Meister Timpe

I.
Früh morgens, wenn die Hähne kräh'n —

Berlin schlief noch, aber es lag in jenem leisen Schlummer,
der dem Erwachen vorhergeht. Eingelullt in süße
Träume, ahnte es nichts von den Sorgen und
Kämpfen des kommenden Tages, von dem unerwarteten Glück,
den zermalmenden Schlägen des Schicksals. Nur an einzelnen
Stellen stieß der tausendköpfige Koloß seinen Athem aus.
Dunkler zu gewaltigen Ringen geballter Qualm entstieg von
Feuergarben begleitet den geschwärzten Schloten; wie der
Gigantenlunge eines unsichtbaren Ungeheuers entstoßen, strömte
er dem graublauen Aether zu, verwob er sich allmählich mit
der Dunstwolke, die den Horizont noch verschleierte.

Es war zwischen drei und vier Uhr an einem der letzten
Tage des Monats April — in jener Stunde, wo die Straßen
plötzlich menschenleer erscheinen, als hätte selbst der letzte
Kneipenschwärmer das Bedürfniß gefühlt, noch vor dem jähen
Wechsel von Nacht und Tag im Schutze des Dunkels sein
Heim zu erreichen. Hinter dem äußersten Häuserring tauchte
der erste fahle Schein der Morgendämmerung auf, der wie
das geisterhaft bleiche Antlitz eines Riesen aus dem Dunkel
sich erhob und immer höher und höher stieg. Die Häuser
erschienen wie bleigetränkt, die Perspektive der Straßen verkürzte sich: Berlin glich einer todten Stadt, in der jeder
Tritt, jedes leise Geräusch ein Echo abgiebt, das weit vernehmbar die Luft durchzittert.

In diesem Zwielicht taumelte Franz Timpe durch die
Straßen, dem Hause seines Vaters zu, um Ruhe für seinen
schweren Kopf zu suchen. Die Augen fielen ihm fast zu,
sein Gang war unsicher, sodaß er sich mit Gewalt beherrschen
mußte, um auf den Beinen zu bleiben. Auf dem jugendlichen, nicht unschönen Antlitz zeigten sich die Spuren einer
durchzechten Nacht: jene Merkmale der Ueberanstrengung,
welche ein schwacher Körper noch nicht zu überwinden vermag. In der eigenthümlichen Beleuchtung des heranbrechenden Morgens, hervorgerufen durch den Kampf der
letzten Schatten der Nacht mit dem grün-gelben Luftschein
am Horizont, erschien sein Gesicht fahl und grau, hatte es
harte, ausdruckslose Linien angenommen. Den Paletot lose
um die Schultern gehängt, den Hut in den Nacken gerückt,
das Pincenez schief auf die Nase geklemmt, fuchtelte er mit
dem dünnen Spazierstöckchen in der Luft herum, versuchte er
jedem Laternenpfahl seine Fechterkünste zu beweisen.

In seiner Phantasie standen die Häuser schief, machten
sie einen fremdartigen Eindruck auf ihn, trotzdem ihm jedes
einzelne durch die Firmenschilder, die an ihm klebten, die
Eigenthümlichkeiten, die ihm anhafteten, genau bekannt war.
In diesem Stadtviertel war er geboren, hatte er die Tage
seiner Kindheit verlebt, war er zum Knaben und zum Jüngling gereift. Selbst jetzt, wo das Fehlen der fluthenden
Menge und rasselnden Wagen, die herabgelassenen Rouleaux
und geschlossenen Jalousien den Gebäuden eine veränderte
Physiognomie gaben, waren ihre Absonderlichkeiten seinem Gedächtnisse eingeprägt, denn es war nicht das erste Mal, daß
er spät nach Mitternacht an ihnen vorüberschritt. Seit beinahe einem halben Jahre, seitdem ihn der Weg von der Schule
direkt ins Comtoir der Firma Ferdinand Friedrich Urban
geführt hatte, war fast keine Nacht vergangen, während welcher er nicht das nächtliche Leben Berlins durchkostet hatte.

Die frische Morgenluft wirkte endlich wohlthuend auf ihn
ein. Seine Haltung wurde sicherer, sein Gedankengang klarer,
nur die Müdigkeit wollte nicht von ihm weichen. Um sich
munter zu erhalten, begann er halblaut ein Lied zu summen,
das er aber wieder abbrach, weil die Kehle ihren Dienst
versagte.

Er befand sich in jenem Gewirr enger Straßen des
Ostens von Berlin, die sich wie ein Ueberbleibsel aus
alter Zeit bis heute noch erhalten haben. Altehrwürdige
Giebeldächer mit Mansardenfenstern blickten auf ihn
herab. Unregelmäßig standen die Gebäude am schmalen
Trottoir, hier eines von schiefer Haltung, wie von der Last
der Jahre vornübergebeugt, dort eines weit hinter die Front
gerückt, geziert mit einem kleinen Vorgarten, dessen Epheu
die schmalen Fenster umrankte und bis zum Dache hinauflief.
Nur vereinzelt überragte ein vierstöckiger Steinkasten, wie ein
schlank gewachsener Jüngling zusammen geschrumpfte Greise,
die vorväterlichen Wohnstätten, um einem stummen Wahrzeichen gleich den Segen der neuen Zeit zu verkünden. In
der Stille dieses patriarchalischen Viertels vernahm man
weiter nichts, als die schallenden Schritte des jungen Mannes
und das schrille Pfeifen eines Bäckerjungen, das wie die
ersten Mißtöne des erwachenden Tages aus der Entfernung
herüberklang.

Als Franz Timpe um die nächste Ecke bog, erblickte er
endlich das Haus seines Vaters. Wie von Angst und Reue
erfüllt, bannte er seine Schritte und drückte sich an die
Häuser. Er befürchtete gesehen zu werden und schämte sich
seines Nachhausekommens um diese Stunde. Beim Weiterschreiten richtete er den zaghaften Blick auf die gegenüberliegenden
Fenster, hinter welchen noch friedliche Ruhe herrschte; dann
rechts und links die Straße entlang. Er versuchte den
Nachtwächter zu erspähen, der ihm wie gewöhnlich das Haus
öffnen sollte.

Krusemeyer, ein bereits alter Beamter, dessen kugelrundes
Gesicht von einer silbergrauen Bartfraise umrahmt wurde, hatte
auf ihn gewartet. Er stand mit einem Schutzmann plaudernd
unter dem Thorbogen eines neuen Gebäudes auf der anderen
Seite der Straße und beobachtete das Näherkommen des
jungen Mannes. Seit fünfzehn Jahren verschloß er die Häuser
in diesem Revier, konnte sich aber nicht entsinnen, jemals
einen besseren Kunden gehabt zu haben, als Franz Timpe
es war. Er hielt sich daher mit Vorliebe in diesem Theile
der Straße auf, um sich das übliche Zehnpfennigstück nicht
entgehen zu lassen. Der Länge der Zeit, während welcher er
hier seinem nächtlichen Berufe obgelegen, hatte er es zu verdanken, daß er mit den Geheimnissen der Hausbewohner vertraut war, ihre Tugenden und Sünden, Freuden und Leiden
kannte. Wenn er hätte sprechen dürfen, was würde man da
vernommen haben! Vormittags holte er den verlorenen Schlaf
der Nacht nach. Nachmittags betrieb er sein Geschäft als
Flickschuster, bis die Zeit zum Abendappell ihn rief. Auf
den einsamen Gängen durch die dunklen Straßen hatte
sich mit der Zeit ein Philosoph aus ihm gebildet, der,
in des Wortes bester Bedeutung, sein Licht nur im Dunkeln
leuchten ließ. Und da ein Philosoph mindestens einen vertrauten Abnehmer seiner Ideen haben muß, so hatte sich denn
auch im Laufe der Jahre ein solcher in einem gleichaltrigen,
bereits mit einer stattlichen Zahl Dienstjahre befrachteten
Schutzmann des Reviers gefunden, welcher den seltenen und
merkwürdigen Namen Liebegott führte.

Herr Alexander Liebegott erfreute sich eines behäbigen
Körperumfanges, der den Neid seiner sämmtlichen
Kollegen und die Freude aller derjenigen zweifelhaften
Individuen bildete, welche in nächtlicher Stunde auf
der Flucht vor ihm begriffen waren, und denen er niemals
auf den Fersen zu bleiben vermochte. Auf den Schultern
ruhte ein Riesenkopf, in dessen kürbisfarbenem Gesichte eine
etwas großgerathene Nase in sanftestem Violett erstrahlte und
ein mächtiger Schnurrbart traurig seine ungedrehten Spitzen
hängen ließ, so daß das würdige Antlitz dem eines Seelöwen glich.

Krusemeyer und Liebegott waren, soweit die
Gelegenheit sich darbot, auf ihren nächtlichen Gängen
ein unzertrennliches Paar, dessen Hang zu philosophischen, höchst sonderbaren Gesprächen eben so groß
war, wie die uneigennützige Freundschaft zu einander und die
Liebe zu gewissen alkoholduftenden „Erheiterungstropfen“, die
in kalten Winternächten dazu dienen mußten, das Gespräch
über die großen Vorgänge dieser Welt zu gleicher Zeit mit
der Wachsamkeit anzufeuern. Im Uebrigen waren sie zwei
pflichtgetreue Beamte, welche die Achtung ihrer Vorgesetzten
genossen und beim Publikum allgemein beliebt waren. Die
Autorität, die sie in den Augen ihrer Kollegen besaßen, war
bereits eine derartige, daß ein Streit unter ihnen mit dem
vielbedeutenden Schlußworten: „So sagt Krusemeyer“, oder:
„So sagt Liebegott“, zu Gunsten des diese Behauptung Aufstellenden als beendet betrachtet werden durfte.

Wenn die Ansichten der Beiden zeitweilig auseinandergingen, so geschah es über die Frage nach dem höchsten Ziele
ihrer Wünsche. Liebegott hegte nur den einen Wunsch:
während seines nächtlichen Dienstes von Niemandem belästigt
zu werden, um seine theure Haut nicht zu Markte tragen zu
brauchen; Krusemeyer's höchster Wunsch ging dahin: durch
eine seltene Heldenthat sich diejenigen Lorbeeren zu erwerben,
die unbedingt nöthig waren, um seine soziale Stellung nach
Kräften aufzubessern. Er hatte es besonders auf nächtliche Einbrüche abgesehen, lebte daher in der Einbildung, eines Nachts
irgend einen Juwelier oder einen reichen Fabrikanten durch
seine Aufmerksamkeit vor einem Verlust bewahren zu können,
wodurch ihm dann eine reichliche Belohnung zu Theil werden
würde; ganz abgesehen von der amtlichen Belobung und Auszeichnung, die zu erwarten waren. Seine Phantasie hatte sich
während der Jahre so sehr mit dieser dereinstigen Heldenthat
beschäftigt, daß sein Spürsinn in jedem, einigermaßen verdächtig aussehenden Passanten jene gefährliche Person witterte,
deren verbrecherisches Treiben ihn endlich zum Helden seiner
Umgebung machen sollte. Da er obendrein ein arger Bücherwurm war, der die geringe freie Zeit, die ihm am Tage
während der Pausen beim Essen zur Verfügung stand, redlich
dazu benutzte, abenteuerliche Romane zu lesen, in denen das
Verbrecherthum eine Hauptrolle spielte, so war sein Kopf mit
den Erinnerungen an allerlei grausige Dinge erfüllt, die in
einsamen Nachtstunden erst recht ihre Wirkung thaten.

„Ich erreiche es doch noch“, sagte er mit Bezug auf die
größte Zukunftsthat seines Lebens.

Liebegott schüttelte das schwere Haupt und erwiderte:

„Ich glaube es nicht. Hier in dieser Gegend, wo jeder
darauf wartet, daß man ihm etwas ins Haus trage! Laß
den Gedanken daran fallen. Und bedenke nur: Wenn der
Kerl ausrückt und Du laufen müßtest, verstehst Du? Ich sage
laufen — —“

Alexander Liebegott beendete den Satz nicht. Es war
ihm schon entsetzlich genug, nur an die Möglichkeit einer
schnellen Fortbewegung zu denken. Er starrte vielmehr vor
sich hin, lächelte dann im Gefühle seiner Sicherheit und klopfte
leise mit der flachen Hand auf den wohlgenährten Bauch,
während Krusemeyer listig die Augen zusammenkniff und sagte:
„He, he, dann rufe ich Dich, Du fängst ihn gewiß.“

„Keine Anspielung“, brummte Liebegott mit komischem
Ernst.

Die Annäherung Franz Timpe's gab dem Gespräch eine
andere Wendung. Das laute Krähen eines Hahnes ließ sich
in der Nachbarschaft vernehmen. Aus der Ferne klang schwach
die Antwort eines zweiten und dritten herüber.

„Recht so, melde Dich, alter Junge“, begann Krusemeyer wieder. „Die Stunde muß angezeigt werden, in
welcher der hoffnungsvolle Sohn nach Hause kommt . . . Sage
mal, Liebegott, hast Du es auch so in Deiner Jugend getrieben, he?“

„Wäre so etwas gewesen, Krusemeyer! Birke und Weide
hätten einen Walzer auf meinem Buckel aufgeführt, und mein
Alter wäre der Tanzmeister gewesen, der die Hände dabei bewegt hätte“, erwiderte der Angeredete mit unterdrücktem Lachen.

„Meister Timpe muß einen Narren an seinem Jungen
gefressen haben, daß er so etwas duldet; aber das machen die
Kneipmädels, die den Bengels die Köpfe verdrehen und das
Geld aus der Tasche ziehen“, philosophirte Krusemeyer, als
er sich anschickte, dem Rufe des jungen Mannes Folge zu
leisten. Bevor er über den Damm ging, wandte er sich noch
einmal an den Genossen.

„Hörst Du nichts, Liebegott? Mir war's, als knarrte
hier hinter uns eine Thür. Sollte vielleicht ein Dieb —“

„Beruhige Dich nur, es ist nichts. Du wirst es nicht
erreichen, verlaß Dich darauf,“ erwiderte Liebegott und schritt
dann bedächtig die Straße nach der anderen Seite hinunter,
um seinen Genossen an der nächsten Ecke zu erwarten.

Das Schlüsselbund des Wächters knarrte, die schwere
Thür drehte sich in ihren Angeln und schloß sich dann leise
hinter Franz Timpe, der horchend stehen blieb. Im Hause
war noch Alles ruhig. Durch die geöffnete Hofthür fiel ein
fahler Schein auf die rothen Steinfliesen des Flurs, der sich
schmal und lang, gleich einer Kegelbahn, durch das alterthümliche Haus zog. Links befand sich die Werkstatt des
Vaters, rechts die Wohnung der Eltern. Auf dieser Seite
führte eine schmale, gebrechliche Stiege zum einzigen Stockwerk
des Hauses empor, in dem zwei kleine bewohnbare Stuben
sich befanden. In der einen schlief Franz, in der anderen
Gottfried Timpe, der Großvater.

Der Großvater! Bei dem Gedanken an ihn erzitterte
der junge Mann, denn der Greis pflegte mit den Hühnern
aufzustehen, war begabt mit einem wunderbar feinen Gehör und
der einzige Feind, den er im Hause besaß.

Franz Timpe lauschte noch eine Weile, dann zog er behutsam die Stiefel von den Füßen und schlich mit angehaltenem Athem die leise ächzende Treppe empor. Oben
angelangt, tappte er die Wand entlang, denn hier herrschte
noch völliges Dunkel. Er mußte bei der Thür des Großvaters vorüber, um zu der seinigen zu gelangen. Lautlose
Stille umgab ihn. Er athmete auf. Als er aber in
seinem Zimmer angelangt war, vernahm er durch die dünne
Wand deutlich das laute Husten des Großvaters: die ihm
längst bekannte Begrüßung, welche in aller Frühe zu ertönen
pflegte, als ein Zeichen, daß der steinalte Mann das Nachhausekommen seines Enkels gehört habe.

Franz Timpe preßte vor Aerger die Lippen fest aufeinander; dann suchte er todtmüde sein Lager auf, um sich
während einiger Stunden für den kommenden Tag zu
stärken. Durch das dünne Rouleaux drang das Licht des
immer mehr heraufziehenden Morgens gedämpft herein und
ließ in dem Halbdunkel nur das bleiche Gesicht des Schläfers
leuchten.

II.
Drei Generationen.

Ja, ja, das waren noch andere Zeiten . . . . damals!
Das Handwerk hatte einen goldenen Boden und wurde
geehrt. Voll Stolz band man sich frühmorgens die Schürze
vor und schämte sich nicht der Arbeit der Eltern. Aber das
scheint sich geändert zu haben, seitdem ich nicht mehr sehen
kann. Heute will so ein Grünschnabel von Junge den großen
Herrn spielen, mit gefüllter Tasche und weißen Händen
umherlaufen und klüger als wir Alten sein. . . . Aber die
Zuchtruthe fehlt, die Zuchtruthe — das ist meine Rede!“

Auf diese wohlgemeinten Worte Gottfried Timpes,
die sich seit einem Jahrzehnt täglich zu wiederholen
pflegten, blieb Johannes Timpe gewöhnlich die Antwort schuldig, sobald es sich um die Anklage gegen
sein einziges Kind, seinen Sohn, handelte. Aber sein Blick
voll Liebe richtete sich mit dem Ausdrucke tiefsten Mitleids
nach dem Fenster auf die hinfällige Gestalt des dreiundachtzigjährigen Greises, der seit einem Jahrzehnt ein Dasein in
ewiger Nacht führte und in der Welt des vergangenen Jahrhunderts lebte, die seine Erinnerung ihm vor das geistige
Auge zauberte.

Ja, der Großpapa, sein Zorn über die Neuerungen! Es
war schwer sich beiden zu widersetzen, denn man ehrt die
Ruine, der man seine Existenz zu verdanken hat und betrachtet ihre Absonderlichkeiten wie etwas Heiliges, Ueberliefertes.
Und Johannes Timpe hatte seinem Vater Alles zu verdanken: seine Kunstfertigkeit als Drechsler, die Zähigkeit und Ausdauer, die man ihm nachrühmte, und auch dieses kleine, unscheinbare Haus, in dem er geboren und erzogen worden war.
Schon sein Aeußeres verrieth die längst vergangene Epoche,
in der es entstanden war. Ueber den vier Fenstern des
Parterregeschosses zeigten sich in Stein gehauen, geflügelte
Engelsköpfe, von denen nur zwei noch völlig erhalten waren,
während von je einem der anderen Nase und Flügel fehlten.

Die drei ausgetretenen Steinstufen führten zu der bohlenartigen, mit großen Nägelköpfen gezierten Thür, über welcher
reliefartig das Sinnbild des Drechsler- und Kunstdrechslergewerbes prangte: ein Taster, auf dem über Kreuz Meißel
und Röhre lagen; darunter eine Kugel, flankirt von zwei
Schachfiguren.

Was dem Hause als ein besonderes Merkmal anhaftete,
war seine außergewöhnliche Lage. Es stand mit der Front
schräg hinter der Straße, so daß vor seinen Fenstern zwischen
der Flucht des Trottoirs und der Seitenwand des Nachbarhauses ein spitzwinkliger Vorderhof entstanden war, der von
der Straße durch ein Holzgitter getrennt wurde. Dieser absonderliche Umstand hatte auch an der Schmalseite des Gebäudes, an deren äußerster Ecke das andere Nachbarhaus
hervorragte, einen zweiten, kleineren Winkel geschaffen, der
durch eine Bretterwand bis zur Höhe des Giebelfensters den
Blicken verdeckt wurde. Man hätte das ganze Häuschen wie
einen steinernen, nach Fertigstellung der Straße in dieselbe
hinein getriebenen Keil betrachten können, wenn nicht sein
Alter dem widersprochen haben würde. In Wahrheit war es bereits vorhanden gewesen, als vor
einem halben Jahrhundert die Nothwendigkeit zur
Anlage einer Straße an dieser Stelle sich geltend gemacht
hatte und man das Häuschen rechts und links zu
umbauen begann, weil sein bisheriger Besitzer, Ulrich
Gottfried Timpe, nicht die geringste Neigung zeigte, seine Rechte
zu veräußern.

Wenn der Großvater seine ewigen Rückblicke mit den
Worten einleitete: „Ja, ja, das waren noch andere Zeiten . .
damals!“ — so sprach er das in der Erinnerung an jene
Jahre, wo das Häuschen hier noch wie ein einsamer Vorposten an der Peripherie der Stadt lag und den Blicken seiner
Bewohner die weitmöglichste Aussicht über freie Felder und
über das Bett der Spree gestattete.

Als Ulrich Gottfried Timpe im Jahre 1820 vermöge
eines kleinen Kapitals, das sein Vater, der Kunstdrechsler
Franz David Timpe, ihm hinterlassen, sich hier angebaut hatte,
war von dem großen Stadttheile, der sich heute von der
Frankfurter Straße bis zur Spree hinzieht, noch wenig zu
sehen. Vereinzelt standen die Häuser zwischen Gärten, Baustellen und Getreidefeldern. Selbst innerhalb der Stadtmauern zeigten sich lange Strecken öder Felder, unterbrochen
bis zu den Thoren durch Königliche Magazine, durch ein riesiges Familienhaus, das dazu bestimmt war, armen Handwerkerfamilien ein billiges Obdach zu gewähren, und hin und wieder
durch eine der vielen Gärtnereien, deren blühende Obst- und
Blumenanlagen das damalige Köpnicker Feld, auf dem heute
ein Meer von Häusern sich erhebt, zu einem eigentlichen
Fruchtfeld gestaltet hatte. Die Straßen glichen ländlichen
Fahrwegen, auf denen man hin und wieder tief im Sande
versank; und die ein- und zweistöckigen Häuser, welche sich mit
der Zeit zu Straßenzügen an einander gekettet hatten, waren
zum größten Theil von armen Handwerkern bevölkert, die
nothdürftig ihr Dasein fristeten. Untergeordnete Gasthöfe und unansehnliche Wirthschaften tauchten überall auf
und die mangelhafte Verbindung mit dem Zentrum der
Stadt, die vereinzelt stehenden Häuser auf freiem Felde, hatten
ein höchst zweifelhaftes Gesindel geschaffen, das in Spelunken
aller Art seine Zufluchtsstätte fand, die Sicherheit bedrohte
und die Gegend in einen argen Ruf brachte.

Und trotzdem lobte Ulrich Gottfried Timpe die alte Zeit,
denn inmitten von Armuth und Elend, die damals eben so
vorhanden waren wie heute und die ganze ungeheure Hälfte
Berlins, die sich von dem Schlesischen- bis zum Rosenthaler-Thor hinzog, bevölkerten, hatte sein Handwerk geblüht, wurde
es in Ehren gehalten, galt die Schlichtheit des Mannes noch
etwas, bestrebte sich nicht der Sohn des Meisters das Arbeitsgewand des Vaters zu verachten, um über seine Verhältnisse
hinaus zu wollen. Allerdings wußte man auch damals noch nichts
(nach der Ansicht Ulrich Gottfried Timpes!) von einer gewissen
Affenliebe, mit denen die Eltern ihre Kinder beglücken, um
dieselben eines Tages über ihre eigenen Köpfe wachsen zu sehen.

Gewiß, die Affenliebe! Johannes Timpe hätte über den
Gebrauch dieses Wortes von Seiten des erblindeten Greises
ein Liedchen singen können; denn der, dem die übertriebenen
elterlichen Zärtlichkeiten galten, war Franz, sein und seines
Weibes einziger Stolz.

Der heutige Besitzer des kleinen Hauses hatte erst spät
geheirathet. Nachdem seine zwei Brüder, die ebenfalls in
der Werkstatt des Vaters thätig gewesen waren, das Zeitliche
gesegnet hatten, und seine Stellung im Hause eine völlig
andere geworden, war der Entschluß in ihm gereift, seine
langjährige Braut heimzuführen. Als das geschah, zählte er
bereits sechsunddreißig Jahre. Sein erstes Kind war ein Mädchen
gewesen, das aber gleich nach der Geburt gestorben war. Dann
war sein Sohn gekommen und nach diesem abermals ein Mädchen, welches das zehnte Jahr erreicht hatte und dann ebenfalls den Eltern entrissen wurde. Der Schmerz Johannes
Timpes und seiner getreuen Gattin war ein unaussprechlicher
gewesen. Als sie aber sahen, wie ihr Sohn zu einem hübschen Knaben heranwuchs und vortrefflich gedieh, faßten sie
sich allmälig und übertrugen die Liebe, die sie für die blühende
Tochter an den Tag gelegt hatten, auf ihn allein. Sie übersahen seine Schwächen, die sich im Hange zu allerlei Unarten,
zum Verleugnen der Wahrheitsliebe, zur Ränkesüchtelei und
zur Trägheit ausprägten; trösteten sich mit der Selbstlüge, daß dieser böse Keim sich dereinst beim Emporschießen in die Frucht verlieren werde. War Franz doch ihr
Stolz, der Träger des Namens seines Vaters, die Verwirklichung ihrer ganzen Zukunftspläne!

„Handwerker darf der Junge nicht werden, er soll sich
sein Brod leichter verdienen“, pflegte Johannes Timpe in den
Stunden nach Feierabend zu Frau Carolinen zu sagen. Und
die getreue Ehehälfte ließ die klappernden Stricknadeln auf
ein paar Augenblicke ruhen, blickte im Zwielicht sinnend auf den
kleinen Winkel vor dem Fenster hinaus und erwiderte stolzbeseelt:
„In dem Jungen steckt etwas, der muß 'was Großes werden.“

Diese elterlichen Träume hatten bereits begonnen, als
Franz anfing, die Schule zu besuchen, der Großvater nach
dem Heimgange seiner Frau über mangelndes Sehlicht klagte
und Haus und Geschäft ganz in die Hände seines Sohnes
legte. Und als eines Tages dem Alten durch eine Entzündung
seiner Augen das Sehvermögen gänzlich entschwunden, er
ganz und gar auf die liebende Pflege Johannes und Carolinens angewiesen war, ein Leben aus sich heraus führte und
nur noch mit seiner Erinnerung an die alte Zeit und mit
seinen Rathschlägen nützen konnte; als Johannes Timpe der
Werkstätte ganz allein vorstand, er das Schicksal seines Vaters
tagtäglich vor Augen hatte — wurde umsomehr der Wunsch
in ihm rege, seinem einzigen Kinde Erziehung und Bildung
zu Theil werden zu lassen, die ihm die Fähigkeiten zu geben
vermöchten, eine bessere soziale Stellung einzunehmen und sich
mit weniger saurem Schweiß durchs Leben zu schlagen.

„Er soll Kaufmann werden“, hatte er dann eines Tages
mit einer Bestimmtheit gesagt, an welcher nichts mehr zu
ändern war. Und mit diesem Ausspruch verbanden sich merkwürdige Ideen, die in innigstem Zusammenhange mit seinem
Gewerbe standen. Er hatte acht Gesellen in seiner Werkstatt,
verlegen, sein Wohlstand schien nach und nach zu reifen, seitdem der industrielle Aufschwung im Viertel immer größer
wurde; ein kleines Kapital war zur Reserve angelegt worden
— weshalb sollte er also nicht darauf sinnen, aus einem
Handwerker zum Handeltreibenden zu werden, seine Beziehungen zu erweitern und auf eigene Faust zu spekuliren?
Dazu bedurfte er eines gewiegten Berathers, den er dereinst
in seinem Sohn zu erblicken gedachte.

Als Johannes Timpe in der Dämmerung eines Wintertages, wie gewöhnlich mit Frau Karoline am Fenster des
Wohnzimmers sitzend, die Zukunft seines Sohnes festgestellt
hatte, war auch sofort der Widerspruch bemerkbar
geworden.

„Kaufmann ist Laufmann“, hatte die Stimme des Großvaters sich vernehmen lassen. „Mach' den Jungen zu einem
ordentlichen Handwerker, erziehe ihn zu harter Arbeit, dann
wird er auch stets sein Brod finden, und Euch nicht über die
Köpfe wachsen. Ich will Euch nicht wehe thun, aber der
Junge hat schlechte Seiten. Und was ein Häkchen werden
will, das krümmt sich bei Zeiten.“

Damals bereits war das harte Wort von der Zuchtruthe
gefallen, das sich wie eine ewige Mahnung aus dem Munde
des Alten Jahre hindurch fortsetzen sollte.

Hätte Johannes Timpe seinen Vater nicht so lieb gehabt,
nicht das Bewußtsein seiner ewigen Dankbarkeit gegen ihn
mit sich herumgetragen, so würde er über die Hartnäckigkeit,
mit welcher der Greis die wohlmeinenden Pläne des Ehepaars bekämpfte, ernstlich böse geworden sein; aber eingedenk
des Sprichworts, welches alten Leuten eine gewisse Wunderlichkeit zuspricht, verlor er niemals seine Ruhe, versuchte er
so viel als möglich Ulrich Gottfried Timpe milder zu stimmen
und ihn dem Knaben geneigter zu machen. Zum Schluß
brachte er denn immer etwas hervor, was seiner Meinung
nach das Recht auf seine Seite bringen mußte.

„Franz hat eine schwache Brust, er wird schwere Arbeit
nicht ertragen können; für die Drehbank ist er ganz und gar
nicht geschaffen.“

Das war ein Punkt, der allerdings zu denken gab und welcher
auch Karolinens Redseligkeit entfesselte. Was hätte Gottfried
Timpe wohl gegen die Mutterliebe einzuwenden vermocht!
In einer derartigen Situation lauteten seine letzten Worte:
„Ihr werdet's ja sehen.“ Dann sank das Haupt wieder auf
die Brust, hüllte der Greis sich in tiefes Schweigen.

So waren denn die Jahre vergangen. Franz hatte die
obere Sekunda-Klasse der Realschule erreicht und wurde dann
bei Ferdinand Friedrich Urban in die Lehre gebracht. Das
war bereits im Oktober des vergangenen Jahres geschehen.
Während dieser Zeit hatte er vielfach Gelegenheit gefunden,
seine Anlagen zum Leichtsinn auf's Gründlichste zu beweisen,
die Freiheit des Willens, die man ihm seit seiner frühesten
Jugend gelassen hatte, nach Kräften auszunützen. An
Bildung und Wissen seinen Eltern weit überlegen, inmitten
der Weltstadt groß geworden, gewöhnt mit gleichaltrigen Genossen in Berührung zu kommen, deren Eltern eine andere
Lebensstellung einnahmen, als die seines Vaters war, von
dem brennenden Ehrgeize beseelt, in eine andere Sphäre der
Gesellschaft hineinzukommen — hatte er sich mit der Zeit
Neigungen zugewendet, die ihm unzertrennbar von den
Passionen eines jungen Mannes seiner Bildung und seiner
Zukunft schienen.

Meister Timpe verweigerte seinem Sohne nichts. Er
kleidete ihn nach der neuesten Mode, er gab ihm zu dem
kleinen Monatsgehalt ein reichliches Taschengeld und empfand
einen gewissen Stolz darin, von wohlmeinenden Nachbarsleuten
die elegante Erscheinung seines Sohnes, der wie ein
„junger Graf“ dahinschreite, gelobt zu wissen. Dabei übersah
er denn auch gern die „kleinen Seitensprünge“ Franzens,
wie er die abenteuerlichen Kneipereien des jungen Mannes
zu nennen pflegte. Das kam selten vor; legte sich doch der
„gute Junge“ fast regelmäßig um 9 Uhr schlafen, um des
Morgens rechtzeitig munter zu sein. Als der Großvater
eines Vormittags seinem Sohne berichtete, daß Franz einige
Mal nach Mitternacht nach Hause gekommen sei, lachte Johannes Timpe ihm laut ins Gesicht. Sein Sohn, der um
9 Uhr bereits nach seiner Stube hinaufgegangen war, sollte
am frühen Morgen nach Hause gekommen sein? Er fand
das äußerst schnurrig und sprach von „wunderlichen Träumen“
und „Gespenstersehen trotz der Blindheit.“ Der Greis aber hatte
sich nicht getäuscht. Eines Abends vernahm er, wie sein Enkel
kurz vor zehn Uhr leise die Thür verschloß und die Treppe hinunterschlich. An den geschlossenen Fensterläden vorüber konnte
Franz unbemerkt die Straße erreichen. Das wiederholte sich
mehrmals in der Woche. Er täuschte und belog eine Eltern
zu gleicher Zeit.

Der Alte war starr bei dieser Entdeckung, behielt sie
zuerst für sich, nahm aber seinen Enkel bei Gelegenheit in's
Gebet, um ihn zu beschämen, Timpe junior leugnete; und
als er inne ward, daß das nichts helfe, wurde er von einem
unbezwingbaren Haß gegen den Alten erfaßt — einem Haß,
der eigentlich nur das helle Aufflackern einer von seiner Kindheit an in ihm schlummernden Abneigung gegen den Großvater war.

Ulrich Gottfried Timpe aber mußte nach seiner Mittheilung
erleben, daß Johannes zuerst ein sehr ernstes, überraschtes
Gesicht zeigte, dann zu lachen anfing und sagte: „Ein toller
Junge! Der hat richtigen Mutterwitz. Ich weiß Vater, daß
Du Dich nicht gut mit ihm stehst; überlaß' mir nur die Geschichte. Das ist mehr Leichtsinn als Schlechtigkeit. Du darfst
nicht vergessen, daß die jungen Leute von heute anders über
die Moral denken, und daß die Welt mit der Zeit eine andere
geworden ist. Das verstehen wir Beide nicht mehr. Du
noch weniger als ich.“

Als Franz Timpe von dieser Unterredung erfahren hatte,
versuchte er seinen Großvater auf das Gründlichste anzuschwärzen: Der Alte gönne ihm nicht das liebe Leben. Wenn
er wirklich einmal des Nachts spät nach Hause gekommen, so
sei das nicht so schlimm und nicht dazu angethan, eine große
Klatscherei darüber zu machen. Das ganze Bestreben des
Großpapas ginge nur darauf hinaus, ihn mit den Gesellen
auf eine Stufe zn stellen, wie es früher vielleicht Mode
gewesen sein mochte. Könne er wohl etwas dafür, wenn der
Geschäftsführer ihm die Ehre erweise, mit ihm länger zu
kneipen, als es sonst der Fall zu sein pflegt? Er sei eben
sehr angesehen im Geschäft und seine Kollegen hielten große
Stücke auf ihn.

Damit hatte Franz sein Ziel erreicht; denn Johannes
Timpe, erfreut über das Ansehen, das sein Sohn, der Stolz
seiner alten Tage, genoß, wischte die Hände an der blauen
Schürze ab, zog seinen Stammhalter an sich und sagte leise,
indem er sich verlegen umsah, als befürchte er, von dem Großpapa gehört zu werden:

„Ich weiß, wie das ist, mein Junge . . . Also der Geschäftsführer verkehrt mit Dir? Hm — das läßt sich
hören . . . Versprich mir nur, nicht länger als bis Mitternacht wegzubleiben, dann bin ich schon zufrieden. Du mußt
doch schlafen. Wenn das nicht wäre . . .“

Franz Timpe wendete sein hübsches Gesicht ab, denn er
wollte dem Vater seine Verlegenheit nicht zeigen. Und
während Daumen und Zeigefinger der rechten Hand sich mit
dem Flaum der Oberlippe beschäftigten, erwiderte er: „Ich
verspreche es Dir!“

„Ich wußte, daß Du es thun würdest, mein Sohn.“

Meister Timpe hatte seinem Jungen vergnügt auf die
Schulter geklopft und ihn dann (es war in der Mittagsstunde
beim hellen Sonnenschein eines trocknen Wintertages) durch
den langen Flur nach dem Garten hinaus genöthigt, der sich
hinter dem Häuschen ausdehnte.

Mit diesem Fleckchen Erde hatte Johannes Timpe seine
besonderen Pläne, über welche er nur zu gern
mit seinem Sohne sprach. Da schwirrten die Worte:
„Anbauen . . . . Kleine Fabrik errichten . . . Das Geschäft
kaufmännisch betreiben . . . Seinen Sohn zum Kompagnon
machen … Neues Vorderhaus errichten . . .“ durch die Luft,
so daß Franz seinem Vater mit dem größten Interesse zuhörte; denn man schilderte ihm das Element, in dem er sich
einst zu bewegen gedachte. Befehlen, herrschen, Fabrikbesitzer
spielen — gewiß, das war das Ziel, dem er zustrebte.

Während aber Johannes Timpe das seinem Sohne entwickelte, vergaß er niemals den Kopf nach dem Großpapa zu
wenden, der in der Mittagsstunde in dem Rahmen der Hofthür zu stehen pflegte, um die Tauben zu füttern, die girrend
auf seinen Pfiff heran geflogen kamen. Der Drechslermeister
fürchtete seinen Vater, wie Franz ihn haßte.

Was würde er wohl sagen, wenn er Kenntniß von
diesen tollen Plänen bekäme? Er, der sich einen Handwerker
nicht anders vorstellen konnte, als mit zwei oder drei Gehülfen
in der Werkstatt, arbeitend gegen baare Bezahlung, im Besitze
eines einzigen Geschäftsbuches, in dem die Ausgaben und
Einnahmen gewissenhaft verzeichnet wurden; bescheiden und
anspruchslos lebend, nur darauf bedacht, ohne jede Spekulation zu einem soliden Wohlstande zu gelangen.

Großvater, Vater und Sohn bildeten in ihren Anschauungen den Typus dreier Generationen. Der dreiundachtzigjährige Greis vertrat eine längst vergangene Epoche:
jene Zeit nach den Befreiungskriegen, wo nach langer Schmach
das Handwerk wieder zu Ehren gekommen war und die
deutsche Sitte auf's Neue zu herrschen begann. Er lebte
ewig in der Erinnerung an jene glorreiche Zeit, die nach
Jahren voller Schrecken und Demüthigung den deutschen
Bürger zu einem bescheidenen Menschen gemacht hatte.

Johannes Timpe hatte in den Märztagen Barrikaden
bauen helfen. Er war gleichsam das revoltirende Element,
das den Bürger als vornehmste Stütze des Staates direkt
hinter den Thron stellte und die Privilegien des Handwerks
gewahrt wissen wollte.

Und sein Sohn vertrat die neue Generation der
beginnenden Gründerjahre, welche nur darnach trachtete, auf
leichte Art Geld zu erwerben und die Gewohnheiten des
schlichten Bürgerthums dem Moloch des Genusses zu opfern.

Der Greis stellte die Vergangenheit vor, der Mann die
Gegenwart und der Jüngling die Zukunft. Der Erste
verkörperte die Naivität, der Zweite die biderbe Geradheit
des Handwerkmannes, der sich seiner Unwissenheit nicht schämt,
sich seines Werthes bewußt ist; und der Dritte die große
Lüge unserer Zeit, welche die Geistesbildung über die Herzensbildung und den Schein über das Sein stellt.

III.
Die Nachbarschaft.

So winklig wie Timpes Haus nahm sich auch das
Gärtchen aus. Eine in doppelter Mannshöhe emporragende Mauer umschloß es von drei Seiten und
trennte es vom Nachbargrundstück. Diese Mauer hatte ihre
besondere Geschichte.

Vor zehn Jahren stand an ihrer Stelle ein niedriger
Staketenzaun. Die Handwerkerfamilie konnte an schönen
Sommertagen, war sie hinten in einer kleinen Laube versammelt, einen herrlichen Anblick genießen, wenn die Augen
sich nach den uralten Bäumen, grünenden Rasenflächen
und künstlichen Blumenanlagen des Nachbargrundstückes
richteten. Dasselbe gehörte einer reichen Kaufmanns-Wittwe, die mit ihren Töchtern in der nächsten Querstraße ein villenartiges Haus bewohnte. Die drei Kinder im
Alter von 7 bis 12 Jahren hatten ein besonderes Vergnügen
daran gefunden, vom niederen Zaune aus dem Treiben in
der Werkstatt, deren große Fenster nach dem Gärtchen hinausgingen, zuzuschauen. Das Schnurren der Drehbänke und
das Sprühen der Schnitzel übten einen großen Reiz auf sie aus.

Mit der Zeit waren sie mit Franz so vertraut geworden, daß
er sich nicht scheute, den Zaun zu überklettern, um sich nach
Herzenslust mit den Mädchen in dem großen Garten zu tummeln.
Dabei blieb es jedoch nicht. Sein Hang zu allerlei üblen
Streichen trieb ihn öfters dazu, in der Dämmerung auf eigene
Faust dem Nachbargrundstücke Besuche abzustatten, um die
Obstbäume zu plündern.

Als er eines Abends dabei gesehen worden war, hatte es
eine Auseinandersetzung zwischen der Wittwe und Johannes
Timpe gegeben. Der Drechslermeister war sehr betrübt über
die Diebereien seines einzigen Kindes und versprach der Wittwe,
den Knaben zu züchtigen und Sorge dafür zu tragen, daß
man ihr zu weiteren Klagen keine Veranlassung geben würde.
Johannes Timpe hätte vielleicht die versprochene Züchtigung,
zum ersten Male in seinem Leben, energisch vorgenommen, wenn
er nicht bemerkt haben würde, wie sein Vater bereits auf den
Moment wartete, wo das Geheul des Jungen ihm endlich
den Beweis für die Umsetzung seiner Lehre von der Zuchtruthe ins Praktische geben werde. Er unterließ also die
Züchtigung und beschränkte sich auf einen Verweis, der beschämend auf seinen Sprößling wirken sollte. Seine übergroße Gutmüthigkeit aber that nicht die geringste Wirkung;
denn nach acht Tagen hatte Franz die gute Lehre vergessen.
Er ließ sich abermals auf frischer That im Nachbargarten
ertappen. Diesmal schlug die Wittwe einen anderen
Weg ein.

Eines Tages wurden Fuhren neuer Steine hinter dem
kleinen Zaune abgeladen; Arbeiter mit ihren Geräthschaften
erschienen und errichteten in wenigen Tagen die mit Glasscherben gekrönte Mauer.

Johannes Timpe und Frau Karoline waren natürlich sehr aufgebracht darüber. Der Meister setzte
eine Beschwerde auf, des Inhalts, daß die Mauer
der Werkstatt das Licht nehme. Es kam auch eine
Kommission, um sich an Ort und Stelle davon zu überzeugen, gelangte aber zu dem Resultat, daß der Abstand der
Mauer vom Hause ein zu großer sei, um die Beschwerde zu
rechtfertigen. Sie mußten sich also in das Unvermeidliche
fügen. Nur der Großvater fühlte ein geheimes Behagen an
der Rache der Nachbarin. Er konnte ohnehin nicht sehen, der
Garten war ihm also völlig gleichgültig.

„Das habt Ihr Eurem lieben Söhnlein zu verdanken,“
sagte er mehrmals. Johannes Timpe und sein Weib mußten
darauf schweigen, denn sie konnten ihm nicht Unrecht geben.

Es wurde dem Drechslermeister und seiner Ehehälfte schwer,
sich daran zu gewöhnen, den Vorgängen jenseits der Mauer
keine Aufmerksamkeit mehr schenken zu dürfen, wie es vorauszusehen war, daß Franz sich am wenigsten in das Unvermeidliche fügen würde. Eines Tages konnte er es ohne eimen
Einblick in den Nachbargarten nicht mehr aushalten. Er kam
auf eine glückliche Idee. In der Ecke, wo die Mauer an das
Häuschen stieß, stand ein mächtiger Lindenbaum, der seine
Zweige weit über das Dach des Hauses streckte und an heißen
Sommertagen einen vortrefflichen Schutz gegen die Strahlen
der Sonne gewährte. Hoch oben in der Krone des Baumes
erblickten die Eltern eines Abends den Sohn, Er war durch
eine Dachluke direkt auf den Baum gestiegen, hatte auf zwei
Aeste ein Brett gelegt, und guckte vergnügt in die Welt hinaus.

„Von hier aus kann man weit sehen“, hatte er heruntergerufen. Und Johanens Timpe, der über die Waghalsigkeit
seines Einzigen erst erschrocken war, dann aber lachen mußte,
war ebenfalls zum Dachboden emporgestiegen, hatte seinen
behäbigen Korpus mit Mühe durch die Luke gedrängt und
neben seinem Sprößling Platz genommen.

Wahrhaftig, der Junge hatte Recht. Hier oben konnte
man sich über den Verlust der früheren Aussicht vortrefflich
trösten.

Dem Sohne zur Liebe wurde die Dachluke erweitert.
Die Gesellen mußten eine Art Brücke vom Dache bis zum
Baume schaffen; und zur Sicherheit wurde hoch oben in der
Krone rings um den Stamm ein Sitz mit Geländer angebracht und dieser Auslug, zu Ehren seines Entdeckers,
„Franzen's Ruh'“ getauft. Johannes Timpe aber nannte
ihn seine „Warte“. Der Aufenthalt zwischen Himmel
und Erde war eine vortreffliche Abwechselung in der Eintönigkeit der langen Abende und gab Veranlassung, sich noch wochenlang darüber zu unterhalten.

Als der Großvater das Sägen und Hämmern über
seinem Kopfe vernahm, erkundigte er sich im Geheimen bei
den Gesellen nach der Ursache des Zimmerns, da man ihm
aus sehr bekannten Gründen wohlweislich von den Vorgängen
der neuesten Zeit nichts gesagt hatte. Er schwieg tagelang.
Eines Abends aber, als Meister Timpe vergnügt plaudernd
neben seinem Sohne auf der Warte saß, konnte der Greis
sich doch nicht enthalten, in einem Gespräche mit seiner
Schwiegertochter unten in der Laube die absichtlich laut gethane Bemerkung zu machen, daß zu seiner Zeit die Eltern
den Jungen die Hosen stramm gezogen hätten, wenn
dieselben so vermessen gewesen wären, auf dem Bäumen herumzukriechen, um sich der Gefahr auszusetzen, Arme und Beine
zu brechen. Heute aber schiene es, als strebten die Eltern
danach, ihren Kindern mit bösem Beispiele voran zu gehen:

„Ja, früher, wer dachte früher an so etwas!“

Mit den Jahren hatte sich dann auch der älteste Timpe
an die Kletterlust von Vater und Sohn gewöhnt und sogar
einmal lebhaft bedauert (das geschah natürlich ganz verstohlen),
daß sein Alter und seine Blindheit es ihm nicht möglich
machten, ebenfalls von dort oben den Leuten in die „Suppenterrine zu spucken.“

In der Mittagsstunde des Tages, in dessen ersten Stunden
Krusemeyer und Liebegott ihre Ansichten über die Nachtschwärmerei Franz Timpe's zum Besten gegeben hatten,
suchte dieser seinen Vater in dem Gärtchen auf. Er war
soeben aus dem Geschäft gekommen, und da das Essen noch
auf sich warten ließ, wollte er die Neuigkeit, die er mitgebracht
hatte, dem Alten sofort mittheilen.

Meister Timpe war bei seinen Beeten, die er eigenhändig
zu umgraben und zu besäen pflegte. Den einen Zipfel der
Schürze hoch gesteckt, die Schirmmütze etwas schräg auf die
noch wohlerhaltenen grauen Haare gerückt, stand er über seine
Schaufel gebeugt und musterte den Boden. Dieser kleinen
Beschäftigung im Garten, die ihm neben seinem Handwerk
wie eine Erholung dünkte, pflegte er in den Morgen- und
Mittagsstunden nachzugehen. Den ganzen Winter hindurch freute
er sich bereits auf den Frühling, der ihn in den Stand setzen
würde, seine Liebhaberei für Blumen und Gemüse zu
bethätigen.

Die Aprilsonne lag erwärmend auf den Bäumen und
Sträuchern, an denen bereits das erste Grün sich bemerkbar
machte; und ein frischer Erdgeruch entstieg dem keimenden
Boden und würzte die Luft. Nur wie ein leises Brausen
drang das Branden und Wogen des Berliner Lebens über
die Dächer hinweg in diese abgeschlossene Idylle hinein.

Wenn Johannes Timpe seinen Sohn zu Gesicht bekam,
galt seine erste Frage den Fortschritten im Geschäft. In
den ewig sich gleichbleibenden Worten: „Nun wie war's
heute — sind sie zufrieden mit Dir?“ lag die ganze Zärtlichkeit, die er für seinen Sohn stets in so reichem Maße übrig hatte.

Franz überhörte heute die Frage ganz; dafür aber sagte
er sofort:

„Weißt Du noch Vater, wie meinetwegen die Mauer
errichtet wurde?“

Meister Timpe blickte bei dieser merkwürdigen Frage auf.

„Gewiß, mein Junge, aber wie kommst Du darauf?“

Franz schwieg ein paar Minuten, denn es fiel ihm ein,
daß er zuvor etwas Nützlicheres zu thun habe, als sogleich
die Frage seines Vaters zu beantworten. Er zog eine Haarbürste hervor, musterte sich eine Weile aufmerksam in dem
Stückchen Spiegel derselben, glättete seine nach der neuesten
Mode in der Mitte kokett gescheitelte Frisur, versuchte den
Spitzen des keimenden Schnurrbartes eine symmetrische Form
zu geben, pfiff leise vor sich hin, stellte sich mit den Händen
in den Hosentaschen breitbeinig vor seinen Vater hin und erwiderte dann erst:

„Wer hätte jemals daran gedacht, daß ich doch noch über
die Mauer hinwegkommen würde. Denke Dir nur: Herr
Urban hat die Wittwe da drüben geheirathet und zwar ganz
im Stillen auf einer Reise, die er kürzlich gemacht hat.
Selbst das Geschäftspersonal hat jetzt erst davon erfahren.
Es soll nämlich extra eine Festlichkeit für uns veranstaltet
werden. Meine alte Feindin wird meine Frau Chef — ist
das nicht ein Hauptspaß?“

Johannes Timpe war diese Enthüllung so unerwartet
gekommen, daß er zuerst stumm blieb, nur an seiner Mütze
rückte und mit den Fingern der linken Hand über den kurzgeschorenen Kinnbart fuhr. Es war das immer ein Zeichen
großer Nachdenklichkeit. Dann erst sagte er langsam:

„Sieh, der Schlauberger! Ein schönes Grundstück da
drüben und was die Hauptsache ist, Frau Kirchberg, jetzt
Frau Urban, soll viel Geld besitzen. Es ist die
alte Geschichte: wo Viel ist, kommt Viel hinzu.“

Meister Timpe faßte unter den Brustlatz seiner Schürze,
holte eine mächtig-runde, bemalte Dose hervor und nahm mit
einem „hm, hm“ bedächtig eine Prise.

Das sei aber noch nicht alles, berichtete Franz weiter.
Man habe die Absicht, den größten Theil des Gartens zu
Bauterrain umzuwandeln und eine große Fabrik mit den
neuesten Verbesserungen zu errichten.

„Die schönen alten Bäume!“ warf Meister Timpe im
Tone des Bedauerns ein, bei dem Gedanken, eines Tages an
Stelle des herrlichen Laubschmuckes kahle Backsteinmauern und
riesige Schornsteine emporragen zu sehen.

„Also Dein Chef will im eigenen Hause fabriziren“, sagte
er dann auf's Neue, indem er die Arme über den Knauf des
Spatens kreuzte und vor sich hin blickte. Im Geist vernahm
er bereits das Zischen des Dampfes, das Schnurren und das
Summen der Treibriemen — jenes eigenthümliche, die Erde
erzitternd machende Geräusch, das die Nähe großer, in Bewegung gesetzter Maschinen verkündet.

Wenn er nur genau gewußt hätte, wann das Bauen
drüben seinen Anfang nehmen sollte. Er war nicht umsonst
plötzlich so still geworden. Ihm fielen seine alten Pläne
wieder ein, welche sich um die Vergrößerung seines eigenen
Geschäftes drehten. Wenn an Stelle dieser Mauer eine
schwindelhohe Wand erstünde, wenn man ihn immer mehr
umschlösse, um ihm das Licht des Himmels zu nehmen? Er
hatte nie daran gedacht, daß die Verhältnisse jenseits der
Mauer sich jemals ändern würden. Etwas wie Traurigkeit
überkam ihn, eingedenk der Möglichkeit, daß sein Gärtchen
eines Tages einem jener dunklen Höfe gleichen könne, über
welche die Sonnenstrahlen nur auf Minuten dahinhuschen,
ohne jemals ganz die Tiefe zu erreichen.

Als er sich umwendete, um an seinen Sohn noch eine
Frage zu richten, war dieser bereits verschwunden; die Mutter
hatte ihm vom Flur aus einen Wink gegeben, dem er gefolgt war.

Es war nahe an ein Uhr. In der Werkstatt hatten die
Gesellen sich nach eingefunden, um die Arbeit wieder
aufzunehmen. An dem geöffneten Flügel des einen Fensters
saß Thomas Beyer, der älteste Gehülfe Timpe's. Seit fünfzehn Jahren stand er bereits an ein und derselben Drehbank.
Er war ein hagerer, starkknochiger Mann von etwa 40 Jahren
und wohnte mit einer Schwester zusammen, die ihm die
Wirthschaft führte. Er lebte sehr mäßig, besuchte sehr
häufig populäre Vorträge und benutzte jede Gelegenheit, seine
Belesenheit zu beweisen. Dadurch war er zu einer gewissen
Autorität bei seinen Kollegen in der Werkstatt gelangt, die
ihn wie ein lebendes Auskunftsbureau betrachteten, das auf
Alles Antwort geben müsse. Die ergötzlichsten Ansichten
wurden dabei zu Tage gefördert. Da er überdies mit allen
Verhältnissen des Hauses vertraut war, in Abwesenheit seines
Arbeitgebers die Geschäfte desselben wahrnahm, so wurde er
von diesem mehr wie ein Kamerad als wie ein Untergebener
betrachtet.

„Meister“, rief er zum Garten hinaus, „wir haben noch
nicht genug Schornsteine in der Nähe, es müssen noch einige
hinzukommen. Aber ich habe es immer gesagt: die Ueberproduktion
wird die Menschen zu Grunde richten. Die großen Fabriken fressen
das Handwerk auf und zuletzt bleibt weiter nichts übrig, als
Arbeiter und Fabrikanten, zweibeinige Maschinen und Dampfkessel. Wie soll das enden!“

„Diesmal haben Sie Recht, Beyer“, erwiderte Johannes
Timpe, während von der Hofthür her, wo die Tauben sich
vor dem Großvater versammelt hatten, die alte Litanei des
Greises ertönte:

„Ja, ja, das waren noch andere Zeiten . . . damals!
Das Handwerk hatte einen goldenen Boden . . . Die Schornsteine müssen gestürzt werden, denn sie verpesten die Luft;
aber die Handwerker haben selbst daran Schuld. Sie sollten
ihre Söhne nicht Kaufleute werden lassen, die nur noch
spekuliren und nicht arbeiten wollen“.

Er hatte seinem Ingrimm wieder einmal Luft gemacht,
drehte sich um, faßte nach der Wand und schritt, auf seinen
Stock gestützt, den Oberkörper gebeugt und den Athem kurz
hervorstoßend, den langen Flur entlang, begleitet von dem
Geräusch der klappernden Hauspantoffeln.

Durch das Gespräch aufmerksam geworden, hatten sämmtiche Gesellen sich an den Fenstern versammelt. Da drüben
sollte also eine Fabrik errichtet werden? Das war eine
Nachricht, über welche man sprechen mußte. Johannes Timpe
war es selbst angenehm, mit den Arbeitern seine Ansicht auszutauschen; und so eiferte denn ein Jeder, seine Bemerkungen
zu machen.

Urban sei ein ganz geriebener Junge, meinte Leineweber
aus Braunschweig, ein kleiner, schmächtiger Mensch, der sich die
Brust an der Drehbank ruinirt hatte, aber sich immer in
Träumen darüber erging, was er anfangen würde, wenn er
einmal einen Batzen in der Lotterie gewönne. Er habe bei
einem Meister gearbeitet, der für Urban geliefert habe. Wenn
dieser anfange, auf eigene Faust zu fabriziren, so würde er
wohl seinen guten Grund haben. Jedenfalls mache er hundert
kleine Meister todt.

Und Leitmann, ein bereits graubärtiger Geselle, der früher
einmal selbstständig gewesen war und durch das viele Treten
der Drehbank einen hinkenden Gang sich angeeignet hatte,
kannte ihn schon seit der Zeit, als sein ganzes Geschäft aus
zwei winzigen Zimmern bestand und er, einen mächtigen Karton
unter dem Arm, seinen eigenen Reisenden spielte, der durch
die Straßen Berlins keuchte, oder hoch oben auf dem Omnibus von einem Thor zum andern fuhr. Das sei vor zwanzig
Jahren gewesen, als die ovalen Bilderrähme zum ersten Male
auf der Drehbank hergestellt wurden. Dadurch habe er sein
Glück gemacht.

Fritz Wiesel, ein blutjunger Berliner, hatte, als er noch
Lehrling war, im Komtor von Ferdinand Friedrich Urban zu
thun gehabt. Sein Geiz sei sprichwörtlich, meinte er. Er
habe einmal einem Droschkenkutscher in der Zerstreutheit ein
Zehnpfennigstück zu viel gegeben und sich darüber so sehr geärgert, daß er befürchtete, bankerott zu werden.

Meister Timpe wurde durch die eintretende Heiterkeit
mit fortgerissen, bis er endlich sagte:

„Ihr macht ihn schlechter, als er in Wirklichkeit ist, Kinder.
Ich habe ihn kennen gelernt, als ich meines Sohnes wegen
mit ihm Rücksprache nehmen mußte, und ich kann sagen, daß
er mir wie Jemand vorgekommen ist, der die Welt und die
Menschen kennt.“ —

„Und sie deshalb gehörig ausbeutet,“ fiel Thomas Beyer
brummend ein.

Meister Timpe zuckte die Achseln und erwiderte:

„Ein Kaufmann muß rechnen, sonst geht er zu Grunde“,
sagt mein Franz immer. „Es ist nun einmal in der Welt
so, lieber Beyer, daß jeder seinen Vortheil sucht.“

„Aber der liebe Herrgott hat die Erde nicht dazu geschaffen, Meister, daß die Einen Alles haben und die Anderen
Nichts,“ gab der redselige Altgeselle zurück. „Da habe ich
neulich einen Vortrag gehört —“

Johannes Timpe unterbrach ihn mit einer Handbewegung.

„Weiß schon, weiß schon, lieber Beyer! — Sie berufen sich immer auf die Vorträge . . . Sie scheinen übrigens
in der letzten Zeit gefährliche Gedanken bekommen zu haben.“

Meister Timpe drohte lächelnd mit dem Finger und fuhr
dann fort:

„Laß Jeden thun und Jeden haben, was er will. Der
Werth des Lebens besteht nicht darin, zu sagen, ich bin das
und das und ich besitze das und das, sondern darin, daß der
Mensch sagt: Ich bin zufrieden. Liebe zur Arbeit, Neidlosigkeit dem Nächsten gegenüber und der Glaube an einen
ewigen Gott — das sind die drei Dinge, die wir zuerst beherzigen müssen, wollen wir uns eines wirklichen, innern
Glückes erfreuen. Denn, daß das Glück von außen kommt,
sagen nur Diejenigen, die es in ihrem Innern nie empfunden
haben.

„Das sind alte Anschauungen, Meister“, sagte Thomas
Beyer wieder, indem er seine Drehbank in Bewegung setzte.
„Sie sind nicht fortgeschritten in Ihren Ansichten; aber Sie
werden einmal anders denken.“

Johannes Timpe kannte die Unterhaltungssucht seines
Altgesellen über derartige Dinge und wußte, daß es schwer
war, ein Ende mit ihm zu finden. Deshalb drehte er dem
Fenster den Rücken und schritt der Wohnung zu, um sein
Mittagsmahl einzunehmen.

Die Gehilfen aber konnten noch nicht zur Ruhe kommen.
Während sie Anstalten machten, um an ihre Arbeit zu gehen,
wurde das Gespräch fortgesetzt.

Theobald Spiller, genannt Spillerich, gebürtig aus einer
kleinen Stadt, des Königreichs Sachsen, war der Lustigmacher
der Werkstatt. Er war ein kleiner rund gebauter Mann mit
glatt geschorenem Haar und bartlosem Gesicht, in dem der
breite Mund selten zur Ruhe kam. Selbst beim Drechseln
erzählte er seine Schnurren, und lachten die Anderen nicht,
so erlaubte er sich dieses Vergnügen allein. Er hatte oft die
tollsten Einfälle, war aber sonst ein durchaus harmloser
Mensch, der nur die üble Angewohnheit hatte, regelmäßig des
Dienstags bereits Vorschuß zu nehmen, was sich im Laufe der
Woche zwei- bis dreimal zu wiederholen pflegte. Er aß nämlich ungemein stark und hatte eine besondere Vorliebe für extraseinen Liqueur, durch den er sich die Einsamkeit seines Junggesellenlebens trostreicher zu machen versuchte.

Er schlug vor, den Versuch zu machen, Ferdinand
Friedrich Urban von der Errichtung der Fabrik abzubringen,
schon des Freikonzertes wegen, welches die Nachtigallen im
Sommer zum Besten gäben, worauf der Berliner diesen guten
Gedanken mit einem: „Det stimmt“, bestätigte — ein Stichwort, das er den Tag über unzählige Mal anzuwenden wußte.

Man erging sich nun in den verschiedensten Plänen, die
jedoch alle als nicht besonders wirkungsvoll verworfen wurden,
bis endlich Theobald Spiller, genannt Spillerich, den Vogel
abschoß, indem er sagte, man müsse das Gerücht verbreiten,
der Geist von Frau Urbans erstem Manne ginge im Garten
umher, um sich gegen die beginnende Verwüstung zu verwahren.

„Wenn Ihr mir ein Leichengewand besorgt, mich dabei
nicht verhungern läßt und sofort bei der Hand seid, wenn ich
um Hilfe rufen sollte, so mache ich die Geschichte“, sagte der
kleine Sachse zum Gaudium der Uebrigen, indem er die
Spähne von seinem in der Form einer Kugelakazie gestutzten
Haar entfernte.

Man hätte diese Pläne jedenfalls noch ins Ungeheuerliche
gesponnen, wenn nicht Franz Timpe vor den Fenstern wieder
sichtbar geworden wäre. In der Werkstatt konnte ihn Niemand seines Hochmuths wegen leiden. Er hatte die Manier,
äußerst herablassend zu thun und auf einen Gruß kaum einen
Dank zu finden; dagegen verlangte er äußerst herrisch die
Erfüllung seiner Wünsche. Vernahm er den freundlichen
Ton, in welchem der Drechslermeister mit den Gesellen verkehrte, so fühlte er sich dadurch unangenehm berührt. Es
passe sich nicht, mit Arbeitern kameradschaftlich zu verkehren,
meinte er zu seinem Vater; denn es ärgerte ihn, nicht so
respektirt zu werden, wie er es wünschte. Nur Thomas
Beyer gegenüber pflegte er bescheiden aufzutreten, denn er
hatte es nicht vergessen, wie dieser ihm einst, als er noch
Schuljunge war, für eine arge Unverschämtheit eine Ohrfeige
versetzt hatte, die noch lange Zeit hindurch eine Genugthuung
für den Großvater bildete. Es hatte damals zwischen dem
Meister und seinem ältesten Gesellen eine heftige Szene gegeben, in welcher aber schließlich der Gerechtigkeitssinn Johannes Timpe's zu Gunsten seines Gehilfen siegte. Erblickten
die Gesellen den angehenden Kaufmann, beobachteten sie die
geckenhaften Manieren, die er sich angeeignet hatte, so wurde
er zur Zielscheibe geheimer Spöttereien, die seine Ohren nicht
angenehm berührt hätten, wenn er sie vernommen haben
würde.

„An dem Zierfuchs hat sich der Meister eine Ruthe für
seine alten Tage gezogen“, pflegte Thomas Beyer zu sagen
und wiederholte es auch heute.

„Det stimmt“, fiel Fritz Wiesel ein. „Er müßte sich
einmal vierzehn Tage lang an der „Bank“ die Beine austreten, vielleicht würde er dann etwas zahmer werden.“

„Das hilft alles nichts“, meinte der kleine Sachse. „Er
muß vier Wochen lang im Schaufenster eines Friseurs stehen,
oder zu Castan ins Panoptikum kommen. Da gäbe es
etwas zum Lachen.“

Oftmals wurden die Bemerkungen so laut gethan, daß Franz Timpe etwas von ihnen auffing.
Er schäumte dann vor Wuth, schwieg jedoch, weil er
fürchtete, sich noch lächerlicher zu machen; oder er schlug den
alten Weg ein: suchte seinen Vater auf und klagte die
Gehülfen der Faulheit und anderer Dinge an. Dadurch
machte er sich nur noch verhaßter bei den Leuten in der
Werkstatt. Sein Trost blieb dann die Zukunft, die Erfüllung
der Pläne seines Vaters, die ihn in den Stand setzen
würden, dereinst über die Arbeiter zu herrschen und sich für
die erlittenen Verhöhnungen zu rächen. … Wie schön war
nicht die Aussicht! Das Geschäft würde blühen und gedeihen,
er sich emporschwingen, wie Urban es gethan hatte; man
würde ihn Chef nennen, eine reiche, schöne Frau würde sich
finden, dazu Pferd und Wagen und eine Villa, wie Herr
Ferdinand Friedrich Urban sie besaß. Und warum den Gedankenflug nicht noch höher erheben? Schon mancher hatte
es bis zum Kommerzienrath gebracht, der wie er, in jungen
Jahren begonnen hatte. …

Den Kopf voll dieser Träumereien, mit denen ein Heer
von Arbeitern, riesige Schornsteine, doppelthürige Geldschränke
und Unsummen Geldes sich verbanden, die wie Phantome an
ihm vorüber jagten und seine Phantasie belebten, enteilte er
auch diesmal der Hörweite der Gesellen und machte sich auf
den Weg zum Komtor.

IV.
Das Loch in der Mauer.

In den Morgenstunden des anderen Tages — die Gesellen saßen gerade beim Frühstück — ließen plötzlich
jenseits der Mauer heftige Meißelschläge sich vernehmen,
deren heller Klang die Luft durchdrang. Gerölle von Steinen
und Mörtel folgten; hin und wieder wurden Stimmen laut.
Man schien etwas abzumessen und seine Meinung darüber
auszutauschen. Die Gehülfen wurden aufmerksam, und Thomas
Beyer sagte zu Johannes Timpe, der die Werkstatt betreten
hatte:

„Hören Sie nur, Meister, da drüben fängt man schon
an zu bauen. Urban hat es sehr eilig.“

Der Alte war ebenso überrascht wie seine Leute. Das
ging in der That sehr rasch, wenn Beyer Recht hatte. Timpe
schritt nach dem Garten hinaus, um etwas von dem Gespräch
aufzufangen und seine Beobachtungen in der Nähe zu machen.
Die Schläge richteten sich gegen die Mauer. Nach einer
Viertelstunde bewegte sich ein Stein in derselben; die Spitze
eines Meißels wurde sichtbar. Es dauerte nicht lange, so
konnte man eine Oeffnung erblicken, die sich nach einer
weiteren Viertelstunde so vergrößert hatte, daß das bärtige
Gesicht eines Maurers sich zeigte. Der Mann blickte neugierig durch das Loch und nickte dem Meister wie zum
Gruße zu. Schlag auf Schlag folgte dann wieder, Stein auf
Stein verschwand; die Oeffnung erweiterte sich bis zum
Boden, bis sie endlich so groß war, daß ein Mensch in gebückter Haltung bequem hindurchschlüpfen konnte.

Meister Timpe wollte gegen den Maurer seinem Unmuth
über den herniedergefallenen Kalk, der seine Beete bedeckte,
Luft machen, als durch die Oeffnung eine laute Stimme erschallte:

„Guten Tag, mein lieber Herr Timpe! Also hier
wohnen Sie!“

Und Herr Ferdinand Friedrich Urban, ein kleiner, hagerer
Mann mit einem schmalen bartlosen Gesicht, auf dessen
langer, spitzer Nase eine goldene Brille thronte, präsentirte sich
den erstaunten Blicken des Drechslermeisters.

Dieser Begrüßung folgte ein Wortschwall von Entschuldigungs- und Erklärungsgründen: „… Ohne Belästigung
für den Nachbar ginge so etwas nicht ab. … Der Schutt
solle sofort weggeschafft werden. … Man wolle die Mauer
durchaus nicht abreißen, müsse aber eine Wurzel des Baumes
da hinten, die bis unter das Fundament führe, durchschneiden,
um Unheil zu verhüten. … Sämmtliche Bäume sollten
fallen …“ und so weiter.

„Wenn Sie erlauben, überschreite ich die feindliche
Grenze.“

Bevor noch der verlegene Meister Timpe ein zuvorkommendes: „Bitte, bitte recht sehr,“ ganz zu Ende bringen
konnte, hatte Herr Ferdinand Friedrich Urban sich bereits
mit der größten Rücksicht auf seinen Zylinderhut durch die
Oeffnung gezwängt und mit einem Sprunge die Beete überschritten. Dann verstieg er sich so weit, Johannes
Timpe die Hand entgegenzustrecken, die dieser erst ergriff, nachdem
er die seine mit der Schürze in Berührung gebracht hatte,
um sie reinlicher zu machen. Ueberhaupt merkte man ihm
an, wie außerordentlich geehrt er sich durch diesen Besuch
fühlte. Er lüftete mehrmals hinter einander die Mütze und
setzte sie schließlich in der Zerstreuung äußerst schief wieder
auf, so daß der Schirm über das eine Ohr ragte. Endlich
versuchte er doch einige zusammenhängende Worte hervorzubringen, die der Ehre, welcher er durch diesen plötzlichen
Besuch theilhaftig wurde, Ausdruck verleihen sollten.

Herrn Ferdinand Friedrich Urban's lange und spitze
Nase schnüffelte eine Weile in der Luft herum, als wollte sie
die Atmosphäre dieses kleinen Handwerkerheims in sich aufnehmen; die wasserblauen Augen glitten über die Brille
hinweg, nach rechts und links prüfend im Kreise herum, dann
sagte er, während die dürren Finger der rechten Hand eine
abwehrende Bewegung machten:

„Schon gut, schon gut, mein lieber Herr Timpe!“

Dabei klopfte er dem Meister auf die Schulter, wie es
Jemand zu thun pflegt, der einem Menschen seine Herablassung beweisen will. Dann fuhr er mit seiner hellen
Trompetenstimme, die sich wie die eines Knaben anhörte, fort
zu sprechen, die Sätze kurz hervorstoßend:

„Die ganze Geschichte dort drüben gehört jetzt mir. Sie
werden wohl schon davon gehört haben. . . . Frau Kirchberg
ist erst kürzlich meine Frau geworden. . Sie haben einmal
einen kleinen Streit mit ihr gehabt. Weiß schon, schadet
nichts! So etwas wird vergessen. … Ihr Sohn wird trotz
seiner frühen Vorliebe für verbotene Früchte ein tüchtiger
Kaufmann werden. Gewiß, gewiß, ohne Frage!“

Meister Timpe's Gesicht leuchtete, während Herr Urban
von Neuem anhub:

„Ich will eine große Fabrik da drüben errichten, eigentlich zwei, aber es wird nur ein Gebäude werden, weil Alles
ineinandergreifen soll. … Ich sehe ja nicht ein, weshalb
ich nicht in meinem eigenen Hause fabriziren sollte. … Man
muß heute Alles großartig, mit Dampf betreiben, um
billig liefern zu können. Die Konkurrenz ist zu groß.
Die Knopf- und Stockfabrikation ist zwar bereits sehr
heruntergekommen, aber ich werde die Geschichte schon anfassen,
es einmal mit meinen eigenen Ideen versuchen. Die Elfenbeinbranche werde ich hinzunehmen, vielleicht auch die grobe
Holzdrechslerei mit Dampf betreiben. Die Geschichte wird
schon gehen … Uebrigens wäre mit Ihrem Artikel noch
etwas Großes zu machen, wenn —“

Er brach plötzlich ab, als empfände er, zu weit gegangen
zu sein, fragte dann aber plötzlich:

„Sagen Sie doch, mein lieber Herr Timpe, wollen Sie
Ihr Grundstück verkaufen?“

Der Meister hatte eine derartige Frage nicht erwartet.
Kurze Zeit schwieg er, dann erwiderte er sehr bestimmt:

„Niemals, wenigstens so lange ich lebe, nicht. Ein halbes
Jahrhundert befindet sich das Haus bereits in unserem
Besitz und, so Gott will, soll mein Sohn, und bekommt er
einst Kinder, sollen diese es noch länger behalten. …“

Er nahm bedächtig eine Prise; dann fügte er in seiner
ruhigen, gemessenen Sprechweise hinzu:

„Ich will ebenfalls bauen und meine Werkstätten vergrößern.“

Ferdinand Friedrich Urban blickte überrascht auf und maß
den Meister mit einem Seitenblick, dann sagte er mit gezwungener Gleichgültigkeit: „So, so, also ebenfalls im Großen
fabriziren, he?“

Während die Hände sich mit der dicken, goldenen Uhrkette beschäftigten, vergaß er nicht, mit leicht gesenktem
Haupte über die Brille hinweg das Antlitz des Gefragten
zu studiren.

Und Johannes Timpe, erfreut darüber, in diesem angesehenen Kaufmann einen Mann gefunden zu haben, der so
leutselig mit ihm über seine geschäftlichen Pläne sprach, wußte
nichts Besseres zu thun, als mit gleichem Vertrauen entgegenzukommen und sein Herz auszuschütten.

Seines Sohnes, ja nur seines einzigen Sohnes willen
würde er das thun. Natürlich sei vorläufig noch nicht daran
zu denken. Der Junge müsse erst etwas Ordentliches lernen,
ein tüchtiger Kaufmann werden, sich Fachkenntnisse aneignen;
dann, ja dann könne er wohl der Sache näher treten. Lange
werde das ja nicht dauern, denn ein paar Jahre seien bald
herum. Ein Handwerker würde er trotzdem immer
bleiben, aber heute, wo Alles rechne und die Zahlen bei
den Menschen die größte Rolle spielten, sei es jedenfalls von
Vortheil, auch ein wenig direkt mit dem Handel in Verbindung
zu treten.

Herr Ferdinand Friedrich Urban hatte diesen Herzensergüssen aufmerksam und ohne Unterbrechung zugehört; nur
daß er hin und wieder ein halblautes „So, So!“ vernehmen
ließ, das man aber mehr als Ausdruck seiner Ueberraschung
denn einer Zustimmung betrachten konnte. Endlich sagte er
überzeugungsvoll:

„Die Geschichte wird gehen, aber wenn ich Ihnen einen
Rath geben dürfte, so wäre es der: Seien Sie vorsichtig,
ehe Sie Ihr Geld verpulvern. Wem nicht viele Mittel zur
Verfügung stehen, der sollte hübsch seinen alten Weg gehen,
ehe er einen neuen betritt. . . . In meinem Geschäft stecken
bereits Hunderttausende, und doch habe ich noch Tag und
Nacht zu arbeiten, um mich über Wasser zu halten. Einer
macht den Anderen todt. Wer es am längsten aushalten kann,
der bleibt Sieger. . . . Mit dem Geldhineinstecken ist's bald gethan,
bekomme es Einer nur erst wieder heraus! Thäte man nicht besser,
sein Geld zu einem soliden Zinsfuß anzulegen? Aber leicht
gesagt bei einem Kaufmann! Hat er einmal angefangen mit
dem Hineinstecken, dann muß er seinen Geldsack immer auf's
Neue bluten lassen. Er muß, verstehen Sie, er muß! —
sonst verschlingt ihn das große Thier Nimmersatt, das man
Konkurrenz nennt. . . . Aber die Geschichte wird eines
Tages gehen, sage ich mir, darum werde ich noch einmal mit
den Hunderttausenden anfangen.“

Er machte eine Kunstpause, dann sagte er wieder:

„Sie sollten Ihr Grundstück doch verkaufen, und zwar
an mich. Ich zahle Ihnen den doppelten Preis des Werthes.
Sehen Sie, ich kann diese Ecke hier gebrauchen; sie würde
sich vortrefflich zu meinem Kontorgebäude eignen. Ich
könnte dasselbe dann direkt an die Straßenfront bauen. Ihre
Nachbarn zur Rechten und Linken sind mir bereits entgegengekommen. Die Geschichte wird gehen, wie?“

Johannes Timpe kam aus der Ueberrumpelung nicht
heraus. Einige Augenblicke blickte er sinnend vor sich hin und
überlegte sich die Sache äußerst reiflich. Das Angebot war
ein verlockendes. Da fiel sein Blick auf die hinfällige Gestalt
seines Vaters, der sein Leben auf dieser Scholle Erde zu
beschließen gedachte. Sein Entschluß war ein für allemal gefaßt.

„Nein, ich thue es nicht,“ sagte er fest und bestimmt.

„Ich lege noch tausend Thaler baar hinzu —“

Timpe machte eine abwehrende Handbewegung.

„Nun dann mein letztes Gebot, weil mir durchaus an
dieser Ecke etwas liegt: Ich zahle Ihnen den dreifachen Werth,
und zwar in baarem Gelde, Schlagen Sie ein und seien Sie
nicht thöricht.“

Es war dieselbe Situation. Johannes Timpe wurde
schwankend, die Aussicht auf leichten Gewinn lockte, das baare
Geld lachte ihn im Geiste an. Er hatte sich niemals träumen
lassen, daß aus seinem Grund und Boden über Nacht Reichthümer zu schlagen seien. Abermals richtete er den Blick
nach der Hofthür, von woher im selben Augenblick die Worte
schallten: „Das Haus verkaufen wir nicht. Dabei bleibts!“

Der starrsinnige Greis, dessen feinem Gehör die Unterhaltung nicht entgangen war, drehte sich kurz um und ließ wieder
den Dreiklang seiner Pantoffeln und der Stütze vernehmen.

„Da haben Sie es gehört“, sagte Timpe lachend, ungemein vergnügt darüber, in dem Großvater einen Befreier
aus seiner Pein gefunden zu haben. „Das ist die letzte
Instanz, und dagegen ist nichts zu machen. Reden wir nicht
mehr darüber, Herr Urban.“

„Merkwürdige Menschen, die Sie sind! Sie werden es
eines Tages bereuen.“

Etwas wie Unmuth drückte sich auf Urban's Zügen aus.
Die Nase schien spitzer geworden zu sein, die ausdruckslosen
Augen warfen über die Brille hinweg empörte Blicke auf das
Häuschen, als wollten sie die halbe Ruine für das erlittene
Fiasko verantwortlich machen.

Herr Ferdinand Friedrich Urban zog sein rothseidenes
Taschentuch hervor und entfernte einige Kalkspritzer von
seinem tadellos schwarzen Gehrock. Dann fragte er mit erzwungener Liebenswürdigkeit:

„Darf ich vielleicht einmal die Gelegenheit benutzen, Ihre
Werkstätten kennen zu lernen?“

Und da er sich einmal vorgenommen hatte, ohne einen
Profit diesen Ort nicht zu verlassen, sich aber Johannes Timpe,
gegen welchen ihn ein plötzliches Mißtrauen gepackt hatte,
beim Beschauen der Arbeitseinrichtung äußerst geneigt machen
wollte, so erfaßte er dessen schwache Seite und kam auf
Franz zu sprechen.

„Ja, mein lieber Herr Timpe — damit ich auch einmal
ernstlich von Ihrem Sohne rede: ein Prachtjunge mit einem
Wort! Er hat Manieren, so daß er die Zierde des besten
Hauses bilden könnte; besitzt eine wundervolle Handschrift,
rechnet ungemein schnell und hat sich Kenntnisse der englischen
und französischen Sprache angeeignet, was man nicht unterschätzen darf. Etwas zum leichten Leben geneigt, aber du
mein Gott — das sind die allgemeinen Fehler der Jugend,
die schließlich auch nothwendig zur Kenntniß des Lebens
sind. . . . Er wird Karrière machen! Ja, ja . . .“

Johannes Timpe zeigte eine Miene, als wenn er den
zehnfachen Preis für sein Grundstück empfangen hätte; denn
was konnte ihn wohl glücklicher stimmen, als das Lob seines
Einzigen aus dem Munde des Mannes, der die guten Eigenschaften Franzens am Besten erkannt haben mußte. So
schritt er denn bereitwillig dem großen Kaufmann voran und
öffnete ihm zuvorkommend die Werkstattthür — wie ein Mann,
der einen ausgezeichneten Besuch empfangen hat, dem er die
größte Aufmerksamkeit erweisen muß.

Die Gesellen steckten die Köpfe zusammen und setzten
auf kurze Zeit die Drehwerkzeuge ab, um das betäubende
Geräusch zu vermindern; dann sahen sie sich an, als wollten
sie fragen: Was will denn der hier? Wiesel und Leitmann
erinnerten sich seiner sofort und nannten seinen Namen.

Der Chef des Hauses Ferdinand Friedrich Urban entwickelte ein sichtliches Interesse selbst für die kleinsten Dinge
— gleich einem Fachmanne, der jede Gelegenheit wahrnehmen
möchte, um seine Kenntnisse zu bereichern. Sein Gesicht
neigte sich bald hier- bald dorthin, oder beugte sich tief auf
die Gegenstände; und die lange Nase, die sich wie ein Steuer
abwechselnd nach rechts und links wendete, blieb fortwährend
in Bewegung, als bildete sie ein nöthiges Bestandtheil zur
allgemeinen Prüfung. Er untersuchte Alles: die Drehbänke
die Werkzeuge, die angefangene Arbeit; stellte sechs Fragen
auf einmal, so daß Johannes Timpe Mühe hatte, die Neugierde seines Nachbarn zu befriedigen.

„Ja, Sie sind noch Einer, der zu beneiden ist! Ihnen
ist die Konkurrenz noch nicht über den Kopf gewachsen. So
sagte erst neulich der alte Heinicke — Sie kennen ihn ja,
seine Firma ist eine der ältesten am Platze, — daß Ihre
Horn- und Elfenbeinkrücken berühmt seien, und daß Niemand
es besser verstehe, solider zu arbeiten und eine schönere Zeichnung zu erfinden, als Sie. Wer zu gleicher Zeit die Modelle macht, der hat eben den größten Vortheil. Und doch
ist dieser Artikel noch viel zu theuer. Neue Maschinenerfindungen werden auch hier noch eine große Rolle spielen
müssen. . . . Wollen Sie mir nicht einmal Ihre Modelle zeigen?“

Meister Timpe zögerte einen Augenblick. Sein Blick
glitt prüfend über den Fabrikanten, der anscheinend gleichgültig den Arbeiten Thomas Beyer's zusah. Ein gewisses
Mißtrauen stieg in ihm auf, aber es verschwand auch ebenso
schnell. Lächerlich das, woran er eben dachte! Wenn dieser
Mann, der in einem vortrefflichen Renommee stand, um sein
Vertrauen bat, so würde er dasselbe jedenfalls auch zu achten
verstehen. Und dann: man stiehlt nicht gleich mit den Augen,
man prägt sich in wenigen Minuten nicht Dinge ein, deren
Herstellung manchen harten Tages, deren Erfindung noch
längerer Zeit bedurfte.

So sagte er denn höflich: „Wollen Sie die Güte
haben —?“ und führte den reichen Kaufmann in das
Allerheiligste seines Hauses: in seine Arbeitsstube, die ihm
zugleich zur Aufbewahrung der Modelle diente. Hier stand
seine Drehbank, pflegte er allein zu sinnen und zu schaffen.
Selbst die Gesellen hatten hier keinen Zutritt; sie mußten
vorher anklopfen, wollten sie den Meister sprechen. Wenn
mit Thomas Beyer eine Ausnahme gemacht wurde, so geschah
es nur, weil dessen Treue und Ehrlichkeit seit langer Zeit erprobt waren.

Urbans Blick glitt voll unverkennbaren Entzückens die
Wände entlang, wo an Bindfaden befestigt und mit Nummern
versehen, unzählige Holzgegenstände hingen, die in alen
Formen und Gestalten aus Meister Timpes kunstgeübter
Hand hervorgegangen waren.

„Die Geschichte macht sich“, sagte er ein über das andere
Mal. Nach dieser stehenden Redensart folgten Worte des
Lobes und der Bewunderung, so daß Johannes Timpe von
einem gewissen ungekünstelten Stolz beseelt wurde, schweigend
dabei stand und sich beflissen zeigte, den besonderen Wunsch
seines Nachbarn nach näherer Besichtigung irgend eines
Gegenstandes zu erfüllen.

„Heinicke hat nicht zu viel gesagt: Sie sind ein tüchtiger
Mann!“

Als Ferdinand Friedrich Urban sich mit den üblichen
Dankesworten verabschiedet und den Weg wieder durch die
Oeffnung der Mauer genommen hatte, rief er noch einmal zurück:

„Aber wie gesagt, der Artikel ist noch viel zu theuer,
viel zu theuer.“ . . .

Nach einer Stunde kam Franz Timpe zum Abendbrod
nach Hause.

„Wißt ihr das Neueste?“ sagte er zu seinen Eltern,
„die Stadtbahn soll hier durchgelegt werden. Die ganze
Gegend wird dadurch gewinnen.“

Johannes Timpe führte vor Erstaunen den Happen
Brot nicht dem Munde zu. Ihm fiel plötzlich etwas ganz
Merkwürdiges ein, so daß er fragte:

„Weiß Dein Chef schon davon?“

„Ei freilich; er selbst hat es unserem Geschäftsführer
erzählt.“

„Potz Blitz, jetzt ist mir Alles erklärlich! Er wollte
nämlich zu einem dreifachen Preise unser Haus kaufen, um
vielleicht das Zehnfache herauszuschlagen. Dieser Schlauberger, dieser Schlauberger. . . .“

V.
Fräulein Emma.

Eine Woche später, man schrieb den 4. Mai, befand sich
Franz in der Laube des Gärtchens, wo er allein sein
Essen einnahm. Der Flieder stand in voller Blüthe.
Knospe auf Knospe hatte sich aufgethan und eine seltene
Wärme der Luft ließ die Pracht des nahenden Sommers
ahnen. Die Drehbänke standen bereits still, friedliches Schweigen
herrschte in dem Häuschen. Sieben Uhr war kaum vorüber,
der Himmel hell und durchsichtig, so daß dem Blick eine weite
Aussicht gestattet wurde.

Die Mauer zeigte noch immer ihre klaffende Oeffnung,
denn es war nun fraglich geworden, ob man sie nicht ganz
niederlegen solle, um eine elegante, architektonisch verschönerte,
an ihre Stelle zu setzen.

Da Meister Timpe auf eine Stunde seine alte Stammkneipe, drüben auf der anderen Seite der Straße (Vater
Jamrath's Weißbier war im ganzen Viertel berühmt) aufgesucht hatte, so war in Franz die alte Lust erwacht, die seit
Jahren in ihm nicht mehr rege werden durfte: dem Nachbargrundstück einen Besuch abzustatten. Er hielt diesen Gang
heute nicht mehr für so gefährlich wie früher; ja glaubte
sogar berechtigt zu sein, sich an Ort und Stelle von der beginnenden Umwandlung des Parkes überzeugen zu dürfen.
Sollte doch auch er dereinst seine Thätigkeit auf dem feindlichen Gebiete fortsetzen.

Er war eben im Begriff, sich zu erheben, als eine helle
Mädchenstimme ganz in der Nähe laut und vernehmlich sagte:

„Papa Timpe's Haus sieht immer noch so häßlich aus
wie früher.“

Als die Sprecherin, die sich in dem Durchbruch der
Mauer wie in einem Rahmen präsentirte, den jungen Mann
erblickte, zog sie verlegen den Kopf zurück; Franz aber, bereits außerordentlich geübt in Galanterien Damen gegenüber,
lüftete sehr höflich den Hut und gebrauchte einige zuvorkommende Redensarten, die ihre Wirkung nicht verfehlten;
denn alsbald zeigten sich die Locken wieder und dieselbe
Stimme sagte:

„Ach, Sie sind's, Herr Timpe! Man kennt Sie gar
nicht mehr wieder“ …

Es war Fräulein Emma Kirchberg, die jüngste Tochter
der jetzigen Frau Urban, ein schlank gewachsenes Mädchen
von nahezu siebzehn Jahren, das sich noch in der körperlichen
Entwickelung befand und etwas zu groß gerathene Hände
besaß, die ihren größten Kummer bildeten, und welche sie
daher so wenig als möglich zu zeigen versuchte. Ihr längliches, gesund aussehendes Gesicht enthielt regelmäßige Züge,
deren Harmonie nur durch einen etwas breiten Mund, der
beim Lachen zwei Reihen gesunder Zähne zeigte (und das
geschah oft, denn sie lachte gern), gestört wurde.

Dafür entschädigten ein paar große, schwärmerisch
blickende Augen, die sehr keck in die Welt blickten und zeitweise die Starrheit von zwei durchsichtigen Wassertropfen annahmen, auf welche das Grün der Bäume seinen Reflex
wirft. Das röthlich blonde Haar fiel in Ringeln über die
Schulter und verlieh dem Antlitz den Schimmer von gefärbtem
Alabaster.

Sie war nicht allein; eine Freundin, Therese Ramm,
die etwas kränklich aussehende Tochter eines Dachpappenfabrikanten aus der Köpnickerstraße war bei ihr. Therese stand
in gleichem Alter mit Emma und war deren stete Gesellschafterin, soweit sich das mit der Zeit und den Umständen
vertrug. Da sie hinter der Mauer stand, so blieb sie Franzen
noch verborgen, der sie seit jener Zeit kannte, als an Stelle
der Mauer das kleine Zäunchen stand und er ein guter Spielkamerad der Mädchen war.

„Ja, damals!“ dachte er in diesem Augenblick mit dem
Großvater. Jene Tage tauchten vor seinem Geiste auf: wo
er mit dem jetzt so großen Fräulein Emma als Kind Hand
in Hand den Nachbargarten durchtollte, sie verwegen auf
seine Arme nahm und die Drohung ausstieß, sie in den
Wassergraben zu werfen, falls sie ihr lautes Rufen nach der
Mutter nicht lassen würde. Allerlei phantasiereiche Ausgeburten seines Gehirns schlossen sich dem an: er würde sie
des Nachts aus ihrem Bette rauben und in ein dunkles Gewölbe werfen lassen, wo sie bei Wasser und Brod so lange
sitzen müsse, bis sie alt und grau geworden sei und kein
Mensch mehr sie zur Frau haben wolle. Die kleine magere
Emma fing dann an bitterlich zu weinen und bat ihn, seinen
fürchterlichen Plan nicht auszuführen. Sie wolle auch ganz
artig sein und sich von ihm durch den Garten tragen lassen.
Und nun stand dieses kleine, zierliche Ding von damals als
furchtlose, elegant gekleidete Dame vor ihm und redete ihn
mit „Herr Timpe“ an. Was die Jahre und die Entfremdung
doch Alles zuwege bringen!

Fräulein Emma hatte sechs Jahre bei einer Tante auf
dem Lande zugebracht, da ihre Mutter von jeher für ihren
schwächlichen Körper gefürchtet hatte und es eines Tages für
nöthig fand, dem Verlangen des Arztes nach einem Ortswechsel
nachzugeben. Im vergangenen Winter war das Mädchen
wieder nach Berlin zurückgekehrt, um von nun an inmitten
der Familie zu verweilen. Die ganze Nachbarschaft
hatte ihre Größe angestaunt und sich über die ländlichen
Manieren gewundert, die sie sich angeeignet hatte. Ihre beiden
älteren Schwestern aber fanden alle Augenblicke Veranlassung,
sich über sie zu ärgern und ihren trockenen Humor, mit dem
sie sich über Alles lustig machte, und mehr noch ihre Ungenirtheit im Gespräche zu bemängeln und unausstehlich zu
finden. Binnen wenigen Monaten war sie zum enfant terrible geworden, das schließlich anfing, eine gewisse Ausnahmestellung im Hause einzunehmen. Therese Ramm allein erklärte sie für entzückend, denn sie fand mannigfache Berührungspunkte mit ihrer Freundin, da sie als einziges Mädchen
unter fünf Brüdern sehr zu leiden hatte; außerdem fühlte
sie sich in ihrem ganzen Denken und Trachten innig mit
Emma verwandt, zumal dieselbe trotz ihrer Fehler eine große
Herzensgüte besaß, die in der Schlichtheit, mit der sie zu
Tage trat, doppelt für sie einnahm.

Fräulein Kirchberg hatte kaum Franz erblickt und begrüßt,
als sie erklärlicherweise von denselben alten Erinnerungen heimgesucht wurde; und da sie die Empfindung hatte, als müsse
sie ihrem vorlauten Gruße etwas hinzufügen, um nicht in
Verlegenheit zu gerathen, so sagte sie sehr lustig:

„Bitte, zeigen Sie mir doch einmal das unterirdische
Burgverließ, in das Sie mich früher zu werfen drohten,
wenn ich Ihnen nicht pariren wollte. Entsinnen Sie sich noch,
Herr Timpe?“

„Ich habe im Augenblick daran gedacht, mein Fräulein,
und freue mich, daß Sie mich bei unserer ersten Begegnung
auf etwas aufmerksam machen, wofür ich nachträglich vielmals
um Verzeihung bitten muß. Aber ich war damals ein sehr
ungezogener Junge, wie das oftmals in solchem Alter vorkommen soll.“

„Und jetzt sind wir Beide sehr vernünftig geworden,
wenigstens Sie, wie es scheint, denn von mir will man das
durchaus nicht behaupten. Schwester Bertha nennt mich eine
lose Range, wenn ich das Gebahren meines Hauslehrers in
Urfeld, des spindeldürren Kandidaten Knothe, nachahme; und
Schwester Alwine besitzt die große Freundlichkeit, sehr anzügliche Redensarten von einer Landpomeranze fallen zu lassen,
falls ich einmal die Verwegenheit besitze, bei Tisch in Gegenwart von Gästen gewisse Schicklichkeiten nicht zu beobachten,
die mir sehr albern vorkommen … Aber es ist so, wie Tante
Julie zu sagen pflegt: Wir sind allzumal Sünder.“

Die Stimmung wurde durch diese im größten Uebermuthe
gesprochenen Worte eine so anheimelnde, daß die beiden
jungen Leute sich plötzlich so vertraut wie früher vorkamen
und sozusagen zwischen Thür und Angel eine launige Plauderei begannen, in der eine Erinnerung die andere jagte.
Franz mußte von seinen Ungehörigen erzählen: Ob der
Großvater noch lebe und seine alte Bärbeißigkeit beibehalten
habe; ob Herr Beyer noch seinen alten Platz da links am
Fenster inne habe und das alte traurige Gesicht beim Drechseln mache; ob der kleine dicke Geselle aus Sachsen immer
noch viel Wurst und Käse esse; ob die Tauben noch lebten,
und ob man noch immer auf den Lindenbaum steige, um
neugierige Blicke über die Mauer zu werfen? Und so weiter.

Alles das wurde sehr schnell hintereinander gefragt, und
als die Neugierde erschöpft war, sagte Emma plötzlich:

„Steigen Sie doch hier durch und kommen Sie in unseren Garten. Es ist mir durchaus nicht angenehm, mich fortwährend um Ihretwegen bücken zu müssen. Es ist Niemand
weiter hier, als Fräulein Therese Ramm, ein liebes gutes
Schäfchen, das keinem Menschen etwas zu Leide thut . . . .
Ich stelle sie Ihnen hiermit feierlichst vor.“

Jetzt erst erblickte Franz die andere junge Dame und zog
zum zweiten Male sehr tief seinen Hut. Eine Weile zögerte
er, der Aufforderung Folge zu leisten; dann aber siegte seine
Abenteuerlust und die alte Neugierde. Nach einigen landläufigen Redensarten, aus welchen die Worte „Dank“, „große
Ehre“, „liebenswürdige Einladung“ vernehmbar waren, trat
er näher und schlüpfte durch die Oeffnung.

Oben am geöffneten Dachfenster zeigte sich das weiße Haupt
des Großvaters. Vor wenigen Minuten war er erschienen und hatte
einen Theil des Gespräches mit angehört. Ingrimmig darüber,
Niemanden in seiner Nähe zu haben, den er seinen Hader
mit der Welt fühlen lassen konnte, stieß er kräftig mit dem
Stock auf die Diele und murmelte halblaut vor sich hin:
„Der und die Sippe da drüben, die passen zusammen. Die
werden uns einen Brei einrühren, von dem wir Zeit unsers
Lebens essen können, ohne satt zu werden. Dieser Bursche,
dieser Ueberläufer!“ . . Die Faust ballte sich, und das Fenster
wurde unsanft zugeschlagen.

Jenseits der Mauer schritt Franz neben den beiden
Mädchen langsam dahin. Zuerst war er sehr zerstreut und
gab verkehrte Antworten auf die Fragen Emmas, denn
sein Interesse wurde durch die Umgehung in Anspruch
genommen. An einzelnen Stellen hatte man bereits Erde
aufgeworfen, um den Grund und Boden zu prüfen. Meßschnüre waren ausgespannt, eine Arbeitsbude zeigte sich. In
der Nähe der Mauer zeugte entwurzeltes Strauchwerk von
dem Ernste, mit dem man die Neugestaltung zu beginnen gedachte. Alles deutete darauf hin, daß demnächst hundert
rührige Hände ihre Arbeit beginnen würden, um das, was
hier stand und die Allmacht der Natur verkündete, dem Boden
gleich zu machen.

Als Franz stehen blieb und sich eine darauf bezügliche
Bemerkung erlaubte, zeigte Emma ein sehr trauriges Gesicht,
in dem sich der Ernst allerdings etwas komisch ausnahm.
Da sie aber ihren Groll nicht zu unterdrücken vermochte und
schon längst die Gelegenheit herbeigesehnt hatte, ihrem Unmuth über die neuesten Wandlungen der Dinge einmal gründlich Luft zu machen, so ließ sie nun den Worten des Aergers
freien Lauf.

Vorerst gestand sie ein, nicht zu begreifen, wie ihre Mama,
die sie so sehr liebe und welche sie immer für außerordentlich
vernünftig gehalten habe, es über sich habe gewinnen können,
auf ihre alten Tage noch einmal zu heirathen; und obendrein
einen so häßlichen, wenig sympathischen Menschen, wie Herr
Urban es sei! Dann sah sie sich zu der Erklärung genöthigt,
daß sie niemals ihren Stiefvater als solchen anerkennen werde
und sich vorgenommen habe, allen Ernstes barmherzige
Schwester zu werden, falls Herr Urban es jemals wagen
sollte, irgend welche väterlichen Rechte über sie ausüben zu
wollen. Und zum Schluß brach sich der ganze Jammer ihrer
Mädchenseele über die Verwüstung im Parke Bahn.

„Ich werde es Mama'n niemals verzeihen können, daß
sie den Namen meines Vaters einem Vandalen geopfert hat,
der keinen Respekt vor dem Allerheiligsten und keinen Sinn
für Natur hat. Alle Menschen haben uns um diesen
schönen Garten inmitten der Stadt beneidet, Mama hat oft
betheuert, sie werde ihn niemals veräußern, und nun soll hier
alles wie Kraut und Rüben ausgerissen werden. Es ist einfach schändlich!“

Sie ballte die Hände, die Lippen zuckten und ihre
Augen wurden feucht, so daß Therese ganz ergriffen wurde,
ihren Arm um Emmas Taille legte und Neigung zeigte, sich
aus alter Anhänglichkeit demselben Schmerze hinzugeben. Um
ihr Mitgefühl zu beweisen, drückte sie das Taschentuch mehrmals gegen das Antlitz.

Franzen's Sinn für Romantik war niemals bedeutend ausgeprägt gewesen. Seitdem er sich dem Kaufmannsstande
widmete, suchte er eine gewisse Force darin, über Alles
äußerst nüchtern und praktisch zu denken und bei jeder Gelegenheit seinen Cynismus hervorzukehren. Er fand daher
das Gebahren der beiden Mädchen äußerst komisch, lachte und
sagte sehr altklug:

„Das verstehen Sie Beide nicht, meine Damen.“

Er machte eine Pause der Ueberlegenheit, beschäftigte sich
einige Augenblicke mit den Spitzen seiner ersten Manneswürde über der Oberlippe, ordnete dann mit einer eben so
schnellen als koketten Handbewegung den Zipfel des weißen
Taschentuches, der aus der äußeren Brusttasche ragte, zupfte
den Rock mehrmals glatt, drückte beim Gehen zu gleicher Zeit
die Brust und die Knie heraus und wendete sich dann direkt
an Fräulein Kirchberg, und zwar mit einem Tone, der nur
zu deutlich sein Bestreben kennzeichnete, bereits für einen
erfahrenen Mann zu gelten, der die Welt nach allen
Richtungen hin kennt. So sagte er denn mit Würde:

„Seien Sie versichert, Fräulein Kirchberg, daß ich Ihren
gerechten Schmerz zu würdigen weiß. Jedoch dürfen „wir“
nicht vergessen, daß der Kaufmann die Welt regiert und daß
er nur mit dem Verstande rechnet. Die Sentimentalität
müssen „wir,“ die „wir“ uns daran gewöhnt haben, den
Nutzen einer Sache nur vom praktischen Standpunkte aus
zu beurtheilen, allen denen überlassen, die niemals einen Begriff davon gehabt haben, daß die größten Dinge dieser Erde
ihr Entstehen nur dem Handel zu verdanken haben. Die Zahl
macht heute Alles; nur wer rechnen kann, hat Aussicht zu
etwas zu kommen und sein Leben zu genießen. „Wir“ Kaufleute sind die eigentlichen Macher — Pardon, wenn ich mich
zu sehr geschäftsmäßig ausgedrückt habe — ich wollte sagen,
die einzigen Erlöser der bedrängten Menschheit. „Wir“
bauen mit unserem Gelde Leuchtthürme, Paläste, ganze Städte,
„wir“ geben der Armuth Brod, „wir“ verhelfen den Bürgern
zum Wohlstande, an „uns“ wenden sich Könige und Kaiser,
wenn sie in Noth sind und Geld gebrauchen. Ja, meine
Damen, „wir“ Kaufleute regieren die Welt . . .“

Er machte abermals eine Pause.

Die beiden Mädchen waren bei den rasch hintereinander herausgeschnarrten, mit Pathos gesprochenen Worten
starr geworden und blickten mit dem Ausdruck unverhohlener
Bewunderung auf ihren Begleiter. Emma konnte sich nicht
enthalten zu sagen:

„Sie sind ja ein furchtbar großer Redner geworden,
seitdem wir uns nicht gesehen haben, Herr Timpe“.

Und Therese drückte ihrer Begleiterin den Arm und
flüstertte leise: „Ein netter Mensch, nicht wahr?“

Franz Timpe aber, geschmeichelt durch die Anerkennung
Emmas, und im Gefühle der großen Rolle, die er hier spielte,
ordnete mit Zeigefinger und Daumen der rechten Hand
abermals den Modezipfel der Brusttasche, spielte eine Weile
mit den Glaceehandschuhen, die er aus Rücksicht gegen die
Damen hervorgelangt hatte, und fuhr fort:

„Herr Urban, Ihr Stiefvater, mag Ihnen persönlich
nicht gefallen, mein verehrtes Fräulein, aber er ist mein
Chef, ein bedeutender Industrieller, und aus diesem Grunde
sehe ich mich genöthigt, eine Lanze für ihn zu
brechen . . . Er ist derjenige Mann, der die
ganz überflüssige Existenz dieser Bäume und dieses Gartens
hier zuerst erkannt hat. Dieses Lob gebührt ihm . . . Bedenken Sie nur, was für ein Verdienst er sich dadurch erwirbt: er wird an dieser Stelle prächtige Fabriken erbauen,
hunderte von Menschen in ihnen beschäftigen, — Leute, die
durch ihn vielleicht vor dem Hungertode gerettet werden.
Herr Urban wird dadurch zu gleicher Zeit zu einem
großen Menschenfreude, denn er giebt den Leuten Arbeit
und Brod. Aber nicht nur das: die Industrie wird ihm
äußerst dankbar sein müssen, ja ich behaupte kühn: die ganze
Menschheit, weil er vermöge seines Geldes und seiner
Intelligenz seine Fabrikate von nun an zu einem so billigen
Preise herzustellen vermag, daß sie Jedermann zugänglich
sein werden. Bedauern wir also die Bäume nicht, freuen
wir uns vielmehr darüber, daß sie fallen, denn sie sind stumme,
unthätige Wesen, die der Menschheit mit nichts Anderem
nützen können, als mit ihrem Holze; und auch aus diesem
Grunde müssen sie ihr Dasein aufgeben. … Das ist so
meine Theorie, meine Damen, die ich mir erlaubte, Ihnen
in wenigen aber großen Zügen zu entwickeln.“

Er steckte den Daumen der rechten Hand zwischen zwei
Knöpfe seines Rockes und schlug mit den übrigen Fingern den
Takt zu der Melodie, die er leise zu pfeifen begann. Es
war unleugbar: er kam sich im Augenblick wie ein Held vor,
der eine große That verrichtet hat und das Bewußtsein
empfindet, die Situation völlig zu beherrschen.

Emma, die ihn während seiner letzten Rede aufmerksam
betrachtet hatte, ärgerte sich im Geheimen, daß er ihren Stiefvater so außerordentlich lobte; andererseits berührte es sie
sehr sympathisch, daß er die Interessen des Mannes, dem er
zum Danke und zum Gehorsam verpflichtet war, so energisch
wahrnahm und hinter dessen Rücken mit Anerkennung und
Achtung von ihm sprach. Um ihm aber zu beweisen, daß sie mit
seinen praktischen Grundsätzen nicht übereinstimme, begann sie:

„Wenn Sie die Bäume für stumme, unthätige Wesen
halten, so kann ich nur mein Bedauern darüber ausdrücken,
daß Sie niemals ihre Sprache vernommen und verstanden
haben. Ich hätte gewünscht, daß Sie gleich mir bei Tante
Julie gewesen wären, um mutterseelenallein durch den Wald
zu streifen und das Rauschen der Bäume zu vernehmen.
Wie oft habe ich an schönen Sommertagen im Grase
gelegen und den ziehenden Wolken am Himmel nachgeblickt,
Es war weiter nichts zu vernehmen, als das Rascheln und
Säuseln der Blätter in den Baumkronen. Da dachte ich an
Mama, Alwine und Bertha, habe laut ihre Namen in die
Luft gerufen und dann vernommen, wie die Blätter über
mir flüsternd die Antwort gaben. Das war oft eine wunderschöne Musik. Erst fing es leise an zu tuscheln,
so daß es sich anhörte, als spiele im Finstern eine Maus
mit einem Stückchen Papier; dann rauschte es lauter,
kam klagend wie eine Windsbraut daher gezogen, pfiff und
flötete in allen Melodieen und brauste dann mächtig
wie ein Posaunenchor durch die Wipfel, so daß ich glaubte,
mich in einer großen, großen Kirche zu befinden, in der
eine Riesenorgel ertönt . . . . Das mag vielleicht für
Manchen eine überflüssige Sprache sein, ich aber habe mich
an ihr erbaut und sie oft im Stillen gesegnet. . . . . Ich
hatte mich so sehr darauf gefreut, sie in diesem Sommer
auch hier zu vernehmen und muß nun erleben, daß aus
reiner Spekulation alle Poesie verschwinden soll. Das ist
wirklich ganz abscheulich! Weil die Bäume nicht rechnen
können, sollen sie fallen! Es thut mir weh', Herr Timpe,
daß auch Sie so denken gelernt haben, trotzdem Sie früher,
wenn wir uns hier herumtummelten, so oft ausriefen: Ach
die schönen Bäume, sie werfen so prächtigen Schatten! Was
würden Sie nun sagen, wenn man Ihnen Ihren schönen
Lindenbaum da drüben nähme?“

Franz war nahe daran gewesen, von der Schwärmerei
Emmas gerührt zu werden, schämte sich aber jetzt seiner Inkonsequenz und erwiderte daher kurz und trocken:

„Er könnte fallen, denn ich benutze ihn nicht mehr.“

„Also nur was Ihnen gefällt und nützlich erscheint, hat
bleibenden Werth — nicht wahr, so meinen Sie? Das wäre
dann sehr egoistisch von Ihnen.“

„Gewiß, das muß auch jeder Mensch sein, mein Kind,
falls er zu etwas kommen will im Leben. Immer hübsch
praktisch denken, und nicht schwärmen und mit den Beinen
am Monde kleben. Dann wird die Geschichte schon gehen.“

Der das sehr laut sagte und mit diesen Worten wie mit
helltönenden Gewitterschlägen in die Unterhaltung fuhr, war
nicht Timpe junior, sondern Herr Ferdinand Friedrich Urban,
der am Arme seiner Frau Gemahlin gemüthlich aus einem
Seitenweg daher gebummelt kam und die letzte Rede seiner
jüngsten Stieftochter vernommen hatte.

Die jungen Leute waren außerordentlich erschrocken, am
meisten Franz, der beim Anblick der früheren Frau Kirchberg
das Gefühl eines Menschen verspürte, der plötzlich an einem
Orte entdeckt wird, wo er eigentlich nicht hingehört. Jedoch
zog er mit einer Verbeugung sehr tief den Hut und behielt
ihn in der Hand, denn er wagte nicht, ihn sogleich wieder
aufzusetzen. Dabei zeigte er ein Gesicht, das wenig mit seiner
sonstigen Keckheit harmonirte.

Bevor er noch irgend etwas zu seiner Entschuldigung
hervorbringen konnte, hatte ihn sein Chef bereits aus der
Situation gezogen.

„Na Timpe, Sie auch hier? Alte Freundschaft wieder erneuert,
he? Die Geschichte macht sich! Lassen Sie sich nur nicht
stören. Tüchtige Leute weiß ich immer zu schätzen. Bin
neulich auch über die feindliche Grenze geschritten, also Wurst
wider Wurst! . . . . . Uebrigens, liebe Agathe, — kennst
Du ihn noch, den Obstdieb? . . . Na, schadet nichts, alles
vergessen! Er gehört zu unserem Geschäft.“

Frau Kirchberg, eine stattliche Dame mit sehr ausdrucksvollen Zügen, die sehr langsam zu sprechen pflegte und jedes
Wort, das sie sprach, mit der Lorgnette in der Hand begleitete, lächelte gnädig und erkundigte sich in ihrer monotonen
Weise nach den Eltern des jungen Mannes. Und da sie inne
ward, daß Franz, der nach diesem unerwarteten Empfang sofort
den Kopf wieder in die Höhe streckte, sich überstürzte, äußerst
aufmerksam gegen sie zu sein (er hatte sofort ihr niedergefallenes Spitzentuch aufgehoben und es
beugung zurückerstattet), so verschwand allmählich ihre alte
Antipathie gegen ihn, verstieg sie sich nach fünf Minuten bereits, während welchen sie neben einander dahin geschritten
waren, zu der ihrem Manne zugeraunten Aeußerung, daß
man es anscheinend mit einem sehr wohl erzogenen jungen
Manne zu thun habe, der durchaus nicht den Eindruck mache,
als stamme er aus einer einfachen Handwerkerfamilie.

Und Urban, der wie immer, seitdem er das junge Eheglück genoß, äußerst gut gelaunt war, und der schon längst
seine besonderen Pläne mit dem einzigen Sohne Meister Timpe's
hatte, fühlte sich durch diese unerwartete Gnade seiner Frau
so erfreut, daß er sich sofort an die Seite seines ihn um
Haupteslänge überragenden Lehrlings begab, und, fortwährend
mit schiefem Kopfe zu Franz aufblickend, ein Gespräch begann, das sich um die neue Fabrik drehte. Er vergaß dabei
nicht, hin und wieder auf die geschäftliche Thätigkeit seines
Nachbarn zu kommen, über die er jedenfalls von dem Sohne
die beste Auskunft empfangen mußte.

Dann, wenn Franz, geehrt durch diese Würdigung seiner
Person seitens seines Chefs, bereitwillig Antwort gegeben
hatte, beeilte sich Urban mit einem sehr plötzlich hingeworfenen „Wie?“ … „So, so“, … „Ach!“ seine Vorliebe für Anwendung von Interjektionen zu beweisen. Nach
einer erhaltenen Auskunft fuhr dann verstohlen ein blitzartiges Lächeln über seine Züge, die rechte Hand rückte nervös
an der Brille und die Nase beschrieb die bekannten Kreise
und Linien in der Luft.

Einige Schritte hinter ihnen gingen Arm in Arm neben
Frau Urban deren Tochter und Therese. Auf Emma hatte
das plötzliche Dazwischentreten ihres Stiefvaters einen wenig
günstigen Eindruck gemacht, wie immer, wenn sie ihn erblickte
und er seine Ungenirtheit hervorkehrte.

„Wie Dein Mann dazu kommt, mich nach unserer so
kurzen Bekanntschaft als „mein Kind“ anzureden, ist mir unverständlich, Mama“, sagte sie malitiös, und doch mit einem
Anflug von Humor, der ihrer Freundin Veranlassung gab,
leise zu kichern.

Frau Urban jedoch fand diese Aeußerung nicht passend.
Sie liebte ihre jüngste Tochter mehr wie die anderen Kinder,
mußte aber nur zu oft erleben, daß dieselbe sich durchaus
nicht in Dinge fügen wollte, deren Anerkennung zum allgemeinen Hausfrieden nöthig war.

Sie sagte daher wohlmeinend:

„Ich habe Dich bereits mehrmals gebeten, wenn Du von
Herrn Urban zu mir sprichst, die ganz unschicklichen Worte
„Dein Mann“ nicht mehr anzuwenden. Du wirst Dir auf
die Dauer die Bezeichnung „Papa“ trotz Deiner Abneigung
aneignen müssen.“

„Niemals, Mama! Ich werde mich nie daran gewöhnen können. Ich kann ihn nun einmal nicht leiden. Wie
gut war dagegen unser wirklicher Papa — Du weißt, ich war
sechs Jahr alt, als er starb, und kann mich seiner noch sehr
gut erinnern.“

Frau Urban zog ihre Tochter an sich, legte den Arm
um ihre Schulter und sagte sanft:

„Es giebt gewisse Dinge im Leben, die man durchaus so
nehmen muß, wie sie sind, will man sich nicht selbst das Dasein erschweren. … Mir zu Liebe wirst Du es thun, Kindchen, nicht wahr?“

Einen Augenblick drohten bei Emma die Thränen hervorzubrechen; sie unterdrückte dieselben aber, weil ihr Stiefvater
sie nicht weinen sehen sollte. Dann sagte sie, indem sie ihre
Mutter plötzlich mit beiden Armen umschlang:

„Mama, ich habe Dich von Herzen lieb! Ich will es
thun, weil Du es wünschest. Aber nie und nimmer werde
ich diese Liebe auf Herrn Urban ausdehnen können. Ich verstehe garnicht, wie Alwine und Bertha so gleichgiltig darüber
denken können.“

„Sie sind eben vernünftige Mädchen,“ warf Frau
Urban ein.

„Also dann bin ich unvernünftig! Es scheint sich hier
viel geändert zu haben, seitdem ich nicht mehr unter Euch
weilte und nicht nach dem Rechten sehen konnte.“

Ihre Mutter brach in ein lautes Lachen aus, das ihrer
sonstigen Ruhe ganz widersprach. „Siehst Du, so gefällst Du
mir wieder“, sagte sie dann; „daran erkenne ich meine lustige
Plaudertasche. Du besitzest Humor und der ist nicht jedem
Menschen beschieden; man kann sich mit ihm vortrefflich zu
trösten versuchen.“

Emmas Stimmung hätte wohl nicht so schnell gewechselt,
wenn sie nicht die Vertraulichkeit, mit welcher ihr Stiefvater
mit Franz verkehrte, bemerkt haben würde. Das erweckte
eine gewisse Befriedigung in ihr, denn sie konnte sich nicht
verhehlen, daß ihr einstiger Jugendfreund trotz seiner prosaischen
Anschauungen und seines stutzerhaften Auftretens, dessen
Komik ihr nicht entging, ein hübscher, junger Mann von
Manieren geworden sei, der, was das Aeußerliche betraf,
einen sehr günstigen Eindruck auf sie gemacht hatte. Da sie
auf ihrem Landaufenthalt nur mit einigen jungen Leuten zusammengekommen war, Söhnen von Lehrern, Pächtern und
Pastoren, die zum Theil sehr blöde und beschränkt thaten und
jede Keckheit vermissen ließen, so hatte Franzen's furchtloses,
elegantes Auftreten sofort ihre Anerkennung errungen. Dadurch wurde ihre günstige Meinung von ihm nur noch bestärkt; und nicht minder durch den freundlichen Ton, mit
welchem er hier empfangen worden war.

Im Laufe des Gespräches mußte sie ihrer Mutter
beichten, wie und wo sie die Bekanntschaft des jungen Mannes
erneuert hatte. Bei dieser Gelegenheit hielt sie sich für verpflichtet,
auf den kleinen Streit zwischen ihr und Franz zurückzukommen
und die Lobeshymne desselben auf ihren Stiefvater zu erwähnen.

„Siehst Du“, sagte Frau Urban, „da hast Du gleich
Einen, der anderer Meinung über Deinen neuen Papa ist.
Daß die Bäume fallen müssen, thut mir ebenso leid wie
Dir, aber wir haben Ersatz dafür: Urban besitzt in Steglitz
eine sehr schöne Villa, zu der ein prächtiger Garten gehört. Da kannst Du Deine Träumereien fortsetzen, so lange
bis — —“

„Ihr mich losgeworden sein werdet,“ fiel Emma ergänzend ein, da ihre Mutter zögerte, den Satz zu beenden.
„Oh gewiß Mama, ich will bald dafür sorgen. Ich werde
Schullehrerin werden, mir eine blaue Brille anschaffen und
darnach trachten, so häßlich zu erscheinen, daß alle Menschen
auf den ersten Blick sagen werden: Das ist Herrn Urban's
Tochter, das sieht man sofort.“

„Aber Kind, willst Du denn ewig ungezogen bleiben!“

Die würdige Dame gab ihrer Tochter einen leichten
Schlag. Und Therese, die sonst eine große Neigung zur
Schweigsamkeit besaß, sah sich jetzt ebenfalls genöthigt, mit
beredten Worten ihre Freundin auf das Unschickliche ihrer
Bemerkung aufmerksam zu machen.

Sie waren in einiger Entfernung von Herrn Urban und
Franz zurückgeblieben. Als sie dieselben auf der Seite des
Gartens, die an der Straßenfront lag, erreichten, fanden sie
den Ersteren bereits wieder in voller Thätigkeit, seinem Lehrling die großartigen Pläne der neuen Fabrikanlage
in die Luft zu zeichnen. Der lange Zeigefinger der rechten Hand beschrieb Linie auf Linie, Kreis
auf Kreis, bis er endlich kerzengerade gen Himmel ragte, begleitet von den vielbedeutenden Worten:

„Das wird der Schornstein, verstehen Sie? Er wird
an Höhe alles überragen, was jemals in dieser Gegend gesehen worden ist.“

Dieses „Verstehen Sie?“, zeitweilig unterbrochen von
dem Stichwort „die Geschichte macht sich“, ließ sich überhaupt
nach jedem Satze vernehmen, so daß es sich wie das
„Werda“ eines Postens anhörte, auf das unter allen Umständen eine Antwort erfolgen muß. Und Franz stand steif
und gerade wie ein Gardist dabei, der sich auf dem Paradefelde befindet und eine feierliche Miene zeigt, gab sich alle
Mühe bei dem jedesmaligen Angriff von Herrn Urban's
Zeigefinger auf seine Brust nicht zu wanken, und beantwortete
jede Kardinalfrage mit den Vertrauen erweckenden Worten:

„Großartig“ . . . . „Ausgezeichnet . . . . „Das wird
'was werden!“

Herr Ferdinand Friedrich Urban war glücklich; und er
konnte nicht leugnen, daß seine Sympathie für den Sohn
seines Nachbarn bedeutend gestiegen und daß er auf dem
besten Wege sei, immer mehr gute, wohlthuende Seiten an
ihm zu entdecken. Dieser junge Mann besaß das richtige
Verständniß für seine Pläne, denn er war groß geworden inmitten von Artikeln, die er, Urban, dereinst ebenfalls zu produziren gedachte. Das leuchtete ihm ein.

„Wir machen Alle todt,“ sagte er zum Schluß, während
die flache Hand wie die Schneide eines Schwertes durch die
Luft fuhr, als sollte diese Bewegung die Symbolik seiner
Worte bilden. Mit diesem „Alle“ meinte er die Konkurrenten.

„Keine Frage, Herr Urban, wir machen Alle todt“, bestätigte der junge Mann mit einem Ernste, der eine erschütternde Tragikomik enthielt.

Unbewußt glitt sein Blick nach dem kleinen Häuschen
des Vaters hinüber, aus dessen Schornstein blauer Rauch
kerzengerade wie eine Segnung des Friedens zum Himmel
stieg; und ebenso gleichgültig ahnungslos glitt sein Blick
wieder zurück zu seinem Chef, der den herankommenden
Damen entgegentrat.

Ferdinand Friedrich Urban war durch seine anhaltenden
Gestikulationen so erschöpft geworden, daß er zu seinem
Leidwesen die Lektion mit den Damen nicht von Neuem beginnen konnte. Und da seine Frau durchaus keine
Neigung verrieth, wie er und seine Stieftochter es bereits gethan hatten, den Kopf durch das Loch in der
Mauer zu stecken, so machte man wieder Kehrt und schritt auf
dem breiten Mittelweg zurück, den man gekommen war, die
Damen diesmal voran und Franz mit seinem keuchenden Gebieter hinterdrein, da er es noch immer nicht an der Zeit
hielt, sich zu verabschieden.

Herrn Urbans rothseidenes Taschentuch fuhr fortwährend
über das Gesicht und zur Abwechselung einigemal über die
Gläser der goldenen Brille. Da er die Angewohnheit hatte,
die Arme niemals still zu halten und beim Gehen fortwährend zu tänzeln, so bemühte Franz sich soviel als möglich,
einen gewissen Abstand von ihm einzuhalten, um eine Karambolage der Füße zu verhindern.

Sie waren vor der hinteren Veranda des Wohnhauses
angelangt. Allmälig war der Himmel dunkler geworden, so
daß die Abenddämmerung den Baumstämmen die scharfen
Konturen nahm. Jetzt endlich wollte Franz sich verabschieden,
da sagte plötzlich Urban:

„Ach was, bleiben Sie! Haben Sie schon Wein getrunken, zum Beispiel echten Rüdesheimer Berg? —
Kommen Sie nur, wir haben noch zu reden, Ihr Vater muß
nachgeben!“

Und zum grenzenlosen Erstaunen seiner Frau, und zum
heimlichen Vergnügen Emma's und Theresen's, faßte der kleine
Chef seinen großen Lehrling unter den Arm und stieg mit
ihm die Stufen empor.

Franz wußte nicht wie ihm geschah; aber sein erster
Gedanke war: Das müßten die Leute im Komtor sehen!
Ja, ja, wenn man Eindruck zu machen versteht . . . . .

VI.
Franzens-Ruh.

Franzens-Ruh war lange nicht so zu Ehren gekommen,
wie in den nächsten Wochen und Monaten. Tag für
Tag bestieg Johannes Timpe die Warte, um sich von
dem Fortschritt jenseits der Mauer zu überzeugen.

An klaren Sommerabenden, wenn das absterbende Leben
Berlins sich bereits bemerkbar machte, der letzte Dunst der
heißen Straßen verschwunden war und eine allgemeine Ermattung in der Luft lag, durch welche das zweite Erwachen
der Riesenstadt zum Vergnügen nach den Lasten des Tages,
nur in gedämpften Lauten herübergeführt wurde, saß es sich
oben in den Zweigen am Schönsten.

Ueber die Dächer der niedrigen Häuser hinweg konnte
der Meister seinen Blick in die Ferne schweifen lassen. Wendete
er den Rücken, so schaute er in das Treiben der Holzmarkt-Straße hinein, die sich längs der Spree hinzog. Rechts am
diesseitigen Ufer tauchte das langgestreckte, schwarze Gebäude
einer Eisengießerei auf; links davon in einiger Entfernung
die Riesen-Gasometer einer Gasanstalt, die sich wie Festungsbollwerke ausnahmen; und hinter ausgedehnten Holzplätzen
eine Zementfabrik, deren ewig aufwirbelnde weiß-gelbe Staubwolken die Luft durchzogen und einen scharfen Kontrast zu den
sich aufthürmenden Kohlenbergen der Gasanstalt bildeten.

Und geradeüber, jenseits des Wassers zeigte sich ein
großes Mörtelwerk, im Hintergrunde begrenzt von den Rückseiten hoher Miethskasernen, die aus der Entfernung betrachtet, den Eindruck riesiger Bauklötze machten, an denen
schwarzgemalte Fenster prangen.

Das ganze Bett der Spree aufwärts lag zwischen einem
bunten Panorama aneinander geketteter Bilder: Lange Reihen
Wohnhäuser, deren Gärten bis zur Spree hinunterliefen und
kleine Oasen bildeten, wechselten mit Zimmer- und Holzplätzen, Abladestellen der Flußkähne und Färbereien ab, deren
Waschkasten wie schwimmende Holzhäuser im Wasser lagen.
Hin und wieder zeigte sich eine Schiffswerft, die langgestreckte
Halle einer Badeanstalt und eine auf Pfählen gebaute, in
den Fluß ragende Landungsbrücke. Dann die Stätteplätze
der Ziegeleibesitzer mit ihrem rothgefärbten Boden, der wie
blutgetränkt erschien, die Trockenplätze mit ihren frisch gefallenem Schnee gleichenden Bleichen und die Alles überragenden Schornsteine der Fabriken, die den Rauch immer
schwächer und schwächer entsteigen ließen, bis sie gleich „Obelisken der Arbeit“ dunkel und schweigsam zum Himmel
starrten.

Herrschte an den Ufern Ruhe, so begann das Leben sich
auf dem Wasser zu regen. Unzählige Luftfahr-Boote schwebten
gleich Nußschaalen auf dem mattblauen Spiegel, ließen sich
gemächlich vom Strome treiben oder schossen pfeilschnell über
die Fläche, um in das Fahrwasser eines Dampfers zu gerathen, der dichtbesetzt mit einer buntschillernden Menge dahergebraust kam und mit seinen Wellenschlägen den Strand erzittern machte.

Aus der Ferne klang der Gesang eines Liebespärchens
herüber. Waghalsig schaukelte es das Boot, so daß der
Rand desselben das Wasser berührte. Das helle Kleid
des Mädchens leuchtete wie das Gefieder eines Schwanes.
Der männliche Begleiter aber lag ausgestreckt an ihrer
Seite, wiegte den Körper nach rechts und links, so daß das
Fahrzeug schwankte und ließ sich und sein Liebchen sorglos der
Stadt zutreiben.
„Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,
Daß ich so traurig bin,“
ließ sich deutlich vernehmen, als ein Beweis dafür, daß das
Berliner Volk die ernstesten Lieder zu singen pflegt, wenn es
am lustigsten ist.

War die Luft besonders rein, so erlangte Timpe's Blick
eine unbegrenzte Weite. Ueber die Schillings-Brücke
hinweg, auf welcher in der Feierabendstunde, begleitet von
den vorüber rollenden Pferdebahnwagen und hundert
anderen Gefährten, Ameisen gleich ein Strom von Menschen
sich bewegte, da, wo das Wasser der Spree wie ein
gewundener Silberbarren sich dahinzog, erreichte sein Auge
die Oberbaum-Brücke und hinter ihr die ersten Pappeln der
Chaussee, die nach Stralau führte. Und über diese Weltstädtische Szenerie, die in Zickzacklinien ins Unendliche sich
zu verlängern schien, breitete sich das letzte matte Roth der
herniedergesunkenen Sonne aus und hüllte Natur und Menschen in einen warmen, zarten Purpurflimmer.

Wie oft hatte sein Auge sich an diesem Bilde gelabt‚
und wie oft waren die Eindrücke gleich Schemen entschwunden, wenn er sein Gesicht dem Nachbargrundstück zugewendet
hatte. Dort der lachende Sonnenschein, die unbegrenzte
Freiheit des Blickes, der Reiz einer eigenthümlichen Landschaft und hier Hand in Hand mit dem Zerstörungswerk der
Menschen der Aufbau steiler Wände, die das Licht des Himmels nahmen.

Im Juli ragte bereits das Fundament der neuen Fabrik
über den Erdboden empor. Baum auf Baum war gefallen
und mit dem Sturze eines jeden und dem Krachen seiner
Aeste, das sich in der Phantasie Timpes wie das Aechzen
eines Sterbenden angehört hatte, war den Meister die
Empfindung überkommen, als schwände jedes zurückgelegte
Jahr seines Lebens nochmals dahin.

Was dort fiel, war das alte Berlin, der stete Anblick
seiner Kindheit, der Märchenduft seiner Knabenjahre. Und
jeder Spatenstich, jeder Axthieb und Hammerschlag bereitete
seinem Herzen eine Wunde, die ihm brennende Schmerzen
verursachte.

Es schien fast, als wäre Meister Timpe der eigentliche
Besitzer der neu entstehenden Welt dort drüben — so lebhaft war der Antheil, den er an dem Wachsen und Werden
der Fabrik nahm. Mit der Zeit überkam ihn eine Art
Idee: er bildete sich ein, daß seine ganze Zukunft von der
Vollendung des Riesengebäudes abhängen werde, er fürchtete
die Mauern würden, je höher sie rückten, ihn, seine ganze
Familie und das Häuschen nach und nach erdrücken. Oefters
befiel ihn eine große, ihn unthätig hin- und hertreibende
Unruhe. Er vermochte die Zeit nicht zu erwarten, wo die
Feierabendstunde schlug und er seinen Auslugplatz auf dem
Baume einnehmen konnte.

Und schließlich drehte sich den ganzen Tag über, sobald
seine Gedanken nicht mit Gewalt von anderen Dingen in
Anspruch genommen wurden, sein Interesse nur um den Bau
Ferdinand Friedrich Urban's.

Die Fabrik, die Fabrik und immer wieder die Fabrik!

Er fand ein besonderes Vergnügen daran, bei jeder
Gelegenheit während der Arbeit das Gespräch darauf zu
bringen und freute sich, wenn die Gesellen das Thema aufgriffen und mit ihm und seinen Urtheilen über des Nachbars Pläne übereinstimmten. Zuletzt erklärten das die Leute
in der Werkstatt für etwas wunderlich und raunten sich zu,
daß der Meister sich gegen früher merkwürdig geändert habe
und daß ihm „die Geschichte da drüben“ im Kopfe herumgehe. So kam es denn, daß das neue Unternehmen Urban's
schließlich wie eine weltgeschichtliche That betrachtet wurde, die
immer auf's Neue angestaunt, bewundert und besprochen
werden müsse.

Das Leben der Bewohner des kleinen Häuschens, das
sich mit der Gleichmäßigkeit eines Perpendikelganges abspann,
hatte seine Ruhe eingebüßt und einer fortwährenden Aufregung Platz gemacht, die nur die eine Parole kannte: Herr
Urban und seine Fabrik.

Hatte Johannes Timpe lange genug auf seiner „Warte“
gesessen, sich allerlei merkwürdigen Gedanken hingegeben, war
er dann langsam und bedächtig hinabgestiegen, so wurde in
der kleinen Laube des Gärtchens das Gespräch von Neuem
aufgenommen und ins Unendliche gesponnen.

Da saß hinten in der Ecke auf einem Rohrsessel Frau
Karoline, angethan mit einer durchbrochenen Haube an
welcher breite Bänder von zarter Lilafarbe prangten, und
einer sauber geplätteten, gestreiften Schürze, auf deren
Nettigkeit die Lebensgefährtin des Drechslermeisters sehr viel
gab. Das bereits graue Haar war in der Mitte gescheitelt
und zog sich wellenförmig bis hinter die Schläfe, so daß
das milde Gesicht dem einer ehrsamen Matrone glich, die gewohnt ist, auch noch im Alter den besten Eindruck zu machen.
Die Stricknadeln klapperten eifrig und nur hin und wieder
ruhten die Hände im Schoß. Dann erhob der Kopf sich die
Brille wurde fester gedrückt und die Frage erschallte:

„Kommst Du bald herunter, Vater?“ Sie sagte zu ihrem
Manne nur noch „Vater“, seitdem der Großpapa für den
„Alten“ galt. Neben ihr in seinen ausgedienten schwarzledernen Lehnstuhl versunken, den man seinetwegen jeden Tag
in's Freie transportirte, saß der dreiundachtzigjährige Greis,
theilnahmslos und schweigsam wie immer, aber lauschend auf
jedes Wort und Geräusch und nur zum Reden aufgelegt,
wenn die Nothwendigkeit ihn dazu zwang.

Regelmäßig des Donnerstags gesellte sich auch noch
Thomas Beyer zu der Familie. Seit vielen Jahren bereits
mußte der älteste Geselle an einem Tage in der Woche sein
Abendbrod bei dem Meister einnehmen. Es war das eine
schöne Sitte aus jener Zeit, wo der Geselle noch Kost und
Wohnung im Hause des Arbeitgebers fand und dadurch zur
Familie mitgezählt wurde.

Oftmals auch wurde der kleine Kreis durch Krusemeyer
vermehrt, der, bevor er seinen Dienst antrat, auf ein Viertelstündchen mit heran kam. Es muß hier gleich bemerkt werden,
daß der würdige Beamte seit beinahe zwanzig Jahren zu
Johannes Timpe in einem geschäftlichen Verhältniß stand;
nicht in seiner Eigenschaft als Hüter der Nacht, sondern
als Fußbekleidungskünstler, dem das Aufbessern und
Neugestalten des Schuhwerks der ganzen Familie auvertraut
worden war. Und da er eine hübsche Tochter besaß, mit
welcher Thomas Beyer durch eine merkwürdige Verkettung
von Umständen bekannt geworden war, um schließlich sein
Herz an sie zu verlieren, so benutzte auch er mit andauernder
Zähigkeit den Donnerstag zu seinen Besuchen, um lebhaften
Antheil an der schwebenden Kardinalfrage des Tages zu nehmen.
Sein Hauptbestreben ging jedoch darauf hinaus, den aufgeklärten Thomas Beyer durch eingehende Beobachtung und
plötzlich angestelltes Kreuzverhör einer Prüfung zu unterwerfen, die es ihm ermöglichte, endlich den Tag zu
erfahren, an welchem der Altgeselle Fräulein Helene
Krusemeyer als getreue Gattin heimzuführen gedenke.
Drehte dagegen das Gespräch sich um Politik, so war es ergötzlich zu vernehmen, mit welcher Glaubensstärke Herr Krusemeyer sich auf die Unfehlbarkeit seines Beamtenthums berief.
Seine ständige Redensart war dann: „Liebegott und ich gehören zur Polizei, und die weiß alles.“

Johannes Timpe sah in der letzten Zeit den Besuchen
des Hausschusters und Nachtwächters mit einer gewissen Erwartung entgegen, die ihre Erklärung in den Neuigkeiten fand,
mit denen Krusemeyer stets aufzuwarten pflegte; wußte dieser
doch mancherlei über den Bau von Urban's Fabrik zu berichten, da er in einem der kleinen Häuser, welche den Bauplatz am anderen Ende der Straße umschlossen, wohnte und
tagtäglich die Vorgänge auf dem Terrain verfolgen konnte.
Den Drechslermeister interessirte nun einmal jede Kleinigkeit, die sich mit dem Namen des großen Konkurrenten
verband.

Timpe hätte jedenfalls seine Erkundigung viel besser bei
Franz einziehen können, aber dieser war seit jenem Tage, an
dem ihm die große Ehre zu Theil wurde, in der Familie seines Chefs beim Weinglase sitzen zu dürfen, merkwürdig schweigsam geworden. Wollte sein Vater die Neugierde bei ihm befriedigen, so kamen allerlei Ausreden zum Vorschein. Er that
sehr wichtig, zuckte mit den Achseln und wiederholte immer
ein und dieselbe Phrase: „Das ist Geschäftsgeheimniß, Vater. „Wir“
Kaufleute haben unsere Prinzipien, von denen wir nicht abweichen
dürfen. Ich kann Dir nur sagen, daß große Dinge vorgehen.“

Johannes Timpe drang dann nicht weiter in ihn, freute
sich vielmehr in seinem Innern darüber, daß Franz so brav
die Interessen Urbans wahrnahm. Es war auch ein gewisses
Schamgefühl, das ihn abhielt, immer wieder seinem Sohne
gegenüber auf das alte Thema zurückzukommen.

Was ihn am Meisten schmerzte, war, daß Franz jetzt
fast jeden Abend außerhalb der Familie zubrachte. Kam er
nach Hause, so verzehrte er in aller Hast sein Essen und
machte sich wieder auf den Weg. Er gebrauchte dann immer
die alte Ausrede, Rücksichten gegen den Geschäftsführer und
die anderen Kollegen zwängen ihn, mit diesen die Bierlokale
aufzusuchen. Oftmals kam er zum Abendessen garnicht nach
Hause. Er habe über die Komtorstunden hinaus arbeiten müssen
und es vorgezogen, gleich seine Freunde aufzusuchen, meinte er
dann zur Entschuldigung. Mit der Zeit gewöhnten Vater und
Mutter sich so sehr an sein unregelmäßiges Leben, daß sie es
ganz selbstverständlich fanden, wenn er gleich nach dem Abendbrod seinen Hut ergriff und verschwand.

Vier Wochen lang schwieg der Großvater, dann aber
gab es eines Abends einen bösen Auftritt. Der Greis strengte
seine Lunge derartig an, daß man seine Stimme auf der
Straße vernehmen konnte. Er wüthete förmlich. Der Stock,
der mit seiner Krücke stets am Lehnstuhle hing, fuhr mit der
Spitze so rasch und nachdrücklich gegen die Diele, daß er einen
förmlichen Wirbel schlug.

Das sei nicht mehr auszuhalten! Was denn auf die
Dauer daraus werden solle, wenn ein Mensch in so jungen
Jahren in's Bummeln gerathe und den ganzen Abend über
bis tief in die Nacht hinein in den Kneipen sich herumdrücke? Man wisse nicht einmal, in was für einer
Gesellschaft! Das würde nicht der erste verlorene
Sohn sein, der seinen Eltern eines Tages schrecklichen Kummer bereite. Ob man vielleicht glaube, daß ein derartiges
Leben einem Körper dienlich sei? Ein Wetter müsse dreinschlagen, wenn da nicht eine Aenderung geschaffen werde.
Wenn so ein Bengel nicht gutwillig gehorchen wolle, dann
müsse man den Rohrstock nehmen und ihn mit einigen wohlgemeinten Hieben auf die Pflicht des Gehorsams aufmerksam
machen … Sein letztes Wort in dieser Angelegenheit sei
das: entweder sorge man dafür, daß Franzens Lebensweise sich
ändere, oder er, der Großvater, verlasse noch auf seine alten
Tage das Haus.

Nach jedem Satze war der Stock gegen den Boden gesaust, als sollten die Worte einzeln festgenagelt werden.

Timpe und sein Weib zitterten vor Schreck und wurden
blaß. In einer derartigen Verfassung hatten sie den Alten
noch niemals gesehen. Mit halb geöffnetem Munde starrten
sie zu ihm hinüber. Ein lebendes Bild des Jammers bot sich
ihnen dar: der Kopf war auf die Brust gesunken, der Athem
ging stoßweise und röchelnd, Hände und Beine bewegten sich
wie im Fieber, die ganze Gestalt schien kleiner, zusammengedrückter geworden zu sein. Und dieser gebrechliche, in seiner
Hülflosigkeit einem Kinde gleichende Mann sollte das Haus
verlassen? O nein, nein . . . Johannes Timpe fand diesen
Gedanken des Großvaters fürchterlich. Von nun an sollten
alle Wünsche des Atten erfüllt werden.

Während einiger Minuten vernahm man nur die Athemzüge des Greises. Plötzlich zuckte sein Mund . . . Und der ganze
Widerstreit der Gefühle, die diesen merkwürdigen Menschen im
Augenblick durchtobten, kam in den Worten zum Ausbruch: „Mein
einziger Enkel!“ Langsam rollten große Thränen über seine
hageren Wangen. Es war zum ersten Male, daß er hindurchblicken ließ, wie unter der eisernen Strenge, die er Franzen gegenüber an den Tag legte, eine tiefe Liebe schlummerte.

Meister Timpe war tief bewegt, und Frau Karoline
nicht minder. Sie überboten sich gegenseitig in Zärtlichkeiten
gegen den Alten, streichelten seine welken Hände und versuchten ihn zu besänftigen.

„Rege dich nicht auf, Vater! Ich verspreche Dir, es
soll eine Aenderung eintreten“, sagte Johannes und zog den
Kopf des Alten an sich.

Diese Aenderung bestand darin, daß Johannes seinem
Sohne das Taschengeld entzog und ihm nur den kleinen
Monatsgehalt beließ, den er von Urban bekam. Eine ganze
Woche hindurch blieb Franz des Abends zu Hause, aber er
sprach während dieser Zeit kein Wort und that so, als existire
für ihn Niemand im Hause. Das vermochte sein Vater nicht
zu ertragen.

„Ich weiß, was Dich drückt“, sagte er eines Mittags zu
Franz. „Ich sehe ein, daß der Großvater Dir abermals bittres
Unrecht gethan hat. Du bist ein anderer Geist, wie er und
ich, Du gebrauchst die Gesellschaft, um nicht zu verbauern.
Hier hast Du Dein Taschengeld wieder, aber wir wollen die
Geschichte jetzt anders machen. Du wirst von jetzt ab in
der guten Stube schlafen, da hört der Großvater Dein Nachhausekommen nicht“.

Damit kam man wieder in's alte Geleise. Der Meister
hatte wiederum bewiesen, daß er seinem Stammhalter zu
Liebe selbst nicht vor einer Lüge seinem Vater gegenüber
zurückschreckte. Ja, er spielte eine förmliche Komödie, um
Großvater und Enkel das Leben so angenehm als möglich zu
machen, ließ den Alten in dem Glauben, daß in Franzens
Lebenswandel wirklich eine Aenderung eingetreten sei, rühmte
dessen Solidität über die Maßen und wußte es gar so weit
zu bringen, daß Gottfried Timpe Franz freundlicher gesinnt
wurde, und in der Herzensfreude darüber, daß man diesmal
seine Autorität respektirt habe, hin und wieder mit seinem
Enkel ein längeres Gespräch anknüpfte und zum Erstaunen
Aller ihn sogar aufforderte, zur Abwechslung einmal die alte
Gesellschaft aufzusuchen.

Als dies Wunder geschah, fühlte Johannes Timpe sich
dadurch außerordentlich gerührt. Er wendete sich ab und verließ das Zimmer. Es war ihm peinlich, das spöttische Lächeln
seines Sohnes zu beobachten, das fortwährend zu sagen schien:
Wenn Du wüßtest, Alter!

Durch seine ewige Nachgiebigkeit erreichte Johannes Timpe
weiter nichts, als daß Franz immer mehr den Respekt vor
ihm verlor und sich schließlich wie ein selbständiger Mann
vorkam, der thun und lassen kann, was er will. Eines
Tages trug er sehr auffallend ein Stück bunten
Bandes an seiner Uhrkette, einen sogenannten „Bierknoten“.
Er war nämlich einer Vereinigung von jungen Leuten beigetreten, deren Mitglieder neben vielem Biertrinken das
hauptsächlichste Bestreben zeigten, studentische Manieren nachzuahmen. Den Rock weit zurückgeschlagen, die Hände in den
Hosentaschen haltend, schritt er in der Mittagsstunde prahlerisch
vor den Fenstern der Werkstatt auf und ab, so daß die Gesellen eine neue Veranlassung gefunden hatten, ihre Witze
über ihn zu machen.

„Hausaffen tragen gewöhnlich bunte Bänder“, sagte der
kleine Sachse sofort, als er ihn erblickte, worauf der Berliner
seinem unvermeidlichen „Det stimmt“, diesmal hinzufügte:
„Und was für welche!“ — eine Bemerkung, aus der man
nicht genau entnehmen konnte, ob sie sich auf die Bänder
oder Affen beziehe.

Selbst der ernste Thomas Beyer konnte sich eines Lächelns
nicht erwehren. Franz aber fand durchaus nicht, daß er sich
lächerlich mache, sondern blähte sich wie ein Pfau und zog
alle zwei Minuten die Uhr hervor, um das Abzeichen seiner
neuen Würde erst recht in's Auge fallen zu lassen. Meister
Timpe theilte das Urtheil seiner Leute nicht. Als sein Sohn
ihm die Bedeutung der Farben auseinandersetzte und dabei
fortwährend die Worte „Student“ und „Kommilitonen“ im
Munde führte, hörte er aufmerksam zu und freute sich darüber, daß sein Einziger in solch' „gute Gesellschaft“ gerathen sei.

„Das Schönste dabei ist, Vater, daß man mich immer für
einen jungen Offizier hält. Sehe ich denn wirklich so aus?“

Johannes Timpe hatte niemals an einen derartigen
Vergleich gedacht, nun aber ließ er seinen Blick mit einer
ganz anderen Aufmerksamkeit als sonst über die Gestalt seines
Sohnes gleiten und erwiderte schmunzelnd:

„Ein stattlicher Kerl bist Du für Dein Alter, das wird
selbst Moltke nicht bestreiten können. Du Tausendsassa, Du!“

Franz Timpe, stolzerfüllt, zog seine beiden Haarbürsten
hervor und begann seine Toilette zu erneuern, diesmal mit
einer ganz besonderen Aufmerksamkeit.

An einem Donnerstag war man wieder im Garten
versammelt.

„Ich werde heute früh schlafen gehen,“ sagte Franz und
entfernte sich, während Meister Timpe nickte und seinem
Sohne einen vielsagenden Blick zuwarf. So pflegte Timpe
junior nämlich in der letzen Zeit immer zu sagen, wenn er
in Gegenwart des Großvaters einen Vorwand suchte, um das
Haus verlassen zu können. Als er fort war, bemerkte Gottfried Timpe:

„Er scheint wirklich in sich zu gehen. Er ist auch gar
nicht mehr so vorlaut wie früher. Heute namentlich schien
es, als könne er den Mund nicht aufthun. Schadet auch
nichts! Leute, die wenig reden, denken mehr.“

Es hatte nur dieser Anregung bedurft, um Frau Karoline
sofort auf das Thema näher eingehen zu lassen,

„Hast Du nicht bemerkt, Vater, wie blaß er aussah?“
sagte sie zu ihrem Manne. „So habe ich ihn noch nie gesehen. Ich glaube gar, der arme Junge arbeitet zu viel im
Geschäft“.

Der Großvater wollte von dieser Beschäftigung nichts
wissen und fiel ein: „Da haben wir's ja! Das ist die
moderne Welt: Wenn so ein junger Mensch heute mal ernstlich arbeitet, dann heißt es gleich: er ist krank; und seine
Mutter möchte am liebsten sofort nach dem Doktor schicken:
Die Sache kommt mir verdächtig vor: wenn er Euch nur
nicht gestern Abend ein Schnippchen geschlagen hat und Heidi!
zu seinen Freunden gegangen ist“.

Meister Timpe begann laut zu husten und versuchte,
diesen Verdacht mit gut geheuchelter Entrüstung von Franz
abzuwehren. Um in seinen Bemühungen einen Bundesgenossen
zu haben, trat er Thomas Beyer auf den Fuß, machte eine
Pantomime und fragte: „Nicht wahr, Sie glauben das
auch nicht?“

„Niemals würde ich das, Meister. Ich glaube nur das,
was ich sehe und weiß. Ueber Glauben und Wissen ließe sich
überhaupt so manches sprechen. Da habe ich neulich einen
Vortrag gehört —“

Der aufgeklärte Altgeselle saß mit dem Gesicht der Hausthüre zugewendet und erblickte nun Krusemeyer, der mit einem
„Guten Abend, Herrschaften!“ den Garten betrat und bedächtig
einen Fuß vor den anderen setzend, langsam herankam, als
befände er sich auf einem nächtlichen Patrouillengang der
keine Uebereilung dulde. So kam es denn, daß Thomas
Beyer seinen Satz nicht beendete, sondern sofort aufsprang,
um dem Weißbart ein Plätzchen zu verschaffen.

Johannes Timpe zeigte sich plötzlich sehr wohlgelaunt.
Er hatte dem Hausschuster, der die ausgebesserten Stiefel,
die er mitgebracht hatte, noch einmal mit Wohlgefallen
prüfte, kaum ein Glas Bier vorgesetzt, als er auch schon
fragte:

„Nun, was giebt's Neues?“

Krusemeyer antwortete nicht, machte aber eine leicht verständliche Geberde: man solle den Großvater entfernen. Das
Ehepaar sah sich bestürzt an; denn wenn Krusemeyer dieses
Verlangen stellte, so mußte etwas ganz Besonderes passirt
sein. Zum Glück war die Zeit gerade herangerückt, wo der
Alte sein Bett aufzusuchen pflegte. Als Frau Karoline ihn
fragte, ob man nicht Anstalten machen wolle, in's Haus zu
gehen, erhob er sich denn auch, sagte den Uebrigen gute
Nacht und wankte, gestützt von der Frau seines Sohnes, der
Thür zu.

Johannes wurde während dessen von der Neugierde gepeinigt. Krusemeyer befriedigte dieselbe aber erst, als die
Meisterin zurückgekehrt war. Dann sagte er plötzlich:

„Wann ist er denn nach Hause gekommen, oder ist er
ganz fortgeblieben?“

„Wer?“

„Nun, Euer Franz —“

Da die drei Anderen ein merkwürdig erstauntes Gesicht
zeigten und augenblicklich keine Worte fanden, so führte der
Beschirmer der Bürgerruhe das Gespräch allein weiter, und
das geschah mit einer Ueberlegenheit, die nur zu deutlich verrieth, wie erhaben er sich in seiner augenblicklichen Rolle finde.

So sagte er denn auf's Neue:

„Die Sache ist mit wenigen Worten die: Man hat in
der vergangenen Nacht eine Anzahl junger Leute, die lärmend
und singend durch die Straßen zogen, dabei überrascht, wie
sie allerlei Unfug trieben: an den Klingeln der Aerzte und
Hebeammen zogen, die Bewohner aus dem Schlafe klopften
und zuletzt sich nicht scheuten, Schilder von den Häusern zu
reißen, auf welche sie mit ihren Stöcken paukten, daß es eine
Höllenmusik abgab . . . Na, das war ein netter Skandal!
Die Ohren mußte man sich zuhalten! Es geschah in meinem
benachbarten Revier. Ich konnte von der Straßenecke den
Vorgang deutlich mit ansehen, dachte aber bei mir: was wirst
du dich um die Stunde noch hineinmischen! Es war nämlich
bereits drei Uhr; und außerdem sagte Liebegott zu mir:
„Laß die nur laufen, denn ehe wir dorthin kommen, sind die
längst über alle Berge!“

„So stehen wir Beide denn an der Ecke und sehen dem
Indianertanz zu und fragen uns gegenseitig immer nur das
Eine: Wo mag nur Wenzel stecken? So heißt nämlich
mein Kollege aus dem Revier. Endlich kommt er angeschlurft und gebietet Ruhe. Ja, da war gut Ruhe bieten.
Die ganze Gesellschaft umringte ihn, nannte ihn „Herr
Wachtmeister“, „Herr Lieutenant“ und „Herr Polizei-Präsident“; zuletzt wollten Alle mit ihm eine Weiße trinken gehen.
Dann fragte ihn einer nach seinem Namen und er, gemüthlich
geworden durch die Aussicht auf die Weiße, sagte wie er
heißt. Nun fingen sie alle an das Lied zu singen: „Der
Wenzel kommt, der Wenzel kommt, der Wenzel ist schon
da!“ Einige pfiffen dabei auf ihren Stöcken, zwei trompeteten laut gen Himmel und die Anderen paukten ruhig weiter
auf ihre Schilder. Das war denn doch dem Wenzel zu viel.
Er drohte mit dem Arretiren, und als die jungen Herren
nun sahen, daß selbst die Anrede „Herr Oberbürgermeister“
nichts helfe, da wurden sie wieder sehr ungemüthlich, pfiffen
und lärmten noch lauter, nannten ihn einen „Nachtwächter
von Mottenburg“, der niemals in seinem Leben anständig betrunken gewesen sei, und verlangten durchaus von ihm, er
solle ihnen den Ort angeben, wo er seinen Spieß gelassen
habe, denn ein richtiger Nachtwächter dürfe ohne Spieß nicht
ausgehen . . . In seiner Herzensangst ließ der kleine Wenzel
— denn er ist nämlich sehr klein und hat bei den
„Maikäfern“ gedient — die Nothpfeife ertönen, und nun
konnten wir nicht länger den Dingen ruhig zuschauen. Ich
also vorwärts, und Liebegott immer langsam hinterdrein.
Von allen Seiten kamen nun die Nachtwächter und Schutzleute herbei, und die ganze Gesellschaft mußte nach der Revierwache. Keiner von ihnen konnte gerade stehen, alle aber
wollten durchaus ganz nüchtern sein und immer Recht haben.
Dabei berief sich Jeder darauf, daß er Student sei und kein
Mensch ihm etwas anhaben könne. Die Titel der Väter
spielten dabei auch ein: große Rolle. Wer aber am wenigsten
nüchtern war und am lautesten schrie, war Herr Franz.
Fortwährend sagte er: haben mir garnichts zu sagen …
Ich bin der zukünftige Schwiegersohn von Herrn Urban,
dem reichen Fabrikbesitzer, verstehen Sie? . . . Der wird
Ihnen das schon besorgen“ . . . Ich habe lachen müssen!
Der „Schwiegersohn“ mußte alle Augenblicke herhalten. Ich
habe dann Ihrem Sohne sehr gut zugeredet, aber es half
nichts. Im Gegentheil — er fuhr auch mir über den Mund
und geberdete sich wie ein Unsinniger. Das hat mir am
wehesten gethan. Wie lange er mit den Anderen auf der
Wache blieb, das weiß ich nicht; denn Liebegott und ich sind
wieder unserem Berufe nachgegangen. Vielleicht war's nicht
recht, daß ich dies alles erzählt habe; aber ich sagte mir:
Krusemeyer, thue es lieber, es kann mehr nützen als schaden“.

Während Krusemeyer erzählte, hatte das Ehepaar seine
Heiterkeit nicht verbergen können. So sehr auch der Meister
und sein Weib bestürzt waren, als sie vernahmen, daß ihr
Einziger sich unter den Arrestanten befunden hatte, so mußten
sie doch über die übermüthigen Späße lachen. Was den
Meister selbst betraf, so sagte er ein über das andere Mal:
„Diese Teufelskerle! Ja, das ist so Studentenmanier“.

Erst als der redselige Beamte seinen Bericht beschlossen
hatte und sehr ernst geworden war, zeigte auch Timpe eine
bedenkliche Miene und kratzte sich hinter dem Ohr. „Was
wohl aus der ganzen Geschichte werden könne?“ fragte er
schließlich.

„Eine kleine Ordnungsstrafe, damit wild die Sache erledigt sein,“ erwiderte Krusemeyer. Damit war Timpe
beruhigt.

Thomas Beyer war der Einzige, der während der Unterhaltung seinen Ernst bewahrt hatte. Nur hin und wieder war
ein Lächeln über seine Züge geflogen, doch hatte das mehr der
drolligen Erzählungsweise Krusemeyers, als den Vorgängen der
vergangenen Nacht gegolten. Ein ewiger Grübler wie er
war, versuchte er nach seiner Weise allen Dingen auf den
Grund zu gehen, fand auch das Leben viel zu ernst, um sich
durch äußerliche Nichtigkeiten täuschen zu lassen. Als Timpe
nun sagte, er werde die „Lappalie“ sehr gern bezahlen, denn
sein Sohn habe sich jedenfalls gut amüsirt, konnte er nicht
mehr an sich halten.

„Meister“, begann er, „ich stehe seit fünfzehn Jahren
bei Ihnen in Arbeit, seien Sie mir daher nicht böse, wenn
ich einmal ein offenes Wort sage. Frei heraus: Sie sind zu
nachgiebig gegen Ihren Sohn, er wird Ihnen das dereinst
schlecht belohnen . . . . . Ihr Herr Vater hat nicht
so ganz Unrecht, wenn er den Segen der Zuchtruthe predigt und sich immer verschlossener und mißtrauischer giebt, weil er sich bewußt wird, daß all' sein
Reden nichts hilft.“

Meister Timpe nahm vor Erstaunen die kurze Pfeife
aus dem Munde. Frau Karoline aber, die immer noch
emsig strickte, ließ aus Versehen einige Maschen fallen und
warf über die Brille hinweg einen unmuthigen Blick auf den
Sprecher.

„Soo, soo, soo —“ sagte Timpe sehr gedehnt, machte
eine kurze Pause, als müsse er sich zuerst für diesen unerwarteten Angriff sammeln und setzte dann hinzu:

„Also Sie stoßen in dasselbe Horn wie der Alte und
wollen ebenfalls Moral predigen! die Moral kennt
man! Die ist nicht weit her. Wenn es nach euch ginge,
müßte die Jugend weiter nichts thun, als arbeiten, beten und
sich kasteien.“

„Das nicht, Meister, aber sie sollte etwas thun, was nicht
nur bei den Menschen, sondern auch in der ganzen Natur nothwendig ist, um alles vortrefflich gedeihen zu lassen …“

„Und das wäre, mein kluger Herr Beyer?“

„Maaß halten, Meister . . . Die Bäume würden nicht
mehr schön aussehen, wenn sie bis in den Himmel ragten,
und die Wolken wären keine Wolken, wenn sie hier unten
bei unseren Füßen vorbeizögen. Ein altes Sprüchwort sagt:
Vater und Mutter können zehn Kinder ernähren, aber selten
thun das zehn Kinder mit ihren Eltern. Meister Timpe,
ich will von Herzen wünschen, daß dieses Sprüchwort für
Sie nur Sprüchwort bleibt, aber denken Sie an Thomas
Beyer, wenn es eines Tages sich bewahrheiten sollte. Und
wenn Sie mich auf der Stelle ablehnen, ich kann's nicht
ändern, Meister: die Dinge liegen so.“

„Sehr gut gesagt, sehr gut gesagt, Beyer“.

Als nach einer Pause Johannes Timpe diese Worte
hervorbrachte, geschah es ungefähr in dem Tone eines
Menschen, dessen Gefühl berührt worden ist, der aber die
Wahrheit der vernommenen Lehrpredigt noch nicht zugeben
will. Sicher aber ist, daß der Drechslermeister mit Aufmerksamkeit seinem Gesellen zugehört hatte und sehr bewegt
geworden war; nicht minder seine getreue Ehehälfte. Sie
hatte mehrmals stumm vor sich hingenickt und einmal sogar
einen Seufzer ausgestoßen, der mehr als viele Worte sagte.

Und wenn man die Empfindung Krusemeyers schildern
wollte, so würde man dieselbe am besten mit derjenigen eines
Leichenbitters vergleichen, der an einer offenen Gruft steht
und soeben ein über Erwarten hohes Trinkgeld bekommen
hat, das seine ganze Herzensfreude bildet, jedoch nicht zuläßt,
im Augenblick dem Gesichte eine andere als eine traurige Miene
zu geben. Um aber durch irgend etwas seine Sympathie für
den Sprecher Ausdruck zu geben, brachte er mehrmals die
Sohle seines rechten Stiefels sehr kräftig mit der Spitze von
Beyers linken in Berührung — eine Aufmunterung, die in
Worten übertragen, ungefähr gelautet haben würde: Immer
tüchtig drauf los, so ist's recht, Junge!

„Die erfolgreichste Erziehung beim Menschen wird immer
die Selbsterziehung bleiben“, hub Johannes Timpe wieder
an zu sprechen. Oft werden die besten Menschen diejenigen,
die durch Thorheit und Leichtsinn dereinst zur Erkenntniß
kommen. Jugend hat keine Tugend und muß austoben.“

„Wer sich aber selbst erziehen will, Meister, muß vor
Allem ein Charakter sein. Er muß beweisen, daß er nicht zu
Grunde gehen würde, auch wenn er ganz allein dastünde.
Hat das Ihr Sohn schon bewiesen? Er weiß, daß er Vater
und Mutter im Rücken hat, und da lassen sich die Pläne gut
schmieden. Sehen Sie mich an, Meister: Mit dreizehn Jahren
kam ich unter fremde Leute, denn ich hatte Niemanden mehr
von meinen Angehörigen, als meine Schwester; und die war
viel jünger als ich. Fünf Jahre war ich in der Lehre, denn
ich habe mich freilernen müssen. Manchesmal hat es mehr
Hiebe gegeben, als Essen, denn mein Meister war ein roher
Patron; aber trotzdem, oder gerade deswegen, bin ich den
geraden Weg gegangen.“

„Und weil Sie alles das durchgemacht haben und ein so
tüchtiger, braver Kerl geworden sind, mein lieber Beyer, will
ich manches Wort, das Sie heute über meinen Franz gesagt
haben, nicht auf die Wagschale legen. Lassen Sie ihn nur
wie er ist, mit den Jahren kommt der Verstand.“

„Da hätten wir sehr viele weise Menschen in der Welt,
Meister; aber man hört wenig von ihnen.“

„Das liegt nicht an den weisen, sondern an den tauben
Leuten, mein lieber Beyer . . . Im Uebrigen wird die Welt
immer dieselbe bleiben, solange die Sonne nicht 'mal zur Abwechselung im Westen aufgeht und im Osten unter.“

„Da sind wir wieder auf unser altes Thema gekommen,
Meister, und ich muß auf's Neue wiederholen, Sie sind nicht
fortgeschritten in Ihren Anschauungen; aber Sie werden einmal anders denken.“

„Da kommt ihr immer mit eurem großen Fortschritt!
Als ob das nicht der beste Fortschritt wäre: ewig in seiner
Gesinnung gleich zu bleiben! Thue Recht und scheue Niemand — so sage ich und so soll's bleiben. He, Alte, habe
ich Recht?“

„Jawohl, Vater, Du hast immer Recht; aber was den
Franz anbetrifft, so möchte in manchen Dingen Herr Beyer
doch nicht so ganz —“

„Unrecht haben. Gewiß, gewiß! Verlaß auch Du noch
meine Fahne! Hier fehlt nur noch der Großvater, um mich
zum todten Manne zu machen. Aber Johannes Timpe läßt
sich noch nicht begraben. Werde dem da drüben hinter der
Mauer gerade den Gefallen thun!“

Und der Meister lachte vergnügt und erhob sich zum
Zeichen, daß er die Sitzung beschließen wolle.

Als Krusemeyer langsam hinter dem Altgesellen dem
Häuschen zuschritt, nahm ihn Timpe noch einmal bei Seite,
hielt, ihn auf einige Augenblicke zurück, that erst sehr verlegen
und sagte dann leise, aber mit großer Wichtigkeit:
„Hm — ja, was ich gleich noch sagen wollte: Hier das
Geld für die Stiefel . . . . . und ja, Hm — — der
Junge hat also wirklich ganz offen behauptet, er
würde der Schwiegersohn von Urban werden? — Hm
— verstehen Sie nur: es sind ja Worte eines dummen
Jungen, aber ich möchte das nur bestätigt wissen, um dafür
zu sorgen, daß er nicht noch einmal so etwas öffentlich
schwatze —“

„Sehr in der Ordnung, Herr Timpe . . . Mein Wort
darauf: zehn Mal mindestens hat er es gesagt . . .“

„Hier, Krusemeyer, trinken Sie eins auf mein Wohl, und
forschen Sie einmal bei Ihrem Freunde, dem Schutzmann,
wie die Radaugeschichte des Jungen steht.“

„Nichts leichter als das, Herr Timpe. Liebegott und
ich gehören zur Polizei, und die weiß Alles.“ Damit verschwand auch er.

Während Frau Karoline bereits in der Wohnstube saß,
schritt Johannes, behaglich aus seiner Pfeife rauchend, noch
im Gärtchen auf und ab. Die eindringlichen Worte des
Altgesellen gingen ihm durch den Kopf; nicht minder die
nächtliche Heldenthat seines Sohnes. Zum ersten Male hatte
er die Ueberzeugung, daß sich Franz nicht auf dem rechten
Wege befinde. Etwas wie eine dunkle Ahnung stieg in ihm
auf, daß sein Stammhalter ihm noch großen Kummer bereiten werde. Jener unbeschreibliche Zwiespalt der Empfindungen, der die Vernunft mit dem Herzen streiten läßt, kam
über ihn. Sein väterlicher Stolz bäumte sich auf bei dem Gedanken, daß alle seine und seines Weibes Liebe für seinen
Einzigen umsonst gewesen sein könne, daß er dereinst nicht die
Dankbarkeit finden werde, die er erwartete. Mißtrauen gegen
sich selbst erfüllte ihn, er kam aus einer Stimmung in die
andere. Aber weshalb zerbrach er sich den Kopf, trug er sich
mit peinlichen Gedanken? War der Zukunft nicht alles
vorbehalten? Und wer konnte sie entschleiern? . . . Das
vermochte weder der Großvater, Thomas Beyer, noch er . . .
Dann trat diese Zukunft wieder sonnig vor sein geistiges
Auge. Wie kam sein Sohn dazu, sich solchen Hirngespensten
hinzugeben, die in der Behauptung enthalten waren: er
würde der Eidam Urbans werden? Gewiß war das nur ein
Ausfluß der Bierlaune; und doch, konnte er, Johannes Timpe,
wissen, was hinter seinem Rücken vorging? War Franz
nicht ein stattlicher Mensch, hatte er nicht eine ausgezeichnete
Schulbildung erhalten, hatte Urban ihn nicht so außerordentlich gelobt?

Johannes Timpe lächelte still vergnügt vor sich hin, wie
ein Mann es zu thun pflegt, der sich in rosigen Träumen
wiegt. Plötzlich fiel ihm ein, daß er heute „Franzens-Ruh“
noch nicht bestiegen habe. Das mußte nachgeholt werden.

Nach fünf Minuten saß er oben in den Zweigen und
starrte in den hellen Abend.

Es war Mitte August, der Tag heiß gewesen. Und nun
hatte sich ein leiser, wohlthuender Wind erhoben und trieb
seinen Luftzug Johannes Timpe kühlend ins Gesicht. Der
Vollmond schwamm wie eine silberne Riesenmotte am Himmel,
überzog die Dächer der Häuser mit seinem weißen Lichte und
färbte die leise lispelnden Blätter der Bäume und Sträucher
mit einem smaragdfarbenen Schimmer, der sie wie durchleuchtet erscheinen ließ. Selbst die überall gähnenden
Schatten der Häuser nahmen sich wie ein durchsichtiger,
blauschwarzer Schleier aus, der jeden Gegenstand am
Erdboden deutlich erkennen ließ. Die Rosen durchwürzten mit ihrem letzten Duft die Luft, und auf dem
einzigen, jenseits der Mauer stehengebliebenen Baum saß eine
Nachtigall und schlug schmelzend ihre herzbewegenden Triller.
Es war, als klage sie über den Verlust des herrlichen Naturschmuckes, der ehemals hier ihr Reich gebildet hatte. Ein
großer Nachtfalter umschwirrte den Meister, summte ihm
einige Sekunden lang die Schmetterlingssprache vor und entwich dann mit glänzenden Flügeln. Er nippte an den goldigen Blüthen eines Akazienbäumchens und verlor sich dann
im Dunkel.

Diese märchenhafte Stille wurde nur zeitweilig von den
Wellenschlägen des Berliner Lebens unterbrochen, die wie
das Murmeln eines leise grollenden Meeres in sanften
Rhythmen Johannes' Ohr berührten.

Lange ließ der Meister wie traumverloren seinen Blick
über die Umgebung schweifen. In gleichmäßigen Absätzen
blies er den Rauch seiner Pfeife von sich, während ein Ausdruck stiller Zufriedenheit sich über seine Züge breitete.

Gespensterhaft, grell vom Lichte des Mondes beschienen,
ragten die fensterlosen Mauern der neuen Fabrik in den
Aether. Eine Vision überkam ihm: Hundert geschäftige
Hände begannen sich drüben zu regen. Es klapperte, schnurrte
und walzte; zischend stieg der Dampf zum Himmel empor,
schrill ertönte der Pfiff der Pfeife. Und plötzlich stieg blutigrother Qualm vor seinen Augen auf. Tausend Arme
streckten sich ihm entgegen, riesige Hämmer wurden über
seinem Kopf geschwungen, und aus unzähligen Kehlen hallten
die fürchterlichen Worte: „Meister, wir schlagen Dich todt,
Du bist uns im Wege.“ Er wehrte sich mit Riesenkräften;
aber allmälig hagelten die Schläge so dicht auf ihn hernieder, daß er schwächer und schwächer wurde und mit einem
Schrei der Verzweiflung, dem ein langer Seufzer folgte, zu
Boden sank.

Johannes Timpe wankte wirklich, aber auf seinem Sitze,
so daß er sich mit einem schnellen Griff an einem Ast festhalten mußte. Dann rieb er sich die Augen, denn die Lider
waren ihm von dem balsamischen Duft der Nacht schwer geworden. Er war nahe daran gewesen, mit halb offenen Augen
zu träumen.

Da war es ihm, als vernähme er jenseits der Mauer
flüsternde Stimmen. Er richtete den Blick nach dort, sah ein
helles Kleid leuchten, und Arm in Arm mit einem jungen
Mädchen, voll und ganz in Mondeslicht getaucht, seinen Einzigen kosend und schäkernd dahin schreiten.

„Potz Blitz, der Junge!“

Und als Johannes seine Augen aufs Neue anstrengte,
erkannte er in der jungen Dame Fräulein Emma Urban, die
sich gar innig an seinen Sohn anschmiegte und selig zu ihm
emporblickte.

Der Meister blickte so lange mit halbgeöffnetem Munde
den Dahinwandelnden nach, bis ihm die Pfeife ausgegangen
war.

„Ei, sieh' diesen Tausendsassa an! So also stehen die
Dinge —“

Und als er von seiner Warte herabgestiegen war, trat
er zu Frau Karoline mit den Worten ins Zimmer:

„Denk' Dir nur, Alte, unser Junge hat eine Braut!“

„Träumst Du, Vater . . .?“

„Krusemeyer hat nicht zu viel gesagt; er wird wahrhaftig noch Herrn Urban's Schwiegersohn. Da soll mir der
Thomas Beyer noch einmal kommen! Ich will ihm heimleuchten.“

„Ja, ja, Vater — ich habe es immer gesagt: aus dem
Jungen wird was.“

„Du Alte? Ich glaube, ich war Dir in dieser Behauptung weit voraus.“

Und die Alten kamen sich vergnügt wie Brautleute vor
und plauderten noch lustig bis spät in die Nacht hinein.

VII.
Große Toilette.

Den ganzen Winter hindurch, der von seltener Strenge war,
mußte der Bau der Fabrik ruhen. Zu Herrn Ferdinand
Friedrich Urban's großem Kummer! Da die rauhe Jahreszeit es nicht gestattete, die „Warte“ zu besteigen, so streckte
Johannes Timpe von nun an jeden Tag den Kopf durch
die Bodenluke, um seine Neugierde zu befriedigen.
Wenn er bei dem fahlen Licht der Abenddämmerung
seinen Blick zu dem bereits fertigen Rohbau hinübersandte, so war es ihm, als grinsten ihn die dunklen Fensterhöhlungen der schneebedeckten Brandmauer wie eben so viele
Augen eines Ungeheuers an. Seine stark ausgeprägte Phantasie
begann ihre Wirkung zu thun.

Sobald der erste Sonnenstrahl sich wieder zeigte, erschien
Urban auf dem Bauplatz und erhob seine Nase zum Himmel,
als wolle er diesen für die Unterbrechung der Arbeit anklagen. In einen bis zur Erde reichenden Pelz gehüllt,
einen Shwal mehrmals um den Hals geschlungen, eine englische Stoffmütze weit in die Stirn gedrückt, schnüffelte er in allen
Ecken herum. Man sah von dem ganzen Menschen eigentlich
weiter nichts, als die ewig geröthete Nasenspitze, welche der weit
heruntergerutschten Brille als letzter Halt diente. Selbst die
Hände waren tief in den Aermeln des Pelzes vergraben. Er
befreite sie nur dann von ihrer Hülle, wenn er zu seinem
seidenen Taschentuch greifen mußte, oder den Versuch machte,
mit dem Knöchel des Zeigefingers die Güte der Steine zu
probiren.

So lief er denn behende wie ein riesiges Wiesel zehn
Mal um das ausgedehnte Gebäude herum, reckte den Hals,
als müsse er die Höhe ermessen, und verschmähte es nicht,
hin und wieder die Leitern im Innern des Gebäudes zu besteigen, um plötzlich seine würdige Gestalt im Rahmen eines
Fensters im ersten Stockwerk darzubieten. Dann schielte er
zum kleinen Häuschen Timpe's hinüber und schüttelte still
vor sich hin mit dem Kopf, als könne er irgend etwas nicht
begreifen. An einem dieser Inspektionstage erblickte er den
Meister im Gärtchen. Sofort stieg er die Leiter hinunter und
erschien in der Oeffnung der Mauer. Da es immer noch unentschieden war, ob die letztere ganz niedergelegt werden solle, so
hatte man das große Loch mit einigen starken Bohlen versperrt.

Die eine derselben wurde nun bei Seite geschoben und
in dem engen Spalt zeigte sich Herrn Urban's von der Kälte
blau angelaufenes Gesicht.

„Nun, Meister Timpe, haben Sie sich immer noch nicht
besonnen? Sie wissen doch, was ich meine —“ rief er nach
einem kurzen Gruß Johannes zu. Dieser rückte an seiner
Mütze und erwiderte: „Es wird nichts daraus, Herr Urban.
Wenn die Stadtbahn das Grundstück kaufen sollte, kann ich
den Profit auch allein in meine Tasche stecken.“

Urban zog die spitze Nase zurück und gab seiner Wuth
einen vorläufigen Ausdruck, indem er die Bohle mit einem
kräftigen Ruck auf ihren alten Platz beförderte.

Timpe lachte leise vor sich hin bei dem Gedanken, mit
seinen Worten den Aerger des reichen Nachbars einmal gründlich zu Tage gefördert zu haben. Plötzlich klaffte die Oeffnung
abermals und Herrn Urban's glänzende Brillengläser richteten
sich wiederholt drohend auf Johannes.

„He, Sie wollen also nicht?“ schrie er diesmal wie ein
zornig gewordener Knabe. „Wissen Sie, was ich dann thue?
Ich lasse die Mauer herunterreißen und verbaue Ihnen hier
das ganze Licht. Wurst wieder Wurst! Adieu, Adieu! Bis
morgen können Sie mir schreiben.“

Ein Stoß und die Bretter klapperten wieder.

Johannes Timpe lachte diesmal sehr laut auf und sagte,
unangenehm berührt durch die Anmaßung des Fabrikbesitzers:

„Sie sind ein Narr.“

Zum dritten Male zeigte sich die geröthete Nase des
Nachbars.

„Was erlaubten Sie sich soeben zu sagen?“

„Morgen ist Sonntag und heute friert's wieder stark,“
erwiderte der Meister gelassen.

„Ach so, das ist etwas anderes! . . . Was geht's Sie überhaupt an, wenn es friert! Mein Bau wird doch fertig —
zum Aerger gewisser Leute.“

Sein Grimm war diesmal unverkennbar, als er den
Blicken Timpe's entschwand.

„Sie sind ein kleiner Mann mit einem großen Munde,“
rief der Drechslermeister ihm nach.

„Wie?“ schallte es über die Mauer zurück.

„Sie sind ein großer Geist,“ meinte ich.

„Das können Sie einem Anderen vorreden! Ich habe
wohl gehört, was Sie gesagt haben! Der kleine Mann wird
Ihnen eines Tages nach eine Nuß aufzuknacken geben . . Wir
kennen uns nicht mehr.“

„Mir sehr angenehm.“

Nach dieser Unterhaltung war das bisherige geheime
Mißtrauen, das Timpe und Urban gegen einander hegten,
zum ersten Male zur offenen Feindschaft ausgeartet. Und
wenn diese leichte Plänkelei vorerst auch eines humoristischen
Anstrichs nicht entbehrte, so war doch vorauszusehen, daß der
Riß sich immer mehr und mehr erweitern werde. Meister
Timpe namentlich hatte dieses Gefühl. Er kam sich plötzlich
sehr erleichtert vor, freute sich sogar, daß endlich die Stunde
gekommen war, wo er eine bestimmte Haltung dem Nachbar
gegenüber einnehmen konnte. Ein plötzlicher Trotz, der seine
bisherige Sanftmuth nicht wieder erkennen ließ, war über ihn
gekommen. Sein stilles Philosophiren, dem er sich so oft in
einsamen Stunden hoch oben auf der „Warte“ hingegeben
hatte, durfte sich nun in eine praktische Bethätigung verwandeln. Die ewige Ahnung, die ihm zuraunte, daß ihm
von dem Nachbar in geschäftlicher Beziehung noch großes
Unheil drohen werde, hatte er bisher stumm mit sich herumtragen müssen. Nun konnte er wenigstens ein freies Wort
führen, seinem Herzen einmal gehörig Luft machen. Dieser
geriebene Herr jenseits der Mauer hatte ihm heute sehr
deutlich zu verstehen gegeben, daß hinter seiner Höflichkeit
und Herablassung nur die Sucht nach geschäftlichem Vortheil
sich verborgen halte. In diesen Minuten der Erregung vergaß
er sogar ganz das Verhältniß seines Sohnes zu Urban,
dachte er gar nicht daran, daß dem Ersteren irgend welcher
Nachtheil erwachsen könne.

Als er die Werkstatt betrat, platzte er gleich hervor:

„Die Menschen werden immer unverschämter in der
Welt. Habt Ihr den Streit gehört zwischen mir und Urban?
Er will an Stelle der Mauer noch ein hohes Gebäude errichten lassen, damit wir hier womöglich den ganzen Tag über
Licht brennen müssen“.

„Det lassen wir uns nich jefallen, Meester“, rief Fritz
Wiesel sofort, und mehrere der anderen Gesellen fielen
mit ein.

„Das darf er Sie weeß Gott nicht duhn,“ bemerkte
der kleine Sachse. „Dafür giebt’s noch den hohen Gewerberath.“

Und Leitmann sagte äußerst kampfesmuthig: „Wenn das
geschieht, machen wir einfach Revolution.“

Meister Timpe zeigte Angesichts dieser allgemeinen
Sympathie wieder das alte vergnügte Gesicht, konnte sich aber
doch nicht enthalten, seinen Worten hinzuzufügen:

„Wenn er es thut, werden wir schließlich nichts dagegen
ausrichten können, und wenn wir hier wie in einem Käfig
sitzen müssen. Geld giebt Macht.“

„Aha,“ bemerkte Thomas Beyer, der bisher kein Wort gesagt
hatte. „Meister, Sie beginnen fortzuschreiten.“

Timpe erwiderte nichts, sondern ging in seine Arbeitsstube, um sich ebenfalls an die Drehbank zu stellen. Als er
am Abend Franz zu Gesicht bekam, lautete seine erste Frage:

„Wie hat sich Dein Chef heute Nachmittag gegen Dich
benommen?“

„Sehr gut, Vater, trotzdem Du ihn mehrmals beleidigt
haben sollst. Er hat mir den Vorgang zwischen Euch Beiden
erzählt. Und um Dir zu beweisen, daß er dem Sohne das
nicht entgelten lassen will, was der Vater ihm angethan hat,
hat er mich heute Abend zu einer kleinen Gesellschaft, die
bei ihm stattfindet, eingeladen. Von unserem Personal ist außer dem Geschäftsführer nur noch mir
diese Ehre zu Theil geworden . . . Es ist kein Frackzwang,
wie man zu sagen pflegt; ich werde in meinem schwarzen
Gehrock erscheinen und wie ich glaube, sehr gut aussehen.
Ich bitte Dich daher, jetzt nicht so viele Fragen zu stellen,
da ich noch mancherlei Vorbereitungen zu treffen habe. Ich
bin ohnedies ärgerlich darüber, daß gerade heute diese Zänkerei
zwischen Euch stattfinden mußte. Daß die Eltern niemals
einsehen wollen, wie sehr sie ihre Kinder schädigen, wenn sie
mit dem moderen Bildungsgang nicht gleichen Schritt halten.
Die Kleinen müssen den Großen hübsch nachgeben . . . .
Sei so freundlich und gieb mir etwas klein Geld, vielleicht
ein Zwanzigmarkstück. Es fehlen mir noch Kravatte, Handschuhe und andere Kleinigkeiten.“

Timpe war wie umgewandelt: der Vaterstolz beseelte
ihn wieder. Sein Sohn in einer Gesellschaft bei Urban —
das genügte! Er ging sofort nach dem altmodischen Schreibsekretär und langte in die Kassette, dann sagte er:

„Hör' mal, ich glaube wirklich, daß ich etwas übereilt
gehandelt habe. Sieh' nur zu, daß Du die Geschichte wieder
ins rechte Geleise bringen kannst . . . Soll ich Dir vielleicht
den Gang abnehmen und Kravatte und Handschuhe selbst besorgen? . . . Es ist nicht weit.“

Franz machte seinem Vater die nöthigen Angaben und
ließ ihn gehen. Nach einer Viertelstunde bereits kehrte der
Alte, beladen mit mehreren Kartons zurück. Er war so gelaufen, daß ihm trotz der Kälte der Schweiß auf der
Stirn stand.

„Hier, mein Junge — da kannst Du Dir nach Belieben
aussuchen. Ich habe Pfand gelassen, um es Dir bequemer zu
machen.“

Während der nächsten halben Stunde wurde die Welt
vergessen, um der Toilette Franzen's willen. Johannes bürstete eigenhändig den schwarzen Gehrock säuberlich ab, und
Frau Karoline prüfte zehn Minuten lang die aufgeschichteten
Plätthemden, ehe sie eins auswählte, das ihrer Meinung nach
am tadellosesten war. Was in den seltensten Fällen vorkam,
das geschah heute: außer der Tischlampe mußten noch die beiden großen Kugellampen, die auf dem Spinde standen, ihr
Licht in der guten Stube leuchten lassen; denn um dem
Großvater nicht wieder Veranlassung zu allerlei Bemerkungen zu geben, mußte die Toilette in diesem Zimmer vor sich
gehen.

Timpe und sein Weib überboten sich förmlich in Aufmerksamkeiten ihrem Einzigen gegenüber. Alle Augenblicke klang
es an Franzen's Ohr:

„Brauchst Du auch noch etwas? … Kann ich Dir noch
behülflich sein? … Vergiß nur nichts …“

Die Kravatte wollte nicht recht sitzen; sofort waren vier
Hände bereit, den lang herabfallenden weißen Knoten in die
gehörige Lage zu bringen; und der Meister zog die Binde
hinten am Stehkragen so fest zu, daß seinem Sohne förmlich
der Hals zugeschnürt wurde. Und während der ganzen Ankleidungsscene stand Franz wie ein junger Gott vor dem
großen altväterischen Trumeau und betrachtete sich mit Wohlgefallen. Die Frisur und der sprossende Bart nahmen seine
ganze Theilnahme in Anspruch; namentlich lagen ihm die
Spitzen des letzteren sehr am Herzen. Zuletzt glaubte er
ohne Pomade ihnen nicht die gehörige Steifheit geben zu
können, deren sie dringend bedurften, um ihre Wirkung
vollendet zu machen. Als er darüber kaum eine Bemerkung
fallen gelassen, griff sein Vater auch schon wieder zum Hut
und entfernte sich schleunigst, um das Gewünschte vom nächsten
Barbier zu holen.

Endlich war die Toilette fertig, warf Franz den letzten
prüfenden Blick in den Spiegel. Vater und Mutter standen
hinter ihm mit emporgehobenen Lampen und waren nicht
minder entzückt von ihm, als er selbst von sich. Und wenn
die Blicke der beiden Alten sich zufällig begegneten, so konnte
man aus ihnen die Worte lesen: Ein Prachtjunge, nicht
wahr, Vater? . . . Er wird alle jungen Männer in den
Schatten stellen, Alte, he? . . .

Als er dann den Hut aufgesetzt und den Ueberzieher angezogen hatte, vermochte Frau Karoline nicht mehr zu
schweigen. Sie gab ihm mit der flachen Hand einen Schlag
auf den Rücken und sagte zärtlich: „Du bist ein schöner
Mensch.“ Und auch ihr Mann fiel ein: „Ein stattlicher
Kerl! Du hast wahrhaftig schon das Gardemaß.“

Franz wollte gehen, als ihm einfiel, daß er etwas vergessen habe. So holte er denn noch ein Fläschchen wohlriechenden Wassers hervor und bespritzte damit sein Taschentuch. Das ganze Zimmer wurde sofort von dem durchdringenden Duft angefüllt. Die Nasenflügel der Eltern erweiterten
sich merklich, denn seit langer Zeit hatte man einen derartigen
Wohlgeruch in dem schlicht-bürgerlichen Hause nicht verspürt.

Als Franz noch bemüht war, dem Ehepaar die Unzertrennbarkeit dieses echt französischen Odeurs von der „guten
Gesellschaft“ (er betonte diese Worte ausdrücklich) auseinander zu setzen, schreckten sie leicht zusammen, denn sie vernahmen wie im Nebenzimmer der Stock des Großvaters auf
die Erde gesetzt wurde und das Geräusch seiner Tritte näher
kam. Gleich darauf trat der Alte ein. Er hatte bereits
längst gemerkt, daß man ihm wieder etwas zu verheimlichen
versuche, und von Groll erfüllt seinen Sorgenstuhl verlassen,
um sich zu überzeugen, was man vorhabe. Bei seinem Hereintreten merkte er an der Lichtfülle, die auf seine Augenlider eindrang, daß etwas Außergewöhnliches vorgehen müsse.
Als er die Thür geschlossen hatte, blieb er stehen, hob den
Kopf, blähte die Nase und sagte:

„Das riecht ja hier wie in einer Apotheke. Diese ewige
Geheimthuerei paßt mir nicht mehr! Ich gehöre mit zur
Familie; was hier im Hause vorgeht, kann ich ebenfalls erfahren. In früheren Zeiten hatte man sich gegenseitig
nichts zu verbergen, sprach offen und ehrlich mit einander,
wenn es auch einmal ein paar Grobheiten gab. Heutzutage
aber scheint die Welt nur noch verlogen zu sein und Jedermann darauf auszugehen, seinen Nächsten zum Narren zu
haben … Geht nur mit eurem Söhnlein zum Balle,
präsentirt ihn wie einen Modeaffen: ihr werdet doch die
Drechslermeister Timpe'schen Eheleute bleiben. Es schenkt
euch Niemand einen Dreier.“

Man merkte nur zu sehr: er hatte wieder einen Anfall
von Gallsucht bekommen, der ihn über die Fliege an der
Wand sich ärgern ließ. Franz wollte aufbrausen. Seit langer
Zeit bereits hatte er den Entschluß gefaßt, diesem, seiner Ansicht nach zänkischen Alten, der weiter nichts verstand, als von
früh bis spät Moral zu predigen, einmal gehörig die Wahrheit zu sagen. Er, der bereits angesehene Franz Timpe, dem
heute die große Ehre zu Theil werden sollte, in einer der
wohlhabendsten Fabrikantenfamilien mit seiner Anwesenheit zu
glänzen, der an gesellschaftlicher Bildung und an Kenntniß
des modernen Lebens dieser lebenden Ruine weit überlegen
war, sollte sich immer noch wie ein Schuljunge behandeln
lassen? Dagegen mußte einmal gründlich Opposition gemacht
werden. Ich werde einmal eine „Szene“ machen, dachte er
bei sich, als er nach vielen Mühen endlich den letzten Knopf
der Handschuhe zugeknöpft hatte.

Johannes und Karoline, die schon an seiner unwilligen Bewegung die kommenden Dinge voraussahen, gaben ihm einen Wink,
ruhig zu sein und sich zu entfernen. Dann versuchte der
Meister seinem Vater jedes Mißtrauen zu nehmen.

„Du thust uns Unrecht, Vater,“ sagte er sanft. „Franz
hat ganz plötzlich eine Einladung von seinem Chef bekommen
und da er sich schnell ankleiden mußte, wollten wir Dich nicht
stören —“

Im nächsten Augenblick fiel Franz hochmüthig ein:

„Ich weiß nicht, Vater, daß Du Dich noch entschuldigst;
Du bist doch hier Herr im Hause. Wenn alte Leute wunderlich sind, so ist damit noch nicht gesagt, daß sie das Recht
haben, ihre Nase in alle Dinge zu stecken. Es ist gerade,
wie mit den Bären: sie halten ihren langen Winterschlaf,
und wenn sie erwachen, wundern sie sich darüber, daß inzwischen das junge Grün hervorgekommen ist . . . Ich lasse
mir eine derartige Behandlung nicht mehr gefallen! Ich gehöre bereits einer Studentenverbindung an und werde mich
bald verloben. . . . In den Kreisen, in denen ich verkehre,
schätzt man mich als einen gebildeten, jungen Mann, ich bitte
mir daher ein- für allemal aus, das nicht zu vergessen.“

Timpe und seine Frau waren über diese Rede so entsetzt,
daß sie zwischen Großvater und Enkel traten, als befürchteten
sie einen Angriff des Greises. Dieser regte sich nicht von der
Stelle, brach aber plötzlich in ein helles Gelächter aus, das
sich unheimlich anhörte. Dann sagte er ein über das andere Mal:

„Der grüne Junge will sich verloben, verloben will
er sich! Und ist hinter den Ohren noch nicht trocken geworden!“

Nachdem er seinem Spotte genügend die Zügel hatte
schießen lassen, zeigte er sein altes ernstes Gesicht. Die erloschenen Augen hatten sich nach der Stelle gerichtet, von wo
aus er die Stimme seines Sohnes vernommen hatte. Vornübergebeugt, die beiden knochigen Hände auf die Krücke des
Stockes gestützt, stand er unbeweglich da, gleich einer Statue.
Es war einige Sekunden lang so still im Zimmer, daß man
vermeinte, sein leises Athmen zu hören. Er schien auf etwas
zu warten.

„Nun, Johannes, Du giebst Deinem alten Vater keine
Genugthuung?“

Der Meister antwortete nicht, aber Karoline glaubte
vermitteln zu müssen. „Großvater“, sagte sie, „Sie sind aufgeregt. Es ist spät, gehen Sie zu Bett. Er ist doch unser
Sohn, er hat Ihnen nichts gethan.“

Der Alte rührte sich noch nicht, aber sein Gesicht war
immer noch nach Johannes gerichtet. Endlich sagte er langsam, mit erhobener Stimme:

„Du sollst Deinen Vater und Deine Mutter ehren, auf
daß es Dir wohlgehe und Du lange lebest auf Erden. …
Ihr habt vergessen, ihm die Zuchtruthe zu geben — wehe
Dir, Johannes, wenn der Tag kommt, wo er, der da steht,
vergißt, was Du an ihm gethan hast. … Gute Nacht!“

Er drehte sich um und verließ das Zimmer nach dem
Flur hinaus, wo er leise stöhnend die Treppe erklomm.

Und auch Franz ging mit kurzen Abschiedsworten.
Meister Timpe aber wischte sich verstohlen eine Thräne aus
den Augen, wußte aber selbst nicht, wem sie gelte: dem
Vater oder dem Sohne.

VIII.
„Erst mein Chef, dann ich.“

Ah, da ist er ja!

Mit diesen Worten Urbans wurde Franz empfangen,
als er das Haus in der Nachbarstraße betreten hatte.
Die ganze Familie war im großen Balkonzimmer versammelt,
dessen Krystallkrone im Lichterglanze funkelte. An jedem ersten
Mittwoch im Monat während der Winterzeit pflegte Frau
Urban ihrer Töchter wegen eine kleine Gesellschaft zu geben.
Die heutige war die erste, seitdem sie ihren Wittwenstand aufgegeben hatte. An solchen Abenden wurden nur der Familie
nahestehende Personen eingeladen, unter denen selbstverständlich die jungen Männer nicht fehlen durften. Es wurde
musizirt, gesungen, ein kleiner Scherz arrangirt; man aß und
trank gut (eine Beschäftigung, die gewöhnlich am längsten ausgedehnt wurde), klatschte ein wenig, verabredete größere gesellschaftliche Zusammenkünfte, wagte zum Schluß ein kleines
Tänzchen und trennte sich erst nach Mitternacht mit der gegenseitigen Versicherung, seit langer Zeit ein derartiges Amüsement nicht genossen zu haben — eine Redensart, die jeder so
nachdrücklich äußerte, als wollte er das Recht ihrer Erfindung
für sich in Anspruch nehmen.

Seitdem Urban Herr im Hause war, hatte er die Absicht, die Gesellschaften zu jener Höhe zu erheben, die seiner
Meinung nach der Klang seines Namens erforderte. Die
schlicht-bürgerlichen Familien, mit denen seine Frau seit vielen
Jahren eng befreundet war, behagten ihm nicht mehr. Mit
dem Gelde, das die neue Ehe gebracht hatte, war ein kleiner
gesellschaftlicher Größenwahn bei ihm eingezogen. Baute er
nicht eine riesige Fabrik, hoffte er nicht alle kleinen Konkurrenten todt zu machen, Reichthümer auf Reichthümer zu
häufen? Was konnte ihm also dereinst fehlen! Gleich seinem
langen Schlingel von Lehrling träumte er bereits mit offenen
Augen von einem Kommerzienrathstitel, diversen Orden und
einem ewigen Denkmal in der industriellen Entwicklung seines
Landes.

Es war überhaupt merkwürdig, wie in vielen Dingen Herr
Ferdinand Friedrich Urban, dessen Schädel bereits hin und wieder die lichten Stellen der Erkenntniß durch das Haar schimmern
ließ, mit dem kaum flügge gewordenen Franz Timpe sympathisirte. Der kluge Geschäftsmann hätte keine Welterfahrung
besitzen müssen, um nicht zu bald das Streberthum in dem
angehenden Kaufmanne zu entdecken. Aus manchem gewitzten
Einfall, den Franz im Komtor bekam, sprach so viel gesunder
Menschenverstand, daß der Fabrikant mit der Zeit vor dem
jungen Manne eine gewisse Achtung bekommen hatte, die
noch dadurch gesteigert wurde, daß Franz an guten Manieren
und Bildung den meisten seiner Kollegen weit überlegen war.
Und nicht zuletzt fühlte er sich durch die hübsche Erscheinung
Timpe's junior gefesselt. Mit wenig Worten: es war ein
gewisses instinktives Gefühl der Zusammengehörigkeit,
das den kleinen Chef und seinen in die Höhe geschossenen
Lehrling leitete, bei jeder Gelegenheit ihre Weisheit
auszutauschen und wie zwei Menschen zu verkehren, deren
Zuneigung den Unterschied der Jahre und den Abstand ihrer
sozialen Stellung vergessen macht.

So war es denn erklärlich, wenn Urban Franzens Eintreten mit einem kleinen Artilleriefeuer von Worten begrüßte,
das hauptsächlich darauf hinauszielte, aus dem jungen Manne
eine gewichtige Person zu machen. Das rothseidene Taschentuch wie eine Flagge in der Hand schwingend, eilte er ihm
sofort entgegen, nahm ihn unter den Arm und schritt auf die
fremden Herrschaften zu, um ihn vorzustellen. Und Franz,
der diese Auszeichnung zu schätzen wußte und dadurch sicher
gemacht wurde, verbeugte sich vor den Damen sehr galant,
lächelte verbindlich und küßte der Frau vom Hause die Hand.
Jedesmal, wenn er wieder zurückschnellte und sich
emporgerichtet hatte, betrachtete er kokett die Spitzen
seiner glattsitzenden Handschuhe und gab sich die
möglichste Mühe, mit einer Augenverrenkung die Wiederspiegelung seines eigenen Ich's in einem Krystalltrumeau
zu erhaschen, der hinter ihm das Bild des Abends zurückstrahlte.

Sämmtliche Anwesende saßen zerstreut in dem großen
Salon umher; die jungen Leute etwas entfernt in den
äußersten Ecken und die älteren im Halbkreis um Frau
Urban, die ganz in schwarze Seide gekleidet, äußerst imponirend sich ausnahm. Zu ihrer Rechten sitzend, in eine
bauschige, blaßrothe Robe gehüllt, die den Lehnstuhl förmlich
vergrub, machte sich Frau Ramm, die Gattin des Dachpappenfabrikanten in der Köpnickerstraße bemerkbar. Ihr auffallend
kleines Gesicht zeigte so gesunde, rothe Wangen, daß man
es erst mit einiger Mühe aus dem Gewirr von gleichfarbigen Spitzen und Busenschleifen heraus erkennen
konnte. Wenn sie sprach, lispelte sie nur, so daß die
meisten ihrer Worte verloren gingen und sie aus alter
Angewohnheit, ohne daß sie gefragt wurde, jeden Satz,
dreimal wiederholte. Der große, mit Federn besetzte
Atlasfächer bewegte sich schwirrend wie ein Riesenschmetterling auf und ab, wobei in den weiten Aermeln ein sehr
knöcherner Unterarm sich zeigte, der den stillen Kummer
ihres Gemahls bildete. Dieser selbst, ein hagerer, langer
Herr, der, bevor er in das Gespräch sich mischte, seine Frau
ausreden ließ, stand hinter ihr, auf die hohe Lehne eines geschnitzten Stuhles gestützt, und nickte sehr verbindlich nach
jedem Worte, das Frau Urban zu ihm sprach, sodaß auf die
Dauer die Aehnlichkeit mit einem riesigen Spaßvogel des
Berliner Weihnachtsmarktes nicht ausgeschlossen bleiben
konnte. Er hielt sich äußerst zurück und wagte selten eine
eigene Meinung. Eingeweihte behaupteten, diese Neutralität
hinge mit der Thatsache zusammen, daß Frau Kirchberg, gewordene Frau Urban, eine erste Hypothek auf seinem Grundstück besitze, deren Kündigung jeden Tag erfolgen könne.

Außerdem gehörten zu diesem Cercle noch drei andere
Ehepaare: ein sehr vermögender Weingroßhändler nebst
Frau, dem man sein Gewerbe sehr deutlich an der Nase ansah.
und welcher bei jeder neuen Zusammenkunft die heilige Versicherung bereit hatte, daß Paris, wo er einige Jahre gelebt
hatte, unbestreitbar die großartigste Stadt der Welt sei; ein
korpulenter, sehr für Kunst schwärmender Rentier mit einer
Gattin, die in Verzückung gerieth, wenn ihr Mann sprach,
und ein reicher Tuchhändler aus der Königsstadt, dessen viel
jüngere Ehehälfte ihm an Bildung weit überlegen war und
daher jeden günstigen Moment benutzte, bei geistreichen
Gesprächen für ihren Mann das Wort zu ergreifen. Dieser
gab dann den Kampf sehr bald auf und zog sich in eine
stille Ecke zurück, wo er in Gesellschaft des Weingroßhändlers
über die Verfälscher des edlen Rebensaftes das
Todesurtheil fällte und ein Glas nach dem andern
leerte. Der letztere glaubte dann den Augenblick
gekommen, der eine Ueberreichung seines Preiskourantes
nothwendig mache. Der Tuchhändler versprach zu
bestellen, that es aber niemals. Er besaß bereits
eine ganze Kollektion derselben Karten. „Soll ich einmal
meiner Frau imponiren und eine Rede halten?“ sagte er
dann in seliger Stimmung. — „Thun Sie es lieber nicht.
Die Wirkung dieses Weines, der aus meinen Kellern stammt,
ist unberechenbar. Sie könnten in Schwung kommen und
heute nicht mehr aufhören“, rieth der Weinhändler ihm ab.
Man trank dann ruhig weiter.

Interessant für den Schönheitsenthusiasten war jedenfalls nur die jüngere Generation, die größtentheils in enger
Beziehung zu der älteren stand. Fräulein Therese Ramm,
die intime Freundin Emma's, pflegte an solchen Abenden gesprächiger zu sein und den jungen Männern gegenüber viel
von ihrer Schüchternheit zu verlieren. Ihre Mutter hegte
in derartigen Minuten die größten Hoffnungen und verfolgte
sie mit leuchtenden Blicken, sobald sie wahrnahm, daß einer
der jungen Männer ein längeres Gespräch mit ihr angeknüpft
hatte.

„Sehen Sie nur meine Liebe“, sagte sie dann leise zu
Frau Urban, „sieht meine Therese nicht reizend aus? Sie
wird gewiß noch einmal eine glänzende Partie machen“.

Der Weingroßhändler hatte seinen Sohn mitgebracht,
einen sehr liebenswürdigen, blondgelockten jungen Mann,
der in einem Konservatorium Musik studirte, den ganzen
Abend über von Beethoven schwärmte und sehnsüchtig
auf den Augenblick wartete, wo die Damen ihn auffordern
würden, sich an's Piano zu setzen, um von seiner Kunstfertigkeit etwas zu hören. Ramms glänzten ebenfalls durch
einen Sohn, der Komtorist im Geschäfte seines Vaters
war, eine ausgezeichnete Kenntniß der Dachpappenfabrikation besaß und die Angewohnheit hatte, fortwährend an
seinem Schnurrbart zu kauen — eine unausstehliche Beschäftigung, der er bereits den Verlust eines Theiles
seiner Manneszierde zu verdanken hatte. Die jungen
Damen fanden das abscheulich, während Frau Ramm es
mit seiner Nervosität entschuldigte. Die Eltern brachten ihn
nur um deswegen mit, weil sie der Hoffnung lebten, es
könne sich zwischen ihm und Fräulein Bertha Kirchberg, der
zweiten Tochter Frau Urbans, ein zur Ehe führendes Verhältniß entspinnen — ein wohlüberlegter Plan, der aber an
der Abneigung der am meisten betheiligten Personen zu
scheitern drohte. Fräulein Bertha hatte ihn nämlich im Geheimen mehrmals für einen „Grässel“ erklärt. Trotzdem gab
Herr Ramm junior seine erneuerten Anläufe nicht auf,
schwamm vielmehr schon beim bloßen Anblick der Stillgeliebten in jenem seeligen Wonnemeer, aus dem der unglücklich Liebende nur durch eine rauhe Hand oder einen
kalten Wasserstrahl gerettet werden kann.

Alwine, das älteste Fräulein Kirchberg durfte sich bereits
glückliche Braut nennen. Ihr Verlobter, ein sehr begabter
Architekt, von einnehmender, echt männlicher Erscheinung,
stammte aus einer sehr wohlhabenden Familie, die durch langjährige Freundschaft mit Frau Urban verbunden war. Da
man es hier mit einer tadellosen, glänzenden Partie
zu thun hatte, in der beide Theile „gleich schwer wogen“, so
erregte das junge Pärchen den geheimen Neid aller derjenigen
Mütter, die sich bisher einer derartigen glücklichen Aussicht
für ihre Töchter nicht erfreuen durften. Und da Fräulein
Alwine mehr durch Erziehung und Bildung, als durch Schönheit
glänzte, so war es von Allen Frau Ramm, welche oft zu der
Frau des Rentiers die Meinung äußerte, daß der „Herr
Architekt“ auch noch „eine Andere“ bekommen könnte. Es
war wohl nur der reine Zufall, wenn nach diesen Worten
ihr Blick zu Theresen hinüberglitt.

Unter den jungen Leuten, die sonst noch die Gunst der
Hausfrau zusammengeführt hatte, dürfte außer dem Geschäftsführer Herrn Urbans nur noch Herr Knispel erwähnenswerth
sein: ein blutjunger Mann von fast mädchenhafter Zierlichkeit,
dessen Humor keine Grenzen kannte, der jede Minute bereit gewesen wäre, aus Aufmerksamkeit gegen die Damen sein Leben
zu lassen und in Folge dessen bei diesen sehr beliebt war,
wenn schon man ihn wie einen kleinen lustigen Kobold behandelte, dem gegenüber man glaubte sich alles erlauben zu
dürfen.

Urban sorgte dafür, daß sein Lehrling mit den anwesenden, ihm fremden Personen sehr rasch vertraut wurde; und
Franz verstand es auch, sich so artig zu benehmen, so wohlgesetzte Komplimente zu machen, das Vortheilhafte seines
Aeußeren so vortrefflich in das gehörige Licht zu bringen, daß
Frau Häberlein, die junge und geistreiche Gattin des Tuchhändlers, zu der Gastgeberin die inhaltschwere Bemerkung
machte: „Man sieht doch bei einem jungen Manne auf den
ersten Blick, was die Erziehung macht. Ein liebenswürdiger,
netter Mensch!“

Wenn das Timpe, der Aelteste gehört hätte!

Die Lebensgefährtin des Weingroßhändlers. Frau Rosé
(ihr Mann hatte, als er aus Paris zurückgekehrt war, es für
vortheilhafter gehalten, seinen echt deutschen Namen durch
das Hinzufügen eines Zeichens in einen französischen zu verwandeln), lobte seinen schönen Wuchs. Zum Schluß vermochte auch die Frau Rentiere mit ihrer Bewunderung nicht
zurückzuhalten.

„Er sieht wie ein junger Fähnrich aus“, sagte sie zu
Frau Urban gewendet.

Frau Ramm lachte bei dieser Bemerkung hörbar hinter
ihrem Fächer.

„Er stammt gewiß aus gutem Hause, nicht wahr meine
Liebe?“ fragte Frau Häberlein, worauf sich hinter dem
Riesenfächer ein diesmal verstärkteres Lachen vernehmen ließ.
Da Frau Ramm durch ihre Tochter Therese bereits erfahren
hatte, welche Begünstigung Franzen in diesem Hause zu Theil
wurde und sie sich dabei der Zurücksetzung ihres Sohnes von
Seiten Berthas erinnerte, so brachte sie Timpe junior gerade
keine Sympathie entgegen.

„Er ist weder das Eine, noch das Andere“, erwiderte
Frau Urban. „Seine Eltern sind einfache Handwerksleute,
die es mit der Zeit zu einem gewissen Wohlstand gebracht
haben und in Folge dessen alles aufwenden, um ihrem einzigen Sohn den Weg in die besseren Kreise der Gesellschaft
zu bahnen . . . . Der junge Mann ist Lehrling in unserem
Geschäft.“

Frau Häberlein war nun sehr enttäuscht darüber, daß
sie mit dem „Fähnrich“ nicht das Richtige getroffen hatte;
und Frau Rosé sagte sehr naiv: „Wie man sich doch manchmal täuschen kann! Fast hätte ich behauptet, er wäre ein
angehender Referendär.“

Nach diesen Worten ließ sich zum dritten Male das
kichernde Lachen der Frau Dachpappenfabrikant vernehmen,
dem dann die Bemerkung folgte:

„Es wird noch gute Weile haben, ehe er das erreicht
haben wird, was mein Arthur ist . . . Die jungen Leute von
heute legen allen Werth auf das Aeußerliche, wogegen doch
der innerliche Mensch das Maßgebendste ist. Mein Arthur
zum Beispiel giebt auf diesen Firlefanz nichts; dafür ist er
aber ein tüchtiger Kaufmann, der seine Frau glücklich machen
wird. Er liebt das Gediegene“.

„Ein tüchtiger Kaufmann wird der junge Mann dereinst
auch werden, meine liebe Frau Ramm; und durch seine
äußerlichen Vorzüge wird er Jedermann doppelt willkommen
sein“, erwiderte Frau Urban sehr verständnißvoll für die
kleine Dame im mattrothen Kleide, um dem unleidlichen
Thema eine andere Wendung zu geben.

Franz gesellte sich zu den jungen Leuten, die ihm sehr
freundlich entgegen kamen; ausgenommen Arthur Ramm.
Dieser hatte bemerkt, daß der junge Timpe auch von Bertha
sehr herzlich begrüßt worden war und begann daher ärger
als sonst an seinem Schnurrbart zu kauen. Erst als er sah,
daß Franz und Emma in ein Nebenzimmer sich zurückzogen
und sie verstohlen außerordentlich zärtlich thaten, änderte sich
seine Stimmung, vertrieb die alte Hoffnung die aufgestiegene
Eifersucht.

Emma fühlte sich glücklich, als sie mit Franzen die
ersten Liebesworte an diesem Abend austauschen konnte. Da
Therese in ihr Geheimniß gezogen war, so hatte dieselbe das
Amt einer Beschützerin übernommen. Sie stand mit ausgestreckten Armen mitten in der Thür, drehte dem Pärchen
den Rücken zu und schaukelte sich hin und her. Sie glaubte
so Jedermann den Eingang verwehren zu können.

„Es hat doch bis jetzt Niemand etwas von unserem
Verhältniß bemerkt?“ fragte Franz.

„Ich traue Alwine nicht“, erwiderte Emma; „sie macht
hin und wieder so sonderbare Anspielungen, daß ich befürchte,
sie hat uns einmal in der Konditorei gesehen oder meine
Schreibmappe durchkramt.“

„Nun gedulde Dich nur, mein süßes Schäfchen,“ sagte
Franz darauf mit der ganzen Würde, die ihm zu Gebote
stand; „die Zeit wird auch kommen, wo ich mich Deiner
Mutter in aller Form erklären werde.“ Mit der ganzen
Keckheit seiner jungen Jahre drückte er sie herzhaft an sich
und brachte seine Lippen mit den ihrigen in Berührung.

In demselben Augenblick ertönte ein leiser Zuruf Theresens,
begleitet von einem Wink; aber beides war nutzlos und ohne
Wirkung, denn der kleine Herr Urban hatte sich bei Fräulein
Ramm vorbei durch die Thür gedreht und den herzlichen Gefühlsaustausch seiner Stieftochter und seines Lehrling mit angesehen.

Sein Gesicht erweiterte sich zu einer eigenthümlichen
Grimasse, die ungefähr den Mittelpunkt zwischen Weinen und
Lachen hielt. Einige Augenblicke stand er regungslos auf
einem Fleck und blickte, das linke Auge listig zusammengekniffen, mit schräg gesenktem Haupte über die Brille hinweg
zu Beiden hinüber. Die rechte Hand bewegte sich mit dem
rothseidenen Taschentuche hin und her. Dann kicherte er
leise, erhob den Kopf mit einem plötzlichen Ruck nach hinten,
so daß die Nase den Höhepunkt des ganzen Menschen bildete
und schritt auf das Fenster zu.

„So weit seid Ihr schon? Die Sache ist ja recht feierlich, wenn die Geschichte sich auch machen wird . . . . Wer
gab Ihnen das Recht, Herr Timpe, die Güte Ihres Chefs
auf so hinterlistige Art und Weise zu mißbrauchen? Sie
haben wirklich den Muth, sehr hoch hinaus zu wollen.“

Er versuchte, sehr ernst zu erscheinen; es gelang ihm
aber um deßwillen nicht, weil er in einer derartigen Verfassung komischer als sonst wirkte. Franz wurde sehr verlegen und schwieg wie ein Schuljunge, der beschämt vor
seinem Lehrer steht. Emma aber war sehr roth geworden und
wandte sich ab, um ihr Antlitz zu verbergen. Daß ihr
Stiefvater es gerade sein mußte, der zuerst ihr Herzensgeheimniß entdeckte! Sie ärgerte sich mehr darüber, als sie
Furcht empfand. Und da sie aus ihrer Abneigung gegen den
zweiten Mann ihrer Mutter niemals ein Hehl gemacht,
und längst den Augenblick herbeigesehnt hatte, wo sie dieser
Antipathie einmal gehörig Luft machen könne, so drehte sie
sich plötzlich um und sagte mit einem Trotz, der auf Urban
geradezu verblüffend wirkte:

„Jawohl, wir sind schon so weit, um uns gern zu haben!
Sie werden davon gehört haben, daß Herr Timpe mein
Jugendgespiele war, und da wird Ihnen Manches erklärlich
erscheinen. Was mich betrifft, so will ich es von jetzt ab
Niemand verschweigen, daß ich Herrn Timpe sehr zugethan
bin. Gewisse Leute aber haben sich gar nicht darum zu
kümmern, am allerwenigsten alte wunderliche Herren, die
auf Gummischuhen herangeschlichen kommen, um den Spion
zu spielen.“

Franz war entsetzt über diese Worte; während seine Augen
von dem jungen Mädchen zu seinem Chef irrten, sagte er:

„Aber Fräulein Emma, Sie vergessen sich!“

Urban aber schien den Groll seiner jüngsten Stieftochter
nicht besonders tragisch aufzufassen.

„Sehen Sie, lieber Timpe,“ begann er ruhig, „da haben
Sie das Resultat einer falschen Erziehung; nehmen Sie sich
ein Beispiel daran, wenn Sie dereinst Kinder haben sollten.
So etwas muß man sich gefallen lassen, wenn man drei erwachsene Töchter mitgeheirathet hat, die einen um Kopfeslänge überragen. Ich soll ein Spion sein, soll auf Gummischuhen
daherschleichen, der ich in meinem Leben keine getragen habe!
… Was soll ich darauf erwidern? Soll ich mich ärgern?
Ich weiß wohl, daß viele Menschen es gern sehen würden,
aber ich thue ihnen nicht den Gefallen! Es ist Prinzip bei
mir, mich nicht zu ärgern; denn ich habe in meinem
Leben keinen Pfennig dabei verdient; und ein sehr
schlechter Kaufmann, der Zeit auf Dinge verwendet
die ihm nichts einbringen … Ihnen bin ich nicht böse.
Kommen Sie, ich habe mit Ihnen zu reden … Unverständige junge Mädchen überläßt man am besten dem
Alleinsein.“

Und wie am heutigen Abend bereits einmal, erfaßte er
den Arm seines Lehrlings und zog diesen mit sich fort in
das große Balkonzimmer, Emma in einer nichts weniger als
angenehmen Stimmung zurücklassend; denn sie war durch die
Liebenswürdigkeit, mit der Urban Franzen immer aufs Neue
entgegentrat, entwaffnet. Um aber ihrem Stiefvater zu beweisen, daß sie sich durchaus nicht getroffen fühle, unterdrückte
sie ihren Unmuth mit Gewalt und kehrte ebenfalls zu der
Gesellschaft zurück.

Hier begann nach und nach die Gemüthlichkeit sich
zu steigern. Herr Knispel, der Allerweltshumorist,
nahm auf einige Zeit die Aufmerksamkeit der Herrschaften in Anspruch. Dem Drängen der Damen nachgebend, hatte er sich vor der Glasthür des auf
einen Rohrsessel gestellt und deklamirte ein plattdeutsches Gedicht von Reuter mit einer solchen Ausdrucksfähigkeit und Komik daß der Frau Rosé, die eine geborene
Mecklenburgerin war, vor Lachen die Thränen über die Wangen liefen, alles in die heiterste Stimmung gerieth und selbst
der lange, hagere Herr Ramm aus seiner Reservirtheit heraustrat und die Behauptung wagte, Fritz Reuter sei doch
wirklich ein bedeutender Humorist gewesen. Urban, der bei
jeder Gelegenheit beweisen wollte, daß er für Alles Verständniß besitze, rief mehrmals sehr laut „Bravo! Bravo!“ und
klaschte zum Schluß gewaltig in die Hände. Die jungen
Damen waren mit diesem einen Vortrag nicht zufrieden. Sie
umringten den Deklamator und flehten in allen Tonarten:
„Ach noch etwas anderes, lieber Herr Knispel“ . . . . „Sie
haben ja soviel davon auf Lager, bester Herr Knispel . . . .“

Frau Urban machte jedoch dem Zureden ein Ende, indem sie zur Tafel ins Nebenzimmer bat. Es wurde den
Besuchern an derartigen Abenden gewöhnlich mit Thee
und kaltem Aufschnitt aufgewartet; heute dagegen hatte man
auf Wunsch des Hausherrn die weitgreifendsten Vorbereitungen
getroffen, um den Gästen einen würdigen Begriff von der
neuen Ehe zu geben. Man erhob sich denn auch ziemlich laut
und geräuschvoll, und konnte den leuchtenden Gesichtern der
Ehepaare anmerken, wie freudig die Mittheilung der Hausfrau aufgefaßt worden war. Der Weingroßhändler, von dem
es bekannt war, daß er gern den Galanten spiele, wurde von
Frau Urban um seinen Arm gebeten; der letzteren Gatte
hakte Frau Rosé unter; der kleine Herr Knispel engagirte
Fräulein Bertha, zum großen Aerger Herrn Ramm's und
seiner Gemahlin, welche die vergeblichen Bemühungen
ihres Sohnes um diese Ehre mitansehen mußten. Sie
waren nur insofern etwas beruhigt, als sie die Freude erlebten, ihre Tochter Therese von dem jungen Herrn Rosé, dem
angehenden Virtuosen, zu Tisch geführt zu sehen. Emma
war glücklich am Arme Franzens zu hängen. Und so zog
man denn lachend und scherzend in einer langen Reihe durch
die geöffneten Flügelthüren. Zuletzt folgte der Rentier mit
seiner Frau, die beim Eintritt die Nasenflügel sehr merklich
dehnte und leise flüsterte: „Es giebt Gänsebraten, Du weißt,
ich esse ihn so gern.“ — Es war das eine der vielen prosaischen Bemerkungen, die ihren für Kunst schwärmenden
Mann in Verzweiflung brachten. „Du verstehst auch über
nichts anderes zu reden, als über das Essen“, gab er sehr
unmuthig zurück, worauf sie die Nase rümpfte, und antwortete: „Mein Gott, davon lebt man ja . . .“ Er war
wie so oft auch diesmal geschlagen und bedauerte zum hundertsten Male, einen Fehlgriff bei der Wahl seiner Lebensgefährtin gethan zu haben.

Während der Tafelei war die Fidelität so gestiegen, daß
man nach ihrer Aufhebung in der rosigsten Laune sich befand,
musicirte, sang und in dem ausgeräumten Balkonzimmer das
Tanzbein schwang. Herr Rosé junior wechselte mit dem Architekten den Platz am Klavier. Das junge Volk drehte sich
im lustigen Kreise; und selbst die Alten, die in den Nebenzimmern gemüthlich beisammen saßen, verschmähten es nicht,
hin und wieder ein Tänzchen zu wagen.

Urban war der seligste von allen. Selbst seine ältesten
Bekannten hätten den ehemaligen, verbissenen Junggesellen
nicht wieder erkannt. Er lief von einem Zimmer ins andere,
sorgte für neue Weinbatterien und gab sich die redliche
Mühe, gegen seine Gäste so aufmerksam als möglich zu sein.
Da er dem Glase tapfer zusprach, so gerieth er schließlich in
jene Stimmung, in welcher ein Parvenü nicht mehr recht die
Grenze zwischen dem, was sich schickt und nicht schickt, inne
zu halten weiß. Er lief bald zu Diesem, bald zu Jenem,
machte derbe Witze, über die er am lautesten lachte, und
welche Herr Ramm, der sich seiner freundlichen Gesinnung
versichern wollte, für äußerst treffend und geistreich erklärte.

Endlich konnte man ihn in der entferntesten Ecke eines
nur spärlich erleuchteten Zimmers mit seinem langen Lehrling an einem Tischchen sitzend erblicken, wo er sich nicht
scheute, mit dem jungen Manne wie mit einem intimen Bekannten anzustoßen und auf das Wohl der zukünftigen Fabrik
zu trinken. Und Franz, der bereits einen kleinen Rausch weg
hatte, erblickte in ihm schließlich einen väterlichen Freund,
dessen Gesellschaft man am besten zu würdigen glaubt, indem
man ihm ein über das andere Mal ein „Prosit! Prosit!“
zuruft, zu allen seinen Behauptungen „ja“ sagt, und ihn im
Innern für einen der vortrefflichsten Menschen erklärt, den
die Erde jemals getragen hat.

„. . . Das soll hier noch anders werden, viel großartiger, Timpe, verlassen Sie sich darauf! . . . Diese spießbürgerliche Gesellschaft muß man sich vom Halse schaffen.
Das kommt nur her, um zu essen und zu trinken, und die
Nase in alle Ecken und Winkel zu stecken. Sie besitzen etwas
Gentlemanartiges, Sie werden mich verstehen . . . Meine
Frau ist leider zu gut und zu schwach, um diese Leute abzuschütteln; aber ich werde es thun. Was haben wir überhaupt von der ganzen Sippschaft? Der Eine kommt her
um seinen faulen Wein an den Mann zu bringen, der Andere
möchte die Hypothek nicht gekündigt sehen, und der Dritte
moquirt sich im Stillen über die schlechten Oelbilder an der
Wand . . . Die Leute kenne ich . . . Wenn ich den Wein
heute so überreich fließen lasse, so hat das seinen guten
Grund: Ich will aufräumen mit der Sorte, die nach
dem Korken schmeckt . . . Wenn meine Fabrik fertig ist,
dann sollen Sie einmal sehen, was für Menschen ich zu dem
Feste einladen werde. Das muß Chic und Noblesse besitzen.
Man muß von den Leuten etwas profitiren, durch sie emporkommen, sie ausnutzen, denn umsonst ist der Tod. Gebe
ich tausend Thaler aus, so müssen sie mir das Dreifache
bringen . . .“

Er war ordentlich in Feuer gekommen, machte eine
Pause, während welcher ihm Franz seine Zustimmung zu
Theil werden ließ, und fuhr dann fort:

„Halten Sie sich nur recht brav, lieber Timpe, nehmen
Sie nur meine Interessen wahr, dann sollen Sie sehen, was
Sie an mir haben . . . Wenn Sie dem Mädel, der Emma,
gut sind und die Liebe zwischen Euch Beiden hält an: mein
Gott, weshalb sollte aus Euch Beiden nicht noch ein Paar
werden! Sie sind jung, Sie können noch warten. Sie
müssen vor Allem erst ein tüchtiger Kaufmann werden, sich
in meinem Geschäfte bewähren, dann bin ich nicht abgeneigt,
Fürsprecher bei meiner Frau zu werden. Das macht sich überhaupt nachher ganz von selbst. Aber wie gesagt: meine Interessen
wahrnehmen, rücksichtslos als Kaufmann sich zeigen, Zahlenmensch durch und durch werden, immer denken: Erst mein
Chef, dann ich! Dann werden Sie auch zu etwas kommen.
Wer weiß, was im Leben noch alles geschehen kann: schon
mancher Chef hat seinen Untergebenen zu sich emporgezogen,
wenn er sich der Treue desselben versichert halten durfte.
Vertrauen entgegenbringen — so heißt das Band, das uns
zusammenhält. . . .“

Franz hatte die weinumnebelten Augen groß aufgerissen
und seinen Chef angestarrt. Ein Paradies der Zukunft
entstand in seiner Phantasie und zauberte ihm lachende
Bilder vor das Auge, die seine kühnsten Hoffnungen übertrafen. Niemals hätte er sich träumen lassen, daß man in
diesem Hause seine Absichten so leicht verstehen würde. Was
er da vernahm, war ein halbes Zugeständniß seiner geheimsten
Wünsche. Er wollte etwas sagen, aber Urban, der in seiner
gewohnten Weise ihn mit einem listigen Blick über die Brille
hinweg fixirt hatte, ließ ihn nicht zu Worte kommen.

„ . . . Sehen Sie, Timpe, ich habe Sie in mein Herz
geschlossen“, begann er auf's Neue, mit lallender Stimme,
die Worte abgebrochen hervorstoßend, aber doch den Sinn
jedes einzelnen berechnend. „Sie sind ein ganz anderer Kerl,
als Ihr Vater. Der ist bockig, starrsinnig wie ein orthodoxer
Jude, der am Glauben seiner Väter hängt. Wenn es nach
solchen Leuten ginge, so würde die Welt keine Neuerung erleben. … Rathen Sie ihm nur vom Bauen ab und verdrehen Sie ihm den Kopf nicht noch mehr, indem Sie ihn
dazu bringen, seine Artikel kaufmännisch zu vertreiben.
Bleiben Sie hübsch bei mir, kehren Sie nicht mehr in den
beschränkten Dunstkreis des Handwerks zurück: Sie, so ein
Mensch, dem die ganze Welt offen steht! . . . Was ich gleich
sagen wollte —“

Er brach kurz ab, machte eine Pause erkünstelter Verlegenheit und steuerte dann direkt auf sein Ziel los.

„Richtig: Lieber Timpe, eine Liebe ist der anderen werth,
Sie könnten mir einen kleinen Gefallen erweisen . . . Ihr
Alter hat da gewisse Modelle hängen, an deren näherer Besichtigung mir sehr viel liegt. Er würde mir dieselben jedenfalls sehr gerne leihen, sagte ich ihm nur ein Wort. Aber
seit heute Mittag ist mir das unmöglich . . . Wenn Sie
vielleicht die Liebenswürdigkeit haben wollten . . . Es sind
die Nummern dreizehn, zwanzig und dreißig . . . Jedoch
möchte ich nicht gern, daß Ihr Vater etwas davon erfährt.
He, wollen Sie? Schlagen Sie ein. Prosit! Wir stoßen
noch einmal an auf das Gelingen der Fabrik und auf Ihre
Zukunft! . . . Verlassen Sie sich darauf: Sie werden noch
ein großer Mann.“

Wenn Urban weiter nichts verlangte! . . . Franz schätzte
sich unendlich glücklich, seinem Chef für all' die Liebenswürdigkeit, die ihm entgegengebracht wurde, einen kleinen Gegendienst
leisten zu dürfen. Wer konnte wissen, ob diese kleine Gefälligkeit nicht die erste Staffel zu der einstigen Compagnieschaft
bildete . . .

Aus dem großen Balkonzimmer schallten die leisen
Rythmen eines Walzers und das gleichmäßige Scharren der
Tanzenden herein. Ein eigenthümlicher Duft berührte Franz:
es war die Atmosphäre der Wohlhabenheit und bürgerlichen
Genußsucht, die ihn zu berauschen begann. Wohin er blickte,
sah er die Früchte gediegenen Reichthums, die Macht des
Geldes, den Ueberfluß erkauften Glückes . . . Und vor seinen
schweren Augenlidern zog die bescheidene Häuslichkeit seiner
Eltern vorüber: mit ihren vorväterlichen, abgenutzten Möbeln,
der Entbehrung jeglichen Luxus', der verkörperten Beschränktheit gutmüthiger, aber in der Entwicklung der Gesellschaft
zurückgebliebener Leute. Ein Geruch von Arbeit, von herabfallenden Spähnen, Staub und Schweiß, der das ganze Haus
durchzog, stieg vor ihm auf . . . Und hier, wie anders die
Luft, wie rein, verheißungsvoll . . .

„Morgen, Herr Urban, mein Wort darauf!“

„Bravo, mein lieber Timpe, ich hatte das von Ihnen erwartet . . . Wahrhaftig, man will schon aufbrechen, sehen Sie
nur. Aber zuvor stoßen wir noch einmal an: auf das, was
wir lieben . . .“

Als Franz Timpe nach ungefähr zehn Minuten einen
herzhaften Händedruck von Emma empfangen und das Haus
verlassen hatte, begann in der Weinlaune seine Phantasie sich
mächtig zu entfalten, so daß er einmal halblaut vor sich hin
sprach: „Urban und Timpe! Hört sich nicht schlecht an, wahrhaftig nicht! . . .“

IX.
Franz bekennt Farbe.

Der letzte Schnee war kaum von den Dächern verschwunden, die grimmige Kälte einer milderen Temperatur gewichen, als auf dem Neubau wieder emsig
gearbeitet wurde. Aber der große Maurerstrike, der während
der ersten Sommermonate herrschte, machte Urban einen argen
Strich durch die Rechnung.

Man schrieb das Jahr 1873. Ein industrieller Schwindel
hatte die gesammte Gesellschaft erfaßt; die Gründungen auf
Aktien schossen wie Pilze aus der Erde. Kapital und Arbeit
standen sich schroff gegenüber. Die Koalitionsfreiheit der Arbeiter feierte Triumphe, denn eine seltene Einigkeit beseelte
die unteren Massen. Die Ansprüche der Niederen und Enterbten steigerten sich mit dem Golddurst der Reichen und Begüterten. An Hunderten von Bauten Berlins wurde nur
zeitweise gearbeitet. Man strikte einfach so lange, bis man
die Forderung bewilligt bekommen hatte. Zum Unglück war
die Nachfrage nach Arbeitskräften stärker als das Angebot.
So kam es denn, daß zu Urbans großem Verdruß das Bauen
langwieriger wurde und mit größeren Opfern verbunden war,
als er erwartet hatte. Erst im Frühjahr des folgenden Jahres
standen die Fabrikgebäude vollendet da; und es bedurfte noch
des ganzen Sommers von 1874 zur Einrichtung und Ausstattung der inneren Räume.

Die Mauer, die das Nachbargrundstück getrennt hatte,
und an welche sich so mannigfache Erinnerungen knüpften,
war niedergerissen worden. An ihrer Stelle ragte nun die
kahle Kehrseite des Kesselhauses. Zwei Mal noch im Laufe
des vergangenen Sommers hatte Urban den Versuch gemacht,
die Timpes zum Verkaufe ihres Grundstückes zu bewegen.
Als er endlich einsah, daß jede fernere Mühe nutzlos sei, ließ
er das Maschinenhaus direkt an das Gärtchen bauen, obgleich
der ursprüngliche Plan ein anderer war. Er wollte wenigstens
durch irgend etwas seine Rache beweisen. Nur ein wenige
Fuß breites Stück des alten Gemäuers ließ er in gleicher
Höhe neu ersetzen, als wollte er symbolisch den Weg andeuten, auf dem er sich dereinst Eingang in die verschlossene
Welt zu verschaffen gedenke.

Was Meister Timpe anbetraf, so hatte gerade diese
Chikane einen tiefen Groll in ihm gegen den Nachbar erzeugt: eine mächtig in ihm emporflammende feindselige
Stimmung, die selbst die Rücksicht auf seinen Sohn nicht mehr
umzuwandeln vermochte. Als der Bau wiederholt ruhen
mußte, konnte er seine Genugthuung nicht verschweigen, und
als der Schornstein des Kesselhauses in Angriff genommen
wurde, wartete er mit einer gewissen Schadenfreude auf die
Vollendung desselben.

„Wehe ihm, wenn er ihn nicht so hoch bauen läßt, daß
wir unter dem Qualm nicht zu leiden haben“, sagte er
wiederholt zu seinen Gesellen. „Ich will schon dafür sorgen,
daß er ein neues Gerüst bauen läßt und einige Längen
seiner Nase zugiebt.“

Urban aber ließ sich keinen Verstoß gegen die Gesetze
der Nachbarschaft zu Schulden kommen. Immer höher und
höher thürmte der Riesenschlot sich von Tag zu Tag auf und
als die Gerüstabnahme beendet war und Timpe zum ersten Mal
die steinerne Riesensäule klar und scharf zum Horizont sich abheben
sah, und mit weit hintenübergebeugtem Haupte zu dem Blitzableiter emporblickte, der sie krönte, erschien sie ihm nun doppelt
so hoch, als er anfänglich angenommen hatte. Die erste
Befürchtung wurde nun durch eine zweite verdrängt: daß der
Schornstein eines Tages niederstürzen könne, um das Dach
seines Hauses zu zerschmettern. Es kamen Tage, wo Timpe
fortwährend in dieser Einbildung lebte. Und als eines Nachts
ein arger Herbststurm über die Dächer Berlins brauste und
arge Verwüstungen anrichtete, vermochte er nicht ruhig zu
schlafen. Er erhob sich von seinem Lager, ging zum ersten
Stockwerk empor und blickte eine ganze Stunde lang zum
Flurfenster hinaus, um das leise Schwanken des Schornsteins zu beobachten — trotz des Regens, der ihm das Gesicht peitschte.

Noch vor Weihnachten wurde die Fabrik in Betrieb
gesetzt. Der Tag, an dem zum ersten Male der dunkle
Qualm aus dem Schlot zum Himmel stieg, war für Johannes Timpe und seine Gesellen ein ereignißreicher. Es
dauerte lange, ehe sie sich an das Geräusch der Dampfmaschine gewöhnen konnten. Wie das stöhnte und ächzte,
surrte und summte! Selbst das Schnurren der Drehbänke wurde übertönt. Es schien fast, als könne sich
die mächtige Hauptwelle, die unter einer Bedachung zu der
Fabrik hinüberlief, um den ganzen Maschinenapparat in Bewegung zu setzen, noch nicht recht an ihre Riesenarbeit gewöhnen; denn mit dem schwirrenden Geräusch vermischte sich
ein leises Pfeifen, das unheimlich das Ohr berührte. Der
schwarze Qualm wurde durch den Wind auf die Dächer gedrückt und hinterließ einen unangenehmen Geruch von Ruß- und Schwefeldampf.

Eine ganze Woche hindurch gab die Eröffnung der Fabrik den Bewohnern der ehrwürdigen Häuser Veranlassung zu
langen Gesprächen. Die Straßen hatten eine andere Physiognomie bekommen. Die Schaaren Arbeiter, die sie belebten,
machten sie zu einer Verkehrsader des Viertels. Das Portal
des Etablissements ragte wie ein Wahrzeichen industriellen
Sieges. Das neue Berlin hatte in's alte eine Bresche geschlagen und überfluthete mit seinem frischen Leben die Ruinen.
Selbst die schiefen Giebeldächer, die sonst mürrisch wie verschlafene Eulen auf die Menschen herabblickten, nahmen sich
freundlicher und heller aus. In den Schankwirthschaften erschallte bis in die Nacht hinein der Lärm der Zecher, und
alles, was durch die Arbeiter Geld zu verdienen hoffte, machte
ein vergnügtes Gesicht.

Am dritten Neujahrstage wurde die Einweihung der
Fabrik durch eine Festlichkeit begangen, die in den großen
Sälen eines Hotels in der Friedrichstadt stattfand. An diesem
Banket nahmen nur das Komtor-Personal und eine Anzahl
geladener Gäste mit ihren Damen Theil. Die Werkführer
und Arbeiter hatten einen freien Tag bekommen, der ihnen
vom Lohne nicht abgezogen werden sollte. In Anbetracht
dessen, daß erst wenige Wochen seit Eröffnung der Fabrik
vergangen waren, hatte Urban dieses Opfer mit schwerem
Herzen gebracht. Aber er fürchtete in dieser Zeit die Launen
seiner Leute und versuchte daher Alles aufzubieten, sich als
entgegenkommender Chef zu zeigen. Bereits acht Tage vorher
hatte auch Meister Timpe eine Einladung zu der Feierlichkeit erhalten. Und Franz, der zum Oktober des vergangenen Jahres seine Lehrzeit beendet hatte und seit diesem
Tage den würdigen Mann spielte, hatte noch extra im Namen
seines Chefs der schriftlichen Einladung eine mündliche hinzugefügt. Wohlweislich verschwieg er dabei, daß Johannes diese
Auszeichnung eigentlich nur seiner Fürsprache zu verdanken
hatte, denn Urban hatte ziemlich deutlich zu verstehen gegeben,
daß ihm seit der eingetretenen Zwistigkeit an der Anwesenheit
des Nachbars nicht viel liege.

„Sage Deinem Chef, daß ich mich sehr geehrt fühle,
aber leider dankend ablehnen müßte,“ gab Timpe kurz zur
Antwort, und bereitete damit Niemandem mehr Freude als
seinem Sohne. Wenn Franz daran dachte, was für eine
Rolle seine Eltern mit ihrer beschränkten Anschauungsweise inmitten der lebenslustigen Gesellschaft spielen
würden! Am meisten seine Mutter, mit ihrer
Sucht, bei derartigen Gelegenheiten sich mit dem unmodernsten Seidenkleide zu schmücken!

„Du verlierst auch nicht viel, Vater, weil Du die meisten
Menschen nicht kennst“, sagte er zur Beruhigung. Trotzdem
wunderte er sich über die plötzliche Umwandlung des Alten.
Wenn Timpe aber jetzt nur zu offen seine Antipathie gegen
Urban bekannte, so sollte sein Sohn doch nach wie vor niemals darunter leiden. So setzte er denn seinen ersteren
Worten sofort die weiteren hinzu:

„ . . . Das heißt — ich möchte nicht gern, daß Dein
Chef meine Ablehnung übel auffäßt. Sage ihm also, daß ich
mich in der letzteren Zeit nicht wohl fühle, äußere ihm mein
ganz lebhaftes Bedauern, aus diesem Grunde nicht erscheinen
zu können.“

Wenn er nur gewußt hätte, wie angenehm den Fabrikbesitzer die Ablehnung berühren würde!

Vierzehn Tage nach dem Einweihungsfest, das glänzend
verlaufen war und über welches sogar einzelne Zeitungen berichteten, machte Franz seinen Eltern eine Mittheilung, die
ihnen vor Erstaunen zuerst die Worte raubte.

„Ich bitte Euch herzlich“, begann er, „es mir nicht übel
zu nehmen, wenn ich zum ersten Februar Euer Haus verlasse. Ich will mich irgendwo bei einer anständigen Familie
möblirt einmiethen. Es ist mir bei Euch zu eng. Ich muß
ein anständiges Zimmer haben, wo ich einmal Freunde empfangen
und sie bewirthen kann . . . Ich bin jetzt erster Korrespondent
bei Urban, genieße sein vollständiges Vertrauen und habe vorläufig soviel Salair, daß ich auszukommen gedenke, ohne Eure
Hülfe in Anspruch zu nehmen. Nur bitte ich, Euch auch
fernerhin mit der Wäsche belästigen zu dürfen . . . Wenn Ihr
mein Streben und meine Stellung kennt, so werdet Ihr mein
Wegziehen nicht übel auffassen. Es geschieht lediglich meiner
Zukunft wegen.“

Es war Timpe und seinem Weibe, als ginge nach diesen
feierlich gesprochenen Worten ein Riß durch ihre Seele, als
wehte von ihrem Einzigen ein entkältender Frost zu ihnen herüber, als gähnte plötzlich ein Abgrund zwischen ihm und
ihnen, der sie für ewig trennen würde. Er, der kaum selbständig geworden war, dessen Gehen und Kommen nach der
Minute berechnet wurde, wollte ihr Heim verlassen, um sich
bei wildfremden Menschen ein neues zu suchen . . . Und gewiß
nur, weil er plötzlich ein großer Herr geworden war, den
dies alte Haus nicht mehr fein genug dünkte. Oh, darüber
konnte er sie nicht täuschen!

Als die Blicke der beiden Alten sich begegneten, las
Jedes von dem Gesicht des Anderen die gleiche Meinung ab.
Frau Karoline vermochte das Ungeheuerliche am wenigsten
zu begreifen. Sie dachte weniger an den Schmerz der
Trennung (war Franz doch nicht aus der Welt, konnte er
sie doch nach wie vor jeden Tag besuchen), als daran,
welchen leiblichen Gefahren er entgegen gehen könne. Wie
schlecht würde der Kaffee des Morgens sein, wie mangelhaft
das Bett, wie unaufmerksam die Bedienung, wie oft würde
man ihn die Zeit verschlafen lassen! Sie wurde erst einigermaßen beruhigt, als Franz die Versicherung abgab, er würde
nach wie vor zum Mittagstisch kommen.

Johannes Timpe faßte die Angelegenheit, nachdem der
erste Schreck sich gelegt hatte, weniger tragisch auf. Kam
doch in erster Linie dabei wieder die Stellung und das
Glück seines Sohnes in Frage. Der Junge hatte am Ende
nicht ganz unrecht: hier war Alles altmodisch, eckig und
winklig, wenig geschaffen zur Aufnahme von Besuchen,
und zum lustigen Beisammensein junger fröhlicher Leute.

So dauerte es denn nicht lange und man fügte sich in
das Unvermeidliche. Der Großvater wurde erst in der letzten
Stunde davon benachrichtigt. Der Sechsundachtzigjährige
lachte leicht auf und sagte mit leisem Spott:

„So muß es kommen, sagt Neumann! . . . Jetzt ist er
flügge geworden, kann sich sein Brod verdienen, da geht's
heidi! Das ist die Dankbarkeit der modernen Jugend, aber
ich hätte euch das vorhersagen können. … Wenn Franz
Timpe einen neuen Streich begeht, so hat er seine besonderen
Absichten dabei, verlaßt Euch darauf. … Aber meinen
Segen hat er, sagt ihm das in meinem Namen.“

Der Tag des Umzuges Franzens hatte das Ehepaar in
eine traurige Stimmung versetzt. Schon einige Tage vorher
hatte Flau Karoline in allen Kasten und Schränken gekramt, damit das ihrer Meinung nach Nothwendigste und
Beste für den zukünftigen Chambregarnisten beisammen sei.
Ein neuer Reisekorb war angeschafft worden und
neben ihm, der vollgepfropft war mit Kleidungs- und Wäschestücken, stand ein halbes Dutzend Pappschachteln und Kisten, die das Uebrige enthielten. Es
war gerade, als handelte es sich um eine Afrikareise des
Stammhalters. Selbst ein Körbchen mit eingemachten Früchten
eine Leckerspeise Franzens, hatte Frau Karoline dem Gepäck
hinzugefügt. Johannes aber hatte eine Kiste Cigarren „extra
feine Sorte“, wie er schmunzelnd meinte, in einer der größten
Handlungen der Königstraße gekauft und gedachte damit
seinem Sohne eine Ueberraschung zu bereiten.

Als Franz nach Hause kam und die ganze Bescheerung
erblickte, amüsirte er sich über diese Vorbereitungen außerordentlich, so daß der Meister und sein Weib verlegen wurden.
Als dann ein Stück nach dem andern in die Droschke geschafft worden war, und der große Augenblick des Abschieds
kam, erschien die Meisterin zum Ausgehen gerüstet
auf der Bildfläche. Sie wollte es sich nicht nehmen
lassen, Ihren Sohn auf seiner weiten Reise nach
der kaum zehn Minuten entfernt liegenden Münzstraße
zu begleiten, um sich von seiner glücklichen Ankunft zu überzeugen. Franz verstieg sich so weit, das etwas lächerlich zu
finden, aber alles Gegenreden half nichts: Frau Karoline
zwängte sich neben die Schachteln in die Droschke hinein und
fort ging's.

Meister Timpe aber wurde erst ruhiger, als die getreue
Ehehälfte zurückkehrte und die freudige Mittheilung von der
wohlgelungenen Landung Franzens, des Einzigen, überbrachte;
auch davon, daß derselbe in eine Familie gerathen sei, von der
man nicht zu befürchten habe, daß sie ihn bestehlen oder ihm gar
ein Leids anthun werde. Am Abend suchte Johannes, seit
längere Zeit zum ersten Male wieder, seine Stammkneipe
auf. Der Tag war zu ereignißreich, als daß er nicht mit
einem Meinungsaustausch am Biertische beschlossen werden
sollte.

Bei Vater Jamrath gaben sich seit einem Vierteljahrhundert die ersten Weißbierkenner des östlichen Stadttheils
ein Stelldichein. Das Lolal war so bekannt, daß es
sogar der rothen Laterne entbehren konnte, welche dereinst
vor vielen Jahren zuerst auf seine Existenz hingewiesen hatte. In
dem einzigen langgestreckten, verräucherten Parterregeschoß
mit den weißgescheuerten Tischen und schweren hochlehnigen
Holzstühlen, wo der an jedem Morgen frisch gestreute helle
Sand den modernen eleganten Fußboden ersetzen mußte,
zeigte sich noch das unverfälschte Berlinerthum, hatte sich
noch der Rest einer alten Welt erhalten. Was für Physiognomien traf man da an, was für vorväterliche Gestalten
beherrschten allabendlich den großen runden Stammtisch in
der äußersten Ecke, in dessen Mitte ein Baumstumpf als
Schnupftabacksdose thronte und über dem an der Decke zum
Schrecken aller Aufschneider das aus Pappe nachgebildete
Riesenmesser mit der Klingel hing!

Da erschien mit dem Schlage sieben Uhr der lange hagere
Brümmer, der jahrein, jahraus in einem langen braunen
Gehrock gekleidet ging und niemals eine andere Kopfbedeckung
trug, als eine große Schirmmütze. Er hatte sich als wohlhabend gewordener Handschuhmachermeister zur Ruhe gesetzt
und lebte nun als kleiner Rentier in dem vererbten Hause
seines Vaters, in dem er geboren worden war. Er trank
regelmäßig drei große Weißen, zu der letzten einen kleinen
Kümmel und erhob sich Punkt zehn Uhr, um schweigsam, wie
er gekommen war, nach Hause zu wandern. Seit zehn
Jahren war er aus seinem Viertel nicht herausgekommen.
Er füllte sein Dasein damit, um sieben Uhr des Morgens
aufzustehen, die Zeitungen zu lesen, regelmäßige Mahlzeiten
zu halten und die übrige Zeit des Tages, die Pfeife im
Munde, zum Fenster hinauszusehen, bis die Kneipstunde
schlug. Während zweier Jahrzehnte sah man ihn denselben
Platz einnehmen, und als er seinen Stuhl eines Abends von
einem ihm fremden Manne besetzt sah, kehrte er schweigend
um und ließ sich acht Tage lang nicht sehen, bis endlich
Vater Jamrath ihn persönlich aufsuchte und das heilige Versprechen abgab, niemals mehr ein ähnliches Vergehen gegen
die Ordnung des Stammtisches gestatten zu wollen.

Das Gegentheil von Brümmers klassischer Schweigsamkeit und Ruhe bildete der behäbige Herr Wipperlich, ein kleiner
Kürschnermeister aus der Langenstraße, dessen Sohn Subalternbeamter in einem Ministerium war, und der daraus die
Berechtigung zog, über alle politischen Vorgänge am besten
unterrichtet zu sein. Er war der Schwadroneur am Tische,
kam fortwährend auf die auswärtige Politik zu sprechen, gerieth mit Jedermann in Streit, und bandelte schließlich als
letzter Gast spät in der Nacht mit dem Wirth an, wobei er
über dessen Opposition so erregt wurde, daß er beim Hinausgehen laut zurückrief: „Ich betrete Ihr Lokal nicht mehr, verlassen Sie sich drauf!“ Am anderen Abend aber saß er wie
gewöhnlich kampfeslustig auf seinem alten Platz.

Auch Baldrun, ein wohlhabend gewordener Schornsteinfegermeister aus der Holzmarktstraße, ist zu erwähnen. Er
hatte ein reiches Wanderleben hinter sich und als Geselle den
Krimkrieg mitgemacht, wobei er sich einen verkrüppelten Arm
geholt hatte. Bei jeder Gelegenheit schimpfte er furchtbar
über die Russen, deren geschworener Feind er war.

Die originellste Erscheinung war jedenfalls Anton Nölte,
ein in sehr bescheidenen Verhältnissen lebender Klempnermeister, der vor Jahren ein Dutzend Gesellen beschäftigt hatte,
nun aber mit einem Lehrling um die Existenz seiner Familie
kämpfte. Sommer und Winter erschien er ohne Kopfbedeckung
und verzehrte nicht mehr als eine kleine Weiße. Er setzte
sich dabei niemals, sondern ging von einem Tisch zum andern, wo „Schafskopf“ gespielt wurde, guckte Jedem eine
Weile in die Karten, theilte unentgeltlichen Rath aus,
wobei er gelassen die größten Grobheiten einsteckte, griff in
die fremden Schnupftabacksdosen und verschwand nach einer
Stunde in ebenso gedrückter Stimmung, wie er gekommen
war, um in seinem Keller am Sperrhaken bis in die Nacht
hinein zu hämmern.

An jedem Donnerstag war das ganze Philisterium versammelt. An diesem Abend gab es regelmäßig Pökelfleisch
mit Erbsen und Sauerkohl, das Nationalgericht der Berliner.
Die Tische waren dann vollbesetzt und Vater Jamrath und
und Fritz, der einzige Kellner, der die Serviette am Arm
mit dem Gesicht eines alten Tragöden ernst und gemessen
durch die Reihen schritt und sich die möglichste Mühe gab,
seinen abgenutzten Frack vor Fettflecken zu bewahren, hatten
alle Hände voll zu thun, um die Gäste zu befriedigen. An
diesem Abend blieb man auch länger zusammen als sonst, nur
Herr Brümmer erhob sich Punkt zehn Uhr kerzengerade, ließ
für seine Gattin ein besonders schönes Stück Pökelfleisch
einwickeln, suchte wie gewöhnlich sehr lange nach einem Fünfpfennigstück für Fritz, und schritt gravitätisch wie auf zwei
Stelzen von dannen.

Als Johannes eintrat, rief ihm Jamrath sofort zu:

„Ei, Meister Timpe, sieht man Sie auch mal wieder! Das
ist hübsch von Ihnen.“ Und vom Stammtisch, dessen Runde
bereits geschlossen war, schallte ihm ein lautes „Halloh“ zur
Begrüßung entgegen. Kaum hatte man ihm Platz gemacht
und er sich gesetzt, so gerieth er in nicht geringes Erstaunen
über die Gratulation, die man ihm entgegenbrachte.

„Das nenne ich Glück, Timpe“, sagte Baldrun, indem er
einen tiefen Griff in seine Schnupftabaksdose that. „Ihr Sohn
hat es weit gebracht.“

„Eine ausgezeichnete Partie, mehr kann man nicht
sagen“, fiel Wipperlich ein. Und selbst Herr Brümmer, der
wie eine Pagodenfigur nur zeitweilig mit dem Kopfe nickte,
brummte etwas vor sich hin, was einer Zustimmung des
soeben Gehörten gleichkam. Neben ihm saß Deppler, ein
Stock- und Schirmfabrikant aus der Alexanderstraße. Er war
ein kleiner verw[…]ner Mann, dessen Riesenkopf tief in die
Schultern hineingezwängt saß, während die langen knochigen
Hände fortwährend auf dem Tische ruhten und sich mit dem
Bierglase beschäftigten, als hoffte dadurch ihr Besitzer größer
und gewaltiger zu erscheinen. Sein Name besaß in der Geschäftswelt einen guten Klang und seine Waare fand namentlich bei den Kleinhändlern in der Provinz lohnenden Absatz.
Seit vielen Jahren stand der Drechslermeister mit ihm in
Geschäftsverbindung; er freute sich daher ungemein, mit
einem seiner besten Kunden gemüthlich beisammen sein zu
dürfen.

„Sagen Sie doch, lieber Herr Timpe“, sagte der
Kleine, „wie ist denn das so schnell gekommen mit Ihrem
Jungen? Man sagte mir doch, daß Sie mit Urban verfeindet seien.“

Timpe's Ueberraschung steigerte sich. Sein Blick glitt
von Einem zum Anderen, und seine Verlegenheit war so groß,
daß er zu alledem ein sehr dummes Gesicht machte. Endlich
erhielt er die Aufklärung, die ihm anfänglich wie ein schlechter
Witz erschien, deren Wahrheit er dann aber, um sich nicht zu
blamiren und sich seines Sohnes zu schämen, zugab. Man
reichte ihm ein Zeitungsblatt. Er traute seinen Augen nicht.
Da stand die Nachricht, daß Fränlein Emma Kirchberg mit
Franz sich verlobt habe, angezeigt von Herrn Urban nebst
Frau.

Gewiß, das mußte seine Richtigkeit haben! Vor drei
Tagen war Franz bereits des Morgens feierlich gekleidet
von dannen gegangen und erst tief in der Nacht in festlicher
Stimmung nach Hause gekommen. Aber zum ersten Male
in seinem Leben freute sich Timpe über das Glück seines
Sohnes nicht. In wenigen Minuten überkamen ihn
merkwürdige Gedanken, die er nicht zu bändigen vermochte.
Langsam und schwer, aber um so entsetzlicher für ihn erwachte das Mißtrauen gegen den Einzigen. Wie ein Glied
an das andere sich reiht, damit nach und nach die
Kette sich gestalte, so fielen ihm jetzt hundert Dinge auf
einmal ein, die ihn in seinem Verdacht bestärkten: das eigenthümliche Benehmen Franzens in letzter Zeit, das ewige
Abrathen vom Bauen, die fortwährende Lobhudelei seines
Chefs, das stete Betonen der kleinlichen Anschauung seiner
Eltern, sein Hochmuth der beschränkten Häuslichkeit gegenüber, der plötzliche Wohnungstausch, alles, alles! O, er
hatte mit Absicht die Verlobung verheimlicht, denn er fürchtete
die Gegenwart seiner Eltern bei dem Feste. Der Stachel,
der sich plötzlich in Timpes Herz bohrte, drang tiefer und
tiefer ein und machte es bluten. Wenn der Großvater und
Thomas Beyer doch Recht hätten … ?

„Ja, ja,“ sagte er endlich sehr gezwungen, „ich glaube,
der Junge wird sein Glück machen“ … Und zu Deppler
gewendet: „Die Feindschaft der Eltern soll den Segen der
Kinder nicht brechen.“

Und was er nie that, das that er in seiner jetzigen
Stimmung. Er bestellte zu seiner Weißen einen großen Schnaps
und nahm einen herzhaften Zug.

Es dauerte nicht lange, so drehte sich das Gespräch nur
noch um Urban.

„Wenn Ihr Sohn erst Kompagnon sein wird, werden
Sie wohl nicht mehr nöthig haben zu arbeiten“, begann
Deppler wieder. „Die besten Modelle scheint Urban Ihnen
ohnehin schon abgekauft haben. Sie sind vor der Zeit schlau!
eines Tages wird er Ihnen ja doch alle Kunden vor der
Nase weggeschnappt haben.“

Timpe blickte groß auf. Er glaubte nicht recht verstanden
zu haben und bat um nähere Aufklärung. Deppler langte in
die Tasche seines Paletots, der hinter ihm hing, zog ein
Päckchen hervor und wickelte es auf.

„Hier, sehen Sie: Diese Viktoriakrücke, die ich früher
von Ihnen bezog, liefert mir jetzt Urban um fünfundzwanzig
Prozent billiger. Er könne sich das leisten, meinte er neulich
zu mir, weil er auf großen Absatz rechne und die Massenfabrikation die Fabrikate billiger stelle. Ja, ja, lieber
Timpe, das machen der Dampf und die neuen Maschinenvorrichtungen.“

Die Viktoriakrücke zeigte eine besonders schöne Zeichnung
und nahm sich eben so einfach wie geschmackvoll aus. Timpe
hatte sie zuerst eingeführt und sie hatte reißenden Absatz gefunden. Namentlich an Damenschirmen sah man sie überall
auftauchen. Sie wurde aus Elfenbein, Horn und Holz zu
gleicher Zeit hergestellt. Ein Hoflieferant, für den der Meister
arbeitete, hatte sie so geschmackvoll gefunden, daß er das
Modell Ihrer Königl. Hoheit der Kronprinzessin vorgelegt
hatte. Die hohe Frau ließ sofort ein Exemplar in Elfenbein
ausführen, das hatte dem Griff die Benennung gegeben;
und schließlich hatte man auch den Schirm danach getauft,
der sofort bei der tonangebenden Damenwelt Mode wurde.
Diese Krücken wurden noch immer sehr begehrt, namentlich
von den kleinen Fabrikanten in der Provinz, die das ganze
Gestell fertig bezogen und nur die Ueberspannung machten.

Timpe erkannte sofort sein Modell, aber es war verändert. Der Schwung der Linien, die Zeichnung war
dieselbe, nur die Gliederung war eine andere geworden. Das
war eine gute Spekulation, das mußte man sagen! Die
Veränderung war eine so unwesentliche, daß das Gros der
Abnehmer sich leicht täuschen lassen konnte.

Herr Augustus Deppler griff noch mehrmals in die weite,
einem Sack ähnliche Tasche seines braunen Kaftans und holte
einen Gegenstand nach dem Anderen hervor.

„Und was sagen Sie hierzu, mein lieber Meister
Timpe? Wer hätte früher daran gedacht, daß in Berlin
ein Fabrikant auftauchen würde, der seinen Abnehmern
diese Jonvillebüchse um den dritten Theil billiger liefern
könnte als Sie. Aber ich renommire nicht: Urban hat
mir das Dutzend zu achtzehn Mark angeboten, während
ich bei Ihnen vierundzwanzig zahlen mußte. Das kommt
aber daher, weil Urban, wie er mir sagte, eine neue Vorrichtung am Support erfunden hat, die es ihm möglich macht
die Zeit der Herstellung zu vermindern.“

Diese Büchse, von der man sprach, war ein sehr beliebter
Necessairegegenstand für Damen, der aus einem Stück gedreht
wurde, inwendig hohl war und vermittelst eines Federdruckes
in mehrere Theile sich zerlegte. Ein Pariser Händler,
Namens Jonville, hatte die Büchse zuerst in Deutschland
eingeführt und Meister Timpe die erste inländische Arbeit
danach gemacht. Er hatte mit der Zeit dem Artikel auch
andere Formen gegeben und dafür reichliche Abnehmer
gefunden. Nun mußte er erleben, daß die billige Konkurrenz Urbans ihm auch hierfür die Kunden wegzunehmen
drohte. Saß doch ihm gegenüber bereits einer von Denen,
die ihm nach und nach abtrünnig werden würden. Er
hatte sich mehr als einmal gewundert, daß der kleine schiefgewachsene Herr Deppler, der seit einem Jahrzehnt zu seinen
Auftraggebern gehörte, in den letzten Monaten mit seinen
Bestellungen auffallend zurückhaltend war.

Johannes machte sofort einen Ueberschlag. Wollte er
denselben Preis stellen wie Urban, so mußte er über kurz
oder lang zu Grunde gehen. Ja früher, das waren noch
andere Zeiten! Aber mit den Jahren, wo die Konkurrenz
ihm immer mehr zu Leibe gerückt war, war auch der Profit
immer tiefer und tiefer gesunken. Aus der einstmaligen Kunst
war ein allgemeiner Broderwerb geworden, und der Stückpreis von früher hatte sich in einen Dutzendpreis verwandelt. Es wäre selbst für Timpe schwer gewesen, seine
eigenen Empfindungen, die ihn in diesen Minuten bewegten,
zu schildern. Alles, was sein Gemüth bewegte, seinen
Gedankengang bannte, konzentrirte sich in dem großen Etwas,
das er im Augenblick noch nicht zu würdigen verstand, das
ihm aber unklar, wie im Nebel, vorschwebte. Es war die
drohende Faust der Zukunft, die in der Phantasie ihm riesengroß vor Augen stand: das instinktive Gefühl einer unabwendbarn, über Nacht hereinbrechenden Gefahr, das ihn an
jenem Tage zum ersten Male überkommen war, als er von
Urbans Plänen erfuhr. Und dieses Gewirr von Empfindungen betäubte ein tiefer Schmerz, hervorgerufen durch den
einen fürchterlichen Gedanken, der alle anderen überwog: daß
sein einziger Sohn eines Tages mit dem verhaßten Konkurrenten Hand in Hand gehen könne, um seinen eigenen Vater
vernichten zu helfen womöglich gegen den eigenen Willen!
Aber er nahm sich vor, ihn gleich am anderen Tage gründlich in's Gebet zu nehmen, und ihn auf die unwürdigen Geschäftskniffe seines sauberen Herrn Chefs und zukünftigen
Schwiegervaters aufmerksam zu machen.

Timpe bestellte sich einen Schnaps; das Zeug schmeckte
ihm heute, er wußte nicht aus welchem Grunde. Er wurde
aufgelegter zum Reden und fühlte, daß ein solcher Trunk
unter Umständen dazu angethan sei, neuen Muth zu machen
und unangenehme Dinge weniger schwarz erscheinen zu lassen.

Die Unterhandlung am Tisch wurde nun eine lärmende,
die Handwerkerfrage kam in Fluß, und Jeder bemühte sich,
sie von seinem Standpunkte aus zu beurtheilen, und glaubte,
daß seine Meinung die allein richtige sei. Herr Wipperlich
schrie am lautesten.

Die Handwerker trieben viel zu wenig Politik, meinte
er sehr beredt. Besäßen sie politische Kenntnisse, so würden
sie ihre Schäden eher erkennen. Innungen, obligatorische
Innungen, darin bestände die einzige Rettung! „Einigkeit
macht stark“, rief er laut und schlug mit der geballten Hand
auf den Tisch. „Man muß einen Wall bilden gegen die
Schundkonkurrenz, nur solide Arbeit liefern und das Publikum
wieder zu gesunden Anschauungen erziehen.“

Ja, das Publikum, das Publikum … Da hatte man
den richtigen Esel genannt, den man schlagen mußte, denn der
Fabrikant war doch der eigentliche Sack.

Das Publikum werde sich niemals bekehren lassen, fiel
Antonins Deppler ein, denn es laufe immer dahin, wo es
am billigsten kaufen könne.

„So meine ich auch“, sagte Herr Brümmer, und Alle
schauten verwundert auf bei den ersten Worten des schweigsamen Mannes, als erwarteten sie eine große Rede. Aber
der Rentier senkte das Haupt wieder und hüllte es nach
wie vor in große Tabakswolken. Zwischen Baldrun und
Timpe saß Herr Storch, ein Tischlermeister, der mit seiner
langen blonden Mähne eher einem Künstler glich. Aber
die ersten silbernen Fäden, die sie durchzogen, zeugten von
frühen Sorgen. Vor fünf Jahren besaß er ein eigenes
Möbelgeschäft; aber die Großindustrie hatte ihn zu Grunde gerichtet. Jetzt arbeitete er Jahraus Jahrein denselben Artikel
für Händler. An Sonnabenden war es ihm oft nicht möglich, den Lohn für die Gesellen zusammenzubringen. Dann
mußte er die Möbelstücke um jeden Preis losschlagen, wollte
er nur baares Geld sehen.

„Ich meine“, begann er, „daß die Gewerbefreiheit an
Allem Schuld hat, denn sie hat die freie Konkurrenz geschaffen und ruinirt die kleinen Leute, die nicht das nöthige
Betriebskapital besitzen, um günstige Einkäufe zu machen und
daher auch billiger zu produziren.

Herr Brümmer schüttelte den Kopf. Da er sorgenlos
lebte, so konnte er diesen ganzen Streit nicht begreifen.
Außerdem ließ er sich nicht gern in seiner Ruhe stören. Zum
zweiten Male ergriff er das Wort. „Lassen Sie doch alles
gehen, wie es will. Wir werden die Welt nicht bessern“,
sagte er voller Ueberzeugung . . . Die Unterhaltung wurde
nun immer erregter, die Ansichten unklarer und verwirrter.
Jeder wollte allein sprechen und ließ den anderen nicht ausreden.

„Nun Timpe, was sagen Sie denn?“ rief der Schornsteinfegermeister ihm zu. Der Drechsler hatte bisher kein
Wort gesagt, sondern still vor sich hingeblickt. Die wüste
Unterhaltung schien ihm zwecklos. Es waren die alten
Redensarten, die er schon so oft an diesem Tische vernommen
hatte. Endlich erlaubte er sich eine bescheidene Meinung zu
äußern:

„Die großen Fabriken sind der Ruin des Handwerks,
nur sie ganz allein“, begann er. „Es wird eines Tages
keine Handwerker mehr geben, nur noch Arbeiter. Und das wird
der Untergang des Staates und des gesunden Bürgerthums sein.
Wenn das Haus seine Hauptstütze verliert, bricht es in sich zusammen. In unserem Stande lernt heute Niemand mehr
etwas. Die Lehrlinge werden in den Fabriken nur zu Tagelöhnern herangebildet. Haben sie ausgelernt, sind sie eigentlich nur noch Arbeitsleute. Der Eine fertigt Jahr aus Jahr
ein diesen Theil an und der Andere jenen, aber Keiner hat
eine Ahnung vom Ganzen. Das ist gerade wie bei den
Spezialärzten, die eine Krankheitserscheinung sehr genau studirt haben, ihr ganzes Leben lang ein und dasselbe Gebrechen
kuriren, in anderen Fällen aber nicht vertrauenswürdig erscheinen … Und das wäre Alles nicht so, wenn die Maschine
nicht die Handarbeit überflüssig gemacht hätte. Wo früher
hundert Hände nothwendig waren zur Herstellung eines
Gegenstandes, genügen heute zwei, die nur nöthig haben in
mechanischer Weise das Material in die richtige Lage
zu bringen, das Andere thut das Räderwerk. In
acht Tagen lernt heute Einer das, wozu er in
früheren Zeiten Jahre bedurfte. Aber was noch schlimmer
ist: die Maschine schafft auf der einen Seite zehnfachen Reichthum und auf der anderen tausendfache Armuth . . . Du
mein Gott, wie Viele habe ich so zu Grunde gehen sehen!
Da drüben der Hüttig . . . der Ortmann um die Ecke . . .
der Sippert jenseits der Spree — sie alle drei haben als
Leute mit grauen Haaren ihre Zuflucht zu der Fabrik nehmen
müssen. Und was wird aus ihren Kindern? Sie werden
eines Tages dasselbe, was ihre Väter heute sind: Fabrikarbeiter, deren Nachkommen dasselbe werden. So entsteht
das ungeheure Heer der Proletarier, das die Welt überschwemmt und nur zweierlei Dinge kennt: den Kampf ums
Dasein und den Haß gegen die Reichen . . . . Was soll
daraus werden, wenn das so weiter geht? Daran denkt
Niemand!“

Der Wahrheit seiner Worte konnte sich Niemand entziehen. Seine Schilderung war nur zu sehr aus dem Leben
gegriffen.

Fast Jeder kannte mindestens Einen, der vor seinen
Augen von der Höhe des Wohlstandes in die Tiefe des
Elends gefallen war. Es entstand eine längere Pause.
Wipperlich belegte die Zuchthausarbeit und Abzahlungsgeschäfte mit derben Bezeichnungen, der kleine Deppler
sagte mehrmals: „Schrecklich, schrecklich, aber nicht zu
ändern,“ und der Schornsteinfegermeister äußerte seine
Freude darüber, daß man Gott sei Dank die Kehrbesen
noch nicht mit Dampfkraft in die Schlote senken könne. Herr
Brümmer aber erhob sich, denn seine Stunde hatte geschlagen
und sagte abermals: „Lassen Sie die Dinge gehen wie sie
wollen . . . Gute Nacht.“

Es war spät geworden, als Timpe das Lokal verließ.
Die meisten Gäste waren bereits vor ihm gegangen, nur
Wipperlich und Baldrun stritten sich noch um den Bart des
Kaisers von Rußland und über den „kranken Mann“ fern
in der Türkei, wobei der Eine dem Anderen nach jeder Behauptung vollständige Unkenntniß vorwarf. Man wollte den
Meister noch zurückhalten, er aber hatte Sehnsucht nach der
frischen Luft, denn sein Kopf war ihm schwer geworden. Auf
der Straße wehte ihm ein scharfer Wind entgegen, der den
losen Schnee vom Trottoir fegte. Das that ihm
wohl, wie seit langer Zeit nicht. Die Uhr der
Andreaskirche schlug die Mitternachtsstunde, und als Timpe
beim Dahinschreiten die einzelnen Schläge zählte, wunderte
er sich, so lange ausgeblieben zu sein. Aber er wußte selbst
nicht, wie das heute gekommen war. Den ganzen Abend über,
während der lautesten Debatte hatte er nur an seinen Sohn
gedacht.

Und während er sich gesenkten Hauptes langsam seiner
Wohnung näherte, die Hausmütze tief in die Stirn gedrückt,
den Kragen des Alltagsrockes in die Höhe geschlagen, erwachte der verletzte Stolz des Vaters, der an ihm nagte
und ihn innerlich tief empörte. So viel er auch nach Entschuldigungsgründen suchte — er fand keinen für Franzens
Verschweigen seiner Verlobung. Er sann hin und her, und
worauf er zurückkam, war immer dasselbe: Franz wollte sich
seinen Eltern nach und nach ganz entfremden, weil sie in
die Kreise nicht hineinpaßten, denen er für die Zukunft angehören wollte. Er blieb ein paar Augenblicke stehen und
schüttelte mit dem Kopf, als könne er alles das nicht
begreifen.

Einige Häuser weiter fand er die Kellerfenster noch erleuchtet. Die Außenthür war geöffnet, und als er hinunterspähte, erblickte er durch die Glasthür Anton Nölte, der an
seinem Löthofen saß und emsig arbeitete. Das Feuer glühte
und der Kolben wanderte fortwährend aus der Hand in die
Kohlen. Der Klempner verfertigte seit Jahren Küchengeräthschaften, die äußerst schlecht bezahlt wurden. Von früh
bis spät hämmerte und löthete er, und die ganze Erholung,
die er sich gestattete, war nach dem Abendbrod die Stunde
bei Jamrath. Timpe stieg die Stufen hinab und öffnete
die Thür.

„So spät noch auf!“ sagte er nach einem Gruße, trat
ganz ein und reichte dem fleißigen Manne seine Schnupftabaksdose hin. Er habe Arbeit vor, die am nächsten Morgen
abgeliefert werden müsse, erwiderte Nölte. Das Magazin,
für welches er arbeite, fackele nicht lange. Es kämen
genug Leute, die sich noch billiger anböten. Zum
Unglück sei ihm der Lehrling noch am Tage vorher ausgerückt. Zwei Jahre lang habe er sich mit dem
Bengel gequält, um ihm etwas beizubringen, und nun, da er
von ihm zu profitiren hoffte, ginge die Range heidi, um sich
wahrscheinlich in irgend einer Fabrik als Geselle anzubieten.
Das Maß dazu besitze er allerdings.

„Das war einmal richtig gesprochen von Ihnen, Herr
Timpe — ich meine da heute Abend bei Jamrath“, fuhr er
fort; „ich könnte ein Liedchen von der Fabrikarbeit singen,
aber ich wollte mich nicht gern in das Gespräch mischen.
Wozu auch? Am Biertisch ist das weiter nichts, als Dreschen
leeren Strohes, die Köpfe erhitzen sich unnütz, und den
einzigen Vortheil davon hat nur der Wirth . . . Es wird
für uns Handwerker nicht anders werden auf Erden, als
bis eine neue Sündfluth kommt und die Fabriken und
Schornsteine verschlingt. Da wird der Werth der Menschen,
die übrig bleiben, sich erst beweisen. Jeder wird zu
zeigen haben, was er gelernt hat. Wir müssen in den Urstand zurücktreten, habe ich gestern gelesen, und das wird wohl
das Beste sein. Haben die Menschen, die vor tausend Jahren
ihren Acker bebauten und sich die Dinge, die sie brauchten,
selbst anfertigten, nicht viel glücklicher gelebt? O, Meister
Timpe, ich habe viel gelesen — früher, als ich noch meinen
Laden besaß. Aber die Bücher sind zum Teufel gegangen,
fragen Sie nur meine Gläubiger . . .“

Kindergeschrei ertönte aus einem Nebenraum. Nölte
sprang auf. „Einen Augenblick — der Junge hat die Flasche
verloren“, sagte er und verschwand in der einzigen Wohnstube,
wo seine Frau mit sechs Kindern schlief.

Als er wieder zurückgekehrt war, ging die Thür abermals
auf. Es war Krusemeyer, der seinen Kopf hereinsteckte. Er
wollte sich ein wenig erwärmen und dem Klempner einen
Schluck anbieten

„Nun, Herr Timpe“, sagte er nach der Begrüßung, „das
nenne ich schnell ans Ziel gelangen. Ihr Sohn hat doch
nicht zu viel gesagt, damals — ich meine in jener Radaunacht“. Auch Meister Nölte kam auf die Verlobung zu
sprechen, und Timpe gerieth nun zum zweiten Male in
Verlegenheit. Wie es schien, wußte die ganze Nachbarschaft
bereits davon, nur er allein hatte es in letzter Stunde erfahren. Er kam sich wie ein großer Narr vor.

„Ja, ja — Sie sind zu beneiden. Wer solch eine Aussicht
für die Zukunft hat, der kann sich schon getrost ohne Sorgen
des Abends niederlegen“, sagte Nölte. Krusemeyer erwähnte
bei dieser Gelegenheit, daß die Nachfeier drüben in der Raupachstraße vor sich gehe. Da spendirte Herr Franz inmitten seiner
Freunde ganz gehörig. Er habe ihn vor ungefähr zwei Stunden
hineingehen sehen. Das Lärmen und Singen schalle durch die
ganze Straße, und die Kneiperei werde wohl bis zum frühen
Morgen dauern.

Timpe horchte auf. Als er mit dem Wächter auf der
Straße war, ließ er sich das Restaurant näher beschreiben
und bat den würdigen Beamten um weitere Aufschlüsse.
Nach der Trennung schritt er unbewußt, halb wie im Traume,
der Raupachstraße zu. Er hatte plötzlich den Entschluß gefaßt, in dem Stammlokale seines Sohnes noch ein Glas
Bier zu trinken. Bei dieser Gelegenheit würde er ihn gewiß
sehen und sprechen können. Irgend eine Aufklärung mußte
er haben. Was sollte auch seine Frau dazu sagen, wenn
er ihr die Neuigkeit mittheilte, ohne etwas Anderes hinzufügen
zu können?

Das betreffende Restaurant gehörte einer behäbigen
Wittwe und war der Sammelplatz von jungen Leuten,
größtentheils Studenten. Es gab hier einen guten Trank,
die bedienenden Mädchen zeichneten sich durch Schönheit und
Liebenswürdigkeit aus, und die Speisen standen in einem
vortrefflichen Rufe. Als Timpe den ersten großen Raum
betreten hatte, öffnete sich gerade die Thür eines kleinen
Zimmers, aus dem lautes Stimmengewirr und fröhliches
Lachen hereinschallte. Sein Blick fiel auf seinen Sohn, der
inmitten der langen Tafel saß und lebhaft mit der Schenkmamsell sprach, um deren Taille er den Arm gelegt hatte.

Der Meister setzte sich. Rechts und links von ihm saßen
sehr vergnügt dreinschauende junge Männer, die ihn gleich
bei seinem Hereintreten mit einem Blick von oben nach unten
gemustert hatten, als wollten sie fragen: Wie kommst Du
denn hierher, Alter? Und Timpe, der einen dieser Blicke
aufgefangen und seine Bedeutung wohl verstanden hatte,
mußte sich sagen, daß es seinen grauen Haaren schlecht stehe,
zu so später Stunde an diesem Ort zu sitzen. Endlich fragte
er das ihn bedienende Mädchen, ob man hier den jungen
Herrn Timpe kenne?

„Den schönen Franz? — Ei versteht sich! Alle Welt
kennt ihn ja!“ erwiderte sie lächelnd und zeigte ihre weißen
Zähne.

Ob sie wohl die Freundlichkeit haben wolle, den jungen
Mann auf wenige Augenblicke herauszurufen? Er habe ihn
sehr dringend zu sprechen. Das Mädchen blickte den Alten
verwundert an. Gewiß war das Jemand aus Urbans Fabrik,
der eine Bestellung auszurichten hatte. Er möchte nur dort
hineingehen, sagte sie dann. Der Meister aber bestand auf
seinem Wunsch. Nach einigen Minuten öffnete sich die Thür
wieder, und Franz trat herein, gefolgt von zweien seiner
Freunde, die ihre Neugierde befriedigen wollten. Beim Anblick der prächtigen Erscheinung seines Sohnes, die noch gehoben
wurde durch eine leichte Röthe des Gesichts und durch den
Ausdruck des Frohsinns, hatte er im Augenblick nur noch Verzeihung für ihn. Er erhob sich und trat ihm mit ausgestreckter
Hand entgegen.

„Mein Junge —“

Franz war betroffen. Sein Vater hier und im Werkeltagsanzug? Das hatte er nicht erwartet. Im Augenblick
erfaßte er die Situation: die aufmerksamen Blicke der Gäste
ringsherum, seiner Freunde, namentlich der Mädchen, die ihn
immer für einen Sohn aus bestem Hause gehalten hatten.
Nur eine Minute lang kämpfte er mit einer stummen Verlegenheit, dann richtete er sehr gleichgültig an seine Freunde die
Bitte, ihn auf einige Augenblicke zu entschuldigen und ergriff
die Hand seines Vaters, wie man ungefähr die eines Menschen
ergreift, dem man gezwungener Weise Freundlichkeit entgegenbringen muß. „Vater“, sagte er leise, „komm hinaus, dort
sind wir ungestört“. Als der Alte die Mütze ergriffen hatte
und ihm gefolgt war, athmete er auf und fragte, ob zu Hause
etwas Unangenehmes passirt wäre? Und als Timpe ihn beruhigt hatte und nun erklärte, weswegen er eigentlich hierher
gekommen sei, überschüttete ihn Franz mit einem Wortschwall,
aus dem nur zu deutlich das Bestreben hervorging, seinen
Vater so bald als möglich von hier fort zu bringen.

„Morgen, morgen, Vater, sollst Du Alles erfahren. Ihr
werdet zufrieden sein … Geh nur jetzt, ich bitte Dich!
Was soll die Mutter denken, wenn Du so spät nach Hause
kommst.“

„Aber mein Bier ist noch nicht bezahlt —“

„Das werde ich besorgen.“

„Aber Deine Freunde — willst Du mich nicht mit ihnen
bekannt machen?“

„Ein anderes Mal, Du sollst sie alle kennen lernen,
verlaß Dich darauf … Sie sind heute zu bekneipt …
Geh' nur jetzt … Es ist so spät …“

Und Meister Timpe sah das ein und ging. Wie sonderbar
das Benehmen seines Sohnes war, wie unmuthig er über
die Störung erschien, wie er sich umblickte, als wünschte
er nicht belauscht zu werden! Plötzlich blieb der Alte
stehen und starrte vor sich hin. Ein entsetzlicher Gedanke
durchzuckte ihn. Es war nicht anders zu deuten. Franz schämte
sich seiner. Er war ihm nicht fein genug gekleidet, zu gering
für seine Freunde. Und je weiter er schritt, je fürchterlicher
dämmerte ihm die Wahrheit, je mehr nahm der Gedanke
Form und Gestalt an. Immer nebelhafter wurde das Idealbild Franzens, immer greifbarer das Zerrbild einer fremden
Kreatur. Timpe seufzte laut auf. Er spürte die Kälte
nicht, die Schneeflocken nicht, die der Wind ihm in's Gesicht
trieb, sondern nur das Feuer, das in seinem Gehirn loderte
und unzähligen Funken gleich Gedanken auf Gedanken entfachte. Und es war immer derselbe, aber phantastischer und
wilder: Ein Sohn schämt sich seines Vaters!

Als er nach Hause kam, schlief Frau Karoline bereits
fest. Er wollte sie wecken, ihr alle seine Empfindungen über
den Einzigen mittheilen, als er aber auf ihr mildes Antlitz
blickte, kam er davon ab. Weshalb ihren Frieden stören?
Vielleicht träumte sie gerade von dem, der ihm heute so
großes Weh bereitet hatte! Leise legte er sich nieder, aber
es dauerte lange, lange, ehe der Schlaf ihn umfing, der ihm
heute wohler that als je.

X.
Im Kampfe des Jahrhunderts.

Die Fabrikationsweise Urban's begann auf die Dauer
große Triumphe zu feiern. Er ging darauf aus, die
kleinen Konkurrenten durch alle nur erlaubten Mittel
todt zu machen. Mit dem weiten Blick des ausgezeichneten Geschäftsmannes erkannte er sofort die Ausbeutung irgend eines
Artikels, dessen Verbreitung bisher noch nicht genügend gewürdigt
worden war. Er stellte seinen Abnehmern die möglichst besten
Bedingungen, und selbst solche Arbeiten, deren Herstellung ihm
ebenso theuer kam, wie den kleinen Fabrikanten, lieferte er
den Kunden billiger als diese, wenn auch der Profit ein ganz
geringer war. Er ging dabei von dem Grundsatz aus, daß
der Verlust an dem einen Fabrikat durch den dreifachen Gewinn am anderen gedeckt werden müsse. Es
lag ihm hauptsächlich daran, die Abnehmer an sich
zu fesseln, seine Fabrik zum Monopol für den ganzen Bedarf
zu machen. Er besaß genügende Mittel, das Rohmaterial im
Großen und zu den mäßigsten Preisen einzukaufen, den ihm
als sicher bekannten Kunden einen größeren und längeren
Kredit zu gewähren, als die kleineren Konkurrenten, „Die
Masse muß es bringen“, sagte er sich. Das Geheimniß
seiner billigen Produktion lag in der schnellen Ausführung
seiner Entschlüsse: der Idee folgte sofort die That. Er
wußte, daß das Publikum stets das Neue liebte. So war
er denn rastlos in dem Bestreben, seine Kunden von Zeit
zu Zeit mit irgend einer „Nouveauté“ zu überraschen, die
er entweder nach ausländischem Muster hergestellt oder selbst
verfertigt hatte. Geschickte Zeichner und Techniker standen
ihm dabei zur Seite. Und die Reisen, die er nach Paris,
Brüssel und London machte, thaten das Uebrige, um ihn nie
dem Verlangen seiner Kunden gegenüber in Verlegenheit zu
bringen.

Nach einem halben Jahre bereits genoß seine Fabrik in
der ihm nahe stehenden Geschäftswelt eines bedeutenden Rufes.
Nannte man die Firma Ferdinand Friedrich Urban, so verband sich damit bei den Galanteriewaarenhändlern, Stock- und
Schirmfabrikanten und all' den Kaufleuten, welche mit der
Elfenbein- und feineren Holzbranche zu thun hatten, der Gedanke an einen Großindustriellen, dem man bedeutende Vortheile zu verdanken habe. Selbst die ihm ebenbürtigen Konkurrenten lernten ihn fürchten, denn sie sahen sich schließlich
aus Existenzrücksichten gezwungen, ebenso billig zu produziren
wie er. Ein allgemeiner Druck auf die Engros-Preise ging
von ihm aus, denn ein großes Betriebskapital, das noch durch
das Vermögen seiner Frau vermehrt worden war, stand ihm
zur Verfügung.

Mit der Zeit verspürte diese gewaltige Konkurrenz Niemand härter als die kleinen Fabrikanten; in erster
Linie die Meister, die mit wenigen Gesellen direkt für die
Händler arbeiteten. Johannes Timpe gehörte zu
ihnen. Im Frühjahr desselben Jahres bereits mußte
er zwei Gesellen entlassen; und vor Weihnachten, zu
einer Zeit, wo er sonst außerordentlich viel zu thun
hatte, mußte der dritte folgen. Die Bestellungen vieler
Kunden waren ausgeblieben. Traf er einen von ihnen zufälligerweise und forschte nach der Ursache der geschäftlichen
Zurückhaltung, so kam nach vielem Drehen und Wenden
endlich die Antwort; und sie war immer dieselbe:
Urban liefere billiger, das Hemde liege Einem näher als
der Rock.

Selbst das Preisherabsetzen half nichts. Der Meister
mochte kalkuliren wie er wollte: es war unmöglich, mit dem
Fabrikbesitzer zu konkurriren; oder aber er mußte das Material stehlen und den Gehülfen einen Hungerlohn oder
einen schmählichen Akkordpreis bezahlen. Aber auch das
blieb nicht aus. Eines Tages sah er sich gezwungen,
die Gesellen auf seine üble Lage aufmerksam zu machen.
Als ehrlicher Mann rechnete er ihnen vor, wie gering
sein Verdienst sei, daß er nicht länger bestehen könne,
wenn er die Akkordpreise nicht herabsetzte. Ein Gehilfe blieb
nach dieser Auseinandersetzung gleich fort, während die anderen
sich dadurch zu entschädigen suchten, indem sie ihre Arbeit
nicht mehr so solide ausführten, wie früher. Der Meister
drückte ein Auge zu, wenn die Sachen nur nicht zu leichtsinnig ausgeführt wurden. Er tröstete sich damit, daß es bei
Urban nicht besser gemacht werde. Einmal geriethen ihm
verschiedene von dem großen Konkurrenten fabrizirte Artikel
in die Hände. Er reichte sie in der Werkstatt umher und
ließ sie von Jedem prüfen. Man erstaunte über die leichte
Arbeit. Es sah alles sehr elegant und einnehmend aus, aber
von Solidität war keine Spur vorhanden.

„Schlecht und billig, — so wirds gemacht“, sagte Thomas Beyer und warf den Kram gleichgiltig in die Ecke.

Timpe mußte sich sagen, daß der Altgeselle mit seinen
Worten den Nagel auf den Kopf getroffen habe. Darin bestand eben der große Erfolg Urbans: das Publikum ließ sich
durch den äußeren Schein blenden und täuschen. Es fragte
nicht mehr nach guter Arbeit, die Billigkeit gab den Ausschlag.
Das war das betrübendste Zeichen der Zeit: Menschen und
Waaren sanken im Werthe. Der redlichste Arbeiter wurde
durch die Sorge um's Dasein gezwungen, zum Betrüger am
Publikum und seinem Nächsten zu werden. Es war der
große soziale Kampf des Jahrhunderts, in dem immer dasselbe
Feldgeschrei ertönte: „Stirb Du, damit ich lebe!“ Und
die beiden Riesenarmeen, die sich Tag für Tag schlagfertig
gegenüberstanden, auf einander losstürmten und die Schlacht
der Verzweiflung schlugen, nannten sich Ausbeuter und Ausgebeutete. Das Kapital war das Pulver, und wer es am
meisten besaß, der trug den Sieg davon. Die Heerführer
dieser Armeen aber hießen Hand und Maschine. Die Kraft
des Dampfes führte den Vernichtungskampf gegen die Kraft
des Menschen. Und in diesen fürchterlichen Strudel, der
rücksichtslos gegen die Gesetze der Weltmoral sein Zerstörungswerk an den Stützen der Gesellschaft beging, wurde auch
Meister Timpe immer mehr und mehr hineingezogen.

Wenn er jetzt den Blick durch das Fenster nach der
Fabrik hinüberrichtete, so that er es mit geballter Faust und
dem Ausdrucke des Hasses. Das Getöse der Dampfmaschine
kam ihm dann wie das dumpfe Aechzen hundert zu Tode
getroffener Männer vor; und das leise Zittern des Erdbodens wie das Nahen einer verderbenbringenden Gewalt,
die dereinst das ganze Haus verschlingen würde. Die Fabrikpfeife, deren lang-gedehnter Ton gellend zu ihm herüberklang, machte ihn zusammenschrecken. Und wenn der Wind
den heißen Dampf in den Garten schlug, so konnte er sich
nicht enthalten, eine laute Verwünschung auszustoßen.

Was Johannes am meisten schmerzte, war, daß sein
Vater noch diesen geschäftlichen Niedergang erleben mußte,
und er versuchte Alles aufzubieten, dem Greise den wirklichen
Zustand der Dinge zu verschweigen, um jegliche Aufregung
von ihm fern zu halten. „Es könnte sein Tod sein,“ sagte
er zu seiner Frau.

Mit Gottfried Timpe stand es sehr schlimm. Das Leben
schien ihm nur noch eine Last. Du lieber Himmel, was konnte
man auch von einem Greis, der seinem siebenundachtzigsten
Geburtstage entgegenging, noch anderes verlangen, als das
Abbild eines leibhaftigen Todeskandidaten. Die Beine waren
bereits so schwach geworden, daß er sich ohne die kräftige Hilfe
seines Sohnes oder Karolinens nicht fortzubewegen vermochte
So kam es denn, daß er den ganzen Tag über den Lehnstuhl am Fenster drückte und förmlich ins Bett hineingetragen
werden mußte. Jeden Morgen befürchtete man, er könnte
während der Nacht ohne Schmerzen, friedlich und still, wie
es sein Wunsch war, zu einem besseren Dasein entschlummert
sein. Das war jedenfalls der sanfteste Tod, so an Altersschwäche aus
dem Leben zu scheiden — wie eine Uhr, die langsam stehen bleibt,
wenn das Räderwerk seine Dienste versagt. Aber gerade der
Gedanke, daß dies einmal ohne Beisein eines Zweiten geschehen könne, war für Johannes ein fürchterlicher. Man
hatte das Nachtlager des Alten bereits seit längerer Zeit
unten in der guten Stube aufgeschlagen, und jedesmal, bevor
der Meister sich zur Ruhe legte, stattete er mit leisem Tritte
dem Vater einen Besuch ab, um sich von seinem Wohlsein
zu überzeugen.

So gebrechlich aber auch der Körper Gottfried Timpes
war, sein Geist blieb bei alledem frisch, sein Gehör war noch
immer dasselbe feine wie früher, und sein Gedächtniß dasselbe starke. Die Folge davon war, daß er die Stunden damit ausfüllte, sich Erinnerungen an vergangene Zeiten hinzugeben. Sein geistiger Blick war immer nur nach rückwärts
gerichtet. Und so glich er schließlich einem verlorenen Weltkörper, der abseits von der großen Heerstraße seine eigenen
Kreise zieht und das Leben aus sich heraus gestaltet.
Das Merkwürdigste war, daß, seitdem er nicht mehr
im Hause herumgehen konnte, die Lust zur Unterhaltung
bei ihm gestiegen war. Er wollte von allem unterrichtet
sein, was um ihn her vorging und Frau Karoline mußte
stundenlang bei ihm sitzen, um seine Fragen so lange über sich
ergehen zu lassen, bis ihm der Athem ausging. Es bedurfte
nur der leisesten Andeutung, irgend eines Hinweises auf eine
neue Straße, eine neue Brücke u. s. w., um ihn vom Berlin
der alten Tage sprechen zu hören. Dann feierte sein Gedächtniß Triumphe. Er erinnerte sich irgend eines alten Hauses,
eines Platzes, origineller Menschen, mit denen er zu thun
gehabt hatte, und die nun nicht mehr zu finden waren. Auch
der Humor kam zum Vorschein, wenn er von seinen Knabenjahren sprach und die Gewohnheiten von Nachbar Hinz und
Kunz beschrieb. Dann sagte er ungefähr Folgendes: „ … Der
trug die Nase auch 'mal bis zum Himmel und wußte nicht
warum. . . . Na, die Krauses, wenn ich noch daran denke!
Das Paar war lustig anzusehen. Die Frau war drei Köpfe
größer als der Mann, und Er trug immer die größte Angströhre, die nur aufzutreiben war, um zu beweisen, daß er der
Herr sei. Aber da hatte sich was! Die Frau kommandirte
nach dem Markt gehen und einkaufen, und er wurde von ihr
wieder retour geschickt, wenn er nicht das Richtige gebracht
hatte. Die Jungens liefen hinter ihm her und nannten ihn
immer „Muttern's Schlafmütze“ . . . Da war auch noch der
alte Kantor Riez, Gott laß' ihn selig ruhen! Er war so
vergeßlich, daß er einmal sein eignes Haus nicht finden konnte
und mich auf der Straße fragte, ob ich nicht wisse, wo der
Kantor Riez wohne. Na, ich habe lachen müssen!“

Und das Endwort dieser Erinnerungen Gottfried Timpe's
war immer das alte: „Ja damals — das waren noch andere
Zeiten!“

Viel Sorge hatte es dem Ehepaare gemacht, dem Alten
gegenüber einen Grund für die gänzliche Abwesenheit Franzen's
zu finden. Seit jenem Abend nämlich, an dem des Meisters
Mißtrauen gegen seinen Sohn so plötzlich erwacht und bestätigt worden war, hatte er diesen nicht mehr zu Gesicht bekommen. Am anderen Tage war, wie es schien, nachträglich,
eine gedruckte Verlobungsanzeige eingetroffen und einige Zeilen
Franzens, worin er anzeigte, daß er zum Mittagsessen nicht
erscheinen könne und die Eltern bat, das anfängliche Verschweigen seiner Verlobung nicht übel zu deuten. Da sein
Vater auf Urban nicht gut zu sprechen sei, so habe er geglaubt, man würde sein Glück nicht so auffassen, wie er es
wünschte. Er würde seinen Eltern immer in Liebe zugethan
sein, man solle es aber entschuldigen, wenn er von jetzt ab
seinen eigenen Weg, ginge und sich selten mache. Er habe
jetzt eben große Verpflichtungen gegen die Familie Urban,
würde auch geschäftlich sehr in Anspruch genommen.

Frau Karoline nahm nach diesen Zeilen den „guten
Jungen“ in Schutz. Der Meister aber sah tiefer, denn er war
plötzlich sehend geworden. So groß die Zärtlichkeit war, die
er seinem Sohne stets entgegengebracht hatte, so unauslöschlich war jetzt der Groll gegen ihn in seiner Brust. Der
Einzige war aus seinem Herzen gerissen; und wenn die
Wunde auch niemals zuheilen würde — es sollte so bleiben!
So sehr liebte Johannes seinen Vater, daß er sich schämte,
ihm Mittheilung von dem Zerwürfniß zu machen. Man
erfand denn für den Greis und die Gesellen die Mär, daß
Franz für seinen Chef Reisen machen müsse und in Folge
dessen sich selten sehen lassen könne. Nur Thomas Beyer
ließ sich nicht täuschen. Er ahnte den ganzen Zusammenhang,
wollte aber Timpe nicht wehe thun und enthielt sich daher
jeglicher Bemerkung darüber.

War Gottfried Timpe auch über diesen Punkt beruhigt,
so konnte man es doch nicht verhindern, daß er nach und
nach etwas von der geschäftlichen Misère erfuhr, wenn auch
nicht in ihrem ganzen Umfange. Nun wollte er alles vorher geweissagt haben und kam daher jeden Tag mit einem
Dutzend Rathschläge zum Vorschein, die Johannes befolgen
sollte. Der Meister half sich auch hier mit allerlei Nothlügen
aus und belog sich selbst, indem er eines Tages dem Vater
die Mittheilung machte, daß die Bestellungen sich wieder
mehrten, trotzdem das gerade Gegentheil der Fall war.
Gottfried Timpe aber hatte auf Wochen hinaus neue Anregungen in seinen Unterhaltungen mit Frau Karoline
gefunden und sprach nun nur noch von den goldenen Tagen
des Handwerks.

Eines Abends suchte Timpe Jamrath wieder auf. Der
Stammtisch war bereits besetzt und die Wogen der Debatte
gingen hoch. Das Gespräch drehte sich um die Stadtbahn,
deren Bau vom Staate wieder aufgenommen worden war.
Seit Wochen behandelte man Abend für Abend dieses
Thema. Einige Hausbesitzer, welche die Runde zierten,
waren besonders dabei interessirt, vor Allem der lange
Brümmer, dessen windschiefes Haus direkt von der
Linie berührt wurde, und der seit dem Tage, an dem
er das erfahren hatte, so gesprächig geworden war, daß der
Schornsteinfegermeister aller Welt erzählte, die Schweigsamkeit
des Rentiers wäre bis dato nur Verstellung gewesen. Kam
die Rede auf die Stadtbahn, so hüpfte er förmlich auf seinem
Stuhl, und war, wenn er das Lokal betrat, noch Niemand
von den bekannten Gästen anwesend, und selbst Vater Jamrath für ihn unsichtbar, so unterhielt er sich mit dem Kellner
über das neueste Wunder Berlins und suchte diesem sehr eindringlich zu beweisen, was für einen Vortheil der Staat
durch den Ankauf seines Grundstücks haben würde. Fritz, der
nie trauriger aussah, als wenn er ein freundliches Gesicht
machen wollte, sagte zu Allem „Ja“ und bekam seit dieser
Zeit ein ganzes Nickelstück als Trinkgeld.

Seit Monaten waren bereits die Strecken, welche die
Schienen zu nehmen hatten, öffentlich ausgelegt gewesen, und
das Verwaltungsgericht zu Potsdam als oberste Entscheidungsbehörde in dieser Angelegenheit, hatte seine liebe Noth, um
allen einlaufenden Protesten gerecht zu werden. Hinterhäuser
mußten heruntergerissen, Vorderhäuser durchschnitten, ganze
Grundstücke durchtrennt werden, um dem Dampfroß einen
Weg durch das Steinmeer zu bahnen. Das erforderte Unsummen an Abstands- und Entschädigungsgeldern, denn jeder
Grundbesitzer wollte die Gelegenheit wahrnehmen, soviel als
möglich bei dem Verkauf zu gewinnen. Und wessen Forderung
zu hoch war, und wer sich dem Gemeinsinn nicht fügen
wollte, gegen den mußte das Enteignungsverfahren eingeleitet
werden. Unangenehme Prozesse entstanden dadurch; Fiskus
und Bürgerthum führten einen harten Kampf.

„Wissen Sie schon, Herr Timpe,“ rief Deppler dem Meister
zu, „es steht fest, daß Ihr Haus oder wenigstens der Giebel
desselben eines Tages fallen muß. Die Stadtbahn geht quer
über die Holzmarktstraße und schneidet Ihren Vorgarten weg.
… Urban ist wie immer auch diesmal der Schlaue gewesen;
er hat sämmtliche alte Baracken hinter Ihrem Grundstück bereits vor Jahren angekauft und schlägt nun einen vierfachen
Werth heraus. Das nenne ich Spekulation! … Er hat
einen Prophetenblick, das muß man sagen. Uebrigens ist er
auf Sie noch schlechter zu sprechen als sonst. Sie würden
es eines Tages bitter bereuen, sein Kaufgebot nicht angenommen zu haben, meinte er neulich zu mir … Aufrichtig
gestanden: ich begreife seine Feindschaft gegen Sie nicht, wo
Ihr Sohn ihm so nahe steht.“

Sein Sohn! Oh, wenn man gewußt hätte, was er von
ihm zu erwarten haben werde! Der Meister schwieg sich wie
gewöhnlich darüber gründlich aus und kam auf andere Dinge
zu sprechen.

Im Frühjahr des folgenden Jahres wurde mit dem
Abbruch der alten Häuser hinter Timpes Grundstück begonnen; und wenn der Meister jetzt die „Warte“ bestieg und
seinen Blick nach rückwärts wandte, sah er vor sich weiter
nichts als halbabgetragene Mauern, herabhängende Tapetenfetzen, große Haufen Steine und halbmorsche Balken, die
nur noch als Brennholz dienen konnten. Die ganze Straßenecke mußte fallen. Von früh bis spät hörte man das Hämmern der Spitzhacken, Abbröckeln und Rasseln der Steine,
wenn sie ihren Weg durch die Holzbahn vom Dache her bergab
nahmen. Hin und wieder stürzte eine halbe Mauer ein und
der Staub, der den ganzen Tag über in der Luft lag, wurde
durch eine ungeheure Wolke vermehrt, welche die Arbeiter und
Mauerreste wie in Pulverdampf einhüllte. Das hörte sich
dann im Innern des Häuschen an, als wäre für die Bewohner das letzte Stündlein gekommen. Der Großvater
hatte seinen ganzen Humor verloren und erfand fortwährend
neue Bezeichnungen für den „Skandal“ da draußen. Es
scheine, als wenn man halb Berlin abrisse. Die Menschen
würden immer unverschämter und respektirten den Frieden
des lieben Nächsten nicht mehr, meinte er voller Ingrimm.
Nächstens würden sie noch ihren Besuch durch den Schornstein
machen, nur um die Ruhe zu stören.

Die größte Aufregung kam jedoch, als es an den Abbruch des Gebäudes ging, das die hintere Giebelseite von
Timpes Haus begrenzte. Während dieser Arbeit saß der
Meister stundenlang auf seinem Auslug, um rechtzeitig für
das Anbringen von Stützen zu sorgen. Aber auch das ging
ohne Unglück ab. Nach einem Monat lag die Ecke frei und
die Ausschachtung des Erdbodens begann. Timpe's Haus
nahm sich nun wie ein störender Punkt in der Umgebung
aus, wie ein alter Sonderling, der der Neuerung trotzt: vorn
der freie Platz, begrenzt von den Neubauten der Holzmarktstraße, und hinten die rothen Backsteingebäude der Fabrik,
überragt von dem Schornstein, der Siegessäule der modernen
Industrie.

Als Timpe eines Abends wieder auf den Baum gestiegen war, der die ersten Blüthen zeigte, erblickte er auf
der neu geschaffenen Baustelle Urban, der mit einem
fremden Herrn, anscheinend einem Bauführer, hinter dem
Bretterzaun auftauchte. Der große Konkurrent zeigte auf
das Haus des Drechslers mit einer Geberde, als machte
er sich über die Ruine lustig. Der andere Herr lachte dazu,
und Johannes hörte deutlich, wie der Fabrikbesitzer mit seiner
piependen Stimme sagte: „Wie der Kasten da jetzt aussieht!
Gerade wie eine Wanze auf einer hellen Tapete. Aber ich
werde diese Wanze schon eines Tages wegbringen, verlassen
Sie sich darauf! Die Geschichte macht sich. . . . Sind das
verrückte Menschen diese Timpes! — bis auf den Jüngsten
natürlich, aber den kann man garnicht mehr zu ihnen rechnen.
Er sieht das auch ein. . . . Mir den Weg auf dieser Seite
hier zu versperren, trotzdem ich zehnmal so viel geboten habe,
als die Jammersteine werth sind!

„Und doch freue ich mich jetzt, daß mir Widerstand entgegengesetzt wurde, denn ich hätte mich schön geärgert, da es
der Stadtbahn wegen nicht zu fallen braucht. Ich bekomme
es noch billiger, viel billiger, unter dem Kostenpreise; verlassen Sie sich darauf. Wie schön kann ich da nicht die
Viadukte benutzen, die hier entstehen werden! Wer dem Geiste
der Zeit sich widersetzt, der muß bestraft werden. Unser Jahrhundert verlangt Neuerungen, nur Neuerungen. Der Alte stürzt,
und neues Leben blüht aus den Ruinen! Wie meinen Sie?
Das Alte heißt es? Meinetwegen! Ich meine aber den Alten
da drüben, und da habe ich wieder einmal Recht. Wer kann
überhaupt die Dichter alle kennen! Die richten nur Unheil
an in der Welt. Sprechen von Freiheit und Menschenwürde
und hetzen die Arbeiter auf! Mir soll einer kommen! Ich
kann auch ohne sie leben.“

Während er diesen Erguß zum Besten gab, ohne irgend
welche Opposition zu vernehmen, war er unwillkürlich dem
Hause seines Feindes näher gekommen, so daß die letzten
Worte immer deutlicher Timpes Ohr berührten. Plötzlich
erblickte er den Drechsler und machte erschreckt Kehrt. Der
Meister hatte schon längst von Wuth übermannt die Hand
geballt. Plötzlich rief er laut hinunter: „Trotz alledem bleiben
Sie doch ein kleiner Mann mit einem großen Mund! Sie —
mein Haus bekommen?! Sie komischer Knirps! Da müssen
Sie früher aufstehn!“

Urban's Begleiter drehte sich überrascht um. Der Fabrikbesitzer aber zog ihn mit sich fort und sagte: „Lassen Sie ihn
nur reden! Er ärgert sich doch!“

Seit diesem Abend war der Haß des Meisters gegen den
Nachbar zum vollen Ausbruch gekommen. Schon die Nennung des Namens Urban genügte, um ihn herbe Worte sprechen
zu lassen. Frau Karoline stellte im Geheimen ihre Betrachtungen darüber an und schreckte zusammen, wenn Johannes mit zusammengezogenen Augenbrauen in die Stube
trat. Das war das Zeichen, daß wieder etwas Aergerliches
passirt war. Gewöhnlich hatte Timpe dann in Erfahrung gebracht, daß ein Kunde ihm abgesprungen sei, weil Urban ihm
billiger liefere. Der Meister kam dann aus einer Stimmung
in die andere. Er drohte mit der Faust nach der Fabrik hinüber und wurde dann wieder sanft wie in früheren Zeiten
setzte sich zu dem Vater ans Fenster, plauderte mit ihm und
erzählte lustige Schnurren, um seine üble Laune vergessen zu
machen; oder er ging zu seinem Weibe nach der Küche hinaus und scherzte mit ihr wie in jungen Jahren. Er wollte
sich dadurch Muth machen. Und wenn Frau Karoline seine
Hände ergriff und herzlich sagte: „Vater, es wird schon wieder
besser werden, nur den Glauben an Gott nicht verlieren“, —
dann erwiderte er vergnügt: „Mutter, Du hast Recht“, und
verließ sie mit gestärktem Vertrauen, um aufs Neue an seine
Arbeit zu gehen.

Am Anfange des Sommers standen bereits vier Drehbänke still. Das brachte Timpe fast in Verzweiflung, denn
wenn das so weiter ging, hatte er in absehbarer Zeit auch
für die anderen Gesellen keine Beschäftigung mehr und konnte
gleich dem langen Herrn Brümmer mit der Pfeife im Munde
den ganzen Tag zum Fenster hinaussehen. Wollte er dieser
schlimmsten Gefahr aus dem Wege gehen, so mußte er den
letzten Versuch machen, den Kampf mit Urban aufzunehmen.
Er begann also von Neuem zu rechnen und stellte den
Kunden, die ihm noch übrig geblieben waren, denselben Preis
wie der große Konkurrent. Sein ganzer Verdienst wurde
dadurch eingebüßt, sodaß eigentlich die Arbeit nur noch ins
Haus kam, um die Gesellen zu beschäftigen; aber Timpe
blieb zähe. Es handelte sich um ein Prinzip, das einmal
durchgefochten werden mußte. Dazu gesellte sich der Haß des
Feindes, der sich lieber selber wehe thut, ehe er dem Gegner
einen Triumph gönnt. Der Meister mußte schließlich das kleine
Kapital angreifen, das er sich während vieler Jahre sauer
erworben hatte, und das dereinst für seinen Sohn bestimmt
war; aber an diesen dachte er nicht mehr, war Franz doch
gut aufgehoben und bekümmerte sich nicht um das Schicksal
seiner Angehörigen.

Aus diesem Konkurrenzkampf mit ungleichen Mitteln erwuchsen ihm nach nnd nach Unannehmlichkeiten, deren Folgen
er allein zu tragen hatte. Mehrmals kam partienweise die
Arbeit zurück. Die Kunden beklagten sich, daß sie nicht mehr
so solide wie früher ausgeführt sei; sie bestanden auf Ersatz.
Das war der schwerste Schlag, der den Meister treffen
konnte: daß er auf dem besten Wege war, sein während
eines Vierteljahrhunderts erprobtes Renommée zu verlieren.
Und doch mußte er sich sagen, daß ihn am wenigsten die
Schuld treffe, daß nur allein die Konkurrenz ihn zwinge,
zu denselben Mitteln zu greifen wie sein Gegner. Er verglich die Arbeit mit der aus Urbans Fabrik und fand nicht
den geringsten Unterschied. Es war nur zu sehr ersichtlich:
man glaubte, sich ihm gegenüber das erlauben zu dürfen,
was man gegen den großen Fabrikanten, der einen längeren
Kredit gewährte, nicht wagte. Aber auch das ertrug er mit
Stillschweigen. Er selbst arbeitete bis in die Nacht hinein,
um den Schaden wieder gut zu machen und die Gehilfen
nicht leiden zu lassen, die er selbst zur leichteren Arbeit ermuntert hatte.

Zwei Monate lang befriedigte Timpe seine Kunden auf
diese Art; dann erfuhr Urban davon und setzte den Preis für
die Artikel, welche Timpe lieferte, noch niedriger. Der Meister
folgte auch diesem Beispiel und verzichtete auf den letzten geringen Gewinn, den er hauptsächlich nur sich selbst und den
Lehrlingen zu verdanken hatte.

„Bis aufs Messer soll es gehen“, sagte er bei dieser Gelegenheit laut in der Werkstatt, und die Gesellen, die seit
Jahren ihre Plätze bei ihm inne hatten, konnten ihm ihre
Theilnahme nicht versagen.

Eines Sonnabends bei der Löhnung, als der Meister die
Gehilfen nach einander in seine Arbeitsstube rief und Thomas
Beyer an die Reihe gekommen war, zögerte der Altgeselle,
das ihm hingezählte Geld einzustecken.

„Meister“, sagte er, „Sie haben viel Unglück zu erleiden. Wenn ich auch nicht viel rede, so sehe ich doch Alles
und mache mir mein Bild zurecht. Ich werde nicht länger
bei Ihnen arbeiten, wenn Sie mir nicht den Akkordpreis um
ein Drittel herabsetzen. Und was Spiller, den Sachsen, anbetrifft, so sage ich ebenfalls für ihn gut; er kann weniger
Schinken essen und weniger Liqueur trinken . . . Sie leiden
unschuldig, und ein Lump, der dem Unschuldigen nicht beisteht“.

Diese schlichten Worte rührten Timpe bis zu Thränen.
Er wandte sich ab, um seiner weichen Stimmung Herr zu
werden. Dann, als er sich gefaßt hatte, streckte er Beyer die
Hand entgegen und wies das Ansinnen mit Dank, aber
energisch zurück. Beyer aber wollte nicht nachgeben. Er und
der Sachse müßten auf ihrer Bitte bestehen, und wenn der
Meister sie nicht erfüllen wolle, so würden sie einfach „Adieu“
sagen.

Timpe blieb nichts Anderes übrig, als nach wiederholtem
Sträuben nachzugeben. An der Thür wandte sich Beyer noch
einmal um; es war ihm schwer, ohne eine „Diskussion“, wie
er es nannte, von dannen zu gehen.

„Meister“, begann er daher wieder, „Sie wissen, ich bin
ein Bücherwurm und habe so meine eigenen Ansichten über
die Dinge und ihre Ursachen. Da habe ich neulich einen
Vortrag gehört, der nicht schlecht war.“

Und diesmal unterbrach ihn Timpe nicht mit seinen früheren
Worten: weiß schon, weiß schon, sondern ließ den Altgesellen
weiterreden und wandte ihm seine ganze Aufmerksamkeit zu.
Und dieser fuhr fort:

„Wir leben in einer Zeit, wo der Egoismus das Christenthum immer mehr und mehr verdrängt. Es heißt nicht mehr
„Hilf Deinem Nächsten“, sondern „Tödte Deinen Nächsten“;
nicht mehr, „Liebet euch unter einander“, sondern „Fürchtet
euch vor einander“. Ich wollte nur fragen: Stehen Sie
immer noch auf Ihrem alten Standpunkt; denken Sie immer
noch nicht anders? glauben Sie immer noch, daß die Erde
mit ihren Schätzen nur für Wenige geschaffen sei und nicht
für Alle?“

„Mein lieber Beyer“, erwiderte Timpe, „das Unglück
hat angefangen mich zu verfolgen; aber trotzdem werde ich
mich nicht auflehnen gegen die Gesetze der Menschen und
ihre Satzungen. Gehe ich zu Grunde, so werde ich das als
eine Nothwendigkeit der Ordnung dieser Welt betrachten.
Aber ich werde mit Ehren zu Grunde gehen, und wer das
von sich sagen kann, der nimmt ein schönes Bewußtsein mit.
Ich glaube an einen Gott, und dessen Fügungen sind wunderbar. Mein Wahlspruch heißt: Thue Recht und scheue Niemand.
Ich weiß schon lange: die Sozialdemokratie hat Ihnen den
Kopf verdreht, aber ich will den meinigen gerade behalten.
Sie sind einer von der besseren Sorte, lieber Beyer, denn
Sie sind ein Schwärmer. Aber sehen Sie: Ich habe einmal
gelesen, daß Kaiser Karl der Fünfte sein ganzes Leben lang
sich damit gequält hat, zwei Uhren in die gleiche Gangart zu
bringen, ohne daß es ihm gelungen wäre. Gerade so ist es
mit den Menschen: nicht zwei von ihnen besitzen die gleichen
Eigenschaften. Und die besten Freunde sind schon zu Todfeinden geworden, weil der eine eines Tages mehr besaß, als
der andere. Und was im Kleinen nicht geht, wollen Sie im
Großen vollführen? . . . . Die Monarchie soll sich der
Schwachen und Bedrückten annehmen! Ich bin gut königstreu — also reden wir nicht mehr darüber.“

Beyer schüttelte mit dem Kopf. „Ihre Glaubenstreue
ist zu bewundern,“ sagte er dann; „aber Meister, Meister,
ich sage Ihnen, Sie werden einmal anders denken. Sie
gehem noch in unser Lager über. Und die Ordnung dieser Welt, wie Sie es nannten, wird das zu Wege
bringen.“

Timpe machte eine abwehrende Bewegung. „Niemals!“

„Doch Meister —“ Mit diesen Worten verschwand der
Altgeselle und ließ Timpe sinnend zurück.

XI.
Schlimmer Verdacht.

Gegen Weihnachten desselben Jahres hob sich das Geschäft
Timpe's wieder ein wenig, so daß er nicht mit Verlust zu
arbeiten brauchte; nach Neujahr aber ging es mit Macht
bergab, ein plötzlicher Stillstand trat ein und der Meister
mußte den Gesellen das Geld förmlich aus der eigenen Tasche
zahlen, nur um sie an sich zu fesseln. Im folgenden Sommer sah er sich genöthigt, abermals einen Gehilfen zu entlassen. Diesmal traf den lustigen Berliner das Loos. Fritz
Wiesel bat den Meister voll Treuherzigkeit, seiner wieder zu
gedenken, wenn es besser gehen sollte. Man trennte sich
ungern von dieser Werkstatt, wo man sich noch gestatten
durfte, in Gegenwart des Meisters einen derben Witz zu
machen und nichts von einer drakonischen Fabrikordnung zu
sehen war.

Nach acht Tagen bereits sprach Wiesel wieder vor. Er
hatte noch keine andere Beschäftigung gefunden. In vielen
Fabriken und kleineren Werkstätten war eine plötzliche Arbeitsstockung eingetreten, die eine Folge jahrelanger Ueberproduktion
war. Die ersten Schatten des großen industriellen Krachs
kamen drohend herangezogen. Die Papiere zahlreicher Aktiengesellschaften sanken über Nacht. Die Waaren stauten sich,
denn die Nachfrage nach ihnen verminderte sich von Tag zu
Tag. Nur diejenigen Firmen, die dem verlockenden Schwindel
der Zeit nicht gefolgt waren, denen ein genügendes Kapital
zur Verfügung stand, produzirten nach wie vor in gleichem
Umfange. Das Publikum fing an gegen die „goldene Aera“
mißtrauisch zu werden und bangte um seine „gut angelegten“ Ersparnisse. Es lag etwas in der Luft, das sich wie das unheimliche
Murmeln einer aus weiter Entfernung herannahenden Fluth
ausnahm, die nach den Trümmern lechzte, welche die Ebbe
zurücklassen würde.

Fritz Wiesel erzählte, daß man ihm angeboten habe, bei
Urban einzutreten und daß er auch in der Fabrik gewesen
sei, um mit dem Werkführer Rücksprache zu nehmen. Er
habe sich die Sache aber noch einmal gründlich überlegt und
sei davon abgekommen. Er würde es mit seinem Gewissen
nicht vereinen können, bei dem Manne zu arbeiten, der
Meister Timpe alle möglichen Chikane anthue. Ueberdies
lebe er bei seiner Mutter, die einen Kohlenhandel betreibe,
und da könne er es eine Weile aushalten.

Der ehemalige Kamerad wurde nach dieser Mittheilung
sofort umringt. Nur ein braver Kerl könne so von seinem
früheren Meister sprechen, sagte man ihm. Und Timpe, der
beim Hereintreten die letzten Worte Wiesel's gehört hatte,
streckte ihm voll Dankes die Hand entgegen. Der lustige
Fritz hatte dann verschiedene Neuigkeiten aufzutischen. Ob
man schon wisse, daß man Urban angeboten habe, seine Fabrik
in eine Aktiengesellschaft umzuwandeln? Alle verneinten und
zeigten sich erstaunt. Timpe meinte, daß er schon längst auf
diese Nachricht gewartet habe.

Mit der Mittheilung Wiesel's hatte es seine Richtigkeit
Vor einem halben Jahre hatte ein Konsortium von Spekulanten Urban zu bewegen versucht, die Fabrik durch ein
Aktienkapital zu erweitern; er hatte aber dieses Ansinnen
sehr bestimmt zurückgewiesen. Sein scharfer Blick ließ ihn
nur zu sehr den Rückschlag der industriellen Gründungen vorhersehen. Wolle er sein Geschäft vergrößern, hatte er gemeint, so könne er es auch aus eigenen Mitteln thun. Und
um sogleich den Beweis dafür zu liefern, eröffnete er ein
Vierteljahr später eine Knopffabrik, die er bereits längst geplant hatte. Zu diesem Zwecke hatte er bereits im vergangenen Jahre einen Anbau an die hintere Seite der großen
Fabrik errichten lassen; auch ein zweites Kesselhaus gehörte
dazu.

Es war ihm namentlich um die Anfertigung von Steinnuß-Knöpfen zu thun. Dieselben waren von London zuerst
eingeführt worden und schnell in Mode gekommen. Der Bedarf für die Konfektion war ein gewaltiger.

Urban bezog die Nüsse in Massenlieferungen und brachte
die fertigen Knöpfe äußerst billig auf den Markt. Das
Plattenschneiden an der Dampfsäge war eine gefährliche Beschäftigung. Gleich am ersten Tage wurden einem Arbeiter
die drei Finger der rechten Hand abgeschnitten. Die ganze
Fabrik kam zusammengelaufen und bedauerte den vor Schmerz
Heulenden. Es war ein bereits ergrauter Familienvater, den
das Unglück getroffen hatte. Der Blutverlust hatte ihn ohnmächtig gemacht. In diesem Zustande trug man ihn nach
Bethanien. Urban zahlte der verzweifelten Frau den Lohn
für zwei Wochen aus und erklärte, seiner Pflicht damit genügt zu haben. Nach seiner Meinung habe der Arbeiter
durch eigene Fahrlässigkeit sich beschädigt; für derartige Fälle
könne man ihn nicht verantworlich machen.

Als Timpe davon erfuhr, erging er sich in Ausdrücken,
die nicht sehr schmeichelhaft für den großen Konkurrenten
waren. Es wäre jedenfalls besser gewesen, wenn die Säge
einen Theil von Urban's langer Nase mitgenommen hätte,
sagte er voller Galgenhumor, so daß die Gesellen laut auflachten.

In den nächsten Tagen drehte sich sein ganzes Mitleid
um den Verunglückten. Er brachte es soweit, daß unter Berufsgenossen eine Geldsammlung abgehalten wurde. Es kam
eine Summe zusammen, die neben der Unterstützung aus der
Krankenkasse ausreichte, um die Familie des Invaliden wenigstens vor der äußersten Sorge zu bewahren.

Während der schlechten Geschäftszeit fand der Meister
genügend Zeit, dem Bau der Stadtbahn hinter seinem Häuschen, der sich immer mehr entwickelte, seine Aufmerksamkeit
zuzuwenden. Oefter als sonst bestieg er in diesem Sommer
die „Warte“, für die er niemals mehr die Bezeichnung
„Franzen's Ruh“ gebrauchte. Saß er oben zwischen den
Zweigen und rauchte gemüthlich seine Pfeife, so vergaß er
beim Anblick des geschäftlichen Treibens unter sich ein Viertelstündchen lang die Drangsale des Lebens, hatte er nur noch
Sinn für die neue Welt, die sich vor ihm aufbaute und immer
gewaltiger und kühner emporstrebte.

Bis zum Frankfurter Bahnhof war die Gasse freigelegt
worden, die dem Verkehre Spreeathen's einen neuen Weg
eröffnen sollte. Eine eigenartige Perspektive bot sich dem
Auge dar. Es war gerade, als hätte eine Riesenfaust vom
Himmel sich herniedergesenkt und mit gewaltigem Hammerstreich eine Bresche durch die Häuser geschlagen, gleichgültig
darüber, ob das eine stehen bleibe oder die Hälfte des
anderen falle.

Dort blickte man in einen Hof hinein, dem bis vor
Kurzem noch Luft und Licht fehlte, und der nun die Geheimnisse der Hinterhäuser verrieth; und daneben in einen kleinen
Garten, der bisher wie ein seltener Schatz inmitten der grauen
Mauern nur zur Freude seines Besitzers gedient hatte und nun
gleich einer weithin sichtbaren Oase das Auge entzückte. Aber nur
noch kurze Zeit, und der Dampf des Eisenrosses wälzte sich über
ihn fort und raubte den herrlichen Rosen den Duft. . . . .
Und dazwischen freigelegte Ställe und Scheunen, Trocken- und
Holzplätze, zwei Seitengebäude ohne Vorderhaus, die Reste
von durchschnittenem Mauerwerk; und dort wo der Trümmerweg eine Kurve machte, die offene Straße wieder mit ihren
vier- und fünfstöckigen Miethskasernen, in deren Fenstern die
Sonne sich blendend spiegelte.

Vom dunklen Grunde dieser Gasse hoben sich leuchtend
die hellen kalkbestäubten Jacken eines Heeres von Maurern
ab. Wie sich das bückte, hinauf- und hinabstieg, Stein an
Stein fügte, um das Fundament der breiten Pfeiler zu
gestalten. Die rothen Steine leuchteten, die Hammerschläge klangen hell herüber, und ein Fuhrmann trieb fluchend
die Pferde vor einem schwer mit Sand beladenen Wagen an.

Auch zu den Füßen Timpe's, wenige Schritte von seinem
Hause, erhoben sich bereits die ersten Anfänge der Viadukte.
Einer ihrer Pfeiler berührte die hintere Giebelwand so dicht,
daß der Meister vermeinte, ihn mit der Hand berühren zu
können. Fast gleichmäßig von Tag zu Tag, als wüchsen sie
Fuß für Fuß aus der Erde, erhoben die Pfeiler sich auf der
ganzen Linie, bis sie anfingen allmählich in die Rundung des
Bogens überzugehen. Und je weiter die Steinmassen sich
rechts und links ausdehnten, um zu einem riesigen Ringe zu
werden, je beengter fühlte sich der Meister schwebend über
dem Dache seines Häuschens, je mehr überkam ihn das Gefühl einer gewaltsamen Erdrückung — gleich einem Menschen,
der nach und nach in immer kleinere Räume geführt wird
bis er sich im letzten befindet, in dem er nicht mehr zu
athmen vermag. Immer winziger und ruinenhafter erschien
ihm sein Häuschen Angesichts des ersten kühnen Bogens, der
sich von einem Pfeiler zum andern spannte.

Mit der Zeit flößte ihm der Wunderbau so großes Interesse ein, war er auf seine weitere Entwickelung so gespannt,
daß er die Stunde kaum erwarten konnte, die ihm den alten und
doch neuen Anblick gewährte. Zuletzt kannte er jeden Arbeiter
von Angesicht, hatte er sich ihre Gewohnheiten eingeprägt,
wußte er, ob dieser fleißig, jener faul sei; und aus den Gesprächen, die sie mit einander führten, lernte er schließlich ihre
persönlichen Verhältnisse kennen. Mit einem der Maurer,
einem alten, ehrwürdig aussehenden Manne mit langem weißen
Kinnbart, war er bereits so vertraut geworden, daß er ihn
des Morgens wie einen guten Bekannten begrüßte und seine
Meinung über das Wetter und andere für den Tag höchst
wichtige Dinge mit ihm austauschte. Dann redete man sich
gegenseitig nur mit „Meister“ an; und mehr als einmal
reichte Timpe dem Manne im weißen Kittel helles Feuer zu,
oder ließ sich herab, ihm mit einer Hand voll Taback auszuhelfen.

Und war der letzte Arbeiter vom Gerüst verschwunden,
dann warf er noch einen langen Blick auf seine Umgebung
und lauschte eine Weile den gleichmäßigen Schlägen der Ramme,
deren dumpfer Knall von der Spree herübertönte. Hier
arbeitete man auch des Nachts bei Fackelschein, um die Pfähle
ins Wasser zu treiben, auf denen das Fundament der Viadukte ruhen sollte.

Bis in den Winter hinein hielt die Geschäftsstille an,
so daß der Verlust, den Timpe in diesem Jahre trug, für
seine Verhältnisse ein geradezu unersetzlicher war. Um diese
Zeit stellte sich Deppler, der längst abgesprungene Kunde, bei
ihm wieder ein. Der Meister war nicht wenig erstaunt,
freute sich dann aber aufrichtig über den Besuch. Schien
doch die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß die solide Arbeit
wieder zu Ehren kommen und die abtrünnigen Abnehmer
nach und nach zu ihm zurückkehren würden. Der Gedanke
des Meisters an eine große Bestellung schwand aber bald.
Deppler kam im Auftrage eines Andern, eines Amerikaners,
der ein Modell angefertigt haben wollte. Timpe konnte das
Anliegen nicht gut abschlagen, um so weniger, da Deppler
durchblicken ließ, es gäbe vielleicht etwas zu verdienen, wenn
Timpe die Arbeit gut ausführe und der Artikel sich nicht zu
theuer stelle.

Als Timpe den Auftrag in Arbeit nehmen wollte, fiel
ihm ein, daß er vor Jahren ähnliche Formen gedreht habe,
wie die Zeichnung aufwies. Er suchte also unter seinen zahlreichen Modellen. Bei dieser Gelegenheit machte er die Entdeckung, daß ein Theil der besten und werthvollsten fehlte.
Er traute erst seinen Augen nicht, glaubte an einen Irrthum
und durchsuchte die ganze Arbeitsstube; rückte mit Hülfe
eines Lehrlings Tische und Kasten von der Wand, vergebens
— die vermißten Holztheile fanden sich nicht. Selbst die
Pappstreifen, auf denen die Nummern verzeichnet waren,
konnten nicht entdeckt werden. Man hatte ihn also bestohlen.

Das ganze Haus gerieth bei dieser Nachricht in Aufregung.
Der Großvater gab den Rath, sofort nach der Polizei und dem
Staatsanwalt zu schicken, denn so lange er in diesem Hause
lebe, sei so etwas noch nicht passirt. Und Frau Karoline
war so erschreckt, daß sie Johannes auf das Inständigste bat,
Keller und Boden durchsuchen zu lassen, denn es käme oft
vor, daß Spitzbuben sich tagelang im Hause aufhielten. Am
seltsamsten wurden die Gesellen durch die Entdeckung berührt.
Es leuchtete ihnen sofort ein, daß die Gegenstände nur von
Jemandem entwendet sein konnten, der sie für sich zu verwenden wußte. Der Meister pflegte seine Stube niemals zu
verschließen; stundenlang war er nicht zu sehen. Sie arbeiteten
Tag für Tag in der Nähe, konnte nicht auf Jeden von ihnen
der Verdacht fallen?

Timpe hatte denselben Gedanken, und doch lag es ihm
fern, auch nur im Geringsten an der Ehrlichkeit der altbewährten Arbeiter zu zweifeln. Als er die Werkstatt betrat,
kam er seinen Gehülfen zuvor und gab sofort mit aller
Offenheit eine dahingehende Erklärung ab. Und man wußte
ihm Dank für seine Worte; wurde doch Allen dadurch ein
Alp von der Brust genommen. Aber die Thatsache stand
trotzdem fest, nur ein Hausdieb konnte seine Hand nach den
Modellen ausgestreckt haben.

Der Meister nahm sich die beiden Lehrlinge vor und redete
ihnen voller Güte ins Gewissen. Es sollte ihnen verziehen
werden, wenn sie die Wahrheit sagen würden. Die Jungen
waren Söhne armer, aber anständiger Eltern. Sie brachen
sofort in Thränen aus und schwuren hoch und theuer, nichts
von dem Diebstahl zu wissen. Als sie merkten, daß man
ihnen noch nicht glauben wollte, fielen sie auf die Kniee und
baten mit gefalteten Händen, mit ihnen nach Hause zu ihren
Eltern zu gehen, um dort nachzusuchen. Der Meister blickte
in die von Thränen umflorten Augen, in denen keine Spur von
Lüge zu finden war und glaubte ihnen. Er sah nun ein, daß
er zu weit gegangen war, drückte Jedem die Hand und bat
um Verzeihung. Damit sie sich trösteten, schenkte er ihnen ein
Markstück.

Während das Gespräch sich immer noch um den heiklen
Punkt drehte, hatte Thomas Beyer stumm auf seine Arbeit
geblickt, plötzlich sagte er:

„Meister, ich hab's!“

Die Drehbänke standen sofort still. Jedermann blickte
erwartungsvoll auf den Altgesellen, der fortfuhr zu sprechen:

„Es kann nur Jemand gewesen sein, der mit Urban in
Verbindung steht. Als ich die Viktoria-Krücken von drüben
sah, wunderte ich mich gleich über einen Fehler im Griff, der
nur in unserem Modell vorhanden war, bei den Arbeiten
aber verändert wurde. Urban glaubte natürlich, daß das zur
Zeichnung gehöre und ließ die Geschichte ruhig mitdrehen.“

Timpe verschwand sofort und kam mit der Nachricht
zurück, daß auch diese beiden Modelle mit zu den Gestohlenen
gehörten.

Als Deppler ihm seiner Zeit diese beiden Artikel Urbans
zeigte, nahm er an, daß der Fabrikbesitzer sie mit den üblichen
Veränderungen nach den Vorbildern in den Läden angefertigt habe. Nun leuchteten ihm die Worte Beyers nur zu
sehr ein.

Wer war nun der Dieb und Verräther?

Man ließ die entlassenen Gesellen Revue passiren. Aber unter
ihnen war Keiner, auf den der Verdacht sich mit Gewißheit lenken
konnte. Ja, wenn einer von ihnen bei Urban beschäftigt wäre, so
hätte die Sachlage sich geändert. Da sagte der älteste der
Lehrlinge, der mit immer noch zuckendem Munde und gerötheten Augen wieder an seine Arbeit gegangen war:

„Jetzt fällt mir ein, Meister — ich habe Ihrem Herrn
Sohn einmal die Leiter halten müssen, als er noch Abends
spät an der Wand da drinnen etwas suchen wollte,“

Timpe wurde leichenblaß. Wie Schuppen fiel es ihm
von den Augen, aber er nahm seine ganze Kraft zusammen,
um sich seinen Leuten gegenüber zu beherrschen. Während er
vor sich auf die Diele starrte, sah er im Geiste die erstaunten
Blicke seiner Gesellen auf sich gerichtet. Und er fühlte, wie
das Blut ihm heiß ins Gesicht stieg. Dann ermannte er sich,
wendete sich langsam nach dem Burschen um und sagte mit
unheimlicher Ruhe:

„Naseweise Jungen machen naseweise Bemerkungen.
Künftighin wirst Du den Mund erst aufthun, wenn Du gefragt wirst … Was mein Sohn damals suchte, das weiß ich
schon.“ Und zu den Gesellen gewendet:

„Zerbrechen wir uns nicht mehr die Köpfe um den
Dieb, der Zufall wird uns schon zu Hülfe kommen.“

Nach diesen Worten verließ er gemessenen Schrittes
die Werkstatt und verschwand in seine Arbeitsstube. Hier
aber verließ ihn die Kraft. Wie erschöpft ließ er sich auf
einen Stuhl am Fenster und verbarg sein Gesicht in die Hände.
So saß er lange, lange. Was seine Seele bewegte, kam
durch kein Wort zum Ausbruch, aber die schweren Athemzüge
zeugten für die fürchtlichen Kämpfe in seinem Innern.

Sein eigener Sohn sollte ihn bestohlen haben, um sich
den Dank des Todfeindes zu verdienen? Der Gedanke war
zu fürchterlich, als daß er es wagen durfte, ihn laut zu
äußern, wäre es auch nur in einem Selbstgespräche … Als
er aber endlich das Haupt erhob, dessen Haare Sorge und
Kummer der letzten Zeit früh gebleicht hatten, und er
hinausblickte auf das rothe Gemäuer der Viadukte, das das
Zimmer halb verdunkelte, sah er verändert aus, als hätten
Minuten Furchen in sein Antlitz gezeichnet. Er schüttelte den
Kopf, als wollte er mit Gewalt das nicht begreifen, was für
ihn schreckliche Wahrheit war. Ein langer Seufzer kam über
seine Lippen, in dem Alles lag: die Erinnerung an einen
schlanken Knaben, den er auf den Knien geschaukelt hatte, die
unbeschreiblichen Hoffnungen und Wünsche, welche sich an seine
Zukunft geknüpft hatten, der Gedanke an viele Jahre harter
Arbeit, an Liebe und Pflege um den Einzigen, und an einen
betrogenen Vater …

Plötzlich schreckte er zusammen, wie jäh aus einem Traume
erweckt: die Meisterin stand neben ihm und hatte seine Schultern berührt.

„Vater, Dich drücken wieder schwere Sorgen … Und
wie Du aussiehst, mein Gott …“

„Wie immer, Mutter.“

Er fand ein Lächeln und zog die Alte sanft an sich. Und
als sie mit ihren Lippen seine Stirn berührt hatte, ging es
ihm wie ein Frühlingswehen durch die Seele, sodaß er sein
Weib herzhaft küßte. Sie betraten dann die gute Stube.
Sein Blick fiel auf das Bild seines Sohnes. Franz war
dargestellt als ein Jüngling von 16 Jahren. Meister Timpe
konnte nicht an sich halten; die Vaterliebe besiegte den
Schmerz. Er nahm das Bild und küßte es. Als Frau
Karoline das sah, drückte sie den Zipfel der Schürze gegen
die Augen und verließ leise das Zimmer. Den Anblick konnte
sie nicht ertragen.

XIII.
Ein entarteter Sohn.

Um dieselbe Zeit saß Franz an seinem Pult und zeigte
ein sehr mißvergnügtes Gesicht. Die Ursache dieser
Stimmung war das lange Hinausschieben seiner Hochzeit. Nichts lag gegen ihn vor; Emma's Liebe zu ihm war
noch die alte, Frau Urban kam ihm mit derselben
Freundlichkeit entgegen, und der Vertrauensposten, den er
als Geschäftsführer inne hatte, zeugte am besten für
die Werthschätzung seiner Person. Endlich, nach mancherlei
Andeutungen, die er sich in Folge der Verzögerung erlaubt
hatte, war er zu der Ueberzeugung gekommen, daß die Hauptschuld lediglich an seinem Chef liege. Urban hatte in der
That darauf hingewirkt, daß man es ihm ganz überlasse, den
Tag des Ehebündnisses festzustellen. Er hatte seinen ganz
besonderen Grund dafür. Erstens wollte er sich für die unveränderte Feindschaft, die Emma ihm immer noch entgegenbrachte, rächen, und zweitens hatte seiner Meinung nach
Franz noch nicht die genügende Prüfung abgelegt, die ihn
völlig würdig machte, zu der Familie Urban-Kirchberg in verwandtschaftliche Beziehungen zu treten. Und doch hatte
Timpe junior bereits bewiesen, daß er vor nichts zurückschrecke,
um sich angenehm zu machen und erneuerte Dankbarkeit entgegen zu bringen.

Gewiß, wenn Urban aufrichtig sein wollte, so mußte er
das anerkennen. Er hatte ihm alle Kunden seines Vaters
namhaft gemacht, ihre Eigenthümlichkeiten geschildert, manches
Geheimniß der Fabrikationsweise des Meistes verrathen, gelogen und geheuchelt, sein Gewissen geopfert, mit rührender
Miene, thränenden Augen von dem Abstand zwischen sich und
seinen Eltern gesprochen, mehr als einmal das Mitleid erweckt, nur um an das große Ziel zu gelangen, das ihm die
Verwirklichung seiner berückenden Träume bringen würde.

Das aber gerade war es, was Urbau mißtrauisch gemacht
hatte. Er erblickte in Franzen's Charaktereigenschaften so viele
Berührungspunkte mit den seinigen, daß es ihm leichter, als seiner
Frau und Emma wurde, den wirklichen Werth seines Procuristen
zu taxiren. Was er an ihm allein zu würdigen wußte, waren die
großen Fähigkeiten; und wodurch er sich immer auf's Neue bestechen ließ, waren die einnehmende Erscheinung und die
große Liebenswürdigkeit Franzens.

„He,“ sagte er mehr als einmal zu sich, „der hält mich
für dumm, aber er irrt sich … Ein Teufelskerl! Hat sich
bei allen „liebes Kind“ gemacht, und man weiß eigentlich
nicht, wie das gekommen ist. Solche Leute aber passen in
die Welt — die bringen es zu etwas.“

Aergerte er sich dann über die „klassische Unverschämtheit,“
mit der Franz sich in seiner Familie „eingenistet“ hatte, so
sehr, daß er daran dachte, die Verlobung aufzuheben und
Timpe junior die Thür zu weisen, so verlor er wieder den
Muth dazu, wenn der Prokurist vor ihm stand und ihn mit
einem bezaubernden Lächeln fragte: „Wünschen Sie was,
Herr Urban? Womit kann ich dienen? Soll ich Ihnen
eine Arbeit abnehmen? Darf ich um die Auszeichnung
bitten, mir das gestatten zu wollen?“

Urban war es dann jedesmal, als spräche aus diesen
gesuchthöflichen Worten etwas wie Spott. Und wenn er mit
schief geneigtem Kopf zu dem großgewachsenen Nachbarssohn
emporblickte, so bebte er stets in der Einbildung, als mache
sein vertrautester Untergebener sich über die „Lange Nase“
eben so lustig, wie sämmtliche Arbeiter in der Fabrik. Er
war dann entwaffnet, versuchte das Lächeln seines Prokuristen
nachzuahmen, was ihm aber um deswegen schlecht gelang,
weil er mit seinen defekten Zähnen keinen Staat machen konnte,
drehte sich kurz um und suchte das Komptor auf, um seinen
Zorn über das erlittene Fiasko an einem der Kommis auszulassen.

Einmal geriethen Beide doch sehr ernst zusammen. Seitdem Franz verlobt war, hatte er sich gewisse Gewohnheiten
angeeignet, die insofern denen Ferdinand Friedrich Urban's
ähnelten, als aus ihnen ersichtlich das Bestreben hervorging,
zu herrschen und zu befehlen: oder doch zum mindesten Anordnungen zu treffen, wie sie aus den Rechten einer Autorität
herzuleiten sind. Mit der Zeit hatten die Arbeiter in der
Fabrik sich daran gewöhnt, ihn ebenso zu respektiren wie
Urban; ja es kam oft vor, daß man den kleinen Fabrikbesitzer ganz übersah und nur auf den großen Prokuristen
hörte, der unter Umständen sehr herablassend sein konnte und
in seinen Manieren den gebildeten Mann zeigte, den man
bei Urban stets vermißte. Der Letztere beobachtete diese
Hintenansetzung seiner Person mit stillem Ingrimm. Als
aber einer seiner Befehle nicht befolgt worden war und man
sich deswegen auf Franz berief, bot sich ihm endlich die
Gelegenheit dar, den gereizten Löwen hervorzukehren. Es
gab unter vier Augen einen argen Auftritt.

„Sie thun ja gerade, als wenn Sie hier der Chef wären
und ich Ihr junger Mann!“ schrie er in voller Entrüstung,
worauf dann sofort die höflichste aller Antworten kam:

„Es würde mir zur größten Ehre gereichen, Ihr Chef
zu sein, Herr Urban, denn derartige vortreffliche Menschen
findet man selten,“ sagte Timpe junior.

Diesmal aber ließ der kleine Mann sich nicht ködern,
trotzdem ihn die Erwiderung wie gewöhnlich verblüfft hatte.

„Wenn das noch einmal vorkommt, dann sind wir geschiedene Leute, verstehen Sie?“

Franz klappte sein Buch zu und sagte gleichgültig: „Da
das noch sehr oft vorkommen wird, Herr Urban, so werde
ich sogleich gehen. Ich werde meinem Vater zu Füßen fallen
und ihn um Verzeihung bitten. Sie wissen, daß Emma
großjährig und ihr Vermögen sicher gestellt ist. Mein Vater
und ich werden dann ebenfalls eine Fabrik bauen, und damit
Sie sich meiner stets erinnern, werden wir das in Ihrer
unmittelbaren Nähe, auf der anderen Seite der Straße
thun . . . Adieu!“

Er nahm kaltblütig seinen Hut und wollte verschwinden.
Nach zehn Minuten aber konnte man ihn nach wie vor auf
dem alten Platz finden; denn Urban, vor Entsetzen bleich,
hatte ihn in sein Kabinet gebeten, um „vorher noch ein paar
Worte“ mit ihm zu wechseln. Man sprach sich sehr vernünftig aus. Franz spielte auch hier den höflichen Mann
weiter, der alles nur aus Interesse für seinen Prinzipal thue.
Urban bot ihm eine Cigarre an, die er selbst nur in Ausnahmefällen zu rauchen pflegte, reichte ihm selbst, auf den
Zehen stehend, das Feuer zu, was sich sehr komisch ausnahm,
drückte ihm warm die Hand und glaubte der Versicherung
seiner Hochachtung nicht besser Ausdruck geben zu können, als
daß er ihn mehrmals hintereinander mit „mein junger Freund“
anredete. So erneuerte man denn das Bündniß und trennte
sich als die alten Ehrenmänner.

Die Züge Urban's veränderten sich erst, nachdem die Thür
sich geschlossen hatte. Aus dem liebenswürdigen Chef entpuppte
sich der gefesselte Zwerg, der seine Ohnmacht fühlt und die
berechtigte Wuth nicht hervorkehren darf. Oh, das hätte ihm
noch gefehlt, daß dieser große Schlingel sich jetzt aus dem Staube
machte, nachdem er ihn in seine Geschäftskniffe eingeweiht hatte;
und nur zu dem Zwecke, um den halbtodten Gegner jenseits
der Mauer wieder lebendig zu machen. Wenn dann Vater und
Sohn ans Aussprechen kämen, würden schöne Sachen zum
Vorschein kommen, deren Folgen er allein zu tragen hätte.
Und überdies das schöne Geld seiner Stieftochter, das er
durch die dereinstige Kompagnieschaft ihres zukünftigen Mannes
für sein Geschäft zu kapern gedachte. Er hätte im Bewußtsein dieses doppelten Verlustes keine Nacht ruhig schlafen können
und sich das Leben bis an sein Ende verbittert.

Franz zeigte heute große Unlust zum Arbeiten; er kam
aus dem Gähnen nicht heraus. Seine ganze Beschäftigung
bestand darin, nach der Straße hinunterzublicken, seine Nägel
zu putzen und an den Spitzen seines Schnurrbartes zu drehen,
der jetzt in üppiger Fülle sein Gesicht zierte. Ueberhaupt
sah er sehr blaß und abgespannt aus. Die Augen erschienen
trübe, als hätte er die Nacht wenig geschlafen.

Im großen Komtor machte man durchaus kein Geheimniß daraus, daß er ein sehr lockeres Leben führe und
Passionen nachgehe, die ihm viel Geld kosteten. Da man ihn
aber fürchtete, und seine Noblesse bei gewissen Gelegenheiten
bekannt war, so raunte man sich die üblen Dinge, die man
über ihn erfuhr, nur leise zu. So kam es, daß weder Urban
noch dessen Frau irgend etwas von seinem bedenklichen
Lebenswandel erfuhren und um so weniger Verdacht
schöpften, als er sich thatsächlich niemals eine Unpünktlichkeit
oder Vernachlässigung seiner geschäftlichen Pflichten zu Schulden
kommen ließ.

Wenn Franz des Abends von seiner Braut Abschied genommen hatte, so suchte er die Bierkneipen auf oder die zahlreichen Vergnügungslokale Berlins, in denen der jungen
Männerwelt Zerstreuungen jeder Art geboten werden. Ja,
eines Abends nahe an Mitternacht wollte man ihn in Gesellschaft von Fräulein Irma, einer bei den Studenten des Viertels sehr beliebten Biermamsell im Café Bauer erblickt haben.
Als das einer der Kommis im Komtor erzählte, meldeten
sich sofort einige Kollegen, die schon längst von dieser Liebschaft Kenntniß haben wollten. Man fand das aber für einen
noch unverheiratheten jungen Mann in Berlin so selbstverständlich, daß man sich nur witzige Bemerkungen über diese
neueste Entdeckung erlaubte und im Uebrigen den Glücklichen
um sein ungebundenes Leben beneidete.

Durch diese Abwege gerieth Franz in Schulden, die er
ohne Bedenken bei einem Wucherer entrirte und die sich immer
mehr anhäuften. Wußte man doch, daß er mit einem vermögenden Mädchen aus guter Familie verlobt war, und daß
er eines Tages die acceptirten Wechsel prompt werde einlösen können. Was ihn selbst anbetraf, so machte er sich über
diesen Punkt durchaus keine Vorwürfe. Der Tag der Hochzeit
stand vor der Thür, die Schuld würde dann rechtzeitig getilgt
werden. Der hohen Zinsen wegen, die er zahlen mußte,
wünschte er aber die Eheschließung sobald als möglich herbei.

Er hatte soeben zum vierten Male einen kleinen Taschenspiegel hervorgeholt und sich in ihm von allen Seiten betrachtet, als der Komtorbote eintrat und ihm die Mittheilung
überbrachte, daß der „Herr Chef“ ihn zu sprechen wünsche.

„Mein lieber Timpe“, redete ihn Urban an, als er
dessen Arbeitszimmer, das an der anderen Seite des großen
Komtors lag, betreten hatte, „nehmen Sie gefälligst Platz.
Ich kann Ihnen die angenehme Mittheilung machen, daß
meine Frau und ich beschlossen haben, den Hochzeitstag endgültig auf den fünften Januar festzusetzen. Freuen Sie sich,
he? Die Geschichte macht sich, was?“

Er legte seinem Prokuristen die Hand auf die Schulter
und blickte ihn über die Brille hinweg pfiffig an. Franz
freute sich in der That; aber er war so überrascht, daß er
zum ersten Male seit langer Zeit die halb ironischen Höflichkeitsphrasen anzuwenden vergaß und ganz verlegen seinen
Dank hervorbrachte.

Und Urban, dem diese Verlegenheit ersichtliches Amüsement bereitete, fuhr fort:

„Wir werden keine große Hochzeit machen, sondern ein
einfaches Diner veranstalten. Wir haben dabei in erster
Linie auf Sie Rücksicht genommen, um Ihnen manche Unannehmlichkeit in Betreff Ihrer Eltern zu ersparen . . . Ich
liebe überhaupt diese großen Tafeleien nicht, wo Hinz und
Kunz sich auf General-Unkosten sattessen. Wir werden ganz
unter alten Bekannten sein, von denen sich nun einmal Frau
Urban nicht zu trennen vermag. Ich habe diese Leute sozusagen mitgeheirathet und muß hin und wieder ihre Gegenwart
über mich ergehen lassen. Sie werden die Häberleins, die
Rosés und die Ramms vorfinden — Leute, die längst in
Ihre Verhältnisse eingeweiht sind . . . Eine Hochzeitsreise
steht Ihnen natürlich frei, aber ich würde Ihnen rathen,
dieselbe lieber im Sommer zu machen. Sie frieren dann
weniger. — Sie gehen dann meinetwegen nach der Schweiz
oder Süd-Tirol.“

Er schwieg eine Weile, klopfte dann dem glücklichen
Timpe junior abermals, und zwar etwas kräftiger als vordem, auf die Schulter und sagte wieder:

„Und das Schönste ist, Sie werden mein Kompagnon
werden. Es ist besser so, das Geld bleibt in der Familie . . .
Selbstverständlich wenn Sie wollen. Die Geschichte macht
sich, he?“

Franz begnügte sich Minuten lang mit einer stillen Verwunderung. Das plötzliche, greifbare Glück hatte ihn stumm
gemacht. Da lag die goldene Perspektive vor ihm, mit all
ihrem märchenhaften Zauber, in dem er bereits als Jüngling
in Gedanken geschwelgt hatte. Oh, was hatte das Schicksal
beschlossen, aus ihm zu machen! Er, der in der alten Ruine
da drüben geboren worden war, sollte der Kompagnon von
Ferdinand Friedrich Urban werden? Und ganz von diesem
Taumel ergriffen, vergaß er die reservirte Haltung, die er in
der letzten Zeit Urban gegenüber angenommen hatte, ergriff
voller Unterwürfigkeit dessen Hand und preßte einen Kuß
darauf.

„Sie werden mir ein zweiter Vater sein, Herr Urban,
nicht wahr?“ sagte er mit bittendem Augenaufschlag. „O,
wenn Sie wüßten, wie ganz anders es ist, in einem Vater
den gebildeten Mann zu sehen! Vielleicht verdammt man
mich, daß ich mich fast ganz von meinen Eltern losgesagt
habe, aber können die Kinder dafür, wenn die Verhältnisse,
unter denen sie geboren wurden, nicht gleichen Schritt mit
ihrer Erziehung und ihrer Bildung gehalten haben?“ . . .
O, Herr Urban, wenn Sie in mein Herz blicken könnten . . .“

Der kleine Chef fand diese Scene so rührend, daß er
das Gesicht abwandte, das rothseidene Taschentuch hervorzog,
und dasselbe dem Auge zuführte. Als er sich wieder umdrehte, sagte er voller Theilnahme:

„Herr Timpe, Sie sind ein Ehrenmann — seien Sie
versichert, es giebt in der ganzen Welt keinen Menschen, der
mehr mit Ihnen fühlte als ich. Nicht Sie sind zu verurtheilen, sondern Ihr Vater, der hartnäckig alte Prinzipien
vertritt. Das kommt davon, wenn man solche Jammersteine,
wie die da drüben, mehr liebt, als Ruhe und Frieden. Wie
glücklich könnten wir Alle mit einander leben, mein lieber
Timpe . . . O, man sollte es nicht glauben, aber es ist so:
die Welt steckt voller Bösewichte.“

Nach zehn Minuten hatten Beide sich über diese Angelegenheit beruhigt und besprachen dann rein geschäftliche
Dinge. Wenn Urban Jemandem eine Freude bereitete, so
verlangte er regelmäßig einen Gegendienst dafür; denn eine
der vielen Devisen, die seinen praktischen Standpunkt beweisen
sollten, lautete: Eine Hand wäscht die andere.

Es handelte sich abermals um einige komplizirte Modelle
Meister Timpe's, die er sehr zu besitzen wünschte. Natürlich
nur, um sich auf eine halbe Stunde „an ihrem Anblick“ zu
erfreuen, wie er beruhigend hinzufügte. Und um nun Franzen
gleich die richtige Rolle zu ertheilen, die er diesmal bei der
Ausbeutung fremden Eigenthums zu spielen haben werde,
redete er ihn mehrmals mit „lieber Kompagnon in spe“ an.
So hieß es denn hintereinander: „. . . Sie werden davon
überzeugt sein, daß es in unserem beiderseitigen Interesse
liegen muß, die Modelle einmal in die Hände zu bekommen,
um zu sehen, wie die Zusammensetzung ist. . . Aber mein
„lieber Socius“ — ich will nicht in Sie dringen, wenn schon
„unsere“ Firma einen bedeutenden Vortheil davon hätte, und
ich der festen Meinung lebe, daß es auf die Dauer gut sein
wird, wenn „wir Chefs“ zusammenhalten. . . . Ich stelle mir
die Sache nicht so schlimm vor. Sie besuchen Ihre Eltern
unter irgend einem Vorwand und — — und — — Oder
thun Sie es lieber nicht! Nein, nein, der liebe Gott bewahre
mich vor einer Sünde!“

Gerade die letzten Worte hatten genügt, um Franzen's
Entschluß zu befestigen. O, was für Rücksichten hat man nicht
als Geschäftsmann auf seinen Kompagnon zu nehmen! War
man nicht moralisch verpflichtet, dessen Interessen zu den
eigenen zu machen?

Drei Tage lang dachte er darüber nach, wie er es anstellen sollte, den abermaligen Wunsch Urban's zu erfüllen.
Hundert Mal nahm er sich vor, dem Hause seiner Eltern
frank und frei einen Besuch zu machen, aber die Scham hielt
ihn davon ab; noch mehr die Furcht vor seinem Vater, die
gerade jetzt entsetzlich auf ihn eindrang. Wenn der Alte ihm
die Thür wiese, ihn wie einen Schuljungen behandelte, angesichts der Gesellen . . .? Nein, . . . Sagte ihm
sein Gewissen auch, daß er eine derartige Behandlung verdient
habe, so wollte er sich ihr doch nicht zur Freude Anderer
aussetzen. Und doch, sollte er jetzt davor zurückschrecken, sich
Urban erkenntlich zu zeigen, jetzt wo die Göttin des Glücks
ihr Füllhorn vor ihm ausgestreut hatte, um ihn doppelt zu
belohnen? … Ein wahnwitziger Gedanke schreckte ihn aus
seinem Sinnen. Besaß er nicht einen Schlüssel zu seines
Vaters Haus, den er sich in der letzten Zeit seines dortigen
Aufenthaltes hatte anfertigen lassen? Wie — wenn er
mitten in der Nacht . . . seine Eltern hatten einen festen
Schlaf . . . die Thür zur Werkstatt war niemals verschlossen . . . die Lehrlinge schliefen oben in der Bodenkammer . . .

Noch schlug sein Gewissen laut genug, um ihm bei
diesen Gedankensprüngen den Schweiß auf die Stirn zu
treiben. Aber so oft er sich mit Gewalt von ihnen wandte
— sie kehrten zurück und peinigten ihn so lange, bis er sich
an den Schmerz gewöhnte, gleichgültig und abgestumpft gegen
ihn wurde . . .

Zwei Tage später, nahe um Mitternacht, schritten Krusemeyer und Liebegott langsam die schmale Straße entlang, in
der Timpe wohnte. Es war Mitte November, der Himmel
sternenklar, aber der Wind, der die dünne Schneeschicht wie
einen durchsichtig-weißen Schleier in die Höhe trieb und gegen
die Häuser fegte, von schneidender Kälte. Soweit das Auge
reichte, zeigte sich kein menschliches Wesen, außer den beiden
unzertrennlichen Beschützern der Bürgerruhe. Liebegott hatte
die Hände in die weiten Aermel seines Mantels gesteckt, und
Krusemeyer den breiten Kragen des Rockes über die Ohren
geschlagen. So trotteten die Beiden gemächlich in größter
Seelenruhe ihres Weges dahin.

„Ich möchte wissen, wo heute der Wind herkommt. Das
ist, als wenn einem das Messer an die Kehle gesetzt wird“,
sagte der Schutzmann, worauf der Wächter erwiderte:

„Aus 'nem Bäckerladen kommt er nicht; verlaß Dich
d'rauf.“

Nach diesem höchst lehrreichen Gespräche entstand abermals eine längere Pause, denn der Schnee hatte sich in die
Bärte gesetzt und die Kälte aus ihnen kleine Eiszapfen gebildet, die das Sprechen nicht gerade zur angenehmen Beschäftigung machten. Selbst die Philosophie war heute eingefroren. Sie thaute auch nicht auf, als die beiden Kumpane
an einem einsamen Thore Halt machten, Krusemeyer das
Fläschchen mit den Erhohlungstropfen aus der Tasche zog
und jeder ein herzhaftes Schlückchen zu sich nahm. Die einzige diesbezügliche Bemerkung Liebegott's war die, daß der
Winter immer schöner wäre, wenn er aus den Sommermonaten bestände.

Sie kamen bei des Drechslers Haus vorüber und bemerkten hinter dem Laden des letzten Fensters noch Licht.

„Timpe noch auf, das wundert mich“, sagte Liebegott.

„Der arme Meister! Er wird sich noch an seiner Drehbank quälen“, fiel Krusemeyer ein. „Wer hätte früher gedacht, daß es mit dem Alten in seinen späten Tagen noch
bergab gehen würde! Aber der Urban macht ihn „alle“, so
wenigstens sagte mir Beyer. Und bei alledem komme ich am
Schlechtesten weg; denn Thomas ist versessen darauf, bei dem
Alten auszuharren, und wenn er ein Hundegeld verdienen
sollte. Wie kann mein Mädel da aus dem Hause kommen?
Sie wird alt sein, wenn er sie heirathen kann, und da wird
sie ihm nicht mehr gefallen. . . . Wäre ich an seiner Stelle,
na —“ Er brach plötzlich ab, blieb stehen und spitzte die
Ohren.

„Hörst Du nichts, Liebegott?“ fragte er leise. „Ich glaube
man schrie um Hülfe — da drinnen bei Timpe's. Sollte
das am Ende ein Dieb sein, sollte wirklich mein Tag gekommen sein? . . .“

„Beruhige Dich, Du wirst es nicht erreichen, verlaß Dich
darauf . . . Das sind die Gespenster Deiner Phantasie“,
sagte Liebegott und setzte wieder den einen Fuß vor den
anderen. Aber der Wächter hielt ihn zurück, denn in demselben Augenblick ertönte ein lauter Schrei im Hause, dem die
Rufe folgten: „Hilfe, Diebe!“

Mit wenigen Sätzen war Krusemeyer am Eingange.
Aber bevor er die Klinke ergreifen konnte, wurde die Thür
von innen geöffnet und eine dunkle Gestalt stürzte
bei ihm vorüber und die Straße hinunter. Es
war Franz, der die Modelle in der Tasche, keine
Ahnung davon hatte, daß der Großvater in der guten Stube
schlief, von der aus eine Thür zum Arbeitszimmer des Vaters
führte. Ein Blick des Wächters hatte genügt, um in dem
Fliehenden den Sohn Meister Timpe's zu erkennen. Er
wollte ihn festhalten, ihm nacheilen, aber wie vom Schrecken
gelähmt, stand er rath- und bewegungslos da. Das Einzige,
was er zu thun vermochte, war, daß er in seiner Herzensangst zu Liebegott sagte:

„Wirklich ein Dieb, lauf' ihm nach, halt ihn fest!“

Und des Schutzmanns ungeschlachter Körper bewegte sich
in möglichster Schnelligkeit nach der Richtung zu, die Franz
genommen hatte. Jedoch konnte man mit ziemlicher Bestimmtheit bereits vorhersagen, daß Liebegott's Verfolgung trotz
bestem Willen nicht von Erfolg gekrönt sein werde. In
einiger Entfernung ertönte noch die Nothpfeife des Schutzmanns; dann war auch die letzte Spur von ihm verschwunden.

Im Hause schallten die Hülferufe Gottfried Timpe's,
wenn auch schwächer noch fort. Dazwischen wurde die Stimme
des Meisters vernehmbar; und dann auch die Jammerlaute
Frau Karolinens, die jäh aus dem Schlafe erschreckt worden
war und nicht wußte, worum es sich handelte. Als der Wächter
laut an die Thür der Wohnstube klopfte, öffnete ihm Johannes,
der nur nothdürftig bekleidet war.

„Haben Sie ihn? Wer war es?“ fragte er mit einer
Stimme, bei der der Wächter erbebte.

Krusemeyer schüttelte mit dem Kopfe. Ein paar Augenblicke überlegte er. Sollte er diesen Vater tödten, wenn er
ihm den Namen seines Sohnes nannte — ihn, der Besten
einen, dem die Ehrlichkeit das Haar gebleicht hatte? Eine
Minute lang kämpfte es in seiner Brust, dann hatte das Mitleid gesiegt.

„Liebegott ist ihm nach; es war ein „zerlumpter Kerl“,
sagte er dann und athmete tief auf, als er die Worte hervorgestammelt hatte.

Er möge schnell zum Arzt laufen, bat ihn der Meister.
Der Großvater sei aus dem Bette gesprungen und liege
drinnen auf der Diele. Krusemeyer entfernte sich eiligst.

Als der Meister zurück ins Zimmer kam, erblickte er
Frau Karoline damit beschäftigt, ihre ganze Kraft anzuwenden,
um die magere Gestalt des Großvaters emporzurichten.
Er lag vor der halbgeöffneten Thür, die zur Modellstube führte. Seitdem der erste Diebstahl im Hause
bekannt geworden war, hatte er keine Nacht ruhig
schlafen können. Ueberall witterte er Diebe, und das leiseste
Geräusch genügte schon, um ihn aus dem Schlafe zu schrecken
und laut nach Johannes oder Karolinen rufen zu lassen. So
war es auch in dieser Nacht. Als im Nebenzimmer die
Holzmodelle, die an der andern Seite der Wand hingen, wo
sein Bett stand, gegen einander klapperten, war sofort die
alte Furcht über ihn gekommen. Er hatte sich aufgerichtet
und gelauscht, dann mit der Kraft der Verzweiflung sich aus
dem Bett erhoben und auf allen Vieren bis zur Thür geschleppt, als diese plötzlich geöffnet wurde und Lichtschimmer
ihn blendete. Nun rief er um Hülfe. Seine Hände hatten
die Knie Franzens umspannt und dann dessen Hand ergriffen und sie befühlt. Die Entdeckung, die sein Tastsinn
gemacht hatte, war für ihn eine grauenhafte. Noch einige
Male stieß er seine Rufe hervor, dann versagte ihm die
Sprache.

Er bot einen jammervollen Anblick dar. Der Meister
und sein Weib wollten ihn in sein Bett tragen, er aber
wehrte ab, und so setzte man ihn auf einen Lehnstuhl und
umhüllte ihn mit Decken. Johannes kniete vor ihm und
hielt die eine welke Hand, während Karoline die andere erfaßt
hatte. So saß er fünf Minuten lang da, ohne zu sprechen,
aber kurz und schnell nach Athem ringend.

„Mein Vater“, sagte der Meister ein über das andere
Mal, während Karolinens Hand sanft über den kalten
Schädel glitt.

Gottfried Timpe versuchte sich emporzurichten, der Mund
öffnete sich halb und seine erloschenen Augen richteten sich
starr auf einen Punkt. Er wollte sprechen. Johannes verstand ihn. Er beugte sich tief zu ihm hernieder. Mit Anstrengung deutete der Greis nach der Thür der Modellstube.

„Dein Sohn — ein Dieb — die Zuchtruthe — —“,
flüsterte er in abgebrochenen Lauten, aber deutlich vernehmbar
für Johannes.

Dann fiel er wieder zurück; der Kopf neigte sich weit
auf die Brust, und die Arme hingen schlaff herunter.

„Gott er stirbt!“ schrie der Meister laut auf; und diesem
Schrei folgten die Verzweiflungsworte: „Vater, Vater, was
ist Dir?“

Beide warfen sich gleichzeitig über den Körper, fühlten den
Puls, drehten den Kopf nach allen Seiten, tasteten auf dem
mageren Körper nach dem Herzen — es war zu spät:
Gottfried Timpe war erlöst von seinem Leben in ewiger
Nacht, Schrecken und Entsetzen hatten ihn getödtet.

Sie richteten das Haupt hintenüber und blickten ihm mit
verschlungenen Armen lange in's bleiche Antlitz, dann löste
sich der grenzenlose Schmerz Johannes' in heiße Thränen
auf, die durch keinen Laut entheiligt wurden. Die treue
Ehehälfte setzte sich still bei Seite und schluchzte leise hinter
ihren Händen.

Dann kam Krusemeyer mit dem Arzt, der nun seines
letzten Amtes noch zu walten hatte. Und hinter den Beiden
zeigte sich auch das behelmte Haupt Liebegott's, der unverrichteter Sache nach dem Orte der That zurückgekehrt war.
Und als er nach einer Viertelstunde draußen auf der Straße
Krusemeyer fragte, ob er sich die Gesichtszüge des Diebes
eingeprägt habe, erwiderte dieser kurz und bündig:

„Und wenn Du mich todtschlägst, Liebegott, ich kann es
Dir nicht sagen. Es giebt Augenblicke, wo der Mensch blind
ist und nichts sieht. Und doch wünschte ich, der Schuft hinge
am Galgen, denn er hat nicht nur gestohlen, sondern auch
gemordet …“

XIII.
Timpe's Versuchung.

Seit dieser Nacht ging Johannes Timpe wie ein verschlossener Mensch umher, der Jedermann ausweicht,
weil er befürchtet, nach Dingen gefragt zu werden, die
ihn in Verlegenheit bringen würden.

An dem Tage bereits, an dem man die irdische Hülle des
Großvaters zu Grabe getragen, hatten Jamrath, Deppler und
Anton Nölte, die den Meister erst wenige Tage vorher gesehen hatten, sich gegenseitig ihr Erstaunen über sein verändertes Aussehen zugeflüstert.

Er machte in der That den Eindruck, als wäre er plötzlich um zehn Jahr älter geworden. Die entsetzliche Enthüllung,
die ihm die letzten Worte Gottfried Timpe's gebracht hatten,
lasteten wie das Bewußtsein eines selbstbegangenen Verbrechens
auf seiner Seele. Am Tage des Begräbnisses war die Nachricht eingetroffen, daß Franz krank sei und das Zimmer nicht
verlassen dürfe. Dafür hatte er einen großen Kranz gesandt,
der dem Großvater mit in die Gruft gelegt werden sollte.
Nun fand Johannes erst recht eine Bestätigung der Anklage
seines Vaters. Trotz der Trauer war eine stumme Wuth
bei ihm hervorgebrochen. Er hatte im Geheimen den Kranz
in Stücke zerissen und ihn mit den Füßen zertreten.

Die ersten Wochen, die diesen Begebenheiten folgten,
waren die entsetzlichsten in des Meisters Leben. Er schlich
fast nur umher, betrat nur in den nothwendigsten Fällen die
Werkstatt und schloß sich stundenlang in seiner Arbeitsstube
ein. Sprach ihn einer der Gesellen an, um ihn nach etwas
zu fragen, so schreckte er zusammen; und es bedurfte erst
einer Wiederholung der Frage, um ihn aus der halben Betäubung, in der er sich befand, zu erwecken. Alles in Allem
bot er das Bild eines an Körper und Seele gebrochenen
Menschen. Thomas Beyer meinte eines Tages, der Meister
sähe aus, als wäre er eine Weile lebendig begraben gewesen
und wieder zum Leben erweckt worden. Wenn die anderen
Gehilfen die Veränderung des Meisters dem plötzlichen
Tode des von ihm so sehr geliebten Vaters zuschrieben, so war der Altgeselle wie gewöhnlich anderer Meinung und blickte tiefer. Timpe hatte keine
Silbe von dem nächtlichen Diebstahle erwähnt, wohl aber
hatte Beyer von Krusemeyer davon erfahren, wenn auch der
Wächter ihm ebenfalls die Geschichte von dem „zerlumpten,
graubärtigen Kerl“ erzählt hatte. Am Auffallendsten war es
Beyer, daß über den nächtlichen Vorfall keine Anzeige erstattet wurde. Als er Krusemeyer seine Verwunderung darüber aussprach, meinte dieser, Timpe wolle keine Scherereien
haben; umsoweniger, da er keinen Schaden erlitten habe,
denn es sei nichts gestohlen worden. Der Meister habe auch erklärt, er könne an die Wirklichkeit des Vorganges gar nicht glauben,
er müsse alles für eine Vision oder einen bösen Spuk halten.

Und Visionen hatte Timpe auch am hellen Tage. Wo
er ging und stand, sah er den Großvater in seinen letzten
Augenblicken: wie er mit halberloschenem Auge nach der
Thür deutete, vor der er zusammengebrochen war — hörte er
ihn die fürchterliche Anklage aussprechen: „Dein Sohn, ein
Dieb!“ Und dieses letzte Wort gellte dem Meister in tausend
verschiedenen Tonarten entgegen: Früh, wenn er sich von
seinem Lager erhob, den ganzen Tag über, des Abends, wenn
er sich zur Ruhe legte und des Nachts, wenn er aus wildem
Traume erwachte. Einstmals hatte er im Schlafe laut um
Hilfe gerufen, so daß Karoline bestürzt Licht machte
und vor Furcht zitternd ihn weckte. Als er die Augen
aufschlug, war er förmlich in Schweiß gebadet. Es war
ein schlimmer Traum gewesen: Die Polizeibeamten hatten
seinen Sohn gefesselt, um ihn als Verbrecher ins Gefängniß zu führen und er wollte sich dem mit Gewalt
widersetzen. Schließlich packte man auch ihn, um ihn wegzuführen. Die Gewalt hatte ihm im Schlafe die Zunge
gelöst.

Die Erinnerung an dieses Traumgespenst wirkte nur
noch niederdrückender auf ihn, denn es hatte ihm die ganze
Verworfenheit seines Sohnes verkörpert vor die Augen geführt. Was er am meisten befürchtete, war, daß irgend
Jemand seinen Sohn in jener Nacht erkannt haben und daß
sein Name dadurch öffentlich entehrt werden könnte. Im Geheimen horchte er überall herum, ob sein Verdacht begründet
sei. Fast allabendlich suchte er den Stammtisch bei Jamrath
auf und blieb länger als sonst beim Biere. Sämmtliche
Gäste wußten vom plötzlichen Tode des alten Timpe und
auch von dem angeblichen Diebstahl, denn Krusemeyer und
Liebegott hatten davon gesprochen. Kam dann das Gespräch
zufälligerweise auf den Vorfall, so spielte der bekannte „zerlumpte, graubärtige Kerl“, seine Rolle. Der Meister athmete
auf und ging befriedigt nach Hause. Auch Krusemeyer und
den Schutzmann forschte er noch einige Male aus; um ganz
sicher bei ihnen zu gehen, sprach er von ihren „Luchsaugen“,
so daß der Hüter der Nachtruhe sich betroffen abwandte, um
seine Verlegenheit zu verbergen.

„Dieser Spitzbube!“ sagte er einmal zu Krusemeyer.
„Schade, daß er Ihnen entwischt ist. Es wäre doch schön
gewesen, wenn wir ihn auf frischer That ertappt und ihm das
fünfte Gebot auf dem Rücken eingeprägt hätten . . . Also
einen grauen Bart hat er gehabt? Der ist gewiß im Zuchthause gereist. Ja, ja, lieber Krusemeyer, wenn man wie Sie
noch gesunde Augen hat.“

Und während er das sagte, blickte er den Wächter listig
an, um aus dessen Mienenspiel zu ersehen, wie seine Worte
aufgenommen wurden. Krusemeyer machte zu dieser
Schmeichelei das Gesicht eines Menschen, der nicht weiß, ob
er weinen oder lachen soll und sagte schließlich voller Ueberzeugung: „Liebegott und ich gehören zur Polizei, und die
sieht alles, auch wenn sie die Diebe manchmal nicht bekommt.“ Seine Gedanken aber lauteten: Wenn Du wüßtest,
was ich weiß, armer Meister Timpe!

Es war ein richtiges Versteckenspiel, das sie widerwillig
trieben.

Auch in der Nachbarschaft spionirte Timpe, um schließlich
zu demselben Resultat zu gelangen. Niemand theilte mit ihm
sein Geheimniß. Wenn auch in dieser Beziehung Beruhigung
über ihn kam, so änderte das sein Wesen doch nicht. Er wandelte
noch scheuer als sonst umher. Das Bewußtsein, daß trotz alledem
sein Sohn ein Dieb war, wich nicht von ihm; und der
Gedanke, daß er der einzige Mensch auf Erden sei, der um
die That Franzens wisse, sie aber um seines Namens willen
nicht zur Sühne bringen dürfe, ließ ihn in der Einbildung
leben, daß auch er theilhaftig an einem Verbrechen, daß auch
sein Gewissen für ewige Zeiten belastet sei. Und das erweckte
in ihm ein Gefühl der Furchtsamkeit, der Selbsterniedrigung,
so daß die leiseste Hindeutung auf die Unglücksnacht genügte,
um ihn in die größte Angst zu versetzen.

Eines Nachmittags betrat er die Werkstatt, als gerade
der Name seines Sohnes genannt wurde. Thomas Beyer
war Franz begegnet, dieser aber wie mit Absicht nach der
anderen Seite der Straße gegangen, um ihm auszuweichen.
Der Meister zitierte vor Schreck, brauste dann aber auf, sodaß die Gesellen zusammenfuhren.

„Sie haben sich garnicht von meinem Sohne zu unterhalten, zumal hinter meinem Rücken,“ sagte er erregt zu dem
Altgesellen. „Ich verbiete Ihnen das ein- für allemal.“

Er drehte sich kurz um und schritt wieder seinem Arbeitszimmer zu. Thomas Beyer schwieg, blickte ihm aber kopfschüttelnd nach. Nach einer Weile rief ihn Timpe zu sich
herein, bat für seine vorherige Unhöflichkeit um Verzeihung
und forschte nach verschiedenen Dingen: wie Franz aussehe, was er für einen Eindruck auf Beyer gemacht habe,
ob er hier bei seinem Hause vorübergegangen sei u. s. w.

Dabei hafteten seine Augen auf des Altgesellen Lippen;
und die Hast, mit der er fragte, das nervöse Zittern der
Hände, die ihre einstige Ruhe verloren hatten, bewiesen Beyer
nur zu sehr, wie krankhaft das Gebahren Timpe's war. Und
als er von dem stattlichen Aeußern des Sohnes sprach und
Timpe dabei langsam sein Haupt senkte, als wolle er sich in
süße Erinnerungen versenken, zeigte sich, wie sehr das Herz
des Meisters noch an seinem ihm fremd gewordenen Kinde
hing. Aber er ermannte sich bald wieder. Er schämte sich
seiner Weichheit nach all den Erfahrungen, die er mit Franz
gemacht hatte.

„Wenn Sie einmal einen Sohn bekommen sollten, lieber
Beyer“, sagte er rauh, dann vergessen Sie nicht, ihm frühzeitig die Zuchtruthe zu geben, wie Großvater selig zu sagen
pflegte. Und merken Sie bei Zeiten, daß der Junge Ihnen
eines Tages den Stuhl vor die Thür setzen könnte, dann
bitten Sie den lieben Gott, er möge das Kind lieber wieder
zu sich nehmen. Besser, daß es stirbt, als daß es lebt zum
Hohne seiner Eltern.“

„Entsinnen Sie sich noch Meister, was ich Ihnen vor
Jahren an einem Donnerstag im Garten gesagt habe? Ich
meine die Geschichte von den Sperlingskindern, die solange
mit den Stieglitzen verkehrten, bis sie sich selbst für solche
hielten . . . Es ist alles so eingetroffen: Sie sind der kleine
Vater, auf den der lange Schlingel von Sohn herabblickt.
Ich will offen wie immer reden: Hätten Sie Ihren
Sohn ein Handwerk lernen lassen, so wäre er
bei den einfachen Sperlingen geblieben und hätte sich
nimmer seines schlichten Gefieders geschämt. Die Sucht vieler
Eltern aus Ihrem Stande, die Kinder etwas Größeres
werden zu lassen, als sie selber sind, trägt viel dazu bei, den
„goldenen Boden“ immer mehr zu durchlöchern, bis nichts
mehr von ihm vorhanden sein wird . . . Sehen Sie, Meister,
da habe ich neulich einen Vortrag gehört über die Zuchtwahl.
So ist es auch mit dem Handwerk. Wenn die Meister ihre
Söhne zu guten Handwerkern machten und die Söhne diesem
Prinzipe ihren dereinstigen Kindern gegenüber treu blieben,
so würden immer wieder aufs Neue kräftige Generationen
entstehen, die ein gutes Fundament unter den Füßen hätten.
Und wo das ist, da ist bekanntlich gut bauen.“

Er machte eine Pause, während welcher Timpe zustimmend nickte. Dann begann er aufs Neue:

„Meister, Sie sind einer der besten Menschen, die ich
kennen gelernt habe. Sie haben Niemandem etwas zu Leide
gethan, haben von früh bis spät fleißig gearbeitet, sind gerecht
gegen Jedermann gewesen, und doch hat es den Anschein, als
wären Sie auf der Welt überflüssig, als würde die Großindustrie eines Tages siegreich über Sie hinwegschreiten. Meister,
Sie müßten blind sein, wenn Sie nicht einsähen, daß das
Heil nur in der Sozialdemokratie liegt. Treten Sie zu uns
über, besuchen Sie unsere Versammlungen — heute Abend
schon! Geben Sie Ihre Stimme bei der nächsten Reichstagswahl einem Manne aus dem werkthätigen Volke, der die
Leiden der Kleinmeister kennt, der mit beredten Worten Ihre
Rechte vertreten wird. Dann wird auch für Sie der Tag der
Vergeltung kommen — gegen den da drüben, der einen einzigen
Treibriemen höher schätzt, als die Existenz von hundert Familien;
der Ihnen das letzte Stück Brod aus dem Munde wegnehmen
wird, so wahr ich Thomas Beyer heiße. Die Welt läuft
nicht rückwärts, denn sie muß vorwärts gehen. Ich weiß, Sie
sind ein gottesfürchtiger Mann, aber Gott will nicht, daß ein
Gerechter leide um hundert Ungerechter willen. Und selbst die
Könige sind doch demüthig vor Gott . . . Schlagen Sie ein
Meister — solche Leute können wir gebrauchen.“

Während der Altgeselle sprach, hatten die Wangen seines
männlichen Gesichts sich leicht geröthet. Die Augen leuchteten,
das Antlitz hatte sich verschönert. Beyer hatte nichts von
einem Fanatiker. Es sprach aus ihm die Anschauung eines
ehrlichen Menschen, der im Stande ist, sich bis zur
Schwärmerei zu versteigen, wenn es sich um die Vertheidigung
seiner Idee handelt. Seine Stimme klang weich, und in der
Ruhe, mit der er zu sprechen pflegte, lag etwas Seltsames,
Bestrickendes, dem Seinesgleichen nicht zu widerstehen vermochten. Er gehörte zu den Leuten, deren Rede man
gern lauscht, weil sie immer etwas von Interesse zu sagen
haben.

Er war auf Timpe zugetreten und hatte seine Hand
auf dessen Schulter gelegt. Und nun zuckte der Meister, der
ihm ohne Unterbrechung zugehört hatte, zusammen und trat
einen Schritt zurück. Es war ihm, als stände in diesem
sonderbaren Menschen, den er seit mehr denn zwanzig Jahren
noch nie so gesehen hatte wie heute, plötzlich eine veränderte
Gestalt vor ihm, ein böser Dämon, der ihn in Versuchung
führen wolle.

Sein ganzes Ich, sein besseres Selbst bäumten sich auf
bei der Zumuthung des Gesellen. Er, der königstreue Handwerker, der seine Liebe zur Monarchie und angestammten
Herrscherhause während eines Menschenalters nicht verleugnet
hatte, sollte am Spätabende seines Lebens seiner tiefeingewurzelten Anschauung untreu werden und zur Sozialdemokratie übertreten: jener blutrothen Fahne zuschwören, die
dereinst über die Leichenfelder der halben Menschheit hinweg
dem Sturmschritt der Massen als Siegeszeichen vorangetragen
werden sollte? Er, ein Anhänger der Umsturzpartei der
sozialen Revolutionäre? Im Augenblick erschien ihm schon
der bloße Gedanke an diese Möglichkeit wie ein Verbrechen.
Er dachte an die patriotische Gesinnung Gottfried Timpes
und wie oft ihm dieser von Franz David Timpe
erzählt hatte, als von einem Manne, der zwei
Königen treu gedient hatte. Ganze Generationen seines
Stammes hatten Gott und den Herrscher gefürchtet und geliebt, und nun sollte er — — ? Er vollendete den Gedankensatz nicht, denn sein Entschluß stand fest trotz Schicksalsschlägen, beginnendem Ruin und dem Körnchen Wahrheit, das
in Beyer's Worten lag.

„Niemals, niemals!“ sprach er mit der Stimme der
Ueberzeugung und wandte seinem Gesellen den Rücken.

Thomas Beyer aber begann aufs Neue auf ihn einzureden — mit der Zähigkeit eines Agitators, der alle Gründe
ins Gefecht führt, um zu siegen und zu triumphiren. Immer
röther färbte sich sein Gesicht, immer heller leuchteten die
Augen, immer beredter wurden die Lippen.

„Meister, jeder Mensch ist das Produkt seiner Verhältnisse. Die moderne Gesellschaft mit ihrem Produktionsschwindel
hat Sie auf dem Gewissen … Die Leute, die Sie zu
Grunde richten, sind Ihre natürlichen Feinde, gegen welche
Sie sich aufbäumen müssen, um wieder zu Ihrem Rechte zu
gelangen. Gehen Sie, wohin Sie wollen — nur bei uns
wird man Ihnen die Hand reichen, denn wir sind Ihre
einzigen wahren Freunde. Die Armuth kann niemals heucheln,
sie giebt sich immer wie sie ist. Meister, Meister, kommen
Sie zu uns und beten Sie den neuen Heiland an.“

Timpe war das zu viel. Man sollte ihn nicht für schwach
halten. Außerdem war er hier noch Herr im Hause, der bei
aller Rücksicht und Toleranz gegen seine Arbeitnehmer eine
derartige Propaganda nicht dulden durfte.

„Genug jetzt, Beyer,“ sagte er mit leichtem Zorne. „Das
sind Phrasen, weiter nichts als Phrasen, mit denen Sie die
Dummen fangen können, nicht aber aufgeklärte Männer. Sie
sind mir ein tüchtiger Arbeiter und auch lieber Freund geworden, wenn Sie aber derartige Gespräche nicht lassen
können, so müssen wir uns in aller Güte trennen . . .
Gehen Sie!“

Der Altgeselle lächelte leicht und schien nicht im Geringsten berührt von den letzten Worten.

„Ich habe mir gelobt, bei Ihnen auszuhalten, so lange
noch ein Stück Arbeit vorhanden ist, Meister; dabei bleibt
es,“ erwiderte er, drehte sich kurz um und entfernte sich.
An der Thür aber blieb er wieder stehen und sagte mit der
Stimme und Geberde eines Propheten: „Meister, Meister,
Sie werden einmal anders denken.“

Timpe war ärgerlich geworden, sodaß er ein Selbstgespräch eröffnete, worin die Worte „Narrenspossen“ —
„Seelenfängerei“ und „sozialistischer Unsinn“ eine Hauptrolle
spielten. Das hatte gerade noch gefehlt, daß man ihm in
seinem seelischen und geschäftlichen Elend noch mit der Politik
kam, um ihm den Kopf gänzlich zu verwirren. Und doch
mußte er sich während der nächsten halben Stunde immer
wieder die Worte des Altgesellen ins Gedächtniß zurückrufen.
Hatte er nicht dem Staate Jahrzehnte hindurch als treuer
Bürger gedient, seine Pflichten als solcher vollauf erfüllt?
Wo war nun der Schutz, der ihn vor dem sicheren Verderben
bewahrte?

Zu dem tiefen Herzenskummer um seinen Sohn, zu den
sonstigen Bekümmernissen des Lebens gesellte sich nun auch
der Zwiespalt zwischen Bürgerpflicht und dem Zweifel an der
Richtigkeit seiner bisherigen Ueberzeugung. Oft grübelte er
stundenlang nach, ohne jemals mit Beyer darüber ein Wort
zu wechseln, denn der Stolz hielt ihn davon ab. Das Schlimmste
war, daß ein bitterer Menschenhaß anfing, nach und nach
seine Seele zu befruchten.

Gleich nach Weihnachten sprach die ganze Nachbarschaft
nur noch von der bevorstehenden Hochzeit seines Sohnes mit
Emma Kirchberg. Ließ er sich irgendwo sehen, so stand die
erste Frage, die man an ihn richtete, mit diesem Ereigniß in
Verbindung.

„Nun, Herr Timpe, haben Sie Ihren alten Bratenstecher schon hervorgeholt?“ fragte ihn Nölte eines
Mittags, als er vor der Hausthür stand. „Da werden
Sie einmal wieder Staat machen und den Galanten
spielen können . . . Und Ihre Frau — wie werden
alte Erinnerungen bei ihr auftauchen! Ja, ja — so eine
Hochzeit unter feinen Leuten, die lobe ich mir. Wissen Sie
— wenn Sie so eine Pulle mit Wein bei Seite schaffen
können, dann denken Sie an mich. Du, mein Gott, ich würde
mich schon freuen, wenn ich nur einmal am Korken riechen
könnte. Und meine Minna erst und die Kinder —“

Timpe gerieth in Verlegenheit. Dann lächelte er gezwungen und erwiderte: „Ja, das wird schön werden . . Ich
werde an Sie denken, lieber Nölte.“

Als er sich wieder im Hause befand, mußte er an sich
halten, um nicht laut aufzuschluchzen. Es war immer noch
die weiche Stimmung, die ihn überkam, wenn er an das Glück
seines Sohnes dachte, dem er fern bleiben mußte.

Am ersten Neujahrstage traf ein seltenes Ereigniß ein.
Als der Meister, durch Frau Karoline gerufen, die gute Stube
betrat, fand er eine elegant gekleidete junge Dame vor, der
die Meisterin den Ehrenplatz auf dem Sopha eingeräumt
hatte. Das ganze Zimmer duftete nach dem Parfüm der
Besucherin. Es war Fräulein Emma Kirchberg, die er erst
erkannte, nachdem sie ihren Schleier gelüftet hatte. Timpe
traute seinen Augen nicht. Bis er sich von seiner Ueberraschung erholt hatte, fragte er höflich aber gemessen nach
dem Begehr des „gnädigen Fräuleins“. Aus jedem Worte
klang der Groll gegen die feindliche Nachbarschaft. Er polterte
die Frage so rauh hervor, daß Karoline, die sich allem Anscheine nach sehr freundlich mit Urban's Stieftochter unterhalten hatte, ein erschrecktes Gesicht zeigte und ihn durch
Zeichen bat, seine Heftigkeit zu zügeln. Er aber nahm keine
Rücksicht. Gehörte Emma nicht zur „Sippschaft da drüben“,
die sein Unglück beschlossen hatte, mußte sie nicht mit Franz
unter einer Decke stecken, also auch wissen, wie das Verhältniß zwischen Vater und Sohn lag? Was wollte sie also hier?
War sie gekommen, um sich an seinen Qualen zu weiden?

Emma hatte sich sofort erhoben und ihm die Hand
entgegengestreckt. Sie glaubte dem unfreundlichen Auftreten
des Meisters mit so größerer Liebenswürdigkeit begegnen zu
müssen.

„Gestatten Sie mir, Herr Timpe, Ihnen meine aufrichtigsten Glückwünsche zum neuen Jahre auszusprechen“,
sagte sie mit der ganzen Herzlichkeit, die ihr zu Gebote stand.
„Wenn Ihre Meinung von mir nicht gar zu schlecht ist, so
werden Sie von der Wahrhaftigkeit meiner Gefühle für Sie
überzeugt sein. . . .“

Sie wollte noch etwas hinzufügen, aber stutzte nun doch.
Timpe hatte sich nicht vom Flecke gerührt, zeigte auch nicht
die geringste Neigung, die dargereichte Hand zu ergreifen, so
seltsam er auch von dem Klange der weichen Stimme und
dem bittenden Ausdruck der Augen berührt wurde. Der
Kummer, der seit Jahren an ihm fraß, der unauslöschliche
Haß gegen Urban und Alles, was zu ihm gehörte, hatten
ein krankhaftes Mißtrauen in ihm erweckt, das ihn in jedem
Menschen außerhalb des Hauses einen Feind erblicken ließ,
dem er nicht trauen dürfe. Wo war seine bei Jedermann
sprichwörtlich gewesene Höflichkeit geblieben, wo die vielen
Verbeugungen, die er stets bereit hatte, wenn ein „feiner
Besuch“, wie er zu sagen pflegte, ihn beehrte? Wie er so
dastand, die Arbeitsmütze in der linken Hand, die rechte im
Brustlatz seiner Schürze verborgen, war er nur noch der
eckige, rauhe Handwerker, der durch des Lebens Verdruß gestachelt, eine Genugthuung darin fand, herausfordernd zu erscheinen.

Er hatte die Absicht, kurz und bündig zu erklären, daß
er nicht die geringste Gemeinschaft mehr mit „Denen da
drüben“ haben wolle, als seine getreue Ehehälfte, die ihm
den Unmuth vom Gesichte abgelesen hatte, sich in's Mittel
legte.

„Johannes, das Fräulein hat Dir doch nichts gethan,
es meint es ja so gut. Wer wird denn einen Glückwunsch
zurückweisen“, sagte sie vorwurfsvoll. Das milderte seine
Rauhheit.

„Ach so — Sie sind nur gekommen, um uns Ihre
Neujahrs-Gratulation zu überbringen, Fräulein. — Das
ändert die Sache — gewiß. Das ist 'was anderes . . . .
Schönsten Dank also, und ich wünsche Ihnen von Herzen
dasselbe, trotzdem Sie es wohl nicht gar so nöthig haben
werden.“

Und nun streckte er ihr die Hand entgegen, die sie mit
ihrer zart-umlederten ergriff und herzhaft drückte.

Es entstand eine peinliche Pause. Timpe hatte sich dem
Fenster zugewandt, Frau Karoline blickte stumm zu ihm hinüber, und Emma glättete mit der Hand den Pelz ihres Muffs.
Sie sah blaß aus; man wußte nicht, ob von dem Schein des
Schnees, der draußen lustig wirbelte, oder von dem kalten
Empfange, der ihr hier zu Theil geworden war. Sie hatte
sich sehr zu ihrem Vortheil verändert. Ihre Gestalt war
voller geworden und auch ihr Gesicht hatte sich gerundet.

Endlich, als sie vergeblich auf einige weitere Worte des
Meisters gewartet hatte, begann sie in der Unterhaltung fortzufahren.

Verzeihen Sie, Herr Timpe, wenn ich trotz Ihrer Abweisung, von der ich nicht weiß, ob ich sie verdient habe, die
Sie mir aber deutlich genug zu verstehen geben, mich nicht
gleich entferne. Ich bin aber gekommen, um etwas gut zu
machen, und wegen des schweren Unrechts, das man Ihnen
angethan hat, um Verzeihung zu bitten. Für meine Person
wenigstens . . . . Ich bin hier erschienen, um Ihre gute
Frau und Sie im Namen meiner Mutter zu unserer Hochzeit einzuladen . . .“

Vom Fenster her erschallte ein lautes Lachen, das so jäh
hervorquoll, daß die Meisterin bestürzt einen Schritt vorwärts
that und Emma erbebte.

„Dachte ich's doch, dachte ich's doch — daß man noch
kommen würde, mich obendrein zu verhöhnen. Fehl gegangen,
mein gnädigstes Fräulein. Ich sage, fehlgegangen! Alle
Hochachtung vor Ihnen — Sie sind eine liebenswürdige Dame,
gewiß, das sind Sie! Auch meinen schönsten Dank für Ihre
Freundlichkeit! Aber es ist zu allen Zeiten immer dasselbe
gewesen: Ein Vater kann nur von einem Sohne zu dessen
Hochzeit eingeladen werden, wenn er einen solchen besitzt.
Aber ich, ich habe keinen! Bestellen Sie das gefälligst
Ihrer gnädigen Frau Mama. Verstehen Sie auch recht:
Ich habe keinen Sohn. … Und wenn er selbst hier vor
meinen Knieen läge und mit tausend Schwüren es beeidete,
daß ich sein Vater sei, so sage ich ihm in's Gesicht hinein:
Du lügst! Denn das Blatt, das vom Baume losgetrennt ist,
hat keine Gemeinschaft mehr mit dem Stamm. So wahr ich
Johannes Timpe heiße und in Ehren grau geworden bin, so
ist's und so soll's bleiben, so lange mir der liebe Gott das
Leben schenkt.“

Er zitterte am ganzen Leibe, das Antlitz war vor Erregung fahl geworden, und die rechte Hand hatte sich geballt.
Karoline war auf ihn zugetreten, um ihn ernstlich zu beschwichtigen. So hatte sie ihn noch nie gesehen.

„Vater, Du gehst zu weit. Er trägt unsern Namen …“

Er dachte an den Diebstahl und wollte sich hinreißen
lassen, das Wort „ehrlos“ zu gebrauchen; aber er bezwang sich.
Das fürchterliche Geheimniß, um das er allein wußte, sollte
mit ihm zu Grabe getragen werden. So sagte er denn mit
erzwungener Ruhe:

„Das ist nicht zu leugnen; aber er trägt den Namen
seines Vaters, nicht seinen eigenen. Und so wenig eine
Heerde von Hammeln dafür kann, wenn ein räudiger in ihr
sich befindet, so wenig kann man es einer Familie zur
Last legen, wenn eins ihrer Mitglieder aus der Art geschlagen ist.“

Das Ehepaar hörte ein leises Schluchzen. Als sich
Beide umdrehten, sahen sie Emma, wie sie auf das Sopha
niedergesunken war und die Augen mit ihrem Taschentuch
bedeckt hielt. Die Meisterin eilte sofort auf sie zu, legte die
Arme liebevoll um ihre Schulter und fragte:

„Was ist Ihnen, Fräulein? Sie weinen? Um Himmels
willen!“

Statt der Antwort wurde das Schluchzen stärker. Die
ganze Gestalt war gepackt von der Erschütterung, die über sie
gekommen war. Endlich brachte sie die Worte hervor: „O,
lassen Sie mich weinen, es thut mir wohl.“

Auch der Meister war nun bestürzt, trat auf sie zu und
sagte so freundlich, als er es in diesem Augenblick vermochte:
„Fassen Sie sich, gnädiges Fräulein. Wenn ich Sie durch
irgend etwas beleidigt haben sollte, so bitte ich vielmals um
Entschuldigung, vielmals . . . Aber ich bitte Rücksicht auf
den Vater zu nehmen, dem der Groll mit dem Herzen durchgeht. Nochmals: ich bitte vielmals um Verzeihung. Und
wenn ich meine letzten unschicklichen Worte wieder gut machen
kann, so soll es geschehen. Wohlverstanden: soweit es in
meinen Kräften steht.“

„Sie können es, Herr Timpe.“

Sie hatte sich plötzlich erhoben, war vor ihm auf die
Kniee gefallen und blickte mit von Thränen umschleierten
Augen zu ihm empor. Und jedes Wort, daß sie jetzt sprach,
schien zugleich mit einem Schluchzen aus der Kehle zu
quellen.

„Mag Franz nicht recht an Ihnen gehandelt haben,
mag er vergessen haben, was er Ihnen schuldig ist, ich
kann darüber nicht richten, denn ich liebe ihn von ganzem
Herzen. Und ich schwöre Ihnen hier bei dieser Liebe, daß
ich versuchen will, gut zu machen, was er Ihnen wehe gethan
hat … Ich will mit tausend Zungen zu ihm reden, ich will
Tag und Nacht zu Gott beten, damit er Sie wieder vereinige.
Aber ich flehe Sie an, ich bitte inständigst, wenn Sie auch nicht
zur Hochzeit kommen wollen, geben Sie mir für Ihren Sohn
Ihren Segen.“

Mit zuckenden Lippen blickte sie zu ihm empor, riß den
Hut ab, neigte das Haupt und faltete die Hände krampfhaft
über das Taschentuch. Bei diesem Anblick konnte auch die
Meisterin nicht mehr ihre Fassung bewahren. Ihr weiches
Gemüth preßte auch ihr eine Thräne in's Auge. Und so
stand sie hinter ihrem Manne, dem es seltsam zu Muthe
ward, und drängte ihn leise, den Wunsch der Knieenden zu
erfüllen.

Der Meister war wieder ein Anderer geworden. Er
legte die harten Hände auf den Scheitel Emmas und sagte
halblaut: „Und der Herr segne Dich und behüte Dich, und
lasse auch diesen Segen Deinem zukünftigen Manne theilhaftig werden.“

Und kaum hatte er die letzte Silbe ausgesprochen, so
fühlte er sich von den Armen Emma's umschlungen.

„Mein Vater, ich danke Ihnen.“

Auch der Meisterin Hals umschlang sie und drückte einen
Kuß auf ihre Stirn. Dann ging sie. Und als die Thür
sich hinter ihr leise geschlossen hatte, war es dem Ehepaare,
als wäre der ganze Vorgang ein Spuk gewesen, hervorgerufen
durch die lichte Erscheinung eines Engels. …

Als nach einigen Tagen die Trauung des jungen Paares
in der nahen Andreas-Kirche stattfand und die Augen sämmtlicher Anwesenden auf das Brautpaar vor dem Altar gerichtet
waren, zeigten sich auch am äußersten Ende der sonst menschenleeren Galerie zwei Köpfe, deren Blicke unverwandt an der
Gestalt des Bräutigams hingen. Es war Timpe und sein Weib, die
längst vor Beginn der Ceremonie die Kirche aufgesucht hatten,
um ungesehen mitzubeten für das Heil des jungen Ehepaares.
Niemand hatte sie kommen sehen, Niemand bemerkte sie von
unten. Es war ein eisig kalter Tag, nur wenige Menschen
füllten das Gotteshaus, denn, wie Urban es zu Franz gesagt
hatte, so war es geschehen: Die Einladungen waren nur an
die bevorzugtesten Freunde des Hauses erlassen worden.

Die Kirche hatte sich langsam geleert; Wagen auf
Wagen rollte davon, und auch die wenigen Neugierigen, die
das Portal umstanden, hatten sich zerstreut. Bis zur Nase
in Kragen und Tücher gehüllt, traten Johannes und Karoline
wieder ins Freie. Noch tief bewegt von dem heiligen Akte,
schritten sie neben einander ihres kurzen Weges dahin. An
einer Straßenecke begegnete ihnen Meister Nölte.

„Na, Alles vorüber, gut abgelaufen?“ redete er sie an.
Und plauderhaft, wie er Timpe gegenüber immer war, sprach
er sofort weiter: „Ich wollte ebenfalls kommen, um mir das
Brautpaar anzusehen, aber ich habe die Zeit verpaßt . . . .
Sie gehen jetzt wohl erst nach Hause, um sich für die Hochzeit umzukleiden? Vergessen Sie nur die Flasche Wein
nicht; ich habe schon zu Hause davon erzählt.“

Johannes nickte und schüttelte sich vor Kälte, was für
Nölte ein Zeichen war, sich nicht lange aufzuhalten.

„Adieu, Frau Timpe, auf Wiedersehen, Herr Timpe.“

Nach fünf Schritten kehrte er noch einmal um.

„Wenn Sie vielleicht noch ein paar Stückchen Torte für
meine Mädchen … Sie verstehen mich schon.“ Er machte
eine Handbewegung im Bogen nach der Tasche.

„Soll besorgt werden“, brachte Timpe brummend hervor. Dann sagte er beim Weiterschreiten zu Frau Karolinen:
„Das haben wir einmal gut gemacht. Nun dauert es nicht
lange, und ganz Berlin weiß, daß wir in der Kirche waren
und die Hochzeit in allen Ehren mitmachen. Es kostet zwar
eine Flasche Wein und Kuchen obendrein, aber immer besser,
dieses Opfer zu bringen, als allen Menschen die Familienverhältnisse preiszugeben.“

Nach diesen Worten mußten sie trotz ihres herben
Wehes leise lachen.

XIV.
Verzweiflungskampf.

Als der Sommer wieder hereinbrach, sah es trauriger als
je mit der Arbeit in Timpe's Werkstatt aus. Beyer und
Spiller waren nun die einzigen Gehülfen, welche die
Drehbänke in Bewegung setzten. Die in Aussicht gestellte Bestellung Deppler's traf nicht ein; wohl aber mußte der Meister
erleben, daß nach seinem für den Amerikaner angefertigten
Modell Urban tapfer fabrizirte. Als Johannes dem kleinen
und verwachsenen Deppler eines Abends bei Jamrath Vorwürfe über diesen „Jesuitenstreich“ machte, zuckte des Schirmfabrikant die Achseln und gebrauchte einige Worte der Bedauerns. Er habe es gut genug gemeint, vertheidigte er sich;
aber es sei eben die alte Geschichte: Die Preisaufstellung
Urbans habe sich um fünfundzwanzig Prozent billiger herausgestellt als diejenige Timpe's.

Nun bereute der Meister bitter, das Modell an den
Amerikaner, ohne Vorbehalt seiner Rechte, verkauft zu haben.
Er hatte sich in dieser Beziehung ganz auf Deppler verlassen.
So viele Anspielungen er aber machte, und zwar in einer
Art und Weise, die der Mißgestalt nur zu deutlich das
Gewissenlose ihrer Handlung vor Augen führen mußte —
immer kam die gleichgültige Antwort: Man müsse heute
zu Tage der Konkurrenz die Spitze zu bieten versuchen;
wer das nicht könne, der solle lieber ruhig einpacken und als
Rentier leben.

Eines Abends wurde der kleine Herr sogar wüthend.

„Sie können auch gar nicht genug kriegen!“ rief er Timpe
zu. „Sie haben doch gewiß schon ihre Reichthümer gesammen.
Wer so einen Sohn hat, dem kann es doch nicht fehlen . .
Uebrigens spricht ja alle Welt davon, daß Sie nach und nach
das Arbeiten ganz aufgeben wollen, um von ihren Renten zu
leben. Wie ich gehört habe, halten Sie sich Ihre zwei Gesellen nur noch, um mit den letzten Bestellungen aufzuräumen.“

Die ernste Miene, mit der er das sagte, ließ Timpe
erkennen, daß von irgend einer Verhöhnung keine Rede sein
könne. Und da die traurigen Erfahrungen der letzten Jahre
ihn gelehrt hatten, nicht Jedermann seine innersten Gedanken
preiszugeben, so nahm er eine reservirte Haltung an und
lächelte statt der Antwort nur, so daß man das als eine Zustimmung auffassen konnte.

Die Annahme Deppler's, daß die Vermögensverhältnisse
des Drechslers vortreffliche seien, war nicht nur die seinige.
Da sie die inneren Familienverhältnisse nicht kannten, so
waren viele Leute, mit denen der Meister zu thun hatte,
der Ansicht, daß er durch seinen Sohn große materielle Vortheile genieße, und nur seine und seiner Frau Anspruchslosigkeit es verhinderten, aus der Bescheidenheit herauszutreten und sich ein behaglicheres Leben zu verschaffen. Schließlich hielt man ihn für einen Duckmäuser, der wohl wisse, wie
viel er in seinem Beutel habe, aber den Menschen Sand in
die Augen streue, um ihrer aufdringlichen Freundschaft zu
entgehen. Gewiß würde schon die Zeit kommen, wo der
Säckel sich öffnete, und Herr und Frau Timpe sich der Welt
als wohlhabendes Ehepaar präsentirten, das bis an sein
Lebensende aus den Fenstern eines stattlichen Hauses herausblickte. Ja, es kam so weit, daß neidische Nachbarsleute, die
es niemals verziehen, daß der Sohn des Handwerkers eine
glänzende Partie gemacht hatte, in unzweideutiger Weise
von einem Geizhalse sprachen und nur zu leicht durchblicken
ließen, wer damit gemeint sei.

Johannes Timpe und ein Geizhals! Als der Meister
zufälligerweise von dieser Bezeichnung erfuhr, mußte er trotz
seiner düsteren Stimmung laut auflachen. Es fiel ihm aber
nicht im Geringsten ein, diesem theils schmeichelhaften, theils
wenig angenehmen Gerüchte entgegenzutreten. Trug alles
das doch dazu bei, über seine wirklichen Verhältnisse hinweg
zu täuschen und der Welt das traurige Schauspiel, in dem
ein gewissenloses Kind die Hauptrolle spielte, zu ersparen.

So führte er von nun an eine Art Scheinexistenz, durch
die er sich genöthigt sah, den Ruin im Hause durch das äußere
Renommee zu verdecken. Das ging soweit, daß er zuletzt sich
selbst betrog und an den vermögenden Vater des vermögenden Sohnes glaubte. Und diese fixe Idee steigerte sich in
demselben Maaße, in dem seine Ersparnisse zusammenschrumpften und das Gespenst des gänzlichen Unterganges
immer drohender heranzog und riesiger vor seinen Augen auftauchte. Aber seine Gleichgültigkeit gegen die Vorkommnisse
des Tages war bereit so groß, daß er sich langsam vom
Strome der Ereignisse mit fortziehen ließ. Er führte ein
halbes Traumleben. Um so schrecklicher mußte das Erwachen sein.

Eines Vormittags stellte sich Anton Nölte bei ihm ein,
dessen Familie seiner Zeit der erlogene Hochzeitswein und
-Kuchen gut bekommen war.

„Herr Timpe, Sie sind ein braver Mann“, begann er ohne
Umschweife. „Alle Welt erzählt davon, daß sie sich demnächst ein
großes, vierstöckiges Haus bauen werden. Ja, erst gestern
versicherte man mir mit heiligem Eide, daß Ihr Sohn Ihnen
in Friedrichshagen eine Villa direkt am See gelegen gekauft
habe. Es wird also für Sie eine Kleinigkeit sein, wenn Sie
mir auf ein paar Wochen fünfzig Mark leihen. Da hat sich
noch ein alter Gläubiger gefunden, den ich längst begraben
glaubte und der durchaus behauptet, ich sei derselbe Nölte,
der früher den schönen Laden in der Andreasstraße besaß …
Was wollen Sie machen — ich kann es nicht bestreiten.“

Timpe machte ein sehr verdutztes Gesicht, ging dann
aber nach dem alten Schreibsekretär, wo die letzten Thalerrollen seines Kapitals lagen. Wenn einer verdiente geholfen
zu werden, so war es der fleißige Klempnermeister, der sechs
Kinder zu ernähren hatte.

Gleich am anderen Tage wartete Nölte abermals mit
seiner Person auf; das Geld habe nicht gereicht, er müsse
noch Kosten bezahlen. Der Klempner blickte den Meister so
flehentlich an, daß dieser nicht widerstehen konnte. Er erfüllte auch die zweite Bitte.

Seit dieser Stunde pries Nölte den Retter in der Noth
in allen Tonarten. Und selbst für die Zweifler war es jetzt
eine ausgemachte Sache, daß Timpe's Vermögen seit der
Verheirathung seines Sohnes bedeutend gestiegen sei. Er
durfte sich somit nicht wundern, wenn Leute, denen er bisher
diese Höflichkeit niemals zugetraut hatte, bei einer Begegnung
auf der Straße den Hut sehr tief zogen, und ihn so merkwürdig anblinzelten, als wollten sie sagen: Wir kennen
Dich schon, Du alter Schlaukopf! Uns das vierstöckige
Haus und die Villa zu verheimlichen! Wenn Du erst behaglich eingerichtet bist, dann wirst Du Dich unserer hoffentlich erinnern.

Dieses Selbstbelügen war der einzige Spaß, den Timpe
sich noch erlaubte. Seine Verschlossenheit, der Menschenhaß,
der in einsamen Stunden immer mehr zum Ausbruch kam,
die ganzen Seelenleiden, die ihn gebeugt und alt gemacht
hatten, erhielten ihr Gleichgewicht durch den Galgenhumor,
der wie der Blitz am umwölkten Nachthimmel aufzuckte und
wieder verschwand.

„Laßt sie nur von dem vermögenden Timpe träumen,“
pflegte er zu sagen. „Wenn ich auch nichts davon habe, so
sehe ich doch an ihren Gesichtern, wie sie sich ärgern.“

Als Thomas Beyer einmal derartige Worte hörte, glaubte
er ebenfalls seine Meinung äußern zu müssen.

„Sehen Sie, Meister, das ist die große Lüge unserer
Zeit: Nur der Schein blendet, der innere Werth spielt keine
Rolle mehr. Verbreiten Sie heute das Gerücht, daß
Sie völlig mittellos seien, gehen Sie morgen in Ihrem
schlechtesten Rock über die Straße — Sie sollen dann
einmal sehen, wie die Leute sich nicht erinnern werden, Sie
jemals gekannt zu haben. Aus dem fleißigen Manne
wird dann über Nacht der Mensch geworden sein, der sein
Schicksal selbst verschuldet hat … Nur die Armen werden
gerecht urtheilen, weil sie annehmen, daß Sie nun ebenfalls
zu ihnen gehören . . . Meister, unsere Partei ist die einzige,
die sich der Unterdrückten nnd Hülfsbedürftigen annimmt.“

Und diesen Worten folgte dann die Propaganda, die um
so nachdrücklicher von ihm betrieben wurde, je schlechter die
Verhältnisse sich im Hause gestalteten. Immer mehr empfand
Timpe den verführerischen Zauber, mit dem der Altgeselle ihn
zu umstricken versuchte. Es war gerade, als wäre Thomas
Beyer sein schlechteres Ich, das mit aller Gewalt das bessere
zu tödten versuche. Jede Gelegenheit nahm er wahr, um
den Meister zu „bearbeiten“, wie er sich dem Sachsen gegenüber ausdrückte. Und wenn Johannes auch mit aller Energie
die Versuchungen zurückwies, dem Gesellen ins Gesicht lachte, und
ihm sagte, daß er seine Bemühungen nur als komisch auffassen
könne — Beyer schien das nicht im Geringsten zu berühren. Sein
Gesicht blieb ernst und kein Wort deutete darauf hin, daß er
seinem Brodgeber böse sei. Gleich einem Manne,
der von seinem endlichen Siege überzeugt ist, begann er den
erneuerten Kampf mit der alten Hartnäckigkeit und trieb
seinen Gegner so in die Enge, daß Timpen schließlich keine
andere Waffe übrig blieb, als die Grobheit. Aber auch ihr
gegenüber büßte der Altgeselle von seiner fast demüthigen
Ergebenheit nichts ein. Es war dann immer dasselbe, sein
Gesicht verklärende Lächeln, das die Worte begleitete: „Meister,
und wenn Sie mich beschimpfen, ich nehme Ihnen das nicht
übel, denn auf die Unwissenheit muß man immer Rücksicht
nehmen.“

Diese kecken Worte machten Timpe so stutzig, daß er vergeblich nach einer passenden Erwiderung suchte, aber stärker
denn je seine Ohnmacht empfand. Mehr als einmal nahm
er sich vor, Beyer zu entlassen, dann aber schämte er sich
seiner Furcht und ließ es beim Alten.

Eines Vormittags fand er auf dem Tische seiner Arbeitsstube
einige Schriften liegen. Er wußte nicht, wie sie dorthin gekommen waren. Als er, neugierig gemacht, eine von ihnen
aufschlug, fand er, daß er Broschüren sozialistischen Inhalts
vor sich hatte. Sofort ahnte er, wer der Besitzer der Bücher
sei. Sein Zorn kannte keine Grenzen. Voller Wuth packte
er die Schriften zusammen, schritt nach der Küche und steckte
sie in den Ofen, sodaß die Flamme hell aufloderte. Dann
ging er wieder zurück, rief den Altgesellen zu sich herein, zog
ihn nach dem Kochherd und sagte:

„Ich wollte Ihnen nur zeigen, wie gut man mit Ihren
Hetzschriften Kaffee kochen kann. Sehr viel Stroh in dem
Papier, das muß ich sagen! Es brennt ausgezeichnet! So
etwas dürfen Sie mir nicht machen! Sie wollen wohl mich
alten Mann noch mit der Polizei in Konflikt bringen, indem
Sie verbotene Schriften in mein Haus schleppen? Sie waren
es doch, gestehen Sie es nur ein!“

Frau Karoline war hinzugekommen und schlug entsetzt
die Hände zusammen.

In des Altgesellen Gesicht regte sich keine Muskel; nur
etwas wie Mitleid leuchtete aus seinen Augen, als er die
fieberhafte Erregung Timpe's gewahrte.

„Ja, ich war es“, sagte er dann ruhig. „Haben Sie
die Bücher vorher gelesen?“

Der Meister lachte auf und erwiderte:

„Das fehlte noch! Ich will meine Seele nicht vergiften.“

Derselbe traurige Blick des Altgesellen traf ihn.

„Dann haben Sie die letzte Ihrer Hoffnungen vernichtet;
Sie sind nicht mehr zu retten. Man soll erst prüfen, ehe
man verdammt, erst lernen, ehe man lehren will. . . .
Meister, ich muß Sie aufgeben. Leben Sie wohl, wir sehen
uns nicht wieder . . . Aber Sie werden einstmals anders
denken, und dann erinnern Sie sich Thomas Beyer's.“

Die Mittagsstunde hatte gerade geschlagen. Der Altgeselle drehte sich um, suchte die Werkstatt auf und verließ
das Haus. Zwei Tage lang blieb er weg, ohnen seinen rückständigen Lohn zu holen, dann fand ihn der Meister
eines Morgens wie gewöhnlich an der Drehbank. Man that
so, als wäre nichts vorgefallen, wechselte aber nur die nothwendigsten Worte, die sich auf die Arbeit bezogen.

Die Monate Juni und Juli erwiesen sich so schlecht
in geschäftlicher Beziehung, daß Timpe sich mit dem Gedanken
vertraut machte, auch den kleinen Sachsen zu entlassen. Es
war weit gekommen. Trotzdem hoffte er von Tag zu Tag,
daß irgend eine unvorhergehende Katastrophe hereinbrechen
und dadurch mit einem Schlage eine Besserung eintreten
würde. Als dann für Spiller eines Sonnabends die
Trennungsstunde schlug, hatten der Meister und sein Weib
das Gefühl, als würde es für ihre Zukunft besser sein, wenn sie
auch den Altgesellen entließen. Aber Thomas Beyer wich und
wankte nicht. Es kam eine Woche, in der wirklich kein
Stück Arbeit vorhanden war. Die Lehrlinge räumten gründlich
auf und drechselten dann zu ihrem Vergnügen allerhand
Dinge, die für ihre Fortbildung nützlich waren. Der Altgeselle nahm diesen Zustand mit völliger Gleichgültigkeit auf.
Er schärfte seine Drehstähle, ersetzte die schadhaften Griffe und
pfiff dabei nach wie vor leise seine Lieblingsmelodie: „So
leben wir, so leben wir, so leben wir alle Tage“. Als er
mit seinem Werkzeug fertig war, nahm er sich auch dasjenige
des Meisters vor und brachte es in Ordnung. Dann unterrichtete er die Lehrlinge und verfertigte schließlich einen kunstvollen Aschbecher, den er Krusemeyer zugedacht hatte.

Als der Sonnabend kam, verschwand er eine Stunde
vor der Lohnzeit, traf dann aber am Montag wie gewöhnlich
pünktlich ein. Und als immer noch keine Arbeit anlangte,
begann er für sich eine lange Bernsteinspitze zu drehen, wozu
er das Material schon längere Zeit besaß. Timpe hielt es
nun für nöthig, den Altgesellen folgendermaßen anzureden:

„Mein lieber Beyer, ich ehre Ihre Anhänglichkeit und
ersehe aus ihr, daß Sie trotz Ihrer frevelhaften politischen
Anschauung große und edle Eigenschaften besitzen, wie man
sie selten findet. Aber ich muß Sie schon von Herzen bitten,
sich von mir zu trennen, denn ich kann den Lohn für Sie
nicht mehr erschwingen. Kommen bessere Zeiten, was ich zu
Gott hoffe, so werde ich Ihrer zuerst gedenken . . . Ich
weiß wohl, weßhalb Sie am Sonnabend ohne Löhnung fortgegangen sind, aber so sehr ich Ihr Zartgefühl auch anerkenne:
ein jeder Mensch ist seines Lohnes werth und Sie nicht
minder. Wenn keine Arbeit vorhanden war, so trifft die
Schuld nicht Sie.“

Nach diesen Worten zählte er den rückständigem Lohn
in harten Thalern auf den Tisch und wandte dem Gesellen
den Rücken.

Beyer hatte ruhig zugehört, ohne ein einziges Mal aufzublicken. Dann sagte er gleichgiltig:

„Meister, stecken Sie das Geld nur wieder ein, ich nehme
es nicht an . . . Ich werde an diesem Prinzip so lange
festhalten, bis ich meinen Lohn wieder verdiene. Ich lasse
mir nichts schenken.“

„Ich aber auch nicht“, gab Timpe zurück. „Sie beleidigen mich, wenn Sie das Geld nicht nehmen.“ Sein
Antlitz war roth geworden, ein Sturm drohte heranzubrechen.

„Thut mir leid, Meister, aber es bleibt dabei.“

„Aber wovon wollen Sie denn leben?“

„Ich habe einige Ersparnisse, die werden reichen, und
wenn es damit zu Ende ist, dann — — o, bester Herr
Timpe, meine Schwester und ich werden nicht zu Grunde
gehen, wenn's an's Hungern geht. Die Genossen werden für
uns sammeln . . . In unserer Partei kommt Niemand um,
solange der Andere noch ein Stückchen Brot für ihn übrig
hat . . . Uns gilt noch das Wort etwas: hilf Deinem
Nächsten . . . Unter den Handwerksmeistern scheint das
anders zu sein; denn ich habe bis jetzt noch nicht gesehen,
daß einer Ihrer Kollegen gekommen wäre und hätte das
erste Gebot des Christenthums erfüllt . . . Sie, Meister,
machen eine Ausnahme . . . Da hat mir gestern der Nölte
drüben so eine Geschichte von Barmherzigkeit erzählt. O,
Herr Timpe, Sie sind zu schade für den Liberalismus.“

Bei diesen letzten Worten warf er von der Seite einen
prüfenden Blick auf Timpe, um sich von der Wirkung seiner
Worte zu überzeugen. Seit dem letzten Auftritt, den er
seiner Propaganda wegen gehabt hatte, erlaubte er sich nur
noch indirekte Anspielungen auf die politische Anschauung des
Meisters zu machen.

Eine innere Bewegung hatte Timpe gepackt, der er aber
in der nächsten Minute wieder Herr wurde. Er wollte sich
nicht beschämen lassen. Das hätte noch gefehlt, daß sein
eigener Geselle ihn die Armuth fühlen ließe! So sagte er
denn trocken:

„Trotz alledem bleibt mir nichts übrig, als Sie dringend
zu bitten, meine Werkstatt zu verlassen.“

„Ich bleibe.“

„Ich fordere Sie jetzt energisch auf.“

„Hilft Alles nichts, Meister! Ich weiche nur der Gewalt.
Schicken Sie zur Polizei. Dann werde ich allen Menschen
erzählen, wie ein Meister seinen Gesellen, der zweiundzwanzig
Jahre bei ihm gearbeitet hat, durch Schutzmänner auf die
Straße werfen ließ. Ein Hoch werden dann die Leute auf
Sie nicht ausbringen, verlassen Sie sich darauf“.

Die beiden Lehrlinge schnitten ungesehen lustige Grimassen,
wählend Timpe die Zornader schwoll.

„Dann stehen Sie sich meinetwegen die Beine in den
Hals hinein“, sagte er wüthend gemacht und gab den Kampf auf.

„Ich kann mit meinen Beinen machen, was ich will,
Meister“, erwiderte Beyer.

Nach diesen Worten fiel hinter dem Meister die Thür
krachend zu, so daß die Wände erzitterten.

Als nach ungefähr einer Viertelstunde in der Werkstatt
eine Rechnung präsentirt wurde, die durchaus bezahlt werden
mußte, beglich sie der Altgeselle mit dem Gelde, das noch
immer auf der Drehbank lag. Später erst erfuhr Timpe von
diesem Geniestreich, der seiner Meinung nach an Boshaftigkeit
nichts zu wünschen übrig gelassen hatte.

Nach drei Wochen blieb der eine Lehrling weg. Er
schlief in der letzten Zeit bei seinen Eltern, und da er bereits
zweiundeinhalb Jahr lernte, so hielt er es für angezeigt, in
eine Fabrik einzutreten, wo er bereits einen kleinen Gesellenlohn bekam. Der Vater gebrauchte nach einer Beschwerde
die Ausrede, sein Sohn habe ihm berichtet, daß selten etwas
zu thun sei, und da könne er wenig lernen. Johannes faßte
die Sache trotz des Aergers, den er empfand, nicht so tragisch
auf. Er hatte einen Esser weniger, und das wollte bei der
trüben Zeit schon etwas sagen.

Als außer einigen Kleinigkeiten immer noch keine nennenswerthe Bestellung eintraf, konnte Timpe den Anblick der
bewegungslosen Drehbänke nicht mehr ertragen. Er zog
seinen Sonntagsstaat an, legte einige Muster zusammen und
machte sich auf den Weg zu den ihm fremden Händlern und
größeren Fabrikanten, um Arbeit zu verlangen. Man lobte
seine Kunstfertigkeit, machte ihm das Kompliment, bereits von
ihm gehört zu haben und bat wie gewöhnlich um eine
Kalkulation. War man einmal mit derselben einverstanden
und nicht abgeneigt, ihm einen größeren Auftrag zu geben, so
scheiterte die Ausführung derselben wieder an dem Umstande,
daß er jetzt nicht einmal das nothwendige Kapital besaß, um
Rohmaterialien einzukaufen. Obendrein verlangte man einen
Kredit von einem halben Jahre. Bei den Modeartikeln war
das durchaus der Fall. Hin und wieder bekam er die Anfertigung irgend eines einzelnen Gegenstandes, der auf direkte
Bestellung nach eingereichter Zeichnung ausgeführt werden
sollte. Das war das Ganze. Zu allerletzt hielt ihn der Stolz
davon ab, sich mit einem Artikel zu befassen, dessen Preis
seiner einfach unwürdig erschien.

„Lieber thust Du nichts und setzte das Letzte zu,“ dachte
er dann, wenn er den Ort verließ, wo man ihm soeben zugemuthet hatte, schlechte Arbeit für ein Spottgeld zu liefern.
Er dachte an seinen verstorbenen Vater, an David Timpe und
an die gute, alte Zeit, wo der Handwerker noch nicht nöthig
hatte, den Krämer zu spielen und von Thür zu Thür zu
gehen, um zu feilschen und zu betteln.

Wenn er dann so mit seinem Packet unter dem Arm,
den grauen Cylinderhut auf dem Kopf, und mit einem etwas
altfränkischen, braunen Gehrock angethan, durch die Straße
irrte, kam er sich wie Ahasverus vor, der ewig wandern muß,
ohne an sein Ziel zu gelangen. Das betäubende Getöse des
Berliner Straßenlebens, das Branden und Wogen der Menge,
in der er sich wie ein ausgedientes Wrack in einem unruhigen
Meere ausnahm, machte ihn förmlich betrunken, sodaß er
mehr taumelte als ging. Die fortdauernde Nutzlosigkeit seiner
Bemühungen wirkte schließlich so entmuthigend auf ihn ein,
daß er seiner Empfindung durch Selbstgespräche Ausdruck
verlieh.

„Pack' ein, Timpe, und lege Dich sterben, Du gehörst
nicht mehr in diese Welt,“ sagte er. Dann blieb er vor
einem mächtigen Schaufenster stehen und betrachtete sich kopfschüttelnd in der großen Spiegelscheibe. Einmal begegnete
ihm ein alter Herr, der sich wie ein Doppelgänger von ihm
ausnahm. Er fand das so komisch, daß er lachte und der
seltsamen Gestalt nachblickte.

„Du pack' nur auch ein,“ murmelte er vor sich hin.
„Wie kann man in unserer aufgeklärten Zeit eine so lächerliche Figur spielen. So ein alter Knopp … sieht aus,
als wenn er bereits zwanzig Jahre im Grabe gelegen
hätte und nun damit prahlen wollte, daß er sich gut erhalten hat.“

Als er sich aber selbst wieder im nächsten Schaufenster
erblickte, sagte er wehmüthig: „Johannes, es scheint, als
wenn Du Dich über Dich lustig machen wolltest. Alter
Esel, Du!“

Was ihm bei diesen Stadtreisen äußerst lächerlich vorkam, war
die Doppelrolle, die er auf sich geladen hatte und nothwendigerweise spielen mußte. Befand er sich wieder in seinem
Viertel und begegnete ihm Jemand, der ihn kannte, so wurde
er wie ein Mann begrüßt und angeredet, der so glücklich gestellt ist, den ganzen Tag spazieren gehen und schwere Einkäufe machen zu können.

„Danke, danke“, pflegte er dann auf eine Frage nach
seinem Wohlbefinden zu erwidern. „Es geht ja so la-la, ich
kann gerade nicht klagen. Man lebt eben so lange, bis man
stirbt, und dann läßt man das Beerben Anderen . . . Adieu,
hat mich sehr gefreut. Ich muß eilen . . . . ich habe da
meiner Alten eine Kleinigkeit mitgebracht . . . ich war unter
den Linden . . . theure Gegend da . . .“

Dieses „traurige Komödienspiel“, wie er es nannte, enthielt
so viel Scherzhaftes für ihn, daß er sich immer neue Dinge ausdachte, wenn er einen dieser „liebenswürdigen Nächsten“ herankommen sah. „Sachte nur, du sollst dran glauben“, sagte er für
sich und richtete sich mit jedem Schritt stolzer empor, um
dem „wohlhabenden“ Meister Timpe die nöthige Würde zu
geben.

An einem Vormittag stieß er um eine Ecke biegend mit
dem langen Herrn Brummer so hart zusammen, daß der
Rentier beinahe das Gleichgewicht verloren hätte.

„Wie geht's, gut?“ redete ihn der sonst schweigsame
Hausbesitzer mit großer Zungenfertigkeit an. „Habe letzten
Sonntag Ihre im Bau begriffene Villa in Friedrichshagen
gesehen. Nicht schlechter Geschmack, das muß ich sagen . . .
Es freut mich, daß Sie sich so gut mit Ihrem Sohne stehen.
Adieu, mein verehrtester Herr Timpe. Ich besuche Sie ein
Mal, wenn Sie erst draußen sind . . . Sehr schön da am
See.“

Herr Brümmer lüftete außerordentlich höflich den Hut
und lieferte dabei den Beweis, daß sein Rückgrad nicht so
steif war, wie man allgemein behauptete. Nach einigen Schritten
rief er den Meister noch einmal zurück.

„Wissen Sie schon? Mein Haus wird nun doch von
der Stadtbahn angekauft werden müssen. Ich habe einen
Prozeß angestrengt. Man hat mir die ganze Aussicht genommen. . . Das dulde ich nicht. O, mich macht Niemand
dumm. . .“

Nur ich, dachte Timpe. Also auch Brümmer hielt ihn
noch immer für wohlhabend. Was die Villa anbetraf, so
ließ sich allerdings Franz eine solche in Friedrichshagen bauen,
und irgend jemand hatte die Mär ausgesprengt, daß dieselbe
für Timpe senior bestimmt sei.

Die Thatsache riß die kaum vernarbte Wunde
in des Meisters Brust wieder auf. Sein einziger
Sohn ließ sich eine Sommerwohnung bauen, und er, der
ergraute Vater, mußte von früh bis spät in den Straßen
Berlins umherziehen, um für Brod zu sorgen. „Des
Vaters Segen baut den Kindern Häuser“, sprach er halb laut
vor sich hin und erinnerte sich der Minute, wo er seine Hände
auf Emma's Haupt gelegt und über ihren Scheitel einen
Segen für seinen Einzigen gesprochen hatte.

Als trotz aller Bemühungen Timpe's keine Besserung in
den traurigen Verhältnissen eintrat, vermochte Frau Karoline
nicht länger zu schweigen.

„Es ist eine Schande und eine Sünde, daß wir dem
Bettelstab entgegen gehen müssen, während unser Sohn im
Honig sitzt“, sagte sie eines Tages. „I, das müßte mit dem
Wetter zugehen, wenn so ein Junge, den ich mit Schmerzen
zur Welt gebracht habe, nicht wissen sollte, was seine
Pflicht ist.“

Sie wollte zu Franz gehen, um ihm ohne Umschweife
zu sagen, daß es im Elternhause „Matthäi am letzten“ sei.

Sie hatte bereits den Hut aufgesetzt und das Tuch umgebunden, als sie zu ihrem Manne davon sprach. Er gerieth
in große Erregung und hielt sie an der Hand zurück.

„Mutter, das thust Du nicht, oder es ist mein Tod . . .
Willst Du bei Deinem Kinde betteln gehen?“

„Es ist seine Pflicht und Schuldigkeit, uns zu helfen,“
erwiderte die Meisterin.

„Und ich sage Dir nochmals, es ist mein Tod. . . Entscheide zwischen mir und ihm. . . Willst Du mir auf meine
alten Tage die Schmach anthun, daß ich vor meinem Sohne
zu Kreuze kriechen soll? . . . Eher will ich verhungern, als
das thun.“

Karoline legte stillschweigend ihre Garderobe wieder ab
und wagte nicht mehr darauf zurückzukommen. Nicht um
zehn Jahre ihres Lebens wollte sie noch einmal das Gesicht sehen, das ihr Mann bei seinen letzten Worten gemacht hatte.

An einem Sonntag Vormittag, die Meisterin saß mit
ihrem Gesangbuch am Fenster, fuhr ein Wagen vor, aus dem
Frau Timpe junior stieg. Karoline lief dem Besuch entgegen und nöthigte ihn dann voller Freude in die gute Stube
hinein. Johannes hatte das Rollen und Halten des Wagens
ebenfalls vernommen und trat zu den Beiden in's Zimmer.
Sein Antlitz zeigte dieselbe Ruhe wie bei dem ersten Besuche
Emma's, nur befleißigte er sich einer größeren Höflichkeit als
damals.

„Was giebt uns die Ehre, gnädige Frau?“ fragte er,
nicht ohne der Anrede einen Beigeschmack leisen Spottes
zu geben.

Es bedurfte nicht langer Auseinandersetzung. Erst zögernd,
dann aber direkt entlastete sie ihr Herz. Sie war gekommen, um ihre Hülfe anzubieten. Aus mancherlei Andeutungen ihres Stiefvaters hatte sie erfahren, wie es hier im
Hause stand.

„So, so — das ist sehr freundlich von Ihnen,“ sagte
Timpe und ging, die Hände auf dem Rücken, die Stube auf
und ab. Dann blieb er stehen und fuhr fort:

„Wer sagt Ihnen denn aber, daß wir der Unterstützung
bedürfen? Uns geht es ausgezeichnet. Wir haben einen
großen Gewinn in der Lotterie gemacht. Daß meine Drehbänke still stehen, hat seine Richtigkeit, aber das liegt nur an
mir. Ich habe mich mein Leben lang genug gequält, ich will
nun die Hände in den Schooß legen und als Rentier leben.
Ja, ja als Rentier! Es wird nicht lange dauern und Sie
werden hier an dieser Stelle ein vierstöckiges Haus errichtet
sehen, und damit wir im Sommer die Maikäfer schwirren
hören, werden wir uns irgendwo ein kleines Lustschloß bauen,
wahrscheinlich in Friedrichshagen . . . Daß Sie das noch nicht
wissen, wundert mich, denn die ganze Nachbarschaft spricht bereits davon . . . Ich muß also Ihr Anerbieten mit Dank ablehnen, und zwar ein- für allemal.“

Frau Karoline starrte ihren Mann an, als zweifle sie
an seinem Verstande. Er aber benutzte eine Gelegenheit, sie
pfiffig anzulächeln und das eine Auge listig zuzukneifen, als
wollte er sagen: „Ich mache meine Sache gut, nicht wahr
Alte?“

Dann sorgte er dafür, daß das Gespräch auf ganz allgemeine Dinge kam, und war dabei so lustigen Sinnes, als
gäbe es keinen glücklicheren Menschen auf der Welt als ihn.
Emma fand ihre Situation so unheimlich, daß sie sich bald
empfahl. Timpe ließ es sich nicht nehmen, sie bis vor die
Thür zu begleiten und ihr behilflich zu sein, in den Wagen
zu steigen. Von der Treppe aus rief er ihr noch zu:

Also es bleibt dabei: wenn meine Villa fertig ist, dann
kommen Sie mal zu einer Tasse Kaffee mit Kuchen. Das
wird hübsch werden, nicht wahr? In „Timpe's Ruh“ soll
es Ihnen gefallen, mein Wort darauf.“

Als der Wagen sich bereits in Bewegung gesetzt hatte,
winkte er ihr freundlich mit der Hand zum Abschied zu.
Baldrian der Schornsteinfegermeister ging gerade vorüber.
Er hatte die letzten Worte Timpe's gehört, grüßte und rief
über den Zaun hinüber:

„Ihre Schwiegertochter, nicht wahr?“

Der Meister nickte. „Sie feiern nächste Woche eine italienische Nacht und da hat sie uns persönlich eingeladen.
Wir werden uns revanchiren, wenn unsere Villa erst fertig
sein wird.“

„Ich habe davon gehört. … Wer es so haben kann!
… Ich habe Sie immer für einen Heimlichthuer gehalten.“

Der Meister lachte und erwiderte: „Dann kommt man
aber auch zu etwas. Adieu, adieu. …“

Eines Tages hatte Timpe wirklich wieder etwas Arbeit
bekommen. Es war ein bereits gänzlich heruntergekommener
Artikel. Man lieferte ihm das Material dazu ins Haus.
Da er Thomas Beyer durchaus nicht los werden
konnte und das Herumpfuschen desselben nicht mehr
mit anzusehen vermochte, so ließ er die Arbeit von
ihm und dem Lehrling verrichten. Er selbst fand nirgends
Ruhe, lief aus einem Zimmer ins andere, rechnete dann
wieder Stunden lang, wie viel er wohl an der neuen Arbeit
verdienen würde und setzte dann plötzlich wieder den Hut auf,
um mit seinem Musterpacket von dannen zu gehen.

Des Nachmittags bestieg er wieder die „Wart“, um den
Bau der Stadtbahn zu verfolgen. An dieser Stelle legte
man an dem Rohwerk gerade die letzte Hand an. Der alte
Maurer, mit dem er sich so gern unterhielt, war immer noch
auf seinem Posten. Dann hieß es hintereinander: „Na,
Meister Klatt, wieder so fleißig?“ … „Na, Meister Timpe,
schmeckt der Tabak?“ Schönes Wetter heute?“ …
„Bis wie lange! da hinten zieht's dick herauf. Es wird bald
nasse Droppen geben.“

Und nach dieser Einleitungsrede, die sich fast immer in
denselben Bahnen bewegte, kam das Gespräch dann auf die
Vorgänge des Tages und nahm zeitweilig einen weltweisen
Charakter an.

„Hören Sie mal, Meister Klatt“, begann der Drechsler
einmal, „ich möchte wohl wissen, wie viel Steine Sie
in Ihrem Leben schon gemauert haben.“ „Hurrjeh“,
machte der Mann im weißen Kittel, ließ sofort die Kelle
fallen, reckte sich und brachte mit vieler Umständlichkeit
die ausgegangene Pfeife in Brand, was sehr oft
geschah, denn er rauchte einen Knaster, der wie ein Strohfeuer knisterte und einen Geruch wie auf einer Brandstätte
verbreitete. „Hurrjeh, daran habe ich noch gar nicht gedacht,
Meister“, fuhr er fort. „Wissen Sie. Sie sind der erste
Mensch, der mich danach fragt. … Aber rechne ich so Alles
in Allem, dann wird wohl eine halbe Million und ein
Dutzend mehr herauskommen. Gezählt habe ich sie wahrhaftig nicht, denn dazu sind die Maurermeister da, die können
auch was thun.“

Und nach diesen Worten blickte er noch lange nach dem
Himmel und schüttelte dabei mit dem Kopf, als begriffe er
nicht, wie man eine derartige Frage stellen könne.

„So, so“, sagte Timpe. — „Woran denken Sie denn
immer so dabei, Meister Klatt? Sie haben doch gewiß keine
Sorgen. Ich sehe Sie immer bei guter Laune.“

Der Maurer brachte abermals ein Streichholz in Brand,
zog bedächtig am Pfeifenrohr und erwiderte dann:

„Denken? … ja wissen Sie, das ist so 'ne Sache!
Wenn ich den Kalk auftrage und den Stein setze, dann denke
ich gewöhnlich nichts, greife ich aber zum Hammer, dann sage
ich mir: läge doch dein mißrathener Aeltester unter ihm, wie
würdest du ihn bearbeiten, diesen Taugenichts! Damit Sie
nur gleich alles wissen: der Bengel ist nämlich ganz aus der
Art geschlagen und sitzt im Zuchthaus. Ich weiß nicht, von
wem er's hat. Von mir und seiner Mutter gewiß nicht.“

Timpe schwieg eine Weile. Er blickte aber nun mit
einem ganz anderen Interesse den graubärtigen Gesellen an,
der immer so fröhlich d'rein blickte und gar lustig plaudern
konnte.

„So, so … ja, ja, es hat so Jeder seine Sorgen“,
sagte er dann mit veränderter Stimme.

„Aber man begießt sie einfach, dann weichen sie auf“, erwiderte
Klatt, griff in seine Tasche, holte ein Fläschchen hervor und
nahm einen herzhaften Schluck. „Hier, Meister Timpe, das
ist der wahre Sorgenbrecher — kosten Sie einmal . . . Na,
Sie werden mir doch keinen Korb geben . . .“

Das Anerbieten kam Johannes so plötzlich, der Maurer
lachte ihn so lustig an, daß er mechanisch die Hand ausstreckte.
Er warf einen Blick in die Runde, griff nach der Flasche,
bückte sich und setzte sie an den Mund. Während er dann
weiter plauderte, empfand er, wie es ihm heiß nach dem Kopfe
stieg und eine Belebung durch seinen Körper ging, als wäre
er um zehn Jahre jünger geworden. So kam es denn, daß
er auch zum zweiten Male die Flasche nicht abschlug, als der
Mann im weißen Kittel sie ihm mit den Worten hinreichte:
„Na Meister, noch einen zum Abgewöhnen!“

Als er dann wieder herabgestiegen und zu Frau Karoline in die Stube getreten war, erlaubte er sich mit der getreuen Ehehälfte allerlei Scherze, so daß sie sich aufrichtig
freute, ihn seit langer Zeit wieder einmal frohen Muthes zu
sehen. Als er sie aber wie ein verliebter Bräutigam umfing
und küssen wollte, wich sie plötzlich zurück und starrte ihn
als hätte sie plötzlich etwas Abschreckendes an ihm bemerkt.

„Vater, Du riechst nach Schnaps — mein Gott, Du
trinkst! Auch das noch!“ rief sie aus.

Diese Entdeckung wirkte wie erschlaffend auf sie. Unwillkürlich faltete sie die Hände und betrachtete ihn mit einem
Blick unsäglichen Mitleids, — ihn, der durch diese fürchterliche Anklage halb ernüchtert, sich weggewandt und dem
Fenster zugekehrt hatte. Minutenlang stand er schweigend
voller Beschämung auf demselben Fleck, dann preßte er dem
Weinen nahe die Worte hervor:

„Mutter . . . der Kummer . . . die vielen Sorgen . . .“
Er öffnete die Thür und verschwand, ohne sein Weib noch
einmal anzublicken.

Karoline saß lange Zeit still am Fenster und blickte mit
gefalteten Händen hinaus auf die Straße, wo die Dämmerung allmählich Menschen und Häusern die scharfen Linien
nahm. War es das Zwielicht, das ihre Augen trübte, war es
der Schmerz der Gattin und Mutter, der seine heiße Fluth
nach oben drängte? — Große Thränen rollten langsam über
ihre Wangen und benetzten die dürren Finger . . . .

XVI.
„Schlaf wohl, Alte.“

Ein ganzes Jahr lang kämpfte Timpe diesen Kampf der
Verzweiflung eines herabgekommenen Handwerkers. Das
ersparte Kapital war längst den Weg alles Geldes
gegangen.

Vor fünfzehn Jahren hatte er, um neue Drehbänke anzuschaffen und eine alte Schuld zu tilgen, eine Hypothek auf
sein Haus eintragen lassen. In der letzten Zeit war es ihm
nur mit Mühe gelungen, die fälligen Quartalszinsen zusammenzubringen. Der Darleiher war zwar ein vermögender
Mann und wohnte zudem in einem Vororte Berlins, es
konnte jedoch leicht die Möglichkeit eintreten, daß er
von seinem Kündigungsrechte Gebrauch machte, sobald
er erfuhr, wie übel es um den Meister stand. Und dann
die Nachbarschaft, Gevatter Hinz und Kunz — die Klatschbasen und schadenfrohen Seelen, die immer noch auf die
Stunde warteten, wo der vierstöckige Prachtbau entstehen
sollte. Was für Augen würden sie machen, wie die Ohren
spitzen, wie herausfordernd die Hüte auf dem Kopf behalten,
wenn seine wirkliche Lage bekannt würde. Er dachte daran,
eine zweite Hypothek aufzunehmen. Als er aber zu diesem
Zwecke mit einem wildfremden Menschen in Verbindung getreten war und dieser die Verhältnisse näher geprüft hatte,
meinte er, daß er für das Haus keinen Pfifferling gäbe. Man
könne nur auf die Baustelle Rücksicht nehmen, der Grund und
Boden sei aber durch das Berühren der Stadtbahn entwerthet.

Timpe befürchtete nun, daß der Besitzer der ersten
Hypothek von dieser Sachlage Kenntniß erhalten und sich dadurch gezwungen sehen könne, recht bald wieder zu seinem
baaren Gelde zu kommen. Um ihn nicht gänzlich mißtrauisch
zu machen, unterließ er jeden weiteren Versuch mit der
zweiten Hypothek.

Schon seit Monaten hatte er um die Bedürfnisse des
Lebens zu befriedigen, Holzarbeit für eine Möbelfabrik übernommen, die weit unten im Süden der Stadt lag und in der
man seine näheren Verhältnisse nicht kannte. Er arbeitete
jetzt mit Thomas Beyer und dem Lehrling fast nur, um sich
über den Tag hinweg zu helfen, die Zinsen regelmäßig zu
entrichten und seine Pflicht als Steuerzahler zu erfüllen.
Große Gegenstände konnte er gar nicht annehmen, denn sie
wurden in den Fabriken mit Dampfbetrieb schneller und billiger
ausgeführt. Wie ein gewöhnlicher Tagelöhner stand er jetzt
an einer der verlassenen Drehbänke in der Werkstatt und drehte
Stuhlbeine für Luxusstühle, Säulen und Knöpfe aller Art.
Einem anderen Gehülfen als Thomas Beyer hätte er nicht
gewagt, einen Akkordpreis anzubieten, wie der Altgeselle ihn
ohne Murren einsteckte. Aus diesem Grunde fand er es ganz
zwecklos, neue Gehülfen einzustellen.

So weit war es mit seinem Kunst-Handwerk gekommen!
Niemals war ihn ein Gefühl tieferer Erniedrigung überkommen wie in diesen Tagen. Wer in ihm früher nur den
zufriedenen Meister gesehen hatte, der kannte ihn nicht wieder.
Sein Haar war gelichtet, die Wangen hatten ihre gesunde
Farbe verloren und die Augen lagen tief in den Höhlen.
Dabei war er körperlich abgefallen. Das Entsetzlichste bei
alledem war, daß er jetzt thatsächlich den Schnaps liebte. Um
seine angegriffene Brust zu schonen, hatte er das Rauchen
eingestellt; dafür sagte ihm ein Schluck aus der Flasche um
so mehr zu. Anfänglich hatte er nur dazu gegriffen, um sich
zu betäuben und Kraft zu machen, wie es Beyer sagte;
schließlich aber war es ihm zur Gewohnheit geworden, die
Flasche gleich der Schnupftabaksdose mit sich herumzutragen.
Aber er trank mäßig und blieb stets bei Verstande. Er wollte
sich nur Muth machen, wie er sich selbst belog. Die größte
Mühe gab er sich, um seiner Frau das geheime Laster, von dem
er nicht mehr zu lassen vermochte, so viel als möglich zu
verbergen. Oftmals stieg ihm der Alkohol zu sehr nach
dem Kopfe, daß ihn bei der Arbeit fast die Kräfte verließen. Dann ging er nach dem Gärtchen hinaus, um
frische Luft zu schöpfen und die Stirn zu kühlen; oder er
kletterte wie gewöhnlich zur Dachluke hinaus auf den Baum.

Die Maurer waren längst verschwunden. Ueber die
Straße hinweg spannte sich, auf mächtigen Trägern ruhend,
eine gewaltige eiserne Brücke. Auf der ganzen Linie sah
man bereits die Eisenbahnarbeiter in emsiger Thätigkeit, die
Schwellen und Schienen zu legen; während die Schlosser
damit beschäftigt waren, zu beiden Seiten des breiten Fahrdammes die Sicherheitsgitter zu errichten. An zehn Stellen
zu gleicher Zeit erschallte der helle Klang des Eisens, ertönten die Schläge der schweren Hämmer und gaben ihr
Echo wieder.

Die ganze Gegend hatte ein anderes Aussehen bekommen. Jetzt erst konnte man den Bau in seiner wirklichen Größe ermessen. Im Sonnenlicht glitzerten die
Schienen, zogen sie sich in kühnen Krümmungen die
ganze Linie entlang, bis sie in weiter Ferne gleich der in's
Unendliche verlängerten Spitze eines Pfeiles zusammentrafen. Von den Fenstern aus verfolgten neugierige Blicke
die Bewegungen der Arbeiter, und auf der Straße blieben
die Passanten stehen und reckten sich die Hälse aus, um das
rothfarbige Ungeheuer zu begaffen.

Timpe's Haus nahm sich jetzt geradezu kläglich aus. Auf
der gegenüberliegenden Seite der Straße, dort, wo mitten
durch die Giebeldächer dem Dampfroß der Weg gebahnt
worden war, strebten zu beiden Seiten der Viadukte vierstöckige
Paläste zum Himmel empor; und links und rechts von ihnen
zeugten Baugerüste für das neue Leben an Stelle der
Ruinen.

Wenn jetzt Leute durch die Straßen kamen, die ihren
Weg hier lange nicht genommen hatten, so blieben sie minutenlang vor der Brücke stehen und musterten kopfschüttelnd und
mit komischem Gesichtsausdruck das alte Häuschen. Zuletzt
betrachteten es sämmtliche Bewohner des Viertels wie ein
Unikum, das die Lächerlichkeit geradezu herausfordere. Allerlei
Sagen entstanden, und über das ganze Gebiet des Ostens
war die Mär verbreitet, daß Timpen ungeheure Summen
für sein Grundstück geboten worden seien. Er aber habe beschlossen, in dem Hause, in dem er geboren worden, zu sterben.

Um diese Zeit war es, daß dem Meister abermals ein
Kaufgebot gemacht wurde, und zwar von einem Fremden.
Er sollte immer noch das Doppelte des früheren Werthes erhalten. Timpe wunderte sich darüber außerordentlich. Bald
aber erfuhr er, daß die Frau seines Sohnes dahinter steckte,
die auf Umwegen ihn aus seiner traurigen Lage zu reißen gedachte. Frau Karoline bat Johannes inständig, das Geschäft
abzuschließen, er aber wollte davon nichts wissen, und ließ sich
in seinem grenzenlosen Haß gegen Urban und in der Verachtung gegen seinen Sohn hinreißen, den Schwur zu
thun, niemals von jener Seite den kleinen Finger der
rettenden Hand anzunehmen. Solange sie Beide, Karoline
und er noch lebten, würden sie wohl so viel haben, um sich
satt zu essen; und das Uebrige sei vom Uebel.

Die Meisterin bat den Altgesellen, auf ihren Mann einzureden und ihn anderen Sinnes zu machen. Thomas Beyer
aber zuckte die Achseln und sagte:

„Das wird nichts helfen, Meisterin. Ihr Mann ist ein
Charakter, und solche Leute bleiben ihrer Gesinnung treu.
Das ist gerade wie mit dem Stahl aus einem Guß; er
bricht, aber er läßt sich nicht biegen.“

Der Winter hatte kaum begonnen, als Frau Karoline
sich niederlegte, um nicht wieder aufzustehen. Sie litt bereits
seit längerer Zeit an einem Magenübel, das nicht mehr zu
heilen war. Vierzehn Tage lang erschien der Arzt. Johannes wich nicht von ihrem Lager. Als ihn der Altgeselle
eines Mittags auf einem Stuhle schlummernd fand, war er
von dem Anblick tief erschüttert. Er glaubte ein Gespenst vor
sich zu haben, aber kein Wesen von Fleisch und Blut. Sofort
schickte er den Lehrling zu seiner Schwester, die nach einer
Stunde erschien.

Marie Beyer war ein hageres, verblühtes Geschöpf.
Ihr Gesicht war von durchsichtiger Blässe, als käme sie direkt
aus den Sälen eines Krankenhauses. Sie lächelte selten und
machte den Eindruck, als hätte sie auf das Glück in der Welt
verzichtet. Dafür entwickelte sie eine seltene Energie. Sie
übernahm sofort die wirthschaftlichen Angelegenheiten, kochte,
brachte die Zimmer in Ordnung und spielte mit der Hingebung eines hochherzigen Mädchens die Wärterin. Der
Meister ließ sich von ihr wie ein Kind behandeln. Auf
einen Wink von ihr ging er aus dem Zimmer und bevor er
an das Krankenbett trat, fragte er leise, ob er es dürfe.
Sie duldete nicht, daß er des Nachts wachte, sondern löste
sich darin mit ihrem Bruder ab. Stundenlang hielt sie die
Hand der Leidenden, die fast keine Speise mehr zu sich
nehmen konnte, in der ihrigen und sprach ihr in sanften
Worten Trost und Muth zu. Karolinen's seelische Schmerzen
überwogen die körperlichen. Ihre Gedanken waren fortwährend bei ihrem Sohne. Einmal äußerte sie zu Marie,
daß sie ihn zu sehen wünsche. Als aber diese sofort hinzuschicken versprach, strengte sie ihre Stimme so viel als möglich
an, um sie wieder davon abzubringen.

„Thun Sie es lieber nicht, es könnte schrecklich für meinen
Mann werden. Franz hat schlecht an uns gehandelt . . . er
ist ein gewissenloses Kind . . . . ich kann seinem Vater nicht
Unrecht geben.“

Als sie dann eines Abends still und gottergeben, umringt von den Geschwistern und ihrem Manne, die Augen
für immer schloß, war das letzte Wort, das sie hinhauchte,
der Name ihres Sohnes.

Johannes war von dem Ableben seines Weibes so niedergeschmettert, daß er keine Thräne fand. Mit hohlem Blick betrachtete er das bleiche Antlitz, ohne sich zu bewegen. Dann wie aus
einem langen Traume erwachend, stieß er einen entsetzlichen
Schrei aus und sank vor dem Bette nieder. Er verharrte
lange in dieser Lage, daß den Geschwistern bange wurde.
Sie rüttelten an ihm und brachten ihn allmälig zu sich. Der
fürchterliche Schmerz hatte ihm die Besinnung geraubt, aber
immer noch blieben seine Augen trocken. Das Unglück hatte
ihn bereits so abgestumpft, daß er nicht zu weinen vermochte.

In aller Stille machte man Anstalten zum Begräbniß.
Marie erlaubte sich die Bemerkung, daß der Meister doch
seinen Sohn von dem Tode der Mutter benachrichtigen möchte.
Johannes war auch noch um diese Stunde hartnäckig. „Er
hat sich bei Lebzeiten nicht um sie gekümmert, so
hat er auch nicht nöthig, ihrem Sarge zu folgen“,
sagte er kurz und bestimmt; man sah es seinem
Gesichte an, wie grenzenlos die Erbitterung gegen Franz
war. Fast inständigst bat er den Altgesellen und seine
Schwester, ihm nicht das Weh zu bereiten, das Ableben
Karolinen's in der Nachbarschaft auszuposaunen. Er hasse
die Neugierde, die sich nicht scheue, das Sterbezimmer zu betreten und ihre tausend Blicke in alle Ecken und Winkel zu
senden.

Am Tage der Beerdigung, als der Sarg gerade geschlossen werden sollte, kam aber doch Besuch. Es war Meister
Nölte, der mit seinen zwei ältesten Kindern an der Hand
erschien. Jedes der Mädchen trug einen kleinen, schlichten
Kranz, den es mit einem Knix dem Drechsler überreichte.
Der Klempner hatte schon längst erfahren, daß Timpe's Verhältnisse nicht die glänzendsten seien. So zog er denn Johannes bei Seite und erinnerte ihn an etwas, was dieser
bereits vergessen hatte.

„Wissen Sie, lieber Herr Timpe,“ sagte er leise, „ich
kann Ihnen noch nicht alles auf einmal wiedergeben, aber
die Hälfte habe ich mitgebracht. Sie werden es gewiß jetzt
selbst gebrauchen. . . . Man erzählt sich so mancherlei . . . aber Sie
thun ganz recht daran, den Leuten etwas aufzubinden. Wenn
mich heute Jemand fragt, wie es geht, so sage ich ihm einfach: ich müßte mich von früh bis spät quälen, weil meine
zwanzig Gesellen die Arbeit nicht mehr schaffen könnten.
Dann wundert sich kein Mensch mehr über meine schwarzen
Hände und die ewige Lampe in meiner Werkstatt. Nur dem
Steuermann klage ich nach Noten meinen Dalles, denn der
gehört zu den Leuten, denen ich nicht traue. . . Ich würde
gerne mitgehen zum Begräbniß, lieber Herr Timpe, aber die
„Goldene Hundertzehn“ hat keinen passenden Anzug für mich
gefunden, und mein alter Schneider ist jetzt selbst so arm,
daß ich ihm jedesmal aus dem Wege gehe, denn ich fürchte,
er könnte mich anpumpen.“

Timpe wollte nach diesen Worten das Geld nicht
nehmen; aber Nölte rief die Todte zum Zeugen an, daß
er im Weigerungsfalle dem Meister die Freundschaft
kündigen werde. Da es gerade nach Tisch war, so bekamen
die Kinder Kaffee und zwei Schnitten Brod, die Marie
Beyer so dick mit Butter bestrichen hatte, daß Nölte meinte,
es sei jammerschade, denn man könnte mindestens sechs damit
bestreichen.

Es war an einem Wintertage. Um vier Uhr sollte das
Begräbniß stattfinden. Gerade als man Anstalten machen
wollte, den Sarg zuzuschrauben, wurde die Thür geöffnet und
hereintraten Spiller, gen. Spillrich, der kleine Sachse, und
Fritz Wiesel. Sie waren im schwarzen Sonntagsstaat und
traten, den Cylinderhut in der einen und einen großen Kranz
in der anderen Hand haltend, zögernd näher. Das war eine
Ueberraschung, die Thomas Beyer dem Meister zugedacht
hatte. Es gab doch Menschen in der Welt, die seiner noch
gedachten und ihre Anhänglichkeit bewiesen. Der Sargdeckel
wurde noch einmal heruntergenommen und die beiden Gesellen durften einen letzten Blick auf das Antlitz der verstorbenen Meisterin thun. Der Sachse konnte nicht an sich
halten, seine Augen wurden naß. Und das zog auch das
Gefühl des lustigen Berliners in Mitleidenschaft. Sie
brachten dann stammelnd und äußerst unbeholfen ein Paar
an Timpe gerichtete Trostworte hervor. Er saß in der
Nähe des Fensters, dessen untere Flügel der Leiche wegen
geöffnet waren. Draußen fiel der Schnee dicht wie die
Daunen eines ausgeschütteten Riesenbettes zur Erde. Einige
Flocken flogen ins Zimmer hinein und näßten des Meisters
Gesicht. Ihm that das wohl, denn sein Kopf war heiß, wie
in Fiebergluth. Nun erhob er sich und drückte seinen früheren
Gehilfen warm die Hände. Nur schwer rangen die Worte
sich über seine Lippen.

„Der Großvater hat ihr keine Ruhe gelassen … er hat
sie geholt. …“

Er konnte nicht weiter sprechen. Er trat noch einmal
an die Todte heran und legte die flache Hand auf ihre Stirn,
um sie zum letzten Male zu liebkosen.

„Schlaf wohl, Alte, grüße die Kinder und den Vater
… es giebt ein Wiedersehen, dort oben“, sagte er leise.
Und nun fand er die Thränen, nach denen er so lange vergeblich gesucht hatte. Groß und schwer rannen sie über die
Wangen. Alle waren tief erschüttert. Marie Beyer stand
am Fenster und schluchzte laut und vernehmlich und selbst ihr
ewig ernster Bruder mußte sich abwenden, um seine Veränderung zu verbergen. Man begann, die Kränze festzunageln.
Bei den ersten Schlägen, die dumpf durch das Zimmer
schallten, mußte Timpe mit Gewalt zurückgerissen werden.
Er war dem Zusammenbrechen nahe.

Als der Sarg hinausgetragen wurde, fragte Wiesel den
Altgesellen: „Aber kommt denn sein Sohn nicht —?“

Thomas Beyer machte zu den beiden Gesellen eine abwehrende Bewegung: „Kein Wort darüber zu ihm, oder ihr
bekommt es mit mir zu thun“, erwiderte er.

Trotz des Unwetters hatten sich doch Neugierige auf der
Straße versammelt, darunter einige Nachbarsleute, die unverholen ihr Erstaunen über die eine Trauerkutsche und die
simple Droschke zweiter Klasse äußerten.

„Man sieht noch jarnischt von die reiche Verwandtschaft“,
sagte eine dicke Frau, deren Stumpfnase fast ganz im fettigen
Gesicht verschwand.

„Sein einziger Sohn hat ja eene von die reichen Kirchberg jeheirathet“, fiel die lange Frau eines Budikers ein, die
wie ein Laternenpfahl die Gruppe überragte. „Die haben sogar Equipage, aber ich sehe noch keene … das scheint allens
so ohne Klang und Sang vorüberzujehen.“

„Daß da etwas nicht richtig ist, habe ich mir schon lange
jedacht. Aber man verbrennt sich nicht gern den Mund“,
mischte sich eine Dritte ins Gespräch.

„Es ist die alte Geschichte: Hochmuth kommt vor den
Fall“, begann die Dicke wieder: „wie haben die Leute renummirt mit ihrem Jungen. Ih, da war jarnischt jut jenug
… und jetzt kommt er nich' mal, um der Ollen die Oogen
zuzudrücken. Das sollte meiner sind, den würde ich springen
lassen. Ick sage Ihnen . . .“

„Da kommen sie schon“, unterbrach sie die lange Budikerin; „aber da ist ja doch eene Frau, das ist wohl die
Schwiejertochter?“

„Ih Jott bewahre! die reiche Frau wird doch nich so'n
Kattunfummel tragen.“

Man machte ehrerbietigst Platz. Der Sarg wurde auf
den Wagen geschoben und der Zug setzte sich langsam in Bewegung. In der Kutsche saßen Timpe, der Altgeselle und
seine Schwester. Spiller, Wiesel und der Lehrling hatten die
Plätze in der Droschke eingenommen.

„Sie haben Recht gehabt“, sagte die Dicke zu der dritten
Sprecherin, als sie mit ihr über den Damm schritt, „es ist
da etwas nicht janz richtig, oder die Jnädige hat ihre
Mijräne und ihr Mann muß sie aufwarten. Das ließe sich
meiner nicht bieten, det kann ick Ihnen sagen.“

Mit diesen Worten verschwand sie, während ihre Begleiterin von der Budikerfrau zurückgehalten wurde. Unter
einen Thorweg stehend vertieften sie sich in ein längeres Gespräch, dessen Thema nicht schwer zu errathen war, wenn man
beobachtete, wie die dürren Finger der langen Frau gleich
einem Wegweiser die Richtung nach Timpe's Haus nahmen.

Der Schnee fiel noch immer dicht und gleichmäßig vom
Himmel und verwischte nach und nach die Spuren des
Leichenwagens und seines Gefolges. . . .

XVII.
Innen- und Außenwelt.

Seit diesem Tage war es nur noch Timpe's Geist, der
im Hause herumwandelte; so meinte wenigstens Thomas
Beyer. Es war in der That unheimlich mit anzusehen,
wie der Meister lautlos in die Werkstatt trat, kein Wort sagte,
nichts anrührte, stumm einige Augenblicke durch das Fenster
blickte, die Lippen aufeinander preßte, nach der Fabrik hinüber nickte, und dann ebenso still wieder von dannen schlich.
Nirgends fand er Ruhe. Noch spukhafter für Gesellen und
Lehrling war es, wenn sie im Nebenraum die lauten Worte
vernahmen: „Karoline, bist Du da?“ oder: „Mutter, hörst
Du?“ Einmal steckte er sogar den Kopf in die Werkstatt
hinein und fragte allen Ernstes : „Ist meine Frau nicht hier?“

Er vermochte sein Alleinsein nicht zu begreifen. Die
ersten drei Tage nach dem Begräbniß steigerten die Hallucinationen sich derartig, daß Beyer das Ernsteste befürchtete und
jedesmal, wenn Timpe die Werkstatt verlassen hatte, hinter
ihm herging, um ihn vor irgend einer Verzweiflungsthat zu
bewahren. Dann sah er öfters, wie der Meister sich unbelauscht wähnend vor dem Lehnstuhl stand, auf dem die Verblichene sich auszuruhen pflegte; er machte eine Miene, als
säße die Meisterin noch lebend da und blicke zu ihm empor.
Oder Timpe betrachtete lange mit gefalteten Händen ihr
Bild, das an der Wand über dem silbernen Myrthenkranz
hing. Ja, als Thomas wieder einmal leise die Thür geöffnet hatte, beobachtete er, wie der Alte mit einem Ausdruck
von Zärtlichkeit den auf einem Riegel hängenden Hausrock
der Verstorbenen streichelte und einen Kuß auf ihn drückte.

Der Altgeselle hielt Timpe nun wirklich für gemüthkrank
und knüpfte oft absichtlich ein Gespräch mit ihm an, um sich
von der Krankheit zu überzeugen. Zu seinem Erstaunen antwortete der Meister völlig vernünftig, aber er brachte eine
Sanftmuth entgegen, die man in den letzten Jahren an ihm
nicht mehr bemerkt hatte. Was der Altgeselle für beginnenden
Irrsinn hielt, war nur eine hochgradige Seelenerschütterung:
die Aeußerung eines tiefgebeugten Geistes, der sich in sich selbst
verschließt und sein fürchterliches Unglück erst allmälig begreift.

Timpe nahm nur wenige Speisen zu sich, trotzdem der
Lehrling sie regelmäßig aus der Nähe herbeiholte. Der Altgeselle sah ein, daß das nicht weiter gehen könne. Am vierten
Tage brachte er in aller Frühe seine Schwester mit. Sie
blieb nun den ganzen Tag über im Hause, kochte für Meister
und Lehrling und brachte ihm die Wirthschaft in Ordnung.
Timpe wandte kein Wort dagegen ein. Er fand das so
natürlich, daß er nicht einmal dafür dankte. Nur mußten
Thomas und Marie mit ihm am selben Tische essen.

„Aber nicht für Ihr Geld, Meister . . . dann sind wir
damit einverstanden“, sagte der Altgeselle kurz und bündig
wie immer.

Das Schrecklichste für Timpe war, daß er nicht schlafen
konnte. Des Abends kam ihm das Haus öde wie eine Kirche
vor, so daß ihn ein förmliches Grauen überkam, wenn die
Stunde des Niederlegens heranrückte. Trat die Dämmerung
ein, so fürchtete er sich die beiden großen Vorderzimmer zu
betreten. Jedes Stück Möbel, der kleinste Gegenstand erinnerte ihn an sein verstorbenes Weib. Er ließ daher das Bett
in seine Arbeitsstube bringen und befahl dem Lehrling von
nun an in der Werkstatt zu schlafen.

Gleich am Tage nach der Beerdigung begannen die Zungen
in der Nachbarschaft ihre Arbeit. Die ungeheuerlichsten Geschichten kamen dabei zum Vorschein, soweit es sich um das
Verhältniß des Meisters zu seinem Sohne handelte. Bei Jamrath
drehte die Debatte sich Abend für Abend um diesen Punkt.
Man fand es unerhört, daß Timpe den vermögenden Mann
hervorzukehren wagte, da man von seinem Ruine bereits überzeugt war.

„Ihm geschieht ganz Recht; weßhalb prahlt er mit den
Rosinen, ohne sie im Sack zu haben,“ ließ Deppler sich
vernehmen. Herr Brümmer aber, der sich ärgerte, seiner
Zeit auf der Straße Timpe die Ehrfurcht vor einem Villen- und Hausbesitzer entgegengebracht zu haben, brach seine
Schweigsamkeit und sagte im salbungsvollen Tone: „Wer
gegen die großen Fabriken und die Maschinen ist, der ist auch
gegen den Geist des Fortschritts. Wissen Sie noch, wie er
an jenem Abend so tapfer dagegen losdonnerte? Ich wollte
nur nichts erwidern . . . Weßhalb auch? Er hätte mich
doch nicht verstanden . . . derartige Leute aufzuklären, ist nicht
leicht. Er hätte schließlich von mir profitirt und mich obendrein ausgelacht.“

Nur der Schornsteinfegermeister nahm des Meisters
Partei. Und als Nölte, der wie gewöhnlich von einem
Spieltisch zum andern ging und in die Karten guckte, die
unliebsamen Aeußerungen vernahm, mischte auch er sich in's Gespräch und gerieth so in Hitze, daß das Wortgefecht schließlich einen bedrohlichen Charakter annahm. Das that er
Abend für Abend, sobald man versuchte, Johannes etwas anzuhängen.

„Sie sind gerade gut genug, Timpe die Schuhschnüre zu
lösen,“ schrie er wüthend gemacht bei einer solchen Gelegenheit Brümmer in's Gesicht. „Man könnte den Fortschritt
der Zeit segnen, wenn er Sie einmal auf Nimmerwiedersehen mitführte. Ich glaube, es wird Ihnen Niemand
nachlaufen.“

Das war zu viel. Einige am Tisch lachten, was den
Zorn des Rentiers nur noch steigerte. Er wurde blaß und
zuckte mit den Lippen, ohne zuerst etwas erwidern zu können;
dann erhob er sich, rief nach Fritz, dem Kellner und
betheuerte, niemals mehr das Lokal zu betreten, wenn ihm
nicht Genugthuung zu Theil würde. Desto mehr sprach Deppler
für ihn. Das Lob Timpe's hatte den Schirmhändler derartig
mißgestimmt, daß er mit unschönen Worten über den Klempner
herfiel und dann ebenfalls erklärte, zum letzten Male an
diesem Abend den Stuhl hier gedrückt zu haben. Da Nölte
durchaus nicht den Mund hielt und seinem Herzen ganz gehörig Luft machte, so wurde der Skandal immer ärger.
Als Jamrath sah, daß alles Schlichten nichts helfe, so erwog
er rasch seine Vortheile und ersuchte den Meister, das Lokal
zu verlassen. Für eine kleine Weiße, die man verzehre,
dürfe man sich nicht erlauben, sämmtliche Gäste zu beleidigen,
meinte er halblaut, aber deutlich genug für Nölte. Der
Klempner ging nun, Brümmer und Deppler wurden beruhigt
und Jamrath war vor dem Verlust zweier seiner besten
Gäste bewahrt.

Und wie in der Kneipe, so besprach man auch in den
Familien die merkwürdige Entdeckung, die man plötzlich bei
Timpe gemacht hatte. Dieser Bezirk hatte noch etwas Kleinstädtisches an sich. In den alten Häusern wohnten die Miether
Jahrzehnte lang, Hinz und Kunz kannten sich, die Kinder
besuchten dieselbe Schule, und so hatte ein auffallendes Ereigniß
bald die Runde durch die Häuser gemacht. Es mußte natürlich
das größte Aufsehen erregen, daß weder Timpe junior mit
Frau, noch der Letzteren Familie dem Begräbniß beigewohnt
hatten. Man konnte sich das nur durch einen Zwiespalt
zwischen Vater und Sohn erklären. Die ehrenwerthen Bürgersleute, die den Meister nur von der besten Seite kannten,
bedauerten ihn tief. Eines Mittags rief Nölte Thomas
Beyer zu sich herein. Als die Rede auf Timpe kam, glaubte
Beyer nichts mehr verschweigen zu brauchen. Etwas von
des Meisters Haß gegen Urban und Franz war auch auf ihn
übergegangen. Er stellte die Undankbarkeit des Sohnes in
das richtige Licht, erzählte auch, wie Timpe jede Hülfe zurückgewiesen habe und lieber verhungern wolle, ehe er seinem
Sohne den kleinen Finger reiche.

„Er ist durch und durch ein ehrenwerther Charakter,
sein Sohn aber ein Lump, der sich für Geld sehen lassen
müßte,“ sagte er. „Das moderne Streberthum hat ihn auf
dem Gewissen; aber Timpe hat viel verschuldet, er hat ihn
frühzeitig verhätschelt und ihm in allen Dingen zu großen Willen
gelassen.“

Der Klempner schlug die Hände zusammen und sagte
ein über das andere Mal: „Du lieber Himmel, er bekommt
noch dreißig Mark von mir … ich werde mich todtschießen.
wenn ich sie ihm nicht noch heute geben kann.“

Als Beyer ihn verlassen hatte, erzählte er sofort die
ganze Geschichte seiner Frau und machte sich auf den Weg
zu dem Magazin, für das er arbeitete; ließ sich gegen
Bitten und gute Worte Vorschuß geben und schickte durch
das älteste Mädchen das Geld zu Timpe hinüber. Dann
hatte er nichts eiligeres zu thun, als jedem Menschen, den
er sprach, die Leidensgeschichte Timpe's zu erzählen.
Ja, als er einmal einen wildfremden Mann erblickte,
der das Portal von Urbans Fabrik betrachtete, knüpfte er mit
ihm ein Gespräch an und schüttete seine ganze Galle gegen
den „stillen „Kompagnon“ aus, der den Namen Franz Timpe
trug. Die Situation änderte sich nun, alle Welt nahm
Partei für den Drechslermeister und sprach sich ungünstig über
Franz aus.

Eines Vormittags hieß es im Komtor, der „junge Chef“
sei plötzlich krank geworden. Seit seiner Verheirathung
wohnte er am Alexanderplatz, in einem der wenigen, vornehm
aussehenden Häuser, die noch keine Läden aufzuweisen haben.

Jeden Vormittag pflegte er in einer Droschke erster Klasse
nach der Fabrik zu fahren. Kam er seinem Ziele näher und
saßen oder standen Leute am Fenster, so grüßten viele von
ihnen und nickten ihm freundlich zu. Seit einigen Tagen
war in diesen Achtungsbezeigungen eine auffallende Veränderung eingetreten. Man wandte sich ab oder that so, als
sähe man ihn nicht. Er forschte nun eifrig nach der Ursache
dieser kalten Behandlung und erfuhr Alles.

Er hatte noch keine Ahnung von dem Tode seiner
Mutter und selbst Urban und dessen Frau erfuhren erst von
ihm davon. Zum ersten Male in seinem Leben empfand er
Gewissensbisse, die ihn krank machten. Dazu kam der Aerger
über die Blamage, der er durch die Hartnäckigkeit seines
Vaters ausgesetzt war. Er habe noch niemals gehört, daß
einem Sohne der Tod seiner Mutter grundsätzlich verschwiegen
worden sei, sagte er zu Emma, die vor sechs Tagen einem
Knaben das Leben gegeben hatte, von dem ihr sehnlichster
Wunsch war, daß er den Namen seines Großvaters tragen
sollte. Mit dem Alten scheine es in der letzten Zeit nicht
richtig zu sein, wie man sich erzähle, fuhr er fort. Habe
man ihm nicht vor Jahren einen vierfachen Preis für sein
Grundstück geboten, ihm nicht noch vor kurzer Zeit ein anständiges Angebot gemacht? Einen derartigen Trotz könne er
nicht begreifen. Nun machten die Leute ihn, den Sohn, für
Alles verantwortlich und würden schließlich mit dem Finger
auf ihn deuten.

Er war so aufgeregt, daß er das Essen nicht anrührte,
einen Boten nach der Fabrik schickte, sich für unpäßlich erklärte und um regelmäßigen Rapport bat.

Emma rief ihn mit schwacher Stimme zu sich heran,
deutete auf das Kind, das seine Züge trug und flehte ihn an,
sich zu seinem Vater zu begeben, um Alles wieder gut zu
machen. Sie habe Recht, es müsse irgend etwas geschehen,
sonst leide sein ganzes Renommee darunter, meinte er zustimmend.

Als Frau Urban gerade ins Zimmer trat, um sich wie
alltäglich nach dem Befinden der Wöchnerin zu erkundigen,
zog man sie ins Geheimniß. Sie sollte erst allein zum Meister
gehen, um ihn vorzubereiten und seine Stimmung zu
prüfen.

Am selben Nachmittag noch führte sie ihren Auftrag aus.
Sie hatte den Meister lange nicht gesehen, so daß sie förmlich
zurückprallte, als sie ihn erblickte. Noch mehr wunderte sie
sich über seine Unhöflichkeit. Nicht einmal einen Stuhl bot
er ihr an. Als sie ihn fragte, ob er sie noch kenne,
lachte er spöttisch auf und wies mit der Hand nach
der Seite, wo der Hof lag. „Die alte Mauer . .
wissen Sie noch? . . . Sie haben uns nicht das Licht gegönnt.
nicht den Anblick der unschuldigen Blumen, die Gott doch
überall wachsen läßt, damit der Aermste sich daran erfreue.“
Er hatte noch nichts vergessen; das machte sie erst recht betroffen.

„Ihr Sohn gab die Veranlassung,“ brachte sie dann
zögernd wie zur Vertheidigung hervor. Zu gleicher Zeit
wollte sie das Gespräch auf den eigentlichen Zweck ihres Besuches bringen; aber im nächsten Augenblick schreckte sie zusammen, denn Timpe stampfte mit dem Fuße auf und
sagte:

„Mein Sohn, mein Sohn! . . . Kennen Sie ihn? Ich
nicht. Sie hätten ihm damals den Hals umdrehen sollen,
als Sie ihn zum ersten Male beim Obststehlen ertappten.
Sie hätten ein gutes Werk gethan. . . . Gott wird mir
meine sündhaften Gedanken verzeihen, um der vielen Gebete
willen, die mein Leben ausgefüllt haben.“

Er wandte sich ab. Frau Urban wurde bewegt,
schritt auf ihn zu und redete sanft auf ihn ein; aber er war
unerbittlich.

„Kein Wort mehr darüber. . . . Es liegt ein Abgrund
zwischen mir und meinem Sohne, den keine Macht der Welt
überbrücken kann, höchstens die eines —“ er wollte hinzufügen „irdischen Richters“, besann sich aber noch zur rechten
Zeit und schloß: „Gehen Sie, es ist alles nutzlos. Ich störe
Ihren Frieden nicht, wünsche aber auch, daß der meinige nicht
gestört werde … ein für allemal.“

Und als sie aufs Neue den Versuch machte, seinen
Starrsinn zu brechen, ließ er sie mit einem Gruß stehen und
verließ das Zimmer, so daß sie sich gezwungen sah sich zu
entfernen.

Timpe begann nun das Leben eines wahren Einsiedlers zu führen. Selten verließ er das Haus.
Er scheute die Berührung mit der Außenwelt, wie
man ungefähr einen Aussätzigen fürchtet, dessen Anblick
Widerwillen erweckt. Hatte er wirklich einen geschäftlichen Gang
zu erledigen, so that er es im Schutze der Abendstunde.
Er machte diese Gänge nur mechanisch, mehr der äußersten
Nothwendigkeit gehorchend, als dem inneren Triebe folgend.
Um diese Zeit war es, als der Bursche seine Lehrzeit beendet hatte. Er blieb nur noch eine Woche in der Werkstatt
und zog dann von dannen, weil er plötzlich in dem Wahne
lebte, ein Mann geworden zu sein, der große Ansprüche erheben dürfe. Timpe wollte keinen Ersatz für ihn haben. Er
haßte jedes neue Gesicht und war so nervös geworden, daß
er nicht mehr die Ruhe zu finden hoffte, große Umstände mit
Jemandem zu machen. Zudem, was konnte ein Mensch bei
ihm wohl lernen? Immer noch drechselte er gewöhnliche
Holzarbeit, die ihn bereits so anekelte, daß er sie nicht mehr
sehen mochte. Am liebsten wäre es ihm gewesen, wenn er
ganz allein an seiner Drehbank hätte stehen können. Er
würde dann gerade so viel Arbeit in's Haus genommen haben,
als er bedurfte, um zu leben. Aber er scheute sich, Thomas,
Beyer auf's Neue zu ersuchen, nicht mehr wiederzukommen
denn gewiß würde er nur tauben Ohren predigen. Dafür
brachte er es aber so weit, daß Marie das Wirthschaften einstellte und nicht mehr wiederkam. Es geniere ihn, ein fremdes
Frauenzimmer um sich zu haben, erklärte er ihr frank und frei;
und Fräulein Beyer ließ sich das nicht zweimal sagen, trotzdem er ihr erklärte, er schätze sie sehr und habe nicht das
Geringste gegen sie. Wenn man aber dreiunddreißig Jahre
sein Weib um sich gehabt habe, dann könne man sich an ein
anderes Gesicht schwer gewöhnen. Der wahre Grund seiner
Abneigung war ein anderer. Sein Mißtrauen wuchs von
Tag zu Tag; er redete sich ein, die Schwester könne ebenso sehr auf seine Habseligkeiten spekuliren, wie ihr Bruder auf
seinen Gesinnungswechsel.

Er kochte nun seinen Kaffee selbst, hielt sich Frühstück
und Abendbrod im Hause und ließ sich nur das Mittagessen
aus einer nahen Speisewirthschaft ins Haus senden. Aber
auch nicht regelmäßig, denn oftmals fiel es ihm ein, sich selbst
etwas zu bereiten; dann ging er in aller Frühe zu den
Händlern, holte das Nothdürftigste ein und bestellte das
Mittagmahl ab.

Das ging einige Wochen so. Dann trat plötzlich eine
für sein Lebensalter verhängnißvolle Wendung ein. Die
Hypothek wurde ihm gekündigt und zwar persönlich von dem
Inhaber derselben. Es gab keine langen Auseinandersetzungen.
Der Darleiher brachte allerlei Gründe vor, die zum Theil
berechtigt waren, zum Theil nur zu deutlich die Absicht durchblicken ließen, wieder zum baaren Gelde zu gelangen. Da
hieß es denn hintereinander: „. . . Es ist mir zu Ohren
gekommen, daß es mit Ihrem Geschäft vollständig bergab gegangen ist . . . die Stadtbahn hat das Grundstück entwerthet . . .
ich gebrauche nothwendig Geld“ u. s. w.

In Wahrheit war das nur ein lustiger Vorwand, hinter
dem sich Spekulationsgelüste verbargen. Der Herr hatte
einen nahen Verwandten in der Stadtbauverwaltung, der ihn
benachrichtigt hatte, daß demnächst allen Ernstes mit der Erweiterung der Straße an dieser Stelle vorgegangen werden
sollte. Er setzte nun voraus, daß Timpe für sein altes
Haus kein neues Geld auftreiben und daß er dann das
Vorkaufsrecht für dasselbe haben würde. Obendrein hatte
auch der Fiskus wegen Entfernung der „alten Baracke“ mit
der Stadt verhandelt. Es lag ihm daran, die Eisenbahnbogen
zu verwerthen, was nicht gut möglich war, so lange Timpe's
Haus die Gegend verunzierte und den Eingang der Viadukte
versperrte.

Der Meister hatte drei Monate Zeit und nun wider
Willen eine Beschäftigung in den Straßen Berlins gefunden.
Es handelte sich um achttausend Mark, die er auftreiben
sollte. Er lief von früh bis spät, treppauf, treppab, erließ
Inserate, trat mit einem Dutzend Menschen in Verbindung,
ohne an sein Ziel zu gelangen. Man sah sich das Haus an,
schnüffelte in allen Ecken umher, nahm Einsicht in die Verhältnisse, lief nach dem Grundbuchamt und schüttelte dann
mit dem Kopf. Es war immer dieselbe Ausrede: „. . . Ja,
wenn die Stadtbahn nicht vorüberginge . . . wenn der ganze
Raum nicht keilförmig wäre . . . man weiß nicht, was man
daraus machen soll!“

Das wäre immer noch nicht so schlimm gewesen, wenn
der Meister nicht eine Hypothek, unkündbar auf Lebenszeit,
gewünscht hätte. Er wollte sich auf alle Fälle sichern. Der
Termin rückte immer näher heran — er fand keine Befriedigung seiner Wünsche. Schließlich dachte er daran, eine
geringere Summe aufzunehmen, die überflüssigen Drehbänke,
die Modelle und alle entbehrlichen Möbel zu verkaufen, um
mit dem Erlös die nöthige Summe zu erzielen. In dieser
peinlichen Situation war ihm Niemand mehr im Wege als
Thomas Beyer. Er haßte ihn jetzt förmlich, er wußte nicht
warum. Jedenfalls fand er es nicht für nöthig, den Gesellen
Zeuge der neuesten Veränderung sein zu lassen. Wenn es
schon so weit kam, daß wirklich alles Entbehrliche verkauft
werden mußte, dann konnte das in aller Stille geschehen, in
der Dunkelheit womöglich, und brauchte Niemand etwas davon
zu wissen, außer ihm und seinem Gott! Das wäre ein
Gaudium für seine Feinde gewesen, wenn sie erfahren hätten,
wie es wirklich um ihn stand. Obendrein würde man ihm
noch Mitleid entgegenbringen und er wollte es nicht, verlangte
es nicht, und würde eher den Tod erlitten haben, ehe er es
entgegen genommen hätte.

Sein ganzes Sinnen und Trachten ging nun darauf hin,
dem Altgesellen für immer den Laufpaß zu geben. Er faßte
diesen Gedanken mit Mitleid, aber es war eine Nothwendigkeit, die durchgeführt werden mußte. Nicht nur der Zwang
trieb ihn dazu, sondern eine tiefe Sehnsucht nach gänzlicher
Einsamkeit, wie sie Menschen zu überkommen pflegt, die mit
dem Gefühl im Herzen den Haß gegen die Welt mit sich
herumtragen und Gewohnheiten annehmen, die sie zu Sonderlingen machen.

Am nächsten Sonnabend machte er den letzten Veruch, mit dem Altgesellen in Güte sich auseinanderzusetzen.
Es fruchtete auch diesmal nichts. Er würde den Meister
unter solchen Verhältnissen erst recht nicht verlassen, erwiderte
er. Er erhebe ja nur Anspruch auf den niedrigsten Lohn,
den man sich nur denken könne. Timpe blieb ruhig und
ging hinaus. Als Beyer aber am nächsten Montag um sieben
Uhr wie gewöhnlich die Hausthür öffnen wollte, fand er
sie verschlossen. Er rüttelte und klopfte — es wurde nicht
geöffnet. Dagegen steckte Timpe den Kopf zum Fenster hinaus und warf dem Gehilfen das Arbeitszeug zu. Es war
nebelig und nur vereinzelt gingen die Menschen vorüber.
„Da Sie nicht gutwillig gehen wollen, so muß ich andere
Saiten aufspannen“, schrie Timpe ihn an. Beyer möge sich
zu allen Teufeln scheren und die fürderhin zu bekehren versuchen, da fände er gewiß lohnendere Beschäftigung.

„Aber Meister, sind Sie von Sinnen? …“

Statt aller Antwort wurde der Laden herangezogen und
der Altgeselle hörte deutlich das Quietschen der Schraube, die
ihn befestigte. Das Haus sah nun aus, als läge sein einziger
Bewohner noch im tiefsten Schlafe.

Eine ganze Stunde lang schritt Beyer auf und ab. Der
Nebel zertheilte sich, es wurde heller, eilige Menschen liefen
an ihm vorüber, in dem Häuschen aber rührte sich nichts.
Endlich wurde es ihm unangenehm und er ging. Der
Meister hatte ihn durch das Luftloch des Ladens fortwährend
beobachtet und kochte nun beruhigt seinen Kaffee; während
er ihn schlürfte, lachte er über den gelungenen Streich. Das
Bewußtsein, daß er nun allein war und von einem Raume
in den anderen spazieren konnte, ohne einem Menschen zu
begegnen, verursachte ihm großes Behagen.

Zwei Tage lang verließ er das Haus nicht, schlug er nur
den einen Vorderladen zurück und lebte von dem, was er in
der Küche vorräthig hatte. Die Hausthür wurde nur geöffnet, als ein Wagen aus der Fabrik vorfuhr, um die fertige
Arbeit abzuholen. Den zweiten Morgen ließ sich Beyer nicht
sehen, aber am dritten begehrte er wieder Einlaß. Er nahm
an, daß Timpe ihn nicht mehr erwarten würde. Aber der
Meister war bereits auf und sah ihn auf der Straße stehen.
Er verhielt sich ruhig und der Geselle ging bald wieder davon.
Während der ganzen Woche tauchte Beyer nicht auf.

Timpe fühlte sich beruhigt. Der Belagerungszustand
kam ihm nun so lächerlich vor, daß er den Laden wieder
öffnete und dem Hause ein freundliches Gepräge gab. Trotzdem befolgte er die Vorsicht nach wie vor. Einmal wurde er
durch die Anhänglichkeit des Altgesellen so weich gestimmt,
daß er ihn persönlich aufsuchen wollte, um ihn wieder zu
holen, aber er bewahrte glücklicher Weise seine Stärke. Eine
nicht mehr erwartete Kraft war plötzlich über ihn gekommen:
einer jener thatenlustigen Augenblicke in der Erschlaffungsperiode eines Menschen, wo der Muth zu neuer Arbeit,
zu einem neuen Leben sich zu regen beginnt. Es war gleichsam ein Trotz, ein riesenstarkes Aufbäumen gegen die Gemeinheiten des Daseins. Er wollte dieses Haus hier, in dem er
geboren war, in dem drei Generationen seines Namens gehaust hatten, als seine Burg betrachten, deren Besitz er gegen
die Außenwelt vertheidigte. Die Einsamkeit sollte seine
Waffen schärfen. Er freute sich seines Alleinseins. Es sah
Niemand, was er trieb, er brauchte keinem zweiten Menschen
Rechenschaft über sein Thun und Lassen abzulegen.

Er hatte nur noch vierzehn Tage Zeit, um eine neue
Hypothek eintragen zu lassen. Er verschloß also sein
Haus von allen Seiten und machte sich wiederum auf
den Weg. Die Arbeit lief ihm nicht weg, denn von dieser
Sorte konnte er genug bekommen. Zuletzt verlor er
aber doch die Hoffnung, denn Niemand wagte, auf seine
Bedingung einzugehen. Im letzten Augenblick meldete sich
ein Retter in der Noth, der, wie er angab, auf Umwegen
von seiner Bedrängniß gehört haben wollte. Es war ein
Zwischenhändler, den Urban, der in letzter Stunde Kenntniß
von der Hypothekengeschichte erhielt, beauftragt hatte, das
Geschäft zu machen, ohne daß Timpe von dem wahren
Sachverhalt erfahre. Man wollte dem Meister die achttausend Mark geben, sich aber vierteljährliche Kündigungsfrist
vorbehalten. Das Anerbieten war von sehr schönen Redensarten begleitet: Man würde durchaus nicht in den ersten
zehn Jahren von dem Kündigungsrechte Gebrauch machen, müsse
sich aber auf alle Fälle sichern. Es war sozusagen die
Pistole, die man Timpe auf die Brust setzte. Er
überlegte noch achtundvierzig Stunden, lief noch einmal treppauf, treppab, und willigte dann in den Handel
ein. So konnte er wenigstens in seinen vier Pfählen
sitzen bleiben und sich mit dem Bewußtsein schlafen legen, daß
„den guten Freunden“ die Freude verdorben wurde.

Um die ausbedungenen Zinsen vorausbezahlen zu können,
verkaufte er in aller Stille drei seiner Drehbänke, die in den
Abendstunden abgeholt wurden. Wozu sollten sie auch länger
dastehen, da er doch nicht mehr die Aussicht hatte, sie in Bewegung zu sehen! Am meisten freute er sich über die großen
Augen, die der jetzige Inhaber der Hypothek machen würde,
wenn das baare Geld ihm hingezählt wurde. Der Herr zeigte
allerdings ein sehr langes Gesicht und drehte jeden Kassenschein vorsichtig um, als glaubte er ihn gefälscht und dadurch
die Möglichkeit zu bekommen, seine Spekulation verwirklichen
zu können. Den Meister amüsirte das außerordentlich und
er konnte sich nicht enthalten zu fragen, ob der Herr vielleicht
an Stelle der Kassenscheine „Gold“ wünsche? Er habe immer
einige Rollen davon im Hause. Und wenn der Herr wieder
'mal Jemanden träfe, der ihm erzähle, daß es ihm, Timpe,
schlecht erginge, so möchte er ihn gefälligst einen Dummkopf
nennen und ihn darauf aufmerksam machen, daß kluge Leute
immer ihr Geld auf der „Königlich Preußischen Bank“ zu liegen
haben. Damit trennte man sich.

XVIII.
Der neue Heiland.

Seit der Abwicklung dieses Geschäfts konnte man Timpe
mit einem Dachs vergleichen, der Tage lang in seinem
Bau hockt und nur durch den Hunger getrieben wird,
ihn zu verlassen. Er beschränkte sich jetzt nur noch
ganz auf die große Werkstatt und seine Arbeitsstube, die
zugleich sein Schlafzimmer war. Die „gute Stube“ hatte er
seit Monaten nicht gesehen und das Wohnzimmer betrat er
nur in Ausnahmefällen. Er fürchtete sich, durch ihm lieb gewordene Gegenstände an den Großvater und Karoline erinnert
zu werden. Die Läden, die nach dem Winkel vor dem Hause
hinausgingen, wurden mit Ausnahme des einen halben, der
zum Fenster der Modell- und Schlafstube gehörte, garnicht
mehr geöffnet. Die Hausthür war den ganzen Tag über
geschlossen; ein mächtiger Riegel war vorgeschoben.

Timpe stand pünktlich auf, hielt seine Mahlzeiten regelmäßig
und legte sich Abend für Abend um dieselbe Zeit nieder. Von
früh bis spät drehte er ein und dieselbe Arbeit: Stuhlbeine
für Luxusstühle, die er bereits mit Beyer zusammen gedrechselt
hatte. Als das Wochen lang so fortging, merkte er, daß seine
Augen schwach wurden; sie fingen an zu thränen, so daß er
das Drehwerkzeug absetzen und längere Zeit pausiren mußte.
So ging er denn eines Morgens in aller Frühe zu einem
Arzt und ließ sich eine blaue Brille verschreiben, mit der er sich
sehr sonderbar ausnahm; aber es ging doch besser. Erlahmte
er trotz alledem, so griff er zum „Sorgenbrecher,“ wie Meister
Klatt den Schnaps nannte. Er trank nicht viel, aber gerade
genug, um zu neuer Arbeit angefeuert zu werden und sich
in einen seligen Zustand des Vergessens zu versetzen.
Eines Abends vor Feierabend hatte er noch einen so kräftigen Zug genommen, daß ihm im Stehen die Augen zufielen, er sich mechanisch auf einen Schemel niederließ und
sanft entschlummerte. Durch ein klirrendes Geräusch erwachte
er. Der Cylinder der Arbeitslampe war gesprungen und ein
Stück davon auf die Drehbank gefallen. Er schreckte zusammen und rieb sich verwundert die Augen. Die Werkstattuhr zeigte bereits zehn Uhr. Drei lange Stunden hatte
also sein Schlaf gewährt. Ein süßer Traum hatte ihn umfangen gehabt: Er saß in der Vorderstube mit dem Großvater und seiner Frau am großen runden Tisch, als sein
Sohn hereintrat, auf ihn zustürzte und ihn herzte und küßte.

Nach einer Viertelstunde starrte er immer noch auf
denselben Punkt und ließ das Traumgebilde an sich vorüberziehen. Große Thränen rollten dabei langsam über
seine Wangen. Als er dann nach und nach in die Wirklichkeit zurückkam und sich in dem großen Raum umblickte,
schauerte er zusammen, denn ihn fröstelte. Die Einsamkeit
des stillen Hauses wirkte mit allen Schrecknissen auf ihn ein.
Da erblickte er die Schnapsflasche, die auf der Drehbank
stand; in ihr saß der Teufel, der ihn in diesen Traum versenkt hatte. Und er wollte nicht solche Träume haben —
nicht solche verlockenden Gaukeleien, in denen die Küsse seines
Sohnes, die sich niemals bewahrheiten würden, eine Rolle
spielten! Er nahm die Flasche und warf sie mit solcher Kraft
in den entferntesten Winkel, daß sie in Scherben zerfiel; dabei
gelobte er sich, keine zweite mehr an den Mund zu setzen.
Zwei Tage lang hielt er das Gelöbniß; aber bei der Arbeit
rückte er unruhig gegen die Bank, blickte sich so oft nach der
Stelle um, von wo er gewohnheitsmäßig die Flasche zu langen
pflegte, daß er am dritten Tage bereits mechanisch eine neue
in der Küche ausspülte und sie mit dem „Sorgenbrecher“
füllen ließ, als er in der Morgenstunde seine gewöhnlichen
Einkäufe machte. Er wunderte sich dann, wie wohl ihm
wieder beim ersten Schluck wurde, als er die Drehbank in Bewegung setzte.

Worauf er garnicht mehr Werth legte, war sein Aeußeres.
Er übte nach wie vor Reinlichkeit, vernachlässigte aber seine
Kleidung und vergaß ganz und gar, daß er mit der Zeit immer
magerer geworden war, während die Weite seiner Röcke dieselbe
blieb. Seit Monaten trug er im Hause einen fadenscheinigen
Sommerüberzieher und ging damit auch des Morgens
über die Straße. Es war die völlige Gleichgültigkeit, in die
er sich mit der Liebe zur Flasche und zur völligen Einsamkeit theilte.

Den ganzen Sommer hindurch war sein Dasein immer
dasselbe; er stand früh Morgens um 6 Uhr auf, drechselte
den langen Tag über seine Stuhlbeine, die des Sonnabends
regelmäßig abgeholt wurden, öffnete Mittags Punkt 12 Uhr
die Hausthür, wenn das Mittagessen gebracht wurde und legte
sich Abends Punkt neun Uhr schlafen. Er verdiente gerade
soviel, daß er existiren und die Zinsen ersparen konnte. Besondere Bedürfnisse hatte er garnicht. Selbst die „Warte“,
die ihm sonst so lieb und theuer war, bestieg er nicht mehr,
denn der Anblick alles dessen, was außerhalb seiner Wände
lag, war ihm verhaßt.

Die Bewohner des ganzen Viertels sprachen nur noch
von ihm als von einem Sonderling, und geschah das von
böswilligen Zungen, so wurde noch das Wort „verrückter“ hinzugesetzt. Es gab Leute, die einen weiten Weg machten, um
sein Haus zu sehen und sich eine Vorstellung von dem Bewohner zu machen. Trotzdem er Niemandem etwas zu Leide
that, gab es Mütter, die ihre Kinder warnten, in der Abendstunde bei des Meisters Hausthür vorüberzugehen, denn geistesgestörten Menschen müsse man aus dem Wege gehen, weil sie
gefährlich werden könnten. Dieses Urtheil der öffentlichen
Meinung trug viel dazu bei, das Verhältniß seines Sohnes
zu ihm von einer ganz anderen Seite zu betrachten und das
Fernbleiben desselben von dem Elternhause gerechtfertigt zu
finden. Wer mitten unter civilisirten Leuten das Leben eines
Waldmenschen führte, mußte mit einem ganz anderen Maße
gemessen werden. Was hatten die Leute sich schon alles von
ihm erzählt! Wie er aufziehe, das Haar langwachsen lasse, mit
einer großen Tasche in der Hand frühmorgens wie ein
richtiges altes Weib Kaffee und Brot einhole, ja oftmals
sogar Kartoffeln, die er wahrscheinlich ungewaschen mit der
Schale röste, um sie frisch aus dem Feuer zu verzehren.

Nur zwei Menschen gab es, die oft zusammentrafen, um
ein besseres Urtheil über Timpe abzugeben und gegenseitig
ihre Gedanken auszutauschen: Beyer und Nölte. Beide
hatten zu verschiedenen Malen den Versuch gemacht, ihn zu
besuchen, ohne jedoch Einlaß zu finden. Der Klempner hatte
ihn dann eines Morgens auf der Straße getroffen, sich mit
ihm eine Weile unterhalten und dabei gefunden, daß Timpe
durchaus bei Verstande war.

In den ersten Tagen des Oktobers wurde Timpe
durch eine Kündigung der neuen Hypothek überrascht.
Dieser Schlag traf ihn wie ein Blitz aus heiterem Himmel.
Er glaubte zu träumen, dann dachte er an einen schlechten
Scherz. Am späten Nachmittag war die Nachricht eingetroffen; sofort suchte er den Darleiher des Geldes auf.
Hier bewies er, wie vernünftig er noch denken und reden
konnte. Ob man sich denn nicht erinnere, daß man ihm die
feste Versicherung gegeben habe, die Hypothek würde in den
ersten zehn Jahren nicht gekündigt werden? Ackselzucken war
die Antwort. Man könne sich nicht mehr darauf besinnen. . .
nur, was man Schwarz auf Weiß besitze, sei von Gültigkeit.
Auf lange Auseinandersetzungen dürfe man sich nicht einlassen, denn das Geld würde nöthig gebraucht. Der Meister,
eingedenk der bereits einmal gemachten trüben Erfahrungen,
bot alles auf, um die Hypothek zu behalten. Er versprach
höhere Zinsen, aber als Antwort bekam er immer dasselbe:
Achselzucken nnd nochmals Achselzucken. Als er sah, daß hier die
schönsten Worte verschwendet waren, ging er, um aufs Neue
sein Heil bei Geldmenschen zu versuchen. Binnen einer
Stunde war er wieder in das aufregende Gewühl des Weltstadtlebens hinausgeschleudert. Sechs Wochen lang bemühte
er sich abermals vergeblich. Zuletzt schwand ihm aller
Muth und die Hoffnungslosigkeit bemächtigte sich seiner
in nie erwartetem Maße. Es war weniger der Gedanke an
den Vermögensverlust, der ihn so tief ergriff und schmerzte,
als der, daß er aus seinem Heim vertrieben werden könnte.
Die Mitleidslosigkeit grinste ihn nun in tausendfacher Gestalt
an. Ekel vor der Welt überkam ihn, nnd zum zweiten Male
in seinem Leben tauchte ein unheilvoller Dämon vor ihm auf,
zerrte an ihm und ließ ihn nicht mehr los. Er trug diesmal
nicht die sanften Züge Thomas Beyers, sondern ein abschreckend häßliches Antlitz: Es war der Haß gegen die bestehende Ordnung im Staate.

„Beyer hat Recht“, sprach er vor sich hin, als er wieder
einmal eine Wanderung unternommen hatte und seine Bemühungen wie gewöhnlich resultatlos geblieben waren. „Beyer
hat Recht!“ Als er zum zweiten Male diese Worte wiederholte, blieb er stehen und starrte vor sich hin. Der Dämon
hatte sich plötzlich vor seinen Augen in einen Abgott verwandelt. „Beten Sie den neuen Heiland an“, hatte Beyer
zu ihm gesagt. Den ganzen Tag über unterbrach er seine
Grübeleien immer mit denselben vor sich hingemurmelten
Worten: „Der neue Heiland . . . der neue Heiland . . . bete
den neuen Heiland an!“

Seit acht Tagen hatte er die Drehbank nicht getreten.
War er halberschöpft von seinen Gängen zurückgekehrt, so
durchmaß er mit großen Schritten die Werkstatt und rief sich
alles in's Gedächtniß zurück, was der Altgeselle ihm gepredigt
hatte. Was hätte er jetzt darum gegeben, wenn Thomas
Beyer plötzlich vor ihm aufgetaucht wäre, um noch einmal
das zu wiederholen, was er ihm so oft gesagt hatte. Als
hätte trotz seines physischen Elends sein Geist plötzlich eine
wunderbare Kraft erlangt, fielen ihm ganze Bruchstücke der
Agitationsreden des Altgesellen ein: „. . . Die Leute, die
Sie zu Grunde richten, sind ihre natürlichen Feinde, gegen
welche Sie sich aufbäumen müssen. . . Gott will nicht, daß
ein Gerechter leide um hundert Ungerechter willen . . . die
moderne Gesellschaft mit ihrem Produktionsschwindel hat Sie
auf dem Gewissen. . .“

Er sprach diese Sätze wohl ein Dutzend Mal laut vor
sich hin und gab sich alle Mühe, ihre Wahrheit zu ergründen
und sie bis ins Einzelne zu zergliedern. Eine förmliche
Wuth überkam ihn, die neue Lehre immer mehr in sich
aufzunehmen und sich an ihr zu berauschen. In der guten
Stube standen einige Bücher, darunter ein altes Lexikon.
Mit Eifer stürzte er sich darüber her und suchte nach irgend
einer Erklärung des Wortes „Sozialdemokratie“. Er
wurde aber nicht befriedigt; was er fand, war ihm zu gelehrt. Als er beim großen Wandspiegel vorüberkam, schreckte
er vor seinem eigenen Bilde zusammen. Gespensterhaft
starrte ihm sein Antlitz entgegen. Er war so überrascht, daß
er sich umblickte, als stände noch ein Anderer hinter
ihm. Je länger er sich aber betrachtete, je komischer
kam er sich vor. Schließlich amüsirte er sich über seinen
Aufzug, beschaute sich, wie ein Komödiant, der in den nächsten
Minuten auf die Bühne gehen soll, von allen Seiten und
nickte sich freundlich zu. Es war der Schnapsteufel, der aus
ihm sprach und ihm diese Scherze eingab. Dann ging er
nach der Küche und hob die ganze Heerdplatte in die Höhe,
weil er in dem Wahne lebte, es könnte von den verbotenen
Schriften Beyers, die er vor langer Zeit verbrannt hatte,
noch etwas übrig geblieben sein.

Es kamen nun Stunden, wo die Einsamkeit, die bisher
sein einziges Glück ausmachte, ihm zur Last wurde, wo er
seine größte Befriedigung darin gefunden hätte, mit einem
vertrauten Menschen zu sprechen, um alles von sich zu wälzen,
was seine Seele bedrückte. Er schloß die Hausthüre auf,
öffnete die Läden, blickte nach der Straße mit einer Sehnsucht und Erwartung, als müsse jeden Augenblick die Gestalt
Beyer's vor ihm auftauchen und ihn laut begrüßen. Aber Beyer
kam nicht; nur einige Leute blieben stehen und blickten ihn
sehr erstaunt an; ein kleines Mädchen lief erschreckt über den
Damm und an den Fenstern der gegenüberliegenden Häuser
zeigten sich neugierige Gesichter, die zu ihm hinüberglotzten,
als könnten sie die plötzliche Veränderung in der Physiognomie des Hauses nicht begreifen.

Endlich nahm er sich vor, Beyer selbst aufzusuchen. Als
er aber vor der Hausthür eine Gruppe Neugieriger erblickte,
verschloß er wieder Laden und Hausthür und vergrub sich
auf's Neue in seiner Burg.

An diesem Tage fand er noch einmal Gelegenheit, seine
Aufmerksamkeit der Außenwelt zuzuwenden. Ein Geräusch
von vielen Stimmen hatte ihn nach einer der Giebelstuben hinaufgelockt. Die ganze Straße war schwarz von einer wogenden
Menschenschaar, in deren Mitte die Helme der Schutzleute auftauchten. Es war an einem Montag. In der zehnten Stunde
hatten plötzlich zweihundert Arbeiter der Urban'schen Fabrik
ihre Beschäftigung niedergelegt. Es handelte sich um eine
Lohnreduktion, die man sich nicht bieten lassen wollte. In
einer anderen Knopffabrik, die in einer der Nebenstraßen lag,
war in der vergangenen Woche bereits ein Strike ausgebrochen.
Wie der Blitz hatte sich bei diesen arbeitslosen Gesellen der
Vorgang in der Urban'schen Fabrik verbreitet; sie kamen in
hellen Haufen herbeigezogen, um zum Aushalten aufzumuntern,
oder ihrem Unmuthe Luft zu machen. Zum großen Verdruß
Urbans legte auch gegen Mittag ein Theil der Elfenbeinund Horndrechsler ihre Drehwerkzeuge nieder und zog von
dannen. Was man den Knopfarbeitern abzuziehen gedachte,
das verlangten sie als Erhöhung ihres Lohnes. Das
hatte man nicht erwartet, denn eine große Bestellung
für's Ausland war eingegangen und sollte schleunigst ausgeführt werden. Aber Urban ließ auch sie gehen, ohne ihnen
irgend welche Zugeständnisse zu machen.

Etwa sechshundert Arbeiter belagerten das Fabrikthor und
schritten vor demselben in langen Zügen auf und ab. Trotzdem
herrschte eine musterhafte Ruhe; nur ein dumpfes Murmeln, wie
das Grollen eines leicht bewegten Meeres, durchhallte die Luft.
Hin und wieder ertönte ein lauter Zuruf oder ein greller Pfiff,
der an anderer Stelle beantwortet wurde. Das Murmeln
erhob sich dann zu einem lauten Stimmgewirr, ein dichter
Menschenknäul entstand und die Schutzleute brachen sich
Bahn, um ihn zu zertheilen und zum Auseinandergehen aufzufordern. Dann wogte die dunkle Lawine wieder die
Straße entlang. Zeitweilig trat ein unheimliches Schweigen
ein, das angesichts der Menschenmenge etwas Beklemmendes,
Furchterregendes barg. Einen Gegensatz zu diesen herausfordernden Gestalten bildeten die hellleuchtenden Gesichter der
Frauen, Mädchen und Kinder, die in den geöffneten Fenstern
lagen und bis in das Dach hinauf eine lebende Garnitur an
den Häusern bildeten.

Timpe hatte eine aufrichtige Freude an diesem Anblick.

„Dacht' ich's mir doch, daß es eines Tages so kommen
würde“, sagte er mit einem vergnügten Lächeln vor sich hin;
„wenn nur die ganze Fabrik zum Teufel ginge, das wäre
ein wahrer Segen.“

Am liebsten wäre er sofort hinuntergegangen und mitten
unter die Streikenden getreten, um ihnen Ferdinand Friedrich
Urban bis auf die spitze Nase so eindringlich zu schildern, daß
sie ihn aus dem F. F. kennen gelernt hätten. Er empfand
ordentlich Lust, irgend eine Heldenthat zu begehen; diesen
armen Leuten dort, die vielleicht nicht wußten, wo
sie am andern Tage das Brod zum lieben Leben
herbekommen sollten, seinen eigenen Untergang vor
Augen zu halten, ihnen den Fluch der Armuth
und die Macht des Kapitals in glühenden Farben zu schildern,
sie zum Ungehorsam gegen die Gesetze aufzufordern, Worte
der Empörung in ihre Reihen zu schleudern. War er denn
jetzt mehr als sie, stand ihm nicht dasselbe Schicksal bevor:
gleich ihnen mit der Blechkanne in der Hand des Morgens
nach irgend einer Fabrik zu gehen, um als lebende Maschine
in der Legion der Enterbten sein Tagewerk zu verrichten?
O, er war nahe daran, die Grausamkeit des Lebens bis zum
letzten Tropfen zu durchkosten! Es kochte förmlich in ihm,
er fühlte, wie die Zunge sich im nächsten Augenblick lösen
würde, um alles das, was er dachte, in die Massen hineinzuschreien.

Aber er kam nicht dazu. Einige junge Burschen hatten
ihn erblickt, wiesen auf ihn hin und schienen sich allem
Anschein nach über ihn lustig zu machen. Eine Gruppe
bildete sich und hundert Köpfe wandten sich nach ihm. Viele
traten bis an den Zaun heran und gafften zu ihm wie
zu einem Wunderthier empor. Timpe ließ sich sehen? Das
war neu.

Ein junger bartloser Mensch, der kaum die Lehrlingsschuhe ausgezogen haben konnte und dem die Skandalsucht im Gesicht geschrieben stand, rief dann plötzlich laut:
„Seht doch den alten Meergreis da oben“. . . Gelächter
ertönte.

Der Meister wollte das Wort „dummer Junge“ gebrauchen, besann sich aber auf seine Weisheit, klappte das
Fenster zu und verschwand.

Am Nachmittage tauchten Schutzmänner zu Pferde auf,
welche im Schritt die Straße durchritten und jede Gruppe, die
sich bildete, sofort auseinandertrieben. Nach und nach vertheilten
sich die Massen. Als der kurze Wintertag zur Dämmerung
sich neigte, zerstreuten sich auch diejenigen der Strikenden
und Neugierigen, die am längsten ausgeharrt hatten. Nur
die Schutzmannsposten, die langsam vor dem Fabrikthor auf
und abwanderten, und das laute Leben in den Schankwirthschaften deuteten auf die Ereignisse des Tages hin.

Nach zwei Tagen fand die Ersatzwahl zum Reichstage
statt. In diesem ungeheuren Stadtviertel des Proletariats,
das sich von den Frankfurter Lindin bis nach dem Schlesischen Busch, und von dort bis zum Kottbuser Thor erstreckte,
hatte ein Arbeiter-Kandidat den Sieg davongetragen, aber zu
Gunsten eines anderen Wahlkreises auf dieses Mandat verzichtet.

Es war ein naßkalter Wintertag. Der Schnee hatte sich
in Wasser aufgelöst und ein feiner, kaum sichtbarer Regen
vermehrte die Schmutzlachen und durchfeuchtete die Kleidung
der Menschen. An solchen Tagen macht Berlin einen unangenehmen Eindruck. Es gleicht einem Menschen, der
plötzlich seine Stimmung und mit ihr seine Kleidung gewechselt hat. Es zieht sich in sich selbst zurück und läßt sich
nur von außen betrachten. Selbst Fenster, hinter denen man
selten Licht erblickt, sind erleuchtet, die Läden leerer als sonst,
und um die Lampe im Wohnzimmer sieht man seit langer
Zeit wieder die ganze Familie versammelt. Die flackernden
Flammen des Gaslaternen verstärken den unangenehmen Eindruck. Die Schatten werden dunkler, die Wasserpfützen
leuchten greller, die Häuser starren um so schwärzer zum
dunklen Himmel empor. Wie Irrlichter huschen die bunten
Flämmchen der Wagenlaternen über die Straße und wirken
um so unheimlicher, je weniger man die Gefährte erkennen
kann.

Seit frühmorgens war Timpe unterwegs, ohne den hülfsbereiten Menschen gefunden zu haben, der ihm Ersatz für die
gekündigte Hypothek verschaffen würde. Er hatte durch die
ewige Aufregung seine Arbeit bereits so vernachlässigt, daß sie
in der Werkstatt unausgeführt in großen Haufen lag. Noch
niemals war ihm eine ähnliche Gleichgültigkeit gegen sich
selbst, gegen Alles, was das Leben noch zu bieten vermochte,
überkommen, wie in den letzten Tagen. Er kam sich wie ein
Vagabund vor, wie ein alter Landstreicher, der durch die
Straßen zieht, nm für Brot und Nachtlager zu betteln.

Es fing bereits an zu dunkeln. Der Schnee klatschte
bei jedem Schritt gegen seine Füße, der Regendunst hatte
sein langes Haar erweicht, sich in jede Falte seiner Kleidung
gesetzt, so daß die Hand feucht wurde, wenn er sie berührte.
So näherte er sich wieder allmählich seiner Straße. In tiefe
Gedanken versunken, blieb er abwechselnd stehen und blickte
zum Himmel empor. Dann kam der Name „Karoline“ wie
ein langer Seufzer unsagbaren Schmerzes über seine Lippen.
Er suchte vergeblich nach einem Ausdruck seiner Wünsche und
Hoffnungen für die Zukunft; alles dessen, was ihn bewegte und
die ewigen Widersprüche in ihm entfachte. Endlich hatte er
ihn gefunden: es war der Lebensüberdruß, der an ihm nagte
und ihn zum Sterben schlaff und willenlos gemacht hatte.
Das Wort schien ihm so entsetzlich und doch verlockend, daß er
mitten auf dem Fahrweg stehen blieb und vor sich hinstarrte.
Eine Peitsche knallte vor seinen Ohren und ein „Heda!“
weckte ihn aus seiner Betäubung. Einige Sekunden später
und die Räder hätten ihn zermalmt. Ein Wagen rollte an
ihm vorüber, in dem sein Sohn saß. Ein flüchtiger Blick
hatte genügt, um ihn Franz erkennen zu lassen. Ein Schauer
durchrieselte ihn, der ihm kälter dünkte, als all' dieser unermeßliche geschmolzene Schnee, der ganz Berlin durchtränkte.
Mit schlotternden Knieen ging er weiter. Plötzlich bannte er
seine Schritte vor dem hellerleuchteten Thorweg eines Hauses,
das ihm bekannt erschien. Große rothe Zettel prangten an
beiden Seiten der Hausthür, ganze Züge von Menschen gingen
aus und ein, und auf der Straße standen dunkle Gestalten,
die jeden neu hinzu Eilenden anredeten und ihm ein Stück
Papier in die Hand zu drücken versuchten.

Johannes befand sich vor dem Wahllokale, in dem auch
er seit vielen Jahren sein Recht als Bürger auszuüben pflegte.
Er blieb stehen und blickte in den Thorweg hinein, wie Jemand,
der noch überlegt, ob er weitergehen oder das Haus betreten
soll. Eine schwere Hand legte sich auf seine Schulter.
Thomas Beyer stand vor ihm.

„Meister, es ist die höchste Zeit … gehen Sie hinein.
Sie haben noch keinen Zettel? … Hier … Sie stehen
gewiß in der Liste.“

Er hatte leise gesprochen und reichte ihm nun einen zusammengefalteten Zettel hin.

„Was steht d'rauf?“

Der Altgeselle lächelte und betrachtete ihn von oben bis
unten mit einem Blick, den nur Timpe verstand.

„Zögern Sie auch jetzt noch?“

Der Meister schwankte einen Augenblick; dann sagte er
mit fester Stimme: „Nein!“ beschritt den Thorweg und stieg
rechts die Stufen zum Lokal empor.

Nach wenigen Minuten kehrte er zurück.

Er wollte sich entfernen, aber Thomas Beyer hielt ihn
fest. Ob er schon wisse, daß dort drüben um die Ecke in
Scheller's Salon um sieben Uhr eine Versammlung abgehalten werde? Strikende Arbeiter der Urban'schen Fabrik
träfen sich dort.

„Meister, Sie gehören jetzt zu uns, Sie müssen mitkommen.“

Seit der Minute, wo Timpe mit gesenktem Blick die
Hand nach der Wahlurne ausgestreckt hatte, um in ihre Tiefe
jenen winzigen Fetzen Papier zu versenken, auf dem seine
neue Ueberzeugung geschrieben stand, war völlige Willenlosigkeit über ihn gekommen. Es war der Zweifel an der Gerechtigkeit seiner Handlung, der sofort mit der That in ihm
aufgestiegen war. Wie eigenthümlich hatten ihn die Herren
am Tische betrachtet, wie starr waren ihre Augen auf seine
Hand gerichtet, als wollten sie bereits aus der Farbe des
Papiers seine Gesinnung erkennen. Ja, es war ihm sogar,
als hätten ein korpulenter Sardellenhändler und ein dürrer
Kanzleirath, die als Beisitzer fungirten und ihn genau
kannten, sich erstaunte Blicke zugeworfen, aus denen zweifelsohne die Worte zu lesen waren: Haben Sie gesehen? Timpe
wählt einen Sozialdemokraten.

„Gut, wir gehen,“ erwiderte er dem Altgesellen.

Mußte er sich jetzt nicht näher um die Ziele bekümmern,
denen er gleich den Andern zustrebte? War es nicht seine
Pflicht, seit dieser Stunde eins zu sein mit den Arbeitern,
sich unter sie zu mischen, die große soziale Frage in den Versammlungen erörtert zu hören? Zudem waren die Drechsler
seine Fachkollegen und die Knopfmacher verwandte Berufsgenossen. Die Versammlung mußte ihm also ein erhöhtes
Interesse bieten.

Es war merkwürdig, wie er sich nun von Beyer leiten
ließ. Mit einer gewissen Ehrfurcht blickte er zu ihm empor,
lauschte er auf jedes Wort, das über die Wahl von seinen
Lippen kam. Er bewunderte ihn, wenn die vorüberströmenden
Arbeiter, die um diese Stunde in hellen Haufen herangezogen kamen, ihn lebhaft begrüßten, und ihm jene Achtung
entgegenbrachten, die man einem Menschen zu zollen pflegt
dessen geistige Ueberlegenheit man anerkennen muß.

Beyer hatte sich vorgenommen, den Meister heute nicht
mehr zu verlassen. Er beauftragte einige Vertrauensmänner,
nach Schluß der Wahl dem Zählakte beizuwohnen und ergriff dann Timpe's Arm, um das Wiedersehen bei einem
Glase Bier zu feiern. Er schien nur noch Mitleid für den
früheren Arbeitgeber zu haben, nachdem er die Genugthuung
erlebt hatte, ihn bekehrt zu sehen. Das sprach aus jedem
Wort, aus jedem Blick, aus der Zartheit, mit der er ihn
behandelte, und wie er in ihm immer nur den altehrwürdigen
Mann sah, in dessen Hause er unzählige Wohlthaten genossen hatte.

Timpe war schweigsam; still in sich gekehrt lauschte er den
Reden Beyers und nickte statt der Antwort mit dem Kopfe.
Ein niederdrückendes Gefühl lastete auf ihm: die Unbeholfenheit eines Menschen, der in eine neue Gesellschaft gerathen
in der er fremd ist und sich nicht zu benehmen weiß. Diese
unangenehme Situation wurde noch erhöht, als er mit dem
Altgesellen die Stufen zu einem Kellerlokal hinunterschritt
und dann in einem engen Raum inmitten von Arbeitern sich
befand, die in ihren schmutzigen Blousen direkt aus der Fabrik
gekommen waren, eifrig politisirten und ihn wie ihres gleichen
behandelten.

Wortkarg saß er in einer Ecke, nippte an seinem Biere
und dachte in dieser Spelunke an seinen Sohn, dessen Reichthum, dessen Glanz . . . Dieser Gedanke machte ihn heiß.
Ein Gefühl ungerechter Demüthigung überkam ihn und trieb
das Blut nach seinem Kopfe. Er bestellte Schnaps und nun
wurde er gesprächig, betheiligte er sich an der lauten Debatte,
that er so, als wäre er mit allem einverstanden, was man
sagte und worauf man schimpfte. . .

XIX.
Der Meister predigt Aufruhr.

In Scheller's Salon war die Versammlung noch nicht
eröffnet. Der Saal war völlig besetzt, denn zu der Zahl
der Strikenden hatten sich Hunderte von Berufsgenossen
gesellt. Obendrein war heute Wahltag. Man hatte früher
Feierabend gemacht und befand sich bereits seit Stunden in aufgeregter Stimmung. Auf der kleinen Bühne im Hintergrund
hatte der Vorstand sich niedergelassen. Rechts, abgesondert
von ihm, saß der überwachende Polizeilieutenant und hinter
diesem Alexander Liebegott. Er hatte die Hände über den
dicken Bauch gefaltet, drehte aus langer Weile die Daumen
und trug eine höchst würdevolle Miene zur Schau, über die
Krusemeyer sich sehr gewundert haben würde. Nur die Enden
des gewaltigen Schnurrbartes hingen gleich durchnäßten Trauerfloren hernieder.

Die Gläser klapperten, dichter Cigarrendampf stieg zur
Decke empor und hundertfältiges Stimmengewirr durchschwirrte
den Saal. Die Thür öffnete sich von Minute zu
Minute. Die neu Ankommenden drängten sich durch
die Reihen und spähten nach leeren Stühlen
Man begrüßte sich laut, versuchte, sich zu Bekannten hinzudrängen und erkundigte sich nach diesem und jenem. Die
ganze Unterhaltung drehte sich um die Ersatzwahl. Man
setzte ein sicheres Durchkommen des Arbeiterkandidaten voraus, aber das offizielle Resultat fehlte noch. Jeder Hinzukommende wurde mit Fragen bestürmt; auf allen Gesichtern
glänzte die Freude über den voraussichtlichen Sieg. Man
kannte sich nicht, aber trank sich gegenseitig zu auf das Wohl
der guten Sache. Die Stimmen wurden immer lauter, die
Gläser klirrten immer heftiger. Man gestikulirte äußerst aufgeregt oder hörte Einem zu, der am Tisch das Wort führte
und die Anderen durch seinen Redefluß zum Schweigen
brachte. Hier waren alle einer Meinung, die Unterhaltung
war eine ruhige; dort stießen die Ansichten schroff aufeinander. Die Opposition des Gegners wühlte die Leidenschaft auf und hastige, halberstickte Sätze kamen zum
Vorschein, die dem Redner das Wort vom Munde abschnitten. Dazwischen die Rufe nach dem Kellner, das Rücken
der Stühle und Tische, das laute Begrüßen Eintretender
und irgend ein Witzwort, das die Stimmung immer rosiger
machte.

Das ganze Bild dieser Menge von tausend in steter
Bewegung sich befindenden Köpfen, belebten Gesichtern, war
beleuchtet von dem flackernden Licht der Gasflammen, die
sich durch die ungeheure Wolke von Qualm, die den Kronleuchter umzog, wie umnebelte Irrlichter ausnahmen. Und
dieses Spreizen der Finger, das jeden Kraftausdruck begleitete;
diese nervösen Bewegungen der Hände, gleichsam, als wollte
man durch sie die so eben gesprochenen Worte doppelt
bestätigen, oder auf den Ausdruck hinweisen, nach dem man
vergeblich gesucht hatte, um dem Satze einen Zusammenhang
zu geben.

Auf der einen Seite des Saales steckte man die Köpfe längere
Zeit zusammen und blickte nach der äußersten Ecke neben der Bühne.
Dort saß mit einem fremden Herrn Franz Timpe, der stille
Kompagnon Urbans. Er hatte das Strike-Komitee um die
Erlaubniß gebeten, der Versammlung beiwohnen zu dürfen,
und man hatte sie ihm gegeben, weil man annahm, es sei
ihm um eine baldige Einigung zu thun. Die ihn erkannt
hatten, hielten sich sehr reservirt ihm gegenüber: denn wie
freundlich hatte er den Polizeilieutenant gegrüßt und wie
liebenswürdig war der Gruß erwidert worden.

Die Klingel des Vorsitzenden ertönte und es trat Ruhe
ein. Allgemeine Mittheilungen über die Ursachen des Strikes
wurden gemacht, dann ergriff ein Arbeiter der Urban'schen
Fabrik als Referent das Wort. Sein Name hatte bei den
Versammelten einen guten Klang, seine Erscheinung war
männlich und einnehmend. Er schilderte in beredten Worten den Niedergang des Drechslergewerbes, erörterte an der Hand von Lohntabellen die traurige Lage der
Gehilfen und verglich damit die lange Arbeitszeit. Es war
ein trübes Gemälde, das er entwarf. Das Drechslergewerbe,
so führte er aus, sei früher eins der blühendsten gewesen,
heute aber durch die außerordentlich große Konkurrenz völlig
auf den Hund gekommen.

Ein lautes „Bravo! Bravo!“ unterbrach ihn. Es kam
von der Thür her, wo ein Knäuel von Arbeitern sich gestaut
hatte. Man blickte sich um, um zu sehen, wer der Unterbrecher sei, konnte ihn aber nicht entdecken.

Der Redner fuhr fort, in eindringlicher Weise seine Ansichten zu entwickeln. Der Durchschnittslohn eines Gehülfen
betrage kaum so viel, daß er sich anständig ernähren könne.
Von den Familienvätern wage er garnicht zu sprechen. Sie
führten einfach eine traurige Existenz und könnten sich nur
erhalten, wenn die Frauen und Kinder mitarbeiteten. „Kann
man das aber ein geordnetes Familienleben nennen“, fuhr er
mit erhobener Stimme fort, „wenn Mann und Frau das
Haus verlassen, und die Tochter in kaum entwickeltem Alter
nach der Werkstatt oder Fabrik gehen muß, um der Aufsicht
der Eltern enthoben, unmoralischen Einflüssen aller Art preisgegeben zu werden? Das Weib gehört in die Familie, es
ist dazu da, die Häuslichkeit zu pflegen, die Kinder zu erziehen, sie zu gesitteten Menschen zu machen, aber nicht, um
ihre ganze Kraft dem Erwerb zu widmen, und dadurch zur
Verlotterung der Familienbande beizutragen.

Eine Beifallssalve erfolgte, begleitet von lauten Bravorufen.

Der Polizeilieutenant hatte eifrig geschrieben. Jetzt blickte
er den Redner aufmerksam an, dessen intelligentes Gesicht ihm
halb zugewandt war und über welches nur ein flüchtiges Lächeln
glitt. Dann fuhr der Sprecher fort:

„Meine Herren, die ganze physische Beschaffenheit des
Weibes spricht gegen eine lang andauernde Beschäftigung in
den Fabriken. Es ist in erster Linie dazu bestimmt, Gattin
und Mutter zu sein. Jeder wahrheitsliebende Arzt wird
Ihnen das bestätigen. . . . Wenn also alles das geschieht,
was ich Ihnen hier vorführe, so hat das seinen hauptsächlichen
Grund in der schlechten Belohnung der Männerarbeit. Es
sind das also auf die Dauer unhaltbare Zustände.“

Neuer Beifall erschallte. Der überwachende Beamte,
ein jovialer Herr mit bereits grauem Backenbart erhob den
Oberkörper und legte den Bleistift auf den Tisch. In demselben Augenblick sagte der Vorsitzende: „Ich bitte den
Herrn Redner, bei der Sache zu bleiben. Es handelt sich
hier um Erörterungen von Strikeangelegenheiten. Ich
bitte also —“

Der Redner fuhr fort: „Ich bin vollständig bei der
Sache. Wir sind hier Arbeiter, um die sich die ganze soziale
Frage dreht. Wie aber erst die einzelnen Glieder eine Kette
bilden, so machen die verschiedenen Erscheinungen des
öffentlichen Lebens die soziale Frage aus. Wenn wir
unsere Angelegenheiten besprechen wollen, so muß es auch
nothwendig sein, die Ursachen anzuführen, die unsere
traurige Lage verschuldet haben und die Folgen, die aus
ihr entstanden sind und immer noch entstehen. Mit Schönpflästerchen heilt man keine Wunde.“

„Bravo . . . Sehr richtig“, ertönte es abermals unter
den Zuhörern.

„Ich will also fortfahren oder vielmehr bei der Sache
bleiben“, begann der Redner wieder mit einem ironischen
Lächeln. „Meine Herren, wenn der Staat verlangt, daß wir
unsere Pflichten als Steuerzahler und Bürger erfüllen sollen,
so muß uns auch gestattet sein, öffentlich nach den Mitteln
und Wegen zu suchen, die uns vor der Gefahr schützen, eines
Tages diesen Pflichten nicht mehr nachkommen zu können.
Wir gleichen den Aerzten, die zusammengekommen sind, um
einen kranken Körper zu untersuchen und welche die
moralische Verpflichtung fühlen, sich gegenseitig Nichts zu
verschweigen. Meine Herren, wir streben nur nach einem
menschenwürdigen Dasein. Wir wollen nicht prassen, nicht
schlemmen, wir wollen aber auch nicht die traurige Möglichkeit vor Augen haben, eines Tages physisch
und moralisch zu verkommen, mit dem entsetzlichen Gedanken aus der Welt scheiden, unsere Frauen und Kinder als
hülflose Wesen zurücklassen zu müssen . . . Wir wollen auch
nicht geistig verthieren, sondern nach der Arbeit so viel Zeit
übrig haben, um uns fortzubilden, neben der leiblichen auch
geistige Nahrung zu uns nehmen zu können . . . Unter der
heutigen Produktionsweise ist das aber unmöglich. Ein Beispiel sehen Sie an mir. Ich bin verheirathet und Vater von
zwei kleinen Kindern. Ich wohne weit oben in der Brunnenstraße, habe einen Weg von dreiviertel Stunden bis nach der
Fabrik zurückzulegen. Seit Monaten habe ich bei Urban des
Abends bis neun Uhr arbeiten müssen. Frühmorgens, wenn
ich mein Heim verlasse, schlafen meine Kinder noch und kehre
ich Abends spät nach Hause, so liegen sie schon wieder und
träumen. So kam es denn, daß es mir nur alle acht Tage
vergönnt war, meine Kinder sprechen zu hören, ihnen in die
Augen zu schauen . . .“

Eine Bewegung entstand, und er fuhr fort: „Ja, meine
Herren, wie oft kommt es nicht vor, daß wir auch des Sonntags Vormittags nach der Fabrik müssen, weil es so verlangt wird. Es giebt Leute, die uns Arbeitern vorhalten,
wir besäßen keine Religion, es stände besser um uns, wenn
wir nach der Kirche gingen. Nun, meine Herren, man läßt
uns nicht einmal Zeit zum Beten. Wir verrichten im
Schweiße des Angesichts am Sonntag Vormittag unsere Arbeit und das ist unser Gebet . . .“ Er machte eine Pause.

Kein lauter Beifall erschallte diesmal, aber die allgemeine
Bewegung, die mächtig durch die Reihen ging, zeugte für den
großen Eindruck, den die letzten Worte des Redners gemacht
hatten.

Er begann auf's Neue: „Und nachdem unsere Lage so
erbärmlich als möglich ist, wagt man es noch, mit Lohnherabsetzungen zu kommen. Ich spreche jetzt hier im Namen
der Knopfdreher.“ Er begann nun die Schattenseiten des
Gewerbes zu enthüllen, bat, fest zusammen zu stehen, den
Zuzug fern zu halten und die Strikenden soviel als möglich
zu unterstützen und ihnen zum Siege zu verhelfen. „Das
Kapital hat die Macht, uns verhungern zu lassen,“ sagte er
zum Schluß, „wir aber haben das Bewußtsein unseres Menschenrechtes und fühlen die Kraft in uns, für dieses Menschenrecht zu kämpfen und zu leiden . . . Die Arbeiterpartei ist
eine Partei des Friedens . . . wir wollen auf gesetzlichem
Wege unser Loos zu verbessern suchen. So lange aber die
Regierung unsere Nothlage nicht erhört, müssen wir versuchen,
uns selbst zu helfen. Wir betrachten daher die Strikes als
ein Mittel zum Zweck. Wenn man aber nicht nachläßt, uns
die Uebermacht des Kapitals fühlen zu lassen, wenn man
immer aufs Neue versucht mit allen Machtmitteln, die der
Bourgeoisie zu Gebote stehen, unsere Lage zu verschlechtern,
uns auf jede Art und Weise zu demüthigen, uns wie die
Schraube an der Maschine zu betrachten, die werthlos ist,
wenn sie sich abgenutzt hat, ich sage, wenn das kein Ende
nehmen wird, dann ——“

Athemlose Stille hatte während dieses Satzes geherrscht.
Aller Augen hingen am Munde des Redners. Der Polizeilieutenant hatte sich bei den letzten Worten erhoben und nach
dem Helm gegriffen. Der Vorsitzende zupfte den Redner am
Rock, die ganze Zuhörerschaft dehnte den Oberkörper und
reckte die Hälse, weil sie im nächsten Augenblick die Stimme
des Beamten zu vernehmen glaubte. Dem Sprecher war
diese Aufregung nicht entgangen, er beherrschte sich sofort und
beendete mit einem Lächeln den Satz . . . „dann, meine
Herren, trinken wir unser Bier aus und gehen ruhig nach
Hause.“

Ein ungeheures Gelächter, mit dem sich ein Sturm des
Beifalls mischte, folgte diesen Worten. Selbst der Polizeilieutenant konnte sich der Heiterkeit nicht entziehen; er lächelte
vor sich hin, trotzdem er der Getäuschte war. Und was Liebe
gott betraf, so machte er ein Gesicht, als kitzele man
fortwährend, ohne daß er es wagen dürfe, die fest aufei[…]
gepreßten Lippen zu öffnen. Die Ruhe wurde erst
hergestellt, nachdem minutenlang die Klingel des Vorsitz
erklungen war.

Die Diskussion wurde eröffnet. Einige Redner ma[…]
von ihrem Platze aus kurze Bemerkungen. Plötzlich ent[…]
unter der Menge an der Thür eine Bewegung und lau[…]
Gemurmel. Es hatte Jemand die Absicht geäußert, sprech[…]
zu wollen, schien aber dann wieder den Muth nicht zu haben.
Man redete auf ihn ein, bis Thomas Beyer sichtbar wurde,
der zur Tribüne schritt und zum Vorstandstisch etwas hinauf
rief. Der Vorsitzende rührte die Klingel und sagte mit seiner
nicht sehr klaren Stimme:

„Herr Drechslermeister Timpe hat das Wort.“

Hunderte Köpfe wandten sich der Thür zu, wo der aufgerufene Redner noch immer den Blicken in einer Gruppe
verborgen blieb. Viele hatten nur den Namen verstanden un[…]
richteten ihre Augen nach der Ecke, wo der Compagmon vo[…]
Urban saß. Franzen's Antlitz hatte fahle Blässe überzogen.
Er glaubte zu träumen, wollte sich erheben, um schleunigst
den Saal zu verlassen, aber wie Blei lag es ihm in den
Füßen. Es wäre auch schwer gewesen, ohne aufzufallen, durch
die Menge zu schreiten. Die Furcht hatte ihn so entsetzlich
gepackt, daß er zitterte und den Versuch machte, sich hinter seinem
Gesellschafter zu verbergen. Dann wieder war es die Neugierde, die ihn auf seinen Platz bannte — jene unerklärliche
Neugierde, die dem Menschen angesichts einer Gefahr überkommt, der er nicht mehr zu entrinnen vermag.

Da Johannes sich noch immer nicht sehen ließ, so glaubte
[…] Vorsitzende, man habe ihn schlecht verstanden. So wieder[…] er denn laut und vernehmbar:

[…]„Herr Drechslermeister Timpe hat das Wort.“
[…]Jetzt hatte man ihn verstanden. Wer kannte auch
Meister Timpe nicht! Wie Viele von ihnen hatten nicht von
[…]er Werkstatt gehört, von der Gemüthlichkeit, die bei ihm
[…]rsche, von der Menschenfreundlichkeit, mit der er seine
[…]esellen zu behandeln pflege. Nur ein Bruchtheil der An[…]esenden ahnte, daß er der Vater des „stillen Sozius“ von
Urban sei. Und die es wußten, hatten nur von ihm als von
einem wohlhabenden Manne gehört.

Jetzt schritt er an ihnen vorüber der Tribüne zu, mit
niedergeschlagenen Augen, zögernd und unsicher, wie ein Mann,
der in seinem Leben zum ersten Male sprechen soll und im
Geiste tausend Blicke auf sich gerichtet sieht. Nach zwei
Minuten hatte er mühsam das Podium erklettert. Er verbeugte sich vor dem Lieutenant, der ihn kannte und stellte sich
dann Allen sichtbar neben den Tisch des Vorstandes.

Mein Gott, wie sah er aus! Wie er so dastand, konnte
er das tiefste Mitleid einflößen. Hunderte, die mehr als
einmal bei ihm nach Arbeit vorgesprochen hatten, kannten
ihn nicht wieder. Er war erschrecklich gealtert. Das Gesicht
hatte tiefe Furchen bekommen, und die Wangen waren
schmal wie zwei Bretter. Der Nacken war tief gekrümmt,
und die vernachlässigten Kleider hingen lose wie
Fahnentücher an seinem Körper; dazu kam das lange
weiße Haar, das in Strähnen auf die Schultern fiel, der verwilderte Kinnbart, der ihn noch älter machte, als er war. Er
bot das Bild eines durch Kummer und Sorge früh gebeugten
Menschen. Nur in seinen Augen leuchtete ein unheimliches
Feuer, während die Wangen sich leicht geröthet hatten. Die
Arbeiter flüsterten sich allerlei Bemerkungen zu. Von Mund
zu Mund ging es, daß Timpe durch Urban ruinirt worden
sei, daß er schon längst den letzten Gesellen habe entlassen
müssen und nun für das liebe tägliche Brot arbeite;
daß sein Haus über und über verschuldet sei, und daß ein
unglückliches Verhältniß zwischen ihm und seinem Sohne
bestehe.

Er hatte die rechte Hand auf den Tisch gestützt und begann nun zu sprechen, erst unsicher und zaghaft, dann zusammenhängender und mit angestrengter Stimme. Er redete
eigentlich nicht, sondern erzählte, wie Jemand, dem es nur
darauf ankommt, seinem Herzen Luft zu machen.

„Meine geehrten Herren“, begann er, „Sie sehen in mir
einen ruinirten Drechslermeister . . . Mein Geschäft hat Jahrzehnte lang geblüht, acht Gesellen habe ich in meiner Werkstatt gehabt, heute aber stehe ich allein, und muß mich um's
tägliche Brot quälen . .“

Ich bin achtundsechzig Jahre alt, habe fünfzig Jahre lang
an der Drehbank gestanden, werde mir also erlauben können,
ein Wörtchen über unser Aller Loos mitzureden.“

Man sah es ihm an, wie er nach den Worten rang, die
seinen Sätzen den Zusammenhang geben sollten. Es lag eine
gezwungene Ruhe in ihm, die nur des leisesten Anstoßes bedurfte, um in Entfesselung überzugehen. Man sah das an
den irrenden Augen, die keinen Ruhepunkt finden konnten, an
der Art und Weise, wie er fortwährend den Arm erhob und
mit der gespreizten Hand gestikulirte, während die andere von
der Tischplatte sich löste.

Er berichtete nun, wie er nach und nach durch Urban
und die Großindustrie zu Grunde gegangen sei. Allmälig
wurde er lebhafter, die Augen bekamen einen erhöhten Glanz,
sein Gesicht röthete sich mehr und mehr, die ganze Gestalt
schien zu wachsen.

„Meine Herren, die Maschinen und die großen Fabriken,
die sind an Allem Schuld . . . die Schwindelkonkurrenz und
die Massenproduktion haben das Handwerk ins Elend gestürzt . . . . Wer Geld hat, um es auszuhalten, der bleibt
oben, wer aber nur auf seine Kunstfertigkeit vertraut, der
liegt eines Tages unten. Früher gehörten die Handwerker
zu den Stützen des Staates, heute bricht eine nach der
anderen zusammen, ohne daß ein Hahn darnach krähte. Es
ist nicht recht von der Monarchie, daß sie das duldet. Jeder
hergelaufene Schwindler, der nur das Geld dazu besitzt,
kann heut anfangen zu fabriziren, gelernt braucht er nichts
zu haben. Das hat nur der, den er durch seine saubere Konkurrenz dem Ruine nahe bringt . . .“

Laute Zustimmungen wurden ihm zu Theil, man sah,
wie die Versammelten sich immer mehr für die Wahrheit
seiner Worte erwärmten und durch die Schlichtheit siner
Rede gefesselt wurden.

„Ich bin seit dreißig Jahren selbstständig,“ fuhr er fort
„habe mein Gesellen und Meisterstück in allen Ehren gemacht,
bin mein ganzes Leben lang ein fleißiger Mann gewesen und
bin durch einen hergelaufenen Hausirer an den Bettelstab gebracht worden. Urban heißt der Mann, damit Sie es wissen.“

Ein vielstimmiges, langgedehntes „Ah“ wurde laut.

Er richtete seinen Blick nach links und erblickte seinen
Sohn, der sich vergeblich zu verbergen versuchte. Ein Zittern vom
Scheitel bis zur Zehe erfaßte ihn; dann durchlief ein Schauer
seinen Körper. Alles Blut drängte sich nach dem Herzen, er
glaubte die Bretter unter seinen Füßen wankten und er mit
ihnen; aber er beherrschte sich mit der ganzen Kraft seines
Greisenalters und blieb stehen. Dann wollte er schreien, mit
dem Finger nach jener Ecke deuten und der Anklage gegen
Urban die fürchterliche gegen seinen Sohn hinzufügen, aber die
Scham hielt ihn zurück.

Als der Kampf vorüber war, gab er sich den Anschein,
als hätte er Franz nicht erblickt und fuhr fort: „Diesen
Herren, deren ganzes Wissen in ihrem Geldsacke liegt, ist
nichts heilig, wenn sie den Handwerker ruiniren können. Sie
rauben ihm nicht nur die Kunden, nehmen ihm nicht nur die
Existenz, sondern stehlen ihm obendrein die Modelle … und
wenn es bei Nacht und Nebel sein sollte! Wie nennt man
aber solche Leute, die das thun? Diebe nennt man sie!“

Sein Blick glitt jetzt bewußt nach links und blieb durchdringend auf dem Antlitz seines Sohnes haften. Nun war
es, als spräche aus ihm ein anderer Mensch. Aus den anfänglichen Erzähler wurde ein glühender Redner, der mit den
Worten gleich schweren Felsblöcken um sich warf. Seine
Zagheit war verschwunden, er glich einem tief empörten
Menschen, aus dem die Macht der moralischen Ueberzeugung
spricht. Der Zorn drang auf ihn ein, der heilige Zorn eines
gekränkten und erbitterten Mannes. Der Anblick seines
Sohnes hatte sein Innerstes aufgewühlt, wie durch den
Sturmwind das stille Meer in Bewegung gesetzt wird. Alle
Leiden der letzten Zeit, der Schmerz um die Verblichene,
die Sorge um seine Zukunft, der Kummer, den ihm Franz
verursacht hatte, drangen chaotisch auf ihn ein, und er durchkostete binnen wenigen Minuten das noch einmal, was er
während Jahren bereits durchlebt hatte. Es zischte und
kochte in ihm, wie in einem Kessel, in dem der Dampf der
Entfesselung harrt. Es mußte heraus, was er dachte, wozu
er die Worte bereits auf den Lippen hatte. War er einmal zu
Grunde gerichtet, hatte er heute seine Wahlstimme für die
Partei der gesellschaftlichen Empörer gegeben, so konnte er
auch furchtlos seine Meinung sagen. Er hatte nichts mehr
zu verlieren als sein Leben.

Der Ton, den er jetzt anschlug, setzte alle in Erstaunen.
Es entstand eine Bewegung, als wollte die ganze Versammlung sich von den Sitzen erheben, um in helle Begeisterung auszubrechen. Das war eine Sprache, die man
lange nicht vernommen hatte. Die ganze Bourgeoisie,
sämmtliche Kapitalisten der Welt hätten hier anwesend sein
müssen, um von diesem alten Herrn da oben mit Worten zusammengeschossen zu werden. Hei, wie die mitgenommen
wurden! Das war ein frisches Wort, frei von der Leber!

Der Polizeilieutenant hatte den Meister Dinge sagen
lassen, die er keinem Anderen gestattet haben würde; kannte
er ihn doch als gutgesinnten Patrioten, dessen Sohn zu den
Fabrikbesitzern gehörte. Schon als er Timpes merkwürdigen
Aufzug sah, hielt er ihn für etwas schwach im Kopfe; schließlich begann er wirklich an seinem Verstande zu zweifeln. Jetzt
erhob er sich zum zweiten Male und gab dem Vorsitzenden
einen wohlmeinenden Wink. Dieser stand ebenfalls auf, stieß
Johannes an und bat ihn abzubrechen. Timpe aber hörte nicht
darauf. Er machte eine Pause, um Athem zu schöpfen und
suchte dann nach Worten um seinem höchsten Grimm Luft zu
machen; aber er fand sie nicht. Es schien, als hätte ihn
plötzlich die Sprache verlassen. Minuten lang schwieg er.
Die Zuhörer wurden unruhig. Da fiel ihm ein, was der Großvater so oft gesagt hatte. Die elementare Wuth eines Menschen,
der Jahre lang schweigen mußte, packte ihn, und seiner Sinne
nicht mehr mächtig, schrie er in die Menge hinein:

„Die Schornsteine müssen gestürzt werden, denn sie verpesten die Luft . . . Schleift die Fabriken . . .
zerbrecht die Maschinen“ . . .

Er kam nicht weiter. Der Polizeilieutenant setzte den
Helm auf und erklärte die Versammlung für aufgelöst.

Zu gleicher Zeit erhoben tausend Gestalten sich, tausend
Arme schwenkten Hüte und Mützen und eine ungeheure Beifallssalve durchbrauste gleich einem entfesselten Sturm den
Saal. Hochrufe auf Timpe und die Sozialdemokratie erschallten; dann ertönte aus hundert Kehlen der Gesang der
Arbeitermarseillaise:

— — — — — — —
„Nicht fürchten wir den Feind,
Nicht die Gefahren all';
Kühn gehen wir die Bahn,
Die uns geführt Lassalle.“

Mit jeder Strophe verdoppelten sich die Sänger und
die Erde schien zu erzittern unter den Tritten der Massen,
die mit schwerem Taktschritt dem Ausgange zuströmten, als
ginge es zum Kampfplatz.

An der geöffneten Thür staute der dunkle Strom sich.
Ein Trupp fremder Arbeiter war soeben im Flur angelangt
und brachte die Nachricht vom Wahlsiege. Ein donnerndes
Lebehoch auf den neuen Abgeordneten durchbrach den Gesang
und setzte sich bis auf Hof und Straße fort. Zahlreiche
Schutzleute erschienen wie aus der Erde gewachsen; Rufe zur
Ordnung ertönten, Gelächter war die Antwort; und erst allmälig wie der verhallende Donner eines schweren Wetters
legte sich die Aufregung der erhitzten Menge.

Timpe stand noch immer wie versteinert auf dem Podium.
Der Vorsitzende redete auf ihn ein, machte ihm Vorwürfe;
er hörte nicht. Dann richtete der Polizeilieutenant einige
Fragen an ihn; er beantwortete sie mechanisch. Die Leute
um ihn herum verließen ihn, aber noch immer lehnte er am
Tische. Gefühllos wie ein Nachtwandler stieg er die Stufen
hinab. Da sah er seinen Sohn, wie er zögernd mit seinem
Begleiter stehen blieb, aus ihn blickte, dann aber die Wand
entlang der Thür zuschritt. Den Meister packte ein
Schwindel. In seinem Hirn begann es zu kreisen, die
Menschen standen auf den Köpfen, die Lichter führten einen
tollen Tanz auf und zuletzt drehte der ganze Saal sich um
ihn herum. Er schloß die Augen . . .

Er hielt plötzlich seinen Sohn an der Kehle und zerrte
ihn nieder. Die Kräfte eines Riesen schienen über ihn gekommen zu sein. Immer fester schlossen die Hände sich, immer
bleicher und willenloser wurde sein Opfer. „Gieb mir meinen
Vater wieder, hol' mir Deine Mutter zurück, Nichtswürdiger!“
schrie er mit der Stimme eines Wahnsinnigen. Eine Blutwelle schoß an seinen Augen vorüber. Soll er ihn tödten
wie man seine Seele gemordet hat? Vielleicht wäre es besser!
Aber nein, nein! „Lebe, lebe und Du bist genug bestraft!“

Ein dumpfer Fall gab ihm die Besinnung wieder. Als er
um sich blickte, fand er, daß er im halbdunklen Saal auf einem
Stuhl saß. Er sah weder seinen Sohn noch die Hunderte
die ihn umringt hatten. Also war alles nur ein toller Spuk
gewesen! Der Schweiß perlte auf seiner Stirn, dumpf und
schwer holte er Athem. Thomas Beyer stand vor ihm, hielt
sein Haupt und reichte ihm ein Glas mit Wasser.

„Kommen Sie, Meister, Sie sind erregt. Es ist heiß
hier drinnen, die Luft draußen wird Ihnen wohl thun“, sagte
er nach einer Weile mit weicher Stimme und faßte ihn sanft
am Arm. Und so schritt er mit ihm hinaus, brachte ihn
wohlbehalten in seine Wohnung, dann in's Bett hinein,
wartete so lange, bis er in einen tiefen Schlaf gefallen war,
holte sich Decken und Betten aus dem Nebenzimmer und bereitete sich dann zu Timpes Füßen seine Lagerstätte . . .

XX.
Unter Trümmern.

Drei Tage lang lag der Meister in einem hitzigen Fieber;
noch in der ersten Nacht nach der Versammlung war es
zum Ausbruch gekommen. Er phantasirte stark, führte
allerlei wirre Reden, in denen Handwerk, Fabriken
und Maschinen eine große Rolle spielten. Dann wieder
war es sein Sohn, mit dem er in diesen bösen
Träumen zu thun hatte und den er laut beim Namen rief.
Marie Beyer spielte auch diesmal die Krankenwärterin; ihr
Bruder aber stellte sich, sobald er entbehrlich wurde, an die
Drehbank und fing an zu drechseln, daß es eine Freude war,
ihm auf die Finger zu blicken. Er schien förmlich aufzuleben
bei der Beschäftigung an diesem Ort, dem er so lange hatte
fernbleiben müssen. Mit einem gewissen Ausdruck der Zärtlichkeit betrachtete er die Drehbank, die er Jahrzehnte hindurch
getreten hatte. Und wenn er jetzt leise sein altes Lied vor
sich hin summte: „So leben wir, so leben wir, so leben wir
alle Tage“, so konnte man ihn für einen der glücklichsten
Menschen der Erde halten.

„Na, der Meister wird sich wundern, wenn er mich hier
wiedersieht“, sagte er vor sich hin und betrachtete mit großem
Behagen die Arbeit, die er bereits angefertigt hatte. „Der
und mich los werden, da hat sich was!“ fuhr er fort. „Sind
wir jetzt nicht zwei Genossen, die zu einander stehen müssen
in Freud und Leid? . . . Ich habe ihm immer gesagt, er
würde einmal anders denken, und nun thut er es wirklich.
Ob ich nicht immer Recht habe! . . . Das Gesicht,
das er zuerst machte, als ich ihm unseren Stimmzettel
in die Hand drückte . . . das wäre zum Malen gewesen! . . .
Na, und erst die alten Philister da drinnen am Wahltisch
hätte ich sehen mögen, wie die beinahe vor Schreck vom
Stuhle gefallen sind, als sie Timpe die Hand ausstrecken
sahen. . . Als ob die nicht unsere Zettel ganz genau
kennen! . . . Auf zehn Schritte schon riechen sie die sozialdemokratische Lunte. . . Wenn ich noch an die Rede denke,
die er gehalten hat . . . wer hätte es diesem alten Kunden
zugetraut. Wie ein junger Gott hat er gesprochen. . . .
wahrhaftig er muß in den Reichstag! Solche Leute können
wir gebrauchen. Nicht war, Spillrich?“

Er hatte sich so sehr in sein Selbstgespräch vertieft, daß
er diese Frage an die Drehbank vor sich richtete, wo in
früheren Zeiten der kleine Sachse ihm den Rücken zuzukehren
pflegte. Als er endlich aufblickte, merkte er erst die Selbsttäuschung.

„Ach so, der ist nicht mehr hier“, begann er wieder . . .
„und doch war es mir eben, als stände er vor mir und
drehte mir seinen breiten Buckel zu. Ich glaube gar, es
fängt hier an zu spuken . . . am hellen, lichten Tage sogar . . .
Ach, wo sind die schönen Tage von damals! Es wird auf
die Dauer verteufelt langweilig, hier mutterseelen allein zu
stehen und keinen Menschen zu haben, mit dem man sich
unterhalten kann . . . nicht einmal über den Wahlsieg . . .
Dieser Esel von Krusemeyer! . . . will jetzt erst darauf gekommen sein, daß ich Sozialdemokrat bin, und verbietet mir
daher sein Haus . . . Seine Tochter würde ich niemals zur
Frau bekommen, denn er sei ein königstreuer Beamter, und
ich würde es nie so weit bringen . . . Bis zum Nachtwächter!
Es ist zum Todtlachen! . . . Die Welt wird immer verrückter,
die Nachtwächter bilden sich schon etwas auf ihre Stellung ein! O,
es klingt auch wunderschön: mein Schwiegervater, der Nachtwächter
Anton Krusemeyer! Der muß später mal ausgestopft werden und
in's zoologische Museum kommen. Redet zu mir von der Ehre
seiner Uniform, die das nicht vertragen könne . . . . schwört
auf seinen Säbel . . . . ich möchte wohl wissen, ob der
überhaupt aus der Scheide geht? . . . . Und seine Tochter
stößt plötzlich in das Horn ihres Vaters und tutet wie
ein Thurmbläser. Ich hätte sie jahrelang hingezogen und
nun hieße es, ich wäre gar kein Drechsler, sondern Sozialdemokrat . . . . hat sich was mit solch' einer weiblichen
Dummheit. . . . Ich war dem Mädel wirklich gut, wirklich! . .
Aber was schadet's! Todtschießen werde ich mich deßhalb
nicht . . . einer zukünftigen Schwiegermutter wegen nicht …
wahrhaftig nicht!“

Er hielt in seiner Arbeit inne, entfernte die Holzspähne
aus seinem Gesicht, setzte die Drehbank wieder in Bewegung
und fuhr dann in seinem vorherigen Raisonnement
über Timpe fort: „Uebrigens traue ich ihm doch
nicht so recht mit seiner neuen Gesinnung . . . er spricht
so sonderbare Dinge im Bette . . . ruft laut nach
dem Kaiser, bittet Gott um Verzeihung . . . das ist nicht
richtig . . .“ Er machte eine Pause. „Es ist doch merkwürdig, wie schnell das Mißtrauen kommt . . . und wenn ich
mir so recht die Sache überlege, so ist's mit der plötzlichen
Umwandlung des Meisters ganz sonderbar . . . Wenn es nur
nicht bloße Wuth war, etwas wie Oppositionslust, die ihn
in unser Lager trieb . . . Hm, hm . . . neu wäre die Geschichte nicht. Es kommt oft vor, daß Jemand äußerlich
sich ganz anders benimmt, als er in seinem Innern
denkt . . . Aber seine aufrührerische Rede . . . hm, hm, . . .
Das kann auch die Erbitterung des Augenblicks gewesen
sein. Dumm wäre es wahrhaftig, wenn er sich besonnen
haben sollte . . . aber traue der liebe Himmel solchen merkwürdigen Weißköpfen. Das klebt an seiner Scholle, schwärmt
für's Vaterland, glaubt, daß die Kirche den Menschen
bessere, und läßt noch kurz vor dem Hungertode neben der
Sozialdemokratie den Kaiser leben . . Da fange einer mit
solchen närrischen Leuten etwas an . . . Aber ich werde ihn
noch einmal kneten, wie weichen Thon . . . er wird d'ran
glauben müssen . . . hm, hm … aber dumm kommt mir
die Sache doch vor . . .“

Er wurde durch den Eintritt seiner Schwester unterbrochen.

„Nun, wie geht's mit ihm, barmherzige Schwester?“
fragte er, setzte den Stahl ab und ließ die Räder der Drehbank langsam ausschnurren.

„O, ganz vorzüglich. Soeben ist der Arzt weggegangen;
er meinte, daß nichts mehr zu befürchten sei, ein paar Tage
noch und er könnte bereits aufstehen . . . Aber da habe ich
Dir eine andere Neuigkeit mitzutheilen. Der dicke Liebegott
war vorher hier und ließ Timpe im Namen seines Lieutenants nach dem Polizeibureau bitten.“

„Was Du sagst!“

„Als er erfuhr, daß der Meister krank sei, bedauerte er
Timpe und sagte: der gute Alte, ich habe ihn immer gern
gehabt, aber er wird sich ins Unglück stürzen . . . dann trat
er dicht an mich heran und fragte leise und geheimnißvoll,
ob es denn mit Timpe wirklich nicht ganz richtig sei (er
deutete dabei mit dem Finger nach der Stirn) und ob man
ihn nicht vielleicht untersuchen lassen wolle? Es würde besser
für ihn sein, wenn es sich herausstellte, daß er wirklich ohne Bewußtsein konfuse Dinge rede. . . . . Das ist doch merkwürdig,
höchst merkwürdig, nicht wahr? . . . . Was er nur verbrochen haben kann!“

Thomas blickte lange auf einen Punkt, schüttelte wiederholt mit dem Kopfe und sagte dann nichts weiter als:
„Das hat mit seiner Rede etwas zu thun . . . . gewiß, so
wird's sein.“

Nach acht Tagen war der Meister soweit hergestellt
daß er sich im Hause bewegen konnte. Sein Gesicht war von
durchsichtiger Blässe und die Augen lagen tief in den Höhlen.
Den ersten Tag war er ungemein wortkarg; er antwortete
kaum, wenn Marie oder Thomas ihn nach seinem Befinden
fragten oder das Gespräch derartig war, daß er unbedingt
etwas sagen mußte. Je mehr er zu sich kam und fühlte, wie
neue Kräfte seinen Körper belebten, je finstrer schaute er
d'rein, je mehr versuchte er dem Geschwisterpaare aus dem
Wege zu gehen. Er empfand das Bewußtsein großen Dankes
gegen Bruder und Schwester; aber das alte Mißtrauen gegen
Beide begann auf's Neue ihn zu beherrschen. Mit dem Entschwinden des Fiebers war ein Anflung von Gallsucht bei ihm
eingezogen, der ihn bei dem kleinsten Anlaß zum Aerger in
eine unausstehliche Stimmung versetzte. Sein ganzes Sinnen
und Trachten ging nun auf's Neue dahin, den Altgesellen und
seine Schwester auf geschickte Art los zu werden, um sich der
früheren Einsamkeit erfreuen zu können.

Als er zum erstenmale die Werkstatt wieder betrat und Beyer
bei voller Thätigkeit sah, glaubte er sofort Anlaß zum Grollen
zu haben.

„Was machen Sie denn da?“ fragte er ganz erstaunt.

„Sie sehen es ja, Meister — ich drechsle“, bekam er zur
Antwort.

„Wer hat Ihnen denn die Erlaubniß dazu gegeben?“

„Ich mir selbst.“

„So, so, das wird ja immer feierlicher! Ich nahm an,
nur Ihre Schwester sei hier und Sie besuchten sie hin und
wieder. Ich werde die Dienste von Fräulein Marie vergelten; Sie aber habe ich hier nicht angestellt. Es thut mir
leid, daß Sie sich so lange Zeit umsonst gequält haben.“

Der Altgeselle antwortete nicht gleich. Er pfiff wie gewöhnlich den Dessauer Marsch vor sich hin, arbeitete eine
Weile ruhig weiter und sagte dann:

„Meister, Sie sind noch nicht ganz gesund und obendrein
bei übler Laune; daher muß man Rücksicht nehmen. Ich
wollte Ihnen gerade sagen, wie ich mich über Ihre Genesung
freue, da theilen Sie mir auch schon die schönsten Grobheiten
aus! … Wenn ich gearbeitet habe, so ist es nur für Sie
geschehen, nicht für mich. Ich habe mir nur soviel abgezogen
um mich satt zu essen. Hier ist die letzte Abrechnung.“

Diese Uneigennützigkeit steigerte nur Timpe's gallsüchtige
Stimmung.

„Ihr ewiger Edelmuth! Sie wissen, daß ich mir einfür allemal nichts schenken lasse. Sie thun wirklich so, als
wenn Sie hier Herr im Hause wären . . . Ich muß Ihnen
aber ein- für allemal sagen, daß ich in meiner Werkstatt
keinen Sozialdemokraten dulde.“

Beyer brach in ein lautes Lachen aus, das so plötzlich
hervorquoll, daß Timpe seinen Gang durch die Werkstatt einstellte und ihn groß anblickte.

„Das sagen Sie mir, Meister, Sie, der selbst jetzt
auf unsere Fahne schwört? Verzeihen Sie, wenn ich das
komisch finde. Sie haben sich versprochen, Meister, so ist's,
nicht wahr?“

Nun passirte etwas Merkwürdiges, was der Geselle nicht
erwartet hatte. Timpe fing nun seinerseits an zu lachen,
schlug seinen weiten Rock über den Bauch zusammen, ging
mit sehr lustiger Miene, als amüsire er sich ganz außerordentlich, einige Male in der Werkstatt auf und ab,
setzte sich dann, da er etwas erschöpft war, auf einen
Schemel vor dem Altgesellen nieder und begann folgendermaßen:

„Sie sind doch bei Verstande, Beyer, haben doch zwei
gesunde Ohren, he? . . . Ja? — dann hören Sie mich gefälligst einmal an und erzählen Sie allen Leuten, was ich Ihnen
hier sagen werde. Ich Ihrer Partei angehören? Mumpitz,
sage ich, Mumpitz! Ich ein Sozialdemokrat? Nochmals
Mumpitz, verstehen Sie? Nochmals Mumpitz! Und was
meine Wahl anbetrifft, so sage ich zum dritten Male: Mumpitz,
verstehen Sie? Zum dritten Male Mumpitz! Es ist ganz
richtig, daß Sie mir einen Stimmzettel für Ihren Kandidaten in die Hand drückten, aber ich habe ihn nicht abgegeben. Verstehen Sie? Wie wird Ihnen nun, he? . . .
Ich habe mich nämlich im Vorzimmer des Wahllokales noch
besonnen und mir einen anderen Zettel geben lassen. Der
Name eines guten Patrioten stand auf ihm — wie wird
Ihnen jetzt, he? . . . Und was meine Rede in der Versammlung anbetrifft, so . . . so kann auch mal einem Manne,
der gut monarchisch gesinnt ist, etwas Menschliches passiren
. . . daß er zum Beispiel von der Wuth sich hinreißen läßt
und so ein bischen Revolution predigt — das schadet manchmal garnichts, denn das giebt Stoff zum Nachdenken. . . .
Aber um noch einmal darauf zurückzukommen: was Ihre
Sozialdemokratie anbetrifft, so pfeife ich darauf! Ich bin
keiner, ich will keiner sein und ich dulde hier keinen. Punktum!“

Er hatte sich von seiner Lebhaftigkeit so hinreißen lassen,
daß er nach jedem Satze den Schemel verließ, sich dicht vor
den Altgesellen hinpflanzte und mit dem Zeigefinger auf
dessen Brust tippte, als wollte er nach der Angewohnheit Herrn
Ferdinand Friedrich Urban's jedes Wort dem Zuhörer auf
den Körper nageln. Zuletzt hatte er sich der Thür genähert
und verließ die Werkstatt, ohne die Antwort Beyer's abzuwarten.

Dieser hatte ihn mit halbgeöffnetem Munde angestarrt
und blickte ihm in derselben Verfassung nach.

„Er lügt, oder ist er verrückt geworden“, dachte er,
mußte sich dann aber doch gestehen, daß es mit der neuen
Gesinnung des Meisters nicht weit her sein könne. Dann
fühlte er abermals die Neigung, ein Selbstgespräch zu beginnen, in dem folgende Stellen laut wurden: „. . . Das
wäre eine Blamage für mich, wenn er einen Anderen gewählt
haben sollte . . . Ja, ja — es standen im Lokale noch Leute
mit Stimmzetteln . . . Hm, hm . . . ich traue es ihm schon
zu. Diese alten Leute sind unberechenbar; sie gleichen einem
alten Rocke: man kann ihn wenden, wie man will, neu wird
er doch nicht . . . Und was seine Rede anbetrifft, so glaube
ich's schon: es war der ganze Groll, der sich bei ihm
angesammelt hatte und der zum Vorschein kam. Er
wollte einmal zeigen, wohin das führen könne, wenn
alle verarmten Handwerker so dächten wie er . . .
Aber nein, er hat doch gelogen! So spricht man nur
aus Ueberzeugung, wie er geredet hat . . . Aber es ist
Furcht, Feigheit . . . das dumme Gewissen, das er sich macht
. . . Ja, wenn er mich wirklich getäuscht, was thue ich denn
hier noch? . . . Mag er in sein Unglück laufen. Es giebt
Leute, denen nicht zu helfen ist.“

Und der Altgeselle nahm das Stück Holz, das er soeben ergriffen hatte, um es in die Drehbank zu spannen,
und schleuderte es weit von sich. Dann band er die Schürze
ab und griff nach Stock und Hut. Als er sein Arbeitszeug
zusammengebunden hatte und fertig zum Gehen war, klopfte
er leise an die Thür der Stube, in der seine Schwester sich
aufhielt.

„Es ist jetzt Alles aus zwischen mir und ihm“, rief er
ihr zu. „Keine Macht der Erde wird mich mehr zu ihm
zurückbringen. Sieh zu, daß Du Dich mit ihm auseinandersetzen kannst, und dann gehe ebenfalls. Ich will ihn nicht
mehr sprechen, aber sage ihm, daß er mir großes Weh bereitet hat und daß ich ihn in Gedanken immer lieb behalten
werde. . . . Adieu, du gutes Mädchen, laß nicht lange auf
Dich warten.“

Er hatte mit bewegter Stimme gesprochen und küßte nun
seine Schwester auf die Stirn. Marie war außerordentlich
überrascht durch diese Mittheilung; sie wollte ihn zurückhalten, aber er ließ es nicht zu. Und so ging er denn von
dannen.

Marie sagte sich, daß etwas Besonderes vorgefallen sein
müsse; ihr Bruder wäre sonst nicht so merkwürdig gefaßt
gewesen. Sie ärgerte sich darüber, daß dieser alte Herr,
um den man sich wie um einen Vater bekümmert hatte, so
wenig Anerkennung aller Bemühungen übrig hatte. Zu dem
Aerger kam die verletzte Eitelkeit des Weibes. War sie
überdies nicht die Schwester eines so braven Bruders, der sich
für ein wahres Trinkgeld von früh bis spät gequält hatte, nur
um dem Meister seine Dankbarkeit zu erweisen? Wer hätte
sich wohl um ihn bekümmert, wenn sie beide nicht gewesen wären?
Tausend Andere nicht, am allerwenigsten seine „verwandtschaftliche Sippschaft“, die doch ihrer Meinung nach
„genug in die Suppe zu brocken“ hatte. Wie Thomas die
Lippen zitterten, als er von dem letzten Gruß an den Meister
sprach. Er war doch ein eigenthümlicher Mensch: ließ sich
schlecht behandeln, und konnte doch mit seiner Verehrung für Timpe
nicht zurückhalten. Marie liebte ihren Bruder zärtlich und
abgöttisch, fast wie einen zweiten Vater. Hatte er doch wie
ein solcher sein ganzes Leben lang für sie gesorgt, sie wie eine
arme, verlassene Blume gehegt und gepflegt, die abseits vom
Wege in einem dunklen Winkel sieht, zu dem selten ein
Strahl der Sonne sich verirrt. Um so erklärlicher wird man
es finden, wenn etwas wie Zorn in ihr aufstieg und sie das
lebhafte Bestreben zeigte, es sobald wie möglich ihrem Bruder
nachzuthun.

Sie saß am Fenster mit einer Handarbeit beschäftigt,
that noch einige Stiche und erhob sich. Gleich darauf stand
sie vor Timpe.

„Also er ist fort, wirklich fort?“ fragte er vergnügt
lächelnd, als sie ihm ihres Bruders letzte Worte übermittelt
hatte. „Ist es auch wahr, und kommt er nicht wieder?“

Sofort war auch der Zweifel bei ihm aufgetaucht. Erst
als ihm nochmals die Bestätigung von des Altgesellen Abzug
wurde, legte sich sein Mißtrauen; aber es entschwand erst
völlig, nachdem er einen Blick in die Werkstatt und auf den
Riegel gethan hatte, an dem gewöhnlich Beyer's Sachen
hingen.

„Sie erlauben nun wohl, Herr Timpe, daß ich denselben
Weg nehme,“ sagte Marie. Sie wollte ihn nicht verletzen
und setzte daher folgende Worte hinzu: „Ich würde gern
noch bleiben, aber unsere Häuslichkeit geht zu Grunde . . .
Sie sind so gut wie hergestellt, bald wird alles in's alte
Geleise kommen; ich wünsche es von Herzen.“

Da er immer noch schwieg und nur vor sich hinnickte, so
reizte sie diese Gleichgültigkeit. O, er sollte nicht denken, daß
er ein frommes Lamm vor sich habe. „Es ist auch besser,
wenn ich ebenfalls gehe, Herr Timpe,“ fuhr sie fort. „Gestern
erst haben Sie mir den Vorwurf gemacht, ich hätte Ihnen
die Suppe versalzen; es sollte das bereits das zweite Mal
gewesen sein, trotzdem ich mit gutem Gewissen das gerade
Gegentheil beeiden kann . . . Ich befürchte, daß ich mich
auch zum dritten Male diesem Verdachte aussetzen könnte und
das wäre zu viel auf einmal . . .“

Jetzt erst blickte er sie lange an, lächelte, stand auf und
streckte ihr seine Hand entgegen. „Liebes Kind,“ erwiderte
er, Sie sind zu gut geartet, um sich durch so einen alten
Unglücksraben, wie ich es bin, das Leben vergällen zu lassen.
Ich bin mit mir selbst nicht zufrieden, geschweige also, daß
Andere es mit mir sein können. Ich freue mich, daß
Sie mir den Schmerz ersparen, Sie gehen zu heißen.
Es giebt Menschen, denen die Einsamkeit das tägliche
Brod ist. Leben Sie mir recht, recht wohl … Ich
danke Ihnen herzlich für alle Ihre Bemühungen, die Ihnen
Niemand mehr vergelten wird als die da oben (er deutete
mit dem Finger nach der Decke, während Marien die Augen
feucht wurden) … Sie werden dereinst noch von mir hören;
Gott schütze Sie, mein Kind …“

Von seiner sonstigen Gallsucht war nichts an ihm zu
entdecken. Er ging an seinen Arbeitstisch, wo er das Geld
von der letzten Abrechnung aufbewahrte und wollte Marien
einige harte Thaler in die Hand drücken. Er wisse wohl,
daß ihre Hülfe unbezahlbar sei, aber ohne ein kleines Geschenk dürfe sie ihn nicht verlassen, meinte er. Einen Augenblick schwankte sie, das blanke Geld lockte zu verführerisch;
dann aber dachte sie daran, was wohl Thomas dazu sagen
würde und wies die ausgestreckte Hand zurück. Er drang
nicht weiter in sie, denn er wußte, daß es nutzlos sein
würde.

Als sie bereits die Thür hinter sich hatte, klopfte sie noch
einmal und steckte den Kopf herein: „Da habe ich ja ganz
vergessen. Herr Timpe — es war vor acht Tagen ein Schutzmann hier; Sie möchten einmal nach dem Polizei-Bureau
kommen … Sie hatten noch sehr viel Fieber, ich sagte es
ihm, und da der Arzt gerade hier war, so bestätigte er
das. Adieu!“

Der Meister hatte sie groß angestarrt und blickte in derselben Verfassung auf die Thür, hinter der sie verschwunden
war. Er hörte deutlich, wie sie durch das Vorderzimmer
schritt, wie die Außenthür und das Hausthor klappten; hörte
auch ihre knirschenden Schritte über die Steinstufen gleiten.
Aber immer noch stand er auf demselben Fleck und
rührte sich nicht. Schutzmann … Polizei-Bureau … Die
Worte klangen in seinen Ohren wieder, sie flimmerten ihm
schließlich vor den Augen, denn wohin er blickte, leuchteten sie
ihm entgegen. Weshalb ließ man ihm nicht sagen, was
man wünsche, was wollte man von ihm? O, er ahnte
die Dinge … man hielt ihn für einen Sozialdemokraten … er hatte in blinder Wuth Gewaltthätigkeit gepredigt … man wollte ihn nun zur Rechenschaft ziehen.
Seine Einbildungskraft erlangte im Fluge eine Ausdehnung
ohne Grenzen. Er sah sich bereits verhaftet, auf die Anklagebank geführt und in's Gefängniß geworfen. Merkwürdig war,
wie schnell dann der Trotz die entsetzliche Furcht wieder verdrängte, die ihm binnen wenigen Minuten die Knie schlottern
gemacht hatte.

„Sie kriegen mich nicht, sie kriegen mich nicht,“ sagte
er ein über das andere Mal … „Bis zum letzten Blutstropfen werde ich mich vertheidigen … He, he … das
wird nett werden!“ Er war von einem Zimmer ins andere
gegangen, befand sich nun in der Werkstatt und lachte laut
auf. Dann blickte er durch das Fenster nach dem Gärtchen
hinaus. Wie öde und trostlos lag es vor ihm! Es war Anfang Dezember, leichter Frost lag in der Luft und eine
dünne Schneedecke verhüllte den Erdboden. Der Niedergang
seines Geschäfts hatte ihm selbst die Freude an seinen Beeten
und Blumen verdorben. Ueberall im Gärtchen konnte man
seine liebevolle Hand vermissen. Das Holzgitter des wilden
Weines an der Mauer zeigte beschädigte Stellen, die
Sträucher waren niedergetreten und verwildert, Blumentöpfe
lagen umher und die kleine Laube, in welcher der Schmutz sich
angehäuft hatte, gewährte einen traurigen Anblick. Wie oft
hatten sie dort gesessen, der Großvater, Karoline, er und sein
Sohn — an den herrlichen Sommerabenden, wenn die
Lindenblüthen zur Erde fielen und der Duft der Rosen die
Luft durchwürzte. Je länger er nach der Ecke blickte, je lebhafter wurde seine Phantasie. Leuchtete da nicht die
Haube seiner Frau, tauchte dort nicht das fahle Gesicht
Gottfried Timpe's auf, wie es sich jetzt empor hob,
um die stumpfen Augen zu zeigen? Und jetzt sah er
sie mitten durch den Garten schreiten, die schlanke, biegsame Gestalt seines Einzigen! Plötzlich ertönte gellend
die Fabrikpfeife, denn es war zwölf Uhr. Eine weiße
Dampfwolke wirbelte auf, schlug in den Garten und husch,
husch! war der ganze Spuk vorüber. Dafür gewann die
Wirklichkeit wieder die Oberhand. Timpe ballte jetzt die
Faust und verzerrte das Gesicht, als stände sein Todfeind
ihm gegenüber. „Und doch ist es wahr,“ schrie er laut, daß
seine Stimme unheimlich im weiten Raume wiederhallte,
„die Schornsteine müssen gestürzt werden, denn sie verpesten
die Luft! Ich wollte, man würde mit dem da drüben zuerst
den Anfang machen!“

Dieser Ausbruch einer erneuten Wuth brachte ihn wieder
auf andere Gedanken. Waren das doch dieselben Worte, die
er in der Versammlung gebraucht hatte. Er dachte nun
darüber nach, was alles er an jenem Abend gesagt haben
könne; nur dunkel erinnerte er sich der letzten Vorgänge.
Seine Krankheit, die wilden Phantastereien während derselben
hatten seine Gedanken derartig verwirrt, daß er sich keine
richtige Vorstellung von den Begebenheiten zu machen vermochte. Nur das eine Gefühl hatte er: daß es ihm, als er
noch auf dem Podium stand, plötzlich gewesen sei, als
stürze er in einen dunklen, entsetzlich tiefen Krater hinab, in
dem die ganzen Schrecknisse einer unbekannten Welt auf ihn
eindrangen; und als hätte er in dieser Tiefe einen schreck
lichen Traum gehabt, in welchem er mit seinem Sohne auf
Tod und Leben rang. Er lag noch völlig in dem Banne
dieser unklaren Vorstellung, als der Schall der Hausthürklingel ihn zusammenschrecken ließ.

Der Polizeilieutenant schickte abermals einen Boten, mit
der Anfrage, ob „Herr Timpe“ bereits gesund sei? Er möchte
in diesem Falle zu einer bestimmten Stunde sich nach dem
Bureau bemühen. An Stelle Liebegott's war ein anderer
Schutzmann gekommen. Der Meister wollte ihn aushorchen.
Der Sicherheitsmann aber zuckte die Achseln und bedauerte,
keine Auskunft geben zu können.

Am anderen Morgen gleich nach 8 Uhr machte Timpe
dem Lieutenant seine Aufwartung. Es war derselbe, der die
Strikeversammlung überwacht hatte. Der Beamte war sehr
höflich, bot ihm einen Stuhl und begann das Verhör, während
dessen sein Blick mehrmals über die Gestalt Timpe's,
von oben bis unten, glitt, Johannes hatte seine genauen
Personalien anzugeben: was er treibe, in was für Beziehungen er zu den Strikenden stehe, wie er in jene Versammlung gekommen sei? Schließlich wurde ihm nichts
mehr verheimlicht: er würde in eine Anklage verwickelt
werden, denn er habe geradezu Aufruhr gepredigt, vorausgesetzt, daß seine Zurechnungsfähigkeit an jenem Abende bewiesen werden könne.

„Herr Lieutenant, ich habe mich hinreißen lassen …
der Kummer, die Sorgen“, sagte er zum Schluß und damit
waren Verhör und Protokoll beendet. Der Beamte sprach
etwas von „Bedauern“, von „seiner Pflicht“, war bei der
Verabschiedung eben so höflich wie zuvor, und Timpe konnte
gehen.

Wie er nach Hause kam, wußte er eigentlich nicht; als
er aber angelangt war, ließ er sich wie vernichtet auf einen
Stuhl nieder und versank in ein dumpfes Brüten.

Seit diesem Tage bot das Haus wieder sein früheres
unheimliches Aussehen dar. Die Laden waren geschlossen
und selbst der eine Flügel an Timpe's Schlafzimmer war
heraufgezogen. Die Leute an den Fenstern der gegenüberliegenden Häuser, die bereits geglaubt hatten, in Timpe's
Lebensweise sei eine erfreuliche Besserung eingetreten, hatten
ihren alten Gesprächsstoff bekommen, und die ganze Nachbarschaft nahm auf's Neue die Mär von der Verrücktheit des
Meisters auf.

Noch vor Weihnachten wurde Timpe vor den Untersuchungsrichter geladen. Der Polizeilieutenant hatte über
seinen persönlichen Charakter nur das Beste berichten können.
Als man aber auch hier Anspielungen auf seine Unzurechnungsfähigkeit machte, bäumte sich sein Stolz empor.
Er gestand unumwunden ein, mit vollem Bewußtsein und aus
Ueberzeugung gesprochen zu haben. Als er von diesem
schwersten Gang seines Lebens nach Hause kam, bemächtigte
sich seiner ein fürchterlicher Entschluß, der ihn wie sein Schatten
begleitete. Dieser Entschluß wurde noch bestärkt durch die
unglückliche Hypothekengeschichte. Mit Grauen dachte er an
den Tag, wo man ihn aus seinem Eigenthum verweisen
würde. Seine Gleichgültigkeit gegen das Leben, der Stumpfsinn, der ihn stundenlang thatenlos auf einem Fleck dasitzen
ließ, waren bereits so groß, daß er nicht mehr daran dachte,
einen Schritt aus dem Hause zu thun, um eine letzte Rettung
zu versuchen.

Eine ganze Woche lang betrat er jetzt die Straße nicht.
Hin und wieder stellte er sich an die Drehbank und arbeitete,
weil er glaubte, die gänzliche Thatenlosigkeit könnte seinen
Verstand umnachten. Als Nölte ihn einmal besuchen wollte
und drei Tage hintereinander vergeblich die Klingel gezogen
hatte, glaubte man allgemein, daß dem Meister ein Unglück
zugestoßen sei. Man beruhigte sich erst, als sein Kopf sich
am Giebelfenster zeigte. Er verbitte sich ein- für allemal
jede Störung, rief er laut hinaus. In seinem Grolle ging
er so weit, mit der Polizei zu drohen. Er kenne dieselbe
ganz genau und wisse, daß sie mit „manchem Menschen“
wenig Umstände mache. Dann fiel das Fenster klirrend zu.

Jetzt zweifelte sogar der Klempner an seinem Verstande.
Es verging fast nun kein Tag, wo nicht Gruppen von Menschen
sich vor dem Hause bildeten und dasselbe wie ein Wunder
der Welt betrachteten.

Sämmtliche Stammgäste bei Jamrath wußten bereits
von der Untersuchung, in welche der Meister Timpe verwickelt
war. Man wollte jetzt längst beobachtet haben, daß Timpe
Anlage zur allgemeinen Gefährlichkeit besitze, und Jeder verwahrte sich „entschieden“ dagegen, mit dem „blutigen Revolutionär“ näher befreundet gewesen zu sein. Und da Anton
Nölte nicht mehr zugegen war, um für Timpe Partei zu
nehmen, so wurde der Letztere jeden Abend ein Dutzend Mal
gekreuzigt — eine menschenfreundliche Beschäftigung, bei der
Jamrath mit Vergnügen konstatiren konnte, daß der Konsum
der großen Weißen sich vermehrte. Selbst der lange Brümmer
trank mehr als sonst und drückte bis halb elf seinen Stuhl
— eine Hintenansetzung seiner Lebensregel, die man in Anbetracht dessen, daß er eine zanksüchtige Ehehälfte besaß, allgemein bewunderte.

Zwei Tage vor Weihnachten machte Franzen's Frau
noch einmal den Versuch, mit Johannes ein vernünftiges
Wort zu reden; da ihr aber garnicht geöffnet wurde, mußte
sie unverrichteter Sache wieder abziehen. Bis Neujahr hockte
der Meister in seinem Bau, ohne von der Außenwelt mehr
zu sehen als sein Gärtchen, die Wand des Kesselhauses und
den Schornstein, der sich auf ihr thürmte.

Es war unverkennbare Schwermuth, die sich jetzt seiner
bemächtigte und seinem Antlitz eine verklärende Milde gab.
Sie verließ ihn nur, wenn er dem Schnapse zu sehr zugesprochen hatte. Er trank ihn jetzt, um nicht gänzlich zu
erschlaffen und die letzten Kräfte zur Arbeit nicht zu verlieren. Dann röthete sich sein Gesicht, ein unnatürlicher Lebensmuth kam über ihn und er sprach laut vor sich hin, um das
dumpfe Schweigen der Werkstatt zu brechen. Oftmals wurde
er von dieser traurigen Existenz angeekelt, daß er nahe
daran war, sich selbst zu verachten. Tage vergingen, ehe er
eine warme Speise zu sich nahm. Seine Mahlzeiten bestanden
nur noch aus Kaffee, Brod und etwas Räucherwaare. Hin
und wieder fühlte er das Bedürfniß, spät Abends sein Haus
zu verlassen und in einem entlegenen Stadttheil ein untergeordnetes Lokal aufzusuchen, wo man ihn nicht kannte. Er
wollte wenigstens wissen, ob er noch lebe, ob er noch ein
menschliches Antlitz trage und die Sprache Anderer verstehe.
Dann war es auch der Hunger, der ihn hinaustrieb, der Gedanke an ein behagliches Zimmer voller Lärm und Fröhlichkeit.

Mitte Januar bereits fand die Subhastation seines
Grundstücks statt. Der Hypothekeninhaber erwarb es meistbietend und Timpe sollte sein Haus verlassen. Um dieselbe
Zeit war es, daß er durch eine Anklage wegen Aufreizung
zum Klassenhaß überrascht wurde. Er beachtete weder das
Eine noch das Andere, aber er sah nun jedem neuen Tag
entgegen, wie ein Mensch, der einen plötzlichen wohlthuenden
Tod erwartet. Als er aller Aufforderung ungeachtet immer
noch nicht Miene zeigte, dem neuen Besitzer seine Rechte abzutreten, wurde ihm Ende des Monats mit Gewaltmaßregeln
gedroht, so daß er sich genöthigt sah, um Nachsicht zu bitten.
Er werde in einigen Tagen das Haus verlassen.

Es war am späten Sonntagnachmittag, als Johannes
die Luft im Zimmer nicht mehr ertragen konnte. Bei beginnender Dunkelheit schlich er zum Hause hinaus und irrte
ziellos durch die Straßen. Ein Druck unendlicher Einsamkeit
lastete auf ihm, den er von sich wälzen mußte, wollte er
nicht ersticken. Er kam sich wie ein Delinquent vor, dessen
letztes Stündlein geschlagen hat und dem noch einmal vergönnt worden ist an den lachenden Gesichtern einer geputzten
Sonntagsmenge, an den erleuchteten Schaufenstern, an all'
dem rauschenden Glanze Berlins sich erfreuen. Und ertönte
nicht auch soeben das Armensünderglöcklein? Seine Phantasie hatte ihn getäuscht. Es waren die hellen Glockentöne
der Andreaskirche, die zum Gottesdienste riefen. Vor dem
erleuchteten Portal bannte er seine Schritte.

Eine längst vermißte Sehnsucht packte ihn, der Drang
eines Menschen, der, am Scheidewege des Lebens stehend, zur
letzten Wanderung neue Stärke sucht. Er trat ein. Die
Orgel erbrauste. Er ging den Seitengang entlang, stieg zur
Gallerie hinauf und setzte sich an derselben Stelle nieder, von
wo aus er einst mit seinem Weibe der Trauung des Einzigen
zugeblickt hatte. Die letzten Orgelklänge waren verrauscht,
nur dumpf hallte der Lärm des genießenden Berlins herein,
als der Prediger die Kanzel betrat. Es war ein noch junger
Mann mit kräftigem wohllautendem Organ. Er sprach über
den 25. Vers des Evangelii Johannis: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben,
wenn gleich er auch stürbe, und wer da lebt und glaubt an
mich, der wird nimmermehr sterben.

Mächtig hallten seine Worte in dem hohen Raume wieder,
und mächtig packte er die Zuhörer. Des Meisters Haupt sank
tiefer und tiefer und die Hände schlangen sich krampfhaft in einander. Er weinte still und heiß. Es war gerade, als schütte er
in dieser Stunde den ganzen Becher des Leidens aus, um
die ewige Glückseligkeit in ihn aufzunehmen. Als die Predigt
zu Ende war, erhob er sich wie verjüngt und verließ das
Gotteshaus. Er durchschritt die Straßen, entfernt sich immer
mehr von diesem Viertel, suchte die entferntesten Stadttheile
auf und kehrte erst spät in der Nacht nach Hause zurück. Er
konnte sich nicht entsinnen, seit Jahren so sanft entschlummert
zu sein, wie an diesem Tage.

Gleich in der Frühe suchte er einen Notar auf und
ließ ein Testament aufsetzen, in dem er seine ganzen Habseligkeiten Thomas Beyer und dessen Schwester vermachte.
Als diese Angelegenheit erledigt war, besuchte er den
Kirchhof, wo seine Lieben den ewigen Schlaf schliefen.
Lange verweilte er an den Gräbern, und die Dämmerung brach
bereits über Berlin herein, als er aufbrach. Es war die
letzte Nacht, die er in seinem Heim zubringen durfte. Am
anderen Tage würde der Gerichtsvollzieher kommen, Wagen
würden vorfahren, fremde Leute in die liebgewordenen Räume
dringen und rohe Fäuste die Heiligthümer entweihen. Kein
böser Gedanke trübte seine Seele, aber er hatte sich vorgenommen, nur der Gewalt zu weichen. Und wenn man ihn
in tausend Stücke risse, er wollte nicht gutwillig diese Scholle
verlassen, an der das Herzblut seines Lebens klebte. Ueberdies, sollte er nicht in zwei Tagen auf die Anklagebank kommen, um gebrandmarkt für ewige Zeiten zu werden?

Mitten in der Nacht begann er plötzlich eine unheimliche
Thätigkeit zu entfalten. Er verrammelte sämmtliche Thüren,
schleppte mit übermenschlichen Kräften schwere Gegenstände
an die Fenster und auf den Flur. Dann befestigte er auch
die Laden zur Werkstatt, die seit undenklichen Zeiten nicht
geschlossen wurden; und als die Kraft ihn zu verlassen drohte,
griff er zum Schnaps und versuchte sich Muth für die letzte
That seines Lebens zu geben. Als er alles genügend verbarrikadirt glaubte, ging er durch die noch offene Hofthür
zum Gärtchen hinaus und schritt von hier aus mit der
Lampe in der Hand in den Keller hinunter. Er hatte vor
Jahren dem Gewölbe ein wohnliches Aussehen gegeben, als
er auf die Idee gekommen war, es zur Schlafstube für die
Lehrlinge zu verwenden. Es war ein weißgetünchter Raum,
der sein Licht durch ein einziges großes Fenster vom Garten
her erhielt. Mit Anstrengung schleppte er Betten, Tisch und
Stühle und die halbe Einrichtung einer Küche herunter. Er
beachtete die Kälte der Nacht nicht, nahm keine Rücksicht auf
das Wahnwitzige seines Thuns, nur der eine Gedanke
beseelte ihn, sein Werk zu vollbringen, ehe der Tag zu grauen
anfing.

Es war nahe an sechs Uhr, als er innehielt. Noch einen
Blick wollte er auf die Straße werfen, bevor er sich in sein
freiwilliges Gefängniß vergrub. Er stieg zur Giebelstube hinauf
und öffnete das Fenster. Eisige Luft schlug ihm entgegen und
kühlte sein erhitztes Gesicht. An diesem Februarmorgen bedeckte
leichter Nebelflor die Erde und tauchte das Licht der Laternen
in große Wolken von Dunst. Die Straße hatte sich bereits belebt.
In langen Zügen schritten die Arbeiter der Urban'schen Fabrik
zu, eilig und schweigsam wie finstere Gestalten der Nacht.

Während der Meister hinunterblickte, wurde er ruhiger.
Was erreichte er eigentlich durch seinen Widerstand? Wäre
es nicht besser, mit der Vergangenheit zu brechen und den
Lebenskampf von Neuem aufzunehmen? Ein Ausweg blieb
ihm: unterzugehen in dieser schwarzen Menge, die schon
so viele Handwerksmeister vor ihm verschlungen hatte. Plötzlich
zog er den Kopf zurück. Im Lichte der Laterne sah er
Meister Hüttig daherschreiten, dürr und durchsichtig wie ein
Gespenst. O, er konnte sich noch ganz gut der Zeit entsinnen,
da dieser brave Mann hinter dem Schaufenster seines Verkaufsgewölbes emsig die Kunden bediente. Vom Laden aus
konnte man direkt in die Werkstatt blicken, wo Drehbank neben
Drehbank stand. Und jetzt … ein Proletarier, der im
Schweiße seines Angesichts für Weib und Kinder sorgte!

Johannes durchschauerte es. Wenn er dasselbe thäte?
Aber nein, nein, er würde es nicht erleben! Noch einen
langen Blick warf er die Straße entlang, dann schloß er das
Fenster . . . .

„Heda, Meister, machen Sie doch auf. Wo stecken Sie
denn?“

Es war Thomas Beyer, der diese Worte laut im
Flur erschallen ließ. Er war im Begriff, Timpe's Haus
zu passiren, als er große Wagen vor der Thür halten
sah und eine Anzahl Arbeiter bemerkte, die geführt von
einem Herrn, vergeblich Einlaß begehrten. Die ganze Straße
war schwarz von Menschen. Trotz der unangenehmen
Witterung waren die Fenster der Nachbarhäuser geöffnet,
und die Köpfe beugten sich weit hinaus. Der Altgeselle
wurde von einer unerklärlichen Angst befallen. Irgend etwas
Entsetzliches schwebte ihm vor. Er kenne Timpe sehr genau,
hatte er dann gemeint, man müsse mit aller Vorsicht vorgehen, sonst gäbe es ein Unglück. Endlich wurde ein Schlosser
geholt. Nach harten Anstrengungen hatte man dann die
Barrikade weggeschafft und befand sich im Flur. Nun ließ
der Altgeselle seinen Ruf ertönen, aber es erfolgte keine
Antwort. Man öffnete auch die Eingänge zu den Vorderzimmern, die Läden, und kletterte in den ersten Stock hinauf,
ohne Timpe zu finden.

Draußen auf der Straße, unter dem umwölkten Himmel
des unfreundlichen Februartages, staute sich die Menge der
Neugierigen immer mehr und mehr. Das Stimmengewirr
hörte sich an wie das dumpfe Murmeln einer empörten
Volksmasse. Man hatte kaum gehört, daß der Gerichtsvollzieher im Spiele sei, der einen Menschen aus seinem Heim
vertreiben wolle, als die allgemeine Stimmung zu Gunsten
Timpe's umschlug. Er war über Nacht ein „braver Kerl“
geworden. Drohungen wurden laut, man versuchte die Arbeiter
zu bewegen, mit ihren Wagen davon zu fahren; die Menge
pfiff und johlte und drängte mit Gewalt gegen das Haus.

Im Innern desselben hatte man die größte Mühe, zu
dem nächstfolgenden Raume sich Zutritt zu verschaffen. Hinter
jeder Thür tauchte eine doppelte Barrikade auf, große Kisten
waren auf Tische gestellt und auf diese Stühle und schwere
Möbelstücke. Bei jedem erneuerten Eindringen ließ der Altgeselle seinen Ruf erschallen:

„Meister, wo stecken Sie denn? Kommen Sie doch hervor!“

Noch waren die Thüren zur Werkstatt geschlossen; lange
Eisenstäbe schienen hinter ihnen zu liegen. Man stieß dann
die Hofthür ein, riß die Laden von den Werkstattfenstern und
blickte hinein. Plötzlich drang aus einem Haufen Holzspähne
eine helle Flamme hervor und dunkler Qualm wälzte sich
durch die eingeschlagenen Scheiben. Von der Werkstatt aus
führte eine Fallthür zum Keller hinab. Man konnte deutlich
die hochstehende Klappe sehen. Nun durchzuckte den Altgesellen ein Gedanke.

„Er ist im Keller!“ rief er laut, und diesen Worten
folgten wieder die alten Klagetöne: „Meister, Meister, antworten Sie doch!“

Plötzlich konnte man deutlich eine dumpfe Stimme vernehmen, welche die Strophen sang:

„Eine feste Burg ist unser Gott,
Eine gute Wehr und Waffen.
— — — — — — — — —“

Es hörte sich wie der Grabgesang eines lebendig
Verschütteten an: schauerlich und doch ergreifend. Man
schlug nun auch das Kellerfenster ein, stieß aber auf starke
Bohlen. Zudem wirbelte der Rauch tief schwarz aus der
Werkstatt heraus und erfüllte den ganzen Garten. Der
Polizeilieutenant und Schutzleute erschienen; nach wenigen
Minuten raste die Feuerwehr heran. Die Aexte der Wehrleute arbeiteten sich unbarmherzig einen Weg durch die Rauchwolken, dann wurden die Spritzen in das Feuer geführt.

Mit dem Knistern und Prasseln der Flammen, dem
Zischen der Wasserstrahlen, mit den Zurufen und Kommandoworten der Mannschaften mischte sich das Lärmen der Menge,
das von der Straße herübertönte. Endlich wurde man Herr
des Feuers und konnte ungefährdet den Weg in die Werkstatt
nehmen.

Man solle doch zu des Meisters Sohn hinüberschicken, äußerte
Jemand; er bekam aber zur Antwort, daß Timpe junior
nebst Frau seit vierzehn Tagen auf der Reise sich befinde.

Unten war es still geworden.

Thomas Beyer konnte die Zeit nicht mehr erwarten;
er nahm eine Axt und schlug gegen die Kellerthür, daß sie
krachend nachgab. Immer dichter fielen die Schläge auf allerhand Gerümpel, das in Stücken die Treppe hinunterrollte.
Auf der anderen Seite bahnte man sich einen Weg durch das
Fenster.

Als man endlich von drei Seiten aus hinunter gelangte
und das Licht des Tages voll in den Raum fiel, erblickte
man Timpe. Er lag mit dem Kopf an der Leiter, die zu
der Werkstatt hinaufführte, lang ausgestreckt wie ein friedlich Schlummernder da. Der Tod mußte vor wenigen
Minuten erst eingetreten sein, denn der Körper war noch
warm. Mit der linken Hand hielt er das Bild seines Sohnes
umklammert, während die rechte wie zum Schwur an der
Sprosse der Leiter lehnte; als wollte sie noch im Tode
Anklage zum Himmel erheben. Auf dem unberührten Lager,
das er sich zuerst gemacht hatte, lag neben den Bildern des
Großvaters und Karolinen's Allen sichtbar sein „letzter Wille.“
Alles deutete darauf hin, daß ein außergewöhnlicher Umstand
ihn getödtet habe. An der Kalkwand standen mit großen
Buchstaben, wie von unsicherer Kinderhand drei-, viermal die
Worte geschrieben: „Es lebe der Kaiser … Hoch lebe der
Kaiser!“

Als man ihn endlich hinauf nach dem Garten getragen
hatte, um die letzten Belebungsversuche anzustellen, vermochte
Beyer sich nicht mehr zu beherrschen.

Er beugte sich über den entseelten Körper und rief mit
schluchzender Stimme: „Meister, Meister, wachen Sie doch
auf … reden Sie! …“

Dann, als er lange auf das Antlitz geblickt hatte und
nun einsah, daß Alles vorüber war, richtete er sich empor. Er
schlug die Hände vor das Gesicht und verharrte minutenlang
in stummem Schmerze. Seine Gestalt erbebte, heiße Thränen
benetzten seine Hände.

Man trug den Leichnam in die Wohnung. Noch immer
ringelte der Rauch in dünnen Säulen zum Fenster hinaus
und über das Dach hinweg. Das Häuschen mit seinen eingeschlagenen Fenstern und Thüren, der durchlöcherten Wand,
mit den halbverkohlten Dielen glich einer Trümmerstätte.
Durch die geöffneten Thüren hatte man eine Durchsicht nach
der Straße, wo die Menge Kopf an Kopf gleich einem lebenden Meere wogte. Soeben legte man Timpes entseelten
Körper im Vorderzimmer auf ein Sopha nieder.

Plötzlich ertönte ein tausendfachses Hurrahrufen. Die Menge
wandte die Köpfe und blickte in die Höhe. Ein dumpfes Aechzen
und Stoßen wurde wahrnehmbar, heller Qualm wälzte sich
über die Straße und unter dem Zittern der Erde brauste die
Stadtbahn heran, die ihren Siegeszug durch das Steinmeer
von Berlin hielt. Die Lokomotive war bekränzt. Aus den
Kupeefenstern blickten Beamte des Ministeriums, Leute von
der Eisenbahnverwaltung und die geladenen Ehrengäste. Die
Herren nickten freundlich hinunter und schwenkten Taschentücher. Unter dem brausenden Jubelruf der Menge dampfte
der Zug vorüber.

Die dunkle Wolkenmasse zertheilte sich wie durch Zauberhand, die Mittagssonne brach sich Bahn und sandte ihre erwärmenden Strahlen hernieder auf Menschen und Paläste,
die alte und die neue Welt. Aus der Entfernung drangen
noch immer die Hurrahrufe der Menge herüber, wie das
leise Grollen eines davonziehenden Gewitters . . .

Ende.