Wieb Muthen

1

Er war ein bejahrter Mann, war lange Zeit im Norden des Landes Schulmann gewesen, zuletzt gar Rektor – nun lebte er im Ruhestand.

Geistig fühlte er sich noch auf der Höhe, körperlich auch frisch. Aber warum sich bis zum letzten Nervenstrang verbrauchen, warum jungem Nachwuchs Weg und Steg versperren? Warum? Seine Mittel erlaubten es ihm, freie Bahn zu geben. Einiges hatte er sich erspart, einiges war von seiner Frau zugebracht, das Ruhegehalt gab auch etwas her, alles zusammen für bescheidene Leute genug. Und Nachkommenschaft war ihnen versagt geblieben. Den Bakel schwingen, Hefte und Kollegen ›korrigieren‹ und sich dafür von Schulrat und Regierung korrigieren lassen, war gewiß eine schöne Sache. Aber das, was auf dieser Welt mitnehmenswert ist, schöpfte es doch nicht aus.

Aus allen diesen Gründen hatte Johannes Lindemann es vorgezogen, abzugehen und den Erdenfleck wieder aufzusuchen, wo er geboren war.

Er hatte Liebhabereien, auf deren Pflege er sich freute. Zuerst und zunächst aber kam es darauf an, die Wurzeln in die Muttererde seiner Heimat senken, Landschaft und Menschen wieder zu Freunden zu machen. Deshalb trug er Morgen für Morgen seinen ›Dampfstaken‹ hinaus ins freie Feld. – ›Dampfstaken.‹ Mit diesem Wort verunglimpfte er (nach ortsüblichem Scherz) seine lange Pfeife; mit Unrecht, denn sie hatte buntseidene Litzen und Quäste. – So sehen wir ihn auf der Brücke des an seinem Heimatsdorf vorüber rauschenden Flusses.

Johannes Lindemann hatte ihn noch als wilden Strom gekannt, der zu böser Zeit bös wurde und aus den Ufern trat. Nun war er durch feste und hohe Deiche gebändigt, einem Rappen vergleichbar, der gegen Stangengebiß und Scheuklappen und Kappzaum schäumt und rollt und tänzelt.

Das Dorf lag vor seinem Angesicht.

Ein kleiner Turm, da war die Kirche, eine grüne Baumwolke daneben, die bezeichnete Kirchhof und Pfarrhaus. Rechts davon ein hohes, etwas bedeuten wollendes Ziegeldach, da wohnte Daniel Drathen. Der hatte Klange Zeit im deutschen Osten ›Gutsbesitzer gespielt‹, war nach hier zurückgekommen und neuerdings Amtsvorsteher geworden. Hinter dem Ziegeldach hauste Klaus Lemster, einer der Wenigen im Dorf, mit denen zusammen der Rektor die Schulbank gedrückt hatte. Sein kleines Anwesen sah man von der Brücke nicht, es ging nach der ›Achterstraat‹; an der Achterstraat lag auch das ihm zukommende Land: Acker und Wiese.

Klaus Lemster war derzeit mit Daniel Drathen weggezogen und mit ihm wiedergekehrt; so holte die Heimaterde manchen flügge gewordenen Jungen wieder her. Sie muß doch wohl was Magnetisches haben… Klaus Lemster ist unverheiratet gegangen und unbegeben wiedergekommen. Und das ist schade; denn gerade er schien geschaffen, eine Frau glücklich zu machen und dabei glücklich zu werden. Für des Leibes Nahrung und Notdurft wäre auch gesorgt gewesen, zumal jetzt, wo er bei Daniel Drathen die Stellung eines Sekretärs und Amtsdieners bekleidet.

Johannes Lindemann sah über das graue Dächerwirrwarr seines Dorfes hinweg nach den Rögener Bergen (so hieß das ziemlich dicht hinter den Häusern emporsteigende Hochland), er sah sinnend hinüber und dachte. ›Wenn ich flink hinaufstieg‹, dachte er, ›und meine Grete-Schwester in Rugenbergen besuchte!‹ Rugenbergen hieß das auf der andern Seite der Bodenerhebung belegene Dorf. ›Jawohl, das will ich; die Pfeife lasse ich zu Hause und nehme dafür einen tüchtigen Stock. – Und dann, und dann‹, dachte er weiter, ›kann ich Wieb Muthen auch guten Tag sagen; sie wohnt ja, wie ich höre, oben auf dem Vierth.‹

Der Rektor war eine lange, hagere Stange, in seinem Gesicht hatten Berufsarbeit und Gedankenarbeit ein paar feine Fältchen und Furchen hinterlassen. Aber ein guter, zufriedener Ausdruck war darin. Ein Kenner würde vielleicht behaupten: da ist mehr als Zufriedenheit, da ist Humor. Denn, wie er auf den Einfall gekommen war, Wieb Muthen guten Tag zu sagen, lächelte er, und es war ein von innen heraufsteigendes Lächeln.

Die Rögener Berge erhoben sich mit einer für unser Flachland überraschenden Energie. Man sah die Straße zwischen landesüblichen Knicken hinaufführen und gleichlaufend daneben ein dünnes Gehölz. Einen Wald konnte man es nicht nennen, über eine schleifenartige Baumgruppe ging es nicht hinaus. Um so mehr teilte sich die Kletterbewegung des Auges den Stämmen mit.

Gleichsam frisch voran Birkenkinder leicht geschürzt, wie junge Wandervögel. Die erste sieht man hoch oben mit wehendem Haar und schwingenden Armen, dicht hinter ihr zwei andere, die Häupter gesenkt – der Aufstieg war doch böser, als man erwartet hatte. Ein langer Troß folgt, ganz unten stehen alte verständige Bäume und beraten, ob sie es dem jungen Volk nachtun sollen.

Nach nicht langer Zeit ist Johannes Lindemann auf demselben Wege zum Vierth hinauf. ›Vierth?‹ Ursprünglich bedeutet das Wort wohl hochbelegenes sandiges, jungfräuliches Heideland. So trifft mans noch heute, wenn man rechts und links vom Wege abbiegt in die flimmernde, blaue Ferne hinein. Am Wege selbst ist aber Acker und Weide daraus geworden.

Der Rektor ging dieser Tage schon einmal flüchtig hinüber.

Drei Strohdächer liegen oben am Wege, wie wenn sie einem großen Christophorus, der als Spielwarenhändler für Riesenkinder über die Heide zog, aus dem Sack geglitten wären. Alle zehn Minuten eine, so daß jede für sich allein und einsam blieb. Drei kleine Katen: Strohdächer, Eulenloch, Rauchhäuser – die große Tür, wo der Atem des Herdes hinauszieht, nach Osten, die Seitentür gen Süden nach dem Weg hin, eine Bank oder vielmehr ein auf zwei Blöcke genageltes Brett an der Wand. Fachwerk mit blaßroten Ziegelsteinen ausgemauert, Stubenfenster nach Westen, hinter ihnen der Garten, in dem Garten Gemüse, ein paar Blumen am Steig: im Frühling und Sommer Tulpen, Rosen, Levkojen, Vergißmeinnicht als Rabatteneinfassung; ferner Stachel- und Johannisbeeren, Eierstrauch und Buchsbaum; im Herbst hochstielige Sonnenblumen, ferner Bauerrosen – Gurken und Kürbisse in trägem schleichendem Gerank und Geflecht, Obstbäume an dem alles umschließenden Wall, meistens Gravensteiner und Prinzenäpfel und Pflaumen und Zwetschen. Wenn schönes Wetter auf der Heide, alles in Glanz und Glast der Sonne. Die Katen und Gärten sind wie nach einem Riß gemacht – Gußarbeit. So liegen sie auf dem Rögener Vierth.

Johannes Lindemann gehörte zu den Leuten, die mit einer Art Rührung zu kämpfen haben, wenn sie an stille, grüne Heiden und Heidkaten denken, an Einsamkeiten, wo es noch glückliche Menschen gibt, von der Welten Unrast unangefressene Gemüter, solche, die den Strom der Zeit vorüberspülen lassen und gar nicht wissen, wie viel Unrat er mit sich führt.

In der mittleren der drei Katen des einsamen Vierths wohnte Wieb Muth, sprich: Muthen. Eigentlich hieß sie nach ihrem verstorbenen Mann Mundt, sprich: Mundten. Nach Landesbrauch fügt man bei Frauen dem Namen eine weiblich sein sollende Endung hinzu. Sie war schon lange Witwe, in Johannes Lindemanns Erinnerung war sie und blieb sie aber Wieb Muthen, und auf dem Gedenken an Wieb Muthen lag warmer Sonnenschein.

Es lag ein warmer Sonnenschein darauf, denn er hatte sie gern gehabt, und noch immer hielt er dies Gernhaben im wesentlichen frei von dem Begehren, mit dem ein Mann seine Blicke über ein Weib hingehen läßt. Es war, meinte er, das rein ästhetische Wohlgefallen an der harmonischen Mädchenseele, zu der freilich das gefällige rundliche Körperchen trefflich gepaßt hat. Und doch, um ganz ehrlich zu sein: zuletzt war ein Funke aufgeflammt, den er gern ausgetreten hätte, etwas, das als Unlustgefühl das Glück seines Gedenkens noch jetzt verkümmerte.

›Lang, lang ists her. – Ich will ihr guten Tag sagen und alles, was sich so fügt.‹

Er wollte Wieb Muthen besuchen und zur Sprache bringen, was ihm paßte. Dabei summte ihm die Melodie eines alten verschollenen Walzers im Ohr. Die Worte, wie meistens, albern und nichtssagend:

»Ach ich bin so müde,
ach ich bin so matt.
Möcht so gern zu Bette gehn,
morgen wieder früh aufstehn!«

Nichtssagend, aber getragen von einer sanften Melodie. ›Die faßbare Tagesfreude‹, sagt Schopenhauer, ›der im Walzer lebende, in ihm zum Ausdruck kommende Wille‹. So ungefähr. Eine weiche, wiegende, zum Verdämmern, zur Hingabe, zum Vergessen des Tagestumults zwingende Melodie.

Als er mit Wieb den Walzer tanzte, löste sich bei ihr alle Schwere… Ihre eigengewebten Röcke waren aus dicker Wolle, die Schuhe groß und grob, und doch der von allem Erdenhaften gereinigte Eindruck des Schwebens.

Wieb Muthen war in einem Nachbardorf geboren, sie war von jenseits des Flusses hergekommen, als er sie im Dorf getroffen. Er besuchte damals das Lehrerseminar der Stadt und kam nur in den Ferien heim. Wenige male hatte er sie auf dem Tanzboden gesehen. Aber mit dem Kommen und Treffen und Sehen hatte er sie auch besiegt. So durfte er annehmen und ganz sicher ergab sichs beim letzten mal, wo Daniel Drachen die große Hochzeit gab.

Das war ein Fest! Er, ein junger, städtischer Mensch, gleichsam Student, weiße Wäsche im Keilschnitt der Weste, Krawatte und Kragen, und vor allen Dingen eine blaue Mütze auf dem geheiligten Haupt.

Und der nicht ausgetretene Funke?…Ob das kleine Mädchen sich wohl was in den Kopf gesetzt hat? Ob ihr wohl Träume gekommen sind? Ob sie sich wohl schon als Lehrersfrau gesehen? … Nun liegt die Versöhnung der Zeit dazwischen.

›Ich will sie, nun darf ich es, ich will sie nach allem, was sich so paßt, fragen.‹

Man sagt, daß sie Klaus Lemster gut gewesen sei. Der wollte auch gerne an sie heran, das sah ein Kind, ein halbblindes Weib. Aber sie kam aus den Händen der Tänzer, die die Diele beherrschten, nicht heraus. Die blaue Mütze immer voran. Und Klaus stand und stand und ›schmökte‹ und verschlang sie mit den Angen. Aber es blieb beim Verschlingen. Tanzen konnte er so gut wie nicht, nur ein wenig hopsen. Und wenn ein Hopser an die Reihe kam, dann bekam er die Wieb doch nicht. Oder einer der Gewaltigen (die blaue Mütze auch da voran) rief nach dem Musikantentisch hinüber: »Noch mal: Ach, ich bin so müde–«und dann begann wieder das Walzen und Wiegen.

Auf Daniel Drachens Hochzeit kam Wieb von der blauen Mütze nicht weg. Der arme Klaus! Wie konnte er sichs auch einfallen lassen, mit ihr in Wettstreit zu treten! Aber wahrscheinlich hat er auch gar nicht daran gedacht. Ein feiner Seminarist und ein tapsiger Bauernknecht im groben Zeug und nicht einmal tanzen könnend. Zu allem andern hatte Johannes Lindemann auch noch Pomade im Haar, ein glatt und weich und schmiegsam gebändigtes dunkelbraunes Haar, dem die blaue Mütze prächtig stand, Klaus dagegen ein aschblondes, steif und struppig stehendes. »Wenn man ihn beim Bein faßt«, hatte Johann Ott mal gesagt (Johann Ott mochte gern über andere Leute herziehen), »dann ist er ein Besen und man kann die Diele mit ihm abfegen.«

Der arme Junge, jammerschade! Der Nebenbuhler hatte förmlich Mitleid mit ihm, denn Klaus war nicht nur ein guter, sondern auch ein kluger Mensch. In der Schule war er einer der Besten gewesen. Daniel Drachen hat immer viel auf ihn gehalten, das beweist ja auch, daß er ihn zum Sekretär und Amtsdiener genommen hat.

Nun ist er mit seinem Herrn wieder zurück aus dem Land, das uns die polnischen Dienstboten gibt. Ob es ihm wohl gelungen ist, die Blödigkeit abzulegen?

2

Die Hausfirst ihrer Kate war mit grünem Moos bewachsen, es lag Sonnenglanz darauf, und in dem Sonnenglanze machte ein blauweißer Täuberich seiner weißblauen Taube unter Spreizen der Schwanzruder mit vielen Verbeugungen gurrend den Hof. Wieb Muthen sah es nicht, sie saß an der Sonnenwand ihres Häuschens im Streuschatten junger Birken vor einem Spinnrad und spann.

Da fiel ein Schatten vom Wege her auf ihr Rad, der Schritt eines Mannes kam durch die Wallpforte, und es sagte jemand »Godn Morgn«, was die Spinnerin veranlaßte, ihr Rad zum Stehen zu bringen. Sie zog den Fuß vom Trittbrett zurück, griff in die Spule, sah den Besucher durch die Hornbrille an, und antwortete: »Schön Dank un godn Dag!«

Jeder von ihnen bot die Tageszeit nach der Weise, wie er sie verzehrte. Nach Wieb Muthens Verbrauch war es reif gewordener, bei Johannes Lindemann junger Tag.

Der Rektor stand vor ihr, sie aber warf Augen auf ihn, worin geschrieben stand: ›Du komms mi bekannt vör, kann di awer ni to Hus bringn.‹

»Kenns mi wull ni mehr?« fing Rektor Lindemann an.

Wieb steckte in einer bunten, bauschigen Jacke, war eine etwas völlig gewordene Frau, gesund von Farbe und gütig im Ausdruck, mit schlicht gescheiteltem, noch immer bräunlich schimmerndem Haar.

Als sie vernahm, daß es sich in der Tat um eine alte Bekanntschaft handele, nahm sie die Brille ab und legte sie in den Schoß. »Nä, opn Prick kenn ik Se ni.«

»Ja, Wieb, denn mutt ik wull betjen neger kam. Kanns di besinn op Daniel Drathen sin Hochtid un op son langn jungn Kerl, de dor weer, en blaue Mütz op harr un op Seminar studeer?«

Das schlug ein! Sie schob das Rad bei Seite, erhob sich, schüttelte ihre Schürze, wischte ihre Hand darin ab und reichte sie dem Angekommenen. »Denn hev ik wull de Ehr mit Rektor Lindemann …«

»A, wat, Ehr hin, Ehr her«, schnitt Lindemann die Höflichkeiten ab. »Ick bün Hannes Lindemann un wi hebbt, ›Du‹ to enanner seggt, un dor blivt dat bi.«

Wieb lächelte vor Vergnügen. »Ja, Hannes, wenn Se, wenn du so eenfach un niederträchdi denkst, mi is 't recht. Denn schast ok willkommen wesen.‹

»Und das it nett von dir«, fuhr sie fort. Das Gespräch wurde plattdeutsch geführt, der Rektor sprach so mit allen Leuten im Dorf. »Es ist nett von dir«, sagte sie, »daß du an mich denkst. Ja, Daniel Drathen, als er die reiche Strotmann kriegte (manch ein Jahr ist den Berg hinuntergelaufen), da ging es hoch her.«

Einen Augenblick ließ sie die Augen an ihm auf und niedergehen. »Hast dich gut gehalten! Alt sind wir beide, jung bist nicht mehr, siehst aber gut aus. – Und nun komm man rein. Viel kann ich nicht bieten. Abers en Kaffee ist schnell gekocht.«

Das wollte Johannes nicht. Sein Weg gehe weiter nach Rugenbergen hin. Zu Hause habe er Kaffee getrunken, in Rugenbergen müsse er noch einmal dran. Unter drei Tassen lasse ihn Schwester Grete nicht. Zweimal allenfalls, aber dreimal Kaffee am Vormittag, das gehe selbst über eines alten Schulmeisters Kraft. »Lat uns hier bliewen, Wieb. De Sünn schient schön, un op Hus hebbt de Duwen ehr Spillwark. – Wenn 'k hier betjen sitten dörf…« Es stand ein Brettstuhl an der Wand, den zog er heran. »Un du blivst op din Bank un spinnst«, befahl er.

Da mußte sies wohl zufrieden sein, das Rad schnurrte und Wiebs fleißige Hände zupften und zerrten den fein gehechelten Flachszopf, daß der Faden eben und gleichmäßig und ohne Knoten auf die Spule lief.

»Du spinnst«, spann Johannes Lindemann seinen Gesprächsfaden mit hinein. »Du spinnst, das ist recht. Es ist zwar aus der Mode gekommen, aber ich habe mich beim Kommen schon über das Flachsbeet, das ich hinter dem Garten sah, gefreut. Mich wundert nur, wo dus gewebt kriegst. Sind doch die Leinweber in unseren Tagen rein ausgestorben. Da tut man alles mit Dampf, und was der Bauer früher selbst machte, kauft er in Läden.«

Wieb ließ für einen Augenblick Rad Rad sein und faltete die Hände. »Ja«, sagte sie, »so is dat, Hannes, de Welt is so gans anners, as wo wi in grot wam sünd. Un ol Lüd, de op de Heid wahnt, könnt sik swor in sinn.« Aber dann spann sie wieder über die aus Rand und Band gegangene Welt hinweg: »Wir müssen alles selbst tun«, fuhr sie fort und zog ihren Faden lieb und lang bis zur Höhe ihrer Brust hinauf. »Ich dünge und grabe das Flachsbeet und säe und jäte und ernte und dresche und spreite und brache und schwinge und hechele und spinne und spule und haspele und webe; und alles, was dazu gehört, findet sich in meinem Besitz. Brache und Webstuhl stehen in dem kleinen Anbau, der nach hinten hinaus geht und von hier aus nicht zu sehen ist.«

»Früher kamen hier wohl«, fuhr sie fort, »Packenträger (Butendörp und Mahrt hießen sie) mit Kattunzeug zu Fuß hausierend durchs Land. Nun fahren ja Wagen wie kleine Häuser und Läden herum. Da kann man alles kriegen, wie in der Stadt. Und was ich und meine Tochter an Wollzeug brauchen, kaufen wir da auch, denn mit Wolle und Schafen kann ich mich nicht abgeben. Mumm heißt der Mann. Und ich muß sagen, wenn es auch nicht gerade viel hält, teuer ist es auch nicht. Aber Leinen und das, was meine Tochter und ich am Leib tragen, da halte ich an der alten Mode fest. Das bauen und weben und machen wir selbst.«

»Als Daniel Drathen Hochzeit machte«, fiel Johannes Lindemann ein,»da wars noch überall so, da wurden die Wollröcke der Weiber hierorts auch noch aus eigener und aus selbstgesponnener Wolle gewebt und gemacht. Waren doch vier Weber allein in unserm Dorfe: Hans Weber und Max Weber und Jürn Weber und Klaus Weber. Man nannte sie ja nur noch bei Vornamen und vergaß ganz, wie sie sonst noch hießen.«

»Ja, so war es«, entgegnete Wieb. Der Faden war beim Zuhören zerfasert. Sie griff in die Spule, ihn wieder anzuspinnen, zog dann aber die Hand zurück. Das Rad blieb in Ruhe, und der Spinnerin Hände lagen wieder im Schoß. »Ja, es war eine schöne Zeit!« sagte sie.

»Nicht wahr?« lachte Johannes. »Und schön war auch so ne Hochzeit, wie die von Daniel Drathen.«

»Ja, ja,« war die Antwort. Und versonnen sahen die Augen der alten Frau in eine Vergangenheit, die nicht wieder kam. »Ja, du hattest so ne schöne blaue Mütze auf. Kannst dich noch auf Klaus Lemster besinnen? Ich glaube, die Mütze konnte Klaus Lemster dir nicht vergeben. Und er war ein so guter Junge, und mitunter denke ich, ich habe schlecht an ihm gehandelt. Weißt du, die blaue Mütze, die paßte schön zu deinem düsterbraunen Haar. Und das blänkerte so. Brauchtest wohl Künste, die wir auf dem Dorf und die Klaus Lemster nicht kannte. Da warst ihm in über.«

»Ei, Wieb, bloß in der blauen Mütze und in der Pomade? Und wenn die blaue Mütze und die Pomade nicht gewesen wäre? Standen wir dann gleich, oder ich gar zurück?« Der alte Schulmann lachte, es sollte humorvoll klingen, aber es lag ein klein wenig Empfindlichkeit darin. »Walzer konnte ich doch auch tanzen, und Klaus nicht. Weißt du noch: ›Ach ich bin so müde, ach ich bin so matt?‹«

»Ja, Hannes, das war mehr als die blaue Mütze und blankes Haar. Klaus konnte ihn nicht, der arme Junge! Er war ein so guter Mensch. Er wollte so gern mit mir Galopp. Den konnte er. Aber da riefst du immer zur Musik hinüber: ›Mehr: ach ich bin so müde.‹ Und ließest mich nicht frei, auch wenn mal Galopp gespielt wurde. Ich sah ganz gut, wie er wartete und an der zugigen Dielentür stand und schmökte und hinüber sah und Falten im Gesicht zog (das tat er immer, wenn ihm was aufstieß) und wie er die Nase scheuerte. Und wie er sich dann auf die Lippen biß, wenn es zu Ende ging, und du doch bei mir bliebst. .« Wieb Muthen ließ ihre Daumen umeinander rollen.

»Ja, Wieb, ich war glattweg in dich vernarrt. Und dann ging es zum Essen und in der Nacht zum Warmbier. Und immer hast du an meiner Seite gesessen. Und als wir dann Kaffee tranken, der war nur noch in der Achterstube zu haben. Alle hatten schon getrunken, man ließ uns allein. Weißt du noch, was da passiert ist?«

In der Hinterstube mußte was Schreckliches passiert sein, denn Wieb wurde noch jetzt, nach so langer Zeit, im Gedenken daran rot.

»Soll ichs sagen?« lachte der Alte. »Warum soll ich nicht: da habe ich dich geküßt. Du wolltest nicht und riefst immer: ›Hannes, Hannes, wat deist du?‹ Und dann wieder: ›Wat do ik?‹ Aber schließlich hast du es doch getan und hast mich wieder geküßt, so wie ein junges unbedachtes Dirnchen küßt. Sag ich recht, war es so, Wieb?«

»Ja, ja«, erwiderte Wieb und sah bekümmert drein.

»Noch immer schämerig?« Johannes Lindemann ergriff Wiebs Rechte. »Was ist denn dabei? Können wir nicht ruhig darüber reden? Viele, viele Jahre sind seitdem vergangen.«

»Es ist nichts dabei, aber ich hätte es nicht tun sollen.«

»Nichts dabei, und hattest es doch nicht tun sollen? Wieb, wie meinst du das? Hattest du mich denn nicht gern?«

»Ich hatte dich wohl gern, Hannes, aber doch nicht so, daß ich dich küssen durfte.«

»Was?« rief der Rektor. Er erstaunte, man sah es ihm an. »Wieb, nu wirds Tag – nu hör mal zu, nun will ich dir was sagen! Sieh, in dem Augenblick hatte ich dich noch mehr lieb, als bloß zum Küssen. Mir wollte es immer über Lippen und Zunge: ›Wieb, liebe Wieb, willst meine Frau werdend?‹ Aber ich kam nicht damit heraus. Eine Art Vernunft, die wir hier zu Lande ja in allen Stücken bewahren, hielt mich zurück. Ich hatte noch nicht ausstudiert, und hatte nichts und wußte nicht, in welche Verhältnisse ich kommen würde. Und ob du dich wohl fühlen würdest, wohin mich das Schicksal führe. Und das war wohl am Platze, denn in den Städten bei hochmütigen Menschen, da spielt so vieles mit, was ich gar nicht alles sagen kann, du auch gar nicht verstehen könntest. Sieh, das war es! Verstand und Überlegung, was mich zurückhielt. Küssen kannst du sie mal, dachte ich, das hübsche mollige Ding, mehr nicht. Und vielleicht war auch das Unrecht, hab ich mich später gescholten. Könnte sich was in den Kopf gesetzt haben. – So stand es mit mir. Und Wieb, das halbe Stündchen in Daniel Drathens Achterstube ist in meiner Erinnerung immer ein Winkelchen gewesen, wohin sich keine fremde Tatze strecken durfte, so … ja, so, wie du es mit deinem Flachsbeet hältst und mit der Brache und mit der Hechel.«

»So stand es mit mir«, fuhr er fort, »aber daß du mich nicht so lieb hättest, mir gleich an den Hals zu fliegen und ›ja‹ zu sagen, das fiel mir im Traume nicht ein. Siehst du, so hochmütig war ich unter meiner blauen Mütze, in meinem bischen schwarzen Tuchanzug geworden. Und mit meinem Öl im Haar, und mit meinem Walzer. – Und nun, was muß ich hören! Hätte einen Korb gekriegt? Sag mal, Wieb, hätte ich ihn gekriegt?«

Wieb Muthen antwortete nicht. Sie sagte nur: »Ich hätte es nicht tun sollen.« Sie war mit ihren Gedanken noch immer bei dem, was in der Achterstube geschehen war.

»Nicht mal das?« fragte der Rektor.

»Es hat jemand gesehen«, erklärte Wieb. »Du hast es nicht bemerkt, aber ich. Die Tür nach der Vorderstube tat sich auf, nicht viel über fingerbreit, und tat sich leise wieder zu. Und derweilen ging ein Auge über uns her. Und das war in dem Augenblick, als du sagtest: ›Wieb, Wieb, wie kannst du schön küssen!‹«

»Gut, es hat also einer gesehen. Sicherlich ein alter Mann oder ein altes Weib. Die Musik ging ja immer dideldum zu uns her, und alles, was Tanzbeine hatte, war dabei.«

»Nein, Hannes, es war ein junges Auge.«

»Und wenn es ein junges Menschenkind gewesen ist, was macht denn das? Wenn er noch lebt, ist er alt, wie wir.«

»Ja, ja, alt!«

»Aber nun meine Frage: hätte ich einen Korb gekriegt?«

»Ich habe mich mit einem anderen verheiratet, Hannes.«

»Ich weiß, du hast den Steinhauer Mundt bekommen. Heißest also eigentlich Wieb Mundten und nicht Wieb Muthen. Aber für mich bist und bleibst du Wieb Muthen, denn mit diesem Namen lebst du in meiner Erinnerung und hast darin einen kleinen Hausaltar. Und das weiß ich auch, vor vielen Jahren ist dein Mann beim Fuhrwerk zu Tode gekommen und seitdem lebst du mit deiner Tochter, die …«

»Anna heißt sie«, fiel Wieb ein, »und die hat sich verlobt, und zum Herbst zieht ein Schwiegersohn zu uns ein.«

»Und Gören kommen hinterher«, ergänzte Johannes.

»Man soll dem Glück der Kinder nicht im Wege stehen«, sagte Wieb, »da muß man sich in schicken. Ich möchte sonst lieber Herr im Hause bleiben. Huddelpuddel sein und zum Schwiegermutter- und Großmutterspielen habe ich nicht recht Lust. Dazu fühle ich mich zu jung und noch immer zur Arbeit geschickt. Anna ist mit ihm, was ihr Bräutigam ist, zur Stadt, Aussteuer zu besehen. Das muß ja natürlich sein, das mit mir alt gewordene Gerümpel taugt nicht für sie. Früher schaffte man sich das, was man nötig hatte, nach einander an, wie man sich in junger Ehe rühren konnte. Nun muß ja alles neu sein, und die gute Stube von Plüsch.«

»Der Geist vom Jugendstil ist auf die Heide gestiegen« brummte der Andere für sich hin. Und dann verfiel er in Schweigen.

Sein ganzes Lebenlang hatte er gefürchtet, durch die Zärtlichkeitsszene im Hinterzimmer Hoffnungen bei Wieb erweckt zu haben, die er nicht einlösen konnte, und dadurch eine Art Bruch in einem jungen Menschenleben herbeigeführt zuhaben. Und nun? Nun sah er, daß es ganz anders war, daß er in einem Irrtum befangen gewesen war, daß er die Last eines Wahnverbrechens getragen hatte. Er hatte gern klargesehen, wie die Sache stand, aber Wieb wollte nicht, und deshalb brach er ab.

Er erhob sich und stellte seinen Stuhl an die Wand. Das Taubenpaar war heruntergeflogen und nickte und pickte vor den Füßen der alten Leute. Wieb pflegte hier zu streuen, es fand sich noch immer ein versprengtes Körnchen.

Der Rektor stand, und sein Schattenriß hob sich gegen Birkenschleier und Himmel ab und gegen den über dem Vierth blauenden Duft.

Es kam zum Abschied. Johannes Lindemann wollte weiter nach Rugenbergen, Wieb Muthen begleitete ihn durch die Pforte. Und den beiden alten Leuten, wie viel sie auch sprachen, wie viel sie auch lächelten und lachten, sie merkten sich doch gegenseitig an, daß im Herzen gelegen hatte, was in ihnen aufgerührt worden war. Wie vertieften sich bei Wieb die Züge der Güte, der Langmut, einer Gesinnung, die sich über alle Fehler der Nächsten hinstrecken und alle Mängel decken möchte. War ihr gutes Angesicht auch ein wenig angewelkt wie ein alter, reifer, aber noch immer gesunder Apfel: es war doch lieb und – schön.

»Hannes«, sagte sie, als beide im Wege auf freiem Vierth standen, »du wolltest wissen, was ich gesagt haben würde. Ich will es dir sagen. Ich glaube, ich hätte gesagt: das kann ich nicht.«

Von Johannes Lindemann fiel alle Schuld, er hätte sich freuen müssen. Aber wieder kam allerlei solche Freude verkümmerndes Gefühl. »Wieb«, rief er, »hattest du mich denn gar nicht lieb?«

»Ich mochte dich ganz gerne leiden, Hannes. Aber doch nicht so, daß ich hätte ›ja‹ dazu sagen können. Und deshalb meine ich noch immer, ich hätte es nicht tun sollen, was ich in der Achterstube getan habe.«

»Gab es denn einen anderen, den du lieber hattest, lieber geküßt hättest, bei dem du lieber geblieben wärest?«

»Vielleicht, mein Hannes«, erwiderte Wieb und lächelte und sah verschmitzt drein.

»Dann begreife ich dich nicht, Wieb! Wie konntest du denn so mit mir tun?«

»Das ist es, das ist meine Schuld.«

»Aber warum, Wieb?«

»Mein lieber Junge … Wenn du das nicht weißt und ahnst, dann kennst du die Weiber und ihre Schlechtigkeit nicht. Das ist immer so. Wenn ›er‹ gar nicht kommt, den man haben will, dann macht man ihm den Mund wässern, dann fängt man mit einem anderen an. Aber er war so blöde und tappig, so bang vor Mädchen, tat wenigstens so, kam nicht, kam nicht aus sich heraus, da mußte er, dachte ich, ein bißchen gekirrt werden, da wollte ich ihn ein bißchen quälen, daß er zur Besinnung käme.«

Johannes Lindemann stand und war – baff.

»Hannes, du weißt gar nicht, wie schlecht son junges Mädchen ist.«

Johannes Lindemann war erstarrt gewesen, er mußte sich den Hintertreppenwitz seines Schicksals erst klar machen. Als er ihn erfaßt hatte, lachte er laut auf. Er lachte eine viertel, vielleicht eine halbe Minute, bevor er Worte fand. »Wieb, Wieb – Weiber, Weiber! – Weißt du, wie man das in der Stadt nennt? Da sagt man Koketterie dazu.«

Wieb lachte auch, aber nicht viel, und ohne rechtes Verständnis, die in Johannes Seele aufeinander platzenden, sich widersprechenden Gedanken und Bilder konnte sie nicht voll würdigen, jedenfalls nicht ihre humoristische Natur.

»In der Stadt nennt man das Koketterie«, hatte er gesagt.

»Das weiß ich nicht, das Wort kenne ich nicht«, antwortete sie gutmütig.

»Also dazu war ich gut«, und wieder lachte er.

»Nimmst es noch übel, Hannes? Es ist so lange her.«

»Und was ist aus ihm geworden? Hat es wenigstens geholfen? Oder blieb er tappig?«

»Es hat nichts geholfen. Er blieb nicht allein tappig, er sah mich gar nicht mehr an. Ich glaube, Hannes, er ist es gewesen, der in die Tür gesehen hat.«

»Arme Wieb!«

»Und nicht lange nachher zog er weg.«

»Mit Daniel Drathen?«

Bei dieser Frage wurde Wieb rot und antwortete nicht. Und wieder lachte der Rektor.

»Ja, ja, gedacht hab ichs gleich, nun weiß ich bestimmt, wer es ist, der Glückspeter. Und der kennt wohl nicht mal sein Glück …Wieb«, fuhr er fort und faßte sie an beiden Händen. »Er ist wieder hier und ist noch zu haben. In Amt und Würden, bei Daniel.«

»Ich habe es gehört«, erwiderte Wieb und vergaß dabei ganz, daß sie ihr Geheimnis nicht hatte preisgeben wollen.

»Ob er in der Polackai wohl Walzer gelernt hat?« scherzte der Rektor und setzte nach einer Weile hinzu: »Es ist schade, daß Klaus nicht hier ist und anhört, was wir sprechen.«

Wieb lächelte ein so eigentümliches, weibliches, überlegenes Lächeln, daß Johannes Lindemann anfing, mit seinem Stock zu gestikulieren.

»Der Mann, der euch Frauenzimmer auskennt, ist noch nicht geboren. Und ich Unschuldslamm, Bählamm, Schafskopf – dazu war ich gut genug!« Und lachend studierte er die Züge des vor ihm stehenden, verruchten Weibes.

Seine Hand ruhte auf ihrer Schulter. »Du sagst, ich habe mich gut gehalten. Ich weiß nicht, obs stimmt. Aber du… du, in deiner Vergnügtheit, in deiner Verschmitzheit, siehst ja aus wie ein junges Dirnchen! – Und Klaus? Nun, der ist auch noch kein Mümmelgreis. Und unbegeben ist er auch.«

Er sah sie mit so unbändigem Schalksgesicht an, daß sie sich los machte, ihn umdrehte und in der Richtung nach Rugenbenbergen wegschob. »Willst gleich den Mund halten? Bist ja ein ganz Schlimmer! Marsch, fort mit dir!«

Sie schob und schob. »Ich will nichts mehr mit dir zu tun haben«, rief sie. Da bekam er den letzten Schubs. Und dann lief sie spornstreichs nach ihrem Häuschen, um in der Seitentür (ortsüblich »Blangdoer« genannt) zu verschwinden.

Bevor diese aber zuklappte, bekam der Rektor doch noch Wiebs Angesicht zu sehen. Es lachte mit Augen und Mund. ›Was hat sie für ein Lächeln und was für Augen!‹ dachte der Rektor, als er sie sah. Und hob den Stock und drohte dem übermütigen Frauenzimmer in neckischem Behagen.

3

Die Rauchkaten der Gegend sind nach einem Plan erbaut, der eine Art Kreuzform darstellt. Von der Torfahrt ausgehend in der Mitte der Längsachse die Lehmdiele, an den Seiten Ställe und Kammern, als Querbaum des Kreuzes die mit Fliesen belegte Vordiele, rechts und links auslaufend in Winkel, die durch Seitenfenster erhellt sind und ›Hörn‹ genannt werden. In Höhe der Diele der Schwibbogenherd und hinter Hörn und Schwibbogen die Stuben, über der Lehmdiele der Dachboden mit dem großen Viereck der Luke als Aufstak- und Falloch für Heu und Stroh.

Ein großer schwarzer Kater, der dort wohnte, hatte Wieb Muthens Schritt gehört und lief hurtig, als sie ins Haus ging, die Leiter hinab und rieb sich spinnend an der Herrin Röcken.

»Ja, ja, Katt«, sagte diese, »büst wull hungri, wüllt ok glik wat eten.«

Und Wieb schickte sich an. Mittag zu bereiten. Bevor sie es aber tat, machte sie die Blangdœr wieder auf, um recht viel von »Gottes schöner Sonne« ins Haus zu lassen. Dann schürte sie ein Feuerchen auf dem Herd. Trockenes Holz, da prasselte es lustig auf, ein Soden Torf, da bekam es derbere Nahrung. Im ganzen Hause roch es nach Schweinernem und Geräuchertem, ein paar Würste und ein Schinken hingen im luftigen Räucherraume der Diele an der mit schwarzem, blankem Ruß belegten Bodendecke. Der von dem Herd aufsteigende Rauch wob einen bläulichen Schleier darum und zog durch die Luke den Heuboden hinauf, nach dem Eulenloch fahndend.

Wieb kümmerte sich nicht um den Rauch, sie füllte etwas Milch in einen Topf und setzte ihn ans Feuer. Und dann stieg sie hinab in den an der Nordseite belegenen Keller. Da standen von gestern übriggebliebene Buchweizenklöße, auch noch Kartoffeln, die wollte sie aufbraten. Das und Milchsuppe dazu gab einen guten Mittag. Nach wenigen Minuten tauchte sie wieder herauf, die Kloß- und Kartoffelschüssel im Arm, stieß aber ein leises, schreckhaftes »Ah!« aus – eine fremde Mannsperson stand an ihrem Herd.

»Godn Dag!« sagte der Mann.

Wieb wurde die Schüssel zu schwer in der Hand, sie setzte sie auf den Herd, ließ die Augen an dem Angekommenen auf- und niedergehen, tusselte mit ihrer Schürze und erwiderte: »Dank ok!«

Er trug eine Mappe unter dem Arm, war ein älterer, etwas gedrungen gewachsener Mann. Seine Mütze hatte er abgenommen, so sah man Stirn und Haar. Die Stirn war breit, das Haar voll, »wrusselig« aufgerollt und etwas angegraut. Ein bißchen schwer stand er zwar vor ihr, aber graue, klare Augen sahen sie an, halb verlegen, halb prüfend, wie nach ihrem inneren Wesen fragend.

»Ik sammel Brandgeld«, erklärte er.

Also ein Sammler der Brandgelder, wie einer Jahr für Jahr kommt – weiter nichts, nichts Besonderes. Und doch war Wieb Muthen zu Sinn, als ob der Mann was Besonderes bringe.

Sie fing nach dörflicher Sitte ein Gespräch mit ihm an und wunderte sich, daß das Jahr schon wieder um sei. – Ja, ein Jahr laufe schnell, entgegnete der Sammler. – Wieviel es ausmache? fragte Wieb. – Immer der alte Satz: Drei Mark und dreißig Pfennige. – Das sei viel Geld für eine so kleine Kate. Frau Mundt müsse aber bedenken, lautete die Entgegnung, daß es sich um eine Rauchkate handele, da komme ein höherer Satz in Anwendung. Wenn sie einen Schornstein baue, habe sie es acht Groschen billiger. – Für acht Groschen könne sie keinen Schornstein bauen, sagte Wieb. – Dem pflichtete der Sammler bei, dann müsse es wohl bei den drei Mark und dreißig verbleiben.

So sprachen sie, der Milchtopf fing an zu singen, den setzte Wieb vom Feuer. »Sünst kokt he mi na œwer«, sagte sie. Wieb bat den Einsammler, Platz zu nehmen, und ging in die Wohnstube, Geld zu holen.

Der Mann mit der Mappe ließ derweilen die Augen umhergehen. Er war durch die Seitentür der Hörn gekommen, die Wieb geöffnet hatte, die Sonne einzulassen. Noch immer stand die Sonne gegen die Wand und schien hell in Tür und Fenster, das hatte Viereck der Lichtöffnung, die Schatten des Fenstersprossenwerks über die Lade und den letzten Rest der langgezogenen Figur auf die Fliesen werfend. Und die Schatten und Lichter liefen an den schwarzen Bohlen der Dielendecke in geheimnisvoll dämmernde Räume.

Nun war Wieb zurückgekehrt und zählte drei Mark und dreißig auf dem Deckel der alten Lade auf, der Mann gab Quittung und verzeichnete den Eingang in der Liste. Dabei legte er für einen Augenblick den linken Zeigefinger an die Nase und rieb deren Flügel.

Wieb bemerkte es, das kannte sie, das kam ihr bekannt vor, und ihr Blut kam in Wallung. Aber sie faßte sich und sagte, auf den alten Gegenstand zurückkommend: Unrecht sei es doch, daß Rauchhäuser in einer teueren Klasse stünden. Ein so recht eingeräuchertes Haus sei feuersicherer als Strohdächer mit einem Schornstein. Und auch darin gab ihr der Einsammler Recht.

Der sprach überhaupt ausnehmend ruhig und sicher und sah sie mit Augen an, worin allerlei Fragen standen, auch die: »Hast du mir sonst nichts zu sagen, als das von Brandgeld und Rauchhäusern?« Und die Stimme klang so treuherzig, daß Wieb Mühe hatte, vor sich zu verleugnen, was ihr kaum noch ein Geheimnis war. Einstweilen dachte sie nicht mehr an Essenmachen, holte vielmehr zu einem eingehenden Geplauder aus.

Wenn gute, gefällige Stimmen im Wechselgespräch aufeinander folgen, wenn sie sanft und ruhig, zuweilen ein wenig elegisch einen Übelstand, eine Verkehrtheit der an Verkehrtheiten so reichen Welt abhandeln, wenn Töne und Gedanken einen Reigen aufführen, sich so zu sagen umarmen, das wirkt wie Bruder- und Schwesterkuß unsichtbarer Seelen.

So war es bei Wieb, als sie mit dem Einsammler sprach.

Und dabei die Bewegungen der Hände, für die er den rechten Platz nicht finden konnte. Hatte er sie gefaltet, dann schien es ihm geratener, den Stuhl zu fassen. Zuletzt kreuzte er sie über der Brust und ließ es dabei.

Wenn er Wieb ansah, rollte er die Stirnhaut in Falten auf. Er war eher mager als voll im Gesicht, Backen und Kinn rot und blank, nach Art alter Männer, die der frischen Luft gewohnt sind oder gewesen sind, seine Stirn schien jünger und heller. Aber wenn er sie in Falten zog, dann wurde auch sie alt und blank.

Früher hatte der Bauer Fritz Ramm gesammelt. Ob der nicht mehr Brandvogt sei, fragte Wieb. – Nein, der habe das Amt niedergelegt. Brandvogt sei jetzt Daniel Drathen, der ja von hier stamme und kürzlich wieder angezogen sei. Der sei Brandvogt geworden, Amtsvorsteher sei er ja auch, und in dessen Auftrag sei er hier. Als der Mann das gesagt hatte, fiels Wiebs Blick auf die auf der Fensterbank liegende Mütze. Sie sah den roten Rand und die Kokarde über dem Schirm. Und da wußte sie nicht nur halb, da wußte sie es ganz, daß es Klaus Lemster war. Und wie ihr Auge wieder über ihn hinweg ging, leuchtete aus Angesicht und Figur des Angekommenen durch den Schleier der Jahre die Erscheinung des alten Freundes auf, wie er auf Daniel Drathens Hochzeit an der Diele gestanden, geschmökt und die Stirn in Falten gezogen hatte.

Und sie wurde blaß und wurde rot und dachte, er weiß, wer ich bin, und doch hat er sich nicht bekannt gegeben, hat nicht gesagt: ›Godn Dag, Wieb, ik bün Klas Lemster‹. Eine lange Zeit ist verflossen, sein Groll aber hat sie überdauert.

Sie wurde rot und blaß und das Herz klopfte ihr, und sie wusch die Hände in der Luft und verbarg sie dann in ihrer Schürze, die sie herumwickelte, und dann wieder auseinanderrollte. Der Mann sah das, und in seine Augen stahl sich ein Lächeln hinein, welches sagte: ›Ich bin der, den du meinst.‹

Wieb konnte das offenkundige Geheimnis nicht mehr hüten und bändigen. »Herr Jesus«, rief sie, »denn sünd Se … denn büst du wull Klas Lemster?«

»Wokeen schull ik denn sünst wen?« antwortete Klaus Lemster, und fügte hinzu: »Wa geit di dat, Wieb?« Da reichte er ihr auch die Hand.

Wieb Muthens Augen und Gesicht und Mund drohten, die Sache gefühlvoll zu nehmen, und taten weinerlich, aber ihre Herrin bändigte sie, sie faßte sich. Sie lachte. Sie lachte, wenn auch mit ein bißchen Naß im Auge. Und beide Hände reichte sie ihm, nahm mit einer Hand Klaus Lemsters Rechte und mit der anderen Klaus Lemsters Linke. Und sprach, und beim Sprechen lief ein bißchen Zittern und Beben durch ihre Stimme: »O, Klas, büst wull heel bös west?«

»Wo meenst dat?« fragte er.

»Dat du so lang in de Frömm bleben büst.«

Darauf antwortete er nicht, er sah ihr nur um so tiefer in die Augen.

»Na, un wie geit di dat?« fragte Wieb.

»Un di?« antwortete Klaus.

Und dann gings ans Erzählen. Wiebs Verheiratung mit dem Steinhauer. »Harrs em leev?« – »He weer en goden Mann, un wi hebbt god mit enanner levt.« Weiter entgegnete sie nichts auf diese Frage, aber jeder, der Zeichen zu deuten verstand, hörte heraus, was sie sagen wollte: Der Rechte war es nicht, der Rechte war nicht gekommen.

Und dann fragte Wieb, weshalb er ihr zuletzt ganz aus dem Wege gegangen sei, sie seien doch immer so gut Freund miteinander gewesen. »Ich glaub gar mehr als Freund«, sagte sie, »denn als wir groß geworden, da habe ich ganz gut gesehen, wie du mich gern hattest. Und das war ja auch mein Gedanke.«

Als Wieb das gesagt hatte, sah Klaus hell auf, und an seiner Stirn ging es mächtig auf und ab. »Ja, weshalb hast du mich denn nicht genommen?« rief er.

»Kann ein Mädchen denn einen jungen Mann fragen, ob er sie haben will? Ich wartete, du kamst aber nicht.«

»Ja«, erwiderte Klaus und rieb die Nase. »Das ist wohl so, da war ich nicht dazu gemacht, sowas zu sagen. Und als dann so viele kamen, die um dich herum waren mit ihrem Juchhei und Singen und Getue und Walzen, da… Das war mir nicht gegeben, bei so was mitzutun. Da mußte ich zurücktreten und mich verkriechen mit Grimm im Herzen und von der Ecke aus zusehen, wie man schön tat mit dir … und du …«– einen Augenblick besann er sich, dann sprach er aus – »und zuweilen du auch mit ihnen. Das mußte ich mit ansehen, so todunglücklich ich auch war.«

Wieb seufzte und sagte lange Zeit nichts. Dann kam es: »Und nach Daniel Drathens Hochzeit hast du mich ganz ›minnachtig‹ behandelt. Und wenn ich dir gute Worte sagen wollte, ließest du mich stehen.«

»Da hatte ich auch Grund dazu.«

»Und was für einen?«

»Wieb, das fragst du? Bist du nicht mit dem langen Schulmeister auf der Hochzeit herumgezogen, daß alle Leute gesagt haben, die will wohl Lehrerfrau werden? Aber paßt auf, haben sie gesagt, der läßt sie sitzen. – Blaue Mützen und weiße Wäsche und Walzer… Ja, das glaub ich, das mochtest wohl… Und ich sollte da noch hinterherlaufen…?« Er biß sich auf die Lippen. Dann fuhr er fort: »Nein, Wieb. Viele Jahre sind hingegangen, aber an Daniel Drathens Hochzeit, da habe ich lange an getragen.«

»Du hast ganz recht, Klaus. Und ich kanns dir nicht verdenken, daß du bös warst. Daß ich auch mit anderen mir was versehen, ist mir nicht bewußt. Aber mit Johannes Lindemann, das ist wahr, das war nicht Ordnung. Und doch war das anders gemeint, und das will ich dir erzählen.«

Und sie erzählte, wie sie ihn allein liebgehabt habe und wie alles Getue mit dem Schulmeister nichts gewesen, nichts als ein Mittel, ihn, den lieben Klaus, in Bewegung zu bringen, und daß es nur diesen Zweck und Sinn gehabt habe.

Klaus wollte es nicht glauben. Aber als Wieb sagte: ››Klas, ik swör di dat hoch und heili« und weiter erzählte, daß sie es erst heute Morgen an Johannes Lindemann, der ja im Dorf seine ›Pangschon‹ verzehre, noch vor einer Stunde ebenso gesagt habe, da erwiderte er:

»Wieb, ich will nicht sagen, daß du die Unwahrheit redest, aber da ist doch noch was dabei … und ganz kann es nicht stimmen…« Er besann sich, wollte was sagen und unterdrückte es. »Laß man«, setzte er hinzu.

Wieb war rot geworden und verlegen, sie wußte, woran Klaus dachte. Sie ließ ihre Daumen rollen, und in ihrer Verlegenheit fragte sie, wie es mit ihm sei, ob er denn eine Frau habe.

»Ne«, antwortete er.

»Dat hev ik hört, worüm denn ni?« fragte Wieb.

Erst antwortete er nicht darauf, dann meinte er, Wieb wisse am besten, daß es ihm, so lange er daran habe denken können, nicht gegeben gewesen sei, um junge Mädchen zu freien, daß er das, was die hören mögen, nicht verstanden habe zu sagen, daß er sich immer viel zu grob und zu bärig bei ihnen vorgekommen sei, daß sie ihm viel zu viel gelacht und gekichert hatten und er dabei immer habe glauben müssen, sie lachten und kicherten über ihn, und daß, so bescheiden und demütig er sich äußerlich vielleicht auch gegeben habe, er innerlich doch viel zu stolz gewesen sei, Hindernisse und Widerstände zu finden und zu überwinden, wo er sich und seine Person anbiete. Dazu sei denn auch noch gekommen, daß er den Walzertanz nicht gekonnt. Und das alles habe ihn noch blöder und unbeholfener und tappiger gemacht, als er von Natur gewesen. Und so sei er ohne ernsthaften Versuch, eine Frau zu erhalten, Junggeselle geblieben.

Wieb hörte das alles an, und in ihrer Miene stand geschrieben: ›Ich kenne dich. So bist du, so bist du immer gewesen‹ – »Und an Wieb Muthen hast du nicht mehr gedacht?« fragte sie.

»Gedacht habe ich wohl an sie. Aber wenn ich es tat, dann sah ich das wieder, was ich gesehen habe.« Als Klaus das herausbrachte, leuchtete aus seinen Augen der in so langer Zeit noch immer nicht geheilte Schmerz. »Ja, Wieb, das hat nun mal so sollen sein. Das Bild ist mit mir nach der Polackei gegangen, und das hab ich immer mit mir herumgetragen.«

»Ich weiß, was du meinst«, entgegnete Wieb, »du hast gesehen, wie Hannes Lindemann mich in der Achterstube geküßt hat.«

»Jawohl. Ich hielt es nicht langer aus in meiner Ecke und schlich euch nach. Und da hab ich gesehen, was du tatest, und auch, wie du ihn wieder geküßt hast.«

»Du meinst, wie Hannes das gesagt hat, was ich gar nicht wiedersagen mag?«

»Es war wohl so was.«

»Ja, Klaus. Da bekenne ich meine Sünden, da war ich sicher im Unrecht. Lange habe ich mich gewehrt, es zu tun, dann aber doch getan. Es kam so über mich. Es ist aber nicht wieder geschehen und eigentliche Liebe war nicht dabei.«

»Ich will dirs glauben. Aber so, wie ichs sah, ist es mit mir nach der Polackei gegangen.«

Sie wußte darauf nichts zu sagen. Es trat eine Verlegenheitspause ein. – Schließlich fragte Wieb, ob er mit ihr essen wolle. Es gebe freilich nur aufgebratene Klöße und Kartoffeln und Milchsuppe. – Das gehe nicht, sagte Klaus, zu Hause werde auf ihn mit dem Mittag gewartet. Er sagte es aber nur obenhin.

Wie er sich denn hier mit der Wirtschaft eingerichtet habe? fragte Wieb.

Seiner Schwester Tochter sei bei ihm, ein junges Ding. Es mühe sich brav, aber es sei doch nichts Rechtes.

Als sie auf dem Punkt angelangt waren, schien beider Weisheit zu Ende. In ihrer Seele schien ein luft- und gedankenleerer Raum entstanden zu sein. Es war aber nur Schein. In Wahrheit schnurrten darin Betrachtungen gleicher Art von der Spule auf die Haspel.

Von dem bevorstehenden Zuwachs im Hausstand hatte Wieb erzählt.›Wenn nun der Schwiegersohn ins Haus kommt‹, dachte Wieb, ›dann wäre es eigentlich besser, ich nähme eine Stelle an bei fremden Leuten. Dazu bin ich noch kräftig genug. Zwei Hausfrauen in einer Kate, das ist nicht gut. – Und Klaus ist allein mit einem unbedarften Dirnchen. Und jung ist er auch nicht mehr. Es wäre schön, wenn ich ihm den Hausstand führen, es ihm gemütlich machen könnte. Aber das geht der Leute wegen nicht, jedenfalls ohne Standesamt und Priester nicht. Aber in unsern Jahren vor dem Traualtar? Und am schwarzen Brett?‹

So dachte sie. Und er?

›Wie nett wäre es‹. dachte Klaus Lemster, ›wenn sie bei mir wäre und mir im Alter die Kopfkissen aufschüttelte, mir am Lebensabend die Sonne gäbe, die mir über Tag gefehlt hat. Das junge Ding, das ich bei mir habe, könnte bleiben und ihr zur Hand gehen … Aber…‹ Und auch erdachte: ›ohne Ehe und Standesamt und Priestersegen geht es nicht.‹

Sie dachten es zu gleicher Zeit. Und als sie sichs vorstellten, wie sie alt und grau seien und an sowas dachten, überkam beide das Lachen.

»Hi, Hi!« lachte Wieb. »Ha, Ha!« Klaus.

Sie in hoher weiblicher Tonlage, wie Aufglucksen frischen Quellwassers – Klaus kurz, in tieferem Klang, wie kleiner Hammerschlag. Und hier wie dort verhallte es in Kehlkopf und Lunge, kam aber tiefer her und glänzte wie Abendrot im Angesicht der alten Leute.

»Wat lachst du, Klas?«

»Ah nix, ik dach man so. Wat lachst du?«

»Ah, ik dach ok man so.«

»Wat dachst du denn?«

»Wat dachst du denn?«

So ging es hinüber und herüber. Und keiner wollte es sagen.

»Laß uns wetten«, sagte Wieb zuletzt, und Klaus war es zufrieden. Und sie wetteten, der solle es zuerst sagen, der zuerst wieder lache. Und wenn der eine es offenbart habe, wolle auch der andere sagen, was er gedacht und gelacht habe.

Und als die Wette fertig war, kam Wieb das Ganze so komisch vor, daß sie laut auflachte. Sie hatte die Wette verloren und mußte sie einlösen, wollte es auch, aber es gehörte viel dazu, es herzubringen. Sie konnte nicht vor Lachen. Aber als es heraus war, lachte Klaus auch. »Just das habe ich auch gedacht.« Und dabei schlug er sich aufs Knie.

Dann trat für ein paar Minuten Stille ein, sie mußte sich klar machen: ›Was nun?‹

Und dann sagte Wieb: »Nu sünd wi denn je wull Brud un Brüdigam?«

»Dat is denn wull so«, erwiderte er.

»Denn muß ok ton eten blieven.«

»Dat will'k ok«, sagte er.

Der Rektor Lindemann war derweilen nach Rugenbergen hinuntergegangen, hatte Schwester und Schwager verfehlt, hatte bei ein paar Bekannten eingesehen und sich dann wieder aufgemacht, um zu Mittag daheim zu sein. Die Sonne stand noch nicht ganz in Mittagshöhe, als er wieder bei Wieb vorbeiging.

Was war das? Die Blangdœr offen, und drinnen Stimmen? ›Was Wieb da wohl für Kameradschaft hat?‹ dachte Hannes Lindemann und ging leise hinein.

Er trat leise hinein, blieb in der Hörn und blinzelte nach dem Dielenraum, von wo das Murmeln kam. Was mußte er sehen, was sah er?

Vor der Sand- und Kartoffelkammer ein kleiner Tisch gedeckt, Wieb und eine Mannsperson daran. Er kannte den Mann, der ihm den Rücken zuwandte, nicht gleich. Als er aber die Stimmen gehört hatte und die Mütze sah, die noch immer in der Hörn vor dem Fenster lag, und die Mappe auf der Lade, da wußte er, wer das war.

Sie hatten abgegessen, der vor seinem Napf sitzende Kater auch; sie redeten miteinander, der Kater hatte die Augen geschlossen, ›sich von binnen zu besehend‹.

Johannes Lindemann, ist es wahr, ist es Wirklichkeit? Faß an den Kopf, greif deine Ohren an! Willst du, darfst du ihnen trauen? – Wieb Muthen und Klaus Lemster sprechen davon, wie sie Hochzeit feiern wollen.

Viel wollten sie daraus nicht machen, meinte Wieb, aber ein bißchen für das Haus und für die Familie.

Sie lachte ihren Bräutigam ordentlich schelmisch an mit ihrem freundlichen, weich geschnittenen Mund. Und wieder muß Johannes Lindemann denken: ›Was die alte Frau für Augen im Kopf hat!‹

»Bei den Polen, sagst du, bist du viel herumgekommen? Hast denn auch tanzen gelernt?«

»Son büschen«, erwiderte Klaus.

Von der Stelle aus, wo Johannes stand, konnte man es nicht unterscheiden, er hätte aber wetten mögen, daß der Bräutigam die Stirn in Falten lege und den Nasenzipfel reibe.

»Auch Walzer?«

»Son büschen«, wiederholte Klaus.

»Junge, Junge!«

Wieb hatte mit der Gabel gespielt, nun drohte sie damit. »Junge, Junge, dann bist du auch anders geworden, als ich dich gekannt habe.«

Und wieder antwortete Klaus: »Son büschen.«

»Die Frauensleute in der Polackei waren wohl hübsche, dralle Dinger?«

»Son büschen.«

»Du mit deinem ›son büschen‹! Sag mal, kennst noch: ›Ach ich bin so müde‹? Das ist son schöner Tanz, den wollen wir abtreten, wenn wir uns kriegen – kannst den?«

»Weiß nicht, son büschen kann ich ihn wohl. Aber darf es nicht Hopser sein?«

»Nein, Hopser ist zu gewöhnlicht, so, als wenn 'ne alte Fohlenstute in Galopp geht. Da ist gar kein Gefühl in. Aber ›Ach ich bin so müde‹… da liegt was drin, da fühlt man sich bei, wie in der Kirche. Sollte es nicht gehen?«

»Son büschen wird es wohl gehen.«

»Komm, Klaus, wollen probieren!«

»Aber Wieb!«

»Es sieht uns kein Mensch, und die Kate ist mein.«

»Nun, denn man zu!«

Und schon standen sie auf der Diele. Die runde Wieb tänzelte rechts und tänzelte links, wiegte Kopf und wiegte Schultern, faßte kokett in ihren Rock und summte und sang. Und hob dann die Arme, wie ein Täubchen die Flügelein vor dem Futterkropf der Taubenmutter. Einmal sang sies zu Ende, mit alter, hoher, Feiner Stimme. Und dann – dann nahm sie ihren Klaus in Arm.

»Son büschen«, hatte Klaus gesagt. Im Anbetracht dessen wollte der ungesehene Preisrichter ihn für einen wahrhaftigen Menschen erklären. Hätte er aber rein weg gesagt: »Ja, ich kann«, dann würde Johannes Lindemann ihn für größenwahnsinnig eintaxiert haben. Es ging … ja … aber, was Klaus anbetrifft, nicht mehr als ›son büschen‹.

Es war die alte Melodie, und Johannes Lindemann lief Gefahr, sich in den Rhythmen der Erinnerung zu verlieren. Wie er die blaue Mütze trug, Öl im Haar hatte und zu den Musikanten hinüberrief: »Noch 'n mal: ach ich bin so müde!« – ›Soll ich,‹ dachte er, ›soll ich mittun und mittanzen, mich in den Reigen mischen, mich als Dritter zu Gast laden? Nein‹, dachte er weiter, ›ich will ungesehen, wie ich gekommen bin, von hinnen schleichen und heut Abend nach Gebrauch des Stiefelknechts zu meiner Fußbekleidung sagen: Ledern seid ihr, will ich sagen, Hochmut ist zu jeder Tageszeit eine Dummheit und ein Laster, für Lederne zumal. Also nicht hochmütig sein! Aber heute ist es euer Recht, stolz zu sein! Denn die Stätte, wo ihr in Wieb Muthens Kate gestanden habt, war heiliges Land.‹

Als er es gedacht hatte, war er auch schon im Freien. Aber Wiebs feines Ohr hatte ein zur webenden Stille der Kate nicht gehörendes Geräusch gehört. Ihren Klaus loslassend rief sie: »Is dor wat?«

Kein Laut … Nur im Weg verklang der Schritt eines Wanderers auf schwingendem Boden.

»Nichts«, erklärte Wieb, »es ging bloß einer im Weg. – Es geht nicht schlecht, mein Klaus, aber noch mal – nicht? – ›Ach, ich bin so müde‹. .« Und wieder wiegten sich die Alten im Tanz.

Johannes Lindemann ging über den freien Vierth, sein Auge stieß auf keine andere Wand als auf die des blauen Himmels. Es fiel ihm erst jetzt auf, daß Wieb Muthens Kate wohl der Höhepunkt des Geländes sei. Was er gesehen, hatte eigentümlicher Weise den Eindruck des Erhabenen in ihm hinterlassen. Die Freiheit rings herum spornte dies Gefühl, diese Empfindung, noch weiter an. Er schritt wie auf dem Pol der Erdachse einher, und zwar auf einem Pol der Erde, der einen deutschen Frühling erlebt. Überall war Süden und überall Ruhe und Glück.

Er stieg die fallende Straße zum Dorfe hinab. Die Büsche und Bäume waren noch da, die junge Birke in schwingendem Entzücken, der Troß ein wenig müde, die Alten noch immer nicht wissend, was sie wollten.

Ein leises Rauschen in den Kronen. Und Hannes Lindemanns Phantasie tat, was sie wollte, sie vermischte es mit der wiegenden Erinnerung seiner Jugend: ›Ach, ich bin so müde, ach, ich bin so matt…‹ Wenn er an das Gesicht von Klaus Lemster dachte, das der machte, als Wieb mit ihm Walzer tanzen wollte und sich vor ihm wiegte und vor ihm tänzelte, mußte er immer wieder laut auflachen. Das Gesicht war aber auch zu dumm gewesen, und dann dachte er, es sei doch gut, daß er Wieb Muthen besucht habe. Das Trugbild von der Prachtfigur seiner Seminaristenzeit trug er zwar gemindert nach Haus, aber gerade das war ihm ein Ausgleich gegenüber dem Gefühl, das Wieb und Klaus vielleicht ohne ihn in ihrer Jugend Maienblüte bereits ein Paar geworden wären. Wenn er, der lange Seminarist, nur nicht auf Daniel Drathens Hochzeit erschienen wäre mit der blauen Mütze, dem Öl im Haar und dem schwarzen Tuchanzug, die Wichsstiefeln nicht zu vergessen … Freilich, allzusehr drückte diese Schuld nicht. In Ermangelung seiner Person hätte Wieb sicherlich einen anderen gefunden, an dem sie ihren Klas kirre zu machen versucht. Eine Mannsperson ahnt ja, wie Wieb sagt, gar nicht, wie schlecht so junge Weibsbilder sind…

