Der Schulmeister von Handewitt

Erster Teil

1

An flacher Nordlandsküste hinter Handewitt schläft und atmet das Meer: hohe Flut – tiefe Ebbe. Ein ewiges Steigen und Sinken der Gewichtsschalen, die der gute Mond am Wagebalken über den Gewässern unserer Erde hält, ohne daß sich das Zünglein einstellt. Sind die Wogen über die weiten Flächen des Ebbegrundes zurückgewichen, so drängt das Meer alsbald in sein altes Bett zurück. Es ergießt sich aus unsichtbaren Quellen, quirlt und gurgelt in schlammigen Prielen, schwillt zu Strömen, erweitert sich zu Sammelteichen und triumphiert als rollender, schaumspritzender Wogenschwall, daß es wiedergewonnen, was die träge Ebbe verlor. Eine nichtige Freude: mag auch die Flut ruhmredig ihre Schaumflocken werfen, schon führt der Ebbestrom Wasser und Welle wieder zu Tal.

Ein fester Deich umrahmt eine breite Bucht in weitausholender Linie und verliert sich nach Süden und Norden in endloser Ferne – getreuer, stetiger Begleiter und Schutz der gewundenen Ufer.

An einem Abend – es war eher ein klarer Winter- als Frühlingsabend – stand auf dem Deich ein langbeiniges Menschenkind und sah der ins Meer hinabfröstelnden Sonne nach. Jetzt blinkte nur noch der Reifen ihrer Bogensehne, mit dem Gold der letzten Strahlengarbe schmückten weiße, in geringer Höhe schwimmende Wölkchen ihre weich zerfranzten, flaumigen Säume: die Pracht des Abendrots stieg herauf.

Eine alte Frau karrte über den Strand dem Meere zu, den Fang ausgespannter Fischnetze zu bergen. Im Schlick und Schlamm krochen Taschenkrebse, ein Schwarm von Möven war kreischend und flügelschlagend der weichenden Flut gefolgt, drei Schafe weideten in Winterpelzen winterliches Gras und die ersten Frühlingsmoose am Deiche. Klaus Wippesteert, seines Zeichens eine gebildete Krähe, dem Vollbauern Peter Kölln aus Handewitt gehörig, hackte einem toten Seehund in die Weichen.

Die alle waren Wesen ohne Interesse für die Idee des Schönen; der allem vernünftige Zuschauer war der Mann auf dem Deiche, der langbeinige Schulmeister von Handewitt. Und seine stille Freude wog vor dem Werkmeister der Natur das tausendfache Ah! entzückter Mengen auf; deshalb kam auch eine Extrabeilage, die sonst zu dieser Jahreszeit selten gewährt wird. Die Flucht der ebbenden Gewässer hatte viele Sammelstellen der Salzflut im triefenden Strande zurückgelassen, sie bildeten die Schleifflächen eines ungeheuren Krystalls, der dem Schulmeister leuchtenden Zauber mit berückenden Farben in die Augen warf.

Für Klaus Wippesteert hatte der Sonnenuntergang die Bedeutung: an der Gesindetafel von Peter Kölln gibt es gleich Speckschnitte und Mehlklöße. In aller Gemächlichkeit trat er den Heimweg an. Als fliegender Spaziergänger strich er lässig über die Marschen bis zur Dünenkette von Handewitt. Über den Dünen erhob er sich zu größerer Höhe, der Sandgeruch war ihm unangenehm, und auf sein Gemüt wirkte es niederschlagend, daß sich nichts für eine rechtschaffene Krähe fand. Die zerzauste Eiche am Rande der Sandregion erfüllte ihn mit Wehmut. In ihrer Krone war er in schwankendem Neste aus dem Ei gebrütet worden. Von seiner Höhe überschaute er Handewitt, die verschlungenen, buschigen Wege, seine Häuser, seine Höfe und Gehöfte, den ragenden Schulhof auf dem Schierenberg, den großen Handewitter Forst im Hintergrunde und das breit ausladende Gehöft seines Herrn, auf dessen Hofstelle er in raschem Fall hinabtauchte. Er würgte schon die erste Speckschwarte, als noch des Schulmeisters lange Beine den Weg durch die Wiesen maßen.

Unsere Geschichte ereignete sich zu einer Zeit, wo ein im Examen verunglückter Gottesgelehrter noch immer gut genug für einen Dorfschulmeister war. Rudolf Schmidt war ein Schiffbrüchiger dieser Art. Aber er machte sich nicht allzu viel daraus. Er wußte, daß unser Geschick am fremden Herdfeuer geschmiedet wird und Unabänderliches zu beklagen schien ihm töricht.

Der Händedruck seines Freundes, Professors Friedrich Helm, dessen kleine auf dem Bahnsteig gehaltene Standrede waren die letzten Erinnerungen an eine hinter ihm versunkene Kulturwelt. Seitdem war er mit sich und seiner Philosophie und mit seiner Mutter, einer einfachen Frau, allein. Ihm eignete nicht die Art, Leute zu verpflichten, er hatte nicht viele Freunde, dafür um so treuere, denn die, die auf den Grund seiner Seele sahen, waren Leute, bei denen Verwandtes anklang. Und der treueste war der grundgelehrte Dr. Friedrich Helm, Meister im Sanskrit und Arabischen, Deuter und Übersetzer von allerlei Keilschriften und dunklen Hieroglyphen, Inhaber hoher akademischer Grade.

Theologie hatte er seinen Eltern zuliebe studiert, das wurde zum Bruch seines Gemüts. Er sah sich in einen Widerstreit versetzt und ließ die Theologie. Wenn er nur etwas anderes angefangen hätte! Aber leider fehlte es daran; er hatte viele Interessen, war aber geistig zu bequem, an einem Punkte fest zu werden. Sein Studium zerfloß wie ein auf dem Straßendamm ausgegossener Eimer Wasser. Das staut zwar um jeden Pflasterstein ein kleines Meer auf, aber es trägt nicht mehr als einen leichten Federflaum. Und noch immer mochte er lieber über das Arbeiten nachdenken und einen Gänsekiel schneiden, als ihn ins schwarze Tintenfaß tauchen. Er trug, so strafpredigte ihn oft sein Freund an, zu schwer an der Erschaffung und Erhaltung der Welt und durfte doch dem lieben Gott seine Beihilfe gern entziehen.

Und jetzt machte die Einsamkeit dem Träumer eine kindliche Freude. Dem großen Sanskritkenner war das gar nicht recht. Schon auf dem Bahnsteig predigte er: »Reiße dich wieder los, solange du noch Augenblicke hast, dich in Handewitt unglücklich zu fühlen. Ein Halbaffe willst du doch nicht werden? Ich prophezeie aber, du wirst es. Auf die Dauer gehts nicht, dazu bist du zu sehr das, was man gebildet nennt.«

»Was?« hatte Rudolf aufbegehrt. »Ich, der nur im Alleinsein gedeiht?«

Friedrich hatte gelacht. »Ja, das glaubst du, ich aber glaub es nicht. Keiner hält es aus, da mache ich auch vor Rudolf Schmidt nicht Halt, er mag sich mit seiner Einsamkeitssucht brüsten, wie immer – brüsten in aller Aufrichtigkeit und in gutem Glauben. In drei Jahren bist du entweder wahnsinnig oder verbauert; im Notfall rechne ich auf den ersten Fall, da es das vornehmere und auch freundlichere Geschick ist. Denn der Wahnsinn kann bei dir nur ein fideler sein. Ich möchte dich aber möglichst lange bei Verstand behalten und verschreibe deshalb dies Rezept: jeden Tag oder jede Woche, allenfalls auch allmonatlich … wies kommt, nach Bedarf … ein bißchen Tagebuch, Ausströmung des Ich, der Eindrücke, wenn in Handewitt hiervon die Rede sein kann. Ja, ja – Selbstbespiegelung ist es und als solches nicht schön. Aber was hilfts, es ist Arzenei, und da kommts auf den Geschmack nicht an. Es handelt sich darum, der Entartung gewisser Organe vorzubeugen. Und einen besseren Ersatz als das Tagebuch kenne ich nicht. So hoffe ich denn, dich als halbwegs Vernünftigen wiederzubekommen. Im Notfall reise ich selbst mit der Zwangsjacke nach Handewitt, um dich einzufangen.«

Rudolf hatte zwar gescherzt, wie es Friedrich getan, aber ganz hatte die Rede ihren Beruf nicht verfehlt. Sie kam seiner Neigung für Tagebücher entgegen, er besaß noch ein altes, ein blaues Heft, und das erzählte in der ersten Hälfte kindliche Schulgeschichten und kindliche Gelübde, sich dereinst durch die enge Pforte zu zwängen, während in der zweiten Hälfte Reim und Rhythmus die an eine gewisse D… gerichteten Bekenntnisse beherrschten. Und niemals hatte er sich überwinden können, die Verse schlecht zu finden.

Die letzte Eintragung war von altem Datum. Dora hatte einen andern genommen – die ewig alte, die ewig neue Geschichte. Rudolf hatte versucht, in ergreifenden Versen und Rhythmen die Sterne anzuklagen. Es war ihm nicht gelungen. Aber schließlich konnte er als lachender Philosoph in gewichtigen Trochäen sein Weh zerstampfen.

Als Schulmeister von Handewitt hatte er nun wieder ein Buch geheftet (der Umschlag war hellgrau ergeben), weiter war sein Vorhaben noch nicht gediehen. Nun aber sollte Ernst gemacht werden. Eine stählerne Feder, mit Handewitter Galläpfeln getränkt, sollte die Wahrheit stahlhart berichten.

Mit diesem Entschluß nahm er die Steigung des Schierenbergs. Die Dunkelheit war auf Handewitt gefallen, der Vollmond hatte sie aber vergeistigt. Dessen feistes Gesicht beleuchtete die schwarzen Fensterreihen der Schulstuben und die durch Lampenlicht erhellten Rolladen des Wohnzimmers, als er seine Stube aufklinkte.

Seine Mutter war für morgen bei Frau Kölln zum Kaffee gebeten. Peter Kölln selbst hoffte, wie sie mitteilte, den Schulmeister (die Ferien dauerten noch an) für einen Flüttgutszug (der Neubauer vom Hof Birkenrade, der aus dem Osten kam, war abzuholen) zu gewinnen. Sie plauderten noch eine Weile, dann ging die alte Frau zu Bett.

Und als sie zu Bett gegangen war, ließ Rudolf Schmidt die Teemaschine wieder summen und machte sich einen Punsch. Er setzte sich, kostete, trank, stopfte die lange Schulmeisterpfeife, räumte Bücher vom Schreibtisch, nahm eine Feder, tauchte sie in die von seinem Amtsvorweser übernommene Galläpfeltinte und begann. Die starke Rauchwolke, die sein Haupt umlagerte, sprach von einem lebhaften Interesse des Schreibers an seiner Arbeit, Falten und sonnige Glätte, die seine Stirn bald beschatteten, bald erhellten, von einem wichtigen Vorhaben.

Nach einer Weile legte er einen Bogen in das graue Heft. »Der Bann wäre gebrochen«, murmelte er, »dem ersten Blatt werden weitere folgen.«

Es ist geschehen, wie Rudolf Schmidt sagte. Im folgenden Kapitel wollen wir lesen, was in den Blättern stand.

2

Das Schulschloß von Handewitt liegt im höchsten Punkt des Geländes, hoch oben auf unserm Schimborasso, genannt Schierenberg, und auf meiner Höhe bilde ich mir ein, König zu sein, habe ich doch von meinem Herrschersitz einen prächtigen Rundblick über das Reich. Die dunkle Masse im Osten: das ist der Handewitter Forst; der schneeige Streifen im Westen, leuchtend wie Kreidefelsen von Moen: die weiße Sanddüne. Und weiter hinaus fliegt der Blick dorthin, wo meine Seele das unbegrenzte Meer sucht und sieht oder doch zu sehen glaubt. Und darüber das weiße Schwanengefieder der Wogenkämme. In der Regel freilich schließt der von der Küste sich herwälzende Rauch ungeheurer Nebelschiffe auch dem phantasievollsten Auge die Lider.

Die Sanddünen schneiden unser langgestrecktes, aus weit zerstreuten Höhen bestehendes Küstendorf nach Westen ab; einzelne Anbauer (›Abbauer‹, wie es im Kanzleistil heißt) taten das Äußerste und schoben ihre einsamen Katen bis an die Ausläufer der in mehrere Trossen zusammengerollten Hügelkette.

Eigenartige Berge, die Dünen, deren weiße Glatze der spärliche langhaarige Sandhafer nicht verdeckt, Wellenberge aus fliegendem Sand, aufgeregt und wild, wie erstarrte, brandende Meerflut.

Hier haust nach alter Sage ein überirdisches Wesen, der ›Dünengeist von Handewitt‹, dessen Dasein schon anno 1729 eine nicht bezweifelte Tatsache war, wie ich durch die Güte Christian Normanns aus dem Kircheninventarium von Siethfelde, wohin das damals noch kirchlich wilde Handewitt eingepfarrt wurde, ersehen habe. Seine Hochehrwürden, der Herr Pastor Ösam begleiten jenen Zuwachs mit dem Stoßseufzer:

»In den Handewitter Dünen geht ein Gespenst um, mit grünen Augen und langem Binsenhaar, das im Dünensande den rauhen Nordwind durch rohes Gelächter überschreit, und unter den Wohnstuben der Bauern, wenn sie das Vaterunser beten, höhnisch lacht, was nicht wenig zu dem Rufe jenes Dorfes, als eines von Gott und seinen Engeln verlassenen, beigetragen hat. So ist denn der böse Ort unserer Seelsorge überantwortet, nun gilt es, dem listigen Feinde furchtlos entgegenzutreten. Viel Arbeit im Weinberge des Herrn, doch auch des Verdienstes viel vor des Ewigen Antlitz«.

Der wackere Seelenhirte fügt ihm aber bitteres Unrecht zu. Das ist kein Teufel, sondern ein Naturgeist, ein legitimer Sohn aus der Ehe der Salzflut mit dem sandigen Strande, dem sie nun schon von Ewigkeit her mit ihren grollenden und wetternden Gardinenpredigten in den Ohren liegt.

Dieser unsterbliche Herr ist, wie ich von meinen Dorfeingesessenen erfahre, ein sanfter Geist, und am wenigsten lacht er laut und roh. Er ist ein stiller Freund des Alleinseins, der an dem Leben und Treiben von Handewitt ein beschauliches Genügen findet, froh, in seinem unwirtlichen Nest selten belästigt zu werden. Ja, wenn einmal ein Jägersmann, füllt ihm gleich der Sand die Stiefelschäfte, den Schritt in die Dünen lenkt, dann findet der Alte noch immer eine sichere Schlucht, die ihn verbirgt. Verschwiegene Gänge führen den Feinschmecker der Einsamkeit tief hinab in die Höhlen der Erdeingeweide, durch ein Netz von Minen und Gängen auf traute Lauscherplätzchen unter die Wohnungen der Bauern.

Sicherlich hat in seiner Jugend das jetzt hinter Schlick und Schlamm zurücktretende Meer den Fuß der Dünen umbrandet, er wird sich in schaumspritzenden Wogen mit Wasserjungfern belustigt haben. In reiferen Jahren vertrug er wohl das Gelächter der Frauenzimmer nicht mehr. So zog er sich in die Düne zurück.

Das Dorf gefällt ihm wegen der einsamen Lage. Von Osten und Süden her versteckt es sich hinter großen fiskalischen Waldungen, nach Westen und Norden ist es durch Dünen und Sumpfland wie von der Welt und ihrem Geräusch so auch von dem Meere geschieden. In behaglicher, wunschloser Ruhe sehen wir Handewitter die gackernden und schnatternden Völker der Wanderschwäne und ihrer Verwandten über die Baumgruppen unserer Höfe streben, indem wir uns derweilen unserer gefüllten Torfställe und Holzschuppen für den kommenden Winter getrösten. Im Frühjahre bewillkommt unsere Dorfjugend mit dem bekannten Ringelreim ›Adebar Langbeen‹ den gravitätischen Ägypter, wenn er hinter dem Spaten der die Wasserzüge lösenden Bauern die frechsten Frösche verspeist oder von der Dachfirst her gesunden Handewitter Nachwuchs verheißungsvoll klappert.

Für den Stadtbewohner liegt Handewitt ›achter de Ooken‹, das heißt: unaussprechlich weit ab von seinem Orte, dem Sitz der Kultur, draußen, unmittelbar an der Himmelswand, wo die Menschen nur noch bellen und die Aufgabe haben, den Sonnenball allabendlich niederzuziehen, damit die lichte Glut im Meere zischend verlösche.

Ist es bei dieser Sachlage ein Wunder, daß Handewitt sich eigene Gebräuche und Sitten schafft? Mir scheint: es ist nichts natürlicher als das. Vergißt die Welt uns Handewitter, so haben wir Handewitter auch ein Recht, die Welt zu vergessen.

Wollte man die Gebräuche schwarz auf weiß sammeln, es würde ein stattlicher Band werden. Denn die Vorschriften sind, bei aller Freiheit des Handewitter Betragens im allgemeinen, doch bei einzelnen Vorkommnissen recht verzwickt. Zum Beispiel, wie der Handewitter grüßt, wie er ißt und Kaffee trinkt, wie er zur rechten Zeit dumm und wiederum, wenn es notwendig ist, klug ist, in welchen Fällen (zum Beispiel Pferdehandel und Steuerzahlen) er nicht alles zu sagen braucht. In der Kunst, den Taler festzuhalten, sind wir Meister. Durch unsere pfiffige Verschlagenheit haben wir großen Ruhm erlangt, fast zu viel, denn unser Ort wird nicht gern von Handelsleuten besucht. »Sie sind mir zu jüdisch, die Handewitter«, sagt Veitel Mosessohn, »mit denen habe ich nicht gerne zu tun.« Als ein unbedachter Stellenschlächter sich einmal mit der Zerlegung einer Handewitter Hufe befaßt hat, ist er gerupft und matt aus dem Nest gekommen, was von allen Ortskundigen vorausgesehen worden war. Für sie war er schon ein Gegenstand des Mitleids, als er in der Dorfschenke die ersten Verbindungen mit den Bauern anknüpfte, und sie in seiner arglosen Einfalt für so dumm hielt, wie sie sich stellten. Schon damals lag auf seinem Haupte die Märtyrerglorie des Opferlammes, über dessen Wolle die Handewitter bereits die Würfel warfen, als es noch vom goldenen Vließe träumte.

Selbstherrscher der Handewitter Jugend! – Ein reinlich geflicktes Kleid hat was Rührendes, erinnert an sorgende Mütter. – Das sind meine Freuden.

Der Erste im Dorf? – Unsinn! – Peter Kölln hat viel mehr Ansehen als ich. Aber ein bißchen König bin ich doch, denn unsere Regierung regiert so wenig wie möglich, und mein Freund Christian Normann, Pastor von Siethfelde (ich sag noch immer Krischan), ist mein Schulinspektor und Vorgesetzter. Seine Aufsicht fühl ich kaum als Druck. Krischan und meine Kleinigkeit sind uns immer einig gewesen, sind es auch jetzt.

Der Erste im Dorf ist Peter Kölln, hat auch eine Figur, eine Würde, ein Gesicht danach. Den Kirchspielsbevollmächtigten sieht man ihm auf zwanzig Schritt an. Sein Haar tritt an den Schläfen zurück, um so unternehmender fällt ein Büschel über der breiten Stirn freie Mitte. Es ist noch dunkel, glänzend, er glättet es auch gern. Er weiß, daß er der Aristokrat von Handewitt ist, das den Ort mit der Welt da draußen verknüpfende Mittelglied. Das hieraus sich ergebende Pflichtbewußtsein liegt bequem und breit auf dem großen Charaktergesicht des Großbauern.

Er hatte mich eingeladen, an dem Flüttgutszug von Handewitt nach Fahrenkrug teilzunehmen. Der am Gehege belegene Hof Birkenrade war von einem neuen Besitzer, wie es scheint, mit dem Gelde eines Grafen Nesselkron angekauft worden; das Flüttgut soll in Fahrenkrug abgeholt werden.

Von meiner Flüttgutsreise will ich heut erzählen.

Lange vor Tagesanbruch fuhren wir auf Leiterwagen weg. Tag und Nacht lagen noch in voller Jungfräulichkeit auf Feld und Flur, das Meer schickte salzige Brisen hinter uns her. Ich dachte an den Dünengeist und immer glaubte ich seinen Schritt neben unserm Wagen zu vernehmen. Als die Sonne kam und die Felder dampften, da blieb mein Gnom zurück. Er ist ein bißchen lichtscheu, da lohnte es nicht mehr. Wir aber waren schon auf fremder Gemeinde Grund und Boden und verfolgten knatternd unseren Weg. Deichselschläge und Kettengeklirr gestatteten nur ein Gespräch mit den allernächsten Nachbarn über Acker und Anwesen, die am Wege lagen. Die Wagenlenker in ihrer gebogenen Stabgitterlehne des aufgeschnallten Wagenstuhls waren im wesentlichen auf vertrauliche Unterhaltungen mit ihren unverdrossenen Pferden beschränkt.

Peter Kölln und ich voran mit unseren Falben. Zehn Minuten saß ich hinten auf dem Sitzbrett und sah rückwärts. Was ich sah, paßte so gut zu meinen Gedanken. Die schüttelnden Köpfe und Körper verarbeitete meine Schulmeisterphilosophie zur unermüdlichen Ablehnung der Welt und ihrer Freuden.

Dicht hinter uns Martin Heesch mit einem Paar frischer Schimmel. Er ist eine große, knochige Gestalt, die nur aus Ecken und Kanten zu bestehen scheint. Gebeugt und zusammengeschüttelt saß er in seinem Stuhl, wie auf dem Schüttelsieb einer Staubmühle.

Hinrich Lucht hielt sich so scharf hinter Martin, daß seine Pferde über das Hinterheck prusteten. Hinrich ist ein kräftiger Mann, seine Hornhände sprechen von viel Arbeit, sein ungebeugter breiter Rücken von mancher Tonne Weizen, die er die Bodenleiter hinaufgetragen hat.

Da waren Jörn Lüders, Thoms Heeschen und andere. Franz und Fritz (Voß und Wulff heißen sie, es sind Vettern) waren hinten, ich sah ihre Formen nur verschwommen. Ich kann nicht sagen, daß sie mir die liebsten sind, aber ihre Art vertreten sie ganz tüchtig, haben weitabstehende Ohren, tragen ihre Schläue faustdick dahinter, sind auch nicht neumodisch. Sie behalten die gute alte Topffrisur bei. Ein Milchtopf wird auf den Kopf gestülpt, und abgeschnitten, was hervorlugt.

Um neun Uhr morgens brachte unser Wagenpark ein großes Dorf, das an unserem Wege lag, in Aufregung. Vor jedem Bauernhause riß ein zähnefletschender Hektor an der Kette, stattliche Hähne krähten auf Strohdiemen und Misthaufen. Die Straße eine lange Lästerallee heulender Hofhunde. Rechts und links stockte der Tanz der Dreschflegel, im Milchzuber ruhte der Schrubber rotwangiger Spülmädchen und:

Vör jede Fensterrut
Ene kleene Menschenschnut.

Dicht hinter dem Dorfe bog unsere Karawane in den großen Viert ein. Sie verkroch sich in hohes Gestrüpp, die Sonne hinter Wolken: es schlossen Nebel, Eichen- und Kiefergehölz uns von der Außenwelt ab, nach einer Stunde tauchten die in grauer Wetterstimmung auseinandergezerrten Formen der Häuser von Fahrenkrug vor uns auf. Ein feiner Regen sprühte uns ins Gesicht, wir Handewitter machen aber nicht viel Wesen aus Gegend und Regen.

Der Wirt hatte so viel Besuch nicht erwartet, er wurde lebhaft; seine Lebhaftigkeit wuchs, als auch Gespanne von der anderen Seite (es waren die erwarteten) in den Hof einbogen. Es kostete viel Zurückschieben und Vorwärtsleiten, bevor an ein Absträngen der Pferde zu denken war. Die neu hinzugekommenen Wagen hatten blau lackierte Bretter, worauf eine Grafenkrone gemalt war; die feurigen, glänzenden Rappen plagte der Übermut des herrschaftlichen Hafers. Unsere Handewitter Leiterwagen waren rot gestrichen, trugen keine Krone, sie waren mit wohlgenährten Ackergäulen bespannt, die, von Häcksel und Roggenmehl aufgeweitet, aus warmen Nüstern stoisch in die Morgenluft dampften.

Der Vollmacht und Vogt Peter Kölln maß mit bedächtigen Schritten noch immer die Pferdeställe, als seine Bauern schon in der Wirtsstube Grog und Kavelings (›Lütt un Lütt‹) tranken, in der Küche aber drei blonde Fahrenkruger Bauernmädel mit Todesverachtung Butterbrot strichen und Wurst und Käse schnitten.

»Das gefällt mir nicht«, redete der würdige Handewitter mehr in sich als in mich, seinen Begleiter, hinein. »Sein Flüttgut den Knechten anvertrauen und uns Handewittern nicht die Ehre antun! So was ist uns in Handewitt noch nicht passiert. Wundere dich, Peter, wundern, nur wundern und nicht ärgern!« Er tippte sich ernsthaft an die Stirn, um den Angesprochenen darüber, daß er gemeint sei, nicht im Zweifel zu lassen. »Man muß viel durchmachen, warum nicht das?«

Vollmacht war unwillig, aber mit Maß. Nichts war maßlos an Peter Kölln. Wir waren in den Ställen, Peter Köllns Auge konnte von den prächtigen Tieren der adeligen Gutsherrschaft nicht los. Einem glatten, schwarzbraunen Wallach sah er in die feurigen Augen, seine Hand strich über die weiche Wolle der vornehmen Decken, in deren Muster Wappen und Grafenkrone derer von Nesselkron den Grundbaß bildeten.

»Es wird wohl ein richtiger Junker sein«, faßte er seine Betrachtungen zusammen, »und bei dem Grafen scheint er lieb Kind. Nun, wir werden ja sehen.«

Peter Kölln fuhr mit der Hand über das Haar, als wir über die Schwelle des Gastzimmers schritten.

Über die Person des neuen Besitzers war in Handewitt bis dahin wenig mehr bekannt geworden, als daß er gräflicher Jäger gewesen. Der Handel war von einem alten silbergrauen Herrn abgeschlossen worden, der wegen seiner Schlichtheit einen überaus günstigen Eindruck in Handewitt gemacht hatte, zumal auf Peter Kölln, der aufgesucht und als Auskunftsperson zu Rate gezogen worden war. Er sollte ein Ohm der jungen Jägersfrau sein.

Drüben mußten wohl andere Gebräuche sein, sonst hätte es nicht geschehen können, daß der Neubauer, den die Handewitter Wirte persönlich empfangen wollten, gar nicht mitkam. Nun, das mochte hingehen, was aber mußten das für Haushalter sein, die nicht bei ihren Sachen blieben? Peter schüttelte noch sein Vollmachtsgesicht, als wir die Schwelle der Gaststube überschritten.

Im Wirtszimmer das adelige Gut rechts, das Dorf Handewitt links. Der ärgste Hunger der Bauern war gestillt, Teller mit Käserinde und Wursthaut schob man zurück, Martin stopfte sein Pfeifchen, schlug Feuer, öffnete den Deckel und verschloß den Zündschwamm, bestellte ein Glas Grog nach, schlug die Beine übereinander und begann eine Unterhaltung mit den Gutsknechten.

Sein Verhör betraf die persönlichen Verhältnisse des Neubauern und war so eingehend, als wäre er Untersuchungsrichter. Was auch tropfte, bei Franz Voß wuchsen die Ohrlöffel, so wichtig erschien ihm das Drum und Dran des sagenhaften Jägers. Viel war es nicht, der Gutsknecht war verstockt und einsilbig, es war eine Art Boxerkampf zwischen seiner Schweigsamkeit und Martins Fragelust. Er aß noch immer Speck und Brot. Fräulein Sophie war, das erfuhr man, junges Mädchen bei der Gräfin gewesen, der Graf nehme sich des jungen Paares an.

Das sei doch wunderlich, meinte Martin, daß der Graf so viel Geld für einen Jäger und seine junge Frau zahle.

Der Grauleinene schob ein paar Worte durch Lippen und Speck, lachte, zeigte ein weißes, schadenfrohes Gebiß und meinte, das gehe ihn und auch wohl die Gemeinde Handewitt nichts an.

Nun mischte sich Peter Kölln ein. Das sei doch eine merkwürdige Sache, daß der Jäger nicht einmal sein Flüttgut begleite.

Der Grauleinene wetzte sein Taschenmesser am Holzbricken, prüfte die Stahlfläche, ließ die Klinge einschnappen, steckte das Messer in die Tasche und erwiderte, der Graf lasse sie in seiner Kutsche hinfahren. Die Frau sei in andern Umständen.

Da lachten Fritz und Franz, da kamen ihre Löffel hoch, da stießen sie sich in die Seite und betrugen sich so unanständig, daß Peter Kölln seine Untertanen durch einen strengen Blick bestrafte.

Als der Wagenpark sich in Bewegung setzte, der Heimat entgegen, hatte jeder Handewitter sein Teil an Mobilien und Hausgerät. Franz Voß und Fritz Wulff führten außerdem als Schmuggelware eine kleine Geschichte in der Wagentruhe mit sich, eine Geschichte, so niedlich und interessant, daß sie jeden Handewitter fesseln mußte: die junge Frau und der Graf, der Jäger und klingende Taler; ein Trauschein macht alles wett.

Am andern Morgen kam Peter Kölln eifrig daher, er hatte von dem netten Ohm einen sehr … sehr höflichen Brief erhalten, das Nichterscheinen war entschuldigt, Peter Kölln war gebeten, einstweilen Stelle zu vertreten und abladen zu lassen. Sonntag kämen sie selbst. Peter Kölln war Feuer und Flamme, seine Frau auch, sie meinten, wir müßten die Neuen ein bißchen nett empfangen.

Das taten wir denn auch. Birkenrade liegt weit ab vom Dorfe, es ist der einsamste Hof im einsamen Dorf – abseits von dem Grundstock des Orts, allein im buschigen Versteck, unmittelbar an dem großen fiskalischen, weiße Birkenstämme bis dicht an das Gehöft herandrängenden Forst. Quer durch die vorbeiführende Dorfstraße schießt zwischen hohen und steilen Ufern ein Bach, in dessen raschem Strom die Forelle steht, und nicht weit vom Hoftor überspannt eine baufällige Brücke das Flüßchen. Sie wird die ›Hollbrügg‹ (hohle Brücke) genannt. Weshalb? Das gehört zu den Rätseln von Handewitt. Vielleicht trifft das dumpfe Rollen der vorsichtig über die morschen Bretter geleiteten Fuhrwerke das Ohr der Dorfbewohner in besonders hohler Klangfarbe. Übrigens sind Brücke und Bach ›Spökelort‹ denn auf dem Gewässer brennt ein ›Licht‹. Daneben begibt sich bei Haus und Stall allerlei Unheimliches. Eine weibliche, durchsichtige Riesengestalt spinnt zwischen zwölf und eins ein schemenhaftes Garn auf einem großen Gespensterspinnrad. Eine Schere trägt sie im Gürtel, und wie Totenhemde bleichts, wenn Mondschein ist, auf dem Rasen.

Dergleichen Nacht für Nacht mit anzusehen, macht nicht fett. So glauben denn auch die alten Giebel den Kummer kaum noch tragen zu können. Sie neigen sich bedenklich nach vorn, in angstvoller Annäherung, um ihre Not auszutauschen. Wenn sie Arme hätten, so würden sie sich gewiß umschlingen. Die Auffassung der Dorfsleute ist freilich eine dem Idealen abgewandte: sie sehen in den geknickten Gestalten Männer, die sich in geheimnisvollen Nöten befinden.

Wir hatten Birkenrade so gut eingerichtet, wie es ging. Wir warteten, und auf Steinwall und Brückengeländer wartete auch ein Häuflein junger Knechte.

Es konnte vier Uhr geworden sein, da rollte ein herrschaftlicher Wagen auf den Hof, im Anblick der Kutscherlivree nahmen die Mienen der Zaunkönige die Starrheit der Verzückung an, der kurze Pfeifenstummel blieb an den Vorderzähnen hängen.

Brr! … Brr! … Die Rosse dampften.

In der Kutsche zerrte jemand am Fenster, mit kurzem Schlag fiel es herab. Erst zeigte sich eine junge, beringte, dann eine ältere Hand. Inzwischen hatte Vollmacht den Griff erfaßt und die Tür geöffnet. Mit einer gewissen Genugtuung ließ er sich von den Gräflichen in aller Form städtischen Zeremoniells angesichts Handewitt begrüßen, und stellte seinerseits mich und meine Mutter vor. Den beabsichtigten Erfolg erreichte er aber nicht ungeteilt, denn mancher Handewitter Junge rümpfte die Nase. Als der Herr seiner Nichte beim Aussteigen half, gab es wieder Rippenstöße, die junge Frau war offensichtlich gesegneten Leibes. Endlich erschien auch der Junker Jäger.

Betreffs des alten Herrn lief es von links nach rechts fragend über den Steinwall: »Wokeen is dat?« von rechts nach links staute es zurück: »Dat is ehr Ohm; de will den Hof verwalten.«

Der alte Herr lüftete auch nach dem Steinwall hin den Hut. Das bereitete Verlegenheit, man wußte nicht recht, wie mans erwidern sollte. Hier und da nahm jemand die Mütze ab, verdeckte aber die Befangenheit durch raspelndes Kratzen der Kopfhaut – eine Bemühung, deren Ergebnis der alte Herr nicht abwartete, vielmehr der jungen Frau, die sich auch verneigt hatte, den Arm bot. Der Junker Jäger in grüngrauer Joppe salutierte mit militärischer Geste und zusammengeschlagenen Stiefelhacken in Handewitt hinein und schnarrte ein »Gehorsamer Diener!« durch den dichten, braunen Schnurrbart in die Menge, worüber die nicht übertünchte Jugend in Gelächter ausbrach.

Handewitts Jugend war nicht auf der Höhe, aber Peter Kölln war es. Die Stubentür war von Grün umrahmt, ein Gedicht darüber; die junge Frau las es, und las es lange. Es lautete:

Willkommen hier in Handewitt!
Bringt Ii man recht vel Freden mit.
Denn kommt dat anner all to Schick,
Un an Ju Disch sitt Dag und Nacht
Dat rode Glück un lacht un lacht.

Die Stube war wohnlich, der Tisch gedeckt, die Dienstmädchen der Frau Vollmacht trugen einen großen Braten daher; da half kein Sträuben: die Herrschaften von Birkenrade mußten sich die Bewirtung in ihrem Heim gefallen lassen. Erst bei dem Nachtisch stellte sich das richtige Verhältnis wieder her, als die junge Frau einen schwarzen Tee aufgoß, so prächtig, wie ihn Handewitt noch nicht geschmeckt hatte.

In Handewitt schätzt man die Schönheit der Frauen nach der Frische der Gesichtsfarbe: zum ersten mal kam die Formel ins Wanken. Die Frau Jägerin war blaß und zart und fein, und dabei anmutig und schöner als alle ihre Schwestern im Dorf. Und gar die zarte Schicklichkeit, womit sie ihre Hoffnung trug!

Der Vollmacht Kölln konnte den ganzen Abend, wenn er an ihre schwarzen Augen und an ihr dunkles Haar dachte, nicht zur Ruhe kommen. Als wir beim Nachhauseweg im Brammer Weg mit Martin Heesch zusammenstießen, lohte seine Begeisterung wieder auf. Wir Männer traten seitwärts zu einer verschwiegenen Gruppe zusammen und ließen die Weiber passieren. »Jung«, schlug Peter Kölln los, »wenn se dat Og gan lett, dat treckt dör. Man föhlt sik so minn und nix.«

Doch zurück zum Tee!

Der schmucke Jäger hat ein etwas fettes, aber nettes Gesicht mit einem Anflug von Gedunsenheit. Es steckte in einem wohlgepflegten Bart und sagte allen Anwesenden, daß es sehr wohl wisse, auf stattlichem Rumpfe zu sitzen. Alles war Wohlgefälligkeit und Gutmütigkeit. Mit Befriedigung sog er den Klang seines Organs ein, wenn er uns Handewittern sein ›gehorsamst‹ und ›ergebenst‹ entgegenschnarrte. Aber der Erfolg, womit er sich an dem landwirtschaftlichen Gespräch zu beteiligen versuchte, war mäßig. Er genoß reichlich Rum zu seinem Tee. Seiner Frau gegenüber war er zärtlicher, als ihr in Gegenwart von Fremden nötig schien. Sie wehrte gelassen ab mit einem sanften: »Laß, Heinrich!«

Bei dem Tee kam Peter nicht auf seine Kosten. In Verkennung eines festen Handewitter Gebrauchs, den Gast bis zur siebenten Tasse zu nötigen, nahm die junge Frau schon nach der zweiten Tasse die Versicherung der Eheleute Kölln, daß sie genug hätten, für bare Münze. Frau Vollmacht mußte sich entschließen (der Vollmacht folgte dem Beispiel), nach Handewitter Sitte den Tassenkopf auf die Seite zu legen und den Löffel durchs Tassenohr zu ziehen, was von den Adeligen mit Verwunderung wahrgenommen wurde.

Da waren Persetter und seine Mutter doch klügere Leute. Wir genossen den herrlichen Tee nach Schicklichkeit und Gefallen.

Als ich das letzte Blatt – Monate gingen inzwischen hin – in mein graues, ergebenes Heft legte, sagte ich zu mir: das nächste mal schreibst du was anderes hinein, von Birkenrade sei es bis weiter genug. Ich wartete und wartete und fand, da ich meinem Vorsatz treu bleiben wollte – nichts. Ich fand das Dorf arm an hervortretenden Erscheinungen und Ereignissen. Ich bemerkte nur: ganz Handewitt sah mit vorgebeugtem Halse nach Birkenrade hin. Da tat ich es und tu ich es auch und schreibe von Birkenrade.

Anfangs ereignete sich nicht viel … Die junge Frau sah ihrer Stunde entgegen und hielt sich zu Hause; der Junker Jäger, so heißt er im Dorf, ging wie eine Saatkrähe durch seine Äcker, und auch der alte Ohm machte es sich mit seiner langen Pfeife nicht allzu unbequem. Die Fledermäuse der Gerüchte schwirrten um die Topfregale, worauf Handewitt in den Abendstunden eine Pfeife Tabak und einen Mundvoll Schnack in Zufriedenheit zu verzehren pflegt. Als der Prinz geboren und auf den feudalen Namen Kurt getauft worden war, behaupteten Handewitter, eine elegante Kutsche sei in der Abenddämmerung in Birkenrade eingetroffen und habe sich vor Tagesanbruch nach dem fabelhaften Osten zur Rückfahrt aufgemacht. Der Insasse sollte der Graf selbst gewesen sein, und die Neugier, ob der Prinz ihm etwa zufällig ähnele, ihn hergeführt haben. Während der kleine Kurt noch in der Wiege nach Fliegen griff, taufte ihn schon der Volksmund ›Graf von Birkenrade‹. Und diese Bezeichnung ist ein Teil seiner Person geworden, den er so wenig ablegen kann wie den schwarzen Augapfel seines feinen Gesichtchens, das er seiner Mama, der sagenhaften ›Gräfin von Birkenrade‹, aus dem Antlitz gestohlen hat.

Im Dorfmund heißt sie ›die Gräfin‹ – es mag anzüglich klingen, ist aber in der Hauptsache doch wohl nicht so gemeint. Es mögen unterschiedliche Beweggründe zusammenwirken, ursprünglich mag man sich dabei an die Gerüchte erinnert haben, die aus dem Osten kamen, dann aber verkehrte das seine, vornehme, von der heimischen Art so ganz abweichende Wesen dieser Frau das in eine Huldigung, was Herabsetzung sein könnte.

Der ›Fleck an der Ehre‹ ist in Vergessenheit geraten, die Handewitter müßten nicht Naturkinder sein, die sie sind, wenn sies behalten hätten. Christian Normann muß auch hier auf manches Unrechte das Siegel der Rechtmäßigkeit drücken. Geschieht es auch gebührendermaßen mit strafenden Worten – man nimmts mit Demut, man nimmts mit Gelassenheit hin.

Vor dem ›Jäger‹ (so nennen wir ihn, seinen Namen kennen wir kaum) macht unsere Ehrfurcht Halt, den Grafentitel legen wir ihm nicht zu. Die Frau ist viel zu gut für ihn – sagen wir.

Sollten die recht haben, die ihn nicht als einen Gelegenheitstrinker, sondern einen im Hause und außer dem Hause dem Trunk ergebenen Tagedieb nennen?

Die Gräfin verehrt man, und doch wäre ihr auf ein Haar ein großes Leid zugefügt worden. Die Unkenntnis der Handewitter Gebräuche war daran schuld.

Von jedem Zuzügler wird ein ›Nieburbeer‹, förmliches Gelage mit Bier und Branntwein, verlangt, ursprünglich wohl eine Erkenntlichkeit für das Holen des Flüttguts, dann zu einer Ehrenpflicht gegenüber der ganzen Dorfschaft verallgemeinert. Nachdem die Frau aus den Wochen gekommen war, erwartete man allgemein die übliche Festlichkeit.

Die Bewohner von Birkenrade hatten hiervon keine Ahnung. Der alte Ohm hatte jeden einzelnen Bauern, der ein Fuhrwerk gestellt hatte, aufgesucht, hatte ihm gedankt und die Bereitwilligkeit von Birkenrade zu Gegendiensten versichert; der Jäger hatte bei passender Gelegenheit im Kruge eine Bowle Punsch gestiftet – nun erachtete man die Rechnung für ausgeglichen.

Handewitt aber beanspruchte das übliche Gelage, worauf jeder Dienstjunge ein Recht hat. So beschritt man den vorgeschriebenen Weg des Zwanges.

Da waren zunächst Briefe ohne Unterschrift, die das Recht der Gemeinde versteckt andeuteten, zu senden. Sie hatten den gewünschten Erfolg nicht, weil sie nicht verstanden wurden. Also stärkere Beschwörungen: die große Dielentür von Birkenrade wurde nächtlicherweise geteert. Das wurde um so mehr mißverstanden, als das Teeren der Tür, der Wind und Wetter ohnehin jede Farbe genommen hatten, eine große Wohltat war und das von Rissen und Sprüngen bedeckte Holz den willkommenen Belag gierig aufsog. Im stillen freute sich Birkenrade über den diensteifrigen nächtlichen Kobold, und die Frau von Birkenrade scherzte: das sei am Ende der Dünengeist, von dem man in Handewitt so viel rede. Nun blieb noch ein Mittel: die Verbreitung von Spottgedichten. Bäurische Unerbittlichkeit und Rücksichtslosigkeit griff zu einem grausamen. Die Verse des Bürgerschen Gedichtes ›Des Pfarrers Tochter zu Taubenheim‹ waren in Handewitt heimisch; die Zeilen, die man auf rohem Zettel an das Geländer der Hollbrügg klebte, lauteten:

Der Graf:

Ich laß es mir kosten ein gutes Stück Geld,
Und wenn dir mein hübscher Jäger gefällt.
Dann können wirs weiter ja treiben.

Zum Glück fand Vollmacht das Blatt, bevor es in Birkenrade bemerkt worden war. Er vernichtete es und klärte die Bewohner von Birkenrade mit einfachen Worten darüber auf, was man von ihnen erwarte.

Nun wurde mit Vergnügen das gewährt, was Handewitt ertrotzt zu haben glaubte.

Der Herr Professor Friedrich Helm wird es vielleicht für das erste Zeichen der von ihm gefürchteten Verbauerung halten, daß der Schulmeister von Handewitt das Gelage mitfeierte. Aber ich kann nicht helfen – meine Mutter und ich waren dabei, Peter Kölln und Gattin selbstverständlich auch. Peter war gönnerhafte Höflichkeit, in der Hauptsache kam ich ihm aber zuvor. Die Gräfin sagte mir den ersten Tanz zu. Als die feine Frau ihr geschmackvolles Wollkleid unter die Beiderwandröcke mischte, begegnete man ihr von allen Seiten mit Achtung. Im übrigen nahm die Festlichkeit die herkömmlichen Züge einer ländlichen Lustbarkeit an.

Unter der großen Tür standen die Handewitter Bauern und neckten und hänselten sich gutmütig üblicherweise mit derbem Witz, was der Ohm mit heiterem Interesse, der Jäger mit blödem Lächeln anhörte. Nur wenn hier und da einmal eine derbe Faust in das Gebiet der platten Zote hinübergriff, blitzte in seinem Vollbart das frohe Verständnis auf, daß es ungemein spaßig zugehe.

Der Weise des Dorfes, Kätner Kaspar Schulz, beschäftigte sich auf solchen Gelagen mit der Zergliederung der Frauenseele. Er hatte in der ›Hörn‹ einen Kreis von Zuhörerinnen reiferen Alters, die nicht mehr den ersten Tanz beanspruchten, versammelt und hielt Vorträge über die Eigenheiten der Frau in kaustischen, mit Sinnsprüchen geschmückten Übertreibungen. Er wurde sowohl ihrer Schlauheit wie ihrer Verstandeseinfalt gerecht. Kaspars

Mannslist ist behend,
Frugenslist awer ohne End

rief in dem schäkernden und kreischenden Kreis Jubel und Beifall,

Frugens hebbt lange Hoor
und korten Verstand

lauten Widerspruch hervor. Und als der gottlose Kaspar sich gar zu dem

Frugensminsch mag
keen Frugensminsch lieden

hinreißen ließ, tobte alles, was einen Frauenrock und lange Haare trug, den unheimlichen, lachenden Weisen, der durch Herz und Nieren sah, in komischer Wut an.

Inzwischen wurde in der Wohnstube unaufhörlich Kaffee verschänkt, und im Nebenzimmer spielte man ›föftein Streeck‹. An einem Tischchen in der Ecke machten sich die größten Drückeberger vor den Steuern, Klaus Ohrt und Mars Ott, das Vergnügen, mit dem Gelde zu prahlen, indem sie mit straffen Geldbeuteln die polierte Platte mißhandelten. Auf der Diele übte Hans Heuk in den Pausen vor der weißgeschürzten weiblichen Jugend seine gewandten Pas, ließ seine Tanzkunst und seine blankgewichsten Stiefel loben, wie sichs gebührte, und zeigte sich als Allerweltsschmetterling. Seine Lorbeeren ließen Detlev Bock nicht ruhen; er wollte Hans im Bajazzokostüm übertreffen und trank daher vor den Schönen drei Schnäpse aus, die er mit seiner Rechten unter das Bein durchschob.

Der Hexenkessel summte und sang und war dem Sieden nahe. Wir hielten es für passend, Abschied zu nehmen. Vollmachts schlossen sich uns an, die meisten Handewitter empfahlen sich französisch. Die Frau von Birkenrade und der alte Herr drangen auf längeres Verweilen nicht. Es war hohe Zeit, daß wir gingen, denn schon begannen Übermut und Trunkenheit sich die Hemdärmel aufzukrämpen. Die Paare flogen juchzend und jauchzend über den Brettersaal der Lehmdiele, und draußen im Garten, an den Wänden von Haus und Scheuer, um Stroh- und Heudiemen huschten dunkle Gestalten und flatternde Gewänder. Ab und zu tauchten lang vermißte, sieghaft aussehende Paare aus verschwiegenen Ecken auf, um wild daher zu stürmen; der Stine Kelting zog man einen verräterischen Strohalm aus dem Haar.

Nach unserm Weggang und nachdem auch die Hausfrau und der Alte zu Bett gegangen sind, hat man die letzte Schranke abgebrochen. Der Jäger hat sich vollständig betrunken, die Flasche ist nicht aus seiner Hand gekommen, er hat nur noch Blödsinn gelallt und hat alle Handewitter und Handewitterinnen, namentlich die letzteren, umarmen wollen. Anfangs hat es zu Gelächter, dann zu heftigen Auseinandersetzungen Veranlassung gegeben. Hans Heuk hat mit ihm angestoßen: »Auf den kleinen Grafen von Birkenrade.« Da hat ihm der Jäger das Schnapsglas ins Gesicht geschlagen. Blut und Glassplitter sind umhergespritzt, der Jäger hat einen Faustschlag erhalten; wie an einen Magnetberg sind rechts und links Kämpfer in den brüllenden, blutenden Knäuel geflogen. Hocherhobene und dumpf niedersausende Arme haben, wie von einer Kurbel gedreht, mit einem gewissen Rhythmus in dem verflixten Rattenkönig gearbeitet.

Der Verlauf dieses unliebsamen Vorganges entsprach dem herkömmlichen. Mehrere Tage taten die mit blauen, zerschundenen Gesichtern umherlaufenden Schläger sehr aufgeregt und drohten mit gerichtlichen Klagen, die aber, wohlerwogen, unterblieben. Im Grunde waren ja alle beteiligten Handewitter – von dem Neubauern vorläufig abgesehen – nüchterne, arbeitsame Menschen, die sich ihrer Überrumpelung durch den Alkohol schämten, jedoch nicht allzusehr, denn Ähnliches hatte sich schon in den besten Familien ereignet. Also:»Lat scheeten!«

Es fand eine Aussöhnung unter den Beteiligten statt, als man das sogenannte ›Nachbeer‹ in der Dorfschenke, zwei Wochen später, feierte. Der Jäger betrank sich wieder und kam auf seine Liebkosungen zurück. Das verbaten sich die Handewitter, da schloß das Versöhnungsfest mit einer kleinen Nachfeier der Schlägerei, wobei der ›hergelaufene Adelige‹ von den Eingeborenen weidlich durchgewalkt wurde.

Handewitt wendet sich dem persönlichen Verhältnisse der Ehegatten mit schmerzlichem Interesse für die Gräfin zu.

Man hört, daß es in Birkenrade nicht gut bestellt ist. Das rote Glück, das nach dem Wunsche von Peter Kölln Tag für Tag mit am Tische sitzen und zu jedem Löffel Suppe lachen soll, ist dort wohl nicht Gast.

Jedenfalls sieht die junge Frau nicht darnach aus, als ob sie Mühe habe, den Glanz ihres Glücks zu tragen. Es erhellt immer mehr, daß der Junker im Begriff ist, ein Trinker zu werden, wenn er es nicht schon geworden ist.

An sein nächtliches Ausbleiben gewöhnt man sich allmählich in Birkenrade, wie die Dienstboten jedem erzählen. Der alte Herr ist noch da, er wohnt aber in der Gartenstube im Kreuzbau. Die Knechte schlafen in der Dielenkammer, die Mädchen in der Stube über dem Keller. Nur die junge Frau hält mit ihrem Knaben Nachtruhe in der neben der Wohnstube befindlichen Schlafstube, wo auch das Bett ihres Mannes ist. Wenn er durch das angelehnte Fenster den Schlüssel von der Fensterbank nimmt, das Schloß aufdreht, die Tür in den schreienden Angeln bewegt und nach dem Schlafzimmer tappt, so mag sein Weibchen sich des Augenblicks getrösten, wo die Bettstelle unter dem Trunkenen erkracht und der rasselnde Schlaf ihn aus dem zweifelhaften Glück ihrer jungen Ehe hinwegführt.

Ich liebe Handewitt, weil ich die Einsamkeit liebe, aber ich liebe auch die Welt und ihre Freuden. Sie hat noch immer Anrecht auf mein Herz, wenn ich sie auch zu fliehen scheine. Was ist der Mensch doch für ein rätselhaftes Ding!

Ich fliehe, was ich liebe. Habe ichs mit andern gemein oder ist bei mir allein den großen Wünschen eine noch größere Zaghaftigkeit beigesellt?

Ich habe immer geflohen, was ich liebe. Mit meiner Jugendliebe war es ebenso. Ihren Spuren folgte ich als treuer Toggenburger, wenn mich niemand, wenn – vor allen Dingen – sie selbst mich nicht sah. Sobald mir aber ihr Kattunkleid entgegenwehte, brach ich wie ein gescholtener Hund, durch den Wegknick.

Warum ist alles, was ich wünsche, was ich denke, mit so schwerer Fracht von Wies und Warums und Fragen nach dem Grund beschwert?

Ich gehe zur Düne und suche die Einsamkeit, die Freiheit. Denn die Natur allein erscheint mir ehrlich in ihrem großen Schweigen, bei ihr füllt sich meine Seele mit Bildern ohne die Schwere von Warum und Wie. – Ruhig und erhaben ist sie im tobenden Sturm, erhaben auch, wenn die Sonne lacht – Natur, der große Himmel darüber hergespannt, sie sind, wie du, mein armes Herz: die Ketten fallen ab das Irdische entweicht, die Ewigkeit tut ihre Tore auf.

Ihr Gesicht ist von der ausgesuchten Art, woraus Verwunderung mit Kinderblick hinausfragt in die Welt. Heut schienen ihre Lippen zu der Frage geschürzt, wie es doch komme, daß die große Welt nichts von dem Frieden des Handewitter Paradieses wisse, in Kinderjahren mag das feine Gesichtchen nach dem lieben Gott gefragt haben, der die Welt so schön und gut eingerichtet habe, aber um ihre Mundwinkel liegen die Schatten der späteren Frage, weshalb die Welt so gar abscheulich sei, und jetzt buchstabiere ich in den feinen Zügen: mein Herz wundert sich über meine Miene, es laßt sich nichts vormachen, glaubt meinem Gesicht nicht, es weiß, daß meine Seele traurig ist.

Wir waren bei Normanns zusammen und sprachen über unsere Landschaft.

»Die Jugend«, sagte Normann, »interessiert mehr das Was als das Wie; auf sie macht Gottnatur nur durch gewisse sinnfällige Kraftleistungen wie Hochgebirge, Niagara und Meeressturm Eindruck. Die Poesie der Sandwege dagegen, der grünen, von Haseln und Erlen eingefaßten, irgend wohin in lauschige Einsamkeit sich verlierenden Redder, der Reiz eines am Rande gelber Kiesgruben wachsenden Grasbüschels, die Erhabenheit des weiten Blachfeldes brauner Heide, schwarzer Sümpfe und Moore – diese Sorte Poesie geht uns erst später auf. Da arbeitet die Natur für die reifere, den Indianergeschichten entwachsene Jugend.«

»Ist die Handewitter Düne schön?« fragte man. Da sagte sie, von der ich rede:

»Ob ich aus dem Eindruck, den die Dünen auf mich machen, schließen darf, daß ich sie schön finde, weiß ich nicht. Aber die Sandgebilde wirken stark auf mein Gemüt. Mich beherrscht bei ihrem Anblick zwar das Gefühl der Einsamkeit, der Traurigkeit, aber der Natur fühle ich mich doch näher. Ich verstehe sie, und das erfüllt mich mit einer Empfindung, die ich, es mag nun richtig sein oder nicht, erhaben nennen möchte.«

Erhabene Traurigkeit – das ists!

Ich wandele zuweilen mit ihr die Schlangenlinien der sandigen Wege durch das merkwürdige Gebirge. Dann lese ich mehr von ihren Mienen den Eindruck ab, als daß ich sie zum Reden veranlasse. Noch öfter gehe ich als einsamer Spaziergänger über Berg und Tal und denke über sie und ihre Schicksale nach. Dann bitte ich auch meinen Bergen die Verkennung ab. Sie ist nicht unversöhnlich, die stets reisefertige Gesellschaft aus fliegendem Sand. Die weißen Spitzen und Wände erzählen mir von Jahrtausenden. Sie tragen Heiligenschein um ihre sonderbar gestalteten Gipfel und rufen zu frommen und zu unfrommen, aber immer zu Gedanken auf. Wo war der Mensch, als die grollende Meerflut sich von dein Fuß dieser Düne zurückzog und den ersten Schlick und Schlamm vorlagerte?

Immer bin ich ein andächtiger Zuhörer. Es ist mir eine Kleinigkeit, über einige Jahrmillionen hinwegzusteigen, ich höre im weichen, warmen Sand dahingestreckt die brausenden Meereswogen an den Dünenstrand klatschen, sehe sie die mitgeführte nasse Erde von Muscheln, Gestein und Seetang sieben, sichten, säubern, bis die Ebbe sie trocknet, die Sonne sie zu weißem Mehl zerstäubt und der erste West sie über die Düne bläst.

Die Bergkette läuft meilenweit an der Küste hin und schließt sich dann dem natürlichen Höhenzuge an, der an der großen Strommündung steil zum Meere abfällt.

Die zusammengerollten Ketten frappieren im Hügellande als schaumspritzende Brandung, aber von Handewitt aus gesehen verläuft der weiße Kamm rein und schön, wie die Linie eines südlichen Gebirgszugs. Und wenn der Sturm die schweren, blaßgrünen Halme des Sandhafers schüttelt, so rieselt das Rauschen wie rinnender Sand.

»Ist es eine Tugend, ist es eine Untugend, daß ich mich um die Nichtigkeiten der Welt wenig kümmere, daß ich meine Befriedigung nicht in der Zerstreuung, sondern in der Sammlung suche? Bin ich ein Selbstsüchtiger, weil ich nicht müde werde, in mir selbst den besten Gegenstand meines Nachdenkens zu erkennen? Ist es Jagdfrevel, wenn ich das gehetzte Wild meiner Gedanken aus den geheimsten Schlupfwinkeln aufstöre? Bin ich hochmütig, weil ich die große Welt für entbehrlich halte und den Schulmeister von Handewitt für befugt, sich aus ihr so wenig zu machen, wie die Welt aus dem Lehrer Rudolf Schmidt?«

So sprach meine Hauptseele. Ich habe nämlich zwei: des Leibes Wirtin, die Hauptseele, und eine andere, die bei ihr als Stütze oder Gesellschafterin in Stellung ist.

»Lassen wir unseren Rudolf Schmidt außen vor«, äußerte die Stütze. »Geben Sie zu, daß es verdienstvoller ist, sich mit anderen als mit sich selber zu beschäftigen?«

Die Wirtin gab es nicht zu, die Stütze ärgerte sich und wurde verdrießlich; die Wirtin fing an zu schulmeistern; die Seelen stritten sich. Meine Hauptseele machte Anleihen bei den Pessimisten und meinte, eigentlich sei jedes Dasein Schmerz.

»Schmerz?« kreischte die in ihren heiligsten Gefühlen gekränkte Stütze. »Jawohl: Schmerz«, wiederholte die Hauptseele, »Beweis die Langeweile. Langeweile ist die durch keine positive Daseinsfreude neutralisierte Normaldosis des Daseinsschmerzes. Und der langweilt sich am wenigsten, der sich selbst nicht herumklügelt.«

»Sie sprechen, als wenn Sie Philosophie und nicht Gottesgelahrtheit studiert hätten, aber Ihr System klappert an allen Enden. Das Verdienstvolle einer Handlung besteht ja eben darin, dem eigenen Glück zu entsagen, das Glück anderer herbeizuführen. Sie aber kennen keinen Gott und keinen Nächsten, Sie kennen nur sich selbst.«

Die Hauptseele wollte wieder lachen, tat es aber nicht, um die Freundin nicht noch mehr zu erbittern. Die Kindlichkeit der ihr vorgetragenen Ansichten erregte ihr Mitleid, und das machte sie menschlich mild. Sie trat mit großer Geduld Gemeinplätze breit und faltete mit kühlem Ernst Begriffe und Beweise auseinander, die ihr geläufig waren, daher trivial erschienen. Wollen und das eigene Bedürfnis befriedigen, sei eines und dasselbe. Nur durch das Mittel des eigenen Glücks und der eigenen Befriedigung könne der Mensch das Wohlergehen anderer auch nur wollen.

»Mit Ihnen ist nicht zu streiten«, knurrte die Oppositionsseele. »Sie hantieren mit Worten, wie Herkules in der Posse mit Gewichten. Es sieht aus wie Kraftleistung, aber jeder weiß, daß es papierne Zentner sind. Aber, weshalb soll ich Ihnen den Spaß der Athletenwürde verderben?«

An dem kleinen Streit erfreute ich mich, als die erste Morgenröte des schönsten Tages, den Handewitt je sah, über die Baumwipfel des Handewitter Forstes in mein Schlafzimmer lachte. Ich stand auf, fing mit Waschen und Ankleiden an, alles still für mich überdenkend.

Im allgemeinen war ich mit der Wirtin meines Leibes einverstanden und lobte sie. Und als ich mit grobem Tuch Hals und Nacken frottierte, unterlag es für mich keinem Zweifel: die Lust und Freude des Wohltuns entzünde sich freilich an dem im Auge des Nächsten aufleuchtenden Glück, vermittelt jedoch durch die Erkenntnis, daß das die reinste und schönste Freude sei, die man sich selbst bereiten könne.

Mit dieser Erkenntnis kam ich in die Kleider, beim letzten Kämmen und Bürsten hielt sie noch vor, und tiefsinnig blickte ich in meine Stiefelschäfte – des Geistes voll. Ich konnte nichts Verwerfliches an meiner Liebe zur Einsamkeit, an meinem Selbstgenugsein finden. Ich sah nicht ein, daß ich verpflichtet sein solle, mich in das Weltgewühl zu stürzen, mich den Qualen eines ohnmächtigen Mitleids auszusetzen.

Was konnte die Welt mir bieten? Der Frieden eines ruhigen Zimmers war immer meine Wonne gewesen.

Wird jemals der Gedanke deiner Herr werden, aus dem Edenfrieden des Dorfs zurückzukehren in die sogenannte Welt, um den dir zukommenden Anteil an des Lebens angeblicher Freude zu fordern? So fragte ich mich. »Nimmermehr!« erklärte die Hauptseele. »Abwarten!« sagte die andere.

In guter Stimmung fand mich die vierte Morgenstunde schon als Spaziergänger auf den Sandwegen von Handewitt. Ich horchte auf den Schritt meiner intelligiblen Persönlichkeit, die ich neben mir verspürte. Lange, lange Zeit überhörte ich die lieben Sänger: Drossel, Finken und die mir so werten Gassenbuben, die Spatzen, obgleich sie ihr Bestes vor den Ohren des Schulmeisters von Handewitt taten.

Aber als ichs schließlich wahrnahm, da freute ich mich der Welt mit einem so offensichtlichen Überschuß des Vergnügens über die Daseinskrankheit, daß ich (man stelle sich vor, ein Schulmeister!) einen Gassenhauer anstimmte, den mein Gedächtnis aus einer längst verflossenen Knabenzeit heraufwarf: »Ach, das Leben ist doch schön, man muß es nur verstehn!« Keine Ahnungssonde wird die Tiefe meines Gemüts, die Stärke des Gedankensturms ausmessen, der mich bei diesem Kantus durchtobte.

Die weißen Birkenstämme des Birkenrader Forstes tauchten vor dem Sänger auf und hörten in gemessener Haltung zu. »Er ist etwas verschnupft, singt aber gar nicht übel«, wisperte ein schlankes Stämmchen seiner Mama zu, die mit gesenktem Kopf sich zu ihm hinabneigte. Den reichen Haarschmuck hatte die junge Birkenfrau über das Gesicht geschlagen, den Nachttau schüttelte sie aus den langen Strähnen; es schien, als wollte sie mit dem Kämmen beginnen. »Na, na, Kind!« antwortete die Mutter.

So kam ich nach Birkenrade.

Bei Birkenrade fielen Humor und Stimmung jäh zu Boden, da wurde ich grausam ernüchtert.

Aus dem Fenster drang roher Lärm, die Dielenfenster waren unverhängt, es war taghell. Der Jäger war auf der Diele, Hans Gliß und Mars Gramm, bekannte Liederliche eines Nachbardorfes, sangen: »Lustig sind die Hardebüller«. Hans Gliß tanzte mit der Butterkanne, der Jäger machte dazu auf einem Kamm Musik. Als ich das sah, da arbeitete ich mit einem Fehlbetrag im Konto.

Ich ging rasch vorüber, und das war gut: es kam eine Flasche durchs Fenster geflogen und zerplatzte am ›Sodschlengel‹.

Der Jäger ist auch diesmal von seinen Gästen gehauen worden. So vergalt man ihm die Gastfreiheit mit Hieben, die vor dem allgemeinen Sittenkodex nicht bestehen können. In das Handewitter Gesetz bin ich nicht genügend eingeweiht, um zu wissen, ob das seinen Vorschriften entsprach.

Im Traum aber sah ich den Alten vom Berge. Er war sehr aufgeräumt und trug die von ihm belauschte Prügelei mit grotesken Einzelheiten vor, wobei er sich die Seiten vor Vergnügen hielt und bis zum Prusten lachte. Er denke, erklärte er, milde über die Ausschreitungen, wisse er doch, daß alle Hiebe gut und ehrlich gemeint seien. Auch gönne er dem Jäger eine eindringliche Lehre. Könne er ihn schon als Tagedieb nicht leiden, so sei er ihm als Trunkenbold vollends verhaßt.

Ich kann ihm nur recht geben im Traum und im Wachen, der Jäger treibt es zu arg. Es ist klar, daß Handewitt jetzt mit einem richtigen Säufer versehen ist, der nicht nur bei Gelagen, sondern auch sonst in der Gosse liegt.

Der Graf von Nesselkron wohnt ja nicht am Ende der Welt; die Erde steckt voll von Helfershelfern, wenn es sich darum handelt, den blanken Ehrenschild des Nächsten zu trüben. So wäre das Geheimnis der Gräfin gewiß leicht zu entschleiern. Aber ich werde mich hüten, es zu tun. Was wird das Ergebnis sein? Irgend eine Sünde wider den heiligen Geist der Gesellschaft, viel Liebe, Glauben, viel Niedertracht, und, im landläufigen Sinn, eine Schuld der Gräfin.

Freche Gleichgültigkeit gegen Zucht und Sitte einerseits, Steinigen einer Gefallenen andrerseits, pharisäische Tugend – alles kleidet gleich schlecht.

Ich weiß nichts und will nichts wissen. Ich pfeife auf das Gefasel, es soll ihr keinen Gran meiner Hochachtung entziehen. Und schrie ihr Vergehen gen Himmel, wie der Brudermord am Plankenzaun des Paradieses: in meinen Augen hat sie Engelsfittiche, so rauschend, schön und lang, daß sie einen Pfuhl von Sünde überdachen.

3

Lieber Rudolf!

Trifft es nicht zu, was ich Dir sagte? In Handewitt kommt entweder Deine Phantasie oder Dein Verstand in Unordnung: Wahnsinn oder trostlose Verbauerung. Vor dem Verbauern, glaube ich, bist Du freilich durch Deine eigentümliche närrisch philosophische Lebensauffassung vor der Hand geschützt, aber die Verrücktheit tippt bereits mit unheimlichem Finger an Deine Stirn. Sag selbst, Dein Dünenkobold, der neben Euren Leiterwagen einhertrottet, Deine beiden Seelen, namentlich die Seele in Schlafstelle, eine Birke, die sich kämmt – das sind doch starke Sachen. Übrigens eine ansprechende Narrheit, wie ich sie bei meinem Freund Rudolf nicht anders erwartet habe, aber lieber hätte ich Dich doch aus dem Nest mit einem halbwegs hellen Verstand heraus.

Als das größere Unglück würde ich es freilich, nach wie vor, betrachten, wenn aus Deiner Schwärmerei für eine Gewisse eine ernsthafte Neigung oder gar was Schlimmeres wie Ehe und dergleichen entstünde. Da habe ich denn beim Durchlesen Deines Tagebuchs den lieben Himmel feierlichst – hörst Du? – ganz ernsthaft und feierlich gedankt, daß Deine Gräfin schon verheiratet ist. Denn bei Licht besehen, lieber Rudolf, bist Du schon verliebt, und ich sage Dir auf den Kopf: Du würdest auf sie reinfallen, wenn der fürtreffliche Gemahl jenes reizenden Wesens in Kürze sein feuchtes Leben in Euren Pfützen und Gräben beschließen möchte. Deshalb habe ich auch den lieben Gott ersucht, ihn vor Ungemach zu bewahren, ihm als Begleiter bei seinen nächtlichen Bierreisen – trifft die Sache wohl nicht genau, sagen wir lieber: bei seinen Kümmelreisen – einen Engel mitzugeben, der ihn mit kräftigem Glorienscheine an allen abschüssigen Sand- und Mergelgruben vorüber nach Birkenrade leuchte. Der gute Gott möge, so habe ich ferner gebeten, ihm auch den abscheulichsten Fusel zur heilsamen Medizin werden lassen und seinen sterblichen Teil gegen eine Sintflut von Alkohol festigen. Ist aber erst Deine liebe Gräfin alt und welk, so habe ich nichts dagegen, daß er sachte hinüber deliriert; denn Runzeln schützen vor Liebe, und aus Runzeln heraus stellt kein Frauengesicht verfängliche Fragen an das Schicksal.

Nicht wahr, Lieber? Kapitale Narrheiten, wie die angedeuteten, wirst Du mir keinenfalls antun. Deine Gräfin ist gewiß eine ausgezeichnete Frau, aber sie hat etwas auf dem Kerbholz, um deswillen unsere Gesellschaft sie auf offenem Markte steinigt. Und mit Recht! sage ich. Du magst unsere Welt betrachten, wie Du willst, überall hat die Form mehr Bedeutung als die Sache. So ist es bei den Zahmen und so bei den Wilden. Und wiederum sage ich: anders geht es auch nicht. Ein staatlich abgestempeltes Diplom über den Wert seiner Person kann nicht jeder vorzeigen; erkennen läßt er sich auch sonst nicht gleich. Da muß schon die ›gute Gesellschaft‹ die Richtlinien aufstellen, die ihren Kodex füllen.

Wehe also dem, der die Form für ein Ding hält, das eine nebensächliche Behandlung verträgt. Bei Euch in Handewitt ists ja auch nicht anders. Endlich solltest Du Deine wahnsinnigen Vorstellungen von einem in Nirgendwo heimischen reinen Menschentum aufgeben. Und, hast Du das vermocht, dann ist die Stunde gekommen, wo Rudolf Schmidt in die Welt zurückkehrt. Und daß diese Welt einem so ausgezeichneten Mitglied auch den Teller am großen Eß- und einen Platz am Arbeitstisch nicht versagen wird, das bezweifle ich keinen Augenblick. Darüber habe ich schon Gedanken, wovon ich so lange schweige, bis ich sie Dir in der Fassung bestimmter Vorschläge vorlegen kann. Vor einigen Tagen dachte ich noch stark an die Zwangsjacke, heute aber sehe ich mildere Zukunftsbilder. Ich glaube, Dein Horoskop steht günstig, die Sterne sagen mir, daß es nur auf Dich allein ankommt, und daß bei Dir die Rechnung nicht versagen wird. Deshalb: ob kurz, ob lang, ich weiß, Du wirst nicht bleiben, was zu sein Dir jetzt gefällt. Wir werden uns auf einem Gebiete, das uns beiden gemeinsam ist, wieder begegnen. In dieser Zuversicht begrüße ich Dich.

Dein alter Freund
Friedrich

Nach Empfang dieses Briefes ging Rudolf in seiner Stube auf und ab. Helm hatte eine Stelle berührt, die empfindlich, daher vielleicht nicht ganz in Ordnung war.

»Mein lieber Friedrich«, strafpredigte er den abwesenden Freund an, »alle Rechte eines Freundes und Gönners in Ehren. Aber diese Warnerrolle, das geht denn doch zu weit! Wer sagt dir denn, daß ich verliebt bin? Stand ein Wort davon in meinen Blättern? Und wie willst du in deiner akademischen Allwissenheit beurteilen, ob ich hier in Handewitt liebe oder nicht? Und dann … erlaube … dieser Ton, worin du von meiner Freundin sprichst, diese Herzlosigkeit … ich muß dir einmal deinen Standpunkt klar machen.«

Und er setzte sich an den bekannten Schreibtisch, er nahm einen Bogen, an Friedrich Helm zu schreiben, auf dessen Haupt seinen Zorn und seinen Groll zu entladen, ihn gehörig – in aller Freundschaft, das versteht sich – zurechtzusetzen, zu sagen, daß es ihm gar nicht einfalle, verliebt zu sein, daß er die Gräfin nur bemitleide, wenn er auch nicht bestreiten wolle, von ihrer Art angezogen zu werden. Auch wahre er sich der Gesellschaft gegenüber das Recht, ihr vor allen seine Achtung zu schenken … Aber lieben? … »Ich habe in meiner Jugend geliebt, ein Jahrzehnt hindurch, lieber Friedrich. Das war eine Liebe, der gegenüber eine ganze Welt – ich wiederhole: die ganze Welt – federleicht wog, derentwegen ich ein Verbrechen hätte begehen können. Ja, wegen ihrer schönen Augen hätte ich gestohlen und gemordet. Das ist, das war Liebe, aber Frau Sophie von Birkenrade? Lieber Freund, da schoß deine Weisheit doch sehr daneben.«

So, in diesem Sinn, wenn möglich mit diesen Worten, wollte er schreiben.

Er begann auch, schrieb einige Zeilen, dann stockte er.

Es wurde ihm zweifelhaft, ob er berechtigt sei, einen so hohen Ton anzuschlagen.

Zweiter Teil

1

Es vergingen Jahre, und Rudolf Schmidt blieb Schulmeister von Handewitt.

Im Zeitenstrom rauschte Welle auf Welle vorüber, wogte und wusch. Hier und da setzte ein Haus ein paar Fach am Stallende an, auf roten Brandmauern und breiter als das Wohnende. Das lugte daraus hervor, wie aus ihrem Gehäuse die Schnecke. Jungen, die bei Ankunft des neuen Schulmeisters noch Barbier im Ziegenstall gespielt hatten, wurden mit dem ersten Bart versehen. Dem Vollmacht war etwas Reif ins Haar gefallen. Hier hatte sich ein Alter, dort ein Junger zur Ruhe gestreckt, aber der Klapperstorch fischte noch immer fleißig im Sumpf. Junge Frauen vergalten als Mütter die Schelte, die sie einstmals als Kindermädchen eingeheimst hatten, und trockneten auf Hecke und Zaun ominöse quadratförmige Tüchlein.

Man sorgte und mühte sich, wie man es überall tut. Im Frühling hastete man, die Frühjahrssaat zu bestellen, um Zeit zu haben, Knick und Wälle zu befestigen und den Kompost zur Weide zu bringen, bevor noch die Heuernte begann. Davon war noch nicht das letzte Fuder geborgen, und schon strich der Schnitter die Sense zur Roggenernte. Ruhte endlich der Kranz auf der letzten Getreidefuhre, war der Grummet daheim, die Wintersaat bestellt, so fegten die ersten Vorposten des Nordwest über die Herbstfärbung. Und dann kam der Winter und deckte Feld und Flur und Weg und Steg weiß und weich zu, so gründlich, daß alles für immer vorbei zu sein schien. Handewitt arbeitete aber auch im Winter ruhelos. Überall tanzten Dreschflegel auf klangvollem Tennestrich, und im Wald arbeitete die Axt des Holzschlägers bei klingendem Frost.

Aber so viele Giebel in Handewitt auch neue Sparren ansetzten und von dem aufgestopften Heu gepreßt wurden: die alten Dächer von Birkenrade träumten weder von neuen Dachsparren noch von Heu, dies war ihnen unter des Jägers Verwaltung ein unbekanntes Ding geworden. Dieser, der Fürsorge und Lehren des Ohms satt, hatte nämlich die Wirtschaft selbst in die Hand genommen, und nach menschlicher Voraussicht mußten Birkenrade und sein Besitzer der Verlotterung entgegengehen. Der Alte blieb zwar vorderhand auf dem Hof, er wollte der jungen Frau in Notfällen zur Hand sein, aber daß seine Hand nicht mehr auf Birkenrade ruhte, zeigte sich bald. Die Giebel zogen sich schief und schiefer; die Türen an Haus und Scheuern folgten dem Vorgange der Giebel. Im Sturm klapperte manch loses Brett; hier und da erschien eine Latte im schäbigen Dach.

Das Steinpflaster der Hofstelle wurde verkauft, nun watete man in Wasser und Schmutz. Die Schlagbäume und Hecktore vermorschten und verfaulten; durch die mit dem Fleiße eines Jahrhunderts gesättigte Ackerkrume des Heidebodens brach die jungfräuliche Erika wieder hervor. Denn Birkenrade verhandelte den Dünger um ein Billiges, gute Nachbarn leiteten mit Hütt! und Ho! ihre schwerbeladenen Wagen aus der Grube. Große, starkknochige Pferde spannten die Sehnen, ihr Huf schlug Funken an dem Granit, der als versprengter Rest der Steindecke im Wege lag.

Der Jäger trieb es für Handewitt ärger, als man es im Dorfe ertragen wollte. Er wurde außer Verkehr gesetzt, und auch das war für Frau Sophie ein weiterer Grund, sich noch mehr auf sich zurückzuziehen.

Der hübsche dunkle Knabe wuchs heran, an ihn verschwendete sie ihre Liebe. In dem Geschick mit ihrem Mann sah sie Vergeltung im herben Sinn, in ihrem Kind sollte sichs, so hoffte sie, noch mal gütig erfüllen, und solange sie ihr Kind habe, wollte sie kein Gegenstand des Mitleids sein.

»Ich glaube an eine Schuld«, erklärte sie, »und hoffe zu Gott, daß ich bei der Prüfung etwas, und sei es auch nur wenig, in meinem Schuldbuch tilge. Denn der Allvater droben ist, daran halte ich fest, ein allgütiger Gott. Ich darf ihm aber nicht aus der Schule laufen, ich bin auch entschlossen, es nicht zu tun. Jeder Tag, der mir Leid bringt, soll mich daran erinnern, daß ich als Büßerin nach Birkenrade kam. So hoffe ich denn zu ertragen, was mir verhängt sein wird, solange der Grund nicht wankt, auf dem ich stehe. Dieser Grund ist die Liebe zu meinem Kinde; die gütige Vorsehung wird nicht wollen, daß ich diese Liebe jemals entbehre oder eine neue Schuld auf mich lüde.«

Mit dem Jäger ging es steil bergab. Noch vor einem Jahr hatte es bei dem im Grunde gutmütigen Mann nicht an Gelöbnissen gefehlt, sich zu bessern, an weinerlichen Selbstanklagen, daß seine Frau um seinetwillen so viel leiden müsse. Aber mit zunehmender Verwilderung verlor er den Geschmack an den Bußpredigten seiner Frau und an eigenen Bußübungen. Sein Äußeres bestätigte immer eindringlicher, daß an ihm nichts mehr zu retten sei. Sein rotes, vom Alkohol verwüstetes Gesicht wußte nur noch wenig von der einstmaligen Schönheit des schmucken Jägers; es verlor mehr und mehr die reinlichen Züge. Mit der grünen, gegen den Bauernrock vertauschten Joppe hatte er die Straffheit seiner Haltung ausgezogen, seines höflichen »ergebenst« und »gehorsamst« hatte er sich für eine schlimme Ungebundenheit entäußert. Gutmütig mochte man ihn zuweilen noch nennen können, nämlich dann, wenn er ganz frei und ganz nüchtern war. Leider traf dies immer seltener zu. Und die trunkenen Zustände bekamen auf die Dauer einen immer bösartigeren Charakter.

Anfangs war es das Stadium der Albernheit mit der Richtung auf fixe Ideen. Bald hielt er sich für einen Abgesandten der Regierung, eine bessere Entwässerung der Handewitter Wiesen in die Wege zu leiten, und fuhr mit hohem Hut von Hof zu Hof, bald spielte er sich als Laienprediger auf und hielt witzig sein sollende Strafpredigten. Über alles lachte Handewitt von der Düne bis zum Forst.

Dann kam der Stich ins Gefährliche. Klaus Heuk hatte mit ihm Streit in der Schenke gehabt. Als er unversehens bei Birkenrade vorbeiging, knallte ein Flintenlauf aus der Pferdeluke, die Schrotladung prasselte über seinem Haupt in einen Weidenbusch.

Die Denkwürdigkeiten des Schulmeisters erhielten Ergänzungen:

Lange wird man die arme Frau nicht mehr mit ihm allein lassen können. Er ist nicht mehr bei Sinnen und für seine Umgebung gefahrbringend.

Vor ungefähr kreuzten sich unsere Wege, ich suchte vorüber zu kommen, aber er vertrat mir den Weg. Man könnte solche Szene lächerlich finden, wenn sie nicht zum Weinen traurig wäre. Er beschuldigt seine Frau der Untreue, auch ich stehe auf der Liste. Er war übrigens betrunken und nach seiner Meinung stark geistreich, so daß man nicht daraus klug wird, wieviel er von dem, was er sagt, selbst glaubt.

Es geht nicht mehr. Der alte Ohm ist vom Hofe gejagt. Man sagt: Eifersucht … Unglaublich, und nicht helfen können!

Nun ist es geschehen. Ich habe ihr gesagt, was ich für sie fühle, ich habe sie in meinen Armen gehalten.

Mit dem Alten war der letzte Friede aus Birkenrade entwichen. Sie suchte mich auf, in voller Verstörung über die ihr angetane Schmach. Ich sah auf den Grund ihres Herzens, eines trüben, leidgewohnten Herzens, und sah auch das, was sie ihre Schuld nennt.

Als sie mich entließ, waren wir, wenn man will, beide schuldig geworden. Ich wollte sie trösten, und über dem Trösten gestand ich ihr meine Liebe … Und dann … ja, dann lagen wir uns in den Armen und küßten uns … küßten uns, bis sie sich mit allen Zeichen des Schreckens losriß.

Der Abend kam, ich ging in die Dünen, war dort, wie immer, allein … doch hatte ich es noch niemals so empfunden.

Kein Laut im Dorfe von Osten her, kein Hundegebell, kein Käuzchenruf; kein Rauschen und Brausen vom Meer, kein Kehllaut melancholischer Möven. Stummes Wetterleuchten über dräuenden Wolkenmassen, die Berge zürnten: was brichst du unsern Frieden?

Die Dünenwege sind einsam und mühsam; die Stiefelsohle wühlt und grafft tief im Sand. Dafür umspannt die Herrschaft meines Gedankens von dieser Sandwüste aus den Erdenrund. Und ergießt der Vollmond sein bleiches Licht über den Wogengischt des Gebirgskammes, so huschen leichte Schatten über schimmernde Bergwände und entschlüpfen in der Schluchten mystisches Schwarz. Ungetüm auf Ungetüm scheint uns zu beschleichen, vor uns zu fliehen.

So sah ich den Dünengeist, als ich den mondbeglänzten, schneeigten Gipfel der Jungfrau erklomm. Er befand sich auf dem zum Teil mit Heide bedeckten Mönch und schien zu schwärmen und zu spintisieren, just wie der Schreiber dieser Zeilen. Das freche Menschenkind ließ er nicht aus den Augen, bis er vor meinem Schatten langsam hinter die Bergwand versank. Es hat seine Richtigkeit: es wächst ihm Sandhafer auf dem Haupt; in seinen Augen funkelt das Geheimnis grüner, leuchtender Meerflut.

Und nun dieser Zettel:

»Geliebter! Ich will Sie nicht belügen, ich will Sie so nennen, wie mein Herz es befiehlt. Ich danke dem Himmel für die Sekunde des Glücks, die ich erlebt habe. Sie soll das Beste bleiben, was meine Seele verschließt, und auf meinen Knien bitte ich den Herrn der Höhe, sie mir nicht zur Schuld anzurechnen. Behalte mich lieb, Geliebter, aber ganz im stillen, nur ein ganz klein wenig.«

Es war ein Wetter für unglücklich verliebte Seelen. Schon, als ich in der Düne war, gestern, vorgestern – ich weiß nicht mehr, wann – schon damals funkelte ein wetterleuchtender Gott mit blitzender Gedankenkrone um das Haupt vom Erdenrund herauf – heute nacht ging es unter Blitz und Donner auf Handewitt hernieder. Der Horizont rings umher ein brüllendes, ein feurige Spieße werfendes Verderben. Flammensäulen ringsum, eine hohe von Siethfelde her. Wir Handewitter standen, sobald der Regen nachgelassen hatte, auf der Dorfstraße. Bei Birkenrade hatte es eingeschlagen, der große Weidenbaum am Hecktor liegt zerschmettert.

Christian Normanns Turm ist hin, heute früh vermißten wir die Spitze, vor einer Stunde wurde uns Bestätigung. Der Blitz ist hineingefahren, der Turm ist bis auf das Feldsteingemäuer zerstört, glücklicherweise schützte ein scharfer Nord die Kirche und das Kirchendach.

Es wird einen neuen Turm geben, vielleicht einen schöneren, der alte Weidenbaum aber wird sich nicht mehr erholen. Ich finde, der Blitz ist ungeschickt in der Wahl seiner brennenden Liebe. Damals, im Handewitter Schulhof, die eine Sekunde, wo ich sie in meinen Armen hielt, das Haus in lichter Lohe, und wir, sie und ich, in Glut und stürzendem Gebälk begraben!

Die ganze Nacht haben Verstand und Herz in mir Zwiesprache gehalten.

Wohin ist mein Gleichmut und wohin meine Ruhe! Wie groß und sicher war ich, als ich mich unterwand, alles auf mich zu nehmen: Ruhm und Schande, Armut und Reichtum. Glück und Unglück. Wußte ich mich doch selbst mit dem Bewußtsein eines verfehlten Lebens abzufinden. Die Reue gehört der Torheit an, eine Liebesleidenschaft, die nur Leid bringen könne, war Narrheit. Ich fühlte mich als ein Stück der Natur, ich wußte, daß ich, wie sie, nur durch Stoß und Gegenstoß in Bewegung gesetzt werde, und felsenfest war mein Glaube, daß diese Sicherheit mir niemals fehlen werde.

Mein Verstand und mein Herz hatten Zwiesprache, der gute nüchterne Verstand behielt das Wort. »Das geht nicht, und, weil es nicht geht, darf ich es nicht wollen. Und deshalb will ich es auch nicht.« Mein Verstand, der gute, klare, nüchterne Verstand, suchte sich durch lautes Wesen zu stählen. Er schrie geradezu in die Nacht hinein: »Ich will nicht!«

2.

Diese Blätter blieben dem großen Akademiker unbekannt. In dem Verkehr mit ihm wurde das Tagebuch nicht erwähnt, und von der Frau Sophie verlautete kein Wort.

Dagegen war der Schriftwechsel in anderer Hinsicht ein lebhafter geworden. Rudolf arbeitete. Er hatte sich in eine kleine Ecke der großen Wissenschaft hineingegraben, er hatte einen Kreis seines Schaffens gefunden oder glaubte doch gefunden zu haben, woran der Schöpfer gedacht haben könnte, als das ›Werde!‹ an ihn erging. Ihn hob das Gefühl, darin noch etwas Tüchtiges zu leisten. Endlich hatte er, so nahm er an, die Flucht seiner Neigungen festgehalten und auf einen Gegenstand vereinigt, der ihm Erfolg verhieß.

Die Anregung gab die Handewitter Düne. Ein fetter, wenn auch nicht breiter Streifen fruchtbarer Marscherde trennte sie von der Küste. Oberhalb der Bucht grollte eine Brandung, die jede Marschbildung auszuschließen pflegt. Es zeigten sich auch die Anfänge von neuen Dünenketten, deren Stoff vorläufig der Meeressaum noch roh und ungeordnet unter einer weichen Sanddecke verbarg. Welche Umstände hatten die Marschbildung ermöglicht, und welche Veränderungen sie gehemmt? Welche Ortsverschiebung hatte das Wandern der Berge zur Folge gehabt?

Von der Düne kam er auf die Marschbildung in dem Gebiet des breiten Grenzstromes seines Landes überhaupt. Die Gliederung der Eindeichung dieser Marschen wich von der in benachbarten Kögen ab. Wie, wenn seine Marschen nicht dem Festlande angegliedert worden wären, sondern sich aus Inseln entwickelt hätten und erst allmählich mit dem Festlande durch Anschlickung verbunden worden wären? Sprachen doch schon römische Schriftsteller von mehreren Strommündungen. Lag es nicht nahe, anzunehmen, daß damals noch Priele – breite, flache Gewässer – die höher gelegenen Teile, die jetzt Marschen sind, umspülten?

Das interessierte ihn. Und zugleich stellte sich die Frage nach der Art, wie das neue Land besiedelt worden sei, anspruchsvoll vor ihm auf. Manches wies auf die Einwanderung holländischer Kolonisten hin, die vielleicht auch die Kunst des Deichbaues aus ihrer Heimat mitgebracht hatten. Indem er so vom Schreibtische aus die Jahrhunderte auf und ab wanderte, wurde er unversehens in die politischen Kämpfe verwickelt, die über den Erdstrich dahingerast waren. Er sah sich zurückgeworfen in die Normannenzüge, wo die Strommarschen noch unzugängliche Sümpfe gewesen waren und der geängstigten Bevölkerung offener Küstenstriche als Zuflucht vor blutigen Raubzügen gedient hatten.

Durch seinen Freund erhielt er aus der Universitätsbibliothek die bisherige Literatur. So entstand in ihm ein bestimmtes, wenn auch nicht lückenloses Bild des Werdens und der Entwicklung der Marschen. Schon jetzt hätte er dem Alten Neues hinzutun können.

Um so herzlicher war seine Freude, als es ihm gelang, neue Quellen zu entdecken, Aufzeichnungen und Chroniken früherer Pfarramtsverweser von Siethfelde, die er aufstöberte. Ihr Inhalt versetzte ihn in langst verflossene Jahrhunderte zurück und überlieferte ihm ein getreues Bild damaliger Zustände. In dem naiven Chronikenstil wendete sich das Bild reizvoll und verklärt dem Forscher zu.

Christian Normann hatte mit Rudolf zusammen auf dem Boden des großen Pfarrgebäudes Nachforschung gehalten; sie fanden eine verstaubte Kiste. Hurra! Die enthielt in festverschnürten Bündeln die chronologisch geordneten Denkwürdigkeiten des Pastors Tiburtius von Bishorst. Rudolf studierte darin, so oft und so viel es seine Zeit erlaubte. Es war ein eigener Genuß, zu sehen, wie sich manche alte Ansicht als unhaltbar erwies, noch mehr, wenn die neue Quelle über viele Zweifel des Forschers, über Lücken hinweghalf.

Zum ersten mal empfand Rudolf reine Forscherfreude. Ungetrübt war sie, gesättigt aber nicht, denn der gewissenhafte Tiburtius wies öfters auf eine von ihm benutzte ältere Quelle hin, Aufzeichnungen eines Amtsverwesers aus dem Zeitalter der Reformation. Die Auffindung der echten Institutionen von Gajus kann nicht heißer ersehnt worden sein, als der Schulmeister von Handewitt die Entdeckung einer Schrift erstrebte, die nach allen Anzeichen von entscheidender Wichtigkeit sein mußte. Im Pfarrhause war die Chronik nicht, jede Ecke, jeder Winkel war durchsucht, also hinauf auf den Kirchenboden, hinein in das Gerümpel, das die Jahrhunderte dort abgelagert hatten. Am zweiten Tage kam Rudolf strahlend die Treppe herab; im Arme hielt er, selbst von Spinngeweb und Staub bedeckt, die doppelt in Staub und Spinngeweb eingesargte Chronik.

Die Mühe war keine vergebliche gewesen, Specovius stand weit über Tiburtius. Rudolf Schmidt war eingeladen, an dem Ruhme der Forscher teilzunehmen. Es ist schwer zu sagen, ob sein Genuß höher war, wenn er seine Annahmen bewiesen fand, oder wenn er seine Ansichten zu berichtigen genötigt war und seine Einsicht in den historischen Zusammenhang erweiterte. Aber über allem stand die Freude des Schulmeisters, der nunmehr wußte, wozu er tauge.

In diesen Gedanken begegnete Rudolf sich mit einem Briefe seines Freundes:

»An dem Erfolg Deiner Forschungen, Liebster, kannst Du keine größere Freude haben, als Dein noch immer getreuer Leibbursche Friedrich empfindet. Endlich zeigt sichs, wozu die Schöpfung ein so vortreffliches Hirn und Herz machte: sie wollte einen fleißigen, klugen Mann, der mit Liebe, ja, mit schwärmerischer Liebe sich in die Geschichte seines Landes und seiner Heimat vertieft. Und ist es auch nur ein kleiner Fleck der großen Erde, den Du ausgemessen hast, wo Du den Herzschlag der schaffenden Natur belauschtest: der Gewinn fällt doch dem großen Kosmos zu, von dem Du in Deiner Marsch ein kleines Stückchen unter die Lupe nahmst.

In den Anlagen übersende ich Dir die Abdrücke Deiner beiden prächtig geschriebenen Aufsätze, die die Redaktion des ›Globus‹ mit Dank empfing. Und zugleich sende ich Dir das Honorar. Die wissenschaftliche Welt wartet gespannt auf das Erscheinen Deines Buches. Sie muß Bedeutendes von einem Manne erhoffen, der mit so entschiedenem Erfolg in die gelehrte Welt eintritt.

Schulmeister von Handewitt! Nicht mehr lange! Wir haben schon einen Posten ausersehen, der ihn und seine liebe Frau Mutter und, wenn er sich mal sollte beweiben wollen, auch seine Familie ernähren wird, der überdies – das ist ja die Hauptsache – seinen Neigungen entspricht und ihm Zeit zu wissenschaftlichen Arbeiten läßt. An der hiesigen Bibliothek ist er ausgeschrieben. Dir, lieber Rudolf, ist er gesichert; es erübrigt nur noch, daß Du willst und Dich bewirbst.

Ich schweige von allem, wovon Deine lieben Briefe schweigen, hoffe aber auf eine frische, fröhliche Zusage und rufe: auf Wiedersehen!«

Auch bei diesem Briefe mißfiel dem Empfänger die eine Hindeutung. Das Angebot nahm er nach schwerem Kampfe nicht an. Noch wurde er in Handewitt gehalten. Er – konnte sich nicht losreißen, wollte es nicht einmal. So schrieb er denn an seinen Freund eine schlecht begründete Absage.

3

Der Junker Jäger war ursprünglich das gewesen, was man einen guten Kerl nennt – gutmütig, roh, flach, eitel. Die Wiederannäherungsversuche an seine Frau trieben durch die Verwilderung noch ab und zu eine Blüte. Aber es hatte bald ein Ende. Der chronische Größenwahn, die Entartung der Teile, worauf die seinen Reize der Milde und Gerechtigkeit nicht mehr wirkten, ließen für die Berücksichtigung anderer keinen Raum. Die Liebe zum Ich nahm einen um so breiteren Platz ein, je weniger liebenswert es war, und tötete schließlich wie Unkraut alle edleren Regungen, woran wir so gern bei dem schönen Klang des Wortes ›Gemüt‹ denken. Größenwahn und Roheit verunreinigten seine Phantasie, Wahnbilder und Sinneswahrnehmungen gestalteten sich in seiner Vorstellung ungesondert zu einer gefälschten Welt, die nirgends bestand und nichtsdestoweniger die Beweggründe seines Handelns hergab. Er verfiel mehr und mehr der Narrheit.

Wegen der Richtung, die seine Einbildung nahm, war es eine Narrheit gefährlicher Art. Er sang und sprach Unanständigkeiten und wußte ihnen Beziehung auf den Ruf seiner Frau zu geben; er gestaltete die alten, schon der Vergessenheit angehörenden Gerüchte zu wirklichen Geschichten. Dann prahlte er wieder mit dem Grafensohn in seinem Hause und wollte selbst erlauchter Abkunft sein. So schleifte er die Ehre seiner Frau wie seiner Mutter durch den Wegeschmutz von Handewitt. Niemand war für einen Klatsch, dem er sich in besserer Zeit entgegengestemmt hatte, geschäftiger als er selbst. Und daneben die immer leichter geweckte Eifersucht, die immer häufiger wiederkehrende Redensart, daß er keinen Verkehr seiner Frau mit fremden Männern dulde.

Für einen halbwegs Sachkundigen war es klar, daß er nicht mehr bei gesunden Sinnen war, daß er entmündigt und in eine Anstalt gebracht werden müßte. Rudolf dachte das in die Hand zu nehmen. Und da er dazu die Mitwirkung der Frau Sophie bedurfte, so sann er, trotz des Verbots, weiter darüber nach, wann und wo er sie wohl am besten spreche. Er verfiel auf die bevorstehende Einweihungsfeier des neuen Turms und ließ sie bitten, nach Beendigung des Gottesdienstes im Hinrichsenschen Redder in Siethfelde zu sein.

Der neue Turm wurde eingeweiht; selbst die bekannten ältesten Leute erinnerten sich einer Feier, wie sie jetzt begangen wurde, nicht.

Turmapfel und Wetterfahne – beide glänzend vergoldet – warteten schon lange in der Scheune des Gasthofs ›Zum weißen Roß‹ ihrer Erhebung und wurden allgemein angestaunt. Der Knopf blieb im Umfang nicht viel hinter einem Wagenrad zurück, und der Wetterhahn erinnerte in seiner Größe, in seinem Glanz eher an das Roß eines apokalyptischen Reiters als an den Hahn, der auf dem Mist kräht. Der Verwunderung darüber, daß beide auf der Wetterstange zur Größe eines gewöhnlichen Turmapfels, eines gewöhnlichen Hahnes zusammenschrumpfen, war kein Ende. Auch noch in anderer Beziehung forderte der Turmknopf die Ehrfurcht der Gemeinde heraus. In seinem runden Bäuchlein barg er die öffentlichen Geheimnisse vom Kirchspiel. Das Verzeichnis der von dem Klempner Schulz eingelöteten Schriftstücke ging von Mund zu Mund und erschien in den ›Nachrichten‹ des benachbarten Städtchens. Zeitungen, Zeitschriften, Abschriften des Kircheninventariums, statistische, von dem Ortspfarrer aufgenommene Tabellen, die Bilder des Pastors, der Kirchenjuraten, der Lehrer des Kirchspiels (Rudolf Schmidt war darunter), der Gemeindevorsteher (Peter Köllns Gedächtnis kam auf die Nachwelt), die von dem Organisten Piening verfaßte Jubelhymne des heutigen Tages (sie sollte geblasen und gesungen werden, sobald Apfel und Wetterhahn auf den Turm gebracht würden) und manches andere.

Mit dem zuletzt genannten Teil begann die Feier. Auf dem Turmdach, unmittelbar unter der Wetterstange, befand sich der Bau eines in kühnen Linien emporstrebenden Gerüstes, das in dem oben zusammenlaufenden Sprossendreieck die Turmstange überragte. In schwindelnder Höhe erwartete dort der kühne Meister den blinkenden Apfel, der am Flaschenzug sich langsam erhob. Sobald er über dem Kirchendach in blauer luftiger Höhe schwebte und schwebend stieg, brach die Jubelhymne oder vielmehr die allen Gesang überschmetternde Tubamusik los. Jetzt hing der Apfel über der Turmstange; sicher und furchtlos, unbekümmert um die haarsträubende Höhe, hinübergebeugt, leitete der Meister das Ungetüm den ihm bestimmten Weg, mit dumpfem Rasseln schurrte der klein gewordene Koloß bis zu dem für ihn bestimmten Sitz hinab.

Der Wetterhahn flog denselben Flug, ebenfalls begleitet von dem Gesang der Gemeinde, und bald saß er herausfordernd auf der Stange. – Seht, o, seht! – was tut er? Der Kühne sitzt auf dem Rücken des Flügelpferdes, ruft Hurra! und schwenkt den Hut.

Nur schwindelfreie Männer vermochten den Anblick zu ertragen, die meisten senkten den Blick, es zog ihnen durch Nacken und Rückgrat. Unter den Frauen hörte man viel Gekreisch, ein Ohnmachtsanfall kam auch vor, und alle waren froh, als der Wagehals unter Beifallsgeschrei auf einem balkonartigen Vorsprung in der Turmluke unterhalb der neuen Uhr erschien, um die übliche gereimte Rede zu halten. Neben ihm stand sein Gehilfe mit Flaschen und Gläsern. Das war der Mundschenk, der die Glaser zu füllen hatte. Eine gereimte Rede stieg, es lebte, was nur irgendwie mit dem Bau und der Kirche in eine Beziehung gebracht werden konnte. Nach jedem Hoch flog das geleerte Glas an die Wand, und schließlich auch die Flasche. – Gewissenhafte Leute und Zähler haben unglaubliche Behauptungen aufgestellt. Wir lassen die Zahl dahingestellt, aber es war mehr, als ein Mann trinken sollte.

Da lief das Gerede durch die Gemeinde, es sei gar kein Wein, was der Mann da trinke, das sei Selterwasser mit Himbeer. Es kam vom Wirt im ›Weißen Roß‹. Er hatte hinzugefügt, daß er die Getränke zum Selbstkostenpreis berechne, auch die entzwei geworfenen Gläser und Flaschen. Die Kostennotiz fanden seine Freunde nicht wichtig; sie fiel wie eine Quecksilberkugel unmittelbar vor dem Munde des Sprechers zu Boden, während die andere Neuigkeit, wie aus einem Drehturme geschossen, eine hundertköpfige Menge sättigte, als ob sich das Speisungswunder wiederholte.

Ja, all die Gläser und Flaschen, die am Turm von Siethfelde zerschellten! Den Sinn dieses Symbols hat das Kirchspiel noch heutzutage nicht erfaßt, und die Hoffnung, daß man die zarte Andeutung der Feierlichkeit des Augenblicks jemals verstehen werde, ist durchaus eitel, da der verletzte Sparsamkeitsinstinkt einfach nicht wissen will, daß die zwecklose Vernichtung von Vermögensgegenständen doch einen Zweck haben könne.

Die Rede war kaum überstanden, da läuteten schon die neuen Glocken zum Gottesdienste. Die gläubige Menge lechzte nach etwas religiöser Erbauung, nach etwas Gemütszerknirschung, denn sie war entschlossen, nach dem Gottesdienst den Freuden dieser Welt im Tanz nachzugehen, vielleicht auch in aller Unschuld ein wenig zu sündigen.

Pastor Normann entledigte sich seiner Aufgabe mit Geschmack. Er fuhr als sanfter Melanchthon fein säuberlich daher, wie es seinem Wesen entsprach. Heute konnte er durchaus seiner Denkart folgen, da er wußte, daß seiner Gemeinde der grobkörnige Luther nicht erspart bleibe, der denn auch gleich nach Normanns Predigt in der Person des hohen Würdenträgers eines Bischofs der evangelischen Landeskirche die Kanzel ausfüllte. Da donnerte es denn Wehe und Höllenglut, als schlüge aufs neue der Blitz in den Turm. Die Gemeinde ließ es ergeben geschehen; sie wußte, daß der Herr Bischof es nicht so böse meine, daß er die Friedenssonne wieder scheinen lassen werde. Zum Schluß säuselten denn auch mildere Lüfte, und eine ganze Menge Tauben kehrten mit einem richtigen Olivenhain zurück.

Bei dem Verlassen des Gotteshauses teilte sich der Strom in drei Flüsse, die im wesentlichen den drei Dörfergruppen: Wester-, Oster- und Süderkog des Kirchspiels entsprachen. Jede Gruppe hielt sich bei Jahrmärkten und anderen mit Tanz verbundenen Festlichkeiten an ein bestimmtes Lokal. Die Kirchgänger beschleunigten ihre Schritte, es galt zunächst, dem Magen sein Recht zuteil werden zu lassen. Lange wird es nicht dauern, dann locken rechts und links schmetternde Hörner, locken sanfte Geigen und fröhliche Klarinetten zum lustigen, frommen Walzer.

Rudolf war der Feier und Predigt nur mit einem Bruchteil seiner Gedanken gefolgt. Sein Herz war anderswo. Nachdem er Sophiens Kleid in der Menge gesehen hatte, machten Freude und Erwartung ihn mehr erzittern als das Grausen bei den halsbrecherischen Künsten des Meisters vom Turm. In der Kirche war, als seine Freundin sich im Frauenstand niederließ, für Andacht wenig Raum. Jetzt wußte er, daß sie seiner Einladung zu folgen im Begriff sei.

»Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib! Wer ein Weib anstehet, ihrer zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen!«

Der Redner im Priesterrock berücksichtigte alle Sünden und böse Lüste, hatte aber die schärfste Geißel für die Geschlechtsliebe und wollte sie, wenn man ihn beim Wort nahm, ganz ertöten. Aber Rudolf dachte daran, daß der geistliche Würdenträger glücklicher Gatte sei; da sah er Öl in die empörten Wogen fließen.

Von der Kanzel aber brauste es weiter, und unter ihr sündigte Rudolf eine liebe, süße Sünde.

Sie war ihm nahe – nicht lange, und er wird ihre Hände küssen. Er wollte sie wieder lächeln machen – es tat not, sie hatte so bleich gesehen und so verhärmt.

Für Rudolf gab es eine eigentliche Schuld nicht, er hielt die Meinung der Menschen, daß sie frei handelten, für eine irrige – er konnte das, was wir Gewissensbisse nennen, abstoßen.

Die dunkle, blasse Frau dagegen, die scheinbar so ruhig im Weiberstand saß, innerlich aber so schweren Kampf bestand, war im Grunde ihres Herzens eine kleine Egoistin, in dem Sinne, wie es auch der Beste ist. Sie war im frommen, orthodoxen Glauben der Kirche erzogen, und wenn auch hier und da Zweifel an ihre Seele gepocht hatten: an dem großen Weltgericht, dem Lohn der Gerechten, der Bestrafung der Ungerechten, hielt sie fest. Und die Sehnsucht, dereinst den Kindern Gottes zugezählt zu werden, verließ sie keinen Augenblick. Hierfür war sie bereit, zu dulden. Der Tod hatte nichts Schreckliches für sie, er zeigte vielmehr die milden Züge eines Erlösers, jenseits des schwarzen Tors bliesen Posaunenengel die Freude Gottes ein.

So dachte sie. Sie wollte keine neue Schuld auf sich laden und wollte doch gern dem nahe sein, dem ihr Herz gehörte. Den auf sie einstürmenden Beweggründen stand sie tapfer auf der Bresche. Eigentlich wollte sie nicht hin. Eigentlich!

Sie fand sich aber im Hinrichsenschen Redder ein.

4

Im Kirchdorf gab es einen Ziehharmonikamusikus, der Blohm hieß und Blümchen genannt wurde, für gewöhnlich schneiderte, aber die Musik im Nebengewerbe betrieb. Er war ein kleiner, buckliger Mann mit klugen, blauen Kinderaugen. Wenn Jahrmarkt war, dann saß er vor Heinrich Otts Haus und spielte, ging auch mal umher, kehrte aber immer wieder nach seinem roten, gedrehten Holzstuhl, den er vor Heinrich Otts Haus hingestellt hatte, zurück.

So tat er auch jetzt. Seine Lieder flogen wie Mariengarn und Distelsamen um Giebel und Erker, über die Häuser und Gärten hinweg. Man brauchte ihn selbst nicht zu sehen, die Harmonika hatte es so an sich, in den Äther zu heben, man brauchte nur Blümchens Harmonika zu hören: »Steh ich am Eisengitter« oder eine andere seiner schwermütigen Weisen, dann wußte man gleich: in Siethfelde ist was los.

Den Kindern, die sich im Lindenschatten drehten, schenkte er seine Musik umsonst, im übrigen erwartete er von gutdenkenden, harmonikaliebenden, fröhlichen Leuten eine kleine Beisteuer.

Blümchen, das Mohrsche Kuchenzelt und dann der Aaljohann, der geschmorte Sachen an der Kirchhofspforte ausbot – wenn die nicht gewesen wären, dann hätte Siethfelde schon, als die Sonne noch hoch stand, kaum was Besonderes an sich gehabt.

Aber halt! Die Fenster der Tanzböden waren geöffnet, von dort drang Geschwärm und Gejohle. Am schlimmsten war es bei Wulff, da war der Handewitter Jäger Mittelpunkt. Er rieb sich an Pastor und Kirchspielvogt: so was kühn Geistreiches war in Siethfelde noch nicht verbrochen worden, da fielen die Lachsalven zuweilen dröhnend, zuweilen schmetternd, immer laut auf die Straße.

Als die Dämmerung kam, gingen und fuhren die meisten Leute nach Haus. Das Kuchenzelt wurde abgebrochen, der Aalmann packte seine Waren, Blümchen hörte man auch nicht mehr. Es wogte nur noch von den Tanzsälen her.

Und als um zehn Uhr der Mond aufgegangen war, sah man in den Gassen kaum einen Menschen. Nur in den Ecken … standen die üblichen Paare.

Da kam die Landstraße vom Dorfe Grauel her ein einsamer Mann. Er war lang und langbeinig, der Schritt nicht alt, nicht steif, nur müde, wie vom langen Gehen. Der Mann war Rudolf Schmidt.

Der Schulmeister von Handewitt? – Woher?

Nach seiner Zusammenkunft mit Frau Sophie war sie mit dem Wagen ihres Nachbarn heimgekehrt, Rudolf aber hatte sich entschlossen, einen langen Spaziergang zu machen und dabei auf Umwegen nach Handewitt zurückzukehren. Er war aber in der Irre gegangen, stundenlang war er umhergelaufen, war schon müde und abgespannt, als er wenigstens wieder auf den Kirchort stieß. Nun war er dessen froh und beschloß, in einem Gasthaus Unterschlupf zu suchen.

Er wählte den ›Springenden Hirsch‹.

Der ›Springende Hirsch‹ war eigentlich kein Tanzlokal, sondern Sammelplatz ruhiger Leute. Heute aber hörte Rudolf, als er über die Schwelle schritt, nicht ohne Verdruß Töne, wie Musik. Die große Wohnstube fand er ausgeräumt, es war auch hier für ein Tänzchen Raum gemacht worden. Und schon bewegte sich darin der fröhliche Reigen nach Blümchens Ziehharmonika.

Blümchen saß in der Ecke und zog mit großer Hingebung an seinem Ungetüm, die Tänzer drehten sich ohne viel Lärm, Rudolf stand in der Tür, sah zu, und es schwand sein Verdruß.

Die Zärtlichkeit, womit Blümchen sein Instrument behandelte, die Willigkeit, mit der es seine Töne hergab, der Zug sich gleichsam entschuldigenden Triumphs um des Schneiders schmale Lippen, wenn alles ihm zu Willen war – Rudolf sah und sah, obgleich er recht müde war, sich nicht satt.

Am Flur gegenüber im Gastzimmer war man bei Bier und Kartenspiel, nicht alle nüchtern, aber keiner zu schlimm betrunken. Ein Wachtmeister stützte sich auf sein blinkendes Wehrgehenk, stand an der Tonbank und tat mit dem Schenkmädchen schön.

Die Wirtsfrau hatte für ihren späten Gast nur ein kleines Gemach neben der Tanzstube. Rudolf war damit zufrieden: er hatte die Gabe, wenn er müde war, überall schlafen zu können. Von der Tanzgesellschaft trennte ihn nur eine dünne Wand; es klang wie ein Wiegenlied zu ihm her, er freute sich, die Glieder lösten sich, er war sicher, bald einzuschlafen, und froh, noch ein Weilchen zuhören zu können.

Das Register war klein, Blümchen spielte immer denselben Walzer. Aber der wogte zu Rudolf wie aus Morgengesängen seliger Geister, er überredete seine Seele zum Flug, und Rudolf flog gern … Ein rührender Aufschwung, drei machtvolle Züge … schluchzende, freudeschluchzende, zur Himmelfahrt zwingende Töne, Unschuldsengel, den Takt mit den Flügeln schlagend … darauf ein derber, gutmütig spaßender, zur Erde niederziehender, den Flieger im Sand zurücklassender Baß.

Pausen gab Blümchen nicht viel. Sobald er die erste Note aus dem Blasebalg zog, hörte das Summen und Plaudern auf. Schritte (die Tänzer wählten) und dann die schurrende, schleifende, dem Hüonschen Zauberhifthorn gehorsame Gesellschaft.

Der Schulmeister war im Begriff einzuschlafen. Die Füße der Tänzer wurden Trippelschritte eines Tausendfüßlers, dann Sprünge eines Krokodils. Und tiefer sank der Schläfer, wohin keine Ziehharmonika und kein Tanzschritt reichte.

Nacht … Eine weite Ebene … Brennende Sterne … der Himmel grünlich-schwarz, von fliegendem Funkengeschwärm durchzogen … Am Rande der Welt ein Flammenmeer … Das war Rom … Rudolf Schmidt war Nero … er hatte den Brand angefacht, er freute sich seiner Tat.

Nein, es war nicht Rom, sondern Birkenrade; er hatte es nicht getan, er freute sich nicht, er war zum Tode betrübt … Klitsch, klatsch! – Der Wind trugs ihm zu. So klingt es, wenn die Geißel auf einen nackten Körper fällt.

Und sieh, und sieh!

Da kommt sie, die geschlagen wird.

Die Hände auf dem Rücken, das dunkle Haar auf die Büste fallend, vornübergeneigt, wortlos … so zog sie an ihm vorüber. Und hinter ihr ein strenges Frauenbild … härenes Gewand… tiefgefurchte Züge… die Lederriemen mit knöcherner Faust auf den nackten Leib und mit jedem Schlag einen Vers wuchtend:

Ich bin die Schuld, Und das ist meine Liebe. Zu strafen bin ich hergesandt, Der Hölle Qual zu lindern ist mein Amt. Ich bin die Schuld, Und das ist meine Liebe.

Rudolf Schmidt kannte die Geschlagene.

Er fing an, wach zu werden, er fühlte, daß er träume, die Schläge nahmen dumpfe Klangfarbe an … Rudolf richtete sich im Bett auf. Klang das nicht wie Faustschläge auf die Tischplatte?

Er war wach geworden, er wußte, wo er war, er horchte. Im Nebenzimmer tobte Zank, tobte Lärm … andere Leute, als Blümchen und sein Volk.

Laute Stimmen … eine lärmende, rücksichtslose … Lallen eines anderen, eines Trunkenen, der seine Zunge nicht in der Gewalt hatte… Rede, Gegenrede.

… Junker Jäger.

Der Rücksichtslose schlug in den Tisch. »Bist ein schlechter Kerl, wenn du nicht mit mir Brüderschaft trinkst!«

Der Jäger setzte etwas auseinander. Alles lachte… der Rücksichtslose am lautesten.

»So ists recht, Bruder! Wir gehören zusammen, und wenn deine Frau auch zehnmal eine Gräfin ist«.

Zorniges Schäumen und Würgen, und dazwischen der Rücksichtslose:

»Was? – Was sagst du? – Was willst du? Junge, ich rate dir! – Junge, nimm deinen Fuß weg! – Meinst, ich hab die Stiefel gestohlen? Zwei Schritt vom Leibe, sonst gibts was! Verstehst mich? – Willst mir den Mund verbieten, verbieten von deiner Frau zu sprechen? – Ich hab sie gesehen, ich mag sie leiden, hat was Gräfliches, ist auch ja beim Grafen gewesen.«

Stimmengefecht: ein Verständiger … ein Aufreizender.

Der Verständige: »Still, sag ich, du siehst doch, daß er sich nicht kennt.«

Der Aufreizende: »Warum sollen die Siethfelder immer still sein? Laß die Handewitter das Maul doch auch halten!«

»Seid man ganz ruhig«, überschrie der Rücksichtslose die Verständigen und die Unverständigen, »den möcht ich sehen, der mir den Mund stopft. Hör mal zu, Jäger, will dir was erzählen … Mit mir hats keine Not, ich seh sie nur an, davon leidet sie nicht, bin ihr auch viel zu grob. Aber andere, da bleibts nicht beim Ansehen …«

Tumult … Zischen … Wutschnauben … Beschwichtigung … Aufhetzen.

»Er soll den Mund halten!« befahl die energische, die verständige Stimme. »Man sieht doch, er macht ihn unklug. Er kriegt den Schlag, oder es gibt anderes Unglück.«

»Der?«

Getöse.

Der Rücksichtslose drohend, in schäumender Wut: »Diese Faust fährt jedem in die Fresse, der mir den Mund verbietet. Hör zu, Jäger, dich gehts an! – Ich hatte die Pferde weggebracht nach unsrer Buschkoppel an Hinrichsens Redder. Da höre ich was … Ich denk, was ist? Hin, ganz leise, … guck durch den Knick… was seh ich? Haha, haha, was seh ich? – Ich muß lachen. Soll ich sagen, wer da war? Deine Frau wars und nicht allein. Hatte einen guten Freund bei sich. Junge, Junge, ich sage dir, die konntens, die waren zärtlich. Küssen, daß mans durch den Knick hörte. Und was wars für einer? Ein Langer, Hab ihn mal gesehen, wird ein Schulmeister oder so was sein. Schwarzer Schlapphut, graue Hosen, Sommersprossen, Haare wie meines Bauern Gelber«.

Ein Schrei unterbrach ihn, kein menschlicher: das Brüllen eines Tieres – Stoßen, Balgen, Drängen – ein Tisch wird umgestoßen, ein Flaschengericht bricht zusammen.

Darauf Schurren eines Schleppsäbels und die Kommandostimme des Wachtmeisters, den Lärm zur tiefen Stille niederwuchtend: »Im Namen des Gesetzes! Sie sind verhaftet, kommen Sie! … Wie? … Was sagen Sie… ich soll nicht wagen?«

Schläge…Ringkampf … Stöhnen. Ein Körper fällt schwer zu Boden.

»Bindet ihn«, befiehlt die Obrigkeit, »und dann mit ihm nach Nummer Sicher.«

5

Am folgenden Morgen wurde der Jäger nach Aufnahme polizeilicher Vernehmungen entlassen und traf gleich darauf in Birkenrade ein.

Rudolf war um die Sicherheit der Geliebten besorgt und bot sich als Wächter an. Es war ein unzweckmäßiger Vorschlag, Sophie lehnte ihn auch ab.

»Um Gotteswillen nicht«, schrieb sie. »Das könnte das Unglück herbeiführen, was deine Liebe verhindern will. Nein, von deiner Seite nichts unternehmen, darum bitte ich dich dringend. Ich kenne ihn, für die nächsten Tage folgt nach der Aufregung Niedergeschlagenheit, da bin ich sicher. Ich habe an Ohm geschrieben, übermorgen reise ich mit Kurt dahin.«

6

Frau Sophie suchte früh die Ruhe auf, auch das Gesinde ging zu Bett. Das Abendrot brannte noch am Himmel, und schon schnarchte es rechts und links in Verschlag und Kammer.

Die letzte Feuergarbe des untergegangenen Tagesgestirnes verglomm wie Weltenbrand am Horizont; aus Wiese und Wald schlich auf leisen Zehen die Nacht herbei und umstellte den einsamen Hof.

Aus dem Halbmond des Dachfensters schlüpfte eine gelbgefleckte Katze, schwang sich in die über das Dach gebreitete Linde, kletterte mit gewandter Pfote an Ast und Stamm zur Erde und verschwand auf Samtschuhen im Wald, im Dornbusch ein Rotkehlchen zu beschleichen. Dort hing der Räuber im Gezweige, die Krallen zum Griff bereit.

Derweilen schlich im Hause der Wahnsinn. Das tappte vom Anbau her, wo der wilde Jäger hauste, das schlich auf unhörbaren Sohlen.

Der Wahnsinn wars, ein sein Vorhaben erwägender, die Mittel sichtender und sondernder Wahnsinn, in seinem Gehege vernünftig wie der gesunde Verstand.

Der Jäger ging im eigenen Hause wie ein Räuber um, es flimmerte ihm vor den Augen, in den Ecken webten Schatten.

Drückte sich was in dem Winkel? … Kamen Geräusche aus Kammer und Stall? … Regte sich was?

So schoß es durch das Gehirn des Narren. Die Besorgnis, ein Vorhaben möchte mißlingen, ist bei keinem größer, als bei Verbrechern und Narren.

Es war aber nichts, kein Grund zur Besorgnis: Schläfer warens, die ein zweckloser Traum äffte. Ein Knecht mähte stöhnend im grünen Gras, die Sense stieß auf Kieferstämme. Den Dienstjungen begleitete das kreischende Pfluggestell die Furche hinauf, die Furche hinab – alles im Traum, immer im Traum. – »Brr!« Das Schnarchen hörte auf. »Hü!« Da setzte es wieder ein. Eine Bettstatt erkrachte, der Schläfer legte sich auf die andere Seite.

Der Wahnsinnige tappte weiter die Diele entlang an den Pferdeställen vorbei, durch den Vorflur.

Die Zimmertür bewegte sich in den Angeln. Schrill und scharf klangs hinein in den Raum, heraus nach der Tenne, an der Balkendecke entlang, durch die Bodenluke hinauf, verhallend im Sparrenwerk und Dachstuhl.

Dem Wahnsinnigen klopfte das Herz.

7

Feuer! Feuer!… Im Dorf, zumal bei Nacht, ist es ein Schreckensruf – Birkenrade brennt!…

Bei Birkenrade ist der Horizont rot… Man rannte hin, man fand: – die Einzelheiten wühlten alle Gemüter auf.

Verbrechen über Verbrechen! Brandstiftung, Totschlag, Mord!

Den Kleinen hatte man bei Ausbruch des Feuers in seinem Bett tot aufgefunden. Der Schädel war ihm eingeschlagen. So glimpflich hatte man mit der Mutter nicht verfahren wollen; unter ihrem Bett fand man den Herd des angelegten Brandes. Ein Wunder war es zu nennen, daß sie nicht in Qualm und Rauch erstickt war. Ihr Jammer hatte das Krachen des stürzenden Gebälks, des polternden Mauerwerks übertönt. Da war der entsetzliche Jäger erschienen, schmutzig, trunken, singend.

Er hatte die Gruppe der Leute umkreist und war in die Nacht, die ihn ausgespieen, zurückgetaucht.

Am folgenden Tage waren Polizei und Justiz zur Stelle, der Gensdarm mit großem Schleppsäbel, der Polizeirichter mit seinem Sekretär, der Staatsanwalt, der den goldenen Klemmer nicht von der Hakennase ließ. Es gab aber nichts mehr zu richten; den armen Wahnsinnigen zog man tot aus dem Brückengraben.

Sophie war im Nachbarhause, sie hatte keine Träne, sie konnte nur mit trockenen Augen grübeln und brüten.

›Er hat mein Kind erschlagen, er hatte ein Recht dazu. Es war ein erlogenes Kind, als es auf seinen Namen getauft wurde; er tötete die ihm aufgedrungene Frucht der Sünde. Das ist recht und in Ordnung. Ich habe sein Leben gebrochen, seine Jugend vergiftet, ich habe ihm nicht einmal die Liebe und auch nicht die Treue bewahrt. Dafür tötet er mich. Auch das ist recht!‹

Sie wollte ihrem Leben ein Ende machen. Vor einem Glück an Rudolfs Seite erschrak sie jetzt, jeder Tag wäre Erinnerung an ihre Schuld gewesen.

Ihr Kind war nicht mehr, was hielt sie zurück? … Eines nur war noch zu überwinden. Es lag ihr die Stimme der Kirche im Ohr: du sollst nicht! Alle Sünden kann man bereuen, diese nicht. Es ist die größte Sünde…

Es flog ihr viel durch den Sinn … in ihrer Not wurde die Arme zur Sophistin an ihrem Glauben. Sie machte dem lieben Gott vorstellig, es sei doch nur ein Fehler in der Form, und bat ihn, ein Auge zuzudrücken. Konnte sie nicht vor der Tat durch ihr inbrünstiges, vor seinen Thron gebrachtes Gebet die Buße tun? Daran klammerte sich die Hoffnung einer armen Seele, die um ihr Heil bangte und zagte. Sie rang im Gebet mit ihrem ewigen Vater, ja, sie nötigte seinem milden Lächeln (sie sah das Lächeln, das die Gewißheit der ewigen Seligkeit in ihre sterbensfrohe Seele goß), sie nötigte dem heiter und milde lächelnden ewigen Vater im heißen Flehen die Versicherung ab, er wolle dies eine mal zu ihren Gunsten eine Ausnahme machen, freilich unter dem Vorbehalt (dem Himmelspförtner diktierte er die Anweisung in die Feder), daß sich in Zukunft niemand auf diesen Präzedenzfall solle berufen können, er selbst wolle von Fall zu Fall entscheiden.

Nun war sie bereit zu sterben, dahin zu gehen, wo man die Gerechten mit der Krone des ewigen Lebens schmückt, den Traurigen die Tränen trocknet, wo wir die Hände derer drücken, die uns lieb und teuer gewesen sind, wo wir wieder an der Mutterbrust schluchzen, weinen und jauchzen dürfen wie dereinst, als wir noch nicht Böses und Gutes unterschieden.

Sterben? Das Dasein abwerfen, ohne ein Zeichen der Liebe für ihn?

Auf ihrer Stirn lag Verklärung, als sie sich zum Schreiben niederließ. Und Siegesgesang durchbrauste die Abschiedszeilen, die sie für ihren geliebten Freund Rudolf Schmidt, den Schulmeister von Handewitt, hinterließ.

8

Mondlicht lag auf der weißen Firn der Dünenkette, als die Gräfin von Birkenrade die vom Winde verschüttete, tiefsandige Wagenspur, die sich durch das Dünengebirge wand, durchwatete.

Die Glocke des neuen Turmes von Siethfelde hatte in zwölf dumpfen Schlägen die Mitternachtstunde verkündet (der Klang war andeutungsweise in der klaren Mondnacht herübergezittert), als sie unbemerkt die Wohnung verlassen hatte und mit behutsamen Schritten durch die Ortschaft gewandert war. Wo Steinpflaster bei den Gehöften den weichen Wegboden unterbrochen, hatte sie ihre Schritte nach Möglichkeit gedämpft und sie war unbemerkt vorübergeglitten. Einige Male hatten Hunde angeschlagen und an der Kette gezerrt. Bei Peter Kölln war das Fenster erklungen, eine Zipfelmütze an der Fensterbrüstung erschienen: »Kusch di, Hektor, wat tierst di?«

Bald lag die letzte menschliche Wohnung hinter ihr. Es war eine einsame Kate am Heideweg, der zur Düne leitete. Dort wohnte der Weise des Dorfes, Kaspar Schulz, dessen kaustischer Humor sie erfreut hatte.

Mannslist ist behend,
Frugenslist awer ohn End –

so klang es noch vom Nieburbeer her in ihrem Ohr.

Mit entscheidenden Schicksalswendungen verbinden sich kleine, kriechende Gedanken. So gedachte die Gräfin wunderlicherweise auf ihrem letzten Gang der Sinnsprüche des Kaspar vor seinem Hause. Ihr Auge umfaßte die vom Zwielicht des Mondes umflorte ärmliche Wohnung, die Esse, die blinkenden Fenster, sie gaben Zeugnis, daß auch dieses Heim Vertreter der Welt umfriede, in der sie so lange gelebt hatte.

Für einen Augenblick fühlte sie sich ermüdet. So rastete sie am Schlagbaum der Koppel. Kaum wagte sie ihre Augen von dem Frieden, dem letzten irdischen, den ihr Auge sah, zu lösen. Ein langer Scheidegruß, den Handewitt empfing.

Vorbei!

Sie war in der Welt der Dünen.

Eine lange, gleißende, im steten Winde reisefertige Bergkette. Blaßgrüner Sandhafer, der binsengleich emporgerichtet ist, oder Büscheln vergleichbar in langen Strähnen herabfällt, hat Mühe und Not, das Gebirge vor den Stößen des Westwindes dort festzuhalten, wo ein verschollenes Meer es aufgewühlt hat. Hier also hauste der Dünengeist, das kleine Männchen in erdfarbenem Rock und hohen Sandstiefeln, die grünen, funkelnden Nixaugen in tiefen Höhlen des faltenreichen Gnomengesichts. Sandhafer wächst auf unförmigem Schädel und umrahmt weich herabwallend das launig gekniffene Kinn.

Das alles flog durch ihre Seele, ohne den Reiz des Grauens. Wer den Fuß ins Leere zu setzen entschlossen ist, der ist vor Schauder gefeit. Und an der Biegung der vor ihr dämmernden Wegwindung erwartete sie der Dünengeist in eigener Person, und nichts schien ihr natürlicher als das. Das faltige, starre Borstengesicht, das grüne Auge, sie sah es genau. Und ohne Furcht näherte sie sich der Erscheinung. Die stützte sich auf einen soliden Wanderknotenstock und bewegte die Hand zum Gruße. Was war da zu verwundern? Hatte doch der Gnom, der Sage nach, das ganze Dorf unterwühlt und unter jedem Hause sein Lauscherplätzchen. So kannte er jeden Dorfseingesessenen genau.

Aber im Weitergehen löste sich alles vor ihren Augen auf. Das Binsenhaar wuchs als steifer Hafer am Rande des Hügels, und darunter strähnte der lange Büschel des Barts. Im reichlichen Regengeriesel der Dünenwandung leuchtete und schattete der trügerische Mond.

Sie schritt vorüber, wie ein Wanderer, der einer langen Tagereise gedenkt. Aber neben sich hörte sie den unsichtbaren Schritt des Gespenstes. Und als sie das Vorland hinter dem Gebirge durchmaß, der Salzflut entgegen, deren Brise über die Weiden strich, vernahm sie die Stimme des Geistes – ein tiefes, wohlklingendes, mildes Organ.

Er beglückwünschte sich zu der Begleitung, denn auch ihn treibe die Sehnsucht nach dem ewigen Meer. Im Nebel versuchte er, sich zu zeigen. Aber es war nicht mehr der Dünengeist, die Todbereite sah ihr verklärtes Selbst. Für einen Augenblick … dann nahm der Morgenstreif den Nebel hinweg.

Am Strande wartete sie, bis die Sonne erschien.

Und als das Tagesgestirn Morgenrot und Nebel durchbrach, beleuchtete es ein wogendes, brausendes, unendliches Meer. Sonnenpfeile jagten die Wassernebel von den Sandbänken hinaus zur schaumspritzenden Flut. Dort schaukelten Schwärme von Möven, und am Horizont tummelte ein Volk behender Delphine.

Die uferlose Unendlichkeit vor sich, schritt sie mutig in den Tod. Die Wellen ergossen sich über ihren Fuß, umschlossen stürmischer Leib und Brust. Und als die Flut Brust und Herz umschmeichelte, watete sie mit erhobenen Armen zur Freiheit hinan. Eine große, grüne Woge mit weißer Krone nahm sie hinweg, überschlug sich in Schaumspritzen und Entzücken, und herzte und wiegte und schaukelte den köstlichen Fund.

Das Meer ließ sie lebend nicht mehr. Wogen und Wellen wälzten heran, hoben die tote Gräfin auf grünliche, schäumende Gipfel und versenkten sie tief in rauschende Flut. Sie schleuderten sie auf weiche Sandbänke und zogen sie langsam zurück ins gähnende Meer.

Auf bunten Muscheln und wellenartig geripptem Sand ließen sie sie. Eine weiße Schaumflut staute noch einmal zurück und warf sich über das bleiche Gesicht. Aber schon grollte das gurgelnde Meer, rief die Wasser zurück und zog den Atem ein.

9

Mein lieber Friedrich! Freund Hein, der alte Sichelmann, hat um mich herum so gründlich aufgeräumt, ich habe so oft seine Bekanntschaft machen müssen, daß ich ihn füglich zu meinen Freunden rechnen darf. Im Traum sehe ich ihn oft, und stets ist er bereit, seine Gestalt zu wandeln und zu wechseln. Ich sehe ihn als ernsten Bootsmann, die Sturmhaube auf wettergebräunter Stirn, wie er den Nachen vom Lande stößt, als blasenden, mit flotter Hahnenfeder geschmückten Postillon, der mit gelassener Hand feurige Rosse zügelt, als Hofarzt und bebrillten Geheimrat, der uns das ewige Schlafmittel verschreibt und den Streusand über sein Rezept schüttet. Niemals aber sah ich das klappernde Knochengerippe, womit man die großen Menschenkinder schreckt.

Stets hat er für mich einen freundlichen Gruß, und wenn ichs recht verstehe, so bedeutet das Nicken: Geduld, lieber Freund, vorderhand habe ich noch andere Passagiere. Aber dereinst wirst auch du mit mir die Reise in die ewigen Weidegründe antreten; dann darfst du deine Lämmer in Frieden hüten.

Du hast jetzt alles gelesen, was ich aufschrieb, ich teilte Dir auch das Trauerspiel von Birkenrade ausführlich mit. Meine Sophie fanden wir am Strand, ihr Antlitz gab Zeugnis von dem Frieden, mit dem sie dahingegangen war. Fast ergrimmte ich über die melancholischen Möven, deren Klagelieder der Wind zerfaserte.

Die Verblichene ruht an der Seite ihres Kindes, und nicht weit davon schläft der tolle Jäger – in Frieden. Die Friedensglocken des neuen Turmes taten ihr Bestes, die Kirche sprach ihren Segen über die Gräber; wir Zurückgebliebenen weinten ihr das Herzeleid nach, womit wir Menschen unsern eigenen Schmerz so gern beklagen.

Ein stilles Wäldchen umrahmt den Friedhof, und fröhliche grüne Buchen beschatten das Grab meiner Freundin und eine benachbarte stille Gruft. Von diesem Grabe habe ich nur ein Wort zu sagen: dort ruht – meine Mutter. So weiß ich denn auf engstem Raume, was mir lieb und teuer war.

Es ist mir, lieber Freund, nicht leicht geworden, mein sicheres Gefühl der Verantwortungslosigkeit wiederzugewinnen. Ich habe Dir nichts verhehlt. Du weißt, wie es um mich stand, was ich verloren habe. Du kannst beurteilen, inwieweit ich mich, sozusagen, schuldig gemacht habe. Lange, lange Zeit hindurch wollte ich mich, der Rahel des Evangelisten gleich, nicht trösten lassen, die Pflege meines Schmerzes und meines Schuldgefühls war mein Lebenszweck, war meine Freude.

Aber ich habe es überwunden, die alte Weltanschauung ist wieder mein eigen. Anfangs kam sie als schlichter und schlecht empfangener Gast, dem man den Platz am Herde versagt, dann kämpfte sie mit den Eindringlingen um die Herrschaft, endlich trieb sie Schuld und Reue mit Geißelhieben zum Tor hinaus.

So ist es mir gelungen, das Gedächtnis der Verstorbenen über eine Stimmung hinweg zu heben, die in dem Gleichnis dieser Welt befangen blieb. Wandele ich auch noch in dem Lichte irdischer Sonnen, so bin ich mir doch schon meines von Raum und Zeit losgelösten Wesens halb und halb bewußt. So rechne ich denn das Bewußtsein der Wesenseinheit mit ihr zu meinen stillen Freuden.

Ich entdeckte in mir Neigungen, die ich mit besserer Einsicht abzulegen hoffen darf. Selbst wenn die Wahl meines Charakters auf meine Rechnung zu stellen sein sollte, lebe ich der Zuversicht, einen Durchschnittszug getan zu haben, kann daher eine in dem allgemeinen menschlichen Los nicht beruhende besondere Veranlassung zu Vorwürfen nicht ermitteln.

Da entspreche ich denn auch Deinem Wunsche, mich der Welt wiederzugeben. Aber auch das ist für mich eine Begebenheit, die mir nicht mehr und nicht weniger zu Gunsten oder zu Lasten zu schreiben ist als die Eroberung Galliens durch Julius Cäsar. Der Gewinn meines hiesigen Aufenthalts soll mir nicht verloren sein. Und vielleicht zwingt mich doch noch einmal die Sehnsucht, zurückzukehren zu der herzlichen Freude, die Natur und Menschen mir gewährten. Danke ichs doch ihrem stillen Frieden, daß ich es vermochte, meine nach allen Richtungen der Windrose auseinandergehenden Neigungen zu sammeln.

Es ist ein bescheidenes Pfund, das mir gegeben, aber nicht länger will ich mich dem Befehl, damit nach Kräften zu wuchern, widersetzen.

Während Du diese Epistel liesest, rase ich auf dem Schienenstrang zu Dir. Und wenn Du das Gelesene überdenkst, schurren vielleicht schon meine Handewitter Bauernstiefel über die Treppenläufer, die in die elegante Wohnung des Professors führen.

Horch, schon klopfts!

Dreist und sicher, Naturbursche, ein bißchen zu sehr vielleicht, umarmt Dich

Rudolf, der mal Schulmeister von Handewitt war.

