Des Reiches Kommen

1

Wo immer sie sich trafen, der Notar und der Geistliche, da stritten sie sich. Ihre Ansichten näherten sich zu sehr, um voneinander lassen zu können, wichen aber zu weit voneinander ab, sich ganz zu einigen. Nun waren sie im Knickweg einer Dorfgemeinde aufeinandergestoßen, der Notar und sein Sekretär im weichen Landauer, der Geistliche am Wagentritt im Gehrock, einen derben Wanderstock in der Rechten.

Das Gespräch kam auf eine vor wenigen Wochen verstorbene, stadtbekannte Persönlichkeit. Wie ein Armenhäusler hatte der Mann gelebt, in seinem Nachlaß fand man märchenhafte Schätze.

Bei dem Geistlichen fiel das Wort: »So gehts, wenn der Materialismus sich zum Wahn versteigt«, worauf der Jurist die Ansicht äußerte, man könne hier ebensogut von Idealismus sprechen.

Er sah schmal und kränklich, ein bißchen pedantisch und schulmeisterlich aus, holte auch jetzt, seine These zu verteidigen, zu einer Abhandlung über die Psyche des Geizigen aus. Der raffe zwar Verkehrsmacht zusammen, so viel er fassen könne, tue es aber nur wegen der Idee, die in der blanken Münze ihren Niederschlag finde. Er wolle zwar mächtig sein, denke aber nicht daran, von seiner Machtfülle Gebrauch zu machen. Gefeit vor Ruhm und Ehrsucht, ein verkappter Donnergott, der seinen Hammer nicht fliegen lasse. Er kleide sich nicht allein in härene Gewänder, sondern wolle die Welt auch überreden, daß er keinen besseren Rock bezahlen könne.

Der Propst, eine hochgewachsene, prächtige Priestergestalt, wollte die Ehrenbezeichung des Idealismus für die Hingabe irdischer Güter gegen sittliche, jenseits persönlicher Erfahrung liegende Ziele gelten lassen.

Er war ein rüstiger Fußgänger, seine Krankenbesuche machte er meistens mit dem Wanderstab ab.

Beim Abschied fragte der Notar: »Sie kommen von Westerhusen?«

»Und das soll wahr sein.«

»Und waren bei Peter Schmidt?«

»Stimmt.«

»Da habe ich auch zu tun.«

»Ich hörte, Peter Schmidt will Testament machen.«

»Richtig. Aber um drei Uhr muß ich in Bültenbrooksdamm sein. Da ist Erbteilung; auf dem Rückweg fahre ich bei Peter Schmidt vor. Er ist ja schon lange krank, und Sie besuchen ihn, wie ich höre, zuweilen. Halten Sie ihn für verfügungsfähig?«

»Peter Schmidt ist bei gesunder Vernunft«, antwortete der Propst.

»Waltet auch keine Gefahr im Verzuge ob, ich meine im Verzuge einiger Stunden? Es paßt mir besser für den Rückweg. Auf Bültenbrooksdamm bin ich gemeldet; was ich da zu tun habe, ist eigentlich meine Reise. Wenn keine Bedenken sind, dann will ich das Geschäft bei Peter Schmidt auf den Abend verschieben. Was meinen Sie, hat das Gefahr?«

»So wie Peter Schmidt jetzt ist«, erwiderte der Geistliche, »ist er schon lange. Es liegt freilich ein Herzfehler vor, es kann über kurz und lang zu Ende gehen, heute aber war er ganz gut.«

»Dann will ich es bei meinem Plan lassen.«

»Wissen Sie um Schmidts Verhältnisse Bescheid?« fing der Propst wieder an. »Da ist ein Bruder in Amerika, ich glaube, den wollen die beiden hiesigen, Peter und der andere, der die Stelle hat (Hinnerk heißt er ja wohl), übergehen. Mir schien das nicht in Ordnung zu sein, und da habe ich dem Kranken ein bißchen ins Gewissen geredet. Wie stehen Sie dazu?«

»Will mal sehen. Es kommt auf die Umstände an.«

»Die Umstände, glaube ich, sind die, daß Peter eine tüchtige Schale Zorn mit ins Grab nehmen möchte und daß der andere seinen Segen dazu gibt.«

»Wenn das ist, Propst, dann wird die Gewissenspauke wohl am Platze gewesen sein.«

Nun schieden sie wirklich.

Der Wagen bewegte sich stöhnend und federnd dem Dorf entgegen und stieß den weich in die Polster gelehnten Notar und dessen Schreiber hin und her. Das Dorf war weitläufig gebaut, jeder Hof in eigenem Ackerland, hinter Koppel und Hecken leuchteten Wiesen auf, Wiesen von abgeblaßtem Grün. Ein Kenner hätte aus der Farbe gefolgert, daß der Untergrund Moor sei, ein schwarzumrandetes Hochmoor wuchs hinter ihnen auf. Und es reichte bis zum Himmelsrand. Es war eine eigentümliche, in ihrer großzügigen Folgerichtigkeit etwas eigensinnige Gegend, ihre Wirkung anfangs beklemmend, dann aber befreiend. Dem Wagen begegneten wenige Menschen. Sie schritten hastig, die Mütze rückend, mit einer gewissen Unbekümmertheit vorüber.

Der Vogelsang ist, sagen die Gelehrten, nicht nur ein Lied der Liebe, er ist vor allen Dingen der Kriegsruf für die ›Gewere‹ des Futterplatzes. Daran wurde man gemahnt beim Anblick der Höfe in ihrer trotzigen Einsamkeit. Zuweilen quoll über die Hofwälle ein Peitschenknall und predigte: ›So weit wie meine Schwingung reicht, nenn ich Grund und Boden mein‹.

Hinter dem Gefährt lag ein großer Wald, den hatte man durchfahren, da war es kühl und schattig gewesen. Der Dorfweg war trockener und sandiger, es ging bergan, aber nach nicht langer Zeit hatte man den höchsten Punkt.

Auf dem Bock sitzt Hein Möller, erster Fuhrknecht bei dem Gespannhalter des Städtchens, hier im Dorfe geboren und sich noch immer von hier fühlend, immer das Leitseil in Händen habend, wenn der Justizrat seinen Sprengel bereist. Der Rat kennt ihn, und er kennt den Rat, sie verstehen sich und sind miteinander vertraut, Hein kennt aber nicht allein den Rat und die Gegend, er kennt auch die Geschichten, wovon der Westwind in dem Eichenkranz der Häuser raunt.

An eine solche schon halb zur Dorfsage gewordene Geschichte dachte der Rat:

»Hein, was war doch das für einer, der hier bei Nacht und Nebel mit seines Bruders Braut über das Moor nach Amerika ging?«

Wenn man von Hein Möllers Gesicht sagen wollte, es sehe gutmütig und ehrlich aus, so hieße das Eulen nach Athen tragen, denn das versteht sich bei einem so alten Fuhrmann von selbst. Ein bißchen Nußknackervisage war freilich dabei. Seine Stimme ein wenig belegt; wenn er sprach, lächelte er listig und lustig vom Kinn bis zur Nase und zugleich mit den Augen.

»Ja«, entgegnete er, »Herr Rat, das war Hinnerk Schmidt, und der, der nach Amerika ging, war Hans Schmidt, und die Deern, das war Mars Lüders seine Anna.«

Nun erinnerte sich der Justizrat. Es waren dieselben Schmidts, bei denen er heute abend ein Testament aufnehmen wird.

»Dann ist Hans wohl der Bruder, von dem der Propst sagte?«

»Das ist so, Herr Rat.«

Nun nahm sich der Justizrat vor, noch mehr bei dem Testament ein Auge darauf zu haben, daß dem Amerikaner kein Unrecht widerfahre.

Er sah in die Weite und sah die fliehende Wucht der Gegend. »Sehen Sie«, wandte er sich an seinen Gehilfen, wie groß und schön und gewaltig!«

Der überlegte gerade, ob er wohl zum Skatabend rechtzeitig nach Hause komme oder diese Oase seines Daseins schwänzen müsse; mitten hinein fiel die Gewalt der Gegend.

»Sie belieben, Herr Rat?«

»Das da!« Und des Justizrats Hand machte einen Bogen: »Wir wollens ansehen; halt mal still, Hein!«

Hinter dem Moor begann das Land des Dufts und der blauen Poesie; der Ackerboden und seine Hecken schwangen sich mit einer gewissen Feierlichkeit hinab. Beide Herren sahen an Hein Möller vorbei und über Hein Möller hinweg in die Gegend.

Der Notar schwieg, sein Gehilfe auch, der Rat setzte sich, der andere folgte ihm und machte nun der Gegend sein Kompliment. »Man kann weit sehen«, sagte er.

Und dann fuhr man weiter.

Der Justizrat interessierte sich für mancherlei, er sah die mit Dachreth gedeckten Bauernhäuser und trug seinem Begleiter eine kurze Geschichte der menschlichen Wohnung vor, beim einfachen Windfang anfangend; er tadelte dabei die Achsenrichtung der meistens mit der Breitseite gegen die Windrichtung gestellten Gebäude. Da könne man freilich die überall als Windbrecher hingepflanzten Eichen und Pappeln nicht entbehren.

Hein hatte das mit angehört, er drehte sich um und bemerkte: »Herr Rat, nehmen Sie nicht für ungut! Aber was Sie da sagen, das kommt daher, daß der hiesige Zimmermann alle Häuser mit den Stuben an den Weg stellt. Und weil der Weg nach Westen geht, da pustet dann der Westwind voll aufs Dach. Und auch ist es so Mode bei den Zimmerleuten dahier, daß sie hohe Sparren aufsetzen. Sie sagen, das gibt Platz auf dem Böhn, und Heu und Korn sagen sie, gehören ins Haus und nicht in Diemen. Da kann der Bauer nichts bei tun, da muß er bauen, wie der Zimmermann will.«

Der Notar lachte. »Wenn alles hier einen eigenen Kopf hat, weshalb nicht auch der Zimmermann? Das scheint mir ganz in der Ordnung zu sein.«

»Dachhäuser«, fuhr Hein fort, »sollen ja nun nicht mehr sein. Sehen, Herr Rat«, der Sprecher zeigte auf einen Neubau, »nun macht man Kniestöcke und legt ein Dach von Pappe darauf. Die sind niedriger und flacher.«

»Jawohl, aber es sieht übel aus.«

»Gleich kommt«, fing Hein nach einer Weile wieder an, »gleich kommt Peter Schmidt seine Berlehnskate, wo Sie nachher hin sollen, die ist aus roten Steinen und hat Säulen vor der Tür. Süht heel schmuck aus.«

Sie fuhren langsam an dem gelobten Haus vorüber. Mit den roten Steinen, den weißen Fugen, den in Zement abgeputzten Säulen schrie es förmlich aus dem Gebüsch heraus, wie schmuck es sei.

»Hinnerk Schmidt, der die Stelle hat, wohnt man altmodisch, Säulen hat er aber auch vor der Tür.« Hein Möller zeigte auf das mit altem, breitem Strohdach zwischen den Bäumen hervortretende, aber von der Straße mißtrauisch abgerückte Bauernhaus. »Er könnte gern neue Brandmauern aufsetzen, hat ja Geld genug. – Süh, da steht er am Hecktor!« setzte der Sprecher mit gedämpfter Stimme hinzu.

Am Hecktor stand ein magerer, kaum mittelgroßer, in Weste und Beinkleid von Blauleinen gekleideter, rockloser Mann von unbestimmtem Alter. Er war im Begriff, seine auf den Melkplatz treibende Herde hineinzuzählen. Als der Wagen näher kam, zog er die Mütze. Sie war abgetragen und saß auf braunblonden, wirren Haaren.

Hinnerk Schmidt setzte sie rasch wieder auf, um eine Dungkarre worauf man eine kleine Schaufel sah, aus der Fahrstraße auf die Seite zu schieben.

»Godn Dag, Schmidt!«

Ein rotbraun verbranntes Gesicht mit harten, etwas starren, aber nicht unfeinen Bauernzügen sah aus grauen, tiefen Augen herauf. Die Treuherzigkeit der Dorfleute lag darin, aber auch ihre Eigenwilligkeit. Um Kinn und Mund und Brauen hatte sie ihre Linien gezogen.

»Gegen acht, denke ich, bin ich so weit. Paßt es dann?«

»Es paßt immer. Kann ich die Zeugen zu acht bestellen?«

»Bitte. Sie nehmen doch Nachbarn, die nicht mit Ihrer Familie verwandt sind?«

»Jawohl, Herr Justizrat.«

»Ihr Bruder ist wohlauf?«

»So as ümmer, Herr Rat. Sük ist er ja man, das ist er aber ja schon lange«.

»Wenn ich in Bültenbrooksdamm fertig bin, komme ich gleich her.«

»Is god so, Herr Rat.«

Ein kleines Mädchen trieb die Kühe, die von der Weide geholt waren, entgegen. Es war eine große, stattliche, buntgefleckte Herde, der Wagen fuhr langsam durch den lebendigen Strom.

Die Herde war vorüber, Hein nahm wieder das Wort: »Herr Rat, haben Sie die Schuvkar gesehen?«

»Die habe ich gesehen. Was ist mit der Schuvkar?«

»Je, die Leute sagen ja: wenn die Küh zu Haus sind, dann muß die Kuhdeern damit den Weg zurückfahren und aufschüffeln, was die Küh unterwegs verloren haben.«

Der Justizrat wagte ein Lachen. »Schullt wahr sin?«

»Je, ich weiß nicht. Aber die Leute halten ihn für nau und wunderlich. Manchmal sagen sie auch ›Hinnerk mitn Fellerbüdel‹ zu ihm.«

»Wo kommt das her?«

Hein Möller räusperte kurz und vergnügt eine kleine Heiserkeit hinweg, machte eine halbe Wendung nach hinten und erzählte:

»Je, das ist so ne Geschichte. As Hinnerk noch ein jung Kerl wesen is und sein Oll noch auf dem Hof gedauert hat, da hat er sich mal mit Johann Hargens (nu ist Hargens ein alter Mann, und es geht ihm schlecht), mit dem hat er sich zusammengetan, um ein bißchen Geld mit dem Goshandel zu verdienen, indem sie die Gös mager gekauft haben, fett gemacht und dann durch die Dörfer damit getrieben haben. Aber der Handel ist slecht gegangen, die Gös haben auf dem Marsch ihr Fett und auch ihre Federn verloren. Johann Hargens ist nun ein Mensch, der alles licht nimmt, Hinnerk ist aber schon damals einer west, der alles swarz und swer angesehen hat. Und er hat alle Federn, die die Gös fallen gelassen, in einen großen Beutel gesammelt. Und schließlich hat er geweint.«

Hein Möller drehte sich noch etwas weiter herum und lachte über das ganze Nußknackergesicht:

»Da hat Johann Hargens so halb spöttisch zu ihm gesagt: ›Nä, Hinnerk, ween schaft ni! Un wenn kok vun Dör to Dör mit di gan schall und üm Brot bern: ween schaft ni, Hinnerk!‹ Da ist Hinnerk ganz still geworden, aber den Fellerbüdel hat er mit nach Hause bröcht – n ganzen Sack voll. Aber was drin gewesen, hat nicht viel getaugt, Dunen sünd da wenig mang wesen.«

So sprach Hein Möller und kehrte, als er fertig geredet hatte, das Gesicht den Pferden wieder zu.

»Dann ist er wohl sehr geizig?«

Hein mit halber Wendung: »Nau ist er, geizig kann man wohl nicht sagen. Nau und sparsam ist er. Was ihm nicht gehört, läßt er liegen, aber das, von dem er glaubt, daß es ihm zukomme, das nimmt er von … wie man so sagt, vom Altar. Aber er ist auch wieder gut. Kleine Leute haben viel Gutes bei ihm, und as der alten Witfrau Kracht, die in Martin Matthiessens Kate wohnte, ihr ganzer Kram aufgebrannt ist und nichts versichert gehabt hat, da hat er ihr hundert blanke Taler auf den Tisch gezahlt und ihr geschenkt. Abel Kracht hat nichts nachsagen sollen, hat es aber doch herumgebracht.«

»Das war ein guter Streich«, lobte der Notar.

»Ja, slecht is er nich, Herr Rat.«

Sie fuhren weiter.

Der Beamte ließ sich die bei dem heutigen Geschäft zu erledigenden Punkte durch den Kopf gehen und beriet mit seinem Sekretär. Die Erbteilung in Bültenbrooksdamm wird nicht viel Schwierigkeiten machen, sind lauter ruhige, anständige, vornehm denkende Leute. Der älteste Sohn bekommt die Stelle zur Bruder- und Schwestertaxe, die beiden Schwestern eine Geldabfindung. Hoch kann sie nicht ausfallen, es ruhen Schulden auf dem Hof, beide Mädchen haben aber nette Partien gemacht und sind in guten Brotstellen.

Und dann dachte er an das Schmidtsche Testament.

»Hein Möller, habe ich recht gehört, hat Peter Schmidt mal in der Lotterie gewonnen?«

»Das sagt man.«

»Wie viel?«

»Die Leute schnacken von velen Dusend, es soll ein Teil vom großen Los gewesen sein. Ich glaub, Herr Rat, Peter und Hinnerk wollen es durch Sie festmachen, daß Hans, der nach Amerika gegangen ist, nichts davon kriegt.«

»Sagten Sie nicht, Hein, daß Hinnerk Schmidt mit dem Mädchen, das mit dem Bruder wegging, versprochen gewesen sei?«

»Ganz recht, Herr Rat. Das hatten die Alten noch zurechtgemacht. Und nun kam das so: Peter und Hinnerk sind ja Zwillinge, liker old, und man weiß noch heutzutage nicht, wer von ihnen zuerst geboren worden ist. Nun ist hier ja … dat is doch so, Herr Rat, nicht wahr? … man hört ja immer so … ich mein, daß hier Rechtens ist, daß der Älteste die Stelle kriegt. Wie nun der Alte starb und nichts gemacht hatte, da wußte man nicht, wer denn eigentlich Bauer werden müsse, ob Hinnerk oder Peter. Wer weiß, sie hätten sich, so viel sie auch voneinander halten, vielleicht darum verschiert. Da ist der Allerweltsadvokat Karl Schnoor von Bargenhusen, der von Mutterseite mit ihnen verwandt ist, dazugekommen und hat gesagt: ›Da muß um gelost werden. Der eine kriegt die Stelle, der andere kriegt die Kate und Verlehnt.‹ Und da haben sie gelost, und Hinnerk hat den Längsten gezogen und Peter hat die Kate und Verlehnt bekommen. Und die Kate ist ganz neu aufrepariert worden und hat die schmucken Säulen gekriegt.«

»Das ist ja alles ganz gut, Hein, ich mein aber, wie war es mit der Braut?«

»Ja«, war die eifrige Antwort, »das wollte ich man sagen. As Hinnerk Schmidt die Stelle zugefallen war, da wollte er Hochzeit machen, aber süh mal an! – da war die Braut weg.«

»Mit Hans?« warf der Rat fragend ein.

»Ja, mit Hans. Eines Morgens war sie nicht da, und Hans war auch nicht da, und der Kahn, der in der Au bei Ephraims Wiese liegt, war auf der andern Seite. Da waren sie mit übergesetzt. Und dann waren sie übers Moor gegangen. Und dann müssen sie mit dem Eiderdampfer, der bei Breiholz hält, hinunter nach Tönning, gefahren sein. Lange Zeit wußte man gar nicht, wo sie geblieben. Dann schrieben sie aus Amerika.«

»Wenn die Deern Hans lieber leiden mochte als Hinnerk – weshalb versprach sie sich denn mit Hinnerk?«

»Das hat wohl so seine Haken gehabt, Herr Rat. As sie sich versprochen haben, da hat der alte Schmidt doch gelebt und auch der alte Mars Lüders. Nun aber waren die beide nacheinander tot geblieben. Mars und der alte Schmidt hatten es in der Hauptsache wohl miteinander ausgemacht. Im Dorf munkelte man aber schon immer, daß Hinnerk Schmidt von seiner Braut betrogen werde, daß sie mit Hans gehe. Hinnerk Schmidt ist nun aber so, daß er kein Arg hat; nachher hat er es ja allerdings schwer genug genommen.«

»Hat er es schwer genommen?«

»Ja, er ging immer so schuls umher und bildete sich ein, er könne sich vor Leuten nicht mehr sehen lassen. Einige sagen sogar, er habe sichs Leben nehmen wollen, aber Peter sei darüber zugekommen. Ganz ist er erst wieder geworden, als Maleen Lohsen seine Frau geworden. Die hat ihn zurechtgekriegt. Damals war sie noch frisch und kräftig, seitdem sie aber die große Krankheit dörgemacht hat, ist sie man släfrig und swack.«

»Hat Hinnerk denn viel von der Lüders Deern gehalten?«

»Viel mochte wohl der Schimpf und der Blam tun, ein bißchen hat er sich doch auch wohl in das falsche Ding verkuckt gehabt. Er behängte sie ja mit Gold, was doch sonst nicht seine Art und Wies war.«

Der Wagen näherte sich der Niederung und den Mooren. Nicht weit von Bültenbrooksdamm kam ein junger bleicher Mann, einen Milchtopf am Bandseil tragend. Im Vorbeifahren fing man einen Blick auf aus geduldigen, immer hoffenden Leidensaugen, wie sie den Lungenkranken eigentümlich sind. Der Jüngling rückte höflich die Mütze.

Außer Hörweite, fragte der Notar: »War das nicht der junge Heitmann?«

»Ja, das war Klaus Heitmann, Mutter Heitmannsch vom Moor ihr einzigster Sohn.«

»Sieht nicht gut aus, der junge Mensch.«

»Ja, Herr Rat, sied de Tied, wo he die Geschichte gehabt hat, ist er man swach.«

»Welche Geschichte?«

»Na, die Geschichte mit der Rühmannsch Deern. Herr Rat erinnern wohl, Klaus Heitmann kam zum Schwur, daß er nichts mit ihr zu tun gehabt habe.«

Der Justizrat erinnerte sich der Sache, er hatte Klaus Heitmann vertreten.

»Was hat der Prozeß mit seiner Gesundheit zu tun?«

»Je, seitdem er sich losgeflucht hat, swewt er nur noch so.«

»Halten Dorfsleute dafür, daß der Schwur nicht recht gewesen ist?«

Hein Möller knipste mit der Peitsche. »Es sind da zwei Partien, Herr Rat«, erzählte er in seinem platten Hochdeutsch. »Die einen sagen (und das sind ja wull die mehrsten) die sagen, er hat falsch geflucht, und deshalb holt ihn der Deubel und er swindt so allmählich bei lebendigem Leibe. Die andern sagen, es ist alles Lüge und Höhnergloben. Klaus Heitmann ist immer man flödig gewesen, und nun hat er, wie er, das Moor urbar zu machen, die tiefen Grabens gezogen hat, da hat er zuviel bei gekriegt.«

»Und diese andern werden wohl recht haben. Klaus Heitmann hat bei mir und auf das Gericht guten Eindruck gemacht«, erwiderte der Justizrat.

»Und die Rühmannsch, was die Deern ist, taugte in ihrer Haut nichts, und die Olsche, was die Mutter ist, noch weniger«, fügte Hein hinzu.

»Taugte nichts, Hein?«

»Taugte nichts in ihrer Haut, Herr Rat. Die war eine Allerweltsbraut, die hatte mit dem halben Dorf zu tun, und mit dem fremden Schmiedsgesellen fand man sie überall, wo ein Strohdiemen stand. Aber der Kerl ging weg, bevor die Sache so weit war, hatte auch nichts und gehörte zum losbannig Volk. Nun, da mußte denn ein anderer dran glauben. Klaus Heitmann kriegte eine eigene Kate, kriegte Land und Sand. Warum denn nicht Klaus? Ob er aber ganz frei von ihr gewesen, so daß er den Schwur tun konnte, das weiß man ja nicht.«

»Herr Rat«, fuhr er nach kurzer Pause fort, »ist das wahr, daß ein Mädchen auch dann noch was verlangen kann, wenn sie mit mehreren Bräutigams zu tun gehabt hat? Die Leute sagen ja so.«

»Und die Leute sagen recht. Das heißt: eigentlich ist es nur das Kind. Und es ist nicht überall in Preußen so. Aber bei uns hierzulande ist es jetzt noch so. Alle sind zu zahlen schuldig, bis das Kind hat, was die Gesetze vorschreiben.«

»Wissen Sie, Herr Rat, was die Leute sagen?«

»Was sagen die denn?«

»Die sagen: Was die Rühmannsch ist – Hinnerk Schmidt hat ihr auch abhandeln müssen.«

»Ei was!«

»Je, ja, das sagen sie.«

»Hein, sehens sich vor!«

Der Anruf bezog sich auf eine breit geladene Roggenfuhre, die ihnen entgegen kam. Hein Möller fuhr scharf an den Knick und redete mit seinen Pferden.

Als alles vorüber war, kam er auf den Fall Heitmann-Rühmann-Schmidt zurück. »Wokeen will sagen, daß Klaus Heitmann falsch geflucht hat? Aber dat he just domals die Swind kriegen muß!«

»Die kriegen andere Leute auch«, warf der Rat ein.

»Dat segg ik ok«, entgegnete Hein.

Nun raffte sich der Sekretär auch zu einer Bemerkung auf. »Vielleicht ist es gar nicht so schlimm mit seiner Brust«, sagte er.

Hein kratzte sich den Kopf. »Ich weiß doch nicht, Herr Sekretär. Die alte Wieb vom Moor, was Klaus seine Mutter ist, sagte mir vor vierzehn Tagen: Zweimal hat Klaus es vom Tode geholt, nu graut mi vorm drütten mal.«

Hein Möller schwieg, und der Notar überschlug die heute anstehenden Amtsgeschäfte.

Nicht lange, dann bog der Wagen in das Hecktor eines Gehöftes ein. Man war auf Bültenbrooksdamm, unmittelbar vor der großen Ebene der Wiesen.

Die Erben standen am Heck, den Notar zu empfangen.

2

Ob Hinnerk das, was seine Kühe unterwegs vergeudeten sonst aufsammeln ließ, bleibe dahingestellt. An dem Tag, als er vor dem Justizrat am Hecktor den Deckel lüftete, hat er es nicht getan, an dem Tag schob er, als der letzte Kuhschwanz hineingezählt worden war, und die Milchmädchen mit Eimern und Kesseln zur Melkenriegel hinüberrasselten, die Karre auf die Hofstelle und ging in seine Wohnstube.

Seine Frau, die, wenn nötig war, beim Melken mit zugriff, war dabei, sich dafür zurechtzumachen. Aber Hinnerk sagte: »Laß, Maleen! Pack ein bißchen auf und mach schier! Klock acht kommt der Justizrat zu Peter, ich muß ihn reinnötigen.«

»So«, erwiderte seine Frau, »er kommt also wirklich. Das gibt viel Kosten und Stempel.«

»Wat wesen mutt, mutt wesen«, antwortete Hinnerk.

Maleen tat, wie ihr geheißen worden war, packte auf und nahm allerlei Schürzen und Unterröcke, die an den Wänden hingen, weg und trug sie nach der Kammer. Mit einem Fahrtuch kehrte sie zurück und fing an zu wischen.

Sie war eine rund – zu rund gewordene Frau, sprach mit müder Zunge und ging mit fallendem Schritt, hatte schwarzes, volles Haar und braune, müde Augen. Einstmals hatte sie gut ausgesehen, die schön geschwungenen Brauen, ein in dem immer verschleierten Blick zurückgebliebenes Etwas sprachen dafür, und die Hautfarbe immer noch frisch und rein.

»Je, Hinnerk«, entgegnete sie und trug ihres Mannes Sonntagshose, die hinter dem Ofen gehangen hatte, ebenfalls hinaus, »mut dat würkli wesen?«

Darauf antwortete Hinnerk nicht mehr.

Hinnerk Schmidt hatte keine Nachkommenschaft, er und Maleen waren Bruder- und Schwesterkinder, sie hatte ihm den Hausstand geführt. Geheiratet hatte er sie erst, als ihm die ärgerliche Geschichte mit der Rühmanndeern passiert war. Die Rühmann hatte bei ihm als Mädchen gedient. Sinnlich und sittlich hatte Hinnerk sich immer in Schranken gehalten, für die vollblütige Rühmann hatte er nun gar nichts übrig gehabt, aber das mannstolle Frauenzimmer war in seine Stube gekommen.

Über alle Augenblicke seines Lebens glaubte er einigermaßen vor Gott und vor sich selbst bestehen zu können, jener Stunde schämte er sich von Grund aus, und seine Scham kannte keine Grenzen, als er schließlich über die letzten Gründe der Rühmann ins klare gekommen war.

Aber da half es denn nicht, da zog er, um so wenig wie möglich bei der schmutzigen Geschichte genannt zu werden, um, soweit es möglich war, bei sich selbst sofort von der Sache loszukommen, da zog er den Beutel und legte der alten Rühmann, die übrigens eine wahre Megäre war und wie eine Megäre die aus der Liederlichkeit ihrer Tochter erwachsenden Ansprüche vertrat, der legte er blanke tausend Mark auf den Tisch und ließ sich dafür einen Schein unterschreiben, daß sein Name bei der Sache nicht genannt werden solle. Einen solchen Schein hielt Hinnerk für rechtsverbindlich, die beiden Damen Rühmann glücklicherweise auch.

Es ist eine böse Sache gewesen, sie hat aber gute Folgen gehabt. Als Hinnerk um Tausend leichter aus der Rühmannkate zurückkehrte, ging er in die Kammer seiner Haushälterin Maleen, erzählte ihr offen, was geschehen war, und fragte sie, ob sie seine Frau werden wolle. Da dauerte es nicht lange, und Hinnerk mitn Fellerbüdel schlief gesichert vor Überfällen unter eheweiblichem Schutz.

Hinnerk hatte auf Maleens Frage, ob es wirklich sein müsse, nicht geantwortet, das war seine Gewohnheit, wenn ein Einwurf zu überlegen war. Seine Frau wußte das und nahm sein Schweigen nicht übel. Sie wischte in der Stube herum und wischte weiter, als Hinnerk Schmidt nach seiner Mütze griff.

»Wullt röwer na Kat?« fragte sie.

Das Gartenhaus, worin der kranke Bruder wohnte, war rechtlich ein Zubehör der an Hinnerk gefallenen Landstelle. Zur Wohnung für Menschen eingerichtete Nebengebäude fallen unter den Gattungsbegriff ›Kate‹.

»Wullt na Peter?« wiederholte sie.

»Ja«, erwiderte ihr Mann, die Mütze in der Hand.

»Von wegen des Testaments?«

»Ja.«

»Sollte es nötig sein?«

»Das ist doch.«

»Es gibt viele Kosten, und es ist jeden Tag was zu bezahlen.«

»Das magst wohl sagen, aber da ist doch wohl nichts beizumachen.«

»Du mußt wissen, Hinnerk«, erwiderte sie und stand, das Wischtuch in der Hand. »Früher habt ihr es nicht für nötig gehalten. Es gibt Kosten und Stempel und auch noch Steuer; zu bezahlen ist jeden Tag, und mein seliger Vater pflegte zu sagen: Afkaten und Uhrmakers, wenn die einem begegnen, denn man forts dörchn Knick!«

Maleen sprach selten so viele Worte auf einmal, und auf Erzählungen und Gleichnisse ließ sie sich selten ein. Die Rede machte ihren Mann nachdenklich, er nahm langsam seine Mütze und sagte halb für sich und halb zu Maleen: »Je, noch weer t Tied.« Und dann ging er aus der Tür, den Kranken aufzusuchen.

3

Nicht nur Hein Möller glaubte, daß Peter Schmidt viel Geld gewonnen habe. Es war wirklich so, Peter Schmidt war durch einen Glückszufall ein begüterter, nach bäurischer Schätzung ein reicher Mann geworden, und es war in der Gegend bekannt, obgleich et und Hinnerk sich die größte Mühe gegeben hatten, es zu verheimlichen.

Ein hausierender, auf den Namen Nathan nicht getaufter Mann, war der Urheber dieses Glücks. Er hatte das Los angeboten, Peter hatte es erst zurückgewiesen und schließlich widerwillig genommen. Nicht lange darauf war Nathan mit der Nachricht des schier märchenhaften Glücks wiedererschienen. Und als die Glücksmär gekommen, waren die beiden Brüder in aller Stille zur Stadt gefahren, hatten den Schatz gehoben, in preußische Konsols umgesetzt, in ein eisernes, feuerfestes Kistchen hineingetan und das Kistchen nächtlich und heimlich unter Peter Schmidts Bettstelle in einem dazu hergerichteten Hohlraum verborgen. Nur dem Auge eines, der darum weiß, konnte der scharfe Sägeschnitt in den Dielen auffallen.

Was mit dem Schatz geschehen solle, wenn Peter die Augen zumache, darüber waren die Brüder seit Peters Krankheit einig. Hans, der nach Amerika ausgewanderte Bruder, (im übrigen mag er seinen Teil erben) sollte von diesem Glücksfall nichts abhaben. Einem Rechtsgelehrten wäre bei dieser Verabredung aufgefallen, daß durchaus zweifelhaft gelassen wurde, ob eine Verfügung unter Lebenden oder eine solche von Todes wegen beabsichtigt sei. Er hätte auch wohl darauf aufmerksam machen mögen, daß das Gesetz dabei den Formen Wichtigkeit beilege. Aber das wußten weder Hinnerk noch Peter, und daran dachten sie nicht.

»Das Geld ist dein«, so drückte Peter sich aus, wenn darauf die Rede kam, »die Kiste auch. Und wenn ich die Augen zumache, dann trägst du sie gleich nach deinem Hause hinüber. Das braucht keine Obrigkeit und kein Gericht und kein Mensch zu wissen.«

»Ja, Bruder«, hatte Hinnerk geantwortet, »dann trag ich es gleich hinüber.«

»Nicht wahr, Hinnerk, das Loch, wo das hinein soll, hast du fertig?«

»Das ist in der Reihe«, antwortete Hinnerk dann.

So hatten sie es oft besprochen.

Die nicht mehr junge Abel Fehrsen, die dem kranken Peter den Hausstand führte, wird, so lange ihr Herr lebt, bei ihm bleiben. Für sie sind Gelder auf der Sparkasse belegt, das ist in Ordnung.

Es war also, wie beide Brüder die Rechtslage auffaßten eigentlich kein Grund, ein Testament zu machen. Es wäre das sicherlich gar nicht in Frage gekommen, wenn der Justizrat nicht die Erbschichtung in Bültenbrooksdamm zu erledigen gehabt hätte. Vielleicht sei es gar kein glücklicher Einfall gewesen, ihn zu bestellen – dachte Hinnerk Schmidt, als er nach dem Gartenhaus hinüberschritt.

Von dem Lotteriegewinn sollte der Amerikaner nichts haben. Peter und Hinnerk waren rechtliche Leute; jemand um das zu verkürzen, was ihm zukam, das fiel ihnen nicht ein. Auch Hans, so schlecht er und seine Frau auch gehandelt hatten, sollte alles haben, was er als Sohn des Hauses erwarten und beanspruchen konnte, und wenn es auch nur mittelbar vom Hofe kam. Mithin sollte er seinen redlichen Teil von Peters Hausvermögen erben. Aber nicht von dem Lotteriegewinn. Was hatte der Lotteriegewinn mit dem Hof zu tun? Der Lotteriegewinn war Peter aus Himmelshöhen durch Gottes Ratschluß in den Schoß gefallen, das war ein Geschenk Seiner Liebe, und als ein Geschenk der Liebe sollte er weitergegeben werden. Der gebührte nur dem, den der Schenker wirklich mit Liebe umfaßte. Wenn man nun auch seinen leiblichen Bruder nicht gerade hassen konnte und hassen wollte… warme Liebe war doch was anderes als das, was man für Hans fühlte.

Der Gedanke, ein Testament zu machen, war nur nebenbei mitgenommen worden, als man gehört hatte, der Justizrat komme nach Bültenbrooksdamm… war mitgenommen worden, um ganz sicher zu gehen, um etwas zum Aufweisen zu haben, wenn Hans sich melden sollte.

An die Kosten hatte man kaum gedacht, die konnten doch nicht aller Welt sein. Nun aber kam Maleen mit dem Stempel und mit der Steuer, und das fiel Hinnerk schwer aufs Herz, namentlich tat es die Erbschaftssteuer, die er bisher ganz übersehen hatte.

Zwischen dem Bauernhaus und Peters Kate lag der zum Verlehntshaus gehörige Garten, hüben und drüben gingen Pforten von den Hofstellen hinein.

Hinnerk ging durch den Garten und dachte an die Kosten. Und ob es wirklich nötig sei, eine Urkunde zu machen, und ob das alles nicht gespart werden könne. Wenn er den Kasten gleich nach Peters Verscheiden hinübertrage, sei ja alles in Ordnung. Ob Kosten und Steuer nicht wirklich gespart werden könnten? Und es fiel ihm ein, daß die Geschwister nach Prozenten zahlen müßten.

Zu Hause hatte er einen sogenannten Volksanwalt, einen Rechtskalender, der zwar nicht für Hinnerks Provinz, sondern für das Gebiet des preußischen Landrechts abgefaßt war, daher hier nicht galt. Hinnerk wußte das aber nicht und holte sich fleißig Rat aus dem ›preußischen‹ Rechtskalender, wenn er über sein Recht Auskunft haben wollte. Er beschloß, gleich nach seinem Haus zurückzukehren und wegen der Erbschaftssteuer nachzusehen.

Seine Hand lag schon, als er das dachte, auf dem Türdrücker der Kate. Peters Haushälterin saß nahend am Fenster, er klopfte an die Scheiben und teilte ihr mit, der Justizrat komme um acht Uhr, er wolle noch was nachsehen, nachher kehre er gleich ein. Dann ging er, immer in Gedanken, nach seinem Haus zurück. Er glaubte mal gehört zu haben, daß Vollgeschwister zwei Prozent zahlten. Das wäre ja fürchterlich! Nun, Hinnerk hat ja das Buch und wird sehen.

Die Dienstmädchen waren noch beim Melken, das Haus schien menschenleer. Der Bauer ging über Diele und Vordiele in eine nach dem Garten hinaus belegene Hinterstube. Sie war, als Hinnerk noch Junggeselle war, seine Schlafstube gewesen, dort hatte ihn das Schicksal schwach gesehen, jetzt barg sie außer dem neuen Sielengeschirr seine Bibliothek. Selten kam jemand hinein, und noch seltener wurde gelüftet.

Die Bibliothek stand auf einem kleinen, an einer Schnur aufgehängten Bücherbrett: Bibel und Gesangbuch, die holsteinische Wasserlösungsordnung, die er bei einer Vorflutstreitigkeit angeschafft hatte, ein Punktierbuch, ein Vieharzneibuch, ein Hausschatz allgemeinen Wissens, ein Predigtenbuch von dem Generalsuperintendenten Jensen, eine Gesindeordnung und endlich der Rechts- und Kostenkalender.

Über dem Bücherbrett an einem eisernen Wandhaken, der früher das Bort der längst in Scherben gegangenen Suppen- und Punschterrinen seiner Großeltern getragen hatte, hing das gut eingefettete Sonntagsbuggeschirr des Stuhlwagens, doch lagen die Halskoppeln und Zäume auf einem gewölbten, grün lackierten, die Leinenschätze enthaltenden hohen Koffer.

Hinnerk mitn Fellerbüdel nahm den Rechtskalender, suchte lange Zeit, suchte darauf im Register und fand schließlich das, was er suchte. »Vollgeschwister zahlen zwei Prozent«, sagte der Rechtskalender. Und darauf konnte Hinnerk sich verlassen, denn in diesem Punkte gab es ein allgemeines preußisches, alle Provinzen umfassendes Recht.

Zwei vom Hundert! Hinnerk wurde in Gedanken ganz blaß, faßte sich aber, nahm das Buch und stellte es aufs Brett zurück.

Er stand mitten in der Stube und sah, ohne sich bewußt zu werden, was er sah, auf einen alten, schwarz eingerahmten, die Himmelfahrt Christi darstellenden Holzschnitt, der an der Wand hing. Das Bild war alt und vergilbt und stockig, der Rahmen undicht geworden. Staub und Feuchtigkeit waren unter die Glasdecke gedrungen und hatten eine Zeichnung aufgetragen, farbig nicht schön, denn es sah aus, als sei Kaffeesatz darüber hergelaufen, in den Linien aber kühn: eine Gebirgswand mit vielen Schroffen und Zinken.

Hinnerk sah es und dachte an die Tausende, die in Peters Geldkiste schlummerten, an die Gebühren und an die zwei Prozent, und fragte sich, ob es nicht eine Dummheit gewesen sei, den Justizrat zu bitten. Je länger er stand und auf die kühnen Linien der Kaffeesatzzeichnung sah, desto gewisser wurde es für ihn, daß ein Testament nicht allein nicht nötig, sondern sogar schädlich war.

»Ja, das ist so«, sprach Hinnerk Schmidt für sich und wollte eben zu seinem Bruder zurückkehren, als die alte Abel, so eilig wie sie konnte, über die Diele geschräkelt kam und ihm sagte, Peter lasse ihn bitten, gleich zu kommen.

»Ik komm forts«, antwortete er. Er holte Abel noch im Steig des Verlehntsgartens ein.

4

Der Nutznießer des Gartenhauses kam nicht mehr aus dem Lehnstuhl heraus, er war ein bedauernswerter Mann, seine sich mehr und mehr steigernden Atemnöte waren furchtbarer Art. Die Umgebung wußte, daß seine Tage gezählt seien, und auch Peter Schmidt selbst wollte sich nicht mehr darüber täuschen.

Er war vom Leben satt. Er bereitete sich auf die große Reise vor und klammerte sich an die Tröstungen der Religion. Ein einfacher, christlicher Mann, war ihm der fromme Glaube an das Jenseits der letzte Stecken und Stab. Früher hatte Peter Schmidt es mit der Religion nicht so ernst genommen, aber je mehr er sich der Küste der Ewigkeit näherte, desto leuchtender erhob sich vor ihm die ewige Stadt des himmlischen Jerusalems. Denn für ihn ging die Sonne unter, die Schatten des Abends mischten ihre Aschenwölkchen in den lichten Tag, und der helle Geigenstrich der Freude schwamm nur noch windverweht im Äther. In den wachen Träumen seiner schlaflosen Nachte war ein für und für gehörter, von den Zinnen des neuen Jerusalems herüberfließender Posaunenruf das Tröstlichste.

Auch in seinem Leben hatte es an Tönen, die den Eitelkeiten und Nichtigkeiten der Welt angehörten, nicht gefehlt. Wohin waren sie? Sie waren verstummt, dafür trat nun manches hervor, das von ihnen überschrien gewesen war. Klarer und schwerer aber auch die Sorge, ob er nicht unter der Last seines Tuns und Lassens vor den Toren der ewigen Stadt und angesichts ihrer Herrlichkeit im Feuerpfuhl der Hölle versinken müsse, ob er nicht, wenn es zum Gericht ging, vor dem Buch erblassen müsse, in dem seine Taten und seine Worte und seine Gedanken niedergeschrieben standen.

Hinnerk ahnte zwar den Seelenzustand seines ihm wesensverwandten Bruders, sprach aber in dumpfer, stumpfer Schweigsamkeit nicht davon. Und dumpf und stumpf war auch die Liebe, die er für Peter fühlte. Gott hatte sie gewissermaßen als zwei Hälften eines Ganzen in die Welt gesetzt, da war es nicht nötig, mit den Lippen von den Gefühlen zu sprechen, die beide im Herzen trugen und beide im Herzen des andern wußten. Es ist so peinlich, Rührsames zu sagen, zumal etwas zu sagen, was wie Erklärung einer Zuneigung klingt.

Daß Peter in seinem Lehnstuhl oft an die Ewigkeit denke, erschien Hinnerk Schmidt natürlich. Er tat es nach reichlichem christlichem Hausgebrauch auch. Und je näher es zum Sterben kommt, um so mehr wird er es tun. Das ist mit Krankheit und Sterben vermacht. Aber daß die Sterbegedanken besser seien als die in gesunden Tagen gedachten, folgte für ihn nicht daraus. Ohne auf seine Kraft zu trotzen, hielt er die in einem gesunden Leibe wohnenden Gedanken für gesunder als die eines Kranken.

Der Propst besuchte Peter, wenn der Weg ihn vorbeiführte. Er war ein angenehmer und vornehmer Mann, wurde sonst auch von Hinnerk gern gesehen, aber den seelsorgerischen Zuspruch an Peter überwachte er mit Sorge. Er fand den Kranken nachher immer in einer gesteigerten Gewissensnot, in einer nervösen Angst, irgend jemand wehgetan zu haben.

Und nun ging Hinnerk mit Abel durch den Gartensteig nach Peter Schmidts Kate.

»Ist da was Besonderes?« fragte er.

Der Propst sei dagewesen, lautete die Antwort, Hinnerk Schmidt hatte, als er das hörte, ein unangenehmes Gefühl.

Jawohl, der Propst war dagewesen und hatte dem Notar auf seine Weise die Wege bereitet, hatte versucht, die Kuppelglanzstimmung des Kranken, seine Gewissensweichheit zum Friedenmachen mit dem Bruder in Amerika auszunutzen.

»Je vollständiger«, hatte er gesagt, »wir Frieden mit der Welt machen, um so eher gelangen wir zum Frieden mit Gott.« Das die Einleitung, das der Grundton. »Aber wie? Kann ich Frieden, machen mit jemand, der nicht da ist? Ich sage: Du kannst es! Wie, fragst du, reicht meine Hand über den großen Ozean? Ja, antworte ich, so weit reicht eine Hand, die sich in Liebe streckt. Vor Gott sind tausend Meilen wie die paar Zoll, die deine Finger umspannen.

Zwei Brüder gingen im Zorn voneinander und behielten ihren Zorn. Und als der Weggegangene nach langer Trennung zurückkehrte, machte Esau sich auf, ihn mit Waffen und Wehr zu empfangen. Aber Gott rührte sein Herz, und Jakob und Esau hingen einander weinend am Halse.

Nicht aber genügt das äußere Zeichen der Liebe. Nicht daran hat Gott Wohlgefallen. Kuß und Umarmung gelten ihm nichts, wenn nicht die Liebe im Herzen wohnt. Gott sieht aufs Herz. Und deshalb, o Menschenkind, kannst du auch Frieden machen mit einem, der weit entfernt ist und nichts davon weiß. Du kannst es, wenn Liebe in deinem Herzen wohnt.

Aber es muß eine tätige Liebe sein, eine, die gutmacht was noch gutgemacht werden kann. Bloß gedachte Liebe ist nicht mehr wert als müßige Lippenliebe. Allein ist sie nichts, stumme Gedankenliebe ist eine taube Nuß. Sie muß die Probe der Tat vertragen. Und wohl dem, der auf Erden Gelegenheit hat, die Echtheit seiner Liebe im Feuer der Tat zu erhärten.«

So hatte der Propst gepredigt. Zum Schluß war er ganz deutlich geworden. »Schmidt«, hatte er gesagt, »Sie haben einen Bruder in Amerika. Wenn Sie Ihr Haus bestellen, dann denken Sie an ihn! Und wenn Sie nur deshalb Ihren letzten Willen aufsetzen wollen, damit Sie ihm nichts als Ihr Mißfallen hinterlassen, dann ändern Sie lieber Ihren Vorsatz und lassen es ganz, lassen es bei dem, was das Gesetz bestimmt. Entziehen Sie Ihrem Bruder nichts von der Liebe, die er als Ihr Bruder verlangen kann. Und wie Sie in diesem Punkt handeln, das gehört mit dazu, auch daran erkenne man Ihre tätige Liebe.

Und so wollen wir, Liebe im Herzen, mit dem ewigen Gebet unseres Erlösers vor den Thron des Höchsten treten.«

Dann war das Vaterunser gefolgt und das Amen. Und der Kranke hatte gehofft, nun sei alles zu Ende. Aber der Propst hatte sich an seinen eigenen Worten erwärmt und hatte wieder das Wort genommen:

»Zwei Bitten hat uns der Herr hinterlassen, dunkel und unserem Verständnis schwer eingehend. Da ist das Gebet: zu uns komme Dein Reich! Es sind Bücherschränke voll Weisheit darüber zusammengeschrieben worden, und man hat die Tiefe dieses Wortes nicht ausgeschöpft. Nach des Heilands Worten kommt sein Reich nicht mit äußeren Gebärden, sondern es ist inwendig in uns. Und wieder sagt er: Du sollst Gott über alles lieben und deinen Nächsten, wie dich selbst. Und ich meine, zu dem ist das Reich Gottes gekommen, der dies Gebot erfüllt hat, dessen Wesen durch die Gnade Gottes so umgewandelt worden ist, daß er nicht anders kann, als in Gott das Gute und damit auch seinen Nächsten lieben. Und gerade das ist die Erfüllung der Bedingung, die wir unsrer Bitte um Vergebung der Sünden anhängen. Ja, lieber Schmidt: Vergib uns unsre Schuld, wie wir vergeben unfern Schuldigem … ja, unsern Schuldigern, nicht anders!«

Damit hatte der Geistliche den Kranken verlassen, und die Rede war bei Peter Schmidt auf einen Boden gefallen, worin sie Wurzel faßte und rasch aufschoß. Es kann steinigtes Land, kann aber auch fruchtbarer Boden gewesen sein.

So stand es mit Peter Schmidt. Den ganzen Tag kam er von dem Gedanken, daß er Frieden mit Hans in Amerika machen müsse, nicht los. Er wollte Vergebung der Sünden finden, mußte daher selbst vergeben. Hans hatte sich zwar nicht direkt gegen ihn vergangen, mittelbar war er aber doch mitgetroffen worden. Hans in Amerika gehörte zu seinen Schuldigern.

Hätte ein Seelenscheidekünstler diese Gedanken daraufhin prüfen wollen, ob Peter seinen Bruder nun plötzlich mehr liebe, als er früher getan hatte, so stünde er dem Ergebnis vielleicht achselzuckend gegenüber. Aber Peter Schmidt hielt das, was jetzt bei ihm zugunsten seines Bruders sprach, für Liebe. Er lag, nach Luft und Atem ringend, in seinem Lehnstuhl und träumte mit wachen Sinnen. Den ganzen Tag hörte er für und für ein nach Beendigung der irdischen Wallfahrt bei seinem Erscheinen in der Ewigkeit geführtes plattdeutsches Zwiegespräch.

»Wat s dat för een?« kam es wie aus einer Gewitterwolke heraus. Und es war die Stimme des lieben Gottes. Ein junger schöner Mann mit Flügeln an den Schultern (ein Erzengel) antwortete: »Dat is Peter Schmidt von Westerhusen.« – »Is he mit Groll kam, or ohn Groll?« fragte der liebe Gott weiter. – »He seggt jo ohn Groll«, entgegnete der Engel. – »Dat s all goden Schnack«, erwiderte der große Gott. – »Wo ist mit dat Testament? Hett he Testament makt? Wenn he Testament makt hett, hört he hier ni her! Denn kann he man sin Gang gan. Denn hett Musje Satan wull Platz för em.«

Stundenlang lag Peter in seinem Stuhl, nicht schlafend, nicht träumend, noch weniger wachend, und immer hörte er das Gespräch. Wenn es zu Ende war, fing es wieder von vorne an: »Wat is dat för een?« Antwort des Erzengels: »Dat is Peter Schmidt ut Westerhusen.« Und so weiter.

Wenn wir nicht wohl sind und liegen wach im Bett, und unsere Schlafstube ist hell, und sie hat, wie so oft, eine Wandtapete, worauf große unmögliche Blumen sich in einförmigem Rhythmus durcheinander winden – wehe uns, wenn unsere Gedanken anfangen, sich gegen unsern Willen aufzulehnen, unsere Augen in ihren Dienst nehmen und Augen und Seele die Blumenwege hinauf- und hinabschwingen lassen! Wehe auch dem kranken Peter Schmidt, der im Lehnstuhl sitzt und immerzu, immerlos das plattdeutsche Gottesgespräch anhören mußte und erfahren mußte, Musje Satan habe einen Ofen für ihn geheizt, wenn er ein Testament mache. Wer, an Peters Stelle, hätte den Gedanken nicht aufgegeben, ein Testament zu machen?

5

Peter Schmidt wollte kein Testament machen, Hinnerk Schmidt wollte es auch nicht – in der Sache einig, wichen sie in den Gründen voneinander ab.

Peter wollte es um das Reich Gottes nicht, für das er zu kämpfen glaubte, Hinnerk wegen der runden, gelben Dinger nicht, auf deren Schriftseite die Worte ›Deutsches Reich‹ stehen. Hinnerk lag es unbequem, den kranken Bruder zu überzeugen der kranke Mann im Lehnstuhl bebte vor Bange, Hinnerk Schmidt die Notwendigkeit zu zeigen. Er liebte seinen Bruder, hatte aber auch Angst vor ihm. Ein paar mal war Hinnerk heftig geworden und aufgebraust, das war ihm durch, alle Glieder gefahren; daran, daß das wiederkomme, mochte er nicht denken.

Hinnerk Schmidt wünschte, daß die Unterredung ohne Zeugen stattfinde. »Abel«, sagte er zur Haushälterin, als sie vor der Haustür angekommen waren, »Peter und ich haben ein paar Worte miteinander zu reden. Wenn du ein bißchen beim Melken mittun wolltest …«

»Gern«, entgegnete die gutmütige Abel und schräkelte auf ihren alten Beinen durch den Garten nach dem Hof zurück.

Hinnerk öffnete die Haustür, die zur Wohnung seines Bruders führte, hielt aber die Schelle an (der Kranke konnte den Ton nicht vertragen) und ging leise in die Stube.

»Na, Broer, wo geit?«

»Ni good.«

»Regst dich wohl auf, weil der Justizrat kommen will. Und hast gar keinen Grund.«

Peter Schmidt ging auf diese Einleitung nicht ein, weil er sie nicht verstand.

»Broer«, sagte er, »ich lebe nicht mehr lang.« »Ah, Peter, bilde dir nur nichts ein!«

»Nä, Hinnerk, es dauert nicht mehr lang. Und der Propst hat gesagt, ich darf Hans nicht verkürzen.«

»De Propst? De Propst schnackt wull wat. Wat geit den Propst uns Saken an?«

Peter schwieg.

»Wat geit em dat an?« hatte Hinnerk gesagt, und erst allmählich wurde ihm klar, was es im Gefolge habe, wenn es nach dem Propsten gehe. Und als es ihm klar geworden war, fuhr er auf, Gewitter im Ton.

»Wat s dat för n Schnack? Un du, und du?« Er stand in hellem Zorn vor seines Bruders Stuhl und wußte nicht, wie es dem Kranken tat, und wollte es auch nicht.

Darin hatte der Justizrat recht, der Geizige geht wie ein verkleideter Donnergott durchs Leben, er will den Donnerkeil, will ihn aber nicht fliegen lassen. Hinnerk Schmidt war vielleicht kein Geizhals, aber der Gedanke, sich etwas von der Fülle der Macht, die im Gelde liegt, nehmen zu lassen, war ihm unerträglich. Und der Lotteriegewinn war ja schon sein eigen. Sollte er sich diese klingende Macht von dem Propsten nehmen lassen? Gott hatte in seiner Güte den Lotterieschatz dem Bruder geschenkt, damit er zusammen mit ihm, mit Hinnerk Schmidt, seine Freude daran habe. So war seine Vorstellung, da mußte er wohl Schmerz, einen schier körperlichen Schmerz fühlen bei dem, was Peter sagte. Er mochte den Gedanken nicht ausdenken. Er war ja gutmütig, und auf eigentlichen Haß war seine Seele niemals gestimmt. Aber wenn er seinen Bruder Hans, der ihm das angetan hatte, nicht liebte, damit meinte er frei vor dem himmlischen Richter bestehen zu können.

Deshalb rief er: »Wat seggst du? Wat is dat? Wat is dat för n Schnack?« und rief es laut und drohend vor seinem kranken Bruder.

Aber das dauerte nur kurze Zeit, ein Blick auf den kranken Mann, und das in den dunkelsten Winkel seiner Seele gestobene Mitleid brach wieder hervor. Er setzte sich auf einen Stuhl, zwang sich zur Ruhe, versuchte zu lachen.

»Nimm mir nicht übel, Peter, du machst Spaß, ich Hab es für Ernst gehalten. Nun seh ich, wie du es meinst. Und das ist recht, Spaß muß sein. So lange, wie der Mensch spaßt, so lange lebt er. Lachen und Spaß ist die beste Medizin, sagt ein altes Sprichwort.«

Die Augen des Kranken sahen den Sprecher traurig an. Peter Schmidt fühlte, daß er den Frieden mit seinem Gewissen nur um den Preis des Unfriedens mit Hinnerk erlangen könne. Denn noch immer ging es die Tapetengirlande auf und ab, das alberne Gespräch: »Wat is dat för een?« »Dat is …« und so weiter.

Es mußte sein: die Sorge um die ewige Seligkeit war größer als der Schmerz um Hinnerks Liebe.

»Hinnerk«, antwortete er, »mach mirs nicht zu schwer. Bestell den Justizrat ab: Hans soll eben so viel haben wie du. Ich will kein Testament machen.«

Hinnerk saß und hörte, verstand die Worte, faßte aber den Sinn nicht. Oder vielmehr: er faßte den Sinn wohl, aber er glaubte diesem Sinn nicht. Noch immer hielt er eine Wendung für möglich, die den ihm das Erbe wegnehmenden Mummenschanz wegfege und alles wieder zurechtbringe. Er dachte an den Geschichtenerzähler Adolf Steen. Wenn Adolf Steen seine Lügengeschichten vorbrachte, pflegte Hinnerk ruhig zuzuhören und am Schluß zu sagen: ›Adolf, hol di man fast‹ oder: ›Dat mak anner Lüd wies‹ Ihm war auch jetzt, als müsse er sagen: Peter hol di man fast – dat mak anner Lud wies!

Er stand auf und schritt in der Stube auf und ab.

»Jung, Peter«, rief er. »Als Spaß bißchen viel, und im Ernst kannst dus nicht meinen.«

Er sah nicht nach seinem Bruder hin. Hätte er es getan, dann würde er die kummervolle Bitte in des andern Auge gesehen haben: ›Es geht nicht anders, finde dich darin! Bleibt nicht genug für dich, wenn du mit Hans teilst? Hinnerk, sei gut, um meinetwillen. Hör! ich kann keine Luft kriegen, ich sterbe, ich ersticke an deinem Zorn.‹

Hinnerk hörte wohl das Röcheln, die langen, pfeifenden Laute, aber es drang nicht hin nach der Stelle, wo es das Bewußtsein des Augenblicks in die Fänge nimmt. Und weil er sich der Bedeutung der von ihm gehörten Geräusche nicht bewußt wurde, achtete er nicht darauf. Man war ja auch solche Anfälle bei Peter gewohnt. Hinnerk schritt, die Augen auf die Bretterfugen des Fußbodens gerichtet, die Stube auf und ab.

Da brachte Peter heraus: »De Propst hett seggt, min Seligkeit hängt darvon af.«

Hinnerk hatte vor dem Propsten viel Respekt, hier war es aber die unglückliche Erwähnung des Seelsorgers, die Hinnerk Schmidt alle Selbstbeherrschung nahm. Er stand wieder mit Zornesaugen vor Peter: »Nein, mein Jung – da wird nichts aus, das laß ich mir nicht gefallen.«

Peter konnte nur würgen und schluchzen: »Aber Hinnerk, lieber Hinnerk …« Er müsse doch selig werden, ob Hinnerk denn wolle, daß er ewig in der Hölle brenne?

Aber Hinnerk lief wieder durch die Stube und schalt laut und heftig, das sei son Priestergeschwätz. Und ob Peter denn glaube, selig zu werden, wenn er ihm das nehme, was ihm schon gehöre? Ja, ihm schon gehöre. Was da im Kasten sei, habe er ihm wohl zehnmal geschenkt, und er habe schon auf dem Schulweg gelernt: eenmal gebn un denn weller nehm, is eben so god, as teinmal stehln.

Und wieder stand er vor Peter: »Sag, ists wahr, hast mir das geschenkt?«

»Ja, das hab ich getan«, würgte der Kranke.

»Sühst du woll!« lachte Hinnerk und fing wieder an, auf und ab zu gehen. Und es verlief sich die Zornflut.

Worüber streiten wir uns denn eigentlich? dachte er. Peter will kein Testament machen; war er, Hinnerk, nicht herübergekommen, die Errichtung des Testaments zu verhindern? Das, was im Kasten war, gehörte ihm, daran konnte selbst ein Testament seines Bruders nichts mehr ändern. Ja, wenn er sich recht bedachte, so gehörte es gar nicht zum Nachlaß.

Vom Lehnstuhl kamen wieder die Würglaute des Anfalles.

Der arme Bruder! Hinnerk wollte ihm sagen, daß er bereit sei, den Notar abzubestellen, daß er damit einverstanden sei, daß das Testament nicht gemacht werde. Weiter brauchte darüber nicht gesprochen zu werden – dann war alles gut. Der arme, kranke Mann! Wie er röchelt und nach Luft ringt! Wenn mans nicht schon so oft gehört und mitgemacht hätte, dann könnte man glauben, es sei das letzte.

Hinnerk mitn Fellerbüdel tat es herzlich leid, heftig geworden zu sein. Er nahm sich vor, es durch verdoppelte Liebe wieder gutzumachen. »Peter«, sagte er, noch immer auf und ab gehend, »bist mein lieber Bruder. Es soll werden, wie du sagst, es soll kein Testament gemacht werden. Und dem Justizrat will ich Bescheid sagen.«

Hinnerk Schmidt hat später darüber nachgedacht, ob diese Worte noch von seinem Bruder Peter gehört worden seien, ob der versöhnt, wenigstens halb versöhnt mit ihm aus dem Leben geschieden sei. Er glaubte etwas wie Dank aus seinen letzten Seufzern vernommen zu haben. Aber es sind doch Stunden gekommen, wo er es bezweifelte.

Hinnerk Schmidt setzte sich in den Lehnstuhl und sah zum Fenster hinaus, immer überlegend, wie er am besten, wenn das mal eintrete, was bald kommen müsse, seine Rechte wahre. So saß er einige Zeit – dann war er mit dem Überlegen zu Ende. Und als er zu Ende war, sagte er laut: »Ja, min Broer, denn is je allns god! … Na, wo geit di dat?«

Und erst, als er gesagt hatte: »Na, wo geit di dat?« da sah er nach dem Sessel hin, in dem der Kranke lag. Und erschrak.

Peter war tot. Er rüttelte ihn, er rief ihn an … Peter war aus dem Leben geschieden.

6

Zwei gleich wuchtige Gedanken lagen, als Hinnerk Schmidt sah, wie die Sache stand, in seiner Seele: erstens Trauer und Schmerz darüber, daß die letzten Augenblicke des Dahingegangenen durch sein Ungestüm verdüstert worden waren, zweitens – die eiserne Kiste. Und wenn er auch in bitterer Reue aufseufzte und schon jetzt empfand, wie oft im Andenken an diesen Augenblick er es noch tun müsse, und wenn er auch mit voller Klarheit dem letzten Wunsch des Verblichenen zuwiderhandelte, so war er doch entschlossen so wie er es früher mit Peter besprochen hatte, die Kiste an sich zu nehmen. Denn es war sein Recht, er nahm nur sein Gut. Die harte Unerbittlichkeit, die in seinem Wesen lag, verhinderte ihn, einen Plan zu entwurzeln, der schon so viele Jahre hindurch für diese Stunde entworfen worden war. Denn er nahm das, was ihm zukam, wie Hein Möller gesagt hatte, wenn es sein mußte, vom Altar; er mußte den Plan ausführen, er konnte nichts anders. Und was er nun tat, er tat es in der Überzeugung, daß er um keines Haares Breite vom Pfade des Rechts und davon, was ihm das Gewissen vorschreibe, abweiche, und daß Gott in der Höhe Wohlgefallen an seinem Tun habe.

Er war mit dem Toten allein im Haus – also wohlan!

Aber so viel Zeit ließ er sich, dem Bruder die Backen und die kalten Hände zu streicheln und die weitgeöffneten Augen zuzumachen. Er kramte auch ein Tuch aus der Kommode und band es dem Bruder um Scheitel und Kinn, denn der Mund stand offen. Dann aber ging er aus der Stube, stieg die Bodenleiter hinan, suchte und fand einen Sack, warf aus der Bodenluke etwas Stroh und kletterte die Sprossen wieder hinab.

In die Stube zurückgekehrt, schloß er die Tür und rollte die Fenstervorhänge herab.

Dann rückte er das Bett ab und fand den Sägestrich in den Brettern und hob den Deckel ab und legte die Höhlung und den Stahlkasten frei und hob den Kasten heraus und legte den Deckel an die alte Stelle und schob auch das Bett dahin zurück. Und fühlte sich in seinem Recht.

Und fühlte sich immer in seinem Recht und nahm die Schlüssel zu dem Kistchen dem Toten aus den Kleidern. Und als er das tat, schoß zum ersten mal die Frage in ihm auf, ob er das auch dürfe. Aber ohne Zagen und Zögern jagte er auch diese Zweifel davon. Der Tote saß in seitlich gerichteter Lage, die Tasche war eingeklemmt, Hinnerk mußte seinen Bruder aufrecht hinsetzen, um zur Tasche zu kommen; es war ihm, als ob der Tote sich wehre. Aber Hinnerk durfte dem Widerstand des Toten unmöglich mehr Gewicht beimessen als dem des Lebenden, und tat, was er tun wollte.

Hinnerk verstand es, aus Roggenstroh haltbare Bänder zu drehen, er tat es und umwickelte damit das Kistchen. Erst wußte er gar nicht, warum er das tat, aber als er sich genau fragte, da wurde es ihm klar, es sollte die Form des Kistchens im Sack nicht erkennbar sein.

Wer wollte kommen und sagen, daß er was weggenommen habe? Tag für Tag sieht man Dorfleute, die was im Sack tragen, und kein Mensch denkt sich was dabei.

Es wäre kaum nötig gewesen, so viel Umstände mit dem Stroh zu machen. Denn als er mit seinem Sack durch den Garten und dann über die Hofstelle und die Diele entlang ging, begegnete ihm kein Mensch. Das Kuhhaus war im angebauten Querflügel. Dahin ging er, ließ das Stroh zurück und trug dann die Kiste im Beutel nach seiner Bettstatt. Erst klemmte sich der Deckel des Verstecks, er mußte Gewalt anwenden; das war aber das einzige, was ihm widerfuhr. In der nächsten Minute waren Kiste und Inhalt wohlverwahrt.

Und als alles besorgt war, da ging er durch die Küche und durch den zum Ausseihen der Milch vor dem Keller benutzten Raum und durch noch eine Ecke des alten winkeligen Hauses nach der sogenannten neuen Hörn. Dort fand er Abel und Maleen (das Melkgeschäft war beendigt) beide beim Pahlen von Erbsen.

Und Hinnerk trat mit ernstem Gesicht hinzu: »Wir müssen hinüber nach der Kate. Peter ist bei Gott dem Herrn.« »Herr Jesus«, rief Abel, »und ich war nicht dabei! O Gott, o Gott, mein Gott!« Sie schlug die Hände zusammen. Maleen schüttete die Erbsen aus ihrem Schoß in den blanken Kessel und sagte nur: »De arm Peter, is he dor mit dör?«

Hinnerk gab Anordnungen wegen Totenfrau und Leichenkleidung und Sargtischler. Die Köchin sollte dem Notar entgegengehen und ihn abbestellen. Schließlich entschied Hinnerk aber anders: mit dem Notar, das wollte er selbst besorgen.

Aber es war nicht mehr nötig. Denn als er über den Hofplatz ging, bog die Kutsche zum Heck herein und fuhr an den Säulen unter den Bäumen vor.

»Wir sind eher fertig geworden, als wir dachten«, hieß es. »Nun wollen wir das mit dem Testament in Ordnung machen. Sie sind wohl so gut und lassen die Zeugen rufen.«

»Tut nicht mehr nötig«, erwiderte Hinnerk und stand trocken und ernst und kalt am Wagentritt. »Mein Bruder ist eben verschieden.«

Als er das sagte, erzählte kein Zug in seinem Gesicht etwas anderes als von dem Ernst, der solchem Augenblick angemessen ist.

»Was Sie sagen!« entgegnete der Beamte.

»Ah!« kam es vom Sekretär, nun glückte es noch mit dem Skat.

»Das ist bedauerlich«, fuhr der Notar fort. »Ich hatte freilich in Bültenbrooksdamm den Termin zu drei Uhr angesetzt, aber, wenn ich das geahnt hätte! Und Sie meinten ja auch, Ihr Bruder sei wie immer!«

»Weer he ok«, erwiderte Hinnerk und erzählte von den Anfällen. Wer habe denken können, daß just jetzt …

»Sie sind wohl der leidende Teil, daß kein Testament zustande gekommen ist?« warf der Notar ein.

»Muß hingenommen werden.« Hinnerk war ganz ergeben.

Hein Möller fragte, ob er gleich wenden könne. Hinnerk Schmidt bat freilich, ein bißchen ›intokam‹, aber der Wagen fuhr nach dem Hoftor und auf die Landstraße hinaus.

7

Bei den Begräbnisfeierlichkeiten war noch gutes Wetter, und warmes Sonnengold fiel durch die Dielenfenster auf die lange Festtafel der ortsüblichen Grabmahlzeit. Aber gleich darauf sank die Quecksilbersäule, da kamen regenschwere Stürme auf, da brachen sie vom Moor her über das Dorf herein.

Die für jene Gegenden so wichtige Heuernte war gefährdet, die Bauern sahen es ohne Verdruß und ohne Ärger, zumal Hinnerk Schmidt. Was der Himmel sündigte, fiel nicht in den Kreis seiner Verantwortung, fiel nicht ihm zur Last. Wenn Hinnerk mitn Fellerbüdel die Federn seiner Gänse aufsammelte oder die Schubkarre hinter seiner Herde hergehen ließ, dann gehorchte er nicht anders dem Zwange einer Pflicht, als wenn er mit der Sense die letzten Sumpfgräser am Rande der tiefen Au wegschnitt. Es war nicht ohne Gefahr, der alte Fehrs war dabei ertrunken. Das machte nichts aus, dafür war er ein getreuer Knecht, es war sein Amt. Die Leitung des Wetters hatte der liebe Gott sich vorbehalten, ließ der auf sein schönes Heu regnen, dann hatte nicht er schuld; an ihm war es nur, zu kehren und zu wenden und so gut zu bergen, wie es die Umstände zuließen.

Gleich nach dem Todesfall war der Sekretär des Amtsgerichts gekommen, hatte Peters Nachlaß aufgeschrieben und dann an Hinnerk Schmidt zur Verwahrung anvertraut. So sei die Vorschrift, weil ein Miterbe außer Landes sei. Sobald dieser einen im Lande ansässigen Bevollmächtigten bestellt habe, werde der Nachlaß freigegeben werden. Von dem, was in der Stahlkiste sich befand, war nicht die Rede gewesen, und in Hinnerk Schmidt hatte auch nicht die leiseste Stimme zu behaupten gewagt, daß er das angeben müsse.

Nach festem Brauch wird in der Kirche für das selige Ableben eines Entschlafenen gedankt, das zog sich hin, weil Hinnerk geglaubt hatte, es komme von selbst, während er Antrag stellen und Gebühren und Kosten dafür zahlen mußte. Nun hatte er es aber nachgeholt, und nun stieg der Dank durch des Priesters Mund zum Herrn empor.

Und Hinnerk und Maleen saßen unter der Kanzel, sie im Frauenstand, er im Männerstand. In Gebeten und Danksagungen klang die Predigt aus. Hinnerk folgte dem Dankgebet für das Unsterbliche seines geliebten Bruders mit fest gefalteten Händen. Je fester man die Hände bindet, um so vorbehaltsloser ergibt man sich der Gnade Gottes. Er flocht und preßte die Finger, obgleich er hoffte, sein Bruder habe die Fürbitte nicht nötig. Wenn irgendeiner, so stand dieser Dulder rein vor Gottes Richterstuhl. Aber, soweit in seinem Vermögen lag, wollte Hinnerk dem Verewigten doch helfen.

Und wer wußte denn gewiß, wie der Verblichene vor dem Ewigen bestehe? In seiner Predigt hatte der Propst eine Lehre verkündigt, die Hinnerk neu war und ihn beinahe erschreckt hatte. Der Kreis unseres sittlichen Dürfens, hatte er ausgeführt, decke sich nicht mit dem weiten Kreis des von dem Staat abgesteckten Beliebens. »Wie, fragt mancher, ist das, was ich nehme, was ich tue, wenn die Gesetze es erlauben, nicht mein Recht? Wie komme ich dazu, mich in meinen gesetzlichen Befugnissen einschränken zu lassen? Kann das, was das Gesetz gestattet, mir als Sünde angerechnet werden? Ich sage: Ja, es kann. Es kann die Ausübung eines Rechtes schwere Sünde sein. Du gehst hartherzig an der Armut vorüber – es ist dein Recht, aber es ist Sünde. Du gehst an einem Wasser vorbei, es kämpft jemand mit den Wellen, du kannst retten, ohne dich selbst in Gefahr zu bringen. Aber du tust es nicht, du gehst vorüber. Wer wagt es, dich zu schelten, bist du nicht in deinem Recht? Wer wagt es? Ich wage es, ich sage: Du bist ein hartherziger Sünder.«

Das und anderes hatte der Propst gesagt, eine Flut von Beispielen hatte sich über die Gemeinde ergossen, die ganze Stufenfolge von der Bosheit und der Hartherzigkeit an bis zu den Fällen, wo man gegen Anstand und Sitte verstößt und doch nur tut, was man darf. Und dann ging es an die Untersuchung der schwankenden Grenzen formeller Befugnisse. »Kannst du in allen Fällen sagen: das ist mein Recht? Wer wagt es, sich allezeit mit der Gewißheit zu brüsten, er sei im Recht? Frage einen Rechtsgelehrten: Du wirst öfter den Zweifel, ob du im Recht seiest, als Gewißheit mit nach Hause nehmen, und nicht zu oft liegt die Sache so, daß du bestimmt weißt, du darfst. Wenn du aber nimmst oder behältst, obgleich du zweifelst, so nimmst du das Unrecht in deinen Willen auf, und es hängt nur von dem Zufall ab, ob du es auch äußerlich begehst. Das weltliche Recht ist, wie du siehst, unsicher; sicher und gewiß ist aber dein sittliches Dürfen. Denn dafür trägst du den Wertmesser in deiner Brust: die Stimme des Gewissens. Deshalb, o Menschenkind, rüttele dein Gewissen auf, daß es wach bleibe und nicht schlafen gehe. Frage dein Gewissen und lausche, was es sagt! Und wenn es auch nur zögert und stammelt, dir zu sagen, du seiest nach den Vorschriften des Staats und Gottes im Recht; und du hörst nicht die in solchem Stottern und Zögern enthaltene Warnung, oder tust gar das, was zu tun die innere Stimme untersagt, dann wandelst du in Schuld und Sünde.«

So ungefähr hatte der Propst gepredigt. Hinnerk war dabei zumute, als wenn er auf ihn ziele. Hörte er immer auf den Warner und Tadler in seiner Brust? War er wirklich im Recht vor Gott und vor der Moral oder auch nur vor der Welt? – Hinnerk Schmidt fühlte sich beklommen, er schob es auf die hallende Kirchenluft und hoffte, es werde vergehen, wenn er wieder im Freien sei.

Zur Hälfte war es schon Erlösung, als die Gemeinde die Schlußverse sang.

Klingling! Klingling! – Der Klingelbeutel.

Er kam vom Altar her. Die Kirchenjuraten, die sonst mit ihm gehen, waren verhindert gewesen, es hatte für Vertretung gesorgt werden müssen, so kam es, daß erst nach der Predigt und nicht schon wie sonst beim ersten Gesang der lange Stab durch die Sitzreihen geschoben wurde. Nun meldeten sich die frommen Glöcklein. Fein und rund riefen sie: ›Wir kommen und fordern … haltet euch bereit! – Kling-kling … wir kommen … gebt! gebt!‹

Tagelöhner und andere kleine Leute, die oft zur Kirche gehen, aber wenig Geld haben, verneigen sich vor dem Seidengestrickten und legen nichts hinein. Hinnerk versah sich sonst immer, wenn er zur Kirche ging, mit Zehnpfennigstücken. Nun griff er, als die kleinen, runden Glocken riefen, in seine Taschen und fand nichts kleineres als ein Markstück. Er griff rechts und links in alle Taschen, aber die kleinste Münze war eine Mark. Es kam ihm ungeheuerlich vor, ein Markstück in den Klingelbeutel zu tun.

Wenn er hundert an die Armen zahlte, dann hatte er was davon. Er konnte nachrechnen, wer es bekam, und wußte ganz genau, wie sie sich freuten. Und wenn er die hundert an die alte Kracht gab, dann noch mehr. Dann hatte er ein Gefühl wie damals, als man die Fähre durch die Fuhlenau baute. Man hatte Findlingssteine zusammengefahren, zwei Tage war er mit seinem Knecht dabei, sie ins Wasser zu werfen. Jeder einzelne Stein war nichts, aber jeder sagte ›plumps‹ das Wasser spritzte hoch auf, aber er wußte, wenn sie nun erst alle drin seien – dann ist die Furt fertig.

Mit dem Klingelbeutel war es ganz anders. ›Kling‹ sagte es zwar auch, aber ganz leise, und es war, als wenn er einen Flintsteinspitter in den Fluß werfe. Kein Mensch wußte, wo er blieb, er versank lautlos im Schlamm. Es war just so, wie wenn ein Kätner seinen Liter Milch in die große Sammelmeiereibütte gießt. Niemand weiß, wer seinen Tropfen bekommen hat. Und noch immer schien es ihm unmöglich, eine Mark zu geben.

Aber der Klingelbeutel kam näher, und nun schob sich der aus Samt und Seide und aus Perlen Gewirkte am langen Stab langsam die Bank entlang zu ihm hin. ›Verneige dich wie ein kleiner Mann‹, sagte er zu sich und sagte es, bis der Beutel ganz nahe war. Aber er tat es zu seiner eigenen Überraschung nicht. Er tat seinen Tropfen in die große Sammelbütte. Ein kleiner scharfer Schlag, halb Klang, halb Stoß – seine Mark war drin, der Prachtbeutel schüttelte sich und läutete seinen Dank und ging weiter.

Maleen verneigte sich immer vor der seidenen Mütze, wenn ihr Mann im Mannsstand saß.

Es mußte heute ein besonderer Kirchentag sein, denn zum Gesang gab es noch eine Nachfeier, die der Propst durch eine vom Altar her gehaltene Rede würzte.

Der Propst predigte auch hier über das Kommen des Reiches Gottes.

»Dein Reich komme!« Für Hinnerk waren es immer Rätselworte gewesen, auch heute blieben sie ihm dunkel wie sonst. In unser Herz soll das Reich Gottes kommen als die Liebe zu Gott, und in ihrer Folge soll sie die Menschenliebe darin entzünden.

»Und wenn du so recht tief dein Einssein mit Gott und mit allen Gottesgeschöpfen, zumal mit deinen Mitbrüdern in Menschengestalt, fühlst, sie daher auch liebst, als wären sie in ihrer Person und in ihrem Bewußtsein nicht von dir verschieden, wenn du fühlst, du liebest das Gute nicht zu eigenem Nutz und Frommen, sondern weil es eine aus deiner Gesinnung sprießende Notwendigkeit ist, weil du nicht anders kannst, dann ist«, so sagte der Propst, »das Reich Gottes in dir, dann Hab nur acht, daß Weltlust und Weltfreude es nicht wieder daraus verdrängen!«

8

Als Hinnerk Schmidt nach Hause fuhr, sprach er mit seiner Maleen über das, was der Propst gesagt hatte. Maleen hatte noch weniger verstanden als er. Sie hatte alles auf das Tun bezogen. Sie hatte verstanden, wir sollten das Gute tun. – »Ja«, erwiderte Hinnerk, »ja, Maleen, das war ja just nichts Neues.« – ›Neues?‹ dachte Maleen. ›Muß eine Predigt denn was Neues enthalten?‹ Ihr war der Gottesdienst immer ein Wortgeklingel, das sich nett anhörte und andächtig machte, im übrigen aber für und für die alten Sätze wiederholte.

Hinnerk und Maleen aßen sonst mit ihren Leuten zusammen an einem Tisch, nun trug die Köchin für sie allein auf, denn es war schon abgegessen worden. Und nach dem Essen ging Maleen, wie immer Sonntags, ein paar Stunden zu Bett, mal ordentlich auszuschlafen. Hinnerk aber wühlte in seinen Gedanken weiter, ging nach der Hinterstube und nahm die Familienbibel, die neben der Holsteinischen Wasserlösungsordnung stand, vom Bücherbrett. Und setzte sich in den Lehnstuhl seiner Wohnstube und fing an zu lesen.

Er hielt sich für ein Kind Gottes und nicht für ein Weltkind, für ein Kind des Lichts und nicht für ein Kind der Finsternis. Dafür wird er in den Himmel kommen, und die Kinder der Finsternis werden in der Hölle brennen.

Am besten hatte ihm immer das Gleichnis gefallen von dem Herrn, der über Land reist und derweilen seinen Knechten Goldpfunde zur treuen Verwaltung, zur fleißigen Vermehrung übergibt. Darin erblickte er die Rechtfertigung seiner Denk- und Handlungsweise, darauf hatte seine Ansicht von der Gleichheit des Dürfens in rechtlicher, des Müssens in sittlicher Beziehung beruht, welche Gleichheit der Propst in Zweifel gezogen hatte. Wie konnte er die Pflicht des Haushalters anders verstehen, als er tat? Stand es nicht klar und deutlich im Buch, was seine Pflicht war? Hab und Gut vermehren, Grundstücke gut bewirtschaften, Kapitalien sicher zinsbar anlegen, allenfalls eine offene Hand haben, wo es nötig war, für sich selbst aber keine überflüssigen Ausgaben machen. Die Freude des Habens, die Freude an der Idee der in dem Gelde verkörperten Macht hielt er für eine dem lieben Gott wohlgefällige Lust. Das alles las er aus dem Gleichnis heraus.

Hinnerk mitn Fellerbüdel schlug es auf und las es noch einmal durch. Beim Lesen befestigte sich seine Auffassung noch mehr. Er glaubte schon etwas von der Ruhe zu spüren, die mit Gottes Reich in unser Herz kommt. Er fühlte sogar Mitleid mit den armen Verdammten. Lazarus hätte ganz gewiß gern die brennenden Wunden des reichen Mannes mit seinem Finger gekühlt. Er war sich bewußt, nicht weniger barmherzig zu sein als Lazarus. Sich selbst sah er und hörte er in einem weißgewaschenen Kleide vor Jehovas Thron Halleluja singen. Es kam ihm freilich ein bißchen schemenhaft vor: er, Hinnerk Schmidt von Westerhusen, in einem weißen Kleid, das war ihm genierlich, alles in allem etwas verschwommen. Wie greifbar und hörbar blubberte dagegen das siedende Pech im Höllenpfuhl! Aber die Zuversicht ewiger Seligkeit blieb doch sein Stecken und sein Stab. Er hatte das Buch zugemacht und auf den Tisch hingelegt und dachte an den Schatz, der unter seiner Bettstatt verborgen war. Er nahm die Bibel noch einmal her. Die Blätter fielen wieder in den Evangelien auseinander, Hinnerk las, er las den Spruch: »Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne, und nähme doch Schaden an seiner Seele?«

Die Sterbestunde seines Bruders kam in unheimlicher Klarheit herauf; die Worte des Propsten verhallten dumpf und drohend vor seinem Ohr: du darfst nicht alles, was die Welt dir zu tun gestattet! Hinnerk schüttelte sich, er schüttelte es ab. ›Nein‹, sagte er zu sich, ›da sei man ganz ruhig! Das hat nichts zu sagen. Du bist auf Gott wohlgefälligen Wegen‹.

Und wieder blätterte er in der Bibel, sein Auge lief über die Geschichte von dem reichen Jüngling. Die Gesetze und die Propheten hat er von Jugend auf gehalten, nun fordert Christus von ihm, Hab und Gut den Armen geben, das Kreuz auf sich nehmen und ihm, dem Heiland, nachfolgen. Und das vermochte der Jüngling nicht über sich, er ging weinend davon, ›denn er war sehr reich‹. Christus aber spricht das harte Wort: »Wahrlich, ich sage euch: Eher wird ein Kamel durch ein Nadelöhr gehen, denn ein Reicher ins Himmelreich kommen.«

Hinnerk Schmidt seufzte, saß vor dem Buch und blätterte, ohne zu lesen. Dann fing er wieder an. Die heiligen Gebote des Mitleids und der Menschenliebe, der Ertötung von Rache und Zorn sprachen auf ihn ein: »Wer zwei Röcke hat, der gebe dem, der keinen hat, und wer Speise hat, tue dasselbe.« Wo er auch das Buch der Bücher aufschlug, immer und überall fand sich ein Widerhaken, der in seiner Seele blieb. »Wenn du deine Gabe auf dem Altar opferst und wirst allda gedenken, daß dein Bruder etwas wider dich habe, so laß allda vor dem Altar deine Gabe und gehe zuvor hin und versöhne dich mit deinem Bruder, und alsdann komm und opfere deine Gabe!«

Jeder Bibelspruch wendete sich gegen ihn. Was war das? Wollte die Bibel was von ihm?

Wand an Wand neben der Wohnstube war die Küche, Hinnerk Schmidt hörte ein helles Sprackelfeuer auf dem Herd. Die Köchin hatte den Kaffeekessel aufgehängt und trocknes Fallholz (Sprock) auf den offenen Schwibbogenherd getan. Hinnerk hörte es knattern, hörte auch das Wehen der heißen Flammen.

Zwanzig Jahre etwa mochte es her sein, da war seines Nachbars Hof abgebrannt, und der Sohn des Eigners war dabei umgekommen. Er hatte die Pferde retten wollen, das Dach war zusammengeschossen, er war noch lebend aus den Flammen gezogen, aber nach wenigen Stunden unter großen Qualen verschieden.

Als Hinnerk noch die Dorfschule besuchte, da hatte der Lehrer mal ein Märchen vorgelesen … ein Gedicht … ein Bild … als Krücke der Phantasie zur Vorstellung der Ewigkeit.

Fern in Indien ist ein Berg vom härtesten Diamant in Kegelgestalt. Tausend Hamburger Ruten hat er im Durchmesser und tausend Ruten ist er hoch. Und alle tausend Jahre kommt ein Vogel geflogen, der wetzt seinen Schnabel an dem harten Diamantberg, und wenn der ganze, große Bergkegel weggewetzt worden ist, dann ist die erste Sekunde der Ewigkeit verflossen. – O, Ewigkeit, du Donnerwort! Ohne Aufhören am lebendigen Leibe brennen!

Hinnerk öffnete die Tür zur Küche, rote Flammen schlugen hoch in die Esse hinauf.

»Wieb, mutt to Kaffeekaken son grot Für?« sagte er und machte, ohne Antwort abzuwarten, die Tür wieder zu. Die roten Flammen hatten sein Gleichgewicht vollends erschüttert. Ein Frostschauer zog durch seinen Leib, die Bibel legte er auf die Schatulle.

Auf der Schatulle fand er einen Brief, ein Schreiben, das der Briefträger in seiner Abwesenheit dorthin gelegt haben mochte. Hinnerk Schmidt öffnete. Das Erbschaftssteueramt verlangte ein Verzeichnis des von seinem Bruder hinterlassenen Nachlasses nach beigefügtem Formular und die Versicherung der Richtigkeit.

Hinnerk Schmidt entschloß sich, das, was in dem Kasten war, in das Verzeichnis mit aufzunehmen. Er wollte alles hineinschreiben, und es sollte gleich geschehen.

9

Als die Köchin den Kaffee in der Wohnstube auftrug, war Hinnerk mitn Fellerbüddel nach der Hinterstube gegangen. Maleen rief ihn, er aber antwortete von innen heraus, sie möge nur trinken, mit ihm dauere es noch.

Man hörte ihn die Rolläden der Fenster herunterlassen und die Tür abschließen. Zweimal kam er nach der Wohnstube zurück, jedesmal die Tür sorgfältig hinter sich abschließend. Das erste mal geschah es, um Papier und Feder und Tinte, das andere mal, eine Schere zu holen. Als er das zweite mal kam, sprach Maleen: »De Kaffee ward jo kold!« Hinnerk antwortete: »Dat mutt sik helpen« und verschwand wieder. Erst nach einer Stunde kam er zurück, die Schere in der Rechten und einen Pack Zinsscheine, die er gleich in die Schatulle legte, in der Linken.

Das Verzeichnis war nicht aufgestellt worden, sein direkt nach der engen Pforte steuernder Wille hatte eine Hemmung erfahren, als er die schmucken Zeichnungen und Arabesken der Staatsobligationen und die prächtige Frakturschrift gesehen hatte und mit den fälligen Zinsscheinen ein kleines Vermögen in seine Hände gefallen war. Er glaubte als ein frommer und getreuer Knecht verpflichtet zu sein, dafür ein neues Papier zu kaufen und zu den alten in den Kasten zu legen. Jedenfalls wollte er erst gründlich überlegen, bevor er den Inhalt des Kastens in das Nachlaßverzeichnis aufnehme. So was, dachte er, macht man nicht ›aufn Stutz‹. Eine Guttat wäre und bliebe es, und zwar Guttat gegen einen, der es nicht um ihn verdient habe. Verpflichtet sei er zu gar nichts, da könne er seinen heiligsten Eid auf leisten. Ihm sei es geschenkt, und ihm gehöre es zu. So sprach das Kind des Lichts zu sich selbst. ›Nein, Hinnerk‹, so redete das Kind des Lichts sich an, ›darüber wollen wir erst mal ruhig zu Bett gehen, das wollen wir beschlafen‹.

»Schall k den Kaffee en betn weller ant Tür setten, Hinnerk?«

»Ja, dat do.«

Hinnerk Schmidt hatte sogar vergessen, daß dasselbe Feuer, an dem er seinen Kaffee wärmte, auch in der Hölle brenne, und als Maleen den Kaffee schließlich auftrug, hatte er sich seine lange Pfeife angezündet, da rauchte er mit so viel Behagen, wie sein Wesen überhaupt aufwies, da trank er die Höllenglut des Kaffees mit Appetit.

Maleen fragte, ob er den Brief vom Erbschaftssteueramt gelesen habe und was er dazu sage. Peters Lotteriegewinn brauche doch nicht mit aufgeschrieben zu werden, der gehöre doch nicht mit dazu. »Dat hett Peter di ja schenkt«, sagte sie und richtete ihre müden braunen Augen auf ihren Mann.

»Nein«, antwortete Hinnerk, »das schreibe ich nicht mit auf.«

»Maleen«, bemerkte er nach einer Weile, »ich will es gleich in Ordnung machen und unterschreiben. Der Sekretär sagt, ich brauche nur eine Abschrift des von ihm aufgenommenen anzulegen und die Richtigkeit zu bescheinigen. Einmal muß es doch sein, dann kann der Briefträger es morgen gleich mitnehmen.«

Er tat, wie er gesagt hatte, tat das an das Erbschaftssteueramt gerichtete Schreiben in einen Umschlag und steckte es in der Stube über der Tür zwischen Türrahmen und Täfelung. Da wurden die für den Briefträger bestimmten Postsachen alle hingetan.

Aber der Brief blieb nicht da. Hinnerk hatte abends schon im Bett gelegen, da stand er wieder auf und schritt auf bloßen Füßen nach der Tür.

»Wat wullt du?« fragte Maleen.

»Ah, nichts«, antwortete er.

Er nahm den über dem Türrahmen steckenden Brief leise weg und schloß ihn in seine Schatulle.

10

Und es vergingen viele Wochen, die Ernte war größtenteils beschafft, da tat Hinnerk das Papier eines Sonntags wieder hin über den Türrahmen und tat es ganz leise und ganz verstohlen, als begehe er etwas Unerlaubtes.

Das Verzeichnis steckte zwischen Wand und Türrahmen, aber immer dünkte es Hinnerk eine Beruhigung, wenn sein Auge im Laufe des Nachmittags dahin ging und das Papier noch sah.

Nach dem Abendessen fand er sich allein im Hause. Das Gesinde war ausgegangen, Maleen hatte sich, wie öfters, müde und angegriffen gefühlt und das Bett früh aufgesucht. Eine ganze Stunde saß Hinnerk allein rauchend vor der Haustür unter seinen Eichen. Die Niederung rollte ihre Nebel immer höher nach dem Dorf hinauf. Tau fiel auf die Erde, die Luft war feucht und schwer. Eine trübe Kälte legte sich auf seinen unbedeckten Kopf, immer drückender wurde die Einsamkeit.

Hinnerk Schmidt war des Alleinseins gewohnt. Heute aber fühlte er zum ersten mal ein Verhältnis zur Natur und empfand, daß sie zu ihm sprach. Sie sprach von dem über dem Türrahmen steckenden Brief, und ob es nicht geratener sei, ihn vorläufig wieder in die Schatulle zu legen. Aber Hinnerk Schmidt beschloß, es auf eine Art Gottesurteil ankommen zu lassen. Morgen kommt der Briefträger Jochen Thomsen. Die Zeitung pflegt er beim Nachbarn niederzulegen, dessen Kinder sie herbringen, Briefe aber gibt er persönlich ab, und dann holt er einfach vom Türrahmen herunter, was da steckt. Hinnerk wollte es darauf ankommen lassen, wie der Verlauf der Dinge sein werde.

Mit einigermaßen ruhigem Gewissen ging er zu Bett aber im Traum kam die Sorge. Er hatte die ganze Nacht mit etwas Schwerem zu tun, er konnte aber nicht sagen, was. Aber es war etwas, das gar nicht anging, gar nicht zu ertragen war. Erst gegen Morgen gewann es Gestalt. Da saß er, so träumte Hinnerk, unter seinen Eichen, und am Himmel stand ein großer roter Schweifstern. Der warf rotes Feuer auf die Erde und Hinnerk Schmidt wußte, daß die Erde untergehen müsse. Und er war Schuld daran, denn er brauchte nur aufzustehen und den Brief vom Türrahmen zu nehmen, dann war der Weltuntergang abgewendet. Aber er vermochte sich nicht so weit aufzuraffen, es zu tun. So dauerte der Traum, bis der Großknecht in die Stube trat und, wie er jeden Morgen tat, die Scheunenschlüssel vom Haken nahm. Da erwachte Hinnerk Schmidt und stand rasch auf. Denn er erinnerte sich, daß er sich vorgenommen habe, heute bei der Ernte selbst Hand mit anzulegen. Und vor den Tagesgeschäften versanken Traum und Weltuntergang.

Die Roggenernte war beendigt, die Haferernte zur Not, mit dem Mähen des Buchweizens sollte angefangen werden.

Hinnerk machte nach dem Frühstück seinen gewohnten Rundgang durch den Hof. Die Mäher waren vorweg gegangen, über die Hauskoppel blinkten aber noch die Sensen und die weißen Schürzen der Mädchen herüber.

Hinnerk Schmidt hatte vor, beim Stucken zu helfen, und war dabei, die Stiefel anzuziehen, als Jochen Thomsen in die Stubentür trat und einen Brief sowie die Zeitung auf den Tisch legte. Das über dem Türrahmen steckende Schreiben holte er herunter und fragte: »Schall dat mit?«

Der Bauer stieß mit der Stiefelhacke auf den Fußboden. Er empfand es als eine Art Vergewaltigung von Jochen, daß er ihn zur Entscheidung nötige.

Warum fragte Jochen überhaupt? Das tat er doch sonst nicht. Durch die Frage brachte er ihn um die Ausrede vor seinem Gewissen, er sei noch gar nicht fest entschlossen gewesen, den Brief abzuschicken. Er antwortete daher nicht gleich, stieß vielmehr mit der Stiefelhacke gegen die Schwelle der Stubentür.

»Nu, wollen sie nicht?« warf Jochen ein.

»Nein, sind eingetrocknet, überm Spann zu eng.«

»Dann muß Mars Schuster sie aufblöcken.«

»Denk ich auch«, antwortete der Bauer, rief auf seine Frau und forderte das neue Stiefelpaar, das in der Kellerstube sei.

»Ja«, redete Jochen weiter, »Stiefel, die man nicht täglich trägt, werden eng und brüchig«.

Er wog den Brief noch immer in der Hand und wiederholte seine Frage: »Schall dat mit?«

»De Breef? – Ja, de schall mit.«

Hinnerk fühlte, daß dies Wort ein Markstein auf seinem Lebenswege sei. Jochen Thomsen aber steckte das Papier gleichmütig in seine Ledertasche.

Die neuen Lederstiefel waren nicht gleich zu finden, die alten hatte der Bauer abgestreift, nun schlüpfte er vorderhand wieder in seine Pantoffeln. Und in Pantoffeln schlürfte er nach dem Hofplatz hinaus, als Jochen Thomsen durch die Pforte ging. Er atmete tief, die Stubenluft hatte schwer auf ihm gelegen.

Die Sonne stand noch nicht hoch, sie sah unter den Laubkronen her und malte den Schatten des eilfertig davongehenden Briefträgers langgestreckt am Boden hin, den Oberkörper am Scheunendach emporreckend. Das Gehen, das Handschlagen übertrug sich dort in eine schwingende Bewegung, der Schatten wurde klein und kleiner; dem Nachschauenden war dabei zumute, als ob Jochen Thomsen sein gutes Gewissen in der Ledertasche davontrage.

Hinnerk Schmidt stand und sah. Jochen Thomsen wird gleich am Fußsteig sein, der über Viehdals Kamp führt, dann werden er und sein Schatten hinter dem Knick verschwinden. Aber bevor sie verschwanden, kamen sie in Ruhe und ein kleinerer Schatten war daneben. Neben Jochen Thomsen stand ein Knabe, Hinnerk sah hin und erkannte ihn. Es war der Sohn der Rühmann, derselbe, der dem fremden Schmiedegesellen so ähnlich sieht und noch immer keinen Vater hat. Kein anderer Knabe im Dorf steht so alt auf seinen jungen Beinen und steckt so tief in der Mütze. Von ihm wußte Hinnerk sich frei, mit dem hatte er nichts zu tun. Aber er fühlte immer wieder die Scham über seine schwächste Stunde, wenn er ihn sah.

Hinnerk hatte nach der Buchweizenkoppel gewollt, aber die Sorge, dem vermaledeiten Jungen zu begegnen, bewog ihn, aus dem Dielentor die Richtung nach den Wiesen zu nehmen. Das heißt: so hatte er beschlossen. Aber er kam auch dazu nicht. Er war noch auf der langen Diele, da hörte er die Haustür gehen, und eine laute Stimme die Hausfrau begrüßen.

»Tausend noch mal, das ist ein Jahr! Das gibt Taler, was? Das mögt Ihr wohl. Ist Hinnerk zu Haus?«

11

Hinnerk Schmidt kannte die Stimme und den Sprecher (so sprach niemand im Dorf); es war ein volles, gesättigtes, dunkles Organ – Karl Ohm Schnoor aus Bargenhusen, derselbe, der einst die Verlosung geleitet hatte. Und Hinnerk Schmidt dachte, als er die Stimme hörte, an seine Sorgen und dachte weiter: der kommt zur rechten Zeit. Wenn einer, dann kann der helfen, dann kann der Licht geben. Ich will Karl Ohm fragen, einen Klügeren gibt es nicht, der nimmt es mit jedem Advokaten auf.

Er kehrte um und bewillkommte Karl Schnoor.

Karl Ohm gab vor, in eigenen Geschäften zu reisen. Er habe nur nicht vorbeigehen wollen – in Wahrheit kam er nach Westerhusen, um in Anlaß des Erbfalles eine kleine Abgabe zu heben.

Leider war er auf solche gelegentliche kleine Tribute angewiesen. Karl Schnoor, jetzt an der Grenze der Sechziger stehend, war in jungen Jahren ein schöner Mann gewesen und auch jetzt noch ein gut aussehender. Er hatte ein regelmäßiges, sogar edelgeformtes Bronzegesicht antiken Schnitts. Wenn er lachte, mochte dem Zauber seiner Liebenswürdigkeit widerstehen, wer konnte. Seine Hautfarbe war von angenehmem Ton, das volle Haar (die weich hingeworfenen Wellen glänzten wie geglättet von zarter Liebe Hand) konnte noch immer für dunkelbraun gelten. Er war der kluge Mann der Gegend, in allen knifflichen Fällen ihr Berater, aber man hätte unrecht getan, ihn Winkeladvokat zu nennen. Nein, das war er nicht, dazu war er zu vornehm. Er hatte nicht gerne, daß man ihn aufsuchte und um Rat fragte, er besuchte lieber seine Freunde, und dabei fielen seine Ratschläge im angenehmen Plauderton des Besuchers. Ihm für seine Ratschläge Geld anbieten – das hätte man keinem raten mögen. Nein, so war Karl Schnoor nicht, seinen Rat gab er umsonst, was er erwartete, war nicht der Rede wert, nichts als freundwillige Gefälligkeit in Verlegenheitsfallen durch Hingabe kleiner Darlehen.

In seiner Jugend hatte er, was damals noch selten war, eine Fortbildungsanstalt besucht, die sich ›Ackerbauschule‹ nannte, er hatte von seinem Vater einen großen Hof geerbt, hatte den Hof verkauft, war das Geld, das er herausbekommen hatte, losgeworden – nun wohnte er in Bargenhusen zur Miete, und kein Mensch wußte so recht, wovon er lebe.

Wovon bezahlte Karl Schnoor seine Miete, sein Essen, sein Reisegeld, und das, was er am Leibe trug? Und dabei immer nobel und anständig, in seiner Kleidung immer eine Art städtischen Schnitts, gute steifleinene Wäsche im Brustlatz, weiße, das Ohr sägende Vatermörder – das wollte doch bezahlt sein! … Nun, man kannte das Geheimnis und, man raunte es einander kaum noch als solches in die Ohren, sondern sprach es geradehin aus: Karl Ohm war auf Anleihen angewiesen bei Leuten, die nicht klagten. Und, weil Karl Schnoor dafür allgemein eingeschätzt wurde, deshalb fühlte jeder, den Karl Schnoor begrüßte, eine Art Ameisenlaufen den Rücken hinunter nach den Schenkeln zu, nach der Gegend hin, wo die Geldknippe sitzt.

Von Hinnerk Schmidt ließ er sich, wenngleich die Verwandtschaft unheimlich weitläufig war, Ohm nennen. Um so mehr bekam Hinnerk das Frösteln, wenn er Karl Ohm sah. Er fühlte es zwar auch jetzt, es war aber durch den Gedanken gemildert, daß Ohm ihm mit seiner Weltklugheit nützen könne.

Hinnerk Schmidt war so freundlich, wie er seinem Wesen nach sein konnte. Karl Schnoor war gewohnt, süßsauer empfangen zu werden, er war es auch in Westerhusen gewohnt und darauf vorbereitet, er verstand dann aber gut, das Saure durch Witze und durch Geschichten hinwegzuspaßen. Auf Westerhusen empfangen zu werden, wie er jetzt aufgenommen wurde, darüber war er ganz erstaunt.

Und es kamen ihm Ahnungen, die die richtige Bahn streiften, er sprach auch gleich von dem Trauerfall: »Hinnerk, wer hätte das gedacht? Nun deckt den guten Peter die Kirchhofserde.«

Hinnerk Schmidt war die Einleitung willkommen, da ließ sich das brenzliche Stück gleich anschneiden. Er benutzte auch die erste Gelegenheit, wie Maleen nach der Küche ging, ein Frühstück aufzutragen, dazu, sein Herz aufzuknöpfen, und erzählte, was zu erzählen war. Nur die Höhe des Gewinnes verschwieg er: »Es ist nicht ganz wenig.« Weiter sagte er nichts, es kam auch ja nicht darauf an. Weshalb sollte er Ohms Anleihe unnötig in die Höhe schnellen?

Hinnerk hatte kaum begonnen vorzutragen, als Ohm anfing mit Mund und Lippen und Augen zu strahlen. Und als Hinnerk weiter erzählte, rieb er sich die Hände und ging in der Stube auf und ab. Und nach Beendigung des Berichts nahm er beide Hände seines Neffen, bewegte sie hin und her, breitete seine und des Neffen Hände und Arme auseinander und führte sie wieder zusammen und ließ sie los, räusperte sich laut und lachte.

»Hinnerk«, rief er, »bester Hinnerk, da wolltest du was von abgeben? Hinnerk, guter Hinnerk, du bist ja wohl rein nicht recht klug! Deine ›Deklarasiong‹« (er sprach das Wort mit dem feinsten französischen Nasenrohrklang) »die ist ganz in Ordnung, da hast du kein Titelchen hinzuzusetzen oder davon abzunehmen. Nein, Hinnerk, das wolltest du mit dem Amerikaner aufteilen, mit dem Luftikus, mit dem, der so an dir gehandelt hat, dich auf den Tod beleidigt hat? Junge, Junge, du mußt aber ein Herz haben! Junge, Junge, du mußt abern Berg Geld haben!«

»Es ist nicht aller Welt«, erwiderte Hinnerk.

»Einerlei.« Ohm zündete die ihm dargebotene Meerschaumpfeife an (sie stammte von Hinnerks Vater her) und stieß die ersten Züge heftig heraus: Ja, eine edle Entrüstung drängte ihn, auf den Tisch zu schlagen.

»Dem Bengel was abgeben? Wenn es noch ein andrer wäre! Aber ihm? Dir gehört es zu, dir ist es mit warmer Hand geschenkt; nein, das kann dir kein Mensch wegnehmen.«

»Ohm«, antwortete Hinnerk, »da fällt mir ein Stein von der Brust.«

»Laß ihn fallen, Hinnerk! Es taugt nicht, Steine auf der Brust zu tragen.« Ohm lachte über das barocke Wort.

Der Bauer von Westerhusen fühlte sich entlastet, so frei wie lange nicht, und das Gefühl der Freiheit und Dankbarkeit schäumte über. »Karl Ohm«, rief er, »du bist n gräsig kloken Kerl!«

Der von Bargenhusen rauchte und schmunzelte: »Klok hin, klok her, bleib nur fest, verplapper dich nur nicht! Dann kann dir keiner was tun!«

»Aber wenn Hans kommt oder das Gericht – was kann daraus werden?«

»Nichts kann daraus werden. Das heißt«, setzte und rauchte Ohm bedächtig hinzu, »höchstens ein Schwur.«

»Ein Schwur!« Hinnerk Schmidt schrak auf und sah seinen Berater trostlos an. »Wenn ich es beschwören soll, das kann ich nicht, ich habe die Kiste ja gleich herübergetragen.«

Karl Ohm Schnoor sah ihn an, lächelte sieghaft und ein bißchen mitleidig. »Junge!« sagte er und rauchte. Und nach einer Pause ernst: »Das verstehst du nicht, Hinnerk. Du sollst nicht beschwören, daß du die Kiste nicht weggetragen hast, du sollst nur beschwören, daß du alles, was zum Nachlaß gehört, aufgeschrieben hast. Du hast nicht nötig, anzugeben, was du weggetragen hast, wieviel es gewesen ist. Denn das, was in der Kiste war, was du wegbrachtest, gehörte nicht zum Nachlaß, das war dir geschenkt, gehörte dir zu. Und, wenn du gefragt wirst, gib nichts an. Das sind nichts als Fallen. Sag einfach: das, was aufgeschrieben ist, das ist der Nachlaß, auf weiteres Fragen würdest du nicht antworten.«

Hinnerk Schmidt wurde lebendig, das verstand er, das faßte er. »Du hast recht, so kann ich es beschwören.«

Seine Gemütsrechtfertigung hatte auf schwankendem Grunde geruht, war verblaßt und zeitweilig abhanden gekommen, nun kam Karl Schnoor von Bargenhusen und gab sie ihm zurück, gab das in knapper, greifbarer Form, was dunkel in seinem Gefühl gelegen hatte. Nun wußte er sich sicher, nun vergaß er des Pröpsten und seiner Predigt, nun sprangen die Blütenknospen reinen Glücks. Es drängte ihn ins Freie, er mußte sein Glück äußern, er hätte dem Ohm auch gar zu gern, auf die Gefahr hin, bei der Darlehnsbitte höher eingeschätzt zu werden, die Größe und den Reichtum und die Pracht seiner Felder und seiner Ernte gezeigt.

»Willst meinen Buchweizen mal sehen?« fragte er. »Da steht auch noch etwas Hafer, willst das mal sehen?«

»Jawohl«, erwiderte Ohm.

So gingen sie ins Feld.

12

Der Tagelöhner Johann Kock folgte ihnen nach. »Klaus int Moor schall heel slecht sin«, erzählte er. Der Amtsrichter solle kommen und Testament machen.

Es war Hinnerk Schmidt unangenehm, gerade jetzt an den jungen Menschen, der gleich nach Leistung des Eides die Schwindsucht bekommen hatte, erinnert zu werden. »Warum auch nicht?« Das kam ärgerlich von den Lippen des meistens so ruhigen Hinnerk Schmidt.

Ein Frauenzimmer, nicht jung, nicht alt, in kurzärmliger Jacke … fette Formen, um den Mund ein Zug von Gier und Rücksichtslosigkeit, begegnete ihnen auf der Hasenkoppel.

»Godn Dag!« – »Godn Dag!« – Weiter sprach man nicht miteinander. Es war die Rühmann, dieselbe, die dabei gewesen war, als Hinnerk Schmidt ihrer Mutter eintausend Mark in blanken Goldstücken vorgezählt hatte. Damals, bei dem Klingen des Geldes, war der triumphierende Zug um ihren Mund entstanden. Und Hinnerk kam es vor, als erscheine er immer wieder, wenn sie ihn sah.

»Sie will mit dem Amtsrichter sprechen«, bemerkte Johann.

Hinnerk Schmidt hörte nicht hin, er sprach mit Karl Schnoor über den Klee der Hasenkoppel.

Nun waren sie auf der Moorkoppel. Der Buchweizen reichte den Männern ans Kinn, das war einer der konnte sich sehen lassen. Karl Ohm bewunderte ihn auch tüchtig, fing aber bald an, davon zu reden, was er selbst gebaut hatte, als er noch Besitzer vom Gut Kuhlen war.

Nach dem Buchweizen lobten sie den Hafer der Dreieckskoppel und kamen dann nach der Buchweizenkoppel zurück. Inzwischen hatte der von Karl Ohm Schnoor auf Gut Kuhlen gebaute Buchweizen es auf acht Fuß Länge gebracht.

Ein städtischer Herr lief zwischen den Stuckenreihen herum. »Süh, de Gerichtsrat«, sagte Johann.

Ein ältlicher Herr mit ernsten, wenn nicht gar strengen Zügen schritt quer über die Stücke und über Abzugsgräben auf sie zu. Hinnerk rückte die Mütze, Karl Schnoor nahm den Hut ab – es war wirklich der Richter des Bezirks.

Er wendete sich an den Bauer und kam ohne Vorrede auf sein Anliegen. Beim Nachlaßverzeichnis sei noch ein Punkt aufzuklären. Ob Hinnerk ein paar Stunden opfern könne.

Hinnerk Schmidt dachte an seinen Schatz, es wurde ihm unbehaglich, aber er verzog keine Miene, als er erwiderte: »Was sein muß, muß sein.«

13

Alle drei gingen. Im Gartenhaus wurden die Sachen nach dem Verzeichnis noch einmal vorgezeigt.

»Ihr Bruder war lange krank?«

»Jawohl.«

»Und Sie besorgten seine Geschäfte?«

»Ist auch was vergessen, was nicht im Protokoll steht?«

»Ich glaube nicht.«

»Sie selbst haben nichts?«

»Wie sollte ich was haben?«

»Die Frage kommt Ihnen wunderlich vor?«

»Ein bißchen wunderlich ist mir das.«

»Und doch muß ich noch einmal fragen: Schmidt, Sie haben doch nichts weggebracht?«

Hinnerk Schmidts sonnverbranntes Gesicht wurde um einen Ton bleicher.

Karl Schnoor ging im Zimmer umher, er kam zufällig in Hinnerks Nähe, zwei Finger an den Lippen.

Der in seinen Akten blätternde Richter sah auf und warf ihm einen scharfen Blick zu. »Zurzeit ist hier eine nichtöffentliche, gerichtliche Verhandlung« sagte er. »Ich darf Sie wohl bitten, mich so lange mit Schmidt allein zu lassen.«

»Wie Sie befehlen!« Karl Ohm Schnoor verbeugte sich weltmännisch und verließ das Zimmer.

»Schmidt«, fing der Richter wieder an, »nun komme ich auf meine Frage zurück. Sie haben doch nichts weggebracht?«

»Herr Rat, ich weiß nicht, ob ich nötig habe, darauf zu antworten. Aber ich wills tun und sagen, ich habe nichts weggebracht, was zum Nachlaß gehört.«

Der Amtsrichter sah ihm scharf in die Augen. »Sie betonen: was zum Nachlaß gehört. Haben Sie denn was weggebracht, was nach Ihrer Ansicht nicht dazu gehört?«

Hinnerk Schmidt schwieg.

»Besinnen Sie sich!«

»Da brauch ich mich nicht zu besinnen, ich habe nichts weggebracht, was zum Nachlaß gehört.«

»Also nichts, was zum Nachlaß gehört?«

»Nein.«

»Schönt Da muß ich weiter fragen: Hat Ihr Bruder in der Lotterie gewonnen?«

»Ja.«

»Wieviel?«

»Das möcht ich nicht gern sagen.«

»Es soll viel gewesen sein.«

»Herr Rat, was wissen da andre Leute von.«

»Nun einerlei, ob viel, ob wenig: Wo ist das Geld?«

Hinnerk Schmidt antwortete nicht.

»Ist es in den aufgeführten Hypotheken angelegt?«

»Nein.«

»Also in den Staatspapieren?«

»Nein.«

»Da frage ich: Wo ist der Gewinn?«

»Der gehörte Peter nicht mehr.«

»Wem gehörte er denn?«

Hinnerk Schmidt schwieg. Mit verschleierten Augen und festgeschlossenen Lippen stand er vor dem Richter.

»Ich meine«, fing der Beamte wieder an, »wenn der Verstorbene den Gewinn nicht mehr hatte, wo ist er denn geblieben? Sie sollten es wissen, Sie besorgten ja Ihres Bruders Geschäfte.«

»Herr Rat, nehmen Sie mir nicht übel! Sie fragen und fragen, wie es Ihre Pflicht ist. Ich möchte aber nichts sagen.«

»Schmidt, das kommt nicht von Ihnen.«

Hinnerk Schmidt schwieg.

»Sie verweigern die Auskunft?«

»Herr Rat, wenn das der Name dafür ist, dann ist es wohl so. Ich nehme an, daß ich das darf.«

»Dürfen?« antwortete der Richter. »Nein, denn weder das Gesetz, noch Ihr Gewissen geben Ihnen dazu ein Recht. Sie dürfen es nur insoweit, als ich für heute kein Mittel habe. Sie zur Antwort zu nötigen. Aber damit ist die Sache nicht gut und nicht vorbei. Ich muß Sie darauf aufmerksam machen. Ihr Bruder, der Miterbe, kann einen Schwur vor Gericht verlangen, daß Sie den Nachlaß vollständig und richtig angegeben und auch von ihm nichts abhanden gebracht haben.«

»Wenn er das kann, dann muß er das tun«, erwiderte Hinnerk mitn Fellerbüdel trocken.

Damit war das Verhör zu Ende, der Richter schrieb nur noch das Protokoll. Es stand darin die vorläufig unbeeidigte Versicherung Hinnerk Schmidts, daß seine Angaben wahr seien, ferner seine Bereitwilligkeit, das auf Erfordern zu beschwören.

»Nicht wahr, das ist so richtig?«

»Ganz richtig, Herr Rat.«

»Dann unterschreiben Sie.«

Das tat Hinnerk.

14

Die Tür hatte sich mehrere mal leise geöffnet, das war die gute, alte Abel, die schon lange darauf brannte, den vornehmen Besuch zu bewirten. Und kaum war das ungemütliche Verhandeln vorbei, da kam sie mit Tischtuch und Tellern, eine große, dampfende Suppenterrine folgte, und der gestrenge Rat mußte sich eine bäuerliche Fleischbrühe gefallen lassen.

Karl Schnoor nahm bei Tisch das Wort, soweit es die Schicklichkeit, wie er sie verstand, zuließ. Und das mußte man ihm lassen: erzählen, das konnte er. Karl Ohm Schnoor war dem Richter wohl von Hörensagen bekannt, vielleicht nicht von der allerbesten Seite. Der Rat hielt seine Heiterkeit im Zaum und lächelte kaum, wenn Karl Ohm ein lautes Lachen so bestimmt erwartet hatte, daß er sichs selbst gestattete. Aber, als Karl Ohm Schnoor die Geschichte von dem Buchweizenkloß erzählte, der von einem Teller herabfiel, unbemerkt unter und hinter eine Lade rollte und dort ein Jahr liegen blieb, sich zu einem Ungetüm auswachsend, das, wie man schließlich die Lade rückte, fürchterlich aussah, Schimmelfühlfäden hatte von einem Meter Länge, so fürchterlich aussah, daß alles in Entsetzen davonstob und dann mit Mistforken zurückkehrte, von denen man keinen Gebrauch machte, vielmehr, damit kein Unglück geschehe, dem Untier von oben her, indem man die Zimmerdecke aufbrach, zu Leibe ging … als Karl Ohm diese Geschichte erzählte, da war der Rat in Gefahr, aus der Rolle zu fallen. Der Erzähler nötigte (dem übelwollenden Rat gegenüber ein schöner Triumph), dem Amtsrichter nötigte er nicht allein ein Lächeln, sondern sogar ein leises, freilich von den widerwilligen Kiefern unterdrücktes Lachen ab.

Gleich nach Tisch fuhr der Richter davon. Auf dem Heimwege wollte der Lotterieschatz ihm nicht aus dem Kopf. Hinnerk Schmidt hat wahrscheinlich das Geld von Peter mit warmer Hand geschenkt erhalten. »Ja, ja, so wird es sein.« Der Gerichtsrat sah auf die im Sandweg mahlenden Räder. Da nun, dachte er weiter, die Schenkung jedenfalls nicht gerichtlich ›insinuiert‹ worden ist, und die altrömische Bestimmung von den 500 Solidi bei uns noch immer zu Recht besteht, so könnten im günstigsten Fall gültig nicht mehr als 4666[2/3] Mark in Hinnerk Schmidts Vermögen übertragen worden sein. Schade, daß ich nicht daran gedacht habe, ihn hierauf aufmerksam zu machen. Denn für ehrlich halte ich ihn trotz alledem. Sein Rückhalt ist der witzige Ohm, und der allein ist schuld daran, daß er sich auf Heimlichkeiten versteift.

15

Nach des Richters Abreise kam Karl Ohms Laune zur vollen Blüte. Hinnerk und Maleen konnten den Reichtum allein unmöglich verzehren, gegen Abend mußten ein paar Nachbarn dazu gebeten werden. Ein Bauer namens Ferdinand Lucht, der, nebenbei gesagt, mit seinen Vettern um eine Staatsobligation prozessierte, gehörte auch dazu.

Die Gesellschaft blieb spät beisammen, und Karl Ohm hatte immer das Wort, und immer erzählte er von Rechtssachen, und überall war durch seinen Rat eine günstige Wendung herbeigeführt worden. Mehrere Male war es schon bei den Gerichten gewesen und hatte bös ausgesehen, dann war aber, nachdem er den Leuten die Sache klargemacht hatte, der Advokat herzugeholt worden, um anzuhören, was Karl Schnoor aus Bargenhusen für einen Ausweg gefunden habe. Der Advokat hatte sich dann immer hinter die Ohren gekratzt und gesagt: »Deuker noch n mal, da hab ich gar nicht daran gedacht! … Ja, ja, das muß gehen. Nun wollen wir es schon kriegen.« … Ja, nachdem Karl Schnoor ihm ein Licht aufgesteckt hatte, da war es freilich keine Kunst mehr, da wollte er es wohl kriegen. Wie er dabei lachen konnte, der Allerwelts-Karl-Ohm!

Als man die Sitzung am späten Abend aufhob, sagte der Besuch: »Zum Zehnuhrzug muß ich am Bahnhof sein. Solltest mich wohl hinfahren können, Hinnerk?«

»Das kann angehen.«

Selten hatte Hinnerk Schmidt eine Zusage so gern gegeben. »Ich habe doch bei Voß in Oldenborstel zu tun«, setzte er hinzu.

Die Nachbarn standen, die Mütze in der Hand, sich zu empfehlen. Ferdinand Lucht zog aber den klugen Ohm noch in die Ecke und setzte ihm mit abgetönter Stimme etwas auseinander.

»Sieh, Hinnerk«, rief Karl Schnoor, »da ist Ferdinand, der streitet auch um seines Ohms bißchen Geld. Der Alte hat ihm auf dem Sterbebett ein Staatspapier geschenkt, und die anderen wollen das nicht gelten lassen. Aber Ferdinand hat seinen Prozeß gewonnen, und das Kreisgericht hat gesagt, da könnten sie nicht daran tippen, das sollten sie wohl stehen lassen. War das nicht so, Ferdinand?«

»Ja«, entgegnete Ferdinand Lucht, »so ist es. Aber die anderen sind weitergegangen, und nun ist die Sache beim Appellgericht.«

»Das laß sie man ruhig tun«, prahlte Karl. »Es gibt immer Leute, die nie klug werden, die sich nicht genug Kosten machen können.«

»Sie sagen«, erklärte Ferdinand, »es hätte vor Gericht gemacht werden müssen.«

»Vor Gericht?« schrie Karl Ohm. »Das ist ja Unsinn! Und das sollte das Kreisgericht nicht gewußt haben?!«

An dem Abend ging Hinnerk als ein vollkommen Glücklicher zu Bett. Ohne Aderlaß wird es freilich nicht abgehen, etwas Rauhreif wird auf die Blüte fallen … das muß sich helfen.

Der Reif kam aber doch bißchen stärker, als er erwartet hatte, und fiel gleich nach dem Morgenkaffee, als Hinnerk seinen Besuch durch die Pferdeställe führte. Eben hatte Karl den braunen Wallach gelobt, der auf der Tierschau ehrenvolle Erwähnung gefunden, da trat er rasch auf die hinter den Pferden sich hinziehende Karrenbahn zurück. »Ah, Hinnerk!«

Und dies »Ah, Hinnerk« kam zwar ein bißchen gedämpft, rollte aber doch braun und voll und treuherzig wie auf Freundschaftswalzen daher. Karl Ohm stellte sein bestes Lächeln auf, zwei Reihen guterhaltener Zähne leuchteten Hinnerk Schmidt entgegen.

»Na?« erwiderte Hinnerk. Sein Ton war kurz und ahnungsvoll.

Und dann kam das, was kommen mußte, die in wattenweiche Redensarten eingewickelte Bitte um ein Darlehn. Augenblickliche Umstände … sie wurden großzügig vorgetragen.

»Wieviel?«

»Hundert Taler.«

Über die Höhe war Hinnerk mitn Fellerbüddel erschrocken. Erst sprach er davon, er habe gar nicht so viel Geld im Hause, aber Karl Ohm lachte, lachte ihm mit leuchtenden braunen Augen ins Gesicht. »Ich nehme auch Coupons.«

Nun versuchte Hinnerk mitn Fellerbüddel abzudingen. Aber Karl Ohm Schnoor hatte schon in des Neffen Miene gelesen, daß das nichts weiter als ein Hinhalten und Zappeln sei, und daß ihm die hundert sicher, wenn er nur fest bleibe. Karl Schnoor bedauerte, nicht hundert und fünfzig gefordert zu haben.

»Will mal sehen« antwortete Hinnerk schließlich trocken und gequält.

»Wenn du mir eine Schere gibst, helf ich beim Couponschneiden«, lachte der lustige Ohm. Er hatte immer ein spaßiges Wort.

Es bedurfte aber so großer Anstalten nicht. Als sie die Pferdeställe verlassen hatten und wieder in der Wohnstube waren, ging Hinnerk mit weitem, wogendem Schritt nach der Schatulle, schloß auf, kramte hinter der Klappe, klimperte mit Geld (Karl Schnoors geübtes Ohr hörte heraus, daß es Goldstücke seien) und zählte dann, wie ein entschlossener gefaßter Mann, die damals erst eingeführten Goldstücke, fünfzehn für Butter gelöste jungfräuliche Doppelkronen, seinem Berater in die Hand. Er hätte aber lieber Papier nehmen sollen, denn Maleen war plötzlich in der Stube, nahm ihre Schürze ab, hängte sie an einen Nagel, nahm eine andere vom Haken, band sie vor, sah müde und interesselos aus und sagte: »Dat is jo vel Geld.«

Die Männer schwiegen. Und als sie nach einer Weile wieder allein waren, da stellte Karl Ohm ›um Lebens- und Sterbenswillen‹ eine kleine Handschrift aus.

Und dann wurde angespannt. Von Maleen verabschiedete sich der Gast in guter Laune, er fand sogar Worte des Trostes für die hundert Taler. Er hoffe, sagte er, seine Schuld nach nicht langer Zeit abzahlen zu können. Bei dieser wohl etwas kühnen Zusage hatte er den Kopf in den Nacken geworfen und sah die Zimmerdecke verschämt an. »Und dann, Maleen«, setzte er hinzu und war wieder ein den Leuten frei in die Augen blickender Mann, »du mußt bedenken, daß mitunter ein guter Rat viel mehr wert ist als hundert Taler.«

Hinnerk stand dabei, die Mütze auf dem Kopfe, die Peitsche in der Hand. Er schluckte ein paar mal trocken nieder, wie er zu tun pflegte, wenn es galt, einen Verdruß zu verstauen. Seine Stimmung war immer noch ein bißchen angetrocknet, als es zum Hecktor hinausging.

16

Aber diese Stimmung dauerte nicht. Mit Karl Ohm Schnoor bei gutem Wetter auf einem Korbwagen, wenn der gleich ein bißchen stieß, in die Welt fahren, dann kann es nicht fehlen. Karl Ohm war in einer geradezu verklärten Laune, und da sollten Verdruß und Ärger bleiben?

Karl Ohm Schnoor tat, was er immer in Gesellschaft anderer tat, er erzählte. Er erzählte und erzählte, eine Pfeife nach der andern aus seinem ledernen Tabaksbeutel stopfend. Als sie die Ohrsener Feldmark erreichten, kam er auf seine Reise nach Kopenhagen, von der niemals festgestellt worden ist, ob Karl Schnoors Phantasie sie allein oder mit Karl Schnoor zusammen gemacht hat.

Es war, berichtete er, in den fünfziger Jahren, als der Däne die neue Steuer ausschrieb; da war Karl Schnoor als Wortführer einer Landesdeputation nach Kopenhagen ›kommittiert‹ worden. Die Rede, die er dem Ministerium gehalten haben wollte, mußte Hinnerk Schmidt bis zu Ende anhören. Er tat es auch gern, denn nichts macht auf den Bauer mehr Eindruck als die Phrasengießkanne der freien Rede, wie ein großer Mann sich mal ausgedrückt hat. Und Karl Schnoor sprach zu Hinnerk Schmidt wie Gagern zu Bismarck im Tone eines Volksredners.

Er ritt seinen besten Phantasiegaul … Man denke: ein bankerotter, vom Hof gekommener Landmann, trotz alles Getues ein einfacher, ungelehrter Bauer – Wortführer einer Landesabordnung in Steuersachen! Das war schwer zu glauben. Aber das war einerlei … Karl Schnoor in die Augen sehen, ihn handschlagen sehen, ihn reden und lachen hören, und dann nicht glauben – das gab es nicht, wenigstens bei Hinnerk Schmidt nicht. Hinnerk Schmidt glaubte ihm, Karl Schnoor glaubte es beinahe selbst.

›Exzellenzen!‹ so hatte er gepredigt. ›Sie glauben und sagen, es ist Ruhe im Lande. Aber ich sage, es ist nicht an dem. Ruhe? Ja, wenn Sie die Ruhe des Kirchhofs meinen oder besser: die Ruhe des Feuerbergs Vesuv, als Gras auf seinem Krater wuchs, bevor er Pompeji verschüttete.‹ – Hier schaltete der Redner so viel ein, wie nötig war, seinem Hörer die zum Verständnis dieses Bildes notwendigen geschichtlichen Kenntnisse zu übermitteln, nahm dann aber mit um so größerem Eifer den Faden seiner Rede wieder auf. – ›Meine Herren, Sie meinen die Revolution sei tot, die Flamme erloschen … Tot? … Erloschen? … Erloschen, weil die hellen Flammen nicht hervorschießen, weil Sie die roten Flammen nicht sehen? Wahrlich, meine Herren Exzellenzen, Hüter des Staats, wahrlich ich sage Ihnen: es ist noch da, das Feuer, unter der Asche glüht und glast es, und. bei Ihnen, meine Herren Exzellenzen, steht es, ob es wirklich verlöschen oder ein großes Feuer werden soll. Es wird verlöschen und tot sein, wenn man kein Öl hineingießt, wenn man die letzten Funken austritt. Das heißt, wenn man denen, die in den langen Kriegsjahren um Hab und Gut gekommen sind, eine milde Hand reicht. Aber wehe, wenn blinde Herrschsucht die Leiden vermehrt, wenn ungerechte unselige Maßnahmen getroffen werden! Und eine unselige Maßnahme nenne ich diese Steuer. Meine Herren Exzellenzen! Wer Wind säet, wird Sturm ernten. Und der Sturm wird die Asche zerstäuben, wird zur hellen Flamme aufwirbeln, was jetzt ein kleiner Funke ist. Ja, meine Herren Minister, gießen Sie nur fleißig Öl hinein, Sie werden sehen, was darnach kommt. Die Flammen, die roten Flammen werden auflodern und werden …‹

»Ich sah die Exzellenzen an, es war ein halbes Dutzend da, sie saßen im Halbkreis, und sie waren ganz still und stumm, und es war ein Saal, groß wie eine Kirche. Ich sah sie an und hatte meine Rechte erhoben und war begeistert, und meine Begeisterung hallte in meiner Stimme nach. ›Unsere Menschenrechte‹, sagte ich, ›hängen unveräußerlich in den Wolken des Himmels, und wenn man sie uns nicht gibt werden wir sie herunterlangen. Und wenn wir sie herunterholen, dann, meine Herren Exzellenzen, wird der Holzstoß hell auflodern, und die Flammen werden das Haus des Staates verzehren, und Sie, meine Herren Exzellenzen, ja selbst Seine Majestät der König, alle werden unter den Trümmern begraben.‹«

Die Wirkung dieser Rede von Karl Ohm war (nicht damals bei den Ministern, sondern jetzt auf dem Federwagen Hinnerk Schmidts), da war ihre Wirkung ganz außerordentlich. Der Wagen fuhr zwischen hohen Knicken, die die Tonschwingungen der bald rollend, bald hallend vorgetragenen Deklamation hübsch zusammenhielten. Die Pferde hoben die Köpfe und ›glupten‹ hinter sich, sie waren der Meinung, daß man sie ausschelte, und warteten auf die Peitsche. Durch den zur rechten Hand sich hinziehenden Knick sah ein kleines Mädchen, das auf einer Koppel Gänse hütete, und zeigte dabei ein blondes, erstauntes, ein bißchen dummerhaftes, demütiges Gesicht … zu Hause wird sie erzählen, daß ein Pastor vorbeigefahren sei, der im Wagen gepredigt habe. Dem Wagen begegnete ein Trupp großer Kälber. Die wußten auch nicht, was aus dem schreienden Mann zu machen sei, erschraken maßlos und kehrten dem Widerstand ihres kleinen Hirten, der sich umgerannt und weinend im Sande wieder fand, sie kehrten diesem zum Trotz um und liefen nach dem Dorfe zurück.

So wurde alles in der Natur ringsum von Karl Schnoor an seine Nichtigkeit und an des Redners Überlegenheit erinnert. Hinnerk hatte oratorische Leistungen der Art noch niemals gehört und war förmlich erdrückt. Lange Zeit wußte er nichts zu sagen; endlich pfiff und schnalzte er zu den Pferden hinüber, bewegte die Peitsche und sprach das Wort »Hü!« Und als die Rosse sich in Trab gesetzt hatten, sah er den Ohm mit seinem rotverbrannten Gesicht, mit seinen treuen, tiefen Augen an und beglückwünschte ihn in einem Satz, woraus Kenner das stille Jauchzen seiner Bewunderung heraushören. Er sagte: »Junge ja, Ohm, dat hest ehr awer god seggt – das hast ihnen gut gegeben.«

»Und ob ichs ihnen gesagt habe!« fiel Karl Ohm ein. »In Kopenhagen prophezeite man mir, man werde mich einstecken. Ich antwortete: ›Lat s' mi man instecken, se lat mi ok wull weller rut.‹«

Wie gutmütig das Lächeln seiner Lippen, wenn er so überlegen hin sagte: »se lat mi ok wull weller rut.«

Kurz vor dem Bahnhof verließ Ohm Schnoor das Gefährt. Die Pferde waren nicht lokomotivensicher. Hinnerk wendete den Wagen und stieg dann auch selbst auf einen Augenblick ab. Den Fuß am Tritt, nahm er, ganz gegen seine Gewohnheit, umständlich Abschied von seinem Ohm. Er band sogar die Pferde mit dem Leitseil am Deichselhaken fest und bedankte sich, die Hand des Alten in seiner Rechten.

»Ohm«, sagte er, »da kann ich mich doch auf verlassen?«

»Daß ich in Kopenhagen gewesen bin?«

»Nein, was du mir über die Papiere gesagt hast.«

»Jung, was denkst du von mir! Ich werde dich doch nicht ins Unglück bringen!«

»Also ganz gewiß?«

»So gewiß, as ik Karl Schnoor heet.«

Hinnerk Schmidt ließ Ohm Schnoors Rechte und fragte dann: Kannst mir die Hand auf geben?«

»Hier!« beteuerte der große Ohm, und eine runde, weiche Hand legte sich in Hinnerks. »Hinnerk«, sagte er feierlich, »ich will nicht selig werden, wenn ich dich belogen habe.«

Das überzeugte Hinnerk, das machte seine Rührung fließen. Er fuhr in die Rocktasche und brachte ein Papier ans Licht. »Dat is din Schien.«

»Dat seh ik.«

»Un nu is he dat.« Hinnerk zerriß den Schein und ließ die Fetzen fallen. »So bün ik ok ni. För wat is wat.«

»Jung, Hinnerk!«

»De Schien is betalt, Ohm.«

Ohm hielt es für angemessen, sein Gesicht auf einen Augenblick zu verdüstern (er nahm ja keine Geschenke und kein Honorar), ließ sich aber besänftigen. Und, da er eigentlich niemals oder doch selten Darlehen zurückzahlte, am allerwenigsten aber in diesem Fall daran gedacht hatte, so war seine Rührung über die Güte seines Neffen entsprechend maßvoll. Den Schein hatte er fröhlich wie auch in andern Fällen unterschrieben mit dem inneren Vorbehalt, daß er nicht ernst genommen werden dürfe.

17

Aus Oldenborstel kehrte Hinnerk erst gegen Abend heim. An dem Hecktor der Lohkoppel stand die Großdeern.

»Uns' Weert!«

»Was ist?«

»Hab hier schon eine halbe Stunde gestanden.« Die Hausfrau, erzählte sie, sei zu Dorf gegangen, da seien ein Mann und eine Frau gekommen, die täten so wunderlich, wollten ihren Namen nicht sagen, wollten auf den Bauern warten. Und seien durch das ganze Haus gegangen und hätten alles, auch das in der Kate besehen. Und wenn sie sprächen, da kämen so wunderliche Worte in vor. Und die Frau trüge son wunderlichen Hut, und nun säßen beide in der Stube.

Was konnten das für Leute sein? Sonst spannte Hinnerk immer selbst aus, nun überließ er Pferde und Wagen den Knechten, ging mit langausholenden Schritten über die große Diele und trat mit plierenden Augen in die von Baumschatten verdunkelte Stube. Richtig – am Glockenhaus saßen zwei Menschen, ein Mann und eine Frau.

»Godn Dag!«

Die am Glockengehäuse kicherten und schüttelten sich innerlich wie vor unbändigem Spaß.

»Dank«, erwiderten sie, blieben aber sitzen.

»Ob he uns wull kennt?« hörte Hinnerk.

Hinnerk Schmidts Augen gewöhnten sich an das Halbdunkel. Was vor ihm saß, hielt er für ein Ehepaar, und es hatte eine rotbraune, an Indianerfarbe erinnernde Gesichtsfarbe.

Die Frau war zwar bäurisch gekleidet, jedoch nicht wie bei ihm zu Lande Mode, Wollrock und Spenster, sondern in einen bunten Ladenstoff. Eine gelbe, vielleicht goldene Kette ringelte sich über die breite, aber wenig üppig ausgefallene Brust, die Rechte schmückten Ringe. Sie war nicht jung, nicht alt, hatte grob geschnittene, aber nicht unschöne Züge und dunkelblondes, schlicht gescheiteltes Haar unter dem Federhut von einer im Dorf nicht üblichen Form.

Lustiger Triumph im Gesicht. »Was sagst du doch einmal dazu?« fragte es mit breitem Lächeln zu Hinnerk hinüber. »Daß wir wiederkommen, er und ich? Was sagst du dazu?« So sprach sogar die rote Hand im bunten Kleiderschoß, die hielt ein weißes Taschentuch und faltete daran herum.

Hinnerk Schmidt stand vor Anna Lüders, seiner ehemaligen Braut, und stand vor Hans, seinem amerikanischen Bruder.

Als ein sehniger, magerer Mann lag der auf einem Stuhle, Beine vorgestreckt, die Hände in den Taschen einer offenbar zu weit geratenen Hose – Hans Schmidt. Und Hans Schmidt lachte ebenfalls über das sonnverbrannte Gesicht und sagte: »Dat harrs di wull ni dacht?«

»Nä«, erwiderte sein Bruder, »dat harr ik mi ni dröm laten.«

Und wieder lachte Hans. »Jung, Jung, wo kommt man dor henlang?«

Das war eine schöne Bescherung, und das Gefühl, womit Hinnerk Schmidt die Bescherung entgegennahm, war ein Mischmasch von Verwunderung, Enttäuschung und Sorge.

Daß die Amerikaner hier waren, wunderte ihn, daß Anna Lüders, die ihm einstmals wie ein höheres Wesen vorgekommen war, eine gealterte und ausgedörrte Frau geworden, tat ihm weh. Die gealterte und ausgedörrte Frau, wie sie vor ihm saß, war ihm fremd, als habe er sie niemals gekannt.

Und neben diesen Gedanken die kaum noch eine Ungewißheit darstellende Empfindung, daß sich nun die Sache mit dem, was in dem Kistchen verborgen sei, entscheiden müsse.

Aber alle Verwunderung und Enttäuschung und Sorge durchbrach der Gedanke der Pflicht, die Besucher ordentlich und freundlich zu empfangen. »Sollt willkommen sein!« sprach er und gab Bruder und Schwägerin die Hand.

Das war die erste Begrüßung. Die lange Entwöhnung, das, was zwischen dem Wirt und seinen Gästen gestanden hatte und noch stand, machte, daß sie ziemlich hölzern ausfiel. Hans versuchte zwar zu scherzen und zu lachen, und Hinnerk Schmidt erwiderte, daß er ihn, wenn Anna nicht gewesen wäre, bei dem schönen Spitzbart gar nicht erkannt haben würde. Dann sagte eine Minute lang keiner ein Wort.

Das war peinlich, Hinnerk Schmidt ging in die anstoßende Kammer und kehrte mit einem Tabakskasten zurück, den er mit steifem Arm auf den Tisch stellte.

»Willst mal rauchen? Hast n Pfeife, oder soll ich geben?«

»Ich rauche nur Zigarren.«

»Da kann ich auf Stund nicht mit aufwarten, aber ich will holen lassen.«

Der Besuch bat um Obdach für ein paar Tage. Das sagte Hinnerk Schmidt zu.

Sie wollten sich einige Zeit in der Gegend aufhalten, alte Bekannte aufsuchen, Kiel und Hamburg besehen und Berlin besuchen und eine Harzreise machen und dann über Paris und London nach Amerika zurück. Es ging ihnen gut, sie hatten drüben eine Farm von fünfhundert Acker, fünf Kinder und hatten was vor sich gebracht.

Maleen, die von ihrem Gang zurückkehrte, trug nichts zur Belebung bei. Sie begrüßte mit der ihr eigenen müden Ruhe den Besuch ohne freundliche Worte und ohne harte Worte.

18

»Hinnerk, wi sünd domals betjen stapelbots wegkamen«, sagte Anna geborene Lüders am folgenden Morgen beim Frühstück.

»Dat weet Gott.«

»Wat ji wull för n Gesicht makt hebt, as wi ni dor weern?«

»Lat, dat sünd ole Geschichten, de dot weh, Anna. Un uns' ol Moer un Peter sünd op n Karkhof.«

»Ach ja«, seufzte Hans, »de god Moer un de god Peter.«

»Mi dünkt«, fing Anna wieder an, »mi dünkt, Hinnerk, wi sprekt uns mol doröwer ut.«

»Meenst du, Anna? Mi ist dorbi, as wenn man in Karkhofseer rümwöhlt.«

»Nä, kannst di op verlaten, een ward frieer um de Bost.«

»Je, as du meenst«, erwiderte Hinnerk Schmidt.

»Ik wull di blots mal fragen: Büst mi doch ni mehr dull?«

Hinnerk Schmidt versicherte, er habe nichts gegen sie, und Anna gab umfangreiche Erklärungen, weshalb sie ihn nicht habe nehmen können. Und nochmals fragte sie Hinnerk Schmidt: »Büst mi na dull?« Und wieder versicherte Hinnerk, das sei nicht der Fall.

»Nu«, fiel Hans ein. »Wenn du ehr ni mehr dull büst, dann gib ihr man mal n Süßen.«

Er belachte seinen Einfall, Anna war kußfreudig gestimmt, Hinnerk wehrte sich erst ein bißchen, aber er küßte. Die Lippen seiner Schwägerin waren trocken, auch etwas gesprungen, sein Gesicht verriet keine Bewegung, als er es tat.

»Maleen, wat seggst du darto?« fragte Hans. Maleen nahm die Kanne und schenkte ihrer amerikanischen Schwägerin die Tasse noch mal voll.

»Ik segg: wat vun de Näs in de Mund fallt, is ni weg, dat blifft in de Familie.«

19

Das amerikanische Ehepaar machte Besuche in der Umgegend und kehrte immer wieder nach Westerhusen, wo sie ruhig und still bewirtet wurden, zurück. Und keiner schien an den Punkt zu denken, der Hinnerks Sorge ausmachte. Und schließlich rüstete man zum Abschied, und noch immer war kein Wort über Peters Nachlaß und darüber, wie man teilen wolle, gesprochen worden.

Der Wagen war angespannt, und Hans und Anna im Begriff, ihren Fuß auf den Tritt zu setzen. In Rock und Hut und Mantel standen sie in der Stube. Da fing Anna an: »Hinnerk, wir haben noch nicht darüber gesprochen, aber Peter hat ja noch ein bißchen Sachen nachgelassen. Wir haben sie besehen.«

Hinnerk Schmidt schloß schweigend die Schatulle auf und legte die Abschrift des Nachlaßverzeichnisses auf den Tisch. »Dor is dat«, sagte er dann.

Das Papier blieb unberührt. »Wenn das die Abschrift vom Gericht ist, die haben wir auch bekommen. Es ist ja alles taxiert, und die Taxe nehmen wir an. Und wenn du die Sachen für die Taxe haben willst, dann ist es gut.«

»Das ist mir recht«, entgegnete Hinnerk.

»Und auch die Hypotheken, denn kannst du ja unsern Part in Geld ausbezahlen.«

»Wenn es nicht auf den Stutz zu sein braucht, will ich es gern tun.«

»Auf den Stutz ist es nicht nötig, Bruder«, nahm Hans das Wort. »Advokat Rau hat meine Vollmacht. Bezahl an ihn, wie es dir paßt.«

Ein Advokat dazwischen, das war Hinnerk. freilich nicht recht, aber er antwortete ruhig: »Schön, denn weiß ich ja Bescheid.«

»Ja und denn …« sagte Anna.

»Ja und denn …« fiel Hans ein.

»Laß mich«, entschied Anna, »ich will es sagen. Du hast es nicht so mit die Wörtern, kannst dich nicht so verdeffendieren.«

»Wir meinen, Hinnerk, da ist ja noch Geld, was Peter in der Lotterie gewonnen hat …«

Hinnerk hatte es heraufkommen sehen, er dachte an Karl Ohm Schnoor und – schwieg.

»Ich meine, da müssen wir doch auch unsern Part von abhaben.«

»Ja, das mein ich auch«, fiel Hans ein und fing an, auf und ab zugehen.

»Hans«, erwiderte Hinnerk, »ich wollte mich eigentlich nicht darüber aussprechen, will aber auch keinen Unfrieden mit euch haben. Deshalb sage ich soviel: Es ist wahr, Peter hat Geld gewonnen.«

»Wieviel ist es?« fragte Hans.

»Es ist nicht grad wenig«, war die Antwort. »Aber das ist einerlei, denn es ist bei Lebzeiten verschenkt, da ist nichts von im Nachlaß.«

Anna faßte ihren Mann an der Schulter. »Hörst du, Hans? All das Geld ist verschenkt …«

Die Augen der roten, magern Frau brannten. »Hab ich es nicht gesagt? Das wird herauskommen, Hab ich gesagt … es ist verschenkt. Nicht wahr, Hinnerk. es ist an dich verschenkt? …«

Hinnerk Schmidt schwieg, seine Schwägerin brach in ein hysterisches Lachen aus. »Verschenkt?« schrie sie. »Kann es nicht auch gestohlen sein?«

Hans verwies es ihr. »Lat!« sagte er. Aber sie kehrte sich nicht daran.

Maleen hatte sich auf einen Stuhl gesetzt, sie konnte das lange Stehen nicht vertragen. An sie wandte sich Anna.

»Maleen«, rief sie, Hinnerk hat seine Sprache verloren, hast du sie vielleicht gefunden? Was sagst du denn dazu, Maleen?«

»Das sind Männersachen«, antwortete diese, »da kümmere ich mich nicht um.«

Sie war ganz ruhig, um so wilder und zorniger lachte Anna.

Da trat ihr Mann fest auf. »Still!« befahl er. »Hinnerk und Maleen haben uns gut aufgenommen. Dafür sind wir ihnen Dank schuldig. Sie sind in ihrem Hause, da brauchen sie sich Auslachen und Ausschelten nicht gefallen zu lassen.«

»Sieh, Hinnerk«, wandte er sich an seinen Bruder. »Du sagst, du willst in Frieden mit uns auseinander. Sieh, das möchten wir auch. Du sagst, es ist verschenkt, willst nicht sagen, an wen, aber ich nehme an, es ist an dich verschenkt, und das wird denn auch wohl deine Meinung sein. Gut! Nun habe ich aber auch Verantwortung vor meiner Familie, hab wohl bißchen vor mich gebracht, bin aber nicht reich. Und hab fünf unversorgte Kinder. Du und Peter habt hier Freude und Leid miteinander getragen, das ist wahr, und ich war in Amerika und war euch ein Fremder, und was ich tat, mag für den, der nicht in die Sache hineinsah, sich nicht gut ausgenommen haben. Du sollst Vorzug haben, da will ich gar nicht dagegen sein, deshalb schlage ich vor, du zwei Drittel, ich ein Drittel. Nicht wahr, so wollen wirs machen. Ich will ja nicht auf den letzten Taler, auch nicht auf das letzte Tausend sehen, aber etwas wirst du mir doch abgeben wollen. Mach es mit Rau ab! Biete uns etwas, und wenn es nicht zu wenig ist, dann solls gut sein.«

Wenn Hinnerk nur ein bißchen mehr mit dem Mund voran gewesen wäre … wenn es ihm nur gegeben gewesen wäre, zu zeigen, daß er treuen Worten den Zugang zum Herzen nicht versperre … wenn er nur gesagt hätte, was er meinte: ›hab Dank, Bruder, ich wills in meinem Herzen bewegen und sehen, was sich tun läßt‹ … wenn auch nur seine Frau etwas anders, etwas lebhafter, etwas mehr obenauf gewesen wäre, ihm das Wort weggenommen hätte – die Brüder wären wie Brüder, und die Frauen wie Schwestern auseinandergegangen. Das Samenkorn, das schon anfing zu keimen, wäre ein Friedensbaum geworden, aber Hinnerk Schmidt konnte nun mal nicht über seine Art hinweg, konnte nicht über seinen Schatten springen … nicht das, was er so gern getan hätte, konnte nicht das sagen, was er so gern gesagt hätte, konnte gar nichts sagen … er konnte nicht einmal durch sein Auge Kunde von seiner Gesinnung geben … er konnte sich nur in ein sich düster und verstockt ausnehmendes Schweigen hüllen. Und Maleen fand es passend, just jetzt den Frühstückstisch abzukramen und zwischen Stube und Küche hin und her zu fallen.

In Betracht kam auch, daß des Bruders Antrag in Widerspruch stand mit der Unerbittlichkeit von Westerhusen, worin Hinnerk aufgewachsen war und noch immer lebte und webte. Das, was Hans vorschlug, war das nicht das Zugeständnis eines Unrechts? Zwei Drittel und ein Drittel? Eher hätte er dem Amerikaner schon den ganzen Betrag überlassen können, wenn dieser nur sein Recht anerkannte.

Die Amerikaner standen noch immer in Hut und Rock und Mantel. Sie waren zu lange von der Heimat weggewesen, hatten zu viel mit anders gearteten Menschen verkehrt, um den Bruder und Schwager zu verstehen. Eine ganze Minute warteten sie auf Antwort, und als nichts kam, da blieb für sie nur eine Auslegung.

»Ja, Anna, denn hilft es wohl nicht«, sagte Hans. Er reichte seinem Bruder die Hand. »Adjüs, Hinnerk! Dats n slimm Ogenblick! Adjüs, Maleen!« Er gab auch ihr die Hand. Maleen setzte eine Schüssel, die sie hinauszutragen im Begriff gewesen war, auf einen Tisch, wischte die Finger in der Schürze ab: »Adjüs Hans, und denn besäuk mal weller!«

»Ich hab schon Adjüs gesagt«, bemerkte Anna mit spitzem, scharfem Gesicht, »das ist schon abgemacht.« Damit ging sie aus der Tür.

Wenn nur das nicht hinzugekommen wäre! Gegen Hans ließ sich nicht viel sagen; der hatte seine Worte gut gesetzt, aber das scharfe, spitze, rachsüchtige Wesen der früheren Braut konnte Hinnerk nicht vergessen. Das stachelte ihn zum Eigensinn auf.

Maleen sagte nicht viel, die Silben, die sie, als der Wagen mit dem Besuch aus der Heckpforte herausgefahren war, sprach, ließen sich zählen, aber jedes trocken und dröhnig hin gesprochene Wort hatte einen Widerhaken. »Mich dünkt, Anna hat mehr Hitze in sich als Zeug an sich …« Nach einer Pause: »Mit dem Adjüsgeben ist sie was sparsam, wenn sie im Hausstand ebenso sparsam ist, dann müssen gute Umstände bei ihr sein.«

20

Und alles trug dazu bei, daß Hinnerk fester als je entschlossen war, auf seiner Bahn bis ans Ende gradeaus zu fahren und alles von den Schienen zu werfen, was sich ihm entgegenstelle.

Es dauerte nicht lange, da wurde Hinnerk zur Ableistung des Offenbarungseides vor das Amtsgericht geladen. Das war ihm ganz recht. Je eher, je lieber! Er fühlte sich ganz fest, als rechtlicher Mann konnte er gar nicht anders. Seine Frau befestigte ihn in der Überzeugung, wenn sie der Schwägerin nachmachte – »Adjüs gewn, dor bin ik jo al mit klar – dat kunn se mal stolt rutbringen und denn frie ut de Dör gahn.«

Einmal, zweimal, mehrere Male stieg es in Hinnerk Schmidts Seele auf: Frag den Justizrat! Aber solche Gedanken dachte er wieder hinweg, er wollte keine Hemmungen. Eine Lokomotive kann freilich viel beiseite werfen, ist aber die Masse zu schwer, dann wird sie aus der Bahn geworfen. Hinnerk Schmidt wollte sich aber nicht aus der Bahn werfen lassen.

Bei seiner Terminsfahrt zur Stadt traf er in der Ausspannwirtschaft Ferdinand Lucht. Der erzählte ihm, beim Appellgericht habe er nun doch noch um 1333[1/3] Mark und ein Viertel der Kosten verspielt. Alles, was über 4666[2/3] Mark hinausgehe, sei nicht gültig geschenkt gewesen, da dafür die Protokollierung bei Gericht nötig.

Hinnerk Schmidt hörte es an, aber sein auf Schienen daherrollender Entschluß warf es auf die Seite.

Bevor er den Eid leistete, stellte Rechtsanwalt Rau einige Fragen. Die zerbrachen wie Glas. Rau hatte rote Haare, der Umstand bestärkte Hinnerk Schmidt merkwürdigerweise in der Überzeugung, daß er selbst im Recht sei, und erinnerte ihn an den Prozeß, den Peter Hoops mit dem Juden Elias wegen eines kupfernen Kessels geführt hatte. Dessen Sieg war von einem Eid, den er, Peter Hoops, schwören sollte, abhängig gemacht. Als Peter die Wahrheit bei Gott, dem Allwissenden und Allmächtigen, beteuert hatte, sprang Elias vor und rief: »So, Peter, nu bist du deine Seele los« – worauf Peter griente und trocken antwortete: »Und du din Ketel.«

Hinnerk Schmidt wußte, es sei noch nie ein Eid mit besserem Gewissen geschworen worden als der, den er jetzt auf die Finger nahm. Wie oft hatte er innerlich vor diesem Augenblick gebangt! Er war ja ein gewissenhafter Mann, nun aber war er überzeugt, die Lage der Tatsachen und ihre rechtliche Bedeutung so genau wie einer zu übersehen … Vor Gott hintreten, sein ewiges Heil einsetzen! … Die Schauer des zürnenden Gottes waren über ihn gekommen, und nun, wo er die Finger, seine Hand zu dem Rächer aller Freveltaten emporhob – nun war ihm so leicht und frei. Nun dachte er an Peter Hoops und dessen Kessel und lachte innerlich über den Juden Elias und sah triumphierend und stolz auf den rothaarigen am Pult stehenden Advokaten.

Hinnerk Schmidt war ein altmodischer Mann. Nach seiner Ansicht gehörten die brennenden Lichter, die das Feuer der Hölle darstellen, zum richtigen Schwur, ferner Bibel und Kruzifix und dann das dunkle, der Herrlichkeit der Welt abgekehrte Gewand des Priesters. Die neue Zeit hatte das bei dem Großbetrieb ihrer Verhandlungen beseitigt. Hinnerk wußte es, hatte aber doch vor dem Schwur die Frage gewagt, ob nicht Lichter angesteckt werden könnten, Kruzifix und Bibel herbeigeschafft und ein Priester ihn verwarnen könne. Bibel und Kruzifix holte man darauf herbei, im übrigen konnte der Bitte nicht entsprochen werden, sie machte aber einen guten Eindruck.

Der Richter hielt selbst die Vermahnungsrede, er sprach gut und scharf, aber Hinnerk mit dem Fellerbüdel hielt stand und über die Auseinandersetzungen donnerte der Dampfwagen hinweg.

Hinnerk schwor.

Und als das Protokoll in Ordnung gebracht war, wurde Hinnerk entlassen, mit reiner Seele wandte er sich zum Gehen.

Und in dem Augenblick wie er sich umdrehte, sah er einen aus der Tür des Zuhörerraumes gehenden Mann. Er gewahrte nicht das Gesicht, sah eigentlich nur den Rücken, und doch kamen ihm Formen und Gang bekannt vor. Aber wer es auch war und gewesen sein mochte, er dachte nicht mehr daran.

Hinnerk fühlte sich froh und frei, und weil er froh und frei empfand, ging er gegen seine Gewohnheit in der Stadt von Haus zu Haus überallhin, wo er nur einigermaßen bekannt war. Als wenn ihm zum zweiten male ein Vermögen geschenkt worden wäre, so war ihm zumute, und dabei tat er Dinge, die ihm sonst fremd waren. Vom Kaufmann Jaaks kaufte er eine alte Kutsche (man denke, Hinnerk Schmidt von Westerhusen eine Kutsche!), im Weißen Roß würfelte er sogar mit dem Schlachter Elend um zwei Glas Bier.

Aber noch in der Stadt stockte das Glücksgefühl und die Gegenströmung trat ein. Ziemlich unvermittelt brachen die so lange unterdrückten Gedanken hervor. An die Stelle der ersten Erregung trat das Grübeln darüber, was geschehen war. Zum ersten mal hatte er einen Eid geschworen, und was für einen! Und alles, was beiseite geworfen war, lag wieder auf seiner Bahn. Was er früher gedacht hatte, wie er vor dem Allmächtigen gezittert hatte, was Ferdinand Lucht gesagt hatte und was der Richter gewarnt hatte. Alles bohrte sich in seine Seele ein und warf quälende Betrachtungen auf.

Wenn er Falsches beschworen hätte, wenn er, Hinnerk Schmidt von Westerhusen, seine Seele dem höllischen Feuer überantwortet hätte! Und die Schauer des zürnenden Gottes rieselten ihm über den Leib.

An der Mauer der Straßenzeile leuchtete ein weißes Schild: »Justizrat Ernst Bauer, Rechtsanwalt und Notar«, und nun fiel ihm ein, wie er daran gedacht hatte, diesen Mann, der ihn aus dem Meer der Zweifel retten konnte, wenn er nicht vollends untertauchte … diesen Mann zu befragen.

Und Hinnerk stolperte die Treppe hinauf.

Nach einer halben Stunde kehrte er zurück. Äußerlich ruhig. In der Ausspannherberge bezahlte er seine Schuldigkeit; der Hausknecht war gerade nicht zur Stelle, Hinnerk Schmidt spannte selbst die Pferde vor.

21

Dick und schwül war es schon am Vormittag gewesen. Es ist freilich spät im Herbst, aber, paßt auf! es kommt noch ein Gewitter. So hatten Wettererfahrene prophezeit. Hinnerk Schmidt fuhr in scharfem Trabe nach Hause. In der langen Votshorstwiese lag das Heu vom zweiten Schnitt (Ettgrön) in Schwaden, das mußte vor dem Regen in Diemen gebracht werden, das im Wischhofe konnte zur Not gefahren werden. Und es war nicht mehr zu bezweifeln, daß es regnen werde. Wer sich nur einigermaßen auf die Sprache des Horizonts verstand, der wußte, daß die kleinen, unruhigen scharfeckigen Gebilde, die im Luftmeer schwammen, schwarz aussahen und dabei weißliche Bauchdecken hatten, die Vorboten einer schwarzen Wetterwand seien.

Hinnerk Schmidt ließ die Peitsche über die Pferde pfeifen. Ihn trieb eine Sorge, die er aus dem Bureau des Anwalts mitgenommen hatte, nach Hause, die wirtschaftliche kam erst in zweiter Linie in Betracht. Von der Höhe des Dorfweges aus nahm er wahr, daß das Heu aus dem Wischhof geborgen war, und daß seine Leute jetzt dabei seien, auf der langen Votshorst Diemen zu machen.

Maleen und die Mädchen waren beim Melken; im Hof war niemand, das Fuhrwerk in Empfang zu nehmen. Der Bauer spannte ab, schirrte die Pferde aus, zog sie in den Stall, gab ihnen Futter, schob den Wagen ins Schauer, schloß die ringsum offenstehenden Türen vor dem grollenden Wetter und schritt über die Diele nach den Stuben. Und in dem Augenblick zuckte der erste Blitz fahl über das Dunkel hin. Und als er die Stubentür öffnete und über die Schwelle schritt, erhob sich am Glockengehäuse in der von Wolken und Baumschatten verdunkelten Ecke eine Gestalt – ein Mann.

22

Am Glockengehäuse erhob sich ein Mensch.

»Godn Abend«, sagte Hinnerk, aber der Fremde antwortete nicht.

Da zog Hinnerk Schmidt aus der an der Wand hängenden Büchse ein Streichhölzchen. »Godn Abend, segg ik«, wiederholte er dabei.

»Brauchst kein Licht anzuzünden«, entgegnete der Unbekannte. Die Stimme war Hinnerk bekannt, klang aber tiefer als sonst.

»Brauchst kein Licht zu machen.« Aber da zuckte schon das Flämmchen auf. Und es standen sich zwei Brüder gegenüber, der Bauer von Westerhusen und Hans Schmidt aus Amerika.

»Bist noch hier, Hans?«

»Ja, ich wollte dich schwören sehen.«

Hinnerk Schmidt schwieg. Nach einer Weile sprach er: »Nun ist ja alles klar, Hans.«

Nach dem, was in des Bauern Seele vorging, klang es wie eine Unwahrheit, war es aber nicht. Er wollte sagen: »Nun ist mir klar, daß ich im Irrtum gewesen bin. Sei mein guter Bruder, wir wollen redlich teilen.«

So sagte und wollte der Hinnerk Schmidt, der auf dem untersten Boden seiner Seele das Wort führte. Aber es lag eine dicke Schicht darüber, die das warme Wort nicht durchbrechen konnte, und scheinbar sprach ein anderer Hinnerk. Wie in Storms Märchen flog ein Rabe zu seinen Häupten, trug ihm die Verdunkelungsbrille nach und ließ sie immer dann auf seine Nase fallen, wenn es galt, klar zu sehen. Hinnerk war der vom Schicksal Gehänselte, die besten Worte, die ihm auf der Zunge lagen, brachte er nicht über seine Lippen, während der Amerikaner das »nun ist alles klar« so verstand, wie er es verstehen mußte.

»Hast recht, Hinnerk, nun ist klar, was mein Bruder für einer ist.« Und dann schwiegen beide.

»Sett di dal, Hans!« brachte Hinnerk endlich heraus.

Und wieder Schweigen, Hans setzte sich nicht, ging vielmehr in der Stube auf und ab. Es war schwüle Stimmung, das Wetter kam auf.

»Heut nacht bleibst du doch?«

Da leuchtete ein greller Blitz durch die Stube und die Hammerschläge des Gottes Thor rüttelten an den Vesten des Hauses.

»Du bleibst doch bei uns?« wiederholte Hinnerk.

Die ersten Regentropfen schlugen an die Scheiben.

Hans lachte höhnisch auf.

»Es wird ein starkes Wetter«, fuhr Hinnerk fort, »vom Westen zieht es herauf und auch vom Norden.«

Und wieder lachte sein Bruder. »Und laß es vom Westen kommen und vom Norden, es wird überall sicherer sein als bei dir. Gott, hab ich gehört, sieht seine Leute an, wenn es blitzt und donnert.«

Und er griff nach seinem Hut und ging noch einmal in der Stube auf und ab. Und blieb vor seinem Bruder stehen und sah ihn an und zischte: »Meineidiger!« Und ging auf und ab und blieb wieder stehen und flüsterte und zischte wieder: »Meineidiger! Ich brauch es nicht laut zu sagen. Der Teufel ist dir auf den Hacken, und er hat große Ohren. Laut will ichs nicht sagen, aber ins Gesicht sollst dus haben. Meineidiger, der du bist! Und deshalb stehe ich hier!«

Und als er dies gesagt hatte, ging er.

Im Türrahmen kehrte er sich noch einmal um. »An diesen Tag wirst du denken, Bruder, wenn du in der Hölle sitzst und bratest. Es kann einem leid tun, aber du hast es selbst gewollt. Und du bist mündig und mußt selbst wissen, was für eine Behausung du für deine unsterbliche Seele bestellst. Schlaf gut, mein Bruder, wenn du nach der Tat noch schlafen kannst.«

Hinnerk Schmidt antwortete kein Wort, in seinem Innern aber schrie es laut: ›Er hat recht, du bist ein Meineidiger, ein ewig Verdammter!‹ Überall im Hause hörte er schon das Singen und Wehen der höllischen Flammen, Ein tobendes Wetter ging über Westerhusen hin, und alle Wetterzeichen waren ihm nichts als Drohgeberden des zürnenden Gottes, die Feuerspieße und Hammerschläge des großen Thor so gut wie das Rauschen des aus geborstenem Himmel herabstürzenden Regens.

23

»Klaus im Moor, sagt man, ist ganz schlecht«, fing Johann an.

»Das ist er ja schon lange«, antwortete der Bauer.

»Aber diesmal geht es wohl zu Ende. Wieb hat Boten an den Propsten geschickt, Klaus will das Nachtmahl haben.«

Hinnerk antwortete nichts, er und Johann gingen nebeneinander her.

Hinnerk Schmidt und sein getreuer Johann gingen zum Düngerspreiten übers Feld, und es war ein nasses, ungemütliches Wetter. Das Gewitter war in einen Landregen übergegangen, nun regnete es schon mehrere Tage, und weder mit dem Dünger, den man auf die für die Wintersaat bestimmten Felder brachte, noch mit der Nachmahd hatte es rechten Fortgang.

»Anna Rühmannsch«, fing Johann wieder an, »sagt, daß Klaus falsch geflucht.«

»Es läßt sich viel sagen.«

Hinnerk Schmidt schritt noch einmal so weit aus, und hart und scharf fielen die Worte von seinen Lippen. – Rühmannsch sagts, die ganze Welt sagts. – Er preßte die Lippen fest aufeinander, als könnte er dadurch Johann und auch sein Gewissen stumm machen.

Sie gingen über die Bleicherkoppel, nahmen einen Knick und den darüber führenden Steg und waren nun auf dem Hahnenkamp.

›Was der Bauer wohl hat?‹ dachte Johann. Er konnte das unnatürliche wortlose Nebeneinanderhergehen nicht leiden, um so weniger, als er selten mit den anderen Knechten zusammen arbeitete. So wußte er denn auch nichts von seines Herrn gerichtlichen Sachen.

Und es brach wieder bei ihm durch: »Wunderlich ist doch, daß die Swind bei Klaus kommen ist, als er geschworen hat! Und was fiel er aus dem Zeug und was wurde er klein und krückelig in der Büx. Wie ne Räucherwurst in der Pelle.«

Und dem Bauern war plötzlich zumute, als ob auch er abmagern müsse, ja, als ob er schon mager geworden sei, als ob ihm jedermann von hinten am schlotternden Blauzeug ansehen müsse, daß er falsch geschworen habe.

»Andere Leute kriegen doch auch die Swind.«

Es klang beinahe bittend, wie er das sagte. Und er setzte seinen Fuß auf das nach Nachbar Sievers Moorkoppel hinüberleitende Steigbrett. Es war nichts mehr von barscher Bestimmtheit drin, es war gradezu Flehen, doch nicht alles auf den Schwur zurückzuführen.

»Dats wull wahr«, antwortete Johann.

Und sie schwiegen und gingen. Aber nach wenigen Schritten stand Johann still und zeigte auf ein ihnen entgegenkommendes Mädchen. »Süh, da ist das Frauensmensch auch ja wieder zu Gang.«

Es war die Rühmann; Hinnerk Schmidt nahm große Schritte, Johann trat in seine Spuren und dem Bauer war zumute, als sei der Knecht sein Gewissen, das aufgeplusterte Frauenzimmer aber mit seinem nackten Hals und mit den nackten Armen, als sei das die ihm nachjagende Rache.

Aber dann besann er sich darauf, daß er vor dem Richtertisch nach seiner besten Überzeugung geschworen habe. Und als er sich darauf besonnen hatte, stellte er sich wie früher das Zeugnis aus, ein Kind des Lichts zu sein.

Doch wieder weckte ihn Johann. »Es muß nicht schön sein, auf dem Letzten zu liegen, wenn man falsch Eid getan hat.«

›Wie wird mir in der Todesstunde sein!‹ dachte Hinnerk.

»In die Hölle kommen und immer brennen«, sprach Johann.

Schweigen.

»Ob ein falscher Eid wohl vergeben werden kann?« Johann gab sich selbst die Antwort: »Ich glaube nicht.«

Da wendete Hinnerk Schmidt sich um, er hatte einen roten Kopf. »Halt den Mund, Johann, versündige dich nicht. Wenn Klaus geschworen hat, wird er auch wissen, daß ers konnte.«

Hinnerk Schmidt richtete seine Augen zum Wolkendach des Himmels. ›Der weiß, Johann, der wird richten.‹ So ungefähr hatte er sagen wollen, aber er brachte den Anruf des Ewigen nicht über die Lippen.

Die Wolken zogen und ballten sich, eine stand hoch und weiß in blauer Luft. Dem Bauer von Westerhausen kam sie wie Gottes Richterstuhl vor, und der Allerhöchste saß darauf. Hinnerk Schmidt sah auch die Schale des Zorns in seinen Händen.

24

Man hörte, daß heute beide Pastoren verhindert seien, und daß der Propst erst morgen kommen könne.

In der Nacht fing es wieder zu regnen an, und auch in den Morgenstunden des folgenden Tages blieb das Wetter unverändert. Hinnerk Schmidt schritt in ledernen Wasserstiefeln aus dem Hecktor seines Hofes, nach den Moorwiesen hinunterzugehen, wo das Jungvieh weidete, da kreuzte seinen Weg eine städtische Kutsche mit Hein Möller auf dem Bock. Der Wagen hielt, der Propst saß darin, der öffnete den Schlag und war sehr befriedigt, Hinnerk Schmidt zu treffen.

»Wir fahren zum jungen Heitmann«, sprach er, »seine Seele verlangt nach den Tröstungen der Religion. Wenn es Ihnen nicht ungelegen kommt, wollte ich Sie bitten, mit mir längs zu fahren. Ich muß was fragen. Sie kennen ja Land und Leute.«

»Es kommt mir nicht unpaß, Herr Propst, ich habe denselben Weg.«

Hinnerk stieg ein, und der Wagen setzte sich in Bewegung. Der Regen ließ beim Fahren nach, es fielen nur noch große, glänzende Tropfen, die Sonne warf Lichter der Hoffnung über das dampfende Feld. Der Geistliche ließ das Fenster herab und schaute hinaus. »Was für ein Bild! Die Weite, die Ebene, die Moore, die Wiesen! Und überall Opferdampf, überall des nassen Segens Überfluß und überall Wucht und Schwere!«

»Aber, Schmidt, was ich sagen wollte … Der junge kranke Mann läßt mir sagen, ich möchte nicht säumen zu kommen, er müsse mir was anvertrauen. Welcher Art kann das wohl sein? Das hätte ich gern gewußt. Man muß den Ton darauf stimmen, es ihm leicht zu machen. Was meinen Sie – was kann das sein?«

Hinnerk Schmidt schwieg. Hinnerk Schmidt erschrak. Dräute ihm denn Tag für Tag der Herr in der Höhe mit seiner Donnerfaust? Stand nicht alles und jedes wider ihn auf?

Der Propst hatte große, graue Augen. Er las seinen Beichtkindern, sagte man, die innersten Gedanken ab, bei Hinnerk Schmidt aber las er verkehrt. Von Hinnerk Schmidts Eid und von dessen Eidessache wußte er nichts, er wußte nur, daß kein Testament zustande gekommen war. Das Stammern und Zaudern führte er auf andere Gründe zurück.

»Selbstverständlich«, bemerkte er, »bleibt das, was wir hier sprechen, unter uns.«

Wenn es einen Menschen gibt, der helfen kann, dachte der Bauer, dann ist es der Propst. Klaus wird falsch geschworen haben, nun, da er den Fuß ins Jenseits setzt, schaudert ihn. Ich will dem Propsten sagen, was ich weiß, ich will ihn fragen, wie man die Sünde büßen kann, wenn sie überhaupt abzubüßen ist.

Mehr und mehr verdüsterte sich das Bild der Tat vor Hinnerks Gewissen. Wie war er frei gewesen, als er vom Gericht heruntergekommen, seine Geschäfte in der Stadt gemacht, als er mit Jaaks gescherzt, von dem er die Kutsche kaufte, als er im Weißen Roß mit Elend gewürfelt hatte! Wer hatte ihn jemals am Spieltisch gesehen, wer mit einem Würfelbecher in der Hand? Er hatte sich dabei täppisch benommen, den Becher gehoben, als sei es eine Wurfschaufel … die knöchernen Dinger waren vom Tisch hinunter in die Stube gerollt.

»Wenn Sie was wissen, sagen Sies nur frei heraus!« ermunterte der Geistliche.

Und endlich fand Hinnerk Schmidt das Wort. »Man schnackt allerlei.«

»Was schnackt man denn?«

»Er hat sich von einer Dirne frei geschworen.«

»Und da meint man, es könnte mit dem Eid nicht in Ordnung gewesen sein?«

»Einige sagen so, andere anders.«

»Wie war denn die Sache?«

Da erzählte Hinnerk Schmidt, was er wußte. Daß er selbst auch von der Rühmann herangekriegt worden war, das erzählte er nicht, das war ja nicht nötig.

Und wie er redete, saß er zitternd und fröstelnd und mit bebender Seele vor dem Mann, dem er eine Art Vertretung des Jenseits und eine gewisse Schlüsselgewalt zur Himmelskammer beimaß. Ob man, wenn man falsch geschworen habe, im Höllenpfuhl ewig brennen muß? Er wollte den ›Priester‹ danach fragen.

Hinnerk wollte fragen, konnte aber lange nicht. Kinn und Lippen kamen in krampfhafte Bewegung, wenn seine Gedanken nach Wort und Bild rangen. Schließlich brachte er es aber doch heraus: »Kann der, der falsch Eid getan hat, noch selig werden?«

Der Geistliche antwortete nicht gleich, Hinnerk Schmidt zweifelte, ob er gehört und verstanden worden sei. Der Propst schloß die Augen und murmelte: »In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen.« Hatte er gehört? Sein Gesicht wandte sich voll und fragend dem Bauern zu: »Was meinten Sie, Schmidt?«

Und noch einmal stammelte der Angeredete: »Ob ein falscher Eid vergeben werden kann?«

Der Geistliche wiegte sein Haupt. Es war ein volles, lockiges, graues Haupt. »Nach der Schrift können alle Sünden vergeben werden, nur nicht die wider den Heiligen Geist.«

»Ist das der falsche Eid?« fragte Hinnerk leise. Seine Hoffnung, seine Verzweiflung hing an dieser Frage.

»Sie schürfen tief, Schmidt, Sie pochen an die größten Rätsel unserer Lehre. Ja, was ist Sünde wider den Heiligen Geist? Darüber ist viel geredet und geschrieben worden. Wir stehen und bekennen: wir wissen es nicht. Ich denke so: Allen kann vergeben werden, nur nicht denen, die ihr Herz und ihr Gewissen vorsätzlich verhärten.«

Hinnerk Schmidt wurde froh, als er das hörte. Die Stimme des Gewissens vernahm er Tag für Tag und Stunde für Stunde, und er war bereit, sie zu vernehmen, Tag für Tag und Stunde für Stunde.

Die vorsätzliche Ertötung des Gewissens, die vorsätzlich herbeigeführte Herzenshärtigkeit – das ist die Sünde wider den Heiligen Geist, die allein kann nicht vergeben werden. Alle anderen Fehler und Sünden gehen in dem großen Erlösungswerk auf.

Das Frösteln und Beben war vorüber. Hinnerk Schmidt hörte sogar jauchzende Stimmen in seiner Seele. Und wenn er noch etwas hinzufragte – eigentlich war es ganz überflüssig, aber er wollte es doch tun. Er fragte: »Alle anderen Sünden werden vergeben, auch der falsche Eid?«

»Die anderen Sünden können, und auch der falsche Eid kann vergeben werden: Aber der Sünder muß in aufrichtiger Zerknirschung …«

›In aufrichtiger Zerknirschung‹, dachte Hinnerk Schmidt, ›das stimmt bei mir‹.

»In aufrichtiger Zerknirschung«, fuhr der Pastor fort, »bereuen, Besserung geloben und sich auch wirklich bessern.«

›Jawohl, wirklich bessern‹, gelobte Hinnerk Schmidt in seinem Herzen.

»Dazu gehört vor allen Dingen, an äußeren Werten wieder gut zu machen, was gut zu machen ist. Wer um Geld und Geldeswert einen Eid geleistet hat, gebe mit Zins und Zinseszinsen dem, der dadurch Schaden erlitten hat! Wer aus falscher Ehrsucht unrichtig geschworen hat, der demütige sich doppelt. Und vor allem gebe einer, der so schwere Sünden auf sich geladen hat, der weltlichen Obrigkeit, was der weltlichen Obrigkeit gebührt. Er bitte um Strafe und nehme sein Kreuz in Demut auf sich.«

Als Hinnerk Schmidt das hörte, wollte der Jubel schier verstummen. Anders als der Pastor sagte, konnte es gar nicht sein, und doch hatte er diese Seite der Sache noch nicht scharf beleuchtet. Er fühlte, es sei doch eine eigene Sache, die Fülle der in den Staatsschuldverschreibungen (die losen Zinsscheine gar nicht mitgerechnet) enthaltenen Macht hinzugeben und dazu noch zwei Prozent Erbschaftssteuer zu zahlen. Und dann das Schwerste … die Strafe, der Verlust der Ehre, die Nacht des Kerkers und die Schmach.

»Brr!« klang es vom Bock, der Wagen hielt. Hein Möller öffnete den Schlag.

Sie waren am Rande des wilden Moores vor der Heitmannkate.

Der Regen hatte aufgehört; aber rund um die Hauswand herum plätscherte die Traufe vom Strohdach. Dicht am Häuschen ein kleiner Garten mit Sonnenblumen und Bauerrosen, ein paar urbar gemachte, durch einen Wall eingefriedigte Felder; weiße, sanfte Birken darauf, das einzig Erwärmende einer fröstelnden Umgebung. Dicht hinter Garten und Koppeln dräute das Moor. Wie ein schwarzes, wie ein schweres Gewissen, dachte Hinnerk Schmidt.

Mutter Heitmann stand mit verweintem Gesicht an der Pforte: »Herr Propst ik glöv, dat ward hoch Tied.«

25

Auf Hinnerks Moorwiese weidete Jungvieh. Die vom Regen geschwollenen Gräben begannen aus den Ufern zu treten; Hinnerk öffnete, kurz entschlossen, den Schlagbaum und ließ es darauf ankommen, ob die von dem Wasser in die Enge getriebenen Tiere den Weg nach Hause finden würden. Er beging und besah seine und der Nachbarn Wiesen, ob wohl für diesen Herbst auf weitere Ausnutzung des Weidegrundes zu rechnen sei. Und dann kehrte er nach der Heitmannwohnung zurück.

Der Geistliche trat gerade aus der Tür. »Ich habe seine letzten Seufzer gehört«, sagte er. »Er hat mir sein Innerstes geöffnet. Sie können es überall erzählen. Er hat unter dem Gerücht unschuldig gelitten, er hat mit dem Mädchen in dem Sinne nichts zu tun gehabt. Und daß das wahr ist, dafür lege ich meine Hand ins Feuer. Am Rande der Ewigkeit lügt man nicht – am wenigsten ein Mann wie der.«

Diese Gnaden- und Freudenbotschaft wirkte bei Hinnerk wie ein Donnerschlag. In allen Gewissensängsten war es ihm eine Art Trost gewesen, einen Dorfsgenossen in der Hölle zu haben. Nun sah er diesen Glücklichen in die Sphären der Seligen entrückt, nun war sein eigenes Los um so entsetzlicher. Und tief empfand er seine Unzulänglichkeit hüben wie drüben. Alles, was er tat und dachte, geschah zu seinem eigenen Nutzen, zu eigenem Frommen, aus Furcht allein war sein Wille und war sein Wesen weich. Dein Reich komme! Erst, wenn man das Gute denkt und tut, weil man nicht anders kann, so hatte der Propst gepredigt, dann erst ist das Reich Gottes da. Für ihn lag es in nebelhafter Ferne.

Hein Möller nahm den Pferden die Decken ab, der Geistliche bot Hinnerk auch für die Rückfahrt nach Westerhusen einen Platz im Wagen an, der Bauer kroch ohne Dank hinein. Seine Unbeholfenheit und Unhöflichkeit war ihm dabei halb bewußt, aber er fand kein passendes Wort. Und als er saß, vergrub er sein Gesicht in beide Hände.

Der Propst wunderte sich. »Stand Ihnen der junge Mann so nahe?« fragte er.

Schluchzen lief durch die harte Bauerngestalt – Hinnerk Schmidt weinte.

»Fassen Sie sich, Schmidt«, ermahnte der Propst. »Ich weiß nicht, was Sie so erschüttert. Sterben ist Leben, der junge Dulder ist bei Gott.«

Hinnerk Schmidt gab sein Gesicht frei, seine Züge waren vor Weinen verstört.

»Das ist es«, schluchzte er, »ich weine ja nicht um ihn, ich weine um mich. Ich tu alles, was ich tu, um mich selbst. Wenn doch Gottes Reich zu mir käme!«

»Wenn Sie so darum bitten, dann kommt es sicherlich«, war die Antwort. »Aber sagen Sie, was bewegt Sie so?«

»Herr Propst, ich will es Ihnen sagen. Klaus hat einen Eid geschworen und kann damit vor Gott bestehen. Ich habe auch einen geschworen, damit werde ich nicht bestehen, denn mein Eid ist ein falscher gewesen.«

Der alte Herr war ganz verstört, schlug die Hände zusammen. »Aber, Schmidt! Was ist? Sagen Sie!«

Da fing der Bauer von Westerhusen an zu erzählen. Aber was er vortrug, war noch durcheinander gerüttelt, das Maß seiner Fehle trat nicht klar hervor.

»Mein lieber Schmidt«, unterbrach der Seelsorger, »ich sehe nicht klar. In Ihrer Vorstellung halten Sie, wie mir scheint, jetzt vieles für bösen Willen, was damals, als Sie schworen, Irrtum und Unwissenheit, vielleicht frevelhafter Irrtum, aber doch wohl ein Irrtum war. Für heute wollen wir es gut sei lassen, morgen erwarte ich Sie in meinem Hause; da wollen wir es gründlich durchsprechen. Inzwischen unterreden Sie sich mit dem ewigen Vater und bleiben Sie fest auf dem Pfad, den Sie jetzt gehen. Wahrheit, schonungslose Wahrheit gegen sich, sei Ihre Richtschnur, die Gnade Gottes Ihr Ziel, und immerdar leuchte es vor Ihren Augen! Und wenn Sie die Buße jetzt auch zu Ihrem eigenen Nutzen und aus Furcht tun – schließlich handeln Sie doch noch mal aus eigenem Wesen heraus nach Wahrheit und nach Liebe und Güte. Dann lieben Sie Ihren Nächsten wie sich selbst und Gott über alles. Und Gottes Reich ist in Ihnen. Es kommt ja nicht mit äußeren Gebärden, still kommt es und sanft, und mit leisen Schritten wird es auch bei Ihnen einkehren.«

26

Am folgenden Morgen beichtete Hinnerk Schmidt seinem Seelsorger. Zwei Stunden unterredete er sich mit ihm. und als er aus der Tür trat, ging er zuerst nach der Post, eine Depesche an Hans und dessen Frau nach Hamburg aufzugeben. Und dann begleitete der Propst ihn nach dem Gericht – Hinnerk Schmidt stellte sich den Behörden.

Auf dem Gericht sah er sich nach dem Gerichtsdiener und nach den Ketten um, da er sich selbst schuldig sprach. Aber es geschah nichts dergleichen, der Fall war nicht danach angetan, den vermöglichen Hinnerk Schmidt in Haft zu nehmen.

Und nach drei Monaten saß er auf der Bank der Angeklagten vor dem Schwurgericht.

Die Verhandlung ließ sich für den Angeklagten gut an. Milde und Wohlwollen webten in dem Raum, und die, die sich darauf verstanden, lasen in breiter Schrift an den Wänden die Worte: Hinnerk Schmidt wird freigesprochen werden.

Der Angeklagte las es nicht, er sah keine geschriebenen Weissagungen und nicht die Hand der Zukunft an der Wand. Und doch saß er ruhig und gesammelt auf der Sünderbank des Gerichts. Der Freispruch wird ihm nicht unerwünscht kommen, eine Verurteilung aber auch nicht. So saß er da als ein Unverletzlicher, dem nichts geschehen kann. Bruder und Schwägerin waren auf sein Telegramm nach Westerhusen zurückgekommen, mit denen hatte er richtig aufgeteilt, mit denen hatte er sich ausgesöhnt, die letzte Abgabe seiner Tat war er jetzt im Begriff zu zahlen. Dem Rechte war Genüge geschehen.

Aber das befriedigte Hinnerk Schmidt in seiner Büßerstimmung nicht. In ihm wühlte und wogte es, er müsse (sein Prozeß möge so ausgehen oder anders) dem vom ihm verletzten sittlichen Recht zur Sühne seinen Teil am Gewinn den Armen geben. Dabei dachte er wohl nicht einmal an Lohn und Strafe im Jenseits. Das glaubte er wenigstens, so empfand er, und so fühlte er sich glücklich. Er täuschte sich nicht mehr, er wollte das Gute, wollte es nicht zu seinem eigenen Heile, wollte es nur deshalb, weil es das Gute war. Und das machte ihn froh, gab ihm süßen Frieden. O Gott, frohlockte er, ich glaube wirklich, du sendest mir dein Reich! Noch ist es nicht da, aber es naht, es kommt, schon fühle ich sein sanftes Wehen.

Er wollte alles den Armen geben, er wußte nur noch nicht, wie und wem. Der Ärmste im Dorf war der alte Hargens, mit dem er einstmals zusammen das Gänsegeschäft gemacht hatte. Federn hatte er aufgesammelt. Wie er daran dachte, schien es ihm kaum glaublich. Johann Hargens war zwar auf nichts gekommen, aber ihm konnte er doch nicht alles geben. Was sollte der mit all dem Geld?

Den Schatz verteilen? Nein, das war auch nicht das Rechte. Das war, wie Flintsteine in die Fuhlenau werfen. Aus sich selbst wurde er mit dem Punkt nicht fertig, er wußte nicht, wie es anzufangen sei, sein Gut den Armen geben. Er wollte den Propst und den Justizrat fragen, wie man das mache.

So grübelte er, während die Zeugen vernommen wurden und dann der Staatsanwalt sprach und auch, als darauf sein Verteidiger, Justizrat Bauer, redete. Immer dachte er: wie das wohl anzufangen ist? Er allein konnte das nicht durchdenken, er zweifelte auch, ob der Notar und der Geistliche das wüßten. Aber durch all die Zweifel hindurch frohlockte es in ihm: Gottes Reich ist mir nahe. Er hörte nur leicht hin, als der Staatsanwalt das Schuldig des wissentlichen Meineids gegen ihn in Antrag brachte. Das war ja ganz einerlei, denn das Reich Gottes macht nicht vor Zuchthaus- und Gefängnismauern Halt.

Äußerlich sah man ihm nicht an, was er dachte, äußerlich angesehen, saß er mit rotem Gesicht auf der Anklagebank, die Züge ruhig, gelassen, ein bißchen schlafmützig und müde. Hinter dem Richtertisch führten zwei junge, im Vorbereitungsdienst beschäftigte Herren ein Nebenprotokoll. Den Angeklagten nahmen sie gelegentlich unter ihre Kneifer. Der eine legte die flache Hand an die Stirn, die Dicke des Brettes zu veranschaulichen, das Hinnerk Schmidt vor seinem Verstandskasten trage, der andere machte aus seiner Linken ein Sprachrohr und flüsterte: »Stupor!« Und beide dankten dem Schöpfer, daß sie nicht waren wie der.

Dem Verteidiger kam es darauf an, die Gedankenmaschine freizulegen, bei deren Gangart Hinnerk Schmidt so handeln mußte, wie geschehen. Daß der von seinem Klienten geleistete Eid sachlich nicht zu Recht bestehen könne, gab er, nachdem er die Rechtslage nach allen Seiten beleuchtet hatte, zu. Er prüfte, welchen Wert die mit Peter Schmidt bei Lebzeiten getroffene, dann einseitig von dem Verstorbenen unmittelbar vor seinem Tode zurückgenommene Abmachung vor dem Recht in Anspruch nehmen könne, und kam zu dem Ergebnis: Hinnerk hatte kein Recht, die Sachen von dem Nachlaßverzeichnis auszuschließen. Ob er einen persönlichen Anspruch gegen die Erben auf Herausgabe des Schatzes habe, solle dahin gestellt bleiben. Der Rechtsanwalt behauptete indessen, Hinnerk Schmidt sei derart im guten Glauben gewesen, daß weder ein wissentlich falscher Eid, noch auch ein fahrlässiger Falscheid in Frage komme.

Der Angeklagte selbst hatte ihm dazu in der Verhandlung wenig Stoff geliefert. Wenn Karl Ohm Schnoor aus Bargenhusen nicht dagewesen wäre, hätte es um die Darlegung seiner inneren Erlebnisse mißlich ausgesehen. Aber da kam Karl Schnoor. Der Staatsanwalt hatte ihn wegen Anstiftung oder Beihilfe anklagen wollen, das Gericht hatte aber das Verfahren gegen ihn eingestellt. Eines anderen Selbstbewußtsein hätte darunter gelitten, Karl Ohm Schnoor fühlte sich gehoben. Und eifrig und feurig blieb er bei allem, was er zu Hinnerk Schmidt gesagt hatte, und holte zu schwungvollen Reden aus, wobei er die Idealität und Unerschütterlichkeit der Rechtsgrundsätze darzulegen versuchte. Es war schade, daß der Mann auf dem Richterstuhle so gar keine Auffassung für Feuer und Begeisterung hatte und den Flieger immer wieder zur festen, dauernden Erde herunterholte. Ein noch besserer Zeuge war der Propst, der mit Genehmigung seines Beichtkindes sachlich und ausführlich mitteilte, was er wußte. So kamen die Geschworenen in die Lage, das parlamentarische Räderwerk in Hinnerk Schmidts Seele arbeiten zu sehen.

»Aber«, warf der Staatsanwalt ein, »Ferdinand Lücht hat ihm vor dem Schwur einen Fall mitgeteilt, aus dem der Angeklagte entnehmen mußte, daß die Schenkung höchstens zum Wert von 4666 2/3 Mark zu Recht bestehe.«

Als der Staatsanwalt das gesagt hatte, stand Hinnerk Schmidt auf und sagte: »Das ist wahr, das hat er mir gesagt.«

Der Vorsitzende nahm Veranlassung, die Beweisaufnahme noch einmal zu eröffnen und den Angeklagten zu fragen: »Ja, Schmidt, mußten Sie sich da nicht sagen, daß das auch bei Ihnen gelte?«

»Ja, Herr Präsident. Ich glaube, im ersten Augenblick habe ich so was gedacht. Aber es war mir, namentlich das mit dem Bruch und mit der Zahl, so wunderlich, als ob es gar nicht angehen könne, und nachher habe ich es ganz vergessen gehabt. Und daß der Amtsrichter davon etwas gesagt hat, ist mir nicht bewußt. Daß es doch so sei, das und vieles mehr hat mir der Justizrat erst gesagt, aber das war nach dem Schwur. Als ich schwor, glaubte ich ganz fest, wahr zu schwören.«

»Schmidt, früher waren Sie Ihrer Sache doch nicht so sicher; Sie haben den Zeugen Schnoor befragt, weshalb nicht vor dem Schwur den Justizrat?«

Hinnerk Schmidt schwieg.

»Wenn Sie das Rechte gewollt haben«, fuhr der Vorsitzende fort, »weshalb glaubten Sie Karl Schnoor, der die Sache doch nicht studiert hat, weshalb folgten Sie diesem Rat (es war ein schlechter Rat), weshalb hüllten Sie sich in Schweigen, als der Amtsgerichtsrat Sie vernahm? Warum gingen Sie ihm gegenüber nicht offen vor, teilten den Sachverhalt, wie er lag, mit? Es wäre zu Protokoll genommen worden, auch Ihr Protest. Sie konnten dann Ihre Rechte noch immer verfechten.«

Hinnerk Schmidt sagte zwar einige Zeit nichts, aber man sah, wie seine Lippen arbeiteten. Dann kam es: »Das habe ich nicht gekannt.«

»Mag sein«, erwiderte der Vorsitzende. »Mir kommt es überhaupt so vor, Sie sind, wie man so sagt, in die Sache ›hineingedöst‹. Wissentlich Falsches wollten Sie nicht beschwören, ich meine so, daß Sie beim Schwur der Unwahrheit scharf ins Gesicht sahen. Sie fragten aber keinen Rechtsverständigen und hüllten sich in Schweigen, weil sie befürchteten, etwas zu erfahren, was Ihnen Gewissensnot bereiten könnte, mehr, als Sie ohnehin schon hatten. Und Sie wollten das schöne Geld doch gar zu gern für sich allein behalten. Und in dem Augenblick, als Sie schworen, hatten Sie sichs so fest eingeredet, Sie seien im Recht, daß die Zweifel hinter Ihnen lagen. Ist es so, Schmidt?«

Da antwortete Hinnerk Schmidt: »Just so ist es, Präsident.«

Nach diesen Worten setzte er sich nieder, stand aber gleich wieder auf und fügte hinzu: »Damals war aber Gottes Reich noch fern von mir.«

»Was war fern von Ihnen?« fragte der Vorsitzende, er glaubte sich verhört zu haben.

Hinnerk Schmidt erhob sich noch einmal und antwortete: »Gottes Reich!« und nahm schnell wieder auf seiner Bank Platz.

Ob dieser Antwort lief ein gutmütig überlegenes Lächeln von der Bank der Geschworenen nach dem Richtertisch; am Katzentisch der Nebenprotokolle fror es auf den Gesichtern der Jünglinge fest.

»Mit der letzten Äußerung ist ein fahrlässiger Falscheid gegeben«, bemerkte der Staatsanwalt.

Staatsanwalt und Verteidiger wiederholten ihre Anträge, Hinnerk Schmidt hatte nichts mehr zu sagen. Die Geschworenen berieten nicht lange, dann sprachen sie Hinnerk Schmidt von Westerhusen von der gegen ihn erhobenen Anklage frei. Sie nahmen weder wissentlichen Meineid noch fahrlässigen Falscheid an.

27

Auf Westerhusen hatte der Bauer die Milchkühe zum ersten mal ins junge Gras gelassen, da bog Hein Möller mit Mohrs großem Landauer, worin die beiden erwarteten Herren, der Justizrat und der Propst, saßen, in das Hoftor ein. Und alles sah, als sie kamen, friedlich, gewissermaßen feierlich aus. Der weite Platz vor der Tür war, was man früher nicht immer sagen konnte, rein gefegt, die alten Eichenkronen sahen gefälliger herab als sonst. Und wie der ganze Hof, so waren auch Hinnerk und Maleen, obgleich es ein Wochentag war, sonntäglich gekleidet, und sonntäglich gesonnen erwarteten sie vor der grün gestrichenen, mit Säulen geschmückten Haustür ihre Gäste.

Nach einigen Stunden fuhr der Wagen wieder davon, da war es geschehen, da hatte der Notar die vorschriftsmäßig vollzogenen Urkunden in amtlicher Verwahrung. Der von Hinnerk erwogene Plan war in einer milden Stiftung verwirklicht worden, an deren fein abgewogenen Bestimmungen der Justizrat und der Propst in gleicher Weise beteiligt waren. Hinnerk hatte alles, was ihm von dem Lotterieschatz verblieben war, dieser Stiftung überwiesen. Die Verwendung der Einkünfte diente den Armen und Bedürftigen, sie werden ohne Verzug beginnen, Segen auszugießen. Für des alten Hargens Zukunft ist gesorgt.

Gemächlich fuhr der Wagen zur Höhe hinan, hinter den Reisenden ein roter Abendhimmel, vor ihnen der Wald und sein großes Schweigen.

In Westerhusen wuchern die Dornen an Knick und Hecke, die Brut der Sänger zu hegen. Deshalb ist es auch wegen seiner Nachtigallen berühmt; wo ein paar Eichen und Buchen den Hausfrieden bewachen, rollen die Schlager herab.

Vor dem Wald hielt Hein Möller an, die Wagenlaternen anzuzünden, dann zuckelten die Pferde im Zwielicht der Kreuzstrahlen einher. Denn im Wald war es dunkel, nur in dem Streifen, der über dem Weg zwischen den hohen Laubkronen frei blieb, glänzten die Sterne auf.

Die beiden Freunde schnitten die alte Frage an: ›Ist des Menschen Charakter veränderlich?‹ Der Notar neigte dazu, sie zu verneinen, war aber nicht vermessen genug, das Rätsel unsrer Seele auf eine Gedankenspule zu zwängen, die im besten Fall von derselben Seele in Tätigkeit gesetzt wird.

»Ich denke mir, im Bild zu reden, die Sache so. Es könnte sein wie bei dem, was die Erde hervorbringt. Im Waldesschatten kann nur gedeihen, was wenig Licht braucht oder gar nur wenig Licht verträgt. Den Samen streut die Natur ja überall hin. Man haue aber die Stämme ab, lasse Luft und Wärme auf den Boden fallen, sofort schießen die Sonnenkinder der Blumen und Gräser auf. Und der Grund und Boden bleibt dabei der alte. Mit dem Menschen mag es ähnlich sein. Er ist und bleibt der, der er war. Aber man haue die Hölzer weg, die seine Seele trüben, lasse Licht hineinfluten und Liebe, und – siehe! die Sonne zeitigt wärmere, von Licht und Farbe gesättigte Gedanken. Und sind erst die Gedanken da, dann folgen die guten Taten nach. Die Theologie sagt dann: Es kam Gottes Reich. Ist es nicht so?«

»Es ist ein Bild«, erwiderte der Propst.

Der Justizrat wandte sich zum Kutschersitz. »Hein!« rief er. Hein Möller machte langsam halblinks Kehrt.

»Wat meent Se, Hein? Kann man sik betern?«

Eine halbe Minute fuhr Hein Möller weiter, es war zweifelhaft, ob er gehört hatte; dann drehte er sich au seinem Kutschbock herum und antwortete:

»Ich weiß nicht, Herr Rat. As ich beim Kommiß weer, da hatten wir einen in unsrer Kompagnie, der konnte nichts liegen lassen, wenn es nicht gerade ein Mühlstein war. Zu dem hab ich ümmers gesagt: »Fritz, beter di!« Hat das abersten nicht getan, er ist im Zuchthaus gestorben. Und als ich im Hannoverschen diente, da wurde beim Amtsgericht ein Vagabund eingeliefert, hatte nicht viel auf der Liste, einen kleinen Diebstahl, sonst immer nur gebettelt und Land gestrichen. Er hatte ein nettes Wesen an sich und konnte wunderschön schreiben, da nahm ihn der Sekretär, als er seine Strafe abgesessen hatte, als Schreiber an. Und es ging wunderschön, alle Leute sagten: der hat sich gebetert. Und nach Jahren freite er eine junge Witwe, und die hatte auch noch ein Haus. Und war allgemein beliebt, und in den Vereins- und Singstunden, so man Liedertafeln nannte, führte er das große Wort. Der hat sich gebetert, sagte die ganze Stadt und sagte es immer wieder. Aber als zwei Jahre um waren, da hieß es auf einmal: Koslowski (so hieß nämlich der Mann) Koslowski ist weg. Und so war es auch. Es war um die Zeit, wo die Lerchen anfangen zu singen, da war er wieder auf die Landstraße gegangen. Und das nicht allein. Die Koffer seiner Frau hatte er erbrochen und alles Geld mitgenommen und des Gerichtssekretärs Sommerüberzieher, der im Vorzimmer des Bureaus hing, auch. Da stellte sich heraus: es war gar nicht wahr, als wir glaubten, er sei beter geworden, denn im Grunde hatte er sich gar nicht gebetert.«

Eine kleine Weile sagte Hein Möller nichts. Dann fing er noch einmal an:

»Wir haben bei Fuhrhalter Mohr mal einen Wallach gehabt, der war Krippenbeißer, der kriegte eine Krippe aus hartem Zement. Darauf hat er sich einen Zahn ausgebissen. Der hat sich auch nicht gebetert. Aber was der da ist, der Swarte (Hein winkte sachte mit der Peitsche nach dem Handpferd hinüber) der war, als wir ihn kriegten, bang vor der Eisenbahn. Da bin ich eine Woche lang mitn nachn Bahnhof gefahren. Nun macht er sich gar nichts daraus und geht mang die Dampfers, als wären es Heuwagen. Der hat sich gebetert.«