Der Einzige und seine Liebe

1

Ein Liedchen summt in uns nach, das wir einstmal von dem himmelhochjauchzenden Glück eines Schneidergesellen sangen. ›Glück und Glas, wie leicht bricht das!‹ Wie wurde es mit dem Glück unseres Schneiders?

Sie war des Kätners Harder Rickers Tochter und hieß Katrien oder Tine und wohnte gleich an Meister Eggerts Garten unter einem niedrigen Dach, die Tür hinter stark verholzten Johannisbeerbüschen. Als dreizehnjähriger Junge hatte er sie gesehen (sie war damals ein sehr kleines und sehr lustiges Mädchen gewesen), als eben freigesprochener junger Geselle hatte er sie wiedergetroffen und die Bekanntschaft erneuert. Frau Meister hatte einen Topf mit Honig zu Harders hinüberschicken wollen, und er hatte den Topf hinübergetragen. Topf und Herz hatte er in der Rauchkate zurückgelassen, Tines Liebe aber mitgenommen.

 

Verliebte sind Egoisten. Reimer war verliebt und dachte nur an seine Braut, an sich und sein Glück.

Alte und junge Leute starben, Kinder wurden geboren. Es war wie immer: Fallholz und morsche Stämme, junger Auftrieb. Reimer aber kümmerte sich nicht um fremdes Leid und nahm nicht Teil an fremder Freude. Freund Hein machte in der Nachbarschaft Besuch, holte den alten Boldt aus dem warmen Nest, Reimer war im Sarggefolge, dachte aber dabei wenig an Tod und Unsterblichkeit, dachte nicht einmal viel an das, was der Pastor sagte – er dachte an Tine.

Ein heftiger Sturm kam auf und brach von Maaßens Windmühle einen Flügel ab; die Trümmer hätten bald den Müllergesellen erschlagen, das Gerücht lief rasch wie der Wind durch den Ort, viele eilten hin, Reimer aber nicht. Er gab nur auf Meister Rickers Haus acht, wohnte doch unter diesem Dach seine Tine. Der Wind hatte eine Stelle im Strohdach zergeigt, Reimer stieg in Graus und Sturm hinauf, schleppte eine Egge am Tau mit, band sie auf der schadhaften Stelle fest und beschwerte den Verband mit einem großen Stein. Tine stand mit wehendem Haar und flatternder Schürze, hielt die Leiter mit beiden Händen und zitterte und bat. »Reimer, ik mag gar ni sehn«, sagte sie, wandte dabei aber keinen Blick von ihrem Liebsten.

Reimer lebte nur in seiner Liebe.

Alle Leute schlugen die Hände über den Kopf zusammen: Peter, der ehrliche Peter Ranck hatte Papiere gefälscht und ... saß. Reimer hatte ihn, wenn auch nur flüchtig, gekannt; ihn kümmerte das Kapitalverbrechen des Orts keinen Deut.

Krischan Jakob Meier hatte sein Holzgeschäft verkauft, der Käufer sollte aus der Gegend des Orts stammen, man sprach davon, daß Krischan Jakob einen unmenschlichen Preis erhalte, man klagte, wie alles so teuer werde, daß es gar nicht mehr angehen könne. Reimer hörte nicht darauf; er saß, wenn er Zeit hatte, bei seiner Braut, leistete ihr, wo es ging, Gesellschaft und war nur in ihrer Nähe ein Mensch.

Jawohl, Verliebte sind Egoisten, und Reimer Stieper hatte das Recht, egoistisch zu sein. Vor der Hand wollte die Glücksgöttin ihm nämlich nur wenig von ihrem süßen Trank einschenken (einen Tassenkopf voll, schätzen wir), und Reimer wußte es. Nach dem Ratschluß von Harder Rickers mußte er nämlich (je eher, je lieber) auf Wanderschaft, wie es die Zunftgesetze noch um die Mitte des vorigen Jahrhunderts vorschrieben, und erst nach Rückkehr und nach Ablegung der Meisterprüfung stand die Hochzeit in Aussicht. Und deshalb durfte er in der knappen Zeit, wo er aus dem Tassenkopf schlürfte, an nichts anderes denken als an Tine und an sein Glück, soweit das überhaupt noch Glück genannt werden konnte, was einstweilen auf eine so kurze Zeit bemessen war. So lange durfte er wenigstens bei ihr sein, so oft es ging.

 

Eines Abends ... Er trat, wie gewöhnlich, bei Meister Rickers in die Stube, Dämmerung fiel in den Raum, da saß der Schatten eines Mannes, mit dem der Meister sprach, auf einem Stuhl. Der Unbekannte unterhielt sich über ein Holzgeschäft, denn auch Harder Rickers kaufte als Zimmermann ab und zu einen Stamm. Mit der Vorstellung seiner Gäste hat der kleine Mann es ja nicht eilig; aus den Reden aber entnahm Reimer Stieper, daß der Käufer von Krischan Jakobs Holzhandel auf dem Stuhl saß. Reimer wußte nicht genau, was ... aber der hoch- und plattdeutsch sprechende Fremde hatte in seiner Rede, in seiner sicheren Freiheit, sich zu geben, in einer Haltung etwas an sich, das ihm bekannt vorkam, das ihn an jemand erinnerte – er wußte nur nicht, an wen. Da trat Tine mit Licht ein, und Reimer fuhr überrascht von seinem Sitz auf. Der große, breite, blonde, städtisch gekleidete, so selbstzufrieden und so energisch auf Harders Lehnstuhl hingepflanzte Mann war ebenso überrascht. »Reimerchen?« – »Jochen Riese?« – kam es fast gleichzeitig von ihren Lippen.

»Du, Reimerchen?« rief Jochen. »Was treibst du denn hier?«

»Ja«, antwortete Reimer, »was soll ein Schneidergesell wohl anders tun als schneidern? Ich spiel aber auch ein bißchen Bräutigam, und dies kleine Mädchen« (er legte den Arm um Tine) »ist meine Braut.«

Jochen sah das Mädchen mit unverhohlener Bewunderung an. »Alle Wetter!« entfuhr es ihm. Er war von der blühenden Mädchenerscheinung ganz überrascht. Und er konnte es wohl sein, so frisch und schmuck und blond und blauäugig wie sie war. Reimern schlug er auf die Schulter.

»Das hätte ich dir nicht zugetraut«, setzte er hinzu. »Donnerwetter«, und wieder ging sein scharfes, graues Auge an Tine, an ihrem Beiderwandrock und Leinenspenzer, an der vollen jungfräulichen Erscheinung auf und ab. »Süh, de ol Reimer, de ol Jung, wer harr bat dacht?«

Es lag etwas darin, was dem Mädchen nicht gefiel. Und was er nachher sprach, verwischte diesen Eindruck nicht. Eine gewisse Jovialität, ja, aber es kam alles so großspurig, so protzig, herausfordernd heraus.

Jochen Riese hätte gern noch länger in der Hütte verweilt, die solche Schätze barg, aber dringende Geschäfte trieben ihn nach Hause. Als er weg war, fragte Tine, ob das der sei, von dem Reimer so viel erzählt habe, und Reimer antwortete: »Das ist er.«

Sie hatten zusammen die Schule besucht, Jochen kurz vor der Konfirmation stehend, Reimer als junger Knabe. Die Zügel waren dem alten Lehrer etwas aus den Händen geglitten, die unter Knaben üblichen Balgereien hatten überhand genommen; Reimer mit seiner schwächlichen Leibesbeschaffenheit und mit seinem weichen Herzen wäre unter die Füße gekommen, wenn Jochen Ries nicht seine Hand über ihn gehalten hätte. Das hatte er denn ehrlich getan, dafür aber auch blinde Unterwerfung verlangt.

Die hatte Reimer geleistet, dazu hatten sich sogar viel größere Jungen bequemen müssen, als er. Denn Jochen war nach Körperkraft, Rücksichtslosigkeit und Draufgängern unbestritten der ›Baas‹, den man nicht gerne zum Feinde hatte, mit dem selbst der ›Schulmeister‹ nicht gerne anband.

Ein rechtes Bauernkind war er niemals gewesen. Sein Vater war Forstwart und stammte aus hochdeutscher Gegend und ging noch vor Jochens Einsegnung dorthin zurück. Jetzt war der Sohn über fünfzig Prozent städtisch geworden. Er hatte den Holzhandel in einer Stadt erlernt, hatte einen amerikanischen Onkel beerbt und stand nun, seiner Art entsprechend, früh auf eigenen Füßen.

Das also war der berühmte Jochen Riese. – »Ich mag deinen Jochen nicht«, sagte Tine zu ihrem Bräutigam.

2

Reimer war ein junger, schwarzbrauner Schneidersmann und hatte große kastanienbraune, immer wie mit Traum und Schlaf kämpfende Augen. Der Holzmann Riese dagegen war ein Bild von Kraft und Gesundheit und seine straffen Glieder immer bereit, wenigstens scheinbar bereit, seinem Zeug, so bequem ihm auch Rock und Weste und Beinkleider angemessen sein mochten, die Nähte zu sprengen. Wenn jemand auf den Einfall gekommen wäre, sich beide bei Kraftproben zu denken oder gar als Kämpfer, dann konnte es nicht zweifelhaft sein, wer Sieger bleiben mußte.

Einstweilen ging der Schwache dem Starken aus dem Wege, und als der Herbst gekommen war, überließ er ihm sogar notgedrungen insofern räumlich das Feld, als er die Wanderschaft antrat Mit Stecken und Ranzen ging es stracks gen Süden, wo man den Anschluß an die neuerbaute Chaussee gewann ... hinaus in die weite Welt.

Das Kirchdorf, das er verließ, lag hoch, zu seinen Füßen rings umher die kleinen Ortschaften, die dahin eingepfarrt waren und von dem ansehnlichen Turm und dessen gelbem Gockelhahn überwacht wurden. Tine begleitete ihren Bräutigam ein kleines Stündchen bis zum nächsten Dorf. Es wehten rauhe Winde, es war ein richtiges Abschiedswetter, ein regenschweres.

In der am Ende des Dorfs gelegenen kleinen Schenke kehrte das Pärchen ein. Die Wirtsfrau kannte sie, übersah sofort die Lage der Dinge und bat sie in die ›beste Stube‹. Da hatten die jungen Leute denn das, was sie brauchten – ein einsames, ihnen alleingehöriges Stübchen und Stündchen.

Sie baten um Kaffee und Brot und Käse, Reimer bestellte zwei Eier und zwei Kornschnäpse nach. War es das letzte mal, so wollten sie auch aus dem vollen schlemmen. Sie tauschten ihre Abschiedsgeschenke aus, Reimer verehrte seiner Braut ein gelbes, blankes Schmuckstück, das er im Spenzer festnestelte, kramte dann im Ranzen und zog ein schönes Spruchbuch mit Goldschnitt hervor. Die erste Seite war schon beschrieben:

Dir gab ein Gott Zufriedenheit

Und einen muntern Sinn;

Nun wandle du im Rosenpfad

Den Lebensweg dahin.

Neben diesem Spruch war eine rote Rose, wie man sie in Papierläden kaufte, dick mit Mehlkleister aufgepappt. Es sah nicht schön aus, aber ihnen kam es schön vor, und das ist die Hauptsache.

Tine steckte ihrem Reimer eine Taschenuhr in die Weste. Es war ein altes Erbstück von einem Ohm. Dann lachte sie; auch sie hatte ein Spruchbuch. Spruchbücher waren, zumal bei jungen Mädchen, Mode. Alle Sprüche waren auf ›Rosen‹ und ›Vergißmeinnicht‹ und ›Lebenspfad‹ abgestimmt.

Tines Spruchbuch war schöner als das von Reimer. Es hatte nicht nur Goldschnitt, nein, die Rosen- und Vergißmeinnichtsträuße waren dem Papier in schönen Farben aufgedruckt. Und wie sauber hatte ihre Hand das erste mit dem herzigen Veilchen geschmückte Blatt beschrieben:

Nun wandre hin den Lebensweg

Den Lebensweg bis an das Grab;

Ich wünsche viele Rosen dir

Und werf sie auf den Pfad hinab.

Doch wenn du meine Blume siehst,

Die Blume mit dem lieb Gesicht,

Die Blume ist ein Gruß von mir –

Lieb Reimer du, vergiß mein nicht.

Der Schneider las und las und wurde mit dem Lesen nicht fertig. Er fing an wunderlich mit den Lippen zu ziehen, scheuerte die Augen, am Ende schluchzte er und lag weinend an Hals und Brust seiner Tine. Und da weinte Tine auch.

Wir wollen nicht schlecht von ihnen denken. Es ist schon wegen geringerer Ursachen geweint worden. Die Ungewißheit ihres Glücks, ihrer Zukunft lag klar vor Augen.

Die Ahnung, daß zumal von Jochens Seite Unglück kommen könnte, lastete wie Gewitterschwere. Es war noch nicht zum Grollen und Donnern gekommen, um so schwüler und drückender spürten sie das, was drohte. Aber davon sprachen sie nicht, es war das Unausgesprochene, Dämonische. Und wer den furchtbaren Ernst des Lebens, wegen dessen wir Erlösung begehren, versteht, der wird den in der besten Stube beschlossenen Frieden nicht stören wollen.

Wir ziehen den Schlüssel ab und wachen über die innerliche Einkehr des Paares.

Es benahm sich, wie fast immer in solchen Lagen geschieht, unbeholfen und trocken und täppisch, um nicht zu sagen: dumm. Das Weinen ließ nach, aber reden taten sie wenig, das wenige abgebrochen. Und dann sagten sie wieder gar nichts, drückten sich nur stumm die Hände. Und als sie schließlich das Schweigen brachen, geschah es mit ausgesucht nüchternen Worten.

Vor der Hand aber saßen sie Hand in Hand und – schwiegen. Zwei gipserne Pausengel, die auf der Konsole standen, waren auch aufs Maul geschlagen, der eine sogar auf die Nase, denn er hatte keine. Und beide machten betrübte Gesichter. Der Ofenbeileger mit eingeknickten eisernen Drehbeinen war ganz Mitleid. Ganz still war es. Und doch klang in ihnen von irgend woher Chorgesang und brausender Orgelklang. Und als es recht voll daherströmte, stand Reimer auf und sagte die denkwürdigen Worte: »Dat is hier banni kold und min Tied ward 't ok al, Tine.«

Hundert Schritte hinter der Schenke war ein Kreuzweg. Da machten sies kurz, da reichten sie sich zum letzten mal die Hände.

Noch immer war es windig und trübe und regnerisch.

Auf der Landstraße, wie Tine ihm nachsah, nahm Reimer sich in der Tat wie ein Lebenspilger aus. Sie (er glaubte sie schon längst auf dem Heimweg) stand noch lange auf dem Knick hinter einer Stechpalme und sandte ihm Blicke und Segenswünsche nach – ›Rosen auf den Lebenspfad‹. Er konnte sie brauchen; lang und weit und lehmig dehnte sich die Straße. ›Und dann und wann ein Vergißmeinnicht am Weg‹ – ›bis zum Grab.‹

Ganz hinten, wo der Weg sich bog und ein Knick sich vorschob, war etwas. Tine hielt es für einen Mann, der auf dem Wall stand. Und er bewegte sich, als ob er grabe.

Was grub er? Das Grab ihres Glückes?

 

Allerdings war es ein Mann, sogar einer, der sich aufs Graben verstand, aber keiner auf dem Knickwall, sondern einer, der im Wagen fuhr. Und was Tine für die Bewegung des Grabens gehalten hatte, war die schwingende Armbewegung eines mit sich selbst zufriedenen Kutschers, der seine Peitsche mit Schwungbewegungen von oben nach unten neben dem Handpferd knallen oder vielmehr knipsen ließ. Am besten geht es mit der Sorte, die der Bauer ›Rattensteert‹ nennt und auch als Nachahmung eines Rattenschwanzes gelten kann.

Der mit dem Rattensteert knipsende Mann sah frisch und frech in die Welt hinein, und hieß Jochen Riese. Reimer Stieper begegnete ihm.

»Brr! Reimerchen, Jung, du gehst?«

Reimer legte die Hand auf die Wagenleiter. »Ja, ik gah, dat ward Tied!«

»Nun, es muß ja wohl sein, aber hast mir nicht Adjüs gesagt.«

»Das hätte ich wohl tun sollen. Aber da kam so viel zusammen, es lag mir so schwer.«

»Ich verstehe«, lachte Jochen, »Braut und Liebe und so was.«

»Das wars.«

»Soll ich dir was sagen?« fing Jochen an. »Es taugt nicht, daß du dich so früh mit ner Braut abgegeben hast. Du bist nichts, du hast nichts, Jahre des Wanderns liegen vor dir. Ihr werdet alt und welk, wenn ihr euch überhaupt bekommt. Du bist ein schmuckes Kerlchen, du meinst vielleicht, du kommst gut zu sitzen bei Meister Rickers, wenn was draus wird. Aber da hat eine Eule gesessen. Ich weiß, ich habe ja mit ihm zu tun, er ist zu dumm, er hat sich ›verhandelt‹, es steht nicht gut. Und was du brauchst, ist eine Braut, die Geld hat. Die wirst du leicht kriegen, wenn du vernünftig bist.«

Jochen hatte, während er sprach, bald ins Weite, bald nach dem Fuchs gesehen, nun mußte er aber Reimer Stieper ansehen, so arbeitete es in dessen Gesicht.

Er lachte. »Krieg nur keinen roten Kopf! Ich meine es gut mit dir. Deine Katrien – ja, fein und hübsch und sauber ist sie, das muß man ihr lassen. Aber sie hat auch was anderes nötig als einen Schneider, der noch nicht gewandert hat, dem noch manches Jahr dahinläuft, bevor er Meister wird, wenn er es überhaupt wird. Du siehst, ich sage, wie meine Meinung ist, ich rede Leuten nicht nach dem Bart. Das macht, ich meine es gut mit dir, Reimer.«

Reimer hatte bisher platt gesprochen, nun fing er an hochdeutsch zu sprechen. Es war ein wenig steifer als bei Jochen, allerlei nicht dahin gehörige unreine Laute rollten nebenher, aber im allgemeinen ging es doch ganz gut.

»Ich will annehmen, daß dus gut meinst. Aber es ist nun mal so: Tine und ich gehören zusammen.«

»Tine und ich gehören zusammen«, machte Jochen nach. »Papperlapapp! Du kennst mich, Reimer«, fuhr er fort, »ich heiße Jochen Riese. Und wenn Jochen Riese sagt: Es ist so, dann ist es auch so. Und ich sage: such dir eine andere Braut, die was mitbringt! Ich denke mir ungefähr so, wie bei Meister Eggert, aber bei einem, der ›reines Folium‹ hat. Es ist eine gutgehende Werkstatt, meinetwegen vier, sechs, acht Gesellen. Und der Meister möchte sich zur Ruhe setzen und hat eine Tochter. Und die Tochter ist hübsch und nett, ich sehe nicht ein, warum sie es nicht sein soll. Na, und das andere macht sich von selbst.«

»Jochen, du machst Spaß!« Reimers Gesicht war finster. »Dat kanns ni in Eernst meen'«, fügte er hinzu.

Jochen Riese sah ihn verwundert an. So hatte er ihn noch nicht gesehen, das Reimerchen, so gefährlich. Der Junge sprühte ja ordentlich aus den braunen Augen.

Jochen besann sich und ging behutsam vor.

»Das war natürlich Spaß«, erwiderte er und fing wieder an zu knipsen, »So darfst du es selbstverständlich nicht machen. Ich meine nur, ob ihr es auch ordentlich überlegt habt. Laßt ein Jahr oder zwei ins Land gehen und seht, wie ihr dann über die Sache denkt. Oder laßt es, wie es ist. Ich will ja nur dein Bestes.«

Der Wagen kam in langsame Bewegung. Jochen reichte seinem Schulkameraden die Rechte. »Leb also wohl, Reimerchen, und nichts für ungut. Und viel Glück auf die Wanderschaft! Du wirst viel erleben, halt alte Freunde in Andenken und komm gesund zurück!«

›Die Tine hat ihn begleitet‹ dachte Jochen. ›Ich will sie einholen und auf den Wagen nehmen.‹ Er lockerte die Zügel und ließ den Rattenschwanz pfeifen.

Tine war wirklich noch in dem Dorf, wo sie mit Reimer eingekehrt war, als Jochens Wagen über die holperige Straße daherstieß und knatterte. Sie erkannte ihn von weitem. Ein feiner Instinkt veranlaßte sie, ihm aus dem Weg zu gehen. Sie trat bei dem Höker Sievers in den Laden und stand vor der Tonbank, und Sievers wog ihr ein Pfund Pflaumen ab, als Jochen breit und behäbig vorüberrasselte.

3

In den letzten zwanzig Jahren war mehrere male Feuer im Kirchdorf gewesen, wobei einmal sieben Wohnhäuser in Asche gelegt worden waren. Da versah man die neuaufgebauten mit rotem Ziegeldach, es war überhaupt Mode geworden, harte Bedachung an Stelle des alten Strohdaches zu verwenden.

Harder Rickers Kate aber trotzte der Mode und ihren Neuerungen, ihr altes Strohdach überzog sich mehr und mehr mit dunkeln und grünen Flechten und Moosen, philosophierte nach wie vor hinter den Johannisbeerbüschen, die immer größer wurden und immer mehr und immer schnöder ihrer Bestimmung, Blüten und Frucht zu tragen, vergaßen. Tine hatte sie schon längst entfernen wollen, aber damit war Harder nicht einverstanden gewesen. Wie an der Kate und am Strohdach, so hielt er auch an ihrer Umgebung mit Einschluß der großen Büsche fest. Seien sie, so meinte er, auch zu nichts anderem nütze, so versteckten sie doch den Seiteneingang unter dem gar niedrigen Dach.

Rund um das alte Rauchhaus reichte das Dach auf Manneshöhe und weniger bis an die Erde. Das heißt: die beiden Schmalfronten ausgenommen. An der Dorfstraße, bei der großen Tür ging sogar ein kleines Fuder Heu hinein, und nach dem Garten bei den Stubenfenstern war es ebenso hoch wie die freilich kaum acht Fuß messende Zimmerdecke.

Kleine blumengeschmückte Fenster träumten dort nach dem nahen Haselknickwall hinaus, der den Garten von der Kuhweide schied, die zu Harders Kate gehörte. Und über die Weide hinüber und, wenn der Wind die schwanken Zweige bog, durch die Haseln hindurch, schimmerten die mächtig und immer mächtiger sich dehnenden und streckenden Gebäude des Großhändlers Nies.

Blumengeschmückte Bleifenster grüßten und träumten nach den Haseln hinaus, und faltigen Augenlidern gleich beschattete sie das weite überhängende Dach und die darüber sauber angebrachten Reusen und Netze seines Herrn, mit denen Harder Sonntags fischen zu gehen pflegte.

Die Zeit ging hin. Tine kochte und scheuerte und hielt ihren kleinen Hausstand blank und in Ordnung. Es ging in alter Weise, ihr Vater war leidlich gesund, und sie war es auch.

Die kleine Stube schien immer in Dämmerstimmung eingelullt. Es kamen viele alte Freunde, zu erzählen und sich was erzählen zu lassen und Harder Rickers Tabak aufzurauchen, zumal wenn die wirkliche ›Schummerstunde‹ nach des Tages Last und Arbeit herankam. Aber die Zahl der alten Freunde vergrößerte sich nicht. Krankheit und Alter ließen Unterbrechungen eintreten, dann und wann kam einer gar nicht mehr. Dafür mußte Tine dann ihrem Vater eine sehr fragwürdige Angströhre vom Boden holen und abstauben und sein schwarzes Zeug herkriegen, was Harder aufsetzte und anzog, um sich einem gleichgekleideten Sarggefolge anzuschließen.

Die Zahl der abgehenden alten Freunde wurde durch hinzukommende neue nicht vollständig ersetzt. Allerdings war einer darunter, der durch sein lautes Wesen, durch sein Geld und durch seine Geschäftsklugheit viele andere aufwog. Selbstverständlich war das Jochen Riese. Harder hatte schon früher bei seiner Zimmerei dann und wann einen Holzstamm gekauft und bearbeitet, der Nebenverdienst erhöhte sich, seitdem er in Jochen einen gut zahlenden Abnehmer gefunden hatte. Der plauderte auch gern mit dem Alten und erachtete dessen schlichten Holzstuhl nicht zu gering, den Großkaufmann aufzunehmen, des Zimmermanns Pfälzer nicht zu schlecht, seine Meerschaumpfeife damit zu füllen.

Der Sommer kam und verging. Und der Winter auch, und noch einmal, und dann noch einmal. Tine fing schon an, die Wochen zu zählen, wo sie auf Reimers Rückkehr hoffen durfte, und war gutes Muts. Da trat etwas ein, was sie sich nicht erklären konnte. Reimer schrieb nicht mehr.

Reimer schrieb nicht mehr, oder genau ausgedrückt: es liefen keine Briefe mehr von ihm ein. Es konnte ja auch an der Post liegen. Es war ja schon früher ein Brief an Tine und auch einer an Reimer verloren gegangen.

Zu häufig schrieb man damals schon nicht wegen der hohen Kosten. In den Elbherzogtümern waren die Fürsten von Thurn und Taxis noch im Besitz der Gerechtsame, ein in das innere Deutschland versendeter Brief war eine Seltenheit und ein Risiko, die Kostenberechnung machte dem Meister der Post viel Plage. Meistens wurde von dem Absender ein Vorschuß erhoben, wegen dessen er zu ihm in Abrechnung blieb. Ein Brief war eigentlich eine Art Frachtstück, von einem wirklichen hauptsächlich nur durch die Größe unterschieden. Im Kirchdorf war das Postwesen nun gar nicht auf der Höhe, die Posthalterei nicht einmal im Ort, sondern auf einem Nachbargut, die Briefbestellung war gelegentlich und geschah in der Regel durch Weißbrotträger oder Metzger.

Das sah Jochen Riese, und sein großer Geist fand es unerträglich. Auf seine Veranlassung kamen Posthalterei und Verwaltung nach dem Kirchdorf in die Hände des dafür geeigneten Mannes. Selbstverständlich war das Jochen Riese. Und für die Briefbestellung im Ort wurde ein eigener Briefträger angestellt.

Und gleich nach diesem Umschwung blieben Reimers Briefe aus.

Tine sah die Veränderung nicht gerne, ihr war es nicht lieb, daß sie jetzt gewissermaßen die Post aus Jochens Hand entgegennehmen müsse. Ihr Widerwille blieb der alte, mochte er seiner dreisten, zugreifenden Natur auch noch so sehr Zügel anlegen. Verstellung war eigentlich des Holzhändlers Sache nicht, durch die zur Schau getragene Gleichgültigkeit sah man das heimliche Begehren, und wenn es jetzt auch noch wie ein träges Krokodil im Sumpf lag. Es galt auch bald für ein öffentliches Geheimnis, daß Jochen Riese es auf Katrien Rickers abgesehen habe.

Wie ein träges Krokodil. Es war auch das ratsamste; denn bei dem leisesten Versuch der Zudringlichkeit hüllte Katrien sich in Unnahbarkeit, zog wie ein Burgherr alle Brücken auf, die über die Gräben führten. Und, wo er gar zugriff, wurde sie ein aufgerollter Igel von lauter Nadeln und Spitzen. Es helfe, meinte Jochen, nur ein gewaltsamer Durchbruch, und er war entschlossen, ihn gelegentlich zu versuchen.

Es lag doch wohl nicht an der Post. In dem letzten Brief hatte Reimer die Absicht ausgesprochen, die kleinen Nester, wo er bisher gearbeitet hatte, mit einer großen Stadt zu vertauschen. Er lerne da mehr und sammle mehr Erfahrung. Bei seinem jetzigen Meister könne er ohnehin nicht länger bleiben, denn es werde immer offenbarer, daß der ihn an seine lange, gelbe Tochter verkuppeln wolle.

Tine hatte kräftig dagegen geschrieben, das heißt: gegen den Plan, in die Großstadt zu ziehen. Meister Eggert wolle ihm sein Geschäft abtreten, für hier zu Hause lerne er in kleinen Örtern genug. Freilich: der Meister müsse wohl gewechselt werden.

Der Brief war unbeantwortet geblieben. »Die Ratschläge hat er übel genommen«, riet Härder. – ›Ob es wohl an der Post liegt?‹ dachte Katrien. Daß Reimer ihr untreu werden könne, war ein ihr ganz unmöglicher Gedanke. – »Es können doch nicht alle Briefe verloren gehen, Reimer müßte sich doch wieder melden. Wo er ist, wissen wir nicht, unsern Wohnort kennt er.« So redete Harder. »Es liegt nicht an der Post.« – »Wenn es nur nicht an dem neuen Postmeister liegt«, entgegnete Katrien. – »Was willst du damit sagen?« fuhr Harder auf. – »O, ich meine nur.«

Ihr Vertrauen wankte nicht, aber immer bestimmter wurde die Richtung ihres Verdachts. Sie fragte bei dem letzten Meister an, was ihm von Reimer bekannt sei. Die Antwort stellte lediglich klar, daß Reimer nicht mehr da sei und wohl nicht in Frieden mit dem Alten auseinandergekommen war. Sie war spitz und lakonisch: »Mit Fagapunden bemenge ich mir nicht. Paul Sinzenhagen.«

Durch Harder wurde die Antwort im Ort bekannter, als gut war, und in Jochen Riese brachte sie den Entschluß zur Reife, den Sturm zu versuchen.

Zu einer ungewohnten Vormittagsstunde kam er und traf Katrien allein in der Stube. »Also mit Fagapunden will Sinzenhagen sich nicht bemengen.« So führte er sich ein und warf sich lachend in Harders Lehnstuhl.

Er hatte ein nervös machendes Lachen, konnte dabei aber ein für Liebhaber psysiognomischer Studien unbezahlbares Gesicht aufstellen, so offen und ehrlich und gutmütig und gemütlich mit einem Anflug von Grimm. ›Du weißt, wie ich es meine‹, stand darin. ›Wir verstehen uns ganz prächtig, deine Augen dringen in die Tiefe meines unergründlichen Schalkshumors. Jochen Riese sitzt vor dir, Jochen Riese ist ein Ausnahmemensch. Jochen kann mehr als Brot essen, darf sich mehr herausnehmen als unsers lieben Herrgotts Dutzendware.‹

Katrien saß am Fenster, nähte und antwortete keine Silbe. Aber das ficht Jochen Riese nicht an, wieder lacht er. »Was meinst, Tinchen? Ich denk, da ist was Weibliches dabei.«

Keine Antwort.

»Mach doch nicht son Gesicht, Tinchen! Ich glaube wirklich, da ist was Weibliches dabei. Es müßte ja auch wunderlich zugehen, wenn er nicht schon längst was Schmuckes an der Hand hätte. Ein Kerlchen wie der!«

Die von der Umworbenen hierzu gemachte Miene war wohl nicht nach seinem Wunsch. Denn er fuhr fort: »Aber Tine, ich bitte, mach nicht son verregnetes Gesicht. Nimm es leicht! Will er nicht, wir lassen ihn. Schwärmt er im Lande umher und schiert sich nicht um uns, so kümmern wir uns auch nicht um ihn.«

Er lächelte bei diesen Worten und tat es mit süß tuenden Lippen. »Tine«, wiederholte er.

Da entgegnete sie scharf: »Riese, laß das mit ›Tine‹. Katrien Rickers ist mein Name.«

Die Röte des Zornes stieg ihm ins Gesicht, aber er bezwang sich: »Ah, sind gnädiges Fräulein geworden.« Und dann wieder lächelnd: »Aber für mich wird Tinchen keine Gnädige sein wollen.«

Er mochte viel verstehen, der große Holzmann, auf die Gesinnung und Stimmung von Frauen verstand er sich jedenfalls schlecht, denn sonst hätte er nicht gewagt, in dem alten Ton fortzufahren.

»Tinchen«, schmachtete er und hatte wieder einen süßen, spitzen Mund.

»Laß das, Riese«, war die Antwort, »es ist mein Ernst. Ich mag dein ›Tinchen‹ nicht. Es liegt ja doch nur obenauf.«

»Obenauf?« scherzte Jochen. »Du kennst mein Herz noch lange nicht.« Er hatte Lust mehr zu deklamieren, unterließ es aber, weil er nicht weiter wußte, verfiel daher auf sein altes Mittel. Er lachte, lachte laut und zutraulich, so wie ein guter Kerl nur lachen kann.

»Was kenn ich nicht? Dein Herz kenn ich nicht! Riese? Hast du denn wirklich so was?«

Katrien wollte so grob werden, wie ihre Natur zuließ. Er hatte ihr weh getan, sie wollte ihm wieder weh tun. Sie wollte, ohne es zu wissen, einen Bruch, der nie mehr heilen könne. Vielleicht wäre es auch so geworden, wenn ihr der Zorn nicht so gut gestanden hätte und Jochen nicht so verliebt gewesen wäre. Aber wie schön kleideten der Sanften, der Blonden, die Blutwellen in dem feinen Geäder!

Der große Holzhändler mochte so klug sein wie immer, auf Frauenzimmer, jedenfalls in seiner gegenwärtigen Lage, verstand er sich schlecht. Er hätte sonst nicht nach ihrer Hand gegriffen und, als sie sie wegzog, zu ihr gesagt: »Tinchen, sei gut. Kannst nicht ein bißchen lieb mit mir sein?« Und zum allerwenigsten hätte er sie mit seiner großen Hand am Kinn gefaßt.

Als sie die Hand des Verhaßten fühlte, ergoß sich ein Funkenstrom der Empörung durch ihre Glieder und nahm ihr alle Selbstbeherrschung und nahm ihr alles schöne Maß. »Verfluchter«, schrie sie, »dreimal verfluchter Judas! Hand weg, oder ich schlage dich in dein bübisches Gesicht.« Da zog Jochen Riese seine Hand zurück, und sein Gesicht war unheimlich verändert ... kupferrot, die Stirnader dick geschwollen. Den Mund verzerrte furchtbare Wut, die Lippen klafften auseinander, das Raubtierähnliche an ihm trat hervor, ein schreckliches Gebiß legte sich bloß.

Das dauerte aber nicht lange ... dann lachte er wieder, aber anders als sonst. In frechen, hohen Tönen ... kichernd aus Gaumen und Mund ... von Hohn gesättigt. Allmählich glättete sich seine Haltung dann wieder zu der Überlegenheit, die er so lange beiseite gesetzt hatte. Diese unausstehliche Überlegenheit nahm von allen ihren Herrlichkeiten wieder Besitz. So war er wieder Herr seiner Stimme und seines Zornes geworden, als er die Angebetete anschrie:

»Unverschämte Dirn, was bildest dir ein? Was hast denn und was bist denn? Da tut man, was man kann, und ist lieb und freundlich, und dann das? Das wagst du bei Jochen Riese? Du meinst Jochen Riese zu kennen, aber du kennst ihn lange nicht. Du glaubst, mit ihm spielen zu können, aber ich sag dir, wer mit mir spielt, verliert die Partie. Nein, so was, ... so was Infames, so ne Niederträchtigkeit! Und ich heiße Jochen Riese, und wenn der sagt: So ist es, und so wird es, dann wird es auch so. Du glaubst, ich habe kein Ehrgefühl, und ich will dir zeigen, daß ich ein feines Ehrgefühl habe. Will zugeben, bin in deine Larve verschossen, und wünsche dich zur Frau. Bisher hätte ich allenfalls davon ablassen können, nun aber wirds mir zur Ehrensache. Nun, so sage ich: du sollst meine Frau werden, und ich heiße Jochen Riese.«

Und zum Überdruß wieder das unerträgliche Lachen, dabei auf den Tisch trommelnd.

»Das gnädige Fräulein hat nicht dulden wollen, daß ich ›liebes Tinchen‹ zu ihm sage – es soll die Zeit kommen, wo sie mich darum bitten wird und mich ›lieber Jochen‹ nennt. Ich habe dich nicht berühren dürfen, es soll die Zeit kommen, wo du mich bittest, dich zu nehmen. Ja, so wahr ich Jochen Riese heiße« (er erhob die Faust, wie um in den Tisch zu schlagen, besann sich aber und schlug nur auf sein Knie), »es soll die Zeit kommen, wo du mich um mein Jawort angehst mit ausdrücklicher und aufrichtiger Erklärung, daß alles aus reiner Herzensliebe geschieht.«

Jochen Riese hatte Phantasie. Im Geiste sah er die Szene, die er prophezeite. Er fühlte so was wie Rauschen einer Palme über seinem Haupt. Palmenrauschen gehörte zu seinen stillen Träumen. Als junger Mensch hatte er ein Theaterstück gesehen, wo ein, wie wir jetzt sagen würden, wo ein ›Übermensch‹ alles beherrscht und zunichte gemacht hatte. Ein paar Szenen hatten sich (ein ganz zufälliger Umstand) in einer Art Treibhaus unter Palmen abgespielt. Seitdem hatte sich bei ihm die Idee verdichtet, daß zu einem Siege Palmen gehörten und daß er seine besten Triumphe unter Palmen feiern werde. Und das Rauschen der Zukunft hörte er jetzt über seinem Haupt.

Merkwürdigerweise war in Katrien die Bewegung um so mehr zurückgestaut, je zorniger Jochen geworden war. Und bei der Ausschüttung ihres Gegners war sie schließlich eiskalt. Sie erwiderte daher mit einer Ruhe, die wunderlich mit dem Vorhergegangenen in Widerspruch stand:

»Riese, ich hörte nicht genau. Aber mir war, als ob es auf einen Heiratsantrag hinauslief. Das geht nun ja nicht, da ich, wie du weißt, schon einen Bräutigam habe.«

Jochen Riese hatte dafür nur ein verwundertes Achselzucken und machte Miene, die Stube zu verlassen, als das Mädchen fortfuhr:

»Nur noch ein Wort an unsern Postmeister! Sollte es nicht angehen können, daß Briefe von Reimer auf deiner Post zurückgeblieben wären? Vielleicht läßest du mal nachsehen.« Da bekam Jochen Riese, wenn möglich, einen noch röteren Kopf und ein noch mehr verwundertes Gesicht als vorher, ging eilfertig weg und machte die Tür sachter hinter sich zu, als man nach dem, was vorhergegangen war, hätte erwarten können.

4

Der große Mann mit dem seinen Ehrgefühl schnob zwar zornig über die Diele aus dem Hause, fühlte sich aber doch nicht ganz auf der Höhe. Die Ruhe des Mädchens, die Redensart von den Briefen, die auf der Post geblieben sein könnten – das trat ihm als eine Macht entgegen, womit er nicht gerechnet hatte. Aber um so notwendiger war es, daß er Sieger blieb.

Er bog in die Dorfstraße ein, ging an den Nachbargrundstücken von Boldt und Bornholdt hin nach seiner Holzhandlung und – dachte. Was dachte er? Wunderlicherweise überlegte er, wo er wohl eine tüchtige Palme erstehen könne. Immer mehr verdichtete sich Palmenrauschen oder Blumenhain zum Symbol seines zukünftigen Siegs. Denn der große Jochen war im Grunde ein nicht so ganz kleiner Phantast.

Harder Rickers erfuhr noch an demselben Tag von seiner Tochter, was sich zugetragen hatte. Von einem Gang, den er nach dem Wald gemacht, zurückgekehrt, sah er von weitem die eilfertige Flucht des Holzhändlers aus seinem Hause, fand darauf die Tochter blaß und still und einsilbig in der Stube, fragte nach der Ursache und erfuhr nach anfänglichem Zögern den Hergang. Wenigstens ungefähr. Bei der Erzählung konnte er immer nur rufen: »Katrien« (das war die erste positive Sorge), dann »Tinchen« (das war die Steigerung), »liebes Tinchen« (das war die höchste Angst), und da war Katrien mit ihrer Erzählung zu Ende.

Er redete und warnte, sein Vaterherz war bekümmert, und doch können wir es nicht einmal in allen Punkten loben. Es war kein schlechtes; aus reinem Vergnügen hegte es keine Diebs- und Mordgedanken. Aber die praktische Lebensklugheit stand ihm doch höher als die reine zweck- und ziellose Moral. Er hielt es für ganz in der Ordnung, daß Katrien dem wandernden Reimer die Treue halte. Aber Reimer muß doch auch Treue halten. Und daß er nicht mehr schrieb, sah nicht nach Treue aus. Und wenn nun ein Mann wie Jochen, der reiche Jochen Riese, es sich in den Kopf gesetzt hat, die Katrien zu heiraten, dann erhielt die Sache doch ein ganz anderes Gesicht. Dann war es seines Erachtens eine an Schlechtigkeit grenzende Torheit, wenn nur ein Wort im Wege stand und das für wichtig genug gehalten wurde, ein unerhörtes Glück fahren zu lassen. Was war denn ein Wort? Eine Zusage, aber eine, die sich nach den Umständen richtete. Und was war Liebe? Eigentlich eine eingebildete Empfindung – alles zusammen gegenüber dem Glanz des Goldes und Wohlleben ein Schlagbaum aus Spinngewebe, den zu respektieren beinahe lächerlich war. Mit einem Wort: Harder Rickers war nicht besser, als die Menschen gewöhnlich sind.

Und dann kam noch folgendes. Jochen brachte den Holzhandel im Dorf zu nie gekannter Blüte. Und Harder verdiente gut bei Jochen. Was er bisher an Holz verarbeitet und was er erstanden hatte, war geradezu lächerlich im Vergleich zu dem Geschäftsumfang, seitdem Jochen da war. Jochen mußte heidenmäßig viel Geld haben, so wie er die Sachen führte und alles bar bezahlte. Nein, das durfte sein liebes Tinchen ihrem Vater nicht antun, daß sie diesen Geschäftemacher abwendig machte, daß sie einen solchen Schwiegersohn vor die Tür setzte. Nun, das werde schon alles wieder in Ordnung kommen, sie solle nur nicht ›sipp‹ und launisch sein, nicht ›so tun‹, wie man wohl sagt, das heißt: Jochen nicht nachlaufen ... bewahre! ... aber auch nicht die Gekränkte und Unversöhnliche spielen. Harder verlangte nichts weiter als ein Benehmen, wie wenn der Streit nicht vorgekommen sei.

Die geschäftlichen Gründe machten Eindruck auf Katrien. »Das tut mir leid, Vater«, gestand sie, »daran habe ich gar nicht gedacht. Ich will zu vergessen suchen, was geschehen ist.« Sie wollte den häßlichen Vorfall in ihrem Gedächtnis auslöschen, wenigstens so tun.

»Nur das eine, das kann ich nicht, Vater«, sagte sie. »Das tu ich nicht, niemals! Meinem Reimer bleib ich treu. Daß er lebt, fühl ich. Daß er nicht anders sein kann als gut und treu, das weiß ich. Auf seine Rückkehr will ich warten, und sollte ich alt und grau dabei werden.«

 

Jochen, der Einzige, führte aus, was Katrien versprochen hatte. Harder gegenüber tat er, als sei nichts vorgekommen. Als dieser am folgenden Tag zu ihm auf den Holzplatz ging, nahm Jochen ihm das Wort aus dem Munde. Er hatte die Fähigkeit, über alles hinwegzukommen, und von diesem Hilfsmittel machte er ausgiebigen Gebrauch.

»Na, Harder (du hast doch nichts dagegen, oder soll ich Rickers sagen?), hat Mamsell (Tinchen darf ich nicht mehr sagen), hat sie dir erzählt, was für einen Tanz wir aufgeführt haben?«

Harder teilte mit, was er wußte, und fing an zu beschwichtigen; er schimpfte in seiner Weise auf die Frauensleute und ihre ›Flausen‹, er wusch seine Hände in Unschuld, Jochen möge es ihm nicht nachtragen.

»Hältst mich eigentlich für einen Kindskopf? Das sollte ich ihrem alten, braven, fleißigen Vater nachtragen, wenn ein Mädel kratzbürstig wird? Ich nehms überhaupt nicht so schwer. Da ist Reimer, ist fortgelaufen, läßt sie im Stich (paß auf, er wird sie im Stich lassen!), aber sie hängt noch an ihm und will sich nicht gewöhnen. Und ich ... nun ich ... ich in meiner Unschuld ... schlag ein Wort raus ... sie wird wild ... und grob ... ich werfs auf die scherzhafte Seite, da wird sie saugrob. Da werd ich zornig ... ein Wort gibt das andere ... im Zorn wird manches dahergeredet, was gar nicht so gemeint ist – und die Verfluchung ist fertig.«

»Ja«, erwiderte Harder, »so wirds wohl gewesen sein, und Katrien denkt jetzt auch anders über die Sache. – Was meinst, Jochen, wenn wir beide hinübergingen?«

Aber Jochen schüttelte den Kopf. »Nein, nein, Harder, das geht doch nicht. Ich bin nicht rachsüchtig, und das Mädchen mag ich leiden. Da jetzt nichts daraus wird, kann ich dirs ja gerne sagen: ich hätte sie gern zur Frau Holzhändlerin gemacht; aber das, nach dem, was sie mir an den Kopf geworfen hat, das kann ich nicht, da bin ich wunderlich, da hab ich ein zu feines Ehrgefühl zu, außerdem heiß ich Jochen Riese. Eigentlich bin ich doch, was man so nennt, rausgeschmissen worden. Ehe ich ihr wieder in den Weg laufe, muß sie sich zuvor hierher bemühen ... natürlich mit dir.« Und dabei blieb es, soviel Harder Rickers auch noch auf ihn einreden mochte. Schließlich nahm dieser von weiteren Versuchen Abstand, nur die Versicherung wollte er noch haben, daß es geschäftlich zwischen ihnen beim alten bleibe.

Das Lachen, das der Große, der Großmütige, der Einzige nach solch dummer Frage anschlug, war geradezu ein Siegesgesang über alle kleinliche Denkungsart.

»Harder Rickers!« rief er, »bist du denn ganz von Gott verlassen? Weil deine Tochter mich nicht haben will, weil sie mich ausgescholten hat – versteht sich, ganz ungerecht ausgescholten hat, und darauf von mir bekommen hat, was ihr zukam – deshalb sollte ich kein Geschäft mehr mit ihrem Vater machen wollen, dem ehrlichsten Kerl, der jemals die Axt geführt hat? Na, wäre noch schöner. Da denke ich ganz anders, ich will dirs beweisen. Du wolltest vorgestern für den Stamm auf deiner Weide siebzehn haben, ich wollte nur fünfzehn geben, heute gebe ich siebzehn, obwohl er mit fünfzehn bezahlt ist. Abgemacht?«

Er hielt die Hand hin, der Alte schlug mit Freuden ein.

Das war ein Kerl, das war wirklich einer. Wie war Tinchen doch dumm! Er war ganz hin vor Bewunderung. Unserm Meister war nichts klarer, als daß Jochen ein großer Mann sei, und da Jochen nun in der Tat ein langer Mensch war, so sah Meister Rickers buchstäblich zu ihm auf.

»Jochen«, sagte er, und seine Stimme zitterte vor Feierlichkeit.

»Was, guter Meister?«

›Was bist für ein Mann, ich wollt, ich war ein Mann wie du, so reich, so klug, so erfahren, so großmütig und so gut!‹ Harder sprach wie immer plattdeutsch: »Dat is ja ganz gräsi«, sagte er wörtlich. »Du büst jo n ganz gräsigen Kerl. So vel Geld un hes so vel lehrt, und büst so good, so gräsi good. Jochen, wat büst förn Mann!«

Jochen lachte. Er fing in hoher Stimmlage an und ging tief hinunter, so wie die Hand eines alten Harfners die Tonleiter hinab über die Saiten tippt oder wie ein Kind in Holzpantoffeln die Treppe runterläuft: alle ins Freie führenden Türen sind offen, da schallt es, und die oberen Treppenstufen klingen in hoher Tonlage. ›So ein Kerl bin ich nun mal‹, das lag drin, ›aber ich trag meine Größe mit Würde.‹ »So weit wie ich«, erwiderte er bescheiden, »wirst du es in deinem Alter nicht mehr bringen. Aber etwas werden wir auch noch für dich herausarbeiten können; auf mich kannst allezeit rechnen, an mir solls nicht fehlen.«

Meister Rickers schwamm in Wonne. Sein Blick ging über die Stämme, die gesägt werden sollten, über die Bretter, die reinlich aufgeschichtet waren. Welch ein Reichtum! Jochen führte ihn, als zeige er dem Zimmermann alles zum ersten mal, und diesem war zumute, als habe er es noch niemals gesehen.

Vor einer Partie schlanker, junger Eschen blieb er stehen. »Schönes Holz, doch Nutzholz?«

»Daraus werden Schiffsstaken«, erklärte Jochen. »Du kennst die langen, leichten und doch starken Stangen, womit Schifferknechte die großen Flußkähne fortstaken. – Hör mal Meister!« Er dämpfte seine Stimme. »Man kennt das hierzulande nicht. Die Leute sind zu dumm. Ich sags keinem, aber dir will ichs anvertrauen. Da läßt sich viel Geld bei verdienen. Aber kennen muß man so was. Vier Schillinge kostet mir der Stamm, vier Schillinge sind meine Unkosten, noch zwei für Unvorhergesehenes, sind zehn Schillinge, drei Mark bekomme ich wieder. Der Hegereiter (aber unter uns!) ist auch zu dumm und doch schon dreißig Jahr hier, da muß mans ausnutzen. Wenn ein Klügerer kommt, dann ists vorbei. Hundert Stück liegen da, zweitausend sind noch zu haben. Weißt was?« Jochens Augen richteten sich voll auf den kleinen Mann; es lag viel Gutmütigkeit und Gutherzigkeit darin. »Weißt was, Harder Rickers? Ich will dir einen Beweis geben, wie ich bin und wie gut ich es mit dir meine. Wir wollen das Geschäft zusammen machen. Ich will das Geld hergeben, was dazu nötig ist. Du sollst das Fällen der Stämme leiten und das Aufladen und den Transport. Ich will dir dafür aufkommen, daß dich kein Verlust trifft, und den Gewinn will ich mit dir teilen. – Was? Was sagst du nun? Mein ichs gut oder mein ichs nicht gut? Ist Jochen Riese ein guter oder ein schlechter Kerl? – Hier meine Hand, schlag ein!«

Harder Rickers hätte nicht Harder Rickers sein müssen, er hätte ein Tor sein müssen, wollte er ein solches Angebot ausschlagen.

Er schlug ein, in seinem Innern tief überzeugt, daß der liebe Gott vor etwa dreißig Jahren sich eines Tages entschlossen gehabt habe, nach so mancher Tagesware mal einen wirklich tüchtigen und klugen und dabei einen unerhört edlen Menschen zu schaffen, und daß Jochen Riese das Ergebnis dieses Gottesentschlusses sei. Zugleich richtete er seine eigene Seele, die heute früh noch platt am Boden gelegen, auf. So ein ganz gewöhnlicher Mensch mußte doch auch er nicht sein, da er gewürdigt werde, die Zuneigung eines so herrlichen Mannes und seine Güte zu genießen. Sein Hochgefühl wurde nur durch einen Nebengedanken getrübt. Da war ein armseliger Handwerksbursche mit einem Wachstuchranzen, der irgendwo auf staubiger Landstraße daherwanderte und sich kümmerlich von Sauerkraut und einem Heringsrücken nährte. In den Gegenden, die auf der anderen Seite der Elbe liegen und von Gott im Zorn erschaffen sind, nährten sich nämlich alle Leute, nach landläufiger, auch von Harder geteilter Ansicht, von Sauerkraut und ein bißchen Hering. Dieser Geselle wanderte nun schon Jahre, um Meister zu werden. Und Harder hatte ihm seine Tochter versprochen.

 

Das Geschäft wurde gemacht und verlief nach Wunsch. Meister Rickers erhielt von Jochen gerade keine Tausende, aber doch eine ganz erhebliche Summe als seinen Geschäftsanteil am Gewinn des Eschengeschäfts ausbezahlt.

Nun hatte er die Freude des Geldgewinnes ohne körperliche Arbeit gekostet, nun war kein Halten mehr, nun wollte er mehr und mehr. Bei Jochen wollte aber die ›Kompagnie‹ nicht mehr passen. Bald stand dieser Grund, bald ein anderer entgegen; er ermunterte aber zu eigenen Unternehmungen.

»Aber Betriebskapital?« warf Harder ein. »Noch ist mein Vermögen klein.«

»Was bist du für ein guter, dummer Kerl, Harder!« antwortete der überlegene Jochen. »Bin ich denn nicht da? Kann ich nicht aushelfen, wenn es bei dir mangelt? Du kannst mir eine Hypothek geben. Etwas ist doch auch dein Häuschen und die Weide wert. Wenn du dann Geld brauchst, ziehst du einen Wechsel auf mich.«

»Was soll ich ziehen?« fragte der unschuldige Meister.

Jochen lachte, und nun hatte er dazu wirklich Grund. Denn Wechselziehen und Harder Rickers, das paßte, wie die Faust aufs Auge.

»Ich will dirs erklären«, sagte Jochen. »Komm mit nach dem Kontor.«

Nun bekam Harder Rickers die erste Stunde im Wechselrecht mit praktischen Beispielen aus der Hypothekenlehre.

Wie war das alles so einfach, so klar, wie war es so leicht, Geld zu machen! Man schreibt auf so einem länglichen Blatt Papier, wo schon alles gedruckt ist, man füllt eine Summe aus, man schreibt seinen Namen unten rechts (das bedeutet das), man schreibt seinen Namen quer (das bedeutet das), man schreibt seinen Namen hinten auf die leere Seite, und dann fällt einem das Geld in den Schoß ... eine ganz herrliche Einrichtung.

Wenn Harder Rickers im Augenblick etwas bedauerte, so war es das, daß er so lange auf der Welt gelebt hatte, ohne die rein ideale Freude des Wechselverkehrs zu kennen. Er rechnete kurz nach. Er war jetzt zweiundsechzig Jahre alt geworden, Jochen Riese vielleicht dreißig. Von Rechts wegen hätte er mindestens schon zweiunddreißig Jahre hindurch die Seligkeit des Wechselziehens genießen sollen. Das lebhafte Dankgefühl, das ihn gegen den lieben Gott beseelte, der alles, alles, auch den Wechselverkehr macht, wurde nur ein bißchen gemindert durch den stillen, seinem Schöpfer gemachten Vorwurf, daß er ihn zweiunddreißig, sage zweiunddreißig Jahre wie einen Wilden auf der Welt ohne Kenntnis dieser geradezu erstaunlichen Einrichtung hatte hinleben lassen.

Damit war denn der neue Lauf seines Lebensschiffchens gegeben.

5

Der Kurs war gegeben, Harder Rickers war Holzhändler, freilich nur ein kleiner, aber immer noch zu groß für seine Mittel. Die an den Zimmerplatz stoßende Weide hatte sich in einen Holzplatz verwandelt. Harder machte seinem Ideal Jochen Riese alles nach und bemühte sich, zu räuspern und zu spucken wie er.

Was helfen einem Mann, der mit Blindheit geschlagen ist, Töchter, und wenn sie auch noch so klug sind! Katrien sah klar, wie es kommen mußte. Sie bat, sie flehte, sie beschwor. Aber das alles war machtlos bei dem am Goldfieber erkrankten Meister Harder. Er liebte seine Tochter, aber er betete zu Jochen Riese und nicht zu seiner Katrien. Er schlief und schnarchte nicht mehr so ruhig, wie er früher geschlafen hatte, er wachte ganze Stunden. Und in langen schlaflosen Stunden der stillen Nacht mußte er immer (er mochte wollen oder nicht), mußte immer rechnen, mehr kopfrechnen, als er je in der Schule getan hatte. Anfangs rechnete er aus, wieviel Gewinn er davontragen werde, und schlug ärgerlich auf die Decke, weil er sich verrechnete, da er bald eine Null zu wenig, bald eine zu viel genommen hatte. Aber allmählich – ganz allmählich – mußte er anders rechnen, die Verluste ziffernmäßig feststellen, die er erlitten hatte oder demnächst erleiden müsse. Und endlich bedurfte es schon einer ganz haarscharfen und verwickelten Rechnung, um klar zu machen, wieviel seine Schulden mehr betrügen als sein Vermögen, wenn er das Haus zu soviel und die Weide mit soviel und seine Waren mit soviel ansetze und seine Ausstände ›alle einkriege‹.

Schließlich war es aber doch nicht mehr wegzuleugnen, daß er mehr Schulden als Vermögen hatte. Aber da kam die Hoffnungsseligkeit. Man sagt es den Schwindsüchtigen nach, daß sie sich über ihren Zustand täuschen und ewig hoffnungsvoll bleiben. Aber sind die, die am Schwund der Lungen leiden, hoffnungsvoll, so sind die am Vermögensschwund Leidenden hoffnungsselig. Dort ist sie eine häufige, hier aber eine fast regelmäßige Erscheinung. Wenn der Kanzleidiener des Gerichts schon die Tinte, womit ihre Falliterklärung unterschrieben wird, dem Richter ins Glas gießt, wenn die Formulare ihres Konkursproklams bereits im Fach zur nächsten Verwendung nach oben gerückt sind und bei jedem Luftzug erbeben – dann sind sie noch immer im Besitz der Überzeugung, alle Verlegenheiten, die sie gewissen Zufälligkeiten und gewissen Schlechtigkeiten zuschreiben, beseitigen zu können. Für die ganze Welt mag ihre geschäftliche Unfähigkeit klar sein wie der Tag, sie selbst würden es nicht zugeben wollen, auch wenn wieder mal ein Walfisch den göttlichen Befehl erhielte, einen Jonas auszuspeien, und dieser Jonas die ganz aparte Sendung bekäme, ihnen zu predigen, wie dumm sie eigentlich seien.

Eine ganze Zeitlang dauerte die Seligkeit des Wechselziehens. Harder hatte unten und hinten und quer – meistens quer – geschrieben. Beim Schreiben war Harder in der Schule Nummer zwei gewesen; es machte ihm jetzt eine kindische Freude, die lange entwöhnten Finger wieder geschmeidig zu machen. Erst hatte er seinen Namen hingepflügt, und sein Freund hatte dem Dokument durch sein ›Joachim Riese‹ erst seinen Wert gegeben, auf Grund dessen es, zum Erstaunen von Harder, als bares Geld bei der Bank in der Stadt angenommen worden war. Rieses Namenszug hatte auf ihn starken Eindruck gemacht; die selbstbewußte, einzige, wichtige Hand! Wie er in allem seinen Meister nachzuahmen sich bemühte, so auch in der Schrift. ›Harder Rickers‹ sollte aussehen wie das ›Joachim Rieses‹ jeder Buchstabe seines ehrlichen Namens sollte ebenso wie die J, die R und so weiter bei Riese sagen: ›Das bin ich, und ich bin der Einzige‹. Aber erst nach langer Übung gelang ihm – nicht das, was er wollte, aber doch eine Annäherung, erst das Gewicht und dann eine Art Fluß der geläufig hingeworfenen Buchstaben. Aber seiner merkwürdigen, wir wollen sagen kindischen Eitelkeit, genügte das nicht. Je mehr Jochen Riese vor ihm aufwuchs, um so knechtischer glaubte er ihn nachahmen zu müssen. Er saß ganze Sonntage in seinem Bretterschuppen draußen auf dem Holzplatz, den er sein ›Kontor‹ nannte, und malte Joachim Rieses Namen. Dabei dachte der ehrliche Meister bewußterweise noch mit keiner Faser an einen anderen Zweck als an den, ebenso charaktervoll zu schreiben wie Jochen. Sein böser Dämon aber stand hinter seinem Stuhl und sah auf die besser und immer besser gelingenden Übungen des alten Mannes. Harder wollte hinter das Geheimnis jener charaktervollen Zeichen kommen, er wollte ihre mystische Seele ergründen. Aber hinter seinem Stuhl standen seine innersten, seine werdenden, da standen seine zukünftigen Gedanken.

Wenn der Alte im Kontor Buchstaben malte, dann saß Katrien in der Stube. Sie lebten sich ganz auseinander. Selbst den Kaffee brachte sie ihm in den Bretterverschlag. Einmal war er wieder dabei, Namen zu schreiben, als ihn das Tassengeklirr aufschreckte. Da war es ihm plötzlich, als ob er etwas Unerlaubtes tue. Er versuchte den Bogen zu verstecken. Aber Katrien hatte es bemerkt, sie zog schweigend – sie war überhaupt still und schweigsam geworden – die arme Katrien zog den Bogen ruhig unter dem Hauptbuch hervor und betrachtete das vollgekritzelte Blatt.

»Vater!« rief sie.

»Was, mein Tinchen?«

»Du ahmst Jochens Handschrift nach, Vater. Das ist nichts Gutes, das führt ins Verderben.« Bleich und strafend stand sie vor ihm.

Der Alte sah aus wie ein ertappter Junge. Aber er versuchte sich zu fassen. »Mach doch nicht so Anstalten, Katrien«, sagte er. »Was Hab ich denn getan? Ich schreib seinen Namen, um zu sehen, wie man es macht, daß es nach was aussieht.«

»O Vater! Was du gedacht hast, was du gewollt hast, ich weiß es nicht, ich will es dir glauben. Ich weiß aber auch, daß du seinen Namen mißbrauchen wirst, wenn es sich mal um das Letzte handelt.«

Erst zerknüllte sie den Bogen. Aber dann genügte ihr diese symbolische Vernichtung nicht. Sie strich ihn mit der Hand wieder glatt und zerriß ihn dann in hundert Stücke. Sie brach in krampfhaftes Weinen aus und bedeckte ihre Augen.

»O Vater, was tust du! Du meinst, spielen zu dürfen in deinem Sinn. Aber solch Spiel führt zu keinem guten Ende.« Sie ließ die Augen frei und warf sich dem alten Mann an die Brust.

»Ich weiß, wie es steht, hör ich dich doch Nacht für Nacht rechnen, Zahlen und nichts als Zahlen. Der Gerichtsdiener kommt Tag für Tag. Ich weiß nicht, was er bringt, aber ich weiß, daß es Unheil ist. Das ist schlimm, aber das Schlimmste ist es nicht, das soll alles nichts machen. Es ist Unglück, vielleicht Ungeschick, aber keine Unehrlichkeit. Sie werden kommen und nehmen, was wir haben. Laß sie, wir wollens tragen. Ich bin jung und gesund und stark. Und du, bist du nicht auch rüstig und hast von Natur ein gutes Herz? Wir wollens hingeben, aber ehrlich, ehrlich wollen wir bleiben!«

Der arme Meister! In solcher Lage hatte er sich noch nicht gesehen. Anfangs hatte er zornig werden wollen, und bei dem, was die Katrien ihm zutraute, glaubte er tausend Gründe dazu zu haben. Aber er konnte mit seinem ›Aufbegehren‹ nicht zustande kommen. Es war wunderlich, irgendwoher sprach eine Stimme: ›Sie hat recht, du bist schon jetzt ein halb verlorener Mann.‹ So mußte er es aufgeben, wütend zu werden, er wurde nur gerührt. Und dann kam ein fürchterliches Mitleid mit sich selbst und mit der Tine über ihn. Er weinte mit der Tochter zusammen. Schließlich faßte er sich.

»Kind, Katrien«, sagte er, »du siehst es zu schlimm an, so steht die Sach doch nicht.«

Von der Möglichkeit, unehrlich zu werden, schwieg er. Wog er sein sittliches Schwergewicht und befand es zu leicht?

 

Vier Wochen ging es hin.

Harder stand vor Jochen Riese in dessen Kontor, ein Wechselblankett in der Hand. Es handelte sich um nochmalige Verlängerung. Er sah alt und grau und verzagt aus; Jochen, der Einzige, der Wohltäter, hatte ein verflucht geschäftliches Gehaben.

»Tus, Jochen!« wiederholte Harder. »Tus, sonst bin ich verloren.«

»Tus, Jochen, sonst bin ich verloren«, ahmte ihm der andere nach. »Und das soll für mich ein Grund sein, Tausende wegzuwerfen.«

»Ich bitte ja nur um deine Unterschrift«, entgegnete Harder.

»Ja um meine Unterschrift, um Jochen Rieses Unterschrift, die so viel wert ist wie klingendes Bargeld. Ich muß es doch bezahlen, denn du kannst es nicht und wirst es in Zukunft auch nicht können. Wenn ich hier meinen Namen hinschreibe, meinen guten, ehrlichen Namen, sieh so!« (er malte sein Joachim Riese auf ein Stück Papier), »dann zieht jeder den Hut. Aber dein »Harder Rickers« ist nichts als Luft, für die auf der Bank, und für mich auch.«

Jochen war in Gefahr, sich im Hochgefühl zu verlieren.

»Ja, aber«, wagte Harder zu unterbrechen, »wenn du später zahlen mußt, dann mußt dus ja auch, wenn du nicht schreibst.«

»Dummer Kerl, siehst du denn nicht, daß just das meine Rettung ist? Ich prolongiere nicht, nicht wahr? Der Wechsel ist fällig, nicht wahr? Die Bank verlangt es von mir, nicht wahr? Ich deponiere es bei der Bank und klage gegen dich, pfände deine Holzvorräte, deine Mobilien, deine Forderungen, mache die Hypothek an dem Haus geltend; das Häuschen wird gerichtlich verkauft, alles wird gerichtlich verkauft, soweit es nötig ist – und ich bin gedeckt. Bin ich ein gutmütiger Hans Narr und prolongiere, dann machst du, so gewiß wie zweimal zwei vier ist, neue Dummheiten und fährst die Karre immer tiefer in den Dreck. Nicht wahr? Andere kommen mir zuvor – ich weiß, du bist bei Partsch & Ehrich gewesen, die haben natürlich auch Wechsel in Händen (weh, oh weh, die Prozente!), du hast vielleicht schon die Klage bekommen, nicht wahr? Nach drei Monaten ist das Nest ausgenommen, und ich habe das Nachsehen. – Und wenns noch einen Zweck hätte!« fügte Jochen hinzu. »Aber bei dir ist Hopfen und Malz verloren.«

Meistes Harder sagte gar nichts; er fühlte, daß Jochen Riese recht hatte.

»Wie konntest du auch so unsinnige Geschäfte machen?« fing Jochen wieder an. »Weiß Gott, ich habe dir geraten, als wäre ich dein leiblicher Vater. Und so lange du mit mir gingst, wars gut; du verdientest Geld, und die Sache machte sich. Dann, ja dann wolltest du selbst der Kluge sein und hast dich denn auch hineinlegen lassen, daß es man so raucht. Nun sieh auch zu, wie du herauskommst!«

Jochen hatte vergessen, daß Harder sich erst auf seinen Rat selbständig gemacht hatte.

»Jochen«, bat Harder wieder, »nur dies eine mal noch. Ich sehe es ein, ich war nicht klug, aber es wird anders werden, Jochen!«

»Riese ist mein Name!« unterbrach ihn hart und herrisch sein väterlicher Berater, der Mann mit dem seinen Ehrgefühl.

»Also Riese, Herr Riese, wenn dus lieber willst. Ich tu alles, um dich zu erweichen. Ich falle dir zu Füßen, ich knie vor dir.« Er tat es wirklich.

Jochen aber stellte sich ans Fenster und fing an zu pfeifen. Er pfiff seine Lieblingsmelodie: »Muß i denn, muß i denn zum Städtelein hinaus«, brach aber ab und kehrte sich rasch um. »Rickers«, sagte er, »du machst dich zum Narren und außerdem sandig. So was verfängt bei mir nicht.«

»Jochen«, redete Harder Rickers ihn noch einmal verbotener Weise an, »Hab Mitleid mit mir, und wenn nicht mit mir, so doch mit meiner Tochter! Das Kind vergeht.« ›Se översteit dat ni‹, drückte Harder sich aus.

»So, so«, murrte Jochen und sah befriedigt drein. »Fräulein Tochter kommt es hart an!«

Er lächelte so fein, wie er konnte, und flötete sein ›Muß i denn‹ so leise, wie er vermochte. Dann machte er ein ernstes Gesicht und setzte sich breit in seinen Stuhl. Seinem Freund hatte er keinen angeboten, der stand, wie sichs für einen Bittsteller schickt, am Schreibtisch, die Mütze in der Hand. Nun sah man erst, wie häßlich der Holzhändler eigentlich war. In diesem Augenblick waren seine Haare gar nicht blond, sondern rot.

Jochen Riese sann nach. Erst lagen die Augen glanzlos in ihren Höhlen, sie waren nach innen gerichtet und besahen die Seele, die ihr Eigner hatte. Dann schlossen sie sich ganz. Riese wurde nach außen ganz blind, um seine Pläne um so deutlicher zu prüfen. Er fing an zu lächeln und mit den Fingern auf die Tischlatte zu trommeln.

»Die Katrien ist also traurig«, sagte der blinde Jochen.

Meister Harder weinte selbst, als er antwortete: »Sie weint Tag und Nacht.«

Nun öffnete Jochen die Lider, er hatte wieder Augen. »Vielleicht gibt es noch Mittel«, sagte er groß und gemessen. »Ich unterschreibe das Ding nicht nur, sondern löse es auch ein, ohne Ersatz zu beanspruchen.«

»Jochen, du wolltest ...« Ein Hoffnungsstrahl, an den Harder vorläufig selbst noch nicht glaubte, fiel in seine Seele.

»Ja, ich wollte, aber ich stelle meine Bedingungen: Du holst sofort deine Tochter. Deine Tochter bittet mich, sie zu heiraten, und ersucht mich, ›liebes Tinchen‹ zu ihr zu sagen. Und dann sagt sie ›mein lieber Jochen‹ zu mir und erklärt mich für einen guten Menschen und sagt, daß sie mich liebt, und zwar aus dem Grunde ihres Herzens und mit reiner, aufrichtiger Liebe. Und wie sichs für Brautleute schickt, umarmt sie mich und küßt mich. Und wenn das alles geschehen ist, dann unterschreibe ich den Wechsel, und das andere, was ich versprochen habe, gebe ich schriftlich.«

»Aber Jochen ...«

»Was ist?« fragte dieser.

»Das tut Katrien nicht.«

»Dann ist Katrien ein undankbares Mädchen und eine lieblose Tochter, dann unterschreib ich auch den Wechsel nicht.«

»Das ist ja ganz unnatürlich und unmenschlich«, eiferte der Alte.

»Ich bin nun mal für das Unnatürliche und Unmenschliche.«

Ein Arbeiter trat ein. »Ja, ja«, rief Jochen ihm entgegen, »geh nur, ich komm.«

»Du mußt mich wirklich entschuldigen«, wandte er sich an Harder. »Ich geh jetzt. Ich hab Geschäfte. Du kennst ja meine Meinung, und nach der Kontoruhr kannst du deine Rübe einstellen. Also nach einer Stunde.«

Als der Alte das Zimmer verlassen hatte, rief Jochen den Arbeiter zurück. »Wir wollen es jetzt lassen, Krischan«, sagte er. »Heute nachmittag ist auch noch früh genug. Ich komme heute nachmittag.«

Krischan verschwand durch die Tür nach dem Schneideraum. Um ihn kümmerte sich Jochen nicht. Jochen verfolgte durch das Fenster den langsam über den Hof gehenden Harder. Dann trat er zurück, warf die Arme in die Luft und lachte laut auf, aber nicht aus dem Kehlkopf, sondern aus voller Brust. »Die soll mir schon kommen! Endlich, endlich! – Ich will sie feierlich empfangen. Leider fehlt mir die Palme. Will mal sehen, was sich mit den Sachen machen läßt, die ich besitze.«

»Lene! Heinrich!« rief er durchs Haus.

In seiner Wohnstube ließ Joachim Riese zusammentragen und auf Reolen amphitheatralisch aufbauen, was seine Räume an Gewächsen bargen. Dem großen Spiegel gegenüber richtete er seinen die Palme vertreten sollenden Blumenhain her. Da wollte er Braut und Brautvater empfangen.

Mit gravitätischer Miene setzte er sich hinein und wartete auf Katriens Liebeserklärung.

Er wartete eine Stunde. Katrien kam nicht. Er wartete noch eine in seinem Hain. Und die nicht kamen, waren Harder und Katrien.

Da gab er Befehl, alles wieder wegzutragen.

»Verrücktheit!« sagte Lene. »Blödsinn!« drückte sich Heinrich aus. Aber sie schafften nach dem Gebot.

6

Meister Harder ging also nicht in den Blumenhain. Meister Harder machte sich am andern Tag auf zur Stadt. Ein auf Jochens Namen ausgefülltes Wechselformular hatte er in der Tasche. Noch war es nichts mehr und nichts weniger, als ein im Kontor zustande gekommenes Übungsblatt. Er hatte es eingesteckt, er wußte selbst nicht, weshalb.

»Wenn ich es nun täte, wenn ich es nun täte«, sagte er für sich. »Wäre es ein Unrecht? Nein, es wäre kein Unrecht. Nach drei Monaten kommts zum Zahlen. Dann hab ich meine Sachen in der Reihe. Es kräht kein Hund und kein Hahn danach. Da ist kein Unrecht bei.«

Die ganze Nacht hatte er gerechnet, sein Sinnen zersonnen und dadurch um alles Unterscheidungsvermögen für bös und gut gebracht. Er hatte herausgerechnet, daß sich alles ebnen lasse, wenn nur der Wechsel verlängert werde. Das war aber notwendig, sonst war er verloren. Seiner Tochter hatte er weder von dem wunderlichen Ansinnen ihres Liebhabers gesagt, noch von dieser Reise. Sie sah zu scharf, sie hätte sicher durch seine Jacke hindurch den Wechsel, auf dem ›Joachim Riese‹ so groß quer herübergeschrieben war, gesehen. Nein, die Sache wollte er allein abmachen, und dann wollte er sehen, seine Ausstände einzubekommen und alles in Ordnung bringen.

Es war eine mäßig große Provinzialstadt, wohin Harder seine Schritte lenkte. Nicht gerade von überwiegender allgemeiner Bedeutung, immerhin aber Bank- und Warenhaus für die Umgebung, zu der auch der vielleicht zwei Meilen entfernte Wohnort von Harder Rickers gehört.

Bis zum Nobiskrug, eine halbe Stunde vom Ort entfernt, führt ein düsterer Weg zwischen Waldgehegen, fünf Minuten vor dem Wirtshaus liegt, so recht in der Einsamkeit, eine kleine Mooskate.

Hier hatte Peter Rank, der falsche Papiere gemacht hatte und nun saß, gewohnt. Dessen Frau rief Harder Rickers an und bat ihn, sich nach ihrem Mann umzuhören.

Das traf ihn wie Donnerschlag. War das eine Warnung des Himmels? War er im Begriff, sich zum Schuld- und Schicksalsgenossen von Peter zu machen! Aber lange ertrug sein Wille, der sich in der Erreichung seines Zieles gehemmt sah, diese Störung nicht. Nein, mit Peter Rank hatte er nichts zu tun. Mit Peter war das eine ganz andere Sache. Der hatte Hans Hollers Namen unter einen Bürgschaftsschein geschrieben, ohne dazu ein Recht gehabt zu haben. Denn Hans Holler hatte beschworen, daß er dem Peter nichts versprochen habe, wenn Peter auch bei seiner Behauptung geblieben war. Aber er und Jochen! Wie oft hatte Jochen Riese ihm gesagt, ihn nicht im Stich zu lassen und Wechsel zu verlängern, wenn es mal mit Geld nicht passe. Einmal, zweimal, dreimal hatte er es denn auch getan. Nun wollte er es nicht mehr. War das nicht himmelschreiendes Unrecht? Wer konnte ihm verdenken, daß er jetzt selbst den Namen schrieb, den Jochen Riese zu schreiben verpflichtet war? War das Unrecht? Nein, das war kein bißchen Unrecht.

Das Bankgebäude hatte ein hohes Schieferdach. Mit seinen roten Ziegelsteinwänden sah es solide und einfach und wahr aus. Zu dem Haupteingang führten schwere Steinstufen. Vor der Haupttür lagen Granitblöcke, schwer und massig, wie das Gewissen nach begangener Tat.

Kurz vor Mittag trottete Harder Rickers die Stufen hinauf. Er war von unansehnlicher Figur, ein kleiner Bauer, und in den letzten Monaten war er alt und welk geworden. Zwar war sein Haar noch voll und dicht, aber grau und steif war es, so daß es sich der Mütze nur widerwillig bequemte. Es schien den leichten Deckel heben zu wollen, und an den Schläfen und Ohren strebte es eigensinnig in die Weite. Es war, zumal als er nach verrichteter Sache über die Granitplatten wieder hinabschritt, ein borstiges, widersetzliches Haar, ein Haar, das Wert darauf legte, auf einem ehrlichen Kopfe zu wachsen.

Harder hatte sein Bankgeschäft besorgt, der Auftrag der Frau Rank war ihm ganz entfallen, er hätte also nach Hause gehen können, aber er tat es nicht. Das Bankhaus hielt ihn, als sei es ein Magnet und als sei er eine Stecknadel. Er mußte immer an das Stück Papier und an Rieses Namenszug denken, der darauf stand. Für sein Leben gern hätte er noch einmal in die Kontorfenster hineingesehen, ob das Papier wirklich im Fache liege und nicht vielleicht als verdächtig nachgeprüft werde.

Und immer zweifelhafter wurde ihm sein sittliches und juristisches Recht, Rieses Namen in der Weise zu gebrauchen. »Ja«, sagte sein Gewissen; »du behauptest zwar, Jochen Riese sei verpflichtet gewesen, seinen Namen zu schreiben. Das ist aber doch sehr fraglich. Und wenn auch – eine Fälschung, einen Betrug hast du doch begangen. Denn du sagst durch das Papier allen, durch deren Hände es geht, daß Riese die Unterschrift geschrieben hat. Und das ist nicht wahr. Du bist ein Fälscher und Betrüger! Eine andere Bezeichnung gibts nicht dafür.«

»So schlimm ists doch nicht«, redete er auf sein Gewissen ein: »Ich bin doch kein Verbrecher wie ... wie ... nun, wie Peter Rank.«

»Ich sehe nur den Unterschied: bei Peter Rank handelte es sich um ebenso viele Hunderte wie bei dir um Tausende«, antwortete das Gewissen.

»Ach, hättest du das vorher gesagt!« seufzte Harder.

Diese Beschwerde hatte Berechtigung. Vor der Tat leistet unser böser Wille an moralischer Schönfärberei das Mögliche. Die Moralanschauung muß sich gefallen lassen, dem Interesse zu dienen, die glänzende Seite des Zieles wird grell beleuchtet, die keck zugreifende Hand wird empfohlen. Überall sieht man Eideshelfer für das eigene Recht. Die Warner schweigen oder sind doch von dem Willen so eingeschüchtert, daß sie Eindringliches nicht leisten. Aber nach der Tat, wenn es zu spät ist, da helfen die Eideshelfer, da werden die schüchternen Warner dreist, da werden sie herzlose und unerbittliche Ankläger.

Der alte Mann begann die Bank zu umkreisen. »Hätte ich es nicht getan! Katrien, meine gute Katrien!«

Was sollte er beginnen? Sollte er vor die Kasse hintreten, den Wechsel wieder fordern und sich der Fälschung anklagen? Ach nein, das ging nicht! Den alten Wechsel konnte er nicht zurückgeben, den hatte er gleich zerrissen, man würde ihn verhaften. Jochen Riese würde Nachricht erhalten. Das alles war klar.

Harder ging und ging. Er wanderte ruhelos in den Straßen umher, aber das schreckliche Bankhaus, das den falschen Wechsel barg, behielt er im Auge. An der Hinterseite war es von Höfen und Häusern eingeschlossen, man mußte, wollte man darum herumgehen, durch einsame Gassen und Gäßchen. Das war für einen alten Mann mit abstrebendem ehrlichem Haar eine rechte Mühsal. Aber er unterzog sich dieser Mühsal, er mußte das große Gebäude mit dem roten Dach sehen, und wenn es einmal durch Giebel und Dächer, wie zum Beispiel in der Torstraße, verdeckt war, dann steigerte sich die Beklemmung bis zur Atemnot.

Die Torstraße ist schmal und feucht und übelriechend. Sie ist auf der einen Seite durch niedrige Häuser, auf der anderen Seite durch eine hohe Mauer begrenzt, deren regelrechte Fugen die tägliche Augenweide für die Fenster der anderen Häuserzeile bilden. Harder kannte die Mauer, jeder kannte sie – sie faßte den Hof des Zuchthauses ein.

Harder Rickers schrak heftig zusammen. Unmittelbar vor ihm hatte sich klirrend und rasselnd ein Tor geöffnet, eine Patrouille mit geschultertem Gewehr führte einen Trupp Sträflinge vor sich her.

Zwei zerlumpten Knaben, die sich grade an der Jacke hatten, schien das so wichtig, daß sie ihre Balgerei einstellten. »Dat sünd Galeerensklaven«, erklärte der eine, »de arbeit op n Stadtwall mit n Kugel ant Been.« – »Kiek«, erwiderte der andere, »se hebbt en gel Been un en swart.«

Die Sache war dem Meister Harder nicht neu. Als er noch eine intakte Seele besaß, hatte er sich zu seiner mehreren seelischen Erhebung die Sache selbst angesehen. Die Züchtlinge verrichteten in der Tat schwere Karrenarbeit mit einer Kugel am Bein. Es ist doch ein eigener Genuß – das Gefühl sittlicher Höhe, wenn man weiß, daß einem so was nicht passieren kann. Wie oft und mit welchem Behagen hatte er bei allem Mitleid das früher gefühlt. Die Sträflinge hatten alle graue Gesichter, überall standen Wachen mit geladenem Gewehr dabei. Einmal hatte er auch seinen Freund Peter in der Karre getroffen, er hatte mit ihm sprechen wollen, war aber barsch auf die Sprechstunde in der Anstalt verwiesen worden.

Der Beamte hatte den Mittwoch genannt, und nun war es Mittwoch, und auch die Stunde war richtig, und von Frau Rank hatte er Bestellung zu verrichten. Peter Rank wurde in seinen Augen zu einem Kameraden, zu einem Unglücklichen, den wollte er besuchen. Hauptsächlich aber wollte er ihn fragen, ob es wahr sei, daß Hans Holler auch ihm, just wie in seinem Fall, die Unterschrift versprochen gehabt habe.

Wenige Minuten später war er im Sprechsaal der Anstalt. Als die Tür hinter ihm zufiel und abgeschlossen wurde, mußte er an einen Sargdeckel denken. Dieses Schlüssel- und Kettengeklirr, ihm war immer, als müßte die nächste Handschelle sich um seine Knöchel legen. Überall roch es nach Teer und Öl, und alle Leute hatten bleierne Gesichtsfarbe.

 

Um dieselbe Zeit, als Harder Rickers sich beim Kastellan des Zuchthauses meldete, sprach ein halb städtisch, halb bäurisch gekleideter, selbstbewußt tuender junger Mann auf der Bank vor. Das war Jochen Riese. Er wurde seiner Bedeutung und seinem Vermögen entsprechend empfangen und behandelt und in das Direktionszimmer genötigt.

Der fällige Wechsel von Rickers sei doch eingelöst? warf er hin.

»Selbstverständlich, Sie haben ja prolongiert«, lautete die Antwort. Man legte ihm das von Harder abgegebene Papier vor.

Mit lächelnder krauser Lippe und mit krausem Kinn prüfte der große Jochen Meister Rickers Kunst.

Sein Gesicht fiel auf. »Mit dem Wechsel ist es doch in Ordnung?«

»Darüber möchte ich mir eine Erklärung vorbehalten«, war die reservierte Antwort.

»Spaß!« lachte der Direktor. »Der alte ehrliche Harder.«

»So denke ich auch«, antwortete der Diplomat. »Die Sache wird gewiß in Ordnung kommen.«

 

Jochen hatte mit der Handlung Paap & Co. ein gutes Geschäft geschlossen, er hatte im Adler gegessen, er hatte eine gute Zigarre geraucht, er hatte eine Flasche Wein getrunken, der Fuchs vor seinem Einspänner war mutig und gut eingefahren. Als er, nach Hause zurückkehrend, durch die Königstraße knatterte, grüßte man rechts und links – Jochen Riese war ausgezeichneter Laune.

Eben hatte er das Stadttor hinter sich, da holte er den mühsam daherstiefelnden Harder ein.

»Holla!« rief er. »Holla, Meister Rickers.«

Er pfiff und zog die Zügel an, steckte den Peitschenstiel ins Futteral. Der Fuchs stand wie ein Baum.

»Harder«, wiederholte er, »bißchen mitfahren?« Er lachte dabei aus voller Kehle.

Harder stand still, ohne sich zu wundern, wie der Unglücksnachbar so plötzlich daherkomme. Er wunderte sich über nichts mehr. – Mitfahren wollte er nicht. Er dankte.

Jochen lachte noch immer, lachte ihm voll ins Gesicht.

»Was lachst du?« fragte Harder. Es war ihm wirklich unbegreiflich, wie heute jemand lachen könne.

»Ich bin vergnügt, Meister. Soll ich da nicht lachen? Wart nur, Nachbar. Morgen sollst du auch lachen. Morgen wollen wir alle lachen. Morgen. – Jawohl, morgen! Gestern habt ihr mich im Stich gelassen, morgen werdet ihr das nicht tun. Es ist der zweite Termin, einen dritten gebe ich nicht.«

Er zog seine Uhr. »Es ist fünf Minuten nach vier. Morgen um diese Stunde, also vier Uhr, wünsche ich euch zu sehen. Meine Bedingungen sind die alten. Du brauchst nichts zu sagen, Harder. Ich weiß, daß ihr kommt, du und deine Fräulein Tochter, die ... na die ...« Er schüttelte heftig den Kopf, als wenn er den Namen suche und nicht finde. »Wie heißt sie doch gleich?«

»Katrien heißt sie«, antwortete Meister Rickers demütig.

Jochen Riese mit dem feinen Ehrgefühl lachte wieder. »Das ist ja auch wahr. Wie konnte ich das vergessen! Darüber erzürnten wir uns ja gerade. Tinchen darf ich nicht sagen – ›Katrien Rickers ist mein Name‹.« Er ahmte des Mädchens Stimme nach und brach wieder in schallendes Lachen aus.

»Lach nicht!« bat der Alte. Es ging ihm wirklich durch Mark und Bein.

»Kannst du mein Lachen nicht leiden, Schwiegervater? Dann laß ich es selbstverständlich.« Er lachte nicht mehr; um so listiger verzog er den Mund.

»Was tut man nicht dem Vater seiner Braut zuliebe! Wir wollen nicht mehr davon reden, es gibt ja noch mehr, was interessiert. Zum Beispiel, Harder, warst – auf der Bank?«

Harder wurde kaum noch rot. Jochen wußte natürlich alles, es kam nichts mehr unerwartet. »Ich war da«, gestand er.

»Das find ich nett, Harder! Ich sprach übrigens auch mal vor und freute mich, wie du schreiben kannst, Meister.«

»Ich weiß, Jochen. Ich bitt dich, schweig davon!«

»Du bist ein wunderlicher Heiliger, Nachbar. Nun kannst auch das nicht vertragen. Lachen soll ich nicht, von der Bank und von Wechseln willst du nicht hören. Was soll man denn eigentlich mit dir reden? Na, wollens versuchen. Warst bei Peter Rank?« Der Sprecher bog sich zu Harder hinüber, so weit es ging. »Hast du ihn besucht?« fragte er schmierig.

»Ja«, antwortete Harder. Ihm war jetzt alles einerlei.

»Sehr vernünftig. Man kann nicht wissen, wo man noch mal sein Brot ißt. Wenn mans kennt, dann gewöhnt man sich um so eher. Wie gehts denn dem ehrlichen Peter?«

Harder schwieg.

»Hat dir natürlich erzählt, daß Hans Holler der Schuldige ist. Er hatte ja versprochen, ihm mit Bürgschaft zu dienen. Aber das Gericht hat gesagt, das seien Redensarten, das sei kein Versprechen, kein bestimmtes Versprechen, das allein vor dem Gesetz binde. Und selbst, wenn auch alles so wäre, haben sie gesagt, Fälschung bleibe Fälschung und werde mit Zuchthaus bestraft. Nicht wahr, das alles hat er dir erzählt? – Wieviel Jahre bekam Peter doch?« fragte er weiter.

»Viereinhalb.«

»Viereinhalb, und erst drei vorüber. Noch einundeinhalbes Jahr, Tag für Tag in der Karre mit ner Kugel am Bein. Das würde uns nicht behagen, was, Meister? Aber da ist nichts zu machen. Und das müssen wir doch sagen, Meister: verdient hat der ehrliche Peter seine viereinhalb Jahre redlich. Wohin solls führen, wenn man sich nicht mehr auf die Unterschrift verlassen kann? Das empfinden wir Geschäftsleute am ersten. Nicht wahr, Meister?«

Der Alte stöhnte. »Schweig, Jochen!«

»Weshalb soll ich schweigen? Was bist du komisch! Das, was Peter getan hat und was er zu verbüßen hat, das geht uns beide doch nichts an.«

»Bitte, lieber Jochen, hör auf. Ich beschwöre dich bei deiner Seligkeit, ich beschwöre dich bei meiner Katrien!«

»Wenn du die Katrien anrufst, dann muß ich freilich still sein.«

»Wir kommen morgen, du sollst nicht umsonst warten.« Harder war ganz zerknirscht.

»Das ist mir angenehm zu hören. Ihr sollt mir sehr willkommen sein. Dann ist ja alles gut. Und nun sei kein Narr, Schwiegervater, und steig auf! Wir fahren zusammen ins Dorf.«

»Laß mich allein, Jochen! Ich bitte dich, ich flehe dich an. Ich kann nicht, ich kann nicht.«

»Komischer Kauz! Dein Wille geschehe!« Er nahm die Peitsche aus dem Futteral und lockerte die Zügel.

»Ja, alter Fuchs«, redete er zum Pferd hinüber, »wir fahren allein weiter. Unser Schwiegervater kann heute noch nicht. Aber morgen kann er. Komm!«

So rollte Jochen rasch davon.

7

Am folgenden Tag, punkt vier Uhr, wie Jochen bestimmt hatte, ist dessen Verlobung mit Katrien zustande gekommen. Mit all dem Pomp und all der Herrlichkeit, die er vorbereitet hatte, mit der ganzen Wucht, die er zur Bedingung gemacht hatte, anfangs und, soweit er beteiligt war, auch mit der beabsichtigten Heiterkeit.

Eine Palme hatte sich freilich mit dem besten Willen nicht beschaffen lassen, aber sonst war der nach Lene und Heinrichs Ansicht wahnsinnige, auf Reolen und Bänken hinter dem Lehnstuhl des Hausherrn, gegenüber dem goldenen Wandspiegel aufgestellte Blumenhain fertig. Heinrich hatte einen Birkenbaum und eine Stechpalme hinzutun müssen. Sie sollten an Stelle der fehlenden Palme über dem Haupte des Siegers der Stimmung durch gelegentliches Rauschen nachhelfen.

Gerüchte kommen und entstehen und vergehen wie Federwolken in heißen Sommertagen.

Im Dorfe heißt es: Bei Harder Rickers ist was nicht in Ordnung, aber der Holzhändler wird alles in die Reihe bringen und die Katrien heiraten.

Was stürzen die Nachbarn ans Fenster?

Sie stürzen ans Fenster, weil die von dem Gerücht betroffenen Personen leibhaftig über die Straße gehen und beim Holzhändler einbiegen. Der alte Meister Rickers mit abstehenden grauen Spießern, Katrien jung und schön und blaß und bleich, aber wie ein Steinbild so ruhig und starr. Es scheint, als ob sie sich nach dem Kontor wenden wollen, aber Heinrich erscheint und redet auf sie ein. Da verschwinden sie über die Schwelle des Wohnhauses.

In Jochens bester Stube ist es gewesen. Jochen sitzt in seinem Blumen-, Birken- und Stechpalmenwald, besieht sich im Spiegel und findet ausnehmend Gefallen an sich und lächelt und lacht und ist freundlich und glücklich und steht auf und bietet die Hand, bietet beide Hände und heißt Vater und Tochter willkommen und sagt, daß er sich aufrichtig über ihr Kommen freue.

Und Katrien bleibt kalt und ruhig und fängt an zu sprechen. Es handle sich um eine Geschäftsangelegenheit ...

»Nicht ein bißchen Herzenssache?« unterbricht sie Jochen. Er ist jetzt ein guter, aber ein völlig guter Kerl.

»Nichts für ungut«, erwidert die Angeredete. »Ich weiß es nicht. Du, Jochen, magst es nehmen, wofür du magst. Ich kann in diesem Augenblick Geschäft und Herz nicht genau unterscheiden. Mein Herz ist etwas krank.«

»Es wird schon wieder gesund werden«, tröstet der gute Kerl.

Katrien ist eine redende Bildsäule. »Ich habe dich einstmals beleidigt, ich habe dich treulos und bübisch genannt, ich habe dir Herz und Gemüt abgesprochen. Ich habe dir unrecht getan, ich bitte dir alles ab. Du hast es vorausgesagt, es trifft ein, es wird alles eintreffen, was du prophezeit hast.«

»Das freut mich«, sagt Jochen.

»So komm ich«, sie zögert einen Augenblick, fährt dann aber unbewegt fort: »so komme ich denn mit meinem Vater, dich zu bitten, mich zu deiner Frau zu machen.«

Dem Holzhändler lacht das Herz im Leibe. Er will auch mit dem Gesicht, mit dem Mund, mit seinem Kehlkopf lachen, wie er sonst lachen tut, er will über seinen Sieg lachen, er will über das Lächerliche des ganzen Vorgangs lachen, er will aber auch gemütlich und gutmütig lachen, um seiner Braut über diese nun mal von ihm beschlossene, daher unabänderliche Demütigung hinwegzuhelfen, aber er lacht doch nicht. Seine Braut ist eigentümlich bleich und ernst. Er sucht sein Bild und ihr Bild im Spiegel, aber auch dort wird ihm nicht das erlösende Lachen. Denn auch im Spiegel ist sie ein Bild mit erloschenen Marmoraugen.

Er antwortet daher ganz angemessen und ganz ernst. »Recht gern heirate ich dich. Das ist ja immer mein höchster Wunsch gewesen, Katrien.«

»Mein guter Jochen«, erwiderte die Steinerne, »du mußt Tinchen sagen, mein liebes Tinchen!«

»Mit großem Vergnügen mache ich dich zu meiner Frau, mein liebes, geliebtes Tinchen. Ist es so recht?«

So war es recht.

»Was ich noch fragen wollte, liebes Tinchen, liebst du mich?«

»Aus reiner Neigung und aus tiefem Herzensgrunde. Warum sollte ich dich nicht lieben! Du bist ja der beste und edelste Mensch von der Welt. Du meinst es mit allen Menschen so gut.«

»Wahr ist es schon. Aber es ist doch wohl mehr, als ich verdiene.«

»Nicht doch, Geliebter. Du verdienst eine bessere Liebe, als ich dir gewähren kann. Komm in meine Arme!«

Als Jochen Riese von Katrien Rickers den Bräutigamskuß erhielt – das war ein Vorgang im Blumenhain, der einfach als rührend bezeichnet werden kann. Zugleich schwebte der Geist der Erhabenheit über den Blumentöpfen, über den Birkenreisern und über der Stechpalme.

Wie es kam ... gleichviel ... aber es war etwas da, das die Bäumchen des Blumenhains schüttelte. Darob schlugen die Zweiglein knisternd und raschelnd zusammen. Andere Ohren als die von Jochen Riese hätten andere Lieder gehört; dem großen Holzhändler aber erklang es wie Lorbeergetuschel ungetrübter Siege.

 

Es gibt eitle Leute, die sich bescheiden geben, im geheimen aber von einem brennenden Ehrgeiz verzehrt werden. Und es gibt eitle, selbstgerechte Menschen, die es jedem sagen, wie vortrefflich sie sind. Diese Offenheit steht mit einer gewissen kindlichen Gemütsanlage in Verbindung, die eine Freude daran hat, anderen Leuten gegenüber sich als Wohltäter auszuzeichnen.

Sie können grausam sein, diese Leute, wenn es ihre Ruhm- und Ehrsucht mit sich bringt. Vor allen Dingen soll der Gegner sich demütigen. Hat er das getan, so hört er auf, ein Gegner zu sein. Dann ist er nur noch ein Armer, ein Unterdrückter, ein Schutzbedürftiger. Da wird sofort die Seite des wohltätigen Beschützers und des großen Wohltäters hervorgekehrt. Aber das geschieht offen, protzend und eitel. Denn da diese Leute nun mal als Protzen geboren sind, so protzen sie auch mit ihrer Gesinnung.

Die Demütigungsszene war glatt von statten gegangen. Nun war Jochen Riese der große Wohltäter.

»So, Schwiegervater«, sagte er, »nun wollen wir das Geschäftliche ordnen. Du gehörst nun zu meiner Familie. Wie ein Sohn will ich an dir handeln. Heute sollst du Jochen Riese kennen lernen, wie er eigentlich ist. Siehst du, Vater, ich habe eine harte Hand. Ich hab aber auch eine weiche.«

Er legte eine dicke Brieftasche auf den Tisch und entnahm daraus ein Papier.

»Kennst dus? Besieh es genau. Hier steht mein Name ›Joachim Riese‹ quer über dem Wechsel, aber nicht von mir geschrieben. Ich habe ihn heute früh eingelöst.«

Er nahm den Wechsel in die Hand und faßte das Papier in der Mitte, um es zu zerreißen.

Darauf Katrien: »Halt!«

»Warum, Liebe?« fragte Jochen und lächelte glücklich. »Nein«, sagte er, »einhalten, wenn es gilt, ein gutes Werk zu tun, das tut Jochen Riese nicht. Sieh, Jochen Riese macht das so: Ritsch, ratsch! Er ist nicht mehr, er ist niemals gewesen.« Die Fetzen flogen in den Papierkorb.

»O!« seufzte Katrien.

Jochen hielt es für ein Weibergestöhne, das nichts zu bedeuten habe. Er sah in den Spiegel, sein Bild gefiel ihm.

»Ich habe auch meine Ehre«, sagte er stolz. »Ich hab es versprochen, ich hab es gehalten; ich heiße Jochen Riese.«

Ein Seitenblick ging wieder nach dem Spiegel.

»Und nun, Vater, zu dem anderen. O je, o je«, seufzte er und tat komisch und kratzte den Kopf, »was hast dir da zusammengeschnorrt! Hier ... Partsch & Ehrich ... vertrauenerweckende Leute ... hartgesottene Wucherer. Ich hab ihnen die Hölle ordentlich heiß gemacht. Und es hat sich gelohnt. Vierzig Prozent haben sie gestrichen, aber betrogen sind sie sicherlich nicht. Und hier Meier & Wolf leihen auch auf Wechsel, sind aber doch ein gut Teil anständiger. Bei denen Hab ich mich aufs Bitten gelegt ... fünfundzwanzig haben sie abgelassen und haben doch noch ganz gewiß einen hübschen Rebbes. – Und hier die Rechnungen.«

Als Jochen sie aus der Brieftasche zog, wurde sie recht dünn.

»Die von Paap, von Hansen, von Molzen, von Lubeseder, Franzen, Johannsen, und wie sie alle heißen« (Jochen warf eine ganze Handvoll Rechnungen auf den Tisch) »... alle quittiert, alles ehrliche Forderungen für ehrlich gelieferte Waren. Die haben ihr Geld selbstverständlich ohne Abzug erhalten.«

Jochen griff wieder nach der Tasche.

Da rief Katrien, und ein heftiges Rot färbte das Marmorgesicht: »Jochen, lieber Jochen. Zum ersten mal nenne ich dich so mit ein wenig Aufrichtigkeit und nicht nur Komödie spielend. Ich bitt dich, Jochen, hör auf, es sprengt mir das Herz.«

Er verstand sie wieder nicht. »O nein, Katrien«, sagte er, »da sei ruhig, es wird mir nicht zu viel. Wir behalten noch«, lachte er, »sei nur ganz ruhig.«

Er schwelgte förmlich in Selbstlosigkeit. Über die Züge des Mannes mit dem feinen Ehrgefühl flog etwas, das wie Glück aussah, wie das Glück, das unsere Seele nach guter Tat besser macht. – Palmen über dem Scheitel, Lorbeeren in den Locken! – Wenn sie auch nicht da waren, ihr Getuschel lag ihm doch im Ohr. Er war auf der Höhe, der Spiegel sagte es ihm; es handelte sich aber auch um den besten Trumpf, um seine sittlichste Tat.

Das letzte Papier zog er aus der Tasche. Nun war sie ganz dünn und faltig.

»Seht her!« sagte Jochen. »Hier ist ein Kontrakt, den ich mit meinem Schwiegervater eingehen will. Ich übernehme den ganzen Kram, ich übernehme ihn mit ›Schuld und Unschuld‹. Und die Kate soll dir, solange du lebst, verbleiben, als ob du freier Eigentümer wärst. Ich setze dir einen Altenteil aus – du darfst jeden Tag Braten essen und Weinsuppe, soviel du magst« (Jochen lachte zwar, aber er lachte genügsam über seinen Witz). »Und auf meiner Holzhandlung soll dein Altenteil eingetragen werden, du darfst selbst sagen, wieviel du gebrauchst. Dir, lieber Vater, soll es gut gehen, selbst wenn es mir mal schlecht ginge. – Nun?«

Jochen sah den Alten an und Katrien an, und wieder den Alten und nochmals Katrien. »Nun, was sagt ihr? Ist Jochen Riese ein guter Kerl oder ein schlechter?«

Über Harder kam es. Es übermannte ihn. Vor Rührung konnte er nicht reden, er konnte nur einzelne Worte herausstoßen. So sehr lag ihm der Krampf in Kinn und Rachen.

Jochen Riese sei ein guter, der beste Mann. Harder sprach eigentlich nicht, er würgte nur. Sprechen konnte er nicht. So sehr war er überwältigt.

Aber Katrien legte ihrem Bräutigam die Hand auf die Schulter. In tiefer Bewegung. In ihrem Gesicht ein verhaltenes krampfhaftes Schluchzen.

»Nicht weiter, Jochen. Ich wollte einfallen, aber du hast mich nicht verstanden. Ich will dir was sagen, ich will dir was abbitten, bevor es zu spät. Das andere, das war ja nur Eulenspiegelei, weil du es so wolltest. Aber das, was ich jetzt sage, kommt aus aufrichtigem Herzen. Ich habe zwar immer gewußt, daß der gut aufgehoben ist, der es über sich gewinnt, sich dir und deinem Willen zu unterwerfen. Aber ich hab dich darin doch wohl unterschätzt.«

Jochen Riese lachte. »Siehst du wohl, Tinchen! Habe ich nicht immer gesagt, wir würden uns finden?« Er lachte wieder so, wie ein guter Mensch über eine gute Tat lacht.

»Lach nicht so laut!« bat Katrien, »Dein Lachen geht mir durch und durch, ich kann es nicht ertragen. Sie ist so furchtbar ernst, diese Stunde. So, Jochen, wie du es verstehst, habe ich es nicht gemeint. Ich wollte dir ein gutes Wort sagen, bevor ich gehe. Denn wisse, in wenigen Stunden wirst du sagen, ich habe dich betrogen.«

»Du mich betrogen? Du gehen? Wie sollen wir das verstehen? Willst nach Amerika? Da wird nichts aus. Ich laß dich nicht. Wir lassen sie nicht, nicht wahr, Harder?«

Katrien war totenbleich. Sie griff sich krampfhaft nach dem Herzen. Dann legte sie die Arme ihrem Vater sanft um den Hals. Und küßte ihn. »Guter Vater, dich gehts zuerst an, dir tu ich das größte Weh.«

Sie löste ihre Arme und gab Jochen die Hand. »Auch von dir möcht ich in Frieden gehen. Auch dich, Jochen, bitte ich um Vergebung. Ich geh von euch.«

»Von uns? Wohin? Was soll das heißen?«

»Ich geh, weil ich Gift genommen habe und nur noch wenige Stunden lebe.«

8

Heinrich jagte ein Pferd tot nach dem Doktor. Das half alles nicht – Katrien starb. Und wurde von Jochen mit großem Pomp begraben.

Das war seine letzte Protzerei. Er wurde ruhig und still. Dem alten Rickers hielt er sein Wort.

Abends saß er in seinem Kontor und rechnete und träumte. Wer über den Holzhof ging, sah ihn, grell von der Lampe beschienen.

 

»Unser Wirt«, redete ihn eines Abends sein Hausknecht – es war noch immer der alte Heinrich – an, »wollen Sie nicht lieber die Vorhänge zuziehen? Es schleicht hier schon ein paar Abende ein Mensch herum und sieht und starrt hinein. Und er hat was bei sich, ich weiß nicht, ist es eine Flinte oder ein Stock. – Wirt ... da ist er wieder ...« Der Knecht bückte sich nach dem Fenster. »Da beim Heck«, flüsterte er, »nun beim Pfahl, da geht er um die Ecke.«

Es dämmerte, aber nach der Torfahrt konnte man doch hinsehen. Da ging es wie ein Schatten ... Eine dunkle Gestalt ging über den Hof.

»Ach was, Heinrich! Mich machst du nicht graulen. Was kann das sein! Ein wilder Fußsteig führt von der Försterei über unseren Hof. Der Hegereiter hat einen neuen Gehilfen bekommen. Was meinst du, sieht der Mann anständig aus?«

»Anständig? ... Ja, das kann man nicht anders sagen. Er ist gut im Zeug und scheint nicht alt. Aber einen Bart hat er ... so ... lang.« Peter zeigte eine Viertelelle seine Weste hinunter.

»Seinen Bart fürcht ich nicht. Es wird ein neuer Forstwart sein ... Laß den Mann ruhig gehen! Mein Holzhof ist keine beste Stube, der kann einen fremden Schritt vertragen.«

Es wurde dunkler, der Holzhändler saß noch immer bei unverhängten Fenstern. Und rechnete?

Nein, rechnen tat er nicht. Er dachte an seine Schuld und an die starren, unerbittlichen Züge der Totenmaske. Ob er das Bild der steinernen Anklage wohl jemals vergessen werde?

Joachim Riese, der Einzige, war nicht wieder zu erkennen. Er grübelte, und er grämte sich. Er träumte immer mit offenen Augen, er merkte auch jetzt nicht, daß er nicht mehr allein war.

»Jochen«, weckte ihn eine Stimme.

Ein Wettergebräunter stand vor ihm, ein Mann mit dichtem Haar und vollem Bart. Er hatte etwas in der Stubenecke auf den Tisch gelegt, Jochen sah nicht, was es war. Der Mann wollte wild aussehen, sah aber nicht wild aus. Es lag zu viel Güte um die Schläfen, zuviel Ehrlichkeit in den Augen.

»Kennst du mich?« fragte der wilde, der ehrliche Mann. »Du kennst mich nicht mehr. Ich heiße Reimer, bin ein Schneidersmann. Einstmals dein Jugendfreund, jetzt dein Feind. Du hast mein Glück gemordet.«

»Ah!« sagte der Holzhändler. »Das freut mich, Reimer, daß du kommst. Du kommst doch, mich zu töten.«

Beide sahen sich stumm in die Augen.

»Wie soll ichs nehmen?« brach Reimer das Schweigen. »Du spaßest vielleicht, aber soviel ist richtig: seit Tagen schleiche ich hier herum, um dich wie einen Hund niederzuknallen. Aber ich hatte nicht das Herz. Zum Mörder reichts bei mir nicht. Ich bin entweder zu gutmütig oder zu feige. Es liegt wohl in meiner Natur.«

Jochen lächelte. »Ja, Reimer. So gehts, wenn man sich was zumutet, was einem fremd ist. Mir wärs schon recht und dienlich gewesen. Aber deinetwegen, Reimerchen, ist es gut, daß du nicht das Herz fandest. Du kennst die Gesichter der Toten nicht, die auf dem Kirchhof liegen ...«

Die Prahlstimme des Holzhändlers wurde ganz gedämpft und ganz leise. »Wenn man nämlich schuld dran ist, daß sie dort liegen. Ich trag so ein steinern Gesicht mit mir herum. Je dunkler es um mich ist, um so ernster und drohender blickt es. Deshalb muß ich es ja immer hell um mich haben. Deine Flinte, Reimer, wäre für mich schon ganz gut. Es fragt sich nur, ob auch für dich. Mich hätte sie vielleicht von meinen Gesicht befreit, dafür hättest du ein anderes gehabt, guter Junge. Für dich ist es gut, daß du nicht den Mut hattest.«

Reimer verwunderte sich je länger, je mehr. Was war aus Joachim Riese geworden?

»Ja«, sagte er, »wenn es so steht, wenn die Toten selbst ihre Sache führen, dann habe ich hier nichts mehr zu suchen.«

Er wollte gehen und suchte nach dem in der Ecke niedergelegten Ding. Jochen aber war ihm zuvorgekommen. Er wog es in der Hand und schlug damit klatschend gegen seine Waden.

»Sieh da, eine Peitsche für Dackel und Hühnerhund, wie sie ein Jäger in der Wildtasche trägt. Bei Johannes Kock gekauft. Ganz neu. Man handelt bei Johannes Kock gut und billig. Was, Reimer? Die hab ich wohl kosten sollen, weil der Mut zum Gewehr nicht langte.« Jochen Riese lächelte.

»Ja«, gestand Reimer. »So ungefähr stimmts. Aber ich seh, es ist nicht mehr nötig. Bei mir reichts auch wohl nicht zum Büttel.«

»Schade um den Gedanken, Reimer!«

Jochen wog das zum Zuschlagen lüsterne Ding in der Hand.

»Drei, vier Striche ... nein, was sag ich ... dreißig, vierzig, damit von deiner Hand in mein Gesicht ... mein Blut an die Wände ... Das wäre Wohltat.«

Jochen drängte ihm das Instrument in die Hand. »Tu es, Reimer! Füg mir Schmerz zu, schneidendes körperliches Weh. Es wird Arzenei für meine Seele sein.«

»Wunderlicher Mensch!«

»Du willst nicht, du kannst nicht? ... Nein, du kannst wirklich nicht. Deine Seele ist immer weich gewesen, und ist so geblieben. Nun, so tu ein Ganzes und vergib mir! Vergib mir so recht von Herzen, dann wird ihr Bild freundlichere Züge annehmen. Wir sind Schicksalsgenossen, Reimer. Du hast sie geliebt, wie deine Natur ist, wie die Engel lieben. Ich war mit einer anderen Seele in die Welt gestellt und hab auf meine Art geliebt. Das war eine andere Liebe, die Menschen wollen sie gar nicht für Liebe gelten lassen. Aber Liebe war es doch. Vergib mir, Reimer!«

Der Schneider im Bart wußte nicht, was er sagen sollte.

»Ich kann nicht, Jochen!« kam es aus schwerer Brust. »Das Gefühl der Rache ist dahin, und auch der Haß. Hassen kann ich nicht, oder nicht mehr. Aber vergeben ... so ganz aus Herzensgrund vergeben, daß kein Groll zurückbleibt? Ich hoffe, ich glaube, es wird die Zeit kommen, wo ich auch das vermag. Aber heute ... jetzt ... kann ich es noch nicht. Laß mich gehen!«

Der Holzhändler streckte die Hand aus. Reimer Stieper sah es nicht oder tat doch so.

»Gute Nacht!«

Und die Tür fiel hinter ihm ins Schloß.