Um den Wegzoll

1

Der Bauervogt Hans Voß im Dorfe Warl schickte zum Zollwirt Peter Helling, er werde gebeten, Donnerstag nachmittag vier Uhr zu ihm zu kommen, um die Sache mit Hans Rohwer zu vergleichen.

Peter wollte nicht hin, aber seine Tochter Anna sagte: »Vater, das mußt du! Das gehört sich so, das schickt sich nicht anders. Und wenn du nicht kommst, erzürnst du das ganze Dorf.«

Peter Holling sah nicht gerade darnach aus, als ob er der Höflichkeit und Schicklichkeit auf Kosten seines Eigensinnes viel Spielraum gönne, aber der letzte von Anna angeführte Grund schlug durch. Er war Schenkwirt und Erheber des jetzt streitig gewordenen Wegzolls. Da war es ihm nicht einerlei, wie er mit dem Dorfe stand.

»Ich laß mich aber auf nichts ein«, sagte er, als er wegging.

»Da mußt du hin«, sagte des Steinhofers Mutter zu ihrem Sohne Hans Rohwer, als er die gleiche Einladung erhielt.

»Das versteht sich«, erwiderte dieser und setzte hinzu: »An mir solls nicht liegen, wenn nichts zustande kommt.«

»Du bist hitzig gewesen, Hans«, bemerkte die Alte.

»Das bin ich«, entgegnete Hans Rohwer. »Das will ich gern bekennen. Aber wie sagt das Sprichwort? ›De ni doll warrn kann, daegt ni.‹ Ich meine auch, der, dems bei gewissen Sachen nicht überläuft, der hat keine Ehre.«

»Denk an Anna!« rief ihm die Mutter nach, als er das Haus verließ.

Das Dorf bestand aus verstreuten Einzelgehöften, der Bauervogt Hans Voß wohnte ziemlich weit weg, der Steinhofbauer mußte an der Warler Mühle vorbei. Die Warler Windmühle gehörte dem Vogt zu eigen, er hatte selbst das Handwerk gelernt, wenn er es jetzt auch durch Gesellen betrieb. Hans Rohwer hatte den alten Vogt noch im Mülleranzug gekannt und war als Knabe mit ihm zur Mühlenkappe hinaufgestiegen.

Hans Rohwer dachte daran, als er bei der Mühle angekommen war; die Luft war schwül und schwer, Verlangen nach Höhenluft erwachte, er zog seine Uhr: ›Es ist noch Zeit, ich will mal auf die Galerie.‹

Es war Windstille, die Mühle, in der Schere stehend, sah mit ihrem Kopf, mit den Flügeln wie ein großer Vogel aus, der fliegen will. Hans Rohwer wußte noch von seiner Knabenzeit her, daß immer ein Glanz, eine Art Morgenröte auf ihrer Stirn liege; noch jetzt stand ›Aurora‹ mit langen gelben Buchstaben hingemalt an der Kappe.

Vom Mühlenberg und zumal von dem in ziemlicher Höhe rund um den Bau laufenden Wandelgang aus hat man die schönste Aussicht. Die Landschaft huldigt dem, der auf dem Berg und auf der Mühle steht und ihr die Ehre antut, sie zu besehen. Feld und Wiese und Wald und Höfe und Häuser werden durch die Ergebenheit gegen ihn zusammengehalten. Sie liegen zu seinen Füßen, ihm zu Liebe zeigen die fließenden Moore und Wiesen ihre Größe, ihre Freiheit, und dehnen sich, ihm zu Willen.

Prächtig hingerollte Felder und hinter den Koppeln das große Moor. Unmittelbar hinter den Koppeln? So scheint es. In Wahrheit ist aber noch ein ziemlich breiter, von den Knicken verdeckter Wiesenstreif dazwischen.

Nach dem Moor zu liegt auch Hans Rohwers Stelle, der Steinhof, ebenso seines Gegners Besitz, das Zollhaus, nicht nahe beieinander, aber beide am Rande der nach der braunen Steppe abfallenden Koppeln. Und beide in einer Gebüschwolke, die Steinhofwolke in breiten Formen (da herrschen Eichen vor), die Zollhauswolke in gefederten Linien (da streben rasche, ungeduldige Pappeln in die Höhe).

Gleich hinter dem Zollhaus ist die Aubrücke. Man sieht den mit Weidenstümpfen besetzten, nach dem Kirchspiel Schönmoor hinüber führenden Weg.

Wie ist die Luft so warm und schwer! Nach Schönmoor zu ballt sichs blauschwarz.

Die Straße lang und weit und gewunden über das Moor hinführend.

›Das ist der Unglücksweg‹, dachte der Bauer, ›das ist er‹.

Hans Rohwer sah lange hin, und wie die Straße so wand sich auch sein reuevoller Sinn.

Es war kein einfacher Weg. Anfangs verfolgt man noch seine Baumzeile, bald wirds ein Gewirr, denn rechts und links zweigen sich Torffuhrwege ab, und alle sind wie der Hauptweg mit Weiden bepflanzt.

Zwischen Steinhof und Zollhaus auf der Höhe glänzen gelbe Stoppeln. Das sind die Grenzfelder beider Höfe – die Meinerskoppeln. Die Meinerskoppeln bekamen einen langen Blick, machten sie doch ein Hauptstück seines Lebens aus. Ihretwegen ging er heute zum Vogt.

Hans Rohwer und Peter Holling hatten sich geschlagen. Unter eingesessenen Bauern war das, Gott sei Dank! in Warl selten; um so größer daher der Skandal.

Der Vogt war zu seinen Räten gegangen. »Da muß man einschreiten«, hatte er ihnen vorgestellt. »Wir müssen versuchen, es wieder einzurichten. Ob es was nützen wird? Peter Zoll ist eigensinnig, und Hans zuweilen hitzig, ich weiß nicht, wir wollens versuchen.« – »Wir wollens versuchen«, hatten die Dorfväter geantwortet.

Es tat wirklich not, den Versuch zu machen. Denn kam kein Vergleich zustande, dann mußte sich die zwischen Steinhof und Zollhaus eingetretene Spannung in einen Prozeß austoben, wie Warl ihn noch nicht erlebt hatte. Und die Warler waren doch immer so stolz darauf gewesen, daß sie nicht, wie gewisse Nachbardörfer, ihr Geld nach Advokaten und Gericht trugen.

Der Vogt näherte sich den Siebzigern, hatte aber noch immer sein volles, schwarzes Haar. Bei ihm stellten sich die würdigen Väter der Gemeinde pünktlich ein. Da kamen mit ihren silberbeschlagenen Meerschaumpfeifen die Weißköpfe Sievert Thun und Lüders Timm, ferner Koopmanns Timm (beide hießen richtig Timm Sievers, waren aber nach Vorbesitzern, die vielleicht ein Jahrhundert zurücklagen, Lüders und Koopmanns von Geschlecht zu Geschlecht zubenannt), da kamen die behäbigen Jakob Sierk und Klaus Harms, der magere Johann Rieper und noch ein paar Leute.

Die Frau Vogt hatte den großen Leuteeßtisch in die Stube stellen lassen, der Vogt setzte sich obenan, die andern nahmen rundherum Platz. Auch Hans Rohwer tat es auf Wunsch und tat es ohne Ziererei um so mehr, als er in Gemeindeangelegenheiten zur Vertretung gehörte. Er saß schon da, als der Zollwirt Peter Holling kam.

»Sett di hier mit ran«, lud der Vogt ein. Aber Peter Holling war dazu nicht zu bewegen. Er setzte sich in der entferntesten Stubenecke auf einen Stuhl. »Hier hör ik her«, wiederholte er hartnäckig. Schließlich, als das Nötigen gar nicht aufhörte, fügte er hinzu: »Da sitzt einer am Tisch, der mir nicht paßt.« Da war denn nichts zu machen, da ließ man ihn in der Ecke.

Des Bauervogts Ältester bediente die Kehlen der Männer mit Grog und ihre Pfeifen mit ›Schwefelsticken‹.

Das Wetter kam auf; man war mit der Frage, ob es wohl zum Ausbruch kommen werde, noch nicht fertig, da fuhr schon der fahle Widerschein des ersten Blitzes durch die verräucherte Stube. Und der Donner grollte.

Auch über den Vergleichsverhandlungen lag Schwüle. Der Steinhofer wollte, aber der Zollwirt wollte nicht. Als nun gar jemand, es soll Koopmanns Timm gewesen sein, die Unklugheit beging, Hans Rohwer zu loben, da war alles aus.

»Aber, Peter«, sagte Koopmanns Timm, »du solltest dich nur geben und auch was tun. Hans kommt dir genug entgegen. Man muß nachbarlich sein, und Hans ist ein so guter Mensch!«

Peter lachte, es sollte wenigstens Lachen sein. Beim Lachen zeigte er immer das obere Zahnfleisch. »Bin ich denn nicht gut?« fragte er.

»Das hab ich nicht gesagt, daß du nicht gut seist«, erwiderte Koopmanns Timm, »du bist so gut, wie wir alle sind. Eben sprach ich von Hans. Denn das muß doch jeder sagen, der ist gut, der läßt keinen im Stich.«

Das war zu viel, das konnte Peter nicht aushalten. Der Steinhöfer, der mit seinem breiten, sichern Gang, mit seinem großen Hof und all seinem Geld! In seinen eigenen Sommerroggen war er von ihm niedergeworfen worden, und noch all das andere. Und nun saß der mitten unter den Dorfältesten und ließ sich loben …

»Der, der?« schrie Peter und sprang auf. Mit langem Zeigefinger wies er auf ihn. »Der – der – der ist für die Hölle zu schlecht!« Peter suchte nach einem Bild, nach einem Unglücksfall, schrecklich genug, die Tiefe seiner Mitleidslosigkeit, seines Hasses, zu veranschaulichen. »Wenn der«, kreischte er, »wenn der im Moorgraben sitzt, ich zieh ihn nicht heraus.«

Das war ein starkes Stück. In der Moorkuhle, im Moorgraben sitzen, das war nach den in Warl landläufigen Begriffen ungefähr das schlimmste, was einem Menschen passieren konnte.

»Peter, Peter«, warnte der Vogt, »nimm din Wör in acht! Uns Herrgott wacht!«

Alle drehten sich nach dem Zollwirt um, als wollten sie sagen: ›Siehst du wohl? Noch immer lebt unser Herrgott‹. Denn es wurde ganz dunkel im Zimmer. Und als ein rascher Blitz seine Helle darüber warf, stand wirklich in den Mienen: ›Gott in der Höh bucht die Lästerworte.‹ Ein über das halbe Firmament hinweg grollender Donnerschlag wiederholte: ›Er trägts in seiner Hand!‹

Keiner sagte etwas, auch Hans Rohwer nicht, wenigstens lange Zeit nicht. Der Donner war verhallt und ein paar Minuten vergingen. Dann erst stand Hans auf, trat einen Schritt auf Peter zu und sprach. Er sprach mit dem angenehm klingenden dunkeln Ton seiner Stimme gutmütig, aber dabei ernst und eindrucksvoll: »Das meinst du nicht so, Peter. Du ziehst mich raus, ich zieh dich auch raus, es ist Christenpflicht.«

»In meinem Katechismus stehts nicht, daß ichs tu. Du tusts auch nicht.«

»Ich tus, denk an mein Wort, ruf nur, ich komm.«

»Du kannst …« Peter brauchte einen häßlichen Ausdruck.

Der Himmel nahm ihm das Wort, Blitz und Donnerschlag: das Haus erbebte, Fenster und Groggläser klirrten, die Pendeluhr stand still, des Vogts alter Köter kroch unterm Ofen hervor und fing an zu heulen.

Alle griffen nach den Mützen und eilten hinaus. Aber der Weg war eine Au geworden, ein wolkenbruchartiger Regen trieb sie zurück. Hans Voß rief seine Leute, Knechte und Mägde liefen verstört und eilfertig durchs Haus. Es vergingen ein paar Minuten, dann stand der Großknecht pudelnaß vor dem Vogt und meldete, Haus und Hof seien unversehrt, aber die Pappel am Backhaus liege auf dem Steinpflaster.

Der Regen hatte nachgelassen, die Bauern besahen den Schaden, staunten, besprachen alles, gingen wieder hinein und unterhielten sich weiter über den Fall. Man erzählte von andern Blitzschlägen, jeder kannte einen, aber man kam immer auf diesen zurück. Dem einen war gewesen, als ob es in der Nebenstube eingeschlagen habe, der andere hatte gemeint, die Scheune sei getroffen worden.

»Wo ist Peter?« wurde gefragt.

Vom Zollwirt war nichts zu sehen.

»Er hat seine Mütze genommen und ist nach Haus gelaufen«, berichtete Sievert Thun, »mitten im Regen.«

»Wegen der Nässe brauchts keinen Graben, besser kann der es auch nicht machen«, scherzte jemand.

Der Spaß fand keinen Anklang.

Der Streit zwischen Steinhof und Zollhaus hat, als alles erfüllt war, im Mund der Kirchspielskinder ein seltsames Aussehen bekommen.

»Sieh«, sagten die Leute, denen alles willkommen ist, ihre auf Lohn und Strafe gestellte Weltanschauung zu rechtfertigen. Man nannte sie die Frommen. »Seht«, sagten sie, »da kann mans wieder mal greifen!«

»Unsinn«, antworteten die anderen, die Weltlichen.

Wir schlagen uns zu keiner Partei, wir … erzählen.

2

Jetzt ist es lange her, aber als die Alten vom Rat zusammentraten, waren es erst wenige Tage. Es war um die Roggenerntezeit, nachmittags nach Kaffeetrinken, da ging Hans Rohwer zu Peter Holling, um ihm zu sagen, daß er, Holling, den Knick an der Meinerskoppel morgen früh ›dichten‹ (dicht machen, in wehrhaften Stand setzen) müsse, da er, Rohwer, seine Kühe übermorgen auf die Stoppelweide treibe. Die Knicke der Koppel waren zur Unterhaltung in Strecken abgeteilt, Peter Hollings Anteil hatte, wie Hans Rohwer gesehen, eine schlechte Stelle.

Hans Rohwer war ein Bauer, kaum vierzig, kräftig und breitschulterig, frisch und gesund. Er trug einen Naturhülsenstock und ging behäbig, breit und sicher dahin. Der Steinhöfer Bauer war im Dorf wohl gelitten und stand in hohem Ansehen. Vielleicht der reichste, war er nicht hochmütig, gönnte seinen Nachbarn Gutes und konnte auf ein Recht verzichten, wenn man ihm nicht ungehörig kam. Freilich, trumpfte man auf, wollte man ihm mit Gewalt was abtrotzen, dann wurde er eigensinnig und setzte sich auf die Hinterbeine.

Sein Verhältnis zum Zollhaus war ein gutes; er war der einzige Sohn der Steinhöferin, der Zollwirt hatte nur eine Tochter, im Alter paßten sie nicht ganz zusammen, aber man erwartete die Verlobung. So sagten einige; andere aber behaupteten, das sei ganz gefehlt, Hans Rohwer wolle überhaupt nicht ›freien.‹

Als Hans zum Zollhaus kam, war Peter gerade dabei, ein Fuhrwerk, das in der Durchfahrt hielt, anzuschirren.

Beim Zollhaus war Gast- und Schenkwirtschaft. Es lag am Kreuzweg, ganz ausgezeichnet. Zwei Einfahrten: die eine, deren mächtige Torflügel jetzt zurückgeschlagen waren, dem Fuhrmannsgast freie Fahrt zu geben, fing die Reisenden der Landstraße ab, die andere die, die den Weg über Aubrücke und über das Moor einschlugen. Im Schenkschrank hinter der Tonbank steckten weiche Tücher, die die Grog- und Bierringe fleißig von rohen Eichentischen wischten. Man sah nicht selten zufriedene Gäule, die Zäume auf den Hals zurückgeschlagen, aus den vorgesetzten Krippen futtern. Peter Holling hatte es gut, denn von den Wagen, die über das Moor fuhren, hob er nicht nur, wenn sie einkehrten, das Zehrgeld, sondern er brandschatzte sie auch noch, die einkehrenden sowohl wie die vorbeifahrenden, mit zwei Schillingen Wegzoll. Kehrte ein Fuhrmann ein, so pflegte er freilich Anwandlungen von Großmut zu bekommen und je nach dem Betrag der Zeche wortlos einen Sechsling (soviel wie ein halber Schilling), einen ganzen Schilling, drei Sechslinge oder gar den ganzen Wegzoll mit runden zwei Schillingen zurückzuschieben, während der Rest mit einem angenehmen Kling-klang in die immer mit Kleingeld gefüllte Hosentasche fiel.

Es gilt für unhöflich, gleich mit einem Anliegen herauszurücken, ganz besonders, wenn es heikler Natur ist. Deshalb kam Hans nicht sofort mit seinem Ansinnen. Als der Gast abgefahren war, begleitete er den Wirt nach der Au, wo Peter den Wasserstand feststellte, ob das Vieh noch zu trinken habe. Der zur Sicherung des Wegzolls angebrachte Sperrbaum lag schon jahrelang neben dem Pfahl, die Vorrichtung, womit Peter früher den Baum vor den Pferdeköpfen aufsässiger Fuhrleute niedergeschnellt hatte, war verschwunden.

»Soll das nicht wieder in Ordnung?« fragte Hans.

»Hat keine Eile«, erwiderte Peter. »Die Leute, die hier fahren, wissen alle, daß sie zu zahlen haben, und zahlen auch alle. Ich weiß die Zeit nicht, daß einer durchgebrannt ist. Wenn keiner da ist, halten sie still und knallen mit der Peitsche, bis jemand kommt.«

»Ja, wenn das so ist … will dir nicht wünschen, daß mal einer auf den Einfall kommt, nicht zu zahlen. Vor Gericht, glaube ich, kannst dus nicht durchsetzen.«

Wie Hans das sagte, erhielt Peter eine verdrießliche Miene. Er verstand überhaupt nicht viel Spaß. Er hatte zu viel Kleingeld eingenommen. Der ewig sickernde Strom hatte ihn geldgierig und rechthaberisch gemacht, es war ihm auf die Seele gefallen und hatte vieles, das einmal weich und frisch und jung gewesen war, zugedeckt.

Ja, die mit ihm jung gewesen, die kannten ihn anders. Er hatte damals freilich auch schon eine unternehmende Nase gehabt, aber doch nicht die Pfrieme, die jetzt in seinem Gesicht saß. So ist sie erst bei dem ewigen Geldschnüffeln geworden. Als er jung war, hielt er sich zu dem nun schon lange verstorbenen Hinrich Beckmann. Ein Durchgänger war er; wenn er getrunken hatte, fing er an zu kreteln und wurde ein Raufbold. Wenn in Schönmoor Jahrmarkt war und die aus Warl ihren Gesang anstimmten, das herausfordernde: »Lustig sind die Warler«, dann zogen sie beide, er und Hinrich Beckmann, die Jacken aus, bereit, jedem aus anderen Bauerlagen, der zu ihrem Gesang auch nur mit einem Auge scheel sah, hinter die Ohren zu schlagen.

Aber das war lange her. »Lustig sind die Warler« sang er nicht mehr. Dafür interessierte er sich nicht mehr. Jetzt hatte er Neigung, wütend zu werden, wenn man an sein Hab und Gut kam. Zum Beispiel jetzt, als Hans Rohwer sagte, bei Gericht könne er den Wegzoll nicht durchsetzen. Und er wurde, als er ›drang‹ dreinsah, mager und spitz wie ein Pfahl.

Er stand in den fünfziger Jahren und war ein dünner Kostgänger am Herrgottstisch. Etwas Greisengraues hatte seine Erscheinung immer gehabt, da machte es nichts aus, daß sein Haar schon Altersfarbe zeigte. Blauleinen und buntes Überhemd, ohne Rock und Mütze, das war seine gewöhnliche Tracht. Seine Hosen hatten starke Taschen, alle Wegzoll- und Vierschillinge fielen aus freiem Handgelenk hinein.

Als der Steinhofer gesagt hatte, bei Gericht könne Peter Holling seinen Wegzoll nicht durchsetzen, warf er giftig hin: »Dir tun wohl die paar Taler leid, die es dir kostet?«

Hans blieb ruhig. Er setzte den Knotenstock weit vom Leib und ließ seine Augen auf dem Zollwirt ruhen. »Nachbar«, sagte er, »von mir ist nicht die Rede. Ich komme darüber hinweg, hab bis jetzt noch gar nicht darangedacht, ob ichs sparen könnte. Ich hab nur im allgemeinen gemeint. Aber wenn dirs unangenehm ist, dann sprechen wir nicht davon. Ich kam, dir was zu sagen. Aber ich treff dich nicht bei Laune, da will ichs lieber schreiben. Mein Junge solls herbringen. Zu lange Zeit hats leider nicht, was ich sagen wollte. Adjüs, Peter.«

Nun kam Peter zur Vernunft. »Bleib, Hans!« rief er. »Nimms nicht gleich krumm, wenn der Ärger mal über mich kommt.« Er ließ nicht nach, Hans mußte mit ins Wirtszimmer und ein Glas Grog trinken.

Peter wollte gut machen, was er schlecht gemacht hatte, er steckte sein bestes Gastwirtsgesicht auf. Er geleitete seinen Besuch in die Schenkstube und war so nett, wie er konnte.

Seine Tochter Anna, die nach dem Tode der Mutter das Hauswesen führte, war im Schenkzimmer hinter der Tonbank. Sie sah es dem Vater trotz seines Lachens an, daß er sich geärgert habe oder doch erregt sei. Der schenkte nicht nur seinem Gast, sondern auch sich ein. Bei solchen Anlässen konnte es vorkommen, daß der Zollhauswirt zu viel trank. Strickend saß Anna und hörte auf das Gespräch der Männer, immer in Angst, daß etwas Unangenehmes passiere.

Mit seinem Nachbar stieß Peter an. »Nun wollen wir mal die Sache vernünftig bereden.«

»Ja«, antwortete dieser, »das wollen wir, aber erst will ich mein Gewerbe anbringen, ich könnte es sonst ganz vergessen. Und es hat Eile. Du mußt morgen die Meinerskoppel dicht machen, da ist eine schlechte Stelle, übermorgen jage ich hinaus.«

Das paßte unserm Peter nicht. Er mochte nicht gerne dicht machen, darin war er nachlässig. »Hm, hm!« murmelte er. Da knallte draußen ein Fuhrmann, der seinen Doppelschilling los sein wollte. Peter ging hinaus, den Tribut zu empfangen. Als er zurückkam, war er wieder ein guter Peter und sagte zu, er wolle morgen nachsehen lassen: »Ja, das muß ich denn … ja wohl tun«, kam es immer noch ein bißchen lang und gequetscht.

In dem Augenblick trat Marie Olfers, die bei Peter diente, ein und setzte den Männern zwei heiße Gläser hin.

»Ja«, sagte Hans, »daß du morgen in Meinerskoppel dicht machst, da kann ich mich doch drauf verlassen?«

»Da kannst du dich drauf verlassen«, erwiderte der Zollwirt.

Marie ging in die Küche zurück.

»Aber«, sprach Peter weiter, »nun wollen wir mal ganz vernünftig das andere bereden. Wie meintest du das eigentlich, als du sagtest, vor Gericht könnte ich mein Recht nicht durchsetzen?«

»Ja, Peter, ich meinte das so, wie ich sagte. Ich meine: ein Recht hast du nicht, und deshalb kannst du es nicht durchsetzen.«

Wie ihm das so trocken und dürr ins Gesicht gesagt war, da wurden Peter Hollings gute Vorsätze wieder vom Zorn verzehrt. Eine jähe Röte stieg in sein Gesicht. »Kein Recht?« fuhr er auf. »Dann stehl ich euch wohl die Schillinge?«

»Das sagst du, Peter. Ich hab das nicht gesagt.«

Dem Zollwirt schwollen die Stirnadern. »Wer was nimmt und hat kein Recht, der stiehlt, und wenn ich kein Recht habe, bin ich ein Dieb.«

»Ja, wenn du es wüßtest. Da du es aber nicht weißt und dich im Recht glaubst, nimmst du zwar etwas, wozu du vor dem Gesetz kein Recht hast, bist aber kein Dieb.«

»Was, ich ein Dieb? Das sollst du mir wahr machen!« Peter bog sich mit spitzer Nase zornig zu Hans hinüber und schlug auf den Tisch .»Zum Donner nochmal!« begehrte er auf.

»Vater!« rief Anna. Eigentlich bemerkten die Männer nun erst, daß sie nicht allein waren. »Vater!« rief Anna und legte ihren Strickstrumpf auf die Tonbank, »sei doch ruhig, sei doch vernünftig! So was, wie du sagst, hat Nachbar doch gar nicht gemeint und auch nicht in den Mund genommen.«

»Hast recht, Anna«, sagte Hans, »hast recht, brauchst aber keine Angst zu haben, daß wir in Unfrieden kommen. Dein Vater hat mir zugesagt, wir wollens vernünftig bereden. Und er wird sein Wort halten.«

Peter aber schrie seine Tochter an: »Was hast du hier herumzusitzen, wenn Nachbarn was miteinander auszumachen haben?«

Anna wußte, wenn Vater in solchem Ton redete, dann mußte man ihn gewähren lassen. Sie ging nach der Küche. ›Was soll das werden, wie wird das enden?‹ seufzte sie. ›Da kommt noch ein großes Erzürnen heraus.‹ Sie kannte ihren Vater: wenn man den Zoll in Zweifel zog, dann behielt er seinen Verstand nicht beisammen.

Von der Stube her hörte sie ihren Vater laut und aufgeregt sein Recht darlegen, und dazwischen Hans Rohwer. Aber dessen kräftiges, rollendes Organ blieb ruhig, allmählich schien auch ihr Vater sachter zu werden.

Hans Rohwer machte, so viel hörte sie, den Vorschlag, bei dem Amt um eine Entschädigung einzukommen und den Zoll aufzugeben. Aber das warf Peter Holling weit weg. Er wolle es so lassen, wie es sei, sagte er. So und soviel mal tags zwei Schillinge sei auch Geld.

Und darauf Hans: »Wunderschönes Geld, wenn dus nur kriegst. Aber wenn sich einer aufsetzt, kriegst dus von keinem mehr.«

»Donner und Doria«, hat Peter wieder geflucht, »da soll man mir kommen! Ich hab Papiere.«

In der Stube wurde ein Stuhl gerückt. Anna wußte: nun steigt Vater hinauf und kramt die alten Dokumente heraus, die in dem Wandschranke liegen, der über dem Bett eingetäfelt ist. Nun setzt er den Fuß wieder auf die Erde, nun faltet er die Papiere auf dem Tisch auseinander. Ein Reiben, ein Knistern. Hans Rohwer liest. Er liest die altgeheiligten Privilegien des Hauses, das vor Alter gelbe Dokument mit der Frakturschrift der ersten Zeile, mit den Arabesken um den Eingang: ›Wir, Friedrich der Sechste, König von Dänemark, Herzog…‹ und so weiter. Anna kannte die Papiere und hatte sie gelesen, da stand alles verbrieft und beurkundet, der Besitzer vom Zollhaus solle für ewige Zeiten das Recht haben, den Wegschoß von zwei Schillingen zu erheben. Daran ließ sich nicht rütteln, da brauchte Vater keine Angst zu haben, darin hatte Nachbar Rohwer unrecht.

Eine ganze Minute lang hörte die horchende Anna nichts. Hans Rohwer war still, er fing also an, sein Unrecht einzusehen. Über die Privilegien konnte er natürlich nicht hinweg, die mußte er lassen, auch, wenn er dreimal las.

Aber hör, Hans Rohwer spricht wieder.

»Leg die Papiere man wieder weg, Peter. Die kenne ich, das sind dieselben, die auf dem Amt liegen, wo sie jeder lesen kann.«

»So? – Na, nu!«

»Da kannst du nichts mit beweisen.«

»Nichts mit beweisen? Und hier steht ›für ewige Zeiten‹? Ich hab meine Brille nur nicht, aber da muß es stehen.«

»Ja, ja«, erwiderte Hans Stimme, »da stehts, aber hier steht auch was« – Anna sah es ordentlich, jetzt legte Hans seinen Finger auf die Stelle, wo was stehen sollte – »da steht was Lateinisches, und darin liegts.«

»Kannst du denn Latein?«

»Nein«, erwiderte Hans Rohwer. »aber ich kenn einen, der sich darauf versteht.«

»Affkatenstreiche«, brauste Peter auf.

»Vielleicht«, antwortete Hans Rohwer gleichmütig. »Ich weiß nur: seitdem das Amt Weg und Brücke bessert und wir dafür kontribieren, hat der Wegzoll keinen Grund mehr.«

»Affkatensnack!« kam es noch giftiger.

Ihr Vater stieß das heraus, wie er die Türklinke in der Hand hatte. Draußen hatte sich ein Fuhrmann gemeldet, den Wegzoll zu zahlen. Durch das Küchenfenster sah Anna, wie ihr Vater das Geld einkassierte. Er mußte einen Preußen wechseln und gab Kleingeld aus der Hosentasche zurück. Einen ganzen Berg schüttete er in die Linke und sammelte die Münze, die er brauchte, heraus. Und eine Weile blieb er stehen, die Hand an der Wagenleiter, mit dem Fuhrmann plaudernd. Das war seine Gewohnheit, er fühlte die Verpflichtung, für einen Doppelschilling höfliche Worte zu sagen. Wie die Ernte ausgefallen sei und ob man wohl gutes Wetter für den Rest und zum Düngerfahren und für die Saat bekomme. Diesmal blieb er aber länger als gewöhnlich. Wie Anna vermutete, um sich abzukühlen, sich zu besinnen. Er hatte auch Gründe, es mit Hans Rohwer nicht zu verderben. Ohne Rock und Mütze stand er am Wagen, die Sonne schien, aber der Himmel war bunt, Wolken segelten, es blies ein rascher Wind vom Himmel und wühlte dem ältlichen Mann in den Haaren.

Anna saß in der Stube, als Peter zurückkehrte. Sie hatte es für besser gehalten, zugegen zu sein, sie saß mit ihrem Strickstrumpf wieder hinter der Tonbank. Warum Hans den Brückenzoll wohl bestritt? Konnte er die Sache nicht gehen lassen? Vater hatte die zwei Schillinge immer gehoben, und Großvater und dessen Vater auch, vielleicht noch weiter hinauf. Und nun sollte das alles zu Unrecht geschehen sein? Anna erstarb sonst, wie alle jungen Mädchen im Dorf, in Respekt vor Hans Rohwer, denn er war klug und zum Heiraten nicht zu alt und stattlich, aber – nein, darin konnte sie ihm nicht recht geben. Zur Kosakenzeit ist ein betrunkener Soldat in der Dunkelheit von der Brücke in den Fluß geritten und mit seinem Pferd ertrunken, hat die Großmutter erzählt. Da hat die Brücke zum ersten mal ein Geländer erhalten. Früher sollen die vom Zollhaus die Brücke ausgebessert und den Moorweg unterhalten haben; zu Annas Zeiten ist das wohl nur wenig geschehen. Aber das alles ist ganz einerlei. Was weiß ein junges Mädchen von solchen Sachen! Die blonde Anna sah mit ihrem braun verbrannten netten Gesicht, als sie das dachte, mit blauen Augen sah sie sinnend und Antwort heischend aus ihren schon recht lang geratenen Strickstrumpf und auf ihre fleißigen Hände, als ob ihr von da der Wirrsale Lösung werden müsse.

Als Peter wieder hereinkam, hatte er ein verbindliches Wirtsgesicht, seine Tochter schien er nicht zu bemerken.

»Hans«, sagte er, »laß gut sein. Wir wollens lassen, wie es ist, und uns nicht erzürnen. Wenn ich zu viel gesagt hab, entschuldige, es war nicht bös gemeint. Da wird viel rausgeschmissen, was obenauf liegt. Wir wollen uns vertragen.« Er reichte seinem Nachbar die Hand.

»Bißchen grob warst, von Erzürnen weiß ich eigentlich nichts«, erwiderte dieser. Ja, in diesem Ton, wenn man ihm so kam, dann war er immer zu haben.

Peter spendierte zwei Glas. Sie stießen an und tranken das heiße Getränk. »Das nächste Glas zahl ich«, erklärte Hans.

Es waren zwei im allgemeinen nüchterne Leute, die tranken jetzt mehr Rumgrog, als für sie dienlich war. Bekamen rote Köpfe, und die roten heißen Köpfe schienen ihnen recht, denn sie waren des Friedens und der Menschenliebe voll.

Schließlich wollte Peter noch ein Glas auftragen, aber Hans wehrte ab: »Nicht mehr, nun ists genug, ich soll nur die ›Balance‹ halten, wenn ich nach Hause gehe.« Er suchte nach seiner Mütze, Peter wollte Anna sagen, sie möge suchen helfen, aber Anna war nicht mehr da. Man fand das Gesuchte schließlich auch ohne sie.

Im Zimmer war die Luft drückend gewesen, draußen fiel die Abendkühle ins Land. Sie tat den Männern gut, Hans Rohwer bewahrte gute Haltung.

Immer ohne Rock und Mütze, begleitete der Zollwirt seinen Gast, bis zum Hecktor von Jochen Vollstedt. Und redete und spaßte, und Hans redete auch, beide sprachen Lustiges, zwischen ihnen war eitel Frieden. Und sie reichten sich die Hände, als Hans Rohwer schließlich, wie immer in selbstbewußter Gradheit, sicher und breit wegging.

Er war schon eine ganze Strecke gegangen, da drehte er sich um. »Peter!« rief er.

Peter hatte über Jochen Vollstedts Heck gelehnt und bei sich gemißbilligt, daß keine Rüben gesät würden. Nun ließ er Heck und Rüben und schenkte dem Steinhöfer sein Ohr.

»Denk an die Meinerskoppel!« rief Hans. »Morgen muß es sein, übermorgen jage ich hinaus.«

»Wird besorgt«, kam es von Peter zurück.

Hans ging rascher, als es seine Weise war, seines Wesens und seiner Kraft noch getroster als sonst. Und getrost sah er der fliehenden Sonne nach, die weit hinten im Westen, wo das Meer an Büsums grüne Küste branden mochte, unterging. Erst meinte er, sie werde Wasser ziehen, aber die Wolken spalteten sich rechtzeitig, und rund und voll und rot ging der Ball hinab. Man hält das für ein gutes Wetterzeichen. Die Erfahrung hatte den Steinhofbauer sonst vor zu starkem Optimismus behütet, jetzt aber, wo ihm das Blut so kräftig und so warm durch die Adern floß, war er seiner Sache sicher.

»Es wird gut«, murmelte er, »mit dem letzten Roggen kann es glücken.«

3

Die Dorfkoppeln fielen nach der Niederung ziemlich jäh, doch hielt sich der vom Zollhaus nach Steinhof führende Weg auf der Höhe. Die daran liegenden Felder gehörten bis zu dem nach Süderau führenden Querweg (wo er die Biegung macht, setzt sich die Grenze an dem Knick der Meinerskoppeln fort), bis dahin gehörte das Land zum Zollhaus, auf der andern Seite war Steinhöfer Grund.

Jochim Vollstedt hatte freilich einen kleinen Acker dicht beim Zollhaus, und Henning Vollert hatte bei Störfetten eine Koppel im Zollhausland. »Die soll mir das Zollhaus noch mal teuer bezahlen«, pflegte Henning zu sagen. »Die stört dem Zollpeter die ganze schöne Harmonika, und das macht ihm Angst. Deshalb ist es auch ein Angstklave (Enklave), wie die Affkaten sagen.«

Henning hatte zu den Fremdwörtern ein eigentümliches Verhältnis, er liebte, aber mißhandelte sie und fühlte nicht, wie weh seine Bärenklaue tat. »Ich hab so ne Affektatschon, mich gut auszudrücken, und hab Schenie dazu«, pflegte er zu sagen.

Auf Henning Vollerts Störfetten lag der Buchweizen in Ackersenf, er sah mehr nach einem Lupinen- als nach einem Kornfeld aus. ›Was Henning wohl dazu sagt‹, dachte der Steinhöfer, da gewahrte er ihn selbst. Henning hatte sich gebückt, nun kam er in die Höhe, gelben Ackersenf in der Hand. Ohne Einleitung fing er mit Hans an:

»Sieh, Hans«, sagte er, »ich habe hier Buchweizen gesät, um agrikulturchemisch richtig zu handeln, aber da ist der böse Feind, will sagen die Trockenheit, die wir Anfang Juni hatten, gekommen und hat Unkraut, will sagen Kööken, was die Gelehrten sin Apis nennen, dazwischengeschmissen. Er hat geglaubt, mir damit Moleß anzutun und Schaden zu machen, aber diesmal hats nicht geglückt. Sieh mal, Hans, was für Viehfutter!« Und hielt dem Steinhöfer ein streng riechendes Senfbüschel unter die Nase.

Hans stimmte laut zu und dachte im stillen: es ist gut, wenn man sich zu trösten weiß und, falls es sein muß, Köök höher als Buchweizen einschätzt. »Godn Abend, Henning!« sagte er und ging weiter.

Nun war die Sonne untergegangen, und Abendrot brannte am Himmel.

Bei dem Weg nach Süderau hebt sich das Gelände. Über die Koppeln streichen freie Winde, man sieht über das Moor hinweg die blauen Höhen von Schönmoor. Goldweiden wachsen auf den Knicken, die Äcker heißen hier Hohenmichel.

Auf Zollhaus Hohenmichel bewegte sich etwas, es hob sich eine Form vom Abendhimmel ab, wie eines Mädchens breiter Sommerhut. Und als Hans Rohwer näher kam, stand ein Frauenzimmer am Hecktor.

»Deern!« rief Hans, »Deern Anna, büst du bat?«

»Ja, Nachbar«, scherzte sie, »Anna Holling heet ik, solang mi denken mag.« Es war des Zollwirts Tochter.

»Wir haben Flachs gespreitet«, sagte sie, »ich hab mal nachgesehen.« Sie trug ein Mieder mit kurzen Ärmeln und legte ein paar runde Arme auf den Schlagbaum.

›Ist doch ein verdammt hübsches Ding, die Anna Holling‹, dachte Hans. »Nun, wird der Flachs?« fragte er.

»Ja, lang dauert es nicht mehr, dann kann er auf die Brache.«

Hang Rohwer stand still, seine Augen beschäftigten sich mit Annas reinem Mädchengesicht.

»Ja, ja«, sagte er. »Es gibt Gegenden, ich weiß, in Hohn und Erfde über die Eider hinweg, da baut man keinen Flachs mehr. Sie könnens Leinen ebenso billig kaufen, sagen sie. Ja, kaufen können sie, es ist aber auch danach. Nein, da lob ich unsern Hanf und unsern Flachs und unsere alte Sitte.«

»Eigengemachtes hält besser«, entgegnete Anna.

Hans stand noch immer und sprach mehreres zum Lob der alten Sitten. Anna war nicht gerade blutjung, sie hatte aber ein so gutes Gesicht voll junger Mädchentugend. In ihrem Auge kehrte die Milde des Abendhimmels noch einmal zum Steinhofbauer zurück. Wenn es ihm nicht so lieb gedünkt hätte, so vor ihr zu stehen und mit ihr Aug in Aug zu sprechen: er wäre schon längst weitergegangen.

Anna sagte schließlich: »Wenn es nicht unlieb ist, Nachbar, dann plaudere ich mit dir längs. Ich hab einen Gang zu Schane Witt.«

Sie gingen nebeneinander her.

»Ich will man gestehen, Hans«, fing sie an und stand still so lange, wie nötig war, ihrem Begleiter mit stummer Bitte ins Gesicht zu sehen, »ich will man gestehen, ich hab beim Hochenwichel auf dich gewartet.«

»Das freut mich, Anna, das ist nett.«

»Ich will dich was bitten, Hans.«

»Das ist lieb. Wer bittet und fragt, hat Vertrauen.«

»Vater ist so aufbrausend, ich wollt dich bitten, ihm das nicht übel zu nehmen.«

»Wir sind als Freunde geschieden, Anna.«

»Und dann das andere. Hat Vater wirklich kein Recht auf Weggeld? Und all unsere Papiere, sind die für nichts?«

»Laß sein, Anna, es ist keiner da, der klagt.«

»Aber wenn nun einer käme, wenn nun einer nicht zahlte?«

»Ja, Anna, ich hab gesagt, ich glaube, dann ists zu Ende. Und das ist meine Meinung. Aber was weiß ich? Ich kann nur sagen, dann gibts einen Prozeß. Wie der ausfällt, weiß keiner.«

Anna rang die Hände. »O, Hans!«

»Was, Anna?«

»Ein Prozeß ist was Fürchterliches.«

»Ist nicht schön, ist aber auch ja nicht nötig.«

»Hans, darf ich sagen?«

»Sag!«

»Als ich in der Küche saß, da hörte ich so was, als ob du darum prozessieren wolltest. Und da bin ich so unruhig. Es ist ja nicht wegen des Geldes, wir könnens entbehren, es ist nur wegen meines alten Vaters. Du kennst ihn ja, er ist so zornig und so wunderlich. Er würde nicht darüber wegkommen.«

Hans Rohwer hatte ihr zweimal in die Rede fallen wollen: »Aber Anna!«

»Aber Anna«, sagte er, als er zu Worte kam, wo denkst du hin! Du hast ganz falsch gehört, da kannst du ganz ruhig sein. Ich denk gar nicht daran, zu prozessieren.«

»Wirst es auch nicht tun, Hans?« Anna Holling stand mit erhobenen Händen vor dem Steinhöfer.

Hans Rohwer wurde verlegen, er nahm seine Mütze ab und kratzte sich den Kopf. »Du fragst und fragst, Anna. Ich soll mich für alle Zukunft festmachen, und das, das siehst du ein, das kann ich nicht. Weiß ich, weißt du, was die Zukunft bringt?«

Sie standen unter den Eichen des Steinhofs, Hans faßte Annas Hände. »Begnüge dich, Anna, ich hätte bald Kind gesagt. Anna, gib dich damit zufrieden, ich denk nicht daran, dem Zollhaus das Weggeld abzustreiten, und werde es nie tun, wenn ich nicht dazu getrieben werde, wenn da nicht was Besonderes kommt.«

»Was müßte denn passieren, Nachbar, daß dus doch tätest?«

»Anna, ich möchts nicht erklären und nicht beschreiben, ich kann mir nichts denken, ich fühl es mehr, daß was ganz Undenkbares kommen müßte, etwas, was ganz unwahrscheinlich ist und sicher nicht kommen wird. Dein Vater ist ein Mensch, er hat, du sagst es selbst, seine Wunderlichkeiten, ich bin auch ein Mensch voller Fehler, habe auch Seiten, wo es weh tut. Und wenn ein Mensch die Besinnung verliert, tut er was, was er eigentlich nicht tun will. Laß es dir genügen, Anna, das wird sicherlich nicht geschehen.«

Er hatte ihre Hand nicht losgelassen und schüttelte sie, solange er sprach, auf und ab, zuletzt nahm er nicht nur ihre rechte, sondern auch die linke Hand. Wenn er etwas eifrig beteuerte, machte er es immer so.

Sie standen unter den Eichen des Steinhofs im Weg. Des Bauern Mutter saß am Fenster und strickte und lugte hinaus und sah alles mit an.

»Was hattest du mit Zollwirts Anna?« fragte sie, als Hans in die Stube trat. Sie blickte mit klugen Augen über die Brille weg: sie war eine alte, gescheite Frau.

»Nichts, Mutter, Anna wollte zu Schane Witt, da sind wir zusammen gegangen.«

»Und das Diskurieren und Händeschütteln? Das war ja ein Abschied wie nach Amerika!« Ein Lächeln lag um ihren Mund.

»Ja, das hatte seinen besondern Grund. Sie ist bange, ich fange mit dem Alten Prozeß an, weißt du, wegen des Weggeldes, und da hab ich ihr die Hand gegeben, daß das keine Not habe.«

Die Mutter strickte einmal herum. »Anna ist ein nettes Mädchen«, sagte sie.

»Ist sie auch.«

Der Strumpf wurde in den Strickkorb zurückgelegt. »Hans«, sagte die Alte, »nun hör mal zu! Sollte das nicht die Rechte sein?«

Hans schwieg eine Weile. Es gingen Gedanken durch seinen Kopf. Zukunftsgedanken und Zukunfsbilder. Weiber? hatte er bisher in Scherz und Ernst gesagt, Weiber? – die kenn ich. Eine, wie meine Mutter ist, gibts nicht mehr.

Er hatte einmal geliebt, da war er eben konfirmiert gewesen. Geliebt hatte er mit allen Fasern, und war bis in die letzte Faser hinein betrogen worden. Nun war er fertig.

Anna Holling war unter seinen Augen groß geworden. Sie war nicht die Schlechteste, aber Besonderes hatte er doch auch an Anna Holling bisher nicht gefunden. Vielleicht bis heute abend. Das war richtig; bei der Begegnung, die er eben mit ihr gehabt, hatte sie so gut ausgesehen und war so nett gewesen. Das Bild war ihm lieb, er mochte es nicht missen. Ihm war, als ob ihm was geschenkt oder ein Geschenk versprochen worden sei.

»Was schnackst du, Mutter?« rief er.

»Ja«, erwiderte diese eifrig. »Oft genug hab ich von dir gehört, du wolltest nicht heiraten, und oft hab ich dir gesagt: das ist nicht recht. Ja, ich hab gesagt, das ist Sünde. Sieh, du hast den großen Hof und Geld und Gut. Und das soll in alle Winde gehen? Die Rohwers vom Steinhof wohnen hier über hundert Jahre. – Ich bin alt«, fuhr sie fort, und der Haushalt geht über meine Kräfte. Schließlich sag ich: ich kann nicht mehr. Da komme ich aufs Altenteil. Du nimmst dir ein fremdes Menschenkind her und gehst schließlich, wie so viele, ins Garn. Ja, so wird es; wenn es eine darauf anlegt, euch zu kapern, seid ihr immer verloren. Und das ist nicht in Ordnung, ein Mann muß heiraten, nicht aber geheiratet werden. Und Anna … die kenne ich, die wirft keine Netze aus, und den Haushalt führt sie gut. Die ist echt. Zum Mann gehört die Frau, und zur Frau Kinder. Das ist überall so, das ist Gottes Ordnung und Gottes Bestimmung.«

»Sie ist siebenundzwanzig und ich bin elf Jahre älter«,, entgegnete Hans, um was zu sagen.

»Nun, ist das nicht wunderschön? Dein Vater war auch zehn Jahre älter als ich, und just so paßt es sich gut.«

»Soll ich Schenkwirt werden?«

»Bewahre! Das Zollhaus wird an Peters Schwestersohn abgegeben. Dann bleibts in der Familie.«

»Und wenn ich auch wollte. Weißt du denn, ob Anna will? Und daß Peter ›ja‹ sagt?«

»Na du!« Frau Rohwer schlug ihrem Sohn scherzend auf die Schulter. »Das ist zu albern, da antwort ich gar nicht drauf.« Die Steinhofbäuerin war stolz auf ihren vielbegehrten Sohn.

Sie sprachen noch lange, hauptsächlich die alte Frau. Als es spät geworden war, sagte Hans: »Was meinst, Mutter, kann Katrien noch ne Tasse Kaffee kochen? Ja? Dann schwarz und stark! Bei Peter bekam ich süßen Grog, bei Mutter süße Rede. Auf süßen Grog und süße Rede gehört bittere Bohne. Sonst stößt es einem auf, und man wird den Geschmack nicht los.«

»Jawohl, mein Sohn«, sagte die alte Frau und ging nach der Küche. ›Das wird!‹ dachte sie. ›Ich will mit ihr reden und ein bißchen vorfühlen.‹

Als Hans Rohwer im Bett lag, konnte er nicht gleich schlafen. Er mußte immer rechnen, was das Zollhaus wohl wert sei, wenn mans zum Bruderpreis an Peters Schwestersohn abtrete, und er mußte zweimal rechnen, weil er bald den Wegzoll mit in Anschlag brachte, bald nicht.

Schließlich schlief er aber doch ein und – träumte. Aber nicht vom Zollhaus und auch nicht von Anna Holling und von den Plänen seiner Mutter. Er stand immer bei Henning Vollert auf Störfetten im Köök und kam von der Koppel nicht herunter.

»Nein, Hans«, sagte Henning Vollert. »Nein, Hans, das weißt du nicht recht. Buchweizen ist eine Blatt- und Kolbenfurcht mit doldenmäßigem Anschlag, aber sin Apis ist als Furasche eksellent, wie nichts. Sieh mal, Hans, wie die Biester einhauen.«

Aber Hans sah keine Biester, er sah nichts als einen gelben Mädchenstrohhut.

In der Kammer des Zollhauses lag Anna Holling kalt und sanft und braun im geblümten Bett und dachte: ›Er ist so stolz, er ist so nett. Ob er mich wohl liebt, wie ich ihn liebe?‹

4

Als Peter Holling von Jochen Vollstedts Koppel nach Hause gekommen war, fühlte er sich schläfrig und müde. Er saß und gähnte, aß wenig und ging früh zu Bett: »Dat oll Drinken!« Man hörte ihn auf sich scheltend nach seiner Kammer gehn. Er schlief nahe am Dielentor, weil es ihm für den Wegzoll bequemer war.

Im Bett fand er nicht die gesuchte Ruhe. Alles, was er mit Hans Rohwer besprochen hatte, lebte wieder auf. Mit dem Brückenzoll kam er nicht zurecht. Wenn ihm der genommen würde – den Gedanken wollte er nicht ausdenken. Es verhielt sich so, wie Hans Rohwer sagte, es stand Lateinisches im Kontrakt, es konnte wohl sein, daß darin etwas enthalten war, was für heute sein Privilegium aufhob. Früher hatte das Zollhaus den Weg gebessert, vor drei Jahren aber, da hatte das Amt die Unterhaltung übernommen, ohne daß, wie es schien, der Brücken- und Wegzoll zur Sprache gebracht worden war. Die Unterhaltungskosten wurden auf die Amtsunkosten verrechnet; zu den Amtsunkosten trugen alle Amtseingesessenen bei. Es war also richtig, was Hans Rohwer gesagt hatte, auch die aus dem Dorf ›kontribierten‹ dazu. Aber, was ging das Zollhaus das an? Man hatte ihn nicht zu den Verhandlungen herangezogen, man hatte ihm nichts gesagt, deshalb ließ er es so, wie es war. Wenn das Amt den Weg machen wollte: ihm nicht zuwider. Er fuhr fort, Sand und Busch dahin zu bringen, wo es dessenungeachtet nötig schien; die Brücke hatte er alle drei Jahre geteert.

Daß er den Weg besserte, das schien die Amtswegebehörde niemals bemerkt zu haben. Vor der frisch geteerten Brücke hatte der Wegeinspektor einmal gestanden und hatte gefragt: »Wir streichen doch sonst alle Brücken grauweiß. Wie kommt es, daß diese geteert ist? Ich muß mal mit Bruhn« (Bruhn war der Distriktswegeaufseher in Schönmoor), »ich muß mit Bruhn sprechen. Nun, ein Teeren tuts am Ende auch, ist im feuchten Moor vielleicht besser als graue Farbe.« Dabei war es geblieben, er hatte mit Bruhn nicht gesprochen.

Seinem Nachbar Hans, als dessen Freund er geschieden war, mißtraute der Zollwirt wieder, als er im Bett lag. Der große Steinhofbauer paßte, das war ihm klar, nur die Gelegenheit ab, um selbst die Probe auf den Brückenzoll zu machen. Das war am Ende auch natürlich. Just so hätte Peter Holling, stünde er an des Nachbars Stelle, gehandelt; weshalb sollte dieser anders tun? Entschädigung vom Amt? Sich von Herodes zu Pilatus schicken lassen? Nein, darauf wollte er sich nicht einlassen. Der Verkehr war im Steigen, 32, sage zweiunddreißig Schillinge hatte der Zoll in den letzten drei Tagen eingebracht. Das war keine Kleinigkeit! Nein, das Recht wollte er sich nicht für ein Butterbrot nehmen lassen.

Endlich kam Peter in seiner Bettstatt zum Entschluß. ›Er ist beim Advokaten gewesen‹, sagte er für sich, ›ich will auch zum Advokaten. Mein Wagen geht ohnehin nach Delf, ich fahre selbst und mache den Umweg zur Stadt.‹

Am folgenden Morgen war Peter, bevor Anna vom Melken zurückkam, auf der Landstraße. Noch vor Mittag fuhr er von Delf durch die Stadt zurück. Den ganzen Weg hatte er geschwankt, ob er zu Advokat Paulsen, der galt für ehrlicher, oder zu Muth, der sollte geriebener sein, gehen wolle. In der Torfahrt des alten Walles änderte er seinen Plan; er wollte zu gar keinem Advokaten, er wollte zum Volksanwalt. Die Studierten – teurer sind sie, und wenn man heimkommt, ist man so klug wie zuvor. Das steckt immer voll von Bedenken und Bedingungen. Wenn sie den Mund auftun, dann scheints, als ob sie einem recht geben wollen. Nachher folgt ein Sermon, der alles zurücknimmt. Und der Bescheid, den man nach Hause tragt, ist schließlich so eingewickelt und umhüllt, daß man ihn kaum noch findet. Peter Holling knipste mit der Peitsche und sagte zu sich, oder wenn man will, zu seiner Fuchsstute: ›Wir fahren zum Volksanwalt Georg Heinrich Joens in Schönmoor.‹

Schönmoor lag am Weg, nicht weit auf der andern Seite des Moors, über das die Straße führte. Es war ein Kirchdorf, hatte eine Kirchspielvogtei, wo kleinere Sachen niederer Gerichtsbarkeit erledigt wurden. Georg Heinrich Joens machte sich als Parteivertreter dabei nützlich oder, wie mans nehmen will, unnütz, befaßte sich mit schriftlichen Eingaben und spielte den Volksanwalt.

Mitten im Dorf lag eine Bauernstelle, die nach den Gebäuden nicht gar umfangreich sein konnte, mit einem Vorgarten nach der Straße, dreißig Schritt vielleicht zurück. Ein Mann in den Fünfzigern hatte den Rock ausgezogen und war dabei, zu graben. Peter wechselte mit ihm die Tageszeit. »Ich wollte noch ein bißchen einsäen«, sagte Georg Heinrich Joens zu Peter, denn er war es selbst. Peter, der mit seinem Fuhrwerk im Wege hielt, billigte das. »Ich hätte gern ein paar Worte mit Ihnen gesprochen«, bemerkte er seinerseits. »Kommen Sie rein«, erwiderte Georg Heinrich Joens und steckte den Spaten ein. Der Zollhauswirt fuhr auf die Hofstelle.

Gewöhnlich haben die in Erzählungen auftretenden Volksanwälte rote, fette, klebrige Haare, sommersprossige Gesichter; Verschmitztheit, Niederträchtigkeit und Gemeinheit steht ihnen auf der Stirn. Ich muß um Entschuldigung bitten – aber so sah mein Volksanwalt, so sah Georg Heinrich Joens nicht aus. Joens, der nach wenigen Minuten in einem schwarzen, abgeschabten Tuchrock rauchend im Lehnstuhl saß und Peter Hollings Papiere las, machte mit seinem guten, offenen Gesicht den Eindruck eines ehrsamen, besser erzogenen Mannes. Und wenn auch die Augen auffällige Nachbarschaft hielten und die Stirn eng schien, so sprach das nicht gegen eine gute Gesinnung. Das war sicherlich kein in der Lauge abgebrühter Gauner, das war höchstens ein etwas bornierter Mensch. Wie ein kleiner Landpächter sah er aus, der mit seinen Mitteln haushalten muß. Und das traf buchstäblich zu. Er hatte ein Gut besessen und es verprozessiert. Das war so gut wie ein juristisches Examen, dabei hatte er manches angenommen und gelernt und gesehen, wie ein Advokat sich räuspert. Nun hatten seine Freunde ihm zu einer kleinen Pachtung verholfen, wobei er die Volksanwaltschaft im Nebengewerbe betrieb.

Während Georg Heinrich Joens die vergilbten Papiere entfaltete und durchlas, gingen die Augen seines Klienten über die großen und wohlbesetzten Bücherregale. So viel Bücher hatte Peter noch niemals auf einem Fleck gesehen, so viel standen, meinte er, nicht einmal bei Advokat Paulsen. Die Menge und das Alter der Einbände! Ob Joens die wohl alle durchgelesen hat? Peter nahm wahr, daß auf dem Rücken eines ganzen Berges langer Bände gedruckt stand: ›Gesetze und Verordnungen.‹ Gesetze und Verordnungen, das erweckte bei Peter ähnliche Gefühle, wie das verschleierte Bild zu Sais bei dem die Wahrheit suchenden Jüngling. Für ihn war Georg Heinrich Joens ein Isispriester, ein Bewahrer der Geheimnisse des geschriebenen Rechts. Ja, wer so viel Bücher hatte, der mußte ein grausam kluger Mensch sein.

Und der grausam kluge Mensch schlug mit der flachen Hand gewichtig auf die Privilegien und sah den Zollwirt mit treuherzigen Augen an. »Holling«, sagte er, »das ist ein schwerer und tiefer Kontrakt.«

»Ja«, erwiderte Peter. »Latein ist auch drin, und hier stehts.« Er bog sich nach dem Schreibtisch hin und zeigte den Satz mit dem Finger. »Könnt Ihr das verstehen, Joens?«

Joens warf einen Blick auf die Stelle und lachte. »Ich wär ein netter Advokat, wenn ich das nicht könnte.« Auf eine Übersetzung ließ er sich aber nicht ein. Er wiederholte, es sei ein schwerer Kontrakt, und da müsse er erst mal die Gesetze nachlesen.

Darüber war Peter Holling enttäuscht. »Wißt Ihr denn die Gesetze nicht ›buten Kopp‹?« fragte er.

Aber der weise Mann lachte wieder. »Was Ihr euch einbildet, Holling. Seht, das ist so. Es gibt welche Gesetze, das sind die echten, die das festsetzen, was selbstverständlich und nicht abzuändern ist, die weiß man aus dem Kopf. Ich will mal sagen …«

Joens holte sich die Pfeife wieder, zündete sie an und sann nach. »Na, ich will mal sagen, daß man seine Schulden bezahlen muß. Das ist so ein echtes Gesetz« sagte er gewichtig.

»Muß denn darüber noch ein Gesetz sein?«

»Nein, das ist nicht nötig. Und diese nicht notwendigen Gesetze, die sind eigentlich gar keine Gesetze, die nennt man natürliches Recht, die weiß ein Advokat ausm Kopf.«

Peter hatte sich bisher zugetraut, das auch zu wissen.

»Und dann gibts welche Gesetze«, fuhr Joens fort, »die meistenteils vernünftig sind und deshalb bei allen Völkern gelten und schwer abgeändert werden. Die hat man auch so am Band.«

Joens wollte das mit einem Beispiel belegen. Er lehnte sich zurück und paffte kräftig. Man sah es dem engen Kopf ordentlich an, wie es dahinter arbeitete und wie Verstand und Gedächtnis sich auf die Hinterbeine setzten.

»Es läßt sich schwer was finden«, sagte er ein bißchen mißmutig über seine aufsässigen Talente. »Nun, ich will mal sagen, daß ein Unmündiger einen Vormund haben muß. Das wird da hinein fallen. Das ist ja nur ein Exempel, aber ich habs anführen wollen. Bei diesen und solchen Sachen, da weiß man meistens auch Bescheid, ohne daß man die Gesetze ansieht.«

Wenn Peter Holling nicht vor einem Mann gesessen hätte, den er für gelehrt hielt, er hätte wahrhaftig geglaubt, was Alltägliches zu hören. Da er aber vor Georg Heinrich Joens saß, so war er gewiß, es stecke ein geheimer Sinn in den Worten. Aus diesem Grunde hörte er ehrfurchtsvoll zu und – bestaunte vorweg das ihm unbekannte Geheime.

»Aber«, sprach Gorg Heinrich Joens weiter, stand auf und ging rauchend und gestikulierend vor Peter Holling auf und ab, »und dann gibt es welche Gesetze, die als ein Singuläres, wie wir Juristen sagen, als ein Spezielles dem Natürlichen hinzutreten.«

Peter ging es wie ein Mühlrad im Kopf herum, und gerade weil es mit ihm rundum ging, freute er sich über den gestikulierenden Joens. Denn ein Mensch, der so hochtönende unverständliche Worte machen konnte, war sicher ein gelehrter Mann.

»Solche Gesetze«, schloß Joens, »die weiß kein Mensch ausm Kopf, die muß man, wenn ein besonderer Fall kommt, nachsehen. Ja, dann muß man in der systematischen und chronologischen Sammlung der Gesetze und Verordnungen« (seine Hand beschrieb einen Kreisausschnitt, worin die ganze Bibliothek an der Wand beschlossen war) »nachlesen, da muß man all die Bücher studieren. Und zu den speziellen Gesetzen gehören die, die in eurem Fall in Betracht kommen.«

Er nahm die Papiere in die Hand. »Ich sagte schon, das ist ein schwerer Kontrakt. Ah, Holling, seid so gut und sprecht in einer Stunde wieder vor.«

Im allgemeinen war der Eindruck ein guter, den Peter mit hinwegnahm.

Er überließ den gelehrten Mann sogar zwei Stunden dem Studium der singulären Rechte und Spezialgesetze und fuhr nach dem nur eine Viertelstunde entfernten Bostedt zu einer dort wohnenden Schwester. Er traf zur Kaffeezeit ein, bekam auch noch Lesefrüchte vom Mittag. Sein Schwager stärkte das Vertrauen zu dem gelehrten Mann, der inzwischen die unechten Gesetze, die allein welche sind, studierte, das Vertrauen zu diesem Mann steigerte er ungemein: »Der, der, der steckt fünf richtige Advokaten in die Tasche«, beteuerte er. Und er erzählte Geschichten von hohen Persönlichkeiten, denen der Mund von Georg Heinrich Joens aus Schönmoor gestopft worden war.

Der belobte Mann hatte seinen Spruch auch längst zurecht, als Peter zurückkam. Einiges hatte er noch zu fragen, aber es war wenig. Und dann schoß er los. Sachlich ging er zwar mit dem Gegner scharf um, in der Form aber blieb er mild, und wohlwollend sein Gesicht.

Im dunkeln, abgeschabten Tuchrock, das schwarze Haar leicht ergraut, ein wohlgenährtes und doch nicht zu fettes Gesicht, braune, freundliche, dicht zusammenstehende Augen mit dichten, schwarzen Brauen, eine stattliche Gestalt, im Lehnstuhl sitzend, eine lange Hauspfeife in der Hand, bequeme Filzschuhe an den Füßen, Blumentöpfe vor den Fenstern, die Sonne auf dem Schreibtisch, eine gelehrte Bibliothek ringsum. Und da sollte man kein Vertrauen haben?

Das Lateinische, lehrte er, heiße etwa: Da ich, der König, so gut gewesen bin, dem damaligen Holling ein Privilegium zu geben, so wird Holling auch gut sein. Er wird was an dem Weg und an der Brücke tun. Eine Verpflichtung, so, daß das Zollhaus es müsse, sei nicht ausgesprochen. Da nun das Zollhaus ohnehin bis in die jüngste Zeit was getan habe, so sei die Sache ganz klar: es dürfe kein Mensch ihm wegen des Privilegiums ›an den Wimpern klimpern‹. Joens drückte sich so aus, er war als junger Mensch in Berlin gewesen und liebte es noch immer, den Berliner zu markieren.

»Das Lateinsche«, fragte Peter Zollwirt sanft, »sonst führt das nichts im Mund?«

»Gar nichts, Holling.«

»Auch nicht, wenn es jetzt ein Amtsweg ist?«

»Geht uns gar nichts an.«

»Und das Lateinische hat da keine Fußangel?«

»Wieso, Fußangel?«

»Ich meine, daß da gesagt ist, wenn es so kommt wie jetzt, dann kann das Zollhaus nichts verlangen. Oder daß es doch so ausgelegt werden kann?«

Der Volksanwalt blickte auf seine Fingernägel und blieb drei Sekunden lang stumm. Dann sah er seinem Kunden voll und breit in die Augen. »Ihr könnt ganz ruhig sein, Holling. Euch kann nichts passieren. Ich setze meinen Kopf dafür ein.«

Peter Holling besah sein Pfand, das gut geformte würdige Haupt, und es gefiel ihm. »Nun bin ich zufrieden«, antwortete er.

5

Es ist nicht nötig, alle Einzelheiten des Gutachtens zu wiederholen; Peter Holling ließ zwei Taler in der Hand des klugen Mannes zurück und fuhr stolz und gehoben nach Hause. Ungewißheit und Zweifel waren nicht mehr. Mit Georg Heinrich Joens im Bunde, da fürchtete er das ganze Amt nicht, frei und sicher und siegesgewiß fuhr er dahin.

Es konnte ja auch gar nichts anders sein. Der Mann, der fünf Berufsjuristen, der Pastoren und Schullehrer festgekriegt hatte, der hatte es gesagt: Peter Hollings Recht, hatte er ausgeführt, sei ganz unantastbar. Mit seinem Kopf stand er dafür ein. Ein Kopf! Und was für ein Kopf! Der hatte noch einen! So dachte Peter.

Aber da fiel ein verdrießlicher Schatten in seine Seele. Er hatte die Meinerskoppel ganz vergessen. Das war bös, heute hätte es sein sollen, morgen wollte sein Nachbar auf die Stoppel jagen. Er mußte morgen einen Hüter stellen und zugleich den Knick bessern, das verdroß ihn sehr.

Langsam fuhr er weiter: Aber ist es denn ausgemacht, daß ich verpflichtet bin, dicht zu machen? Ist da ein Gesetz, das es sagt? Wo steht es geschrieben? Und wenn: ist es ein echtes oder ein unechtes, ein natürliches oder …? ›Singuläres‹ wollte Peter denken, er dachte aber das ihm geläufigere, für ihn ebenso unverständliche Wort ›schpezifischiertes‹. Rasch entschloß er sich, umzukehren und den klugen Mann zu fragen.

Peter Holling hatte Glück. Georg Heinrich Joens begegnete ihm kurz vorm Dorf. Das traf sich gut, der Volksanwalt ließ auch am Wegknüll mit sich reden. Über das Wagenschott weg beim Mergelloch, nicht weit von Krischan Lembkes Wirtshaus, wurde die Sache abgemacht.

Der Kluge schob den Hut auf den Hinterkopf und legte die Hand einen Augenblick an die Stirn. Und sprach dann einiges, was Peter Holling nicht verstand, Joens selbst auch nicht. Peter wollte aber ein Nein! er sei zum ›Dichten‹ nicht verpflichtet, und hörte auch ein Nein. Er wollte ganz sicher gehen und fragte deshalb, ob es ein Gesetz darüber gebe. Das verneinte der Mann am Wagenrad. Kein echtes, das gar keins sei? Auch kein ›schpezifischiertes?‹

»Ihr meint eine Spezialverordnung«, berichtigte Joens. »Auch das nicht.«

Nun war Peter zufrieden. Er fragte mit einer Handbewegung, der man ansah, daß sie nicht ernst gemeint sei, und mit einem Tonfall, worin der Zusatz lag: die Kleinigkeit wird mir doch nichs kosten? nach seiner Schuldigkeit.

Der wohlwollende, schwarzgekleidete Mann, die Hand an der Wagenleiter, verstand Handbewegung und Tonfall, überlegte im Fluge, was für ihn am vorteilhaftesten sei: den halben Taler zu nehmen, der ihm seines Erachtens zukam, oder sich das Ansehen eines uneigennützigen Mannes zu geben und mit dem Verzicht auf die vierundzwanzig Schillinge seinen Acker zu düngen. Ohne daß dem rechtlichen und wohlwollenden schwarzgekleideten Mann sein Gedankengang und sein Eigennutz klar wurden, ließ er seine Augen über Peters magere, streitsüchtige Figur gehen. Er kannte sich aus, das war ergiebiger Boden; der Mann, der hatte das Zeug zu einem Streithammel, der durfte nicht kopfscheu gemacht werden.

Georg Heinrich Joens verzichtete und erhielt dafür einen wirklich herzlich gemeinten Händedruck.

Nach diesem Händedruck fuhr der Zollwirt die Straße weiter von Schönmoor weg, an Krischan Lembkes Wirtschaft vorbei, hinunter nach dem Moor.

Der letzte Bescheid hatte ihn zufrieden gemacht. Er hatte ein entschiedenes Nein gehört, entschiedener, als es gesprochen worden war. Aber er wollte die Sache mit dem Knick nicht gleich auf die Spitze treiben. Die kleine Elsbe Thöm sollte so lange hüten, bis er mit dem Dichtmachen fertig sei. Auf der Meinerskoppel stand Sommerroggen in Halmen, und was für ein Sommerroggen! Wenn da Hans Nohwers vierzig Kühe hineinfielen – o je, o je!

Der kühle Abend kam und reinigte die Luft von dem feinen sandigen Staub der Tagesschwüle.

Bisher war Peter erst zwischen Knicken gefahren, dann ein Viertelstündchen auf freier Wiesenfläche, nun begann das Moor, die große, die schwarze, sommergedörrte, Torfgeruch atmende Ebene. Menschenleer. Am Horizont Aufleuchten eines Funkens, vielleicht das blanke, vom roten Gold der sinkenden Sonne getroffene Eisen des letzten Gräbers. Der ging, das schwankende Werkzeug auf der Schulter, nach Haus und Herd.

Vor sich unterschied Peter die feinen, blauen Linien der ansteigenden Felder seines Dorfs. Hier ein Punkt: das Zollhaus, dort ein Punkt: der Steinhof, im Hintergrund die Mühle. Aber rechts, da verlief das Moor bis zur Krümmung der Erde. Noch war die Sonne nicht untergegangen. Peter sah fragend nach der Wetterecke. Es sammelten sich Wolken, die Sonne versteckte sich, sie sprengte aber, just wie gestern, vor Untergang die Wand und ging rein und voll hinab.

Und als die Sonne hinabgegangen war, stiegen rasche Abendnebel. Die den Damm einrahmenden Weiden standen schon auf fünfzig Schritt in einem See. Der Weg ist gar nicht so ungefährlich, die Gräben tief und grundlos, wer da hineinfällt, ist geliefert, ohne fremde Hilfe kommt da keiner wieder heraus. Er sinkt in den Morast, selbst Schwimmer haben ihre Not. Die Unterirdischen lassen ihn nicht, sie ziehen ihn wie Blei hinab.

Ist nicht noch voriges Jahr Fritz Bock, der das Moor kannte wie einer, elendiglich umgekommen? Und wie viele Jahre sinds denn, als man die Leiche des Landstreichers barg? Er ist auf Gemeindeunkosten beerdigt worden, es ist niemals kund geworden, wer er gewesen. Und dann Dierk Trede. Peter war damals ein Halberwachsener, er hat mit angesehen, wie man ihn herausfischte. Alle waren mit Haken und Stangen ausgezogen, den alten Mann zu suchen. Sechs Stunden waren sie dabei und hatten nichts gefunden. Da sagte Krischan Göttsche, er diente als Knecht auf dem Steinhof, der sagte zu Mars Stamerjohann, der die Schusterei im Dorf betrieb, zu dem sagte Krischan: »Ich glaub, hier ist was, faß mal ein bißchen mit an!« Und Krischan und Mars zogen beide und zogen und – zogen. Peter sieht es noch. Es standen ein Dutzend Menschen umher, keiner sprach ein Wort. Das Wasser warf Blasen. Wie sie rieselten, kochend aufstiegen, knatterten, platzten! Da kam was Dickes. Was ist das? Wenn Peter jetzt daran denkt, graust ihm mehr als in dem Augenblick. Erst kam ein Bein mit schönen Schäftestiefeln und dann der ganze Dierk. Krischans Haken war in dem dicken Manchesterstoff fest geworden.

In dunkler Nacht über das Moor, ist eine eigene Sache. Alle Dämme sind bepflanzt, die Wege gehen bunt durcheinander. Die zur Torfabfuhr haben plötzlich ein Ende, ein Heck, ein tiefer Quergraben davor. Wenn man fährt, läßt man den Pferden die Zügel, die Pferde finden sich zurecht. Ob ihr Gedächtnis besser ist, ob ihr Geruchssinn mitspielt, ob sie einen sechsten Sinn haben – kein Bauer und kein Fuhrmann weiß das. Aber Bauern und Fuhrleute trauen ihren Gäulen zu, daß sie nach den heimischen Ställen oder dahin gehen, wohin nach ihrem Pferdeverstand ihr Herr will.

Peter überließ es seinem Fuchs, den Weg zu suchen. Und der Fuchs bog bald rechts, bald links ein, ging vorsichtig, wo der Weg schlecht war, und trabte, wo er fest schien. Einmal machte er aber auf gutem Wege langsamen Schritt und stand dann plötzlich still.

»Nanu?« Peter stieg ab. Es war ziemlich dunkel, es standen wenige Sterne am Himmel. Peter tastete um den Wagen herum. Der Gaul stand vor Heck und Graben.

»Hat sich der Fuchs verbiestert – wo bin ich?« fragte Peter, kannte sich aber bald aus. Er hielt vor seinem eigenen Moorteil, da hatte er vor einigen Wochen, als er aus der Stadt gekommen war, Torf geladen.

»Du bist ein dummer Kerl!« sagte er zu dem Fuchs. »Siehst du, damals, das war eine andere Sache. Ich hatte einen Bauwagen, und zwei Pferde hatte ich vorgespannt, und dann war es heller Tag. Nein, mein Junge, nun wollen wir gleich nach Haus und nicht erst Torf laden.«

Auf dem Damm konnte er nicht wenden, er mußte auf sein Moorteil fahren und die Sperrstangen des Hecks wegnehmen. Es war eine alte Sodstange darunter, die eiserne Eimerklinke klirrte, als er das Holz ungeduldig von sich warf. Es kam quer über den Graben zu liegen. Da ließ er es.

Peter Holling kam spät nach Haus, aber Franz, der Knecht, saß noch im Nebel unter den Pappeln und rauchte.

Bauer und Knecht spannten aus.

»Ist der Hafer ab?« fragte Peter.

»Der Hafer ist ab, es sind aber viel Disteln drin«, entgegnete Franz.

»Sonst was passiert?« »Nein!«

Franz hing das dem Fuchs abgenommene Buggeschirr an die Wand.

»Ja doch, die alte Trien Rohwer vom Steinhof ist hier gewesen.«

»Was wollte die denn?«

»Das weiß ich nicht. Sie hat mit Anna gesprochen. Schlimmes ists wohl nicht gewesen, sie lachten viel und Anna ist, als die Alte wegging, mit ihr längs gegangen.«

»So!«

Nach fünf Minuten war alles besorgt, der Fuchs graste im Wischhof, die Eulen, alteingesessene Eulen des Zollhauses, fingen an, in den Bäumen zu klagen, und Peter und Franz gingen zu Bett.

6

Die Nacht verging, der Morgen kam. Und kam taufrisch.

In den Pappeln und Linden sang und zankte und zirpte es, das Flüßchen hastete unter Büschen und Bäumen am Zollhaus vorbei, rauschte und plätscherte seine Melodien; alles atmete Frieden, und das Zollhaus wartete auf ein paar Brückenschillinge.

Da begab sich etwas, was in Jahrzehnten nicht vorgekommen war: es fiel vor Tag ein aus mehreren Gespannen bestehender Flüttgutszug in das Wirtshaus ein.

Der kam von hinten her aus Dörfern, die man nur dem Namen nach kannte. Er war den größten Teil der Nacht unterwegs gewesen und wollte weiter übers Moor. Mitgenommene Erfrischungen waren verzehrt, nun frühstückten sie im Zollhause, nun lärmte ein Dutzend mehr und weniger angesäuselter und angetrunkener Männer und Frauen im Zollhaus.

Die Reisestimmung war den guten Leuten über den Kopf gewachsen, die Fluggedanken waren von der Umwelt unabhängig geworden – nun kamen Züge an den Tag, die dem Alltagswesen der Braven gewiß fremd waren.

Um sechs Uhr trank man Kaffee. Die Männer gossen Rum hinein, eine bedusselte Frau strich dicken Senf aufs Brot und sagte immer: »Wat för schön Honni (Honig)!« Um acht Uhr tanzte man nach der Musik eines Kammvirtuosen: »Herr Schmidt, Herr Schmidt« – Peter hatte genug mit der Herbeischaffung von Getränken und Butterbrot zu tun. Um halb elf gerieten zwei Leute in Meinungsverschiedenheit, Punkt elf fiel der erste Schlag, eine Minute später war eine allgemeine Keilerei im Gange. Jäh auflodernder Zorn des Wirts, Aufkündigung des Gastrechts, wenn nicht sofort Ruhe eintrete. Darauf Ernüchterung, merkliche Abflauung. Man fing an, sich zu erinnern, daß man auch in der Fremde bei lustigem Flütten ein von den Außendingen abhängiger Mensch sei. Was besiegt schien und zur Vordertür hinausgeworfen war, schlüpfte zur Hintertür wieder herein.

Ein paar Männlein und Weiblein wurden unwohl, zwei von den gesund Gebliebenen standen Peter Holling bei, sie im Heustall zu betten. Und als endlich – endlich gegen drei Uhr nach Mittag die wilde Gesellschaft über die Brücke ins Moor hineinfuhr, lagen die Kranken in Pferdedecken gewickelt im Wagenstroh.

Die ganze Zeit war Peter beschäftigt gewesen, hatte nichts oder wenig gegessen. Nur zwei oder drei Grog hatte er in der Küche trinken können. Er war nicht betrunken, nur angeregt und ein ganz klein wenig gehobener als sonst. Übermenschentum ist erfahrungsgemäß ansteckend, ein wenig mochte auch unser Peter von der gröhlend davonjagenden Gesellschaft abbekommen haben. So fiel das Glücksgefühl, das den Geschäftsmann an seinem guten Tag beseelt, auf günstigen Boden. Es hatte ihn den ganzen Morgen erwärmt. Wer kennt es nicht! Die Bankhalter kennen es, die mit krummer Nase und mit krummem Lächeln auf krummer Lippe am Pult thronen und schmunzelnd sehen, wie das Volk sich an ihre Wechseltische drängt. Der Krämer kennt es, der einem Jungen eine Kanne Syrup einmißt und sechs Köchinnen mit Kontobüchern und Körben vor der Tonbank warten sieht. Auch Peter Holling kannte es. Abends pflegte er alles in die Schublade auszuleeren, was der Tag an Schillingen gebracht hatte. Das Glücksgefühl der Tagesgeschäfte maß sich im wesentlichen nach der Schwere ab, womit der kleine Silberballen in der rechten Hosentasche auf die Lende drückte.

Der Bauer des Märchens, der aus dem Glücksberg goldbeladen herauskommt, mißt seinen Schatz, um vorerst im Groben unterrichtet zu sein, mit dem Kannenmaß ab. Peter Holling tat es mit der Hand. Er stand hinter der Tonbank vor der offenen Schublade, die ganze hohle Hand voll Geld. Bevor er es hineinfüllte, fischte er mit den Augen die Taler, die Achtschillingstücke, die Vierschillingsstücke heraus und schätzte die breite Masse der Einzelschillinge und der silbernen Sechslinge. Es war wirklich ein guter Tag. Vier Wagen waren es gewesen, das hatte acht Schillinge Brückengeld gebracht – vier hatte er zurückgegeben und geschenkt. Eigentlich war es in diesem Fall Dummheit, das sah er ein, denn die Leute würden ganz gewiß den Moorweg niemals wieder fahren. Aber so ging es immer, er war eben zu gut für diese Welt.

Er war zu gut für die Welt, und über die Diele her kam jemand in vollem Trab, ganz eilig, kam förmlich gelaufen (die Röcke rauschten, es mußte ein Mädchen sein), der Jemand riß die Tür zur Schenkstube auf, und vor dem glücklichen und tugendhaften Peter Holling stand das Kleinmädchen, stand Marie Olfers, rot und heiß und aufgeregt und rief: »Uns' Weert, uns' Weert! Hans Rohwer sin Kauh sünd all in uns' Rogg'n.«

Den Teufel noch mal, die Meinerskoppel! Die hatte er ganz vergessen.

›Das macht nichts‹ begehrte das Glücksgefühl und die beiden aus leerem Magen in den Kopf verstiegenen Glas Grog auf. ›Das macht nichts, das kann Hans Rohwer bezahlen. Wo steht das, daß ich dicht machen soll? Freilich, man hält das im Dorf unter Bauern dafür. Aber wo ist das Gesetz? Das steht in keinem, weder in einem echten noch in einem unechten.‹

Peter setzte seine Mütze auf und stürmte nach der Meinerskoppel.

Und als er die Verwüstung seines Sommerroggens sah, da stand es bei ihm fest: das alles soll Hans Rohwer bezahlen.

Auf der andern Seite des Walls, vom Steinhofer Gebiet her, klang Lärmen und Prahlen und Peitschengeknall und Kuhgebrüll; in der Zollhauskoppel waren der Knecht Franz und der Dienstjunge Jörn dabei, die letzten Rinder durch das Knickloch zurückzujagen.

»Halt!« schrie Peter.

Fünf Stück waren noch zurück, schwere, wertvolle Tiere.

Es kam ihm ein Gedanke. Das altdeutsche Schütt- und Pfändungsrecht war bei Viehübertrittcn freilich außer Gebrauch, gesetzlich aber noch in Geltung. »Halt!« rief Peter. »Laßt, wir wollen sie nach unserm Stall nehmen, wir wollen sie schütten.«

Franz war darüber schier verstört. Schütten! 'Das wird den Steinhöfer in Wut bringen', dachte er, wagte es aber nicht zu sagen. Er stellte vor, die Tiere seien über ›unsern‹ Knick gestiegen. Aber Peter wurde heftig und bestand um so mehr auf seiner Anordnung. So hüteten Franz und Jörn die fünf Gehörnten aus dem Heck.

Als Franz den Schlagbaum in die Gabel zurückwarf, hörte er plötzlich eine Stimme: »Sag mal, Franz, was hat das zu bedeuten? Die Kühe gehören mir.« Hans Rohwer war aus der Steinhofer Koppel gekommen und stand vor ihm.

»De will uns' Weert schütten«, erwiderte Franz.

Hans Rohwer schien ruhig, war aber in Wahrheit in heller Wut. »So«, sagte er gedehnt. »Und ist dein Wirt in der Koppel?«

»Das ist er.«

»Schön.«

Der Steinhofer stieg über den Schlagbaum der Zollhauskoppel, Franz wollte das Tor öffnen, aber Hans Rohwer ließ es nicht dazu kommen. Entschlossenen Schrittes ging er in die Tiefe des Feldes.

›Das geht nicht gut‹, dachte Franz.

»Jörn«, wendete er sich an den Dienstjungen, »die Kühe nehme ich allein. Du kannst zurückgehen nach dem Wirt und sehen, ob er was für dich zu tun hat.« Franz zwinkerte mit den Augen. »Und kannst mir nachher erzählen, Jörn, verstehst du?«

Franz war mit seinen Kühen halb nach Hause, da kam Anna ihm in heller Angst entgegen.

»Was sind das für Kühe? Das sind nicht unsere, die gehören nicht uns. Das sind welche vom Steinhof. Franz, was soll das doch einmal?« »Ja, Anna, die will unser Wirt schütten.«

»Schütten… wieso schütten? Ich verstehe das nicht.«

Sie konnte die Tat ihres Vaters nicht fassen, sie war nach den im Dorf landläufigen Begriffen zu ungeheuerlich. Und als sie alles begriffen und übersehen hatte, da war sie verzweifelt.

»Das geht nicht gut, das geht nicht gut«, jammerte sie. »Das wird Hans Rohwer meinem Vater niemals vergeben.«

»Das glaub ich auch«, entgegnete Franz. »Hans Rohwer ist auch schon hingegangen. Ich fürchte, es wird zu Streit kommen.«

»Gott, mein Gott!« Und in namenloser Angst flog Anna den Weg nach der Meinerskoppel entlang.

7

Auf der Meinerskoppel riß nicht allein der neue Faden, es riß auch die alte Verbindung. Es ruhte ein eigentümliches Verhängnis auf der undichten Stelle im Knick der Meinerskoppel.

Der Steinhofbauer war nicht nach dem Zollhaus hinübergekommen, um sich mit dem Zollwirt in dessen Sommerroggen zu prügeln. Bewahre! Er hatte sogar gute Gefühle gegen das Zollhaus und namentlich gegen die Zollhaustochter, es war ihm den ganzen Tag so lieb, wenn er an Anna Hollings Gesicht dachte.

›Es wird nicht anders werden‹, sprach und dachte er weiter, ›sie wird meine Frau. Und es ist auch wohl das beste. Ich will mich Sonntag fein machen und sehen, mit Anna ins Gespräch zu kommen, ob sie mich wohl will.‹

Denkt ein Mann an ein Mädchen, so wie Hans Rohwer an Anna Holling dachte, dann wird er sich sicherlich bald verlieben. Er steckte schon halb drin in der Liebe, er blieb auch dann noch zur Liebe aufgelegt, als ihm die Nachricht gebracht worden war, die Kühe seien in Peter Hollings Sommerroggen. Peter war ja sein zukünftiger Schwiegervater. Verdrießlich war er wohl, er hatte doch ausdrücklich gesagt und Peter hatte versprochen, aber von Zorn wußte er nichts.

Aber das von dem Schütten verwandelte alles in gärend Drachengift. Wenn Peter ihn verklagt, ihn geschimpft hätte, das hätte nicht halb so schlimm gewirkt. Aber sein Vieh wegschütten, dabei hörte alles auf! Wann war das jemals vorgekommen? Alte Leute hatten es nicht selbst erlebt, hatten es höchstens von ihren Eltern und Voreltern gehört, gehört als ein Gerücht, da solle mal ein Lateinischer, der auf Hof Neuenrade gewohnt habe, der solle es mal getan haben. Aber unter richtigen Bauersleuten war es nie vorgekommen.

Das Gedächtnis der Vorgänge auf der Meinerskoppel hat sich lange erhalten. Wenn zwei Leute sich die Freundschaft wegen Sachen kündigen, die nicht lohnen, dann sagt man wohl: ›Das ist ein Streit wie um Peter Holling seinen Knick.‹ Wenn jemand mit dem Einsatz eines großen Guts kleinen unsicheren Hoffnungen nachjagt, dann spottet man: ›In Kisdorf schoß Klaus Dummerjahn mit Kartaunen nach einem Mückenschwarm, auf der Meinerskoppel wollte Peter Holling nicht dicht machen und verlor das Brückengeld. Wo war man nun am klügsten: in Kisdorf oder auf der Meinerskoppel?‹ Wenn große und zornige Worte mit einem Hitzkopf durchgehen, wenn die vollen Bauernfäuste auf den Eichentisch schlagen, dann ruft ihm ein Ruhiger, ein Friedliebender zu: ›Laß dirs nicht gehen wie Peter Zollhaus‹, oder: ›Über Knickendichten spricht man am besten sachte‹.

Wie sich der Vorgang in Peter Hollings Sommerroggen bis zu der Katastrophe steigern konnte, die die ruhigen Dorfleute so aufrüttelte, daß die Dorfväter den von uns berichteten Sühneversuch machten, das wollen wir so genau mitteilen, wie es einem aus den besten Quellen schöpfenden Geschichtsschreiber möglich ist.

Auf der Steinhöfer Meinerskoppel hatte das Kleinmädchen die letzten Kühe aus der Ecke geholt, sie zum Melken zusammenzutreiben. Da hat sie laute, zornige, scheltende Stimmen von der Zollhauskoppel herüber gehört. Peter hat geschrien, hat von seinem Recht und von Affkatenstreichen Gewisser gezetert und beteuert, er sei ein rechtschaffener Mann. Und der Steinhofbauer dazwischen, seine Stimme dumpfer und rollend, wie zorniger Donner: »Ich will dir sagen, was du bist. Ein Viehräuber bist du und ein Filu dazu!« Und nun wieder der schrille Zollhauswirt: »Das sollst du mir wahr machen, da will ich mehr von wissen.«

Die Stimmen haben sich überschlagen. »Du bist ja besoffen«, hat Hans Rohwer gesagt, »ein Schwein bist du«, und dann: »Laß mich los, sage ich dir!« Dazwischen dumpfes, unsinniges Stöhnen und Wutknirschen von Peter. Dann hat der Steinhofbauer gerufen: »Laß mich los, oder ich vergesse mich!«

»Laß mich los, oder ich vergesse mich!« hatte das Mädchen auf der anderen Seite des Walls gehört, der Steinhofbauer hatte es gesprochen.

In diesem Augenblick oder kurz vorher mag es gewesen sein, als Jörn Paulsen, der Dienstjunge, unter den Roggenhalmen im Wallgraben schleichend, nach dem Platz zurückkehrte, wo sein Bauer stand. Schon von weitem hörte er die scheltenden und streitenden Männer. Er glaubte sich eigentlich überflüssig, er hatte das Gefühl, daß die zankenden großen Bauern sich vor ihm, dem Dienstjungen etwas vergäben. Er schämte sich in ihre Seele hinein, es war ihm, als ob er und nicht die Bauern auf unrechtem Wege seien. Das ist nun mal der Fluch unserer Menschenliebe. Er kam sich gedrückt und gedemütigt vor. Zum Trost kaute er an einem Timothyhalm. Er hätte gewünscht, Franz wäre selbst zurückgegangen und hätte ihm das Vieh überlassen. Aber das war nicht. Allmählich kam er bis auf zwanzig Schritt an die abgegraste Stelle heran, wo Hans Rohwer und Peter Holling einander gegenüberstanden. Weiter aber hat der kleine Kerl es nicht gebracht, da ist er starr am Wall stehen geblieben, hat sogar sein Grünfutter vergessen.

»Nu, Jörn, was hast gesehen, wie ists denn gewesen?« hat Franz ihn abends, als sie zusammen im Wandbett lagen, ausgefragt. – »Ja«, hat Jörn geantwortet – unter der Bettdecke war er ein ganz Teil mutiger als am Nachmittag mit dem Timothystengel im Mund am Wall – »ja«, hat er erzählt, »unser Wirt hat dem Steinhofwirt die Hand auf die Brust gelegt und hat gesagt: ›Das sollst du mir bezahlen!‹«

– »Jörn, vorher sagtest du, unser Wirt habe gesagt, da will ich mehr von wissen.« – »Ja«, entgegnete Jörn und streckte sich behaglich, »das weiß ich denn nicht so genau, ob er gesagt hat, das sollst du bezahlen, oder: da will ich mehr von wissen. Von Affkatenstreichen schnackte er auch.«

– »Na, und da?« – »Ja, da hat Hans Rohwer vom Steinhof gesagt: »Laß mich los! Du raubst Vieh«, hat er gesagt, und »viel Lu.« – »Er raube viel Lu?« fragte Franz, »viel Lu? Was meinte er damit?« – »Das weiß ich auch nicht. Und da hat er noch mal gesagt: ›Laß mich los!‹ Aber unser Wirt wollte nicht loslassen.« – »Hatte er ihn denn angefaßt?« – »Ja, das weiß ich denn nicht, aber unser Wirt hatte seine Hand an Hans Rohwers Weste, und da hat Hans Rohwer geschrien: ›Laß mich los, oder – da passiert was!‹«

– »Und du?« – »Hans Rohwer hatte immerso vor unserem Wirt gestanden, die Arme und Hände runter.« Jörn streckte seine Arme parallel über die Bettdecke hin. »Und da unser Wirt noch immer nicht losließ, da hat Hans Rohwer so getan« – Jörn machte über der Bettdecke den Versuch, dem Knecht eine Greif- und Wurfbewegung vorzumachen – »und hat unsern Wirt in den Roggen geworfen. Und das hat er dreimal getan, denn unser Wirt sprang immer wieder gegen ihn an. Und zuletzt hat Hans Rohwer gefragt: ›Hast noch nicht genug?‹ Da hat er ihm einen in den Nacken gegeben. Und als er das getan hatte, da ist er über den Wall gesprungen. Unser Wirt wollte mit einem Stein schmeißen, da stand aber unsre Anna vor ihm, und da bin ich weggelaufen.«

8

Alle Leute nahmen für den Steinhofbauer Partei. Daß jeder seinen Knick dicht halten müsse, war im Dorf fester Brauch; Hans Rohwer hatte bei Peter angesagt, hatte ihn gewarnt – was wollte der weiter? Hatte er nicht dicht gemacht, und Hans Rohwers Kühe gingen in seinen Roggen: – es war sein Schade. Und nun gar schütten! Was die Gesetze darüber sagten, das sei ganz einerlei. Unverständig war es selbst dann, wenn die Gesetze es erlaubten. Solche Sachen machte man freundschaftlich, mit Zuziehung zweier getreuer Nachbarn ab. Und nun gar gegenüber einem Großen wie Hans Rohwer! War Hans Rohwer vom Steinhof ihm nicht sicher genug? War der ein Schusterjunge? Es blieb bestehen für und für: der Zollhauswirt war ein Stänker, ein Streitsüchtiger, er hatte einen Querkopf, und der war ihm mal ordentlich gewaschen worden. Das war ganz gut.

Die fünf Kühe vom Steinhof standen im Stall des Zollhauses. Peter fütterte sie und nahm die Milch. Das sei sein Recht, hatte Georg Heinrich Joens gesagt. Gleich am andern Tag war der Knecht vom Steinhof gekommen, das Vieh abzuholen, Peter hatte ihm aber nicht schlecht heimgeleuchtet. Man sah den Wirt noch lange ohne Rock und Mütze, in Weste und Überhemd auf windigem Weg stehen, handschlagen und für sich hinschelten.

Im Laufe des Vormittags kam ein Steinhofer Bauwagen nach dem Moor über die Brücke zugefahren, ohne anzuhalten und den Wegzoll zu zahlen. Als er zurückkam, wurde er von Peter gestellt. Der Knecht erklärte aber, von seinem Herrn ausdrücklich angewiesen zu sein, nichts zu zahlen. Peter, der noch immer ein aufgeregter Peter war, versuchte, den Pferden in die Zügel zu fallen, konnte aber von Glück sagen, daß er nicht unter die Räder kam. So rasch trieb der Knecht die sich bäumenden Rosse an.

Zwischen Zollhaus und Steinhof war Kriegszustand. Zwei Tage arbeitete Peter Holling mit dem Ortszimmermann daran, den Schlagbaum und dessen Maschinerie wieder einzurichten. Das alte im Gras liegende Holz erwies sich als angefault, es mußte ein andrer Tannenbaum herbeigeschafft und eingerichtet werden. Nun war die Sache aber auch in Ordnung.

Und als die Sache in Ordnung war, kam auf einem blauen Leiterwagen Hans Rohwer in Person. Das Zollhaus kümmerte ihn nicht, das sah er gar nichts das war für ihn nicht vorhanden; er sah gerade aus und sah nach dem neuen Baum.

Da rasselte eine Kettenschnur, der neue Baum bewegte sich, verbeugte sich, verbeugte sich tief, ganz tief, bog sich ganz hinab und schnappte mit kurzem scharfen Geräusch – dicht vor Hans Rohwers Pferdeköpfen schnappte er ein.

Der Steinhofbauer sah es mit Gelassenheit an und blickte ordentlich ruhig und wohlwollend drein. Er hielt an, steckte die Peitsche ein und stieg ab. Dem Leitpferd löste er eine Stränge, band die Leine um den Deichselhaken, räusperte sich und ging mit ruhigen, wohlwollenden Schritten nach dem Zollhaus.

Peter Holling hatte das alles hinter dem Stubenfenster beobachtet. Nun öffnete er den Fensterflügel. Und die Nachbarn sahen sich in die Augen.

»A, Peter«, bat Hans in einem Ton, worin man nichts von Erregung hörte. »Willst nicht so gut sein und den Baum losmachen?«

Peter beherrschte sich, doch fiel ein bißchen geifernder Zorn von seinen Lippen. »Jawohl«, antwortete er. »Das kostet bloß zwei Schillinge. Und die vier Schillinge vom Donnerstag krieg ich denn auch wohl gleich.«

»Da bist du im Irrtum, Peter, Weggeld kannst du nicht verlangen.

»Ja, wenn du so gesinnt bist! Dann mach ich auch den Baum nicht los.«

»Das ist gut.«

Hans Rohwer kehrte nach seinem Fuhrwerk zurück. Immer sicher und wohlwollend und ruhig. Und hinten aus seinem Wagen zog er, sicher und wohlwollend und ruhig, so zog er etwas Langes heraus. Es war ein langer Stiel. Und auf dem langen Stiel saß eine blanke Art. Und mit der blanken, scharfen Axt schlug er in zwei wuchtigen, wohlwollend aussehenden Schlägen den neuen Baum und die neue Mechanik entzwei. Und stellte die Axt auf den Wagen, dicht bei seinem Sitz, und hakte die Stränge ein und löste die Zügel und stieg auf den Wagen und tat dies alles ruhig und sicher und wohlwollend. Und fuhr langsam durch das Mal und über die Brücke, ohne sich nach dem Zollhauswirt, der sich einstweilen auf gröhlendes Schelten beschränkte, umzusehen.

9

Das Dorf legte sich ins Mittel. Wir wissen, daß es vergeblich geschah. Und dann gings los.

Der Prozeß oder vielmehr: die Prozesse gingen los. Der Klaggründe waren mancherlei: Beleidigung, Mißhandlung, Sachbeschädigung, Entschädigung wegen Viehübertritts, Herausgabe von zu Unrecht geschüttetem Vieh, Futtergeld, Früchte! – Sodann der Wegzoll: Possessorium, Petitorium, Zulässigkeit des Possessoriums? Zulässigkeit des Rechtsweges? Zuständigkeit? … Es ging alles wirr durcheinander, es wurde alles streitig.

Der Fall Holling-Rohwer gehörte zu den Bündelprozessen. Um alle Hefte bindet der Sekretär eine Schnur und legt bei jedem Eingang zehn Pfund Akten in den stöhnenden Aktenständer des Richters. Der tägliche Arbeitsstoff erhält dadurch ein achtunggebietendes Aussehen.

Von den Geldern, die beide Parteien nach Gericht und Anwalt trugen oder schickten, wollen wir nicht reden; Peter Holling zahlte außerdem an seinen Linksanwalt Georg Heinrich Joens. Hans Rohwer ging einher, als wenn ihn die Sache nicht kümmere, sprach nur davon, wenn er gefragt wurde, und so kühl, als wenn nicht er sondern ein Bauer im Nachbardorf mit Peter Holling prozessiere. Reisen machte er nur, wenn sein Anwalt sie für nötig hielt, Peter Holling aber knatterte mit seinem gelben Kastenwagen Woche für Woche durch Schönmoor zur Stadt und bekam ein hektisches Aussehen.

Es regnete arrestatorische und andere Verfügungen, die meisten mit einer Spitze gegen Peter; im Dorf befestigte sich die Ansicht, daß Peter verlieren werde.

Inzwischen fuhr jeder über die Brücke, ohne Wegschoß zu zahlen. Die Aufrichtung des Schlagbaumes hatte das Gericht verboten. Viele lachten. Die Wirtschaft im Zollhaus ging schlechter.

Peter kaute die Lippen, aber er tröstete sich: »Laß sie nur!« Er legte ein Buch an, worin er Tag für Tag die Wagen, die vorüberfuhren, notierte. »Wer zuletzt lacht, lacht am besten. Wenn alles vorbei ist, komm ich mit meinen Rechnungen bei den Bauern für Brückengeld, bei Hans für Kosten und Schäden. Der Rückgang der Wirtschaft, alles kommt darauf. Da soll der große Hans, den nichts kümmert, wohl Augen machen. Dann soll es wohl ein Ende haben mit seinem Tu-man-so. Seine Ruhe, sein breiter Gang, sein Hülsenstock, es ist ja alles Schein vor den Leuten. Im Grunde ist er bang, daß ihm die Büx bewert.«

Die Prozesse hatten schon ein Jahr gedauert. Das Gericht forderte von Hans Rohwer einen Schwur, daß Peter ihm versprochen habe, die Meinerskoppel zu dichten. Es war nun nichts gewisser als das, Marie Olfers hatte es schon beschworen, aber Peter hatte sich eingeredet, er habe gesagt: vielleicht werde er es tun. Hans Rohwer ließ sich nicht beirren und schwor; Peter Holling nannte ihn laut vor Gericht einen Meineidigen und erhielt dafür zehn Taler Ordnungsstrafe.

Peter fuhr wütend nach Schönmoor. Joens übernahm es, ihn zu trösten. Sein unverständliches Gedröhne richtete Peter Hollings Zuversicht wirklich auf.

»Seid man ganz ruhig, Holling«, sagte der kluge Mann. »Euch die Privilegien wegnehmen, das wäre just so, als wenn der Amtmann, der Kirchspielvogt und der Pastor sich zusammentäten. Euch überfielen. Euch knebelten und vor Euren Augen das Geld aus dem Schrank nähmen. So weit sind wir denn doch noch nicht, das tut unsere Obrigkeit nicht. Ebensowenig wird sie Eure Privilegien für ungültig erklären, die sind so gut wie bar Geld.«

Hans Rohwer war zu Fuß nach Schönmoor gegangen; ein dort wohnhafter Schwager hatte angespannt. Aus der Stadt waren sie schon zwei Stunden vor Peter gefahren; Hans Rohwer war, wie Peter in Schönmoor hörte, gleich weitergegangen, Hans Detel Schulz war ihm begegnet. »Der ist schon längst in Steinhof«, sagte Hans Detel, als Peter ihn fragte. Peter fragte danach, weil er seinen Feind auf dem Weg nicht treffen wollte. Um keinen Preis!

Es dämmerte schon, als er mit seinem Kastenwagen von Georg Heinrich Joens Hofstelle rollte.

Bei Krischan Lembkes Wirtschaft kam ihm der Gedanke, seinem Berufsgenossen Verdienst und sich selber ein Glas Grog zu gönnen. Die Einfahrt war offen, der gelbe Karren fuhr auf Krischan Lembkes Diele.

10

Sein Wagen lenkte auf Krischan Lembkes Diele, um nach einer Stunde zum andern Tor wieder hinauszufahren. Drei Glas hatte Peter erhalten, er fühlte eine angenehme Wärme – sie hob über manches hinweg.

Es war ein sternheller Abend; über dem freien Moor wölbte sich der Halbkugel flimmernde Pracht. Peter sah die Lichter grogselig an. Erden und Sonnen solltens sein. Dabei konnte er sich nichts denken, aber schön schauten sie aus. Er wollte sie noch ein bißchen ansehen, konnte aber nicht. Der Kopf fiel ihm nach vorn, der Hals knickte ein, er war daran einzuschlafen und wußte es. Den Fuchs konnte er zwar gewähren lassen, der kannte den Weg. Aber … schlafen … schlafen wollte Peter nicht. Er richtete sich auf und straffte die Zügel.

Nun war auch der Mond aufgegangen, es war ganz hell. Die Weiden hatten breite Kappen, das Mondlicht rieselte daran weiß herab. Der Fuchs lief im Trab, sein Hinterteil war in wiegender Bewegung, der im kurzen Knoten gebundene Schwanz pendelte im Takt der Schritte. Von den Flanken des Tieres stieg Dampf auf, die Ohren spielten und schüttelten.

Es fiel eine Sternschnuppe. Da dachte Peter an den Blitzschlag, der vor Jahren Hinrich Pahls Scheune anzündete und die ganze Heuernte verbrannte. Dann war er auf seiner Hollerwiese, zu mähen. Aber es ging nicht, seine Sense arbeitete wie gegen Weidenstrünke.

Er hatte wieder mit dem Schlaf zu tun und riß die Lider gewaltsam auf.

Geräuschlos lief der Wagen über den Weggrund. Und wenn er vorüberrollte, verneigten sich die rauhen Weiden.

Vor seinen Ohren klang Gesang, es war ihm wenigstens so, als ob jemand singe. Er erkannte das Triumph- und Trotzlied, das Nationallied seines Dorfes – und dachte an seine Jugend.

Als er noch jung war, da war er einer. Da war er stolz darauf, Warler zu sein. Warl war aus einem landesherrherrlichen Vorwerk entstanden. Als es niedergelegt worden war, hatten die Käufer einen ganzen Sack voll Rechte erhalten. Wenn nun die Warler sich dieser Rechte erinnerten, wenn sie sich ihrer einsamen Lage, ihrer Eigenart, ihrer Kraft, ihres Eigensinnes, ihrer Treue und ihrer Grobheit – kurz: ihrer Tugenden bewußt wurden, dann brach es aus stolzen Herzen brausend hervor: ›Lustig sind die Warler.‹

Die andern Dörfer versuchten nachzumachen, konnten es aber nicht. Die Gewalt jenes Gesanges beruhte auf dem wuchtigen Trochäus ›Warler‹. Der Sänger wiegt sich schlank und biegsam auf der langen Silbe wie ein Seiltänzer auf dem Tau. Wenn die Sievershüttener, die Oldenborsteler, die Stafstedter mit ihren vielsilbigen unruhigen Namen sangen, so behaupteten Hampelmänner lustig zu sein.

An dem Dorfslied richteten sich die Warler auch in der Fremde auf. Die Jahrmärkte wissen davon und von dem ehrfürchtigen Staunen der Umstehenden zu erzählen, wenn die Warler die Runde schlössen und ihre Hymne an die Freude anstimmten.

Der Nachtwind rauschte im Schilf, Peter Holling hörte vor seinen Ohren fernher, aber ganz deutlich: ›Lustig sind die Warler‹.

Er dachte an Hinrich Beckmann. Der war schon lange tot. Hinrich und er waren beide jung, als er starb. Einen Freund, wie Hinrich Beckmann einer war, hat er niemals wieder besessen. Hinrich Beckmann verstand es, das Trutzlied zu singen. Er hatte wasserblaue Augen und gelbweiße Haare und war der ruhigste Mensch von der Welt – aber wenn das Trutzlied angestimmt wurde, dann warf er alles: Mütze und Jacke und Weste von sich, um ganz frei und ohne Rückhalt sein Bekenntnis für Warl abzulegen.

›Lustig sind die Warler.‹ Daß er den Gesang gar nicht los werden konnte, und er war doch im Warler Moor, – bei Nacht allein im wilden, weiten Warler Moor!

Wenn Hinrich Beckmann Sonntags nach Hause ging, so trug er Strümpfe und Zeug, das ihm die Mutter stopfte und flickte, in einem roten Tuch eingeknotet unterm Arm.

Und der Wagen lief geräuschlos über das Moor.

Plötzlich – ein Ruck! Der Fuchs stand.

Und sieh! Vor ihm, an der Grabenkante, geht ein Mann, ein Mann geht ruhig seines Wegs. Es ist doch einer? Im Mondlicht siehts wie der Schatten eines Mannes.

»Hü, Fuchs! Willst du mal!«

Der Fuchs wollte aber nicht, er schnob und zitterte und – stand.

Der Mann hat was unterm Arm … das ist ein Tuch. Er trägt eine Mütze, die Haare stehen steif vom Kopf.

Wer ist das? Um Gotteswillen … wer?

Es ist Hinrich Beckmann – der tote Hinrich.

Peter sieht hin, er sieht genauer hin.

Der Mann geht ruhig und kümmert sich um nichts.

Das ist ja gar nicht wahr! Der Mann, der Schatten, der trägt keine Mütze, er trägt einen Hut. Die Haare stehen auch nicht steif vom Kopf. Und ein Tuch hat er auch nicht unterm Arm … Der Mann, das ist gar nicht Hinrich Beckmann, Der Mann ist breit und hat einen Handstock, und den setzt er weit vom Leib. Und gebt behäbig.

Den … den, den kannte Peter Holling. Das war der Heuchlerschritt des ruhigen Gewissens. Das war … Hans Rohwer.

Hans Rohwer und er allein auf wildem Moor, und weit und breit die schweigsame Nacht.

Die Gräben sind tief und ruhig und geheimnisvoll. Da bettet man ein Opfer weich und still. Ein Klatschen, wie wenn eine Ente ins Wasser taucht. Und dann ein Gurgeln, nicht laut … lind und leise … Blasen steigen auf, es rieselt, nicht lange … dann ist es still.

Peter stand wieder dabei, wie Krischan Göttsch und Mars Stammerjohann den toten Dierk Trede aus der Grube zogen. Erst kam ein Bein mit dem neuen Schaftstiefel, und dann der von Moorwasser gedunsene Dierk.

Hans Rohwer hatte heute auch in so schönen blanken Schaftstiefeln vor Gericht gestanden.

Peter gab dem Fuchs die Peitsche … der Fuchs warf Schlacken gegen die Wagentrommel… Ihm nach!

Wo ist der Mann, wo ist der Schatten?

Der Zollwirt sieht nicht Mann noch Schatten.

»Brr!« Der Wagen stand, die Weiden standen auch. Neben Peter Holling tuschelte Schilf, Torfmoose quirlten und atmeten.

Und voll und prall stand der Mond am Himmel.

Peter sah weit, ihn dünkte, wunderbar weit … wie in eine andere Welt.

Und sieh! Weit ab vom Weg über Sümpfe und Moor, da geht was. Ein Schatten wie ein Mann. Mit einem Handstock geht es, breit und gemächlich. Es steigt, es wächst, es ist riesengroß – den Wegstab breit und weit vom Leibe. So geht es … bis zum Himmel hoch.

11

Es war Winter, und Peter stand vor den Schranken des Gerichts, das Endurteil anzuhören, hinter ihm Georg Heinrich Joens. Der beugte sich zu Peter hinüber: »Wenn wir verlieren, appellieren wir.« Peter nickte – verlieren, das war unmöglich.

Aber, er verlor. Peter erhielt in einigen Nebenpunkten recht, in allen Hauptpunkten unrecht, und sollte den größten Teil der Kosten tragen. Das Recht auf Wegschoß wurde ihm abgesprochen.

Peter hörte es, begriff aber nicht; ihm war, als ob er mit dem Peter Holling, von dem die Rede war, nichts zu tun habe.

Hinter ihm quoll ein Stoßseufzer auf: »Nein, so was!«

Es waren Leute, die wegen des Wochenmarkts zur Stadt gekommen, im Gericht zuzuhören. Denn es handelte sich um einen in der Gegend berühmt gewordenen Prozeß. Wenn des Zollwirts gelber Kastenwagen von Schönmoor und Knewelshorst durch die Dörfer gefahren war, hatten viele Augen darauf geruht. Die hatten es jetzt eilig, zum Tor hinauszukommen; man sah den im Wagenstuhl geschüttelten Bauern ordentlich von hinten an, was für eine Neuigkeit sie zu Hause auszukramen hatten. Hans Rohwer war zu Hause geblieben, Peter kannte den Vorwand, der Dachdecker Broder hatte es ihm gestern abend erzählt, und das war der Gipfel der Heuchelei.

»Daß ich gewinne«, hatte Hans gesagt, weiß ich, ich darf es jedenfalls annehmen. Ob ich nun die Gewißheit ein paar Stunden früher erhalte, macht nichts aus. Peter ärgert sich, wenn er mich stehen sieht. Warum soll ich ihm das antun? Der arme Mann hat Kummer genug. Und bei Koopmanns Timm feiert man ›Swinsköst‹. Ich geh zu Koopmanns Timm auf Swinsköst.«

Es dämmerte stark, als Peter Holling seinen Berater in Schönmoor absetzte. Natürlich sollte appelliert werden, das hatten sie genau besprochen.

Die Dunkelheit nahm rasch zu, zwischen den hohen Knicken nach dem Moor hinunter sah Peter kaum die Hand vor Augen.

Es war in den kurzen Tagen, es hatte längere Zeit gefroren, nun aber zehrte Tauwetter schon tagelang an Eis und Schnee. Die Wege wurden weich, Schneestreifen blinkten nur noch an Knick und Grabenrand.

Das kluge Pferd trat vorsichtig auf, es ging durch Wasser und Schmutz, die Schlacken fielen; zuweilen war es, als fahre der Wagen in der Schwemme. »Wenn ich nur erst bei Krischan Lembke bin,« dachte Peter, »bei Krischan Lembke kehre ich ein, da warte ich, bis der Mond aufgegangen ist.«

Bei Krischan Lembke stand der Roßtäuscher und Viehhändler Heinrich Graf, wegen seines lauten Wesens Heinrich Gröhl genannt, in der hell erleuchteten Durchfahrt. Heinrich Gröhl war immer guter Laune, wie die Stalleuchte Peters Gesicht streifte, heulte er – ja, heulte förmlich vor Freundschaft: »Herr du meine Güte! Wer kommt da? Wenn das nicht Peter Zoll ist, will ich Hans heißen!«

Eine Meerschaumpfeife im Mund, den Krummstock über den linken Arm gehängt, langte er mit der Rechten zum Wagen hinauf. Wer ihn so sah und hörte, konnte gar nicht darüber im Zweifel sein, daß es für Heinrich keine reinere Freude gebe, als den Zollwirt zu sehen.

Nun kam auch der Wirt, der Hausknecht Jörn sprang herzu und schirrte ab, gab dem Fuchs Wasser und gab ihm Heu. Peter Zollhaus war gut aufgehoben.

Heinrich Gröhl klopfte und klappte beim Abspannen dem Tier Hüfte und Hals, lobte sein Beinwerk, seinen Rücken, lobte Bug und Hals, tadelte den Kopf und war mit Peter halb in Spaß, halb in Ernst schon im Handeln und Feilschen, bevor noch das erste Glas Grog vor ihnen stand.

Heinrich Gröhl war ein Mann in den besten Jahren, breit und kräftig, einer, der sich in den Räumen schenkender Wirte zu bewegen wußte, wie Hofleute auf dem Parkett. Das Gesicht voll und rot, die Augen schlau und gutmütig, Lippen und Mund fleischig, weich, das Kinn entschlossen, eine Hakennase, die auf das alles voll Wagemut hinabsah. Eine kräftig angerauchte Meerschaumpfeife hing ihm an Lippen und Zähnen, wenn sie ihrem Herrn nicht dazu diente, seine Gesten zu unterstützen. Denn Heinrich hatte immer was zu reden, auszuführen, zu beteuern und mit den heiligsten Versicherungen zu bekräftigen, wenn man will: zu beschwören. Heinrich Gröhl war ein Allerweltsmensch, er kannte jeden und war von jedem gekannt, Heinrich Gröhl steckte in einem weichen kuhhaarigen Überrock, von dem für und für ein starker Erdgeruch ausging.

Der Zollhauswirt war nicht mehr nüchtern, mehr und mehr erstarkte in ihm der Mut. Die Frische des Roßtäuschers tat ihm wohl, und nun fing auch er an, laut zu werden und seinen Fuchs zu loben. Das paßte aber Heinrich Gröhl nicht, übertrumpfen mochte er sich nicht lassen. Es mußte sein Brauner heran, mit dem konnte der Fuchs gar nicht an einem Tag genannt werden, der Braune war ein Pferd, dem glich auf Gottes Erdboden kein anderes. Peter äußerte Zweifel, und Heinrich Gröhl forderte lärmend die Probe. Jörn, der Knecht, wurde gerufen, es erging an ihn der Befehl, Fuchs und Braunen im Hof vorzuführen. Eigentlich wäre Peter gern bei seinem Grog geblieben, aber es half nichts, er mußte hinaus und eine halbe Stunde lang in dunkler Nacht bei der Stalleuchte zusehen, wie Jörn bald mit dem Fuchs, bald mit dem Braunen über das Pflaster trabte, oder vielmehr Schatten sehen, die man für Pferde halten konnte. Krischan Lembke hielt die Stallaterne, durch den Dunstkreis trabte bald ein Tier, worin Peter seinen Fuchs erkannte, bald ein anderes, das dem Braunen ähnlich sah.

Und als sie wieder am Grogtisch saßen, war jeder von ihnen, waren beide überzeugt, das beste Pferd zu haben. Peter Holling merkte, daß der Roßtäuscher mit ihm handeln wolle, war aber so viel bei Sinnen, das grundsätzlich abzulehnen. Sein Fuchs war zu klug, den wollte er behalten. Und in seinem Rausch wurde er groß und großsprecherisch, schlug erst auf den Tisch, reckte dann die Hand gegen Heinrich Gröhl aus und rief: »Hundert Mark wette ich, her mit der Hand, wenn du nicht bange bist! Wir wollen den Fuchs – aber der Mond soll erst aufgegangen sein – dann wollen wir den Fuchs in der Durchfahrt anspannen, die Peitsche ins Futteral stecken, die Leine wird in den Stuhlkasten gelegt. Und, wenn der Fuchs angespannt ist, dann will ich ihm einen Klaps geben und sagen: ›Hü! So, Fuchs, nun zu, nun geh nach Haus! Geh Schritt, wo es tief ist, und zuckele, wo es fest ist!‹ Der Fuchs wird tun, was ich sage, er wird den Wagen ordentlich nach Hause bringen. Und nachdem mein Fuchs abgegangen ist, will ich eine halbe Stunde warten und dann langsam zu Fuß nachgehen. Willst du? Her mit der Hand, wenn du kein Bangbüx bist!«

»Topp!« erwiderte Heinrich. Er erwiderte es nicht, er schrie es, jauchzte es. Und umklammerte die magere, dünne Zollwirtshand mit seiner großen, fetten, heißen Faust, wie zum Rütlischwur.

»Schlag durch, Krischan! Und ein Rundgang für alle, die im Hause sind. Den Rundgang zahle ich.«

Es war zwar ein heiterer und viel belachter, in gewisser Beziehung aber doch ein feierlicher Augenblick. Wetten haben wegen des Wagemuts immer was Feierliches, namentlich Wetten von der Sorte, wie sie eben abgeschlossen worden war. Krischan Lembke und Frau und Matthies Gließmann aus Schönmoor (dieser hatte still und unbeachtet sein Glas in der Ecke getrunken) und Jörn, der hereingerufen war, und noch ein Knecht, ferner zwei Mädchen, die standen alle umher und lachten oder grienten und tranken so viel, wie sich für ihre Stellung schickte, und sahen dem Händedruck, der in ihr Zeugnis gestellt worden war, mit großer Seelenruhe zu. Krischan Lembke schlug die Wette durch.

Als der Grog getrunken war und die Knechte und Mädchen das Zimmer verlassen hatten, ging der Roßtäuscher, sich eine Pfeife zu stopfen, nach der Fensterbank, wo der Tabakskasten stand. Er hob die Rolläden erst ein wenig, zog sie dann ganz auf und schrie »Hurra!« Das Haus warf Schatten, weißes Mondlicht lag auf dem Hofplatz.

»Hurra!« schrie Heinrich noch einmal, »der Mond ist aufgegangen. Nun wollen wir den Fuchs anschirren.«

Es wurde getan, wie in der Wette abgemacht war. Der Fuchs erhielt seine Klapse und seine Weisung. Als sie anfingen anzuschirren, hat der Wirt gesagt: »Der Fuchs muß aber einen Brief am Bug haben, wo drinsteht, daß Peter nachkommt.« – »Das versteht sich, das muß sein«, haben die andern erwidert. Dann gröhlte Heinrich einen langen Strahl und erzählte von einer Wette, die er vor einem Jahr gewonnen habe. Als der Fuchs schließlich zum Tor hinausging, hatte er keinen Zettel und keinen Brief.

Nachdem der Fuchs hinaus war, gingen Heinrich Gröhl und Peter Holling wieder in die Wirtsstube und tranken Grog. »Es wird windig«, sagte Krischan Lembke nach einer Weile, »zu lange darfst du nicht mehr sitzen, Peter, wenn du noch nach Haus willst.« Der Wind war wirklich aufgekommen und pfiff und heulte um die Ecken.

»Will ich auch nicht«, erwiderte Peter, »will gleich weg.«

Ein Glas trank er noch, dann ging er.

Es schwammen allerlei Wolken am Himmel, es war recht dunkel.

Das Moor ist kalt und öde – öde und tot zumal im Winter bei weichendem Schnee, bei Regen und Wind. Am Tage sah man wenigstens in der letzten Zeit ein Krähenehepaar nach Harm Hamkens Moorknüll, wo sie vermutlich eine Fischniederlage hatten, fliegen. Aber bei Nacht, bei dunkler Nacht, bei weichendem Schnee, bei Sturm und Regen sieht man nichts Lebendes und jeder Baum wird zum Gespenst.

Als Peter aus Krischan Lembkes Wirtshaus ging, riß ihn der Grog auf die linke Seite. Wir können auch sagen: er strauchelte ein wenig. Aber er fand sich rasch, und nach wenigen Schritten war er fest.

»Fall man nicht!« warnte der Wirt. Sein Handstock stand in der Flurecke, er nahm ihn und lief Peter nach. »Den kannst du brauchen«, sagte er, »da hast du was zum Vorfühlen«.

»Ja«, gröhlte der Viehtauscher vom Türbogen her, »du könntest sonst bei deinem Fuchs in den Graben zu liegen kommen. Der Fuchs ist schon drin, du findest ihn vor Harm Hamkens Weg.« Schmauchend in kuhbraunem Rock stand er in hellem Türloch. »Wenn du heute heil nach Hause kommst«, rief er weiter, leih ich morgen dein junges Beinwerk.«

»Red' du und der Teufel«, dachte Peter, »hier ist trockener Sand«. Dabei trat er fest auf eine helle Stelle, es spritzte Wasser auf – die trockene Stelle war eine ganz gewöhnliche Wasserlache. Sein rechter Fuß war naß. »Der andere wirds auch werden, das muß sich helfen.«

Die Stalleuchte, die Krischan Lembke in der Hand trug, hatte hell über den Weg geleuchtet. Daß der Mond hinter Wolken war, bemerkte Peter erst, als Krischan und die Leuchte und Heinrich Gröhl verschwanden. In der Wetterecke war es schwarz und der Wind wehte ihm scharf auf die rechte Backe.

»Es wird ein schwerer Weg«, murmelte Peter Zollwirt, »und jung bin ich auch nicht mehr. Aber, was ist zu machen? Ich habe A gesagt, da muß B folgen.«

12

Im Zollhaus wartete Anna Holling auf die Rückkehr des Vaters; Sonnabends gingen Knechte und Mädchen aus und kamen spät nach Haus, und der Dienstjunge schlief die Nacht bei seinen Eltern.

Es regnete, es wehte, und der Wind nahm wunderliche Laute an. Er wühlte in den Bäumen und begann düster zu reden und zu klagen. Von der Brücke her kam er seufzend, versenkte in beide Schornsteine des Zollhauses sein Leid und schlenderte dann gefaßter an den Küchenfenstern, schließlich an der Stube entlang. Es hörte sich an, als ob jemand leise über das Steinpflaster hinweg kümmere, nicht im Heulton der Verzweiflung, sondern in dem müden Ton abgebrühter Weltweisheit, im leisen Ton einer mit allen Nichtigkeiten vertraut gewordenen Ergebung. Und gleich darauf stürzten und prasselten Hagelschauer herab und bestätigten die Richtigkeit seiner Philosophie.

Anna wartete auf den Vater.

Wie der Prozeß ausgegangen, das wußte sie so gut, als sei sie dabei gewesen. Kassen Siem, vom Ferkelmarkt kommend, war schon am halben Nachmittag zurückgekehrt. Bei Jochim Vollstedts Vuschkoppel hatte er mit Jakob Sierk über die Wagenleiter hinweg gesprochen. Seine Kopf- und Handgeberden hatten gesagt: ›Peter Holling hat verloren, und das schadet ihm nicht.‹ Weshalb kommt Vater nicht? Wo bleibt er so spät? Wie wird er heimkommen? Niedergeschlagen, trostbedürftig? Wird er seiner Tochter, der er doch am nächsten steht, sein Herz ausschütten? Oder wird er hartherzig, hochmütig – vielleicht gar angetrunken mit harten Worten seines Hauses Schwelle überschreiten?

Hans Rohwer war im Bett. Er hatte bei Koopmanns Timm zu viel und zu fett gegessen, auch etwas zu viel getrunken – da hatte er einen schweren Schlaf.

Bei allem, was er träumte, waren Peter Holling und seine Tochter dabei, und die vom Sturm aufgestörten Hofeichen redeten drein.

Nun kam ein scharfer Stoß vom Moor herauf und seufzte und rief und lag hart an den Fenstern seiner Stube und weckte ihn.

Der Steinhöfer dachte an seinen Prozeß, er wußte, daß er gewonnen hatte. Und dachte daran, wie der Prozeß in sein Leben eingegriffen habe. Wenn doch der Knick in der Meinerskoppel dicht gewesen wäre! Wie viel hätte er darum gegeben. Wie anders und freundlicher hatte sich dann sein Leben gestaltet! Anna Holling wäre sicher seine Frau geworden.

Dem Steinhofbauern war schon lange klar, daß er sich nach der Zollwirtstochter und ihrer Liebe sehne. Als er die Eigenmacht beging, als er den Sperrbaum und die Mechanik entzweischlug, da hatte ihn noch Zorn beherrscht, nachher hatte er nichts lieber gewollt als Frieden.

Wie er mit Anna stand, wußte er nicht genau, er hatte aber Grund zu glauben, er stehe sich innerlich so gut mit ihr, wie es den Verhältnissen nach möglich sei. Sie saß wie eingemauert im Zollhaus. In all der Zeit war er ihr einmal begegnet. »Anna«, hatte er gesagt, »kann das gar nicht zurechtkommen?« Staunend und fragend hatte sie ihn angesehen. »Ich meine«, hatte er hinzugesetzt, »kann es nicht zurechtkommen mit mir und dem Vater?« – »Du weißt, Hans, Vater ist so eigen, er will nicht.« Hans hatte ihre Hand ergriffen. »Und mit uns, Anna? Kann das nicht zurechtkommen? Ich meine, willst du meine Frau werden?« Da hatte sie herzbrechend geweint: »Hans, was rührst du in mir auf? Wie kann ich!«

Hans Rohwer überdachte das zwischen Wachen und Traum. Und draußen schickte der Sturm vom Moor herauf seine windigen Boten. Und wie vorher lag es hart an den Fensterläden seiner Stube. Nun räusperte es sich, und eine keuchende Stimme, wie vom Blasebalg, wenn der Dorfschmied seine Kohlen aufglüht, oder wie ein asthmatisches Roß nach scharfem Ritt, sagte:

»Will dir was erzählen« (dem Sprecher wurde die Luft knapp) »draußen ist ein Mann … der pfeift aus dem letzten Loch. Er ist vom Weg abgekommen. Als ich wegging, lag er im Graben.«

»Im Graben, das ist nicht gut«, erwiderte Hans Rohwer.

»Ist es auch nicht, aber ich habs selbst gesehen.« Die Stimme schnappte nach Luft. »Er schickt mich, dir zu sagen …«

Im Zimmer erhob sich ein Schlürfen.

»Sieh hin, da ist er selbst. Oder doch eine Hülse seiner Gedanken.«

Und wieder: »Sieh doch, da steht er!«

Hans richtete sich im Bett auf.

Als er schlafen gegangen war, hatte er die Lampe ausgemacht, nun aber war es ganz hell. Und am Ofen, da stand etwas. Es war ein Mann, der trug ein langes Stück Holz in der Hand. Es war die Stange, die als Sperrholz bei Peter Hollings Moorteil dient. Hans Rohwer kannte sie, es war noch der Eisenbeschlag der Eimerklinke daran. Er hatte Stange und Klinke oft im Moor gesehen. Sie lag schon lange quer über dem Graben. Und den Mann mit dem Angstgesicht, mit den starren Augen, kannte er auch. Das war der Zollwirt, mit dem er prozessierte. Peter Holling war es, triefend von Wasser, von Schmutz und Morast. Und Wasser und Schmutz und Morast tropften und liefen auf die reinen Dielen.

Hans Rohwer stand mit bloßen Füßen im Hemd vor seinem Bett. Das Wasser sickerte zu ihm hin. Und er starrte die Erscheinung an. »Was willst du, Peter?«

Die Gestalt blieb stumm. Nur die Augen rollten.

»Sag, soll ich helfen?«

Nun bewegte sichs im Gesicht, und Laute gingen durch den Raum. Aber Hans verstand nicht. Es klang wie Flügelflattern gefangener Vögel. Dann wie Quetschlaute Gewürgter. Endlich löste es sich mit dünner, hohler Stimme: »Du sagtest, ich sollt rufen. Ich rufe dich, hilf!«

»Ich komme«, antwortete Hans und griff nach den Kleidern. Wir hätten sagen sollen: er wollte greifen. Denn jetzt erst erwachte er und fand sich in dunkler Stube im Bett.

Ist es ein Zeichen? Er dachte noch darüber nach, da schlug jemand an das Fenster und rief seinen Namen.

Es war eine weibliche Stimme, voll von dunkler verhaltener Angst. Er erkannte sie, Anna stand vor seiner Tür.

Mit einem Ruck flog das Fenster auf. »Was ist, Anna?«

Seine Lampe beleuchtete ein bleiches Gesicht; sie wollte sprechen, konnte aber nicht gleich, sie konnte nur weinen.

»Was führt dich her, Anna?« fragte er leise.

Da faßte sie sich: »Angst, Not, Sorge, Hans. Ich weiß keinen Andern als dich.«

»Wenn geholfen werden muß, bist du an rechter Stelle.«

»Wir müssen Vater suchen. Er ist nicht gekommen.«

Und sie erzählte, wie Fuchs und Wagen heimgekehrt seien, aber nicht der Vater. »Ich fürchte, es ist ihm was zugestoßen.«

Der Steinhöfer antwortete nicht, er ließ Anna schweigend ins Haus. Er sah, er wußte, wo der Zollwirt war. Wo der Sperrbaum hingehört, da lag er im Graben und ertrank. Und die Gedanken seiner Todesangst hatten den Feind gerufen, die Erfüllung des einstmals gegebenen Versprechens gefordert. ›Ruf nur, ich komme!‹ Er hatte es gesagt, er wollte es einlösen.

»Ich danke dir, Anna«, sagte er und faßte warm ihre Hände. »Ich danke dir, Anna, daß du an mich gedacht hast. Ich ziehe meinen besten Renner aus dem Stall und sprenge hinunter. Ich fürchte, es ist keine Zeit zu verlieren. Und du und mein Mädchen und mein Knecht Johann, ihr fahrt nach. Es sollen warme Betten und Decken mitgenommen werden– sie werden nötig sein. Wir treffen uns beim Moorteil des Zollhauses.«

»Beim Moorteil?«

»Ich weiß, da ist er.«

13

Mürrisch und unzufrieden rauschte der geschwollene Fluß durch das enge Brückensiel. Quark! sagte ein Rabe, der beim Zollhaus wohnte und in nasser Novemberstille aus seinen Pappeln nach Jochim Vollstedts verlassener Buschkoppel flog. Still! rauschte es in den Bäumen; sie hoben unwillige Äste und Zweige zum grauen Himmel, sie waren groß und gerade und kahl, und Wasser tropfte herab. ›Still!‹ sagten sie; ›der Zollwirt ist krank, der Zollwirt schläft.‹

Peter Holling war zum Sterben krank.

Das Schenkgeschäft war nach dem Dielentor verlegt, die Lehmdiele mit Strohballen vollgepfropft, den Schall zu dämpfen. Der Kranke lag im Wandbett der Gartenstube, man kam vom Garten her und kam auf leisen Sohlen. Wenn jemand mit lautem Gruß ins Zimmer trat, so bat die still erhobene Hand der treuen Tochter, die unbekümmerte Tagesfreude zurückzudrängen.

Der Zollwirt liegt auf den Tod, aber er – schläft.

Er schläft und träumt. Die Nacht – die schreckliche Nacht hat ihn nicht allein verwandelt, sie hat auch sein Gedächtnis ausgelöscht.

In Sturm und Regen suchte er seinen Pfad, er war nicht ganz Herr seiner selbst, aber er glaubte auf dem rechten Weg zu sein. Ganz unversehens versank er, der Graben verschluckte ihn. Verzweifelnd griff er um sich, packte die Sperrstange und blieb hängen. Er hing wie ein Gekreuzigter im kalten Sumpf und Moor.

Der Tod reckte die Hand nach ihm aus. Das wußte er. Er dachte an den Fluch, den er dem Steinhöfer zugeschleudert hatte. Und dachte an die Milde seines Feindes: ›Ruf nach mir, ich komme‹, hatte er gesagt. Nun rief er und schickte seine Gedanken: »Hans Rohwer, mein Feind, mein Widersacher, du hasts mir zugesagt. Nun komm, es geht mir ans Leben!«

Er hatte gut rufen im einsamen Moor. Es war weit bis zum Dorf. Er hing im kalten Wasser. Die Füße, die Beine, der Leib starben ab, der Frost stieg zum Herzen.

Wie ein Schächer hing er vor den Pforten der Ewigkeit. Und sein Leben zog an ihm vorüber; was er gehaßt, was er geliebt hatte, das ganze Leben war ihm Tand und Mär.

Ob er wirklich verpflichtet gewesen war, auf der Meinerskoppel dicht zu machen? Wie weit und nichtig lag es hinter ihm! War Hans in Notwehr, als er ihn in den Sommerroggen warf? Und wie stand es mit seinen und seines Hauses Privilegien? Der Brückenzoll, der Wegzoll, um den er jetzt in Wasser und Morast verging. Und was gibt es für verschiedene Gesetze? Georg Heinrich Joens raucht aus einer Weichselpfeife und trägt einen schwarzen Rock.

Ihm war, als habe er mit dem wegen aller dieser Sachen prozessierenden Peter Holling nichts zu schaffen. Er begriff nicht, wie daran jemals sein Herz habe hängen können.

Er wollte sich dem alten, so lang vergessenen Gott der Kindheit zuwenden, er wollte jetzt am letzten Ende den Wegzoll, den er so lange in schnöder Tasche behalten hatte, für die Fahrt ins Himmelreich zahlen, er wollte sich und seinem Gott die Glaubenssätze vorbeten, die er einstmals gelernt hatte, aber er kriegte sie nicht zusammen. Da sprach eine Stimme in ihm: ›Es ist nicht nötig. Ersäufe du nur den alten Adam mit allen Sünden und bösen Lüsten in diesem Graben, und du bist ein Verwandelter, ein Auferstandener, ein Lebendiger bist du, ob du gleich stirbst.‹

Und siehe! Die furchtbaren Stunden des Leidens gaben seiner Seele mehr als die vielen tausend, wo er Kleingeld in seine Hosentasche gefüllt hatte. Er war ein Geretteter, bevor der Helfer kam, bevor – Hans Rohwer nahte. Ein Beben und Zittern ging durch den Boden, kleine Wellenhufschläge eines galoppierenden Pferdes. Und die Nacht, die Winde, Ried und Rohr fingen an zu rauschen: ›Der, den du gerufen hast, er kommt. Hans Rohwer ist da.‹

Peter Holling hing wie ein halb fühlloser Körper am krampfhaft umklammerten Reck. Und er lebte kaum noch, er erlebte nur verschleiert, was der Steinhöfer tat. Noch war er nicht durch das schwarze Tor geschritten, seine Seele keuchte erst den dunklen Pfad. Aber der milde Petrus hatte ihn schon gesehen und nach dem richtigen Schlüssel der für Peter Holling bereiteten Zelle gekramt.

Er brauchte den Schlüssel vorderhand nicht. Peter stand freilich dicht vor der Tür, aber da kam ein starker Arm und riß ihn noch einmal zurück in die Welt seiner Irrtümer und Leiden.

14

Der Doktor zuckt die Achseln und schüttelt den Kopf, er hat an die Wegnahme der für immer fühllos gewordenen Glieder gedacht. Der Zollwirt ist alt, da hat er von diesem Eingriff abgesehen.

Meistens schläft der Kranke. Und selten oder nie wacht er ganz, er lebt in einer anderen, eigentümlich humoristisch verzerrten Welt. Was ihn quält, was ihn verbittert hat, das Elend seiner jähzornigen und rachgierigen, seiner rechthaberischen Seele ist für immer in dem Moorgraben ersäuft und ertrunken. Heinrich Gröhl hat ihm seine Beine abgeliehen – das ist die Erklärung für die toten Glieder, das plagt ihn, nun muß er im Bett liegen, bis es Heinrich gefällt, ihm sein Eigentum zurückzugeben. »Das ist doch zu toll«, klagt er. »Aber so ist Heinrich Gröhl immer, mit den Worten oben hinaus, aber die Tat, Zusagen halten, da fehlts!« Anna soll hinschicken, Peter will seine Beine wiederhaben.

Wenn ein Wagen vorüberfährt, wenn die Peitsche knallt, dann muß Anna hinausgehen und Brückengeld holen. Er wundert sich, wie rasch die Leute abgefertigt werden. Er macht das Geräusch nach, wenn die Wagen über die Brücke rollen. »Holterkapolter«, sagt er, »das geht flink. Ich machte es anders, ich sprach immer ein paar Minuten mit den Leuten, wie sichs schickt, da dauerte es länger.«

Der Prozeß, sein Unfall, alle diese Sachen sind in seinem Gedächtnis ausgelöscht. Die Jugend, seine Jugend, seine lachende Jugend steigt herauf. »Ich träume immer von Hinrich Beckmann«, erzählt er. »Ich traf ihn auf dem Stafstedter Bahnhof. Da geht Hinrich, die Haare immer noch gelb und steif vom Kopf, da geht er mit seinem Tuchbündel, das er Sonntags zu seiner Mutter brachte. ›Na‹, sag ich im Traum; ›Hinnerk, du hier?‹ – ›Ja‹, sagt er. – ›Ja, Hinnerk‹, sag ich da wieder, ›bist du nicht tot?‹ – ›Ja‹, antwortet er, ›das bin ich, das kann ich nicht leugnen.‹ – ›Ja, Hinnerk‹, fang ich wieder an, ›dann hast du hier doch nichts mehr verloren?‹ – ›Na‹, sagt er so recht verwundert, ›wenn man doch Urlaub hat‹. – ›Hast denn Urlaub?‹ frag ich. – ›Ja‹, sagt er, ›bis August, und so lang bleib ich hier.‹ Und geht mit seinem Tuch auf und ab. Er hatte son eigenen Schwung, sich das Bündelchen unter den Arm zu stopfen.«

Am meisten beschäftigen ihn aber die Beine, die Heinrich Gröhl von ihm geliehen hat.

»Anna«, sagte er eines Tages zu seiner Tochter, »kommt denn unser Nachbar Hans nicht mal? Oder weiß er gar nicht, daß ich liegen muß?«

»Vater, ich wills ihm sagen, er wird gern mal kommen!« »Könntest hinschicken, meine Tochter! Und dann laß dabei sagen, ob er nicht mal nachsehen wolle. In großen Haushaltungen fällt viel ab. Es wäre doch wunderlich, wenn nicht ein Paar abgesetzte, aber im Notfall noch zu gebrauchende Beine zu finden wären. Sind ja leicht gut genug. Ich brauchte dann doch nicht mehr zu liegen und könnte umhergehen, bis Heinrich Gröhl meine wiedergebracht hat.«

Als Peter eines Tages (er war wieder auf dem Stafstedter Bahnhof mit dem toten Hinrich Beckmann zusammengetroffen), als er eines Tages aufwachte, sah er Hans Rohwer und Anna an seinem Bett Hand in Hand.

Der Kranke war verwundert. »Was ist das für einer? Kenn ich den, Anna?«

»Vater«, antwortete Anna, »den kennst du ganz gut, das ist unser guter Nachbar Hans Rohwer.«

Der Kranke lächelte. »Si, so«, summte er, »das ist ja wahr. Hans Rohwer von Steinhof. Von dir hab ich auch geträumt. Ein schwarzes Pferd war dabei, naß von Schweiß, wie aus der Schwemme, da hab ich drauf geritten.«

Eine Weile schwieg er, dann fragte er plötzlich: »Und meine Beine? Hast mir 'n paar mitgebracht?«

Hans Rohwer ging auf die Vorstellung ein. »Es tut mir furchtbar leid, Nachbar«, antwortete er. »Es hat sich nichts gefunden, die Köchin hat alles weggetan. Aber ich hab neue bestellt – in drei Tagen sollen sie fertig sein, und Heinrich Gröhl will auch bringen.«

Peter Holling hörte nicht mehr, es war einer ins Zimmer gekommen, der das Schicksal alles Lebendigen darstellt – der alle Dinge beherrschende Tod. Er stellte sich zu Hans und Anna an den Bettrand und rollte vor Peter Hollings Seele Bilder auf, die er mitgebracht hatte – ausgelöscht gewesene, jetzt um so frischer erstandene; das Streiten in der Schenkstube, die Meinerskoppel, die Axthiebe, den Fluch, den Prozeß, die Fahrten über das Moor, die Wette, die Stunden, die entsetzlichen Stunden im Graben. Auf schäumendem Roß kam sein Feind, sein Widersacher, und rettete ihn.

Die Liebenden fühlten die Nähe der Majestät, Anna umfaßte den sterbenden Vater: »Vergib!« bat sie.

Da erwachte der Kranke aus seinen Träumen und fuhr auf: »Ich vergeben? Was hätte ich zu vergeben, aber ich brauche Vergebung. Hans, komm her, recht nahe her, hör mich an, du weißt gar nicht, wie tief ich in deiner Schuld bin.«

Der Steinhofer nahm des Kranken Hand und streichelte sie. »Und wäre deine Sünde tief wie das Meer, sie ist vergessen und vergeben. Und Sünder sind wir allzumal, ich wie du.«

»Sag nicht zu früh das gute Wort. Komm recht nah heran mit deinem Ohr, ich hab dir was zu sagen.«

Und er fing an zu bekennen. Von seinen bösen Gedanken sprach er, von den Racheplänen, von der Erscheinung im Moor.

»Ich schlug auf den Fuchs, es sollte dein letztes Stündlein sein. Aber Gott hob dich hinweg und ließ dich groß und hoch, weit weg von mir, über Sümpfe schreiten, wo sonst keines Menschen Fuß gehen kann.«

»Ja«, erwiderte der Steinhofer, »es ist alles Einbildung gewesen, auch deine Schuld. Es mag ein Gedanke, ein Bild aufgetaucht sein, womit du spieltest, aber etwas, was du wirklich wolltest, ist es nicht gewesen, daher nichts, was dir als Schuld zuzurechnen ist. Und selbst wenn – mein Herz weiß nichts von Zorn, darin ist kein Buch aufgelegt für Rache und für Groll, am allerwenigsten für Missetat, die nicht begangen worden ist.

Hans Rohwer hielt noch immer die Hand des Sterbenden. »Bist ein dummer Kerl«, fuhr er fort, »ein Quälgeist an dir selbst. Ich war nicht im Moor, und du, das heißt, der klare, wache Peter, auch nicht, nicht meiner Anna guter Vater. Das Andere war nichts als Spiel deines Ärgers. Versuchs nur und komm dem lieben Gott mit solchem Tand, er hört dich gar nicht an, die Engel stehn und lachen über dich.«

»Du spaßtest immer, Hans!«

Über das todesmüde Gesicht flog ein glückliches Lächeln. »Ich sah euch Hand in Hand, warum tut ihr das nicht mehr?«

Der Steinhofer umarmte seine Braut.

»Das ist recht«, murmelte der Kranke. »Hans, du kriegst eine gute Frau.«

Das ist das Letzte gewesen, was er gesprochen hat. Die Dinge der Welt begannen vor ihm zu versinken.

Einmal summte er etwas. Es hörte sich von den Lippen eines Sterbenden wunderlich an. Man hätte glauben können, er summte oder versuchte zu summen: ›Lustig sind die Warler‹

Das Atmen wurde leiser, immer leiser und immer kürzer… ganz kurz… stockte… setzte aus, kam wieder, schließlich war alles still. Vorher ein langes Geräusch, wie wenn ein Fläschchen unter Wasser voll läuft, mit einer Art Glucksen endigend.

Etwas Speichel trat aus dem Mund.

Der Tod fing an, die Züge zu meißeln.

Anna lag weinend an Hans Rohwers breiter Brust.

