Erhaltung der Kraft

1

Martin Uhrhammer, der jetzt den Hof verwaltet, war ein kleiner Knabe. So lange ist es her.

Im vorigen Jahrhundert war es, im Aufstieg zur Mitte, damals, als empfindliche Nerven schon das gewaltige, im tollen Jahr sich entladende Gewitter verspürten.

Es war, als man anfing, die im All aufgesammelte Energie als eine bleibende, in alle Formen wandlungsfähige zu erkennen. Um die Zeit, als man versuchte, das Gesetz von der Erhaltung der Kraft zu formulieren.

Gedanken und Ideen fliegen wie Distelsamen an schönen Herbsttagen. Nach Altenhof, der Besitzung der Uhrhammerfamilie, war auch etwas hingeflogen.

Wenn man aus dem Baumschutz des Hofes tritt und am Backhaus vorbei den Fußsteig entlang über die hohe Koppel geht, dann hat man eine weite Aussicht über Wiesen und Moore. Denn Altenhof liegt auf freiem, gegen die Niederung vorgeschobenem Gelände und ist von einem Hügel gehoben. Nach West und Süd und Nord stiegt der Blick. In langer Binsenlinie windet sich ein Fluß, und durch weiche Wiesen nach Norden zublinkt der Hechtsee aus Ried und Rohr.

Dies Bild vor Augen ging ein Sohn des Hauses über die hohe Koppel in die Fremde, damals, als man in der gelehrten Welt anfing, von der Erhaltung der Kraft zu reden.

Warum? Mit dem Hinweis auf die Zeit und ihre Triebkräfte kommt man nicht aus. Hier lag es tiefer, lag in der Natur der aufeinanderstoßenden Kräfte, es lag im Wesen von Vater und Sohn. Vielleicht lag es schon bei Eltern und Voreltern oder gar im Ackergrund von Altenhof; mit einem Wort: es lag in dem Gesetz von der Erhaltung der Kraft.

Die Heimat der Uhrhammer war für die Ausgestaltung eigenartiger Rechtsbildungen fruchtbarer, als andere deutsche Länder. Man muß dort ein paar Spatenstiche tiefer graben, als anderswo. Üppig wuchern die Rechtsformen, Rechtsbildungen und Gebräuche, zumal bei Vererbung von Bauernstellen. Denn der Landmann fühlt, daß eine fortwährende Teilung von Grund und Boden dem Selbsterhaltungstrieb des Standes widerspricht; deshalb hat es die Sitte mit sich gebracht, daß ein Vater bei gesunden Tagen an eines der Kinder Haus und Hof zu billigen Bedingungen abtritt, sich selbst einen Altenteil (Verlehnt) vorbehält und den andern Kindern eine mäßige Abfindung, wie sie die Stelle tragen kann, sichert. Meistens war der älteste Sohn der gegebene Stammerbe, zuweilen aber auch, am häufigsten bei jungen Eltern, der jüngste.

In den meisten Gegenden blieb es bei dieser Sitte, ohne daß sich die Obrigkeit dahinter stellte, in andern verdichtete sich das, was Sitte gewesen war, zu einem erzwingbaren Recht, was denn grob und plump mit seinem Kolben auf die Fußbodenbretter stieß, die kurz vorher Sargfüße getragen hatten. War bei Lebzeiten nicht Vorsorge getroffen, dann schlüpfte die weiche, bleiche Sitte in den harten Panzer des Gewohnheitsrechts, ließ den Zeigefinger im Kreise der Kinder umlaufen und wies meistens auf den Ältesten: ›Du bist Anerbe!‹ zuweilen aber auch auf den Jüngsten: ›Du hast das Recht, den Hof zur sogenannten Bruder- und Schwestertaxe zu übernehmen!‹

Distrikte mit dem Anerbenrecht des Jüngsten gab es indessen nur wenige; wie Sprengstücke war es über das Land hingeflogen, aber gerade in Altenhof war es niedergefallen. In Altenhof galt das Anerbenrecht des jüngsten Sohnes. Und das war es, was Fritz Uhrhammer am Backhaus vorbei über die hohe Koppel in die Fremde trieb.

Der alte Uhrhammer war nicht früh zur Heirat gekommen. Nach Fritz eine Reihe schwächlicher Abkömmlinge, von denen keiner groß geworden war, zuletzt ist Martin geboren. Die Mutter ist dann unerwartet gestorben, der Witwer hat mit seiner Schwester bis zu ihrer Verheiratung (sie bekam Karsten Schröder, den Besitzer von Falkenstein auf der anderen Seite des Hechtsees) Haus gehalten, hat dann seinen Witwerstuhl selbst verrückt, ein ältliches Mädchen geheiratet und mit ihr noch den Spätling Klaus, den jüngsten Sproß des Stammes, erhalten. Bald darauf hat er die zweite Frau auch verloren; die alte Magd Grete Todsen steht seitdem dem Haushalt vor. Die Vermögensumstände waren nicht günstig, ohne Fritz wäre der Hof nicht zu halten gewesen. Fritz aber tat, was er konnte, und hielt ihn.

Und er tat es mehr aus Pflichtgefühl als aus Neigung. Denn in ihm lebte etwas von dem Klütergeist, den man seiner Sippe nachsagte. Ein Urältervater sollte schon vor hundert Jahren eine Dreschmaschine hergestellt haben, deren Gedanken in den modernen Erfindungen wiederkehren. Am liebsten hätte er ein Handwerk erlernt, er wollte darauf verzichten, wenn der Alte ihm den Hof zusage. Das tat der jedoch nicht. Die Billigkeit des Begehrens sah er wohl ein, er konnte aber nicht über gewisse Zwangsvorstellungen hinweg. Er führte das, was doch nur einer Gewohnheit entsprungen war, die an anderen Orten bei ganz gleichen Verhältnissen eine andere Gestaltung gewonnen hatte, direkt auf den geoffenbarten Willen des Schöpfers aller Dinge zurück. Gott hatte das Anerbenrecht des Jüngsten angeordnet, dabei mußte es bleiben. Gott werde seine Gründe gehabt haben, für Altenhof festzusetzen, was er festgesetzt hatte. Es sei nicht gut, klüger sein zu wollen, als der liebe Gott.

Eines Tages kam es zum Bruch. Fritz war jung, sein Vater alt, sie verstanden sich nicht. Der Alte nicht den Lebenstrieb des Jungen, der Junge nicht die Scheu des Alten vor der hergebrachten Ordnung. In seinen Augen hatte sie eher einen gotteslästerlichen Anstrich als einen gottesfürchtigen. Er konnte sich nicht helfen, sie reizte ihn und machte ihn heftig.

»Gut, Vater«, antwortete er, »dann kannst du mir nicht verdenken, daß ich anderswo mein Glück suche. Ich will mich hier nicht alt und krumm arbeiten und dann mit 'n Stock davon gehen. Da nehme ich lieber gleich Stock und Ranzen.«

»Das tu«, antwortete der Alte. »Das, was dir von Mutterwegen zukommt, und das zur Abfindung vom Hof, das sollst du gleich haben. Dann sind wir aber auch quitt.«

Er bekam wirklich, mußte aber vor Notar und Zeugen bescheinigen, »daß ihm nunmehr keinerlei Rechte, sie möchten Namen haben, welche sie wollten, auch keine Erbrechte an Altenhof, an seinen Vater und seines Vaters und seiner Mutter Nachlaß zustünden, daß er vielmehr vollständig abgefunden sei.«

Den größten Teil seiner Abfindung brachte Fritz nach der Sparkasse, das andere tat er in seinen Geldbeutel, packte seine Habseligkeiten, schnürte sein Bündel und ging aus der Stube, die große Diele entlang aus dem Dielentor und dann nach dem am Backhaus auslaufenden Hintersteig zu.

Es war gegen Abend, die Sonne stand nicht mehr hoch, der Vater rief in einer Anwandlung von Milde dem Davongehenden nach: »Fritz! Peter kann morgen früh anspannen und dich hinfahren; mich dünkt, heute schlaf man noch in deines Vaters Haus.«

»Tut nicht nötig, Vater, ich komme leicht über, in der Kühle geht sichs gut, und in unserer Abrechnung steht nichts von Fuhrlohn.«

Fritz hatte sich seinem Vater zugewendet, als er das sagte, er kehrte sich gleich wieder um und – ging. Dem Alten zitterte die Lippe, er antwortete aber nichts. Er tappte auf die Diele zurück und die Diele entlang nach der Stube hin.

So ging Fritz über die hohe Koppel, der kleine Martin weinte neben ihm her.

Der Sonnenball war groß und rot geworden und fing an zu versinken, und dort, wo Hamaschen, das Kirchdorf, lag ragte das feine Fingerchen eines Türmchens auf.

Den Kleinen hielt Fritz an der Hand und tröstete ihn. Er wollte wiederkommen und Martin ein Rüterpferd mitbringen. Der Kleine aber weinte und weinte. Ein Rüterpferd wollte er nicht. Er wollte wissen, wann Fritz zurückkehre.

»Wenn du groß genug bist, ein Fuder Heu aufzustaken. Das wird doch nicht mehr lange dauern – was?«

Sie waren auf der Höhe der Koppel angekommen, die Sonne war hinab, und Abendrot stand am Himmel. Und aus Ried und Rohr leuchtete der Hechtsee wie Blut und Feuer herauf. Der Große legte die Hand auf des Brüderchens hellblondes Haar. »Weiter sollst du nicht mit, kleiner Junge. Es muß doch mal sein, hier wollen wir auseinandergehen.« Er wies nach der Sonne und nach dem Hechtsee hin. »Du wirst das da noch oft sehen. Und wenn dus siehst, dann denk an Fritz!– Willst das?«

»Ja«, entgegnete Martin.

Auf einmal hob der große Bruder ihn in die Höhe und küßte ihn auf den Mund. Martin war noch niemals von einem Manne geküßt worden, auch nicht von seinem Vater. Das ist dort, wo Martin und Fritz geboren sind, ganz ungebräuchlich.

Mit einer gewissen Hast war er von Fritz hingesetzt worden, nun stand er und sah dem Bruder nach. Erst bewegte sich der Schattenriß von Fritz noch scharf und schwarz vor dem roten Abendhimmel, dann fing er an zu versinken und versank immer mehr. – Der Schatten war schon weit, aber noch einmal stand er still und winkte. Der Kleine erkannte es ganz gut, er winkte mit seiner Mütze. Dann kam der Wegknick am Wiesenweg und verschluckte den in die weite Welt gehenden Fritz.

Viele Jahre sind vergangen. Fritz ist Maschinenschlosser geworden, er wohnt am Rhein und hat eine eigene Fabrik. Einmal hat er Altenhof besucht und sich mit dem Alten ausgesöhnt. Der war schon schwach und krank, den Sohn hat er aber gut erkannt. »Bist mein guter Fritz«, hat er gesagt »ich konnte aber nicht anders.«

Der Besitz hat schlechte Zeiten gehabt und mehrere male hat alles auf des Messers Schneide gestanden, hat der Bankerott gedroht. Einmal haben gute Freunde, ein ander mal hat eine kleine Erbschaft ausgeholfen. Gleich nach der Konfirmation hat Martin sich des vernachlässigten Geweses angenommen, nun blüht es auf, nun werden Jahr für Jahr Schulden abgestoßen.

Viele Jahre sind vergangen – Kriegsjahre, Friedensjahre, und wieder Krieg. Und dann stand ein ganzes Volk in Waffen. Die Kriegshörner riefen aber weither aus fremdem Land. Martin ist dabei gewesen, den Schuß in der Backe merkt man nur noch an einer kleinen Narbe.

Und nun ist es Frühling. Der Tag geht zur Neige und still und einsam wiegt er den friedlichen Hof. Duft von Gras und Heu, zum ersten mal surrt heute die Sense im Gras.

Ein großer, knochiger, ein blonder Bauer geht in langen Schäftenstiefeln über die Diele – Martin Uhrhammer. Er muß nach dem Sterbrook hinunter bei den jungen Pferden, die dort grasen, nachzusehen. Er hofft aber auch sein Mädchen, an deren Garten der Weg vorbeiführt, zu treffen.

Die Haushälterin läuft hinter ihm her und meldet, daß Grütze angeschafft werden muß. »Ich will morgen nach Hamaschen fahren«, entgegnet er, »und einen Sack holen.«

Er will gehen, aber erst ist noch den jungen Kälbern, die im Stall sind, Gras vorzuschütten. Heute muß er an alles denken, denn Groß und Klein ist auf der Wiese. Vor allen Dingen: hat der Alte auch sein Recht bekommen? An Tagen wie heute wird ein armer kranker Mann leicht vergessen.

Der Alte ist nur noch ein schwachsinniger, hilfloser, gelähmter Greis, es war gut, daß Martin an ihn dachte. Wie der Kranke die Schritte seines Sohnes hörte, fing er an zu klagen, daß die Pfeife aus sei. Das Rauchen ist seine einzige, seine letzte Freude.

Martin brachte die Sache in Ordnung, rief auf die Mädchen; es war niemand zu haben. Da entschloß er sich, dem Bruder aufzutragen, nach einer Stunde dem Alten die zweite Pfeife zu geben. Er vermutete ihn in seiner Werkstätte, denn Klaus war ein Bastler, immer in der Klüterkammer – dabei, das Perpetuum mobile zu erfinden.

Fast in jedem Dorfe sitzt ein an sich gescheiter, aber schlecht geführter Kopf und müht sich ab, das Wunder des sich niemals erschöpfenden Ölkruges wahr zu machen, die Maschine zu erfinden, deren Kraft niemals aufgefüllt zu werden braucht. Ein ausgeprägter Fall dieser Art ist der jüngste Uhrhammer – Reinkultur des Klütergeistes seines Geschlechts.

Es wäre nichts natürlicher, als zu tun wie Fritz, eine Kunst oder ein Handwerk zu erlernen, das seiner Neigung entspräche, wenn möglich ebenfalls Reichtum zu erwerben. Aber da steht ihm sein Anerbenrecht im Wege.

Das Anerbenrecht steht im Wege, obgleich Klaus von Bauernwirtschaft nichts versteht, sich auch nicht darum kümmert. Oder vielmehr: es steht Gottes Ordnung, an der er nicht zu rütteln wagt, im Wege.

Die Not der Frage, die Fritz in die Fremde getrieben hat, hängt noch immer dräuend über Altenhof. ›Sie wird auch mich noch von hinnen jagen‹, denkt Martin, wenn er sich im Schweiße des Angesichts für Altenhof abarbeitet. »Und dabei habe ich nicht einmal Aussicht, Fabrikant und reich zu werden wie mein Bruder!«

In der Klüterkammer am Schraubstock stand ein junger Mann, an einem Eisenstück feilend – der Anerbe. Ein bleiches, schmales Grüblergesicht. Man bekam von diesem Gesicht vor allem den Eindruck verkümmerter Jugend, verstand man aber weiter zu lesen, dann sah man in den feinen Falten zugleich die Zuversicht kommender Siege. Er hatte, glaubte er, Grund zu seiner Zuversicht, es fehlte nach seiner Überzeugung nur ein ganz klein wenig an der Lösung, etwas, das kaum der Rede wert war. Und wenn das kommt, was kommen muß, dann kommt auch das Glück, Anerkennung und Ruhm kommen und der Lohn und die Vergeltung dafür, daß Klaus Uhrhammer seine taufrische Jugend in dumpfer Werkstatt verklütert und versonnen hat.

Martin verstand nichts von Klaus Sachen und hielt sie zumeist für Narrheit; die Tage, wo ihn die Siegesstimmung seines Bruders forttrug, waren selten, aber für und für gönnte er ihm die stolzen Flüge.

Nun bat er, nach dem Alten zu sehen.

Rund um den Erfinder herum Winkel und Räder und Maschinenteile. Große Holzscheiben an den Wänden und alle durch Riemen und Räderwerk auf Kurbeln zurückgeführt.

Martin bat, dem Vater die zweite Pfeife zu stopfen. Dem Maschinenmeister kam es unpaß, aber er sagte zu. »Es macht mir nichts aus«, entgegnete er, »ich habs im Kopf, und lange kann es nicht mehr dauern, dann hab ich es auch in der Hand. Da kommt es auf ein paar Minuten nicht an.«

Und dann folgte eine Erklärung dessen, was er schon oft erklärt hatte. Zöllner und Sünder waren die Auserwählten des Herrn, ein Ungelehrter wird auch hier der Auserwählte sein. »Sieh, wenn ich die Kurbel drehe und die Räder bewege sie schwingen weiter, wenn meine Hand auch nicht mehr an der Kurbel liegt. Da liegts, das ist die Kraft; es fehlt nur noch, daß man sie festmacht, so daß man sie auf den Wagen laden und verkaufen kann. Das ist nur eine Kleinigkeit, in der Hauptsache bin ich fertig.«

Martin war der Ochse am Berg und verhehlte es nicht. »Da hab ich keine Einsichten von«, sagte er. »Ich versteh mich aber auf den Acker.«

Es lag ihm etwas auf dem Herzen. Einen Augenblick zögerte er, dann fuhr er fort: »Da wir just darauf kommen, Klaus, will ichs noch mal zur Sprache bringen. Wenn Vater die Augen mal zugemacht hat, gib mir die Stelle! Ich verlange es nicht umsonst, ich geb an Geld, was der Hof tragen kann. Und dann will ich dir ein Verlehnt einschreiben lassen, wovon du allein leben kannst. Und im Garten kriegst du ein kleines Haus mit einer Werkstätte, da kannst du klütern, soviel du willst.«

Die Stirn des Klüterers war bewölkt, als er antwortete: »Martin, ich meinte, damit seien wir zu Ende. Und nun fängst du wieder an? Du weißt, daß ich nicht kann. Es ist nun mal die Ordnung hier auf dem Hof und ist immer so gewesen. Alles, was du willst, das kann ich nicht.«

Da wandte Martin sich um und ging wortlos über die Schwelle der Klüterkammer, um nach den Sterbrooker Wiesen zu kommen und Elsbe Wulffen zu treffen.

Mit den jungen Pferden war es in Ordnung. Elsbe Wulffen zu treffen, wollte sich nicht machen. Aber Nachbar Jochen Martens begegnete ihm und erzählte, daß der vor zehn Jahren nach Amerika ausgewanderte Johann Steffen bei seiner Mutter auf Besuch sei und die Dinge auf der andern Seite des großen Wassers lobe, daß mans kaum glauben könne. Das ganze Haus sei voll von Besuch – »Geh hin, nach dir hat er gleich gefragt.«

Martin Uhrhammer ging hin, Johann war ein alter Schulkamerad von ihm. Er wollte ihn begrüßen und von Amerika hören.

Johann, aus dem ein ›John‹ geworden war, räsonnierte, daß sich die Balken bogen. Ein Bauerknecht verdiene drüben Kost und tausend Mark, und das Leben sei frei und ungebunden. Das und anderes wurde in langen Reden in dem mit englischen Brocken gespickten plattdeutschen Kauderwelsch, das man in Iowa spricht, hingeschnackt.

Mutter Steffen war vor Stolz und Freude außer sich. Aber eines blieb ihr dunkel. »Wollte dich noch was fragen, Martin«, sagte sie, als sie ihn beim Abschied hinausbegleitete: »Johann spricht ja immer von yes. Meint er den alten Anton Jeß oder den jungen Friedrich Jeß damit? Und was haben die Jessens immer da mang zu tun?«

2

Am folgenden Morgen spannte Martin an, nach dem Kirchdorf zu fahren und den Sack Grütze zu holen. Er nahm den gelben Kastenwagen, die beiden Schimmel und, weil Sonntag, das neue Silbergeschirr. Das Handpferd band er, da es jung und flüchtig war, an des Leitpferds Bug.

Er hatte als Feldartillerist gedient, war sogar Unteroffizier dieser Waffe, war groß und stark, wußte mit Pferden umzugehen. Flott rollte das Gefährt aus dem Hecktor, die Rosse wollten zum Galopp ansetzen, durften aber nur tanzen und sich die Schaumflocken auf den Rücken werfen. Licht und warm stieg der Tag herauf, durch die Gebüsche des Knicks leuchteten fernher die heimischen Wiesen im Sonnenglanz.

Bei Bock und Vollert ging es vorbei, nach wenigen Minuten (der Bauernhof Lust liegt am Rande) fuhr Martin in die Niederung hinab. Gradeaus der alte Fährdamm. Früher, als die Furt noch durch den Hechtsee ging, ein breiter Verbindungsweg, jetzt nur noch ein Heuweg. Seitdem die Aubrücke gebaut ist, fahrt man links unter der Höhe hin. Bei der Brücke mündet auch der über die Koppeln leitende Fußsteig.

Ein alter, langer, grader Mann stellt sich mitten im Wagengeleise auf, das ist Peter Bauervogt, der nun schon manches Jahrzehnt das Zepter in Händen hält. Er hat was Biblisches, was Prophetisches in Bart und Antlitz, hat ein lachendes, verwittertes, von Wind und Wetter und Gesundheit gedörrtes Faltengesicht. Er ist ein Allerweltskerl, heißt deshalb auch im ganzen Dorf ›Ohm‹.

»Dag, Matten, – wullt na Hamaschen?«

»Ja, Ohm.«

»Denn hest ari langn Weg!«

»A, dat's wull ni so stimm.«

»Wullt wiß œwer de Brügg.«

»Ja, wonem schull ik denn sünst oewer wulln?«

»Ja, min Jung, dat geit man ni.«

»Worum geit dat ni?«

»De Brügg is twei.«

»A wat!«

Und Peter-Ohm erzählte, wie die Brücke schon längst nicht mehr getaugt habe und daß es ein Wunder sei, wenn es ohne Unglück abgegangen. Heute Morgen aber, als Hinnerk Martens, der Maschinenmensch, mit seiner Lokomobile hinübergefahren, sei der letzte, am andern Ufer stehende Pfeiler eingeknickt.

Peter-Ohm zeigte genau, wie der Maschinenmann zur rechten Zeit auf die Pferde losgeschlagen und mit einem Ruck die Last aufs feste Land gebracht habe und wie hinter dem Gespann Bohlen und Better in die Tiefe gedonnert seien. Die Brücke habe ein ellenlanges Loch. Er habe den Weg gesperrt, damit kein Unglück geschehe, wolle auch dem Amt gleich Nachricht geben. »Verdommig!« flüchte Martin Uhrhammer.

»Ja, bat segg man mal«, fiel Peter ein und redete weiter. Der, den Peter-Ohm hatte, mußte Geduld haben.

Er hatte Vorliebe für Rechts- und Verwaltungsfragen, er bildete sich ein, als Vorsteher der Gemeinde klüger als mancher Advokat geworden zu sein. An Martin Uhrhammers Wagen stehend, vertiefte er sich in die Frage, wer die Reparatur oder gar den Neubau der Brücke zu zahlen habe, handschlagte mit der Rechten und legte, seine Rechtskenntnisse rühmend, die Linke auf die Wagenleiter. Er erzählte bei Darlegung seiner Vorzüge Geschichten, die Martin nicht zum ersten mal hörte. Wie schwer er seine Wirtschaft angefangen und daß er sich jetzt mit jedem im Kirchspiel messen könne, was für Zeiten er durchgemacht habe und wie er unter die Obrigkeiten gekommen sei.

Martin hob die Peitsche. »Es wird meine Zeit, Ohm, Mittag will ich zu Hause essen. Also, du meinst, da kann ich nicht durch?«

»O, du, was du dir einbildst, da kann keine Katz hinüber. Die Taglöhner von Steinberg machen alles fest zu. Sieh man mal!« Peter legte die Hand als Dach über die Augen.

Die Pferde hatten schon angezogen. Aber Martin Uhrhammer hielt wieder an, um selbst hinzusehen.

Drei Punkte, die Männer sein konnten, bewegten sich von der Brücke nach einem Hof zu, der nicht weit von der Brücke am Rande des Ackerfeldes lag.

»Und was ist das für einer, der übern Fußsteig gekommen ist? Er ist jetzt dicht bei der Brücke.«

Peter-Ohm prahlte mit seinem guten Gesicht. »Der Mann ist eine Frauensperson«, lachte er.

»Ja, wahrhaftig. Nun muß ich aber! – Adjüs, Ohm«.

»Gode Reis'!«

Zwanzig Schritte lagen schon zwischen ihnen, Martin schnalzte mit der Zunge und fuhr rasch davon, aber noch einmal rief er »Brr!«, brachte die Pferde zum Stehen und drehte sich nach dem Ortsmonarchen um.

Ihm war eingefallen, wie die Verbindung mit Hamaschen herzustellen sei, wenn die Militärmanöver auf dem Todendorfer Vierth anfingen, bevor die Brücke instand gesetzt sei.

»He!« rief er, und Peter-Ohm kehrte um.

»Peter-Ohm«, rief Martin, »Peter-Ohm!« Und er fing an und setzte seine Frage auseinander. »Wo soll man längs fahren, wenn die Brücke entzwei ist und wenn im Lager geschossen wird und man da auch nicht durch kann?«

Peter lachte. »Martin, wozu ist denn der Langweg da?«

Der sogenannte Langweg ging nach Osten durch den gleich hinter dem Dorf aufsteigenden fiskalischen Wald in einem großen Bogen über Embüren, Wiesbeck … und so weiter.

»Ohm, du meinst, da ganz rum?« Und Martin schlug einen gewaltigen Bogen mit der Peitsche.

»Ja, Martin, weißt du einen andern?«

»Das sind ja fünf Stunden.«

»Das wird wohl so sein.«

»Da bedank ich mich vielmals für.«

»Nu, der Weg über Todendorf ist ja heut nicht gesperrt. Ich machs immer durch Bauerzettel bekannt.«

»Es könnte aber doch mal sein.«

»Das ist wahr. Unmöglich ist es nicht.«

»Wird die Brücke denn wenigstens bald gemacht?«

»Das weiß ich nicht, ich bin bang, da kriegen wir noch 'n Prozeß um.«

»Aber da kann das Machen doch nicht nach warten?«

»Ist auch meine Meinung, Martin. Und das Amt wird auch wohl sehen und anordnen. Aber bis das zurechtgeschrieben ist … oha!«

Er lachte und redete mit beiden Händen in die Luft.

Martin Uhrhammer lachte auch … »Bauervogt spielen ist auch nicht leicht, was, Ohm?«

Peter Bauervogt winkte nur noch mit ergebungsvoller Hand und mit heiter-kummervollem Gesicht.

Im Weiterfahren kratzte Martin sich den Kopf. War auch der Weg über Todendorf offen, das war zu weit, das wollte er nicht, umkehren noch weniger.

›Wie wäre es mit der alten Furt? Soll ichs wagen? Das Wasser steht nicht hoch, und das Wetter ist trocken. Da ist eigentlich gar nichts bei.‹ Und wie er das gedacht hatte, schnalzte er wieder und ließ die Pferde traben; erst wollte er nach der Brücke hin und sehen.

Aber er gewahrte schon von weitem, daß nichts zu machen war, so stark und roh war die Einfahrt mit Latten und Brettern vernagelt. Die Tagelöhner von Steinberg hatten ihre Sache gründlich gemacht. Und bei der Brücke vor der Sperre stand die Frauensperson, die über den Fußsteig gekommen war. Und als er näher kam … sieh, eine großgewachsene, biegsame junge Bauerndeern. Und immer klarer trat die Gestalt und traten die Züge hervor. Nun wandte sie sich um, sah nach Martin Uhrhammer hin und … lachte. Es war ein frisches Gesicht mit hochgeschwungenen Augenbrauen und einem weichen Mund . … Ihr Haar war braun der Wind zauste es in der Schläfengegend auf.

»Elsbe!« rief Martin Uhrhammer.

»Martin!« antwortete sie.

»Wullt na Hamaschen?«

»Ik wull woll, awer de Welt is hier so mit Bräd tonagelt.«

»Ja, Elsbe, ik wull ok hin, denn könt wi ja tosam.«

So fand Martin Uhrhammer, als er einen Sack Grütze holen wollte, seine Herzenskönigin an der Steinberger Brücke.

Persönlich waren sie längst miteinander im Reinen. Früher war Elsbe einige male auf Dora Pahl eifersüchtig gewesen in der letzten Zeit ging es besser. Dora Pahl hatte auf Altenhof ausgeholfen, sie sah gut aus, war liebebedürftig und ein bißchen aufdringlich mit ihrer Liebe. Wenn Elsbe in Eifersucht verfiel, dann tanzte sie in Gelagen mit dem schmucken Schneidergesellen Friech Gripp. Einmal hatte Martin gleiches mit gleichem vergolten und Dora nach Hause gebracht. Das probierte er nicht wieder, es hatte schwer gehalten, das wieder zurecht zu biegen.

Mutter Wulffen wollte Elsbe lieber an den Bauern von Dückerswisch, einen reichen Witwer, verheiraten. Von der Seite war aber keine Gefahr, das Mädchen wollte ihn nicht. »Und wenn er in goldener Kutsche käme, den nähme ich nicht«, sagte sie.

›In goldener Kutsche.‹ Ganz weit hergeholt war das Bild nicht, denn die Verhältnisse auf Dückerswisch waren sehr günstig. Nicht so in Ordnung war es mit Jürn Alpens Ruf und mit seinem Ansehen. Er hatte den Beinamen ›Trostkloß der Witwen und Waisen‹, es traf sich nicht selten, daß er, wenn ein Ernährer weggestorben war, mit einer Forderung oder gar mit einem Papierchen kam, dessen Berichtigung von dem Verstorbenen vergessen worden war.

Mutter Wulffen meinte, Elsbe müsse vor allen Dingen auf eine gute Brotstelle sehen. Sie hatte zwar die Sternkate zu eigen, ihre Umstände waren aber nicht besonders. Ihr Mann hatte Ewerschiffahrt auf der Eider getrieben, war tüchtig und fleißig gewesen, hatte aber eine Schwäche für das Spiel gehabt. Vor jetzt vielleicht zwei Jahren ist seine Leiche im Fluß gefunden worden; es steht nicht einmal fest, ob sein Tod ein unfreiwilliger gewesen ist.

So stand es mit Elsbe Wulffen, die jetzt vor der mit Brettern zugenagelten Brücke mit Martin Uhrhammer sprach. »Dann können wir ja zusammen«, hatte Martin erwidert.

»Ja, wie denn?« hatte sie gefragt.

Das Schutzleder schlug Martin zurück und rückte zur Seite. »Komm, spring auf!«

»Sollte es gehen?«

»Warum sollte es nicht gehen?«

»Und denn übern Vierth?«

»Ich weiß einen näheren Weg. Hast schon mal von der Furt durch den See gehört?«

Elsbe wußte nichts, Martin erzählte.

Als die Brücke noch nicht gebaut war, ging die ordentliche Fahrt zwar über Todendorf; bei trockenem Wetter wurde aber eine Furt durch den Hechtsee gewählt, die mit Besenbaken abgesteckt war. Da ist gelber Sandgrund, nur einige Rinnen und Priele gehen tiefer hinein. Nach Herstellung der Brücke ist die Furt in Vergessenheit gekommen, und die Besenbaken sind von Wind und Wetter und Eis zerstört und weggetrieben. Aber der Grund ist noch der, der er war. Als Stine-Mersch sich nach Falkenstein, das hinter dem Hechtsee liegt, verheiratet hat, ist Martin (er war ein junger Knabe) zweimal mit seinem Vater durchgefahren, um sie in Falkenstein zu besuchen. Es ging ganz gut, das Handpferd fiel nur einmal in ein Loch, kam aber auch gleich wieder heraus.

»Elsbe, willst mit?«

»Ja, denn man zu!«

Eigentlich hätten sie bis zum alten Fährdamm bei dem Bauernhof ›Lust‹ zurückfahren müssen, Martin aber dachte: warum sollen wir uns vor Menschen zusammen im Wagenstuhl zeigen? Er kannte einen Richtweg über die Wiesen an der Au längs. Es war nur eine Servitut, eine Felddienstbarkeit der Nachbarn, und ein halbes Dutzend mal mußte Martin Uhrhammer absteigen. Schlagbäume und Hecktore zu öffnen und zu schließen. Dann kamen sie an den alten Fährdamm.

»Wat blänkert dor?« fragte Elsbe Wulffen.

»Wat meenst du?«

»Dat dor.«

Und sie zeigte mit der Hand geradeaus. Die Verlängerung traf ein Schiff im Eiderstrom, aber das meinte sie nicht, sie meinte etwas, das ganz nahe war, sie meinte den Hechtsee selbst.

Der Hechtsee ist eigentlich nichts als der zu einem breiten Becken ausgeweitete und vor einem Sandstreifen aufgestaute Austrom. Meilenweit läuft der runde Sandrücken vom Stadtfelde her durch die Niederung, seine gelben Wurzeln bilden in der Richtung der Furt in flachem Wasser einen reinlichen, harten, nur hier und da von Prielen durchzogenen Grund. Er ist von einem breiten Schilf- und Binsensaum eingerahmt, und aus Schilf und Binsen leuchtete das Wasser jetzt zu Martin und Elsbe herüber. Es glänzte wie dunkler Stahl, zuweilen liefen Funken darüber her, sprühten Diamanten und Sterne auf. Wie ein frommer, auf breiten Flügeln herabschwebender Engel war ein guter Wind vom Himmel gekommen und hatte, wie zu heiliger Zeit im Teich Bethesda, milde Wellen bewegt. Und vor dem See auf Hans Horns Bultwiese ragte auf dem rund abfallenden Sand eine kleine, windfeige, gichtbrüchige Eiche auf. Daran fuhren sie links vorbei und dann hinein – jawohl, hinein in den See.

»Ich erinnere das noch von Vater her, wir wollen es uns aber für künftige Fälle merken«, sagte Martin. »Links von der Eiche müssen wir hinein.«

Aber sie taten es noch nicht gleich, noch waren die Tiere auf der Rundung des Ufers, noch waren sie auf trockenem Land. Aber der Wind bog Schilf und Binsen nieder, und die Binsen verbeugten sich nach dem Wagen hin und winkten Martin und Elsbe zu, kamen wieder hoch und sagten: ›Man immer zu, es ist gar nicht gefährlich.‹ Im breiten, blinkenden Wasser rauschten und flüsterten kleine Wellen auf, und auch die kleinen, blinkenden Wellen ermunterten: ›Fahrt nur ruhig hinein!‹

Aber Martin Uhrhammer tat es noch nicht, er sagte »Brr!«, hielt noch einmal an und zeigte mit der Peitsche gerade über das Wasser weg. »Sieh, Elsbe! Ganz hinten, weit weg, da liegt die Kate. Sie hat vergangenes Jahr einen weißen Schornstein bekommen, und das ist gut, da sieht man sie besser. Da fahren wir immer gerade drauf zu, immer quer durch das Wasser, dann sind wir recht.«

Und nun gings hinein. Erst schnoben die Schimmel ein bißchen; als sie aber merkten, daß sie festen Grund unter den Füßen hatten, da war ihnen die Kühle, die von den Hufen heraufzog, ganz recht. Nach dem ersten Schritt in den Binsen sah man Linien an der Oberfläche des Wassers, wie sie entstehen, wenn Hechte pfeilschnell davonschießen. Die Räuber haben im Schilf und in den Binsen ihr Versteck, um auf die dummen Weißfische und auf die Gründlinge Jagd zu machen. Nun brachen auch noch zwei alte, schwere Enten mit großem Geschrei auf, flogen in die Luft und hätten den Schimmeln beinahe Angst gemacht.

»Verdommig«, sagte Martin, »hätt ich nu ein Gewehr!« Er hatte aber keines, er konnte nichts tun, als die Tiere, die sich wieder im Schilf niederließen, mit den Augen verfolgen.

Die Binsen und Schilfgräser waren hier noch nicht dick und auch nicht hoch, dazu lag zu viel Sand über dem Moor, sie waren dünn und spärlich aufgeschossen. Und gleich darauf wateten die Schimmel im klaren Wasser. Soweit Wagen und Pferde und Wellen den Spiegel nicht verdarben, sah der Grund weißgelb und eben und verklärt und frisch aus. Man hätte jeden Stein sehen können, es waren aber keine da, öfters sah man schon eine Süßwassermuschel im Sand. Dann und wann beugte sich Martin Uhrmacher nach der Mitte des Stuhles und visierte zwischen den Pferden über die Deichsel hin.

»Immer auf die Kate los, die den weißen Schornstein hat«, wiederholte er, »dann kommen wir recht. Ich weiß das von Vater her. Sieh, Elsbe, da liegt sie. Wir sehen sie ganz hell. Wenn wir aber weiter kommen, dann sinkt sie hinter Schilf. Dann müssen wir uns aufs Gefühl verlassen.«

Elsbe plierte auch und fand, daß alles in Ordnung sei.

»Wer wohnt in der Kate?« fragte sie. »Ist das die von Kassen-Ohm?«

Es war die von Kassen-Ohm Schröder und Stine-Mersch, aber Martin verspürte Lust, sein Mädchen zu necken, nannte das Haus Wischberg, ein Ohm von Dorten Pahl wohne dort, und wenn Elsbe mit ihm maule, fahre er Sonntags immer mit ihr hin.

»Junge, Junge!« drohte Elsbe und kitzelte Martin, daß er sich vor Lachen nicht bergen konnte.

»Deern, laß das!« rief Martin, »die Schimmel werden bang, und dann versaufen wir alle vier.«

»Mir ists recht«, sagte sie, »wenn du mit Dorten Pahl gehst, dann man immer rin ins nasse Vergnügen!«

Es war eine Lust, durch den See zu fahren.

Das Wasser und das Land ringsumher und der Himmel darüber her, auch die beiden im Wagenstuhl, alles war Glaube und Liebe und Hoffnung.

Die Räder mahlten so treuherzig über Kies und Muscheln, und die Wassertropfen sprangen so treuherzig funkelnd von den Pferdeläufen auf, der Wind wehte dem Mädchen so treuherzig ins Gesicht, und Elsbe Wulssen und Martin Uhrhammer sollten nicht lieb und nett und treuherzig sein?

Meistens hatte Martin die Zügel in beiden Händen, nun nahm er sie in die rechte allein, die linke suchte etwas unter dem Schutzleder und fand die warme Hand seines Mädchens.

Sie sagten nichts, sie schauten nur und freuten sich in das sprühende Freilicht der Landschaft hinein. Wie weit konnte man sehen! Näher, als sie wirklich waren, schienen die Binsen des anderen Ufers, sie ragten über das Wasser hinweg. Und über die Binsen bauten sich Holzungen und Hügel auf, da zog sich ein unbekanntes Land in großen, blauen Linien hin. Elsbe war alles unbekannt und neu, aber alles jauchzte ihr in stummem Einverständnis und in stummer Liebe zu, alles war oder schien emporgetragen, zuweilen war ihr, als hingen Wälder und Berge in hoher, vor Freude zitternder Luft.

Die Richtung, die sie inne hielten, leitete das Gefährt durch eine kleine, von grünem Gras überzogene Fläche. Martin führte die Rosse vorsichtig heran, ob der Grund auch fest sei. Er war es, und rüstig ging es durch das schwimmende Grasinselchen. Auf einmal sprangen die Pferde beiseite, ein großer unbekannter Vogel hatte sich lärmend und flügelschlagend vor ihnen in die Luft gehoben. Aber Martin beruhigte die Schimmel durch Anziehen der Zügel, durch Erheben der Peitsche, vor allen Dingen aber durch seinen versöhnlichen, tröstend klangvoll in die Höhe gehenden und väterlich dumpf, niemals erfolglos verhallenden Ruf.

Und gleich nach der Grasinsel kam die erste tiefe Stelle. Martin Uhrhammel war immer besonnen. Er redete den Pferden vernünftig zu, nannte sie bei Namen, lobte das Leitpferd und tadelte das Handpferd, aber in liebreichem Ton – da überwanden sie die Angst. Und es ging ganz gut, nur war Wasser in den Wagenkasten gestiegen und hatte die Sohle überschwemmt.

»Wir werden die Rückfahrt doch über Todendorf machen müssen, sonst wird uns die Grütze naß«, bemerkte Martin.

Sie waren über die Mitte hinaus und sahen bereits die Schraffierungen der Binsen am Ufer. Und immer zielte man über die Deichsel weg auf die schon halb durch den Schilfsaum verdeckte Kate los.

Die Pferde waren durstig geworden, oder die Klarheit des Wassers lockte sie, sie bogen den Hals nach dem blanken Element.

»Brr!« Martin Uhrhammer gab an Elsbe Wulffen die Zügel, stieg über das Wagenheck, ging zwischen den Pferden auf der Deichsel entlang und hakte die Trensen vom Bug. Das Gebiß wollte er nicht lösen, im Wasser läßt es sich schwer wieder antun. Die Pferde trinken dann auch nicht so hastig; das ist, dachte Martin, in jedem Betracht besser.

Als die Pferde satt waren, brachte er das Geschirr wieder in Ordnung, stieg in den Wagen und setzte sich neben Elsbe in den Stuhl. Die Rosse dachten, nun könne man weiterfahren, und Elsbe dachte es auch, aber das war nicht nach des Kutschers Sinn …

Sie steckten tief in der Einsamkeit. Ein Volk Enten, das geschäftig auf dem Wasser schwamm, ein (der Himmel weiß wie?) hierher verschlagener, in trällerndem Fluge vorübergaukelnder Schmetterling brachte es den beiden in dem Kastenwagen so recht nahe.

Sie steckten tief darin, die Einsamkeit gluckste klang- und verheißungsvoll im Wasser auf.

Wie klar der Spiegel war! Elsbe konnte sich an dem feuchtverklärten Grund nicht satt sehen, die Läufe der Schimmel sahen unter Wasser so komisch geknickt aus.

Plötzlich sagte Martin: »Nu?« Er hatte den Kopf halblinks nach Elsbe hingewandt, hatte schon einige Zeit so dagesessen, blieb auch so sitzen und wiederholte: »Nanu?« Und als Elsbe ihn ansah, sagte er zum dritten mal: »Nanu? Hast du mich denn gar nicht ein bißchen lieb?«

»Nein, du Schlingel«, erwiderte Elsbe Wulffen, faßte ihn aber beim Kopf und küßte ihn.

»Mehr!« befahl Martin Uhrhammer. Da tat sie es wieder.

»Noch einmal!« kommandierte der Artillerist. Elsbe gehorchte, ließ ihn aber rasch aus den Armen.

»So, nun ist es genug. Nun fahr man weiter, Martin Uhrhammer. Bist ein Schlingel!« und wider ihr eigenes Wort kriegte sie den Schlingel noch einmal her und küßte ihn. »Döskopp«, sagte sie, »du bist wirklich ein guter Kerl. Und nun fahr zu!«

»So tu ichs noch nicht«, erwiderte Martin. »Du sollst mir erst was versprechen. Und wenn du das nicht tust, dann schmeiß ich um, mitten im Hechtsee.«

»Du bist ja fürchterlich. Was soll ich denn versprechen?«

»Du sollst mit mir von hier weggehen … wohin, weiß ich noch nicht… aber von hier weg, wenn wir nicht zusammenkommen können. Und das sollst du mir zusagen, sonst schmeiß ich dich ins Wasser.«

»Dann muß ich wohl ›ja‹ sagen«, erwiderte Elsbe, »und tu es gern … Wenn es sein muß, gehe ich mit dir in die weite Welt.«

Zwei Priele hatten sie noch zu passieren, es ging alles gut, und dann kam wieder Schilf. Zwanzig Schritte fuhren sie hindurch, und wieder verscheuchten sie Gründlinge und Hechte. Etwas waren sie zu weit nach rechts gekommen, aber sie gelangten auch an der gefundenen Stelle gut an Land.

Martin suchte nach einem Merkzeichen für künftige Fälle… »Man kann nicht wissen …« Aber er fand nichts als einen Pfahl, der gleich hinter den Binsen stand und für das Vieh, wenn es hier weidete, hingesetzt war, die vor Staub und Grind juckende Haut zu scheuern.

Ein Damm war auch auf dieser Uferseite erkennbar, hier wie jenseits führte er durch Schlagbäume und Reckwerk. Den letzten Schlagbaum hatte Martin geöffnet, hatte den Wagen hindurchgezogen und den Verschluß wieder hergestellt. Er stieg aber noch nicht zu Elsbe auf den Wagen hinauf, er blieb bei den Pferdeköpfen und zeigte mit der Peitsche südwestwärts über Wiesen und über die Au hinweg nach einem blau verdämmernden Höhenzug, der zu dem Ackerfeld der heimischen Gemarkung gehörte.

»Kiek, Elsbe, wer wohnt da?« Das, wohin Märten zeigte, sah wie ein Bauernhof aus. »Kiek, wer wohnt da?« wiederholte Martin Uhrhammer.

Elsbe konnte sich nicht gleich zurechtfinden, war aber doch bald orientiert, lachte und sagte zu Martin: »Du bist 'n Schlingel.«

Der Schlingel sah noch eine Weile hin und dann zu Elsbe hinauf. »Und wenn es so kommt, daß man dich partu mit dem da verheiraten will, dann gehen wir zusammen in die Welt.«

»Dann gehen wir zusammen in die Welt.«

»Und müßten wir auch durch den Hechtsee.«

»Und müßten wir auch durch den Hechtsee!« schwur Elsbe ihm nach.

Es dauerte nicht lange, da bogen sie in die Hofstelle der Kate, die den weißen Schornstein hatte, ein.

Falkenstein gehörte zur Nachbargemeinde. Wo es lag, da fing das Koppelland, da fingen auch die Knickhagen wieder an.

Kassen-Ohm machte Augen, was da vom Hechtsee her angerollt kam. Er war ein flinker, vom Kopf bis zu den Füßen in verschlissenes Blauleinen gekleideter, alter Mann. Das Sonntagszeug pflegte Kassen Schröder-Ohm erst kurz vor Tisch anzulegen. Die Hautfarbe seines Gesichts war rot und glatt und glänzend, wie man bei alten, gesunden, mageren, von der frischen Luft ausgedörrten Leuten sieht.

»Hi, hoi!« Und er lachte und rieb sich im Lachen die Hände. »Wer kommt da? Das ist ein Durchbrenner. Wer durch den Hechtsee schwimmt, will weiter. Und allein in die Welt, das taugt nicht. Deshalb hat er sich was Junges, was Heißes mitgenommen. Ja, ja, ich sag …«

Er riß das Dielentor auf und rief ins Haus hinein: »Stine… dor sünd Fremm … mahl flink paar Kaffebohn dör; Stine, paar Bohn!«

3

»Velmal to gröten vun Hans Jäger un Fru up Büngershof un ji möchen alltosam kam un lütt Jort bi em verteern. Un Sünndag klock veer geit los. Un Snider Rehm spelt de Viggelin. Un dat is wegen bat Schipp un wegen dat Dack. Un Hans Jäger un Fru bedankt sik ok na velmal.«

Es war Herbst geworden, und Hannes Haß bat zu dem ›Jort‹ um, das Hans Jäger der Dorfschaft für das Dachfahren gab.

Er hatte im Frühling des vergangenen Jahres Blitzschaden erlitten, hatte ein neues Haus gebaut, es, wie üblich, mit dem in den Eidersümpfen von Pahlhude und Delve wachsenden Dachreth gedeckt und die Ware auf dem Wasserwege erhalten. Die Ladestelle war eine kleine Stunde von Büngerhof entfernt, der Schiffer mußte in vierundzwanzig Stunden, wie er sich ausdrückte, ›lerrig‹ (leer) sein; das konnte Hans nicht allein zwingen, da war Not an Mann; da ist nach altem löblichen Brauch das Dorf hinzugetreten und hat Dachreth gefahren. Dabei fällt keinem ein, zu fragen, ob es in seiner Schuldigkeit liege. Solche Kleinigkeit! Es ist eine Art Fest, man trifft sich, es gibt viel Schnack und viel Spaß und viel Geschichten; und später, wenn das Haus mal fertig ist, dann folgt das kleine Gelage, das ›Jort‹ mit Branntwein und Bier und Tanz auf dem Hof.

Hans Jäger war im vorigen Jahre spät mit dem Bau fertig geworden, da hatte es nicht gepaßt, aber heuer, wo die Ernte beseitigt ist, wenigstens zum größten Teil beseitigt ist, heuer bei dem Wetter, wie es auf Feld und Au liegt, da gibt er gern das übliche Jort, und der alte Hannes Haß macht sich fein und ›bittet um‹.

Was ist Großes dabei, wenn Hannes umbittet? Und doch liegt eine Art Erhabenheit auf dem Augenblick. Es ist in Haus und Scheune schon lange davon gesprochen worden: wieder steht ein Tag der Losgebundenheit in Aussicht. Es ist keine Kleinigkeit, sich das von Hannes Haß bestätigen zu lassen. Vor den Küchentüren und Dielentüren recken Mägde und Knechte die Hälse, junge Leute stehen da, in denen ein Halleluja nachklingt, wenn Hannes Haß sein Sprüchlein aufsagt.

Und es kam, wie zugesagt worden war, nur der Geigenstrich fehlte, denn Schneider Rehm hatte das kalte Fieber bekommen. Müßig hing die Viggeline in der Schneiderstube, dafür zog der Rademacher Hinrich Brandt die Register seiner Harmonika.

Martin und Elsbe waren beide da, aber es stand eine Wolke zwischen ihnen. Elsbe war wieder in Eifersucht. Einige Tage vor dem Fest hatte Martin zu Dora Pahl geschickt, weil ein Lademädchen fehlte, und war dann mit ihr zusammen auf einem Sitzbrett hinunter nach den Wiesen zum Grummet gefahren. Und unglücklicherweise war Elsbe Wulffen ihnen in den Weg gelaufen. Und wenn Elsbe Wulffen den Wagen auch scheinbar gar nicht gesehen hatte, so wußte Martin doch gleich, was die Glocke geschlagen hatte, daß Elsbe auf Hans Jägers Jort den dummen Schneiderjungen gegen ihn ausspielen werde.

Martin saß oben auf der Diele und paffte Zigarren und sah dem Tanzen zu. Dora Pahl kam und wollte ihn zu einem Hopsa verleiten, eine innere Stimme riet Martin: ›Tu es, ärgere Elsbe, wie sie dich ärgert‹. Er überwand es aber und lehnte ab. Dabei deuchte ihm die hübsche glatte Dora, wenn er sie ansah, eine Schlange im Paradies, und die Paradiesschlange lachte und erwiderte: »So, min Jung, du wullt ni, denn bliev man sitten.«

Das tat Martin denn auch, und es war ihm immer, als höre er Elsbe und Friech Gripp aus allen Ecken lachen. ›Laß sie man‹, redete er sich ein, ›die ist mir gleichgültig wie'n Povis‹ (Staubschwamm). ›Mit der, das ist rein aus.‹ So dachte er, fühlte aber dabei, daß all sein Denken und Sinnen nichts sei als Aufklagen einer leiderfüllten Seele.

Eine sonore Stimme störte sein Brüten. Ein stattlich aussehender, in den besten Jahren stehender Bauer mit krausem, braunem Haar und braunen Augen, eine Meerschaumpfeife mit Silberbeschlag rauchend, bat um die Erlaubnis, sich neben ihn setzen zu dürfen. Das war der Besitzer von Dückerswisch, der Trostklotz der Witwen und Waisen.

Er begann sofort ein Gespräch. Weshalb Martin nicht tanze, er selbst sei in jungen Jahren immer der erste auf der Diele gewesen. Als Elsbe und Friech vorüberwalzten, kam er auf die Wulffen-Familie, auf ihre mißlichen Vermögensverhältnisse, flüsterte Martin ein Geheimnis ins Ohr das dieser nicht verstand, und äußerte, Elsbe sei gewiß eine hübsche und auch eine nette Deern, aber wenn die, die hinter ihr herliefen, glaubten, da sei was los, dann habe da eine Eule gesessen.

»Die Leute sagen viel«, antwortete Martin, »die Leute sagen auch, du wolltest Elsbe haben.«

Als Martin das gesagt hatte, sah ihn der Dückerswischer aus seinen blanken, braunen Augen voll ins Gesicht: »Sieh, sagen das die Leute! Nu, wenn es ihre Meinung ist, dann wird am Ende was dran sein. Und für Elsbe wäre es vielleicht auch am besten, wenn sie den Dückerswischer nähme.«

Der Dückerswischer war aufgestanden und hatte Martin allein gelassen. Der Hauswirt Hans Jäger kam, die Lichter im Kranzholz anzuzünden und nach Bier und Branntwein zu sehen. Als die Helle aufflackerte, entstand Lärm und Gelächter in der Gegend, wo Martin saß; darum kümmerte sich aber Hans Jäger nicht. Er ging in die Abseite der leeren Kuhständer, die Fässer abzuklopfen, so wie ein Doktor eine kranke Brust abhorcht.

Da kam Hannes Haß hinzu und rief: »Hans, das hättest sehen sollen!«

»Was denn?«

»Wie war Martin Uhrhammer fühnsch.«

»Warum denn?«

»Dora Pahlen hat ihn, wie alle Leute dabeistanden, unversehens überfallen und abgeküßt.«

Hannes Haß lachte, und Hans Jäger lachte auch. »Ja, Dorten ist 'ne wilde Hummel. Und Martin? Was hat der denn angestellt?«

»Er war verdrießlich. Elsbe Wulffen hatte es mit angesehen. Er sagte, er wolle nach Hause gehen.«

Im ersten Ärger war es wirklich Martin Uhrhammers Absicht gewesen wegzugehen. Aber wie er in den Garten gekommen war, weigerten sich seine Füße, ihn von der Stelle wegzutragen, wo Elsbe Wulffen tanzte. Er hielt sich für dumm und töricht, daß er dem Schneiderjungen das Feld geräumt habe. Und wieder klagte sein Herz vor Sehnsucht auf, und wieder dachte er an den Tag, wo er mit seiner Geliebten durch den Hechtsee gefahren war. Hatte er nicht mitten im Wasser den Pferden die Zügel gelockert, hatte er nicht mitten im See seine Küsse bekommen? War es vor der Grasinsel gewesen oder nachher? Es war ja ganz gleichgültig, und Martin wußte, daß es ganz gleichgültig war. Und doch schien ihm beim Grübeln immer wichtig, ob es vor dem Gras, nach dem Gras oder in dem Gras gewesen sei. Zuletzt bildete er sich ein: es war in dem Gras. Er mußte auch denken, daß in demselben Augenblick der große Vogel … Rrrrrrt!… aus dem Wasser gebrochen sei. Die mächtigen Flügel hatten ein paar Wassertropfen auf das Vorderleder des Wagens geworfen. Er wollte, daß es gleichzeitig gewesen sei, und erinnerte sich bestimmt, daß das nicht der Fall gewesen war, denn es war ein bißchen vorher oder ein bißchen nachher geschehen.

Hans Jäger hatte einen weiten, mit düsteren Baumreihen besetzten Garten. Martin Uhrhammer maß noch immer ihre Länge, spazierte noch immer auf und ab, bat die halbe Mondsichel, die am Himmel stand, um ihr Mitgefühl und dachte an Elsbe Wulffen, und ehe er sich dessen versah, fand er sich wieder in der Wohnstube von Büngerhof.

Man war beim Kaffeetrinken und Geschichtenerzählen; Geister und Gespenster führten das Wort.

In der Sandkuhle spinnt zwischen zwölf und ein Uhr eine weiße Frau, im Bach am Breinerweg wimmert es, auf Fritz Klaußens großem Teich brennt nachts ein Licht. Des Webers Frau kann vorhersehen, es kommt Krieg, Soldaten in roten Röcken kommen den Landweg von Embüren her, zu einer Zeit, wo auf Hans Vollerts Holzkoppel Misthaufen in Buchweizenstoppeln stehen.

Auf Steinberg hat vor vielen Jahren ein Bauer an einen Handelsmann eine Kuh verkauft. »Der Steert liegt hoch«, hat der Handelsmann gesagt, »ist das auch ein Brüller?« – »Nein!« hat der Bauer geantwortet, »daß der Steert so hoch liegt, ist angeborener Stolz der Kuh, das ist kein Brüller, und wenn die Kuh ein Brüller ist, will ich nicht selig werden und will brüllen, wo ich hier steh.« – Und da hat er, nachdem er gestorben, im Kuhhaus gebrüllt, bis der alte Bau abgerissen worden ist.

Georg Harms Vater ist nachts gerufen worden, kein Rufer ist dagewesen. Acht Tage darauf ist der Großvater gestorben, da hat der Knecht wirklich ans Fenster geklopft und ihn geweckt.

Ähnliche Vorgänge erzählte man viele, der eine von seinem Nachbarn, der andere von seinem Ohm. Da nahm auch Martin das Wort, sprach von einer Erscheinung oder Traum, den er selbst als kleines Kind gleich nach dem Tode seiner Mutter gehabt habe:

Stine-Mersch nahm sich seiner an. Er schlief bei ihr im Wandbett, und wenn sie früh aufstand, in Küche und Keller zu schaffen, blieb er allein im warmen Lager. Einmal wird er wach, es ist ganz hell um ihn. Er sieht, er erkennt alles; die Wände des Bettraumes, das Bretterbort an der Wand, den Stopfkorb, her darauf steht, die Wollknäuel, die darin sind. Die Bettdecke hat ein rotes Würfelmuster, von der Decke hängt ein hanfener Bettquast herab. Alles sieht er. Und zur Schiebtür hinein lehnt sich etwas über ihn. Er will schreien… kann nicht. … er will sich bewegen, kann auch das nicht… Und was sich über ihn lehnt, erkennt er als eine weiße Frau, und die weiße Frau sieht ihn mit großen Augen an … Aber auf einmal ist alles weg, es ist wieder dunkel um ihm her.

Martin war zu Ende, die Zuhörer blieben stumm. Es waren mehr Leute hinzugekommen, es war ein großer Kreis, und in dem großen Kreis tiefe Stille. Nur ein Mädchenseufzer quoll auf, Elsbe Wulffen stand hinter Martins Stuhl.

»Du bist ja ein ganz böser Junge«, sagte zuletzt einer, »da wagt man ja gar nicht mehr allein zu Bett zu gehen.«

Die Gespensterstimmung tat der Tanzlust Abbruch, der Harmonikaspieler erschien in der Tür und meldete, die Diele sei leer, ob er vielleicht nach Hause gehen dürfe. Um Gotteswillen nicht! Man besann sich auf den Zweck der Jort in Büngershof. Jeder nahm sein Mädchen, und was eben noch vor Grausen erstarrte, gurrte wie junges Hühnervolk nach der Diele.

Martin Uhrhammer blieb im Zimmer, stand hinter dem Kartentisch und sah Krischan Franzen ins Spiel. Da faßte eine warme Mädchenhand seine Rechte und zog ihn in die Ecke. »Bist mir noch böse, Martin?« fragte Elsbe.

Martin ging das Herz über, er wollte was Liebes sagen, konnte aber nicht, gab eine alberne Antwort wie »Das glaub ich nicht« oder dergleichen.

Elsbe wußte nicht, was sie davon halten solle. Sie wolle nach Haus gehen, antwortete sie, und setzte hinzu: »Du bleibst wohl noch?«

»Ja«, antwortete er und sagte wieder ganz was Anderes, als er meinte. Er sprach davon, er hoffe noch ins Spiel zu kommen, möchte gern mal rumspielen.

Das war Anderes, als Elsbe erwartet hatte, und unglücklicherweise setzte Martin hinzu: »Ja, Elsbe, wenn Friech nicht abkommen kann, will ich dich gern nach Hause bringen.«

Das war zuviel. Das könne sie nicht verlangen, entgegnete sie und sah ›fühnsch‹ und schnippisch drein. Für Friech sei es freilich ein Umweg, aber das mache ihm nichts aus.

»Ich spaßte, Elsbe, ich will mit dir«, entgegnete Martin. Nun hatte er den Teufel, der sich bei ihm festgekrallt hatte, überwunden. Aber es war zu spät. »Ich will dich gar nicht mithaben«, antwortete Elsbe, »du sollst Karten spielen.«

»Schön, mein Mädchen, das ist mir denn auch recht.« Er hielt es wieder mit dem Dämon.

Martin verstand sich aufs Kartenspielen. Es wurde ein Mitspieler nach Hause geholt, seine Stute war an Kolik erkrankt. Martin übernahm die Partie und spielte.

Er spielte und war im Gewinnen. Die Stubenuhr schlug elf und zwölf. Und gleich nach zwölf machte Elsbe Wulffen die Stubentür noch einmal auf und rief: »Godn Nacht denn…«

Martin Uhrhammer hörte es gar nicht, denn er warf just drei Trümpfe auf den Tisch… Trumpf und Trumpf und Trumpf. Und deckte die Karten auf. Krischan Franzen lachte aus voller Kehle: »So spelt man in Venedi!«

Sie spielten noch einmal herum, dann brach man ab. Die anderen wohnten an der Landstraße, Martin hatte einen anderen Weg, er mußte, um nach Altenhof zu kommen, über den Reesenkamp gehen.

4

Wenn man in Abwesenheit der Tochter die Dienste von Elsbes Mutter in Anspruch nahm, dann wurde der Schlüssel auf die Fensterbank gelegt, das Fenster blieb angelehnt, da konnte Elsbe leicht nehmen.

Sie ging allein nach Hause, Friech Gripp war ausdrücklich von ihr gebeten worden, sie nicht zu begleiten. Sie wollte es so, Martins wegen. Sie ging durch den Garten, kam vor die verschlossene Tür, fand den Schlüssel: die Mutter war geholt worden.

Auf der Diele war alles still, aus dem Kuhstall klang der Schwarzbunt leises Schnarchen. In der Stube hatte die Mutter eine Porzellankumme auf die Ofenplatte gestellt und drei Nüsse hineingelegt. Durch Kumme und Nüsse sprach sie mit ihrer heimkehrenden Tochter. Lag nur eine Nuß darin, so sagte sie: ›Ich bin im Dorf‹. Wenn zwei Nüsse drin lagen: ›Ich bin außerhalb, vermute aber kleine Fahrt‹. Drei Nüsse bedeuteten ›große Fahrt‹. Nun wußte Elsbe, daß ihre Mutter vor Tag nicht zurückkehren werde. Bei Fritz Otts Frau in Embüren war ein frohes Ereignis fällig. Die Mutter war gewiß zu Fritz Otts Frau geholt worden.

Elsbe zündete Licht an und dachte. Sie dachte an Martins Spukgeschichte. Er hatte so einfach und lebendig erzählt, das hatte bei ihr weggewischt, was zwischen ihnen lag. Das hatte ihr zugleich das Unwürdige, Martins Eifersucht wecken zu wollen, gezeigt. Wunderlich – aber noch wunderlicher, daß sie sich vor Eifersucht nicht zu lassen gewußt, als Martin vor ihren Augen von Dora Pahl geküßt worden war.

Nach Martins Gespenstergeschichte könne man nicht mehr ruhig zu Bett gehen, hatte Peter Gürck gesagt. Als sie nun einsam in der Sternkate saß, war es ihr auf einmal unheimlich, allein in dem abgelegenen Häuschen zu sein. Sie mußte immer an den hellen Glanz denken, der auf die Bettdecke gefallen war, an das Gesicht, das sich über den Kleinen gelehnt hatte.

Auf einmal… Sie springt auf und steht mit flackerndem Licht auf der Stubenschwelle. »Ist da wer?« ruft sie. Sie ruft es laut in die schwarze webende Finsternis hinein. Sie hat ein Geräusch auf der Diele gehört. Und als sie ruft, stöhnt es wie Klage von der Diele her. Und noch einmal schreit sie auf und läßt das Licht fallen … Es erlischt – sie ist im Dunkeln. Es ist ihr gewesen, als ob ein Hauch … ein weicher, haariger Hauch . … etwas Unkörperliches, als wenn ein Gespenst an ihren Kleidern vorbei in die Stube geschlichen sei.

»Ich will fort, ich will fort, ich will hier nicht bleiben«, jammert Elsbe und tappt nach Reibhölzern, erst vergeblich, dann findet sie, gottlob … Sie läßt den Funken aufflammen … sie sammelt den Lichtstumpf auf… er wird wieder hell. Aber noch einmal schreit sie laut auf und faßt nach ihrem Herzen. Ein großes schwarzes Tier sitzt auf ihrem Stuhl und blinzelt sie mit glühenden Augen an.

»Miau, miau«, sagt das schwarze Tier und leckt sich mit roter Zunge… die Katze der Sternkate. Das also war das Gespenst! Musche Mau ist, als Elsbe mit flackerndem Licht auf der Schwelle stand, unter ihr weg in die Stube gekrochen.

»Musch, was hast du mich bange gemacht!«

Sie nimmt sie auf den Schoß, setzt sich in den Lehnstuhl und lacht… versucht wenigstens zu lachen.

Aber so gesund Elsbe sonst auch ist– es ist ein hysterisches Lachen. Sie ist aufgeregt, sie fühlt, daß an Schlaf nicht zu denken ist.

Aber sie weiß, was sie will. Sie will nach Büngershof gehen und Jägers bitten, sie über Nacht zu behalten.

Der Fußsteig von Büngershof nach Altenhof führt über den Reesenkamp. Der Reesenkamp ist früher Wald gewesen, aber eine umfangreiche Buschwiese geworden, zwar mit Vieh beschlagen, aber immer noch jungfräulich mit ausgerodeten Baumstümpfen und deren Schößlingen besät.

Der Himmel war, als Martin nach Hause ging, zwar klar, und der Mond in vollem Glanz; in den Gründen aber lagerten weiße, aus Dunst und Nebel gewobene Wolken. Der Fußsteig schlängelte sich auf dem Kamm des Geländes hin; so schritt Martin Uhrhammer wie auf Bergeshöhe einher. In dem weißen Nebel lag hier und da etwas Dunkles. Mitunter waren es Büsche und Baumstümpfe, mitunter Kühe, und Kühe und Büsche waren in Duft und Nebel und Schlummer versunken. Martin Uhrhammer erkannte nicht gleich und unterschied sie nicht gleich. Bald stand ein Busch verdrießlich vor seinem Schritt auf und ging brummend in den Nebel hinein – der vermeintliche Busch war eine Kuh. Bald blieb eine Kuh oder das, was Martin dafür gehalten hatte, liegen, weil es eben keine Kuh, sondern ein Busch war.

Nach dem Reesenkamp kommt ein Birkenwäldchen, nicht tiefer als zehn Schritt. Das steht schon auf Altenhofer Grund; bei Tage sieht man vom Saum aus die roten Dachziegel des Backhauses vom Hof. Auf das Birkenwäldchen folgt eine hohe, trockene Weide; dort lag der Mondschein wie dünner Graupelschnee am Boden. Und was sich darüber erhob, jeder Busch und jeder Strauch, schwang sich wie zum Äther empor.

So log und trog der Glanz der Nacht. Was vor ein paar Schritten noch wie aus dämmernden Fernen nach Form und Umfang gerungen, stellt sich plötzlich, wie aus Himmelshöhen herabgefallen, klar und nüchtern vor Martin hin.

Er nahm den Steg über einen Knick und fand sich auf gepflügtem Feld frisch gebrochener Roggenstoppeln. Die Ackerfurchen glänzten im Mondlicht wie verklärtes Land. Ein frommer Trug täuschte weiße Freude künftiger Jahre vor. Der Wall der folgenden Koppel lag sogar einer Wolke gleich in der Luft und war doch ebenen Schritts zu erreichen.

Nun fiel das Gelände in gefälligem Bogen nach einem schmalen Tal hinab, das der Ruhmesbach durchfloß. Martin Uhrhammer war noch auf der Höhe und stand still. Ringsum schwieg und atmete die Nacht, aber inmitten der schweigenden Nacht war ihm, als höre er leichte Tritte und sehe ein dunkles Etwas in der Richtung des Steigs. Aber Mondschein und Nebel verwehrten ihm das Festhalten von Linien und Form. Der Scheuerpfahl konnte es nicht sein, der stand weiter links. Es hoben sich auch immer deutlicher Schritte von der Stille ab. Und dabei ein Rauschen wie von Frauenröcken. Es war klar, es kam ihm jemand entgegen.

Und was noch vor einer Minute in webender Gestalt umgegangen war, wurde ein Mädchen und sprach als Elsbe Wulffen auf ihn ein. »Büst du dat, Matten?«

»Ja.«

»O, Matten, dat is schön, dat ik di drop. Ik bün so bang.« Und sie erzählte von ihrer Angst.

»Ja«, entgegnete Martin. »Ja, Elsbe, denn hilft das nicht: wer Schaden macht, muß Schaden bessern. Nun müssen wir sehen, wie wir es wieder zurechtbringen.«

Und beide gingen zum Bach hinab, auf dem Steg hinüber, bogen rechts nach der Sternkate ein dunkles Redder hinauf und kamen durch ein Drehkreuz in den Garten der Wulffen oder vielmehr in ein dazu gehöriges Tannengebüsch. Und unter dem Tannendach stand eine eichene Bank.

Als Martin und Elsbe unter den Tannen hingingen, fragte sie, wie sie bei Hans Jäger auf Büngershof gefragt hatte: »Matten, büst mi na dull?« Auf Büngershof hatte Martin Uhrhammer geantwortet, wie wir wissen, dort hatte ihn etwas Fremdes angekrallt, hier im Garten der Sternkate antwortete er gar nichts, setzte sich rasch auf die Bank, riß die, die ihn gefragt hatte: »Büst mi na dull?« auf sein Knie nieder, umfaßte sie mit langen, mageren, harten Armen, preßte sie an seine hagere Mannesbrust und küßte sie wild und stürmisch auf den Mund.

In den ersten beiden Stunden nach Mitternacht lag das weite Dorf in tiefer, durch nichts unterbrochener Ruhe. Zwar stieg hier und da ein Lachen auf, aber das unterstrich sie eher, als daß es sie störte. Einmal kam es von der Heckenreihe her, einmal aus der Richtung von Binsenbrooksdamm, es fiel aber rasch in die Stille zurück – die Lacher zweifelten an ihrem Recht, bei so später Stunde laut zu sein.

Die letzten Gäste von Büngershof waren zu Hause; nun verstummte alles, nur nicht die Stimmen und Rufe der Nacht.

Und noch immer schien und wanderte der Mond. Voll und satt – erst über das große Torfmoor, das nach Süden liegt, dann über die Wiesen hin nach dem Hechtsee zu. Und immer sah er gelb und still und ruhig nach der Sternkate hin, die Stubenfenster des Häuschens beleuchtend.

5

Martin Uhrhammer kehrte spät nach Altenhof. Als er von der Wiese, die am Ruhmesbach liegt, quer durch den Hausgarten herankam, war bei der Gartentür unter dem breiten Strohdach an der Wand ein Schatten in einer Stellung, als ob er auf jemand warte, der die Tür öffne. Martin bemerkte ihn nicht, bemerkte auch nicht, daß der Schatten mit ihm zur Tür hineinschlich. Der leise Gast war ein unsichtbarer Schatten, unsichtbar war auch die Hippe, die er trug – der unsichtbare Mann war der Tod.

Es war der Sichelmann, der uns alle hinmäht; er hatte auf Altenhof zu tun, und deshalb paßte es ihm, mit Martin zusammen, ins Haus zu kommen.

Der alte Uhrhammer war krank. Nach einer Viertelstunde rasselte der Knecht mit den Schimmeln von der Hofstelle, den Doktor zu Holm. Und die Sonne war am anderen Morgen noch nicht lange aufgestanden, da schritt der Schatten wieder durch den Garten dem Ruhmesbach zu: Er hatte seine Sache getan.

Mit Elsbe hatte Martin besprochen, er wolle und solle gleich am nächsten Sonntag (das Jort war am Mittwoch gewesen) bei der Mutter förmlich um sie anhalten. Diese Zusage konnte er aber nicht halten, denn just am Sonntag fuhr der alte Uhrhammer über den Vierth von Todendorf und über Seefeld (die Brücke war noch immer nicht fertig) nach Hamaschen zur Gruft.

In Todendorf begegnete ihm Jürn Alpen von Dückerswisch. Des Dückerswischer Bauern Gesicht glänzte, seine Rappen taten es auch, und der Federwegen war ganz blank. Zur Sargfolge war er nicht eingeladen worden, das ging nach Ortsgebrauch nur die ›Ploog‹ (eine Art Sargfolgegemeinschaft) an, zu der Jürn nicht gehörte. Als Jürn Alpen den Zug wahrgenommen hatte, war er abseits unter die Eiche, die in Todendorf am Dorfteich steht, gefahren. Den Totenwagen, auf dem Martin und Klaus saßen, grüßte er mit ehrfürchtig entblößtem Haupt.

Der älteste Sohn des Verstorbenen war nicht anwesend. Man hatte an ihn telegraphiert; es kam aber verspätet von Holland her die Anzeige seiner Verhinderung.

Die ganze Woche dachte Martin an den Gang, den er auf den nun kommenden Sonntag verschoben hatte. Außerdem lag ihm die Erbteilung im Sinn und ob Klaus wohl noch immer ebenso gesinnt sei wie früher. Und dann überlegte er, ob es zweckmäßig sei, vor seiner Werbung mit dem Klüterer zu sprechen oder nachher. Er war schon halb entschlossen, es gleich zu tun, da besann er sich doch noch anders. Da war zunächst die Scheu, dem Bruder in diesem Augenblick mit Erbsachen zu kommen. Außerdem erschien es ihm praktischer, erst mit Frau Wulffen im Reinen zu sein. Im ungünstigsten Fall wird sie ihr Ja davon abhängig machen, daß der Bruder seine Rechte an ihn abgibt. Dann wird er den guten Klaus, wenn überhaupt, um so mehr zu dem Verzicht, bereit finden.

Der Sonntag kam. Martin Uhrhammer ging nach Verrichtung der ihm obliegenden Früharbeit in seine Kammer, rasierte sich, machte sich fein, nahm die neusilberne Pfeife zur Hand, überlegte, ob es schicklicher sei, mit oder ohne Pfeife zu kommen, und entschied sich für Mitnahme, weil es wohlhabender aussehe.

Auf der Hofstelle am Sod standen ein paar Dienstmädchen von Altenhof, die ihre Eimer an das Brunnengeländer gestellt hatten und eifrig miteinander sprachen. Als Martin sonntäglich angezogen mit seiner Pfeife aus dem Dielentor trat, verstummte zwar ihr Schwatz, Martin hatte aber doch den Namen seiner Elsbe und den des Dückerswischers gehört. Er achtete nicht viel darauf, ging durch die Plankentür nach dem Garten und strebte durch die Gemüsebeete nach der Ecke zu, wo der vom Ruhmesbach kommende Fußsteig ausmündete.

Als er bei dem Bach angekommen war, kam ein junger Mensch aus dem nach der Sternkate hinaufführenden Redder heraus.

»Morgn, Matten«, sagte der junge Mensch.

»Tag, Friech«, erwiderte Martin Uhrhammer. Er stand vor Friech Gripp.

»Willst nach der Sternkate?«

»Nein!« log Martin, das habe er gerade nicht im Sinn. Er habe nach den jungen Pferden auf der Sterbrookerwiese zu sehen.

»Süh, süh … und so fein?« Friechs Augen musterten das Sonntagszeug und die Neusilberne.

»Das leidet nicht dabei.«

»Ich habe sonst, als ich dich sah, in meinem Sinn gedacht, der geht nach der Sternkate zu gratulieren.«

»Gratulieren? Was ist in der Sternkate zu gratulieren?«

Friech Gripp war nicht boshaft, er für seine Person hatte niemals ernste Absichten auf Elsbe gehabt. Aber wenn beides auch der Fall gewesen wäre, vor Martins verstörtem Gesicht hätte es schwerlich standgehalten.

»Hast du es denn noch gar nicht gehört, Unglücksmensch?« fragte er nicht ohne Mitgefühl. »Weißt du denn gar nicht?«

»Was soll ich nicht wissen? Friech, sag, was weiß ich nicht? Was hab ich nicht gehört?«

»Ja, Martin, wenn dus wirklich noch nicht gehört hast, dann will ichs auch nicht verraten.«

Friech Gripp hatte getan, als ob er gehen wolle, war aber von Martin Uhrhammer festgehalten. Der flehte förmlich: »Friech, sag mir, was ist! Tu mir den Gefallen und sag mir! Ist es was mit Elsbe?«

»Ja, mit Elsbe ist es was.«

»Friech, was?«

»Nun, wenn du es gern wissen willst …«

»Sags!«

»Du sollst es mir aber nicht nachtragen.«

Der starke Bauer stand mit blutlosen Lippen vor ihm.

»Es tut mir leid, daß grade ich es dir sagen muß: Elsbe Wulffen hat sich mit Jürn von Dückerswisch versprochen.«

»Das ist nicht wahr, das ist nicht möglich, du machst Spaß!«

»Nein, Martin! Son Spaß mach ich nicht. Es ist leider so, wie ich gesagt habe. Kannst ja mal hingehen und fragen. Die Brautleute triffst du freilich nicht, die sind nach Seefeld zur Schwester des Bräutigams gefahren, und Elsbe soll dort ein paar Wochen bleiben. Aber die Alte, die ist zu Haus. Die kann dir erzählen, wie es gekommen ist, mir hat sie es auch erzählt, das heißt: ganz ist sie nicht mit der Sprache herausgekommen, aber sie hat durchblicken lassen, Elsbe habe nicht gewollt, aber sie hat gemußt, denn der Trostkloß hat diesmal wohl einen ganz tüchtigen Schein in der Tasche gehabt.«

Die alte Wulffen empfing den Liebhaber ihrer Tochter mit einem Gesicht, das verlegen und zu gleicher Zeit überlegen aussah.

»Willst wohl nach Elsbe fragen? Elsbe ist verreist, Jürn hat sie heute früh hingefahren. Hast wohl schon gehört. Kannst uns gratulieren! – Martin«, setzte sie hinzu, »Jürn Alpen von Dückerswisch und Elsbe haben sich versprochen, die sind Bräutigam und Braut.«

»Das wär!« erwiderte Martin Uhrhammer. Das äußere Gleichgewicht, das ihm im Gespräch mit Friech Gripp verloren gegangen war, hatte er wiedergewonnen. Er fühlte nur noch etwas wie Sodbrennen in der Kehle.

Frau Wulffen hatte feinere Hände, als man auf dem Dorfe gewohnt war. Und die feinen Hände pflegten sich umeinander zu winden, wenn sie zarte Angelegenheiten besprach. So tat sie auch jetzt, wie sie, hinter dem Ofen sitzend, sich mit Martin Uhrhammer über die Verlobung ihrer Tochter unterhielt.

Die helle Sonne des prächtigen Herbstes kam voll durch die von buntfarbigen Blüten verstellten Fenster. Martin hatte sich nicht gesetzt, er stand vor der Hebamme und sog an seiner Pfeife, die Mütze hatte er erst in der Hand gehalten, nun hängte er sie auf den Messingknopf der Ofenplatte.

»Nun, Martin, willst nicht gratulieren?«

»Hab ichs noch nicht getan, Nachbarin?« entschuldigte er sich. Der Glückwunsch selbst blieb ihm in der Kehle stecken.

»Einmal«, fing die Brautmutter an, »mußte es ja kommen. Elsbe und Jürn, es ist ja schon lange im Gang. Elsbe hat die Jahre, und nach Dückerswisch muß eine Frau wieder hin, das sieht ein Blinder. Was sollen sie da noch länger warten? Die Hochzeit wird denn auch bald sein.«

»Ja, Nachbarin – ich tu eine dumme Frage. Es gab mal eine Zeit, wo ich mit Elsbe ging. Elsbe, ist die damit einverstanden, daß sie nach Dückerswisch kommt?«

»Martin«, erwiderte die Hebamme eifrig, »die Frage ist wirklich wunderlich. Natürlich ist Elsbe einverstanden. Elsbe weiß, daß ihre Mutter ihr Bestes will und ihr Bestes kennt.«

»Hat sie es gern getan? Entschuldigt, Nachbarin, ich frag so geradezu.«

»Matten, was sind das für Sachen? Da sollte ich eigentlich gar nicht darauf antworten … Natürlich hat Elsbe Jürn Alpen gern genommen, eine bessere Partie gibts ja nicht im Dorf. – Ja, sie hat es gern getan.«

Als Frau Wulffen das gesagt hatte, da erwiderte Martin Uhrhammer fast wider Willen und mit Nachdruck: »Das glaub ich Ihnen nicht, Frau Nawersch!«

Die Wulffen sah ihn verdutzt an, Martin tat ein paar hastige Züge aus seiner Pfeife. Er hatte am Beilegeofen gestanden und den Arm darauf gestützt, nun ließ er sich auf den hinter ihm stehenden Stuhl fallen.

»Aber, Martin!« rief Frau Wulffen, »wie kannst du das sagen?«

»Man noch einen Augenblick, Frau Wulffen«. fuhr Martin Uhrhammer, ihren Einwurf nicht beachtend, fort. »Hat Elsbe nicht zu Ihnen gesagt, daß ich kommen würde und Sie was fragen?«

Frau Wulffen überlegte einen Augenblick, was sie sagen wolle. Dann gab sie der Wahrheit die Ehre und antwortete: »Ja, das hat Elsbe gesagt, aber das war vor der Verlobung mit Jürn, das war gleich nach Hans Jägers Jort. Aber es ging nicht an, Martin. Es konnte nicht so werden, wie du wünschtest, Elsbe hat es auch eingesehen. Martin, man kann im Leben nicht immer so, wie man möchte. Man muß nach Brot sehen. Und mitunter kommt da sonst noch was. Und Elsbe ist so vernünftig … Und nun ist alles abgemacht.«

Martin Uhrhammer saß noch immer rauchend vor ihr auf dem Stuhl.

»Ja, Martin … es nutzt nichts. Und ich glaub, es ist besser, du gehst. Du bist ein guter Mann, aber das mit Elsbe, das mußt du vergessen … Ich seh, wie du gemeint hast, was du vorher sagtest. Und ich wills dir verzeihen. Du bist aufgeregt, hättest Elsbe gern gehabt. Aber da darfst du nicht mehr an denken. Und ist ja auch nicht schlimm. Sieh, du mußt eine Frau suchen, die Geld hat. Und du bist ja noch jung, und es gibt so viel Mädchen. – Und nun denn Adjüs!«

In die Höhe war Martin gekommen, aber es war ihm noch nicht ganz klar geworden, daß die vor ihm stehende Frau (die Hebamme stand vor ihm und streckte die Hand zum Abschiednehmen aus), daß die Frau mit dem sanften Gesicht und mit den feinen Händen ihm, wenn auch ganz fein, die Tür wies. Eine ganze Minute noch stand er und sah stumm in seine Mütze. Und dann erst tat er das, was er nach dem Ersuchen von Wiebke Wulffen tun sollte, er machte die Tür hinter sich zu, ohne von der dargebotenen Hand, die er wohl gar nicht gesehen hatte, Gebrauch zu machen.

Mit Martin Uhrhammer war nicht viel anzufangen. Er sprach nicht, er rauchte auch nicht…

Der Grummet war noch einzubringen. Der Sommer war trocken gewesen, das Gras kurz geblieben, deshalb nahm Martin zum Aufstaken die große Forke mit den weiten Zinken. Damit kann man einen Diemen, wenn er nicht zu groß ist, in einem Zug heben.

»Matten«, sagte die Großdeern von Altenhof, die das Heu auf dem Wagen verstaute. »Hest 'n Mund verlorn?« Der Aufstaker schwieg. »Dat givt na mehr schmucke Deerns as Elsbe Wulffen«, kam es weiter aus der Höhe. Als sie das gesagt hatte, bekam sie den Diemen halb ins Gesicht.

Vierzehn Tage später schichtete Martin Uhrhammer den Komposthaufen auf, der in der Hedeweide in der Ecke an Hans Struwes Kampkoppel lag. Hinter ihm auf dem Knick wuchsen junge Haseln und Birken, und der Wind philosophierte darin. Jedes Ding, sagte er, habe zwei Seiten, und was nicht zu ändern sei, das müsse man lassen.

Und mitten durch die Philosophie flog etwas Weißes hoch über Birken und Haseln und fiel schwer zu Boden. Es war ein an einen Stein gebundener Brief.

Martin Uhrhammer nahm ihn schnell auf, las, brach ungestüm durch die Haselbüsche und stand auf der Kampkoppel.

Auf dem Wall nach Karl Schott hin wiegte sich ein vielwissendes, aber nichtssagendes Bäumchen hin und her.

Nachdem Martin das Zettelchen gelesen hatte, kam die Tabakspfeife wieder heran. Man sah ihn nun öfters abends schmökend nach der Sterbrooker Wiese, wo noch immer die Jungpferde grasten, hinübergehen.

Vom Sterbrooker Damm führt ein tief in Brombeeren vergrabener Weg nach dem Triangel, einer kleinen, von hohen Knicken eingerahmten dreieckigen Koppel. Der Winkel ist ein dem Besitzer von Büngershof gehöriges Sprengstück mitten im Altenhofer Feld. Es ist einsam allda; wie sollte es auch von Büngershof just jemand im Herbst einfallen, nach dem Triangel zu gehen? Auch führt ein bequemer Hintersteig von Altenhof über die kleine Kuhweide dahin.

6

Und wieder kam der Frühling.

Der Winter war naß und trüb und schwer gewesen, die ersten Frühlingsmonate waren es auch. Auf dem Acker ist wenig zu machen, nichts rückt von der Stelle, auch nicht die noch immer nicht fertige Brücke. Es hat ein Verwaltungsstreit getobt und tobt noch, und erst seit einigen Wochen ist wenigstens der Bau (es wird ein Neubau) in Angriff genommen worden. Der Verkehr geht aber nach wie vor über Todendorf und Seefeld.

Jürn Alpens Hochzeit wird bald sein, natürlich mit Haustrauung, Pastor Beeck soll kommen.

Peter Schottohm Bauervogt ist Standesbeamter. »Wenn dann die Frühjahrsmanöver begonnen haben«, fragt er, »was dann?« – »Dann macht der Pastor die ganze Runde durch die Dörfer«, erwidert Jürn Alpen. »Er soll mit eigenem Fuhrwerk kommen; was es kostet, das kostet es.«

Mit der Aussteuer ist es eine einfache Sache. Alles, was die erste Frau mitgebracht hat, bleibt auf Dückerswisch. Nur die gute Stube will Mutter Wulffen selbst einrichten. »Einen Platz«, sagt sie, »soll meine Tochter haben, wo sie nicht von Sachen umgeben ist, die der Toten sind und jetzt von Rechts wegen der kleinen Grete gehören müßten. Ich will das Geld aufnehmen, was ich mir selbst verdient und auf die Sparkasse getan habe. Und wenn es nicht reicht, dann nehme ich das Letzte auf Borg.«

Und auf der Sparkasse betrug ihr Guthaben in der Tat nicht so viel, wie sie brauchte; sie beantragte daher ein Darlehen. Der Vorsitzende, Kirchspielbevollmächtigte Gosch, fragte die Hebamme nach Sicherheit und ob sie einen Bürgen mitgebracht habe. Ob sie was mitgebracht habe? kam es verwundert zurück. »Einen Bürgen.« Frau Wulffen fühlte sich verletzt und äußerte das auch: sie habe noch keinen Menschen betrogen und habe »Land und Sand«, sei eine ehrliche, anständige Frau und zahle ihre Steuern. – Ja, aber das Statut schreibt das bei jedem vor, der nicht auf sichere Hypothek leihe. Er schlug mit der Hand auf das Statut. Da stehe es, sie könne es selbst nachlesen.

Als Frau Wulffen sich ereiferte, entgegnete man ihr, man zweifle gar nicht daran, daß sie eine ehrliche Frau sei, aber einen Bürgen müsse sie haben. Ohne Bürgen gebe die Sparkasse kein Geld, dürfe es nicht. Bürgen oder sichere Hypothek. – »Was für ein Ding?« – Der alte Vollmacht erklärte und schloß, wenn sie ihr das Geld so geben wollten, dann handelten sie alle gegen das Statut.

Frau Wulffen hätte beinahe Krämpfe gekriegt. »Jesses nochmal, wie ich hier behandelt werde!« Da fuhr der ruhige Alte auf: »Nun haben wir genug gehört, nun bitte ich Sie, nehmen Sie Ihre Wörter ein bißchen in acht! – Frau Wulffen«, fuhr er ruhiger fort, »wir bleiben hier noch eine Stunde zusammen. In der Zeit werden Sie wohl leicht einen finden, der dafür gutsagt.«

In dem Augenblick sagte die bescheidene Stimme eines jungen Mannes, der auf der Bank an der Wand gesessen hatte, nun aber an den Vorstandstisch herantrat: »Wenn ich 'n paar Worte sagen darf und wenn ich … ich bin ja wohl bekannt, meine Name ist Martin Uhrhammer von Altenhof … wenn ich der Kasse dafür gut bin … und wenn Frau Wulffen mich haben will, dann möcht ich wohl die Bürgschaft für Frau Wulffen auf mich nehmen.«

Frau Wulffen wurde jetzt erst um Martin gewahr, war ob seines Anerbietens ganz verstört, nahm es aber an.

Dann bat Martin um sein eigenes Guthaben. Da war nichts im Wege, nur mußte er einen der übernommenen Bürgschaft entsprechenden Betrag stehen lassen. Daß war ihm nicht recht, er hätte es gern anders gehabt, es ging aber nicht anders, wieder stand das Statut im Wege. Martin Uhrhammer fand sich darin und strich ein, was verfügbar war.

»Willst was Eigenes kaufen, Matten?«

»Sollte es gehen, Vollmacht?«

»Ein bißchen wenig.«

Martin und der Vorstand lächelten und zuckten mit der Schulter; es war in der Tat zu wenig.

Die Hochzeit wurde auf den ersten Juni festgesetzt, Standesamt auf den einunddreißigsten Mai.

Jürn hatte noch im Herbst heiraten wollen, das hatte die Braut nicht gewollt, da dachte Jürn sie wenigstens als Maikatz, wie er sich ausdrückte, heimzuführen. Darin hatte man ihm so halb und halb nachgegeben.

Am dreißigsten Mai wird Polterabend in der Sternkate sein, Polterabend feiern ist seit Christine Holms Heirat bei wohlhabenden Paaren aufgekommen. Noch lacht das Dorf über die Scherze, die aufgeführt worden sind; bei Elsbe Wulffen will man alles nochmal machen.

Dora Pahl ist auch dabei gewesen. Sie ist als Schustergeselle aufgetreten, und Klaus Eggers mit den Röcken der langen Gretchen Schuldt ›ausgekleidet‹ als Meisterin, zum Totlachen. Die Meisterin liebelt mit dem Gesellen, Klaus Eggert spricht in der Fistel (es ist zum Schreien), er bittet um einen Kuß. Dora Pahl drückt der Pseudomeisterin so was auf … aber der Meister kommt darauf zu. Er wird von der feinen Lene Schulten, der Tochter des Bauern von Kühlendamm, gegeben. Groteske Maske, Nase über fünf Zoll, Flachsbart, über einen halben Fuß lang. Man denke sich: die pummelige Lene Schulten (Pech an den Händen und Pech im Bart), einen drei Viertelellen langen Spannriemen in der Hand … so steigt sie aus der Kammer, schimpfend, mit einer Stimme, so tief und grob, wie Hals und Gaumen und Kehlkopf nur hergeben. Lene mißt dem Gesellen Dora Pahl über die breiten, weichen Pfirsichformen des Rückens auf, was er verdient hat. Klaus Eggers, die lange Meisterin, weint in der Fistel, beteuert ihre Unschuld und jagt, eine richtige Potiphar, mit dem Eheliebsten gemeinsame Sache machend, Dora Pahl zum Tempel hinaus.

Am ersten Juni elf Uhr vormittags Trauung … nachmittags vier Uhr Gelage, beides auf Dückerswisch. Hannes Haß geht schon im Dorf herum: »Velmals to gröten von Jürn Alpen von Dückerswisch un sin Brut Elsbe Wulffen« und so weiter. Um zehn Uhr wird Jürn Alpen mit dem Staatswagen vorfahren und die Braut holen. Von den Eingesessenen wird das Pulver nicht gespart werden.

Auf Dückerswisch ist eine lange Diele. Peter Tischler vom Südereck des Dorfes hat acht Tage vorher den Brettersaal gelegt, auf dem es sich so viel glatter schleift und tanzt als auf einer Lehmdiele. Am Ersten gehts los, und Elsbe Wulffen, die beste Tänzerin des Dorfs, ist Braut.

Wie zur Auferstehung wird die Musik durch das große Bauernhaus schwingen. Das muß jedem in die Beine fahren. Die Trompete wird blasen, zwei Geigen werden frohlocken und singen und die Klarinette wird jauchzen. Und die grobe Baßgeige summt als Ballast und Schwere und Widerstand in den Trubel hinein.

Wer Elsbe Wulffen im Arm hat, mag die lange Diele in einem Zug hinunterschassieren. Der Bräutigam … er sieht ja noch einigermaßen aus, aber mit seinem Tanzen ist es allgemach doch nur so-so la-la … Der kann unter seinen Gästen umhergehen, ihnen die Hand drücken und süß und nett tun, und dann kann er sich mit seiner schönen Meerschaumpfeife oben in der Hörn hinstellen oder auf einem Stuhl niedersitzen und dem Tanzen zusehen.

Wenn im Dorf ein Gelage in Aussicht steht, und nun gar eine Hochzeit wie die auf Dückerswisch, dann liegt das Morgenrot der Freude auf allen Gesichtern. Übermorgen ist Polterabend, da wollen wir hin, da gibt es viel Spaß, und Kaffee und Wein und Butterbrot gibt es auch. Und dann die Hochzeit! Jeder fliegt, in Gedanken die Braut im Arm (eigentlich ist es nicht richtig, mit der jungen Frau muß es heißen), mit Elsbe Wulffen fliegt er über die Saaldiele von Dückerswisch, an Jürn Alpens flimmernden, freundlich tuenden Augen und an seiner Meerschaumpfeife vorbei, und kaum einer von den jungen Leuten denkt an Martin Uhrhammer und was der wohl sagt, und ob Martin wohl zur ›Köst‹ kommen wird.

Auch auf Altenhof war der Winter träge und trübe und langweilig hingegangen. Klaus klüterte, aber seinem Bruder schien, als ob er nicht mehr der Alte sei. Öfters sah er ihn in einem kleinen Buch studieren, das der Dorfdrechsler mal in der Werkstätte hatte liegen lassen.

Es war vielleicht zehn Tage vor Jürn Alpens Hochzeitstag, da kam Klaus eines Tages seinem Bruder, der ins Feld wollte, auf der Diele nachgegangen und meldete: »Martin, ich geh zur Stadt.« Er war im Sonntagsstaat. »Ich geh zur Stadt«, sagte er, »und es kann leicht ein paar Tage dauern, bis ich wiederkomme.«

»Was willst in der Stadt?«

»Das verstehst du nicht, Martin.«

»Und wenn ichs auch nicht verstehe, kannst es mir doch gerne sagen.«

»Es ist wegen des Gesetzes von der Erhaltung der Kraft.«

»Das verstehe ich denn freilich nicht. Aber …«, erwiderte Martin. Und fuhr dann fort: »Wenn du gehst und ich nicht weiß, wann du wiederkommst, dann muß ich mit dir reden. Ich denk, wir tun es in der Stube, wo wir allein sind.«

Und als sie in der Stube waren, sagte Martin zu seinem Bruder: »Ich muß dir sagen, ich habe mein Geld auf der Sparkasse gehoben.«

Klaus Uhrhammer erschrak: »Du willst doch nicht weg? Du willst mich doch nicht allein lassen?«

Martin lachte bitter auf. »Sag selbst, was bleibt mir anders übrig? Es ist ein Jahrzehnt, wo ich mich abrackere und wie ein Knecht arbeite zu deinem Nutzen. Denn die Stelle gibst du mir ja doch nicht.«

Klaus wußte nur zu sagen: »Was soll ich mit dem Hof machen, wenn du nicht da bist?«

»Das will ich dir sagen, Klaus. Du gibst deine Klüterei auf, ziehst Holzstiefel an, wenns zum Kleigraben geht, und lederne Stiefel, wenn Korn gemäht wird, stehst morgens um vier auf, zerhackst deine Maschinen und Räder, soweit sie von Holz sind, zu Brennholz (da kannst du ganz gut ein ganzes Jahr den Backofen mit heizen) … mit einem Wort: du wirst ein ordentlicher Bauer, nimmst eine Frau (das beste ist, einen tüchtigen Dragoner, der dich gehörig hernimmt) und tust im übrigen alles, was ich bisher getan habe.«

Klaus sah ihn erst sprachlos an, dann stammelte er: »Das kann ich nicht, das ist unmöglich!«

Martin hörte nicht darauf. »Zur Erbteilung«, sprach er weiter, »will ich Peter Bauervogt Vollmacht ausstellen, sie wird ihm von Altona zugehen. In Altona bleibe ich und arbeite, bis ich weiß, wohin ich gehe. Peter-Ohm kann die paar Schillinge, die ich vielleicht noch herausbekomme, in Empfang nehmen.«

Klaus schluchzte, als er antwortete: »Aber, Martin, das ist doch nicht dein Ernst. Das ist unmöglich … das geht nicht.«

»Eigentlich ist das auch meine Meinung, Klaus. Ich glaube nicht, daß du Altendorf lange halten wirst. Es sei ferne von mir, dir Böses zu wünschen. Aber wenn es nicht nach Wunsch ginge, unverdient könnte ich es nicht finden.«

»Was soll ich tun?«

»Mir sollst du den Hof überlassen, dann kannst du dein Leben einrichten, wie es dir gefällt. Wenn du nicht zu wild bist, werden wir uns um den Preis leicht einig. Aber es muß gleich sein!«

»Bruder, was verlangst du?«

»Klaus, du sprachst von einem Gesetz, die Kraft zu erhalten. Ich habe nie von einem solchen Gesetz gehört, aber mir scheint, das wäre ein vernünftiges Gesetz zur Erhaltung der Kraft, wenn der die väterliche Erde bekäme, der sie bebaut und zu bebauen versteht. Ich verlange nichts, was nicht in der Billigkeit liegt und nicht zu deinem Besten ist.«

»Vater hat es nicht gewollt«, warf Klaus leise ein.

»Jawohl«, entgegnete Martin mit starker Stimme, »er hats bei Fritz nicht gewollt, und das war sein Unglück. Er hats nicht über sich vermocht. Und nachher war Vater ein kranker, seiner Sinne nicht mächtiger Mann.«

»Du bist hart mit mir, Martin, und ich sehe ein, daß was drin liegt in dem, was du sagst. Du sollst mein lieber, guter Bruder sein und bleiben. Geh nur nicht weg, bleib bei mir! Geld kann ich dir ja geben, aber die Stelle?« Klaus brach in Tränen aus. »Ich kann nichts gegen Gottes Ordnung tun.«

Es kam dem andern selbst lieblos vor, aber bei der Wehklage seines Bruders um Gottes Ordnung mußte er lachen.

»Embüren«, entgegnete er, »ist eine Stunde Wegs entfernt, da ists ganz anders, da ist es so, wie an vielen Orten, da kriegt der Älteste die Stelle. Und wenn es auch nicht überall Gesetz ist, so ist es doch in fast aller Welt Brauch: der Älteste kriegt die Stelle … Daß der Jüngste sie kriegt, gilt hier, aber sonst kaum irgendwo in der Welt. Und mit Gottes Willen hat die Verordnung nichts zu tun, denn Gott will nichts Unvernünftiges und Widersprechendes. Aber es wäre unvernünftig und widersprechend, wenn er hier geböte: der Jüngste kriegt die Stelle, und in Embüren und da hinten herum: der Älteste kriegt sie.«

Martin Uhrhammer ging im Zimmer auf und ab, stand dann vor seinem Bruder still und sah ihm in die Augen.

»Es ist ein bös Stück um diesen Punkt auf Altenhof, Klaus. Fritz hatte das nächste natürliche Anrecht, er ging darob in die Welt; ich danke dem Himmel daß er nicht ewig im Zorn befangen blieb. Der hat es nicht mehr nötig, auf sein Recht zu pochen; für ihn war es ein Glück, er hatte andere Gaben, als die harte Erdscholle zu brechen und die Saat zu streuen. Auch mit dir, Klaus, hat die Natur andres im Sinn. Du weißt es ganz gut, und widersetzest dich doch. Aber ich … ich kann nichts, als der Erde, auf der ich geboren bin. Gaben entlocken … Das kann ich aber auch ordentlich. Du aber hinderst mich, diese Fähigkeit auszunutzen.«

Er schwieg ein paar Sekunden, darauf setzte er hinzu: »Du suchst das Gesetz der Erhaltung der Kraft. Aber was du an mir tust, ist Verschwendung und Vergeudung meiner Kraft.«

Klaus Uhrhammer erwiderte kein Wort, er fühlte, daß Martin recht habe, aber alle ihm eingepflanzten, auf das Erhalten und Behalten gerichteten Bauerninstinkte zogen ihm die bessere Meinung unversehens unter den Füßen weg.

»Wenn du die Kraft von Altenhof erhalten willst«, wiederholte Martin, »dann gib mir die Stelle!«

Es war kaum zu hören, was Klaus erwiderte, aber er sagte: »Ich kann nicht.«

Martin sah ihn an und erkannte, daß Klaus die Wahrheit spreche, daß er wirklich nicht konnte. Da wurde er milder.

»Gut, du kannst nicht. Ich will nicht länger hart mit dir reden … so jung kommen wir nicht wieder zusammen, Bruder. – Nein, du kannst wirklich nicht. Ich muß mich nur recht besinnen, dann sehe ich ein, du kannst nicht. Daß ich das vergessen konnte. Ich muß mich erst mal umkrempeln.

Und darum will und darf ich nicht sagen, daß du nur deshalb für Gottes Ordnung eintrittst, weil Gott für dich und dein Recht streitet. Nein, es steckt dir wie ein Befehl im Blut, über den du nicht hinweg kannst. Du hast es ja auch nicht einmal aus dir selbst, du hast es nicht in deinen Kopf hineingeklütert: du hast es … ja, wir beide haben es vom Großvater und weiter hinauf geerbt.

Ich muß mich nur umkrempeln, dann verstehe ich dich ganz. Du bist ein frommer und getreuer Knecht nach deiner Weise. Ich will keinen Stein auf dich werfen, ich bin noch nicht in deiner Lage gewesen. Weiß ich, was ich selber täte? … ›Kremple dich um!‹ sage ich zu mir, wie der Papagei des alten Doktors.

Du siehst mich an und kannst aus dem Umkrempeln nicht klug werden. Es ist dir auch nicht zu verdenken. Es ist eine kleine Geschichte, ich will sie dir erzählen:

Ich bin mal mit fetten Gänsen zur Stadt gefahren. Die letzte verkaufte ich an einen alten Doktor, dem ich sie hinbrachte. Hast ihn vielleicht auch mal gesehn, jetzt ist er tot. Ein kleiner grauer Mensch, sah aus wie eine Nachteule, und trug eine blaue Brille. Er wohnte in der Straße hinter dem Provianthaus und war ein Sprachgelehrter oder so was.

Ich brachte ihm die Gans und sollte mein Geld haben. Er hatte aber kein Kleingeld, wir konnten nicht auseinander kommen. Er schickte sein Mädchen wegen Wechselns zum Krämer; ich mußte inzwischen in der Stube niedersitzen. Da kam ein junger Mann herein, wohl ein Schreiber vom Doktor oder so was. ›Herr Doktor‹, rief er, er war ganz hastig, und mit dem stolperte er über einen dicken Teppich und schlug im Vorwärtsfallen eine schöne Schale, die auf einem Pfahl oder Säule (so nennt mans wohl) stand und viel Geld gekostet haben mochte, die schlug er in Stücke. Da fuhr der Doktor auf, wurde zornig, schimpfte auf den jungen Menschen und nannte ihn einen Esel. Auf einmal rief eine scharfe Stimme hinter meinem Stuhl: ›Kremple dich um!‹ Ich erschrak fast und drehte mich um, da saß dicht hinter mir ein großer Papagei, wie eine grüne Nachteule, auf einem Stock … ›Kremple dich um!‹ rief er noch einmal.

Da fing der alte Doktor an zu lachen, streichelte den Vogel, nannte ihn seinen Joko, und sein Zorn war dahin. ›Ja‹, sagte er, ›kremple dich um! Das ist ein guter Rat. Das muß man immer tun, wenn man sich nicht mehr kennt. Ich habe erst vorige Woche etwas entzweigemacht, das mehr Geld wert war als diese Schale, und ich war daran mehr schuld als der da – und das Ding, ein Andenken an meine liebe Frau, hatte mehr Tränen gekostet, als dies Pfennige wert war.– Man muß sich immer an des andern Stelle fragen, ob man ein Recht hat, unwillig zu sein. Ja, junger Freund‹, sagte der alte Doktor und klopfte mir auf die Schulter. ›Ich habs den Vogel selbst gelehrt und ihn gezogen. Wenn es mal Ihre Umstände erlauben, kaufen Sie sich auch einen und machens ebenso. ›Kremple dich um!‹ muß er rufen und ›Kremple dich um!‹ muß jeder denken, wenn er zornig wird oder auch nur mal lauter spricht, als er gewöhnlich tut.‹

Nein, Klaus, du kannst wirklich nicht das tun, was ich von dir verlangte. Wenn ich mich genau besehe, dann weiß ich selbst nicht, was ich an deiner Stelle täte.«

7

Heinrich Matthiessen, seines Zeichens Buchhändler der Nachbarstadt, saß in seinem Laden und las. Die Haustür ging, Heinrich Matthiessen hielt es für den Klempner, nach dem geschickt war, ein Wasserrohr zu dichten. Es war aber ein besonderer Schritt, der Kommende stieß an die Stufe, die vor dem Laden war, und wäre beinahe gefallen.

Heinrich Matthiessen legte sein Buch weg und stand auf, den Kunden zu bedienen. Es war ein junger Bauer.

›Aha!‹ dachte Heinrich. ›Der Haustierarzt in allen Fällen, ich verdiene dabei zwei Groschen, auch gut.‹

Heinrich hatte ein kluges, durch blanke Brillengläser gehobenes Aussehen, er war gesund und frisch und rotwangig, sein Haar zwar im Ergrauen, aber noch voll, ein kleines Bäuchlein rundete sich unter seiner weißen Weste. Wenn Heinrich nach den Wünschen seiner Kunden fragte, legte er zwei nette weiche Hände auf die Tonbank. So tat er auch jetzt.

Der Kunde war zwar wie ein junger Bauer gekleidet, sah aber schmal und blaß und nach Stubenluft aus.

»Womit kann ich dienen?«

»Ich wollte ein Buch kaufen.«

»Da sind Sie an der rechten Stelle. Was soll das für ein Buch sein?«

»Ich will das Gesetz von der Erhaltung der Kraft.«

Heinrich Matthiessen konnte sich nicht gleich finden. Ein Bauer kommt und fordert von ihm das Gesetz von der Erhaltung der Kraft? »Was wünschen Sie?« fragte er noch einmal.

»Das Gesetz von der Erhaltung der Kraft«, wiederholte der Kunde.

Heinrich Matthiessen, noch immer verblüfft, sah sich den Mann genauer an. »Kennen wir uns nicht?«, fragte er. »Sind Sie nicht ein Uhrhammer von Altenhof?«

»Das bin ich.«

Der Klüterer-Klaus hatte, wie jung er auch war, in der letzten Zeit scharfe Züge bekommen, von der Nasenwurzel her lief eine Falte über seine Stirn. Er verbreitete Holzgeruch, seiner Haut fehlten überall die vollen, von Wind und Wetter hervorgerufenen Bluttöne. Nun stand er, das Gesetz von der Erhaltung der Kraft zu kaufen, in Heinrich Matthiessens Laden.

»Sie beschäftigen sich mit Maschinenbau, nicht wahr?«

Klaus Uhrhammer lachte bitter auf. »Ja«, antwortete er, »ich habe ein gut Teil meines Lebens verklütert, ich wollte eine Maschine erfinden, die, wenn sie erst in Gang gebracht ist, immerlos von selbst weiterarbeitet. Und nun habe ich gelesen und gehört, daß das gar nicht geht, daß das gegen das Gesetz von der Erhaltung der Kraft ist, und daß ich ein Narr gewesen bin, und das wollte ich gerne aus dem Grunde erforschen. Haben Sie das Gesetz von der Erhaltung der Kraft, wo man aus sieht, ob ich im Recht bin oder im Unrecht?«

Es war so, wie Klaus erzählte. Seine Maschinen und Schwungräder waren immer größer geworden, ganze Tage hatte der Dorfdrechsler mit ihm zusammen gearbeitet. Je größer die Schwungräder, um so größer die geheimnisvolle Kraftquelle, redeten sich die Bastler ein. Aber die Kraft sichtbar machen, sie gerinnen lassen, darum handelte es sich.

Aber bei seinen Arbeiten war unserm Klaus Uhrhammer beiläufig etwas gelungen, was nicht jeder konnte. Er hatte die Zurückführung der täglichen ländlichen Arbeiten, wie Buttern, Dreschen und Häckselschneiden, auf ein gemeinsames Triebwerk zustandegebracht. Windmühlenflügel sollten aus der Hausfirst ragen, bei starkem Wind hoffte er mit dieser Kraft auszukommen, bei weniger günstiger Witterung sollten Hilfskräfte angewendet werden. Er und sein Gehilfe hatten dazu ein sauberes Modell gemacht. Klaus legte aber nicht viel Gewicht auf diese Erfindung, das Modell stand in der Ecke der Klüterkammer. Es war zurückgeschoben; wichtiger als jede Einzeltat, unendlich höher war das andre, war das, was die Welt auf eine neue Grundlage stellen wird … war die neue, nur noch handfest zu machende Kraft.

Aber eines Tages war ein schmales Heftchen ins Haus geflattert, eigentlich nur ein paar Blätter, die den Titel führten: »Einiges über die Gesetze in den Vorgängen der Natur, volkstümlich dargestellt von Doktor Heinrich Huppert.« Klaus hatte das Heft gelesen und daraus entnommen, daß das, was er bezwecke, dem Gesetz der Erhaltung der Kraft zuwiderlaufe.

Er las und las sich um sein Glück. Hätte er weniger natürlichen Verstand gehabt, so wäre er vielleicht mit dickem, dummem Lachen darüber hinweggekommen. Bei ihm aber kam sein kluger Kopf darüber her, sah die Gründe, wog sie und sagte seinem Herrn, daß der Mann, der durch das Buch zu ihm spreche, was davon verstehe, daß die Sache mit der Kraft nicht so einfach sei, wie er sich vorgestellt habe, und daß das, was man Wissenschaft nenne, ein dabei in Betracht kommendes Ding sei.

Geradezu wie körperlicher Schmerz wirkte auf Klaus Uhrhammer eine Anmerkung, worin über die armen Narren gespottet wurde, die an dem durch das Gesetz von der Erhaltung der Kraft geradezu verbotenen Unterfangen, ein Perpetuum mobile zu erfinden, ihr Leben verzettelten. An den näher beschriebenen Phasen dieser Erfinderkrankheit erkannte Klaus sich selbst – Zug für Zug. Da war es mit seiner Zuversicht zu Ende. Er hatte das Gefühl, als wenn er an hoher Turmwand auf einem schmalen Brette stehe und das Brett unter seinen Füßen weiche.

Indessen noch hing er an einem Wandhaken seines Gerüstes … Er wollte das Gesetz von der Erhaltung der Kraft selbst kennen lernen, es selbst lesen. Vor allen Dingen – Wahrheit, Aufschluß, sei es auch in einem ihm durchaus unerwünschten Sinn. So war er ausgegangen, das Gesetz von der Erhaltung der Kraft zu kaufen und nicht eher nach Hause zurückzukehren, als bis alles klar sei.

»Ich habe gelesen«, wiederholte Klaus, »mein Unternehmen sei gegen das Gesetz von der Erhaltung der Kraft. Da will ich mehr von wissen.«

Dem Buchhändler war es bekannt, daß es so sei, wie sein Kunde vermutete, er mochte es ihm aber nicht sagen; er hatte Mitleid mit dem um seine Lebensgrundlage gekommenen Bauern. Er verschwieg, was er selbst kannte, und sagte nur:

»Ich glaube, ich habe etwas, das Ihren Wünschen entspricht«, und kletterte dabei die Trittleiter hinauf.

»Entschuldigen Sie«, fing Klaus Uhrhammer wieder an, »wie soll ich das eigentlich verstehen, das mit dem Gesetz von der Erhaltung der Kraft? Wer ist die Obrigkeit, die solches Gesetz geben kann, daß es nicht sein darf, was ich getan habe, und daß es in der Natur nicht gilt?«

Der Buchhändler stieg die Leiter hinab, ein Buch, ein gelb gebundenes, in der Hand.

»Ja, Uhrhammer«, antwortete er, »der Mann, der das Gesetz gibt, ist der, der alles erschaffen hat. Wenn es einen Gott gibt, dann ist es der liebe Gott. Und ›Gesetz‹ heißt in diesem Fall nur: die Gelehrten haben herausgefunden, daß es in der Natur so zugeht, nicht anders, als wenn ein unverbrüchliches Gesetz ausgegeben wäre. Die Gelehrten tun dasselbe wie Sie, Sie und die andern Gelehrten sind also Kollegen oder, wie Sie wollen, Meister derselben Branche. Der Unterschied ist vielleicht der, daß die Gelehrten ordentliche Lehrjahre bei unterrichteten Lehrherren durchgemacht haben. Sie nicht. Nicht wahr. Sie sind nach Ihrem eigenem Kopf gegangen?«

»Ganz und gar nach meinem dummen Kopf.«

»Übrigens«, schloß Matthiessen, »glaube ich, daß ich hier was habe, was Ihnen nützt.«

Er stäubte das Buch ab und las den Titel: »Das Gesetz von der Erhaltung der Kraft, in den Grundzügen gemeinverständlich dargestellt von Professor Doktor Markus Gosau.«

Klaus Uhrhammer nahm das Buch in die Hand und besah den Titel. Und als er den Titel besehen hatte, fühlte er nicht nur, daß es ihm zugehören, sondern auch, daß es einen neuen Lebensabschnitt für ihn bedeuten werde.

Er hielt das Buch in der Hand und sah immer wieder den groß und verheißungs- und verhängnisvoll gedruckten Titel. Und dann schlug er gleich um und fing an, die Vorrede zu lesen. Die Buchstaben bewegten sich, doch behielt Klaus im Gedächtnis, es könne nicht die Aufgabe einer Darstellung, wie die vorliegende sein, den Gegenstand zu erschöpfen. Aber so viel, wie ein Mann ohne Vorkenntnisse verstehen könne, so viel wolle er geben.

»Ich kann es Ihnen billig lassen«, bemerkte der Buchhändler, »es ist nicht ganz neu und doch so gut wie neu. Einen Banktaler nach altem Geld, zwei Mark zwei ein halb nach deutscher Reichsmünze. Wollen Sies mitnehmen?

Mitnehmen? Kaufen? Konnte das noch gefragt werden? Hatte er es denn noch nicht gesagt?

»Ja«, antwortete Klaus Uhrhammer. »Das versteht sich.«

Heinrich Matthiessen wollte es einpacken. Warum einpacken? Es mußte ja gleich wieder heraus. Es war doch zum Lesen da und nicht zum Eingepacktwerden.

»Da!« Klaus Uhrhammer legte einen preußischen Taler auf den Ladentisch, griff nach seiner Mütze und ging.

»Sie bekommen siebenundeinhalb Groschen wieder heraus.«

»Tut nicht nötig.« Klaus Uhrhammer strebte zum Laden hinaus.

Aber der dicke Buchhändler war schneller als der magere Bauer. Er lief ihm mit dem Geld bis zur Haustür nach. »Nein, das geht nicht, ist gut gemeint, aber schenken lassen wir uns nichts!«

Klaus Uhrhammer mußte die fünfundsiebzig Pfennige nehmen und war darüber sehr verwundert. Auf dem Dorf wies man Geschenke nicht zurück.

Er ging zum Tor hinaus, saß aber gleich, wo die Gärten aufhörten und die Straße nicht mehr so belebt war, auf einem Chausseebock und schlug Markus Gosaus Abhandlung über das Gesetz von der Erhaltung der Kraft auf. Aber beim Lesen kam ihm, was er übrigens erwartet hatte, die Überzeugung, daß er aus sich allein heraus den Inhalt nicht so verstehen werde, wie er müsse. Da standen Einleitungen, da kamen Ausdrücke, deren Sinn und Zweck er nicht faßte; vorläufig ging es noch rund mit ihm herum.

»Tag, Klaus!« sagte plötzlich eine Stimme. Das war der Kätner Siepen, Nachbar von Altenhof. Er hatte Geschäfte gehabt und war auf dem Heimweg.

Klaus war schon mit sich einig, daß er in der Stadt bleiben und Unterricht im Verständnis des Gesetzes von der Erhaltung der Kraft nehmen wolle. Detlev Siepen kam gelegen. Detlev Siepen erhielt Auftrag, in Altenhof zu bestellen, daß man ihn einstweilen noch nicht erwarten dürfe.

Dann ging Klaus zur Stadt zurück, um sich in seiner Herberge einzuquartieren.

Woher aber den Lehrer nehmen?

Erst dachte er an den Buchhändler, ging dann aber zum Zimmermann Ferdinand Rickers.

Rickers stammte aus seiner Heimat, hatte die Baugewerkschule besucht, war jetzt Zimmermeister, nannte sich Architekt und hatte ein gutes Geschäft in der Stadt. Zu dem ging er, und dieser sagte: »Ja, Klaus, da hast du ganz recht. Das mit deiner Erfindung ist Unsinn. Ich kann es dir wohl im allgemeinen sagen, aber wenn du es ganz aus der Tiefe erklärt haben willst, dann geh zum Baurat Peters.«

Klaus ging zum Baurat Peters, wurde zwar verwundert, aber freundlich aufgenommen und erhielt Unterweisung in den Grundbegriffen des Gesetzes von der Erhaltung der Kraft.

Das war doch anders, das ging leichter ein, als wenn man bloß las. Klaus begriff leicht, und die seit Wochen in ihm tobende Umwälzung wurde vollständig.

Ob er morgen wiederkommen dürfe?

»Gern!«

Eine ganze Woche ging er hin – ging, bis der Baurat sagte: »So, Uhrhammer, nun haben Sies; das andre können Sie im Buch nachlesen, nun wollen wir Schluß machen. – Wie alt sind Sie eigentlich?« setzte er hinzu.

Nachdem Klaus Antwort gegeben hatte, bemerkte der Rat, es sei freilich ein bißchen spät, aber gehen werde es noch immer. »Was halten Sie vom Maschinenfach? Wenn Sies noch lernten? Falls Sie sich dranhalten, können Sies darin zu etwas bringen.«

Klaus antwortete nichts, er hörte nur. und was er hörte, ging wie Posaunenton durch seine Seele.

»Es wäre schade, wenn Sies nicht täten«, fügte der Baurat hinzu. »Sie haben viel Talent zur Maschinentechnik.«

Auch der Baurat wollte kein Geld haben.

Als Klaus aus dem Stadttor ging, hatte er ein Buch über das Gesetz von der Erhaltung der Kraft und ein in Trümmer zerschlagenes Glück in der Rocktasche, daneben aber in der Seele eine Art Hoffnung für die Zukunft.

Sein Weg führte ihn an einem Wald vorbei, in dessen Dickicht ein allgemein für grundlos gehaltener Weiher lag. Nach diesem Tümpel zog es ihn hin. Er stieg über den Waldknick und brach sich durch ein Gewirr von Zweigen Bahn.

Du könntest … dachte er, aber er dachte den Gedanken nicht zu Ende. Noch war er nicht entschlossen, noch war nicht alle Hoffnung dahin, heute wollte er nur mal sehen, wie ruhig so ein Todesauge schaue.

Das Auge schaute aber eigentlich gar nicht, es war von grünem Entenflock überzogen, hatte wenig blanke, zur Tiefe lockende Stellen.

›Bißchen spät allerdings, aber es ginge immer noch, wenn Sie das Maschinenfach erlernten. Wenn Sie sich dafür entscheiden und sich dranhalten. können Sie es darin zu etwas bringen.'

So ungefähr hatte der Baurat zu ihm gesagt, er hatte es geglaubt, das heißt: nur halb geglaubt. Aber im Wald, im Angesicht des Entenflocks fing er an, fest daran zu glauben. Er las verheißende Worte überall … im Wald und am Himmel… mit großer Schrift in den Wolken, mit kleiner Schrift in den Baumkronen, ja sogar in der Algendecke des Tümpels.

Der Tag ging zur Rüste. Klaus Uhrhammer hatte nicht das Herz, als gestrandeter Erfinder nach Altenhof zurückzukehren. Das sollte in der Morgenfrische geschehen, wo er mehr Herz haben werde, für heute wollte er in der an der Chaussee gelegenen Herberge übernachten.

8

Es war an demselben Tage gleich nach Tisch, zu derselben Stunde, als Klaus Uhrhammer mit dem Gesetz von der Erhaltung der Kraft aus dem Stadttor gegangen war.

Jürn Alpen wollte eben nach der Buschkoppel gehen, wo seine Leute zur Brache pflügten … da stieß er auf der Stubenschwelle mit seiner Braut zusammen. Sie sah bleich und ernst und entschlossen aus.

»Na nu?«, fragte Jürn. »Na nu, was ist denn?«

»Ich habe mit dir zu reden«, antwortete sie.

»Komm!« Er kehrte um und ging in die Stube zurück.

Die sogenannte neue, die gute Stube war durch eine Kammer von dem Wohnzimmer getrennt. Nach der neuen Stube, durch die Kammer hindurchschreitend, führte Jürn seine Braut. Die Fensterluken der neuen Stube waren zwar vorgelegt, ließen aber nach oben eine Spalte frei. Es webte Stille in dem Raum.

»Du bringst doch nichts Schlimmes, Elsbe?«

Die mit den Sparkassengeldern angeschaffte Einrichtung war schon im Zimmer, stand aber noch etwas wild an den Wänden umher. Elsbe lehnte sich leicht an den neuen Sofatisch.

»Ich komme, Jürn, dich zu bitten, wie ich schon mal getan habe: laß mich frei … ich kann deine Frau nicht werden.«

»Elsbe!«

»Du weißt, wie ich mit Martin stehe. Mutter ist mir entgegen gewesen, aber sie wird es nicht mehr sein, wenn ich mit dir quitt bin. Am besten ist es, du tust bei ihr, als ob es von dir komme. Du magst mir Schandtaten andichten, die du willst: es soll alles wahr sein …«

»Elsbe!«

»Ja, Jürn – und … und wenn du es auch nicht tust, deine Frau kann ich doch nicht werden!«

»Elsbe!« rief Jürn Alpen zum dritten mal. »Was redst du da? Das ist ja Unsinn, das ist ja gar nicht möglich. Kannst dich ja bloß umsehen … die Dinge um dich her … alles sagt, daß es Unsinn ist. Da die Aussteuer, die steht hier in der Stube … da das Sofa … da der Sekretär … da die Stühle … da der Eckschrank … und das und das … Übermorgen ist Polterabend und überübermorgen Hochzeit.«

»Jawohl«, murmelte die bleiche Braut. »Übermorgen und überübermorgen … es wird hohe Zeit.«

»Elsbe, ich frage wieder, bist du bei Trost? Du hast mir doch zugesagt. Ein Eheversprechen gibt man doch nicht, um es ein paar Tage vor der Hochzeit zu brechen!«

»Das ist wahr, ich habe es gesagt, das habe ich getan. Aber du weißt, wie ich dazu gekommen bin. Du weißt, wieviel auf dem Schein stand, um den du mich kauftest.«

Jürn Alpen schwieg.

»Ich glaube«, fuhr Elsbe fort, »viertausend standen darauf; aber das, was du dafür gegeben hast, wird wohl nicht viel über einen Judaslohn hinausgegangen sein.«

Jürn Alpen wurde zwar rot und innerlich zornig, blieb aber äußerlich in Fassung, als er antwortete: »Wie viel ich dafür gegeben, geht niemand was an. Mir gehörte er zu, ich hatte zu fordern, was drauf stand. Leider war ich so dumm, ihn in Bräutigamslaune zu zerreißen, als du, die du nichts hattest und nichts warst, dich endlich, endlich dazu verstandest, Bäurin von Dückerswisch zu werden.«

»Für einen Dummkopf habe ich dich nie gehalten, Jürn; du wußtest ganz genau, was du tatest, als du das Papier entzweirissest. Es ist ja nie was anderes wert gewesen, als zerrissen zu werden.«

»Du willst damit sagen, Elsbe?«

»Damit will ich sagen, Jürn, daß es ein Spielwechsel gewesen ist, den mein armer Vater unterschrieben hat, und daß du es ganz gut gewußt hast, was du in der Hand hattest. Ja«, fuhr sie fort, »so betört man ein armes Mädchen, so bringt man sie um ihre Liebe, so erhält man ihr Wort. Damals wußte ich es noch nicht, jetzt habe ich herausgekriegt, wie es mit dem Schein zusammenhing, und habe mich bei Leuten, die etwas davon verstehen, erkundigt; nun weiß ich, daß Spielschulden keine Schulden sind und daß sie vor Gericht nicht gelten.«

Der Bauer von Dückerswisch ging aufgeregt in der Dämmerstube auf und ab – Elsbe verharrte unbewegt. Ein paar mal blieb der Bräutigam vor ihr stehen und drohte sie mit seinen Augen an. Er war lange nicht in so dringender Gefahr gewesen, seine Ruhe zu verlieren. Das war er nicht gewohnt, und deshalb war er beim Auf- und Abgehen tapfer dabei, seinen Zorn und seine Aufregung zu dämpfen. Zorn und Aufregung empfand er als etwas seinem Wesen Fremdes, als etwas Unkluges und Unzweckmäßiges. Es dauerte denn auch nicht lange, da hatte er es abgestoßen, da war er wieder der alte Jürn, dessen Ruhe allgemein bekannt war … Er konnte sogar lächeln.

»Elsbe«, sagte er und stand mit wohlwollendem und gemütlichem Gesicht vor seiner Braut. »Liebe, da führen wir was auf, was wir eigentlich andern Leuten überlassen sollten. Es kommt ja doch nichts danach und kommt nichts dabei heraus. Wir wollens mal vernünftig bereden. Was du da sagst, das geht nicht, ist nicht überlegt, im Grunde daher auch nicht dein Ernst … Nein, Elsbe, das geht nicht, und das wirst du mir nicht antun. Ich will nicht von dem Unrecht sprechen, das du mir zufügtest, ich will von dem Schimpf reden, den du auf uns lüdest … Übermorgen Polterabend, dann Hochzeit … die Gäste geladen … der Hochzeitsbitter herum … die Aussteuer angeschafft … der Pastor bestellt … wir vierzehn Tage im Kasten gehangen … von der Kanzel heruntergekommen … viel schönes Geld gekostet … die ganze Gegend voll von unsrer Hochzeit … und da … auf einmal alles aufheben …: die Brautleute haben sich veruneinigt? – Nein, Elsbe, das geht nicht, das ist ganz unmöglich. Das würde ja ein Aufsehen und einen Aufstand geben, wie er noch nicht dagewesen ist. Das wirst du nicht machen, das wirst du uns nicht nachsagen lassen, das zu denken ist unmöglich. Es mag ja sein, daß du was von Martin gehalten hast und noch an ihn denkst … Du bist jung, warum solltest du nicht? … Das kommt alle Tage bei Bräuten vor … Und hat nichts zu sagen. Früher hast du dich darin gefunden gehabt, Frau auf Dückerswisch zu werden, nun aber, wo der Tag naherückt, da fliegt es wieder auf.« Jürn machte eine den Gedankenflug andeutende Bewegung des Handrückens nach der Zimmerdecke zu. »Es kommt«, fuhr er fort, »wieder auf, aber glaube mir, es ist nichts. Es ist, wie die weißen Wolken sind, die an Sommertagen am Himmel kommen und gehen, man weiß nicht wohin.«

Jürn Alpen schwieg einen Augenblick, das Gesicht seiner Braut zu prüfen. Es blieb aber ruhig und entschlossen wie zuvor. Da fing er wieder an: »Sieh, ich bin älter als du und auch älter als Martin. Ich denke anders, ich spreche anders als ihr, das macht die Erfahrung. Da kannst du nicht gegen an. – Nun denkst du hin und denkst her, aber das gibt sich, Kind.«

Jürn faßte sie am Kinn: »Wenn ich dich erst hier habe, wenn du erst hier schaltest und waltest in Küche und Keller und über Mädchen befiehlst, wenn du unserm Töchterchen nur erst nähergekommen bist, wenn ich dich nur erst ein paar mal im Arm gehabt habe …«

Als Jürn das sagte, zog Elsbe seine Hand von ihrem Kinn hinweg. Jürn Alpen wollte dies nicht bemerken, jedenfalls nicht beachten, er sprach ruhig weiter: »Ja, wenn das alles erst da ist, dann wirst du deinen Mann gegen Martin Uhrhammer nicht eintauschen wollen. Und dann kommt es doch nicht nur auf den Mann an, es kommt auch darauf an, was er ist und was er hat. Und da hab ich doch was andres unter den Füßen als Martin … Die Stelle kriegt Martin nicht, und was ist dann überhaupt auf Altenhof los? Schulden … und wieder Schulden … Schuld und Sch… wie man so sagt. Da ist es bei mir anders, und ist doch gewiß nicht zu verachten … So wie du zu sitzen kommst, sitzt keine Frau im Kirchspiel. Peter Bauervogt prahlt wohl, als ob er das meiste Geld habe … Es ist aber nur Prahlen, Elsbe … Die reichste Bäuerin im Kirchspiel wird meine Frau.«

»Jürn«, entgegnete Elsbe Wulffen harsch, »du siehst die Sache so an. Ich sehe sie anders an. Ich kann deine Frau nicht sein.« Nach einer Pause kam es milder: »Du hast gewiß gute Seiten, in gewissen Dingen hast du, ich will es glauben, auch Herz. Ich wende mich an den guten Jürn … Jürn, gib mich frei!«

Jürn Alpen antwortete kein Wort, aber ein »Nein!« stand in seinem Gesicht geschrieben.

»Ich sehe, du willst nicht. Jürn, als ich herging, konnte ich mir nicht denken, daß du ein Mädchen würdest halten wollen, das einen andern liebt, eine nehmen wolltest, die dich nicht mag und es dir sagt. Ich dachte, er wird dich schlagen, er wird dich mißhandeln und zur Tür hinauswerfen. Das hoffte ich, dann wäre alles aus gewesen. Aber du schlägst mich nicht, du schimpfst nicht einmal, dafür bestehst du auf meinem Wort. Und da du so bist, so muß es sein, was ich sagen will. Ja, da muß ich ein Wort sagen, das mich sicher frei macht. Ich hätte es gern für mich behalten, aber ich sehe, es geht nicht anders. – Jürn«, sagte sie und trat dicht vor ihn hin, »du glaubst, ein reines Mädchen zu freien, das ist nicht wahr, ich bin es nicht.«

Als Elsbe Wulffen das gesagt hatte, da flammte in seinem Auge etwas auf, was man für Empörung halten konnte. »Das ist stark«, erwiderte er. Es übermannte ihn sogar. »Pfui! Braut und das?«

»Nein, Jürgen, lügen will ich nicht darum. Solange ich mit dir versprochen gewesen bin, habe ich mir nichts zu, schulden kommen lassen … Martin hat mich aber von Hans Jägers Jort nach Hause gebracht.«

Fürn Alpen wurde wieder ruhig, ging in der Stube auf und ab und trat dann vor Elsbe hin. »Nun muß ich dich was fragen«, begann er ernst.

»Sprich!«

»Und wenn es zwischen uns trotzdem beim Alten bliebe, würdest du mir was ins Haus tragen, etwas, das mir nicht zugehörte?«

»Jürn, ich wollte, ich könnte ›ja‹ sagen. Leider darf ich nur ›nein‹ antworten.«

Der Bauer maß noch einmal die Länge der Stube. »Wenn die Sache so ist, Elsbe, dann kann ich in dem, was du gefehlt hast, nichts sehen, was dich unwert machte, meine Frau zu werden. – Und nun Elsbe, denke ich, brechen wir ab. Nimm mirs nicht übel, ich muß nach der Buschkoppel.«

Die nach der Hausdiele führende Stubentür war zugeschlossen. Jürn hatte sie aufgemacht und war schon draußen.

»Jürn«, rief Elsbe hinter ihm her, »ich will aber nicht!«

Jürn Alpen hörte nichts mehr, er schritt schon über die Dielenschwelle ins Freie.

9

»Wir nehmen die Schimmel«, erklärte Martin, »reiten kannst du ja ganz gut, das bringt uns rascher und heimlicher aus dem Dorfe als Fuhrwerk. Morgen früh halb vier halte ich bei der Sternkate am Drehkreuz hinter den Tannen. Die Pferde stellen wir in Hamaschen bei Gastwirt Ihmsen ein, von Altona aus schreiben wir alles … Klaus ist noch nicht zurück, das ist mir in gewisser Hinsicht lieb, ich lege ihm einen Zettel hin. Mit deiner Mutter scheint mir, machst dus ebenso. Es ist ja nicht auf ewig. – Punkt halb vier halte ich mit den Schimmeln im Redder hinter den Tannen vor dem Drehkreuz.«

Ihr Entweichen hatte etwas von Flucht an sich … man kann es geradezu so nennen. Sie ritten eine abgelegene Straße hinter dem Wiesenweg um die sogenannte Kirchhofskoppel herum. Auf diese Weise trafen sie keine andre Wohnstätte als Kühls Instenkate.

Es war ziemlich dunkel, der Tag graute kaum, und die Luft hing voller Rauch und Nebel. Bei der Kirchhofskoppel brach ein Tier aus dem Knick und sprang in großen Sätzen davon. Die Pferde scheuten, Martin aber zwang nicht allein seinen Gaul, sondern brachte auch des Mädchens Roß mit raschem Griff zum Stehen. Und in demselben Augenblick löste sich im Dorf der erste Hahnenschrei.

Die Flüchtlinge sprengten weiter … sie dachten … der eine an Klaus … die andre an die Mutter … und dachten an den Schreck, wenn die die Zettel fänden … Dem Mädchen ziehts wie Frostschauer durch die Glieder.

Aber nun ist alles vorbei … Sie sind schon bei der Brücke. Martin stieg ab und gab Elsbe die Zügel. »Behalt einen Augenblick!« sagte er. »Ich will sehen, ob wir nicht hinüberklettern können. Können wir, dann lassen wir die Schimmel nach Hause traben und gehen zu Fuß.«

Er drückte sich durch das Lattenwerk (die Bauleute waren noch nicht da) und tappte vorsichtig die Bohlen entlang. Das Geländer war weg, eigentlich waren nur noch Balken da, überall klaffende Lücken; einige mal mußte er weit ausschreiten, Löcher zu nehmen, bei dem vorletzten Pfeiler gähnte ihn die breite Leere an. Der Strom drängte sich schwarz und unheimlich, leise brodelnd und drohend, an dem steilen Faschinenufer hin.

»Das geht nicht« erklärte Martin, als er durch die Latten zurückgekrochen kam. »Das geht nicht, wir reiten über Todendorf.« Wortkarg ging es weiter, immer an der Höhe hin. Die breiten Nebel, die auf den feuchten Wiesen lagen, begannen sich von der Nacht zu trennen – der Weg, den die Reiter verfolgten, lag in höherer Ebene … so übersahen sie die ziehenden, die wogenden Wellen.

Bei Bockhorst, einem Hof nicht weit vor Todendorf, ist ein schmaler Nebenarm der Au durch ein Steinsiel überwölbt. Den Reitern war bis dahin noch keine Spur wacher Menschen aufgefallen, die Leute von Bockhorst aber hatten die Augen aufgetan. Ein alter Knecht ging schläfrig in Holzstiefeln über den Hofplatz und sah staunend die Schimmel und ihre Reiter. Stumm blieb er so lange, wie nötig war, die Erscheinung seinem Verstandeskasten zu übermitteln und Anweisung daher zu empfangen. Dann rief er: »Hoi!« und winkte mit der Hand.

Die Reiter hielten an. Da ging er langsam bis zum Hektor und fragte: »Nu, wohin mit der Mamsell zu Pferde, wenns erlaubt ist zu fragen?«

»Nach Todendorf und Seefeld.«

»Da kommt ihr nicht durch.«

»Warum nicht?«

»Da ist die Artillerie zu Gange.«

»Der Weg ist ja nicht gesperrt!«

»Jawohl ist er gesperrt.«

»Hat unser Bauernvogt nicht gemeldet.«

»Da kann ich nichts über sagen, aber gesperrt ist er.«

»Das wäre der Teufel!«

»Da kann der Teufel auch nichts an ändern.«

»Wahr oder Spaß?«

»Spaß? Ist das Spaß?«

Vor ihnen auf der Heide blitzte ein Feuerstrahl auf. Ein Knall … ein Geräusch … Pfju–u–u! Das Einschlagen eines scharfen Geschosses.

»Verdommig!« fluchte Uhrhammer Unteroffizier der Artillerie. »Teufel nochmal – das kenne ich, die schießen scharf.«

B–pfju–u!

»Verdommig!« wiederholte Martin Uhrhammer. »Da können wir nicht durch.« Es krachten ganze Salven.

»Sollst Dank haben«, sagte Martin zu dem Knecht.

Sie ritten zurück, und als sie den Hof hinter sich hatten, fing Martin an: »Durchs Dorf, und dann den Langweg längs, das geht nicht. Elsbe… hast Mut?«

»Solang du bei mir bist, Martin, einen ganzen Berg.«

»Dann reiten wir durch den Hechtsee.«

»Hechtsee?«

»Hast Bange, Elsbe?«

»Nicht für zwei Schillinge.«

»Denn man los!«

Da trabten sie in der Richtung nach dem Hechtsee – ein donnerndes Manövergefecht im Rücken.

Der alte Fährdamm wäre fester gewesen als der Richtweg am Austrom längs über die Wiesen. Der ging über Moorboden und dünne Grasnarben, jetzt war er durch Regen aufgeweicht. Die Durchbrenner wählten aber doch, um rascher fortzukommen und weil er einsamer war, diese Straße.

»Büst bang, Elsbe?«

»Garni, Matten!«

Sie trabten rasch – rechts flogen und links flogen und über die Kopfe der Reiter flogen Schmutz und Rasenstücke.

»Kannst dich halten, Elsbe? Wenn du fühlst, daß du schief kommst, dann faß Lott in die Mähnhaar!«

»Ich kann mich halten, Matten.«

Jeden Augenblick fragte Martin: »Büst bang, Elsbe?« Und immer antwortete Elsbe: »Garni!«

Zu ernten war auf den Wiesen nichts, Kühe und Jungvieh noch nicht da, Hecken und Tore überall offen, und alles flach und grau und leer.

Der Wind war aufgekommen, der Nebel zerrissen, verjagt. Aber alles war flach und feucht und grau und einsam.

»Sieh, Elsbe«, bemerkte Martin und zeigte auf ein Segel, »da ist die Eider.« Der Wimpel regte verdrossene Flügel und Falten, ein Segel rollte auseinander – aber es war grau wie die Welt ringsumher.

»Elsbe, siehst du – ein bißchen rechts – da steht die Eiche, und die Binsen sind auch dabei.«

»Ich seh, Martin.«

»Und weißt du, was das ist?«

»Das ist der Hechtsee.«

»Elsbe, hast Bange?«

»Gar nicht, lieber Martin.«

Der Austrom schlängelte sich bald nah, bald fern. Und wenn er nah war, dann sah man den dunklen trägen Strom. Er hat wenig Gefälle, hat immer was Lässiges und Faules und immer was Düsteres. Er fließt und quillt über Morast und Moor. Es ist eine träge und doch eine große Gewalt, eine in ihrer schleimigen Langsamkeit unheimliche, nach dem Hechtsee hinstrebende Gewalt… Nun fiel auch der Wind in des Stromes Binsenrahmen ein. ›Ein tolles Stück‹, rauschte er, ›bei dem Wetter durch den Hechtsee zu reiten.‹

Martin und Elsbe ritten weiter und hielten bald auf Hans Horns Bultwiese bei dem kleinen Eichbaum. Die Kanonenschläge fielen seltener, sie unterstrichen aber ein Infanteriegeknatter, das wie Klappbüchsenschüsse einer Knabenschlacht herüberdrang.

Falkenstein sah man kaum, und von dem Scheuerpfahl am andren Ufer gar nichts. Martin Uhrhammer war abgestiegen und hatte einen Eschenschaft aus Hans Horns Bultenwiesenhecktor gezogen. »Den nehme ich mit, da haben wir was zum Vorfühlen.«

Martin Uhrhammer stand und hielt die Stange in der Hand. Es war der erste ruhige Augenblick.

Zum ersten mal sah Martin nach Altenhof und nach seinem Dorf zurück. Im Osten kam ein Lichtschein auf und bestrahlte das von der Höhe weich herabfallende, hinter dem Dorf belegene Waldgehege. »Elsbe, dreh dich mal um!«

»Warum, Matten?« Sie tat aber, wie Martin gesagt hatte.

»Wie ist der Wald so schön, Elsbe!«

»Ja, Matten, das sag man mal.«

»Und die Häuser all. Der große Knäuel ist Altenhof, links etwas höher ein Tüpfel … das ist euer Haus … Nun weiß es die Mutter, und auch Klaus weiß es, wenn er nach Hause gekommen ist.«

»Ja, Martin.«

»Sieh noch mal hin, es ist vielleicht das letzte mal!«

»Ja, Martin.«

»Wolln wir auch lieber hier bleiben, Elsbe?«

»Man ja nicht, Matten!«

»Denn man zu.«

Martin stieg aufs Pferd, das Eschenholz behielt er in der Hand. Und dann ritten sie hinein.

Und als die Rosse die ersten Wasserspäne aufwarfen, fragte Martin noch mal: »Büst bang, Elsbe?«

»Nä, garni!«

»Elsbe, das Wasser ist höher, als ich gedacht habe.«

»Das macht nichts.«

»Denn man rein!« Er auf dem flüchtigen Handpferd, Elsbe auf dem frommen Leitpferd.

Sie ritten hinein und der Wind jagte hinter ihnen her. Da sonnten sich keine Weißfische und keine Gründlinge im seichten Binsenwasser, und kein Hecht schoß mit langer, hurtiger Welle ins Weite. Aber weiterhin (es klang weit her), da hörte man wilden Vogelschrei, und in den Binsen sah man die Köpfe eines sich auf dem Wasser wiegenden Entenvolks.

Sie ritten hinein und der Wind jagte hinter ihnen her. Und Schilf und Binsen gaben ihren Rat und ihre Meinung dazu. Alle bückten sich, kamen wieder hoch, um sich noch tiefer zu neigen. Ein Schilfbeet gab es dem andern kund, und in kurzer Zeit rauschte um den ganzen Hechtsee her die Mär, ein junger Bauer und sein Mädchen reiten hinein, um auf den Wurzeln der Sandadern durch den See zu kommen.

»Den Grund kann man nicht sehen. Da muß ich fleißig mit dem Reck vorfühlen«, bemerkte Martin. – »Elsbe, guck nach dem Grasfleck aus, da müssen wir hin! – Elsbe, im Grassteck warst du so lieb gegen mich.«

Elsbe wurde rot. »Es war nicht im Gras«, sagte sie, »es war etwas dahinter.«

Langsam ging es weiter. Ein paar mal kamen sie durch tiefe Stellen und kriegten nasse Füße. Martin hatte immer gerufen: »Elsbe, zieh die Füße hoch und hol die Röcke nach!« Es war aber zu plötzlich gekommen, nun hatte sie die Füße naß. Seine Stiefel waren dicker. »Schröder-Ohm soll trockene Strümpfe geben«, tröstete er.

»Nun haben wirs, da ist unser Grasfeld, nun reiten wir ganz leise und ganz vorsichtig … ganz sachte … so ganz pe-a-pe … hinein.«

Und als sie mitten drin steckten, drängte er sein Pferd an Elsbe hinan. »Hab mich lieb!« befahl er.

»Es ist gar nicht das richtige Gras«, protestierte Elsbe.

»Das ist einerlei.« Da bekam er. »Mehr!« befahl Martin Uhrhammer. Da bekam er wieder. Er bekam noch ein paar mal. »Nun ists genug!« entschied Elsbe.

Sie ritten weiter. »Martin«, rief Elsbe plötzlich, »es war wirklich nicht das richtige. Sieh links … ein bißchen zurück… da liegts!«

»Ich glaub, du hast recht«, erwiderte Martin.

Die Schimmel wollten weitergehen, wurden aber ängstlich und schnoben.

»Guck, Martin, am Ufer sind Leute!«

Martin sah hin, Hand über die Augen. »Hast wieder recht. Und ich müßte mich sehr irren, wenn das nicht Kassen und sein Sohn Peter wären.«

»Sie zeigen nach links, wir sollen links reiten.«

»Gut – also links.«

Martin trieb Fanny an und fühlte mit der Eschenstange vor. Aber Fanny war unsicher, und die Stange ging ins Unergründliche. »Dann hilft das nicht.« Er stieg ab und stand bis zur Hüfte im Wasser.

»Martin, was machst du?«

»Geht nicht anders. – Kassen-Ohm muß uns was Trockenes geben. Ich geh mit der Stange voran. Mir nach, Elsbe, immer mir und meinem Schimmel nach! Ich führ mein Pferd am Zügel. Wo ich hinfühle, ist Grund. Und zieh die Füße und Röcke hoch! – Wir reiten auf einem ganz schmalen Strich. Links geht es schräg ab, rechts steiler. – Sieh mal, wie das Wasser brodelt … da nicht hinein! – Aber, wenn das Ärgste geschieht, wenn Lotte ins Schwimmen kommt, dann fest in die Mähne greifen, noch besser um den Hals klammern, sonst treibst du ab!«

Und wieder hielt Martin still. »Elsbe, ich mag es so gerne hören; es ist vielleicht das letzte mal. Hast mich lieb?«

»Für tausend Taler, Jung.«

»Und bist bang?«

»Nicht fürn Dreiling.«

Kassen-Ohm und Peter zeigten noch immer. Sie wiesen jetzt nach dem andern Ufer hin, riefen auch was. Martin sah hin, wo sie hergekommen waren, Elsbe auch. Da sahen sie – weit weg, am heimischen Ufer, da stand jemand. Der winkte und schrie etwas herüber. Der Wind brachte aber nur Verhallendes.

Es war der Klüterer. Er stand auf Hans Horns Bultwiese bei der Eiche. Und die Binsen schüttelten darüber, daß Klaus Uhrhammer seinem Bruder nachrannte, die Köpfe, noch mehr darüber, was der Klüterer, der Bastler, über den See hinausschrie.

Er rief: »Martin!« rief er, »Elsbe!« rief er, »komm zurück! Ihr sollt Altenhof haben. Ihr sollt alles, alles haben! Ich suchte das Gesetz von der Erhaltung der Kraft, ihr seid für Altenhof die Quelle der Kraft. – Ihr sollt alles haben, laßt mich nur nicht allein! Was soll ich mit dem Hof, wenn ihr nicht da seid? Was frag ich nach dem Hof? Ich will nicht ackern, ick will nur klütern und grübeln und erfinden. Der Arbeiter ist seines Lohnes wert. Und du allein, Martin, du allein arbeitest, du allein hast den Hof verdient. – Was tu ich mit dem Gesetz, was mit dem Anerbenrecht? Das bringt mir keine Liebe, das kocht mir keine Suppe, das Gesetz schafft mir kein Behagen, baut mir keine Klüterkammer. Was geht mich die Ordnung mit dem Anerberecht an?«

So rief Klaus, einiges laut über das Wasser, anderes still in sich hinein.

Und das nicht allein. Klaus Uhrhammer rief weiter: »Ich liebe dich, Bruder! Ich liebe auch dich, die du die Frau meines Bruders sein wirst! Hier steh ich, ein armer Klüterer, der sich nicht zu helfen weiß. Martin, Elsbe, kommt zurück!«

»Sollte das nicht Klaus sein?« fragte Elsbe. »Hör mal: ist nicht, als ob er nach uns riefe?«

Martin und Elbe horchten.

Und wie beide horchten und nicht auf die Pferde acht gaben, geriet Elsbes Schimmel in den tiefen, treibenden Priel. Martin hörte einen Schrei … sah hin … sah nur Kopf und Hals des schwimmenden Pferdes, von der Reiterin sah er nichts. Da ließ auch er die Zügel und tauchte in den Strom, seine Braut zu suchen.

Kassen-Ohm stand am Ufer und wußte nicht, was machen. Er konnte nur seufzen und klagen: »Herr Jeeß, Herr Jeeß, sie sind in die große Kuhle gekommen, sie vertrinken vor unseren sichtlichen Augen!« Der Junge aber sprang ins Wasser und watete auf die Unglücksstelle zu. »Vater«, rief er diesem zurück, »das hat nichts zu sagen, Martin war der beste Schwimmer bei unserer Kompagnie, er wird sie schon kriegen. Sieh mal, er hat sie schon. Da kommt er mit ihr angeschleppt.« – »Hierher«, schrie er ins Wasser hinein… »Ich helf tragen!« Und zu dem Alten: »Vater! Geh nach Haus, es müssen Betten warm gemacht werden.«

10

Und im September desselben Jahres rollte der gelbe Kastenwagen aus dem Hoftor von Altenhof – die Schimmel an der Deichsel.

Die Schimmel sind guter Dinge, sie spielen, beißen einander in die Mähne … die drei Menschen im Wagen sind aufgeräumt und lachen und sprechen.

Bei Jochen Bocks Kate hängt der Sohn von Nachbar Vollert im' Pflaumenbaum und füllt sich die Blauen in die Tasche. Martin droht mit der Peitsche und lacht dabei, der Wagen springt von einem Steinkopf auf den andern.

Jochen Bocks Teckel bellt an den Speichen, nun kommt auch Vollerts mächtiger Hofhund – überlegen, würdig, ruhig. Er sagt zweimal »Wau! Wau!« und läßt dann Wagen Wagen sein, beriecht einen Binsenbüschel und tut dem Büschel darauf eine Ehre an, die dieser ein paar mal am Tage von ihm zu erfahren pflegt. Zum Schluß macht er, hochmütig in die Wolken blickend, dem Büschel von hinten her hochmütig Kratzfuß und Aufwartung.

Martins junge Frau Elsbe geborne Wulffen und Fritz Uhrhammer sitzen im zweiten Stuhl. Wer? Jawohl, Fritz, der Fabrikant vom Rhein, der kleingewachsene, aber großgewordene Fabrikant. Er ist unlängst in die Polterabendherrlichkeit hineingeschneit. (Was hat er für einen schönen braunen, weichen Bart und was für ein großstädtisches Gesicht!) Er war auf der Rückfahrt von Schweden, von Malmö kam eine Depesche … am dritten Tag war er selbst da.

Hinter Vollerts Haus hörte der Knüppeldamm auf, der Wagen fällt in einen weichen, stillen Sand.

»Hast mit Klaus gesprochen, Fritz?«

»Ja, Elsbe.«

»Wollte er nicht mit?«

»Nein, gab vor, bei seinen Rädern zu tun zu haben.«

»Ist denn da noch was mit los? Ich meinte, damit sei er fertig.«

»Ist er auch … Ich habs ihm auch noch mal gesagt. Aber er scheint was mit der Haushaltungsmaschine vorzuhaben.«

»Haushaltungsmaschine? Du meinst das Ding, das auf dem Bort steht? Es ragt wie eine Windmühle aus der Dachfirst.«

»Dasselbe.«

»Mit der Windmühle will er buttern und Häcksel schneiden und dreschen und alles, sagt Martin.«

»Das will er.«

»Ist denn da was dran? Wird es gehen?«

»Obs gehen wird, das heißt, ob die regelmäßige Windkraft ausreicht, das kann man nicht sagen. Übrigens sind ja auch Hilfskräfte vorgesehen. Und ob es die Kosten lohnt … und das alles … das muß man erst berechnen und schließlich probieren. Technische Fehler sind nicht drin, es wird also, wenn man alles dransetzt, gehen. Der Gedanke ist auch nicht neu, es ist das Gleiche schon von vielen versucht worden – insofern also Altes. Aber der Plan, die Art, die Ausführung, die Idee, das ist was Originelles, was durchaus Neues. Da kann er gleich ein Patent darauf nehmen. Das konnte nur einer fertig bringen, der von Haus aus viele Anlagen dazu hat.«

»Was du sagst!«

»Martin war dabei, als wir darüber sprachen. Ich habe ihm alles auseinandergesetzt, es schien Eindruck zu machen… Der Baurat hat es ja auch gesagt, Martin meinte auch, er solle es tun.«

»Was tun, Schwager?«

»Ich habe ihm vorgeschlagen, mit mir zu kommen und mir seine weitere Ausbildung zu überlassen. Die Maschinenbauerei muß er natürlich von Grund aus erlernen, wie ich auch getan habe. Daneben muß er die Fortbildungsschule und die Fachschule besuchen und schließlich an der Hochschule hospitieren. Und dann muß man weiter sehen.«

»Sollte das gehen?«

»Warum nicht gehen, Elsbe?«

»Klaus ist einundzwanzig,«

»Was sagt denn das? War ich jünger, als ich in die Welt ging?«

»Ob er es wohl tun wird?«

»Schwägerin, es ist eine Wegscheide, da führen die Straßen schwerlich wieder zusammen, man kann kaum noch zurück. Das sind Entschlüsse, da drängt man sich nicht auf. Er will sichs überlegen, hat er gesagt. Aber ich hoffe, er wird es gründlich tun und dann ›ja‹ sagen.«

Martin drehte sich im Wagenstuhl um. »Wenn ich meinen Klaus recht kenne«, fiel er ein, »dann ist er schon in sich fertig … er braucht nur noch Zeit, zu überdenken, wie er es sagen will und soll. Da ist er eigen in … Bloß sagen, das langt nach seiner Ansicht nicht, es muß bei ihm immer ein Tun dabei sein, das da ein Siegel aufdrückt. Fritz, er wird mit dir gehen!« Der Sprecher hob die Peitsche und ließ die Schimmel traben. »Er wird mit dir gehen, Fritz, da kannst du sicher sein«.

Erst ging es nach der Brücke, die der Fabrikant bewundern sollte, dann an der Au längs nach dem Hechtsee. Von der Brücke sagte Fritz nichts weiter als: »Gut gemacht, aber alte Konstruktion.« Ob Klaus später auch wohl so was fertig bringe? »Nun, das wäre denn wohl nichts Besonderes.«

Der Austrom wiegte sich hin und wiegte sich her, und wenn er nahe war, dann leuchteten ernst und weiß, seltener golden, die kühlen Wasserrosen auf.

»Ich sehe sie gern«, bemerkte Elsbe, »in stehenden Tümpeln wachsen sie nicht.«

»Sie tauchen nur aus reiner Welle auf«, bestätigte der Fabrikant.

Auf die kleine Gesellschaft legte sich die Stimmung der Einsamkeit. Die Tagessorgen ausgeschaltet… etwas wie Vogelfreiheit in der Seele … Königsgefühl . … nur der Himmel über ihnen … Menschenrechte hingeworfen … Himmelsrechte wieder gewonnen… Fritz Uhrhammer grub zugleich die Idee ungetrübter Jugendtage wieder aus.

Man sprach nicht viel, was sollte man auch sagen? Wenn die inneren Stimmen reden, dann klingt ein von den Lippen gefallenes Wort immer geheuchelt, unzulänglich, unbeholfen und matt.

An Hans Horns Bultwiese im Graben lag ein Kahn, der von Peter Bauervogt als Notbehelf für die Dauer der Totalsperre angeschafft worden war. Der Kahn führte die drei Menschen über den blanken Spiegel des Sees nach dem Grasfeld hin. Das Grasfeld war für Martin eine Art Andachtsstätte. Als er es durchfahren hatte, ruderte er nach Hans Horns Bultwiese zurück.

»Martin«, sagte der Fabrikant, als sie wieder auf der Wiese standen. »Unsere Heimat, wenn man sie so ansieht hat doch mancherlei an sich.«

So war es. Die Wiesen… und der blank und rein und fleckenlos in Schilf und Binsen versteckte See … zwei grasende Schimmel… nach der Eider hin ein mit vollen Leinen prangendes Segel … am Horizont blaue Wedel seliger Gebüsche, als könnten nur gute Menschen in ihrem Schatten ruhen … westwärts das große Moor … zackiger, schwarzer Rand … darüber graubraunes Einerlei, einem von Leid aufgeschwollenen, alle Freude ausgetrunken habenden Untier gleichend … und über allem die Natur selbst … ein großes, einsames Wesen … mit Riesenschritten von Mittag kommend … mit Riesenschritten gen Mitternacht gehend …

Fritz Uhrhammer hatte recht: die Wiesen und die Natur, wenn man sie so anschaute, hatten mancherlei an sich. –

Der Pflaumendieb Hinrich Vollert lag, als sie zurückkehrten, auf seines Vaters Bank. Martin gab ihm Pferde und Wagen, er und Elsbe und Fritz wollten noch mal über die hohe Koppel gehen. Und wie einstmals sahen sie den Hechtsee wieder in Glut.

Klaus Uhrhammer saß in Abendrot und Abendglanz an der Hauswand von Altenhof und spaltete Holz. Er schlug seine Räder entzwei.

»Was machst du?«

»Ich tu, was du mir gesagt hast. Meine Räder für den Backofen!… Das heißt, eigentlich, meine ich, sind sie dafür zu gut. Im Backofen tuns Stubben auch, aber als kleingemachtes Föhrenholz, den Windofen zu heizen, dazu taugen sie. Auch da wirds lange reichen.«

»Sagst du noch wie heut morgen?« wandte er sich an Fritz.

»Immer dasselbe.«

»Gut!« Er stand auf und schlug das Beil in den Haublock. »Dann tu ich, wie du rietest. Dann gehe ich mit dir.«

Des Rheines Adoptivkind nahm den Klüterer in seine Arme. »Das nenne ich gesprochen, und ich weiß, es wird dich nicht gereuen. Denn du heißt Uhrhammer und mit Vornamen Klaus. Und deine Mühlen sollen hier dereinst überall aus den Dächern unserer Heimat ragen.«