ja ganz nett, aber Kopfabschneiden, das kann der Professor nicht.«

Seine Kameraden sehen ihn fragend an. »Das kann auch keiner«, sagt Klas. »Kein ein, meinst du? Und mein Ohm hats selbst gesehen, in Hamburg ist es gewesen!«

»Dein Ohm in Hamburg? Dein Ohm in Hamburg? Das glaub, wers will.«

»Nu, vielleicht wars Rendsburg. Wer kann das so genau wissen? Es ist aber in einer Stadt gewesen. Da ist ein Zaubermann gewesen, der hat alles gekonnt. Menschen hat er verschwinden lassen und wieder erscheinen, und Köpfe hat er abgeschnitten und wieder aufgesetzt.«

»Hat das dein Ohm gesehen?«

»Jawohl hat ers gesehen. Aber eines Tages, da hat dem großen Zauberer nichts gelingen wollen. Da hat er gesagt: Ich merke wohl, hat er gesagt, daß hier einer ist, der mir entgegen ist und mehr kann als ›recht Wort‹. Aber ich werd ihn schon kriegen, ich bin ihm doch über. Und hat drei Lichter hingesetzt. Und hat sie angezündet. Und hat ein Federmesser genommen und ist damit durch die Flammen gefahren und hat beim ersten gesagt:

›Ist er ein Schwefelmann,
Muß er beim ersten dran‹

Beim zweiten:

›Bist du ein schwarzer Bub,
Kommst du jetzt zum Schub‹

Beim dritten:

›Hörst du zum Höllentrab,
Fällt dir der Kopf jetzt ab.
Hatschi!‹

Und bei dem Hatschi ist einem seinen Herrn in der dritten Reihe der Kopf vom Rumpf geflogen, und der Schwarzkünstler hat ihn nicht wieder aufgesetzt.«

Jahrmarkt!

Bei Hans Looft hat man freien Eintritt, da rauscht schon in den Frühstunden Walzermusik aus offenen Fenstern. Es stiegen die Röcke der Mädchen im kalkgetünchten Saal. Aber sie entschleiern kein Schwanenunterzeug und keine Geheimnisse. Weiße Unterröcke tragen die Tänzerinnen bei Hans Looft nicht. Man tanzt bei Hans Looft mit lang ausgestrecktem Arm. Wenn man seinem Reigennachbarn was zuleide tut, so sagt man: ›Hopla!‹ – was so viel heißt wie: Das macht nichts, da kann ich nichts dafür, das ist ›Höhere Gewalt‹.

Es ist gemütlich und ungeniert bei Hans Looft, feiner aber bei Peter Bock.

Man erlegt seinen Obolus; für die Eintrittskarte gibt es ein Glas Grog. Blumenmalerei schlingt sich durch die hohe Wölbung. An der Stirnseite fliegen zwei nackte Englein männlichen Geschlechts, schlagen mit rundem Hinterteil jauchzend nach oben aus und blasen mit vollen Pausbacken unmenschlich große Posaunen. Bei Peter Bock fegen weiße Unterröcke über glatte Bretter, man tanzt mit eingezogenen Armen oder mit hoch emporgereckten Trutzhänden, bei Peter Bock geht es nobel zu.

Es ist Jahrmarkt.

Wie hing Witten so fromm und vertrauensvoll am Halse ihres Franz bei Peter Bock, wie unschuldig ruhte sie an seiner Brust bei Hans Looft!

Franz und Witten zeigten sich aller Welt. Sie tanzten bei Hans Looft und bei Peter Bock. Sie tanzten mit lang horizontal ausliegenden Armen in Galgenformat, sie tanzten mit hoch zum Rütlischwur unverbrüchlicher Treue erhobenen Händen, zuweilen auch eingezogen, Hände an den Hüften, bereit, sich durch jedes Hindernis hindurchzuwinden. Franz und Witten Struve tanzten den ganzen Tag miteinander. Franz ließ sie nicht los. Wie reizend lagen die seidenen Wimpern auf ihrem Augapfel! Wie schadenfroh und hochmütig lächelte das kleine nichtsnutzige Ding, wenn sie die Stachelreden ihrer Mitschwestern hörte, die weiße Unterröcke trugen und doch unbegehrt auf der Lästerbank an der Wand saßen.

Und was so eine bei Peter Bock wolle, hieß es. Die hätte der Müllerssohn auch bei Hans Looft lassen können, wo sie hingehöre. Eigengemachte Röcke oben über, und Unterröcke von Twist darunter, dazu blaue Strümpfe – brr! Sie sei ein ganz gewöhnliches Mädchen, diene dem Bauern in des Kirchspiels Osterkrug – so was gehöre nicht bei Peter Bock.

Übrigens Scham- und Ehrgefühl sei so wenig in ihm wie in ihr. Mit der verwachsenen Betty Härder sei er verlobt, und den ganzen Sommer schon verkehre er heimlich mit der da. Nun zeige er sich gar mit ihr auf dem Markt und im Saal.

Was der Alte wohl für ein Gesicht machen wird, wenn er es hört?

Es ist Jahrmarkt.

Wie die Mückenschwärme aus dem Moor steigen, sobald die Sonne weicht, so stiegen die Gerüchte aus dem Jahrmarktsgewühl, sobald das erste Erstaunen überwunden war.

Was bisher noch halb verschämt geschehen war, lag jetzt vor aller Augen. Es war eine förmliche Wolke, die über den Markt daher summte, es waren kleine Wölkchen, die sich in die Häuser verloren. ›Summ, summ!‹ sagten sie zu den Philistern, die auch am Markttage beim hausbackenen Brei saßen. ›Bleibt ruhig sitzen!‹ sagten die kleinen Gerüchte. ›Eßt weiter, sperrt den Mund auf, eure Löffel einzuführen, und die Ohren, unsere Neuigkeiten aufzunehmen! Wir wissen was, wir wollen euch was erzählen.‹

Und die Guten, sie taten den Mund auf und löffelten ihre Milch und ihren Brei und aßen ihr Brot und ihre Wurst und sperrten die Ohren auf und waren sehr neugierig und hörten genau zu.

Was der Alte für ein Gesicht machen wird? Darauf waren alle neugierig.

Ja, was für ein Gesicht!

Dicht beim Kapuzinerberg wohnte Thomas Gripp. Sein Fritz war im ganzen Ort als ein dreister und geweckter, leider auch etwas schadenfroher Mensch bekannt.

Der sah es zuerst, das Gesicht, auf das alle neugierig waren.

Er lief nicht mehr nüchtern, aber auch nicht zu schlimm betrunken dem Müller und Kirchenjuraten in den Weg. Dieser hatte sich bei Eintritt der Dämmerung entschlossen, auch mal durch die Buden zu gehen.

»Na, Fritz«, scherzte der aufgeräumte Jurat. »Bald acht Uhr und noch keine Braut?«

»Leider nein, Nachbar Müller«, erwiderte der Angeredete keck. »Nicht alle jungen Leute haben so viel Glück wie Euer Franz.«

»Franz?« wiederholte der Alte. »Wie soll ich das verstehen? Die Betty geht nicht zu Tanz.«

»Hat sich was zu Betty. Nein, Nachbar, heut hat er sich was Schöneres zugelegt. Er tanzt schon mit ihr den ganzen Tag, bei Peter Bock und auch bei Hans Looft. Es lohnt zu sehen, wie das Ding aussieht und wie sie die Füße zu setzen versteht.«

»Spaß ein andermal, ich versteh nicht!«

»Hat sich was zu spaßen. Eben zogen sie wieder zu Hans Looft. Könnt ja mal hingehen und nachsehen, wenn Ihr mir nicht glauben wollt.«

Das Gesicht, das der Kirchenjurat machte, kitzelte den übermütigen Fritz. Er fuhr fort: »Habt Ihr den Schwarzen in der letzten Zeit gesehen? Nicht wahr? Abgetrieben. Aber mehrmals die Woche nachts meilenlang im Galopp, das hält kein Gaul aus.«

Der Alte begriff zwar den Zusammenhang noch nicht, ahnte ihn aber, ahnte, daß Franz ihn und die Betty betrüge.

»Junger Freund«, sagte er und setzte ein einfältiges, treuherziges Gesicht auf, »ich will nicht sagen, daß du noch nichts oder noch nicht genug getrunken hast. Aber es ist nicht alle Tage Markt. Da kann man mal eine Ausnahme machen. Komm, ich geb paar Gläser Portwein aus, wir wollen ein halbes Stündchen beisammen sein. Wir gehen in die ›Starke Eiche‹ bei Steffen Hagen. Da stört uns keiner. – Ja, mit dem Schwarzen, das ist mir auch schon aufgefallen. Das kannst du mir denn erzählen. – Keine Zigarre, Fritz? Am Markttag nicht mal eine Zigarre? Sind zwar eine neue Mode, schmecken aber gut. Komm, steck dir eine an! Sollst man mal sehen, ist was Feines. – Nun will ich mir auch eine ins Gesicht stecken, dann können wir hin rauchen und brauchen nicht zu gehen.«

Es ist Jahrmarkt.

Und der Jahrmarkt pflegt, wenn die Dunkelheit in die Gassen fällt und die Budenleute ihre Zelte abzubrechen anfangen, dann pflegt er die bis dahin in den Formen der Sitte gebundene altdeutsche Kampflust frei zu machen.

Bei Hans Looft geht es gemütlich zu. Wenn man einem Nachbarn auf die Hühneraugen tritt, so sagt man: ›Hopla!‹, was so viel bedeutet: das hat nichts zu sagen, das macht nichts. Bei Hans Looft hat man das Gefühl, frei zu sein. Nicht nur, was man sonst ›frei‹ nennt, wenn man nicht gerade unter Kommando steht, sondern auch frei von den Worten lügnerischer Höflichkeit. Bei Hans Looft war es prächtig. Und die Kirchenuhr schlug gerade zehn, da tauchte zum Erstaunen aller Marktgäste der reiche Müller und Kirchenjurat, der fromme Kirchengänger, bei Hans Looft im Saal auf, ging leise an seinen Sohn, der eben mit Witten Struve die Arme horizontal zum Walzer ausgelegt hatte, heran und schlug ihn unversehens mit voller Faust ins Gesicht. Bei Hans Looft!

7

Weh mir, die alte Schuld steigt herauf! Ich lebte bei Welt, ich lebte der irdischen Liebe und vergaß dein!

Ich bin lässig gewesen. Weh mir!

Mein Vater hat mich öffentlich beschimpft, er hat mich geschlagen. Und an meiner Geliebten Seite habe ichs erdulden müssen. Ich habe an das Wort der Schrift gedacht: ›So dir jemand einen Streich auf die rechte Backe gibt, dem reiche auch die linke dar.‹ Ich habe geschwiegen.

Erst am andern Tage habe ich zu ihm geredet. Die Freiheit habe ich gefordert. »Und du selbst«, habe ich gesagt, »tu Buße! Oder es möchte Gottes Langmut ein Ende haben.« – »Narr!« hat er geantwortet. »Mach es nicht zu arg mit deiner Verrücktheit!«

Großer Gott! Ich habe ihn umgraben. Er aber bleibt ein unfruchtbarer Baum.

Die Toten sprengen ihre Sargdeckel und sitzen im Sterbehemd an meinem Bett.

Die Mutter härmt sich in der Ewigkeit über ihren pflichtvergessenen Sohn. – Warte nur, wirst schon wieder an meine Liebe glauben! Witten, nicht deinetwegen und nicht meinetwegen, nicht unsertwegen! Ich will kein bestochener Richter sein.

Ich will ein Rächer der Toten sein und nicht der Lebendigen.

Zum letzten mal! Zum letzten mal, bevor ich das tu, was zu vollbringen meines Amtes ist … zum letzten mal bete ich zu dir, du Großer, Ewiger, vor dessen Wort Himmel und Erde vergehen, durch dessen Wort wir armen Menschen allein bestehen.

Ich will! – Ja, ich will. Ich will dein gehorsamer Knecht sein.

Aber vielleicht beschließest du in deinem ewigen Ratschluß, den Kelch an mir vorübergehen zu lassen. Ich darf dich bitten, ich darf dich anflehen. Lag doch selbst dein eingeborner Sohn in seiner Schwachheit vor deinem Thron.

Und noch eine Sorge lege ich, du Ewiger, zu deinen Füßen.

Ich höre eine Stimme, sie sagt, sie sei Gottes. Aber des Menschen Wissen ist Stückwerk, und sein Herz ist schwach. Nicht immer erkennen wir deine Stimme. Liebt es doch der Arge, der umhergeht zu sehen, wen er verschlinge, liebt er es doch, deine Gebärde anzunehmen. Gib, o großer Gott, mir ein gnädig Zeichen!

Damit ich getrost bin.

Das sind Träume und Stoßseufzer, die den Seelenzustand unseres Franz beleuchten.

»Franz«, sagte der Amtsdiener, »der Kirchspielvogt schickt, du sollst zum Amt kommen.«

»Was ist los?« fragte Franz.

»Ja«, blinzelte der Beamte, »genau weiß ichs nicht, ich glaub, es ist was von deinem Alten gegen dich eingegeben worden.« So war es; der Alte hatte in der Kirchspielvogtei Ermittelungen über den Geisteszustand seines Sohnes erbeten, um allenfalls seine Entmündigung und Verwahrung zu beantragen.

Das war das Zeichen. Nun wußte er ganz gewiß, daß er der von Gott ausersehene Rächer war.

Ein weiser, gottesfürchtiger Mann hat gesagt: ›Ich muß es zwar dulden, daß die Vögel über mein Haupt fliegen, aber daß sie sich Nester in meinen Haaren bauen, kann ich verhindern.‹ Im Kopfe unseres Franz jedoch hatten seine ursprünglich wohl freien Fluggedanken ein Nest hergerichtet, das mit dem einfachen, blanken, freien Willensentschluß nicht mehr zu beseitigen war. Die Idee von dem ihm übertragenen Rächeramt wirkte seelisch wie Zwang. Die sittlichen Gewichte gegen die geplante Tat hätte er gar nicht mehr in die Wagschale werfen können, auch wenn er gewollt hätte. Er hatte nicht mehr die Kraft, sie zu heben.

Er mußte zum Mörder, das heißt zum Mörder im gemeinverständlichen Sinne werden. Und er wurde zum Mörder.

Ein vorsichtiger Mörder.

Nicht klug und vorsichtig, sich zu sichern, nein – keinerlei Bemühen, die Spuren seiner Tat zu verdecken, ein Handeln, so unbekümmert um sich selbst, als gäbe es keine größere Ruhmestat als Vatermord. Vorsichtig war er nur, ein Mißlingen und ein nichtgewolltes Unglück zu verhüten. Der Pfeil sollte an allen unschädlich vorüberfliegen, seinen Vater allein treffen.

Und den hat er getroffen.

Er hatte die Dienstboten vorher entfernt und dem Alten dann selbst den Tisch gedeckt, als dieser hungrig und durstig von einer Halbtagsreise nach Hause gekommen war. Man hat angenommen, daß er von dem Vater in dessen Not noch eine Erklärung erpreßt hat, die er für die von ihm erstrebte Reue und Buße angesehen, und daß er nach Entgegennahme dieser Erklärung alles zur Rettung aufzuwenden versprochen hat. Jedenfalls ist er später nach Kräften bemüht gewesen, Rettung zu bringen.

»Das haben wir gut macht…das haben wir wirklich gut gemacht!« hat er halb für sich, halb zu seinem treuen Gaul gesagt, als er davonritt. Dabei hat er dem Schwarzen den Hals geklopft. Alles an ihm hat von einer hohen Befriedigung, von dem Bewußtsein Kunde gegeben, eine gute Tat mehr in seiner Rechnung zu haben…

»Gottlob!« hat er gesagt und die Zügel schießen lassen, »die Seele ist gerettet; nun noch, wenn der gnädige Gott es zuläßt, eine heilsame Medizin, und alles ist aufs beste bestellt.«

Eine Frau Lemster bewohnte mit ihrem Mann unten am Kapuzinerberg ein zur Mühle gehöriges Haus und war in Verlegenheits- und Notfällen ›einzuspringen‹ verpflichtet, übrigens auch nach ihrer hilfreichen Art hierzu gern erbötig.

Die Frau Lemster hat es oft des langen und breiten erzählt, wie Franz dort angekommen ist, hat es später auch vor Gericht bezeugt.

»Ich war allein zu Hause«, hat sie erzählt, »mein Mann auf Arbeit. Ich in der Küche und seh aus dem Küchenfenster, da kommt er auf seinem Schwarzen angesegelt. Dicht vor den Fenstern hält er.

›Mine‹! ruft er, steigt aber nicht ab. Er ruft ›Mine‹ und noch mal ganz laut: ›Mine! mußt flink kommen!‹ Ich trockne rasch die Hände…eins zwei bin ich da.

Der junge Mensch, ich meine natürlich Franz, sieht sehr vergnügt aus, vergnügter, als es sonst seine Weise ist. ›Mine‹, sagt er, ›mußt flink zu Vater gehen. Er ist krank 284 und kein Mensch zu Hause. Ich reit hin nach dem Doktor.‹

›I‹, sag ich, ›krank? Und er ist doch ein so gesunder Mensch, der Herr Jurat. So schlimm, daß man nach dem Doktor muß?‹

›Ja‹, sagt er, ›nach dem Doktor. Er hat das Würgen. Du mußt ihn zu Bett bringen und Tee kochen und warmen Verband machen. Tee und warmer Verband sollen ihm schon gut tun. Lange dauerts ja nicht, dann kommt der Doktor.‹

›Ja‹, sag ich, ›dann will ich gleich hin … Wie ist denn das gekommen?‹ schlag ich so raus.

›Ja‹, antwortet er und sein Gesicht verändert sich auch nicht ein bißchen, ›ja‹, sagt er, ›ich hab ihm Gift gegeben … und genug … Wenn ich den Doktor nicht zu Hause treffen sollte, dann ist er hin.‹

›Gift!‹ schrei ich und bin so erschrocken, daß ich nur noch herausbringen kann: ›Das ist schlimm!‹

›Ja‹, sagt Franz, ›wie mans nehmen will … Gut ist es und schlimm‹ … Und schlägt bei diesen Worten mit seiner Reitpeitsche nach unserm kleinen braunen Teckel, der immer um uns herumläuft und dem Schwarzen nach der Schnauze springt.

Wie mans nehmen will … gut und schlimm, dacht ich. Was ist das für ein Schnack!

›Gehst also hin, Mine? Darauf kann ich mich doch verlassen. Nicht wahr?‹ wiederholt er und reitet im Galopp auf und davon.

›Komm, Schwarzer‹, hat er gesagt, als er die Sporen ansetzte. ›Nun gilts, nun gilts, nun wollen wir zeigen, was wir können.‹ Mit dem ist er auch schon bei der Biegung an Peter Wilhelms Weidenkoppel, und weg ist er. Ich hör ihn aber noch lang krabatschen.

Ich habe später daran denken müssen, daß er mir sagte: ›Gift! … schlimm? Nun, wie mans nehmen will … schlimm und gut.‹ Und daran, daß ich fragte: ›Wie ist denn das gekommen?‹ und er antwortete: ›Ich hab ihm Gift gegeben‹ und hinzusetzte ›und genug‹. In dem Augenblick, als ich es hörte, habe ich mir wirklich so Arges nicht dabei gedacht. Ich dachte, er hätte sich versprochen, oder es handle sich um ein Versehen. Was er eigentlich damit gemeint hat, das ist mir erst viel später klar geworden.«

In der Untersuchung ist von der Verteidigung in ihrer ›Defensionsschrift‹ die Vermutung ausgesprochen worden, es liege hier kein Verbrechen, sondern die Tat eines Wahnsinnigen vor. Wir werden es erklärlich finden, daß der Verteidiger diesen Vorstoß versucht hat, wenn man all die Unbegreiflichkeiten in dem Tun unseres Franz überdenkt, namentlich die Unbesonnenheit in seinen Äußerungen und in seinem Handeln, die einen geradezu auf den Gedanken bringen können, er habe sich der Obrigkeit verraten wollen. Alles das ist aber daraus zu erklären, daß Franz sich als Beauftragter himmlischer Mächte gefühlt hat. Im Vergleich zu der Höhe seines Standpunktes waren die etwa eintretenden weltlichen Folgen seiner Tat so klein und winzig, daß seine Gedanken darüber hinwegglitten.

Nach einem langen schönen Sommer und nach einer kurzen, kalten Regenperiode im August war ein köstlicher Herbst durchs Land gezogen, ›Weinlaub im Haar‹, ›Frieden in der Gebärde‹. Sonst war es um diese Zeit meistens schon naßkalt und ungemütlich, die Rinder brüllten vor dem Hecktor nach ihren Ställen, aber heuer, tief im Oktober, ruhte noch alles im friedlichen Schoß der Natur.

Der Weg nach der Stadt führte bei Dragensberg an einem berühmten Waldgelände vorbei, zuletzt an Wiesen mit verstreuten Baumgruppen. Da sah man Buchenstämme, vollendet rund und schön, die schimmernde Rinde schlangenglatt, vierzig Fuß und mehr der erste Ast.

Die hochgetragenen Kronen, das krause Laub, alles von resignierten Herbstgedanken und Sonnenstaub beschwert … rot und braun, wie von reifer Frucht gebogen. So standen sie. Vom blauen Himmel war Glanz gefallen; er hing an jedem Blatt. Wenn so ein Baumriese den schwanken Wipfel schüttelte, dann schneite es braune, wirbelnde, glückliche Schmetterlinge mild und müde in das grüne, von Falllaub farbig gesprenkelte Gras.

Das konnte ein Menschenherz erheben und erwärmen. Wie riesige Weihnachtsbäume hatte der liebe Gott seine Buchen ins Feld gestellt. Das Gold hatte er nicht geschont; es fehlte nur noch der weiße Baumwollschnee und die blanken Eiszäpfchen von Zucker.

Der arme Mensch aber, der auf seinem Schwarzen vorüberjagte, hatte solche Gedanken nicht, ihm war niemals ein Weihnachtsbaum auf den Tisch gestellt worden. Ihn erinnerten die in Sonne getauchten Bäume an Lichter. Er kannte kleine zum Hausgebrauch und große, qualmende Teerstöcke, wenn es eine Feier gab. Für seine Seele, in seiner Anschauung, wurden die Bäume zu flackernden Pyramiden. Und der liebe Gott hatte sie für ihn an den Weg gestellt, zu seiner Ehre. Und unserem Franz schien das nicht so unrecht gehandelt von dem lieben Gott. Er hätte auch nichts dagegen gehabt, es vielmehr in Ordnung gefunden, wenn bei seiner Rückkehr in der Nacht ein Erzengel mit einem Paar Leuchttürme, in jeder Hand einen, ihm durch den Wald geleuchtet hätte. Hatte er nicht Großes getan?

Er hatte gehofft, vor Sonnenuntergang die Stadt zu erreichen, aber das gelang doch wohl kaum. Die Sonne neigte sich mehr und mehr. Ihre Farben wurden prächtiger, die Strahlen versöhnlicher. Sie strichen milder in der Ebene hin, und verschönten und vergrößerten alles. Lags an seinen Augen, lags in der Luft? Alles wuchs groß und lebhaft auf. Der Fackeln, die ihn grüßten, wurden mehr und mehr. In der Nähe brannten sie riesengroß … in der Ferne kleiner, wenn auch noch immer gewaltig und mit stiller, ruhiger Flamme; am Horizont schloß sich die leuchtende Kette. Wo das Land sich senkte, flatterten leichte Geisterschleier um den Hag. Und wenn er vorbeiritt, erschauerte alles in Schönheit.

Die Sonne erreichte den Horizont nicht ganz, eine Wolkenbank schob sich herauf, aber im breiten Strom sprang das rote Sonnenblut in den Himmel hinauf und strömte auf die Erde hinab. Gott Vater selbst saß auf der Wolke in hehrer Majestät. Sein eingeborner Sohn zu seiner Rechten, und vor ihnen, Kopf an Kopf, das Heer der Getreuen.

Franz sah auch sich selbst. Er war nicht der Allererste vor Gottes Thron, aber in einer der ersten Reihen saß er doch. Und darauf hatte er gewiß Anspruch. Denn wer von allen hatte in Gottes Namen einen Vater vergiftet?

8

Bei dem Doktor wiederholte sich der Vorgang, der sich bei Frau Lemster abgespielt hatte, ins Städtische und Gelehrte übersetzt. Auch der Unterschied ist zu erwähnen, daß der Arzt nicht ohne weiteres annahm, er habe sich verhört. Der junge, düstere Mann kam ihm ohnehin wunderlich und unheimlich vor. Da er in eine eingehende Erörterung des Falles eintreten mußte, um zu wissen, welche Gegenmittel mitzunehmen seien, so kannte er nach fünf Minuten die äußeren Tatmerkmale und auch den Täter.

Er hatte einige Mühe, ruhig zu bleiben oder doch ruhig zu scheinen. Er tat aber so, als ob Franz nichts getan habe, womit er sich zu verkriechen brauche. »Ja, das ist gut, daß Sie sofort gekommen sind, da tut Eile not.«

Er setzte sich an den Schreibtisch und schrieb ein Rezept und noch einen Zettel, den er in einen Umschlag steckte.

»Sind Sie zu Pferde gekommen?«

»Jawohl, Herr Doktor!«

»Und füttern im ›Prinzen‹?«

»Jawohl, Herr Doktor!«

Der Doktor klingelte nach dem Mädchen, befahl, ein Rezept nach der Apotheke zu bringen und dem Kutscher zu sagen, daß er anspanne. »Und dann, Tine«, fügte er hinzu, »dieser Brief, der auch eilig ist.«

Von der Adresse des Briefes nahm Tine auf dem Hausflur Kenntnis und war befriedigt. Der Polizeimeister wohnte neben dem Apotheker. »Das ist ein Gang«, dachte sie.

Sie machte sich zum Ausgehen fertig und begab sich nach dem Stall. Der Knecht schmierte die Sielen ein und troff von Tran und Fett, versprach aber, in fünf Minuten vorzufahren.

Franz hatte inzwischen den Schwarzen im ›Prinzen‹ eingestellt und ihm Brot und Hafer ausgewirkt. »Der Gaul hats schlimm gehabt«, sagte er zu dem Hausknecht, »hat auch heut abend noch einen tüchtigen Gang vor sich. Paß gut auf, es soll dein Schade nicht sein!«

Zu Hause sah Franz immer selbst nach, ob der Schwarze erhalte, was ihm zukam. Hier im Wirtshaus glaubte er dazu kein Recht zu haben; er blieb in der Gaststube, sich nach seiner sparsamen Weise an einem Glas Bier, etwas Butterbrot und an einer dunklen Ecke genügen lassend.

Die geräumige Stube war ziemlich besetzt. Die Gäste meistens Landleute, zum Teil aus Franzens Kirchspiel. Hinter der Tonbank stand der Wirt. In dem stickigen Zimmer summte eine auf mehrere Gruppen verteilte Unterhaltung. Der Wirt fragte, wie er es für seine Pflicht hielt, den neuen Gast aus.

»Na, Franz«, hieß es, »nach dem Doktor?«

»Jawohl, nach dem Doktor.«

»Hats der Alte nicht gut?«

»Nein, er ist krank.«

»I was! Ein so gesunder, strebiger Mann! Wo hat ers denn?«

»Im Magen und im Leib.«

»Hat wohl was gegessen, was nicht gut ist?«

»Das hat er, er hat Gift gegessen.«

Als Frage und Antwort auf diesen Punkt angelangt waren, verstummte das Summen. Wie das Krebsgeschwür alle Nachbarzellen verzehrt, so verzehrte das Gespräch, worin von Gift die Rede war, alle andere Unterhaltung.

»Gift!« rief der Wirt ganz erschrocken. »Was du sagst! Wie kommt denn dein Vater dazu, Gift zu nehmen?«

»Er hats nicht genommen, man hats ihm gegeben.«

»Gegeben? Wer denn?«

»Ich«, sagte Franz trocken und bestellte in demselben Zug zwei Zigarren zu einem Schilling.

»Ich«, hatte Franz gesagt. Der Wirt war über die Wendung, die das Gespräch genommen hatte, so entsetzt, daß er vergaß, seinem Gast die bestellten Zigarren zu geben.

Man hätte eine Stecknadel auf den Boden fallen hören können. So still war es.

Einmal wurde die große Stille unterbrochen, nämlich dadurch, daß Franz den Wirt daran erinnerte, er habe zwei Zigarren bestellt.

»Jawohl«, sagte der Wirt und gab die Zigarren, von denen Franz sich umständlich und gemütlich eine anzündete. Dann schlug das peinliche Schweigen wieder über die im ›Prinzen‹ Versammelten zusammen.

Die Uhr im Gehäuse schlug, sie schlug eine Vollstunde – In der großen Stille rollte und klang es wie erschütternde Klage.

Wenn ein Stein in einen Froschpfuhl geworfen worden ist, schweigen alle Sänger … Es ist gemeinhin ein mutiger Frosch, der sich wieder auf seine Sangesfreude besinnt.

Der mutige Frosch hieß Hans Trede. Er nahm das Wort und kam auf die große Wetterfrage. Ob das Wetter sich wohl noch lange halten werde, stellte er zur Diskussion, und die allgemeine Meinung ging dahin, das sei fraglich. Übermorgen sei Allerheiligen und »Allerhillgen sitt de Winter opn Tilgen«.

Da summte es wieder. Ein rechtes Gespräch wollte aber nicht mehr in Fluß kommen. Was gesprochen wurde, war mehr Hinquälen als Unterhaltung, obgleich es an dem Gemütlichkeitsrauchnebel einer deutschen Bauernwirtsstube nicht fehlte.

Franz glaubte die Stimme des Nachbarn Jürn Schütze, den er hinter dem Knick unfreiwillig belauscht hatte, zu hören. In der dunklen Ecke aber, wo es herkam, lagerte eine dichte Wolke, das Gesicht konnte er nicht erkennen.

Da Zeit verflog, allmählich empfahlen sich die Gäste, Franz saß vor einem leeren Glas und rauchte. Rauchte und grübelte und träumte vor sich hin …

Wir kennen die Gedankenrichtung des gutgläubigen Giftmischers und schließen daraus auf seine Betrachtungen. Diesmal trugen ihn die verstiegenen Phantasien nicht ganz so hoch wie sonst. Sie blieben an einem kleinen Bild idyllischen Glücks haften.

Seine irdischen Wünsche waren vor den Bewegungen der letzten Tage in den Hintergrund gekommen. Nun dachte er an Witten Struve. Er dachte an sie, wie alle seine Gedanken waren, mystisch und – sehnsuchtsvoll, aber auch mit einem geheimen Zorn im Herzen. Ihren Reizen und Liebkosungen gegenüber fühlte er sich machtlos. Was hatte das Mädchen für Augen! Franz war zornig auf sich, weil er dieser Macht nicht gewachsen war, zornig auch auf Witten, weil sie die Macht gebrauchte. »Aastüg ist all das Weibervolk«, murmelte Franz und … rauchte. Und saß schon lange vor einem leeren Glas … Außer ihm schien nur noch ein Fremder in der Stube zu sein. Der Wirt hätte wohl beide Gäste gern fortgeschickt. Er klapperte mit allerlei Sachen hinter der Tonbank und fing an, Gläser und Krüge wegzutragen und die Tische zu wischen.

Aber Franz dachte an Witten. Da fühlte er den Atem eines sich zu ihm in die Ecke beugenden Mannes. Es war ein Bauerngesicht, ein wenig roch es nach Schnaps … Jürn Schütze.

»Wenn du nicht für ungut nimmst, setz ich mich ein bißchen zu dir«, sagte Jürn, »und wir trinken noch ein Glas.«

»A, Detel«, rief er auf den Wirt. »Noch zwei Gläser!«

»Wenn wir die aus haben«, wandte er sich wieder an Franz, »gehen wir. Du bist wohl auf deinem Schwarzen hier?« fragte Jürn und fuhr nach Bejahung fort: »Ich bin zu Wagen.«

»Franz«, sprach er weiter, aber vorsichtig und ganz leise. »Ich weiß nicht, wie du vorhin dazu kamst, so was zu sagen. Das mußt du nicht tun. Ernst wird das just kein Mensch nehmen, aber die Leute denken sich was dabei. Und dann gibt es Schnack. Überall gibt es schlechte Leute. Sei vorsichtig, Franz, das sag ich dir!«

Er sog an seiner Pfeife und rückte seinem Bankgenossen, wenn möglich, noch näher. »Wie es gekommen ist«, flüsterte er, »weiß der Teufel. Aber es ist hier nicht richtig, es muß der Polizei was gesagt worden sein. War vorhin einen Augenblick in der Scheune. Da sitzen zwei Leute mit rotem Rand an der Mütze bei Friech auf der Futterkiste. ›Na‹, schlag ich so raus, ›polizeilicher Schutz?‹ Aber sie antworteten nicht, machten ein geheimes Gesicht. Nachher legte ich mit Friech meinen Braunen die Sielen im Stall auf. Da hab ichs gehört. Die lauern auf einen, den wollen sie in den Kasten stecken. ›Aber still und ohne Aufsehen‹, hat der Polizeimeister gesagt. Erst wollte Friech mirs nicht sagen, schließlich hab ichs aber doch erfahren. Die Polizisten warten auf dich, Franz. Weil dein Gaul im Stall ist, meinen sie, müßtest du ihnen kommen. Und weil es nun mal still abgehen soll, wollen sie lieber nicht in die Gaststube. Ich sag immer, die dümmsten Leute bekommen allemal die Amtsmütze auf den Kopf. Warum ich dir das sage? Wir sind Nachbarn und Dorfkinder, mein Matthies und du waren Schulkameraden, da hält man zusammen. – Nun weißt du Bescheid!«

Franz konnte den Sprecher nur wortlos ansehen.

»Du meinst, was dabei zu machen?« fuhr Jürn fort. »Willst auf einen alten Freund hören? Nichts für ungut, Franz, ich mag dich leiden, ich tus aus gutem Herzen.

Den Pferdestall kennst du, kennst auch den Krautgarten, der zum ›Prinzen‹ gehört. Du gehst gleich links durch die Küche, aus der Küche ins Freie und bist drin. An den Krautgarten stößt der Pferdestall mit der Rückwand. Da ist eine Tür. Ich habe sie losgekettet, als ich im Stall war. Es führt ein Steig, breit ist er just nicht, aber ein Pferd läßt sich doch durchziehen, nach einer Heckpforte. Die Heckpforte ist offen. Du gehst durch den Krautgarten und durch die Hintertür in den Stall, nimmst deinen noch immer gesattelten Gaul (die Zügel hängen ihm überm Hals), ziehst ihn durch die Heckpforte und bist in der Feldstraße. Und dann weißt du Bescheid. – Ich hab immer was für dich übrig gehabt, immer das Gefühl gehabt: der muß darunter durch. Und ist doch ein so guter Mensch. – Wie du nun dazu gekommen bist, so was, wie du vorhin sagtest, herauszuschlagen, das begreife ich nicht. Ich sag noch einmal: so was mußt du nicht tun. Man weiß nicht, was man davon halten soll, und es stellt dich, es mag gemeint sein, wie es will, stellt dich in ein schlechtes Licht.

Um kein Aufsehen zu machen, zwei Minuten sitzen wir hier noch beisammen. Dann gehe ich hinaus und lasse Friech anspannen. Und wahrend Friech und ich meinen Wagen zurechtmachen, reitest du von hinten weg.«

Zwei, drei Minuten also hatte Franz, sich mit der neuen Lage der Dinge abzufinden. Die weltliche Obrigkeit wollte was von ihm, sie wollte sich mit ihm, obgleich er ein Gottgesandter war, befassen. Es war lächerlich, aber er sah ein, daß ihm Unannehmlichkeiten drohten. Freilich: das Bibelwort, es solle dessen Blut wieder vergossen werden, der Menschenblut vergösse, das paßte auf ihn nicht. Menschenblut hatte er, auch wenn sein Vater starb, nicht vergossen. Ob es ein Gesetz gab für seinen Fall? Er wußte es nicht, er hatte sich niemals um Gesetze bekümmert. Einmal hatten in seinem Dorf ein Dienstjunge und ein Dienstknecht zusammen Geld gestohlen. Der Knecht hatte vierzehn Tage bei Wasser und Brot, der Junge fünfundzwanzig Hiebe bekommen. Alles das paßte nicht. Und ihm, dem vom Herrgott Berufenen, konnte keiner was anhaben.

›Aber, wird man mir glauben? Kann ich es beweisen?‹

Er kam zu dem Ergebnis, daß er Jürn Schütze hören wolle. Es tat ihm freilich weh, daß auch der für die Gerechtigkeit seiner Sache so gar kein Verständnis habe, und einen Augenblick meinte er, er müsse den freundlichen Warner, weil der annahm, es sei gar nicht wahr, daß er dem Vater Gift gegeben, berichtigen. Aber wie sollte er auch nur Jürn Schütze von dem göttlichen Auftrag überzeugen?

9

Er entwich durch die Feldstraße, und die Polizeidiener fanden das Nest leer. Aber Erzengel mit Leuchttürmen und Fackeln in der Hand hatte der liebe Gott ihm, als er nach Hause ritt, nicht an den Weg gestellt.

Vorläufig war es so übermäßig dunkel noch nicht. Der Mond war freilich nicht aufgegangen, aber ein prachtvoller Sternenhimmel… blinkende, stumme, viel sagen wollende Lichter leuchteten über der Erde.

Franz lockerte dem Schwarzen die Zügel und brachte sich rasch aus der Nähe der Stadt. Aber im Wald, da wurde die Straße schwierig. Da wären Leuchttürme am Platz gewesen. Die Baumfackeln, woran sich sein Auge, als noch die Sonne schien, erfreut hatte, verdunkelten jetzt seine Straße, und im Gehölz, wo sie sich über ihm zusammenschlossen, sah er keine Hand vor Augen. Im Schritt suchten Roß und Reiter ihren Weg.

Im Wald erloschen die Sterne, sie erloschen auch in der Brust unseres Franz. Wo war sein Stolz hingekommen, wohin seine Selbstgerechtigkeit? Was bedeutete es, daß seine Seele zagte, wenn er an das scheue Verstummen aller ehrlichen Leute dachte?

Polizei und Gericht waren auf seinen Fersen. Er hätte das eine geringe Sorge genannt, wäre der Glaube an sein Recht noch so fest gewesen wie vor Stunden, als er dem eigenen Vater den Tod bereitete. War es Schauder vor sich selbst, was an seinen Gliedern rüttelte?

Daß doch der Vater am Leben bliebe und gesundete! Wie glühend rang sein Herz, diesen Wunsch jetzt der verblendeten Seele ab!

Wie er dahinritt, wollte das treue Pferd links, Franz zog es aber rechts. Denn so meinte er sich auszukennen. Und das gehorsame Roß folgte. Im Walde verzweigten sich die Geleise, führten aber alle nach demselben Ausgang. Im Dunkeln war indessen eigentlich nur eines gangbar. Franz sah bald, daß er auf einen Nebenweg geraten war. Der Weg war tiefgründig, holperig, von geschwollenen Wurzeladern durchzogen. Das Pferd stolperte, Franz stieg ab und führte es am Zügel.

Plötzlich! … Franz riß seinen Rock vom Leibe und warf ihn dem Schwarzen über den Kopf. Das Pferd sollte nicht wiehern.

Er sah, sah Lichter, die er für Wagenlaternen hielt, und hörte – Wagengeräusch. Es fuhren Leute durch den Wald auf einem anderen Weg, der wahrscheinlich der richtige Hauptweg war, nahe an Franz vorüber. Er hörte Achsenstöße, Pferdeprusten und Zurückfallen der Räderschlacken ins Geleise. – Da blinkte es. Ein Etwas warf die Lichtstrahlen zurück. Was konnte das sein – Waffen?

»Brr!« sagte der fremde Wagenlenker. – Das Gefährt hielt, keine dreißig Schritt fern. Erst glaubte Franz, er sei gesehen worden, aber darauf deutete doch nichts hin. Ein schwerer, unbeholfener Mensch in schweren,, unbeholfenen Stiefeln (Franz hörte den Auftritt auf das Rad), in schwerem Mantel stieg schwerfällig ab. Das war der Landreuter, wie damals die Gendarmen genannt wurden. Das Handpferd hatte über die Stränge geschlagen, das sollte wieder in Ordnung gebracht werden.

»Wachtmeister«, sagte der andere, der auf dem Wagen verblieben war. An der Stimme erkannte Franz den Bauervogt seines Ortes. Hans Willem hieß er, hielt den Kopf gewohnheitsgemäß ein bißchen auf die Seite, war daher ›Willem mit dem schiefen Kopf‹ zubenannt.

»Wachtmeister«, sagte Willem mit dem schiefen Kopf, »Zweck, glaub ich, hat unsere Reise nicht. Er müßte ja mit dem Dummbeutel geklopft sein, wenn er nicht längst Reißaus in die Welt genommen hätte … weit weg, wo ihn niemand kennt. Hier finden wir ihn nicht, und auch nicht in der Stadt. Da muß man in dunkler Nacht, wenn alle Leute im Bett liegen und schlafen, da muß man im stockfinstern Wald herum kajolen. Und das für nichts und wieder nichts.«

Der Wachtmeister hatte das Geschirr in Ordnung gebracht, stand aber noch bei den Pferdeköpfen. »Ich glaub, Sie haben recht, Bauervogt. Aber umkehren, das geht nicht. Nun müssen wir durch. Vielleicht hat man den Bruder Franz in der Stadt schon im Kasten.«

»Ja, ja«, stöhnte der Schulze. »Es ist fürchterlich, gar nicht zu sagen … Wunderlich ist er ja immer gewesen, aber so was!… Das hätte doch kein Mensch gedacht, das ist doch wohl noch nicht dagewesen … Was soll daraus werden? Wenn er auch in die Welt hinausgegangen ist … Mit der Tat auf dem Gewissen kann er doch nicht leben!«

Der Wachtmeister hustete und schickte sich an, auf den Wagen zu steigen. »Es ist eine schlimme Sache, Vogt. Aber was hilfts?«

»Sie sind klug gewesen«, begann der Schulze wieder, »Sie haben Ihren Mantel an. Ich will es auch so machen, Wachtmeister. Mich friert ordentlich. – Brr! Wollt ihr wohl stehen! Brr! sag ich. A, Wachtmeister, wollen so gut sein und ein bißchen anfassen? … So ists recht, danke. – Was ich noch sagen wollte, Wachtmeister, Sie kennen ja die Gesetze. Was steht denn drauf? Was wird mit ihm, wenn man ihn kriegt?«

Eine kleine Pause, der Schulze zog seinen Überrock vollends an. »Dank vielmals. – Das ist besser, da hat man warm. Dann könnten wir ja so sachte weiter … Hü … hü …!« Der Wagen setzte sich in Bewegung.

»Ja, Bauervogt«, klang es zwischen Achsenstößen und Sielengeräusch hindurch. »Einen Kopf wird es dem jungen Mann jedenfalls kosten, und in einer Kuhhaut wird er zur Richtstätte geschleift…«

Franz hörte nicht mehr alles … »Nebenstrafen …« kam es dann wieder … »Wenns nach der ganzen Strenge des Gesetzes gehen soll, kann es gar. Rad…« hörte Franz noch und abgerissene Worte, die er nicht verstand, Stoßen des Wagens … Wenn Franz sich auf die Zehen hob, sah er noch Licht … klein, matt, immer matter… Dann war auch das weg.

Er lachte. Ihn, den Gottgesandten, auf einer Hürde zur Richtstätte … ihn schleifen, ihm den Kopf abschlagen …? Er war ein Tor, wenn er nicht auf Nimmerwiederkehr in die Welt hinausritt. – Es blieb ihm nichts anderes übrig. Mit Witten, mit ihr… Ja, mit Witten!

Aber solche Tat auf dem Gewissen? Was sagte Hans Willem? Kann man da noch leben und glücklich sein? ›Gewissen?‹ fragte er beinahe erstaunt,… ›was ist Gewissen?‹

Er konnte wohl erstaunt sein. Denn bisher war er bei allem, was er getan, im Recht gewesen, oder hatte sich doch im Recht gefühlt. Das Gewissen und er kannten sich nicht.

Er brauchte aber nicht mehr auf die Bekanntschaft zu warten. Denn das Gewissen war auf einmal bei ihm und redete mit ihm. Es lag in seiner Brust, es hämmerte in allen Pulsen, es flüsterte ihm ins Ohr.

Franz führte sein Pferd noch immer am Zügel, die richtige Straße zu gewinnen, und mußte auf die kleine scharfe Stimme seines Gewissens hören. Am Waldesausgang schwang er sich auf den Schwarzen, das Gewissen tat es auch und hatte noch immer sein Ohr. Es flüsterte ihm Sachen zu, die ihn grausen machten. Er spornte das Pferd. Im sausenden Galopp ging es dahin, aber das Gewissen behielt das Wort.

Welcher Abgrund, sagte es, scheidet dich von den Gerechten! Mals jagt dich wie ein wildes Tier. Man kündigt dir die Gemeinschaft. Man verhüllt sein Angesicht, wenn man von der Strafe spricht, die du erleiden sollst. Und wenn die ehrlichen Leute sich ausmalen, was du verdient hast, dann verreckt ihre Phantasie. Du hast in das Rechtsgefühl aller ehrlichen Leute eingegriffen, als hättest du jedem einen Vater vergiftet. Die Bilder, die du dir von deinem Amt als Rächer gemacht hast, erbleichen. Aber die Züge deines Opfers werden lebendig. Die wirst du überall mitnehmen, wohin du auch entfliehst. Nach einer solchen Tat läßt sich nicht leben.

»Sollte es nicht gehen?« stöhnte er, »weit von hier? Mit ihr, an ihrer Seite?«

Ihm war, als ob jemand lache.

Den sogenannten Dusenberg, eine Viertel- bis zu einer halben Stunde vor seinem Dorf, hatte er hinter sich, nun mußte gleich rechts der Weg kommen, der, ohne den Ort zu berühren, über das Wimmersberger Moor nach den Vierth führt. Eine verdorrte Tanne stand an der Wegecke, eben tauchte sie im Sternenscheine auf, da wurde er beim Namen gerufen. Es klang wie eine Kinderstimme und kam wie vom Weggraben her, aus dem Weggraben kroch denn auch der Rufer hervor.

»Edi, du?«

Sein verkümmertes Brüderchen war es, es kam zu warnen. Dem großen Bruder wurde, als er ihn sah, warm ums Herz: es gab also doch noch eine Seele, die ihn liebte.

Der Vater sei sehr krank gewesen, erzählte der Kleine, habe geschrien und gejammert, nun schreie er nicht mehr, nun sei er tot.

Da war es also … da war vollendet, was er gewollt hatte. Aber wie anders jetzt, wie anders sah jetzt das in himmlischer Sendung übernommene Strafgericht aus!

Er hatte das Pferd verlassen und hielt den Bruder im Arm. »Nein, Edi, sag nicht, daß Vater tot ist! Er wird schlafen nicht mehr bei Sinnen sein, aber nicht tot. Nicht wahr, du hast mich nur bange machen wollen, Vater ist nicht tot.«

Aber Edi blieb dabei, Vater sei tot, und Franz zweifelte nicht mehr. Vater sei schon tot gewesen, als der Doktor gekommen.

Nun ließ sich nichts mehr deuteln, Franz war ein Mörder. Er fühlte Enge und Krampf im Schlund, sein Herz schluchzte auf. Er war ein Mörder, verruchter als Kain; der erschlug nur einen Bruder, er aber einen Vater, – der in Wallung des Zorns, er mit Überlegung und Vorbedacht. Für und für werden die Züge seines Opfers vor seinen Augen sein.

Edi rüttelte ihn auf und zeigte nach dem Moor. Es war der einzige Ausweg. Da drückte er den Bruder an seine Brust, schwang sich auf den Schwarzen und sprengte die Straße hinab nach der Wimmersberger Heide.

Wie flogen die Hecken rechts, wie flogen die Hecken links, dürres Raschellaub und kahle Weidengebüsche, hundert Verzweiflungsarme gen Himmel emporgereckt. Dann kam freies Feld, und eine große Eiche streckte eckige Äste über den Reiter. Franz erbebte, er war auf der Galgenwiese.

Aber er schämte sich seines Schrecks. »Holla, Schwarzer, wir sausen hinüber!«

Aber der Schwarze zitterte und schnob – um Roß und Reiter floß heller Schein, er sah jeden Halm und jeden Stein und mitten in der Strahlenflut… eine Gestalt… eine Erscheinung … ein Frauenbild … die dunklen Locken gelöst, auf Hals und Schultern fallend.

»Mutter!« will er sagen, kann es aber nicht. Ihr Gesicht schön und sanft und lieb, wie einst. Sie breitet die Arme aus, sie will den von Gott und Menschen verlassenen Sohn, und liegt auch ein Vatermord auf seinem Gewissen, sie will ihn mit Mutterarmen umfangen.

War es Gedanke, war es Erscheinung? Er sah nichts mehr als schwarze Nacht, und in der schwarzen Nacht, auf schwarzem Pferd flog Franz über den verrufenen Fleck.

10

Hinnerk Steen kann nicht schlafen. Er liegt und liegt und zählt der Dielenuhr die Stunden nach. Die Uhr schlägt zwölf. Und der Schall rollt wie einst im Sparrenwerk. Es war ganz, wie es schon mal gewesen war. Nun kommt auch Pferdegetrappel und der Ruf ›Hinnerk!‹ und gleich darauf das Wiehern des Schwarzen mit den beiden nachklingenden Bauchstößen, und Hinnerk wird mit sich einig: du gehst nicht hinaus, es mag kommen, was will. Es fällt ihm ein, die Buttermilchstür ist nicht verschlossen, aber das ist einerlei: du gehst nicht hinaus.

Er hört Geräusch in der Mädchenkammer, Witten macht das Kammerfenster auf. Nun kommt es ihm: sollst doch mal sehen, ob Franz einen Kopf hat. Sollst mal aus dem Fenster gucken. Er tut, wie gedacht. Es ist wie damals … Der Mond scheint schräg über die Pappeln, der Schatten der Sodstange fällt auf den Pferdebug. Franz ist abgestiegen und zieht den Knoten fest.

Ob er wohl einen Kopf hat? – Ja, diesmal hat er einen, die Polkahaare gehen im Mondschein hin und her.

Bei Witten dauert das Geräusch fort. Sie ist dabei, aus dem Fenster zu steigen. Sehen kann Hinnerk es nicht, aber sie hängt am Pfosten, er hört das Geräusch der Pantoffeln. die einen Halt an der Mauer suchen und auf den Vorsprung des Fundaments treten.

Hinnerk weiß nicht recht, was er tun soll. Soll er wieder zu Bett gehen oder aufbleiben? Er zieht Beinkleid und Weste an und setzt sich auf die Bettkiste.

Witten und Franz sprechen draußen. Verstehen kann Hinnerk nicht, aber sie haben es wichtig. Einzelne Worte unterscheidet er.

»Witten, liebe Witten, tu es!« bittet Franz. Aber Witten spricht im brüsken Ton, wie ihre Art ist, wenn ihr an einer Person nichts mehr gelegen. Das tue sie nicht, sagt sie, um alles in der Welt nicht. Wie sie dazu kommen solle? Das sei Verrücktheit. Ohne die Mühle? Sie lacht kurz und höhnisch auf.

Aber Franz redet und redet. Es muß was Fürchterliches sein, was er redet. Witten kann immer nur rufen: »Gott, ach Gott! Das ist ja schrecklich!« Sie wird wohl gleich haben weglaufen wollen, er muß sie festgehalten haben. Denn auf einmal schreit sie wild: »Laß mich, laß oder ich schreie, ich rufe das Haus zusammen! Was willst du von mir, willst mich auch ermorden?«

In demselben Augenblick knattern auch schon Wittens Holzpantoffeln über das Steinpflaster. Die Buttermilchstür wird aufgerissen und wieder zugeknallt; der alte taube Mops in der Wohnstube schlägt an. Und bevor Hinnerk weiß, was vorgeht, stürmt das Mädchen in Leibchen und Unterrock zu ihm in die Kammer, hängt die Kette rasch über und fällt ihm verstört um den Hals. Sie fällt dem Knecht verstört, in Tränen aufgelöst um den Hals und fleht: »Und wenn er hier herein kommt, dann nehmen wir den Bettstock und schlagen ihn tot!«

Hinnerk hat Not, sie zu beruhigen. »Was ist denn? Sei ruhig, er ist schon weggeritten, ist schon bei Jürn Thun. … Das willst nicht glauben? Hör doch auf den Hund, der ihm nachbellt …« Nach einer Weile, als sie ruhiger geworden: »Und nun sag mir mal, was war mit Franz, was hat er dir getan?«

»Getan?« ruft sie. »Mir hat er nichts getan. Aber seinen Vater hat er vergiftet. Ach, du Guter, du bist immer so lieb gegen mich gewesen. Hätte ich doch dich genommen und mich nicht mit dem Fürchterlichen abgegeben!« Sie hing noch immer an seinem Halse und bedeckte Hinnerk Steen mit Küssen.

Wie wir Witten kennen gelernt haben, muß es zur Beruhigung gereichen, daß Hinnerk von der Sirene nicht umgarnt worden ist. Sie hat sich später mit einem Schmiedsgesellen verheiratet, ist mit ihm nach Hamburg gegangen, und kein Mensch weiß so recht, wo sie geblieben ist. Aber an dem Abend hat Hinnerk viel Liebes von ihr erfahren.

11

Die weiteren Schicksale von Franz in der Nacht und an dem darauffolgenden Tag sind nicht aufgeklärt worden. Er hat selbst nicht Auskunft darüber geben können. Den Schwarzen hat man tot in einem Hohlweg gefunden, Franz sah sich am zweiten Morgen in einem schmalen, von Knickhagen eingefaßten Feldwege. Er hörte Hundegebell, ab und zu krähte ein Hahn. Es mußte ein Dorf in der Nähe sein.

Ihn hungerte und fror. Ein nasser und kalter Nebel lag auf der Landschaft, lebenssatte Schwermut rieselte in Strähnen hernieder. Heckpforten öffneten rechts und links einen Blick in die graue Natur. Vor jedem Tor blieb er stehen und sah hinein. Wiesen waren es, die sich schon nach zwanzig Schritt in Nebel und Sumpf verloren. Graues, ausgereiftes Herbstgras, lange Binsen, ungezählte Maulwurfshügel – ein einförmiges, an Sterben und Vergehen mahnendes Bild. Mit einer gewissen Genugtuung stellte Franz fest, daß an dieser Welt mit ihrem Hunger, mit ihrem Frost, mit ihrem Nebel und mit ihren Maulwurfshügeln, namentlich aber mit den Menschen darin nicht viel verloren sei. Er war entschlossen, die Obrigkeit zu bemühen, ihm das Leben zu nehmen. Er hatte erkannt, daß sie ein Recht auf sein Leben habe, sprach sich auch ein Recht auf Strafe zu, er fühlte die Unmöglichkeit, weiter zu leben, er wollte als Unbedingter auf sein und der Obrigkeit Recht bestehen.

Er lehnte über ein Hecktor. ›Ich habe Lust, abzuscheiden‹, sagt er für sich. ›Ich will sterben, aber eine Seele möchte ich finden, die meine Tat kennt und nicht darauf bedacht ist, mich einzufangen, auch nicht die Flucht ergreift, die ein Wort für mich hat, das nicht weh tut. Und dann, ja dann …‹

›Ein menschlich Antlitz!‹ stöhnte er. Und wie er nach einem Menschen rief, da war sein Wunsch schon erfüllt, ohne daß er es wußte. Ein Mann stand auf der Wiese, Franz hatte ihn nur nicht bemerkt. Unter Haselgebüschen, woran kaum noch ein Blatt klebte, vor einer verlassenen Kuhjungenhütte stand der ersehnte Mensch. Es war ein in Lumpen gehüllter Landstreicher.

Franz stieg über den Schlagbaum und ging mit ausgestreckter Hand auf ihn zu: »Sei mein Freund!« sagte er.

Der Mensch in Lumpen nahm seinen Eichenknüppel fester und blieb stumm. Die dargebotene Hand nahm er nicht, mit bösem, buschigem Auge sah er auf den gutgekleideten Mann.

»Sei mein Freund!« wiederholte Franz.

Der Vagabund zuckte verächtlich die Achseln.

»Haben Sie Hunger?«

Ein leises Aufleuchten im Auge, kaum zu bemerken, und die bittere Antwort: »Ich habe, wenns interessiert, in vierundzwanzig Stunden nichts gegessen.«

»Gut, ich bin in gleichem Fall und habe Geld. Wollen Sie mit mir essen?«

Der Zerlumpte musterte den, der sein Wohltäter sein wollte, von oben bis unten. »Meine Papiere sind in Ordnung«, erklärte er finster.

»Ich frage nicht nach Ihren Papieren, ich frage um Ihre Kameradschaft.«

Der Landstreicher schüttelte den Kopf.

»Ich will Ihr Freund sein.«

»Spitzel!«

Da rief Franz mit Haupt und Hand den Himmel und die Wolken an: »Gib du, o Herr, daß meine Worte bis zum Herzen dieses Armen reichen!« Und zu dem finstern Fremden: »Ich meine es gut.«

»Es ist zum Lachen, junger Mann«, erwiderte der andere. »So grün, wie Sie denken, ist kein Mann, der in Lumpen geht. Wenn Sie hungrig sind und haben, was dazu gehört, weshalb gehen Sie nicht in den Dorfkrug und lassen sich geben? Ein Mann, der Silber in der Tasche hat, ladet keine Bettler zu Tischgenossen ein.«

»Sie wollen mich nicht, aber ich lasse Sie nicht. Ich komme im Namen dessen, der uns alle trägt. Sein eingeborner Sohn nahm Zöllner und Sünder zu Freunden, weshalb soll ich stolzer sein als er? Sie sind hungrig, ich will Sie speisen, Sie sind nackt und bloß, ich will Sie kleiden.«

Der Vagabund war nicht mehr so finster, er lachte. Er sah, daß Franz mit der Polizei nichts zu tun habe, er hielt ihn jetzt für einen Mann, bei dem es im Oberstübchen nicht ganz in Ordnung sei. Aber noch mehr als die Person interessierte ihn das, was in der Tasche dieses Mannes sein sollte. »Sie haben einen guten Kanzelton und sind gewiß von der schwarzen Zunft. Aber, daß Sie wirklich meine Freundschaft wollen, glaube ich nicht. Und von Fopperei bin ich kein Freund. Menschen, die das tun, was Sie sagen, gibts nicht.«

»Worte machen Ihnen nichts aus. Sie wollen Taten sehen und sind damit im Recht. Ich hätte nicht so viel reden sollen. Sieh, Freund, ich habe einen Gang zu tun, bei dem ich kein Staatskleid brauche. Gehen wir in die Hütte, wechseln wir unsere Anzüge. Figur und Größe passen; im übrigen können Sie nur gewinnen. Und dann (in seiner Tasche ließ er Silber klingen), ich brauche auch das nicht mehr.«

Und so geschah es. Der Bettler wurde ein gut gekleideter Mann, Franz ein Lump, und der Gutgekleidete ging ins Dorf und holte Lebensmittel. Und dann speisten sie in der Kuhjungenhütte.

Franz sprach ein kurzes Tischgebet. Dem wilden Mann, der an seiner Tafel lag, kam der Spott nicht auf, so echt war der Eifer unsers Helden.

»Und nun schlag ein! Sei mein Freund und sage ›du‹ zu mir, wie du es, als du klein warst, bei der Mutter tatest.«

Da schlug der andere ein. Vor Franzens rücksichtsloser Liebe zerschmolz die Schale, worin das wilde Gemüt sich verhärtet hatte. Zwar wehrte er sich noch und schämte sich zu zeigen, daß weichere Gefühle bei ihm sprießen wollten, aber schmelzen tat es doch.

»Weshalb sollt ichs nicht tun?« sagte er. »Bislang hab ich nichts Schlechtes von dir erfahren. Es sieht nun freilich jedes Kind: in deinem Leben ist was, das nicht stimmt. Doch das ist einerlei, ich bin auch keine reine Himmelsjungfrau. Vielleicht werd ich zum Nachtisch noch erfahren, was mit dir ist.«

»Du sollst erfahren. Und, wenn du alles weißt, dann will ich wieder fragen, ob du mein Freund.«

Der auf diese Weise halb Gewonnene war ein gewerbsmäßiger Einbrecher, ein sogenannter ›schwerer Jung‹. Er war Kaufmannsgehilfe gewesen, war der Versuchung erlegen, hatte Geld unterschlagen, hatte gesessen und nicht gleich einen ehrlichen Erwerb wieder finden können. Da hatte er sich einer Diebesbande angeschlossen.

Manches Jahr hatte er im Zuchthause zugebracht, immer wieder war er zu seinem Diebsgewerbe zurückgekehrt. Ursprünglich aus Not und Leichtsinn zum Verbrecher geworden, hatte ihn später auch der Wagemut gereizt. Er besaß etwas vom Stolz der Verbrecheraristokraten, so ganz außerhalb der gemeinen Bürgerwelt zu stehen. In der letzten Zeit war er ganz heruntergekommen; er hatte sich sogar an offenen Diebstählen beteiligt. Seine Bandenbrüder waren abgefaßt, nur ihm war es gelungen, zu entkommen. Nun lief er durchs Land, sich kümmerlich von Feld- und Hühnerdiebstählen nährend, und auf dem Weg nach einer Großstadt, da ein Mann seines Schlages nur dort sein Fortkommen finde. »Und hast du niemals Reue, niemals Bedürfnis verspürt, dich vor Gott zu demütigen, vor ihm Buße zu tun?«

Der Züchtling lachte. »Du bist ein richtiger … Mich vor Gott demütigen, vor ihm Buße tun? Weshalb? Warum vor ihm im Staub? Wenn er allmächtig ist – warum hat er die Welt so erschaffen, wie sie ist, eine Welt, worin es allerorten schwere Jungen gibt? Weshalb hat er mich nicht geleitet und geführt, daß ich ein ehrlicher Mann wurde? Und wenn die Schuld an mir und an meiner schlechten Seele liegt, weshalb hat er mir ein so schlechtes Herz, eine so schlechte Seele gegeben? Reue, Buße, Demut? Nein, lieber Freund, das tut mir leid, dazu habe ich keinen Grund.«

Eine trotzige Antwort, in Franz weckte sie den Wüstenprediger, fachte in ihm das rednerische Feuer an. Darum hielt er in seiner Lumpenkleidung auf der Binsenwiese angesichts schwarzer Maulwurfshügel dem schweren Jungen eine Strafpredigt, die dieser mit Erstaunen anhörte.

»Junge«, erwiderte der Angestrafte, »du verstehst es, bist nicht von gestern. Nun möchte ich aber auch wissen, was mit dir ist.«

»Mit mir? Ich bin ein Mörder.«

Der schwere Junge sah seinen neuen Freund lachend an: »Windmachen kannst du ebenso gut wie predigen.«

»Ich wollte«, erwiderte Franz, »es wäre nur Wind und Schall. Lege dich hin, Freund, meine Geschichte zu hören.« Und er erzählte.

Als er zu Ende gekommen war, fand der schwere Junge kein Wort. Vatermord, das rüttelte ihn … ›Den eigenen Vater hast du vergiftet?‹ wollte er sagen. Aber er zwang jedes Zeichen der Verwunderung zurück. Denn er empfand (er wußte selbst nicht, wie es ihn überkam) wirklich was wie Liebe für Franz. Es war lange, ach wie lange, daß jemand gut mit ihm getan. Wie lange war es her, daß Gefühle von Liebe und Freundschaft gegen irgend einen in ihm erweckt worden waren! Wie lange war es her, daß ihm etwas widerfahren war, das wie Wohltat ausgesehen! Er kannte sich und wußte, daß er hart und verhärtet und verbittert war. Vielleicht hätte auch er sich im Drange der Not in rascher Tat an einem Menschenleben vergreifen können, aber, Gott sei Dank, diese Gelegenheit, diese Notwendigkeit war niemals an ihn herangetreten. Menschenleben hatte er nicht auf dem Gewissen. Das war ihm in seinem Verbrecherleben immer wie ein Verdienst erschienen. Das wollte er, wenn wirklich was Wahres an der Fabel des Weltgerichts sei, gegen einen Berg von Sünden in die Schale werfen. Und nun hatte dieser junge Mann einen Mord, einen ganz vorbedachten Mord begangen, begangen an seinem eigenen Vater. Das galt. Armer Kerl! Wie mag einem nach solcher Tat sein!

Franz las ihm die Gedanken von der Stirn. »Du schweigst. Ist meine Tat so fürchterlich?«

»Schön ist sie nicht mein Lieber. Aber ich bin dir doch gut.«

»Sag mir, Freund, kann man nach solcher Tat noch leben?«

Der Einbrecher verstummte.

»Ich verstehe. Ich hab es mir schon selbst gesagt. Ich habe kein Recht mehr zu leben, und mag auch nicht mehr. Ich gehe, auf Gottes Gnade hoffend. Ich erhoffe sie aber auch für dich. Einer, der Mitleid mit anderen hat, wird sichs selber nicht versagen. Du wirst dich auch noch demütigen. Ich kenne deine Gedanken, sie sind jetzt schon Buße und nichts als das.«

Das Geld legte er in die Hand des Freundes: »Nimm, mir ist es nichts nütze. Dir aber helfe es auf den rechten Weg. Leb wohl!«

12

So ging Franz nach seinem Dorf zurück, dem Richter entgegen, in seiner Bettlertracht unerkannt und unbeachtet. Der Nebel war dichter geworden, er verhüllte die ganze Bettlerschmach. Franz traf wenige Leute.

Wenn sich im Nebel zwei Menschen im Heckenweg begegnen, es ist wie das Aneinandervorübergleiten von Schiffen auf weitem wildem Ozean. Jeder Wanderer trägt eine graue Wand vor sich her, die ihm wenige Meter Gedankenraum gönnt. Die Figuren, die Gestalten der Begegnenden sind wie das Schattenspiel auf der Netzhaut des Nebelgottes. Erst verwaschen und unbestimmt und grotesk, dann bestimmter, aber immer noch unbestimmt, endlich Rätsellösung, das mit fragend verhaltenen Augen vorüberstreicht. Man sieht sich noch einmal um, aber das Nebelmeer ist bereits über die Erscheinung zusammengeschlagen.

Franz ging lange in Wolken einher. Und als sich schließlich ein Wind erhob und die graue Wand hinwegnahm, stand er vor jedem Busch und Strauch, vor jedem Baum und fand des Staunens über all die Wunderwerke, woran er nun bald dreißig Jahre stumpf vorübergegangen war, kein Ende.

Mittags fiel Regen, dann kam die Sonne, und es war hell und windig, als er auf dem Grab der Mutter stand. Es war eine neue Grube ausgehoben worden, Franz wußte, für wen. Der frische Sand lag im Steig, er schritt darüber hinweg.

An der Mauer des Gotteshauses standen die schönsten Linden des Friedhofs im Herbstschmuck von weichem, biegsamem Gold. Der brausende Wind fuhr hinein. Da flog ein Goldblatt nach dem anderen um die Kirchenecke. Ein Gewirr von Schatten und Licht schob sich über die schmalen Fensterbogen, und zu Franz sagte der Wind: ›Geh in die Kirche und sprich mit dem Herrn deiner Seele.‹ Und wie er über den Fliesensteig des Gotteshauses ging, widerklangen seine Schritte vom Gewölbe.

Und das Gewölbe war ein Abbild desselben Himmels, der sich im Freien über ihn erhob. Es ruhte im Schoße der Gottheit und war in ewige Dämmerung eingelullt. Und hart und scharf fielen die langen Zeichnungen der Fenster auf die weißgetünchte Wand, windgeschüttelter, zerfließender Laubschatten lief darüber her. Für Franz waren es Irrwege gottentfremdeter Seelen.

Unter der Orgel stand der Altar des Herrn. Die braune Sammetdecke hatte lange Fransen. Ihm war sie das Bild der Sanftmut, der Langmut und der Liebe des himmlischen Vaters.

Der Altar stand im Schatten. Wie kam es, daß dorthin Licht verstäubte? Kleine, lebendige Glanzwellen liefen über die Perlenschnüre der Ränder. Franz sah es und deutete sichs als Verheißung himmlischer Gnade.

Der Giftmörder lag vor seinem Gott im Staub. Stunde auf Stunde verging. Die Sonnenfenster waren klein und matt geworden, allgemach leuchteten sie im Widerschein eines blassen Abendrots farbiger auf. Und matter und kleiner wurden all die blanken Punkte, die das Licht nicht eigennützig verbrauchten, sondern den weißen Kirchenwänden zurückgaben: die Orgelpfeifen, der heilige Johannes, das Taufbecken, das Marmorkreuz, der gemarterte Erlöser.

Die feine Stille des Nachmittags war in den dunklen Baßton des brütenden Abends hinübergeflossen; die schemenhaften Gestalten der Nacht machten sich auf, kamen vom Turme herab und aus den Ecken her, setzten sich in die Kirchenstühle, rafften die schwarzen Kutten um den mageren Leib und verhüllten ihr Angesicht. Franz sprach mit seinem Gott.

Wäre er bei wachen Sinnen gewesen, er hätte das schwere, ächzende Gangwerk der Kirchenuhr gehört, die im Glockenturm hing, er hätte auch die Schritte des Kirchendieners vernommen, der die Wände des Gotteshauses abmaß und am Türschloß hantierte. – Aber Franz sprach mit seinem himmlischen Vater.

Schließlich rüttelte ihn doch die Turmuhr auf. Er hörte ihr schnarrendes Geräusch. Wie ein in Beben und Zagen gefaßter entscheidender Entschluß der sündhaften Seele rollte und rasselte es von der Balkenlage des Glockengehäuses herab, ehe mit dem Glockenschlag die erlösende Buße erfolgte. Der letzte Schlag geriet kräftiger und bündiger, der Hammer traf derber. Und in dem alten Kasten summte es befriedigt über die Sühne des Sünders nach.

›Ich will die Obrigkeit nicht länger warten lassen‹, dachte Franz, erhob sich und ging. Aber die Tür, durch die er gekommen, war vom Kirchendiener verschlossen worden. Es war Abend, die Kirche lag einsam. Franz hätte sich nicht bemerkbar machen können, auch wenn er gewollt hätte. Da setzte er sich in den Stuhl seines Erbes, den Morgen zu erwarten. Ganz ruhig. Er konnte sogar an das grausige Gericht denken, das an dieser Stelle über den Spötter ergangen war. Er war getrost, wie es die Magd gewesen war. Er war zwar ein Mörder, aber Gott den Herrn hatte er nicht versucht. Er hatte vor Gott im Staub gelegen, mit dem Strafgericht der Spötter hatte er nichts zu tun.

In der Nacht zu Allerheiligen wiederhole sich, sagte man, der Spuk, und die Nacht brach heute an. Aber auch das schreckte ihn nicht, er war ganz Mut und ganz Ergebung.

Nun mußte sichs zeigen. Hatte der Schöpfer ihn verworfen oder in Gnaden angenommen? Überantwortete er ihn dem Bösen, oder hielt er die schützende Hand über ihn?

›Wer weiß, vielleicht schickt er mir gar einen guten, aus aller Wirrsal erlösenden Traum!‹

13

Um fünf Uhr stand Pastors Grete auf. Sie hatte die Küchenlampe angezündet, hatte sacht und leise den Eimer (sie war eine rücksichtsvolle Grete) genommen, war nach dem Brunnen gewesen und hatte die Tür offen gelassen: nun war sie dabei, den Herd anzuheizen. Da schrie sie laut auf, ein Strolch stand vor ihr.

Sie lief in das Schlafzimmer der Herrschaft, der Pastor aus dem Bett und im Schlafrock nach der Küche. »Was wollen Sie, Mensch? Wer sind Sie?«

»Ich bin Franz.«

»Franz? … Was für ein Franz?« Der Pastor konnte sich nicht gleich auf das Gesicht besinnen.

»Ich bin der, der seinen Vater vergiftet hat.«

Der Pastor, noch immer verständnislos und fassungslos: »Wo kommen Sie her?«

»Aus der Kirche, war dort eingeschlossen.«

»Diese Nacht?«

»Diese Nacht.«

Der Geistliche sah ihn mit großen Augen an. »Und wie herausgekommen?«

»Durch die Sakristei, die Tür war offen.«

»Und was wollen Sie?«

»Auf den Scharfrichter warten.«

»Schrecklicher … M…«, und noch einmal: »Schrecklicher … M…« – ›Schrecklicher Mensch‹, hatte der Pastor sagen wollen, hielt aber an sich. »Kommen Sie mit nach meiner Stube«, brach er ab.

In der Stube fuhr es dem alten Herrn doch heraus. »Schrecklicher Mensch, Sie wollen unserer Gemeinde das Schauspiel einer Hinrichtung geben, wovon man noch Jahre, ja ein Jahrhundert reden wird? Sie wollen den guten Ruf unserer Gemeinde untergraben? Wenn Sie nur weg wären: man würde es vergessen. Es würde Gras darüber wachsen. Aber nun kommen Sie und sagen: ›Ich warte auf den Scharfrichter.‹ Junger Mensch, meinen Sie denn, es ist eine so einfache Sache, sich köpfen lassen? Glauben Sie, Sie haben nur nötig, sich zu stellen, und dann gehts los – morgen, übermorgen? Meinen Sie, damit sind die Behörden so leicht bei der Hand? Wissen Sie nicht, daß da ein Untersuchen, ein Erheben und Inquirieren anfängt, bei dem sich die Seele im Leib umkehrt? Und haben Sie bedacht, was es heißt, den Kopf auf den Block zu legen?«

Der Pastor wurde beinahe komisch in seiner Erregung. Er war mit dem Übeltäter, der absolut gerichtet sein wollte, allein. Er hätte gar nicht nötig gehabt, aus der Küche zu gehen, denn Grete war nicht dahin zurückgekehrt, sie stand noch immer zitternd bei der Frau Pastorin in der Schlafstube.

Mit großen Schritten ging der Pastor im Zimmer auf und ab. Ohne recht zu wissen, was er tat, zündete er seine Pfeife an und rauchte. »Da hab ich gedacht«, sprach er halb für sich, »hab gedacht, der geht sicher übers große Wasser. Ja, ich will gestehen, gefreut habe ich mich bei dem Gedanken. Denn, was hat man davon, daß uns der Henker einen Besuch macht? Ein Menschenleben ist ein Menschenleben, wenns auch einem Mörder gehört. Und schade ists um ihn. Es war doch eigentlich eine Art Wahn, und es fragt sich noch, ob er dafür zu büßen hat. Und nun kommt der, ist eine ganze Gespensternacht hindurch in der Kirche, stört einen zur nächtlichen Stunde und sagt: ›Ich will gerichtet werden!‹«

»Hör mal, Franz!« wandte er sich an diesen. »Hast du just kein Geld und magst es nicht von Hause holen – ich geb dir, so viel wie ich habe. Tu mir den Gefallen und mach, daß du aus dem Lande kommst, und schlag dir den dummen Gedanken, den Kopf preiszugeben …« Er stockte, der Pastor wußte selbst nicht recht, woraus Franz sich diesen Gedanken schlagen sollte.

»Sieh, Franz«, fuhr er fort, und sah väterlich ernsthaft drein, »man hat doch nur einen, und den läßt man sich nicht gern nehmen. – Nun, du denkst ja auch nicht anders.« Er musterte den Anzug seines Gastes. »Die Verkleidung ist gut. Das andere kann ja nicht dein Ernst sein. Ich persönlich hab auch ja gar nichts mit der Sache zu tun, ich bin nicht Polizeibeamter, das ist der Kirchspielvogt. Also sag, wieviel brauchst du?‹

»Wenn ich an verkehrter Stelle bin, dann bitte ich um Entschuldigung«, erklärte Franz. »Geld? Geld kann ich nicht gebrauchen. Aber für Ihren guten Willen, für Ihre Menschlichkeit – Dank! Meine Kleidung habe ich mit einem Bettler gewechselt, ihm gab ich auch meine Barschaft. Mit einer Verkleidung hat das nichts zu tun. Solange ich noch lebe, will ich gern nach den Worten der Schrift tun. Die Obrigkeit soll das Schwert nicht umsonst führen. Auch meinetwegen muß es sein. Denn sehen Sie, Herr Pastor, jetzt bin ich heiter und sicher und froh, hab heute nacht sogar gute Träume gehabt. Aber diese Träume und das Gefühl der Zuversicht und des Friedens habe ich nur, weil ich mir vorgenommen habe, dem Kaiser zu geben, was des Kaisers ist. Und auch Gott, was ihm gebührt. Ich will keinen hintergehen. Es würde sich auch nicht lohnen. Denn … Sie wissens nicht … ich aber erfahre es an mir: nach solcher Tat kann man nicht mehr leben.«

Der Geistliche sah feierlich drein. »Tu, wie dir dein Herz gebeut. Du bist mein lieber Sohn. Wenn du die Kraft hast, dann geh zum Kirchspielvogt! Aber wie du dich auch entscheidest, ohne Trost und ohne ein gütiges Wort, ohne Trank und Speise lasse ich dich nicht.« – »Grete!« rief er zur Tür hinaus. »Grete«, befahl er, »heize flink in meinem Studierzimmer.« – »Da ist ein kleiner Kanonenofen, da wirds leicht warm«, wandte er sich an Franz. Wieder zum Mädchen: »Dann koch Kaffee und trag auf, was der Keller bietet. Und dann hol meinen grauen Anzug her.« – »Er ist mir ein bißchen eng«, redete er wieder gegen Franz, »er wird passen. Wir müssen uns aushelfen. Wenn man satt und warm ist und heile Kleidung anhat, dann hat man doch mehr Mut. Es ist auch würdiger. Satt und gut gekleidet, tut man einen schweren Schritt leichter. – Du bist heute mein Gast«, fügte er hinzu. »Vielleicht besinnst du dich anders und denkst, daß der liebe Gott dir auch so seine Gnade schenken kann. Dann bleibts bei meinem Angebot. Solltest du aber meinen wie jetzt, dann geh zum Kirchspielvogt! – Lieber Freund«, fuhr er fort und legte unserem Franz die Hand auf die Schulter. »Da stehst du mit einem gesunden Kopf auf graden Schultern und willst diesen Kopf der weltlichen Gerechtigkeit überantworten. Junger, tapferer Mann! Die Gnade des Herrn muß mächtig in dir sein, daß du das über dich vermagst. Es gibt nicht viele, die dir das nachtun. Ich war ein schlechter Geistlicher, daß ich dich flüchtig, dich schwach sehen wollte. Nun bin ich fast stolz auf dich. Vielleicht ist es besser, du bleibst deinem Vorsatz getreu und gehst zum Kirchspielvogt.«

Franz ging zum Kirchspielvogt.

Es verging etwa ein Jahr, da war er am Ziel. Franz wurde zum Tode durch das Beil verurteilt. Einige der Grausamkeit jener Zeit entsprechende schimpfliche und quälende Nebenstrafen wurden von dem Landesherrn gestrichen. Mit dem Einwand, daß Inquisit in Wahnsinn gehandelt habe, wurde der Verteidiger nicht gehört. Der Vorwand, Franz habe den Tod seiner Mutter rächen wollen, fand bei dem Gericht überhaupt keinen Glauben. Die Beweggründe suchte man in dem Verhältnis zu Witten und was damit zusammenhing, hielt auch erb- und habsüchtige Motive nicht für ausgeschlossen.

Von der Leichenuntersuchung der Frau Lisette wurde, als bei der Länge der Zeit zwecklos, abgesehen; bei Mutter Marieken ergab der Befund zur nicht geringen Bestürzung des Angeschuldigten, daß sie an einer Unterleibsentzündung, hervorgerufen durch einen Pflaumenkern, gestorben war. Er schien nicht einmal einen gerechten Grund gehabt zu haben. Der Gedanke stärkte schließlich aber nur seine Haltung. Er ging wie ein Sieger auf die Galgenwiese in die Arme seiner Mutter. Er kannte die Stelle. Der Gnade des himmlischen Richters fühlte er sich sicher…

Als Vater auserzählt hatte, gings an schwarzen, in Weidenbüschen vergrabenen Gruben und Lachen vorüber vom Berg hinunter, dem Dorfe zu. Wir kamen in runder Biegung um einen unbebauten Platz. Unter Eichen wogten zwischen Steinklötzen lange, gelbgrüne, harte Grashalme im Morgenwind, und Ziegenböcke, langbeinige, schwarzbunte Tiere, wüste Bärte am Kinn, kauende, kletternde, mit listigen Augen nach dem Wagen schauende Kobolde grasten sie ab.

Der ›Rattensteert‹ von Vaters Peitsche winkte heimlich hinüber. Gesprochen wurde nichts. Wir wußten: da war es gewesen. Ein Druck band die Gemüter; halb war es Andacht, halb Grauen, und noch lag es auf unsrer Gesellschaft, als die Hufe der Pferde das Steinpflaster des Dorfes schlugen.

Aber als der Knecht des Gasthofs, als Johann sichtbar wurde, da verschwand es. Johann lachte immer über das ganze Gesicht, und Johann lachte auch heute. Er hatte immer eine blaue Futterschürze mit Bändern aus Messingketten um und warf einen Besen in die Ecke, oder stellte rasch einen Eimer weg, wenn wir in das Dielentor einbogen. Johann rief immer und auch heute lachend:»Godn Morgn«, und den schwitzenden Pferden die Stränge zu lösen, machte ihm unsagbares Vergnügen.

Auf der Galgenwiese unter der Eiche, wo die Mutter den Ausgestoßenen, wo sie ihren Sohn in die Arme genommen hat, steht ein Granitstein. Das Schwert der Gerechtigkeit ist darauf eingemeißelt.

In des Baumes Krone aber wohnt das Rauschen der Liebe.