Woher?

1

Und wenn er auch viel las, und wenn auch Mutter und Hannchen bei ihm saßen, so oft und so lange sie konnten, so sah der Kranke doch manche Tagesstunde mit wachem Träumen in seine Stube hinein, und durch die Fenster zum Garten hinaus.

Hinter dem Fenster blühten Rosen, hinter den Rosen standen Birnbäume, darunter ein paar Riesen mit rundem Säulenschaft unter müder, segenschwerer Krone, weiter weg war ein blanker Teich, und die Scheunen eines Gutshofes spiegelten sich darin.

Aber ganz hinten am Horizont stand immer, darauf hätte er schwören mögen, da stand hoch und hehr, in die Wolken hineingereckt, ein Frauenbild mit hoch erhobener Rechten.

Und auch heute träumte er so.

Da sagte eine gute, eine derbe Stimme: »Guten Tag, mein Lieber, wie geht es Ihnen?«

Doktor Volkmann stand an seinem Bett, reichte ihm die Hand, setzte sich und legte nach seiner Gewohnheit beide Hände auf den Silberknopf seines Stockes.

Da wich der Engel und was er in der Rechten trug, da lag der Kranke wieder in seinem prosaischen Bett.

Doktor Volkmann war der Hausarzt, er machte seinen gewohnten Besuch. Daß jede Hoffnung auf Besserung ausgeschlossen sei, hatte der alte Herr den Angehörigen längst gesagt. Wenn er dessenungeachtet von Zeit zu Zeit vorkam, so geschah es, um den Kranken nicht empfinden zu lassen, daß die wissenschaftliche Heilkunde sich ihm gegenüber für hilflos erklären müsse. Das galt im vollsten Wortsinn, denn selbst die Narkotika konnte sie in ihren Dosen und Kruken behalten: der Kranke litt keine Schmerzen. Und das Verlangen nach gemütsauffrischenden Mitteln hatte sie eigentlich auch nicht zu besorgen: der Patient benötigte ihrer nicht. Denn selten war jemand so gleichmäßiger Heiterkeit, wie der junge, an langjähriger Lähmung darnieder liegende Wilhelm Vogler.

Der Doktor kam aber nicht allein des Kranken wegen, er hatte auch selbst was davon – es plauderte sich zu nett mit dem lahmen Philosophen. Und das ging meistens gleich los, denn über die Krankheit selbst wurde wenig gesprochen.

Eines Tages kam der gutmütige Doktor doch wieder mit einem etwas fadenscheinigen Trost. Der Kranke lehnte ihn lächelnd ab. »Lieber Herr Doktor, sagte er, »geben Sie sich nicht so viel Mühe; ich weiß, wie es mit mir steht und was mir fehlt.«

Der alte Herr tat überrascht. »Sieh mal an, nun sind der junge Herr auch wohl über die Medizin gekommen. Das kann ja nett werden. – Nun, wenn Sie es so genau wissen …« Er vollendete den Satz nicht.

Der Kranke lächelte wieder. »Haben Sie, verehrter Herr Doktor«, antwortete er, »haben Sie schon mal von einem schweren Leiden gehört, von dem man nicht wieder aufsteht? Ich kenne es, ich weiß sogar seinen lateinischen Namen und das andere, was davon auszusagen ist, auch. Wenn Sie befehlen, bete ich meine Lektion her.«

Der Doktor glaubte diese Ansicht ausreuten zu müssen, wußte aber nicht recht, wie. Sollte er scherzen, sollte er wütend tun? Er entschied sich für ein bißchen Zorn und stieß, dies zu zeigen, mit seinem Handstock auf die Dielen.

»Es wird zu toll«, rief er. »Alles hat er durchgelesen, nun kommt auch die Medizin heran. Aber das sage ich Ihnen, junger Freund, das Studium erzeugt ohne Klinik und Laboratorium nichts als Pfuscher und ist gefährlich, denn der Pfuscher kriegt alles in den verkehrten Hals. Fahren Sie nur so fort! Sie lesen sich jedes Gebrechen an, die Reihe durch, und bei jedem nachfolgenden Paragraphen stimmts immer besser.«

»Doktor«, erwiderte der Angestrafte, »in andern Fällen ist an dem, was Sie sagen, etwas daran, hier aber nicht. Sie wissen auch ja selbst ganz gut, was mir fehlt und daß ich die Gewißheit habe, nach nicht gar zu langer Zeit … Wie sagte doch der fromme Papst Alexander Borgia, wenn er jemand vergiften lassen wollte? Es sei Zeit, daß der Freund die zeitlichen Güter mit den ewigen vertausche. So stehts auch mit mir, auch ich bin im Begriff, denselben vorteilhaften Tausch zu machen.«

Die Mutter war darauf zugekommen, ohne daß man ihrer gewahr geworden war, sie stand an der vom Krankenzimmer nach der Wohnstube hinüberführenden Tür, die letzten Worte ihres Sohnes hatte sie mitangehört. »Was«, fragte sie, »was sagt mein Sohn da?«

»Ja«, erwiderte der Doktor, »was redet der? Wild redet er, gnädige Frau. Er spricht von Sterben und freut sich auf das neue Strahlenhemd, auf das er hofft, wenn er hier seine Augen geschlossen hat.«

Wilhelm sah seine Mutter zärtlich an. »Ja, Mutter … auf das Strahlenhemd hoffe ich allerdings. Und zu lange kann es ja nicht mehr dauern. Und ich freue mich darauf. Nur eines ist mir im Wege: ich meine, ich komme zu glatt ins ewige Leben. Denn … Mutter, Doktor, sagt selbst … war je einer so glücklich wie ich? Habe ich auf Erden von euch, von Hannchen, von Harald, von allen – habe ich jemals etwas anderes als Liebe erfahren? Habe ich je Kämpfe und Versuchungen zu bestehen gehabt? Wie kann man von einer Seele, die niemals Gelegenheit und niemals Veranlassung gehabt hat, Übles zu tun sagen, daß sie sich bewährt habe? Und wenn auch alles nichts machte, ich möchte doch lieber auf Erden ein Kämpfer gewesen sein und – überwunden haben.«

Auf der jungen Stirn des Kranken erschienen ein paar Falten. »Wenn ich nur mal ein Leid erfahren könnte, wenn ich meinem Herzen nur mal einen Verzicht abringen müßte, dann ginge es allenfalls. So aber, wie ich bin, kann ich nur ein Geduldeter im Himmelssaal sein. Immer auf meine Mutter warten und vor der Himmelstür stehen… Mutting, verstehe mich nicht falsch, ich will gern lange, sehr lange warten… Ich meine nur, ich stehe den lieben Engeln überall unter den Füßen herum, weil ich mir kein rechtes Himmelsbürgerrecht zuschreibe.«

»Da haben Sie recht«, scherzte der Doktor, »entweder ein tüchtiger, weicher Himmelssessel oder zurück zur Erde!«

»Kann man das denn, Doktor?«

»Gewiß kann man! Soviel Sie auch in Ihren Kopf hineingelesen haben, Lieber, die mystische, die spiritistische Weltanschauung scheint Ihnen doch fremd geblieben zu sein. Wissen Sie, was die sagt? Die sagt ganz so wie Sie. Eine Seele, sagt sie, die in den Prüfungen des Lebens schlecht bestanden hat oder keine Gelegenheit gehabt hat, sich zu bewähren – mit einem Wort: eine, die nicht genügend geläutert ist, wird wieder ins irdische Jammertal zurückgeschickt, just wie in Erdenfamilien eine Tochter vom Hause geschickt wird, Unterschied zu lernen, wenn die Erfahrung des Vaterhauses nicht genug ausgetan hat. Es kommt das freilich auf eine Art Seelenwanderung hinaus. Und gern denken die Herren sich die Sache so, daß die Seele als neuer Lebenskeim in den Zuwachs neuer Generationen ihres Geschlechts fährt.«

Der Kranke lachte froh auf. »Auf diese Weise kann man ja sein eigener Altervater gewesen sein.«

»Gewiß.«

»Aber das müßte man doch erinnern.«

»Doch nicht. Man müßte es nicht allein nicht wissen, sagt die Philosophie der Mystik, man kann es nicht einmal erinnern. Der Mensch ist, nach ihrer Lehre, ein Doppelwesen mit einem doppelten Bewußtsein, zu vergleichen zwei konzentrisch um einen Punkt gezogenen Kreisen, die den Empfindungsschwellen beider Wesen entsprechen. Der weitere ist der Kreis der transzendenten Persönlichkeit, der kleine Kreis die irdische Person und das irdische Bewußtsein. Die transzendente Person in uns weiß alles, was in ihrem Kreis beschlossen ist, also auch den in ihr liegenden Erinnerungskreis der irdischen. Die irdische dagegen weiß, solange sie mit dem schweren Rüstzeug unseres Leibes belastet ist, nichts von dem, was die transzendentale erlebt oder erlebt hat, da es über ihre Empfindungsschwelle hinausgeht. Nur bei den sogenannten okkulten Erscheinungen ragt die außerhalb unserer Erfahrung liegende Welt in ihren Kreis hinein. Das sind und bleiben aber Ausnahmefälle.«

»Ja, das sind so Geschichten«, setzte der Doktor zur Mutter des Kranken hingewendet hinzu.

»Mir zu gelehrt.«

»Klingt wenigstens so«, erwiderte der Doktor.

»Vor allen Dingen«, fiel der Kranke ein, »ist es interessant. Wenn Sie die Güte haben wollten, mir ein paar Bücher über Spiritismus zu schicken, dann verspreche ich Ihnen, nicht länger Medizin zu studieren.«

Das sagte der Doktor zu.

»Das wird eine Freude«, erwiderte der Kranke. »Sie sagen freilich, man weiß nichts davon, was man früher gewesen ist, und Bestimmtes kann auch ich ja darüber nicht aussagen. Und doch glaube ich, daß ich mein Großvater war.«

»Aber Wilhelm!« rief die Mutter.

»Ja, Mutter«, scherzte der Kranke, »Großvater ist ja, wie ich höre, ein fröhlicher, aber auch bißchen leichter Bursche gewesen, ist deshalb auch wohl als nicht hinreichend vorbereitet zurückgeschickt worden. Und nun scheint der Versuch ja wieder verfehlt, nun mußte er in einen Leib fahren, der den ganzen Tag im Bett liegt und keine Anfechtungen hat.‹

»Aber Wilhelm!« rief die Mutter wieder.

»Ich glaube ganz bestimmt, daß ich dein Schwiegervater gewesen bin, Mama. Erinnerst du noch, du erzähltest, Großvater habe am Halse ein Mal gehabt? Seine Mutter hat sich, als sie mit ihm ging, an einer kleinen Schlange versehen, die aus dem Graben kroch, wie sie eine Heckenrose pflückte. Sie trug nach der Mode ein ausgeschnittenes Kleid, rief erschreckt: ›Ach!‹ und schlug mit der Hand in der Gegend der Schulter auf ihre Büste. Da sah man bei dem Neugeborenen an derselben Stelle ein kleines Schlangenbild. Der Vater hats nicht gehabt, ich aber habs wieder, wenn auch ganz schwach. Wenn man bei mir die Haut reibt, sieht man es ganz deutlich. Daraus schließe ich, daß ich eigentlich dein Schwiegervater bin.«

Die Mutter bestätigte die Tatsachen, der Doktor interessierte sich, das Vorhandensein des Mals wurde bei dem Kranken festgestellt. Sieh da! nach leichter Reibung blieb eine in geschwungenen Linien gezeichnete Rötung. Es war ein kleines Schlangenbild, man unterschied ordentlich den Kopf.

Es war ein junges Mädchen hinzugekommen, das stand mit freundlichem Lächeln zu Füßen des Bettes.

»Was sagst du dazu, Hannchen!« fragte der Kranke.

»Wozu, mein Lieber?«

»Nun, du hast das Letzte doch mitangehört. Was sagst du dazu, daß ich mein eigener Großvater gewesen bin? Was hältst du überhaupt von Seelenwanderung und Spiritismus?«

Hannchen bedeckte die Augen mit der Hand, ließ sie aber gleich, als ob sich das in Gegenwart des alten Herrn nicht passe, wieder frei und lachte, indem sie sagte:

»Was soll ein junges, ungelehrtes Mädchen dazu sagen? Ich sage wie… wie… War es nicht die Prinzessin im ›Tasso‹? Ich sage wie die: ›Ich höre gerne zu, wenn kluge Männer reden, und freue mich, daß ich versteh, wie sie es meinen.‹ So ungefähr stehts im Buch.«

Der Doktor sah das hübsche, braune Ding mit Wohlgefallen an. »Ungelehrt, Fräulein Johanna? Das weiß ich nicht, ich hoffe. Sie noch mal so genau kennen zu lernen, darüber zu urteilen. Jedenfalls haben Sie Ihren Goethe gut im Kopf.«

Er stand auf, Abschied zu nehmen. »Die Bücher schicke ich Ihnen«, sagte er. »Es sind Perlen darin, sie liegen aber häufig unter Schutt. Lesen Sie sich nur nicht fest, junger Freund!«

»Leben Sie recht wohl«, verabschiedete er sich bei Mutter und bei Hannchen. »Ich sehe Sie einige Zeit nicht. Morgen gehe ich daran, meinen schon ein paar Jahrzehnte gehegten Wunsch auszuführen – morgen trete ich mit meiner Frau die schon längst geplante Reise an. Kollege Freese vertritt mich. Ich bin überzeugt, ich sehe Sie alle frisch und gesund wieder.«

»Auch mich?« fragte Wilhelm.

Der Doktor überhörte das. »Den Spiritismus bekommen Sie noch heute abend«, sagte er, damit ging er aus der Tür.

2

Der Kranke las und immer lieber weilte er in den Stollen und Gängen der mystischen Lehren.

Das Haus war frei hingestellt, die ziemlich nach Nordosten belegene Stube ging nach den Gärten und nach dessen Rosenbüschen hinaus, und Morgensonne war so viel im Zimmer, wie man nur wünschen mochte.

Sie kam durch die Glasveranda von den Blumentöpfen her, taufrisch und duftbeladen, und fing gleich an, die farbenschweren Sammtvorhänge nach Mutters Stube hin zu bleichen und die unter dem Kronleuchter baumelnde Papierrose zu bestrahlen. In den Papierrosen hatten sich meistens drei bis vier Fliegen vergraben, andere Paare schwirrten Kreise und Ellipsen um sie herum. Alle diese Geflügelten nährten ihr armes Fliegenleben von der Sonne, lobten sie, so gut sie konnten, und freuten sich eines sonnenhaften Fliegenfrohsinns.

»Wird die Sonne dir auch lästig, kleiner Wilhelm? Soll ich die Rolläden herunterlassen?« So fragten Mutter und Hannchen den Kranken, den immer in der Nordoststube im weichen Daunenbett Hingestreckten.

Er brauchte gar nicht ganz aufrecht zu sitzen, er konnte auch so, wenn er den Kopf nur ein wenig im Kissen aufstützte, in den Garten und ins Weite sehen. Für Mutter und Hannchen blieb er der kleine Wilhelm, obgleich er bei seinem mehr als ein Dutzend Jahre dauernden Krankenlager ein Mann geworden war. Oder man muß wohl sagen: er wäre einer geworden, wenn die Krankheit seine Entwicklung nicht gehemmt hatte. Nun hatte er auch im Aussehen und in seiner Denkweise etwas Kindliches behalten.

Die ersten Jahre seines Leidens hatte er im Lehnstuhl zugebracht, die mittleren halb im Lehnstuhl und halb im Bett – nun aber, nachdem die Lähmung immer weiter gegangen war, verließ er kaum noch sein Lager.

»Wird dir die Sonne auch lästig?« fragte die Mutter. »Soll ich die Rolläden herunterlassen?« fragte Hannchen.

Hannchen war eine Schwestertochter der Mutter, wie Kind im Hause und nicht anders als eine wirkliche Tochter im Hause groß geworden – fünf Jahre jünger als der kranke Wilhelm. Von der Zeit, wo dieser gesund gewesen war, hatte sie nur eine dunkle Erinnerung. Zu ihm war sie nichts mehr und nichts weniger als eine Schwester, und die liebste aller ihr obliegenden Pflichten war, ihn zu verhätscheln, wie es auch die Mutter tat.

Ihre Lippen waren am schönsten, wenn sie lachten und freundlich taten. Und waren sie jemals anders? Der Glanz ihrer Augen hatte einen braunen, treuherzigen Ton. Wen dieser Blick liebkoste, der mochte kalt und trocken bleiben, wenn er es vermochte.

Wenn Mutter und Hannchen fragten, ob ihrem Pflegling die Sonne auch lästig werde, dann bat der Kranke selten darum, das Licht auszusperren. Im Gegenteil: er hatte seine Freude an der Sonne, er mochte gerne sehen, wenn sie die Farben bleichte, die Streifen ihrer langsamen Stunden weiter zog, die harten Fensterausschnitte die Dielen entlang schob und über Tische und Sessel warf. Dabei wurde ihm selbst sonnenhaft zumute. Traf nun ihr Strahl gar das Vogelbauer, und fing der gelbe Federmann dann hinter seinen Stäben zu singen an, dann summte Wilhelm ihm alle Schlager und Roller innerlich nach.

Im hohen Sommer blieb die Sonne bis Mittag und empfahl sich dann bis zum Abend. Zum Gutenabendgruß erschien sie Wilhelm wieder. Sie sah dann durch das an der Wand nach Nordwesten angebrachte Fensterchen, röter als am Mittag und sanfter und milder als am Morgen, und in gesammelter freundlicher Würde ging sie immer runder und immer farbiger hinter den am Grenzzaun stehenden Gartenbüschen hinab.

›Geh du nur!‹ dachte dann der, der im Bett lag und sich an ihren Strahlen labte. ›Geh! Als ob ich nicht wüßte, daß es nicht das Letzte ist, was ich heute von dir sehe. Und in all deiner Pracht bist du niemals schöner, als in dem Flammengruß aus Wolkenqualm und Nebeldunst, wenn das Abendrot aufflammt.‹

Und wenn dann wirklich die Abendröte kam, dann deuchte dem Kranken immer, hinter dem Abendrot und im Abendrot stehe ein Frauenbild mit hoch erhobener Rechten. Und in der hoch erhobenen Rechten leicht im Rund der zarten Fingerspitzen trage es eine Schale. Und die Silberschale berge das köstlichste Gut, das der Herr des Himmels und der Erde den Menschen auszugießen beschlossen hat.

›Geh nur, liebe Sonne!‹

Freilich – nicht immer warf der Sonnengott Rosen und Grüße ins All, aber das schadete kaum. Und hätte der Kranke es auch nur ein halbes Dutzend mal im Jahr gesehen, ja nur ein einziges mal: es blieb ihm für immer zu eigen … ein Friedensengel … riesengroß … Lächeln im Antlitz … und das wogende und schäumende Wunderbare in der silbernen Schale.

Wenn er lag und sann, dachte der Kranke viel an seine Mutter und an Hannchen. Er dachte aber auch an seinen einige Jahre älteren Bruder Harald, wenn auch nicht täglich und nicht so oft. Harald war Seeoffizier und war zur asiatischen Flotte kommandiert und jetzt auf der Heimreise. Lange wird es nicht mehr dauern, dann wird er zurück sein und Mutter und Bruder, vor allen Dingen aber das ihm als Braut versprochene Hannchen ans Herz drücken.

Der Kranke konnte sich das Liebeskonzert der Angehörigen das ihn umwogte, kaum vollendeter denken, als es war. Wie wird sich der dritte Geigenstreich hineinfügen?

Wilhelm las in den mystischen Büchern. Hannchen neckte ihn mit dem ›dummen Kram‹; er hörte es gern, es stand ihr alles, was sie tat, so gut und reizend. Wenn das liebe Mädchen kam und mit ihm zu reden anfing, dann legte er (und wären die Stellen, worüber er brütete, auch noch viel interessanter gewesen, als sie waren, er hätte es doch getan) dann legte er das Buch hin und schwatzte mit Hannchen. Wie lange wirds noch währen, und sie ist Haralds Frau!

Aber daran dachte sie gerade dann am wenigsten, wenn sie mit Wilhelm sprach. Wilhelm war ihr Bruder, ihr kleiner kranker Geselle. Und daß sie seine Tage besonnte, war ihr Stolz. Und deshalb flatterte sie mit ihrem weichen, mit ihrem braunen Glanzhaar vor seinem Bett herum … das dünkte den Kranken zehn mal lichter als Sonnenschein. Über weiche, rote Lippen summte sie ihre Lieder hin … dafür gab Wilhelm tausend mal die Roller seines gelben Stubenkameraden.

Der Vogel sah das nicht ein, er schmetterte seine Schlager in die Mädchenlieder hinein.

»Häng ein Tuch übers Bauer«, bat Wilhelm eines Tags. »Heut will ich nur dich hören. Häng ein Tuch über, Hans soll still sein!«

Hannchen tat nach Geheiß, der Vogel war beleidigt und schwieg, Hannchen aber hatte sich summend im Hintergrund der Stube beim Sekretär zum Sticken niedergelassen, das Licht fiel dort besser auf ihre Arbeit.

»Hannchen, wo bist du?« rief der Kranke.

»Hier, mein Lieber.«

»Bitte nicht da, da sollst du nicht sitzen, du sollst an meinem Bett sitzen, ich muß dich sehen, wenn du singst, ich muß dich immer, immer sehen. – Und zieh mir die Kissen bißchen hoch, was, Hannchen?«

»Sieh mal den Kleinen, den Verzug!« lachte das Mädchen. Und stand auf. »Sei man ruhig, guter Junge. Ich will dich zurecht legen und dann will ich sitzen, wo ich soll.«

Sie legte den rechten Arm um des Kranken Kissen und Rücken und richtete ihn sanft auf … Er war leicht wie ein Kind … er war mager … zum Skelett abgemagert, sie fühlte kaum eine Schwere in ihrem Arm.

»So, mein Junge, nun lege beide Arme um meinen Nacken und halte dich einen Augenblick fest. Meine Hände werden derweilen die Kissen aufschütten.«

Er hing an ihrem Halse, ihr Atem ging über ihn her … er trank die Süße des Augenblicks mit stillem Behagen … Wie war es möglich! Wie konnte jemand so schön sein und so gesund! Die reichen, braunen Flechten wollten sich durch die Nadeln nicht bändigen lassen, und wenn auch noch so viele in dem prächtigen Haarkranz vernestelt waren. Und war es auch nur eine Locke, es ging was Lindes, was Duftbeschwertes bei ihren Bewegungen über sein Gesicht. – ›Hannchen‹, wollte er sagen, ›gib mir davon …‹ aber er brachte es vor Seligkeit nicht heraus.

Und nun war alles so zurecht gezogen und gezupft und getan, wie der Kranke und seine Pflegerin es haben wollten. Sie hielt ihn in beiden Armen und ließ ihn sanft in seine Lage zurücksinken. Mit reinem weichem Kindergesicht sah er zu ihr auf. Da vergaß sie es ganz und gar, daß sie einen erwachsenen Mann in ihren Armen hielt – für sie war es nichts mehr und nichts weniger als ein armes, krankes, nach Liebe verlangendes und der zärtlichen Liebe würdiges Kind. »Armer kleiner Wilhelm«, sagte sie und küßte ihn erst auf die rechte Wange, dann auf die linke und dann auf den bleichen Mund. »Bist mein lieber Wilhelm«, wiederholte sie und küßte ihn wieder.

Und dann schlug und faltete sie auch sein Deckbett zurecht, erfreute sich ein paar Sekunden lächelnd an dem von ihr gebetteten Kinderglück und flüsterte: »Da schläft mein Kleiner ein Stündchen, Mama schläft auch, und ich geh flink mal zu Grete Müllern hinüber, komme aber gleich wieder und mache Kaffee, den soll Mama dir bringen.«

Und als sie das gesagt hatte, ging sie auf leisen Sohlen aus der Stube und machte die Tür ohne Laut hinter sich zu.

Nach einer Weile kam die Mutter mit dem Kaffee. Schon im Wohnzimmer hörte sie ihren Sohn vernehmlich lachen. Sie ging hinein, Wilhelm lachte wieder. Sie sah, er tat es halb im Schlaf, und stand gerührt an seinem Lager.

Aber der Blick der Mutter machte ihn ganz wach, er hob die Lider, und seine Augen waren voll von Glück und Glanz.

»Junge«, sagte sie, »dir muß was Gutes geträumt haben.«

»Das ist auch so«, erwiderte er, und zum ersten mal erzählte er seiner Mutter von dem hohen Frauenbild, soweit sich dergleichen in Worte fassen läßt … Die Rechte hoch erhoben und eine Silberschale leicht im Fingerrund getragen, und darin das Köstliche, das Wunderbare.

»Und was ist denn das Köstliche, das Wunderbare, das Beste von allen Verheißungen des Himmels?«

»Ja, wenn Mutting das nicht weiß, ich weiß es auch nicht. Ich dachte, Mütter wüßten alles.«

So redend, hatte er der Mutter alte Geschichten gesagt, aber nicht alles, was er geschaut hatte. Denn er hatte nicht nur das Frauenbild gesehen, das ihm das Köstliche brachte, er hatte auch gesehen: Hannchen war es in Person. Und dann noch mehr. Erst hatte sie auch jetzt die Silberschale, worin das von dem Herrn Ausgegossene am Rande aufschäumte und wogte, mit der Rechten im Rund der Fingerspitzen getragen, dann aber war das verschwunden, dann hatte sie voller Mutterlust etwas in ihren Armen gewiegt, so wie eine junge Frau ihr Erstgeborenes herzt.

3

Er brauchte nicht, wie Lichtenberg gewollt, von Göttingen nach Hamburg auf den Knien rutschen, um einen Zipfel des uns von der Ewigkeit trennenden Vorhanges zu lüften, er brauchte nur Blatt für Blatt zu wenden und den geheimnisvollen Sinn der hingewirbelten Zeichen entwirren.

»Mutter«, sagte er eines Tages, »das sehe ich immer klarer, ich habe es zu gut gehabt. Ohne Prüfung kann keiner in den Himmel kommen, ich werde noch mal vom Hause geschickt werden, ich werde noch mal Mensch werden müssen.«

Die Angeredete wußte nicht recht, was sie antworten sollte. Diese Art zu denken und zu träumen war ihr fremd. Sie antwortete nur: »Wilhelm, schlag dir doch solche Gedanken aus dem Kopf!«

»Warum, Mutting? Ich möchte gern wissen, wie dein Wunsch ist. Soll ich wiederkommen?«

»Kind, Kind! Versündige dich nicht! Kann man überhaupt zurück? Steht das, daß man noch mal Mensch wird, in der Bibel?«

»Nein, in der Bibel steht es nicht.«

»Dann wirds auch nicht so sein, denn an die Bibel müssen wir uns doch halten. Nicht wahr, mein Sohn?«

»Die Bibel, Mutter, ist zwar ein dunkles Buch, aber wenn man gewisse Teile und gewisse Kapitel ausnimmt, auch ein gutes Buch. In der Sittenlehre des neuen Testaments liest man, wie ein großer Gelehrter sich ausgedrückt hat, erschütternde Wahrheiten. Aber das letzte Wort, Mutter, in allen Dingen das letzte Wort … darf man doch wohl nicht in der Bibel suchen. Und deshalb kann Seelenwanderung sehr wohl sein, obgleich es nicht in der Bibel steht.«

»Aber Wilhelm, kleiner Wilhelm … das hört sich ja gottlos an.«

»Gottlos? Daß ich nicht wüßte.«

»Doch, mein Sohn.«

Er wollte darauf erwidern: ›Wie kann etwas gottlos sein, wenn es zu nichts anderem als zu Seiner Ehre geschieht?‹ Er sagte es nicht, die gute Mutter hätte es doch nicht verstanden. Aber ihm war klar bewußt, daß er es hätte sagen dürfen. Ihm diente all sein Denken dazu, die hohen Werke des Allmächtigen Tag für Tag und mehr und mehr zu ergründen.

Und nun kam auch Hannchen zur Tür herein. Mit der war ebensowenig gut philosophieren, das wollte er aber auch nicht. Denn dem kranken Schwärmer war, als sehe er jetzt am hellen wachen Tag in der Stube hinter ihr ein verklärtes Abbild. Erst hatte sie die Rechte erhoben, und in der Silberschale wogte und schäumte die köstliche Verheißung gegen den Rand. Dann war die Schale verschwunden – nun trug sie das Wunder eines neuen kleinen Menschenkindes in mütterlichen Armen.

»Sieh, Mutter«, sagte er unwillkürlich, »da kommt sie hereingeschritten, durch die mir Heil widerfahren wird.«

»Was habt ihr?« fragte Hannchen, da stand sie mitten in der Stube.

Der kranke Wilhelm sah sie und ihre Schönheit jetzt mit klaren und nüchternen Tagesaugen an. Und sie stand nüchtern und allein wie andere Menschen sonst in der Stube.

»Was habt ihr?« hatte Hannchen gefragt. »Ach, unser Kleiner ist immer so wild, spricht von Sterben und fragt, ob er noch mal Mensch wird. Und von dir spricht er, als ob du ihm was bringen würdest, was er das Wunderbare nennt. Er weiß aber selbst nicht, was es ist.«

Hannchen antwortete nur: »Ja, Wilhelm spricht immer so gut von mir.«

»Mutter«, fing sie plötzlich an, »ich hab heut nacht von Harald geträumt. Ich glaube, er wird früher kommen, als wir gerechnet haben. Ich sah ein großes Kriegsschiff mit langem Heimatswimpel an einer Küste entlang fahren. Und Harald saß auf Deck und schrieb. Ich bin so froh, Mutting, daß er kommt.«

In überströmender Hoffnung und Freude gab sie beiden, der Mutter und deren krankem Sohn, einen Kuß.

»Tu das nicht wieder!« bat Wilhelm leise.

»Sei man ruhig, mein Kind«, sagte die Mutter. »Mit Gottes Hilfe wird alles gut.«

›Sie darf es nicht wieder tun!‹ dachte Wilhelm. Zum ersten mal lag ihm das Herz weh in der Brust. Er grub und forschte in Hannchens liebem Gesicht und dachte für sich: ›Ich liebe sie, ja, ich liebe sie mehr, als ich darf, ich liebe sie nicht wie meine Schwester. Ich bin ein todkranker, ein sterbender Mann, und sie ist eine Gesunde, zum Leben Aufstrebende, und doch liebe ich sie. Sie ist die Braut meines Bruders und zählt die Tage und Stunden, wo er ihr ganz gehören wird, und doch liebe ich sie. Es ist zum Lachen … nein, zum Weinen ist es.‹

Es muß wohl etwas wie Seufzer bei ihm aufgestoßen sein, denn Hannchen und Mutter fragten beinahe gleichzeitig: »Fehlt dir was, Wilhelm?«

Der Kranke schüttelte den Kopf.

»Du liegst nicht gut«, fuhr Hannchen fort, »Komm, ich will dir das Bett zurecht machen.«

Da hing er wieder an ihrem Halse und ruhte an ihrer Brust. ›Wenn sie mich nur nicht küßt!‹ dachte er. ›Sie darf mich nicht küssen. Wenn sie mich nur nicht küßt!‹

Und auch Hannchen fiel plötzlich ein, daß Wilhelm fünfundzwanzig Jahre alt geworden und ihr Vetter sei. Sie küßte ihn nicht, sie schlang sogar eine vornüber fallen wollende Locke rasch und energisch hinter die Ohrmuschel.

Und als der Tag sich neigte, gerade zu der Zeit, als die Sonne am Abendfenster erschien, gingen Mutter und Hannchen beide hinaus. Und immer röter und runder und farbiger sank die Sonne hinter den Gesträuchen hinab. Und als sie schließlich nur noch durch das Blut ihrer Tränen den Himmel färbte, ergoß sich auch des Kranken Liebesschmerz in krampfhaftem Weinen.

›Du hast Kampf haben wollen, du hast deiner Seele einen schmerzlichen Verzicht abringen wollen. Wohl, nun ist er da, nun ringe!‹

Aber, wie er noch weinte, stieg am purpurnen Himmel und über das Gebüsch das hochragende Frauenbild herauf. Und die köstlichste aller Verheißungen, ein schönes Menschenkind, wiegte es weich und warm in Mutterarmen.

4

Nach wenigen Tagen liefen zu gleicher Zeit ein Brief, den Harald an der spanischen Küste geschrieben hatte (›das ist der, den er schrieb, als ich im Traum bei ihm war‹, behauptete Hannchen) und ein Telegramm aus England ein. Der Brief meldete, daß er wohl sei, das Telegramm setzte seine Ankunft auf Sonntag fest.

Die paar Tage bis Sonntag waren für das kleine Gartenhaus, das für und für nach dem Blumen- und Obstgarten hinaussah, Freudentage. Zumal Hannchen sang und jubilierte wie eine Nachtigall, dem Bräutigam entgegen.

»Mutter bekommt ihren Sohn wieder«, frohlockte sie den Kranken an, »du bekommst deinen Bruder zurück. Was aber ist ein Sohn, was ein Bruder im Vergleich zu einem Bräutigam, und ich« (sie umschlang in den Lüften einen fingierten Bräutigam) »ich drücke meinen Geliebten … meinen zukünftigen Mann an mein Herz. Kannst du dir dabei was denken. Mann?«

Wilhelm schien sich dabei nichts denken zu können, er war still geworden; er antwortete nichts, schloß die Augen und drückte sein klein gewordenes und immer kleiner werdendes Gesichtchen in die Kissen.

»Lieber, was sagst denn eigentlich? Freust dich denn gar nicht? Sieh, mein Junge so werde ich ihn umarmen, so werde ich ihn lieb haben.«

Und wie sie das sagte, da hatte sie ihre Vorsätze vergessen, da war Wilhelm wieder der Kleine, das Kind, da beugte sie sich über Wilhelms Lager und hielt den Kranken im Arm und bedeckte sein Angesicht und seinen Mund mit vielen Küssen.

»Du kannst es nur nicht so sagen, du freust dich gewiß nicht weniger als ich. Tust du nicht?«

Da sah er in Liebe zu ihr auf und antwortete: »Ich freue mich und wollte mich noch viel mehr freuen, wenn Harald dich nur nicht von mir wegnähme.«

»Mich von dir nehmen? Nein, da brauchst du nicht bange zu sein. Du und Mutting und ich und Harald – wir bleiben alle zusammen und haben uns alle miteinander lieb. Bist nun zufrieden?«

Und wieder überschüttete sie den Armen mit Zärtlichkeiten.

Der Sonntag kam und brachte, was er versprochen hatte.

»Ich komme mit dem 3-Uhr-Schnellzug«, hatte Harald angezeigt, saß aber schon in dem zur Mittagspause in dem Bahnhof einlaufenden Personenzug. Mutter und Hannchen machten sich gerade zurecht, ihn vom Bahnhof abzuholen, da trat er ins Zimmer.

Wilhelm hörte von seinem Lager aus die Freude, die Überraschung, den Jubel.

»Harald, Liebster!« So Hannchens Stimme. »Mein Sohn!« So die Stimme der Mutter. Und dann war einen Augenblick alles still, da lag Hannchen gewiß an Haralds Brust und konnte sich in Umarmen und Liebhaben nicht genug tun.

Und der Kranke pries das Geschick, daß die Tür nicht offen stand und daß die Vorhänge lang und schwer in würdigen Falten herabhingen. Es kam doch etwas leiser und gedämpfter zu ihm her, er brauchte es doch nicht gerade mitanzusehen, wie Harald und Hannchen auf seine Kosten glücklich waren.

»Was hast du für einen großen Bart bekommen, wie bist du braun gebrannt!« So sprach Hannchen. »Wie bist du schön geworden!« So sein Bruder. Es war eine tiefe, klangvolle, gewissermaßen braune Stimme. Man hörte es schon aus dem Klang heraus: der Eigner war ein guter, gefesteter und auch ein hübscher Mann, er hatte sicher auch volles braunes Haar und eben solchen Bart.

Und nun sprach die Mutter: »Komm, Harald, im Nebenzimmer liegt ein kranker Mann, der will sich auch freuen!« Und da wurde die Tür aufgemacht, da schritt ein schöner, brauner Offizier mit langem weichen Bart (fing das Kopfhaar nicht an, dünn zu werden?) in seine Stube hinein, trat an sein Lager, beugte sich über ihn und küßte ihn auf die Backe.

»Gott sei gedankt«, sagte er, »nun sehe ich mein Brüderchen wieder, das ich so grausam lieb habe … Nicht wahr, Wilhelm, nun soll es eine Herrlichkeit mit uns werden … Du … Du!« und er schüttelte ihm die kranke Hand.

Wilhelm antwortete nicht, die hellen Tränen liefen ihm über die Backen.

›Das ist eine gute Antwort‹ deutete der große Bruder, ›Das quillt aus frohem Herzen!‹

Und drei Monate später war stille Hochzeit – Harald und Hannchen waren Mann und Frau. Zu einer lauten Hochzeit war nicht Zeit und Stimmung, denn der Kranke war still und stiller geworden, sein flackerndes Lebenslicht lechzte am letzten Tropfen Öl. Wenn man ihn so weiß und blaß in seinem Linnen sah, dann glich er mehr und mehr einem toten Mann. Und auf der mageren Stirn glänzte ein Friede, vom Himmel herab aus silberner Schale geträufelt.

»Mutting«, sagte er eines Tages, »nun werde ich doch nicht so ganz ohne Narben und Wunden vor dem Ewigen stehen, ich habe einen Kampf gehabt und habe – überwunden. Und ihr habt es gar nicht gemerkt. Ja, Mutting, sieh mich nur groß und fragend an! Ich habe dem großen, braunen, weitgereisten Bruder mein Hannchen nicht gönnen wollen. Ich bin hart mit mir verfahren, und nun habe ich das Unreine, was in mir aufquellen wollte, abgestoßen. Ich meine die Eifersucht und die Art Liebe, die nur dem Gesunden und Kräftigen ansteht … Und nun habe ich verzichtet. Und da ist auch das, was ich so schmerzlich entbehrt habe, eingekehrt, die Freude an Hannchens und an meines Bruders Glück.«

»Mutting«, fuhr er nach einer Weile fort, »was meinst du? Ob das dem Herrgott wohl genügen wird, mich jetzt schon anzunehmen, oder ob er mich dessenungeachtet noch einmal niederwärts zur Erde schickt in grober Knechtsgestalt?«

Der Mutter liefen die Tränen über das Gesicht. »Mein Sohn, wie viele Menschen gibt es denn, die so viel Prüfungen gehabt haben wie du und sie bestanden haben wie du? Wenn das da oben nicht ausreicht, wie sollen wir Gesunden und Starken denn bestehen?«

»Ja, Mutter, mitunter scheint mir auch, es möchte wohl gehen. Aber dann kommt eine Stimme, die sagt: ›Laß dirs nicht genügen! Willst du allein als Gichtbrüchiger ins Himmelreich hinein? Nein, bitt den Herrn, daß er dich das Erdenwallen noch einmal durchmachen läßt – als gesunder Mann, des Lebens Kampf zu wagen.‹ Ach, Mutter, ich weiß es, Zeitungen und Bücher tragen ein dumpfes Grollen bis an mein Bett – die Welt erbebt in Schlachtgetöse. Vielleicht webt gerade jetzt die Gottheit für Jahrhunderte der Menschheit ein neues lebendiges Kleid. Ich hätte mitkämpfen mögen. Mutter, ich fühle gewaltige Lust, wiederzukehren und mitzutragen alle Last und alle Lust des Kampfs. – Komm näher!« fuhr er fort, »ich will dir was ins Ohr sagen, ich will dir eine Hoffnung sagen. Du weißt, was ich immer sehe … Hannchen groß, die Rechte hoch, mir das Köstlichste zu bringen. Seitdem sie mich aber mal geküßt hat, und ich erst zu meiner Freude, bald aber zu meinem Schrecken erkannte, daß ich sie nicht als Bruder, daß ich sie ganz anders liebte, trägt sie keine Schale mehr, nun wiegt sie ein kleines Kind in ihrem Arm. Und das bin ich. Paßt auf, wenn es geboren wird! Es wird das Muttermal der Schlange auf der Brust haben.«

Am folgenden Morgen in der Frühe, fast zu derselben Stunde, wo der von seiner Reise zurückkehrende Doktor Volkmann aus dem Zug stieg, fand man den Dulder still entschlafen, Frieden auf der Stirn, sieghaftes Lächeln um den Mund. Die Augen hatte er aufgemacht, er hatte noch im Verscheiden das Bild gesehen, Köstliches in Mutterarmen wiegend.

Und bald sah man: Hannchen war eine gesegnete Frau. Und als sie ihrer Hoffnung genesen war, sagte die junge Großmutter: »Der muß Wilhelm heißen. Denn er wird ein Blonder. Und nun wollen wir mal sehen, ob der Kleine auch sein Mal auf Schulter und Brust trägt.«

Man sah und prüfte, Volkmann zuerst. Aber man kam zu keinem Ergebnis. Es fand sich an der Stelle wohl eine Rötung, aber die, die es als ein Schlangenbild deuten wollten, konnten es nur auf Grund starker Einbildungskraft. Die Mutter meinte, es sei ein erhobener Frauenarm, auch das fand keine Anerkennung, und acht Tage später war überhaupt nichts mehr zu sehen.

Woher bezog der neue Erdengast sein Seelchen? Wird er ein tapferer Kämpfer im Schlachtenlärm des Lebens sein?

